diff options
Diffstat (limited to '14028-0.txt')
| -rw-r--r-- | 14028-0.txt | 6673 |
1 files changed, 6673 insertions, 0 deletions
diff --git a/14028-0.txt b/14028-0.txt new file mode 100644 index 0000000..9589c32 --- /dev/null +++ b/14028-0.txt @@ -0,0 +1,6673 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14028 *** + +ÜBER DAS AUSSTERBEN DER NATURVÖLKER + +VON + +DR. GEORG GERLAND, + +LEHRER AM KLOSTER U. L. FR. ZU MAGDEBURG. + + +LEIPZIG, + +VERLAG VON FRIEDRICH FLEISCHER. + +1868. + +SEINER EXCELLENZ + +DEM HERRN GEHEIMEN RATH + +H.C. VON DER GABELENTZ. + + + + +Vorwort. + + +Die Frage nach dem Aussterben der Naturvölker ist bis jetzt nur +gelegentlich und nicht mit der Ausführlichkeit behandelt, welche die +Wichtigkeit der Sache wohl verlangen kann. Am genauesten ist Waitz auf +sie eingegangen in seiner Anthropologie der Naturvölker Bd. 1, 158-186; +aber da auch er sie nur anhangsweise bespricht und in dem Zusammenhang +seines Werkes nicht mehr als nur die Hauptgesichtspunkte angeben konnte +und wollte; da er ferner manches nur andeutet oder ganz übergeht, was +von grosser Wichtigkeit ist, so erscheint es durchaus nicht überflüssig, +die Gründe für dies »räthselhafte« Hinschwinden selbständig und +möglichst genau von neuem zu erörtern. Namentlich die psychologische +Seite des Gegenstandes hat man bisher über die Gebühr vernachlässigt; +sie wird deshalb in den folgenden Blättern besonders betont werden +müssen. + +Das Material zur Beantwortung der Frage, die uns beschäftigen soll, +findet sich zerstreut in einer grossen Menge von Reisebeschreibungen, +ethnographischen und anthropologischen Werken. Da es mir aber darauf +ankam, einmal--denn nur strengste Empirie kann uns bei unserer Frage +fördern--meine Sätze durch getreue Quellenangabe zu stützen, und +andererseits, dass die angeführten Citate nicht allzuschwer zugänglich +seien, um nachgeschlagen werden zu können, so habe ich mich, wo es +möglich war, auf Werke gestützt, die weiter verbreitet sind, und den +Quellennachweis nur da weggelassen, wo das Gesagte in allen Reisewerken +sich gleichmässig findet. Dass ich das schon erwähnte ausgezeichnete +Werk meines nur allzufrüh verstorbenen Lehrers Waitz, die Anthropologie +der Naturvölker, sehr reichlich benutzt habe, wird man nicht tadeln; man +findet dort die oft sehr schwer zugänglichen Quellen in kritischer +Auswahl beisammen--und wozu werden solche grundlegenden Werke +geschrieben, wenn man nicht auf ihnen weiterbaut? + +Ich stelle hier der Uebersicht und des bequemeren Citirens wegen die +Werke zusammen, welche ich als Belege benutzt habe, ohne die mit +anzuführen, welche nicht öfters citirt sind. Einige, welche ich gern +gehabt hätte, sind mir unzugänglich geblieben. + + +Angas, Savage life in Australia and N. Zealand. London 1847. + +Australia felix. Berlin 1849. + +Azara, Reise nach Südamerika in den Jahren 1781-1801 (Magazin der merkw. +neuen Reisen. Bd. 31. Berlin 1810). + +Bartram, Reisen durch Karolina, Georgien und Florida 1773. (eb. 10. +Band). Berlin 1793. + +Beechey, Narrative of a voyage to the Pacific (1825-28). London 1831. + +Behm, Geographisches Jahrbuch. 1. Theil 1866. Gotha 1866. + +Bennett, Narr. of a whaling round the globe 1833-36. London 1840. + +v. Bibra, Schilderung der Insel Vandiemensland bearbeitet v. Röding. +Hamburg 1823. + +Bougainville, Reise um die Welt 1766-69. Leipzig 1772. + +Bratring, Die Reisen der Spanier nach der Südsee. Berlin 1842. + +Breton Excursions in N.S. Wales, W. Australia and V. Diemensland. London +1833. + +Browne, N. Zealand and its aborigines. London 1845. + +Carus, Ueber ungleiche Befähigung der verschiedenen Menschheits-Stämme. +Leipzig 1849. + +v. Chamisso, Bemerkungen und Ansichten auf einer Entdeckungsreise +(1815-18). Weimar 1821. + +Cheyne, a description of islands in the Western Pacif. Ocean etc. London +1852. + +Cook, 3te Entdeckungsreise in die Südsee und nach dem Nordpol. 2. Bd. +Berl. 1789.--id. b, 1ste Entdeckungsreise bei Schiller. + +Darwin, Naturwissenschaftliche Reise, übersetzt von Dieffenbach, +Braunschw. 1844. + +Dieffenbach, Travels in N. Zealand. London 1843. + +Dillon, Narrative of a voyage in the South Sea. London 1839. + +Dumont d'Urville, a, Voyage de l'Astrolabe. Paris 1830. id. b, Voy. au +Pole Sud. Paris 1841. + +Ellis, Polynesian Researches. London 1831. + +Erskine, Journal of a cruise among the Islands of the Western Pacific. +London 1853. + +Finsch, N. Guinea und seine Bewohner. Bremen 1865. + +Freycinet, Voyage autour du monde (1817-20). Paris 1827. + +P. Mathias G***, Lettres sur les îles Marquises. Pasis 1843. + +Gill, Gems from the Coral Islands. London 1855. + +le Gobien, Histoire des Isles Marianes. Paris 1701. + +Grey, Journals of two expedit. in NW and W. Australia (1837-39). London +1841. + +Gulick, Micronesia, Nautical Magazin 1862. + +Hale, Ethnographie and Philol. (Unit. States exploring expedition). +Philadelphia 1846. + +Hearne, Reise von der Hudsonsbay bis zum Eismeere (1769-1772). Magaz. v. +Reisebeschreibungen. 14. Bd. Berlin 1797. + +v. Hochstetter, Neuseeland. Stuttgart 1863. + +Howitt, Impressions of Australia felix. London 1845. id. a, Abenteuer in +Australien. Berlin 1856. + +A. v. Humboldt, a) Versuch über den politischen Zustand des Königreichs + Neuspanien. Tübingen 1809. + + b) Reise in die Aequinoktialgegenden des neuen Continentes, + deutsch v. Hauff. Stuttgart 1861. + + c) Ansichten der Natur. 3. Aufl. Stuttgart u. Augsburg 1859. + +Jarves, History of the Haw. or Sandw. Islands. London 1843. + +v. Kittlitz, Denkwürdigkeiten auf einer Reise nach d. russ. Amerika, +Mikronesien u. Kamtschatka (1826 etc.). Gotha 1858. + +v. Kotzebue, Entdeckungsreise in die Südsee und nach der Behringsstrasse +(1815-18). Weimar 1821. + +Krusenstern, Reise um die Welt (1803-6). Berlin 1811. + +v. Langsdorff, Bemerkungen auf seiner Reise um die Welt (1803-7). +Frankfurt 1812. + +La Pérouse, Entdeckungsreise 1785. Magazin von Reisebeschr. Band 16. 17. +Berlin 1799 f. + +v. Lessep, Reise durch Kamtschatka und Sibirien, Magaz. v. Reisebeschr. +4. Berlin 1791. + +Lichtenstein, Reise in Südafrika (1803-6). Berlin 1812. + +Lutteroth, Geschichte der Insel Tahiti, deutsch v. Bruns. Berlin 1843, + +Mariner, Tonga Islands. London 1818. + +Meinicke, a) Das Festland v. Australien. Prenzlau 1837. + + b) Die Südseevölker u. das Christenthum. Prenzlau 1844. + + c) Australien in Wappäus Handbuch der Geographie und + Statistik. 7. Aufl. 2. Bd. 2. Nachtr. Leipzig 1866. + +Melville, Vier Monate auf den Marquesas-Inseln. Leipzig 1847. Id. b, +the present state of Australia. London 1851. + +Moerenhont, Voyage aux îles du grand Ocean. Paris 1837. + +Nieuw Guinea, ethnogr. en natuurk. onderzocht in 1858 door een Nederl. +Ind. Commiss. Amst. 1862. + +Nixon, The cruise of the Beacon. London 1857. + +Novara, Reise der österr. Fregatte (1857-59). Wien 1861. + +Ohmstedt, Incidents of a whaling voyage. N. York 1841. + +Petermann, Mittheilungen u.s.w. a.d. Gesammtgebiet d. Geographie. + +Pöppig, Artikel Indier bei Ersch u. Gruber. 2. S. B. 17. 1840. + +Remy, Hist. de l'Arch. Hawaiien, texte et traduction. Paris et Leipzig +1862. + +Salvado, Memorie storiche dell' Australia, part. della miss. +benedettina. Roma 1851. + +Schomburgk, Reisen in Britisch-Guiana 1840-44. Leipzig 1848. + +Sparmann, Reise nach d. Vorgebirge der guten Hoffn. 1772-76. Berlin +1784. + +Stewart, Journal of a residence in the Sandwich isl. (1823-25). London +1828. + +Taylor, The Ika a Maui or N. Zealand and its inhabitants. London 1855. + +Thomson, The story of N. Zealand. London 1859. + +Thunberg, Reisen in Afrika und Asien 1772-79 im Mag. d. Reis. 7. Bd. +Berlin 1792. + +v. Tschudi, Reisen durch Südamerika. Leipzig 1866. + +Turnbull, Reise um die Welt 1800-1804, Magaz. v. Reisebeschr. Bd. 27. +Berlin 1806. + +Turner, Nineteen years in Polynesia. London 1861. + +Tyermann and Bennet, Journal of voy. in the S. Sea islands. London 1831. + +Vankouver, Reisen nach d. nördl. Theile der Südsee (1790-95). Magaz. v. +Reisebeschr. Bd. 18. 19. Berlin 1799 f. + +Virgin, Erdumsegelung der Fregatte Eugenie (1831-33), übers. v. Etzel. +Berlin 1856. + +Waitz, Anthropologie der Naturvölker. Leipzig 1859 f. id. b, Die +Indianer Nordamerikas. Leipzig 1865. + +Williams, a Narrat. of Missionary enterprises in the South Sea Islands. +London 1837. + +Williams and Calvert, Fiji and the Fijians ed. by Rowe. Lond. 1858. + +Wilson, Missionsreise ins südl. stille Meer 1796-98, Magaz. von +Reisebeschr. Bd. 21. Berlin 1800. + +Zeitschrift für allgemeine Erdkunde, neue Folge. + + + + +Inhalt. + + + Vorwort. Quellen +§ 1. Einleitung. Umfang des Aussterbens +§ 2. Empfänglichkeit der Naturvölker für Miasmen. Krankheiten, welche + spontan bei der Zusammenkunft der Natur- und Kulturvölker entstehen +§ 3. Direkt eingeschleppte Krankheiten +§ 4. Behandlung der Kranken bei den Naturvölkern +§ 5. Geringe Sorgfalt der Naturvölker für ihr leibliches Wohl +§ 6. Charakter der Naturvölker +§ 7. Ausschweifungen der Naturvölker +§ 8. Unfruchtbarkeit. Künstlicher Abortus. Kindermord +§ 9. Krieg und Kannibalismus +§ 10. Menschenopfer +§ 11. Verfassung und Recht +§ 12. Natureinflüsse +§ 13. Aeussere Einflüsse der höheren Kultur auf die Naturvölker +§ 14. Psychische Einwirkungen der Kultur +§ 15. Schwierigkeit für die Naturvölker, die moderne Kultur sich + anzueignen +§ 16. Behandlung der Naturvölker durch die Weissen. Afrika. Amerika +§ 17. Fortsetzung. Der stille Ozean +§ 18. Geographische Vertheilung der einzelnen Gründe für das Aussterben + der Naturvölker. Vergleichung dieser Gründe in Bezug auf ihr Gewicht +§ 19. Vergleichung der Natur- und Kulturvölker in Bezug auf ihre + Lebenskraft +§ 20. Aussterbende und ausdauernde Naturvölker +§ 21. Die afrikanischen Neger +§ 22. Folgerungen aus der Art, wie die Naturvölker von den Kultur + behandelt sind +§ 23. Zukunft der Naturvölker; Mittel sie zu heben +§ 24. Werth der Naturvölker für die Menschheit und ihre Entwickelung. + Schluss + + + + +§1. Einleitung. Umfang des Aussterbens. + + +Die Erscheinung, dass eine Reihe von Völkern vor unseren Augen durch +langsameres oder rascheres Hinschwinden ihrem Untergang entgegengeht, +ist eine überaus wichtige. Dass sie für die Geschichtsforschung grosse +Bedeutung hat, leuchtet ohne weiteres ein; dass sie für die +Naturgeschichte des Menschen, die Anthropologie entscheidend ist, +ebenfalls. Und wenn es sich als wahr bestätigt, dass, wie man behauptet +hat, diese Völker aus einer Lebensunfähigkeit, welche ihrer Natur +anhaftet, dem Aufhören entgegengehen; so ist, da die nothwendige +Folgerung jener Behauptung dahin führt, dass man verschiedene Arten, +höhere und niedere im Geschlecht Mensch annimmt, die Beantwortung dieser +Frage auch für die Philosophie massgebend. Praktisch hat man sie von +jeher in den Staaten betont, wo Weisse mit Farbigen zusammenleben; wie +man eben die Theorie der geringeren Lebensfähigkeit nicht weisser Raçen +zuerst in diesen Staaten aufgestellt hat. + +Und allerdings ist es auffallend, dass nur farbige Raçen dies +Hinschwinden zeigen und am meisten es da zeigen, wo sie mit der weissen +in Berührung gekommen sind; dass die Weissen, obwohl sie doch ihre +Heimat, das gewohnte Klima u.s.w. aufgegeben haben und in unmittelbarer +Berührung mit denen leben, welche in ihrem Vaterlande, scheinbar unter +den alten Lebensbedingungen, verkommen, gänzlich davon verschont zu sein +scheinen. + +Während wir nun dies Hinschwinden hauptsächlich bei den kulturlosen +Raçen, bei den Naturvölkern, d.h. bei den Völkern finden, welche dem +Naturzustande des Menschengeschlechtes noch verhältnissmässig nahe +stehen (Waitz 1, 346), oder bei welchen, um mit Steinthal zu reden, noch +keine bedeutende Entwickelung der logischen Fähigkeiten stattgefunden +hat: so sehen wir es doch ebenfalls auch da, wo farbige Raçen sich zur +Kultur und sogar zu einer gewissen Höhe der Kultur emporgeschwungen +haben, in Polynesien, in Mexiko, in Peru, und man hat daher geschlossen, +einmal dass diese Kultur doch nur Halbkultur und wenig bedeutend gewesen +sei, denn wäre sie wahr und ganz gewesen, so würde sie grössere Kraft +verliehen haben: oder aber, dass bestimmte Raçen, auch wenn sie sich +wirklich über das Niveau der gewöhnlichen »Wilden« erhoben hätten, +dennoch einem frühen Tode entgegengingen, weil sie nun eben von der +Natur zum Aussterben bestimmt seien, weil es ihnen eben, in Folge ihrer +Raçeneigenthümlichkeit, an Lebensfähigkeit fehle, welche keine Kultur +ersetzen könne: vielmehr decke jede Art von Kultur diesen Mangel nur um +so mitleidsloser auf. Allerdings gibt es auch farbige Raçen und +Naturvölker, bei welchen an ein Aussterben nicht zu denken ist; und +andererseits sind auch Theile von Kulturvölkern, indogermanische, +semitische Stämme verschwunden und ausgestorben. Allein bei letzteren +redet man nicht von einer geringeren Lebensfähigkeit, einmal wegen der +Verwandtschaft dieser Stämme mit den anerkannt lebensfähigsten Völkern +der Welt; andererseits auch wegen der Art ihres Verschwindens. Denn der +Grund, warum sie aufgehört haben zu existiren, liegt klar auf der Hand; +theils sind sie durch Krieg vernichtet, wie so viele Völker, welche mit +dem alten Rom kämpften, theils sind sie mit anderen Kulturvölkern, die +sie rings umgaben, verschmolzen, wie die Gothen, die Vandalen, theils +trat beides zugleich ein: die höhere Kulturstufe, welche sie besiegte, +nahm die besiegten Reste in sich auf, wie die alten Preussen, die Wenden +und so viele slavische Völkerschaften durch und in Deutschland, die +Iberer, die Kelten durch und in das römische Wesen verschwanden. So war +auch zweifelsohne das Loos der Völker, welche vor der Einwanderung der +Indogermanen Europa inne hatten. Anders aber ist das Hinschwinden der +Naturvölker: wo sie mit höherer Kultur zusammenkommen, auch da, wo diese +letztere sich friedlich gegen sie verhält, sehen wir sie von Krankheiten +ergriffen werden, ihr physisches und psychisches Vermögen versiechen, +und ihre Zahl, oft ausserordentlich rasch, sich vermindern. Allerdings +sind auch einzelne Naturvölker aufgerieben oder doch stark vermindert +durch ganz äusserliche und leicht begreifliche Gründe: so namentlich +viele malaiische Stämme, welche durch nachrückende verwandte Völker ins +Gebirge zurückgedrängt und dabei gewiss ebenso so stark vermindert +worden sind, als durch ihr gleiches Schicksal die Basken in Europa, +während sie in ihren Bergen sich in ziemlich gleichbleibender Anzahl +halten; so die Bewohner der Warekauri-(Chatam-) Inseln bei Neu-Seeland, +die Moreore. welche 1832-35 noch 1500 etwa betrugen, durch die +Neu-Seeländer aber, die in jenen Jahren einen Zug nach den +Warekauriinseln unternahmen, fast ganz ausgerottet sind, so dass ihre +Zahl jetzt nur noch 200 beträgt: und auch diese nehmen, durch +Assimilation an die eingewanderten Maoris rasch ab (Travers bei Peterm. +1866, 62). Auch müssen wir hier die schwarze Urbevölkerung +Vorderindiens, die dekhanischen und Vindhyavölker erwähnen, weil auch +sie nach Lassen (ind. Alterthumskunde 1, 390) allmählich abnehmen. +Früher waren sie weiter ausgebreitet und einzelne Reste von ihnen +scheinen sich (Lassen a.a.O. 387 ff.) in Himalaya, in Belutschistan, +Tübet und sonst erhalten zu haben. Sie wurden durch die nachrückenden +arischen Inder und gewiss nicht friedlich in die Gebirge zurückgedrängt +(Lassen 366), wo sie nun theils im barbarischen Zustande weiter lebten, +theils aber, und so namentlich die südlicheren Dekhanvölker, in die +indische Kultur übergingen (Lassen 364. 371). Ein ähnliches Schicksal +hatten verschiedene amerikanische Stämme, die von anderen mächtigeren +Indianervölkern theils aufgerieben, theils sich einverleibt wurden; auch +wird von einzelnen Hottentottenvölkern eine ähnliche Vermischung mit +Kafferstämmen erwähnt (Waitz 2, 318). + +Doch scheinen auch manche Völker vermindert oder gar verschwunden, ohne +es in Wirklichkeit zu sein. Ein solcher Schein ist hervorgerufen, wie +Waitz 1, 159-160 zeigt, theils durch Umänderung von Namen, wo man nun +fälschlich annahm, weil der Name nicht mehr existire, so sei auch das +Volk erloschen, oder durch Irrthümer der Reisenden, indem sie manche +Namen zu weit ausdehnen, andere aber auf völligem Missverständniss +beruhen, oder durch falsche Schätzung der Volkszahl, wie man sie oft +sehr übertrieben, namentlich bei älteren Reisenden, z.B. für Polynesien +bei Cook, findet u. dergl. + +Ehe wir nun aber die Gründe für jenes weniger leicht zu erklärende +Hinschwinden der Naturvölker aufsuchen, müssen wir den Umfang desselben +betrachten, wobei wir ausser Europa alle Welttheile zu berücksichtigen +haben. + +In Asien sterben aus oder sind schon ausgestorben die Kamtschadalen und +so rasch ging ihre Verminderung vor sich, das Langsdorff (1803-4, +Krusensterns Begleiter) Ortschaften, welche die Cooksche Expedition und +La Perouse noch wohl bevölkert sahen, völlig menschenleer fand. Wenn La +Perouse 1787 auf der Halbinsel im ganzen noch 4000 Bewohner fand +(2,166), so sind die russischen Einwanderer in dieser Zahl, bei der +trotzdem auf mehrere Quadratmeilen kaum ein Mensch kommt, schon +einbegriffen. Denn Cooks Reisebegleiter (1780) fanden, nach den +Mittheilungen eines dort ansässigen Offiziers in Kamtschatka nur noch +3000 Einwohner, wobei die Kurilen schon mitgerechnet sind; sie erzählen +selbst, wie sich die Eingeborenen immer mehr mit den einwandernden +Russen verbinden und ihre Zahl dadurch immer mehr abnimmt (Cook 3. R. 4, +175). La Perouses Reisegefährte Lessep (41) behauptet, dass nur noch ein +Viertel der eigentlichen Kamtschadalen übrig sei; und er war noch nicht +ein volles Jahrhundert nach der ersten Unternehmung der Russen (1696) +gegen Kamtschatka dort. Dasselbe Schicksal haben ausser den Jakuten und +Jukagiren in Sibirien Waitz, (1, 164) auch die Aleuten auf den +Fuchsinseln und die ihnen verwandten Stämme auf den nächsten Küsten von +Amerika, die wir hier gleich erwähnen, weil auch sie wie die +Kamtschadalen unter demselben Drucke Russlands stehen. Langsdorff fand +auf den Fuchsinseln nur gegen 300 Männer, während er für 1796 1300 und +für 1783-87 gar 3000 und mehr angibt. Das Steigen der Zahlen, welches +wir im Anfang dieses Jahrhunderts finden, ist keineswegs tröstlich. Denn +wenn Chamisso (177, zweite Note) nach aktenmässigen Mittheilungen für +1806 die Aleuten der Fuchsinseln auf 1334 Männer und 570 Frauen, 1817 +dagegen auf 462 Männer und 584 Frauen angibt, so versieht er erstlich +diese allerdings auffallenden Zahlen selbst mit einem Fragezeichen; und +zweitens, wenn sie auch richtig sind, Langsdorff sich geirrt und die +Volkszahl sich nicht durch russische Einwanderer vermehrt hat: das +Sinken der Bevölkerung von 1806-1817 ist gewiss eben so arg als wie wir +es bei Langsdorff geschildert finden. Der offizielle Bericht von 1860 +bei Peterm. 1863, 70 gibt 4645 Bewohner der Fuchsinseln an: allein hier +sind jedenfalls die Russen, welche jetzt auf den Inseln ansässig sind, +mitgezählt, obwohl die Mischlinge, 1896 Seelen, noch besonders angegeben +werden und diese Vermehrung, welche sich auf Kamtschatka gleichmässig +findet, ist nur eine scheinbare. + +Bekannt ist das Aussterben der Ureinwohner Amerikas, deren Zahl man in +Nordamerika für die Zeit der Entdeckung etwa auf 16 Millionen, jetzt +kaum noch 2 Millionen schätzt (Waitz b, 16). 1864 betrug die Zahl der +Indianer in den Vereinigten Staaten etwa 275,000; 1860 zählte man noch +294,431; 1841 aber, auf kleinerem Gebiete 342,058 Seelen, so dass sich +also hier in 23 Jahren ein Verlust von nahezu 70,000 Menschen +herausstellt (eb. 18). Noch geringere Zahlen gibt Behm (105 ff.) an, +nämlich 268,000 unabhängige Indianer für die Vereinigten Staaten, +155,000 für britisch Nordamerika. Und während d'Orbigny (1838) für den +von ihm bereisten grösseren Theil von Südamerika 1,685,127 Indianer +zählte (Waitz b, 16). so stellt Behm auch hier geringere Zahlen auf: +Brasilien hat nach ihm (a.a.O.) 500,000 unabhängige Indianer, die drei +Guyanas 9770, Venezuela 52,400, Neu-Granada 126,000, Ekuador 200,000, +Peru 400,000, Bolivia 245,000, Chile 10,000, die Staaten der +argentinischen Republik 40,000, Patagonien und Feuerland 30,000, also +zusammen 1,613,170 und zwar für ganz Südamerika. So viel aber betrug +allein die Bevölkerung von Chile zur Zeit der Entdeckung (Pöppig 385 +Anmerkung) nach einer der kleinsten Annahmen. Mittelamerika hatte um +1800 zwei und eine halbe Million unvermischter Ureinwohner und diese +Zahl war im Wachsen (Humboldt a 1, 107); aber zur Zeit der Entdeckung +betrug die Volkszahl in Tenuchtitlan, der alten Hauptstadt von Mexiko +und dem ihm nahe gelegenen Tezkuko allein nach mittleren Angaben fast +eine Million und das Land war dicht bedeckt mit grossen und volkreichen +Städten. Behm nimmt als jetzige unabhängige Urbevölkerung nur 6000 an +(a.a.O.), eine Zahl, welche gegen Humboldts Angaben ausserordentlich +gering ist: allein Behm schätzt hier nur die Indianer ab, »welche sich +den Behörden vollständig entziehen«, während Humboldt auch die +Eingeborenen mitbegreift, welche sich am europäischen Leben so gut wie +die spanischen Mexikaner betheiligen. Behm (114) schätzt diese auf +4,800,000. Natürlich geht dies Aussterben auch jetzt noch weiter, wofür +v. Tschudi 2, 216 ein Beispiel gibt: die Malalies, ein araukanischer +Stamm, 1787 noch über 500 Individuen stark, schmolzen in jener Zeit +durch Kriege auf 26 Seelen zusammen. Obwohl sie nun 70 Jahre lang +ansässig sind und ungefährdet gelebt haben, ist ihre Zahl doch nicht +höher als auf einige über dreissig gestiegen. + +In Afrika sind es die Hottentotten zunächst, welche in den Kreis unserer +Betrachtung hineingehören. Während sie früher sich weit hin in das +Innere von Südafrika ausdehnten und in eine zahlreiche Menge von +einzelnen Stämmen zerfielen, finden wir sie jetzt auf sehr viel +kleinerem Gebiete und aufgerieben bis auf 3 Stämme, die Korana, Namaqua +und Griqua (Waitz 2, 317 ff.), deren Zahl fortwährend im Fallen ist. +Auch die Kaffern müssen hier erwähnt werden, denn im brittisch Kafraria +hat sich 1857 die Bevölkerung um mehr als die Hälfte vermindert: sie +betrug am Anfang des Jahres 104,721 Seelen und am Ende desselben nur +noch 52,186 (Peterm. 1859 S. 79 nach dem Population Return v. John +Maclean Chief Commissioner): nach Behm jedoch (100) 1861 74,648 +Eingeborene. + +Es bleibt uns nun noch Australien und Ozeanien zu betrachten übrig, wo +an vielen Orten die Bevölkerung rasch hinschwindet, so namentlich in +Neuholland. Doch ist es gerade für dies Land schwer, ja ganz unmöglich, +Zahlen aufzustellen, weil die Stämme fortwährend hin- und herziehen und +daher alle Zahlangaben sehr wenig zuverlässig sind (Grey 2, 246). Die, +welche Meinicke a 177 aufstellt, beweisen dies zur Genüge, und selbst +die bei Behm (72) sind nicht sicherer. Nur von Südaustralien, Queensland +und Viktoria hat er bestimmte Zählungsergebnisse und so ist seine +Gesammtziffer 55.000 nur eine sehr ungefähre. Alle Quellen aber +berichten einstimmig, dass die Bevölkerung wenigstens der Küsten +reissend abnimmt; dass Stämme, welche früher nach Hunderten zählten, +jetzt vielfach bis auf ebenso viel Zehner zusammengeschmolzen sind. Die +Bevölkerung Tasmaniens betrug 1843 noch 54 Individuen, 1854 noch 16 +(Nixon 18) und ist jetzt wohl ganz ausgestorben. + +Wenn auch nicht so reissend, so vermindern sich doch auch die Melanesier +an verschiedenen Gegenden ihres Gebietes: so nach Reina (Zeitschr. 4., +360), die Völker der kleinen Inseln in der Nähe von Neuguinea: so nach +D'Urville 5, 213 die Bewohner von Vanikoro, nach Turner 494 die +Eingeborenen der neuen Hebriden, wie z.B. die Bevölkerung von Anneitum +1860, welche Turner auf 3513 Seelen schätzt, 1100 Menschen durch eine +Masernepidemie verlor (Muray bei Behm 77) und die von Erromango 1842 +durch eine gefährliche Dysenterie um ein Drittel vermindert wurde +(Turner a.a.O.); und so finden sich noch verschiedene Angaben zerstreut. + +In Mikronesien ist die Bevölkerung der Marianen, welche bei Ankunft der +Spanier 1668 mindestens 78,000 Einwohner gehabt haben, für die aber auch +100,000 durchaus nicht zu hoch gegriffen ist (Gulick 170) gänzlich +ausgestorben. Schon um 1720 hatten die Inseln (und zwar nur noch die +beiden südlichsten) nicht mehr als etwa 2000 Einwohner, und von diesen +waren sehr viele von den Philippinen her verpflanzte Tagalen. Ponapi +(Puynipet, Ostende der Karolinen) hatte nach Hale (82) 15.000 Bewohner, +welche Annahme vielleicht etwas, aber nicht viel zu hoch ist[A]; jetzt +hat sie (Gulick 358) noch 5000, Kusaie (Ualan) hatte 1852 12-1300, 1862 +nur noch 700 Menschen (Gulick 245). + +In Polynesien betrug auf Tahiti die Bevölkerung zu Cooks Zeiten (1770) +etwa 15-16,000 Seelen (G. Forster nach einer spanischen Beschreibung von +Tahiti a.d. Jahre 1778 ges. Werke 4,211, Bratring 104, welcher derselben +Quelle folgt oder wenigstens einer nahe verwandten). Dieselbe Zahl fand +Wilson noch im Jahre 1797; Turnbull (259) gibt nur 5000 an im Jahre +1803, Waldegrave bei Meinicke b, 113 6000 für 1830 und Ellis 1, 102 für +1820 etwa 10,000, welche Zahl Virgin auch für 1852 angibt (2, 41). Mögen +auch diese Zahlen unbestimmt und schwankend und Turnbulls Angaben +negativ übertrieben sein: so viel ist sehr klar, dass seit der +Entdeckung durch die Europäer die Entvölkerung dieser Insel, welche +indess nach den Aussagen der Eingebornen (Virgin 2, 41) schon früher +begonnen hatte, rasch fortgeschritten ist; bis unter die Hälfte der +früheren Kopfzahl sinken die Angaben. Auf den übrigen Societätsinseln +war das Verhältniss (Meinicke a. a. O.) ein ähnliches. Auch jetzt +scheint das Aussterben, obwohl langsamer, fortzugehen: der offizielle +französische Bericht für 1862 gibt für Tahiti 9086 Bewohner an (Behm +81). + +Auf Laivavai, einer der Australinseln, betrug die Bevölkerung 1822 +mindestens 1200, 1830 nur noch etwa 120 und 1834 kaum noch 100 Seelen +(Mörenhout 1, 143). Günstiger ist Meinickes Schätzung, welcher auf der +ganzen Gruppe Ende 1830 etwa 5000 Seelen, für 1840 nur noch 2000 annimmt +(a.a.O. 114). Rapa schätzte Vankouver 1795 auf 1500 Einwohner, Mörenhout +(1, 139) 1834 nur noch auf 300 und diese waren in stetem Abnehmen. Auch +die Herveygruppe, welcher Ellis 1, 102 10-11,000 Bewohner gibt, ist +jetzt viel minder zahlreich bewohnt, namentlich Rarotonga, welches durch +eine furchtbare Seuche im höchsten Grade gelitten hat (Williams 281). + +Ganz ebenso schlimm ist es in Hawaii, wo nach Ohmstedt 262, die +Bevölkerung in den Jahren 1832-36 von 130,000 auf 102,000 Seelen, also +in 4 Jahren um 28,000 Seelen gesunken ist! Mag Ohmstedt nun auch Recht +haben, dass die Bevölkerungsziffer für 1836 zu gering ist, weil eine +Menge Geburten nicht angezeigt worden sind: so ist das Hinschwinden +trotzdem ganz ausserordentlich, zumal die Insel zu Cooks Zeiten, der +400,000 Einwohner angibt, wohl an 300,000 nach Jarves Berechnung (373) +hatte. Die Zahlen bei Meinicke (b, 115-16 nach der Sandwich Isl. +gazette) sind zwar nicht genau dieselben, das Verhältniss der Abnahme +aber bleibt, auch wenn wir ihnen folgen, unverändert. Nach Virgin 1, 267 +hatte die Hawaiigruppe 1823 etwa 142,000 Seelen, 1832 noch 130,313, 1836 +108,579 und 1850 betrug die Zahl nur noch 84,165! also in 78 Jahren hat +sich die Bevölkerung um ein Drittel gemindert und die Zahl der Geburten +verhielt sich zu den Todesfällen wie 1:3! Auch jetzt noch schreitet die +Verminderung fort: die Zahl der Eingeborenen betrug nach dem Census von +1860 nur 67,084 Seelen (Behm 85). + +Auch auf dem Markesasarchipel, dessen Bevölkerung nach Meinicke (b, 115) +22,000 Menschen beträgt, ist ein Hinschwinden bemerkt: so verlor +Nukuhiva (Rodriguet in Revue de 2 mondes 1859 2, 638) von 1806-12 zwei +Drittel seiner Bevölkerung durch Hungersnoth. Auf Neu-Seeland beträgt +die Abnahme der Bevölkerung in den letzten 14 Jahren etwa 19-20 Percent; +1770 betrug sie etwa 100,000 und 1859 noch 56,000 (Hochstetter 474, nach +Fenton). Nach offiziellen Berichten im Athenäum (Zeitschr. 9, 325), +welche zu Hochstetters Angaben nicht ganz stimmen, war die Zahl der +Eingebornen 1858 87,766, und zwar, auffallend genug, 31,667 Männer und +56,099 Frauen. Dagegen treffen die offiziellen Berichte von 1861 +(Meinicke c 557) mit Hochstetter überein: denn sie geben 55,336 +Eingeborene an. Letzteres ist wohl das richtigere. Nach Fenton (Reise +der Novara 3, 178) verhielten sich bis gegen 1830 die Sterbefälle und +Geburten zur Gesammtbevölkerung wie 1: 33,04 und 1: 67,12. + +Auf Samoa nimmt nach Erskine 104 die Bevölkerung, 37,000 Seelen, +gleichfalls ab, und zwar soll die Abnahme nach den Berichten der +Missionäre in 10 Jahren auf einer Insel von 4000 bis zu 3700 oder 3600 +vorgeschritten sein (eb. 60). + +Auch die Pageh auf Engano, ein den Polynesiern ähnlicher malaiischer +Stamm auf einer kleinen Insel südlich von Sumatra sterben aus nach +Wallands Urtheil, der auf der Insel eine äusserst geringe Kinderzahl +vorfand--nur fünf im Ganzen (Zeitschr. 16, 420). + + + + +§ 2. Empfänglichkeit der Naturvölker für Miasmen. Krankheiten, welche +spontan bei der Zusammenkunft der Natur- und Kulturvölker entstehen. + + +Indem wir uns nun anschicken, die Gründe für dies Hinschwinden +aufzusuchen, wollen wir zuerst vernehmen, wie man sich über die +Lebensunfähigkeit dieser Stämme geäussert hat. Pöppig (386) sagt von +Amerika: »Es ist eine unbezweifelte Thatsache, dass der kupferfarbene +Mensch die Verbreitung europäischer Civilisation nicht in seiner Nähe +verträgt, sondern in ihrer Atmosphäre ohne durch Trunk, epidemische +Krankheiten oder Kriege ergriffen zu werden, dennoch wie von einem +giftigen Hauche berührt ausstirbt. Die zahlreichen Versuche der +Regierungen haben Sitte und Bürgerthum unter jener Raçe nie einheimisch +machen können, denn ihr fehlt die nöthige Perfektibilität. Dieser Mangel +macht die durchdachten und menschenfreundlichen Pläne der Erziehung zu +nichte und rechtfertigt den Vergleich jener Menschheit mit jener eine +eigenthümliche Physiognomie tragenden, aber niederen Vegetation, die das +dem Meere entstiegene Land zuerst in Besitz nimmt, aber in dem Masse wie +höher ausgebildete und kräftigere Pflanzen sich entwickeln, sich +vermindert und zuletzt auf immer verschwindet. Wie sehr das menschliche +Gefühl sich gegen eine solche Annahme sträubt, so glauben wir doch in +den Amerikanern _einen von der Natur selbst dem Untergang geweihten_ +Zweig unseres Geschlechtes zu sehen. In den leer gewordenen Raum tritt +eine _geistig vorzüglichere_, beweglichere, aus dem Osten stammende +grosse Familie. Wie diese ihrer Bestimmung zur allgemeinsten Verbreitung +gehorsam sich ausdehnt und die entlegensten Wildnisse sich unterwirft, +so legt die Urbevölkerung sich zum Todesschlafe nieder und verschwindet +selbst aus dem Gedächtnisse des neuen Volkes. In weniger als einem +Jahrhundert wird vielleicht die Forschung über die ersten Bewohner eines +ganzen Welttheils dem Gebiete der Archäologie überwiesen werden müssen, +und dann erst wird das Tragische und Räthselhafte ihres Schicksals +begriffen (?) und tief empfunden werden.« + +So schrieb 1840 ein deutscher Gelehrter, der lange Reisen in Amerika +gemacht hatte. Auch Carus Phantastereien von Tag-, Nacht- und +Dämmerungsvölkern (17 ff.) gehören hierher; seine westlichen +Dämmerungsvölker, »sie, die wirklich dem Untergange zugewendet sind und +ihrem Verlöschen mehr und mehr entgegengehen«, sind die Amerikaner; +seine Nachtvölker, welche sich »über Afrika ausdehnen und hinab gegen +Süden über Australien (!), Van Diemensland und einen Theil von +Neuseeland (als Papus!!) erstrecken«, stehen noch tiefer in ihrer +geistigen Entwickelung und Fähigkeit. Ganz ähnlicher Ansicht über die +Neuholländer, wie Pöppig über die Amerikaner, scheint Meinicke zu sein, +nur dass er sich verhüllter ausdrückt; doch nennt er sie einen »dem +Untergang _geweihten_« Volksstamm (c 522) und spricht hier n. a 2, 215 +von ihrer »gänzlichen Unbildsamkeit«. Viel direkter hat man von der +Unbildsamkeit, von dem nothwendigen Untergang, von der geringen +Lebensfähigkeit der tieferstehenden und mangelhaft organisirten Raçen in +Amerika (Waitz 3, 45) und den Kolonieen in Afrika, Neuholland und +Polynesien gesprochen; da man denn sich auch weiter kein Gewissen +machte, den Untergang, welchem diese Raçen nun doch einmal geweiht +seien, damit auf ihren Trümmern sich das bessere Leben höherstehender +Raçen entwickeln könne, mit allen Mitteln beschleunigen zu helfen. + +Aber auch vorurtheilsfreie Forscher sehen in diesem Hinschwinden etwas +Räthselhaftes, so Waitz 1, 173, wenigstens in Beziehung auf Australien +und Polynesien, da hier eine Hauptursache der Entvölkerung, welche in +Amerika so wirksam war, der Druck durch die Weissen, in Polynesien ganz +wegfalle, in Australien wenigstens nicht weitgreifend gewirkt habe. +»Begreiflicher Weise, fährt er jedoch fort, ist das Aussterben eines +Volkes, das früher kräftig und gesund gewesen ist, nicht damit erklärt, +dass man ihm die Lebenskraft abspricht oder einen ursprünglichen Mangel +der Organisation zuschreibt, und es hat an sich schon etwas sehr +Unbefriedigendes für eine so seltene und abnorme Erscheinung einen +geheimnissvollen Zusammenhang anzunehmen, dem sie ihre Entstehung +verdanke; man wird vielmehr hier wie überall nach dem natürlichen +Zusammenhange der Sache zu suchen haben, wenn man sich auch schliesslich +zu dem Geständnisse genöthigt finden sollte, dass es bis jetzt nicht +gelingen will, denselben vollständig aufzuklären.« + +Wir wollen sehen, ob wir zu diesem Geständniss genöthigt werden. + +Auch Darwin (2, 213) sieht bei diesem Aussterben, für welches er viele +natürliche Gründe anführt, auch »noch irgend eine mehr räthselhafte +Wirksamkeit« thätig. »Die Menschenraçen, sagt er, scheinen auf dieselbe +Art aufeinander zu wirken, wie verschiedene Thierarten, von denen die +stärkere die schwächere vertilgt.« Er macht darauf aufmerksam, dass fast +bei jeder Berührung der Naturvölker und der Weissen, oft auch von +Stämmen ein- und desselben Volkes, welche in verschiedener Gegend +wohnen, seuchenartige Krankheiten entstehen, oft bei völliger Gesundheit +der Schiffsmannschaft und der von ihr besuchten Völkerschaft, »von denen +alsdann vorzugsweise die niedere von beiden Raçen oder die der +Eingeborenen, welche in ihrem Lande von Fremden aufgesucht werden, zu +leiden hat« (Waitz 1, 162). Und hierzu lassen sich die Beispiele +allerdings häufen. So sagt Humboldt (a 4, 392), dass in Panama und Calao +der Anfang grosser Epidemien des gelben Fiebers »am häufigsten durch +die Ankunft einiger Schiffe aus Chile bezeichnet werde«, obwohl doch +Chile selbst eines der gesündesten Länder der Welt sei und das gelbe +Fieber gar nicht kenne; aber die schädlichen Folgen der ausserordentlich +erhitzten und durch ein Gemisch von faulen Dünsten verdorbenen Luft, an +welche die Organe der Eingeborenen gewöhnt seien, wirkten mächtig auf +Individuen aus einer kälteren Region. Aehnlich verhält es sich mit dem +Ausbrechen des gelben Fiebers in Mittel- und Nordamerika, das +eingeschleppt zu haben so häufig die eine der genannten Gegenden +Besuchern aus der anderen vorwirft (Humboldt a.a.O. 384). Die »grausame +Epidemie« von 1794, wo Verakruz ungewöhnlich heftig vom gelben Fieber +heimgesucht war, fing an mit der Ankunft dreier Kriegsschiffe (eb. 423). +Ebenso schreiben die Einwohner Egyptens das Ausbrechen der Pest der +Ankunft griechischer Schiffe zu und umgekehrt die Bewohner Griechenlands +und Konstantinopels egyptischen (eb. 384), wobei keineswegs immer an +eine Einschleppung zu denken ist. Auf Rapa (Australinseln) traten +tödtliche Krankheiten nach dem Besuch von englischen Schiffen auf, +welche die Hälfte der Eingeborenen dahinrafften (Mörenh. 1, 139); auf +Tubuai (Australinseln) ward die Bevölkerung durch Krankheiten, welche +mit der Mission 1822 auftraten, auf die Zahl von 150 heruntergebracht +(eb. 2, 343). Raivavai, welches 1822 noch 1200 Einwohner hatte, besass +1830 etwa noch 120 durch gleiches Schicksal (eb. 1, 143). Williams +(283-84) spricht es als seine eigene Erfahrung aus, dass die meisten der +Seuchen, die er in der Südsee erlebte, durch Schiffe, deren Mannschaft +ganz gesund sei und nur auf ganz erlaubtem, gewöhnlichem Wege mit den +Eingeborenen verkehrte, veranlasst wurden. Das erste Zusammentreffen +zwischen Europäern und Eingeborenen, sagt er, ist fast immer mit dem +Fieber, mit Dysenterie u. dergl. bezeichnet; so starb auf Rapa die +Hälfte der Eingeborenen aus; so entstand die furchtbare Seuche auf +Rarotonga (Herveyinseln), die er 282 schildert. Ganz dasselbe sagt +Virgin 1, 268; »Auch nur kurze Besuche von Fahrzeugen haben auf den +Inselgruppen der Südsee Krankheiten von mehr oder minder verderblicher +Natur verursacht, die sich sogar erst längere Zeit nachher gezeigt +haben. Es hat sich dies auch sogar zugetragen, ungeachtet die Besatzung +der Schiffe vollkommen gesund war und die Krankheiten sind nicht stets +solche gewesen, welche möglicherweise durch eigentliche Ansteckung +mitgetheilt werden konnten oder welche in Europa zu denen gehören, deren +Beschaffenheit in der Regel mehr oder weniger tödtlich ist.« Von Tahiti +erzählt Bratring 145, dass 1775 bei der Anwesenheit der Spanier unter +Boenechea ein ansteckendes Katarrhalfieber ausbrach. Nach Cooks Besuch +litt die Insel unter Dysenterie (Mörenh. 2, 425) und die Tahitier selbst +schrieben schon um 1800 alle Krankheiten den Berührungen mit fremden +Schiffen zu (Turnbull 266). Beechey 1, 94-95 berichtet Aehnliches von +den Inseln Pitkairn. Bei regnichtem Wetter und bei gelegentlichen +Besuchen von Schiffen, sagt er, leiden die Eingeborenen (eine +Mischbevölkerung von Tahitiern und Engländern) stärker an Blutandrang +(plethora) und Schwären als sonst; sie glauben ganz fest, dass diese +Krankheiten durch den Verkehr mit ihren Gästen, mögen diese selbst auch +ganz gesund sein, herrühren. Das eine Schiff sollte ihnen Kopfschmerzen, +ein anderes Scharbock, das dritte Geschwüre u.s.w. gebracht haben, wie +sie denn auch von Beecheys Schiff, dessen Mannschaft ganz gesund war, +ähnliches erwarteten: ja sie fühlten schon Kopfweh und Schwindel. +Beechey erklärt diese Zufälle durch die Veränderung ihrer Lebensweise +während solcher Besuche, da sie gegen ihre sonstige Gewohnheit dann viel +Fleisch essen und reichlichere Kleidung tragen. Von Melanesien (Tanna) +erzählt Turner 91 nach den Aussagen der Eingeborenen, welche alle +Krankheiten, wie Fieber, Dysenterie, Husten u. dergl. »fremde Dinge« +nennen, ganz Gleiches. Auch in Celebes (Waitz 1, 163) herrschte diese +Meinung und ebenso auch bei den alten Marianern, welche nach jedem +fremden (europäischen) Schiff von einer Seuche heimgesucht zu werden +behaupteten; so brachte 1688 ein Schiff von Mexiko, welches mit +Verbrechern beladen an der Insel scheiterte, Rheuma, Fieber, Blutungen +(le Gobien 376), und die Eingeborenen sahen alle Krankheiten als durch +die Spanier eingeschleppt an (ebd. 140). Die Einwohner von St. Kilda +(westl. v. d. Hebriden bei Schottl.) sind der festen Ansicht, für die +sie eine lange Erfahrung haben, dass der Besuch eines Fremden ihnen +Schnupfen bringe (Macculloch bei Darwin 2, 214). + +Nach dem medizinischen Theil der Novara Reise (1, 225) glauben die +Eingeborenen der Nikobaren, dass die Kokosnüsse von den Bäumen fielen, +sobald ein Missionär die Insel beträte. So mag denn auch diese +weitverbreitete Ansicht der Grund sein, weshalb in Ponapi, sobald ein +Schiff in Sicht kommt, das Volk flieht und der Priester aufs +Feierlichste die Götter um Hülfe anruft (Gulick 175), wenn wir es hier +nicht mit etwas Religiösem zu thun haben. Jedenfalls ist wohl zu +beachten, dass die Naturvölker vor der Bekanntschaft mit den Europäern +fast nichts von Krankheit wussten; weder die Marianer (le Gobien 140) +noch die übrigen Mikronesier (Chamisso) noch die Polynesier, von denen +freilich die Neu-Seeländer, obwohl der Gesundheitszustand auch ihrer +Insel im Allgemeinen trefflich war, von schweren Seuchen, die sie schon +vor Cook heimgesucht hätten, erzählten (Dieffenbach 2, 12-14), noch die +Neu-Holländer, Hottentotten und Amerikaner (Waitz 1, 140-41). + +Für die Indianerstämme steigert sich die Wirkung solcher Epidemien noch +durch Folgendes, was v. Tschudi, einer der ausgezeichnetsten Kenner der +amerikanischen Völker, 2, 216 sagt: »Es ist eine höchst eigenthümliche +Erscheinung, dass Indianerstämme, die durch Krieg oder Epidemien +plötzlich sehr stark reducirt wurden, sich in der Regel nie wieder +erholen und nur noch als wenig zahlreiche Familien gewöhnlich Jahrzehnte +lang hinsiechen, bis sie endlich ganz aussterben. Bei ihnen tritt nicht +mehr die Vermehrungsprogression ein, wie sie vor dem vernichtenden +Schlage stattgefunden hatte, und bei anderen unter den nämlichen +physischen Bedingungen lebenden Völkern beobachtet wird. Meines Wissens +ist dieses Verhältniss noch nirgends erörtert worden. Ich habe es bei +einem genauen Studium der Geschichte der nord- und südamerikanischen +Indianer als Regel gefunden. Sehr verminderte Fruchtbarkeit des Weibes +ist die Hauptursache: auf welchen physiologischen Einwirkungen sie aber +beruht, ist wohl schwer zu ermitteln.« Waitz freilich (1, 163) bringt +Beispiele vom Gegentheil: die Creeks (nach Simpson), die Winibegs (nach +Schoolcraft), die Apachen (Kendall) u.s.w. haben sich nach schweren +Epidemien wieder erholt. Wir kommen hierauf zurück. + +Man hat nun diese auffallende Erscheinung, dass Krankheiten durch +Berührung gesunder, aber aus verschiedener Gegend oder Raçe stammender +Menschen entstehen, zu erklären versucht. Darwin, der in Shropshire +gehört, dass gesunde Schafe, die aber auf Schiffen eingeführt wurden, in +einem Pferch zu anderen gebracht, diese krank machen, Darwin meint, dass +das Effluvium von Menschen--und wohl auch, nach dem letzten Beispiel, +von Thieren--die lange Zeit eingeschlossen gewesen seien, giftig auf +andere wirke, namentlich dann, wenn sie von verschiedenen Raçen wären +(2, 214); eine Ansicht, welche indess weder von medizinischer Seite noch +durch die Erfahrung bestätigt wird. + +Will man sich aber mit Waitz dabei begnügen zu sagen, dass beim +Zusammentreffen verschiedener Raçen, selbst bei völliger Gesundheit +beider, sich bisweilen Krankheiten erzeugen, welche dann meist die +niedere Raçe ergreifen, so kommt einmal durch das Wort niedere Raçe +leicht etwas Missverständliches in den Ausdruck, und andererseits wird +nichts durch dies blosse Zusammenfassen der Erscheinung erklärt. Dazu +kommt, dass z.B. der Bericht Humboldts über das gelbe Fieber in Panama +und Callao sich ja auf gleiche Raçen bezieht und eben so doch auch die +Angabe Darwins von den Schafen. Und wenn man ferner die Geschichte der +kultivirten Völker betrachtet, so findet man eine ähnliche Erscheinung: +eine neu auftretende Krankheitsform wüthet viel allgemeiner und +verheerender, als eine fortwährend herrschende; so die Pest, der +schwarze Tod, die Pocken, die Cholera u.s.w., die dann oft nach und nach +verlöschen. Die Pocken aber hat man dadurch unschädlich gemacht, dass +man eine verwandte, aber unschädlichere Krankheitsform einimpft. Es +scheint also, als ob der menschliche Körper um so empfänglicher für ein +Miasma oder einen Krankheitsstoff ist, je ferner und freier von +demselben er früher war. Ist er aber, wie bei der Pockenimpfung +geschieht, durch ein Minimum des Giftes affizirt und dadurch anders +disponirt worden, so dass er sich nun allmählich an jenen feindlichen +Stoff gewöhnt, ihn der eignen Natur und die eigene Natur ihm +einigermassen assimilirt hat: so hat er dadurch Fähigkeit zum Widerstand +gegen die Krankheit gewonnen, da sie ja nun seiner Natur nicht mehr +absolut feindlich ist; daher denn solche Seuchen nach und nach +erlöschen, denn die Ueberlebenden werden nach und nach durch das +Einathmen der miasmatischen Luft körperlich selbst immer fester. +Keineswegs hilft aber eine solche Gewöhnung für alle Zeit, wie ja auch +die Pocken nach bestimmten Zeiträumen von neuem eingeimpft werden +müssen. Merkwürdig, aber für uns wichtig genug ist, was Humboldt a 1, 92 +über diese Krankheit in Mexiko sagt: »die Pocken scheinen +ihre Verwüstungen nur alle 17 Jahre anzurichten. In den +Aequinoktial-Gegenden«--ob das aber nicht in allen Gegenden oder +wenigstens bei allen menschlichen Individuen auf gleiche Weise +gilt?--»haben sie, wie das schwarze Erbrechen und mehrere andere +Krankheiten, ihre festen Perioden, an denen sie sich regelmässig wieder +einfinden: und man möchte glauben, dass sich in diesen Ländern die +Anlage der Eingeborenen für gewisse Miasmen nur in sehr weit von +einander entfernten Perioden erneuert; indem die Pocken, deren Samen +sehr oft von europäischen Schiffen gebracht wird, nur in sehr +ansehnlichen Zwischenräumen epidemisch, aber auch dem Erwachsenen nur +desto gefährlicher werden.« Alles dies scheint sehr für unsere obige +Annahme zu sprechen. Der Europäer, der Civilisirte kommt nun fortwährend +mit unendlich mehr Krankheitsstoffen und Miasmen, in den meisten Fällen +ohne es selbst zu merken, in Berührung, als der im Naturzustande und der +freien Natur lebende Mensch. Und nicht nur durch eigene Gewöhnung von +Kindheit an, sondern auch durch Vererbung der Accommodation von Eltern +und Grosseltern her hat er eine viel grössere Widerstandsfähigkeit gegen +solche schädliche Einflüsse, als sie jemals früher Isolirte und +namentlich, wenn sie vielleicht schon erwachsen zuerst mit diesen +Einflüssen in Berührung kommen, sich erwerben können. Hiergegen spricht +nicht, wenn einzelne Individuen der Naturvölker gesund etwa in Europa +längere Zeit gelebt haben. Denn in den meisten Fällen ist da eine +Gewöhnung von Jugend auf eingetreten und jedenfalls sind alle solche +Fälle wissenschaftlich nur dann zu verwerthen, wenn man die Geschichte +des Besuchers, seine Natur, die Natur seines Volkes u.s.w. bis ins +Einzelne verfolgen kann. Uebrigens gibt es auch Beispiele genug, dass +solche Besuche unglücklich abliefen: Liholiho, der Sohn Tamehameha I. +und seine Gemahlin starben bei ihrem Aufenthalt in England, wo alle +Sorgfalt ihnen zu Theil wurde, an den Masern bei raschem Verlauf der +Krankheit; und der Prinz Libu, welchen Wilson gegen Ende des vorigen +Jahrhunderts von den Palau-Inseln mit nach England genommen hatte und +dort sehr sorgfältig pflegte, an einer ähnlichen Krankheit, kurz nach +seiner Ankunft (Keate die Pelewinseln, Schluss). Jetzt beweisen solche +Besuche um so weniger, als jetzt die meisten Völker Bekanntschaft mit +der weissen Raçe haben. + +Nach alledem würde es kein Wunder, nichts Rätselhaftes sein, wenn die +Naturvölker gegen solche Miasmen, die auch von ganz Gesunden ganz +unbemerkt eingeschleppt werden können, um so empfänglicher und +empfindlicher sind, je weniger sie Schutz durch irgend welche Gewöhnung +haben; daher denn solche Krankheiten, welche scheinbar unerklärlich +entstehen, mit einer Heftigkeit wüthen, wie, vor Zeiten die Pest. So +erzählt Williams (280 ff.), dass bei jener Seuche auf Rarotonga von +mehreren tausend Einwohnern kaum ein einziger ganz davon befreit +blieb.--Die Krankheiten, welche am meisten so ganz spontan dem Schein +nach entstehen, sind Dysenterie, Influenza, Fieber, Blutungen, +Geschwüre, Husten und Hautkrankheiten. (Einige Belegstellen: Turner 91; +Dieffenbach 2, 12-14; le Gobien 376; Beechey 1, 94-95.) + +Dass auch Geschwüre genannt werden, könnte auffallen. Die ausbrechenden +Krankheiten richten sich jedenfalls theils nach den Miasmen, durch +welche sie hervorgerufen sind, theils und wohl ganz besonders nach der +Natur des Inficirten. Wie ja bei herrschenden Epidemien oder in der Nähe +gefüllter Krankenhäuser jede Krankheit, jede oft unbedeutendste +Verwundung durch den giftigen Einfluss der Miasmen schlimmer werden, ja +bis zum Tode führen kann, auch ohne in die herrschende Krankheitsform +überzugehen: ebenso natürlich ist es, dass sich solche eingeführten +Miasmen gerade auf den Theil des inficirten Organismus werfen, welcher +schon zuvor, in den meisten Fällen gewiss gleichfalls unbewusst, der +schwächste oder gerade bei der Einführung des Miasma irgendwie erregt +oder afficirt war. Auch erklärt es sich hieraus, wie bei gleichen +Miasmen--vorausgesetzt, dass sie gleich sind; denn eine +Schiffsmannschaft kann leicht verschiedene zugleich +bringen--verschiedene Individuen, wie sich das gar nicht selten zeigt +(z.B. bei Turner in Melanesien, bei le Gobien auf den Marianen, bei +Beechey auf Pitkairn) verschiedene Krankheiten bekommen können. + +So erklärt sich das räthselhafte Faktum (welches als Faktum durch die +sichersten und verschiedenartigsten Zeugnisse feststeht), dass eine +gesunde Schiffsmannschaft gesunden Menschen Krankheiten bringen kann[B]. +Dabei dürfen wir nicht unerwähnt lassen, was Humboldt an sich und +seinen Begleitern in Centralamerika beobachtete: »Es kommt häufig vor, +sagt er b 6, 142, dass sich bei Reisenden die Folgen der Miasmen erst +dann äussern, wenn sie wieder in reinerer Luft sind und sich zu erholen +anfangen. Eine gewisse geistige Anspannung kann eine Zeitlang die +Wirkung krankmachender Ursachen hinausschieben.« Denn aus diesem Satze +erklären sich manche Erscheinungen bei jenen spontanen Krankheiten der +Naturvölker--so darf man wohl, ohne Gefahr missverstanden zu werden, die +Krankheiten nennen, welche nach der blossen Berührung mit den +Kulturvölkern, ohne direkte Einschleppung entstehen--Erscheinungen, +welche sonst auffallen müssten. So, dass diese Uebel während der +Anwesenheit der Europäer noch nicht verspürt werden, denn jene +Schwindel- und Kopfwehanfälle der Pitkairner noch während Beecheys +Besuch beruhten sicher, nach ächt polynesischer Art, auf anticipirender +und übertreibender Einbildung; dann, dass sie ungleich seltener bei +feindlichem Zusammenstoss zweier Raçen sich zeigen, welcher freilich +meist auch von kürzerer Dauer ist, als ein freundlicher Besuch. Auch +scheint es, als ob das Durchmachen _einer_ Epidemie gegen Miasmen +verschiedener Art abhärte; wiewohl es gar nicht selten ist, dass ein und +derselbe Volksstamm von mancherlei Seuchen nach einander (oder auch von +derselben wieder) heimgesucht wird. Doch ist dann fast immer der erste +Anfall der verheerendste. + +Jedenfalls aber haben wir hier die erste Ursache für das Aussterben der +Naturvölker: ihre leichte Empfänglichkeit für Miasmen, welche die +Kulturvölker ohne Wissen und Willen und bei eigener Gesundheit, zu ihnen +bringen; und die geringe Widerstandsfähigkeit ihres Organismus gegen +solche durch jene Miasmen entstehende Krankheiten. + + + + +§ 3. Direkt eingeschleppte Krankheiten. + + +Zu diesen eben besprochenen Krankheiten kommen noch andere hinzu, deren +Mittheilung zwar auf demselben Grunde beruht, den wir im vorigen +Paragraphen betrachteten, die aber doch, da man sie als direkt +eingeschleppte allgemein betrachtet und nachweisen kann, für den +Beobachter weit mindere Schwierigkeit bieten. Hierher gehören aber +gerade die furchtbarsten Seuchen, welche die Naturvölker betroffen +haben; und kann man sich denken, wie verheerend sie auf die +empfänglichen Naturen jener Völker wirkten. Nicht bloss Weisse haben sie +eingeschleppt: auch einzelne Zweige desselben Stammes haben andere mit +solchen Gaben bedacht. So ward ein böser Aussatz von Polynesien aus Rapa +nach Pitkairn verschleppt und den Bewohnern dieser Insel gefährlich; und +andere gleiche Beispiele finden sich. Schlimmer aber ist, was die +Weissen brachten, vor allen Syphilis und Blattern. Erstere Seuche ist +zwar überall bekannt genug, wo die Europäer hinkommen, und so also auch +von Alters her in Afrika und Amerika, wo sie eingeschleppt wurde (in +Californien nach Rollin, La Perouses Schiffsarzt bei La Perouse 2, 289; +in Guyana nach Schomburgk 2, 336). Gefährlicher aber ist sie vor allen +für die Polynesier geworden, denn hier begünstigte ihre Mittheilung und +Verbreitung die ausserordentliche Lüderlichkeit dieser Völker gar sehr; +und da die Polynesier durch ihre Lüste vielfach entnervt waren, so +wurden hierdurch auch die Formen dieser Krankheiten immer grauenvoller. +Und so finden wir sie hier vom äussersten Osten bis zum fernsten Westen. +Auf Waihu (Osterins.) ist sie jetzt häufig eingeschleppt von Europäern +(Mörenhout 1, 26). Auf Neu-Seeland findet sie sich, namentlich an den +Küsten, wo die Eingeborenen mit den Europäern am meisten verkehren, und +so schlimm, dass eine Menge Verwachsungen u. dergl. durch sie entstehen +(Dieffenbach 2, 17-25). Auf Tonga hatte sie Cooks Mannschaft, wie Cook +selbst erzählt dritte Reise 2, 390 eingeschleppt; doch kann sie hier +nicht allzu heftig gewirkt haben, denn Mariner (2, 270) gibt an, dass +durchaus nichts Syphilitisches sich auf der Gruppe finde und dass ein +Fall, welcher auf französischer Ansteckung beruhte, so rasch tödtlich +verlief, dass er weiter keine Folgen hatte. Allein ob nicht die Art von +Gonorrhöe mit ardor urinae, die er 268 als in Tonga heimisch erwähnt, +doch noch vielleicht von Cooks Mannschaft herstammte? Auch auf dem +Gilbertarchipel und den Ratakinseln--denselben Inseln, wo Chamisso +Anfang dieses Jahrhunderts so paradiesische Tage verlebte--ist die +Syphilis und andere Seuchen durch europäische Seeleute eingeschleppt +(Meinicke Zeitschr. 398), wie denn überhaupt Mikronesien auch sonst sehr +durch solche bösen Einwirkungen gelitten hat (Gulick 245). + +Aber am schlimmsten hat diese Seuche auf Tahiti und Hawaii gewüthet. In +Tahiti ist sie so allgemein, dass fast jede Familie von ihr berührt ist +(Mörenhout 1, 228-29); und schon um 1790 waren zwei Fünftel der Insel +venerisch (eb. 2, 425). Da nun diese entsetzliche Krankheit theils gar +nicht, theils schlecht geheilt und behandelt wurde, so ward sie ein +Hauptmittel für die Dezimirung der Eingeborenen (eb. 2, 405). Vankouver +(1790) spricht von den Verheerungen, die sie unter den tahitischen +Weibern angerichtet hatte (1, 111): sie musste also schon lange +verbreitet sein und ist zweifelsohne gleich von den ersten Besuchern +eingeschleppt, gleichviel ob von Wallis (Anfang 1767) oder Von +Bougainville (1767, 15. Apr.), genug, Cook fand sie vor. Meinicke zwar +(b, 118) versucht zu beweisen, dass dies Uebel in der Südsee schon +heimisch war, vor der Berührung mit den Europäern: allein sein Beweis +ist ihm nicht gelungen und seiner Hypothese stehen die gewichtigsten +Autoritäten entgegen, so Cook selbst für Tahiti (dritte Reise 2, 331) +und für Hawaii (King ebendas. 4, 379), Turnbull (291) für Tahiti und so +noch andere. Auch thut Meinicke nicht recht, das Zeugniss der +Eingeborenen für so ganz nichtig zu halten; um so weniger, als die +Tahitier nach Cook sehr bestimmt Bougainvilles Schiff als das +bezeichneten, welches die verhängnissvolle Gabe brachte, sich also +keineswegs in allgemeinen Behauptungen hielten. Auch was Cook a.a.O. +390-91 über die Schwierigkeit, Ansteckung zu verhüten, die Gesundheit +der eigenen Mannschaft zu ermitteln und die Leichtigkeit, mit der sich +die Krankheit ausbreitet, und gewiss sehr richtig auseinandersetzt, +spricht gegen Meinicke. Allerdings stützt dieser sich für die +Sandwichgruppe auf den Umstand, dass, obwohl Cook zuerst nur auf Atuai +und Onihiau landete, er gleichwohl schon neun Monate später die Seuche +auf Maui verbreitet fand--was auch La Perouse mit mehreren anderen +Gründen medizinischer Art, die aber nicht ganz stichhaltig erscheinen +(1, 246, 276), als Grund gegen die Einschleppung durch Cook anführt. Er +schreibt die erste Verbreitung dieser Seuche den Spaniern zu, welche im +16. Jahrhundert öfters die Hawaiigruppe besucht haben. Wenn man nun auch +auf die rasche Verbreitung der Krankheit, wie sie bei der Lüderlichkeit +und dem fortwährenden Verkehr der Eingeborenen nur zu möglich war, +hinweisen könnte, so ist uns das für unsere Zwecke gleichgültig; genug +die Seuche ist jetzt überall verbreitet in Polynesien und Meinicke gibt +ja selbst zu, dass die Eingeborenen wenigstens die schwereren Formen des +Unheils den Europäern verdanken. Jedenfalls sind die Verheerungen, +welche gerade diese Krankheit in Polynesien angerichtet hat, auch wenn +es Meinicke nicht ganz zugeben will, entsetzlich genug, wie ältere und +neuere Schriftsteller einstimmig bezeugen. (Vergl. über Hawaii noch +Virgin 1, 265; Rollin bei La Perouse 2, 271; über Tahiti Turnbull 291; +Cook dritte Reise 2, 331). Doch scheint es, als ob in Tahiti sich jetzt +(1852) der Gesundheitszustand wieder gehoben habe (Virgin 2, 41). Auch +werden von früher (Cook a.a.O. 2, 331) schon Beispiele erwähnt, wo +Infizirte, freilich selten genug, von selbst genassen. Nur in Tonga +scheint, bei dem keuscheren Leben der Tonganer das Unheil wenigstens +nach Mariners Bericht, nicht um sich gegriffen oder doch leichtere +Formen nach und nach angenommen zu haben. + +Die Seuche ist auch unter den Eingeborenen von Neu-Holland verbreitet +und auch hier will Meinicke (a 2, 179) die Annahme, sie sei ihnen von +den Europäern gebracht, als »äusserst unwahrscheinlich« dadurch +beweisen, dass bei der Gründung der Colonie von Sydney und auch +neuerdings diese Krankheit tief im Inneren des Continentes gefunden sei. +Als ob das bei dem Wanderleben dieser Stämme auffallen könnte! als ob +sie nicht schon vor der Gründung der Colonie mit Europäern und wahrlich +nicht mit den reinsten in mannigfacher Berührung gewesen wären! Den +Aleuten, bei denen es Cook schon vorfand (dritte Reise 3, 265), und den +Kamtschadalen ist dieses Unheil von den Russen, den Pelzhändlern, +mitgetheilt. Da nun aber die Kamtschadalen ebenfalls zu Ausschweifungen, +sei es im Trunk, sei es in der Liebe, geneigt waren, so sind auch hier +seine Folgen nicht ohne Gewicht für unsere Betrachtung. + +Bei weitem schlimmer, aber und allgemeiner haben die Blattern gewüthet, +die schlimmste Geissel aller Naturvölker. Am bekanntesten ist dies von +Amerika, in dessen nördlicher Hälfte sie zuerst um 1630 auftraten (Waitz +b, 15). Neun Zehntel von den Nordindianern rafften sie hin; die +Mandans starben 1837 fast ganz aus, die Schwarzfüsse schmolzen durch +sie von 30-40,000 auf 1000 zusammen: ähnlich erging es anderen +nordamerikanischen Stämmen, den Krähenindianern, Minetarris, Cumanchen, +Rikkaris; von den Omahas und den Eingeborenen des Oregongebietes erlagen +ihnen zwei Drittel, von den Californiern die Hälfte (Waitz 1, 161). +Aehnlich wütheten sie unter den Völkern von Südamerika, den Indianern +von Paraguay und Gran Chako, den Puelchen, den Cariben, den Araukanern, +in Peru, am Maranon, in Guyana, wo ganze Völkerstämme durch sie +aufgerieben sind. Nie aber sind sie, wie Humboldt b 4, 224 bezeugt, am +oberen Orinoko aufgetreten, obwohl sie bei den Völkern Brasiliens wieder +ihre ganze Furchtbarkeit zeigten, bei den Chaymas, die 1730-36 von ihnen +dezimirt wurden (Humboldt eb. 2, 180), bei den Chiquitas (Waitz 3, 533), +welche schwer von ihnen zu leiden hatten. Nicht minder heftig aber +traten sie bei den kultivirten Stämmen Amerikas auf. + +In Mexiko brachen, nach Torribio, die Pocken eingeschleppt durch einen +Negersklaven 1520 zuerst aus und rafften gleich damals die Hälfte der +Mexikaner hin (Humboldt a 1, 97); nach Herrera traten sie schon 1518 auf +(Pöppig 373) und schon 1517 mit denselben Verheerungen, ohne jedoch +einen Europäer hinzuraffen, auf den Antillen, zu deren Entvölkerung sie +wesentlich beigetragen haben. Ueberall, in ganz Amerika, waren die +Verwüstungen so arg, dass die Todten bisweilen unbeerdigt blieben, weil +es an Händen hierzu fehlte (Waitz b, 15). Man begreift es, dass, wenn +die Pocken ausbrachen, die Indianer im äussersten Entsetzen vielfach +ihre Hütten verbrannten, ihre Kinder tödteten und in die Einsamkeit +flohen (Humboldt b 4, 224); oder dass z.B. die Chilesen die Hütte mit +sammt den in ihr liegenden Kranken verbrannten (Waitz 1, 161). Waitz ist +der Ansicht und wir stimmen ihm bei, denn alle Quellen sprechen dafür, +dass diese Krankheit zahlreichere Opfer forderte, als Krieg und +Branntwein zusammengenommen; dass ihr gewiss die Hälfte bis zwei Drittel +der Urbevölkerung Amerikas erlegen sind. + +Allein nicht bloss auf Amerika beschränken sich die Verheerungen der +Pocken. 1767 brachen sie, eingeschleppt durch einen russischen Soldaten, +in Kamtschatka aus und wütheten wie die Pest: nicht weniger als 20,000 +Kamtschadalen, Kuriler und Koriäken sollen ihnen erlegen sein. Ganze +Dörfer starben aus und Cooks Reisebegleiter fanden selbst noch eine +Menge ganz leer stehender Dörfer vor. Ein anderes, vor der Epidemie mit +360 Menschen bevölkert, hatte nachher noch 36 Seelen (Cook 3. Reise 4. +174-75). Aehnliche, wenn auch minder starke Epidemien traten 1800 und +1801 auf, welche gegen 5000 Kamtschadalen dahinrafften und bei dem schon +lange immer mehr um sich greifenden Schwinden der Bevölkerung so +verheerend wirkten, dass in den Ostrogen (kleinen Dörfern des Inneren), +welche vorher meist 30-40 Einwohner hatten, nachher meistens nur 8-10, +in einigen wenigen 15-20 Bewohner übrig blieben (Krusenstern 3, 49. 52. +2. Theil, 2. Abtheil. Cap. 8). + +Auf Neuholland brachen die Blattern zuerst 1789 aus und verwüsteten ganz +Cumberland; 1830 verheerten sie, bis zur Nordküste hin das Innere von +Ostaustralien (Meinicke a 2, 179). Auch diese Seuche entstand nach +Meinicke a.a.O. ohne Einschleppung spontan unter den Eingeborenen. Von +einer furchtbaren Pockenepidemie auf Ponapi (Puinipet, Banabe, +Carolinen) erzählt die Novarareise 2, 395: die Krankheit war durch einen +englischen Matrosen eingeschleppt und raffte 3000 Menschen hin; 2000 +blieben übrig. Auf der Hawaiigruppe starben 1853 an den Pocken 5-6000 +Menschen (Waitz 1, 176). + +Auch die Hottentotten, wenigstens in der Nähe der Capstadt, sind +wesentlich durch die Pocken vermindert (Waitz 2, 346). + +Ausser dieser Krankheit haben dann die Masern und Rötheln schlimm unter +den Naturvölkern gehaust, so in Brasilien, Guyana, im Mosquitolande +(Waitz 1, 162), in Neuholland (Darwin 2, 213); und noch gefährlicher +verschiedene Fieber, welche z.B. die Oregonindianer schwer heimsuchten, +die oberen Tschinuks 1823 von 10,000 auf 500 zusammenschmolzen und zwar +so schnell, dass die Zahl der Ueberlebenden nicht hinreichte, die Todten +zu begraben (Wilkes und Haie bei Waitz 1, 162). + +Doch sind wir durch diese Fieber bei den Seuchen angekommen, denen die +Naturvölker vor dem Auftreten der Europäer unterworfen waren. +Epidemische Krankheiten sind zwar vorher selten, doch finden sie sich +auch. So jene Seuche, welche vor Cook auf der Ostküste von Neu-Seeland +wüthete, und zwar so heftig und rasch, dass auch hier nicht alle Todten +begraben werden konnten (Dieffenbach 2, 12-14); so die Fieber, welche, +wie es scheint, durch das Klima hervorgerufen am Orinoko epidemisch sind +(Humboldt b 4, 215), so und vor allen jene berüchtigte mexikanische +Krankheit, Matlazahuatl von den Eingeborenen genannt, ein furchtbares, +dem gelben Fieber verwandtes Gallenfieber mit Blutbrechen, das schon +lange vor Cortes Ankunft in Mexiko, ja wohl schon im 11. Jahrhundert +unter den Tolteken, die damals noch in Nordamerika waren, herrschte +(Humboldt a 4, 379), wie sich denn überhaupt die Krankheit mit +Leichtigkeit in die kalte Zone verpflanzt und ihr »die kupferfarbige +Raçe in beiden amerikanischen Hälften seit undenklichen Zeiten +unterworfen ist« (eb. 380). Wie furchtbar aber diese Krankheit wüthete, +geht aus den Zahlen hervor, welche Torquemada für die beiden Epidemien +1545 und 1576 angibt: 1545 sollen 800,000, 1576 zwei Millionen Indianer +gestorben sein (Humboldt a 1, 97). Mag auch Humboldt, obgleich er sich +verwahrt, Torquemadas Glaubwürdigkeit anzuzweifeln, Recht haben--und er +hat es gewiss--dass diese Zahlen nur auf ungefährer und ungenauer, +vielleicht übertriebener Schätzung beruhen: auch wenn wir die Ziffern +halbiren, welch furchtbarer Verlust an Menschenleben bleibt immer noch! +Humboldt meint (a.a.O.), dass auch diese Krankheit sich alle hundert +Jahre einmal zeige: da er aber 4, 379 die Jahre 1545, 1576, 1736, 1761 +und 1762 als Jahre, worin die Krankheit wüthete, aufstellt, so ist, wenn +anders die Periodicität dieser Krankheit richtig ist, ihr Erscheinen in +den einzelnen Jahren dann auf Stämme und Landschaften eingeschränkt, +welche sie früher nicht hatten. + +Einen Hauptgrund für die furchtbare Wirksamkeit solcher eingeschleppter +Krankheiten, auf den wir später zurückkommen, führt Humboldt an, wenn er +a 4, 410-11 sagt: »Die Niedergeschlagenheit des Geistes und die Furcht +vermehren natürlich die Prädisposition der Organe, um die Miasmen +aufzunehmen; daher es kein Wunder ist, wenn solche Epidemien namentlich +dann besonders heftig sind, wenn sie von siegreichen Eroberern +eingeschleppt werden.« + + + + +§4. Behandlung der Kranken bei den Naturvölkern. + + +Alle diese Krankheiten nun, welche den Naturvölkern durch die eigene +Natur derselben gefährlich genug waren, wurden es noch mehr durch die +ganz verkehrte Art, mit der jene Völker Krankheiten behandelten. Die +Syphilis ward dadurch so gefährlich in Polynesien, dass man sich theils +gar nicht um sie kümmerte, theils aber, wenn man es that, das Uebel nur +vermehrte. So glaubte man in dem berauschenden Kavatrank, der aus den +Wurzeln des Piper methysticum bereitet wird, ein Mittel gegen sie +gefunden zu haben, und es konnte doch nichts Gefährlicheres angewendet +werden, als bei dieser Krankheit dieses Mittel, das denn auch nicht +verfehlte, die Wirkungen der Seuche erst recht schlimm zu machen +(Mörenhout 2, 405). In Amerika wendete man gegen die Blattern +vornehmlich Dampfbäder mit unmittelbar folgenden kalten Abwaschungen an +und in Neuholland und Polynesien ausserdem noch andere und noch +thörichtere Mittel; natürlich wurde schon durch diese Kuren die +Krankheit fast immer tödtlich. Dass sich aber diese Völker bei neuen +unerhörten Krankheiten nicht zu helfen wussten, wird uns nicht Wunder +nehmen, wenn wir sehen, wie sie sich Kranken gegenüber für gewöhnlich zu +benehmen pflegen. + +Die Neuholländer haben für ihre Kranken nur eine Ceremonie der Priester, +welche den bösen Geist, der im Kranken sitzt, oder den Zauber, der ihn +krank macht, beschwört, indem er unter allerlei Faxen einen Stein, meist +ein glänzendes Stück Quarz, aus dem Kranken zieht und damit ihn vom +Zauber, der in jenen Stein eingeschlossen ist, befreit (Grey 2, 337). Da +nun jede Krankheit auf Bezauberung beruht und zwar häufig auf Entziehung +der Seele, welche im Nierenfett ihren Sitz hat (Howitt 189), so wurde in +einigen Gegenden der Kranke mit dem Nierenfett dessen, den man für den +versteckten Mörder hielt und dem man es oft noch lebend ausschneidet +(Angas 1, 123), bestrichen: oder man versucht die Krankheit aus dem +betreffenden Glied auszusaugen, durch Aderlass zu entfernen, den bösen +Geist, indem man den Kranken knetet, schlägt, tritt und sonst +misshandelt, zu verjagen u. dergl. mehr. Geschickter sind die +Neuholländer im Behandeln äusserer Verletzungen; auch haben sie manche +rationelle Mittel gegen den Biss giftiger Schlangen (Brehm Thierleben 5, +262). + +So ziemlich dasselbe Bild wird nun von der Heilkunst aller Naturvölker +zu entwerfen sein. Auf den Fidschiinseln werden schwer Kranke schon als +todt betrachtet, aufgeputzt und ausgestellt (Williams und Calvert 183); +Rücksicht nimmt man auf sie durchaus nicht, hat vielmehr, da man sie für +böswillig hält und glaubt, dass sie die Gesunden nur absichtlich +quälten, nicht das mindeste Mitleid mit ihnen (eb. 188). Ebenso sonst in +Melanesien. Sehr gewöhnlich werden Kranke ohne weiteres erschlagen, oder +ausgesetzt, z.B. auf der Fichteninsel (Cheyne 88). Auf Vate (neue +Hebriden) tödtet man phantasirende Kranke sogleich, damit sie nicht +Andere anstecken können (Turner 444); man begräbt sie und andere +schwerer Erkrankte lebendig (450). Ebenso machen es die Ajetas der +Philippinen, eine Negritobevölkerung der Gebirge Luzons mit +Schwerkranken (de la Gironière Aventures d'un gentilhomme Breton aux +îles Philippines 325). In andern Gegenden Melanesiens (auf den kleinen +Inseln bei Neu-Guinea) setzen sich die Kranken ans Meeresufer und +essen, was sie können, da nicht mehr essende Kranke sofort getödtet +werden. Kranke Glieder schnüren sie ein, um den Dämon, der die Krankheit +verursacht, zu fangen (Reina in Zeitschr. 4, 360). Denn auch hier gilt +alle Krankheit für Behexung (Turner 18-19), obwohl auch die Melanesier +Aderlass und derartige Mittel kennen (eb. 92). Auch in Mikronesien +tödtete man entweder die Kranken (indem man sie in einem lecken Schiff +ins Meer stiess, Hale 80) oder man wandte, um sie zu curiren, Zauberei +an, so auch auf den Marianen (le Gobien 47). + +Und nicht anders in Polynesien. Auch hier wurden sie oft ermordet, oder +doch ganz gleichgültig behandelt, wo denn jeder Kranke für sich sorgte, +so gut es ging, d.h. in den Wald oder die Einsamkeit ging und entweder +gesund oder gar nicht wieder zurückkehrte. In Nukuhiva hielt man +Schwerkranken Mund und Nase zu, um den Geist festzuhalten (Mathias +_G***_, 115); ebenso in Südamerika bei den Moxos (Waitz 3, 538; b 151). +In Tonga bestand die Behandlung der Kranken fast nur darin, dass man sie +von einem Tempel zum andern schleppte, um die Priester und Götter für +sie anzuflehen; je kränker Jemand ist, je weiter schleppt man ihn--und +führt seinen Tod natürlicherweise gerade dadurch herbei (Mariner 1, 110; +362 ff. u. sonst). Oder man opferte wie in Tahiti und sonst in +Polynesien, Kinder oder Sklaven, um das Leben eines Vornehmeren zu +erhalten. Doch waren die Tonganer als Chirurgen nicht ungeschickt und +sie wagten sich an gefährliche Operationen. Auch war Skarifikation und +der Gebrauch gewisser Pflanzensäfte in Anwendung (Mariner 2, 267-270). +So wie bei ihnen, so gilt auch sonst in Polynesien Krankheit als +Bezauberung, oder als Rache und Strafe der Götter: in Neu-Seeland +(Dieffenb. 2, 59 ff.); in Tahiti (Bratring 181-82, Mörenh. 1, 543); in +Nukuhiva (Math. G. 228); und in Hawaii (Tyermann u. Bennet 1, 129). +Daher waren auch hier die häufigsten Mittel Opfer und Gebete. Nur auf +Neu-Seeland scheint man etwas zweckmässiger verfahren zu haben. +Wenigstens kannten die Eingeborenen die Heilkraft ihrer heissen Quellen +und wendeten sie für kranke Kinder an (Dieffenb. 1, 246), man gab den +Kranken leichtere Kost, gebrauchte Dämpfe von Pflanzenaufgüssen +(Pflanzenaufgüsse kannten auch die Marianer nach le Gobien), +Einreibungen mit warmen Pflanzensäften u. dergl. (Dieffenb. 2, 41). +Dampfbäder und darauf unmittelbar folgende kalte Abwaschungen waren +gleichfalls gebräuchlich (Mörenhout 2, 164) und Kneten der Glieder +überall verbreitet: in Nukuhiva, in Tahiti, Hawaii u.s.w. In Tahiti +hielt man jede Krankheit für Wirkung göttlichen Zornes und es galt daher +für sündlich, Arzeneien zu nehmen (Turnbull 260), gegen die sie auch +einen unüberwindlichen Abscheu haben (292). Wird ein Eingeborener dieser +Insel krank, so wird er sofort von allen Angehörigen und Landsleuten +gemieden: er ist ganz hilflos und auf sich allein angewiesen, ein +Verfahren, welches sich bitter genug rächt: denn die bei ihnen +gewöhnlichsten Uebel sind solche, die schon bei geringer Pflege leicht +heilen, bei Vernachlässigung aber tödtlich werden (Turnbull 260 u. 292). +Als Chirurgen waren auch sie wie alle Polynesier geschickt (Mörenhout 1, +161). + +In Amerika finden wir so ziemlich dasselbe. Denn auch die Mexikaner, +obwohl tüchtige Chirurgen und mit mancherlei medizinischen Mitteln +bekannt, setzten ihre festeste Hoffnung auf abergläubische Mittel (Waitz +4, 165, 174). Die Californier versuchten durch Anblasen und Aussaugen +des kranken Gliedes oder dadurch, dass sie andere opferten oder +verstümmelten, die Krankheit zu heben (Waitz 4, 250). Aussaugen, +Anblasen, Reiben galt auch auf Haiti als Hauptmittel, so wie denn, +merkwürdig genug, hier die Aerzte dieselbe Ceremonie anwandten, welche +die Neuholländer noch jetzt haben: sie zogen dem Kranken einen Stein und +mit ihm den Anlass aller Krankheiten aus dem Mund. Schwerkranke wurden, +wie in Mikronesien, ausgesetzt, oder, wie in Nukuhiva erstickt (Waitz 4, +327). Das Hervorziehen des Steines oder Knochens aus dem Körper des +Kranken fand sich auf dem brasilianischen Festland unter den Payaguas +(Azara 269). Auch in Peru war das Heilverfahren, obwohl man einige +Arzneipflanzen kannte, purgirte und zur Ader liess, fast durchaus auf +Zauberei begründet (Waitz 4, 463). In Nordamerika nun waren bei fast +allen den minder kultivirten Völkern die Aerzte ganz und gar Zauberer, +die Krankheit nur Besessenheit, der böse Geist ward daher, zur Kur, +ausgesaugt und ausgespieen, oder durch Blasen, Kneten, Schlagen und +ähnliche Mittel entfernt (Waitz 3, 213-14). Auch in Südamerika ist +Zauberei, Aussaugen Anblasen u.s.w. Hauptmittel und fast überall der +Arzt zugleich Zauberer, nur bei den Botokuden nicht, welche nur +natürliche Mittel, Reiben, Kneten, Urtikation, auch, aber meist ohne +Erfolg, innerliche Arzneien anwenden (Tschudi 2, 286-87) und als +Chirurgen nicht ungeschickt sind. Aber Zauberer waren die Aerzte bei den +Tupis, den Makusis, deren Heilverfahren, das neben vieler Zauberei auch +manche wirklich wirksame Mittel kannte, Schomburgk (2, 333) schildert, +ferner bei den Waraus (eb. 1, 170), den Cariben (2, 427), den +Araukariern, welche indess neben den Zauberärzten auch noch andere und +tüchtigere Aerzte hatten (Waitz 3, 519), den Feuerländern (Bouqainville +130) u.s.w. + +Dampfbäder sind sehr allgemein verbreitet und bei fast allen Krankheiten +angewendet; so bei den Mexikanern und bei den alten Tolteken (Waitz 4, +270); ebenso in Nordamerika (3, 217) in Südamerika bei den Makusi +(Schomburgk 2, 333) und sonst. + +Nicht anders war im grossen Ganzen, nach Langsdorff, das Heilverfahren +der Aleuten. + +Auch die Hottentotten betrachteten alle Krankheiten als Wirkungen von +Zauberei und bösen Geistern, und behandeln sie darnach, durch +Beschwörung u. dergl., doch wendet der Zauberer oder die Zauberin dabei +auch andere, innerliche und äusserliche Heilmittel an. Wunderbarer Weise +findet sich denn auch hier, wie auf den Antillen, jener sonderbare +neuholländische Gebrauch wieder, einen Stein--hier einen Knochen--unter +mancherlei Ceremonien aus dem Leibe (Mund, Ohr, Rücken u.s.w.) des +Kranken, der ihm eingehext und der Sitz der Krankheit sei, +hervorzuziehen, damit jener genese (Sparmann 197-98). Ihre Giftärzte +sollen freilich sehr ausgezeichnete Mittel gegen Schlangenbiss haben, +und die Colonisten haben, was sie von Heilpflanzen der südafrikanischen +Flora kennen, erst von den Eingeborenen gelernt (Waitz 2, 344). Allein +Schwerkranke, Alte und Hülflose setzen die Hottentotten häufig aus +(Sparmann 320); Sterbende schüttelt und stösst man, gewiss um den Dämon +der Krankheit zu verscheuchen, überhäuft ihn mit Vorwürfen, dass er die +Verwandten durch seinen Tod betrübe, bittet ihn zu bleiben u.s.w. +(Sparmann 273). + +Die Zauberer aber gerathen sehr häufig, wenn ihre Kur nicht anschlägt, +in Gefahr, von den erbitterten Angehörigen arg gemisshandelt oder +getödtet zu werden. Für Amerika bringt Waitz und die angeführten Autoren +eine Menge Beispiele bei: für Afrika genüge eins, welches bei Sparmann +198 erwähnt wird: ein Fürst, der an schlimmen Augen litt und von den +Zauberern nicht geheilt werden konnte, liess diese alle umbringen, weil +er glaubte, dass einer von ihnen, der ihm feindlich gesinnt sei, seine +Heilung verhüte. Denn jeder unglückliche Ausgang einer Krankheit gilt +als bewirkt durch stärkeren Zauber, hier und in Amerika und Polynesien. + + + + +§ 5. Geringe Sorgfalt der Naturvölker für ihr leibliches Wohl. + + +Indess, da ja Krankheiten die Naturvölker in ihrem gewöhnlichen Zustand +nur wenig plagen, so möchte alles dies Verkehrte, und wenn es manchem +Kranken den Tod brachte, doch nicht allzuviel für ihr Hinschwinden +bewirkt haben; viel gefährlicher ist die geringe Sorge, welche fast alle +Naturvölker auf ihre leibliche Pflege verwenden und verwenden können. +Freilich sind sie abgehärtet gegen Vieles durch eigene Gewöhnung und, +wodurch diese erst in so hohem Grade ermöglicht wird, durch Vererbung; +und so fühlen sich auch noch die Feuerländer, nach Darwin die elendesten +und niedersten Menschen, in ihrem entsetzlichen Klima, ohne rechtes +Obdach, auf dem nassen Boden schlafend, nackt, nur kümmerliche Nahrung +und diese nur mit Mühe findend, nach ihrer Art wohl und begehren nichts +Besseres (Darwin 1, 230). Die Eskimos sind an ihre Schneewüsten, die +Neuholländer an ihre unfruchtbaren Steppen, die ihre wandernde Lebensart +bedingen, die neuholländischen Weiber an ein Leben voll Last und Mühe, +an die schrecklichste Behandlung gewöhnt, so weit menschliche Natur sich +gewöhnen kann. Trotz aller Gewöhnung aber hängt es mit der Lebensart der +Naturvölker zusammen, dass sie, auch bei der ersten Bekanntschaft mit +den Europäern, bisweilen selbst wenn sie schon eine gewisse Halbkultur +erlangt hatten, verhältnissmässig so geringe Bevölkerungsziffern +aufweisen; sie leben eben so, dass die menschliche Natur nicht anders +als kümmerlich gedeiht--wenn auch die einzelnen Individuen oft ganz +besonders stark erscheinen. Es ist ja aber gerade ein oft wiederholter +Ausspruch, die Naturvölker seien deshalb körperlich so kräftig, weil +alle schwächlichen Kinder ohne weiteres erlägen; so z.B. Humboldt b 2, +189. + +Nicht bloss schwächliche Kinder erliegen indess; und diese Sterblichkeit +der Kinder ist das erste, was wir hier zu betrachten haben. Die +Feuerländer, deren Wohnung nicht den geringsten Schutz bietet (Darwin 1, +228), setzen ihre Kinder nackt der Wuth ihres Klimas aus (eb. 229). Fast +alle Indianer in Nord- und Südamerika führen jetzt ein elendes +Wanderleben; und überall hin werden die Kinder von den Müttern +mitgeschleppt, auf den rauhesten und weitesten Märschen und oft noch, +während sie durch aufgelegte Bretter und andere gewaltsame Mittel (um +ihrem Kopf eine eigenthümliche Gestalt zu geben) in der natürlichen +Entwickelung gestört sind. Schon bei der Geburt werden viele Kinder +sterben. Denn überall ist es Sitte, dass das Weib kurz vor der Geburt +sich in den Wald begiebt, dort allein gebiert, sich selbst die +Nabelschnur abschneidet und unterbindet, dann sich und das Kind sogleich +in kaltem Wasser badet und nun zurückkehrt, nicht etwa zur Pflege, +sondern zur erneuten Arbeit. Dies war der Fall bei den Waraus in Guyana +(Schomburgk 1, 166), bei den Cariben und Makusi (eb. 2, 315, 431); und +in Nordamerika sehr vielfach (Waitz b, 98). Die Nahrung aber, welche ein +Kind nach und neben der Muttermilch bekommt, ist oft schon an und für +sich schädlich und ungesund. Grosse Sterblichkeit herrscht noch unter +den Kindern des heutigen Mexiko in Folge verkehrter Diät (Waiz 4, 196). +Die Nahrung wird ihnen auch noch beschränkt durch die eigenthümliche +Sitte, neben den Kindern Thiere, Affen, Beutelratten u.s.w. zu säugen, +was die Makusi, die Waraus, die Cariben und verschiedene andere Völker +thun (Schomburgk 2, 315. 1, 167). Von der schlechten Wartung der Kinder, +wenn sie krank sind, spricht Humboldt b. 4, 224 und der Schmutz, in +welchem sie aufwachsen, und von denen Schomburgk aus Guyana +Abschreckendes erzählt, kann auch keinen guten Einfluss haben. Und doch +lieben die Amerikaner in Nord-und Südamerika ihre Kinder aufs innigste. + +In Tahiti nehmen die Frauen unmittelbar nach der Geburt sofort +Dampfbäder mit kalten Abwaschungen (Wilson 461), in Neuseeland +gleichfalls, wo die Kinder, wie in Tahiti, ganz nackt bleiben und eher +schwimmen als laufen können (Dieffenbach 2, 24-25, Ellis 1, 261 und +Mörenh. 2, 61); und ebenso auf Nukuhiva (Melville 2, 191). +Hautkrankheiten, und zwar sehr bösartige der Kinder (jaws, framboesia) +werden öfters erwähnt, z.B. in Tonga, wo die Kinder gut gepflegt und +sonst sehr gesund sind (Mariner 2, 179) und in Ponapi (Cheyne 122). +Grosse Sterblichkeit herrscht aber unter den Kindern wegen Mangel an +Pflege und Wartung in Hawaii (Virgin 1, 268) und ebenso in Tahiti +(Bennett 1, 148). Ellis sagt, dass die tahitischen Kinder, obwohl dem +Aussehen nach dick und gesund, doch bis zu einem Alter etwa von 12 +Monaten sehr zart und hinfällig wären (1, 260). Formation des Schädels +durch Platt- und Hochdrücken war in Tahiti sehr häufig 1, 261. Auch auf +Mikronesien ist die Wartung der Kinder schlecht. Auf Tobi (Lord North, +äusserstes Süd-Westende Mikronesiens) erhalten die Kinder sofort nach +der Geburt ganz gleiche Speise wie die Erwachsenen (Pickaring, Memoir of +the Language and Inhabitants of Lord Norths Isl. 1845; 228), und ebenso +auf Ratak Kokosmilch und Pisang, den ihnen die Mutter vorkaut; +schädlicher aber als diese Nahrung ist ihnen die Unregelmässigkeit, mit +der sie überhaupt etwas bekommen (Gulick 180-181), daher denn auch hier +die Sterblichkeit unter ihnen gross ist. Auch in Polynesien säugen die +Weiber gern Thiere auf neben den Kindern, wie z.B. die Hawaierinnen nach +Remy XLII Hunde und Schweine. + +In Melanosien ist es nicht besser: die Kinder werden nicht gepflegt und +müssen von der Geburt an das Leben der Alten mitmachen. In einigen +Gegenden Neu-Guineas (Finsch 103) wird der Gebärenden fortwährend kaltes +Wasser über den Kopf gegossen, ist aber das Kind geboren, Mutter und +Kind sofort kalt gebadet und dann einer möglichst starken Hitze neben +einem lodernden Feuer ausgesetzt, und so abwechselnd weiter. Je heisser +und länger Mutter und Kind diese Höllenkur vertragen, für desto gesünder +gelten beide. In einer anderen Gegend hatte eine Frau ein unlängst erst +geborenes Kind auf den heissen Sand gelegt und arbeitete in der Nähe; +als Fremde kamen, grub sie es ohne weiteres bis an den Hals in den Sand +und arbeitete fort (eb. 63). + +Fast nirgends aber sterben mehr Kinder als in Neuholland: von vieren +wird kaum mehr als eins drei Jahre alt (Turnbull 43), was sich aus der +Behandlung, die ihnen zu Theil wird, und die nur ausserordentlich starke +Kinder überstehen, erklärt. Kaum geboren wird das Kind in ein +Opossumfell gewickelt, überall mit hingeschleppt und meist im höchsten +Grade nachlässig behandelt, dem Feuer zu nahe gelegt und dergl. (Grey +2, 250-251). Dies Wandern führt auch Darwin (2, 213) als Grund der +Sterblichkeit unter den Kindern an, und es ist beachtenswerth, was er +zusetzt: »Wie die Schwierigkeit, sagt er, sich Nahrung zu verschaffen, +wächst, so wächst ihre wandernde Lebensweise und darum wird die +Bevölkerung ohne eigentlichen Hungerstod auf eine so ausnehmend +gewaltsame Weise zurückgehalten, im Vergleich mit civilisirten Ländern, +wo der Vater seine Arbeit mehren kann, ohne den Sprössling zu +vernichten«. Dazu wird ihnen auch noch die Nahrung dadurch verkürzt, +dass auch hier die Weiber vielfach junge Thiere, Hunde, säugen (Grey 2, +279) und gewiss oft nur aus Noth: denn ein Hund ist jetzt um so mehr, +als die Jagdthiere immer scheuer und seltener werden, ein grosser Schatz +für den jagenden Eingeborenen und die Nahrung für die jungen Thiere ist +gewiss oft genug selten. + +Kurz aber mit allem Nachdruck müssen wir hier erwähnen, dass auch das +Tattuiren, was in ganz Polynesien häufig betrieben wird, häufig den Tod +nach sich zieht (Ellis 1, 266); und da man nur eben heranwachsende +dieser Operation unterwirft, so wird der Jugend auch durch sie ein nicht +zu unterschätzender Abbruch gethan. + +Wichtiger freilich, weil eine Sache von grösstem Einfluss auf das +leibliche Gedeihen der Naturvölker, ist die oft über alle Begriffe +schlechte Behandlung der Weiber. So vor allen Dingen in Neuholland. Die +armen Weiber müssen, schwanger oder nicht, mit allem Gepäck und oft noch +mit 1-2 Kindern beladen, dem Manne, der nur das Jagdgeräth trägt, +folgen; sie müssen, kaum angekommen, alle Arbeit für den Haushalt +besorgen, die Hütte aufschlagen, Feuer machen, Wurzeln, Muscheln erst +suchen, dann kochen, für den Mann, die Kinder alles Nöthige bereiten, +und dann, wenn sie bei alle dem oft aufs brutalste behandelt sind, dem +Manne Nachts geschlechtlich zu Willen sein. Die beste Nahrung, die sie +finden, ist für den Mann und ihre Söhne; sie dürfen erst essen, was +diese übrig lassen und wenn sie fertig sind. So ist ihr Loos Tag für +Tag: denn von dem, was sie noch ausser diesem gewöhnlichen Elend +besonderes Schlimmes trifft (z.B. die Art, wie sie von den Männern zur +Ehe geraubt werden), brauchen wir hier nicht zu reden. Ein wichtiger +Umstand ist ferner, dass ihre Pubertät schon mit 11 oder 12 Jahren +beginnt und sie schon mit diesen Jahren verheirathet werden. Nimmt man +zu alle dem nun noch hinzu, dass sie ihre Kinder sehr lange säugen, oft +bis 3 Jahre (Grey 2, 248-250) ja länger (4-6 Jahre nach Salvado 311), so +wird man sich nicht wundern, dass die Lebensdauer dieser Unglücklichen, +die nichts desto weniger oft ganz fröhlich sind und ihren Männern mit +Liebe anhangen, nicht allzulang ist und dass es weniger Weiber als +Männer gibt, im Verhältniss wie 1:3 nach Grey, nach anderen wie 2:3--ein +Umstand indess, der wahrscheinlich mit bedingt ist durch die Sitte, +neugeborene Mädchen umzubringen, von der wir später reden müssen. + +Und in Amerika ist es nicht besser. »Entbehrung und Leiden, sagt +Humboldt b 2, 192, sind bei den Chaymas, wie bei allen halbbarbarischen +Völkern, das Loos des Weibes. Wenn wir die Chaymas Abends aus ihren +Gärten heimkommen sahen, trug der Mann nichts als ein Messer, mit dem er +sich einen Weg durchs Gesträuch bahnt. Das Weib ging gebückt unter einer +gewaltigen Last Bananen und trug ein Kind auf dem Arm und zwei andere +sassen nicht selten oben auf dem Bündel«. Auch die Botokudinnen müssen, +wie ihre Leidensgenossinnen in Neuholland, alle Arbeit thun, alles +Gepäck schleppen und sich dann noch von ihren Männern aufs roheste +misshandeln lassen (Tschudi 2, 284). Dasselbe erzählt Schomburgk von den +Bewohnern Guyanas (2, 313; 1, 122 ff.) und mit einem schauderhaften +Beispiel von roher Misshandlung von den Cariben (2, 428). Noch härter +ist das Loos der Weiber in Nordamerika, wo sie auch die Feldarbeit thun +müssen (Humboldt b 2, 293) und noch roher misshandelt werden (Waitz b, +98). Mrs. Eastmann, welche längere Zeit selbst mit den Dakotas gelebt +hat und daher diese Völker genau kennt, hat wohl Recht, wenn sie (bei +Waitz b, 98; 3, 100) sagt: »Die Arbeit des Weibes wird nie fertig. Sie +macht das Sommer- und Winterhaus. Für jenes schält sie im Frühling die +Rinde von den Bäumen, für dieses näht sie die Rehfelle zusammen. Sie +gerbt die Häute, aus denen Röcke, Schuhe und Gamaschen für ihre Familie +gemacht werden und muss sie abschaben und zubereiten, während noch +andere Sorgen auf ihr lasten. Wenn ihr Kind geboren ist, kann sie sich +nicht ruhen und pflegen. Sie muss für ihren Mann das Rudern des Kahnes +übernehmen, Schmerz und Schwäche wollen dabei vergessen sein. Immer ist +sie gastlich. Geh zu ihr in ihr Zelt, sie gibt dir gern, was du +brauchst, wenn es nur in ihrer Macht steht, und thut bereitwillig, was +sie kann, um es dir bequem zu machen. In ihrem Blick ist wenig +Anziehendes. Die Zeit war es nicht, die ihre Stirn gerunzelt und ihre +Wange gefurcht hat. Mangel, Leidenschaft, Sorgen und Thränen haben es +gethan. Ihre gebückte Gestalt war einst anmuthig, Mangel und Entbehrung +erhalten die Schönheit schlecht«. So kommt es vor, dass Mädchen von +ihren Eltern getödtet werden, um sie dem elenden Loos, das ihrer wartet, +zu entziehen; und dass Weiber sich selbst umbringen, weil sie die Bürde +ihres Lebens und Leidens nicht mehr zu tragen vermögen (Waitz 3, 103). +Nur bei einigen wenigen Völkern war das Loos der Weiber etwas besser +(Waitz 3, 181). Die Speisen des Mannes durften die Weiber nicht theilen, +ja oft nicht einmal mit den Männern zusammen essen (Schomburgk 2, 428), +eine Sitte, die auch überall in Ozeanien herrscht und ihren letzten +Grund in religiösen Anschauungen hat. Doch waren durch sie den Weibern +meist die wirklich guten und nahrhaften Lebensmittel untersagt, was bei +ihren schweren Arbeiten von doppeltem Gewichte war. In Poly- und +Mikronesien (in Melanesien herrschten Sitten, die den australischen +näher kommen und Fidschi steht zwischen beiden) war die Stellung der +Weiber nicht schlecht; allerdings waren sie meist von der Gesellschaft +und den Genüssen der Männer ausgeschlossen, doch empfanden sie dies +sowie die Prostitution, zu der sie verurtheilt waren, nicht, weil es die +Sitte nun einmal mit sich brachte und man sie sonst als +Freudenspenderinnen ehrte. Wirklich schlecht scheinen sie nur in der +Paumotugruppe behandelt zu sein, von wo und zwar von Mangareva Mörenhout +2, 71 schreckliche Beispiele äusserster Bedrückung und grausamster +Misshandlung erzählt. Während an den meisten Orten den Weibern so gut +wie gar keine oder nur weibliche Arbeit, Zeugbereiten und dergl. +obliegt, wie in Tonga, in Tahiti, in Nukuhiva (Melville 2, 147); so +müssen sie in andern Inseln fast alle Arbeit thun, wie in Neuseeland +(Dieffenb. 2, 12). Frühreife der Weiber ist in Polynesien sehr +gewöhnlich. Auf Neuseeland tritt die Pubertät früher als bei uns, doch +später als in Südeuropa ein (Dieffenb. 2, 33) nach Browne 38 sind sie +schon mit dem 11. Jahre heirathsfähig und früher coitus ist auf der +ganzen Insel gewöhnlich (Dieffenb. 2, 12). Aehnlich fand es Cook auf +Tahiti (b, 126-127). Dass sich 11jährige Mädchen den Fremden anbieten, +ist gar nicht selten; es soll auch noch jüngere geben, die es thun. Die +Geschlechtsentwickelung auf den Fidschiinseln fällt später: für die +Mädchen ins 14., für Knaben ins 17. oder 18. Jahr (Wilkes bei Waitz 1, +126). Auch in Amerika reifen die Weiber sehr früh (Azara an vielen +Stellen). Schomburgk (1, 123) sah unter den Waraus in Guyana eine Frau +von kaum 10 Jahren, die dennoch hochschwanger war. Humboldt der b 2, 188 +sagt, dass die Chaymasweiber mit 11-12 Jahren sich verheiratheten, +erzählt dasselbe von den Eskimos der Nordwestküste von Amerika, den +Koriäken und den Kamtschadalen (190), bei denen häufig 10jährige Mädchen +Mütter sind. Er meint zwar, dass diese frühzeitigen Heirathen der +Bevölkerung nichts schadeten: jedenfalls aber hängt das frühzeitige +Verblühen der Weiber (Waitz b, 99; Tschudi 2, 298; Schoinburgk sagt in +Beziehung auf Guyana dasselbe) mit dieser Frühreife zusammen. Doch gibt +es Stämme in Nordamerika, wo die Geschlechtsreife viel später eintritt +(Waitz 1, 125) Thunberg sah bei den Hottentotten hinwiederum Mädchen von +11-12 Jahren, welche schon Kinder hatten (25-26[C]). + +Zu dieser frühen Entwickelung kommt nun ein sehr langes Säugen. Wie in +Neuholland die Weiber--und in Polynesien ist es ebenso, nach Dieffenbach +a.a.O. und anderen--so säugen auch die Amerikanerinnen ihre Kinder +öfters bis ins 12. Jahr und dies Säugen wird, wenn die Mutter +mittlerweile durch ein 2. Kind beansprucht wird, von der Grossmutter +fortgesetzt! Die Indianerinnen behaupten, im Besitz eines Mittels zu +sein, welches ihnen länger und unerschöpflicher die Milch erhalte +(Schomburgk 2, 239. 315). + +Muss eine solche Lebensart, welche auch bei den Hottentotten um nichts +besser und nur in Nebendingen anders ist, die Weiber frühzeitig welken +lassen und dahinraffen, so ist die Lebensweise der Männer vielfach auch +vollkommen aufreibend durch das Uebermass von Anstrengungen, was sie mit +sich bringt. Man denke auch nur, was es heissen will, Tag für Tag, bei +oft ganz ungenügender oder durch ihre zu reichliche Fülle schädlicher +Nahrung, fortwährend umherzuziehen, über endlose Strecken dem Wild nach, +in den Anstrengungen der Jagd oder des Krieges und dabei allen Unbilden +des Klimas, des Wetters ausgesetzt! Daher finden wir nirgends in +Neuholland oder dem Feuerland oder unter den Wanderstämmen Amerikas ein +so hohes Alter unter den Einzelnen als es Chamisso auf den Ratakinseln +und San Vitores (nach le Gobien 47) auf den Marianen fand, wo 100jährige +Greise nicht selten waren, während Grey schon 70 Jahre als hohes Alter +unter den Neuholländern betrachtet (2, 247-248), aber gleich hinzusetzt, +dass bei der grossen Sterblichkeit der Kinder, die mittlere Lebensdauer +bei ihnen viel geringer als in Europa ist. Nach Azara freilich erreichen +die brasilianischen Stämme ein sehr hohes Alter: er will unter den +Payaguas mehrere Männer gesehen haben, die zum wenigsten 120 Jahre alt +waren (270; vgl. 173). Die Polynesier, überhaupt die Bewohner kleiner +und meist genügend fruchtbarer Inseln, so bedenklich ein solcher Wohnort +nach anderen Seiten sein mag, sind in dieser Beziehung besser gestellt, +da schon die Oertlichkeit ihrer Heimath solche übermässige Anstrengung +verhütet; die langen und dünnen Gliedmaassen, die vorhängenden Bäuche, +die verkommene Gestalt aber der Neuholländer ist zweifelsohne nicht +Raçencharakter (an einem anderen Ort gedenke ich den Nachweis zu führen, +dass die letzteren gleichfalls ein Zweig des malaiopolynesischen Stammes +sind), sondern durch die mühselige Lebensart, das ewige Wandern, die +Unregelmässigkeit der Nahrung hervorgebracht. Und natürlich steigert +sich alle diese Noth durch die Ausbreitung der Europäer, durch welche +die Jagdthiere der Naturvölker sehr rasch zusammenschmelzen; ja sie +steigert sich durch sich selbst und ihre eigene lange Dauer, da die +Thiere, stets verfolgt, dadurch immer scheuer, die Jagd immer +schwieriger wird, wie von Tschudi 2, 279 von Südamerika bezeugt. Auch +werde, um nichts zu übergehen, wenigstens beiläufig an das erinnert, was +Tschudi eb. 290 sagt, dass mangelnde Jagdbeute die Völker nöthigt, ihre +Jagdzüge weiter auszudehnen und das Gebiet anderer Horden zu verletzen; +dass diese ihr Gebiet vertheidigen und sich so oft sehr bedeutende +Kämpfe um die Existenz entwickeln. Auf beschränktem Terrain war +Ausrottung der Jagdthiere bisweilen nothwendige Folge auch der +vorsichtigsten Jagd; so in Neuseeland, wo die grossen Jagdvögel, die +Moas (Dinornis, Apteryx), nach und nach ausgerottet sind von den +Eingeborenen selbst, die ersteren ganz, die letzteren wenigstens zum +grössten Theil, und zwar ohne Schuld der Maoris: die Vögel vermehrten +sich langsam und wurden bei ihrer Unbehülflichkeit und dem nicht sehr +günstigen Terrain leicht die Beute der Jäger. So starben sie aus, ohne +dass man jenen ein blindes Wüthen gegen die Jagdthiere vorwerfen dürfte. + +Betraf dies nun ihre Lebensart im Allgemeinen, so müssen wir nun noch +von einzelnen Punkten speziell reden. Zunächst die Nahrung, in deren +Auswahl und Aufbewahrung fast alle Naturvölker wenig Sorgfalt zeigen. +Sie dürfen auch, da die Natur von selbst, auch in den Tropen, nicht zu +jeder Zeit und nicht allzubereitwillig das Nöthige bildet, nicht allzu +wählerisch sein. So essen denn z.B. die Botokuden eigentlich Alles, +ausser geniessbaren Thieren auch Füchse, Aasgeier, Mäuse, Schlangen, +Eidechsen, Kröten, Fledermäuse, Insektenlarven, Würmer, ungeputzte +Eingeweide (Tschudi 2, 279. 298) und dergl. In Guyana graben die Kinder +18 Zoll lange Skolopender aus der Erde und--fressen sie lebendig (Voigt +Zoologie V, 420 nach Humboldt). Das Erdeessen der Otomaken hält +Humboldt, der es b 6, 102 ff. mit Herbeiziehung alles Analogen bei +anderen Völkern bespricht, zwar nicht für schädlich, nützlich aber ist +es auch nicht, sondern nur hungervertreibend. Auch in Australien (Grey +2, 263-264) findet es sich; doch wird hier die Erde mit einer geriebenen +Wurzel gemischt. + +In Australien ist zwar nach Grey 2, 259-261 der Nahrungsmangel nicht so +gross, als man gewöhnlich annimmt und vieles was uns nur aus äusserstem +Elend gewählt scheint, ist ihnen eine willkommene Leckerei; indess sagt +Grey doch selbst, 261 ff., dass jede Gegend des Continents ihre +besondere Nahrung habe, die man aber erst kennen und aufsuchen müsse. +Und das scheint keine leichte Sache, wenigstens war er selbst, obwohl +von einem nicht unbefähigten Eingeborenen begleitet, auf seinem +unfreiwilligen Zug die Westküste des Kontinentes entlang in der +äussersten Lebensgefahr durch Hunger. Ein fauler Walfisch ist den +Neuholländern, während sie sonst sehr ekel gegen angegangenes Fleisch +sind, grösster Genuss und je stinkender die Speise, desto willkommener +wird sie, wie auch die Thakallis, ein Stamm der Athapasken in +Nordamerika, faules Fleisch vorzüglich gern essen (Waitz b, 90). Und wie +nun diese Völker essen! »Die Botokuden geniessen die meisten +Nahrungsmittel, besonders das Fleisch in halbgarem Zustande. Es wird +über das Feuer gehalten, bis die äussersten Schichten etwas angebrannt +sind und dann verzehrt. Die Gefrässigkeit dieser Indianer ist fast +sprichwörtlich geworden.----Wenn ein glücklicher Jagdzug reichliche +Beute gewährt, so wird sie gierig verzehrt und da das Fleisch rasch in +Fäulniss übergeht, um ja nichts zu verlieren, der Magen so lange +vollgestopft, als eine physische Möglichkeit dazu vorhanden ist. Dann +folgt eine lange behäbige Verdauungsruhe und dieser oft wochenlang +äusserst spärliche Mahlzeiten. Völker und Individuen, die +ausschliesslich auf Fleischnahrung angewiesen sind, haben eine rasche +Verdauung und es äussert sich bei ihnen Heisshunger viel heftiger als +bei jenen, die an eine vegetabilische oder gemischte Nahrung gewöhnt +sind. Sie können sich aber auch mit einer sehr geringen Quantität ihrer +gewohnten Fleischnahrung lange kräftig erhalten, leiden dabei aber stets +an Hunger. Bei jeder sich darbietenden Gelegenheit suchen die Botokuden +ihren steten Hunger durch übermenschliches Fressen zu stillen und +verschlingen mit der Gier eines Raubthieres die ekelhaftesten +Gegenstände ohne Wahl mit gleichem Heisshunger«. Was Tschudi (2, +278-279) uns so von den Botokuden erzählt, das kann mit denselben Worten +von allen Naturvölkern Amerikas, von den Feuerländern bis zu den +Eskimos, das kann von den Hottentotten, von denen es allwärts bekannt +ist (von den Buschmännern bezeugt es z.B. Lichtenstein 2, 355), und +trotz ihrer mehr gemischten Nahrung von den Neuholländern, den meisten +Melanesiern, und auch, obwohl bei diesen meist die vegetabilische +Nahrung vorwiegt, von vielen Polynesiern gesagt werden, von den roheren +gewiss, doch zu Zeiten auch von den cultivirteren, wenigstens +übersteigt die Masse der bei Festlichkeiten verschlungenen Lebensmittel +alle europäischen Begriffe bei weitem. Ja es kam vor, dass man bei +grossen Vorräthen, wie einst die hochcivilisirten Römer, Brechmittel +nahm, um mit frischen Kräften weiter essen zu können (Waitz 3, 82, vom +südl. Nordamerika). Zwiefach gefährlich ist eine solche Lebensart, +einmal, weil sie dem menschlichen Organismus gewiss nicht entsprechend +und also schädlich ist; und zweitens weil sie, da man alles was die +Gegenwart bietet aufzehrt und in sich stopft, Vorräthe zu sammeln aber +etwas ganz Ungewohntes ist, für die Zukunft, für welche Naturvölker nur +in den seltensten Fällen und auch dann meist sehr unvollkommen sorgen, +die bedenklichsten Folgen hat. Hungersnoth entsteht in Polynesien nicht +selten durch gänzliches Aufzehren aller Lebensmittel bei Festlichkeiten, +obwohl doch die meisten Völker hier Vorräthe sammeln. Uebrigens thun +dies auch manche Indianerstämme (Waitz b, 91). Man sollte denken, gerade +die Naturvölker, durch Noth und Erfahrung belehrt, müssten am ersten für +die Zukunft Sorge zu tragen gelernt haben, allein Waitz, der daran +erinnert, dass »auch unter den civilisirten Völkern die Individuen und +die ganzen Classen der Gesellschaft sich um die Zukunft wenig oder gar +nicht kümmern, denen zur Arbeit jedes andere Motiv fehlt, ausser der +Sorge für ihren eigenen Lebensunterhalt«, hat sehr richtig b, 84 u. 91 +die psychologischen Gründe entwickelt, warum die kulturlosen Völker nur +der Gegenwart leben. Die Hauptsache ist, dass sie allzusehr unter der +Herrschaft der sinnlichen Nerveneindrücke stehen: die Vorstellung, +welche sie gerade gegenwärtig haben, verdrängt alle anderen aus ihrem +Bewusstsein, und ist, nach Noth und Entbehrung, die Gegenwart wieder +gut, so kommt dazu der physische Genuss dieses Wohllebens, dieser Ruhe, +der die augenblicklichen Vorstellungen mit um so grösserer Macht zu +alleinherrschenden macht (Waitz 1, 351). + +Aber nicht bloss sorglos sind sie um die Zukunft: wie oft zerstören sie +sich man kann fast sagen die Lebensbedingungen für dieselbe selbst, so +namentlich auf der Jagd. »Der Jäger, sagt Waitz 1, 350, geräth, +besonders massenhafter Beute gegenüber, wie der Soldat im heissen +Kampfe, in eine grenzenlose Wuth, er mordet mit Lust und verwüstet das +Wild meist in völlig nutzloser Weise, verzehrt davon das Beste und oft +dieses kaum, wenn es im Ueberfluss sich darbietet. Daher brauchen +Jägervölker ein ganz unverhältnissmässig grosses Areal und gerathen +trotzdem oft in Noth, weil ihnen Schonung der Jagdthiere ebenso fremd +ist, als sparsames Haushalten mit Vorräthen überhaupt. Der hundertste +Theil des von den Zulus erlegten Wildes, bemerkt Delagorgue, würde zu +seinem und seiner Begleiter Unterhalt mehr als hinreichend gewesen +sein.« Die Buschmänner zerstören häufig grössere Jagdbeute aus Missgunst +und Bosheit: »was sie selbst im Ueberfluss nicht gebrauchen können, +soll wenigstens keinem anderen zu Gute kommen«, sagt Lichtenstein 2, 565 +von ihnen. Aehnlich berichtet Hearne 120 von den nördlichsten Stämmen +Nordamerikas, die das Wild schliesslich der Zungen, des Markes, des +Fettes wegen, aller Gegenvorstellungen zum Trotz, erlegten, die an +keinem Nest mit Jungen oder Eiern vorübergehen konnten, ohne es zu +zerstören. Waitz 3, 81 sieht darin nur die Sitte eines gänzlich rohen +Stammes und sagt, dass, wo diese und ähnliche Sitten jetzt eingerissen +seien, es in Folge moralischer Gesunkenheit geschehen sei, da sonst +Sparsamkeit der Charakter der meisten Indianer gewesen sei. Mag +letzterer Zug ganz richtig sein: die Leidenschaft der Jagd aber, welche +kein Thier schont, findet sich in Amerika nicht nur bei verkommenen +Völkern. Sie herrscht in Canada (Waitz 3, 85) und gewiss sonst noch aus +der abergläubischen Ansicht, dass die fliehenden Thiere die anderen +warnen und verscheuchen würden. Von Südamerika berichtet Azara 193 +Gleiches. Dasselbe gilt von den Neuholländern. + +Und nicht genug, dass sie sich auf diese Weise die Nahrung selbst +zerstören: sie verbieten sich auch eine Menge Speisen, oft gerade die +besten, durch religiösen Glauben. Zunächst sind die Frauen fast überall +in Amerika, Polynesien und Australien, in Neuholland auch die Jünglinge +und Knaben (Grey 2, 248), von den besten Nahrungsmitteln, die nur den +erwachsenen, oft nur den greisen Männern erlaubt sind, ausgeschlossen. +Dann aber gehört das Totem der Indianer hierher, von dem Waitz 3, 119 +sagt: »Der politische Verband des Volkes beruhte in alter Zeit sehr +allgemein auf einer Eintheilung in Banden oder Geschlechter, deren jedes +durch ein Thier oder einen Körpertheil, eines Thieres als Marke +bezeichnet war, z.B. Bär, Büffel, Fischotter, Falke und dergl. Nur ein +Fisch oder ein Theil eines Fisches konnte diese Marke nicht sein.« Der +Name dieser Marke, Totem, kommt von den Algonkin. Wahrscheinlich +(ebend.) hatte das Totem ursprünglich eine religiöse Bedeutung: das +Thier des Totem war der Schutzgeist der nach ihm benannten Familie, +wurde von dieser heilig gehalten und _durfte von ihr nicht gejagt_ +werden. Und ebenso verhielt es sich gewiss mit »der Medicin«, die jeder +Amerikaner hatte, d.h. dem Totem des Einzelnen. Denn zur Zeit der +beginnenden Mannbarkeit erscheint jedem einzelnen sein Schutzgeist in +Gestalt eines Thieres, das dann gejagt und dessen Balg stets von dem +Betreffenden getragen werden muss. Der Verlust der Medicin würde ihm +tiefste Verachtung und beständiges Unglück zuziehen (Waitz 3, 118-119). +Ursprünglich durfte gewiss kein Indianer das Thier, das ihm »Medicin« +Schutzgeist war, verzehren. Die meisten Völker (auch die Aleuten) +stammten von solchen Thieren ab (Waitz 3, 119. 191) und auch diese waren +ihnen gewiss ursprünglich heilig, wenn sich auch später diese Verehrung +in etwas abschwächte. Diese auffallende Sitte, die genauer betrachtet +gewiss mancherlei merkwürdige Resultate gäbe[D], findet sich ganz +übereinstimmend bei den Neuholländern, worüber man Grey 2, 225-229 +vergleiche. Jede Familie, oder besser, jeder Stamm, denn die Familien +sind ausgedehnt wie Stämme, hat ihr »kobong« Pflanze oder Thier, das ihr +heilig ist, ihr den Namen gibt u.s.w. Wie in Amerika Leute von gleichen +Totem, so durften in Neuholland Leute desselben Kobongs einander nicht +heirathen. Kein Neuholländer tödtet sein Kobong, wenn er es schlafend +findet, auch nie, ohne ihm vorher Gelegenheit zur Flucht zu geben; war +es eine Pflanze, so durfte es der Betreffende nur zu bestimmten +Jahreszeiten und unter ganz bestimmten Ceremonien einärnten und +benutzen[E]. Hierin sehen wir eine Folge der Noth; denn ursprünglich +durfte das Kobong wohl ebenso wenig gegessen werden, wie das +amerikanische Totem. Dafür spricht auch die Form, in welcher sich die +Sitte in Polynesien erhalten hat. Denn in Polynesien gilt es noch jetzt +an verschiedenen Orten als strenges Gesetz, dass Einzelne einzelne +Thiere, in welchen ihr Schutzgeist oder der Geist ihrer Ahnen verborgen +ist, weder tödten noch essen dürfen. So in Mikronesien z.B. auf Ponapi +(O'Connel bei Hale 84), auf Tikopia (Gaimard bei D'Urville V, 305-307), +auf den Fidschiinseln (Wilkes 3, 214), wohin die Sitte entweder von +Polynesien gekommen ist oder sich als malaiisches Ureigenthum, wie wir +sie auch in Neuholland finden, erhalten hat; so in Hawaii (Remy 165), in +Tahiti (Mörenhout 1, 451-57). Wir finden auf allen diesen Inseln jetzt +Gedanken an Seelenwanderung eingemischt; allein man muss bedenken, dass +der Glaube an die behütende Macht der Seelen der Vorfahren, also an den +Uebergang der abgeschiedenen Seelen in Schutzgeister der Lebenden in +Polynesien später vielfach aufgekommen ist. + +Auch anderer Aberglaube als dieser entzog bisweilen den Naturvölkern die +Nahrung, wie z.B. Grey 1, 363-364 erzählt, dass, weil einige Eingeborene +beim Muschelessen gestorben waren, die Neuholländer, die ihn +begleiteten, aus Furcht vor Zauberei nicht dahin zu bringen waren, +selbst durch den äussersten Hunger nicht, dass sie Muscheln assen; und +Derartiges liesse sich, wenn es für unsern Zweck nicht zu weit führte, +noch mancherlei sammeln. + +Dass nun die engen dumpfigen Wohnungen vieler dieser Völker (es bedarf +hierzu keiner Belegstellen), worin oft sehr viel Menschen +zusammengepfercht wohnen und schlafen und die oft von Schmutz und +Ungeziefer starren, ungesund sind, versteht sich von selbst. Andere +Stämme (Feuerländer, Australier u.s.w.) haben in ihren Wohnungen fast +gar keinen Schutz vor dem Wetter; die Buschmänner (Waitz 2, 344) haben +zu ihren stets wechselnden Schlafstätten Erdlöcher, die sie mit +Baumzweigen überdecken, Felsspalten und Büsche. Auch auf die meist sehr +mangelhafte Bekleidung dieser Völker braucht hier bloss hingewiesen zu +werden. Alles dies, die Art wie sie sich nähren zumeist, ist zwar +schädlich und bewirkt es, dass nirgend die Naturvölker sehr hohe +Kopfzahlen aufzuweisen haben; aber alles dies ist auch wiederum nicht +von solchem Einfluss, dass es das Aussterben dieser Völker allein schon +erklärte; wir dürfen es nur als sekundäre Ursachen dafür betrachten, als +solche aber dürfen wir es auch durchaus nicht übergehen oder +unterschätzen. Wäre dies ihr Leben dem menschlichen Organismus +zuträglicher, so würden sie auch manches feindliche Schicksal, welchem +sie so erliegen oder erlegen sind, überwunden haben. + + + + +§ 6. Charakter der Naturvölker. + + +Aber nicht bloss diese Fahrlässigkeit in Bezug auf ihr äusseres Leben +schadet den Naturvölkern: ihr ganzer Charakter, wie er sich im Laufe der +Jahrtausende entwickelt hat, steht einem kräftigen Gedeihen im Wege und +so müssen wir auch diesen, wenigstens nach einigen Seiten hin, +betrachten. Zunächst ist unter ihren geistigen Eigenschaften ihre +furchtbare Trägheit hervorzuheben, welche z.B. in Mikronesien so weit +geht, dass man viel zu indolent ist gegen eine fürchterliche Form des +Aussatzes, welche in ihrem Anfang noch heilbar und leicht heilbar in +ihrer Entwickelung ebenso qualvoll als absolut tödtlich wird, auch nur +das Mindeste zu thun: man sieht dem ersten Anfange, der noch nicht +belästigt, mit grösster Seelenruhe zu, bis jede Hülfe zu spät ist +(Virgin 2, 103). Diese Faulheit, welche Waitz 1, 350; b, 84, 90 und +sonst zur Genüge geschildert hat, ist denn auch ein Grund, weshalb +Naturvölker so selten Vorräthe sammeln, ja verhindert sie oft nur +auszugehen, um Nahrung zu suchen, wie Grey 2, 262-63 von den +Neuholländern sagt; namentlich im Sommer bei Hitze und im Winter bei +Kälte und Nässe leiden sie Hunger, die Folge ihrer Trägheit. Beispiele +von den Hottentotten zu geben wäre überflüssig. Diese Trägheit schadet +ihnen aber noch auf ganz andere Weise. Denn wie Fleiss, Interesse und +geistige Anspannung auch körperlich anregen und grössere Kraft und dem +ganzen Organismus auch leiblich erhöhteres Leben verleihen, so schwächt +umgekehrt fortgesetzte Schlaffheit und geistige Trägheit, wie sie die +Naturvölker in so hohem Grade ausser wenn sie Noth treibt bekunden, auch +die leibliche Kraft und die Funktionen des Körpers scheinen darunter zu +leiden. Wenn nun dieser Zustand durch leibliche und geistige Vererbung +(auch der Einfluss geistiger Vererbung ist von grösster Bedeutung und +wohl noch nicht überall hinlänglich gewürdigt) sich immer mehr +befestigt, so muss er auf das Gedeihen der Naturvölker einen immer +gefährlicheren Einfluss haben. Allerdings ist das Ineinandergreifen des +leiblichen und geistigen Lebens ein schwieriger und dunkler Punkt, auf +den aber gerade deshalb ganz besonders aufmerksam gemacht werden muss. + +So entwickelt sich denn aus dieser Trägheit des äusseren auch eine +Starrheit und Unbeweglichkeit des geistigen Lebens, die gleichfalls von +den schlimmsten Folgen für diese Völker ist, schon dadurch, dass jeder +gute Einfluss der Europäer auf sie, jeder Versuch, sie zur Kultur +emporzuheben, ausserordentlich erschwert wird. Dadurch abgeschreckt +haben auch vorurtheilsfreie Männer, wie Meinicke, behauptet, sie seien +zu jeder Kultur unfähig, und doch ist, wie Erfahrungen bei allen +Naturvölkern bewiesen haben, nichts falscher, als diese Behauptung. Da +nun diese Starrheit mit jeder Generation nach und nach zunimmt, so +wirken auch historische Schicksale, Wanderungen und dergl. unendlich +viel schwerer auf diese Völker, als sie vor so vielen Jahrtausenden auf +die Indogermanen, die Semiten, als sie auch auf die gebildeteren +Polynesier und Amerikaner wirkten. Daher versinken sie immer mehr und +mehr in Roheit und Stumpfheit, und es ist nicht übertrieben, zu +behaupten, dass, auch wenn sie allein auf der Welt wären, ohne jeglichen +feindseligen Einfluss von aussen her, sie dennoch, wie jetzt ihre +Entwickelung oder wohl besser ihre Verhärtung ist, nach und nach +langsam vergehen und erlöschen würden. Denn nichts ist der menschlichen +Natur, die so sehr auf Wechselbeziehung zwischen Leib und Seele +gegründet ist, schädlicher, als eine solche Unthätigkeit beider. + +Ein dritter Zug ihres Charakters, der uns hier näher angeht, ist eine +gewisse Melancholie, die sich, wie bekannt, zumeist bei den Amerikanern +findet. Doch auch die scheinbar so fröhlichen Polynesier, wenn man +gleich ihr Temperament nicht wie das der Amerikaner melancholisch nennen +kann, zeigen manches Entsprechende. So resigniren sich die Tahitier über +ihr Aussterben durch den oft wiederholten Ausspruch, den wohl Ellis (1, +103-104) zuerst mittheilte: der Hibiskus soll wachsen, die Koralle sich +ausbreiten, der Mensch aber dahinsterben; und »es war melancholisch, +sagt Darwin (2, 213), die schönen energischen Eingeborenen Neuseelands +sagen zu hören, sie wüssten, dass das Land nicht das Eigenthum ihrer +Kinder bleiben würde.« Für Kamtschatka ist wichtig, was v. Kittlitz über +das Klima dieses Landes sagt, das bald (oder Einzelne) zur tiefsten +Melancholie stimme, bald (oder Andere) zur höchsten excentrischsten +Freude aufrege. Die Schilderungen der Aleuten bei Kotzebue, Chamisso, +Langsdorff u.a. enthalten ganz ähnliche Züge von Niedergeschlagenheit, +die allerdings hier mit grossem Phlegma gepaart scheint. + +Es ist klar, dass diese Melancholie mit jener schon besprochenen +Trägheit zusammenhängt; denn diese raubt dem Geist der Naturvölker, der +nach aller Naturvölker Art ganz und gar vom jedesmaligen sinnlichen +Eindruck und meist nur von solchen abhängig ist, die besonnene und feste +Willens- und Widerstandskraft immer mehr. So wie nun aber jeder +Willensakt eine rein physische Nerventhätigkeit voraussetzt, so wird +auch fortgesetztes Nichtwollen zum bleibenden Nervenhabitus, zum nicht +Wollenkönnen und dadurch vom übelsten Einfluss auf die Seele, der, wenn +dieser letzteren Leiden entgegentreten, um so grösser und vernichtender +wird. + +Das zeigt sich nun schon bei den Naturvölkern im Leben der Individuen. +Wir sahen, dass Krankheiten überall als Bezauberung oder Einwirkung von +Dämonen gelten; viele aber, die von Krankheiten befallen sind, sterben +aus keinem andern Grund, als aus Melancholie über die vermeintliche +Bezauberung. Beispiele für Neuseeland gibt Dieffenbach 2, 16, Browne 75; +für Tahiti Ellis 1, 364, 367-68; für Neuholland, wo eine namenlose Angst +vor Bezauberung herrscht, Grey 1, 363-64. 2, 336-40; für Nordamerika, wo +der Tod aus abergläubischer Furcht gar nicht selten ist, Waitz 3, 213: +und nach allem Gesagten werden wir in den Ländern, wo Krankheit durch +Zauberei entsteht oder als Folge von Sünden gilt, wie z.B. in +Kamtschatka, wo Krankheit und Tod erfolgen, wenn man Kohle mit dem +Messer spiesst oder Schnee mit dem Messer von den Schuhen schabt (Waitz +1, 324), in allen diesen Ländern, also bei allen Naturvölkern werden wir +auch ein solches Hinsterben Einzelner aus Angst und Aberglauben finden. + + + + +§ 7. Ausschweifungen der Naturvölker. + + +Die gänzliche Abhängigkeit der Naturvölker von sinnlichen Eindrücken hat +auch noch eine andere sehr gefährliche Folge für sie, durch welche +einzelne Stämme ernstlich bedroht worden sind: wir meinen die +Ausschweifungen, denen viele von ihnen verfallen sind, im Trunk und vor +allen in geschlechtlicher Beziehung. + +Zwar von den gebildeten Völkern Amerikas, den Mexikanern und ihren +Verwandten sowie den Peruanern, kann man nicht behaupten, dass sie nach +dieser Seite hin Vorwürfe verdienten; freilich kamen bei ihnen +Ausschweifungen und grobe, ja unnatürliche Laster vor, freilich gab es +bei ihnen öffentliche Dirnen, aber alles das war keineswegs ausgebreitet +und durchaus verachtet, so dass wir sie in dieser Beziehung viel höher +stellen müssen, als die heutigen Kulturstaaten Europas. Die Schilderung +freilich, welche wir bei Pöppig 375 finden, oder was uns der berüchtigte +Ortiz, ein Mönch zur Zeit der Entdeckung, erzählt, enthält des +Scheusslichsten auch nach dieser Seite viel; Ortiz Darstellung sollte +aber nur die Behandlung, welche das Land durch die Conquistadoren +erfuhr, rechtfertigen und so häufte sie alle Laster auf die Indianer. +Pöppigs Nachrichten beruhen auf ähnlichen Quellen, die gleichfalls ganz +unzuverlässig und meist unwahr sind. Wenn z.B. Gomara (bei Pöppig) +berichtet, dass Balboa 50 Päderasten in Quarequa in Darien und ebenso +(Waitz 4, 350) den Herrn dieses Landes um desselben Lasters willen von +Hunden zerreissen und dann verbrennen liess, so ist es ganz klar, dass +hier die Anklage nur erfunden wurde, um die scheussliche Grausamkeit +Balboas zu bemänteln, der selbst sagt, das Laster sei nur von den +Vornehmen verübt, vom Volke verabscheut. Denn dass spanische Soldaten, +unter welchen es gleichfalls vorkam (Waitz 3, 383), jemals dafür und gar +so fürchterlich gestraft wären, davon wird nichts erwähnt. Waitz im 4. +Bande der Anthropologie hat nun ganz klar und deutlich bewiesen, dass +solche Ausschweifungen nur einzeln und selten bei diesen Völkern sich +fanden, wofür die strengen Strafen, welche bei ihnen allen auf solchen +Lastern oder auf sonstiger Unzucht standen, sprechen; vergl. Waitz 4, +85. 88. 131. 307. 350. 367 u. sonst. Ebenso wenig waren solche Laster, +wie Pöppig a.a.O. will, »Volkslaster« in Peru; freilich haben die +Conquistadoren auch hier das ärgste zu erzählen gewusst und mussten, +nach ihren Berichten, die grausamsten Strafen gegen die Lüstlinge +anwenden; wenn man aber liest (Waitz 4, 478), wie der gefangene Inka +Manko Capak, Atahualpas Bruder, die Spanier flehentlich bat, dass man +ihn doch wenigstens nicht zum Feuertod verurtheilen oder den Hunden +vorwerfen, sondern nur aufhängen möge, so wirft das auf jene Strafen ein +ganz eigenthümliches Licht. Auch beweisen die Zeugnisse bei Waitz 4, +417, dass auch in Peru solche Laster, Ehebruch oder gar Päderastie, +durchaus nicht verbreitet waren, sondern nur vereinzelt vorkamen, wofür +wiederum die strengen Strafen, welche die einheimischen Landesgesetze +gegen derartiges verhängten, sprechen. + +In Nordamerika war, wie bei den eben besprochenen Völkern, Polygamie +erlaubt, keineswegs aber sehr ausgedehnt (Waitz 3, 109). Weibertausch +kommt vor, als Freundschaftszeichen unter Familien (Hearne 128), ebenso +auch Prostitution aus Gastfreundschaft. Keuschheit der Mädchen war +überhaupt etwas, auf das man bei vielen Völkern und namentlich bei den +roheren, keinen Werth setzte (Waitz 3, 111). Schlimmere Dinge und +namentlich Blutschande erwähnt als gewöhnlich bei den Athapasken Hearne +128, der auch sonst den Anwohnerinnen der Hudsonsbai arge +Ausschweifungen Schuld gibt (126-27). Unnatürliche Laster werden +vielfach bei den Völkern Nordamerikas erwähnt und Männer in +Weiberkleidern finden sich freilich an vielen Orten, so bei den +Illinois, in Florida, bei den Mandans, den Osagen, den Kansas u.s.w. +(Waitz 3, 113); auch bei den Bewohnern Nutkas wird Aehnliches erwähnt +(eb. 133), obgleich sie sowohl wie die Koluschen im ganzen keusch leben, +anders wie die Chinook (am Columbia), bei denen Prostitution und +sinnliche Ausschweifungen verbreitet waren (eb. 337). Strenger sind die +Völker vom Oregongebiete. Uebrigens ist das nicht immer ein Zeichen von +unnatürlichen Lastern, wenn Männer Weiberkleider tragen; denn einmal +scheint manche abergläubische Vorstellung (eb. 113) damit verbunden zu +sein, in anderen Fällen war es wenigstens eine symbolische, wie z.B. die +Delawares von den Irokesen »zu Weibern gemacht«, d.h., gezwungen wurden, +als sie gänzlich besiegt waren, den Weiberrock anzuziehen (Waitz 3, 23. +b, 158) und auch bei den Chibchas in Neu-Granada Feiglinge mit einem +Weiberrock bekleidet wurden (4, 361). Bei den Illinois standen die so +gekleideten Männer in besonderem Ansehen (3, 113) und ganz ähnlich war +es bei den nördlichen Patagoniern (3, 506), wo die Zauberpriester, deren +einen jede Familie hatte, Weiberkleider trugen. Auch was Combes (Hist. +de las islas de Mindanao Madrid 1667 p. 55) erzählt, dass es bei den +Subanos auf Mindanao Männer gäbe, welche unverheirathet blieben, +Weiberkleider trügen, aber geehrt wären und keusch lebten, zugleich aber +auch physisch ein weibliches Aussehen hätten, werde hier als merkwürdige +Parallele erwähnt. + +Den Cariben in Südamerika wird von den älteren spanischen +Schriftstellern gleichfalls der Vorwurf unnatürlicher Lasterhaftigkeit +gemacht, doch hat Waitz 3, 383 Recht, wenn er auch diesen Vorwurf für +unrichtig hält, »denn auf ihn pflegte hauptsächlich der Anspruch +gegründet zu werden, die Eingeborenen zu rechtmässigen Sklaven zu +machen«. Andere Schriftsteller läugnen auch, dass hier solche Laster +vorgekommen seien; doch fanden sich Männer in Weiberkleidern auch hier +(Oviedo bei Waitz 3, 383). Auch die Tupis in Brasilien lebten streng (3, +423); ebenso die Araukaner (3, 516). Hiermit stimmen auch alle +Nachrichten bei Azara; nur dass er den Weibern der Mbayas, bei denen +Polygamie erlaubt ist, mancherlei Ausschweifungen vorwirft (249-50). + +Es ist nicht nöthig, dies bei den Amerikanern weiter zu verfolgen; für +uns genügt das Ergebniss, dass zwar mancherlei Ausschweifungen +namentlich in Nordamerika unter ihnen sich vorfanden, dass diese aber +keineswegs allgemein und bedeutend genug waren, um aus ihnen die +Verminderung der Kopfzahl dieser Völker zu erklären. Dass aber, seit der +Bekanntschaft mit den Europäern diese Ausschweifungen sehr zugenommen +haben, ist eine traurige Wahrheit. + +Dem Trunk war man in Mittel- und Nordamerika nicht ergeben und ist es +verhältnissmässig auch jetzt noch nicht. Allerdings kannte man in Mexiko +mehrere geistige Getränke (Waitz 4, 98), von denen das eine, Pulque, +Agavesaft, den man durch Ausschneiden des Herzens der Pflanze, wenn sie +den mächtigen Schaft treiben will, gewinnt und gähren lässt, auch von +Europäern (Humboldt a 3, 99) mit wahrer Leidenschaft getrunken wird; +allein die Mexikaner waren mässig, wie schon aus ihren Gesetzen +hervorgeht. Der Trunk wurde darin so streng geahndet, dass irgend welche +Verbreitung desselben ganz unmöglich war (Waitz 4, 83-84). Auch in +Californien war er selten (eb. 240. 242). Die Eingeborenen von +Nikaragua, von welchen auch verschiedene geschlechtliche Ausschweifungen +berichtet werden, sollen nach Oviedo auch dem Trunke ergeben gewesen +sein; allein allzu sicher sind diese Nachrichten nicht (Waitz 4, 279). +Auch die Peruaner, obwohl sie verschiedene geistige Getränke hatten, +waren dem Trunke nicht ergeben (4, 429), so wie sie auch dem Genuss der +Coka, die im ganzen Land gebaut wurde, nicht übermässig fröhnten; dem +Volk war sie ganz verboten (422). Obwohl nun die Eroberung des Landes +die Sitten vielfach verschlechterte, so sind doch auch jetzt noch weder +die Peruaner (500) noch die Mexikaner (196) und die ihnen verwandten +Völker dem Trunk ergeben (227)--wenn es auch Feste gab, z.B. in Yukatan, +bei welchem sich die Weiber berauscht haben sollen (4, 307), oder bei +denen, wie in Nikaragua, allgemeine Zügellosigkeit herrschte (279). Denn +bei allen solchen Festen waren gewiss, wie bei ähnlichen semitischen und +indogermanischen, religiöse Motive wirksam. + +Anders war es in Südamerika, wo Schomburgk 2, 420 die Cariben als +Trunkenbolde schildert; und schon von Alters her hatten sie ausser +andern ein berauschendes Getränk aus Cassadabrod, welches zerbrochen, +mit heissem Wasser zu einem Teig zerrührt, dann von alten Weibern +durchgekaut und in einen Trog gespieen wurde, wo es nun gähren musste +(Schomburgk 1, 173); ganz ähnlich bereiteten die Tupis einen +berauschenden Trank aus Mais oder Hirse, wobei das Getreide gekocht und +von alten Weibern durchgekaut wurde. Sie nannten es Caouin oder Kaveng +und sowohl durch die Bereitungsart als durch den Namen wird man an den +gleich zu erwähnenden polynesischen Kavatrank erinnert (Waitz 3, +423-24). Gegohrene Getränke hatten die Araukaner (3, 509), die +Chiquitos, die dem Trunke sehr ergeben waren (eb. 530) und sind (533), +die Moxos (537), welche ihn gleichfalls sehr lieben und andere Völker +schon vor der Entdeckung. Dass nun durch den Einfluss der Europäer diese +Neigung nicht vermindert, sondern nur gestiegen ist, begreift sich; und +so wird es uns von den Cariben (Schomburgk 1, 173) von den Warans (eb. +1, 123), den Charuas (Azara 184), den Mbayas (eb. 242) u.s.w. berichtet. + +In Nordamerika, bei den Indianern der Vereinigten Staaten, waren vor den +Europäern keine geistigen Getränke in Gebrauch, ja Wasser war fast das +einzige Getränk, was sie genossen, wie Waitz 3, 82 ins Einzelne +ausführt; ebenso war es bei den Koluschen und den Chinooks (3, 84. 337). +Wenn nun der Trunk, der Branntwein in Nordamerika doch so traurige +Folgen gehabt und ganze Stämme dahin gerafft hat, so dass man oft genug +die Behauptung findet, die Indianer seien von Natur dem Trunke ergeben +gewesen; so fordert dies zur genaueren Untersuchung der Sachlage auf, +die sich nach Waitz 3, 83-84 und 270, der die Quellenbeweise beibringt, +so stellt, dass die Indianer sich aufs stärkste gegen den Verkauf von +Branntwein gewehrt und viele Verträge geschlossen haben, in welchen die +Einfuhr derselben ausdrücklich verboten war, dass aber der Branntwein +dennoch, sogar mit Gewalt, von den europäischen Nationen den +Eingeborenen aufgezwungen ist, theils um das Produkt abzusetzen, theils +um sie im Trunke zu betrügen, theils auch geradezu, um sie durch den +Trunk zu vernichten. Das ist denn nur allzugut gelungen; denn wenn auch, +trotz der vorherrschenden Sinnlichkeit, die Amerikaner einen höchst +beachtungswerthen Widerstand diesem Genussmittel entgegensetzten, so +konnte dieser eben bei ihrer Natur kein absoluter sein; öfters zwang sie +der Nahrungsmangel zum Trunk und ein sehr häufiger Grund, sich dem +Trunke zu ergeben (der auch in Mittelamerika vielfach vorkam) war der, +dass man aus der grenzenlosen Fülle des Elends ringsher sich wenigstens +einmal wieder durch den Rausch in einen glücklichen Zustand versetzen +oder dass man sich in der Verzweiflung betäuben wollte. Uebrigens haben +Völker und Individuen sich dem Laster des Trunkes auch wieder zu +entreissen vermocht (Waitz b, 43). Eigentlich also gehörte diese +Betrachtung erst dahin, wo wir vom Einfluss der Weissen auf die +Naturvölker sprechen werden, indess mag ein solches Vorausnehmen, des +Zusammenhangs wegen und um den einen Gegenstand zu erschöpfen, gleich +hier seine Entschuldigung finden. Tabak hat ebensowenig als Coka +geschadet. + +Wenn nun auch die Hottentotten und die Buschmänner gar keinen Werth auf +die Keuschheit der Mädchen und Weiber legen, so waren sie doch weder in +geschlechtlicher Beziehung noch im Trunk sehr ausschweifend, während wir +bei den Aleuten und Kamtschadalen die Verhältnisse wesentlich anders +finden. Dem Trunk waren namentlich die Kamtschadalen ganz +außerordentlich ergeben (Krusenstern 3, 53) und wie diese Leidenschaft +von den europäischen Pelzhändlern zu ihrem Verderben benutzt ist, werden +wir später sehen. Aber auch die Aleuten liebten dies Laster (Waitz 3, +314), wie sie auch sonst sehr ausschweifend lebten. Die Weiber hatten +(nach Wenjaminow in Ermans Archiv bei Waitz 1, 356 Note) zwei Männer, +einen aus höherem Stande und einen Nebenmann aus niederem; dem Gast +stellte der Wirth, um ihn gastfreundlich zu ehren, das eigene Weib zur +Verfügung. Auch der Päderastie waren sie ergeben (Waitz 3, 314) und die +stumpfsinnige Melancholie, in der sie z.B. Chamisso vorfand, scheint +nicht wenig durch derartige Ausschweifungen veranlasst zu sein. Den +Kamtschadalen schadete gar sehr der grosse Weibermangel, der nach +Krusenstern 3, 44, bei ihnen herrschte und nicht nur die Moralität +gänzlich, sondern auch die Fruchtbarkeit der Ehen zerstörte. xyxyxyß Die +Neuholländer, obwohl sie von den Unverheiratheten beider Geschlechter +keine Keuschheit verlangen, obwohl sie an einigen Orten die Weiber ihren +Gastfreunden anbieten und sie mit guten Freunden tauschen (Angas 1, 93), +sind doch so eifersüchtig, dass verheirathete Frauen sehr zurückhaltend +sein müssen (Grey 1, 256). Polygamie ist bei ihnen häufig, aber man kann +sie eigentlich nicht ausschweifend nennen. Auch geistige Getränke hatten +sie nicht. Von den Melanesiern wird nichts auffallend Schlimmes +berichtet, wohl aber von manchen Orten das Gegentheil; so herrschen, +nach Malte Brun in Bullet. de la soc. geogr. 1854, I, 238, auf +Neucaledonien, wenn auch die Weiber ganz sklavisch gehalten werden, +geschlechtliche Ausschweifungen nicht. Polygamie ist allerdings auf den +Inseln Sitte (Turner 86. 371. 424), allein wirklich ausgedehnt nur bei +Häuptlingen und in selteneren Fällen. Ehebruch kommt, aus Furcht vor +Strafe, kaum vor (Turner 86 in Bez. auf Tanna), allein Keuschheit der +Unverheiratheten ist hier so wenig verlangt als sonst irgendwo bei den +Naturvölkern. Während nun Erskine 256 von den Fidschis sagt, dass sie +sehr enthaltsam lebten und Ekel vor Ausschweifungen empfänden, so +behaupten William und Calvert 1, 134, dass sie sehr zügellos und grobe +Ausschweifungen bei ihnen verbreitet seien. Möglich, dass Erskine ein zu +günstiges Urtheil fällte; jedenfalls aber stehen die Fidschiinsulaner +sehr viel höher als die Polynesier in dieser Beziehung und mögen wohl +erst durch den fortwährenden Verkehr mit den Fremden zu dieser +Zügellosigkeit gesteigert sein. + +Am schlimmsten müssen wir über die eigentlichen Polynesier urtheilen, +unter denen Trunk und Wollust schon vor den Europäern aufs ärgste +gehaust haben. Aus der Wurzel vom Piper methysticum, dem Kavapfeffer, +bereitete man, indem sie (an den meisten Orten von alten Weibern) gekaut +und dann ausgespieen wurde, durch Aufguss von Wasser ein eigenthümliches +Getränk, dem alle Polynesier sehr zugethan waren. Es berauscht nicht +eigentlich, da es die Besinnung nicht raubt, aber, indem Gang und Zunge +schwer werden, versetzt es den Geist in einen ähnlichen Zustand, wie das +Opium; auch wollüstige Träume u. dergl. sollen seinem Genuss folgen, der +oft wiederholt allgemeine Schwäche, Zittern, geistige Stumpfheit, +Abmagerung und schliesslich scheussliche Hautkrankheiten hervorbringt, +Geschwüre, welche aufbrechen und arge Narben zurücklassen. Aber gerade +diese Narben galten als Ehrenzeichen (Hale 43). Namentlich auf Tahiti +und auf Hawaii war der Kavatrank beliebt; grosse Kavafeste auf Tonga +beschreibt Mariner, auf Fidschi d'Urville b 4, 207 und Hale 63. Dagegen +trank man ihn auf Neuseeland, obwohl man ihn kannte, nicht. Auch in +Mikronesien, wo indess die Wurzel zerrieben, nicht gekaut wurde, war der +Kavatrank sehr beliebt und sehr verbreitet (Hale 83: Gulick 417). Was +jedoch die schädlichen Einwirkungen dieses in der That höchst +gefährlichen Trankes sehr milderte, war der Umstand, dass er ein +heiliges Getränk war. Freilich durfte er daher bei keiner irgend wie +bedeutenderen Gelegenheit fehlen; aber nur die Fürsten waren es, die ihn +trinken durften, nie das Volk, und auch die Fürsten nur bei und unter +bestimmten Feierlichkeiten (Hale 43, für Mikronesien Novara 1, 371). So +hat denn auch der Schade, den dieser Genuss hervorrief, fast nur die +Fürsten und den Adel getroffen. Gegen den Branntwein (Rum u.s.w.) hatten +alle Polynesier einen grossen Widerwillen (Novara 2, 337 für +Mikronesien), und wenn er trotzdem in Tahiti und Hawaii so verderbliche +Wirkungen hervorgerufen hat, so muss man bedenken, wie er zu Tahiti von +den Franzosen, zu Hawaii von diesen sowie den amerikanischen und +europäischen Kaufleuten unter heftigem Widerstreben der Missionäre und +gegen den Willen der Eingeborenen (vergl. z.B. Lutteroth Geschichte der +Insel Tahiti 172 u. sonst) gewaltsam eingeführt ist. Und schlimm genug +waren die Folgen dieser Einführung. »Als die Tahitier von fremden +Seeleuten und Sandwichinsulanern geistige Getränke von einheimischen +Wurzeln zu destilliren gelernt und Rum in reichlicher Menge von ihnen +empfangen hatten, da verbreitete sich Trunksucht sehr allgemein, und +alle die Demoralisation, die Verbrechen, das Elend, welches ihr folgt, +kam über das Volk. Unthätigkeit wuchs, Streit in den Familien nahm +überhand, die Verbrechen der Areois (über welche wir sogleich reden) +nahmen zu«, sagt Ellis 1, 108 und so wie hier und noch ärger war es zu +Hawaii und an den Küsten von Neuseeland. Allein die Eingeborenen (vergl. +Ellis u.a.O.) haben sich an vielen Orten, Dank dem reinen Eifer der +Missionäre, wieder von diesem so gefährlichen Laster befreit; in +Neuseeland sowohl wie in Hawaii schadet der Rum nur an den Küstenplätzen +den Eingeborenen und das überall wachsende Christenthum hat siegreich +auch in Tahiti und sonst diese Gefahr im Allgemeinen abgewendet. + +Bei weitem verhängnissvoller aber wirkten die geschlechtlichen +Ausschweifungen, die wohl bei keinem Volk der Welt so schamlos +verbreitet waren, wie in Polynesien. Jede Reisebeschreibung (auch andere +Bücher als die schamlose Reise der Pandora von Hamilton) rechtfertigt an +hundert Stellen den Namen la nouvelle Cythere, welchen Bougainville der +Insel Tahiti gab. Nicht nur, dass auf Tahiti, Hawaii, Neuseeland, auch +auf Tonga (obwohl man hier strenger lebt) und auf Samoa (nach Wilkes) +wenigstens Fremden gegenüber die Mädchen ganz frei waren; so ist auch +nirgends die Prostitution der Weiber durch Väter, Brüder, Gatten frecher +betrieben wie hier. Polygamie herrschte überall. Gastfreunden bot man +die Weiber an, vornehme Frauen lebten ganz zügellos. Für Hawaii bezeugt +dies, um nur einige Beweisstellen anzuführen, Jarves 80, für Tahiti Cook +und alle andern Reisenden, für Waihu Mörenhout 1, 26, für die Markesas +Porter (Journal of a cruise in the Pacif. Ocean 1812-14) 2, 60, +Krusenstern 1, 221; nach Mathias G*** 152 herrscht indess Prostitution +nur in den Häfen. Neuseeland stand etwas höher; doch waren auch hier die +Mädchen vollständig ungebunden (Dieffenb. 2, 40). Die Weiber selbst +lockten die ankommende Mannschaft von Wallis Schiff durch die +unanständigsten Geberden ans Land und die Männer, welche das Geschäft +abschlossen, forderten schon damals für schöne Frauen, Töchter, +Schwestern u.s.w. höhere Preise als für minder schöne (Wallis 214 ff. +256). Ja vor aller Augen, und nicht etwa aus Roheit, wie die Bewohner +der Palauinseln nach Kadus Zeugniss bei Chamisso 137[F], sondern +umstanden von vornehmen Weibern, unter denen die Königin selbst, +vollzogen sie die Begattung, zum Ergötzen der Umstehenden, welche dem +Paare, namentlich dem betheiligten Mädchen, Lehren gaben, um die Lust zu +erhöhen--doch das war nicht nöthig, denn, obwohl das Mädchen erst 11 +Jahre zählte, so wusste sie doch mit allem schon guten Bescheid (Cook b, +126-27, vergl. 86. 106). Da ist es nicht zu verwundern, dass schmutzige +Gegenstände sehr häufig, vor aller Ohren, Inhalt der Unterhaltung waren +und nur belacht wurden. Ueberall herrschte Polygamie; auf Tahiti, +Nukuhiva und Hawaii (Turnbull 65, Stewart 129, Porter 2, 30) kamen +Heirathen unter Geschwistern vor, jedoch nur in der regierenden Familie, +die auf andere Art keine ebenbürtige Ehe schliessen konnte, da alle +anderen Adelsgeschlechter an Rang unter ihr standen (Ellis 4, 435). Auf +den Markesasinseln war es nach Melville 2, 122-23 Sitte, dass die +Weiber, ähnlich wie die Aleutinnen, zwei Männer hatten, einen wirklichen +Gatten und einen Nebenmann, der ganz die Rechte wie jener besass, auch +im Frieden mit ihm lebte; welche Sitte nach Melville darin ihren Grund +hatte, dass es weit mehr Männer als Frauen gab. Mathias G*** sagt 111 +dasselbe, was auch sonst noch vielfach bestätigt wird. Auch unnatürliche +Lüste, denen in Tahiti ein eigener Gott vorstand (Mörenh. 2, 168), waren +sehr ausgedehnt. Männer in Weiberkleidern finden wir, wie in Amerika, +auch zu Tahiti, aber hier nur im Dienste der widernatürlichen Wollust +(Turnbull 306); und da nun die Männer des gemeinen Volks, damit die +Fürsten desto mehr Weiber hätten, oder weil sie den Kaufpreis für die +Frauen nicht zahlen konnten, fast immer unverheirathet bleiben mussten, +so war Onanie unter ihnen in solchem Grade getrieben, dass sie dadurch +meist unfähig wurden, einem Weibe noch beizuwohnen (Wilson 311). »Ihre +Verbrechen in dieser Art sind zu entsetzlich, als dass sie alle erzählt +werden könnten,« sagt Wilson (1799) a.a.O. Noch Ellis (1, 98) fand +dasselbe vor, er sagt, die Schilderung, welche Paulus von den Heiden im +ersten Kapitel des Römerbriefes mache, passe durchaus auf die Tahitier. +Auch in Hawaii waren unnatürliche Laster ganz gewöhnlich, von denen +Päderastie nur oder wenigstens vorzugweise unter den Fürsten vorkam +(Remy XLIII). + +Mikronesien steht viel höher in dieser Beziehung, mit Ausnahme der alten +Marianer, unter denen, freilich nach den alten spanischen Berichten +(Salaçar bei Oviedo XX, 16), eine arge Zügellosigkeit herrschte, und le +Gobien berichtet manches entsprechende. Aber sonst fanden die ersten +europäischen Besucher in Mikronesien keine Ausschweifungen, weder im +Trunk noch in der Liebe vor, wenn auch die Mädchen leicht zu gewinnen +waren: und schamhaft waren sie alle (Chamisso 91. 119). Uebrigens +herrschte, nach Chamisso 118-19, Polygamie auch auf Ratak und besonders +nahe Freunde besassen auch die Weiber gemeinschaftlich.--Auch im +eigentlichen Polynesien gab es reinere Bezirke, so Tonga, wo die +Jünglinge von Staatswegen zur Keuschheit ermahnt wurden: nie sollten sie +Gewalt anwenden, nie sich gegen Ehefrauen vergehen (Mariner 1, 138); +allein auch hier waren die Unverheiratheten ganz frei und ebenso die +verheiratheten Männer (2, 174), auch hier waren Unanständigkeiten der +häufige und gern belachte Inhalt des Gespräches, die man nur vor +verheiratheten Frauen vermied (2, 177). In Samoa herrschte noch grössere +Sittenstrenge. + +Viel besprochen ist die Gesellschaft der Areois auf Tahiti, über welche +Mörenhout 1, 485-503 und Ellis 1, 230 ff. handeln, und die auch wir kurz +besprechen müssen, wenn wir an diesem Ort auch nur auf die furchtbare +Unsittlichkeit hinweisen, welche in dieser ursprünglich religiösen +Gesellschaft herrschte. Männer und Weiber lebten in ihr aufs höchste +ausschweifend und unter dem bestimmten Gesetz, alle ihre Kinder zu +tödten, beisammen und hochgeehrt vom ganzen Volk, dem sie wie Götter +erschienen, durchzogen sie die Inseln, um Feste, Schauspiele, Tänze vor +der Menge aufzuführen. Wir finden diese Gesellschaft nicht bloss auf +Gesellschaftsinseln, sondern (Meinieke b 78) auch auf Rarotonga, auch im +Markesasarchipel (Mörenh. 1, 502). Und da nun le Gobien 59-62 von den +Uritaos der Marianen ganz das Nämliche erzählt, die in aller +Zügellosigkeit mit den Mädchen des Landes zusammenlebten, selbst in +Blutschande, ohne dass es ihnen Tadel zuzog, da sie von höherer Weihe +waren (Freycinet 2, 368)--so werden wir auch diese, wie schon ihr Name +derselbe ist, mit jenen Areois trotz Meinickes Widerspruch (b, 79) +zusammenstellen müssen. + +Es kann uns nicht wundern, wenn solche lasterhafte Sitten, in solcher +Ausdehnung herrschend, die Gesundheit der polynesischen Bevölkerung +untergruben und sie haben es gethan. Schon eine bis zwei Generationen +vor Wallis hatte die Volksverminderung, nach den Aussagen der +Eingeborenen selbst, auf Tahiti angefangen (Ellis 1, 105) und dass +hieran diese Ausschweifungen, wenn auch nicht allein, so doch zum +grössten Theil schuld waren, kann man gewiss behaupten. Ihren +entnervenden Einfluss schildern wenigstens die zuverlässigsten +Augenzeugen in den düstersten Farben, wie Ellis 1, 98 und Turnbull +(1804) 307. Und ferner ist es sehr begreiflich, dass solche entnervte +Wüstlinge sehr viel und leichter Krankheiten ausgesetzt waren, als +gesunde Menschen, dass Krankheiten viel heftiger bei ihnen wüthen +mussten und dass sich namentlich die Syphilis unter ihnen rasch +verbreiten und gefährlich erweisen musste. + + + + +§ 8. Unfruchtbarkeit. Künstlicher Abortus. Kindermord. + + +Aber eine andere noch schlimmere Folge dieser Ausschweifungen ist die +Unfruchtbarkeit der Weiber, welche in Polynesien hauptsächlich auf +diesem einen Grund beruht. Die Unfruchtbarkeit der Ehen auf den +Markesas, welche schon Krusenstern 1, 255-56 und dann Melville 2, 125 +betont, erwähnt auch Mathias G*** 108 mit starkem Nachdruck. +Unfruchtbarkeit ist in Hawaii sehr verbreitet (Virgin 1, 268); in Tahiti +wird es erst in neuerer Zeit besser und Dieffenbach 2, 15-16 gibt als +eine der Ursachen für das Hinschwinden der Maoris die geringe +Fruchtbarkeit ihrer Weiber an. + +Da nun aber ganz analoge Erscheinungen sich in Melanesien (wo z.B. auf +Erromango schon eine hohe Kinderzahl ist, Turner 494), in Neuholland +(Grey 2, 248 ff.) und namentlich in Amerika vorfinden, so hat man, vor +allem mit Rücksicht auf die Eingeborenen des letzten Landes gesagt, die +geringe Fruchtbarkeit sei ein charakteristisches Merkmal für niedere +Raçen, das in ihrer Natur selbst begründet liege. Allerdings haben die +Weiber der Botokuden (Tschudi 2, 284), der Makusi (Schomburgk 2, 312) +der meisten brasilianischen Völker (Azara an vielen Stellen) und ebenso +auch der meisten Nordamerikaner (wofür Waitz 1, 169 die Beispiele +zusammenstellt) sehr wenige, oft auch gar keine Kinder; allein wie man +hierin ein Raçenmerkmal finden soll, ist für Unbefangene unmöglich +abzusehen. Denn erstlich zeigen sich eine lange Reihe äusserer Gründe, +wodurch die Unfruchtbarkeit bewirkt wird; ausser den schon besprochenen +Gründen wie Ausschweifungen, Krankheit u. dergl., die auch in Amerika +und vor allen auf Kamtschatka und den Aleuten wirkten, muss hier auf das +gleichfalls schon erwähnte lange Säugen hingewiesen werden, welches der +Fruchtbarkeit Abbruch thut, ferner und ganz besonders auf die meist +überaus elende Stellung der Weiber, auf die Noth, die ewigen Mühsale, +unter denen sie ihr Leben hinbringen müssen. Dann heirathen viele Völker +nur im eigenen Stamm und man kann wohl sagen, da bei vielen kleineren +Völkern Stamm und Familie so ziemlich zusammenfällt, in derselben +Familie; dass aber auch hierdurch eine Verminderung der Fruchtbarkeit +eintritt, ist bekannt genug. So z.B. die Botokuden; daher Tschudi (2, +284) in diesem Umstand einen Hauptgrund für die Unfruchtbarkeit ihrer +Ehen sieht. Auch bei den Bewohnern von Darien zeigten sich die +schädlichen Folgen solcher Heirathen (Waitz 4, 351). + +Der allzufrühe Coitus, den Dieffenbach 2, 15 für die Unfruchtbarkeit der +Neuseeländerinnen als einen Hauptgrund anführt, ist wichtig für viele +Völker, da er bei vielen, wie wir sehen, vorkommt. Obwohl nun Humboldt +(b, 2, 190), nach dem Zeugniss der amerikanischen Ordensgeistlichen am +Orinoko, darin keine Gefahr für die Zahl der Bevölkerung sehen will, so +spricht doch die Natur der Sache und mannigfache Erfahrung gegen ihn. +Doppelt gefährlich wird aber zu früher geschlechtlicher Umgang bei +Völkern, bei denen es an Weibern fehlt. So heirathen die Mädchen der +Tarumas in Guyana, weil es unter diesem Volk nur wenig Weiber gibt, +schon vor der Pubertät (nach Schomburgk bei Waitz 1, 170). Mehr Männer +als Weiber gab es noch in verschiedenen Orten in Amerika (z.B. +Californien Waitz 1, 170 Anmerk., bei den Guanas Azara 232), in +Polynesien (Tahiti, Markesas u. sonst) und in Kamtschatka, wo der Mangel +an Weibern, wie wir sahen, vorzugsweise gross war. Durch diesen wurde +denn wieder eine andere sehr wenig heilsame Einrichtung gefördert, dass +in Neuholland junge Mädchen zunächst an alte Männer und erst nach deren +Tode, wenn sie nun mittlerweile älter waren, an jüngere Leute +verheirathet wurden (Nind im Journ. R. Geogr. Soc. 1, 38), eine Sitte, +welche bei den Irokesen ebenfalls im Schwunge war: »Der junge Mann von +25 Jahren erhielt bei ihnen oft eine ältere Frau zugetheilt als er +selbst war, der alte Wittwer dagegen wählte sich ein junges Mädchen« +(Waitz 3, 103). + +Dass wir unter diesen Gründen die Polygamie und Polyandrie mit ihren +gewiss schlimmen Folgen für die Bevölkerungszahl nicht besonders +erwähnen, hat seinen Grund darin, dass wir diese beiden Einrichtungen, +auch wenn sie noch so gesetzmässig sind, unter die Ausschweifungen +rechnen und also, was von jenen gesagt ist, auch für diese gilt. Ebenso, +was man für manche amerikanische Völker als Grund für die +Unfruchtbarkeit angeführt hat, die geringe Neigung der Männer für das +weibliche Geschlecht und ihre minder entwickelten Genitalien (Pöppig, +Azara, Waitz 1, 171 u.s.w.) lassen wir auf sich beruhen, da dieser +Umstand keineswegs allgemein und keineswegs in den daraus abgeleiteten +Folgen sicher ist. + +Weit wichtiger sind noch einige psychische Gründe, die wir recht +hervorheben möchten. Wie Gram und Kummer, Druck und Despotismus das +äussere Leben zurückhalten und verkümmern lassen, so wirken sie +natürlich auch auf die Fruchtbarkeit der Weiber ein, denn der Einfluss +des geistigen Lebens auf jede Seite des leiblichen, so sehr man ihn auch +anerkennt, kann kaum mächtig genug gedacht werden. Wo daher ein schwerer +Druck auf der Bevölkerung liegt wie durch die Adelsherrschaft in +Polynesien und hier namentlich auf den Fidschi- und Hawaiiinseln, da +wird es auch leichter unfruchtbare Ehen geben. Und noch mehr, wenn der +Druck der Herrscher zugleich das tiefste moralische Weh über die +Unterworfenen bringt, wie das durch die furchtbaren Einwirkungen der +Europäer fast überall geschehen ist. Auch ist zu bemerken, dass von +diesen Gründen stets mehrere vereint, nie einer allein wirken; dass wir +die verminderte Fruchtbarkeit also äusserlich veranlasst sehen, wodurch +die Ansicht, sie sei Raçencharakter, schon erschüttert wird. Und wäre +sie es wirklich, so müsste sie doch überall sich bei den betreffenden +Raçen zeigen. Aber das ist gar nicht der Fall. In Neuholland z.B., wo +allerdings Heirathen in demselben Stamme so gut wie gar nicht vorkommen, +werden fruchtbare Ehen gar nicht selten erwähnt. Grey (a.a.O.) sah 41 +Weiber, welche zusammen 188 Kinder hatten; und gar manches Volk in +Amerika gibt es, welches eine sehr reichliche Kinderzahl besitzt, so die +Stämme der Nordwestküste, die Nordindianer, welche Hearne besuchte, die +Chippewais, die Sioux, die Mandans, und manche Südamerikaner, welche +Waitz 1, 171-72 zusammenstellt. Und während einzelne Theile +melanesischer Bevölkerung meist nur kinderarme Familien aufweisen, ist +das Gegentheil bei anderen, z.B. den Fidschis der Fall; dieselben +Gegensätze zeigt Mikronesien und Polynesien, in welchem letzteren Gebiet +z.B. Tonga ganz anders als Tahiti und die Markesasinseln nur fruchtbare +Ehen kennt. Und wer hat je etwas der Art von dem Brudervolk der +Polynesier, von den Malaien gehört? Gedeihen sie nicht reichlich in +ihrer Inselwelt und müsste nicht, wäre die Unfruchtbarkeit +Raçencharakter, sie sich auch bei ihnen vorfinden? + +Umgekehrt aber findet sie sich bei Kulturvölkern, bei denen die oben +besprochenen Gründe wirksam sind, wofür Waitz 1, 173 einige Beispiele +aufstellt. Wo diese Gründe aber wegfallen, da sind die Weiber auch sonst +minder fruchtbarer Stämme mit Kindern gesegnet. Neuseeländerinnen mit +Europäern (Dieffenbach 2, 152) und Botokudinnen mit Weissen oder Negern +vermählt (Tschudi 2, 284) pflegen sehr fruchtbar zu sein, weil dann die +Frau meist ein ruhigeres, besseres Leben hat, wie Tschudi dies sehr +richtig a.a.O. erklärt, nicht aber etwa in Folge der Vermischung und des +Einflusses einer höheren Raçe, da ja in der Ehe mit Negern dasselbe +Verhältniss eintritt. + +Wir würden schon hieraus die Unfruchtbarkeit der Weiber vollkommen +erklärlich finden, ohne Hinzunahme einer so wenig begründeten Theorie, +wie die von der minderen Zeugungsfähigkeit der hinschwindenden Raçen. +Aber einen der wichtigsten Gründe, welcher nicht nur diese +Unfruchtbarkeit, sondern überhaupt die Verringerung der Naturvölker +nicht zum mindesten Theil erklärt, haben wir noch zu besprechen: es ist +das weitverbreitete Tödten der Kinder vor oder gleich nach der Geburt. + +Bei den Hottentotten (Sparmann 320) herrschte die Sitte, Säuglinge, +deren Mutter starb, mit dieser zugleich zu begraben oder auszusetzen; +ebenso tödteten sie von Zwillingen das eine Kind. Künstliche +Fehlgeburten kamen häufig bei ihnen vor. Noch häufiger war dies alles +bei den Buschmännern, welche bei ehelichen Streitigkeiten, bei +Nahrungsmangel, der sie oft genug betraf, und bei eiliger Verfolgung die +Kinder tödteten, aus Rache und Zorn gegen den Ehegatten, oder weil sie +dieselben nicht ernähren, nicht mitnehmen konnten; das heisst in den +meisten Fällen, weil sie jede ungewöhnliche Anstrengung, welche ihnen +die hülflosen Kinder auferlegt hätten, scheuten. Zwillinge und +missgestaltete Kinder wurden stets umgebracht (Waitz 2, 340 und daselbst +die Quellen). + +Ebenso war es in Amerika, namentlich in der südlichen Hälfte des +Kontinentes, während die Indianer Nordamerikas, wie sie überhaupt höher +stehen, auch ihre Kinder besser halten, ja sie oft mit der innigsten +Liebe pflegen. So verwenden z.B. die Potowatomi auch auf arbeitsunfähige +und blödsinnige Kinder zärtliche Sorgfalt (Waitz 3, 115-16); und die +Huronen zogen auch solche Säuglinge auf, deren Mutter gestorben war +(Waitz b, 100). Künstlicher Abortus dagegen war weit verbreitet unter +den Thakallis, dem westlichsten Stamm der Athapasken, welcher auch sonst +sehr tief stand und von Keuschheit oder ehelicher Treue keinen Begriff +hatte (Waitz b, 90). Dass die Knisteno namentlich ihre weiblichen Kinder +tödteten, um sie vor dem elenden Loos des Lebens, das sie erwartete, zu +behüten (Waitz 3, 103), ist schon erwähnt. Und nun gar in Südamerika. +Die Guanas (Azara 232) bringen die meisten Mädchen sofort bei der Geburt +um, indem sie die Neugeborenen lebendig begraben; überhaupt aber ziehen +sie nur etwa die Hälfte ihrer Kinder auf. Da es bei den Tupis Sitte war +(Waitz 3, 423), die Neugeborenen dadurch anzuerkennen, dass man sie vom +Boden aufhob, so können wir hieraus schliessen, dass bei ihnen, +wenigstens in früherer Zeit, viele Kinder, die man eben nicht aufhob, +getödtet sind. Von den Guaikurus (östlich vom oberen Paraguay) berichtet +Azara 273, dass die ganze Nation hauptsächlich durch Abtreiben der +Kinder, von denen sie nur das letzte und also, da diese Rechnung sehr +unsicher ist, oft keins schonten, ganz verschwunden sei; und wenn wir +auch mit Waitz (3, 430) diese Nachrichten, sowohl in Beziehung auf ihr +Aussterben--denn Castelnau z.B. fand 6 Stämme von ihnen, darunter zwei +ackerbauend, am Paraguay vor--als auch in Betreff dieser furchtbaren +Ausdehnung des Kindermords für übertrieben halten, so muss doch +künstlicher Abortus bei ihnen vorzugsweise verbreitet gewesen sein, wie +ihn auch noch neuere Reisende, Martius, Castelnau bei Waitz 3, 472 als +gewöhnlich unter ihnen angeben. Auch von den Mbayes, welche indess von +den Guaikurus nicht zu trennen sind, gibt Azara 250 genau dasselbe an: +sie tödten alle Kinder bis auf eins, bisweilen auch alle insgesammt. Als +Gründe für diese Sitte geben die Indianerinnen an, regelmässige Geburten +machten sie vor der Zeit alt und hässlich, auch sei es ihnen, bei ihren +ewigen Wanderzügen, wo sie selbst oft nichts zu essen hätten, sehr +schwer mehr als ein Kind mitzunehmen und zu erhalten. Fühlte sich also +eine Frau schwanger, so legte sie sich auf die Erde und andere Weiber +gaben ihr so lange die heftigsten Schläge auf den Unterleib, bis Blut +und bald darauf die Frucht abging, eine Operation, an der natürlich +viele Weiber sogleich oder kurz darauf starben, andere wenigstens ihr +ganzes Leben siechten (Azara a.a.O.). Auch bei den Abiponen herrschte +dieser Gebrauch; mehr als zwei Kinder zogen sie nicht auf (Waitz 3, +476). Die Tobas (zwischen Abiponen und Guaikurus, östlich vom Paraguay) +tödten viele ihrer Kinder (Waitz 3, 475), die Lules (östlich von den +Tobas) alle unehelichen, von Zwillingskindern, welche für ein Zeichen +von Untreue gelten, immer eins, und wenn die Matter stirbt, so begraben +sie den Säugling mit ihr (Waitz 3, 480). Die Yurakares, westlich vom +Titikaka-See, mordeten ihre Kinder, wenn sie keine Lust hatten, sie +weiter zu verpflegen (Waitz b, 100). Die Moxos tödteten von Zwillingen +immer das eine Kind und begruben kleine Kinder mit ihrer Mutter, wenn +diese starb (Waitz 3, 537). Gegen Zwillingskinder wandten sie diese +Massregel an, weil man in einer solchen Doppelgeburt etwas +Thierähnliches sah (Waitz b, 100). Die Chiquitos (zwischen dem oberen +Paraguay und dem Titikaka) hatten so wenig Anhänglichkeit an ihre +Kinder, dass sie dieselben leicht fortgaben oder verkauften (Waitz 3, +530) und von den Minuanes (am unteren Parana) erzählt Azara 191 ganz +ähnliches; waren die Kinder entwöhnt, so kümmerten sich die Eltern gar +nicht mehr um sie, vielmehr wurden sie von verheiratheten Verwandten +aufgezogen. Bei den caribischen Völkern herrschten dieselben Sitten, wie +dies Humboldt b 4, 225-28 genauer schildert. Von Zwillingen tödten sie +immer ein Kind, um nicht wie Ratten, Beuteltiere und das niederste +Gethier, das viele Jungen zugleich wirft, zu sein, oder weil man auch +hier in einer solchen Doppelgeburt ein Zeichen von Untreue sieht. Auch +missgestaltete, ja selbst schwächliche Kinder werden getödtet, um sich +der Last, die man später mit ihnen haben würde, zu entziehen. Die Frauen +dieser Völker haben verschiedene Pflanzenaufgüsse, welche sie zum +Abtreiben anwenden und zwar in verschiedenen Gegenden zu verschiedener +Zeit, je nachdem sie es für die Gesundheit und die Schönheit früh oder +spät Kinder zu bekommen für zuträglich halten. Auch bei den Makusis +sieht Schomburgk (2, 312), so sehr er auch sich gegen diese Annahme +sträubt, sich genöthigt, an künstliche Fehlgeburten zu glauben. Wenn er +aber meint (313), dass Zwillinge bei ihnen nicht getödtet würden, und +dass überhaupt solche Geburten höchst selten bei ihnen seien, weil er +nur zweimal unter den Eingeborenen von Guyana, einmal unter den Makusis, +einmal unter den Waikas Zwillinge sah und nie von ihnen reden hörte, so +ist das sicherlich unrichtig, denn er selbst erzählt, dass die Frauen +jener Völker auf seine Bemerkung, die Europäerinnen bekämen bisweilen +zwei, ja drei Kinder, den Mund spöttisch verziehend geantwortet hätten: +wir sind keine Hündinnen, die einen Haufen Junge werfen.[G] Also auch +hier dieselbe Auffassung wie überall in Südamerika und sicher auch +derselbe Gebrauch. Schon die Seltenheit von Zwillingen spricht dafür; +und wenn die Indianer nie von Zwillingen sprechen, so erklärt sich das +aus dem herrschenden Gebrauch, von der Ermordung der Kinder überhaupt +nicht zu reden; man thut, als seien sie eines natürlichen Todes +gestorben: »Das arme Kind konnte nicht mit uns Schritt halten; man hat +nichts mehr von ihm gesehen« (Humboldt 64, 226). + +Auch bei den Kulturvölkern Amerikas herrschte derselbe Brauch. Die +Mexikaner, in dem Glauben, dass Zwillinge den Tod des Vaters oder der +Mutter vorbedeuteten, tödteten oft das eine der beiden Kinder (Waitz 4, +164). Die Chibchas, in Neu-Granada, thaten dasselbe, weil sie in +Zwillingsgeburten die Folge grober Ausschweifungen sahen (eb. 4, 367). +Auch in Peru galten Zwillinge als üble Vorbedeutung für die Eltern, der +man in vielen Theilen des Landes durch Fasten (eb. 417), in anderen +durch Tödtung eines der Kinder vorzubeugen suchte (eb. 461). Die +darischen Weiber sollen ihre Kinder getödtet haben, um ihre Schönheit zu +bewahren (350). Die zu den Chibchas gehörenden Panches tödteten alle +ihre Kinder, so lange ihnen nur Mädchen geboren wurden (eb. 376); und +hier mag denn den Schluss die Bemerkung bilden, dass die vielfach +vorkommende Tödtung der Mädchen ursprünglich wohl nicht den Grund hatte, +den Töchtern ein schlimmes Lebensloos zu ersparen, welche Auffassung +gleichwohl späterhin gegolten haben mag: der Hauptgrund war gewiss ein +abergläubisch-religiöser oder wenigstens der, dass man Knaben der +Kriegstüchtigkeit halber und weil man sie für vortrefflicher hielt, +lieber sah als Mädchen. + +Dieselben Sitten galten in Neuholland. Stirbt die Mutter eines +Säuglings, so wird derselbe mit ihr begraben und von Zwillingen stets +das eine Kind getödtet (Freycinet 2, 747), in Ost- und Westaustralien; +missgestaltete Kinder oder solche, die bei der Geburt Schmerzen +machen--diese alle gewiss, weil man sie von bösen Geistern besessen +glaubt--tödtet man gleichfalls, so wie alle Kinder von europäischen +Vätern, welche die Mutter verliessen (Grey 2, 251. Bennet 1, 122). Von +Mischlingskindern tödtet man nach Breton (231) indess nur die Knaben, +nicht die Mädchen, während sonst die Mädchen so vorzugsweise getödtet +werden, dass nach Grey (2, 251) das Verhältniss der Weiber und Männer +wie 1: 3 ist. Jede Mutter tödtet ihr drittes, bisweilen schon ihr +zweites Mädchen, wenn es nicht eine fremde Frau als ihr Kind annimmt +(Salvado 111). Fehlgeburten werden oft herbeigeführt und Neugeborene oft +getödtet, um der Last und der Schwierigkeit, Kinder aufzuziehen, zu +entgehen (Meinicke a 2, 208). Ja es soll sogar vorkommen, dass Eltern +ihre neugeborenen Kinder selbst auffressen (Stanbridge, transaction of +the ethnol. Society X. S. 1, 289; Australia felix 129; Angas 1, 73). Auf +Vandiemensland dagegen herrschte der Kindermord nicht (Bibra 16). + +Wohl aber in Melanesien, und so auf Vate (Gill 67), wo man neugeborene +Kinder lebendig begrub und nur zwei bis drei aufzog (Turner 394), und +ebenso war es auf Erromango (Turner 491) und in grösster Ausdehnung auf +den Inseln in der nächsten Nähe von Neuguinea (Reina in Zeitschr. 4, +359). Auf den Fidschiinseln war der Kindermord gleichfalls nicht selten, +wie Williams und Calvert (1, 180) berichten und das Gemälde, das sie +entwerfen, ist düster genug: künstliche Fehlgeburten, Tödtung der +Kinder, namentlich der Mädchen, gleich nach der Geburt, ist sehr häufig, +aus Laune, aus Faulheit, aus Eifersucht und Rache; wie in Polynesien gab +es auch hier in jedem Dorf Leute, welche Fehlgeburten herbeizuführen +verstehen. Hale (66) schreibt den Fidschis dieselbe Sitte zu, welche wir +bei den Tupis fanden und welche ja auch unter den Indogermanen eine so +weit verbreitete war, dass alle Kinder, welche der Vater oder Priester +nicht unmittelbar nach der Geburt vom Boden aufnimmt, als +»ausgestossene« getödtet werden. + +Aber schlimmer noch und wahrhaft in entsetzlicher Ausdehnung tritt der +Kindermord auf im übrigen Ozeanien. Wir beginnen mit Mikronesien. +Während allerdings die Carolinen frei von diesem Verbrechen waren +(Chamisso 137), durfte auf den Ratakinseln keine Mutter mehr als drei +Kinder grossziehen: alle übrigen wurden umgebracht (Chamisso 119); und +ebenso ist, um übergrosse Bevölkerung zu vermeiden, künstlicher Abortus +bei den Gilbertinsulanern nach Gulick (410), allerdings gegen Hales +Ansicht, häufig. Von der Kingswillgruppe, aber mit Ausnahme von Makin, +sagt auch Hale dasselbe (96). Nach alledem, was wir von den marianischen +Uritaos wissen, scheinen auch sie, obwohl bestimmte Daten darüber +fehlen, die Kinder, welche ihnen bei ihren Ausschweifungen und +namentlich die, welche von niederen Weibern geboren worden, getödtet zu +haben. + +Im eigentlichen Polynesien nun bleiben auf Tikopia nur die ältesten +beiden Söhne am Leben, um die Insel nicht zu übervölkern, so wie alle +Mädchen, daher die Insel weit mehr Weiber als Männer hat (Dillon 2, +134). Auf Tonga kam der Kindermord, dessen Motiv dann meist Trägheit +oder Bequemlichkeit ist, nur vereinzelt vor (Mariner 2, 18-19), auf +Samoa aber gar nicht (Wilkes 2, 80, Williams 560) und ebenso wenig, um +das hier gleich anzuschliessen, auf den Herveyinseln (Williams 560). + +Allein auf Tahiti war das Verbrechen so im Schwunge, dass Ellis (1, 249) +annimmt, es habe sich in der Ausdehnung, wie er es vorfand, erst in +etwa den letzten 50 Jahren vor der Entdeckung, ausbreiten können, weil +sonst eine so zahlreiche Bevölkerung, wie sie Wallis und Cook vorfanden, +sich unmöglich habe erhalten können. Cook fand den Kindermord schon +allgemein verbreitet vor und suchte vergeblich den König Otu zu seiner +Abschaffung zu veranlassen. Auch die Missionäre des Duff (1796) fanden +die Tödtung der Kinder als etwas ganz Selbstverständliches, über das mit +der grössten Gleichgültigkeit geredet wurde (Wilson 272. 310); und mit +demselben Entsetzen über diese Gleichgültigkeit wie Wilson sagt auch +Ellis, dass etwa zwei Drittel der Kinder getödtet seien. Die ersten drei +Kinder wurden es meist, Zwillinge gleichfalls, mehr wie zwei oder drei +Kinder zog Niemand auf. Allein eben dadurch konnten sich die Geburten +rascher folgen und so fand Ellis Frauen, welche vier, sechs, acht, ja 10 +und noch mehr Kinder getödtet hatten (1, 250. 251); ja er versichert, +und da kein Stand von dem Gebrauche ausgeschlossen war, ganz glaublich, +kein Weib gefunden zu haben, das nicht seine Hände mit dem Blut der +eigenen Kinder befleckt hätte. Unter den Areois nun war es so strenges +Gesetz, alle Kinder, welche den Mitgliedern der Gesellschaft geboren +wurden, zu tödten, dass wer sich diesem Gesetz nicht fügte, sofort +ausgestossen wurde. Die einzigen Ausnahmen, welche gestattet waren, +bestanden darin, dass die ersten Fürsten ihren ersten Sohn behielten und +dass die vornehmsten Areois (die Gesellschaft hatte 12 Grade, Mörenhout +1, 489) nur ihr ältestes Kind so wie alle Mädchen tödteten. Das letztere +geschah auch hier wohl aus religiösen Gründen oder weil man die Mädchen +für geringer als die Knaben hielt; Mörenhout, dem diese Nachrichten +entlehnt sind--er handelt von den Areois 1, 485-98--ist der Meinung, +alle diese Morde seien vollbracht, um die Volksmenge der Insel nicht +übergross werden zu lassen, welcher Ansicht man kaum beipflichten wird; +wie denn auch das tahitische Volk selbst der Ansicht war, die Weiber +brächten zur Conservirung ihrer Schönheit die Kinder um. Dass alle +Kinder einer Mischehe--wenigstens, nach Williams 565, eines gemeinen +Mannes und einer adligen Frau--umgebracht wurden, versteht sich nach den +Begriffen, welche man über die verschiedenen Stände hatte und nach denen +der Adel ganz göttlich, das Volk aber nicht einmal im Besitz einer Seele +war, von selbst. Für Tonga wählte man solche Kinder vorzüglich +gern, nach Mariner, zu Opfern aus. Und so war es auf allen +Gesellschaftsinseln. Williams erzählt von Raiatea, wo er (1829) seine +Station hatte, folgendes Beispiel. Er sass mit Bennett in einem Zimmer, +in dessen Hintergrund mehrere eingeborene Weiber arbeiteten und als +Bennett sich bei ihm nach der Ausdehnung des Kindermords erkundigte, so +fragte er, um sich selbst zu überzeugen, ob das Verbrechen so allgemein +sei als er glaube, die zufällig anwesenden Weiber, die er nicht weiter +kannte, wie viel Kinder jede getödtet habe: neun die eine, sieben die +andere, die dritte fünf, also alle drei zusammen 21! Eine andere Frau +bekannte sterbend, dass sie 16, ein vornehmer Häuptling, dass er 19 +umgebracht hätte und manche Familien hatten alle getödtet (Williams +562-565). Als Gründe geben ihm die Eingeborenen an, zunächst Furcht vor +den ewigen Kriegen und ihren blutigen Zerstörungen; man wollte von den +Kindern nicht gehindert sein, auch wohl böse Schicksale ihnen ersparen +und was wohl der Hauptgrund war, dem Feind keine Gelegenheit zu irgend +welchem Triumph (etwa durch Gefangennehmung oder Ermordung der Kinder) +geben. Zweitens war aber die Verschiedenheit des Ranges ein wichtiger +Grund. War ein Mann von niederem Rang als seine Frau, so konnte er durch +Tödtung von zwei, vier oder sechs Kindern, je nachdem er tiefer stand, +zum Rang der Frau sich erheben und die Kinder, welche ihm, nachdem er +diese Stufe erreicht, geboren wurden, blieben am Leben. Die Frau aber, +welche von minder hohem Range als ihr Mann war, konnte, da alle +Vererbung nur in weiblicher Linie erfolgte, sich durch kein Mittel, auch +dieses nicht erheben. Blieben aber in gemischten Ehen die Kinder ohne +Weiteres am Leben, so sank die Familie auf den Rang herab, welchen der +minder vornehme der Eltern inne hatte (Ellis 1, 256). Als dritten Grund +führt Williams die Eitelkeit der Weiber auf: sie wollten ihre Schönheit +nicht durch Säugen und Kinderpflegen gefährden. Der Hauptgrund scheint +aber, wenn nicht in frühester, vorhistorischer Zeit religiöse Motive +mitwirkten, Faulheit gewesen zu sein: auf der Insel, welche eine +vielfach grössere Bevölkerung leicht ernähren konnte, hiess ein Vater +von vier Kindern schon ein »arg überbürdeter« Mann (Ellis a.a.O.). + +Man tödtete die Kinder, indem man ihnen einen nassen Lappen auf den Mund +legte, oder ihnen die Kehle mit dem Daumen zupresste, oder sie, noch im +Mutterleibe, aber während der Geburt, mit einem spitzen Bambus +durchbohrte; oder man begrub sie lebendig und zwar gerne so, dass die +Erde nicht unmittelbar auf sie kam, sondern sich über ihnen her wölbte +(Williams und Ellis a.a.O.). Eine vierte noch viel scheusslichere Art +beschreibt Williams 567-568: zuerst wurden den eben Geborenen die +äussersten Glieder an Finger und Zehen, dann, wenn sie davon nicht +starben, die Hand- und Fussknöchel gebrochen. Ueberstand das Kind auch +das, so kamen die Kniee und Ellenbogen an die Reihe, und wenn es dann +immer noch lebte, so wurde es schliesslich erwürgt. Indess ist die That +scheusslicher als die Gesinnung, welche sie hervorbrachte: denn ohne +Zweifel wandte man diese grässlichen Todesarten aus keinem anderen +Grunde an als aus Ehrfurcht vor der Seele des Kindes, die auf möglichst +gelinde Weise, von aussen her, zur Entfernung mehr aufgefordert als +genöthigt werden sollte, und erst wenn sie diese Aufforderung gar nicht +verstand, trat Zwang ein. Denn die Seelen der getödteten Kinder, die +man sich unter der Gestalt von Heuschrecken nach Mörenhout dachte, +galten für heilig und wurden hoch geehrt. Auch hier gab es fast in jedem +Dorfe Leute, welche aus dem Kindermord Gewerbe machten (Williams 568) +und doch, war einem Kinde auch nur eine Viertelstunde das Leben erhalten +worden, so durfte es nicht mehr getödtet werden, und hatte dann sehr +liebevolle, ja wohl zärtliche Eltern. + +Wo möglich noch roher waren die Bewohner der Sandwichsinseln. Hier +herrschte der Kindermord namentlich in den unteren Klassen, von denen +die Eltern selten, mochten die Ehen auch noch so fruchtbar sein, mehr +als zwei oder drei, vielmehr oft nur ein Kind aufzogen. Auch hier sind +(Ellis 4, 326-330) 2/3 der Kinder getödtet und zwar meist durch Erwürgen +oder lebendig Einscharren, wobei man sie ohne Weiteres mit Erde bedeckte +und diese mit den Füssen feststampfte. Hier begrub man die kleinen +Leichen oft im eigenen Hause, ja im eigenen Schlafgemach der Eltern, +während man zu Tahiti ihnen doch wenigstens einen Platz neben dem Hause +gab. Oft waren es, hier wie zu Tahiti, die Eltern selbst, welche die +grauenvolle That vollbrachten. In Hawaii war der Grund zu diesem Mord +meist Trägheit nach Ellis 4, 329 und Eitelkeit der Weiber, nach Jarves +85. Während aber zu Tahiti die Kinder, welche die erste halbe Stunde +überlebt hatten, gerettet waren und zärtlich aufgezogen wurden; so +tödtete man zu Hawaii, mit viel grösserem Stumpfsinn, die Kinder auch +noch nach einem Jahre, ja noch später. War ein Kind krank und machte +Unruhe, so begrub man es lebendig, schrie es der Mutter zu unerträglich, +so stopfte sie ihm ein Stück Zeug in den Mund und grub die unglückliche +Creatur in die Erde, wenige Schritte von ihrem Bette, zu welchem sie +nach vollbrachter That, als ob nichts geschehen wäre, ruhig zurückkehrte +(Ellis 4, 330). Und selbst dies wird noch durch folgenden Fall, den +Ellis gleichfalls (326) erzählt, überboten. Ein Mann und eine Frau, +welche ein Kind, einen hübschen Jungen, nach Jarves (73) von sieben +Jahren, hatten, geriethen über denselben in Streit und da die Frau nicht +nachgab, ergriff der Vater das Kind bei Kopf und Fuss, brach ihm über +seinem Knie den Rücken entzwei und warf die zuckende Leiche der Mutter +zu Füssen! Tamehameha, bei dem die Unthat angezeigt wurde, erklärte, er +könne nicht strafend eingreifen, da der Mann sein eigen Kind umgebracht +habe.--Auch in Neuseeland findet sich der Kindermord gar nicht selten +(Angas 1, 313); er ist aber, wie in Tahiti, nicht mehr statthaft, wenn +das Kind auch nur eine halbe Stunde gelebt habe. Will man es tödten, so +wird es meist lebendig begraben oder bei der Geburt erwürgt. Rache ist +häufig das Motiv hierzu, wegen harter Behandlung der Frau während ihrer +Schwangerschaft, oder weil der Vater sie verliess oder aus irgend +welchem anderen Grunde (Dieffenbach 2, 25 ff.). Trägheit aber steht auch +hier in erster Linie. Namentlich Mädchen brachte man um (Taylor 165). +Auch Abortus ist häufig: und so ist es nicht zu verwundern, dass (Browne +40) die Ehen durchschnittlich kaum mehr als zwei Kinder haben. +Allerdings herrschen diese furchtbaren Gebräuche am meisten an der +Küste; im Innern sind die Familien zahlreicher, ja Dieffenbach (2, 33) +sah bis zu 10 Kindern in einer. Gegen die geschonten Kinder sind die +Maoris liebevolle (Dieffenbach 2, 25 ff.), wenn auch nicht gerade +zärtliche Eltern (Browne 39). + +Es könnte scheinen, als hätten wir uns schon allzu lange bei diesem +abschreckenden Gegenstande aufgehalten und seien zu sehr ins Einzelne +gegangen, allein dies genauere Eingehen war nöthig für folgenden +Nachweis. Da alle Polynesier liebevolle Eltern sind und wir dennoch +dieselben Eltern im ganzen östlichen Polynesien so vollkommen abgehärtet +gegen den Kindermord sehen, dass sie ruhig von allen den +Scheusslichkeiten sprechen, ja auch schon herangewachsene Kinder +kaltblütig morden: so kann diese Sitte nicht erst 50 Jahre vor der +Entdeckung, also um 1700 oder 1710 weiter um sich gegriffen haben, wie +Ellis will. Jedenfalls muss sie älter sein, auch in dieser Ausdehnung. +Denn um ein Volk so ganz zu beherrschen, dazu braucht eine solche Sitte, +auch wenn sie eingeschränkt schon früher im Gebrauche war, mehr als 50 +Jahre. Auch ist uns berichtet, dass die marianischen Weiber ihre Kinder +vor und bei der Geburt massenweise tödteten, als die Spanier die Inseln +eroberten, damit die Neugeborenen nicht in Knechtschaft geriethen. Auch +das setzt schon ein Bekanntsein mit Aehnlichem voraus, und dazu kommt, +dass sich beim malaiischen Stamm überhaupt die Sitte des Kindermordes +oder des künstlichen Abortus sehr häufig findet. So treiben die Battas +häufig die Frucht vorzeitig ab, Waitz 5, 190; die östlichen Malgaschen +tödten Zwillinge, sowie sie solche Kinder, die an einem bösen Tage +geboren wurden, ertränkten, aussetzten oder lebendig begruben (Waitz 2, +441). Die Bisayas ziehen, um nicht zu verarmen, nur wenige Kinder auf, +und tödten uneheliche Kinder meist, weil das Mädchen, ihr Vater und ihr +Geliebter für aussereheliche Schwangerschaft Strafe zahlen müssen +(Loarca in Ternaux Archives 1, 23). Aehnlich die Pintados auf den +Philippinen, welche ihre Kinder vom 3ten an tödten, indem sie dieselben +unter Festen und Lustbarkeiten lebendig begraben, so wie auch, um sie +nicht ernähren zu müssen, alle unehelichen Geburten (nach einem Bericht +von 1577 in N. Journ. As. VIII, 39, 1831). Auf den Niasinseln setzt man +die Kinder aus (Domis bei Oosterling tydschrift toegew. van de +verbreiding d. Kennis v. Oost. Indie II, 2, 125). Abtreiben der Kinder +bei den Dajaks aus Sittenlosigkeit erwähnt Schwaner Borneo 1, 203. + +Wie hat man sich nun die Entstehung dieser schrecklichen Sitte zu +denken? Ist es bloss Trägheit und Versunkenheit, worin sie wurzelt? In +Afrika und Nordamerika ist freilich meist das äussere Elend ihr Anlass, +wie auch die Markesaner ihre Kinder aus Hungersnoth tödteten und assen +(Ellis 4, 328); allein das reicht weder für Polynesien noch für +Südamerika aus. Meinicke meint nun (b, 59 bis 60), dass in Polynesien +der Kindermord eingeführt sei, um die Reinheit des Blutes der +Aristokratie zu erhalten. Er stützt diese Ansicht, für welche +historische Gründe sich nicht aufstellen lassen, dadurch, dass, trotzdem +der Kindermord bei allen Klassen der Bevölkerung vorkommt, er doch zu +Tahiti zumeist von den Areois ausgeht, dass alle Kinder aus gemischten +Ehen, die bei der förmlichen Berechtigung der Vornehmen zu jeglichem +Lebensgenuss gar nicht zu vermeiden waren, getödtet wurden. »So mögen«, +fährt er S. 60 fort, »solche Kinder seit Jahrtausenden getödtet sein, +ohne dass dies bei den körperlichen Vorzügen, die dergleichen +Verbindungen mit Menschen niederen Standes nicht häufig gemacht haben +werden und bei ihrer geringen Zahl grossen Einfluss gehabt haben wird. +Aber mit der Zeit fing man an, Kinder auch zu tödten, um durch die +Sorge, die sie erforderten, nicht an Ausschweifungen und Vergnügungen +gehindert zu werden (wie es bei den Areois der Fall war), und endlich +verbreitete sich die grauenvolle Sitte bloss durch den Einfluss der +Mode, die auf den Südseeinseln so gut wie in anderen Erdtheilen die +niederen Stände antreibt, Verkehrtheiten und selbst Laster der Vornehmen +nachzuahmen, auch unter das Volk, wo sie in der Bequemlichkeit, +Liederlichkeit, Armuth und den Beschwerden, die Kinder zu erziehen, +mannigfache Unterstützung fand. Man sieht, dass der Kindermord so mit +der Zeit stets zunehmen musste und wird hierin eine Hauptursache der +erstaunlich raschen Abnahme der Bevölkerung zu suchen haben, wenn auch +die Angaben der Missionäre über die Zahl der hingeopferten Kinder +übertrieben sein sollten«. Dies letztere ist nun zwar bei den mit +bestimmten Zahlen angegebenen einzelnen Fällen und der genauen +Uebereinstimmung der Angaben, welche die Missionäre machen, nicht +wahrscheinlich[H] wie denn Ellis ausdrücklich sagt, dass er Williams +Angabe, 2/3 der Kinder seien getödtet, an Ort und Stelle geprüft und +nicht übertrieben gefunden habe. Recht aber hat Meinicke darin, dass +auch er diese Sitte für eine sehr alte ansieht. + +Allein sonst ist seine Ansicht schwerlich richtig. Mag auch späterhin, +und er hat es gewiss sehr reichlich gethan, der Unterschied zwischen +Volk und Adel dem Kindermord weitere Ausdehnung verliehen haben; +veranlasst hat er ihn gewiss nicht, wofür zunächst spricht, dass wir in +Südamerika den Kindermord fast in ähnlicher Ausdehnung wie in +Polynesien, jenen Standesunterschied aber nicht vorfanden. Aber auch für +Polynesien allein wird es bedenklich, den letzteren als alleinige +Ursache des ersteren anzusehen, wenn man Folgendes erwägt. Williams +sagt, wie wir schon vorhin sahen, dass ein niederer Mann durch +Kindermord sich dem Stand seiner vornehmeren Frau angleichen kann; was +Meinicke, wohl nur durch einen Irrthum seinerseits, für einen Irrthum +hielt. Denn aller Rang vererbte durch die Mutter; der Adel war ferner +eine mit Seele begabte, göttliche Klasse, im Gegensatz zu dem +unbeseelten, irdischen Volk. Kinderseelen nun, welche nach Mörenhout für +besonders heilig gehalten und zu denen als Vermittlern zwischen Göttern +und Menschen besonders gebetet wurde, konnten, wenn für den unbeseelten +Mann geopfert, ihm, sei es durch direkten Uebergang in ihn, oder sei es +durch Vermittlung bei den Göttern, zu einer Seele verhelfen, wodurch er +zu höherem Rang emporstiege. Die Areois sind eine religiöse +Gesellschaft; religiöse Scheu zeigte sich in der Art, wie man +(wenigstens in Tahiti) die Kinder umbrachte; man hat sie also in vielen +Fällen vielleicht nur getödtet, um Schutzgeister zu haben oder sie als +Opfer fürs eigene Leben--solche Opfer werden wir gleich noch mehr +sehen--den Göttern darzubringen. Dieselbe Bedeutung hat wohl der +Kindermord in Mikro-und Melanesien gehabt, wie einzelne Spuren noch +andeuten, wenn sich auch Zwingendes nicht dafür anführen lässt als eben +ihre Verwandtschaft mit den Polynesiern. Wenn aber Meinicke sagt, die +Sitte müsse überall geherrscht haben und sei, wo wir sie nicht erwähnt +finden, wie in Tonga, nur übersehen, so kann man das nicht zugeben; der +so feinen und scharfen Beobachtung Mariners hätte sich ein so +auffallender Gebrauch nicht entziehen können und er führt 2, 18-19 einen +Fall der Art ausdrücklich als etwas Ausserordentliches an. Aber möglich +ist es, ja wahrscheinlich, dass die Sitte auch in Tonga ursprünglich +geherrscht hat, nur während sie sich im übrigen Polynesien ausbreitete, +so erlag sie schon sehr früh und lange vor der Entdeckung dem besseren +Sinn der Tonganer, wie sie auch andere ähnliche Sitten aufgaben, z. B. +die Ermordung der Weiber beim Tode der Männer, von der Mariner als von +einer früher gebräuchlichen hörte (1, 342), die aber zu seiner Zeit +schon ausser Gebrauch gekommen war. + +Da wir nun Gründe haben, bei den Polynesiern diesen Gebrauch für einen +ursprünglich religiösen zu halten, der freilich in späterer Zeit aus +ganz anderen Motiven, aus Faulheit, Eitelkeit, Lieblosigkeit, +Standeshochmuth u.s.w. sich unendlich verbreitete und das ganze Leben +der Nation in der neuen Gestalt anfrass; so möchte auch die ziemlich +weite Verbreitung der Sitte, wie wir sie im eigentlichen Malaisien von +Luzon bis nach Madagaskar hin nachwiesen, auf demselben Princip beruhen. +Wie es sich in Südamerika hiermit verhält, lassen wir, da es uns an +älteren Daten fehlt, unerörtert; doch hat hier vielleicht eine ähnliche +Grundanschauung geherrscht, als wir sie für Polynesien annahmen. Denn in +Mexiko wenigstens glaubte man, kleine Kinder, welche stürben, seien den +Göttern besonders lieb; sie kämen zu einem Baum, von welchem beständig +Milch herabträufele, und seien Vermittler zwischen Göttern und Menschen +(Waitz 4, 166). Kinderopfer, um die Götter gnädig zu stimmen, kamen viel +bei ihnen vor (4, 159) und das Bild des Gottes, das sie bei der +Ceremonie, die unserem Abendmahl ähnlich ist, unter sich vertheilen und +als »das Fleisch Gottes« verzehren, war mit Kinderblut angefertigt, wie +auch bei den Totonaken die Kuchen bereitet waren, welche sie »das Brot +unseres Lebens« nannten (Waitz 4, 161). Jetzt scheint diese Sitte dort +keine anderen Motive zu haben, als Eitelkeit, Faulheit und Elend und +Noth[I]. Das Tödten von Zwillingen oder des einen von beiden Kindern +beruht auf anderen Grundlagen: es geht aus von dem Schreck über das +portentum einer mehrfachen Geburt, in welcher man etwas Unnatürliches +und daher Unheimliches oder aber eine Thierähnlichkeit sah. + + + + +§ 9. Krieg und Kannibalismus. + + +Haben wir oben gesehen, wie wenig das Menschenleben bei den Naturvölkern +geachtet wurde, so werden wir von seinem geringen Werth bei ihnen im +Folgenden noch massenhaftere Beispiele finden, da wir uns zunächst mit +der Frage beschäftigen müssen, welchen Einfluss auf Zahl und Existenz +dieser Völker haben Krieg, Kannibalismus und Menschenopfer gehabt? + +Freilich scheint die Art der Kriegführung bei den unkultivirten Stämmen +mindere Opfer als bei den kultivirten gefordert zu haben. Denn so +kriegerisch auch die Nordamerikaner waren, so sehr ihr ganzes Leben +beinah auf dem Krieg beruhte, so galt ihnen doch eine Art der +Kriegführung, wie die europäische, wo man in offener Feldschlacht stets +das eigene Leben in Gefahr setzt, für Thorheit, ihr Krieg bestand nur in +Ablauern des Feindes, in Ueberfall und Hinterhalt; daher er denn, dem +entsprechend, minder durch Tapferkeit als durch Schnelligkeit, +Schlauheit und Verwegenheit geführt wurde. Aber dafür endete auch der +Krieg bei ihnen nie: denn Grenzverletzungen oder Blutrache, sowie Rache +für Zauberei (durch die man jeden Todesfall, namentlich aber den Tod von +Häuptlingen verursacht glaubte) oder alter, einmal eingewurzelter und +durch stets neue schlimme Thaten niemals verlöschender Stammhass +erregten ihn immer aufs Neue. Und gerade diese versteckte, fast feige +scheinende Art, wie sie den Krieg führten, brachte oft ein furchtbares +Blutvergiessen hervor, da bei den Ueberfällen der meist unvorbereitete +und wehrlose Feind ganz und gar mit Weib und Kind niedergemetzelt wurde, +schon der Skalpe wegen, deren Erbeutung ja den Siegern die grösste +Herzenssache und Ehre war. In Virginien zwar und bei den Huronen wurden +Weiber und Kinder meist zu Gefangenen gemacht; war der Kampf aber lang +und erbittert gewesen, so mordeten auch hier die Sieger so lange als sie +die Arme heben konnten (Waitz 3, 150-154). Und gefangene Feinde, die +Männer wurden ja von diesen Völkern wie bekannt so gut wie immer +getödtet. Dass aber solche Kriege der Existenz ganzer Völker +verhängnissvoll geworden sind und also, als für ihr Aussterben +grundlegend, recht eigentlich zu unserer Betrachtung gehören, dafür hat +Waitz, was Amerika betrifft, 1, 165, Zeugnisse gesammelt. »Die +Kupferminenindianer sagt er an dieser Stelle, wurden durch die +Hundsrippenindianer (Hearne) fast vertilgt, die Moquis durch die Navajos +im hohen Grade geschwächt (Schoolcraft), die Osagen durch ihre +erstaunlich vielen Feinde innerhalb 10 Jahren auf die Hälfte ihrer +früheren Anzahl reducirt. Der kleine Rest des besiegten Volkes wird dann +nicht selten von dem siegenden in sich aufgenommen und sein Name +verschwindet von da an aus der Geschichte. Auf diese Weise sollen z.B. +die Creecks allmählich die Reste von 15 anderen Stämmen verschlungen +haben.« Auch die Irokesen (Waitz 3, 155) haben ausserordentlich durch +derartige Kriege gelitten. Jenseits des Felsengebirges sind die Kriege +viel milder und thun im Ganzen wenig Schaden (3, 338) und ebenso ist es +auch bei den Oregonvölkern, wenn diese gleich viel kräftiger zu sein +schienen als die Nulkas und Chinooks. + +Der Kannibalismus, welcher vom Kriege nicht zu trennen ist, hat auf die +Völker Nordamerikas keinen sehr bedeutenden und für ihre Zahl durchaus +ungefährlichen Einfluss gehabt. Er findet sich bei manchen Völkern, z.B. +den nördlichen Athapasken, den Hasenindianern, Nipissangs, den Crees, +Ojibways, doch ist bei allen diesen das Entsetzen vor der That ein ganz +ausserordentliches. Ebenfalls findet er sich, und durch gleiche +Veranlassung, bei den Indianern in Canada, die ihn aber minder +verabscheuen (Waitz 3, 89). Allein bei den Algonkins und den Irokesen, +den Sioux war der Kannibalismus früher (jetzt hat er aufgehört) weit +verbreitet und besonders merkwürdig ist es, dass es bei den Miami und +Potowatomi eine besondere, aus bestimmten Familien sich ergänzende +Gesellschaft gab, welche Menschenfleisch ass und sich im Besitz von +übernatürlichen, auf andere übertragbaren Zauberkräften wähnte (Waitz 3, +159 nach Keating): man wird an die Gesellschaften der Areois auf Tahiti +und die entsprechenden auf den anderen polynesischen Inseln erinnert.[J] +Aber bei allen diesen amerikanischen Völkern sowie auch bei den +Oregonindianern (Waitz 3, 345) ward der Kannibalismus nur an gefangenen +oder gefallenen Feinden ausgeübt, deren Herz man ass, theils aus Rache, +theils um sich die Tapferkeit und Kraft dessen, dem das Herz gehörte, +anzueignen (Waitz 3, 159). + +In Südamerika hat der Krieg nicht minder, die Anthropophagie noch weit +mehr gewirkt, als in Nordamerika: lebte doch hier das Volk, welches dem +Kannibalismus seinen Namen gegeben hat, die Kaniben, Kariben oder +Karaiben. Ursprünglich auf den kleinen Antillen und dem ihnen +gegenüberliegenden Festland heimisch machten sie von dort aus, nach +Columbus Erzählung, verheerende Kriegszüge in weite Ferne, um Weiber zu +erbeuten, während sie die Männer erschlugen und sie, wie auch ihre +eigenen mit den gefangenen Weibern erzeugten Kinder frassen (Waitz 3, +374-375). Auch ihre Weiber waren ausserordentlich kriegerisch und +kämpften so selbstständig, dass die Sage von den Amazonen, die im +nördlichen Südamerika häufig vorkommt, durch sie veranlasst zu sein +scheint. Schomburgk 2, 429 erzählt, dass die Kariben sich namentlich +gegen die Makusis wandten, um Sklaven zu erbeuten, zu welcher +Menschenjagd sie von den Holländern aus Eigennutz angetrieben wurden, +denn diese kauften die Sklaven von ihnen. Er schildert diesen +scheusslichen Handel näher und sagt, dass er bis gegen die vierziger +Jahre dieses Jahrhunderts, also bis auf unsere Zeit hin bestanden habe! +Die Art nun, wie noch jetzt die Kariben von allen anderen indianischen +Stämmen als Herrn und Gebieter gefürchtet werden, so dass sie ohne +Weiteres sich in jeder beliebigen Hütte was ihnen gefällt nehmen können +(ebendas. 427); so wie die blinde Angst, welche man noch jetzt in jenen +Gegenden vor ihnen hat, lässt erkennen, was sie einst gewesen sein +mögen. Und wie durch sie die Aturen (Humboldt c, 1, 284) in die +Katarakten des Orinoko, wo + + ihres Stammes letzte Spuren + birgt des Uferschilfes Grün, + +hineingedrängt verkamen: so waren die blutigen Kriege, welche von ihnen +ausgingen, eine Hauptursache für die Verminderung der Stämme in Guyana. +Indess verzehren sie jetzt (Schomburgk 2, 430) Menschenfleisch nicht +mehr; und jetzt sind auch sie sehr zusammengeschmolzen (eb. 417), wozu +ihre eigenen Kriege nicht wenig beigetragen haben mögen. Da nun auch die +Tupi tapfere, ja wilde Krieger waren (Azara 218) und sie sowohl wie auch +die Guarani (welche Azara 213 ff. freilich als sehr scheu schildert) +Menschenfleisch verzehrten; da nun auch fast alle südamerikanischen +Stämme, die Araukaner (Waitz 3, 529 ff.), Chiquitos (eb. 530), die +Pampas, Patagonier u.s.w. (Azara an vielen Stellen) sich durch wilde +Tapferkeit auszeichneten und demzufolge zwischen ihnen fast stetiger +Krieg herrschte; da sie fast alle Kannibalen waren, wie die Mbayas +(Waitz 3, 473), ganz besonders die Guaykurus (471), die Tobas (475), die +Abiponer (476), die Feuerländer (508) und ebenso die Patagonier, welche +alle feindlichen Männer niederhieben, Weiber und Kinder aber zu +Gefangenen machten: so werden wir begreiflich finden, dass die Zahl +dieser Völker, die in so heftigem und unablässigem Kampf mit einander +sind, auch dadurch abgenommen hat und noch jetzt abnimmt. Tschudi 2, 259 +sagt geradezu, dass die Angriffe der Botokuden auf die von den +Portugiesen um Rio Janeiro unterworfenen halb civilisirten Indianer die +Ursache seien, dass jene Gegenden auch heute noch so spärlich bevölkert +seien. Auch mag daran erinnert werden, dass jene Völker in dem +Urarigift, mit dem sie ihre Lanzen vergifteten, eine ganz besonders +gefährliche Waffe haben, da dies Gift auch bei der leisesten Verwundung +unfehlbar tödtet. + +Tüchtige Krieger waren nun, nach der trefflichen Schilderung bei Waitz, +auch die Kulturvölker des alten Amerikas. Doch da ihre Kriege keine +Vernichtung des Feindes bezweckten, sondern diesem, auch wenn er besiegt +wurde, seine Nationalität und Hab und Gut liessen, bis auf den Tribut, +den sie zahlen mussten (Waitz 4, 77. 406), so konnten diese wohl den +Namen von Völkern aufhören machen, indem sie das besiegte dem eigenen +Volke einverleibten, und namentlich in Peru geschah das öfters (407), +aber ein Volk vernichten oder auch nur so weit verringern, dass seine +Lebenskraft dadurch gebrochen wäre, konnten sie nicht und haben sie +nicht gethan, denn Columbus, Cortez und Pizarro fanden dichtbevölkerte, +blühende Staaten vor. Zwar herrschte auch Anthropophagie in Mexiko: die +geopferten Sklaven oder Kriegsgefangenen wurden verzehrt, und die +Ottomies sollen sogar Menschenfleisch auf dem Markte verkauft haben, +eine Sitte, die man so wenig anstössig fand, dass man offen davon sprach +und den Spaniern erzählte, ihr Fleisch schmecke bitter (Waitz 4, 158); +doch liegt es auf der Hand, dass auch diese Sitte dem Bestehen dieser +Völker oder seiner Nachbarn nicht die mindeste Gefahr brachte, da sie +sehr wenig ausgedehnt war. Sie scheint ein Recht zu sein aus alter und +ältester Zeit, wo sie dann freilich weitere Verbreitung gehabt haben +wird. Auch in Neugranada war Kannibalismus, in manchen Gegenden des +Landes in sehr roher Form, verbreitet (Waitz 4, 374, 376). Was von den +Cariben erzählt wird, dass sie ihre eigenen mit gefangenen Weibern +erzeugten Kinder gefressen hätten, wird auch von ihnen berichtet (4, +374). Auch in Yukatan (310) fand sich Anthropophagie. + +Anders aber finden wir es in der Südsee. Zwar in Australien sind, ausser +im Norden, die Kämpfe an sich wenig blutig: Hale 115 beschreibt +dieselben, wie sie meist aus Privatschlägereien entstehen, wie sich dann +beide Parteien, jede bis 200 stark, heftig und lange erst schelten, und +dann Mann für Mann vortritt und den Speer schleudert, bis einer +verwundet wird: dann hört der Kampf auf. Doch fehlt es ihnen keineswegs +an Muth, Kraft und Standhaftigkeit, wie sie auch Schmerzen mit grosser +Geduld ertragen (Turnbull 34-35). Allein da die Kriege, bei der +Verfehdung fast aller Stämme unter einander, doch sehr zahlreich sind +(Wilson 143 v.d. Rafflesbai), da man manche Stämme von ihnen, namentlich +die Nordaustralier, deren Krieger und Zauberer durch den ganzen +Continent aufs Aeusserste gefürchtet sind, als Gegner auch Europäern +gegenüber keineswegs verachten darf (Grey 1, 152), da ferner auch diese +Kriege zum grössten Theil in Ueberfall und in Ermorden Wehrloser oder +Schlafender bestehen und, weil jede solche That wieder Rache verlangt, +geradezu unendlich sind (Meinicke a 2, 198)--so sind sie für die Zahl +und das Gedeihen der Einwohner so verhängnissvoll, dass wir sie als eine +der wichtigeren Ursachen für das Aussterben der Australier hier +bezeichnen müssen. Auch die Eingeborenen von Vandiemensland lebten unter +einander in beständigem Streit, der von Stamm gegen Stamm ausgefochten +wurde (Nixon 26). + +Auch Kannibalismus herrscht in Neuholland, doch keineswegs sehr +ausgedehnt. So brauchen nach Angas 1, 68 die Eingeborenen von Lake +Albert die Schädel ihrer Feinde als Trinkgeschirre, ganz wie die Inkas +von Peru (Waitz 4, 413) und die Abiponer, und nach dem bekannten +Zeugniss des Paulus Diaconus, die Langobarden.[K] Ferner sollen +Kannibalen im Innern des Landes leben (Angas 2, 231); ganz sicher +verzehren im Norden Freunde ein Stück vom verstorbenen Freund und an +Moretonbai assen (Angas 1, 73) Eltern aus Liebe von dem Fleische ihrer +todten Kinder, eine Sitte, welche nach Anderen auf geliebte Verwandte +überhaupt ausgedehnt ist (Howitt a, 289. Austral, Felix 134). Sie findet +sich auch zu Hawaii: dort ass das Volk aus Liebe Fleisch von der Leiche +seiner verstorbenen Fürsten (Remy XLVIII. 125.[L]) Auch Aberglaube +diente dazu den Kannibalismus zu verbreiten. Wie bei den Potowatomi und +den Miami in Nordamerika, wie in so manchem indisch-arabischen Mährchen +der Genuss des Menschenfleisches höhere übermenschliche Kraft gibt--ein +Zug, der auch, wie wohl verdunkelt, in deutschen Sagen vorkommt +(Bechstein, Sagen des Rhöngeb. u. d. Grabfeldes 60 ff.)[M]--ebenso +müssen in Australien (nach Eyre) die Zauberer Menschenfleisch essen, um +ihre Wunderkraft zu behalten. Am Lake Alexandrine ist es nicht +ungewöhnlich, einem lebenden Menschen das Nierenfett auszuscheiden, das +als Zauber gegen böse Geister von ganz besonderer Kraft sein soll (Angas +1, 123). Auch Bennet (1, 295) fand Menschenfett als Zaubermittel oder +Medikament aufgehoben. Meinicke a 2, 184 hat also wohl die Neuholländer +zu frei von Kannibalismus dargestellt. + +Gehen wir nun zu den melanesischen Inseln, so finden wir auf Vanikoro +unter den einzelnen Stämmen fortwährenden Kampf (D'Urville 5, 165) und +wenn sie auch keine Kannibalen zu sein behaupten, so dienen die Schädel +der Feinde doch als Trophäen (eb. 217), welche öffentlich aufbewahrt +werden. Auch auf Tanna herrscht beständiger Krieg der einzelnen Stämme +unter einander (Turner 82, Gill 227), da jede Privatbeleidigung einen +öffentlichen Krieg nach sich zieht (85), und ausgebildetster +Kannibalismus: die erschlagenen Feinde werden mit Yams gekocht, Farbige +den Weissen vorgezogen, einzelne Portionen des Fleisches an Freunde +geschickt als Ehrengeschenke u.s.w. (82). Auch auf Fate und Aneitum, +obwohl beide minder kriegerisch sind, findet sich der Kannibalismus +(Turner 393. 371. Gill 66). Erromango und Mare (Nengone), auf welcher +letzteren Insel zwei feindliche Staaten neben einander bestanden, waren +fortwährend von leidenschaftlichem Krieg heimgesucht und die +Anthropophagie hatte hier einen solchen Grad erreicht, dass selbst die +nächsten Verwandten, wenn man mit ihnen in Streit gerieth, erschlagen +und gefressen wurden (Gill 10-11; 122. Turner 400. 411). Es ist eine +leere Behauptung oder auch Einbildung der katholischen Mission, dass sie +auf Neukaledonien den Kannibalismus hätte aufhören machen (Montreval in +nouv. annal. de la foi 1854, 94); Turner (um anderer zu geschweigen) +fand ihn daselbst sehr ausgebildet und so unbefangen, dass er überall +eingestanden und besprochen wurde (426), wie er uns auch von den +beständigen Kriegen der Insel (428) berichtet. Die Bewohner von Isabel +schildert schon Mendana 1595 (Dalrymple 91) als Menschenfresser und +eifrige Krieger, wie sich auch die Bewohner von Guadalcanar zeigen. +Eifrige Krieger und Menschenfresser sind auch die Eingeborenen der +Lusiade (Salerio bei Petermann 1862, 342-344) und von der Nordwestküste +von Neuguinea sagt einer der besten Kenner dieser Gegenden, Marsden (in +Transact. of the Reg. Asiat. Soc. 3,125), dass daselbst ein äusserst +roher Kannibalismus herrsche: man frisst Feinde so gut wie Freunde, +natürlich Gestorbene so gut wie Erschlagene, und ist dieser Nachricht +gegenüber nicht abzusehen, wie Finsch (49) seine Behauptung, noch sei +von keinem glaubwürdigen Manne bestimmte Nachricht über das Vorkommen +des Kannibalismus auf Neuguinea gegeben, aufrecht halten will. Einzelne +der neuguineischen Stämme sind Köpfeschneller, d.h. sie schlagen todt, +wen sie finden, um Köpfe zu erbeuten, deren recht viele zu besitzen +eine grosse Ehre ist; und so entstehen bloss zu diesem Zwecke im +Distrikt Namototte (Speelmannsbai) die hartnäckigsten und mörderischsten +Kriege (N. Guin. 109 ff. und daher wohl Finsch 82). + +Aber schlimmer als überall ist die Geringschätzung des Menschenlebens +auf den Fidschiinseln, deren Einwohner im Ruf einer besonderen +Tapferkeit auch auf Tonga stehen, und die von solchen Tonganern, welche +Kriegsabenteuer erleben und zu Hause selbst als Krieger berühmt sein +wollten, vielfach besucht wurden (Mariner). Krieg ist nun auch, nach +Wilkes 3, 63, ihre so beständige Beschäftigung, dass irgend welcher +Kampf auf der Gruppe immer herrscht; und da die Insulaner ebenso +blutdürstig als verrätherisch sind (Hale 50), so sind diese Kriege sehr +zerstörend. Doch führen sie den Krieg, der indessen stets offen angesagt +wird, nur durch Verrath und heimlichen Ueberfall; weshalb sie Williams +und Calvert (1, 43) und ebenso Erskine (249) geradezu feig nennen. Wegen +des beständigen Verrathes herrscht ein grenzenloses Misstrauen auf der +Gruppe, Niemand geht, aus Furcht überfallen zu werden, ohne Waffen +(Will. u. Calv. a.a.O.), Niemand traut einem andern, selbst nicht den +nächsten Verwandten (Hale 51). Und das nicht ohne Grund: denn da zu +ihren nur einigermassen solennen Bewirthungen Menschenfleisch nothwendig +gehört, so werden oft die harmlosesten Wanderer (je harmloser, desto +eher), Weiber bei der Feldarbeit u.s.w. überfallen und getödtet, wozu +Erskine 182 empörende Beispiele erzählt. Wenn auch die Schlachten, +sobald nur einige gefallen sind, aufhören (Jackson bei Erskine 425), so +sind die Kriege doch ausserordentlich blutig durch die sinnlose Wuth, +mit der Alles, was ihnen in die Hände kommt, gemordet wird. Bei +Ueberfällen, die sehr häufig sind, machen sie es nicht anders, so dass +oft ganze Distrikte (Erskine und Jackson a.a.O. Seemann Zeitschr. 9, +476) vernichtet werden. Wer einen Menschen erschlagen hat, bekommt einen +Ehrennamen und wird durch besondere Ceremonien geweiht (Will. u. Calvert +55), gerade wie in einigen Gegenden Neuguineas nur der Kakadufedern +tragen darf, der einen Feind getödtet hat, und bei den alten Deutschen +nur ein solcher aus dem kostbarsten und heldenhaftesten Trinkgefäss, dem +Schädel des erschlagenen Feindes, trinken durfte. + +Der Kannibalismus ferner steht hier in solcher Blüthe, wie wohl nirgends +sonst auf der Welt. Erskine, der um 1840 die Gruppe besuchte, gibt +(257-60) Beispiele. Den Menschen nennen die Eingeborenen nur das »lange« +Schwein, zum Unterschied vom »wahren« Schwein (ebend.); bei jedem Fest +muss Menschenfleisch gegessen werden, zu welchem Behufe die das Fest +gebenden Stämme gar nicht selten ihre eigenen Kinder schlachten; alle +Feinde, alle Schiffbrüchigen werden gefressen (Erskine. 262. 229). Oder +man erschlägt, um das nöthige Fleisch zu bekommen, den ersten besten aus +dem Volke, den man unbewaffnet trifft (so wurden einmal 16 Weiber +gefangen und gegessen, wie Erskine 182 erzählt). Dass man allen Freunden +von dieser geschätztesten Speise schickt, ist so feste Sitte, dass gar +nicht selten, weil es bei irgend einer Gelegenheit unterlassen, Krieg +entsteht. Dem Gebratenen gibt man oft eine Keule in die Hand, malt ihm +das Gesicht roth und setzt ihm eine Perrücke auf (Erskine 262); ja in +einigen Gegenden der Gruppe führen die Weiber um diese Todten und ihnen +zum Hohne die allerschandbarsten Tänze auf (Jacks, bei Erskine 440). +Auch hat man verschiedene Arten, Menschenfleisch zu kochen, welche nach +den Landestheilen verschieden sind (261. 439). Als der Sohn eines +Häuptlings starb; jammerte ihm sein Vater nach: er war so kühn! er +tödtete, wenn sie ihn erzürnten, seine eigenen Weiber und ass sie (Ersk. +244). Auch Mariner (1, 329) nennt den Kannibalismus auf den +Fidschiinseln sehr verbreitet und sagt, dass er von dort erst zu den +Tonganern, die ihn nur in prahlerischer Nachahmung der Fidschis ausüben, +gekommen sei; an einem Fest hätten die Fidschimänner 200 Feinde gegessen +(1, 345; 2, 71). Wer eines natürlichen Todes stirbt, wird nicht gegessen +(Williams und Calvert 1, 266), doch hat man auch Gräber erbrochen, um +die Leichen zu verzehren! (eb. 212), ja man schneidet, um auch das +Scheusslichste nicht zu verschweigen, auch von Lebenden, aber nur von +gefangenen Feinden, Fleisch ab und verzehrt es vor ihren Augen (Will. u. +Calv. 1, 212). Der Grund des Kannibalismus, ursprünglich Hass und +Rachedurst oder Prahlerei, indem man sich dadurch furchtbar machen +wollte, oder die Absicht, sich die Eigenschaften des Gefressenen +anzueignen, ist jetzt fast überall auf der Gruppe nur Wohlgeschmack am +Menschenfleisch, das sie jetzt jedem anderen Fleische vorziehen. Roh +verzehren sie es nie: die Gabel, mit der es gegessen wird, ist für alle +anderen Speisen verboten (Tabu) (eb. 212). Mit Trommelschlag in ganz +bestimmtem Rythmus + + | |\ | _ | | | |\ | _ | | + | | | / | | | | | / | | + * * * * ' * ' , * * * * ' * ' , + +der sonst nie angewendet wird, laden sie zu den Kannibalenfesten ein +(Erskine 291), von denen Weiber fast immer, Sklaven und gewisse Priester +immer ausgeschlossen sind (Erskine 260; Williams und Calvert 1, 211). +Und trotz alledem hatte der Kannibalismus eine religiöse Weihe bei +ihnen: die getödteten Feinde werden zuerst den Göttern dargeboten +(Erskine 261), die selbst Kannibalen sind (247) und jedes Kannibalenfest +hat bestimmte, sonst nicht getanzte heilige Tänze (209. 440). + +Wir haben uns bei diesem ekelhaften Detail so lange verweilt, einmal, +weil es anthropologisch von hohem Interesse ist--dann aber und +hauptsächlich, um zu beweisen, dass der Kannibalismus, der so +ausgeprägt, so eingewurzelt bei den Fidschis ist, nicht erst, wie jetzt +die Häuptlinge gern erzählen, in der letzten Zeit aufgekommen sei, Hand +in Hand mit dem blutiger werdenden Kriege (Erskine, 272). Er besteht +gewiss viele Jahrhunderte lang, gewiss viel länger, als die Fidschis +ihre jetzige Wohnung inne haben: allein er hat sich immer weiter +ausgedehnt und mag seine rohesten Formen, z.B. das Menschenfressen aus +Leckerei erst im letzten Jahrhundert seines Bestehens, so lange aber +auch mindestens, angenommen haben. Trotzdem aber, und auf dies Faktum +werden wir zurückkommen, trotzdem ist ein Aussterben der Bevölkerung +nicht zu merken (Erskine 274). Die Zahl derselben beträgt nach den +Missionären (ebendas.) 200-300,000 und mag dies auch etwas zu hoch +gegriffen sein, sie ist jedenfalls beträchtlich genug, so dass auch Behm +200,000 als Totalsumme annimmt. Und ferner, was von besonderer +Wichtigkeit für die geschichtliche Betrachtung der Naturvölker ist, sie +selbst haben das Bedenkliche des Kannibalismus eingesehen; daher jene +halb entschuldigende Rede der eingeborenen Fürsten; daher die +verhältnissmässige Leichtigkeit des Kampfes, welchen die Missionäre +gegen die Anthropophagie führen, welchen man doch gerade, wegen des +Alters der Sitte, für unendlich schwierig halten sollte (Erskine 280). +Ja sie werden sogar von einer heidnischen Partei darin unterstützt, +welche sehr gegen den Kannibalismus, sowie gegen das unsinnige Morden +der Weiber und Sklaven ist, welches wir gleich betrachten werden, und +für Abschaffung aller dieser Sitten eifrig kämpft. Die Fürsten sind es, +welche aus feudalen Gelüsten dies Alles aufrecht erhalten wissen wollen +(Seemann Zeitschr. 10, 289). Man sieht, das Christenthum ist hier gerade +im rechten Zeitpunkt gekommen: man sieht aber auch ferner, solche +Umänderungen, wie wir sie vorhin für Tonga voraussetzten, haben sich +wirklich bei diesen Völkern vollziehen können: wir sehen sie hier bei +einem viel roheren Volk vor unseren Augen geschehen. + +Auch in Polynesien herrschten die blutigsten Kriege, wobei aber zu +bemerken, dass, obwohl man den Eingeborenen persönliche Tapferkeit +durchaus nicht absprechen kann, welche sie, auch die sonst so +weichlichen Tahitier, selbst den Europäern gegenüber, wohl gezeigt +haben, dass trotzdem auch hier der Krieg hauptsächlich durch Ueberfall +geführt wird. Aber auch die Polynesier morden den besiegten Stamm +kaltblütig mit Weib und Kind und so sind ihre Kriege ausserordentlich +blutig und verheerend. Solche Kämpfe herrschten nun zu Neuseeland und +trugen wie zur Zersplitterung der Maoristaaten zum Hinschwinden der +Bevölkerung nicht wenig bei (Dieffenbach 2, 132), die theils im Krieg +selbst getödtet, theils zu Sklaven gemacht, theils durch die Noth nach +dem Kriege vernichtet wurde (2, 16). In Tonga wurden Kriegsgefangene +(Mariner 1, 115) stets ermordet, und ebenso alle Einwohner eroberter +Städte (1, 101). Von den grausamen Kriegen unter Finau (der z.B. einmal +18 nur verdächtige Vornehme ertränken liess, Mariner 1, 271), welche bei +Ankunft der Europäer schon in voller Blüthe und nur Wiederholung oder +Fortsetzung früherer ähnlicher war, hat uns Mariner ein getreues, aber +schreckensvolles Bild geliefert, wie er auch erzählt, dass die +tonganischen Sitten immer mehr durch die Bekanntschaft mit den Fidschis +verwilderten. Auf Samoa herrschte ein noch grausamerer Kriegsgebrauch +als zu Tonga (Mariner 1, 163) und häufig genug waren diese blutigen +Kriege daselbst, welche Turner 304 und vorher schildert. Und betrachten +wir den Markesasarchipel, so ist ganz Nukuhiva in einzelne vom hohen +Gipfel der Insel herablaufende Thäler getheilt, deren jedes von einem +besonderen Stamm bewohnt wird. Alle diese Stämme sind in erbitterter +Feindschaft und in ewigem Krieg (Melville, Krusenstern, Mathias G***). +Viel ärger aber als überall haben die Kriege auf Tahiti gewüthet, von +denen die Insel so fortwährend heimgesucht war, dass Lutteroth (22) ganz +mit Recht den Frieden einen der Insel unbekannten Zustand nennt. Und wie +wurden diese ewigen Kriege geführt! Alle Fliehenden, die man einholte, +alle Weiber und Kinder der Besiegten, welche dem Sieger in die Hände +fielen, wurden niedergemetzelt (Mörenhout 2, 38-39, Lutteroth 21, Ellis +1, 310 ff.). Nun waren in früherer Zeit fast alle Schlachten +Seeschlachten und gerade deshalb besonders blutig, denn die Besiegten, +welche sich durch Schwimmen ans Land zu retten suchen mussten, wurden +begreiflicher Weise leicht von den Kähnen der Sieger eingeholt. Weniger +verderblich waren die Landschlachten, weil in ihnen, nach +malaiisch-polynesischer Sitte, der Sieg, nach dem nur einige wenige +gefallen waren, für entschieden angesehen wurde (Mörenhout 2, 40, Ellis +l, 312). Waren dann bei der Verfolgung die Menschen vernichtet, so gings +nun an die Zerstörung des Landes: die Tarofelder und sonstigen +Pflanzungen wurden verwüstet, den Kokosbäumen das Herz ausgeschlagen, +wonach sie absterben, die Brotbäume umgehauen, die Häuser verbrannt +(Ellis 1, 293, Lutteroth 21-22)--kurz die Besiegten wurden womöglich +ausgerottet, ihr Land auf Jahre zu einer unfruchtbaren Oede gemacht. +Solche Kriege wütheten auf der ganzen Gesellschaftsgruppe; der Missionär +Nott erlebte auf Tahiti in einem Zeitraum von 15 Jahren 10 solcher +Kriege (Lutteroth 17). Auch die Kriege auf der Hawaiigruppe waren +verwüstend genug. Hier wie zu Tahiti gab es blutige Seeschlachten (Ellis +4, 155) und in den Landkriegen, in denen nach Jarves (59) Hinterhalte, +heimliche Ueberfälle u. dergl. selten vorkamen, vielmehr meist in +offenen Feldschlachten (die auch zu Tahiti keineswegs selten waren, +Ellis 1, 284) gekämpft wurde, war es namentlich wieder die Verfolgung, +nicht die Schlachten selbst (Jarves 60), welche der Bevölkerung und +ganzen Distrikten Tod und Zerstörung brachte. Die Gefährlichkeit dieser +Kriege geht aus der Geschichte Hawaiis unter Tamehameha und aus den +Bewegungen, welche dieser grosse Fürst auf der Gruppe hervorbrachte, zur +Genüge hervor. Auch die Paumotuinsulaner sind wilde, weit und breit +gefürchtete Krieger, die unter sich die heftigsten Kriege führen. Die +Bewohner von Anaa (Chainisland) verwüsteten alle umliegenden Inseln, +hieben die Fruchtbäume nieder und was von den Bewohnern nicht getödtet +wurde, ward als Sklave mit fortgeschleppt (Mörenhout 1, 199 vergl. 169). +Nicht weniger als 38 Inseln haben sie auf diese Art verödet (Hale 35). + +Auch in Mikronesien wurden und werden heftige Kriege geführt, so auf den +Palaus (Keate), auf einzelnen Karolinen und zwar auf den hohen Inseln +Eap, Truck (Hogoleu), Ponapi, nicht aber auf Kusaie (Ualan Chamisso 135, +Kittlitz 1, 356): so und besonders leidenschaftlich auf der Eatakkette +(Kotzebue, Chamisso) und auf den Gilbertinseln (Gulick 410). Während man +in diesem Gebiet nur an einigen Orten die Bäume schonte (Hale 84) hieb +man, sie nach der gemeinsamen Sitte der Ozeanier, auf Ratak und sonst +nieder (Kotzebue 287), und man kann sich denken, wie furchtbar solche +Barbareien auf den kleinen schon ohnehin nur überaus kärgliche Nahrung +bietenden Inseln wirken mussten: viele, die der Krieg verschont hatte, +namentlich Weiber und Kinder, erlagen dem Hunger, dem Elend, das ihm +folgte. Daher ist die Behauptung, dass die einheimischen Kriege der +ozeanischen Bevölkerung ganz unberechenbaren Schaden zugefügt und +wesentlich zu ihrer stetigen Verminderung beigetragen haben, nur +allzusehr gerechtfertigt. + +Die Sitte des Schädelerbeutens, welche wir auf Neuguinea sahen und die +das ganze Malaisien beherrscht, finden wir insofern überall in +Polynesien, als man gierig die Schädel und in Tahiti auch die +Unterkiefer der Feinde erstrebt, um sie als Trophäe aufzuheben (Nukuhiva +Melville 2, 129, Tahiti Bougainville 181, Ellis 1, 309, Perl- oder +Palliserinseln ebend. 1, 358, Aitutaiki 1, 309, Rarotonga 1, 359, +Neuseeland Dieffenbach 2, 134, Samoa Turner 301. 304). Hiermit hängt die +weite Verbreitung der Menschenfresserei enge zusammen, wie sie nach Hale +38 in Neuseeland, wo nach Thomson 1, 148 das letzte Beispiel dieser +Sitte noch 1843 vorkam, Hervey, Mangareva (Gambier), Paumotu und dem +Marquesasarchipel ganz allgemein und ohne Scham betrieben wurde. Auch zu +Kriegen wird sie oft Anlass, indem man, um ihn zu fressen, einen oder +mehrere Menschen eines fremden Stammes erschlug, welche That natürlich +Rache erheischte. Auf Samoa, Tonga, Tahiti und Hawaii kommt der +Kannibalismus jetzt nur noch einzeln vor, auf Samoa bei ganz besonders +erbittertem Hass (Turner 194), auf Tonga aus Prahlerei und in Nachahmung +der Fidschisitten, (Mariner 1, 116-17), so wie bei Hungersnoth, wo man +irgend Jemanden, meist einen Verwandten erschlägt und isst (eb. 2, 19; +1, 117); in Tahiti gleichfalls, aus Prahlerei, um sich furchtbar zu +machen (Ellis 1, 310). Aber früher war er auf diesen Inseln allgemeine +Sitte (Hale 37), wie eine Menge seltsamer und anders ganz unerklärbarer +Gebräuche beweisen: so auf Tahiti der oft beschriebene Gebrauch bei +Menschenopfern, dem König das linke Auge (den Sitz der Seele) des Opfers +darzubieten, der dann den Mund öffnete, als ob er es verschlänge und +durch diese Ceremonie Verstand und Klugheit bekommen sollte. +Ursprünglich hat er es gewiss gegessen, und erst später, als die Sitten +sich milderten, begnügte man sich, wie in analogen Fällen bei allen +Völkern der Welt, mit einer symbolischen Handlung. Im Samoaarchipel +beugt sich, wer dem Sieger als besiegt sich unterwirft, vor demselben +nieder, indem er ihm Feuerholz und die Blätter darreicht, in welche man +in Polynesien die Speisen, die gekocht werden sollen, einschlägt (Turner +194). Und so liesse sich vieles anführen. Es scheint aber, als ob, wie +die Tahitier, Hawaier u.s.w. die Menschenfresserei abgeschafft hatten, +ehe die Europäer kamen, noch an manchen anderen Orten Polynesiens +dieselbe Sitte in Abnahme oder doch in Misskredit gekommen sei, ohne +dass der Einfluss der Europäer dies bewirkt hätte: so läugneten auf +Nukuhiva die wilden Taipis den Kannibalismus ganz und gar, und suchten +ihn den Weissen zu verbergen, wie Melville mittheilt. Und die +neuseeländischen Fürsten erzählten, er sei keineswegs von Alters her bei +ihnen Sitte, sondern erst später eingeführt (Thomson 1, 142), eine +Behauptung, welche entschieden falsch und nur von ihnen erfunden kaum +eine Widerlegung verdient. + + + + +§ 10. Menschenopfer. + + +In Nordamerika sind Menschenopfer nicht sehr zahlreich gewesen. In +Florida wurden Weiber und Diener ehedem beim Tode des Herrn gleichfalls +getödtet, um ihm im Jenseits zu dienen (Waitz 3, 199-200), wie man +ebendaselbst den Erstgeborenen der Sonne opferte. Kinderopfer werden +auch sonst öfters erwähnt: in Virginien, in Neuengland, bei den Sioux +und sonst (Waitz 3, 207). Auch bei manchen Caribenstämmen wurden mit den +gestorbenen Häuptlingen einige seiner Weiber lebendig begraben (ebend. +3, 387) und vornehmen Leuten folgte ein Sklave nach (3, 334). Allein bei +allen diesen Völkern sind die Menschenopfer von so wenig Ausdehnung +gewesen, dass wir bei ihnen, da sie für unsere Betrachtung gar keine +Bedeutung haben, nicht zu verweilen brauchen. Um so zahlloser aber waren +die Menschenopfer, welche die Religion der amerikanischen Kulturvölker +forderte und deren Ursprung in uralte vorhistorische Zeit zurückgeht +(Waitz 4, 157). Wo wir Menschenopfer finden, werden wir dieselben immer +mit grösster Wahrscheinlichkeit auf die allerälteste Zeit zurückführen, +denn sie wurzeln stets in sehr ernst gemeinter Religiosität, nie in +Grausamkeit. Spätere Einführung derselben findet sieh nur in ganz +vereinzelten Fällen und wird sich aus Nachahmung der Sitten anderer +Völker, besonders heftiger Kriegserbitterung oder irgend etwas ähnlichem +fast immer erklären lassen. Wohl aber sind die Menschenopfer im Laufe +der Zeiten bei manchen Völkern abgekommen: so bei den Indogermanen, den +Semiten u.s.w. Die Zahl dieser Opfer war nun in Mexiko geradezu +ungeheuer, wie folgende Zeugnisse, die alle aus Waitz 4, 157 ff. +entlehnt sind, beweisen. Der Bischof Zumarraga (zur Zeit der Entdeckung) +schätzt sie bei Torquemada auf 20,000 jährlich, wenigstens für die +letzte Zeit des Reichs; in der Hauptstadt und ihrer nächsten Umgebung +soll ihre Zahl jährlich mehr als 2500 gewesen sein. Oviedo behauptet, +dass Montezuma jedes Jahr über 5000 geopfert hätte; bei einem Fest in +der Stadt Tlaskala fielen 800 Opfer jährlich; der zweite Monat des +Jahres war, weil er so viele Menschenopfer forderte, nach der +Schlaflosigkeit der Menschen benannt. Trat Dürre, Misswachs u. dergl. +ein, so wurden die Opfer vermehrt. Die Einweihung des Haupttempels zu +Tenochtitlan (den 19. Februar 1487 nach Gama) »soll nach Torquemada +(1610) 62,344, nach Fra Toribio Motolinia und Ixtlilxochitl (von +mütterlicher Seite aus vornehmen mexikanischen Fürstengeschlecht, von +väterlicher Seite Spanier, der mit grossem Eifer die Geschichte des +Landes seiner mütterlichen Vorfahren durchforschte und seine +grossentheils zuverlässigen Werke um 1600 schrieb Waitz 4, 7 u. 8) sogar +80,400 Menschen das Leben gekostet haben.« Die Schädel der Opfer wurden +zu einer grossen Pyramide im Tempelhof aufgeschichtet, die man im +mexikanischen Haupttempel auf 136,000 berechnet hat (Waitz 4, 149). Und +ausserdem kommt noch eine grosse Zahl geopferter Menschen dadurch hinzu, +dass jedes auch kleinere Fest solche Opfer, nur wenigere forderte: durch +die stete Wiederholung aber, denn es gab viel Feste im Jahr, sammeln +sich auch diese zu einer grossen Summe. Wenn wir nun auch mit Waitz die +kleinsten der genannten Zahlen für die wahrscheinlichsten halten; so ist +die Zahl, die für jedes Jahr herauskommt, noch immer enorm. Waren die +eben besprochenen nur solche Opfer, die man den Göttern brachte, so +forderte der Tod vornehmer Menschen andere. Starb der Herrscher oder +irgend ein Vornehmerer sonst, so folgten diesem Weiber und Sklaven in +den Tod; aber da nun am 4ten, 20sten, 40sten und 80sten Tage nach dem +Begräbniss auf dem Grabe derartige Abschlachtungen stattfinden mussten, +so darf man sich auch die Zahl der auf diese Weise umgebrachten Menschen +nicht zu gering denken: stieg sie doch manchmal bis auf 200 (4, 167). + +Die Quiches in Guatemala (4, 264) so wie die Chorotegen in Nikaragua +(279), toltekische Völker, brachten Menschenopfer dar wohl ebenso +reichlich als die Mexikaner, wie denn ihre Religion in fast allen +Stücken der mexikanischen gleich war. In Yukatan, wo solche Opfer zwar +auch vorkommen, waren sie doch minder zahlreich als in jenen Gegenden +und in Mexiko (4, 309). + +In Darien vergifteten sich des Herrschers Lieblingsweiber und Diener bei +seinem Tod, oder sie wurden lebendig mit ihm begraben (4, 351), wie +Weiber und Diener auch bei den Chibchas in Neugranada getötet (4, 466) +und Menschenopfer bei allen diesen Völkern gar nicht selten den Göttern +dargebracht wurden. Ebenso war es auf den Antillen (4, 327). + +In Peru waren Menschenopfer, wozu man gefangene Feinde nahm, selten und +nur bei ausserordentlichen Veranlassungen gebräuchlich. Weiber und +Diener aber folgten auch hier dem Inka, deren einem 1000 seiner +Angehörigen sich geopfert haben sollen, und ebenso den Vornehmen +freiwillig in den Tod nach, um ihm im Jenseits weiter zu dienen. +Namentlich aber Kinder wurden hier vielfach getötet; wenn ein Vornehmer +krank war, wurde eins von seinen eigenen Kindern den Göttern zum +Ersatzopfer, wie man annimmt, geschlachtet, welches dann freudig in den +Tod zu gehen pflegte. Vor dem Auszuge zum Krieg, bei Krankheit des +Herrschers und bei dessen Inauguration wurden Kinder, meist Knaben von +4-10 Jahren, seltener Mädchen, nach einzelnen freilich nicht ganz +glaubwürdigen Angaben bis zu 200, ja bis zu 1000, geopfert, was auch +beim Erntefest, bei verheerenden Epidemien, ja in einigen Gegenden mit +jedem erstgeborenen Kinde und mit dem einen von Zwillingen geschah. Auch +wurde den Todten von dem Blute des geopferten Kindes ein Strich von +einem Ohr zum anderen gezogen (Waitz 4, 460-61). Auch hier müssen wir +auf das zurückkommen, was wir oben gesagt haben: die Kinderopfer dienen +nur dazu, einen bei den Göttern, denen Kinder am liebsten waren, +besonders gültigen Vermittler zu haben; deshalb, und nicht zum Ersatz, +wurden die eigenen Kinder als Opfer bei Krankheiten preisgegeben und +unsere Auffassung wird unterstützt dadurch, dass die Kinder gewöhnlich +freudig in den Tod gingen: sie wussten, dass sie einem guten Loos +entgegengingen; daher auch der Strich mit Kinderblut über die Todten, +welche auf diese Weise gleich das Zeichen des Vermittlers an sich +trugen. + +Die Kinderopfer in Mexiko hatten meist dieselbe Veranlassung und +denselben Zweck: so wurden zwei Kinder vornehmer Abkunft, wenn die Saat +aufging, ertränkt, vier, wenn sie grösser war, dem Hungertode +preisgegeben (4, 159). In Nikaragua wurde ein Knabe, wenn Regen nöthig +war, den Göttern dargebracht (4, 379). Aehnliche Opfer brachten die +Chibchas in Neugranada vor der Schlacht (364). + +Nirgends aber sind auch die Menschenopfer massenhafter, als auf Fidschi, +wie wir daselbst auch den Kannibalismus schrecklicher ausgebildet +fanden, als sonst irgendwo. Zur Feier der Mannbarkeit eines +Häuptlingssohnes, so erzählt Seemann (Zeitschr. 9, 476), sollte eine +rebellische Stadt ganz vernichtet, die Einwohner erschlagen, auf einen +Haufen zusammengetragen, auf diese Sklaven gelegt und auf diese wieder +der Einzuweihende gesetzt werden. Alle Schiffbrüchigen, das verlangt ihr +Glaube, müssen getödtet werden; wer es unterliesse, würde sonst selbst +im Schiffbruch umkommen (Erskine 249-50). Alte Eltern werden von ihren +Kindern, kranke Kinder von ihren Eltern lebendig begraben (ebend.) und +zwar ist es der eigene Wille der Opfer, dass ihnen so geschieht (477), +denn man glaubt, man käme nach und durch solchen Tod sofort in ein +anderes und viel besseres Leben; daher sich diese scheussliche Sitte mit +wirklicher Familienanhänglichkeit verträgt. Aber es ist ebendaher auch +begreiflich, dass nur wenige Menschen eines natürlichen Todes sterben +(Will. u. Calvert 1, 188). Menschenopfer am Grabe, namentlich von +Häuptlingen, sind ebenso gewöhnlich als umfangreich; die Weiber werden +entweder alle oder doch die Lieblingsweiber und eine Menge Sklaven +ermordet. Die Mutter, deren geliebter Sohn stirbt, folgt ihm bisweilen +ins Grab, der Freund dem Freund (Will. u. Calvert 1, 134). Auch hierzu +drängen sich, wegen der Belohnungen im Jenseits, die Opfer; die Weiber +erdrosseln sich selbst, wenn ihnen Niemand diesen Dienst thut (Erskine +293. Mariner 1, 347). Und wie fest man an den Menschenopfern hielt, geht +aus folgender Notiz bei Erskine 440 hervor: ein Fidschiinsulaner hatte, +von irgend welchem Mitleiden ergriffen, einen Gefangenen nicht dem Gotte +geopfert; da erschien ihm letzterer im Traum und quälte ihn über diese +Unterlassung dermassen mit Gewissensbissen, dass der Mensch fast in +Raserei fiel. Doch dieselbe Partei, welche, wie wir schon erwähnt haben +(S. 70), sich gegen den Kannibalismus wendete und ihn abzuschaffen +sucht, ist auch diesen Menschenopfern feindlich (Erskine 280) und so +werden auch sie, da der Einfluss der Europäer hinzukommt, hoffentlich +nicht mehr allzulange dauern.--Aehnliche Gebräuche fanden sich auch +sonst in Melanesien, wenn auch nirgends so übertrieben wie hier: +namentlich ist es das Lebendigbegrabenwerden der Eltern, der Kranken, +die Ermordung der Mutter oder einer Verwandtin, wenn ein kleines Kind +stirbt, was uns berichtet wird. + +Was nun Polynesien betrifft, so ist es gewiss Uebertreibung, wenn +Michelis (91. ohne Quellenangabe) erzählt, der König von Futuna +(nördlich von Samoa), dessen Insel 2000 Einwohner hat, habe während +seiner Regierung an 1000 Menschen den Göttern geopfert. Denn wir finden +sonst in Polynesien die Menschenopfer nicht allzuzahlreich. Freilich ist +es ein Irrthum, wenn Ellis 1, 106 behauptet, sie seien in Tahiti erst +später eingeführt, da sie mit der ganzen polynesischen Religion viel zu +eng verwachsen sind; wohl aber sind sie in späterer Zeit, noch vor der +Entdeckung, von den Eingeborenen selbst sehr beschränkt. Bei Beginn +eines Krieges erhielt der Kriegsgott ein Menschenopfer (Ellis 1, 276), +dem so wie anderen Göttern öfters Menschen dargebracht wurden (1, 357). +In Kriegszeiten, bei grossen Nationalfesten, bei Krankheiten und dem Tod +der Fürsten (Bratring 182-83. 196) opferte man Menschen, sowie man die +Köpfe der Besiegten (was auch melanesischer Brauch war) in den +Tempelplätzen als Weihgeschenk aufstellte (Mörenhout 2, 47). Häufiger +waren diese Opfer in Hawaii, wo (Jarves 47) häufig an 80 Menschen auf +einmal geschlachtet sein sollen. Man nahm, hier und in Tahiti, dazu +Gefangene oder Verbrecher oder Leute, die irgend ein Tabu gebrochen +hatten, oder, wenn deren keine vorhanden waren, Leute aus dem Volk +(Jarves 18. Ellis a.a.O.). Aehnlicher Gebrauch herrschte auch auf den +Herveyinseln (Williams 215). Wenn nun auch in Hawaii, nach den Angaben +der Fürsten, diese Opfer erst später eingeführt sein sollten (Jarves +47); so ist dies nur ein Zeichen, dass man auch hier schon dies +Schreckliche der Sitte eingesehen hatte und sie im Abnehmen war. +Menschenopfer fanden selbstverständlich auch hier an den Gräbern der +Vornehmen statt, zunächst beim Ausstellen der Leiche und dann noch +zahlreicher beim Begräbniss selbst (Remy 115). Ebenso war es früher in +Neuseeland Sitte--jetzt ist sie abgekommen--dass sich die Weiber am +Grabe ihrer Männer erdrosselten, die Sklaven getödtet wurden (Taylor +97). In Tonga wurden bei den Gräbern der Vornehmen ab und zu Weiber +geopfert (authent. narrat. v. Tonga 78; Mariner 1, 295), was auf frühere +Allgemeinheit dieser Sitte, gegen welche die tonganischen Fürsten selbst +eiferten, schliessen lässt. + +Von besonderem Interesse ist der Kindermord, wie er sich auf Tonga +zeigt. So wurden (Mariner 1, 229) Kinder den Göttern geopfert, um den +Frevel eines Fürsten gegen ein Heiligthum wieder gut zu machen: ein +Opfer, welches gar keinen Sinn hätte, wenn man nicht eben in den Kindern +den Göttern besonders angenehme Vermittler gesehen hätte. Um des Königs +Leben zu erhalten, wurde eines von seinen mit einem Nebenweib erzeugten +Kindern getödtet (1, 379): wenn aber der Tui-tonga, der höchste +religiöse und früher wohl auch weltliche Herr von Tonga krank ist, da +genügt ein Kind nicht und man tödtet drei bis vier (1, 454). + +Ehe wir diesen Gegenstand verlassen, ist noch von einer Art Opfer zu +sprechen, die, wie es scheint, über die ganze Welt verbreitet ist: über +die Menschenopfer zur Einweihung, zur Sicherung von Gebäuden u. +dergl.[N] Auch diese Sitte ist am übertriebensten auf den +Fidschiinseln. Dort müssen neugebaute Kähne, damit sie vor Sturm und +Unheil sicher sind, über lebende Sklaven in die See gerollt werden; +jeden Pfosten eines neu gebaut werdenden Hauses muss, damit der Pfosten +sicher steht, ein lebender Sklave umfassen--und zu diesem lebendig +Zerquetscht-, zu diesem lebendig Begrabenwerden drängen sich die Opfer, +denen es im Jenseits mächtig vergolten wird (Erskine 249-50). Die Sitte +war nicht bloss melanesisch, sondern auch über ganz Polynesien +verbreitet: in Neuseeland ruhte der Mittelpfeiler des Hauses früher auf +Menschenleichen (Taylor 387 ff.) und von Tahiti erzählt dasselbe +Mörenhout 2, 22-23; doch scheint auch hier der Gebrauch in späterer Zeit +abgekommen zu sein; denn wenn er und Ellis (1, 346) diesen Gebrauch nur +für Tempel angeben, so ist er wohl erst später nur auf diese beschränkt +worden. Derselbe Gebrauch findet sich auch in Südamerika: der Palast des +Bogota, des Herrschers der Chibcha stand auf Mädchenleichen und sein +Grund so wie seine Thürpfosten waren mit Menschenblut getränkt (Waitz 4, +360). + +Nachdem wir so diese Uebersicht über die Art, wie die Naturvölker das +Menschenleben schätzen, vollendet haben, ergibt sich als Resultat, dass +ihre Kriege für sie höchst gefährlich sind, ja einzelnen geradezu die +Existenz gefährden, so dass wir sie in erster Linie aufführen müssen, +wenn wir die Ursachen für das Aussterben der Naturvölker aufsuchen; dass +aber Kannibalismus und Menschenopfer, obwohl in einzelnen Ländern +furchtbar ausgedehnt, nur von sekundärer Wichtigkeit sind und nur wenn +sie mit anderen Gründen vereint auftreten, zur sichtlichen Verminderung +eines Volkes beigetragen haben. + + + + +§ 11. Verfassung und Recht. + + +Auch die Staats-und Rechtsverfassung der Naturvölker wird nach einigen +Seiten uns hier, freilich nur kurz, beschäftigen müssen. Die +Kulturstaaten Amerikas so wie die polynesischen Inseln sind es, die wir +nach dieser Richtung hin betrachten müssen; denn bei den übrigen +Naturvölkern ist theils das Rechts- und Staatsleben zu wenig entwickelt, +als dass es irgend welchen Einfluss gehabt hätte, theils so entwickelt, +dass dieser Einfluss kein ungünstiger war. Wie das Recht in seiner +ältesten Entwickelung immer seine Gesetze »mit Blut« schreibt; so war es +auch in Mexiko der Fall: fast alle Verbrechen, selbst geringe +Diebstähle, Trunk, Verleumdung u. dergl. wurden mit dem Tod bestraft, +und bisweilen die ganze Familie in die Sklaverei verkauft (Waitz 4, +84-85). Denn der Grundsatz, dass die Sippe haften muss für das einzelne +verbrecherische Mitglied gilt auch hier. In Peru (4, 414-15) war die +Strenge der Gesetze nicht minder gross und die Haftbarkeit der Familie +für den Schuldigen, mit dem sie in vielen Fällen den Tod zugleich +erlitt, noch grösser. Diese strenge Justiz und namentlich die +Haftbarkeit der Familie für den Einzelnen hat in der Südsee ferner, wo +sie gleichfalls herrscht, um so grösseren Schaden angerichtet, als, wie +wir gleich sehen werden, dort die Gewalt der Herrschenden noch absoluter +war als in Amerika. So wurde in Tonga der ganze Stamm eines Aufrührers +vernichtet (Mariner 1, 271) und die fortwährenden Rachekriege dieser +Völker und Stämme untereinander beruhen theilweise auf dieser blutigen +Rechtsauffassung (z.B. für Neuseeland Dieffenbach 1, 93, Haftbarkeit des +Stammes für den Einzelnen Thomson 1, 98). Auch in Neuholland sind +ziemlich strenge Rechtsstrafen (Grey 2, 236-37), entweder Tod oder +Durchstossen einzelner Körpertheile mit dem Speer (wobei oft der Tod +erfolgt) oder Speerung, d.h. der Schuldige muss sich den Speerwürfen +einer grösseren oder geringeren Menge von Volksgenossen aussetzen, denen +er freilich durch seine Geschicklichkeit (Waffen darf er nicht haben), +wenn sie ausreicht, ausweichen darf (Grey 2, 244-45). Die Haftbarkeit +der Familie, des Stammes für den Einzelnen ist hier wo möglich noch +fester, als irgendwo sonst (Grey 2, 239-40; 235-36). + +In Mexiko war die Verfassung streng monarchisch, wobei der Adel, der +früher wahrscheinlich die höchste Staatsgewalt selbst in Händen gehabt +hatte (Waitz 4, 71), wie in anderen monarchischen Staaten auch, grosse +Vorrechte über das Volk hatte. Der Herrscher, weil er Stellvertreter +Gottes auf Erden war, hatte unumschränkte Gewalt (Waitz 4, 68); und +mochte dadurch auch mancherlei Ungerechtigkeit und Gewaltthätigkeit +geschehen, mochten einzelne Fürsten ihre Macht missbrauchen, wie denn +namentlich der letzte von ihnen, Montezuma II., seinen gewaltthätigen +und hoffärtigen Charakter in noch schärferer Entwickelung des +Absolutismus und der Sonderstellung des Adels zeigte; das wurde doch vom +Volk ertragen, ohne dass dadurch das Volk noch auch durch den Unwillen +des Volkes die Herrscher gefährdet waren. Schlimmer war, dass die +Herrscher durch ihren Absolutismus den eigenen Willen des Volkes zu sehr +gelähmt hatten. »Die strenge und allgemeine Fügsamkeit in den Willen des +Herrschers hat sich von Seiten des Volkes bei mehreren Gelegenheiten in +unzweideutiger Weise gezeigt: auf einen Wink von Montezuma blieb Alles +ruhig, sogar als er selbst von Cortez gefangen gesetzt wurde und mit der +Eroberung der Hauptstadt hörte jeder Widerstand auf, nicht bloss weil +die Grossen des Reichs dort alle vereinigt waren, sondern auch weil mit +dem Falle des Herrschers für die bis zum Aeussersten standhaft +gebliebenen Mexikaner die Pflicht der Selbstverteidigung wegfiel. +Revolutionen des Volks waren--abgesehen von neu eroberten Ländern--fast +unbekannt« (Waitz 4, 68). Am gefährlichsten aber war die +Eroberungspolitik des mexikanischen Staates. Um alle Länder sich und +ihrem Gotte Huitzilopochtli zu unterwerfen, was das stete Streben der +Mexikaner war (4, 117), hatten sie ihre Herrschaft vom atlantischen bis +zum stillen Ozean ausgedehnt, ohne aber wirklich Widerstand leistende +Länder ernstlich zu bezwingen und sich zu assimiliren. Und Montezuma II. +noch machte es ebenso. Während in seinen Ländern Empörungen der +unterworfenen Ländertheile ausbrachen, schickte er, anstatt das +Gewonnene dauernd zu fesseln, seine Heere in immer fernere Gegenden, um +immer mehr zu gewinnen (Waitz 4, 46), und »daher, sagt Waitz 4, 47, ist +es wohl begreiflich, dass das grosse rasch gewachsene Reich des +Montezuma durch ein paar kräftige und geschickt geführte Stösse +zertrümmert werden konnte.« Eine Menge einheimische Feinde, ganze +Ländertheile erhoben sich und stellten sich auf Seiten der Spanier--und +so ist Mexiko, das so bevölkerte, reiche und blühende Land zum nicht +geringsten Theil durch seine eigene Politik zu Grunde gegangen. Da diese +Schilderung im Grossen und Ganzen auch auf Peru passt, wo der König als +Stellvertreter Gottes auf Erden nur eine noch absolutere und drückendere +Macht besass, wo gleichfalls Eroberungskriege das Land ausgedehnt und +dadurch minder fest gemacht hatten, weil es nun in seinem Innern +feindliche Elemente barg (Waitz 4, 399-413), da wir hier so ziemlich +dasselbe finden, so brauchen wir die Verhältnisse des Inkareiches nicht +genauer zu betrachten und gehen gleich zu Polynesien über. + +Hier hat der Absolutismus und die Sonderstellung des Adels, die in der +göttlichen Abstammung des Adels und der Könige wurzelt, die denkbar +höchste, man könnte sagen eine logisch vollkommene Entwickelung +gefunden. Ueberall, in Neuseeland, in Tahiti, in Hawaii, dem +Markesasarchipel, auf Tonga, bei der alten Bevölkerung der Marianen +(während sonst Mikronesien in der Praxis wenigstens die Gegensätze +minder scharf fasst) gilt das Volk als unbeseelt, daher sein Leben als +vollkommen werthlos. Man tödtete es nach Gelüsten oder Laune (Mariner 1, +60. 91), man bedrückte es, da es weiter keine Geltung hat, als eben nur +für die Vornehmen da zu sein, keinen Werth weiter als was es den +Vornehmen werth ist--und nirgends war dieser Druck schlimmer als auf +Hawaii--man hat ihm aus demselben Grund alle harte Arbeit, z.B. den +Landbau, aufgeladen; dabei ist ihm das meiste der besseren +Nahrungsmittel verboten; zu den Festen der Vornehmen muss es, was es +besitzt an Lebensmitteln, beisteuern, zu den Menschenopfern nimmt man +die Individuen aus ihm, kurz, es liegt ein Druck auf ihm, so +unglaublich, dass man gar nicht begreift, wie unter demselben überhaupt +sich eine und noch dazu zahlreiche Bevölkerung erhalten konnte. Oft fand +es nicht Zeit zur Bestellung des eigenen Landes, daher denn Hungersnoth, +Kindermord und namentlich eine grosse Menge von Auswanderungen +eintraten, die vor allem Tahiti entvölkerten, aber auch von anderen +Inseln erzählt werden. So gab es auf Tahiti im wilden, gebirgigen und +kaum bewohnbaren Inneren der Insel eine zerstreute Bevölkerung »wilder +Männer«, die, ausserordentlich scheu und ängstlich, ganz einsam in den +Klüften leben, gewiss nur entsprungene Flüchtlinge aus dem Volke, oder +deren Abkömmlinge, welche nicht zurückzukehren wagten (Ellis 1, 305). +Von Hawaii sagt Jarves (368 ff.): »Der Ackerbau ward vernachlässigt, und +Hungersnoth herrschte. Ganze Schaaren gingen unter ihrer Last zu Grunde; +andere verliessen ihre Heimath und flohen gleich wilden Thieren in die +Tiefe der Wälder, wo sie aufs elendeste aus Mangel umkamen, oder eine +klägliche Existenz durch Früchte und Wurzeln fristeten. Blind für diese +Folgen setzten die Fürsten ihre Politik (zu der sie von geldgierigen +Fremden vielfach verleitet wurden) fort.« Kindermord war die Folge +namentlich einer unerschwinglichen Kopfsteuer und nicht nur physisch, +auch moralisch verkam das Volk. Und auf dies moralische Verkommen ist +sehr zu achten; denn nichts befördert den Untergang einer Bevölkerung +mehr als dies. Wo die Moralität (natürlich hier nur nach den Begriffen +der betreffenden Völker) fehlt, fehlt auch die Selbstachtung; wo die +Selbstachtung, die Freude am Leben, welche diesen Menschen auch schon +aus äusseren Gründen unmöglich war; und wo die Freude am Leben fehlt, da +verkommt und versiegt das Leben selbst. Mit Recht stellt daher Jarves +(a.a.O.) diesen Druck, unter dem das Volk erlag, für eine Hauptursache +seines massenhaften Schwindens hin: und wie es in Hawaii war, so war es, +mit wenig Abänderungen, so ziemlich überall in Polynesien. + + + + +§ 12. Natureinflüsse. + + +Sahen wir so, was die Naturvölker durch eigene Lebensart oder Schuld zu +ihrem Hinschwinden beitragen: so müssen wir, ehe wir weiter gehen, einen +Blick auf die Naturumgebungen dieser Völker werfen und deren günstigen +oder schädlichen Einfluss abwägen. So viel leuchtet schon dem ersten +Blick ein: durch Natureinflüsse allein stirbt kein Volk aus und die +menschliche Natur gewöhnt sich fast an alles. Man kann sich, nach +Darwins Schilderung, kaum eine für menschliche Entwickelung ungünstigere +Natur denken, sowohl in Hinsicht auf Klima, als auf Lebensmittel u.s.w., +als die Südspitze von Amerika und dennoch sagt derselbe Schriftsteller, +dass ein Aussterben der elenden Stämme der Feuerländer nicht zu bemerken +sei. Ebenso wenig der Eskimos. Der Mensch akklimatisirt sich, freilich +nur sehr allmählich in langsamen Vorrücken und durch Jahrhunderte oder +besser Jahrtausende lange Vererbung und dadurch Verstärkung der für die +einzelne Gegend speziell befähigenden Eigenschaften an jede Gegend, an +jedes Klima, und nichts beweist gerade mehr die Dauerhaftigkeit unserer +Natur als diese Fähigkeit der Gewöhnung. Aber freilich werden weder +Feuerländer noch Eskimos sich je zu grossen mächtigen Nationen +entwickeln: und zwar in Folge ihrer Naturumgebung, welche der freien +Entfaltung der Menschheit denn doch unübersteigliche Hindernisse in den +Weg stellt. So ist denn eben die Naturumgebung der Grund, dass wir die +roheren Naturvölker nie sehr zahlreich sehen; die Natur erheischt ein +Leben, welches dem Gedeihen der Menschheit nicht zuträglich ist. Die +geringe Zahl der Neuholländer ist zweifelsohne bedingt durch die +erstaunlich unfruchtbare Natur ihres Landes, denn wenn auch Grey (1, +239) Recht hat gegen Sturt und viele Andere, dass der Nahrungsmangel in +Neuholland nicht so gross ist, als er gewöhnlich gemacht wird, und +allerdings gibt er für den Südwestdistrikt des Welttheils, für eine +Ausdehnung von 2-300 Meilen (2, 299) eine reiche Menge Nahrungsmittel an +(2, 263-64); so sind dieselben doch immer erst weit zerstreut, müssen +gesucht werden und sind oft, im einzelnen betrachtet, elend genug. Sie +zu vermehren, anzubauen haben die Eingeborenen nicht Kultur genug, auch +finden sich kaum unter den Pflanzen und Thieren Neuhollands solche, die +zu eigentlichen Kulturpflanzen oder Hausthieren brauchbar wären; zu +sammeln aber sind die Neuholländer, wie wir schon bei der Betrachtung +ihres Charakters sahen, zu indolent, zu träge. Wir müssen hier die +ausserordentlich hemmenden Schranken der Natur anerkennen, die jedoch +nur dann erst wirklich für den Bestand eines Volkes gefährlich werden, +wenn noch andere Bedrängnisse hinzukommen. Ueber viele Distrikte +Amerikas muss man, mehr oder minder, dasselbe sagen, in mancher +Beziehung auch von Südafrika. Und fast noch ungünstiger gestellt ist +Polynesien schon in seinen hohen Inseln, die meist im Innern so steil +und unwegsam sind, dass sie, wie Tahiti und Nukuhiva, nicht bewohnt +werden können, oder grosse unfruchtbare Strecken hinter ihren meist +üppigen Uferstrecken bergen, wie die Fidschis und viele der +Hawaiiinseln, und die, wenn sie auch durch und durch bewohnbar wären, +doch schon durch ihre verschwindende Kleinheit in dem ungeheuren und +gefährlichen Ozeane ihren Bewohnern ein Hinderniss sind. Hier ist die +Schifffahrt nicht so leicht, wie im Mittelmeer und eine +Küstenschifffahrt ganz unmöglich. Grosse Thiere gibt es gar nicht ausser +dem zum Hausthier im wahren Sinne ungeeigneten Schwein und einigen +Hunden, welche aber ihre Hundenatur fast abgelegt haben und Mastvieh +geworden sind. Nutzpflanzen gibt es genug, aber so reichlich, dass weder +geistige noch leibliche Anstrengung, ja kaum Thätigkeit nöthig ist, um +hinlänglichen Vorrath zu bekommen, oder so wenig, wie auf Neuseeland +(natürlich zur Zeit der Entdeckung), dass trotz aller Anstrengung die +Nahrungsmittel sich nicht sehr heben konnten. Und nun gar die kleineren +Inseln, die fast immer unfruchtbaren Korallenringe, welche meist, wie im +östlichen Polynesien und in Paumotu, nur den Pandanus mit seinen +kümmerlich nährenden Früchten und, aber noch nicht einmal überall, z.B. +in der nördlichen Ratakkette nicht, die Kokospalme hervorbringen, den +Brotbaum und die anderen Nahrungspflanzen der Südsee, welche feuchten +Boden verlangen, wie Tacca und Arum, nur seltener oder nur erst nach +sehr mühevoller Bearbeitung des harten Korallengrundes gedeihen lassen, +Thiere aber, ausser zahlreichen Ratten, gar nicht besitzen. Dazu kommt, +dass grässliche Orkane, denen nichts zu widerstehen vermag, auf Tahiti, +den Paumotu- und Herveyinseln, auf Tonga, den Karolinen, den Marianen, +kurz so ziemlich überall, die Vegetation gar nicht selten so vollständig +vernichten, dass äusserste Hungersnoth eintritt. Auf den Inseln südlich +vom Aequator sollen Stürme der Art nach Mörenhout (2, 365) nicht öfter +als alle 8-10 Jahre vorkommen, also gerade oft genug, um eine reiche +Entwickelung der Bevölkerung unmöglich zu machen. Denn ihre Gewalt ist +so, dass an irgend welchen Schutz oder Widerstand gar nicht zu denken +ist. Daher ist es denn begreiflich, dass man den Kindermord, wie +Chamisso mit solchem Entsetzen von den Ratakinsulanern erzählt, dort und +auch sonst noch (z.B. auf Tikopia) geradezu gesetzlich regulirte, um die +Inseln vor Uebervölkerung zu behüten; begreiflich ferner, wie +Hochstetter auf den Gedanken kam, dass der Kannibalismus auf Neuseeland +durch den Hunger eingeführt sei. Ist nun zwar letztere Ansicht gewiss +nicht richtig, wie sich leicht aus dem was wir über den Kannibalismus +schon gesagt haben, ergibt; so ist es doch sicher, dass in einzelnen +Gegenden Polynesiens, z.B. in Nukuhiva, bisweilen der Hunger zum +Auffressen naher Verwandten trieb. Auch in Amerika, namentlich im +Norden, gibt es Völker, die durch die äussere Noth gezwungen, zum +Kannibalismus gebracht sind (Waitz 3, 508; 4, 251). + +Dass auch die Aleuteninseln durch ihre Naturbeschaffenheit keine reiche +Entwickelung ihrer Bevölkerung zulassen, ist klar; und dasselbe gilt von +Kamtschatka, über dessen Natur von neuern Schriftstellern v. Kittlitz +trefflich gehandelt hat. + +Alle die besprochenen Länder machen eine grosse geschichtliche +Entwicklung von vornherein so gut wie unmöglich. Einförmigkeit ist das +Zeichen der meisten; und historische Schicksale, das wirksamste Mittel, +die Menschheit zu heben, konnten ihre Bewohner so gut wie gar nicht +treffen. Dadurch aber konnten sie sich nicht über die Natur, wie z.B. +die Indogermanen, die Semiten gethan, erheben, so dass diese von ihnen +beherrscht wäre. Und nehmen wir auf der anderen Seite Völker mit den +Sitten, wie wir sie bisher geschildert, in ungünstiger Natur, so +leuchtet wohl ein, wie gerade ihnen gegenüber schädliche Natureinflüsse +von doppelter Gefahr sein mussten. + + + + +§ 13. Aeussere Einflüsse der höheren Kultur auf die Naturvölker. + + +Wir können nun erst, nachdem wir betrachtet haben, was in der Natur und +Lebensweise dieser Völker selbst einen frühen Untergang Begründendes +liegt, die Einflüsse genauer erwägen, welche ihre Berührung mit anderen +meist höher kultivirten Völkern und namentlich mit den Kulturvölkern +Europas und Amerikas hervorgebracht hat. + +Es sind hier zunächst Einflüsse zu erwähnen, welche obwohl durchaus +nicht feindselig, ja häufig nur gut gemeint dennoch physisch wie +psychisch die gewaltsamsten Wirkungen haben mussten und hatten und +haben. + +Zunächst ist es die Umänderung des äusseren Lebens der Naturvölker, +welche uns, wie sie durch jene Berührung unvermeidlich war, beschäftigen +muss.--Die ganze Lebensart dieser Völker war durch lange fast +instinktive Auswahl, dem Klima, den Bodenverhältnissen, ihrer ganzen +äusseren Natur so entsprechend oder wenigstens die Natur dieser Völker +hatte sich durch lange Gewöhnung so mit dieser Lebensart assimilirt, +dass jede auffallende Aenderung, namentlich wenn sie plötzlich kam, wenn +sie sich über mehreres erstreckte, oder gar wenn sie bloss halb, bloss +zeitweilig durchgeführt wurde, die grössten Revolutionen in ihrem +gesammten Wesen hervorbringen musste. Auch hier ist wieder auf die +unendliche Macht einer sich stets verstärkenden Vererbung hinzuweisen, +wie sie durch Jahrhunderte, Jahrtausende lange Gewöhnung, durch überaus +allmähliche Angleichung die Menschennatur so fest auch an ungünstige +Einflüsse gewöhnen kann, dass eine Abwendung von ihnen für den +Augenblick nur schädlich zu wirken scheint. + +So finden wir das körperliche Leben der Naturvölker im engsten Einklang +mit den Naturumgebungen und ihren Einflüssen. Vor der Bekanntschaft mit +den Europäern oder Amerikanern (die immer, was gestattet sein möge, +mitgemeint sind, wenn im Folgenden einfach nur von den Europäern und +ihrem Einfluss die Rede ist) waren daher die Naturvölker durchaus +gesund, obwohl einzelne Seuchen ab und zu schon damals bei ihnen +vorkamen: nie aber kannten sie die chronische Kränklichkeit kultivirter +Nationen. + +So war es mit der Kleidung. Die Neuseeländer trugen Kleider von +Mattenzeug, welches aus den Blättern der neuseeländischen Flachslilie +(Phormium tenax) geflochten war--auf welchen Matten man auch +schlief--und seltener und nur die Fürsten einen Mantel aus +zusammengenähten Hundefellen (Dieffenbach 2, 153). Statt dieser kühlen, +die Haut nur schützenden, kaum erregenden Kleidung, welche auch (für +Neuseeland sehr wichtig, wo es sehr oft, meist nur vorübergehend, +regnet) die Nässe nicht lange hielt, tragen sie jetzt wollene Decken, +die, abgesehen davon, dass sie dem Ungeziefer eine willkommene Zuflucht +sind, die Haut reizen, die Feuchtigkeit sehr lange halten und einen viel +stärkeren Wechsel in der Temperatur des Körpers hervorbringen. Denn wie +die Maoris früher ihre Phormiummatten bei irgend welcher Arbeit oder +sonstigen Gelegenheit leicht ablegten, gerade so machen sie es, ganz +ohne Rücksicht, ob sie warm sind, ob nicht, auch mit den Wollendecken +jetzt (Dieffenbach 2, 18). Ganz ähnlich schildert das Jarves 370 von +Hawaii. Fürsten und Volk, sehr begierig auf jeden ausländischen Stoff, +gleich viel ob es Matrosentuch oder das dünnste chinesische Gewebe war, +trugen alles ganz ohne Unterschied, und so kamen sie bald nach ihrer +alten Art, bald anders, bald mit einer Mischung von beiden bekleidet; +derselbe, der längere Zeit eine solche Kleidung trug, erschien dann +wieder viele Tage lang nackt. Je schöner das Wetter war, um so +reichlicher bekleidet gingen sie, um zu paradiren, bei schlechtem Wetter +aber meist nackt, um die Kleidung zu schonen; nackt daher auch in der +ganzen Jahreszeit des Winters, und im Sommer bekleidet. Jarves wie +Dieffenbach finden daher mit vollem, Recht in dieser Veränderung und in +dieser Art der Neuerung eine äusserst wirksame Ursache für den Verfall +der Gesundheit dieser Völker. Diese Ursache aber wirkt überall, wo +Natur- und Kulturvölker zusammentreffen: sie musste eintreten, weil +schon die Missionäre eine etwas decentere Bekleidung als die meisten +Naturvölker kannten, verlangen mussten. + +Auch eingeführte Nahrungsmittel (abgesehen von den Spirituosen) waren +den Naturvölkern schädlich: so nach Dieffenbach a.a.O. für die +Neuseeländer die Einführung des Maises, den sie halb gegohren verbacken +und durch dies äusserst ungesunde Brot sich sehr schaden. Salz, sagt er, +was sie früher in den Seethieren genossen, essen sie jetzt gar nicht +mehr, denn ihre fast einzige Nahrung ist die Kartoffel; diese aber, +abgesehen davon, dass ihr ausschliesslicher Genuss überhaupt schädlich +ist, wirkte noch dadurch ungünstig, dass sie bei der wenigen Pflege, die +sie verlangt, ganz und gar nur von Sklaven und Weibern besorgt wird, +ohne die Männer nur zu irgend welcher Thätigkeit anzuregen. Was wir hier +an dem einen Beispiel zeigten, gilt natürlich wiederum für einen ganzen +Kreis dieser Völker. + +Auch der Hausbau hat sich vielfach geändert, wenigstens in Polynesien, +da hier fast allein ein annähernd freundliches Verkehren der Europäer +mit Eingeborenen sich entwickelt hat. In Polynesien war man früher an +sehr luftige, reinliche Häuser, die fast nur aus einem sehr tief +herabreichenden Dache bestanden, gewöhnt. Jetzt aber kommen mehr und +mehr mit Hintansetzung der altheimischen Art Häuser oder Baracken auf, +die nach europäischer Art gebaut der für jene Gegenden so nöthigen +Ventilation fast ganz entbehren und, da nun noch dazu nach alter Sitte +viele Menschen in einem solchen Raum zusammen wohnen und schlafen, durch +den grellen Gegensatz gegen das von früherher Gewohnte den schlimmsten +Einfluss haben (z. B, Dieffenbach 2, 68-71). + +Namentlich war es der Adel in Polynesien, der diese Aenderungen +vornehmlich, da er mit den Europäern in genauere Berührung kam und +grössere Mittel hatte, bei sich einführte: gerade aber der Adel ist vom +Aussterben weit mehr und rascher ergriffen, als das Volk--so namentlich +in Hawaii--und es ist diese Erscheinung nicht so zu erklären, dass man +beim Adel, weil er geringer an der Zahl sei, das Hinschwinden klarer +sähe: denn hiergegen sprechen die Verhältnisszahlen so wie der Umstand, +dass in der ersten Zeit der Adel vornehmlich von Krankheit u. dergl. +heimgesucht war, bis das Verderben sich weiter ausbreitete. Es nimmt das +um so weniger Wunder, als auch der Adel es war, welchem die meisten der +geschilderten polynesischen Ausschweifungen zur Last fallen. Das meiste +überhaupt, was vorzüglich in älteren Reisebeschreibungen von Polynesien +gesagt wird, geht auf den Adel, da dieser bevorzugte Stand mit so +hervorragenden Fremdlingen, als die Europäer waren, zu verkehren nach +polynesischen Begriffen fast allein das Recht hatte. Wo aber diese +Völker wenigstens nicht halb und nur zeitweilig, sondern ganz und für +immer die europäischen Sitten, Kleidung, Wohnung, Lebensart u. s. w. +annehmen, da bleiben sie weit ungefährdeter, wie dies Dieffenbach a. a. +O. von den Neuseeländern nachweist. Den skrophulösen Habitus so vieler +Maorikinder an der Küste erklärt er dagegen nur durch die ungeeignete +und halbe Aenderung der einheimischen Lebensweise. + +Auch die Ausbreitung der Weissen beschränkt und beschädigt natürlich, +schon durch sich selbst und ohne böswillige Absicht der sich +Ausbreitenden, die Naturvölker in hohem Grade. Auf den kleinen +polynesischen Inseln z. B., doch auch sonst und überall sind die +Lebensmittel bei so riesig durch die Europäer gesteigertem Verkehr viel +werthvoller und dadurch immer knapper geworden. Man denke nur, um dies +Beispiel aus Polynesien auszuführen, was alle die Schiffe brauchen, +welche zu Papeiti oder gar zu Honolulu vor Anker gehen, um sich zu +verproviantiren. Und sollte man denken, dass grade dies grössere +Bedürfniss ein Sporn für die Eingeborenen sei, der sie weiter bringe in +der Kultur, im Ackerbau, Handel u. s. w.: so erwäge man, dass jetzt kaum +ein Jahrhundert seit der ersten Entdeckung (die spanischen Besuche auf +den Inseln, welche früher fallen, abgerechnet) verflossen ist, dass in +einem so kurzen Zeitraum aber, wo so mannigfache Schicksale auf die +Eingeborenen einstürmten, sich der Ackerbau noch gar nicht so entwickeln +konnte, dass er diesen massenhaften Anforderungen entspräche; und dass +zu grosse Forderungen eben nicht mehr anspornen, sondern erschlaffen, +erdrücken. In anderen Gegenden gestaltet sich dieselbe Sache anders, +aber die Resultate bleiben gleich. + +Die Neuholländer freuen sich, wenn sich in ihrem Gebiete Europäer +niederliessen, sie wünschten es und forderten sie dazu an vielen Orten +auf. Allein die nächste Folge war, dass sie in eine sehr elende Lage +geriethen: denn (abgesehen von anderem, was wir später besprechen) ihre +Jagdthiere verminderten sich auf der Stelle, ja sie verschwanden, theils +verdrängt oder verjagt, theils ausgerottet von den meist sehr +jagdlustigen Einwanderern (Lang bei Grey 2, 234-35). Daher sagte ein +Australier sehr richtig zu einem Europäer: »Ihr solltet uns Schwarzen +Milch, Kühe und Schafe geben, denn ihr seid hergekommen und habt die +Opossums and Känguruhs vertilgt. Wir haben nichts mehr zu essen und sind +hungrig« (Bennet bei Waitz 1, 183). Die brauchbaren Gras- und +Weidestrecken nahmen die Europäer mehr und mehr im Lauf der Jahre ein in +Neuholland, Neuseeland, Afrika, Amerika, die fruchtbaren Küstenstriche, +sonst der gewöhnliche Aufenthalt der Eingeborenen, haben sie ganz und +gar inne, das Land erklären sie für ihr Eigenthum, und da sie sich man +kann wohl sagen täglich mehr und mehr ausbreiten, so drängen sie schon +durch ihre blosse Existenz die Eingeborenen in die Wälder, die Berge, +die Wildniss zurück; so dass es denn gar kein Wunder ist, wenn die +Eingeborenen schon hierdurch allein »wie von einem giftigen Hauche +berührt« (oder wie die Phrase lautet) verkommen. »Als der weisse Mann, +so sagte der Cherokeehäuptling Bunteschlange in einer Rede, sich gewärmt +hatte am Feuer des Indianers, und sich gesättigt an seinem Maisbrei, da +wurde er sehr gross, er reichte über die Berggipfel hinweg und seine +Füsse bedeckten die Ebenen und die Thäler. Seine Hände streckte er aus +bis zum Meere im Osten und Westen. Da wurde er unser grosser Vater. Er +liebte seine rothen Kinder, aber sprach zu ihnen: ihr müsst ein wenig +aus dem Wege gehen, damit ich nicht von ungefähr auf euch trete. Mit dem +einen Fuss stiess er den rothen Mann über den Okonnee und mit dem +anderen trat er die Gräber seiner Väter nieder. Aber unser grosser Vater +liebte doch seine rothen Kinder und änderte bald seine Sprache gegen +sie. Er sprach viel, aber der Sinn von Allem war, nur: geht ein wenig +aus dem Wege, ihr seid mir zu nahe. Ich habe viele Reden von unserem +grossen Vater gehört und alle begannen und endeten ebenso« (Waitz 3, +144). Chamisso, einer der wenigen, die sich in Deutschland für die +Stellung jener Völker interessirten, hat dieser Rede ergreifenden +Ausdruck verliehen in einem seiner Gedichte (Werke 4, 86). Sie ist +bekannt genug: und wenn auch in ihr der ethische Gedanke die Hauptsache +ist, so kann doch auch die Schilderung der Thatsachen nicht schlagender +gegeben werden. + +Und doch, auch wenn man den Eingeborenen genügenden Landbesitz und Jagd +und Lebensmittel genug sichern könnte, wir wiederholen es: die totale +Umwälzung ihres ganzen leiblichen Lebens, das, wie wir eben gesehen, +sich nach jeder Richtung hin ändern musste durch die plötzlich +hereinbrechende Kultur, wird auch wenn keine Halbheiten, +Ungeschicklichkeiten u. dergl. vorkommen, wenn alles gleich so trefflich +als möglich eingerichtet wäre, den gefahrvollsten Einfluss auf die +Naturvölker haben und je mehr, je plötzlicher sie kommt. Denn je länger +physische Gewohnheiten schon bestehen, um so fester sind sie und um so +gefährlicher ist es für die menschliche Natur, wenn sie plötzlich +gebrochen werden sollen. Auch hierin ist Leib und Seele einem Gesetze +unterworfen: dem Gesetze der Beharrlichkeit. Wie eine Flüssigkeit, +welche man in einen bestimmten Kreislauf gebracht hat, diesem Laufe +immer williger und rascher folgt, aber wild in ungeordnete Wirbel +zusammenschäumt, wenn man sie nach der entgegengesetzten Richtung hin +zwingen will, bis sie sich endlich und allmählich diesem Neuen gewöhnt: +so musste das natürliche Leben dieser Völker in Aufregung und Unordnung +kommen, als es so plötzlich von der übermächtigen Kultur unterbrochen +wurde, an die es sich erst langsam und sehr allmählich gewöhnen wird. So +werden denn einzelne wohl, nie aber ein ganzes Volk rasch und plötzlich +sich eine so totale Umänderung, wie hier nöthig, und käme sie unter den +günstigsten Bedingungen (was hier leider nicht geschah), aneignen +können. Nur so ist sicher die Nachricht zu verstehen, die wir vorhin +Dieffenbach entlehnten, dass die Neuseeländer, wo sie vollkommen +europäisch lebten, auch gesund seien: wobei denn immer noch zu erwägen +bleibt, dass Dieffenbach erst 1840 seine Beobachtungen anstellte, also +über zwei Generationen (70 Jahre) nach der ersten Entdeckung der Insel. +Allein man könnte sagen: und doch haben andere Völker dasselbe +plötzliche Hereinbrechen einer übermächtigen Kultur durchgemacht und +überwunden. Man könnte unsere eigenen Vorfahren, die alten Deutschen +nennen. Und doch, welch ein ungeheurer Unterschied hier in Allem! Denn +erstens war die griechischrömische Kultur, wie sie zu den Germanen kam, +unendlich bequemer als die moderne, wie sie die Naturvölker annehmen +sollen; zweitens standen die Germanen in jeder Weise, auch in ihrer +leiblichen Beschaffenheit, jener Kultur und ihren Trägern bei weitem +näher als die Naturvölker den Europäern; drittens brach dieselbe nicht +so unaufhaltsam, so plötzlich, so rücksichtlos über die Germanen herein, +wie über jene Völker, sondern ganz allmählich, durch Jahrhunderte langes +Vertrautwerden mit dem Einzelnen, wobei das romanisirte Gallien keine +unbedeutende Vermittlerrolle spielte; und endlich kam sie nicht in +solchem Grade feindselig, wie die moderne Kultur über die sogenannten +Wilden. + + + + +§ 14. Psychische Einwirkungen der Kultur. + + +Und so blieben unsere Vorfahren vor dem namentlich bewahrt, was den +Naturvölkern so verhängnissvoll wurde: vor dem geistig deprimirenden +Eindruck, den die Kultur auf die Naturvölker macht. Die Germanen fanden +Gelegenheit selbständig siegend in dem Land ihrer geistigen Besieger +aufzutreten: sie behielten stets das gegründete Bewusstsein eigenes +Werthes und dass sie nicht in jeder Beziehung untergeordnet seien. Sie +standen den Römern gegenüber wie der Schüler dem Lehrer, der des +Schülers geistiges Leben leitet, corrigirt, erhöht, aber nicht verletzt, +vernichtet, verhöhnt. + +Ganz anders aber die Naturvölker. Ihr Geistesleben, alles, was sie +dachten, fühlten und glaubten ist ihnen durch ihr Bekanntwerden mit den +Europäern was sollen wir anders sagen als geradezu (und oft mit der +boshaftesten Absichtlichkeit) vernichtet worden. Hierdurch wurden +selbstverständlich je gebildeter die Völker waren, sie um so härter +betroffen; so dass vieles von dem im folgenden Entwickelten auf die +rohesten Stämme Südamerikas oder Neuhollands keine Anwendung findet. + +Zunächst die Religion. Die meisten Naturvölker sind von sehr reiner und +inniger Religiosität, bei allen Abgeschmacktheiten und Monstrositäten +ihres Glaubens. So waren es die Mexikaner. Ihre Religion (Waitz 4, 128) +war es, welche ihnen ihre hohe und reine Moral eingab, deren +Grundgedanke--zugleich ihr festester und untrüglichster Schwur (Waitz 4, +154)--war: sieht mich nicht unser Gott? Und alles, was die Religion +schweres von ihnen forderte, wurde treu und gewissenhaft und mit ächter +und inniger Andacht von ihnen, nach Cortez eigenem Zeugniss (Waitz 4, +154) ausgeführt, Ihre vielen Eroberungskriege waren, wie wir schon +sahen, alle von dem Gedanken geleitet, ihre Religion auszubreiten über +alle Welt. Nicht anders, nach Waitz Schilderung (4, 447 ff.) die +Peruaner. Gleichfalls in hohem Grade gottesfürchtig sind die +Nordindianer (Waitz 3, 205), die keine Handlung ohne Gebet unternehmen, +die alle schweren von der Religion verlangten Peinigungen mit der +grössten Gewissenhaftigkeit vollführen. Und so haben alle diese Völker +überall zähe an ihren Religionen gehalten. + +Etwas anders steht die Sache in Polynesien. Nicht als ob die +polynesischen Völker nicht von gleich tiefer Religiosität wären; was +z.B. schon die bekehrten Eingeborenen beweisen, in deren Hand jetzt der +grösste Theil der Südseemission ist. Aber die ganze Bevölkerung war +sittlich minder rein als die Amerikaner und befand sich schon zur Zeit +der Entdeckung, wie Meinicke (b) nachgewiesen, in einem Zustande auch +des geistigen Verfalls. Daher erklärt sich die auffallende Erscheinung, +dass die Polynesier (Dieffenbach 2, 50 vom ganzen Ozean) und nach +Chamissos Zeugniss auch die Mikronesier sich leicht bewegen lassen, über +ihren früheren Aberglauben selbst zu lachen und ihn aufzugeben. Doch +auch sie fügen sich und nicht bloss aus Herkommen mit freudigstem +Gehorsam den beschränkendsten Gesetzen ihrer Religion, z.B. den +Tabu-Gesetzen, d.h. den Bestimmungen, durch welche Gegenstände aller Art +heilig gesprochen und dem unheiligen Volk gänzlich entzogen werden, +sowie der übergrossen Adelsverehrung und anderem der Art. Und nur da +haben sie ihre Religion wirklich und ohne Widerstand aufgegeben, wo sie +durch die Mission wirklichen religiösen Ersatz bekamen. Gegen +feindselige Angriffe auf ihre Religion, mochten sie absichtlich oder nur +zufällig sein, haben sie sich immer aufs heftigste aufgebracht gezeigt +und eine Menge Ueberfälle, Kriege, ja Cooks Tod selbst sind nur durch +solche Verletzungen ihrer Tempelplätze oder sonstigen Heiligthümer +hervorgerufen. + +Aber selbstverständlich war es gerade die Religion, gegen welche sich +die heftigsten und ersten Angriffe der Kulturvölker richteten. Das +brauchte nicht mit der brutalen Roheit der Conquistadoren und ihrer +Pfaffen in Amerika oder der Sendlinge Frankreichs in den letzten +Jahrzehnten, der Laplace, Dupetitthouars u.s.w. in der Südsee zu +geschehen: auch die edelsten der Europäer mussten sich gegen diese +Religionen wenden, um sie zu zerstören, und so sahen die Eingeborenen +ihr Heiligstes vernichtet, ja als durchaus schlecht und nichtswürdig +verachtet. Aus dem Vorstehenden aber kann man ermessen, wie vernichtend +dieser Schlag ihr geistiges Leben traf. + +Ebenso war es mit den politischen Einrichtungen: und auch hier müssen +wir wenigstens auf einige Hauptpunkte hinweisen. Die despotische +Verfassung, das strenge Adelsregiment der Südsee (um bei den Polynesiern +zunächst zu bleiben), haben wir schon betrachtet. Aber mochte der Adel +sich noch so hoch über das Volk stellen, das Volk aufs ärgste +unterdrücken: er war doch von Gott, man hing ihm doch mit warmer +Verehrung an, man brachte in den meisten Fällen sein Gut und Blut mit +aufrichtigem Eifer dar--lohnte doch eine solche Aufopferung mit einem +besseren oder überhaupt mit einem Leben nach dem Tode! Jedenfalls +beruhte auf diesem Verhältniss des Adels, der naturgemäss die stolzeste +Meinung von sich hatte und sich keineswegs den europäischen Grossen +untergeordnet fühlte, und des Volkes das gesammte öffentliche Leben +Polynesiens und Mikronesiens und hier wieder vorzüglich der Marianen. + +Durch den Einfluss der Europäer änderte sich das alles und so sehr auch +das Volk nachher dadurch gewann: für den Augenblick musste es die +Einrichtungen, die ihm seit Jahrtausenden gewohnt und ehrwürdig waren, +aufgeben und die, welche es vordem gleich Göttern geachtet hatte, von +den Europäern keineswegs besonders hochgestellt, ja oft mit Verachtung +oder gar mit schreiendster Ungerechtigkeit behandelt, zum Theil wie auf +den Marianen blutig verfolgt und vernichtet sehen. Der Adel selbst aber +war noch schlimmer dran. Er war, bei völliger Unumschränktheit, der +festen Ueberzeugung, von ganz anderem Stoff zu sein, als das gemeine +Volk, er stellte sich ganz den höchsten Europäern gleich und wusste +sich, wie Liholiho, Tamehameha I. Sohn in England bei seinem Aufenthalt +unter der englischen höchsten Aristokratie bewiesen hat, diesen auch im +äusseren Benehmen ziemlich gleich zu halten. Und nun fand er sich von +den Europäern, oft von den gemeinsten Matrosen, nicht nur nicht göttlich +verehrt, sondern verachtet, dem gemeinen Volke ganz gleich, und +jedenfalls tief unter jeden Weissen gestellt, er fand sich von der +Gesellschaft in den meisten Fällen (wo sich eine wirklich europäische +Gesellschaft bilden konnte) entweder ausgeschlossen oder doch nur +geduldet! So geschah es zu Neuseeland--man kennt ja den Hochmuth der +englischen Raçe einer farbigen Bevölkerung gegenüber--so, seit der +gloriosen französischen Occupation, zu Tahiti, so einige Jahrhunderte +früher auf den Marianen, wo der Adel in den blutigen Kämpfen ganz zu +Grunde ging. + +Noch viel schlimmer, weil die Zerstörung gründlicher war, wirkten diese +Dinge in Amerika. Denn auch hier war Volk und Herrscher durch Bande +grosser Anhänglichkeit und Religiosität verknüpft. Der Herrscher, der +aus dem hohen Adel gewählt wurde, und mit ihm der höchste Adel war, wie +wir schon sahen, Stellvertreter Gottes auf Erden und daher +unumschränkt. Wie rein und tief man in Mexiko, trotz alles Absolutismus, +die Stellung des Herrschers auffasste, geht aus den Reden hervor, die +man bei seiner Inauguration an ihn richtete und welche nicht nur nach +Waitz 4,68 »zu dem Schönsten und Erhabensten gehören, was von den +Azteken noch übrig ist«, sondern überhaupt zu dem Schönsten und +Erhabensten, sicher zu dem Wahrsten, was man je Königen gesagt hat. Die +Steuern und Frohnen, unter denen, nach den alten spanischen +Schriftstellern, das Volk seufzte, sind nach Waitz genauer und +schlagender Untersuchung von den Spaniern aus nahe liegenden Gründen +sehr übertrieben worden. Nach alle diesem wird sich die Lücke ermessen +lassen, welche im Gemüth des Volkes nach dem Sturz alles Bestehenden +entstand. »Zurita hat gezeigt, sagt Waitz 4, 186, wie das mexikanische +Volk hauptsächlich dadurch ins äusserste Elend gerieth, dass alle +Grundlagen seiner bisherigen politischen und socialen Organisation von +den Siegern zerstört wurden. Vom mexikanischen Adel überlebten nur +wenige den Fall der Hauptstadt und diese wenigen waren meist noch +Kinder. Eine Petition sechs vornehmer Indianer an Karl V. legt dar, wie +der Rest des Adels von den Spaniern niedergetreten und ins Volk +zurückgeworfen in Armuth und Elend umkam. Eine Tochter Montezuma's ist +im tiefsten Elend gestorben.« Man nehme nun dazu, dass auch das gesammte +äussere Leben, die ganze glänzende Kultur des Volkes, die reiche +Hauptstadt, die blühenden Gärten, die zahlreichen Tempel, dass Alles +zerstört und oft aufs grausamste und verächtlichste zerstört wurde: und +man wird begreiflich finden, dass schon dadurch der Sieger der Seele des +besiegten Volkes einen Todesstoss versetzte. Dasselbe gilt, vielleicht +in noch höherem Grade von den Quechuas und den Nordamerikanern. »Mit +einem Fuss stiess er den rothen Mann über den Okonnee, und mit dem +anderen trat er die Gräber unserer Väter nieder«, hiess es in der oben +erwähnten Rede. Und leider waren es die persönlichsten und heiligsten +Empfindungen, die man allzu oft und mit der grössten Rücksichtslosigkeit +verletzte, woran freilich nicht mehr die Kultur, sondern nur ihre Träger +schuld waren. Das zweite Concil zu Lima bedrohte die Zerstörung und +Plünderung der alten Indianergräber, die Preisgebung der Leichen mit +Excommunication; allein der supremo consejo de las Indias fand der +Schätze wegen, die sie enthalten könnten, für gut, ihre Durchsuchung zu +erlauben (Waitz 4, 493-94). Alles dies musste das unterdrückte Volk +ruhig mit ansehen: ihr innerstes Leben wurde ihnen vernichtet, ohne dass +sie, die sonst schon aufs fürchterlichste bedrückt waren, sich wehren +konnten. Dass aber nicht bloss ihre Todten, dass die Lebenden selbst +noch mehr zu leiden hatten; dass man auf sie, ob sie lebten oder +starben, nicht die mindeste Rücksicht nahm, dass man also durch +Verletzung der theuersten und heiligsten Gefühle auch nach dieser Seite +hin den Indianern das äusserste that, das ist nur allzubekannt. Ein +Nordindianer (Waitz 3, 141) sagte in einer öffentlichen und viel +erwähnten Rede: »ich hätte sogar daran gedacht, ganz unter euch zu +leben, hätte nicht ein Mann mir Böses gethan. Oberst Cresap ermordete im +letzten Frühjahr (1774) mit kaltem Blut und aus eigenem Antriebe alle +meine Verwandten, selbst meine Weiber und Kinder verschonte er nicht. +Kein Tropfen von meinem Blut läuft mehr in den Adern eines lebenden +Wesens.« Dies eine Zeugniss genüge. + +Eine der hervorragendsten Eigenschaften der Naturvölker ist ihr Stolz. +Die Amerikaner halten sich für die ersten aller Menschen; Geschickt wie +ein Indianer und dumm wie ein Europäer sind bei ihnen Sprichwörter +(Waitz 3, 170). Verletzung dieses Stolzes war auch das Härteste, was sie +unter sich einander zufügten. Die Polynesier glaubten alles Ernstes, die +Europäer kämen zu ihnen, um jetzt erst wahres Leben kennen zu lernen und +an ihrer Glückseligkeit, an ihrer Vollkommenheit Theil zu nehmen. +Selbstmord aus Scham oder verletztem Ehrgefühl ist unter ihnen gar nicht +so selten (Dieffenbach 2, 112. Thomson 319. Will. u. Calvert 1, 121 +ff.); ihre eigenen Thaten läugnen sie eben wegen dieses Stolzes nie +(Williams u. Calvert 1, 124; Tyermann u. Bennet 1, 78; Waitz a.a.O.). + +Nicht minder empfindlich ist das Rechtsgefühl aller dieser Völker, +welches z.B. einen Irokesen, der von Christi Leiden hörte, ganz wie +jenen Friesenfürsten zu dem Ausrufe zwang: »wäre ich dabei gewesen, ich +würde ihn gerächt und die Juden skalpirt haben« (Waitz 3, 169). Und +diese Empfindungen, für welche Waitz a.a.O. u. b, 147 noch eine Menge +Beispiele zusammenstellt, finden wir ebenso in Polynesien; ebenso +wirksam wenigstens, wenn auch minder frei entwickelt, auch bei den +roheren Völkern, den Südamerikanern, Hottentotten, Australiern. Schon +das stete Streben, welches diese Völker nach Rache haben, beweist es. +Wie grausam aber sind gerade diese Eigenschaften von der Kultur +verletzt! Theils ohne ihre Schuld: denn dass die Naturvölker gar bald +einsahen, wie sie gegen die Europäer nichts wären und nichts vermöchten, +lag in der Natur der Sache. Theils aber tragen auch hier die Europäer +die schwerste Verantwortlichkeit, denn sie haben die Rechte dieser +Völker absichtlich mit Füssen getreten, sie haben, da sie die +Naturvölker kaum für Menschen ansahen, nicht einmal ihr menschliches +Selbstbewusstsein ihnen lassen mögen, sondern auch dieses, und oft von +Staatswegen, wie die Vereinigten Staaten, wie Frankreich in Tahiti, wie +die Engländer in Australien, mit Füssen getreten; und man tritt es durch +den grenzenlosen Hochmuth und Hass, mit dem man diese Völker von aller +Gemeinschaft und damit von aller Kultur ausschliesst, nachdem man ihnen +häufig Land und Lebensmittel genommen, auch ferner mit Füssen. Und +selbst in ihrem Rachedurst sind alle diese Völker den Europäern +gegenüber so ohnmächtig, gegen welche höchstens einmal ein vereinzelter +Racheakt Einzelner glücklichen Erfolg hatte. Mag auch Waitz Recht haben, +wenn er sagt (b, 157), das Rechtsgefühl der Indianer sei durch den +harten Druck der Weissen weiter und schärfer entwickelt worden, als es +wohl sonst geschehen sei; so fährt er doch ebenso richtig fort: +»freilich war davon die nächste Folge für sie selbst nur diese, dass sie +ihre Ohnmacht und die Trostlosigkeit ihrer Lage dann um so bitterer +empfanden.« + +Diese Vernichtung aber des gesammten geistigen und ethischen Lebens der +Nationen kann man gar nicht stark genug betonen, wenn man die Gründe für +ihr Aussterben aufsuchen will. Wie nichts ein Volk mehr hebt, als +freudige Achtung vor sich selbst und fröhliches Gelingen des von ihm +Erstrebten, so drückt nichts den Volksgeist tiefer, als das Gefühl der +eigenen Ohnmacht und Verlorenheit. Zum Gefühl aber der äussersten +Ohnmacht und Rechtslosigkeit, des bittersten und doch ganz hülflosen +Ingrimms finden wir alle diese Völker, Amerikaner, Aleuten und +Kamtschadalen, Neuholländer, Polynesier und Hottentotten verdammt. »Jede +Raçe, weiss schwarz oder roth, sagt Elliot bei Waitz 3, 299, muss +untergehen, wenn ihr Muth, ihre Energie und Selbstachtung durch +Unterdrückung, Sklaverei und Laster zu Grunde gehen.« Und nun hatten, +wie wir gesehen, die meisten Naturvölker schon von Haus aus einen +entschiedenen Hang zur Melancholie, welche durch alle diese Schicksale +natürlich aufs ärgste vermehrt ihren Untergang nur beschleunigte. Man +denke sich nur, wenn wir Europäer mit allen unseren Kulturmitteln, mit +unserer Religion, kurz mit allen den Vortheilen, die wir den +Naturvölkern gegenüber besitzen, ihr Loos auch nur wenige Jahre, etwa +eine Generation, zu ertragen hätten, was aus uns werden sollte! Man +denke, wie der dreissigjährige Krieg gewirkt hat, dessen Greuel doch bei +weitem durch das, was die Naturvölker zu leiden hatten, überboten +werden: und man wird sich mehr über die zähe Ausdauer, als über das +Hinschwinden derselben verwundern. Nur ihre grössere Härte und +Festigkeit hat sie aufrecht erhalten den Völkern gegenüber, die sie +anfangs alle, Mexikaner sowohl wie Hottentotten und Neuholländer, für +Götter hielten! + +Musste alles dieses auf das geistige Leben der Völker und damit auch auf +das leibliche einen vernichtenden Einfluss ausüben, so übte es den auch +noch auf eine andere Art. Mit der Vernichtung der bestehenden Staaten +war natürlich auch jedes Recht und Gesetz, welches in denselben +bestanden hatte, aufgehoben. In Mexiko, in Peru aber waren die Gesetze +von grosser Strenge und grosser Wirksamkeit, da sie überall in höchster +Achtung standen und nicht anders war es in Polynesien, wo das Tabu auch +manchen heilsam verbietenden Einfluss hatte. Stürzte nun das Alles +zusammen, so musste nothwendigerweise eine um so ärgere Demoralisation +eintreten, je höher früher die Kultur des zerstörten Staates gestanden +hatte; eine solche Demoralisation musste aber gerade in einer Zeit einer +so allgemeinen Zerstörung, wo für die Unterliegenden weder leiblich noch +geistig irgend ein Halt blieb, die unheilvollsten Folgen für ihr ganzes +Dasein haben und nicht wenige in den genannten Kulturstaaten sind denn +auch gerade durch die unter den Eingebornen einreissende Zügellosigkeit +zu Grunde gegangen. Und je tiefer, je persönlich vernichtender die +Angriffe waren, um so mehr natürlich demoralisirten sie die Völker: was +sollten die noch irgend etwas scheuen und heilig halten, welche selbst +in ihrem Heiligsten verletzt waren? wie konnten sie noch sich selbst +achten, die von jenen ankommenden Göttern so in Staub getreten wurden? +Ueberall riss in Folge der auf diese Weise nahenden Kultur +Entsittlichung und dadurch immer tieferes geistiges und leibliches +Sinken unter den Naturvölkern ein. Was nicht unmittelbar vernichtet +wurde, das wurde im Innersten vergiftet und langsames Hinsiechen war die +nothwendige Folge. + + + + +§ 15. Schwierigkeit für die Naturvölker, die moderne Kultur sich +anzueignen. + + +Aber wenn auch die europäische Kultur den Naturvölkern mit vollkommener +Freundlichkeit und Schonung zugeführt worden wäre: diese Kultur bot auch +noch ausser denen, welche wir schon gesehen haben, die grössten +Schwierigkeiten und Gefahren, die wir jetzt betrachten müssen. + +War es schon keine Kleinigkeit, dass diese Völker fast alle ihre seit +Jahrhunderten eigenthümlichen Ideen und Anschauungen aufgeben mussten, +so war es noch viel schwieriger, das aufzunehmen, was die Europäer +brachten, die ganze unendlich verwickelte moderne Kultur! Das traf +besonders Polynesien und Australien; man denke sich die kleinen +Kokosinseln, die nun plötzlich sich hineinfinden müssen in die ganze +europäische Lebensart, in den europäischen Handel, das europäische +Recht, die Religion und so vieles andere--und sie müssen mehr als nur +oberflächliches davon annehmen, wenn sie nicht verloren sein wollen. Um +wie viel glücklicher waren auch hierin die Germanen, die sehr allmählich +eine viel weniger verwickelte Kultur aufzunehmen hatten; und doch wie +lange Zeit brauchten auch sie, bis sie diese Kultur vollkommen sich +assimilirt hatten! Ist es zu viel gesagt, wenn man behauptet, dass dies +erst im vorigen Jahrhundert durch das geistige Durchdringen des +Alterthums ganz geschehen sei? + +Einzelne Punkte--denn vieles (Wohnung, Kleidung u.s.w.) ist schon in +dem bisher Behandelten wenigstens andeutend ausgesprochen worden--müssen +wir noch besonders berücksichtigen. Zunächst die Bewaffnung. Die +Feuerwaffen sich anzueignen ist weit schwieriger, als die Aneignung der +römischen Taktik, da sie ausser der leiblichen Uebung noch die +Ueberwindung der Scheu vor Donner und Blitz, durch welche gerade man die +Weissen zuerst als Götter dokumentirt sah, verlangen; da ihre Wirkung +weit übernatürlicher scheint, als die der römischen Waffen.--Ferner die +Sprache. Uns Europäern macht es sehr grosse Schwierigkeiten, die Sprache +eines Naturvolkes mit ihren anderen Anschauungen geistig zu erfassen; +und doch steigen wir herab, da jene Sprachen alle in der Entwicklung und +Verbindung der Gedanken so wie in der Fülle der Anschauung weit weniger +vorgeschritten sind, als die Sprachen des gebildeten Europas; und +zugleich haben wir durch lange Jahrhunderte fortgesetzte Uebung und +ausserdem durch eine Menge von Hülfsmitteln eine viel grössere Kraft, +als jene Völker, die doch hinaufsteigen müssen, wenn sie eine +europäische Sprache erlernen wollen. Schon beim blossen Sprechenlernen, +das vom Begreifen und wirklichen Verstehen einer Sprache himmelweit +verschieden ist, müssen sie ihren Geist mit einer ganzen Menge neuer +Anschauungen und Begriffe erweitern, die ihnen früher aber auch ganz +unbekannt waren--und das meist vom Niveau einer Sprache aus, welche +strenges, logisches Verknüpfen und Ausdenken der Begriffe wenig genug +unterstützt. + +Nicht anders ist es mit der Religion. Der Abstand von manchen der +Religionen dieser Völker vom Christenthum mag, wenn auch die meisten +tiefer stehen, nicht grösser sein, als der des germanischen Heidenthums +von letzterem war; aber das Christenthum, was den Germanen gepredigt +wurde, war selbst ein ganz anderes, als was die Missionäre, wenigstens +die protestantischen, heut zu Tage predigen. Dann freilich, wenn man die +Berichte des sehr eifrig katholischen Michelis liest, so ist das, was +die Propaganda z.B. in der Südsee gepredigt hat, an vielen Orten +überhaupt nicht, viel Anderes gewesen, als was jene Völker schon +wussten: die katholischen Missionäre haben getauft und das Heidenthum +gelassen. Auf der andern Seite aber, wie so ganz unfassbar muss für die +ganz sinnlichen Naturvölker eine so abstrakte Lehre sein, wie die +evangelische, die noch dazu auf Begriffen und Anschauungen beruht, +welche jene Völker gar nicht haben. Und indem man ihnen das Christenthum +predigte, verlangte man, dass sie die Religion der Männer annehmen +sollten, welche ihnen so alles Aergste zugefügt hatten, der Weissen! Ja +hat man sie nicht auch gleich, damit ihnen nichts erspart bliebe, mit +dogmatischen Streitigkeiten beglückt? In der ganzen Missionsgeschichte +der neueren Zeit ist vielleicht kein so trauriges Ereigniss als das +Auftreten der Propaganda in der Südsee, wo eben die protestantische +Mission festen Fuss zu fassen und Früchte ihrer mühevollen Arbeit zu +sehen begann. Das liess der katholischen Kirche nicht Ruhe: sie trat an +einzelnen Stellen mit rohster Gewalt (die dann durch Lügen aller Art +verdeckt wurde) der protestantischen Mission entgegen und brachte zu den +eben bekehrten Heiden den Streit der kirchlichen Parteien. Lutteroth, +den zu widerlegen Michelis sich vergebens bemüht, hat dies scharf und +schlagend bewiesen. Auch Streitigkeiten, die in ihrem eigenen Schooss +entstanden sind, brachte sie zu den Neubekehrten, wie Humboldt b, 5, 133 +von Südamerika erzählt. Uebrigens ist auch die protestantische Kirche in +der Schonung solcher Heiden, die von einer andern protestantischen Sekte +bekehrt waren, durchaus nicht übermässig zart gewesen. An manchen Orten +(Nordamerika, Afrika u s.w.) hat auch sie statt des Friedens des +Christenthums den Streit der Sekten gebracht. Welchen Einfluss musste +das auf die eben gewonnenen Naturvölker und deren Charakter machen! +Dabei darf auch nicht vergessen werden, dass in den meisten Fällen sich +der Mission die Europäer selbst auf das Heftigste entgegensetzten, da +sie sich durch jene in ihrem oft sehr weltlichen oder besser gesagt +gottlosen Treiben behindert sahen. So war es namentlich in Polynesien, +fast auf jeder Insel (Meinicke, Lutteroth und fast in allen Quellen); so +in Amerika schon im 16. Jahrhundert (Waitz 4, 188; 338); so auch in +Afrika bei Hottentotten, Kaffern, Negern, überall. Man sieht, unsere +Kultur verlangt von den Naturvölkern eine geistige Anstrengung von so +enormer Grösse, dass sie mit einem Male und von einer Generation gar +nicht überwunden werden kann. Während aber nun die Europäer immer +frischen Zuzug neuer Schaaren haben, die sie in ihren Bestrebungen +stärken, während auch bei den Germanen auf die Stelle einer unterlegenen +Schaar eine andere trat, die das, was jene gewonnen hatten, übernehmend +ausführte, was noch nicht geleistet war, so fehlt es bei der geringen +Kopfzahl der Naturvölker an solcher kraftgebenden und aushelfenden +Ersatzmannschaft, durch welche die Arbeit sich theilen, die Aneignung +sich leichter und allgemeiner vollziehen könnte. Daher wird der lebenden +Generation eine um so grössere und schwerere Aufgabe gestellt und es ist +schon deshalb klar, dass eine Generation, ja dass zwei, drei +Generationen ihr nicht genügen können. Die Grösse der Aufgabe, die +enorme geistige Anstrengung selbst erschwert aber das gedeihliche +Weiterleben der Generationen durch den geistigen Druck so sehr, dass wir +auch hierauf mit allem Nachdruck hinweisen müssen. Und zweitens müssen +wir auch wieder betonen, dass der Hang zur Melancholie durch solche +Ueberanstrengung, wo in den meisten Fällen nur allzubald sich zeigt, +dass ein auch nur einigermassen befriedigendes Ziel kaum zu erreichen +ist, immer vergrössert wird, ja dass er geradezu Charakterzug der Völker +werden kann. Und so finden wir es im allgemeinen wie im einzelnen. +Tschudi 2, 286 erzählt von einem Botokudenknaben, der von einer Familie +in Bahia sorgfältig aufgezogen und dann zum Studium der Medizin auf die +Universität geschickt wurde. Er erwarb sich den Doktortitel, übte auch +eine Zeitlang die Praxis selbständig, bis er verschwand. »Eine tiefe +Melancholie war immer der Grundzug seines Charakters.« Später erfuhr +man, dass er wieder, nachdem er sich jeglicher Spur von Civilisation, +auch der Kleider, entledigt, als Jäger durch die Wälder streife. Einen +ganz gleichen Fall von einem jungen Choktaw, der Advokat geworden war, +hernach aber durch Melancholie (woran freilich der Kastenhochmuth der +Nordamerikanischen Weissen mit Schuld war) bis zum Selbstmord getrieben +wurde, erzählt Waitz b, 71-72. Diese Fälle zu erklären, reicht es nicht +aus, bloss an die »schiefe Stellung« zu erinnern, in welche solche +Individuen gerathen; denn bei jenem Botokuden trifft dies nicht zu, da +in Südamerika das Verhältniss der Farbigen zu den Weissen kein +ungünstiges ist: wesentlich mitgewirkt hat bei ihnen und ähnlichen, wie +wir sie bei Individuen und ganzen Völkern finden, die ewige Demüthigung +auf der einen, die Ueberanstrengung auf der anderen Seite. + + + + +§ 16. Behandlung der Naturvölker durch die Weissen. Afrika. Amerika. + + +Wir kommen nun zu dem düstersten Punkt in unserer ganzen Schilderung, zu +der düstersten Partie vielleicht in der ganzen Geschichte der +Menschheit: zu der Art, wie die Weissen die Naturvölker behandelt haben. +Die Laster, die sie ihnen brachten oder bei ihnen beförderten, brauchen +wir hier, da wir sie schon oben an verschiedenen Stellen erwähnten, +nicht noch einmal im Zusammenhang zu besprechen. Beginnen wir mit +Südafrika. Die Hottentotten zeigen sich uns gleich bei ihrem ersten +Bekanntwerden als ein Volk, das früher eine viel grössere Macht und +Ausdehnung besessen hatte und damals schon in einer Art Verfall war. Von +den umwohnenden afrikanischen Völkerschaften waren sie überall +verdrängt, namentlich von Norden nach Süden geschoben und nicht nur sehr +vermindert, sondern wie es scheint, auch in ihrem inneren Wesen +gebrochen oder wenigstens, durch die ewigen Kriege und Niederlagen, +wesentlich beschädigt worden (Waitz 2, 323 ff.). Schlimmeres aber +brachten ihnen die Holländer, welche sich seit 1652 am Cap niederliessen +und natürlich den Eingeborenen so viel Land ohne weiteres wegnahmen, als +sie brauchten. Sie brauchten aber, da sie aus Faulheit alles brach +liegen liessen und stets nur frisches Land bebauten, da sie ferner aus +dem gleichen Grund lieber Viehzucht als Ackerbau trieben, sehr viel +Land. Die Hottentotten, welche zu Sklaven zu machen das Gesetz verbot, +machten sie zu ihren Knechten, die, weil man sie nicht verkaufen konnte, +viel schlechter gehalten wurden als Sklaven (Waitz 2, 331). Als freilich +die Engländer 1796 in Besitz des Caps kamen, zeigten sie sich aus +Nationaleitelkeit anfangs zwar sehr empört über das Benehmen der +Holländer; allein gar bald thaten sie es ihnen in Allem nach (ebd. 332). +Wie man mit »dem schwarzen Vieh«, den Hottentotten, verfuhr, zeigt sich +z.B. in folgendem Fall, den Sparmann erzählt. Ein Holländer hatte einen +hottentottischen Knecht, der im Fieber lag und dessen Krankheit durch +eine auf des Herrn Bitte von Sparmann unternommene Kur sehr +verschlimmert wurde; Sparmann suchte den sehr niedergeschlagenen Boer zu +trösten: allein jener fuhr auf: er kümmere sich den Teufel um den +Hottentotten und seine Seele, wenn er nur einen anderen Ochsenführer, um +seine Butter zu verkaufen, fände (Sparmann 273). Dies war aber kein +vereinzelter Fall, sondern allgemeine Ansicht und so werden wir uns über +die Einrichtung der sogenannten Commandos gegen die Eingeborenen, welche +1774 etwa zuerst aufkamen, nicht sehr wundern können. Der Bericht eines +Offiziers über solch ein Commando bei Waitz lautet (2, 333-34): + +»27. Sept. 1792 der erste Kraal angegriffen, 75 Buschmänner getödtet, 21 +gefangen. + +15. Oktober ein anderer Kraal entdeckt, 85 getödtet, 23 gefangen. + +20. Okt. ein dritter entdeckt, 7 getödtet, 3 gefangen.« + +»Man wird einigermassen, fährt Waitz fort, die Ausdehnung ermessen +können, in welcher diese Vertilgung besonders der Buschmänner betrieben +wurde, wenn man bedenkt, dass Coblins (1809) einen sonst respektablen +Mann erzählen hörte, er habe binnen 6 Jahren mit seinen Leuten zusammen +3200 Buschmänner getödtet und gefangen, wogegen ein anderer mittheilte, +dass die Commandos, an denen er sich betheiligte, 2700 Buschmännern das +Leben gekostet hätten. Thompson kannte einen Kolonisten, der in 30 +Jahren 32 solcher Raubzüge mitgemacht hatte, auf deren einem 200 +Buschmänner umgebracht seien. Mit dem Eintritt der englischen Herrschaft +am Cap hatte zwar das Commandosystem aufhören sollen, aber die Boers +waren so sehr an dasselbe gewöhnt, dass es unmöglich war, es auf einmal +zu beseitigen. Von 1797-1823, d.h. bis zur Okkupation des Landes der +Buschmänner, werden 53 Commandos offiziell angegeben; es ist +unzweifelhaft, dass das System 1823 nach einigen Unterbrechungen wieder +in voller Blüthe war und es scheint den Buschmännern unter der +englischen Herrschaft noch trauriger gegangen zu sein, als unter der +holländischen. Dass die Hottentottenbevölkerung der Capkolonie unter +der englischen Herrschaft bis zum Jahr 1822 um die Hälfte zugenommen +habe (Zeitschr. 1, 287) ist wenig glaubhaft und sicherlich nur +scheinbar.« Die Boers zogen, um den ihnen verhassten englischen Gesetzen +nicht gehorchen zu müssen, 5000 an der Zahl, um 1836 nach Port Natal, wo +sie ihre scheussliche Willkürherrschaft, ihre Commandos und Knechtung +der Eingeborenen noch jetzt, wie sie es selbst bei Livingstones +Anwesenheit thaten, fortsetzen (Waitz 2, 336). + +Man wird es nicht eben wunderbar finden, wenn die Hottentotten diesem +Hauche der Kultur erlagen; wenn jetzt ihr Hass gegen die Weissen so +gross ist, dass ein friedliches Einwirken der letzteren, wenn nicht +unmöglich, doch ausserordentlich erschwert ist: wenn endlich die +Hottentotten jetzt sehr viel roher, träger und sittlich schlechter sind +als zu der Zeit, da man sie zuerst kennen lernte. Stand doch über +manchen Kirchen der Holländer: »kein Hund und kein Hottentotte darf +eintreten« (Waitz 2, 333). Haben doch die Boers nach Kräften die +Christianisirung der Eingeborenen zu hindern gesucht, indem sie +verboten, dass ihre Sklaven und deren Kinder getauft wurden und bei +Lebensstrafe denselben die Missionsstation auch nur zu nennen verboten. +Die holländische Compagnie selbst war es, welche die mährischen Brüder +aus dem Lande der Hottentotten vertrieb, weil sie auf letztere einen zu +grossen Einfluss gewannen. Ja noch 1831, als die Hottentotten am Kat +River sich niedergelassen und dort unter Leitung der Missionäre zu einer +gewissen Blüthe gelangt waren, gelang es kaum, die Boers von der +Zerstörung dieser Colonie mit Gewalt zurückzuhalten (Waitz 2, 336). + +Und in diesem Zustande leben die Hottentotten nun schon über 200 Jahr +und sind noch nicht ausgerottet! + +Gehen wir nun nach Amerika. Die Indianer Nordamerikas kamen den +Europäern anfangs freundlich entgegen (Waitz 3, 242), aber die Weissen +waren es, welche das Verhältniss trübten. Zunächst vernichteten sie +wegen verhältnissmässig geringfügiger Veranlassung das Volk der Pequots; +an 700 wurden bei einem plötzlichen Ueberfall getödtet, die übrigen +zerstreut, gefangen und von Staatswegen als Sklaven verkauft (Waitz 3, +244). Sklavenjagden in Nordamerika von Seiten der Engländer und Spanier +waren ganz gewöhnlich. Die frommen Puritaner, die Gott dankbar waren für +jede verheerende Krankheit, welche unter den Indianern wüthete (Waitz 3, +242), sahen in jedem gelingenden Greuel der Christen gegen die Indianer, +namentlich wenn diese massenweise zu Grund gingen, ein Zeichen +göttlicher Gnade, in jedem Misslingen eines Mordzuges einen göttlichen +Zornausbruch gegen sie selber und bekannten dies laut (Waitz 3, 244-45). +Man dachte gar bald daran, die Indianer ganz auszurotten: und soll uns +das wundern, wenn wir erfahren, dass noch in diesem Jahrhundert der +Regierung der Vereinigten Staaten ein förmliches Projekt zur Vertilgung +der Indianer vorgelegt wurde? Und wie man sie vertilgte! »Die Engländer, +versichert Trumbull bei Waitz 3, 248, hatten damals (im 17. Jahrhundert) +und später viel Zweifel darüber, ob es sich mit dem Christenthum und der +Menschlichkeit vertrage, die Feinde lebendig zu verbrennen.« Die Weissen +haben, wie schon hieraus hervorgeht und auch sonst überall, oft sogar +mit dem grössten Rühmen, bezeugt wird, den Krieg mit derselben und oft +noch viel ärgerer Grausamkeit geführt, als die Indianer selbst (ebd. +258. 260); noch 1830 haben sie, wie früher öfter, unter den Pani das +Blattergift verbreitet (ebd. 259). Wie man nun die Völker um ihr Land +geprellt, wie man sie später immer weiter nach Westen und schliesslich +über den Missisippi hinübergedrängt hat, ohne Rücksicht auf die +bedeutend aufblühende Kultur der Cherokees, welche durch diese +Verpflanzung einen schweren Stoss erlitt, das mag man bei Waitz 3 bis +299 und b, 26-60 nachlesen: wir wollen nur noch bemerken, dass die +Natchez, die Schawanoes, die Delawares, Potowatomies, Seminolen, +Kaskaskias und andere einst mächtige Völker von den Weissen vernichtet +oder so gut wie vernichtet sind (Waitz 1, 166). + +In Südamerika traten die Europäer womöglich noch scheusslicher auf. +»Benzoni, sagt Waitz 3, 399-100 in Beziehung auf Guyana, hat als +Augenzeuge ein schauerliches Bild davon entworfen, wie die Spanier in +diesen Ländern hausten. Das Verbot, Sklaven zu machen, war kein Verbot, +Sklaven zu halten. Die gewöhnliche Formel, mit welcher letzteres erlaubt +wurde, lautete: ihr sollt als Sklaven halten dürfen die von den +eingeborenen Herren des Landes als solche gehalten und euch verkauft +werden. Das gewöhnliche Verfahren, welches namentlich in Maracapana oft +zur Ausführung gekommen ist, bestand daher darin, dass man einen +Häuptling einfing, der gezwungen wurde, sich durch den Verkauf seiner +Leute als Sklaven die Freiheit zu erwerben, und dass man die so +gewonnenen Sklaven dann von der Behörde für rechtmässig erklären liess. +Unterwarf sich aber ein Häuptling freiwillig, so fiel man mit ihm über +seine Feinde her, um diese zu versklaven oder suchte Streit mit ihm +selbst. Nasen- und Ohrenabschneiden war eine gewöhnliche und nicht +selten ausgeführte Drohung der Spanier gegen Indianer, die sich +ungefügig zeigten, und da das Gesetz verbot, die Lastthiere zu +überbürden, damit sie sich reichlich vermehren könnten, diente auch dies +als Vorwand, die Eingeborenen selbst als Lastthiere zu gebrauchen. +Nächst der Minenarbeit und persönlichen Dienstbarkeit überhaupt hat +vorzüglich auch die Entführung vieler Weiber ihre Zahl verringert. +Natürlich liessen sich das die streitbaren Indianer nicht ohne Weiteres +anthun und man kann denken, welche fürchterlichen Kämpfe eine solche +Behandlung hervorrufen musste und wie diese Kämpfe selbst, obwohl zum +Theil glücklich für sie, die Indianer decimiren mussten. In Brasilien +wars um nichts besser. Obwohl man anfangs den Eingeborenen die Freiheit +zugesprochen hatte, kam man doch sehr bald dahin, dass man +Menschenjagden erst duldete und dann (seit 1611) allgemein gestattete +und diese entwickelten sich gar bald zu einer solchen Höhe, dass in den +3 Jahren 1628-1630 in Rio de Janeiro allein 60,000 Indianer, meist aus +Paraguay, in die Sklaverei verkauft wurden, wobei es natürlich auch +wieder zu den scheusslichsten Kriegen kam, in welchen Europäer und +Indianer gleichmässig verwilderten (Waitz 3, 450-51). Allerdings setzten +sich die Missionäre (Jesuiten) hiergegen, allein nur, um die +Arbeitskraft der Indianer ihrem Orden zukommen zu lassen, und meist mit +so geringem Erfolg, dass ihr Widerstand gar nichts bedeutete. Uebrigens +ist auch jetzt noch das Loos der unter brasilianischer, also +portugiesischer Herrschaft stehenden Indianer kaum besser (ebd. 453), +wie die Portugiesen wohl diejenigen Europäer sind, welche am +unmenschlichsten mit den Amerikanern umgingen. Das beweist auch, wie sie +mit den Indianern der Pampas verfuhren. Wir wollen hören, was hierüber +v. Tschudi 2, 261-64 von vergangenen Zeiten und von der Gegenwart sagt: +»Das Verhältniss zwischen den erobernden Portugiesen und den Indianern +war seit dem 16. Jahrhundert im allgemeinen ein getrübtes. Bekanntlich +trachteten die Ansiedler so viel als nur möglich, die Eingeborenen für +die Feldbestellung und für den Bergbau zu benutzen. Diese aber fanden im +ganzen wenig Freude an solchen ihren natürlichen Neigungen mehr oder +weniger widerstrebenden Verrichtungen und wollten ebenso wenig in ein +Dienstverhältniss zu den Eindringlingen treten. Die gebieterische +Nothwendigkeit, Arbeitskräfte zu besitzen, führte die Portugiesen +allmählich dahin, sich der Indianer mit Gewalt zu bemächtigen und sie zu +unentgeltlichen Dienstleistungen zu zwingen. Binnen kurzem bildete sich +eine Indianersklaverei und ein schwunghafter Menschenhandel aus. Banden +kühner Abenteurer zogen nach den Urwäldern auf Menschenjagd und +verkauften nach der Rückkehr ihre Beute an Grossgrundbesitzer, in denen +sie stets willige Abnehmer fanden. Königliche Verordnungen autorisirten +gewissermassen dieses empörende Verfahren und nur an der Gesellschaft +Jesu fanden die hartbedrängten Urbewohner Vertheidiger und Beschützer. +Durch massenhafte Einfuhr von Sklaven von der afrikanischen Küste, +verbunden mit einer etwas humaneren Gesetzgebung, verminderte sich, +besonders im 18. Jahrhundert, die Indianersklaverei, dagegen aber +entwickelte sich an vielen Grenzpunkten der Civilisation ein förmlicher +Vernichtungskrieg zwischen Portugiesen und Indianern. Ueberlegenheit der +Angriffs- und Verteidigungswaffen sicherten den ersten den Erfolg ..... +deren weite mit gehacktem Blei geladene Trabucos oft schreckliche +Verwüstungen unter den Gegnern anrichteten. + +Wilde Bluthunde, die ausschliesslich auf Indianerfährten abgerichtet +waren, halfen den nicht weniger blutdürstigen Menschenjägern die +feindlichen Lager ausfindig machen. Die Offiziere wetteiferten, wer die +besten Indianerhunde besitze, und ein gewisser Lieutenant Antonio +Pereira liess die seinigen nur Indianerfleisch geniessen, um sie stets +bei guter Nase zu erhalten. Als durch die Einführung der weit +arbeitsfähigeren Neger die Indianer fast ganz entwerthet wurden, so +handelte es sich bei solchen Expeditionen nicht mehr darum, Menschen zu +fangen, sondern nur eine möglichst grosse Zahl zu morden. Um diesen +Zweck, die Vernichtung der Indianer, in ausgedehntem Massstabe zu +erreichen, griffen die Portugiesen zu den niederträchtigsten Mitteln. +Sie legten Kleider von Personen, die an Blattern oder Scharlach +verstorben waren, in der Absicht in die Wälder, dass Indianer sich diese +aneignen und infolge dessen Epidemien unter ihnen ausbrechen und +grässliche Verheerungen unter ihnen anrichten sollten.« Also ganz wie es +die Engländer in Nordamerika machten!--Nachdem nun Tschudi gesagt hat, +dass die Spanier zu solchen schändlichen Mitteln nie gegriffen hätten, +fährt er fort: »trotz der schönen aber leider so mangelhaft ausgeführten +Constitution Brasiliens hat der Vernichtungskrieg gegen die Indianer der +Provinz Minas bis auf die neueste Zeit noch fortgedauert. Heute noch +(1860) leben dort Individuen, denen eine Indianerjagd der höchste Genuss +ist und die noch sorgfältig Schweiss- und Spürhunde zu diesem Zwecke +pflegen. Nur eine kurze Zeit ist verflossen, seit ein kaiserlich +brasilianischer Militärcommandant als Repressalien für einen von den +Indianern begangenen Mord ein Indianeraldea (Dorf) überfiel und als +Siegestrophäe _dreihundert_ Ohren von grausam abgeschlachteten Indianern +in den Flecken St. Matheus, südlich vom Mukury brachte! Selbst der +kaiserliche Commissionär ... neigt sich mehr zu den Vertilgungsmitteln +hin, als auf rein menschliche Weise die Indianer der Civilisation +unterthan zu machen.... + +Ottoni führt einige Beispiele an, wie der Vernichtungskrieg gegen die +Indianer auch in neuerer Zeit geführt wurde. Der Schauplatz dieser +elenden Thaten war das Quellgebiet des Mukury und ein Theil von dem des +Jaquitinhonha. Die Hauptleiter der Mörderexpeditionen waren zwei +indianische Soldaten Cré und Crahy, denen sich als dritter würdiger +Genosse ein gewisser Tidoro zugesellte. Sie handelten aber nur auf +höheren Militärbefehl. »Eine Aldea umbringen« war ihr Losungswort, der +Zauber, der sie für ihr Henkerhandwerk fanatisirte. Mit Hülfe kaiserlich +brasilianischer Soldaten und »Liebhaber« (oft den besten Ständen +angehörend) umringten sie während der Nacht die dem Untergang geweihte +Aldea und stürmten sie mit dem ersten Tagesgrauen, so dass die +aufgehende Sonne nur noch blutrauchende grässlich verstümmelte Leichname +beschien. Die arglosen Indianer hatten gewöhnlich keine Idee von dem +ihnen drohenden Verhängniss: sie wurden meistens im tiefen Schlaf +überrascht. Die Soldaten bemächtigten sich immer zuerst der in einer +Ecke zusammengestellten Bogen und Pfeile, um so weniger gefährdet die +wehrlosen Indianer abzuschlachten. Nur die Kinder (Kurukas) wurden +verschont, sie waren Kriegsbeute! Ein solches Kuruka wurde in der Regel +für 100 Milreis verkauft. Selbst in neuester Zeit war der Gewinn, der +aus dem Verkauf der erbeuteten Kinder gezogen wurde, das einzige Motiv, +um eine Aldea umzubringen. Und dieses geschieht im constitutionellen +Brasilien gegen die ursprünglichen Bewohner des Landes! Am Rio +Jaquitinhonha, am Mukury, am Rio St. Matheus, am Rio Dolce sind +zahlreiche Beispiele dieser Menschenschlächtereien vorgekommen. Vier +Jahre vor meinem Besuch am Mukury leiteten die Henkersknechte Cro und +Crahy eine solche Metzelei bei Queriba am Jaquitinhonha. Sogar im Jahr +1861 wurde wenige Meilen von Philadelphia eine derartige +Menschenschlächterei ausgeführt. Im Jahre 1846 wurde in Marianna, 2 +Leguas von St. Jose de Porto Alegre, an der Mündung des Mukury, der +Tribus des Häuptlings Shiporok fast gänzlich vernichtet. Sechzehn +Schädel der ermordeten Indianer kaufte ein Franzose und schickte sie an +ein pariser Museum.« + +Man muss diese Nachrichten, welche jede Vorstellung übersteigen, bei +einem so glaubwürdigen Schriftsteller wie Tschudi selbst lesen, um sie +zu glauben. Uebrigens ging es den Araukanern kaum besser, die in einem +fast 200jährigen Kampfe (von 1540-1724) mit den Spaniern um ihre +Unabhängigkeit rangen. Auch hier waren es wieder die Europäer, welche +die grauenvollsten Grausamkeiten gegen die tapferen und edeln Amerikaner +begingen, welche letztern aber auch, wie es natürlich war, in einem +solchen Krieg verwilderten und herunterkamen, so dass man jetzt in ihnen +die alten Araukaner nicht mehr zu suchen braucht (Waitz 3, 521 ff.). Wie +die Spanier noch in diesem Jahrhundert gegen sie verfuhren, geht aus +folgender, von einem Augenzeugen erzählten Geschichte hervor, welche den +portugiesischen Schandthaten würdig zur Seite steht: »von einem +Indianerstamme, der sich in seinem Versteck aller Nachforschungen +entzog, konnte Major Rodriguez nur ein Weib auffinden mit ihrem Sohn und +ihrer Tochter, die noch Kind war. Drohungen und Versprechungen bewirkten +nichts über sie, um sie zur Verrätherei zu bewegen. Da liess man den +Sohn niederknien und erschoss ihn vor den Augen seiner Mutter und +Schwester. Dennoch wollte das Weib nichts gestehen. Auch sie musste +niederknien, um zu sterben; da erbot sich die Tochter, das Versteck +ihres Vaters und ihrer Brüder zu verrathen. Die Mutter stürzte wüthend +über sie her und wollte sie erdrosseln, doch man entriss ihr das Kind +und schleppte sie fort in der von diesem bezeichneten Richtung, während +sie die Tochter mit den härtesten Vorwürfen wegen ihrer Feigheit und +Entartung überhäufte. Ihre ganze Familie musste sie hinschlachten sehen +und gab verzweifelnd und mit dem letzten Athemzuge den Mördern fluchend +bei diesem Anblicke ihren Geist auf« (Waitz 3, 526). Solche Beispiele +viehischer Unmenschlichkeit stehen keineswegs als einzelne wegen ihrer +besonderen Scheusslichkeit merkwürdige Fälle da: sie sind in diesen +Kriegen das ganz Gewöhnliche. + +v. Tschudi gab an, dass die Botokuden bei den Jesuiten Schutz gefunden +hätten; und wenn allerdings die Geistlichen bisweilen ihre Stimmen für +die Unterdrückten erhoben, so war das keineswegs überall oder immer der +Fall; ja die Geistlichen wurden sehr häufig nur eine neue Plage für die +Eingeborenen durch die Mittel, wie sie die Indianer für die Taufe +gewannen: einfach dadurch, dass sie dieselben jagten, fingen und dann +tauften oder so lange einsperrten, bis sie sich taufen liessen, was +freilich von den spanischen Gesetzen verboten war, aber doch oft genug, +mit Hülfe anderer Indianer, ausgeführt wurde. Nur allzubekannt ist jene +fürchterliche Geschichte von der Guahibaindianerin, welche mit ihren +Kindern gefangen worden war und von der + + Zu der Guahiba und der Christen Bildniss + Erzählet jener Stein mit stummem Munde + Am Atapabos-Ufer in der Wildniss. + +Diese Geschichte spielt etwa um 1770: und Humboldt, welcher sie uns aus +dem Munde der Geistlichen selbst erzählt (b, 5, 81 ff.; vgl. Chamisso +Werke 4, 69 ff.), fährt fort: »Dergleichen Jammer kommt überall vor, wo +es Herren und Sklaven gibt, wo civilisirte Europäer unter versunkenen +Völkern leben, wo Priester mit unumschränkter Gewalt über unwissende, +wehrlose Völker gebieten« (Humboldt a.a.O. 85). Und er hat Recht: +denselben Jammer finden wir in Californien wieder, wohin die spanische +Herrschaft hauptsächlich durch Missionäre gebracht war, und wo diese +letzteren Schlingen legten, um Indianer zu fangen oder zu demselben +Behuf bewaffnete Schaaren ausschickten. Widersetzte sich einer der +Eingeborenen der neuen Lehre, so sperrte man ihn zunächst ein und liess +ihn hungern, dann zeigte man ihm Fleisch, um ihm von dem guten Leben, +das ihn bei den Missionären erwarte, einen Begriff zu geben und +suchte ihn so zum--Christenthum zu gewinnen (Beechey 1, 356). +Wiedereingefangene Deserteure erhielten nach Langsdorff Stockprügel, die +sehr häufig auch bei Frauen angewendet wurden, und es wurde ihnen ein +schwerer Eisenstab angehängt, um fürderhin Flucht ihnen unmöglich zu +machen. Da nun die so Bekehrten ganz wie Sklaven den frommen Missionären +dienen mussten, so ist es einmal kein Wunder, wenn sie, um dieser +Religion, dieser Kultur zu entfliehen, kein Mittel scheuten, auf der +anderen Seite aber auch nicht, wenn wir sie massenhaft in den Missionen +sterben sehen. Krankheiten wütheten und von Jahr zu Jahr wuchs die +Sterblichkeit. 1786 waren 7701 Indianer getauft, von denen 2388 starben; +1813 waren 57,328 getauft, aber gestorben 37,437 (Beechey 1, 370).--Als +nun später die Missionen durch die politischen Verhältnisse Californiens +verfielen, wurde das Loos der Eingeborenen noch schlimmer. Sklavenjagden +oder auch geradezu Menschenhetzen begannen, man schoss sie nieder, ohne +Unterschied des Alters und Geschlechtes, wo man sie traf. Ein spanischer +General hatte (nach Wilkes) Californier zu Soldaten einexercirt; als sie +sich aber sehr brauchbar zeigten, bekam er Furcht vor ihnen und liess +sie alle niederschiessen (Waitz 2, 244-51). + +Am allerärgsten aber haben die Weissen in den kultivirten Gegenden +Amerikas gehaust, welche sie zuerst vom ganzen Continente kennen +lernten. Die Eroberung von Mexiko kostete, wie ein Spanier (Clavigero +bei Waitz 1, 189-90) angibt, mehr Menschen, als während der ganzen Dauer +des mexikanischen Reiches den Göttern geopfert sind; wenn auch die +Behauptung desselben Schriftstellers, die Bevölkerung des Landes sei +durch die Eroberung bis auf ein Zehntel gesunken, von Waitz (4, 190) mit +Recht als übertrieben angesehen werden mag. Aber Gomara selbst, der für +Cortez schreibt, berichtet, dass weder Weiber noch Kinder von den +Spaniern geschont seien (Waitz 4, 186); und doch war Cortez noch +derjenige, welcher wenigstens ohne unnöthige Grausamkeit verfuhr, +während seine Nachfolger geradezu unmenschlich hausten. Doch auch Cortez +vertheilte, trotzdem es ihm hart erschien, die Mexikaner unter die +spanischen Eroberer als Knechte und der höchste Adel sowohl wie gemeines +Volk mussten ihren Enkomenderos die härteste Arbeit thun, unter der sie, +überhaupt nicht an strenge Arbeit, am allerwenigsten aber an so ganz +unmenschliche Ueberbürdung gewöhnt, massenweis erlagen. Widerspenstige +oder wer, gleichviel aus welchem Grunde, den Tribut nicht zahlte, wurden +als Sklaven verkauft. Dieser Tribut aber war enorm und wurde mit der +grössten Strenge, sehr häufig auch mit den ärgsten Betrügereien und +Erpressungen beigetrieben. Viele tödteten sich nun aus Verzweiflung, +andere verabredeten sich, keine Kinder mehr zu erzeugen oder künstlichen +Abortus zu bewirken, um wenigstens ihre Nachkommen von diesem ganz +unerträglichen Elend, das noch durch jene fürchterlichen eingeschleppten +Krankheiten furchtbar erhöht wurde, zu bewahren. Bei der Eroberung waren +die Wasserleitungen mit zerstört und dadurch erhob sich neues Elend: +denn ein grosser Theil des Landes ward dadurch zur Wüste (Waitz 4, 187). +Das Christenthum, das übrigens sobald es sich der Eingeborenen annahm, +von den spanischen Machthabern aufs Heftigste angefeindet wurde, kam nun +auch und mit ihm die Inquisition, die gar nicht selten 100 Ketzer auf +einmal verbrennen liess (4, 189)--kurz, es ergoss sich auf die +unglücklichen Menschen ein so grimmiges Elend, wie vielleicht kein Volk +sonst hat aushalten müssen, und es ist kein Wunder, wenn auch hier die +Eingeborenen vor dem »Hauche der Kultur« schaarenweis starben; ein +Wunder ists nur, dass sie trotz aller dieser Leiden bis auf den heutigen +Tag nicht ausgerottet sind. + +Nicht anders hausten die Spanier in Guatemala (4, 268), in Nikaragua +(280) und noch ärger auf den Antillen und Lukayen (Bahamainseln), deren +Einwohner, mehrere 100,000 an der Zahl innerhalb weniger Jahrzehnte +gänzlich vernichtet sind, wozu die eingeschleppten Krankheiten, die +Minenarbeiten, die nichtswürdigen Knechtungen und oft ganz zwecklose +Menschenmetzeleien das Meiste beitrugen. Massenweise tödteten die +Eingeborenen sich selbst. Columbus selbst hatte ganz dieselbe Gesinnung +wie seine Landsleute: Menschenraub, Sklaverei, grausame Verstümmelungen +geschahen auf seinen Befehl und die spanische Regierung war, obwohl +Isabella diese Behandlung der Eingeborenen im höchsten Grade +missbilligte, viel zu schwach, irgend etwas Bleibendes zu Gunsten der +Indianer zu erreichen (Waitz 4, 331. 334). + +Ebenso ging es in Darien (4, 351) und Neu-Granada (377) und dass es in +Peru eher schlimmer als besser war, dafür bürgt schon der Name Pizarro. +Das beliebte Mittel der Portugiesen, Bluthunde, die auf Indianer +dressirt waren, gegen diese loszuhetzen, wurde hier namentlich +angewandt. Wir erinnern hier an die schon erwähnte Bitte des gefangenen +Fürsten, ihn nicht verbrennen, nicht den Hunden vorwerfen, sondern +einfach erhängen zu lassen (1, 478 ff.). Nach Gomara sind in den Kriegen +unmittelbar nach der Eroberung etwa anderthalb Millionen Eingeborene +aufgerieben; die übrigen litten unter dem Druck der Encomiendas und +Mitas (zwangsweise Vermiethung der Eingeborenen an Privatleute, von der +Mestizen, Mulatten, Zambos frei waren) so unerträglich, dass sie durch +das Uebermass von Arbeit schaarenweis aufgerieben wurden. Dazu kam noch +der furchtbare Steuerdruck unter den habgierigen Spaniern, an welchem +sich übrigens die Geistlichkeit ohne die geringste Scheu aufs +lebhafteste mit betheiligte. Nimmt man dies leibliche Leiden zusammen, +und dazu das Bewusstsein der gänzlichen Ohnmacht gegen diesen Gegner, so +wird man sich die psychischen Leiden dieser Menschen denken können; +diese fallen aber mit dem grössten Gewicht in unsere Wagschale, da ihnen +gewiss grosse Mengen erlegen sind, wie vielfach bezeugt ist. Gewiss, +wenn man die Amerikaner in Nord und Süd betrachtet, deren Bedrückung +noch nirgends ganz aufgehört hat, so ist das das allein Wunderbare, dass +jetzt, nach 300 oder 200 Jahren eines solchen Druckes, noch irgend etwas +von der Urbevölkerung existirt. + + + + +§ 17. Fortsetzung. Der stille Ozean. + + +Eine ähnliche Behandlung wie die bisher besprochenen Völker von +Holländern, Engländern, Spaniern und Portugiesen erfuhren die +Kamtschadalen und Aleuten durch die Russen. Nach King (Cook 3te Reise 4, +171) wüthete der Russe Atlassof, der 1699 Kamtschatka zuerst entdeckt +hatte, seit 1706 zum zweiten Male Befehlshaber daselbst, »um die +Einwohner mit guter Art und durch friedliche Mittel zu gewinnen«, in dem +Lande so arg, dass seine eigenen Leute, die Kosaken, welche bis dahin +friedlich mit den Kamtschadalen ausgekommen waren, gegen ihn einen +Aufstand erhoben und sich in den Besitz der Halbinsel setzten. Dadurch +ward es aber nicht besser, denn sie wütheten, einmal an Mord und Blut +gewöhnt, von nun ab unter den Eingeborenen von Kamtschatka selbst. »Die +Geschichte dieser Halbinsel von jenem Zeitpunkte an bis in das Jahr 1731 +ist eine Reihe von Mordthaten, Empörungen und wilden blutigen Gefechten +kleiner im ganzen Lande streifender Parteien.« Damals nämlich erhoben +sich die erbitterten Kamtschadalen, um ihr Land nicht immer weiter +unterjocht werden zu lassen und um sich an ihren Peinigern zu rächen. +Behring war zu jener Zeit da, welcher alle ihm entbehrlichen Truppen, +mit Ausnahme kleiner Besatzungen in den Festungen des Landes, gegen die +Tschuktschen schickte, denn bei der ausserordentlichen Klugheit, +Verschwiegenheit und Energie der Kamtschadalen hatte weder er, noch +irgend sonst ein Russe eine Ahndung von einer Verschwörung, welche über +die ganze Halbinsel ausgebreitet war. Sie war sehr gut organisirt; von +kleinen aufhaltenden Zwischenfällen z.B. waren in kürzester Frist alle +Oberhäupter derselben benachrichtigt: und so gelang es denn, nach +Behrings Abfahrt den Kamtschadalen, dass sie die Festungen rasch +einnahmen, und alles was von Russen noch im Lande war (Weiber und Kinder +mit eingeschlossen) niedermachten oder in die Gefangenschaft +wegschleppten. Behring aber, durch widrige Winde an der Küste +festgehalten, erfuhr das Geschehene, kehrte zurück und belagerte das +Fort, wohin sich die Kamtschadalen auf Kunde seiner Rückkehr geworfen +hatten; allein nicht eher konnte er es--so tapfer war der +Widerstand--einnehmen, als bis es endlich durch einen Zufall in die Luft +gesprengt wurde. Da nun die Kamtschadalen auch in einigen offenen +Gefechten, die sehr blutig waren und sonst den kürzeren zogen, so +mussten sie sich zum Frieden bequemen. Von da ab blieb alles ruhig, +einzelne Aufstände abgerechnet--welche ein deutliches Bild geben, wie +die Russen sich gegen die durch jenen Aufstand gebrochenen Kamtschadalen +betrugen. Wenn die Halbinsel, nach King, sich nach 1731 wieder so erholt +haben soll (doch King selbst berichtet zweifelnd), dass sie später +volkreicher war als früher, so ist dieser Nachricht kein Glauben zu +schenken, oder sie bezieht sich auf die Erhöhung der Bevölkerung, +welche durch Einwanderung erfolgte. Die Russen fuhren fort, wie sie +angefangen hatten; wären die Kamtschadalen noch die alten gewesen, die +mit solcher Umsicht und Thatkraft den Aufstand von 1731 ausführten, sie +hätten von Neuem gegen das Joch anzukämpfen versucht, was bis auf jene +ohnmächtigen Aufstände, welche gegen die Peiniger sich örtlich erhoben, +nicht weiter geschah. Jener Krieg hatte sie eben gebrochen. Und so +erlagen sie denn gänzlich, als zuerst 1767 jene Epidemien ausbrachen, +die wir schon geschildert haben. + +Abgesehen von Krieg und Seuchen hat ihnen der Pelzhandel unendlich +geschadet. Krusenstern (3, 52-53) erzählt, dass die Agenten der +amerikanischen Compagnie und die russischen Händler im Lande +umherziehen, die einzelnen, mit denen sie handeln wollen, mit Branntwein +völlig trunken machen, was ihnen bei der Leidenschaft der Kamtschadalen +für den Trunk gar nicht schwer wird, und dann den ganzen Vorrath von +Pelz, den jene besitzen, den Besinnungslosen abnehmen, um sich für »die +Menge des getrunkenen Branntweins bezahlt zu machen.« So verliert der +Unglückliche, fährt Krusenstern fort, den Lohn monatelanger Mühe, statt +sich zum Leben nützliche und nöthige Dinge kaufen zu können, in einem +Rausche. »Grösseres Elend (S. 54) ist auch mit Niederdrückung seines +Geistes verknüpft, welche einen äusserst schädlichen Einfluss auf seinen +ohnehin schon siechen Körper haben muss, da dieser zuletzt bei +gänzlichem Mangel an substantieller Nahrung und jeder medizinischen +Hülfe beraubt solchen harten Stössen nicht lange widerstehen kann. Dies +scheint mir die wahre Ursache ihrer jährlichen Abnahme und allmählichen +gänzlichen Ausrottung zu sein, welche durch epidemische Krankheiten, die +sie haufenweise wegraffen, befördert wird.« + +Auch auf friedlichem Wege wird ihre Zahl verringert: denn hier und auf +den Aleuten sind sie mit den Russen vielfach durch Heirathen +zusammengeschmolzen. + +Allein auch auf den Aleuten haben sich die Russen meist nur feindselig +gezeigt. Namentlich sind es die russischen Wildjäger (Promyschlenniks, +welche von 1760-90 die Inseln beherrschten, Waitz 3, 313), die sich +durch wüste Grausamkeit auszeichnen. »Sie pflegten nicht selten Menschen +dicht zusammenzustellen und zu versuchen, durch wie viele die Kugel +ihrer gezogenen Büchse hindurchdringen könne«, sagt Sauer (aus dem +Tagebuch eines russischen Offiziers, das er in den Anhängen an seine +Reise mittheilt) bei Chamisso 177. Dazu kommt noch die sklavische +Knechtung, in welcher Kamtschadalen und Aleuten von den Russen gehalten +werden (Chamisso 177 und Langsdorff): wie denn z.B. die Hälfte der +gesammten männlichen Bevölkerung von 18-50 Jahren das ganze Jahr +hindurch unentgeltlich von ihnen in Anspruch genommen wird (Kittlitz 1, +295). Daher hat Waitz ganz Recht, wenn er die Nachrichten über das +milde Verfahren der Russen nicht eben hoch anschlägt (3, 313-14). Nach +den Schilderungen von Chamisso, der hier mit Kotzebue (1, 167--68) ganz +übereinstimmt, sind sie jetzt ein träges auch in seiner Freude trübes +und theilnahmloses Volk (Cham. 177), wozu sie in Folge des +unaufhörlichen Drucks geworden sind. Einzelne sollen sich, ähnlich wie +die »wilden Männer« von Tahiti, in die Berge geflüchtet haben und dort +ein kümmerliches Leben fristen (Chamisso 177). + +Von der Inselwelt des stillen Ozeans kamen die Europäer zuerst in +dauernde Berührung mit den Marianen, wo die Spanier, als sie 1668 +landeten eine sehr bedeutende Bevölkerung (100,000 ist nicht +übertrieben, wie wir schon sahen) auf der ganzen Kette vertheilt +fanden--und um 1710 war nur noch Guaham, die südlichste und grösste +Insel bewohnt, die anderen verödet. Der Krieg, welchen namentlich +Quiroga mit blutiger Tapferkeit führte, und der über 30 Jahre dauerte, +zahlreiche Epidemien, Verpflanzung der Eingeborenen von einem Distrikt +zum anderen (welches Mittel auch in Amerika die verheerendsten Folgen +hatte) trugen zu dieser Vernichtung das ihrige bei. Aber wenn auch nach +den Berichten, die wir haben und die ganz, wie le Gobien und Freycinet, +auf spanischen Quellen beruhen oder Erzählungen der bei der spanischen +Unterwerfung thätigen Jesuiten sind wie die Berichte im »neuen Weltbott« +(einer Missionzeitung a.d. Anfange des vorigen Jahrhunderts); wenn auch +nach diesen Quellen die Spanier nicht mit der empörenden Grausamkeit +verfuhren wie in Amerika: so ist es doch auffallend, dass wir ganz +dieselben Erscheinungen hier wie dort nach ihrem Auftreten finden, +wildeste Verzweiflung der Eingeborenen--welche hier wie dort anfangs den +Spaniern sehr freundlich entgegenkamen--massenhaftes Auswandern +derselben, zahllosen Selbstmord, künstliche Fehlgeburt oder Ermordung +der Kinder bei der Geburt und schliesslich und sehr bald totale +Entvölkerung der Inseln, welche für Guaham nur durch zahlreiche +Einführung philippinischer Tagalen verhütet ist. Wahrscheinlich hausten +also hier die Spanier mit derselben rohen Bedrückung und wilden +Grausamkeit, welche sie überall zum Fluch der neuentdeckten Länder +machte, nur dass hier, ganz ähnlich wie über das ebenso rasch +entvölkerte Honduras (Waitz 4, 280), unsere Quellen schweigen, oder nur +parteiisch und einseitig berichten. Sicher wird man aus dem Aussterben +der marianischen Bevölkerung keinen Schluss ziehen können zu Gunsten der +Ansicht, dass die Naturvölker, weil sie von schlechterer Organisation +seien, den Weissen erlägen. + +Polynesien ist 3 Jahrhunderte später entdeckt worden als Amerika, eins +später als die Marianen; so sehen wir denn hier die kultivirte +Menschheit anders als bisher. Zwar zeigen die früheren Durchsegler des +Ozeans, die Spanier, Dampier, Roggeween, dieselbe Rohheit den +Naturvölkern gegenüber wie alle ihre Zeitgenossen; allein im Ganzen ist +man hier milder aufgetreten als sonst, wozu ausser dem kleineren Terrain +wie der geringeren Zahl, in welcher die Europäer demgemäss auftreten, +der Hauptgrund das Jahrhundert ist, in welchem man die meisten dieser +Inseln entdeckte. War es doch die Zeit des Philanthropismus und glaubte +man doch die erträumten Ideale von menschlicher Glückseligkeit, wie z.B. +Rousseau sie in Europa entwarf, hier im Leben der Südseeinsulaner +verwirklicht zu finden; ein Umstand, der für die Art, wie man den +Polynesiern entgegentrat, von grosser Bedeutung war. Und noch, wichtiger +war es, dass gleich nach der Entdeckung zu ihnen Missionäre der +protestantischen Kirche, denen es nicht auf Ausbreitung des christlichen +Namens und der äusseren Gebräuche, sondern da sie selbst im tiefsten +Herzen wahre Christen waren, auf die Emporhebung und Förderung der +Eingeborenen ankam. So steht der treffliche Wilson, der erste Missionär +der Südsee (1795), an der Spitze einer Reihe von Ehrenmännern, die, wenn +auch hin und wieder selbst nicht frei von menschlichen Schwächen, auf +das Wohlgemeinteste für diese Völker sorgten. + +Allein weder sie noch der fortgeschrittene Geist der Jahrhunderte +konnten auch hier die bösen Wirkungen der Kultur und ihrer Träger +abwehren. Eine Reihe einzelner Brutalitäten, deren Helden meist +Schiffskapitäne und ihre Matrosen sind, kamen auch hier vor, welche +allerdings bei der geringen Anzahl der Einwohner für die einzelnen +Inseln gefährlich genug sein konnten und z.B. für Waihu verderblich +gewesen sind (Mörenhout 2, 278-79, der Genaueres und die Quellen gibt). + +Aber auf die Dauer gefährlich wurden die Europäer durch die +Verbrecherkolonien, welche sie in der Südsee (Neuholland, Tasmanien und +sonst) anlegten. Denn eine Menge der deportirten Verbrecher entwichen +und indem sie sich auf verschiedenen Inseln des Ozeans umhertrieben oder +auf einzelnen festsetzten, schleppten sie ausser Krankheiten eine Menge +Laster ein oder reizten, was oft genug vorgekommen ist, die Eingeborenen +zum Krieg gegen die ankommenden Weissen, der meist den Eingeborenen +verderblich wurde; oder zum Widerstand gegen die Missionäre, der ihnen +nach anderer Seite hin schadete. + +Ausserdem wird die Südsee durchkreuzt von einer Menge von Walern, welche +oft ziemlich lange Rast auf den einzelnen Inseln halten und deren +Mannschaft sehr oft aus dem Abschaum aller Völker zusammenfliesst. Auch +sie wirkten auf gleiche Weise ausserordentlich unheilvoll. Für Hawaii +allein schlägt Virgin (1, 269) die Zahl derselben auf jährlich 15-20,000 +an und er erwähnt auch, wie die Syphilis durch sie fortwährend neue +Nahrung bekommt. Diesen Walern und ihrem entsittlichenden Einfluss +schreibt auch Gulick die Abnahme der Bevölkerung von Kusaie, von der +oben die Rede war, zu. + +Ferner hat hier die Feindseligkeit, mit welcher die nicht geistlichen +Europäer den Missionären, meist aus Gewinn- oder Genusssucht, +entgegentraten (genauere Belege bei Meinicke b und Lutteroth) ganz +besonders nachtheiligen Einfluss ausgeübt; und nicht minder der Streit, +welchen die katholische Kirche in der Südsee mit den evangelischen +Missionären anfing. Frankreich war es, welches als »Werkzeug der +Propaganda« (Lutteroth 164) in diesem Theil der Welt auftrat und die Art +und Weise, wie es das gethan hat, war keineswegs im Interesse der +Polynesier. Erstaunt man schon über die Orgien, welche seine Vertreter +verübten--so Dumont d'Urville auf Nukuhiva (4, 5, ff.), Laplace und die +Mannschaft der Artemise auf Tahiti (Lutteroth 167), so erstaunt man noch +mehr über die Unbefangenheit, mit welcher die französischen +Schriftsteller über diese schmachvollen Vorgänge als etwas ganz +Selbstverständliches reden. Will man die Eingeborenen dieser Inseln +heben, so muss man ihr Selbstgefühl zu fördern suchen, man muss, indem +man die Laster, die ihnen so viel geschadet haben, unterdrückt, auf ihre +guten Seiten belebend und kräftigend einwirken: von allem aber hat die +französische Okkupation der Insel Tahiti nur das Gegentheil bewirkt und +wie man aus der brutalen Art schliessen kann, mit der sie verfuhr, auch +gewollt. Wenigstens geht aus allem hervor, dass die Einwanderer die +Eingeborenen hier nicht höher schätzten, als einst die Spanier oder +Engländer die Amerikaner. In Neuseeland, wo die Engländer fest sich +niedergelassen und denselben Raçenhochmuth gegen die Eingeborenen +gezeigt haben, hat ausser diesem letzteren und anderem schon erwähnten +namentlich der massenhafte Landverkauf schädlich gewirkt, auf welchen +die Neuseeländer, ohne recht zu wissen, warum es sich handele, eingingen +und wobei sie oft genug--so namentlich von der Neuseelandcompagnie--sich +betrogen sahen. Sie geriethen durch den Mangel an Land in grosse Noth, +durch den Betrug aber in grosse Wuth und die Kriege, welche noch bis vor +kurzem geführt wurden, beruhen wesentlich auf diesen Gründen +(Hochstetter 483-97). Durch alles dies, die Kriege nicht in letzter +Reihe, ist natürlich das Emporkommen der Eingeborenen sehr gehindert. + +In Melanesien haben namentlich die Sandelholzhändler, meist englische +oder amerikanische Capitäne, der Bevölkerung geschadet, da sie, um zu +ihrer Waare zu kommen, oft die gewaltsamsten und scheusslichsten Mittel +anwenden. Sie schlagen das Sandelholz nieder, wo sie es finden: daher +sie häufig in Streit mit den Eingeborenen gerathen. Und in einem solchen +Kampfe auf Tanna kam es vor, dass, als die Eingeborenen in eine Höhle im +Gebirge flohen, die nachfolgenden Matrosen vor derselben ein Feuer +anzündeten und durch den Rauch alle in der Höhle befindlichen +umbrachten! Auch rauben sie zu ihren Arbeiten Eingeborene der Inseln und +schleppen sie mit sich fort, welche dann häufig dem Heimweh und der +Ueberbürdung mit Arbeit erliegen (Turner 493 vergl. 464). Auf allen +Inseln Melanesiens sind sie gleichmässig gefürchtet (Cheyne). + +Meinicke (a 2, 217) hält die Neuholländer für einen der Kultur absolut +unzugänglichen Menschenstamm. Andere Schriftsteller haben auch +behauptet, ein friedliches Auskommen mit ihnen sei ganz unmöglich. +Allein die Engländer haben sich nie die Mühe gegeben, auch nur in ein +erträgliches Verhältniss mit ihnen zu kommen: und dass dies sehr leicht +gewesen wäre, beweisen zunächst einzelne Beispiele (Waitz 1 184 ff.), +wie vor allen das Greys, der überall friedlich mit ihnen fertig geworden +ist, dann aber geht es aus dem ganzen Betragen der Eingebornen hervor, +die eher scheu als kriegerisch, im Anfang den Weissen freundlich +entgegen kamen, ja sogar ihre Niederlassung im eignen Gebiet wünschten +(Grey 2, 234-35). Auch Meinicke, der wahrlich nicht für die Neuholländer +Partei nimmt, gibt das zu (a 2, 214). Ihre vielfach behauptete wilde +Blutgier ist nichts als Fabel--wohl aus dem naheliegenden Grund +erfunden, um nun gegen sie desto rücksichtsloser zu verfahren. Und das +ist reichlich geschehen. Zunächst machte man ihr Land vornehmlich zum +Deportationsort von Verbrechern; Neu-Süd-Wales war Verbrecherkolonie bis +1843: Westaustralien, das nach Grey's Zeugniss 2, 364 höher stand als +der Osten des Continents, weil es keine Verbrecherkolonie war, ist es +neuerdings geworden (Waitz 1, 185) und dass die Ureinwohner die höhere +Kultur, welche durch diese Sträflinge und ihre Frevelthaten sich +zunächst bei ihnen ankündigte, »strenge von sich abwiesen« (Meinicke 2, +217): sollte ihnen das nicht eher zum Lobe gereichen? Sodann hat die +englische Krone die Rechte der Eingeborenen an ihr Land nie anerkannt; +sie hat genommen was sie wollte, und als dann die Eingeborenen in Folge +von Nahrungs-und Landmangel zu Bettlern und Räubern geworden waren, hat +man hierin ein Zeichen ihrer Unverbesserlichkeit durch die Kultur +gesehen und sie mit allen Mitteln verfolgt. Später freilich, und auch +dies erst in Folge der schreiendsten Misshandlungen durch die Weissen, +hat man sie unter die englischen Gesetze gestellt, allein diese wirken +wenig zu ihren Gunsten (Grey 2, 368). Denn abgesehen davon, dass die +Eingeborenen so gut wie gar nicht zeugnissfähig vor Gericht sind, so +werden auch die Gesetze meist nur da angewandt, wo sie gegen dieselben, +nicht wo sie zu ihren Gunsten sprechen; ihre Verbrechen an den Weissen +werden gestraft, nicht aber umgekehrt die der Weissen an ihnen, und +letztere Verbrechen sind viel zahlreicher. 1838 weigerten sich die +Geschworenen eine Anzahl Weisser zu verurtheilen, welche 28 Eingeborene +ganz ohne Grund abgeschlachtet hatten (Waitz 1, 184). Man schiesst +(Breton 200) die Eingeborenen öfters zum Vergnügen nieder, da sie in +den Augen der Kolonisten nicht höher stehen, wie etwa der Orang Utang. +Ja man hat sie an verschiedenen Orten schaarenweise vergiftet (Eyre +Journal of expedd. into Central-Austral. 1845 2, 176 Note: Waitz 186); +nach Byrne (12 years wanderings in the british colonies 1848 1, 275, +Waitz eb.) ist das an vielen Gegenden von Neu-Süd-Wales durch Arsenik +geschehen und man hat sich laut und öffentlich dieser That gerühmt. + +Natürlich ist für ihre Emporhebung so gut wie nichts geschehen; denn was +wollen die edeln Bemühungen einzelner Männer, wie der Missionäre, sagen, +wenn das ganze Volk der Kolonisten anders handelt? Grey (2, 364 ff.) +stellt zusammen, worin man an ihnen gefehlt hat: man betrachtet sie als +niedere Raçe und behandelt sie deshalb mit dem grössten Vorurtheil und +der grössten Willkühr. Werden sie zur Arbeit gedungen, so zahlt man +ihnen oft fast nichts, immer aber weit geringeren Lohn als den +Europäern. Natürlich schweifen sie lieber bettelnd umher. Sie unter +englischen Rechtsschutz zu stellen war wohlgemeint: allein man hätte die +englischen Gesetze auch auf das Unrecht, was sie einander selbst thun, +anwenden sollen, während jetzt (Grey gibt Beispiele aus Perth) die +Europäer ruhig zusehen, wenn Eingeborene von Eingeborenen ermordet +werden; man hat durch diese Art der Einführung des englischen Rechts +nichts erreicht, als dass die älteren Eingeborenen die jüngeren durch +grausame Behandlung von der Annahme neuer Sitten abschrecken (Grey 2, +376). Es ist nach alledem kein Wunder, wenn sie sich von der Kultur, die +sie so namenlos elend gemacht hat und fortfährt, sie als wilde Thiere zu +behandeln, streng abwenden, obwohl sie geschickt genug sind, sie unter +sich aufzunehmen und sich höher zu entwickeln (Grey 2, 374). Grey selbst +erzählt einen Fall (2, 369), dass ein europäisch unterrichteter +Eingeborener, der manche Fähigkeiten sich erworben hatte, wieder +zurückkehrte zu den uncivilisirten Seinen, in die wilden Wälder. +Wollen wir ihn tadeln, dass er nicht lieber, wie es in Prutzs +geistreichem-Lustspiel von ähnlichen Verhältnissen heisst, + + Ein Lump auf Griechisch ist, als ein honetter Tektosage? + +Bei den Seinen hatte er Familie, Ehre, Vermögen; in der Kolonie war er +verachtet, ehrlos, arm. »Ich hätte ebenso gehandelt«, sagt Grey. + +Aus allem Angeführten geht hervor, dass es sehr unrecht ist, wenn man +aus der Feindseligkeit der Neuholländer gegen die Kultur schliesst, sie +seien überhaupt jeglicher höheren Bildung unfähig. Nicht sie haben die +Kultur, die Kultur hat sie von sich gestossen. + +Die Eingeborenen Tasmaniens, welche noch friedfertiger waren als die +Neuholländer, sind schon vernichtet. Auch hier war eine +Verbrecherkolonie und was für Früchte sie den Eingeborenen trug, zeigt +folgende Geschichte: ein Sträfling überredete einen Eingeborenen, dem er +eine geladene Flinte gab, wenn er dieselbe in sein Ohr losdrücke, so +würde er eine sehr angenehme Empfindung haben. Er machte ihm, was er zu +thun habe, mit einer ungeladenen Flinte vor; worauf natürlich der +Eingeborene sich erschoss (Holman a voyage round the world [1827-1832] +4, 403). Auch sonst wurden sie, wie offiziell festgestellt ist, aufs +schmählichste, wie wilde Thiere behandelt. Gleich bei der ersten +Ansiedelung schoss ein Offizier zum Vergnügen mit Kartätschen unter die +friedlichen Eingeborenen (Bischof, Sketch of the hist. of V. Diemensl. +204); andere Schandthaten gleicher Art kamen häufig vor und erst seit +1810, sieben Jahre nach der Kolonisation ward festgestellt, dass die +Ermordung eines Eingeborenen als Mord gelten und bestraft werden sollte +(Hobarttown Almanak for the year 1830, 201). So erhoben sich endlich +(1826) die erbitterten Eingeborenen zu einem Krieg auf Leben und Tod, in +welchem sie gefährlich genug wurden, schliesslich aber--war doch auf das +Einfangen eines Erwachsenen 5 Pfund, auf das eines Kindes 2 Pfund als +Preis gesetzt (Van Diemensland Almanak for the year 1831 p. +161)--schliesslich unterlagen sie. Darwin, welcher auch der Meinung ist, +dass ihre Vernichtung in dem »schändlichen Betragen« der Engländer ihren +Grund hatte, vergleicht den Krieg gegen sie mit einer der grossen +ostindischen Jagden (2, 226). Besiegt wurden sie nach Flinders Insel +deportirt (Darwin a.a.O.); 1848 verpflanzte man sie nach Oyster Cove im +Canal d'Entrecasteaux und jetzt werden sie wohl, vor dem Hauche einer +solchen Kultur, ganz ausgestorben sein (Melville the present state of +Australia 1851 370, Nixon 18). 1815 betrug ihre Zahl noch 5000, 1835 +(nach dem Kriege) noch 111, 1847 waren noch 13 Männer, 22 Weiber und 10 +Kinder übrig; 1854 waren, nachdem 29 gestorben und kein Kind weiter +geboren war, noch 16 übrig (Petermann 1856, 441 nach dem Blaubuch). +Nirgends fand Darwin die Vermehrung eines civilisirten über ein +uncivilisirtes Volk auffallender wie hier: nirgends aber ist auch die +Vernichtung der Eingeborenen roher und rücksichtsloser betrieben, als in +Tasmanien (Bischof, Sketch of the hist. of V. Diemensland 1832, +appendix); wobei wohl in Anschlag zu bringen ist, dass alle diese +Scheusslichkeiten im 19. Jahrhundert ausgeübt sind. + + + + +§ 18. Geographische Vertheilung der einzelnen Gründe für das Aussterben +der Naturvölker. Vergleichung dieser Gründe in Bezug auf ihr Gewicht. + + +Sorglosigkeit der Völker also gegen sich, in leiblicher und geistiger +Beziehung: ihre Ausschweifungen, so wie der geringe Werth, welchen sie +dem Menschenleben geben; Druck der einheimischen Fürsten; dann ihr +leibliches und geistiges Verkommen durch die nothwendigen Einwirkungen +einer übermächtigen und von ihnen nur theilweise angenommenen Kultur, so +wie endlich die Mittel, welche die Kulturvölker theils aus Rohheit, +theils mit der Absicht gegen sie anwandten, sie auszurotten: diese +Gründe waren es, welche wir bisher als Schuld an ihrem Aussterben +bezeichneten. Natürlich haben diese Gründe, wie wir schon sahen, nicht +alle überall Geltung und es wird nöthig sein, dass wir sie, inwiefern +sie bei den einzelnen Völkern wirksam waren, hier kurz zusammenstellen. + +In Tasmanien ist die Bevölkerung lediglich in Folge des englischen +Vernichtungskrieges gegen sie zu Grunde gegangen. Gleichfalls nur dem +Einfluss der Europäer und zwar der Spanier erlegen sind die Bewohner der +Marianen und der Antillen: allerdings haben hier die Seuchen, welche im +Gefolge der Europäer ausbrachen, den Weissen die Blutarbeit wesentlich +erleichtert: allerdings hat die tiefe Niedergeschlagenheit, welche sich +der Eingeborenen bemächtigte, wesentlich diese Krankheiten und das +Aussterben befördert. Aber beides, Krankheiten und Melancholie, waren +erst durch das Auftreten der Europäer hervorgerufen; und gesetzt auch, +die Seuchen hätten diese Völker ohne die Europäer überfallen, so würden +sie dieselben wohl überwunden haben, wie ja auch die Bevölkerung Mexikos +das schwarze Erbrechen, welches schon vor Ankunft der Spanier in +verheerender Weise wüthete, siegreich ohne bleibenden Nachtheil +überstanden hat. + +Den Europäern allein ist ferner das Verderben der Mexikaner und Peruaner +zuzuschreiben: nur dass sie am Anfang unterstützt wurden von +verschiedenen eingeborenen Stämmen und Völkern, welche mit dem Hauptland +in Feindschaft waren, bis auch diese nach und nach der europäischen +Bedrückung erlagen. + +Der schlimme Einfluss der Weissen und die Seuchen, welche sie brachten, +war es denn auch vornehmlich, welcher die Neuholländer aufrieb, aber +keineswegs dieser allein. Bei ihnen ist zweitens die schlechte +Lebensweise, die dadurch veranlasste Unfruchtbarkeit der Weiber und +Sterblichkeit der Kinder von sehr bedeutendem Einfluss, so wie drittens +der Kindermord und viertens die mannigfachen Kriege und Feindseligkeiten +der Stämme untereinander mit in Anschlag zu bringen sind. Die +Ausschweifungen, die sich bei ihnen finden--den Trunk haben erst die +Weissen gebracht--sind zu wenig verbreitet, als dass sie ins Gewicht +fallen könnten. + +Auch die roheren Völker Nord- und Südamerikas würden wir wohl noch in +derselben Anzahl jetzt vorfinden, wie vor 300 Jahren, wenn der Einfluss +der Europäer, der als Hauptgrund auch für ihr Aussterben anzusehen ist, +nicht gewesen wäre. Neben der Wirkung der europäischen Waffen und +Getränke waren von schlimmstem Einfluss die Seuchen, welche von den +Weissen (wie wir sahen oft mit der schändlichsten Bosheit) eingeschleppt +wurden, dann aber auch, ausser den direkten Vernichtungskriegen, das +geistige und leibliche Verkommen der Eingeborenen in Folge der plötzlich +eingeführten Kultur und vor allen die tiefe Niedergeschlagenheit, welche +sich der Indianer, als sie ihre Ohnmacht sahen und sahen, wie sie +rechtlos zertreten wurden, bemächtigte und die bei ihrer schon +vorzugsweise melancholischen Natur doppelt gefährlich wirkte. Dazu +kommen nun noch als gleichfalls sehr wichtige Faktoren zweitens die +heftigen Kriege, die sie untereinander führten, drittens die in Folge +der Lebensweise geringere Fruchtbarkeit der Weiber und viertens in +Südamerika (in Nordamerika war beides zu wenig verbreitet) der +Kindermord, die Ausschweifungen, namentlich der Trunk. + +Und hier müssen wir auf jene schon oben (S. 11) erwähnte Beobachtung +Tschudis zurückkommen, dass amerikanische Völker, nach einem sehr +verheerenden Krieg, nach einer sehr schlimmen Epidemie sich nie wieder +zu ihrer früheren Kraft erhöben, sondern höchstens in diesem reducirten +Zustand ein elendes Leben weiter fristeten. Diese betrübende Erscheinung +ist leider nur allzunatürlich. Denn wie ein menschlicher Organismus, der +sich von einer furchtbaren Krankheit erholt, nur durch lange und +sorgsame Pflege seine frühere Kraft wieder zu gewinnen im Stande ist: +eben so ist es der Fall bei ganzen Völkern. Durch das von uns +geschilderte mannigfache Elend aber, in welchem diese Stämme sich auch +sonst noch befinden, werden alle ihre Kräfte schon auf die Erhaltung des +Lebens, wie es nun einmal ist, absorbirt und es bleibt kein Ueberschuss +übrig für Wiederherstellung des Verlorenen oder Verletzten. Auch wird +durch solche furchtbare Schicksale die Lebenskraft selbst schwer +verletzt, indem bei so massenhaftem Elend nothwendig lähmende +Melancholie oder Apathie eintritt. + +Die Fruchtbarkeit der Weiber, ja auch der Zeugungstrieb der Männer wird +durch den steten Druck der Sorge und Noth, der fast noch schwerer auf +der Seele ruht als auf dem Leib, wesentlich beeinträchtigt; und ein +Schlag, den diese Völker, wenn sie sich in besserer, hoffnungsvollerer +Lage befänden, mehr oder minder leicht überwinden würden, muss jetzt +nothwendig höchst gefährlich, ja tödtlich auf sie wirken. Schaffte man +das Elend, das leiblich und geistig auf ihnen lastet, weg--wozu indess +ebenso viel Umsicht und Energie als Ausdauer und Zeit gehörte--so würden +auch solche reducirten Völker sich heben und mit den Jahren, die man +nicht allzu kärglich bemessen dürfte, das werden, woran die +südamerikanischen Staaten denn doch keinen allzugrossen Ueberfluss +haben: brauchbare und zuverlässige Bürger. Die Indianerstämme, welche +man jetzt in den Wäldern verkommen lässt oder gar absichtlich mordet und +ausrottet, sind ein Capital, was bei vernünftiger Behandlung für die +Zukunft reichlich Zinsen tragen würde und was man jetzt muthwillig und +absichtlich vergeudet. + +Die Hottentotten sind gleichfalls hauptsächlich der feindseligen +Ausrottung durch Holländer und Engländer erlegen: allein ihre Macht war, +wie es scheint, schon durch frühere Kriege mit den umwohnenden Völkern +gebrochen. Ihre elende Lebensart, Seuchen u.s.w. fördern ihr Aussterben +mächtig. + +Die Kamtschadalen und Aleuten sind den Vernichtungskriegen oder der +muthwilligen Ausrottung durch die Russen, sowie den von ihnen +eingeschleppten Seuchen erlegen: zweitens aber wirkten gleichfalls sehr +die Ausschweifungen (in geschlechtlicher Hinsicht und durch den Trunk), +denen sie ergeben waren. Sie waren durch dieselben entnervt und deshalb +zum Widerstand nicht mehr stark genug. + +Die Polynesier dagegen haben sich wesentlich selbst zu Grunde gerichtet, +zunächst durch ihre unsinnigen geschlechtlichen Ausschweifungen (Tahiti, +Hawaii); sodann durch den bei ihnen so furchtbar verbreiteten +Kindermord, drittens durch die blutigen und verheerenden Kriege, die sie +untereinander führten, viertens durch die sinnlose Bedrückung, welche +die Herrschenden über die Beherrschten ausübten und endlich fünftens +durch den geringen Werth, in welchem bei ihnen das Menschenleben stand. +Sie waren schon im Aussterben begriffen, als die Kultur zu ihnen kam, +und diese hat nur--einzelne Völker, wo ihre Träger grössere Schuld auf +sich luden, abgerechnet--durch die physische und psychische Erregung, +die sie bringen musste und wodurch ein sechster Grund für ihr +Hinschwinden dazu kommt, das Uebel, welches diese Völker wie ein +schleichendes Gift durchdrungen hatte, zum rascheren Ausbruch und +schnelleren Verlauf gebracht. + +Fragen wir nun, welche von allen diesen Ursachen war die verderblichste, +so liegt gleich auf der Hand, dass dies das feindselige Auftreten der +Weissen war, wie es ja auch bei fast allen Naturvölkern gleichmässig +gewirkt hat und möchten wir die Angriffe auf das psychische Leben der +Naturvölker fast für verderblicher halten, als das Losstürmen auf ihre +physische Existenz. Letzteres hat akuter gewirkt und lässt sich mit der +Verwundung eines Organismus vergleichen: jene brachten, wie eine totale +Vergiftung, ein zwar langsameres, aber viel tieferes, schwerer zu +heilendes und weit allgemeineres Unheil hervor. Aber auch die Europäer, +trotz der Mittel, die sie anwandten, trotz der grossen Uebermacht ihrer +Kultur, haben eine totale Ausrottung nur auf eng abgegrenzten Bezirken +bewirkt, auf kleinen Inseln, auf Tasmanien, den Marianen, den Antillen: +auf grösseren Gebieten reicht ihre Wirksamkeit nicht so weit, trotzdem +sie hier noch manches andere unterstützt hat. Die leichte +Empfänglichkeit der Naturvölker müssen wir, sowohl was Kraft der +Wirkung, als auch was weite Ausdehnung derselben angeht, an zweiter +Stelle erwähnen. Die Krankheiten, welche scheinbar spontan bei der +Berührung der Naturvölker und der Weissen entstanden, so wie die, +welche von letzteren zu ersteren eingeschleppt wurden, haben im +Durchschnitt gewiss ein Drittel, wenn nicht mehr, der Eingeborenen +Amerikas, Afrikas und des stillen Ozeans dahingerafft. + +Die dritte Stufe in dieser Reihenfolge der Verderblichkeit geben wir den +Ausschweifungen. Allerdings haben sie minder allgemein geschadet als +jenes Niedergeschmettert- oder Inficirtwerden von aussen her; aber für +die menschliche Natur sind sie noch gefährlicher, weil sie die innersten +Lebensnerven zerstören und wo sie wirksam sind, keine Rettung durch +Flucht oder durch Besiegung des Feindes möglich ist. Wir sahen die +Polynesier, ein so glänzend begabtes Volk, verkommen, trotzdem dass +ihrer sich die Kultur im Wesentlichen freundlich angenommen hat: sie +waren im Innersten angefressen durch die Ausschweifungen, denen sie sich +hingegeben hatten und sie wären auch ohne Berührung mit den Weissen und +nach und nach immer rascher durch ihre eigenen Laster zu Grunde +gegangen. Die Betrachtung der Polynesier lehrt uns die Gefahr der +Ausschweifungen für ganze Völker erst richtig ermessen. + +Viertens muss der Kindermord genannt werden, welcher vor allen Dingen in +Polynesien und in Südamerika heimisch war, so wie überhaupt der geringe +Werth, welchen man dem Menschenleben beimisst. Dass aber letzteres +allein ein Volk nicht wesentlich zurückbringt, beweist das Beispiel des +Fidschiarchipels. Nirgends wird durch Menschenopfer, Krieg, +Kannibalismus u. dergl. mehr Blut vergossen und Leben verschwendet als +hier; und dennoch gehören diese Inseln zu den bevölkertsten der Südsee +und ein Aussterben wird auf ihnen nicht bemerkt. + +Die Kriege haben zwar mancherlei Schwankungen unter den Naturvölkern +herbeigeführt, auch wohl einzelne Stämme ganz aufgerieben, aber doch +nirgends so gewirkt, dass wir sie in erster Reihe aufzuführen hätten. +Ebenso ist es mit der elenden Lebensweise der meisten dieser Völker, +welche zwar ihr fröhliches und kräftiges Gedeihen hindern konnte, +nirgends aber, so weit unser Material der Beobachtung reicht, eine +völlige Vernichtung herbeigeführt haben. Bei alle den roheren Nationen +fanden wir auch vor der Berührung mit den Europäern die Kopfzahl nie +sehr hoch und hierfür war eben ihre wandernde und kärgliche Lebensart +der Grund. Beides nun, das schlechte Leben und die verhältnissmässig +geringe Volksmenge unterstützen jedes andere über ein Volk +hereinbrechende Uebel immer in so fern, als sie das Volk um so +rückhaltsloser und rascher unterliegen lassen. Und ähnlich ist es mit +allen den übrigen von uns angeführten Gründen, die alle erst dann +wirksam werden, wenn sie mit anderen verbunden auftreten. + +Hierher gehören auch die unvermeidlichen Folgen der zu rasch herein +brechenden und nur halb angenommenen Kultur, welche wir in so mancher +Beziehung für die Naturvölker schädlich fanden. Allein wohl nimmermehr +wären diesen Folgen, den Veränderungen im leiblichen und geistigen +Leben, der gewaltigen geistigen Anstrengung, welche die Kultur +verlangte, diese Völker erlegen, wenn nicht andere Ursachen hierfür +wirksam waren, zu denen dann freilich sich auch jene Folgen der Kultur +als wirksamer sekundärer Grund hinzugesellten. Hätte sich die Annäherung +der Kultur, wenn auch rasch, aber friedlich vollzogen; hätte sie gesunde +Völker getroffen, so würde bei diesen, ähnlich wie bei den alten +Germanen, eine Zeit des Stillstandes eingetreten, dann aber ein neues +kräftiges Leben erblüht sein. Wo die Verhältnisse nur annähernd normal +waren, finden wir diesen Gang der Ereignisse, wie wir im Folgenden näher +betrachten werden. + +Aus dem Vorstehenden folgt ein wichtiges Gesetz: nie ist es eine Ursache +allein, welche ein Volk vernichtet, sondern stets mehrere zusammen, von +denen allerdings eine im Vordergrund stehen kann. Auch die Ausrottung +der Marianer, Tasmanier und der antillischen Bevölkerung bildet keine +Ausnahme, da man hier die Begrenztheit des Terrains als zweiten Grund, +in Tasmanien Charakter und Lebensart der Bewohner als dritten in +Anschlag bringen muss. Wo nur eine der genannten Ursachen wirkt, oder +auch mehrere der untergeordneten, da tritt, soweit jetzt menschliche +Geschichte und Beobachtung reicht, kein Aussterben ein; so halten sich +die Feuerländer trotz ihres elenden Lebens: so bestehen die Fidschis +weiter trotz der auch zu ihnen mächtig eingedrungenen Kultur, trotz der +massenhaften Menschentödtung; und so kann man dies weiter verfolgen. +Diese Erscheinung ist anthropologisch bedeutsam, weil sie wie keine +zweite die zähe Lebensfähigkeit der Menschheit und zugleich beweist, +dass diese Lebenskraft in allen Zweigen des Menschengeschlechtes +gleichmässig vertheilt ist, ja bei den Naturvölkern eher stärker, wie +bei den kultivirten Nationen auftritt, welche letzteren, weil sie feiner +organisirt sind als die unkultivirten Menschen, auch bei weitem weniger +zu ertragen im Stande sind. + +Denn wenn wir fragen: sind die angeführten Ursachen stark genug, um das +Hinschwinden ganzer Völker zu veranlassen? so müssen wir antworten: sie +sind es reichlich und im Uebermass, jede einzelne schon und nun gar +mehrere vereint. Ist es nicht ein wahres Wunder, dass der Naturmensch in +einem Lande wie Neuholland sich hielt, wo Europäer trotz aller +Ausrüstungen meist so rettungslos verloren sind? Und noch dazu sich +hielt in den ewigen Kriegen mit seines Gleichen, unter den ungünstigen +Einflüssen der eigenen mangelhaften Kultur? oder der Polynesier auf +seinen kleinen oft so unfruchtbaren Inseln inmitten des ungeheuersten +aller Ozeane, und auch er ewigem Krieg und Kindermord und den +entnervendsten Ausschweifungen unterworfen? Nicht ein Wunder, dass nach +den furchtbaren Vernichtungskriegen durch die Weissen nicht eines dieser +Völker vollkommen vertilgt ist, ausser kleinen Stämmen? Gewiss, wenn +wir dies alles überdenken, werden wir nicht von der Lebensunfähigkeit +der Naturvölker, sondern vielmehr von ihrer ausserordentlichen +Lebenskraft und Unverwüstlichkeit uns überzeugen müssen. Und so ist hier +der Ort, auf die Frage zurückzukommen, zu welcher wir durch Waitz +veranlasst waren: sind wir wirklich zu dem Geständniss genöthigt, dass +uns das Aussterben der Naturvölker vollständig zu erklären noch nicht +gelingt? Wir sind es nicht. Wenn man der Geschichte jedes einzelnen +Volkes folgend fragt, wie kommt es, dass es dahin siecht und schwindet, +wir werden immer vollkommen erschöpfend die Gründe erkennen, welche +stets dem von uns zusammengestellten Kreis angehören werden. Diese +erklären das Aussterben der Bevölkerung so vollständig, dass zu irgend +welchem Räthselhaften nicht der mindeste Platz bleibt, sobald man nur +die einzelnen Gründe in ihrer physischen und psychischen Wirksamkeit +sich mit genügender Consequenz vor Augen führt. + +Doch ist wohl zu beachten, dass auch die Unverwüstlichkeit dieser +härteren Völker ihre Grenze hat. Wir sahen in Neuholland einen +Menschenstamm, der von früher besserem Zustand herabgesunken scheint; +dasselbe ist der Fall mit Mikronesien und dem eigentlichen Polynesien, +sowie mit den Hottentotten. Am weitesten vorgeschritten war der Verfall +bei den Polynesiern: daher sie denn bei verhältnissmässig leichtem +Anstoss von aussen her rasch und viel unaufhaltsamer zusammenbrechen, +als z.B. die Melanesier oder Hottentotten und andere Völker. Dieser +Verfall musste, wenn seine Ursachen, die Ausschweifungen, Kriege und +Vergeudung der Menschenleben, wirksam blieb, immer rascher weiter gehen +und so waren sie jedenfalls verloren--wenn sie nicht von aussen her +gerettet wurden und das hat, so weit es noch möglich war, die Kultur im +Grossen und Ganzen gethan. Und mögen wir auch noch so sehr beklagen, wie +die Europäer sich den meisten Naturvölkern gegenüber benommen haben: das +müssen wir anerkennen, dass alle diese unkultivirten Völker, wenn sie in +ihrem Naturzustande noch Jahrhunderte weiterlebten, einem zwar sehr +langsamen, aber sicheren Untergang, dessen Keime sie in sich selbst +trugen, entgegengingen. Sie hatten sich keine Herrschaft über die sie +umgebende Natur errungen: sie lebten ausschweifend, nur ihren Gelüsten +hingegeben, unregelmässig, ohne Gedanken in die Zukunft, in gewaltigster +Trägheit; Kriege, Rache u.s.w. waren bei ihnen feste Sitten; der +Aberglaube, der so häufig Menschenopfer verlangte, beherrschte sie ganz; +ihr psychisches Leben war wenig, die intellektuelle Thätigkeit nur nach +praktischer Seite hin entwickelt. Diese Züge ihres Wesens mussten aber +im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende immer starrer und +unüberwindlicher werden: und es ist keine Frage, dass sie ihnen einst, +früher oder später, denn wer mag das Ende dieser Zeit bestimmen, +erliegen mussten. Die Natur, in welcher sie lebten, bot kein erziehendes +Moment von durchgreifender Macht; und hätte sie es durch irgend welche +Veränderungen ihnen noch geboten, sie waren nicht mehr im Stande, es +sich zu nutze zu machen, da sie durch und in Jahrtausende langer +Gewöhnung erstarrt waren. Sollten diese Völker also gerettet werden, so +war ein plötzlicher Anstoss, es war das Eingreifen der Kultur +nothwendig; und obwohl dieselbe ihre Aufgabe so blutig gelöst hat; so +ist diese Nothwendigkeit doch ein Gedanke, der über das viele Blut und +Elend, das sie oder vielmehr ihre Träger schufen, einigermassen tröstet. + + + + +§ 19. Vergleichung der Natur- und Kulturvölker in Bezug auf ihre +Lebenskraft. + + +Da sich nun aus allen diesen angeführten Gründen das Aussterben der +Naturvölker vollkommen erklärt, ja da die Art ihrer Wirksamkeit uns erst +recht die Lebenskraft des Menschengeschlechtes beweist: so fällt damit +schon von selbst die Annahme, als ob die Naturvölker »von der Natur zum +Untergange bestimmt« geringer organisirt seien als die Kulturvölker. +Dies wird sich ganz klar und unwiderleglich zeigen, wenn wir die +Wirksamkeit derselben Gründe auf die europäischen Nationen betrachten. +Wir werden dort ganz genau denselben, ja einen noch weit schlimmeren +Erfolg derselben sehen. + +Alles, was Cäsar den Galliern zufügte, die Verwüstung des Landes, die +grossen Verluste an Menschenleben, das Zertreten des Nationalgefühls, +alles das ist doch wahrlich nicht zu vergleichen mit dem, was Mexiko +z.B. oder die Nordamerikaner litten: und dennoch war durch Cäsar in +nicht 10 Jahren das gallische Volk, das er freilich schon herabgesunken +vorfand, so sehr gebrochen, dass es seine Selbständigkeit bis auf die +Sprache verlor. Allerdings hatten die italischen Bürgerkriege Italien +etwa 70 Jahre auf das grauenvollste verwüstet; aber nach ihnen finden +wir auch das Land im Innersten gebrochen und die Macht des römischen +Staates auf Heeren von Fremdlingen beruhend; erst massenhaft versetzt +mit frischen germanischen Elementen und auch da erst nach langer Ruhe +hebt sich die italische Bevölkerung, nun ein ganz neues Volk, wieder +empor. Und doch waren auch seine Leiden viel geringer als die der +Amerikaner. Und die Griechen! Warum haben sie aufgehört ein historisch +bedeutendes Volk zu sein? weil sie entnervt waren von den +scheusslichsten Ausschweifungen und ihre letzte Kraft zertreten wurde +zuerst durch die Stürme der Völkerwanderung und dann durch das türkische +Joch. Aber welche Höhe hatten die Griechen einst inne--und es ist nicht +zu viel gesagt, wenn man jetzt die Durchschnittsbildung der Griechen +gleichstellt mit der etwa der übriggebliebenen Mexikaner. + +Der 30jährige Krieg, welcher doch im Anfang nur lokal und nie ohne +Unterbrechungen wüthete und mit allen seinen Greueln und seiner Dauer +durchaus nicht das, was die Naturvölker zu leiden hatten, erreicht, +welche grenzenlose Verwüstung hat er in der Bevölkerung unseres +Vaterlandes angerichtet! Ernstlich war durch ihn die deutsche Nation in +ihrer Existenz gefährdet und es ist ja eine vielfach ausgesprochene +Wahrheit, dass einmal unser Nationalcharakter durch diesen furchtbaren +Krieg mannigfach verändert und herabgedrückt ist, andererseits wir noch +bis auf den heutigen Tag mit der Heilung der Wunden, welche er unserem +socialen und politischen Leben geschlagen hat, zu thun haben. + +Sehen wir so an diesen wenigen historischen Beispielen dieselben +Ursachen bei den kultivirten Nationen noch stärker wirken, als bei den +Naturvölkern: so wird eine kurze psychologische Betrachtung uns dasselbe +lehren. Obwohl wir eine Religion haben, welche den Gläubigen Trost +gewährt auch im schlimmsten Unglück, obwohl wir durch die Kultur so +manches Hülfsmittel auch für bedrängte Lagen haben: so wirken doch auf +uns eine Menge Dinge, welche auf die Naturvölker noch gar keinen und +eine Menge anderer, welche auf sie weit geringern Einfluss haben. Wir +sind in unserm leiblichen Leben verzärtelt, an eine Menge Bequemlichkeit +gewöhnt, die wir nicht entbehren können; wir sind geistig viel +empfindlicher und ein Niederwerfen dessen, was uns heilig ist, drückt +uns mit zu Boden. Liebe zu den Verwandten, Scham, kurz eine ganze Reihe +mächtiger geistiger Faktoren haben bei den Kulturvölkern eine solche +Herrschaft übers Leben, dass, wenn sie ernstlich verletzt werden, das +Leben mit bedroht ist, und man kann wohl sagen, je gebildeter ein Volk +ist, um so rascher muss es in fortwährendem Unheil sich verzehren. Wenn +wir z.B. nur bedenken, welche Wirkungen das Gefühl eines ohnmächtigen +Ingrimms, das längere Zeit immer in uns erneut würde, auf uns haben +müsste, wie jeder Einzelne an sich abnehmen kann, so werden wir einmal +ermessen können, wie dasselbe Gefühl auf die Naturvölker eingewirkt +haben muss, bei welchen es durch so furchtbare Misshandlungen +fortwährend erneut wurde und es sehr begreiflich finden, wenn sie schon +durch dieses allein zu Grunde gegangen wären; wir werden einsehen, was +die gebildeten Mexikaner und Peruaner gelitten haben und warum gerade +sie so rasch mit dem Sturze ihrer Bildung zu Grunde gingen; wir werden +aber andererseits zugestehen müssen, dass wir unter ähnlichen +Verhältnissen wohl viel weniger Widerstandskraft haben würden, als jene +Völker, und gewiss jetzt erst recht aufhören von einer besonderen +Lebensunfähigkeit der Naturvölker zu sprechen, da wir dem Unheil, +welchem jene unterliegen, viel rascher unterliegen würden. Ja, wir +würden nach Gründen suchen müssen, wie es kommt, dass jene Völker eine +grössere Widerstandsfähigkeit haben wie wir; und finden dieselben in +ihrer grösseren leiblichen Abhärtung, sowie in ihrer geringen geistigen +Empfindlichkeit, welche immer mit geringer Geistesentwickelung Hand in +Hand geht.--Wenn wir nun dennoch die Kulturvölker wohl ohnmächtig und +geschichtlich unbedeutend werden, aber nicht eigentlich verschwinden +sehen, so kommt dies daher, dass sie gerade in solchen Zeiten der Gefahr +mit neuen Menschenschaaren durchsetzt werden. Die Verwüster Italiens, +die Germanen, liessen sich massenhaft in den blühenden Fluren des +besiegten Landes nieder; ebenso die Bulgaren in Griechenland u.s.w. Oder +die schon bestehende Kultur bietet neue Hülfsmittel, wohin man auch das +Einwandern zahlreicher Franzosen in unser Vaterland nach dem 30jährigen +Krieg rechnen mag. Beispiele von Kulturvölkern, die völlig vernichtet +sind, wie ihre Kultur, bietet die Geschichte von Kleinasien. + +Es fällt von hier aus noch einmal ein Blick auf die Eintheilung, nach +welcher Carus die Menschen betrachtet; man sieht auch hier, wie wenig +stichhaltig sie ist, denn seine Tagmenschen haben keine grössere +Widerstandsfähigkeit, als seine Nacht- oder Dämmerungsmenschen; und +während er behauptet (17), dass die westlichen Dämmerungsvölker, die +Amerikaner, »wirklich dem Untergange zugewendet« seien, so sehen wir die +Tagvölker noch rascher ihrem Untergange zueilen, schon wenn sie durch +weit mildere Schicksale heimgesucht werden.--Auch die Eintheilung der +Menschheit in aktive und passive Völker, wie sie Klemm und Wuttke geben +(Waitz 1, 344) hat ihr sehr Bedenkliches; sie ist falsch, wenn man in +grösserer Aktivität zugleich nach jeder Richtung hin grössere +Kraftentwickelung sieht, denn die »aktiven« Völker (die Kulturvölker) +zerbrechen im Unglück viel leichter, als die zäheren und härteren +Naturvölker; sie ist ferner falsch, wenn man sie als in der +ursprünglichen Natur der Menschheit begründet, wenn man also Aktivität +oder Passivität als verschiedenen Völkern angeboren ansieht: denn von +Haus aus gleich organisirt hat sich die Menschheit durch verschiedene +Naturumgebung, verschiedene Schicksale u.s.w. im Lauf der Jahrtausende +so verschieden entwickelt, wie wir sie in geschichtlicher Zeit +vorfinden. + + + + +§ 20. Aussterbende und ausdauernde Naturvölker. + + +Wenn die Annahme einer minderen Lebensfähigkeit ganzer Völker richtig +wäre, so müsste doch bei allen diesen Völkern sich jenes Hinschwinden +gleichmässig zeigen. Wie kommt es aber, dass eins ausstirbt und das +andere dicht daneben nicht? ja, dass von ein und demselben Volke der +eine Zweig abstirbt, der andere ungefährdet weiter lebt? Und auch das +findet sich oft. Die Tonganer sterben nicht aus und sind Polynesier wie +die Tahitier, Maoris oder Kanakas; die meisten mikronesischen Inseln (so +namentlich der Gilbertarchipel) haben eine dichte Bevölkerung, die +Kusaier sterben aus; und beide, Mikro- und Polynesier, sind nur ein +Zweig des grossen malaiischen Stammes, bei welchem ein solches +Hinschwinden, die kleine Insel Engano und einige elende in die Gebirge +gedrängte Stämme ausgenommen, sonst doch nirgends bemerkt wird. Die +Kamtschadalen sterben aus, die übrigen Nordasiaten, ihre nahen +Verwandten, nicht. Doch vielleicht waren hier jene von uns besprochenen +Gründe des Aussterbens nicht in Thätigkeit? Allein während die übrigen +Melanesier an vielen Punkten sich vermindern, bleiben die Fidschis, +trotz des europäischen Einflusses, trotz ihrer Kriege und Menschenopfer, +kräftig und bei voller Zahl. Noch ärger fast als alle anderen Völker +sind die Neger bedrückt von einheimischen und fremden Tyrannen; und +während sie für einen der fruchtbarsten Stämme gelten, der gar nicht zu +vermindern ist, sterben die Neuholländer, nach dem Kärtchen bei Carus +Nachtmenschen wie sie, aus--welchem Fall freilich der ethnologische +Unsinn, afrikanische und melanesische Neger zu einer Raçe zu vereinigen, +der sich indess nicht bei Carus allein findet, die Beweiskraft nimmt. +Aber die anderen Beispiele zeigen vollkommen schlagend, wie irrig die +Ansicht ist, dass die hinschwindenden Völker in Folge der Inferiorität +ihrer Raçe ausstürben; daher wir dabei nicht zu verweilen brauchen. Wenn +unsere Ansicht aber stichhaltig ist, so muss sich nachweisen lassen, +dass da, wo die Gründe, aus denen wir das Aussterben der Naturvölker +erklären, nicht eintreten oder beseitigt werden, dass da die Völker +gedeihen, sich weiter entwickeln oder sich wieder erholen, ja selbst die +so gefährliche Kultur überwinden und sich zu ihr, wenn auch nur sehr +allmählich, emporheben können. Und der Nachweis ist leicht. + +In Afrika beweisen es die Hottentotten der herrnhutischen Kolonie +Baavianskloof, welche Lichtenstein schildert. 1799 betrug die Zahl ihrer +Lehrlinge (Licht. 1, 247) 100; das Dorf, worin sie wohnten, glich mit +seinen 200 Häusern, seinen Gärten, seinen geraden Strassen ganz einem +deutschen Dorfe; die Hottentotten waren tüchtig im Feld- und Hausbau und +zu allem dem gebracht ganz ohne andere Strafe als Ausschliessung vom +Gottesdienst (251). Die Taufe erhielt man freilich nur als höchste +Belohnung für Thätigkeit, Rechtschaffenheit und Frömmigkeit und +allerdings fand Lichtenstein noch keine Hottentotten unvermischten +Blutes, sondern nur Mischlinge getauft; aber da sich die Herrnhuter +bemühten, sie »erst zu Menschen und dann zu Christen« zu machen (eb. +253), so hob sich die Colonie immer mehr, so dass von der Zeit nach 1828 +der Bericht lautet: »Die frei gewordenen Hottentotten fingen an mehr für +die Zukunft zu sorgen, der Landbau wurde eifrig betrieben und durch +künstliche Bewässerung verbessert, Mässigkeit und Sittlichkeit, die Zahl +der regelmässigen Ehen, der Besuch und die Sorge der Eltern für die +Erziehung der Kinder war im Steigen begriffen und es bedurfte dazu +keiner Unterstützung von aussen« (Waitz 2, 337). Dies ist allerdings nur +von einem kleinen Distrikt gesagt; aber wo hat man sich sonst auch mit +demselben Verstand und derselben Ausdauer der Hottentotten so redlich +angenommen? Wo man das thut, da gedeihen sie und werden brauchbare +Menschen (vergl. W. 2, 341). + +In Amerika haben die Cherokees, die Algonkins, die Irokesen und andere +Völker deutlich genug bewiesen, dass auch die Indianer der Erhebung und +Kultivirung fähig sind. Die Irokesen sind seit 1820 »bedeutend +fortgeschritten im Ackerbau, Hausbau und den mechanischen Künsten +überhaupt; sie besuchten die Kirche regelmässig, viele von ihnen waren +im Lesen, Schreiben und Rechnen so weit gekommen, dass sie Schullehrer +werden konnten, einige andere sogar respektable Geistliche« (Waitz 3, +291 mit d. Quellen). Sie hatten das Mohawk zur allgemeinen +Verkehrssprache im Gebrauch und nach Schoolcrafts Bericht für 1845 war +ihre Volkszahl im Wachsen (a.a.O.). Ebenso hatten die Ottawa, ein +heidnischer Algonkinstamm, sowie die Sauk und noch mehr die Delaware +grosse Fortschritte gemacht; sie leben ganz von dem Ackerbau, den sie +sehr eifrig und tüchtig betreiben, sowie vom Handel mit den Produkten +ihrer Felder (292-93): ihre Zahl ist im Wachsen (294). + +Noch mehr war dies Alles der Fall bei den Cherokees, deren Volkszahl in +den Jahren 1819 bis 1825 von 10,000 auf 13,500 nebst 200 Weissen und +1300 Negersklaven anwuchs. Schon vor 1820 waren sie sehr tüchtige +Ackerbauer, welche im Laufe von 8 Jahren (M'Kennay bei Waitz 3, 294) die +Wildniss in einen Garten umschufen. Schon um 1773 hatten sie 43 Städte +und ihre Bildung war schon damals nicht unbedeutend (Bartram 353-60); +seit 1796 waren Baumwollenmanufakturen bei ihnen errichtet, +Luxusgegenstände traf man hin und wieder und Einzelne hatten ein nicht +unbedeutendes Privatvermögen. Die Polygamie wurde abgeschafft; ihre +Kinder zeigten sich »sehr lenksam, anhänglich und bildungsfähig« (Waitz +3, 295). 1820 führten sie geschriebene Gesetze und eine +Repräsentativverfassung ein. Der oberste Häuptling, dem nebst einem +hohen Rath die Exekutive zusteht, soll alle zwei Jahre das Land +bereisen, um dessen Zustand kennen zu lernen. Die richterliche Gewalt +wird vom obersten Gerichtshofe, dem wandernden Gericht und von +Friedensrichtern ausgeübt. Geschworenengerichte und drei Instanzen sind +eingeführt, die Richter nur durch den Willen beider Häuser absetzbar. Es +herrscht allgemeine Religionsfreiheit, doch kann Niemand ein Amt +bekleiden, der nicht an Gott und an Vergeltung in einem künftigen Leben +glaubt« (Waitz 3, 295-96). Es wurde dann ein Alphabet von 85 Zeichen +1821 von einem Cherokee erfunden und bald war die Kunst des Lesens und +Schreibens unter ihnen allgemein; seit 1828 erschien eine periodische +Zeitschrift in ihrer Sprache. Auch diese aufblühende Kultur hat man +nicht geschont; man hat auch die Cherokees, trotz ihres heftigen +Widerstrebens, über den Missisippi vertrieben. Allein obwohl ihre Kultur +dadurch im hohen Grade gefährdet wurde, so unterlag sie nicht; sie erhob +sich bald wieder und seit 1841 allgemeiner wie früher (296). Ebenso +verhält es sich mit den Choktaw, den Creek und einigen anderen Völkern, +über die Waitz (296-99) ausführlichere Nachrichten gibt. + +Ebenso in Südamerika: die Volkszahl der Abiponer nahm nach Dobrizhofer +bedeutend zu, als das Verstossen der Weiber, der Kindermord und die +Polygamie abgeschafft wurde (Waitz 1, 164); in Guatemala (nach einem +Bericht von 1771) vermehrten sich die Eingeborenen trotz des schweren +Drucks der Spanier so sehr, dass diese sie zu fürchten anfingen (eb. +163). In Mexiko bilden nach Humboldt die Eingeborenen noch immer fast +die Hälfte der Einwohner (b, 3, 9) and in dieser Zahl haben sich die +Indianer überall erhalten, wo die Spanier organisirte Reiche vorfanden +(eb. 3, 8); die einheimische Bevölkerung ist im Steigen (derselbe a 1, +83 und 107) und zwar in Folge eigenes Wohlstands, nicht fremden +Zuwachses (eb. 105) und diese »für die Menschheit sehr tröstliche« +Zunahme der indianischen Bevölkerung beweist Humboldt durch speciellere +Angaben a, 5, 6; 4/7 der gesammten Volkszahl sind Indianer (Waitz 4, +195). + +Auch in Polynesien finden wir sehr wichtige Erscheinungen der Art. Von +Hawaii sagt Jarves 371-72: die Kultur zerstört im Anfang; nachher wirkt +sie segensreich; so war auch auf den Sandwichinseln die Entvölkerung +unter Tamehameha I. und Liholiho grösser als in späterer Zeit. »In dem +Verhältniss, in welchem Christenthum und Civilisation wächst, vermindert +sich die Sterblichkeit. Allerdings sind ihre Wirkungen jetzt noch zu +neu, um ihre Endresultate vorherzusagen, aber man kann sicher hoffen, +dass, wenn die bösen Einflüsse aufhören und anderen Platz machen, gute +Ergebnisse folgen werden. Der Despotismus der Fürsten ist völlig +abgeschafft und Gesetze wirken für das Anwachsen der Bevölkerung. +Familien mit 3 Kindern sind von den Abgaben befreit; die, welche mehr +haben, bekommen Land und andere Geschenke, um sie zu heben. Die Abgaben, +obwohl immer noch hoch, sind gleich vertheilt und für das Volk +erleichtert. Ein Nationalgeist ist erwacht, Schulen und Kirchen +gegründet, regelmässige Handelsverbindungen und Gewerbe haben sich +gebildet: kurz das gerade Gegentheil der moralischen Versunkenheit, in +welcher noch vor Kurzem das Volk sich befand, fängt an sich zu +entwickeln; medizinische Kenntnisse und ärztliche Hülfe verbreitet sich; +Kleidung, Wohnung bessern sich allmählich. Freilich ist dies nur die +Morgenröthe eines besseren Tages: aber schon zeigt sich deutlich genug, +dass Christenthum und Bildung durch die Einwirkung der amerikanischen +Mission und die Intelligenz der Fremden diese segensreichen Folgen +haben. Noch schlagender zeigt sich das daraus, dass Kinder und +Erwachsene, welche die Schulen besuchen und unter der unmittelbaren +Leitung der Missionäre stehen, sich einer ausgezeichneten Gesundheit +erfreuen und rasche Fortschritte machen. Dasselbe gilt von den +Eingeborenen, welche unter dem Einfluss europäischer Familien stehen.« +Nach Virgin (1, 300) freilich scheint die Entwickelung nicht allzurasch +weiter gegangen zu sein; doch auch er gibt an, dass vor 1820 die Abnahme +der Bevölkerung stärker gewesen sei, als nachher, und dass die Missionen +an verschiedenen Punkten die Abnahme ins Stocken gebracht haben durch +möglichstes Hinwegräumen der bösen Ursachen, welche sie veranlassen. +Auch Waitz 1, 177 erwähnt einige Inseln und Distrikte dieser Gruppe, wo +die Bevölkerung nicht nur nicht abnimmt, sondern in nicht ganz +unbedeutendem Anwachsen begriffen ist. + +Ganz ebenso ist es in Tahiti. Auch hier hat die Volkszahl gleich nach +dem ersten Zusammenstoss mit den Europäern sehr abgenommen, von 16,000 +(Wilson) bis auf 8000 (Ellis) oder 9000 (Wilkes), denn Turnballs 5000 +ist eine übertrieben niedrige Angabe. Nachher aber ist die Zahl gleich +geblieben oder eher gewachsen; Virgin wenigstens gibt sie für 1852 auf +10,000 an (2, 41). Auf Raiatea dagegen nimmt die Bevölkerung stark zu +(Waitz 2, 167 nach Journ. R. geogr. soc. III, 179). Auch Ellis (um 1830) +sagt 1, 169, dass vor 1819 das Abnehmen der tahitischen Eingeborenen +noch stark gewesen sei: 1819-20 seien Todesfälle und Geburten einander +gleich gewesen und von da ab habe die Volkszahl stark zugenommen. Mag +Ellis auch, der so eifrig für das Wohl der Insel thätig war, seine +Hoffnungen auf jene Angabe vielleicht etwas mit haben einwirken lassen: +bloss auf Uebertreibung beruht eine so sichere Behauptung eines so +zuverlässigen Beobachters nicht. Allerdings klagt der französische +Commandant der Insel, de la Roncière, in seinem Bericht vom Dezember +1866 (Globus 12, 60-61) über die Trägheit, Indolenz und +Flatterhaftigkeit der Bewohner; allein wenn man die Vorgänge während und +nach der französischen Okkupation der Insel und die ganze Haltung der +Franzosen wenigstens in der ersten Zeit ihres Aufenthalts bedenkt, so +ist es nur allzu begreiflich, dass die Entwickelung der Insel durch sie +nicht eben gefördert ist. Doch sind wir, wenn man sich wirklich +ernsthaft und ausdauernd der Eingeborenen annimmt, auch für sie zu guten +Hoffnungen berechtigt. + +Was wir von Neuseeland zu berichten haben (nach Hochstetter 482-497) ist +noch merkwürdiger. Gegen den Einfluss der Fremden bildete sich eine +Nationalpartei unter den Eingeborenen, welche, da sie Gott ebenso nah +ständen als die Weissen, mit diesen gleiche soziale und politische +Rechte verlangten. 1857 erwählten die Maoris, von diesen Gesichtspunkten +ausgehend, einen König, den als Krieger und Redner berühmten Potatau, +der sich den zweiten Friedenskönig nach Melchisedek nannte, sich +thatkräftige Häuptlinge, so vor allen den Maori William Thompson aus dem +Stamm der Ngatihua, als Minister auswählte, und seinen Herrschersitz zu +Ngaruawahia, an der Hauptwasserstrasse ins Innere, an den Thoren von +Aukland in vortrefflich ausgesuchter Lage nahm. Die Grundprinzipien des +Königthums sollten Glaube, Liebe und Gesetzlichkeit sein. Man beschwerte +sich bitter über die englische Regierung, welche sich gar nicht um die +Maoris kümmere, die Häuptlinge nicht standesgemäß behandele, zwar +Protokolle über ihr Aussterben führe, aber nichts dagegen thue; man habe +die eingeführten Waaren mit ungerechten Abgaben gedrückt, indem z.B. +wollene Decken nach dem Gewicht wie Seide und Spitzen versteuert würden; +Munition und Waffen verkaufe man ihnen gar nicht, um so lieber aber +Spirituosen. Und zu dem Allen benähmen sich die Europäer so hochmüthig +und grob! Diese Nationalpartei, welche sehr beredte Agenten im Lande +umherschickte, fand überall rasch Anhänger; auch die Weiber und Mädchen +theilten ihre Gesinnungen. Freiwillige Abgaben für den König flössen +regelmässig und reichlich und dieser schlichtete zu Ngaruawahia alle +Streitigkeiten der Eingeborenen, trieb auch von den unter ihnen lebenden +Europäern Abgaben ein und legte einen Zoll auf die an seiner Stadt +vorbeipassirenden europäischen Schiffe; sein Einfluss war bald so gross, +dass sich auch die Missionäre, wenn sie etwas gegen einen Maori +vorzubringen hatten, an ihn wandten. Aehnliche Ziele hatte die +Landligue, eine Vereinigung der Maorifürsten, um den Landverkauf zu +verhüten, welchen die einheimische Regierung äusserst ungern sah. Es war +klar, dass die Kolonialverwaltung durch diese selbständige Entwickelung, +namentlich aber durch die Beschränkung der Landkäufe, welche, um gültig +zu sein, erst die Bestätigung des Maorikönigs nach der Auffassung der +Eingeborenen bedurften, in arge Verlegenheit kommen musste. Daher +erkannte denn England diese Beschränkung des Landverkaufs durch die +Maorigesetze nicht an und so musste es zum gewaltsamen Zusammenstoss +kommen. Dies geschah unter Potatau II., dem Sohne Potataus I.; den 17. +März 1860 begann der Krieg, in welchem die Maoris sich nicht nur +ausserordentlich tapfer, sondern auch so umsichtig bewiesen, dass sie +den Engländern empfindliche Niederlagen beibrachten. Der Nationalpartei +schlossen sich jetzt alle Maoris, auch die früher lässigen, an; es ist +besser, hiess es, fürs Vaterland zu sterben, als unterjocht von Fremden +zu leben. Auch im englischen Parlament erhoben sich Stimmen für sie, so +vor allen die Martins, des Bischofs von Aukland. William Thompson war +alleiniger Anführer dieses Krieges und seiner Stelle sehr gewachsen; +denn der Kampf, der von den Maoris hauptsächlich als Guerillakrieg +geführt wurde, konnte nur durch die englischen Kanonen und die englische +Uebermacht (1861 hatten die Engländer 12,000 Mann zusammen) mehr und +mehr zu Gunsten der Engländer gewendet werden. Indess kam es durch +Einfluss der Missionäre und durch den an Brownes Stelle gesandten Lord +Grey zur friedlichen Vermittlung. Wir sehen also auch hier Anfänge, +bedeutend genug, um in kurzer Zeit die Gründe, auf welchen wir das +Aussterben der neuseeländischen Eingeborenen beruhend fanden, zu +beseitigen. Es ist sehr traurig, dass diese nationale Erhebung von +englischer Seite gleich im Anfang geknickt oder wenigstens gehemmt ist: +doch ist die Hoffnung nicht aufzugeben, dass sie abermals auch diesen +Stoss überwinden wird. Die Hauptsache wird sein, dass sie selber Muth +und Zuversicht gewinnen, dann werden sie die Kultur sich nicht bloss +äusserlich und auf eine Weise, die ihnen nur schadet, aneignen, sondern +sie werden sich, da sie stets sich sehr fähig gezeigt haben, an ihr +emporheben und ein neues Leben zu führen im Stande sein. Zu dieser +Hoffnung berechtigt auch die innige Religiosität, welche die meisten der +neu und wahrhaft Bekehrten zeigen. Ob sie aber auch in diesem Falle +später nicht einmal durch Vermischung mit den Weissen aufhören als +Nationalität zu existiren? Ein solches Aufgehen würde indess nur +erfreulich sein, denn es bewiese zugleich, dass auch die Engländer der +Kolonie von ihrem starren Raçenhochmuth nachgelassen hätten. + +In Tonga nun, wo von jeher die Sitten strenger waren und namentlich nie +diese Lüderlichkeit herrschte, welche in Polynesien an anderen Punkten +so gefährlich wirkte; wo man mit dem Menschenleben, wenigstens jetzt und +schon seit längerer Zeit, nicht so verschwenderisch umging, ist ein +Sinken der Volkszahl nicht eingetreten. Das Christenthum hat die +Monogamie durchgesetzt und so ist denn trotz der vielen Kriege, welche +die Einführung des Christenthums und die Befestigung der +Königsherrschaft mit sich brachte, die Bevölkerung, die sich im +Allgemeinen einer sehr guten Gesundheit erfreut, im Wachsen (Erskine +160-61). + +Die Bevölkerung von Samoa schätzt Erskine (104) auf etwa 37,000 Seelen, +doch glaubt er, dass sie abnehme (a.a.O. u. 60). Auch Turner erwähnt die +grosse Sterblichkeit der Kinder daselbst, welche durch thörichte +Behandlung derselben vor und bei der ersten Nahrung veranlasst wird. +Seitdem aber jetzt die Missionäre günstig wirken, die Polygamie +abgeschafft und ausschweifende Lebensweise durch strenge Ueberwachung +sehr erschwert ist, nimmt die Bevölkerung wieder zu (Turner 176). Doch +waren die Samoaner überhaupt weit weniger ausschweifend gewesen als die +übrigen Polynesier und hatten den Werth des Menschenlebens höher +geachtet. Also auch hier dieselbe Erscheinung: der erste Zusammenstoss +mit den Weissen bringt durch Seuchen u. dergl. (doch fand Wilkes in +Samoa keine Syphilis 2, 73, 126, 138) eine arge Erschütterung in der +Wohlfahrt des Volkes, ein Zurückgehen der Kopfzahl hervor; allein sobald +diese ersten Folgen überwunden sind, hebt sich die Ziffer wieder. Gerade +die Samoaner sind besonders innige Christen (Turner 106-109, 166 ff.) + +Zu den bestbevölkerten Gegenden Polynesiens gehören die kleinen Inseln +nördlich und westlich von Samoa und Tonga, die Uniongruppe, Tikopia, +Rotuma u.s.w., wo die Sitten unverderbt und die Bevölkerung in bester +Wohlfahrt ist. Trotz des zahlreichen Kindermords auf Tikopia ist dort +die Kinderzahl in einer Familie meist drei bis acht (Gaimard bei Dumont +D'Urville b, 5, 309; vergl. ders. in Zoologie 23; u. 5, 306). Nur von +dem gleichfalls hierher gehörigen Sikayana wird eine Abnahme der +Eingeborenen berichtet, welche durch eine sehr heftige Blatternepidemie +auf 171 Seelen zusammengeschmolzen sind (Nov. 2, 438-441). + +Alle diese Beispiele beweisen schlagend, dass ein Hinschwinden dieser +Völker aus mangelnder Lebenskraft, »weil sie von Natur dem Untergange +bestimmt seien«, nicht stattfindet; wo es also eintritt, kann es nur +durch die besprochenen Gründe veranlasst sein. Sobald die Kultur nicht +feindselig, sondern friedfertig naht und diese Völker zu sich +emporzieht, statt sie zu vernichten, so ist von den Naturvölkern keins, +das nicht für sie gewonnen werden könnte, ja einzelne haben sich trotz +der feindseligsten Haltung der Weissen dennoch zur Kultur, wenigstens zu +guten Anfängen, emporgeschwungen: eine That, deren Grösse man aus dem +Vorstehenden ermessen kann und die eine so ausserordentlich gute +Begabung und sichere Kraft beweist, dass sie ebenso sehr unser Staunen +als unsere Bewunderung erwecken muss. Allerdings wird aus einem +neuholländischen Stamm nicht sofort ein europäisch civilisirter Staat, +aber es ist handgreiflich verkehrt, zu behaupten, wie noch Meinicke +thut, die Neuholländer seien überhaupt der Kultur unfähig. Denn wo sich +wirklich die Kultur ihrer angenommen (es ist selten genug geschehen), da +haben sie sich auch als friedfertige und bildsame Menschen gezeigt. Dass +sie sich und so noch manche andere Naturvölker jetzt so viel als möglich +von der Kultur zurückziehen, das ist nach dem, was ihnen von ihren +Trägern zugefügt ist, nur allzubegreiflich. Halten doch manche +Nordindianer auch das Christenthum nur für eine neue Art, sie zu +betrügen (Waitz 3, 289) »und, sagten sie, was sollen wir Christen +werden, da diese ärgere Lügner, Diebe und Trinker sind, als die +Indianer« (eb. 287). »Die Christen wollen nicht arbeiten, sie sind +Spieler, Bösewichter und Gotteslästerer,« sagte ein Indianer von +Nikaragua; auf die Antwort, so handelten nur die schlechten, erwiderte +er: »wo sind denn die guten? ich wenigstens kenne nur schlechte« (Waitz +4, 280-81). Ein zweiter Grund, weshalb viele Naturvölker so schwer die +Kultur, auch wenn sie ihnen friedlich naht, annehmen, liegt in ihren +Gewöhnungen. Es muss hier nochmals auf die Kraft der Vererbung erinnert +werden. Durch Jahrtausende langes Leben an ein unstätes Umherschweifen +u. dergl. gewöhnt, wird es ihnen sehr schwer, so plötzlich die +althergebrachte, tief in ihr leibliches und geistiges Wesen +eingewachsene Lebensart zu ändern. + + + + +§ 21. Die afrikanischen Neger. + + +Wir müssen, um einem möglichen Einwand zu begegnen, noch einmal auf +einen Umstand zurückkommen, den wir schon vorhin wenigstens berührten. +Wie ist es zu erklären, dass die Neger nicht aussterben? Sie sind doch +geplagt, gedrückt, gemisshandelt wie kein zweites Volk, der Heimath +entrissen, oft ganz zum Lastthier herabgewürdigt--und sie gedeihen doch. +Der Hang der Neger zu Ausschweifungen ist bekannt; wie gefährlich ihre +Kriege, die sie untereinander führen, für die Besiegten sind, wird nur +zu deutlich durch die massenhaft fortgeschleppten Sklaven bewiesen: +Menschenleben vergeuden auch sie ganz rücksichtslos, wofür schon der +eine Name Dahomey als Beweis genügt. Und doch waren das dieselben +Gründe, welche wir als das Aussterben der Naturvölker veranlassend +annahmen. Wie kommt es, dass sie dort wirken und hier nicht? Muss man +nicht doch also zu jenen Gründen noch einen hinzufügen und welcher +könnte das sein, als mangelnde Lebenskraft oder sonst irgend etwas +Geheimnissvolles? Aber trotzdem sind die Neger, nach einstimmigem +Urtheil aller Forscher, die leiblich am wenigsten vollkommen +organisirten Menschen, und es wäre doch seltsam, wenn höher stehende +Völker mindere Lebenskraft hätten als sie. + +Allein diese Annahme ist auch durchaus unnöthig. Die grössere Ausdauer +des Negers beruht auf seinem anders gearteten Naturell, was wir zunächst +nach der psychischen Seite hin verfolgen wollen. Vom Charakter des +Negers ist jeder melancholische Zug ausgeschlossen. Jeder momentane +Eindruck ist bei ihrer derb sinnlichen Natur so mächtig, dass der +folgende den vorhergehenden sofort auslöscht, und so vergessen sie +dadurch auch im tiefsten Elend ihre schlimme Lage rasch und gänzlich, +wenn irgend eine plötzliche Anregung zur Lust über sie kommt. So zwingen +sie die Sklavenhändler, um sie über ihr oft tödtliches Heimweh +hinwegzubringen, bisweilen mit der Peitsche zum Tanz, der sie dann in +seiner sie nun ganz beherrschenden Ausgelassenheit alles Unglück +vergessen lässt (Waitz 2, 203). Diese rasch wechselnde Gemüthslage hilft +ihnen über vieles Schwere hinweg und ist klar, wie sehr sie im Gegensatz +steht ebenso zu dem zähen Festhalten eines Gedankens, wie wir es beim +Amerikaner und Polynesier so vorherrschend finden, als zu der +Melancholie dieser Völker. Auch die sinnlichen Genüsse wirken auf den +Neger viel befriedigender, als auf die anderen Völker; seine grosse +geschlechtliche Sinnlichkeit ist wiederum für die Fruchtbarkeit seiner +Raçe von grosser Bedeutung und so massenhafte und übertriebene +Ausschweifungen wie bei den Polynesiern finden sich bei ihnen nicht. +Auch sein Hang zum Phantastischen muss erwähnt werden, denn auch er +dient sehr dazu, ihm seine Lage oft in ganz anderem Lichte erscheinen zu +lassen, als sie ist. Hiermit vereinigt sich eine gewisse Stumpfheit und +Trägheit des geistigen Lebens sehr wohl, die vor Vielem und gerade dem +Schmerzlichsten den Neger beschützt: er wird sich fast nie moralisch +vernichtet und dadurch in seiner innersten Persönlichkeit verwundet +fühlen. Auch ist seine grosse Gutmüthigkeit und seine innige +Religiosität hierbei nicht ausser Acht zu lassen. + +Zweitens aber scheint auch die physische Natur weit minder empfänglich +und empfindlich zu sein, als die der meisten anderen Völker. Sei es, +dass er durch allmähliche Gewöhnung, durch das Klima seines Landes oder +durch ursprüngliche Anlage härter ist: er verträgt es, in ganz andere +Himmelsstriche verpflanzt zu werden; er hält sogar die Luft der +Malariagegenden und noch dazu bei täglicher oft sehr grosser Anstrengung +ohne Schaden aus, welchem allen die meisten anderen Völker regelmässig +erliegen. Er ist also schon durch seinen Körper gesicherter. + +Drittens ist nicht zu übersehen, dass der Neger schon seit einer Reihe +von Jahrtausenden, seit der ersten Entwickelung der Kulturvölker, mit +diesen in Berührung und oft in sehr enger steht und gestanden hat: so +ist er an die Einflüsse der Kultur ganz anders gewöhnt als Amerikaner +und Ozeanier, als Hottentotten und Kamtschadalen, und hat daher ihre +ungünstigen Folgen weit weniger zu fürchten. + +Hiermit ist der Einwand, welchen man von den Negern aus erheben könnte, +als beseitigt zu betrachten; wir müssen indess noch einen Blick auf das +Aussterben der freigewordenen Neger in den vereinigten Staaten werfen, +wie wir es im Ausland (1867, 1404) geschildert sehen nach Henry Lathams +black and white. Nach ihm sind seit der Emancipation von 4,000,000 +Negern 1,000,000 zu Grunde gegangen, durch Unwissenheit, Hülflosigkeit, +Laster und Mangel. Unfruchtbarkeit trat ein, Kindermord nahm überhand, +»die Sterblichkeit war so gross, dass es Leute gab, welche eine Lösung +der schwierigen Negerfrage in dem Verschwinden der farbigen Raçe in den +nächsten 50 Jahren voraussagten«. »In den Gebieten, wo sie während des +Krieges in grösster Sicherheit lebten, wo man annehmen kann, dass sie +massenhaft vorhanden sind, und wo die grössten Beiträge zusammengebracht +wurden, um sie vor Hungersnoth zu schützen, sind sie in Abnahme +begriffen. In dem kältern Klima der Nordstaaten starben die farbigen +Familien nach einer oder zwei Generationen aus.« Die Schilderung ist, +wie wir sie hier vor uns haben, entschieden parteiisch gefärbt. Wir +betrachten daher nur die Thatsache, dass die emancipirten Neger +moralisch und physisch sich verschlechtern, ja geradezu verkommen. Diese +Erscheinung ist allemal da beobachtet, wo Neger emancipirt wurden, und +sie machte auch der Republik Liberia anfangs viel zu schaffen; allein +sie tritt bei jeder Sklavenemancipation naturgemäss jedesmal ein, mögen +die Sklaven nun Neger oder nicht sein. Sie haben nicht gelernt, +selbständig zu leben, für sich zu sorgen, für sich zu arbeiten; jede +Arbeit ist ihnen, in Erinnerung an ihr früheres Loos, eine Last zugleich +und eine Entwürdigung. Durch den langen Zustand der Unfreiheit haben sie +die Fähigkeit, der Natur gegenüber sich zu behaupten, welche sie in +ihrer Heimath besassen, verlernt; sie sind auch geistig herabgedrückt +und dass sie lasterhaft werden, ist die Folge des Beispiels, was ihnen +allzuoft ihre eigenen Herren gaben, sowie des Mangels an Selbstachtung, +zu dem sie als Sklaven verurtheilt waren. In Nordamerika ist ihnen +ferner jede Emancipation noch durch die entschiedene und rücksichtslose +Feindseligkeit unendlich erschwert, mit der die »gute Gesellschaft«, die +Weissen, sich vor jedem Farbigen strenge verschliesst, für den sie +nichts als die bitterste Verachtung hat. Klimatisches mag sich +gleichfalls geltend machen; jedenfalls ist hier nichts, was unserer +Betrachtung irgend ein neues Moment zufügen oder eine nähere Erklärung +noch erheischen könnte. + + + + +§ 22. Folgerungen aus der Art, wie die Naturvölker von den Kulturvölkern +behandelt sind. + + +Ehe wir unsere Betrachtungen schliessen, ist es nöthig, auch einen Blick +auf die Kulturvölker zu thun, welche mit den Naturvölkern in Berührung +kamen; denn ein solcher wird ethnologisch nicht ohne Ausbeute sein. +Zunächst ist zu constatiren, dass alle Kulturvölker sich ganz auf +dieselbe Weise grausam, rücksichtslos und unmenschlich gegen die +Naturvölker betragen haben, die mit ihnen in Berührung kamen: die +Spanier, die Portugiesen, die Holländer, die Engländer und die +Franzosen. Die Engländer und Holländer zeichnen sich durch +unaussprechlichen Hochmuth und Hass gegen jede farbige Bevölkerung aus, +durch welchen sie den Naturvölkern fast nicht mindern Schaden gethan +haben, als durch offene Feindseligkeiten. Wir Deutsche haben Eroberungen +nicht gemacht, aber trotzdem sind einzelne unserer Landsleute mit den +Naturvölkern in Berührung gekommen. Diejenigen, welche zur Zeit der +ersten Entdeckung Amerikas mit den Spaniern dorthin kamen--so die +Abgesandten der Welser, welchen dort Länderstrecken von Karl V. +verpfändet waren--wütheten nicht geringer als die Spanier selbst. Das +westliche Venezuela wurde um 1527 von Georg v. Speier und Ambrosius +Dalfinger verwüstet (Waitz 3, 398). Allein das sind vereinzelte Fälle; +im Ganzen haben die Deutschen den Naturvölkern Segen gebracht, denn +gerade die einflussreichsten Missionen sind zum Theil in ihren Händen +gewesen, wobei vor allen Dingen an die Wirksamkeit der Herrnhuter in +Afrika und Nordamerika (z.B. Heckewelder) erinnert werden muss. Auch +unter den Jesuiten waren viele Deutsche, z. B. Dobrizhofer unter den +Abiponen, Strohbach auf den Marianen. Die Missionsthätigkeit ist auch +jetzt noch nicht vermindert und trägt ihre segensreichen Früchte für die +Eingeborenen und für die Wissenschaft, denn eine Menge der bedeutendsten +Missionsschriften sind, freilich meist in englischer Sprache, von +Deutschen verfasst--Namen wie Kölle, Döhne, Teichelmann, Schürmann, +Dieffenbach (freilich kein Missionär) u.a. sind bekannt genug. + +Die fast immer ganz unmenschliche und mordgierige Art, mit welcher der +Europäer die Naturvölker bekriegte und meist deren Rohheit bei weitem +übertraf, zwingt uns zu einem anthropologischen Schluss von nicht +geringer Bedeutung; denn wir sehen daraus klar, »dass die Kluft, die den +civilisirten Menschen vom sogen. Wilden trennt, bei weitem nicht so +gross ist, als man sich oft einbildet« (Waitz, 3, 259). Man hat ja +gerade die wilde Blutgier der Naturvölker so wie ihr beharrliches +Fernbleiben von aller Kultur so besonders hervorgehoben, ja mit darauf +hin den Schluss gezogen, dass sie von geringerer Organisation und +Befähigung, dass sie von Haus aus eine niedrigere Raçe wären (Carus 28, +22 ff.). Wie will man das aber aufrecht halten, wenn die civilisirten +Völker von einer viel wilderen und grauenvolleren Blutgier besessen +sind, die um so schrecklicher wird, als sie unvermittelt neben so hoch +entwickelten intellektuellen Fähigkeiten steht? Wenn die grössten und +bedeutendsten Männer dieser civilisirten Völker dieselbe Blutgier +theilen, wie Columbus, welcher die auf Menschen dressirten Hunde +einführte, der Königin Isabella rieth, die Kosten seiner Fahrten durch +Menschenraub zu decken, Diebstähle mit grausamen Verstümmelungen strafte +und Hinterlist und gemeinen Verrath gegen die Indianer für erlaubt +hielt? (Waitz 4, 331). Wenn die blutgierig-rohesten wohl noch wegen +ihrer grauenvollen Bestialität als besonders hervorragend gepriesen +werden, wie die »Pioniere des Westens«, die »Helden von Old-Kentucky« +(Waitz 3, 260), die nebenbei auch der intellektuellen Vorzüge der Kultur +sich begebend genau ebenso abergläubisch als die Indianer wurden, deren +Lebensweise, Vergnügungen und Skalpirungen bald sich nur noch durch +grössere Rohheit von den Indianern unterschied? Ja d'Ewes (China, +Australia and the Pacif. Islands in 1855-56. London 1857, p. 150) +erzählt, dass einzelne Weisse auf den Fidschi-und Tonga-Inseln, neben +den grässlichsten Verbrechen aller Art, sogar den Kannibalismus der +Eingeborenen mitgemacht haben! Beispiele von Spaniern und Portugiesen, +welche unter die Bildungsstufe der Eingeborenen Südamerikas +herabgesunken sind, findet man reichlich bei Waitz 1, 370 und bei v. +Tschudi an verschiedenen Stellen. Ehrlichkeit, Treue, Vertrauen, +Anstand, Gastfreundschaft, Menschlichkeit, reine Religiosität, die +besseren moralischen Eigenschaften findet man meist nicht auf Seiten der +Europäer, sondern der so tief verachteten Naturvölker, und Seume's + + »Wir Wilden sind doch bessre Menschen« + +hat seinen tiefen Grund. Man sage nicht, dass die von den Europäern +verübten Schlechtigkeiten nur von einzelnen ausgegangen und also auch +nur den einzelnen Individuen zur Last zu legen seien; sie sind so +ziemlich gleichmässig von der gesammten Kolonistenbevölkerung ausgeführt +und jedenfalls von ihr höchlich gebilligt worden; ja es fehlt noch viel, +dass sie auch jetzt überall getadelt würden. + +Es zeigt sich aus diesen Betrachtungen ferner, wie ungeheuer langsam die +Menschheit moralisch fortschreitet und wie wenig durch intellektuelle +Entwickelung ein Fortschritt nach jener Seite bedingt wird. Das eben von +Columbus Erwähnte mag als Beleg dienen, er, der geistig so hoch über +seiner Zeit stand, hatte sittlich ganz dieselbe Stufe inne. Seine ganze +Zeit aber stand trotz des Christenthums, trotz der äusseren Kultur noch +auf einem Standpunkt der geistigen Rohheit, die sich noch kaum von dem +Wesen des Naturmenschen unterscheidet, ja durch reicher entwickelte und +ganz zügellose Leidenschaften noch tiefer als jenes erscheint. Wie +gewaltig nun die Entwickelung der Intelligenz in den letzten drei +Jahrhunderten zugenommen hat, weiss Jeder; blickt man aber auf die +Kulturvölker des 19. Jahrhunderts--man denke an die Engländer in +Tasmanien, Neuholland, Nordamerika, die Portugiesen und Spanier in +Südamerika--so wird man von einem moralischen Fortschritt noch gar wenig +bemerken, denn sie benehmen sich, allerdings nicht mehr in solcher +Allgemeinheit, gerade ebenso brutal und unmenschlich, als die Spanier im +16. Jahrhundert. + +Auch kann man nicht behaupten, dass die heutige Propaganda und ihr +Verfahren in der Südsee sich sehr zu ihrem Vortheil von den Missionären +des 16. und 17. Jahrhunderts unterschied; was sie etwa an +Gewaltthätigkeit verloren hat, das hat sie an Unwahrheit gewonnen. Und +wenn man im 19. Jahrhundert mit demselben Leichtsinn wie im 16. nur um +zu taufen, tauft: so ist das in unseren Zeiten bei weitem schlimmer, als +in jenen früheren. Bis jetzt also hat die Höhe der intellektuellen +Entwickelung noch keineswegs durchgreifend und in dem Maasse, als man +denken sollte, auf die moralische Seite des menschlichen Charakters +gewirkt--aus Gründen, deren tiefere psychologische Motivirung hier uns +zu weit führen würde. + +Und doch lässt es sich nicht läugnen, dass alles wirkliche Fortschreiten +der gesammten Menschheit, wodurch sie immer reiner und wirklich +menschlicher sich entwickelt, nicht sowohl auf intellektuellen als auf +moralischen Geistesthaten beruht. Die europäische Gesellschaft ist zu +ihrer heutigen Höhestufe emporgehoben erstens durch die Gleichstellung +der Frauen bei den Germanen, zweitens die rein moralische Macht des +Christenthums, drittens die Reinigung des Christenthums und die +Anerkennung der individuellen Geistesfreiheit durch die Reformation und +die Reinigung der sozialen Verhältnisse durch die Revolution des vorigen +Jahrhunderts. Letztere trug auch gleich den Naturvölkern die besten +Früchte: denn dass Polynesien wesentlich anders behandelt ist, als +Amerika, dazu trugen nicht wenig bei die Lehren von Männern wie +Rousseau, der Gedanke, dass alle Menschen, mochten sie nun durch Stände +oder Hautfarbe und Sprache verschieden scheinen, in ihrem Wesen gleiche +Menschen seien; ja die Ansicht, welche man von diesen Völkern lange Zeit +in Europa hegte, beruhte gleichfalls auf diesen Gedanken, da sie +hauptsächlich durch die Werke der Forster hervorgerufen wurden, diese +aber eifrige Anhänger Rousseau's waren.--Neben jenen Hauptförderungen +der Menschheit darf man einige andere zwar nicht in erster Linie +anführen, aber auch ebensowenig ganz übersehen, und dahin gehört die +Erweckung des reinen Schönheitssinnes, der wahren Kunst durch die +Griechen. Während nun im Leben der Völker und der Einzelnen es sich nur +allzuhäufig zeigt, dass die grösste Ausbildung der Intelligenz auf die +sittliche Vollendung eines Menschen gar keinen Einfluss hat, so fördert +umgekehrt jeder sittliche Fortschritt der menschlichen Gesellschaft ihre +intellektuellen Leistungen und ist ohne eine solche Förderung gar nicht +zu denken, da ja jeder wirklich bedeutende sittliche Fortschritt die +Menschheit in ihrem ganzen Wesen hebt und weiter entwickelt, und nur wo +dieser Doppelfortschritt geschieht, kann von einem wirklichen +Höhersteigen die Rede sein. Man hebt nie ein Volk nur durch Industrie +und Lehranstalten, wenn man es dadurch auch reich und wohl unterrichtet +machen kann; man hebt es nur, wenn man seine idealen Anschauungen +läutert und fördert. Dass aber eine Förderung nicht etwa dadurch +eintritt, dass man der Gegenwart das Ideal vergangener Jahrhunderte als +das einzig heilvolle aufzwingen will, das liegt auf der Hand. + + + + +§ 23. Zukunft der Naturvölker. Mittel, sie zu heben. + + +Was wird nun die Zukunft der Naturvölker sein? Geradezu vernichtet sind +nur wenige bis jetzt und noch können wir, und da wir Unfähigkeit zur +Entwickelung, leibliche oder geistige, nirgends bei ihnen finden, noch +müssen wir hoffen. Freilich ist viel verdorben; und die Leichtigkeit der +Annäherung, das Vertrauen, mit dem sie der Kultur entgegenkamen, ist bei +den meisten unwiederbringlich verloren. + +Wie bisher die Missionäre die grössten Verdienste um diese Völker haben, +so fallen auch, wenn wir nach der Zukunft fragen, unsere Augen zunächst +auf die Missionäre. Wenn wir bedenken, dass die Polynesier man kann wohl +sagen ihre Rettung bisher ihnen verdanken, dass, die Hottentotten und so +mancher amerikanische Stamm nur und allein durch sie Gelegenheit hatten, +auch die guten Seiten der Kultur an sich zu erfahren; so können wir +nicht dringend genug wünschen, dass ihr Werk sich segensreich immer +weiter ausbreiten möge. Dazu gehört zunächst Unterstützung durch die +weltlichen Mächte, freilich anders als sie von Frankreich den +katholischen Missionären zu Theil wurde: denn die Staaten müssten, im +Interesse der jedesmaligen Eingeborenen, jede segensreiche Wirksamkeit +gleichviel von welcher Confession gleichmässig schützen. Und so hat +sich, um gar nicht vom Christenthum zu reden, auch vom anthropologischen +Standpunkt aus die katholische Kirche und Frankreich in ihrem Dienst in +der Südsee schwer vergangen. Die Mächte, welche unter den Naturvölkern +Kolonien haben, England besonders, haben den grössten Vortheil von einer +tüchtigen Wirksamkeit der Missionäre; denn einmal werden durch sie +unnütze Kriege, die doch auch den Weissen oft schädlich genug sind, +vermieden, und ferner die Eingeborenen selbst der Kolonie gewonnen. Man +sollte also von Staatswegen die Missionen mit allen Mitteln stützen +(nicht gewaltsam einführen, nur stützen), aber auch zugleich ein +wachsames Auge auf sie haben und sie nöthigen Falles zur Rechenschaft +ziehen. Denn Menschlichkeiten können vorkommen und sind auch unter den +protestantischen Missionären der Südsee vorgekommen, welche z.B. in +Neuseeland durch ihre Landankäufe und Spekulationen sich und ihrer Sache +und den Eingeborenen gleichviel geschadet haben. Aber auch die +Missionäre müssen auf sich selbst das strengste Augenmerk haben. Sie +müssen immer mehr und mehr zu der richtigen und wichtigen Einsicht +gelangen, dass es nichts hilft, Völker zu taufen oder sie auf abstrakte +und für jene Menschen ebenso unverständliche wie unbrauchbare +Lehrbegriffe hinzuweisen, wenn man nicht alle ihre Geisteskräfte weckt, +die Wahrheiten dieser Lehre sich anzueignen. Nach dieser Seite--wer +wollte es läugnen? übersteigt es doch auch hier ganz fehlerlos zu +handeln bei weitem menschliche Kraft--nach dieser Seite haben beide +Kirchen viel verfehlt; die katholische durch oft ganz beispiellos +leichtsinniges Taufen, wobei sie das Heidenthum ruhig bestehen liess +(Beispiele für diese harte Behauptung liefern die Annales de la +propagation de la foi, Michelis und Lutteroth genug; wir führen +einzelnes der Kürze halber nicht an), die protestantische durch +allzustrengen Ernst und eigensinniges Steifen auf die abstrakten +Lehrsätze. Doch wird jeder Unbefangene die bei weitem bessere +Wirksamkeit auf protestantischer Seite sehen müssen, wenn wir auch fern +sind, zu verkennen, was die katholische Kirche grosses geleistet hat. +Männer wie Las Casas und so viele seiner Glaubensgenossen, welche fast +der einzige Schutz der unterdrückten Amerikaner waren, so viele +Jesuiten, die mit dem grössten Glaubenseifer sich jeglicher Gefahr für +das Christenthum unterzogen, wie z.B. der gewaltige San Vitores auf den +blutgetränkten Marianen: alle diese Männer müssen in erster Reihe +genannt werden, wenn es sich um Darstellung der Verdienste der Mission +handelt. + +Man mache die Naturvölker erst zu Menschen, dann zu Christen; man bilde +sie langsam zu der und durch die Kultur vor, deren höchste Blüthe das +Christenthum ja eben sein will. Nicht Wissen und Erkennen, und wäre es +der höchsten Weisheit, Thätigkeit vielmehr und selbständiges Bauen des +eigenen Lebens gibt dem Menschen erst sittlichen Halt und sittliche +Kraft: diese wecke, gestalte, befördere man und man wird das +Christenthum fördern. Ist es doch wahr, dass jene Verbrecher, welche aus +den Deportationsorten entsprangen und sich an verschiedenen Stellen +Ozeaniens niederliessen, durch die Bruchstücke von Kultur, welche sie +den Eingeborenen mittheilten, dem Christenthum und den Missionären den +Weg gebahnt und sehr erleichtert haben, ohne dass sie es selbst wollten +und obwohl sie oft mit der Kultur zugleich manches Verbrechen lehrten. +Will man aber ohne genügende Vorbereitung rasch Erfolge sehen, so wird +man nichts wirken; die Missionsberichte (beider Confessionen) beweisen +zur Genüge, wie thöricht ein solches Streben ist und wie es oft zu den +allergröbsten Selbsttäuschungen führt. Nur die liebevollste Arbeit und +aufopferndste Hingebung vieler Generationen kann hier wirklichen und +bleibenden Erfolg erringen. Man muthe doch nicht den Naturvölkern zu, +die Höhe der Bildung im Fluge zu ersteigen, welche die begabtesten +Kulturvölker im Laufe von Jahrtausenden und mit so häufigem Rückfall, so +heissem Kampfe, so stetiger Arbeit sich errungen haben. + +Aber auch die weltliche Macht muss Hülfe bringen; zunächst negativ, +indem sie nicht duldet, dass andere, was die Missionäre bauen, +untergraben und einreissen; und ferner positiv, indem sie das von jenen +begonnene weiterführt. Sie muss die Eingeborenen in ihren natürlichen +Rechten schützen, das Eigenthumsrecht an den von ihnen bewohnten Boden +anerkennen und aufs Strengste darauf halten, dass ihnen von Seiten der +Kolonisten kein Unrecht geschieht. Freilich werden solche Männer wie +Lord Grey, die mit der grössten Umsicht und Energie die reinste +Menschenliebe besitzen, nicht häufig gefunden werden; aber man kann auch +in der Wahl einer obersten Kolonialverwaltung nicht zu viel thun. +Specielle Vorschläge haben Grey für Australien, Dieffenbach für +Neuseeland, Andere für andere Völker gemacht; und es liesse sich, bei +allen Schwierigkeiten, wenn die Mächte, welche Kolonien besitzen, also +vor allen Dingen England ernsthaft wollten, gewiss viel Elend verhüten, +viel Gutes stiften und viel Verdorbenes herstellen. Bis jetzt freilich +haben die englischen und überhaupt die europäischen Matrosen meist nur +das eine Recht der Gewalt; die Frevel, die sie an jenen Völkern begehen, +bleiben ungestraft, während es mit den ärgsten Strafen heimgesucht wird, +wenn die Eingeborenen irgend an Weissen freveln. Zum Theil ist diese +Ungerechtigkeit nöthig, um die fernen Weissen zu schützen; theils aber +liegt sie auch in der selbst noch sehr mangelhaften moralischen +Entwickelung der Weissen, welche an solchen Gewalttaten im grossen +Ganzen kaum einen Frevel. sehen. Was soll man dazu sagen, wenn +Schandgeschichten wie die folgende unter Englands offiziellem Schutz +geschehen und in den Zeitungen, auch in deutschen, fast als Scherz +erzählt werden? Nach der Ermordung eines Kaufmanns[O] erschien das +englische Kriegsschiff Perseus, Capitän Stevens, 1867 im Frühjahr vor +der Palaus (Pelewsinseln, westliches Mikronesien), um Genugthuung zu +fordern: es zeigte sich, das der Kaufmann auf Befehl des Königs, auf +dessen Insel Koror er lebte und Grundeigentum besass, ermordet sei, weil +er an die Feinde desselben Feuerwaffen verkauft hatte. »Obwohl nun +Stevens einsah, heisst es, dass jener besser gethan hätte, keine +Mordwaffen zu verkaufen«, so glaubte er doch streng verfahren zu müssen +und verlangte Hinrichtung des Königs. Die Insulaner, von dem +Kriegsschiff bedrängt, beschlossen, sich nicht zu widersetzen--aber sie +baten, dass die Hinrichtung von Matrosen des Schiffes ausgeführt würde, +was Stevens nicht zuliess. »Insulaner sollten das Werk thun«. So geschah +es denn. Und es geschah noch mehr. Die so behandelten Insulaner riefen +den Schiffscapitän zu ihrem König aus. »Er nahm auch sofort die Krone an +und bewies, dass er die königliche Prärogative in erspriesslicher Weise +zu nützen verstehe. Er befahl seinen Unterthanen, Hühner, Eier, Früchte +und sonst noch mancherlei an Bord des Dampfers zu bringen und diesem +Befehl wurde willig Folge gegeben. Eine Vergütung für die gelieferten +Sachen blieb ausser Frage, doch war seine improvisirte Majestät so +gütig, einige Geschenke, als da sind: Messer, Scheeren u. dergl. +verabfolgen zu lassen. Als dies geschehen war, dankte er ab und +überliess den Paleuinsulanern, sich nun einen anderen König nach ihrem +Geschmack zu suchen« (Globus 12, 59, nach der Overland China Mail v. 30. +Mai 1867 und der »Presse« zu Manila). Heisst das nicht, jede +Selbstachtung eines Volkes mit Füssen treten? nicht, der Gerechtigkeit +und Menschlichkeit ins Gesicht schlagen? Und das that ein Vertreter des +englischen Staates im Namen der Gerechtigkeit! Und eine solche +Geschichte erheitert als Anekdote ein europäisches Publikum! Die +Insulaner mussten, trotz ihrer Bitten, ihren eigenen König erschiessen, +weil er sich eines gegen ihn entschieden feindlich handelnden +Engländers, allerdings auf frevelhaftem Wege, entledigt hatte! So lange +solche Geschichten noch möglich sind, so lange ist allerdings für die +Naturvölker noch nicht allzuviel zu hoffen. Und sie werden, wir +befürchten es, noch lange möglich sein; so lange wenigstens sicher als +die Kulturvölker sich von ganz anderem Stoff dünken, als jene »Wilden«, +denen man wohl die Gestalt, aber keineswegs die Rechte eines Menschen +zugesteht. + +Gegen diese gänzliche Ausschliessung von allem europäischen Leben, wie +es die Eingeborenen in den Kolonialländern fast immer zu dulden haben, +müsste der Staat, was in seinen Kräften steht, thun, wenn er jene +wirklich heben wollte: denn das ist es, was sie jetzt am meisten von der +Kultur ab und im Elend zurückhält. Aber das wird schwer, wo nicht +unmöglich sein; und die Menschheit, so scheint es, wird erst noch +manchen Schritt vorwärts thun müssen, ehe diese Gleichstellung (wenn sie +dann noch möglich ist) auch nur annähernd sich verwirklichen lassen +wird; so dass man in diesem Sinne wohl sagen kann, alles, was in Europa +zur Hebung der weissen Bevölkerung und ihres sittlichen Lebens +geschieht, das kommt auch mittelbar den Naturvölkern zu gut. + + + + +§ 24. Werth der Naturvölker für die Menschheit und ihre Entwickelung. +Schluss. + + +Aber, so müssen wir noch fragen, kann man überhaupt einem Staat, den +civilisirten Völkern zumuthen, so viel Müh und Arbeit an die Naturvölker +zu verwenden, die sie doch anderen Zwecken und vielleicht besseren oder +doch nützlicheren entziehen müssen? Kann man nicht mit Fug und Recht von +dem werthlosen Leben dieser rohen Nationen Talleyrands berüchtigtes je +n'en vois pas la nécessité sagen? Wie man vom Standpunkte des +Christenthums hierauf antworten muss, welches lehrt, dass alle Menschen +Brüder und vor Gott gleich sind, liegt auf der Hand: und wo wird denn +ein strenges Christenthum mehr zur Schau getragen, als im öffentlichen +Leben Englands und Amerikas? Aber auch vom Standpunkt der Philosophie +aus wird man die Erhaltung der minder entwickelten Völker für eine +wesentliche Aufgabe der Kultur ansehen müssen. Der empirische Forscher +wird nach genauer historischer und naturwissenschaftlicher Betrachtung +der Welt sehen, dass die Gesammtheit der Natur als solche dem +Entwickelungsgesetze folgt, wie die einzelnen grossen Abtheilungen der +Natur, wie die Gattungen, Arten und Individuen. Das Gesetz dieser +Entwickelung besteht aber darin, dass Alles, Gesammtheit und +Einzelnwesen, eine grössere Vollkommenheit, Festigkeit und Sicherheit +der Existenz anstreben. In diesem Entwickelungsgange hat die Natur +selbst die Werthbestimmungen gesetzt, dass sie das Individuum der Art, +die Art der Gattung, die Gattung der Familie, kurz das Beschränktere dem +Grösseren unterordnet, ja wenn es im Interesse des Grösseren noth thut, +aufopfert. Es würde spiritualistische Verkennung unseres Standpunktes +sein, welchen wir in der Stufenfolge des Ganzen einnehmen, wenn wir +Menschen für uns andere Gesetze beanspruchen wollten, als sie für die +gesammte Natur gelten; zeigt doch auch alle historische Entwickelung, +dass wir unter ganz denselben stehen, wie die übrigen Organismen alle, +nur dass unsere Stellung verschieden ist. Wie nun also der Natur +Erhaltung und Förderung des Ganzen Hauptzweck ist, so muss er es auch +uns Menschen sein, und zwar zunächst Erhaltung und Förderung der +menschlichen Gesellschaft, da unsere Thätigkeit zunächst unserer eigenen +Gattung naturmässig gehört. Das aber heisst schlecht dem Ganzen dienen, +wenn man lebensfähige Keime desselben, bloss weil sie nicht im gleichen +Lenz und nach gleicher Art mit uns sich entwickelt haben, zertreten +wollte. Wer weiss, zu welchem Endzweck auch sie der Natur dienen können! +Und Niemand wird doch behaupten wollen, dass sie zu zertreten den +Völkern von höherer Kultur Nutzen brächte. Wenn wir von diesem +philosophischen Standpunkt aus nach dem Zweck menschlicher Entwickelung +forschen, so werden wir die Civilisation als solchen bestimmen müssen +(Waitz 1, 478 f.). Denn einmal sichert sie erst durch engen +Zusammenschluss der Individuen, welche sich im Naturzustande +selbstsüchtig, also feindlich gegenüber stehen, die menschliche +Gesellschaft dauernd und fest, andererseits bringt sie erst, indem sie +auf diese Weise eine Menge überschüssiger Kraft frei macht, die +Menschheit zu höherer Entwickelung. Sie allein ist es, welche die +wichtigste Seite des menschlichen Lebens, die Thätigkeit des Geistes +überhaupt erst ermöglicht. Zu diesem Endzweck menschlicher Entwickelung +ist aber jedes Volk berufen und die einzige Aufgabe schon civilisirter +Nationen uncivilisirten gegenüber kann nur die sein, die Civilisation +auch zu jenen hinzutragen, nicht aber durch die reichlicheren und +wirksameren Mittel derselben jene zu vertilgen. Auch darf hierbei nicht +übersehen werden, wie nichts der Civilisation selbst gefährlicher ist, +als Zurücksinken in Rohheit, weil ein solches mit stets zunehmender +Geschwindigkeit, gleichsam nach den Fallgesetzen vor sich geht. Das +wüste Verfahren gegen die Naturvölker ist aber ein solches Zurücksinken +in Rohheit und wie beim längeren Vernichtungskampf gegen sie jene +Rohheit schrecklich wächst, das haben wir schon gesehen. Ganze Stämme +civilisirter Nationen sind durch sie, zu der sich dann noch Faulheit und +Genusssucht gesellten, in die äusserste Barbarei zurückgesunken oder +doch wenigstens merklich in ihrer Entwickelung aufgehalten: so die +Holländer am Cap, die Spanier und Portugiesen und zum Theil die +Engländer in Amerika. Das ewige Blutvergiessen und Morden musste sie +immer gleichgültiger, immer roher machen und dadurch schwanden +selbstverständlich gar manche andere Interessen; Faulheit und so manches +andere, obwohl gar manche Kolonisten auch davon einen reichlichen +Vorrath mitbrachten, war die natürliche Folge der fortgesetzten +Grausamkeit. Führt uns dieser letztere Punkt schon aus dem theoretischen +und moralischen mehr ins praktische Gebiet, so gibt es auch noch andere +praktische Gründe, welche für Schonung und Hebung der Naturvölker, +keinen aber, der dagegen spricht. Waitz (1, 484) setzt auseinander, dass +bei den grossen Unterschieden in der Naturumgebung der Menschen, bei den +mannigfaltigen Fähigkeiten und Eigenschaften, welche die verschiedenen +Völker im und durch den Lauf der Zeiten entwickeln, die Civilisation der +gesammten Menschheit auch in höchster Vollendung keine ganz gleiche zu +sein braucht, ja auch nur sein kann. »Ohne dass ein Volk dem anderen die +materielle oder die geistige Arbeit ganz abnehmen könnte, würde sich +doch das Verhältniss so gestalten, dass bei einigen die eine, bei +anderen die andere Art der Arbeit in ein entschiedenes Uebergewicht +träte, dass einige in der einen, andere in der anderen Richtung sich +produktiver zeigten und dem entsprechend auf die übrigen wirkten und +ihnen mittheilten. Den Tropenländern würde alsdann mehr oder weniger +allgemein die überwiegende Produktion der materiellen, den gemäßigten +Klimaten die der geistigen Güter zufallen. Eine hohe Stufe +intellektueller Bildung, tiefes Denken und eine durchgebildete, auf +feiner und vielseitiger Ueberlegung ruhende Sittlichkeit, scheint bei +der geistigen Erschlaffung kaum erreichbar zu sein, welche das Leben in +der heissen Zone für den Europäer wie für den Eingeborenen mit sich +bringt« (1, 185). Gerade weil aber das Leben unter den Tropen +erschlaffend wirkt und auf den weissen Einwanderer noch mehr als auf den +Eingeborenen, so ist es für ersteren der grösste Vortheil, wenn ihm +Unterstützung von letzteren zu Theil würde. Von wie grossem Segen wäre +es für alle Kolonien, statt wie jetzt in oft so blutiger Feindschaft mit +den Eingeborenen zu leben, in ihnen Helfer und freundliche und +intelligente Arbeiter zu finden und so empfiehlt sich schon von rein +praktischer Seite für den Europäer die Schonung und Hebung der +Naturvölker durchaus. + +Auch haben diese letzteren manches und wenn es bloss die Kenntniss der +sie umgebenden Natur wäre, was sie als nützliche Dankesgabe für eine +ihnen gewidmete treue Sorgfalt geben könnten. Hatten doch einige von +ihnen reiche und originelle Kulturen entwickelt, deren Zerstörung ein +unersetzlicher Verlust für die Menschheit ist. Zunächst ist es die Höhe +und Reinheit der mexikanischen Moral, wovon Waitz (4, 125 ff.) Proben +gibt und die auch hinter den Lehren des Christenthums keineswegs weit +zurückbleiben, was jene Behauptung rechtfertigt. Zugleich aber war in +Mexiko wie in Peru auch die intellektuelle Fähigkeit hoch entwickelt, +und was sie in industrieller Beziehung leisteten (Bauwerke, Goldarbeiten +u.s.w.) ist bekannt genug. Sicher ist uns vieles von dem, was sie +leisteten, durch die Art der Eroberung verloren; und was eine solche +Kultur geleistet haben würde, wenn sie durch freundliches und +allmähliches Bekanntwerden mit der europäischen erhöht worden wäre, +darüber haben wir kein Urtheil. Jedenfalls sind verschiedene Brennpunkte +der Kultur für die Menschheit nur ein Vortheil und zwar ein ganz +unschätzbarer, wenn man bedenkt wie langsam im allgemeinen die +Entwickelung der Völker ist. Auch ist kein geringer Werth auf die +originale Verschiedenheit solcher selbständiger Kulturen zu legen; durch +ihr Zusammentreffen, Wetteifern, selbständiges Schaffen wird mehr und +allseitiges ins Leben gerufen und der menschliche Geist mehr und +allseitiger entwickelt, als durch eine einzige in sich wesentlich +gleiche Kultur. + +Möge denn von diesen Völkern wenigstens gerettet werden, was noch zu +retten möglich ist. Bis jetzt steht die Entwickelung der Menschheit auch +nach dieser Seite hin ganz unter naturalistischem Gesetz. Der »Kampf ums +Dasein«, in welchem es der Stärkere ist, welcher siegt, zeigt sich im +vollsten Maasse; die erstarkten Raçen breiten sich aus, gewaltsam und +zum Unterschied von der unvernünftigen Natur mit Lust und ohne +Bedürfniss zerstörend, und ihnen erliegen die schwächeren. Allein der +Mensch ist der Vernunft und der Liebe fähig und gerade darin sollte der +stärkere des vernunftbegabten Geschlechtes seine Kraft zeigen, dass er +schwächeres liebend zu sich emporhebt, statt es zu vernichten; dann +würde der Geist, die sittliche Wahl des Menschen herrschen und die +Gesamtheit hätte einen grossen Schritt weiter gethan auf der Bahn, die +sie gehen muss, in der Befreiung des Geistes von den rohen Fesseln der +äusseren Natur. + + + + +Fußnoten: + + +[A] Hale sagt ausdrücklich, dass sie ihm nicht zu hoch schiene; er hatte +die Angabe von Punchard, einem Engländer, der mehrere Jahre auf der +Insel gelebt hatte. + +[B] Auch die Beispiele, welche Darwin a.a.O. zur Erhärtung seiner +Hypothese von dem schädlichen Effluvium lang eingeschlossener Menschen +mittheilt, lassen sich aus Obigem, wie es scheint, erklären, ebenso das +Erkranken der Shropshirer Schafe. Jenes Effluvium ist weiter nichts, als +eben solche unbewusst mitgeschleppten Miasmen, an welche der, welcher +sie mitbringt, seine Natur nach und nach accommodirt hat. + +[C] Diese Frühreife der Weiber ist wohl nicht, wie Humboldt b 2, 190 +will, Raçencharakter. Einmal widerspricht dieser Behauptung, dass sich +mancherlei Beispiele von später Entwicklung auch unter den +Amerikanerinnen findet; und sodann, dass fast bei allen Naturvölkern die +Mannbarkeit so früh eintritt. Wenn nun auch das Klima mannigfachen +Einfluss hierauf hat (Waitz 1, 45), so doch keineswegs einen überall +gleich bleibenden und sicher nachzuweisenden. Denn bei den Eskimos, bei +den Kamtschadalen und anderen Völkern in so hohen Breitengraden finden +wir dieselbe Erscheinung und die Fidschis z.B. in der heissen Zone +zeigen sie nicht. Waitz 1, 125 führt die animalische Nahrung und die +hohe Temperatur in den Hütten vieler dieser Völker als Grund an. Allein +auch dies trifft nicht bei allen zu. Sollte nicht der Grund der frühen +Mannbarkeit der sein, dass einmal bei der gänzlichen Schrankenlosigkeit +der Naturvölker die Wünsche früher erregt und ferner die Mädchen zu +frühe begehrt werden? Das konnte und musste im Laufe der Generationen +seine Wirkung zeigen. Die Gewöhnung vererbte sich immer mehr, setzte +sich durch Vererbung immer fester, und so entwickeln sich die +Geschlechtsfunktionen wirklich früher, als es der menschlichen Natur +eigentlich normal ist. So würde sich diese Erscheinung bei allen +Naturvölkern gleich gut erklären: und man lernt täglich Gewöhnung und +Vererbung mehr in ihrer Bedeutung für die Geschichte der Menschheit +schätzen. Dass Klima und sonstige Lebensweise mit gewirkt haben, soll +damit nicht abgeläugnet werden; nur sind sie bei den Naturvölkern von +untergeordnetem Einfluss, und die Einwirkung von Gewöhnung und Vererbung +ist gewiss die Hauptsache. Nirgends ist der Einfluss des Willens, der +Wünsche und Gedanken so gross, als gerade im geschlechtlichen +Verhältniss. + +[D] Spuren von ihr finden sich auch in Südamerika, so bei Azara 248, der +von den Mbayas erzählt, dass ihre Weiber nie Fleisch von Kühen und Affen +essen; doch, da ihre Mädchen überhaupt kein Fleisch, nicht einmal grosse +Fische und zur Zeit der Periode nur Gemüse und Obst geniessen, so könnte +man diese Enthaltsamkeit auch einfacher erklären. Dagegen ist es gewiss +eine dem nordamerikanischen Totem ursprünglich verwandte jetzt nicht +mehr verstandene Sitte, wenn die Cariben z.B. nie Affen essen, dagegen +die Ameisenbären als Delikatesse aufsuchen, welche wiederum die Makusis +nur nothgedrungen essen würden (Schomburgk 2, 434). Thiere gelten auch +in Südamerika als die Stammväter und Schutzgeister mancher Völker. Und +nicht anders ist es in Afrika bei den Betschuanen, deren einzelne Stämme +unveränderliche, ihre Abstammung von gewissen Thieren bezeichnende Namen +besitzen. »Diese Thiere werden von den Völkern, die sich nach ihnen +nennen, heilig gehalten, weder gejagt noch gegessen und man pflegt durch +die Frage »was tanzt ihr« nach dem Namen desselben sich zu erkundigen.« +So gibts Männer des Löwen, Krokodils, Stachelschweins, Fischs, Affen, +doch auch des Eisens, Waitz 1, 352. 413. Die Frage »was tanzt ihr«? ist +merkwürdig. Sie erinnert an manchen Thiere darstellenden Tanz +amerikanischer und australischer Völker, und es liegt nahe anzunehmen, +dass die heiligen Tänze zuerst das Leben der Schutzgeister +versinnbildlichten, wie die Griechen die Geschichte ihrer Götter +tanzten. Später erblasste die Bedeutung solcher Tänze vielfach. + +[E] Aehnliches findet sich auch bei indogermanischen Völkern. Heilige +Thiere als Wappen und in Eigennamen waren sehr gebräuchlich, vergl. +Grimm D.M. 633. Tödtete man sie auf der Jagd, oder beschnitt man einen +heiligen Baum, so waren auch dabei bestimmte versöhnende und abbittende +Gebetsformeln üblich, eb. 618. + +[F] Wenn hier Kadu nicht irrthümlich einen rohen melanesischen Stamm +meint; oder, um etwas recht Entsetzliches zu erzählen, absichtlich oder +selbst getäuscht aufbindet. Denn wahrscheinlich ist die Angabe für die +Palaus nicht. + +[G] Zwillinge werden fast von allen Naturvölkern getödtet: auch von den +Negern (Waitz 2, 124). + +[H] Obwohl auch Jarves 83 manche der Zahlen anzuzweifeln scheint. + +[I] Dass übrigens auch bei Indogermanen und Semiten die Kinder vielfach +getödtet sind, ist ja bekannt genug. In Griechenland wurden die Kinder +umgebracht, welche der Vater, wenn sie die Hebamme ihm vor die Füsse +legte, nicht aufhob; eine Sitte, die bei Plautus und Terenz, d.h. also +der späteren attischen Komödie so vielfach erwähnt wird. Namentlich +Töchter wurden umgebracht. Diese Tödtung geschah durch Aussetzung +zumeist (Schömann griech. Alterthümer 1, 562). Bei den alten Deutschen +herrschte durchaus derselbe Gebrauch. Aus semitischem Gebiet sei +zunächst an Abrahams Opferung Isaaks erinnert, sodann an den +Molochdienst der Phönicier, der so vielfach von den Juden nachgeahmt +wurde (Winer, bibl. Realwörterbuch unter Moloch) so wie an die der +Astarte geschlachteten Kinder (Movers Phön. 2, 2, 69). Allerdings ist +der semitische Gebrauch ein religiöser, also zum Kinderopfern gehörig. +Doch liesse sich auch für blosses Aussetzen der Kinder manches +Semitische beibringen. + +[J] Auch was Humboldt b5, 110-111 von den »Mysterien des Botuto«, einer +Trompete von Thon mit mehreren kugelartigen Anschwellungen, die zu allen +feierlichen Ceremonien gebraucht wird, erzählt, gehört hierher: »um in +die Mysterien des Botuto eingeweiht zu werden, muss man rein von Sitten +und unbeweibt sein. Die Eingeweihten unterziehen sich der Geiselung, dem +Fasten und anderen angreifenden Andachtsübungen.« Durch die Trompete +theilt der grosse Geist den Eingeweihten seinen Willen mit; sie stehen +also mit den Göttern in näherem Verkehr als andere Menschen und das war +auch der Grundgedanke der Areois. Ganz ähnlich wird von Haiti berichtet. +»Die Caziken nämlich standen«, erzählt Waitz 4, 329 nach Herrera, +Torquemada und Petr. Martyr, »ohne selbst Priester zu sein, doch an der +Spitze des Cultus: die Tempel und Opferplätze, wo die Gottesverehrung +stattfand, waren entweder ihre Häuser selbst oder Hütten, die als ihnen +gehörig betrachtet wurden; dort waren die Bilder der Ahnen aufgestellt, +die von Holz, inwendig hohl und mit einem Rohre versehen nur von ihnen +um Orakel befragt werden konnten und nur aussprachen was sie ihnen +eingaben. Sie berauschten sich zu diesem Zwecke mit einer Art von +Schnupftabak und führten die heilige Handlung allein aus, von der +natürlich das Volk ausgeschlossen blieb.« Auch Tänze gehörten zu diesen +religiösen Mysterien, die sie allein kannten, auch dies wieder wie bei +den Areois. + +[K] Jak. Grimm, Gesch. d. d. Sprache 1. Aufl. (1848) S. 143 ff. stellt +eine Menge Völker zusammen, bei welchen derselbe Gebrauch vorkam: +Scythen (Issedonen, nach Mela 3. Auflage 1868), Kelten (3. Auflage), +Germanen verschiedener Stämme (Deutsche, Schweden) Romanen und Slaven. +Merkwürdig ist, dass auch bei Heiligen-Schädeln der Gebrauch vorkommt, +so zu Trier, zu Neuss, und nach Aventin (Ausg. v. 1566 fol. 33, a) zu +Ebersberg und Regensburg. Der Gebrauch ist also derselbe; man sieht, es +war wohl zunächst eine Art von Kannibalismus, dann aber auch ein Zeichen +der Freundschaft, der Liebe, dankbarer Erinnerung. Zu beachten ist noch, +dass Aventin sagt, Niemand hätte aus einem solchen Schädel trinken +dürfen, wer nicht einen Feind erschlagen hätte, da auch dieser Zug an +manches Aehnliche unter den Naturvölkern erinnert. Doch können wir diese +höchst merkwürdigen Uebereinstimmungen hier nicht weiter verfolgen. + +[L] Herod. 4, 26 (nach Grimm a.a.O.) sagt von den Issedonen [Griechisch: +epean andri apothanê patêr, hoi prosêchontes pantes prosagousi +probata chai epeiten tauta thysantes chai chatatamontes ta chrea +chatatamnousi chai ton tou dechomenou tethneôta gonea, anamixantes de +panta ta chrea daita protitheatai]. Auch die Wilzen und Skythen assen +ihre verstorbenen Eltern. Die Wenden tödteten noch im 16. Jahrhundert +ihre arbeitsuntüchtigen Väter unter besonderen Ceremonien (Kühn, +märkische Sagen und Mährchen 335). Auch hier stehen wir vor einer +uralten und weit verbreiteten Sitte, die wir hier ebenfalls nur +berühren, nicht abhandeln können. Vgl. was etwas weiter unten über Mare +und Neuguinea gesagt wird. Ueber dieselbe Sitte bei Römern, Griechen, +Phöniziern (Sardinien), spanischen, deutschen u.a. Völkern siehe Merklin +in den Memoires de l'academie de Petersbourg 1852 S. 119 und Osenbrüggen +in der Vorrede zu Cicero pro S. Roscio p. 51 ff. Auch das litauische +Sprichwort (Schleicher lit. Mährchen 179) »wie das Söhnchen heranwächst, +hat es auch den Vater erwürgt«, könnte auf eine ähnliche, jetzt längst +abgekommene Sitte hinweisen. + +[M] Bei Bechst. bekommen Knaben nach Genuss einer Zauberspeise die +Fähigkeit zu fliegen. In einem sehr ähnlichen indischen Mährchen bei +Somadeva (Brockhaus 104) ist diese Speise Menschenfleisch. Ein +Zusammenhang beider Erzählungen wäre nicht undenkbar. + +[N] Die Menschenschädel, welche am Eingange des Palastes, an den +Stadtthoren und allen wichtigen Plätzen Dahomeys angebracht sind (Waitz +2, 130), kann man gewiss nicht anders deuten. Auch unter den Semiten war +der Gebrauch verbreitet: die phönicischen Städte wurden dadurch fest +gemacht, dass man an ihren Thoren und sonst Menschen eingrub (Movers +Phönizien 2, 46). Bei den Indogermanen kommt er vielfach vor; er war bei +den Germanen sehr verbreitet, wie Ueberreste dieser Sitte noch heute +beweisen; so wird z.B. am Südharz das kleinste Kind des Hauses barfuss +in den frischen Estrich hineingestellt, damit er halte u.s.w. Bei den +Slaven kommt er vor, wie sich in vielen ihrer Mährchen und Sagen zeigt +(z.B. Talvj Volkslieder d. Serben 1, 117, die Erbauung Skodras); von den +Kelten wird er gleichfalls erwähnt und Hahn albanesische Studien 1, 160 +erzählt dasselbe von Albanien. Die Thiere, die man jetzt dort schlachtet +und ganz oder theilweise einmauert (wie auch in Deutschland viel +geschah), vertreten nur die früheren geopferten Menschen. In Albanien +herrscht auch, um das zu § 4 nachzutragen, ein ganz ähnliches +Heilverfahren, wie bei Hottentotten, Amerikanern und Australiern. Jedes +Uebel, das auch hier nur auf Bezauberung beruht, wird in Gestalt von +etwas Festem aus dem Körper entfernt und dieses letztere dann +eingewickelt fortgeworfen. Wer auf das Eingewickelte tritt, auf den geht +die Krankheit über (ebend, 159). + +[O] Der getödtete Engländer hiess Cheyne und ist derselbe, welcher das +auch von uns vielfach benutzte Buch a description of islands in the +Western Pacific Ocean, north and south of the Equator geschrieben hat +(Petermann, Mittheil. 1868, 28). Obwohl nun dies und seine anderen +Schriften sehr werthvoll sind zur Kenntniss des sonst noch so wenig +gekannten westlichen Theiles des stillen Ozeans; so hat man doch bei der +Benutzung Vorsicht anzuwenden, da Cheyne, selbst Sandelholzhändler (und +Trepangfischer) sich bei der moralischen Beurtheilung der geschilderten +Völker sehr häufig von seinen Handelsinteressen beeinflussen lässt. So +schildert er die Melanesier ohne Ausnahme (Fichteninsel, Lifu, Mare, +Uea, Tanna, Erromango u.s.w.) als wild und »höchst verrätherisch« und +war selbst häufig mit ihnen im Streit. Ebenso erzählt er von _allen_ +Karoliniern, dass man ihnen nicht trauen dürfe. Er steht also selbst auf +dem Standpunkt der Sandelholzhändler und beachtet nicht, was die +Eingeborenen von diesen an Ungerechtigkeit, Raub und roher Gewalt zu +leiden hatten. Nach der Lektüre seines Buches wundert man sich nicht, +dass er ein solches Ende genommen hat; das ganz einseitige Betonen +seiner Handelsinteressen liess vielmehr nichts anderes erwarten. Es +fällt daher von hier aus erst das wahre Licht auf die Vorgänge in Koror, +sowohl auf sein Auftreten als auf den Racheakt des englischen +Kriegsschiffes. + + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Über das Aussterben der Naturvölker +by Georg Gerland + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14028 *** |
