summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/14028-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '14028-0.txt')
-rw-r--r--14028-0.txt6673
1 files changed, 6673 insertions, 0 deletions
diff --git a/14028-0.txt b/14028-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..9589c32
--- /dev/null
+++ b/14028-0.txt
@@ -0,0 +1,6673 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14028 ***
+
+ÜBER DAS AUSSTERBEN DER NATURVÖLKER
+
+VON
+
+DR. GEORG GERLAND,
+
+LEHRER AM KLOSTER U. L. FR. ZU MAGDEBURG.
+
+
+LEIPZIG,
+
+VERLAG VON FRIEDRICH FLEISCHER.
+
+1868.
+
+SEINER EXCELLENZ
+
+DEM HERRN GEHEIMEN RATH
+
+H.C. VON DER GABELENTZ.
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Die Frage nach dem Aussterben der Naturvölker ist bis jetzt nur
+gelegentlich und nicht mit der Ausführlichkeit behandelt, welche die
+Wichtigkeit der Sache wohl verlangen kann. Am genauesten ist Waitz auf
+sie eingegangen in seiner Anthropologie der Naturvölker Bd. 1, 158-186;
+aber da auch er sie nur anhangsweise bespricht und in dem Zusammenhang
+seines Werkes nicht mehr als nur die Hauptgesichtspunkte angeben konnte
+und wollte; da er ferner manches nur andeutet oder ganz übergeht, was
+von grosser Wichtigkeit ist, so erscheint es durchaus nicht überflüssig,
+die Gründe für dies »räthselhafte« Hinschwinden selbständig und
+möglichst genau von neuem zu erörtern. Namentlich die psychologische
+Seite des Gegenstandes hat man bisher über die Gebühr vernachlässigt;
+sie wird deshalb in den folgenden Blättern besonders betont werden
+müssen.
+
+Das Material zur Beantwortung der Frage, die uns beschäftigen soll,
+findet sich zerstreut in einer grossen Menge von Reisebeschreibungen,
+ethnographischen und anthropologischen Werken. Da es mir aber darauf
+ankam, einmal--denn nur strengste Empirie kann uns bei unserer Frage
+fördern--meine Sätze durch getreue Quellenangabe zu stützen, und
+andererseits, dass die angeführten Citate nicht allzuschwer zugänglich
+seien, um nachgeschlagen werden zu können, so habe ich mich, wo es
+möglich war, auf Werke gestützt, die weiter verbreitet sind, und den
+Quellennachweis nur da weggelassen, wo das Gesagte in allen Reisewerken
+sich gleichmässig findet. Dass ich das schon erwähnte ausgezeichnete
+Werk meines nur allzufrüh verstorbenen Lehrers Waitz, die Anthropologie
+der Naturvölker, sehr reichlich benutzt habe, wird man nicht tadeln; man
+findet dort die oft sehr schwer zugänglichen Quellen in kritischer
+Auswahl beisammen--und wozu werden solche grundlegenden Werke
+geschrieben, wenn man nicht auf ihnen weiterbaut?
+
+Ich stelle hier der Uebersicht und des bequemeren Citirens wegen die
+Werke zusammen, welche ich als Belege benutzt habe, ohne die mit
+anzuführen, welche nicht öfters citirt sind. Einige, welche ich gern
+gehabt hätte, sind mir unzugänglich geblieben.
+
+
+Angas, Savage life in Australia and N. Zealand. London 1847.
+
+Australia felix. Berlin 1849.
+
+Azara, Reise nach Südamerika in den Jahren 1781-1801 (Magazin der merkw.
+neuen Reisen. Bd. 31. Berlin 1810).
+
+Bartram, Reisen durch Karolina, Georgien und Florida 1773. (eb. 10.
+Band). Berlin 1793.
+
+Beechey, Narrative of a voyage to the Pacific (1825-28). London 1831.
+
+Behm, Geographisches Jahrbuch. 1. Theil 1866. Gotha 1866.
+
+Bennett, Narr. of a whaling round the globe 1833-36. London 1840.
+
+v. Bibra, Schilderung der Insel Vandiemensland bearbeitet v. Röding.
+Hamburg 1823.
+
+Bougainville, Reise um die Welt 1766-69. Leipzig 1772.
+
+Bratring, Die Reisen der Spanier nach der Südsee. Berlin 1842.
+
+Breton Excursions in N.S. Wales, W. Australia and V. Diemensland. London
+1833.
+
+Browne, N. Zealand and its aborigines. London 1845.
+
+Carus, Ueber ungleiche Befähigung der verschiedenen Menschheits-Stämme.
+Leipzig 1849.
+
+v. Chamisso, Bemerkungen und Ansichten auf einer Entdeckungsreise
+(1815-18). Weimar 1821.
+
+Cheyne, a description of islands in the Western Pacif. Ocean etc. London
+1852.
+
+Cook, 3te Entdeckungsreise in die Südsee und nach dem Nordpol. 2. Bd.
+Berl. 1789.--id. b, 1ste Entdeckungsreise bei Schiller.
+
+Darwin, Naturwissenschaftliche Reise, übersetzt von Dieffenbach,
+Braunschw. 1844.
+
+Dieffenbach, Travels in N. Zealand. London 1843.
+
+Dillon, Narrative of a voyage in the South Sea. London 1839.
+
+Dumont d'Urville, a, Voyage de l'Astrolabe. Paris 1830. id. b, Voy. au
+Pole Sud. Paris 1841.
+
+Ellis, Polynesian Researches. London 1831.
+
+Erskine, Journal of a cruise among the Islands of the Western Pacific.
+London 1853.
+
+Finsch, N. Guinea und seine Bewohner. Bremen 1865.
+
+Freycinet, Voyage autour du monde (1817-20). Paris 1827.
+
+P. Mathias G***, Lettres sur les îles Marquises. Pasis 1843.
+
+Gill, Gems from the Coral Islands. London 1855.
+
+le Gobien, Histoire des Isles Marianes. Paris 1701.
+
+Grey, Journals of two expedit. in NW and W. Australia (1837-39). London
+1841.
+
+Gulick, Micronesia, Nautical Magazin 1862.
+
+Hale, Ethnographie and Philol. (Unit. States exploring expedition).
+Philadelphia 1846.
+
+Hearne, Reise von der Hudsonsbay bis zum Eismeere (1769-1772). Magaz. v.
+Reisebeschreibungen. 14. Bd. Berlin 1797.
+
+v. Hochstetter, Neuseeland. Stuttgart 1863.
+
+Howitt, Impressions of Australia felix. London 1845. id. a, Abenteuer in
+Australien. Berlin 1856.
+
+A. v. Humboldt, a) Versuch über den politischen Zustand des Königreichs
+ Neuspanien. Tübingen 1809.
+
+ b) Reise in die Aequinoktialgegenden des neuen Continentes,
+ deutsch v. Hauff. Stuttgart 1861.
+
+ c) Ansichten der Natur. 3. Aufl. Stuttgart u. Augsburg 1859.
+
+Jarves, History of the Haw. or Sandw. Islands. London 1843.
+
+v. Kittlitz, Denkwürdigkeiten auf einer Reise nach d. russ. Amerika,
+Mikronesien u. Kamtschatka (1826 etc.). Gotha 1858.
+
+v. Kotzebue, Entdeckungsreise in die Südsee und nach der Behringsstrasse
+(1815-18). Weimar 1821.
+
+Krusenstern, Reise um die Welt (1803-6). Berlin 1811.
+
+v. Langsdorff, Bemerkungen auf seiner Reise um die Welt (1803-7).
+Frankfurt 1812.
+
+La Pérouse, Entdeckungsreise 1785. Magazin von Reisebeschr. Band 16. 17.
+Berlin 1799 f.
+
+v. Lessep, Reise durch Kamtschatka und Sibirien, Magaz. v. Reisebeschr.
+4. Berlin 1791.
+
+Lichtenstein, Reise in Südafrika (1803-6). Berlin 1812.
+
+Lutteroth, Geschichte der Insel Tahiti, deutsch v. Bruns. Berlin 1843,
+
+Mariner, Tonga Islands. London 1818.
+
+Meinicke, a) Das Festland v. Australien. Prenzlau 1837.
+
+ b) Die Südseevölker u. das Christenthum. Prenzlau 1844.
+
+ c) Australien in Wappäus Handbuch der Geographie und
+ Statistik. 7. Aufl. 2. Bd. 2. Nachtr. Leipzig 1866.
+
+Melville, Vier Monate auf den Marquesas-Inseln. Leipzig 1847. Id. b,
+the present state of Australia. London 1851.
+
+Moerenhont, Voyage aux îles du grand Ocean. Paris 1837.
+
+Nieuw Guinea, ethnogr. en natuurk. onderzocht in 1858 door een Nederl.
+Ind. Commiss. Amst. 1862.
+
+Nixon, The cruise of the Beacon. London 1857.
+
+Novara, Reise der österr. Fregatte (1857-59). Wien 1861.
+
+Ohmstedt, Incidents of a whaling voyage. N. York 1841.
+
+Petermann, Mittheilungen u.s.w. a.d. Gesammtgebiet d. Geographie.
+
+Pöppig, Artikel Indier bei Ersch u. Gruber. 2. S. B. 17. 1840.
+
+Remy, Hist. de l'Arch. Hawaiien, texte et traduction. Paris et Leipzig
+1862.
+
+Salvado, Memorie storiche dell' Australia, part. della miss.
+benedettina. Roma 1851.
+
+Schomburgk, Reisen in Britisch-Guiana 1840-44. Leipzig 1848.
+
+Sparmann, Reise nach d. Vorgebirge der guten Hoffn. 1772-76. Berlin
+1784.
+
+Stewart, Journal of a residence in the Sandwich isl. (1823-25). London
+1828.
+
+Taylor, The Ika a Maui or N. Zealand and its inhabitants. London 1855.
+
+Thomson, The story of N. Zealand. London 1859.
+
+Thunberg, Reisen in Afrika und Asien 1772-79 im Mag. d. Reis. 7. Bd.
+Berlin 1792.
+
+v. Tschudi, Reisen durch Südamerika. Leipzig 1866.
+
+Turnbull, Reise um die Welt 1800-1804, Magaz. v. Reisebeschr. Bd. 27.
+Berlin 1806.
+
+Turner, Nineteen years in Polynesia. London 1861.
+
+Tyermann and Bennet, Journal of voy. in the S. Sea islands. London 1831.
+
+Vankouver, Reisen nach d. nördl. Theile der Südsee (1790-95). Magaz. v.
+Reisebeschr. Bd. 18. 19. Berlin 1799 f.
+
+Virgin, Erdumsegelung der Fregatte Eugenie (1831-33), übers. v. Etzel.
+Berlin 1856.
+
+Waitz, Anthropologie der Naturvölker. Leipzig 1859 f. id. b, Die
+Indianer Nordamerikas. Leipzig 1865.
+
+Williams, a Narrat. of Missionary enterprises in the South Sea Islands.
+London 1837.
+
+Williams and Calvert, Fiji and the Fijians ed. by Rowe. Lond. 1858.
+
+Wilson, Missionsreise ins südl. stille Meer 1796-98, Magaz. von
+Reisebeschr. Bd. 21. Berlin 1800.
+
+Zeitschrift für allgemeine Erdkunde, neue Folge.
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+ Vorwort. Quellen
+§ 1. Einleitung. Umfang des Aussterbens
+§ 2. Empfänglichkeit der Naturvölker für Miasmen. Krankheiten, welche
+ spontan bei der Zusammenkunft der Natur- und Kulturvölker entstehen
+§ 3. Direkt eingeschleppte Krankheiten
+§ 4. Behandlung der Kranken bei den Naturvölkern
+§ 5. Geringe Sorgfalt der Naturvölker für ihr leibliches Wohl
+§ 6. Charakter der Naturvölker
+§ 7. Ausschweifungen der Naturvölker
+§ 8. Unfruchtbarkeit. Künstlicher Abortus. Kindermord
+§ 9. Krieg und Kannibalismus
+§ 10. Menschenopfer
+§ 11. Verfassung und Recht
+§ 12. Natureinflüsse
+§ 13. Aeussere Einflüsse der höheren Kultur auf die Naturvölker
+§ 14. Psychische Einwirkungen der Kultur
+§ 15. Schwierigkeit für die Naturvölker, die moderne Kultur sich
+ anzueignen
+§ 16. Behandlung der Naturvölker durch die Weissen. Afrika. Amerika
+§ 17. Fortsetzung. Der stille Ozean
+§ 18. Geographische Vertheilung der einzelnen Gründe für das Aussterben
+ der Naturvölker. Vergleichung dieser Gründe in Bezug auf ihr Gewicht
+§ 19. Vergleichung der Natur- und Kulturvölker in Bezug auf ihre
+ Lebenskraft
+§ 20. Aussterbende und ausdauernde Naturvölker
+§ 21. Die afrikanischen Neger
+§ 22. Folgerungen aus der Art, wie die Naturvölker von den Kultur
+ behandelt sind
+§ 23. Zukunft der Naturvölker; Mittel sie zu heben
+§ 24. Werth der Naturvölker für die Menschheit und ihre Entwickelung.
+ Schluss
+
+
+
+
+§1. Einleitung. Umfang des Aussterbens.
+
+
+Die Erscheinung, dass eine Reihe von Völkern vor unseren Augen durch
+langsameres oder rascheres Hinschwinden ihrem Untergang entgegengeht,
+ist eine überaus wichtige. Dass sie für die Geschichtsforschung grosse
+Bedeutung hat, leuchtet ohne weiteres ein; dass sie für die
+Naturgeschichte des Menschen, die Anthropologie entscheidend ist,
+ebenfalls. Und wenn es sich als wahr bestätigt, dass, wie man behauptet
+hat, diese Völker aus einer Lebensunfähigkeit, welche ihrer Natur
+anhaftet, dem Aufhören entgegengehen; so ist, da die nothwendige
+Folgerung jener Behauptung dahin führt, dass man verschiedene Arten,
+höhere und niedere im Geschlecht Mensch annimmt, die Beantwortung dieser
+Frage auch für die Philosophie massgebend. Praktisch hat man sie von
+jeher in den Staaten betont, wo Weisse mit Farbigen zusammenleben; wie
+man eben die Theorie der geringeren Lebensfähigkeit nicht weisser Raçen
+zuerst in diesen Staaten aufgestellt hat.
+
+Und allerdings ist es auffallend, dass nur farbige Raçen dies
+Hinschwinden zeigen und am meisten es da zeigen, wo sie mit der weissen
+in Berührung gekommen sind; dass die Weissen, obwohl sie doch ihre
+Heimat, das gewohnte Klima u.s.w. aufgegeben haben und in unmittelbarer
+Berührung mit denen leben, welche in ihrem Vaterlande, scheinbar unter
+den alten Lebensbedingungen, verkommen, gänzlich davon verschont zu sein
+scheinen.
+
+Während wir nun dies Hinschwinden hauptsächlich bei den kulturlosen
+Raçen, bei den Naturvölkern, d.h. bei den Völkern finden, welche dem
+Naturzustande des Menschengeschlechtes noch verhältnissmässig nahe
+stehen (Waitz 1, 346), oder bei welchen, um mit Steinthal zu reden, noch
+keine bedeutende Entwickelung der logischen Fähigkeiten stattgefunden
+hat: so sehen wir es doch ebenfalls auch da, wo farbige Raçen sich zur
+Kultur und sogar zu einer gewissen Höhe der Kultur emporgeschwungen
+haben, in Polynesien, in Mexiko, in Peru, und man hat daher geschlossen,
+einmal dass diese Kultur doch nur Halbkultur und wenig bedeutend gewesen
+sei, denn wäre sie wahr und ganz gewesen, so würde sie grössere Kraft
+verliehen haben: oder aber, dass bestimmte Raçen, auch wenn sie sich
+wirklich über das Niveau der gewöhnlichen »Wilden« erhoben hätten,
+dennoch einem frühen Tode entgegengingen, weil sie nun eben von der
+Natur zum Aussterben bestimmt seien, weil es ihnen eben, in Folge ihrer
+Raçeneigenthümlichkeit, an Lebensfähigkeit fehle, welche keine Kultur
+ersetzen könne: vielmehr decke jede Art von Kultur diesen Mangel nur um
+so mitleidsloser auf. Allerdings gibt es auch farbige Raçen und
+Naturvölker, bei welchen an ein Aussterben nicht zu denken ist; und
+andererseits sind auch Theile von Kulturvölkern, indogermanische,
+semitische Stämme verschwunden und ausgestorben. Allein bei letzteren
+redet man nicht von einer geringeren Lebensfähigkeit, einmal wegen der
+Verwandtschaft dieser Stämme mit den anerkannt lebensfähigsten Völkern
+der Welt; andererseits auch wegen der Art ihres Verschwindens. Denn der
+Grund, warum sie aufgehört haben zu existiren, liegt klar auf der Hand;
+theils sind sie durch Krieg vernichtet, wie so viele Völker, welche mit
+dem alten Rom kämpften, theils sind sie mit anderen Kulturvölkern, die
+sie rings umgaben, verschmolzen, wie die Gothen, die Vandalen, theils
+trat beides zugleich ein: die höhere Kulturstufe, welche sie besiegte,
+nahm die besiegten Reste in sich auf, wie die alten Preussen, die Wenden
+und so viele slavische Völkerschaften durch und in Deutschland, die
+Iberer, die Kelten durch und in das römische Wesen verschwanden. So war
+auch zweifelsohne das Loos der Völker, welche vor der Einwanderung der
+Indogermanen Europa inne hatten. Anders aber ist das Hinschwinden der
+Naturvölker: wo sie mit höherer Kultur zusammenkommen, auch da, wo diese
+letztere sich friedlich gegen sie verhält, sehen wir sie von Krankheiten
+ergriffen werden, ihr physisches und psychisches Vermögen versiechen,
+und ihre Zahl, oft ausserordentlich rasch, sich vermindern. Allerdings
+sind auch einzelne Naturvölker aufgerieben oder doch stark vermindert
+durch ganz äusserliche und leicht begreifliche Gründe: so namentlich
+viele malaiische Stämme, welche durch nachrückende verwandte Völker ins
+Gebirge zurückgedrängt und dabei gewiss ebenso so stark vermindert
+worden sind, als durch ihr gleiches Schicksal die Basken in Europa,
+während sie in ihren Bergen sich in ziemlich gleichbleibender Anzahl
+halten; so die Bewohner der Warekauri-(Chatam-) Inseln bei Neu-Seeland,
+die Moreore. welche 1832-35 noch 1500 etwa betrugen, durch die
+Neu-Seeländer aber, die in jenen Jahren einen Zug nach den
+Warekauriinseln unternahmen, fast ganz ausgerottet sind, so dass ihre
+Zahl jetzt nur noch 200 beträgt: und auch diese nehmen, durch
+Assimilation an die eingewanderten Maoris rasch ab (Travers bei Peterm.
+1866, 62). Auch müssen wir hier die schwarze Urbevölkerung
+Vorderindiens, die dekhanischen und Vindhyavölker erwähnen, weil auch
+sie nach Lassen (ind. Alterthumskunde 1, 390) allmählich abnehmen.
+Früher waren sie weiter ausgebreitet und einzelne Reste von ihnen
+scheinen sich (Lassen a.a.O. 387 ff.) in Himalaya, in Belutschistan,
+Tübet und sonst erhalten zu haben. Sie wurden durch die nachrückenden
+arischen Inder und gewiss nicht friedlich in die Gebirge zurückgedrängt
+(Lassen 366), wo sie nun theils im barbarischen Zustande weiter lebten,
+theils aber, und so namentlich die südlicheren Dekhanvölker, in die
+indische Kultur übergingen (Lassen 364. 371). Ein ähnliches Schicksal
+hatten verschiedene amerikanische Stämme, die von anderen mächtigeren
+Indianervölkern theils aufgerieben, theils sich einverleibt wurden; auch
+wird von einzelnen Hottentottenvölkern eine ähnliche Vermischung mit
+Kafferstämmen erwähnt (Waitz 2, 318).
+
+Doch scheinen auch manche Völker vermindert oder gar verschwunden, ohne
+es in Wirklichkeit zu sein. Ein solcher Schein ist hervorgerufen, wie
+Waitz 1, 159-160 zeigt, theils durch Umänderung von Namen, wo man nun
+fälschlich annahm, weil der Name nicht mehr existire, so sei auch das
+Volk erloschen, oder durch Irrthümer der Reisenden, indem sie manche
+Namen zu weit ausdehnen, andere aber auf völligem Missverständniss
+beruhen, oder durch falsche Schätzung der Volkszahl, wie man sie oft
+sehr übertrieben, namentlich bei älteren Reisenden, z.B. für Polynesien
+bei Cook, findet u. dergl.
+
+Ehe wir nun aber die Gründe für jenes weniger leicht zu erklärende
+Hinschwinden der Naturvölker aufsuchen, müssen wir den Umfang desselben
+betrachten, wobei wir ausser Europa alle Welttheile zu berücksichtigen
+haben.
+
+In Asien sterben aus oder sind schon ausgestorben die Kamtschadalen und
+so rasch ging ihre Verminderung vor sich, das Langsdorff (1803-4,
+Krusensterns Begleiter) Ortschaften, welche die Cooksche Expedition und
+La Perouse noch wohl bevölkert sahen, völlig menschenleer fand. Wenn La
+Perouse 1787 auf der Halbinsel im ganzen noch 4000 Bewohner fand
+(2,166), so sind die russischen Einwanderer in dieser Zahl, bei der
+trotzdem auf mehrere Quadratmeilen kaum ein Mensch kommt, schon
+einbegriffen. Denn Cooks Reisebegleiter (1780) fanden, nach den
+Mittheilungen eines dort ansässigen Offiziers in Kamtschatka nur noch
+3000 Einwohner, wobei die Kurilen schon mitgerechnet sind; sie erzählen
+selbst, wie sich die Eingeborenen immer mehr mit den einwandernden
+Russen verbinden und ihre Zahl dadurch immer mehr abnimmt (Cook 3. R. 4,
+175). La Perouses Reisegefährte Lessep (41) behauptet, dass nur noch ein
+Viertel der eigentlichen Kamtschadalen übrig sei; und er war noch nicht
+ein volles Jahrhundert nach der ersten Unternehmung der Russen (1696)
+gegen Kamtschatka dort. Dasselbe Schicksal haben ausser den Jakuten und
+Jukagiren in Sibirien Waitz, (1, 164) auch die Aleuten auf den
+Fuchsinseln und die ihnen verwandten Stämme auf den nächsten Küsten von
+Amerika, die wir hier gleich erwähnen, weil auch sie wie die
+Kamtschadalen unter demselben Drucke Russlands stehen. Langsdorff fand
+auf den Fuchsinseln nur gegen 300 Männer, während er für 1796 1300 und
+für 1783-87 gar 3000 und mehr angibt. Das Steigen der Zahlen, welches
+wir im Anfang dieses Jahrhunderts finden, ist keineswegs tröstlich. Denn
+wenn Chamisso (177, zweite Note) nach aktenmässigen Mittheilungen für
+1806 die Aleuten der Fuchsinseln auf 1334 Männer und 570 Frauen, 1817
+dagegen auf 462 Männer und 584 Frauen angibt, so versieht er erstlich
+diese allerdings auffallenden Zahlen selbst mit einem Fragezeichen; und
+zweitens, wenn sie auch richtig sind, Langsdorff sich geirrt und die
+Volkszahl sich nicht durch russische Einwanderer vermehrt hat: das
+Sinken der Bevölkerung von 1806-1817 ist gewiss eben so arg als wie wir
+es bei Langsdorff geschildert finden. Der offizielle Bericht von 1860
+bei Peterm. 1863, 70 gibt 4645 Bewohner der Fuchsinseln an: allein hier
+sind jedenfalls die Russen, welche jetzt auf den Inseln ansässig sind,
+mitgezählt, obwohl die Mischlinge, 1896 Seelen, noch besonders angegeben
+werden und diese Vermehrung, welche sich auf Kamtschatka gleichmässig
+findet, ist nur eine scheinbare.
+
+Bekannt ist das Aussterben der Ureinwohner Amerikas, deren Zahl man in
+Nordamerika für die Zeit der Entdeckung etwa auf 16 Millionen, jetzt
+kaum noch 2 Millionen schätzt (Waitz b, 16). 1864 betrug die Zahl der
+Indianer in den Vereinigten Staaten etwa 275,000; 1860 zählte man noch
+294,431; 1841 aber, auf kleinerem Gebiete 342,058 Seelen, so dass sich
+also hier in 23 Jahren ein Verlust von nahezu 70,000 Menschen
+herausstellt (eb. 18). Noch geringere Zahlen gibt Behm (105 ff.) an,
+nämlich 268,000 unabhängige Indianer für die Vereinigten Staaten,
+155,000 für britisch Nordamerika. Und während d'Orbigny (1838) für den
+von ihm bereisten grösseren Theil von Südamerika 1,685,127 Indianer
+zählte (Waitz b, 16). so stellt Behm auch hier geringere Zahlen auf:
+Brasilien hat nach ihm (a.a.O.) 500,000 unabhängige Indianer, die drei
+Guyanas 9770, Venezuela 52,400, Neu-Granada 126,000, Ekuador 200,000,
+Peru 400,000, Bolivia 245,000, Chile 10,000, die Staaten der
+argentinischen Republik 40,000, Patagonien und Feuerland 30,000, also
+zusammen 1,613,170 und zwar für ganz Südamerika. So viel aber betrug
+allein die Bevölkerung von Chile zur Zeit der Entdeckung (Pöppig 385
+Anmerkung) nach einer der kleinsten Annahmen. Mittelamerika hatte um
+1800 zwei und eine halbe Million unvermischter Ureinwohner und diese
+Zahl war im Wachsen (Humboldt a 1, 107); aber zur Zeit der Entdeckung
+betrug die Volkszahl in Tenuchtitlan, der alten Hauptstadt von Mexiko
+und dem ihm nahe gelegenen Tezkuko allein nach mittleren Angaben fast
+eine Million und das Land war dicht bedeckt mit grossen und volkreichen
+Städten. Behm nimmt als jetzige unabhängige Urbevölkerung nur 6000 an
+(a.a.O.), eine Zahl, welche gegen Humboldts Angaben ausserordentlich
+gering ist: allein Behm schätzt hier nur die Indianer ab, »welche sich
+den Behörden vollständig entziehen«, während Humboldt auch die
+Eingeborenen mitbegreift, welche sich am europäischen Leben so gut wie
+die spanischen Mexikaner betheiligen. Behm (114) schätzt diese auf
+4,800,000. Natürlich geht dies Aussterben auch jetzt noch weiter, wofür
+v. Tschudi 2, 216 ein Beispiel gibt: die Malalies, ein araukanischer
+Stamm, 1787 noch über 500 Individuen stark, schmolzen in jener Zeit
+durch Kriege auf 26 Seelen zusammen. Obwohl sie nun 70 Jahre lang
+ansässig sind und ungefährdet gelebt haben, ist ihre Zahl doch nicht
+höher als auf einige über dreissig gestiegen.
+
+In Afrika sind es die Hottentotten zunächst, welche in den Kreis unserer
+Betrachtung hineingehören. Während sie früher sich weit hin in das
+Innere von Südafrika ausdehnten und in eine zahlreiche Menge von
+einzelnen Stämmen zerfielen, finden wir sie jetzt auf sehr viel
+kleinerem Gebiete und aufgerieben bis auf 3 Stämme, die Korana, Namaqua
+und Griqua (Waitz 2, 317 ff.), deren Zahl fortwährend im Fallen ist.
+Auch die Kaffern müssen hier erwähnt werden, denn im brittisch Kafraria
+hat sich 1857 die Bevölkerung um mehr als die Hälfte vermindert: sie
+betrug am Anfang des Jahres 104,721 Seelen und am Ende desselben nur
+noch 52,186 (Peterm. 1859 S. 79 nach dem Population Return v. John
+Maclean Chief Commissioner): nach Behm jedoch (100) 1861 74,648
+Eingeborene.
+
+Es bleibt uns nun noch Australien und Ozeanien zu betrachten übrig, wo
+an vielen Orten die Bevölkerung rasch hinschwindet, so namentlich in
+Neuholland. Doch ist es gerade für dies Land schwer, ja ganz unmöglich,
+Zahlen aufzustellen, weil die Stämme fortwährend hin- und herziehen und
+daher alle Zahlangaben sehr wenig zuverlässig sind (Grey 2, 246). Die,
+welche Meinicke a 177 aufstellt, beweisen dies zur Genüge, und selbst
+die bei Behm (72) sind nicht sicherer. Nur von Südaustralien, Queensland
+und Viktoria hat er bestimmte Zählungsergebnisse und so ist seine
+Gesammtziffer 55.000 nur eine sehr ungefähre. Alle Quellen aber
+berichten einstimmig, dass die Bevölkerung wenigstens der Küsten
+reissend abnimmt; dass Stämme, welche früher nach Hunderten zählten,
+jetzt vielfach bis auf ebenso viel Zehner zusammengeschmolzen sind. Die
+Bevölkerung Tasmaniens betrug 1843 noch 54 Individuen, 1854 noch 16
+(Nixon 18) und ist jetzt wohl ganz ausgestorben.
+
+Wenn auch nicht so reissend, so vermindern sich doch auch die Melanesier
+an verschiedenen Gegenden ihres Gebietes: so nach Reina (Zeitschr. 4.,
+360), die Völker der kleinen Inseln in der Nähe von Neuguinea: so nach
+D'Urville 5, 213 die Bewohner von Vanikoro, nach Turner 494 die
+Eingeborenen der neuen Hebriden, wie z.B. die Bevölkerung von Anneitum
+1860, welche Turner auf 3513 Seelen schätzt, 1100 Menschen durch eine
+Masernepidemie verlor (Muray bei Behm 77) und die von Erromango 1842
+durch eine gefährliche Dysenterie um ein Drittel vermindert wurde
+(Turner a.a.O.); und so finden sich noch verschiedene Angaben zerstreut.
+
+In Mikronesien ist die Bevölkerung der Marianen, welche bei Ankunft der
+Spanier 1668 mindestens 78,000 Einwohner gehabt haben, für die aber auch
+100,000 durchaus nicht zu hoch gegriffen ist (Gulick 170) gänzlich
+ausgestorben. Schon um 1720 hatten die Inseln (und zwar nur noch die
+beiden südlichsten) nicht mehr als etwa 2000 Einwohner, und von diesen
+waren sehr viele von den Philippinen her verpflanzte Tagalen. Ponapi
+(Puynipet, Ostende der Karolinen) hatte nach Hale (82) 15.000 Bewohner,
+welche Annahme vielleicht etwas, aber nicht viel zu hoch ist[A]; jetzt
+hat sie (Gulick 358) noch 5000, Kusaie (Ualan) hatte 1852 12-1300, 1862
+nur noch 700 Menschen (Gulick 245).
+
+In Polynesien betrug auf Tahiti die Bevölkerung zu Cooks Zeiten (1770)
+etwa 15-16,000 Seelen (G. Forster nach einer spanischen Beschreibung von
+Tahiti a.d. Jahre 1778 ges. Werke 4,211, Bratring 104, welcher derselben
+Quelle folgt oder wenigstens einer nahe verwandten). Dieselbe Zahl fand
+Wilson noch im Jahre 1797; Turnbull (259) gibt nur 5000 an im Jahre
+1803, Waldegrave bei Meinicke b, 113 6000 für 1830 und Ellis 1, 102 für
+1820 etwa 10,000, welche Zahl Virgin auch für 1852 angibt (2, 41). Mögen
+auch diese Zahlen unbestimmt und schwankend und Turnbulls Angaben
+negativ übertrieben sein: so viel ist sehr klar, dass seit der
+Entdeckung durch die Europäer die Entvölkerung dieser Insel, welche
+indess nach den Aussagen der Eingebornen (Virgin 2, 41) schon früher
+begonnen hatte, rasch fortgeschritten ist; bis unter die Hälfte der
+früheren Kopfzahl sinken die Angaben. Auf den übrigen Societätsinseln
+war das Verhältniss (Meinicke a. a. O.) ein ähnliches. Auch jetzt
+scheint das Aussterben, obwohl langsamer, fortzugehen: der offizielle
+französische Bericht für 1862 gibt für Tahiti 9086 Bewohner an (Behm
+81).
+
+Auf Laivavai, einer der Australinseln, betrug die Bevölkerung 1822
+mindestens 1200, 1830 nur noch etwa 120 und 1834 kaum noch 100 Seelen
+(Mörenhout 1, 143). Günstiger ist Meinickes Schätzung, welcher auf der
+ganzen Gruppe Ende 1830 etwa 5000 Seelen, für 1840 nur noch 2000 annimmt
+(a.a.O. 114). Rapa schätzte Vankouver 1795 auf 1500 Einwohner, Mörenhout
+(1, 139) 1834 nur noch auf 300 und diese waren in stetem Abnehmen. Auch
+die Herveygruppe, welcher Ellis 1, 102 10-11,000 Bewohner gibt, ist
+jetzt viel minder zahlreich bewohnt, namentlich Rarotonga, welches durch
+eine furchtbare Seuche im höchsten Grade gelitten hat (Williams 281).
+
+Ganz ebenso schlimm ist es in Hawaii, wo nach Ohmstedt 262, die
+Bevölkerung in den Jahren 1832-36 von 130,000 auf 102,000 Seelen, also
+in 4 Jahren um 28,000 Seelen gesunken ist! Mag Ohmstedt nun auch Recht
+haben, dass die Bevölkerungsziffer für 1836 zu gering ist, weil eine
+Menge Geburten nicht angezeigt worden sind: so ist das Hinschwinden
+trotzdem ganz ausserordentlich, zumal die Insel zu Cooks Zeiten, der
+400,000 Einwohner angibt, wohl an 300,000 nach Jarves Berechnung (373)
+hatte. Die Zahlen bei Meinicke (b, 115-16 nach der Sandwich Isl.
+gazette) sind zwar nicht genau dieselben, das Verhältniss der Abnahme
+aber bleibt, auch wenn wir ihnen folgen, unverändert. Nach Virgin 1, 267
+hatte die Hawaiigruppe 1823 etwa 142,000 Seelen, 1832 noch 130,313, 1836
+108,579 und 1850 betrug die Zahl nur noch 84,165! also in 78 Jahren hat
+sich die Bevölkerung um ein Drittel gemindert und die Zahl der Geburten
+verhielt sich zu den Todesfällen wie 1:3! Auch jetzt noch schreitet die
+Verminderung fort: die Zahl der Eingeborenen betrug nach dem Census von
+1860 nur 67,084 Seelen (Behm 85).
+
+Auch auf dem Markesasarchipel, dessen Bevölkerung nach Meinicke (b, 115)
+22,000 Menschen beträgt, ist ein Hinschwinden bemerkt: so verlor
+Nukuhiva (Rodriguet in Revue de 2 mondes 1859 2, 638) von 1806-12 zwei
+Drittel seiner Bevölkerung durch Hungersnoth. Auf Neu-Seeland beträgt
+die Abnahme der Bevölkerung in den letzten 14 Jahren etwa 19-20 Percent;
+1770 betrug sie etwa 100,000 und 1859 noch 56,000 (Hochstetter 474, nach
+Fenton). Nach offiziellen Berichten im Athenäum (Zeitschr. 9, 325),
+welche zu Hochstetters Angaben nicht ganz stimmen, war die Zahl der
+Eingebornen 1858 87,766, und zwar, auffallend genug, 31,667 Männer und
+56,099 Frauen. Dagegen treffen die offiziellen Berichte von 1861
+(Meinicke c 557) mit Hochstetter überein: denn sie geben 55,336
+Eingeborene an. Letzteres ist wohl das richtigere. Nach Fenton (Reise
+der Novara 3, 178) verhielten sich bis gegen 1830 die Sterbefälle und
+Geburten zur Gesammtbevölkerung wie 1: 33,04 und 1: 67,12.
+
+Auf Samoa nimmt nach Erskine 104 die Bevölkerung, 37,000 Seelen,
+gleichfalls ab, und zwar soll die Abnahme nach den Berichten der
+Missionäre in 10 Jahren auf einer Insel von 4000 bis zu 3700 oder 3600
+vorgeschritten sein (eb. 60).
+
+Auch die Pageh auf Engano, ein den Polynesiern ähnlicher malaiischer
+Stamm auf einer kleinen Insel südlich von Sumatra sterben aus nach
+Wallands Urtheil, der auf der Insel eine äusserst geringe Kinderzahl
+vorfand--nur fünf im Ganzen (Zeitschr. 16, 420).
+
+
+
+
+§ 2. Empfänglichkeit der Naturvölker für Miasmen. Krankheiten, welche
+spontan bei der Zusammenkunft der Natur- und Kulturvölker entstehen.
+
+
+Indem wir uns nun anschicken, die Gründe für dies Hinschwinden
+aufzusuchen, wollen wir zuerst vernehmen, wie man sich über die
+Lebensunfähigkeit dieser Stämme geäussert hat. Pöppig (386) sagt von
+Amerika: »Es ist eine unbezweifelte Thatsache, dass der kupferfarbene
+Mensch die Verbreitung europäischer Civilisation nicht in seiner Nähe
+verträgt, sondern in ihrer Atmosphäre ohne durch Trunk, epidemische
+Krankheiten oder Kriege ergriffen zu werden, dennoch wie von einem
+giftigen Hauche berührt ausstirbt. Die zahlreichen Versuche der
+Regierungen haben Sitte und Bürgerthum unter jener Raçe nie einheimisch
+machen können, denn ihr fehlt die nöthige Perfektibilität. Dieser Mangel
+macht die durchdachten und menschenfreundlichen Pläne der Erziehung zu
+nichte und rechtfertigt den Vergleich jener Menschheit mit jener eine
+eigenthümliche Physiognomie tragenden, aber niederen Vegetation, die das
+dem Meere entstiegene Land zuerst in Besitz nimmt, aber in dem Masse wie
+höher ausgebildete und kräftigere Pflanzen sich entwickeln, sich
+vermindert und zuletzt auf immer verschwindet. Wie sehr das menschliche
+Gefühl sich gegen eine solche Annahme sträubt, so glauben wir doch in
+den Amerikanern _einen von der Natur selbst dem Untergang geweihten_
+Zweig unseres Geschlechtes zu sehen. In den leer gewordenen Raum tritt
+eine _geistig vorzüglichere_, beweglichere, aus dem Osten stammende
+grosse Familie. Wie diese ihrer Bestimmung zur allgemeinsten Verbreitung
+gehorsam sich ausdehnt und die entlegensten Wildnisse sich unterwirft,
+so legt die Urbevölkerung sich zum Todesschlafe nieder und verschwindet
+selbst aus dem Gedächtnisse des neuen Volkes. In weniger als einem
+Jahrhundert wird vielleicht die Forschung über die ersten Bewohner eines
+ganzen Welttheils dem Gebiete der Archäologie überwiesen werden müssen,
+und dann erst wird das Tragische und Räthselhafte ihres Schicksals
+begriffen (?) und tief empfunden werden.«
+
+So schrieb 1840 ein deutscher Gelehrter, der lange Reisen in Amerika
+gemacht hatte. Auch Carus Phantastereien von Tag-, Nacht- und
+Dämmerungsvölkern (17 ff.) gehören hierher; seine westlichen
+Dämmerungsvölker, »sie, die wirklich dem Untergange zugewendet sind und
+ihrem Verlöschen mehr und mehr entgegengehen«, sind die Amerikaner;
+seine Nachtvölker, welche sich »über Afrika ausdehnen und hinab gegen
+Süden über Australien (!), Van Diemensland und einen Theil von
+Neuseeland (als Papus!!) erstrecken«, stehen noch tiefer in ihrer
+geistigen Entwickelung und Fähigkeit. Ganz ähnlicher Ansicht über die
+Neuholländer, wie Pöppig über die Amerikaner, scheint Meinicke zu sein,
+nur dass er sich verhüllter ausdrückt; doch nennt er sie einen »dem
+Untergang _geweihten_« Volksstamm (c 522) und spricht hier n. a 2, 215
+von ihrer »gänzlichen Unbildsamkeit«. Viel direkter hat man von der
+Unbildsamkeit, von dem nothwendigen Untergang, von der geringen
+Lebensfähigkeit der tieferstehenden und mangelhaft organisirten Raçen in
+Amerika (Waitz 3, 45) und den Kolonieen in Afrika, Neuholland und
+Polynesien gesprochen; da man denn sich auch weiter kein Gewissen
+machte, den Untergang, welchem diese Raçen nun doch einmal geweiht
+seien, damit auf ihren Trümmern sich das bessere Leben höherstehender
+Raçen entwickeln könne, mit allen Mitteln beschleunigen zu helfen.
+
+Aber auch vorurtheilsfreie Forscher sehen in diesem Hinschwinden etwas
+Räthselhaftes, so Waitz 1, 173, wenigstens in Beziehung auf Australien
+und Polynesien, da hier eine Hauptursache der Entvölkerung, welche in
+Amerika so wirksam war, der Druck durch die Weissen, in Polynesien ganz
+wegfalle, in Australien wenigstens nicht weitgreifend gewirkt habe.
+»Begreiflicher Weise, fährt er jedoch fort, ist das Aussterben eines
+Volkes, das früher kräftig und gesund gewesen ist, nicht damit erklärt,
+dass man ihm die Lebenskraft abspricht oder einen ursprünglichen Mangel
+der Organisation zuschreibt, und es hat an sich schon etwas sehr
+Unbefriedigendes für eine so seltene und abnorme Erscheinung einen
+geheimnissvollen Zusammenhang anzunehmen, dem sie ihre Entstehung
+verdanke; man wird vielmehr hier wie überall nach dem natürlichen
+Zusammenhange der Sache zu suchen haben, wenn man sich auch schliesslich
+zu dem Geständnisse genöthigt finden sollte, dass es bis jetzt nicht
+gelingen will, denselben vollständig aufzuklären.«
+
+Wir wollen sehen, ob wir zu diesem Geständniss genöthigt werden.
+
+Auch Darwin (2, 213) sieht bei diesem Aussterben, für welches er viele
+natürliche Gründe anführt, auch »noch irgend eine mehr räthselhafte
+Wirksamkeit« thätig. »Die Menschenraçen, sagt er, scheinen auf dieselbe
+Art aufeinander zu wirken, wie verschiedene Thierarten, von denen die
+stärkere die schwächere vertilgt.« Er macht darauf aufmerksam, dass fast
+bei jeder Berührung der Naturvölker und der Weissen, oft auch von
+Stämmen ein- und desselben Volkes, welche in verschiedener Gegend
+wohnen, seuchenartige Krankheiten entstehen, oft bei völliger Gesundheit
+der Schiffsmannschaft und der von ihr besuchten Völkerschaft, »von denen
+alsdann vorzugsweise die niedere von beiden Raçen oder die der
+Eingeborenen, welche in ihrem Lande von Fremden aufgesucht werden, zu
+leiden hat« (Waitz 1, 162). Und hierzu lassen sich die Beispiele
+allerdings häufen. So sagt Humboldt (a 4, 392), dass in Panama und Calao
+der Anfang grosser Epidemien des gelben Fiebers »am häufigsten durch
+die Ankunft einiger Schiffe aus Chile bezeichnet werde«, obwohl doch
+Chile selbst eines der gesündesten Länder der Welt sei und das gelbe
+Fieber gar nicht kenne; aber die schädlichen Folgen der ausserordentlich
+erhitzten und durch ein Gemisch von faulen Dünsten verdorbenen Luft, an
+welche die Organe der Eingeborenen gewöhnt seien, wirkten mächtig auf
+Individuen aus einer kälteren Region. Aehnlich verhält es sich mit dem
+Ausbrechen des gelben Fiebers in Mittel- und Nordamerika, das
+eingeschleppt zu haben so häufig die eine der genannten Gegenden
+Besuchern aus der anderen vorwirft (Humboldt a.a.O. 384). Die »grausame
+Epidemie« von 1794, wo Verakruz ungewöhnlich heftig vom gelben Fieber
+heimgesucht war, fing an mit der Ankunft dreier Kriegsschiffe (eb. 423).
+Ebenso schreiben die Einwohner Egyptens das Ausbrechen der Pest der
+Ankunft griechischer Schiffe zu und umgekehrt die Bewohner Griechenlands
+und Konstantinopels egyptischen (eb. 384), wobei keineswegs immer an
+eine Einschleppung zu denken ist. Auf Rapa (Australinseln) traten
+tödtliche Krankheiten nach dem Besuch von englischen Schiffen auf,
+welche die Hälfte der Eingeborenen dahinrafften (Mörenh. 1, 139); auf
+Tubuai (Australinseln) ward die Bevölkerung durch Krankheiten, welche
+mit der Mission 1822 auftraten, auf die Zahl von 150 heruntergebracht
+(eb. 2, 343). Raivavai, welches 1822 noch 1200 Einwohner hatte, besass
+1830 etwa noch 120 durch gleiches Schicksal (eb. 1, 143). Williams
+(283-84) spricht es als seine eigene Erfahrung aus, dass die meisten der
+Seuchen, die er in der Südsee erlebte, durch Schiffe, deren Mannschaft
+ganz gesund sei und nur auf ganz erlaubtem, gewöhnlichem Wege mit den
+Eingeborenen verkehrte, veranlasst wurden. Das erste Zusammentreffen
+zwischen Europäern und Eingeborenen, sagt er, ist fast immer mit dem
+Fieber, mit Dysenterie u. dergl. bezeichnet; so starb auf Rapa die
+Hälfte der Eingeborenen aus; so entstand die furchtbare Seuche auf
+Rarotonga (Herveyinseln), die er 282 schildert. Ganz dasselbe sagt
+Virgin 1, 268; »Auch nur kurze Besuche von Fahrzeugen haben auf den
+Inselgruppen der Südsee Krankheiten von mehr oder minder verderblicher
+Natur verursacht, die sich sogar erst längere Zeit nachher gezeigt
+haben. Es hat sich dies auch sogar zugetragen, ungeachtet die Besatzung
+der Schiffe vollkommen gesund war und die Krankheiten sind nicht stets
+solche gewesen, welche möglicherweise durch eigentliche Ansteckung
+mitgetheilt werden konnten oder welche in Europa zu denen gehören, deren
+Beschaffenheit in der Regel mehr oder weniger tödtlich ist.« Von Tahiti
+erzählt Bratring 145, dass 1775 bei der Anwesenheit der Spanier unter
+Boenechea ein ansteckendes Katarrhalfieber ausbrach. Nach Cooks Besuch
+litt die Insel unter Dysenterie (Mörenh. 2, 425) und die Tahitier selbst
+schrieben schon um 1800 alle Krankheiten den Berührungen mit fremden
+Schiffen zu (Turnbull 266). Beechey 1, 94-95 berichtet Aehnliches von
+den Inseln Pitkairn. Bei regnichtem Wetter und bei gelegentlichen
+Besuchen von Schiffen, sagt er, leiden die Eingeborenen (eine
+Mischbevölkerung von Tahitiern und Engländern) stärker an Blutandrang
+(plethora) und Schwären als sonst; sie glauben ganz fest, dass diese
+Krankheiten durch den Verkehr mit ihren Gästen, mögen diese selbst auch
+ganz gesund sein, herrühren. Das eine Schiff sollte ihnen Kopfschmerzen,
+ein anderes Scharbock, das dritte Geschwüre u.s.w. gebracht haben, wie
+sie denn auch von Beecheys Schiff, dessen Mannschaft ganz gesund war,
+ähnliches erwarteten: ja sie fühlten schon Kopfweh und Schwindel.
+Beechey erklärt diese Zufälle durch die Veränderung ihrer Lebensweise
+während solcher Besuche, da sie gegen ihre sonstige Gewohnheit dann viel
+Fleisch essen und reichlichere Kleidung tragen. Von Melanesien (Tanna)
+erzählt Turner 91 nach den Aussagen der Eingeborenen, welche alle
+Krankheiten, wie Fieber, Dysenterie, Husten u. dergl. »fremde Dinge«
+nennen, ganz Gleiches. Auch in Celebes (Waitz 1, 163) herrschte diese
+Meinung und ebenso auch bei den alten Marianern, welche nach jedem
+fremden (europäischen) Schiff von einer Seuche heimgesucht zu werden
+behaupteten; so brachte 1688 ein Schiff von Mexiko, welches mit
+Verbrechern beladen an der Insel scheiterte, Rheuma, Fieber, Blutungen
+(le Gobien 376), und die Eingeborenen sahen alle Krankheiten als durch
+die Spanier eingeschleppt an (ebd. 140). Die Einwohner von St. Kilda
+(westl. v. d. Hebriden bei Schottl.) sind der festen Ansicht, für die
+sie eine lange Erfahrung haben, dass der Besuch eines Fremden ihnen
+Schnupfen bringe (Macculloch bei Darwin 2, 214).
+
+Nach dem medizinischen Theil der Novara Reise (1, 225) glauben die
+Eingeborenen der Nikobaren, dass die Kokosnüsse von den Bäumen fielen,
+sobald ein Missionär die Insel beträte. So mag denn auch diese
+weitverbreitete Ansicht der Grund sein, weshalb in Ponapi, sobald ein
+Schiff in Sicht kommt, das Volk flieht und der Priester aufs
+Feierlichste die Götter um Hülfe anruft (Gulick 175), wenn wir es hier
+nicht mit etwas Religiösem zu thun haben. Jedenfalls ist wohl zu
+beachten, dass die Naturvölker vor der Bekanntschaft mit den Europäern
+fast nichts von Krankheit wussten; weder die Marianer (le Gobien 140)
+noch die übrigen Mikronesier (Chamisso) noch die Polynesier, von denen
+freilich die Neu-Seeländer, obwohl der Gesundheitszustand auch ihrer
+Insel im Allgemeinen trefflich war, von schweren Seuchen, die sie schon
+vor Cook heimgesucht hätten, erzählten (Dieffenbach 2, 12-14), noch die
+Neu-Holländer, Hottentotten und Amerikaner (Waitz 1, 140-41).
+
+Für die Indianerstämme steigert sich die Wirkung solcher Epidemien noch
+durch Folgendes, was v. Tschudi, einer der ausgezeichnetsten Kenner der
+amerikanischen Völker, 2, 216 sagt: »Es ist eine höchst eigenthümliche
+Erscheinung, dass Indianerstämme, die durch Krieg oder Epidemien
+plötzlich sehr stark reducirt wurden, sich in der Regel nie wieder
+erholen und nur noch als wenig zahlreiche Familien gewöhnlich Jahrzehnte
+lang hinsiechen, bis sie endlich ganz aussterben. Bei ihnen tritt nicht
+mehr die Vermehrungsprogression ein, wie sie vor dem vernichtenden
+Schlage stattgefunden hatte, und bei anderen unter den nämlichen
+physischen Bedingungen lebenden Völkern beobachtet wird. Meines Wissens
+ist dieses Verhältniss noch nirgends erörtert worden. Ich habe es bei
+einem genauen Studium der Geschichte der nord- und südamerikanischen
+Indianer als Regel gefunden. Sehr verminderte Fruchtbarkeit des Weibes
+ist die Hauptursache: auf welchen physiologischen Einwirkungen sie aber
+beruht, ist wohl schwer zu ermitteln.« Waitz freilich (1, 163) bringt
+Beispiele vom Gegentheil: die Creeks (nach Simpson), die Winibegs (nach
+Schoolcraft), die Apachen (Kendall) u.s.w. haben sich nach schweren
+Epidemien wieder erholt. Wir kommen hierauf zurück.
+
+Man hat nun diese auffallende Erscheinung, dass Krankheiten durch
+Berührung gesunder, aber aus verschiedener Gegend oder Raçe stammender
+Menschen entstehen, zu erklären versucht. Darwin, der in Shropshire
+gehört, dass gesunde Schafe, die aber auf Schiffen eingeführt wurden, in
+einem Pferch zu anderen gebracht, diese krank machen, Darwin meint, dass
+das Effluvium von Menschen--und wohl auch, nach dem letzten Beispiel,
+von Thieren--die lange Zeit eingeschlossen gewesen seien, giftig auf
+andere wirke, namentlich dann, wenn sie von verschiedenen Raçen wären
+(2, 214); eine Ansicht, welche indess weder von medizinischer Seite noch
+durch die Erfahrung bestätigt wird.
+
+Will man sich aber mit Waitz dabei begnügen zu sagen, dass beim
+Zusammentreffen verschiedener Raçen, selbst bei völliger Gesundheit
+beider, sich bisweilen Krankheiten erzeugen, welche dann meist die
+niedere Raçe ergreifen, so kommt einmal durch das Wort niedere Raçe
+leicht etwas Missverständliches in den Ausdruck, und andererseits wird
+nichts durch dies blosse Zusammenfassen der Erscheinung erklärt. Dazu
+kommt, dass z.B. der Bericht Humboldts über das gelbe Fieber in Panama
+und Callao sich ja auf gleiche Raçen bezieht und eben so doch auch die
+Angabe Darwins von den Schafen. Und wenn man ferner die Geschichte der
+kultivirten Völker betrachtet, so findet man eine ähnliche Erscheinung:
+eine neu auftretende Krankheitsform wüthet viel allgemeiner und
+verheerender, als eine fortwährend herrschende; so die Pest, der
+schwarze Tod, die Pocken, die Cholera u.s.w., die dann oft nach und nach
+verlöschen. Die Pocken aber hat man dadurch unschädlich gemacht, dass
+man eine verwandte, aber unschädlichere Krankheitsform einimpft. Es
+scheint also, als ob der menschliche Körper um so empfänglicher für ein
+Miasma oder einen Krankheitsstoff ist, je ferner und freier von
+demselben er früher war. Ist er aber, wie bei der Pockenimpfung
+geschieht, durch ein Minimum des Giftes affizirt und dadurch anders
+disponirt worden, so dass er sich nun allmählich an jenen feindlichen
+Stoff gewöhnt, ihn der eignen Natur und die eigene Natur ihm
+einigermassen assimilirt hat: so hat er dadurch Fähigkeit zum Widerstand
+gegen die Krankheit gewonnen, da sie ja nun seiner Natur nicht mehr
+absolut feindlich ist; daher denn solche Seuchen nach und nach
+erlöschen, denn die Ueberlebenden werden nach und nach durch das
+Einathmen der miasmatischen Luft körperlich selbst immer fester.
+Keineswegs hilft aber eine solche Gewöhnung für alle Zeit, wie ja auch
+die Pocken nach bestimmten Zeiträumen von neuem eingeimpft werden
+müssen. Merkwürdig, aber für uns wichtig genug ist, was Humboldt a 1, 92
+über diese Krankheit in Mexiko sagt: »die Pocken scheinen
+ihre Verwüstungen nur alle 17 Jahre anzurichten. In den
+Aequinoktial-Gegenden«--ob das aber nicht in allen Gegenden oder
+wenigstens bei allen menschlichen Individuen auf gleiche Weise
+gilt?--»haben sie, wie das schwarze Erbrechen und mehrere andere
+Krankheiten, ihre festen Perioden, an denen sie sich regelmässig wieder
+einfinden: und man möchte glauben, dass sich in diesen Ländern die
+Anlage der Eingeborenen für gewisse Miasmen nur in sehr weit von
+einander entfernten Perioden erneuert; indem die Pocken, deren Samen
+sehr oft von europäischen Schiffen gebracht wird, nur in sehr
+ansehnlichen Zwischenräumen epidemisch, aber auch dem Erwachsenen nur
+desto gefährlicher werden.« Alles dies scheint sehr für unsere obige
+Annahme zu sprechen. Der Europäer, der Civilisirte kommt nun fortwährend
+mit unendlich mehr Krankheitsstoffen und Miasmen, in den meisten Fällen
+ohne es selbst zu merken, in Berührung, als der im Naturzustande und der
+freien Natur lebende Mensch. Und nicht nur durch eigene Gewöhnung von
+Kindheit an, sondern auch durch Vererbung der Accommodation von Eltern
+und Grosseltern her hat er eine viel grössere Widerstandsfähigkeit gegen
+solche schädliche Einflüsse, als sie jemals früher Isolirte und
+namentlich, wenn sie vielleicht schon erwachsen zuerst mit diesen
+Einflüssen in Berührung kommen, sich erwerben können. Hiergegen spricht
+nicht, wenn einzelne Individuen der Naturvölker gesund etwa in Europa
+längere Zeit gelebt haben. Denn in den meisten Fällen ist da eine
+Gewöhnung von Jugend auf eingetreten und jedenfalls sind alle solche
+Fälle wissenschaftlich nur dann zu verwerthen, wenn man die Geschichte
+des Besuchers, seine Natur, die Natur seines Volkes u.s.w. bis ins
+Einzelne verfolgen kann. Uebrigens gibt es auch Beispiele genug, dass
+solche Besuche unglücklich abliefen: Liholiho, der Sohn Tamehameha I.
+und seine Gemahlin starben bei ihrem Aufenthalt in England, wo alle
+Sorgfalt ihnen zu Theil wurde, an den Masern bei raschem Verlauf der
+Krankheit; und der Prinz Libu, welchen Wilson gegen Ende des vorigen
+Jahrhunderts von den Palau-Inseln mit nach England genommen hatte und
+dort sehr sorgfältig pflegte, an einer ähnlichen Krankheit, kurz nach
+seiner Ankunft (Keate die Pelewinseln, Schluss). Jetzt beweisen solche
+Besuche um so weniger, als jetzt die meisten Völker Bekanntschaft mit
+der weissen Raçe haben.
+
+Nach alledem würde es kein Wunder, nichts Rätselhaftes sein, wenn die
+Naturvölker gegen solche Miasmen, die auch von ganz Gesunden ganz
+unbemerkt eingeschleppt werden können, um so empfänglicher und
+empfindlicher sind, je weniger sie Schutz durch irgend welche Gewöhnung
+haben; daher denn solche Krankheiten, welche scheinbar unerklärlich
+entstehen, mit einer Heftigkeit wüthen, wie, vor Zeiten die Pest. So
+erzählt Williams (280 ff.), dass bei jener Seuche auf Rarotonga von
+mehreren tausend Einwohnern kaum ein einziger ganz davon befreit
+blieb.--Die Krankheiten, welche am meisten so ganz spontan dem Schein
+nach entstehen, sind Dysenterie, Influenza, Fieber, Blutungen,
+Geschwüre, Husten und Hautkrankheiten. (Einige Belegstellen: Turner 91;
+Dieffenbach 2, 12-14; le Gobien 376; Beechey 1, 94-95.)
+
+Dass auch Geschwüre genannt werden, könnte auffallen. Die ausbrechenden
+Krankheiten richten sich jedenfalls theils nach den Miasmen, durch
+welche sie hervorgerufen sind, theils und wohl ganz besonders nach der
+Natur des Inficirten. Wie ja bei herrschenden Epidemien oder in der Nähe
+gefüllter Krankenhäuser jede Krankheit, jede oft unbedeutendste
+Verwundung durch den giftigen Einfluss der Miasmen schlimmer werden, ja
+bis zum Tode führen kann, auch ohne in die herrschende Krankheitsform
+überzugehen: ebenso natürlich ist es, dass sich solche eingeführten
+Miasmen gerade auf den Theil des inficirten Organismus werfen, welcher
+schon zuvor, in den meisten Fällen gewiss gleichfalls unbewusst, der
+schwächste oder gerade bei der Einführung des Miasma irgendwie erregt
+oder afficirt war. Auch erklärt es sich hieraus, wie bei gleichen
+Miasmen--vorausgesetzt, dass sie gleich sind; denn eine
+Schiffsmannschaft kann leicht verschiedene zugleich
+bringen--verschiedene Individuen, wie sich das gar nicht selten zeigt
+(z.B. bei Turner in Melanesien, bei le Gobien auf den Marianen, bei
+Beechey auf Pitkairn) verschiedene Krankheiten bekommen können.
+
+So erklärt sich das räthselhafte Faktum (welches als Faktum durch die
+sichersten und verschiedenartigsten Zeugnisse feststeht), dass eine
+gesunde Schiffsmannschaft gesunden Menschen Krankheiten bringen kann[B].
+Dabei dürfen wir nicht unerwähnt lassen, was Humboldt an sich und
+seinen Begleitern in Centralamerika beobachtete: »Es kommt häufig vor,
+sagt er b 6, 142, dass sich bei Reisenden die Folgen der Miasmen erst
+dann äussern, wenn sie wieder in reinerer Luft sind und sich zu erholen
+anfangen. Eine gewisse geistige Anspannung kann eine Zeitlang die
+Wirkung krankmachender Ursachen hinausschieben.« Denn aus diesem Satze
+erklären sich manche Erscheinungen bei jenen spontanen Krankheiten der
+Naturvölker--so darf man wohl, ohne Gefahr missverstanden zu werden, die
+Krankheiten nennen, welche nach der blossen Berührung mit den
+Kulturvölkern, ohne direkte Einschleppung entstehen--Erscheinungen,
+welche sonst auffallen müssten. So, dass diese Uebel während der
+Anwesenheit der Europäer noch nicht verspürt werden, denn jene
+Schwindel- und Kopfwehanfälle der Pitkairner noch während Beecheys
+Besuch beruhten sicher, nach ächt polynesischer Art, auf anticipirender
+und übertreibender Einbildung; dann, dass sie ungleich seltener bei
+feindlichem Zusammenstoss zweier Raçen sich zeigen, welcher freilich
+meist auch von kürzerer Dauer ist, als ein freundlicher Besuch. Auch
+scheint es, als ob das Durchmachen _einer_ Epidemie gegen Miasmen
+verschiedener Art abhärte; wiewohl es gar nicht selten ist, dass ein und
+derselbe Volksstamm von mancherlei Seuchen nach einander (oder auch von
+derselben wieder) heimgesucht wird. Doch ist dann fast immer der erste
+Anfall der verheerendste.
+
+Jedenfalls aber haben wir hier die erste Ursache für das Aussterben der
+Naturvölker: ihre leichte Empfänglichkeit für Miasmen, welche die
+Kulturvölker ohne Wissen und Willen und bei eigener Gesundheit, zu ihnen
+bringen; und die geringe Widerstandsfähigkeit ihres Organismus gegen
+solche durch jene Miasmen entstehende Krankheiten.
+
+
+
+
+§ 3. Direkt eingeschleppte Krankheiten.
+
+
+Zu diesen eben besprochenen Krankheiten kommen noch andere hinzu, deren
+Mittheilung zwar auf demselben Grunde beruht, den wir im vorigen
+Paragraphen betrachteten, die aber doch, da man sie als direkt
+eingeschleppte allgemein betrachtet und nachweisen kann, für den
+Beobachter weit mindere Schwierigkeit bieten. Hierher gehören aber
+gerade die furchtbarsten Seuchen, welche die Naturvölker betroffen
+haben; und kann man sich denken, wie verheerend sie auf die
+empfänglichen Naturen jener Völker wirkten. Nicht bloss Weisse haben sie
+eingeschleppt: auch einzelne Zweige desselben Stammes haben andere mit
+solchen Gaben bedacht. So ward ein böser Aussatz von Polynesien aus Rapa
+nach Pitkairn verschleppt und den Bewohnern dieser Insel gefährlich; und
+andere gleiche Beispiele finden sich. Schlimmer aber ist, was die
+Weissen brachten, vor allen Syphilis und Blattern. Erstere Seuche ist
+zwar überall bekannt genug, wo die Europäer hinkommen, und so also auch
+von Alters her in Afrika und Amerika, wo sie eingeschleppt wurde (in
+Californien nach Rollin, La Perouses Schiffsarzt bei La Perouse 2, 289;
+in Guyana nach Schomburgk 2, 336). Gefährlicher aber ist sie vor allen
+für die Polynesier geworden, denn hier begünstigte ihre Mittheilung und
+Verbreitung die ausserordentliche Lüderlichkeit dieser Völker gar sehr;
+und da die Polynesier durch ihre Lüste vielfach entnervt waren, so
+wurden hierdurch auch die Formen dieser Krankheiten immer grauenvoller.
+Und so finden wir sie hier vom äussersten Osten bis zum fernsten Westen.
+Auf Waihu (Osterins.) ist sie jetzt häufig eingeschleppt von Europäern
+(Mörenhout 1, 26). Auf Neu-Seeland findet sie sich, namentlich an den
+Küsten, wo die Eingeborenen mit den Europäern am meisten verkehren, und
+so schlimm, dass eine Menge Verwachsungen u. dergl. durch sie entstehen
+(Dieffenbach 2, 17-25). Auf Tonga hatte sie Cooks Mannschaft, wie Cook
+selbst erzählt dritte Reise 2, 390 eingeschleppt; doch kann sie hier
+nicht allzu heftig gewirkt haben, denn Mariner (2, 270) gibt an, dass
+durchaus nichts Syphilitisches sich auf der Gruppe finde und dass ein
+Fall, welcher auf französischer Ansteckung beruhte, so rasch tödtlich
+verlief, dass er weiter keine Folgen hatte. Allein ob nicht die Art von
+Gonorrhöe mit ardor urinae, die er 268 als in Tonga heimisch erwähnt,
+doch noch vielleicht von Cooks Mannschaft herstammte? Auch auf dem
+Gilbertarchipel und den Ratakinseln--denselben Inseln, wo Chamisso
+Anfang dieses Jahrhunderts so paradiesische Tage verlebte--ist die
+Syphilis und andere Seuchen durch europäische Seeleute eingeschleppt
+(Meinicke Zeitschr. 398), wie denn überhaupt Mikronesien auch sonst sehr
+durch solche bösen Einwirkungen gelitten hat (Gulick 245).
+
+Aber am schlimmsten hat diese Seuche auf Tahiti und Hawaii gewüthet. In
+Tahiti ist sie so allgemein, dass fast jede Familie von ihr berührt ist
+(Mörenhout 1, 228-29); und schon um 1790 waren zwei Fünftel der Insel
+venerisch (eb. 2, 425). Da nun diese entsetzliche Krankheit theils gar
+nicht, theils schlecht geheilt und behandelt wurde, so ward sie ein
+Hauptmittel für die Dezimirung der Eingeborenen (eb. 2, 405). Vankouver
+(1790) spricht von den Verheerungen, die sie unter den tahitischen
+Weibern angerichtet hatte (1, 111): sie musste also schon lange
+verbreitet sein und ist zweifelsohne gleich von den ersten Besuchern
+eingeschleppt, gleichviel ob von Wallis (Anfang 1767) oder Von
+Bougainville (1767, 15. Apr.), genug, Cook fand sie vor. Meinicke zwar
+(b, 118) versucht zu beweisen, dass dies Uebel in der Südsee schon
+heimisch war, vor der Berührung mit den Europäern: allein sein Beweis
+ist ihm nicht gelungen und seiner Hypothese stehen die gewichtigsten
+Autoritäten entgegen, so Cook selbst für Tahiti (dritte Reise 2, 331)
+und für Hawaii (King ebendas. 4, 379), Turnbull (291) für Tahiti und so
+noch andere. Auch thut Meinicke nicht recht, das Zeugniss der
+Eingeborenen für so ganz nichtig zu halten; um so weniger, als die
+Tahitier nach Cook sehr bestimmt Bougainvilles Schiff als das
+bezeichneten, welches die verhängnissvolle Gabe brachte, sich also
+keineswegs in allgemeinen Behauptungen hielten. Auch was Cook a.a.O.
+390-91 über die Schwierigkeit, Ansteckung zu verhüten, die Gesundheit
+der eigenen Mannschaft zu ermitteln und die Leichtigkeit, mit der sich
+die Krankheit ausbreitet, und gewiss sehr richtig auseinandersetzt,
+spricht gegen Meinicke. Allerdings stützt dieser sich für die
+Sandwichgruppe auf den Umstand, dass, obwohl Cook zuerst nur auf Atuai
+und Onihiau landete, er gleichwohl schon neun Monate später die Seuche
+auf Maui verbreitet fand--was auch La Perouse mit mehreren anderen
+Gründen medizinischer Art, die aber nicht ganz stichhaltig erscheinen
+(1, 246, 276), als Grund gegen die Einschleppung durch Cook anführt. Er
+schreibt die erste Verbreitung dieser Seuche den Spaniern zu, welche im
+16. Jahrhundert öfters die Hawaiigruppe besucht haben. Wenn man nun auch
+auf die rasche Verbreitung der Krankheit, wie sie bei der Lüderlichkeit
+und dem fortwährenden Verkehr der Eingeborenen nur zu möglich war,
+hinweisen könnte, so ist uns das für unsere Zwecke gleichgültig; genug
+die Seuche ist jetzt überall verbreitet in Polynesien und Meinicke gibt
+ja selbst zu, dass die Eingeborenen wenigstens die schwereren Formen des
+Unheils den Europäern verdanken. Jedenfalls sind die Verheerungen,
+welche gerade diese Krankheit in Polynesien angerichtet hat, auch wenn
+es Meinicke nicht ganz zugeben will, entsetzlich genug, wie ältere und
+neuere Schriftsteller einstimmig bezeugen. (Vergl. über Hawaii noch
+Virgin 1, 265; Rollin bei La Perouse 2, 271; über Tahiti Turnbull 291;
+Cook dritte Reise 2, 331). Doch scheint es, als ob in Tahiti sich jetzt
+(1852) der Gesundheitszustand wieder gehoben habe (Virgin 2, 41). Auch
+werden von früher (Cook a.a.O. 2, 331) schon Beispiele erwähnt, wo
+Infizirte, freilich selten genug, von selbst genassen. Nur in Tonga
+scheint, bei dem keuscheren Leben der Tonganer das Unheil wenigstens
+nach Mariners Bericht, nicht um sich gegriffen oder doch leichtere
+Formen nach und nach angenommen zu haben.
+
+Die Seuche ist auch unter den Eingeborenen von Neu-Holland verbreitet
+und auch hier will Meinicke (a 2, 179) die Annahme, sie sei ihnen von
+den Europäern gebracht, als »äusserst unwahrscheinlich« dadurch
+beweisen, dass bei der Gründung der Colonie von Sydney und auch
+neuerdings diese Krankheit tief im Inneren des Continentes gefunden sei.
+Als ob das bei dem Wanderleben dieser Stämme auffallen könnte! als ob
+sie nicht schon vor der Gründung der Colonie mit Europäern und wahrlich
+nicht mit den reinsten in mannigfacher Berührung gewesen wären! Den
+Aleuten, bei denen es Cook schon vorfand (dritte Reise 3, 265), und den
+Kamtschadalen ist dieses Unheil von den Russen, den Pelzhändlern,
+mitgetheilt. Da nun aber die Kamtschadalen ebenfalls zu Ausschweifungen,
+sei es im Trunk, sei es in der Liebe, geneigt waren, so sind auch hier
+seine Folgen nicht ohne Gewicht für unsere Betrachtung.
+
+Bei weitem schlimmer, aber und allgemeiner haben die Blattern gewüthet,
+die schlimmste Geissel aller Naturvölker. Am bekanntesten ist dies von
+Amerika, in dessen nördlicher Hälfte sie zuerst um 1630 auftraten (Waitz
+b, 15). Neun Zehntel von den Nordindianern rafften sie hin; die
+Mandans starben 1837 fast ganz aus, die Schwarzfüsse schmolzen durch
+sie von 30-40,000 auf 1000 zusammen: ähnlich erging es anderen
+nordamerikanischen Stämmen, den Krähenindianern, Minetarris, Cumanchen,
+Rikkaris; von den Omahas und den Eingeborenen des Oregongebietes erlagen
+ihnen zwei Drittel, von den Californiern die Hälfte (Waitz 1, 161).
+Aehnlich wütheten sie unter den Völkern von Südamerika, den Indianern
+von Paraguay und Gran Chako, den Puelchen, den Cariben, den Araukanern,
+in Peru, am Maranon, in Guyana, wo ganze Völkerstämme durch sie
+aufgerieben sind. Nie aber sind sie, wie Humboldt b 4, 224 bezeugt, am
+oberen Orinoko aufgetreten, obwohl sie bei den Völkern Brasiliens wieder
+ihre ganze Furchtbarkeit zeigten, bei den Chaymas, die 1730-36 von ihnen
+dezimirt wurden (Humboldt eb. 2, 180), bei den Chiquitas (Waitz 3, 533),
+welche schwer von ihnen zu leiden hatten. Nicht minder heftig aber
+traten sie bei den kultivirten Stämmen Amerikas auf.
+
+In Mexiko brachen, nach Torribio, die Pocken eingeschleppt durch einen
+Negersklaven 1520 zuerst aus und rafften gleich damals die Hälfte der
+Mexikaner hin (Humboldt a 1, 97); nach Herrera traten sie schon 1518 auf
+(Pöppig 373) und schon 1517 mit denselben Verheerungen, ohne jedoch
+einen Europäer hinzuraffen, auf den Antillen, zu deren Entvölkerung sie
+wesentlich beigetragen haben. Ueberall, in ganz Amerika, waren die
+Verwüstungen so arg, dass die Todten bisweilen unbeerdigt blieben, weil
+es an Händen hierzu fehlte (Waitz b, 15). Man begreift es, dass, wenn
+die Pocken ausbrachen, die Indianer im äussersten Entsetzen vielfach
+ihre Hütten verbrannten, ihre Kinder tödteten und in die Einsamkeit
+flohen (Humboldt b 4, 224); oder dass z.B. die Chilesen die Hütte mit
+sammt den in ihr liegenden Kranken verbrannten (Waitz 1, 161). Waitz ist
+der Ansicht und wir stimmen ihm bei, denn alle Quellen sprechen dafür,
+dass diese Krankheit zahlreichere Opfer forderte, als Krieg und
+Branntwein zusammengenommen; dass ihr gewiss die Hälfte bis zwei Drittel
+der Urbevölkerung Amerikas erlegen sind.
+
+Allein nicht bloss auf Amerika beschränken sich die Verheerungen der
+Pocken. 1767 brachen sie, eingeschleppt durch einen russischen Soldaten,
+in Kamtschatka aus und wütheten wie die Pest: nicht weniger als 20,000
+Kamtschadalen, Kuriler und Koriäken sollen ihnen erlegen sein. Ganze
+Dörfer starben aus und Cooks Reisebegleiter fanden selbst noch eine
+Menge ganz leer stehender Dörfer vor. Ein anderes, vor der Epidemie mit
+360 Menschen bevölkert, hatte nachher noch 36 Seelen (Cook 3. Reise 4.
+174-75). Aehnliche, wenn auch minder starke Epidemien traten 1800 und
+1801 auf, welche gegen 5000 Kamtschadalen dahinrafften und bei dem schon
+lange immer mehr um sich greifenden Schwinden der Bevölkerung so
+verheerend wirkten, dass in den Ostrogen (kleinen Dörfern des Inneren),
+welche vorher meist 30-40 Einwohner hatten, nachher meistens nur 8-10,
+in einigen wenigen 15-20 Bewohner übrig blieben (Krusenstern 3, 49. 52.
+2. Theil, 2. Abtheil. Cap. 8).
+
+Auf Neuholland brachen die Blattern zuerst 1789 aus und verwüsteten ganz
+Cumberland; 1830 verheerten sie, bis zur Nordküste hin das Innere von
+Ostaustralien (Meinicke a 2, 179). Auch diese Seuche entstand nach
+Meinicke a.a.O. ohne Einschleppung spontan unter den Eingeborenen. Von
+einer furchtbaren Pockenepidemie auf Ponapi (Puinipet, Banabe,
+Carolinen) erzählt die Novarareise 2, 395: die Krankheit war durch einen
+englischen Matrosen eingeschleppt und raffte 3000 Menschen hin; 2000
+blieben übrig. Auf der Hawaiigruppe starben 1853 an den Pocken 5-6000
+Menschen (Waitz 1, 176).
+
+Auch die Hottentotten, wenigstens in der Nähe der Capstadt, sind
+wesentlich durch die Pocken vermindert (Waitz 2, 346).
+
+Ausser dieser Krankheit haben dann die Masern und Rötheln schlimm unter
+den Naturvölkern gehaust, so in Brasilien, Guyana, im Mosquitolande
+(Waitz 1, 162), in Neuholland (Darwin 2, 213); und noch gefährlicher
+verschiedene Fieber, welche z.B. die Oregonindianer schwer heimsuchten,
+die oberen Tschinuks 1823 von 10,000 auf 500 zusammenschmolzen und zwar
+so schnell, dass die Zahl der Ueberlebenden nicht hinreichte, die Todten
+zu begraben (Wilkes und Haie bei Waitz 1, 162).
+
+Doch sind wir durch diese Fieber bei den Seuchen angekommen, denen die
+Naturvölker vor dem Auftreten der Europäer unterworfen waren.
+Epidemische Krankheiten sind zwar vorher selten, doch finden sie sich
+auch. So jene Seuche, welche vor Cook auf der Ostküste von Neu-Seeland
+wüthete, und zwar so heftig und rasch, dass auch hier nicht alle Todten
+begraben werden konnten (Dieffenbach 2, 12-14); so die Fieber, welche,
+wie es scheint, durch das Klima hervorgerufen am Orinoko epidemisch sind
+(Humboldt b 4, 215), so und vor allen jene berüchtigte mexikanische
+Krankheit, Matlazahuatl von den Eingeborenen genannt, ein furchtbares,
+dem gelben Fieber verwandtes Gallenfieber mit Blutbrechen, das schon
+lange vor Cortes Ankunft in Mexiko, ja wohl schon im 11. Jahrhundert
+unter den Tolteken, die damals noch in Nordamerika waren, herrschte
+(Humboldt a 4, 379), wie sich denn überhaupt die Krankheit mit
+Leichtigkeit in die kalte Zone verpflanzt und ihr »die kupferfarbige
+Raçe in beiden amerikanischen Hälften seit undenklichen Zeiten
+unterworfen ist« (eb. 380). Wie furchtbar aber diese Krankheit wüthete,
+geht aus den Zahlen hervor, welche Torquemada für die beiden Epidemien
+1545 und 1576 angibt: 1545 sollen 800,000, 1576 zwei Millionen Indianer
+gestorben sein (Humboldt a 1, 97). Mag auch Humboldt, obgleich er sich
+verwahrt, Torquemadas Glaubwürdigkeit anzuzweifeln, Recht haben--und er
+hat es gewiss--dass diese Zahlen nur auf ungefährer und ungenauer,
+vielleicht übertriebener Schätzung beruhen: auch wenn wir die Ziffern
+halbiren, welch furchtbarer Verlust an Menschenleben bleibt immer noch!
+Humboldt meint (a.a.O.), dass auch diese Krankheit sich alle hundert
+Jahre einmal zeige: da er aber 4, 379 die Jahre 1545, 1576, 1736, 1761
+und 1762 als Jahre, worin die Krankheit wüthete, aufstellt, so ist, wenn
+anders die Periodicität dieser Krankheit richtig ist, ihr Erscheinen in
+den einzelnen Jahren dann auf Stämme und Landschaften eingeschränkt,
+welche sie früher nicht hatten.
+
+Einen Hauptgrund für die furchtbare Wirksamkeit solcher eingeschleppter
+Krankheiten, auf den wir später zurückkommen, führt Humboldt an, wenn er
+a 4, 410-11 sagt: »Die Niedergeschlagenheit des Geistes und die Furcht
+vermehren natürlich die Prädisposition der Organe, um die Miasmen
+aufzunehmen; daher es kein Wunder ist, wenn solche Epidemien namentlich
+dann besonders heftig sind, wenn sie von siegreichen Eroberern
+eingeschleppt werden.«
+
+
+
+
+§4. Behandlung der Kranken bei den Naturvölkern.
+
+
+Alle diese Krankheiten nun, welche den Naturvölkern durch die eigene
+Natur derselben gefährlich genug waren, wurden es noch mehr durch die
+ganz verkehrte Art, mit der jene Völker Krankheiten behandelten. Die
+Syphilis ward dadurch so gefährlich in Polynesien, dass man sich theils
+gar nicht um sie kümmerte, theils aber, wenn man es that, das Uebel nur
+vermehrte. So glaubte man in dem berauschenden Kavatrank, der aus den
+Wurzeln des Piper methysticum bereitet wird, ein Mittel gegen sie
+gefunden zu haben, und es konnte doch nichts Gefährlicheres angewendet
+werden, als bei dieser Krankheit dieses Mittel, das denn auch nicht
+verfehlte, die Wirkungen der Seuche erst recht schlimm zu machen
+(Mörenhout 2, 405). In Amerika wendete man gegen die Blattern
+vornehmlich Dampfbäder mit unmittelbar folgenden kalten Abwaschungen an
+und in Neuholland und Polynesien ausserdem noch andere und noch
+thörichtere Mittel; natürlich wurde schon durch diese Kuren die
+Krankheit fast immer tödtlich. Dass sich aber diese Völker bei neuen
+unerhörten Krankheiten nicht zu helfen wussten, wird uns nicht Wunder
+nehmen, wenn wir sehen, wie sie sich Kranken gegenüber für gewöhnlich zu
+benehmen pflegen.
+
+Die Neuholländer haben für ihre Kranken nur eine Ceremonie der Priester,
+welche den bösen Geist, der im Kranken sitzt, oder den Zauber, der ihn
+krank macht, beschwört, indem er unter allerlei Faxen einen Stein, meist
+ein glänzendes Stück Quarz, aus dem Kranken zieht und damit ihn vom
+Zauber, der in jenen Stein eingeschlossen ist, befreit (Grey 2, 337). Da
+nun jede Krankheit auf Bezauberung beruht und zwar häufig auf Entziehung
+der Seele, welche im Nierenfett ihren Sitz hat (Howitt 189), so wurde in
+einigen Gegenden der Kranke mit dem Nierenfett dessen, den man für den
+versteckten Mörder hielt und dem man es oft noch lebend ausschneidet
+(Angas 1, 123), bestrichen: oder man versucht die Krankheit aus dem
+betreffenden Glied auszusaugen, durch Aderlass zu entfernen, den bösen
+Geist, indem man den Kranken knetet, schlägt, tritt und sonst
+misshandelt, zu verjagen u. dergl. mehr. Geschickter sind die
+Neuholländer im Behandeln äusserer Verletzungen; auch haben sie manche
+rationelle Mittel gegen den Biss giftiger Schlangen (Brehm Thierleben 5,
+262).
+
+So ziemlich dasselbe Bild wird nun von der Heilkunst aller Naturvölker
+zu entwerfen sein. Auf den Fidschiinseln werden schwer Kranke schon als
+todt betrachtet, aufgeputzt und ausgestellt (Williams und Calvert 183);
+Rücksicht nimmt man auf sie durchaus nicht, hat vielmehr, da man sie für
+böswillig hält und glaubt, dass sie die Gesunden nur absichtlich
+quälten, nicht das mindeste Mitleid mit ihnen (eb. 188). Ebenso sonst in
+Melanesien. Sehr gewöhnlich werden Kranke ohne weiteres erschlagen, oder
+ausgesetzt, z.B. auf der Fichteninsel (Cheyne 88). Auf Vate (neue
+Hebriden) tödtet man phantasirende Kranke sogleich, damit sie nicht
+Andere anstecken können (Turner 444); man begräbt sie und andere
+schwerer Erkrankte lebendig (450). Ebenso machen es die Ajetas der
+Philippinen, eine Negritobevölkerung der Gebirge Luzons mit
+Schwerkranken (de la Gironière Aventures d'un gentilhomme Breton aux
+îles Philippines 325). In andern Gegenden Melanesiens (auf den kleinen
+Inseln bei Neu-Guinea) setzen sich die Kranken ans Meeresufer und
+essen, was sie können, da nicht mehr essende Kranke sofort getödtet
+werden. Kranke Glieder schnüren sie ein, um den Dämon, der die Krankheit
+verursacht, zu fangen (Reina in Zeitschr. 4, 360). Denn auch hier gilt
+alle Krankheit für Behexung (Turner 18-19), obwohl auch die Melanesier
+Aderlass und derartige Mittel kennen (eb. 92). Auch in Mikronesien
+tödtete man entweder die Kranken (indem man sie in einem lecken Schiff
+ins Meer stiess, Hale 80) oder man wandte, um sie zu curiren, Zauberei
+an, so auch auf den Marianen (le Gobien 47).
+
+Und nicht anders in Polynesien. Auch hier wurden sie oft ermordet, oder
+doch ganz gleichgültig behandelt, wo denn jeder Kranke für sich sorgte,
+so gut es ging, d.h. in den Wald oder die Einsamkeit ging und entweder
+gesund oder gar nicht wieder zurückkehrte. In Nukuhiva hielt man
+Schwerkranken Mund und Nase zu, um den Geist festzuhalten (Mathias
+_G***_, 115); ebenso in Südamerika bei den Moxos (Waitz 3, 538; b 151).
+In Tonga bestand die Behandlung der Kranken fast nur darin, dass man sie
+von einem Tempel zum andern schleppte, um die Priester und Götter für
+sie anzuflehen; je kränker Jemand ist, je weiter schleppt man ihn--und
+führt seinen Tod natürlicherweise gerade dadurch herbei (Mariner 1, 110;
+362 ff. u. sonst). Oder man opferte wie in Tahiti und sonst in
+Polynesien, Kinder oder Sklaven, um das Leben eines Vornehmeren zu
+erhalten. Doch waren die Tonganer als Chirurgen nicht ungeschickt und
+sie wagten sich an gefährliche Operationen. Auch war Skarifikation und
+der Gebrauch gewisser Pflanzensäfte in Anwendung (Mariner 2, 267-270).
+So wie bei ihnen, so gilt auch sonst in Polynesien Krankheit als
+Bezauberung, oder als Rache und Strafe der Götter: in Neu-Seeland
+(Dieffenb. 2, 59 ff.); in Tahiti (Bratring 181-82, Mörenh. 1, 543); in
+Nukuhiva (Math. G. 228); und in Hawaii (Tyermann u. Bennet 1, 129).
+Daher waren auch hier die häufigsten Mittel Opfer und Gebete. Nur auf
+Neu-Seeland scheint man etwas zweckmässiger verfahren zu haben.
+Wenigstens kannten die Eingeborenen die Heilkraft ihrer heissen Quellen
+und wendeten sie für kranke Kinder an (Dieffenb. 1, 246), man gab den
+Kranken leichtere Kost, gebrauchte Dämpfe von Pflanzenaufgüssen
+(Pflanzenaufgüsse kannten auch die Marianer nach le Gobien),
+Einreibungen mit warmen Pflanzensäften u. dergl. (Dieffenb. 2, 41).
+Dampfbäder und darauf unmittelbar folgende kalte Abwaschungen waren
+gleichfalls gebräuchlich (Mörenhout 2, 164) und Kneten der Glieder
+überall verbreitet: in Nukuhiva, in Tahiti, Hawaii u.s.w. In Tahiti
+hielt man jede Krankheit für Wirkung göttlichen Zornes und es galt daher
+für sündlich, Arzeneien zu nehmen (Turnbull 260), gegen die sie auch
+einen unüberwindlichen Abscheu haben (292). Wird ein Eingeborener dieser
+Insel krank, so wird er sofort von allen Angehörigen und Landsleuten
+gemieden: er ist ganz hilflos und auf sich allein angewiesen, ein
+Verfahren, welches sich bitter genug rächt: denn die bei ihnen
+gewöhnlichsten Uebel sind solche, die schon bei geringer Pflege leicht
+heilen, bei Vernachlässigung aber tödtlich werden (Turnbull 260 u. 292).
+Als Chirurgen waren auch sie wie alle Polynesier geschickt (Mörenhout 1,
+161).
+
+In Amerika finden wir so ziemlich dasselbe. Denn auch die Mexikaner,
+obwohl tüchtige Chirurgen und mit mancherlei medizinischen Mitteln
+bekannt, setzten ihre festeste Hoffnung auf abergläubische Mittel (Waitz
+4, 165, 174). Die Californier versuchten durch Anblasen und Aussaugen
+des kranken Gliedes oder dadurch, dass sie andere opferten oder
+verstümmelten, die Krankheit zu heben (Waitz 4, 250). Aussaugen,
+Anblasen, Reiben galt auch auf Haiti als Hauptmittel, so wie denn,
+merkwürdig genug, hier die Aerzte dieselbe Ceremonie anwandten, welche
+die Neuholländer noch jetzt haben: sie zogen dem Kranken einen Stein und
+mit ihm den Anlass aller Krankheiten aus dem Mund. Schwerkranke wurden,
+wie in Mikronesien, ausgesetzt, oder, wie in Nukuhiva erstickt (Waitz 4,
+327). Das Hervorziehen des Steines oder Knochens aus dem Körper des
+Kranken fand sich auf dem brasilianischen Festland unter den Payaguas
+(Azara 269). Auch in Peru war das Heilverfahren, obwohl man einige
+Arzneipflanzen kannte, purgirte und zur Ader liess, fast durchaus auf
+Zauberei begründet (Waitz 4, 463). In Nordamerika nun waren bei fast
+allen den minder kultivirten Völkern die Aerzte ganz und gar Zauberer,
+die Krankheit nur Besessenheit, der böse Geist ward daher, zur Kur,
+ausgesaugt und ausgespieen, oder durch Blasen, Kneten, Schlagen und
+ähnliche Mittel entfernt (Waitz 3, 213-14). Auch in Südamerika ist
+Zauberei, Aussaugen Anblasen u.s.w. Hauptmittel und fast überall der
+Arzt zugleich Zauberer, nur bei den Botokuden nicht, welche nur
+natürliche Mittel, Reiben, Kneten, Urtikation, auch, aber meist ohne
+Erfolg, innerliche Arzneien anwenden (Tschudi 2, 286-87) und als
+Chirurgen nicht ungeschickt sind. Aber Zauberer waren die Aerzte bei den
+Tupis, den Makusis, deren Heilverfahren, das neben vieler Zauberei auch
+manche wirklich wirksame Mittel kannte, Schomburgk (2, 333) schildert,
+ferner bei den Waraus (eb. 1, 170), den Cariben (2, 427), den
+Araukariern, welche indess neben den Zauberärzten auch noch andere und
+tüchtigere Aerzte hatten (Waitz 3, 519), den Feuerländern (Bouqainville
+130) u.s.w.
+
+Dampfbäder sind sehr allgemein verbreitet und bei fast allen Krankheiten
+angewendet; so bei den Mexikanern und bei den alten Tolteken (Waitz 4,
+270); ebenso in Nordamerika (3, 217) in Südamerika bei den Makusi
+(Schomburgk 2, 333) und sonst.
+
+Nicht anders war im grossen Ganzen, nach Langsdorff, das Heilverfahren
+der Aleuten.
+
+Auch die Hottentotten betrachteten alle Krankheiten als Wirkungen von
+Zauberei und bösen Geistern, und behandeln sie darnach, durch
+Beschwörung u. dergl., doch wendet der Zauberer oder die Zauberin dabei
+auch andere, innerliche und äusserliche Heilmittel an. Wunderbarer Weise
+findet sich denn auch hier, wie auf den Antillen, jener sonderbare
+neuholländische Gebrauch wieder, einen Stein--hier einen Knochen--unter
+mancherlei Ceremonien aus dem Leibe (Mund, Ohr, Rücken u.s.w.) des
+Kranken, der ihm eingehext und der Sitz der Krankheit sei,
+hervorzuziehen, damit jener genese (Sparmann 197-98). Ihre Giftärzte
+sollen freilich sehr ausgezeichnete Mittel gegen Schlangenbiss haben,
+und die Colonisten haben, was sie von Heilpflanzen der südafrikanischen
+Flora kennen, erst von den Eingeborenen gelernt (Waitz 2, 344). Allein
+Schwerkranke, Alte und Hülflose setzen die Hottentotten häufig aus
+(Sparmann 320); Sterbende schüttelt und stösst man, gewiss um den Dämon
+der Krankheit zu verscheuchen, überhäuft ihn mit Vorwürfen, dass er die
+Verwandten durch seinen Tod betrübe, bittet ihn zu bleiben u.s.w.
+(Sparmann 273).
+
+Die Zauberer aber gerathen sehr häufig, wenn ihre Kur nicht anschlägt,
+in Gefahr, von den erbitterten Angehörigen arg gemisshandelt oder
+getödtet zu werden. Für Amerika bringt Waitz und die angeführten Autoren
+eine Menge Beispiele bei: für Afrika genüge eins, welches bei Sparmann
+198 erwähnt wird: ein Fürst, der an schlimmen Augen litt und von den
+Zauberern nicht geheilt werden konnte, liess diese alle umbringen, weil
+er glaubte, dass einer von ihnen, der ihm feindlich gesinnt sei, seine
+Heilung verhüte. Denn jeder unglückliche Ausgang einer Krankheit gilt
+als bewirkt durch stärkeren Zauber, hier und in Amerika und Polynesien.
+
+
+
+
+§ 5. Geringe Sorgfalt der Naturvölker für ihr leibliches Wohl.
+
+
+Indess, da ja Krankheiten die Naturvölker in ihrem gewöhnlichen Zustand
+nur wenig plagen, so möchte alles dies Verkehrte, und wenn es manchem
+Kranken den Tod brachte, doch nicht allzuviel für ihr Hinschwinden
+bewirkt haben; viel gefährlicher ist die geringe Sorge, welche fast alle
+Naturvölker auf ihre leibliche Pflege verwenden und verwenden können.
+Freilich sind sie abgehärtet gegen Vieles durch eigene Gewöhnung und,
+wodurch diese erst in so hohem Grade ermöglicht wird, durch Vererbung;
+und so fühlen sich auch noch die Feuerländer, nach Darwin die elendesten
+und niedersten Menschen, in ihrem entsetzlichen Klima, ohne rechtes
+Obdach, auf dem nassen Boden schlafend, nackt, nur kümmerliche Nahrung
+und diese nur mit Mühe findend, nach ihrer Art wohl und begehren nichts
+Besseres (Darwin 1, 230). Die Eskimos sind an ihre Schneewüsten, die
+Neuholländer an ihre unfruchtbaren Steppen, die ihre wandernde Lebensart
+bedingen, die neuholländischen Weiber an ein Leben voll Last und Mühe,
+an die schrecklichste Behandlung gewöhnt, so weit menschliche Natur sich
+gewöhnen kann. Trotz aller Gewöhnung aber hängt es mit der Lebensart der
+Naturvölker zusammen, dass sie, auch bei der ersten Bekanntschaft mit
+den Europäern, bisweilen selbst wenn sie schon eine gewisse Halbkultur
+erlangt hatten, verhältnissmässig so geringe Bevölkerungsziffern
+aufweisen; sie leben eben so, dass die menschliche Natur nicht anders
+als kümmerlich gedeiht--wenn auch die einzelnen Individuen oft ganz
+besonders stark erscheinen. Es ist ja aber gerade ein oft wiederholter
+Ausspruch, die Naturvölker seien deshalb körperlich so kräftig, weil
+alle schwächlichen Kinder ohne weiteres erlägen; so z.B. Humboldt b 2,
+189.
+
+Nicht bloss schwächliche Kinder erliegen indess; und diese Sterblichkeit
+der Kinder ist das erste, was wir hier zu betrachten haben. Die
+Feuerländer, deren Wohnung nicht den geringsten Schutz bietet (Darwin 1,
+228), setzen ihre Kinder nackt der Wuth ihres Klimas aus (eb. 229). Fast
+alle Indianer in Nord- und Südamerika führen jetzt ein elendes
+Wanderleben; und überall hin werden die Kinder von den Müttern
+mitgeschleppt, auf den rauhesten und weitesten Märschen und oft noch,
+während sie durch aufgelegte Bretter und andere gewaltsame Mittel (um
+ihrem Kopf eine eigenthümliche Gestalt zu geben) in der natürlichen
+Entwickelung gestört sind. Schon bei der Geburt werden viele Kinder
+sterben. Denn überall ist es Sitte, dass das Weib kurz vor der Geburt
+sich in den Wald begiebt, dort allein gebiert, sich selbst die
+Nabelschnur abschneidet und unterbindet, dann sich und das Kind sogleich
+in kaltem Wasser badet und nun zurückkehrt, nicht etwa zur Pflege,
+sondern zur erneuten Arbeit. Dies war der Fall bei den Waraus in Guyana
+(Schomburgk 1, 166), bei den Cariben und Makusi (eb. 2, 315, 431); und
+in Nordamerika sehr vielfach (Waitz b, 98). Die Nahrung aber, welche ein
+Kind nach und neben der Muttermilch bekommt, ist oft schon an und für
+sich schädlich und ungesund. Grosse Sterblichkeit herrscht noch unter
+den Kindern des heutigen Mexiko in Folge verkehrter Diät (Waiz 4, 196).
+Die Nahrung wird ihnen auch noch beschränkt durch die eigenthümliche
+Sitte, neben den Kindern Thiere, Affen, Beutelratten u.s.w. zu säugen,
+was die Makusi, die Waraus, die Cariben und verschiedene andere Völker
+thun (Schomburgk 2, 315. 1, 167). Von der schlechten Wartung der Kinder,
+wenn sie krank sind, spricht Humboldt b. 4, 224 und der Schmutz, in
+welchem sie aufwachsen, und von denen Schomburgk aus Guyana
+Abschreckendes erzählt, kann auch keinen guten Einfluss haben. Und doch
+lieben die Amerikaner in Nord-und Südamerika ihre Kinder aufs innigste.
+
+In Tahiti nehmen die Frauen unmittelbar nach der Geburt sofort
+Dampfbäder mit kalten Abwaschungen (Wilson 461), in Neuseeland
+gleichfalls, wo die Kinder, wie in Tahiti, ganz nackt bleiben und eher
+schwimmen als laufen können (Dieffenbach 2, 24-25, Ellis 1, 261 und
+Mörenh. 2, 61); und ebenso auf Nukuhiva (Melville 2, 191).
+Hautkrankheiten, und zwar sehr bösartige der Kinder (jaws, framboesia)
+werden öfters erwähnt, z.B. in Tonga, wo die Kinder gut gepflegt und
+sonst sehr gesund sind (Mariner 2, 179) und in Ponapi (Cheyne 122).
+Grosse Sterblichkeit herrscht aber unter den Kindern wegen Mangel an
+Pflege und Wartung in Hawaii (Virgin 1, 268) und ebenso in Tahiti
+(Bennett 1, 148). Ellis sagt, dass die tahitischen Kinder, obwohl dem
+Aussehen nach dick und gesund, doch bis zu einem Alter etwa von 12
+Monaten sehr zart und hinfällig wären (1, 260). Formation des Schädels
+durch Platt- und Hochdrücken war in Tahiti sehr häufig 1, 261. Auch auf
+Mikronesien ist die Wartung der Kinder schlecht. Auf Tobi (Lord North,
+äusserstes Süd-Westende Mikronesiens) erhalten die Kinder sofort nach
+der Geburt ganz gleiche Speise wie die Erwachsenen (Pickaring, Memoir of
+the Language and Inhabitants of Lord Norths Isl. 1845; 228), und ebenso
+auf Ratak Kokosmilch und Pisang, den ihnen die Mutter vorkaut;
+schädlicher aber als diese Nahrung ist ihnen die Unregelmässigkeit, mit
+der sie überhaupt etwas bekommen (Gulick 180-181), daher denn auch hier
+die Sterblichkeit unter ihnen gross ist. Auch in Polynesien säugen die
+Weiber gern Thiere auf neben den Kindern, wie z.B. die Hawaierinnen nach
+Remy XLII Hunde und Schweine.
+
+In Melanosien ist es nicht besser: die Kinder werden nicht gepflegt und
+müssen von der Geburt an das Leben der Alten mitmachen. In einigen
+Gegenden Neu-Guineas (Finsch 103) wird der Gebärenden fortwährend kaltes
+Wasser über den Kopf gegossen, ist aber das Kind geboren, Mutter und
+Kind sofort kalt gebadet und dann einer möglichst starken Hitze neben
+einem lodernden Feuer ausgesetzt, und so abwechselnd weiter. Je heisser
+und länger Mutter und Kind diese Höllenkur vertragen, für desto gesünder
+gelten beide. In einer anderen Gegend hatte eine Frau ein unlängst erst
+geborenes Kind auf den heissen Sand gelegt und arbeitete in der Nähe;
+als Fremde kamen, grub sie es ohne weiteres bis an den Hals in den Sand
+und arbeitete fort (eb. 63).
+
+Fast nirgends aber sterben mehr Kinder als in Neuholland: von vieren
+wird kaum mehr als eins drei Jahre alt (Turnbull 43), was sich aus der
+Behandlung, die ihnen zu Theil wird, und die nur ausserordentlich starke
+Kinder überstehen, erklärt. Kaum geboren wird das Kind in ein
+Opossumfell gewickelt, überall mit hingeschleppt und meist im höchsten
+Grade nachlässig behandelt, dem Feuer zu nahe gelegt und dergl. (Grey
+2, 250-251). Dies Wandern führt auch Darwin (2, 213) als Grund der
+Sterblichkeit unter den Kindern an, und es ist beachtenswerth, was er
+zusetzt: »Wie die Schwierigkeit, sagt er, sich Nahrung zu verschaffen,
+wächst, so wächst ihre wandernde Lebensweise und darum wird die
+Bevölkerung ohne eigentlichen Hungerstod auf eine so ausnehmend
+gewaltsame Weise zurückgehalten, im Vergleich mit civilisirten Ländern,
+wo der Vater seine Arbeit mehren kann, ohne den Sprössling zu
+vernichten«. Dazu wird ihnen auch noch die Nahrung dadurch verkürzt,
+dass auch hier die Weiber vielfach junge Thiere, Hunde, säugen (Grey 2,
+279) und gewiss oft nur aus Noth: denn ein Hund ist jetzt um so mehr,
+als die Jagdthiere immer scheuer und seltener werden, ein grosser Schatz
+für den jagenden Eingeborenen und die Nahrung für die jungen Thiere ist
+gewiss oft genug selten.
+
+Kurz aber mit allem Nachdruck müssen wir hier erwähnen, dass auch das
+Tattuiren, was in ganz Polynesien häufig betrieben wird, häufig den Tod
+nach sich zieht (Ellis 1, 266); und da man nur eben heranwachsende
+dieser Operation unterwirft, so wird der Jugend auch durch sie ein nicht
+zu unterschätzender Abbruch gethan.
+
+Wichtiger freilich, weil eine Sache von grösstem Einfluss auf das
+leibliche Gedeihen der Naturvölker, ist die oft über alle Begriffe
+schlechte Behandlung der Weiber. So vor allen Dingen in Neuholland. Die
+armen Weiber müssen, schwanger oder nicht, mit allem Gepäck und oft noch
+mit 1-2 Kindern beladen, dem Manne, der nur das Jagdgeräth trägt,
+folgen; sie müssen, kaum angekommen, alle Arbeit für den Haushalt
+besorgen, die Hütte aufschlagen, Feuer machen, Wurzeln, Muscheln erst
+suchen, dann kochen, für den Mann, die Kinder alles Nöthige bereiten,
+und dann, wenn sie bei alle dem oft aufs brutalste behandelt sind, dem
+Manne Nachts geschlechtlich zu Willen sein. Die beste Nahrung, die sie
+finden, ist für den Mann und ihre Söhne; sie dürfen erst essen, was
+diese übrig lassen und wenn sie fertig sind. So ist ihr Loos Tag für
+Tag: denn von dem, was sie noch ausser diesem gewöhnlichen Elend
+besonderes Schlimmes trifft (z.B. die Art, wie sie von den Männern zur
+Ehe geraubt werden), brauchen wir hier nicht zu reden. Ein wichtiger
+Umstand ist ferner, dass ihre Pubertät schon mit 11 oder 12 Jahren
+beginnt und sie schon mit diesen Jahren verheirathet werden. Nimmt man
+zu alle dem nun noch hinzu, dass sie ihre Kinder sehr lange säugen, oft
+bis 3 Jahre (Grey 2, 248-250) ja länger (4-6 Jahre nach Salvado 311), so
+wird man sich nicht wundern, dass die Lebensdauer dieser Unglücklichen,
+die nichts desto weniger oft ganz fröhlich sind und ihren Männern mit
+Liebe anhangen, nicht allzulang ist und dass es weniger Weiber als
+Männer gibt, im Verhältniss wie 1:3 nach Grey, nach anderen wie 2:3--ein
+Umstand indess, der wahrscheinlich mit bedingt ist durch die Sitte,
+neugeborene Mädchen umzubringen, von der wir später reden müssen.
+
+Und in Amerika ist es nicht besser. »Entbehrung und Leiden, sagt
+Humboldt b 2, 192, sind bei den Chaymas, wie bei allen halbbarbarischen
+Völkern, das Loos des Weibes. Wenn wir die Chaymas Abends aus ihren
+Gärten heimkommen sahen, trug der Mann nichts als ein Messer, mit dem er
+sich einen Weg durchs Gesträuch bahnt. Das Weib ging gebückt unter einer
+gewaltigen Last Bananen und trug ein Kind auf dem Arm und zwei andere
+sassen nicht selten oben auf dem Bündel«. Auch die Botokudinnen müssen,
+wie ihre Leidensgenossinnen in Neuholland, alle Arbeit thun, alles
+Gepäck schleppen und sich dann noch von ihren Männern aufs roheste
+misshandeln lassen (Tschudi 2, 284). Dasselbe erzählt Schomburgk von den
+Bewohnern Guyanas (2, 313; 1, 122 ff.) und mit einem schauderhaften
+Beispiel von roher Misshandlung von den Cariben (2, 428). Noch härter
+ist das Loos der Weiber in Nordamerika, wo sie auch die Feldarbeit thun
+müssen (Humboldt b 2, 293) und noch roher misshandelt werden (Waitz b,
+98). Mrs. Eastmann, welche längere Zeit selbst mit den Dakotas gelebt
+hat und daher diese Völker genau kennt, hat wohl Recht, wenn sie (bei
+Waitz b, 98; 3, 100) sagt: »Die Arbeit des Weibes wird nie fertig. Sie
+macht das Sommer- und Winterhaus. Für jenes schält sie im Frühling die
+Rinde von den Bäumen, für dieses näht sie die Rehfelle zusammen. Sie
+gerbt die Häute, aus denen Röcke, Schuhe und Gamaschen für ihre Familie
+gemacht werden und muss sie abschaben und zubereiten, während noch
+andere Sorgen auf ihr lasten. Wenn ihr Kind geboren ist, kann sie sich
+nicht ruhen und pflegen. Sie muss für ihren Mann das Rudern des Kahnes
+übernehmen, Schmerz und Schwäche wollen dabei vergessen sein. Immer ist
+sie gastlich. Geh zu ihr in ihr Zelt, sie gibt dir gern, was du
+brauchst, wenn es nur in ihrer Macht steht, und thut bereitwillig, was
+sie kann, um es dir bequem zu machen. In ihrem Blick ist wenig
+Anziehendes. Die Zeit war es nicht, die ihre Stirn gerunzelt und ihre
+Wange gefurcht hat. Mangel, Leidenschaft, Sorgen und Thränen haben es
+gethan. Ihre gebückte Gestalt war einst anmuthig, Mangel und Entbehrung
+erhalten die Schönheit schlecht«. So kommt es vor, dass Mädchen von
+ihren Eltern getödtet werden, um sie dem elenden Loos, das ihrer wartet,
+zu entziehen; und dass Weiber sich selbst umbringen, weil sie die Bürde
+ihres Lebens und Leidens nicht mehr zu tragen vermögen (Waitz 3, 103).
+Nur bei einigen wenigen Völkern war das Loos der Weiber etwas besser
+(Waitz 3, 181). Die Speisen des Mannes durften die Weiber nicht theilen,
+ja oft nicht einmal mit den Männern zusammen essen (Schomburgk 2, 428),
+eine Sitte, die auch überall in Ozeanien herrscht und ihren letzten
+Grund in religiösen Anschauungen hat. Doch waren durch sie den Weibern
+meist die wirklich guten und nahrhaften Lebensmittel untersagt, was bei
+ihren schweren Arbeiten von doppeltem Gewichte war. In Poly- und
+Mikronesien (in Melanesien herrschten Sitten, die den australischen
+näher kommen und Fidschi steht zwischen beiden) war die Stellung der
+Weiber nicht schlecht; allerdings waren sie meist von der Gesellschaft
+und den Genüssen der Männer ausgeschlossen, doch empfanden sie dies
+sowie die Prostitution, zu der sie verurtheilt waren, nicht, weil es die
+Sitte nun einmal mit sich brachte und man sie sonst als
+Freudenspenderinnen ehrte. Wirklich schlecht scheinen sie nur in der
+Paumotugruppe behandelt zu sein, von wo und zwar von Mangareva Mörenhout
+2, 71 schreckliche Beispiele äusserster Bedrückung und grausamster
+Misshandlung erzählt. Während an den meisten Orten den Weibern so gut
+wie gar keine oder nur weibliche Arbeit, Zeugbereiten und dergl.
+obliegt, wie in Tonga, in Tahiti, in Nukuhiva (Melville 2, 147); so
+müssen sie in andern Inseln fast alle Arbeit thun, wie in Neuseeland
+(Dieffenb. 2, 12). Frühreife der Weiber ist in Polynesien sehr
+gewöhnlich. Auf Neuseeland tritt die Pubertät früher als bei uns, doch
+später als in Südeuropa ein (Dieffenb. 2, 33) nach Browne 38 sind sie
+schon mit dem 11. Jahre heirathsfähig und früher coitus ist auf der
+ganzen Insel gewöhnlich (Dieffenb. 2, 12). Aehnlich fand es Cook auf
+Tahiti (b, 126-127). Dass sich 11jährige Mädchen den Fremden anbieten,
+ist gar nicht selten; es soll auch noch jüngere geben, die es thun. Die
+Geschlechtsentwickelung auf den Fidschiinseln fällt später: für die
+Mädchen ins 14., für Knaben ins 17. oder 18. Jahr (Wilkes bei Waitz 1,
+126). Auch in Amerika reifen die Weiber sehr früh (Azara an vielen
+Stellen). Schomburgk (1, 123) sah unter den Waraus in Guyana eine Frau
+von kaum 10 Jahren, die dennoch hochschwanger war. Humboldt der b 2, 188
+sagt, dass die Chaymasweiber mit 11-12 Jahren sich verheiratheten,
+erzählt dasselbe von den Eskimos der Nordwestküste von Amerika, den
+Koriäken und den Kamtschadalen (190), bei denen häufig 10jährige Mädchen
+Mütter sind. Er meint zwar, dass diese frühzeitigen Heirathen der
+Bevölkerung nichts schadeten: jedenfalls aber hängt das frühzeitige
+Verblühen der Weiber (Waitz b, 99; Tschudi 2, 298; Schoinburgk sagt in
+Beziehung auf Guyana dasselbe) mit dieser Frühreife zusammen. Doch gibt
+es Stämme in Nordamerika, wo die Geschlechtsreife viel später eintritt
+(Waitz 1, 125) Thunberg sah bei den Hottentotten hinwiederum Mädchen von
+11-12 Jahren, welche schon Kinder hatten (25-26[C]).
+
+Zu dieser frühen Entwickelung kommt nun ein sehr langes Säugen. Wie in
+Neuholland die Weiber--und in Polynesien ist es ebenso, nach Dieffenbach
+a.a.O. und anderen--so säugen auch die Amerikanerinnen ihre Kinder
+öfters bis ins 12. Jahr und dies Säugen wird, wenn die Mutter
+mittlerweile durch ein 2. Kind beansprucht wird, von der Grossmutter
+fortgesetzt! Die Indianerinnen behaupten, im Besitz eines Mittels zu
+sein, welches ihnen länger und unerschöpflicher die Milch erhalte
+(Schomburgk 2, 239. 315).
+
+Muss eine solche Lebensart, welche auch bei den Hottentotten um nichts
+besser und nur in Nebendingen anders ist, die Weiber frühzeitig welken
+lassen und dahinraffen, so ist die Lebensweise der Männer vielfach auch
+vollkommen aufreibend durch das Uebermass von Anstrengungen, was sie mit
+sich bringt. Man denke auch nur, was es heissen will, Tag für Tag, bei
+oft ganz ungenügender oder durch ihre zu reichliche Fülle schädlicher
+Nahrung, fortwährend umherzuziehen, über endlose Strecken dem Wild nach,
+in den Anstrengungen der Jagd oder des Krieges und dabei allen Unbilden
+des Klimas, des Wetters ausgesetzt! Daher finden wir nirgends in
+Neuholland oder dem Feuerland oder unter den Wanderstämmen Amerikas ein
+so hohes Alter unter den Einzelnen als es Chamisso auf den Ratakinseln
+und San Vitores (nach le Gobien 47) auf den Marianen fand, wo 100jährige
+Greise nicht selten waren, während Grey schon 70 Jahre als hohes Alter
+unter den Neuholländern betrachtet (2, 247-248), aber gleich hinzusetzt,
+dass bei der grossen Sterblichkeit der Kinder, die mittlere Lebensdauer
+bei ihnen viel geringer als in Europa ist. Nach Azara freilich erreichen
+die brasilianischen Stämme ein sehr hohes Alter: er will unter den
+Payaguas mehrere Männer gesehen haben, die zum wenigsten 120 Jahre alt
+waren (270; vgl. 173). Die Polynesier, überhaupt die Bewohner kleiner
+und meist genügend fruchtbarer Inseln, so bedenklich ein solcher Wohnort
+nach anderen Seiten sein mag, sind in dieser Beziehung besser gestellt,
+da schon die Oertlichkeit ihrer Heimath solche übermässige Anstrengung
+verhütet; die langen und dünnen Gliedmaassen, die vorhängenden Bäuche,
+die verkommene Gestalt aber der Neuholländer ist zweifelsohne nicht
+Raçencharakter (an einem anderen Ort gedenke ich den Nachweis zu führen,
+dass die letzteren gleichfalls ein Zweig des malaiopolynesischen Stammes
+sind), sondern durch die mühselige Lebensart, das ewige Wandern, die
+Unregelmässigkeit der Nahrung hervorgebracht. Und natürlich steigert
+sich alle diese Noth durch die Ausbreitung der Europäer, durch welche
+die Jagdthiere der Naturvölker sehr rasch zusammenschmelzen; ja sie
+steigert sich durch sich selbst und ihre eigene lange Dauer, da die
+Thiere, stets verfolgt, dadurch immer scheuer, die Jagd immer
+schwieriger wird, wie von Tschudi 2, 279 von Südamerika bezeugt. Auch
+werde, um nichts zu übergehen, wenigstens beiläufig an das erinnert, was
+Tschudi eb. 290 sagt, dass mangelnde Jagdbeute die Völker nöthigt, ihre
+Jagdzüge weiter auszudehnen und das Gebiet anderer Horden zu verletzen;
+dass diese ihr Gebiet vertheidigen und sich so oft sehr bedeutende
+Kämpfe um die Existenz entwickeln. Auf beschränktem Terrain war
+Ausrottung der Jagdthiere bisweilen nothwendige Folge auch der
+vorsichtigsten Jagd; so in Neuseeland, wo die grossen Jagdvögel, die
+Moas (Dinornis, Apteryx), nach und nach ausgerottet sind von den
+Eingeborenen selbst, die ersteren ganz, die letzteren wenigstens zum
+grössten Theil, und zwar ohne Schuld der Maoris: die Vögel vermehrten
+sich langsam und wurden bei ihrer Unbehülflichkeit und dem nicht sehr
+günstigen Terrain leicht die Beute der Jäger. So starben sie aus, ohne
+dass man jenen ein blindes Wüthen gegen die Jagdthiere vorwerfen dürfte.
+
+Betraf dies nun ihre Lebensart im Allgemeinen, so müssen wir nun noch
+von einzelnen Punkten speziell reden. Zunächst die Nahrung, in deren
+Auswahl und Aufbewahrung fast alle Naturvölker wenig Sorgfalt zeigen.
+Sie dürfen auch, da die Natur von selbst, auch in den Tropen, nicht zu
+jeder Zeit und nicht allzubereitwillig das Nöthige bildet, nicht allzu
+wählerisch sein. So essen denn z.B. die Botokuden eigentlich Alles,
+ausser geniessbaren Thieren auch Füchse, Aasgeier, Mäuse, Schlangen,
+Eidechsen, Kröten, Fledermäuse, Insektenlarven, Würmer, ungeputzte
+Eingeweide (Tschudi 2, 279. 298) und dergl. In Guyana graben die Kinder
+18 Zoll lange Skolopender aus der Erde und--fressen sie lebendig (Voigt
+Zoologie V, 420 nach Humboldt). Das Erdeessen der Otomaken hält
+Humboldt, der es b 6, 102 ff. mit Herbeiziehung alles Analogen bei
+anderen Völkern bespricht, zwar nicht für schädlich, nützlich aber ist
+es auch nicht, sondern nur hungervertreibend. Auch in Australien (Grey
+2, 263-264) findet es sich; doch wird hier die Erde mit einer geriebenen
+Wurzel gemischt.
+
+In Australien ist zwar nach Grey 2, 259-261 der Nahrungsmangel nicht so
+gross, als man gewöhnlich annimmt und vieles was uns nur aus äusserstem
+Elend gewählt scheint, ist ihnen eine willkommene Leckerei; indess sagt
+Grey doch selbst, 261 ff., dass jede Gegend des Continents ihre
+besondere Nahrung habe, die man aber erst kennen und aufsuchen müsse.
+Und das scheint keine leichte Sache, wenigstens war er selbst, obwohl
+von einem nicht unbefähigten Eingeborenen begleitet, auf seinem
+unfreiwilligen Zug die Westküste des Kontinentes entlang in der
+äussersten Lebensgefahr durch Hunger. Ein fauler Walfisch ist den
+Neuholländern, während sie sonst sehr ekel gegen angegangenes Fleisch
+sind, grösster Genuss und je stinkender die Speise, desto willkommener
+wird sie, wie auch die Thakallis, ein Stamm der Athapasken in
+Nordamerika, faules Fleisch vorzüglich gern essen (Waitz b, 90). Und wie
+nun diese Völker essen! »Die Botokuden geniessen die meisten
+Nahrungsmittel, besonders das Fleisch in halbgarem Zustande. Es wird
+über das Feuer gehalten, bis die äussersten Schichten etwas angebrannt
+sind und dann verzehrt. Die Gefrässigkeit dieser Indianer ist fast
+sprichwörtlich geworden.----Wenn ein glücklicher Jagdzug reichliche
+Beute gewährt, so wird sie gierig verzehrt und da das Fleisch rasch in
+Fäulniss übergeht, um ja nichts zu verlieren, der Magen so lange
+vollgestopft, als eine physische Möglichkeit dazu vorhanden ist. Dann
+folgt eine lange behäbige Verdauungsruhe und dieser oft wochenlang
+äusserst spärliche Mahlzeiten. Völker und Individuen, die
+ausschliesslich auf Fleischnahrung angewiesen sind, haben eine rasche
+Verdauung und es äussert sich bei ihnen Heisshunger viel heftiger als
+bei jenen, die an eine vegetabilische oder gemischte Nahrung gewöhnt
+sind. Sie können sich aber auch mit einer sehr geringen Quantität ihrer
+gewohnten Fleischnahrung lange kräftig erhalten, leiden dabei aber stets
+an Hunger. Bei jeder sich darbietenden Gelegenheit suchen die Botokuden
+ihren steten Hunger durch übermenschliches Fressen zu stillen und
+verschlingen mit der Gier eines Raubthieres die ekelhaftesten
+Gegenstände ohne Wahl mit gleichem Heisshunger«. Was Tschudi (2,
+278-279) uns so von den Botokuden erzählt, das kann mit denselben Worten
+von allen Naturvölkern Amerikas, von den Feuerländern bis zu den
+Eskimos, das kann von den Hottentotten, von denen es allwärts bekannt
+ist (von den Buschmännern bezeugt es z.B. Lichtenstein 2, 355), und
+trotz ihrer mehr gemischten Nahrung von den Neuholländern, den meisten
+Melanesiern, und auch, obwohl bei diesen meist die vegetabilische
+Nahrung vorwiegt, von vielen Polynesiern gesagt werden, von den roheren
+gewiss, doch zu Zeiten auch von den cultivirteren, wenigstens
+übersteigt die Masse der bei Festlichkeiten verschlungenen Lebensmittel
+alle europäischen Begriffe bei weitem. Ja es kam vor, dass man bei
+grossen Vorräthen, wie einst die hochcivilisirten Römer, Brechmittel
+nahm, um mit frischen Kräften weiter essen zu können (Waitz 3, 82, vom
+südl. Nordamerika). Zwiefach gefährlich ist eine solche Lebensart,
+einmal, weil sie dem menschlichen Organismus gewiss nicht entsprechend
+und also schädlich ist; und zweitens weil sie, da man alles was die
+Gegenwart bietet aufzehrt und in sich stopft, Vorräthe zu sammeln aber
+etwas ganz Ungewohntes ist, für die Zukunft, für welche Naturvölker nur
+in den seltensten Fällen und auch dann meist sehr unvollkommen sorgen,
+die bedenklichsten Folgen hat. Hungersnoth entsteht in Polynesien nicht
+selten durch gänzliches Aufzehren aller Lebensmittel bei Festlichkeiten,
+obwohl doch die meisten Völker hier Vorräthe sammeln. Uebrigens thun
+dies auch manche Indianerstämme (Waitz b, 91). Man sollte denken, gerade
+die Naturvölker, durch Noth und Erfahrung belehrt, müssten am ersten für
+die Zukunft Sorge zu tragen gelernt haben, allein Waitz, der daran
+erinnert, dass »auch unter den civilisirten Völkern die Individuen und
+die ganzen Classen der Gesellschaft sich um die Zukunft wenig oder gar
+nicht kümmern, denen zur Arbeit jedes andere Motiv fehlt, ausser der
+Sorge für ihren eigenen Lebensunterhalt«, hat sehr richtig b, 84 u. 91
+die psychologischen Gründe entwickelt, warum die kulturlosen Völker nur
+der Gegenwart leben. Die Hauptsache ist, dass sie allzusehr unter der
+Herrschaft der sinnlichen Nerveneindrücke stehen: die Vorstellung,
+welche sie gerade gegenwärtig haben, verdrängt alle anderen aus ihrem
+Bewusstsein, und ist, nach Noth und Entbehrung, die Gegenwart wieder
+gut, so kommt dazu der physische Genuss dieses Wohllebens, dieser Ruhe,
+der die augenblicklichen Vorstellungen mit um so grösserer Macht zu
+alleinherrschenden macht (Waitz 1, 351).
+
+Aber nicht bloss sorglos sind sie um die Zukunft: wie oft zerstören sie
+sich man kann fast sagen die Lebensbedingungen für dieselbe selbst, so
+namentlich auf der Jagd. »Der Jäger, sagt Waitz 1, 350, geräth,
+besonders massenhafter Beute gegenüber, wie der Soldat im heissen
+Kampfe, in eine grenzenlose Wuth, er mordet mit Lust und verwüstet das
+Wild meist in völlig nutzloser Weise, verzehrt davon das Beste und oft
+dieses kaum, wenn es im Ueberfluss sich darbietet. Daher brauchen
+Jägervölker ein ganz unverhältnissmässig grosses Areal und gerathen
+trotzdem oft in Noth, weil ihnen Schonung der Jagdthiere ebenso fremd
+ist, als sparsames Haushalten mit Vorräthen überhaupt. Der hundertste
+Theil des von den Zulus erlegten Wildes, bemerkt Delagorgue, würde zu
+seinem und seiner Begleiter Unterhalt mehr als hinreichend gewesen
+sein.« Die Buschmänner zerstören häufig grössere Jagdbeute aus Missgunst
+und Bosheit: »was sie selbst im Ueberfluss nicht gebrauchen können,
+soll wenigstens keinem anderen zu Gute kommen«, sagt Lichtenstein 2, 565
+von ihnen. Aehnlich berichtet Hearne 120 von den nördlichsten Stämmen
+Nordamerikas, die das Wild schliesslich der Zungen, des Markes, des
+Fettes wegen, aller Gegenvorstellungen zum Trotz, erlegten, die an
+keinem Nest mit Jungen oder Eiern vorübergehen konnten, ohne es zu
+zerstören. Waitz 3, 81 sieht darin nur die Sitte eines gänzlich rohen
+Stammes und sagt, dass, wo diese und ähnliche Sitten jetzt eingerissen
+seien, es in Folge moralischer Gesunkenheit geschehen sei, da sonst
+Sparsamkeit der Charakter der meisten Indianer gewesen sei. Mag
+letzterer Zug ganz richtig sein: die Leidenschaft der Jagd aber, welche
+kein Thier schont, findet sich in Amerika nicht nur bei verkommenen
+Völkern. Sie herrscht in Canada (Waitz 3, 85) und gewiss sonst noch aus
+der abergläubischen Ansicht, dass die fliehenden Thiere die anderen
+warnen und verscheuchen würden. Von Südamerika berichtet Azara 193
+Gleiches. Dasselbe gilt von den Neuholländern.
+
+Und nicht genug, dass sie sich auf diese Weise die Nahrung selbst
+zerstören: sie verbieten sich auch eine Menge Speisen, oft gerade die
+besten, durch religiösen Glauben. Zunächst sind die Frauen fast überall
+in Amerika, Polynesien und Australien, in Neuholland auch die Jünglinge
+und Knaben (Grey 2, 248), von den besten Nahrungsmitteln, die nur den
+erwachsenen, oft nur den greisen Männern erlaubt sind, ausgeschlossen.
+Dann aber gehört das Totem der Indianer hierher, von dem Waitz 3, 119
+sagt: »Der politische Verband des Volkes beruhte in alter Zeit sehr
+allgemein auf einer Eintheilung in Banden oder Geschlechter, deren jedes
+durch ein Thier oder einen Körpertheil, eines Thieres als Marke
+bezeichnet war, z.B. Bär, Büffel, Fischotter, Falke und dergl. Nur ein
+Fisch oder ein Theil eines Fisches konnte diese Marke nicht sein.« Der
+Name dieser Marke, Totem, kommt von den Algonkin. Wahrscheinlich
+(ebend.) hatte das Totem ursprünglich eine religiöse Bedeutung: das
+Thier des Totem war der Schutzgeist der nach ihm benannten Familie,
+wurde von dieser heilig gehalten und _durfte von ihr nicht gejagt_
+werden. Und ebenso verhielt es sich gewiss mit »der Medicin«, die jeder
+Amerikaner hatte, d.h. dem Totem des Einzelnen. Denn zur Zeit der
+beginnenden Mannbarkeit erscheint jedem einzelnen sein Schutzgeist in
+Gestalt eines Thieres, das dann gejagt und dessen Balg stets von dem
+Betreffenden getragen werden muss. Der Verlust der Medicin würde ihm
+tiefste Verachtung und beständiges Unglück zuziehen (Waitz 3, 118-119).
+Ursprünglich durfte gewiss kein Indianer das Thier, das ihm »Medicin«
+Schutzgeist war, verzehren. Die meisten Völker (auch die Aleuten)
+stammten von solchen Thieren ab (Waitz 3, 119. 191) und auch diese waren
+ihnen gewiss ursprünglich heilig, wenn sich auch später diese Verehrung
+in etwas abschwächte. Diese auffallende Sitte, die genauer betrachtet
+gewiss mancherlei merkwürdige Resultate gäbe[D], findet sich ganz
+übereinstimmend bei den Neuholländern, worüber man Grey 2, 225-229
+vergleiche. Jede Familie, oder besser, jeder Stamm, denn die Familien
+sind ausgedehnt wie Stämme, hat ihr »kobong« Pflanze oder Thier, das ihr
+heilig ist, ihr den Namen gibt u.s.w. Wie in Amerika Leute von gleichen
+Totem, so durften in Neuholland Leute desselben Kobongs einander nicht
+heirathen. Kein Neuholländer tödtet sein Kobong, wenn er es schlafend
+findet, auch nie, ohne ihm vorher Gelegenheit zur Flucht zu geben; war
+es eine Pflanze, so durfte es der Betreffende nur zu bestimmten
+Jahreszeiten und unter ganz bestimmten Ceremonien einärnten und
+benutzen[E]. Hierin sehen wir eine Folge der Noth; denn ursprünglich
+durfte das Kobong wohl ebenso wenig gegessen werden, wie das
+amerikanische Totem. Dafür spricht auch die Form, in welcher sich die
+Sitte in Polynesien erhalten hat. Denn in Polynesien gilt es noch jetzt
+an verschiedenen Orten als strenges Gesetz, dass Einzelne einzelne
+Thiere, in welchen ihr Schutzgeist oder der Geist ihrer Ahnen verborgen
+ist, weder tödten noch essen dürfen. So in Mikronesien z.B. auf Ponapi
+(O'Connel bei Hale 84), auf Tikopia (Gaimard bei D'Urville V, 305-307),
+auf den Fidschiinseln (Wilkes 3, 214), wohin die Sitte entweder von
+Polynesien gekommen ist oder sich als malaiisches Ureigenthum, wie wir
+sie auch in Neuholland finden, erhalten hat; so in Hawaii (Remy 165), in
+Tahiti (Mörenhout 1, 451-57). Wir finden auf allen diesen Inseln jetzt
+Gedanken an Seelenwanderung eingemischt; allein man muss bedenken, dass
+der Glaube an die behütende Macht der Seelen der Vorfahren, also an den
+Uebergang der abgeschiedenen Seelen in Schutzgeister der Lebenden in
+Polynesien später vielfach aufgekommen ist.
+
+Auch anderer Aberglaube als dieser entzog bisweilen den Naturvölkern die
+Nahrung, wie z.B. Grey 1, 363-364 erzählt, dass, weil einige Eingeborene
+beim Muschelessen gestorben waren, die Neuholländer, die ihn
+begleiteten, aus Furcht vor Zauberei nicht dahin zu bringen waren,
+selbst durch den äussersten Hunger nicht, dass sie Muscheln assen; und
+Derartiges liesse sich, wenn es für unsern Zweck nicht zu weit führte,
+noch mancherlei sammeln.
+
+Dass nun die engen dumpfigen Wohnungen vieler dieser Völker (es bedarf
+hierzu keiner Belegstellen), worin oft sehr viel Menschen
+zusammengepfercht wohnen und schlafen und die oft von Schmutz und
+Ungeziefer starren, ungesund sind, versteht sich von selbst. Andere
+Stämme (Feuerländer, Australier u.s.w.) haben in ihren Wohnungen fast
+gar keinen Schutz vor dem Wetter; die Buschmänner (Waitz 2, 344) haben
+zu ihren stets wechselnden Schlafstätten Erdlöcher, die sie mit
+Baumzweigen überdecken, Felsspalten und Büsche. Auch auf die meist sehr
+mangelhafte Bekleidung dieser Völker braucht hier bloss hingewiesen zu
+werden. Alles dies, die Art wie sie sich nähren zumeist, ist zwar
+schädlich und bewirkt es, dass nirgend die Naturvölker sehr hohe
+Kopfzahlen aufzuweisen haben; aber alles dies ist auch wiederum nicht
+von solchem Einfluss, dass es das Aussterben dieser Völker allein schon
+erklärte; wir dürfen es nur als sekundäre Ursachen dafür betrachten, als
+solche aber dürfen wir es auch durchaus nicht übergehen oder
+unterschätzen. Wäre dies ihr Leben dem menschlichen Organismus
+zuträglicher, so würden sie auch manches feindliche Schicksal, welchem
+sie so erliegen oder erlegen sind, überwunden haben.
+
+
+
+
+§ 6. Charakter der Naturvölker.
+
+
+Aber nicht bloss diese Fahrlässigkeit in Bezug auf ihr äusseres Leben
+schadet den Naturvölkern: ihr ganzer Charakter, wie er sich im Laufe der
+Jahrtausende entwickelt hat, steht einem kräftigen Gedeihen im Wege und
+so müssen wir auch diesen, wenigstens nach einigen Seiten hin,
+betrachten. Zunächst ist unter ihren geistigen Eigenschaften ihre
+furchtbare Trägheit hervorzuheben, welche z.B. in Mikronesien so weit
+geht, dass man viel zu indolent ist gegen eine fürchterliche Form des
+Aussatzes, welche in ihrem Anfang noch heilbar und leicht heilbar in
+ihrer Entwickelung ebenso qualvoll als absolut tödtlich wird, auch nur
+das Mindeste zu thun: man sieht dem ersten Anfange, der noch nicht
+belästigt, mit grösster Seelenruhe zu, bis jede Hülfe zu spät ist
+(Virgin 2, 103). Diese Faulheit, welche Waitz 1, 350; b, 84, 90 und
+sonst zur Genüge geschildert hat, ist denn auch ein Grund, weshalb
+Naturvölker so selten Vorräthe sammeln, ja verhindert sie oft nur
+auszugehen, um Nahrung zu suchen, wie Grey 2, 262-63 von den
+Neuholländern sagt; namentlich im Sommer bei Hitze und im Winter bei
+Kälte und Nässe leiden sie Hunger, die Folge ihrer Trägheit. Beispiele
+von den Hottentotten zu geben wäre überflüssig. Diese Trägheit schadet
+ihnen aber noch auf ganz andere Weise. Denn wie Fleiss, Interesse und
+geistige Anspannung auch körperlich anregen und grössere Kraft und dem
+ganzen Organismus auch leiblich erhöhteres Leben verleihen, so schwächt
+umgekehrt fortgesetzte Schlaffheit und geistige Trägheit, wie sie die
+Naturvölker in so hohem Grade ausser wenn sie Noth treibt bekunden, auch
+die leibliche Kraft und die Funktionen des Körpers scheinen darunter zu
+leiden. Wenn nun dieser Zustand durch leibliche und geistige Vererbung
+(auch der Einfluss geistiger Vererbung ist von grösster Bedeutung und
+wohl noch nicht überall hinlänglich gewürdigt) sich immer mehr
+befestigt, so muss er auf das Gedeihen der Naturvölker einen immer
+gefährlicheren Einfluss haben. Allerdings ist das Ineinandergreifen des
+leiblichen und geistigen Lebens ein schwieriger und dunkler Punkt, auf
+den aber gerade deshalb ganz besonders aufmerksam gemacht werden muss.
+
+So entwickelt sich denn aus dieser Trägheit des äusseren auch eine
+Starrheit und Unbeweglichkeit des geistigen Lebens, die gleichfalls von
+den schlimmsten Folgen für diese Völker ist, schon dadurch, dass jeder
+gute Einfluss der Europäer auf sie, jeder Versuch, sie zur Kultur
+emporzuheben, ausserordentlich erschwert wird. Dadurch abgeschreckt
+haben auch vorurtheilsfreie Männer, wie Meinicke, behauptet, sie seien
+zu jeder Kultur unfähig, und doch ist, wie Erfahrungen bei allen
+Naturvölkern bewiesen haben, nichts falscher, als diese Behauptung. Da
+nun diese Starrheit mit jeder Generation nach und nach zunimmt, so
+wirken auch historische Schicksale, Wanderungen und dergl. unendlich
+viel schwerer auf diese Völker, als sie vor so vielen Jahrtausenden auf
+die Indogermanen, die Semiten, als sie auch auf die gebildeteren
+Polynesier und Amerikaner wirkten. Daher versinken sie immer mehr und
+mehr in Roheit und Stumpfheit, und es ist nicht übertrieben, zu
+behaupten, dass, auch wenn sie allein auf der Welt wären, ohne jeglichen
+feindseligen Einfluss von aussen her, sie dennoch, wie jetzt ihre
+Entwickelung oder wohl besser ihre Verhärtung ist, nach und nach
+langsam vergehen und erlöschen würden. Denn nichts ist der menschlichen
+Natur, die so sehr auf Wechselbeziehung zwischen Leib und Seele
+gegründet ist, schädlicher, als eine solche Unthätigkeit beider.
+
+Ein dritter Zug ihres Charakters, der uns hier näher angeht, ist eine
+gewisse Melancholie, die sich, wie bekannt, zumeist bei den Amerikanern
+findet. Doch auch die scheinbar so fröhlichen Polynesier, wenn man
+gleich ihr Temperament nicht wie das der Amerikaner melancholisch nennen
+kann, zeigen manches Entsprechende. So resigniren sich die Tahitier über
+ihr Aussterben durch den oft wiederholten Ausspruch, den wohl Ellis (1,
+103-104) zuerst mittheilte: der Hibiskus soll wachsen, die Koralle sich
+ausbreiten, der Mensch aber dahinsterben; und »es war melancholisch,
+sagt Darwin (2, 213), die schönen energischen Eingeborenen Neuseelands
+sagen zu hören, sie wüssten, dass das Land nicht das Eigenthum ihrer
+Kinder bleiben würde.« Für Kamtschatka ist wichtig, was v. Kittlitz über
+das Klima dieses Landes sagt, das bald (oder Einzelne) zur tiefsten
+Melancholie stimme, bald (oder Andere) zur höchsten excentrischsten
+Freude aufrege. Die Schilderungen der Aleuten bei Kotzebue, Chamisso,
+Langsdorff u.a. enthalten ganz ähnliche Züge von Niedergeschlagenheit,
+die allerdings hier mit grossem Phlegma gepaart scheint.
+
+Es ist klar, dass diese Melancholie mit jener schon besprochenen
+Trägheit zusammenhängt; denn diese raubt dem Geist der Naturvölker, der
+nach aller Naturvölker Art ganz und gar vom jedesmaligen sinnlichen
+Eindruck und meist nur von solchen abhängig ist, die besonnene und feste
+Willens- und Widerstandskraft immer mehr. So wie nun aber jeder
+Willensakt eine rein physische Nerventhätigkeit voraussetzt, so wird
+auch fortgesetztes Nichtwollen zum bleibenden Nervenhabitus, zum nicht
+Wollenkönnen und dadurch vom übelsten Einfluss auf die Seele, der, wenn
+dieser letzteren Leiden entgegentreten, um so grösser und vernichtender
+wird.
+
+Das zeigt sich nun schon bei den Naturvölkern im Leben der Individuen.
+Wir sahen, dass Krankheiten überall als Bezauberung oder Einwirkung von
+Dämonen gelten; viele aber, die von Krankheiten befallen sind, sterben
+aus keinem andern Grund, als aus Melancholie über die vermeintliche
+Bezauberung. Beispiele für Neuseeland gibt Dieffenbach 2, 16, Browne 75;
+für Tahiti Ellis 1, 364, 367-68; für Neuholland, wo eine namenlose Angst
+vor Bezauberung herrscht, Grey 1, 363-64. 2, 336-40; für Nordamerika, wo
+der Tod aus abergläubischer Furcht gar nicht selten ist, Waitz 3, 213:
+und nach allem Gesagten werden wir in den Ländern, wo Krankheit durch
+Zauberei entsteht oder als Folge von Sünden gilt, wie z.B. in
+Kamtschatka, wo Krankheit und Tod erfolgen, wenn man Kohle mit dem
+Messer spiesst oder Schnee mit dem Messer von den Schuhen schabt (Waitz
+1, 324), in allen diesen Ländern, also bei allen Naturvölkern werden wir
+auch ein solches Hinsterben Einzelner aus Angst und Aberglauben finden.
+
+
+
+
+§ 7. Ausschweifungen der Naturvölker.
+
+
+Die gänzliche Abhängigkeit der Naturvölker von sinnlichen Eindrücken hat
+auch noch eine andere sehr gefährliche Folge für sie, durch welche
+einzelne Stämme ernstlich bedroht worden sind: wir meinen die
+Ausschweifungen, denen viele von ihnen verfallen sind, im Trunk und vor
+allen in geschlechtlicher Beziehung.
+
+Zwar von den gebildeten Völkern Amerikas, den Mexikanern und ihren
+Verwandten sowie den Peruanern, kann man nicht behaupten, dass sie nach
+dieser Seite hin Vorwürfe verdienten; freilich kamen bei ihnen
+Ausschweifungen und grobe, ja unnatürliche Laster vor, freilich gab es
+bei ihnen öffentliche Dirnen, aber alles das war keineswegs ausgebreitet
+und durchaus verachtet, so dass wir sie in dieser Beziehung viel höher
+stellen müssen, als die heutigen Kulturstaaten Europas. Die Schilderung
+freilich, welche wir bei Pöppig 375 finden, oder was uns der berüchtigte
+Ortiz, ein Mönch zur Zeit der Entdeckung, erzählt, enthält des
+Scheusslichsten auch nach dieser Seite viel; Ortiz Darstellung sollte
+aber nur die Behandlung, welche das Land durch die Conquistadoren
+erfuhr, rechtfertigen und so häufte sie alle Laster auf die Indianer.
+Pöppigs Nachrichten beruhen auf ähnlichen Quellen, die gleichfalls ganz
+unzuverlässig und meist unwahr sind. Wenn z.B. Gomara (bei Pöppig)
+berichtet, dass Balboa 50 Päderasten in Quarequa in Darien und ebenso
+(Waitz 4, 350) den Herrn dieses Landes um desselben Lasters willen von
+Hunden zerreissen und dann verbrennen liess, so ist es ganz klar, dass
+hier die Anklage nur erfunden wurde, um die scheussliche Grausamkeit
+Balboas zu bemänteln, der selbst sagt, das Laster sei nur von den
+Vornehmen verübt, vom Volke verabscheut. Denn dass spanische Soldaten,
+unter welchen es gleichfalls vorkam (Waitz 3, 383), jemals dafür und gar
+so fürchterlich gestraft wären, davon wird nichts erwähnt. Waitz im 4.
+Bande der Anthropologie hat nun ganz klar und deutlich bewiesen, dass
+solche Ausschweifungen nur einzeln und selten bei diesen Völkern sich
+fanden, wofür die strengen Strafen, welche bei ihnen allen auf solchen
+Lastern oder auf sonstiger Unzucht standen, sprechen; vergl. Waitz 4,
+85. 88. 131. 307. 350. 367 u. sonst. Ebenso wenig waren solche Laster,
+wie Pöppig a.a.O. will, »Volkslaster« in Peru; freilich haben die
+Conquistadoren auch hier das ärgste zu erzählen gewusst und mussten,
+nach ihren Berichten, die grausamsten Strafen gegen die Lüstlinge
+anwenden; wenn man aber liest (Waitz 4, 478), wie der gefangene Inka
+Manko Capak, Atahualpas Bruder, die Spanier flehentlich bat, dass man
+ihn doch wenigstens nicht zum Feuertod verurtheilen oder den Hunden
+vorwerfen, sondern nur aufhängen möge, so wirft das auf jene Strafen ein
+ganz eigenthümliches Licht. Auch beweisen die Zeugnisse bei Waitz 4,
+417, dass auch in Peru solche Laster, Ehebruch oder gar Päderastie,
+durchaus nicht verbreitet waren, sondern nur vereinzelt vorkamen, wofür
+wiederum die strengen Strafen, welche die einheimischen Landesgesetze
+gegen derartiges verhängten, sprechen.
+
+In Nordamerika war, wie bei den eben besprochenen Völkern, Polygamie
+erlaubt, keineswegs aber sehr ausgedehnt (Waitz 3, 109). Weibertausch
+kommt vor, als Freundschaftszeichen unter Familien (Hearne 128), ebenso
+auch Prostitution aus Gastfreundschaft. Keuschheit der Mädchen war
+überhaupt etwas, auf das man bei vielen Völkern und namentlich bei den
+roheren, keinen Werth setzte (Waitz 3, 111). Schlimmere Dinge und
+namentlich Blutschande erwähnt als gewöhnlich bei den Athapasken Hearne
+128, der auch sonst den Anwohnerinnen der Hudsonsbai arge
+Ausschweifungen Schuld gibt (126-27). Unnatürliche Laster werden
+vielfach bei den Völkern Nordamerikas erwähnt und Männer in
+Weiberkleidern finden sich freilich an vielen Orten, so bei den
+Illinois, in Florida, bei den Mandans, den Osagen, den Kansas u.s.w.
+(Waitz 3, 113); auch bei den Bewohnern Nutkas wird Aehnliches erwähnt
+(eb. 133), obgleich sie sowohl wie die Koluschen im ganzen keusch leben,
+anders wie die Chinook (am Columbia), bei denen Prostitution und
+sinnliche Ausschweifungen verbreitet waren (eb. 337). Strenger sind die
+Völker vom Oregongebiete. Uebrigens ist das nicht immer ein Zeichen von
+unnatürlichen Lastern, wenn Männer Weiberkleider tragen; denn einmal
+scheint manche abergläubische Vorstellung (eb. 113) damit verbunden zu
+sein, in anderen Fällen war es wenigstens eine symbolische, wie z.B. die
+Delawares von den Irokesen »zu Weibern gemacht«, d.h., gezwungen wurden,
+als sie gänzlich besiegt waren, den Weiberrock anzuziehen (Waitz 3, 23.
+b, 158) und auch bei den Chibchas in Neu-Granada Feiglinge mit einem
+Weiberrock bekleidet wurden (4, 361). Bei den Illinois standen die so
+gekleideten Männer in besonderem Ansehen (3, 113) und ganz ähnlich war
+es bei den nördlichen Patagoniern (3, 506), wo die Zauberpriester, deren
+einen jede Familie hatte, Weiberkleider trugen. Auch was Combes (Hist.
+de las islas de Mindanao Madrid 1667 p. 55) erzählt, dass es bei den
+Subanos auf Mindanao Männer gäbe, welche unverheirathet blieben,
+Weiberkleider trügen, aber geehrt wären und keusch lebten, zugleich aber
+auch physisch ein weibliches Aussehen hätten, werde hier als merkwürdige
+Parallele erwähnt.
+
+Den Cariben in Südamerika wird von den älteren spanischen
+Schriftstellern gleichfalls der Vorwurf unnatürlicher Lasterhaftigkeit
+gemacht, doch hat Waitz 3, 383 Recht, wenn er auch diesen Vorwurf für
+unrichtig hält, »denn auf ihn pflegte hauptsächlich der Anspruch
+gegründet zu werden, die Eingeborenen zu rechtmässigen Sklaven zu
+machen«. Andere Schriftsteller läugnen auch, dass hier solche Laster
+vorgekommen seien; doch fanden sich Männer in Weiberkleidern auch hier
+(Oviedo bei Waitz 3, 383). Auch die Tupis in Brasilien lebten streng (3,
+423); ebenso die Araukaner (3, 516). Hiermit stimmen auch alle
+Nachrichten bei Azara; nur dass er den Weibern der Mbayas, bei denen
+Polygamie erlaubt ist, mancherlei Ausschweifungen vorwirft (249-50).
+
+Es ist nicht nöthig, dies bei den Amerikanern weiter zu verfolgen; für
+uns genügt das Ergebniss, dass zwar mancherlei Ausschweifungen
+namentlich in Nordamerika unter ihnen sich vorfanden, dass diese aber
+keineswegs allgemein und bedeutend genug waren, um aus ihnen die
+Verminderung der Kopfzahl dieser Völker zu erklären. Dass aber, seit der
+Bekanntschaft mit den Europäern diese Ausschweifungen sehr zugenommen
+haben, ist eine traurige Wahrheit.
+
+Dem Trunk war man in Mittel- und Nordamerika nicht ergeben und ist es
+verhältnissmässig auch jetzt noch nicht. Allerdings kannte man in Mexiko
+mehrere geistige Getränke (Waitz 4, 98), von denen das eine, Pulque,
+Agavesaft, den man durch Ausschneiden des Herzens der Pflanze, wenn sie
+den mächtigen Schaft treiben will, gewinnt und gähren lässt, auch von
+Europäern (Humboldt a 3, 99) mit wahrer Leidenschaft getrunken wird;
+allein die Mexikaner waren mässig, wie schon aus ihren Gesetzen
+hervorgeht. Der Trunk wurde darin so streng geahndet, dass irgend welche
+Verbreitung desselben ganz unmöglich war (Waitz 4, 83-84). Auch in
+Californien war er selten (eb. 240. 242). Die Eingeborenen von
+Nikaragua, von welchen auch verschiedene geschlechtliche Ausschweifungen
+berichtet werden, sollen nach Oviedo auch dem Trunke ergeben gewesen
+sein; allein allzu sicher sind diese Nachrichten nicht (Waitz 4, 279).
+Auch die Peruaner, obwohl sie verschiedene geistige Getränke hatten,
+waren dem Trunke nicht ergeben (4, 429), so wie sie auch dem Genuss der
+Coka, die im ganzen Land gebaut wurde, nicht übermässig fröhnten; dem
+Volk war sie ganz verboten (422). Obwohl nun die Eroberung des Landes
+die Sitten vielfach verschlechterte, so sind doch auch jetzt noch weder
+die Peruaner (500) noch die Mexikaner (196) und die ihnen verwandten
+Völker dem Trunk ergeben (227)--wenn es auch Feste gab, z.B. in Yukatan,
+bei welchem sich die Weiber berauscht haben sollen (4, 307), oder bei
+denen, wie in Nikaragua, allgemeine Zügellosigkeit herrschte (279). Denn
+bei allen solchen Festen waren gewiss, wie bei ähnlichen semitischen und
+indogermanischen, religiöse Motive wirksam.
+
+Anders war es in Südamerika, wo Schomburgk 2, 420 die Cariben als
+Trunkenbolde schildert; und schon von Alters her hatten sie ausser
+andern ein berauschendes Getränk aus Cassadabrod, welches zerbrochen,
+mit heissem Wasser zu einem Teig zerrührt, dann von alten Weibern
+durchgekaut und in einen Trog gespieen wurde, wo es nun gähren musste
+(Schomburgk 1, 173); ganz ähnlich bereiteten die Tupis einen
+berauschenden Trank aus Mais oder Hirse, wobei das Getreide gekocht und
+von alten Weibern durchgekaut wurde. Sie nannten es Caouin oder Kaveng
+und sowohl durch die Bereitungsart als durch den Namen wird man an den
+gleich zu erwähnenden polynesischen Kavatrank erinnert (Waitz 3,
+423-24). Gegohrene Getränke hatten die Araukaner (3, 509), die
+Chiquitos, die dem Trunke sehr ergeben waren (eb. 530) und sind (533),
+die Moxos (537), welche ihn gleichfalls sehr lieben und andere Völker
+schon vor der Entdeckung. Dass nun durch den Einfluss der Europäer diese
+Neigung nicht vermindert, sondern nur gestiegen ist, begreift sich; und
+so wird es uns von den Cariben (Schomburgk 1, 173) von den Warans (eb.
+1, 123), den Charuas (Azara 184), den Mbayas (eb. 242) u.s.w. berichtet.
+
+In Nordamerika, bei den Indianern der Vereinigten Staaten, waren vor den
+Europäern keine geistigen Getränke in Gebrauch, ja Wasser war fast das
+einzige Getränk, was sie genossen, wie Waitz 3, 82 ins Einzelne
+ausführt; ebenso war es bei den Koluschen und den Chinooks (3, 84. 337).
+Wenn nun der Trunk, der Branntwein in Nordamerika doch so traurige
+Folgen gehabt und ganze Stämme dahin gerafft hat, so dass man oft genug
+die Behauptung findet, die Indianer seien von Natur dem Trunke ergeben
+gewesen; so fordert dies zur genaueren Untersuchung der Sachlage auf,
+die sich nach Waitz 3, 83-84 und 270, der die Quellenbeweise beibringt,
+so stellt, dass die Indianer sich aufs stärkste gegen den Verkauf von
+Branntwein gewehrt und viele Verträge geschlossen haben, in welchen die
+Einfuhr derselben ausdrücklich verboten war, dass aber der Branntwein
+dennoch, sogar mit Gewalt, von den europäischen Nationen den
+Eingeborenen aufgezwungen ist, theils um das Produkt abzusetzen, theils
+um sie im Trunke zu betrügen, theils auch geradezu, um sie durch den
+Trunk zu vernichten. Das ist denn nur allzugut gelungen; denn wenn auch,
+trotz der vorherrschenden Sinnlichkeit, die Amerikaner einen höchst
+beachtungswerthen Widerstand diesem Genussmittel entgegensetzten, so
+konnte dieser eben bei ihrer Natur kein absoluter sein; öfters zwang sie
+der Nahrungsmangel zum Trunk und ein sehr häufiger Grund, sich dem
+Trunke zu ergeben (der auch in Mittelamerika vielfach vorkam) war der,
+dass man aus der grenzenlosen Fülle des Elends ringsher sich wenigstens
+einmal wieder durch den Rausch in einen glücklichen Zustand versetzen
+oder dass man sich in der Verzweiflung betäuben wollte. Uebrigens haben
+Völker und Individuen sich dem Laster des Trunkes auch wieder zu
+entreissen vermocht (Waitz b, 43). Eigentlich also gehörte diese
+Betrachtung erst dahin, wo wir vom Einfluss der Weissen auf die
+Naturvölker sprechen werden, indess mag ein solches Vorausnehmen, des
+Zusammenhangs wegen und um den einen Gegenstand zu erschöpfen, gleich
+hier seine Entschuldigung finden. Tabak hat ebensowenig als Coka
+geschadet.
+
+Wenn nun auch die Hottentotten und die Buschmänner gar keinen Werth auf
+die Keuschheit der Mädchen und Weiber legen, so waren sie doch weder in
+geschlechtlicher Beziehung noch im Trunk sehr ausschweifend, während wir
+bei den Aleuten und Kamtschadalen die Verhältnisse wesentlich anders
+finden. Dem Trunk waren namentlich die Kamtschadalen ganz
+außerordentlich ergeben (Krusenstern 3, 53) und wie diese Leidenschaft
+von den europäischen Pelzhändlern zu ihrem Verderben benutzt ist, werden
+wir später sehen. Aber auch die Aleuten liebten dies Laster (Waitz 3,
+314), wie sie auch sonst sehr ausschweifend lebten. Die Weiber hatten
+(nach Wenjaminow in Ermans Archiv bei Waitz 1, 356 Note) zwei Männer,
+einen aus höherem Stande und einen Nebenmann aus niederem; dem Gast
+stellte der Wirth, um ihn gastfreundlich zu ehren, das eigene Weib zur
+Verfügung. Auch der Päderastie waren sie ergeben (Waitz 3, 314) und die
+stumpfsinnige Melancholie, in der sie z.B. Chamisso vorfand, scheint
+nicht wenig durch derartige Ausschweifungen veranlasst zu sein. Den
+Kamtschadalen schadete gar sehr der grosse Weibermangel, der nach
+Krusenstern 3, 44, bei ihnen herrschte und nicht nur die Moralität
+gänzlich, sondern auch die Fruchtbarkeit der Ehen zerstörte. xyxyxyß Die
+Neuholländer, obwohl sie von den Unverheiratheten beider Geschlechter
+keine Keuschheit verlangen, obwohl sie an einigen Orten die Weiber ihren
+Gastfreunden anbieten und sie mit guten Freunden tauschen (Angas 1, 93),
+sind doch so eifersüchtig, dass verheirathete Frauen sehr zurückhaltend
+sein müssen (Grey 1, 256). Polygamie ist bei ihnen häufig, aber man kann
+sie eigentlich nicht ausschweifend nennen. Auch geistige Getränke hatten
+sie nicht. Von den Melanesiern wird nichts auffallend Schlimmes
+berichtet, wohl aber von manchen Orten das Gegentheil; so herrschen,
+nach Malte Brun in Bullet. de la soc. geogr. 1854, I, 238, auf
+Neucaledonien, wenn auch die Weiber ganz sklavisch gehalten werden,
+geschlechtliche Ausschweifungen nicht. Polygamie ist allerdings auf den
+Inseln Sitte (Turner 86. 371. 424), allein wirklich ausgedehnt nur bei
+Häuptlingen und in selteneren Fällen. Ehebruch kommt, aus Furcht vor
+Strafe, kaum vor (Turner 86 in Bez. auf Tanna), allein Keuschheit der
+Unverheiratheten ist hier so wenig verlangt als sonst irgendwo bei den
+Naturvölkern. Während nun Erskine 256 von den Fidschis sagt, dass sie
+sehr enthaltsam lebten und Ekel vor Ausschweifungen empfänden, so
+behaupten William und Calvert 1, 134, dass sie sehr zügellos und grobe
+Ausschweifungen bei ihnen verbreitet seien. Möglich, dass Erskine ein zu
+günstiges Urtheil fällte; jedenfalls aber stehen die Fidschiinsulaner
+sehr viel höher als die Polynesier in dieser Beziehung und mögen wohl
+erst durch den fortwährenden Verkehr mit den Fremden zu dieser
+Zügellosigkeit gesteigert sein.
+
+Am schlimmsten müssen wir über die eigentlichen Polynesier urtheilen,
+unter denen Trunk und Wollust schon vor den Europäern aufs ärgste
+gehaust haben. Aus der Wurzel vom Piper methysticum, dem Kavapfeffer,
+bereitete man, indem sie (an den meisten Orten von alten Weibern) gekaut
+und dann ausgespieen wurde, durch Aufguss von Wasser ein eigenthümliches
+Getränk, dem alle Polynesier sehr zugethan waren. Es berauscht nicht
+eigentlich, da es die Besinnung nicht raubt, aber, indem Gang und Zunge
+schwer werden, versetzt es den Geist in einen ähnlichen Zustand, wie das
+Opium; auch wollüstige Träume u. dergl. sollen seinem Genuss folgen, der
+oft wiederholt allgemeine Schwäche, Zittern, geistige Stumpfheit,
+Abmagerung und schliesslich scheussliche Hautkrankheiten hervorbringt,
+Geschwüre, welche aufbrechen und arge Narben zurücklassen. Aber gerade
+diese Narben galten als Ehrenzeichen (Hale 43). Namentlich auf Tahiti
+und auf Hawaii war der Kavatrank beliebt; grosse Kavafeste auf Tonga
+beschreibt Mariner, auf Fidschi d'Urville b 4, 207 und Hale 63. Dagegen
+trank man ihn auf Neuseeland, obwohl man ihn kannte, nicht. Auch in
+Mikronesien, wo indess die Wurzel zerrieben, nicht gekaut wurde, war der
+Kavatrank sehr beliebt und sehr verbreitet (Hale 83: Gulick 417). Was
+jedoch die schädlichen Einwirkungen dieses in der That höchst
+gefährlichen Trankes sehr milderte, war der Umstand, dass er ein
+heiliges Getränk war. Freilich durfte er daher bei keiner irgend wie
+bedeutenderen Gelegenheit fehlen; aber nur die Fürsten waren es, die ihn
+trinken durften, nie das Volk, und auch die Fürsten nur bei und unter
+bestimmten Feierlichkeiten (Hale 43, für Mikronesien Novara 1, 371). So
+hat denn auch der Schade, den dieser Genuss hervorrief, fast nur die
+Fürsten und den Adel getroffen. Gegen den Branntwein (Rum u.s.w.) hatten
+alle Polynesier einen grossen Widerwillen (Novara 2, 337 für
+Mikronesien), und wenn er trotzdem in Tahiti und Hawaii so verderbliche
+Wirkungen hervorgerufen hat, so muss man bedenken, wie er zu Tahiti von
+den Franzosen, zu Hawaii von diesen sowie den amerikanischen und
+europäischen Kaufleuten unter heftigem Widerstreben der Missionäre und
+gegen den Willen der Eingeborenen (vergl. z.B. Lutteroth Geschichte der
+Insel Tahiti 172 u. sonst) gewaltsam eingeführt ist. Und schlimm genug
+waren die Folgen dieser Einführung. »Als die Tahitier von fremden
+Seeleuten und Sandwichinsulanern geistige Getränke von einheimischen
+Wurzeln zu destilliren gelernt und Rum in reichlicher Menge von ihnen
+empfangen hatten, da verbreitete sich Trunksucht sehr allgemein, und
+alle die Demoralisation, die Verbrechen, das Elend, welches ihr folgt,
+kam über das Volk. Unthätigkeit wuchs, Streit in den Familien nahm
+überhand, die Verbrechen der Areois (über welche wir sogleich reden)
+nahmen zu«, sagt Ellis 1, 108 und so wie hier und noch ärger war es zu
+Hawaii und an den Küsten von Neuseeland. Allein die Eingeborenen (vergl.
+Ellis u.a.O.) haben sich an vielen Orten, Dank dem reinen Eifer der
+Missionäre, wieder von diesem so gefährlichen Laster befreit; in
+Neuseeland sowohl wie in Hawaii schadet der Rum nur an den Küstenplätzen
+den Eingeborenen und das überall wachsende Christenthum hat siegreich
+auch in Tahiti und sonst diese Gefahr im Allgemeinen abgewendet.
+
+Bei weitem verhängnissvoller aber wirkten die geschlechtlichen
+Ausschweifungen, die wohl bei keinem Volk der Welt so schamlos
+verbreitet waren, wie in Polynesien. Jede Reisebeschreibung (auch andere
+Bücher als die schamlose Reise der Pandora von Hamilton) rechtfertigt an
+hundert Stellen den Namen la nouvelle Cythere, welchen Bougainville der
+Insel Tahiti gab. Nicht nur, dass auf Tahiti, Hawaii, Neuseeland, auch
+auf Tonga (obwohl man hier strenger lebt) und auf Samoa (nach Wilkes)
+wenigstens Fremden gegenüber die Mädchen ganz frei waren; so ist auch
+nirgends die Prostitution der Weiber durch Väter, Brüder, Gatten frecher
+betrieben wie hier. Polygamie herrschte überall. Gastfreunden bot man
+die Weiber an, vornehme Frauen lebten ganz zügellos. Für Hawaii bezeugt
+dies, um nur einige Beweisstellen anzuführen, Jarves 80, für Tahiti Cook
+und alle andern Reisenden, für Waihu Mörenhout 1, 26, für die Markesas
+Porter (Journal of a cruise in the Pacif. Ocean 1812-14) 2, 60,
+Krusenstern 1, 221; nach Mathias G*** 152 herrscht indess Prostitution
+nur in den Häfen. Neuseeland stand etwas höher; doch waren auch hier die
+Mädchen vollständig ungebunden (Dieffenb. 2, 40). Die Weiber selbst
+lockten die ankommende Mannschaft von Wallis Schiff durch die
+unanständigsten Geberden ans Land und die Männer, welche das Geschäft
+abschlossen, forderten schon damals für schöne Frauen, Töchter,
+Schwestern u.s.w. höhere Preise als für minder schöne (Wallis 214 ff.
+256). Ja vor aller Augen, und nicht etwa aus Roheit, wie die Bewohner
+der Palauinseln nach Kadus Zeugniss bei Chamisso 137[F], sondern
+umstanden von vornehmen Weibern, unter denen die Königin selbst,
+vollzogen sie die Begattung, zum Ergötzen der Umstehenden, welche dem
+Paare, namentlich dem betheiligten Mädchen, Lehren gaben, um die Lust zu
+erhöhen--doch das war nicht nöthig, denn, obwohl das Mädchen erst 11
+Jahre zählte, so wusste sie doch mit allem schon guten Bescheid (Cook b,
+126-27, vergl. 86. 106). Da ist es nicht zu verwundern, dass schmutzige
+Gegenstände sehr häufig, vor aller Ohren, Inhalt der Unterhaltung waren
+und nur belacht wurden. Ueberall herrschte Polygamie; auf Tahiti,
+Nukuhiva und Hawaii (Turnbull 65, Stewart 129, Porter 2, 30) kamen
+Heirathen unter Geschwistern vor, jedoch nur in der regierenden Familie,
+die auf andere Art keine ebenbürtige Ehe schliessen konnte, da alle
+anderen Adelsgeschlechter an Rang unter ihr standen (Ellis 4, 435). Auf
+den Markesasinseln war es nach Melville 2, 122-23 Sitte, dass die
+Weiber, ähnlich wie die Aleutinnen, zwei Männer hatten, einen wirklichen
+Gatten und einen Nebenmann, der ganz die Rechte wie jener besass, auch
+im Frieden mit ihm lebte; welche Sitte nach Melville darin ihren Grund
+hatte, dass es weit mehr Männer als Frauen gab. Mathias G*** sagt 111
+dasselbe, was auch sonst noch vielfach bestätigt wird. Auch unnatürliche
+Lüste, denen in Tahiti ein eigener Gott vorstand (Mörenh. 2, 168), waren
+sehr ausgedehnt. Männer in Weiberkleidern finden wir, wie in Amerika,
+auch zu Tahiti, aber hier nur im Dienste der widernatürlichen Wollust
+(Turnbull 306); und da nun die Männer des gemeinen Volks, damit die
+Fürsten desto mehr Weiber hätten, oder weil sie den Kaufpreis für die
+Frauen nicht zahlen konnten, fast immer unverheirathet bleiben mussten,
+so war Onanie unter ihnen in solchem Grade getrieben, dass sie dadurch
+meist unfähig wurden, einem Weibe noch beizuwohnen (Wilson 311). »Ihre
+Verbrechen in dieser Art sind zu entsetzlich, als dass sie alle erzählt
+werden könnten,« sagt Wilson (1799) a.a.O. Noch Ellis (1, 98) fand
+dasselbe vor, er sagt, die Schilderung, welche Paulus von den Heiden im
+ersten Kapitel des Römerbriefes mache, passe durchaus auf die Tahitier.
+Auch in Hawaii waren unnatürliche Laster ganz gewöhnlich, von denen
+Päderastie nur oder wenigstens vorzugweise unter den Fürsten vorkam
+(Remy XLIII).
+
+Mikronesien steht viel höher in dieser Beziehung, mit Ausnahme der alten
+Marianer, unter denen, freilich nach den alten spanischen Berichten
+(Salaçar bei Oviedo XX, 16), eine arge Zügellosigkeit herrschte, und le
+Gobien berichtet manches entsprechende. Aber sonst fanden die ersten
+europäischen Besucher in Mikronesien keine Ausschweifungen, weder im
+Trunk noch in der Liebe vor, wenn auch die Mädchen leicht zu gewinnen
+waren: und schamhaft waren sie alle (Chamisso 91. 119). Uebrigens
+herrschte, nach Chamisso 118-19, Polygamie auch auf Ratak und besonders
+nahe Freunde besassen auch die Weiber gemeinschaftlich.--Auch im
+eigentlichen Polynesien gab es reinere Bezirke, so Tonga, wo die
+Jünglinge von Staatswegen zur Keuschheit ermahnt wurden: nie sollten sie
+Gewalt anwenden, nie sich gegen Ehefrauen vergehen (Mariner 1, 138);
+allein auch hier waren die Unverheiratheten ganz frei und ebenso die
+verheiratheten Männer (2, 174), auch hier waren Unanständigkeiten der
+häufige und gern belachte Inhalt des Gespräches, die man nur vor
+verheiratheten Frauen vermied (2, 177). In Samoa herrschte noch grössere
+Sittenstrenge.
+
+Viel besprochen ist die Gesellschaft der Areois auf Tahiti, über welche
+Mörenhout 1, 485-503 und Ellis 1, 230 ff. handeln, und die auch wir kurz
+besprechen müssen, wenn wir an diesem Ort auch nur auf die furchtbare
+Unsittlichkeit hinweisen, welche in dieser ursprünglich religiösen
+Gesellschaft herrschte. Männer und Weiber lebten in ihr aufs höchste
+ausschweifend und unter dem bestimmten Gesetz, alle ihre Kinder zu
+tödten, beisammen und hochgeehrt vom ganzen Volk, dem sie wie Götter
+erschienen, durchzogen sie die Inseln, um Feste, Schauspiele, Tänze vor
+der Menge aufzuführen. Wir finden diese Gesellschaft nicht bloss auf
+Gesellschaftsinseln, sondern (Meinieke b 78) auch auf Rarotonga, auch im
+Markesasarchipel (Mörenh. 1, 502). Und da nun le Gobien 59-62 von den
+Uritaos der Marianen ganz das Nämliche erzählt, die in aller
+Zügellosigkeit mit den Mädchen des Landes zusammenlebten, selbst in
+Blutschande, ohne dass es ihnen Tadel zuzog, da sie von höherer Weihe
+waren (Freycinet 2, 368)--so werden wir auch diese, wie schon ihr Name
+derselbe ist, mit jenen Areois trotz Meinickes Widerspruch (b, 79)
+zusammenstellen müssen.
+
+Es kann uns nicht wundern, wenn solche lasterhafte Sitten, in solcher
+Ausdehnung herrschend, die Gesundheit der polynesischen Bevölkerung
+untergruben und sie haben es gethan. Schon eine bis zwei Generationen
+vor Wallis hatte die Volksverminderung, nach den Aussagen der
+Eingeborenen selbst, auf Tahiti angefangen (Ellis 1, 105) und dass
+hieran diese Ausschweifungen, wenn auch nicht allein, so doch zum
+grössten Theil schuld waren, kann man gewiss behaupten. Ihren
+entnervenden Einfluss schildern wenigstens die zuverlässigsten
+Augenzeugen in den düstersten Farben, wie Ellis 1, 98 und Turnbull
+(1804) 307. Und ferner ist es sehr begreiflich, dass solche entnervte
+Wüstlinge sehr viel und leichter Krankheiten ausgesetzt waren, als
+gesunde Menschen, dass Krankheiten viel heftiger bei ihnen wüthen
+mussten und dass sich namentlich die Syphilis unter ihnen rasch
+verbreiten und gefährlich erweisen musste.
+
+
+
+
+§ 8. Unfruchtbarkeit. Künstlicher Abortus. Kindermord.
+
+
+Aber eine andere noch schlimmere Folge dieser Ausschweifungen ist die
+Unfruchtbarkeit der Weiber, welche in Polynesien hauptsächlich auf
+diesem einen Grund beruht. Die Unfruchtbarkeit der Ehen auf den
+Markesas, welche schon Krusenstern 1, 255-56 und dann Melville 2, 125
+betont, erwähnt auch Mathias G*** 108 mit starkem Nachdruck.
+Unfruchtbarkeit ist in Hawaii sehr verbreitet (Virgin 1, 268); in Tahiti
+wird es erst in neuerer Zeit besser und Dieffenbach 2, 15-16 gibt als
+eine der Ursachen für das Hinschwinden der Maoris die geringe
+Fruchtbarkeit ihrer Weiber an.
+
+Da nun aber ganz analoge Erscheinungen sich in Melanesien (wo z.B. auf
+Erromango schon eine hohe Kinderzahl ist, Turner 494), in Neuholland
+(Grey 2, 248 ff.) und namentlich in Amerika vorfinden, so hat man, vor
+allem mit Rücksicht auf die Eingeborenen des letzten Landes gesagt, die
+geringe Fruchtbarkeit sei ein charakteristisches Merkmal für niedere
+Raçen, das in ihrer Natur selbst begründet liege. Allerdings haben die
+Weiber der Botokuden (Tschudi 2, 284), der Makusi (Schomburgk 2, 312)
+der meisten brasilianischen Völker (Azara an vielen Stellen) und ebenso
+auch der meisten Nordamerikaner (wofür Waitz 1, 169 die Beispiele
+zusammenstellt) sehr wenige, oft auch gar keine Kinder; allein wie man
+hierin ein Raçenmerkmal finden soll, ist für Unbefangene unmöglich
+abzusehen. Denn erstlich zeigen sich eine lange Reihe äusserer Gründe,
+wodurch die Unfruchtbarkeit bewirkt wird; ausser den schon besprochenen
+Gründen wie Ausschweifungen, Krankheit u. dergl., die auch in Amerika
+und vor allen auf Kamtschatka und den Aleuten wirkten, muss hier auf das
+gleichfalls schon erwähnte lange Säugen hingewiesen werden, welches der
+Fruchtbarkeit Abbruch thut, ferner und ganz besonders auf die meist
+überaus elende Stellung der Weiber, auf die Noth, die ewigen Mühsale,
+unter denen sie ihr Leben hinbringen müssen. Dann heirathen viele Völker
+nur im eigenen Stamm und man kann wohl sagen, da bei vielen kleineren
+Völkern Stamm und Familie so ziemlich zusammenfällt, in derselben
+Familie; dass aber auch hierdurch eine Verminderung der Fruchtbarkeit
+eintritt, ist bekannt genug. So z.B. die Botokuden; daher Tschudi (2,
+284) in diesem Umstand einen Hauptgrund für die Unfruchtbarkeit ihrer
+Ehen sieht. Auch bei den Bewohnern von Darien zeigten sich die
+schädlichen Folgen solcher Heirathen (Waitz 4, 351).
+
+Der allzufrühe Coitus, den Dieffenbach 2, 15 für die Unfruchtbarkeit der
+Neuseeländerinnen als einen Hauptgrund anführt, ist wichtig für viele
+Völker, da er bei vielen, wie wir sehen, vorkommt. Obwohl nun Humboldt
+(b, 2, 190), nach dem Zeugniss der amerikanischen Ordensgeistlichen am
+Orinoko, darin keine Gefahr für die Zahl der Bevölkerung sehen will, so
+spricht doch die Natur der Sache und mannigfache Erfahrung gegen ihn.
+Doppelt gefährlich wird aber zu früher geschlechtlicher Umgang bei
+Völkern, bei denen es an Weibern fehlt. So heirathen die Mädchen der
+Tarumas in Guyana, weil es unter diesem Volk nur wenig Weiber gibt,
+schon vor der Pubertät (nach Schomburgk bei Waitz 1, 170). Mehr Männer
+als Weiber gab es noch in verschiedenen Orten in Amerika (z.B.
+Californien Waitz 1, 170 Anmerk., bei den Guanas Azara 232), in
+Polynesien (Tahiti, Markesas u. sonst) und in Kamtschatka, wo der Mangel
+an Weibern, wie wir sahen, vorzugsweise gross war. Durch diesen wurde
+denn wieder eine andere sehr wenig heilsame Einrichtung gefördert, dass
+in Neuholland junge Mädchen zunächst an alte Männer und erst nach deren
+Tode, wenn sie nun mittlerweile älter waren, an jüngere Leute
+verheirathet wurden (Nind im Journ. R. Geogr. Soc. 1, 38), eine Sitte,
+welche bei den Irokesen ebenfalls im Schwunge war: »Der junge Mann von
+25 Jahren erhielt bei ihnen oft eine ältere Frau zugetheilt als er
+selbst war, der alte Wittwer dagegen wählte sich ein junges Mädchen«
+(Waitz 3, 103).
+
+Dass wir unter diesen Gründen die Polygamie und Polyandrie mit ihren
+gewiss schlimmen Folgen für die Bevölkerungszahl nicht besonders
+erwähnen, hat seinen Grund darin, dass wir diese beiden Einrichtungen,
+auch wenn sie noch so gesetzmässig sind, unter die Ausschweifungen
+rechnen und also, was von jenen gesagt ist, auch für diese gilt. Ebenso,
+was man für manche amerikanische Völker als Grund für die
+Unfruchtbarkeit angeführt hat, die geringe Neigung der Männer für das
+weibliche Geschlecht und ihre minder entwickelten Genitalien (Pöppig,
+Azara, Waitz 1, 171 u.s.w.) lassen wir auf sich beruhen, da dieser
+Umstand keineswegs allgemein und keineswegs in den daraus abgeleiteten
+Folgen sicher ist.
+
+Weit wichtiger sind noch einige psychische Gründe, die wir recht
+hervorheben möchten. Wie Gram und Kummer, Druck und Despotismus das
+äussere Leben zurückhalten und verkümmern lassen, so wirken sie
+natürlich auch auf die Fruchtbarkeit der Weiber ein, denn der Einfluss
+des geistigen Lebens auf jede Seite des leiblichen, so sehr man ihn auch
+anerkennt, kann kaum mächtig genug gedacht werden. Wo daher ein schwerer
+Druck auf der Bevölkerung liegt wie durch die Adelsherrschaft in
+Polynesien und hier namentlich auf den Fidschi- und Hawaiiinseln, da
+wird es auch leichter unfruchtbare Ehen geben. Und noch mehr, wenn der
+Druck der Herrscher zugleich das tiefste moralische Weh über die
+Unterworfenen bringt, wie das durch die furchtbaren Einwirkungen der
+Europäer fast überall geschehen ist. Auch ist zu bemerken, dass von
+diesen Gründen stets mehrere vereint, nie einer allein wirken; dass wir
+die verminderte Fruchtbarkeit also äusserlich veranlasst sehen, wodurch
+die Ansicht, sie sei Raçencharakter, schon erschüttert wird. Und wäre
+sie es wirklich, so müsste sie doch überall sich bei den betreffenden
+Raçen zeigen. Aber das ist gar nicht der Fall. In Neuholland z.B., wo
+allerdings Heirathen in demselben Stamme so gut wie gar nicht vorkommen,
+werden fruchtbare Ehen gar nicht selten erwähnt. Grey (a.a.O.) sah 41
+Weiber, welche zusammen 188 Kinder hatten; und gar manches Volk in
+Amerika gibt es, welches eine sehr reichliche Kinderzahl besitzt, so die
+Stämme der Nordwestküste, die Nordindianer, welche Hearne besuchte, die
+Chippewais, die Sioux, die Mandans, und manche Südamerikaner, welche
+Waitz 1, 171-72 zusammenstellt. Und während einzelne Theile
+melanesischer Bevölkerung meist nur kinderarme Familien aufweisen, ist
+das Gegentheil bei anderen, z.B. den Fidschis der Fall; dieselben
+Gegensätze zeigt Mikronesien und Polynesien, in welchem letzteren Gebiet
+z.B. Tonga ganz anders als Tahiti und die Markesasinseln nur fruchtbare
+Ehen kennt. Und wer hat je etwas der Art von dem Brudervolk der
+Polynesier, von den Malaien gehört? Gedeihen sie nicht reichlich in
+ihrer Inselwelt und müsste nicht, wäre die Unfruchtbarkeit
+Raçencharakter, sie sich auch bei ihnen vorfinden?
+
+Umgekehrt aber findet sie sich bei Kulturvölkern, bei denen die oben
+besprochenen Gründe wirksam sind, wofür Waitz 1, 173 einige Beispiele
+aufstellt. Wo diese Gründe aber wegfallen, da sind die Weiber auch sonst
+minder fruchtbarer Stämme mit Kindern gesegnet. Neuseeländerinnen mit
+Europäern (Dieffenbach 2, 152) und Botokudinnen mit Weissen oder Negern
+vermählt (Tschudi 2, 284) pflegen sehr fruchtbar zu sein, weil dann die
+Frau meist ein ruhigeres, besseres Leben hat, wie Tschudi dies sehr
+richtig a.a.O. erklärt, nicht aber etwa in Folge der Vermischung und des
+Einflusses einer höheren Raçe, da ja in der Ehe mit Negern dasselbe
+Verhältniss eintritt.
+
+Wir würden schon hieraus die Unfruchtbarkeit der Weiber vollkommen
+erklärlich finden, ohne Hinzunahme einer so wenig begründeten Theorie,
+wie die von der minderen Zeugungsfähigkeit der hinschwindenden Raçen.
+Aber einen der wichtigsten Gründe, welcher nicht nur diese
+Unfruchtbarkeit, sondern überhaupt die Verringerung der Naturvölker
+nicht zum mindesten Theil erklärt, haben wir noch zu besprechen: es ist
+das weitverbreitete Tödten der Kinder vor oder gleich nach der Geburt.
+
+Bei den Hottentotten (Sparmann 320) herrschte die Sitte, Säuglinge,
+deren Mutter starb, mit dieser zugleich zu begraben oder auszusetzen;
+ebenso tödteten sie von Zwillingen das eine Kind. Künstliche
+Fehlgeburten kamen häufig bei ihnen vor. Noch häufiger war dies alles
+bei den Buschmännern, welche bei ehelichen Streitigkeiten, bei
+Nahrungsmangel, der sie oft genug betraf, und bei eiliger Verfolgung die
+Kinder tödteten, aus Rache und Zorn gegen den Ehegatten, oder weil sie
+dieselben nicht ernähren, nicht mitnehmen konnten; das heisst in den
+meisten Fällen, weil sie jede ungewöhnliche Anstrengung, welche ihnen
+die hülflosen Kinder auferlegt hätten, scheuten. Zwillinge und
+missgestaltete Kinder wurden stets umgebracht (Waitz 2, 340 und daselbst
+die Quellen).
+
+Ebenso war es in Amerika, namentlich in der südlichen Hälfte des
+Kontinentes, während die Indianer Nordamerikas, wie sie überhaupt höher
+stehen, auch ihre Kinder besser halten, ja sie oft mit der innigsten
+Liebe pflegen. So verwenden z.B. die Potowatomi auch auf arbeitsunfähige
+und blödsinnige Kinder zärtliche Sorgfalt (Waitz 3, 115-16); und die
+Huronen zogen auch solche Säuglinge auf, deren Mutter gestorben war
+(Waitz b, 100). Künstlicher Abortus dagegen war weit verbreitet unter
+den Thakallis, dem westlichsten Stamm der Athapasken, welcher auch sonst
+sehr tief stand und von Keuschheit oder ehelicher Treue keinen Begriff
+hatte (Waitz b, 90). Dass die Knisteno namentlich ihre weiblichen Kinder
+tödteten, um sie vor dem elenden Loos des Lebens, das sie erwartete, zu
+behüten (Waitz 3, 103), ist schon erwähnt. Und nun gar in Südamerika.
+Die Guanas (Azara 232) bringen die meisten Mädchen sofort bei der Geburt
+um, indem sie die Neugeborenen lebendig begraben; überhaupt aber ziehen
+sie nur etwa die Hälfte ihrer Kinder auf. Da es bei den Tupis Sitte war
+(Waitz 3, 423), die Neugeborenen dadurch anzuerkennen, dass man sie vom
+Boden aufhob, so können wir hieraus schliessen, dass bei ihnen,
+wenigstens in früherer Zeit, viele Kinder, die man eben nicht aufhob,
+getödtet sind. Von den Guaikurus (östlich vom oberen Paraguay) berichtet
+Azara 273, dass die ganze Nation hauptsächlich durch Abtreiben der
+Kinder, von denen sie nur das letzte und also, da diese Rechnung sehr
+unsicher ist, oft keins schonten, ganz verschwunden sei; und wenn wir
+auch mit Waitz (3, 430) diese Nachrichten, sowohl in Beziehung auf ihr
+Aussterben--denn Castelnau z.B. fand 6 Stämme von ihnen, darunter zwei
+ackerbauend, am Paraguay vor--als auch in Betreff dieser furchtbaren
+Ausdehnung des Kindermords für übertrieben halten, so muss doch
+künstlicher Abortus bei ihnen vorzugsweise verbreitet gewesen sein, wie
+ihn auch noch neuere Reisende, Martius, Castelnau bei Waitz 3, 472 als
+gewöhnlich unter ihnen angeben. Auch von den Mbayes, welche indess von
+den Guaikurus nicht zu trennen sind, gibt Azara 250 genau dasselbe an:
+sie tödten alle Kinder bis auf eins, bisweilen auch alle insgesammt. Als
+Gründe für diese Sitte geben die Indianerinnen an, regelmässige Geburten
+machten sie vor der Zeit alt und hässlich, auch sei es ihnen, bei ihren
+ewigen Wanderzügen, wo sie selbst oft nichts zu essen hätten, sehr
+schwer mehr als ein Kind mitzunehmen und zu erhalten. Fühlte sich also
+eine Frau schwanger, so legte sie sich auf die Erde und andere Weiber
+gaben ihr so lange die heftigsten Schläge auf den Unterleib, bis Blut
+und bald darauf die Frucht abging, eine Operation, an der natürlich
+viele Weiber sogleich oder kurz darauf starben, andere wenigstens ihr
+ganzes Leben siechten (Azara a.a.O.). Auch bei den Abiponen herrschte
+dieser Gebrauch; mehr als zwei Kinder zogen sie nicht auf (Waitz 3,
+476). Die Tobas (zwischen Abiponen und Guaikurus, östlich vom Paraguay)
+tödten viele ihrer Kinder (Waitz 3, 475), die Lules (östlich von den
+Tobas) alle unehelichen, von Zwillingskindern, welche für ein Zeichen
+von Untreue gelten, immer eins, und wenn die Matter stirbt, so begraben
+sie den Säugling mit ihr (Waitz 3, 480). Die Yurakares, westlich vom
+Titikaka-See, mordeten ihre Kinder, wenn sie keine Lust hatten, sie
+weiter zu verpflegen (Waitz b, 100). Die Moxos tödteten von Zwillingen
+immer das eine Kind und begruben kleine Kinder mit ihrer Mutter, wenn
+diese starb (Waitz 3, 537). Gegen Zwillingskinder wandten sie diese
+Massregel an, weil man in einer solchen Doppelgeburt etwas
+Thierähnliches sah (Waitz b, 100). Die Chiquitos (zwischen dem oberen
+Paraguay und dem Titikaka) hatten so wenig Anhänglichkeit an ihre
+Kinder, dass sie dieselben leicht fortgaben oder verkauften (Waitz 3,
+530) und von den Minuanes (am unteren Parana) erzählt Azara 191 ganz
+ähnliches; waren die Kinder entwöhnt, so kümmerten sich die Eltern gar
+nicht mehr um sie, vielmehr wurden sie von verheiratheten Verwandten
+aufgezogen. Bei den caribischen Völkern herrschten dieselben Sitten, wie
+dies Humboldt b 4, 225-28 genauer schildert. Von Zwillingen tödten sie
+immer ein Kind, um nicht wie Ratten, Beuteltiere und das niederste
+Gethier, das viele Jungen zugleich wirft, zu sein, oder weil man auch
+hier in einer solchen Doppelgeburt ein Zeichen von Untreue sieht. Auch
+missgestaltete, ja selbst schwächliche Kinder werden getödtet, um sich
+der Last, die man später mit ihnen haben würde, zu entziehen. Die Frauen
+dieser Völker haben verschiedene Pflanzenaufgüsse, welche sie zum
+Abtreiben anwenden und zwar in verschiedenen Gegenden zu verschiedener
+Zeit, je nachdem sie es für die Gesundheit und die Schönheit früh oder
+spät Kinder zu bekommen für zuträglich halten. Auch bei den Makusis
+sieht Schomburgk (2, 312), so sehr er auch sich gegen diese Annahme
+sträubt, sich genöthigt, an künstliche Fehlgeburten zu glauben. Wenn er
+aber meint (313), dass Zwillinge bei ihnen nicht getödtet würden, und
+dass überhaupt solche Geburten höchst selten bei ihnen seien, weil er
+nur zweimal unter den Eingeborenen von Guyana, einmal unter den Makusis,
+einmal unter den Waikas Zwillinge sah und nie von ihnen reden hörte, so
+ist das sicherlich unrichtig, denn er selbst erzählt, dass die Frauen
+jener Völker auf seine Bemerkung, die Europäerinnen bekämen bisweilen
+zwei, ja drei Kinder, den Mund spöttisch verziehend geantwortet hätten:
+wir sind keine Hündinnen, die einen Haufen Junge werfen.[G] Also auch
+hier dieselbe Auffassung wie überall in Südamerika und sicher auch
+derselbe Gebrauch. Schon die Seltenheit von Zwillingen spricht dafür;
+und wenn die Indianer nie von Zwillingen sprechen, so erklärt sich das
+aus dem herrschenden Gebrauch, von der Ermordung der Kinder überhaupt
+nicht zu reden; man thut, als seien sie eines natürlichen Todes
+gestorben: »Das arme Kind konnte nicht mit uns Schritt halten; man hat
+nichts mehr von ihm gesehen« (Humboldt 64, 226).
+
+Auch bei den Kulturvölkern Amerikas herrschte derselbe Brauch. Die
+Mexikaner, in dem Glauben, dass Zwillinge den Tod des Vaters oder der
+Mutter vorbedeuteten, tödteten oft das eine der beiden Kinder (Waitz 4,
+164). Die Chibchas, in Neu-Granada, thaten dasselbe, weil sie in
+Zwillingsgeburten die Folge grober Ausschweifungen sahen (eb. 4, 367).
+Auch in Peru galten Zwillinge als üble Vorbedeutung für die Eltern, der
+man in vielen Theilen des Landes durch Fasten (eb. 417), in anderen
+durch Tödtung eines der Kinder vorzubeugen suchte (eb. 461). Die
+darischen Weiber sollen ihre Kinder getödtet haben, um ihre Schönheit zu
+bewahren (350). Die zu den Chibchas gehörenden Panches tödteten alle
+ihre Kinder, so lange ihnen nur Mädchen geboren wurden (eb. 376); und
+hier mag denn den Schluss die Bemerkung bilden, dass die vielfach
+vorkommende Tödtung der Mädchen ursprünglich wohl nicht den Grund hatte,
+den Töchtern ein schlimmes Lebensloos zu ersparen, welche Auffassung
+gleichwohl späterhin gegolten haben mag: der Hauptgrund war gewiss ein
+abergläubisch-religiöser oder wenigstens der, dass man Knaben der
+Kriegstüchtigkeit halber und weil man sie für vortrefflicher hielt,
+lieber sah als Mädchen.
+
+Dieselben Sitten galten in Neuholland. Stirbt die Mutter eines
+Säuglings, so wird derselbe mit ihr begraben und von Zwillingen stets
+das eine Kind getödtet (Freycinet 2, 747), in Ost- und Westaustralien;
+missgestaltete Kinder oder solche, die bei der Geburt Schmerzen
+machen--diese alle gewiss, weil man sie von bösen Geistern besessen
+glaubt--tödtet man gleichfalls, so wie alle Kinder von europäischen
+Vätern, welche die Mutter verliessen (Grey 2, 251. Bennet 1, 122). Von
+Mischlingskindern tödtet man nach Breton (231) indess nur die Knaben,
+nicht die Mädchen, während sonst die Mädchen so vorzugsweise getödtet
+werden, dass nach Grey (2, 251) das Verhältniss der Weiber und Männer
+wie 1: 3 ist. Jede Mutter tödtet ihr drittes, bisweilen schon ihr
+zweites Mädchen, wenn es nicht eine fremde Frau als ihr Kind annimmt
+(Salvado 111). Fehlgeburten werden oft herbeigeführt und Neugeborene oft
+getödtet, um der Last und der Schwierigkeit, Kinder aufzuziehen, zu
+entgehen (Meinicke a 2, 208). Ja es soll sogar vorkommen, dass Eltern
+ihre neugeborenen Kinder selbst auffressen (Stanbridge, transaction of
+the ethnol. Society X. S. 1, 289; Australia felix 129; Angas 1, 73). Auf
+Vandiemensland dagegen herrschte der Kindermord nicht (Bibra 16).
+
+Wohl aber in Melanesien, und so auf Vate (Gill 67), wo man neugeborene
+Kinder lebendig begrub und nur zwei bis drei aufzog (Turner 394), und
+ebenso war es auf Erromango (Turner 491) und in grösster Ausdehnung auf
+den Inseln in der nächsten Nähe von Neuguinea (Reina in Zeitschr. 4,
+359). Auf den Fidschiinseln war der Kindermord gleichfalls nicht selten,
+wie Williams und Calvert (1, 180) berichten und das Gemälde, das sie
+entwerfen, ist düster genug: künstliche Fehlgeburten, Tödtung der
+Kinder, namentlich der Mädchen, gleich nach der Geburt, ist sehr häufig,
+aus Laune, aus Faulheit, aus Eifersucht und Rache; wie in Polynesien gab
+es auch hier in jedem Dorf Leute, welche Fehlgeburten herbeizuführen
+verstehen. Hale (66) schreibt den Fidschis dieselbe Sitte zu, welche wir
+bei den Tupis fanden und welche ja auch unter den Indogermanen eine so
+weit verbreitete war, dass alle Kinder, welche der Vater oder Priester
+nicht unmittelbar nach der Geburt vom Boden aufnimmt, als
+»ausgestossene« getödtet werden.
+
+Aber schlimmer noch und wahrhaft in entsetzlicher Ausdehnung tritt der
+Kindermord auf im übrigen Ozeanien. Wir beginnen mit Mikronesien.
+Während allerdings die Carolinen frei von diesem Verbrechen waren
+(Chamisso 137), durfte auf den Ratakinseln keine Mutter mehr als drei
+Kinder grossziehen: alle übrigen wurden umgebracht (Chamisso 119); und
+ebenso ist, um übergrosse Bevölkerung zu vermeiden, künstlicher Abortus
+bei den Gilbertinsulanern nach Gulick (410), allerdings gegen Hales
+Ansicht, häufig. Von der Kingswillgruppe, aber mit Ausnahme von Makin,
+sagt auch Hale dasselbe (96). Nach alledem, was wir von den marianischen
+Uritaos wissen, scheinen auch sie, obwohl bestimmte Daten darüber
+fehlen, die Kinder, welche ihnen bei ihren Ausschweifungen und
+namentlich die, welche von niederen Weibern geboren worden, getödtet zu
+haben.
+
+Im eigentlichen Polynesien nun bleiben auf Tikopia nur die ältesten
+beiden Söhne am Leben, um die Insel nicht zu übervölkern, so wie alle
+Mädchen, daher die Insel weit mehr Weiber als Männer hat (Dillon 2,
+134). Auf Tonga kam der Kindermord, dessen Motiv dann meist Trägheit
+oder Bequemlichkeit ist, nur vereinzelt vor (Mariner 2, 18-19), auf
+Samoa aber gar nicht (Wilkes 2, 80, Williams 560) und ebenso wenig, um
+das hier gleich anzuschliessen, auf den Herveyinseln (Williams 560).
+
+Allein auf Tahiti war das Verbrechen so im Schwunge, dass Ellis (1, 249)
+annimmt, es habe sich in der Ausdehnung, wie er es vorfand, erst in
+etwa den letzten 50 Jahren vor der Entdeckung, ausbreiten können, weil
+sonst eine so zahlreiche Bevölkerung, wie sie Wallis und Cook vorfanden,
+sich unmöglich habe erhalten können. Cook fand den Kindermord schon
+allgemein verbreitet vor und suchte vergeblich den König Otu zu seiner
+Abschaffung zu veranlassen. Auch die Missionäre des Duff (1796) fanden
+die Tödtung der Kinder als etwas ganz Selbstverständliches, über das mit
+der grössten Gleichgültigkeit geredet wurde (Wilson 272. 310); und mit
+demselben Entsetzen über diese Gleichgültigkeit wie Wilson sagt auch
+Ellis, dass etwa zwei Drittel der Kinder getödtet seien. Die ersten drei
+Kinder wurden es meist, Zwillinge gleichfalls, mehr wie zwei oder drei
+Kinder zog Niemand auf. Allein eben dadurch konnten sich die Geburten
+rascher folgen und so fand Ellis Frauen, welche vier, sechs, acht, ja 10
+und noch mehr Kinder getödtet hatten (1, 250. 251); ja er versichert,
+und da kein Stand von dem Gebrauche ausgeschlossen war, ganz glaublich,
+kein Weib gefunden zu haben, das nicht seine Hände mit dem Blut der
+eigenen Kinder befleckt hätte. Unter den Areois nun war es so strenges
+Gesetz, alle Kinder, welche den Mitgliedern der Gesellschaft geboren
+wurden, zu tödten, dass wer sich diesem Gesetz nicht fügte, sofort
+ausgestossen wurde. Die einzigen Ausnahmen, welche gestattet waren,
+bestanden darin, dass die ersten Fürsten ihren ersten Sohn behielten und
+dass die vornehmsten Areois (die Gesellschaft hatte 12 Grade, Mörenhout
+1, 489) nur ihr ältestes Kind so wie alle Mädchen tödteten. Das letztere
+geschah auch hier wohl aus religiösen Gründen oder weil man die Mädchen
+für geringer als die Knaben hielt; Mörenhout, dem diese Nachrichten
+entlehnt sind--er handelt von den Areois 1, 485-98--ist der Meinung,
+alle diese Morde seien vollbracht, um die Volksmenge der Insel nicht
+übergross werden zu lassen, welcher Ansicht man kaum beipflichten wird;
+wie denn auch das tahitische Volk selbst der Ansicht war, die Weiber
+brächten zur Conservirung ihrer Schönheit die Kinder um. Dass alle
+Kinder einer Mischehe--wenigstens, nach Williams 565, eines gemeinen
+Mannes und einer adligen Frau--umgebracht wurden, versteht sich nach den
+Begriffen, welche man über die verschiedenen Stände hatte und nach denen
+der Adel ganz göttlich, das Volk aber nicht einmal im Besitz einer Seele
+war, von selbst. Für Tonga wählte man solche Kinder vorzüglich
+gern, nach Mariner, zu Opfern aus. Und so war es auf allen
+Gesellschaftsinseln. Williams erzählt von Raiatea, wo er (1829) seine
+Station hatte, folgendes Beispiel. Er sass mit Bennett in einem Zimmer,
+in dessen Hintergrund mehrere eingeborene Weiber arbeiteten und als
+Bennett sich bei ihm nach der Ausdehnung des Kindermords erkundigte, so
+fragte er, um sich selbst zu überzeugen, ob das Verbrechen so allgemein
+sei als er glaube, die zufällig anwesenden Weiber, die er nicht weiter
+kannte, wie viel Kinder jede getödtet habe: neun die eine, sieben die
+andere, die dritte fünf, also alle drei zusammen 21! Eine andere Frau
+bekannte sterbend, dass sie 16, ein vornehmer Häuptling, dass er 19
+umgebracht hätte und manche Familien hatten alle getödtet (Williams
+562-565). Als Gründe geben ihm die Eingeborenen an, zunächst Furcht vor
+den ewigen Kriegen und ihren blutigen Zerstörungen; man wollte von den
+Kindern nicht gehindert sein, auch wohl böse Schicksale ihnen ersparen
+und was wohl der Hauptgrund war, dem Feind keine Gelegenheit zu irgend
+welchem Triumph (etwa durch Gefangennehmung oder Ermordung der Kinder)
+geben. Zweitens war aber die Verschiedenheit des Ranges ein wichtiger
+Grund. War ein Mann von niederem Rang als seine Frau, so konnte er durch
+Tödtung von zwei, vier oder sechs Kindern, je nachdem er tiefer stand,
+zum Rang der Frau sich erheben und die Kinder, welche ihm, nachdem er
+diese Stufe erreicht, geboren wurden, blieben am Leben. Die Frau aber,
+welche von minder hohem Range als ihr Mann war, konnte, da alle
+Vererbung nur in weiblicher Linie erfolgte, sich durch kein Mittel, auch
+dieses nicht erheben. Blieben aber in gemischten Ehen die Kinder ohne
+Weiteres am Leben, so sank die Familie auf den Rang herab, welchen der
+minder vornehme der Eltern inne hatte (Ellis 1, 256). Als dritten Grund
+führt Williams die Eitelkeit der Weiber auf: sie wollten ihre Schönheit
+nicht durch Säugen und Kinderpflegen gefährden. Der Hauptgrund scheint
+aber, wenn nicht in frühester, vorhistorischer Zeit religiöse Motive
+mitwirkten, Faulheit gewesen zu sein: auf der Insel, welche eine
+vielfach grössere Bevölkerung leicht ernähren konnte, hiess ein Vater
+von vier Kindern schon ein »arg überbürdeter« Mann (Ellis a.a.O.).
+
+Man tödtete die Kinder, indem man ihnen einen nassen Lappen auf den Mund
+legte, oder ihnen die Kehle mit dem Daumen zupresste, oder sie, noch im
+Mutterleibe, aber während der Geburt, mit einem spitzen Bambus
+durchbohrte; oder man begrub sie lebendig und zwar gerne so, dass die
+Erde nicht unmittelbar auf sie kam, sondern sich über ihnen her wölbte
+(Williams und Ellis a.a.O.). Eine vierte noch viel scheusslichere Art
+beschreibt Williams 567-568: zuerst wurden den eben Geborenen die
+äussersten Glieder an Finger und Zehen, dann, wenn sie davon nicht
+starben, die Hand- und Fussknöchel gebrochen. Ueberstand das Kind auch
+das, so kamen die Kniee und Ellenbogen an die Reihe, und wenn es dann
+immer noch lebte, so wurde es schliesslich erwürgt. Indess ist die That
+scheusslicher als die Gesinnung, welche sie hervorbrachte: denn ohne
+Zweifel wandte man diese grässlichen Todesarten aus keinem anderen
+Grunde an als aus Ehrfurcht vor der Seele des Kindes, die auf möglichst
+gelinde Weise, von aussen her, zur Entfernung mehr aufgefordert als
+genöthigt werden sollte, und erst wenn sie diese Aufforderung gar nicht
+verstand, trat Zwang ein. Denn die Seelen der getödteten Kinder, die
+man sich unter der Gestalt von Heuschrecken nach Mörenhout dachte,
+galten für heilig und wurden hoch geehrt. Auch hier gab es fast in jedem
+Dorfe Leute, welche aus dem Kindermord Gewerbe machten (Williams 568)
+und doch, war einem Kinde auch nur eine Viertelstunde das Leben erhalten
+worden, so durfte es nicht mehr getödtet werden, und hatte dann sehr
+liebevolle, ja wohl zärtliche Eltern.
+
+Wo möglich noch roher waren die Bewohner der Sandwichsinseln. Hier
+herrschte der Kindermord namentlich in den unteren Klassen, von denen
+die Eltern selten, mochten die Ehen auch noch so fruchtbar sein, mehr
+als zwei oder drei, vielmehr oft nur ein Kind aufzogen. Auch hier sind
+(Ellis 4, 326-330) 2/3 der Kinder getödtet und zwar meist durch Erwürgen
+oder lebendig Einscharren, wobei man sie ohne Weiteres mit Erde bedeckte
+und diese mit den Füssen feststampfte. Hier begrub man die kleinen
+Leichen oft im eigenen Hause, ja im eigenen Schlafgemach der Eltern,
+während man zu Tahiti ihnen doch wenigstens einen Platz neben dem Hause
+gab. Oft waren es, hier wie zu Tahiti, die Eltern selbst, welche die
+grauenvolle That vollbrachten. In Hawaii war der Grund zu diesem Mord
+meist Trägheit nach Ellis 4, 329 und Eitelkeit der Weiber, nach Jarves
+85. Während aber zu Tahiti die Kinder, welche die erste halbe Stunde
+überlebt hatten, gerettet waren und zärtlich aufgezogen wurden; so
+tödtete man zu Hawaii, mit viel grösserem Stumpfsinn, die Kinder auch
+noch nach einem Jahre, ja noch später. War ein Kind krank und machte
+Unruhe, so begrub man es lebendig, schrie es der Mutter zu unerträglich,
+so stopfte sie ihm ein Stück Zeug in den Mund und grub die unglückliche
+Creatur in die Erde, wenige Schritte von ihrem Bette, zu welchem sie
+nach vollbrachter That, als ob nichts geschehen wäre, ruhig zurückkehrte
+(Ellis 4, 330). Und selbst dies wird noch durch folgenden Fall, den
+Ellis gleichfalls (326) erzählt, überboten. Ein Mann und eine Frau,
+welche ein Kind, einen hübschen Jungen, nach Jarves (73) von sieben
+Jahren, hatten, geriethen über denselben in Streit und da die Frau nicht
+nachgab, ergriff der Vater das Kind bei Kopf und Fuss, brach ihm über
+seinem Knie den Rücken entzwei und warf die zuckende Leiche der Mutter
+zu Füssen! Tamehameha, bei dem die Unthat angezeigt wurde, erklärte, er
+könne nicht strafend eingreifen, da der Mann sein eigen Kind umgebracht
+habe.--Auch in Neuseeland findet sich der Kindermord gar nicht selten
+(Angas 1, 313); er ist aber, wie in Tahiti, nicht mehr statthaft, wenn
+das Kind auch nur eine halbe Stunde gelebt habe. Will man es tödten, so
+wird es meist lebendig begraben oder bei der Geburt erwürgt. Rache ist
+häufig das Motiv hierzu, wegen harter Behandlung der Frau während ihrer
+Schwangerschaft, oder weil der Vater sie verliess oder aus irgend
+welchem anderen Grunde (Dieffenbach 2, 25 ff.). Trägheit aber steht auch
+hier in erster Linie. Namentlich Mädchen brachte man um (Taylor 165).
+Auch Abortus ist häufig: und so ist es nicht zu verwundern, dass (Browne
+40) die Ehen durchschnittlich kaum mehr als zwei Kinder haben.
+Allerdings herrschen diese furchtbaren Gebräuche am meisten an der
+Küste; im Innern sind die Familien zahlreicher, ja Dieffenbach (2, 33)
+sah bis zu 10 Kindern in einer. Gegen die geschonten Kinder sind die
+Maoris liebevolle (Dieffenbach 2, 25 ff.), wenn auch nicht gerade
+zärtliche Eltern (Browne 39).
+
+Es könnte scheinen, als hätten wir uns schon allzu lange bei diesem
+abschreckenden Gegenstande aufgehalten und seien zu sehr ins Einzelne
+gegangen, allein dies genauere Eingehen war nöthig für folgenden
+Nachweis. Da alle Polynesier liebevolle Eltern sind und wir dennoch
+dieselben Eltern im ganzen östlichen Polynesien so vollkommen abgehärtet
+gegen den Kindermord sehen, dass sie ruhig von allen den
+Scheusslichkeiten sprechen, ja auch schon herangewachsene Kinder
+kaltblütig morden: so kann diese Sitte nicht erst 50 Jahre vor der
+Entdeckung, also um 1700 oder 1710 weiter um sich gegriffen haben, wie
+Ellis will. Jedenfalls muss sie älter sein, auch in dieser Ausdehnung.
+Denn um ein Volk so ganz zu beherrschen, dazu braucht eine solche Sitte,
+auch wenn sie eingeschränkt schon früher im Gebrauche war, mehr als 50
+Jahre. Auch ist uns berichtet, dass die marianischen Weiber ihre Kinder
+vor und bei der Geburt massenweise tödteten, als die Spanier die Inseln
+eroberten, damit die Neugeborenen nicht in Knechtschaft geriethen. Auch
+das setzt schon ein Bekanntsein mit Aehnlichem voraus, und dazu kommt,
+dass sich beim malaiischen Stamm überhaupt die Sitte des Kindermordes
+oder des künstlichen Abortus sehr häufig findet. So treiben die Battas
+häufig die Frucht vorzeitig ab, Waitz 5, 190; die östlichen Malgaschen
+tödten Zwillinge, sowie sie solche Kinder, die an einem bösen Tage
+geboren wurden, ertränkten, aussetzten oder lebendig begruben (Waitz 2,
+441). Die Bisayas ziehen, um nicht zu verarmen, nur wenige Kinder auf,
+und tödten uneheliche Kinder meist, weil das Mädchen, ihr Vater und ihr
+Geliebter für aussereheliche Schwangerschaft Strafe zahlen müssen
+(Loarca in Ternaux Archives 1, 23). Aehnlich die Pintados auf den
+Philippinen, welche ihre Kinder vom 3ten an tödten, indem sie dieselben
+unter Festen und Lustbarkeiten lebendig begraben, so wie auch, um sie
+nicht ernähren zu müssen, alle unehelichen Geburten (nach einem Bericht
+von 1577 in N. Journ. As. VIII, 39, 1831). Auf den Niasinseln setzt man
+die Kinder aus (Domis bei Oosterling tydschrift toegew. van de
+verbreiding d. Kennis v. Oost. Indie II, 2, 125). Abtreiben der Kinder
+bei den Dajaks aus Sittenlosigkeit erwähnt Schwaner Borneo 1, 203.
+
+Wie hat man sich nun die Entstehung dieser schrecklichen Sitte zu
+denken? Ist es bloss Trägheit und Versunkenheit, worin sie wurzelt? In
+Afrika und Nordamerika ist freilich meist das äussere Elend ihr Anlass,
+wie auch die Markesaner ihre Kinder aus Hungersnoth tödteten und assen
+(Ellis 4, 328); allein das reicht weder für Polynesien noch für
+Südamerika aus. Meinicke meint nun (b, 59 bis 60), dass in Polynesien
+der Kindermord eingeführt sei, um die Reinheit des Blutes der
+Aristokratie zu erhalten. Er stützt diese Ansicht, für welche
+historische Gründe sich nicht aufstellen lassen, dadurch, dass, trotzdem
+der Kindermord bei allen Klassen der Bevölkerung vorkommt, er doch zu
+Tahiti zumeist von den Areois ausgeht, dass alle Kinder aus gemischten
+Ehen, die bei der förmlichen Berechtigung der Vornehmen zu jeglichem
+Lebensgenuss gar nicht zu vermeiden waren, getödtet wurden. »So mögen«,
+fährt er S. 60 fort, »solche Kinder seit Jahrtausenden getödtet sein,
+ohne dass dies bei den körperlichen Vorzügen, die dergleichen
+Verbindungen mit Menschen niederen Standes nicht häufig gemacht haben
+werden und bei ihrer geringen Zahl grossen Einfluss gehabt haben wird.
+Aber mit der Zeit fing man an, Kinder auch zu tödten, um durch die
+Sorge, die sie erforderten, nicht an Ausschweifungen und Vergnügungen
+gehindert zu werden (wie es bei den Areois der Fall war), und endlich
+verbreitete sich die grauenvolle Sitte bloss durch den Einfluss der
+Mode, die auf den Südseeinseln so gut wie in anderen Erdtheilen die
+niederen Stände antreibt, Verkehrtheiten und selbst Laster der Vornehmen
+nachzuahmen, auch unter das Volk, wo sie in der Bequemlichkeit,
+Liederlichkeit, Armuth und den Beschwerden, die Kinder zu erziehen,
+mannigfache Unterstützung fand. Man sieht, dass der Kindermord so mit
+der Zeit stets zunehmen musste und wird hierin eine Hauptursache der
+erstaunlich raschen Abnahme der Bevölkerung zu suchen haben, wenn auch
+die Angaben der Missionäre über die Zahl der hingeopferten Kinder
+übertrieben sein sollten«. Dies letztere ist nun zwar bei den mit
+bestimmten Zahlen angegebenen einzelnen Fällen und der genauen
+Uebereinstimmung der Angaben, welche die Missionäre machen, nicht
+wahrscheinlich[H] wie denn Ellis ausdrücklich sagt, dass er Williams
+Angabe, 2/3 der Kinder seien getödtet, an Ort und Stelle geprüft und
+nicht übertrieben gefunden habe. Recht aber hat Meinicke darin, dass
+auch er diese Sitte für eine sehr alte ansieht.
+
+Allein sonst ist seine Ansicht schwerlich richtig. Mag auch späterhin,
+und er hat es gewiss sehr reichlich gethan, der Unterschied zwischen
+Volk und Adel dem Kindermord weitere Ausdehnung verliehen haben;
+veranlasst hat er ihn gewiss nicht, wofür zunächst spricht, dass wir in
+Südamerika den Kindermord fast in ähnlicher Ausdehnung wie in
+Polynesien, jenen Standesunterschied aber nicht vorfanden. Aber auch für
+Polynesien allein wird es bedenklich, den letzteren als alleinige
+Ursache des ersteren anzusehen, wenn man Folgendes erwägt. Williams
+sagt, wie wir schon vorhin sahen, dass ein niederer Mann durch
+Kindermord sich dem Stand seiner vornehmeren Frau angleichen kann; was
+Meinicke, wohl nur durch einen Irrthum seinerseits, für einen Irrthum
+hielt. Denn aller Rang vererbte durch die Mutter; der Adel war ferner
+eine mit Seele begabte, göttliche Klasse, im Gegensatz zu dem
+unbeseelten, irdischen Volk. Kinderseelen nun, welche nach Mörenhout für
+besonders heilig gehalten und zu denen als Vermittlern zwischen Göttern
+und Menschen besonders gebetet wurde, konnten, wenn für den unbeseelten
+Mann geopfert, ihm, sei es durch direkten Uebergang in ihn, oder sei es
+durch Vermittlung bei den Göttern, zu einer Seele verhelfen, wodurch er
+zu höherem Rang emporstiege. Die Areois sind eine religiöse
+Gesellschaft; religiöse Scheu zeigte sich in der Art, wie man
+(wenigstens in Tahiti) die Kinder umbrachte; man hat sie also in vielen
+Fällen vielleicht nur getödtet, um Schutzgeister zu haben oder sie als
+Opfer fürs eigene Leben--solche Opfer werden wir gleich noch mehr
+sehen--den Göttern darzubringen. Dieselbe Bedeutung hat wohl der
+Kindermord in Mikro-und Melanesien gehabt, wie einzelne Spuren noch
+andeuten, wenn sich auch Zwingendes nicht dafür anführen lässt als eben
+ihre Verwandtschaft mit den Polynesiern. Wenn aber Meinicke sagt, die
+Sitte müsse überall geherrscht haben und sei, wo wir sie nicht erwähnt
+finden, wie in Tonga, nur übersehen, so kann man das nicht zugeben; der
+so feinen und scharfen Beobachtung Mariners hätte sich ein so
+auffallender Gebrauch nicht entziehen können und er führt 2, 18-19 einen
+Fall der Art ausdrücklich als etwas Ausserordentliches an. Aber möglich
+ist es, ja wahrscheinlich, dass die Sitte auch in Tonga ursprünglich
+geherrscht hat, nur während sie sich im übrigen Polynesien ausbreitete,
+so erlag sie schon sehr früh und lange vor der Entdeckung dem besseren
+Sinn der Tonganer, wie sie auch andere ähnliche Sitten aufgaben, z. B.
+die Ermordung der Weiber beim Tode der Männer, von der Mariner als von
+einer früher gebräuchlichen hörte (1, 342), die aber zu seiner Zeit
+schon ausser Gebrauch gekommen war.
+
+Da wir nun Gründe haben, bei den Polynesiern diesen Gebrauch für einen
+ursprünglich religiösen zu halten, der freilich in späterer Zeit aus
+ganz anderen Motiven, aus Faulheit, Eitelkeit, Lieblosigkeit,
+Standeshochmuth u.s.w. sich unendlich verbreitete und das ganze Leben
+der Nation in der neuen Gestalt anfrass; so möchte auch die ziemlich
+weite Verbreitung der Sitte, wie wir sie im eigentlichen Malaisien von
+Luzon bis nach Madagaskar hin nachwiesen, auf demselben Princip beruhen.
+Wie es sich in Südamerika hiermit verhält, lassen wir, da es uns an
+älteren Daten fehlt, unerörtert; doch hat hier vielleicht eine ähnliche
+Grundanschauung geherrscht, als wir sie für Polynesien annahmen. Denn in
+Mexiko wenigstens glaubte man, kleine Kinder, welche stürben, seien den
+Göttern besonders lieb; sie kämen zu einem Baum, von welchem beständig
+Milch herabträufele, und seien Vermittler zwischen Göttern und Menschen
+(Waitz 4, 166). Kinderopfer, um die Götter gnädig zu stimmen, kamen viel
+bei ihnen vor (4, 159) und das Bild des Gottes, das sie bei der
+Ceremonie, die unserem Abendmahl ähnlich ist, unter sich vertheilen und
+als »das Fleisch Gottes« verzehren, war mit Kinderblut angefertigt, wie
+auch bei den Totonaken die Kuchen bereitet waren, welche sie »das Brot
+unseres Lebens« nannten (Waitz 4, 161). Jetzt scheint diese Sitte dort
+keine anderen Motive zu haben, als Eitelkeit, Faulheit und Elend und
+Noth[I]. Das Tödten von Zwillingen oder des einen von beiden Kindern
+beruht auf anderen Grundlagen: es geht aus von dem Schreck über das
+portentum einer mehrfachen Geburt, in welcher man etwas Unnatürliches
+und daher Unheimliches oder aber eine Thierähnlichkeit sah.
+
+
+
+
+§ 9. Krieg und Kannibalismus.
+
+
+Haben wir oben gesehen, wie wenig das Menschenleben bei den Naturvölkern
+geachtet wurde, so werden wir von seinem geringen Werth bei ihnen im
+Folgenden noch massenhaftere Beispiele finden, da wir uns zunächst mit
+der Frage beschäftigen müssen, welchen Einfluss auf Zahl und Existenz
+dieser Völker haben Krieg, Kannibalismus und Menschenopfer gehabt?
+
+Freilich scheint die Art der Kriegführung bei den unkultivirten Stämmen
+mindere Opfer als bei den kultivirten gefordert zu haben. Denn so
+kriegerisch auch die Nordamerikaner waren, so sehr ihr ganzes Leben
+beinah auf dem Krieg beruhte, so galt ihnen doch eine Art der
+Kriegführung, wie die europäische, wo man in offener Feldschlacht stets
+das eigene Leben in Gefahr setzt, für Thorheit, ihr Krieg bestand nur in
+Ablauern des Feindes, in Ueberfall und Hinterhalt; daher er denn, dem
+entsprechend, minder durch Tapferkeit als durch Schnelligkeit,
+Schlauheit und Verwegenheit geführt wurde. Aber dafür endete auch der
+Krieg bei ihnen nie: denn Grenzverletzungen oder Blutrache, sowie Rache
+für Zauberei (durch die man jeden Todesfall, namentlich aber den Tod von
+Häuptlingen verursacht glaubte) oder alter, einmal eingewurzelter und
+durch stets neue schlimme Thaten niemals verlöschender Stammhass
+erregten ihn immer aufs Neue. Und gerade diese versteckte, fast feige
+scheinende Art, wie sie den Krieg führten, brachte oft ein furchtbares
+Blutvergiessen hervor, da bei den Ueberfällen der meist unvorbereitete
+und wehrlose Feind ganz und gar mit Weib und Kind niedergemetzelt wurde,
+schon der Skalpe wegen, deren Erbeutung ja den Siegern die grösste
+Herzenssache und Ehre war. In Virginien zwar und bei den Huronen wurden
+Weiber und Kinder meist zu Gefangenen gemacht; war der Kampf aber lang
+und erbittert gewesen, so mordeten auch hier die Sieger so lange als sie
+die Arme heben konnten (Waitz 3, 150-154). Und gefangene Feinde, die
+Männer wurden ja von diesen Völkern wie bekannt so gut wie immer
+getödtet. Dass aber solche Kriege der Existenz ganzer Völker
+verhängnissvoll geworden sind und also, als für ihr Aussterben
+grundlegend, recht eigentlich zu unserer Betrachtung gehören, dafür hat
+Waitz, was Amerika betrifft, 1, 165, Zeugnisse gesammelt. »Die
+Kupferminenindianer sagt er an dieser Stelle, wurden durch die
+Hundsrippenindianer (Hearne) fast vertilgt, die Moquis durch die Navajos
+im hohen Grade geschwächt (Schoolcraft), die Osagen durch ihre
+erstaunlich vielen Feinde innerhalb 10 Jahren auf die Hälfte ihrer
+früheren Anzahl reducirt. Der kleine Rest des besiegten Volkes wird dann
+nicht selten von dem siegenden in sich aufgenommen und sein Name
+verschwindet von da an aus der Geschichte. Auf diese Weise sollen z.B.
+die Creecks allmählich die Reste von 15 anderen Stämmen verschlungen
+haben.« Auch die Irokesen (Waitz 3, 155) haben ausserordentlich durch
+derartige Kriege gelitten. Jenseits des Felsengebirges sind die Kriege
+viel milder und thun im Ganzen wenig Schaden (3, 338) und ebenso ist es
+auch bei den Oregonvölkern, wenn diese gleich viel kräftiger zu sein
+schienen als die Nulkas und Chinooks.
+
+Der Kannibalismus, welcher vom Kriege nicht zu trennen ist, hat auf die
+Völker Nordamerikas keinen sehr bedeutenden und für ihre Zahl durchaus
+ungefährlichen Einfluss gehabt. Er findet sich bei manchen Völkern, z.B.
+den nördlichen Athapasken, den Hasenindianern, Nipissangs, den Crees,
+Ojibways, doch ist bei allen diesen das Entsetzen vor der That ein ganz
+ausserordentliches. Ebenfalls findet er sich, und durch gleiche
+Veranlassung, bei den Indianern in Canada, die ihn aber minder
+verabscheuen (Waitz 3, 89). Allein bei den Algonkins und den Irokesen,
+den Sioux war der Kannibalismus früher (jetzt hat er aufgehört) weit
+verbreitet und besonders merkwürdig ist es, dass es bei den Miami und
+Potowatomi eine besondere, aus bestimmten Familien sich ergänzende
+Gesellschaft gab, welche Menschenfleisch ass und sich im Besitz von
+übernatürlichen, auf andere übertragbaren Zauberkräften wähnte (Waitz 3,
+159 nach Keating): man wird an die Gesellschaften der Areois auf Tahiti
+und die entsprechenden auf den anderen polynesischen Inseln erinnert.[J]
+Aber bei allen diesen amerikanischen Völkern sowie auch bei den
+Oregonindianern (Waitz 3, 345) ward der Kannibalismus nur an gefangenen
+oder gefallenen Feinden ausgeübt, deren Herz man ass, theils aus Rache,
+theils um sich die Tapferkeit und Kraft dessen, dem das Herz gehörte,
+anzueignen (Waitz 3, 159).
+
+In Südamerika hat der Krieg nicht minder, die Anthropophagie noch weit
+mehr gewirkt, als in Nordamerika: lebte doch hier das Volk, welches dem
+Kannibalismus seinen Namen gegeben hat, die Kaniben, Kariben oder
+Karaiben. Ursprünglich auf den kleinen Antillen und dem ihnen
+gegenüberliegenden Festland heimisch machten sie von dort aus, nach
+Columbus Erzählung, verheerende Kriegszüge in weite Ferne, um Weiber zu
+erbeuten, während sie die Männer erschlugen und sie, wie auch ihre
+eigenen mit den gefangenen Weibern erzeugten Kinder frassen (Waitz 3,
+374-375). Auch ihre Weiber waren ausserordentlich kriegerisch und
+kämpften so selbstständig, dass die Sage von den Amazonen, die im
+nördlichen Südamerika häufig vorkommt, durch sie veranlasst zu sein
+scheint. Schomburgk 2, 429 erzählt, dass die Kariben sich namentlich
+gegen die Makusis wandten, um Sklaven zu erbeuten, zu welcher
+Menschenjagd sie von den Holländern aus Eigennutz angetrieben wurden,
+denn diese kauften die Sklaven von ihnen. Er schildert diesen
+scheusslichen Handel näher und sagt, dass er bis gegen die vierziger
+Jahre dieses Jahrhunderts, also bis auf unsere Zeit hin bestanden habe!
+Die Art nun, wie noch jetzt die Kariben von allen anderen indianischen
+Stämmen als Herrn und Gebieter gefürchtet werden, so dass sie ohne
+Weiteres sich in jeder beliebigen Hütte was ihnen gefällt nehmen können
+(ebendas. 427); so wie die blinde Angst, welche man noch jetzt in jenen
+Gegenden vor ihnen hat, lässt erkennen, was sie einst gewesen sein
+mögen. Und wie durch sie die Aturen (Humboldt c, 1, 284) in die
+Katarakten des Orinoko, wo
+
+ ihres Stammes letzte Spuren
+ birgt des Uferschilfes Grün,
+
+hineingedrängt verkamen: so waren die blutigen Kriege, welche von ihnen
+ausgingen, eine Hauptursache für die Verminderung der Stämme in Guyana.
+Indess verzehren sie jetzt (Schomburgk 2, 430) Menschenfleisch nicht
+mehr; und jetzt sind auch sie sehr zusammengeschmolzen (eb. 417), wozu
+ihre eigenen Kriege nicht wenig beigetragen haben mögen. Da nun auch die
+Tupi tapfere, ja wilde Krieger waren (Azara 218) und sie sowohl wie auch
+die Guarani (welche Azara 213 ff. freilich als sehr scheu schildert)
+Menschenfleisch verzehrten; da nun auch fast alle südamerikanischen
+Stämme, die Araukaner (Waitz 3, 529 ff.), Chiquitos (eb. 530), die
+Pampas, Patagonier u.s.w. (Azara an vielen Stellen) sich durch wilde
+Tapferkeit auszeichneten und demzufolge zwischen ihnen fast stetiger
+Krieg herrschte; da sie fast alle Kannibalen waren, wie die Mbayas
+(Waitz 3, 473), ganz besonders die Guaykurus (471), die Tobas (475), die
+Abiponer (476), die Feuerländer (508) und ebenso die Patagonier, welche
+alle feindlichen Männer niederhieben, Weiber und Kinder aber zu
+Gefangenen machten: so werden wir begreiflich finden, dass die Zahl
+dieser Völker, die in so heftigem und unablässigem Kampf mit einander
+sind, auch dadurch abgenommen hat und noch jetzt abnimmt. Tschudi 2, 259
+sagt geradezu, dass die Angriffe der Botokuden auf die von den
+Portugiesen um Rio Janeiro unterworfenen halb civilisirten Indianer die
+Ursache seien, dass jene Gegenden auch heute noch so spärlich bevölkert
+seien. Auch mag daran erinnert werden, dass jene Völker in dem
+Urarigift, mit dem sie ihre Lanzen vergifteten, eine ganz besonders
+gefährliche Waffe haben, da dies Gift auch bei der leisesten Verwundung
+unfehlbar tödtet.
+
+Tüchtige Krieger waren nun, nach der trefflichen Schilderung bei Waitz,
+auch die Kulturvölker des alten Amerikas. Doch da ihre Kriege keine
+Vernichtung des Feindes bezweckten, sondern diesem, auch wenn er besiegt
+wurde, seine Nationalität und Hab und Gut liessen, bis auf den Tribut,
+den sie zahlen mussten (Waitz 4, 77. 406), so konnten diese wohl den
+Namen von Völkern aufhören machen, indem sie das besiegte dem eigenen
+Volke einverleibten, und namentlich in Peru geschah das öfters (407),
+aber ein Volk vernichten oder auch nur so weit verringern, dass seine
+Lebenskraft dadurch gebrochen wäre, konnten sie nicht und haben sie
+nicht gethan, denn Columbus, Cortez und Pizarro fanden dichtbevölkerte,
+blühende Staaten vor. Zwar herrschte auch Anthropophagie in Mexiko: die
+geopferten Sklaven oder Kriegsgefangenen wurden verzehrt, und die
+Ottomies sollen sogar Menschenfleisch auf dem Markte verkauft haben,
+eine Sitte, die man so wenig anstössig fand, dass man offen davon sprach
+und den Spaniern erzählte, ihr Fleisch schmecke bitter (Waitz 4, 158);
+doch liegt es auf der Hand, dass auch diese Sitte dem Bestehen dieser
+Völker oder seiner Nachbarn nicht die mindeste Gefahr brachte, da sie
+sehr wenig ausgedehnt war. Sie scheint ein Recht zu sein aus alter und
+ältester Zeit, wo sie dann freilich weitere Verbreitung gehabt haben
+wird. Auch in Neugranada war Kannibalismus, in manchen Gegenden des
+Landes in sehr roher Form, verbreitet (Waitz 4, 374, 376). Was von den
+Cariben erzählt wird, dass sie ihre eigenen mit gefangenen Weibern
+erzeugten Kinder gefressen hätten, wird auch von ihnen berichtet (4,
+374). Auch in Yukatan (310) fand sich Anthropophagie.
+
+Anders aber finden wir es in der Südsee. Zwar in Australien sind, ausser
+im Norden, die Kämpfe an sich wenig blutig: Hale 115 beschreibt
+dieselben, wie sie meist aus Privatschlägereien entstehen, wie sich dann
+beide Parteien, jede bis 200 stark, heftig und lange erst schelten, und
+dann Mann für Mann vortritt und den Speer schleudert, bis einer
+verwundet wird: dann hört der Kampf auf. Doch fehlt es ihnen keineswegs
+an Muth, Kraft und Standhaftigkeit, wie sie auch Schmerzen mit grosser
+Geduld ertragen (Turnbull 34-35). Allein da die Kriege, bei der
+Verfehdung fast aller Stämme unter einander, doch sehr zahlreich sind
+(Wilson 143 v.d. Rafflesbai), da man manche Stämme von ihnen, namentlich
+die Nordaustralier, deren Krieger und Zauberer durch den ganzen
+Continent aufs Aeusserste gefürchtet sind, als Gegner auch Europäern
+gegenüber keineswegs verachten darf (Grey 1, 152), da ferner auch diese
+Kriege zum grössten Theil in Ueberfall und in Ermorden Wehrloser oder
+Schlafender bestehen und, weil jede solche That wieder Rache verlangt,
+geradezu unendlich sind (Meinicke a 2, 198)--so sind sie für die Zahl
+und das Gedeihen der Einwohner so verhängnissvoll, dass wir sie als eine
+der wichtigeren Ursachen für das Aussterben der Australier hier
+bezeichnen müssen. Auch die Eingeborenen von Vandiemensland lebten unter
+einander in beständigem Streit, der von Stamm gegen Stamm ausgefochten
+wurde (Nixon 26).
+
+Auch Kannibalismus herrscht in Neuholland, doch keineswegs sehr
+ausgedehnt. So brauchen nach Angas 1, 68 die Eingeborenen von Lake
+Albert die Schädel ihrer Feinde als Trinkgeschirre, ganz wie die Inkas
+von Peru (Waitz 4, 413) und die Abiponer, und nach dem bekannten
+Zeugniss des Paulus Diaconus, die Langobarden.[K] Ferner sollen
+Kannibalen im Innern des Landes leben (Angas 2, 231); ganz sicher
+verzehren im Norden Freunde ein Stück vom verstorbenen Freund und an
+Moretonbai assen (Angas 1, 73) Eltern aus Liebe von dem Fleische ihrer
+todten Kinder, eine Sitte, welche nach Anderen auf geliebte Verwandte
+überhaupt ausgedehnt ist (Howitt a, 289. Austral, Felix 134). Sie findet
+sich auch zu Hawaii: dort ass das Volk aus Liebe Fleisch von der Leiche
+seiner verstorbenen Fürsten (Remy XLVIII. 125.[L]) Auch Aberglaube
+diente dazu den Kannibalismus zu verbreiten. Wie bei den Potowatomi und
+den Miami in Nordamerika, wie in so manchem indisch-arabischen Mährchen
+der Genuss des Menschenfleisches höhere übermenschliche Kraft gibt--ein
+Zug, der auch, wie wohl verdunkelt, in deutschen Sagen vorkommt
+(Bechstein, Sagen des Rhöngeb. u. d. Grabfeldes 60 ff.)[M]--ebenso
+müssen in Australien (nach Eyre) die Zauberer Menschenfleisch essen, um
+ihre Wunderkraft zu behalten. Am Lake Alexandrine ist es nicht
+ungewöhnlich, einem lebenden Menschen das Nierenfett auszuscheiden, das
+als Zauber gegen böse Geister von ganz besonderer Kraft sein soll (Angas
+1, 123). Auch Bennet (1, 295) fand Menschenfett als Zaubermittel oder
+Medikament aufgehoben. Meinicke a 2, 184 hat also wohl die Neuholländer
+zu frei von Kannibalismus dargestellt.
+
+Gehen wir nun zu den melanesischen Inseln, so finden wir auf Vanikoro
+unter den einzelnen Stämmen fortwährenden Kampf (D'Urville 5, 165) und
+wenn sie auch keine Kannibalen zu sein behaupten, so dienen die Schädel
+der Feinde doch als Trophäen (eb. 217), welche öffentlich aufbewahrt
+werden. Auch auf Tanna herrscht beständiger Krieg der einzelnen Stämme
+unter einander (Turner 82, Gill 227), da jede Privatbeleidigung einen
+öffentlichen Krieg nach sich zieht (85), und ausgebildetster
+Kannibalismus: die erschlagenen Feinde werden mit Yams gekocht, Farbige
+den Weissen vorgezogen, einzelne Portionen des Fleisches an Freunde
+geschickt als Ehrengeschenke u.s.w. (82). Auch auf Fate und Aneitum,
+obwohl beide minder kriegerisch sind, findet sich der Kannibalismus
+(Turner 393. 371. Gill 66). Erromango und Mare (Nengone), auf welcher
+letzteren Insel zwei feindliche Staaten neben einander bestanden, waren
+fortwährend von leidenschaftlichem Krieg heimgesucht und die
+Anthropophagie hatte hier einen solchen Grad erreicht, dass selbst die
+nächsten Verwandten, wenn man mit ihnen in Streit gerieth, erschlagen
+und gefressen wurden (Gill 10-11; 122. Turner 400. 411). Es ist eine
+leere Behauptung oder auch Einbildung der katholischen Mission, dass sie
+auf Neukaledonien den Kannibalismus hätte aufhören machen (Montreval in
+nouv. annal. de la foi 1854, 94); Turner (um anderer zu geschweigen)
+fand ihn daselbst sehr ausgebildet und so unbefangen, dass er überall
+eingestanden und besprochen wurde (426), wie er uns auch von den
+beständigen Kriegen der Insel (428) berichtet. Die Bewohner von Isabel
+schildert schon Mendana 1595 (Dalrymple 91) als Menschenfresser und
+eifrige Krieger, wie sich auch die Bewohner von Guadalcanar zeigen.
+Eifrige Krieger und Menschenfresser sind auch die Eingeborenen der
+Lusiade (Salerio bei Petermann 1862, 342-344) und von der Nordwestküste
+von Neuguinea sagt einer der besten Kenner dieser Gegenden, Marsden (in
+Transact. of the Reg. Asiat. Soc. 3,125), dass daselbst ein äusserst
+roher Kannibalismus herrsche: man frisst Feinde so gut wie Freunde,
+natürlich Gestorbene so gut wie Erschlagene, und ist dieser Nachricht
+gegenüber nicht abzusehen, wie Finsch (49) seine Behauptung, noch sei
+von keinem glaubwürdigen Manne bestimmte Nachricht über das Vorkommen
+des Kannibalismus auf Neuguinea gegeben, aufrecht halten will. Einzelne
+der neuguineischen Stämme sind Köpfeschneller, d.h. sie schlagen todt,
+wen sie finden, um Köpfe zu erbeuten, deren recht viele zu besitzen
+eine grosse Ehre ist; und so entstehen bloss zu diesem Zwecke im
+Distrikt Namototte (Speelmannsbai) die hartnäckigsten und mörderischsten
+Kriege (N. Guin. 109 ff. und daher wohl Finsch 82).
+
+Aber schlimmer als überall ist die Geringschätzung des Menschenlebens
+auf den Fidschiinseln, deren Einwohner im Ruf einer besonderen
+Tapferkeit auch auf Tonga stehen, und die von solchen Tonganern, welche
+Kriegsabenteuer erleben und zu Hause selbst als Krieger berühmt sein
+wollten, vielfach besucht wurden (Mariner). Krieg ist nun auch, nach
+Wilkes 3, 63, ihre so beständige Beschäftigung, dass irgend welcher
+Kampf auf der Gruppe immer herrscht; und da die Insulaner ebenso
+blutdürstig als verrätherisch sind (Hale 50), so sind diese Kriege sehr
+zerstörend. Doch führen sie den Krieg, der indessen stets offen angesagt
+wird, nur durch Verrath und heimlichen Ueberfall; weshalb sie Williams
+und Calvert (1, 43) und ebenso Erskine (249) geradezu feig nennen. Wegen
+des beständigen Verrathes herrscht ein grenzenloses Misstrauen auf der
+Gruppe, Niemand geht, aus Furcht überfallen zu werden, ohne Waffen
+(Will. u. Calv. a.a.O.), Niemand traut einem andern, selbst nicht den
+nächsten Verwandten (Hale 51). Und das nicht ohne Grund: denn da zu
+ihren nur einigermassen solennen Bewirthungen Menschenfleisch nothwendig
+gehört, so werden oft die harmlosesten Wanderer (je harmloser, desto
+eher), Weiber bei der Feldarbeit u.s.w. überfallen und getödtet, wozu
+Erskine 182 empörende Beispiele erzählt. Wenn auch die Schlachten,
+sobald nur einige gefallen sind, aufhören (Jackson bei Erskine 425), so
+sind die Kriege doch ausserordentlich blutig durch die sinnlose Wuth,
+mit der Alles, was ihnen in die Hände kommt, gemordet wird. Bei
+Ueberfällen, die sehr häufig sind, machen sie es nicht anders, so dass
+oft ganze Distrikte (Erskine und Jackson a.a.O. Seemann Zeitschr. 9,
+476) vernichtet werden. Wer einen Menschen erschlagen hat, bekommt einen
+Ehrennamen und wird durch besondere Ceremonien geweiht (Will. u. Calvert
+55), gerade wie in einigen Gegenden Neuguineas nur der Kakadufedern
+tragen darf, der einen Feind getödtet hat, und bei den alten Deutschen
+nur ein solcher aus dem kostbarsten und heldenhaftesten Trinkgefäss, dem
+Schädel des erschlagenen Feindes, trinken durfte.
+
+Der Kannibalismus ferner steht hier in solcher Blüthe, wie wohl nirgends
+sonst auf der Welt. Erskine, der um 1840 die Gruppe besuchte, gibt
+(257-60) Beispiele. Den Menschen nennen die Eingeborenen nur das »lange«
+Schwein, zum Unterschied vom »wahren« Schwein (ebend.); bei jedem Fest
+muss Menschenfleisch gegessen werden, zu welchem Behufe die das Fest
+gebenden Stämme gar nicht selten ihre eigenen Kinder schlachten; alle
+Feinde, alle Schiffbrüchigen werden gefressen (Erskine. 262. 229). Oder
+man erschlägt, um das nöthige Fleisch zu bekommen, den ersten besten aus
+dem Volke, den man unbewaffnet trifft (so wurden einmal 16 Weiber
+gefangen und gegessen, wie Erskine 182 erzählt). Dass man allen Freunden
+von dieser geschätztesten Speise schickt, ist so feste Sitte, dass gar
+nicht selten, weil es bei irgend einer Gelegenheit unterlassen, Krieg
+entsteht. Dem Gebratenen gibt man oft eine Keule in die Hand, malt ihm
+das Gesicht roth und setzt ihm eine Perrücke auf (Erskine 262); ja in
+einigen Gegenden der Gruppe führen die Weiber um diese Todten und ihnen
+zum Hohne die allerschandbarsten Tänze auf (Jacks, bei Erskine 440).
+Auch hat man verschiedene Arten, Menschenfleisch zu kochen, welche nach
+den Landestheilen verschieden sind (261. 439). Als der Sohn eines
+Häuptlings starb; jammerte ihm sein Vater nach: er war so kühn! er
+tödtete, wenn sie ihn erzürnten, seine eigenen Weiber und ass sie (Ersk.
+244). Auch Mariner (1, 329) nennt den Kannibalismus auf den
+Fidschiinseln sehr verbreitet und sagt, dass er von dort erst zu den
+Tonganern, die ihn nur in prahlerischer Nachahmung der Fidschis ausüben,
+gekommen sei; an einem Fest hätten die Fidschimänner 200 Feinde gegessen
+(1, 345; 2, 71). Wer eines natürlichen Todes stirbt, wird nicht gegessen
+(Williams und Calvert 1, 266), doch hat man auch Gräber erbrochen, um
+die Leichen zu verzehren! (eb. 212), ja man schneidet, um auch das
+Scheusslichste nicht zu verschweigen, auch von Lebenden, aber nur von
+gefangenen Feinden, Fleisch ab und verzehrt es vor ihren Augen (Will. u.
+Calv. 1, 212). Der Grund des Kannibalismus, ursprünglich Hass und
+Rachedurst oder Prahlerei, indem man sich dadurch furchtbar machen
+wollte, oder die Absicht, sich die Eigenschaften des Gefressenen
+anzueignen, ist jetzt fast überall auf der Gruppe nur Wohlgeschmack am
+Menschenfleisch, das sie jetzt jedem anderen Fleische vorziehen. Roh
+verzehren sie es nie: die Gabel, mit der es gegessen wird, ist für alle
+anderen Speisen verboten (Tabu) (eb. 212). Mit Trommelschlag in ganz
+bestimmtem Rythmus
+
+ | |\ | _ | | | |\ | _ | |
+ | | | / | | | | | / | |
+ * * * * ' * ' , * * * * ' * ' ,
+
+der sonst nie angewendet wird, laden sie zu den Kannibalenfesten ein
+(Erskine 291), von denen Weiber fast immer, Sklaven und gewisse Priester
+immer ausgeschlossen sind (Erskine 260; Williams und Calvert 1, 211).
+Und trotz alledem hatte der Kannibalismus eine religiöse Weihe bei
+ihnen: die getödteten Feinde werden zuerst den Göttern dargeboten
+(Erskine 261), die selbst Kannibalen sind (247) und jedes Kannibalenfest
+hat bestimmte, sonst nicht getanzte heilige Tänze (209. 440).
+
+Wir haben uns bei diesem ekelhaften Detail so lange verweilt, einmal,
+weil es anthropologisch von hohem Interesse ist--dann aber und
+hauptsächlich, um zu beweisen, dass der Kannibalismus, der so
+ausgeprägt, so eingewurzelt bei den Fidschis ist, nicht erst, wie jetzt
+die Häuptlinge gern erzählen, in der letzten Zeit aufgekommen sei, Hand
+in Hand mit dem blutiger werdenden Kriege (Erskine, 272). Er besteht
+gewiss viele Jahrhunderte lang, gewiss viel länger, als die Fidschis
+ihre jetzige Wohnung inne haben: allein er hat sich immer weiter
+ausgedehnt und mag seine rohesten Formen, z.B. das Menschenfressen aus
+Leckerei erst im letzten Jahrhundert seines Bestehens, so lange aber
+auch mindestens, angenommen haben. Trotzdem aber, und auf dies Faktum
+werden wir zurückkommen, trotzdem ist ein Aussterben der Bevölkerung
+nicht zu merken (Erskine 274). Die Zahl derselben beträgt nach den
+Missionären (ebendas.) 200-300,000 und mag dies auch etwas zu hoch
+gegriffen sein, sie ist jedenfalls beträchtlich genug, so dass auch Behm
+200,000 als Totalsumme annimmt. Und ferner, was von besonderer
+Wichtigkeit für die geschichtliche Betrachtung der Naturvölker ist, sie
+selbst haben das Bedenkliche des Kannibalismus eingesehen; daher jene
+halb entschuldigende Rede der eingeborenen Fürsten; daher die
+verhältnissmässige Leichtigkeit des Kampfes, welchen die Missionäre
+gegen die Anthropophagie führen, welchen man doch gerade, wegen des
+Alters der Sitte, für unendlich schwierig halten sollte (Erskine 280).
+Ja sie werden sogar von einer heidnischen Partei darin unterstützt,
+welche sehr gegen den Kannibalismus, sowie gegen das unsinnige Morden
+der Weiber und Sklaven ist, welches wir gleich betrachten werden, und
+für Abschaffung aller dieser Sitten eifrig kämpft. Die Fürsten sind es,
+welche aus feudalen Gelüsten dies Alles aufrecht erhalten wissen wollen
+(Seemann Zeitschr. 10, 289). Man sieht, das Christenthum ist hier gerade
+im rechten Zeitpunkt gekommen: man sieht aber auch ferner, solche
+Umänderungen, wie wir sie vorhin für Tonga voraussetzten, haben sich
+wirklich bei diesen Völkern vollziehen können: wir sehen sie hier bei
+einem viel roheren Volk vor unseren Augen geschehen.
+
+Auch in Polynesien herrschten die blutigsten Kriege, wobei aber zu
+bemerken, dass, obwohl man den Eingeborenen persönliche Tapferkeit
+durchaus nicht absprechen kann, welche sie, auch die sonst so
+weichlichen Tahitier, selbst den Europäern gegenüber, wohl gezeigt
+haben, dass trotzdem auch hier der Krieg hauptsächlich durch Ueberfall
+geführt wird. Aber auch die Polynesier morden den besiegten Stamm
+kaltblütig mit Weib und Kind und so sind ihre Kriege ausserordentlich
+blutig und verheerend. Solche Kämpfe herrschten nun zu Neuseeland und
+trugen wie zur Zersplitterung der Maoristaaten zum Hinschwinden der
+Bevölkerung nicht wenig bei (Dieffenbach 2, 132), die theils im Krieg
+selbst getödtet, theils zu Sklaven gemacht, theils durch die Noth nach
+dem Kriege vernichtet wurde (2, 16). In Tonga wurden Kriegsgefangene
+(Mariner 1, 115) stets ermordet, und ebenso alle Einwohner eroberter
+Städte (1, 101). Von den grausamen Kriegen unter Finau (der z.B. einmal
+18 nur verdächtige Vornehme ertränken liess, Mariner 1, 271), welche bei
+Ankunft der Europäer schon in voller Blüthe und nur Wiederholung oder
+Fortsetzung früherer ähnlicher war, hat uns Mariner ein getreues, aber
+schreckensvolles Bild geliefert, wie er auch erzählt, dass die
+tonganischen Sitten immer mehr durch die Bekanntschaft mit den Fidschis
+verwilderten. Auf Samoa herrschte ein noch grausamerer Kriegsgebrauch
+als zu Tonga (Mariner 1, 163) und häufig genug waren diese blutigen
+Kriege daselbst, welche Turner 304 und vorher schildert. Und betrachten
+wir den Markesasarchipel, so ist ganz Nukuhiva in einzelne vom hohen
+Gipfel der Insel herablaufende Thäler getheilt, deren jedes von einem
+besonderen Stamm bewohnt wird. Alle diese Stämme sind in erbitterter
+Feindschaft und in ewigem Krieg (Melville, Krusenstern, Mathias G***).
+Viel ärger aber als überall haben die Kriege auf Tahiti gewüthet, von
+denen die Insel so fortwährend heimgesucht war, dass Lutteroth (22) ganz
+mit Recht den Frieden einen der Insel unbekannten Zustand nennt. Und wie
+wurden diese ewigen Kriege geführt! Alle Fliehenden, die man einholte,
+alle Weiber und Kinder der Besiegten, welche dem Sieger in die Hände
+fielen, wurden niedergemetzelt (Mörenhout 2, 38-39, Lutteroth 21, Ellis
+1, 310 ff.). Nun waren in früherer Zeit fast alle Schlachten
+Seeschlachten und gerade deshalb besonders blutig, denn die Besiegten,
+welche sich durch Schwimmen ans Land zu retten suchen mussten, wurden
+begreiflicher Weise leicht von den Kähnen der Sieger eingeholt. Weniger
+verderblich waren die Landschlachten, weil in ihnen, nach
+malaiisch-polynesischer Sitte, der Sieg, nach dem nur einige wenige
+gefallen waren, für entschieden angesehen wurde (Mörenhout 2, 40, Ellis
+l, 312). Waren dann bei der Verfolgung die Menschen vernichtet, so gings
+nun an die Zerstörung des Landes: die Tarofelder und sonstigen
+Pflanzungen wurden verwüstet, den Kokosbäumen das Herz ausgeschlagen,
+wonach sie absterben, die Brotbäume umgehauen, die Häuser verbrannt
+(Ellis 1, 293, Lutteroth 21-22)--kurz die Besiegten wurden womöglich
+ausgerottet, ihr Land auf Jahre zu einer unfruchtbaren Oede gemacht.
+Solche Kriege wütheten auf der ganzen Gesellschaftsgruppe; der Missionär
+Nott erlebte auf Tahiti in einem Zeitraum von 15 Jahren 10 solcher
+Kriege (Lutteroth 17). Auch die Kriege auf der Hawaiigruppe waren
+verwüstend genug. Hier wie zu Tahiti gab es blutige Seeschlachten (Ellis
+4, 155) und in den Landkriegen, in denen nach Jarves (59) Hinterhalte,
+heimliche Ueberfälle u. dergl. selten vorkamen, vielmehr meist in
+offenen Feldschlachten (die auch zu Tahiti keineswegs selten waren,
+Ellis 1, 284) gekämpft wurde, war es namentlich wieder die Verfolgung,
+nicht die Schlachten selbst (Jarves 60), welche der Bevölkerung und
+ganzen Distrikten Tod und Zerstörung brachte. Die Gefährlichkeit dieser
+Kriege geht aus der Geschichte Hawaiis unter Tamehameha und aus den
+Bewegungen, welche dieser grosse Fürst auf der Gruppe hervorbrachte, zur
+Genüge hervor. Auch die Paumotuinsulaner sind wilde, weit und breit
+gefürchtete Krieger, die unter sich die heftigsten Kriege führen. Die
+Bewohner von Anaa (Chainisland) verwüsteten alle umliegenden Inseln,
+hieben die Fruchtbäume nieder und was von den Bewohnern nicht getödtet
+wurde, ward als Sklave mit fortgeschleppt (Mörenhout 1, 199 vergl. 169).
+Nicht weniger als 38 Inseln haben sie auf diese Art verödet (Hale 35).
+
+Auch in Mikronesien wurden und werden heftige Kriege geführt, so auf den
+Palaus (Keate), auf einzelnen Karolinen und zwar auf den hohen Inseln
+Eap, Truck (Hogoleu), Ponapi, nicht aber auf Kusaie (Ualan Chamisso 135,
+Kittlitz 1, 356): so und besonders leidenschaftlich auf der Eatakkette
+(Kotzebue, Chamisso) und auf den Gilbertinseln (Gulick 410). Während man
+in diesem Gebiet nur an einigen Orten die Bäume schonte (Hale 84) hieb
+man, sie nach der gemeinsamen Sitte der Ozeanier, auf Ratak und sonst
+nieder (Kotzebue 287), und man kann sich denken, wie furchtbar solche
+Barbareien auf den kleinen schon ohnehin nur überaus kärgliche Nahrung
+bietenden Inseln wirken mussten: viele, die der Krieg verschont hatte,
+namentlich Weiber und Kinder, erlagen dem Hunger, dem Elend, das ihm
+folgte. Daher ist die Behauptung, dass die einheimischen Kriege der
+ozeanischen Bevölkerung ganz unberechenbaren Schaden zugefügt und
+wesentlich zu ihrer stetigen Verminderung beigetragen haben, nur
+allzusehr gerechtfertigt.
+
+Die Sitte des Schädelerbeutens, welche wir auf Neuguinea sahen und die
+das ganze Malaisien beherrscht, finden wir insofern überall in
+Polynesien, als man gierig die Schädel und in Tahiti auch die
+Unterkiefer der Feinde erstrebt, um sie als Trophäe aufzuheben (Nukuhiva
+Melville 2, 129, Tahiti Bougainville 181, Ellis 1, 309, Perl- oder
+Palliserinseln ebend. 1, 358, Aitutaiki 1, 309, Rarotonga 1, 359,
+Neuseeland Dieffenbach 2, 134, Samoa Turner 301. 304). Hiermit hängt die
+weite Verbreitung der Menschenfresserei enge zusammen, wie sie nach Hale
+38 in Neuseeland, wo nach Thomson 1, 148 das letzte Beispiel dieser
+Sitte noch 1843 vorkam, Hervey, Mangareva (Gambier), Paumotu und dem
+Marquesasarchipel ganz allgemein und ohne Scham betrieben wurde. Auch zu
+Kriegen wird sie oft Anlass, indem man, um ihn zu fressen, einen oder
+mehrere Menschen eines fremden Stammes erschlug, welche That natürlich
+Rache erheischte. Auf Samoa, Tonga, Tahiti und Hawaii kommt der
+Kannibalismus jetzt nur noch einzeln vor, auf Samoa bei ganz besonders
+erbittertem Hass (Turner 194), auf Tonga aus Prahlerei und in Nachahmung
+der Fidschisitten, (Mariner 1, 116-17), so wie bei Hungersnoth, wo man
+irgend Jemanden, meist einen Verwandten erschlägt und isst (eb. 2, 19;
+1, 117); in Tahiti gleichfalls, aus Prahlerei, um sich furchtbar zu
+machen (Ellis 1, 310). Aber früher war er auf diesen Inseln allgemeine
+Sitte (Hale 37), wie eine Menge seltsamer und anders ganz unerklärbarer
+Gebräuche beweisen: so auf Tahiti der oft beschriebene Gebrauch bei
+Menschenopfern, dem König das linke Auge (den Sitz der Seele) des Opfers
+darzubieten, der dann den Mund öffnete, als ob er es verschlänge und
+durch diese Ceremonie Verstand und Klugheit bekommen sollte.
+Ursprünglich hat er es gewiss gegessen, und erst später, als die Sitten
+sich milderten, begnügte man sich, wie in analogen Fällen bei allen
+Völkern der Welt, mit einer symbolischen Handlung. Im Samoaarchipel
+beugt sich, wer dem Sieger als besiegt sich unterwirft, vor demselben
+nieder, indem er ihm Feuerholz und die Blätter darreicht, in welche man
+in Polynesien die Speisen, die gekocht werden sollen, einschlägt (Turner
+194). Und so liesse sich vieles anführen. Es scheint aber, als ob, wie
+die Tahitier, Hawaier u.s.w. die Menschenfresserei abgeschafft hatten,
+ehe die Europäer kamen, noch an manchen anderen Orten Polynesiens
+dieselbe Sitte in Abnahme oder doch in Misskredit gekommen sei, ohne
+dass der Einfluss der Europäer dies bewirkt hätte: so läugneten auf
+Nukuhiva die wilden Taipis den Kannibalismus ganz und gar, und suchten
+ihn den Weissen zu verbergen, wie Melville mittheilt. Und die
+neuseeländischen Fürsten erzählten, er sei keineswegs von Alters her bei
+ihnen Sitte, sondern erst später eingeführt (Thomson 1, 142), eine
+Behauptung, welche entschieden falsch und nur von ihnen erfunden kaum
+eine Widerlegung verdient.
+
+
+
+
+§ 10. Menschenopfer.
+
+
+In Nordamerika sind Menschenopfer nicht sehr zahlreich gewesen. In
+Florida wurden Weiber und Diener ehedem beim Tode des Herrn gleichfalls
+getödtet, um ihm im Jenseits zu dienen (Waitz 3, 199-200), wie man
+ebendaselbst den Erstgeborenen der Sonne opferte. Kinderopfer werden
+auch sonst öfters erwähnt: in Virginien, in Neuengland, bei den Sioux
+und sonst (Waitz 3, 207). Auch bei manchen Caribenstämmen wurden mit den
+gestorbenen Häuptlingen einige seiner Weiber lebendig begraben (ebend.
+3, 387) und vornehmen Leuten folgte ein Sklave nach (3, 334). Allein bei
+allen diesen Völkern sind die Menschenopfer von so wenig Ausdehnung
+gewesen, dass wir bei ihnen, da sie für unsere Betrachtung gar keine
+Bedeutung haben, nicht zu verweilen brauchen. Um so zahlloser aber waren
+die Menschenopfer, welche die Religion der amerikanischen Kulturvölker
+forderte und deren Ursprung in uralte vorhistorische Zeit zurückgeht
+(Waitz 4, 157). Wo wir Menschenopfer finden, werden wir dieselben immer
+mit grösster Wahrscheinlichkeit auf die allerälteste Zeit zurückführen,
+denn sie wurzeln stets in sehr ernst gemeinter Religiosität, nie in
+Grausamkeit. Spätere Einführung derselben findet sieh nur in ganz
+vereinzelten Fällen und wird sich aus Nachahmung der Sitten anderer
+Völker, besonders heftiger Kriegserbitterung oder irgend etwas ähnlichem
+fast immer erklären lassen. Wohl aber sind die Menschenopfer im Laufe
+der Zeiten bei manchen Völkern abgekommen: so bei den Indogermanen, den
+Semiten u.s.w. Die Zahl dieser Opfer war nun in Mexiko geradezu
+ungeheuer, wie folgende Zeugnisse, die alle aus Waitz 4, 157 ff.
+entlehnt sind, beweisen. Der Bischof Zumarraga (zur Zeit der Entdeckung)
+schätzt sie bei Torquemada auf 20,000 jährlich, wenigstens für die
+letzte Zeit des Reichs; in der Hauptstadt und ihrer nächsten Umgebung
+soll ihre Zahl jährlich mehr als 2500 gewesen sein. Oviedo behauptet,
+dass Montezuma jedes Jahr über 5000 geopfert hätte; bei einem Fest in
+der Stadt Tlaskala fielen 800 Opfer jährlich; der zweite Monat des
+Jahres war, weil er so viele Menschenopfer forderte, nach der
+Schlaflosigkeit der Menschen benannt. Trat Dürre, Misswachs u. dergl.
+ein, so wurden die Opfer vermehrt. Die Einweihung des Haupttempels zu
+Tenochtitlan (den 19. Februar 1487 nach Gama) »soll nach Torquemada
+(1610) 62,344, nach Fra Toribio Motolinia und Ixtlilxochitl (von
+mütterlicher Seite aus vornehmen mexikanischen Fürstengeschlecht, von
+väterlicher Seite Spanier, der mit grossem Eifer die Geschichte des
+Landes seiner mütterlichen Vorfahren durchforschte und seine
+grossentheils zuverlässigen Werke um 1600 schrieb Waitz 4, 7 u. 8) sogar
+80,400 Menschen das Leben gekostet haben.« Die Schädel der Opfer wurden
+zu einer grossen Pyramide im Tempelhof aufgeschichtet, die man im
+mexikanischen Haupttempel auf 136,000 berechnet hat (Waitz 4, 149). Und
+ausserdem kommt noch eine grosse Zahl geopferter Menschen dadurch hinzu,
+dass jedes auch kleinere Fest solche Opfer, nur wenigere forderte: durch
+die stete Wiederholung aber, denn es gab viel Feste im Jahr, sammeln
+sich auch diese zu einer grossen Summe. Wenn wir nun auch mit Waitz die
+kleinsten der genannten Zahlen für die wahrscheinlichsten halten; so ist
+die Zahl, die für jedes Jahr herauskommt, noch immer enorm. Waren die
+eben besprochenen nur solche Opfer, die man den Göttern brachte, so
+forderte der Tod vornehmer Menschen andere. Starb der Herrscher oder
+irgend ein Vornehmerer sonst, so folgten diesem Weiber und Sklaven in
+den Tod; aber da nun am 4ten, 20sten, 40sten und 80sten Tage nach dem
+Begräbniss auf dem Grabe derartige Abschlachtungen stattfinden mussten,
+so darf man sich auch die Zahl der auf diese Weise umgebrachten Menschen
+nicht zu gering denken: stieg sie doch manchmal bis auf 200 (4, 167).
+
+Die Quiches in Guatemala (4, 264) so wie die Chorotegen in Nikaragua
+(279), toltekische Völker, brachten Menschenopfer dar wohl ebenso
+reichlich als die Mexikaner, wie denn ihre Religion in fast allen
+Stücken der mexikanischen gleich war. In Yukatan, wo solche Opfer zwar
+auch vorkommen, waren sie doch minder zahlreich als in jenen Gegenden
+und in Mexiko (4, 309).
+
+In Darien vergifteten sich des Herrschers Lieblingsweiber und Diener bei
+seinem Tod, oder sie wurden lebendig mit ihm begraben (4, 351), wie
+Weiber und Diener auch bei den Chibchas in Neugranada getötet (4, 466)
+und Menschenopfer bei allen diesen Völkern gar nicht selten den Göttern
+dargebracht wurden. Ebenso war es auf den Antillen (4, 327).
+
+In Peru waren Menschenopfer, wozu man gefangene Feinde nahm, selten und
+nur bei ausserordentlichen Veranlassungen gebräuchlich. Weiber und
+Diener aber folgten auch hier dem Inka, deren einem 1000 seiner
+Angehörigen sich geopfert haben sollen, und ebenso den Vornehmen
+freiwillig in den Tod nach, um ihm im Jenseits weiter zu dienen.
+Namentlich aber Kinder wurden hier vielfach getötet; wenn ein Vornehmer
+krank war, wurde eins von seinen eigenen Kindern den Göttern zum
+Ersatzopfer, wie man annimmt, geschlachtet, welches dann freudig in den
+Tod zu gehen pflegte. Vor dem Auszuge zum Krieg, bei Krankheit des
+Herrschers und bei dessen Inauguration wurden Kinder, meist Knaben von
+4-10 Jahren, seltener Mädchen, nach einzelnen freilich nicht ganz
+glaubwürdigen Angaben bis zu 200, ja bis zu 1000, geopfert, was auch
+beim Erntefest, bei verheerenden Epidemien, ja in einigen Gegenden mit
+jedem erstgeborenen Kinde und mit dem einen von Zwillingen geschah. Auch
+wurde den Todten von dem Blute des geopferten Kindes ein Strich von
+einem Ohr zum anderen gezogen (Waitz 4, 460-61). Auch hier müssen wir
+auf das zurückkommen, was wir oben gesagt haben: die Kinderopfer dienen
+nur dazu, einen bei den Göttern, denen Kinder am liebsten waren,
+besonders gültigen Vermittler zu haben; deshalb, und nicht zum Ersatz,
+wurden die eigenen Kinder als Opfer bei Krankheiten preisgegeben und
+unsere Auffassung wird unterstützt dadurch, dass die Kinder gewöhnlich
+freudig in den Tod gingen: sie wussten, dass sie einem guten Loos
+entgegengingen; daher auch der Strich mit Kinderblut über die Todten,
+welche auf diese Weise gleich das Zeichen des Vermittlers an sich
+trugen.
+
+Die Kinderopfer in Mexiko hatten meist dieselbe Veranlassung und
+denselben Zweck: so wurden zwei Kinder vornehmer Abkunft, wenn die Saat
+aufging, ertränkt, vier, wenn sie grösser war, dem Hungertode
+preisgegeben (4, 159). In Nikaragua wurde ein Knabe, wenn Regen nöthig
+war, den Göttern dargebracht (4, 379). Aehnliche Opfer brachten die
+Chibchas in Neugranada vor der Schlacht (364).
+
+Nirgends aber sind auch die Menschenopfer massenhafter, als auf Fidschi,
+wie wir daselbst auch den Kannibalismus schrecklicher ausgebildet
+fanden, als sonst irgendwo. Zur Feier der Mannbarkeit eines
+Häuptlingssohnes, so erzählt Seemann (Zeitschr. 9, 476), sollte eine
+rebellische Stadt ganz vernichtet, die Einwohner erschlagen, auf einen
+Haufen zusammengetragen, auf diese Sklaven gelegt und auf diese wieder
+der Einzuweihende gesetzt werden. Alle Schiffbrüchigen, das verlangt ihr
+Glaube, müssen getödtet werden; wer es unterliesse, würde sonst selbst
+im Schiffbruch umkommen (Erskine 249-50). Alte Eltern werden von ihren
+Kindern, kranke Kinder von ihren Eltern lebendig begraben (ebend.) und
+zwar ist es der eigene Wille der Opfer, dass ihnen so geschieht (477),
+denn man glaubt, man käme nach und durch solchen Tod sofort in ein
+anderes und viel besseres Leben; daher sich diese scheussliche Sitte mit
+wirklicher Familienanhänglichkeit verträgt. Aber es ist ebendaher auch
+begreiflich, dass nur wenige Menschen eines natürlichen Todes sterben
+(Will. u. Calvert 1, 188). Menschenopfer am Grabe, namentlich von
+Häuptlingen, sind ebenso gewöhnlich als umfangreich; die Weiber werden
+entweder alle oder doch die Lieblingsweiber und eine Menge Sklaven
+ermordet. Die Mutter, deren geliebter Sohn stirbt, folgt ihm bisweilen
+ins Grab, der Freund dem Freund (Will. u. Calvert 1, 134). Auch hierzu
+drängen sich, wegen der Belohnungen im Jenseits, die Opfer; die Weiber
+erdrosseln sich selbst, wenn ihnen Niemand diesen Dienst thut (Erskine
+293. Mariner 1, 347). Und wie fest man an den Menschenopfern hielt, geht
+aus folgender Notiz bei Erskine 440 hervor: ein Fidschiinsulaner hatte,
+von irgend welchem Mitleiden ergriffen, einen Gefangenen nicht dem Gotte
+geopfert; da erschien ihm letzterer im Traum und quälte ihn über diese
+Unterlassung dermassen mit Gewissensbissen, dass der Mensch fast in
+Raserei fiel. Doch dieselbe Partei, welche, wie wir schon erwähnt haben
+(S. 70), sich gegen den Kannibalismus wendete und ihn abzuschaffen
+sucht, ist auch diesen Menschenopfern feindlich (Erskine 280) und so
+werden auch sie, da der Einfluss der Europäer hinzukommt, hoffentlich
+nicht mehr allzulange dauern.--Aehnliche Gebräuche fanden sich auch
+sonst in Melanesien, wenn auch nirgends so übertrieben wie hier:
+namentlich ist es das Lebendigbegrabenwerden der Eltern, der Kranken,
+die Ermordung der Mutter oder einer Verwandtin, wenn ein kleines Kind
+stirbt, was uns berichtet wird.
+
+Was nun Polynesien betrifft, so ist es gewiss Uebertreibung, wenn
+Michelis (91. ohne Quellenangabe) erzählt, der König von Futuna
+(nördlich von Samoa), dessen Insel 2000 Einwohner hat, habe während
+seiner Regierung an 1000 Menschen den Göttern geopfert. Denn wir finden
+sonst in Polynesien die Menschenopfer nicht allzuzahlreich. Freilich ist
+es ein Irrthum, wenn Ellis 1, 106 behauptet, sie seien in Tahiti erst
+später eingeführt, da sie mit der ganzen polynesischen Religion viel zu
+eng verwachsen sind; wohl aber sind sie in späterer Zeit, noch vor der
+Entdeckung, von den Eingeborenen selbst sehr beschränkt. Bei Beginn
+eines Krieges erhielt der Kriegsgott ein Menschenopfer (Ellis 1, 276),
+dem so wie anderen Göttern öfters Menschen dargebracht wurden (1, 357).
+In Kriegszeiten, bei grossen Nationalfesten, bei Krankheiten und dem Tod
+der Fürsten (Bratring 182-83. 196) opferte man Menschen, sowie man die
+Köpfe der Besiegten (was auch melanesischer Brauch war) in den
+Tempelplätzen als Weihgeschenk aufstellte (Mörenhout 2, 47). Häufiger
+waren diese Opfer in Hawaii, wo (Jarves 47) häufig an 80 Menschen auf
+einmal geschlachtet sein sollen. Man nahm, hier und in Tahiti, dazu
+Gefangene oder Verbrecher oder Leute, die irgend ein Tabu gebrochen
+hatten, oder, wenn deren keine vorhanden waren, Leute aus dem Volk
+(Jarves 18. Ellis a.a.O.). Aehnlicher Gebrauch herrschte auch auf den
+Herveyinseln (Williams 215). Wenn nun auch in Hawaii, nach den Angaben
+der Fürsten, diese Opfer erst später eingeführt sein sollten (Jarves
+47); so ist dies nur ein Zeichen, dass man auch hier schon dies
+Schreckliche der Sitte eingesehen hatte und sie im Abnehmen war.
+Menschenopfer fanden selbstverständlich auch hier an den Gräbern der
+Vornehmen statt, zunächst beim Ausstellen der Leiche und dann noch
+zahlreicher beim Begräbniss selbst (Remy 115). Ebenso war es früher in
+Neuseeland Sitte--jetzt ist sie abgekommen--dass sich die Weiber am
+Grabe ihrer Männer erdrosselten, die Sklaven getödtet wurden (Taylor
+97). In Tonga wurden bei den Gräbern der Vornehmen ab und zu Weiber
+geopfert (authent. narrat. v. Tonga 78; Mariner 1, 295), was auf frühere
+Allgemeinheit dieser Sitte, gegen welche die tonganischen Fürsten selbst
+eiferten, schliessen lässt.
+
+Von besonderem Interesse ist der Kindermord, wie er sich auf Tonga
+zeigt. So wurden (Mariner 1, 229) Kinder den Göttern geopfert, um den
+Frevel eines Fürsten gegen ein Heiligthum wieder gut zu machen: ein
+Opfer, welches gar keinen Sinn hätte, wenn man nicht eben in den Kindern
+den Göttern besonders angenehme Vermittler gesehen hätte. Um des Königs
+Leben zu erhalten, wurde eines von seinen mit einem Nebenweib erzeugten
+Kindern getödtet (1, 379): wenn aber der Tui-tonga, der höchste
+religiöse und früher wohl auch weltliche Herr von Tonga krank ist, da
+genügt ein Kind nicht und man tödtet drei bis vier (1, 454).
+
+Ehe wir diesen Gegenstand verlassen, ist noch von einer Art Opfer zu
+sprechen, die, wie es scheint, über die ganze Welt verbreitet ist: über
+die Menschenopfer zur Einweihung, zur Sicherung von Gebäuden u.
+dergl.[N] Auch diese Sitte ist am übertriebensten auf den
+Fidschiinseln. Dort müssen neugebaute Kähne, damit sie vor Sturm und
+Unheil sicher sind, über lebende Sklaven in die See gerollt werden;
+jeden Pfosten eines neu gebaut werdenden Hauses muss, damit der Pfosten
+sicher steht, ein lebender Sklave umfassen--und zu diesem lebendig
+Zerquetscht-, zu diesem lebendig Begrabenwerden drängen sich die Opfer,
+denen es im Jenseits mächtig vergolten wird (Erskine 249-50). Die Sitte
+war nicht bloss melanesisch, sondern auch über ganz Polynesien
+verbreitet: in Neuseeland ruhte der Mittelpfeiler des Hauses früher auf
+Menschenleichen (Taylor 387 ff.) und von Tahiti erzählt dasselbe
+Mörenhout 2, 22-23; doch scheint auch hier der Gebrauch in späterer Zeit
+abgekommen zu sein; denn wenn er und Ellis (1, 346) diesen Gebrauch nur
+für Tempel angeben, so ist er wohl erst später nur auf diese beschränkt
+worden. Derselbe Gebrauch findet sich auch in Südamerika: der Palast des
+Bogota, des Herrschers der Chibcha stand auf Mädchenleichen und sein
+Grund so wie seine Thürpfosten waren mit Menschenblut getränkt (Waitz 4,
+360).
+
+Nachdem wir so diese Uebersicht über die Art, wie die Naturvölker das
+Menschenleben schätzen, vollendet haben, ergibt sich als Resultat, dass
+ihre Kriege für sie höchst gefährlich sind, ja einzelnen geradezu die
+Existenz gefährden, so dass wir sie in erster Linie aufführen müssen,
+wenn wir die Ursachen für das Aussterben der Naturvölker aufsuchen; dass
+aber Kannibalismus und Menschenopfer, obwohl in einzelnen Ländern
+furchtbar ausgedehnt, nur von sekundärer Wichtigkeit sind und nur wenn
+sie mit anderen Gründen vereint auftreten, zur sichtlichen Verminderung
+eines Volkes beigetragen haben.
+
+
+
+
+§ 11. Verfassung und Recht.
+
+
+Auch die Staats-und Rechtsverfassung der Naturvölker wird nach einigen
+Seiten uns hier, freilich nur kurz, beschäftigen müssen. Die
+Kulturstaaten Amerikas so wie die polynesischen Inseln sind es, die wir
+nach dieser Richtung hin betrachten müssen; denn bei den übrigen
+Naturvölkern ist theils das Rechts- und Staatsleben zu wenig entwickelt,
+als dass es irgend welchen Einfluss gehabt hätte, theils so entwickelt,
+dass dieser Einfluss kein ungünstiger war. Wie das Recht in seiner
+ältesten Entwickelung immer seine Gesetze »mit Blut« schreibt; so war es
+auch in Mexiko der Fall: fast alle Verbrechen, selbst geringe
+Diebstähle, Trunk, Verleumdung u. dergl. wurden mit dem Tod bestraft,
+und bisweilen die ganze Familie in die Sklaverei verkauft (Waitz 4,
+84-85). Denn der Grundsatz, dass die Sippe haften muss für das einzelne
+verbrecherische Mitglied gilt auch hier. In Peru (4, 414-15) war die
+Strenge der Gesetze nicht minder gross und die Haftbarkeit der Familie
+für den Schuldigen, mit dem sie in vielen Fällen den Tod zugleich
+erlitt, noch grösser. Diese strenge Justiz und namentlich die
+Haftbarkeit der Familie für den Einzelnen hat in der Südsee ferner, wo
+sie gleichfalls herrscht, um so grösseren Schaden angerichtet, als, wie
+wir gleich sehen werden, dort die Gewalt der Herrschenden noch absoluter
+war als in Amerika. So wurde in Tonga der ganze Stamm eines Aufrührers
+vernichtet (Mariner 1, 271) und die fortwährenden Rachekriege dieser
+Völker und Stämme untereinander beruhen theilweise auf dieser blutigen
+Rechtsauffassung (z.B. für Neuseeland Dieffenbach 1, 93, Haftbarkeit des
+Stammes für den Einzelnen Thomson 1, 98). Auch in Neuholland sind
+ziemlich strenge Rechtsstrafen (Grey 2, 236-37), entweder Tod oder
+Durchstossen einzelner Körpertheile mit dem Speer (wobei oft der Tod
+erfolgt) oder Speerung, d.h. der Schuldige muss sich den Speerwürfen
+einer grösseren oder geringeren Menge von Volksgenossen aussetzen, denen
+er freilich durch seine Geschicklichkeit (Waffen darf er nicht haben),
+wenn sie ausreicht, ausweichen darf (Grey 2, 244-45). Die Haftbarkeit
+der Familie, des Stammes für den Einzelnen ist hier wo möglich noch
+fester, als irgendwo sonst (Grey 2, 239-40; 235-36).
+
+In Mexiko war die Verfassung streng monarchisch, wobei der Adel, der
+früher wahrscheinlich die höchste Staatsgewalt selbst in Händen gehabt
+hatte (Waitz 4, 71), wie in anderen monarchischen Staaten auch, grosse
+Vorrechte über das Volk hatte. Der Herrscher, weil er Stellvertreter
+Gottes auf Erden war, hatte unumschränkte Gewalt (Waitz 4, 68); und
+mochte dadurch auch mancherlei Ungerechtigkeit und Gewaltthätigkeit
+geschehen, mochten einzelne Fürsten ihre Macht missbrauchen, wie denn
+namentlich der letzte von ihnen, Montezuma II., seinen gewaltthätigen
+und hoffärtigen Charakter in noch schärferer Entwickelung des
+Absolutismus und der Sonderstellung des Adels zeigte; das wurde doch vom
+Volk ertragen, ohne dass dadurch das Volk noch auch durch den Unwillen
+des Volkes die Herrscher gefährdet waren. Schlimmer war, dass die
+Herrscher durch ihren Absolutismus den eigenen Willen des Volkes zu sehr
+gelähmt hatten. »Die strenge und allgemeine Fügsamkeit in den Willen des
+Herrschers hat sich von Seiten des Volkes bei mehreren Gelegenheiten in
+unzweideutiger Weise gezeigt: auf einen Wink von Montezuma blieb Alles
+ruhig, sogar als er selbst von Cortez gefangen gesetzt wurde und mit der
+Eroberung der Hauptstadt hörte jeder Widerstand auf, nicht bloss weil
+die Grossen des Reichs dort alle vereinigt waren, sondern auch weil mit
+dem Falle des Herrschers für die bis zum Aeussersten standhaft
+gebliebenen Mexikaner die Pflicht der Selbstverteidigung wegfiel.
+Revolutionen des Volks waren--abgesehen von neu eroberten Ländern--fast
+unbekannt« (Waitz 4, 68). Am gefährlichsten aber war die
+Eroberungspolitik des mexikanischen Staates. Um alle Länder sich und
+ihrem Gotte Huitzilopochtli zu unterwerfen, was das stete Streben der
+Mexikaner war (4, 117), hatten sie ihre Herrschaft vom atlantischen bis
+zum stillen Ozean ausgedehnt, ohne aber wirklich Widerstand leistende
+Länder ernstlich zu bezwingen und sich zu assimiliren. Und Montezuma II.
+noch machte es ebenso. Während in seinen Ländern Empörungen der
+unterworfenen Ländertheile ausbrachen, schickte er, anstatt das
+Gewonnene dauernd zu fesseln, seine Heere in immer fernere Gegenden, um
+immer mehr zu gewinnen (Waitz 4, 46), und »daher, sagt Waitz 4, 47, ist
+es wohl begreiflich, dass das grosse rasch gewachsene Reich des
+Montezuma durch ein paar kräftige und geschickt geführte Stösse
+zertrümmert werden konnte.« Eine Menge einheimische Feinde, ganze
+Ländertheile erhoben sich und stellten sich auf Seiten der Spanier--und
+so ist Mexiko, das so bevölkerte, reiche und blühende Land zum nicht
+geringsten Theil durch seine eigene Politik zu Grunde gegangen. Da diese
+Schilderung im Grossen und Ganzen auch auf Peru passt, wo der König als
+Stellvertreter Gottes auf Erden nur eine noch absolutere und drückendere
+Macht besass, wo gleichfalls Eroberungskriege das Land ausgedehnt und
+dadurch minder fest gemacht hatten, weil es nun in seinem Innern
+feindliche Elemente barg (Waitz 4, 399-413), da wir hier so ziemlich
+dasselbe finden, so brauchen wir die Verhältnisse des Inkareiches nicht
+genauer zu betrachten und gehen gleich zu Polynesien über.
+
+Hier hat der Absolutismus und die Sonderstellung des Adels, die in der
+göttlichen Abstammung des Adels und der Könige wurzelt, die denkbar
+höchste, man könnte sagen eine logisch vollkommene Entwickelung
+gefunden. Ueberall, in Neuseeland, in Tahiti, in Hawaii, dem
+Markesasarchipel, auf Tonga, bei der alten Bevölkerung der Marianen
+(während sonst Mikronesien in der Praxis wenigstens die Gegensätze
+minder scharf fasst) gilt das Volk als unbeseelt, daher sein Leben als
+vollkommen werthlos. Man tödtete es nach Gelüsten oder Laune (Mariner 1,
+60. 91), man bedrückte es, da es weiter keine Geltung hat, als eben nur
+für die Vornehmen da zu sein, keinen Werth weiter als was es den
+Vornehmen werth ist--und nirgends war dieser Druck schlimmer als auf
+Hawaii--man hat ihm aus demselben Grund alle harte Arbeit, z.B. den
+Landbau, aufgeladen; dabei ist ihm das meiste der besseren
+Nahrungsmittel verboten; zu den Festen der Vornehmen muss es, was es
+besitzt an Lebensmitteln, beisteuern, zu den Menschenopfern nimmt man
+die Individuen aus ihm, kurz, es liegt ein Druck auf ihm, so
+unglaublich, dass man gar nicht begreift, wie unter demselben überhaupt
+sich eine und noch dazu zahlreiche Bevölkerung erhalten konnte. Oft fand
+es nicht Zeit zur Bestellung des eigenen Landes, daher denn Hungersnoth,
+Kindermord und namentlich eine grosse Menge von Auswanderungen
+eintraten, die vor allem Tahiti entvölkerten, aber auch von anderen
+Inseln erzählt werden. So gab es auf Tahiti im wilden, gebirgigen und
+kaum bewohnbaren Inneren der Insel eine zerstreute Bevölkerung »wilder
+Männer«, die, ausserordentlich scheu und ängstlich, ganz einsam in den
+Klüften leben, gewiss nur entsprungene Flüchtlinge aus dem Volke, oder
+deren Abkömmlinge, welche nicht zurückzukehren wagten (Ellis 1, 305).
+Von Hawaii sagt Jarves (368 ff.): »Der Ackerbau ward vernachlässigt, und
+Hungersnoth herrschte. Ganze Schaaren gingen unter ihrer Last zu Grunde;
+andere verliessen ihre Heimath und flohen gleich wilden Thieren in die
+Tiefe der Wälder, wo sie aufs elendeste aus Mangel umkamen, oder eine
+klägliche Existenz durch Früchte und Wurzeln fristeten. Blind für diese
+Folgen setzten die Fürsten ihre Politik (zu der sie von geldgierigen
+Fremden vielfach verleitet wurden) fort.« Kindermord war die Folge
+namentlich einer unerschwinglichen Kopfsteuer und nicht nur physisch,
+auch moralisch verkam das Volk. Und auf dies moralische Verkommen ist
+sehr zu achten; denn nichts befördert den Untergang einer Bevölkerung
+mehr als dies. Wo die Moralität (natürlich hier nur nach den Begriffen
+der betreffenden Völker) fehlt, fehlt auch die Selbstachtung; wo die
+Selbstachtung, die Freude am Leben, welche diesen Menschen auch schon
+aus äusseren Gründen unmöglich war; und wo die Freude am Leben fehlt, da
+verkommt und versiegt das Leben selbst. Mit Recht stellt daher Jarves
+(a.a.O.) diesen Druck, unter dem das Volk erlag, für eine Hauptursache
+seines massenhaften Schwindens hin: und wie es in Hawaii war, so war es,
+mit wenig Abänderungen, so ziemlich überall in Polynesien.
+
+
+
+
+§ 12. Natureinflüsse.
+
+
+Sahen wir so, was die Naturvölker durch eigene Lebensart oder Schuld zu
+ihrem Hinschwinden beitragen: so müssen wir, ehe wir weiter gehen, einen
+Blick auf die Naturumgebungen dieser Völker werfen und deren günstigen
+oder schädlichen Einfluss abwägen. So viel leuchtet schon dem ersten
+Blick ein: durch Natureinflüsse allein stirbt kein Volk aus und die
+menschliche Natur gewöhnt sich fast an alles. Man kann sich, nach
+Darwins Schilderung, kaum eine für menschliche Entwickelung ungünstigere
+Natur denken, sowohl in Hinsicht auf Klima, als auf Lebensmittel u.s.w.,
+als die Südspitze von Amerika und dennoch sagt derselbe Schriftsteller,
+dass ein Aussterben der elenden Stämme der Feuerländer nicht zu bemerken
+sei. Ebenso wenig der Eskimos. Der Mensch akklimatisirt sich, freilich
+nur sehr allmählich in langsamen Vorrücken und durch Jahrhunderte oder
+besser Jahrtausende lange Vererbung und dadurch Verstärkung der für die
+einzelne Gegend speziell befähigenden Eigenschaften an jede Gegend, an
+jedes Klima, und nichts beweist gerade mehr die Dauerhaftigkeit unserer
+Natur als diese Fähigkeit der Gewöhnung. Aber freilich werden weder
+Feuerländer noch Eskimos sich je zu grossen mächtigen Nationen
+entwickeln: und zwar in Folge ihrer Naturumgebung, welche der freien
+Entfaltung der Menschheit denn doch unübersteigliche Hindernisse in den
+Weg stellt. So ist denn eben die Naturumgebung der Grund, dass wir die
+roheren Naturvölker nie sehr zahlreich sehen; die Natur erheischt ein
+Leben, welches dem Gedeihen der Menschheit nicht zuträglich ist. Die
+geringe Zahl der Neuholländer ist zweifelsohne bedingt durch die
+erstaunlich unfruchtbare Natur ihres Landes, denn wenn auch Grey (1,
+239) Recht hat gegen Sturt und viele Andere, dass der Nahrungsmangel in
+Neuholland nicht so gross ist, als er gewöhnlich gemacht wird, und
+allerdings gibt er für den Südwestdistrikt des Welttheils, für eine
+Ausdehnung von 2-300 Meilen (2, 299) eine reiche Menge Nahrungsmittel an
+(2, 263-64); so sind dieselben doch immer erst weit zerstreut, müssen
+gesucht werden und sind oft, im einzelnen betrachtet, elend genug. Sie
+zu vermehren, anzubauen haben die Eingeborenen nicht Kultur genug, auch
+finden sich kaum unter den Pflanzen und Thieren Neuhollands solche, die
+zu eigentlichen Kulturpflanzen oder Hausthieren brauchbar wären; zu
+sammeln aber sind die Neuholländer, wie wir schon bei der Betrachtung
+ihres Charakters sahen, zu indolent, zu träge. Wir müssen hier die
+ausserordentlich hemmenden Schranken der Natur anerkennen, die jedoch
+nur dann erst wirklich für den Bestand eines Volkes gefährlich werden,
+wenn noch andere Bedrängnisse hinzukommen. Ueber viele Distrikte
+Amerikas muss man, mehr oder minder, dasselbe sagen, in mancher
+Beziehung auch von Südafrika. Und fast noch ungünstiger gestellt ist
+Polynesien schon in seinen hohen Inseln, die meist im Innern so steil
+und unwegsam sind, dass sie, wie Tahiti und Nukuhiva, nicht bewohnt
+werden können, oder grosse unfruchtbare Strecken hinter ihren meist
+üppigen Uferstrecken bergen, wie die Fidschis und viele der
+Hawaiiinseln, und die, wenn sie auch durch und durch bewohnbar wären,
+doch schon durch ihre verschwindende Kleinheit in dem ungeheuren und
+gefährlichen Ozeane ihren Bewohnern ein Hinderniss sind. Hier ist die
+Schifffahrt nicht so leicht, wie im Mittelmeer und eine
+Küstenschifffahrt ganz unmöglich. Grosse Thiere gibt es gar nicht ausser
+dem zum Hausthier im wahren Sinne ungeeigneten Schwein und einigen
+Hunden, welche aber ihre Hundenatur fast abgelegt haben und Mastvieh
+geworden sind. Nutzpflanzen gibt es genug, aber so reichlich, dass weder
+geistige noch leibliche Anstrengung, ja kaum Thätigkeit nöthig ist, um
+hinlänglichen Vorrath zu bekommen, oder so wenig, wie auf Neuseeland
+(natürlich zur Zeit der Entdeckung), dass trotz aller Anstrengung die
+Nahrungsmittel sich nicht sehr heben konnten. Und nun gar die kleineren
+Inseln, die fast immer unfruchtbaren Korallenringe, welche meist, wie im
+östlichen Polynesien und in Paumotu, nur den Pandanus mit seinen
+kümmerlich nährenden Früchten und, aber noch nicht einmal überall, z.B.
+in der nördlichen Ratakkette nicht, die Kokospalme hervorbringen, den
+Brotbaum und die anderen Nahrungspflanzen der Südsee, welche feuchten
+Boden verlangen, wie Tacca und Arum, nur seltener oder nur erst nach
+sehr mühevoller Bearbeitung des harten Korallengrundes gedeihen lassen,
+Thiere aber, ausser zahlreichen Ratten, gar nicht besitzen. Dazu kommt,
+dass grässliche Orkane, denen nichts zu widerstehen vermag, auf Tahiti,
+den Paumotu- und Herveyinseln, auf Tonga, den Karolinen, den Marianen,
+kurz so ziemlich überall, die Vegetation gar nicht selten so vollständig
+vernichten, dass äusserste Hungersnoth eintritt. Auf den Inseln südlich
+vom Aequator sollen Stürme der Art nach Mörenhout (2, 365) nicht öfter
+als alle 8-10 Jahre vorkommen, also gerade oft genug, um eine reiche
+Entwickelung der Bevölkerung unmöglich zu machen. Denn ihre Gewalt ist
+so, dass an irgend welchen Schutz oder Widerstand gar nicht zu denken
+ist. Daher ist es denn begreiflich, dass man den Kindermord, wie
+Chamisso mit solchem Entsetzen von den Ratakinsulanern erzählt, dort und
+auch sonst noch (z.B. auf Tikopia) geradezu gesetzlich regulirte, um die
+Inseln vor Uebervölkerung zu behüten; begreiflich ferner, wie
+Hochstetter auf den Gedanken kam, dass der Kannibalismus auf Neuseeland
+durch den Hunger eingeführt sei. Ist nun zwar letztere Ansicht gewiss
+nicht richtig, wie sich leicht aus dem was wir über den Kannibalismus
+schon gesagt haben, ergibt; so ist es doch sicher, dass in einzelnen
+Gegenden Polynesiens, z.B. in Nukuhiva, bisweilen der Hunger zum
+Auffressen naher Verwandten trieb. Auch in Amerika, namentlich im
+Norden, gibt es Völker, die durch die äussere Noth gezwungen, zum
+Kannibalismus gebracht sind (Waitz 3, 508; 4, 251).
+
+Dass auch die Aleuteninseln durch ihre Naturbeschaffenheit keine reiche
+Entwickelung ihrer Bevölkerung zulassen, ist klar; und dasselbe gilt von
+Kamtschatka, über dessen Natur von neuern Schriftstellern v. Kittlitz
+trefflich gehandelt hat.
+
+Alle die besprochenen Länder machen eine grosse geschichtliche
+Entwicklung von vornherein so gut wie unmöglich. Einförmigkeit ist das
+Zeichen der meisten; und historische Schicksale, das wirksamste Mittel,
+die Menschheit zu heben, konnten ihre Bewohner so gut wie gar nicht
+treffen. Dadurch aber konnten sie sich nicht über die Natur, wie z.B.
+die Indogermanen, die Semiten gethan, erheben, so dass diese von ihnen
+beherrscht wäre. Und nehmen wir auf der anderen Seite Völker mit den
+Sitten, wie wir sie bisher geschildert, in ungünstiger Natur, so
+leuchtet wohl ein, wie gerade ihnen gegenüber schädliche Natureinflüsse
+von doppelter Gefahr sein mussten.
+
+
+
+
+§ 13. Aeussere Einflüsse der höheren Kultur auf die Naturvölker.
+
+
+Wir können nun erst, nachdem wir betrachtet haben, was in der Natur und
+Lebensweise dieser Völker selbst einen frühen Untergang Begründendes
+liegt, die Einflüsse genauer erwägen, welche ihre Berührung mit anderen
+meist höher kultivirten Völkern und namentlich mit den Kulturvölkern
+Europas und Amerikas hervorgebracht hat.
+
+Es sind hier zunächst Einflüsse zu erwähnen, welche obwohl durchaus
+nicht feindselig, ja häufig nur gut gemeint dennoch physisch wie
+psychisch die gewaltsamsten Wirkungen haben mussten und hatten und
+haben.
+
+Zunächst ist es die Umänderung des äusseren Lebens der Naturvölker,
+welche uns, wie sie durch jene Berührung unvermeidlich war, beschäftigen
+muss.--Die ganze Lebensart dieser Völker war durch lange fast
+instinktive Auswahl, dem Klima, den Bodenverhältnissen, ihrer ganzen
+äusseren Natur so entsprechend oder wenigstens die Natur dieser Völker
+hatte sich durch lange Gewöhnung so mit dieser Lebensart assimilirt,
+dass jede auffallende Aenderung, namentlich wenn sie plötzlich kam, wenn
+sie sich über mehreres erstreckte, oder gar wenn sie bloss halb, bloss
+zeitweilig durchgeführt wurde, die grössten Revolutionen in ihrem
+gesammten Wesen hervorbringen musste. Auch hier ist wieder auf die
+unendliche Macht einer sich stets verstärkenden Vererbung hinzuweisen,
+wie sie durch Jahrhunderte, Jahrtausende lange Gewöhnung, durch überaus
+allmähliche Angleichung die Menschennatur so fest auch an ungünstige
+Einflüsse gewöhnen kann, dass eine Abwendung von ihnen für den
+Augenblick nur schädlich zu wirken scheint.
+
+So finden wir das körperliche Leben der Naturvölker im engsten Einklang
+mit den Naturumgebungen und ihren Einflüssen. Vor der Bekanntschaft mit
+den Europäern oder Amerikanern (die immer, was gestattet sein möge,
+mitgemeint sind, wenn im Folgenden einfach nur von den Europäern und
+ihrem Einfluss die Rede ist) waren daher die Naturvölker durchaus
+gesund, obwohl einzelne Seuchen ab und zu schon damals bei ihnen
+vorkamen: nie aber kannten sie die chronische Kränklichkeit kultivirter
+Nationen.
+
+So war es mit der Kleidung. Die Neuseeländer trugen Kleider von
+Mattenzeug, welches aus den Blättern der neuseeländischen Flachslilie
+(Phormium tenax) geflochten war--auf welchen Matten man auch
+schlief--und seltener und nur die Fürsten einen Mantel aus
+zusammengenähten Hundefellen (Dieffenbach 2, 153). Statt dieser kühlen,
+die Haut nur schützenden, kaum erregenden Kleidung, welche auch (für
+Neuseeland sehr wichtig, wo es sehr oft, meist nur vorübergehend,
+regnet) die Nässe nicht lange hielt, tragen sie jetzt wollene Decken,
+die, abgesehen davon, dass sie dem Ungeziefer eine willkommene Zuflucht
+sind, die Haut reizen, die Feuchtigkeit sehr lange halten und einen viel
+stärkeren Wechsel in der Temperatur des Körpers hervorbringen. Denn wie
+die Maoris früher ihre Phormiummatten bei irgend welcher Arbeit oder
+sonstigen Gelegenheit leicht ablegten, gerade so machen sie es, ganz
+ohne Rücksicht, ob sie warm sind, ob nicht, auch mit den Wollendecken
+jetzt (Dieffenbach 2, 18). Ganz ähnlich schildert das Jarves 370 von
+Hawaii. Fürsten und Volk, sehr begierig auf jeden ausländischen Stoff,
+gleich viel ob es Matrosentuch oder das dünnste chinesische Gewebe war,
+trugen alles ganz ohne Unterschied, und so kamen sie bald nach ihrer
+alten Art, bald anders, bald mit einer Mischung von beiden bekleidet;
+derselbe, der längere Zeit eine solche Kleidung trug, erschien dann
+wieder viele Tage lang nackt. Je schöner das Wetter war, um so
+reichlicher bekleidet gingen sie, um zu paradiren, bei schlechtem Wetter
+aber meist nackt, um die Kleidung zu schonen; nackt daher auch in der
+ganzen Jahreszeit des Winters, und im Sommer bekleidet. Jarves wie
+Dieffenbach finden daher mit vollem, Recht in dieser Veränderung und in
+dieser Art der Neuerung eine äusserst wirksame Ursache für den Verfall
+der Gesundheit dieser Völker. Diese Ursache aber wirkt überall, wo
+Natur- und Kulturvölker zusammentreffen: sie musste eintreten, weil
+schon die Missionäre eine etwas decentere Bekleidung als die meisten
+Naturvölker kannten, verlangen mussten.
+
+Auch eingeführte Nahrungsmittel (abgesehen von den Spirituosen) waren
+den Naturvölkern schädlich: so nach Dieffenbach a.a.O. für die
+Neuseeländer die Einführung des Maises, den sie halb gegohren verbacken
+und durch dies äusserst ungesunde Brot sich sehr schaden. Salz, sagt er,
+was sie früher in den Seethieren genossen, essen sie jetzt gar nicht
+mehr, denn ihre fast einzige Nahrung ist die Kartoffel; diese aber,
+abgesehen davon, dass ihr ausschliesslicher Genuss überhaupt schädlich
+ist, wirkte noch dadurch ungünstig, dass sie bei der wenigen Pflege, die
+sie verlangt, ganz und gar nur von Sklaven und Weibern besorgt wird,
+ohne die Männer nur zu irgend welcher Thätigkeit anzuregen. Was wir hier
+an dem einen Beispiel zeigten, gilt natürlich wiederum für einen ganzen
+Kreis dieser Völker.
+
+Auch der Hausbau hat sich vielfach geändert, wenigstens in Polynesien,
+da hier fast allein ein annähernd freundliches Verkehren der Europäer
+mit Eingeborenen sich entwickelt hat. In Polynesien war man früher an
+sehr luftige, reinliche Häuser, die fast nur aus einem sehr tief
+herabreichenden Dache bestanden, gewöhnt. Jetzt aber kommen mehr und
+mehr mit Hintansetzung der altheimischen Art Häuser oder Baracken auf,
+die nach europäischer Art gebaut der für jene Gegenden so nöthigen
+Ventilation fast ganz entbehren und, da nun noch dazu nach alter Sitte
+viele Menschen in einem solchen Raum zusammen wohnen und schlafen, durch
+den grellen Gegensatz gegen das von früherher Gewohnte den schlimmsten
+Einfluss haben (z. B, Dieffenbach 2, 68-71).
+
+Namentlich war es der Adel in Polynesien, der diese Aenderungen
+vornehmlich, da er mit den Europäern in genauere Berührung kam und
+grössere Mittel hatte, bei sich einführte: gerade aber der Adel ist vom
+Aussterben weit mehr und rascher ergriffen, als das Volk--so namentlich
+in Hawaii--und es ist diese Erscheinung nicht so zu erklären, dass man
+beim Adel, weil er geringer an der Zahl sei, das Hinschwinden klarer
+sähe: denn hiergegen sprechen die Verhältnisszahlen so wie der Umstand,
+dass in der ersten Zeit der Adel vornehmlich von Krankheit u. dergl.
+heimgesucht war, bis das Verderben sich weiter ausbreitete. Es nimmt das
+um so weniger Wunder, als auch der Adel es war, welchem die meisten der
+geschilderten polynesischen Ausschweifungen zur Last fallen. Das meiste
+überhaupt, was vorzüglich in älteren Reisebeschreibungen von Polynesien
+gesagt wird, geht auf den Adel, da dieser bevorzugte Stand mit so
+hervorragenden Fremdlingen, als die Europäer waren, zu verkehren nach
+polynesischen Begriffen fast allein das Recht hatte. Wo aber diese
+Völker wenigstens nicht halb und nur zeitweilig, sondern ganz und für
+immer die europäischen Sitten, Kleidung, Wohnung, Lebensart u. s. w.
+annehmen, da bleiben sie weit ungefährdeter, wie dies Dieffenbach a. a.
+O. von den Neuseeländern nachweist. Den skrophulösen Habitus so vieler
+Maorikinder an der Küste erklärt er dagegen nur durch die ungeeignete
+und halbe Aenderung der einheimischen Lebensweise.
+
+Auch die Ausbreitung der Weissen beschränkt und beschädigt natürlich,
+schon durch sich selbst und ohne böswillige Absicht der sich
+Ausbreitenden, die Naturvölker in hohem Grade. Auf den kleinen
+polynesischen Inseln z. B., doch auch sonst und überall sind die
+Lebensmittel bei so riesig durch die Europäer gesteigertem Verkehr viel
+werthvoller und dadurch immer knapper geworden. Man denke nur, um dies
+Beispiel aus Polynesien auszuführen, was alle die Schiffe brauchen,
+welche zu Papeiti oder gar zu Honolulu vor Anker gehen, um sich zu
+verproviantiren. Und sollte man denken, dass grade dies grössere
+Bedürfniss ein Sporn für die Eingeborenen sei, der sie weiter bringe in
+der Kultur, im Ackerbau, Handel u. s. w.: so erwäge man, dass jetzt kaum
+ein Jahrhundert seit der ersten Entdeckung (die spanischen Besuche auf
+den Inseln, welche früher fallen, abgerechnet) verflossen ist, dass in
+einem so kurzen Zeitraum aber, wo so mannigfache Schicksale auf die
+Eingeborenen einstürmten, sich der Ackerbau noch gar nicht so entwickeln
+konnte, dass er diesen massenhaften Anforderungen entspräche; und dass
+zu grosse Forderungen eben nicht mehr anspornen, sondern erschlaffen,
+erdrücken. In anderen Gegenden gestaltet sich dieselbe Sache anders,
+aber die Resultate bleiben gleich.
+
+Die Neuholländer freuen sich, wenn sich in ihrem Gebiete Europäer
+niederliessen, sie wünschten es und forderten sie dazu an vielen Orten
+auf. Allein die nächste Folge war, dass sie in eine sehr elende Lage
+geriethen: denn (abgesehen von anderem, was wir später besprechen) ihre
+Jagdthiere verminderten sich auf der Stelle, ja sie verschwanden, theils
+verdrängt oder verjagt, theils ausgerottet von den meist sehr
+jagdlustigen Einwanderern (Lang bei Grey 2, 234-35). Daher sagte ein
+Australier sehr richtig zu einem Europäer: »Ihr solltet uns Schwarzen
+Milch, Kühe und Schafe geben, denn ihr seid hergekommen und habt die
+Opossums and Känguruhs vertilgt. Wir haben nichts mehr zu essen und sind
+hungrig« (Bennet bei Waitz 1, 183). Die brauchbaren Gras- und
+Weidestrecken nahmen die Europäer mehr und mehr im Lauf der Jahre ein in
+Neuholland, Neuseeland, Afrika, Amerika, die fruchtbaren Küstenstriche,
+sonst der gewöhnliche Aufenthalt der Eingeborenen, haben sie ganz und
+gar inne, das Land erklären sie für ihr Eigenthum, und da sie sich man
+kann wohl sagen täglich mehr und mehr ausbreiten, so drängen sie schon
+durch ihre blosse Existenz die Eingeborenen in die Wälder, die Berge,
+die Wildniss zurück; so dass es denn gar kein Wunder ist, wenn die
+Eingeborenen schon hierdurch allein »wie von einem giftigen Hauche
+berührt« (oder wie die Phrase lautet) verkommen. »Als der weisse Mann,
+so sagte der Cherokeehäuptling Bunteschlange in einer Rede, sich gewärmt
+hatte am Feuer des Indianers, und sich gesättigt an seinem Maisbrei, da
+wurde er sehr gross, er reichte über die Berggipfel hinweg und seine
+Füsse bedeckten die Ebenen und die Thäler. Seine Hände streckte er aus
+bis zum Meere im Osten und Westen. Da wurde er unser grosser Vater. Er
+liebte seine rothen Kinder, aber sprach zu ihnen: ihr müsst ein wenig
+aus dem Wege gehen, damit ich nicht von ungefähr auf euch trete. Mit dem
+einen Fuss stiess er den rothen Mann über den Okonnee und mit dem
+anderen trat er die Gräber seiner Väter nieder. Aber unser grosser Vater
+liebte doch seine rothen Kinder und änderte bald seine Sprache gegen
+sie. Er sprach viel, aber der Sinn von Allem war, nur: geht ein wenig
+aus dem Wege, ihr seid mir zu nahe. Ich habe viele Reden von unserem
+grossen Vater gehört und alle begannen und endeten ebenso« (Waitz 3,
+144). Chamisso, einer der wenigen, die sich in Deutschland für die
+Stellung jener Völker interessirten, hat dieser Rede ergreifenden
+Ausdruck verliehen in einem seiner Gedichte (Werke 4, 86). Sie ist
+bekannt genug: und wenn auch in ihr der ethische Gedanke die Hauptsache
+ist, so kann doch auch die Schilderung der Thatsachen nicht schlagender
+gegeben werden.
+
+Und doch, auch wenn man den Eingeborenen genügenden Landbesitz und Jagd
+und Lebensmittel genug sichern könnte, wir wiederholen es: die totale
+Umwälzung ihres ganzen leiblichen Lebens, das, wie wir eben gesehen,
+sich nach jeder Richtung hin ändern musste durch die plötzlich
+hereinbrechende Kultur, wird auch wenn keine Halbheiten,
+Ungeschicklichkeiten u. dergl. vorkommen, wenn alles gleich so trefflich
+als möglich eingerichtet wäre, den gefahrvollsten Einfluss auf die
+Naturvölker haben und je mehr, je plötzlicher sie kommt. Denn je länger
+physische Gewohnheiten schon bestehen, um so fester sind sie und um so
+gefährlicher ist es für die menschliche Natur, wenn sie plötzlich
+gebrochen werden sollen. Auch hierin ist Leib und Seele einem Gesetze
+unterworfen: dem Gesetze der Beharrlichkeit. Wie eine Flüssigkeit,
+welche man in einen bestimmten Kreislauf gebracht hat, diesem Laufe
+immer williger und rascher folgt, aber wild in ungeordnete Wirbel
+zusammenschäumt, wenn man sie nach der entgegengesetzten Richtung hin
+zwingen will, bis sie sich endlich und allmählich diesem Neuen gewöhnt:
+so musste das natürliche Leben dieser Völker in Aufregung und Unordnung
+kommen, als es so plötzlich von der übermächtigen Kultur unterbrochen
+wurde, an die es sich erst langsam und sehr allmählich gewöhnen wird. So
+werden denn einzelne wohl, nie aber ein ganzes Volk rasch und plötzlich
+sich eine so totale Umänderung, wie hier nöthig, und käme sie unter den
+günstigsten Bedingungen (was hier leider nicht geschah), aneignen
+können. Nur so ist sicher die Nachricht zu verstehen, die wir vorhin
+Dieffenbach entlehnten, dass die Neuseeländer, wo sie vollkommen
+europäisch lebten, auch gesund seien: wobei denn immer noch zu erwägen
+bleibt, dass Dieffenbach erst 1840 seine Beobachtungen anstellte, also
+über zwei Generationen (70 Jahre) nach der ersten Entdeckung der Insel.
+Allein man könnte sagen: und doch haben andere Völker dasselbe
+plötzliche Hereinbrechen einer übermächtigen Kultur durchgemacht und
+überwunden. Man könnte unsere eigenen Vorfahren, die alten Deutschen
+nennen. Und doch, welch ein ungeheurer Unterschied hier in Allem! Denn
+erstens war die griechischrömische Kultur, wie sie zu den Germanen kam,
+unendlich bequemer als die moderne, wie sie die Naturvölker annehmen
+sollen; zweitens standen die Germanen in jeder Weise, auch in ihrer
+leiblichen Beschaffenheit, jener Kultur und ihren Trägern bei weitem
+näher als die Naturvölker den Europäern; drittens brach dieselbe nicht
+so unaufhaltsam, so plötzlich, so rücksichtlos über die Germanen herein,
+wie über jene Völker, sondern ganz allmählich, durch Jahrhunderte langes
+Vertrautwerden mit dem Einzelnen, wobei das romanisirte Gallien keine
+unbedeutende Vermittlerrolle spielte; und endlich kam sie nicht in
+solchem Grade feindselig, wie die moderne Kultur über die sogenannten
+Wilden.
+
+
+
+
+§ 14. Psychische Einwirkungen der Kultur.
+
+
+Und so blieben unsere Vorfahren vor dem namentlich bewahrt, was den
+Naturvölkern so verhängnissvoll wurde: vor dem geistig deprimirenden
+Eindruck, den die Kultur auf die Naturvölker macht. Die Germanen fanden
+Gelegenheit selbständig siegend in dem Land ihrer geistigen Besieger
+aufzutreten: sie behielten stets das gegründete Bewusstsein eigenes
+Werthes und dass sie nicht in jeder Beziehung untergeordnet seien. Sie
+standen den Römern gegenüber wie der Schüler dem Lehrer, der des
+Schülers geistiges Leben leitet, corrigirt, erhöht, aber nicht verletzt,
+vernichtet, verhöhnt.
+
+Ganz anders aber die Naturvölker. Ihr Geistesleben, alles, was sie
+dachten, fühlten und glaubten ist ihnen durch ihr Bekanntwerden mit den
+Europäern was sollen wir anders sagen als geradezu (und oft mit der
+boshaftesten Absichtlichkeit) vernichtet worden. Hierdurch wurden
+selbstverständlich je gebildeter die Völker waren, sie um so härter
+betroffen; so dass vieles von dem im folgenden Entwickelten auf die
+rohesten Stämme Südamerikas oder Neuhollands keine Anwendung findet.
+
+Zunächst die Religion. Die meisten Naturvölker sind von sehr reiner und
+inniger Religiosität, bei allen Abgeschmacktheiten und Monstrositäten
+ihres Glaubens. So waren es die Mexikaner. Ihre Religion (Waitz 4, 128)
+war es, welche ihnen ihre hohe und reine Moral eingab, deren
+Grundgedanke--zugleich ihr festester und untrüglichster Schwur (Waitz 4,
+154)--war: sieht mich nicht unser Gott? Und alles, was die Religion
+schweres von ihnen forderte, wurde treu und gewissenhaft und mit ächter
+und inniger Andacht von ihnen, nach Cortez eigenem Zeugniss (Waitz 4,
+154) ausgeführt, Ihre vielen Eroberungskriege waren, wie wir schon
+sahen, alle von dem Gedanken geleitet, ihre Religion auszubreiten über
+alle Welt. Nicht anders, nach Waitz Schilderung (4, 447 ff.) die
+Peruaner. Gleichfalls in hohem Grade gottesfürchtig sind die
+Nordindianer (Waitz 3, 205), die keine Handlung ohne Gebet unternehmen,
+die alle schweren von der Religion verlangten Peinigungen mit der
+grössten Gewissenhaftigkeit vollführen. Und so haben alle diese Völker
+überall zähe an ihren Religionen gehalten.
+
+Etwas anders steht die Sache in Polynesien. Nicht als ob die
+polynesischen Völker nicht von gleich tiefer Religiosität wären; was
+z.B. schon die bekehrten Eingeborenen beweisen, in deren Hand jetzt der
+grösste Theil der Südseemission ist. Aber die ganze Bevölkerung war
+sittlich minder rein als die Amerikaner und befand sich schon zur Zeit
+der Entdeckung, wie Meinicke (b) nachgewiesen, in einem Zustande auch
+des geistigen Verfalls. Daher erklärt sich die auffallende Erscheinung,
+dass die Polynesier (Dieffenbach 2, 50 vom ganzen Ozean) und nach
+Chamissos Zeugniss auch die Mikronesier sich leicht bewegen lassen, über
+ihren früheren Aberglauben selbst zu lachen und ihn aufzugeben. Doch
+auch sie fügen sich und nicht bloss aus Herkommen mit freudigstem
+Gehorsam den beschränkendsten Gesetzen ihrer Religion, z.B. den
+Tabu-Gesetzen, d.h. den Bestimmungen, durch welche Gegenstände aller Art
+heilig gesprochen und dem unheiligen Volk gänzlich entzogen werden,
+sowie der übergrossen Adelsverehrung und anderem der Art. Und nur da
+haben sie ihre Religion wirklich und ohne Widerstand aufgegeben, wo sie
+durch die Mission wirklichen religiösen Ersatz bekamen. Gegen
+feindselige Angriffe auf ihre Religion, mochten sie absichtlich oder nur
+zufällig sein, haben sie sich immer aufs heftigste aufgebracht gezeigt
+und eine Menge Ueberfälle, Kriege, ja Cooks Tod selbst sind nur durch
+solche Verletzungen ihrer Tempelplätze oder sonstigen Heiligthümer
+hervorgerufen.
+
+Aber selbstverständlich war es gerade die Religion, gegen welche sich
+die heftigsten und ersten Angriffe der Kulturvölker richteten. Das
+brauchte nicht mit der brutalen Roheit der Conquistadoren und ihrer
+Pfaffen in Amerika oder der Sendlinge Frankreichs in den letzten
+Jahrzehnten, der Laplace, Dupetitthouars u.s.w. in der Südsee zu
+geschehen: auch die edelsten der Europäer mussten sich gegen diese
+Religionen wenden, um sie zu zerstören, und so sahen die Eingeborenen
+ihr Heiligstes vernichtet, ja als durchaus schlecht und nichtswürdig
+verachtet. Aus dem Vorstehenden aber kann man ermessen, wie vernichtend
+dieser Schlag ihr geistiges Leben traf.
+
+Ebenso war es mit den politischen Einrichtungen: und auch hier müssen
+wir wenigstens auf einige Hauptpunkte hinweisen. Die despotische
+Verfassung, das strenge Adelsregiment der Südsee (um bei den Polynesiern
+zunächst zu bleiben), haben wir schon betrachtet. Aber mochte der Adel
+sich noch so hoch über das Volk stellen, das Volk aufs ärgste
+unterdrücken: er war doch von Gott, man hing ihm doch mit warmer
+Verehrung an, man brachte in den meisten Fällen sein Gut und Blut mit
+aufrichtigem Eifer dar--lohnte doch eine solche Aufopferung mit einem
+besseren oder überhaupt mit einem Leben nach dem Tode! Jedenfalls
+beruhte auf diesem Verhältniss des Adels, der naturgemäss die stolzeste
+Meinung von sich hatte und sich keineswegs den europäischen Grossen
+untergeordnet fühlte, und des Volkes das gesammte öffentliche Leben
+Polynesiens und Mikronesiens und hier wieder vorzüglich der Marianen.
+
+Durch den Einfluss der Europäer änderte sich das alles und so sehr auch
+das Volk nachher dadurch gewann: für den Augenblick musste es die
+Einrichtungen, die ihm seit Jahrtausenden gewohnt und ehrwürdig waren,
+aufgeben und die, welche es vordem gleich Göttern geachtet hatte, von
+den Europäern keineswegs besonders hochgestellt, ja oft mit Verachtung
+oder gar mit schreiendster Ungerechtigkeit behandelt, zum Theil wie auf
+den Marianen blutig verfolgt und vernichtet sehen. Der Adel selbst aber
+war noch schlimmer dran. Er war, bei völliger Unumschränktheit, der
+festen Ueberzeugung, von ganz anderem Stoff zu sein, als das gemeine
+Volk, er stellte sich ganz den höchsten Europäern gleich und wusste
+sich, wie Liholiho, Tamehameha I. Sohn in England bei seinem Aufenthalt
+unter der englischen höchsten Aristokratie bewiesen hat, diesen auch im
+äusseren Benehmen ziemlich gleich zu halten. Und nun fand er sich von
+den Europäern, oft von den gemeinsten Matrosen, nicht nur nicht göttlich
+verehrt, sondern verachtet, dem gemeinen Volke ganz gleich, und
+jedenfalls tief unter jeden Weissen gestellt, er fand sich von der
+Gesellschaft in den meisten Fällen (wo sich eine wirklich europäische
+Gesellschaft bilden konnte) entweder ausgeschlossen oder doch nur
+geduldet! So geschah es zu Neuseeland--man kennt ja den Hochmuth der
+englischen Raçe einer farbigen Bevölkerung gegenüber--so, seit der
+gloriosen französischen Occupation, zu Tahiti, so einige Jahrhunderte
+früher auf den Marianen, wo der Adel in den blutigen Kämpfen ganz zu
+Grunde ging.
+
+Noch viel schlimmer, weil die Zerstörung gründlicher war, wirkten diese
+Dinge in Amerika. Denn auch hier war Volk und Herrscher durch Bande
+grosser Anhänglichkeit und Religiosität verknüpft. Der Herrscher, der
+aus dem hohen Adel gewählt wurde, und mit ihm der höchste Adel war, wie
+wir schon sahen, Stellvertreter Gottes auf Erden und daher
+unumschränkt. Wie rein und tief man in Mexiko, trotz alles Absolutismus,
+die Stellung des Herrschers auffasste, geht aus den Reden hervor, die
+man bei seiner Inauguration an ihn richtete und welche nicht nur nach
+Waitz 4,68 »zu dem Schönsten und Erhabensten gehören, was von den
+Azteken noch übrig ist«, sondern überhaupt zu dem Schönsten und
+Erhabensten, sicher zu dem Wahrsten, was man je Königen gesagt hat. Die
+Steuern und Frohnen, unter denen, nach den alten spanischen
+Schriftstellern, das Volk seufzte, sind nach Waitz genauer und
+schlagender Untersuchung von den Spaniern aus nahe liegenden Gründen
+sehr übertrieben worden. Nach alle diesem wird sich die Lücke ermessen
+lassen, welche im Gemüth des Volkes nach dem Sturz alles Bestehenden
+entstand. »Zurita hat gezeigt, sagt Waitz 4, 186, wie das mexikanische
+Volk hauptsächlich dadurch ins äusserste Elend gerieth, dass alle
+Grundlagen seiner bisherigen politischen und socialen Organisation von
+den Siegern zerstört wurden. Vom mexikanischen Adel überlebten nur
+wenige den Fall der Hauptstadt und diese wenigen waren meist noch
+Kinder. Eine Petition sechs vornehmer Indianer an Karl V. legt dar, wie
+der Rest des Adels von den Spaniern niedergetreten und ins Volk
+zurückgeworfen in Armuth und Elend umkam. Eine Tochter Montezuma's ist
+im tiefsten Elend gestorben.« Man nehme nun dazu, dass auch das gesammte
+äussere Leben, die ganze glänzende Kultur des Volkes, die reiche
+Hauptstadt, die blühenden Gärten, die zahlreichen Tempel, dass Alles
+zerstört und oft aufs grausamste und verächtlichste zerstört wurde: und
+man wird begreiflich finden, dass schon dadurch der Sieger der Seele des
+besiegten Volkes einen Todesstoss versetzte. Dasselbe gilt, vielleicht
+in noch höherem Grade von den Quechuas und den Nordamerikanern. »Mit
+einem Fuss stiess er den rothen Mann über den Okonnee, und mit dem
+anderen trat er die Gräber unserer Väter nieder«, hiess es in der oben
+erwähnten Rede. Und leider waren es die persönlichsten und heiligsten
+Empfindungen, die man allzu oft und mit der grössten Rücksichtslosigkeit
+verletzte, woran freilich nicht mehr die Kultur, sondern nur ihre Träger
+schuld waren. Das zweite Concil zu Lima bedrohte die Zerstörung und
+Plünderung der alten Indianergräber, die Preisgebung der Leichen mit
+Excommunication; allein der supremo consejo de las Indias fand der
+Schätze wegen, die sie enthalten könnten, für gut, ihre Durchsuchung zu
+erlauben (Waitz 4, 493-94). Alles dies musste das unterdrückte Volk
+ruhig mit ansehen: ihr innerstes Leben wurde ihnen vernichtet, ohne dass
+sie, die sonst schon aufs fürchterlichste bedrückt waren, sich wehren
+konnten. Dass aber nicht bloss ihre Todten, dass die Lebenden selbst
+noch mehr zu leiden hatten; dass man auf sie, ob sie lebten oder
+starben, nicht die mindeste Rücksicht nahm, dass man also durch
+Verletzung der theuersten und heiligsten Gefühle auch nach dieser Seite
+hin den Indianern das äusserste that, das ist nur allzubekannt. Ein
+Nordindianer (Waitz 3, 141) sagte in einer öffentlichen und viel
+erwähnten Rede: »ich hätte sogar daran gedacht, ganz unter euch zu
+leben, hätte nicht ein Mann mir Böses gethan. Oberst Cresap ermordete im
+letzten Frühjahr (1774) mit kaltem Blut und aus eigenem Antriebe alle
+meine Verwandten, selbst meine Weiber und Kinder verschonte er nicht.
+Kein Tropfen von meinem Blut läuft mehr in den Adern eines lebenden
+Wesens.« Dies eine Zeugniss genüge.
+
+Eine der hervorragendsten Eigenschaften der Naturvölker ist ihr Stolz.
+Die Amerikaner halten sich für die ersten aller Menschen; Geschickt wie
+ein Indianer und dumm wie ein Europäer sind bei ihnen Sprichwörter
+(Waitz 3, 170). Verletzung dieses Stolzes war auch das Härteste, was sie
+unter sich einander zufügten. Die Polynesier glaubten alles Ernstes, die
+Europäer kämen zu ihnen, um jetzt erst wahres Leben kennen zu lernen und
+an ihrer Glückseligkeit, an ihrer Vollkommenheit Theil zu nehmen.
+Selbstmord aus Scham oder verletztem Ehrgefühl ist unter ihnen gar nicht
+so selten (Dieffenbach 2, 112. Thomson 319. Will. u. Calvert 1, 121
+ff.); ihre eigenen Thaten läugnen sie eben wegen dieses Stolzes nie
+(Williams u. Calvert 1, 124; Tyermann u. Bennet 1, 78; Waitz a.a.O.).
+
+Nicht minder empfindlich ist das Rechtsgefühl aller dieser Völker,
+welches z.B. einen Irokesen, der von Christi Leiden hörte, ganz wie
+jenen Friesenfürsten zu dem Ausrufe zwang: »wäre ich dabei gewesen, ich
+würde ihn gerächt und die Juden skalpirt haben« (Waitz 3, 169). Und
+diese Empfindungen, für welche Waitz a.a.O. u. b, 147 noch eine Menge
+Beispiele zusammenstellt, finden wir ebenso in Polynesien; ebenso
+wirksam wenigstens, wenn auch minder frei entwickelt, auch bei den
+roheren Völkern, den Südamerikanern, Hottentotten, Australiern. Schon
+das stete Streben, welches diese Völker nach Rache haben, beweist es.
+Wie grausam aber sind gerade diese Eigenschaften von der Kultur
+verletzt! Theils ohne ihre Schuld: denn dass die Naturvölker gar bald
+einsahen, wie sie gegen die Europäer nichts wären und nichts vermöchten,
+lag in der Natur der Sache. Theils aber tragen auch hier die Europäer
+die schwerste Verantwortlichkeit, denn sie haben die Rechte dieser
+Völker absichtlich mit Füssen getreten, sie haben, da sie die
+Naturvölker kaum für Menschen ansahen, nicht einmal ihr menschliches
+Selbstbewusstsein ihnen lassen mögen, sondern auch dieses, und oft von
+Staatswegen, wie die Vereinigten Staaten, wie Frankreich in Tahiti, wie
+die Engländer in Australien, mit Füssen getreten; und man tritt es durch
+den grenzenlosen Hochmuth und Hass, mit dem man diese Völker von aller
+Gemeinschaft und damit von aller Kultur ausschliesst, nachdem man ihnen
+häufig Land und Lebensmittel genommen, auch ferner mit Füssen. Und
+selbst in ihrem Rachedurst sind alle diese Völker den Europäern
+gegenüber so ohnmächtig, gegen welche höchstens einmal ein vereinzelter
+Racheakt Einzelner glücklichen Erfolg hatte. Mag auch Waitz Recht haben,
+wenn er sagt (b, 157), das Rechtsgefühl der Indianer sei durch den
+harten Druck der Weissen weiter und schärfer entwickelt worden, als es
+wohl sonst geschehen sei; so fährt er doch ebenso richtig fort:
+»freilich war davon die nächste Folge für sie selbst nur diese, dass sie
+ihre Ohnmacht und die Trostlosigkeit ihrer Lage dann um so bitterer
+empfanden.«
+
+Diese Vernichtung aber des gesammten geistigen und ethischen Lebens der
+Nationen kann man gar nicht stark genug betonen, wenn man die Gründe für
+ihr Aussterben aufsuchen will. Wie nichts ein Volk mehr hebt, als
+freudige Achtung vor sich selbst und fröhliches Gelingen des von ihm
+Erstrebten, so drückt nichts den Volksgeist tiefer, als das Gefühl der
+eigenen Ohnmacht und Verlorenheit. Zum Gefühl aber der äussersten
+Ohnmacht und Rechtslosigkeit, des bittersten und doch ganz hülflosen
+Ingrimms finden wir alle diese Völker, Amerikaner, Aleuten und
+Kamtschadalen, Neuholländer, Polynesier und Hottentotten verdammt. »Jede
+Raçe, weiss schwarz oder roth, sagt Elliot bei Waitz 3, 299, muss
+untergehen, wenn ihr Muth, ihre Energie und Selbstachtung durch
+Unterdrückung, Sklaverei und Laster zu Grunde gehen.« Und nun hatten,
+wie wir gesehen, die meisten Naturvölker schon von Haus aus einen
+entschiedenen Hang zur Melancholie, welche durch alle diese Schicksale
+natürlich aufs ärgste vermehrt ihren Untergang nur beschleunigte. Man
+denke sich nur, wenn wir Europäer mit allen unseren Kulturmitteln, mit
+unserer Religion, kurz mit allen den Vortheilen, die wir den
+Naturvölkern gegenüber besitzen, ihr Loos auch nur wenige Jahre, etwa
+eine Generation, zu ertragen hätten, was aus uns werden sollte! Man
+denke, wie der dreissigjährige Krieg gewirkt hat, dessen Greuel doch bei
+weitem durch das, was die Naturvölker zu leiden hatten, überboten
+werden: und man wird sich mehr über die zähe Ausdauer, als über das
+Hinschwinden derselben verwundern. Nur ihre grössere Härte und
+Festigkeit hat sie aufrecht erhalten den Völkern gegenüber, die sie
+anfangs alle, Mexikaner sowohl wie Hottentotten und Neuholländer, für
+Götter hielten!
+
+Musste alles dieses auf das geistige Leben der Völker und damit auch auf
+das leibliche einen vernichtenden Einfluss ausüben, so übte es den auch
+noch auf eine andere Art. Mit der Vernichtung der bestehenden Staaten
+war natürlich auch jedes Recht und Gesetz, welches in denselben
+bestanden hatte, aufgehoben. In Mexiko, in Peru aber waren die Gesetze
+von grosser Strenge und grosser Wirksamkeit, da sie überall in höchster
+Achtung standen und nicht anders war es in Polynesien, wo das Tabu auch
+manchen heilsam verbietenden Einfluss hatte. Stürzte nun das Alles
+zusammen, so musste nothwendigerweise eine um so ärgere Demoralisation
+eintreten, je höher früher die Kultur des zerstörten Staates gestanden
+hatte; eine solche Demoralisation musste aber gerade in einer Zeit einer
+so allgemeinen Zerstörung, wo für die Unterliegenden weder leiblich noch
+geistig irgend ein Halt blieb, die unheilvollsten Folgen für ihr ganzes
+Dasein haben und nicht wenige in den genannten Kulturstaaten sind denn
+auch gerade durch die unter den Eingebornen einreissende Zügellosigkeit
+zu Grunde gegangen. Und je tiefer, je persönlich vernichtender die
+Angriffe waren, um so mehr natürlich demoralisirten sie die Völker: was
+sollten die noch irgend etwas scheuen und heilig halten, welche selbst
+in ihrem Heiligsten verletzt waren? wie konnten sie noch sich selbst
+achten, die von jenen ankommenden Göttern so in Staub getreten wurden?
+Ueberall riss in Folge der auf diese Weise nahenden Kultur
+Entsittlichung und dadurch immer tieferes geistiges und leibliches
+Sinken unter den Naturvölkern ein. Was nicht unmittelbar vernichtet
+wurde, das wurde im Innersten vergiftet und langsames Hinsiechen war die
+nothwendige Folge.
+
+
+
+
+§ 15. Schwierigkeit für die Naturvölker, die moderne Kultur sich
+anzueignen.
+
+
+Aber wenn auch die europäische Kultur den Naturvölkern mit vollkommener
+Freundlichkeit und Schonung zugeführt worden wäre: diese Kultur bot auch
+noch ausser denen, welche wir schon gesehen haben, die grössten
+Schwierigkeiten und Gefahren, die wir jetzt betrachten müssen.
+
+War es schon keine Kleinigkeit, dass diese Völker fast alle ihre seit
+Jahrhunderten eigenthümlichen Ideen und Anschauungen aufgeben mussten,
+so war es noch viel schwieriger, das aufzunehmen, was die Europäer
+brachten, die ganze unendlich verwickelte moderne Kultur! Das traf
+besonders Polynesien und Australien; man denke sich die kleinen
+Kokosinseln, die nun plötzlich sich hineinfinden müssen in die ganze
+europäische Lebensart, in den europäischen Handel, das europäische
+Recht, die Religion und so vieles andere--und sie müssen mehr als nur
+oberflächliches davon annehmen, wenn sie nicht verloren sein wollen. Um
+wie viel glücklicher waren auch hierin die Germanen, die sehr allmählich
+eine viel weniger verwickelte Kultur aufzunehmen hatten; und doch wie
+lange Zeit brauchten auch sie, bis sie diese Kultur vollkommen sich
+assimilirt hatten! Ist es zu viel gesagt, wenn man behauptet, dass dies
+erst im vorigen Jahrhundert durch das geistige Durchdringen des
+Alterthums ganz geschehen sei?
+
+Einzelne Punkte--denn vieles (Wohnung, Kleidung u.s.w.) ist schon in
+dem bisher Behandelten wenigstens andeutend ausgesprochen worden--müssen
+wir noch besonders berücksichtigen. Zunächst die Bewaffnung. Die
+Feuerwaffen sich anzueignen ist weit schwieriger, als die Aneignung der
+römischen Taktik, da sie ausser der leiblichen Uebung noch die
+Ueberwindung der Scheu vor Donner und Blitz, durch welche gerade man die
+Weissen zuerst als Götter dokumentirt sah, verlangen; da ihre Wirkung
+weit übernatürlicher scheint, als die der römischen Waffen.--Ferner die
+Sprache. Uns Europäern macht es sehr grosse Schwierigkeiten, die Sprache
+eines Naturvolkes mit ihren anderen Anschauungen geistig zu erfassen;
+und doch steigen wir herab, da jene Sprachen alle in der Entwicklung und
+Verbindung der Gedanken so wie in der Fülle der Anschauung weit weniger
+vorgeschritten sind, als die Sprachen des gebildeten Europas; und
+zugleich haben wir durch lange Jahrhunderte fortgesetzte Uebung und
+ausserdem durch eine Menge von Hülfsmitteln eine viel grössere Kraft,
+als jene Völker, die doch hinaufsteigen müssen, wenn sie eine
+europäische Sprache erlernen wollen. Schon beim blossen Sprechenlernen,
+das vom Begreifen und wirklichen Verstehen einer Sprache himmelweit
+verschieden ist, müssen sie ihren Geist mit einer ganzen Menge neuer
+Anschauungen und Begriffe erweitern, die ihnen früher aber auch ganz
+unbekannt waren--und das meist vom Niveau einer Sprache aus, welche
+strenges, logisches Verknüpfen und Ausdenken der Begriffe wenig genug
+unterstützt.
+
+Nicht anders ist es mit der Religion. Der Abstand von manchen der
+Religionen dieser Völker vom Christenthum mag, wenn auch die meisten
+tiefer stehen, nicht grösser sein, als der des germanischen Heidenthums
+von letzterem war; aber das Christenthum, was den Germanen gepredigt
+wurde, war selbst ein ganz anderes, als was die Missionäre, wenigstens
+die protestantischen, heut zu Tage predigen. Dann freilich, wenn man die
+Berichte des sehr eifrig katholischen Michelis liest, so ist das, was
+die Propaganda z.B. in der Südsee gepredigt hat, an vielen Orten
+überhaupt nicht, viel Anderes gewesen, als was jene Völker schon
+wussten: die katholischen Missionäre haben getauft und das Heidenthum
+gelassen. Auf der andern Seite aber, wie so ganz unfassbar muss für die
+ganz sinnlichen Naturvölker eine so abstrakte Lehre sein, wie die
+evangelische, die noch dazu auf Begriffen und Anschauungen beruht,
+welche jene Völker gar nicht haben. Und indem man ihnen das Christenthum
+predigte, verlangte man, dass sie die Religion der Männer annehmen
+sollten, welche ihnen so alles Aergste zugefügt hatten, der Weissen! Ja
+hat man sie nicht auch gleich, damit ihnen nichts erspart bliebe, mit
+dogmatischen Streitigkeiten beglückt? In der ganzen Missionsgeschichte
+der neueren Zeit ist vielleicht kein so trauriges Ereigniss als das
+Auftreten der Propaganda in der Südsee, wo eben die protestantische
+Mission festen Fuss zu fassen und Früchte ihrer mühevollen Arbeit zu
+sehen begann. Das liess der katholischen Kirche nicht Ruhe: sie trat an
+einzelnen Stellen mit rohster Gewalt (die dann durch Lügen aller Art
+verdeckt wurde) der protestantischen Mission entgegen und brachte zu den
+eben bekehrten Heiden den Streit der kirchlichen Parteien. Lutteroth,
+den zu widerlegen Michelis sich vergebens bemüht, hat dies scharf und
+schlagend bewiesen. Auch Streitigkeiten, die in ihrem eigenen Schooss
+entstanden sind, brachte sie zu den Neubekehrten, wie Humboldt b, 5, 133
+von Südamerika erzählt. Uebrigens ist auch die protestantische Kirche in
+der Schonung solcher Heiden, die von einer andern protestantischen Sekte
+bekehrt waren, durchaus nicht übermässig zart gewesen. An manchen Orten
+(Nordamerika, Afrika u s.w.) hat auch sie statt des Friedens des
+Christenthums den Streit der Sekten gebracht. Welchen Einfluss musste
+das auf die eben gewonnenen Naturvölker und deren Charakter machen!
+Dabei darf auch nicht vergessen werden, dass in den meisten Fällen sich
+der Mission die Europäer selbst auf das Heftigste entgegensetzten, da
+sie sich durch jene in ihrem oft sehr weltlichen oder besser gesagt
+gottlosen Treiben behindert sahen. So war es namentlich in Polynesien,
+fast auf jeder Insel (Meinicke, Lutteroth und fast in allen Quellen); so
+in Amerika schon im 16. Jahrhundert (Waitz 4, 188; 338); so auch in
+Afrika bei Hottentotten, Kaffern, Negern, überall. Man sieht, unsere
+Kultur verlangt von den Naturvölkern eine geistige Anstrengung von so
+enormer Grösse, dass sie mit einem Male und von einer Generation gar
+nicht überwunden werden kann. Während aber nun die Europäer immer
+frischen Zuzug neuer Schaaren haben, die sie in ihren Bestrebungen
+stärken, während auch bei den Germanen auf die Stelle einer unterlegenen
+Schaar eine andere trat, die das, was jene gewonnen hatten, übernehmend
+ausführte, was noch nicht geleistet war, so fehlt es bei der geringen
+Kopfzahl der Naturvölker an solcher kraftgebenden und aushelfenden
+Ersatzmannschaft, durch welche die Arbeit sich theilen, die Aneignung
+sich leichter und allgemeiner vollziehen könnte. Daher wird der lebenden
+Generation eine um so grössere und schwerere Aufgabe gestellt und es ist
+schon deshalb klar, dass eine Generation, ja dass zwei, drei
+Generationen ihr nicht genügen können. Die Grösse der Aufgabe, die
+enorme geistige Anstrengung selbst erschwert aber das gedeihliche
+Weiterleben der Generationen durch den geistigen Druck so sehr, dass wir
+auch hierauf mit allem Nachdruck hinweisen müssen. Und zweitens müssen
+wir auch wieder betonen, dass der Hang zur Melancholie durch solche
+Ueberanstrengung, wo in den meisten Fällen nur allzubald sich zeigt,
+dass ein auch nur einigermassen befriedigendes Ziel kaum zu erreichen
+ist, immer vergrössert wird, ja dass er geradezu Charakterzug der Völker
+werden kann. Und so finden wir es im allgemeinen wie im einzelnen.
+Tschudi 2, 286 erzählt von einem Botokudenknaben, der von einer Familie
+in Bahia sorgfältig aufgezogen und dann zum Studium der Medizin auf die
+Universität geschickt wurde. Er erwarb sich den Doktortitel, übte auch
+eine Zeitlang die Praxis selbständig, bis er verschwand. »Eine tiefe
+Melancholie war immer der Grundzug seines Charakters.« Später erfuhr
+man, dass er wieder, nachdem er sich jeglicher Spur von Civilisation,
+auch der Kleider, entledigt, als Jäger durch die Wälder streife. Einen
+ganz gleichen Fall von einem jungen Choktaw, der Advokat geworden war,
+hernach aber durch Melancholie (woran freilich der Kastenhochmuth der
+Nordamerikanischen Weissen mit Schuld war) bis zum Selbstmord getrieben
+wurde, erzählt Waitz b, 71-72. Diese Fälle zu erklären, reicht es nicht
+aus, bloss an die »schiefe Stellung« zu erinnern, in welche solche
+Individuen gerathen; denn bei jenem Botokuden trifft dies nicht zu, da
+in Südamerika das Verhältniss der Farbigen zu den Weissen kein
+ungünstiges ist: wesentlich mitgewirkt hat bei ihnen und ähnlichen, wie
+wir sie bei Individuen und ganzen Völkern finden, die ewige Demüthigung
+auf der einen, die Ueberanstrengung auf der anderen Seite.
+
+
+
+
+§ 16. Behandlung der Naturvölker durch die Weissen. Afrika. Amerika.
+
+
+Wir kommen nun zu dem düstersten Punkt in unserer ganzen Schilderung, zu
+der düstersten Partie vielleicht in der ganzen Geschichte der
+Menschheit: zu der Art, wie die Weissen die Naturvölker behandelt haben.
+Die Laster, die sie ihnen brachten oder bei ihnen beförderten, brauchen
+wir hier, da wir sie schon oben an verschiedenen Stellen erwähnten,
+nicht noch einmal im Zusammenhang zu besprechen. Beginnen wir mit
+Südafrika. Die Hottentotten zeigen sich uns gleich bei ihrem ersten
+Bekanntwerden als ein Volk, das früher eine viel grössere Macht und
+Ausdehnung besessen hatte und damals schon in einer Art Verfall war. Von
+den umwohnenden afrikanischen Völkerschaften waren sie überall
+verdrängt, namentlich von Norden nach Süden geschoben und nicht nur sehr
+vermindert, sondern wie es scheint, auch in ihrem inneren Wesen
+gebrochen oder wenigstens, durch die ewigen Kriege und Niederlagen,
+wesentlich beschädigt worden (Waitz 2, 323 ff.). Schlimmeres aber
+brachten ihnen die Holländer, welche sich seit 1652 am Cap niederliessen
+und natürlich den Eingeborenen so viel Land ohne weiteres wegnahmen, als
+sie brauchten. Sie brauchten aber, da sie aus Faulheit alles brach
+liegen liessen und stets nur frisches Land bebauten, da sie ferner aus
+dem gleichen Grund lieber Viehzucht als Ackerbau trieben, sehr viel
+Land. Die Hottentotten, welche zu Sklaven zu machen das Gesetz verbot,
+machten sie zu ihren Knechten, die, weil man sie nicht verkaufen konnte,
+viel schlechter gehalten wurden als Sklaven (Waitz 2, 331). Als freilich
+die Engländer 1796 in Besitz des Caps kamen, zeigten sie sich aus
+Nationaleitelkeit anfangs zwar sehr empört über das Benehmen der
+Holländer; allein gar bald thaten sie es ihnen in Allem nach (ebd. 332).
+Wie man mit »dem schwarzen Vieh«, den Hottentotten, verfuhr, zeigt sich
+z.B. in folgendem Fall, den Sparmann erzählt. Ein Holländer hatte einen
+hottentottischen Knecht, der im Fieber lag und dessen Krankheit durch
+eine auf des Herrn Bitte von Sparmann unternommene Kur sehr
+verschlimmert wurde; Sparmann suchte den sehr niedergeschlagenen Boer zu
+trösten: allein jener fuhr auf: er kümmere sich den Teufel um den
+Hottentotten und seine Seele, wenn er nur einen anderen Ochsenführer, um
+seine Butter zu verkaufen, fände (Sparmann 273). Dies war aber kein
+vereinzelter Fall, sondern allgemeine Ansicht und so werden wir uns über
+die Einrichtung der sogenannten Commandos gegen die Eingeborenen, welche
+1774 etwa zuerst aufkamen, nicht sehr wundern können. Der Bericht eines
+Offiziers über solch ein Commando bei Waitz lautet (2, 333-34):
+
+»27. Sept. 1792 der erste Kraal angegriffen, 75 Buschmänner getödtet, 21
+gefangen.
+
+15. Oktober ein anderer Kraal entdeckt, 85 getödtet, 23 gefangen.
+
+20. Okt. ein dritter entdeckt, 7 getödtet, 3 gefangen.«
+
+»Man wird einigermassen, fährt Waitz fort, die Ausdehnung ermessen
+können, in welcher diese Vertilgung besonders der Buschmänner betrieben
+wurde, wenn man bedenkt, dass Coblins (1809) einen sonst respektablen
+Mann erzählen hörte, er habe binnen 6 Jahren mit seinen Leuten zusammen
+3200 Buschmänner getödtet und gefangen, wogegen ein anderer mittheilte,
+dass die Commandos, an denen er sich betheiligte, 2700 Buschmännern das
+Leben gekostet hätten. Thompson kannte einen Kolonisten, der in 30
+Jahren 32 solcher Raubzüge mitgemacht hatte, auf deren einem 200
+Buschmänner umgebracht seien. Mit dem Eintritt der englischen Herrschaft
+am Cap hatte zwar das Commandosystem aufhören sollen, aber die Boers
+waren so sehr an dasselbe gewöhnt, dass es unmöglich war, es auf einmal
+zu beseitigen. Von 1797-1823, d.h. bis zur Okkupation des Landes der
+Buschmänner, werden 53 Commandos offiziell angegeben; es ist
+unzweifelhaft, dass das System 1823 nach einigen Unterbrechungen wieder
+in voller Blüthe war und es scheint den Buschmännern unter der
+englischen Herrschaft noch trauriger gegangen zu sein, als unter der
+holländischen. Dass die Hottentottenbevölkerung der Capkolonie unter
+der englischen Herrschaft bis zum Jahr 1822 um die Hälfte zugenommen
+habe (Zeitschr. 1, 287) ist wenig glaubhaft und sicherlich nur
+scheinbar.« Die Boers zogen, um den ihnen verhassten englischen Gesetzen
+nicht gehorchen zu müssen, 5000 an der Zahl, um 1836 nach Port Natal, wo
+sie ihre scheussliche Willkürherrschaft, ihre Commandos und Knechtung
+der Eingeborenen noch jetzt, wie sie es selbst bei Livingstones
+Anwesenheit thaten, fortsetzen (Waitz 2, 336).
+
+Man wird es nicht eben wunderbar finden, wenn die Hottentotten diesem
+Hauche der Kultur erlagen; wenn jetzt ihr Hass gegen die Weissen so
+gross ist, dass ein friedliches Einwirken der letzteren, wenn nicht
+unmöglich, doch ausserordentlich erschwert ist: wenn endlich die
+Hottentotten jetzt sehr viel roher, träger und sittlich schlechter sind
+als zu der Zeit, da man sie zuerst kennen lernte. Stand doch über
+manchen Kirchen der Holländer: »kein Hund und kein Hottentotte darf
+eintreten« (Waitz 2, 333). Haben doch die Boers nach Kräften die
+Christianisirung der Eingeborenen zu hindern gesucht, indem sie
+verboten, dass ihre Sklaven und deren Kinder getauft wurden und bei
+Lebensstrafe denselben die Missionsstation auch nur zu nennen verboten.
+Die holländische Compagnie selbst war es, welche die mährischen Brüder
+aus dem Lande der Hottentotten vertrieb, weil sie auf letztere einen zu
+grossen Einfluss gewannen. Ja noch 1831, als die Hottentotten am Kat
+River sich niedergelassen und dort unter Leitung der Missionäre zu einer
+gewissen Blüthe gelangt waren, gelang es kaum, die Boers von der
+Zerstörung dieser Colonie mit Gewalt zurückzuhalten (Waitz 2, 336).
+
+Und in diesem Zustande leben die Hottentotten nun schon über 200 Jahr
+und sind noch nicht ausgerottet!
+
+Gehen wir nun nach Amerika. Die Indianer Nordamerikas kamen den
+Europäern anfangs freundlich entgegen (Waitz 3, 242), aber die Weissen
+waren es, welche das Verhältniss trübten. Zunächst vernichteten sie
+wegen verhältnissmässig geringfügiger Veranlassung das Volk der Pequots;
+an 700 wurden bei einem plötzlichen Ueberfall getödtet, die übrigen
+zerstreut, gefangen und von Staatswegen als Sklaven verkauft (Waitz 3,
+244). Sklavenjagden in Nordamerika von Seiten der Engländer und Spanier
+waren ganz gewöhnlich. Die frommen Puritaner, die Gott dankbar waren für
+jede verheerende Krankheit, welche unter den Indianern wüthete (Waitz 3,
+242), sahen in jedem gelingenden Greuel der Christen gegen die Indianer,
+namentlich wenn diese massenweise zu Grund gingen, ein Zeichen
+göttlicher Gnade, in jedem Misslingen eines Mordzuges einen göttlichen
+Zornausbruch gegen sie selber und bekannten dies laut (Waitz 3, 244-45).
+Man dachte gar bald daran, die Indianer ganz auszurotten: und soll uns
+das wundern, wenn wir erfahren, dass noch in diesem Jahrhundert der
+Regierung der Vereinigten Staaten ein förmliches Projekt zur Vertilgung
+der Indianer vorgelegt wurde? Und wie man sie vertilgte! »Die Engländer,
+versichert Trumbull bei Waitz 3, 248, hatten damals (im 17. Jahrhundert)
+und später viel Zweifel darüber, ob es sich mit dem Christenthum und der
+Menschlichkeit vertrage, die Feinde lebendig zu verbrennen.« Die Weissen
+haben, wie schon hieraus hervorgeht und auch sonst überall, oft sogar
+mit dem grössten Rühmen, bezeugt wird, den Krieg mit derselben und oft
+noch viel ärgerer Grausamkeit geführt, als die Indianer selbst (ebd.
+258. 260); noch 1830 haben sie, wie früher öfter, unter den Pani das
+Blattergift verbreitet (ebd. 259). Wie man nun die Völker um ihr Land
+geprellt, wie man sie später immer weiter nach Westen und schliesslich
+über den Missisippi hinübergedrängt hat, ohne Rücksicht auf die
+bedeutend aufblühende Kultur der Cherokees, welche durch diese
+Verpflanzung einen schweren Stoss erlitt, das mag man bei Waitz 3 bis
+299 und b, 26-60 nachlesen: wir wollen nur noch bemerken, dass die
+Natchez, die Schawanoes, die Delawares, Potowatomies, Seminolen,
+Kaskaskias und andere einst mächtige Völker von den Weissen vernichtet
+oder so gut wie vernichtet sind (Waitz 1, 166).
+
+In Südamerika traten die Europäer womöglich noch scheusslicher auf.
+»Benzoni, sagt Waitz 3, 399-100 in Beziehung auf Guyana, hat als
+Augenzeuge ein schauerliches Bild davon entworfen, wie die Spanier in
+diesen Ländern hausten. Das Verbot, Sklaven zu machen, war kein Verbot,
+Sklaven zu halten. Die gewöhnliche Formel, mit welcher letzteres erlaubt
+wurde, lautete: ihr sollt als Sklaven halten dürfen die von den
+eingeborenen Herren des Landes als solche gehalten und euch verkauft
+werden. Das gewöhnliche Verfahren, welches namentlich in Maracapana oft
+zur Ausführung gekommen ist, bestand daher darin, dass man einen
+Häuptling einfing, der gezwungen wurde, sich durch den Verkauf seiner
+Leute als Sklaven die Freiheit zu erwerben, und dass man die so
+gewonnenen Sklaven dann von der Behörde für rechtmässig erklären liess.
+Unterwarf sich aber ein Häuptling freiwillig, so fiel man mit ihm über
+seine Feinde her, um diese zu versklaven oder suchte Streit mit ihm
+selbst. Nasen- und Ohrenabschneiden war eine gewöhnliche und nicht
+selten ausgeführte Drohung der Spanier gegen Indianer, die sich
+ungefügig zeigten, und da das Gesetz verbot, die Lastthiere zu
+überbürden, damit sie sich reichlich vermehren könnten, diente auch dies
+als Vorwand, die Eingeborenen selbst als Lastthiere zu gebrauchen.
+Nächst der Minenarbeit und persönlichen Dienstbarkeit überhaupt hat
+vorzüglich auch die Entführung vieler Weiber ihre Zahl verringert.
+Natürlich liessen sich das die streitbaren Indianer nicht ohne Weiteres
+anthun und man kann denken, welche fürchterlichen Kämpfe eine solche
+Behandlung hervorrufen musste und wie diese Kämpfe selbst, obwohl zum
+Theil glücklich für sie, die Indianer decimiren mussten. In Brasilien
+wars um nichts besser. Obwohl man anfangs den Eingeborenen die Freiheit
+zugesprochen hatte, kam man doch sehr bald dahin, dass man
+Menschenjagden erst duldete und dann (seit 1611) allgemein gestattete
+und diese entwickelten sich gar bald zu einer solchen Höhe, dass in den
+3 Jahren 1628-1630 in Rio de Janeiro allein 60,000 Indianer, meist aus
+Paraguay, in die Sklaverei verkauft wurden, wobei es natürlich auch
+wieder zu den scheusslichsten Kriegen kam, in welchen Europäer und
+Indianer gleichmässig verwilderten (Waitz 3, 450-51). Allerdings setzten
+sich die Missionäre (Jesuiten) hiergegen, allein nur, um die
+Arbeitskraft der Indianer ihrem Orden zukommen zu lassen, und meist mit
+so geringem Erfolg, dass ihr Widerstand gar nichts bedeutete. Uebrigens
+ist auch jetzt noch das Loos der unter brasilianischer, also
+portugiesischer Herrschaft stehenden Indianer kaum besser (ebd. 453),
+wie die Portugiesen wohl diejenigen Europäer sind, welche am
+unmenschlichsten mit den Amerikanern umgingen. Das beweist auch, wie sie
+mit den Indianern der Pampas verfuhren. Wir wollen hören, was hierüber
+v. Tschudi 2, 261-64 von vergangenen Zeiten und von der Gegenwart sagt:
+»Das Verhältniss zwischen den erobernden Portugiesen und den Indianern
+war seit dem 16. Jahrhundert im allgemeinen ein getrübtes. Bekanntlich
+trachteten die Ansiedler so viel als nur möglich, die Eingeborenen für
+die Feldbestellung und für den Bergbau zu benutzen. Diese aber fanden im
+ganzen wenig Freude an solchen ihren natürlichen Neigungen mehr oder
+weniger widerstrebenden Verrichtungen und wollten ebenso wenig in ein
+Dienstverhältniss zu den Eindringlingen treten. Die gebieterische
+Nothwendigkeit, Arbeitskräfte zu besitzen, führte die Portugiesen
+allmählich dahin, sich der Indianer mit Gewalt zu bemächtigen und sie zu
+unentgeltlichen Dienstleistungen zu zwingen. Binnen kurzem bildete sich
+eine Indianersklaverei und ein schwunghafter Menschenhandel aus. Banden
+kühner Abenteurer zogen nach den Urwäldern auf Menschenjagd und
+verkauften nach der Rückkehr ihre Beute an Grossgrundbesitzer, in denen
+sie stets willige Abnehmer fanden. Königliche Verordnungen autorisirten
+gewissermassen dieses empörende Verfahren und nur an der Gesellschaft
+Jesu fanden die hartbedrängten Urbewohner Vertheidiger und Beschützer.
+Durch massenhafte Einfuhr von Sklaven von der afrikanischen Küste,
+verbunden mit einer etwas humaneren Gesetzgebung, verminderte sich,
+besonders im 18. Jahrhundert, die Indianersklaverei, dagegen aber
+entwickelte sich an vielen Grenzpunkten der Civilisation ein förmlicher
+Vernichtungskrieg zwischen Portugiesen und Indianern. Ueberlegenheit der
+Angriffs- und Verteidigungswaffen sicherten den ersten den Erfolg .....
+deren weite mit gehacktem Blei geladene Trabucos oft schreckliche
+Verwüstungen unter den Gegnern anrichteten.
+
+Wilde Bluthunde, die ausschliesslich auf Indianerfährten abgerichtet
+waren, halfen den nicht weniger blutdürstigen Menschenjägern die
+feindlichen Lager ausfindig machen. Die Offiziere wetteiferten, wer die
+besten Indianerhunde besitze, und ein gewisser Lieutenant Antonio
+Pereira liess die seinigen nur Indianerfleisch geniessen, um sie stets
+bei guter Nase zu erhalten. Als durch die Einführung der weit
+arbeitsfähigeren Neger die Indianer fast ganz entwerthet wurden, so
+handelte es sich bei solchen Expeditionen nicht mehr darum, Menschen zu
+fangen, sondern nur eine möglichst grosse Zahl zu morden. Um diesen
+Zweck, die Vernichtung der Indianer, in ausgedehntem Massstabe zu
+erreichen, griffen die Portugiesen zu den niederträchtigsten Mitteln.
+Sie legten Kleider von Personen, die an Blattern oder Scharlach
+verstorben waren, in der Absicht in die Wälder, dass Indianer sich diese
+aneignen und infolge dessen Epidemien unter ihnen ausbrechen und
+grässliche Verheerungen unter ihnen anrichten sollten.« Also ganz wie es
+die Engländer in Nordamerika machten!--Nachdem nun Tschudi gesagt hat,
+dass die Spanier zu solchen schändlichen Mitteln nie gegriffen hätten,
+fährt er fort: »trotz der schönen aber leider so mangelhaft ausgeführten
+Constitution Brasiliens hat der Vernichtungskrieg gegen die Indianer der
+Provinz Minas bis auf die neueste Zeit noch fortgedauert. Heute noch
+(1860) leben dort Individuen, denen eine Indianerjagd der höchste Genuss
+ist und die noch sorgfältig Schweiss- und Spürhunde zu diesem Zwecke
+pflegen. Nur eine kurze Zeit ist verflossen, seit ein kaiserlich
+brasilianischer Militärcommandant als Repressalien für einen von den
+Indianern begangenen Mord ein Indianeraldea (Dorf) überfiel und als
+Siegestrophäe _dreihundert_ Ohren von grausam abgeschlachteten Indianern
+in den Flecken St. Matheus, südlich vom Mukury brachte! Selbst der
+kaiserliche Commissionär ... neigt sich mehr zu den Vertilgungsmitteln
+hin, als auf rein menschliche Weise die Indianer der Civilisation
+unterthan zu machen....
+
+Ottoni führt einige Beispiele an, wie der Vernichtungskrieg gegen die
+Indianer auch in neuerer Zeit geführt wurde. Der Schauplatz dieser
+elenden Thaten war das Quellgebiet des Mukury und ein Theil von dem des
+Jaquitinhonha. Die Hauptleiter der Mörderexpeditionen waren zwei
+indianische Soldaten Cré und Crahy, denen sich als dritter würdiger
+Genosse ein gewisser Tidoro zugesellte. Sie handelten aber nur auf
+höheren Militärbefehl. »Eine Aldea umbringen« war ihr Losungswort, der
+Zauber, der sie für ihr Henkerhandwerk fanatisirte. Mit Hülfe kaiserlich
+brasilianischer Soldaten und »Liebhaber« (oft den besten Ständen
+angehörend) umringten sie während der Nacht die dem Untergang geweihte
+Aldea und stürmten sie mit dem ersten Tagesgrauen, so dass die
+aufgehende Sonne nur noch blutrauchende grässlich verstümmelte Leichname
+beschien. Die arglosen Indianer hatten gewöhnlich keine Idee von dem
+ihnen drohenden Verhängniss: sie wurden meistens im tiefen Schlaf
+überrascht. Die Soldaten bemächtigten sich immer zuerst der in einer
+Ecke zusammengestellten Bogen und Pfeile, um so weniger gefährdet die
+wehrlosen Indianer abzuschlachten. Nur die Kinder (Kurukas) wurden
+verschont, sie waren Kriegsbeute! Ein solches Kuruka wurde in der Regel
+für 100 Milreis verkauft. Selbst in neuester Zeit war der Gewinn, der
+aus dem Verkauf der erbeuteten Kinder gezogen wurde, das einzige Motiv,
+um eine Aldea umzubringen. Und dieses geschieht im constitutionellen
+Brasilien gegen die ursprünglichen Bewohner des Landes! Am Rio
+Jaquitinhonha, am Mukury, am Rio St. Matheus, am Rio Dolce sind
+zahlreiche Beispiele dieser Menschenschlächtereien vorgekommen. Vier
+Jahre vor meinem Besuch am Mukury leiteten die Henkersknechte Cro und
+Crahy eine solche Metzelei bei Queriba am Jaquitinhonha. Sogar im Jahr
+1861 wurde wenige Meilen von Philadelphia eine derartige
+Menschenschlächterei ausgeführt. Im Jahre 1846 wurde in Marianna, 2
+Leguas von St. Jose de Porto Alegre, an der Mündung des Mukury, der
+Tribus des Häuptlings Shiporok fast gänzlich vernichtet. Sechzehn
+Schädel der ermordeten Indianer kaufte ein Franzose und schickte sie an
+ein pariser Museum.«
+
+Man muss diese Nachrichten, welche jede Vorstellung übersteigen, bei
+einem so glaubwürdigen Schriftsteller wie Tschudi selbst lesen, um sie
+zu glauben. Uebrigens ging es den Araukanern kaum besser, die in einem
+fast 200jährigen Kampfe (von 1540-1724) mit den Spaniern um ihre
+Unabhängigkeit rangen. Auch hier waren es wieder die Europäer, welche
+die grauenvollsten Grausamkeiten gegen die tapferen und edeln Amerikaner
+begingen, welche letztern aber auch, wie es natürlich war, in einem
+solchen Krieg verwilderten und herunterkamen, so dass man jetzt in ihnen
+die alten Araukaner nicht mehr zu suchen braucht (Waitz 3, 521 ff.). Wie
+die Spanier noch in diesem Jahrhundert gegen sie verfuhren, geht aus
+folgender, von einem Augenzeugen erzählten Geschichte hervor, welche den
+portugiesischen Schandthaten würdig zur Seite steht: »von einem
+Indianerstamme, der sich in seinem Versteck aller Nachforschungen
+entzog, konnte Major Rodriguez nur ein Weib auffinden mit ihrem Sohn und
+ihrer Tochter, die noch Kind war. Drohungen und Versprechungen bewirkten
+nichts über sie, um sie zur Verrätherei zu bewegen. Da liess man den
+Sohn niederknien und erschoss ihn vor den Augen seiner Mutter und
+Schwester. Dennoch wollte das Weib nichts gestehen. Auch sie musste
+niederknien, um zu sterben; da erbot sich die Tochter, das Versteck
+ihres Vaters und ihrer Brüder zu verrathen. Die Mutter stürzte wüthend
+über sie her und wollte sie erdrosseln, doch man entriss ihr das Kind
+und schleppte sie fort in der von diesem bezeichneten Richtung, während
+sie die Tochter mit den härtesten Vorwürfen wegen ihrer Feigheit und
+Entartung überhäufte. Ihre ganze Familie musste sie hinschlachten sehen
+und gab verzweifelnd und mit dem letzten Athemzuge den Mördern fluchend
+bei diesem Anblicke ihren Geist auf« (Waitz 3, 526). Solche Beispiele
+viehischer Unmenschlichkeit stehen keineswegs als einzelne wegen ihrer
+besonderen Scheusslichkeit merkwürdige Fälle da: sie sind in diesen
+Kriegen das ganz Gewöhnliche.
+
+v. Tschudi gab an, dass die Botokuden bei den Jesuiten Schutz gefunden
+hätten; und wenn allerdings die Geistlichen bisweilen ihre Stimmen für
+die Unterdrückten erhoben, so war das keineswegs überall oder immer der
+Fall; ja die Geistlichen wurden sehr häufig nur eine neue Plage für die
+Eingeborenen durch die Mittel, wie sie die Indianer für die Taufe
+gewannen: einfach dadurch, dass sie dieselben jagten, fingen und dann
+tauften oder so lange einsperrten, bis sie sich taufen liessen, was
+freilich von den spanischen Gesetzen verboten war, aber doch oft genug,
+mit Hülfe anderer Indianer, ausgeführt wurde. Nur allzubekannt ist jene
+fürchterliche Geschichte von der Guahibaindianerin, welche mit ihren
+Kindern gefangen worden war und von der
+
+ Zu der Guahiba und der Christen Bildniss
+ Erzählet jener Stein mit stummem Munde
+ Am Atapabos-Ufer in der Wildniss.
+
+Diese Geschichte spielt etwa um 1770: und Humboldt, welcher sie uns aus
+dem Munde der Geistlichen selbst erzählt (b, 5, 81 ff.; vgl. Chamisso
+Werke 4, 69 ff.), fährt fort: »Dergleichen Jammer kommt überall vor, wo
+es Herren und Sklaven gibt, wo civilisirte Europäer unter versunkenen
+Völkern leben, wo Priester mit unumschränkter Gewalt über unwissende,
+wehrlose Völker gebieten« (Humboldt a.a.O. 85). Und er hat Recht:
+denselben Jammer finden wir in Californien wieder, wohin die spanische
+Herrschaft hauptsächlich durch Missionäre gebracht war, und wo diese
+letzteren Schlingen legten, um Indianer zu fangen oder zu demselben
+Behuf bewaffnete Schaaren ausschickten. Widersetzte sich einer der
+Eingeborenen der neuen Lehre, so sperrte man ihn zunächst ein und liess
+ihn hungern, dann zeigte man ihm Fleisch, um ihm von dem guten Leben,
+das ihn bei den Missionären erwarte, einen Begriff zu geben und
+suchte ihn so zum--Christenthum zu gewinnen (Beechey 1, 356).
+Wiedereingefangene Deserteure erhielten nach Langsdorff Stockprügel, die
+sehr häufig auch bei Frauen angewendet wurden, und es wurde ihnen ein
+schwerer Eisenstab angehängt, um fürderhin Flucht ihnen unmöglich zu
+machen. Da nun die so Bekehrten ganz wie Sklaven den frommen Missionären
+dienen mussten, so ist es einmal kein Wunder, wenn sie, um dieser
+Religion, dieser Kultur zu entfliehen, kein Mittel scheuten, auf der
+anderen Seite aber auch nicht, wenn wir sie massenhaft in den Missionen
+sterben sehen. Krankheiten wütheten und von Jahr zu Jahr wuchs die
+Sterblichkeit. 1786 waren 7701 Indianer getauft, von denen 2388 starben;
+1813 waren 57,328 getauft, aber gestorben 37,437 (Beechey 1, 370).--Als
+nun später die Missionen durch die politischen Verhältnisse Californiens
+verfielen, wurde das Loos der Eingeborenen noch schlimmer. Sklavenjagden
+oder auch geradezu Menschenhetzen begannen, man schoss sie nieder, ohne
+Unterschied des Alters und Geschlechtes, wo man sie traf. Ein spanischer
+General hatte (nach Wilkes) Californier zu Soldaten einexercirt; als sie
+sich aber sehr brauchbar zeigten, bekam er Furcht vor ihnen und liess
+sie alle niederschiessen (Waitz 2, 244-51).
+
+Am allerärgsten aber haben die Weissen in den kultivirten Gegenden
+Amerikas gehaust, welche sie zuerst vom ganzen Continente kennen
+lernten. Die Eroberung von Mexiko kostete, wie ein Spanier (Clavigero
+bei Waitz 1, 189-90) angibt, mehr Menschen, als während der ganzen Dauer
+des mexikanischen Reiches den Göttern geopfert sind; wenn auch die
+Behauptung desselben Schriftstellers, die Bevölkerung des Landes sei
+durch die Eroberung bis auf ein Zehntel gesunken, von Waitz (4, 190) mit
+Recht als übertrieben angesehen werden mag. Aber Gomara selbst, der für
+Cortez schreibt, berichtet, dass weder Weiber noch Kinder von den
+Spaniern geschont seien (Waitz 4, 186); und doch war Cortez noch
+derjenige, welcher wenigstens ohne unnöthige Grausamkeit verfuhr,
+während seine Nachfolger geradezu unmenschlich hausten. Doch auch Cortez
+vertheilte, trotzdem es ihm hart erschien, die Mexikaner unter die
+spanischen Eroberer als Knechte und der höchste Adel sowohl wie gemeines
+Volk mussten ihren Enkomenderos die härteste Arbeit thun, unter der sie,
+überhaupt nicht an strenge Arbeit, am allerwenigsten aber an so ganz
+unmenschliche Ueberbürdung gewöhnt, massenweis erlagen. Widerspenstige
+oder wer, gleichviel aus welchem Grunde, den Tribut nicht zahlte, wurden
+als Sklaven verkauft. Dieser Tribut aber war enorm und wurde mit der
+grössten Strenge, sehr häufig auch mit den ärgsten Betrügereien und
+Erpressungen beigetrieben. Viele tödteten sich nun aus Verzweiflung,
+andere verabredeten sich, keine Kinder mehr zu erzeugen oder künstlichen
+Abortus zu bewirken, um wenigstens ihre Nachkommen von diesem ganz
+unerträglichen Elend, das noch durch jene fürchterlichen eingeschleppten
+Krankheiten furchtbar erhöht wurde, zu bewahren. Bei der Eroberung waren
+die Wasserleitungen mit zerstört und dadurch erhob sich neues Elend:
+denn ein grosser Theil des Landes ward dadurch zur Wüste (Waitz 4, 187).
+Das Christenthum, das übrigens sobald es sich der Eingeborenen annahm,
+von den spanischen Machthabern aufs Heftigste angefeindet wurde, kam nun
+auch und mit ihm die Inquisition, die gar nicht selten 100 Ketzer auf
+einmal verbrennen liess (4, 189)--kurz, es ergoss sich auf die
+unglücklichen Menschen ein so grimmiges Elend, wie vielleicht kein Volk
+sonst hat aushalten müssen, und es ist kein Wunder, wenn auch hier die
+Eingeborenen vor dem »Hauche der Kultur« schaarenweis starben; ein
+Wunder ists nur, dass sie trotz aller dieser Leiden bis auf den heutigen
+Tag nicht ausgerottet sind.
+
+Nicht anders hausten die Spanier in Guatemala (4, 268), in Nikaragua
+(280) und noch ärger auf den Antillen und Lukayen (Bahamainseln), deren
+Einwohner, mehrere 100,000 an der Zahl innerhalb weniger Jahrzehnte
+gänzlich vernichtet sind, wozu die eingeschleppten Krankheiten, die
+Minenarbeiten, die nichtswürdigen Knechtungen und oft ganz zwecklose
+Menschenmetzeleien das Meiste beitrugen. Massenweise tödteten die
+Eingeborenen sich selbst. Columbus selbst hatte ganz dieselbe Gesinnung
+wie seine Landsleute: Menschenraub, Sklaverei, grausame Verstümmelungen
+geschahen auf seinen Befehl und die spanische Regierung war, obwohl
+Isabella diese Behandlung der Eingeborenen im höchsten Grade
+missbilligte, viel zu schwach, irgend etwas Bleibendes zu Gunsten der
+Indianer zu erreichen (Waitz 4, 331. 334).
+
+Ebenso ging es in Darien (4, 351) und Neu-Granada (377) und dass es in
+Peru eher schlimmer als besser war, dafür bürgt schon der Name Pizarro.
+Das beliebte Mittel der Portugiesen, Bluthunde, die auf Indianer
+dressirt waren, gegen diese loszuhetzen, wurde hier namentlich
+angewandt. Wir erinnern hier an die schon erwähnte Bitte des gefangenen
+Fürsten, ihn nicht verbrennen, nicht den Hunden vorwerfen, sondern
+einfach erhängen zu lassen (1, 478 ff.). Nach Gomara sind in den Kriegen
+unmittelbar nach der Eroberung etwa anderthalb Millionen Eingeborene
+aufgerieben; die übrigen litten unter dem Druck der Encomiendas und
+Mitas (zwangsweise Vermiethung der Eingeborenen an Privatleute, von der
+Mestizen, Mulatten, Zambos frei waren) so unerträglich, dass sie durch
+das Uebermass von Arbeit schaarenweis aufgerieben wurden. Dazu kam noch
+der furchtbare Steuerdruck unter den habgierigen Spaniern, an welchem
+sich übrigens die Geistlichkeit ohne die geringste Scheu aufs
+lebhafteste mit betheiligte. Nimmt man dies leibliche Leiden zusammen,
+und dazu das Bewusstsein der gänzlichen Ohnmacht gegen diesen Gegner, so
+wird man sich die psychischen Leiden dieser Menschen denken können;
+diese fallen aber mit dem grössten Gewicht in unsere Wagschale, da ihnen
+gewiss grosse Mengen erlegen sind, wie vielfach bezeugt ist. Gewiss,
+wenn man die Amerikaner in Nord und Süd betrachtet, deren Bedrückung
+noch nirgends ganz aufgehört hat, so ist das das allein Wunderbare, dass
+jetzt, nach 300 oder 200 Jahren eines solchen Druckes, noch irgend etwas
+von der Urbevölkerung existirt.
+
+
+
+
+§ 17. Fortsetzung. Der stille Ozean.
+
+
+Eine ähnliche Behandlung wie die bisher besprochenen Völker von
+Holländern, Engländern, Spaniern und Portugiesen erfuhren die
+Kamtschadalen und Aleuten durch die Russen. Nach King (Cook 3te Reise 4,
+171) wüthete der Russe Atlassof, der 1699 Kamtschatka zuerst entdeckt
+hatte, seit 1706 zum zweiten Male Befehlshaber daselbst, »um die
+Einwohner mit guter Art und durch friedliche Mittel zu gewinnen«, in dem
+Lande so arg, dass seine eigenen Leute, die Kosaken, welche bis dahin
+friedlich mit den Kamtschadalen ausgekommen waren, gegen ihn einen
+Aufstand erhoben und sich in den Besitz der Halbinsel setzten. Dadurch
+ward es aber nicht besser, denn sie wütheten, einmal an Mord und Blut
+gewöhnt, von nun ab unter den Eingeborenen von Kamtschatka selbst. »Die
+Geschichte dieser Halbinsel von jenem Zeitpunkte an bis in das Jahr 1731
+ist eine Reihe von Mordthaten, Empörungen und wilden blutigen Gefechten
+kleiner im ganzen Lande streifender Parteien.« Damals nämlich erhoben
+sich die erbitterten Kamtschadalen, um ihr Land nicht immer weiter
+unterjocht werden zu lassen und um sich an ihren Peinigern zu rächen.
+Behring war zu jener Zeit da, welcher alle ihm entbehrlichen Truppen,
+mit Ausnahme kleiner Besatzungen in den Festungen des Landes, gegen die
+Tschuktschen schickte, denn bei der ausserordentlichen Klugheit,
+Verschwiegenheit und Energie der Kamtschadalen hatte weder er, noch
+irgend sonst ein Russe eine Ahndung von einer Verschwörung, welche über
+die ganze Halbinsel ausgebreitet war. Sie war sehr gut organisirt; von
+kleinen aufhaltenden Zwischenfällen z.B. waren in kürzester Frist alle
+Oberhäupter derselben benachrichtigt: und so gelang es denn, nach
+Behrings Abfahrt den Kamtschadalen, dass sie die Festungen rasch
+einnahmen, und alles was von Russen noch im Lande war (Weiber und Kinder
+mit eingeschlossen) niedermachten oder in die Gefangenschaft
+wegschleppten. Behring aber, durch widrige Winde an der Küste
+festgehalten, erfuhr das Geschehene, kehrte zurück und belagerte das
+Fort, wohin sich die Kamtschadalen auf Kunde seiner Rückkehr geworfen
+hatten; allein nicht eher konnte er es--so tapfer war der
+Widerstand--einnehmen, als bis es endlich durch einen Zufall in die Luft
+gesprengt wurde. Da nun die Kamtschadalen auch in einigen offenen
+Gefechten, die sehr blutig waren und sonst den kürzeren zogen, so
+mussten sie sich zum Frieden bequemen. Von da ab blieb alles ruhig,
+einzelne Aufstände abgerechnet--welche ein deutliches Bild geben, wie
+die Russen sich gegen die durch jenen Aufstand gebrochenen Kamtschadalen
+betrugen. Wenn die Halbinsel, nach King, sich nach 1731 wieder so erholt
+haben soll (doch King selbst berichtet zweifelnd), dass sie später
+volkreicher war als früher, so ist dieser Nachricht kein Glauben zu
+schenken, oder sie bezieht sich auf die Erhöhung der Bevölkerung,
+welche durch Einwanderung erfolgte. Die Russen fuhren fort, wie sie
+angefangen hatten; wären die Kamtschadalen noch die alten gewesen, die
+mit solcher Umsicht und Thatkraft den Aufstand von 1731 ausführten, sie
+hätten von Neuem gegen das Joch anzukämpfen versucht, was bis auf jene
+ohnmächtigen Aufstände, welche gegen die Peiniger sich örtlich erhoben,
+nicht weiter geschah. Jener Krieg hatte sie eben gebrochen. Und so
+erlagen sie denn gänzlich, als zuerst 1767 jene Epidemien ausbrachen,
+die wir schon geschildert haben.
+
+Abgesehen von Krieg und Seuchen hat ihnen der Pelzhandel unendlich
+geschadet. Krusenstern (3, 52-53) erzählt, dass die Agenten der
+amerikanischen Compagnie und die russischen Händler im Lande
+umherziehen, die einzelnen, mit denen sie handeln wollen, mit Branntwein
+völlig trunken machen, was ihnen bei der Leidenschaft der Kamtschadalen
+für den Trunk gar nicht schwer wird, und dann den ganzen Vorrath von
+Pelz, den jene besitzen, den Besinnungslosen abnehmen, um sich für »die
+Menge des getrunkenen Branntweins bezahlt zu machen.« So verliert der
+Unglückliche, fährt Krusenstern fort, den Lohn monatelanger Mühe, statt
+sich zum Leben nützliche und nöthige Dinge kaufen zu können, in einem
+Rausche. »Grösseres Elend (S. 54) ist auch mit Niederdrückung seines
+Geistes verknüpft, welche einen äusserst schädlichen Einfluss auf seinen
+ohnehin schon siechen Körper haben muss, da dieser zuletzt bei
+gänzlichem Mangel an substantieller Nahrung und jeder medizinischen
+Hülfe beraubt solchen harten Stössen nicht lange widerstehen kann. Dies
+scheint mir die wahre Ursache ihrer jährlichen Abnahme und allmählichen
+gänzlichen Ausrottung zu sein, welche durch epidemische Krankheiten, die
+sie haufenweise wegraffen, befördert wird.«
+
+Auch auf friedlichem Wege wird ihre Zahl verringert: denn hier und auf
+den Aleuten sind sie mit den Russen vielfach durch Heirathen
+zusammengeschmolzen.
+
+Allein auch auf den Aleuten haben sich die Russen meist nur feindselig
+gezeigt. Namentlich sind es die russischen Wildjäger (Promyschlenniks,
+welche von 1760-90 die Inseln beherrschten, Waitz 3, 313), die sich
+durch wüste Grausamkeit auszeichnen. »Sie pflegten nicht selten Menschen
+dicht zusammenzustellen und zu versuchen, durch wie viele die Kugel
+ihrer gezogenen Büchse hindurchdringen könne«, sagt Sauer (aus dem
+Tagebuch eines russischen Offiziers, das er in den Anhängen an seine
+Reise mittheilt) bei Chamisso 177. Dazu kommt noch die sklavische
+Knechtung, in welcher Kamtschadalen und Aleuten von den Russen gehalten
+werden (Chamisso 177 und Langsdorff): wie denn z.B. die Hälfte der
+gesammten männlichen Bevölkerung von 18-50 Jahren das ganze Jahr
+hindurch unentgeltlich von ihnen in Anspruch genommen wird (Kittlitz 1,
+295). Daher hat Waitz ganz Recht, wenn er die Nachrichten über das
+milde Verfahren der Russen nicht eben hoch anschlägt (3, 313-14). Nach
+den Schilderungen von Chamisso, der hier mit Kotzebue (1, 167--68) ganz
+übereinstimmt, sind sie jetzt ein träges auch in seiner Freude trübes
+und theilnahmloses Volk (Cham. 177), wozu sie in Folge des
+unaufhörlichen Drucks geworden sind. Einzelne sollen sich, ähnlich wie
+die »wilden Männer« von Tahiti, in die Berge geflüchtet haben und dort
+ein kümmerliches Leben fristen (Chamisso 177).
+
+Von der Inselwelt des stillen Ozeans kamen die Europäer zuerst in
+dauernde Berührung mit den Marianen, wo die Spanier, als sie 1668
+landeten eine sehr bedeutende Bevölkerung (100,000 ist nicht
+übertrieben, wie wir schon sahen) auf der ganzen Kette vertheilt
+fanden--und um 1710 war nur noch Guaham, die südlichste und grösste
+Insel bewohnt, die anderen verödet. Der Krieg, welchen namentlich
+Quiroga mit blutiger Tapferkeit führte, und der über 30 Jahre dauerte,
+zahlreiche Epidemien, Verpflanzung der Eingeborenen von einem Distrikt
+zum anderen (welches Mittel auch in Amerika die verheerendsten Folgen
+hatte) trugen zu dieser Vernichtung das ihrige bei. Aber wenn auch nach
+den Berichten, die wir haben und die ganz, wie le Gobien und Freycinet,
+auf spanischen Quellen beruhen oder Erzählungen der bei der spanischen
+Unterwerfung thätigen Jesuiten sind wie die Berichte im »neuen Weltbott«
+(einer Missionzeitung a.d. Anfange des vorigen Jahrhunderts); wenn auch
+nach diesen Quellen die Spanier nicht mit der empörenden Grausamkeit
+verfuhren wie in Amerika: so ist es doch auffallend, dass wir ganz
+dieselben Erscheinungen hier wie dort nach ihrem Auftreten finden,
+wildeste Verzweiflung der Eingeborenen--welche hier wie dort anfangs den
+Spaniern sehr freundlich entgegenkamen--massenhaftes Auswandern
+derselben, zahllosen Selbstmord, künstliche Fehlgeburt oder Ermordung
+der Kinder bei der Geburt und schliesslich und sehr bald totale
+Entvölkerung der Inseln, welche für Guaham nur durch zahlreiche
+Einführung philippinischer Tagalen verhütet ist. Wahrscheinlich hausten
+also hier die Spanier mit derselben rohen Bedrückung und wilden
+Grausamkeit, welche sie überall zum Fluch der neuentdeckten Länder
+machte, nur dass hier, ganz ähnlich wie über das ebenso rasch
+entvölkerte Honduras (Waitz 4, 280), unsere Quellen schweigen, oder nur
+parteiisch und einseitig berichten. Sicher wird man aus dem Aussterben
+der marianischen Bevölkerung keinen Schluss ziehen können zu Gunsten der
+Ansicht, dass die Naturvölker, weil sie von schlechterer Organisation
+seien, den Weissen erlägen.
+
+Polynesien ist 3 Jahrhunderte später entdeckt worden als Amerika, eins
+später als die Marianen; so sehen wir denn hier die kultivirte
+Menschheit anders als bisher. Zwar zeigen die früheren Durchsegler des
+Ozeans, die Spanier, Dampier, Roggeween, dieselbe Rohheit den
+Naturvölkern gegenüber wie alle ihre Zeitgenossen; allein im Ganzen ist
+man hier milder aufgetreten als sonst, wozu ausser dem kleineren Terrain
+wie der geringeren Zahl, in welcher die Europäer demgemäss auftreten,
+der Hauptgrund das Jahrhundert ist, in welchem man die meisten dieser
+Inseln entdeckte. War es doch die Zeit des Philanthropismus und glaubte
+man doch die erträumten Ideale von menschlicher Glückseligkeit, wie z.B.
+Rousseau sie in Europa entwarf, hier im Leben der Südseeinsulaner
+verwirklicht zu finden; ein Umstand, der für die Art, wie man den
+Polynesiern entgegentrat, von grosser Bedeutung war. Und noch, wichtiger
+war es, dass gleich nach der Entdeckung zu ihnen Missionäre der
+protestantischen Kirche, denen es nicht auf Ausbreitung des christlichen
+Namens und der äusseren Gebräuche, sondern da sie selbst im tiefsten
+Herzen wahre Christen waren, auf die Emporhebung und Förderung der
+Eingeborenen ankam. So steht der treffliche Wilson, der erste Missionär
+der Südsee (1795), an der Spitze einer Reihe von Ehrenmännern, die, wenn
+auch hin und wieder selbst nicht frei von menschlichen Schwächen, auf
+das Wohlgemeinteste für diese Völker sorgten.
+
+Allein weder sie noch der fortgeschrittene Geist der Jahrhunderte
+konnten auch hier die bösen Wirkungen der Kultur und ihrer Träger
+abwehren. Eine Reihe einzelner Brutalitäten, deren Helden meist
+Schiffskapitäne und ihre Matrosen sind, kamen auch hier vor, welche
+allerdings bei der geringen Anzahl der Einwohner für die einzelnen
+Inseln gefährlich genug sein konnten und z.B. für Waihu verderblich
+gewesen sind (Mörenhout 2, 278-79, der Genaueres und die Quellen gibt).
+
+Aber auf die Dauer gefährlich wurden die Europäer durch die
+Verbrecherkolonien, welche sie in der Südsee (Neuholland, Tasmanien und
+sonst) anlegten. Denn eine Menge der deportirten Verbrecher entwichen
+und indem sie sich auf verschiedenen Inseln des Ozeans umhertrieben oder
+auf einzelnen festsetzten, schleppten sie ausser Krankheiten eine Menge
+Laster ein oder reizten, was oft genug vorgekommen ist, die Eingeborenen
+zum Krieg gegen die ankommenden Weissen, der meist den Eingeborenen
+verderblich wurde; oder zum Widerstand gegen die Missionäre, der ihnen
+nach anderer Seite hin schadete.
+
+Ausserdem wird die Südsee durchkreuzt von einer Menge von Walern, welche
+oft ziemlich lange Rast auf den einzelnen Inseln halten und deren
+Mannschaft sehr oft aus dem Abschaum aller Völker zusammenfliesst. Auch
+sie wirkten auf gleiche Weise ausserordentlich unheilvoll. Für Hawaii
+allein schlägt Virgin (1, 269) die Zahl derselben auf jährlich 15-20,000
+an und er erwähnt auch, wie die Syphilis durch sie fortwährend neue
+Nahrung bekommt. Diesen Walern und ihrem entsittlichenden Einfluss
+schreibt auch Gulick die Abnahme der Bevölkerung von Kusaie, von der
+oben die Rede war, zu.
+
+Ferner hat hier die Feindseligkeit, mit welcher die nicht geistlichen
+Europäer den Missionären, meist aus Gewinn- oder Genusssucht,
+entgegentraten (genauere Belege bei Meinicke b und Lutteroth) ganz
+besonders nachtheiligen Einfluss ausgeübt; und nicht minder der Streit,
+welchen die katholische Kirche in der Südsee mit den evangelischen
+Missionären anfing. Frankreich war es, welches als »Werkzeug der
+Propaganda« (Lutteroth 164) in diesem Theil der Welt auftrat und die Art
+und Weise, wie es das gethan hat, war keineswegs im Interesse der
+Polynesier. Erstaunt man schon über die Orgien, welche seine Vertreter
+verübten--so Dumont d'Urville auf Nukuhiva (4, 5, ff.), Laplace und die
+Mannschaft der Artemise auf Tahiti (Lutteroth 167), so erstaunt man noch
+mehr über die Unbefangenheit, mit welcher die französischen
+Schriftsteller über diese schmachvollen Vorgänge als etwas ganz
+Selbstverständliches reden. Will man die Eingeborenen dieser Inseln
+heben, so muss man ihr Selbstgefühl zu fördern suchen, man muss, indem
+man die Laster, die ihnen so viel geschadet haben, unterdrückt, auf ihre
+guten Seiten belebend und kräftigend einwirken: von allem aber hat die
+französische Okkupation der Insel Tahiti nur das Gegentheil bewirkt und
+wie man aus der brutalen Art schliessen kann, mit der sie verfuhr, auch
+gewollt. Wenigstens geht aus allem hervor, dass die Einwanderer die
+Eingeborenen hier nicht höher schätzten, als einst die Spanier oder
+Engländer die Amerikaner. In Neuseeland, wo die Engländer fest sich
+niedergelassen und denselben Raçenhochmuth gegen die Eingeborenen
+gezeigt haben, hat ausser diesem letzteren und anderem schon erwähnten
+namentlich der massenhafte Landverkauf schädlich gewirkt, auf welchen
+die Neuseeländer, ohne recht zu wissen, warum es sich handele, eingingen
+und wobei sie oft genug--so namentlich von der Neuseelandcompagnie--sich
+betrogen sahen. Sie geriethen durch den Mangel an Land in grosse Noth,
+durch den Betrug aber in grosse Wuth und die Kriege, welche noch bis vor
+kurzem geführt wurden, beruhen wesentlich auf diesen Gründen
+(Hochstetter 483-97). Durch alles dies, die Kriege nicht in letzter
+Reihe, ist natürlich das Emporkommen der Eingeborenen sehr gehindert.
+
+In Melanesien haben namentlich die Sandelholzhändler, meist englische
+oder amerikanische Capitäne, der Bevölkerung geschadet, da sie, um zu
+ihrer Waare zu kommen, oft die gewaltsamsten und scheusslichsten Mittel
+anwenden. Sie schlagen das Sandelholz nieder, wo sie es finden: daher
+sie häufig in Streit mit den Eingeborenen gerathen. Und in einem solchen
+Kampfe auf Tanna kam es vor, dass, als die Eingeborenen in eine Höhle im
+Gebirge flohen, die nachfolgenden Matrosen vor derselben ein Feuer
+anzündeten und durch den Rauch alle in der Höhle befindlichen
+umbrachten! Auch rauben sie zu ihren Arbeiten Eingeborene der Inseln und
+schleppen sie mit sich fort, welche dann häufig dem Heimweh und der
+Ueberbürdung mit Arbeit erliegen (Turner 493 vergl. 464). Auf allen
+Inseln Melanesiens sind sie gleichmässig gefürchtet (Cheyne).
+
+Meinicke (a 2, 217) hält die Neuholländer für einen der Kultur absolut
+unzugänglichen Menschenstamm. Andere Schriftsteller haben auch
+behauptet, ein friedliches Auskommen mit ihnen sei ganz unmöglich.
+Allein die Engländer haben sich nie die Mühe gegeben, auch nur in ein
+erträgliches Verhältniss mit ihnen zu kommen: und dass dies sehr leicht
+gewesen wäre, beweisen zunächst einzelne Beispiele (Waitz 1 184 ff.),
+wie vor allen das Greys, der überall friedlich mit ihnen fertig geworden
+ist, dann aber geht es aus dem ganzen Betragen der Eingebornen hervor,
+die eher scheu als kriegerisch, im Anfang den Weissen freundlich
+entgegen kamen, ja sogar ihre Niederlassung im eignen Gebiet wünschten
+(Grey 2, 234-35). Auch Meinicke, der wahrlich nicht für die Neuholländer
+Partei nimmt, gibt das zu (a 2, 214). Ihre vielfach behauptete wilde
+Blutgier ist nichts als Fabel--wohl aus dem naheliegenden Grund
+erfunden, um nun gegen sie desto rücksichtsloser zu verfahren. Und das
+ist reichlich geschehen. Zunächst machte man ihr Land vornehmlich zum
+Deportationsort von Verbrechern; Neu-Süd-Wales war Verbrecherkolonie bis
+1843: Westaustralien, das nach Grey's Zeugniss 2, 364 höher stand als
+der Osten des Continents, weil es keine Verbrecherkolonie war, ist es
+neuerdings geworden (Waitz 1, 185) und dass die Ureinwohner die höhere
+Kultur, welche durch diese Sträflinge und ihre Frevelthaten sich
+zunächst bei ihnen ankündigte, »strenge von sich abwiesen« (Meinicke 2,
+217): sollte ihnen das nicht eher zum Lobe gereichen? Sodann hat die
+englische Krone die Rechte der Eingeborenen an ihr Land nie anerkannt;
+sie hat genommen was sie wollte, und als dann die Eingeborenen in Folge
+von Nahrungs-und Landmangel zu Bettlern und Räubern geworden waren, hat
+man hierin ein Zeichen ihrer Unverbesserlichkeit durch die Kultur
+gesehen und sie mit allen Mitteln verfolgt. Später freilich, und auch
+dies erst in Folge der schreiendsten Misshandlungen durch die Weissen,
+hat man sie unter die englischen Gesetze gestellt, allein diese wirken
+wenig zu ihren Gunsten (Grey 2, 368). Denn abgesehen davon, dass die
+Eingeborenen so gut wie gar nicht zeugnissfähig vor Gericht sind, so
+werden auch die Gesetze meist nur da angewandt, wo sie gegen dieselben,
+nicht wo sie zu ihren Gunsten sprechen; ihre Verbrechen an den Weissen
+werden gestraft, nicht aber umgekehrt die der Weissen an ihnen, und
+letztere Verbrechen sind viel zahlreicher. 1838 weigerten sich die
+Geschworenen eine Anzahl Weisser zu verurtheilen, welche 28 Eingeborene
+ganz ohne Grund abgeschlachtet hatten (Waitz 1, 184). Man schiesst
+(Breton 200) die Eingeborenen öfters zum Vergnügen nieder, da sie in
+den Augen der Kolonisten nicht höher stehen, wie etwa der Orang Utang.
+Ja man hat sie an verschiedenen Orten schaarenweise vergiftet (Eyre
+Journal of expedd. into Central-Austral. 1845 2, 176 Note: Waitz 186);
+nach Byrne (12 years wanderings in the british colonies 1848 1, 275,
+Waitz eb.) ist das an vielen Gegenden von Neu-Süd-Wales durch Arsenik
+geschehen und man hat sich laut und öffentlich dieser That gerühmt.
+
+Natürlich ist für ihre Emporhebung so gut wie nichts geschehen; denn was
+wollen die edeln Bemühungen einzelner Männer, wie der Missionäre, sagen,
+wenn das ganze Volk der Kolonisten anders handelt? Grey (2, 364 ff.)
+stellt zusammen, worin man an ihnen gefehlt hat: man betrachtet sie als
+niedere Raçe und behandelt sie deshalb mit dem grössten Vorurtheil und
+der grössten Willkühr. Werden sie zur Arbeit gedungen, so zahlt man
+ihnen oft fast nichts, immer aber weit geringeren Lohn als den
+Europäern. Natürlich schweifen sie lieber bettelnd umher. Sie unter
+englischen Rechtsschutz zu stellen war wohlgemeint: allein man hätte die
+englischen Gesetze auch auf das Unrecht, was sie einander selbst thun,
+anwenden sollen, während jetzt (Grey gibt Beispiele aus Perth) die
+Europäer ruhig zusehen, wenn Eingeborene von Eingeborenen ermordet
+werden; man hat durch diese Art der Einführung des englischen Rechts
+nichts erreicht, als dass die älteren Eingeborenen die jüngeren durch
+grausame Behandlung von der Annahme neuer Sitten abschrecken (Grey 2,
+376). Es ist nach alledem kein Wunder, wenn sie sich von der Kultur, die
+sie so namenlos elend gemacht hat und fortfährt, sie als wilde Thiere zu
+behandeln, streng abwenden, obwohl sie geschickt genug sind, sie unter
+sich aufzunehmen und sich höher zu entwickeln (Grey 2, 374). Grey selbst
+erzählt einen Fall (2, 369), dass ein europäisch unterrichteter
+Eingeborener, der manche Fähigkeiten sich erworben hatte, wieder
+zurückkehrte zu den uncivilisirten Seinen, in die wilden Wälder.
+Wollen wir ihn tadeln, dass er nicht lieber, wie es in Prutzs
+geistreichem-Lustspiel von ähnlichen Verhältnissen heisst,
+
+ Ein Lump auf Griechisch ist, als ein honetter Tektosage?
+
+Bei den Seinen hatte er Familie, Ehre, Vermögen; in der Kolonie war er
+verachtet, ehrlos, arm. »Ich hätte ebenso gehandelt«, sagt Grey.
+
+Aus allem Angeführten geht hervor, dass es sehr unrecht ist, wenn man
+aus der Feindseligkeit der Neuholländer gegen die Kultur schliesst, sie
+seien überhaupt jeglicher höheren Bildung unfähig. Nicht sie haben die
+Kultur, die Kultur hat sie von sich gestossen.
+
+Die Eingeborenen Tasmaniens, welche noch friedfertiger waren als die
+Neuholländer, sind schon vernichtet. Auch hier war eine
+Verbrecherkolonie und was für Früchte sie den Eingeborenen trug, zeigt
+folgende Geschichte: ein Sträfling überredete einen Eingeborenen, dem er
+eine geladene Flinte gab, wenn er dieselbe in sein Ohr losdrücke, so
+würde er eine sehr angenehme Empfindung haben. Er machte ihm, was er zu
+thun habe, mit einer ungeladenen Flinte vor; worauf natürlich der
+Eingeborene sich erschoss (Holman a voyage round the world [1827-1832]
+4, 403). Auch sonst wurden sie, wie offiziell festgestellt ist, aufs
+schmählichste, wie wilde Thiere behandelt. Gleich bei der ersten
+Ansiedelung schoss ein Offizier zum Vergnügen mit Kartätschen unter die
+friedlichen Eingeborenen (Bischof, Sketch of the hist. of V. Diemensl.
+204); andere Schandthaten gleicher Art kamen häufig vor und erst seit
+1810, sieben Jahre nach der Kolonisation ward festgestellt, dass die
+Ermordung eines Eingeborenen als Mord gelten und bestraft werden sollte
+(Hobarttown Almanak for the year 1830, 201). So erhoben sich endlich
+(1826) die erbitterten Eingeborenen zu einem Krieg auf Leben und Tod, in
+welchem sie gefährlich genug wurden, schliesslich aber--war doch auf das
+Einfangen eines Erwachsenen 5 Pfund, auf das eines Kindes 2 Pfund als
+Preis gesetzt (Van Diemensland Almanak for the year 1831 p.
+161)--schliesslich unterlagen sie. Darwin, welcher auch der Meinung ist,
+dass ihre Vernichtung in dem »schändlichen Betragen« der Engländer ihren
+Grund hatte, vergleicht den Krieg gegen sie mit einer der grossen
+ostindischen Jagden (2, 226). Besiegt wurden sie nach Flinders Insel
+deportirt (Darwin a.a.O.); 1848 verpflanzte man sie nach Oyster Cove im
+Canal d'Entrecasteaux und jetzt werden sie wohl, vor dem Hauche einer
+solchen Kultur, ganz ausgestorben sein (Melville the present state of
+Australia 1851 370, Nixon 18). 1815 betrug ihre Zahl noch 5000, 1835
+(nach dem Kriege) noch 111, 1847 waren noch 13 Männer, 22 Weiber und 10
+Kinder übrig; 1854 waren, nachdem 29 gestorben und kein Kind weiter
+geboren war, noch 16 übrig (Petermann 1856, 441 nach dem Blaubuch).
+Nirgends fand Darwin die Vermehrung eines civilisirten über ein
+uncivilisirtes Volk auffallender wie hier: nirgends aber ist auch die
+Vernichtung der Eingeborenen roher und rücksichtsloser betrieben, als in
+Tasmanien (Bischof, Sketch of the hist. of V. Diemensland 1832,
+appendix); wobei wohl in Anschlag zu bringen ist, dass alle diese
+Scheusslichkeiten im 19. Jahrhundert ausgeübt sind.
+
+
+
+
+§ 18. Geographische Vertheilung der einzelnen Gründe für das Aussterben
+der Naturvölker. Vergleichung dieser Gründe in Bezug auf ihr Gewicht.
+
+
+Sorglosigkeit der Völker also gegen sich, in leiblicher und geistiger
+Beziehung: ihre Ausschweifungen, so wie der geringe Werth, welchen sie
+dem Menschenleben geben; Druck der einheimischen Fürsten; dann ihr
+leibliches und geistiges Verkommen durch die nothwendigen Einwirkungen
+einer übermächtigen und von ihnen nur theilweise angenommenen Kultur, so
+wie endlich die Mittel, welche die Kulturvölker theils aus Rohheit,
+theils mit der Absicht gegen sie anwandten, sie auszurotten: diese
+Gründe waren es, welche wir bisher als Schuld an ihrem Aussterben
+bezeichneten. Natürlich haben diese Gründe, wie wir schon sahen, nicht
+alle überall Geltung und es wird nöthig sein, dass wir sie, inwiefern
+sie bei den einzelnen Völkern wirksam waren, hier kurz zusammenstellen.
+
+In Tasmanien ist die Bevölkerung lediglich in Folge des englischen
+Vernichtungskrieges gegen sie zu Grunde gegangen. Gleichfalls nur dem
+Einfluss der Europäer und zwar der Spanier erlegen sind die Bewohner der
+Marianen und der Antillen: allerdings haben hier die Seuchen, welche im
+Gefolge der Europäer ausbrachen, den Weissen die Blutarbeit wesentlich
+erleichtert: allerdings hat die tiefe Niedergeschlagenheit, welche sich
+der Eingeborenen bemächtigte, wesentlich diese Krankheiten und das
+Aussterben befördert. Aber beides, Krankheiten und Melancholie, waren
+erst durch das Auftreten der Europäer hervorgerufen; und gesetzt auch,
+die Seuchen hätten diese Völker ohne die Europäer überfallen, so würden
+sie dieselben wohl überwunden haben, wie ja auch die Bevölkerung Mexikos
+das schwarze Erbrechen, welches schon vor Ankunft der Spanier in
+verheerender Weise wüthete, siegreich ohne bleibenden Nachtheil
+überstanden hat.
+
+Den Europäern allein ist ferner das Verderben der Mexikaner und Peruaner
+zuzuschreiben: nur dass sie am Anfang unterstützt wurden von
+verschiedenen eingeborenen Stämmen und Völkern, welche mit dem Hauptland
+in Feindschaft waren, bis auch diese nach und nach der europäischen
+Bedrückung erlagen.
+
+Der schlimme Einfluss der Weissen und die Seuchen, welche sie brachten,
+war es denn auch vornehmlich, welcher die Neuholländer aufrieb, aber
+keineswegs dieser allein. Bei ihnen ist zweitens die schlechte
+Lebensweise, die dadurch veranlasste Unfruchtbarkeit der Weiber und
+Sterblichkeit der Kinder von sehr bedeutendem Einfluss, so wie drittens
+der Kindermord und viertens die mannigfachen Kriege und Feindseligkeiten
+der Stämme untereinander mit in Anschlag zu bringen sind. Die
+Ausschweifungen, die sich bei ihnen finden--den Trunk haben erst die
+Weissen gebracht--sind zu wenig verbreitet, als dass sie ins Gewicht
+fallen könnten.
+
+Auch die roheren Völker Nord- und Südamerikas würden wir wohl noch in
+derselben Anzahl jetzt vorfinden, wie vor 300 Jahren, wenn der Einfluss
+der Europäer, der als Hauptgrund auch für ihr Aussterben anzusehen ist,
+nicht gewesen wäre. Neben der Wirkung der europäischen Waffen und
+Getränke waren von schlimmstem Einfluss die Seuchen, welche von den
+Weissen (wie wir sahen oft mit der schändlichsten Bosheit) eingeschleppt
+wurden, dann aber auch, ausser den direkten Vernichtungskriegen, das
+geistige und leibliche Verkommen der Eingeborenen in Folge der plötzlich
+eingeführten Kultur und vor allen die tiefe Niedergeschlagenheit, welche
+sich der Indianer, als sie ihre Ohnmacht sahen und sahen, wie sie
+rechtlos zertreten wurden, bemächtigte und die bei ihrer schon
+vorzugsweise melancholischen Natur doppelt gefährlich wirkte. Dazu
+kommen nun noch als gleichfalls sehr wichtige Faktoren zweitens die
+heftigen Kriege, die sie untereinander führten, drittens die in Folge
+der Lebensweise geringere Fruchtbarkeit der Weiber und viertens in
+Südamerika (in Nordamerika war beides zu wenig verbreitet) der
+Kindermord, die Ausschweifungen, namentlich der Trunk.
+
+Und hier müssen wir auf jene schon oben (S. 11) erwähnte Beobachtung
+Tschudis zurückkommen, dass amerikanische Völker, nach einem sehr
+verheerenden Krieg, nach einer sehr schlimmen Epidemie sich nie wieder
+zu ihrer früheren Kraft erhöben, sondern höchstens in diesem reducirten
+Zustand ein elendes Leben weiter fristeten. Diese betrübende Erscheinung
+ist leider nur allzunatürlich. Denn wie ein menschlicher Organismus, der
+sich von einer furchtbaren Krankheit erholt, nur durch lange und
+sorgsame Pflege seine frühere Kraft wieder zu gewinnen im Stande ist:
+eben so ist es der Fall bei ganzen Völkern. Durch das von uns
+geschilderte mannigfache Elend aber, in welchem diese Stämme sich auch
+sonst noch befinden, werden alle ihre Kräfte schon auf die Erhaltung des
+Lebens, wie es nun einmal ist, absorbirt und es bleibt kein Ueberschuss
+übrig für Wiederherstellung des Verlorenen oder Verletzten. Auch wird
+durch solche furchtbare Schicksale die Lebenskraft selbst schwer
+verletzt, indem bei so massenhaftem Elend nothwendig lähmende
+Melancholie oder Apathie eintritt.
+
+Die Fruchtbarkeit der Weiber, ja auch der Zeugungstrieb der Männer wird
+durch den steten Druck der Sorge und Noth, der fast noch schwerer auf
+der Seele ruht als auf dem Leib, wesentlich beeinträchtigt; und ein
+Schlag, den diese Völker, wenn sie sich in besserer, hoffnungsvollerer
+Lage befänden, mehr oder minder leicht überwinden würden, muss jetzt
+nothwendig höchst gefährlich, ja tödtlich auf sie wirken. Schaffte man
+das Elend, das leiblich und geistig auf ihnen lastet, weg--wozu indess
+ebenso viel Umsicht und Energie als Ausdauer und Zeit gehörte--so würden
+auch solche reducirten Völker sich heben und mit den Jahren, die man
+nicht allzu kärglich bemessen dürfte, das werden, woran die
+südamerikanischen Staaten denn doch keinen allzugrossen Ueberfluss
+haben: brauchbare und zuverlässige Bürger. Die Indianerstämme, welche
+man jetzt in den Wäldern verkommen lässt oder gar absichtlich mordet und
+ausrottet, sind ein Capital, was bei vernünftiger Behandlung für die
+Zukunft reichlich Zinsen tragen würde und was man jetzt muthwillig und
+absichtlich vergeudet.
+
+Die Hottentotten sind gleichfalls hauptsächlich der feindseligen
+Ausrottung durch Holländer und Engländer erlegen: allein ihre Macht war,
+wie es scheint, schon durch frühere Kriege mit den umwohnenden Völkern
+gebrochen. Ihre elende Lebensart, Seuchen u.s.w. fördern ihr Aussterben
+mächtig.
+
+Die Kamtschadalen und Aleuten sind den Vernichtungskriegen oder der
+muthwilligen Ausrottung durch die Russen, sowie den von ihnen
+eingeschleppten Seuchen erlegen: zweitens aber wirkten gleichfalls sehr
+die Ausschweifungen (in geschlechtlicher Hinsicht und durch den Trunk),
+denen sie ergeben waren. Sie waren durch dieselben entnervt und deshalb
+zum Widerstand nicht mehr stark genug.
+
+Die Polynesier dagegen haben sich wesentlich selbst zu Grunde gerichtet,
+zunächst durch ihre unsinnigen geschlechtlichen Ausschweifungen (Tahiti,
+Hawaii); sodann durch den bei ihnen so furchtbar verbreiteten
+Kindermord, drittens durch die blutigen und verheerenden Kriege, die sie
+untereinander führten, viertens durch die sinnlose Bedrückung, welche
+die Herrschenden über die Beherrschten ausübten und endlich fünftens
+durch den geringen Werth, in welchem bei ihnen das Menschenleben stand.
+Sie waren schon im Aussterben begriffen, als die Kultur zu ihnen kam,
+und diese hat nur--einzelne Völker, wo ihre Träger grössere Schuld auf
+sich luden, abgerechnet--durch die physische und psychische Erregung,
+die sie bringen musste und wodurch ein sechster Grund für ihr
+Hinschwinden dazu kommt, das Uebel, welches diese Völker wie ein
+schleichendes Gift durchdrungen hatte, zum rascheren Ausbruch und
+schnelleren Verlauf gebracht.
+
+Fragen wir nun, welche von allen diesen Ursachen war die verderblichste,
+so liegt gleich auf der Hand, dass dies das feindselige Auftreten der
+Weissen war, wie es ja auch bei fast allen Naturvölkern gleichmässig
+gewirkt hat und möchten wir die Angriffe auf das psychische Leben der
+Naturvölker fast für verderblicher halten, als das Losstürmen auf ihre
+physische Existenz. Letzteres hat akuter gewirkt und lässt sich mit der
+Verwundung eines Organismus vergleichen: jene brachten, wie eine totale
+Vergiftung, ein zwar langsameres, aber viel tieferes, schwerer zu
+heilendes und weit allgemeineres Unheil hervor. Aber auch die Europäer,
+trotz der Mittel, die sie anwandten, trotz der grossen Uebermacht ihrer
+Kultur, haben eine totale Ausrottung nur auf eng abgegrenzten Bezirken
+bewirkt, auf kleinen Inseln, auf Tasmanien, den Marianen, den Antillen:
+auf grösseren Gebieten reicht ihre Wirksamkeit nicht so weit, trotzdem
+sie hier noch manches andere unterstützt hat. Die leichte
+Empfänglichkeit der Naturvölker müssen wir, sowohl was Kraft der
+Wirkung, als auch was weite Ausdehnung derselben angeht, an zweiter
+Stelle erwähnen. Die Krankheiten, welche scheinbar spontan bei der
+Berührung der Naturvölker und der Weissen entstanden, so wie die,
+welche von letzteren zu ersteren eingeschleppt wurden, haben im
+Durchschnitt gewiss ein Drittel, wenn nicht mehr, der Eingeborenen
+Amerikas, Afrikas und des stillen Ozeans dahingerafft.
+
+Die dritte Stufe in dieser Reihenfolge der Verderblichkeit geben wir den
+Ausschweifungen. Allerdings haben sie minder allgemein geschadet als
+jenes Niedergeschmettert- oder Inficirtwerden von aussen her; aber für
+die menschliche Natur sind sie noch gefährlicher, weil sie die innersten
+Lebensnerven zerstören und wo sie wirksam sind, keine Rettung durch
+Flucht oder durch Besiegung des Feindes möglich ist. Wir sahen die
+Polynesier, ein so glänzend begabtes Volk, verkommen, trotzdem dass
+ihrer sich die Kultur im Wesentlichen freundlich angenommen hat: sie
+waren im Innersten angefressen durch die Ausschweifungen, denen sie sich
+hingegeben hatten und sie wären auch ohne Berührung mit den Weissen und
+nach und nach immer rascher durch ihre eigenen Laster zu Grunde
+gegangen. Die Betrachtung der Polynesier lehrt uns die Gefahr der
+Ausschweifungen für ganze Völker erst richtig ermessen.
+
+Viertens muss der Kindermord genannt werden, welcher vor allen Dingen in
+Polynesien und in Südamerika heimisch war, so wie überhaupt der geringe
+Werth, welchen man dem Menschenleben beimisst. Dass aber letzteres
+allein ein Volk nicht wesentlich zurückbringt, beweist das Beispiel des
+Fidschiarchipels. Nirgends wird durch Menschenopfer, Krieg,
+Kannibalismus u. dergl. mehr Blut vergossen und Leben verschwendet als
+hier; und dennoch gehören diese Inseln zu den bevölkertsten der Südsee
+und ein Aussterben wird auf ihnen nicht bemerkt.
+
+Die Kriege haben zwar mancherlei Schwankungen unter den Naturvölkern
+herbeigeführt, auch wohl einzelne Stämme ganz aufgerieben, aber doch
+nirgends so gewirkt, dass wir sie in erster Reihe aufzuführen hätten.
+Ebenso ist es mit der elenden Lebensweise der meisten dieser Völker,
+welche zwar ihr fröhliches und kräftiges Gedeihen hindern konnte,
+nirgends aber, so weit unser Material der Beobachtung reicht, eine
+völlige Vernichtung herbeigeführt haben. Bei alle den roheren Nationen
+fanden wir auch vor der Berührung mit den Europäern die Kopfzahl nie
+sehr hoch und hierfür war eben ihre wandernde und kärgliche Lebensart
+der Grund. Beides nun, das schlechte Leben und die verhältnissmässig
+geringe Volksmenge unterstützen jedes andere über ein Volk
+hereinbrechende Uebel immer in so fern, als sie das Volk um so
+rückhaltsloser und rascher unterliegen lassen. Und ähnlich ist es mit
+allen den übrigen von uns angeführten Gründen, die alle erst dann
+wirksam werden, wenn sie mit anderen verbunden auftreten.
+
+Hierher gehören auch die unvermeidlichen Folgen der zu rasch herein
+brechenden und nur halb angenommenen Kultur, welche wir in so mancher
+Beziehung für die Naturvölker schädlich fanden. Allein wohl nimmermehr
+wären diesen Folgen, den Veränderungen im leiblichen und geistigen
+Leben, der gewaltigen geistigen Anstrengung, welche die Kultur
+verlangte, diese Völker erlegen, wenn nicht andere Ursachen hierfür
+wirksam waren, zu denen dann freilich sich auch jene Folgen der Kultur
+als wirksamer sekundärer Grund hinzugesellten. Hätte sich die Annäherung
+der Kultur, wenn auch rasch, aber friedlich vollzogen; hätte sie gesunde
+Völker getroffen, so würde bei diesen, ähnlich wie bei den alten
+Germanen, eine Zeit des Stillstandes eingetreten, dann aber ein neues
+kräftiges Leben erblüht sein. Wo die Verhältnisse nur annähernd normal
+waren, finden wir diesen Gang der Ereignisse, wie wir im Folgenden näher
+betrachten werden.
+
+Aus dem Vorstehenden folgt ein wichtiges Gesetz: nie ist es eine Ursache
+allein, welche ein Volk vernichtet, sondern stets mehrere zusammen, von
+denen allerdings eine im Vordergrund stehen kann. Auch die Ausrottung
+der Marianer, Tasmanier und der antillischen Bevölkerung bildet keine
+Ausnahme, da man hier die Begrenztheit des Terrains als zweiten Grund,
+in Tasmanien Charakter und Lebensart der Bewohner als dritten in
+Anschlag bringen muss. Wo nur eine der genannten Ursachen wirkt, oder
+auch mehrere der untergeordneten, da tritt, soweit jetzt menschliche
+Geschichte und Beobachtung reicht, kein Aussterben ein; so halten sich
+die Feuerländer trotz ihres elenden Lebens: so bestehen die Fidschis
+weiter trotz der auch zu ihnen mächtig eingedrungenen Kultur, trotz der
+massenhaften Menschentödtung; und so kann man dies weiter verfolgen.
+Diese Erscheinung ist anthropologisch bedeutsam, weil sie wie keine
+zweite die zähe Lebensfähigkeit der Menschheit und zugleich beweist,
+dass diese Lebenskraft in allen Zweigen des Menschengeschlechtes
+gleichmässig vertheilt ist, ja bei den Naturvölkern eher stärker, wie
+bei den kultivirten Nationen auftritt, welche letzteren, weil sie feiner
+organisirt sind als die unkultivirten Menschen, auch bei weitem weniger
+zu ertragen im Stande sind.
+
+Denn wenn wir fragen: sind die angeführten Ursachen stark genug, um das
+Hinschwinden ganzer Völker zu veranlassen? so müssen wir antworten: sie
+sind es reichlich und im Uebermass, jede einzelne schon und nun gar
+mehrere vereint. Ist es nicht ein wahres Wunder, dass der Naturmensch in
+einem Lande wie Neuholland sich hielt, wo Europäer trotz aller
+Ausrüstungen meist so rettungslos verloren sind? Und noch dazu sich
+hielt in den ewigen Kriegen mit seines Gleichen, unter den ungünstigen
+Einflüssen der eigenen mangelhaften Kultur? oder der Polynesier auf
+seinen kleinen oft so unfruchtbaren Inseln inmitten des ungeheuersten
+aller Ozeane, und auch er ewigem Krieg und Kindermord und den
+entnervendsten Ausschweifungen unterworfen? Nicht ein Wunder, dass nach
+den furchtbaren Vernichtungskriegen durch die Weissen nicht eines dieser
+Völker vollkommen vertilgt ist, ausser kleinen Stämmen? Gewiss, wenn
+wir dies alles überdenken, werden wir nicht von der Lebensunfähigkeit
+der Naturvölker, sondern vielmehr von ihrer ausserordentlichen
+Lebenskraft und Unverwüstlichkeit uns überzeugen müssen. Und so ist hier
+der Ort, auf die Frage zurückzukommen, zu welcher wir durch Waitz
+veranlasst waren: sind wir wirklich zu dem Geständniss genöthigt, dass
+uns das Aussterben der Naturvölker vollständig zu erklären noch nicht
+gelingt? Wir sind es nicht. Wenn man der Geschichte jedes einzelnen
+Volkes folgend fragt, wie kommt es, dass es dahin siecht und schwindet,
+wir werden immer vollkommen erschöpfend die Gründe erkennen, welche
+stets dem von uns zusammengestellten Kreis angehören werden. Diese
+erklären das Aussterben der Bevölkerung so vollständig, dass zu irgend
+welchem Räthselhaften nicht der mindeste Platz bleibt, sobald man nur
+die einzelnen Gründe in ihrer physischen und psychischen Wirksamkeit
+sich mit genügender Consequenz vor Augen führt.
+
+Doch ist wohl zu beachten, dass auch die Unverwüstlichkeit dieser
+härteren Völker ihre Grenze hat. Wir sahen in Neuholland einen
+Menschenstamm, der von früher besserem Zustand herabgesunken scheint;
+dasselbe ist der Fall mit Mikronesien und dem eigentlichen Polynesien,
+sowie mit den Hottentotten. Am weitesten vorgeschritten war der Verfall
+bei den Polynesiern: daher sie denn bei verhältnissmässig leichtem
+Anstoss von aussen her rasch und viel unaufhaltsamer zusammenbrechen,
+als z.B. die Melanesier oder Hottentotten und andere Völker. Dieser
+Verfall musste, wenn seine Ursachen, die Ausschweifungen, Kriege und
+Vergeudung der Menschenleben, wirksam blieb, immer rascher weiter gehen
+und so waren sie jedenfalls verloren--wenn sie nicht von aussen her
+gerettet wurden und das hat, so weit es noch möglich war, die Kultur im
+Grossen und Ganzen gethan. Und mögen wir auch noch so sehr beklagen, wie
+die Europäer sich den meisten Naturvölkern gegenüber benommen haben: das
+müssen wir anerkennen, dass alle diese unkultivirten Völker, wenn sie in
+ihrem Naturzustande noch Jahrhunderte weiterlebten, einem zwar sehr
+langsamen, aber sicheren Untergang, dessen Keime sie in sich selbst
+trugen, entgegengingen. Sie hatten sich keine Herrschaft über die sie
+umgebende Natur errungen: sie lebten ausschweifend, nur ihren Gelüsten
+hingegeben, unregelmässig, ohne Gedanken in die Zukunft, in gewaltigster
+Trägheit; Kriege, Rache u.s.w. waren bei ihnen feste Sitten; der
+Aberglaube, der so häufig Menschenopfer verlangte, beherrschte sie ganz;
+ihr psychisches Leben war wenig, die intellektuelle Thätigkeit nur nach
+praktischer Seite hin entwickelt. Diese Züge ihres Wesens mussten aber
+im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende immer starrer und
+unüberwindlicher werden: und es ist keine Frage, dass sie ihnen einst,
+früher oder später, denn wer mag das Ende dieser Zeit bestimmen,
+erliegen mussten. Die Natur, in welcher sie lebten, bot kein erziehendes
+Moment von durchgreifender Macht; und hätte sie es durch irgend welche
+Veränderungen ihnen noch geboten, sie waren nicht mehr im Stande, es
+sich zu nutze zu machen, da sie durch und in Jahrtausende langer
+Gewöhnung erstarrt waren. Sollten diese Völker also gerettet werden, so
+war ein plötzlicher Anstoss, es war das Eingreifen der Kultur
+nothwendig; und obwohl dieselbe ihre Aufgabe so blutig gelöst hat; so
+ist diese Nothwendigkeit doch ein Gedanke, der über das viele Blut und
+Elend, das sie oder vielmehr ihre Träger schufen, einigermassen tröstet.
+
+
+
+
+§ 19. Vergleichung der Natur- und Kulturvölker in Bezug auf ihre
+Lebenskraft.
+
+
+Da sich nun aus allen diesen angeführten Gründen das Aussterben der
+Naturvölker vollkommen erklärt, ja da die Art ihrer Wirksamkeit uns erst
+recht die Lebenskraft des Menschengeschlechtes beweist: so fällt damit
+schon von selbst die Annahme, als ob die Naturvölker »von der Natur zum
+Untergange bestimmt« geringer organisirt seien als die Kulturvölker.
+Dies wird sich ganz klar und unwiderleglich zeigen, wenn wir die
+Wirksamkeit derselben Gründe auf die europäischen Nationen betrachten.
+Wir werden dort ganz genau denselben, ja einen noch weit schlimmeren
+Erfolg derselben sehen.
+
+Alles, was Cäsar den Galliern zufügte, die Verwüstung des Landes, die
+grossen Verluste an Menschenleben, das Zertreten des Nationalgefühls,
+alles das ist doch wahrlich nicht zu vergleichen mit dem, was Mexiko
+z.B. oder die Nordamerikaner litten: und dennoch war durch Cäsar in
+nicht 10 Jahren das gallische Volk, das er freilich schon herabgesunken
+vorfand, so sehr gebrochen, dass es seine Selbständigkeit bis auf die
+Sprache verlor. Allerdings hatten die italischen Bürgerkriege Italien
+etwa 70 Jahre auf das grauenvollste verwüstet; aber nach ihnen finden
+wir auch das Land im Innersten gebrochen und die Macht des römischen
+Staates auf Heeren von Fremdlingen beruhend; erst massenhaft versetzt
+mit frischen germanischen Elementen und auch da erst nach langer Ruhe
+hebt sich die italische Bevölkerung, nun ein ganz neues Volk, wieder
+empor. Und doch waren auch seine Leiden viel geringer als die der
+Amerikaner. Und die Griechen! Warum haben sie aufgehört ein historisch
+bedeutendes Volk zu sein? weil sie entnervt waren von den
+scheusslichsten Ausschweifungen und ihre letzte Kraft zertreten wurde
+zuerst durch die Stürme der Völkerwanderung und dann durch das türkische
+Joch. Aber welche Höhe hatten die Griechen einst inne--und es ist nicht
+zu viel gesagt, wenn man jetzt die Durchschnittsbildung der Griechen
+gleichstellt mit der etwa der übriggebliebenen Mexikaner.
+
+Der 30jährige Krieg, welcher doch im Anfang nur lokal und nie ohne
+Unterbrechungen wüthete und mit allen seinen Greueln und seiner Dauer
+durchaus nicht das, was die Naturvölker zu leiden hatten, erreicht,
+welche grenzenlose Verwüstung hat er in der Bevölkerung unseres
+Vaterlandes angerichtet! Ernstlich war durch ihn die deutsche Nation in
+ihrer Existenz gefährdet und es ist ja eine vielfach ausgesprochene
+Wahrheit, dass einmal unser Nationalcharakter durch diesen furchtbaren
+Krieg mannigfach verändert und herabgedrückt ist, andererseits wir noch
+bis auf den heutigen Tag mit der Heilung der Wunden, welche er unserem
+socialen und politischen Leben geschlagen hat, zu thun haben.
+
+Sehen wir so an diesen wenigen historischen Beispielen dieselben
+Ursachen bei den kultivirten Nationen noch stärker wirken, als bei den
+Naturvölkern: so wird eine kurze psychologische Betrachtung uns dasselbe
+lehren. Obwohl wir eine Religion haben, welche den Gläubigen Trost
+gewährt auch im schlimmsten Unglück, obwohl wir durch die Kultur so
+manches Hülfsmittel auch für bedrängte Lagen haben: so wirken doch auf
+uns eine Menge Dinge, welche auf die Naturvölker noch gar keinen und
+eine Menge anderer, welche auf sie weit geringern Einfluss haben. Wir
+sind in unserm leiblichen Leben verzärtelt, an eine Menge Bequemlichkeit
+gewöhnt, die wir nicht entbehren können; wir sind geistig viel
+empfindlicher und ein Niederwerfen dessen, was uns heilig ist, drückt
+uns mit zu Boden. Liebe zu den Verwandten, Scham, kurz eine ganze Reihe
+mächtiger geistiger Faktoren haben bei den Kulturvölkern eine solche
+Herrschaft übers Leben, dass, wenn sie ernstlich verletzt werden, das
+Leben mit bedroht ist, und man kann wohl sagen, je gebildeter ein Volk
+ist, um so rascher muss es in fortwährendem Unheil sich verzehren. Wenn
+wir z.B. nur bedenken, welche Wirkungen das Gefühl eines ohnmächtigen
+Ingrimms, das längere Zeit immer in uns erneut würde, auf uns haben
+müsste, wie jeder Einzelne an sich abnehmen kann, so werden wir einmal
+ermessen können, wie dasselbe Gefühl auf die Naturvölker eingewirkt
+haben muss, bei welchen es durch so furchtbare Misshandlungen
+fortwährend erneut wurde und es sehr begreiflich finden, wenn sie schon
+durch dieses allein zu Grunde gegangen wären; wir werden einsehen, was
+die gebildeten Mexikaner und Peruaner gelitten haben und warum gerade
+sie so rasch mit dem Sturze ihrer Bildung zu Grunde gingen; wir werden
+aber andererseits zugestehen müssen, dass wir unter ähnlichen
+Verhältnissen wohl viel weniger Widerstandskraft haben würden, als jene
+Völker, und gewiss jetzt erst recht aufhören von einer besonderen
+Lebensunfähigkeit der Naturvölker zu sprechen, da wir dem Unheil,
+welchem jene unterliegen, viel rascher unterliegen würden. Ja, wir
+würden nach Gründen suchen müssen, wie es kommt, dass jene Völker eine
+grössere Widerstandsfähigkeit haben wie wir; und finden dieselben in
+ihrer grösseren leiblichen Abhärtung, sowie in ihrer geringen geistigen
+Empfindlichkeit, welche immer mit geringer Geistesentwickelung Hand in
+Hand geht.--Wenn wir nun dennoch die Kulturvölker wohl ohnmächtig und
+geschichtlich unbedeutend werden, aber nicht eigentlich verschwinden
+sehen, so kommt dies daher, dass sie gerade in solchen Zeiten der Gefahr
+mit neuen Menschenschaaren durchsetzt werden. Die Verwüster Italiens,
+die Germanen, liessen sich massenhaft in den blühenden Fluren des
+besiegten Landes nieder; ebenso die Bulgaren in Griechenland u.s.w. Oder
+die schon bestehende Kultur bietet neue Hülfsmittel, wohin man auch das
+Einwandern zahlreicher Franzosen in unser Vaterland nach dem 30jährigen
+Krieg rechnen mag. Beispiele von Kulturvölkern, die völlig vernichtet
+sind, wie ihre Kultur, bietet die Geschichte von Kleinasien.
+
+Es fällt von hier aus noch einmal ein Blick auf die Eintheilung, nach
+welcher Carus die Menschen betrachtet; man sieht auch hier, wie wenig
+stichhaltig sie ist, denn seine Tagmenschen haben keine grössere
+Widerstandsfähigkeit, als seine Nacht- oder Dämmerungsmenschen; und
+während er behauptet (17), dass die westlichen Dämmerungsvölker, die
+Amerikaner, »wirklich dem Untergange zugewendet« seien, so sehen wir die
+Tagvölker noch rascher ihrem Untergange zueilen, schon wenn sie durch
+weit mildere Schicksale heimgesucht werden.--Auch die Eintheilung der
+Menschheit in aktive und passive Völker, wie sie Klemm und Wuttke geben
+(Waitz 1, 344) hat ihr sehr Bedenkliches; sie ist falsch, wenn man in
+grösserer Aktivität zugleich nach jeder Richtung hin grössere
+Kraftentwickelung sieht, denn die »aktiven« Völker (die Kulturvölker)
+zerbrechen im Unglück viel leichter, als die zäheren und härteren
+Naturvölker; sie ist ferner falsch, wenn man sie als in der
+ursprünglichen Natur der Menschheit begründet, wenn man also Aktivität
+oder Passivität als verschiedenen Völkern angeboren ansieht: denn von
+Haus aus gleich organisirt hat sich die Menschheit durch verschiedene
+Naturumgebung, verschiedene Schicksale u.s.w. im Lauf der Jahrtausende
+so verschieden entwickelt, wie wir sie in geschichtlicher Zeit
+vorfinden.
+
+
+
+
+§ 20. Aussterbende und ausdauernde Naturvölker.
+
+
+Wenn die Annahme einer minderen Lebensfähigkeit ganzer Völker richtig
+wäre, so müsste doch bei allen diesen Völkern sich jenes Hinschwinden
+gleichmässig zeigen. Wie kommt es aber, dass eins ausstirbt und das
+andere dicht daneben nicht? ja, dass von ein und demselben Volke der
+eine Zweig abstirbt, der andere ungefährdet weiter lebt? Und auch das
+findet sich oft. Die Tonganer sterben nicht aus und sind Polynesier wie
+die Tahitier, Maoris oder Kanakas; die meisten mikronesischen Inseln (so
+namentlich der Gilbertarchipel) haben eine dichte Bevölkerung, die
+Kusaier sterben aus; und beide, Mikro- und Polynesier, sind nur ein
+Zweig des grossen malaiischen Stammes, bei welchem ein solches
+Hinschwinden, die kleine Insel Engano und einige elende in die Gebirge
+gedrängte Stämme ausgenommen, sonst doch nirgends bemerkt wird. Die
+Kamtschadalen sterben aus, die übrigen Nordasiaten, ihre nahen
+Verwandten, nicht. Doch vielleicht waren hier jene von uns besprochenen
+Gründe des Aussterbens nicht in Thätigkeit? Allein während die übrigen
+Melanesier an vielen Punkten sich vermindern, bleiben die Fidschis,
+trotz des europäischen Einflusses, trotz ihrer Kriege und Menschenopfer,
+kräftig und bei voller Zahl. Noch ärger fast als alle anderen Völker
+sind die Neger bedrückt von einheimischen und fremden Tyrannen; und
+während sie für einen der fruchtbarsten Stämme gelten, der gar nicht zu
+vermindern ist, sterben die Neuholländer, nach dem Kärtchen bei Carus
+Nachtmenschen wie sie, aus--welchem Fall freilich der ethnologische
+Unsinn, afrikanische und melanesische Neger zu einer Raçe zu vereinigen,
+der sich indess nicht bei Carus allein findet, die Beweiskraft nimmt.
+Aber die anderen Beispiele zeigen vollkommen schlagend, wie irrig die
+Ansicht ist, dass die hinschwindenden Völker in Folge der Inferiorität
+ihrer Raçe ausstürben; daher wir dabei nicht zu verweilen brauchen. Wenn
+unsere Ansicht aber stichhaltig ist, so muss sich nachweisen lassen,
+dass da, wo die Gründe, aus denen wir das Aussterben der Naturvölker
+erklären, nicht eintreten oder beseitigt werden, dass da die Völker
+gedeihen, sich weiter entwickeln oder sich wieder erholen, ja selbst die
+so gefährliche Kultur überwinden und sich zu ihr, wenn auch nur sehr
+allmählich, emporheben können. Und der Nachweis ist leicht.
+
+In Afrika beweisen es die Hottentotten der herrnhutischen Kolonie
+Baavianskloof, welche Lichtenstein schildert. 1799 betrug die Zahl ihrer
+Lehrlinge (Licht. 1, 247) 100; das Dorf, worin sie wohnten, glich mit
+seinen 200 Häusern, seinen Gärten, seinen geraden Strassen ganz einem
+deutschen Dorfe; die Hottentotten waren tüchtig im Feld- und Hausbau und
+zu allem dem gebracht ganz ohne andere Strafe als Ausschliessung vom
+Gottesdienst (251). Die Taufe erhielt man freilich nur als höchste
+Belohnung für Thätigkeit, Rechtschaffenheit und Frömmigkeit und
+allerdings fand Lichtenstein noch keine Hottentotten unvermischten
+Blutes, sondern nur Mischlinge getauft; aber da sich die Herrnhuter
+bemühten, sie »erst zu Menschen und dann zu Christen« zu machen (eb.
+253), so hob sich die Colonie immer mehr, so dass von der Zeit nach 1828
+der Bericht lautet: »Die frei gewordenen Hottentotten fingen an mehr für
+die Zukunft zu sorgen, der Landbau wurde eifrig betrieben und durch
+künstliche Bewässerung verbessert, Mässigkeit und Sittlichkeit, die Zahl
+der regelmässigen Ehen, der Besuch und die Sorge der Eltern für die
+Erziehung der Kinder war im Steigen begriffen und es bedurfte dazu
+keiner Unterstützung von aussen« (Waitz 2, 337). Dies ist allerdings nur
+von einem kleinen Distrikt gesagt; aber wo hat man sich sonst auch mit
+demselben Verstand und derselben Ausdauer der Hottentotten so redlich
+angenommen? Wo man das thut, da gedeihen sie und werden brauchbare
+Menschen (vergl. W. 2, 341).
+
+In Amerika haben die Cherokees, die Algonkins, die Irokesen und andere
+Völker deutlich genug bewiesen, dass auch die Indianer der Erhebung und
+Kultivirung fähig sind. Die Irokesen sind seit 1820 »bedeutend
+fortgeschritten im Ackerbau, Hausbau und den mechanischen Künsten
+überhaupt; sie besuchten die Kirche regelmässig, viele von ihnen waren
+im Lesen, Schreiben und Rechnen so weit gekommen, dass sie Schullehrer
+werden konnten, einige andere sogar respektable Geistliche« (Waitz 3,
+291 mit d. Quellen). Sie hatten das Mohawk zur allgemeinen
+Verkehrssprache im Gebrauch und nach Schoolcrafts Bericht für 1845 war
+ihre Volkszahl im Wachsen (a.a.O.). Ebenso hatten die Ottawa, ein
+heidnischer Algonkinstamm, sowie die Sauk und noch mehr die Delaware
+grosse Fortschritte gemacht; sie leben ganz von dem Ackerbau, den sie
+sehr eifrig und tüchtig betreiben, sowie vom Handel mit den Produkten
+ihrer Felder (292-93): ihre Zahl ist im Wachsen (294).
+
+Noch mehr war dies Alles der Fall bei den Cherokees, deren Volkszahl in
+den Jahren 1819 bis 1825 von 10,000 auf 13,500 nebst 200 Weissen und
+1300 Negersklaven anwuchs. Schon vor 1820 waren sie sehr tüchtige
+Ackerbauer, welche im Laufe von 8 Jahren (M'Kennay bei Waitz 3, 294) die
+Wildniss in einen Garten umschufen. Schon um 1773 hatten sie 43 Städte
+und ihre Bildung war schon damals nicht unbedeutend (Bartram 353-60);
+seit 1796 waren Baumwollenmanufakturen bei ihnen errichtet,
+Luxusgegenstände traf man hin und wieder und Einzelne hatten ein nicht
+unbedeutendes Privatvermögen. Die Polygamie wurde abgeschafft; ihre
+Kinder zeigten sich »sehr lenksam, anhänglich und bildungsfähig« (Waitz
+3, 295). 1820 führten sie geschriebene Gesetze und eine
+Repräsentativverfassung ein. Der oberste Häuptling, dem nebst einem
+hohen Rath die Exekutive zusteht, soll alle zwei Jahre das Land
+bereisen, um dessen Zustand kennen zu lernen. Die richterliche Gewalt
+wird vom obersten Gerichtshofe, dem wandernden Gericht und von
+Friedensrichtern ausgeübt. Geschworenengerichte und drei Instanzen sind
+eingeführt, die Richter nur durch den Willen beider Häuser absetzbar. Es
+herrscht allgemeine Religionsfreiheit, doch kann Niemand ein Amt
+bekleiden, der nicht an Gott und an Vergeltung in einem künftigen Leben
+glaubt« (Waitz 3, 295-96). Es wurde dann ein Alphabet von 85 Zeichen
+1821 von einem Cherokee erfunden und bald war die Kunst des Lesens und
+Schreibens unter ihnen allgemein; seit 1828 erschien eine periodische
+Zeitschrift in ihrer Sprache. Auch diese aufblühende Kultur hat man
+nicht geschont; man hat auch die Cherokees, trotz ihres heftigen
+Widerstrebens, über den Missisippi vertrieben. Allein obwohl ihre Kultur
+dadurch im hohen Grade gefährdet wurde, so unterlag sie nicht; sie erhob
+sich bald wieder und seit 1841 allgemeiner wie früher (296). Ebenso
+verhält es sich mit den Choktaw, den Creek und einigen anderen Völkern,
+über die Waitz (296-99) ausführlichere Nachrichten gibt.
+
+Ebenso in Südamerika: die Volkszahl der Abiponer nahm nach Dobrizhofer
+bedeutend zu, als das Verstossen der Weiber, der Kindermord und die
+Polygamie abgeschafft wurde (Waitz 1, 164); in Guatemala (nach einem
+Bericht von 1771) vermehrten sich die Eingeborenen trotz des schweren
+Drucks der Spanier so sehr, dass diese sie zu fürchten anfingen (eb.
+163). In Mexiko bilden nach Humboldt die Eingeborenen noch immer fast
+die Hälfte der Einwohner (b, 3, 9) and in dieser Zahl haben sich die
+Indianer überall erhalten, wo die Spanier organisirte Reiche vorfanden
+(eb. 3, 8); die einheimische Bevölkerung ist im Steigen (derselbe a 1,
+83 und 107) und zwar in Folge eigenes Wohlstands, nicht fremden
+Zuwachses (eb. 105) und diese »für die Menschheit sehr tröstliche«
+Zunahme der indianischen Bevölkerung beweist Humboldt durch speciellere
+Angaben a, 5, 6; 4/7 der gesammten Volkszahl sind Indianer (Waitz 4,
+195).
+
+Auch in Polynesien finden wir sehr wichtige Erscheinungen der Art. Von
+Hawaii sagt Jarves 371-72: die Kultur zerstört im Anfang; nachher wirkt
+sie segensreich; so war auch auf den Sandwichinseln die Entvölkerung
+unter Tamehameha I. und Liholiho grösser als in späterer Zeit. »In dem
+Verhältniss, in welchem Christenthum und Civilisation wächst, vermindert
+sich die Sterblichkeit. Allerdings sind ihre Wirkungen jetzt noch zu
+neu, um ihre Endresultate vorherzusagen, aber man kann sicher hoffen,
+dass, wenn die bösen Einflüsse aufhören und anderen Platz machen, gute
+Ergebnisse folgen werden. Der Despotismus der Fürsten ist völlig
+abgeschafft und Gesetze wirken für das Anwachsen der Bevölkerung.
+Familien mit 3 Kindern sind von den Abgaben befreit; die, welche mehr
+haben, bekommen Land und andere Geschenke, um sie zu heben. Die Abgaben,
+obwohl immer noch hoch, sind gleich vertheilt und für das Volk
+erleichtert. Ein Nationalgeist ist erwacht, Schulen und Kirchen
+gegründet, regelmässige Handelsverbindungen und Gewerbe haben sich
+gebildet: kurz das gerade Gegentheil der moralischen Versunkenheit, in
+welcher noch vor Kurzem das Volk sich befand, fängt an sich zu
+entwickeln; medizinische Kenntnisse und ärztliche Hülfe verbreitet sich;
+Kleidung, Wohnung bessern sich allmählich. Freilich ist dies nur die
+Morgenröthe eines besseren Tages: aber schon zeigt sich deutlich genug,
+dass Christenthum und Bildung durch die Einwirkung der amerikanischen
+Mission und die Intelligenz der Fremden diese segensreichen Folgen
+haben. Noch schlagender zeigt sich das daraus, dass Kinder und
+Erwachsene, welche die Schulen besuchen und unter der unmittelbaren
+Leitung der Missionäre stehen, sich einer ausgezeichneten Gesundheit
+erfreuen und rasche Fortschritte machen. Dasselbe gilt von den
+Eingeborenen, welche unter dem Einfluss europäischer Familien stehen.«
+Nach Virgin (1, 300) freilich scheint die Entwickelung nicht allzurasch
+weiter gegangen zu sein; doch auch er gibt an, dass vor 1820 die Abnahme
+der Bevölkerung stärker gewesen sei, als nachher, und dass die Missionen
+an verschiedenen Punkten die Abnahme ins Stocken gebracht haben durch
+möglichstes Hinwegräumen der bösen Ursachen, welche sie veranlassen.
+Auch Waitz 1, 177 erwähnt einige Inseln und Distrikte dieser Gruppe, wo
+die Bevölkerung nicht nur nicht abnimmt, sondern in nicht ganz
+unbedeutendem Anwachsen begriffen ist.
+
+Ganz ebenso ist es in Tahiti. Auch hier hat die Volkszahl gleich nach
+dem ersten Zusammenstoss mit den Europäern sehr abgenommen, von 16,000
+(Wilson) bis auf 8000 (Ellis) oder 9000 (Wilkes), denn Turnballs 5000
+ist eine übertrieben niedrige Angabe. Nachher aber ist die Zahl gleich
+geblieben oder eher gewachsen; Virgin wenigstens gibt sie für 1852 auf
+10,000 an (2, 41). Auf Raiatea dagegen nimmt die Bevölkerung stark zu
+(Waitz 2, 167 nach Journ. R. geogr. soc. III, 179). Auch Ellis (um 1830)
+sagt 1, 169, dass vor 1819 das Abnehmen der tahitischen Eingeborenen
+noch stark gewesen sei: 1819-20 seien Todesfälle und Geburten einander
+gleich gewesen und von da ab habe die Volkszahl stark zugenommen. Mag
+Ellis auch, der so eifrig für das Wohl der Insel thätig war, seine
+Hoffnungen auf jene Angabe vielleicht etwas mit haben einwirken lassen:
+bloss auf Uebertreibung beruht eine so sichere Behauptung eines so
+zuverlässigen Beobachters nicht. Allerdings klagt der französische
+Commandant der Insel, de la Roncière, in seinem Bericht vom Dezember
+1866 (Globus 12, 60-61) über die Trägheit, Indolenz und
+Flatterhaftigkeit der Bewohner; allein wenn man die Vorgänge während und
+nach der französischen Okkupation der Insel und die ganze Haltung der
+Franzosen wenigstens in der ersten Zeit ihres Aufenthalts bedenkt, so
+ist es nur allzu begreiflich, dass die Entwickelung der Insel durch sie
+nicht eben gefördert ist. Doch sind wir, wenn man sich wirklich
+ernsthaft und ausdauernd der Eingeborenen annimmt, auch für sie zu guten
+Hoffnungen berechtigt.
+
+Was wir von Neuseeland zu berichten haben (nach Hochstetter 482-497) ist
+noch merkwürdiger. Gegen den Einfluss der Fremden bildete sich eine
+Nationalpartei unter den Eingeborenen, welche, da sie Gott ebenso nah
+ständen als die Weissen, mit diesen gleiche soziale und politische
+Rechte verlangten. 1857 erwählten die Maoris, von diesen Gesichtspunkten
+ausgehend, einen König, den als Krieger und Redner berühmten Potatau,
+der sich den zweiten Friedenskönig nach Melchisedek nannte, sich
+thatkräftige Häuptlinge, so vor allen den Maori William Thompson aus dem
+Stamm der Ngatihua, als Minister auswählte, und seinen Herrschersitz zu
+Ngaruawahia, an der Hauptwasserstrasse ins Innere, an den Thoren von
+Aukland in vortrefflich ausgesuchter Lage nahm. Die Grundprinzipien des
+Königthums sollten Glaube, Liebe und Gesetzlichkeit sein. Man beschwerte
+sich bitter über die englische Regierung, welche sich gar nicht um die
+Maoris kümmere, die Häuptlinge nicht standesgemäß behandele, zwar
+Protokolle über ihr Aussterben führe, aber nichts dagegen thue; man habe
+die eingeführten Waaren mit ungerechten Abgaben gedrückt, indem z.B.
+wollene Decken nach dem Gewicht wie Seide und Spitzen versteuert würden;
+Munition und Waffen verkaufe man ihnen gar nicht, um so lieber aber
+Spirituosen. Und zu dem Allen benähmen sich die Europäer so hochmüthig
+und grob! Diese Nationalpartei, welche sehr beredte Agenten im Lande
+umherschickte, fand überall rasch Anhänger; auch die Weiber und Mädchen
+theilten ihre Gesinnungen. Freiwillige Abgaben für den König flössen
+regelmässig und reichlich und dieser schlichtete zu Ngaruawahia alle
+Streitigkeiten der Eingeborenen, trieb auch von den unter ihnen lebenden
+Europäern Abgaben ein und legte einen Zoll auf die an seiner Stadt
+vorbeipassirenden europäischen Schiffe; sein Einfluss war bald so gross,
+dass sich auch die Missionäre, wenn sie etwas gegen einen Maori
+vorzubringen hatten, an ihn wandten. Aehnliche Ziele hatte die
+Landligue, eine Vereinigung der Maorifürsten, um den Landverkauf zu
+verhüten, welchen die einheimische Regierung äusserst ungern sah. Es war
+klar, dass die Kolonialverwaltung durch diese selbständige Entwickelung,
+namentlich aber durch die Beschränkung der Landkäufe, welche, um gültig
+zu sein, erst die Bestätigung des Maorikönigs nach der Auffassung der
+Eingeborenen bedurften, in arge Verlegenheit kommen musste. Daher
+erkannte denn England diese Beschränkung des Landverkaufs durch die
+Maorigesetze nicht an und so musste es zum gewaltsamen Zusammenstoss
+kommen. Dies geschah unter Potatau II., dem Sohne Potataus I.; den 17.
+März 1860 begann der Krieg, in welchem die Maoris sich nicht nur
+ausserordentlich tapfer, sondern auch so umsichtig bewiesen, dass sie
+den Engländern empfindliche Niederlagen beibrachten. Der Nationalpartei
+schlossen sich jetzt alle Maoris, auch die früher lässigen, an; es ist
+besser, hiess es, fürs Vaterland zu sterben, als unterjocht von Fremden
+zu leben. Auch im englischen Parlament erhoben sich Stimmen für sie, so
+vor allen die Martins, des Bischofs von Aukland. William Thompson war
+alleiniger Anführer dieses Krieges und seiner Stelle sehr gewachsen;
+denn der Kampf, der von den Maoris hauptsächlich als Guerillakrieg
+geführt wurde, konnte nur durch die englischen Kanonen und die englische
+Uebermacht (1861 hatten die Engländer 12,000 Mann zusammen) mehr und
+mehr zu Gunsten der Engländer gewendet werden. Indess kam es durch
+Einfluss der Missionäre und durch den an Brownes Stelle gesandten Lord
+Grey zur friedlichen Vermittlung. Wir sehen also auch hier Anfänge,
+bedeutend genug, um in kurzer Zeit die Gründe, auf welchen wir das
+Aussterben der neuseeländischen Eingeborenen beruhend fanden, zu
+beseitigen. Es ist sehr traurig, dass diese nationale Erhebung von
+englischer Seite gleich im Anfang geknickt oder wenigstens gehemmt ist:
+doch ist die Hoffnung nicht aufzugeben, dass sie abermals auch diesen
+Stoss überwinden wird. Die Hauptsache wird sein, dass sie selber Muth
+und Zuversicht gewinnen, dann werden sie die Kultur sich nicht bloss
+äusserlich und auf eine Weise, die ihnen nur schadet, aneignen, sondern
+sie werden sich, da sie stets sich sehr fähig gezeigt haben, an ihr
+emporheben und ein neues Leben zu führen im Stande sein. Zu dieser
+Hoffnung berechtigt auch die innige Religiosität, welche die meisten der
+neu und wahrhaft Bekehrten zeigen. Ob sie aber auch in diesem Falle
+später nicht einmal durch Vermischung mit den Weissen aufhören als
+Nationalität zu existiren? Ein solches Aufgehen würde indess nur
+erfreulich sein, denn es bewiese zugleich, dass auch die Engländer der
+Kolonie von ihrem starren Raçenhochmuth nachgelassen hätten.
+
+In Tonga nun, wo von jeher die Sitten strenger waren und namentlich nie
+diese Lüderlichkeit herrschte, welche in Polynesien an anderen Punkten
+so gefährlich wirkte; wo man mit dem Menschenleben, wenigstens jetzt und
+schon seit längerer Zeit, nicht so verschwenderisch umging, ist ein
+Sinken der Volkszahl nicht eingetreten. Das Christenthum hat die
+Monogamie durchgesetzt und so ist denn trotz der vielen Kriege, welche
+die Einführung des Christenthums und die Befestigung der
+Königsherrschaft mit sich brachte, die Bevölkerung, die sich im
+Allgemeinen einer sehr guten Gesundheit erfreut, im Wachsen (Erskine
+160-61).
+
+Die Bevölkerung von Samoa schätzt Erskine (104) auf etwa 37,000 Seelen,
+doch glaubt er, dass sie abnehme (a.a.O. u. 60). Auch Turner erwähnt die
+grosse Sterblichkeit der Kinder daselbst, welche durch thörichte
+Behandlung derselben vor und bei der ersten Nahrung veranlasst wird.
+Seitdem aber jetzt die Missionäre günstig wirken, die Polygamie
+abgeschafft und ausschweifende Lebensweise durch strenge Ueberwachung
+sehr erschwert ist, nimmt die Bevölkerung wieder zu (Turner 176). Doch
+waren die Samoaner überhaupt weit weniger ausschweifend gewesen als die
+übrigen Polynesier und hatten den Werth des Menschenlebens höher
+geachtet. Also auch hier dieselbe Erscheinung: der erste Zusammenstoss
+mit den Weissen bringt durch Seuchen u. dergl. (doch fand Wilkes in
+Samoa keine Syphilis 2, 73, 126, 138) eine arge Erschütterung in der
+Wohlfahrt des Volkes, ein Zurückgehen der Kopfzahl hervor; allein sobald
+diese ersten Folgen überwunden sind, hebt sich die Ziffer wieder. Gerade
+die Samoaner sind besonders innige Christen (Turner 106-109, 166 ff.)
+
+Zu den bestbevölkerten Gegenden Polynesiens gehören die kleinen Inseln
+nördlich und westlich von Samoa und Tonga, die Uniongruppe, Tikopia,
+Rotuma u.s.w., wo die Sitten unverderbt und die Bevölkerung in bester
+Wohlfahrt ist. Trotz des zahlreichen Kindermords auf Tikopia ist dort
+die Kinderzahl in einer Familie meist drei bis acht (Gaimard bei Dumont
+D'Urville b, 5, 309; vergl. ders. in Zoologie 23; u. 5, 306). Nur von
+dem gleichfalls hierher gehörigen Sikayana wird eine Abnahme der
+Eingeborenen berichtet, welche durch eine sehr heftige Blatternepidemie
+auf 171 Seelen zusammengeschmolzen sind (Nov. 2, 438-441).
+
+Alle diese Beispiele beweisen schlagend, dass ein Hinschwinden dieser
+Völker aus mangelnder Lebenskraft, »weil sie von Natur dem Untergange
+bestimmt seien«, nicht stattfindet; wo es also eintritt, kann es nur
+durch die besprochenen Gründe veranlasst sein. Sobald die Kultur nicht
+feindselig, sondern friedfertig naht und diese Völker zu sich
+emporzieht, statt sie zu vernichten, so ist von den Naturvölkern keins,
+das nicht für sie gewonnen werden könnte, ja einzelne haben sich trotz
+der feindseligsten Haltung der Weissen dennoch zur Kultur, wenigstens zu
+guten Anfängen, emporgeschwungen: eine That, deren Grösse man aus dem
+Vorstehenden ermessen kann und die eine so ausserordentlich gute
+Begabung und sichere Kraft beweist, dass sie ebenso sehr unser Staunen
+als unsere Bewunderung erwecken muss. Allerdings wird aus einem
+neuholländischen Stamm nicht sofort ein europäisch civilisirter Staat,
+aber es ist handgreiflich verkehrt, zu behaupten, wie noch Meinicke
+thut, die Neuholländer seien überhaupt der Kultur unfähig. Denn wo sich
+wirklich die Kultur ihrer angenommen (es ist selten genug geschehen), da
+haben sie sich auch als friedfertige und bildsame Menschen gezeigt. Dass
+sie sich und so noch manche andere Naturvölker jetzt so viel als möglich
+von der Kultur zurückziehen, das ist nach dem, was ihnen von ihren
+Trägern zugefügt ist, nur allzubegreiflich. Halten doch manche
+Nordindianer auch das Christenthum nur für eine neue Art, sie zu
+betrügen (Waitz 3, 289) »und, sagten sie, was sollen wir Christen
+werden, da diese ärgere Lügner, Diebe und Trinker sind, als die
+Indianer« (eb. 287). »Die Christen wollen nicht arbeiten, sie sind
+Spieler, Bösewichter und Gotteslästerer,« sagte ein Indianer von
+Nikaragua; auf die Antwort, so handelten nur die schlechten, erwiderte
+er: »wo sind denn die guten? ich wenigstens kenne nur schlechte« (Waitz
+4, 280-81). Ein zweiter Grund, weshalb viele Naturvölker so schwer die
+Kultur, auch wenn sie ihnen friedlich naht, annehmen, liegt in ihren
+Gewöhnungen. Es muss hier nochmals auf die Kraft der Vererbung erinnert
+werden. Durch Jahrtausende langes Leben an ein unstätes Umherschweifen
+u. dergl. gewöhnt, wird es ihnen sehr schwer, so plötzlich die
+althergebrachte, tief in ihr leibliches und geistiges Wesen
+eingewachsene Lebensart zu ändern.
+
+
+
+
+§ 21. Die afrikanischen Neger.
+
+
+Wir müssen, um einem möglichen Einwand zu begegnen, noch einmal auf
+einen Umstand zurückkommen, den wir schon vorhin wenigstens berührten.
+Wie ist es zu erklären, dass die Neger nicht aussterben? Sie sind doch
+geplagt, gedrückt, gemisshandelt wie kein zweites Volk, der Heimath
+entrissen, oft ganz zum Lastthier herabgewürdigt--und sie gedeihen doch.
+Der Hang der Neger zu Ausschweifungen ist bekannt; wie gefährlich ihre
+Kriege, die sie untereinander führen, für die Besiegten sind, wird nur
+zu deutlich durch die massenhaft fortgeschleppten Sklaven bewiesen:
+Menschenleben vergeuden auch sie ganz rücksichtslos, wofür schon der
+eine Name Dahomey als Beweis genügt. Und doch waren das dieselben
+Gründe, welche wir als das Aussterben der Naturvölker veranlassend
+annahmen. Wie kommt es, dass sie dort wirken und hier nicht? Muss man
+nicht doch also zu jenen Gründen noch einen hinzufügen und welcher
+könnte das sein, als mangelnde Lebenskraft oder sonst irgend etwas
+Geheimnissvolles? Aber trotzdem sind die Neger, nach einstimmigem
+Urtheil aller Forscher, die leiblich am wenigsten vollkommen
+organisirten Menschen, und es wäre doch seltsam, wenn höher stehende
+Völker mindere Lebenskraft hätten als sie.
+
+Allein diese Annahme ist auch durchaus unnöthig. Die grössere Ausdauer
+des Negers beruht auf seinem anders gearteten Naturell, was wir zunächst
+nach der psychischen Seite hin verfolgen wollen. Vom Charakter des
+Negers ist jeder melancholische Zug ausgeschlossen. Jeder momentane
+Eindruck ist bei ihrer derb sinnlichen Natur so mächtig, dass der
+folgende den vorhergehenden sofort auslöscht, und so vergessen sie
+dadurch auch im tiefsten Elend ihre schlimme Lage rasch und gänzlich,
+wenn irgend eine plötzliche Anregung zur Lust über sie kommt. So zwingen
+sie die Sklavenhändler, um sie über ihr oft tödtliches Heimweh
+hinwegzubringen, bisweilen mit der Peitsche zum Tanz, der sie dann in
+seiner sie nun ganz beherrschenden Ausgelassenheit alles Unglück
+vergessen lässt (Waitz 2, 203). Diese rasch wechselnde Gemüthslage hilft
+ihnen über vieles Schwere hinweg und ist klar, wie sehr sie im Gegensatz
+steht ebenso zu dem zähen Festhalten eines Gedankens, wie wir es beim
+Amerikaner und Polynesier so vorherrschend finden, als zu der
+Melancholie dieser Völker. Auch die sinnlichen Genüsse wirken auf den
+Neger viel befriedigender, als auf die anderen Völker; seine grosse
+geschlechtliche Sinnlichkeit ist wiederum für die Fruchtbarkeit seiner
+Raçe von grosser Bedeutung und so massenhafte und übertriebene
+Ausschweifungen wie bei den Polynesiern finden sich bei ihnen nicht.
+Auch sein Hang zum Phantastischen muss erwähnt werden, denn auch er
+dient sehr dazu, ihm seine Lage oft in ganz anderem Lichte erscheinen zu
+lassen, als sie ist. Hiermit vereinigt sich eine gewisse Stumpfheit und
+Trägheit des geistigen Lebens sehr wohl, die vor Vielem und gerade dem
+Schmerzlichsten den Neger beschützt: er wird sich fast nie moralisch
+vernichtet und dadurch in seiner innersten Persönlichkeit verwundet
+fühlen. Auch ist seine grosse Gutmüthigkeit und seine innige
+Religiosität hierbei nicht ausser Acht zu lassen.
+
+Zweitens aber scheint auch die physische Natur weit minder empfänglich
+und empfindlich zu sein, als die der meisten anderen Völker. Sei es,
+dass er durch allmähliche Gewöhnung, durch das Klima seines Landes oder
+durch ursprüngliche Anlage härter ist: er verträgt es, in ganz andere
+Himmelsstriche verpflanzt zu werden; er hält sogar die Luft der
+Malariagegenden und noch dazu bei täglicher oft sehr grosser Anstrengung
+ohne Schaden aus, welchem allen die meisten anderen Völker regelmässig
+erliegen. Er ist also schon durch seinen Körper gesicherter.
+
+Drittens ist nicht zu übersehen, dass der Neger schon seit einer Reihe
+von Jahrtausenden, seit der ersten Entwickelung der Kulturvölker, mit
+diesen in Berührung und oft in sehr enger steht und gestanden hat: so
+ist er an die Einflüsse der Kultur ganz anders gewöhnt als Amerikaner
+und Ozeanier, als Hottentotten und Kamtschadalen, und hat daher ihre
+ungünstigen Folgen weit weniger zu fürchten.
+
+Hiermit ist der Einwand, welchen man von den Negern aus erheben könnte,
+als beseitigt zu betrachten; wir müssen indess noch einen Blick auf das
+Aussterben der freigewordenen Neger in den vereinigten Staaten werfen,
+wie wir es im Ausland (1867, 1404) geschildert sehen nach Henry Lathams
+black and white. Nach ihm sind seit der Emancipation von 4,000,000
+Negern 1,000,000 zu Grunde gegangen, durch Unwissenheit, Hülflosigkeit,
+Laster und Mangel. Unfruchtbarkeit trat ein, Kindermord nahm überhand,
+»die Sterblichkeit war so gross, dass es Leute gab, welche eine Lösung
+der schwierigen Negerfrage in dem Verschwinden der farbigen Raçe in den
+nächsten 50 Jahren voraussagten«. »In den Gebieten, wo sie während des
+Krieges in grösster Sicherheit lebten, wo man annehmen kann, dass sie
+massenhaft vorhanden sind, und wo die grössten Beiträge zusammengebracht
+wurden, um sie vor Hungersnoth zu schützen, sind sie in Abnahme
+begriffen. In dem kältern Klima der Nordstaaten starben die farbigen
+Familien nach einer oder zwei Generationen aus.« Die Schilderung ist,
+wie wir sie hier vor uns haben, entschieden parteiisch gefärbt. Wir
+betrachten daher nur die Thatsache, dass die emancipirten Neger
+moralisch und physisch sich verschlechtern, ja geradezu verkommen. Diese
+Erscheinung ist allemal da beobachtet, wo Neger emancipirt wurden, und
+sie machte auch der Republik Liberia anfangs viel zu schaffen; allein
+sie tritt bei jeder Sklavenemancipation naturgemäss jedesmal ein, mögen
+die Sklaven nun Neger oder nicht sein. Sie haben nicht gelernt,
+selbständig zu leben, für sich zu sorgen, für sich zu arbeiten; jede
+Arbeit ist ihnen, in Erinnerung an ihr früheres Loos, eine Last zugleich
+und eine Entwürdigung. Durch den langen Zustand der Unfreiheit haben sie
+die Fähigkeit, der Natur gegenüber sich zu behaupten, welche sie in
+ihrer Heimath besassen, verlernt; sie sind auch geistig herabgedrückt
+und dass sie lasterhaft werden, ist die Folge des Beispiels, was ihnen
+allzuoft ihre eigenen Herren gaben, sowie des Mangels an Selbstachtung,
+zu dem sie als Sklaven verurtheilt waren. In Nordamerika ist ihnen
+ferner jede Emancipation noch durch die entschiedene und rücksichtslose
+Feindseligkeit unendlich erschwert, mit der die »gute Gesellschaft«, die
+Weissen, sich vor jedem Farbigen strenge verschliesst, für den sie
+nichts als die bitterste Verachtung hat. Klimatisches mag sich
+gleichfalls geltend machen; jedenfalls ist hier nichts, was unserer
+Betrachtung irgend ein neues Moment zufügen oder eine nähere Erklärung
+noch erheischen könnte.
+
+
+
+
+§ 22. Folgerungen aus der Art, wie die Naturvölker von den Kulturvölkern
+behandelt sind.
+
+
+Ehe wir unsere Betrachtungen schliessen, ist es nöthig, auch einen Blick
+auf die Kulturvölker zu thun, welche mit den Naturvölkern in Berührung
+kamen; denn ein solcher wird ethnologisch nicht ohne Ausbeute sein.
+Zunächst ist zu constatiren, dass alle Kulturvölker sich ganz auf
+dieselbe Weise grausam, rücksichtslos und unmenschlich gegen die
+Naturvölker betragen haben, die mit ihnen in Berührung kamen: die
+Spanier, die Portugiesen, die Holländer, die Engländer und die
+Franzosen. Die Engländer und Holländer zeichnen sich durch
+unaussprechlichen Hochmuth und Hass gegen jede farbige Bevölkerung aus,
+durch welchen sie den Naturvölkern fast nicht mindern Schaden gethan
+haben, als durch offene Feindseligkeiten. Wir Deutsche haben Eroberungen
+nicht gemacht, aber trotzdem sind einzelne unserer Landsleute mit den
+Naturvölkern in Berührung gekommen. Diejenigen, welche zur Zeit der
+ersten Entdeckung Amerikas mit den Spaniern dorthin kamen--so die
+Abgesandten der Welser, welchen dort Länderstrecken von Karl V.
+verpfändet waren--wütheten nicht geringer als die Spanier selbst. Das
+westliche Venezuela wurde um 1527 von Georg v. Speier und Ambrosius
+Dalfinger verwüstet (Waitz 3, 398). Allein das sind vereinzelte Fälle;
+im Ganzen haben die Deutschen den Naturvölkern Segen gebracht, denn
+gerade die einflussreichsten Missionen sind zum Theil in ihren Händen
+gewesen, wobei vor allen Dingen an die Wirksamkeit der Herrnhuter in
+Afrika und Nordamerika (z.B. Heckewelder) erinnert werden muss. Auch
+unter den Jesuiten waren viele Deutsche, z. B. Dobrizhofer unter den
+Abiponen, Strohbach auf den Marianen. Die Missionsthätigkeit ist auch
+jetzt noch nicht vermindert und trägt ihre segensreichen Früchte für die
+Eingeborenen und für die Wissenschaft, denn eine Menge der bedeutendsten
+Missionsschriften sind, freilich meist in englischer Sprache, von
+Deutschen verfasst--Namen wie Kölle, Döhne, Teichelmann, Schürmann,
+Dieffenbach (freilich kein Missionär) u.a. sind bekannt genug.
+
+Die fast immer ganz unmenschliche und mordgierige Art, mit welcher der
+Europäer die Naturvölker bekriegte und meist deren Rohheit bei weitem
+übertraf, zwingt uns zu einem anthropologischen Schluss von nicht
+geringer Bedeutung; denn wir sehen daraus klar, »dass die Kluft, die den
+civilisirten Menschen vom sogen. Wilden trennt, bei weitem nicht so
+gross ist, als man sich oft einbildet« (Waitz, 3, 259). Man hat ja
+gerade die wilde Blutgier der Naturvölker so wie ihr beharrliches
+Fernbleiben von aller Kultur so besonders hervorgehoben, ja mit darauf
+hin den Schluss gezogen, dass sie von geringerer Organisation und
+Befähigung, dass sie von Haus aus eine niedrigere Raçe wären (Carus 28,
+22 ff.). Wie will man das aber aufrecht halten, wenn die civilisirten
+Völker von einer viel wilderen und grauenvolleren Blutgier besessen
+sind, die um so schrecklicher wird, als sie unvermittelt neben so hoch
+entwickelten intellektuellen Fähigkeiten steht? Wenn die grössten und
+bedeutendsten Männer dieser civilisirten Völker dieselbe Blutgier
+theilen, wie Columbus, welcher die auf Menschen dressirten Hunde
+einführte, der Königin Isabella rieth, die Kosten seiner Fahrten durch
+Menschenraub zu decken, Diebstähle mit grausamen Verstümmelungen strafte
+und Hinterlist und gemeinen Verrath gegen die Indianer für erlaubt
+hielt? (Waitz 4, 331). Wenn die blutgierig-rohesten wohl noch wegen
+ihrer grauenvollen Bestialität als besonders hervorragend gepriesen
+werden, wie die »Pioniere des Westens«, die »Helden von Old-Kentucky«
+(Waitz 3, 260), die nebenbei auch der intellektuellen Vorzüge der Kultur
+sich begebend genau ebenso abergläubisch als die Indianer wurden, deren
+Lebensweise, Vergnügungen und Skalpirungen bald sich nur noch durch
+grössere Rohheit von den Indianern unterschied? Ja d'Ewes (China,
+Australia and the Pacif. Islands in 1855-56. London 1857, p. 150)
+erzählt, dass einzelne Weisse auf den Fidschi-und Tonga-Inseln, neben
+den grässlichsten Verbrechen aller Art, sogar den Kannibalismus der
+Eingeborenen mitgemacht haben! Beispiele von Spaniern und Portugiesen,
+welche unter die Bildungsstufe der Eingeborenen Südamerikas
+herabgesunken sind, findet man reichlich bei Waitz 1, 370 und bei v.
+Tschudi an verschiedenen Stellen. Ehrlichkeit, Treue, Vertrauen,
+Anstand, Gastfreundschaft, Menschlichkeit, reine Religiosität, die
+besseren moralischen Eigenschaften findet man meist nicht auf Seiten der
+Europäer, sondern der so tief verachteten Naturvölker, und Seume's
+
+ »Wir Wilden sind doch bessre Menschen«
+
+hat seinen tiefen Grund. Man sage nicht, dass die von den Europäern
+verübten Schlechtigkeiten nur von einzelnen ausgegangen und also auch
+nur den einzelnen Individuen zur Last zu legen seien; sie sind so
+ziemlich gleichmässig von der gesammten Kolonistenbevölkerung ausgeführt
+und jedenfalls von ihr höchlich gebilligt worden; ja es fehlt noch viel,
+dass sie auch jetzt überall getadelt würden.
+
+Es zeigt sich aus diesen Betrachtungen ferner, wie ungeheuer langsam die
+Menschheit moralisch fortschreitet und wie wenig durch intellektuelle
+Entwickelung ein Fortschritt nach jener Seite bedingt wird. Das eben von
+Columbus Erwähnte mag als Beleg dienen, er, der geistig so hoch über
+seiner Zeit stand, hatte sittlich ganz dieselbe Stufe inne. Seine ganze
+Zeit aber stand trotz des Christenthums, trotz der äusseren Kultur noch
+auf einem Standpunkt der geistigen Rohheit, die sich noch kaum von dem
+Wesen des Naturmenschen unterscheidet, ja durch reicher entwickelte und
+ganz zügellose Leidenschaften noch tiefer als jenes erscheint. Wie
+gewaltig nun die Entwickelung der Intelligenz in den letzten drei
+Jahrhunderten zugenommen hat, weiss Jeder; blickt man aber auf die
+Kulturvölker des 19. Jahrhunderts--man denke an die Engländer in
+Tasmanien, Neuholland, Nordamerika, die Portugiesen und Spanier in
+Südamerika--so wird man von einem moralischen Fortschritt noch gar wenig
+bemerken, denn sie benehmen sich, allerdings nicht mehr in solcher
+Allgemeinheit, gerade ebenso brutal und unmenschlich, als die Spanier im
+16. Jahrhundert.
+
+Auch kann man nicht behaupten, dass die heutige Propaganda und ihr
+Verfahren in der Südsee sich sehr zu ihrem Vortheil von den Missionären
+des 16. und 17. Jahrhunderts unterschied; was sie etwa an
+Gewaltthätigkeit verloren hat, das hat sie an Unwahrheit gewonnen. Und
+wenn man im 19. Jahrhundert mit demselben Leichtsinn wie im 16. nur um
+zu taufen, tauft: so ist das in unseren Zeiten bei weitem schlimmer, als
+in jenen früheren. Bis jetzt also hat die Höhe der intellektuellen
+Entwickelung noch keineswegs durchgreifend und in dem Maasse, als man
+denken sollte, auf die moralische Seite des menschlichen Charakters
+gewirkt--aus Gründen, deren tiefere psychologische Motivirung hier uns
+zu weit führen würde.
+
+Und doch lässt es sich nicht läugnen, dass alles wirkliche Fortschreiten
+der gesammten Menschheit, wodurch sie immer reiner und wirklich
+menschlicher sich entwickelt, nicht sowohl auf intellektuellen als auf
+moralischen Geistesthaten beruht. Die europäische Gesellschaft ist zu
+ihrer heutigen Höhestufe emporgehoben erstens durch die Gleichstellung
+der Frauen bei den Germanen, zweitens die rein moralische Macht des
+Christenthums, drittens die Reinigung des Christenthums und die
+Anerkennung der individuellen Geistesfreiheit durch die Reformation und
+die Reinigung der sozialen Verhältnisse durch die Revolution des vorigen
+Jahrhunderts. Letztere trug auch gleich den Naturvölkern die besten
+Früchte: denn dass Polynesien wesentlich anders behandelt ist, als
+Amerika, dazu trugen nicht wenig bei die Lehren von Männern wie
+Rousseau, der Gedanke, dass alle Menschen, mochten sie nun durch Stände
+oder Hautfarbe und Sprache verschieden scheinen, in ihrem Wesen gleiche
+Menschen seien; ja die Ansicht, welche man von diesen Völkern lange Zeit
+in Europa hegte, beruhte gleichfalls auf diesen Gedanken, da sie
+hauptsächlich durch die Werke der Forster hervorgerufen wurden, diese
+aber eifrige Anhänger Rousseau's waren.--Neben jenen Hauptförderungen
+der Menschheit darf man einige andere zwar nicht in erster Linie
+anführen, aber auch ebensowenig ganz übersehen, und dahin gehört die
+Erweckung des reinen Schönheitssinnes, der wahren Kunst durch die
+Griechen. Während nun im Leben der Völker und der Einzelnen es sich nur
+allzuhäufig zeigt, dass die grösste Ausbildung der Intelligenz auf die
+sittliche Vollendung eines Menschen gar keinen Einfluss hat, so fördert
+umgekehrt jeder sittliche Fortschritt der menschlichen Gesellschaft ihre
+intellektuellen Leistungen und ist ohne eine solche Förderung gar nicht
+zu denken, da ja jeder wirklich bedeutende sittliche Fortschritt die
+Menschheit in ihrem ganzen Wesen hebt und weiter entwickelt, und nur wo
+dieser Doppelfortschritt geschieht, kann von einem wirklichen
+Höhersteigen die Rede sein. Man hebt nie ein Volk nur durch Industrie
+und Lehranstalten, wenn man es dadurch auch reich und wohl unterrichtet
+machen kann; man hebt es nur, wenn man seine idealen Anschauungen
+läutert und fördert. Dass aber eine Förderung nicht etwa dadurch
+eintritt, dass man der Gegenwart das Ideal vergangener Jahrhunderte als
+das einzig heilvolle aufzwingen will, das liegt auf der Hand.
+
+
+
+
+§ 23. Zukunft der Naturvölker. Mittel, sie zu heben.
+
+
+Was wird nun die Zukunft der Naturvölker sein? Geradezu vernichtet sind
+nur wenige bis jetzt und noch können wir, und da wir Unfähigkeit zur
+Entwickelung, leibliche oder geistige, nirgends bei ihnen finden, noch
+müssen wir hoffen. Freilich ist viel verdorben; und die Leichtigkeit der
+Annäherung, das Vertrauen, mit dem sie der Kultur entgegenkamen, ist bei
+den meisten unwiederbringlich verloren.
+
+Wie bisher die Missionäre die grössten Verdienste um diese Völker haben,
+so fallen auch, wenn wir nach der Zukunft fragen, unsere Augen zunächst
+auf die Missionäre. Wenn wir bedenken, dass die Polynesier man kann wohl
+sagen ihre Rettung bisher ihnen verdanken, dass, die Hottentotten und so
+mancher amerikanische Stamm nur und allein durch sie Gelegenheit hatten,
+auch die guten Seiten der Kultur an sich zu erfahren; so können wir
+nicht dringend genug wünschen, dass ihr Werk sich segensreich immer
+weiter ausbreiten möge. Dazu gehört zunächst Unterstützung durch die
+weltlichen Mächte, freilich anders als sie von Frankreich den
+katholischen Missionären zu Theil wurde: denn die Staaten müssten, im
+Interesse der jedesmaligen Eingeborenen, jede segensreiche Wirksamkeit
+gleichviel von welcher Confession gleichmässig schützen. Und so hat
+sich, um gar nicht vom Christenthum zu reden, auch vom anthropologischen
+Standpunkt aus die katholische Kirche und Frankreich in ihrem Dienst in
+der Südsee schwer vergangen. Die Mächte, welche unter den Naturvölkern
+Kolonien haben, England besonders, haben den grössten Vortheil von einer
+tüchtigen Wirksamkeit der Missionäre; denn einmal werden durch sie
+unnütze Kriege, die doch auch den Weissen oft schädlich genug sind,
+vermieden, und ferner die Eingeborenen selbst der Kolonie gewonnen. Man
+sollte also von Staatswegen die Missionen mit allen Mitteln stützen
+(nicht gewaltsam einführen, nur stützen), aber auch zugleich ein
+wachsames Auge auf sie haben und sie nöthigen Falles zur Rechenschaft
+ziehen. Denn Menschlichkeiten können vorkommen und sind auch unter den
+protestantischen Missionären der Südsee vorgekommen, welche z.B. in
+Neuseeland durch ihre Landankäufe und Spekulationen sich und ihrer Sache
+und den Eingeborenen gleichviel geschadet haben. Aber auch die
+Missionäre müssen auf sich selbst das strengste Augenmerk haben. Sie
+müssen immer mehr und mehr zu der richtigen und wichtigen Einsicht
+gelangen, dass es nichts hilft, Völker zu taufen oder sie auf abstrakte
+und für jene Menschen ebenso unverständliche wie unbrauchbare
+Lehrbegriffe hinzuweisen, wenn man nicht alle ihre Geisteskräfte weckt,
+die Wahrheiten dieser Lehre sich anzueignen. Nach dieser Seite--wer
+wollte es läugnen? übersteigt es doch auch hier ganz fehlerlos zu
+handeln bei weitem menschliche Kraft--nach dieser Seite haben beide
+Kirchen viel verfehlt; die katholische durch oft ganz beispiellos
+leichtsinniges Taufen, wobei sie das Heidenthum ruhig bestehen liess
+(Beispiele für diese harte Behauptung liefern die Annales de la
+propagation de la foi, Michelis und Lutteroth genug; wir führen
+einzelnes der Kürze halber nicht an), die protestantische durch
+allzustrengen Ernst und eigensinniges Steifen auf die abstrakten
+Lehrsätze. Doch wird jeder Unbefangene die bei weitem bessere
+Wirksamkeit auf protestantischer Seite sehen müssen, wenn wir auch fern
+sind, zu verkennen, was die katholische Kirche grosses geleistet hat.
+Männer wie Las Casas und so viele seiner Glaubensgenossen, welche fast
+der einzige Schutz der unterdrückten Amerikaner waren, so viele
+Jesuiten, die mit dem grössten Glaubenseifer sich jeglicher Gefahr für
+das Christenthum unterzogen, wie z.B. der gewaltige San Vitores auf den
+blutgetränkten Marianen: alle diese Männer müssen in erster Reihe
+genannt werden, wenn es sich um Darstellung der Verdienste der Mission
+handelt.
+
+Man mache die Naturvölker erst zu Menschen, dann zu Christen; man bilde
+sie langsam zu der und durch die Kultur vor, deren höchste Blüthe das
+Christenthum ja eben sein will. Nicht Wissen und Erkennen, und wäre es
+der höchsten Weisheit, Thätigkeit vielmehr und selbständiges Bauen des
+eigenen Lebens gibt dem Menschen erst sittlichen Halt und sittliche
+Kraft: diese wecke, gestalte, befördere man und man wird das
+Christenthum fördern. Ist es doch wahr, dass jene Verbrecher, welche aus
+den Deportationsorten entsprangen und sich an verschiedenen Stellen
+Ozeaniens niederliessen, durch die Bruchstücke von Kultur, welche sie
+den Eingeborenen mittheilten, dem Christenthum und den Missionären den
+Weg gebahnt und sehr erleichtert haben, ohne dass sie es selbst wollten
+und obwohl sie oft mit der Kultur zugleich manches Verbrechen lehrten.
+Will man aber ohne genügende Vorbereitung rasch Erfolge sehen, so wird
+man nichts wirken; die Missionsberichte (beider Confessionen) beweisen
+zur Genüge, wie thöricht ein solches Streben ist und wie es oft zu den
+allergröbsten Selbsttäuschungen führt. Nur die liebevollste Arbeit und
+aufopferndste Hingebung vieler Generationen kann hier wirklichen und
+bleibenden Erfolg erringen. Man muthe doch nicht den Naturvölkern zu,
+die Höhe der Bildung im Fluge zu ersteigen, welche die begabtesten
+Kulturvölker im Laufe von Jahrtausenden und mit so häufigem Rückfall, so
+heissem Kampfe, so stetiger Arbeit sich errungen haben.
+
+Aber auch die weltliche Macht muss Hülfe bringen; zunächst negativ,
+indem sie nicht duldet, dass andere, was die Missionäre bauen,
+untergraben und einreissen; und ferner positiv, indem sie das von jenen
+begonnene weiterführt. Sie muss die Eingeborenen in ihren natürlichen
+Rechten schützen, das Eigenthumsrecht an den von ihnen bewohnten Boden
+anerkennen und aufs Strengste darauf halten, dass ihnen von Seiten der
+Kolonisten kein Unrecht geschieht. Freilich werden solche Männer wie
+Lord Grey, die mit der grössten Umsicht und Energie die reinste
+Menschenliebe besitzen, nicht häufig gefunden werden; aber man kann auch
+in der Wahl einer obersten Kolonialverwaltung nicht zu viel thun.
+Specielle Vorschläge haben Grey für Australien, Dieffenbach für
+Neuseeland, Andere für andere Völker gemacht; und es liesse sich, bei
+allen Schwierigkeiten, wenn die Mächte, welche Kolonien besitzen, also
+vor allen Dingen England ernsthaft wollten, gewiss viel Elend verhüten,
+viel Gutes stiften und viel Verdorbenes herstellen. Bis jetzt freilich
+haben die englischen und überhaupt die europäischen Matrosen meist nur
+das eine Recht der Gewalt; die Frevel, die sie an jenen Völkern begehen,
+bleiben ungestraft, während es mit den ärgsten Strafen heimgesucht wird,
+wenn die Eingeborenen irgend an Weissen freveln. Zum Theil ist diese
+Ungerechtigkeit nöthig, um die fernen Weissen zu schützen; theils aber
+liegt sie auch in der selbst noch sehr mangelhaften moralischen
+Entwickelung der Weissen, welche an solchen Gewalttaten im grossen
+Ganzen kaum einen Frevel. sehen. Was soll man dazu sagen, wenn
+Schandgeschichten wie die folgende unter Englands offiziellem Schutz
+geschehen und in den Zeitungen, auch in deutschen, fast als Scherz
+erzählt werden? Nach der Ermordung eines Kaufmanns[O] erschien das
+englische Kriegsschiff Perseus, Capitän Stevens, 1867 im Frühjahr vor
+der Palaus (Pelewsinseln, westliches Mikronesien), um Genugthuung zu
+fordern: es zeigte sich, das der Kaufmann auf Befehl des Königs, auf
+dessen Insel Koror er lebte und Grundeigentum besass, ermordet sei, weil
+er an die Feinde desselben Feuerwaffen verkauft hatte. »Obwohl nun
+Stevens einsah, heisst es, dass jener besser gethan hätte, keine
+Mordwaffen zu verkaufen«, so glaubte er doch streng verfahren zu müssen
+und verlangte Hinrichtung des Königs. Die Insulaner, von dem
+Kriegsschiff bedrängt, beschlossen, sich nicht zu widersetzen--aber sie
+baten, dass die Hinrichtung von Matrosen des Schiffes ausgeführt würde,
+was Stevens nicht zuliess. »Insulaner sollten das Werk thun«. So geschah
+es denn. Und es geschah noch mehr. Die so behandelten Insulaner riefen
+den Schiffscapitän zu ihrem König aus. »Er nahm auch sofort die Krone an
+und bewies, dass er die königliche Prärogative in erspriesslicher Weise
+zu nützen verstehe. Er befahl seinen Unterthanen, Hühner, Eier, Früchte
+und sonst noch mancherlei an Bord des Dampfers zu bringen und diesem
+Befehl wurde willig Folge gegeben. Eine Vergütung für die gelieferten
+Sachen blieb ausser Frage, doch war seine improvisirte Majestät so
+gütig, einige Geschenke, als da sind: Messer, Scheeren u. dergl.
+verabfolgen zu lassen. Als dies geschehen war, dankte er ab und
+überliess den Paleuinsulanern, sich nun einen anderen König nach ihrem
+Geschmack zu suchen« (Globus 12, 59, nach der Overland China Mail v. 30.
+Mai 1867 und der »Presse« zu Manila). Heisst das nicht, jede
+Selbstachtung eines Volkes mit Füssen treten? nicht, der Gerechtigkeit
+und Menschlichkeit ins Gesicht schlagen? Und das that ein Vertreter des
+englischen Staates im Namen der Gerechtigkeit! Und eine solche
+Geschichte erheitert als Anekdote ein europäisches Publikum! Die
+Insulaner mussten, trotz ihrer Bitten, ihren eigenen König erschiessen,
+weil er sich eines gegen ihn entschieden feindlich handelnden
+Engländers, allerdings auf frevelhaftem Wege, entledigt hatte! So lange
+solche Geschichten noch möglich sind, so lange ist allerdings für die
+Naturvölker noch nicht allzuviel zu hoffen. Und sie werden, wir
+befürchten es, noch lange möglich sein; so lange wenigstens sicher als
+die Kulturvölker sich von ganz anderem Stoff dünken, als jene »Wilden«,
+denen man wohl die Gestalt, aber keineswegs die Rechte eines Menschen
+zugesteht.
+
+Gegen diese gänzliche Ausschliessung von allem europäischen Leben, wie
+es die Eingeborenen in den Kolonialländern fast immer zu dulden haben,
+müsste der Staat, was in seinen Kräften steht, thun, wenn er jene
+wirklich heben wollte: denn das ist es, was sie jetzt am meisten von der
+Kultur ab und im Elend zurückhält. Aber das wird schwer, wo nicht
+unmöglich sein; und die Menschheit, so scheint es, wird erst noch
+manchen Schritt vorwärts thun müssen, ehe diese Gleichstellung (wenn sie
+dann noch möglich ist) auch nur annähernd sich verwirklichen lassen
+wird; so dass man in diesem Sinne wohl sagen kann, alles, was in Europa
+zur Hebung der weissen Bevölkerung und ihres sittlichen Lebens
+geschieht, das kommt auch mittelbar den Naturvölkern zu gut.
+
+
+
+
+§ 24. Werth der Naturvölker für die Menschheit und ihre Entwickelung.
+Schluss.
+
+
+Aber, so müssen wir noch fragen, kann man überhaupt einem Staat, den
+civilisirten Völkern zumuthen, so viel Müh und Arbeit an die Naturvölker
+zu verwenden, die sie doch anderen Zwecken und vielleicht besseren oder
+doch nützlicheren entziehen müssen? Kann man nicht mit Fug und Recht von
+dem werthlosen Leben dieser rohen Nationen Talleyrands berüchtigtes je
+n'en vois pas la nécessité sagen? Wie man vom Standpunkte des
+Christenthums hierauf antworten muss, welches lehrt, dass alle Menschen
+Brüder und vor Gott gleich sind, liegt auf der Hand: und wo wird denn
+ein strenges Christenthum mehr zur Schau getragen, als im öffentlichen
+Leben Englands und Amerikas? Aber auch vom Standpunkt der Philosophie
+aus wird man die Erhaltung der minder entwickelten Völker für eine
+wesentliche Aufgabe der Kultur ansehen müssen. Der empirische Forscher
+wird nach genauer historischer und naturwissenschaftlicher Betrachtung
+der Welt sehen, dass die Gesammtheit der Natur als solche dem
+Entwickelungsgesetze folgt, wie die einzelnen grossen Abtheilungen der
+Natur, wie die Gattungen, Arten und Individuen. Das Gesetz dieser
+Entwickelung besteht aber darin, dass Alles, Gesammtheit und
+Einzelnwesen, eine grössere Vollkommenheit, Festigkeit und Sicherheit
+der Existenz anstreben. In diesem Entwickelungsgange hat die Natur
+selbst die Werthbestimmungen gesetzt, dass sie das Individuum der Art,
+die Art der Gattung, die Gattung der Familie, kurz das Beschränktere dem
+Grösseren unterordnet, ja wenn es im Interesse des Grösseren noth thut,
+aufopfert. Es würde spiritualistische Verkennung unseres Standpunktes
+sein, welchen wir in der Stufenfolge des Ganzen einnehmen, wenn wir
+Menschen für uns andere Gesetze beanspruchen wollten, als sie für die
+gesammte Natur gelten; zeigt doch auch alle historische Entwickelung,
+dass wir unter ganz denselben stehen, wie die übrigen Organismen alle,
+nur dass unsere Stellung verschieden ist. Wie nun also der Natur
+Erhaltung und Förderung des Ganzen Hauptzweck ist, so muss er es auch
+uns Menschen sein, und zwar zunächst Erhaltung und Förderung der
+menschlichen Gesellschaft, da unsere Thätigkeit zunächst unserer eigenen
+Gattung naturmässig gehört. Das aber heisst schlecht dem Ganzen dienen,
+wenn man lebensfähige Keime desselben, bloss weil sie nicht im gleichen
+Lenz und nach gleicher Art mit uns sich entwickelt haben, zertreten
+wollte. Wer weiss, zu welchem Endzweck auch sie der Natur dienen können!
+Und Niemand wird doch behaupten wollen, dass sie zu zertreten den
+Völkern von höherer Kultur Nutzen brächte. Wenn wir von diesem
+philosophischen Standpunkt aus nach dem Zweck menschlicher Entwickelung
+forschen, so werden wir die Civilisation als solchen bestimmen müssen
+(Waitz 1, 478 f.). Denn einmal sichert sie erst durch engen
+Zusammenschluss der Individuen, welche sich im Naturzustande
+selbstsüchtig, also feindlich gegenüber stehen, die menschliche
+Gesellschaft dauernd und fest, andererseits bringt sie erst, indem sie
+auf diese Weise eine Menge überschüssiger Kraft frei macht, die
+Menschheit zu höherer Entwickelung. Sie allein ist es, welche die
+wichtigste Seite des menschlichen Lebens, die Thätigkeit des Geistes
+überhaupt erst ermöglicht. Zu diesem Endzweck menschlicher Entwickelung
+ist aber jedes Volk berufen und die einzige Aufgabe schon civilisirter
+Nationen uncivilisirten gegenüber kann nur die sein, die Civilisation
+auch zu jenen hinzutragen, nicht aber durch die reichlicheren und
+wirksameren Mittel derselben jene zu vertilgen. Auch darf hierbei nicht
+übersehen werden, wie nichts der Civilisation selbst gefährlicher ist,
+als Zurücksinken in Rohheit, weil ein solches mit stets zunehmender
+Geschwindigkeit, gleichsam nach den Fallgesetzen vor sich geht. Das
+wüste Verfahren gegen die Naturvölker ist aber ein solches Zurücksinken
+in Rohheit und wie beim längeren Vernichtungskampf gegen sie jene
+Rohheit schrecklich wächst, das haben wir schon gesehen. Ganze Stämme
+civilisirter Nationen sind durch sie, zu der sich dann noch Faulheit und
+Genusssucht gesellten, in die äusserste Barbarei zurückgesunken oder
+doch wenigstens merklich in ihrer Entwickelung aufgehalten: so die
+Holländer am Cap, die Spanier und Portugiesen und zum Theil die
+Engländer in Amerika. Das ewige Blutvergiessen und Morden musste sie
+immer gleichgültiger, immer roher machen und dadurch schwanden
+selbstverständlich gar manche andere Interessen; Faulheit und so manches
+andere, obwohl gar manche Kolonisten auch davon einen reichlichen
+Vorrath mitbrachten, war die natürliche Folge der fortgesetzten
+Grausamkeit. Führt uns dieser letztere Punkt schon aus dem theoretischen
+und moralischen mehr ins praktische Gebiet, so gibt es auch noch andere
+praktische Gründe, welche für Schonung und Hebung der Naturvölker,
+keinen aber, der dagegen spricht. Waitz (1, 484) setzt auseinander, dass
+bei den grossen Unterschieden in der Naturumgebung der Menschen, bei den
+mannigfaltigen Fähigkeiten und Eigenschaften, welche die verschiedenen
+Völker im und durch den Lauf der Zeiten entwickeln, die Civilisation der
+gesammten Menschheit auch in höchster Vollendung keine ganz gleiche zu
+sein braucht, ja auch nur sein kann. »Ohne dass ein Volk dem anderen die
+materielle oder die geistige Arbeit ganz abnehmen könnte, würde sich
+doch das Verhältniss so gestalten, dass bei einigen die eine, bei
+anderen die andere Art der Arbeit in ein entschiedenes Uebergewicht
+träte, dass einige in der einen, andere in der anderen Richtung sich
+produktiver zeigten und dem entsprechend auf die übrigen wirkten und
+ihnen mittheilten. Den Tropenländern würde alsdann mehr oder weniger
+allgemein die überwiegende Produktion der materiellen, den gemäßigten
+Klimaten die der geistigen Güter zufallen. Eine hohe Stufe
+intellektueller Bildung, tiefes Denken und eine durchgebildete, auf
+feiner und vielseitiger Ueberlegung ruhende Sittlichkeit, scheint bei
+der geistigen Erschlaffung kaum erreichbar zu sein, welche das Leben in
+der heissen Zone für den Europäer wie für den Eingeborenen mit sich
+bringt« (1, 185). Gerade weil aber das Leben unter den Tropen
+erschlaffend wirkt und auf den weissen Einwanderer noch mehr als auf den
+Eingeborenen, so ist es für ersteren der grösste Vortheil, wenn ihm
+Unterstützung von letzteren zu Theil würde. Von wie grossem Segen wäre
+es für alle Kolonien, statt wie jetzt in oft so blutiger Feindschaft mit
+den Eingeborenen zu leben, in ihnen Helfer und freundliche und
+intelligente Arbeiter zu finden und so empfiehlt sich schon von rein
+praktischer Seite für den Europäer die Schonung und Hebung der
+Naturvölker durchaus.
+
+Auch haben diese letzteren manches und wenn es bloss die Kenntniss der
+sie umgebenden Natur wäre, was sie als nützliche Dankesgabe für eine
+ihnen gewidmete treue Sorgfalt geben könnten. Hatten doch einige von
+ihnen reiche und originelle Kulturen entwickelt, deren Zerstörung ein
+unersetzlicher Verlust für die Menschheit ist. Zunächst ist es die Höhe
+und Reinheit der mexikanischen Moral, wovon Waitz (4, 125 ff.) Proben
+gibt und die auch hinter den Lehren des Christenthums keineswegs weit
+zurückbleiben, was jene Behauptung rechtfertigt. Zugleich aber war in
+Mexiko wie in Peru auch die intellektuelle Fähigkeit hoch entwickelt,
+und was sie in industrieller Beziehung leisteten (Bauwerke, Goldarbeiten
+u.s.w.) ist bekannt genug. Sicher ist uns vieles von dem, was sie
+leisteten, durch die Art der Eroberung verloren; und was eine solche
+Kultur geleistet haben würde, wenn sie durch freundliches und
+allmähliches Bekanntwerden mit der europäischen erhöht worden wäre,
+darüber haben wir kein Urtheil. Jedenfalls sind verschiedene Brennpunkte
+der Kultur für die Menschheit nur ein Vortheil und zwar ein ganz
+unschätzbarer, wenn man bedenkt wie langsam im allgemeinen die
+Entwickelung der Völker ist. Auch ist kein geringer Werth auf die
+originale Verschiedenheit solcher selbständiger Kulturen zu legen; durch
+ihr Zusammentreffen, Wetteifern, selbständiges Schaffen wird mehr und
+allseitiges ins Leben gerufen und der menschliche Geist mehr und
+allseitiger entwickelt, als durch eine einzige in sich wesentlich
+gleiche Kultur.
+
+Möge denn von diesen Völkern wenigstens gerettet werden, was noch zu
+retten möglich ist. Bis jetzt steht die Entwickelung der Menschheit auch
+nach dieser Seite hin ganz unter naturalistischem Gesetz. Der »Kampf ums
+Dasein«, in welchem es der Stärkere ist, welcher siegt, zeigt sich im
+vollsten Maasse; die erstarkten Raçen breiten sich aus, gewaltsam und
+zum Unterschied von der unvernünftigen Natur mit Lust und ohne
+Bedürfniss zerstörend, und ihnen erliegen die schwächeren. Allein der
+Mensch ist der Vernunft und der Liebe fähig und gerade darin sollte der
+stärkere des vernunftbegabten Geschlechtes seine Kraft zeigen, dass er
+schwächeres liebend zu sich emporhebt, statt es zu vernichten; dann
+würde der Geist, die sittliche Wahl des Menschen herrschen und die
+Gesamtheit hätte einen grossen Schritt weiter gethan auf der Bahn, die
+sie gehen muss, in der Befreiung des Geistes von den rohen Fesseln der
+äusseren Natur.
+
+
+
+
+Fußnoten:
+
+
+[A] Hale sagt ausdrücklich, dass sie ihm nicht zu hoch schiene; er hatte
+die Angabe von Punchard, einem Engländer, der mehrere Jahre auf der
+Insel gelebt hatte.
+
+[B] Auch die Beispiele, welche Darwin a.a.O. zur Erhärtung seiner
+Hypothese von dem schädlichen Effluvium lang eingeschlossener Menschen
+mittheilt, lassen sich aus Obigem, wie es scheint, erklären, ebenso das
+Erkranken der Shropshirer Schafe. Jenes Effluvium ist weiter nichts, als
+eben solche unbewusst mitgeschleppten Miasmen, an welche der, welcher
+sie mitbringt, seine Natur nach und nach accommodirt hat.
+
+[C] Diese Frühreife der Weiber ist wohl nicht, wie Humboldt b 2, 190
+will, Raçencharakter. Einmal widerspricht dieser Behauptung, dass sich
+mancherlei Beispiele von später Entwicklung auch unter den
+Amerikanerinnen findet; und sodann, dass fast bei allen Naturvölkern die
+Mannbarkeit so früh eintritt. Wenn nun auch das Klima mannigfachen
+Einfluss hierauf hat (Waitz 1, 45), so doch keineswegs einen überall
+gleich bleibenden und sicher nachzuweisenden. Denn bei den Eskimos, bei
+den Kamtschadalen und anderen Völkern in so hohen Breitengraden finden
+wir dieselbe Erscheinung und die Fidschis z.B. in der heissen Zone
+zeigen sie nicht. Waitz 1, 125 führt die animalische Nahrung und die
+hohe Temperatur in den Hütten vieler dieser Völker als Grund an. Allein
+auch dies trifft nicht bei allen zu. Sollte nicht der Grund der frühen
+Mannbarkeit der sein, dass einmal bei der gänzlichen Schrankenlosigkeit
+der Naturvölker die Wünsche früher erregt und ferner die Mädchen zu
+frühe begehrt werden? Das konnte und musste im Laufe der Generationen
+seine Wirkung zeigen. Die Gewöhnung vererbte sich immer mehr, setzte
+sich durch Vererbung immer fester, und so entwickeln sich die
+Geschlechtsfunktionen wirklich früher, als es der menschlichen Natur
+eigentlich normal ist. So würde sich diese Erscheinung bei allen
+Naturvölkern gleich gut erklären: und man lernt täglich Gewöhnung und
+Vererbung mehr in ihrer Bedeutung für die Geschichte der Menschheit
+schätzen. Dass Klima und sonstige Lebensweise mit gewirkt haben, soll
+damit nicht abgeläugnet werden; nur sind sie bei den Naturvölkern von
+untergeordnetem Einfluss, und die Einwirkung von Gewöhnung und Vererbung
+ist gewiss die Hauptsache. Nirgends ist der Einfluss des Willens, der
+Wünsche und Gedanken so gross, als gerade im geschlechtlichen
+Verhältniss.
+
+[D] Spuren von ihr finden sich auch in Südamerika, so bei Azara 248, der
+von den Mbayas erzählt, dass ihre Weiber nie Fleisch von Kühen und Affen
+essen; doch, da ihre Mädchen überhaupt kein Fleisch, nicht einmal grosse
+Fische und zur Zeit der Periode nur Gemüse und Obst geniessen, so könnte
+man diese Enthaltsamkeit auch einfacher erklären. Dagegen ist es gewiss
+eine dem nordamerikanischen Totem ursprünglich verwandte jetzt nicht
+mehr verstandene Sitte, wenn die Cariben z.B. nie Affen essen, dagegen
+die Ameisenbären als Delikatesse aufsuchen, welche wiederum die Makusis
+nur nothgedrungen essen würden (Schomburgk 2, 434). Thiere gelten auch
+in Südamerika als die Stammväter und Schutzgeister mancher Völker. Und
+nicht anders ist es in Afrika bei den Betschuanen, deren einzelne Stämme
+unveränderliche, ihre Abstammung von gewissen Thieren bezeichnende Namen
+besitzen. »Diese Thiere werden von den Völkern, die sich nach ihnen
+nennen, heilig gehalten, weder gejagt noch gegessen und man pflegt durch
+die Frage »was tanzt ihr« nach dem Namen desselben sich zu erkundigen.«
+So gibts Männer des Löwen, Krokodils, Stachelschweins, Fischs, Affen,
+doch auch des Eisens, Waitz 1, 352. 413. Die Frage »was tanzt ihr«? ist
+merkwürdig. Sie erinnert an manchen Thiere darstellenden Tanz
+amerikanischer und australischer Völker, und es liegt nahe anzunehmen,
+dass die heiligen Tänze zuerst das Leben der Schutzgeister
+versinnbildlichten, wie die Griechen die Geschichte ihrer Götter
+tanzten. Später erblasste die Bedeutung solcher Tänze vielfach.
+
+[E] Aehnliches findet sich auch bei indogermanischen Völkern. Heilige
+Thiere als Wappen und in Eigennamen waren sehr gebräuchlich, vergl.
+Grimm D.M. 633. Tödtete man sie auf der Jagd, oder beschnitt man einen
+heiligen Baum, so waren auch dabei bestimmte versöhnende und abbittende
+Gebetsformeln üblich, eb. 618.
+
+[F] Wenn hier Kadu nicht irrthümlich einen rohen melanesischen Stamm
+meint; oder, um etwas recht Entsetzliches zu erzählen, absichtlich oder
+selbst getäuscht aufbindet. Denn wahrscheinlich ist die Angabe für die
+Palaus nicht.
+
+[G] Zwillinge werden fast von allen Naturvölkern getödtet: auch von den
+Negern (Waitz 2, 124).
+
+[H] Obwohl auch Jarves 83 manche der Zahlen anzuzweifeln scheint.
+
+[I] Dass übrigens auch bei Indogermanen und Semiten die Kinder vielfach
+getödtet sind, ist ja bekannt genug. In Griechenland wurden die Kinder
+umgebracht, welche der Vater, wenn sie die Hebamme ihm vor die Füsse
+legte, nicht aufhob; eine Sitte, die bei Plautus und Terenz, d.h. also
+der späteren attischen Komödie so vielfach erwähnt wird. Namentlich
+Töchter wurden umgebracht. Diese Tödtung geschah durch Aussetzung
+zumeist (Schömann griech. Alterthümer 1, 562). Bei den alten Deutschen
+herrschte durchaus derselbe Gebrauch. Aus semitischem Gebiet sei
+zunächst an Abrahams Opferung Isaaks erinnert, sodann an den
+Molochdienst der Phönicier, der so vielfach von den Juden nachgeahmt
+wurde (Winer, bibl. Realwörterbuch unter Moloch) so wie an die der
+Astarte geschlachteten Kinder (Movers Phön. 2, 2, 69). Allerdings ist
+der semitische Gebrauch ein religiöser, also zum Kinderopfern gehörig.
+Doch liesse sich auch für blosses Aussetzen der Kinder manches
+Semitische beibringen.
+
+[J] Auch was Humboldt b5, 110-111 von den »Mysterien des Botuto«, einer
+Trompete von Thon mit mehreren kugelartigen Anschwellungen, die zu allen
+feierlichen Ceremonien gebraucht wird, erzählt, gehört hierher: »um in
+die Mysterien des Botuto eingeweiht zu werden, muss man rein von Sitten
+und unbeweibt sein. Die Eingeweihten unterziehen sich der Geiselung, dem
+Fasten und anderen angreifenden Andachtsübungen.« Durch die Trompete
+theilt der grosse Geist den Eingeweihten seinen Willen mit; sie stehen
+also mit den Göttern in näherem Verkehr als andere Menschen und das war
+auch der Grundgedanke der Areois. Ganz ähnlich wird von Haiti berichtet.
+»Die Caziken nämlich standen«, erzählt Waitz 4, 329 nach Herrera,
+Torquemada und Petr. Martyr, »ohne selbst Priester zu sein, doch an der
+Spitze des Cultus: die Tempel und Opferplätze, wo die Gottesverehrung
+stattfand, waren entweder ihre Häuser selbst oder Hütten, die als ihnen
+gehörig betrachtet wurden; dort waren die Bilder der Ahnen aufgestellt,
+die von Holz, inwendig hohl und mit einem Rohre versehen nur von ihnen
+um Orakel befragt werden konnten und nur aussprachen was sie ihnen
+eingaben. Sie berauschten sich zu diesem Zwecke mit einer Art von
+Schnupftabak und führten die heilige Handlung allein aus, von der
+natürlich das Volk ausgeschlossen blieb.« Auch Tänze gehörten zu diesen
+religiösen Mysterien, die sie allein kannten, auch dies wieder wie bei
+den Areois.
+
+[K] Jak. Grimm, Gesch. d. d. Sprache 1. Aufl. (1848) S. 143 ff. stellt
+eine Menge Völker zusammen, bei welchen derselbe Gebrauch vorkam:
+Scythen (Issedonen, nach Mela 3. Auflage 1868), Kelten (3. Auflage),
+Germanen verschiedener Stämme (Deutsche, Schweden) Romanen und Slaven.
+Merkwürdig ist, dass auch bei Heiligen-Schädeln der Gebrauch vorkommt,
+so zu Trier, zu Neuss, und nach Aventin (Ausg. v. 1566 fol. 33, a) zu
+Ebersberg und Regensburg. Der Gebrauch ist also derselbe; man sieht, es
+war wohl zunächst eine Art von Kannibalismus, dann aber auch ein Zeichen
+der Freundschaft, der Liebe, dankbarer Erinnerung. Zu beachten ist noch,
+dass Aventin sagt, Niemand hätte aus einem solchen Schädel trinken
+dürfen, wer nicht einen Feind erschlagen hätte, da auch dieser Zug an
+manches Aehnliche unter den Naturvölkern erinnert. Doch können wir diese
+höchst merkwürdigen Uebereinstimmungen hier nicht weiter verfolgen.
+
+[L] Herod. 4, 26 (nach Grimm a.a.O.) sagt von den Issedonen [Griechisch:
+epean andri apothanê patêr, hoi prosêchontes pantes prosagousi
+probata chai epeiten tauta thysantes chai chatatamontes ta chrea
+chatatamnousi chai ton tou dechomenou tethneôta gonea, anamixantes de
+panta ta chrea daita protitheatai]. Auch die Wilzen und Skythen assen
+ihre verstorbenen Eltern. Die Wenden tödteten noch im 16. Jahrhundert
+ihre arbeitsuntüchtigen Väter unter besonderen Ceremonien (Kühn,
+märkische Sagen und Mährchen 335). Auch hier stehen wir vor einer
+uralten und weit verbreiteten Sitte, die wir hier ebenfalls nur
+berühren, nicht abhandeln können. Vgl. was etwas weiter unten über Mare
+und Neuguinea gesagt wird. Ueber dieselbe Sitte bei Römern, Griechen,
+Phöniziern (Sardinien), spanischen, deutschen u.a. Völkern siehe Merklin
+in den Memoires de l'academie de Petersbourg 1852 S. 119 und Osenbrüggen
+in der Vorrede zu Cicero pro S. Roscio p. 51 ff. Auch das litauische
+Sprichwort (Schleicher lit. Mährchen 179) »wie das Söhnchen heranwächst,
+hat es auch den Vater erwürgt«, könnte auf eine ähnliche, jetzt längst
+abgekommene Sitte hinweisen.
+
+[M] Bei Bechst. bekommen Knaben nach Genuss einer Zauberspeise die
+Fähigkeit zu fliegen. In einem sehr ähnlichen indischen Mährchen bei
+Somadeva (Brockhaus 104) ist diese Speise Menschenfleisch. Ein
+Zusammenhang beider Erzählungen wäre nicht undenkbar.
+
+[N] Die Menschenschädel, welche am Eingange des Palastes, an den
+Stadtthoren und allen wichtigen Plätzen Dahomeys angebracht sind (Waitz
+2, 130), kann man gewiss nicht anders deuten. Auch unter den Semiten war
+der Gebrauch verbreitet: die phönicischen Städte wurden dadurch fest
+gemacht, dass man an ihren Thoren und sonst Menschen eingrub (Movers
+Phönizien 2, 46). Bei den Indogermanen kommt er vielfach vor; er war bei
+den Germanen sehr verbreitet, wie Ueberreste dieser Sitte noch heute
+beweisen; so wird z.B. am Südharz das kleinste Kind des Hauses barfuss
+in den frischen Estrich hineingestellt, damit er halte u.s.w. Bei den
+Slaven kommt er vor, wie sich in vielen ihrer Mährchen und Sagen zeigt
+(z.B. Talvj Volkslieder d. Serben 1, 117, die Erbauung Skodras); von den
+Kelten wird er gleichfalls erwähnt und Hahn albanesische Studien 1, 160
+erzählt dasselbe von Albanien. Die Thiere, die man jetzt dort schlachtet
+und ganz oder theilweise einmauert (wie auch in Deutschland viel
+geschah), vertreten nur die früheren geopferten Menschen. In Albanien
+herrscht auch, um das zu § 4 nachzutragen, ein ganz ähnliches
+Heilverfahren, wie bei Hottentotten, Amerikanern und Australiern. Jedes
+Uebel, das auch hier nur auf Bezauberung beruht, wird in Gestalt von
+etwas Festem aus dem Körper entfernt und dieses letztere dann
+eingewickelt fortgeworfen. Wer auf das Eingewickelte tritt, auf den geht
+die Krankheit über (ebend, 159).
+
+[O] Der getödtete Engländer hiess Cheyne und ist derselbe, welcher das
+auch von uns vielfach benutzte Buch a description of islands in the
+Western Pacific Ocean, north and south of the Equator geschrieben hat
+(Petermann, Mittheil. 1868, 28). Obwohl nun dies und seine anderen
+Schriften sehr werthvoll sind zur Kenntniss des sonst noch so wenig
+gekannten westlichen Theiles des stillen Ozeans; so hat man doch bei der
+Benutzung Vorsicht anzuwenden, da Cheyne, selbst Sandelholzhändler (und
+Trepangfischer) sich bei der moralischen Beurtheilung der geschilderten
+Völker sehr häufig von seinen Handelsinteressen beeinflussen lässt. So
+schildert er die Melanesier ohne Ausnahme (Fichteninsel, Lifu, Mare,
+Uea, Tanna, Erromango u.s.w.) als wild und »höchst verrätherisch« und
+war selbst häufig mit ihnen im Streit. Ebenso erzählt er von _allen_
+Karoliniern, dass man ihnen nicht trauen dürfe. Er steht also selbst auf
+dem Standpunkt der Sandelholzhändler und beachtet nicht, was die
+Eingeborenen von diesen an Ungerechtigkeit, Raub und roher Gewalt zu
+leiden hatten. Nach der Lektüre seines Buches wundert man sich nicht,
+dass er ein solches Ende genommen hat; das ganz einseitige Betonen
+seiner Handelsinteressen liess vielmehr nichts anderes erwarten. Es
+fällt daher von hier aus erst das wahre Licht auf die Vorgänge in Koror,
+sowohl auf sein Auftreten als auf den Racheakt des englischen
+Kriegsschiffes.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Über das Aussterben der Naturvölker
+by Georg Gerland
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14028 ***