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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14028 ***
+
+ÜBER DAS AUSSTERBEN DER NATURVÖLKER
+
+VON
+
+DR. GEORG GERLAND,
+
+LEHRER AM KLOSTER U. L. FR. ZU MAGDEBURG.
+
+
+LEIPZIG,
+
+VERLAG VON FRIEDRICH FLEISCHER.
+
+1868.
+
+SEINER EXCELLENZ
+
+DEM HERRN GEHEIMEN RATH
+
+H.C. VON DER GABELENTZ.
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Die Frage nach dem Aussterben der Naturvölker ist bis jetzt nur
+gelegentlich und nicht mit der Ausführlichkeit behandelt, welche die
+Wichtigkeit der Sache wohl verlangen kann. Am genauesten ist Waitz auf
+sie eingegangen in seiner Anthropologie der Naturvölker Bd. 1, 158-186;
+aber da auch er sie nur anhangsweise bespricht und in dem Zusammenhang
+seines Werkes nicht mehr als nur die Hauptgesichtspunkte angeben konnte
+und wollte; da er ferner manches nur andeutet oder ganz übergeht, was
+von grosser Wichtigkeit ist, so erscheint es durchaus nicht überflüssig,
+die Gründe für dies »räthselhafte« Hinschwinden selbständig und
+möglichst genau von neuem zu erörtern. Namentlich die psychologische
+Seite des Gegenstandes hat man bisher über die Gebühr vernachlässigt;
+sie wird deshalb in den folgenden Blättern besonders betont werden
+müssen.
+
+Das Material zur Beantwortung der Frage, die uns beschäftigen soll,
+findet sich zerstreut in einer grossen Menge von Reisebeschreibungen,
+ethnographischen und anthropologischen Werken. Da es mir aber darauf
+ankam, einmal--denn nur strengste Empirie kann uns bei unserer Frage
+fördern--meine Sätze durch getreue Quellenangabe zu stützen, und
+andererseits, dass die angeführten Citate nicht allzuschwer zugänglich
+seien, um nachgeschlagen werden zu können, so habe ich mich, wo es
+möglich war, auf Werke gestützt, die weiter verbreitet sind, und den
+Quellennachweis nur da weggelassen, wo das Gesagte in allen Reisewerken
+sich gleichmässig findet. Dass ich das schon erwähnte ausgezeichnete
+Werk meines nur allzufrüh verstorbenen Lehrers Waitz, die Anthropologie
+der Naturvölker, sehr reichlich benutzt habe, wird man nicht tadeln; man
+findet dort die oft sehr schwer zugänglichen Quellen in kritischer
+Auswahl beisammen--und wozu werden solche grundlegenden Werke
+geschrieben, wenn man nicht auf ihnen weiterbaut?
+
+Ich stelle hier der Uebersicht und des bequemeren Citirens wegen die
+Werke zusammen, welche ich als Belege benutzt habe, ohne die mit
+anzuführen, welche nicht öfters citirt sind. Einige, welche ich gern
+gehabt hätte, sind mir unzugänglich geblieben.
+
+
+Angas, Savage life in Australia and N. Zealand. London 1847.
+
+Australia felix. Berlin 1849.
+
+Azara, Reise nach Südamerika in den Jahren 1781-1801 (Magazin der merkw.
+neuen Reisen. Bd. 31. Berlin 1810).
+
+Bartram, Reisen durch Karolina, Georgien und Florida 1773. (eb. 10.
+Band). Berlin 1793.
+
+Beechey, Narrative of a voyage to the Pacific (1825-28). London 1831.
+
+Behm, Geographisches Jahrbuch. 1. Theil 1866. Gotha 1866.
+
+Bennett, Narr. of a whaling round the globe 1833-36. London 1840.
+
+v. Bibra, Schilderung der Insel Vandiemensland bearbeitet v. Röding.
+Hamburg 1823.
+
+Bougainville, Reise um die Welt 1766-69. Leipzig 1772.
+
+Bratring, Die Reisen der Spanier nach der Südsee. Berlin 1842.
+
+Breton Excursions in N.S. Wales, W. Australia and V. Diemensland. London
+1833.
+
+Browne, N. Zealand and its aborigines. London 1845.
+
+Carus, Ueber ungleiche Befähigung der verschiedenen Menschheits-Stämme.
+Leipzig 1849.
+
+v. Chamisso, Bemerkungen und Ansichten auf einer Entdeckungsreise
+(1815-18). Weimar 1821.
+
+Cheyne, a description of islands in the Western Pacif. Ocean etc. London
+1852.
+
+Cook, 3te Entdeckungsreise in die Südsee und nach dem Nordpol. 2. Bd.
+Berl. 1789.--id. b, 1ste Entdeckungsreise bei Schiller.
+
+Darwin, Naturwissenschaftliche Reise, übersetzt von Dieffenbach,
+Braunschw. 1844.
+
+Dieffenbach, Travels in N. Zealand. London 1843.
+
+Dillon, Narrative of a voyage in the South Sea. London 1839.
+
+Dumont d'Urville, a, Voyage de l'Astrolabe. Paris 1830. id. b, Voy. au
+Pole Sud. Paris 1841.
+
+Ellis, Polynesian Researches. London 1831.
+
+Erskine, Journal of a cruise among the Islands of the Western Pacific.
+London 1853.
+
+Finsch, N. Guinea und seine Bewohner. Bremen 1865.
+
+Freycinet, Voyage autour du monde (1817-20). Paris 1827.
+
+P. Mathias G***, Lettres sur les îles Marquises. Pasis 1843.
+
+Gill, Gems from the Coral Islands. London 1855.
+
+le Gobien, Histoire des Isles Marianes. Paris 1701.
+
+Grey, Journals of two expedit. in NW and W. Australia (1837-39). London
+1841.
+
+Gulick, Micronesia, Nautical Magazin 1862.
+
+Hale, Ethnographie and Philol. (Unit. States exploring expedition).
+Philadelphia 1846.
+
+Hearne, Reise von der Hudsonsbay bis zum Eismeere (1769-1772). Magaz. v.
+Reisebeschreibungen. 14. Bd. Berlin 1797.
+
+v. Hochstetter, Neuseeland. Stuttgart 1863.
+
+Howitt, Impressions of Australia felix. London 1845. id. a, Abenteuer in
+Australien. Berlin 1856.
+
+A. v. Humboldt, a) Versuch über den politischen Zustand des Königreichs
+ Neuspanien. Tübingen 1809.
+
+ b) Reise in die Aequinoktialgegenden des neuen Continentes,
+ deutsch v. Hauff. Stuttgart 1861.
+
+ c) Ansichten der Natur. 3. Aufl. Stuttgart u. Augsburg 1859.
+
+Jarves, History of the Haw. or Sandw. Islands. London 1843.
+
+v. Kittlitz, Denkwürdigkeiten auf einer Reise nach d. russ. Amerika,
+Mikronesien u. Kamtschatka (1826 etc.). Gotha 1858.
+
+v. Kotzebue, Entdeckungsreise in die Südsee und nach der Behringsstrasse
+(1815-18). Weimar 1821.
+
+Krusenstern, Reise um die Welt (1803-6). Berlin 1811.
+
+v. Langsdorff, Bemerkungen auf seiner Reise um die Welt (1803-7).
+Frankfurt 1812.
+
+La Pérouse, Entdeckungsreise 1785. Magazin von Reisebeschr. Band 16. 17.
+Berlin 1799 f.
+
+v. Lessep, Reise durch Kamtschatka und Sibirien, Magaz. v. Reisebeschr.
+4. Berlin 1791.
+
+Lichtenstein, Reise in Südafrika (1803-6). Berlin 1812.
+
+Lutteroth, Geschichte der Insel Tahiti, deutsch v. Bruns. Berlin 1843,
+
+Mariner, Tonga Islands. London 1818.
+
+Meinicke, a) Das Festland v. Australien. Prenzlau 1837.
+
+ b) Die Südseevölker u. das Christenthum. Prenzlau 1844.
+
+ c) Australien in Wappäus Handbuch der Geographie und
+ Statistik. 7. Aufl. 2. Bd. 2. Nachtr. Leipzig 1866.
+
+Melville, Vier Monate auf den Marquesas-Inseln. Leipzig 1847. Id. b,
+the present state of Australia. London 1851.
+
+Moerenhont, Voyage aux îles du grand Ocean. Paris 1837.
+
+Nieuw Guinea, ethnogr. en natuurk. onderzocht in 1858 door een Nederl.
+Ind. Commiss. Amst. 1862.
+
+Nixon, The cruise of the Beacon. London 1857.
+
+Novara, Reise der österr. Fregatte (1857-59). Wien 1861.
+
+Ohmstedt, Incidents of a whaling voyage. N. York 1841.
+
+Petermann, Mittheilungen u.s.w. a.d. Gesammtgebiet d. Geographie.
+
+Pöppig, Artikel Indier bei Ersch u. Gruber. 2. S. B. 17. 1840.
+
+Remy, Hist. de l'Arch. Hawaiien, texte et traduction. Paris et Leipzig
+1862.
+
+Salvado, Memorie storiche dell' Australia, part. della miss.
+benedettina. Roma 1851.
+
+Schomburgk, Reisen in Britisch-Guiana 1840-44. Leipzig 1848.
+
+Sparmann, Reise nach d. Vorgebirge der guten Hoffn. 1772-76. Berlin
+1784.
+
+Stewart, Journal of a residence in the Sandwich isl. (1823-25). London
+1828.
+
+Taylor, The Ika a Maui or N. Zealand and its inhabitants. London 1855.
+
+Thomson, The story of N. Zealand. London 1859.
+
+Thunberg, Reisen in Afrika und Asien 1772-79 im Mag. d. Reis. 7. Bd.
+Berlin 1792.
+
+v. Tschudi, Reisen durch Südamerika. Leipzig 1866.
+
+Turnbull, Reise um die Welt 1800-1804, Magaz. v. Reisebeschr. Bd. 27.
+Berlin 1806.
+
+Turner, Nineteen years in Polynesia. London 1861.
+
+Tyermann and Bennet, Journal of voy. in the S. Sea islands. London 1831.
+
+Vankouver, Reisen nach d. nördl. Theile der Südsee (1790-95). Magaz. v.
+Reisebeschr. Bd. 18. 19. Berlin 1799 f.
+
+Virgin, Erdumsegelung der Fregatte Eugenie (1831-33), übers. v. Etzel.
+Berlin 1856.
+
+Waitz, Anthropologie der Naturvölker. Leipzig 1859 f. id. b, Die
+Indianer Nordamerikas. Leipzig 1865.
+
+Williams, a Narrat. of Missionary enterprises in the South Sea Islands.
+London 1837.
+
+Williams and Calvert, Fiji and the Fijians ed. by Rowe. Lond. 1858.
+
+Wilson, Missionsreise ins südl. stille Meer 1796-98, Magaz. von
+Reisebeschr. Bd. 21. Berlin 1800.
+
+Zeitschrift für allgemeine Erdkunde, neue Folge.
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+ Vorwort. Quellen
+§ 1. Einleitung. Umfang des Aussterbens
+§ 2. Empfänglichkeit der Naturvölker für Miasmen. Krankheiten, welche
+ spontan bei der Zusammenkunft der Natur- und Kulturvölker entstehen
+§ 3. Direkt eingeschleppte Krankheiten
+§ 4. Behandlung der Kranken bei den Naturvölkern
+§ 5. Geringe Sorgfalt der Naturvölker für ihr leibliches Wohl
+§ 6. Charakter der Naturvölker
+§ 7. Ausschweifungen der Naturvölker
+§ 8. Unfruchtbarkeit. Künstlicher Abortus. Kindermord
+§ 9. Krieg und Kannibalismus
+§ 10. Menschenopfer
+§ 11. Verfassung und Recht
+§ 12. Natureinflüsse
+§ 13. Aeussere Einflüsse der höheren Kultur auf die Naturvölker
+§ 14. Psychische Einwirkungen der Kultur
+§ 15. Schwierigkeit für die Naturvölker, die moderne Kultur sich
+ anzueignen
+§ 16. Behandlung der Naturvölker durch die Weissen. Afrika. Amerika
+§ 17. Fortsetzung. Der stille Ozean
+§ 18. Geographische Vertheilung der einzelnen Gründe für das Aussterben
+ der Naturvölker. Vergleichung dieser Gründe in Bezug auf ihr Gewicht
+§ 19. Vergleichung der Natur- und Kulturvölker in Bezug auf ihre
+ Lebenskraft
+§ 20. Aussterbende und ausdauernde Naturvölker
+§ 21. Die afrikanischen Neger
+§ 22. Folgerungen aus der Art, wie die Naturvölker von den Kultur
+ behandelt sind
+§ 23. Zukunft der Naturvölker; Mittel sie zu heben
+§ 24. Werth der Naturvölker für die Menschheit und ihre Entwickelung.
+ Schluss
+
+
+
+
+§1. Einleitung. Umfang des Aussterbens.
+
+
+Die Erscheinung, dass eine Reihe von Völkern vor unseren Augen durch
+langsameres oder rascheres Hinschwinden ihrem Untergang entgegengeht,
+ist eine überaus wichtige. Dass sie für die Geschichtsforschung grosse
+Bedeutung hat, leuchtet ohne weiteres ein; dass sie für die
+Naturgeschichte des Menschen, die Anthropologie entscheidend ist,
+ebenfalls. Und wenn es sich als wahr bestätigt, dass, wie man behauptet
+hat, diese Völker aus einer Lebensunfähigkeit, welche ihrer Natur
+anhaftet, dem Aufhören entgegengehen; so ist, da die nothwendige
+Folgerung jener Behauptung dahin führt, dass man verschiedene Arten,
+höhere und niedere im Geschlecht Mensch annimmt, die Beantwortung dieser
+Frage auch für die Philosophie massgebend. Praktisch hat man sie von
+jeher in den Staaten betont, wo Weisse mit Farbigen zusammenleben; wie
+man eben die Theorie der geringeren Lebensfähigkeit nicht weisser Raçen
+zuerst in diesen Staaten aufgestellt hat.
+
+Und allerdings ist es auffallend, dass nur farbige Raçen dies
+Hinschwinden zeigen und am meisten es da zeigen, wo sie mit der weissen
+in Berührung gekommen sind; dass die Weissen, obwohl sie doch ihre
+Heimat, das gewohnte Klima u.s.w. aufgegeben haben und in unmittelbarer
+Berührung mit denen leben, welche in ihrem Vaterlande, scheinbar unter
+den alten Lebensbedingungen, verkommen, gänzlich davon verschont zu sein
+scheinen.
+
+Während wir nun dies Hinschwinden hauptsächlich bei den kulturlosen
+Raçen, bei den Naturvölkern, d.h. bei den Völkern finden, welche dem
+Naturzustande des Menschengeschlechtes noch verhältnissmässig nahe
+stehen (Waitz 1, 346), oder bei welchen, um mit Steinthal zu reden, noch
+keine bedeutende Entwickelung der logischen Fähigkeiten stattgefunden
+hat: so sehen wir es doch ebenfalls auch da, wo farbige Raçen sich zur
+Kultur und sogar zu einer gewissen Höhe der Kultur emporgeschwungen
+haben, in Polynesien, in Mexiko, in Peru, und man hat daher geschlossen,
+einmal dass diese Kultur doch nur Halbkultur und wenig bedeutend gewesen
+sei, denn wäre sie wahr und ganz gewesen, so würde sie grössere Kraft
+verliehen haben: oder aber, dass bestimmte Raçen, auch wenn sie sich
+wirklich über das Niveau der gewöhnlichen »Wilden« erhoben hätten,
+dennoch einem frühen Tode entgegengingen, weil sie nun eben von der
+Natur zum Aussterben bestimmt seien, weil es ihnen eben, in Folge ihrer
+Raçeneigenthümlichkeit, an Lebensfähigkeit fehle, welche keine Kultur
+ersetzen könne: vielmehr decke jede Art von Kultur diesen Mangel nur um
+so mitleidsloser auf. Allerdings gibt es auch farbige Raçen und
+Naturvölker, bei welchen an ein Aussterben nicht zu denken ist; und
+andererseits sind auch Theile von Kulturvölkern, indogermanische,
+semitische Stämme verschwunden und ausgestorben. Allein bei letzteren
+redet man nicht von einer geringeren Lebensfähigkeit, einmal wegen der
+Verwandtschaft dieser Stämme mit den anerkannt lebensfähigsten Völkern
+der Welt; andererseits auch wegen der Art ihres Verschwindens. Denn der
+Grund, warum sie aufgehört haben zu existiren, liegt klar auf der Hand;
+theils sind sie durch Krieg vernichtet, wie so viele Völker, welche mit
+dem alten Rom kämpften, theils sind sie mit anderen Kulturvölkern, die
+sie rings umgaben, verschmolzen, wie die Gothen, die Vandalen, theils
+trat beides zugleich ein: die höhere Kulturstufe, welche sie besiegte,
+nahm die besiegten Reste in sich auf, wie die alten Preussen, die Wenden
+und so viele slavische Völkerschaften durch und in Deutschland, die
+Iberer, die Kelten durch und in das römische Wesen verschwanden. So war
+auch zweifelsohne das Loos der Völker, welche vor der Einwanderung der
+Indogermanen Europa inne hatten. Anders aber ist das Hinschwinden der
+Naturvölker: wo sie mit höherer Kultur zusammenkommen, auch da, wo diese
+letztere sich friedlich gegen sie verhält, sehen wir sie von Krankheiten
+ergriffen werden, ihr physisches und psychisches Vermögen versiechen,
+und ihre Zahl, oft ausserordentlich rasch, sich vermindern. Allerdings
+sind auch einzelne Naturvölker aufgerieben oder doch stark vermindert
+durch ganz äusserliche und leicht begreifliche Gründe: so namentlich
+viele malaiische Stämme, welche durch nachrückende verwandte Völker ins
+Gebirge zurückgedrängt und dabei gewiss ebenso so stark vermindert
+worden sind, als durch ihr gleiches Schicksal die Basken in Europa,
+während sie in ihren Bergen sich in ziemlich gleichbleibender Anzahl
+halten; so die Bewohner der Warekauri-(Chatam-) Inseln bei Neu-Seeland,
+die Moreore. welche 1832-35 noch 1500 etwa betrugen, durch die
+Neu-Seeländer aber, die in jenen Jahren einen Zug nach den
+Warekauriinseln unternahmen, fast ganz ausgerottet sind, so dass ihre
+Zahl jetzt nur noch 200 beträgt: und auch diese nehmen, durch
+Assimilation an die eingewanderten Maoris rasch ab (Travers bei Peterm.
+1866, 62). Auch müssen wir hier die schwarze Urbevölkerung
+Vorderindiens, die dekhanischen und Vindhyavölker erwähnen, weil auch
+sie nach Lassen (ind. Alterthumskunde 1, 390) allmählich abnehmen.
+Früher waren sie weiter ausgebreitet und einzelne Reste von ihnen
+scheinen sich (Lassen a.a.O. 387 ff.) in Himalaya, in Belutschistan,
+Tübet und sonst erhalten zu haben. Sie wurden durch die nachrückenden
+arischen Inder und gewiss nicht friedlich in die Gebirge zurückgedrängt
+(Lassen 366), wo sie nun theils im barbarischen Zustande weiter lebten,
+theils aber, und so namentlich die südlicheren Dekhanvölker, in die
+indische Kultur übergingen (Lassen 364. 371). Ein ähnliches Schicksal
+hatten verschiedene amerikanische Stämme, die von anderen mächtigeren
+Indianervölkern theils aufgerieben, theils sich einverleibt wurden; auch
+wird von einzelnen Hottentottenvölkern eine ähnliche Vermischung mit
+Kafferstämmen erwähnt (Waitz 2, 318).
+
+Doch scheinen auch manche Völker vermindert oder gar verschwunden, ohne
+es in Wirklichkeit zu sein. Ein solcher Schein ist hervorgerufen, wie
+Waitz 1, 159-160 zeigt, theils durch Umänderung von Namen, wo man nun
+fälschlich annahm, weil der Name nicht mehr existire, so sei auch das
+Volk erloschen, oder durch Irrthümer der Reisenden, indem sie manche
+Namen zu weit ausdehnen, andere aber auf völligem Missverständniss
+beruhen, oder durch falsche Schätzung der Volkszahl, wie man sie oft
+sehr übertrieben, namentlich bei älteren Reisenden, z.B. für Polynesien
+bei Cook, findet u. dergl.
+
+Ehe wir nun aber die Gründe für jenes weniger leicht zu erklärende
+Hinschwinden der Naturvölker aufsuchen, müssen wir den Umfang desselben
+betrachten, wobei wir ausser Europa alle Welttheile zu berücksichtigen
+haben.
+
+In Asien sterben aus oder sind schon ausgestorben die Kamtschadalen und
+so rasch ging ihre Verminderung vor sich, das Langsdorff (1803-4,
+Krusensterns Begleiter) Ortschaften, welche die Cooksche Expedition und
+La Perouse noch wohl bevölkert sahen, völlig menschenleer fand. Wenn La
+Perouse 1787 auf der Halbinsel im ganzen noch 4000 Bewohner fand
+(2,166), so sind die russischen Einwanderer in dieser Zahl, bei der
+trotzdem auf mehrere Quadratmeilen kaum ein Mensch kommt, schon
+einbegriffen. Denn Cooks Reisebegleiter (1780) fanden, nach den
+Mittheilungen eines dort ansässigen Offiziers in Kamtschatka nur noch
+3000 Einwohner, wobei die Kurilen schon mitgerechnet sind; sie erzählen
+selbst, wie sich die Eingeborenen immer mehr mit den einwandernden
+Russen verbinden und ihre Zahl dadurch immer mehr abnimmt (Cook 3. R. 4,
+175). La Perouses Reisegefährte Lessep (41) behauptet, dass nur noch ein
+Viertel der eigentlichen Kamtschadalen übrig sei; und er war noch nicht
+ein volles Jahrhundert nach der ersten Unternehmung der Russen (1696)
+gegen Kamtschatka dort. Dasselbe Schicksal haben ausser den Jakuten und
+Jukagiren in Sibirien Waitz, (1, 164) auch die Aleuten auf den
+Fuchsinseln und die ihnen verwandten Stämme auf den nächsten Küsten von
+Amerika, die wir hier gleich erwähnen, weil auch sie wie die
+Kamtschadalen unter demselben Drucke Russlands stehen. Langsdorff fand
+auf den Fuchsinseln nur gegen 300 Männer, während er für 1796 1300 und
+für 1783-87 gar 3000 und mehr angibt. Das Steigen der Zahlen, welches
+wir im Anfang dieses Jahrhunderts finden, ist keineswegs tröstlich. Denn
+wenn Chamisso (177, zweite Note) nach aktenmässigen Mittheilungen für
+1806 die Aleuten der Fuchsinseln auf 1334 Männer und 570 Frauen, 1817
+dagegen auf 462 Männer und 584 Frauen angibt, so versieht er erstlich
+diese allerdings auffallenden Zahlen selbst mit einem Fragezeichen; und
+zweitens, wenn sie auch richtig sind, Langsdorff sich geirrt und die
+Volkszahl sich nicht durch russische Einwanderer vermehrt hat: das
+Sinken der Bevölkerung von 1806-1817 ist gewiss eben so arg als wie wir
+es bei Langsdorff geschildert finden. Der offizielle Bericht von 1860
+bei Peterm. 1863, 70 gibt 4645 Bewohner der Fuchsinseln an: allein hier
+sind jedenfalls die Russen, welche jetzt auf den Inseln ansässig sind,
+mitgezählt, obwohl die Mischlinge, 1896 Seelen, noch besonders angegeben
+werden und diese Vermehrung, welche sich auf Kamtschatka gleichmässig
+findet, ist nur eine scheinbare.
+
+Bekannt ist das Aussterben der Ureinwohner Amerikas, deren Zahl man in
+Nordamerika für die Zeit der Entdeckung etwa auf 16 Millionen, jetzt
+kaum noch 2 Millionen schätzt (Waitz b, 16). 1864 betrug die Zahl der
+Indianer in den Vereinigten Staaten etwa 275,000; 1860 zählte man noch
+294,431; 1841 aber, auf kleinerem Gebiete 342,058 Seelen, so dass sich
+also hier in 23 Jahren ein Verlust von nahezu 70,000 Menschen
+herausstellt (eb. 18). Noch geringere Zahlen gibt Behm (105 ff.) an,
+nämlich 268,000 unabhängige Indianer für die Vereinigten Staaten,
+155,000 für britisch Nordamerika. Und während d'Orbigny (1838) für den
+von ihm bereisten grösseren Theil von Südamerika 1,685,127 Indianer
+zählte (Waitz b, 16). so stellt Behm auch hier geringere Zahlen auf:
+Brasilien hat nach ihm (a.a.O.) 500,000 unabhängige Indianer, die drei
+Guyanas 9770, Venezuela 52,400, Neu-Granada 126,000, Ekuador 200,000,
+Peru 400,000, Bolivia 245,000, Chile 10,000, die Staaten der
+argentinischen Republik 40,000, Patagonien und Feuerland 30,000, also
+zusammen 1,613,170 und zwar für ganz Südamerika. So viel aber betrug
+allein die Bevölkerung von Chile zur Zeit der Entdeckung (Pöppig 385
+Anmerkung) nach einer der kleinsten Annahmen. Mittelamerika hatte um
+1800 zwei und eine halbe Million unvermischter Ureinwohner und diese
+Zahl war im Wachsen (Humboldt a 1, 107); aber zur Zeit der Entdeckung
+betrug die Volkszahl in Tenuchtitlan, der alten Hauptstadt von Mexiko
+und dem ihm nahe gelegenen Tezkuko allein nach mittleren Angaben fast
+eine Million und das Land war dicht bedeckt mit grossen und volkreichen
+Städten. Behm nimmt als jetzige unabhängige Urbevölkerung nur 6000 an
+(a.a.O.), eine Zahl, welche gegen Humboldts Angaben ausserordentlich
+gering ist: allein Behm schätzt hier nur die Indianer ab, »welche sich
+den Behörden vollständig entziehen«, während Humboldt auch die
+Eingeborenen mitbegreift, welche sich am europäischen Leben so gut wie
+die spanischen Mexikaner betheiligen. Behm (114) schätzt diese auf
+4,800,000. Natürlich geht dies Aussterben auch jetzt noch weiter, wofür
+v. Tschudi 2, 216 ein Beispiel gibt: die Malalies, ein araukanischer
+Stamm, 1787 noch über 500 Individuen stark, schmolzen in jener Zeit
+durch Kriege auf 26 Seelen zusammen. Obwohl sie nun 70 Jahre lang
+ansässig sind und ungefährdet gelebt haben, ist ihre Zahl doch nicht
+höher als auf einige über dreissig gestiegen.
+
+In Afrika sind es die Hottentotten zunächst, welche in den Kreis unserer
+Betrachtung hineingehören. Während sie früher sich weit hin in das
+Innere von Südafrika ausdehnten und in eine zahlreiche Menge von
+einzelnen Stämmen zerfielen, finden wir sie jetzt auf sehr viel
+kleinerem Gebiete und aufgerieben bis auf 3 Stämme, die Korana, Namaqua
+und Griqua (Waitz 2, 317 ff.), deren Zahl fortwährend im Fallen ist.
+Auch die Kaffern müssen hier erwähnt werden, denn im brittisch Kafraria
+hat sich 1857 die Bevölkerung um mehr als die Hälfte vermindert: sie
+betrug am Anfang des Jahres 104,721 Seelen und am Ende desselben nur
+noch 52,186 (Peterm. 1859 S. 79 nach dem Population Return v. John
+Maclean Chief Commissioner): nach Behm jedoch (100) 1861 74,648
+Eingeborene.
+
+Es bleibt uns nun noch Australien und Ozeanien zu betrachten übrig, wo
+an vielen Orten die Bevölkerung rasch hinschwindet, so namentlich in
+Neuholland. Doch ist es gerade für dies Land schwer, ja ganz unmöglich,
+Zahlen aufzustellen, weil die Stämme fortwährend hin- und herziehen und
+daher alle Zahlangaben sehr wenig zuverlässig sind (Grey 2, 246). Die,
+welche Meinicke a 177 aufstellt, beweisen dies zur Genüge, und selbst
+die bei Behm (72) sind nicht sicherer. Nur von Südaustralien, Queensland
+und Viktoria hat er bestimmte Zählungsergebnisse und so ist seine
+Gesammtziffer 55.000 nur eine sehr ungefähre. Alle Quellen aber
+berichten einstimmig, dass die Bevölkerung wenigstens der Küsten
+reissend abnimmt; dass Stämme, welche früher nach Hunderten zählten,
+jetzt vielfach bis auf ebenso viel Zehner zusammengeschmolzen sind. Die
+Bevölkerung Tasmaniens betrug 1843 noch 54 Individuen, 1854 noch 16
+(Nixon 18) und ist jetzt wohl ganz ausgestorben.
+
+Wenn auch nicht so reissend, so vermindern sich doch auch die Melanesier
+an verschiedenen Gegenden ihres Gebietes: so nach Reina (Zeitschr. 4.,
+360), die Völker der kleinen Inseln in der Nähe von Neuguinea: so nach
+D'Urville 5, 213 die Bewohner von Vanikoro, nach Turner 494 die
+Eingeborenen der neuen Hebriden, wie z.B. die Bevölkerung von Anneitum
+1860, welche Turner auf 3513 Seelen schätzt, 1100 Menschen durch eine
+Masernepidemie verlor (Muray bei Behm 77) und die von Erromango 1842
+durch eine gefährliche Dysenterie um ein Drittel vermindert wurde
+(Turner a.a.O.); und so finden sich noch verschiedene Angaben zerstreut.
+
+In Mikronesien ist die Bevölkerung der Marianen, welche bei Ankunft der
+Spanier 1668 mindestens 78,000 Einwohner gehabt haben, für die aber auch
+100,000 durchaus nicht zu hoch gegriffen ist (Gulick 170) gänzlich
+ausgestorben. Schon um 1720 hatten die Inseln (und zwar nur noch die
+beiden südlichsten) nicht mehr als etwa 2000 Einwohner, und von diesen
+waren sehr viele von den Philippinen her verpflanzte Tagalen. Ponapi
+(Puynipet, Ostende der Karolinen) hatte nach Hale (82) 15.000 Bewohner,
+welche Annahme vielleicht etwas, aber nicht viel zu hoch ist[A]; jetzt
+hat sie (Gulick 358) noch 5000, Kusaie (Ualan) hatte 1852 12-1300, 1862
+nur noch 700 Menschen (Gulick 245).
+
+In Polynesien betrug auf Tahiti die Bevölkerung zu Cooks Zeiten (1770)
+etwa 15-16,000 Seelen (G. Forster nach einer spanischen Beschreibung von
+Tahiti a.d. Jahre 1778 ges. Werke 4,211, Bratring 104, welcher derselben
+Quelle folgt oder wenigstens einer nahe verwandten). Dieselbe Zahl fand
+Wilson noch im Jahre 1797; Turnbull (259) gibt nur 5000 an im Jahre
+1803, Waldegrave bei Meinicke b, 113 6000 für 1830 und Ellis 1, 102 für
+1820 etwa 10,000, welche Zahl Virgin auch für 1852 angibt (2, 41). Mögen
+auch diese Zahlen unbestimmt und schwankend und Turnbulls Angaben
+negativ übertrieben sein: so viel ist sehr klar, dass seit der
+Entdeckung durch die Europäer die Entvölkerung dieser Insel, welche
+indess nach den Aussagen der Eingebornen (Virgin 2, 41) schon früher
+begonnen hatte, rasch fortgeschritten ist; bis unter die Hälfte der
+früheren Kopfzahl sinken die Angaben. Auf den übrigen Societätsinseln
+war das Verhältniss (Meinicke a. a. O.) ein ähnliches. Auch jetzt
+scheint das Aussterben, obwohl langsamer, fortzugehen: der offizielle
+französische Bericht für 1862 gibt für Tahiti 9086 Bewohner an (Behm
+81).
+
+Auf Laivavai, einer der Australinseln, betrug die Bevölkerung 1822
+mindestens 1200, 1830 nur noch etwa 120 und 1834 kaum noch 100 Seelen
+(Mörenhout 1, 143). Günstiger ist Meinickes Schätzung, welcher auf der
+ganzen Gruppe Ende 1830 etwa 5000 Seelen, für 1840 nur noch 2000 annimmt
+(a.a.O. 114). Rapa schätzte Vankouver 1795 auf 1500 Einwohner, Mörenhout
+(1, 139) 1834 nur noch auf 300 und diese waren in stetem Abnehmen. Auch
+die Herveygruppe, welcher Ellis 1, 102 10-11,000 Bewohner gibt, ist
+jetzt viel minder zahlreich bewohnt, namentlich Rarotonga, welches durch
+eine furchtbare Seuche im höchsten Grade gelitten hat (Williams 281).
+
+Ganz ebenso schlimm ist es in Hawaii, wo nach Ohmstedt 262, die
+Bevölkerung in den Jahren 1832-36 von 130,000 auf 102,000 Seelen, also
+in 4 Jahren um 28,000 Seelen gesunken ist! Mag Ohmstedt nun auch Recht
+haben, dass die Bevölkerungsziffer für 1836 zu gering ist, weil eine
+Menge Geburten nicht angezeigt worden sind: so ist das Hinschwinden
+trotzdem ganz ausserordentlich, zumal die Insel zu Cooks Zeiten, der
+400,000 Einwohner angibt, wohl an 300,000 nach Jarves Berechnung (373)
+hatte. Die Zahlen bei Meinicke (b, 115-16 nach der Sandwich Isl.
+gazette) sind zwar nicht genau dieselben, das Verhältniss der Abnahme
+aber bleibt, auch wenn wir ihnen folgen, unverändert. Nach Virgin 1, 267
+hatte die Hawaiigruppe 1823 etwa 142,000 Seelen, 1832 noch 130,313, 1836
+108,579 und 1850 betrug die Zahl nur noch 84,165! also in 78 Jahren hat
+sich die Bevölkerung um ein Drittel gemindert und die Zahl der Geburten
+verhielt sich zu den Todesfällen wie 1:3! Auch jetzt noch schreitet die
+Verminderung fort: die Zahl der Eingeborenen betrug nach dem Census von
+1860 nur 67,084 Seelen (Behm 85).
+
+Auch auf dem Markesasarchipel, dessen Bevölkerung nach Meinicke (b, 115)
+22,000 Menschen beträgt, ist ein Hinschwinden bemerkt: so verlor
+Nukuhiva (Rodriguet in Revue de 2 mondes 1859 2, 638) von 1806-12 zwei
+Drittel seiner Bevölkerung durch Hungersnoth. Auf Neu-Seeland beträgt
+die Abnahme der Bevölkerung in den letzten 14 Jahren etwa 19-20 Percent;
+1770 betrug sie etwa 100,000 und 1859 noch 56,000 (Hochstetter 474, nach
+Fenton). Nach offiziellen Berichten im Athenäum (Zeitschr. 9, 325),
+welche zu Hochstetters Angaben nicht ganz stimmen, war die Zahl der
+Eingebornen 1858 87,766, und zwar, auffallend genug, 31,667 Männer und
+56,099 Frauen. Dagegen treffen die offiziellen Berichte von 1861
+(Meinicke c 557) mit Hochstetter überein: denn sie geben 55,336
+Eingeborene an. Letzteres ist wohl das richtigere. Nach Fenton (Reise
+der Novara 3, 178) verhielten sich bis gegen 1830 die Sterbefälle und
+Geburten zur Gesammtbevölkerung wie 1: 33,04 und 1: 67,12.
+
+Auf Samoa nimmt nach Erskine 104 die Bevölkerung, 37,000 Seelen,
+gleichfalls ab, und zwar soll die Abnahme nach den Berichten der
+Missionäre in 10 Jahren auf einer Insel von 4000 bis zu 3700 oder 3600
+vorgeschritten sein (eb. 60).
+
+Auch die Pageh auf Engano, ein den Polynesiern ähnlicher malaiischer
+Stamm auf einer kleinen Insel südlich von Sumatra sterben aus nach
+Wallands Urtheil, der auf der Insel eine äusserst geringe Kinderzahl
+vorfand--nur fünf im Ganzen (Zeitschr. 16, 420).
+
+
+
+
+§ 2. Empfänglichkeit der Naturvölker für Miasmen. Krankheiten, welche
+spontan bei der Zusammenkunft der Natur- und Kulturvölker entstehen.
+
+
+Indem wir uns nun anschicken, die Gründe für dies Hinschwinden
+aufzusuchen, wollen wir zuerst vernehmen, wie man sich über die
+Lebensunfähigkeit dieser Stämme geäussert hat. Pöppig (386) sagt von
+Amerika: »Es ist eine unbezweifelte Thatsache, dass der kupferfarbene
+Mensch die Verbreitung europäischer Civilisation nicht in seiner Nähe
+verträgt, sondern in ihrer Atmosphäre ohne durch Trunk, epidemische
+Krankheiten oder Kriege ergriffen zu werden, dennoch wie von einem
+giftigen Hauche berührt ausstirbt. Die zahlreichen Versuche der
+Regierungen haben Sitte und Bürgerthum unter jener Raçe nie einheimisch
+machen können, denn ihr fehlt die nöthige Perfektibilität. Dieser Mangel
+macht die durchdachten und menschenfreundlichen Pläne der Erziehung zu
+nichte und rechtfertigt den Vergleich jener Menschheit mit jener eine
+eigenthümliche Physiognomie tragenden, aber niederen Vegetation, die das
+dem Meere entstiegene Land zuerst in Besitz nimmt, aber in dem Masse wie
+höher ausgebildete und kräftigere Pflanzen sich entwickeln, sich
+vermindert und zuletzt auf immer verschwindet. Wie sehr das menschliche
+Gefühl sich gegen eine solche Annahme sträubt, so glauben wir doch in
+den Amerikanern _einen von der Natur selbst dem Untergang geweihten_
+Zweig unseres Geschlechtes zu sehen. In den leer gewordenen Raum tritt
+eine _geistig vorzüglichere_, beweglichere, aus dem Osten stammende
+grosse Familie. Wie diese ihrer Bestimmung zur allgemeinsten Verbreitung
+gehorsam sich ausdehnt und die entlegensten Wildnisse sich unterwirft,
+so legt die Urbevölkerung sich zum Todesschlafe nieder und verschwindet
+selbst aus dem Gedächtnisse des neuen Volkes. In weniger als einem
+Jahrhundert wird vielleicht die Forschung über die ersten Bewohner eines
+ganzen Welttheils dem Gebiete der Archäologie überwiesen werden müssen,
+und dann erst wird das Tragische und Räthselhafte ihres Schicksals
+begriffen (?) und tief empfunden werden.«
+
+So schrieb 1840 ein deutscher Gelehrter, der lange Reisen in Amerika
+gemacht hatte. Auch Carus Phantastereien von Tag-, Nacht- und
+Dämmerungsvölkern (17 ff.) gehören hierher; seine westlichen
+Dämmerungsvölker, »sie, die wirklich dem Untergange zugewendet sind und
+ihrem Verlöschen mehr und mehr entgegengehen«, sind die Amerikaner;
+seine Nachtvölker, welche sich »über Afrika ausdehnen und hinab gegen
+Süden über Australien (!), Van Diemensland und einen Theil von
+Neuseeland (als Papus!!) erstrecken«, stehen noch tiefer in ihrer
+geistigen Entwickelung und Fähigkeit. Ganz ähnlicher Ansicht über die
+Neuholländer, wie Pöppig über die Amerikaner, scheint Meinicke zu sein,
+nur dass er sich verhüllter ausdrückt; doch nennt er sie einen »dem
+Untergang _geweihten_« Volksstamm (c 522) und spricht hier n. a 2, 215
+von ihrer »gänzlichen Unbildsamkeit«. Viel direkter hat man von der
+Unbildsamkeit, von dem nothwendigen Untergang, von der geringen
+Lebensfähigkeit der tieferstehenden und mangelhaft organisirten Raçen in
+Amerika (Waitz 3, 45) und den Kolonieen in Afrika, Neuholland und
+Polynesien gesprochen; da man denn sich auch weiter kein Gewissen
+machte, den Untergang, welchem diese Raçen nun doch einmal geweiht
+seien, damit auf ihren Trümmern sich das bessere Leben höherstehender
+Raçen entwickeln könne, mit allen Mitteln beschleunigen zu helfen.
+
+Aber auch vorurtheilsfreie Forscher sehen in diesem Hinschwinden etwas
+Räthselhaftes, so Waitz 1, 173, wenigstens in Beziehung auf Australien
+und Polynesien, da hier eine Hauptursache der Entvölkerung, welche in
+Amerika so wirksam war, der Druck durch die Weissen, in Polynesien ganz
+wegfalle, in Australien wenigstens nicht weitgreifend gewirkt habe.
+»Begreiflicher Weise, fährt er jedoch fort, ist das Aussterben eines
+Volkes, das früher kräftig und gesund gewesen ist, nicht damit erklärt,
+dass man ihm die Lebenskraft abspricht oder einen ursprünglichen Mangel
+der Organisation zuschreibt, und es hat an sich schon etwas sehr
+Unbefriedigendes für eine so seltene und abnorme Erscheinung einen
+geheimnissvollen Zusammenhang anzunehmen, dem sie ihre Entstehung
+verdanke; man wird vielmehr hier wie überall nach dem natürlichen
+Zusammenhange der Sache zu suchen haben, wenn man sich auch schliesslich
+zu dem Geständnisse genöthigt finden sollte, dass es bis jetzt nicht
+gelingen will, denselben vollständig aufzuklären.«
+
+Wir wollen sehen, ob wir zu diesem Geständniss genöthigt werden.
+
+Auch Darwin (2, 213) sieht bei diesem Aussterben, für welches er viele
+natürliche Gründe anführt, auch »noch irgend eine mehr räthselhafte
+Wirksamkeit« thätig. »Die Menschenraçen, sagt er, scheinen auf dieselbe
+Art aufeinander zu wirken, wie verschiedene Thierarten, von denen die
+stärkere die schwächere vertilgt.« Er macht darauf aufmerksam, dass fast
+bei jeder Berührung der Naturvölker und der Weissen, oft auch von
+Stämmen ein- und desselben Volkes, welche in verschiedener Gegend
+wohnen, seuchenartige Krankheiten entstehen, oft bei völliger Gesundheit
+der Schiffsmannschaft und der von ihr besuchten Völkerschaft, »von denen
+alsdann vorzugsweise die niedere von beiden Raçen oder die der
+Eingeborenen, welche in ihrem Lande von Fremden aufgesucht werden, zu
+leiden hat« (Waitz 1, 162). Und hierzu lassen sich die Beispiele
+allerdings häufen. So sagt Humboldt (a 4, 392), dass in Panama und Calao
+der Anfang grosser Epidemien des gelben Fiebers »am häufigsten durch
+die Ankunft einiger Schiffe aus Chile bezeichnet werde«, obwohl doch
+Chile selbst eines der gesündesten Länder der Welt sei und das gelbe
+Fieber gar nicht kenne; aber die schädlichen Folgen der ausserordentlich
+erhitzten und durch ein Gemisch von faulen Dünsten verdorbenen Luft, an
+welche die Organe der Eingeborenen gewöhnt seien, wirkten mächtig auf
+Individuen aus einer kälteren Region. Aehnlich verhält es sich mit dem
+Ausbrechen des gelben Fiebers in Mittel- und Nordamerika, das
+eingeschleppt zu haben so häufig die eine der genannten Gegenden
+Besuchern aus der anderen vorwirft (Humboldt a.a.O. 384). Die »grausame
+Epidemie« von 1794, wo Verakruz ungewöhnlich heftig vom gelben Fieber
+heimgesucht war, fing an mit der Ankunft dreier Kriegsschiffe (eb. 423).
+Ebenso schreiben die Einwohner Egyptens das Ausbrechen der Pest der
+Ankunft griechischer Schiffe zu und umgekehrt die Bewohner Griechenlands
+und Konstantinopels egyptischen (eb. 384), wobei keineswegs immer an
+eine Einschleppung zu denken ist. Auf Rapa (Australinseln) traten
+tödtliche Krankheiten nach dem Besuch von englischen Schiffen auf,
+welche die Hälfte der Eingeborenen dahinrafften (Mörenh. 1, 139); auf
+Tubuai (Australinseln) ward die Bevölkerung durch Krankheiten, welche
+mit der Mission 1822 auftraten, auf die Zahl von 150 heruntergebracht
+(eb. 2, 343). Raivavai, welches 1822 noch 1200 Einwohner hatte, besass
+1830 etwa noch 120 durch gleiches Schicksal (eb. 1, 143). Williams
+(283-84) spricht es als seine eigene Erfahrung aus, dass die meisten der
+Seuchen, die er in der Südsee erlebte, durch Schiffe, deren Mannschaft
+ganz gesund sei und nur auf ganz erlaubtem, gewöhnlichem Wege mit den
+Eingeborenen verkehrte, veranlasst wurden. Das erste Zusammentreffen
+zwischen Europäern und Eingeborenen, sagt er, ist fast immer mit dem
+Fieber, mit Dysenterie u. dergl. bezeichnet; so starb auf Rapa die
+Hälfte der Eingeborenen aus; so entstand die furchtbare Seuche auf
+Rarotonga (Herveyinseln), die er 282 schildert. Ganz dasselbe sagt
+Virgin 1, 268; »Auch nur kurze Besuche von Fahrzeugen haben auf den
+Inselgruppen der Südsee Krankheiten von mehr oder minder verderblicher
+Natur verursacht, die sich sogar erst längere Zeit nachher gezeigt
+haben. Es hat sich dies auch sogar zugetragen, ungeachtet die Besatzung
+der Schiffe vollkommen gesund war und die Krankheiten sind nicht stets
+solche gewesen, welche möglicherweise durch eigentliche Ansteckung
+mitgetheilt werden konnten oder welche in Europa zu denen gehören, deren
+Beschaffenheit in der Regel mehr oder weniger tödtlich ist.« Von Tahiti
+erzählt Bratring 145, dass 1775 bei der Anwesenheit der Spanier unter
+Boenechea ein ansteckendes Katarrhalfieber ausbrach. Nach Cooks Besuch
+litt die Insel unter Dysenterie (Mörenh. 2, 425) und die Tahitier selbst
+schrieben schon um 1800 alle Krankheiten den Berührungen mit fremden
+Schiffen zu (Turnbull 266). Beechey 1, 94-95 berichtet Aehnliches von
+den Inseln Pitkairn. Bei regnichtem Wetter und bei gelegentlichen
+Besuchen von Schiffen, sagt er, leiden die Eingeborenen (eine
+Mischbevölkerung von Tahitiern und Engländern) stärker an Blutandrang
+(plethora) und Schwären als sonst; sie glauben ganz fest, dass diese
+Krankheiten durch den Verkehr mit ihren Gästen, mögen diese selbst auch
+ganz gesund sein, herrühren. Das eine Schiff sollte ihnen Kopfschmerzen,
+ein anderes Scharbock, das dritte Geschwüre u.s.w. gebracht haben, wie
+sie denn auch von Beecheys Schiff, dessen Mannschaft ganz gesund war,
+ähnliches erwarteten: ja sie fühlten schon Kopfweh und Schwindel.
+Beechey erklärt diese Zufälle durch die Veränderung ihrer Lebensweise
+während solcher Besuche, da sie gegen ihre sonstige Gewohnheit dann viel
+Fleisch essen und reichlichere Kleidung tragen. Von Melanesien (Tanna)
+erzählt Turner 91 nach den Aussagen der Eingeborenen, welche alle
+Krankheiten, wie Fieber, Dysenterie, Husten u. dergl. »fremde Dinge«
+nennen, ganz Gleiches. Auch in Celebes (Waitz 1, 163) herrschte diese
+Meinung und ebenso auch bei den alten Marianern, welche nach jedem
+fremden (europäischen) Schiff von einer Seuche heimgesucht zu werden
+behaupteten; so brachte 1688 ein Schiff von Mexiko, welches mit
+Verbrechern beladen an der Insel scheiterte, Rheuma, Fieber, Blutungen
+(le Gobien 376), und die Eingeborenen sahen alle Krankheiten als durch
+die Spanier eingeschleppt an (ebd. 140). Die Einwohner von St. Kilda
+(westl. v. d. Hebriden bei Schottl.) sind der festen Ansicht, für die
+sie eine lange Erfahrung haben, dass der Besuch eines Fremden ihnen
+Schnupfen bringe (Macculloch bei Darwin 2, 214).
+
+Nach dem medizinischen Theil der Novara Reise (1, 225) glauben die
+Eingeborenen der Nikobaren, dass die Kokosnüsse von den Bäumen fielen,
+sobald ein Missionär die Insel beträte. So mag denn auch diese
+weitverbreitete Ansicht der Grund sein, weshalb in Ponapi, sobald ein
+Schiff in Sicht kommt, das Volk flieht und der Priester aufs
+Feierlichste die Götter um Hülfe anruft (Gulick 175), wenn wir es hier
+nicht mit etwas Religiösem zu thun haben. Jedenfalls ist wohl zu
+beachten, dass die Naturvölker vor der Bekanntschaft mit den Europäern
+fast nichts von Krankheit wussten; weder die Marianer (le Gobien 140)
+noch die übrigen Mikronesier (Chamisso) noch die Polynesier, von denen
+freilich die Neu-Seeländer, obwohl der Gesundheitszustand auch ihrer
+Insel im Allgemeinen trefflich war, von schweren Seuchen, die sie schon
+vor Cook heimgesucht hätten, erzählten (Dieffenbach 2, 12-14), noch die
+Neu-Holländer, Hottentotten und Amerikaner (Waitz 1, 140-41).
+
+Für die Indianerstämme steigert sich die Wirkung solcher Epidemien noch
+durch Folgendes, was v. Tschudi, einer der ausgezeichnetsten Kenner der
+amerikanischen Völker, 2, 216 sagt: »Es ist eine höchst eigenthümliche
+Erscheinung, dass Indianerstämme, die durch Krieg oder Epidemien
+plötzlich sehr stark reducirt wurden, sich in der Regel nie wieder
+erholen und nur noch als wenig zahlreiche Familien gewöhnlich Jahrzehnte
+lang hinsiechen, bis sie endlich ganz aussterben. Bei ihnen tritt nicht
+mehr die Vermehrungsprogression ein, wie sie vor dem vernichtenden
+Schlage stattgefunden hatte, und bei anderen unter den nämlichen
+physischen Bedingungen lebenden Völkern beobachtet wird. Meines Wissens
+ist dieses Verhältniss noch nirgends erörtert worden. Ich habe es bei
+einem genauen Studium der Geschichte der nord- und südamerikanischen
+Indianer als Regel gefunden. Sehr verminderte Fruchtbarkeit des Weibes
+ist die Hauptursache: auf welchen physiologischen Einwirkungen sie aber
+beruht, ist wohl schwer zu ermitteln.« Waitz freilich (1, 163) bringt
+Beispiele vom Gegentheil: die Creeks (nach Simpson), die Winibegs (nach
+Schoolcraft), die Apachen (Kendall) u.s.w. haben sich nach schweren
+Epidemien wieder erholt. Wir kommen hierauf zurück.
+
+Man hat nun diese auffallende Erscheinung, dass Krankheiten durch
+Berührung gesunder, aber aus verschiedener Gegend oder Raçe stammender
+Menschen entstehen, zu erklären versucht. Darwin, der in Shropshire
+gehört, dass gesunde Schafe, die aber auf Schiffen eingeführt wurden, in
+einem Pferch zu anderen gebracht, diese krank machen, Darwin meint, dass
+das Effluvium von Menschen--und wohl auch, nach dem letzten Beispiel,
+von Thieren--die lange Zeit eingeschlossen gewesen seien, giftig auf
+andere wirke, namentlich dann, wenn sie von verschiedenen Raçen wären
+(2, 214); eine Ansicht, welche indess weder von medizinischer Seite noch
+durch die Erfahrung bestätigt wird.
+
+Will man sich aber mit Waitz dabei begnügen zu sagen, dass beim
+Zusammentreffen verschiedener Raçen, selbst bei völliger Gesundheit
+beider, sich bisweilen Krankheiten erzeugen, welche dann meist die
+niedere Raçe ergreifen, so kommt einmal durch das Wort niedere Raçe
+leicht etwas Missverständliches in den Ausdruck, und andererseits wird
+nichts durch dies blosse Zusammenfassen der Erscheinung erklärt. Dazu
+kommt, dass z.B. der Bericht Humboldts über das gelbe Fieber in Panama
+und Callao sich ja auf gleiche Raçen bezieht und eben so doch auch die
+Angabe Darwins von den Schafen. Und wenn man ferner die Geschichte der
+kultivirten Völker betrachtet, so findet man eine ähnliche Erscheinung:
+eine neu auftretende Krankheitsform wüthet viel allgemeiner und
+verheerender, als eine fortwährend herrschende; so die Pest, der
+schwarze Tod, die Pocken, die Cholera u.s.w., die dann oft nach und nach
+verlöschen. Die Pocken aber hat man dadurch unschädlich gemacht, dass
+man eine verwandte, aber unschädlichere Krankheitsform einimpft. Es
+scheint also, als ob der menschliche Körper um so empfänglicher für ein
+Miasma oder einen Krankheitsstoff ist, je ferner und freier von
+demselben er früher war. Ist er aber, wie bei der Pockenimpfung
+geschieht, durch ein Minimum des Giftes affizirt und dadurch anders
+disponirt worden, so dass er sich nun allmählich an jenen feindlichen
+Stoff gewöhnt, ihn der eignen Natur und die eigene Natur ihm
+einigermassen assimilirt hat: so hat er dadurch Fähigkeit zum Widerstand
+gegen die Krankheit gewonnen, da sie ja nun seiner Natur nicht mehr
+absolut feindlich ist; daher denn solche Seuchen nach und nach
+erlöschen, denn die Ueberlebenden werden nach und nach durch das
+Einathmen der miasmatischen Luft körperlich selbst immer fester.
+Keineswegs hilft aber eine solche Gewöhnung für alle Zeit, wie ja auch
+die Pocken nach bestimmten Zeiträumen von neuem eingeimpft werden
+müssen. Merkwürdig, aber für uns wichtig genug ist, was Humboldt a 1, 92
+über diese Krankheit in Mexiko sagt: »die Pocken scheinen
+ihre Verwüstungen nur alle 17 Jahre anzurichten. In den
+Aequinoktial-Gegenden«--ob das aber nicht in allen Gegenden oder
+wenigstens bei allen menschlichen Individuen auf gleiche Weise
+gilt?--»haben sie, wie das schwarze Erbrechen und mehrere andere
+Krankheiten, ihre festen Perioden, an denen sie sich regelmässig wieder
+einfinden: und man möchte glauben, dass sich in diesen Ländern die
+Anlage der Eingeborenen für gewisse Miasmen nur in sehr weit von
+einander entfernten Perioden erneuert; indem die Pocken, deren Samen
+sehr oft von europäischen Schiffen gebracht wird, nur in sehr
+ansehnlichen Zwischenräumen epidemisch, aber auch dem Erwachsenen nur
+desto gefährlicher werden.« Alles dies scheint sehr für unsere obige
+Annahme zu sprechen. Der Europäer, der Civilisirte kommt nun fortwährend
+mit unendlich mehr Krankheitsstoffen und Miasmen, in den meisten Fällen
+ohne es selbst zu merken, in Berührung, als der im Naturzustande und der
+freien Natur lebende Mensch. Und nicht nur durch eigene Gewöhnung von
+Kindheit an, sondern auch durch Vererbung der Accommodation von Eltern
+und Grosseltern her hat er eine viel grössere Widerstandsfähigkeit gegen
+solche schädliche Einflüsse, als sie jemals früher Isolirte und
+namentlich, wenn sie vielleicht schon erwachsen zuerst mit diesen
+Einflüssen in Berührung kommen, sich erwerben können. Hiergegen spricht
+nicht, wenn einzelne Individuen der Naturvölker gesund etwa in Europa
+längere Zeit gelebt haben. Denn in den meisten Fällen ist da eine
+Gewöhnung von Jugend auf eingetreten und jedenfalls sind alle solche
+Fälle wissenschaftlich nur dann zu verwerthen, wenn man die Geschichte
+des Besuchers, seine Natur, die Natur seines Volkes u.s.w. bis ins
+Einzelne verfolgen kann. Uebrigens gibt es auch Beispiele genug, dass
+solche Besuche unglücklich abliefen: Liholiho, der Sohn Tamehameha I.
+und seine Gemahlin starben bei ihrem Aufenthalt in England, wo alle
+Sorgfalt ihnen zu Theil wurde, an den Masern bei raschem Verlauf der
+Krankheit; und der Prinz Libu, welchen Wilson gegen Ende des vorigen
+Jahrhunderts von den Palau-Inseln mit nach England genommen hatte und
+dort sehr sorgfältig pflegte, an einer ähnlichen Krankheit, kurz nach
+seiner Ankunft (Keate die Pelewinseln, Schluss). Jetzt beweisen solche
+Besuche um so weniger, als jetzt die meisten Völker Bekanntschaft mit
+der weissen Raçe haben.
+
+Nach alledem würde es kein Wunder, nichts Rätselhaftes sein, wenn die
+Naturvölker gegen solche Miasmen, die auch von ganz Gesunden ganz
+unbemerkt eingeschleppt werden können, um so empfänglicher und
+empfindlicher sind, je weniger sie Schutz durch irgend welche Gewöhnung
+haben; daher denn solche Krankheiten, welche scheinbar unerklärlich
+entstehen, mit einer Heftigkeit wüthen, wie, vor Zeiten die Pest. So
+erzählt Williams (280 ff.), dass bei jener Seuche auf Rarotonga von
+mehreren tausend Einwohnern kaum ein einziger ganz davon befreit
+blieb.--Die Krankheiten, welche am meisten so ganz spontan dem Schein
+nach entstehen, sind Dysenterie, Influenza, Fieber, Blutungen,
+Geschwüre, Husten und Hautkrankheiten. (Einige Belegstellen: Turner 91;
+Dieffenbach 2, 12-14; le Gobien 376; Beechey 1, 94-95.)
+
+Dass auch Geschwüre genannt werden, könnte auffallen. Die ausbrechenden
+Krankheiten richten sich jedenfalls theils nach den Miasmen, durch
+welche sie hervorgerufen sind, theils und wohl ganz besonders nach der
+Natur des Inficirten. Wie ja bei herrschenden Epidemien oder in der Nähe
+gefüllter Krankenhäuser jede Krankheit, jede oft unbedeutendste
+Verwundung durch den giftigen Einfluss der Miasmen schlimmer werden, ja
+bis zum Tode führen kann, auch ohne in die herrschende Krankheitsform
+überzugehen: ebenso natürlich ist es, dass sich solche eingeführten
+Miasmen gerade auf den Theil des inficirten Organismus werfen, welcher
+schon zuvor, in den meisten Fällen gewiss gleichfalls unbewusst, der
+schwächste oder gerade bei der Einführung des Miasma irgendwie erregt
+oder afficirt war. Auch erklärt es sich hieraus, wie bei gleichen
+Miasmen--vorausgesetzt, dass sie gleich sind; denn eine
+Schiffsmannschaft kann leicht verschiedene zugleich
+bringen--verschiedene Individuen, wie sich das gar nicht selten zeigt
+(z.B. bei Turner in Melanesien, bei le Gobien auf den Marianen, bei
+Beechey auf Pitkairn) verschiedene Krankheiten bekommen können.
+
+So erklärt sich das räthselhafte Faktum (welches als Faktum durch die
+sichersten und verschiedenartigsten Zeugnisse feststeht), dass eine
+gesunde Schiffsmannschaft gesunden Menschen Krankheiten bringen kann[B].
+Dabei dürfen wir nicht unerwähnt lassen, was Humboldt an sich und
+seinen Begleitern in Centralamerika beobachtete: »Es kommt häufig vor,
+sagt er b 6, 142, dass sich bei Reisenden die Folgen der Miasmen erst
+dann äussern, wenn sie wieder in reinerer Luft sind und sich zu erholen
+anfangen. Eine gewisse geistige Anspannung kann eine Zeitlang die
+Wirkung krankmachender Ursachen hinausschieben.« Denn aus diesem Satze
+erklären sich manche Erscheinungen bei jenen spontanen Krankheiten der
+Naturvölker--so darf man wohl, ohne Gefahr missverstanden zu werden, die
+Krankheiten nennen, welche nach der blossen Berührung mit den
+Kulturvölkern, ohne direkte Einschleppung entstehen--Erscheinungen,
+welche sonst auffallen müssten. So, dass diese Uebel während der
+Anwesenheit der Europäer noch nicht verspürt werden, denn jene
+Schwindel- und Kopfwehanfälle der Pitkairner noch während Beecheys
+Besuch beruhten sicher, nach ächt polynesischer Art, auf anticipirender
+und übertreibender Einbildung; dann, dass sie ungleich seltener bei
+feindlichem Zusammenstoss zweier Raçen sich zeigen, welcher freilich
+meist auch von kürzerer Dauer ist, als ein freundlicher Besuch. Auch
+scheint es, als ob das Durchmachen _einer_ Epidemie gegen Miasmen
+verschiedener Art abhärte; wiewohl es gar nicht selten ist, dass ein und
+derselbe Volksstamm von mancherlei Seuchen nach einander (oder auch von
+derselben wieder) heimgesucht wird. Doch ist dann fast immer der erste
+Anfall der verheerendste.
+
+Jedenfalls aber haben wir hier die erste Ursache für das Aussterben der
+Naturvölker: ihre leichte Empfänglichkeit für Miasmen, welche die
+Kulturvölker ohne Wissen und Willen und bei eigener Gesundheit, zu ihnen
+bringen; und die geringe Widerstandsfähigkeit ihres Organismus gegen
+solche durch jene Miasmen entstehende Krankheiten.
+
+
+
+
+§ 3. Direkt eingeschleppte Krankheiten.
+
+
+Zu diesen eben besprochenen Krankheiten kommen noch andere hinzu, deren
+Mittheilung zwar auf demselben Grunde beruht, den wir im vorigen
+Paragraphen betrachteten, die aber doch, da man sie als direkt
+eingeschleppte allgemein betrachtet und nachweisen kann, für den
+Beobachter weit mindere Schwierigkeit bieten. Hierher gehören aber
+gerade die furchtbarsten Seuchen, welche die Naturvölker betroffen
+haben; und kann man sich denken, wie verheerend sie auf die
+empfänglichen Naturen jener Völker wirkten. Nicht bloss Weisse haben sie
+eingeschleppt: auch einzelne Zweige desselben Stammes haben andere mit
+solchen Gaben bedacht. So ward ein böser Aussatz von Polynesien aus Rapa
+nach Pitkairn verschleppt und den Bewohnern dieser Insel gefährlich; und
+andere gleiche Beispiele finden sich. Schlimmer aber ist, was die
+Weissen brachten, vor allen Syphilis und Blattern. Erstere Seuche ist
+zwar überall bekannt genug, wo die Europäer hinkommen, und so also auch
+von Alters her in Afrika und Amerika, wo sie eingeschleppt wurde (in
+Californien nach Rollin, La Perouses Schiffsarzt bei La Perouse 2, 289;
+in Guyana nach Schomburgk 2, 336). Gefährlicher aber ist sie vor allen
+für die Polynesier geworden, denn hier begünstigte ihre Mittheilung und
+Verbreitung die ausserordentliche Lüderlichkeit dieser Völker gar sehr;
+und da die Polynesier durch ihre Lüste vielfach entnervt waren, so
+wurden hierdurch auch die Formen dieser Krankheiten immer grauenvoller.
+Und so finden wir sie hier vom äussersten Osten bis zum fernsten Westen.
+Auf Waihu (Osterins.) ist sie jetzt häufig eingeschleppt von Europäern
+(Mörenhout 1, 26). Auf Neu-Seeland findet sie sich, namentlich an den
+Küsten, wo die Eingeborenen mit den Europäern am meisten verkehren, und
+so schlimm, dass eine Menge Verwachsungen u. dergl. durch sie entstehen
+(Dieffenbach 2, 17-25). Auf Tonga hatte sie Cooks Mannschaft, wie Cook
+selbst erzählt dritte Reise 2, 390 eingeschleppt; doch kann sie hier
+nicht allzu heftig gewirkt haben, denn Mariner (2, 270) gibt an, dass
+durchaus nichts Syphilitisches sich auf der Gruppe finde und dass ein
+Fall, welcher auf französischer Ansteckung beruhte, so rasch tödtlich
+verlief, dass er weiter keine Folgen hatte. Allein ob nicht die Art von
+Gonorrhöe mit ardor urinae, die er 268 als in Tonga heimisch erwähnt,
+doch noch vielleicht von Cooks Mannschaft herstammte? Auch auf dem
+Gilbertarchipel und den Ratakinseln--denselben Inseln, wo Chamisso
+Anfang dieses Jahrhunderts so paradiesische Tage verlebte--ist die
+Syphilis und andere Seuchen durch europäische Seeleute eingeschleppt
+(Meinicke Zeitschr. 398), wie denn überhaupt Mikronesien auch sonst sehr
+durch solche bösen Einwirkungen gelitten hat (Gulick 245).
+
+Aber am schlimmsten hat diese Seuche auf Tahiti und Hawaii gewüthet. In
+Tahiti ist sie so allgemein, dass fast jede Familie von ihr berührt ist
+(Mörenhout 1, 228-29); und schon um 1790 waren zwei Fünftel der Insel
+venerisch (eb. 2, 425). Da nun diese entsetzliche Krankheit theils gar
+nicht, theils schlecht geheilt und behandelt wurde, so ward sie ein
+Hauptmittel für die Dezimirung der Eingeborenen (eb. 2, 405). Vankouver
+(1790) spricht von den Verheerungen, die sie unter den tahitischen
+Weibern angerichtet hatte (1, 111): sie musste also schon lange
+verbreitet sein und ist zweifelsohne gleich von den ersten Besuchern
+eingeschleppt, gleichviel ob von Wallis (Anfang 1767) oder Von
+Bougainville (1767, 15. Apr.), genug, Cook fand sie vor. Meinicke zwar
+(b, 118) versucht zu beweisen, dass dies Uebel in der Südsee schon
+heimisch war, vor der Berührung mit den Europäern: allein sein Beweis
+ist ihm nicht gelungen und seiner Hypothese stehen die gewichtigsten
+Autoritäten entgegen, so Cook selbst für Tahiti (dritte Reise 2, 331)
+und für Hawaii (King ebendas. 4, 379), Turnbull (291) für Tahiti und so
+noch andere. Auch thut Meinicke nicht recht, das Zeugniss der
+Eingeborenen für so ganz nichtig zu halten; um so weniger, als die
+Tahitier nach Cook sehr bestimmt Bougainvilles Schiff als das
+bezeichneten, welches die verhängnissvolle Gabe brachte, sich also
+keineswegs in allgemeinen Behauptungen hielten. Auch was Cook a.a.O.
+390-91 über die Schwierigkeit, Ansteckung zu verhüten, die Gesundheit
+der eigenen Mannschaft zu ermitteln und die Leichtigkeit, mit der sich
+die Krankheit ausbreitet, und gewiss sehr richtig auseinandersetzt,
+spricht gegen Meinicke. Allerdings stützt dieser sich für die
+Sandwichgruppe auf den Umstand, dass, obwohl Cook zuerst nur auf Atuai
+und Onihiau landete, er gleichwohl schon neun Monate später die Seuche
+auf Maui verbreitet fand--was auch La Perouse mit mehreren anderen
+Gründen medizinischer Art, die aber nicht ganz stichhaltig erscheinen
+(1, 246, 276), als Grund gegen die Einschleppung durch Cook anführt. Er
+schreibt die erste Verbreitung dieser Seuche den Spaniern zu, welche im
+16. Jahrhundert öfters die Hawaiigruppe besucht haben. Wenn man nun auch
+auf die rasche Verbreitung der Krankheit, wie sie bei der Lüderlichkeit
+und dem fortwährenden Verkehr der Eingeborenen nur zu möglich war,
+hinweisen könnte, so ist uns das für unsere Zwecke gleichgültig; genug
+die Seuche ist jetzt überall verbreitet in Polynesien und Meinicke gibt
+ja selbst zu, dass die Eingeborenen wenigstens die schwereren Formen des
+Unheils den Europäern verdanken. Jedenfalls sind die Verheerungen,
+welche gerade diese Krankheit in Polynesien angerichtet hat, auch wenn
+es Meinicke nicht ganz zugeben will, entsetzlich genug, wie ältere und
+neuere Schriftsteller einstimmig bezeugen. (Vergl. über Hawaii noch
+Virgin 1, 265; Rollin bei La Perouse 2, 271; über Tahiti Turnbull 291;
+Cook dritte Reise 2, 331). Doch scheint es, als ob in Tahiti sich jetzt
+(1852) der Gesundheitszustand wieder gehoben habe (Virgin 2, 41). Auch
+werden von früher (Cook a.a.O. 2, 331) schon Beispiele erwähnt, wo
+Infizirte, freilich selten genug, von selbst genassen. Nur in Tonga
+scheint, bei dem keuscheren Leben der Tonganer das Unheil wenigstens
+nach Mariners Bericht, nicht um sich gegriffen oder doch leichtere
+Formen nach und nach angenommen zu haben.
+
+Die Seuche ist auch unter den Eingeborenen von Neu-Holland verbreitet
+und auch hier will Meinicke (a 2, 179) die Annahme, sie sei ihnen von
+den Europäern gebracht, als »äusserst unwahrscheinlich« dadurch
+beweisen, dass bei der Gründung der Colonie von Sydney und auch
+neuerdings diese Krankheit tief im Inneren des Continentes gefunden sei.
+Als ob das bei dem Wanderleben dieser Stämme auffallen könnte! als ob
+sie nicht schon vor der Gründung der Colonie mit Europäern und wahrlich
+nicht mit den reinsten in mannigfacher Berührung gewesen wären! Den
+Aleuten, bei denen es Cook schon vorfand (dritte Reise 3, 265), und den
+Kamtschadalen ist dieses Unheil von den Russen, den Pelzhändlern,
+mitgetheilt. Da nun aber die Kamtschadalen ebenfalls zu Ausschweifungen,
+sei es im Trunk, sei es in der Liebe, geneigt waren, so sind auch hier
+seine Folgen nicht ohne Gewicht für unsere Betrachtung.
+
+Bei weitem schlimmer, aber und allgemeiner haben die Blattern gewüthet,
+die schlimmste Geissel aller Naturvölker. Am bekanntesten ist dies von
+Amerika, in dessen nördlicher Hälfte sie zuerst um 1630 auftraten (Waitz
+b, 15). Neun Zehntel von den Nordindianern rafften sie hin; die
+Mandans starben 1837 fast ganz aus, die Schwarzfüsse schmolzen durch
+sie von 30-40,000 auf 1000 zusammen: ähnlich erging es anderen
+nordamerikanischen Stämmen, den Krähenindianern, Minetarris, Cumanchen,
+Rikkaris; von den Omahas und den Eingeborenen des Oregongebietes erlagen
+ihnen zwei Drittel, von den Californiern die Hälfte (Waitz 1, 161).
+Aehnlich wütheten sie unter den Völkern von Südamerika, den Indianern
+von Paraguay und Gran Chako, den Puelchen, den Cariben, den Araukanern,
+in Peru, am Maranon, in Guyana, wo ganze Völkerstämme durch sie
+aufgerieben sind. Nie aber sind sie, wie Humboldt b 4, 224 bezeugt, am
+oberen Orinoko aufgetreten, obwohl sie bei den Völkern Brasiliens wieder
+ihre ganze Furchtbarkeit zeigten, bei den Chaymas, die 1730-36 von ihnen
+dezimirt wurden (Humboldt eb. 2, 180), bei den Chiquitas (Waitz 3, 533),
+welche schwer von ihnen zu leiden hatten. Nicht minder heftig aber
+traten sie bei den kultivirten Stämmen Amerikas auf.
+
+In Mexiko brachen, nach Torribio, die Pocken eingeschleppt durch einen
+Negersklaven 1520 zuerst aus und rafften gleich damals die Hälfte der
+Mexikaner hin (Humboldt a 1, 97); nach Herrera traten sie schon 1518 auf
+(Pöppig 373) und schon 1517 mit denselben Verheerungen, ohne jedoch
+einen Europäer hinzuraffen, auf den Antillen, zu deren Entvölkerung sie
+wesentlich beigetragen haben. Ueberall, in ganz Amerika, waren die
+Verwüstungen so arg, dass die Todten bisweilen unbeerdigt blieben, weil
+es an Händen hierzu fehlte (Waitz b, 15). Man begreift es, dass, wenn
+die Pocken ausbrachen, die Indianer im äussersten Entsetzen vielfach
+ihre Hütten verbrannten, ihre Kinder tödteten und in die Einsamkeit
+flohen (Humboldt b 4, 224); oder dass z.B. die Chilesen die Hütte mit
+sammt den in ihr liegenden Kranken verbrannten (Waitz 1, 161). Waitz ist
+der Ansicht und wir stimmen ihm bei, denn alle Quellen sprechen dafür,
+dass diese Krankheit zahlreichere Opfer forderte, als Krieg und
+Branntwein zusammengenommen; dass ihr gewiss die Hälfte bis zwei Drittel
+der Urbevölkerung Amerikas erlegen sind.
+
+Allein nicht bloss auf Amerika beschränken sich die Verheerungen der
+Pocken. 1767 brachen sie, eingeschleppt durch einen russischen Soldaten,
+in Kamtschatka aus und wütheten wie die Pest: nicht weniger als 20,000
+Kamtschadalen, Kuriler und Koriäken sollen ihnen erlegen sein. Ganze
+Dörfer starben aus und Cooks Reisebegleiter fanden selbst noch eine
+Menge ganz leer stehender Dörfer vor. Ein anderes, vor der Epidemie mit
+360 Menschen bevölkert, hatte nachher noch 36 Seelen (Cook 3. Reise 4.
+174-75). Aehnliche, wenn auch minder starke Epidemien traten 1800 und
+1801 auf, welche gegen 5000 Kamtschadalen dahinrafften und bei dem schon
+lange immer mehr um sich greifenden Schwinden der Bevölkerung so
+verheerend wirkten, dass in den Ostrogen (kleinen Dörfern des Inneren),
+welche vorher meist 30-40 Einwohner hatten, nachher meistens nur 8-10,
+in einigen wenigen 15-20 Bewohner übrig blieben (Krusenstern 3, 49. 52.
+2. Theil, 2. Abtheil. Cap. 8).
+
+Auf Neuholland brachen die Blattern zuerst 1789 aus und verwüsteten ganz
+Cumberland; 1830 verheerten sie, bis zur Nordküste hin das Innere von
+Ostaustralien (Meinicke a 2, 179). Auch diese Seuche entstand nach
+Meinicke a.a.O. ohne Einschleppung spontan unter den Eingeborenen. Von
+einer furchtbaren Pockenepidemie auf Ponapi (Puinipet, Banabe,
+Carolinen) erzählt die Novarareise 2, 395: die Krankheit war durch einen
+englischen Matrosen eingeschleppt und raffte 3000 Menschen hin; 2000
+blieben übrig. Auf der Hawaiigruppe starben 1853 an den Pocken 5-6000
+Menschen (Waitz 1, 176).
+
+Auch die Hottentotten, wenigstens in der Nähe der Capstadt, sind
+wesentlich durch die Pocken vermindert (Waitz 2, 346).
+
+Ausser dieser Krankheit haben dann die Masern und Rötheln schlimm unter
+den Naturvölkern gehaust, so in Brasilien, Guyana, im Mosquitolande
+(Waitz 1, 162), in Neuholland (Darwin 2, 213); und noch gefährlicher
+verschiedene Fieber, welche z.B. die Oregonindianer schwer heimsuchten,
+die oberen Tschinuks 1823 von 10,000 auf 500 zusammenschmolzen und zwar
+so schnell, dass die Zahl der Ueberlebenden nicht hinreichte, die Todten
+zu begraben (Wilkes und Haie bei Waitz 1, 162).
+
+Doch sind wir durch diese Fieber bei den Seuchen angekommen, denen die
+Naturvölker vor dem Auftreten der Europäer unterworfen waren.
+Epidemische Krankheiten sind zwar vorher selten, doch finden sie sich
+auch. So jene Seuche, welche vor Cook auf der Ostküste von Neu-Seeland
+wüthete, und zwar so heftig und rasch, dass auch hier nicht alle Todten
+begraben werden konnten (Dieffenbach 2, 12-14); so die Fieber, welche,
+wie es scheint, durch das Klima hervorgerufen am Orinoko epidemisch sind
+(Humboldt b 4, 215), so und vor allen jene berüchtigte mexikanische
+Krankheit, Matlazahuatl von den Eingeborenen genannt, ein furchtbares,
+dem gelben Fieber verwandtes Gallenfieber mit Blutbrechen, das schon
+lange vor Cortes Ankunft in Mexiko, ja wohl schon im 11. Jahrhundert
+unter den Tolteken, die damals noch in Nordamerika waren, herrschte
+(Humboldt a 4, 379), wie sich denn überhaupt die Krankheit mit
+Leichtigkeit in die kalte Zone verpflanzt und ihr »die kupferfarbige
+Raçe in beiden amerikanischen Hälften seit undenklichen Zeiten
+unterworfen ist« (eb. 380). Wie furchtbar aber diese Krankheit wüthete,
+geht aus den Zahlen hervor, welche Torquemada für die beiden Epidemien
+1545 und 1576 angibt: 1545 sollen 800,000, 1576 zwei Millionen Indianer
+gestorben sein (Humboldt a 1, 97). Mag auch Humboldt, obgleich er sich
+verwahrt, Torquemadas Glaubwürdigkeit anzuzweifeln, Recht haben--und er
+hat es gewiss--dass diese Zahlen nur auf ungefährer und ungenauer,
+vielleicht übertriebener Schätzung beruhen: auch wenn wir die Ziffern
+halbiren, welch furchtbarer Verlust an Menschenleben bleibt immer noch!
+Humboldt meint (a.a.O.), dass auch diese Krankheit sich alle hundert
+Jahre einmal zeige: da er aber 4, 379 die Jahre 1545, 1576, 1736, 1761
+und 1762 als Jahre, worin die Krankheit wüthete, aufstellt, so ist, wenn
+anders die Periodicität dieser Krankheit richtig ist, ihr Erscheinen in
+den einzelnen Jahren dann auf Stämme und Landschaften eingeschränkt,
+welche sie früher nicht hatten.
+
+Einen Hauptgrund für die furchtbare Wirksamkeit solcher eingeschleppter
+Krankheiten, auf den wir später zurückkommen, führt Humboldt an, wenn er
+a 4, 410-11 sagt: »Die Niedergeschlagenheit des Geistes und die Furcht
+vermehren natürlich die Prädisposition der Organe, um die Miasmen
+aufzunehmen; daher es kein Wunder ist, wenn solche Epidemien namentlich
+dann besonders heftig sind, wenn sie von siegreichen Eroberern
+eingeschleppt werden.«
+
+
+
+
+§4. Behandlung der Kranken bei den Naturvölkern.
+
+
+Alle diese Krankheiten nun, welche den Naturvölkern durch die eigene
+Natur derselben gefährlich genug waren, wurden es noch mehr durch die
+ganz verkehrte Art, mit der jene Völker Krankheiten behandelten. Die
+Syphilis ward dadurch so gefährlich in Polynesien, dass man sich theils
+gar nicht um sie kümmerte, theils aber, wenn man es that, das Uebel nur
+vermehrte. So glaubte man in dem berauschenden Kavatrank, der aus den
+Wurzeln des Piper methysticum bereitet wird, ein Mittel gegen sie
+gefunden zu haben, und es konnte doch nichts Gefährlicheres angewendet
+werden, als bei dieser Krankheit dieses Mittel, das denn auch nicht
+verfehlte, die Wirkungen der Seuche erst recht schlimm zu machen
+(Mörenhout 2, 405). In Amerika wendete man gegen die Blattern
+vornehmlich Dampfbäder mit unmittelbar folgenden kalten Abwaschungen an
+und in Neuholland und Polynesien ausserdem noch andere und noch
+thörichtere Mittel; natürlich wurde schon durch diese Kuren die
+Krankheit fast immer tödtlich. Dass sich aber diese Völker bei neuen
+unerhörten Krankheiten nicht zu helfen wussten, wird uns nicht Wunder
+nehmen, wenn wir sehen, wie sie sich Kranken gegenüber für gewöhnlich zu
+benehmen pflegen.
+
+Die Neuholländer haben für ihre Kranken nur eine Ceremonie der Priester,
+welche den bösen Geist, der im Kranken sitzt, oder den Zauber, der ihn
+krank macht, beschwört, indem er unter allerlei Faxen einen Stein, meist
+ein glänzendes Stück Quarz, aus dem Kranken zieht und damit ihn vom
+Zauber, der in jenen Stein eingeschlossen ist, befreit (Grey 2, 337). Da
+nun jede Krankheit auf Bezauberung beruht und zwar häufig auf Entziehung
+der Seele, welche im Nierenfett ihren Sitz hat (Howitt 189), so wurde in
+einigen Gegenden der Kranke mit dem Nierenfett dessen, den man für den
+versteckten Mörder hielt und dem man es oft noch lebend ausschneidet
+(Angas 1, 123), bestrichen: oder man versucht die Krankheit aus dem
+betreffenden Glied auszusaugen, durch Aderlass zu entfernen, den bösen
+Geist, indem man den Kranken knetet, schlägt, tritt und sonst
+misshandelt, zu verjagen u. dergl. mehr. Geschickter sind die
+Neuholländer im Behandeln äusserer Verletzungen; auch haben sie manche
+rationelle Mittel gegen den Biss giftiger Schlangen (Brehm Thierleben 5,
+262).
+
+So ziemlich dasselbe Bild wird nun von der Heilkunst aller Naturvölker
+zu entwerfen sein. Auf den Fidschiinseln werden schwer Kranke schon als
+todt betrachtet, aufgeputzt und ausgestellt (Williams und Calvert 183);
+Rücksicht nimmt man auf sie durchaus nicht, hat vielmehr, da man sie für
+böswillig hält und glaubt, dass sie die Gesunden nur absichtlich
+quälten, nicht das mindeste Mitleid mit ihnen (eb. 188). Ebenso sonst in
+Melanesien. Sehr gewöhnlich werden Kranke ohne weiteres erschlagen, oder
+ausgesetzt, z.B. auf der Fichteninsel (Cheyne 88). Auf Vate (neue
+Hebriden) tödtet man phantasirende Kranke sogleich, damit sie nicht
+Andere anstecken können (Turner 444); man begräbt sie und andere
+schwerer Erkrankte lebendig (450). Ebenso machen es die Ajetas der
+Philippinen, eine Negritobevölkerung der Gebirge Luzons mit
+Schwerkranken (de la Gironière Aventures d'un gentilhomme Breton aux
+îles Philippines 325). In andern Gegenden Melanesiens (auf den kleinen
+Inseln bei Neu-Guinea) setzen sich die Kranken ans Meeresufer und
+essen, was sie können, da nicht mehr essende Kranke sofort getödtet
+werden. Kranke Glieder schnüren sie ein, um den Dämon, der die Krankheit
+verursacht, zu fangen (Reina in Zeitschr. 4, 360). Denn auch hier gilt
+alle Krankheit für Behexung (Turner 18-19), obwohl auch die Melanesier
+Aderlass und derartige Mittel kennen (eb. 92). Auch in Mikronesien
+tödtete man entweder die Kranken (indem man sie in einem lecken Schiff
+ins Meer stiess, Hale 80) oder man wandte, um sie zu curiren, Zauberei
+an, so auch auf den Marianen (le Gobien 47).
+
+Und nicht anders in Polynesien. Auch hier wurden sie oft ermordet, oder
+doch ganz gleichgültig behandelt, wo denn jeder Kranke für sich sorgte,
+so gut es ging, d.h. in den Wald oder die Einsamkeit ging und entweder
+gesund oder gar nicht wieder zurückkehrte. In Nukuhiva hielt man
+Schwerkranken Mund und Nase zu, um den Geist festzuhalten (Mathias
+_G***_, 115); ebenso in Südamerika bei den Moxos (Waitz 3, 538; b 151).
+In Tonga bestand die Behandlung der Kranken fast nur darin, dass man sie
+von einem Tempel zum andern schleppte, um die Priester und Götter für
+sie anzuflehen; je kränker Jemand ist, je weiter schleppt man ihn--und
+führt seinen Tod natürlicherweise gerade dadurch herbei (Mariner 1, 110;
+362 ff. u. sonst). Oder man opferte wie in Tahiti und sonst in
+Polynesien, Kinder oder Sklaven, um das Leben eines Vornehmeren zu
+erhalten. Doch waren die Tonganer als Chirurgen nicht ungeschickt und
+sie wagten sich an gefährliche Operationen. Auch war Skarifikation und
+der Gebrauch gewisser Pflanzensäfte in Anwendung (Mariner 2, 267-270).
+So wie bei ihnen, so gilt auch sonst in Polynesien Krankheit als
+Bezauberung, oder als Rache und Strafe der Götter: in Neu-Seeland
+(Dieffenb. 2, 59 ff.); in Tahiti (Bratring 181-82, Mörenh. 1, 543); in
+Nukuhiva (Math. G. 228); und in Hawaii (Tyermann u. Bennet 1, 129).
+Daher waren auch hier die häufigsten Mittel Opfer und Gebete. Nur auf
+Neu-Seeland scheint man etwas zweckmässiger verfahren zu haben.
+Wenigstens kannten die Eingeborenen die Heilkraft ihrer heissen Quellen
+und wendeten sie für kranke Kinder an (Dieffenb. 1, 246), man gab den
+Kranken leichtere Kost, gebrauchte Dämpfe von Pflanzenaufgüssen
+(Pflanzenaufgüsse kannten auch die Marianer nach le Gobien),
+Einreibungen mit warmen Pflanzensäften u. dergl. (Dieffenb. 2, 41).
+Dampfbäder und darauf unmittelbar folgende kalte Abwaschungen waren
+gleichfalls gebräuchlich (Mörenhout 2, 164) und Kneten der Glieder
+überall verbreitet: in Nukuhiva, in Tahiti, Hawaii u.s.w. In Tahiti
+hielt man jede Krankheit für Wirkung göttlichen Zornes und es galt daher
+für sündlich, Arzeneien zu nehmen (Turnbull 260), gegen die sie auch
+einen unüberwindlichen Abscheu haben (292). Wird ein Eingeborener dieser
+Insel krank, so wird er sofort von allen Angehörigen und Landsleuten
+gemieden: er ist ganz hilflos und auf sich allein angewiesen, ein
+Verfahren, welches sich bitter genug rächt: denn die bei ihnen
+gewöhnlichsten Uebel sind solche, die schon bei geringer Pflege leicht
+heilen, bei Vernachlässigung aber tödtlich werden (Turnbull 260 u. 292).
+Als Chirurgen waren auch sie wie alle Polynesier geschickt (Mörenhout 1,
+161).
+
+In Amerika finden wir so ziemlich dasselbe. Denn auch die Mexikaner,
+obwohl tüchtige Chirurgen und mit mancherlei medizinischen Mitteln
+bekannt, setzten ihre festeste Hoffnung auf abergläubische Mittel (Waitz
+4, 165, 174). Die Californier versuchten durch Anblasen und Aussaugen
+des kranken Gliedes oder dadurch, dass sie andere opferten oder
+verstümmelten, die Krankheit zu heben (Waitz 4, 250). Aussaugen,
+Anblasen, Reiben galt auch auf Haiti als Hauptmittel, so wie denn,
+merkwürdig genug, hier die Aerzte dieselbe Ceremonie anwandten, welche
+die Neuholländer noch jetzt haben: sie zogen dem Kranken einen Stein und
+mit ihm den Anlass aller Krankheiten aus dem Mund. Schwerkranke wurden,
+wie in Mikronesien, ausgesetzt, oder, wie in Nukuhiva erstickt (Waitz 4,
+327). Das Hervorziehen des Steines oder Knochens aus dem Körper des
+Kranken fand sich auf dem brasilianischen Festland unter den Payaguas
+(Azara 269). Auch in Peru war das Heilverfahren, obwohl man einige
+Arzneipflanzen kannte, purgirte und zur Ader liess, fast durchaus auf
+Zauberei begründet (Waitz 4, 463). In Nordamerika nun waren bei fast
+allen den minder kultivirten Völkern die Aerzte ganz und gar Zauberer,
+die Krankheit nur Besessenheit, der böse Geist ward daher, zur Kur,
+ausgesaugt und ausgespieen, oder durch Blasen, Kneten, Schlagen und
+ähnliche Mittel entfernt (Waitz 3, 213-14). Auch in Südamerika ist
+Zauberei, Aussaugen Anblasen u.s.w. Hauptmittel und fast überall der
+Arzt zugleich Zauberer, nur bei den Botokuden nicht, welche nur
+natürliche Mittel, Reiben, Kneten, Urtikation, auch, aber meist ohne
+Erfolg, innerliche Arzneien anwenden (Tschudi 2, 286-87) und als
+Chirurgen nicht ungeschickt sind. Aber Zauberer waren die Aerzte bei den
+Tupis, den Makusis, deren Heilverfahren, das neben vieler Zauberei auch
+manche wirklich wirksame Mittel kannte, Schomburgk (2, 333) schildert,
+ferner bei den Waraus (eb. 1, 170), den Cariben (2, 427), den
+Araukariern, welche indess neben den Zauberärzten auch noch andere und
+tüchtigere Aerzte hatten (Waitz 3, 519), den Feuerländern (Bouqainville
+130) u.s.w.
+
+Dampfbäder sind sehr allgemein verbreitet und bei fast allen Krankheiten
+angewendet; so bei den Mexikanern und bei den alten Tolteken (Waitz 4,
+270); ebenso in Nordamerika (3, 217) in Südamerika bei den Makusi
+(Schomburgk 2, 333) und sonst.
+
+Nicht anders war im grossen Ganzen, nach Langsdorff, das Heilverfahren
+der Aleuten.
+
+Auch die Hottentotten betrachteten alle Krankheiten als Wirkungen von
+Zauberei und bösen Geistern, und behandeln sie darnach, durch
+Beschwörung u. dergl., doch wendet der Zauberer oder die Zauberin dabei
+auch andere, innerliche und äusserliche Heilmittel an. Wunderbarer Weise
+findet sich denn auch hier, wie auf den Antillen, jener sonderbare
+neuholländische Gebrauch wieder, einen Stein--hier einen Knochen--unter
+mancherlei Ceremonien aus dem Leibe (Mund, Ohr, Rücken u.s.w.) des
+Kranken, der ihm eingehext und der Sitz der Krankheit sei,
+hervorzuziehen, damit jener genese (Sparmann 197-98). Ihre Giftärzte
+sollen freilich sehr ausgezeichnete Mittel gegen Schlangenbiss haben,
+und die Colonisten haben, was sie von Heilpflanzen der südafrikanischen
+Flora kennen, erst von den Eingeborenen gelernt (Waitz 2, 344). Allein
+Schwerkranke, Alte und Hülflose setzen die Hottentotten häufig aus
+(Sparmann 320); Sterbende schüttelt und stösst man, gewiss um den Dämon
+der Krankheit zu verscheuchen, überhäuft ihn mit Vorwürfen, dass er die
+Verwandten durch seinen Tod betrübe, bittet ihn zu bleiben u.s.w.
+(Sparmann 273).
+
+Die Zauberer aber gerathen sehr häufig, wenn ihre Kur nicht anschlägt,
+in Gefahr, von den erbitterten Angehörigen arg gemisshandelt oder
+getödtet zu werden. Für Amerika bringt Waitz und die angeführten Autoren
+eine Menge Beispiele bei: für Afrika genüge eins, welches bei Sparmann
+198 erwähnt wird: ein Fürst, der an schlimmen Augen litt und von den
+Zauberern nicht geheilt werden konnte, liess diese alle umbringen, weil
+er glaubte, dass einer von ihnen, der ihm feindlich gesinnt sei, seine
+Heilung verhüte. Denn jeder unglückliche Ausgang einer Krankheit gilt
+als bewirkt durch stärkeren Zauber, hier und in Amerika und Polynesien.
+
+
+
+
+§ 5. Geringe Sorgfalt der Naturvölker für ihr leibliches Wohl.
+
+
+Indess, da ja Krankheiten die Naturvölker in ihrem gewöhnlichen Zustand
+nur wenig plagen, so möchte alles dies Verkehrte, und wenn es manchem
+Kranken den Tod brachte, doch nicht allzuviel für ihr Hinschwinden
+bewirkt haben; viel gefährlicher ist die geringe Sorge, welche fast alle
+Naturvölker auf ihre leibliche Pflege verwenden und verwenden können.
+Freilich sind sie abgehärtet gegen Vieles durch eigene Gewöhnung und,
+wodurch diese erst in so hohem Grade ermöglicht wird, durch Vererbung;
+und so fühlen sich auch noch die Feuerländer, nach Darwin die elendesten
+und niedersten Menschen, in ihrem entsetzlichen Klima, ohne rechtes
+Obdach, auf dem nassen Boden schlafend, nackt, nur kümmerliche Nahrung
+und diese nur mit Mühe findend, nach ihrer Art wohl und begehren nichts
+Besseres (Darwin 1, 230). Die Eskimos sind an ihre Schneewüsten, die
+Neuholländer an ihre unfruchtbaren Steppen, die ihre wandernde Lebensart
+bedingen, die neuholländischen Weiber an ein Leben voll Last und Mühe,
+an die schrecklichste Behandlung gewöhnt, so weit menschliche Natur sich
+gewöhnen kann. Trotz aller Gewöhnung aber hängt es mit der Lebensart der
+Naturvölker zusammen, dass sie, auch bei der ersten Bekanntschaft mit
+den Europäern, bisweilen selbst wenn sie schon eine gewisse Halbkultur
+erlangt hatten, verhältnissmässig so geringe Bevölkerungsziffern
+aufweisen; sie leben eben so, dass die menschliche Natur nicht anders
+als kümmerlich gedeiht--wenn auch die einzelnen Individuen oft ganz
+besonders stark erscheinen. Es ist ja aber gerade ein oft wiederholter
+Ausspruch, die Naturvölker seien deshalb körperlich so kräftig, weil
+alle schwächlichen Kinder ohne weiteres erlägen; so z.B. Humboldt b 2,
+189.
+
+Nicht bloss schwächliche Kinder erliegen indess; und diese Sterblichkeit
+der Kinder ist das erste, was wir hier zu betrachten haben. Die
+Feuerländer, deren Wohnung nicht den geringsten Schutz bietet (Darwin 1,
+228), setzen ihre Kinder nackt der Wuth ihres Klimas aus (eb. 229). Fast
+alle Indianer in Nord- und Südamerika führen jetzt ein elendes
+Wanderleben; und überall hin werden die Kinder von den Müttern
+mitgeschleppt, auf den rauhesten und weitesten Märschen und oft noch,
+während sie durch aufgelegte Bretter und andere gewaltsame Mittel (um
+ihrem Kopf eine eigenthümliche Gestalt zu geben) in der natürlichen
+Entwickelung gestört sind. Schon bei der Geburt werden viele Kinder
+sterben. Denn überall ist es Sitte, dass das Weib kurz vor der Geburt
+sich in den Wald begiebt, dort allein gebiert, sich selbst die
+Nabelschnur abschneidet und unterbindet, dann sich und das Kind sogleich
+in kaltem Wasser badet und nun zurückkehrt, nicht etwa zur Pflege,
+sondern zur erneuten Arbeit. Dies war der Fall bei den Waraus in Guyana
+(Schomburgk 1, 166), bei den Cariben und Makusi (eb. 2, 315, 431); und
+in Nordamerika sehr vielfach (Waitz b, 98). Die Nahrung aber, welche ein
+Kind nach und neben der Muttermilch bekommt, ist oft schon an und für
+sich schädlich und ungesund. Grosse Sterblichkeit herrscht noch unter
+den Kindern des heutigen Mexiko in Folge verkehrter Diät (Waiz 4, 196).
+Die Nahrung wird ihnen auch noch beschränkt durch die eigenthümliche
+Sitte, neben den Kindern Thiere, Affen, Beutelratten u.s.w. zu säugen,
+was die Makusi, die Waraus, die Cariben und verschiedene andere Völker
+thun (Schomburgk 2, 315. 1, 167). Von der schlechten Wartung der Kinder,
+wenn sie krank sind, spricht Humboldt b. 4, 224 und der Schmutz, in
+welchem sie aufwachsen, und von denen Schomburgk aus Guyana
+Abschreckendes erzählt, kann auch keinen guten Einfluss haben. Und doch
+lieben die Amerikaner in Nord-und Südamerika ihre Kinder aufs innigste.
+
+In Tahiti nehmen die Frauen unmittelbar nach der Geburt sofort
+Dampfbäder mit kalten Abwaschungen (Wilson 461), in Neuseeland
+gleichfalls, wo die Kinder, wie in Tahiti, ganz nackt bleiben und eher
+schwimmen als laufen können (Dieffenbach 2, 24-25, Ellis 1, 261 und
+Mörenh. 2, 61); und ebenso auf Nukuhiva (Melville 2, 191).
+Hautkrankheiten, und zwar sehr bösartige der Kinder (jaws, framboesia)
+werden öfters erwähnt, z.B. in Tonga, wo die Kinder gut gepflegt und
+sonst sehr gesund sind (Mariner 2, 179) und in Ponapi (Cheyne 122).
+Grosse Sterblichkeit herrscht aber unter den Kindern wegen Mangel an
+Pflege und Wartung in Hawaii (Virgin 1, 268) und ebenso in Tahiti
+(Bennett 1, 148). Ellis sagt, dass die tahitischen Kinder, obwohl dem
+Aussehen nach dick und gesund, doch bis zu einem Alter etwa von 12
+Monaten sehr zart und hinfällig wären (1, 260). Formation des Schädels
+durch Platt- und Hochdrücken war in Tahiti sehr häufig 1, 261. Auch auf
+Mikronesien ist die Wartung der Kinder schlecht. Auf Tobi (Lord North,
+äusserstes Süd-Westende Mikronesiens) erhalten die Kinder sofort nach
+der Geburt ganz gleiche Speise wie die Erwachsenen (Pickaring, Memoir of
+the Language and Inhabitants of Lord Norths Isl. 1845; 228), und ebenso
+auf Ratak Kokosmilch und Pisang, den ihnen die Mutter vorkaut;
+schädlicher aber als diese Nahrung ist ihnen die Unregelmässigkeit, mit
+der sie überhaupt etwas bekommen (Gulick 180-181), daher denn auch hier
+die Sterblichkeit unter ihnen gross ist. Auch in Polynesien säugen die
+Weiber gern Thiere auf neben den Kindern, wie z.B. die Hawaierinnen nach
+Remy XLII Hunde und Schweine.
+
+In Melanosien ist es nicht besser: die Kinder werden nicht gepflegt und
+müssen von der Geburt an das Leben der Alten mitmachen. In einigen
+Gegenden Neu-Guineas (Finsch 103) wird der Gebärenden fortwährend kaltes
+Wasser über den Kopf gegossen, ist aber das Kind geboren, Mutter und
+Kind sofort kalt gebadet und dann einer möglichst starken Hitze neben
+einem lodernden Feuer ausgesetzt, und so abwechselnd weiter. Je heisser
+und länger Mutter und Kind diese Höllenkur vertragen, für desto gesünder
+gelten beide. In einer anderen Gegend hatte eine Frau ein unlängst erst
+geborenes Kind auf den heissen Sand gelegt und arbeitete in der Nähe;
+als Fremde kamen, grub sie es ohne weiteres bis an den Hals in den Sand
+und arbeitete fort (eb. 63).
+
+Fast nirgends aber sterben mehr Kinder als in Neuholland: von vieren
+wird kaum mehr als eins drei Jahre alt (Turnbull 43), was sich aus der
+Behandlung, die ihnen zu Theil wird, und die nur ausserordentlich starke
+Kinder überstehen, erklärt. Kaum geboren wird das Kind in ein
+Opossumfell gewickelt, überall mit hingeschleppt und meist im höchsten
+Grade nachlässig behandelt, dem Feuer zu nahe gelegt und dergl. (Grey
+2, 250-251). Dies Wandern führt auch Darwin (2, 213) als Grund der
+Sterblichkeit unter den Kindern an, und es ist beachtenswerth, was er
+zusetzt: »Wie die Schwierigkeit, sagt er, sich Nahrung zu verschaffen,
+wächst, so wächst ihre wandernde Lebensweise und darum wird die
+Bevölkerung ohne eigentlichen Hungerstod auf eine so ausnehmend
+gewaltsame Weise zurückgehalten, im Vergleich mit civilisirten Ländern,
+wo der Vater seine Arbeit mehren kann, ohne den Sprössling zu
+vernichten«. Dazu wird ihnen auch noch die Nahrung dadurch verkürzt,
+dass auch hier die Weiber vielfach junge Thiere, Hunde, säugen (Grey 2,
+279) und gewiss oft nur aus Noth: denn ein Hund ist jetzt um so mehr,
+als die Jagdthiere immer scheuer und seltener werden, ein grosser Schatz
+für den jagenden Eingeborenen und die Nahrung für die jungen Thiere ist
+gewiss oft genug selten.
+
+Kurz aber mit allem Nachdruck müssen wir hier erwähnen, dass auch das
+Tattuiren, was in ganz Polynesien häufig betrieben wird, häufig den Tod
+nach sich zieht (Ellis 1, 266); und da man nur eben heranwachsende
+dieser Operation unterwirft, so wird der Jugend auch durch sie ein nicht
+zu unterschätzender Abbruch gethan.
+
+Wichtiger freilich, weil eine Sache von grösstem Einfluss auf das
+leibliche Gedeihen der Naturvölker, ist die oft über alle Begriffe
+schlechte Behandlung der Weiber. So vor allen Dingen in Neuholland. Die
+armen Weiber müssen, schwanger oder nicht, mit allem Gepäck und oft noch
+mit 1-2 Kindern beladen, dem Manne, der nur das Jagdgeräth trägt,
+folgen; sie müssen, kaum angekommen, alle Arbeit für den Haushalt
+besorgen, die Hütte aufschlagen, Feuer machen, Wurzeln, Muscheln erst
+suchen, dann kochen, für den Mann, die Kinder alles Nöthige bereiten,
+und dann, wenn sie bei alle dem oft aufs brutalste behandelt sind, dem
+Manne Nachts geschlechtlich zu Willen sein. Die beste Nahrung, die sie
+finden, ist für den Mann und ihre Söhne; sie dürfen erst essen, was
+diese übrig lassen und wenn sie fertig sind. So ist ihr Loos Tag für
+Tag: denn von dem, was sie noch ausser diesem gewöhnlichen Elend
+besonderes Schlimmes trifft (z.B. die Art, wie sie von den Männern zur
+Ehe geraubt werden), brauchen wir hier nicht zu reden. Ein wichtiger
+Umstand ist ferner, dass ihre Pubertät schon mit 11 oder 12 Jahren
+beginnt und sie schon mit diesen Jahren verheirathet werden. Nimmt man
+zu alle dem nun noch hinzu, dass sie ihre Kinder sehr lange säugen, oft
+bis 3 Jahre (Grey 2, 248-250) ja länger (4-6 Jahre nach Salvado 311), so
+wird man sich nicht wundern, dass die Lebensdauer dieser Unglücklichen,
+die nichts desto weniger oft ganz fröhlich sind und ihren Männern mit
+Liebe anhangen, nicht allzulang ist und dass es weniger Weiber als
+Männer gibt, im Verhältniss wie 1:3 nach Grey, nach anderen wie 2:3--ein
+Umstand indess, der wahrscheinlich mit bedingt ist durch die Sitte,
+neugeborene Mädchen umzubringen, von der wir später reden müssen.
+
+Und in Amerika ist es nicht besser. »Entbehrung und Leiden, sagt
+Humboldt b 2, 192, sind bei den Chaymas, wie bei allen halbbarbarischen
+Völkern, das Loos des Weibes. Wenn wir die Chaymas Abends aus ihren
+Gärten heimkommen sahen, trug der Mann nichts als ein Messer, mit dem er
+sich einen Weg durchs Gesträuch bahnt. Das Weib ging gebückt unter einer
+gewaltigen Last Bananen und trug ein Kind auf dem Arm und zwei andere
+sassen nicht selten oben auf dem Bündel«. Auch die Botokudinnen müssen,
+wie ihre Leidensgenossinnen in Neuholland, alle Arbeit thun, alles
+Gepäck schleppen und sich dann noch von ihren Männern aufs roheste
+misshandeln lassen (Tschudi 2, 284). Dasselbe erzählt Schomburgk von den
+Bewohnern Guyanas (2, 313; 1, 122 ff.) und mit einem schauderhaften
+Beispiel von roher Misshandlung von den Cariben (2, 428). Noch härter
+ist das Loos der Weiber in Nordamerika, wo sie auch die Feldarbeit thun
+müssen (Humboldt b 2, 293) und noch roher misshandelt werden (Waitz b,
+98). Mrs. Eastmann, welche längere Zeit selbst mit den Dakotas gelebt
+hat und daher diese Völker genau kennt, hat wohl Recht, wenn sie (bei
+Waitz b, 98; 3, 100) sagt: »Die Arbeit des Weibes wird nie fertig. Sie
+macht das Sommer- und Winterhaus. Für jenes schält sie im Frühling die
+Rinde von den Bäumen, für dieses näht sie die Rehfelle zusammen. Sie
+gerbt die Häute, aus denen Röcke, Schuhe und Gamaschen für ihre Familie
+gemacht werden und muss sie abschaben und zubereiten, während noch
+andere Sorgen auf ihr lasten. Wenn ihr Kind geboren ist, kann sie sich
+nicht ruhen und pflegen. Sie muss für ihren Mann das Rudern des Kahnes
+übernehmen, Schmerz und Schwäche wollen dabei vergessen sein. Immer ist
+sie gastlich. Geh zu ihr in ihr Zelt, sie gibt dir gern, was du
+brauchst, wenn es nur in ihrer Macht steht, und thut bereitwillig, was
+sie kann, um es dir bequem zu machen. In ihrem Blick ist wenig
+Anziehendes. Die Zeit war es nicht, die ihre Stirn gerunzelt und ihre
+Wange gefurcht hat. Mangel, Leidenschaft, Sorgen und Thränen haben es
+gethan. Ihre gebückte Gestalt war einst anmuthig, Mangel und Entbehrung
+erhalten die Schönheit schlecht«. So kommt es vor, dass Mädchen von
+ihren Eltern getödtet werden, um sie dem elenden Loos, das ihrer wartet,
+zu entziehen; und dass Weiber sich selbst umbringen, weil sie die Bürde
+ihres Lebens und Leidens nicht mehr zu tragen vermögen (Waitz 3, 103).
+Nur bei einigen wenigen Völkern war das Loos der Weiber etwas besser
+(Waitz 3, 181). Die Speisen des Mannes durften die Weiber nicht theilen,
+ja oft nicht einmal mit den Männern zusammen essen (Schomburgk 2, 428),
+eine Sitte, die auch überall in Ozeanien herrscht und ihren letzten
+Grund in religiösen Anschauungen hat. Doch waren durch sie den Weibern
+meist die wirklich guten und nahrhaften Lebensmittel untersagt, was bei
+ihren schweren Arbeiten von doppeltem Gewichte war. In Poly- und
+Mikronesien (in Melanesien herrschten Sitten, die den australischen
+näher kommen und Fidschi steht zwischen beiden) war die Stellung der
+Weiber nicht schlecht; allerdings waren sie meist von der Gesellschaft
+und den Genüssen der Männer ausgeschlossen, doch empfanden sie dies
+sowie die Prostitution, zu der sie verurtheilt waren, nicht, weil es die
+Sitte nun einmal mit sich brachte und man sie sonst als
+Freudenspenderinnen ehrte. Wirklich schlecht scheinen sie nur in der
+Paumotugruppe behandelt zu sein, von wo und zwar von Mangareva Mörenhout
+2, 71 schreckliche Beispiele äusserster Bedrückung und grausamster
+Misshandlung erzählt. Während an den meisten Orten den Weibern so gut
+wie gar keine oder nur weibliche Arbeit, Zeugbereiten und dergl.
+obliegt, wie in Tonga, in Tahiti, in Nukuhiva (Melville 2, 147); so
+müssen sie in andern Inseln fast alle Arbeit thun, wie in Neuseeland
+(Dieffenb. 2, 12). Frühreife der Weiber ist in Polynesien sehr
+gewöhnlich. Auf Neuseeland tritt die Pubertät früher als bei uns, doch
+später als in Südeuropa ein (Dieffenb. 2, 33) nach Browne 38 sind sie
+schon mit dem 11. Jahre heirathsfähig und früher coitus ist auf der
+ganzen Insel gewöhnlich (Dieffenb. 2, 12). Aehnlich fand es Cook auf
+Tahiti (b, 126-127). Dass sich 11jährige Mädchen den Fremden anbieten,
+ist gar nicht selten; es soll auch noch jüngere geben, die es thun. Die
+Geschlechtsentwickelung auf den Fidschiinseln fällt später: für die
+Mädchen ins 14., für Knaben ins 17. oder 18. Jahr (Wilkes bei Waitz 1,
+126). Auch in Amerika reifen die Weiber sehr früh (Azara an vielen
+Stellen). Schomburgk (1, 123) sah unter den Waraus in Guyana eine Frau
+von kaum 10 Jahren, die dennoch hochschwanger war. Humboldt der b 2, 188
+sagt, dass die Chaymasweiber mit 11-12 Jahren sich verheiratheten,
+erzählt dasselbe von den Eskimos der Nordwestküste von Amerika, den
+Koriäken und den Kamtschadalen (190), bei denen häufig 10jährige Mädchen
+Mütter sind. Er meint zwar, dass diese frühzeitigen Heirathen der
+Bevölkerung nichts schadeten: jedenfalls aber hängt das frühzeitige
+Verblühen der Weiber (Waitz b, 99; Tschudi 2, 298; Schoinburgk sagt in
+Beziehung auf Guyana dasselbe) mit dieser Frühreife zusammen. Doch gibt
+es Stämme in Nordamerika, wo die Geschlechtsreife viel später eintritt
+(Waitz 1, 125) Thunberg sah bei den Hottentotten hinwiederum Mädchen von
+11-12 Jahren, welche schon Kinder hatten (25-26[C]).
+
+Zu dieser frühen Entwickelung kommt nun ein sehr langes Säugen. Wie in
+Neuholland die Weiber--und in Polynesien ist es ebenso, nach Dieffenbach
+a.a.O. und anderen--so säugen auch die Amerikanerinnen ihre Kinder
+öfters bis ins 12. Jahr und dies Säugen wird, wenn die Mutter
+mittlerweile durch ein 2. Kind beansprucht wird, von der Grossmutter
+fortgesetzt! Die Indianerinnen behaupten, im Besitz eines Mittels zu
+sein, welches ihnen länger und unerschöpflicher die Milch erhalte
+(Schomburgk 2, 239. 315).
+
+Muss eine solche Lebensart, welche auch bei den Hottentotten um nichts
+besser und nur in Nebendingen anders ist, die Weiber frühzeitig welken
+lassen und dahinraffen, so ist die Lebensweise der Männer vielfach auch
+vollkommen aufreibend durch das Uebermass von Anstrengungen, was sie mit
+sich bringt. Man denke auch nur, was es heissen will, Tag für Tag, bei
+oft ganz ungenügender oder durch ihre zu reichliche Fülle schädlicher
+Nahrung, fortwährend umherzuziehen, über endlose Strecken dem Wild nach,
+in den Anstrengungen der Jagd oder des Krieges und dabei allen Unbilden
+des Klimas, des Wetters ausgesetzt! Daher finden wir nirgends in
+Neuholland oder dem Feuerland oder unter den Wanderstämmen Amerikas ein
+so hohes Alter unter den Einzelnen als es Chamisso auf den Ratakinseln
+und San Vitores (nach le Gobien 47) auf den Marianen fand, wo 100jährige
+Greise nicht selten waren, während Grey schon 70 Jahre als hohes Alter
+unter den Neuholländern betrachtet (2, 247-248), aber gleich hinzusetzt,
+dass bei der grossen Sterblichkeit der Kinder, die mittlere Lebensdauer
+bei ihnen viel geringer als in Europa ist. Nach Azara freilich erreichen
+die brasilianischen Stämme ein sehr hohes Alter: er will unter den
+Payaguas mehrere Männer gesehen haben, die zum wenigsten 120 Jahre alt
+waren (270; vgl. 173). Die Polynesier, überhaupt die Bewohner kleiner
+und meist genügend fruchtbarer Inseln, so bedenklich ein solcher Wohnort
+nach anderen Seiten sein mag, sind in dieser Beziehung besser gestellt,
+da schon die Oertlichkeit ihrer Heimath solche übermässige Anstrengung
+verhütet; die langen und dünnen Gliedmaassen, die vorhängenden Bäuche,
+die verkommene Gestalt aber der Neuholländer ist zweifelsohne nicht
+Raçencharakter (an einem anderen Ort gedenke ich den Nachweis zu führen,
+dass die letzteren gleichfalls ein Zweig des malaiopolynesischen Stammes
+sind), sondern durch die mühselige Lebensart, das ewige Wandern, die
+Unregelmässigkeit der Nahrung hervorgebracht. Und natürlich steigert
+sich alle diese Noth durch die Ausbreitung der Europäer, durch welche
+die Jagdthiere der Naturvölker sehr rasch zusammenschmelzen; ja sie
+steigert sich durch sich selbst und ihre eigene lange Dauer, da die
+Thiere, stets verfolgt, dadurch immer scheuer, die Jagd immer
+schwieriger wird, wie von Tschudi 2, 279 von Südamerika bezeugt. Auch
+werde, um nichts zu übergehen, wenigstens beiläufig an das erinnert, was
+Tschudi eb. 290 sagt, dass mangelnde Jagdbeute die Völker nöthigt, ihre
+Jagdzüge weiter auszudehnen und das Gebiet anderer Horden zu verletzen;
+dass diese ihr Gebiet vertheidigen und sich so oft sehr bedeutende
+Kämpfe um die Existenz entwickeln. Auf beschränktem Terrain war
+Ausrottung der Jagdthiere bisweilen nothwendige Folge auch der
+vorsichtigsten Jagd; so in Neuseeland, wo die grossen Jagdvögel, die
+Moas (Dinornis, Apteryx), nach und nach ausgerottet sind von den
+Eingeborenen selbst, die ersteren ganz, die letzteren wenigstens zum
+grössten Theil, und zwar ohne Schuld der Maoris: die Vögel vermehrten
+sich langsam und wurden bei ihrer Unbehülflichkeit und dem nicht sehr
+günstigen Terrain leicht die Beute der Jäger. So starben sie aus, ohne
+dass man jenen ein blindes Wüthen gegen die Jagdthiere vorwerfen dürfte.
+
+Betraf dies nun ihre Lebensart im Allgemeinen, so müssen wir nun noch
+von einzelnen Punkten speziell reden. Zunächst die Nahrung, in deren
+Auswahl und Aufbewahrung fast alle Naturvölker wenig Sorgfalt zeigen.
+Sie dürfen auch, da die Natur von selbst, auch in den Tropen, nicht zu
+jeder Zeit und nicht allzubereitwillig das Nöthige bildet, nicht allzu
+wählerisch sein. So essen denn z.B. die Botokuden eigentlich Alles,
+ausser geniessbaren Thieren auch Füchse, Aasgeier, Mäuse, Schlangen,
+Eidechsen, Kröten, Fledermäuse, Insektenlarven, Würmer, ungeputzte
+Eingeweide (Tschudi 2, 279. 298) und dergl. In Guyana graben die Kinder
+18 Zoll lange Skolopender aus der Erde und--fressen sie lebendig (Voigt
+Zoologie V, 420 nach Humboldt). Das Erdeessen der Otomaken hält
+Humboldt, der es b 6, 102 ff. mit Herbeiziehung alles Analogen bei
+anderen Völkern bespricht, zwar nicht für schädlich, nützlich aber ist
+es auch nicht, sondern nur hungervertreibend. Auch in Australien (Grey
+2, 263-264) findet es sich; doch wird hier die Erde mit einer geriebenen
+Wurzel gemischt.
+
+In Australien ist zwar nach Grey 2, 259-261 der Nahrungsmangel nicht so
+gross, als man gewöhnlich annimmt und vieles was uns nur aus äusserstem
+Elend gewählt scheint, ist ihnen eine willkommene Leckerei; indess sagt
+Grey doch selbst, 261 ff., dass jede Gegend des Continents ihre
+besondere Nahrung habe, die man aber erst kennen und aufsuchen müsse.
+Und das scheint keine leichte Sache, wenigstens war er selbst, obwohl
+von einem nicht unbefähigten Eingeborenen begleitet, auf seinem
+unfreiwilligen Zug die Westküste des Kontinentes entlang in der
+äussersten Lebensgefahr durch Hunger. Ein fauler Walfisch ist den
+Neuholländern, während sie sonst sehr ekel gegen angegangenes Fleisch
+sind, grösster Genuss und je stinkender die Speise, desto willkommener
+wird sie, wie auch die Thakallis, ein Stamm der Athapasken in
+Nordamerika, faules Fleisch vorzüglich gern essen (Waitz b, 90). Und wie
+nun diese Völker essen! »Die Botokuden geniessen die meisten
+Nahrungsmittel, besonders das Fleisch in halbgarem Zustande. Es wird
+über das Feuer gehalten, bis die äussersten Schichten etwas angebrannt
+sind und dann verzehrt. Die Gefrässigkeit dieser Indianer ist fast
+sprichwörtlich geworden.----Wenn ein glücklicher Jagdzug reichliche
+Beute gewährt, so wird sie gierig verzehrt und da das Fleisch rasch in
+Fäulniss übergeht, um ja nichts zu verlieren, der Magen so lange
+vollgestopft, als eine physische Möglichkeit dazu vorhanden ist. Dann
+folgt eine lange behäbige Verdauungsruhe und dieser oft wochenlang
+äusserst spärliche Mahlzeiten. Völker und Individuen, die
+ausschliesslich auf Fleischnahrung angewiesen sind, haben eine rasche
+Verdauung und es äussert sich bei ihnen Heisshunger viel heftiger als
+bei jenen, die an eine vegetabilische oder gemischte Nahrung gewöhnt
+sind. Sie können sich aber auch mit einer sehr geringen Quantität ihrer
+gewohnten Fleischnahrung lange kräftig erhalten, leiden dabei aber stets
+an Hunger. Bei jeder sich darbietenden Gelegenheit suchen die Botokuden
+ihren steten Hunger durch übermenschliches Fressen zu stillen und
+verschlingen mit der Gier eines Raubthieres die ekelhaftesten
+Gegenstände ohne Wahl mit gleichem Heisshunger«. Was Tschudi (2,
+278-279) uns so von den Botokuden erzählt, das kann mit denselben Worten
+von allen Naturvölkern Amerikas, von den Feuerländern bis zu den
+Eskimos, das kann von den Hottentotten, von denen es allwärts bekannt
+ist (von den Buschmännern bezeugt es z.B. Lichtenstein 2, 355), und
+trotz ihrer mehr gemischten Nahrung von den Neuholländern, den meisten
+Melanesiern, und auch, obwohl bei diesen meist die vegetabilische
+Nahrung vorwiegt, von vielen Polynesiern gesagt werden, von den roheren
+gewiss, doch zu Zeiten auch von den cultivirteren, wenigstens
+übersteigt die Masse der bei Festlichkeiten verschlungenen Lebensmittel
+alle europäischen Begriffe bei weitem. Ja es kam vor, dass man bei
+grossen Vorräthen, wie einst die hochcivilisirten Römer, Brechmittel
+nahm, um mit frischen Kräften weiter essen zu können (Waitz 3, 82, vom
+südl. Nordamerika). Zwiefach gefährlich ist eine solche Lebensart,
+einmal, weil sie dem menschlichen Organismus gewiss nicht entsprechend
+und also schädlich ist; und zweitens weil sie, da man alles was die
+Gegenwart bietet aufzehrt und in sich stopft, Vorräthe zu sammeln aber
+etwas ganz Ungewohntes ist, für die Zukunft, für welche Naturvölker nur
+in den seltensten Fällen und auch dann meist sehr unvollkommen sorgen,
+die bedenklichsten Folgen hat. Hungersnoth entsteht in Polynesien nicht
+selten durch gänzliches Aufzehren aller Lebensmittel bei Festlichkeiten,
+obwohl doch die meisten Völker hier Vorräthe sammeln. Uebrigens thun
+dies auch manche Indianerstämme (Waitz b, 91). Man sollte denken, gerade
+die Naturvölker, durch Noth und Erfahrung belehrt, müssten am ersten für
+die Zukunft Sorge zu tragen gelernt haben, allein Waitz, der daran
+erinnert, dass »auch unter den civilisirten Völkern die Individuen und
+die ganzen Classen der Gesellschaft sich um die Zukunft wenig oder gar
+nicht kümmern, denen zur Arbeit jedes andere Motiv fehlt, ausser der
+Sorge für ihren eigenen Lebensunterhalt«, hat sehr richtig b, 84 u. 91
+die psychologischen Gründe entwickelt, warum die kulturlosen Völker nur
+der Gegenwart leben. Die Hauptsache ist, dass sie allzusehr unter der
+Herrschaft der sinnlichen Nerveneindrücke stehen: die Vorstellung,
+welche sie gerade gegenwärtig haben, verdrängt alle anderen aus ihrem
+Bewusstsein, und ist, nach Noth und Entbehrung, die Gegenwart wieder
+gut, so kommt dazu der physische Genuss dieses Wohllebens, dieser Ruhe,
+der die augenblicklichen Vorstellungen mit um so grösserer Macht zu
+alleinherrschenden macht (Waitz 1, 351).
+
+Aber nicht bloss sorglos sind sie um die Zukunft: wie oft zerstören sie
+sich man kann fast sagen die Lebensbedingungen für dieselbe selbst, so
+namentlich auf der Jagd. »Der Jäger, sagt Waitz 1, 350, geräth,
+besonders massenhafter Beute gegenüber, wie der Soldat im heissen
+Kampfe, in eine grenzenlose Wuth, er mordet mit Lust und verwüstet das
+Wild meist in völlig nutzloser Weise, verzehrt davon das Beste und oft
+dieses kaum, wenn es im Ueberfluss sich darbietet. Daher brauchen
+Jägervölker ein ganz unverhältnissmässig grosses Areal und gerathen
+trotzdem oft in Noth, weil ihnen Schonung der Jagdthiere ebenso fremd
+ist, als sparsames Haushalten mit Vorräthen überhaupt. Der hundertste
+Theil des von den Zulus erlegten Wildes, bemerkt Delagorgue, würde zu
+seinem und seiner Begleiter Unterhalt mehr als hinreichend gewesen
+sein.« Die Buschmänner zerstören häufig grössere Jagdbeute aus Missgunst
+und Bosheit: »was sie selbst im Ueberfluss nicht gebrauchen können,
+soll wenigstens keinem anderen zu Gute kommen«, sagt Lichtenstein 2, 565
+von ihnen. Aehnlich berichtet Hearne 120 von den nördlichsten Stämmen
+Nordamerikas, die das Wild schliesslich der Zungen, des Markes, des
+Fettes wegen, aller Gegenvorstellungen zum Trotz, erlegten, die an
+keinem Nest mit Jungen oder Eiern vorübergehen konnten, ohne es zu
+zerstören. Waitz 3, 81 sieht darin nur die Sitte eines gänzlich rohen
+Stammes und sagt, dass, wo diese und ähnliche Sitten jetzt eingerissen
+seien, es in Folge moralischer Gesunkenheit geschehen sei, da sonst
+Sparsamkeit der Charakter der meisten Indianer gewesen sei. Mag
+letzterer Zug ganz richtig sein: die Leidenschaft der Jagd aber, welche
+kein Thier schont, findet sich in Amerika nicht nur bei verkommenen
+Völkern. Sie herrscht in Canada (Waitz 3, 85) und gewiss sonst noch aus
+der abergläubischen Ansicht, dass die fliehenden Thiere die anderen
+warnen und verscheuchen würden. Von Südamerika berichtet Azara 193
+Gleiches. Dasselbe gilt von den Neuholländern.
+
+Und nicht genug, dass sie sich auf diese Weise die Nahrung selbst
+zerstören: sie verbieten sich auch eine Menge Speisen, oft gerade die
+besten, durch religiösen Glauben. Zunächst sind die Frauen fast überall
+in Amerika, Polynesien und Australien, in Neuholland auch die Jünglinge
+und Knaben (Grey 2, 248), von den besten Nahrungsmitteln, die nur den
+erwachsenen, oft nur den greisen Männern erlaubt sind, ausgeschlossen.
+Dann aber gehört das Totem der Indianer hierher, von dem Waitz 3, 119
+sagt: »Der politische Verband des Volkes beruhte in alter Zeit sehr
+allgemein auf einer Eintheilung in Banden oder Geschlechter, deren jedes
+durch ein Thier oder einen Körpertheil, eines Thieres als Marke
+bezeichnet war, z.B. Bär, Büffel, Fischotter, Falke und dergl. Nur ein
+Fisch oder ein Theil eines Fisches konnte diese Marke nicht sein.« Der
+Name dieser Marke, Totem, kommt von den Algonkin. Wahrscheinlich
+(ebend.) hatte das Totem ursprünglich eine religiöse Bedeutung: das
+Thier des Totem war der Schutzgeist der nach ihm benannten Familie,
+wurde von dieser heilig gehalten und _durfte von ihr nicht gejagt_
+werden. Und ebenso verhielt es sich gewiss mit »der Medicin«, die jeder
+Amerikaner hatte, d.h. dem Totem des Einzelnen. Denn zur Zeit der
+beginnenden Mannbarkeit erscheint jedem einzelnen sein Schutzgeist in
+Gestalt eines Thieres, das dann gejagt und dessen Balg stets von dem
+Betreffenden getragen werden muss. Der Verlust der Medicin würde ihm
+tiefste Verachtung und beständiges Unglück zuziehen (Waitz 3, 118-119).
+Ursprünglich durfte gewiss kein Indianer das Thier, das ihm »Medicin«
+Schutzgeist war, verzehren. Die meisten Völker (auch die Aleuten)
+stammten von solchen Thieren ab (Waitz 3, 119. 191) und auch diese waren
+ihnen gewiss ursprünglich heilig, wenn sich auch später diese Verehrung
+in etwas abschwächte. Diese auffallende Sitte, die genauer betrachtet
+gewiss mancherlei merkwürdige Resultate gäbe[D], findet sich ganz
+übereinstimmend bei den Neuholländern, worüber man Grey 2, 225-229
+vergleiche. Jede Familie, oder besser, jeder Stamm, denn die Familien
+sind ausgedehnt wie Stämme, hat ihr »kobong« Pflanze oder Thier, das ihr
+heilig ist, ihr den Namen gibt u.s.w. Wie in Amerika Leute von gleichen
+Totem, so durften in Neuholland Leute desselben Kobongs einander nicht
+heirathen. Kein Neuholländer tödtet sein Kobong, wenn er es schlafend
+findet, auch nie, ohne ihm vorher Gelegenheit zur Flucht zu geben; war
+es eine Pflanze, so durfte es der Betreffende nur zu bestimmten
+Jahreszeiten und unter ganz bestimmten Ceremonien einärnten und
+benutzen[E]. Hierin sehen wir eine Folge der Noth; denn ursprünglich
+durfte das Kobong wohl ebenso wenig gegessen werden, wie das
+amerikanische Totem. Dafür spricht auch die Form, in welcher sich die
+Sitte in Polynesien erhalten hat. Denn in Polynesien gilt es noch jetzt
+an verschiedenen Orten als strenges Gesetz, dass Einzelne einzelne
+Thiere, in welchen ihr Schutzgeist oder der Geist ihrer Ahnen verborgen
+ist, weder tödten noch essen dürfen. So in Mikronesien z.B. auf Ponapi
+(O'Connel bei Hale 84), auf Tikopia (Gaimard bei D'Urville V, 305-307),
+auf den Fidschiinseln (Wilkes 3, 214), wohin die Sitte entweder von
+Polynesien gekommen ist oder sich als malaiisches Ureigenthum, wie wir
+sie auch in Neuholland finden, erhalten hat; so in Hawaii (Remy 165), in
+Tahiti (Mörenhout 1, 451-57). Wir finden auf allen diesen Inseln jetzt
+Gedanken an Seelenwanderung eingemischt; allein man muss bedenken, dass
+der Glaube an die behütende Macht der Seelen der Vorfahren, also an den
+Uebergang der abgeschiedenen Seelen in Schutzgeister der Lebenden in
+Polynesien später vielfach aufgekommen ist.
+
+Auch anderer Aberglaube als dieser entzog bisweilen den Naturvölkern die
+Nahrung, wie z.B. Grey 1, 363-364 erzählt, dass, weil einige Eingeborene
+beim Muschelessen gestorben waren, die Neuholländer, die ihn
+begleiteten, aus Furcht vor Zauberei nicht dahin zu bringen waren,
+selbst durch den äussersten Hunger nicht, dass sie Muscheln assen; und
+Derartiges liesse sich, wenn es für unsern Zweck nicht zu weit führte,
+noch mancherlei sammeln.
+
+Dass nun die engen dumpfigen Wohnungen vieler dieser Völker (es bedarf
+hierzu keiner Belegstellen), worin oft sehr viel Menschen
+zusammengepfercht wohnen und schlafen und die oft von Schmutz und
+Ungeziefer starren, ungesund sind, versteht sich von selbst. Andere
+Stämme (Feuerländer, Australier u.s.w.) haben in ihren Wohnungen fast
+gar keinen Schutz vor dem Wetter; die Buschmänner (Waitz 2, 344) haben
+zu ihren stets wechselnden Schlafstätten Erdlöcher, die sie mit
+Baumzweigen überdecken, Felsspalten und Büsche. Auch auf die meist sehr
+mangelhafte Bekleidung dieser Völker braucht hier bloss hingewiesen zu
+werden. Alles dies, die Art wie sie sich nähren zumeist, ist zwar
+schädlich und bewirkt es, dass nirgend die Naturvölker sehr hohe
+Kopfzahlen aufzuweisen haben; aber alles dies ist auch wiederum nicht
+von solchem Einfluss, dass es das Aussterben dieser Völker allein schon
+erklärte; wir dürfen es nur als sekundäre Ursachen dafür betrachten, als
+solche aber dürfen wir es auch durchaus nicht übergehen oder
+unterschätzen. Wäre dies ihr Leben dem menschlichen Organismus
+zuträglicher, so würden sie auch manches feindliche Schicksal, welchem
+sie so erliegen oder erlegen sind, überwunden haben.
+
+
+
+
+§ 6. Charakter der Naturvölker.
+
+
+Aber nicht bloss diese Fahrlässigkeit in Bezug auf ihr äusseres Leben
+schadet den Naturvölkern: ihr ganzer Charakter, wie er sich im Laufe der
+Jahrtausende entwickelt hat, steht einem kräftigen Gedeihen im Wege und
+so müssen wir auch diesen, wenigstens nach einigen Seiten hin,
+betrachten. Zunächst ist unter ihren geistigen Eigenschaften ihre
+furchtbare Trägheit hervorzuheben, welche z.B. in Mikronesien so weit
+geht, dass man viel zu indolent ist gegen eine fürchterliche Form des
+Aussatzes, welche in ihrem Anfang noch heilbar und leicht heilbar in
+ihrer Entwickelung ebenso qualvoll als absolut tödtlich wird, auch nur
+das Mindeste zu thun: man sieht dem ersten Anfange, der noch nicht
+belästigt, mit grösster Seelenruhe zu, bis jede Hülfe zu spät ist
+(Virgin 2, 103). Diese Faulheit, welche Waitz 1, 350; b, 84, 90 und
+sonst zur Genüge geschildert hat, ist denn auch ein Grund, weshalb
+Naturvölker so selten Vorräthe sammeln, ja verhindert sie oft nur
+auszugehen, um Nahrung zu suchen, wie Grey 2, 262-63 von den
+Neuholländern sagt; namentlich im Sommer bei Hitze und im Winter bei
+Kälte und Nässe leiden sie Hunger, die Folge ihrer Trägheit. Beispiele
+von den Hottentotten zu geben wäre überflüssig. Diese Trägheit schadet
+ihnen aber noch auf ganz andere Weise. Denn wie Fleiss, Interesse und
+geistige Anspannung auch körperlich anregen und grössere Kraft und dem
+ganzen Organismus auch leiblich erhöhteres Leben verleihen, so schwächt
+umgekehrt fortgesetzte Schlaffheit und geistige Trägheit, wie sie die
+Naturvölker in so hohem Grade ausser wenn sie Noth treibt bekunden, auch
+die leibliche Kraft und die Funktionen des Körpers scheinen darunter zu
+leiden. Wenn nun dieser Zustand durch leibliche und geistige Vererbung
+(auch der Einfluss geistiger Vererbung ist von grösster Bedeutung und
+wohl noch nicht überall hinlänglich gewürdigt) sich immer mehr
+befestigt, so muss er auf das Gedeihen der Naturvölker einen immer
+gefährlicheren Einfluss haben. Allerdings ist das Ineinandergreifen des
+leiblichen und geistigen Lebens ein schwieriger und dunkler Punkt, auf
+den aber gerade deshalb ganz besonders aufmerksam gemacht werden muss.
+
+So entwickelt sich denn aus dieser Trägheit des äusseren auch eine
+Starrheit und Unbeweglichkeit des geistigen Lebens, die gleichfalls von
+den schlimmsten Folgen für diese Völker ist, schon dadurch, dass jeder
+gute Einfluss der Europäer auf sie, jeder Versuch, sie zur Kultur
+emporzuheben, ausserordentlich erschwert wird. Dadurch abgeschreckt
+haben auch vorurtheilsfreie Männer, wie Meinicke, behauptet, sie seien
+zu jeder Kultur unfähig, und doch ist, wie Erfahrungen bei allen
+Naturvölkern bewiesen haben, nichts falscher, als diese Behauptung. Da
+nun diese Starrheit mit jeder Generation nach und nach zunimmt, so
+wirken auch historische Schicksale, Wanderungen und dergl. unendlich
+viel schwerer auf diese Völker, als sie vor so vielen Jahrtausenden auf
+die Indogermanen, die Semiten, als sie auch auf die gebildeteren
+Polynesier und Amerikaner wirkten. Daher versinken sie immer mehr und
+mehr in Roheit und Stumpfheit, und es ist nicht übertrieben, zu
+behaupten, dass, auch wenn sie allein auf der Welt wären, ohne jeglichen
+feindseligen Einfluss von aussen her, sie dennoch, wie jetzt ihre
+Entwickelung oder wohl besser ihre Verhärtung ist, nach und nach
+langsam vergehen und erlöschen würden. Denn nichts ist der menschlichen
+Natur, die so sehr auf Wechselbeziehung zwischen Leib und Seele
+gegründet ist, schädlicher, als eine solche Unthätigkeit beider.
+
+Ein dritter Zug ihres Charakters, der uns hier näher angeht, ist eine
+gewisse Melancholie, die sich, wie bekannt, zumeist bei den Amerikanern
+findet. Doch auch die scheinbar so fröhlichen Polynesier, wenn man
+gleich ihr Temperament nicht wie das der Amerikaner melancholisch nennen
+kann, zeigen manches Entsprechende. So resigniren sich die Tahitier über
+ihr Aussterben durch den oft wiederholten Ausspruch, den wohl Ellis (1,
+103-104) zuerst mittheilte: der Hibiskus soll wachsen, die Koralle sich
+ausbreiten, der Mensch aber dahinsterben; und »es war melancholisch,
+sagt Darwin (2, 213), die schönen energischen Eingeborenen Neuseelands
+sagen zu hören, sie wüssten, dass das Land nicht das Eigenthum ihrer
+Kinder bleiben würde.« Für Kamtschatka ist wichtig, was v. Kittlitz über
+das Klima dieses Landes sagt, das bald (oder Einzelne) zur tiefsten
+Melancholie stimme, bald (oder Andere) zur höchsten excentrischsten
+Freude aufrege. Die Schilderungen der Aleuten bei Kotzebue, Chamisso,
+Langsdorff u.a. enthalten ganz ähnliche Züge von Niedergeschlagenheit,
+die allerdings hier mit grossem Phlegma gepaart scheint.
+
+Es ist klar, dass diese Melancholie mit jener schon besprochenen
+Trägheit zusammenhängt; denn diese raubt dem Geist der Naturvölker, der
+nach aller Naturvölker Art ganz und gar vom jedesmaligen sinnlichen
+Eindruck und meist nur von solchen abhängig ist, die besonnene und feste
+Willens- und Widerstandskraft immer mehr. So wie nun aber jeder
+Willensakt eine rein physische Nerventhätigkeit voraussetzt, so wird
+auch fortgesetztes Nichtwollen zum bleibenden Nervenhabitus, zum nicht
+Wollenkönnen und dadurch vom übelsten Einfluss auf die Seele, der, wenn
+dieser letzteren Leiden entgegentreten, um so grösser und vernichtender
+wird.
+
+Das zeigt sich nun schon bei den Naturvölkern im Leben der Individuen.
+Wir sahen, dass Krankheiten überall als Bezauberung oder Einwirkung von
+Dämonen gelten; viele aber, die von Krankheiten befallen sind, sterben
+aus keinem andern Grund, als aus Melancholie über die vermeintliche
+Bezauberung. Beispiele für Neuseeland gibt Dieffenbach 2, 16, Browne 75;
+für Tahiti Ellis 1, 364, 367-68; für Neuholland, wo eine namenlose Angst
+vor Bezauberung herrscht, Grey 1, 363-64. 2, 336-40; für Nordamerika, wo
+der Tod aus abergläubischer Furcht gar nicht selten ist, Waitz 3, 213:
+und nach allem Gesagten werden wir in den Ländern, wo Krankheit durch
+Zauberei entsteht oder als Folge von Sünden gilt, wie z.B. in
+Kamtschatka, wo Krankheit und Tod erfolgen, wenn man Kohle mit dem
+Messer spiesst oder Schnee mit dem Messer von den Schuhen schabt (Waitz
+1, 324), in allen diesen Ländern, also bei allen Naturvölkern werden wir
+auch ein solches Hinsterben Einzelner aus Angst und Aberglauben finden.
+
+
+
+
+§ 7. Ausschweifungen der Naturvölker.
+
+
+Die gänzliche Abhängigkeit der Naturvölker von sinnlichen Eindrücken hat
+auch noch eine andere sehr gefährliche Folge für sie, durch welche
+einzelne Stämme ernstlich bedroht worden sind: wir meinen die
+Ausschweifungen, denen viele von ihnen verfallen sind, im Trunk und vor
+allen in geschlechtlicher Beziehung.
+
+Zwar von den gebildeten Völkern Amerikas, den Mexikanern und ihren
+Verwandten sowie den Peruanern, kann man nicht behaupten, dass sie nach
+dieser Seite hin Vorwürfe verdienten; freilich kamen bei ihnen
+Ausschweifungen und grobe, ja unnatürliche Laster vor, freilich gab es
+bei ihnen öffentliche Dirnen, aber alles das war keineswegs ausgebreitet
+und durchaus verachtet, so dass wir sie in dieser Beziehung viel höher
+stellen müssen, als die heutigen Kulturstaaten Europas. Die Schilderung
+freilich, welche wir bei Pöppig 375 finden, oder was uns der berüchtigte
+Ortiz, ein Mönch zur Zeit der Entdeckung, erzählt, enthält des
+Scheusslichsten auch nach dieser Seite viel; Ortiz Darstellung sollte
+aber nur die Behandlung, welche das Land durch die Conquistadoren
+erfuhr, rechtfertigen und so häufte sie alle Laster auf die Indianer.
+Pöppigs Nachrichten beruhen auf ähnlichen Quellen, die gleichfalls ganz
+unzuverlässig und meist unwahr sind. Wenn z.B. Gomara (bei Pöppig)
+berichtet, dass Balboa 50 Päderasten in Quarequa in Darien und ebenso
+(Waitz 4, 350) den Herrn dieses Landes um desselben Lasters willen von
+Hunden zerreissen und dann verbrennen liess, so ist es ganz klar, dass
+hier die Anklage nur erfunden wurde, um die scheussliche Grausamkeit
+Balboas zu bemänteln, der selbst sagt, das Laster sei nur von den
+Vornehmen verübt, vom Volke verabscheut. Denn dass spanische Soldaten,
+unter welchen es gleichfalls vorkam (Waitz 3, 383), jemals dafür und gar
+so fürchterlich gestraft wären, davon wird nichts erwähnt. Waitz im 4.
+Bande der Anthropologie hat nun ganz klar und deutlich bewiesen, dass
+solche Ausschweifungen nur einzeln und selten bei diesen Völkern sich
+fanden, wofür die strengen Strafen, welche bei ihnen allen auf solchen
+Lastern oder auf sonstiger Unzucht standen, sprechen; vergl. Waitz 4,
+85. 88. 131. 307. 350. 367 u. sonst. Ebenso wenig waren solche Laster,
+wie Pöppig a.a.O. will, »Volkslaster« in Peru; freilich haben die
+Conquistadoren auch hier das ärgste zu erzählen gewusst und mussten,
+nach ihren Berichten, die grausamsten Strafen gegen die Lüstlinge
+anwenden; wenn man aber liest (Waitz 4, 478), wie der gefangene Inka
+Manko Capak, Atahualpas Bruder, die Spanier flehentlich bat, dass man
+ihn doch wenigstens nicht zum Feuertod verurtheilen oder den Hunden
+vorwerfen, sondern nur aufhängen möge, so wirft das auf jene Strafen ein
+ganz eigenthümliches Licht. Auch beweisen die Zeugnisse bei Waitz 4,
+417, dass auch in Peru solche Laster, Ehebruch oder gar Päderastie,
+durchaus nicht verbreitet waren, sondern nur vereinzelt vorkamen, wofür
+wiederum die strengen Strafen, welche die einheimischen Landesgesetze
+gegen derartiges verhängten, sprechen.
+
+In Nordamerika war, wie bei den eben besprochenen Völkern, Polygamie
+erlaubt, keineswegs aber sehr ausgedehnt (Waitz 3, 109). Weibertausch
+kommt vor, als Freundschaftszeichen unter Familien (Hearne 128), ebenso
+auch Prostitution aus Gastfreundschaft. Keuschheit der Mädchen war
+überhaupt etwas, auf das man bei vielen Völkern und namentlich bei den
+roheren, keinen Werth setzte (Waitz 3, 111). Schlimmere Dinge und
+namentlich Blutschande erwähnt als gewöhnlich bei den Athapasken Hearne
+128, der auch sonst den Anwohnerinnen der Hudsonsbai arge
+Ausschweifungen Schuld gibt (126-27). Unnatürliche Laster werden
+vielfach bei den Völkern Nordamerikas erwähnt und Männer in
+Weiberkleidern finden sich freilich an vielen Orten, so bei den
+Illinois, in Florida, bei den Mandans, den Osagen, den Kansas u.s.w.
+(Waitz 3, 113); auch bei den Bewohnern Nutkas wird Aehnliches erwähnt
+(eb. 133), obgleich sie sowohl wie die Koluschen im ganzen keusch leben,
+anders wie die Chinook (am Columbia), bei denen Prostitution und
+sinnliche Ausschweifungen verbreitet waren (eb. 337). Strenger sind die
+Völker vom Oregongebiete. Uebrigens ist das nicht immer ein Zeichen von
+unnatürlichen Lastern, wenn Männer Weiberkleider tragen; denn einmal
+scheint manche abergläubische Vorstellung (eb. 113) damit verbunden zu
+sein, in anderen Fällen war es wenigstens eine symbolische, wie z.B. die
+Delawares von den Irokesen »zu Weibern gemacht«, d.h., gezwungen wurden,
+als sie gänzlich besiegt waren, den Weiberrock anzuziehen (Waitz 3, 23.
+b, 158) und auch bei den Chibchas in Neu-Granada Feiglinge mit einem
+Weiberrock bekleidet wurden (4, 361). Bei den Illinois standen die so
+gekleideten Männer in besonderem Ansehen (3, 113) und ganz ähnlich war
+es bei den nördlichen Patagoniern (3, 506), wo die Zauberpriester, deren
+einen jede Familie hatte, Weiberkleider trugen. Auch was Combes (Hist.
+de las islas de Mindanao Madrid 1667 p. 55) erzählt, dass es bei den
+Subanos auf Mindanao Männer gäbe, welche unverheirathet blieben,
+Weiberkleider trügen, aber geehrt wären und keusch lebten, zugleich aber
+auch physisch ein weibliches Aussehen hätten, werde hier als merkwürdige
+Parallele erwähnt.
+
+Den Cariben in Südamerika wird von den älteren spanischen
+Schriftstellern gleichfalls der Vorwurf unnatürlicher Lasterhaftigkeit
+gemacht, doch hat Waitz 3, 383 Recht, wenn er auch diesen Vorwurf für
+unrichtig hält, »denn auf ihn pflegte hauptsächlich der Anspruch
+gegründet zu werden, die Eingeborenen zu rechtmässigen Sklaven zu
+machen«. Andere Schriftsteller läugnen auch, dass hier solche Laster
+vorgekommen seien; doch fanden sich Männer in Weiberkleidern auch hier
+(Oviedo bei Waitz 3, 383). Auch die Tupis in Brasilien lebten streng (3,
+423); ebenso die Araukaner (3, 516). Hiermit stimmen auch alle
+Nachrichten bei Azara; nur dass er den Weibern der Mbayas, bei denen
+Polygamie erlaubt ist, mancherlei Ausschweifungen vorwirft (249-50).
+
+Es ist nicht nöthig, dies bei den Amerikanern weiter zu verfolgen; für
+uns genügt das Ergebniss, dass zwar mancherlei Ausschweifungen
+namentlich in Nordamerika unter ihnen sich vorfanden, dass diese aber
+keineswegs allgemein und bedeutend genug waren, um aus ihnen die
+Verminderung der Kopfzahl dieser Völker zu erklären. Dass aber, seit der
+Bekanntschaft mit den Europäern diese Ausschweifungen sehr zugenommen
+haben, ist eine traurige Wahrheit.
+
+Dem Trunk war man in Mittel- und Nordamerika nicht ergeben und ist es
+verhältnissmässig auch jetzt noch nicht. Allerdings kannte man in Mexiko
+mehrere geistige Getränke (Waitz 4, 98), von denen das eine, Pulque,
+Agavesaft, den man durch Ausschneiden des Herzens der Pflanze, wenn sie
+den mächtigen Schaft treiben will, gewinnt und gähren lässt, auch von
+Europäern (Humboldt a 3, 99) mit wahrer Leidenschaft getrunken wird;
+allein die Mexikaner waren mässig, wie schon aus ihren Gesetzen
+hervorgeht. Der Trunk wurde darin so streng geahndet, dass irgend welche
+Verbreitung desselben ganz unmöglich war (Waitz 4, 83-84). Auch in
+Californien war er selten (eb. 240. 242). Die Eingeborenen von
+Nikaragua, von welchen auch verschiedene geschlechtliche Ausschweifungen
+berichtet werden, sollen nach Oviedo auch dem Trunke ergeben gewesen
+sein; allein allzu sicher sind diese Nachrichten nicht (Waitz 4, 279).
+Auch die Peruaner, obwohl sie verschiedene geistige Getränke hatten,
+waren dem Trunke nicht ergeben (4, 429), so wie sie auch dem Genuss der
+Coka, die im ganzen Land gebaut wurde, nicht übermässig fröhnten; dem
+Volk war sie ganz verboten (422). Obwohl nun die Eroberung des Landes
+die Sitten vielfach verschlechterte, so sind doch auch jetzt noch weder
+die Peruaner (500) noch die Mexikaner (196) und die ihnen verwandten
+Völker dem Trunk ergeben (227)--wenn es auch Feste gab, z.B. in Yukatan,
+bei welchem sich die Weiber berauscht haben sollen (4, 307), oder bei
+denen, wie in Nikaragua, allgemeine Zügellosigkeit herrschte (279). Denn
+bei allen solchen Festen waren gewiss, wie bei ähnlichen semitischen und
+indogermanischen, religiöse Motive wirksam.
+
+Anders war es in Südamerika, wo Schomburgk 2, 420 die Cariben als
+Trunkenbolde schildert; und schon von Alters her hatten sie ausser
+andern ein berauschendes Getränk aus Cassadabrod, welches zerbrochen,
+mit heissem Wasser zu einem Teig zerrührt, dann von alten Weibern
+durchgekaut und in einen Trog gespieen wurde, wo es nun gähren musste
+(Schomburgk 1, 173); ganz ähnlich bereiteten die Tupis einen
+berauschenden Trank aus Mais oder Hirse, wobei das Getreide gekocht und
+von alten Weibern durchgekaut wurde. Sie nannten es Caouin oder Kaveng
+und sowohl durch die Bereitungsart als durch den Namen wird man an den
+gleich zu erwähnenden polynesischen Kavatrank erinnert (Waitz 3,
+423-24). Gegohrene Getränke hatten die Araukaner (3, 509), die
+Chiquitos, die dem Trunke sehr ergeben waren (eb. 530) und sind (533),
+die Moxos (537), welche ihn gleichfalls sehr lieben und andere Völker
+schon vor der Entdeckung. Dass nun durch den Einfluss der Europäer diese
+Neigung nicht vermindert, sondern nur gestiegen ist, begreift sich; und
+so wird es uns von den Cariben (Schomburgk 1, 173) von den Warans (eb.
+1, 123), den Charuas (Azara 184), den Mbayas (eb. 242) u.s.w. berichtet.
+
+In Nordamerika, bei den Indianern der Vereinigten Staaten, waren vor den
+Europäern keine geistigen Getränke in Gebrauch, ja Wasser war fast das
+einzige Getränk, was sie genossen, wie Waitz 3, 82 ins Einzelne
+ausführt; ebenso war es bei den Koluschen und den Chinooks (3, 84. 337).
+Wenn nun der Trunk, der Branntwein in Nordamerika doch so traurige
+Folgen gehabt und ganze Stämme dahin gerafft hat, so dass man oft genug
+die Behauptung findet, die Indianer seien von Natur dem Trunke ergeben
+gewesen; so fordert dies zur genaueren Untersuchung der Sachlage auf,
+die sich nach Waitz 3, 83-84 und 270, der die Quellenbeweise beibringt,
+so stellt, dass die Indianer sich aufs stärkste gegen den Verkauf von
+Branntwein gewehrt und viele Verträge geschlossen haben, in welchen die
+Einfuhr derselben ausdrücklich verboten war, dass aber der Branntwein
+dennoch, sogar mit Gewalt, von den europäischen Nationen den
+Eingeborenen aufgezwungen ist, theils um das Produkt abzusetzen, theils
+um sie im Trunke zu betrügen, theils auch geradezu, um sie durch den
+Trunk zu vernichten. Das ist denn nur allzugut gelungen; denn wenn auch,
+trotz der vorherrschenden Sinnlichkeit, die Amerikaner einen höchst
+beachtungswerthen Widerstand diesem Genussmittel entgegensetzten, so
+konnte dieser eben bei ihrer Natur kein absoluter sein; öfters zwang sie
+der Nahrungsmangel zum Trunk und ein sehr häufiger Grund, sich dem
+Trunke zu ergeben (der auch in Mittelamerika vielfach vorkam) war der,
+dass man aus der grenzenlosen Fülle des Elends ringsher sich wenigstens
+einmal wieder durch den Rausch in einen glücklichen Zustand versetzen
+oder dass man sich in der Verzweiflung betäuben wollte. Uebrigens haben
+Völker und Individuen sich dem Laster des Trunkes auch wieder zu
+entreissen vermocht (Waitz b, 43). Eigentlich also gehörte diese
+Betrachtung erst dahin, wo wir vom Einfluss der Weissen auf die
+Naturvölker sprechen werden, indess mag ein solches Vorausnehmen, des
+Zusammenhangs wegen und um den einen Gegenstand zu erschöpfen, gleich
+hier seine Entschuldigung finden. Tabak hat ebensowenig als Coka
+geschadet.
+
+Wenn nun auch die Hottentotten und die Buschmänner gar keinen Werth auf
+die Keuschheit der Mädchen und Weiber legen, so waren sie doch weder in
+geschlechtlicher Beziehung noch im Trunk sehr ausschweifend, während wir
+bei den Aleuten und Kamtschadalen die Verhältnisse wesentlich anders
+finden. Dem Trunk waren namentlich die Kamtschadalen ganz
+außerordentlich ergeben (Krusenstern 3, 53) und wie diese Leidenschaft
+von den europäischen Pelzhändlern zu ihrem Verderben benutzt ist, werden
+wir später sehen. Aber auch die Aleuten liebten dies Laster (Waitz 3,
+314), wie sie auch sonst sehr ausschweifend lebten. Die Weiber hatten
+(nach Wenjaminow in Ermans Archiv bei Waitz 1, 356 Note) zwei Männer,
+einen aus höherem Stande und einen Nebenmann aus niederem; dem Gast
+stellte der Wirth, um ihn gastfreundlich zu ehren, das eigene Weib zur
+Verfügung. Auch der Päderastie waren sie ergeben (Waitz 3, 314) und die
+stumpfsinnige Melancholie, in der sie z.B. Chamisso vorfand, scheint
+nicht wenig durch derartige Ausschweifungen veranlasst zu sein. Den
+Kamtschadalen schadete gar sehr der grosse Weibermangel, der nach
+Krusenstern 3, 44, bei ihnen herrschte und nicht nur die Moralität
+gänzlich, sondern auch die Fruchtbarkeit der Ehen zerstörte. xyxyxyß Die
+Neuholländer, obwohl sie von den Unverheiratheten beider Geschlechter
+keine Keuschheit verlangen, obwohl sie an einigen Orten die Weiber ihren
+Gastfreunden anbieten und sie mit guten Freunden tauschen (Angas 1, 93),
+sind doch so eifersüchtig, dass verheirathete Frauen sehr zurückhaltend
+sein müssen (Grey 1, 256). Polygamie ist bei ihnen häufig, aber man kann
+sie eigentlich nicht ausschweifend nennen. Auch geistige Getränke hatten
+sie nicht. Von den Melanesiern wird nichts auffallend Schlimmes
+berichtet, wohl aber von manchen Orten das Gegentheil; so herrschen,
+nach Malte Brun in Bullet. de la soc. geogr. 1854, I, 238, auf
+Neucaledonien, wenn auch die Weiber ganz sklavisch gehalten werden,
+geschlechtliche Ausschweifungen nicht. Polygamie ist allerdings auf den
+Inseln Sitte (Turner 86. 371. 424), allein wirklich ausgedehnt nur bei
+Häuptlingen und in selteneren Fällen. Ehebruch kommt, aus Furcht vor
+Strafe, kaum vor (Turner 86 in Bez. auf Tanna), allein Keuschheit der
+Unverheiratheten ist hier so wenig verlangt als sonst irgendwo bei den
+Naturvölkern. Während nun Erskine 256 von den Fidschis sagt, dass sie
+sehr enthaltsam lebten und Ekel vor Ausschweifungen empfänden, so
+behaupten William und Calvert 1, 134, dass sie sehr zügellos und grobe
+Ausschweifungen bei ihnen verbreitet seien. Möglich, dass Erskine ein zu
+günstiges Urtheil fällte; jedenfalls aber stehen die Fidschiinsulaner
+sehr viel höher als die Polynesier in dieser Beziehung und mögen wohl
+erst durch den fortwährenden Verkehr mit den Fremden zu dieser
+Zügellosigkeit gesteigert sein.
+
+Am schlimmsten müssen wir über die eigentlichen Polynesier urtheilen,
+unter denen Trunk und Wollust schon vor den Europäern aufs ärgste
+gehaust haben. Aus der Wurzel vom Piper methysticum, dem Kavapfeffer,
+bereitete man, indem sie (an den meisten Orten von alten Weibern) gekaut
+und dann ausgespieen wurde, durch Aufguss von Wasser ein eigenthümliches
+Getränk, dem alle Polynesier sehr zugethan waren. Es berauscht nicht
+eigentlich, da es die Besinnung nicht raubt, aber, indem Gang und Zunge
+schwer werden, versetzt es den Geist in einen ähnlichen Zustand, wie das
+Opium; auch wollüstige Träume u. dergl. sollen seinem Genuss folgen, der
+oft wiederholt allgemeine Schwäche, Zittern, geistige Stumpfheit,
+Abmagerung und schliesslich scheussliche Hautkrankheiten hervorbringt,
+Geschwüre, welche aufbrechen und arge Narben zurücklassen. Aber gerade
+diese Narben galten als Ehrenzeichen (Hale 43). Namentlich auf Tahiti
+und auf Hawaii war der Kavatrank beliebt; grosse Kavafeste auf Tonga
+beschreibt Mariner, auf Fidschi d'Urville b 4, 207 und Hale 63. Dagegen
+trank man ihn auf Neuseeland, obwohl man ihn kannte, nicht. Auch in
+Mikronesien, wo indess die Wurzel zerrieben, nicht gekaut wurde, war der
+Kavatrank sehr beliebt und sehr verbreitet (Hale 83: Gulick 417). Was
+jedoch die schädlichen Einwirkungen dieses in der That höchst
+gefährlichen Trankes sehr milderte, war der Umstand, dass er ein
+heiliges Getränk war. Freilich durfte er daher bei keiner irgend wie
+bedeutenderen Gelegenheit fehlen; aber nur die Fürsten waren es, die ihn
+trinken durften, nie das Volk, und auch die Fürsten nur bei und unter
+bestimmten Feierlichkeiten (Hale 43, für Mikronesien Novara 1, 371). So
+hat denn auch der Schade, den dieser Genuss hervorrief, fast nur die
+Fürsten und den Adel getroffen. Gegen den Branntwein (Rum u.s.w.) hatten
+alle Polynesier einen grossen Widerwillen (Novara 2, 337 für
+Mikronesien), und wenn er trotzdem in Tahiti und Hawaii so verderbliche
+Wirkungen hervorgerufen hat, so muss man bedenken, wie er zu Tahiti von
+den Franzosen, zu Hawaii von diesen sowie den amerikanischen und
+europäischen Kaufleuten unter heftigem Widerstreben der Missionäre und
+gegen den Willen der Eingeborenen (vergl. z.B. Lutteroth Geschichte der
+Insel Tahiti 172 u. sonst) gewaltsam eingeführt ist. Und schlimm genug
+waren die Folgen dieser Einführung. »Als die Tahitier von fremden
+Seeleuten und Sandwichinsulanern geistige Getränke von einheimischen
+Wurzeln zu destilliren gelernt und Rum in reichlicher Menge von ihnen
+empfangen hatten, da verbreitete sich Trunksucht sehr allgemein, und
+alle die Demoralisation, die Verbrechen, das Elend, welches ihr folgt,
+kam über das Volk. Unthätigkeit wuchs, Streit in den Familien nahm
+überhand, die Verbrechen der Areois (über welche wir sogleich reden)
+nahmen zu«, sagt Ellis 1, 108 und so wie hier und noch ärger war es zu
+Hawaii und an den Küsten von Neuseeland. Allein die Eingeborenen (vergl.
+Ellis u.a.O.) haben sich an vielen Orten, Dank dem reinen Eifer der
+Missionäre, wieder von diesem so gefährlichen Laster befreit; in
+Neuseeland sowohl wie in Hawaii schadet der Rum nur an den Küstenplätzen
+den Eingeborenen und das überall wachsende Christenthum hat siegreich
+auch in Tahiti und sonst diese Gefahr im Allgemeinen abgewendet.
+
+Bei weitem verhängnissvoller aber wirkten die geschlechtlichen
+Ausschweifungen, die wohl bei keinem Volk der Welt so schamlos
+verbreitet waren, wie in Polynesien. Jede Reisebeschreibung (auch andere
+Bücher als die schamlose Reise der Pandora von Hamilton) rechtfertigt an
+hundert Stellen den Namen la nouvelle Cythere, welchen Bougainville der
+Insel Tahiti gab. Nicht nur, dass auf Tahiti, Hawaii, Neuseeland, auch
+auf Tonga (obwohl man hier strenger lebt) und auf Samoa (nach Wilkes)
+wenigstens Fremden gegenüber die Mädchen ganz frei waren; so ist auch
+nirgends die Prostitution der Weiber durch Väter, Brüder, Gatten frecher
+betrieben wie hier. Polygamie herrschte überall. Gastfreunden bot man
+die Weiber an, vornehme Frauen lebten ganz zügellos. Für Hawaii bezeugt
+dies, um nur einige Beweisstellen anzuführen, Jarves 80, für Tahiti Cook
+und alle andern Reisenden, für Waihu Mörenhout 1, 26, für die Markesas
+Porter (Journal of a cruise in the Pacif. Ocean 1812-14) 2, 60,
+Krusenstern 1, 221; nach Mathias G*** 152 herrscht indess Prostitution
+nur in den Häfen. Neuseeland stand etwas höher; doch waren auch hier die
+Mädchen vollständig ungebunden (Dieffenb. 2, 40). Die Weiber selbst
+lockten die ankommende Mannschaft von Wallis Schiff durch die
+unanständigsten Geberden ans Land und die Männer, welche das Geschäft
+abschlossen, forderten schon damals für schöne Frauen, Töchter,
+Schwestern u.s.w. höhere Preise als für minder schöne (Wallis 214 ff.
+256). Ja vor aller Augen, und nicht etwa aus Roheit, wie die Bewohner
+der Palauinseln nach Kadus Zeugniss bei Chamisso 137[F], sondern
+umstanden von vornehmen Weibern, unter denen die Königin selbst,
+vollzogen sie die Begattung, zum Ergötzen der Umstehenden, welche dem
+Paare, namentlich dem betheiligten Mädchen, Lehren gaben, um die Lust zu
+erhöhen--doch das war nicht nöthig, denn, obwohl das Mädchen erst 11
+Jahre zählte, so wusste sie doch mit allem schon guten Bescheid (Cook b,
+126-27, vergl. 86. 106). Da ist es nicht zu verwundern, dass schmutzige
+Gegenstände sehr häufig, vor aller Ohren, Inhalt der Unterhaltung waren
+und nur belacht wurden. Ueberall herrschte Polygamie; auf Tahiti,
+Nukuhiva und Hawaii (Turnbull 65, Stewart 129, Porter 2, 30) kamen
+Heirathen unter Geschwistern vor, jedoch nur in der regierenden Familie,
+die auf andere Art keine ebenbürtige Ehe schliessen konnte, da alle
+anderen Adelsgeschlechter an Rang unter ihr standen (Ellis 4, 435). Auf
+den Markesasinseln war es nach Melville 2, 122-23 Sitte, dass die
+Weiber, ähnlich wie die Aleutinnen, zwei Männer hatten, einen wirklichen
+Gatten und einen Nebenmann, der ganz die Rechte wie jener besass, auch
+im Frieden mit ihm lebte; welche Sitte nach Melville darin ihren Grund
+hatte, dass es weit mehr Männer als Frauen gab. Mathias G*** sagt 111
+dasselbe, was auch sonst noch vielfach bestätigt wird. Auch unnatürliche
+Lüste, denen in Tahiti ein eigener Gott vorstand (Mörenh. 2, 168), waren
+sehr ausgedehnt. Männer in Weiberkleidern finden wir, wie in Amerika,
+auch zu Tahiti, aber hier nur im Dienste der widernatürlichen Wollust
+(Turnbull 306); und da nun die Männer des gemeinen Volks, damit die
+Fürsten desto mehr Weiber hätten, oder weil sie den Kaufpreis für die
+Frauen nicht zahlen konnten, fast immer unverheirathet bleiben mussten,
+so war Onanie unter ihnen in solchem Grade getrieben, dass sie dadurch
+meist unfähig wurden, einem Weibe noch beizuwohnen (Wilson 311). »Ihre
+Verbrechen in dieser Art sind zu entsetzlich, als dass sie alle erzählt
+werden könnten,« sagt Wilson (1799) a.a.O. Noch Ellis (1, 98) fand
+dasselbe vor, er sagt, die Schilderung, welche Paulus von den Heiden im
+ersten Kapitel des Römerbriefes mache, passe durchaus auf die Tahitier.
+Auch in Hawaii waren unnatürliche Laster ganz gewöhnlich, von denen
+Päderastie nur oder wenigstens vorzugweise unter den Fürsten vorkam
+(Remy XLIII).
+
+Mikronesien steht viel höher in dieser Beziehung, mit Ausnahme der alten
+Marianer, unter denen, freilich nach den alten spanischen Berichten
+(Salaçar bei Oviedo XX, 16), eine arge Zügellosigkeit herrschte, und le
+Gobien berichtet manches entsprechende. Aber sonst fanden die ersten
+europäischen Besucher in Mikronesien keine Ausschweifungen, weder im
+Trunk noch in der Liebe vor, wenn auch die Mädchen leicht zu gewinnen
+waren: und schamhaft waren sie alle (Chamisso 91. 119). Uebrigens
+herrschte, nach Chamisso 118-19, Polygamie auch auf Ratak und besonders
+nahe Freunde besassen auch die Weiber gemeinschaftlich.--Auch im
+eigentlichen Polynesien gab es reinere Bezirke, so Tonga, wo die
+Jünglinge von Staatswegen zur Keuschheit ermahnt wurden: nie sollten sie
+Gewalt anwenden, nie sich gegen Ehefrauen vergehen (Mariner 1, 138);
+allein auch hier waren die Unverheiratheten ganz frei und ebenso die
+verheiratheten Männer (2, 174), auch hier waren Unanständigkeiten der
+häufige und gern belachte Inhalt des Gespräches, die man nur vor
+verheiratheten Frauen vermied (2, 177). In Samoa herrschte noch grössere
+Sittenstrenge.
+
+Viel besprochen ist die Gesellschaft der Areois auf Tahiti, über welche
+Mörenhout 1, 485-503 und Ellis 1, 230 ff. handeln, und die auch wir kurz
+besprechen müssen, wenn wir an diesem Ort auch nur auf die furchtbare
+Unsittlichkeit hinweisen, welche in dieser ursprünglich religiösen
+Gesellschaft herrschte. Männer und Weiber lebten in ihr aufs höchste
+ausschweifend und unter dem bestimmten Gesetz, alle ihre Kinder zu
+tödten, beisammen und hochgeehrt vom ganzen Volk, dem sie wie Götter
+erschienen, durchzogen sie die Inseln, um Feste, Schauspiele, Tänze vor
+der Menge aufzuführen. Wir finden diese Gesellschaft nicht bloss auf
+Gesellschaftsinseln, sondern (Meinieke b 78) auch auf Rarotonga, auch im
+Markesasarchipel (Mörenh. 1, 502). Und da nun le Gobien 59-62 von den
+Uritaos der Marianen ganz das Nämliche erzählt, die in aller
+Zügellosigkeit mit den Mädchen des Landes zusammenlebten, selbst in
+Blutschande, ohne dass es ihnen Tadel zuzog, da sie von höherer Weihe
+waren (Freycinet 2, 368)--so werden wir auch diese, wie schon ihr Name
+derselbe ist, mit jenen Areois trotz Meinickes Widerspruch (b, 79)
+zusammenstellen müssen.
+
+Es kann uns nicht wundern, wenn solche lasterhafte Sitten, in solcher
+Ausdehnung herrschend, die Gesundheit der polynesischen Bevölkerung
+untergruben und sie haben es gethan. Schon eine bis zwei Generationen
+vor Wallis hatte die Volksverminderung, nach den Aussagen der
+Eingeborenen selbst, auf Tahiti angefangen (Ellis 1, 105) und dass
+hieran diese Ausschweifungen, wenn auch nicht allein, so doch zum
+grössten Theil schuld waren, kann man gewiss behaupten. Ihren
+entnervenden Einfluss schildern wenigstens die zuverlässigsten
+Augenzeugen in den düstersten Farben, wie Ellis 1, 98 und Turnbull
+(1804) 307. Und ferner ist es sehr begreiflich, dass solche entnervte
+Wüstlinge sehr viel und leichter Krankheiten ausgesetzt waren, als
+gesunde Menschen, dass Krankheiten viel heftiger bei ihnen wüthen
+mussten und dass sich namentlich die Syphilis unter ihnen rasch
+verbreiten und gefährlich erweisen musste.
+
+
+
+
+§ 8. Unfruchtbarkeit. Künstlicher Abortus. Kindermord.
+
+
+Aber eine andere noch schlimmere Folge dieser Ausschweifungen ist die
+Unfruchtbarkeit der Weiber, welche in Polynesien hauptsächlich auf
+diesem einen Grund beruht. Die Unfruchtbarkeit der Ehen auf den
+Markesas, welche schon Krusenstern 1, 255-56 und dann Melville 2, 125
+betont, erwähnt auch Mathias G*** 108 mit starkem Nachdruck.
+Unfruchtbarkeit ist in Hawaii sehr verbreitet (Virgin 1, 268); in Tahiti
+wird es erst in neuerer Zeit besser und Dieffenbach 2, 15-16 gibt als
+eine der Ursachen für das Hinschwinden der Maoris die geringe
+Fruchtbarkeit ihrer Weiber an.
+
+Da nun aber ganz analoge Erscheinungen sich in Melanesien (wo z.B. auf
+Erromango schon eine hohe Kinderzahl ist, Turner 494), in Neuholland
+(Grey 2, 248 ff.) und namentlich in Amerika vorfinden, so hat man, vor
+allem mit Rücksicht auf die Eingeborenen des letzten Landes gesagt, die
+geringe Fruchtbarkeit sei ein charakteristisches Merkmal für niedere
+Raçen, das in ihrer Natur selbst begründet liege. Allerdings haben die
+Weiber der Botokuden (Tschudi 2, 284), der Makusi (Schomburgk 2, 312)
+der meisten brasilianischen Völker (Azara an vielen Stellen) und ebenso
+auch der meisten Nordamerikaner (wofür Waitz 1, 169 die Beispiele
+zusammenstellt) sehr wenige, oft auch gar keine Kinder; allein wie man
+hierin ein Raçenmerkmal finden soll, ist für Unbefangene unmöglich
+abzusehen. Denn erstlich zeigen sich eine lange Reihe äusserer Gründe,
+wodurch die Unfruchtbarkeit bewirkt wird; ausser den schon besprochenen
+Gründen wie Ausschweifungen, Krankheit u. dergl., die auch in Amerika
+und vor allen auf Kamtschatka und den Aleuten wirkten, muss hier auf das
+gleichfalls schon erwähnte lange Säugen hingewiesen werden, welches der
+Fruchtbarkeit Abbruch thut, ferner und ganz besonders auf die meist
+überaus elende Stellung der Weiber, auf die Noth, die ewigen Mühsale,
+unter denen sie ihr Leben hinbringen müssen. Dann heirathen viele Völker
+nur im eigenen Stamm und man kann wohl sagen, da bei vielen kleineren
+Völkern Stamm und Familie so ziemlich zusammenfällt, in derselben
+Familie; dass aber auch hierdurch eine Verminderung der Fruchtbarkeit
+eintritt, ist bekannt genug. So z.B. die Botokuden; daher Tschudi (2,
+284) in diesem Umstand einen Hauptgrund für die Unfruchtbarkeit ihrer
+Ehen sieht. Auch bei den Bewohnern von Darien zeigten sich die
+schädlichen Folgen solcher Heirathen (Waitz 4, 351).
+
+Der allzufrühe Coitus, den Dieffenbach 2, 15 für die Unfruchtbarkeit der
+Neuseeländerinnen als einen Hauptgrund anführt, ist wichtig für viele
+Völker, da er bei vielen, wie wir sehen, vorkommt. Obwohl nun Humboldt
+(b, 2, 190), nach dem Zeugniss der amerikanischen Ordensgeistlichen am
+Orinoko, darin keine Gefahr für die Zahl der Bevölkerung sehen will, so
+spricht doch die Natur der Sache und mannigfache Erfahrung gegen ihn.
+Doppelt gefährlich wird aber zu früher geschlechtlicher Umgang bei
+Völkern, bei denen es an Weibern fehlt. So heirathen die Mädchen der
+Tarumas in Guyana, weil es unter diesem Volk nur wenig Weiber gibt,
+schon vor der Pubertät (nach Schomburgk bei Waitz 1, 170). Mehr Männer
+als Weiber gab es noch in verschiedenen Orten in Amerika (z.B.
+Californien Waitz 1, 170 Anmerk., bei den Guanas Azara 232), in
+Polynesien (Tahiti, Markesas u. sonst) und in Kamtschatka, wo der Mangel
+an Weibern, wie wir sahen, vorzugsweise gross war. Durch diesen wurde
+denn wieder eine andere sehr wenig heilsame Einrichtung gefördert, dass
+in Neuholland junge Mädchen zunächst an alte Männer und erst nach deren
+Tode, wenn sie nun mittlerweile älter waren, an jüngere Leute
+verheirathet wurden (Nind im Journ. R. Geogr. Soc. 1, 38), eine Sitte,
+welche bei den Irokesen ebenfalls im Schwunge war: »Der junge Mann von
+25 Jahren erhielt bei ihnen oft eine ältere Frau zugetheilt als er
+selbst war, der alte Wittwer dagegen wählte sich ein junges Mädchen«
+(Waitz 3, 103).
+
+Dass wir unter diesen Gründen die Polygamie und Polyandrie mit ihren
+gewiss schlimmen Folgen für die Bevölkerungszahl nicht besonders
+erwähnen, hat seinen Grund darin, dass wir diese beiden Einrichtungen,
+auch wenn sie noch so gesetzmässig sind, unter die Ausschweifungen
+rechnen und also, was von jenen gesagt ist, auch für diese gilt. Ebenso,
+was man für manche amerikanische Völker als Grund für die
+Unfruchtbarkeit angeführt hat, die geringe Neigung der Männer für das
+weibliche Geschlecht und ihre minder entwickelten Genitalien (Pöppig,
+Azara, Waitz 1, 171 u.s.w.) lassen wir auf sich beruhen, da dieser
+Umstand keineswegs allgemein und keineswegs in den daraus abgeleiteten
+Folgen sicher ist.
+
+Weit wichtiger sind noch einige psychische Gründe, die wir recht
+hervorheben möchten. Wie Gram und Kummer, Druck und Despotismus das
+äussere Leben zurückhalten und verkümmern lassen, so wirken sie
+natürlich auch auf die Fruchtbarkeit der Weiber ein, denn der Einfluss
+des geistigen Lebens auf jede Seite des leiblichen, so sehr man ihn auch
+anerkennt, kann kaum mächtig genug gedacht werden. Wo daher ein schwerer
+Druck auf der Bevölkerung liegt wie durch die Adelsherrschaft in
+Polynesien und hier namentlich auf den Fidschi- und Hawaiiinseln, da
+wird es auch leichter unfruchtbare Ehen geben. Und noch mehr, wenn der
+Druck der Herrscher zugleich das tiefste moralische Weh über die
+Unterworfenen bringt, wie das durch die furchtbaren Einwirkungen der
+Europäer fast überall geschehen ist. Auch ist zu bemerken, dass von
+diesen Gründen stets mehrere vereint, nie einer allein wirken; dass wir
+die verminderte Fruchtbarkeit also äusserlich veranlasst sehen, wodurch
+die Ansicht, sie sei Raçencharakter, schon erschüttert wird. Und wäre
+sie es wirklich, so müsste sie doch überall sich bei den betreffenden
+Raçen zeigen. Aber das ist gar nicht der Fall. In Neuholland z.B., wo
+allerdings Heirathen in demselben Stamme so gut wie gar nicht vorkommen,
+werden fruchtbare Ehen gar nicht selten erwähnt. Grey (a.a.O.) sah 41
+Weiber, welche zusammen 188 Kinder hatten; und gar manches Volk in
+Amerika gibt es, welches eine sehr reichliche Kinderzahl besitzt, so die
+Stämme der Nordwestküste, die Nordindianer, welche Hearne besuchte, die
+Chippewais, die Sioux, die Mandans, und manche Südamerikaner, welche
+Waitz 1, 171-72 zusammenstellt. Und während einzelne Theile
+melanesischer Bevölkerung meist nur kinderarme Familien aufweisen, ist
+das Gegentheil bei anderen, z.B. den Fidschis der Fall; dieselben
+Gegensätze zeigt Mikronesien und Polynesien, in welchem letzteren Gebiet
+z.B. Tonga ganz anders als Tahiti und die Markesasinseln nur fruchtbare
+Ehen kennt. Und wer hat je etwas der Art von dem Brudervolk der
+Polynesier, von den Malaien gehört? Gedeihen sie nicht reichlich in
+ihrer Inselwelt und müsste nicht, wäre die Unfruchtbarkeit
+Raçencharakter, sie sich auch bei ihnen vorfinden?
+
+Umgekehrt aber findet sie sich bei Kulturvölkern, bei denen die oben
+besprochenen Gründe wirksam sind, wofür Waitz 1, 173 einige Beispiele
+aufstellt. Wo diese Gründe aber wegfallen, da sind die Weiber auch sonst
+minder fruchtbarer Stämme mit Kindern gesegnet. Neuseeländerinnen mit
+Europäern (Dieffenbach 2, 152) und Botokudinnen mit Weissen oder Negern
+vermählt (Tschudi 2, 284) pflegen sehr fruchtbar zu sein, weil dann die
+Frau meist ein ruhigeres, besseres Leben hat, wie Tschudi dies sehr
+richtig a.a.O. erklärt, nicht aber etwa in Folge der Vermischung und des
+Einflusses einer höheren Raçe, da ja in der Ehe mit Negern dasselbe
+Verhältniss eintritt.
+
+Wir würden schon hieraus die Unfruchtbarkeit der Weiber vollkommen
+erklärlich finden, ohne Hinzunahme einer so wenig begründeten Theorie,
+wie die von der minderen Zeugungsfähigkeit der hinschwindenden Raçen.
+Aber einen der wichtigsten Gründe, welcher nicht nur diese
+Unfruchtbarkeit, sondern überhaupt die Verringerung der Naturvölker
+nicht zum mindesten Theil erklärt, haben wir noch zu besprechen: es ist
+das weitverbreitete Tödten der Kinder vor oder gleich nach der Geburt.
+
+Bei den Hottentotten (Sparmann 320) herrschte die Sitte, Säuglinge,
+deren Mutter starb, mit dieser zugleich zu begraben oder auszusetzen;
+ebenso tödteten sie von Zwillingen das eine Kind. Künstliche
+Fehlgeburten kamen häufig bei ihnen vor. Noch häufiger war dies alles
+bei den Buschmännern, welche bei ehelichen Streitigkeiten, bei
+Nahrungsmangel, der sie oft genug betraf, und bei eiliger Verfolgung die
+Kinder tödteten, aus Rache und Zorn gegen den Ehegatten, oder weil sie
+dieselben nicht ernähren, nicht mitnehmen konnten; das heisst in den
+meisten Fällen, weil sie jede ungewöhnliche Anstrengung, welche ihnen
+die hülflosen Kinder auferlegt hätten, scheuten. Zwillinge und
+missgestaltete Kinder wurden stets umgebracht (Waitz 2, 340 und daselbst
+die Quellen).
+
+Ebenso war es in Amerika, namentlich in der südlichen Hälfte des
+Kontinentes, während die Indianer Nordamerikas, wie sie überhaupt höher
+stehen, auch ihre Kinder besser halten, ja sie oft mit der innigsten
+Liebe pflegen. So verwenden z.B. die Potowatomi auch auf arbeitsunfähige
+und blödsinnige Kinder zärtliche Sorgfalt (Waitz 3, 115-16); und die
+Huronen zogen auch solche Säuglinge auf, deren Mutter gestorben war
+(Waitz b, 100). Künstlicher Abortus dagegen war weit verbreitet unter
+den Thakallis, dem westlichsten Stamm der Athapasken, welcher auch sonst
+sehr tief stand und von Keuschheit oder ehelicher Treue keinen Begriff
+hatte (Waitz b, 90). Dass die Knisteno namentlich ihre weiblichen Kinder
+tödteten, um sie vor dem elenden Loos des Lebens, das sie erwartete, zu
+behüten (Waitz 3, 103), ist schon erwähnt. Und nun gar in Südamerika.
+Die Guanas (Azara 232) bringen die meisten Mädchen sofort bei der Geburt
+um, indem sie die Neugeborenen lebendig begraben; überhaupt aber ziehen
+sie nur etwa die Hälfte ihrer Kinder auf. Da es bei den Tupis Sitte war
+(Waitz 3, 423), die Neugeborenen dadurch anzuerkennen, dass man sie vom
+Boden aufhob, so können wir hieraus schliessen, dass bei ihnen,
+wenigstens in früherer Zeit, viele Kinder, die man eben nicht aufhob,
+getödtet sind. Von den Guaikurus (östlich vom oberen Paraguay) berichtet
+Azara 273, dass die ganze Nation hauptsächlich durch Abtreiben der
+Kinder, von denen sie nur das letzte und also, da diese Rechnung sehr
+unsicher ist, oft keins schonten, ganz verschwunden sei; und wenn wir
+auch mit Waitz (3, 430) diese Nachrichten, sowohl in Beziehung auf ihr
+Aussterben--denn Castelnau z.B. fand 6 Stämme von ihnen, darunter zwei
+ackerbauend, am Paraguay vor--als auch in Betreff dieser furchtbaren
+Ausdehnung des Kindermords für übertrieben halten, so muss doch
+künstlicher Abortus bei ihnen vorzugsweise verbreitet gewesen sein, wie
+ihn auch noch neuere Reisende, Martius, Castelnau bei Waitz 3, 472 als
+gewöhnlich unter ihnen angeben. Auch von den Mbayes, welche indess von
+den Guaikurus nicht zu trennen sind, gibt Azara 250 genau dasselbe an:
+sie tödten alle Kinder bis auf eins, bisweilen auch alle insgesammt. Als
+Gründe für diese Sitte geben die Indianerinnen an, regelmässige Geburten
+machten sie vor der Zeit alt und hässlich, auch sei es ihnen, bei ihren
+ewigen Wanderzügen, wo sie selbst oft nichts zu essen hätten, sehr
+schwer mehr als ein Kind mitzunehmen und zu erhalten. Fühlte sich also
+eine Frau schwanger, so legte sie sich auf die Erde und andere Weiber
+gaben ihr so lange die heftigsten Schläge auf den Unterleib, bis Blut
+und bald darauf die Frucht abging, eine Operation, an der natürlich
+viele Weiber sogleich oder kurz darauf starben, andere wenigstens ihr
+ganzes Leben siechten (Azara a.a.O.). Auch bei den Abiponen herrschte
+dieser Gebrauch; mehr als zwei Kinder zogen sie nicht auf (Waitz 3,
+476). Die Tobas (zwischen Abiponen und Guaikurus, östlich vom Paraguay)
+tödten viele ihrer Kinder (Waitz 3, 475), die Lules (östlich von den
+Tobas) alle unehelichen, von Zwillingskindern, welche für ein Zeichen
+von Untreue gelten, immer eins, und wenn die Matter stirbt, so begraben
+sie den Säugling mit ihr (Waitz 3, 480). Die Yurakares, westlich vom
+Titikaka-See, mordeten ihre Kinder, wenn sie keine Lust hatten, sie
+weiter zu verpflegen (Waitz b, 100). Die Moxos tödteten von Zwillingen
+immer das eine Kind und begruben kleine Kinder mit ihrer Mutter, wenn
+diese starb (Waitz 3, 537). Gegen Zwillingskinder wandten sie diese
+Massregel an, weil man in einer solchen Doppelgeburt etwas
+Thierähnliches sah (Waitz b, 100). Die Chiquitos (zwischen dem oberen
+Paraguay und dem Titikaka) hatten so wenig Anhänglichkeit an ihre
+Kinder, dass sie dieselben leicht fortgaben oder verkauften (Waitz 3,
+530) und von den Minuanes (am unteren Parana) erzählt Azara 191 ganz
+ähnliches; waren die Kinder entwöhnt, so kümmerten sich die Eltern gar
+nicht mehr um sie, vielmehr wurden sie von verheiratheten Verwandten
+aufgezogen. Bei den caribischen Völkern herrschten dieselben Sitten, wie
+dies Humboldt b 4, 225-28 genauer schildert. Von Zwillingen tödten sie
+immer ein Kind, um nicht wie Ratten, Beuteltiere und das niederste
+Gethier, das viele Jungen zugleich wirft, zu sein, oder weil man auch
+hier in einer solchen Doppelgeburt ein Zeichen von Untreue sieht. Auch
+missgestaltete, ja selbst schwächliche Kinder werden getödtet, um sich
+der Last, die man später mit ihnen haben würde, zu entziehen. Die Frauen
+dieser Völker haben verschiedene Pflanzenaufgüsse, welche sie zum
+Abtreiben anwenden und zwar in verschiedenen Gegenden zu verschiedener
+Zeit, je nachdem sie es für die Gesundheit und die Schönheit früh oder
+spät Kinder zu bekommen für zuträglich halten. Auch bei den Makusis
+sieht Schomburgk (2, 312), so sehr er auch sich gegen diese Annahme
+sträubt, sich genöthigt, an künstliche Fehlgeburten zu glauben. Wenn er
+aber meint (313), dass Zwillinge bei ihnen nicht getödtet würden, und
+dass überhaupt solche Geburten höchst selten bei ihnen seien, weil er
+nur zweimal unter den Eingeborenen von Guyana, einmal unter den Makusis,
+einmal unter den Waikas Zwillinge sah und nie von ihnen reden hörte, so
+ist das sicherlich unrichtig, denn er selbst erzählt, dass die Frauen
+jener Völker auf seine Bemerkung, die Europäerinnen bekämen bisweilen
+zwei, ja drei Kinder, den Mund spöttisch verziehend geantwortet hätten:
+wir sind keine Hündinnen, die einen Haufen Junge werfen.[G] Also auch
+hier dieselbe Auffassung wie überall in Südamerika und sicher auch
+derselbe Gebrauch. Schon die Seltenheit von Zwillingen spricht dafür;
+und wenn die Indianer nie von Zwillingen sprechen, so erklärt sich das
+aus dem herrschenden Gebrauch, von der Ermordung der Kinder überhaupt
+nicht zu reden; man thut, als seien sie eines natürlichen Todes
+gestorben: »Das arme Kind konnte nicht mit uns Schritt halten; man hat
+nichts mehr von ihm gesehen« (Humboldt 64, 226).
+
+Auch bei den Kulturvölkern Amerikas herrschte derselbe Brauch. Die
+Mexikaner, in dem Glauben, dass Zwillinge den Tod des Vaters oder der
+Mutter vorbedeuteten, tödteten oft das eine der beiden Kinder (Waitz 4,
+164). Die Chibchas, in Neu-Granada, thaten dasselbe, weil sie in
+Zwillingsgeburten die Folge grober Ausschweifungen sahen (eb. 4, 367).
+Auch in Peru galten Zwillinge als üble Vorbedeutung für die Eltern, der
+man in vielen Theilen des Landes durch Fasten (eb. 417), in anderen
+durch Tödtung eines der Kinder vorzubeugen suchte (eb. 461). Die
+darischen Weiber sollen ihre Kinder getödtet haben, um ihre Schönheit zu
+bewahren (350). Die zu den Chibchas gehörenden Panches tödteten alle
+ihre Kinder, so lange ihnen nur Mädchen geboren wurden (eb. 376); und
+hier mag denn den Schluss die Bemerkung bilden, dass die vielfach
+vorkommende Tödtung der Mädchen ursprünglich wohl nicht den Grund hatte,
+den Töchtern ein schlimmes Lebensloos zu ersparen, welche Auffassung
+gleichwohl späterhin gegolten haben mag: der Hauptgrund war gewiss ein
+abergläubisch-religiöser oder wenigstens der, dass man Knaben der
+Kriegstüchtigkeit halber und weil man sie für vortrefflicher hielt,
+lieber sah als Mädchen.
+
+Dieselben Sitten galten in Neuholland. Stirbt die Mutter eines
+Säuglings, so wird derselbe mit ihr begraben und von Zwillingen stets
+das eine Kind getödtet (Freycinet 2, 747), in Ost- und Westaustralien;
+missgestaltete Kinder oder solche, die bei der Geburt Schmerzen
+machen--diese alle gewiss, weil man sie von bösen Geistern besessen
+glaubt--tödtet man gleichfalls, so wie alle Kinder von europäischen
+Vätern, welche die Mutter verliessen (Grey 2, 251. Bennet 1, 122). Von
+Mischlingskindern tödtet man nach Breton (231) indess nur die Knaben,
+nicht die Mädchen, während sonst die Mädchen so vorzugsweise getödtet
+werden, dass nach Grey (2, 251) das Verhältniss der Weiber und Männer
+wie 1: 3 ist. Jede Mutter tödtet ihr drittes, bisweilen schon ihr
+zweites Mädchen, wenn es nicht eine fremde Frau als ihr Kind annimmt
+(Salvado 111). Fehlgeburten werden oft herbeigeführt und Neugeborene oft
+getödtet, um der Last und der Schwierigkeit, Kinder aufzuziehen, zu
+entgehen (Meinicke a 2, 208). Ja es soll sogar vorkommen, dass Eltern
+ihre neugeborenen Kinder selbst auffressen (Stanbridge, transaction of
+the ethnol. Society X. S. 1, 289; Australia felix 129; Angas 1, 73). Auf
+Vandiemensland dagegen herrschte der Kindermord nicht (Bibra 16).
+
+Wohl aber in Melanesien, und so auf Vate (Gill 67), wo man neugeborene
+Kinder lebendig begrub und nur zwei bis drei aufzog (Turner 394), und
+ebenso war es auf Erromango (Turner 491) und in grösster Ausdehnung auf
+den Inseln in der nächsten Nähe von Neuguinea (Reina in Zeitschr. 4,
+359). Auf den Fidschiinseln war der Kindermord gleichfalls nicht selten,
+wie Williams und Calvert (1, 180) berichten und das Gemälde, das sie
+entwerfen, ist düster genug: künstliche Fehlgeburten, Tödtung der
+Kinder, namentlich der Mädchen, gleich nach der Geburt, ist sehr häufig,
+aus Laune, aus Faulheit, aus Eifersucht und Rache; wie in Polynesien gab
+es auch hier in jedem Dorf Leute, welche Fehlgeburten herbeizuführen
+verstehen. Hale (66) schreibt den Fidschis dieselbe Sitte zu, welche wir
+bei den Tupis fanden und welche ja auch unter den Indogermanen eine so
+weit verbreitete war, dass alle Kinder, welche der Vater oder Priester
+nicht unmittelbar nach der Geburt vom Boden aufnimmt, als
+»ausgestossene« getödtet werden.
+
+Aber schlimmer noch und wahrhaft in entsetzlicher Ausdehnung tritt der
+Kindermord auf im übrigen Ozeanien. Wir beginnen mit Mikronesien.
+Während allerdings die Carolinen frei von diesem Verbrechen waren
+(Chamisso 137), durfte auf den Ratakinseln keine Mutter mehr als drei
+Kinder grossziehen: alle übrigen wurden umgebracht (Chamisso 119); und
+ebenso ist, um übergrosse Bevölkerung zu vermeiden, künstlicher Abortus
+bei den Gilbertinsulanern nach Gulick (410), allerdings gegen Hales
+Ansicht, häufig. Von der Kingswillgruppe, aber mit Ausnahme von Makin,
+sagt auch Hale dasselbe (96). Nach alledem, was wir von den marianischen
+Uritaos wissen, scheinen auch sie, obwohl bestimmte Daten darüber
+fehlen, die Kinder, welche ihnen bei ihren Ausschweifungen und
+namentlich die, welche von niederen Weibern geboren worden, getödtet zu
+haben.
+
+Im eigentlichen Polynesien nun bleiben auf Tikopia nur die ältesten
+beiden Söhne am Leben, um die Insel nicht zu übervölkern, so wie alle
+Mädchen, daher die Insel weit mehr Weiber als Männer hat (Dillon 2,
+134). Auf Tonga kam der Kindermord, dessen Motiv dann meist Trägheit
+oder Bequemlichkeit ist, nur vereinzelt vor (Mariner 2, 18-19), auf
+Samoa aber gar nicht (Wilkes 2, 80, Williams 560) und ebenso wenig, um
+das hier gleich anzuschliessen, auf den Herveyinseln (Williams 560).
+
+Allein auf Tahiti war das Verbrechen so im Schwunge, dass Ellis (1, 249)
+annimmt, es habe sich in der Ausdehnung, wie er es vorfand, erst in
+etwa den letzten 50 Jahren vor der Entdeckung, ausbreiten können, weil
+sonst eine so zahlreiche Bevölkerung, wie sie Wallis und Cook vorfanden,
+sich unmöglich habe erhalten können. Cook fand den Kindermord schon
+allgemein verbreitet vor und suchte vergeblich den König Otu zu seiner
+Abschaffung zu veranlassen. Auch die Missionäre des Duff (1796) fanden
+die Tödtung der Kinder als etwas ganz Selbstverständliches, über das mit
+der grössten Gleichgültigkeit geredet wurde (Wilson 272. 310); und mit
+demselben Entsetzen über diese Gleichgültigkeit wie Wilson sagt auch
+Ellis, dass etwa zwei Drittel der Kinder getödtet seien. Die ersten drei
+Kinder wurden es meist, Zwillinge gleichfalls, mehr wie zwei oder drei
+Kinder zog Niemand auf. Allein eben dadurch konnten sich die Geburten
+rascher folgen und so fand Ellis Frauen, welche vier, sechs, acht, ja 10
+und noch mehr Kinder getödtet hatten (1, 250. 251); ja er versichert,
+und da kein Stand von dem Gebrauche ausgeschlossen war, ganz glaublich,
+kein Weib gefunden zu haben, das nicht seine Hände mit dem Blut der
+eigenen Kinder befleckt hätte. Unter den Areois nun war es so strenges
+Gesetz, alle Kinder, welche den Mitgliedern der Gesellschaft geboren
+wurden, zu tödten, dass wer sich diesem Gesetz nicht fügte, sofort
+ausgestossen wurde. Die einzigen Ausnahmen, welche gestattet waren,
+bestanden darin, dass die ersten Fürsten ihren ersten Sohn behielten und
+dass die vornehmsten Areois (die Gesellschaft hatte 12 Grade, Mörenhout
+1, 489) nur ihr ältestes Kind so wie alle Mädchen tödteten. Das letztere
+geschah auch hier wohl aus religiösen Gründen oder weil man die Mädchen
+für geringer als die Knaben hielt; Mörenhout, dem diese Nachrichten
+entlehnt sind--er handelt von den Areois 1, 485-98--ist der Meinung,
+alle diese Morde seien vollbracht, um die Volksmenge der Insel nicht
+übergross werden zu lassen, welcher Ansicht man kaum beipflichten wird;
+wie denn auch das tahitische Volk selbst der Ansicht war, die Weiber
+brächten zur Conservirung ihrer Schönheit die Kinder um. Dass alle
+Kinder einer Mischehe--wenigstens, nach Williams 565, eines gemeinen
+Mannes und einer adligen Frau--umgebracht wurden, versteht sich nach den
+Begriffen, welche man über die verschiedenen Stände hatte und nach denen
+der Adel ganz göttlich, das Volk aber nicht einmal im Besitz einer Seele
+war, von selbst. Für Tonga wählte man solche Kinder vorzüglich
+gern, nach Mariner, zu Opfern aus. Und so war es auf allen
+Gesellschaftsinseln. Williams erzählt von Raiatea, wo er (1829) seine
+Station hatte, folgendes Beispiel. Er sass mit Bennett in einem Zimmer,
+in dessen Hintergrund mehrere eingeborene Weiber arbeiteten und als
+Bennett sich bei ihm nach der Ausdehnung des Kindermords erkundigte, so
+fragte er, um sich selbst zu überzeugen, ob das Verbrechen so allgemein
+sei als er glaube, die zufällig anwesenden Weiber, die er nicht weiter
+kannte, wie viel Kinder jede getödtet habe: neun die eine, sieben die
+andere, die dritte fünf, also alle drei zusammen 21! Eine andere Frau
+bekannte sterbend, dass sie 16, ein vornehmer Häuptling, dass er 19
+umgebracht hätte und manche Familien hatten alle getödtet (Williams
+562-565). Als Gründe geben ihm die Eingeborenen an, zunächst Furcht vor
+den ewigen Kriegen und ihren blutigen Zerstörungen; man wollte von den
+Kindern nicht gehindert sein, auch wohl böse Schicksale ihnen ersparen
+und was wohl der Hauptgrund war, dem Feind keine Gelegenheit zu irgend
+welchem Triumph (etwa durch Gefangennehmung oder Ermordung der Kinder)
+geben. Zweitens war aber die Verschiedenheit des Ranges ein wichtiger
+Grund. War ein Mann von niederem Rang als seine Frau, so konnte er durch
+Tödtung von zwei, vier oder sechs Kindern, je nachdem er tiefer stand,
+zum Rang der Frau sich erheben und die Kinder, welche ihm, nachdem er
+diese Stufe erreicht, geboren wurden, blieben am Leben. Die Frau aber,
+welche von minder hohem Range als ihr Mann war, konnte, da alle
+Vererbung nur in weiblicher Linie erfolgte, sich durch kein Mittel, auch
+dieses nicht erheben. Blieben aber in gemischten Ehen die Kinder ohne
+Weiteres am Leben, so sank die Familie auf den Rang herab, welchen der
+minder vornehme der Eltern inne hatte (Ellis 1, 256). Als dritten Grund
+führt Williams die Eitelkeit der Weiber auf: sie wollten ihre Schönheit
+nicht durch Säugen und Kinderpflegen gefährden. Der Hauptgrund scheint
+aber, wenn nicht in frühester, vorhistorischer Zeit religiöse Motive
+mitwirkten, Faulheit gewesen zu sein: auf der Insel, welche eine
+vielfach grössere Bevölkerung leicht ernähren konnte, hiess ein Vater
+von vier Kindern schon ein »arg überbürdeter« Mann (Ellis a.a.O.).
+
+Man tödtete die Kinder, indem man ihnen einen nassen Lappen auf den Mund
+legte, oder ihnen die Kehle mit dem Daumen zupresste, oder sie, noch im
+Mutterleibe, aber während der Geburt, mit einem spitzen Bambus
+durchbohrte; oder man begrub sie lebendig und zwar gerne so, dass die
+Erde nicht unmittelbar auf sie kam, sondern sich über ihnen her wölbte
+(Williams und Ellis a.a.O.). Eine vierte noch viel scheusslichere Art
+beschreibt Williams 567-568: zuerst wurden den eben Geborenen die
+äussersten Glieder an Finger und Zehen, dann, wenn sie davon nicht
+starben, die Hand- und Fussknöchel gebrochen. Ueberstand das Kind auch
+das, so kamen die Kniee und Ellenbogen an die Reihe, und wenn es dann
+immer noch lebte, so wurde es schliesslich erwürgt. Indess ist die That
+scheusslicher als die Gesinnung, welche sie hervorbrachte: denn ohne
+Zweifel wandte man diese grässlichen Todesarten aus keinem anderen
+Grunde an als aus Ehrfurcht vor der Seele des Kindes, die auf möglichst
+gelinde Weise, von aussen her, zur Entfernung mehr aufgefordert als
+genöthigt werden sollte, und erst wenn sie diese Aufforderung gar nicht
+verstand, trat Zwang ein. Denn die Seelen der getödteten Kinder, die
+man sich unter der Gestalt von Heuschrecken nach Mörenhout dachte,
+galten für heilig und wurden hoch geehrt. Auch hier gab es fast in jedem
+Dorfe Leute, welche aus dem Kindermord Gewerbe machten (Williams 568)
+und doch, war einem Kinde auch nur eine Viertelstunde das Leben erhalten
+worden, so durfte es nicht mehr getödtet werden, und hatte dann sehr
+liebevolle, ja wohl zärtliche Eltern.
+
+Wo möglich noch roher waren die Bewohner der Sandwichsinseln. Hier
+herrschte der Kindermord namentlich in den unteren Klassen, von denen
+die Eltern selten, mochten die Ehen auch noch so fruchtbar sein, mehr
+als zwei oder drei, vielmehr oft nur ein Kind aufzogen. Auch hier sind
+(Ellis 4, 326-330) 2/3 der Kinder getödtet und zwar meist durch Erwürgen
+oder lebendig Einscharren, wobei man sie ohne Weiteres mit Erde bedeckte
+und diese mit den Füssen feststampfte. Hier begrub man die kleinen
+Leichen oft im eigenen Hause, ja im eigenen Schlafgemach der Eltern,
+während man zu Tahiti ihnen doch wenigstens einen Platz neben dem Hause
+gab. Oft waren es, hier wie zu Tahiti, die Eltern selbst, welche die
+grauenvolle That vollbrachten. In Hawaii war der Grund zu diesem Mord
+meist Trägheit nach Ellis 4, 329 und Eitelkeit der Weiber, nach Jarves
+85. Während aber zu Tahiti die Kinder, welche die erste halbe Stunde
+überlebt hatten, gerettet waren und zärtlich aufgezogen wurden; so
+tödtete man zu Hawaii, mit viel grösserem Stumpfsinn, die Kinder auch
+noch nach einem Jahre, ja noch später. War ein Kind krank und machte
+Unruhe, so begrub man es lebendig, schrie es der Mutter zu unerträglich,
+so stopfte sie ihm ein Stück Zeug in den Mund und grub die unglückliche
+Creatur in die Erde, wenige Schritte von ihrem Bette, zu welchem sie
+nach vollbrachter That, als ob nichts geschehen wäre, ruhig zurückkehrte
+(Ellis 4, 330). Und selbst dies wird noch durch folgenden Fall, den
+Ellis gleichfalls (326) erzählt, überboten. Ein Mann und eine Frau,
+welche ein Kind, einen hübschen Jungen, nach Jarves (73) von sieben
+Jahren, hatten, geriethen über denselben in Streit und da die Frau nicht
+nachgab, ergriff der Vater das Kind bei Kopf und Fuss, brach ihm über
+seinem Knie den Rücken entzwei und warf die zuckende Leiche der Mutter
+zu Füssen! Tamehameha, bei dem die Unthat angezeigt wurde, erklärte, er
+könne nicht strafend eingreifen, da der Mann sein eigen Kind umgebracht
+habe.--Auch in Neuseeland findet sich der Kindermord gar nicht selten
+(Angas 1, 313); er ist aber, wie in Tahiti, nicht mehr statthaft, wenn
+das Kind auch nur eine halbe Stunde gelebt habe. Will man es tödten, so
+wird es meist lebendig begraben oder bei der Geburt erwürgt. Rache ist
+häufig das Motiv hierzu, wegen harter Behandlung der Frau während ihrer
+Schwangerschaft, oder weil der Vater sie verliess oder aus irgend
+welchem anderen Grunde (Dieffenbach 2, 25 ff.). Trägheit aber steht auch
+hier in erster Linie. Namentlich Mädchen brachte man um (Taylor 165).
+Auch Abortus ist häufig: und so ist es nicht zu verwundern, dass (Browne
+40) die Ehen durchschnittlich kaum mehr als zwei Kinder haben.
+Allerdings herrschen diese furchtbaren Gebräuche am meisten an der
+Küste; im Innern sind die Familien zahlreicher, ja Dieffenbach (2, 33)
+sah bis zu 10 Kindern in einer. Gegen die geschonten Kinder sind die
+Maoris liebevolle (Dieffenbach 2, 25 ff.), wenn auch nicht gerade
+zärtliche Eltern (Browne 39).
+
+Es könnte scheinen, als hätten wir uns schon allzu lange bei diesem
+abschreckenden Gegenstande aufgehalten und seien zu sehr ins Einzelne
+gegangen, allein dies genauere Eingehen war nöthig für folgenden
+Nachweis. Da alle Polynesier liebevolle Eltern sind und wir dennoch
+dieselben Eltern im ganzen östlichen Polynesien so vollkommen abgehärtet
+gegen den Kindermord sehen, dass sie ruhig von allen den
+Scheusslichkeiten sprechen, ja auch schon herangewachsene Kinder
+kaltblütig morden: so kann diese Sitte nicht erst 50 Jahre vor der
+Entdeckung, also um 1700 oder 1710 weiter um sich gegriffen haben, wie
+Ellis will. Jedenfalls muss sie älter sein, auch in dieser Ausdehnung.
+Denn um ein Volk so ganz zu beherrschen, dazu braucht eine solche Sitte,
+auch wenn sie eingeschränkt schon früher im Gebrauche war, mehr als 50
+Jahre. Auch ist uns berichtet, dass die marianischen Weiber ihre Kinder
+vor und bei der Geburt massenweise tödteten, als die Spanier die Inseln
+eroberten, damit die Neugeborenen nicht in Knechtschaft geriethen. Auch
+das setzt schon ein Bekanntsein mit Aehnlichem voraus, und dazu kommt,
+dass sich beim malaiischen Stamm überhaupt die Sitte des Kindermordes
+oder des künstlichen Abortus sehr häufig findet. So treiben die Battas
+häufig die Frucht vorzeitig ab, Waitz 5, 190; die östlichen Malgaschen
+tödten Zwillinge, sowie sie solche Kinder, die an einem bösen Tage
+geboren wurden, ertränkten, aussetzten oder lebendig begruben (Waitz 2,
+441). Die Bisayas ziehen, um nicht zu verarmen, nur wenige Kinder auf,
+und tödten uneheliche Kinder meist, weil das Mädchen, ihr Vater und ihr
+Geliebter für aussereheliche Schwangerschaft Strafe zahlen müssen
+(Loarca in Ternaux Archives 1, 23). Aehnlich die Pintados auf den
+Philippinen, welche ihre Kinder vom 3ten an tödten, indem sie dieselben
+unter Festen und Lustbarkeiten lebendig begraben, so wie auch, um sie
+nicht ernähren zu müssen, alle unehelichen Geburten (nach einem Bericht
+von 1577 in N. Journ. As. VIII, 39, 1831). Auf den Niasinseln setzt man
+die Kinder aus (Domis bei Oosterling tydschrift toegew. van de
+verbreiding d. Kennis v. Oost. Indie II, 2, 125). Abtreiben der Kinder
+bei den Dajaks aus Sittenlosigkeit erwähnt Schwaner Borneo 1, 203.
+
+Wie hat man sich nun die Entstehung dieser schrecklichen Sitte zu
+denken? Ist es bloss Trägheit und Versunkenheit, worin sie wurzelt? In
+Afrika und Nordamerika ist freilich meist das äussere Elend ihr Anlass,
+wie auch die Markesaner ihre Kinder aus Hungersnoth tödteten und assen
+(Ellis 4, 328); allein das reicht weder für Polynesien noch für
+Südamerika aus. Meinicke meint nun (b, 59 bis 60), dass in Polynesien
+der Kindermord eingeführt sei, um die Reinheit des Blutes der
+Aristokratie zu erhalten. Er stützt diese Ansicht, für welche
+historische Gründe sich nicht aufstellen lassen, dadurch, dass, trotzdem
+der Kindermord bei allen Klassen der Bevölkerung vorkommt, er doch zu
+Tahiti zumeist von den Areois ausgeht, dass alle Kinder aus gemischten
+Ehen, die bei der förmlichen Berechtigung der Vornehmen zu jeglichem
+Lebensgenuss gar nicht zu vermeiden waren, getödtet wurden. »So mögen«,
+fährt er S. 60 fort, »solche Kinder seit Jahrtausenden getödtet sein,
+ohne dass dies bei den körperlichen Vorzügen, die dergleichen
+Verbindungen mit Menschen niederen Standes nicht häufig gemacht haben
+werden und bei ihrer geringen Zahl grossen Einfluss gehabt haben wird.
+Aber mit der Zeit fing man an, Kinder auch zu tödten, um durch die
+Sorge, die sie erforderten, nicht an Ausschweifungen und Vergnügungen
+gehindert zu werden (wie es bei den Areois der Fall war), und endlich
+verbreitete sich die grauenvolle Sitte bloss durch den Einfluss der
+Mode, die auf den Südseeinseln so gut wie in anderen Erdtheilen die
+niederen Stände antreibt, Verkehrtheiten und selbst Laster der Vornehmen
+nachzuahmen, auch unter das Volk, wo sie in der Bequemlichkeit,
+Liederlichkeit, Armuth und den Beschwerden, die Kinder zu erziehen,
+mannigfache Unterstützung fand. Man sieht, dass der Kindermord so mit
+der Zeit stets zunehmen musste und wird hierin eine Hauptursache der
+erstaunlich raschen Abnahme der Bevölkerung zu suchen haben, wenn auch
+die Angaben der Missionäre über die Zahl der hingeopferten Kinder
+übertrieben sein sollten«. Dies letztere ist nun zwar bei den mit
+bestimmten Zahlen angegebenen einzelnen Fällen und der genauen
+Uebereinstimmung der Angaben, welche die Missionäre machen, nicht
+wahrscheinlich[H] wie denn Ellis ausdrücklich sagt, dass er Williams
+Angabe, 2/3 der Kinder seien getödtet, an Ort und Stelle geprüft und
+nicht übertrieben gefunden habe. Recht aber hat Meinicke darin, dass
+auch er diese Sitte für eine sehr alte ansieht.
+
+Allein sonst ist seine Ansicht schwerlich richtig. Mag auch späterhin,
+und er hat es gewiss sehr reichlich gethan, der Unterschied zwischen
+Volk und Adel dem Kindermord weitere Ausdehnung verliehen haben;
+veranlasst hat er ihn gewiss nicht, wofür zunächst spricht, dass wir in
+Südamerika den Kindermord fast in ähnlicher Ausdehnung wie in
+Polynesien, jenen Standesunterschied aber nicht vorfanden. Aber auch für
+Polynesien allein wird es bedenklich, den letzteren als alleinige
+Ursache des ersteren anzusehen, wenn man Folgendes erwägt. Williams
+sagt, wie wir schon vorhin sahen, dass ein niederer Mann durch
+Kindermord sich dem Stand seiner vornehmeren Frau angleichen kann; was
+Meinicke, wohl nur durch einen Irrthum seinerseits, für einen Irrthum
+hielt. Denn aller Rang vererbte durch die Mutter; der Adel war ferner
+eine mit Seele begabte, göttliche Klasse, im Gegensatz zu dem
+unbeseelten, irdischen Volk. Kinderseelen nun, welche nach Mörenhout für
+besonders heilig gehalten und zu denen als Vermittlern zwischen Göttern
+und Menschen besonders gebetet wurde, konnten, wenn für den unbeseelten
+Mann geopfert, ihm, sei es durch direkten Uebergang in ihn, oder sei es
+durch Vermittlung bei den Göttern, zu einer Seele verhelfen, wodurch er
+zu höherem Rang emporstiege. Die Areois sind eine religiöse
+Gesellschaft; religiöse Scheu zeigte sich in der Art, wie man
+(wenigstens in Tahiti) die Kinder umbrachte; man hat sie also in vielen
+Fällen vielleicht nur getödtet, um Schutzgeister zu haben oder sie als
+Opfer fürs eigene Leben--solche Opfer werden wir gleich noch mehr
+sehen--den Göttern darzubringen. Dieselbe Bedeutung hat wohl der
+Kindermord in Mikro-und Melanesien gehabt, wie einzelne Spuren noch
+andeuten, wenn sich auch Zwingendes nicht dafür anführen lässt als eben
+ihre Verwandtschaft mit den Polynesiern. Wenn aber Meinicke sagt, die
+Sitte müsse überall geherrscht haben und sei, wo wir sie nicht erwähnt
+finden, wie in Tonga, nur übersehen, so kann man das nicht zugeben; der
+so feinen und scharfen Beobachtung Mariners hätte sich ein so
+auffallender Gebrauch nicht entziehen können und er führt 2, 18-19 einen
+Fall der Art ausdrücklich als etwas Ausserordentliches an. Aber möglich
+ist es, ja wahrscheinlich, dass die Sitte auch in Tonga ursprünglich
+geherrscht hat, nur während sie sich im übrigen Polynesien ausbreitete,
+so erlag sie schon sehr früh und lange vor der Entdeckung dem besseren
+Sinn der Tonganer, wie sie auch andere ähnliche Sitten aufgaben, z. B.
+die Ermordung der Weiber beim Tode der Männer, von der Mariner als von
+einer früher gebräuchlichen hörte (1, 342), die aber zu seiner Zeit
+schon ausser Gebrauch gekommen war.
+
+Da wir nun Gründe haben, bei den Polynesiern diesen Gebrauch für einen
+ursprünglich religiösen zu halten, der freilich in späterer Zeit aus
+ganz anderen Motiven, aus Faulheit, Eitelkeit, Lieblosigkeit,
+Standeshochmuth u.s.w. sich unendlich verbreitete und das ganze Leben
+der Nation in der neuen Gestalt anfrass; so möchte auch die ziemlich
+weite Verbreitung der Sitte, wie wir sie im eigentlichen Malaisien von
+Luzon bis nach Madagaskar hin nachwiesen, auf demselben Princip beruhen.
+Wie es sich in Südamerika hiermit verhält, lassen wir, da es uns an
+älteren Daten fehlt, unerörtert; doch hat hier vielleicht eine ähnliche
+Grundanschauung geherrscht, als wir sie für Polynesien annahmen. Denn in
+Mexiko wenigstens glaubte man, kleine Kinder, welche stürben, seien den
+Göttern besonders lieb; sie kämen zu einem Baum, von welchem beständig
+Milch herabträufele, und seien Vermittler zwischen Göttern und Menschen
+(Waitz 4, 166). Kinderopfer, um die Götter gnädig zu stimmen, kamen viel
+bei ihnen vor (4, 159) und das Bild des Gottes, das sie bei der
+Ceremonie, die unserem Abendmahl ähnlich ist, unter sich vertheilen und
+als »das Fleisch Gottes« verzehren, war mit Kinderblut angefertigt, wie
+auch bei den Totonaken die Kuchen bereitet waren, welche sie »das Brot
+unseres Lebens« nannten (Waitz 4, 161). Jetzt scheint diese Sitte dort
+keine anderen Motive zu haben, als Eitelkeit, Faulheit und Elend und
+Noth[I]. Das Tödten von Zwillingen oder des einen von beiden Kindern
+beruht auf anderen Grundlagen: es geht aus von dem Schreck über das
+portentum einer mehrfachen Geburt, in welcher man etwas Unnatürliches
+und daher Unheimliches oder aber eine Thierähnlichkeit sah.
+
+
+
+
+§ 9. Krieg und Kannibalismus.
+
+
+Haben wir oben gesehen, wie wenig das Menschenleben bei den Naturvölkern
+geachtet wurde, so werden wir von seinem geringen Werth bei ihnen im
+Folgenden noch massenhaftere Beispiele finden, da wir uns zunächst mit
+der Frage beschäftigen müssen, welchen Einfluss auf Zahl und Existenz
+dieser Völker haben Krieg, Kannibalismus und Menschenopfer gehabt?
+
+Freilich scheint die Art der Kriegführung bei den unkultivirten Stämmen
+mindere Opfer als bei den kultivirten gefordert zu haben. Denn so
+kriegerisch auch die Nordamerikaner waren, so sehr ihr ganzes Leben
+beinah auf dem Krieg beruhte, so galt ihnen doch eine Art der
+Kriegführung, wie die europäische, wo man in offener Feldschlacht stets
+das eigene Leben in Gefahr setzt, für Thorheit, ihr Krieg bestand nur in
+Ablauern des Feindes, in Ueberfall und Hinterhalt; daher er denn, dem
+entsprechend, minder durch Tapferkeit als durch Schnelligkeit,
+Schlauheit und Verwegenheit geführt wurde. Aber dafür endete auch der
+Krieg bei ihnen nie: denn Grenzverletzungen oder Blutrache, sowie Rache
+für Zauberei (durch die man jeden Todesfall, namentlich aber den Tod von
+Häuptlingen verursacht glaubte) oder alter, einmal eingewurzelter und
+durch stets neue schlimme Thaten niemals verlöschender Stammhass
+erregten ihn immer aufs Neue. Und gerade diese versteckte, fast feige
+scheinende Art, wie sie den Krieg führten, brachte oft ein furchtbares
+Blutvergiessen hervor, da bei den Ueberfällen der meist unvorbereitete
+und wehrlose Feind ganz und gar mit Weib und Kind niedergemetzelt wurde,
+schon der Skalpe wegen, deren Erbeutung ja den Siegern die grösste
+Herzenssache und Ehre war. In Virginien zwar und bei den Huronen wurden
+Weiber und Kinder meist zu Gefangenen gemacht; war der Kampf aber lang
+und erbittert gewesen, so mordeten auch hier die Sieger so lange als sie
+die Arme heben konnten (Waitz 3, 150-154). Und gefangene Feinde, die
+Männer wurden ja von diesen Völkern wie bekannt so gut wie immer
+getödtet. Dass aber solche Kriege der Existenz ganzer Völker
+verhängnissvoll geworden sind und also, als für ihr Aussterben
+grundlegend, recht eigentlich zu unserer Betrachtung gehören, dafür hat
+Waitz, was Amerika betrifft, 1, 165, Zeugnisse gesammelt. »Die
+Kupferminenindianer sagt er an dieser Stelle, wurden durch die
+Hundsrippenindianer (Hearne) fast vertilgt, die Moquis durch die Navajos
+im hohen Grade geschwächt (Schoolcraft), die Osagen durch ihre
+erstaunlich vielen Feinde innerhalb 10 Jahren auf die Hälfte ihrer
+früheren Anzahl reducirt. Der kleine Rest des besiegten Volkes wird dann
+nicht selten von dem siegenden in sich aufgenommen und sein Name
+verschwindet von da an aus der Geschichte. Auf diese Weise sollen z.B.
+die Creecks allmählich die Reste von 15 anderen Stämmen verschlungen
+haben.« Auch die Irokesen (Waitz 3, 155) haben ausserordentlich durch
+derartige Kriege gelitten. Jenseits des Felsengebirges sind die Kriege
+viel milder und thun im Ganzen wenig Schaden (3, 338) und ebenso ist es
+auch bei den Oregonvölkern, wenn diese gleich viel kräftiger zu sein
+schienen als die Nulkas und Chinooks.
+
+Der Kannibalismus, welcher vom Kriege nicht zu trennen ist, hat auf die
+Völker Nordamerikas keinen sehr bedeutenden und für ihre Zahl durchaus
+ungefährlichen Einfluss gehabt. Er findet sich bei manchen Völkern, z.B.
+den nördlichen Athapasken, den Hasenindianern, Nipissangs, den Crees,
+Ojibways, doch ist bei allen diesen das Entsetzen vor der That ein ganz
+ausserordentliches. Ebenfalls findet er sich, und durch gleiche
+Veranlassung, bei den Indianern in Canada, die ihn aber minder
+verabscheuen (Waitz 3, 89). Allein bei den Algonkins und den Irokesen,
+den Sioux war der Kannibalismus früher (jetzt hat er aufgehört) weit
+verbreitet und besonders merkwürdig ist es, dass es bei den Miami und
+Potowatomi eine besondere, aus bestimmten Familien sich ergänzende
+Gesellschaft gab, welche Menschenfleisch ass und sich im Besitz von
+übernatürlichen, auf andere übertragbaren Zauberkräften wähnte (Waitz 3,
+159 nach Keating): man wird an die Gesellschaften der Areois auf Tahiti
+und die entsprechenden auf den anderen polynesischen Inseln erinnert.[J]
+Aber bei allen diesen amerikanischen Völkern sowie auch bei den
+Oregonindianern (Waitz 3, 345) ward der Kannibalismus nur an gefangenen
+oder gefallenen Feinden ausgeübt, deren Herz man ass, theils aus Rache,
+theils um sich die Tapferkeit und Kraft dessen, dem das Herz gehörte,
+anzueignen (Waitz 3, 159).
+
+In Südamerika hat der Krieg nicht minder, die Anthropophagie noch weit
+mehr gewirkt, als in Nordamerika: lebte doch hier das Volk, welches dem
+Kannibalismus seinen Namen gegeben hat, die Kaniben, Kariben oder
+Karaiben. Ursprünglich auf den kleinen Antillen und dem ihnen
+gegenüberliegenden Festland heimisch machten sie von dort aus, nach
+Columbus Erzählung, verheerende Kriegszüge in weite Ferne, um Weiber zu
+erbeuten, während sie die Männer erschlugen und sie, wie auch ihre
+eigenen mit den gefangenen Weibern erzeugten Kinder frassen (Waitz 3,
+374-375). Auch ihre Weiber waren ausserordentlich kriegerisch und
+kämpften so selbstständig, dass die Sage von den Amazonen, die im
+nördlichen Südamerika häufig vorkommt, durch sie veranlasst zu sein
+scheint. Schomburgk 2, 429 erzählt, dass die Kariben sich namentlich
+gegen die Makusis wandten, um Sklaven zu erbeuten, zu welcher
+Menschenjagd sie von den Holländern aus Eigennutz angetrieben wurden,
+denn diese kauften die Sklaven von ihnen. Er schildert diesen
+scheusslichen Handel näher und sagt, dass er bis gegen die vierziger
+Jahre dieses Jahrhunderts, also bis auf unsere Zeit hin bestanden habe!
+Die Art nun, wie noch jetzt die Kariben von allen anderen indianischen
+Stämmen als Herrn und Gebieter gefürchtet werden, so dass sie ohne
+Weiteres sich in jeder beliebigen Hütte was ihnen gefällt nehmen können
+(ebendas. 427); so wie die blinde Angst, welche man noch jetzt in jenen
+Gegenden vor ihnen hat, lässt erkennen, was sie einst gewesen sein
+mögen. Und wie durch sie die Aturen (Humboldt c, 1, 284) in die
+Katarakten des Orinoko, wo
+
+ ihres Stammes letzte Spuren
+ birgt des Uferschilfes Grün,
+
+hineingedrängt verkamen: so waren die blutigen Kriege, welche von ihnen
+ausgingen, eine Hauptursache für die Verminderung der Stämme in Guyana.
+Indess verzehren sie jetzt (Schomburgk 2, 430) Menschenfleisch nicht
+mehr; und jetzt sind auch sie sehr zusammengeschmolzen (eb. 417), wozu
+ihre eigenen Kriege nicht wenig beigetragen haben mögen. Da nun auch die
+Tupi tapfere, ja wilde Krieger waren (Azara 218) und sie sowohl wie auch
+die Guarani (welche Azara 213 ff. freilich als sehr scheu schildert)
+Menschenfleisch verzehrten; da nun auch fast alle südamerikanischen
+Stämme, die Araukaner (Waitz 3, 529 ff.), Chiquitos (eb. 530), die
+Pampas, Patagonier u.s.w. (Azara an vielen Stellen) sich durch wilde
+Tapferkeit auszeichneten und demzufolge zwischen ihnen fast stetiger
+Krieg herrschte; da sie fast alle Kannibalen waren, wie die Mbayas
+(Waitz 3, 473), ganz besonders die Guaykurus (471), die Tobas (475), die
+Abiponer (476), die Feuerländer (508) und ebenso die Patagonier, welche
+alle feindlichen Männer niederhieben, Weiber und Kinder aber zu
+Gefangenen machten: so werden wir begreiflich finden, dass die Zahl
+dieser Völker, die in so heftigem und unablässigem Kampf mit einander
+sind, auch dadurch abgenommen hat und noch jetzt abnimmt. Tschudi 2, 259
+sagt geradezu, dass die Angriffe der Botokuden auf die von den
+Portugiesen um Rio Janeiro unterworfenen halb civilisirten Indianer die
+Ursache seien, dass jene Gegenden auch heute noch so spärlich bevölkert
+seien. Auch mag daran erinnert werden, dass jene Völker in dem
+Urarigift, mit dem sie ihre Lanzen vergifteten, eine ganz besonders
+gefährliche Waffe haben, da dies Gift auch bei der leisesten Verwundung
+unfehlbar tödtet.
+
+Tüchtige Krieger waren nun, nach der trefflichen Schilderung bei Waitz,
+auch die Kulturvölker des alten Amerikas. Doch da ihre Kriege keine
+Vernichtung des Feindes bezweckten, sondern diesem, auch wenn er besiegt
+wurde, seine Nationalität und Hab und Gut liessen, bis auf den Tribut,
+den sie zahlen mussten (Waitz 4, 77. 406), so konnten diese wohl den
+Namen von Völkern aufhören machen, indem sie das besiegte dem eigenen
+Volke einverleibten, und namentlich in Peru geschah das öfters (407),
+aber ein Volk vernichten oder auch nur so weit verringern, dass seine
+Lebenskraft dadurch gebrochen wäre, konnten sie nicht und haben sie
+nicht gethan, denn Columbus, Cortez und Pizarro fanden dichtbevölkerte,
+blühende Staaten vor. Zwar herrschte auch Anthropophagie in Mexiko: die
+geopferten Sklaven oder Kriegsgefangenen wurden verzehrt, und die
+Ottomies sollen sogar Menschenfleisch auf dem Markte verkauft haben,
+eine Sitte, die man so wenig anstössig fand, dass man offen davon sprach
+und den Spaniern erzählte, ihr Fleisch schmecke bitter (Waitz 4, 158);
+doch liegt es auf der Hand, dass auch diese Sitte dem Bestehen dieser
+Völker oder seiner Nachbarn nicht die mindeste Gefahr brachte, da sie
+sehr wenig ausgedehnt war. Sie scheint ein Recht zu sein aus alter und
+ältester Zeit, wo sie dann freilich weitere Verbreitung gehabt haben
+wird. Auch in Neugranada war Kannibalismus, in manchen Gegenden des
+Landes in sehr roher Form, verbreitet (Waitz 4, 374, 376). Was von den
+Cariben erzählt wird, dass sie ihre eigenen mit gefangenen Weibern
+erzeugten Kinder gefressen hätten, wird auch von ihnen berichtet (4,
+374). Auch in Yukatan (310) fand sich Anthropophagie.
+
+Anders aber finden wir es in der Südsee. Zwar in Australien sind, ausser
+im Norden, die Kämpfe an sich wenig blutig: Hale 115 beschreibt
+dieselben, wie sie meist aus Privatschlägereien entstehen, wie sich dann
+beide Parteien, jede bis 200 stark, heftig und lange erst schelten, und
+dann Mann für Mann vortritt und den Speer schleudert, bis einer
+verwundet wird: dann hört der Kampf auf. Doch fehlt es ihnen keineswegs
+an Muth, Kraft und Standhaftigkeit, wie sie auch Schmerzen mit grosser
+Geduld ertragen (Turnbull 34-35). Allein da die Kriege, bei der
+Verfehdung fast aller Stämme unter einander, doch sehr zahlreich sind
+(Wilson 143 v.d. Rafflesbai), da man manche Stämme von ihnen, namentlich
+die Nordaustralier, deren Krieger und Zauberer durch den ganzen
+Continent aufs Aeusserste gefürchtet sind, als Gegner auch Europäern
+gegenüber keineswegs verachten darf (Grey 1, 152), da ferner auch diese
+Kriege zum grössten Theil in Ueberfall und in Ermorden Wehrloser oder
+Schlafender bestehen und, weil jede solche That wieder Rache verlangt,
+geradezu unendlich sind (Meinicke a 2, 198)--so sind sie für die Zahl
+und das Gedeihen der Einwohner so verhängnissvoll, dass wir sie als eine
+der wichtigeren Ursachen für das Aussterben der Australier hier
+bezeichnen müssen. Auch die Eingeborenen von Vandiemensland lebten unter
+einander in beständigem Streit, der von Stamm gegen Stamm ausgefochten
+wurde (Nixon 26).
+
+Auch Kannibalismus herrscht in Neuholland, doch keineswegs sehr
+ausgedehnt. So brauchen nach Angas 1, 68 die Eingeborenen von Lake
+Albert die Schädel ihrer Feinde als Trinkgeschirre, ganz wie die Inkas
+von Peru (Waitz 4, 413) und die Abiponer, und nach dem bekannten
+Zeugniss des Paulus Diaconus, die Langobarden.[K] Ferner sollen
+Kannibalen im Innern des Landes leben (Angas 2, 231); ganz sicher
+verzehren im Norden Freunde ein Stück vom verstorbenen Freund und an
+Moretonbai assen (Angas 1, 73) Eltern aus Liebe von dem Fleische ihrer
+todten Kinder, eine Sitte, welche nach Anderen auf geliebte Verwandte
+überhaupt ausgedehnt ist (Howitt a, 289. Austral, Felix 134). Sie findet
+sich auch zu Hawaii: dort ass das Volk aus Liebe Fleisch von der Leiche
+seiner verstorbenen Fürsten (Remy XLVIII. 125.[L]) Auch Aberglaube
+diente dazu den Kannibalismus zu verbreiten. Wie bei den Potowatomi und
+den Miami in Nordamerika, wie in so manchem indisch-arabischen Mährchen
+der Genuss des Menschenfleisches höhere übermenschliche Kraft gibt--ein
+Zug, der auch, wie wohl verdunkelt, in deutschen Sagen vorkommt
+(Bechstein, Sagen des Rhöngeb. u. d. Grabfeldes 60 ff.)[M]--ebenso
+müssen in Australien (nach Eyre) die Zauberer Menschenfleisch essen, um
+ihre Wunderkraft zu behalten. Am Lake Alexandrine ist es nicht
+ungewöhnlich, einem lebenden Menschen das Nierenfett auszuscheiden, das
+als Zauber gegen böse Geister von ganz besonderer Kraft sein soll (Angas
+1, 123). Auch Bennet (1, 295) fand Menschenfett als Zaubermittel oder
+Medikament aufgehoben. Meinicke a 2, 184 hat also wohl die Neuholländer
+zu frei von Kannibalismus dargestellt.
+
+Gehen wir nun zu den melanesischen Inseln, so finden wir auf Vanikoro
+unter den einzelnen Stämmen fortwährenden Kampf (D'Urville 5, 165) und
+wenn sie auch keine Kannibalen zu sein behaupten, so dienen die Schädel
+der Feinde doch als Trophäen (eb. 217), welche öffentlich aufbewahrt
+werden. Auch auf Tanna herrscht beständiger Krieg der einzelnen Stämme
+unter einander (Turner 82, Gill 227), da jede Privatbeleidigung einen
+öffentlichen Krieg nach sich zieht (85), und ausgebildetster
+Kannibalismus: die erschlagenen Feinde werden mit Yams gekocht, Farbige
+den Weissen vorgezogen, einzelne Portionen des Fleisches an Freunde
+geschickt als Ehrengeschenke u.s.w. (82). Auch auf Fate und Aneitum,
+obwohl beide minder kriegerisch sind, findet sich der Kannibalismus
+(Turner 393. 371. Gill 66). Erromango und Mare (Nengone), auf welcher
+letzteren Insel zwei feindliche Staaten neben einander bestanden, waren
+fortwährend von leidenschaftlichem Krieg heimgesucht und die
+Anthropophagie hatte hier einen solchen Grad erreicht, dass selbst die
+nächsten Verwandten, wenn man mit ihnen in Streit gerieth, erschlagen
+und gefressen wurden (Gill 10-11; 122. Turner 400. 411). Es ist eine
+leere Behauptung oder auch Einbildung der katholischen Mission, dass sie
+auf Neukaledonien den Kannibalismus hätte aufhören machen (Montreval in
+nouv. annal. de la foi 1854, 94); Turner (um anderer zu geschweigen)
+fand ihn daselbst sehr ausgebildet und so unbefangen, dass er überall
+eingestanden und besprochen wurde (426), wie er uns auch von den
+beständigen Kriegen der Insel (428) berichtet. Die Bewohner von Isabel
+schildert schon Mendana 1595 (Dalrymple 91) als Menschenfresser und
+eifrige Krieger, wie sich auch die Bewohner von Guadalcanar zeigen.
+Eifrige Krieger und Menschenfresser sind auch die Eingeborenen der
+Lusiade (Salerio bei Petermann 1862, 342-344) und von der Nordwestküste
+von Neuguinea sagt einer der besten Kenner dieser Gegenden, Marsden (in
+Transact. of the Reg. Asiat. Soc. 3,125), dass daselbst ein äusserst
+roher Kannibalismus herrsche: man frisst Feinde so gut wie Freunde,
+natürlich Gestorbene so gut wie Erschlagene, und ist dieser Nachricht
+gegenüber nicht abzusehen, wie Finsch (49) seine Behauptung, noch sei
+von keinem glaubwürdigen Manne bestimmte Nachricht über das Vorkommen
+des Kannibalismus auf Neuguinea gegeben, aufrecht halten will. Einzelne
+der neuguineischen Stämme sind Köpfeschneller, d.h. sie schlagen todt,
+wen sie finden, um Köpfe zu erbeuten, deren recht viele zu besitzen
+eine grosse Ehre ist; und so entstehen bloss zu diesem Zwecke im
+Distrikt Namototte (Speelmannsbai) die hartnäckigsten und mörderischsten
+Kriege (N. Guin. 109 ff. und daher wohl Finsch 82).
+
+Aber schlimmer als überall ist die Geringschätzung des Menschenlebens
+auf den Fidschiinseln, deren Einwohner im Ruf einer besonderen
+Tapferkeit auch auf Tonga stehen, und die von solchen Tonganern, welche
+Kriegsabenteuer erleben und zu Hause selbst als Krieger berühmt sein
+wollten, vielfach besucht wurden (Mariner). Krieg ist nun auch, nach
+Wilkes 3, 63, ihre so beständige Beschäftigung, dass irgend welcher
+Kampf auf der Gruppe immer herrscht; und da die Insulaner ebenso
+blutdürstig als verrätherisch sind (Hale 50), so sind diese Kriege sehr
+zerstörend. Doch führen sie den Krieg, der indessen stets offen angesagt
+wird, nur durch Verrath und heimlichen Ueberfall; weshalb sie Williams
+und Calvert (1, 43) und ebenso Erskine (249) geradezu feig nennen. Wegen
+des beständigen Verrathes herrscht ein grenzenloses Misstrauen auf der
+Gruppe, Niemand geht, aus Furcht überfallen zu werden, ohne Waffen
+(Will. u. Calv. a.a.O.), Niemand traut einem andern, selbst nicht den
+nächsten Verwandten (Hale 51). Und das nicht ohne Grund: denn da zu
+ihren nur einigermassen solennen Bewirthungen Menschenfleisch nothwendig
+gehört, so werden oft die harmlosesten Wanderer (je harmloser, desto
+eher), Weiber bei der Feldarbeit u.s.w. überfallen und getödtet, wozu
+Erskine 182 empörende Beispiele erzählt. Wenn auch die Schlachten,
+sobald nur einige gefallen sind, aufhören (Jackson bei Erskine 425), so
+sind die Kriege doch ausserordentlich blutig durch die sinnlose Wuth,
+mit der Alles, was ihnen in die Hände kommt, gemordet wird. Bei
+Ueberfällen, die sehr häufig sind, machen sie es nicht anders, so dass
+oft ganze Distrikte (Erskine und Jackson a.a.O. Seemann Zeitschr. 9,
+476) vernichtet werden. Wer einen Menschen erschlagen hat, bekommt einen
+Ehrennamen und wird durch besondere Ceremonien geweiht (Will. u. Calvert
+55), gerade wie in einigen Gegenden Neuguineas nur der Kakadufedern
+tragen darf, der einen Feind getödtet hat, und bei den alten Deutschen
+nur ein solcher aus dem kostbarsten und heldenhaftesten Trinkgefäss, dem
+Schädel des erschlagenen Feindes, trinken durfte.
+
+Der Kannibalismus ferner steht hier in solcher Blüthe, wie wohl nirgends
+sonst auf der Welt. Erskine, der um 1840 die Gruppe besuchte, gibt
+(257-60) Beispiele. Den Menschen nennen die Eingeborenen nur das »lange«
+Schwein, zum Unterschied vom »wahren« Schwein (ebend.); bei jedem Fest
+muss Menschenfleisch gegessen werden, zu welchem Behufe die das Fest
+gebenden Stämme gar nicht selten ihre eigenen Kinder schlachten; alle
+Feinde, alle Schiffbrüchigen werden gefressen (Erskine. 262. 229). Oder
+man erschlägt, um das nöthige Fleisch zu bekommen, den ersten besten aus
+dem Volke, den man unbewaffnet trifft (so wurden einmal 16 Weiber
+gefangen und gegessen, wie Erskine 182 erzählt). Dass man allen Freunden
+von dieser geschätztesten Speise schickt, ist so feste Sitte, dass gar
+nicht selten, weil es bei irgend einer Gelegenheit unterlassen, Krieg
+entsteht. Dem Gebratenen gibt man oft eine Keule in die Hand, malt ihm
+das Gesicht roth und setzt ihm eine Perrücke auf (Erskine 262); ja in
+einigen Gegenden der Gruppe führen die Weiber um diese Todten und ihnen
+zum Hohne die allerschandbarsten Tänze auf (Jacks, bei Erskine 440).
+Auch hat man verschiedene Arten, Menschenfleisch zu kochen, welche nach
+den Landestheilen verschieden sind (261. 439). Als der Sohn eines
+Häuptlings starb; jammerte ihm sein Vater nach: er war so kühn! er
+tödtete, wenn sie ihn erzürnten, seine eigenen Weiber und ass sie (Ersk.
+244). Auch Mariner (1, 329) nennt den Kannibalismus auf den
+Fidschiinseln sehr verbreitet und sagt, dass er von dort erst zu den
+Tonganern, die ihn nur in prahlerischer Nachahmung der Fidschis ausüben,
+gekommen sei; an einem Fest hätten die Fidschimänner 200 Feinde gegessen
+(1, 345; 2, 71). Wer eines natürlichen Todes stirbt, wird nicht gegessen
+(Williams und Calvert 1, 266), doch hat man auch Gräber erbrochen, um
+die Leichen zu verzehren! (eb. 212), ja man schneidet, um auch das
+Scheusslichste nicht zu verschweigen, auch von Lebenden, aber nur von
+gefangenen Feinden, Fleisch ab und verzehrt es vor ihren Augen (Will. u.
+Calv. 1, 212). Der Grund des Kannibalismus, ursprünglich Hass und
+Rachedurst oder Prahlerei, indem man sich dadurch furchtbar machen
+wollte, oder die Absicht, sich die Eigenschaften des Gefressenen
+anzueignen, ist jetzt fast überall auf der Gruppe nur Wohlgeschmack am
+Menschenfleisch, das sie jetzt jedem anderen Fleische vorziehen. Roh
+verzehren sie es nie: die Gabel, mit der es gegessen wird, ist für alle
+anderen Speisen verboten (Tabu) (eb. 212). Mit Trommelschlag in ganz
+bestimmtem Rythmus
+
+ | |\ | _ | | | |\ | _ | |
+ | | | / | | | | | / | |
+ * * * * ' * ' , * * * * ' * ' ,
+
+der sonst nie angewendet wird, laden sie zu den Kannibalenfesten ein
+(Erskine 291), von denen Weiber fast immer, Sklaven und gewisse Priester
+immer ausgeschlossen sind (Erskine 260; Williams und Calvert 1, 211).
+Und trotz alledem hatte der Kannibalismus eine religiöse Weihe bei
+ihnen: die getödteten Feinde werden zuerst den Göttern dargeboten
+(Erskine 261), die selbst Kannibalen sind (247) und jedes Kannibalenfest
+hat bestimmte, sonst nicht getanzte heilige Tänze (209. 440).
+
+Wir haben uns bei diesem ekelhaften Detail so lange verweilt, einmal,
+weil es anthropologisch von hohem Interesse ist--dann aber und
+hauptsächlich, um zu beweisen, dass der Kannibalismus, der so
+ausgeprägt, so eingewurzelt bei den Fidschis ist, nicht erst, wie jetzt
+die Häuptlinge gern erzählen, in der letzten Zeit aufgekommen sei, Hand
+in Hand mit dem blutiger werdenden Kriege (Erskine, 272). Er besteht
+gewiss viele Jahrhunderte lang, gewiss viel länger, als die Fidschis
+ihre jetzige Wohnung inne haben: allein er hat sich immer weiter
+ausgedehnt und mag seine rohesten Formen, z.B. das Menschenfressen aus
+Leckerei erst im letzten Jahrhundert seines Bestehens, so lange aber
+auch mindestens, angenommen haben. Trotzdem aber, und auf dies Faktum
+werden wir zurückkommen, trotzdem ist ein Aussterben der Bevölkerung
+nicht zu merken (Erskine 274). Die Zahl derselben beträgt nach den
+Missionären (ebendas.) 200-300,000 und mag dies auch etwas zu hoch
+gegriffen sein, sie ist jedenfalls beträchtlich genug, so dass auch Behm
+200,000 als Totalsumme annimmt. Und ferner, was von besonderer
+Wichtigkeit für die geschichtliche Betrachtung der Naturvölker ist, sie
+selbst haben das Bedenkliche des Kannibalismus eingesehen; daher jene
+halb entschuldigende Rede der eingeborenen Fürsten; daher die
+verhältnissmässige Leichtigkeit des Kampfes, welchen die Missionäre
+gegen die Anthropophagie führen, welchen man doch gerade, wegen des
+Alters der Sitte, für unendlich schwierig halten sollte (Erskine 280).
+Ja sie werden sogar von einer heidnischen Partei darin unterstützt,
+welche sehr gegen den Kannibalismus, sowie gegen das unsinnige Morden
+der Weiber und Sklaven ist, welches wir gleich betrachten werden, und
+für Abschaffung aller dieser Sitten eifrig kämpft. Die Fürsten sind es,
+welche aus feudalen Gelüsten dies Alles aufrecht erhalten wissen wollen
+(Seemann Zeitschr. 10, 289). Man sieht, das Christenthum ist hier gerade
+im rechten Zeitpunkt gekommen: man sieht aber auch ferner, solche
+Umänderungen, wie wir sie vorhin für Tonga voraussetzten, haben sich
+wirklich bei diesen Völkern vollziehen können: wir sehen sie hier bei
+einem viel roheren Volk vor unseren Augen geschehen.
+
+Auch in Polynesien herrschten die blutigsten Kriege, wobei aber zu
+bemerken, dass, obwohl man den Eingeborenen persönliche Tapferkeit
+durchaus nicht absprechen kann, welche sie, auch die sonst so
+weichlichen Tahitier, selbst den Europäern gegenüber, wohl gezeigt
+haben, dass trotzdem auch hier der Krieg hauptsächlich durch Ueberfall
+geführt wird. Aber auch die Polynesier morden den besiegten Stamm
+kaltblütig mit Weib und Kind und so sind ihre Kriege ausserordentlich
+blutig und verheerend. Solche Kämpfe herrschten nun zu Neuseeland und
+trugen wie zur Zersplitterung der Maoristaaten zum Hinschwinden der
+Bevölkerung nicht wenig bei (Dieffenbach 2, 132), die theils im Krieg
+selbst getödtet, theils zu Sklaven gemacht, theils durch die Noth nach
+dem Kriege vernichtet wurde (2, 16). In Tonga wurden Kriegsgefangene
+(Mariner 1, 115) stets ermordet, und ebenso alle Einwohner eroberter
+Städte (1, 101). Von den grausamen Kriegen unter Finau (der z.B. einmal
+18 nur verdächtige Vornehme ertränken liess, Mariner 1, 271), welche bei
+Ankunft der Europäer schon in voller Blüthe und nur Wiederholung oder
+Fortsetzung früherer ähnlicher war, hat uns Mariner ein getreues, aber
+schreckensvolles Bild geliefert, wie er auch erzählt, dass die
+tonganischen Sitten immer mehr durch die Bekanntschaft mit den Fidschis
+verwilderten. Auf Samoa herrschte ein noch grausamerer Kriegsgebrauch
+als zu Tonga (Mariner 1, 163) und häufig genug waren diese blutigen
+Kriege daselbst, welche Turner 304 und vorher schildert. Und betrachten
+wir den Markesasarchipel, so ist ganz Nukuhiva in einzelne vom hohen
+Gipfel der Insel herablaufende Thäler getheilt, deren jedes von einem
+besonderen Stamm bewohnt wird. Alle diese Stämme sind in erbitterter
+Feindschaft und in ewigem Krieg (Melville, Krusenstern, Mathias G***).
+Viel ärger aber als überall haben die Kriege auf Tahiti gewüthet, von
+denen die Insel so fortwährend heimgesucht war, dass Lutteroth (22) ganz
+mit Recht den Frieden einen der Insel unbekannten Zustand nennt. Und wie
+wurden diese ewigen Kriege geführt! Alle Fliehenden, die man einholte,
+alle Weiber und Kinder der Besiegten, welche dem Sieger in die Hände
+fielen, wurden niedergemetzelt (Mörenhout 2, 38-39, Lutteroth 21, Ellis
+1, 310 ff.). Nun waren in früherer Zeit fast alle Schlachten
+Seeschlachten und gerade deshalb besonders blutig, denn die Besiegten,
+welche sich durch Schwimmen ans Land zu retten suchen mussten, wurden
+begreiflicher Weise leicht von den Kähnen der Sieger eingeholt. Weniger
+verderblich waren die Landschlachten, weil in ihnen, nach
+malaiisch-polynesischer Sitte, der Sieg, nach dem nur einige wenige
+gefallen waren, für entschieden angesehen wurde (Mörenhout 2, 40, Ellis
+l, 312). Waren dann bei der Verfolgung die Menschen vernichtet, so gings
+nun an die Zerstörung des Landes: die Tarofelder und sonstigen
+Pflanzungen wurden verwüstet, den Kokosbäumen das Herz ausgeschlagen,
+wonach sie absterben, die Brotbäume umgehauen, die Häuser verbrannt
+(Ellis 1, 293, Lutteroth 21-22)--kurz die Besiegten wurden womöglich
+ausgerottet, ihr Land auf Jahre zu einer unfruchtbaren Oede gemacht.
+Solche Kriege wütheten auf der ganzen Gesellschaftsgruppe; der Missionär
+Nott erlebte auf Tahiti in einem Zeitraum von 15 Jahren 10 solcher
+Kriege (Lutteroth 17). Auch die Kriege auf der Hawaiigruppe waren
+verwüstend genug. Hier wie zu Tahiti gab es blutige Seeschlachten (Ellis
+4, 155) und in den Landkriegen, in denen nach Jarves (59) Hinterhalte,
+heimliche Ueberfälle u. dergl. selten vorkamen, vielmehr meist in
+offenen Feldschlachten (die auch zu Tahiti keineswegs selten waren,
+Ellis 1, 284) gekämpft wurde, war es namentlich wieder die Verfolgung,
+nicht die Schlachten selbst (Jarves 60), welche der Bevölkerung und
+ganzen Distrikten Tod und Zerstörung brachte. Die Gefährlichkeit dieser
+Kriege geht aus der Geschichte Hawaiis unter Tamehameha und aus den
+Bewegungen, welche dieser grosse Fürst auf der Gruppe hervorbrachte, zur
+Genüge hervor. Auch die Paumotuinsulaner sind wilde, weit und breit
+gefürchtete Krieger, die unter sich die heftigsten Kriege führen. Die
+Bewohner von Anaa (Chainisland) verwüsteten alle umliegenden Inseln,
+hieben die Fruchtbäume nieder und was von den Bewohnern nicht getödtet
+wurde, ward als Sklave mit fortgeschleppt (Mörenhout 1, 199 vergl. 169).
+Nicht weniger als 38 Inseln haben sie auf diese Art verödet (Hale 35).
+
+Auch in Mikronesien wurden und werden heftige Kriege geführt, so auf den
+Palaus (Keate), auf einzelnen Karolinen und zwar auf den hohen Inseln
+Eap, Truck (Hogoleu), Ponapi, nicht aber auf Kusaie (Ualan Chamisso 135,
+Kittlitz 1, 356): so und besonders leidenschaftlich auf der Eatakkette
+(Kotzebue, Chamisso) und auf den Gilbertinseln (Gulick 410). Während man
+in diesem Gebiet nur an einigen Orten die Bäume schonte (Hale 84) hieb
+man, sie nach der gemeinsamen Sitte der Ozeanier, auf Ratak und sonst
+nieder (Kotzebue 287), und man kann sich denken, wie furchtbar solche
+Barbareien auf den kleinen schon ohnehin nur überaus kärgliche Nahrung
+bietenden Inseln wirken mussten: viele, die der Krieg verschont hatte,
+namentlich Weiber und Kinder, erlagen dem Hunger, dem Elend, das ihm
+folgte. Daher ist die Behauptung, dass die einheimischen Kriege der
+ozeanischen Bevölkerung ganz unberechenbaren Schaden zugefügt und
+wesentlich zu ihrer stetigen Verminderung beigetragen haben, nur
+allzusehr gerechtfertigt.
+
+Die Sitte des Schädelerbeutens, welche wir auf Neuguinea sahen und die
+das ganze Malaisien beherrscht, finden wir insofern überall in
+Polynesien, als man gierig die Schädel und in Tahiti auch die
+Unterkiefer der Feinde erstrebt, um sie als Trophäe aufzuheben (Nukuhiva
+Melville 2, 129, Tahiti Bougainville 181, Ellis 1, 309, Perl- oder
+Palliserinseln ebend. 1, 358, Aitutaiki 1, 309, Rarotonga 1, 359,
+Neuseeland Dieffenbach 2, 134, Samoa Turner 301. 304). Hiermit hängt die
+weite Verbreitung der Menschenfresserei enge zusammen, wie sie nach Hale
+38 in Neuseeland, wo nach Thomson 1, 148 das letzte Beispiel dieser
+Sitte noch 1843 vorkam, Hervey, Mangareva (Gambier), Paumotu und dem
+Marquesasarchipel ganz allgemein und ohne Scham betrieben wurde. Auch zu
+Kriegen wird sie oft Anlass, indem man, um ihn zu fressen, einen oder
+mehrere Menschen eines fremden Stammes erschlug, welche That natürlich
+Rache erheischte. Auf Samoa, Tonga, Tahiti und Hawaii kommt der
+Kannibalismus jetzt nur noch einzeln vor, auf Samoa bei ganz besonders
+erbittertem Hass (Turner 194), auf Tonga aus Prahlerei und in Nachahmung
+der Fidschisitten, (Mariner 1, 116-17), so wie bei Hungersnoth, wo man
+irgend Jemanden, meist einen Verwandten erschlägt und isst (eb. 2, 19;
+1, 117); in Tahiti gleichfalls, aus Prahlerei, um sich furchtbar zu
+machen (Ellis 1, 310). Aber früher war er auf diesen Inseln allgemeine
+Sitte (Hale 37), wie eine Menge seltsamer und anders ganz unerklärbarer
+Gebräuche beweisen: so auf Tahiti der oft beschriebene Gebrauch bei
+Menschenopfern, dem König das linke Auge (den Sitz der Seele) des Opfers
+darzubieten, der dann den Mund öffnete, als ob er es verschlänge und
+durch diese Ceremonie Verstand und Klugheit bekommen sollte.
+Ursprünglich hat er es gewiss gegessen, und erst später, als die Sitten
+sich milderten, begnügte man sich, wie in analogen Fällen bei allen
+Völkern der Welt, mit einer symbolischen Handlung. Im Samoaarchipel
+beugt sich, wer dem Sieger als besiegt sich unterwirft, vor demselben
+nieder, indem er ihm Feuerholz und die Blätter darreicht, in welche man
+in Polynesien die Speisen, die gekocht werden sollen, einschlägt (Turner
+194). Und so liesse sich vieles anführen. Es scheint aber, als ob, wie
+die Tahitier, Hawaier u.s.w. die Menschenfresserei abgeschafft hatten,
+ehe die Europäer kamen, noch an manchen anderen Orten Polynesiens
+dieselbe Sitte in Abnahme oder doch in Misskredit gekommen sei, ohne
+dass der Einfluss der Europäer dies bewirkt hätte: so läugneten auf
+Nukuhiva die wilden Taipis den Kannibalismus ganz und gar, und suchten
+ihn den Weissen zu verbergen, wie Melville mittheilt. Und die
+neuseeländischen Fürsten erzählten, er sei keineswegs von Alters her bei
+ihnen Sitte, sondern erst später eingeführt (Thomson 1, 142), eine
+Behauptung, welche entschieden falsch und nur von ihnen erfunden kaum
+eine Widerlegung verdient.
+
+
+
+
+§ 10. Menschenopfer.
+
+
+In Nordamerika sind Menschenopfer nicht sehr zahlreich gewesen. In
+Florida wurden Weiber und Diener ehedem beim Tode des Herrn gleichfalls
+getödtet, um ihm im Jenseits zu dienen (Waitz 3, 199-200), wie man
+ebendaselbst den Erstgeborenen der Sonne opferte. Kinderopfer werden
+auch sonst öfters erwähnt: in Virginien, in Neuengland, bei den Sioux
+und sonst (Waitz 3, 207). Auch bei manchen Caribenstämmen wurden mit den
+gestorbenen Häuptlingen einige seiner Weiber lebendig begraben (ebend.
+3, 387) und vornehmen Leuten folgte ein Sklave nach (3, 334). Allein bei
+allen diesen Völkern sind die Menschenopfer von so wenig Ausdehnung
+gewesen, dass wir bei ihnen, da sie für unsere Betrachtung gar keine
+Bedeutung haben, nicht zu verweilen brauchen. Um so zahlloser aber waren
+die Menschenopfer, welche die Religion der amerikanischen Kulturvölker
+forderte und deren Ursprung in uralte vorhistorische Zeit zurückgeht
+(Waitz 4, 157). Wo wir Menschenopfer finden, werden wir dieselben immer
+mit grösster Wahrscheinlichkeit auf die allerälteste Zeit zurückführen,
+denn sie wurzeln stets in sehr ernst gemeinter Religiosität, nie in
+Grausamkeit. Spätere Einführung derselben findet sieh nur in ganz
+vereinzelten Fällen und wird sich aus Nachahmung der Sitten anderer
+Völker, besonders heftiger Kriegserbitterung oder irgend etwas ähnlichem
+fast immer erklären lassen. Wohl aber sind die Menschenopfer im Laufe
+der Zeiten bei manchen Völkern abgekommen: so bei den Indogermanen, den
+Semiten u.s.w. Die Zahl dieser Opfer war nun in Mexiko geradezu
+ungeheuer, wie folgende Zeugnisse, die alle aus Waitz 4, 157 ff.
+entlehnt sind, beweisen. Der Bischof Zumarraga (zur Zeit der Entdeckung)
+schätzt sie bei Torquemada auf 20,000 jährlich, wenigstens für die
+letzte Zeit des Reichs; in der Hauptstadt und ihrer nächsten Umgebung
+soll ihre Zahl jährlich mehr als 2500 gewesen sein. Oviedo behauptet,
+dass Montezuma jedes Jahr über 5000 geopfert hätte; bei einem Fest in
+der Stadt Tlaskala fielen 800 Opfer jährlich; der zweite Monat des
+Jahres war, weil er so viele Menschenopfer forderte, nach der
+Schlaflosigkeit der Menschen benannt. Trat Dürre, Misswachs u. dergl.
+ein, so wurden die Opfer vermehrt. Die Einweihung des Haupttempels zu
+Tenochtitlan (den 19. Februar 1487 nach Gama) »soll nach Torquemada
+(1610) 62,344, nach Fra Toribio Motolinia und Ixtlilxochitl (von
+mütterlicher Seite aus vornehmen mexikanischen Fürstengeschlecht, von
+väterlicher Seite Spanier, der mit grossem Eifer die Geschichte des
+Landes seiner mütterlichen Vorfahren durchforschte und seine
+grossentheils zuverlässigen Werke um 1600 schrieb Waitz 4, 7 u. 8) sogar
+80,400 Menschen das Leben gekostet haben.« Die Schädel der Opfer wurden
+zu einer grossen Pyramide im Tempelhof aufgeschichtet, die man im
+mexikanischen Haupttempel auf 136,000 berechnet hat (Waitz 4, 149). Und
+ausserdem kommt noch eine grosse Zahl geopferter Menschen dadurch hinzu,
+dass jedes auch kleinere Fest solche Opfer, nur wenigere forderte: durch
+die stete Wiederholung aber, denn es gab viel Feste im Jahr, sammeln
+sich auch diese zu einer grossen Summe. Wenn wir nun auch mit Waitz die
+kleinsten der genannten Zahlen für die wahrscheinlichsten halten; so ist
+die Zahl, die für jedes Jahr herauskommt, noch immer enorm. Waren die
+eben besprochenen nur solche Opfer, die man den Göttern brachte, so
+forderte der Tod vornehmer Menschen andere. Starb der Herrscher oder
+irgend ein Vornehmerer sonst, so folgten diesem Weiber und Sklaven in
+den Tod; aber da nun am 4ten, 20sten, 40sten und 80sten Tage nach dem
+Begräbniss auf dem Grabe derartige Abschlachtungen stattfinden mussten,
+so darf man sich auch die Zahl der auf diese Weise umgebrachten Menschen
+nicht zu gering denken: stieg sie doch manchmal bis auf 200 (4, 167).
+
+Die Quiches in Guatemala (4, 264) so wie die Chorotegen in Nikaragua
+(279), toltekische Völker, brachten Menschenopfer dar wohl ebenso
+reichlich als die Mexikaner, wie denn ihre Religion in fast allen
+Stücken der mexikanischen gleich war. In Yukatan, wo solche Opfer zwar
+auch vorkommen, waren sie doch minder zahlreich als in jenen Gegenden
+und in Mexiko (4, 309).
+
+In Darien vergifteten sich des Herrschers Lieblingsweiber und Diener bei
+seinem Tod, oder sie wurden lebendig mit ihm begraben (4, 351), wie
+Weiber und Diener auch bei den Chibchas in Neugranada getötet (4, 466)
+und Menschenopfer bei allen diesen Völkern gar nicht selten den Göttern
+dargebracht wurden. Ebenso war es auf den Antillen (4, 327).
+
+In Peru waren Menschenopfer, wozu man gefangene Feinde nahm, selten und
+nur bei ausserordentlichen Veranlassungen gebräuchlich. Weiber und
+Diener aber folgten auch hier dem Inka, deren einem 1000 seiner
+Angehörigen sich geopfert haben sollen, und ebenso den Vornehmen
+freiwillig in den Tod nach, um ihm im Jenseits weiter zu dienen.
+Namentlich aber Kinder wurden hier vielfach getötet; wenn ein Vornehmer
+krank war, wurde eins von seinen eigenen Kindern den Göttern zum
+Ersatzopfer, wie man annimmt, geschlachtet, welches dann freudig in den
+Tod zu gehen pflegte. Vor dem Auszuge zum Krieg, bei Krankheit des
+Herrschers und bei dessen Inauguration wurden Kinder, meist Knaben von
+4-10 Jahren, seltener Mädchen, nach einzelnen freilich nicht ganz
+glaubwürdigen Angaben bis zu 200, ja bis zu 1000, geopfert, was auch
+beim Erntefest, bei verheerenden Epidemien, ja in einigen Gegenden mit
+jedem erstgeborenen Kinde und mit dem einen von Zwillingen geschah. Auch
+wurde den Todten von dem Blute des geopferten Kindes ein Strich von
+einem Ohr zum anderen gezogen (Waitz 4, 460-61). Auch hier müssen wir
+auf das zurückkommen, was wir oben gesagt haben: die Kinderopfer dienen
+nur dazu, einen bei den Göttern, denen Kinder am liebsten waren,
+besonders gültigen Vermittler zu haben; deshalb, und nicht zum Ersatz,
+wurden die eigenen Kinder als Opfer bei Krankheiten preisgegeben und
+unsere Auffassung wird unterstützt dadurch, dass die Kinder gewöhnlich
+freudig in den Tod gingen: sie wussten, dass sie einem guten Loos
+entgegengingen; daher auch der Strich mit Kinderblut über die Todten,
+welche auf diese Weise gleich das Zeichen des Vermittlers an sich
+trugen.
+
+Die Kinderopfer in Mexiko hatten meist dieselbe Veranlassung und
+denselben Zweck: so wurden zwei Kinder vornehmer Abkunft, wenn die Saat
+aufging, ertränkt, vier, wenn sie grösser war, dem Hungertode
+preisgegeben (4, 159). In Nikaragua wurde ein Knabe, wenn Regen nöthig
+war, den Göttern dargebracht (4, 379). Aehnliche Opfer brachten die
+Chibchas in Neugranada vor der Schlacht (364).
+
+Nirgends aber sind auch die Menschenopfer massenhafter, als auf Fidschi,
+wie wir daselbst auch den Kannibalismus schrecklicher ausgebildet
+fanden, als sonst irgendwo. Zur Feier der Mannbarkeit eines
+Häuptlingssohnes, so erzählt Seemann (Zeitschr. 9, 476), sollte eine
+rebellische Stadt ganz vernichtet, die Einwohner erschlagen, auf einen
+Haufen zusammengetragen, auf diese Sklaven gelegt und auf diese wieder
+der Einzuweihende gesetzt werden. Alle Schiffbrüchigen, das verlangt ihr
+Glaube, müssen getödtet werden; wer es unterliesse, würde sonst selbst
+im Schiffbruch umkommen (Erskine 249-50). Alte Eltern werden von ihren
+Kindern, kranke Kinder von ihren Eltern lebendig begraben (ebend.) und
+zwar ist es der eigene Wille der Opfer, dass ihnen so geschieht (477),
+denn man glaubt, man käme nach und durch solchen Tod sofort in ein
+anderes und viel besseres Leben; daher sich diese scheussliche Sitte mit
+wirklicher Familienanhänglichkeit verträgt. Aber es ist ebendaher auch
+begreiflich, dass nur wenige Menschen eines natürlichen Todes sterben
+(Will. u. Calvert 1, 188). Menschenopfer am Grabe, namentlich von
+Häuptlingen, sind ebenso gewöhnlich als umfangreich; die Weiber werden
+entweder alle oder doch die Lieblingsweiber und eine Menge Sklaven
+ermordet. Die Mutter, deren geliebter Sohn stirbt, folgt ihm bisweilen
+ins Grab, der Freund dem Freund (Will. u. Calvert 1, 134). Auch hierzu
+drängen sich, wegen der Belohnungen im Jenseits, die Opfer; die Weiber
+erdrosseln sich selbst, wenn ihnen Niemand diesen Dienst thut (Erskine
+293. Mariner 1, 347). Und wie fest man an den Menschenopfern hielt, geht
+aus folgender Notiz bei Erskine 440 hervor: ein Fidschiinsulaner hatte,
+von irgend welchem Mitleiden ergriffen, einen Gefangenen nicht dem Gotte
+geopfert; da erschien ihm letzterer im Traum und quälte ihn über diese
+Unterlassung dermassen mit Gewissensbissen, dass der Mensch fast in
+Raserei fiel. Doch dieselbe Partei, welche, wie wir schon erwähnt haben
+(S. 70), sich gegen den Kannibalismus wendete und ihn abzuschaffen
+sucht, ist auch diesen Menschenopfern feindlich (Erskine 280) und so
+werden auch sie, da der Einfluss der Europäer hinzukommt, hoffentlich
+nicht mehr allzulange dauern.--Aehnliche Gebräuche fanden sich auch
+sonst in Melanesien, wenn auch nirgends so übertrieben wie hier:
+namentlich ist es das Lebendigbegrabenwerden der Eltern, der Kranken,
+die Ermordung der Mutter oder einer Verwandtin, wenn ein kleines Kind
+stirbt, was uns berichtet wird.
+
+Was nun Polynesien betrifft, so ist es gewiss Uebertreibung, wenn
+Michelis (91. ohne Quellenangabe) erzählt, der König von Futuna
+(nördlich von Samoa), dessen Insel 2000 Einwohner hat, habe während
+seiner Regierung an 1000 Menschen den Göttern geopfert. Denn wir finden
+sonst in Polynesien die Menschenopfer nicht allzuzahlreich. Freilich ist
+es ein Irrthum, wenn Ellis 1, 106 behauptet, sie seien in Tahiti erst
+später eingeführt, da sie mit der ganzen polynesischen Religion viel zu
+eng verwachsen sind; wohl aber sind sie in späterer Zeit, noch vor der
+Entdeckung, von den Eingeborenen selbst sehr beschränkt. Bei Beginn
+eines Krieges erhielt der Kriegsgott ein Menschenopfer (Ellis 1, 276),
+dem so wie anderen Göttern öfters Menschen dargebracht wurden (1, 357).
+In Kriegszeiten, bei grossen Nationalfesten, bei Krankheiten und dem Tod
+der Fürsten (Bratring 182-83. 196) opferte man Menschen, sowie man die
+Köpfe der Besiegten (was auch melanesischer Brauch war) in den
+Tempelplätzen als Weihgeschenk aufstellte (Mörenhout 2, 47). Häufiger
+waren diese Opfer in Hawaii, wo (Jarves 47) häufig an 80 Menschen auf
+einmal geschlachtet sein sollen. Man nahm, hier und in Tahiti, dazu
+Gefangene oder Verbrecher oder Leute, die irgend ein Tabu gebrochen
+hatten, oder, wenn deren keine vorhanden waren, Leute aus dem Volk
+(Jarves 18. Ellis a.a.O.). Aehnlicher Gebrauch herrschte auch auf den
+Herveyinseln (Williams 215). Wenn nun auch in Hawaii, nach den Angaben
+der Fürsten, diese Opfer erst später eingeführt sein sollten (Jarves
+47); so ist dies nur ein Zeichen, dass man auch hier schon dies
+Schreckliche der Sitte eingesehen hatte und sie im Abnehmen war.
+Menschenopfer fanden selbstverständlich auch hier an den Gräbern der
+Vornehmen statt, zunächst beim Ausstellen der Leiche und dann noch
+zahlreicher beim Begräbniss selbst (Remy 115). Ebenso war es früher in
+Neuseeland Sitte--jetzt ist sie abgekommen--dass sich die Weiber am
+Grabe ihrer Männer erdrosselten, die Sklaven getödtet wurden (Taylor
+97). In Tonga wurden bei den Gräbern der Vornehmen ab und zu Weiber
+geopfert (authent. narrat. v. Tonga 78; Mariner 1, 295), was auf frühere
+Allgemeinheit dieser Sitte, gegen welche die tonganischen Fürsten selbst
+eiferten, schliessen lässt.
+
+Von besonderem Interesse ist der Kindermord, wie er sich auf Tonga
+zeigt. So wurden (Mariner 1, 229) Kinder den Göttern geopfert, um den
+Frevel eines Fürsten gegen ein Heiligthum wieder gut zu machen: ein
+Opfer, welches gar keinen Sinn hätte, wenn man nicht eben in den Kindern
+den Göttern besonders angenehme Vermittler gesehen hätte. Um des Königs
+Leben zu erhalten, wurde eines von seinen mit einem Nebenweib erzeugten
+Kindern getödtet (1, 379): wenn aber der Tui-tonga, der höchste
+religiöse und früher wohl auch weltliche Herr von Tonga krank ist, da
+genügt ein Kind nicht und man tödtet drei bis vier (1, 454).
+
+Ehe wir diesen Gegenstand verlassen, ist noch von einer Art Opfer zu
+sprechen, die, wie es scheint, über die ganze Welt verbreitet ist: über
+die Menschenopfer zur Einweihung, zur Sicherung von Gebäuden u.
+dergl.[N] Auch diese Sitte ist am übertriebensten auf den
+Fidschiinseln. Dort müssen neugebaute Kähne, damit sie vor Sturm und
+Unheil sicher sind, über lebende Sklaven in die See gerollt werden;
+jeden Pfosten eines neu gebaut werdenden Hauses muss, damit der Pfosten
+sicher steht, ein lebender Sklave umfassen--und zu diesem lebendig
+Zerquetscht-, zu diesem lebendig Begrabenwerden drängen sich die Opfer,
+denen es im Jenseits mächtig vergolten wird (Erskine 249-50). Die Sitte
+war nicht bloss melanesisch, sondern auch über ganz Polynesien
+verbreitet: in Neuseeland ruhte der Mittelpfeiler des Hauses früher auf
+Menschenleichen (Taylor 387 ff.) und von Tahiti erzählt dasselbe
+Mörenhout 2, 22-23; doch scheint auch hier der Gebrauch in späterer Zeit
+abgekommen zu sein; denn wenn er und Ellis (1, 346) diesen Gebrauch nur
+für Tempel angeben, so ist er wohl erst später nur auf diese beschränkt
+worden. Derselbe Gebrauch findet sich auch in Südamerika: der Palast des
+Bogota, des Herrschers der Chibcha stand auf Mädchenleichen und sein
+Grund so wie seine Thürpfosten waren mit Menschenblut getränkt (Waitz 4,
+360).
+
+Nachdem wir so diese Uebersicht über die Art, wie die Naturvölker das
+Menschenleben schätzen, vollendet haben, ergibt sich als Resultat, dass
+ihre Kriege für sie höchst gefährlich sind, ja einzelnen geradezu die
+Existenz gefährden, so dass wir sie in erster Linie aufführen müssen,
+wenn wir die Ursachen für das Aussterben der Naturvölker aufsuchen; dass
+aber Kannibalismus und Menschenopfer, obwohl in einzelnen Ländern
+furchtbar ausgedehnt, nur von sekundärer Wichtigkeit sind und nur wenn
+sie mit anderen Gründen vereint auftreten, zur sichtlichen Verminderung
+eines Volkes beigetragen haben.
+
+
+
+
+§ 11. Verfassung und Recht.
+
+
+Auch die Staats-und Rechtsverfassung der Naturvölker wird nach einigen
+Seiten uns hier, freilich nur kurz, beschäftigen müssen. Die
+Kulturstaaten Amerikas so wie die polynesischen Inseln sind es, die wir
+nach dieser Richtung hin betrachten müssen; denn bei den übrigen
+Naturvölkern ist theils das Rechts- und Staatsleben zu wenig entwickelt,
+als dass es irgend welchen Einfluss gehabt hätte, theils so entwickelt,
+dass dieser Einfluss kein ungünstiger war. Wie das Recht in seiner
+ältesten Entwickelung immer seine Gesetze »mit Blut« schreibt; so war es
+auch in Mexiko der Fall: fast alle Verbrechen, selbst geringe
+Diebstähle, Trunk, Verleumdung u. dergl. wurden mit dem Tod bestraft,
+und bisweilen die ganze Familie in die Sklaverei verkauft (Waitz 4,
+84-85). Denn der Grundsatz, dass die Sippe haften muss für das einzelne
+verbrecherische Mitglied gilt auch hier. In Peru (4, 414-15) war die
+Strenge der Gesetze nicht minder gross und die Haftbarkeit der Familie
+für den Schuldigen, mit dem sie in vielen Fällen den Tod zugleich
+erlitt, noch grösser. Diese strenge Justiz und namentlich die
+Haftbarkeit der Familie für den Einzelnen hat in der Südsee ferner, wo
+sie gleichfalls herrscht, um so grösseren Schaden angerichtet, als, wie
+wir gleich sehen werden, dort die Gewalt der Herrschenden noch absoluter
+war als in Amerika. So wurde in Tonga der ganze Stamm eines Aufrührers
+vernichtet (Mariner 1, 271) und die fortwährenden Rachekriege dieser
+Völker und Stämme untereinander beruhen theilweise auf dieser blutigen
+Rechtsauffassung (z.B. für Neuseeland Dieffenbach 1, 93, Haftbarkeit des
+Stammes für den Einzelnen Thomson 1, 98). Auch in Neuholland sind
+ziemlich strenge Rechtsstrafen (Grey 2, 236-37), entweder Tod oder
+Durchstossen einzelner Körpertheile mit dem Speer (wobei oft der Tod
+erfolgt) oder Speerung, d.h. der Schuldige muss sich den Speerwürfen
+einer grösseren oder geringeren Menge von Volksgenossen aussetzen, denen
+er freilich durch seine Geschicklichkeit (Waffen darf er nicht haben),
+wenn sie ausreicht, ausweichen darf (Grey 2, 244-45). Die Haftbarkeit
+der Familie, des Stammes für den Einzelnen ist hier wo möglich noch
+fester, als irgendwo sonst (Grey 2, 239-40; 235-36).
+
+In Mexiko war die Verfassung streng monarchisch, wobei der Adel, der
+früher wahrscheinlich die höchste Staatsgewalt selbst in Händen gehabt
+hatte (Waitz 4, 71), wie in anderen monarchischen Staaten auch, grosse
+Vorrechte über das Volk hatte. Der Herrscher, weil er Stellvertreter
+Gottes auf Erden war, hatte unumschränkte Gewalt (Waitz 4, 68); und
+mochte dadurch auch mancherlei Ungerechtigkeit und Gewaltthätigkeit
+geschehen, mochten einzelne Fürsten ihre Macht missbrauchen, wie denn
+namentlich der letzte von ihnen, Montezuma II., seinen gewaltthätigen
+und hoffärtigen Charakter in noch schärferer Entwickelung des
+Absolutismus und der Sonderstellung des Adels zeigte; das wurde doch vom
+Volk ertragen, ohne dass dadurch das Volk noch auch durch den Unwillen
+des Volkes die Herrscher gefährdet waren. Schlimmer war, dass die
+Herrscher durch ihren Absolutismus den eigenen Willen des Volkes zu sehr
+gelähmt hatten. »Die strenge und allgemeine Fügsamkeit in den Willen des
+Herrschers hat sich von Seiten des Volkes bei mehreren Gelegenheiten in
+unzweideutiger Weise gezeigt: auf einen Wink von Montezuma blieb Alles
+ruhig, sogar als er selbst von Cortez gefangen gesetzt wurde und mit der
+Eroberung der Hauptstadt hörte jeder Widerstand auf, nicht bloss weil
+die Grossen des Reichs dort alle vereinigt waren, sondern auch weil mit
+dem Falle des Herrschers für die bis zum Aeussersten standhaft
+gebliebenen Mexikaner die Pflicht der Selbstverteidigung wegfiel.
+Revolutionen des Volks waren--abgesehen von neu eroberten Ländern--fast
+unbekannt« (Waitz 4, 68). Am gefährlichsten aber war die
+Eroberungspolitik des mexikanischen Staates. Um alle Länder sich und
+ihrem Gotte Huitzilopochtli zu unterwerfen, was das stete Streben der
+Mexikaner war (4, 117), hatten sie ihre Herrschaft vom atlantischen bis
+zum stillen Ozean ausgedehnt, ohne aber wirklich Widerstand leistende
+Länder ernstlich zu bezwingen und sich zu assimiliren. Und Montezuma II.
+noch machte es ebenso. Während in seinen Ländern Empörungen der
+unterworfenen Ländertheile ausbrachen, schickte er, anstatt das
+Gewonnene dauernd zu fesseln, seine Heere in immer fernere Gegenden, um
+immer mehr zu gewinnen (Waitz 4, 46), und »daher, sagt Waitz 4, 47, ist
+es wohl begreiflich, dass das grosse rasch gewachsene Reich des
+Montezuma durch ein paar kräftige und geschickt geführte Stösse
+zertrümmert werden konnte.« Eine Menge einheimische Feinde, ganze
+Ländertheile erhoben sich und stellten sich auf Seiten der Spanier--und
+so ist Mexiko, das so bevölkerte, reiche und blühende Land zum nicht
+geringsten Theil durch seine eigene Politik zu Grunde gegangen. Da diese
+Schilderung im Grossen und Ganzen auch auf Peru passt, wo der König als
+Stellvertreter Gottes auf Erden nur eine noch absolutere und drückendere
+Macht besass, wo gleichfalls Eroberungskriege das Land ausgedehnt und
+dadurch minder fest gemacht hatten, weil es nun in seinem Innern
+feindliche Elemente barg (Waitz 4, 399-413), da wir hier so ziemlich
+dasselbe finden, so brauchen wir die Verhältnisse des Inkareiches nicht
+genauer zu betrachten und gehen gleich zu Polynesien über.
+
+Hier hat der Absolutismus und die Sonderstellung des Adels, die in der
+göttlichen Abstammung des Adels und der Könige wurzelt, die denkbar
+höchste, man könnte sagen eine logisch vollkommene Entwickelung
+gefunden. Ueberall, in Neuseeland, in Tahiti, in Hawaii, dem
+Markesasarchipel, auf Tonga, bei der alten Bevölkerung der Marianen
+(während sonst Mikronesien in der Praxis wenigstens die Gegensätze
+minder scharf fasst) gilt das Volk als unbeseelt, daher sein Leben als
+vollkommen werthlos. Man tödtete es nach Gelüsten oder Laune (Mariner 1,
+60. 91), man bedrückte es, da es weiter keine Geltung hat, als eben nur
+für die Vornehmen da zu sein, keinen Werth weiter als was es den
+Vornehmen werth ist--und nirgends war dieser Druck schlimmer als auf
+Hawaii--man hat ihm aus demselben Grund alle harte Arbeit, z.B. den
+Landbau, aufgeladen; dabei ist ihm das meiste der besseren
+Nahrungsmittel verboten; zu den Festen der Vornehmen muss es, was es
+besitzt an Lebensmitteln, beisteuern, zu den Menschenopfern nimmt man
+die Individuen aus ihm, kurz, es liegt ein Druck auf ihm, so
+unglaublich, dass man gar nicht begreift, wie unter demselben überhaupt
+sich eine und noch dazu zahlreiche Bevölkerung erhalten konnte. Oft fand
+es nicht Zeit zur Bestellung des eigenen Landes, daher denn Hungersnoth,
+Kindermord und namentlich eine grosse Menge von Auswanderungen
+eintraten, die vor allem Tahiti entvölkerten, aber auch von anderen
+Inseln erzählt werden. So gab es auf Tahiti im wilden, gebirgigen und
+kaum bewohnbaren Inneren der Insel eine zerstreute Bevölkerung »wilder
+Männer«, die, ausserordentlich scheu und ängstlich, ganz einsam in den
+Klüften leben, gewiss nur entsprungene Flüchtlinge aus dem Volke, oder
+deren Abkömmlinge, welche nicht zurückzukehren wagten (Ellis 1, 305).
+Von Hawaii sagt Jarves (368 ff.): »Der Ackerbau ward vernachlässigt, und
+Hungersnoth herrschte. Ganze Schaaren gingen unter ihrer Last zu Grunde;
+andere verliessen ihre Heimath und flohen gleich wilden Thieren in die
+Tiefe der Wälder, wo sie aufs elendeste aus Mangel umkamen, oder eine
+klägliche Existenz durch Früchte und Wurzeln fristeten. Blind für diese
+Folgen setzten die Fürsten ihre Politik (zu der sie von geldgierigen
+Fremden vielfach verleitet wurden) fort.« Kindermord war die Folge
+namentlich einer unerschwinglichen Kopfsteuer und nicht nur physisch,
+auch moralisch verkam das Volk. Und auf dies moralische Verkommen ist
+sehr zu achten; denn nichts befördert den Untergang einer Bevölkerung
+mehr als dies. Wo die Moralität (natürlich hier nur nach den Begriffen
+der betreffenden Völker) fehlt, fehlt auch die Selbstachtung; wo die
+Selbstachtung, die Freude am Leben, welche diesen Menschen auch schon
+aus äusseren Gründen unmöglich war; und wo die Freude am Leben fehlt, da
+verkommt und versiegt das Leben selbst. Mit Recht stellt daher Jarves
+(a.a.O.) diesen Druck, unter dem das Volk erlag, für eine Hauptursache
+seines massenhaften Schwindens hin: und wie es in Hawaii war, so war es,
+mit wenig Abänderungen, so ziemlich überall in Polynesien.
+
+
+
+
+§ 12. Natureinflüsse.
+
+
+Sahen wir so, was die Naturvölker durch eigene Lebensart oder Schuld zu
+ihrem Hinschwinden beitragen: so müssen wir, ehe wir weiter gehen, einen
+Blick auf die Naturumgebungen dieser Völker werfen und deren günstigen
+oder schädlichen Einfluss abwägen. So viel leuchtet schon dem ersten
+Blick ein: durch Natureinflüsse allein stirbt kein Volk aus und die
+menschliche Natur gewöhnt sich fast an alles. Man kann sich, nach
+Darwins Schilderung, kaum eine für menschliche Entwickelung ungünstigere
+Natur denken, sowohl in Hinsicht auf Klima, als auf Lebensmittel u.s.w.,
+als die Südspitze von Amerika und dennoch sagt derselbe Schriftsteller,
+dass ein Aussterben der elenden Stämme der Feuerländer nicht zu bemerken
+sei. Ebenso wenig der Eskimos. Der Mensch akklimatisirt sich, freilich
+nur sehr allmählich in langsamen Vorrücken und durch Jahrhunderte oder
+besser Jahrtausende lange Vererbung und dadurch Verstärkung der für die
+einzelne Gegend speziell befähigenden Eigenschaften an jede Gegend, an
+jedes Klima, und nichts beweist gerade mehr die Dauerhaftigkeit unserer
+Natur als diese Fähigkeit der Gewöhnung. Aber freilich werden weder
+Feuerländer noch Eskimos sich je zu grossen mächtigen Nationen
+entwickeln: und zwar in Folge ihrer Naturumgebung, welche der freien
+Entfaltung der Menschheit denn doch unübersteigliche Hindernisse in den
+Weg stellt. So ist denn eben die Naturumgebung der Grund, dass wir die
+roheren Naturvölker nie sehr zahlreich sehen; die Natur erheischt ein
+Leben, welches dem Gedeihen der Menschheit nicht zuträglich ist. Die
+geringe Zahl der Neuholländer ist zweifelsohne bedingt durch die
+erstaunlich unfruchtbare Natur ihres Landes, denn wenn auch Grey (1,
+239) Recht hat gegen Sturt und viele Andere, dass der Nahrungsmangel in
+Neuholland nicht so gross ist, als er gewöhnlich gemacht wird, und
+allerdings gibt er für den Südwestdistrikt des Welttheils, für eine
+Ausdehnung von 2-300 Meilen (2, 299) eine reiche Menge Nahrungsmittel an
+(2, 263-64); so sind dieselben doch immer erst weit zerstreut, müssen
+gesucht werden und sind oft, im einzelnen betrachtet, elend genug. Sie
+zu vermehren, anzubauen haben die Eingeborenen nicht Kultur genug, auch
+finden sich kaum unter den Pflanzen und Thieren Neuhollands solche, die
+zu eigentlichen Kulturpflanzen oder Hausthieren brauchbar wären; zu
+sammeln aber sind die Neuholländer, wie wir schon bei der Betrachtung
+ihres Charakters sahen, zu indolent, zu träge. Wir müssen hier die
+ausserordentlich hemmenden Schranken der Natur anerkennen, die jedoch
+nur dann erst wirklich für den Bestand eines Volkes gefährlich werden,
+wenn noch andere Bedrängnisse hinzukommen. Ueber viele Distrikte
+Amerikas muss man, mehr oder minder, dasselbe sagen, in mancher
+Beziehung auch von Südafrika. Und fast noch ungünstiger gestellt ist
+Polynesien schon in seinen hohen Inseln, die meist im Innern so steil
+und unwegsam sind, dass sie, wie Tahiti und Nukuhiva, nicht bewohnt
+werden können, oder grosse unfruchtbare Strecken hinter ihren meist
+üppigen Uferstrecken bergen, wie die Fidschis und viele der
+Hawaiiinseln, und die, wenn sie auch durch und durch bewohnbar wären,
+doch schon durch ihre verschwindende Kleinheit in dem ungeheuren und
+gefährlichen Ozeane ihren Bewohnern ein Hinderniss sind. Hier ist die
+Schifffahrt nicht so leicht, wie im Mittelmeer und eine
+Küstenschifffahrt ganz unmöglich. Grosse Thiere gibt es gar nicht ausser
+dem zum Hausthier im wahren Sinne ungeeigneten Schwein und einigen
+Hunden, welche aber ihre Hundenatur fast abgelegt haben und Mastvieh
+geworden sind. Nutzpflanzen gibt es genug, aber so reichlich, dass weder
+geistige noch leibliche Anstrengung, ja kaum Thätigkeit nöthig ist, um
+hinlänglichen Vorrath zu bekommen, oder so wenig, wie auf Neuseeland
+(natürlich zur Zeit der Entdeckung), dass trotz aller Anstrengung die
+Nahrungsmittel sich nicht sehr heben konnten. Und nun gar die kleineren
+Inseln, die fast immer unfruchtbaren Korallenringe, welche meist, wie im
+östlichen Polynesien und in Paumotu, nur den Pandanus mit seinen
+kümmerlich nährenden Früchten und, aber noch nicht einmal überall, z.B.
+in der nördlichen Ratakkette nicht, die Kokospalme hervorbringen, den
+Brotbaum und die anderen Nahrungspflanzen der Südsee, welche feuchten
+Boden verlangen, wie Tacca und Arum, nur seltener oder nur erst nach
+sehr mühevoller Bearbeitung des harten Korallengrundes gedeihen lassen,
+Thiere aber, ausser zahlreichen Ratten, gar nicht besitzen. Dazu kommt,
+dass grässliche Orkane, denen nichts zu widerstehen vermag, auf Tahiti,
+den Paumotu- und Herveyinseln, auf Tonga, den Karolinen, den Marianen,
+kurz so ziemlich überall, die Vegetation gar nicht selten so vollständig
+vernichten, dass äusserste Hungersnoth eintritt. Auf den Inseln südlich
+vom Aequator sollen Stürme der Art nach Mörenhout (2, 365) nicht öfter
+als alle 8-10 Jahre vorkommen, also gerade oft genug, um eine reiche
+Entwickelung der Bevölkerung unmöglich zu machen. Denn ihre Gewalt ist
+so, dass an irgend welchen Schutz oder Widerstand gar nicht zu denken
+ist. Daher ist es denn begreiflich, dass man den Kindermord, wie
+Chamisso mit solchem Entsetzen von den Ratakinsulanern erzählt, dort und
+auch sonst noch (z.B. auf Tikopia) geradezu gesetzlich regulirte, um die
+Inseln vor Uebervölkerung zu behüten; begreiflich ferner, wie
+Hochstetter auf den Gedanken kam, dass der Kannibalismus auf Neuseeland
+durch den Hunger eingeführt sei. Ist nun zwar letztere Ansicht gewiss
+nicht richtig, wie sich leicht aus dem was wir über den Kannibalismus
+schon gesagt haben, ergibt; so ist es doch sicher, dass in einzelnen
+Gegenden Polynesiens, z.B. in Nukuhiva, bisweilen der Hunger zum
+Auffressen naher Verwandten trieb. Auch in Amerika, namentlich im
+Norden, gibt es Völker, die durch die äussere Noth gezwungen, zum
+Kannibalismus gebracht sind (Waitz 3, 508; 4, 251).
+
+Dass auch die Aleuteninseln durch ihre Naturbeschaffenheit keine reiche
+Entwickelung ihrer Bevölkerung zulassen, ist klar; und dasselbe gilt von
+Kamtschatka, über dessen Natur von neuern Schriftstellern v. Kittlitz
+trefflich gehandelt hat.
+
+Alle die besprochenen Länder machen eine grosse geschichtliche
+Entwicklung von vornherein so gut wie unmöglich. Einförmigkeit ist das
+Zeichen der meisten; und historische Schicksale, das wirksamste Mittel,
+die Menschheit zu heben, konnten ihre Bewohner so gut wie gar nicht
+treffen. Dadurch aber konnten sie sich nicht über die Natur, wie z.B.
+die Indogermanen, die Semiten gethan, erheben, so dass diese von ihnen
+beherrscht wäre. Und nehmen wir auf der anderen Seite Völker mit den
+Sitten, wie wir sie bisher geschildert, in ungünstiger Natur, so
+leuchtet wohl ein, wie gerade ihnen gegenüber schädliche Natureinflüsse
+von doppelter Gefahr sein mussten.
+
+
+
+
+§ 13. Aeussere Einflüsse der höheren Kultur auf die Naturvölker.
+
+
+Wir können nun erst, nachdem wir betrachtet haben, was in der Natur und
+Lebensweise dieser Völker selbst einen frühen Untergang Begründendes
+liegt, die Einflüsse genauer erwägen, welche ihre Berührung mit anderen
+meist höher kultivirten Völkern und namentlich mit den Kulturvölkern
+Europas und Amerikas hervorgebracht hat.
+
+Es sind hier zunächst Einflüsse zu erwähnen, welche obwohl durchaus
+nicht feindselig, ja häufig nur gut gemeint dennoch physisch wie
+psychisch die gewaltsamsten Wirkungen haben mussten und hatten und
+haben.
+
+Zunächst ist es die Umänderung des äusseren Lebens der Naturvölker,
+welche uns, wie sie durch jene Berührung unvermeidlich war, beschäftigen
+muss.--Die ganze Lebensart dieser Völker war durch lange fast
+instinktive Auswahl, dem Klima, den Bodenverhältnissen, ihrer ganzen
+äusseren Natur so entsprechend oder wenigstens die Natur dieser Völker
+hatte sich durch lange Gewöhnung so mit dieser Lebensart assimilirt,
+dass jede auffallende Aenderung, namentlich wenn sie plötzlich kam, wenn
+sie sich über mehreres erstreckte, oder gar wenn sie bloss halb, bloss
+zeitweilig durchgeführt wurde, die grössten Revolutionen in ihrem
+gesammten Wesen hervorbringen musste. Auch hier ist wieder auf die
+unendliche Macht einer sich stets verstärkenden Vererbung hinzuweisen,
+wie sie durch Jahrhunderte, Jahrtausende lange Gewöhnung, durch überaus
+allmähliche Angleichung die Menschennatur so fest auch an ungünstige
+Einflüsse gewöhnen kann, dass eine Abwendung von ihnen für den
+Augenblick nur schädlich zu wirken scheint.
+
+So finden wir das körperliche Leben der Naturvölker im engsten Einklang
+mit den Naturumgebungen und ihren Einflüssen. Vor der Bekanntschaft mit
+den Europäern oder Amerikanern (die immer, was gestattet sein möge,
+mitgemeint sind, wenn im Folgenden einfach nur von den Europäern und
+ihrem Einfluss die Rede ist) waren daher die Naturvölker durchaus
+gesund, obwohl einzelne Seuchen ab und zu schon damals bei ihnen
+vorkamen: nie aber kannten sie die chronische Kränklichkeit kultivirter
+Nationen.
+
+So war es mit der Kleidung. Die Neuseeländer trugen Kleider von
+Mattenzeug, welches aus den Blättern der neuseeländischen Flachslilie
+(Phormium tenax) geflochten war--auf welchen Matten man auch
+schlief--und seltener und nur die Fürsten einen Mantel aus
+zusammengenähten Hundefellen (Dieffenbach 2, 153). Statt dieser kühlen,
+die Haut nur schützenden, kaum erregenden Kleidung, welche auch (für
+Neuseeland sehr wichtig, wo es sehr oft, meist nur vorübergehend,
+regnet) die Nässe nicht lange hielt, tragen sie jetzt wollene Decken,
+die, abgesehen davon, dass sie dem Ungeziefer eine willkommene Zuflucht
+sind, die Haut reizen, die Feuchtigkeit sehr lange halten und einen viel
+stärkeren Wechsel in der Temperatur des Körpers hervorbringen. Denn wie
+die Maoris früher ihre Phormiummatten bei irgend welcher Arbeit oder
+sonstigen Gelegenheit leicht ablegten, gerade so machen sie es, ganz
+ohne Rücksicht, ob sie warm sind, ob nicht, auch mit den Wollendecken
+jetzt (Dieffenbach 2, 18). Ganz ähnlich schildert das Jarves 370 von
+Hawaii. Fürsten und Volk, sehr begierig auf jeden ausländischen Stoff,
+gleich viel ob es Matrosentuch oder das dünnste chinesische Gewebe war,
+trugen alles ganz ohne Unterschied, und so kamen sie bald nach ihrer
+alten Art, bald anders, bald mit einer Mischung von beiden bekleidet;
+derselbe, der längere Zeit eine solche Kleidung trug, erschien dann
+wieder viele Tage lang nackt. Je schöner das Wetter war, um so
+reichlicher bekleidet gingen sie, um zu paradiren, bei schlechtem Wetter
+aber meist nackt, um die Kleidung zu schonen; nackt daher auch in der
+ganzen Jahreszeit des Winters, und im Sommer bekleidet. Jarves wie
+Dieffenbach finden daher mit vollem, Recht in dieser Veränderung und in
+dieser Art der Neuerung eine äusserst wirksame Ursache für den Verfall
+der Gesundheit dieser Völker. Diese Ursache aber wirkt überall, wo
+Natur- und Kulturvölker zusammentreffen: sie musste eintreten, weil
+schon die Missionäre eine etwas decentere Bekleidung als die meisten
+Naturvölker kannten, verlangen mussten.
+
+Auch eingeführte Nahrungsmittel (abgesehen von den Spirituosen) waren
+den Naturvölkern schädlich: so nach Dieffenbach a.a.O. für die
+Neuseeländer die Einführung des Maises, den sie halb gegohren verbacken
+und durch dies äusserst ungesunde Brot sich sehr schaden. Salz, sagt er,
+was sie früher in den Seethieren genossen, essen sie jetzt gar nicht
+mehr, denn ihre fast einzige Nahrung ist die Kartoffel; diese aber,
+abgesehen davon, dass ihr ausschliesslicher Genuss überhaupt schädlich
+ist, wirkte noch dadurch ungünstig, dass sie bei der wenigen Pflege, die
+sie verlangt, ganz und gar nur von Sklaven und Weibern besorgt wird,
+ohne die Männer nur zu irgend welcher Thätigkeit anzuregen. Was wir hier
+an dem einen Beispiel zeigten, gilt natürlich wiederum für einen ganzen
+Kreis dieser Völker.
+
+Auch der Hausbau hat sich vielfach geändert, wenigstens in Polynesien,
+da hier fast allein ein annähernd freundliches Verkehren der Europäer
+mit Eingeborenen sich entwickelt hat. In Polynesien war man früher an
+sehr luftige, reinliche Häuser, die fast nur aus einem sehr tief
+herabreichenden Dache bestanden, gewöhnt. Jetzt aber kommen mehr und
+mehr mit Hintansetzung der altheimischen Art Häuser oder Baracken auf,
+die nach europäischer Art gebaut der für jene Gegenden so nöthigen
+Ventilation fast ganz entbehren und, da nun noch dazu nach alter Sitte
+viele Menschen in einem solchen Raum zusammen wohnen und schlafen, durch
+den grellen Gegensatz gegen das von früherher Gewohnte den schlimmsten
+Einfluss haben (z. B, Dieffenbach 2, 68-71).
+
+Namentlich war es der Adel in Polynesien, der diese Aenderungen
+vornehmlich, da er mit den Europäern in genauere Berührung kam und
+grössere Mittel hatte, bei sich einführte: gerade aber der Adel ist vom
+Aussterben weit mehr und rascher ergriffen, als das Volk--so namentlich
+in Hawaii--und es ist diese Erscheinung nicht so zu erklären, dass man
+beim Adel, weil er geringer an der Zahl sei, das Hinschwinden klarer
+sähe: denn hiergegen sprechen die Verhältnisszahlen so wie der Umstand,
+dass in der ersten Zeit der Adel vornehmlich von Krankheit u. dergl.
+heimgesucht war, bis das Verderben sich weiter ausbreitete. Es nimmt das
+um so weniger Wunder, als auch der Adel es war, welchem die meisten der
+geschilderten polynesischen Ausschweifungen zur Last fallen. Das meiste
+überhaupt, was vorzüglich in älteren Reisebeschreibungen von Polynesien
+gesagt wird, geht auf den Adel, da dieser bevorzugte Stand mit so
+hervorragenden Fremdlingen, als die Europäer waren, zu verkehren nach
+polynesischen Begriffen fast allein das Recht hatte. Wo aber diese
+Völker wenigstens nicht halb und nur zeitweilig, sondern ganz und für
+immer die europäischen Sitten, Kleidung, Wohnung, Lebensart u. s. w.
+annehmen, da bleiben sie weit ungefährdeter, wie dies Dieffenbach a. a.
+O. von den Neuseeländern nachweist. Den skrophulösen Habitus so vieler
+Maorikinder an der Küste erklärt er dagegen nur durch die ungeeignete
+und halbe Aenderung der einheimischen Lebensweise.
+
+Auch die Ausbreitung der Weissen beschränkt und beschädigt natürlich,
+schon durch sich selbst und ohne böswillige Absicht der sich
+Ausbreitenden, die Naturvölker in hohem Grade. Auf den kleinen
+polynesischen Inseln z. B., doch auch sonst und überall sind die
+Lebensmittel bei so riesig durch die Europäer gesteigertem Verkehr viel
+werthvoller und dadurch immer knapper geworden. Man denke nur, um dies
+Beispiel aus Polynesien auszuführen, was alle die Schiffe brauchen,
+welche zu Papeiti oder gar zu Honolulu vor Anker gehen, um sich zu
+verproviantiren. Und sollte man denken, dass grade dies grössere
+Bedürfniss ein Sporn für die Eingeborenen sei, der sie weiter bringe in
+der Kultur, im Ackerbau, Handel u. s. w.: so erwäge man, dass jetzt kaum
+ein Jahrhundert seit der ersten Entdeckung (die spanischen Besuche auf
+den Inseln, welche früher fallen, abgerechnet) verflossen ist, dass in
+einem so kurzen Zeitraum aber, wo so mannigfache Schicksale auf die
+Eingeborenen einstürmten, sich der Ackerbau noch gar nicht so entwickeln
+konnte, dass er diesen massenhaften Anforderungen entspräche; und dass
+zu grosse Forderungen eben nicht mehr anspornen, sondern erschlaffen,
+erdrücken. In anderen Gegenden gestaltet sich dieselbe Sache anders,
+aber die Resultate bleiben gleich.
+
+Die Neuholländer freuen sich, wenn sich in ihrem Gebiete Europäer
+niederliessen, sie wünschten es und forderten sie dazu an vielen Orten
+auf. Allein die nächste Folge war, dass sie in eine sehr elende Lage
+geriethen: denn (abgesehen von anderem, was wir später besprechen) ihre
+Jagdthiere verminderten sich auf der Stelle, ja sie verschwanden, theils
+verdrängt oder verjagt, theils ausgerottet von den meist sehr
+jagdlustigen Einwanderern (Lang bei Grey 2, 234-35). Daher sagte ein
+Australier sehr richtig zu einem Europäer: »Ihr solltet uns Schwarzen
+Milch, Kühe und Schafe geben, denn ihr seid hergekommen und habt die
+Opossums and Känguruhs vertilgt. Wir haben nichts mehr zu essen und sind
+hungrig« (Bennet bei Waitz 1, 183). Die brauchbaren Gras- und
+Weidestrecken nahmen die Europäer mehr und mehr im Lauf der Jahre ein in
+Neuholland, Neuseeland, Afrika, Amerika, die fruchtbaren Küstenstriche,
+sonst der gewöhnliche Aufenthalt der Eingeborenen, haben sie ganz und
+gar inne, das Land erklären sie für ihr Eigenthum, und da sie sich man
+kann wohl sagen täglich mehr und mehr ausbreiten, so drängen sie schon
+durch ihre blosse Existenz die Eingeborenen in die Wälder, die Berge,
+die Wildniss zurück; so dass es denn gar kein Wunder ist, wenn die
+Eingeborenen schon hierdurch allein »wie von einem giftigen Hauche
+berührt« (oder wie die Phrase lautet) verkommen. »Als der weisse Mann,
+so sagte der Cherokeehäuptling Bunteschlange in einer Rede, sich gewärmt
+hatte am Feuer des Indianers, und sich gesättigt an seinem Maisbrei, da
+wurde er sehr gross, er reichte über die Berggipfel hinweg und seine
+Füsse bedeckten die Ebenen und die Thäler. Seine Hände streckte er aus
+bis zum Meere im Osten und Westen. Da wurde er unser grosser Vater. Er
+liebte seine rothen Kinder, aber sprach zu ihnen: ihr müsst ein wenig
+aus dem Wege gehen, damit ich nicht von ungefähr auf euch trete. Mit dem
+einen Fuss stiess er den rothen Mann über den Okonnee und mit dem
+anderen trat er die Gräber seiner Väter nieder. Aber unser grosser Vater
+liebte doch seine rothen Kinder und änderte bald seine Sprache gegen
+sie. Er sprach viel, aber der Sinn von Allem war, nur: geht ein wenig
+aus dem Wege, ihr seid mir zu nahe. Ich habe viele Reden von unserem
+grossen Vater gehört und alle begannen und endeten ebenso« (Waitz 3,
+144). Chamisso, einer der wenigen, die sich in Deutschland für die
+Stellung jener Völker interessirten, hat dieser Rede ergreifenden
+Ausdruck verliehen in einem seiner Gedichte (Werke 4, 86). Sie ist
+bekannt genug: und wenn auch in ihr der ethische Gedanke die Hauptsache
+ist, so kann doch auch die Schilderung der Thatsachen nicht schlagender
+gegeben werden.
+
+Und doch, auch wenn man den Eingeborenen genügenden Landbesitz und Jagd
+und Lebensmittel genug sichern könnte, wir wiederholen es: die totale
+Umwälzung ihres ganzen leiblichen Lebens, das, wie wir eben gesehen,
+sich nach jeder Richtung hin ändern musste durch die plötzlich
+hereinbrechende Kultur, wird auch wenn keine Halbheiten,
+Ungeschicklichkeiten u. dergl. vorkommen, wenn alles gleich so trefflich
+als möglich eingerichtet wäre, den gefahrvollsten Einfluss auf die
+Naturvölker haben und je mehr, je plötzlicher sie kommt. Denn je länger
+physische Gewohnheiten schon bestehen, um so fester sind sie und um so
+gefährlicher ist es für die menschliche Natur, wenn sie plötzlich
+gebrochen werden sollen. Auch hierin ist Leib und Seele einem Gesetze
+unterworfen: dem Gesetze der Beharrlichkeit. Wie eine Flüssigkeit,
+welche man in einen bestimmten Kreislauf gebracht hat, diesem Laufe
+immer williger und rascher folgt, aber wild in ungeordnete Wirbel
+zusammenschäumt, wenn man sie nach der entgegengesetzten Richtung hin
+zwingen will, bis sie sich endlich und allmählich diesem Neuen gewöhnt:
+so musste das natürliche Leben dieser Völker in Aufregung und Unordnung
+kommen, als es so plötzlich von der übermächtigen Kultur unterbrochen
+wurde, an die es sich erst langsam und sehr allmählich gewöhnen wird. So
+werden denn einzelne wohl, nie aber ein ganzes Volk rasch und plötzlich
+sich eine so totale Umänderung, wie hier nöthig, und käme sie unter den
+günstigsten Bedingungen (was hier leider nicht geschah), aneignen
+können. Nur so ist sicher die Nachricht zu verstehen, die wir vorhin
+Dieffenbach entlehnten, dass die Neuseeländer, wo sie vollkommen
+europäisch lebten, auch gesund seien: wobei denn immer noch zu erwägen
+bleibt, dass Dieffenbach erst 1840 seine Beobachtungen anstellte, also
+über zwei Generationen (70 Jahre) nach der ersten Entdeckung der Insel.
+Allein man könnte sagen: und doch haben andere Völker dasselbe
+plötzliche Hereinbrechen einer übermächtigen Kultur durchgemacht und
+überwunden. Man könnte unsere eigenen Vorfahren, die alten Deutschen
+nennen. Und doch, welch ein ungeheurer Unterschied hier in Allem! Denn
+erstens war die griechischrömische Kultur, wie sie zu den Germanen kam,
+unendlich bequemer als die moderne, wie sie die Naturvölker annehmen
+sollen; zweitens standen die Germanen in jeder Weise, auch in ihrer
+leiblichen Beschaffenheit, jener Kultur und ihren Trägern bei weitem
+näher als die Naturvölker den Europäern; drittens brach dieselbe nicht
+so unaufhaltsam, so plötzlich, so rücksichtlos über die Germanen herein,
+wie über jene Völker, sondern ganz allmählich, durch Jahrhunderte langes
+Vertrautwerden mit dem Einzelnen, wobei das romanisirte Gallien keine
+unbedeutende Vermittlerrolle spielte; und endlich kam sie nicht in
+solchem Grade feindselig, wie die moderne Kultur über die sogenannten
+Wilden.
+
+
+
+
+§ 14. Psychische Einwirkungen der Kultur.
+
+
+Und so blieben unsere Vorfahren vor dem namentlich bewahrt, was den
+Naturvölkern so verhängnissvoll wurde: vor dem geistig deprimirenden
+Eindruck, den die Kultur auf die Naturvölker macht. Die Germanen fanden
+Gelegenheit selbständig siegend in dem Land ihrer geistigen Besieger
+aufzutreten: sie behielten stets das gegründete Bewusstsein eigenes
+Werthes und dass sie nicht in jeder Beziehung untergeordnet seien. Sie
+standen den Römern gegenüber wie der Schüler dem Lehrer, der des
+Schülers geistiges Leben leitet, corrigirt, erhöht, aber nicht verletzt,
+vernichtet, verhöhnt.
+
+Ganz anders aber die Naturvölker. Ihr Geistesleben, alles, was sie
+dachten, fühlten und glaubten ist ihnen durch ihr Bekanntwerden mit den
+Europäern was sollen wir anders sagen als geradezu (und oft mit der
+boshaftesten Absichtlichkeit) vernichtet worden. Hierdurch wurden
+selbstverständlich je gebildeter die Völker waren, sie um so härter
+betroffen; so dass vieles von dem im folgenden Entwickelten auf die
+rohesten Stämme Südamerikas oder Neuhollands keine Anwendung findet.
+
+Zunächst die Religion. Die meisten Naturvölker sind von sehr reiner und
+inniger Religiosität, bei allen Abgeschmacktheiten und Monstrositäten
+ihres Glaubens. So waren es die Mexikaner. Ihre Religion (Waitz 4, 128)
+war es, welche ihnen ihre hohe und reine Moral eingab, deren
+Grundgedanke--zugleich ihr festester und untrüglichster Schwur (Waitz 4,
+154)--war: sieht mich nicht unser Gott? Und alles, was die Religion
+schweres von ihnen forderte, wurde treu und gewissenhaft und mit ächter
+und inniger Andacht von ihnen, nach Cortez eigenem Zeugniss (Waitz 4,
+154) ausgeführt, Ihre vielen Eroberungskriege waren, wie wir schon
+sahen, alle von dem Gedanken geleitet, ihre Religion auszubreiten über
+alle Welt. Nicht anders, nach Waitz Schilderung (4, 447 ff.) die
+Peruaner. Gleichfalls in hohem Grade gottesfürchtig sind die
+Nordindianer (Waitz 3, 205), die keine Handlung ohne Gebet unternehmen,
+die alle schweren von der Religion verlangten Peinigungen mit der
+grössten Gewissenhaftigkeit vollführen. Und so haben alle diese Völker
+überall zähe an ihren Religionen gehalten.
+
+Etwas anders steht die Sache in Polynesien. Nicht als ob die
+polynesischen Völker nicht von gleich tiefer Religiosität wären; was
+z.B. schon die bekehrten Eingeborenen beweisen, in deren Hand jetzt der
+grösste Theil der Südseemission ist. Aber die ganze Bevölkerung war
+sittlich minder rein als die Amerikaner und befand sich schon zur Zeit
+der Entdeckung, wie Meinicke (b) nachgewiesen, in einem Zustande auch
+des geistigen Verfalls. Daher erklärt sich die auffallende Erscheinung,
+dass die Polynesier (Dieffenbach 2, 50 vom ganzen Ozean) und nach
+Chamissos Zeugniss auch die Mikronesier sich leicht bewegen lassen, über
+ihren früheren Aberglauben selbst zu lachen und ihn aufzugeben. Doch
+auch sie fügen sich und nicht bloss aus Herkommen mit freudigstem
+Gehorsam den beschränkendsten Gesetzen ihrer Religion, z.B. den
+Tabu-Gesetzen, d.h. den Bestimmungen, durch welche Gegenstände aller Art
+heilig gesprochen und dem unheiligen Volk gänzlich entzogen werden,
+sowie der übergrossen Adelsverehrung und anderem der Art. Und nur da
+haben sie ihre Religion wirklich und ohne Widerstand aufgegeben, wo sie
+durch die Mission wirklichen religiösen Ersatz bekamen. Gegen
+feindselige Angriffe auf ihre Religion, mochten sie absichtlich oder nur
+zufällig sein, haben sie sich immer aufs heftigste aufgebracht gezeigt
+und eine Menge Ueberfälle, Kriege, ja Cooks Tod selbst sind nur durch
+solche Verletzungen ihrer Tempelplätze oder sonstigen Heiligthümer
+hervorgerufen.
+
+Aber selbstverständlich war es gerade die Religion, gegen welche sich
+die heftigsten und ersten Angriffe der Kulturvölker richteten. Das
+brauchte nicht mit der brutalen Roheit der Conquistadoren und ihrer
+Pfaffen in Amerika oder der Sendlinge Frankreichs in den letzten
+Jahrzehnten, der Laplace, Dupetitthouars u.s.w. in der Südsee zu
+geschehen: auch die edelsten der Europäer mussten sich gegen diese
+Religionen wenden, um sie zu zerstören, und so sahen die Eingeborenen
+ihr Heiligstes vernichtet, ja als durchaus schlecht und nichtswürdig
+verachtet. Aus dem Vorstehenden aber kann man ermessen, wie vernichtend
+dieser Schlag ihr geistiges Leben traf.
+
+Ebenso war es mit den politischen Einrichtungen: und auch hier müssen
+wir wenigstens auf einige Hauptpunkte hinweisen. Die despotische
+Verfassung, das strenge Adelsregiment der Südsee (um bei den Polynesiern
+zunächst zu bleiben), haben wir schon betrachtet. Aber mochte der Adel
+sich noch so hoch über das Volk stellen, das Volk aufs ärgste
+unterdrücken: er war doch von Gott, man hing ihm doch mit warmer
+Verehrung an, man brachte in den meisten Fällen sein Gut und Blut mit
+aufrichtigem Eifer dar--lohnte doch eine solche Aufopferung mit einem
+besseren oder überhaupt mit einem Leben nach dem Tode! Jedenfalls
+beruhte auf diesem Verhältniss des Adels, der naturgemäss die stolzeste
+Meinung von sich hatte und sich keineswegs den europäischen Grossen
+untergeordnet fühlte, und des Volkes das gesammte öffentliche Leben
+Polynesiens und Mikronesiens und hier wieder vorzüglich der Marianen.
+
+Durch den Einfluss der Europäer änderte sich das alles und so sehr auch
+das Volk nachher dadurch gewann: für den Augenblick musste es die
+Einrichtungen, die ihm seit Jahrtausenden gewohnt und ehrwürdig waren,
+aufgeben und die, welche es vordem gleich Göttern geachtet hatte, von
+den Europäern keineswegs besonders hochgestellt, ja oft mit Verachtung
+oder gar mit schreiendster Ungerechtigkeit behandelt, zum Theil wie auf
+den Marianen blutig verfolgt und vernichtet sehen. Der Adel selbst aber
+war noch schlimmer dran. Er war, bei völliger Unumschränktheit, der
+festen Ueberzeugung, von ganz anderem Stoff zu sein, als das gemeine
+Volk, er stellte sich ganz den höchsten Europäern gleich und wusste
+sich, wie Liholiho, Tamehameha I. Sohn in England bei seinem Aufenthalt
+unter der englischen höchsten Aristokratie bewiesen hat, diesen auch im
+äusseren Benehmen ziemlich gleich zu halten. Und nun fand er sich von
+den Europäern, oft von den gemeinsten Matrosen, nicht nur nicht göttlich
+verehrt, sondern verachtet, dem gemeinen Volke ganz gleich, und
+jedenfalls tief unter jeden Weissen gestellt, er fand sich von der
+Gesellschaft in den meisten Fällen (wo sich eine wirklich europäische
+Gesellschaft bilden konnte) entweder ausgeschlossen oder doch nur
+geduldet! So geschah es zu Neuseeland--man kennt ja den Hochmuth der
+englischen Raçe einer farbigen Bevölkerung gegenüber--so, seit der
+gloriosen französischen Occupation, zu Tahiti, so einige Jahrhunderte
+früher auf den Marianen, wo der Adel in den blutigen Kämpfen ganz zu
+Grunde ging.
+
+Noch viel schlimmer, weil die Zerstörung gründlicher war, wirkten diese
+Dinge in Amerika. Denn auch hier war Volk und Herrscher durch Bande
+grosser Anhänglichkeit und Religiosität verknüpft. Der Herrscher, der
+aus dem hohen Adel gewählt wurde, und mit ihm der höchste Adel war, wie
+wir schon sahen, Stellvertreter Gottes auf Erden und daher
+unumschränkt. Wie rein und tief man in Mexiko, trotz alles Absolutismus,
+die Stellung des Herrschers auffasste, geht aus den Reden hervor, die
+man bei seiner Inauguration an ihn richtete und welche nicht nur nach
+Waitz 4,68 »zu dem Schönsten und Erhabensten gehören, was von den
+Azteken noch übrig ist«, sondern überhaupt zu dem Schönsten und
+Erhabensten, sicher zu dem Wahrsten, was man je Königen gesagt hat. Die
+Steuern und Frohnen, unter denen, nach den alten spanischen
+Schriftstellern, das Volk seufzte, sind nach Waitz genauer und
+schlagender Untersuchung von den Spaniern aus nahe liegenden Gründen
+sehr übertrieben worden. Nach alle diesem wird sich die Lücke ermessen
+lassen, welche im Gemüth des Volkes nach dem Sturz alles Bestehenden
+entstand. »Zurita hat gezeigt, sagt Waitz 4, 186, wie das mexikanische
+Volk hauptsächlich dadurch ins äusserste Elend gerieth, dass alle
+Grundlagen seiner bisherigen politischen und socialen Organisation von
+den Siegern zerstört wurden. Vom mexikanischen Adel überlebten nur
+wenige den Fall der Hauptstadt und diese wenigen waren meist noch
+Kinder. Eine Petition sechs vornehmer Indianer an Karl V. legt dar, wie
+der Rest des Adels von den Spaniern niedergetreten und ins Volk
+zurückgeworfen in Armuth und Elend umkam. Eine Tochter Montezuma's ist
+im tiefsten Elend gestorben.« Man nehme nun dazu, dass auch das gesammte
+äussere Leben, die ganze glänzende Kultur des Volkes, die reiche
+Hauptstadt, die blühenden Gärten, die zahlreichen Tempel, dass Alles
+zerstört und oft aufs grausamste und verächtlichste zerstört wurde: und
+man wird begreiflich finden, dass schon dadurch der Sieger der Seele des
+besiegten Volkes einen Todesstoss versetzte. Dasselbe gilt, vielleicht
+in noch höherem Grade von den Quechuas und den Nordamerikanern. »Mit
+einem Fuss stiess er den rothen Mann über den Okonnee, und mit dem
+anderen trat er die Gräber unserer Väter nieder«, hiess es in der oben
+erwähnten Rede. Und leider waren es die persönlichsten und heiligsten
+Empfindungen, die man allzu oft und mit der grössten Rücksichtslosigkeit
+verletzte, woran freilich nicht mehr die Kultur, sondern nur ihre Träger
+schuld waren. Das zweite Concil zu Lima bedrohte die Zerstörung und
+Plünderung der alten Indianergräber, die Preisgebung der Leichen mit
+Excommunication; allein der supremo consejo de las Indias fand der
+Schätze wegen, die sie enthalten könnten, für gut, ihre Durchsuchung zu
+erlauben (Waitz 4, 493-94). Alles dies musste das unterdrückte Volk
+ruhig mit ansehen: ihr innerstes Leben wurde ihnen vernichtet, ohne dass
+sie, die sonst schon aufs fürchterlichste bedrückt waren, sich wehren
+konnten. Dass aber nicht bloss ihre Todten, dass die Lebenden selbst
+noch mehr zu leiden hatten; dass man auf sie, ob sie lebten oder
+starben, nicht die mindeste Rücksicht nahm, dass man also durch
+Verletzung der theuersten und heiligsten Gefühle auch nach dieser Seite
+hin den Indianern das äusserste that, das ist nur allzubekannt. Ein
+Nordindianer (Waitz 3, 141) sagte in einer öffentlichen und viel
+erwähnten Rede: »ich hätte sogar daran gedacht, ganz unter euch zu
+leben, hätte nicht ein Mann mir Böses gethan. Oberst Cresap ermordete im
+letzten Frühjahr (1774) mit kaltem Blut und aus eigenem Antriebe alle
+meine Verwandten, selbst meine Weiber und Kinder verschonte er nicht.
+Kein Tropfen von meinem Blut läuft mehr in den Adern eines lebenden
+Wesens.« Dies eine Zeugniss genüge.
+
+Eine der hervorragendsten Eigenschaften der Naturvölker ist ihr Stolz.
+Die Amerikaner halten sich für die ersten aller Menschen; Geschickt wie
+ein Indianer und dumm wie ein Europäer sind bei ihnen Sprichwörter
+(Waitz 3, 170). Verletzung dieses Stolzes war auch das Härteste, was sie
+unter sich einander zufügten. Die Polynesier glaubten alles Ernstes, die
+Europäer kämen zu ihnen, um jetzt erst wahres Leben kennen zu lernen und
+an ihrer Glückseligkeit, an ihrer Vollkommenheit Theil zu nehmen.
+Selbstmord aus Scham oder verletztem Ehrgefühl ist unter ihnen gar nicht
+so selten (Dieffenbach 2, 112. Thomson 319. Will. u. Calvert 1, 121
+ff.); ihre eigenen Thaten läugnen sie eben wegen dieses Stolzes nie
+(Williams u. Calvert 1, 124; Tyermann u. Bennet 1, 78; Waitz a.a.O.).
+
+Nicht minder empfindlich ist das Rechtsgefühl aller dieser Völker,
+welches z.B. einen Irokesen, der von Christi Leiden hörte, ganz wie
+jenen Friesenfürsten zu dem Ausrufe zwang: »wäre ich dabei gewesen, ich
+würde ihn gerächt und die Juden skalpirt haben« (Waitz 3, 169). Und
+diese Empfindungen, für welche Waitz a.a.O. u. b, 147 noch eine Menge
+Beispiele zusammenstellt, finden wir ebenso in Polynesien; ebenso
+wirksam wenigstens, wenn auch minder frei entwickelt, auch bei den
+roheren Völkern, den Südamerikanern, Hottentotten, Australiern. Schon
+das stete Streben, welches diese Völker nach Rache haben, beweist es.
+Wie grausam aber sind gerade diese Eigenschaften von der Kultur
+verletzt! Theils ohne ihre Schuld: denn dass die Naturvölker gar bald
+einsahen, wie sie gegen die Europäer nichts wären und nichts vermöchten,
+lag in der Natur der Sache. Theils aber tragen auch hier die Europäer
+die schwerste Verantwortlichkeit, denn sie haben die Rechte dieser
+Völker absichtlich mit Füssen getreten, sie haben, da sie die
+Naturvölker kaum für Menschen ansahen, nicht einmal ihr menschliches
+Selbstbewusstsein ihnen lassen mögen, sondern auch dieses, und oft von
+Staatswegen, wie die Vereinigten Staaten, wie Frankreich in Tahiti, wie
+die Engländer in Australien, mit Füssen getreten; und man tritt es durch
+den grenzenlosen Hochmuth und Hass, mit dem man diese Völker von aller
+Gemeinschaft und damit von aller Kultur ausschliesst, nachdem man ihnen
+häufig Land und Lebensmittel genommen, auch ferner mit Füssen. Und
+selbst in ihrem Rachedurst sind alle diese Völker den Europäern
+gegenüber so ohnmächtig, gegen welche höchstens einmal ein vereinzelter
+Racheakt Einzelner glücklichen Erfolg hatte. Mag auch Waitz Recht haben,
+wenn er sagt (b, 157), das Rechtsgefühl der Indianer sei durch den
+harten Druck der Weissen weiter und schärfer entwickelt worden, als es
+wohl sonst geschehen sei; so fährt er doch ebenso richtig fort:
+»freilich war davon die nächste Folge für sie selbst nur diese, dass sie
+ihre Ohnmacht und die Trostlosigkeit ihrer Lage dann um so bitterer
+empfanden.«
+
+Diese Vernichtung aber des gesammten geistigen und ethischen Lebens der
+Nationen kann man gar nicht stark genug betonen, wenn man die Gründe für
+ihr Aussterben aufsuchen will. Wie nichts ein Volk mehr hebt, als
+freudige Achtung vor sich selbst und fröhliches Gelingen des von ihm
+Erstrebten, so drückt nichts den Volksgeist tiefer, als das Gefühl der
+eigenen Ohnmacht und Verlorenheit. Zum Gefühl aber der äussersten
+Ohnmacht und Rechtslosigkeit, des bittersten und doch ganz hülflosen
+Ingrimms finden wir alle diese Völker, Amerikaner, Aleuten und
+Kamtschadalen, Neuholländer, Polynesier und Hottentotten verdammt. »Jede
+Raçe, weiss schwarz oder roth, sagt Elliot bei Waitz 3, 299, muss
+untergehen, wenn ihr Muth, ihre Energie und Selbstachtung durch
+Unterdrückung, Sklaverei und Laster zu Grunde gehen.« Und nun hatten,
+wie wir gesehen, die meisten Naturvölker schon von Haus aus einen
+entschiedenen Hang zur Melancholie, welche durch alle diese Schicksale
+natürlich aufs ärgste vermehrt ihren Untergang nur beschleunigte. Man
+denke sich nur, wenn wir Europäer mit allen unseren Kulturmitteln, mit
+unserer Religion, kurz mit allen den Vortheilen, die wir den
+Naturvölkern gegenüber besitzen, ihr Loos auch nur wenige Jahre, etwa
+eine Generation, zu ertragen hätten, was aus uns werden sollte! Man
+denke, wie der dreissigjährige Krieg gewirkt hat, dessen Greuel doch bei
+weitem durch das, was die Naturvölker zu leiden hatten, überboten
+werden: und man wird sich mehr über die zähe Ausdauer, als über das
+Hinschwinden derselben verwundern. Nur ihre grössere Härte und
+Festigkeit hat sie aufrecht erhalten den Völkern gegenüber, die sie
+anfangs alle, Mexikaner sowohl wie Hottentotten und Neuholländer, für
+Götter hielten!
+
+Musste alles dieses auf das geistige Leben der Völker und damit auch auf
+das leibliche einen vernichtenden Einfluss ausüben, so übte es den auch
+noch auf eine andere Art. Mit der Vernichtung der bestehenden Staaten
+war natürlich auch jedes Recht und Gesetz, welches in denselben
+bestanden hatte, aufgehoben. In Mexiko, in Peru aber waren die Gesetze
+von grosser Strenge und grosser Wirksamkeit, da sie überall in höchster
+Achtung standen und nicht anders war es in Polynesien, wo das Tabu auch
+manchen heilsam verbietenden Einfluss hatte. Stürzte nun das Alles
+zusammen, so musste nothwendigerweise eine um so ärgere Demoralisation
+eintreten, je höher früher die Kultur des zerstörten Staates gestanden
+hatte; eine solche Demoralisation musste aber gerade in einer Zeit einer
+so allgemeinen Zerstörung, wo für die Unterliegenden weder leiblich noch
+geistig irgend ein Halt blieb, die unheilvollsten Folgen für ihr ganzes
+Dasein haben und nicht wenige in den genannten Kulturstaaten sind denn
+auch gerade durch die unter den Eingebornen einreissende Zügellosigkeit
+zu Grunde gegangen. Und je tiefer, je persönlich vernichtender die
+Angriffe waren, um so mehr natürlich demoralisirten sie die Völker: was
+sollten die noch irgend etwas scheuen und heilig halten, welche selbst
+in ihrem Heiligsten verletzt waren? wie konnten sie noch sich selbst
+achten, die von jenen ankommenden Göttern so in Staub getreten wurden?
+Ueberall riss in Folge der auf diese Weise nahenden Kultur
+Entsittlichung und dadurch immer tieferes geistiges und leibliches
+Sinken unter den Naturvölkern ein. Was nicht unmittelbar vernichtet
+wurde, das wurde im Innersten vergiftet und langsames Hinsiechen war die
+nothwendige Folge.
+
+
+
+
+§ 15. Schwierigkeit für die Naturvölker, die moderne Kultur sich
+anzueignen.
+
+
+Aber wenn auch die europäische Kultur den Naturvölkern mit vollkommener
+Freundlichkeit und Schonung zugeführt worden wäre: diese Kultur bot auch
+noch ausser denen, welche wir schon gesehen haben, die grössten
+Schwierigkeiten und Gefahren, die wir jetzt betrachten müssen.
+
+War es schon keine Kleinigkeit, dass diese Völker fast alle ihre seit
+Jahrhunderten eigenthümlichen Ideen und Anschauungen aufgeben mussten,
+so war es noch viel schwieriger, das aufzunehmen, was die Europäer
+brachten, die ganze unendlich verwickelte moderne Kultur! Das traf
+besonders Polynesien und Australien; man denke sich die kleinen
+Kokosinseln, die nun plötzlich sich hineinfinden müssen in die ganze
+europäische Lebensart, in den europäischen Handel, das europäische
+Recht, die Religion und so vieles andere--und sie müssen mehr als nur
+oberflächliches davon annehmen, wenn sie nicht verloren sein wollen. Um
+wie viel glücklicher waren auch hierin die Germanen, die sehr allmählich
+eine viel weniger verwickelte Kultur aufzunehmen hatten; und doch wie
+lange Zeit brauchten auch sie, bis sie diese Kultur vollkommen sich
+assimilirt hatten! Ist es zu viel gesagt, wenn man behauptet, dass dies
+erst im vorigen Jahrhundert durch das geistige Durchdringen des
+Alterthums ganz geschehen sei?
+
+Einzelne Punkte--denn vieles (Wohnung, Kleidung u.s.w.) ist schon in
+dem bisher Behandelten wenigstens andeutend ausgesprochen worden--müssen
+wir noch besonders berücksichtigen. Zunächst die Bewaffnung. Die
+Feuerwaffen sich anzueignen ist weit schwieriger, als die Aneignung der
+römischen Taktik, da sie ausser der leiblichen Uebung noch die
+Ueberwindung der Scheu vor Donner und Blitz, durch welche gerade man die
+Weissen zuerst als Götter dokumentirt sah, verlangen; da ihre Wirkung
+weit übernatürlicher scheint, als die der römischen Waffen.--Ferner die
+Sprache. Uns Europäern macht es sehr grosse Schwierigkeiten, die Sprache
+eines Naturvolkes mit ihren anderen Anschauungen geistig zu erfassen;
+und doch steigen wir herab, da jene Sprachen alle in der Entwicklung und
+Verbindung der Gedanken so wie in der Fülle der Anschauung weit weniger
+vorgeschritten sind, als die Sprachen des gebildeten Europas; und
+zugleich haben wir durch lange Jahrhunderte fortgesetzte Uebung und
+ausserdem durch eine Menge von Hülfsmitteln eine viel grössere Kraft,
+als jene Völker, die doch hinaufsteigen müssen, wenn sie eine
+europäische Sprache erlernen wollen. Schon beim blossen Sprechenlernen,
+das vom Begreifen und wirklichen Verstehen einer Sprache himmelweit
+verschieden ist, müssen sie ihren Geist mit einer ganzen Menge neuer
+Anschauungen und Begriffe erweitern, die ihnen früher aber auch ganz
+unbekannt waren--und das meist vom Niveau einer Sprache aus, welche
+strenges, logisches Verknüpfen und Ausdenken der Begriffe wenig genug
+unterstützt.
+
+Nicht anders ist es mit der Religion. Der Abstand von manchen der
+Religionen dieser Völker vom Christenthum mag, wenn auch die meisten
+tiefer stehen, nicht grösser sein, als der des germanischen Heidenthums
+von letzterem war; aber das Christenthum, was den Germanen gepredigt
+wurde, war selbst ein ganz anderes, als was die Missionäre, wenigstens
+die protestantischen, heut zu Tage predigen. Dann freilich, wenn man die
+Berichte des sehr eifrig katholischen Michelis liest, so ist das, was
+die Propaganda z.B. in der Südsee gepredigt hat, an vielen Orten
+überhaupt nicht, viel Anderes gewesen, als was jene Völker schon
+wussten: die katholischen Missionäre haben getauft und das Heidenthum
+gelassen. Auf der andern Seite aber, wie so ganz unfassbar muss für die
+ganz sinnlichen Naturvölker eine so abstrakte Lehre sein, wie die
+evangelische, die noch dazu auf Begriffen und Anschauungen beruht,
+welche jene Völker gar nicht haben. Und indem man ihnen das Christenthum
+predigte, verlangte man, dass sie die Religion der Männer annehmen
+sollten, welche ihnen so alles Aergste zugefügt hatten, der Weissen! Ja
+hat man sie nicht auch gleich, damit ihnen nichts erspart bliebe, mit
+dogmatischen Streitigkeiten beglückt? In der ganzen Missionsgeschichte
+der neueren Zeit ist vielleicht kein so trauriges Ereigniss als das
+Auftreten der Propaganda in der Südsee, wo eben die protestantische
+Mission festen Fuss zu fassen und Früchte ihrer mühevollen Arbeit zu
+sehen begann. Das liess der katholischen Kirche nicht Ruhe: sie trat an
+einzelnen Stellen mit rohster Gewalt (die dann durch Lügen aller Art
+verdeckt wurde) der protestantischen Mission entgegen und brachte zu den
+eben bekehrten Heiden den Streit der kirchlichen Parteien. Lutteroth,
+den zu widerlegen Michelis sich vergebens bemüht, hat dies scharf und
+schlagend bewiesen. Auch Streitigkeiten, die in ihrem eigenen Schooss
+entstanden sind, brachte sie zu den Neubekehrten, wie Humboldt b, 5, 133
+von Südamerika erzählt. Uebrigens ist auch die protestantische Kirche in
+der Schonung solcher Heiden, die von einer andern protestantischen Sekte
+bekehrt waren, durchaus nicht übermässig zart gewesen. An manchen Orten
+(Nordamerika, Afrika u s.w.) hat auch sie statt des Friedens des
+Christenthums den Streit der Sekten gebracht. Welchen Einfluss musste
+das auf die eben gewonnenen Naturvölker und deren Charakter machen!
+Dabei darf auch nicht vergessen werden, dass in den meisten Fällen sich
+der Mission die Europäer selbst auf das Heftigste entgegensetzten, da
+sie sich durch jene in ihrem oft sehr weltlichen oder besser gesagt
+gottlosen Treiben behindert sahen. So war es namentlich in Polynesien,
+fast auf jeder Insel (Meinicke, Lutteroth und fast in allen Quellen); so
+in Amerika schon im 16. Jahrhundert (Waitz 4, 188; 338); so auch in
+Afrika bei Hottentotten, Kaffern, Negern, überall. Man sieht, unsere
+Kultur verlangt von den Naturvölkern eine geistige Anstrengung von so
+enormer Grösse, dass sie mit einem Male und von einer Generation gar
+nicht überwunden werden kann. Während aber nun die Europäer immer
+frischen Zuzug neuer Schaaren haben, die sie in ihren Bestrebungen
+stärken, während auch bei den Germanen auf die Stelle einer unterlegenen
+Schaar eine andere trat, die das, was jene gewonnen hatten, übernehmend
+ausführte, was noch nicht geleistet war, so fehlt es bei der geringen
+Kopfzahl der Naturvölker an solcher kraftgebenden und aushelfenden
+Ersatzmannschaft, durch welche die Arbeit sich theilen, die Aneignung
+sich leichter und allgemeiner vollziehen könnte. Daher wird der lebenden
+Generation eine um so grössere und schwerere Aufgabe gestellt und es ist
+schon deshalb klar, dass eine Generation, ja dass zwei, drei
+Generationen ihr nicht genügen können. Die Grösse der Aufgabe, die
+enorme geistige Anstrengung selbst erschwert aber das gedeihliche
+Weiterleben der Generationen durch den geistigen Druck so sehr, dass wir
+auch hierauf mit allem Nachdruck hinweisen müssen. Und zweitens müssen
+wir auch wieder betonen, dass der Hang zur Melancholie durch solche
+Ueberanstrengung, wo in den meisten Fällen nur allzubald sich zeigt,
+dass ein auch nur einigermassen befriedigendes Ziel kaum zu erreichen
+ist, immer vergrössert wird, ja dass er geradezu Charakterzug der Völker
+werden kann. Und so finden wir es im allgemeinen wie im einzelnen.
+Tschudi 2, 286 erzählt von einem Botokudenknaben, der von einer Familie
+in Bahia sorgfältig aufgezogen und dann zum Studium der Medizin auf die
+Universität geschickt wurde. Er erwarb sich den Doktortitel, übte auch
+eine Zeitlang die Praxis selbständig, bis er verschwand. »Eine tiefe
+Melancholie war immer der Grundzug seines Charakters.« Später erfuhr
+man, dass er wieder, nachdem er sich jeglicher Spur von Civilisation,
+auch der Kleider, entledigt, als Jäger durch die Wälder streife. Einen
+ganz gleichen Fall von einem jungen Choktaw, der Advokat geworden war,
+hernach aber durch Melancholie (woran freilich der Kastenhochmuth der
+Nordamerikanischen Weissen mit Schuld war) bis zum Selbstmord getrieben
+wurde, erzählt Waitz b, 71-72. Diese Fälle zu erklären, reicht es nicht
+aus, bloss an die »schiefe Stellung« zu erinnern, in welche solche
+Individuen gerathen; denn bei jenem Botokuden trifft dies nicht zu, da
+in Südamerika das Verhältniss der Farbigen zu den Weissen kein
+ungünstiges ist: wesentlich mitgewirkt hat bei ihnen und ähnlichen, wie
+wir sie bei Individuen und ganzen Völkern finden, die ewige Demüthigung
+auf der einen, die Ueberanstrengung auf der anderen Seite.
+
+
+
+
+§ 16. Behandlung der Naturvölker durch die Weissen. Afrika. Amerika.
+
+
+Wir kommen nun zu dem düstersten Punkt in unserer ganzen Schilderung, zu
+der düstersten Partie vielleicht in der ganzen Geschichte der
+Menschheit: zu der Art, wie die Weissen die Naturvölker behandelt haben.
+Die Laster, die sie ihnen brachten oder bei ihnen beförderten, brauchen
+wir hier, da wir sie schon oben an verschiedenen Stellen erwähnten,
+nicht noch einmal im Zusammenhang zu besprechen. Beginnen wir mit
+Südafrika. Die Hottentotten zeigen sich uns gleich bei ihrem ersten
+Bekanntwerden als ein Volk, das früher eine viel grössere Macht und
+Ausdehnung besessen hatte und damals schon in einer Art Verfall war. Von
+den umwohnenden afrikanischen Völkerschaften waren sie überall
+verdrängt, namentlich von Norden nach Süden geschoben und nicht nur sehr
+vermindert, sondern wie es scheint, auch in ihrem inneren Wesen
+gebrochen oder wenigstens, durch die ewigen Kriege und Niederlagen,
+wesentlich beschädigt worden (Waitz 2, 323 ff.). Schlimmeres aber
+brachten ihnen die Holländer, welche sich seit 1652 am Cap niederliessen
+und natürlich den Eingeborenen so viel Land ohne weiteres wegnahmen, als
+sie brauchten. Sie brauchten aber, da sie aus Faulheit alles brach
+liegen liessen und stets nur frisches Land bebauten, da sie ferner aus
+dem gleichen Grund lieber Viehzucht als Ackerbau trieben, sehr viel
+Land. Die Hottentotten, welche zu Sklaven zu machen das Gesetz verbot,
+machten sie zu ihren Knechten, die, weil man sie nicht verkaufen konnte,
+viel schlechter gehalten wurden als Sklaven (Waitz 2, 331). Als freilich
+die Engländer 1796 in Besitz des Caps kamen, zeigten sie sich aus
+Nationaleitelkeit anfangs zwar sehr empört über das Benehmen der
+Holländer; allein gar bald thaten sie es ihnen in Allem nach (ebd. 332).
+Wie man mit »dem schwarzen Vieh«, den Hottentotten, verfuhr, zeigt sich
+z.B. in folgendem Fall, den Sparmann erzählt. Ein Holländer hatte einen
+hottentottischen Knecht, der im Fieber lag und dessen Krankheit durch
+eine auf des Herrn Bitte von Sparmann unternommene Kur sehr
+verschlimmert wurde; Sparmann suchte den sehr niedergeschlagenen Boer zu
+trösten: allein jener fuhr auf: er kümmere sich den Teufel um den
+Hottentotten und seine Seele, wenn er nur einen anderen Ochsenführer, um
+seine Butter zu verkaufen, fände (Sparmann 273). Dies war aber kein
+vereinzelter Fall, sondern allgemeine Ansicht und so werden wir uns über
+die Einrichtung der sogenannten Commandos gegen die Eingeborenen, welche
+1774 etwa zuerst aufkamen, nicht sehr wundern können. Der Bericht eines
+Offiziers über solch ein Commando bei Waitz lautet (2, 333-34):
+
+»27. Sept. 1792 der erste Kraal angegriffen, 75 Buschmänner getödtet, 21
+gefangen.
+
+15. Oktober ein anderer Kraal entdeckt, 85 getödtet, 23 gefangen.
+
+20. Okt. ein dritter entdeckt, 7 getödtet, 3 gefangen.«
+
+»Man wird einigermassen, fährt Waitz fort, die Ausdehnung ermessen
+können, in welcher diese Vertilgung besonders der Buschmänner betrieben
+wurde, wenn man bedenkt, dass Coblins (1809) einen sonst respektablen
+Mann erzählen hörte, er habe binnen 6 Jahren mit seinen Leuten zusammen
+3200 Buschmänner getödtet und gefangen, wogegen ein anderer mittheilte,
+dass die Commandos, an denen er sich betheiligte, 2700 Buschmännern das
+Leben gekostet hätten. Thompson kannte einen Kolonisten, der in 30
+Jahren 32 solcher Raubzüge mitgemacht hatte, auf deren einem 200
+Buschmänner umgebracht seien. Mit dem Eintritt der englischen Herrschaft
+am Cap hatte zwar das Commandosystem aufhören sollen, aber die Boers
+waren so sehr an dasselbe gewöhnt, dass es unmöglich war, es auf einmal
+zu beseitigen. Von 1797-1823, d.h. bis zur Okkupation des Landes der
+Buschmänner, werden 53 Commandos offiziell angegeben; es ist
+unzweifelhaft, dass das System 1823 nach einigen Unterbrechungen wieder
+in voller Blüthe war und es scheint den Buschmännern unter der
+englischen Herrschaft noch trauriger gegangen zu sein, als unter der
+holländischen. Dass die Hottentottenbevölkerung der Capkolonie unter
+der englischen Herrschaft bis zum Jahr 1822 um die Hälfte zugenommen
+habe (Zeitschr. 1, 287) ist wenig glaubhaft und sicherlich nur
+scheinbar.« Die Boers zogen, um den ihnen verhassten englischen Gesetzen
+nicht gehorchen zu müssen, 5000 an der Zahl, um 1836 nach Port Natal, wo
+sie ihre scheussliche Willkürherrschaft, ihre Commandos und Knechtung
+der Eingeborenen noch jetzt, wie sie es selbst bei Livingstones
+Anwesenheit thaten, fortsetzen (Waitz 2, 336).
+
+Man wird es nicht eben wunderbar finden, wenn die Hottentotten diesem
+Hauche der Kultur erlagen; wenn jetzt ihr Hass gegen die Weissen so
+gross ist, dass ein friedliches Einwirken der letzteren, wenn nicht
+unmöglich, doch ausserordentlich erschwert ist: wenn endlich die
+Hottentotten jetzt sehr viel roher, träger und sittlich schlechter sind
+als zu der Zeit, da man sie zuerst kennen lernte. Stand doch über
+manchen Kirchen der Holländer: »kein Hund und kein Hottentotte darf
+eintreten« (Waitz 2, 333). Haben doch die Boers nach Kräften die
+Christianisirung der Eingeborenen zu hindern gesucht, indem sie
+verboten, dass ihre Sklaven und deren Kinder getauft wurden und bei
+Lebensstrafe denselben die Missionsstation auch nur zu nennen verboten.
+Die holländische Compagnie selbst war es, welche die mährischen Brüder
+aus dem Lande der Hottentotten vertrieb, weil sie auf letztere einen zu
+grossen Einfluss gewannen. Ja noch 1831, als die Hottentotten am Kat
+River sich niedergelassen und dort unter Leitung der Missionäre zu einer
+gewissen Blüthe gelangt waren, gelang es kaum, die Boers von der
+Zerstörung dieser Colonie mit Gewalt zurückzuhalten (Waitz 2, 336).
+
+Und in diesem Zustande leben die Hottentotten nun schon über 200 Jahr
+und sind noch nicht ausgerottet!
+
+Gehen wir nun nach Amerika. Die Indianer Nordamerikas kamen den
+Europäern anfangs freundlich entgegen (Waitz 3, 242), aber die Weissen
+waren es, welche das Verhältniss trübten. Zunächst vernichteten sie
+wegen verhältnissmässig geringfügiger Veranlassung das Volk der Pequots;
+an 700 wurden bei einem plötzlichen Ueberfall getödtet, die übrigen
+zerstreut, gefangen und von Staatswegen als Sklaven verkauft (Waitz 3,
+244). Sklavenjagden in Nordamerika von Seiten der Engländer und Spanier
+waren ganz gewöhnlich. Die frommen Puritaner, die Gott dankbar waren für
+jede verheerende Krankheit, welche unter den Indianern wüthete (Waitz 3,
+242), sahen in jedem gelingenden Greuel der Christen gegen die Indianer,
+namentlich wenn diese massenweise zu Grund gingen, ein Zeichen
+göttlicher Gnade, in jedem Misslingen eines Mordzuges einen göttlichen
+Zornausbruch gegen sie selber und bekannten dies laut (Waitz 3, 244-45).
+Man dachte gar bald daran, die Indianer ganz auszurotten: und soll uns
+das wundern, wenn wir erfahren, dass noch in diesem Jahrhundert der
+Regierung der Vereinigten Staaten ein förmliches Projekt zur Vertilgung
+der Indianer vorgelegt wurde? Und wie man sie vertilgte! »Die Engländer,
+versichert Trumbull bei Waitz 3, 248, hatten damals (im 17. Jahrhundert)
+und später viel Zweifel darüber, ob es sich mit dem Christenthum und der
+Menschlichkeit vertrage, die Feinde lebendig zu verbrennen.« Die Weissen
+haben, wie schon hieraus hervorgeht und auch sonst überall, oft sogar
+mit dem grössten Rühmen, bezeugt wird, den Krieg mit derselben und oft
+noch viel ärgerer Grausamkeit geführt, als die Indianer selbst (ebd.
+258. 260); noch 1830 haben sie, wie früher öfter, unter den Pani das
+Blattergift verbreitet (ebd. 259). Wie man nun die Völker um ihr Land
+geprellt, wie man sie später immer weiter nach Westen und schliesslich
+über den Missisippi hinübergedrängt hat, ohne Rücksicht auf die
+bedeutend aufblühende Kultur der Cherokees, welche durch diese
+Verpflanzung einen schweren Stoss erlitt, das mag man bei Waitz 3 bis
+299 und b, 26-60 nachlesen: wir wollen nur noch bemerken, dass die
+Natchez, die Schawanoes, die Delawares, Potowatomies, Seminolen,
+Kaskaskias und andere einst mächtige Völker von den Weissen vernichtet
+oder so gut wie vernichtet sind (Waitz 1, 166).
+
+In Südamerika traten die Europäer womöglich noch scheusslicher auf.
+»Benzoni, sagt Waitz 3, 399-100 in Beziehung auf Guyana, hat als
+Augenzeuge ein schauerliches Bild davon entworfen, wie die Spanier in
+diesen Ländern hausten. Das Verbot, Sklaven zu machen, war kein Verbot,
+Sklaven zu halten. Die gewöhnliche Formel, mit welcher letzteres erlaubt
+wurde, lautete: ihr sollt als Sklaven halten dürfen die von den
+eingeborenen Herren des Landes als solche gehalten und euch verkauft
+werden. Das gewöhnliche Verfahren, welches namentlich in Maracapana oft
+zur Ausführung gekommen ist, bestand daher darin, dass man einen
+Häuptling einfing, der gezwungen wurde, sich durch den Verkauf seiner
+Leute als Sklaven die Freiheit zu erwerben, und dass man die so
+gewonnenen Sklaven dann von der Behörde für rechtmässig erklären liess.
+Unterwarf sich aber ein Häuptling freiwillig, so fiel man mit ihm über
+seine Feinde her, um diese zu versklaven oder suchte Streit mit ihm
+selbst. Nasen- und Ohrenabschneiden war eine gewöhnliche und nicht
+selten ausgeführte Drohung der Spanier gegen Indianer, die sich
+ungefügig zeigten, und da das Gesetz verbot, die Lastthiere zu
+überbürden, damit sie sich reichlich vermehren könnten, diente auch dies
+als Vorwand, die Eingeborenen selbst als Lastthiere zu gebrauchen.
+Nächst der Minenarbeit und persönlichen Dienstbarkeit überhaupt hat
+vorzüglich auch die Entführung vieler Weiber ihre Zahl verringert.
+Natürlich liessen sich das die streitbaren Indianer nicht ohne Weiteres
+anthun und man kann denken, welche fürchterlichen Kämpfe eine solche
+Behandlung hervorrufen musste und wie diese Kämpfe selbst, obwohl zum
+Theil glücklich für sie, die Indianer decimiren mussten. In Brasilien
+wars um nichts besser. Obwohl man anfangs den Eingeborenen die Freiheit
+zugesprochen hatte, kam man doch sehr bald dahin, dass man
+Menschenjagden erst duldete und dann (seit 1611) allgemein gestattete
+und diese entwickelten sich gar bald zu einer solchen Höhe, dass in den
+3 Jahren 1628-1630 in Rio de Janeiro allein 60,000 Indianer, meist aus
+Paraguay, in die Sklaverei verkauft wurden, wobei es natürlich auch
+wieder zu den scheusslichsten Kriegen kam, in welchen Europäer und
+Indianer gleichmässig verwilderten (Waitz 3, 450-51). Allerdings setzten
+sich die Missionäre (Jesuiten) hiergegen, allein nur, um die
+Arbeitskraft der Indianer ihrem Orden zukommen zu lassen, und meist mit
+so geringem Erfolg, dass ihr Widerstand gar nichts bedeutete. Uebrigens
+ist auch jetzt noch das Loos der unter brasilianischer, also
+portugiesischer Herrschaft stehenden Indianer kaum besser (ebd. 453),
+wie die Portugiesen wohl diejenigen Europäer sind, welche am
+unmenschlichsten mit den Amerikanern umgingen. Das beweist auch, wie sie
+mit den Indianern der Pampas verfuhren. Wir wollen hören, was hierüber
+v. Tschudi 2, 261-64 von vergangenen Zeiten und von der Gegenwart sagt:
+»Das Verhältniss zwischen den erobernden Portugiesen und den Indianern
+war seit dem 16. Jahrhundert im allgemeinen ein getrübtes. Bekanntlich
+trachteten die Ansiedler so viel als nur möglich, die Eingeborenen für
+die Feldbestellung und für den Bergbau zu benutzen. Diese aber fanden im
+ganzen wenig Freude an solchen ihren natürlichen Neigungen mehr oder
+weniger widerstrebenden Verrichtungen und wollten ebenso wenig in ein
+Dienstverhältniss zu den Eindringlingen treten. Die gebieterische
+Nothwendigkeit, Arbeitskräfte zu besitzen, führte die Portugiesen
+allmählich dahin, sich der Indianer mit Gewalt zu bemächtigen und sie zu
+unentgeltlichen Dienstleistungen zu zwingen. Binnen kurzem bildete sich
+eine Indianersklaverei und ein schwunghafter Menschenhandel aus. Banden
+kühner Abenteurer zogen nach den Urwäldern auf Menschenjagd und
+verkauften nach der Rückkehr ihre Beute an Grossgrundbesitzer, in denen
+sie stets willige Abnehmer fanden. Königliche Verordnungen autorisirten
+gewissermassen dieses empörende Verfahren und nur an der Gesellschaft
+Jesu fanden die hartbedrängten Urbewohner Vertheidiger und Beschützer.
+Durch massenhafte Einfuhr von Sklaven von der afrikanischen Küste,
+verbunden mit einer etwas humaneren Gesetzgebung, verminderte sich,
+besonders im 18. Jahrhundert, die Indianersklaverei, dagegen aber
+entwickelte sich an vielen Grenzpunkten der Civilisation ein förmlicher
+Vernichtungskrieg zwischen Portugiesen und Indianern. Ueberlegenheit der
+Angriffs- und Verteidigungswaffen sicherten den ersten den Erfolg .....
+deren weite mit gehacktem Blei geladene Trabucos oft schreckliche
+Verwüstungen unter den Gegnern anrichteten.
+
+Wilde Bluthunde, die ausschliesslich auf Indianerfährten abgerichtet
+waren, halfen den nicht weniger blutdürstigen Menschenjägern die
+feindlichen Lager ausfindig machen. Die Offiziere wetteiferten, wer die
+besten Indianerhunde besitze, und ein gewisser Lieutenant Antonio
+Pereira liess die seinigen nur Indianerfleisch geniessen, um sie stets
+bei guter Nase zu erhalten. Als durch die Einführung der weit
+arbeitsfähigeren Neger die Indianer fast ganz entwerthet wurden, so
+handelte es sich bei solchen Expeditionen nicht mehr darum, Menschen zu
+fangen, sondern nur eine möglichst grosse Zahl zu morden. Um diesen
+Zweck, die Vernichtung der Indianer, in ausgedehntem Massstabe zu
+erreichen, griffen die Portugiesen zu den niederträchtigsten Mitteln.
+Sie legten Kleider von Personen, die an Blattern oder Scharlach
+verstorben waren, in der Absicht in die Wälder, dass Indianer sich diese
+aneignen und infolge dessen Epidemien unter ihnen ausbrechen und
+grässliche Verheerungen unter ihnen anrichten sollten.« Also ganz wie es
+die Engländer in Nordamerika machten!--Nachdem nun Tschudi gesagt hat,
+dass die Spanier zu solchen schändlichen Mitteln nie gegriffen hätten,
+fährt er fort: »trotz der schönen aber leider so mangelhaft ausgeführten
+Constitution Brasiliens hat der Vernichtungskrieg gegen die Indianer der
+Provinz Minas bis auf die neueste Zeit noch fortgedauert. Heute noch
+(1860) leben dort Individuen, denen eine Indianerjagd der höchste Genuss
+ist und die noch sorgfältig Schweiss- und Spürhunde zu diesem Zwecke
+pflegen. Nur eine kurze Zeit ist verflossen, seit ein kaiserlich
+brasilianischer Militärcommandant als Repressalien für einen von den
+Indianern begangenen Mord ein Indianeraldea (Dorf) überfiel und als
+Siegestrophäe _dreihundert_ Ohren von grausam abgeschlachteten Indianern
+in den Flecken St. Matheus, südlich vom Mukury brachte! Selbst der
+kaiserliche Commissionär ... neigt sich mehr zu den Vertilgungsmitteln
+hin, als auf rein menschliche Weise die Indianer der Civilisation
+unterthan zu machen....
+
+Ottoni führt einige Beispiele an, wie der Vernichtungskrieg gegen die
+Indianer auch in neuerer Zeit geführt wurde. Der Schauplatz dieser
+elenden Thaten war das Quellgebiet des Mukury und ein Theil von dem des
+Jaquitinhonha. Die Hauptleiter der Mörderexpeditionen waren zwei
+indianische Soldaten Cré und Crahy, denen sich als dritter würdiger
+Genosse ein gewisser Tidoro zugesellte. Sie handelten aber nur auf
+höheren Militärbefehl. »Eine Aldea umbringen« war ihr Losungswort, der
+Zauber, der sie für ihr Henkerhandwerk fanatisirte. Mit Hülfe kaiserlich
+brasilianischer Soldaten und »Liebhaber« (oft den besten Ständen
+angehörend) umringten sie während der Nacht die dem Untergang geweihte
+Aldea und stürmten sie mit dem ersten Tagesgrauen, so dass die
+aufgehende Sonne nur noch blutrauchende grässlich verstümmelte Leichname
+beschien. Die arglosen Indianer hatten gewöhnlich keine Idee von dem
+ihnen drohenden Verhängniss: sie wurden meistens im tiefen Schlaf
+überrascht. Die Soldaten bemächtigten sich immer zuerst der in einer
+Ecke zusammengestellten Bogen und Pfeile, um so weniger gefährdet die
+wehrlosen Indianer abzuschlachten. Nur die Kinder (Kurukas) wurden
+verschont, sie waren Kriegsbeute! Ein solches Kuruka wurde in der Regel
+für 100 Milreis verkauft. Selbst in neuester Zeit war der Gewinn, der
+aus dem Verkauf der erbeuteten Kinder gezogen wurde, das einzige Motiv,
+um eine Aldea umzubringen. Und dieses geschieht im constitutionellen
+Brasilien gegen die ursprünglichen Bewohner des Landes! Am Rio
+Jaquitinhonha, am Mukury, am Rio St. Matheus, am Rio Dolce sind
+zahlreiche Beispiele dieser Menschenschlächtereien vorgekommen. Vier
+Jahre vor meinem Besuch am Mukury leiteten die Henkersknechte Cro und
+Crahy eine solche Metzelei bei Queriba am Jaquitinhonha. Sogar im Jahr
+1861 wurde wenige Meilen von Philadelphia eine derartige
+Menschenschlächterei ausgeführt. Im Jahre 1846 wurde in Marianna, 2
+Leguas von St. Jose de Porto Alegre, an der Mündung des Mukury, der
+Tribus des Häuptlings Shiporok fast gänzlich vernichtet. Sechzehn
+Schädel der ermordeten Indianer kaufte ein Franzose und schickte sie an
+ein pariser Museum.«
+
+Man muss diese Nachrichten, welche jede Vorstellung übersteigen, bei
+einem so glaubwürdigen Schriftsteller wie Tschudi selbst lesen, um sie
+zu glauben. Uebrigens ging es den Araukanern kaum besser, die in einem
+fast 200jährigen Kampfe (von 1540-1724) mit den Spaniern um ihre
+Unabhängigkeit rangen. Auch hier waren es wieder die Europäer, welche
+die grauenvollsten Grausamkeiten gegen die tapferen und edeln Amerikaner
+begingen, welche letztern aber auch, wie es natürlich war, in einem
+solchen Krieg verwilderten und herunterkamen, so dass man jetzt in ihnen
+die alten Araukaner nicht mehr zu suchen braucht (Waitz 3, 521 ff.). Wie
+die Spanier noch in diesem Jahrhundert gegen sie verfuhren, geht aus
+folgender, von einem Augenzeugen erzählten Geschichte hervor, welche den
+portugiesischen Schandthaten würdig zur Seite steht: »von einem
+Indianerstamme, der sich in seinem Versteck aller Nachforschungen
+entzog, konnte Major Rodriguez nur ein Weib auffinden mit ihrem Sohn und
+ihrer Tochter, die noch Kind war. Drohungen und Versprechungen bewirkten
+nichts über sie, um sie zur Verrätherei zu bewegen. Da liess man den
+Sohn niederknien und erschoss ihn vor den Augen seiner Mutter und
+Schwester. Dennoch wollte das Weib nichts gestehen. Auch sie musste
+niederknien, um zu sterben; da erbot sich die Tochter, das Versteck
+ihres Vaters und ihrer Brüder zu verrathen. Die Mutter stürzte wüthend
+über sie her und wollte sie erdrosseln, doch man entriss ihr das Kind
+und schleppte sie fort in der von diesem bezeichneten Richtung, während
+sie die Tochter mit den härtesten Vorwürfen wegen ihrer Feigheit und
+Entartung überhäufte. Ihre ganze Familie musste sie hinschlachten sehen
+und gab verzweifelnd und mit dem letzten Athemzuge den Mördern fluchend
+bei diesem Anblicke ihren Geist auf« (Waitz 3, 526). Solche Beispiele
+viehischer Unmenschlichkeit stehen keineswegs als einzelne wegen ihrer
+besonderen Scheusslichkeit merkwürdige Fälle da: sie sind in diesen
+Kriegen das ganz Gewöhnliche.
+
+v. Tschudi gab an, dass die Botokuden bei den Jesuiten Schutz gefunden
+hätten; und wenn allerdings die Geistlichen bisweilen ihre Stimmen für
+die Unterdrückten erhoben, so war das keineswegs überall oder immer der
+Fall; ja die Geistlichen wurden sehr häufig nur eine neue Plage für die
+Eingeborenen durch die Mittel, wie sie die Indianer für die Taufe
+gewannen: einfach dadurch, dass sie dieselben jagten, fingen und dann
+tauften oder so lange einsperrten, bis sie sich taufen liessen, was
+freilich von den spanischen Gesetzen verboten war, aber doch oft genug,
+mit Hülfe anderer Indianer, ausgeführt wurde. Nur allzubekannt ist jene
+fürchterliche Geschichte von der Guahibaindianerin, welche mit ihren
+Kindern gefangen worden war und von der
+
+ Zu der Guahiba und der Christen Bildniss
+ Erzählet jener Stein mit stummem Munde
+ Am Atapabos-Ufer in der Wildniss.
+
+Diese Geschichte spielt etwa um 1770: und Humboldt, welcher sie uns aus
+dem Munde der Geistlichen selbst erzählt (b, 5, 81 ff.; vgl. Chamisso
+Werke 4, 69 ff.), fährt fort: »Dergleichen Jammer kommt überall vor, wo
+es Herren und Sklaven gibt, wo civilisirte Europäer unter versunkenen
+Völkern leben, wo Priester mit unumschränkter Gewalt über unwissende,
+wehrlose Völker gebieten« (Humboldt a.a.O. 85). Und er hat Recht:
+denselben Jammer finden wir in Californien wieder, wohin die spanische
+Herrschaft hauptsächlich durch Missionäre gebracht war, und wo diese
+letzteren Schlingen legten, um Indianer zu fangen oder zu demselben
+Behuf bewaffnete Schaaren ausschickten. Widersetzte sich einer der
+Eingeborenen der neuen Lehre, so sperrte man ihn zunächst ein und liess
+ihn hungern, dann zeigte man ihm Fleisch, um ihm von dem guten Leben,
+das ihn bei den Missionären erwarte, einen Begriff zu geben und
+suchte ihn so zum--Christenthum zu gewinnen (Beechey 1, 356).
+Wiedereingefangene Deserteure erhielten nach Langsdorff Stockprügel, die
+sehr häufig auch bei Frauen angewendet wurden, und es wurde ihnen ein
+schwerer Eisenstab angehängt, um fürderhin Flucht ihnen unmöglich zu
+machen. Da nun die so Bekehrten ganz wie Sklaven den frommen Missionären
+dienen mussten, so ist es einmal kein Wunder, wenn sie, um dieser
+Religion, dieser Kultur zu entfliehen, kein Mittel scheuten, auf der
+anderen Seite aber auch nicht, wenn wir sie massenhaft in den Missionen
+sterben sehen. Krankheiten wütheten und von Jahr zu Jahr wuchs die
+Sterblichkeit. 1786 waren 7701 Indianer getauft, von denen 2388 starben;
+1813 waren 57,328 getauft, aber gestorben 37,437 (Beechey 1, 370).--Als
+nun später die Missionen durch die politischen Verhältnisse Californiens
+verfielen, wurde das Loos der Eingeborenen noch schlimmer. Sklavenjagden
+oder auch geradezu Menschenhetzen begannen, man schoss sie nieder, ohne
+Unterschied des Alters und Geschlechtes, wo man sie traf. Ein spanischer
+General hatte (nach Wilkes) Californier zu Soldaten einexercirt; als sie
+sich aber sehr brauchbar zeigten, bekam er Furcht vor ihnen und liess
+sie alle niederschiessen (Waitz 2, 244-51).
+
+Am allerärgsten aber haben die Weissen in den kultivirten Gegenden
+Amerikas gehaust, welche sie zuerst vom ganzen Continente kennen
+lernten. Die Eroberung von Mexiko kostete, wie ein Spanier (Clavigero
+bei Waitz 1, 189-90) angibt, mehr Menschen, als während der ganzen Dauer
+des mexikanischen Reiches den Göttern geopfert sind; wenn auch die
+Behauptung desselben Schriftstellers, die Bevölkerung des Landes sei
+durch die Eroberung bis auf ein Zehntel gesunken, von Waitz (4, 190) mit
+Recht als übertrieben angesehen werden mag. Aber Gomara selbst, der für
+Cortez schreibt, berichtet, dass weder Weiber noch Kinder von den
+Spaniern geschont seien (Waitz 4, 186); und doch war Cortez noch
+derjenige, welcher wenigstens ohne unnöthige Grausamkeit verfuhr,
+während seine Nachfolger geradezu unmenschlich hausten. Doch auch Cortez
+vertheilte, trotzdem es ihm hart erschien, die Mexikaner unter die
+spanischen Eroberer als Knechte und der höchste Adel sowohl wie gemeines
+Volk mussten ihren Enkomenderos die härteste Arbeit thun, unter der sie,
+überhaupt nicht an strenge Arbeit, am allerwenigsten aber an so ganz
+unmenschliche Ueberbürdung gewöhnt, massenweis erlagen. Widerspenstige
+oder wer, gleichviel aus welchem Grunde, den Tribut nicht zahlte, wurden
+als Sklaven verkauft. Dieser Tribut aber war enorm und wurde mit der
+grössten Strenge, sehr häufig auch mit den ärgsten Betrügereien und
+Erpressungen beigetrieben. Viele tödteten sich nun aus Verzweiflung,
+andere verabredeten sich, keine Kinder mehr zu erzeugen oder künstlichen
+Abortus zu bewirken, um wenigstens ihre Nachkommen von diesem ganz
+unerträglichen Elend, das noch durch jene fürchterlichen eingeschleppten
+Krankheiten furchtbar erhöht wurde, zu bewahren. Bei der Eroberung waren
+die Wasserleitungen mit zerstört und dadurch erhob sich neues Elend:
+denn ein grosser Theil des Landes ward dadurch zur Wüste (Waitz 4, 187).
+Das Christenthum, das übrigens sobald es sich der Eingeborenen annahm,
+von den spanischen Machthabern aufs Heftigste angefeindet wurde, kam nun
+auch und mit ihm die Inquisition, die gar nicht selten 100 Ketzer auf
+einmal verbrennen liess (4, 189)--kurz, es ergoss sich auf die
+unglücklichen Menschen ein so grimmiges Elend, wie vielleicht kein Volk
+sonst hat aushalten müssen, und es ist kein Wunder, wenn auch hier die
+Eingeborenen vor dem »Hauche der Kultur« schaarenweis starben; ein
+Wunder ists nur, dass sie trotz aller dieser Leiden bis auf den heutigen
+Tag nicht ausgerottet sind.
+
+Nicht anders hausten die Spanier in Guatemala (4, 268), in Nikaragua
+(280) und noch ärger auf den Antillen und Lukayen (Bahamainseln), deren
+Einwohner, mehrere 100,000 an der Zahl innerhalb weniger Jahrzehnte
+gänzlich vernichtet sind, wozu die eingeschleppten Krankheiten, die
+Minenarbeiten, die nichtswürdigen Knechtungen und oft ganz zwecklose
+Menschenmetzeleien das Meiste beitrugen. Massenweise tödteten die
+Eingeborenen sich selbst. Columbus selbst hatte ganz dieselbe Gesinnung
+wie seine Landsleute: Menschenraub, Sklaverei, grausame Verstümmelungen
+geschahen auf seinen Befehl und die spanische Regierung war, obwohl
+Isabella diese Behandlung der Eingeborenen im höchsten Grade
+missbilligte, viel zu schwach, irgend etwas Bleibendes zu Gunsten der
+Indianer zu erreichen (Waitz 4, 331. 334).
+
+Ebenso ging es in Darien (4, 351) und Neu-Granada (377) und dass es in
+Peru eher schlimmer als besser war, dafür bürgt schon der Name Pizarro.
+Das beliebte Mittel der Portugiesen, Bluthunde, die auf Indianer
+dressirt waren, gegen diese loszuhetzen, wurde hier namentlich
+angewandt. Wir erinnern hier an die schon erwähnte Bitte des gefangenen
+Fürsten, ihn nicht verbrennen, nicht den Hunden vorwerfen, sondern
+einfach erhängen zu lassen (1, 478 ff.). Nach Gomara sind in den Kriegen
+unmittelbar nach der Eroberung etwa anderthalb Millionen Eingeborene
+aufgerieben; die übrigen litten unter dem Druck der Encomiendas und
+Mitas (zwangsweise Vermiethung der Eingeborenen an Privatleute, von der
+Mestizen, Mulatten, Zambos frei waren) so unerträglich, dass sie durch
+das Uebermass von Arbeit schaarenweis aufgerieben wurden. Dazu kam noch
+der furchtbare Steuerdruck unter den habgierigen Spaniern, an welchem
+sich übrigens die Geistlichkeit ohne die geringste Scheu aufs
+lebhafteste mit betheiligte. Nimmt man dies leibliche Leiden zusammen,
+und dazu das Bewusstsein der gänzlichen Ohnmacht gegen diesen Gegner, so
+wird man sich die psychischen Leiden dieser Menschen denken können;
+diese fallen aber mit dem grössten Gewicht in unsere Wagschale, da ihnen
+gewiss grosse Mengen erlegen sind, wie vielfach bezeugt ist. Gewiss,
+wenn man die Amerikaner in Nord und Süd betrachtet, deren Bedrückung
+noch nirgends ganz aufgehört hat, so ist das das allein Wunderbare, dass
+jetzt, nach 300 oder 200 Jahren eines solchen Druckes, noch irgend etwas
+von der Urbevölkerung existirt.
+
+
+
+
+§ 17. Fortsetzung. Der stille Ozean.
+
+
+Eine ähnliche Behandlung wie die bisher besprochenen Völker von
+Holländern, Engländern, Spaniern und Portugiesen erfuhren die
+Kamtschadalen und Aleuten durch die Russen. Nach King (Cook 3te Reise 4,
+171) wüthete der Russe Atlassof, der 1699 Kamtschatka zuerst entdeckt
+hatte, seit 1706 zum zweiten Male Befehlshaber daselbst, »um die
+Einwohner mit guter Art und durch friedliche Mittel zu gewinnen«, in dem
+Lande so arg, dass seine eigenen Leute, die Kosaken, welche bis dahin
+friedlich mit den Kamtschadalen ausgekommen waren, gegen ihn einen
+Aufstand erhoben und sich in den Besitz der Halbinsel setzten. Dadurch
+ward es aber nicht besser, denn sie wütheten, einmal an Mord und Blut
+gewöhnt, von nun ab unter den Eingeborenen von Kamtschatka selbst. »Die
+Geschichte dieser Halbinsel von jenem Zeitpunkte an bis in das Jahr 1731
+ist eine Reihe von Mordthaten, Empörungen und wilden blutigen Gefechten
+kleiner im ganzen Lande streifender Parteien.« Damals nämlich erhoben
+sich die erbitterten Kamtschadalen, um ihr Land nicht immer weiter
+unterjocht werden zu lassen und um sich an ihren Peinigern zu rächen.
+Behring war zu jener Zeit da, welcher alle ihm entbehrlichen Truppen,
+mit Ausnahme kleiner Besatzungen in den Festungen des Landes, gegen die
+Tschuktschen schickte, denn bei der ausserordentlichen Klugheit,
+Verschwiegenheit und Energie der Kamtschadalen hatte weder er, noch
+irgend sonst ein Russe eine Ahndung von einer Verschwörung, welche über
+die ganze Halbinsel ausgebreitet war. Sie war sehr gut organisirt; von
+kleinen aufhaltenden Zwischenfällen z.B. waren in kürzester Frist alle
+Oberhäupter derselben benachrichtigt: und so gelang es denn, nach
+Behrings Abfahrt den Kamtschadalen, dass sie die Festungen rasch
+einnahmen, und alles was von Russen noch im Lande war (Weiber und Kinder
+mit eingeschlossen) niedermachten oder in die Gefangenschaft
+wegschleppten. Behring aber, durch widrige Winde an der Küste
+festgehalten, erfuhr das Geschehene, kehrte zurück und belagerte das
+Fort, wohin sich die Kamtschadalen auf Kunde seiner Rückkehr geworfen
+hatten; allein nicht eher konnte er es--so tapfer war der
+Widerstand--einnehmen, als bis es endlich durch einen Zufall in die Luft
+gesprengt wurde. Da nun die Kamtschadalen auch in einigen offenen
+Gefechten, die sehr blutig waren und sonst den kürzeren zogen, so
+mussten sie sich zum Frieden bequemen. Von da ab blieb alles ruhig,
+einzelne Aufstände abgerechnet--welche ein deutliches Bild geben, wie
+die Russen sich gegen die durch jenen Aufstand gebrochenen Kamtschadalen
+betrugen. Wenn die Halbinsel, nach King, sich nach 1731 wieder so erholt
+haben soll (doch King selbst berichtet zweifelnd), dass sie später
+volkreicher war als früher, so ist dieser Nachricht kein Glauben zu
+schenken, oder sie bezieht sich auf die Erhöhung der Bevölkerung,
+welche durch Einwanderung erfolgte. Die Russen fuhren fort, wie sie
+angefangen hatten; wären die Kamtschadalen noch die alten gewesen, die
+mit solcher Umsicht und Thatkraft den Aufstand von 1731 ausführten, sie
+hätten von Neuem gegen das Joch anzukämpfen versucht, was bis auf jene
+ohnmächtigen Aufstände, welche gegen die Peiniger sich örtlich erhoben,
+nicht weiter geschah. Jener Krieg hatte sie eben gebrochen. Und so
+erlagen sie denn gänzlich, als zuerst 1767 jene Epidemien ausbrachen,
+die wir schon geschildert haben.
+
+Abgesehen von Krieg und Seuchen hat ihnen der Pelzhandel unendlich
+geschadet. Krusenstern (3, 52-53) erzählt, dass die Agenten der
+amerikanischen Compagnie und die russischen Händler im Lande
+umherziehen, die einzelnen, mit denen sie handeln wollen, mit Branntwein
+völlig trunken machen, was ihnen bei der Leidenschaft der Kamtschadalen
+für den Trunk gar nicht schwer wird, und dann den ganzen Vorrath von
+Pelz, den jene besitzen, den Besinnungslosen abnehmen, um sich für »die
+Menge des getrunkenen Branntweins bezahlt zu machen.« So verliert der
+Unglückliche, fährt Krusenstern fort, den Lohn monatelanger Mühe, statt
+sich zum Leben nützliche und nöthige Dinge kaufen zu können, in einem
+Rausche. »Grösseres Elend (S. 54) ist auch mit Niederdrückung seines
+Geistes verknüpft, welche einen äusserst schädlichen Einfluss auf seinen
+ohnehin schon siechen Körper haben muss, da dieser zuletzt bei
+gänzlichem Mangel an substantieller Nahrung und jeder medizinischen
+Hülfe beraubt solchen harten Stössen nicht lange widerstehen kann. Dies
+scheint mir die wahre Ursache ihrer jährlichen Abnahme und allmählichen
+gänzlichen Ausrottung zu sein, welche durch epidemische Krankheiten, die
+sie haufenweise wegraffen, befördert wird.«
+
+Auch auf friedlichem Wege wird ihre Zahl verringert: denn hier und auf
+den Aleuten sind sie mit den Russen vielfach durch Heirathen
+zusammengeschmolzen.
+
+Allein auch auf den Aleuten haben sich die Russen meist nur feindselig
+gezeigt. Namentlich sind es die russischen Wildjäger (Promyschlenniks,
+welche von 1760-90 die Inseln beherrschten, Waitz 3, 313), die sich
+durch wüste Grausamkeit auszeichnen. »Sie pflegten nicht selten Menschen
+dicht zusammenzustellen und zu versuchen, durch wie viele die Kugel
+ihrer gezogenen Büchse hindurchdringen könne«, sagt Sauer (aus dem
+Tagebuch eines russischen Offiziers, das er in den Anhängen an seine
+Reise mittheilt) bei Chamisso 177. Dazu kommt noch die sklavische
+Knechtung, in welcher Kamtschadalen und Aleuten von den Russen gehalten
+werden (Chamisso 177 und Langsdorff): wie denn z.B. die Hälfte der
+gesammten männlichen Bevölkerung von 18-50 Jahren das ganze Jahr
+hindurch unentgeltlich von ihnen in Anspruch genommen wird (Kittlitz 1,
+295). Daher hat Waitz ganz Recht, wenn er die Nachrichten über das
+milde Verfahren der Russen nicht eben hoch anschlägt (3, 313-14). Nach
+den Schilderungen von Chamisso, der hier mit Kotzebue (1, 167--68) ganz
+übereinstimmt, sind sie jetzt ein träges auch in seiner Freude trübes
+und theilnahmloses Volk (Cham. 177), wozu sie in Folge des
+unaufhörlichen Drucks geworden sind. Einzelne sollen sich, ähnlich wie
+die »wilden Männer« von Tahiti, in die Berge geflüchtet haben und dort
+ein kümmerliches Leben fristen (Chamisso 177).
+
+Von der Inselwelt des stillen Ozeans kamen die Europäer zuerst in
+dauernde Berührung mit den Marianen, wo die Spanier, als sie 1668
+landeten eine sehr bedeutende Bevölkerung (100,000 ist nicht
+übertrieben, wie wir schon sahen) auf der ganzen Kette vertheilt
+fanden--und um 1710 war nur noch Guaham, die südlichste und grösste
+Insel bewohnt, die anderen verödet. Der Krieg, welchen namentlich
+Quiroga mit blutiger Tapferkeit führte, und der über 30 Jahre dauerte,
+zahlreiche Epidemien, Verpflanzung der Eingeborenen von einem Distrikt
+zum anderen (welches Mittel auch in Amerika die verheerendsten Folgen
+hatte) trugen zu dieser Vernichtung das ihrige bei. Aber wenn auch nach
+den Berichten, die wir haben und die ganz, wie le Gobien und Freycinet,
+auf spanischen Quellen beruhen oder Erzählungen der bei der spanischen
+Unterwerfung thätigen Jesuiten sind wie die Berichte im »neuen Weltbott«
+(einer Missionzeitung a.d. Anfange des vorigen Jahrhunderts); wenn auch
+nach diesen Quellen die Spanier nicht mit der empörenden Grausamkeit
+verfuhren wie in Amerika: so ist es doch auffallend, dass wir ganz
+dieselben Erscheinungen hier wie dort nach ihrem Auftreten finden,
+wildeste Verzweiflung der Eingeborenen--welche hier wie dort anfangs den
+Spaniern sehr freundlich entgegenkamen--massenhaftes Auswandern
+derselben, zahllosen Selbstmord, künstliche Fehlgeburt oder Ermordung
+der Kinder bei der Geburt und schliesslich und sehr bald totale
+Entvölkerung der Inseln, welche für Guaham nur durch zahlreiche
+Einführung philippinischer Tagalen verhütet ist. Wahrscheinlich hausten
+also hier die Spanier mit derselben rohen Bedrückung und wilden
+Grausamkeit, welche sie überall zum Fluch der neuentdeckten Länder
+machte, nur dass hier, ganz ähnlich wie über das ebenso rasch
+entvölkerte Honduras (Waitz 4, 280), unsere Quellen schweigen, oder nur
+parteiisch und einseitig berichten. Sicher wird man aus dem Aussterben
+der marianischen Bevölkerung keinen Schluss ziehen können zu Gunsten der
+Ansicht, dass die Naturvölker, weil sie von schlechterer Organisation
+seien, den Weissen erlägen.
+
+Polynesien ist 3 Jahrhunderte später entdeckt worden als Amerika, eins
+später als die Marianen; so sehen wir denn hier die kultivirte
+Menschheit anders als bisher. Zwar zeigen die früheren Durchsegler des
+Ozeans, die Spanier, Dampier, Roggeween, dieselbe Rohheit den
+Naturvölkern gegenüber wie alle ihre Zeitgenossen; allein im Ganzen ist
+man hier milder aufgetreten als sonst, wozu ausser dem kleineren Terrain
+wie der geringeren Zahl, in welcher die Europäer demgemäss auftreten,
+der Hauptgrund das Jahrhundert ist, in welchem man die meisten dieser
+Inseln entdeckte. War es doch die Zeit des Philanthropismus und glaubte
+man doch die erträumten Ideale von menschlicher Glückseligkeit, wie z.B.
+Rousseau sie in Europa entwarf, hier im Leben der Südseeinsulaner
+verwirklicht zu finden; ein Umstand, der für die Art, wie man den
+Polynesiern entgegentrat, von grosser Bedeutung war. Und noch, wichtiger
+war es, dass gleich nach der Entdeckung zu ihnen Missionäre der
+protestantischen Kirche, denen es nicht auf Ausbreitung des christlichen
+Namens und der äusseren Gebräuche, sondern da sie selbst im tiefsten
+Herzen wahre Christen waren, auf die Emporhebung und Förderung der
+Eingeborenen ankam. So steht der treffliche Wilson, der erste Missionär
+der Südsee (1795), an der Spitze einer Reihe von Ehrenmännern, die, wenn
+auch hin und wieder selbst nicht frei von menschlichen Schwächen, auf
+das Wohlgemeinteste für diese Völker sorgten.
+
+Allein weder sie noch der fortgeschrittene Geist der Jahrhunderte
+konnten auch hier die bösen Wirkungen der Kultur und ihrer Träger
+abwehren. Eine Reihe einzelner Brutalitäten, deren Helden meist
+Schiffskapitäne und ihre Matrosen sind, kamen auch hier vor, welche
+allerdings bei der geringen Anzahl der Einwohner für die einzelnen
+Inseln gefährlich genug sein konnten und z.B. für Waihu verderblich
+gewesen sind (Mörenhout 2, 278-79, der Genaueres und die Quellen gibt).
+
+Aber auf die Dauer gefährlich wurden die Europäer durch die
+Verbrecherkolonien, welche sie in der Südsee (Neuholland, Tasmanien und
+sonst) anlegten. Denn eine Menge der deportirten Verbrecher entwichen
+und indem sie sich auf verschiedenen Inseln des Ozeans umhertrieben oder
+auf einzelnen festsetzten, schleppten sie ausser Krankheiten eine Menge
+Laster ein oder reizten, was oft genug vorgekommen ist, die Eingeborenen
+zum Krieg gegen die ankommenden Weissen, der meist den Eingeborenen
+verderblich wurde; oder zum Widerstand gegen die Missionäre, der ihnen
+nach anderer Seite hin schadete.
+
+Ausserdem wird die Südsee durchkreuzt von einer Menge von Walern, welche
+oft ziemlich lange Rast auf den einzelnen Inseln halten und deren
+Mannschaft sehr oft aus dem Abschaum aller Völker zusammenfliesst. Auch
+sie wirkten auf gleiche Weise ausserordentlich unheilvoll. Für Hawaii
+allein schlägt Virgin (1, 269) die Zahl derselben auf jährlich 15-20,000
+an und er erwähnt auch, wie die Syphilis durch sie fortwährend neue
+Nahrung bekommt. Diesen Walern und ihrem entsittlichenden Einfluss
+schreibt auch Gulick die Abnahme der Bevölkerung von Kusaie, von der
+oben die Rede war, zu.
+
+Ferner hat hier die Feindseligkeit, mit welcher die nicht geistlichen
+Europäer den Missionären, meist aus Gewinn- oder Genusssucht,
+entgegentraten (genauere Belege bei Meinicke b und Lutteroth) ganz
+besonders nachtheiligen Einfluss ausgeübt; und nicht minder der Streit,
+welchen die katholische Kirche in der Südsee mit den evangelischen
+Missionären anfing. Frankreich war es, welches als »Werkzeug der
+Propaganda« (Lutteroth 164) in diesem Theil der Welt auftrat und die Art
+und Weise, wie es das gethan hat, war keineswegs im Interesse der
+Polynesier. Erstaunt man schon über die Orgien, welche seine Vertreter
+verübten--so Dumont d'Urville auf Nukuhiva (4, 5, ff.), Laplace und die
+Mannschaft der Artemise auf Tahiti (Lutteroth 167), so erstaunt man noch
+mehr über die Unbefangenheit, mit welcher die französischen
+Schriftsteller über diese schmachvollen Vorgänge als etwas ganz
+Selbstverständliches reden. Will man die Eingeborenen dieser Inseln
+heben, so muss man ihr Selbstgefühl zu fördern suchen, man muss, indem
+man die Laster, die ihnen so viel geschadet haben, unterdrückt, auf ihre
+guten Seiten belebend und kräftigend einwirken: von allem aber hat die
+französische Okkupation der Insel Tahiti nur das Gegentheil bewirkt und
+wie man aus der brutalen Art schliessen kann, mit der sie verfuhr, auch
+gewollt. Wenigstens geht aus allem hervor, dass die Einwanderer die
+Eingeborenen hier nicht höher schätzten, als einst die Spanier oder
+Engländer die Amerikaner. In Neuseeland, wo die Engländer fest sich
+niedergelassen und denselben Raçenhochmuth gegen die Eingeborenen
+gezeigt haben, hat ausser diesem letzteren und anderem schon erwähnten
+namentlich der massenhafte Landverkauf schädlich gewirkt, auf welchen
+die Neuseeländer, ohne recht zu wissen, warum es sich handele, eingingen
+und wobei sie oft genug--so namentlich von der Neuseelandcompagnie--sich
+betrogen sahen. Sie geriethen durch den Mangel an Land in grosse Noth,
+durch den Betrug aber in grosse Wuth und die Kriege, welche noch bis vor
+kurzem geführt wurden, beruhen wesentlich auf diesen Gründen
+(Hochstetter 483-97). Durch alles dies, die Kriege nicht in letzter
+Reihe, ist natürlich das Emporkommen der Eingeborenen sehr gehindert.
+
+In Melanesien haben namentlich die Sandelholzhändler, meist englische
+oder amerikanische Capitäne, der Bevölkerung geschadet, da sie, um zu
+ihrer Waare zu kommen, oft die gewaltsamsten und scheusslichsten Mittel
+anwenden. Sie schlagen das Sandelholz nieder, wo sie es finden: daher
+sie häufig in Streit mit den Eingeborenen gerathen. Und in einem solchen
+Kampfe auf Tanna kam es vor, dass, als die Eingeborenen in eine Höhle im
+Gebirge flohen, die nachfolgenden Matrosen vor derselben ein Feuer
+anzündeten und durch den Rauch alle in der Höhle befindlichen
+umbrachten! Auch rauben sie zu ihren Arbeiten Eingeborene der Inseln und
+schleppen sie mit sich fort, welche dann häufig dem Heimweh und der
+Ueberbürdung mit Arbeit erliegen (Turner 493 vergl. 464). Auf allen
+Inseln Melanesiens sind sie gleichmässig gefürchtet (Cheyne).
+
+Meinicke (a 2, 217) hält die Neuholländer für einen der Kultur absolut
+unzugänglichen Menschenstamm. Andere Schriftsteller haben auch
+behauptet, ein friedliches Auskommen mit ihnen sei ganz unmöglich.
+Allein die Engländer haben sich nie die Mühe gegeben, auch nur in ein
+erträgliches Verhältniss mit ihnen zu kommen: und dass dies sehr leicht
+gewesen wäre, beweisen zunächst einzelne Beispiele (Waitz 1 184 ff.),
+wie vor allen das Greys, der überall friedlich mit ihnen fertig geworden
+ist, dann aber geht es aus dem ganzen Betragen der Eingebornen hervor,
+die eher scheu als kriegerisch, im Anfang den Weissen freundlich
+entgegen kamen, ja sogar ihre Niederlassung im eignen Gebiet wünschten
+(Grey 2, 234-35). Auch Meinicke, der wahrlich nicht für die Neuholländer
+Partei nimmt, gibt das zu (a 2, 214). Ihre vielfach behauptete wilde
+Blutgier ist nichts als Fabel--wohl aus dem naheliegenden Grund
+erfunden, um nun gegen sie desto rücksichtsloser zu verfahren. Und das
+ist reichlich geschehen. Zunächst machte man ihr Land vornehmlich zum
+Deportationsort von Verbrechern; Neu-Süd-Wales war Verbrecherkolonie bis
+1843: Westaustralien, das nach Grey's Zeugniss 2, 364 höher stand als
+der Osten des Continents, weil es keine Verbrecherkolonie war, ist es
+neuerdings geworden (Waitz 1, 185) und dass die Ureinwohner die höhere
+Kultur, welche durch diese Sträflinge und ihre Frevelthaten sich
+zunächst bei ihnen ankündigte, »strenge von sich abwiesen« (Meinicke 2,
+217): sollte ihnen das nicht eher zum Lobe gereichen? Sodann hat die
+englische Krone die Rechte der Eingeborenen an ihr Land nie anerkannt;
+sie hat genommen was sie wollte, und als dann die Eingeborenen in Folge
+von Nahrungs-und Landmangel zu Bettlern und Räubern geworden waren, hat
+man hierin ein Zeichen ihrer Unverbesserlichkeit durch die Kultur
+gesehen und sie mit allen Mitteln verfolgt. Später freilich, und auch
+dies erst in Folge der schreiendsten Misshandlungen durch die Weissen,
+hat man sie unter die englischen Gesetze gestellt, allein diese wirken
+wenig zu ihren Gunsten (Grey 2, 368). Denn abgesehen davon, dass die
+Eingeborenen so gut wie gar nicht zeugnissfähig vor Gericht sind, so
+werden auch die Gesetze meist nur da angewandt, wo sie gegen dieselben,
+nicht wo sie zu ihren Gunsten sprechen; ihre Verbrechen an den Weissen
+werden gestraft, nicht aber umgekehrt die der Weissen an ihnen, und
+letztere Verbrechen sind viel zahlreicher. 1838 weigerten sich die
+Geschworenen eine Anzahl Weisser zu verurtheilen, welche 28 Eingeborene
+ganz ohne Grund abgeschlachtet hatten (Waitz 1, 184). Man schiesst
+(Breton 200) die Eingeborenen öfters zum Vergnügen nieder, da sie in
+den Augen der Kolonisten nicht höher stehen, wie etwa der Orang Utang.
+Ja man hat sie an verschiedenen Orten schaarenweise vergiftet (Eyre
+Journal of expedd. into Central-Austral. 1845 2, 176 Note: Waitz 186);
+nach Byrne (12 years wanderings in the british colonies 1848 1, 275,
+Waitz eb.) ist das an vielen Gegenden von Neu-Süd-Wales durch Arsenik
+geschehen und man hat sich laut und öffentlich dieser That gerühmt.
+
+Natürlich ist für ihre Emporhebung so gut wie nichts geschehen; denn was
+wollen die edeln Bemühungen einzelner Männer, wie der Missionäre, sagen,
+wenn das ganze Volk der Kolonisten anders handelt? Grey (2, 364 ff.)
+stellt zusammen, worin man an ihnen gefehlt hat: man betrachtet sie als
+niedere Raçe und behandelt sie deshalb mit dem grössten Vorurtheil und
+der grössten Willkühr. Werden sie zur Arbeit gedungen, so zahlt man
+ihnen oft fast nichts, immer aber weit geringeren Lohn als den
+Europäern. Natürlich schweifen sie lieber bettelnd umher. Sie unter
+englischen Rechtsschutz zu stellen war wohlgemeint: allein man hätte die
+englischen Gesetze auch auf das Unrecht, was sie einander selbst thun,
+anwenden sollen, während jetzt (Grey gibt Beispiele aus Perth) die
+Europäer ruhig zusehen, wenn Eingeborene von Eingeborenen ermordet
+werden; man hat durch diese Art der Einführung des englischen Rechts
+nichts erreicht, als dass die älteren Eingeborenen die jüngeren durch
+grausame Behandlung von der Annahme neuer Sitten abschrecken (Grey 2,
+376). Es ist nach alledem kein Wunder, wenn sie sich von der Kultur, die
+sie so namenlos elend gemacht hat und fortfährt, sie als wilde Thiere zu
+behandeln, streng abwenden, obwohl sie geschickt genug sind, sie unter
+sich aufzunehmen und sich höher zu entwickeln (Grey 2, 374). Grey selbst
+erzählt einen Fall (2, 369), dass ein europäisch unterrichteter
+Eingeborener, der manche Fähigkeiten sich erworben hatte, wieder
+zurückkehrte zu den uncivilisirten Seinen, in die wilden Wälder.
+Wollen wir ihn tadeln, dass er nicht lieber, wie es in Prutzs
+geistreichem-Lustspiel von ähnlichen Verhältnissen heisst,
+
+ Ein Lump auf Griechisch ist, als ein honetter Tektosage?
+
+Bei den Seinen hatte er Familie, Ehre, Vermögen; in der Kolonie war er
+verachtet, ehrlos, arm. »Ich hätte ebenso gehandelt«, sagt Grey.
+
+Aus allem Angeführten geht hervor, dass es sehr unrecht ist, wenn man
+aus der Feindseligkeit der Neuholländer gegen die Kultur schliesst, sie
+seien überhaupt jeglicher höheren Bildung unfähig. Nicht sie haben die
+Kultur, die Kultur hat sie von sich gestossen.
+
+Die Eingeborenen Tasmaniens, welche noch friedfertiger waren als die
+Neuholländer, sind schon vernichtet. Auch hier war eine
+Verbrecherkolonie und was für Früchte sie den Eingeborenen trug, zeigt
+folgende Geschichte: ein Sträfling überredete einen Eingeborenen, dem er
+eine geladene Flinte gab, wenn er dieselbe in sein Ohr losdrücke, so
+würde er eine sehr angenehme Empfindung haben. Er machte ihm, was er zu
+thun habe, mit einer ungeladenen Flinte vor; worauf natürlich der
+Eingeborene sich erschoss (Holman a voyage round the world [1827-1832]
+4, 403). Auch sonst wurden sie, wie offiziell festgestellt ist, aufs
+schmählichste, wie wilde Thiere behandelt. Gleich bei der ersten
+Ansiedelung schoss ein Offizier zum Vergnügen mit Kartätschen unter die
+friedlichen Eingeborenen (Bischof, Sketch of the hist. of V. Diemensl.
+204); andere Schandthaten gleicher Art kamen häufig vor und erst seit
+1810, sieben Jahre nach der Kolonisation ward festgestellt, dass die
+Ermordung eines Eingeborenen als Mord gelten und bestraft werden sollte
+(Hobarttown Almanak for the year 1830, 201). So erhoben sich endlich
+(1826) die erbitterten Eingeborenen zu einem Krieg auf Leben und Tod, in
+welchem sie gefährlich genug wurden, schliesslich aber--war doch auf das
+Einfangen eines Erwachsenen 5 Pfund, auf das eines Kindes 2 Pfund als
+Preis gesetzt (Van Diemensland Almanak for the year 1831 p.
+161)--schliesslich unterlagen sie. Darwin, welcher auch der Meinung ist,
+dass ihre Vernichtung in dem »schändlichen Betragen« der Engländer ihren
+Grund hatte, vergleicht den Krieg gegen sie mit einer der grossen
+ostindischen Jagden (2, 226). Besiegt wurden sie nach Flinders Insel
+deportirt (Darwin a.a.O.); 1848 verpflanzte man sie nach Oyster Cove im
+Canal d'Entrecasteaux und jetzt werden sie wohl, vor dem Hauche einer
+solchen Kultur, ganz ausgestorben sein (Melville the present state of
+Australia 1851 370, Nixon 18). 1815 betrug ihre Zahl noch 5000, 1835
+(nach dem Kriege) noch 111, 1847 waren noch 13 Männer, 22 Weiber und 10
+Kinder übrig; 1854 waren, nachdem 29 gestorben und kein Kind weiter
+geboren war, noch 16 übrig (Petermann 1856, 441 nach dem Blaubuch).
+Nirgends fand Darwin die Vermehrung eines civilisirten über ein
+uncivilisirtes Volk auffallender wie hier: nirgends aber ist auch die
+Vernichtung der Eingeborenen roher und rücksichtsloser betrieben, als in
+Tasmanien (Bischof, Sketch of the hist. of V. Diemensland 1832,
+appendix); wobei wohl in Anschlag zu bringen ist, dass alle diese
+Scheusslichkeiten im 19. Jahrhundert ausgeübt sind.
+
+
+
+
+§ 18. Geographische Vertheilung der einzelnen Gründe für das Aussterben
+der Naturvölker. Vergleichung dieser Gründe in Bezug auf ihr Gewicht.
+
+
+Sorglosigkeit der Völker also gegen sich, in leiblicher und geistiger
+Beziehung: ihre Ausschweifungen, so wie der geringe Werth, welchen sie
+dem Menschenleben geben; Druck der einheimischen Fürsten; dann ihr
+leibliches und geistiges Verkommen durch die nothwendigen Einwirkungen
+einer übermächtigen und von ihnen nur theilweise angenommenen Kultur, so
+wie endlich die Mittel, welche die Kulturvölker theils aus Rohheit,
+theils mit der Absicht gegen sie anwandten, sie auszurotten: diese
+Gründe waren es, welche wir bisher als Schuld an ihrem Aussterben
+bezeichneten. Natürlich haben diese Gründe, wie wir schon sahen, nicht
+alle überall Geltung und es wird nöthig sein, dass wir sie, inwiefern
+sie bei den einzelnen Völkern wirksam waren, hier kurz zusammenstellen.
+
+In Tasmanien ist die Bevölkerung lediglich in Folge des englischen
+Vernichtungskrieges gegen sie zu Grunde gegangen. Gleichfalls nur dem
+Einfluss der Europäer und zwar der Spanier erlegen sind die Bewohner der
+Marianen und der Antillen: allerdings haben hier die Seuchen, welche im
+Gefolge der Europäer ausbrachen, den Weissen die Blutarbeit wesentlich
+erleichtert: allerdings hat die tiefe Niedergeschlagenheit, welche sich
+der Eingeborenen bemächtigte, wesentlich diese Krankheiten und das
+Aussterben befördert. Aber beides, Krankheiten und Melancholie, waren
+erst durch das Auftreten der Europäer hervorgerufen; und gesetzt auch,
+die Seuchen hätten diese Völker ohne die Europäer überfallen, so würden
+sie dieselben wohl überwunden haben, wie ja auch die Bevölkerung Mexikos
+das schwarze Erbrechen, welches schon vor Ankunft der Spanier in
+verheerender Weise wüthete, siegreich ohne bleibenden Nachtheil
+überstanden hat.
+
+Den Europäern allein ist ferner das Verderben der Mexikaner und Peruaner
+zuzuschreiben: nur dass sie am Anfang unterstützt wurden von
+verschiedenen eingeborenen Stämmen und Völkern, welche mit dem Hauptland
+in Feindschaft waren, bis auch diese nach und nach der europäischen
+Bedrückung erlagen.
+
+Der schlimme Einfluss der Weissen und die Seuchen, welche sie brachten,
+war es denn auch vornehmlich, welcher die Neuholländer aufrieb, aber
+keineswegs dieser allein. Bei ihnen ist zweitens die schlechte
+Lebensweise, die dadurch veranlasste Unfruchtbarkeit der Weiber und
+Sterblichkeit der Kinder von sehr bedeutendem Einfluss, so wie drittens
+der Kindermord und viertens die mannigfachen Kriege und Feindseligkeiten
+der Stämme untereinander mit in Anschlag zu bringen sind. Die
+Ausschweifungen, die sich bei ihnen finden--den Trunk haben erst die
+Weissen gebracht--sind zu wenig verbreitet, als dass sie ins Gewicht
+fallen könnten.
+
+Auch die roheren Völker Nord- und Südamerikas würden wir wohl noch in
+derselben Anzahl jetzt vorfinden, wie vor 300 Jahren, wenn der Einfluss
+der Europäer, der als Hauptgrund auch für ihr Aussterben anzusehen ist,
+nicht gewesen wäre. Neben der Wirkung der europäischen Waffen und
+Getränke waren von schlimmstem Einfluss die Seuchen, welche von den
+Weissen (wie wir sahen oft mit der schändlichsten Bosheit) eingeschleppt
+wurden, dann aber auch, ausser den direkten Vernichtungskriegen, das
+geistige und leibliche Verkommen der Eingeborenen in Folge der plötzlich
+eingeführten Kultur und vor allen die tiefe Niedergeschlagenheit, welche
+sich der Indianer, als sie ihre Ohnmacht sahen und sahen, wie sie
+rechtlos zertreten wurden, bemächtigte und die bei ihrer schon
+vorzugsweise melancholischen Natur doppelt gefährlich wirkte. Dazu
+kommen nun noch als gleichfalls sehr wichtige Faktoren zweitens die
+heftigen Kriege, die sie untereinander führten, drittens die in Folge
+der Lebensweise geringere Fruchtbarkeit der Weiber und viertens in
+Südamerika (in Nordamerika war beides zu wenig verbreitet) der
+Kindermord, die Ausschweifungen, namentlich der Trunk.
+
+Und hier müssen wir auf jene schon oben (S. 11) erwähnte Beobachtung
+Tschudis zurückkommen, dass amerikanische Völker, nach einem sehr
+verheerenden Krieg, nach einer sehr schlimmen Epidemie sich nie wieder
+zu ihrer früheren Kraft erhöben, sondern höchstens in diesem reducirten
+Zustand ein elendes Leben weiter fristeten. Diese betrübende Erscheinung
+ist leider nur allzunatürlich. Denn wie ein menschlicher Organismus, der
+sich von einer furchtbaren Krankheit erholt, nur durch lange und
+sorgsame Pflege seine frühere Kraft wieder zu gewinnen im Stande ist:
+eben so ist es der Fall bei ganzen Völkern. Durch das von uns
+geschilderte mannigfache Elend aber, in welchem diese Stämme sich auch
+sonst noch befinden, werden alle ihre Kräfte schon auf die Erhaltung des
+Lebens, wie es nun einmal ist, absorbirt und es bleibt kein Ueberschuss
+übrig für Wiederherstellung des Verlorenen oder Verletzten. Auch wird
+durch solche furchtbare Schicksale die Lebenskraft selbst schwer
+verletzt, indem bei so massenhaftem Elend nothwendig lähmende
+Melancholie oder Apathie eintritt.
+
+Die Fruchtbarkeit der Weiber, ja auch der Zeugungstrieb der Männer wird
+durch den steten Druck der Sorge und Noth, der fast noch schwerer auf
+der Seele ruht als auf dem Leib, wesentlich beeinträchtigt; und ein
+Schlag, den diese Völker, wenn sie sich in besserer, hoffnungsvollerer
+Lage befänden, mehr oder minder leicht überwinden würden, muss jetzt
+nothwendig höchst gefährlich, ja tödtlich auf sie wirken. Schaffte man
+das Elend, das leiblich und geistig auf ihnen lastet, weg--wozu indess
+ebenso viel Umsicht und Energie als Ausdauer und Zeit gehörte--so würden
+auch solche reducirten Völker sich heben und mit den Jahren, die man
+nicht allzu kärglich bemessen dürfte, das werden, woran die
+südamerikanischen Staaten denn doch keinen allzugrossen Ueberfluss
+haben: brauchbare und zuverlässige Bürger. Die Indianerstämme, welche
+man jetzt in den Wäldern verkommen lässt oder gar absichtlich mordet und
+ausrottet, sind ein Capital, was bei vernünftiger Behandlung für die
+Zukunft reichlich Zinsen tragen würde und was man jetzt muthwillig und
+absichtlich vergeudet.
+
+Die Hottentotten sind gleichfalls hauptsächlich der feindseligen
+Ausrottung durch Holländer und Engländer erlegen: allein ihre Macht war,
+wie es scheint, schon durch frühere Kriege mit den umwohnenden Völkern
+gebrochen. Ihre elende Lebensart, Seuchen u.s.w. fördern ihr Aussterben
+mächtig.
+
+Die Kamtschadalen und Aleuten sind den Vernichtungskriegen oder der
+muthwilligen Ausrottung durch die Russen, sowie den von ihnen
+eingeschleppten Seuchen erlegen: zweitens aber wirkten gleichfalls sehr
+die Ausschweifungen (in geschlechtlicher Hinsicht und durch den Trunk),
+denen sie ergeben waren. Sie waren durch dieselben entnervt und deshalb
+zum Widerstand nicht mehr stark genug.
+
+Die Polynesier dagegen haben sich wesentlich selbst zu Grunde gerichtet,
+zunächst durch ihre unsinnigen geschlechtlichen Ausschweifungen (Tahiti,
+Hawaii); sodann durch den bei ihnen so furchtbar verbreiteten
+Kindermord, drittens durch die blutigen und verheerenden Kriege, die sie
+untereinander führten, viertens durch die sinnlose Bedrückung, welche
+die Herrschenden über die Beherrschten ausübten und endlich fünftens
+durch den geringen Werth, in welchem bei ihnen das Menschenleben stand.
+Sie waren schon im Aussterben begriffen, als die Kultur zu ihnen kam,
+und diese hat nur--einzelne Völker, wo ihre Träger grössere Schuld auf
+sich luden, abgerechnet--durch die physische und psychische Erregung,
+die sie bringen musste und wodurch ein sechster Grund für ihr
+Hinschwinden dazu kommt, das Uebel, welches diese Völker wie ein
+schleichendes Gift durchdrungen hatte, zum rascheren Ausbruch und
+schnelleren Verlauf gebracht.
+
+Fragen wir nun, welche von allen diesen Ursachen war die verderblichste,
+so liegt gleich auf der Hand, dass dies das feindselige Auftreten der
+Weissen war, wie es ja auch bei fast allen Naturvölkern gleichmässig
+gewirkt hat und möchten wir die Angriffe auf das psychische Leben der
+Naturvölker fast für verderblicher halten, als das Losstürmen auf ihre
+physische Existenz. Letzteres hat akuter gewirkt und lässt sich mit der
+Verwundung eines Organismus vergleichen: jene brachten, wie eine totale
+Vergiftung, ein zwar langsameres, aber viel tieferes, schwerer zu
+heilendes und weit allgemeineres Unheil hervor. Aber auch die Europäer,
+trotz der Mittel, die sie anwandten, trotz der grossen Uebermacht ihrer
+Kultur, haben eine totale Ausrottung nur auf eng abgegrenzten Bezirken
+bewirkt, auf kleinen Inseln, auf Tasmanien, den Marianen, den Antillen:
+auf grösseren Gebieten reicht ihre Wirksamkeit nicht so weit, trotzdem
+sie hier noch manches andere unterstützt hat. Die leichte
+Empfänglichkeit der Naturvölker müssen wir, sowohl was Kraft der
+Wirkung, als auch was weite Ausdehnung derselben angeht, an zweiter
+Stelle erwähnen. Die Krankheiten, welche scheinbar spontan bei der
+Berührung der Naturvölker und der Weissen entstanden, so wie die,
+welche von letzteren zu ersteren eingeschleppt wurden, haben im
+Durchschnitt gewiss ein Drittel, wenn nicht mehr, der Eingeborenen
+Amerikas, Afrikas und des stillen Ozeans dahingerafft.
+
+Die dritte Stufe in dieser Reihenfolge der Verderblichkeit geben wir den
+Ausschweifungen. Allerdings haben sie minder allgemein geschadet als
+jenes Niedergeschmettert- oder Inficirtwerden von aussen her; aber für
+die menschliche Natur sind sie noch gefährlicher, weil sie die innersten
+Lebensnerven zerstören und wo sie wirksam sind, keine Rettung durch
+Flucht oder durch Besiegung des Feindes möglich ist. Wir sahen die
+Polynesier, ein so glänzend begabtes Volk, verkommen, trotzdem dass
+ihrer sich die Kultur im Wesentlichen freundlich angenommen hat: sie
+waren im Innersten angefressen durch die Ausschweifungen, denen sie sich
+hingegeben hatten und sie wären auch ohne Berührung mit den Weissen und
+nach und nach immer rascher durch ihre eigenen Laster zu Grunde
+gegangen. Die Betrachtung der Polynesier lehrt uns die Gefahr der
+Ausschweifungen für ganze Völker erst richtig ermessen.
+
+Viertens muss der Kindermord genannt werden, welcher vor allen Dingen in
+Polynesien und in Südamerika heimisch war, so wie überhaupt der geringe
+Werth, welchen man dem Menschenleben beimisst. Dass aber letzteres
+allein ein Volk nicht wesentlich zurückbringt, beweist das Beispiel des
+Fidschiarchipels. Nirgends wird durch Menschenopfer, Krieg,
+Kannibalismus u. dergl. mehr Blut vergossen und Leben verschwendet als
+hier; und dennoch gehören diese Inseln zu den bevölkertsten der Südsee
+und ein Aussterben wird auf ihnen nicht bemerkt.
+
+Die Kriege haben zwar mancherlei Schwankungen unter den Naturvölkern
+herbeigeführt, auch wohl einzelne Stämme ganz aufgerieben, aber doch
+nirgends so gewirkt, dass wir sie in erster Reihe aufzuführen hätten.
+Ebenso ist es mit der elenden Lebensweise der meisten dieser Völker,
+welche zwar ihr fröhliches und kräftiges Gedeihen hindern konnte,
+nirgends aber, so weit unser Material der Beobachtung reicht, eine
+völlige Vernichtung herbeigeführt haben. Bei alle den roheren Nationen
+fanden wir auch vor der Berührung mit den Europäern die Kopfzahl nie
+sehr hoch und hierfür war eben ihre wandernde und kärgliche Lebensart
+der Grund. Beides nun, das schlechte Leben und die verhältnissmässig
+geringe Volksmenge unterstützen jedes andere über ein Volk
+hereinbrechende Uebel immer in so fern, als sie das Volk um so
+rückhaltsloser und rascher unterliegen lassen. Und ähnlich ist es mit
+allen den übrigen von uns angeführten Gründen, die alle erst dann
+wirksam werden, wenn sie mit anderen verbunden auftreten.
+
+Hierher gehören auch die unvermeidlichen Folgen der zu rasch herein
+brechenden und nur halb angenommenen Kultur, welche wir in so mancher
+Beziehung für die Naturvölker schädlich fanden. Allein wohl nimmermehr
+wären diesen Folgen, den Veränderungen im leiblichen und geistigen
+Leben, der gewaltigen geistigen Anstrengung, welche die Kultur
+verlangte, diese Völker erlegen, wenn nicht andere Ursachen hierfür
+wirksam waren, zu denen dann freilich sich auch jene Folgen der Kultur
+als wirksamer sekundärer Grund hinzugesellten. Hätte sich die Annäherung
+der Kultur, wenn auch rasch, aber friedlich vollzogen; hätte sie gesunde
+Völker getroffen, so würde bei diesen, ähnlich wie bei den alten
+Germanen, eine Zeit des Stillstandes eingetreten, dann aber ein neues
+kräftiges Leben erblüht sein. Wo die Verhältnisse nur annähernd normal
+waren, finden wir diesen Gang der Ereignisse, wie wir im Folgenden näher
+betrachten werden.
+
+Aus dem Vorstehenden folgt ein wichtiges Gesetz: nie ist es eine Ursache
+allein, welche ein Volk vernichtet, sondern stets mehrere zusammen, von
+denen allerdings eine im Vordergrund stehen kann. Auch die Ausrottung
+der Marianer, Tasmanier und der antillischen Bevölkerung bildet keine
+Ausnahme, da man hier die Begrenztheit des Terrains als zweiten Grund,
+in Tasmanien Charakter und Lebensart der Bewohner als dritten in
+Anschlag bringen muss. Wo nur eine der genannten Ursachen wirkt, oder
+auch mehrere der untergeordneten, da tritt, soweit jetzt menschliche
+Geschichte und Beobachtung reicht, kein Aussterben ein; so halten sich
+die Feuerländer trotz ihres elenden Lebens: so bestehen die Fidschis
+weiter trotz der auch zu ihnen mächtig eingedrungenen Kultur, trotz der
+massenhaften Menschentödtung; und so kann man dies weiter verfolgen.
+Diese Erscheinung ist anthropologisch bedeutsam, weil sie wie keine
+zweite die zähe Lebensfähigkeit der Menschheit und zugleich beweist,
+dass diese Lebenskraft in allen Zweigen des Menschengeschlechtes
+gleichmässig vertheilt ist, ja bei den Naturvölkern eher stärker, wie
+bei den kultivirten Nationen auftritt, welche letzteren, weil sie feiner
+organisirt sind als die unkultivirten Menschen, auch bei weitem weniger
+zu ertragen im Stande sind.
+
+Denn wenn wir fragen: sind die angeführten Ursachen stark genug, um das
+Hinschwinden ganzer Völker zu veranlassen? so müssen wir antworten: sie
+sind es reichlich und im Uebermass, jede einzelne schon und nun gar
+mehrere vereint. Ist es nicht ein wahres Wunder, dass der Naturmensch in
+einem Lande wie Neuholland sich hielt, wo Europäer trotz aller
+Ausrüstungen meist so rettungslos verloren sind? Und noch dazu sich
+hielt in den ewigen Kriegen mit seines Gleichen, unter den ungünstigen
+Einflüssen der eigenen mangelhaften Kultur? oder der Polynesier auf
+seinen kleinen oft so unfruchtbaren Inseln inmitten des ungeheuersten
+aller Ozeane, und auch er ewigem Krieg und Kindermord und den
+entnervendsten Ausschweifungen unterworfen? Nicht ein Wunder, dass nach
+den furchtbaren Vernichtungskriegen durch die Weissen nicht eines dieser
+Völker vollkommen vertilgt ist, ausser kleinen Stämmen? Gewiss, wenn
+wir dies alles überdenken, werden wir nicht von der Lebensunfähigkeit
+der Naturvölker, sondern vielmehr von ihrer ausserordentlichen
+Lebenskraft und Unverwüstlichkeit uns überzeugen müssen. Und so ist hier
+der Ort, auf die Frage zurückzukommen, zu welcher wir durch Waitz
+veranlasst waren: sind wir wirklich zu dem Geständniss genöthigt, dass
+uns das Aussterben der Naturvölker vollständig zu erklären noch nicht
+gelingt? Wir sind es nicht. Wenn man der Geschichte jedes einzelnen
+Volkes folgend fragt, wie kommt es, dass es dahin siecht und schwindet,
+wir werden immer vollkommen erschöpfend die Gründe erkennen, welche
+stets dem von uns zusammengestellten Kreis angehören werden. Diese
+erklären das Aussterben der Bevölkerung so vollständig, dass zu irgend
+welchem Räthselhaften nicht der mindeste Platz bleibt, sobald man nur
+die einzelnen Gründe in ihrer physischen und psychischen Wirksamkeit
+sich mit genügender Consequenz vor Augen führt.
+
+Doch ist wohl zu beachten, dass auch die Unverwüstlichkeit dieser
+härteren Völker ihre Grenze hat. Wir sahen in Neuholland einen
+Menschenstamm, der von früher besserem Zustand herabgesunken scheint;
+dasselbe ist der Fall mit Mikronesien und dem eigentlichen Polynesien,
+sowie mit den Hottentotten. Am weitesten vorgeschritten war der Verfall
+bei den Polynesiern: daher sie denn bei verhältnissmässig leichtem
+Anstoss von aussen her rasch und viel unaufhaltsamer zusammenbrechen,
+als z.B. die Melanesier oder Hottentotten und andere Völker. Dieser
+Verfall musste, wenn seine Ursachen, die Ausschweifungen, Kriege und
+Vergeudung der Menschenleben, wirksam blieb, immer rascher weiter gehen
+und so waren sie jedenfalls verloren--wenn sie nicht von aussen her
+gerettet wurden und das hat, so weit es noch möglich war, die Kultur im
+Grossen und Ganzen gethan. Und mögen wir auch noch so sehr beklagen, wie
+die Europäer sich den meisten Naturvölkern gegenüber benommen haben: das
+müssen wir anerkennen, dass alle diese unkultivirten Völker, wenn sie in
+ihrem Naturzustande noch Jahrhunderte weiterlebten, einem zwar sehr
+langsamen, aber sicheren Untergang, dessen Keime sie in sich selbst
+trugen, entgegengingen. Sie hatten sich keine Herrschaft über die sie
+umgebende Natur errungen: sie lebten ausschweifend, nur ihren Gelüsten
+hingegeben, unregelmässig, ohne Gedanken in die Zukunft, in gewaltigster
+Trägheit; Kriege, Rache u.s.w. waren bei ihnen feste Sitten; der
+Aberglaube, der so häufig Menschenopfer verlangte, beherrschte sie ganz;
+ihr psychisches Leben war wenig, die intellektuelle Thätigkeit nur nach
+praktischer Seite hin entwickelt. Diese Züge ihres Wesens mussten aber
+im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende immer starrer und
+unüberwindlicher werden: und es ist keine Frage, dass sie ihnen einst,
+früher oder später, denn wer mag das Ende dieser Zeit bestimmen,
+erliegen mussten. Die Natur, in welcher sie lebten, bot kein erziehendes
+Moment von durchgreifender Macht; und hätte sie es durch irgend welche
+Veränderungen ihnen noch geboten, sie waren nicht mehr im Stande, es
+sich zu nutze zu machen, da sie durch und in Jahrtausende langer
+Gewöhnung erstarrt waren. Sollten diese Völker also gerettet werden, so
+war ein plötzlicher Anstoss, es war das Eingreifen der Kultur
+nothwendig; und obwohl dieselbe ihre Aufgabe so blutig gelöst hat; so
+ist diese Nothwendigkeit doch ein Gedanke, der über das viele Blut und
+Elend, das sie oder vielmehr ihre Träger schufen, einigermassen tröstet.
+
+
+
+
+§ 19. Vergleichung der Natur- und Kulturvölker in Bezug auf ihre
+Lebenskraft.
+
+
+Da sich nun aus allen diesen angeführten Gründen das Aussterben der
+Naturvölker vollkommen erklärt, ja da die Art ihrer Wirksamkeit uns erst
+recht die Lebenskraft des Menschengeschlechtes beweist: so fällt damit
+schon von selbst die Annahme, als ob die Naturvölker »von der Natur zum
+Untergange bestimmt« geringer organisirt seien als die Kulturvölker.
+Dies wird sich ganz klar und unwiderleglich zeigen, wenn wir die
+Wirksamkeit derselben Gründe auf die europäischen Nationen betrachten.
+Wir werden dort ganz genau denselben, ja einen noch weit schlimmeren
+Erfolg derselben sehen.
+
+Alles, was Cäsar den Galliern zufügte, die Verwüstung des Landes, die
+grossen Verluste an Menschenleben, das Zertreten des Nationalgefühls,
+alles das ist doch wahrlich nicht zu vergleichen mit dem, was Mexiko
+z.B. oder die Nordamerikaner litten: und dennoch war durch Cäsar in
+nicht 10 Jahren das gallische Volk, das er freilich schon herabgesunken
+vorfand, so sehr gebrochen, dass es seine Selbständigkeit bis auf die
+Sprache verlor. Allerdings hatten die italischen Bürgerkriege Italien
+etwa 70 Jahre auf das grauenvollste verwüstet; aber nach ihnen finden
+wir auch das Land im Innersten gebrochen und die Macht des römischen
+Staates auf Heeren von Fremdlingen beruhend; erst massenhaft versetzt
+mit frischen germanischen Elementen und auch da erst nach langer Ruhe
+hebt sich die italische Bevölkerung, nun ein ganz neues Volk, wieder
+empor. Und doch waren auch seine Leiden viel geringer als die der
+Amerikaner. Und die Griechen! Warum haben sie aufgehört ein historisch
+bedeutendes Volk zu sein? weil sie entnervt waren von den
+scheusslichsten Ausschweifungen und ihre letzte Kraft zertreten wurde
+zuerst durch die Stürme der Völkerwanderung und dann durch das türkische
+Joch. Aber welche Höhe hatten die Griechen einst inne--und es ist nicht
+zu viel gesagt, wenn man jetzt die Durchschnittsbildung der Griechen
+gleichstellt mit der etwa der übriggebliebenen Mexikaner.
+
+Der 30jährige Krieg, welcher doch im Anfang nur lokal und nie ohne
+Unterbrechungen wüthete und mit allen seinen Greueln und seiner Dauer
+durchaus nicht das, was die Naturvölker zu leiden hatten, erreicht,
+welche grenzenlose Verwüstung hat er in der Bevölkerung unseres
+Vaterlandes angerichtet! Ernstlich war durch ihn die deutsche Nation in
+ihrer Existenz gefährdet und es ist ja eine vielfach ausgesprochene
+Wahrheit, dass einmal unser Nationalcharakter durch diesen furchtbaren
+Krieg mannigfach verändert und herabgedrückt ist, andererseits wir noch
+bis auf den heutigen Tag mit der Heilung der Wunden, welche er unserem
+socialen und politischen Leben geschlagen hat, zu thun haben.
+
+Sehen wir so an diesen wenigen historischen Beispielen dieselben
+Ursachen bei den kultivirten Nationen noch stärker wirken, als bei den
+Naturvölkern: so wird eine kurze psychologische Betrachtung uns dasselbe
+lehren. Obwohl wir eine Religion haben, welche den Gläubigen Trost
+gewährt auch im schlimmsten Unglück, obwohl wir durch die Kultur so
+manches Hülfsmittel auch für bedrängte Lagen haben: so wirken doch auf
+uns eine Menge Dinge, welche auf die Naturvölker noch gar keinen und
+eine Menge anderer, welche auf sie weit geringern Einfluss haben. Wir
+sind in unserm leiblichen Leben verzärtelt, an eine Menge Bequemlichkeit
+gewöhnt, die wir nicht entbehren können; wir sind geistig viel
+empfindlicher und ein Niederwerfen dessen, was uns heilig ist, drückt
+uns mit zu Boden. Liebe zu den Verwandten, Scham, kurz eine ganze Reihe
+mächtiger geistiger Faktoren haben bei den Kulturvölkern eine solche
+Herrschaft übers Leben, dass, wenn sie ernstlich verletzt werden, das
+Leben mit bedroht ist, und man kann wohl sagen, je gebildeter ein Volk
+ist, um so rascher muss es in fortwährendem Unheil sich verzehren. Wenn
+wir z.B. nur bedenken, welche Wirkungen das Gefühl eines ohnmächtigen
+Ingrimms, das längere Zeit immer in uns erneut würde, auf uns haben
+müsste, wie jeder Einzelne an sich abnehmen kann, so werden wir einmal
+ermessen können, wie dasselbe Gefühl auf die Naturvölker eingewirkt
+haben muss, bei welchen es durch so furchtbare Misshandlungen
+fortwährend erneut wurde und es sehr begreiflich finden, wenn sie schon
+durch dieses allein zu Grunde gegangen wären; wir werden einsehen, was
+die gebildeten Mexikaner und Peruaner gelitten haben und warum gerade
+sie so rasch mit dem Sturze ihrer Bildung zu Grunde gingen; wir werden
+aber andererseits zugestehen müssen, dass wir unter ähnlichen
+Verhältnissen wohl viel weniger Widerstandskraft haben würden, als jene
+Völker, und gewiss jetzt erst recht aufhören von einer besonderen
+Lebensunfähigkeit der Naturvölker zu sprechen, da wir dem Unheil,
+welchem jene unterliegen, viel rascher unterliegen würden. Ja, wir
+würden nach Gründen suchen müssen, wie es kommt, dass jene Völker eine
+grössere Widerstandsfähigkeit haben wie wir; und finden dieselben in
+ihrer grösseren leiblichen Abhärtung, sowie in ihrer geringen geistigen
+Empfindlichkeit, welche immer mit geringer Geistesentwickelung Hand in
+Hand geht.--Wenn wir nun dennoch die Kulturvölker wohl ohnmächtig und
+geschichtlich unbedeutend werden, aber nicht eigentlich verschwinden
+sehen, so kommt dies daher, dass sie gerade in solchen Zeiten der Gefahr
+mit neuen Menschenschaaren durchsetzt werden. Die Verwüster Italiens,
+die Germanen, liessen sich massenhaft in den blühenden Fluren des
+besiegten Landes nieder; ebenso die Bulgaren in Griechenland u.s.w. Oder
+die schon bestehende Kultur bietet neue Hülfsmittel, wohin man auch das
+Einwandern zahlreicher Franzosen in unser Vaterland nach dem 30jährigen
+Krieg rechnen mag. Beispiele von Kulturvölkern, die völlig vernichtet
+sind, wie ihre Kultur, bietet die Geschichte von Kleinasien.
+
+Es fällt von hier aus noch einmal ein Blick auf die Eintheilung, nach
+welcher Carus die Menschen betrachtet; man sieht auch hier, wie wenig
+stichhaltig sie ist, denn seine Tagmenschen haben keine grössere
+Widerstandsfähigkeit, als seine Nacht- oder Dämmerungsmenschen; und
+während er behauptet (17), dass die westlichen Dämmerungsvölker, die
+Amerikaner, »wirklich dem Untergange zugewendet« seien, so sehen wir die
+Tagvölker noch rascher ihrem Untergange zueilen, schon wenn sie durch
+weit mildere Schicksale heimgesucht werden.--Auch die Eintheilung der
+Menschheit in aktive und passive Völker, wie sie Klemm und Wuttke geben
+(Waitz 1, 344) hat ihr sehr Bedenkliches; sie ist falsch, wenn man in
+grösserer Aktivität zugleich nach jeder Richtung hin grössere
+Kraftentwickelung sieht, denn die »aktiven« Völker (die Kulturvölker)
+zerbrechen im Unglück viel leichter, als die zäheren und härteren
+Naturvölker; sie ist ferner falsch, wenn man sie als in der
+ursprünglichen Natur der Menschheit begründet, wenn man also Aktivität
+oder Passivität als verschiedenen Völkern angeboren ansieht: denn von
+Haus aus gleich organisirt hat sich die Menschheit durch verschiedene
+Naturumgebung, verschiedene Schicksale u.s.w. im Lauf der Jahrtausende
+so verschieden entwickelt, wie wir sie in geschichtlicher Zeit
+vorfinden.
+
+
+
+
+§ 20. Aussterbende und ausdauernde Naturvölker.
+
+
+Wenn die Annahme einer minderen Lebensfähigkeit ganzer Völker richtig
+wäre, so müsste doch bei allen diesen Völkern sich jenes Hinschwinden
+gleichmässig zeigen. Wie kommt es aber, dass eins ausstirbt und das
+andere dicht daneben nicht? ja, dass von ein und demselben Volke der
+eine Zweig abstirbt, der andere ungefährdet weiter lebt? Und auch das
+findet sich oft. Die Tonganer sterben nicht aus und sind Polynesier wie
+die Tahitier, Maoris oder Kanakas; die meisten mikronesischen Inseln (so
+namentlich der Gilbertarchipel) haben eine dichte Bevölkerung, die
+Kusaier sterben aus; und beide, Mikro- und Polynesier, sind nur ein
+Zweig des grossen malaiischen Stammes, bei welchem ein solches
+Hinschwinden, die kleine Insel Engano und einige elende in die Gebirge
+gedrängte Stämme ausgenommen, sonst doch nirgends bemerkt wird. Die
+Kamtschadalen sterben aus, die übrigen Nordasiaten, ihre nahen
+Verwandten, nicht. Doch vielleicht waren hier jene von uns besprochenen
+Gründe des Aussterbens nicht in Thätigkeit? Allein während die übrigen
+Melanesier an vielen Punkten sich vermindern, bleiben die Fidschis,
+trotz des europäischen Einflusses, trotz ihrer Kriege und Menschenopfer,
+kräftig und bei voller Zahl. Noch ärger fast als alle anderen Völker
+sind die Neger bedrückt von einheimischen und fremden Tyrannen; und
+während sie für einen der fruchtbarsten Stämme gelten, der gar nicht zu
+vermindern ist, sterben die Neuholländer, nach dem Kärtchen bei Carus
+Nachtmenschen wie sie, aus--welchem Fall freilich der ethnologische
+Unsinn, afrikanische und melanesische Neger zu einer Raçe zu vereinigen,
+der sich indess nicht bei Carus allein findet, die Beweiskraft nimmt.
+Aber die anderen Beispiele zeigen vollkommen schlagend, wie irrig die
+Ansicht ist, dass die hinschwindenden Völker in Folge der Inferiorität
+ihrer Raçe ausstürben; daher wir dabei nicht zu verweilen brauchen. Wenn
+unsere Ansicht aber stichhaltig ist, so muss sich nachweisen lassen,
+dass da, wo die Gründe, aus denen wir das Aussterben der Naturvölker
+erklären, nicht eintreten oder beseitigt werden, dass da die Völker
+gedeihen, sich weiter entwickeln oder sich wieder erholen, ja selbst die
+so gefährliche Kultur überwinden und sich zu ihr, wenn auch nur sehr
+allmählich, emporheben können. Und der Nachweis ist leicht.
+
+In Afrika beweisen es die Hottentotten der herrnhutischen Kolonie
+Baavianskloof, welche Lichtenstein schildert. 1799 betrug die Zahl ihrer
+Lehrlinge (Licht. 1, 247) 100; das Dorf, worin sie wohnten, glich mit
+seinen 200 Häusern, seinen Gärten, seinen geraden Strassen ganz einem
+deutschen Dorfe; die Hottentotten waren tüchtig im Feld- und Hausbau und
+zu allem dem gebracht ganz ohne andere Strafe als Ausschliessung vom
+Gottesdienst (251). Die Taufe erhielt man freilich nur als höchste
+Belohnung für Thätigkeit, Rechtschaffenheit und Frömmigkeit und
+allerdings fand Lichtenstein noch keine Hottentotten unvermischten
+Blutes, sondern nur Mischlinge getauft; aber da sich die Herrnhuter
+bemühten, sie »erst zu Menschen und dann zu Christen« zu machen (eb.
+253), so hob sich die Colonie immer mehr, so dass von der Zeit nach 1828
+der Bericht lautet: »Die frei gewordenen Hottentotten fingen an mehr für
+die Zukunft zu sorgen, der Landbau wurde eifrig betrieben und durch
+künstliche Bewässerung verbessert, Mässigkeit und Sittlichkeit, die Zahl
+der regelmässigen Ehen, der Besuch und die Sorge der Eltern für die
+Erziehung der Kinder war im Steigen begriffen und es bedurfte dazu
+keiner Unterstützung von aussen« (Waitz 2, 337). Dies ist allerdings nur
+von einem kleinen Distrikt gesagt; aber wo hat man sich sonst auch mit
+demselben Verstand und derselben Ausdauer der Hottentotten so redlich
+angenommen? Wo man das thut, da gedeihen sie und werden brauchbare
+Menschen (vergl. W. 2, 341).
+
+In Amerika haben die Cherokees, die Algonkins, die Irokesen und andere
+Völker deutlich genug bewiesen, dass auch die Indianer der Erhebung und
+Kultivirung fähig sind. Die Irokesen sind seit 1820 »bedeutend
+fortgeschritten im Ackerbau, Hausbau und den mechanischen Künsten
+überhaupt; sie besuchten die Kirche regelmässig, viele von ihnen waren
+im Lesen, Schreiben und Rechnen so weit gekommen, dass sie Schullehrer
+werden konnten, einige andere sogar respektable Geistliche« (Waitz 3,
+291 mit d. Quellen). Sie hatten das Mohawk zur allgemeinen
+Verkehrssprache im Gebrauch und nach Schoolcrafts Bericht für 1845 war
+ihre Volkszahl im Wachsen (a.a.O.). Ebenso hatten die Ottawa, ein
+heidnischer Algonkinstamm, sowie die Sauk und noch mehr die Delaware
+grosse Fortschritte gemacht; sie leben ganz von dem Ackerbau, den sie
+sehr eifrig und tüchtig betreiben, sowie vom Handel mit den Produkten
+ihrer Felder (292-93): ihre Zahl ist im Wachsen (294).
+
+Noch mehr war dies Alles der Fall bei den Cherokees, deren Volkszahl in
+den Jahren 1819 bis 1825 von 10,000 auf 13,500 nebst 200 Weissen und
+1300 Negersklaven anwuchs. Schon vor 1820 waren sie sehr tüchtige
+Ackerbauer, welche im Laufe von 8 Jahren (M'Kennay bei Waitz 3, 294) die
+Wildniss in einen Garten umschufen. Schon um 1773 hatten sie 43 Städte
+und ihre Bildung war schon damals nicht unbedeutend (Bartram 353-60);
+seit 1796 waren Baumwollenmanufakturen bei ihnen errichtet,
+Luxusgegenstände traf man hin und wieder und Einzelne hatten ein nicht
+unbedeutendes Privatvermögen. Die Polygamie wurde abgeschafft; ihre
+Kinder zeigten sich »sehr lenksam, anhänglich und bildungsfähig« (Waitz
+3, 295). 1820 führten sie geschriebene Gesetze und eine
+Repräsentativverfassung ein. Der oberste Häuptling, dem nebst einem
+hohen Rath die Exekutive zusteht, soll alle zwei Jahre das Land
+bereisen, um dessen Zustand kennen zu lernen. Die richterliche Gewalt
+wird vom obersten Gerichtshofe, dem wandernden Gericht und von
+Friedensrichtern ausgeübt. Geschworenengerichte und drei Instanzen sind
+eingeführt, die Richter nur durch den Willen beider Häuser absetzbar. Es
+herrscht allgemeine Religionsfreiheit, doch kann Niemand ein Amt
+bekleiden, der nicht an Gott und an Vergeltung in einem künftigen Leben
+glaubt« (Waitz 3, 295-96). Es wurde dann ein Alphabet von 85 Zeichen
+1821 von einem Cherokee erfunden und bald war die Kunst des Lesens und
+Schreibens unter ihnen allgemein; seit 1828 erschien eine periodische
+Zeitschrift in ihrer Sprache. Auch diese aufblühende Kultur hat man
+nicht geschont; man hat auch die Cherokees, trotz ihres heftigen
+Widerstrebens, über den Missisippi vertrieben. Allein obwohl ihre Kultur
+dadurch im hohen Grade gefährdet wurde, so unterlag sie nicht; sie erhob
+sich bald wieder und seit 1841 allgemeiner wie früher (296). Ebenso
+verhält es sich mit den Choktaw, den Creek und einigen anderen Völkern,
+über die Waitz (296-99) ausführlichere Nachrichten gibt.
+
+Ebenso in Südamerika: die Volkszahl der Abiponer nahm nach Dobrizhofer
+bedeutend zu, als das Verstossen der Weiber, der Kindermord und die
+Polygamie abgeschafft wurde (Waitz 1, 164); in Guatemala (nach einem
+Bericht von 1771) vermehrten sich die Eingeborenen trotz des schweren
+Drucks der Spanier so sehr, dass diese sie zu fürchten anfingen (eb.
+163). In Mexiko bilden nach Humboldt die Eingeborenen noch immer fast
+die Hälfte der Einwohner (b, 3, 9) and in dieser Zahl haben sich die
+Indianer überall erhalten, wo die Spanier organisirte Reiche vorfanden
+(eb. 3, 8); die einheimische Bevölkerung ist im Steigen (derselbe a 1,
+83 und 107) und zwar in Folge eigenes Wohlstands, nicht fremden
+Zuwachses (eb. 105) und diese »für die Menschheit sehr tröstliche«
+Zunahme der indianischen Bevölkerung beweist Humboldt durch speciellere
+Angaben a, 5, 6; 4/7 der gesammten Volkszahl sind Indianer (Waitz 4,
+195).
+
+Auch in Polynesien finden wir sehr wichtige Erscheinungen der Art. Von
+Hawaii sagt Jarves 371-72: die Kultur zerstört im Anfang; nachher wirkt
+sie segensreich; so war auch auf den Sandwichinseln die Entvölkerung
+unter Tamehameha I. und Liholiho grösser als in späterer Zeit. »In dem
+Verhältniss, in welchem Christenthum und Civilisation wächst, vermindert
+sich die Sterblichkeit. Allerdings sind ihre Wirkungen jetzt noch zu
+neu, um ihre Endresultate vorherzusagen, aber man kann sicher hoffen,
+dass, wenn die bösen Einflüsse aufhören und anderen Platz machen, gute
+Ergebnisse folgen werden. Der Despotismus der Fürsten ist völlig
+abgeschafft und Gesetze wirken für das Anwachsen der Bevölkerung.
+Familien mit 3 Kindern sind von den Abgaben befreit; die, welche mehr
+haben, bekommen Land und andere Geschenke, um sie zu heben. Die Abgaben,
+obwohl immer noch hoch, sind gleich vertheilt und für das Volk
+erleichtert. Ein Nationalgeist ist erwacht, Schulen und Kirchen
+gegründet, regelmässige Handelsverbindungen und Gewerbe haben sich
+gebildet: kurz das gerade Gegentheil der moralischen Versunkenheit, in
+welcher noch vor Kurzem das Volk sich befand, fängt an sich zu
+entwickeln; medizinische Kenntnisse und ärztliche Hülfe verbreitet sich;
+Kleidung, Wohnung bessern sich allmählich. Freilich ist dies nur die
+Morgenröthe eines besseren Tages: aber schon zeigt sich deutlich genug,
+dass Christenthum und Bildung durch die Einwirkung der amerikanischen
+Mission und die Intelligenz der Fremden diese segensreichen Folgen
+haben. Noch schlagender zeigt sich das daraus, dass Kinder und
+Erwachsene, welche die Schulen besuchen und unter der unmittelbaren
+Leitung der Missionäre stehen, sich einer ausgezeichneten Gesundheit
+erfreuen und rasche Fortschritte machen. Dasselbe gilt von den
+Eingeborenen, welche unter dem Einfluss europäischer Familien stehen.«
+Nach Virgin (1, 300) freilich scheint die Entwickelung nicht allzurasch
+weiter gegangen zu sein; doch auch er gibt an, dass vor 1820 die Abnahme
+der Bevölkerung stärker gewesen sei, als nachher, und dass die Missionen
+an verschiedenen Punkten die Abnahme ins Stocken gebracht haben durch
+möglichstes Hinwegräumen der bösen Ursachen, welche sie veranlassen.
+Auch Waitz 1, 177 erwähnt einige Inseln und Distrikte dieser Gruppe, wo
+die Bevölkerung nicht nur nicht abnimmt, sondern in nicht ganz
+unbedeutendem Anwachsen begriffen ist.
+
+Ganz ebenso ist es in Tahiti. Auch hier hat die Volkszahl gleich nach
+dem ersten Zusammenstoss mit den Europäern sehr abgenommen, von 16,000
+(Wilson) bis auf 8000 (Ellis) oder 9000 (Wilkes), denn Turnballs 5000
+ist eine übertrieben niedrige Angabe. Nachher aber ist die Zahl gleich
+geblieben oder eher gewachsen; Virgin wenigstens gibt sie für 1852 auf
+10,000 an (2, 41). Auf Raiatea dagegen nimmt die Bevölkerung stark zu
+(Waitz 2, 167 nach Journ. R. geogr. soc. III, 179). Auch Ellis (um 1830)
+sagt 1, 169, dass vor 1819 das Abnehmen der tahitischen Eingeborenen
+noch stark gewesen sei: 1819-20 seien Todesfälle und Geburten einander
+gleich gewesen und von da ab habe die Volkszahl stark zugenommen. Mag
+Ellis auch, der so eifrig für das Wohl der Insel thätig war, seine
+Hoffnungen auf jene Angabe vielleicht etwas mit haben einwirken lassen:
+bloss auf Uebertreibung beruht eine so sichere Behauptung eines so
+zuverlässigen Beobachters nicht. Allerdings klagt der französische
+Commandant der Insel, de la Roncière, in seinem Bericht vom Dezember
+1866 (Globus 12, 60-61) über die Trägheit, Indolenz und
+Flatterhaftigkeit der Bewohner; allein wenn man die Vorgänge während und
+nach der französischen Okkupation der Insel und die ganze Haltung der
+Franzosen wenigstens in der ersten Zeit ihres Aufenthalts bedenkt, so
+ist es nur allzu begreiflich, dass die Entwickelung der Insel durch sie
+nicht eben gefördert ist. Doch sind wir, wenn man sich wirklich
+ernsthaft und ausdauernd der Eingeborenen annimmt, auch für sie zu guten
+Hoffnungen berechtigt.
+
+Was wir von Neuseeland zu berichten haben (nach Hochstetter 482-497) ist
+noch merkwürdiger. Gegen den Einfluss der Fremden bildete sich eine
+Nationalpartei unter den Eingeborenen, welche, da sie Gott ebenso nah
+ständen als die Weissen, mit diesen gleiche soziale und politische
+Rechte verlangten. 1857 erwählten die Maoris, von diesen Gesichtspunkten
+ausgehend, einen König, den als Krieger und Redner berühmten Potatau,
+der sich den zweiten Friedenskönig nach Melchisedek nannte, sich
+thatkräftige Häuptlinge, so vor allen den Maori William Thompson aus dem
+Stamm der Ngatihua, als Minister auswählte, und seinen Herrschersitz zu
+Ngaruawahia, an der Hauptwasserstrasse ins Innere, an den Thoren von
+Aukland in vortrefflich ausgesuchter Lage nahm. Die Grundprinzipien des
+Königthums sollten Glaube, Liebe und Gesetzlichkeit sein. Man beschwerte
+sich bitter über die englische Regierung, welche sich gar nicht um die
+Maoris kümmere, die Häuptlinge nicht standesgemäß behandele, zwar
+Protokolle über ihr Aussterben führe, aber nichts dagegen thue; man habe
+die eingeführten Waaren mit ungerechten Abgaben gedrückt, indem z.B.
+wollene Decken nach dem Gewicht wie Seide und Spitzen versteuert würden;
+Munition und Waffen verkaufe man ihnen gar nicht, um so lieber aber
+Spirituosen. Und zu dem Allen benähmen sich die Europäer so hochmüthig
+und grob! Diese Nationalpartei, welche sehr beredte Agenten im Lande
+umherschickte, fand überall rasch Anhänger; auch die Weiber und Mädchen
+theilten ihre Gesinnungen. Freiwillige Abgaben für den König flössen
+regelmässig und reichlich und dieser schlichtete zu Ngaruawahia alle
+Streitigkeiten der Eingeborenen, trieb auch von den unter ihnen lebenden
+Europäern Abgaben ein und legte einen Zoll auf die an seiner Stadt
+vorbeipassirenden europäischen Schiffe; sein Einfluss war bald so gross,
+dass sich auch die Missionäre, wenn sie etwas gegen einen Maori
+vorzubringen hatten, an ihn wandten. Aehnliche Ziele hatte die
+Landligue, eine Vereinigung der Maorifürsten, um den Landverkauf zu
+verhüten, welchen die einheimische Regierung äusserst ungern sah. Es war
+klar, dass die Kolonialverwaltung durch diese selbständige Entwickelung,
+namentlich aber durch die Beschränkung der Landkäufe, welche, um gültig
+zu sein, erst die Bestätigung des Maorikönigs nach der Auffassung der
+Eingeborenen bedurften, in arge Verlegenheit kommen musste. Daher
+erkannte denn England diese Beschränkung des Landverkaufs durch die
+Maorigesetze nicht an und so musste es zum gewaltsamen Zusammenstoss
+kommen. Dies geschah unter Potatau II., dem Sohne Potataus I.; den 17.
+März 1860 begann der Krieg, in welchem die Maoris sich nicht nur
+ausserordentlich tapfer, sondern auch so umsichtig bewiesen, dass sie
+den Engländern empfindliche Niederlagen beibrachten. Der Nationalpartei
+schlossen sich jetzt alle Maoris, auch die früher lässigen, an; es ist
+besser, hiess es, fürs Vaterland zu sterben, als unterjocht von Fremden
+zu leben. Auch im englischen Parlament erhoben sich Stimmen für sie, so
+vor allen die Martins, des Bischofs von Aukland. William Thompson war
+alleiniger Anführer dieses Krieges und seiner Stelle sehr gewachsen;
+denn der Kampf, der von den Maoris hauptsächlich als Guerillakrieg
+geführt wurde, konnte nur durch die englischen Kanonen und die englische
+Uebermacht (1861 hatten die Engländer 12,000 Mann zusammen) mehr und
+mehr zu Gunsten der Engländer gewendet werden. Indess kam es durch
+Einfluss der Missionäre und durch den an Brownes Stelle gesandten Lord
+Grey zur friedlichen Vermittlung. Wir sehen also auch hier Anfänge,
+bedeutend genug, um in kurzer Zeit die Gründe, auf welchen wir das
+Aussterben der neuseeländischen Eingeborenen beruhend fanden, zu
+beseitigen. Es ist sehr traurig, dass diese nationale Erhebung von
+englischer Seite gleich im Anfang geknickt oder wenigstens gehemmt ist:
+doch ist die Hoffnung nicht aufzugeben, dass sie abermals auch diesen
+Stoss überwinden wird. Die Hauptsache wird sein, dass sie selber Muth
+und Zuversicht gewinnen, dann werden sie die Kultur sich nicht bloss
+äusserlich und auf eine Weise, die ihnen nur schadet, aneignen, sondern
+sie werden sich, da sie stets sich sehr fähig gezeigt haben, an ihr
+emporheben und ein neues Leben zu führen im Stande sein. Zu dieser
+Hoffnung berechtigt auch die innige Religiosität, welche die meisten der
+neu und wahrhaft Bekehrten zeigen. Ob sie aber auch in diesem Falle
+später nicht einmal durch Vermischung mit den Weissen aufhören als
+Nationalität zu existiren? Ein solches Aufgehen würde indess nur
+erfreulich sein, denn es bewiese zugleich, dass auch die Engländer der
+Kolonie von ihrem starren Raçenhochmuth nachgelassen hätten.
+
+In Tonga nun, wo von jeher die Sitten strenger waren und namentlich nie
+diese Lüderlichkeit herrschte, welche in Polynesien an anderen Punkten
+so gefährlich wirkte; wo man mit dem Menschenleben, wenigstens jetzt und
+schon seit längerer Zeit, nicht so verschwenderisch umging, ist ein
+Sinken der Volkszahl nicht eingetreten. Das Christenthum hat die
+Monogamie durchgesetzt und so ist denn trotz der vielen Kriege, welche
+die Einführung des Christenthums und die Befestigung der
+Königsherrschaft mit sich brachte, die Bevölkerung, die sich im
+Allgemeinen einer sehr guten Gesundheit erfreut, im Wachsen (Erskine
+160-61).
+
+Die Bevölkerung von Samoa schätzt Erskine (104) auf etwa 37,000 Seelen,
+doch glaubt er, dass sie abnehme (a.a.O. u. 60). Auch Turner erwähnt die
+grosse Sterblichkeit der Kinder daselbst, welche durch thörichte
+Behandlung derselben vor und bei der ersten Nahrung veranlasst wird.
+Seitdem aber jetzt die Missionäre günstig wirken, die Polygamie
+abgeschafft und ausschweifende Lebensweise durch strenge Ueberwachung
+sehr erschwert ist, nimmt die Bevölkerung wieder zu (Turner 176). Doch
+waren die Samoaner überhaupt weit weniger ausschweifend gewesen als die
+übrigen Polynesier und hatten den Werth des Menschenlebens höher
+geachtet. Also auch hier dieselbe Erscheinung: der erste Zusammenstoss
+mit den Weissen bringt durch Seuchen u. dergl. (doch fand Wilkes in
+Samoa keine Syphilis 2, 73, 126, 138) eine arge Erschütterung in der
+Wohlfahrt des Volkes, ein Zurückgehen der Kopfzahl hervor; allein sobald
+diese ersten Folgen überwunden sind, hebt sich die Ziffer wieder. Gerade
+die Samoaner sind besonders innige Christen (Turner 106-109, 166 ff.)
+
+Zu den bestbevölkerten Gegenden Polynesiens gehören die kleinen Inseln
+nördlich und westlich von Samoa und Tonga, die Uniongruppe, Tikopia,
+Rotuma u.s.w., wo die Sitten unverderbt und die Bevölkerung in bester
+Wohlfahrt ist. Trotz des zahlreichen Kindermords auf Tikopia ist dort
+die Kinderzahl in einer Familie meist drei bis acht (Gaimard bei Dumont
+D'Urville b, 5, 309; vergl. ders. in Zoologie 23; u. 5, 306). Nur von
+dem gleichfalls hierher gehörigen Sikayana wird eine Abnahme der
+Eingeborenen berichtet, welche durch eine sehr heftige Blatternepidemie
+auf 171 Seelen zusammengeschmolzen sind (Nov. 2, 438-441).
+
+Alle diese Beispiele beweisen schlagend, dass ein Hinschwinden dieser
+Völker aus mangelnder Lebenskraft, »weil sie von Natur dem Untergange
+bestimmt seien«, nicht stattfindet; wo es also eintritt, kann es nur
+durch die besprochenen Gründe veranlasst sein. Sobald die Kultur nicht
+feindselig, sondern friedfertig naht und diese Völker zu sich
+emporzieht, statt sie zu vernichten, so ist von den Naturvölkern keins,
+das nicht für sie gewonnen werden könnte, ja einzelne haben sich trotz
+der feindseligsten Haltung der Weissen dennoch zur Kultur, wenigstens zu
+guten Anfängen, emporgeschwungen: eine That, deren Grösse man aus dem
+Vorstehenden ermessen kann und die eine so ausserordentlich gute
+Begabung und sichere Kraft beweist, dass sie ebenso sehr unser Staunen
+als unsere Bewunderung erwecken muss. Allerdings wird aus einem
+neuholländischen Stamm nicht sofort ein europäisch civilisirter Staat,
+aber es ist handgreiflich verkehrt, zu behaupten, wie noch Meinicke
+thut, die Neuholländer seien überhaupt der Kultur unfähig. Denn wo sich
+wirklich die Kultur ihrer angenommen (es ist selten genug geschehen), da
+haben sie sich auch als friedfertige und bildsame Menschen gezeigt. Dass
+sie sich und so noch manche andere Naturvölker jetzt so viel als möglich
+von der Kultur zurückziehen, das ist nach dem, was ihnen von ihren
+Trägern zugefügt ist, nur allzubegreiflich. Halten doch manche
+Nordindianer auch das Christenthum nur für eine neue Art, sie zu
+betrügen (Waitz 3, 289) »und, sagten sie, was sollen wir Christen
+werden, da diese ärgere Lügner, Diebe und Trinker sind, als die
+Indianer« (eb. 287). »Die Christen wollen nicht arbeiten, sie sind
+Spieler, Bösewichter und Gotteslästerer,« sagte ein Indianer von
+Nikaragua; auf die Antwort, so handelten nur die schlechten, erwiderte
+er: »wo sind denn die guten? ich wenigstens kenne nur schlechte« (Waitz
+4, 280-81). Ein zweiter Grund, weshalb viele Naturvölker so schwer die
+Kultur, auch wenn sie ihnen friedlich naht, annehmen, liegt in ihren
+Gewöhnungen. Es muss hier nochmals auf die Kraft der Vererbung erinnert
+werden. Durch Jahrtausende langes Leben an ein unstätes Umherschweifen
+u. dergl. gewöhnt, wird es ihnen sehr schwer, so plötzlich die
+althergebrachte, tief in ihr leibliches und geistiges Wesen
+eingewachsene Lebensart zu ändern.
+
+
+
+
+§ 21. Die afrikanischen Neger.
+
+
+Wir müssen, um einem möglichen Einwand zu begegnen, noch einmal auf
+einen Umstand zurückkommen, den wir schon vorhin wenigstens berührten.
+Wie ist es zu erklären, dass die Neger nicht aussterben? Sie sind doch
+geplagt, gedrückt, gemisshandelt wie kein zweites Volk, der Heimath
+entrissen, oft ganz zum Lastthier herabgewürdigt--und sie gedeihen doch.
+Der Hang der Neger zu Ausschweifungen ist bekannt; wie gefährlich ihre
+Kriege, die sie untereinander führen, für die Besiegten sind, wird nur
+zu deutlich durch die massenhaft fortgeschleppten Sklaven bewiesen:
+Menschenleben vergeuden auch sie ganz rücksichtslos, wofür schon der
+eine Name Dahomey als Beweis genügt. Und doch waren das dieselben
+Gründe, welche wir als das Aussterben der Naturvölker veranlassend
+annahmen. Wie kommt es, dass sie dort wirken und hier nicht? Muss man
+nicht doch also zu jenen Gründen noch einen hinzufügen und welcher
+könnte das sein, als mangelnde Lebenskraft oder sonst irgend etwas
+Geheimnissvolles? Aber trotzdem sind die Neger, nach einstimmigem
+Urtheil aller Forscher, die leiblich am wenigsten vollkommen
+organisirten Menschen, und es wäre doch seltsam, wenn höher stehende
+Völker mindere Lebenskraft hätten als sie.
+
+Allein diese Annahme ist auch durchaus unnöthig. Die grössere Ausdauer
+des Negers beruht auf seinem anders gearteten Naturell, was wir zunächst
+nach der psychischen Seite hin verfolgen wollen. Vom Charakter des
+Negers ist jeder melancholische Zug ausgeschlossen. Jeder momentane
+Eindruck ist bei ihrer derb sinnlichen Natur so mächtig, dass der
+folgende den vorhergehenden sofort auslöscht, und so vergessen sie
+dadurch auch im tiefsten Elend ihre schlimme Lage rasch und gänzlich,
+wenn irgend eine plötzliche Anregung zur Lust über sie kommt. So zwingen
+sie die Sklavenhändler, um sie über ihr oft tödtliches Heimweh
+hinwegzubringen, bisweilen mit der Peitsche zum Tanz, der sie dann in
+seiner sie nun ganz beherrschenden Ausgelassenheit alles Unglück
+vergessen lässt (Waitz 2, 203). Diese rasch wechselnde Gemüthslage hilft
+ihnen über vieles Schwere hinweg und ist klar, wie sehr sie im Gegensatz
+steht ebenso zu dem zähen Festhalten eines Gedankens, wie wir es beim
+Amerikaner und Polynesier so vorherrschend finden, als zu der
+Melancholie dieser Völker. Auch die sinnlichen Genüsse wirken auf den
+Neger viel befriedigender, als auf die anderen Völker; seine grosse
+geschlechtliche Sinnlichkeit ist wiederum für die Fruchtbarkeit seiner
+Raçe von grosser Bedeutung und so massenhafte und übertriebene
+Ausschweifungen wie bei den Polynesiern finden sich bei ihnen nicht.
+Auch sein Hang zum Phantastischen muss erwähnt werden, denn auch er
+dient sehr dazu, ihm seine Lage oft in ganz anderem Lichte erscheinen zu
+lassen, als sie ist. Hiermit vereinigt sich eine gewisse Stumpfheit und
+Trägheit des geistigen Lebens sehr wohl, die vor Vielem und gerade dem
+Schmerzlichsten den Neger beschützt: er wird sich fast nie moralisch
+vernichtet und dadurch in seiner innersten Persönlichkeit verwundet
+fühlen. Auch ist seine grosse Gutmüthigkeit und seine innige
+Religiosität hierbei nicht ausser Acht zu lassen.
+
+Zweitens aber scheint auch die physische Natur weit minder empfänglich
+und empfindlich zu sein, als die der meisten anderen Völker. Sei es,
+dass er durch allmähliche Gewöhnung, durch das Klima seines Landes oder
+durch ursprüngliche Anlage härter ist: er verträgt es, in ganz andere
+Himmelsstriche verpflanzt zu werden; er hält sogar die Luft der
+Malariagegenden und noch dazu bei täglicher oft sehr grosser Anstrengung
+ohne Schaden aus, welchem allen die meisten anderen Völker regelmässig
+erliegen. Er ist also schon durch seinen Körper gesicherter.
+
+Drittens ist nicht zu übersehen, dass der Neger schon seit einer Reihe
+von Jahrtausenden, seit der ersten Entwickelung der Kulturvölker, mit
+diesen in Berührung und oft in sehr enger steht und gestanden hat: so
+ist er an die Einflüsse der Kultur ganz anders gewöhnt als Amerikaner
+und Ozeanier, als Hottentotten und Kamtschadalen, und hat daher ihre
+ungünstigen Folgen weit weniger zu fürchten.
+
+Hiermit ist der Einwand, welchen man von den Negern aus erheben könnte,
+als beseitigt zu betrachten; wir müssen indess noch einen Blick auf das
+Aussterben der freigewordenen Neger in den vereinigten Staaten werfen,
+wie wir es im Ausland (1867, 1404) geschildert sehen nach Henry Lathams
+black and white. Nach ihm sind seit der Emancipation von 4,000,000
+Negern 1,000,000 zu Grunde gegangen, durch Unwissenheit, Hülflosigkeit,
+Laster und Mangel. Unfruchtbarkeit trat ein, Kindermord nahm überhand,
+»die Sterblichkeit war so gross, dass es Leute gab, welche eine Lösung
+der schwierigen Negerfrage in dem Verschwinden der farbigen Raçe in den
+nächsten 50 Jahren voraussagten«. »In den Gebieten, wo sie während des
+Krieges in grösster Sicherheit lebten, wo man annehmen kann, dass sie
+massenhaft vorhanden sind, und wo die grössten Beiträge zusammengebracht
+wurden, um sie vor Hungersnoth zu schützen, sind sie in Abnahme
+begriffen. In dem kältern Klima der Nordstaaten starben die farbigen
+Familien nach einer oder zwei Generationen aus.« Die Schilderung ist,
+wie wir sie hier vor uns haben, entschieden parteiisch gefärbt. Wir
+betrachten daher nur die Thatsache, dass die emancipirten Neger
+moralisch und physisch sich verschlechtern, ja geradezu verkommen. Diese
+Erscheinung ist allemal da beobachtet, wo Neger emancipirt wurden, und
+sie machte auch der Republik Liberia anfangs viel zu schaffen; allein
+sie tritt bei jeder Sklavenemancipation naturgemäss jedesmal ein, mögen
+die Sklaven nun Neger oder nicht sein. Sie haben nicht gelernt,
+selbständig zu leben, für sich zu sorgen, für sich zu arbeiten; jede
+Arbeit ist ihnen, in Erinnerung an ihr früheres Loos, eine Last zugleich
+und eine Entwürdigung. Durch den langen Zustand der Unfreiheit haben sie
+die Fähigkeit, der Natur gegenüber sich zu behaupten, welche sie in
+ihrer Heimath besassen, verlernt; sie sind auch geistig herabgedrückt
+und dass sie lasterhaft werden, ist die Folge des Beispiels, was ihnen
+allzuoft ihre eigenen Herren gaben, sowie des Mangels an Selbstachtung,
+zu dem sie als Sklaven verurtheilt waren. In Nordamerika ist ihnen
+ferner jede Emancipation noch durch die entschiedene und rücksichtslose
+Feindseligkeit unendlich erschwert, mit der die »gute Gesellschaft«, die
+Weissen, sich vor jedem Farbigen strenge verschliesst, für den sie
+nichts als die bitterste Verachtung hat. Klimatisches mag sich
+gleichfalls geltend machen; jedenfalls ist hier nichts, was unserer
+Betrachtung irgend ein neues Moment zufügen oder eine nähere Erklärung
+noch erheischen könnte.
+
+
+
+
+§ 22. Folgerungen aus der Art, wie die Naturvölker von den Kulturvölkern
+behandelt sind.
+
+
+Ehe wir unsere Betrachtungen schliessen, ist es nöthig, auch einen Blick
+auf die Kulturvölker zu thun, welche mit den Naturvölkern in Berührung
+kamen; denn ein solcher wird ethnologisch nicht ohne Ausbeute sein.
+Zunächst ist zu constatiren, dass alle Kulturvölker sich ganz auf
+dieselbe Weise grausam, rücksichtslos und unmenschlich gegen die
+Naturvölker betragen haben, die mit ihnen in Berührung kamen: die
+Spanier, die Portugiesen, die Holländer, die Engländer und die
+Franzosen. Die Engländer und Holländer zeichnen sich durch
+unaussprechlichen Hochmuth und Hass gegen jede farbige Bevölkerung aus,
+durch welchen sie den Naturvölkern fast nicht mindern Schaden gethan
+haben, als durch offene Feindseligkeiten. Wir Deutsche haben Eroberungen
+nicht gemacht, aber trotzdem sind einzelne unserer Landsleute mit den
+Naturvölkern in Berührung gekommen. Diejenigen, welche zur Zeit der
+ersten Entdeckung Amerikas mit den Spaniern dorthin kamen--so die
+Abgesandten der Welser, welchen dort Länderstrecken von Karl V.
+verpfändet waren--wütheten nicht geringer als die Spanier selbst. Das
+westliche Venezuela wurde um 1527 von Georg v. Speier und Ambrosius
+Dalfinger verwüstet (Waitz 3, 398). Allein das sind vereinzelte Fälle;
+im Ganzen haben die Deutschen den Naturvölkern Segen gebracht, denn
+gerade die einflussreichsten Missionen sind zum Theil in ihren Händen
+gewesen, wobei vor allen Dingen an die Wirksamkeit der Herrnhuter in
+Afrika und Nordamerika (z.B. Heckewelder) erinnert werden muss. Auch
+unter den Jesuiten waren viele Deutsche, z. B. Dobrizhofer unter den
+Abiponen, Strohbach auf den Marianen. Die Missionsthätigkeit ist auch
+jetzt noch nicht vermindert und trägt ihre segensreichen Früchte für die
+Eingeborenen und für die Wissenschaft, denn eine Menge der bedeutendsten
+Missionsschriften sind, freilich meist in englischer Sprache, von
+Deutschen verfasst--Namen wie Kölle, Döhne, Teichelmann, Schürmann,
+Dieffenbach (freilich kein Missionär) u.a. sind bekannt genug.
+
+Die fast immer ganz unmenschliche und mordgierige Art, mit welcher der
+Europäer die Naturvölker bekriegte und meist deren Rohheit bei weitem
+übertraf, zwingt uns zu einem anthropologischen Schluss von nicht
+geringer Bedeutung; denn wir sehen daraus klar, »dass die Kluft, die den
+civilisirten Menschen vom sogen. Wilden trennt, bei weitem nicht so
+gross ist, als man sich oft einbildet« (Waitz, 3, 259). Man hat ja
+gerade die wilde Blutgier der Naturvölker so wie ihr beharrliches
+Fernbleiben von aller Kultur so besonders hervorgehoben, ja mit darauf
+hin den Schluss gezogen, dass sie von geringerer Organisation und
+Befähigung, dass sie von Haus aus eine niedrigere Raçe wären (Carus 28,
+22 ff.). Wie will man das aber aufrecht halten, wenn die civilisirten
+Völker von einer viel wilderen und grauenvolleren Blutgier besessen
+sind, die um so schrecklicher wird, als sie unvermittelt neben so hoch
+entwickelten intellektuellen Fähigkeiten steht? Wenn die grössten und
+bedeutendsten Männer dieser civilisirten Völker dieselbe Blutgier
+theilen, wie Columbus, welcher die auf Menschen dressirten Hunde
+einführte, der Königin Isabella rieth, die Kosten seiner Fahrten durch
+Menschenraub zu decken, Diebstähle mit grausamen Verstümmelungen strafte
+und Hinterlist und gemeinen Verrath gegen die Indianer für erlaubt
+hielt? (Waitz 4, 331). Wenn die blutgierig-rohesten wohl noch wegen
+ihrer grauenvollen Bestialität als besonders hervorragend gepriesen
+werden, wie die »Pioniere des Westens«, die »Helden von Old-Kentucky«
+(Waitz 3, 260), die nebenbei auch der intellektuellen Vorzüge der Kultur
+sich begebend genau ebenso abergläubisch als die Indianer wurden, deren
+Lebensweise, Vergnügungen und Skalpirungen bald sich nur noch durch
+grössere Rohheit von den Indianern unterschied? Ja d'Ewes (China,
+Australia and the Pacif. Islands in 1855-56. London 1857, p. 150)
+erzählt, dass einzelne Weisse auf den Fidschi-und Tonga-Inseln, neben
+den grässlichsten Verbrechen aller Art, sogar den Kannibalismus der
+Eingeborenen mitgemacht haben! Beispiele von Spaniern und Portugiesen,
+welche unter die Bildungsstufe der Eingeborenen Südamerikas
+herabgesunken sind, findet man reichlich bei Waitz 1, 370 und bei v.
+Tschudi an verschiedenen Stellen. Ehrlichkeit, Treue, Vertrauen,
+Anstand, Gastfreundschaft, Menschlichkeit, reine Religiosität, die
+besseren moralischen Eigenschaften findet man meist nicht auf Seiten der
+Europäer, sondern der so tief verachteten Naturvölker, und Seume's
+
+ »Wir Wilden sind doch bessre Menschen«
+
+hat seinen tiefen Grund. Man sage nicht, dass die von den Europäern
+verübten Schlechtigkeiten nur von einzelnen ausgegangen und also auch
+nur den einzelnen Individuen zur Last zu legen seien; sie sind so
+ziemlich gleichmässig von der gesammten Kolonistenbevölkerung ausgeführt
+und jedenfalls von ihr höchlich gebilligt worden; ja es fehlt noch viel,
+dass sie auch jetzt überall getadelt würden.
+
+Es zeigt sich aus diesen Betrachtungen ferner, wie ungeheuer langsam die
+Menschheit moralisch fortschreitet und wie wenig durch intellektuelle
+Entwickelung ein Fortschritt nach jener Seite bedingt wird. Das eben von
+Columbus Erwähnte mag als Beleg dienen, er, der geistig so hoch über
+seiner Zeit stand, hatte sittlich ganz dieselbe Stufe inne. Seine ganze
+Zeit aber stand trotz des Christenthums, trotz der äusseren Kultur noch
+auf einem Standpunkt der geistigen Rohheit, die sich noch kaum von dem
+Wesen des Naturmenschen unterscheidet, ja durch reicher entwickelte und
+ganz zügellose Leidenschaften noch tiefer als jenes erscheint. Wie
+gewaltig nun die Entwickelung der Intelligenz in den letzten drei
+Jahrhunderten zugenommen hat, weiss Jeder; blickt man aber auf die
+Kulturvölker des 19. Jahrhunderts--man denke an die Engländer in
+Tasmanien, Neuholland, Nordamerika, die Portugiesen und Spanier in
+Südamerika--so wird man von einem moralischen Fortschritt noch gar wenig
+bemerken, denn sie benehmen sich, allerdings nicht mehr in solcher
+Allgemeinheit, gerade ebenso brutal und unmenschlich, als die Spanier im
+16. Jahrhundert.
+
+Auch kann man nicht behaupten, dass die heutige Propaganda und ihr
+Verfahren in der Südsee sich sehr zu ihrem Vortheil von den Missionären
+des 16. und 17. Jahrhunderts unterschied; was sie etwa an
+Gewaltthätigkeit verloren hat, das hat sie an Unwahrheit gewonnen. Und
+wenn man im 19. Jahrhundert mit demselben Leichtsinn wie im 16. nur um
+zu taufen, tauft: so ist das in unseren Zeiten bei weitem schlimmer, als
+in jenen früheren. Bis jetzt also hat die Höhe der intellektuellen
+Entwickelung noch keineswegs durchgreifend und in dem Maasse, als man
+denken sollte, auf die moralische Seite des menschlichen Charakters
+gewirkt--aus Gründen, deren tiefere psychologische Motivirung hier uns
+zu weit führen würde.
+
+Und doch lässt es sich nicht läugnen, dass alles wirkliche Fortschreiten
+der gesammten Menschheit, wodurch sie immer reiner und wirklich
+menschlicher sich entwickelt, nicht sowohl auf intellektuellen als auf
+moralischen Geistesthaten beruht. Die europäische Gesellschaft ist zu
+ihrer heutigen Höhestufe emporgehoben erstens durch die Gleichstellung
+der Frauen bei den Germanen, zweitens die rein moralische Macht des
+Christenthums, drittens die Reinigung des Christenthums und die
+Anerkennung der individuellen Geistesfreiheit durch die Reformation und
+die Reinigung der sozialen Verhältnisse durch die Revolution des vorigen
+Jahrhunderts. Letztere trug auch gleich den Naturvölkern die besten
+Früchte: denn dass Polynesien wesentlich anders behandelt ist, als
+Amerika, dazu trugen nicht wenig bei die Lehren von Männern wie
+Rousseau, der Gedanke, dass alle Menschen, mochten sie nun durch Stände
+oder Hautfarbe und Sprache verschieden scheinen, in ihrem Wesen gleiche
+Menschen seien; ja die Ansicht, welche man von diesen Völkern lange Zeit
+in Europa hegte, beruhte gleichfalls auf diesen Gedanken, da sie
+hauptsächlich durch die Werke der Forster hervorgerufen wurden, diese
+aber eifrige Anhänger Rousseau's waren.--Neben jenen Hauptförderungen
+der Menschheit darf man einige andere zwar nicht in erster Linie
+anführen, aber auch ebensowenig ganz übersehen, und dahin gehört die
+Erweckung des reinen Schönheitssinnes, der wahren Kunst durch die
+Griechen. Während nun im Leben der Völker und der Einzelnen es sich nur
+allzuhäufig zeigt, dass die grösste Ausbildung der Intelligenz auf die
+sittliche Vollendung eines Menschen gar keinen Einfluss hat, so fördert
+umgekehrt jeder sittliche Fortschritt der menschlichen Gesellschaft ihre
+intellektuellen Leistungen und ist ohne eine solche Förderung gar nicht
+zu denken, da ja jeder wirklich bedeutende sittliche Fortschritt die
+Menschheit in ihrem ganzen Wesen hebt und weiter entwickelt, und nur wo
+dieser Doppelfortschritt geschieht, kann von einem wirklichen
+Höhersteigen die Rede sein. Man hebt nie ein Volk nur durch Industrie
+und Lehranstalten, wenn man es dadurch auch reich und wohl unterrichtet
+machen kann; man hebt es nur, wenn man seine idealen Anschauungen
+läutert und fördert. Dass aber eine Förderung nicht etwa dadurch
+eintritt, dass man der Gegenwart das Ideal vergangener Jahrhunderte als
+das einzig heilvolle aufzwingen will, das liegt auf der Hand.
+
+
+
+
+§ 23. Zukunft der Naturvölker. Mittel, sie zu heben.
+
+
+Was wird nun die Zukunft der Naturvölker sein? Geradezu vernichtet sind
+nur wenige bis jetzt und noch können wir, und da wir Unfähigkeit zur
+Entwickelung, leibliche oder geistige, nirgends bei ihnen finden, noch
+müssen wir hoffen. Freilich ist viel verdorben; und die Leichtigkeit der
+Annäherung, das Vertrauen, mit dem sie der Kultur entgegenkamen, ist bei
+den meisten unwiederbringlich verloren.
+
+Wie bisher die Missionäre die grössten Verdienste um diese Völker haben,
+so fallen auch, wenn wir nach der Zukunft fragen, unsere Augen zunächst
+auf die Missionäre. Wenn wir bedenken, dass die Polynesier man kann wohl
+sagen ihre Rettung bisher ihnen verdanken, dass, die Hottentotten und so
+mancher amerikanische Stamm nur und allein durch sie Gelegenheit hatten,
+auch die guten Seiten der Kultur an sich zu erfahren; so können wir
+nicht dringend genug wünschen, dass ihr Werk sich segensreich immer
+weiter ausbreiten möge. Dazu gehört zunächst Unterstützung durch die
+weltlichen Mächte, freilich anders als sie von Frankreich den
+katholischen Missionären zu Theil wurde: denn die Staaten müssten, im
+Interesse der jedesmaligen Eingeborenen, jede segensreiche Wirksamkeit
+gleichviel von welcher Confession gleichmässig schützen. Und so hat
+sich, um gar nicht vom Christenthum zu reden, auch vom anthropologischen
+Standpunkt aus die katholische Kirche und Frankreich in ihrem Dienst in
+der Südsee schwer vergangen. Die Mächte, welche unter den Naturvölkern
+Kolonien haben, England besonders, haben den grössten Vortheil von einer
+tüchtigen Wirksamkeit der Missionäre; denn einmal werden durch sie
+unnütze Kriege, die doch auch den Weissen oft schädlich genug sind,
+vermieden, und ferner die Eingeborenen selbst der Kolonie gewonnen. Man
+sollte also von Staatswegen die Missionen mit allen Mitteln stützen
+(nicht gewaltsam einführen, nur stützen), aber auch zugleich ein
+wachsames Auge auf sie haben und sie nöthigen Falles zur Rechenschaft
+ziehen. Denn Menschlichkeiten können vorkommen und sind auch unter den
+protestantischen Missionären der Südsee vorgekommen, welche z.B. in
+Neuseeland durch ihre Landankäufe und Spekulationen sich und ihrer Sache
+und den Eingeborenen gleichviel geschadet haben. Aber auch die
+Missionäre müssen auf sich selbst das strengste Augenmerk haben. Sie
+müssen immer mehr und mehr zu der richtigen und wichtigen Einsicht
+gelangen, dass es nichts hilft, Völker zu taufen oder sie auf abstrakte
+und für jene Menschen ebenso unverständliche wie unbrauchbare
+Lehrbegriffe hinzuweisen, wenn man nicht alle ihre Geisteskräfte weckt,
+die Wahrheiten dieser Lehre sich anzueignen. Nach dieser Seite--wer
+wollte es läugnen? übersteigt es doch auch hier ganz fehlerlos zu
+handeln bei weitem menschliche Kraft--nach dieser Seite haben beide
+Kirchen viel verfehlt; die katholische durch oft ganz beispiellos
+leichtsinniges Taufen, wobei sie das Heidenthum ruhig bestehen liess
+(Beispiele für diese harte Behauptung liefern die Annales de la
+propagation de la foi, Michelis und Lutteroth genug; wir führen
+einzelnes der Kürze halber nicht an), die protestantische durch
+allzustrengen Ernst und eigensinniges Steifen auf die abstrakten
+Lehrsätze. Doch wird jeder Unbefangene die bei weitem bessere
+Wirksamkeit auf protestantischer Seite sehen müssen, wenn wir auch fern
+sind, zu verkennen, was die katholische Kirche grosses geleistet hat.
+Männer wie Las Casas und so viele seiner Glaubensgenossen, welche fast
+der einzige Schutz der unterdrückten Amerikaner waren, so viele
+Jesuiten, die mit dem grössten Glaubenseifer sich jeglicher Gefahr für
+das Christenthum unterzogen, wie z.B. der gewaltige San Vitores auf den
+blutgetränkten Marianen: alle diese Männer müssen in erster Reihe
+genannt werden, wenn es sich um Darstellung der Verdienste der Mission
+handelt.
+
+Man mache die Naturvölker erst zu Menschen, dann zu Christen; man bilde
+sie langsam zu der und durch die Kultur vor, deren höchste Blüthe das
+Christenthum ja eben sein will. Nicht Wissen und Erkennen, und wäre es
+der höchsten Weisheit, Thätigkeit vielmehr und selbständiges Bauen des
+eigenen Lebens gibt dem Menschen erst sittlichen Halt und sittliche
+Kraft: diese wecke, gestalte, befördere man und man wird das
+Christenthum fördern. Ist es doch wahr, dass jene Verbrecher, welche aus
+den Deportationsorten entsprangen und sich an verschiedenen Stellen
+Ozeaniens niederliessen, durch die Bruchstücke von Kultur, welche sie
+den Eingeborenen mittheilten, dem Christenthum und den Missionären den
+Weg gebahnt und sehr erleichtert haben, ohne dass sie es selbst wollten
+und obwohl sie oft mit der Kultur zugleich manches Verbrechen lehrten.
+Will man aber ohne genügende Vorbereitung rasch Erfolge sehen, so wird
+man nichts wirken; die Missionsberichte (beider Confessionen) beweisen
+zur Genüge, wie thöricht ein solches Streben ist und wie es oft zu den
+allergröbsten Selbsttäuschungen führt. Nur die liebevollste Arbeit und
+aufopferndste Hingebung vieler Generationen kann hier wirklichen und
+bleibenden Erfolg erringen. Man muthe doch nicht den Naturvölkern zu,
+die Höhe der Bildung im Fluge zu ersteigen, welche die begabtesten
+Kulturvölker im Laufe von Jahrtausenden und mit so häufigem Rückfall, so
+heissem Kampfe, so stetiger Arbeit sich errungen haben.
+
+Aber auch die weltliche Macht muss Hülfe bringen; zunächst negativ,
+indem sie nicht duldet, dass andere, was die Missionäre bauen,
+untergraben und einreissen; und ferner positiv, indem sie das von jenen
+begonnene weiterführt. Sie muss die Eingeborenen in ihren natürlichen
+Rechten schützen, das Eigenthumsrecht an den von ihnen bewohnten Boden
+anerkennen und aufs Strengste darauf halten, dass ihnen von Seiten der
+Kolonisten kein Unrecht geschieht. Freilich werden solche Männer wie
+Lord Grey, die mit der grössten Umsicht und Energie die reinste
+Menschenliebe besitzen, nicht häufig gefunden werden; aber man kann auch
+in der Wahl einer obersten Kolonialverwaltung nicht zu viel thun.
+Specielle Vorschläge haben Grey für Australien, Dieffenbach für
+Neuseeland, Andere für andere Völker gemacht; und es liesse sich, bei
+allen Schwierigkeiten, wenn die Mächte, welche Kolonien besitzen, also
+vor allen Dingen England ernsthaft wollten, gewiss viel Elend verhüten,
+viel Gutes stiften und viel Verdorbenes herstellen. Bis jetzt freilich
+haben die englischen und überhaupt die europäischen Matrosen meist nur
+das eine Recht der Gewalt; die Frevel, die sie an jenen Völkern begehen,
+bleiben ungestraft, während es mit den ärgsten Strafen heimgesucht wird,
+wenn die Eingeborenen irgend an Weissen freveln. Zum Theil ist diese
+Ungerechtigkeit nöthig, um die fernen Weissen zu schützen; theils aber
+liegt sie auch in der selbst noch sehr mangelhaften moralischen
+Entwickelung der Weissen, welche an solchen Gewalttaten im grossen
+Ganzen kaum einen Frevel. sehen. Was soll man dazu sagen, wenn
+Schandgeschichten wie die folgende unter Englands offiziellem Schutz
+geschehen und in den Zeitungen, auch in deutschen, fast als Scherz
+erzählt werden? Nach der Ermordung eines Kaufmanns[O] erschien das
+englische Kriegsschiff Perseus, Capitän Stevens, 1867 im Frühjahr vor
+der Palaus (Pelewsinseln, westliches Mikronesien), um Genugthuung zu
+fordern: es zeigte sich, das der Kaufmann auf Befehl des Königs, auf
+dessen Insel Koror er lebte und Grundeigentum besass, ermordet sei, weil
+er an die Feinde desselben Feuerwaffen verkauft hatte. »Obwohl nun
+Stevens einsah, heisst es, dass jener besser gethan hätte, keine
+Mordwaffen zu verkaufen«, so glaubte er doch streng verfahren zu müssen
+und verlangte Hinrichtung des Königs. Die Insulaner, von dem
+Kriegsschiff bedrängt, beschlossen, sich nicht zu widersetzen--aber sie
+baten, dass die Hinrichtung von Matrosen des Schiffes ausgeführt würde,
+was Stevens nicht zuliess. »Insulaner sollten das Werk thun«. So geschah
+es denn. Und es geschah noch mehr. Die so behandelten Insulaner riefen
+den Schiffscapitän zu ihrem König aus. »Er nahm auch sofort die Krone an
+und bewies, dass er die königliche Prärogative in erspriesslicher Weise
+zu nützen verstehe. Er befahl seinen Unterthanen, Hühner, Eier, Früchte
+und sonst noch mancherlei an Bord des Dampfers zu bringen und diesem
+Befehl wurde willig Folge gegeben. Eine Vergütung für die gelieferten
+Sachen blieb ausser Frage, doch war seine improvisirte Majestät so
+gütig, einige Geschenke, als da sind: Messer, Scheeren u. dergl.
+verabfolgen zu lassen. Als dies geschehen war, dankte er ab und
+überliess den Paleuinsulanern, sich nun einen anderen König nach ihrem
+Geschmack zu suchen« (Globus 12, 59, nach der Overland China Mail v. 30.
+Mai 1867 und der »Presse« zu Manila). Heisst das nicht, jede
+Selbstachtung eines Volkes mit Füssen treten? nicht, der Gerechtigkeit
+und Menschlichkeit ins Gesicht schlagen? Und das that ein Vertreter des
+englischen Staates im Namen der Gerechtigkeit! Und eine solche
+Geschichte erheitert als Anekdote ein europäisches Publikum! Die
+Insulaner mussten, trotz ihrer Bitten, ihren eigenen König erschiessen,
+weil er sich eines gegen ihn entschieden feindlich handelnden
+Engländers, allerdings auf frevelhaftem Wege, entledigt hatte! So lange
+solche Geschichten noch möglich sind, so lange ist allerdings für die
+Naturvölker noch nicht allzuviel zu hoffen. Und sie werden, wir
+befürchten es, noch lange möglich sein; so lange wenigstens sicher als
+die Kulturvölker sich von ganz anderem Stoff dünken, als jene »Wilden«,
+denen man wohl die Gestalt, aber keineswegs die Rechte eines Menschen
+zugesteht.
+
+Gegen diese gänzliche Ausschliessung von allem europäischen Leben, wie
+es die Eingeborenen in den Kolonialländern fast immer zu dulden haben,
+müsste der Staat, was in seinen Kräften steht, thun, wenn er jene
+wirklich heben wollte: denn das ist es, was sie jetzt am meisten von der
+Kultur ab und im Elend zurückhält. Aber das wird schwer, wo nicht
+unmöglich sein; und die Menschheit, so scheint es, wird erst noch
+manchen Schritt vorwärts thun müssen, ehe diese Gleichstellung (wenn sie
+dann noch möglich ist) auch nur annähernd sich verwirklichen lassen
+wird; so dass man in diesem Sinne wohl sagen kann, alles, was in Europa
+zur Hebung der weissen Bevölkerung und ihres sittlichen Lebens
+geschieht, das kommt auch mittelbar den Naturvölkern zu gut.
+
+
+
+
+§ 24. Werth der Naturvölker für die Menschheit und ihre Entwickelung.
+Schluss.
+
+
+Aber, so müssen wir noch fragen, kann man überhaupt einem Staat, den
+civilisirten Völkern zumuthen, so viel Müh und Arbeit an die Naturvölker
+zu verwenden, die sie doch anderen Zwecken und vielleicht besseren oder
+doch nützlicheren entziehen müssen? Kann man nicht mit Fug und Recht von
+dem werthlosen Leben dieser rohen Nationen Talleyrands berüchtigtes je
+n'en vois pas la nécessité sagen? Wie man vom Standpunkte des
+Christenthums hierauf antworten muss, welches lehrt, dass alle Menschen
+Brüder und vor Gott gleich sind, liegt auf der Hand: und wo wird denn
+ein strenges Christenthum mehr zur Schau getragen, als im öffentlichen
+Leben Englands und Amerikas? Aber auch vom Standpunkt der Philosophie
+aus wird man die Erhaltung der minder entwickelten Völker für eine
+wesentliche Aufgabe der Kultur ansehen müssen. Der empirische Forscher
+wird nach genauer historischer und naturwissenschaftlicher Betrachtung
+der Welt sehen, dass die Gesammtheit der Natur als solche dem
+Entwickelungsgesetze folgt, wie die einzelnen grossen Abtheilungen der
+Natur, wie die Gattungen, Arten und Individuen. Das Gesetz dieser
+Entwickelung besteht aber darin, dass Alles, Gesammtheit und
+Einzelnwesen, eine grössere Vollkommenheit, Festigkeit und Sicherheit
+der Existenz anstreben. In diesem Entwickelungsgange hat die Natur
+selbst die Werthbestimmungen gesetzt, dass sie das Individuum der Art,
+die Art der Gattung, die Gattung der Familie, kurz das Beschränktere dem
+Grösseren unterordnet, ja wenn es im Interesse des Grösseren noth thut,
+aufopfert. Es würde spiritualistische Verkennung unseres Standpunktes
+sein, welchen wir in der Stufenfolge des Ganzen einnehmen, wenn wir
+Menschen für uns andere Gesetze beanspruchen wollten, als sie für die
+gesammte Natur gelten; zeigt doch auch alle historische Entwickelung,
+dass wir unter ganz denselben stehen, wie die übrigen Organismen alle,
+nur dass unsere Stellung verschieden ist. Wie nun also der Natur
+Erhaltung und Förderung des Ganzen Hauptzweck ist, so muss er es auch
+uns Menschen sein, und zwar zunächst Erhaltung und Förderung der
+menschlichen Gesellschaft, da unsere Thätigkeit zunächst unserer eigenen
+Gattung naturmässig gehört. Das aber heisst schlecht dem Ganzen dienen,
+wenn man lebensfähige Keime desselben, bloss weil sie nicht im gleichen
+Lenz und nach gleicher Art mit uns sich entwickelt haben, zertreten
+wollte. Wer weiss, zu welchem Endzweck auch sie der Natur dienen können!
+Und Niemand wird doch behaupten wollen, dass sie zu zertreten den
+Völkern von höherer Kultur Nutzen brächte. Wenn wir von diesem
+philosophischen Standpunkt aus nach dem Zweck menschlicher Entwickelung
+forschen, so werden wir die Civilisation als solchen bestimmen müssen
+(Waitz 1, 478 f.). Denn einmal sichert sie erst durch engen
+Zusammenschluss der Individuen, welche sich im Naturzustande
+selbstsüchtig, also feindlich gegenüber stehen, die menschliche
+Gesellschaft dauernd und fest, andererseits bringt sie erst, indem sie
+auf diese Weise eine Menge überschüssiger Kraft frei macht, die
+Menschheit zu höherer Entwickelung. Sie allein ist es, welche die
+wichtigste Seite des menschlichen Lebens, die Thätigkeit des Geistes
+überhaupt erst ermöglicht. Zu diesem Endzweck menschlicher Entwickelung
+ist aber jedes Volk berufen und die einzige Aufgabe schon civilisirter
+Nationen uncivilisirten gegenüber kann nur die sein, die Civilisation
+auch zu jenen hinzutragen, nicht aber durch die reichlicheren und
+wirksameren Mittel derselben jene zu vertilgen. Auch darf hierbei nicht
+übersehen werden, wie nichts der Civilisation selbst gefährlicher ist,
+als Zurücksinken in Rohheit, weil ein solches mit stets zunehmender
+Geschwindigkeit, gleichsam nach den Fallgesetzen vor sich geht. Das
+wüste Verfahren gegen die Naturvölker ist aber ein solches Zurücksinken
+in Rohheit und wie beim längeren Vernichtungskampf gegen sie jene
+Rohheit schrecklich wächst, das haben wir schon gesehen. Ganze Stämme
+civilisirter Nationen sind durch sie, zu der sich dann noch Faulheit und
+Genusssucht gesellten, in die äusserste Barbarei zurückgesunken oder
+doch wenigstens merklich in ihrer Entwickelung aufgehalten: so die
+Holländer am Cap, die Spanier und Portugiesen und zum Theil die
+Engländer in Amerika. Das ewige Blutvergiessen und Morden musste sie
+immer gleichgültiger, immer roher machen und dadurch schwanden
+selbstverständlich gar manche andere Interessen; Faulheit und so manches
+andere, obwohl gar manche Kolonisten auch davon einen reichlichen
+Vorrath mitbrachten, war die natürliche Folge der fortgesetzten
+Grausamkeit. Führt uns dieser letztere Punkt schon aus dem theoretischen
+und moralischen mehr ins praktische Gebiet, so gibt es auch noch andere
+praktische Gründe, welche für Schonung und Hebung der Naturvölker,
+keinen aber, der dagegen spricht. Waitz (1, 484) setzt auseinander, dass
+bei den grossen Unterschieden in der Naturumgebung der Menschen, bei den
+mannigfaltigen Fähigkeiten und Eigenschaften, welche die verschiedenen
+Völker im und durch den Lauf der Zeiten entwickeln, die Civilisation der
+gesammten Menschheit auch in höchster Vollendung keine ganz gleiche zu
+sein braucht, ja auch nur sein kann. »Ohne dass ein Volk dem anderen die
+materielle oder die geistige Arbeit ganz abnehmen könnte, würde sich
+doch das Verhältniss so gestalten, dass bei einigen die eine, bei
+anderen die andere Art der Arbeit in ein entschiedenes Uebergewicht
+träte, dass einige in der einen, andere in der anderen Richtung sich
+produktiver zeigten und dem entsprechend auf die übrigen wirkten und
+ihnen mittheilten. Den Tropenländern würde alsdann mehr oder weniger
+allgemein die überwiegende Produktion der materiellen, den gemäßigten
+Klimaten die der geistigen Güter zufallen. Eine hohe Stufe
+intellektueller Bildung, tiefes Denken und eine durchgebildete, auf
+feiner und vielseitiger Ueberlegung ruhende Sittlichkeit, scheint bei
+der geistigen Erschlaffung kaum erreichbar zu sein, welche das Leben in
+der heissen Zone für den Europäer wie für den Eingeborenen mit sich
+bringt« (1, 185). Gerade weil aber das Leben unter den Tropen
+erschlaffend wirkt und auf den weissen Einwanderer noch mehr als auf den
+Eingeborenen, so ist es für ersteren der grösste Vortheil, wenn ihm
+Unterstützung von letzteren zu Theil würde. Von wie grossem Segen wäre
+es für alle Kolonien, statt wie jetzt in oft so blutiger Feindschaft mit
+den Eingeborenen zu leben, in ihnen Helfer und freundliche und
+intelligente Arbeiter zu finden und so empfiehlt sich schon von rein
+praktischer Seite für den Europäer die Schonung und Hebung der
+Naturvölker durchaus.
+
+Auch haben diese letzteren manches und wenn es bloss die Kenntniss der
+sie umgebenden Natur wäre, was sie als nützliche Dankesgabe für eine
+ihnen gewidmete treue Sorgfalt geben könnten. Hatten doch einige von
+ihnen reiche und originelle Kulturen entwickelt, deren Zerstörung ein
+unersetzlicher Verlust für die Menschheit ist. Zunächst ist es die Höhe
+und Reinheit der mexikanischen Moral, wovon Waitz (4, 125 ff.) Proben
+gibt und die auch hinter den Lehren des Christenthums keineswegs weit
+zurückbleiben, was jene Behauptung rechtfertigt. Zugleich aber war in
+Mexiko wie in Peru auch die intellektuelle Fähigkeit hoch entwickelt,
+und was sie in industrieller Beziehung leisteten (Bauwerke, Goldarbeiten
+u.s.w.) ist bekannt genug. Sicher ist uns vieles von dem, was sie
+leisteten, durch die Art der Eroberung verloren; und was eine solche
+Kultur geleistet haben würde, wenn sie durch freundliches und
+allmähliches Bekanntwerden mit der europäischen erhöht worden wäre,
+darüber haben wir kein Urtheil. Jedenfalls sind verschiedene Brennpunkte
+der Kultur für die Menschheit nur ein Vortheil und zwar ein ganz
+unschätzbarer, wenn man bedenkt wie langsam im allgemeinen die
+Entwickelung der Völker ist. Auch ist kein geringer Werth auf die
+originale Verschiedenheit solcher selbständiger Kulturen zu legen; durch
+ihr Zusammentreffen, Wetteifern, selbständiges Schaffen wird mehr und
+allseitiges ins Leben gerufen und der menschliche Geist mehr und
+allseitiger entwickelt, als durch eine einzige in sich wesentlich
+gleiche Kultur.
+
+Möge denn von diesen Völkern wenigstens gerettet werden, was noch zu
+retten möglich ist. Bis jetzt steht die Entwickelung der Menschheit auch
+nach dieser Seite hin ganz unter naturalistischem Gesetz. Der »Kampf ums
+Dasein«, in welchem es der Stärkere ist, welcher siegt, zeigt sich im
+vollsten Maasse; die erstarkten Raçen breiten sich aus, gewaltsam und
+zum Unterschied von der unvernünftigen Natur mit Lust und ohne
+Bedürfniss zerstörend, und ihnen erliegen die schwächeren. Allein der
+Mensch ist der Vernunft und der Liebe fähig und gerade darin sollte der
+stärkere des vernunftbegabten Geschlechtes seine Kraft zeigen, dass er
+schwächeres liebend zu sich emporhebt, statt es zu vernichten; dann
+würde der Geist, die sittliche Wahl des Menschen herrschen und die
+Gesamtheit hätte einen grossen Schritt weiter gethan auf der Bahn, die
+sie gehen muss, in der Befreiung des Geistes von den rohen Fesseln der
+äusseren Natur.
+
+
+
+
+Fußnoten:
+
+
+[A] Hale sagt ausdrücklich, dass sie ihm nicht zu hoch schiene; er hatte
+die Angabe von Punchard, einem Engländer, der mehrere Jahre auf der
+Insel gelebt hatte.
+
+[B] Auch die Beispiele, welche Darwin a.a.O. zur Erhärtung seiner
+Hypothese von dem schädlichen Effluvium lang eingeschlossener Menschen
+mittheilt, lassen sich aus Obigem, wie es scheint, erklären, ebenso das
+Erkranken der Shropshirer Schafe. Jenes Effluvium ist weiter nichts, als
+eben solche unbewusst mitgeschleppten Miasmen, an welche der, welcher
+sie mitbringt, seine Natur nach und nach accommodirt hat.
+
+[C] Diese Frühreife der Weiber ist wohl nicht, wie Humboldt b 2, 190
+will, Raçencharakter. Einmal widerspricht dieser Behauptung, dass sich
+mancherlei Beispiele von später Entwicklung auch unter den
+Amerikanerinnen findet; und sodann, dass fast bei allen Naturvölkern die
+Mannbarkeit so früh eintritt. Wenn nun auch das Klima mannigfachen
+Einfluss hierauf hat (Waitz 1, 45), so doch keineswegs einen überall
+gleich bleibenden und sicher nachzuweisenden. Denn bei den Eskimos, bei
+den Kamtschadalen und anderen Völkern in so hohen Breitengraden finden
+wir dieselbe Erscheinung und die Fidschis z.B. in der heissen Zone
+zeigen sie nicht. Waitz 1, 125 führt die animalische Nahrung und die
+hohe Temperatur in den Hütten vieler dieser Völker als Grund an. Allein
+auch dies trifft nicht bei allen zu. Sollte nicht der Grund der frühen
+Mannbarkeit der sein, dass einmal bei der gänzlichen Schrankenlosigkeit
+der Naturvölker die Wünsche früher erregt und ferner die Mädchen zu
+frühe begehrt werden? Das konnte und musste im Laufe der Generationen
+seine Wirkung zeigen. Die Gewöhnung vererbte sich immer mehr, setzte
+sich durch Vererbung immer fester, und so entwickeln sich die
+Geschlechtsfunktionen wirklich früher, als es der menschlichen Natur
+eigentlich normal ist. So würde sich diese Erscheinung bei allen
+Naturvölkern gleich gut erklären: und man lernt täglich Gewöhnung und
+Vererbung mehr in ihrer Bedeutung für die Geschichte der Menschheit
+schätzen. Dass Klima und sonstige Lebensweise mit gewirkt haben, soll
+damit nicht abgeläugnet werden; nur sind sie bei den Naturvölkern von
+untergeordnetem Einfluss, und die Einwirkung von Gewöhnung und Vererbung
+ist gewiss die Hauptsache. Nirgends ist der Einfluss des Willens, der
+Wünsche und Gedanken so gross, als gerade im geschlechtlichen
+Verhältniss.
+
+[D] Spuren von ihr finden sich auch in Südamerika, so bei Azara 248, der
+von den Mbayas erzählt, dass ihre Weiber nie Fleisch von Kühen und Affen
+essen; doch, da ihre Mädchen überhaupt kein Fleisch, nicht einmal grosse
+Fische und zur Zeit der Periode nur Gemüse und Obst geniessen, so könnte
+man diese Enthaltsamkeit auch einfacher erklären. Dagegen ist es gewiss
+eine dem nordamerikanischen Totem ursprünglich verwandte jetzt nicht
+mehr verstandene Sitte, wenn die Cariben z.B. nie Affen essen, dagegen
+die Ameisenbären als Delikatesse aufsuchen, welche wiederum die Makusis
+nur nothgedrungen essen würden (Schomburgk 2, 434). Thiere gelten auch
+in Südamerika als die Stammväter und Schutzgeister mancher Völker. Und
+nicht anders ist es in Afrika bei den Betschuanen, deren einzelne Stämme
+unveränderliche, ihre Abstammung von gewissen Thieren bezeichnende Namen
+besitzen. »Diese Thiere werden von den Völkern, die sich nach ihnen
+nennen, heilig gehalten, weder gejagt noch gegessen und man pflegt durch
+die Frage »was tanzt ihr« nach dem Namen desselben sich zu erkundigen.«
+So gibts Männer des Löwen, Krokodils, Stachelschweins, Fischs, Affen,
+doch auch des Eisens, Waitz 1, 352. 413. Die Frage »was tanzt ihr«? ist
+merkwürdig. Sie erinnert an manchen Thiere darstellenden Tanz
+amerikanischer und australischer Völker, und es liegt nahe anzunehmen,
+dass die heiligen Tänze zuerst das Leben der Schutzgeister
+versinnbildlichten, wie die Griechen die Geschichte ihrer Götter
+tanzten. Später erblasste die Bedeutung solcher Tänze vielfach.
+
+[E] Aehnliches findet sich auch bei indogermanischen Völkern. Heilige
+Thiere als Wappen und in Eigennamen waren sehr gebräuchlich, vergl.
+Grimm D.M. 633. Tödtete man sie auf der Jagd, oder beschnitt man einen
+heiligen Baum, so waren auch dabei bestimmte versöhnende und abbittende
+Gebetsformeln üblich, eb. 618.
+
+[F] Wenn hier Kadu nicht irrthümlich einen rohen melanesischen Stamm
+meint; oder, um etwas recht Entsetzliches zu erzählen, absichtlich oder
+selbst getäuscht aufbindet. Denn wahrscheinlich ist die Angabe für die
+Palaus nicht.
+
+[G] Zwillinge werden fast von allen Naturvölkern getödtet: auch von den
+Negern (Waitz 2, 124).
+
+[H] Obwohl auch Jarves 83 manche der Zahlen anzuzweifeln scheint.
+
+[I] Dass übrigens auch bei Indogermanen und Semiten die Kinder vielfach
+getödtet sind, ist ja bekannt genug. In Griechenland wurden die Kinder
+umgebracht, welche der Vater, wenn sie die Hebamme ihm vor die Füsse
+legte, nicht aufhob; eine Sitte, die bei Plautus und Terenz, d.h. also
+der späteren attischen Komödie so vielfach erwähnt wird. Namentlich
+Töchter wurden umgebracht. Diese Tödtung geschah durch Aussetzung
+zumeist (Schömann griech. Alterthümer 1, 562). Bei den alten Deutschen
+herrschte durchaus derselbe Gebrauch. Aus semitischem Gebiet sei
+zunächst an Abrahams Opferung Isaaks erinnert, sodann an den
+Molochdienst der Phönicier, der so vielfach von den Juden nachgeahmt
+wurde (Winer, bibl. Realwörterbuch unter Moloch) so wie an die der
+Astarte geschlachteten Kinder (Movers Phön. 2, 2, 69). Allerdings ist
+der semitische Gebrauch ein religiöser, also zum Kinderopfern gehörig.
+Doch liesse sich auch für blosses Aussetzen der Kinder manches
+Semitische beibringen.
+
+[J] Auch was Humboldt b5, 110-111 von den »Mysterien des Botuto«, einer
+Trompete von Thon mit mehreren kugelartigen Anschwellungen, die zu allen
+feierlichen Ceremonien gebraucht wird, erzählt, gehört hierher: »um in
+die Mysterien des Botuto eingeweiht zu werden, muss man rein von Sitten
+und unbeweibt sein. Die Eingeweihten unterziehen sich der Geiselung, dem
+Fasten und anderen angreifenden Andachtsübungen.« Durch die Trompete
+theilt der grosse Geist den Eingeweihten seinen Willen mit; sie stehen
+also mit den Göttern in näherem Verkehr als andere Menschen und das war
+auch der Grundgedanke der Areois. Ganz ähnlich wird von Haiti berichtet.
+»Die Caziken nämlich standen«, erzählt Waitz 4, 329 nach Herrera,
+Torquemada und Petr. Martyr, »ohne selbst Priester zu sein, doch an der
+Spitze des Cultus: die Tempel und Opferplätze, wo die Gottesverehrung
+stattfand, waren entweder ihre Häuser selbst oder Hütten, die als ihnen
+gehörig betrachtet wurden; dort waren die Bilder der Ahnen aufgestellt,
+die von Holz, inwendig hohl und mit einem Rohre versehen nur von ihnen
+um Orakel befragt werden konnten und nur aussprachen was sie ihnen
+eingaben. Sie berauschten sich zu diesem Zwecke mit einer Art von
+Schnupftabak und führten die heilige Handlung allein aus, von der
+natürlich das Volk ausgeschlossen blieb.« Auch Tänze gehörten zu diesen
+religiösen Mysterien, die sie allein kannten, auch dies wieder wie bei
+den Areois.
+
+[K] Jak. Grimm, Gesch. d. d. Sprache 1. Aufl. (1848) S. 143 ff. stellt
+eine Menge Völker zusammen, bei welchen derselbe Gebrauch vorkam:
+Scythen (Issedonen, nach Mela 3. Auflage 1868), Kelten (3. Auflage),
+Germanen verschiedener Stämme (Deutsche, Schweden) Romanen und Slaven.
+Merkwürdig ist, dass auch bei Heiligen-Schädeln der Gebrauch vorkommt,
+so zu Trier, zu Neuss, und nach Aventin (Ausg. v. 1566 fol. 33, a) zu
+Ebersberg und Regensburg. Der Gebrauch ist also derselbe; man sieht, es
+war wohl zunächst eine Art von Kannibalismus, dann aber auch ein Zeichen
+der Freundschaft, der Liebe, dankbarer Erinnerung. Zu beachten ist noch,
+dass Aventin sagt, Niemand hätte aus einem solchen Schädel trinken
+dürfen, wer nicht einen Feind erschlagen hätte, da auch dieser Zug an
+manches Aehnliche unter den Naturvölkern erinnert. Doch können wir diese
+höchst merkwürdigen Uebereinstimmungen hier nicht weiter verfolgen.
+
+[L] Herod. 4, 26 (nach Grimm a.a.O.) sagt von den Issedonen [Griechisch:
+epean andri apothanê patêr, hoi prosêchontes pantes prosagousi
+probata chai epeiten tauta thysantes chai chatatamontes ta chrea
+chatatamnousi chai ton tou dechomenou tethneôta gonea, anamixantes de
+panta ta chrea daita protitheatai]. Auch die Wilzen und Skythen assen
+ihre verstorbenen Eltern. Die Wenden tödteten noch im 16. Jahrhundert
+ihre arbeitsuntüchtigen Väter unter besonderen Ceremonien (Kühn,
+märkische Sagen und Mährchen 335). Auch hier stehen wir vor einer
+uralten und weit verbreiteten Sitte, die wir hier ebenfalls nur
+berühren, nicht abhandeln können. Vgl. was etwas weiter unten über Mare
+und Neuguinea gesagt wird. Ueber dieselbe Sitte bei Römern, Griechen,
+Phöniziern (Sardinien), spanischen, deutschen u.a. Völkern siehe Merklin
+in den Memoires de l'academie de Petersbourg 1852 S. 119 und Osenbrüggen
+in der Vorrede zu Cicero pro S. Roscio p. 51 ff. Auch das litauische
+Sprichwort (Schleicher lit. Mährchen 179) »wie das Söhnchen heranwächst,
+hat es auch den Vater erwürgt«, könnte auf eine ähnliche, jetzt längst
+abgekommene Sitte hinweisen.
+
+[M] Bei Bechst. bekommen Knaben nach Genuss einer Zauberspeise die
+Fähigkeit zu fliegen. In einem sehr ähnlichen indischen Mährchen bei
+Somadeva (Brockhaus 104) ist diese Speise Menschenfleisch. Ein
+Zusammenhang beider Erzählungen wäre nicht undenkbar.
+
+[N] Die Menschenschädel, welche am Eingange des Palastes, an den
+Stadtthoren und allen wichtigen Plätzen Dahomeys angebracht sind (Waitz
+2, 130), kann man gewiss nicht anders deuten. Auch unter den Semiten war
+der Gebrauch verbreitet: die phönicischen Städte wurden dadurch fest
+gemacht, dass man an ihren Thoren und sonst Menschen eingrub (Movers
+Phönizien 2, 46). Bei den Indogermanen kommt er vielfach vor; er war bei
+den Germanen sehr verbreitet, wie Ueberreste dieser Sitte noch heute
+beweisen; so wird z.B. am Südharz das kleinste Kind des Hauses barfuss
+in den frischen Estrich hineingestellt, damit er halte u.s.w. Bei den
+Slaven kommt er vor, wie sich in vielen ihrer Mährchen und Sagen zeigt
+(z.B. Talvj Volkslieder d. Serben 1, 117, die Erbauung Skodras); von den
+Kelten wird er gleichfalls erwähnt und Hahn albanesische Studien 1, 160
+erzählt dasselbe von Albanien. Die Thiere, die man jetzt dort schlachtet
+und ganz oder theilweise einmauert (wie auch in Deutschland viel
+geschah), vertreten nur die früheren geopferten Menschen. In Albanien
+herrscht auch, um das zu § 4 nachzutragen, ein ganz ähnliches
+Heilverfahren, wie bei Hottentotten, Amerikanern und Australiern. Jedes
+Uebel, das auch hier nur auf Bezauberung beruht, wird in Gestalt von
+etwas Festem aus dem Körper entfernt und dieses letztere dann
+eingewickelt fortgeworfen. Wer auf das Eingewickelte tritt, auf den geht
+die Krankheit über (ebend, 159).
+
+[O] Der getödtete Engländer hiess Cheyne und ist derselbe, welcher das
+auch von uns vielfach benutzte Buch a description of islands in the
+Western Pacific Ocean, north and south of the Equator geschrieben hat
+(Petermann, Mittheil. 1868, 28). Obwohl nun dies und seine anderen
+Schriften sehr werthvoll sind zur Kenntniss des sonst noch so wenig
+gekannten westlichen Theiles des stillen Ozeans; so hat man doch bei der
+Benutzung Vorsicht anzuwenden, da Cheyne, selbst Sandelholzhändler (und
+Trepangfischer) sich bei der moralischen Beurtheilung der geschilderten
+Völker sehr häufig von seinen Handelsinteressen beeinflussen lässt. So
+schildert er die Melanesier ohne Ausnahme (Fichteninsel, Lifu, Mare,
+Uea, Tanna, Erromango u.s.w.) als wild und »höchst verrätherisch« und
+war selbst häufig mit ihnen im Streit. Ebenso erzählt er von _allen_
+Karoliniern, dass man ihnen nicht trauen dürfe. Er steht also selbst auf
+dem Standpunkt der Sandelholzhändler und beachtet nicht, was die
+Eingeborenen von diesen an Ungerechtigkeit, Raub und roher Gewalt zu
+leiden hatten. Nach der Lektüre seines Buches wundert man sich nicht,
+dass er ein solches Ende genommen hat; das ganz einseitige Betonen
+seiner Handelsinteressen liess vielmehr nichts anderes erwarten. Es
+fällt daher von hier aus erst das wahre Licht auf die Vorgänge in Koror,
+sowohl auf sein Auftreten als auf den Racheakt des englischen
+Kriegsschiffes.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Über das Aussterben der Naturvölker
+by Georg Gerland
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14028 ***
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+Naturv&ouml;lker, by AUTHOR.</title>
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+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14028 ***</div>
+
+<h1>&Uuml;BER DAS AUSSTERBEN DER NATURV&Ouml;LKER</h1>
+
+<center>
+<p>VON</p>
+
+<p><big>DR. GEORG GERLAND,</big></p>
+
+<p>LEHRER AM KLOSTER U. L. FR. ZU MAGDEBURG.</p>
+
+<br>
+
+
+<p>LEIPZIG,</p>
+
+<p>VERLAG VON FRIEDRICH FLEISCHER.</p>
+
+<p>1868.</p>
+
+<p>SEINER EXCELLENZ</p>
+
+<p>DEM HERRN GEHEIMEN RATH</p>
+
+<p>H.C. VON DER GABELENTZ.</p>
+</center>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="Vorwort"></a>
+<h2>Vorwort.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Die Frage nach dem Aussterben der Naturv&ouml;lker ist bis jetzt
+nur gelegentlich und nicht mit der Ausf&uuml;hrlichkeit behandelt,
+welche die Wichtigkeit der Sache wohl verlangen kann. Am genauesten
+ist Waitz auf sie eingegangen in seiner Anthropologie der
+Naturv&ouml;lker Bd. 1, 158-186; aber da auch er sie nur
+anhangsweise bespricht und in dem Zusammenhang seines Werkes nicht
+mehr als nur die Hauptgesichtspunkte angeben konnte und wollte; da
+er ferner manches nur andeutet oder ganz &uuml;bergeht, was von
+grosser Wichtigkeit ist, so erscheint es durchaus nicht
+&uuml;berfl&uuml;ssig, die Gr&uuml;nde f&uuml;r dies
+&raquo;r&auml;thselhafte&laquo; Hinschwinden selbst&auml;ndig und
+m&ouml;glichst genau von neuem zu er&ouml;rtern. Namentlich die
+psychologische Seite des Gegenstandes hat man bisher &uuml;ber die
+Geb&uuml;hr vernachl&auml;ssigt; sie wird deshalb in den folgenden
+Bl&auml;ttern besonders betont werden m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Das Material zur Beantwortung der Frage, die uns
+besch&auml;ftigen soll, findet sich zerstreut in einer grossen
+Menge von Reisebeschreibungen, ethnographischen und
+anthropologischen Werken. Da es mir aber darauf ankam, einmal
+&mdash; denn nur strengste Empirie kann uns bei unserer Frage
+f&ouml;rdern &mdash; meine S&auml;tze durch getreue Quellenangabe
+zu st&uuml;tzen, und andererseits, dass die angef&uuml;hrten Citate
+nicht allzuschwer zug&auml;nglich seien, um nachgeschlagen werden
+zu k&ouml;nnen, so habe ich mich, wo es m&ouml;glich war, auf Werke
+gest&uuml;tzt, die weiter verbreitet sind, und den Quellennachweis
+nur da weggelassen, wo das Gesagte in allen Reisewerken sich
+gleichm&auml;ssig findet. Dass ich das schon erw&auml;hnte
+ausgezeichnete Werk meines nur allzufr&uuml;h verstorbenen Lehrers
+Waitz, die Anthropologie der Naturv&ouml;lker, sehr reichlich
+benutzt habe, wird man nicht tadeln; man findet dort die oft sehr
+schwer zug&auml;nglichen Quellen in kritischer Auswahl beisammen
+&mdash; und wozu werden solche grundlegenden Werke geschrieben,
+wenn man nicht auf ihnen weiterbaut?</p>
+
+<p>Ich stelle hier der Uebersicht und des bequemeren Citirens wegen
+die Werke zusammen, welche ich als Belege benutzt habe, ohne die
+mit anzuf&uuml;hren, welche nicht &ouml;fters citirt sind. Einige,
+welche ich gern gehabt h&auml;tte, sind mir unzug&auml;nglich
+geblieben.</p>
+
+<br>
+
+
+<ul>
+<li>Angas, Savage life in Australia and N. Zealand. London
+1847.</li>
+
+<li>Australia felix. Berlin 1849.</li>
+
+<li>Azara, Reise nach S&uuml;damerika in den Jahren 1781-1801
+(Magazin der merkw. neuen Reisen. Bd. 31. Berlin 1810).</li>
+
+<li>Bartram, Reisen durch Karolina, Georgien und Florida 1773. (eb.
+10. Band). Berlin 1793.</li>
+
+<li>Beechey, Narrative of a voyage to the Pacific (1825-28). London
+1831.</li>
+
+<li>Behm, Geographisches Jahrbuch. 1. Theil 1866. Gotha 1866.</li>
+
+<li>Bennett, Narr. of a whaling round the globe 1833-36. London
+1840.</li>
+
+<li>v. Bibra, Schilderung der Insel Vandiemensland bearbeitet v.
+R&ouml;ding. Hamburg 1823.</li>
+
+<li>Bougainville, Reise um die Welt 1766-69. Leipzig 1772.</li>
+
+<li>Bratring, Die Reisen der Spanier nach der S&uuml;dsee. Berlin
+1842.</li>
+
+<li>Breton Excursions in N.S. Wales, W. Australia and V.
+Diemensland. London 1833.</li>
+
+<li>Browne, N. Zealand and its aborigines. London 1845.</li>
+
+<li>Carus, Ueber ungleiche Bef&auml;higung der verschiedenen
+Menschheits-St&auml;mme. Leipzig 1849.</li>
+
+<li>v. Chamisso, Bemerkungen und Ansichten auf einer
+Entdeckungsreise (1815-18). Weimar 1821.</li>
+
+<li>Cheyne, a description of islands in the Western Pacif. Ocean
+etc. London 1852.</li>
+
+<li>Cook, 3te Entdeckungsreise in die S&uuml;dsee und nach dem
+Nordpol. 2. Bd. Berl. 1789. &mdash; id. b, 1ste Entdeckungsreise
+bei Schiller.</li>
+
+<li>Darwin, Naturwissenschaftliche Reise, &uuml;bersetzt von
+Dieffenbach, Braunschw. 1844.</li>
+
+<li>Dieffenbach, Travels in N. Zealand. London 1843.</li>
+
+<li>Dillon, Narrative of a voyage in the South Sea. London
+1839.</li>
+
+<li>Dumont d'Urville, a, Voyage de l'Astrolabe. Paris 1830. id. b,
+Voy. au Pole Sud. Paris 1841.</li>
+
+<li>Ellis, Polynesian Researches. London 1831.</li>
+
+<li>Erskine, Journal of a cruise among the Islands of the Western
+Pacific. London 1853.</li>
+
+<li>Finsch, N. Guinea und seine Bewohner. Bremen 1865.</li>
+
+<li>Freycinet, Voyage autour du monde (1817-20). Paris 1827.</li>
+
+<li>P. Mathias G***, Lettres sur les &icirc;les Marquises. Pasis
+1843.</li>
+
+<li>Gill, Gems from the Coral Islands. London 1855.</li>
+
+<li>le Gobien, Histoire des Isles Marianes. Paris 1701.</li>
+
+<li>Grey, Journals of two expedit. in NW and W. Australia
+(1837-39). London 1841.</li>
+
+<li>Gulick, Micronesia, Nautical Magazin 1862.</li>
+
+<li>Hale, Ethnographie and Philol. (Unit. States exploring
+expedition). Philadelphia 1846.</li>
+
+<li>Hearne, Reise von der Hudsonsbay bis zum Eismeere (1769-1772).
+Magaz. v. Reisebeschreibungen. 14. Bd. Berlin 1797.</li>
+
+<li>v. Hochstetter, Neuseeland. Stuttgart 1863.</li>
+
+<li>Howitt, Impressions of Australia felix. London 1845. id. a,
+Abenteuer in Australien. Berlin 1856.</li>
+
+<li>A. v. Humboldt, a) Versuch &uuml;ber den politischen Zustand
+des K&ouml;nigreichs Neuspanien. T&uuml;bingen 1809.</li>
+
+<li>b) Reise in die Aequinoktialgegenden des neuen Continentes,
+deutsch v. Hauff. Stuttgart 1861.</li>
+
+<li>c) Ansichten der Natur. 3. Aufl. Stuttgart u. Augsburg
+1859.</li>
+
+<li>Jarves, History of the Haw. or Sandw. Islands. London
+1843.</li>
+
+<li>v. Kittlitz, Denkw&uuml;rdigkeiten auf einer Reise nach d.
+russ. Amerika, Mikronesien u. Kamtschatka (1826 etc.). Gotha
+1858.</li>
+
+<li>v. Kotzebue, Entdeckungsreise in die S&uuml;dsee und nach der
+Behringsstrasse (1815-18). Weimar 1821.</li>
+
+<li>Krusenstern, Reise um die Welt (1803-6). Berlin 1811.</li>
+
+<li>v. Langsdorff, Bemerkungen auf seiner Reise um die Welt
+(1803-7). Frankfurt 1812.</li>
+
+<li>La P&eacute;rouse, Entdeckungsreise 1785. Magazin von
+Reisebeschr. Band 16. 17. Berlin 1799 f.</li>
+
+<li>v. Lessep, Reise durch Kamtschatka und Sibirien, Magaz. v.
+Reisebeschr. 4. Berlin 1791.</li>
+
+<li>Lichtenstein, Reise in S&uuml;dafrika (1803-6). Berlin
+1812.</li>
+
+<li>Lutteroth, Geschichte der Insel Tahiti, deutsch v. Bruns.
+Berlin 1843,</li>
+
+<li>Mariner, Tonga Islands. London 1818.</li>
+
+<li>Meinicke, a) Das Festland v. Australien. Prenzlau 1837.</li>
+
+<li>b) Die S&uuml;dseev&ouml;lker u. das Christenthum. Prenzlau
+1844.</li>
+
+<li>c) Australien in Wapp&auml;us Handbuch der Geographie und
+Statistik. 7. Aufl. 2. Bd. 2. Nachtr. Leipzig 1866.</li>
+
+<li>Melville, Vier Monate auf den Marquesas-Inseln. Leipzig 1847.
+Id. b, the present state of Australia. London 1851.</li>
+
+<li>Moerenhont, Voyage aux &icirc;les du grand Ocean. Paris
+1837.</li>
+
+<li>Nieuw Guinea, ethnogr. en natuurk. onderzocht in 1858 door een
+Nederl. Ind. Commiss. Amst. 1862.</li>
+
+<li>Nixon, The cruise of the Beacon. London 1857.</li>
+
+<li>Novara, Reise der &ouml;sterr. Fregatte (1857-59). Wien
+1861.</li>
+
+<li>Ohmstedt, Incidents of a whaling voyage. N. York 1841.</li>
+
+<li>Petermann, Mittheilungen u.s.w. a.d. Gesammtgebiet d.
+Geographie.</li>
+
+<li>P&ouml;ppig, Artikel Indier bei Ersch u. Gruber. 2. S. B. 17.
+1840.</li>
+
+<li>Remy, Hist. de l'Arch. Hawaiien, texte et traduction. Paris et
+Leipzig 1862.</li>
+
+<li>Salvado, Memorie storiche dell' Australia, part. della miss.
+benedettina. Roma 1851.</li>
+
+<li>Schomburgk, Reisen in Britisch-Guiana 1840-44. Leipzig
+1848.</li>
+
+<li>Sparmann, Reise nach d. Vorgebirge der guten Hoffn. 1772-76.
+Berlin 1784.</li>
+
+<li>Stewart, Journal of a residence in the Sandwich isl. (1823-25).
+London 1828.</li>
+
+<li>Taylor, The Ika a Maui or N. Zealand and its inhabitants.
+London 1855.</li>
+
+<li>Thomson, The story of N. Zealand. London 1859.</li>
+
+<li>Thunberg, Reisen in Afrika und Asien 1772-79 im Mag. d. Reis.
+7. Bd. Berlin 1792.</li>
+
+<li>v. Tschudi, Reisen durch S&uuml;damerika. Leipzig 1866.</li>
+
+<li>Turnbull, Reise um die Welt 1800-1804, Magaz. v. Reisebeschr.
+Bd. 27. Berlin 1806.</li>
+
+<li>Turner, Nineteen years in Polynesia. London 1861.</li>
+
+<li>Tyermann and Bennet, Journal of voy. in the S. Sea islands.
+London 1831.</li>
+
+<li>Vankouver, Reisen nach d. n&ouml;rdl. Theile der S&uuml;dsee
+(1790-95). Magaz. v. Reisebeschr. Bd. 18. 19. Berlin 1799 f.</li>
+
+<li>Virgin, Erdumsegelung der Fregatte Eugenie (1831-33),
+&uuml;bers. v. Etzel. Berlin 1856.</li>
+
+<li>Waitz, Anthropologie der Naturv&ouml;lker. Leipzig 1859 f. id.
+b, Die Indianer Nordamerikas. Leipzig 1865.</li>
+
+<li>Williams, a Narrat. of Missionary enterprises in the South Sea
+Islands. London 1837.</li>
+
+<li>Williams and Calvert, Fiji and the Fijians ed. by Rowe. Lond.
+1858.</li>
+
+<li>Wilson, Missionsreise ins s&uuml;dl. stille Meer 1796-98,
+Magaz. von Reisebeschr. Bd. 21. Berlin 1800.</li>
+
+<li>Zeitschrift f&uuml;r allgemeine Erdkunde, neue Folge.</li>
+</ul>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<h2>Inhalt.</h2>
+
+<br>
+ <a href="#Vorwort"><b>Vorwort. Quellen</b></a><br>
+ <a href="#1_Einleitung_Umfang_des_Aussterbens"><b>&sect; 1.
+Einleitung. Umfang des Aussterbens</b></a><br>
+ <a href=
+"#_2_Empfanglichkeit_der_Naturvolker_fur_Miasmen_Krankheiten_welche">
+<b>&sect; 2. Empf&auml;nglichkeit der Naturv&ouml;lker f&uuml;r
+Miasmen. Krankheiten, welche spontan bei der Zusammenkunft der
+Natur- und Kulturv&ouml;lker entstehen</b></a><br>
+ <a href="#_3_Direkt_eingeschleppte_Krankheiten"><b>&sect; 3.
+Direkt eingeschleppte Krankheiten</b></a><br>
+ <a href="#4_Behandlung_der_Kranken_bei_den_Naturvolkern"><b>&sect;
+4. Behandlung der Kranken bei den Naturv&ouml;lkern</b></a><br>
+ <a href=
+"#_5_Geringe_Sorgfalt_der_Naturvolker_fur_ihr_leibliches_Wohl"><b>&sect;
+5. Geringe Sorgfalt der Naturv&ouml;lker f&uuml;r ihr leibliches
+Wohl</b></a><br>
+ <a href="#_6_Charakter_der_Naturvolker"><b>&sect; 6. Charakter der
+Naturv&ouml;lker</b></a><br>
+ <a href="#_7_Ausschweifungen_der_Naturvolker"><b>&sect; 7.
+Ausschweifungen der Naturv&ouml;lker</b></a><br>
+ <a href=
+"#_8_Unfruchtbarkeit_Kunstlicher_Abortus_Kindermord"><b>&sect; 8.
+Unfruchtbarkeit. K&uuml;nstlicher Abortus. Kindermord</b></a><br>
+ <a href="#_9_Krieg_und_Kannibalismus"><b>&sect; 9. Krieg und
+Kannibalismus</b></a><br>
+ <a href="#_10_Menschenopfer"><b>&sect; 10.
+Menschenopfer</b></a><br>
+ <a href="#_11_Verfassung_und_Recht"><b>&sect; 11. Verfassung und
+Recht</b></a><br>
+ <a href="#_12_Natureinflusse"><b>&sect; 12.
+Natureinfl&uuml;sse</b></a><br>
+ <a href=
+"#_13_Aeussere_Einflusse_der_hoheren_Kultur_auf_die_Naturvolker"><b>
+&sect; 13. Aeussere Einfl&uuml;sse der h&ouml;heren Kultur auf die
+Naturv&ouml;lker</b></a><br>
+ <a href="#_14_Psychische_Einwirkungen_der_Kultur"><b>&sect; 14.
+Psychische Einwirkungen der Kultur</b></a><br>
+ <a href=
+"#_15_Schwierigkeit_fur_die_Naturvolker_die_moderne_Kultur_sich"><b>
+&sect; 15. Schwierigkeit f&uuml;r die Naturv&ouml;lker, die moderne
+Kultur sich anzueignen</b></a><br>
+ <a href=
+"#_16_Behandlung_der_Naturvolker_durch_die_Weissen_Afrika_Amerika"><b>
+&sect; 16. Behandlung der Naturv&ouml;lker durch die Weissen.
+Afrika. Amerika</b></a><br>
+ <a href="#_17_Fortsetzung_Der_stille_Ozean"><b>&sect; 17.
+Fortsetzung. Der stille Ozean</b></a><br>
+ <a href=
+"#_18_Geographische_Vertheilung_der_einzelnen_Grunde_fur_das_Aussterben">
+<b>&sect; 18. Geographische Vertheilung der einzelnen Gr&uuml;nde
+f&uuml;r das Aussterben der Naturv&ouml;lker. Vergleichung dieser
+Gr&uuml;nde in Bezug auf ihr Gewicht</b></a><br>
+ <a href=
+"#_19_Vergleichung_der_Natur__und_Kulturvolker_in_Bezug_auf_ihre"><b>
+&sect; 19. Vergleichung der Natur- und Kulturv&ouml;lker in Bezug
+auf ihre Lebenskraft</b></a><br>
+ <a href="#_20_Aussterbende_und_ausdauernde_Naturvolker"><b>&sect;
+20. Aussterbende und ausdauernde Naturv&ouml;lker</b></a><br>
+ <a href="#_21_Die_afrikanischen_Neger"><b>&sect; 21. Die
+afrikanischen Neger</b></a><br>
+ <a href=
+"#22_Folgerungen_aus_der_Art_wie_die_Naturvolker_von_den_Kulturvolkern">
+<b>&sect; 22. Folgerungen aus der Art, wie die Naturv&ouml;lker von
+den Kultur behandelt sind</b></a><br>
+ <a href=
+"#_23_Zukunft_der_Naturvolker_Mittel_sie_zu_heben"><b>&sect; 23.
+Zukunft der Naturv&ouml;lker; Mittel sie zu heben</b></a><br>
+ <a href=
+"#_24_Werth_der_Naturvolker_fur_die_Menschheit_und_ihre_Entwickelung">
+<b>&sect; 24. Werth der Naturv&ouml;lker f&uuml;r die Menschheit
+und ihre Entwickelung. Schluss</b></a><br>
+ <a href="#FOOTNOTES"><b>Fu&szlig;noten</b></a><br>
+
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="1_Einleitung_Umfang_des_Aussterbens"></a>
+<h2>&sect;1. Einleitung. Umfang des Aussterbens.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Die Erscheinung, dass eine Reihe von V&ouml;lkern vor unseren
+Augen durch langsameres oder rascheres Hinschwinden ihrem Untergang
+entgegengeht, ist eine &uuml;beraus wichtige. Dass sie f&uuml;r die
+Geschichtsforschung grosse Bedeutung hat, leuchtet ohne weiteres
+ein; dass sie f&uuml;r die Naturgeschichte des Menschen, die
+Anthropologie entscheidend ist, ebenfalls. Und wenn es sich als
+wahr best&auml;tigt, dass, wie man behauptet hat, diese V&ouml;lker
+aus einer Lebensunf&auml;higkeit, welche ihrer Natur anhaftet, dem
+Aufh&ouml;ren entgegengehen; so ist, da die nothwendige Folgerung
+jener Behauptung dahin f&uuml;hrt, dass man verschiedene Arten,
+h&ouml;here und niedere im Geschlecht Mensch annimmt, die
+Beantwortung dieser Frage auch f&uuml;r die Philosophie massgebend.
+Praktisch hat man sie von jeher in den Staaten betont, wo Weisse
+mit Farbigen zusammenleben; wie man eben die Theorie der geringeren
+Lebensf&auml;higkeit nicht weisser Ra&ccedil;en zuerst in diesen
+Staaten aufgestellt hat.</p>
+
+<p>Und allerdings ist es auffallend, dass nur farbige Ra&ccedil;en
+dies Hinschwinden zeigen und am meisten es da zeigen, wo sie mit
+der weissen in Ber&uuml;hrung gekommen sind; dass die Weissen,
+obwohl sie doch ihre Heimat, das gewohnte Klima u.s.w. aufgegeben
+haben und in unmittelbarer Ber&uuml;hrung mit denen leben, welche
+in ihrem Vaterlande, scheinbar unter den alten Lebensbedingungen,
+verkommen, g&auml;nzlich davon verschont zu sein scheinen.</p>
+
+<p>W&auml;hrend wir nun dies Hinschwinden haupts&auml;chlich bei
+den kulturlosen Ra&ccedil;en, bei den Naturv&ouml;lkern, d.h. bei
+den V&ouml;lkern finden, welche dem Naturzustande des
+Menschengeschlechtes noch verh&auml;ltnissm&auml;ssig nahe stehen
+(Waitz 1, 346), oder bei welchen, um mit Steinthal zu reden, noch
+keine bedeutende Entwickelung der logischen F&auml;higkeiten
+stattgefunden hat: so sehen wir es doch ebenfalls auch da, wo
+farbige Ra&ccedil;en sich zur Kultur und sogar zu einer gewissen
+H&ouml;he der Kultur emporgeschwungen haben, in Polynesien, in
+Mexiko, in Peru, und man hat daher geschlossen, einmal dass diese
+Kultur doch nur Halbkultur und wenig bedeutend gewesen sei, denn
+w&auml;re sie wahr und ganz gewesen, so w&uuml;rde sie
+gr&ouml;ssere Kraft verliehen haben: oder aber, dass bestimmte
+Ra&ccedil;en, auch wenn sie sich wirklich &uuml;ber das Niveau der
+gew&ouml;hnlichen &raquo;Wilden&laquo; erhoben h&auml;tten, dennoch
+einem fr&uuml;hen Tode entgegengingen, weil sie nun eben von der
+Natur zum Aussterben bestimmt seien, weil es ihnen eben, in Folge
+ihrer Ra&ccedil;eneigenth&uuml;mlichkeit, an Lebensf&auml;higkeit
+fehle, welche keine Kultur ersetzen k&ouml;nne: vielmehr decke jede
+Art von Kultur diesen Mangel nur um so mitleidsloser auf.
+Allerdings gibt es auch farbige Ra&ccedil;en und Naturv&ouml;lker,
+bei welchen an ein Aussterben nicht zu denken ist; und andererseits
+sind auch Theile von Kulturv&ouml;lkern, indogermanische,
+semitische St&auml;mme verschwunden und ausgestorben. Allein bei
+letzteren redet man nicht von einer geringeren
+Lebensf&auml;higkeit, einmal wegen der Verwandtschaft dieser
+St&auml;mme mit den anerkannt lebensf&auml;higsten V&ouml;lkern der
+Welt; andererseits auch wegen der Art ihres Verschwindens. Denn der
+Grund, warum sie aufgeh&ouml;rt haben zu existiren, liegt klar auf
+der Hand; theils sind sie durch Krieg vernichtet, wie so viele
+V&ouml;lker, welche mit dem alten Rom k&auml;mpften, theils sind
+sie mit anderen Kulturv&ouml;lkern, die sie rings umgaben,
+verschmolzen, wie die Gothen, die Vandalen, theils trat beides
+zugleich ein: die h&ouml;here Kulturstufe, welche sie besiegte,
+nahm die besiegten Reste in sich auf, wie die alten Preussen, die
+Wenden und so viele slavische V&ouml;lkerschaften durch und in
+Deutschland, die Iberer, die Kelten durch und in das r&ouml;mische
+Wesen verschwanden. So war auch zweifelsohne das Loos der
+V&ouml;lker, welche vor der Einwanderung der Indogermanen Europa
+inne hatten. Anders aber ist das Hinschwinden der Naturv&ouml;lker:
+wo sie mit h&ouml;herer Kultur zusammenkommen, auch da, wo diese
+letztere sich friedlich gegen sie verh&auml;lt, sehen wir sie von
+Krankheiten ergriffen werden, ihr physisches und psychisches
+Verm&ouml;gen versiechen, und ihre Zahl, oft ausserordentlich
+rasch, sich vermindern. Allerdings sind auch einzelne
+Naturv&ouml;lker aufgerieben oder doch stark vermindert durch ganz
+&auml;usserliche und leicht begreifliche Gr&uuml;nde: so namentlich
+viele malaiische St&auml;mme, welche durch nachr&uuml;ckende
+verwandte V&ouml;lker ins Gebirge zur&uuml;ckgedr&auml;ngt und
+dabei gewiss ebenso so stark vermindert worden sind, als durch ihr
+gleiches Schicksal die Basken in Europa, w&auml;hrend sie in ihren
+Bergen sich in ziemlich gleichbleibender Anzahl halten; so die
+Bewohner der Warekauri-(Chatam-) Inseln bei Neu-Seeland, die
+Moreore. welche 1832-35 noch 1500 etwa betrugen, durch die
+Neu-Seel&auml;nder aber, die in jenen Jahren einen Zug nach den
+Warekauriinseln unternahmen, fast ganz ausgerottet sind, so dass
+ihre Zahl jetzt nur noch 200 betr&auml;gt: und auch diese nehmen,
+durch Assimilation an die eingewanderten Maoris rasch ab (Travers
+bei Peterm. 1866, 62). Auch m&uuml;ssen wir hier die schwarze
+Urbev&ouml;lkerung Vorderindiens, die dekhanischen und
+Vindhyav&ouml;lker erw&auml;hnen, weil auch sie nach Lassen (ind.
+Alterthumskunde 1, 390) allm&auml;hlich abnehmen. Fr&uuml;her waren
+sie weiter ausgebreitet und einzelne Reste von ihnen scheinen sich
+(Lassen a.a.O. 387 ff.) in Himalaya, in Belutschistan, T&uuml;bet
+und sonst erhalten zu haben. Sie wurden durch die
+nachr&uuml;ckenden arischen Inder und gewiss nicht friedlich in die
+Gebirge zur&uuml;ckgedr&auml;ngt (Lassen 366), wo sie nun theils im
+barbarischen Zustande weiter lebten, theils aber, und so namentlich
+die s&uuml;dlicheren Dekhanv&ouml;lker, in die indische Kultur
+&uuml;bergingen (Lassen 364. 371). Ein &auml;hnliches Schicksal
+hatten verschiedene amerikanische St&auml;mme, die von anderen
+m&auml;chtigeren Indianerv&ouml;lkern theils aufgerieben, theils
+sich einverleibt wurden; auch wird von einzelnen
+Hottentottenv&ouml;lkern eine &auml;hnliche Vermischung mit
+Kafferst&auml;mmen erw&auml;hnt (Waitz 2, 318).</p>
+
+<p>Doch scheinen auch manche V&ouml;lker vermindert oder gar
+verschwunden, ohne es in Wirklichkeit zu sein. Ein solcher Schein
+ist hervorgerufen, wie Waitz 1, 159-160 zeigt, theils durch
+Um&auml;nderung von Namen, wo man nun f&auml;lschlich annahm, weil
+der Name nicht mehr existire, so sei auch das Volk erloschen, oder
+durch Irrth&uuml;mer der Reisenden, indem sie manche Namen zu weit
+ausdehnen, andere aber auf v&ouml;lligem Missverst&auml;ndniss
+beruhen, oder durch falsche Sch&auml;tzung der Volkszahl, wie man
+sie oft sehr &uuml;bertrieben, namentlich bei &auml;lteren
+Reisenden, z.B. f&uuml;r Polynesien bei Cook, findet u. dergl.</p>
+
+<p>Ehe wir nun aber die Gr&uuml;nde f&uuml;r jenes weniger leicht
+zu erkl&auml;rende Hinschwinden der Naturv&ouml;lker aufsuchen,
+m&uuml;ssen wir den Umfang desselben betrachten, wobei wir ausser
+Europa alle Welttheile zu ber&uuml;cksichtigen haben.</p>
+
+<p>In Asien sterben aus oder sind schon ausgestorben die
+Kamtschadalen und so rasch ging ihre Verminderung vor sich, das
+Langsdorff (1803-4, Krusensterns Begleiter) Ortschaften, welche die
+Cooksche Expedition und La Perouse noch wohl bev&ouml;lkert sahen,
+v&ouml;llig menschenleer fand. Wenn La Perouse 1787 auf der
+Halbinsel im ganzen noch 4000 Bewohner fand (2,166), so sind die
+russischen Einwanderer in dieser Zahl, bei der trotzdem auf mehrere
+Quadratmeilen kaum ein Mensch kommt, schon einbegriffen. Denn Cooks
+Reisebegleiter (1780) fanden, nach den Mittheilungen eines dort
+ans&auml;ssigen Offiziers in Kamtschatka nur noch 3000 Einwohner,
+wobei die Kurilen schon mitgerechnet sind; sie erz&auml;hlen
+selbst, wie sich die Eingeborenen immer mehr mit den einwandernden
+Russen verbinden und ihre Zahl dadurch immer mehr abnimmt (Cook 3.
+R. 4, 175). La Perouses Reisegef&auml;hrte Lessep (41) behauptet,
+dass nur noch ein Viertel der eigentlichen Kamtschadalen &uuml;brig
+sei; und er war noch nicht ein volles Jahrhundert nach der ersten
+Unternehmung der Russen (1696) gegen Kamtschatka dort. Dasselbe
+Schicksal haben ausser den Jakuten und Jukagiren in Sibirien Waitz,
+(1, 164) auch die Aleuten auf den Fuchsinseln und die ihnen
+verwandten St&auml;mme auf den n&auml;chsten K&uuml;sten von
+Amerika, die wir hier gleich erw&auml;hnen, weil auch sie wie die
+Kamtschadalen unter demselben Drucke Russlands stehen. Langsdorff
+fand auf den Fuchsinseln nur gegen 300 M&auml;nner, w&auml;hrend er
+f&uuml;r 1796 1300 und f&uuml;r 1783-87 gar 3000 und mehr angibt.
+Das Steigen der Zahlen, welches wir im Anfang dieses Jahrhunderts
+finden, ist keineswegs tr&ouml;stlich. Denn wenn Chamisso (177,
+zweite Note) nach aktenm&auml;ssigen Mittheilungen f&uuml;r 1806
+die Aleuten der Fuchsinseln auf 1334 M&auml;nner und 570 Frauen,
+1817 dagegen auf 462 M&auml;nner und 584 Frauen angibt, so versieht
+er erstlich diese allerdings auffallenden Zahlen selbst mit einem
+Fragezeichen; und zweitens, wenn sie auch richtig sind, Langsdorff
+sich geirrt und die Volkszahl sich nicht durch russische
+Einwanderer vermehrt hat: das Sinken der Bev&ouml;lkerung von
+1806-1817 ist gewiss eben so arg als wie wir es bei Langsdorff
+geschildert finden. Der offizielle Bericht von 1860 bei Peterm.
+1863, 70 gibt 4645 Bewohner der Fuchsinseln an: allein hier sind
+jedenfalls die Russen, welche jetzt auf den Inseln ans&auml;ssig
+sind, mitgez&auml;hlt, obwohl die Mischlinge, 1896 Seelen, noch
+besonders angegeben werden und diese Vermehrung, welche sich auf
+Kamtschatka gleichm&auml;ssig findet, ist nur eine scheinbare.</p>
+
+<p>Bekannt ist das Aussterben der Ureinwohner Amerikas, deren Zahl
+man in Nordamerika f&uuml;r die Zeit der Entdeckung etwa auf 16
+Millionen, jetzt kaum noch 2 Millionen sch&auml;tzt (Waitz b, 16).
+1864 betrug die Zahl der Indianer in den Vereinigten Staaten etwa
+275,000; 1860 z&auml;hlte man noch 294,431; 1841 aber, auf
+kleinerem Gebiete 342,058 Seelen, so dass sich also hier in 23
+Jahren ein Verlust von nahezu 70,000 Menschen herausstellt (eb.
+18). Noch geringere Zahlen gibt Behm (105 ff.) an, n&auml;mlich
+268,000 unabh&auml;ngige Indianer f&uuml;r die Vereinigten Staaten,
+155,000 f&uuml;r britisch Nordamerika. Und w&auml;hrend d'Orbigny
+(1838) f&uuml;r den von ihm bereisten gr&ouml;sseren Theil von
+S&uuml;damerika 1,685,127 Indianer z&auml;hlte (Waitz b, 16). so
+stellt Behm auch hier geringere Zahlen auf: Brasilien hat nach ihm
+(a.a.O.) 500,000 unabh&auml;ngige Indianer, die drei Guyanas 9770,
+Venezuela 52,400, Neu-Granada 126,000, Ekuador 200,000, Peru
+400,000, Bolivia 245,000, Chile 10,000, die Staaten der
+argentinischen Republik 40,000, Patagonien und Feuerland 30,000,
+also zusammen 1,613,170 und zwar f&uuml;r ganz S&uuml;damerika. So
+viel aber betrug allein die Bev&ouml;lkerung von Chile zur Zeit der
+Entdeckung (P&ouml;ppig 385 Anmerkung) nach einer der kleinsten
+Annahmen. Mittelamerika hatte um 1800 zwei und eine halbe Million
+unvermischter Ureinwohner und diese Zahl war im Wachsen (Humboldt a
+1, 107); aber zur Zeit der Entdeckung betrug die Volkszahl in
+Tenuchtitlan, der alten Hauptstadt von Mexiko und dem ihm nahe
+gelegenen Tezkuko allein nach mittleren Angaben fast eine Million
+und das Land war dicht bedeckt mit grossen und volkreichen
+St&auml;dten. Behm nimmt als jetzige unabh&auml;ngige
+Urbev&ouml;lkerung nur 6000 an (a.a.O.), eine Zahl, welche gegen
+Humboldts Angaben ausserordentlich gering ist: allein Behm
+sch&auml;tzt hier nur die Indianer ab, &raquo;welche sich den
+Beh&ouml;rden vollst&auml;ndig entziehen&laquo;, w&auml;hrend
+Humboldt auch die Eingeborenen mitbegreift, welche sich am
+europ&auml;ischen Leben so gut wie die spanischen Mexikaner
+betheiligen. Behm (114) sch&auml;tzt diese auf 4,800,000.
+Nat&uuml;rlich geht dies Aussterben auch jetzt noch weiter,
+wof&uuml;r v. Tschudi 2, 216 ein Beispiel gibt: die Malalies, ein
+araukanischer Stamm, 1787 noch &uuml;ber 500 Individuen stark,
+schmolzen in jener Zeit durch Kriege auf 26 Seelen zusammen. Obwohl
+sie nun 70 Jahre lang ans&auml;ssig sind und ungef&auml;hrdet
+gelebt haben, ist ihre Zahl doch nicht h&ouml;her als auf einige
+&uuml;ber dreissig gestiegen.</p>
+
+<p>In Afrika sind es die Hottentotten zun&auml;chst, welche in den
+Kreis unserer Betrachtung hineingeh&ouml;ren. W&auml;hrend sie
+fr&uuml;her sich weit hin in das Innere von S&uuml;dafrika
+ausdehnten und in eine zahlreiche Menge von einzelnen St&auml;mmen
+zerfielen, finden wir sie jetzt auf sehr viel kleinerem Gebiete und
+aufgerieben bis auf 3 St&auml;mme, die Korana, Namaqua und Griqua
+(Waitz 2, 317 ff.), deren Zahl fortw&auml;hrend im Fallen ist. Auch
+die Kaffern m&uuml;ssen hier erw&auml;hnt werden, denn im brittisch
+Kafraria hat sich 1857 die Bev&ouml;lkerung um mehr als die
+H&auml;lfte vermindert: sie betrug am Anfang des Jahres 104,721
+Seelen und am Ende desselben nur noch 52,186 (Peterm. 1859 S. 79
+nach dem Population Return v. John Maclean Chief Commissioner):
+nach Behm jedoch (100) 1861 74,648 Eingeborene.</p>
+
+<p>Es bleibt uns nun noch Australien und Ozeanien zu betrachten
+&uuml;brig, wo an vielen Orten die Bev&ouml;lkerung rasch
+hinschwindet, so namentlich in Neuholland. Doch ist es gerade
+f&uuml;r dies Land schwer, ja ganz unm&ouml;glich, Zahlen
+aufzustellen, weil die St&auml;mme fortw&auml;hrend hin- und
+herziehen und daher alle Zahlangaben sehr wenig zuverl&auml;ssig
+sind (Grey 2, 246). Die, welche Meinicke a 177 aufstellt, beweisen
+dies zur Gen&uuml;ge, und selbst die bei Behm (72) sind nicht
+sicherer. Nur von S&uuml;daustralien, Queensland und Viktoria hat
+er bestimmte Z&auml;hlungsergebnisse und so ist seine Gesammtziffer
+55.000 nur eine sehr ungef&auml;hre. Alle Quellen aber berichten
+einstimmig, dass die Bev&ouml;lkerung wenigstens der K&uuml;sten
+reissend abnimmt; dass St&auml;mme, welche fr&uuml;her nach
+Hunderten z&auml;hlten, jetzt vielfach bis auf ebenso viel Zehner
+zusammengeschmolzen sind. Die Bev&ouml;lkerung Tasmaniens betrug
+1843 noch 54 Individuen, 1854 noch 16 (Nixon 18) und ist jetzt wohl
+ganz ausgestorben.</p>
+
+<p>Wenn auch nicht so reissend, so vermindern sich doch auch die
+Melanesier an verschiedenen Gegenden ihres Gebietes: so nach Reina
+(Zeitschr. 4., 360), die V&ouml;lker der kleinen Inseln in der
+N&auml;he von Neuguinea: so nach D'Urville 5, 213 die Bewohner von
+Vanikoro, nach Turner 494 die Eingeborenen der neuen Hebriden, wie
+z.B. die Bev&ouml;lkerung von Anneitum 1860, welche Turner auf 3513
+Seelen sch&auml;tzt, 1100 Menschen durch eine Masernepidemie verlor
+(Muray bei Behm 77) und die von Erromango 1842 durch eine
+gef&auml;hrliche Dysenterie um ein Drittel vermindert wurde (Turner
+a.a.O.); und so finden sich noch verschiedene Angaben
+zerstreut.</p>
+
+<p>In Mikronesien ist die Bev&ouml;lkerung der Marianen, welche bei
+Ankunft der Spanier 1668 mindestens 78,000 Einwohner gehabt haben,
+f&uuml;r die aber auch 100,000 durchaus nicht zu hoch gegriffen ist
+(Gulick 170) g&auml;nzlich ausgestorben. Schon um 1720 hatten die
+Inseln (und zwar nur noch die beiden s&uuml;dlichsten) nicht mehr
+als etwa 2000 Einwohner, und von diesen waren sehr viele von den
+Philippinen her verpflanzte Tagalen. Ponapi (Puynipet, Ostende der
+Karolinen) hatte nach Hale (82) 15.000 Bewohner, welche Annahme
+vielleicht etwas, aber nicht viel zu hoch ist<a name=
+"FNanchor_A_1"></a><a href="#Footnote_A_1"><sup>[A]</sup></a>;
+jetzt hat sie (Gulick 358) noch 5000, Kusaie (Ualan) hatte 1852
+12-1300, 1862 nur noch 700 Menschen (Gulick 245).</p>
+
+<p>In Polynesien betrug auf Tahiti die Bev&ouml;lkerung zu Cooks
+Zeiten (1770) etwa 15-16,000 Seelen (G. Forster nach einer
+spanischen Beschreibung von Tahiti a.d. Jahre 1778 ges. Werke
+4,211, Bratring 104, welcher derselben Quelle folgt oder wenigstens
+einer nahe verwandten). Dieselbe Zahl fand Wilson noch im Jahre
+1797; Turnbull (259) gibt nur 5000 an im Jahre 1803, Waldegrave bei
+Meinicke b, 113 6000 f&uuml;r 1830 und Ellis 1, 102 f&uuml;r 1820
+etwa 10,000, welche Zahl Virgin auch f&uuml;r 1852 angibt (2, 41).
+M&ouml;gen auch diese Zahlen unbestimmt und schwankend und
+Turnbulls Angaben negativ &uuml;bertrieben sein: so viel ist sehr
+klar, dass seit der Entdeckung durch die Europ&auml;er die
+Entv&ouml;lkerung dieser Insel, welche indess nach den Aussagen der
+Eingebornen (Virgin 2, 41) schon fr&uuml;her begonnen hatte, rasch
+fortgeschritten ist; bis unter die H&auml;lfte der fr&uuml;heren
+Kopfzahl sinken die Angaben. Auf den &uuml;brigen
+Societ&auml;tsinseln war das Verh&auml;ltniss (Meinicke a. a. O.)
+ein &auml;hnliches. Auch jetzt scheint das Aussterben, obwohl
+langsamer, fortzugehen: der offizielle franz&ouml;sische Bericht
+f&uuml;r 1862 gibt f&uuml;r Tahiti 9086 Bewohner an (Behm 81).</p>
+
+<p>Auf Laivavai, einer der Australinseln, betrug die
+Bev&ouml;lkerung 1822 mindestens 1200, 1830 nur noch etwa 120 und
+1834 kaum noch 100 Seelen (M&ouml;renhout 1, 143). G&uuml;nstiger
+ist Meinickes Sch&auml;tzung, welcher auf der ganzen Gruppe Ende
+1830 etwa 5000 Seelen, f&uuml;r 1840 nur noch 2000 annimmt (a.a.O.
+114). Rapa sch&auml;tzte Vankouver 1795 auf 1500 Einwohner,
+M&ouml;renhout (1, 139) 1834 nur noch auf 300 und diese waren in
+stetem Abnehmen. Auch die Herveygruppe, welcher Ellis 1, 102
+10-11,000 Bewohner gibt, ist jetzt viel minder zahlreich bewohnt,
+namentlich Rarotonga, welches durch eine furchtbare Seuche im
+h&ouml;chsten Grade gelitten hat (Williams 281).</p>
+
+<p>Ganz ebenso schlimm ist es in Hawaii, wo nach Ohmstedt 262, die
+Bev&ouml;lkerung in den Jahren 1832-36 von 130,000 auf 102,000
+Seelen, also in 4 Jahren um 28,000 Seelen gesunken ist! Mag
+Ohmstedt nun auch Recht haben, dass die Bev&ouml;lkerungsziffer
+f&uuml;r 1836 zu gering ist, weil eine Menge Geburten nicht
+angezeigt worden sind: so ist das Hinschwinden trotzdem ganz
+ausserordentlich, zumal die Insel zu Cooks Zeiten, der 400,000
+Einwohner angibt, wohl an 300,000 nach Jarves Berechnung (373)
+hatte. Die Zahlen bei Meinicke (b, 115-16 nach der Sandwich Isl.
+gazette) sind zwar nicht genau dieselben, das Verh&auml;ltniss der
+Abnahme aber bleibt, auch wenn wir ihnen folgen, unver&auml;ndert.
+Nach Virgin 1, 267 hatte die Hawaiigruppe 1823 etwa 142,000 Seelen,
+1832 noch 130,313, 1836 108,579 und 1850 betrug die Zahl nur noch
+84,165! also in 78 Jahren hat sich die Bev&ouml;lkerung um ein
+Drittel gemindert und die Zahl der Geburten verhielt sich zu den
+Todesf&auml;llen wie 1:3! Auch jetzt noch schreitet die
+Verminderung fort: die Zahl der Eingeborenen betrug nach dem Census
+von 1860 nur 67,084 Seelen (Behm 85).</p>
+
+<p>Auch auf dem Markesasarchipel, dessen Bev&ouml;lkerung nach
+Meinicke (b, 115) 22,000 Menschen betr&auml;gt, ist ein
+Hinschwinden bemerkt: so verlor Nukuhiva (Rodriguet in Revue de 2
+mondes 1859 2, 638) von 1806-12 zwei Drittel seiner
+Bev&ouml;lkerung durch Hungersnoth. Auf Neu-Seeland betr&auml;gt
+die Abnahme der Bev&ouml;lkerung in den letzten 14 Jahren etwa
+19-20 Percent; 1770 betrug sie etwa 100,000 und 1859 noch 56,000
+(Hochstetter 474, nach Fenton). Nach offiziellen Berichten im
+Athen&auml;um (Zeitschr. 9, 325), welche zu Hochstetters Angaben
+nicht ganz stimmen, war die Zahl der Eingebornen 1858 87,766, und
+zwar, auffallend genug, 31,667 M&auml;nner und 56,099 Frauen.
+Dagegen treffen die offiziellen Berichte von 1861 (Meinicke c 557)
+mit Hochstetter &uuml;berein: denn sie geben 55,336 Eingeborene an.
+Letzteres ist wohl das richtigere. Nach Fenton (Reise der Novara 3,
+178) verhielten sich bis gegen 1830 die Sterbef&auml;lle und
+Geburten zur Gesammtbev&ouml;lkerung wie 1: 33,04 und 1: 67,12.</p>
+
+<p>Auf Samoa nimmt nach Erskine 104 die Bev&ouml;lkerung, 37,000
+Seelen, gleichfalls ab, und zwar soll die Abnahme nach den
+Berichten der Mission&auml;re in 10 Jahren auf einer Insel von 4000
+bis zu 3700 oder 3600 vorgeschritten sein (eb. 60).</p>
+
+<p>Auch die Pageh auf Engano, ein den Polynesiern &auml;hnlicher
+malaiischer Stamm auf einer kleinen Insel s&uuml;dlich von Sumatra
+sterben aus nach Wallands Urtheil, der auf der Insel eine
+&auml;usserst geringe Kinderzahl vorfand &mdash; nur f&uuml;nf im
+Ganzen (Zeitschr. 16, 420).</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name=
+"_2_Empfanglichkeit_der_Naturvolker_fur_Miasmen_Krankheiten_welche">
+</a>
+
+<h2>&sect; 2. Empf&auml;nglichkeit der Naturv&ouml;lker f&uuml;r
+Miasmen. Krankheiten, welche spontan bei der Zusammenkunft der
+Natur- und Kulturv&ouml;lker entstehen.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Indem wir uns nun anschicken, die Gr&uuml;nde f&uuml;r dies
+Hinschwinden aufzusuchen, wollen wir zuerst vernehmen, wie man sich
+&uuml;ber die Lebensunf&auml;higkeit dieser St&auml;mme
+ge&auml;ussert hat. P&ouml;ppig (386) sagt von Amerika: &raquo;Es
+ist eine unbezweifelte Thatsache, dass der kupferfarbene Mensch die
+Verbreitung europ&auml;ischer Civilisation nicht in seiner
+N&auml;he vertr&auml;gt, sondern in ihrer Atmosph&auml;re ohne
+durch Trunk, epidemische Krankheiten oder Kriege ergriffen zu
+werden, dennoch wie von einem giftigen Hauche ber&uuml;hrt
+ausstirbt. Die zahlreichen Versuche der Regierungen haben Sitte und
+B&uuml;rgerthum unter jener Ra&ccedil;e nie einheimisch machen
+k&ouml;nnen, denn ihr fehlt die n&ouml;thige Perfektibilit&auml;t.
+Dieser Mangel macht die durchdachten und menschenfreundlichen
+Pl&auml;ne der Erziehung zu nichte und rechtfertigt den Vergleich
+jener Menschheit mit jener eine eigenth&uuml;mliche Physiognomie
+tragenden, aber niederen Vegetation, die das dem Meere entstiegene
+Land zuerst in Besitz nimmt, aber in dem Masse wie h&ouml;her
+ausgebildete und kr&auml;ftigere Pflanzen sich entwickeln, sich
+vermindert und zuletzt auf immer verschwindet. Wie sehr das
+menschliche Gef&uuml;hl sich gegen eine solche Annahme
+str&auml;ubt, so glauben wir doch in den Amerikanern <i>einen von
+der Natur selbst dem Untergang geweihten</i> Zweig unseres
+Geschlechtes zu sehen. In den leer gewordenen Raum tritt eine
+<i>geistig vorz&uuml;glichere</i>, beweglichere, aus dem Osten
+stammende grosse Familie. Wie diese ihrer Bestimmung zur
+allgemeinsten Verbreitung gehorsam sich ausdehnt und die
+entlegensten Wildnisse sich unterwirft, so legt die
+Urbev&ouml;lkerung sich zum Todesschlafe nieder und verschwindet
+selbst aus dem Ged&auml;chtnisse des neuen Volkes. In weniger als
+einem Jahrhundert wird vielleicht die Forschung &uuml;ber die
+ersten Bewohner eines ganzen Welttheils dem Gebiete der
+Arch&auml;ologie &uuml;berwiesen werden m&uuml;ssen, und dann erst
+wird das Tragische und R&auml;thselhafte ihres Schicksals begriffen
+(?) und tief empfunden werden.&laquo;</p>
+
+<p>So schrieb 1840 ein deutscher Gelehrter, der lange Reisen in
+Amerika gemacht hatte. Auch Carus Phantastereien von Tag-, Nacht-
+und D&auml;mmerungsv&ouml;lkern (17 ff.) geh&ouml;ren hierher;
+seine westlichen D&auml;mmerungsv&ouml;lker, &raquo;sie, die
+wirklich dem Untergange zugewendet sind und ihrem Verl&ouml;schen
+mehr und mehr entgegengehen&laquo;, sind die Amerikaner; seine
+Nachtv&ouml;lker, welche sich &raquo;&uuml;ber Afrika ausdehnen und
+hinab gegen S&uuml;den &uuml;ber Australien (!), Van Diemensland
+und einen Theil von Neuseeland (als Papus!!) erstrecken&laquo;,
+stehen noch tiefer in ihrer geistigen Entwickelung und
+F&auml;higkeit. Ganz &auml;hnlicher Ansicht &uuml;ber die
+Neuholl&auml;nder, wie P&ouml;ppig &uuml;ber die Amerikaner,
+scheint Meinicke zu sein, nur dass er sich verh&uuml;llter
+ausdr&uuml;ckt; doch nennt er sie einen &raquo;dem Untergang
+<i>geweihten</i>&laquo; Volksstamm (c 522) und spricht hier n. a 2,
+215 von ihrer &raquo;g&auml;nzlichen Unbildsamkeit&laquo;. Viel
+direkter hat man von der Unbildsamkeit, von dem nothwendigen
+Untergang, von der geringen Lebensf&auml;higkeit der
+tieferstehenden und mangelhaft organisirten Ra&ccedil;en in Amerika
+(Waitz 3, 45) und den Kolonieen in Afrika, Neuholland und
+Polynesien gesprochen; da man denn sich auch weiter kein Gewissen
+machte, den Untergang, welchem diese Ra&ccedil;en nun doch einmal
+geweiht seien, damit auf ihren Tr&uuml;mmern sich das bessere Leben
+h&ouml;herstehender Ra&ccedil;en entwickeln k&ouml;nne, mit allen
+Mitteln beschleunigen zu helfen.</p>
+
+<p>Aber auch vorurtheilsfreie Forscher sehen in diesem Hinschwinden
+etwas R&auml;thselhaftes, so Waitz 1, 173, wenigstens in Beziehung
+auf Australien und Polynesien, da hier eine Hauptursache der
+Entv&ouml;lkerung, welche in Amerika so wirksam war, der Druck
+durch die Weissen, in Polynesien ganz wegfalle, in Australien
+wenigstens nicht weitgreifend gewirkt habe. &raquo;Begreiflicher
+Weise, f&auml;hrt er jedoch fort, ist das Aussterben eines Volkes,
+das fr&uuml;her kr&auml;ftig und gesund gewesen ist, nicht damit
+erkl&auml;rt, dass man ihm die Lebenskraft abspricht oder einen
+urspr&uuml;nglichen Mangel der Organisation zuschreibt, und es hat
+an sich schon etwas sehr Unbefriedigendes f&uuml;r eine so seltene
+und abnorme Erscheinung einen geheimnissvollen Zusammenhang
+anzunehmen, dem sie ihre Entstehung verdanke; man wird vielmehr
+hier wie &uuml;berall nach dem nat&uuml;rlichen Zusammenhange der
+Sache zu suchen haben, wenn man sich auch schliesslich zu dem
+Gest&auml;ndnisse gen&ouml;thigt finden sollte, dass es bis jetzt
+nicht gelingen will, denselben vollst&auml;ndig
+aufzukl&auml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>Wir wollen sehen, ob wir zu diesem Gest&auml;ndniss
+gen&ouml;thigt werden.</p>
+
+<p>Auch Darwin (2, 213) sieht bei diesem Aussterben, f&uuml;r
+welches er viele nat&uuml;rliche Gr&uuml;nde anf&uuml;hrt, auch
+&raquo;noch irgend eine mehr r&auml;thselhafte Wirksamkeit&laquo;
+th&auml;tig. &raquo;Die Menschenra&ccedil;en, sagt er, scheinen auf
+dieselbe Art aufeinander zu wirken, wie verschiedene Thierarten,
+von denen die st&auml;rkere die schw&auml;chere vertilgt.&laquo; Er
+macht darauf aufmerksam, dass fast bei jeder Ber&uuml;hrung der
+Naturv&ouml;lker und der Weissen, oft auch von St&auml;mmen ein-
+und desselben Volkes, welche in verschiedener Gegend wohnen,
+seuchenartige Krankheiten entstehen, oft bei v&ouml;lliger
+Gesundheit der Schiffsmannschaft und der von ihr besuchten
+V&ouml;lkerschaft, &raquo;von denen alsdann vorzugsweise die
+niedere von beiden Ra&ccedil;en oder die der Eingeborenen, welche
+in ihrem Lande von Fremden aufgesucht werden, zu leiden hat&laquo;
+(Waitz 1, 162). Und hierzu lassen sich die Beispiele allerdings
+h&auml;ufen. So sagt Humboldt (a 4, 392), dass in Panama und Calao
+der Anfang grosser Epidemien des gelben Fiebers &raquo;am
+h&auml;ufigsten durch die Ankunft einiger Schiffe aus Chile
+bezeichnet werde&laquo;, obwohl doch Chile selbst eines der
+ges&uuml;ndesten L&auml;nder der Welt sei und das gelbe Fieber gar
+nicht kenne; aber die sch&auml;dlichen Folgen der ausserordentlich
+erhitzten und durch ein Gemisch von faulen D&uuml;nsten verdorbenen
+Luft, an welche die Organe der Eingeborenen gew&ouml;hnt seien,
+wirkten m&auml;chtig auf Individuen aus einer k&auml;lteren Region.
+Aehnlich verh&auml;lt es sich mit dem Ausbrechen des gelben Fiebers
+in Mittel- und Nordamerika, das eingeschleppt zu haben so
+h&auml;ufig die eine der genannten Gegenden Besuchern aus der
+anderen vorwirft (Humboldt a.a.O. 384). Die &raquo;grausame
+Epidemie&laquo; von 1794, wo Verakruz ungew&ouml;hnlich heftig vom
+gelben Fieber heimgesucht war, fing an mit der Ankunft dreier
+Kriegsschiffe (eb. 423). Ebenso schreiben die Einwohner Egyptens
+das Ausbrechen der Pest der Ankunft griechischer Schiffe zu und
+umgekehrt die Bewohner Griechenlands und Konstantinopels
+egyptischen (eb. 384), wobei keineswegs immer an eine Einschleppung
+zu denken ist. Auf Rapa (Australinseln) traten t&ouml;dtliche
+Krankheiten nach dem Besuch von englischen Schiffen auf, welche die
+H&auml;lfte der Eingeborenen dahinrafften (M&ouml;renh. 1, 139);
+auf Tubuai (Australinseln) ward die Bev&ouml;lkerung durch
+Krankheiten, welche mit der Mission 1822 auftraten, auf die Zahl
+von 150 heruntergebracht (eb. 2, 343). Raivavai, welches 1822 noch
+1200 Einwohner hatte, besass 1830 etwa noch 120 durch gleiches
+Schicksal (eb. 1, 143). Williams (283-84) spricht es als seine
+eigene Erfahrung aus, dass die meisten der Seuchen, die er in der
+S&uuml;dsee erlebte, durch Schiffe, deren Mannschaft ganz gesund
+sei und nur auf ganz erlaubtem, gew&ouml;hnlichem Wege mit den
+Eingeborenen verkehrte, veranlasst wurden. Das erste
+Zusammentreffen zwischen Europ&auml;ern und Eingeborenen, sagt er,
+ist fast immer mit dem Fieber, mit Dysenterie u. dergl. bezeichnet;
+so starb auf Rapa die H&auml;lfte der Eingeborenen aus; so entstand
+die furchtbare Seuche auf Rarotonga (Herveyinseln), die er 282
+schildert. Ganz dasselbe sagt Virgin 1, 268; &raquo;Auch nur kurze
+Besuche von Fahrzeugen haben auf den Inselgruppen der S&uuml;dsee
+Krankheiten von mehr oder minder verderblicher Natur verursacht,
+die sich sogar erst l&auml;ngere Zeit nachher gezeigt haben. Es hat
+sich dies auch sogar zugetragen, ungeachtet die Besatzung der
+Schiffe vollkommen gesund war und die Krankheiten sind nicht stets
+solche gewesen, welche m&ouml;glicherweise durch eigentliche
+Ansteckung mitgetheilt werden konnten oder welche in Europa zu
+denen geh&ouml;ren, deren Beschaffenheit in der Regel mehr oder
+weniger t&ouml;dtlich ist.&laquo; Von Tahiti erz&auml;hlt Bratring
+145, dass 1775 bei der Anwesenheit der Spanier unter Boenechea ein
+ansteckendes Katarrhalfieber ausbrach. Nach Cooks Besuch litt die
+Insel unter Dysenterie (M&ouml;renh. 2, 425) und die Tahitier
+selbst schrieben schon um 1800 alle Krankheiten den
+Ber&uuml;hrungen mit fremden Schiffen zu (Turnbull 266). Beechey 1,
+94-95 berichtet Aehnliches von den Inseln Pitkairn. Bei regnichtem
+Wetter und bei gelegentlichen Besuchen von Schiffen, sagt er,
+leiden die Eingeborenen (eine Mischbev&ouml;lkerung von Tahitiern
+und Engl&auml;ndern) st&auml;rker an Blutandrang (plethora) und
+Schw&auml;ren als sonst; sie glauben ganz fest, dass diese
+Krankheiten durch den Verkehr mit ihren G&auml;sten, m&ouml;gen
+diese selbst auch ganz gesund sein, herr&uuml;hren. Das eine Schiff
+sollte ihnen Kopfschmerzen, ein anderes Scharbock, das dritte
+Geschw&uuml;re u.s.w. gebracht haben, wie sie denn auch von
+Beecheys Schiff, dessen Mannschaft ganz gesund war, &auml;hnliches
+erwarteten: ja sie f&uuml;hlten schon Kopfweh und Schwindel.
+Beechey erkl&auml;rt diese Zuf&auml;lle durch die Ver&auml;nderung
+ihrer Lebensweise w&auml;hrend solcher Besuche, da sie gegen ihre
+sonstige Gewohnheit dann viel Fleisch essen und reichlichere
+Kleidung tragen. Von Melanesien (Tanna) erz&auml;hlt Turner 91 nach
+den Aussagen der Eingeborenen, welche alle Krankheiten, wie Fieber,
+Dysenterie, Husten u. dergl. &raquo;fremde Dinge&laquo; nennen,
+ganz Gleiches. Auch in Celebes (Waitz 1, 163) herrschte diese
+Meinung und ebenso auch bei den alten Marianern, welche nach jedem
+fremden (europ&auml;ischen) Schiff von einer Seuche heimgesucht zu
+werden behaupteten; so brachte 1688 ein Schiff von Mexiko, welches
+mit Verbrechern beladen an der Insel scheiterte, Rheuma, Fieber,
+Blutungen (le Gobien 376), und die Eingeborenen sahen alle
+Krankheiten als durch die Spanier eingeschleppt an (ebd. 140). Die
+Einwohner von St. Kilda (westl. v. d. Hebriden bei Schottl.) sind
+der festen Ansicht, f&uuml;r die sie eine lange Erfahrung haben,
+dass der Besuch eines Fremden ihnen Schnupfen bringe (Macculloch
+bei Darwin 2, 214).</p>
+
+<p>Nach dem medizinischen Theil der Novara Reise (1, 225) glauben
+die Eingeborenen der Nikobaren, dass die Kokosn&uuml;sse von den
+B&auml;umen fielen, sobald ein Mission&auml;r die Insel
+betr&auml;te. So mag denn auch diese weitverbreitete Ansicht der
+Grund sein, weshalb in Ponapi, sobald ein Schiff in Sicht kommt,
+das Volk flieht und der Priester aufs Feierlichste die G&ouml;tter
+um H&uuml;lfe anruft (Gulick 175), wenn wir es hier nicht mit etwas
+Religi&ouml;sem zu thun haben. Jedenfalls ist wohl zu beachten,
+dass die Naturv&ouml;lker vor der Bekanntschaft mit den
+Europ&auml;ern fast nichts von Krankheit wussten; weder die
+Marianer (le Gobien 140) noch die &uuml;brigen Mikronesier
+(Chamisso) noch die Polynesier, von denen freilich die
+Neu-Seel&auml;nder, obwohl der Gesundheitszustand auch ihrer Insel
+im Allgemeinen trefflich war, von schweren Seuchen, die sie schon
+vor Cook heimgesucht h&auml;tten, erz&auml;hlten (Dieffenbach 2,
+12-14), noch die Neu-Holl&auml;nder, Hottentotten und Amerikaner
+(Waitz 1, 140-41).</p>
+
+<p>F&uuml;r die Indianerst&auml;mme steigert sich die Wirkung
+solcher Epidemien noch durch Folgendes, was v. Tschudi, einer der
+ausgezeichnetsten Kenner der amerikanischen V&ouml;lker, 2, 216
+sagt: &raquo;Es ist eine h&ouml;chst eigenth&uuml;mliche
+Erscheinung, dass Indianerst&auml;mme, die durch Krieg oder
+Epidemien pl&ouml;tzlich sehr stark reducirt wurden, sich in der
+Regel nie wieder erholen und nur noch als wenig zahlreiche Familien
+gew&ouml;hnlich Jahrzehnte lang hinsiechen, bis sie endlich ganz
+aussterben. Bei ihnen tritt nicht mehr die Vermehrungsprogression
+ein, wie sie vor dem vernichtenden Schlage stattgefunden hatte, und
+bei anderen unter den n&auml;mlichen physischen Bedingungen
+lebenden V&ouml;lkern beobachtet wird. Meines Wissens ist dieses
+Verh&auml;ltniss noch nirgends er&ouml;rtert worden. Ich habe es
+bei einem genauen Studium der Geschichte der nord- und
+s&uuml;damerikanischen Indianer als Regel gefunden. Sehr
+verminderte Fruchtbarkeit des Weibes ist die Hauptursache: auf
+welchen physiologischen Einwirkungen sie aber beruht, ist wohl
+schwer zu ermitteln.&laquo; Waitz freilich (1, 163) bringt
+Beispiele vom Gegentheil: die Creeks (nach Simpson), die Winibegs
+(nach Schoolcraft), die Apachen (Kendall) u.s.w. haben sich nach
+schweren Epidemien wieder erholt. Wir kommen hierauf
+zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Man hat nun diese auffallende Erscheinung, dass Krankheiten
+durch Ber&uuml;hrung gesunder, aber aus verschiedener Gegend oder
+Ra&ccedil;e stammender Menschen entstehen, zu erkl&auml;ren
+versucht. Darwin, der in Shropshire geh&ouml;rt, dass gesunde
+Schafe, die aber auf Schiffen eingef&uuml;hrt wurden, in einem
+Pferch zu anderen gebracht, diese krank machen, Darwin meint, dass
+das Effluvium von Menschen &mdash; und wohl auch, nach dem letzten
+Beispiel, von Thieren &mdash; die lange Zeit eingeschlossen gewesen
+seien, giftig auf andere wirke, namentlich dann, wenn sie von
+verschiedenen Ra&ccedil;en w&auml;ren (2, 214); eine Ansicht,
+welche indess weder von medizinischer Seite noch durch die
+Erfahrung best&auml;tigt wird.</p>
+
+<p>Will man sich aber mit Waitz dabei begn&uuml;gen zu sagen, dass
+beim Zusammentreffen verschiedener Ra&ccedil;en, selbst bei
+v&ouml;lliger Gesundheit beider, sich bisweilen Krankheiten
+erzeugen, welche dann meist die niedere Ra&ccedil;e ergreifen, so
+kommt einmal durch das Wort niedere Ra&ccedil;e leicht etwas
+Missverst&auml;ndliches in den Ausdruck, und andererseits wird
+nichts durch dies blosse Zusammenfassen der Erscheinung
+erkl&auml;rt. Dazu kommt, dass z.B. der Bericht Humboldts &uuml;ber
+das gelbe Fieber in Panama und Callao sich ja auf gleiche
+Ra&ccedil;en bezieht und eben so doch auch die Angabe Darwins von
+den Schafen. Und wenn man ferner die Geschichte der kultivirten
+V&ouml;lker betrachtet, so findet man eine &auml;hnliche
+Erscheinung: eine neu auftretende Krankheitsform w&uuml;thet viel
+allgemeiner und verheerender, als eine fortw&auml;hrend
+herrschende; so die Pest, der schwarze Tod, die Pocken, die Cholera
+u.s.w., die dann oft nach und nach verl&ouml;schen. Die Pocken aber
+hat man dadurch unsch&auml;dlich gemacht, dass man eine verwandte,
+aber unsch&auml;dlichere Krankheitsform einimpft. Es scheint also,
+als ob der menschliche K&ouml;rper um so empf&auml;nglicher
+f&uuml;r ein Miasma oder einen Krankheitsstoff ist, je ferner und
+freier von demselben er fr&uuml;her war. Ist er aber, wie bei der
+Pockenimpfung geschieht, durch ein Minimum des Giftes affizirt und
+dadurch anders disponirt worden, so dass er sich nun
+allm&auml;hlich an jenen feindlichen Stoff gew&ouml;hnt, ihn der
+eignen Natur und die eigene Natur ihm einigermassen assimilirt hat:
+so hat er dadurch F&auml;higkeit zum Widerstand gegen die Krankheit
+gewonnen, da sie ja nun seiner Natur nicht mehr absolut feindlich
+ist; daher denn solche Seuchen nach und nach erl&ouml;schen, denn
+die Ueberlebenden werden nach und nach durch das Einathmen der
+miasmatischen Luft k&ouml;rperlich selbst immer fester. Keineswegs
+hilft aber eine solche Gew&ouml;hnung f&uuml;r alle Zeit, wie ja
+auch die Pocken nach bestimmten Zeitr&auml;umen von neuem
+eingeimpft werden m&uuml;ssen. Merkw&uuml;rdig, aber f&uuml;r uns
+wichtig genug ist, was Humboldt a 1, 92 &uuml;ber diese Krankheit
+in Mexiko sagt: &raquo;die Pocken scheinen ihre Verw&uuml;stungen
+nur alle 17 Jahre anzurichten. In den Aequinoktial-Gegenden&laquo;
+&mdash; ob das aber nicht in allen Gegenden oder wenigstens bei
+allen menschlichen Individuen auf gleiche Weise gilt? &mdash;
+&raquo;haben sie, wie das schwarze Erbrechen und mehrere andere
+Krankheiten, ihre festen Perioden, an denen sie sich
+regelm&auml;ssig wieder einfinden: und man m&ouml;chte glauben,
+dass sich in diesen L&auml;ndern die Anlage der Eingeborenen
+f&uuml;r gewisse Miasmen nur in sehr weit von einander entfernten
+Perioden erneuert; indem die Pocken, deren Samen sehr oft von
+europ&auml;ischen Schiffen gebracht wird, nur in sehr ansehnlichen
+Zwischenr&auml;umen epidemisch, aber auch dem Erwachsenen nur desto
+gef&auml;hrlicher werden.&laquo; Alles dies scheint sehr f&uuml;r
+unsere obige Annahme zu sprechen. Der Europ&auml;er, der
+Civilisirte kommt nun fortw&auml;hrend mit unendlich mehr
+Krankheitsstoffen und Miasmen, in den meisten F&auml;llen ohne es
+selbst zu merken, in Ber&uuml;hrung, als der im Naturzustande und
+der freien Natur lebende Mensch. Und nicht nur durch eigene
+Gew&ouml;hnung von Kindheit an, sondern auch durch Vererbung der
+Accommodation von Eltern und Grosseltern her hat er eine viel
+gr&ouml;ssere Widerstandsf&auml;higkeit gegen solche
+sch&auml;dliche Einfl&uuml;sse, als sie jemals fr&uuml;her Isolirte
+und namentlich, wenn sie vielleicht schon erwachsen zuerst mit
+diesen Einfl&uuml;ssen in Ber&uuml;hrung kommen, sich erwerben
+k&ouml;nnen. Hiergegen spricht nicht, wenn einzelne Individuen der
+Naturv&ouml;lker gesund etwa in Europa l&auml;ngere Zeit gelebt
+haben. Denn in den meisten F&auml;llen ist da eine Gew&ouml;hnung
+von Jugend auf eingetreten und jedenfalls sind alle solche
+F&auml;lle wissenschaftlich nur dann zu verwerthen, wenn man die
+Geschichte des Besuchers, seine Natur, die Natur seines Volkes
+u.s.w. bis ins Einzelne verfolgen kann. Uebrigens gibt es auch
+Beispiele genug, dass solche Besuche ungl&uuml;cklich abliefen:
+Liholiho, der Sohn Tamehameha I. und seine Gemahlin starben bei
+ihrem Aufenthalt in England, wo alle Sorgfalt ihnen zu Theil wurde,
+an den Masern bei raschem Verlauf der Krankheit; und der Prinz
+Libu, welchen Wilson gegen Ende des vorigen Jahrhunderts von den
+Palau-Inseln mit nach England genommen hatte und dort sehr
+sorgf&auml;ltig pflegte, an einer &auml;hnlichen Krankheit, kurz
+nach seiner Ankunft (Keate die Pelewinseln, Schluss). Jetzt
+beweisen solche Besuche um so weniger, als jetzt die meisten
+V&ouml;lker Bekanntschaft mit der weissen Ra&ccedil;e haben.</p>
+
+<p>Nach alledem w&uuml;rde es kein Wunder, nichts R&auml;tselhaftes
+sein, wenn die Naturv&ouml;lker gegen solche Miasmen, die auch von
+ganz Gesunden ganz unbemerkt eingeschleppt werden k&ouml;nnen, um
+so empf&auml;nglicher und empfindlicher sind, je weniger sie Schutz
+durch irgend welche Gew&ouml;hnung haben; daher denn solche
+Krankheiten, welche scheinbar unerkl&auml;rlich entstehen, mit
+einer Heftigkeit w&uuml;then, wie, vor Zeiten die Pest. So
+erz&auml;hlt Williams (280 ff.), dass bei jener Seuche auf
+Rarotonga von mehreren tausend Einwohnern kaum ein einziger ganz
+davon befreit blieb. &mdash; Die Krankheiten, welche am meisten so
+ganz spontan dem Schein nach entstehen, sind Dysenterie, Influenza,
+Fieber, Blutungen, Geschw&uuml;re, Husten und Hautkrankheiten.
+(Einige Belegstellen: Turner 91; Dieffenbach 2, 12-14; le Gobien
+376; Beechey 1, 94-95.)</p>
+
+<p>Dass auch Geschw&uuml;re genannt werden, k&ouml;nnte auffallen.
+Die ausbrechenden Krankheiten richten sich jedenfalls theils nach
+den Miasmen, durch welche sie hervorgerufen sind, theils und wohl
+ganz besonders nach der Natur des Inficirten. Wie ja bei
+herrschenden Epidemien oder in der N&auml;he gef&uuml;llter
+Krankenh&auml;user jede Krankheit, jede oft unbedeutendste
+Verwundung durch den giftigen Einfluss der Miasmen schlimmer
+werden, ja bis zum Tode f&uuml;hren kann, auch ohne in die
+herrschende Krankheitsform &uuml;berzugehen: ebenso nat&uuml;rlich
+ist es, dass sich solche eingef&uuml;hrten Miasmen gerade auf den
+Theil des inficirten Organismus werfen, welcher schon zuvor, in den
+meisten F&auml;llen gewiss gleichfalls unbewusst, der
+schw&auml;chste oder gerade bei der Einf&uuml;hrung des Miasma
+irgendwie erregt oder afficirt war. Auch erkl&auml;rt es sich
+hieraus, wie bei gleichen Miasmen &mdash; vorausgesetzt, dass sie
+gleich sind; denn eine Schiffsmannschaft kann leicht verschiedene
+zugleich bringen &mdash; verschiedene Individuen, wie sich das gar
+nicht selten zeigt (z.B. bei Turner in Melanesien, bei le Gobien
+auf den Marianen, bei Beechey auf Pitkairn) verschiedene
+Krankheiten bekommen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>So erkl&auml;rt sich das r&auml;thselhafte Faktum (welches als
+Faktum durch die sichersten und verschiedenartigsten Zeugnisse
+feststeht), dass eine gesunde Schiffsmannschaft gesunden Menschen
+Krankheiten bringen kann<a name="FNanchor_B_2"></a><a href=
+"#Footnote_B_2"><sup>[B]</sup></a>. Dabei d&uuml;rfen wir nicht
+unerw&auml;hnt lassen, was Humboldt an sich und seinen Begleitern
+in Centralamerika beobachtete: &raquo;Es kommt h&auml;ufig vor,
+sagt er b 6, 142, dass sich bei Reisenden die Folgen der Miasmen
+erst dann &auml;ussern, wenn sie wieder in reinerer Luft sind und
+sich zu erholen anfangen. Eine gewisse geistige Anspannung kann
+eine Zeitlang die Wirkung krankmachender Ursachen
+hinausschieben.&laquo; Denn aus diesem Satze erkl&auml;ren sich
+manche Erscheinungen bei jenen spontanen Krankheiten der
+Naturv&ouml;lker &mdash; so darf man wohl, ohne Gefahr
+missverstanden zu werden, die Krankheiten nennen, welche nach der
+blossen Ber&uuml;hrung mit den Kulturv&ouml;lkern, ohne direkte
+Einschleppung entstehen &mdash; Erscheinungen, welche sonst
+auffallen m&uuml;ssten. So, dass diese Uebel w&auml;hrend der
+Anwesenheit der Europ&auml;er noch nicht versp&uuml;rt werden, denn
+jene Schwindel- und Kopfwehanf&auml;lle der Pitkairner noch
+w&auml;hrend Beecheys Besuch beruhten sicher, nach &auml;cht
+polynesischer Art, auf anticipirender und &uuml;bertreibender
+Einbildung; dann, dass sie ungleich seltener bei feindlichem
+Zusammenstoss zweier Ra&ccedil;en sich zeigen, welcher freilich
+meist auch von k&uuml;rzerer Dauer ist, als ein freundlicher
+Besuch. Auch scheint es, als ob das Durchmachen <i>einer</i>
+Epidemie gegen Miasmen verschiedener Art abh&auml;rte; wiewohl es
+gar nicht selten ist, dass ein und derselbe Volksstamm von
+mancherlei Seuchen nach einander (oder auch von derselben wieder)
+heimgesucht wird. Doch ist dann fast immer der erste Anfall der
+verheerendste.</p>
+
+<p>Jedenfalls aber haben wir hier die erste Ursache f&uuml;r das
+Aussterben der Naturv&ouml;lker: ihre leichte Empf&auml;nglichkeit
+f&uuml;r Miasmen, welche die Kulturv&ouml;lker ohne Wissen und
+Willen und bei eigener Gesundheit, zu ihnen bringen; und die
+geringe Widerstandsf&auml;higkeit ihres Organismus gegen solche
+durch jene Miasmen entstehende Krankheiten.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_3_Direkt_eingeschleppte_Krankheiten"></a>
+<h2>&sect; 3. Direkt eingeschleppte Krankheiten.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Zu diesen eben besprochenen Krankheiten kommen noch andere
+hinzu, deren Mittheilung zwar auf demselben Grunde beruht, den wir
+im vorigen Paragraphen betrachteten, die aber doch, da man sie als
+direkt eingeschleppte allgemein betrachtet und nachweisen kann,
+f&uuml;r den Beobachter weit mindere Schwierigkeit bieten. Hierher
+geh&ouml;ren aber gerade die furchtbarsten Seuchen, welche die
+Naturv&ouml;lker betroffen haben; und kann man sich denken, wie
+verheerend sie auf die empf&auml;nglichen Naturen jener V&ouml;lker
+wirkten. Nicht bloss Weisse haben sie eingeschleppt: auch einzelne
+Zweige desselben Stammes haben andere mit solchen Gaben bedacht. So
+ward ein b&ouml;ser Aussatz von Polynesien aus Rapa nach Pitkairn
+verschleppt und den Bewohnern dieser Insel gef&auml;hrlich; und
+andere gleiche Beispiele finden sich. Schlimmer aber ist, was die
+Weissen brachten, vor allen Syphilis und Blattern. Erstere Seuche
+ist zwar &uuml;berall bekannt genug, wo die Europ&auml;er
+hinkommen, und so also auch von Alters her in Afrika und Amerika,
+wo sie eingeschleppt wurde (in Californien nach Rollin, La Perouses
+Schiffsarzt bei La Perouse 2, 289; in Guyana nach Schomburgk 2,
+336). Gef&auml;hrlicher aber ist sie vor allen f&uuml;r die
+Polynesier geworden, denn hier beg&uuml;nstigte ihre Mittheilung
+und Verbreitung die ausserordentliche L&uuml;derlichkeit dieser
+V&ouml;lker gar sehr; und da die Polynesier durch ihre L&uuml;ste
+vielfach entnervt waren, so wurden hierdurch auch die Formen dieser
+Krankheiten immer grauenvoller. Und so finden wir sie hier vom
+&auml;ussersten Osten bis zum fernsten Westen. Auf Waihu
+(Osterins.) ist sie jetzt h&auml;ufig eingeschleppt von
+Europ&auml;ern (M&ouml;renhout 1, 26). Auf Neu-Seeland findet sie
+sich, namentlich an den K&uuml;sten, wo die Eingeborenen mit den
+Europ&auml;ern am meisten verkehren, und so schlimm, dass eine
+Menge Verwachsungen u. dergl. durch sie entstehen (Dieffenbach 2,
+17-25). Auf Tonga hatte sie Cooks Mannschaft, wie Cook selbst
+erz&auml;hlt dritte Reise 2, 390 eingeschleppt; doch kann sie hier
+nicht allzu heftig gewirkt haben, denn Mariner (2, 270) gibt an,
+dass durchaus nichts Syphilitisches sich auf der Gruppe finde und
+dass ein Fall, welcher auf franz&ouml;sischer Ansteckung beruhte,
+so rasch t&ouml;dtlich verlief, dass er weiter keine Folgen hatte.
+Allein ob nicht die Art von Gonorrh&ouml;e mit ardor urinae, die er
+268 als in Tonga heimisch erw&auml;hnt, doch noch vielleicht von
+Cooks Mannschaft herstammte? Auch auf dem Gilbertarchipel und den
+Ratakinseln &mdash; denselben Inseln, wo Chamisso Anfang dieses
+Jahrhunderts so paradiesische Tage verlebte &mdash; ist die
+Syphilis und andere Seuchen durch europ&auml;ische Seeleute
+eingeschleppt (Meinicke Zeitschr. 398), wie denn &uuml;berhaupt
+Mikronesien auch sonst sehr durch solche b&ouml;sen Einwirkungen
+gelitten hat (Gulick 245).</p>
+
+<p>Aber am schlimmsten hat diese Seuche auf Tahiti und Hawaii
+gew&uuml;thet. In Tahiti ist sie so allgemein, dass fast jede
+Familie von ihr ber&uuml;hrt ist (M&ouml;renhout 1, 228-29); und
+schon um 1790 waren zwei F&uuml;nftel der Insel venerisch (eb. 2,
+425). Da nun diese entsetzliche Krankheit theils gar nicht, theils
+schlecht geheilt und behandelt wurde, so ward sie ein Hauptmittel
+f&uuml;r die Dezimirung der Eingeborenen (eb. 2, 405). Vankouver
+(1790) spricht von den Verheerungen, die sie unter den tahitischen
+Weibern angerichtet hatte (1, 111): sie musste also schon lange
+verbreitet sein und ist zweifelsohne gleich von den ersten
+Besuchern eingeschleppt, gleichviel ob von Wallis (Anfang 1767)
+oder Von Bougainville (1767, 15. Apr.), genug, Cook fand sie vor.
+Meinicke zwar (b, 118) versucht zu beweisen, dass dies Uebel in der
+S&uuml;dsee schon heimisch war, vor der Ber&uuml;hrung mit den
+Europ&auml;ern: allein sein Beweis ist ihm nicht gelungen und
+seiner Hypothese stehen die gewichtigsten Autorit&auml;ten
+entgegen, so Cook selbst f&uuml;r Tahiti (dritte Reise 2, 331) und
+f&uuml;r Hawaii (King ebendas. 4, 379), Turnbull (291) f&uuml;r
+Tahiti und so noch andere. Auch thut Meinicke nicht recht, das
+Zeugniss der Eingeborenen f&uuml;r so ganz nichtig zu halten; um so
+weniger, als die Tahitier nach Cook sehr bestimmt Bougainvilles
+Schiff als das bezeichneten, welches die verh&auml;ngnissvolle Gabe
+brachte, sich also keineswegs in allgemeinen Behauptungen hielten.
+Auch was Cook a.a.O. 390-91 &uuml;ber die Schwierigkeit, Ansteckung
+zu verh&uuml;ten, die Gesundheit der eigenen Mannschaft zu
+ermitteln und die Leichtigkeit, mit der sich die Krankheit
+ausbreitet, und gewiss sehr richtig auseinandersetzt, spricht gegen
+Meinicke. Allerdings st&uuml;tzt dieser sich f&uuml;r die
+Sandwichgruppe auf den Umstand, dass, obwohl Cook zuerst nur auf
+Atuai und Onihiau landete, er gleichwohl schon neun Monate
+sp&auml;ter die Seuche auf Maui verbreitet fand &mdash; was auch La
+Perouse mit mehreren anderen Gr&uuml;nden medizinischer Art, die
+aber nicht ganz stichhaltig erscheinen (1, 246, 276), als Grund
+gegen die Einschleppung durch Cook anf&uuml;hrt. Er schreibt die
+erste Verbreitung dieser Seuche den Spaniern zu, welche im 16.
+Jahrhundert &ouml;fters die Hawaiigruppe besucht haben. Wenn man
+nun auch auf die rasche Verbreitung der Krankheit, wie sie bei der
+L&uuml;derlichkeit und dem fortw&auml;hrenden Verkehr der
+Eingeborenen nur zu m&ouml;glich war, hinweisen k&ouml;nnte, so ist
+uns das f&uuml;r unsere Zwecke gleichg&uuml;ltig; genug die Seuche
+ist jetzt &uuml;berall verbreitet in Polynesien und Meinicke gibt
+ja selbst zu, dass die Eingeborenen wenigstens die schwereren
+Formen des Unheils den Europ&auml;ern verdanken. Jedenfalls sind
+die Verheerungen, welche gerade diese Krankheit in Polynesien
+angerichtet hat, auch wenn es Meinicke nicht ganz zugeben will,
+entsetzlich genug, wie &auml;ltere und neuere Schriftsteller
+einstimmig bezeugen. (Vergl. &uuml;ber Hawaii noch Virgin 1, 265;
+Rollin bei La Perouse 2, 271; &uuml;ber Tahiti Turnbull 291; Cook
+dritte Reise 2, 331). Doch scheint es, als ob in Tahiti sich jetzt
+(1852) der Gesundheitszustand wieder gehoben habe (Virgin 2, 41).
+Auch werden von fr&uuml;her (Cook a.a.O. 2, 331) schon Beispiele
+erw&auml;hnt, wo Infizirte, freilich selten genug, von selbst
+genassen. Nur in Tonga scheint, bei dem keuscheren Leben der
+Tonganer das Unheil wenigstens nach Mariners Bericht, nicht um sich
+gegriffen oder doch leichtere Formen nach und nach angenommen zu
+haben.</p>
+
+<p>Die Seuche ist auch unter den Eingeborenen von Neu-Holland
+verbreitet und auch hier will Meinicke (a 2, 179) die Annahme, sie
+sei ihnen von den Europ&auml;ern gebracht, als &raquo;&auml;usserst
+unwahrscheinlich&laquo; dadurch beweisen, dass bei der
+Gr&uuml;ndung der Colonie von Sydney und auch neuerdings diese
+Krankheit tief im Inneren des Continentes gefunden sei. Als ob das
+bei dem Wanderleben dieser St&auml;mme auffallen k&ouml;nnte! als
+ob sie nicht schon vor der Gr&uuml;ndung der Colonie mit
+Europ&auml;ern und wahrlich nicht mit den reinsten in mannigfacher
+Ber&uuml;hrung gewesen w&auml;ren! Den Aleuten, bei denen es Cook
+schon vorfand (dritte Reise 3, 265), und den Kamtschadalen ist
+dieses Unheil von den Russen, den Pelzh&auml;ndlern, mitgetheilt.
+Da nun aber die Kamtschadalen ebenfalls zu Ausschweifungen, sei es
+im Trunk, sei es in der Liebe, geneigt waren, so sind auch hier
+seine Folgen nicht ohne Gewicht f&uuml;r unsere Betrachtung.</p>
+
+<p>Bei weitem schlimmer, aber und allgemeiner haben die Blattern
+gew&uuml;thet, die schlimmste Geissel aller Naturv&ouml;lker. Am
+bekanntesten ist dies von Amerika, in dessen n&ouml;rdlicher
+H&auml;lfte sie zuerst um 1630 auftraten (Waitz b, 15). Neun
+Zehntel von den Nordindianern rafften sie hin; die Mandans starben
+1837 fast ganz aus, die Schwarzf&uuml;sse schmolzen durch sie von
+30-40,000 auf 1000 zusammen: &auml;hnlich erging es anderen
+nordamerikanischen St&auml;mmen, den Kr&auml;henindianern,
+Minetarris, Cumanchen, Rikkaris; von den Omahas und den
+Eingeborenen des Oregongebietes erlagen ihnen zwei Drittel, von den
+Californiern die H&auml;lfte (Waitz 1, 161). Aehnlich w&uuml;theten
+sie unter den V&ouml;lkern von S&uuml;damerika, den Indianern von
+Paraguay und Gran Chako, den Puelchen, den Cariben, den Araukanern,
+in Peru, am Maranon, in Guyana, wo ganze V&ouml;lkerst&auml;mme
+durch sie aufgerieben sind. Nie aber sind sie, wie Humboldt b 4,
+224 bezeugt, am oberen Orinoko aufgetreten, obwohl sie bei den
+V&ouml;lkern Brasiliens wieder ihre ganze Furchtbarkeit zeigten,
+bei den Chaymas, die 1730-36 von ihnen dezimirt wurden (Humboldt
+eb. 2, 180), bei den Chiquitas (Waitz 3, 533), welche schwer von
+ihnen zu leiden hatten. Nicht minder heftig aber traten sie bei den
+kultivirten St&auml;mmen Amerikas auf.</p>
+
+<p>In Mexiko brachen, nach Torribio, die Pocken eingeschleppt durch
+einen Negersklaven 1520 zuerst aus und rafften gleich damals die
+H&auml;lfte der Mexikaner hin (Humboldt a 1, 97); nach Herrera
+traten sie schon 1518 auf (P&ouml;ppig 373) und schon 1517 mit
+denselben Verheerungen, ohne jedoch einen Europ&auml;er
+hinzuraffen, auf den Antillen, zu deren Entv&ouml;lkerung sie
+wesentlich beigetragen haben. Ueberall, in ganz Amerika, waren die
+Verw&uuml;stungen so arg, dass die Todten bisweilen unbeerdigt
+blieben, weil es an H&auml;nden hierzu fehlte (Waitz b, 15). Man
+begreift es, dass, wenn die Pocken ausbrachen, die Indianer im
+&auml;ussersten Entsetzen vielfach ihre H&uuml;tten verbrannten,
+ihre Kinder t&ouml;dteten und in die Einsamkeit flohen (Humboldt b
+4, 224); oder dass z.B. die Chilesen die H&uuml;tte mit sammt den
+in ihr liegenden Kranken verbrannten (Waitz 1, 161). Waitz ist der
+Ansicht und wir stimmen ihm bei, denn alle Quellen sprechen
+daf&uuml;r, dass diese Krankheit zahlreichere Opfer forderte, als
+Krieg und Branntwein zusammengenommen; dass ihr gewiss die
+H&auml;lfte bis zwei Drittel der Urbev&ouml;lkerung Amerikas
+erlegen sind.</p>
+
+<p>Allein nicht bloss auf Amerika beschr&auml;nken sich die
+Verheerungen der Pocken. 1767 brachen sie, eingeschleppt durch
+einen russischen Soldaten, in Kamtschatka aus und w&uuml;theten wie
+die Pest: nicht weniger als 20,000 Kamtschadalen, Kuriler und
+Kori&auml;ken sollen ihnen erlegen sein. Ganze D&ouml;rfer starben
+aus und Cooks Reisebegleiter fanden selbst noch eine Menge ganz
+leer stehender D&ouml;rfer vor. Ein anderes, vor der Epidemie mit
+360 Menschen bev&ouml;lkert, hatte nachher noch 36 Seelen (Cook 3.
+Reise 4. 174-75). Aehnliche, wenn auch minder starke Epidemien
+traten 1800 und 1801 auf, welche gegen 5000 Kamtschadalen
+dahinrafften und bei dem schon lange immer mehr um sich greifenden
+Schwinden der Bev&ouml;lkerung so verheerend wirkten, dass in den
+Ostrogen (kleinen D&ouml;rfern des Inneren), welche vorher meist
+30-40 Einwohner hatten, nachher meistens nur 8-10, in einigen
+wenigen 15-20 Bewohner &uuml;brig blieben (Krusenstern 3, 49. 52.
+2. Theil, 2. Abtheil. Cap. 8).</p>
+
+<p>Auf Neuholland brachen die Blattern zuerst 1789 aus und
+verw&uuml;steten ganz Cumberland; 1830 verheerten sie, bis zur
+Nordk&uuml;ste hin das Innere von Ostaustralien (Meinicke a 2,
+179). Auch diese Seuche entstand nach Meinicke a.a.O. ohne
+Einschleppung spontan unter den Eingeborenen. Von einer furchtbaren
+Pockenepidemie auf Ponapi (Puinipet, Banabe, Carolinen)
+erz&auml;hlt die Novarareise 2, 395: die Krankheit war durch einen
+englischen Matrosen eingeschleppt und raffte 3000 Menschen hin;
+2000 blieben &uuml;brig. Auf der Hawaiigruppe starben 1853 an den
+Pocken 5-6000 Menschen (Waitz 1, 176).</p>
+
+<p>Auch die Hottentotten, wenigstens in der N&auml;he der Capstadt,
+sind wesentlich durch die Pocken vermindert (Waitz 2, 346).</p>
+
+<p>Ausser dieser Krankheit haben dann die Masern und R&ouml;theln
+schlimm unter den Naturv&ouml;lkern gehaust, so in Brasilien,
+Guyana, im Mosquitolande (Waitz 1, 162), in Neuholland (Darwin 2,
+213); und noch gef&auml;hrlicher verschiedene Fieber, welche z.B.
+die Oregonindianer schwer heimsuchten, die oberen Tschinuks 1823
+von 10,000 auf 500 zusammenschmolzen und zwar so schnell, dass die
+Zahl der Ueberlebenden nicht hinreichte, die Todten zu begraben
+(Wilkes und Haie bei Waitz 1, 162).</p>
+
+<p>Doch sind wir durch diese Fieber bei den Seuchen angekommen,
+denen die Naturv&ouml;lker vor dem Auftreten der Europ&auml;er
+unterworfen waren. Epidemische Krankheiten sind zwar vorher selten,
+doch finden sie sich auch. So jene Seuche, welche vor Cook auf der
+Ostk&uuml;ste von Neu-Seeland w&uuml;thete, und zwar so heftig und
+rasch, dass auch hier nicht alle Todten begraben werden konnten
+(Dieffenbach 2, 12-14); so die Fieber, welche, wie es scheint,
+durch das Klima hervorgerufen am Orinoko epidemisch sind (Humboldt
+b 4, 215), so und vor allen jene ber&uuml;chtigte mexikanische
+Krankheit, Matlazahuatl von den Eingeborenen genannt, ein
+furchtbares, dem gelben Fieber verwandtes Gallenfieber mit
+Blutbrechen, das schon lange vor Cortes Ankunft in Mexiko, ja wohl
+schon im 11. Jahrhundert unter den Tolteken, die damals noch in
+Nordamerika waren, herrschte (Humboldt a 4, 379), wie sich denn
+&uuml;berhaupt die Krankheit mit Leichtigkeit in die kalte Zone
+verpflanzt und ihr &raquo;die kupferfarbige Ra&ccedil;e in beiden
+amerikanischen H&auml;lften seit undenklichen Zeiten unterworfen
+ist&laquo; (eb. 380). Wie furchtbar aber diese Krankheit
+w&uuml;thete, geht aus den Zahlen hervor, welche Torquemada
+f&uuml;r die beiden Epidemien 1545 und 1576 angibt: 1545 sollen
+800,000, 1576 zwei Millionen Indianer gestorben sein (Humboldt a 1,
+97). Mag auch Humboldt, obgleich er sich verwahrt, Torquemadas
+Glaubw&uuml;rdigkeit anzuzweifeln, Recht haben &mdash; und er hat
+es gewiss &mdash; dass diese Zahlen nur auf ungef&auml;hrer und
+ungenauer, vielleicht &uuml;bertriebener Sch&auml;tzung beruhen:
+auch wenn wir die Ziffern halbiren, welch furchtbarer Verlust an
+Menschenleben bleibt immer noch! Humboldt meint (a.a.O.), dass auch
+diese Krankheit sich alle hundert Jahre einmal zeige: da er aber 4,
+379 die Jahre 1545, 1576, 1736, 1761 und 1762 als Jahre, worin die
+Krankheit w&uuml;thete, aufstellt, so ist, wenn anders die
+Periodicit&auml;t dieser Krankheit richtig ist, ihr Erscheinen in
+den einzelnen Jahren dann auf St&auml;mme und Landschaften
+eingeschr&auml;nkt, welche sie fr&uuml;her nicht hatten.</p>
+
+<p>Einen Hauptgrund f&uuml;r die furchtbare Wirksamkeit solcher
+eingeschleppter Krankheiten, auf den wir sp&auml;ter
+zur&uuml;ckkommen, f&uuml;hrt Humboldt an, wenn er a 4, 410-11
+sagt: &raquo;Die Niedergeschlagenheit des Geistes und die Furcht
+vermehren nat&uuml;rlich die Pr&auml;disposition der Organe, um die
+Miasmen aufzunehmen; daher es kein Wunder ist, wenn solche
+Epidemien namentlich dann besonders heftig sind, wenn sie von
+siegreichen Eroberern eingeschleppt werden.&laquo;</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="4_Behandlung_der_Kranken_bei_den_Naturvolkern"></a>
+<h2>&sect;4. Behandlung der Kranken bei den Naturv&ouml;lkern.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Alle diese Krankheiten nun, welche den Naturv&ouml;lkern durch
+die eigene Natur derselben gef&auml;hrlich genug waren, wurden es
+noch mehr durch die ganz verkehrte Art, mit der jene V&ouml;lker
+Krankheiten behandelten. Die Syphilis ward dadurch so
+gef&auml;hrlich in Polynesien, dass man sich theils gar nicht um
+sie k&uuml;mmerte, theils aber, wenn man es that, das Uebel nur
+vermehrte. So glaubte man in dem berauschenden Kavatrank, der aus
+den Wurzeln des Piper methysticum bereitet wird, ein Mittel gegen
+sie gefunden zu haben, und es konnte doch nichts
+Gef&auml;hrlicheres angewendet werden, als bei dieser Krankheit
+dieses Mittel, das denn auch nicht verfehlte, die Wirkungen der
+Seuche erst recht schlimm zu machen (M&ouml;renhout 2, 405). In
+Amerika wendete man gegen die Blattern vornehmlich Dampfb&auml;der
+mit unmittelbar folgenden kalten Abwaschungen an und in Neuholland
+und Polynesien ausserdem noch andere und noch th&ouml;richtere
+Mittel; nat&uuml;rlich wurde schon durch diese Kuren die Krankheit
+fast immer t&ouml;dtlich. Dass sich aber diese V&ouml;lker bei
+neuen unerh&ouml;rten Krankheiten nicht zu helfen wussten, wird uns
+nicht Wunder nehmen, wenn wir sehen, wie sie sich Kranken
+gegen&uuml;ber f&uuml;r gew&ouml;hnlich zu benehmen pflegen.</p>
+
+<p>Die Neuholl&auml;nder haben f&uuml;r ihre Kranken nur eine
+Ceremonie der Priester, welche den b&ouml;sen Geist, der im Kranken
+sitzt, oder den Zauber, der ihn krank macht, beschw&ouml;rt, indem
+er unter allerlei Faxen einen Stein, meist ein gl&auml;nzendes
+St&uuml;ck Quarz, aus dem Kranken zieht und damit ihn vom Zauber,
+der in jenen Stein eingeschlossen ist, befreit (Grey 2, 337). Da
+nun jede Krankheit auf Bezauberung beruht und zwar h&auml;ufig auf
+Entziehung der Seele, welche im Nierenfett ihren Sitz hat (Howitt
+189), so wurde in einigen Gegenden der Kranke mit dem Nierenfett
+dessen, den man f&uuml;r den versteckten M&ouml;rder hielt und dem
+man es oft noch lebend ausschneidet (Angas 1, 123), bestrichen:
+oder man versucht die Krankheit aus dem betreffenden Glied
+auszusaugen, durch Aderlass zu entfernen, den b&ouml;sen Geist,
+indem man den Kranken knetet, schl&auml;gt, tritt und sonst
+misshandelt, zu verjagen u. dergl. mehr. Geschickter sind die
+Neuholl&auml;nder im Behandeln &auml;usserer Verletzungen; auch
+haben sie manche rationelle Mittel gegen den Biss giftiger
+Schlangen (Brehm Thierleben 5, 262).</p>
+
+<p>So ziemlich dasselbe Bild wird nun von der Heilkunst aller
+Naturv&ouml;lker zu entwerfen sein. Auf den Fidschiinseln werden
+schwer Kranke schon als todt betrachtet, aufgeputzt und ausgestellt
+(Williams und Calvert 183); R&uuml;cksicht nimmt man auf sie
+durchaus nicht, hat vielmehr, da man sie f&uuml;r b&ouml;swillig
+h&auml;lt und glaubt, dass sie die Gesunden nur absichtlich
+qu&auml;lten, nicht das mindeste Mitleid mit ihnen (eb. 188).
+Ebenso sonst in Melanesien. Sehr gew&ouml;hnlich werden Kranke ohne
+weiteres erschlagen, oder ausgesetzt, z.B. auf der Fichteninsel
+(Cheyne 88). Auf Vate (neue Hebriden) t&ouml;dtet man phantasirende
+Kranke sogleich, damit sie nicht Andere anstecken k&ouml;nnen
+(Turner 444); man begr&auml;bt sie und andere schwerer Erkrankte
+lebendig (450). Ebenso machen es die Ajetas der Philippinen, eine
+Negritobev&ouml;lkerung der Gebirge Luzons mit Schwerkranken (de la
+Gironi&egrave;re Aventures d'un gentilhomme Breton aux &icirc;les
+Philippines 325). In andern Gegenden Melanesiens (auf den kleinen
+Inseln bei Neu-Guinea) setzen sich die Kranken ans Meeresufer und
+essen, was sie k&ouml;nnen, da nicht mehr essende Kranke sofort
+get&ouml;dtet werden. Kranke Glieder schn&uuml;ren sie ein, um den
+D&auml;mon, der die Krankheit verursacht, zu fangen (Reina in
+Zeitschr. 4, 360). Denn auch hier gilt alle Krankheit f&uuml;r
+Behexung (Turner 18-19), obwohl auch die Melanesier Aderlass und
+derartige Mittel kennen (eb. 92). Auch in Mikronesien t&ouml;dtete
+man entweder die Kranken (indem man sie in einem lecken Schiff ins
+Meer stiess, Hale 80) oder man wandte, um sie zu curiren, Zauberei
+an, so auch auf den Marianen (le Gobien 47).</p>
+
+<p>Und nicht anders in Polynesien. Auch hier wurden sie oft
+ermordet, oder doch ganz gleichg&uuml;ltig behandelt, wo denn jeder
+Kranke f&uuml;r sich sorgte, so gut es ging, d.h. in den Wald oder
+die Einsamkeit ging und entweder gesund oder gar nicht wieder
+zur&uuml;ckkehrte. In Nukuhiva hielt man Schwerkranken Mund und
+Nase zu, um den Geist festzuhalten (Mathias <i>G***</i>, 115);
+ebenso in S&uuml;damerika bei den Moxos (Waitz 3, 538; b 151). In
+Tonga bestand die Behandlung der Kranken fast nur darin, dass man
+sie von einem Tempel zum andern schleppte, um die Priester und
+G&ouml;tter f&uuml;r sie anzuflehen; je kr&auml;nker Jemand ist, je
+weiter schleppt man ihn &mdash; und f&uuml;hrt seinen Tod
+nat&uuml;rlicherweise gerade dadurch herbei (Mariner 1, 110; 362
+ff. u. sonst). Oder man opferte wie in Tahiti und sonst in
+Polynesien, Kinder oder Sklaven, um das Leben eines Vornehmeren zu
+erhalten. Doch waren die Tonganer als Chirurgen nicht ungeschickt
+und sie wagten sich an gef&auml;hrliche Operationen. Auch war
+Skarifikation und der Gebrauch gewisser Pflanzens&auml;fte in
+Anwendung (Mariner 2, 267-270). So wie bei ihnen, so gilt auch
+sonst in Polynesien Krankheit als Bezauberung, oder als Rache und
+Strafe der G&ouml;tter: in Neu-Seeland (Dieffenb. 2, 59 ff.); in
+Tahiti (Bratring 181-82, M&ouml;renh. 1, 543); in Nukuhiva (Math.
+G. 228); und in Hawaii (Tyermann u. Bennet 1, 129). Daher waren
+auch hier die h&auml;ufigsten Mittel Opfer und Gebete. Nur auf
+Neu-Seeland scheint man etwas zweckm&auml;ssiger verfahren zu
+haben. Wenigstens kannten die Eingeborenen die Heilkraft ihrer
+heissen Quellen und wendeten sie f&uuml;r kranke Kinder an
+(Dieffenb. 1, 246), man gab den Kranken leichtere Kost, gebrauchte
+D&auml;mpfe von Pflanzenaufg&uuml;ssen (Pflanzenaufg&uuml;sse
+kannten auch die Marianer nach le Gobien), Einreibungen mit warmen
+Pflanzens&auml;ften u. dergl. (Dieffenb. 2, 41). Dampfb&auml;der
+und darauf unmittelbar folgende kalte Abwaschungen waren
+gleichfalls gebr&auml;uchlich (M&ouml;renhout 2, 164) und Kneten
+der Glieder &uuml;berall verbreitet: in Nukuhiva, in Tahiti, Hawaii
+u.s.w. In Tahiti hielt man jede Krankheit f&uuml;r Wirkung
+g&ouml;ttlichen Zornes und es galt daher f&uuml;r s&uuml;ndlich,
+Arzeneien zu nehmen (Turnbull 260), gegen die sie auch einen
+un&uuml;berwindlichen Abscheu haben (292). Wird ein Eingeborener
+dieser Insel krank, so wird er sofort von allen Angeh&ouml;rigen
+und Landsleuten gemieden: er ist ganz hilflos und auf sich allein
+angewiesen, ein Verfahren, welches sich bitter genug r&auml;cht:
+denn die bei ihnen gew&ouml;hnlichsten Uebel sind solche, die schon
+bei geringer Pflege leicht heilen, bei Vernachl&auml;ssigung aber
+t&ouml;dtlich werden (Turnbull 260 u. 292). Als Chirurgen waren
+auch sie wie alle Polynesier geschickt (M&ouml;renhout 1, 161).</p>
+
+<p>In Amerika finden wir so ziemlich dasselbe. Denn auch die
+Mexikaner, obwohl t&uuml;chtige Chirurgen und mit mancherlei
+medizinischen Mitteln bekannt, setzten ihre festeste Hoffnung auf
+abergl&auml;ubische Mittel (Waitz 4, 165, 174). Die Californier
+versuchten durch Anblasen und Aussaugen des kranken Gliedes oder
+dadurch, dass sie andere opferten oder verst&uuml;mmelten, die
+Krankheit zu heben (Waitz 4, 250). Aussaugen, Anblasen, Reiben galt
+auch auf Haiti als Hauptmittel, so wie denn, merkw&uuml;rdig genug,
+hier die Aerzte dieselbe Ceremonie anwandten, welche die
+Neuholl&auml;nder noch jetzt haben: sie zogen dem Kranken einen
+Stein und mit ihm den Anlass aller Krankheiten aus dem Mund.
+Schwerkranke wurden, wie in Mikronesien, ausgesetzt, oder, wie in
+Nukuhiva erstickt (Waitz 4, 327). Das Hervorziehen des Steines oder
+Knochens aus dem K&ouml;rper des Kranken fand sich auf dem
+brasilianischen Festland unter den Payaguas (Azara 269). Auch in
+Peru war das Heilverfahren, obwohl man einige Arzneipflanzen
+kannte, purgirte und zur Ader liess, fast durchaus auf Zauberei
+begr&uuml;ndet (Waitz 4, 463). In Nordamerika nun waren bei fast
+allen den minder kultivirten V&ouml;lkern die Aerzte ganz und gar
+Zauberer, die Krankheit nur Besessenheit, der b&ouml;se Geist ward
+daher, zur Kur, ausgesaugt und ausgespieen, oder durch Blasen,
+Kneten, Schlagen und &auml;hnliche Mittel entfernt (Waitz 3,
+213-14). Auch in S&uuml;damerika ist Zauberei, Aussaugen Anblasen
+u.s.w. Hauptmittel und fast &uuml;berall der Arzt zugleich
+Zauberer, nur bei den Botokuden nicht, welche nur nat&uuml;rliche
+Mittel, Reiben, Kneten, Urtikation, auch, aber meist ohne Erfolg,
+innerliche Arzneien anwenden (Tschudi 2, 286-87) und als Chirurgen
+nicht ungeschickt sind. Aber Zauberer waren die Aerzte bei den
+Tupis, den Makusis, deren Heilverfahren, das neben vieler Zauberei
+auch manche wirklich wirksame Mittel kannte, Schomburgk (2, 333)
+schildert, ferner bei den Waraus (eb. 1, 170), den Cariben (2,
+427), den Araukariern, welche indess neben den Zauber&auml;rzten
+auch noch andere und t&uuml;chtigere Aerzte hatten (Waitz 3, 519),
+den Feuerl&auml;ndern (Bouqainville 130) u.s.w.</p>
+
+<p>Dampfb&auml;der sind sehr allgemein verbreitet und bei fast
+allen Krankheiten angewendet; so bei den Mexikanern und bei den
+alten Tolteken (Waitz 4, 270); ebenso in Nordamerika (3, 217) in
+S&uuml;damerika bei den Makusi (Schomburgk 2, 333) und sonst.</p>
+
+<p>Nicht anders war im grossen Ganzen, nach Langsdorff, das
+Heilverfahren der Aleuten.</p>
+
+<p>Auch die Hottentotten betrachteten alle Krankheiten als
+Wirkungen von Zauberei und b&ouml;sen Geistern, und behandeln sie
+darnach, durch Beschw&ouml;rung u. dergl., doch wendet der Zauberer
+oder die Zauberin dabei auch andere, innerliche und
+&auml;usserliche Heilmittel an. Wunderbarer Weise findet sich denn
+auch hier, wie auf den Antillen, jener sonderbare
+neuholl&auml;ndische Gebrauch wieder, einen Stein &mdash; hier
+einen Knochen &mdash; unter mancherlei Ceremonien aus dem Leibe
+(Mund, Ohr, R&uuml;cken u.s.w.) des Kranken, der ihm eingehext und
+der Sitz der Krankheit sei, hervorzuziehen, damit jener genese
+(Sparmann 197-98). Ihre Gift&auml;rzte sollen freilich sehr
+ausgezeichnete Mittel gegen Schlangenbiss haben, und die Colonisten
+haben, was sie von Heilpflanzen der s&uuml;dafrikanischen Flora
+kennen, erst von den Eingeborenen gelernt (Waitz 2, 344). Allein
+Schwerkranke, Alte und H&uuml;lflose setzen die Hottentotten
+h&auml;ufig aus (Sparmann 320); Sterbende sch&uuml;ttelt und
+st&ouml;sst man, gewiss um den D&auml;mon der Krankheit zu
+verscheuchen, &uuml;berh&auml;uft ihn mit Vorw&uuml;rfen, dass er
+die Verwandten durch seinen Tod betr&uuml;be, bittet ihn zu bleiben
+u.s.w. (Sparmann 273).</p>
+
+<p>Die Zauberer aber gerathen sehr h&auml;ufig, wenn ihre Kur nicht
+anschl&auml;gt, in Gefahr, von den erbitterten Angeh&ouml;rigen arg
+gemisshandelt oder get&ouml;dtet zu werden. F&uuml;r Amerika bringt
+Waitz und die angef&uuml;hrten Autoren eine Menge Beispiele bei:
+f&uuml;r Afrika gen&uuml;ge eins, welches bei Sparmann 198
+erw&auml;hnt wird: ein F&uuml;rst, der an schlimmen Augen litt und
+von den Zauberern nicht geheilt werden konnte, liess diese alle
+umbringen, weil er glaubte, dass einer von ihnen, der ihm feindlich
+gesinnt sei, seine Heilung verh&uuml;te. Denn jeder
+ungl&uuml;ckliche Ausgang einer Krankheit gilt als bewirkt durch
+st&auml;rkeren Zauber, hier und in Amerika und Polynesien.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name=
+"_5_Geringe_Sorgfalt_der_Naturvolker_fur_ihr_leibliches_Wohl"></a>
+<h2>&sect; 5. Geringe Sorgfalt der Naturv&ouml;lker f&uuml;r ihr
+leibliches Wohl.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Indess, da ja Krankheiten die Naturv&ouml;lker in ihrem
+gew&ouml;hnlichen Zustand nur wenig plagen, so m&ouml;chte alles
+dies Verkehrte, und wenn es manchem Kranken den Tod brachte, doch
+nicht allzuviel f&uuml;r ihr Hinschwinden bewirkt haben; viel
+gef&auml;hrlicher ist die geringe Sorge, welche fast alle
+Naturv&ouml;lker auf ihre leibliche Pflege verwenden und verwenden
+k&ouml;nnen. Freilich sind sie abgeh&auml;rtet gegen Vieles durch
+eigene Gew&ouml;hnung und, wodurch diese erst in so hohem Grade
+erm&ouml;glicht wird, durch Vererbung; und so f&uuml;hlen sich auch
+noch die Feuerl&auml;nder, nach Darwin die elendesten und
+niedersten Menschen, in ihrem entsetzlichen Klima, ohne rechtes
+Obdach, auf dem nassen Boden schlafend, nackt, nur k&uuml;mmerliche
+Nahrung und diese nur mit M&uuml;he findend, nach ihrer Art wohl
+und begehren nichts Besseres (Darwin 1, 230). Die Eskimos sind an
+ihre Schneew&uuml;sten, die Neuholl&auml;nder an ihre unfruchtbaren
+Steppen, die ihre wandernde Lebensart bedingen, die
+neuholl&auml;ndischen Weiber an ein Leben voll Last und M&uuml;he,
+an die schrecklichste Behandlung gew&ouml;hnt, so weit menschliche
+Natur sich gew&ouml;hnen kann. Trotz aller Gew&ouml;hnung aber
+h&auml;ngt es mit der Lebensart der Naturv&ouml;lker zusammen, dass
+sie, auch bei der ersten Bekanntschaft mit den Europ&auml;ern,
+bisweilen selbst wenn sie schon eine gewisse Halbkultur erlangt
+hatten, verh&auml;ltnissm&auml;ssig so geringe
+Bev&ouml;lkerungsziffern aufweisen; sie leben eben so, dass die
+menschliche Natur nicht anders als k&uuml;mmerlich gedeiht &mdash;
+wenn auch die einzelnen Individuen oft ganz besonders stark
+erscheinen. Es ist ja aber gerade ein oft wiederholter Ausspruch,
+die Naturv&ouml;lker seien deshalb k&ouml;rperlich so kr&auml;ftig,
+weil alle schw&auml;chlichen Kinder ohne weiteres erl&auml;gen; so
+z.B. Humboldt b 2, 189.</p>
+
+<p>Nicht bloss schw&auml;chliche Kinder erliegen indess; und diese
+Sterblichkeit der Kinder ist das erste, was wir hier zu betrachten
+haben. Die Feuerl&auml;nder, deren Wohnung nicht den geringsten
+Schutz bietet (Darwin 1, 228), setzen ihre Kinder nackt der Wuth
+ihres Klimas aus (eb. 229). Fast alle Indianer in Nord- und
+S&uuml;damerika f&uuml;hren jetzt ein elendes Wanderleben; und
+&uuml;berall hin werden die Kinder von den M&uuml;ttern
+mitgeschleppt, auf den rauhesten und weitesten M&auml;rschen und
+oft noch, w&auml;hrend sie durch aufgelegte Bretter und andere
+gewaltsame Mittel (um ihrem Kopf eine eigenth&uuml;mliche Gestalt
+zu geben) in der nat&uuml;rlichen Entwickelung gest&ouml;rt sind.
+Schon bei der Geburt werden viele Kinder sterben. Denn &uuml;berall
+ist es Sitte, dass das Weib kurz vor der Geburt sich in den Wald
+begiebt, dort allein gebiert, sich selbst die Nabelschnur
+abschneidet und unterbindet, dann sich und das Kind sogleich in
+kaltem Wasser badet und nun zur&uuml;ckkehrt, nicht etwa zur
+Pflege, sondern zur erneuten Arbeit. Dies war der Fall bei den
+Waraus in Guyana (Schomburgk 1, 166), bei den Cariben und Makusi
+(eb. 2, 315, 431); und in Nordamerika sehr vielfach (Waitz b, 98).
+Die Nahrung aber, welche ein Kind nach und neben der Muttermilch
+bekommt, ist oft schon an und f&uuml;r sich sch&auml;dlich und
+ungesund. Grosse Sterblichkeit herrscht noch unter den Kindern des
+heutigen Mexiko in Folge verkehrter Di&auml;t (Waiz 4, 196). Die
+Nahrung wird ihnen auch noch beschr&auml;nkt durch die
+eigenth&uuml;mliche Sitte, neben den Kindern Thiere, Affen,
+Beutelratten u.s.w. zu s&auml;ugen, was die Makusi, die Waraus, die
+Cariben und verschiedene andere V&ouml;lker thun (Schomburgk 2,
+315. 1, 167). Von der schlechten Wartung der Kinder, wenn sie krank
+sind, spricht Humboldt b. 4, 224 und der Schmutz, in welchem sie
+aufwachsen, und von denen Schomburgk aus Guyana Abschreckendes
+erz&auml;hlt, kann auch keinen guten Einfluss haben. Und doch
+lieben die Amerikaner in Nord-und S&uuml;damerika ihre Kinder aufs
+innigste.</p>
+
+<p>In Tahiti nehmen die Frauen unmittelbar nach der Geburt sofort
+Dampfb&auml;der mit kalten Abwaschungen (Wilson 461), in Neuseeland
+gleichfalls, wo die Kinder, wie in Tahiti, ganz nackt bleiben und
+eher schwimmen als laufen k&ouml;nnen (Dieffenbach 2, 24-25, Ellis
+1, 261 und M&ouml;renh. 2, 61); und ebenso auf Nukuhiva (Melville
+2, 191). Hautkrankheiten, und zwar sehr b&ouml;sartige der Kinder
+(jaws, framboesia) werden &ouml;fters erw&auml;hnt, z.B. in Tonga,
+wo die Kinder gut gepflegt und sonst sehr gesund sind (Mariner 2,
+179) und in Ponapi (Cheyne 122). Grosse Sterblichkeit herrscht aber
+unter den Kindern wegen Mangel an Pflege und Wartung in Hawaii
+(Virgin 1, 268) und ebenso in Tahiti (Bennett 1, 148). Ellis sagt,
+dass die tahitischen Kinder, obwohl dem Aussehen nach dick und
+gesund, doch bis zu einem Alter etwa von 12 Monaten sehr zart und
+hinf&auml;llig w&auml;ren (1, 260). Formation des Sch&auml;dels
+durch Platt- und Hochdr&uuml;cken war in Tahiti sehr h&auml;ufig 1,
+261. Auch auf Mikronesien ist die Wartung der Kinder schlecht. Auf
+Tobi (Lord North, &auml;usserstes S&uuml;d-Westende Mikronesiens)
+erhalten die Kinder sofort nach der Geburt ganz gleiche Speise wie
+die Erwachsenen (Pickaring, Memoir of the Language and Inhabitants
+of Lord Norths Isl. 1845; 228), und ebenso auf Ratak Kokosmilch und
+Pisang, den ihnen die Mutter vorkaut; sch&auml;dlicher aber als
+diese Nahrung ist ihnen die Unregelm&auml;ssigkeit, mit der sie
+&uuml;berhaupt etwas bekommen (Gulick 180-181), daher denn auch
+hier die Sterblichkeit unter ihnen gross ist. Auch in Polynesien
+s&auml;ugen die Weiber gern Thiere auf neben den Kindern, wie z.B.
+die Hawaierinnen nach Remy XLII Hunde und Schweine.</p>
+
+<p>In Melanosien ist es nicht besser: die Kinder werden nicht
+gepflegt und m&uuml;ssen von der Geburt an das Leben der Alten
+mitmachen. In einigen Gegenden Neu-Guineas (Finsch 103) wird der
+Geb&auml;renden fortw&auml;hrend kaltes Wasser &uuml;ber den Kopf
+gegossen, ist aber das Kind geboren, Mutter und Kind sofort kalt
+gebadet und dann einer m&ouml;glichst starken Hitze neben einem
+lodernden Feuer ausgesetzt, und so abwechselnd weiter. Je heisser
+und l&auml;nger Mutter und Kind diese H&ouml;llenkur vertragen,
+f&uuml;r desto ges&uuml;nder gelten beide. In einer anderen Gegend
+hatte eine Frau ein unl&auml;ngst erst geborenes Kind auf den
+heissen Sand gelegt und arbeitete in der N&auml;he; als Fremde
+kamen, grub sie es ohne weiteres bis an den Hals in den Sand und
+arbeitete fort (eb. 63).</p>
+
+<p>Fast nirgends aber sterben mehr Kinder als in Neuholland: von
+vieren wird kaum mehr als eins drei Jahre alt (Turnbull 43), was
+sich aus der Behandlung, die ihnen zu Theil wird, und die nur
+ausserordentlich starke Kinder &uuml;berstehen, erkl&auml;rt. Kaum
+geboren wird das Kind in ein Opossumfell gewickelt, &uuml;berall
+mit hingeschleppt und meist im h&ouml;chsten Grade nachl&auml;ssig
+behandelt, dem Feuer zu nahe gelegt und dergl. (Grey 2, 250-251).
+Dies Wandern f&uuml;hrt auch Darwin (2, 213) als Grund der
+Sterblichkeit unter den Kindern an, und es ist beachtenswerth, was
+er zusetzt: &raquo;Wie die Schwierigkeit, sagt er, sich Nahrung zu
+verschaffen, w&auml;chst, so w&auml;chst ihre wandernde Lebensweise
+und darum wird die Bev&ouml;lkerung ohne eigentlichen Hungerstod
+auf eine so ausnehmend gewaltsame Weise zur&uuml;ckgehalten, im
+Vergleich mit civilisirten L&auml;ndern, wo der Vater seine Arbeit
+mehren kann, ohne den Spr&ouml;ssling zu vernichten&laquo;. Dazu
+wird ihnen auch noch die Nahrung dadurch verk&uuml;rzt, dass auch
+hier die Weiber vielfach junge Thiere, Hunde, s&auml;ugen (Grey 2,
+279) und gewiss oft nur aus Noth: denn ein Hund ist jetzt um so
+mehr, als die Jagdthiere immer scheuer und seltener werden, ein
+grosser Schatz f&uuml;r den jagenden Eingeborenen und die Nahrung
+f&uuml;r die jungen Thiere ist gewiss oft genug selten.</p>
+
+<p>Kurz aber mit allem Nachdruck m&uuml;ssen wir hier
+erw&auml;hnen, dass auch das Tattuiren, was in ganz Polynesien
+h&auml;ufig betrieben wird, h&auml;ufig den Tod nach sich zieht
+(Ellis 1, 266); und da man nur eben heranwachsende dieser Operation
+unterwirft, so wird der Jugend auch durch sie ein nicht zu
+untersch&auml;tzender Abbruch gethan.</p>
+
+<p>Wichtiger freilich, weil eine Sache von gr&ouml;sstem Einfluss
+auf das leibliche Gedeihen der Naturv&ouml;lker, ist die oft
+&uuml;ber alle Begriffe schlechte Behandlung der Weiber. So vor
+allen Dingen in Neuholland. Die armen Weiber m&uuml;ssen, schwanger
+oder nicht, mit allem Gep&auml;ck und oft noch mit 1-2 Kindern
+beladen, dem Manne, der nur das Jagdger&auml;th tr&auml;gt, folgen;
+sie m&uuml;ssen, kaum angekommen, alle Arbeit f&uuml;r den Haushalt
+besorgen, die H&uuml;tte aufschlagen, Feuer machen, Wurzeln,
+Muscheln erst suchen, dann kochen, f&uuml;r den Mann, die Kinder
+alles N&ouml;thige bereiten, und dann, wenn sie bei alle dem oft
+aufs brutalste behandelt sind, dem Manne Nachts geschlechtlich zu
+Willen sein. Die beste Nahrung, die sie finden, ist f&uuml;r den
+Mann und ihre S&ouml;hne; sie d&uuml;rfen erst essen, was diese
+&uuml;brig lassen und wenn sie fertig sind. So ist ihr Loos Tag
+f&uuml;r Tag: denn von dem, was sie noch ausser diesem
+gew&ouml;hnlichen Elend besonderes Schlimmes trifft (z.B. die Art,
+wie sie von den M&auml;nnern zur Ehe geraubt werden), brauchen wir
+hier nicht zu reden. Ein wichtiger Umstand ist ferner, dass ihre
+Pubert&auml;t schon mit 11 oder 12 Jahren beginnt und sie schon mit
+diesen Jahren verheirathet werden. Nimmt man zu alle dem nun noch
+hinzu, dass sie ihre Kinder sehr lange s&auml;ugen, oft bis 3 Jahre
+(Grey 2, 248-250) ja l&auml;nger (4-6 Jahre nach Salvado 311), so
+wird man sich nicht wundern, dass die Lebensdauer dieser
+Ungl&uuml;cklichen, die nichts desto weniger oft ganz fr&ouml;hlich
+sind und ihren M&auml;nnern mit Liebe anhangen, nicht allzulang ist
+und dass es weniger Weiber als M&auml;nner gibt, im
+Verh&auml;ltniss wie 1:3 nach Grey, nach anderen wie 2:3 &mdash;
+ein Umstand indess, der wahrscheinlich mit bedingt ist durch die
+Sitte, neugeborene M&auml;dchen umzubringen, von der wir
+sp&auml;ter reden m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Und in Amerika ist es nicht besser. &raquo;Entbehrung und
+Leiden, sagt Humboldt b 2, 192, sind bei den Chaymas, wie bei allen
+halbbarbarischen V&ouml;lkern, das Loos des Weibes. Wenn wir die
+Chaymas Abends aus ihren G&auml;rten heimkommen sahen, trug der
+Mann nichts als ein Messer, mit dem er sich einen Weg durchs
+Gestr&auml;uch bahnt. Das Weib ging geb&uuml;ckt unter einer
+gewaltigen Last Bananen und trug ein Kind auf dem Arm und zwei
+andere sassen nicht selten oben auf dem B&uuml;ndel&laquo;. Auch
+die Botokudinnen m&uuml;ssen, wie ihre Leidensgenossinnen in
+Neuholland, alle Arbeit thun, alles Gep&auml;ck schleppen und sich
+dann noch von ihren M&auml;nnern aufs roheste misshandeln lassen
+(Tschudi 2, 284). Dasselbe erz&auml;hlt Schomburgk von den
+Bewohnern Guyanas (2, 313; 1, 122 ff.) und mit einem schauderhaften
+Beispiel von roher Misshandlung von den Cariben (2, 428). Noch
+h&auml;rter ist das Loos der Weiber in Nordamerika, wo sie auch die
+Feldarbeit thun m&uuml;ssen (Humboldt b 2, 293) und noch roher
+misshandelt werden (Waitz b, 98). Mrs. Eastmann, welche
+l&auml;ngere Zeit selbst mit den Dakotas gelebt hat und daher diese
+V&ouml;lker genau kennt, hat wohl Recht, wenn sie (bei Waitz b, 98;
+3, 100) sagt: &raquo;Die Arbeit des Weibes wird nie fertig. Sie
+macht das Sommer- und Winterhaus. F&uuml;r jenes sch&auml;lt sie im
+Fr&uuml;hling die Rinde von den B&auml;umen, f&uuml;r dieses
+n&auml;ht sie die Rehfelle zusammen. Sie gerbt die H&auml;ute, aus
+denen R&ouml;cke, Schuhe und Gamaschen f&uuml;r ihre Familie
+gemacht werden und muss sie abschaben und zubereiten, w&auml;hrend
+noch andere Sorgen auf ihr lasten. Wenn ihr Kind geboren ist, kann
+sie sich nicht ruhen und pflegen. Sie muss f&uuml;r ihren Mann das
+Rudern des Kahnes &uuml;bernehmen, Schmerz und Schw&auml;che wollen
+dabei vergessen sein. Immer ist sie gastlich. Geh zu ihr in ihr
+Zelt, sie gibt dir gern, was du brauchst, wenn es nur in ihrer
+Macht steht, und thut bereitwillig, was sie kann, um es dir bequem
+zu machen. In ihrem Blick ist wenig Anziehendes. Die Zeit war es
+nicht, die ihre Stirn gerunzelt und ihre Wange gefurcht hat.
+Mangel, Leidenschaft, Sorgen und Thr&auml;nen haben es gethan. Ihre
+geb&uuml;ckte Gestalt war einst anmuthig, Mangel und Entbehrung
+erhalten die Sch&ouml;nheit schlecht&laquo;. So kommt es vor, dass
+M&auml;dchen von ihren Eltern get&ouml;dtet werden, um sie dem
+elenden Loos, das ihrer wartet, zu entziehen; und dass Weiber sich
+selbst umbringen, weil sie die B&uuml;rde ihres Lebens und Leidens
+nicht mehr zu tragen verm&ouml;gen (Waitz 3, 103). Nur bei einigen
+wenigen V&ouml;lkern war das Loos der Weiber etwas besser (Waitz 3,
+181). Die Speisen des Mannes durften die Weiber nicht theilen, ja
+oft nicht einmal mit den M&auml;nnern zusammen essen (Schomburgk 2,
+428), eine Sitte, die auch &uuml;berall in Ozeanien herrscht und
+ihren letzten Grund in religi&ouml;sen Anschauungen hat. Doch waren
+durch sie den Weibern meist die wirklich guten und nahrhaften
+Lebensmittel untersagt, was bei ihren schweren Arbeiten von
+doppeltem Gewichte war. In Poly- und Mikronesien (in Melanesien
+herrschten Sitten, die den australischen n&auml;her kommen und
+Fidschi steht zwischen beiden) war die Stellung der Weiber nicht
+schlecht; allerdings waren sie meist von der Gesellschaft und den
+Gen&uuml;ssen der M&auml;nner ausgeschlossen, doch empfanden sie
+dies sowie die Prostitution, zu der sie verurtheilt waren, nicht,
+weil es die Sitte nun einmal mit sich brachte und man sie sonst als
+Freudenspenderinnen ehrte. Wirklich schlecht scheinen sie nur in
+der Paumotugruppe behandelt zu sein, von wo und zwar von Mangareva
+M&ouml;renhout 2, 71 schreckliche Beispiele &auml;usserster
+Bedr&uuml;ckung und grausamster Misshandlung erz&auml;hlt.
+W&auml;hrend an den meisten Orten den Weibern so gut wie gar keine
+oder nur weibliche Arbeit, Zeugbereiten und dergl. obliegt, wie in
+Tonga, in Tahiti, in Nukuhiva (Melville 2, 147); so m&uuml;ssen sie
+in andern Inseln fast alle Arbeit thun, wie in Neuseeland
+(Dieffenb. 2, 12). Fr&uuml;hreife der Weiber ist in Polynesien sehr
+gew&ouml;hnlich. Auf Neuseeland tritt die Pubert&auml;t fr&uuml;her
+als bei uns, doch sp&auml;ter als in S&uuml;deuropa ein (Dieffenb.
+2, 33) nach Browne 38 sind sie schon mit dem 11. Jahre
+heirathsf&auml;hig und fr&uuml;her coitus ist auf der ganzen Insel
+gew&ouml;hnlich (Dieffenb. 2, 12). Aehnlich fand es Cook auf Tahiti
+(b, 126-127). Dass sich 11j&auml;hrige M&auml;dchen den Fremden
+anbieten, ist gar nicht selten; es soll auch noch j&uuml;ngere
+geben, die es thun. Die Geschlechtsentwickelung auf den
+Fidschiinseln f&auml;llt sp&auml;ter: f&uuml;r die M&auml;dchen ins
+14., f&uuml;r Knaben ins 17. oder 18. Jahr (Wilkes bei Waitz 1,
+126). Auch in Amerika reifen die Weiber sehr fr&uuml;h (Azara an
+vielen Stellen). Schomburgk (1, 123) sah unter den Waraus in Guyana
+eine Frau von kaum 10 Jahren, die dennoch hochschwanger war.
+Humboldt der b 2, 188 sagt, dass die Chaymasweiber mit 11-12 Jahren
+sich verheiratheten, erz&auml;hlt dasselbe von den Eskimos der
+Nordwestk&uuml;ste von Amerika, den Kori&auml;ken und den
+Kamtschadalen (190), bei denen h&auml;ufig 10j&auml;hrige
+M&auml;dchen M&uuml;tter sind. Er meint zwar, dass diese
+fr&uuml;hzeitigen Heirathen der Bev&ouml;lkerung nichts schadeten:
+jedenfalls aber h&auml;ngt das fr&uuml;hzeitige Verbl&uuml;hen der
+Weiber (Waitz b, 99; Tschudi 2, 298; Schoinburgk sagt in Beziehung
+auf Guyana dasselbe) mit dieser Fr&uuml;hreife zusammen. Doch gibt
+es St&auml;mme in Nordamerika, wo die Geschlechtsreife viel
+sp&auml;ter eintritt (Waitz 1, 125) Thunberg sah bei den
+Hottentotten hinwiederum M&auml;dchen von 11-12 Jahren, welche
+schon Kinder hatten (25-26<a name="FNanchor_C_3"></a><a href=
+"#Footnote_C_3"><sup>[C]</sup></a>).</p>
+
+<p>Zu dieser fr&uuml;hen Entwickelung kommt nun ein sehr langes
+S&auml;ugen. Wie in Neuholland die Weiber &mdash; und in Polynesien
+ist es ebenso, nach Dieffenbach a.a.O. und anderen &mdash; so
+s&auml;ugen auch die Amerikanerinnen ihre Kinder &ouml;fters bis
+ins 12. Jahr und dies S&auml;ugen wird, wenn die Mutter
+mittlerweile durch ein 2. Kind beansprucht wird, von der
+Grossmutter fortgesetzt! Die Indianerinnen behaupten, im Besitz
+eines Mittels zu sein, welches ihnen l&auml;nger und
+unersch&ouml;pflicher die Milch erhalte (Schomburgk 2, 239.
+315).</p>
+
+<p>Muss eine solche Lebensart, welche auch bei den Hottentotten um
+nichts besser und nur in Nebendingen anders ist, die Weiber
+fr&uuml;hzeitig welken lassen und dahinraffen, so ist die
+Lebensweise der M&auml;nner vielfach auch vollkommen aufreibend
+durch das Uebermass von Anstrengungen, was sie mit sich bringt. Man
+denke auch nur, was es heissen will, Tag f&uuml;r Tag, bei oft ganz
+ungen&uuml;gender oder durch ihre zu reichliche F&uuml;lle
+sch&auml;dlicher Nahrung, fortw&auml;hrend umherzuziehen, &uuml;ber
+endlose Strecken dem Wild nach, in den Anstrengungen der Jagd oder
+des Krieges und dabei allen Unbilden des Klimas, des Wetters
+ausgesetzt! Daher finden wir nirgends in Neuholland oder dem
+Feuerland oder unter den Wanderst&auml;mmen Amerikas ein so hohes
+Alter unter den Einzelnen als es Chamisso auf den Ratakinseln und
+San Vitores (nach le Gobien 47) auf den Marianen fand, wo
+100j&auml;hrige Greise nicht selten waren, w&auml;hrend Grey schon
+70 Jahre als hohes Alter unter den Neuholl&auml;ndern betrachtet
+(2, 247-248), aber gleich hinzusetzt, dass bei der grossen
+Sterblichkeit der Kinder, die mittlere Lebensdauer bei ihnen viel
+geringer als in Europa ist. Nach Azara freilich erreichen die
+brasilianischen St&auml;mme ein sehr hohes Alter: er will unter den
+Payaguas mehrere M&auml;nner gesehen haben, die zum wenigsten 120
+Jahre alt waren (270; vgl. 173). Die Polynesier, &uuml;berhaupt die
+Bewohner kleiner und meist gen&uuml;gend fruchtbarer Inseln, so
+bedenklich ein solcher Wohnort nach anderen Seiten sein mag, sind
+in dieser Beziehung besser gestellt, da schon die Oertlichkeit
+ihrer Heimath solche &uuml;berm&auml;ssige Anstrengung
+verh&uuml;tet; die langen und d&uuml;nnen Gliedmaassen, die
+vorh&auml;ngenden B&auml;uche, die verkommene Gestalt aber der
+Neuholl&auml;nder ist zweifelsohne nicht Ra&ccedil;encharakter (an
+einem anderen Ort gedenke ich den Nachweis zu f&uuml;hren, dass die
+letzteren gleichfalls ein Zweig des malaiopolynesischen Stammes
+sind), sondern durch die m&uuml;hselige Lebensart, das ewige
+Wandern, die Unregelm&auml;ssigkeit der Nahrung hervorgebracht. Und
+nat&uuml;rlich steigert sich alle diese Noth durch die Ausbreitung
+der Europ&auml;er, durch welche die Jagdthiere der Naturv&ouml;lker
+sehr rasch zusammenschmelzen; ja sie steigert sich durch sich
+selbst und ihre eigene lange Dauer, da die Thiere, stets verfolgt,
+dadurch immer scheuer, die Jagd immer schwieriger wird, wie von
+Tschudi 2, 279 von S&uuml;damerika bezeugt. Auch werde, um nichts
+zu &uuml;bergehen, wenigstens beil&auml;ufig an das erinnert, was
+Tschudi eb. 290 sagt, dass mangelnde Jagdbeute die V&ouml;lker
+n&ouml;thigt, ihre Jagdz&uuml;ge weiter auszudehnen und das Gebiet
+anderer Horden zu verletzen; dass diese ihr Gebiet vertheidigen und
+sich so oft sehr bedeutende K&auml;mpfe um die Existenz entwickeln.
+Auf beschr&auml;nktem Terrain war Ausrottung der Jagdthiere
+bisweilen nothwendige Folge auch der vorsichtigsten Jagd; so in
+Neuseeland, wo die grossen Jagdv&ouml;gel, die Moas (Dinornis,
+Apteryx), nach und nach ausgerottet sind von den Eingeborenen
+selbst, die ersteren ganz, die letzteren wenigstens zum
+gr&ouml;ssten Theil, und zwar ohne Schuld der Maoris: die
+V&ouml;gel vermehrten sich langsam und wurden bei ihrer
+Unbeh&uuml;lflichkeit und dem nicht sehr g&uuml;nstigen Terrain
+leicht die Beute der J&auml;ger. So starben sie aus, ohne dass man
+jenen ein blindes W&uuml;then gegen die Jagdthiere vorwerfen
+d&uuml;rfte.</p>
+
+<p>Betraf dies nun ihre Lebensart im Allgemeinen, so m&uuml;ssen
+wir nun noch von einzelnen Punkten speziell reden. Zun&auml;chst
+die Nahrung, in deren Auswahl und Aufbewahrung fast alle
+Naturv&ouml;lker wenig Sorgfalt zeigen. Sie d&uuml;rfen auch, da
+die Natur von selbst, auch in den Tropen, nicht zu jeder Zeit und
+nicht allzubereitwillig das N&ouml;thige bildet, nicht allzu
+w&auml;hlerisch sein. So essen denn z.B. die Botokuden eigentlich
+Alles, ausser geniessbaren Thieren auch F&uuml;chse, Aasgeier,
+M&auml;use, Schlangen, Eidechsen, Kr&ouml;ten, Flederm&auml;use,
+Insektenlarven, W&uuml;rmer, ungeputzte Eingeweide (Tschudi 2, 279.
+298) und dergl. In Guyana graben die Kinder 18 Zoll lange
+Skolopender aus der Erde und &mdash; fressen sie lebendig (Voigt
+Zoologie V, 420 nach Humboldt). Das Erdeessen der Otomaken
+h&auml;lt Humboldt, der es b 6, 102 ff. mit Herbeiziehung alles
+Analogen bei anderen V&ouml;lkern bespricht, zwar nicht f&uuml;r
+sch&auml;dlich, n&uuml;tzlich aber ist es auch nicht, sondern nur
+hungervertreibend. Auch in Australien (Grey 2, 263-264) findet es
+sich; doch wird hier die Erde mit einer geriebenen Wurzel
+gemischt.</p>
+
+<p>In Australien ist zwar nach Grey 2, 259-261 der Nahrungsmangel
+nicht so gross, als man gew&ouml;hnlich annimmt und vieles was uns
+nur aus &auml;usserstem Elend gew&auml;hlt scheint, ist ihnen eine
+willkommene Leckerei; indess sagt Grey doch selbst, 261 ff., dass
+jede Gegend des Continents ihre besondere Nahrung habe, die man
+aber erst kennen und aufsuchen m&uuml;sse. Und das scheint keine
+leichte Sache, wenigstens war er selbst, obwohl von einem nicht
+unbef&auml;higten Eingeborenen begleitet, auf seinem unfreiwilligen
+Zug die Westk&uuml;ste des Kontinentes entlang in der
+&auml;ussersten Lebensgefahr durch Hunger. Ein fauler Walfisch ist
+den Neuholl&auml;ndern, w&auml;hrend sie sonst sehr ekel gegen
+angegangenes Fleisch sind, gr&ouml;sster Genuss und je stinkender
+die Speise, desto willkommener wird sie, wie auch die Thakallis,
+ein Stamm der Athapasken in Nordamerika, faules Fleisch
+vorz&uuml;glich gern essen (Waitz b, 90). Und wie nun diese
+V&ouml;lker essen! &raquo;Die Botokuden geniessen die meisten
+Nahrungsmittel, besonders das Fleisch in halbgarem Zustande. Es
+wird &uuml;ber das Feuer gehalten, bis die &auml;ussersten
+Schichten etwas angebrannt sind und dann verzehrt. Die
+Gefr&auml;ssigkeit dieser Indianer ist fast sprichw&ouml;rtlich
+geworden. &mdash; &mdash;Wenn ein gl&uuml;cklicher Jagdzug
+reichliche Beute gew&auml;hrt, so wird sie gierig verzehrt und da
+das Fleisch rasch in F&auml;ulniss &uuml;bergeht, um ja nichts zu
+verlieren, der Magen so lange vollgestopft, als eine physische
+M&ouml;glichkeit dazu vorhanden ist. Dann folgt eine lange
+beh&auml;bige Verdauungsruhe und dieser oft wochenlang
+&auml;usserst sp&auml;rliche Mahlzeiten. V&ouml;lker und
+Individuen, die ausschliesslich auf Fleischnahrung angewiesen sind,
+haben eine rasche Verdauung und es &auml;ussert sich bei ihnen
+Heisshunger viel heftiger als bei jenen, die an eine vegetabilische
+oder gemischte Nahrung gew&ouml;hnt sind. Sie k&ouml;nnen sich aber
+auch mit einer sehr geringen Quantit&auml;t ihrer gewohnten
+Fleischnahrung lange kr&auml;ftig erhalten, leiden dabei aber stets
+an Hunger. Bei jeder sich darbietenden Gelegenheit suchen die
+Botokuden ihren steten Hunger durch &uuml;bermenschliches Fressen
+zu stillen und verschlingen mit der Gier eines Raubthieres die
+ekelhaftesten Gegenst&auml;nde ohne Wahl mit gleichem
+Heisshunger&laquo;. Was Tschudi (2, 278-279) uns so von den
+Botokuden erz&auml;hlt, das kann mit denselben Worten von allen
+Naturv&ouml;lkern Amerikas, von den Feuerl&auml;ndern bis zu den
+Eskimos, das kann von den Hottentotten, von denen es allw&auml;rts
+bekannt ist (von den Buschm&auml;nnern bezeugt es z.B. Lichtenstein
+2, 355), und trotz ihrer mehr gemischten Nahrung von den
+Neuholl&auml;ndern, den meisten Melanesiern, und auch, obwohl bei
+diesen meist die vegetabilische Nahrung vorwiegt, von vielen
+Polynesiern gesagt werden, von den roheren gewiss, doch zu Zeiten
+auch von den cultivirteren, wenigstens &uuml;bersteigt die Masse
+der bei Festlichkeiten verschlungenen Lebensmittel alle
+europ&auml;ischen Begriffe bei weitem. Ja es kam vor, dass man bei
+grossen Vorr&auml;then, wie einst die hochcivilisirten R&ouml;mer,
+Brechmittel nahm, um mit frischen Kr&auml;ften weiter essen zu
+k&ouml;nnen (Waitz 3, 82, vom s&uuml;dl. Nordamerika). Zwiefach
+gef&auml;hrlich ist eine solche Lebensart, einmal, weil sie dem
+menschlichen Organismus gewiss nicht entsprechend und also
+sch&auml;dlich ist; und zweitens weil sie, da man alles was die
+Gegenwart bietet aufzehrt und in sich stopft, Vorr&auml;the zu
+sammeln aber etwas ganz Ungewohntes ist, f&uuml;r die Zukunft,
+f&uuml;r welche Naturv&ouml;lker nur in den seltensten F&auml;llen
+und auch dann meist sehr unvollkommen sorgen, die bedenklichsten
+Folgen hat. Hungersnoth entsteht in Polynesien nicht selten durch
+g&auml;nzliches Aufzehren aller Lebensmittel bei Festlichkeiten,
+obwohl doch die meisten V&ouml;lker hier Vorr&auml;the sammeln.
+Uebrigens thun dies auch manche Indianerst&auml;mme (Waitz b, 91).
+Man sollte denken, gerade die Naturv&ouml;lker, durch Noth und
+Erfahrung belehrt, m&uuml;ssten am ersten f&uuml;r die Zukunft
+Sorge zu tragen gelernt haben, allein Waitz, der daran erinnert,
+dass &raquo;auch unter den civilisirten V&ouml;lkern die Individuen
+und die ganzen Classen der Gesellschaft sich um die Zukunft wenig
+oder gar nicht k&uuml;mmern, denen zur Arbeit jedes andere Motiv
+fehlt, ausser der Sorge f&uuml;r ihren eigenen
+Lebensunterhalt&laquo;, hat sehr richtig b, 84 u. 91 die
+psychologischen Gr&uuml;nde entwickelt, warum die kulturlosen
+V&ouml;lker nur der Gegenwart leben. Die Hauptsache ist, dass sie
+allzusehr unter der Herrschaft der sinnlichen Nerveneindr&uuml;cke
+stehen: die Vorstellung, welche sie gerade gegenw&auml;rtig haben,
+verdr&auml;ngt alle anderen aus ihrem Bewusstsein, und ist, nach
+Noth und Entbehrung, die Gegenwart wieder gut, so kommt dazu der
+physische Genuss dieses Wohllebens, dieser Ruhe, der die
+augenblicklichen Vorstellungen mit um so gr&ouml;sserer Macht zu
+alleinherrschenden macht (Waitz 1, 351).</p>
+
+<p>Aber nicht bloss sorglos sind sie um die Zukunft: wie oft
+zerst&ouml;ren sie sich man kann fast sagen die Lebensbedingungen
+f&uuml;r dieselbe selbst, so namentlich auf der Jagd. &raquo;Der
+J&auml;ger, sagt Waitz 1, 350, ger&auml;th, besonders massenhafter
+Beute gegen&uuml;ber, wie der Soldat im heissen Kampfe, in eine
+grenzenlose Wuth, er mordet mit Lust und verw&uuml;stet das Wild
+meist in v&ouml;llig nutzloser Weise, verzehrt davon das Beste und
+oft dieses kaum, wenn es im Ueberfluss sich darbietet. Daher
+brauchen J&auml;gerv&ouml;lker ein ganz
+unverh&auml;ltnissm&auml;ssig grosses Areal und gerathen trotzdem
+oft in Noth, weil ihnen Schonung der Jagdthiere ebenso fremd ist,
+als sparsames Haushalten mit Vorr&auml;then &uuml;berhaupt. Der
+hundertste Theil des von den Zulus erlegten Wildes, bemerkt
+Delagorgue, w&uuml;rde zu seinem und seiner Begleiter Unterhalt
+mehr als hinreichend gewesen sein.&laquo; Die Buschm&auml;nner
+zerst&ouml;ren h&auml;ufig gr&ouml;ssere Jagdbeute aus Missgunst
+und Bosheit: &raquo;was sie selbst im Ueberfluss nicht gebrauchen
+k&ouml;nnen, soll wenigstens keinem anderen zu Gute kommen&laquo;,
+sagt Lichtenstein 2, 565 von ihnen. Aehnlich berichtet Hearne 120
+von den n&ouml;rdlichsten St&auml;mmen Nordamerikas, die das Wild
+schliesslich der Zungen, des Markes, des Fettes wegen, aller
+Gegenvorstellungen zum Trotz, erlegten, die an keinem Nest mit
+Jungen oder Eiern vor&uuml;bergehen konnten, ohne es zu
+zerst&ouml;ren. Waitz 3, 81 sieht darin nur die Sitte eines
+g&auml;nzlich rohen Stammes und sagt, dass, wo diese und
+&auml;hnliche Sitten jetzt eingerissen seien, es in Folge
+moralischer Gesunkenheit geschehen sei, da sonst Sparsamkeit der
+Charakter der meisten Indianer gewesen sei. Mag letzterer Zug ganz
+richtig sein: die Leidenschaft der Jagd aber, welche kein Thier
+schont, findet sich in Amerika nicht nur bei verkommenen
+V&ouml;lkern. Sie herrscht in Canada (Waitz 3, 85) und gewiss sonst
+noch aus der abergl&auml;ubischen Ansicht, dass die fliehenden
+Thiere die anderen warnen und verscheuchen w&uuml;rden. Von
+S&uuml;damerika berichtet Azara 193 Gleiches. Dasselbe gilt von den
+Neuholl&auml;ndern.</p>
+
+<p>Und nicht genug, dass sie sich auf diese Weise die Nahrung
+selbst zerst&ouml;ren: sie verbieten sich auch eine Menge Speisen,
+oft gerade die besten, durch religi&ouml;sen Glauben. Zun&auml;chst
+sind die Frauen fast &uuml;berall in Amerika, Polynesien und
+Australien, in Neuholland auch die J&uuml;nglinge und Knaben (Grey
+2, 248), von den besten Nahrungsmitteln, die nur den erwachsenen,
+oft nur den greisen M&auml;nnern erlaubt sind, ausgeschlossen. Dann
+aber geh&ouml;rt das Totem der Indianer hierher, von dem Waitz 3,
+119 sagt: &raquo;Der politische Verband des Volkes beruhte in alter
+Zeit sehr allgemein auf einer Eintheilung in Banden oder
+Geschlechter, deren jedes durch ein Thier oder einen
+K&ouml;rpertheil, eines Thieres als Marke bezeichnet war, z.B.
+B&auml;r, B&uuml;ffel, Fischotter, Falke und dergl. Nur ein Fisch
+oder ein Theil eines Fisches konnte diese Marke nicht sein.&laquo;
+Der Name dieser Marke, Totem, kommt von den Algonkin.
+Wahrscheinlich (ebend.) hatte das Totem urspr&uuml;nglich eine
+religi&ouml;se Bedeutung: das Thier des Totem war der Schutzgeist
+der nach ihm benannten Familie, wurde von dieser heilig gehalten
+und <i>durfte von ihr nicht gejagt</i> werden. Und ebenso verhielt
+es sich gewiss mit &raquo;der Medicin&laquo;, die jeder Amerikaner
+hatte, d.h. dem Totem des Einzelnen. Denn zur Zeit der beginnenden
+Mannbarkeit erscheint jedem einzelnen sein Schutzgeist in Gestalt
+eines Thieres, das dann gejagt und dessen Balg stets von dem
+Betreffenden getragen werden muss. Der Verlust der Medicin
+w&uuml;rde ihm tiefste Verachtung und best&auml;ndiges Ungl&uuml;ck
+zuziehen (Waitz 3, 118-119). Urspr&uuml;nglich durfte gewiss kein
+Indianer das Thier, das ihm &raquo;Medicin&laquo; Schutzgeist war,
+verzehren. Die meisten V&ouml;lker (auch die Aleuten) stammten von
+solchen Thieren ab (Waitz 3, 119. 191) und auch diese waren ihnen
+gewiss urspr&uuml;nglich heilig, wenn sich auch sp&auml;ter diese
+Verehrung in etwas abschw&auml;chte. Diese auffallende Sitte, die
+genauer betrachtet gewiss mancherlei merkw&uuml;rdige Resultate
+g&auml;be<a name="FNanchor_D_4"></a><a href=
+"#Footnote_D_4"><sup>[D]</sup></a>, findet sich ganz
+&uuml;bereinstimmend bei den Neuholl&auml;ndern, wor&uuml;ber man
+Grey 2, 225-229 vergleiche. Jede Familie, oder besser, jeder Stamm,
+denn die Familien sind ausgedehnt wie St&auml;mme, hat ihr
+&raquo;kobong&laquo; Pflanze oder Thier, das ihr heilig ist, ihr
+den Namen gibt u.s.w. Wie in Amerika Leute von gleichen Totem, so
+durften in Neuholland Leute desselben Kobongs einander nicht
+heirathen. Kein Neuholl&auml;nder t&ouml;dtet sein Kobong, wenn er
+es schlafend findet, auch nie, ohne ihm vorher Gelegenheit zur
+Flucht zu geben; war es eine Pflanze, so durfte es der Betreffende
+nur zu bestimmten Jahreszeiten und unter ganz bestimmten Ceremonien
+ein&auml;rnten und benutzen<a name="FNanchor_E_5"></a><a href=
+"#Footnote_E_5"><sup>[E]</sup></a>. Hierin sehen wir eine Folge der
+Noth; denn urspr&uuml;nglich durfte das Kobong wohl ebenso wenig
+gegessen werden, wie das amerikanische Totem. Daf&uuml;r spricht
+auch die Form, in welcher sich die Sitte in Polynesien erhalten
+hat. Denn in Polynesien gilt es noch jetzt an verschiedenen Orten
+als strenges Gesetz, dass Einzelne einzelne Thiere, in welchen ihr
+Schutzgeist oder der Geist ihrer Ahnen verborgen ist, weder
+t&ouml;dten noch essen d&uuml;rfen. So in Mikronesien z.B. auf
+Ponapi (O'Connel bei Hale 84), auf Tikopia (Gaimard bei D'Urville
+V, 305-307), auf den Fidschiinseln (Wilkes 3, 214), wohin die Sitte
+entweder von Polynesien gekommen ist oder sich als malaiisches
+Ureigenthum, wie wir sie auch in Neuholland finden, erhalten hat;
+so in Hawaii (Remy 165), in Tahiti (M&ouml;renhout 1, 451-57). Wir
+finden auf allen diesen Inseln jetzt Gedanken an Seelenwanderung
+eingemischt; allein man muss bedenken, dass der Glaube an die
+beh&uuml;tende Macht der Seelen der Vorfahren, also an den
+Uebergang der abgeschiedenen Seelen in Schutzgeister der Lebenden
+in Polynesien sp&auml;ter vielfach aufgekommen ist.</p>
+
+<p>Auch anderer Aberglaube als dieser entzog bisweilen den
+Naturv&ouml;lkern die Nahrung, wie z.B. Grey 1, 363-364
+erz&auml;hlt, dass, weil einige Eingeborene beim Muschelessen
+gestorben waren, die Neuholl&auml;nder, die ihn begleiteten, aus
+Furcht vor Zauberei nicht dahin zu bringen waren, selbst durch den
+&auml;ussersten Hunger nicht, dass sie Muscheln assen; und
+Derartiges liesse sich, wenn es f&uuml;r unsern Zweck nicht zu weit
+f&uuml;hrte, noch mancherlei sammeln.</p>
+
+<p>Dass nun die engen dumpfigen Wohnungen vieler dieser V&ouml;lker
+(es bedarf hierzu keiner Belegstellen), worin oft sehr viel
+Menschen zusammengepfercht wohnen und schlafen und die oft von
+Schmutz und Ungeziefer starren, ungesund sind, versteht sich von
+selbst. Andere St&auml;mme (Feuerl&auml;nder, Australier u.s.w.)
+haben in ihren Wohnungen fast gar keinen Schutz vor dem Wetter; die
+Buschm&auml;nner (Waitz 2, 344) haben zu ihren stets wechselnden
+Schlafst&auml;tten Erdl&ouml;cher, die sie mit Baumzweigen
+&uuml;berdecken, Felsspalten und B&uuml;sche. Auch auf die meist
+sehr mangelhafte Bekleidung dieser V&ouml;lker braucht hier bloss
+hingewiesen zu werden. Alles dies, die Art wie sie sich n&auml;hren
+zumeist, ist zwar sch&auml;dlich und bewirkt es, dass nirgend die
+Naturv&ouml;lker sehr hohe Kopfzahlen aufzuweisen haben; aber alles
+dies ist auch wiederum nicht von solchem Einfluss, dass es das
+Aussterben dieser V&ouml;lker allein schon erkl&auml;rte; wir
+d&uuml;rfen es nur als sekund&auml;re Ursachen daf&uuml;r
+betrachten, als solche aber d&uuml;rfen wir es auch durchaus nicht
+&uuml;bergehen oder untersch&auml;tzen. W&auml;re dies ihr Leben
+dem menschlichen Organismus zutr&auml;glicher, so w&uuml;rden sie
+auch manches feindliche Schicksal, welchem sie so erliegen oder
+erlegen sind, &uuml;berwunden haben.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_6_Charakter_der_Naturvolker"></a>
+<h2>&sect; 6. Charakter der Naturv&ouml;lker.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Aber nicht bloss diese Fahrl&auml;ssigkeit in Bezug auf ihr
+&auml;usseres Leben schadet den Naturv&ouml;lkern: ihr ganzer
+Charakter, wie er sich im Laufe der Jahrtausende entwickelt hat,
+steht einem kr&auml;ftigen Gedeihen im Wege und so m&uuml;ssen wir
+auch diesen, wenigstens nach einigen Seiten hin, betrachten.
+Zun&auml;chst ist unter ihren geistigen Eigenschaften ihre
+furchtbare Tr&auml;gheit hervorzuheben, welche z.B. in Mikronesien
+so weit geht, dass man viel zu indolent ist gegen eine
+f&uuml;rchterliche Form des Aussatzes, welche in ihrem Anfang noch
+heilbar und leicht heilbar in ihrer Entwickelung ebenso qualvoll
+als absolut t&ouml;dtlich wird, auch nur das Mindeste zu thun: man
+sieht dem ersten Anfange, der noch nicht bel&auml;stigt, mit
+gr&ouml;sster Seelenruhe zu, bis jede H&uuml;lfe zu sp&auml;t ist
+(Virgin 2, 103). Diese Faulheit, welche Waitz 1, 350; b, 84, 90 und
+sonst zur Gen&uuml;ge geschildert hat, ist denn auch ein Grund,
+weshalb Naturv&ouml;lker so selten Vorr&auml;the sammeln, ja
+verhindert sie oft nur auszugehen, um Nahrung zu suchen, wie Grey
+2, 262-63 von den Neuholl&auml;ndern sagt; namentlich im Sommer bei
+Hitze und im Winter bei K&auml;lte und N&auml;sse leiden sie
+Hunger, die Folge ihrer Tr&auml;gheit. Beispiele von den
+Hottentotten zu geben w&auml;re &uuml;berfl&uuml;ssig. Diese
+Tr&auml;gheit schadet ihnen aber noch auf ganz andere Weise. Denn
+wie Fleiss, Interesse und geistige Anspannung auch k&ouml;rperlich
+anregen und gr&ouml;ssere Kraft und dem ganzen Organismus auch
+leiblich erh&ouml;hteres Leben verleihen, so schw&auml;cht
+umgekehrt fortgesetzte Schlaffheit und geistige Tr&auml;gheit, wie
+sie die Naturv&ouml;lker in so hohem Grade ausser wenn sie Noth
+treibt bekunden, auch die leibliche Kraft und die Funktionen des
+K&ouml;rpers scheinen darunter zu leiden. Wenn nun dieser Zustand
+durch leibliche und geistige Vererbung (auch der Einfluss geistiger
+Vererbung ist von gr&ouml;sster Bedeutung und wohl noch nicht
+&uuml;berall hinl&auml;nglich gew&uuml;rdigt) sich immer mehr
+befestigt, so muss er auf das Gedeihen der Naturv&ouml;lker einen
+immer gef&auml;hrlicheren Einfluss haben. Allerdings ist das
+Ineinandergreifen des leiblichen und geistigen Lebens ein
+schwieriger und dunkler Punkt, auf den aber gerade deshalb ganz
+besonders aufmerksam gemacht werden muss.</p>
+
+<p>So entwickelt sich denn aus dieser Tr&auml;gheit des
+&auml;usseren auch eine Starrheit und Unbeweglichkeit des geistigen
+Lebens, die gleichfalls von den schlimmsten Folgen f&uuml;r diese
+V&ouml;lker ist, schon dadurch, dass jeder gute Einfluss der
+Europ&auml;er auf sie, jeder Versuch, sie zur Kultur emporzuheben,
+ausserordentlich erschwert wird. Dadurch abgeschreckt haben auch
+vorurtheilsfreie M&auml;nner, wie Meinicke, behauptet, sie seien zu
+jeder Kultur unf&auml;hig, und doch ist, wie Erfahrungen bei allen
+Naturv&ouml;lkern bewiesen haben, nichts falscher, als diese
+Behauptung. Da nun diese Starrheit mit jeder Generation nach und
+nach zunimmt, so wirken auch historische Schicksale, Wanderungen
+und dergl. unendlich viel schwerer auf diese V&ouml;lker, als sie
+vor so vielen Jahrtausenden auf die Indogermanen, die Semiten, als
+sie auch auf die gebildeteren Polynesier und Amerikaner wirkten.
+Daher versinken sie immer mehr und mehr in Roheit und Stumpfheit,
+und es ist nicht &uuml;bertrieben, zu behaupten, dass, auch wenn
+sie allein auf der Welt w&auml;ren, ohne jeglichen feindseligen
+Einfluss von aussen her, sie dennoch, wie jetzt ihre Entwickelung
+oder wohl besser ihre Verh&auml;rtung ist, nach und nach langsam
+vergehen und erl&ouml;schen w&uuml;rden. Denn nichts ist der
+menschlichen Natur, die so sehr auf Wechselbeziehung zwischen Leib
+und Seele gegr&uuml;ndet ist, sch&auml;dlicher, als eine solche
+Unth&auml;tigkeit beider.</p>
+
+<p>Ein dritter Zug ihres Charakters, der uns hier n&auml;her
+angeht, ist eine gewisse Melancholie, die sich, wie bekannt,
+zumeist bei den Amerikanern findet. Doch auch die scheinbar so
+fr&ouml;hlichen Polynesier, wenn man gleich ihr Temperament nicht
+wie das der Amerikaner melancholisch nennen kann, zeigen manches
+Entsprechende. So resigniren sich die Tahitier &uuml;ber ihr
+Aussterben durch den oft wiederholten Ausspruch, den wohl Ellis (1,
+103-104) zuerst mittheilte: der Hibiskus soll wachsen, die Koralle
+sich ausbreiten, der Mensch aber dahinsterben; und &raquo;es war
+melancholisch, sagt Darwin (2, 213), die sch&ouml;nen energischen
+Eingeborenen Neuseelands sagen zu h&ouml;ren, sie w&uuml;ssten,
+dass das Land nicht das Eigenthum ihrer Kinder bleiben
+w&uuml;rde.&laquo; F&uuml;r Kamtschatka ist wichtig, was v.
+Kittlitz &uuml;ber das Klima dieses Landes sagt, das bald (oder
+Einzelne) zur tiefsten Melancholie stimme, bald (oder Andere) zur
+h&ouml;chsten excentrischsten Freude aufrege. Die Schilderungen der
+Aleuten bei Kotzebue, Chamisso, Langsdorff u.a. enthalten ganz
+&auml;hnliche Z&uuml;ge von Niedergeschlagenheit, die allerdings
+hier mit grossem Phlegma gepaart scheint.</p>
+
+<p>Es ist klar, dass diese Melancholie mit jener schon besprochenen
+Tr&auml;gheit zusammenh&auml;ngt; denn diese raubt dem Geist der
+Naturv&ouml;lker, der nach aller Naturv&ouml;lker Art ganz und gar
+vom jedesmaligen sinnlichen Eindruck und meist nur von solchen
+abh&auml;ngig ist, die besonnene und feste Willens- und
+Widerstandskraft immer mehr. So wie nun aber jeder Willensakt eine
+rein physische Nerventh&auml;tigkeit voraussetzt, so wird auch
+fortgesetztes Nichtwollen zum bleibenden Nervenhabitus, zum nicht
+Wollenk&ouml;nnen und dadurch vom &uuml;belsten Einfluss auf die
+Seele, der, wenn dieser letzteren Leiden entgegentreten, um so
+gr&ouml;sser und vernichtender wird.</p>
+
+<p>Das zeigt sich nun schon bei den Naturv&ouml;lkern im Leben der
+Individuen. Wir sahen, dass Krankheiten &uuml;berall als
+Bezauberung oder Einwirkung von D&auml;monen gelten; viele aber,
+die von Krankheiten befallen sind, sterben aus keinem andern Grund,
+als aus Melancholie &uuml;ber die vermeintliche Bezauberung.
+Beispiele f&uuml;r Neuseeland gibt Dieffenbach 2, 16, Browne 75;
+f&uuml;r Tahiti Ellis 1, 364, 367-68; f&uuml;r Neuholland, wo eine
+namenlose Angst vor Bezauberung herrscht, Grey 1, 363-64. 2,
+336-40; f&uuml;r Nordamerika, wo der Tod aus abergl&auml;ubischer
+Furcht gar nicht selten ist, Waitz 3, 213: und nach allem Gesagten
+werden wir in den L&auml;ndern, wo Krankheit durch Zauberei
+entsteht oder als Folge von S&uuml;nden gilt, wie z.B. in
+Kamtschatka, wo Krankheit und Tod erfolgen, wenn man Kohle mit dem
+Messer spiesst oder Schnee mit dem Messer von den Schuhen schabt
+(Waitz 1, 324), in allen diesen L&auml;ndern, also bei allen
+Naturv&ouml;lkern werden wir auch ein solches Hinsterben Einzelner
+aus Angst und Aberglauben finden.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_7_Ausschweifungen_der_Naturvolker"></a>
+<h2>&sect; 7. Ausschweifungen der Naturv&ouml;lker.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Die g&auml;nzliche Abh&auml;ngigkeit der Naturv&ouml;lker von
+sinnlichen Eindr&uuml;cken hat auch noch eine andere sehr
+gef&auml;hrliche Folge f&uuml;r sie, durch welche einzelne
+St&auml;mme ernstlich bedroht worden sind: wir meinen die
+Ausschweifungen, denen viele von ihnen verfallen sind, im Trunk und
+vor allen in geschlechtlicher Beziehung.</p>
+
+<p>Zwar von den gebildeten V&ouml;lkern Amerikas, den Mexikanern
+und ihren Verwandten sowie den Peruanern, kann man nicht behaupten,
+dass sie nach dieser Seite hin Vorw&uuml;rfe verdienten; freilich
+kamen bei ihnen Ausschweifungen und grobe, ja unnat&uuml;rliche
+Laster vor, freilich gab es bei ihnen &ouml;ffentliche Dirnen, aber
+alles das war keineswegs ausgebreitet und durchaus verachtet, so
+dass wir sie in dieser Beziehung viel h&ouml;her stellen
+m&uuml;ssen, als die heutigen Kulturstaaten Europas. Die
+Schilderung freilich, welche wir bei P&ouml;ppig 375 finden, oder
+was uns der ber&uuml;chtigte Ortiz, ein M&ouml;nch zur Zeit der
+Entdeckung, erz&auml;hlt, enth&auml;lt des Scheusslichsten auch
+nach dieser Seite viel; Ortiz Darstellung sollte aber nur die
+Behandlung, welche das Land durch die Conquistadoren erfuhr,
+rechtfertigen und so h&auml;ufte sie alle Laster auf die Indianer.
+P&ouml;ppigs Nachrichten beruhen auf &auml;hnlichen Quellen, die
+gleichfalls ganz unzuverl&auml;ssig und meist unwahr sind. Wenn
+z.B. Gomara (bei P&ouml;ppig) berichtet, dass Balboa 50
+P&auml;derasten in Quarequa in Darien und ebenso (Waitz 4, 350) den
+Herrn dieses Landes um desselben Lasters willen von Hunden
+zerreissen und dann verbrennen liess, so ist es ganz klar, dass
+hier die Anklage nur erfunden wurde, um die scheussliche
+Grausamkeit Balboas zu bem&auml;nteln, der selbst sagt, das Laster
+sei nur von den Vornehmen ver&uuml;bt, vom Volke verabscheut. Denn
+dass spanische Soldaten, unter welchen es gleichfalls vorkam (Waitz
+3, 383), jemals daf&uuml;r und gar so f&uuml;rchterlich gestraft
+w&auml;ren, davon wird nichts erw&auml;hnt. Waitz im 4. Bande der
+Anthropologie hat nun ganz klar und deutlich bewiesen, dass solche
+Ausschweifungen nur einzeln und selten bei diesen V&ouml;lkern sich
+fanden, wof&uuml;r die strengen Strafen, welche bei ihnen allen auf
+solchen Lastern oder auf sonstiger Unzucht standen, sprechen;
+vergl. Waitz 4, 85. 88. 131. 307. 350. 367 u. sonst. Ebenso wenig
+waren solche Laster, wie P&ouml;ppig a.a.O. will,
+&raquo;Volkslaster&laquo; in Peru; freilich haben die
+Conquistadoren auch hier das &auml;rgste zu erz&auml;hlen gewusst
+und mussten, nach ihren Berichten, die grausamsten Strafen gegen
+die L&uuml;stlinge anwenden; wenn man aber liest (Waitz 4, 478),
+wie der gefangene Inka Manko Capak, Atahualpas Bruder, die Spanier
+flehentlich bat, dass man ihn doch wenigstens nicht zum Feuertod
+verurtheilen oder den Hunden vorwerfen, sondern nur aufh&auml;ngen
+m&ouml;ge, so wirft das auf jene Strafen ein ganz
+eigenth&uuml;mliches Licht. Auch beweisen die Zeugnisse bei Waitz
+4, 417, dass auch in Peru solche Laster, Ehebruch oder gar
+P&auml;derastie, durchaus nicht verbreitet waren, sondern nur
+vereinzelt vorkamen, wof&uuml;r wiederum die strengen Strafen,
+welche die einheimischen Landesgesetze gegen derartiges
+verh&auml;ngten, sprechen.</p>
+
+<p>In Nordamerika war, wie bei den eben besprochenen V&ouml;lkern,
+Polygamie erlaubt, keineswegs aber sehr ausgedehnt (Waitz 3, 109).
+Weibertausch kommt vor, als Freundschaftszeichen unter Familien
+(Hearne 128), ebenso auch Prostitution aus Gastfreundschaft.
+Keuschheit der M&auml;dchen war &uuml;berhaupt etwas, auf das man
+bei vielen V&ouml;lkern und namentlich bei den roheren, keinen
+Werth setzte (Waitz 3, 111). Schlimmere Dinge und namentlich
+Blutschande erw&auml;hnt als gew&ouml;hnlich bei den Athapasken
+Hearne 128, der auch sonst den Anwohnerinnen der Hudsonsbai arge
+Ausschweifungen Schuld gibt (126-27). Unnat&uuml;rliche Laster
+werden vielfach bei den V&ouml;lkern Nordamerikas erw&auml;hnt und
+M&auml;nner in Weiberkleidern finden sich freilich an vielen Orten,
+so bei den Illinois, in Florida, bei den Mandans, den Osagen, den
+Kansas u.s.w. (Waitz 3, 113); auch bei den Bewohnern Nutkas wird
+Aehnliches erw&auml;hnt (eb. 133), obgleich sie sowohl wie die
+Koluschen im ganzen keusch leben, anders wie die Chinook (am
+Columbia), bei denen Prostitution und sinnliche Ausschweifungen
+verbreitet waren (eb. 337). Strenger sind die V&ouml;lker vom
+Oregongebiete. Uebrigens ist das nicht immer ein Zeichen von
+unnat&uuml;rlichen Lastern, wenn M&auml;nner Weiberkleider tragen;
+denn einmal scheint manche abergl&auml;ubische Vorstellung (eb.
+113) damit verbunden zu sein, in anderen F&auml;llen war es
+wenigstens eine symbolische, wie z.B. die Delawares von den
+Irokesen &raquo;zu Weibern gemacht&laquo;, d.h., gezwungen wurden,
+als sie g&auml;nzlich besiegt waren, den Weiberrock anzuziehen
+(Waitz 3, 23. b, 158) und auch bei den Chibchas in Neu-Granada
+Feiglinge mit einem Weiberrock bekleidet wurden (4, 361). Bei den
+Illinois standen die so gekleideten M&auml;nner in besonderem
+Ansehen (3, 113) und ganz &auml;hnlich war es bei den
+n&ouml;rdlichen Patagoniern (3, 506), wo die Zauberpriester, deren
+einen jede Familie hatte, Weiberkleider trugen. Auch was Combes
+(Hist. de las islas de Mindanao Madrid 1667 p. 55) erz&auml;hlt,
+dass es bei den Subanos auf Mindanao M&auml;nner g&auml;be, welche
+unverheirathet blieben, Weiberkleider tr&uuml;gen, aber geehrt
+w&auml;ren und keusch lebten, zugleich aber auch physisch ein
+weibliches Aussehen h&auml;tten, werde hier als merkw&uuml;rdige
+Parallele erw&auml;hnt.</p>
+
+<p>Den Cariben in S&uuml;damerika wird von den &auml;lteren
+spanischen Schriftstellern gleichfalls der Vorwurf
+unnat&uuml;rlicher Lasterhaftigkeit gemacht, doch hat Waitz 3, 383
+Recht, wenn er auch diesen Vorwurf f&uuml;r unrichtig h&auml;lt,
+&raquo;denn auf ihn pflegte haupts&auml;chlich der Anspruch
+gegr&uuml;ndet zu werden, die Eingeborenen zu rechtm&auml;ssigen
+Sklaven zu machen&laquo;. Andere Schriftsteller l&auml;ugnen auch,
+dass hier solche Laster vorgekommen seien; doch fanden sich
+M&auml;nner in Weiberkleidern auch hier (Oviedo bei Waitz 3, 383).
+Auch die Tupis in Brasilien lebten streng (3, 423); ebenso die
+Araukaner (3, 516). Hiermit stimmen auch alle Nachrichten bei
+Azara; nur dass er den Weibern der Mbayas, bei denen Polygamie
+erlaubt ist, mancherlei Ausschweifungen vorwirft (249-50).</p>
+
+<p>Es ist nicht n&ouml;thig, dies bei den Amerikanern weiter zu
+verfolgen; f&uuml;r uns gen&uuml;gt das Ergebniss, dass zwar
+mancherlei Ausschweifungen namentlich in Nordamerika unter ihnen
+sich vorfanden, dass diese aber keineswegs allgemein und bedeutend
+genug waren, um aus ihnen die Verminderung der Kopfzahl dieser
+V&ouml;lker zu erkl&auml;ren. Dass aber, seit der Bekanntschaft mit
+den Europ&auml;ern diese Ausschweifungen sehr zugenommen haben, ist
+eine traurige Wahrheit.</p>
+
+<p>Dem Trunk war man in Mittel- und Nordamerika nicht ergeben und
+ist es verh&auml;ltnissm&auml;ssig auch jetzt noch nicht.
+Allerdings kannte man in Mexiko mehrere geistige Getr&auml;nke
+(Waitz 4, 98), von denen das eine, Pulque, Agavesaft, den man durch
+Ausschneiden des Herzens der Pflanze, wenn sie den m&auml;chtigen
+Schaft treiben will, gewinnt und g&auml;hren l&auml;sst, auch von
+Europ&auml;ern (Humboldt a 3, 99) mit wahrer Leidenschaft getrunken
+wird; allein die Mexikaner waren m&auml;ssig, wie schon aus ihren
+Gesetzen hervorgeht. Der Trunk wurde darin so streng geahndet, dass
+irgend welche Verbreitung desselben ganz unm&ouml;glich war (Waitz
+4, 83-84). Auch in Californien war er selten (eb. 240. 242). Die
+Eingeborenen von Nikaragua, von welchen auch verschiedene
+geschlechtliche Ausschweifungen berichtet werden, sollen nach
+Oviedo auch dem Trunke ergeben gewesen sein; allein allzu sicher
+sind diese Nachrichten nicht (Waitz 4, 279). Auch die Peruaner,
+obwohl sie verschiedene geistige Getr&auml;nke hatten, waren dem
+Trunke nicht ergeben (4, 429), so wie sie auch dem Genuss der Coka,
+die im ganzen Land gebaut wurde, nicht &uuml;berm&auml;ssig
+fr&ouml;hnten; dem Volk war sie ganz verboten (422). Obwohl nun die
+Eroberung des Landes die Sitten vielfach verschlechterte, so sind
+doch auch jetzt noch weder die Peruaner (500) noch die Mexikaner
+(196) und die ihnen verwandten V&ouml;lker dem Trunk ergeben (227)
+&mdash; wenn es auch Feste gab, z.B. in Yukatan, bei welchem sich
+die Weiber berauscht haben sollen (4, 307), oder bei denen, wie in
+Nikaragua, allgemeine Z&uuml;gellosigkeit herrschte (279). Denn bei
+allen solchen Festen waren gewiss, wie bei &auml;hnlichen
+semitischen und indogermanischen, religi&ouml;se Motive
+wirksam.</p>
+
+<p>Anders war es in S&uuml;damerika, wo Schomburgk 2, 420 die
+Cariben als Trunkenbolde schildert; und schon von Alters her hatten
+sie ausser andern ein berauschendes Getr&auml;nk aus Cassadabrod,
+welches zerbrochen, mit heissem Wasser zu einem Teig zerr&uuml;hrt,
+dann von alten Weibern durchgekaut und in einen Trog gespieen
+wurde, wo es nun g&auml;hren musste (Schomburgk 1, 173); ganz
+&auml;hnlich bereiteten die Tupis einen berauschenden Trank aus
+Mais oder Hirse, wobei das Getreide gekocht und von alten Weibern
+durchgekaut wurde. Sie nannten es Caouin oder Kaveng und sowohl
+durch die Bereitungsart als durch den Namen wird man an den gleich
+zu erw&auml;hnenden polynesischen Kavatrank erinnert (Waitz 3,
+423-24). Gegohrene Getr&auml;nke hatten die Araukaner (3, 509), die
+Chiquitos, die dem Trunke sehr ergeben waren (eb. 530) und sind
+(533), die Moxos (537), welche ihn gleichfalls sehr lieben und
+andere V&ouml;lker schon vor der Entdeckung. Dass nun durch den
+Einfluss der Europ&auml;er diese Neigung nicht vermindert, sondern
+nur gestiegen ist, begreift sich; und so wird es uns von den
+Cariben (Schomburgk 1, 173) von den Warans (eb. 1, 123), den
+Charuas (Azara 184), den Mbayas (eb. 242) u.s.w. berichtet.</p>
+
+<p>In Nordamerika, bei den Indianern der Vereinigten Staaten, waren
+vor den Europ&auml;ern keine geistigen Getr&auml;nke in Gebrauch,
+ja Wasser war fast das einzige Getr&auml;nk, was sie genossen, wie
+Waitz 3, 82 ins Einzelne ausf&uuml;hrt; ebenso war es bei den
+Koluschen und den Chinooks (3, 84. 337). Wenn nun der Trunk, der
+Branntwein in Nordamerika doch so traurige Folgen gehabt und ganze
+St&auml;mme dahin gerafft hat, so dass man oft genug die Behauptung
+findet, die Indianer seien von Natur dem Trunke ergeben gewesen; so
+fordert dies zur genaueren Untersuchung der Sachlage auf, die sich
+nach Waitz 3, 83-84 und 270, der die Quellenbeweise beibringt, so
+stellt, dass die Indianer sich aufs st&auml;rkste gegen den Verkauf
+von Branntwein gewehrt und viele Vertr&auml;ge geschlossen haben,
+in welchen die Einfuhr derselben ausdr&uuml;cklich verboten war,
+dass aber der Branntwein dennoch, sogar mit Gewalt, von den
+europ&auml;ischen Nationen den Eingeborenen aufgezwungen ist,
+theils um das Produkt abzusetzen, theils um sie im Trunke zu
+betr&uuml;gen, theils auch geradezu, um sie durch den Trunk zu
+vernichten. Das ist denn nur allzugut gelungen; denn wenn auch,
+trotz der vorherrschenden Sinnlichkeit, die Amerikaner einen
+h&ouml;chst beachtungswerthen Widerstand diesem Genussmittel
+entgegensetzten, so konnte dieser eben bei ihrer Natur kein
+absoluter sein; &ouml;fters zwang sie der Nahrungsmangel zum Trunk
+und ein sehr h&auml;ufiger Grund, sich dem Trunke zu ergeben (der
+auch in Mittelamerika vielfach vorkam) war der, dass man aus der
+grenzenlosen F&uuml;lle des Elends ringsher sich wenigstens einmal
+wieder durch den Rausch in einen gl&uuml;cklichen Zustand versetzen
+oder dass man sich in der Verzweiflung bet&auml;uben wollte.
+Uebrigens haben V&ouml;lker und Individuen sich dem Laster des
+Trunkes auch wieder zu entreissen vermocht (Waitz b, 43).
+Eigentlich also geh&ouml;rte diese Betrachtung erst dahin, wo wir
+vom Einfluss der Weissen auf die Naturv&ouml;lker sprechen werden,
+indess mag ein solches Vorausnehmen, des Zusammenhangs wegen und um
+den einen Gegenstand zu ersch&ouml;pfen, gleich hier seine
+Entschuldigung finden. Tabak hat ebensowenig als Coka
+geschadet.</p>
+
+<p>Wenn nun auch die Hottentotten und die Buschm&auml;nner gar
+keinen Werth auf die Keuschheit der M&auml;dchen und Weiber legen,
+so waren sie doch weder in geschlechtlicher Beziehung noch im Trunk
+sehr ausschweifend, w&auml;hrend wir bei den Aleuten und
+Kamtschadalen die Verh&auml;ltnisse wesentlich anders finden. Dem
+Trunk waren namentlich die Kamtschadalen ganz au&szlig;erordentlich
+ergeben (Krusenstern 3, 53) und wie diese Leidenschaft von den
+europ&auml;ischen Pelzh&auml;ndlern zu ihrem Verderben benutzt ist,
+werden wir sp&auml;ter sehen. Aber auch die Aleuten liebten dies
+Laster (Waitz 3, 314), wie sie auch sonst sehr ausschweifend
+lebten. Die Weiber hatten (nach Wenjaminow in Ermans Archiv bei
+Waitz 1, 356 Note) zwei M&auml;nner, einen aus h&ouml;herem Stande
+und einen Nebenmann aus niederem; dem Gast stellte der Wirth, um
+ihn gastfreundlich zu ehren, das eigene Weib zur Verf&uuml;gung.
+Auch der P&auml;derastie waren sie ergeben (Waitz 3, 314) und die
+stumpfsinnige Melancholie, in der sie z.B. Chamisso vorfand,
+scheint nicht wenig durch derartige Ausschweifungen veranlasst zu
+sein. Den Kamtschadalen schadete gar sehr der grosse Weibermangel,
+der nach Krusenstern 3, 44, bei ihnen herrschte und nicht nur die
+Moralit&auml;t g&auml;nzlich, sondern auch die Fruchtbarkeit der
+Ehen zerst&ouml;rte. xyxyxy&szlig; Die Neuholl&auml;nder, obwohl
+sie von den Unverheiratheten beider Geschlechter keine Keuschheit
+verlangen, obwohl sie an einigen Orten die Weiber ihren
+Gastfreunden anbieten und sie mit guten Freunden tauschen (Angas 1,
+93), sind doch so eifers&uuml;chtig, dass verheirathete Frauen sehr
+zur&uuml;ckhaltend sein m&uuml;ssen (Grey 1, 256). Polygamie ist
+bei ihnen h&auml;ufig, aber man kann sie eigentlich nicht
+ausschweifend nennen. Auch geistige Getr&auml;nke hatten sie nicht.
+Von den Melanesiern wird nichts auffallend Schlimmes berichtet,
+wohl aber von manchen Orten das Gegentheil; so herrschen, nach
+Malte Brun in Bullet. de la soc. geogr. 1854, I, 238, auf
+Neucaledonien, wenn auch die Weiber ganz sklavisch gehalten werden,
+geschlechtliche Ausschweifungen nicht. Polygamie ist allerdings auf
+den Inseln Sitte (Turner 86. 371. 424), allein wirklich ausgedehnt
+nur bei H&auml;uptlingen und in selteneren F&auml;llen. Ehebruch
+kommt, aus Furcht vor Strafe, kaum vor (Turner 86 in Bez. auf
+Tanna), allein Keuschheit der Unverheiratheten ist hier so wenig
+verlangt als sonst irgendwo bei den Naturv&ouml;lkern. W&auml;hrend
+nun Erskine 256 von den Fidschis sagt, dass sie sehr enthaltsam
+lebten und Ekel vor Ausschweifungen empf&auml;nden, so behaupten
+William und Calvert 1, 134, dass sie sehr z&uuml;gellos und grobe
+Ausschweifungen bei ihnen verbreitet seien. M&ouml;glich, dass
+Erskine ein zu g&uuml;nstiges Urtheil f&auml;llte; jedenfalls aber
+stehen die Fidschiinsulaner sehr viel h&ouml;her als die Polynesier
+in dieser Beziehung und m&ouml;gen wohl erst durch den
+fortw&auml;hrenden Verkehr mit den Fremden zu dieser
+Z&uuml;gellosigkeit gesteigert sein.</p>
+
+<p>Am schlimmsten m&uuml;ssen wir &uuml;ber die eigentlichen
+Polynesier urtheilen, unter denen Trunk und Wollust schon vor den
+Europ&auml;ern aufs &auml;rgste gehaust haben. Aus der Wurzel vom
+Piper methysticum, dem Kavapfeffer, bereitete man, indem sie (an
+den meisten Orten von alten Weibern) gekaut und dann ausgespieen
+wurde, durch Aufguss von Wasser ein eigenth&uuml;mliches
+Getr&auml;nk, dem alle Polynesier sehr zugethan waren. Es berauscht
+nicht eigentlich, da es die Besinnung nicht raubt, aber, indem Gang
+und Zunge schwer werden, versetzt es den Geist in einen
+&auml;hnlichen Zustand, wie das Opium; auch woll&uuml;stige
+Tr&auml;ume u. dergl. sollen seinem Genuss folgen, der oft
+wiederholt allgemeine Schw&auml;che, Zittern, geistige Stumpfheit,
+Abmagerung und schliesslich scheussliche Hautkrankheiten
+hervorbringt, Geschw&uuml;re, welche aufbrechen und arge Narben
+zur&uuml;cklassen. Aber gerade diese Narben galten als Ehrenzeichen
+(Hale 43). Namentlich auf Tahiti und auf Hawaii war der Kavatrank
+beliebt; grosse Kavafeste auf Tonga beschreibt Mariner, auf Fidschi
+d'Urville b 4, 207 und Hale 63. Dagegen trank man ihn auf
+Neuseeland, obwohl man ihn kannte, nicht. Auch in Mikronesien, wo
+indess die Wurzel zerrieben, nicht gekaut wurde, war der Kavatrank
+sehr beliebt und sehr verbreitet (Hale 83: Gulick 417). Was jedoch
+die sch&auml;dlichen Einwirkungen dieses in der That h&ouml;chst
+gef&auml;hrlichen Trankes sehr milderte, war der Umstand, dass er
+ein heiliges Getr&auml;nk war. Freilich durfte er daher bei keiner
+irgend wie bedeutenderen Gelegenheit fehlen; aber nur die
+F&uuml;rsten waren es, die ihn trinken durften, nie das Volk, und
+auch die F&uuml;rsten nur bei und unter bestimmten Feierlichkeiten
+(Hale 43, f&uuml;r Mikronesien Novara 1, 371). So hat denn auch der
+Schade, den dieser Genuss hervorrief, fast nur die F&uuml;rsten und
+den Adel getroffen. Gegen den Branntwein (Rum u.s.w.) hatten alle
+Polynesier einen grossen Widerwillen (Novara 2, 337 f&uuml;r
+Mikronesien), und wenn er trotzdem in Tahiti und Hawaii so
+verderbliche Wirkungen hervorgerufen hat, so muss man bedenken, wie
+er zu Tahiti von den Franzosen, zu Hawaii von diesen sowie den
+amerikanischen und europ&auml;ischen Kaufleuten unter heftigem
+Widerstreben der Mission&auml;re und gegen den Willen der
+Eingeborenen (vergl. z.B. Lutteroth Geschichte der Insel Tahiti 172
+u. sonst) gewaltsam eingef&uuml;hrt ist. Und schlimm genug waren
+die Folgen dieser Einf&uuml;hrung. &raquo;Als die Tahitier von
+fremden Seeleuten und Sandwichinsulanern geistige Getr&auml;nke von
+einheimischen Wurzeln zu destilliren gelernt und Rum in reichlicher
+Menge von ihnen empfangen hatten, da verbreitete sich Trunksucht
+sehr allgemein, und alle die Demoralisation, die Verbrechen, das
+Elend, welches ihr folgt, kam &uuml;ber das Volk. Unth&auml;tigkeit
+wuchs, Streit in den Familien nahm &uuml;berhand, die Verbrechen
+der Areois (&uuml;ber welche wir sogleich reden) nahmen zu&laquo;,
+sagt Ellis 1, 108 und so wie hier und noch &auml;rger war es zu
+Hawaii und an den K&uuml;sten von Neuseeland. Allein die
+Eingeborenen (vergl. Ellis u.a.O.) haben sich an vielen Orten, Dank
+dem reinen Eifer der Mission&auml;re, wieder von diesem so
+gef&auml;hrlichen Laster befreit; in Neuseeland sowohl wie in
+Hawaii schadet der Rum nur an den K&uuml;stenpl&auml;tzen den
+Eingeborenen und das &uuml;berall wachsende Christenthum hat
+siegreich auch in Tahiti und sonst diese Gefahr im Allgemeinen
+abgewendet.</p>
+
+<p>Bei weitem verh&auml;ngnissvoller aber wirkten die
+geschlechtlichen Ausschweifungen, die wohl bei keinem Volk der Welt
+so schamlos verbreitet waren, wie in Polynesien. Jede
+Reisebeschreibung (auch andere B&uuml;cher als die schamlose Reise
+der Pandora von Hamilton) rechtfertigt an hundert Stellen den Namen
+la nouvelle Cythere, welchen Bougainville der Insel Tahiti gab.
+Nicht nur, dass auf Tahiti, Hawaii, Neuseeland, auch auf Tonga
+(obwohl man hier strenger lebt) und auf Samoa (nach Wilkes)
+wenigstens Fremden gegen&uuml;ber die M&auml;dchen ganz frei waren;
+so ist auch nirgends die Prostitution der Weiber durch V&auml;ter,
+Br&uuml;der, Gatten frecher betrieben wie hier. Polygamie herrschte
+&uuml;berall. Gastfreunden bot man die Weiber an, vornehme Frauen
+lebten ganz z&uuml;gellos. F&uuml;r Hawaii bezeugt dies, um nur
+einige Beweisstellen anzuf&uuml;hren, Jarves 80, f&uuml;r Tahiti
+Cook und alle andern Reisenden, f&uuml;r Waihu M&ouml;renhout 1,
+26, f&uuml;r die Markesas Porter (Journal of a cruise in the Pacif.
+Ocean 1812-14) 2, 60, Krusenstern 1, 221; nach Mathias G*** 152
+herrscht indess Prostitution nur in den H&auml;fen. Neuseeland
+stand etwas h&ouml;her; doch waren auch hier die M&auml;dchen
+vollst&auml;ndig ungebunden (Dieffenb. 2, 40). Die Weiber selbst
+lockten die ankommende Mannschaft von Wallis Schiff durch die
+unanst&auml;ndigsten Geberden ans Land und die M&auml;nner, welche
+das Gesch&auml;ft abschlossen, forderten schon damals f&uuml;r
+sch&ouml;ne Frauen, T&ouml;chter, Schwestern u.s.w. h&ouml;here
+Preise als f&uuml;r minder sch&ouml;ne (Wallis 214 ff. 256). Ja vor
+aller Augen, und nicht etwa aus Roheit, wie die Bewohner der
+Palauinseln nach Kadus Zeugniss bei Chamisso 137<a name=
+"FNanchor_F_6"></a><a href="#Footnote_F_6"><sup>[F]</sup></a>,
+sondern umstanden von vornehmen Weibern, unter denen die
+K&ouml;nigin selbst, vollzogen sie die Begattung, zum Erg&ouml;tzen
+der Umstehenden, welche dem Paare, namentlich dem betheiligten
+M&auml;dchen, Lehren gaben, um die Lust zu erh&ouml;hen &mdash;
+doch das war nicht n&ouml;thig, denn, obwohl das M&auml;dchen erst
+11 Jahre z&auml;hlte, so wusste sie doch mit allem schon guten
+Bescheid (Cook b, 126-27, vergl. 86. 106). Da ist es nicht zu
+verwundern, dass schmutzige Gegenst&auml;nde sehr h&auml;ufig, vor
+aller Ohren, Inhalt der Unterhaltung waren und nur belacht wurden.
+Ueberall herrschte Polygamie; auf Tahiti, Nukuhiva und Hawaii
+(Turnbull 65, Stewart 129, Porter 2, 30) kamen Heirathen unter
+Geschwistern vor, jedoch nur in der regierenden Familie, die auf
+andere Art keine ebenb&uuml;rtige Ehe schliessen konnte, da alle
+anderen Adelsgeschlechter an Rang unter ihr standen (Ellis 4, 435).
+Auf den Markesasinseln war es nach Melville 2, 122-23 Sitte, dass
+die Weiber, &auml;hnlich wie die Aleutinnen, zwei M&auml;nner
+hatten, einen wirklichen Gatten und einen Nebenmann, der ganz die
+Rechte wie jener besass, auch im Frieden mit ihm lebte; welche
+Sitte nach Melville darin ihren Grund hatte, dass es weit mehr
+M&auml;nner als Frauen gab. Mathias G*** sagt 111 dasselbe, was
+auch sonst noch vielfach best&auml;tigt wird. Auch
+unnat&uuml;rliche L&uuml;ste, denen in Tahiti ein eigener Gott
+vorstand (M&ouml;renh. 2, 168), waren sehr ausgedehnt. M&auml;nner
+in Weiberkleidern finden wir, wie in Amerika, auch zu Tahiti, aber
+hier nur im Dienste der widernat&uuml;rlichen Wollust (Turnbull
+306); und da nun die M&auml;nner des gemeinen Volks, damit die
+F&uuml;rsten desto mehr Weiber h&auml;tten, oder weil sie den
+Kaufpreis f&uuml;r die Frauen nicht zahlen konnten, fast immer
+unverheirathet bleiben mussten, so war Onanie unter ihnen in
+solchem Grade getrieben, dass sie dadurch meist unf&auml;hig
+wurden, einem Weibe noch beizuwohnen (Wilson 311). &raquo;Ihre
+Verbrechen in dieser Art sind zu entsetzlich, als dass sie alle
+erz&auml;hlt werden k&ouml;nnten,&laquo; sagt Wilson (1799) a.a.O.
+Noch Ellis (1, 98) fand dasselbe vor, er sagt, die Schilderung,
+welche Paulus von den Heiden im ersten Kapitel des
+R&ouml;merbriefes mache, passe durchaus auf die Tahitier. Auch in
+Hawaii waren unnat&uuml;rliche Laster ganz gew&ouml;hnlich, von
+denen P&auml;derastie nur oder wenigstens vorzugweise unter den
+F&uuml;rsten vorkam (Remy XLIII).</p>
+
+<p>Mikronesien steht viel h&ouml;her in dieser Beziehung, mit
+Ausnahme der alten Marianer, unter denen, freilich nach den alten
+spanischen Berichten (Sala&ccedil;ar bei Oviedo XX, 16), eine arge
+Z&uuml;gellosigkeit herrschte, und le Gobien berichtet manches
+entsprechende. Aber sonst fanden die ersten europ&auml;ischen
+Besucher in Mikronesien keine Ausschweifungen, weder im Trunk noch
+in der Liebe vor, wenn auch die M&auml;dchen leicht zu gewinnen
+waren: und schamhaft waren sie alle (Chamisso 91. 119). Uebrigens
+herrschte, nach Chamisso 118-19, Polygamie auch auf Ratak und
+besonders nahe Freunde besassen auch die Weiber gemeinschaftlich.
+&mdash; Auch im eigentlichen Polynesien gab es reinere Bezirke, so
+Tonga, wo die J&uuml;nglinge von Staatswegen zur Keuschheit ermahnt
+wurden: nie sollten sie Gewalt anwenden, nie sich gegen Ehefrauen
+vergehen (Mariner 1, 138); allein auch hier waren die
+Unverheiratheten ganz frei und ebenso die verheiratheten
+M&auml;nner (2, 174), auch hier waren Unanst&auml;ndigkeiten der
+h&auml;ufige und gern belachte Inhalt des Gespr&auml;ches, die man
+nur vor verheiratheten Frauen vermied (2, 177). In Samoa herrschte
+noch gr&ouml;ssere Sittenstrenge.</p>
+
+<p>Viel besprochen ist die Gesellschaft der Areois auf Tahiti,
+&uuml;ber welche M&ouml;renhout 1, 485-503 und Ellis 1, 230 ff.
+handeln, und die auch wir kurz besprechen m&uuml;ssen, wenn wir an
+diesem Ort auch nur auf die furchtbare Unsittlichkeit hinweisen,
+welche in dieser urspr&uuml;nglich religi&ouml;sen Gesellschaft
+herrschte. M&auml;nner und Weiber lebten in ihr aufs h&ouml;chste
+ausschweifend und unter dem bestimmten Gesetz, alle ihre Kinder zu
+t&ouml;dten, beisammen und hochgeehrt vom ganzen Volk, dem sie wie
+G&ouml;tter erschienen, durchzogen sie die Inseln, um Feste,
+Schauspiele, T&auml;nze vor der Menge aufzuf&uuml;hren. Wir finden
+diese Gesellschaft nicht bloss auf Gesellschaftsinseln, sondern
+(Meinieke b 78) auch auf Rarotonga, auch im Markesasarchipel
+(M&ouml;renh. 1, 502). Und da nun le Gobien 59-62 von den Uritaos
+der Marianen ganz das N&auml;mliche erz&auml;hlt, die in aller
+Z&uuml;gellosigkeit mit den M&auml;dchen des Landes zusammenlebten,
+selbst in Blutschande, ohne dass es ihnen Tadel zuzog, da sie von
+h&ouml;herer Weihe waren (Freycinet 2, 368) &mdash; so werden wir
+auch diese, wie schon ihr Name derselbe ist, mit jenen Areois trotz
+Meinickes Widerspruch (b, 79) zusammenstellen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Es kann uns nicht wundern, wenn solche lasterhafte Sitten, in
+solcher Ausdehnung herrschend, die Gesundheit der polynesischen
+Bev&ouml;lkerung untergruben und sie haben es gethan. Schon eine
+bis zwei Generationen vor Wallis hatte die Volksverminderung, nach
+den Aussagen der Eingeborenen selbst, auf Tahiti angefangen (Ellis
+1, 105) und dass hieran diese Ausschweifungen, wenn auch nicht
+allein, so doch zum gr&ouml;ssten Theil schuld waren, kann man
+gewiss behaupten. Ihren entnervenden Einfluss schildern wenigstens
+die zuverl&auml;ssigsten Augenzeugen in den d&uuml;stersten Farben,
+wie Ellis 1, 98 und Turnbull (1804) 307. Und ferner ist es sehr
+begreiflich, dass solche entnervte W&uuml;stlinge sehr viel und
+leichter Krankheiten ausgesetzt waren, als gesunde Menschen, dass
+Krankheiten viel heftiger bei ihnen w&uuml;then mussten und dass
+sich namentlich die Syphilis unter ihnen rasch verbreiten und
+gef&auml;hrlich erweisen musste.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_8_Unfruchtbarkeit_Kunstlicher_Abortus_Kindermord"></a>
+<h2>&sect; 8. Unfruchtbarkeit. K&uuml;nstlicher Abortus.
+Kindermord.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Aber eine andere noch schlimmere Folge dieser Ausschweifungen
+ist die Unfruchtbarkeit der Weiber, welche in Polynesien
+haupts&auml;chlich auf diesem einen Grund beruht. Die
+Unfruchtbarkeit der Ehen auf den Markesas, welche schon Krusenstern
+1, 255-56 und dann Melville 2, 125 betont, erw&auml;hnt auch
+Mathias G*** 108 mit starkem Nachdruck. Unfruchtbarkeit ist in
+Hawaii sehr verbreitet (Virgin 1, 268); in Tahiti wird es erst in
+neuerer Zeit besser und Dieffenbach 2, 15-16 gibt als eine der
+Ursachen f&uuml;r das Hinschwinden der Maoris die geringe
+Fruchtbarkeit ihrer Weiber an.</p>
+
+<p>Da nun aber ganz analoge Erscheinungen sich in Melanesien (wo
+z.B. auf Erromango schon eine hohe Kinderzahl ist, Turner 494), in
+Neuholland (Grey 2, 248 ff.) und namentlich in Amerika vorfinden,
+so hat man, vor allem mit R&uuml;cksicht auf die Eingeborenen des
+letzten Landes gesagt, die geringe Fruchtbarkeit sei ein
+charakteristisches Merkmal f&uuml;r niedere Ra&ccedil;en, das in
+ihrer Natur selbst begr&uuml;ndet liege. Allerdings haben die
+Weiber der Botokuden (Tschudi 2, 284), der Makusi (Schomburgk 2,
+312) der meisten brasilianischen V&ouml;lker (Azara an vielen
+Stellen) und ebenso auch der meisten Nordamerikaner (wof&uuml;r
+Waitz 1, 169 die Beispiele zusammenstellt) sehr wenige, oft auch
+gar keine Kinder; allein wie man hierin ein Ra&ccedil;enmerkmal
+finden soll, ist f&uuml;r Unbefangene unm&ouml;glich abzusehen.
+Denn erstlich zeigen sich eine lange Reihe &auml;usserer
+Gr&uuml;nde, wodurch die Unfruchtbarkeit bewirkt wird; ausser den
+schon besprochenen Gr&uuml;nden wie Ausschweifungen, Krankheit u.
+dergl., die auch in Amerika und vor allen auf Kamtschatka und den
+Aleuten wirkten, muss hier auf das gleichfalls schon erw&auml;hnte
+lange S&auml;ugen hingewiesen werden, welches der Fruchtbarkeit
+Abbruch thut, ferner und ganz besonders auf die meist &uuml;beraus
+elende Stellung der Weiber, auf die Noth, die ewigen M&uuml;hsale,
+unter denen sie ihr Leben hinbringen m&uuml;ssen. Dann heirathen
+viele V&ouml;lker nur im eigenen Stamm und man kann wohl sagen, da
+bei vielen kleineren V&ouml;lkern Stamm und Familie so ziemlich
+zusammenf&auml;llt, in derselben Familie; dass aber auch hierdurch
+eine Verminderung der Fruchtbarkeit eintritt, ist bekannt genug. So
+z.B. die Botokuden; daher Tschudi (2, 284) in diesem Umstand einen
+Hauptgrund f&uuml;r die Unfruchtbarkeit ihrer Ehen sieht. Auch bei
+den Bewohnern von Darien zeigten sich die sch&auml;dlichen Folgen
+solcher Heirathen (Waitz 4, 351).</p>
+
+<p>Der allzufr&uuml;he Coitus, den Dieffenbach 2, 15 f&uuml;r die
+Unfruchtbarkeit der Neuseel&auml;nderinnen als einen Hauptgrund
+anf&uuml;hrt, ist wichtig f&uuml;r viele V&ouml;lker, da er bei
+vielen, wie wir sehen, vorkommt. Obwohl nun Humboldt (b, 2, 190),
+nach dem Zeugniss der amerikanischen Ordensgeistlichen am Orinoko,
+darin keine Gefahr f&uuml;r die Zahl der Bev&ouml;lkerung sehen
+will, so spricht doch die Natur der Sache und mannigfache Erfahrung
+gegen ihn. Doppelt gef&auml;hrlich wird aber zu fr&uuml;her
+geschlechtlicher Umgang bei V&ouml;lkern, bei denen es an Weibern
+fehlt. So heirathen die M&auml;dchen der Tarumas in Guyana, weil es
+unter diesem Volk nur wenig Weiber gibt, schon vor der
+Pubert&auml;t (nach Schomburgk bei Waitz 1, 170). Mehr M&auml;nner
+als Weiber gab es noch in verschiedenen Orten in Amerika (z.B.
+Californien Waitz 1, 170 Anmerk., bei den Guanas Azara 232), in
+Polynesien (Tahiti, Markesas u. sonst) und in Kamtschatka, wo der
+Mangel an Weibern, wie wir sahen, vorzugsweise gross war. Durch
+diesen wurde denn wieder eine andere sehr wenig heilsame
+Einrichtung gef&ouml;rdert, dass in Neuholland junge M&auml;dchen
+zun&auml;chst an alte M&auml;nner und erst nach deren Tode, wenn
+sie nun mittlerweile &auml;lter waren, an j&uuml;ngere Leute
+verheirathet wurden (Nind im Journ. R. Geogr. Soc. 1, 38), eine
+Sitte, welche bei den Irokesen ebenfalls im Schwunge war:
+&raquo;Der junge Mann von 25 Jahren erhielt bei ihnen oft eine
+&auml;ltere Frau zugetheilt als er selbst war, der alte Wittwer
+dagegen w&auml;hlte sich ein junges M&auml;dchen&laquo; (Waitz 3,
+103).</p>
+
+<p>Dass wir unter diesen Gr&uuml;nden die Polygamie und Polyandrie
+mit ihren gewiss schlimmen Folgen f&uuml;r die
+Bev&ouml;lkerungszahl nicht besonders erw&auml;hnen, hat seinen
+Grund darin, dass wir diese beiden Einrichtungen, auch wenn sie
+noch so gesetzm&auml;ssig sind, unter die Ausschweifungen rechnen
+und also, was von jenen gesagt ist, auch f&uuml;r diese gilt.
+Ebenso, was man f&uuml;r manche amerikanische V&ouml;lker als Grund
+f&uuml;r die Unfruchtbarkeit angef&uuml;hrt hat, die geringe
+Neigung der M&auml;nner f&uuml;r das weibliche Geschlecht und ihre
+minder entwickelten Genitalien (P&ouml;ppig, Azara, Waitz 1, 171
+u.s.w.) lassen wir auf sich beruhen, da dieser Umstand keineswegs
+allgemein und keineswegs in den daraus abgeleiteten Folgen sicher
+ist.</p>
+
+<p>Weit wichtiger sind noch einige psychische Gr&uuml;nde, die wir
+recht hervorheben m&ouml;chten. Wie Gram und Kummer, Druck und
+Despotismus das &auml;ussere Leben zur&uuml;ckhalten und
+verk&uuml;mmern lassen, so wirken sie nat&uuml;rlich auch auf die
+Fruchtbarkeit der Weiber ein, denn der Einfluss des geistigen
+Lebens auf jede Seite des leiblichen, so sehr man ihn auch
+anerkennt, kann kaum m&auml;chtig genug gedacht werden. Wo daher
+ein schwerer Druck auf der Bev&ouml;lkerung liegt wie durch die
+Adelsherrschaft in Polynesien und hier namentlich auf den Fidschi-
+und Hawaiiinseln, da wird es auch leichter unfruchtbare Ehen geben.
+Und noch mehr, wenn der Druck der Herrscher zugleich das tiefste
+moralische Weh &uuml;ber die Unterworfenen bringt, wie das durch
+die furchtbaren Einwirkungen der Europ&auml;er fast &uuml;berall
+geschehen ist. Auch ist zu bemerken, dass von diesen Gr&uuml;nden
+stets mehrere vereint, nie einer allein wirken; dass wir die
+verminderte Fruchtbarkeit also &auml;usserlich veranlasst sehen,
+wodurch die Ansicht, sie sei Ra&ccedil;encharakter, schon
+ersch&uuml;ttert wird. Und w&auml;re sie es wirklich, so
+m&uuml;sste sie doch &uuml;berall sich bei den betreffenden
+Ra&ccedil;en zeigen. Aber das ist gar nicht der Fall. In Neuholland
+z.B., wo allerdings Heirathen in demselben Stamme so gut wie gar
+nicht vorkommen, werden fruchtbare Ehen gar nicht selten
+erw&auml;hnt. Grey (a.a.O.) sah 41 Weiber, welche zusammen 188
+Kinder hatten; und gar manches Volk in Amerika gibt es, welches
+eine sehr reichliche Kinderzahl besitzt, so die St&auml;mme der
+Nordwestk&uuml;ste, die Nordindianer, welche Hearne besuchte, die
+Chippewais, die Sioux, die Mandans, und manche S&uuml;damerikaner,
+welche Waitz 1, 171-72 zusammenstellt. Und w&auml;hrend einzelne
+Theile melanesischer Bev&ouml;lkerung meist nur kinderarme Familien
+aufweisen, ist das Gegentheil bei anderen, z.B. den Fidschis der
+Fall; dieselben Gegens&auml;tze zeigt Mikronesien und Polynesien,
+in welchem letzteren Gebiet z.B. Tonga ganz anders als Tahiti und
+die Markesasinseln nur fruchtbare Ehen kennt. Und wer hat je etwas
+der Art von dem Brudervolk der Polynesier, von den Malaien
+geh&ouml;rt? Gedeihen sie nicht reichlich in ihrer Inselwelt und
+m&uuml;sste nicht, w&auml;re die Unfruchtbarkeit
+Ra&ccedil;encharakter, sie sich auch bei ihnen vorfinden?</p>
+
+<p>Umgekehrt aber findet sie sich bei Kulturv&ouml;lkern, bei denen
+die oben besprochenen Gr&uuml;nde wirksam sind, wof&uuml;r Waitz 1,
+173 einige Beispiele aufstellt. Wo diese Gr&uuml;nde aber
+wegfallen, da sind die Weiber auch sonst minder fruchtbarer
+St&auml;mme mit Kindern gesegnet. Neuseel&auml;nderinnen mit
+Europ&auml;ern (Dieffenbach 2, 152) und Botokudinnen mit Weissen
+oder Negern verm&auml;hlt (Tschudi 2, 284) pflegen sehr fruchtbar
+zu sein, weil dann die Frau meist ein ruhigeres, besseres Leben
+hat, wie Tschudi dies sehr richtig a.a.O. erkl&auml;rt, nicht aber
+etwa in Folge der Vermischung und des Einflusses einer h&ouml;heren
+Ra&ccedil;e, da ja in der Ehe mit Negern dasselbe Verh&auml;ltniss
+eintritt.</p>
+
+<p>Wir w&uuml;rden schon hieraus die Unfruchtbarkeit der Weiber
+vollkommen erkl&auml;rlich finden, ohne Hinzunahme einer so wenig
+begr&uuml;ndeten Theorie, wie die von der minderen
+Zeugungsf&auml;higkeit der hinschwindenden Ra&ccedil;en. Aber einen
+der wichtigsten Gr&uuml;nde, welcher nicht nur diese
+Unfruchtbarkeit, sondern &uuml;berhaupt die Verringerung der
+Naturv&ouml;lker nicht zum mindesten Theil erkl&auml;rt, haben wir
+noch zu besprechen: es ist das weitverbreitete T&ouml;dten der
+Kinder vor oder gleich nach der Geburt.</p>
+
+<p>Bei den Hottentotten (Sparmann 320) herrschte die Sitte,
+S&auml;uglinge, deren Mutter starb, mit dieser zugleich zu begraben
+oder auszusetzen; ebenso t&ouml;dteten sie von Zwillingen das eine
+Kind. K&uuml;nstliche Fehlgeburten kamen h&auml;ufig bei ihnen vor.
+Noch h&auml;ufiger war dies alles bei den Buschm&auml;nnern, welche
+bei ehelichen Streitigkeiten, bei Nahrungsmangel, der sie oft genug
+betraf, und bei eiliger Verfolgung die Kinder t&ouml;dteten, aus
+Rache und Zorn gegen den Ehegatten, oder weil sie dieselben nicht
+ern&auml;hren, nicht mitnehmen konnten; das heisst in den meisten
+F&auml;llen, weil sie jede ungew&ouml;hnliche Anstrengung, welche
+ihnen die h&uuml;lflosen Kinder auferlegt h&auml;tten, scheuten.
+Zwillinge und missgestaltete Kinder wurden stets umgebracht (Waitz
+2, 340 und daselbst die Quellen).</p>
+
+<p>Ebenso war es in Amerika, namentlich in der s&uuml;dlichen
+H&auml;lfte des Kontinentes, w&auml;hrend die Indianer
+Nordamerikas, wie sie &uuml;berhaupt h&ouml;her stehen, auch ihre
+Kinder besser halten, ja sie oft mit der innigsten Liebe pflegen.
+So verwenden z.B. die Potowatomi auch auf arbeitsunf&auml;hige und
+bl&ouml;dsinnige Kinder z&auml;rtliche Sorgfalt (Waitz 3, 115-16);
+und die Huronen zogen auch solche S&auml;uglinge auf, deren Mutter
+gestorben war (Waitz b, 100). K&uuml;nstlicher Abortus dagegen war
+weit verbreitet unter den Thakallis, dem westlichsten Stamm der
+Athapasken, welcher auch sonst sehr tief stand und von Keuschheit
+oder ehelicher Treue keinen Begriff hatte (Waitz b, 90). Dass die
+Knisteno namentlich ihre weiblichen Kinder t&ouml;dteten, um sie
+vor dem elenden Loos des Lebens, das sie erwartete, zu beh&uuml;ten
+(Waitz 3, 103), ist schon erw&auml;hnt. Und nun gar in
+S&uuml;damerika. Die Guanas (Azara 232) bringen die meisten
+M&auml;dchen sofort bei der Geburt um, indem sie die Neugeborenen
+lebendig begraben; &uuml;berhaupt aber ziehen sie nur etwa die
+H&auml;lfte ihrer Kinder auf. Da es bei den Tupis Sitte war (Waitz
+3, 423), die Neugeborenen dadurch anzuerkennen, dass man sie vom
+Boden aufhob, so k&ouml;nnen wir hieraus schliessen, dass bei
+ihnen, wenigstens in fr&uuml;herer Zeit, viele Kinder, die man eben
+nicht aufhob, get&ouml;dtet sind. Von den Guaikurus (&ouml;stlich
+vom oberen Paraguay) berichtet Azara 273, dass die ganze Nation
+haupts&auml;chlich durch Abtreiben der Kinder, von denen sie nur
+das letzte und also, da diese Rechnung sehr unsicher ist, oft keins
+schonten, ganz verschwunden sei; und wenn wir auch mit Waitz (3,
+430) diese Nachrichten, sowohl in Beziehung auf ihr Aussterben
+&mdash; denn Castelnau z.B. fand 6 St&auml;mme von ihnen, darunter
+zwei ackerbauend, am Paraguay vor &mdash; als auch in Betreff
+dieser furchtbaren Ausdehnung des Kindermords f&uuml;r
+&uuml;bertrieben halten, so muss doch k&uuml;nstlicher Abortus bei
+ihnen vorzugsweise verbreitet gewesen sein, wie ihn auch noch
+neuere Reisende, Martius, Castelnau bei Waitz 3, 472 als
+gew&ouml;hnlich unter ihnen angeben. Auch von den Mbayes, welche
+indess von den Guaikurus nicht zu trennen sind, gibt Azara 250
+genau dasselbe an: sie t&ouml;dten alle Kinder bis auf eins,
+bisweilen auch alle insgesammt. Als Gr&uuml;nde f&uuml;r diese
+Sitte geben die Indianerinnen an, regelm&auml;ssige Geburten
+machten sie vor der Zeit alt und h&auml;sslich, auch sei es ihnen,
+bei ihren ewigen Wanderz&uuml;gen, wo sie selbst oft nichts zu
+essen h&auml;tten, sehr schwer mehr als ein Kind mitzunehmen und zu
+erhalten. F&uuml;hlte sich also eine Frau schwanger, so legte sie
+sich auf die Erde und andere Weiber gaben ihr so lange die
+heftigsten Schl&auml;ge auf den Unterleib, bis Blut und bald darauf
+die Frucht abging, eine Operation, an der nat&uuml;rlich viele
+Weiber sogleich oder kurz darauf starben, andere wenigstens ihr
+ganzes Leben siechten (Azara a.a.O.). Auch bei den Abiponen
+herrschte dieser Gebrauch; mehr als zwei Kinder zogen sie nicht auf
+(Waitz 3, 476). Die Tobas (zwischen Abiponen und Guaikurus,
+&ouml;stlich vom Paraguay) t&ouml;dten viele ihrer Kinder (Waitz 3,
+475), die Lules (&ouml;stlich von den Tobas) alle unehelichen, von
+Zwillingskindern, welche f&uuml;r ein Zeichen von Untreue gelten,
+immer eins, und wenn die Matter stirbt, so begraben sie den
+S&auml;ugling mit ihr (Waitz 3, 480). Die Yurakares, westlich vom
+Titikaka-See, mordeten ihre Kinder, wenn sie keine Lust hatten, sie
+weiter zu verpflegen (Waitz b, 100). Die Moxos t&ouml;dteten von
+Zwillingen immer das eine Kind und begruben kleine Kinder mit ihrer
+Mutter, wenn diese starb (Waitz 3, 537). Gegen Zwillingskinder
+wandten sie diese Massregel an, weil man in einer solchen
+Doppelgeburt etwas Thier&auml;hnliches sah (Waitz b, 100). Die
+Chiquitos (zwischen dem oberen Paraguay und dem Titikaka) hatten so
+wenig Anh&auml;nglichkeit an ihre Kinder, dass sie dieselben leicht
+fortgaben oder verkauften (Waitz 3, 530) und von den Minuanes (am
+unteren Parana) erz&auml;hlt Azara 191 ganz &auml;hnliches; waren
+die Kinder entw&ouml;hnt, so k&uuml;mmerten sich die Eltern gar
+nicht mehr um sie, vielmehr wurden sie von verheiratheten
+Verwandten aufgezogen. Bei den caribischen V&ouml;lkern herrschten
+dieselben Sitten, wie dies Humboldt b 4, 225-28 genauer schildert.
+Von Zwillingen t&ouml;dten sie immer ein Kind, um nicht wie Ratten,
+Beuteltiere und das niederste Gethier, das viele Jungen zugleich
+wirft, zu sein, oder weil man auch hier in einer solchen
+Doppelgeburt ein Zeichen von Untreue sieht. Auch missgestaltete, ja
+selbst schw&auml;chliche Kinder werden get&ouml;dtet, um sich der
+Last, die man sp&auml;ter mit ihnen haben w&uuml;rde, zu entziehen.
+Die Frauen dieser V&ouml;lker haben verschiedene
+Pflanzenaufg&uuml;sse, welche sie zum Abtreiben anwenden und zwar
+in verschiedenen Gegenden zu verschiedener Zeit, je nachdem sie es
+f&uuml;r die Gesundheit und die Sch&ouml;nheit fr&uuml;h oder
+sp&auml;t Kinder zu bekommen f&uuml;r zutr&auml;glich halten. Auch
+bei den Makusis sieht Schomburgk (2, 312), so sehr er auch sich
+gegen diese Annahme str&auml;ubt, sich gen&ouml;thigt, an
+k&uuml;nstliche Fehlgeburten zu glauben. Wenn er aber meint (313),
+dass Zwillinge bei ihnen nicht get&ouml;dtet w&uuml;rden, und dass
+&uuml;berhaupt solche Geburten h&ouml;chst selten bei ihnen seien,
+weil er nur zweimal unter den Eingeborenen von Guyana, einmal unter
+den Makusis, einmal unter den Waikas Zwillinge sah und nie von
+ihnen reden h&ouml;rte, so ist das sicherlich unrichtig, denn er
+selbst erz&auml;hlt, dass die Frauen jener V&ouml;lker auf seine
+Bemerkung, die Europ&auml;erinnen bek&auml;men bisweilen zwei, ja
+drei Kinder, den Mund sp&ouml;ttisch verziehend geantwortet
+h&auml;tten: wir sind keine H&uuml;ndinnen, die einen Haufen Junge
+werfen.<a name="FNanchor_G_7"></a><a href=
+"#Footnote_G_7"><sup>[G]</sup></a> Also auch hier dieselbe
+Auffassung wie &uuml;berall in S&uuml;damerika und sicher auch
+derselbe Gebrauch. Schon die Seltenheit von Zwillingen spricht
+daf&uuml;r; und wenn die Indianer nie von Zwillingen sprechen, so
+erkl&auml;rt sich das aus dem herrschenden Gebrauch, von der
+Ermordung der Kinder &uuml;berhaupt nicht zu reden; man thut, als
+seien sie eines nat&uuml;rlichen Todes gestorben: &raquo;Das arme
+Kind konnte nicht mit uns Schritt halten; man hat nichts mehr von
+ihm gesehen&laquo; (Humboldt 64, 226).</p>
+
+<p>Auch bei den Kulturv&ouml;lkern Amerikas herrschte derselbe
+Brauch. Die Mexikaner, in dem Glauben, dass Zwillinge den Tod des
+Vaters oder der Mutter vorbedeuteten, t&ouml;dteten oft das eine
+der beiden Kinder (Waitz 4, 164). Die Chibchas, in Neu-Granada,
+thaten dasselbe, weil sie in Zwillingsgeburten die Folge grober
+Ausschweifungen sahen (eb. 4, 367). Auch in Peru galten Zwillinge
+als &uuml;ble Vorbedeutung f&uuml;r die Eltern, der man in vielen
+Theilen des Landes durch Fasten (eb. 417), in anderen durch
+T&ouml;dtung eines der Kinder vorzubeugen suchte (eb. 461). Die
+darischen Weiber sollen ihre Kinder get&ouml;dtet haben, um ihre
+Sch&ouml;nheit zu bewahren (350). Die zu den Chibchas
+geh&ouml;renden Panches t&ouml;dteten alle ihre Kinder, so lange
+ihnen nur M&auml;dchen geboren wurden (eb. 376); und hier mag denn
+den Schluss die Bemerkung bilden, dass die vielfach vorkommende
+T&ouml;dtung der M&auml;dchen urspr&uuml;nglich wohl nicht den
+Grund hatte, den T&ouml;chtern ein schlimmes Lebensloos zu
+ersparen, welche Auffassung gleichwohl sp&auml;terhin gegolten
+haben mag: der Hauptgrund war gewiss ein
+abergl&auml;ubisch-religi&ouml;ser oder wenigstens der, dass man
+Knaben der Kriegst&uuml;chtigkeit halber und weil man sie f&uuml;r
+vortrefflicher hielt, lieber sah als M&auml;dchen.</p>
+
+<p>Dieselben Sitten galten in Neuholland. Stirbt die Mutter eines
+S&auml;uglings, so wird derselbe mit ihr begraben und von
+Zwillingen stets das eine Kind get&ouml;dtet (Freycinet 2, 747), in
+Ost- und Westaustralien; missgestaltete Kinder oder solche, die bei
+der Geburt Schmerzen machen &mdash; diese alle gewiss, weil man sie
+von b&ouml;sen Geistern besessen glaubt &mdash; t&ouml;dtet man
+gleichfalls, so wie alle Kinder von europ&auml;ischen V&auml;tern,
+welche die Mutter verliessen (Grey 2, 251. Bennet 1, 122). Von
+Mischlingskindern t&ouml;dtet man nach Breton (231) indess nur die
+Knaben, nicht die M&auml;dchen, w&auml;hrend sonst die M&auml;dchen
+so vorzugsweise get&ouml;dtet werden, dass nach Grey (2, 251) das
+Verh&auml;ltniss der Weiber und M&auml;nner wie 1: 3 ist. Jede
+Mutter t&ouml;dtet ihr drittes, bisweilen schon ihr zweites
+M&auml;dchen, wenn es nicht eine fremde Frau als ihr Kind annimmt
+(Salvado 111). Fehlgeburten werden oft herbeigef&uuml;hrt und
+Neugeborene oft get&ouml;dtet, um der Last und der Schwierigkeit,
+Kinder aufzuziehen, zu entgehen (Meinicke a 2, 208). Ja es soll
+sogar vorkommen, dass Eltern ihre neugeborenen Kinder selbst
+auffressen (Stanbridge, transaction of the ethnol. Society X. S. 1,
+289; Australia felix 129; Angas 1, 73). Auf Vandiemensland dagegen
+herrschte der Kindermord nicht (Bibra 16).</p>
+
+<p>Wohl aber in Melanesien, und so auf Vate (Gill 67), wo man
+neugeborene Kinder lebendig begrub und nur zwei bis drei aufzog
+(Turner 394), und ebenso war es auf Erromango (Turner 491) und in
+gr&ouml;sster Ausdehnung auf den Inseln in der n&auml;chsten
+N&auml;he von Neuguinea (Reina in Zeitschr. 4, 359). Auf den
+Fidschiinseln war der Kindermord gleichfalls nicht selten, wie
+Williams und Calvert (1, 180) berichten und das Gem&auml;lde, das
+sie entwerfen, ist d&uuml;ster genug: k&uuml;nstliche Fehlgeburten,
+T&ouml;dtung der Kinder, namentlich der M&auml;dchen, gleich nach
+der Geburt, ist sehr h&auml;ufig, aus Laune, aus Faulheit, aus
+Eifersucht und Rache; wie in Polynesien gab es auch hier in jedem
+Dorf Leute, welche Fehlgeburten herbeizuf&uuml;hren verstehen. Hale
+(66) schreibt den Fidschis dieselbe Sitte zu, welche wir bei den
+Tupis fanden und welche ja auch unter den Indogermanen eine so weit
+verbreitete war, dass alle Kinder, welche der Vater oder Priester
+nicht unmittelbar nach der Geburt vom Boden aufnimmt, als
+&raquo;ausgestossene&laquo; get&ouml;dtet werden.</p>
+
+<p>Aber schlimmer noch und wahrhaft in entsetzlicher Ausdehnung
+tritt der Kindermord auf im &uuml;brigen Ozeanien. Wir beginnen mit
+Mikronesien. W&auml;hrend allerdings die Carolinen frei von diesem
+Verbrechen waren (Chamisso 137), durfte auf den Ratakinseln keine
+Mutter mehr als drei Kinder grossziehen: alle &uuml;brigen wurden
+umgebracht (Chamisso 119); und ebenso ist, um &uuml;bergrosse
+Bev&ouml;lkerung zu vermeiden, k&uuml;nstlicher Abortus bei den
+Gilbertinsulanern nach Gulick (410), allerdings gegen Hales
+Ansicht, h&auml;ufig. Von der Kingswillgruppe, aber mit Ausnahme
+von Makin, sagt auch Hale dasselbe (96). Nach alledem, was wir von
+den marianischen Uritaos wissen, scheinen auch sie, obwohl
+bestimmte Daten dar&uuml;ber fehlen, die Kinder, welche ihnen bei
+ihren Ausschweifungen und namentlich die, welche von niederen
+Weibern geboren worden, get&ouml;dtet zu haben.</p>
+
+<p>Im eigentlichen Polynesien nun bleiben auf Tikopia nur die
+&auml;ltesten beiden S&ouml;hne am Leben, um die Insel nicht zu
+&uuml;berv&ouml;lkern, so wie alle M&auml;dchen, daher die Insel
+weit mehr Weiber als M&auml;nner hat (Dillon 2, 134). Auf Tonga kam
+der Kindermord, dessen Motiv dann meist Tr&auml;gheit oder
+Bequemlichkeit ist, nur vereinzelt vor (Mariner 2, 18-19), auf
+Samoa aber gar nicht (Wilkes 2, 80, Williams 560) und ebenso wenig,
+um das hier gleich anzuschliessen, auf den Herveyinseln (Williams
+560).</p>
+
+<p>Allein auf Tahiti war das Verbrechen so im Schwunge, dass Ellis
+(1, 249) annimmt, es habe sich in der Ausdehnung, wie er es
+vorfand, erst in etwa den letzten 50 Jahren vor der Entdeckung,
+ausbreiten k&ouml;nnen, weil sonst eine so zahlreiche
+Bev&ouml;lkerung, wie sie Wallis und Cook vorfanden, sich
+unm&ouml;glich habe erhalten k&ouml;nnen. Cook fand den Kindermord
+schon allgemein verbreitet vor und suchte vergeblich den K&ouml;nig
+Otu zu seiner Abschaffung zu veranlassen. Auch die Mission&auml;re
+des Duff (1796) fanden die T&ouml;dtung der Kinder als etwas ganz
+Selbstverst&auml;ndliches, &uuml;ber das mit der gr&ouml;ssten
+Gleichg&uuml;ltigkeit geredet wurde (Wilson 272. 310); und mit
+demselben Entsetzen &uuml;ber diese Gleichg&uuml;ltigkeit wie
+Wilson sagt auch Ellis, dass etwa zwei Drittel der Kinder
+get&ouml;dtet seien. Die ersten drei Kinder wurden es meist,
+Zwillinge gleichfalls, mehr wie zwei oder drei Kinder zog Niemand
+auf. Allein eben dadurch konnten sich die Geburten rascher folgen
+und so fand Ellis Frauen, welche vier, sechs, acht, ja 10 und noch
+mehr Kinder get&ouml;dtet hatten (1, 250. 251); ja er versichert,
+und da kein Stand von dem Gebrauche ausgeschlossen war, ganz
+glaublich, kein Weib gefunden zu haben, das nicht seine H&auml;nde
+mit dem Blut der eigenen Kinder befleckt h&auml;tte. Unter den
+Areois nun war es so strenges Gesetz, alle Kinder, welche den
+Mitgliedern der Gesellschaft geboren wurden, zu t&ouml;dten, dass
+wer sich diesem Gesetz nicht f&uuml;gte, sofort ausgestossen wurde.
+Die einzigen Ausnahmen, welche gestattet waren, bestanden darin,
+dass die ersten F&uuml;rsten ihren ersten Sohn behielten und dass
+die vornehmsten Areois (die Gesellschaft hatte 12 Grade,
+M&ouml;renhout 1, 489) nur ihr &auml;ltestes Kind so wie alle
+M&auml;dchen t&ouml;dteten. Das letztere geschah auch hier wohl aus
+religi&ouml;sen Gr&uuml;nden oder weil man die M&auml;dchen
+f&uuml;r geringer als die Knaben hielt; M&ouml;renhout, dem diese
+Nachrichten entlehnt sind &mdash; er handelt von den Areois 1,
+485-98 &mdash; ist der Meinung, alle diese Morde seien vollbracht,
+um die Volksmenge der Insel nicht &uuml;bergross werden zu lassen,
+welcher Ansicht man kaum beipflichten wird; wie denn auch das
+tahitische Volk selbst der Ansicht war, die Weiber br&auml;chten
+zur Conservirung ihrer Sch&ouml;nheit die Kinder um. Dass alle
+Kinder einer Mischehe &mdash; wenigstens, nach Williams 565, eines
+gemeinen Mannes und einer adligen Frau &mdash; umgebracht wurden,
+versteht sich nach den Begriffen, welche man &uuml;ber die
+verschiedenen St&auml;nde hatte und nach denen der Adel ganz
+g&ouml;ttlich, das Volk aber nicht einmal im Besitz einer Seele
+war, von selbst. F&uuml;r Tonga w&auml;hlte man solche Kinder
+vorz&uuml;glich gern, nach Mariner, zu Opfern aus. Und so war es
+auf allen Gesellschaftsinseln. Williams erz&auml;hlt von Raiatea,
+wo er (1829) seine Station hatte, folgendes Beispiel. Er sass mit
+Bennett in einem Zimmer, in dessen Hintergrund mehrere eingeborene
+Weiber arbeiteten und als Bennett sich bei ihm nach der Ausdehnung
+des Kindermords erkundigte, so fragte er, um sich selbst zu
+&uuml;berzeugen, ob das Verbrechen so allgemein sei als er glaube,
+die zuf&auml;llig anwesenden Weiber, die er nicht weiter kannte,
+wie viel Kinder jede get&ouml;dtet habe: neun die eine, sieben die
+andere, die dritte f&uuml;nf, also alle drei zusammen 21! Eine
+andere Frau bekannte sterbend, dass sie 16, ein vornehmer
+H&auml;uptling, dass er 19 umgebracht h&auml;tte und manche
+Familien hatten alle get&ouml;dtet (Williams 562-565). Als
+Gr&uuml;nde geben ihm die Eingeborenen an, zun&auml;chst Furcht vor
+den ewigen Kriegen und ihren blutigen Zerst&ouml;rungen; man wollte
+von den Kindern nicht gehindert sein, auch wohl b&ouml;se
+Schicksale ihnen ersparen und was wohl der Hauptgrund war, dem
+Feind keine Gelegenheit zu irgend welchem Triumph (etwa durch
+Gefangennehmung oder Ermordung der Kinder) geben. Zweitens war aber
+die Verschiedenheit des Ranges ein wichtiger Grund. War ein Mann
+von niederem Rang als seine Frau, so konnte er durch T&ouml;dtung
+von zwei, vier oder sechs Kindern, je nachdem er tiefer stand, zum
+Rang der Frau sich erheben und die Kinder, welche ihm, nachdem er
+diese Stufe erreicht, geboren wurden, blieben am Leben. Die Frau
+aber, welche von minder hohem Range als ihr Mann war, konnte, da
+alle Vererbung nur in weiblicher Linie erfolgte, sich durch kein
+Mittel, auch dieses nicht erheben. Blieben aber in gemischten Ehen
+die Kinder ohne Weiteres am Leben, so sank die Familie auf den Rang
+herab, welchen der minder vornehme der Eltern inne hatte (Ellis 1,
+256). Als dritten Grund f&uuml;hrt Williams die Eitelkeit der
+Weiber auf: sie wollten ihre Sch&ouml;nheit nicht durch S&auml;ugen
+und Kinderpflegen gef&auml;hrden. Der Hauptgrund scheint aber, wenn
+nicht in fr&uuml;hester, vorhistorischer Zeit religi&ouml;se Motive
+mitwirkten, Faulheit gewesen zu sein: auf der Insel, welche eine
+vielfach gr&ouml;ssere Bev&ouml;lkerung leicht ern&auml;hren
+konnte, hiess ein Vater von vier Kindern schon ein &raquo;arg
+&uuml;berb&uuml;rdeter&laquo; Mann (Ellis a.a.O.).</p>
+
+<p>Man t&ouml;dtete die Kinder, indem man ihnen einen nassen Lappen
+auf den Mund legte, oder ihnen die Kehle mit dem Daumen zupresste,
+oder sie, noch im Mutterleibe, aber w&auml;hrend der Geburt, mit
+einem spitzen Bambus durchbohrte; oder man begrub sie lebendig und
+zwar gerne so, dass die Erde nicht unmittelbar auf sie kam, sondern
+sich &uuml;ber ihnen her w&ouml;lbte (Williams und Ellis a.a.O.).
+Eine vierte noch viel scheusslichere Art beschreibt Williams
+567-568: zuerst wurden den eben Geborenen die &auml;ussersten
+Glieder an Finger und Zehen, dann, wenn sie davon nicht starben,
+die Hand- und Fusskn&ouml;chel gebrochen. Ueberstand das Kind auch
+das, so kamen die Kniee und Ellenbogen an die Reihe, und wenn es
+dann immer noch lebte, so wurde es schliesslich erw&uuml;rgt.
+Indess ist die That scheusslicher als die Gesinnung, welche sie
+hervorbrachte: denn ohne Zweifel wandte man diese gr&auml;sslichen
+Todesarten aus keinem anderen Grunde an als aus Ehrfurcht vor der
+Seele des Kindes, die auf m&ouml;glichst gelinde Weise, von aussen
+her, zur Entfernung mehr aufgefordert als gen&ouml;thigt werden
+sollte, und erst wenn sie diese Aufforderung gar nicht verstand,
+trat Zwang ein. Denn die Seelen der get&ouml;dteten Kinder, die man
+sich unter der Gestalt von Heuschrecken nach M&ouml;renhout dachte,
+galten f&uuml;r heilig und wurden hoch geehrt. Auch hier gab es
+fast in jedem Dorfe Leute, welche aus dem Kindermord Gewerbe
+machten (Williams 568) und doch, war einem Kinde auch nur eine
+Viertelstunde das Leben erhalten worden, so durfte es nicht mehr
+get&ouml;dtet werden, und hatte dann sehr liebevolle, ja wohl
+z&auml;rtliche Eltern.</p>
+
+<p>Wo m&ouml;glich noch roher waren die Bewohner der
+Sandwichsinseln. Hier herrschte der Kindermord namentlich in den
+unteren Klassen, von denen die Eltern selten, mochten die Ehen auch
+noch so fruchtbar sein, mehr als zwei oder drei, vielmehr oft nur
+ein Kind aufzogen. Auch hier sind (Ellis 4, 326-330) 2/3 der Kinder
+get&ouml;dtet und zwar meist durch Erw&uuml;rgen oder lebendig
+Einscharren, wobei man sie ohne Weiteres mit Erde bedeckte und
+diese mit den F&uuml;ssen feststampfte. Hier begrub man die kleinen
+Leichen oft im eigenen Hause, ja im eigenen Schlafgemach der
+Eltern, w&auml;hrend man zu Tahiti ihnen doch wenigstens einen
+Platz neben dem Hause gab. Oft waren es, hier wie zu Tahiti, die
+Eltern selbst, welche die grauenvolle That vollbrachten. In Hawaii
+war der Grund zu diesem Mord meist Tr&auml;gheit nach Ellis 4, 329
+und Eitelkeit der Weiber, nach Jarves 85. W&auml;hrend aber zu
+Tahiti die Kinder, welche die erste halbe Stunde &uuml;berlebt
+hatten, gerettet waren und z&auml;rtlich aufgezogen wurden; so
+t&ouml;dtete man zu Hawaii, mit viel gr&ouml;sserem Stumpfsinn, die
+Kinder auch noch nach einem Jahre, ja noch sp&auml;ter. War ein
+Kind krank und machte Unruhe, so begrub man es lebendig, schrie es
+der Mutter zu unertr&auml;glich, so stopfte sie ihm ein St&uuml;ck
+Zeug in den Mund und grub die ungl&uuml;ckliche Creatur in die
+Erde, wenige Schritte von ihrem Bette, zu welchem sie nach
+vollbrachter That, als ob nichts geschehen w&auml;re, ruhig
+zur&uuml;ckkehrte (Ellis 4, 330). Und selbst dies wird noch durch
+folgenden Fall, den Ellis gleichfalls (326) erz&auml;hlt,
+&uuml;berboten. Ein Mann und eine Frau, welche ein Kind, einen
+h&uuml;bschen Jungen, nach Jarves (73) von sieben Jahren, hatten,
+geriethen &uuml;ber denselben in Streit und da die Frau nicht
+nachgab, ergriff der Vater das Kind bei Kopf und Fuss, brach ihm
+&uuml;ber seinem Knie den R&uuml;cken entzwei und warf die zuckende
+Leiche der Mutter zu F&uuml;ssen! Tamehameha, bei dem die Unthat
+angezeigt wurde, erkl&auml;rte, er k&ouml;nne nicht strafend
+eingreifen, da der Mann sein eigen Kind umgebracht habe. &mdash;
+Auch in Neuseeland findet sich der Kindermord gar nicht selten
+(Angas 1, 313); er ist aber, wie in Tahiti, nicht mehr statthaft,
+wenn das Kind auch nur eine halbe Stunde gelebt habe. Will man es
+t&ouml;dten, so wird es meist lebendig begraben oder bei der Geburt
+erw&uuml;rgt. Rache ist h&auml;ufig das Motiv hierzu, wegen harter
+Behandlung der Frau w&auml;hrend ihrer Schwangerschaft, oder weil
+der Vater sie verliess oder aus irgend welchem anderen Grunde
+(Dieffenbach 2, 25 ff.). Tr&auml;gheit aber steht auch hier in
+erster Linie. Namentlich M&auml;dchen brachte man um (Taylor 165).
+Auch Abortus ist h&auml;ufig: und so ist es nicht zu verwundern,
+dass (Browne 40) die Ehen durchschnittlich kaum mehr als zwei
+Kinder haben. Allerdings herrschen diese furchtbaren Gebr&auml;uche
+am meisten an der K&uuml;ste; im Innern sind die Familien
+zahlreicher, ja Dieffenbach (2, 33) sah bis zu 10 Kindern in einer.
+Gegen die geschonten Kinder sind die Maoris liebevolle (Dieffenbach
+2, 25 ff.), wenn auch nicht gerade z&auml;rtliche Eltern (Browne
+39).</p>
+
+<p>Es k&ouml;nnte scheinen, als h&auml;tten wir uns schon allzu
+lange bei diesem abschreckenden Gegenstande aufgehalten und seien
+zu sehr ins Einzelne gegangen, allein dies genauere Eingehen war
+n&ouml;thig f&uuml;r folgenden Nachweis. Da alle Polynesier
+liebevolle Eltern sind und wir dennoch dieselben Eltern im ganzen
+&ouml;stlichen Polynesien so vollkommen abgeh&auml;rtet gegen den
+Kindermord sehen, dass sie ruhig von allen den Scheusslichkeiten
+sprechen, ja auch schon herangewachsene Kinder kaltbl&uuml;tig
+morden: so kann diese Sitte nicht erst 50 Jahre vor der Entdeckung,
+also um 1700 oder 1710 weiter um sich gegriffen haben, wie Ellis
+will. Jedenfalls muss sie &auml;lter sein, auch in dieser
+Ausdehnung. Denn um ein Volk so ganz zu beherrschen, dazu braucht
+eine solche Sitte, auch wenn sie eingeschr&auml;nkt schon
+fr&uuml;her im Gebrauche war, mehr als 50 Jahre. Auch ist uns
+berichtet, dass die marianischen Weiber ihre Kinder vor und bei der
+Geburt massenweise t&ouml;dteten, als die Spanier die Inseln
+eroberten, damit die Neugeborenen nicht in Knechtschaft geriethen.
+Auch das setzt schon ein Bekanntsein mit Aehnlichem voraus, und
+dazu kommt, dass sich beim malaiischen Stamm &uuml;berhaupt die
+Sitte des Kindermordes oder des k&uuml;nstlichen Abortus sehr
+h&auml;ufig findet. So treiben die Battas h&auml;ufig die Frucht
+vorzeitig ab, Waitz 5, 190; die &ouml;stlichen Malgaschen
+t&ouml;dten Zwillinge, sowie sie solche Kinder, die an einem
+b&ouml;sen Tage geboren wurden, ertr&auml;nkten, aussetzten oder
+lebendig begruben (Waitz 2, 441). Die Bisayas ziehen, um nicht zu
+verarmen, nur wenige Kinder auf, und t&ouml;dten uneheliche Kinder
+meist, weil das M&auml;dchen, ihr Vater und ihr Geliebter f&uuml;r
+aussereheliche Schwangerschaft Strafe zahlen m&uuml;ssen (Loarca in
+Ternaux Archives 1, 23). Aehnlich die Pintados auf den Philippinen,
+welche ihre Kinder vom 3ten an t&ouml;dten, indem sie dieselben
+unter Festen und Lustbarkeiten lebendig begraben, so wie auch, um
+sie nicht ern&auml;hren zu m&uuml;ssen, alle unehelichen Geburten
+(nach einem Bericht von 1577 in N. Journ. As. VIII, 39, 1831). Auf
+den Niasinseln setzt man die Kinder aus (Domis bei Oosterling
+tydschrift toegew. van de verbreiding d. Kennis v. Oost. Indie II,
+2, 125). Abtreiben der Kinder bei den Dajaks aus Sittenlosigkeit
+erw&auml;hnt Schwaner Borneo 1, 203.</p>
+
+<p>Wie hat man sich nun die Entstehung dieser schrecklichen Sitte
+zu denken? Ist es bloss Tr&auml;gheit und Versunkenheit, worin sie
+wurzelt? In Afrika und Nordamerika ist freilich meist das
+&auml;ussere Elend ihr Anlass, wie auch die Markesaner ihre Kinder
+aus Hungersnoth t&ouml;dteten und assen (Ellis 4, 328); allein das
+reicht weder f&uuml;r Polynesien noch f&uuml;r S&uuml;damerika aus.
+Meinicke meint nun (b, 59 bis 60), dass in Polynesien der
+Kindermord eingef&uuml;hrt sei, um die Reinheit des Blutes der
+Aristokratie zu erhalten. Er st&uuml;tzt diese Ansicht, f&uuml;r
+welche historische Gr&uuml;nde sich nicht aufstellen lassen,
+dadurch, dass, trotzdem der Kindermord bei allen Klassen der
+Bev&ouml;lkerung vorkommt, er doch zu Tahiti zumeist von den Areois
+ausgeht, dass alle Kinder aus gemischten Ehen, die bei der
+f&ouml;rmlichen Berechtigung der Vornehmen zu jeglichem
+Lebensgenuss gar nicht zu vermeiden waren, get&ouml;dtet wurden.
+&raquo;So m&ouml;gen&laquo;, f&auml;hrt er S. 60 fort,
+&raquo;solche Kinder seit Jahrtausenden get&ouml;dtet sein, ohne
+dass dies bei den k&ouml;rperlichen Vorz&uuml;gen, die dergleichen
+Verbindungen mit Menschen niederen Standes nicht h&auml;ufig
+gemacht haben werden und bei ihrer geringen Zahl grossen Einfluss
+gehabt haben wird. Aber mit der Zeit fing man an, Kinder auch zu
+t&ouml;dten, um durch die Sorge, die sie erforderten, nicht an
+Ausschweifungen und Vergn&uuml;gungen gehindert zu werden (wie es
+bei den Areois der Fall war), und endlich verbreitete sich die
+grauenvolle Sitte bloss durch den Einfluss der Mode, die auf den
+S&uuml;dseeinseln so gut wie in anderen Erdtheilen die niederen
+St&auml;nde antreibt, Verkehrtheiten und selbst Laster der
+Vornehmen nachzuahmen, auch unter das Volk, wo sie in der
+Bequemlichkeit, Liederlichkeit, Armuth und den Beschwerden, die
+Kinder zu erziehen, mannigfache Unterst&uuml;tzung fand. Man sieht,
+dass der Kindermord so mit der Zeit stets zunehmen musste und wird
+hierin eine Hauptursache der erstaunlich raschen Abnahme der
+Bev&ouml;lkerung zu suchen haben, wenn auch die Angaben der
+Mission&auml;re &uuml;ber die Zahl der hingeopferten Kinder
+&uuml;bertrieben sein sollten&laquo;. Dies letztere ist nun zwar
+bei den mit bestimmten Zahlen angegebenen einzelnen F&auml;llen und
+der genauen Uebereinstimmung der Angaben, welche die
+Mission&auml;re machen, nicht wahrscheinlich<a name=
+"FNanchor_H_8"></a><a href="#Footnote_H_8"><sup>[H]</sup></a> wie
+denn Ellis ausdr&uuml;cklich sagt, dass er Williams Angabe, 2/3 der
+Kinder seien get&ouml;dtet, an Ort und Stelle gepr&uuml;ft und
+nicht &uuml;bertrieben gefunden habe. Recht aber hat Meinicke
+darin, dass auch er diese Sitte f&uuml;r eine sehr alte
+ansieht.</p>
+
+<p>Allein sonst ist seine Ansicht schwerlich richtig. Mag auch
+sp&auml;terhin, und er hat es gewiss sehr reichlich gethan, der
+Unterschied zwischen Volk und Adel dem Kindermord weitere
+Ausdehnung verliehen haben; veranlasst hat er ihn gewiss nicht,
+wof&uuml;r zun&auml;chst spricht, dass wir in S&uuml;damerika den
+Kindermord fast in &auml;hnlicher Ausdehnung wie in Polynesien,
+jenen Standesunterschied aber nicht vorfanden. Aber auch f&uuml;r
+Polynesien allein wird es bedenklich, den letzteren als alleinige
+Ursache des ersteren anzusehen, wenn man Folgendes erw&auml;gt.
+Williams sagt, wie wir schon vorhin sahen, dass ein niederer Mann
+durch Kindermord sich dem Stand seiner vornehmeren Frau angleichen
+kann; was Meinicke, wohl nur durch einen Irrthum seinerseits,
+f&uuml;r einen Irrthum hielt. Denn aller Rang vererbte durch die
+Mutter; der Adel war ferner eine mit Seele begabte, g&ouml;ttliche
+Klasse, im Gegensatz zu dem unbeseelten, irdischen Volk.
+Kinderseelen nun, welche nach M&ouml;renhout f&uuml;r besonders
+heilig gehalten und zu denen als Vermittlern zwischen G&ouml;ttern
+und Menschen besonders gebetet wurde, konnten, wenn f&uuml;r den
+unbeseelten Mann geopfert, ihm, sei es durch direkten Uebergang in
+ihn, oder sei es durch Vermittlung bei den G&ouml;ttern, zu einer
+Seele verhelfen, wodurch er zu h&ouml;herem Rang emporstiege. Die
+Areois sind eine religi&ouml;se Gesellschaft; religi&ouml;se Scheu
+zeigte sich in der Art, wie man (wenigstens in Tahiti) die Kinder
+umbrachte; man hat sie also in vielen F&auml;llen vielleicht nur
+get&ouml;dtet, um Schutzgeister zu haben oder sie als Opfer
+f&uuml;rs eigene Leben &mdash; solche Opfer werden wir gleich noch
+mehr sehen &mdash; den G&ouml;ttern darzubringen. Dieselbe
+Bedeutung hat wohl der Kindermord in Mikro-und Melanesien gehabt,
+wie einzelne Spuren noch andeuten, wenn sich auch Zwingendes nicht
+daf&uuml;r anf&uuml;hren l&auml;sst als eben ihre Verwandtschaft
+mit den Polynesiern. Wenn aber Meinicke sagt, die Sitte m&uuml;sse
+&uuml;berall geherrscht haben und sei, wo wir sie nicht
+erw&auml;hnt finden, wie in Tonga, nur &uuml;bersehen, so kann man
+das nicht zugeben; der so feinen und scharfen Beobachtung Mariners
+h&auml;tte sich ein so auffallender Gebrauch nicht entziehen
+k&ouml;nnen und er f&uuml;hrt 2, 18-19 einen Fall der Art
+ausdr&uuml;cklich als etwas Ausserordentliches an. Aber
+m&ouml;glich ist es, ja wahrscheinlich, dass die Sitte auch in
+Tonga urspr&uuml;nglich geherrscht hat, nur w&auml;hrend sie sich
+im &uuml;brigen Polynesien ausbreitete, so erlag sie schon sehr
+fr&uuml;h und lange vor der Entdeckung dem besseren Sinn der
+Tonganer, wie sie auch andere &auml;hnliche Sitten aufgaben, z. B.
+die Ermordung der Weiber beim Tode der M&auml;nner, von der Mariner
+als von einer fr&uuml;her gebr&auml;uchlichen h&ouml;rte (1, 342),
+die aber zu seiner Zeit schon ausser Gebrauch gekommen war.</p>
+
+<p>Da wir nun Gr&uuml;nde haben, bei den Polynesiern diesen
+Gebrauch f&uuml;r einen urspr&uuml;nglich religi&ouml;sen zu
+halten, der freilich in sp&auml;terer Zeit aus ganz anderen
+Motiven, aus Faulheit, Eitelkeit, Lieblosigkeit, Standeshochmuth
+u.s.w. sich unendlich verbreitete und das ganze Leben der Nation in
+der neuen Gestalt anfrass; so m&ouml;chte auch die ziemlich weite
+Verbreitung der Sitte, wie wir sie im eigentlichen Malaisien von
+Luzon bis nach Madagaskar hin nachwiesen, auf demselben Princip
+beruhen. Wie es sich in S&uuml;damerika hiermit verh&auml;lt,
+lassen wir, da es uns an &auml;lteren Daten fehlt, uner&ouml;rtert;
+doch hat hier vielleicht eine &auml;hnliche Grundanschauung
+geherrscht, als wir sie f&uuml;r Polynesien annahmen. Denn in
+Mexiko wenigstens glaubte man, kleine Kinder, welche st&uuml;rben,
+seien den G&ouml;ttern besonders lieb; sie k&auml;men zu einem
+Baum, von welchem best&auml;ndig Milch herabtr&auml;ufele, und
+seien Vermittler zwischen G&ouml;ttern und Menschen (Waitz 4, 166).
+Kinderopfer, um die G&ouml;tter gn&auml;dig zu stimmen, kamen viel
+bei ihnen vor (4, 159) und das Bild des Gottes, das sie bei der
+Ceremonie, die unserem Abendmahl &auml;hnlich ist, unter sich
+vertheilen und als &raquo;das Fleisch Gottes&laquo; verzehren, war
+mit Kinderblut angefertigt, wie auch bei den Totonaken die Kuchen
+bereitet waren, welche sie &raquo;das Brot unseres Lebens&laquo;
+nannten (Waitz 4, 161). Jetzt scheint diese Sitte dort keine
+anderen Motive zu haben, als Eitelkeit, Faulheit und Elend und
+Noth<a name="FNanchor_I_9"></a><a href=
+"#Footnote_I_9"><sup>[I]</sup></a>. Das T&ouml;dten von Zwillingen
+oder des einen von beiden Kindern beruht auf anderen Grundlagen: es
+geht aus von dem Schreck &uuml;ber das portentum einer mehrfachen
+Geburt, in welcher man etwas Unnat&uuml;rliches und daher
+Unheimliches oder aber eine Thier&auml;hnlichkeit sah.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_9_Krieg_und_Kannibalismus"></a>
+<h2>&sect; 9. Krieg und Kannibalismus.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Haben wir oben gesehen, wie wenig das Menschenleben bei den
+Naturv&ouml;lkern geachtet wurde, so werden wir von seinem geringen
+Werth bei ihnen im Folgenden noch massenhaftere Beispiele finden,
+da wir uns zun&auml;chst mit der Frage besch&auml;ftigen
+m&uuml;ssen, welchen Einfluss auf Zahl und Existenz dieser
+V&ouml;lker haben Krieg, Kannibalismus und Menschenopfer
+gehabt?</p>
+
+<p>Freilich scheint die Art der Kriegf&uuml;hrung bei den
+unkultivirten St&auml;mmen mindere Opfer als bei den kultivirten
+gefordert zu haben. Denn so kriegerisch auch die Nordamerikaner
+waren, so sehr ihr ganzes Leben beinah auf dem Krieg beruhte, so
+galt ihnen doch eine Art der Kriegf&uuml;hrung, wie die
+europ&auml;ische, wo man in offener Feldschlacht stets das eigene
+Leben in Gefahr setzt, f&uuml;r Thorheit, ihr Krieg bestand nur in
+Ablauern des Feindes, in Ueberfall und Hinterhalt; daher er denn,
+dem entsprechend, minder durch Tapferkeit als durch Schnelligkeit,
+Schlauheit und Verwegenheit gef&uuml;hrt wurde. Aber daf&uuml;r
+endete auch der Krieg bei ihnen nie: denn Grenzverletzungen oder
+Blutrache, sowie Rache f&uuml;r Zauberei (durch die man jeden
+Todesfall, namentlich aber den Tod von H&auml;uptlingen verursacht
+glaubte) oder alter, einmal eingewurzelter und durch stets neue
+schlimme Thaten niemals verl&ouml;schender Stammhass erregten ihn
+immer aufs Neue. Und gerade diese versteckte, fast feige scheinende
+Art, wie sie den Krieg f&uuml;hrten, brachte oft ein furchtbares
+Blutvergiessen hervor, da bei den Ueberf&auml;llen der meist
+unvorbereitete und wehrlose Feind ganz und gar mit Weib und Kind
+niedergemetzelt wurde, schon der Skalpe wegen, deren Erbeutung ja
+den Siegern die gr&ouml;sste Herzenssache und Ehre war. In
+Virginien zwar und bei den Huronen wurden Weiber und Kinder meist
+zu Gefangenen gemacht; war der Kampf aber lang und erbittert
+gewesen, so mordeten auch hier die Sieger so lange als sie die Arme
+heben konnten (Waitz 3, 150-154). Und gefangene Feinde, die
+M&auml;nner wurden ja von diesen V&ouml;lkern wie bekannt so gut
+wie immer get&ouml;dtet. Dass aber solche Kriege der Existenz
+ganzer V&ouml;lker verh&auml;ngnissvoll geworden sind und also, als
+f&uuml;r ihr Aussterben grundlegend, recht eigentlich zu unserer
+Betrachtung geh&ouml;ren, daf&uuml;r hat Waitz, was Amerika
+betrifft, 1, 165, Zeugnisse gesammelt. &raquo;Die
+Kupferminenindianer sagt er an dieser Stelle, wurden durch die
+Hundsrippenindianer (Hearne) fast vertilgt, die Moquis durch die
+Navajos im hohen Grade geschw&auml;cht (Schoolcraft), die Osagen
+durch ihre erstaunlich vielen Feinde innerhalb 10 Jahren auf die
+H&auml;lfte ihrer fr&uuml;heren Anzahl reducirt. Der kleine Rest
+des besiegten Volkes wird dann nicht selten von dem siegenden in
+sich aufgenommen und sein Name verschwindet von da an aus der
+Geschichte. Auf diese Weise sollen z.B. die Creecks allm&auml;hlich
+die Reste von 15 anderen St&auml;mmen verschlungen haben.&laquo;
+Auch die Irokesen (Waitz 3, 155) haben ausserordentlich durch
+derartige Kriege gelitten. Jenseits des Felsengebirges sind die
+Kriege viel milder und thun im Ganzen wenig Schaden (3, 338) und
+ebenso ist es auch bei den Oregonv&ouml;lkern, wenn diese gleich
+viel kr&auml;ftiger zu sein schienen als die Nulkas und
+Chinooks.</p>
+
+<p>Der Kannibalismus, welcher vom Kriege nicht zu trennen ist, hat
+auf die V&ouml;lker Nordamerikas keinen sehr bedeutenden und
+f&uuml;r ihre Zahl durchaus ungef&auml;hrlichen Einfluss gehabt. Er
+findet sich bei manchen V&ouml;lkern, z.B. den n&ouml;rdlichen
+Athapasken, den Hasenindianern, Nipissangs, den Crees, Ojibways,
+doch ist bei allen diesen das Entsetzen vor der That ein ganz
+ausserordentliches. Ebenfalls findet er sich, und durch gleiche
+Veranlassung, bei den Indianern in Canada, die ihn aber minder
+verabscheuen (Waitz 3, 89). Allein bei den Algonkins und den
+Irokesen, den Sioux war der Kannibalismus fr&uuml;her (jetzt hat er
+aufgeh&ouml;rt) weit verbreitet und besonders merkw&uuml;rdig ist
+es, dass es bei den Miami und Potowatomi eine besondere, aus
+bestimmten Familien sich erg&auml;nzende Gesellschaft gab, welche
+Menschenfleisch ass und sich im Besitz von
+&uuml;bernat&uuml;rlichen, auf andere &uuml;bertragbaren
+Zauberkr&auml;ften w&auml;hnte (Waitz 3, 159 nach Keating): man
+wird an die Gesellschaften der Areois auf Tahiti und die
+entsprechenden auf den anderen polynesischen Inseln erinnert.<a
+name="FNanchor_J_10"></a><a href=
+"#Footnote_J_10"><sup>[J]</sup></a> Aber bei allen diesen
+amerikanischen V&ouml;lkern sowie auch bei den Oregonindianern
+(Waitz 3, 345) ward der Kannibalismus nur an gefangenen oder
+gefallenen Feinden ausge&uuml;bt, deren Herz man ass, theils aus
+Rache, theils um sich die Tapferkeit und Kraft dessen, dem das Herz
+geh&ouml;rte, anzueignen (Waitz 3, 159).</p>
+
+<p>In S&uuml;damerika hat der Krieg nicht minder, die
+Anthropophagie noch weit mehr gewirkt, als in Nordamerika: lebte
+doch hier das Volk, welches dem Kannibalismus seinen Namen gegeben
+hat, die Kaniben, Kariben oder Karaiben. Urspr&uuml;nglich auf den
+kleinen Antillen und dem ihnen gegen&uuml;berliegenden Festland
+heimisch machten sie von dort aus, nach Columbus Erz&auml;hlung,
+verheerende Kriegsz&uuml;ge in weite Ferne, um Weiber zu erbeuten,
+w&auml;hrend sie die M&auml;nner erschlugen und sie, wie auch ihre
+eigenen mit den gefangenen Weibern erzeugten Kinder frassen (Waitz
+3, 374-375). Auch ihre Weiber waren ausserordentlich kriegerisch
+und k&auml;mpften so selbstst&auml;ndig, dass die Sage von den
+Amazonen, die im n&ouml;rdlichen S&uuml;damerika h&auml;ufig
+vorkommt, durch sie veranlasst zu sein scheint. Schomburgk 2, 429
+erz&auml;hlt, dass die Kariben sich namentlich gegen die Makusis
+wandten, um Sklaven zu erbeuten, zu welcher Menschenjagd sie von
+den Holl&auml;ndern aus Eigennutz angetrieben wurden, denn diese
+kauften die Sklaven von ihnen. Er schildert diesen scheusslichen
+Handel n&auml;her und sagt, dass er bis gegen die vierziger Jahre
+dieses Jahrhunderts, also bis auf unsere Zeit hin bestanden habe!
+Die Art nun, wie noch jetzt die Kariben von allen anderen
+indianischen St&auml;mmen als Herrn und Gebieter gef&uuml;rchtet
+werden, so dass sie ohne Weiteres sich in jeder beliebigen
+H&uuml;tte was ihnen gef&auml;llt nehmen k&ouml;nnen (ebendas.
+427); so wie die blinde Angst, welche man noch jetzt in jenen
+Gegenden vor ihnen hat, l&auml;sst erkennen, was sie einst gewesen
+sein m&ouml;gen. Und wie durch sie die Aturen (Humboldt c, 1, 284)
+in die Katarakten des Orinoko, wo</p>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza"><span>ihres Stammes letzte Spuren<br>
+</span> <span>birgt des Uferschilfes Gr&uuml;n,<br>
+</span></div>
+</div>
+
+<p>hineingedr&auml;ngt verkamen: so waren die blutigen Kriege,
+welche von ihnen ausgingen, eine Hauptursache f&uuml;r die
+Verminderung der St&auml;mme in Guyana. Indess verzehren sie jetzt
+(Schomburgk 2, 430) Menschenfleisch nicht mehr; und jetzt sind auch
+sie sehr zusammengeschmolzen (eb. 417), wozu ihre eigenen Kriege
+nicht wenig beigetragen haben m&ouml;gen. Da nun auch die Tupi
+tapfere, ja wilde Krieger waren (Azara 218) und sie sowohl wie auch
+die Guarani (welche Azara 213 ff. freilich als sehr scheu
+schildert) Menschenfleisch verzehrten; da nun auch fast alle
+s&uuml;damerikanischen St&auml;mme, die Araukaner (Waitz 3, 529
+ff.), Chiquitos (eb. 530), die Pampas, Patagonier u.s.w. (Azara an
+vielen Stellen) sich durch wilde Tapferkeit auszeichneten und
+demzufolge zwischen ihnen fast stetiger Krieg herrschte; da sie
+fast alle Kannibalen waren, wie die Mbayas (Waitz 3, 473), ganz
+besonders die Guaykurus (471), die Tobas (475), die Abiponer (476),
+die Feuerl&auml;nder (508) und ebenso die Patagonier, welche alle
+feindlichen M&auml;nner niederhieben, Weiber und Kinder aber zu
+Gefangenen machten: so werden wir begreiflich finden, dass die Zahl
+dieser V&ouml;lker, die in so heftigem und unabl&auml;ssigem Kampf
+mit einander sind, auch dadurch abgenommen hat und noch jetzt
+abnimmt. Tschudi 2, 259 sagt geradezu, dass die Angriffe der
+Botokuden auf die von den Portugiesen um Rio Janeiro unterworfenen
+halb civilisirten Indianer die Ursache seien, dass jene Gegenden
+auch heute noch so sp&auml;rlich bev&ouml;lkert seien. Auch mag
+daran erinnert werden, dass jene V&ouml;lker in dem Urarigift, mit
+dem sie ihre Lanzen vergifteten, eine ganz besonders
+gef&auml;hrliche Waffe haben, da dies Gift auch bei der leisesten
+Verwundung unfehlbar t&ouml;dtet.</p>
+
+<p>T&uuml;chtige Krieger waren nun, nach der trefflichen
+Schilderung bei Waitz, auch die Kulturv&ouml;lker des alten
+Amerikas. Doch da ihre Kriege keine Vernichtung des Feindes
+bezweckten, sondern diesem, auch wenn er besiegt wurde, seine
+Nationalit&auml;t und Hab und Gut liessen, bis auf den Tribut, den
+sie zahlen mussten (Waitz 4, 77. 406), so konnten diese wohl den
+Namen von V&ouml;lkern aufh&ouml;ren machen, indem sie das besiegte
+dem eigenen Volke einverleibten, und namentlich in Peru geschah das
+&ouml;fters (407), aber ein Volk vernichten oder auch nur so weit
+verringern, dass seine Lebenskraft dadurch gebrochen w&auml;re,
+konnten sie nicht und haben sie nicht gethan, denn Columbus, Cortez
+und Pizarro fanden dichtbev&ouml;lkerte, bl&uuml;hende Staaten vor.
+Zwar herrschte auch Anthropophagie in Mexiko: die geopferten
+Sklaven oder Kriegsgefangenen wurden verzehrt, und die Ottomies
+sollen sogar Menschenfleisch auf dem Markte verkauft haben, eine
+Sitte, die man so wenig anst&ouml;ssig fand, dass man offen davon
+sprach und den Spaniern erz&auml;hlte, ihr Fleisch schmecke bitter
+(Waitz 4, 158); doch liegt es auf der Hand, dass auch diese Sitte
+dem Bestehen dieser V&ouml;lker oder seiner Nachbarn nicht die
+mindeste Gefahr brachte, da sie sehr wenig ausgedehnt war. Sie
+scheint ein Recht zu sein aus alter und &auml;ltester Zeit, wo sie
+dann freilich weitere Verbreitung gehabt haben wird. Auch in
+Neugranada war Kannibalismus, in manchen Gegenden des Landes in
+sehr roher Form, verbreitet (Waitz 4, 374, 376). Was von den
+Cariben erz&auml;hlt wird, dass sie ihre eigenen mit gefangenen
+Weibern erzeugten Kinder gefressen h&auml;tten, wird auch von ihnen
+berichtet (4, 374). Auch in Yukatan (310) fand sich
+Anthropophagie.</p>
+
+<p>Anders aber finden wir es in der S&uuml;dsee. Zwar in Australien
+sind, ausser im Norden, die K&auml;mpfe an sich wenig blutig: Hale
+115 beschreibt dieselben, wie sie meist aus Privatschl&auml;gereien
+entstehen, wie sich dann beide Parteien, jede bis 200 stark, heftig
+und lange erst schelten, und dann Mann f&uuml;r Mann vortritt und
+den Speer schleudert, bis einer verwundet wird: dann h&ouml;rt der
+Kampf auf. Doch fehlt es ihnen keineswegs an Muth, Kraft und
+Standhaftigkeit, wie sie auch Schmerzen mit grosser Geduld ertragen
+(Turnbull 34-35). Allein da die Kriege, bei der Verfehdung fast
+aller St&auml;mme unter einander, doch sehr zahlreich sind (Wilson
+143 v.d. Rafflesbai), da man manche St&auml;mme von ihnen,
+namentlich die Nordaustralier, deren Krieger und Zauberer durch den
+ganzen Continent aufs Aeusserste gef&uuml;rchtet sind, als Gegner
+auch Europ&auml;ern gegen&uuml;ber keineswegs verachten darf (Grey
+1, 152), da ferner auch diese Kriege zum gr&ouml;ssten Theil in
+Ueberfall und in Ermorden Wehrloser oder Schlafender bestehen und,
+weil jede solche That wieder Rache verlangt, geradezu unendlich
+sind (Meinicke a 2, 198) &mdash; so sind sie f&uuml;r die Zahl und
+das Gedeihen der Einwohner so verh&auml;ngnissvoll, dass wir sie
+als eine der wichtigeren Ursachen f&uuml;r das Aussterben der
+Australier hier bezeichnen m&uuml;ssen. Auch die Eingeborenen von
+Vandiemensland lebten unter einander in best&auml;ndigem Streit,
+der von Stamm gegen Stamm ausgefochten wurde (Nixon 26).</p>
+
+<p>Auch Kannibalismus herrscht in Neuholland, doch keineswegs sehr
+ausgedehnt. So brauchen nach Angas 1, 68 die Eingeborenen von Lake
+Albert die Sch&auml;del ihrer Feinde als Trinkgeschirre, ganz wie
+die Inkas von Peru (Waitz 4, 413) und die Abiponer, und nach dem
+bekannten Zeugniss des Paulus Diaconus, die Langobarden.<a name=
+"FNanchor_K_11"></a><a href="#Footnote_K_11"><sup>[K]</sup></a>
+Ferner sollen Kannibalen im Innern des Landes leben (Angas 2, 231);
+ganz sicher verzehren im Norden Freunde ein St&uuml;ck vom
+verstorbenen Freund und an Moretonbai assen (Angas 1, 73) Eltern
+aus Liebe von dem Fleische ihrer todten Kinder, eine Sitte, welche
+nach Anderen auf geliebte Verwandte &uuml;berhaupt ausgedehnt ist
+(Howitt a, 289. Austral, Felix 134). Sie findet sich auch zu
+Hawaii: dort ass das Volk aus Liebe Fleisch von der Leiche seiner
+verstorbenen F&uuml;rsten (Remy XLVIII. 125.<a name=
+"FNanchor_L_12"></a><a href="#Footnote_L_12"><sup>[L]</sup></a>)
+Auch Aberglaube diente dazu den Kannibalismus zu verbreiten. Wie
+bei den Potowatomi und den Miami in Nordamerika, wie in so manchem
+indisch-arabischen M&auml;hrchen der Genuss des Menschenfleisches
+h&ouml;here &uuml;bermenschliche Kraft gibt &mdash; ein Zug, der
+auch, wie wohl verdunkelt, in deutschen Sagen vorkommt (Bechstein,
+Sagen des Rh&ouml;ngeb. u. d. Grabfeldes 60 ff.)<a name=
+"FNanchor_M_13"></a><a href="#Footnote_M_13"><sup>[M]</sup></a>
+&mdash; ebenso m&uuml;ssen in Australien (nach Eyre) die Zauberer
+Menschenfleisch essen, um ihre Wunderkraft zu behalten. Am Lake
+Alexandrine ist es nicht ungew&ouml;hnlich, einem lebenden Menschen
+das Nierenfett auszuscheiden, das als Zauber gegen b&ouml;se
+Geister von ganz besonderer Kraft sein soll (Angas 1, 123). Auch
+Bennet (1, 295) fand Menschenfett als Zaubermittel oder Medikament
+aufgehoben. Meinicke a 2, 184 hat also wohl die Neuholl&auml;nder
+zu frei von Kannibalismus dargestellt.</p>
+
+<p>Gehen wir nun zu den melanesischen Inseln, so finden wir auf
+Vanikoro unter den einzelnen St&auml;mmen fortw&auml;hrenden Kampf
+(D'Urville 5, 165) und wenn sie auch keine Kannibalen zu sein
+behaupten, so dienen die Sch&auml;del der Feinde doch als
+Troph&auml;en (eb. 217), welche &ouml;ffentlich aufbewahrt werden.
+Auch auf Tanna herrscht best&auml;ndiger Krieg der einzelnen
+St&auml;mme unter einander (Turner 82, Gill 227), da jede
+Privatbeleidigung einen &ouml;ffentlichen Krieg nach sich zieht
+(85), und ausgebildetster Kannibalismus: die erschlagenen Feinde
+werden mit Yams gekocht, Farbige den Weissen vorgezogen, einzelne
+Portionen des Fleisches an Freunde geschickt als Ehrengeschenke
+u.s.w. (82). Auch auf Fate und Aneitum, obwohl beide minder
+kriegerisch sind, findet sich der Kannibalismus (Turner 393. 371.
+Gill 66). Erromango und Mare (Nengone), auf welcher letzteren Insel
+zwei feindliche Staaten neben einander bestanden, waren
+fortw&auml;hrend von leidenschaftlichem Krieg heimgesucht und die
+Anthropophagie hatte hier einen solchen Grad erreicht, dass selbst
+die n&auml;chsten Verwandten, wenn man mit ihnen in Streit gerieth,
+erschlagen und gefressen wurden (Gill 10-11; 122. Turner 400. 411).
+Es ist eine leere Behauptung oder auch Einbildung der katholischen
+Mission, dass sie auf Neukaledonien den Kannibalismus h&auml;tte
+aufh&ouml;ren machen (Montreval in nouv. annal. de la foi 1854,
+94); Turner (um anderer zu geschweigen) fand ihn daselbst sehr
+ausgebildet und so unbefangen, dass er &uuml;berall eingestanden
+und besprochen wurde (426), wie er uns auch von den
+best&auml;ndigen Kriegen der Insel (428) berichtet. Die Bewohner
+von Isabel schildert schon Mendana 1595 (Dalrymple 91) als
+Menschenfresser und eifrige Krieger, wie sich auch die Bewohner von
+Guadalcanar zeigen. Eifrige Krieger und Menschenfresser sind auch
+die Eingeborenen der Lusiade (Salerio bei Petermann 1862, 342-344)
+und von der Nordwestk&uuml;ste von Neuguinea sagt einer der besten
+Kenner dieser Gegenden, Marsden (in Transact. of the Reg. Asiat.
+Soc. 3,125), dass daselbst ein &auml;usserst roher Kannibalismus
+herrsche: man frisst Feinde so gut wie Freunde, nat&uuml;rlich
+Gestorbene so gut wie Erschlagene, und ist dieser Nachricht
+gegen&uuml;ber nicht abzusehen, wie Finsch (49) seine Behauptung,
+noch sei von keinem glaubw&uuml;rdigen Manne bestimmte Nachricht
+&uuml;ber das Vorkommen des Kannibalismus auf Neuguinea gegeben,
+aufrecht halten will. Einzelne der neuguineischen St&auml;mme sind
+K&ouml;pfeschneller, d.h. sie schlagen todt, wen sie finden, um
+K&ouml;pfe zu erbeuten, deren recht viele zu besitzen eine grosse
+Ehre ist; und so entstehen bloss zu diesem Zwecke im Distrikt
+Namototte (Speelmannsbai) die hartn&auml;ckigsten und
+m&ouml;rderischsten Kriege (N. Guin. 109 ff. und daher wohl Finsch
+82).</p>
+
+<p>Aber schlimmer als &uuml;berall ist die Geringsch&auml;tzung des
+Menschenlebens auf den Fidschiinseln, deren Einwohner im Ruf einer
+besonderen Tapferkeit auch auf Tonga stehen, und die von solchen
+Tonganern, welche Kriegsabenteuer erleben und zu Hause selbst als
+Krieger ber&uuml;hmt sein wollten, vielfach besucht wurden
+(Mariner). Krieg ist nun auch, nach Wilkes 3, 63, ihre so
+best&auml;ndige Besch&auml;ftigung, dass irgend welcher Kampf auf
+der Gruppe immer herrscht; und da die Insulaner ebenso
+blutd&uuml;rstig als verr&auml;therisch sind (Hale 50), so sind
+diese Kriege sehr zerst&ouml;rend. Doch f&uuml;hren sie den Krieg,
+der indessen stets offen angesagt wird, nur durch Verrath und
+heimlichen Ueberfall; weshalb sie Williams und Calvert (1, 43) und
+ebenso Erskine (249) geradezu feig nennen. Wegen des
+best&auml;ndigen Verrathes herrscht ein grenzenloses Misstrauen auf
+der Gruppe, Niemand geht, aus Furcht &uuml;berfallen zu werden,
+ohne Waffen (Will. u. Calv. a.a.O.), Niemand traut einem andern,
+selbst nicht den n&auml;chsten Verwandten (Hale 51). Und das nicht
+ohne Grund: denn da zu ihren nur einigermassen solennen
+Bewirthungen Menschenfleisch nothwendig geh&ouml;rt, so werden oft
+die harmlosesten Wanderer (je harmloser, desto eher), Weiber bei
+der Feldarbeit u.s.w. &uuml;berfallen und get&ouml;dtet, wozu
+Erskine 182 emp&ouml;rende Beispiele erz&auml;hlt. Wenn auch die
+Schlachten, sobald nur einige gefallen sind, aufh&ouml;ren (Jackson
+bei Erskine 425), so sind die Kriege doch ausserordentlich blutig
+durch die sinnlose Wuth, mit der Alles, was ihnen in die H&auml;nde
+kommt, gemordet wird. Bei Ueberf&auml;llen, die sehr h&auml;ufig
+sind, machen sie es nicht anders, so dass oft ganze Distrikte
+(Erskine und Jackson a.a.O. Seemann Zeitschr. 9, 476) vernichtet
+werden. Wer einen Menschen erschlagen hat, bekommt einen Ehrennamen
+und wird durch besondere Ceremonien geweiht (Will. u. Calvert 55),
+gerade wie in einigen Gegenden Neuguineas nur der Kakadufedern
+tragen darf, der einen Feind get&ouml;dtet hat, und bei den alten
+Deutschen nur ein solcher aus dem kostbarsten und heldenhaftesten
+Trinkgef&auml;ss, dem Sch&auml;del des erschlagenen Feindes,
+trinken durfte.</p>
+
+<p>Der Kannibalismus ferner steht hier in solcher Bl&uuml;the, wie
+wohl nirgends sonst auf der Welt. Erskine, der um 1840 die Gruppe
+besuchte, gibt (257-60) Beispiele. Den Menschen nennen die
+Eingeborenen nur das &raquo;lange&laquo; Schwein, zum Unterschied
+vom &raquo;wahren&laquo; Schwein (ebend.); bei jedem Fest muss
+Menschenfleisch gegessen werden, zu welchem Behufe die das Fest
+gebenden St&auml;mme gar nicht selten ihre eigenen Kinder
+schlachten; alle Feinde, alle Schiffbr&uuml;chigen werden gefressen
+(Erskine. 262. 229). Oder man erschl&auml;gt, um das n&ouml;thige
+Fleisch zu bekommen, den ersten besten aus dem Volke, den man
+unbewaffnet trifft (so wurden einmal 16 Weiber gefangen und
+gegessen, wie Erskine 182 erz&auml;hlt). Dass man allen Freunden
+von dieser gesch&auml;tztesten Speise schickt, ist so feste Sitte,
+dass gar nicht selten, weil es bei irgend einer Gelegenheit
+unterlassen, Krieg entsteht. Dem Gebratenen gibt man oft eine Keule
+in die Hand, malt ihm das Gesicht roth und setzt ihm eine
+Perr&uuml;cke auf (Erskine 262); ja in einigen Gegenden der Gruppe
+f&uuml;hren die Weiber um diese Todten und ihnen zum Hohne die
+allerschandbarsten T&auml;nze auf (Jacks, bei Erskine 440). Auch
+hat man verschiedene Arten, Menschenfleisch zu kochen, welche nach
+den Landestheilen verschieden sind (261. 439). Als der Sohn eines
+H&auml;uptlings starb; jammerte ihm sein Vater nach: er war so
+k&uuml;hn! er t&ouml;dtete, wenn sie ihn erz&uuml;rnten, seine
+eigenen Weiber und ass sie (Ersk. 244). Auch Mariner (1, 329) nennt
+den Kannibalismus auf den Fidschiinseln sehr verbreitet und sagt,
+dass er von dort erst zu den Tonganern, die ihn nur in
+prahlerischer Nachahmung der Fidschis aus&uuml;ben, gekommen sei;
+an einem Fest h&auml;tten die Fidschim&auml;nner 200 Feinde
+gegessen (1, 345; 2, 71). Wer eines nat&uuml;rlichen Todes stirbt,
+wird nicht gegessen (Williams und Calvert 1, 266), doch hat man
+auch Gr&auml;ber erbrochen, um die Leichen zu verzehren! (eb. 212),
+ja man schneidet, um auch das Scheusslichste nicht zu verschweigen,
+auch von Lebenden, aber nur von gefangenen Feinden, Fleisch ab und
+verzehrt es vor ihren Augen (Will. u. Calv. 1, 212). Der Grund des
+Kannibalismus, urspr&uuml;nglich Hass und Rachedurst oder
+Prahlerei, indem man sich dadurch furchtbar machen wollte, oder die
+Absicht, sich die Eigenschaften des Gefressenen anzueignen, ist
+jetzt fast &uuml;berall auf der Gruppe nur Wohlgeschmack am
+Menschenfleisch, das sie jetzt jedem anderen Fleische vorziehen.
+Roh verzehren sie es nie: die Gabel, mit der es gegessen wird, ist
+f&uuml;r alle anderen Speisen verboten (Tabu) (eb. 212). Mit
+Trommelschlag in ganz bestimmtem Rythmus</p>
+
+<center><img src="images/rythmus.png" width="639" height="55" alt=
+"Rhytmus" title=""></center>
+
+<p>der sonst nie angewendet wird, laden sie zu den Kannibalenfesten
+ein (Erskine 291), von denen Weiber fast immer, Sklaven und gewisse
+Priester immer ausgeschlossen sind (Erskine 260; Williams und
+Calvert 1, 211). Und trotz alledem hatte der Kannibalismus eine
+religi&ouml;se Weihe bei ihnen: die get&ouml;dteten Feinde werden
+zuerst den G&ouml;ttern dargeboten (Erskine 261), die selbst
+Kannibalen sind (247) und jedes Kannibalenfest hat bestimmte, sonst
+nicht getanzte heilige T&auml;nze (209. 440).</p>
+
+<p>Wir haben uns bei diesem ekelhaften Detail so lange verweilt,
+einmal, weil es anthropologisch von hohem Interesse ist &mdash;
+dann aber und haupts&auml;chlich, um zu beweisen, dass der
+Kannibalismus, der so ausgepr&auml;gt, so eingewurzelt bei den
+Fidschis ist, nicht erst, wie jetzt die H&auml;uptlinge gern
+erz&auml;hlen, in der letzten Zeit aufgekommen sei, Hand in Hand
+mit dem blutiger werdenden Kriege (Erskine, 272). Er besteht gewiss
+viele Jahrhunderte lang, gewiss viel l&auml;nger, als die Fidschis
+ihre jetzige Wohnung inne haben: allein er hat sich immer weiter
+ausgedehnt und mag seine rohesten Formen, z.B. das Menschenfressen
+aus Leckerei erst im letzten Jahrhundert seines Bestehens, so lange
+aber auch mindestens, angenommen haben. Trotzdem aber, und auf dies
+Faktum werden wir zur&uuml;ckkommen, trotzdem ist ein Aussterben
+der Bev&ouml;lkerung nicht zu merken (Erskine 274). Die Zahl
+derselben betr&auml;gt nach den Mission&auml;ren (ebendas.)
+200-300,000 und mag dies auch etwas zu hoch gegriffen sein, sie ist
+jedenfalls betr&auml;chtlich genug, so dass auch Behm 200,000 als
+Totalsumme annimmt. Und ferner, was von besonderer Wichtigkeit
+f&uuml;r die geschichtliche Betrachtung der Naturv&ouml;lker ist,
+sie selbst haben das Bedenkliche des Kannibalismus eingesehen;
+daher jene halb entschuldigende Rede der eingeborenen F&uuml;rsten;
+daher die verh&auml;ltnissm&auml;ssige Leichtigkeit des Kampfes,
+welchen die Mission&auml;re gegen die Anthropophagie f&uuml;hren,
+welchen man doch gerade, wegen des Alters der Sitte, f&uuml;r
+unendlich schwierig halten sollte (Erskine 280). Ja sie werden
+sogar von einer heidnischen Partei darin unterst&uuml;tzt, welche
+sehr gegen den Kannibalismus, sowie gegen das unsinnige Morden der
+Weiber und Sklaven ist, welches wir gleich betrachten werden, und
+f&uuml;r Abschaffung aller dieser Sitten eifrig k&auml;mpft. Die
+F&uuml;rsten sind es, welche aus feudalen Gel&uuml;sten dies Alles
+aufrecht erhalten wissen wollen (Seemann Zeitschr. 10, 289). Man
+sieht, das Christenthum ist hier gerade im rechten Zeitpunkt
+gekommen: man sieht aber auch ferner, solche Um&auml;nderungen, wie
+wir sie vorhin f&uuml;r Tonga voraussetzten, haben sich wirklich
+bei diesen V&ouml;lkern vollziehen k&ouml;nnen: wir sehen sie hier
+bei einem viel roheren Volk vor unseren Augen geschehen.</p>
+
+<p>Auch in Polynesien herrschten die blutigsten Kriege, wobei aber
+zu bemerken, dass, obwohl man den Eingeborenen pers&ouml;nliche
+Tapferkeit durchaus nicht absprechen kann, welche sie, auch die
+sonst so weichlichen Tahitier, selbst den Europ&auml;ern
+gegen&uuml;ber, wohl gezeigt haben, dass trotzdem auch hier der
+Krieg haupts&auml;chlich durch Ueberfall gef&uuml;hrt wird. Aber
+auch die Polynesier morden den besiegten Stamm kaltbl&uuml;tig mit
+Weib und Kind und so sind ihre Kriege ausserordentlich blutig und
+verheerend. Solche K&auml;mpfe herrschten nun zu Neuseeland und
+trugen wie zur Zersplitterung der Maoristaaten zum Hinschwinden der
+Bev&ouml;lkerung nicht wenig bei (Dieffenbach 2, 132), die theils
+im Krieg selbst get&ouml;dtet, theils zu Sklaven gemacht, theils
+durch die Noth nach dem Kriege vernichtet wurde (2, 16). In Tonga
+wurden Kriegsgefangene (Mariner 1, 115) stets ermordet, und ebenso
+alle Einwohner eroberter St&auml;dte (1, 101). Von den grausamen
+Kriegen unter Finau (der z.B. einmal 18 nur verd&auml;chtige
+Vornehme ertr&auml;nken liess, Mariner 1, 271), welche bei Ankunft
+der Europ&auml;er schon in voller Bl&uuml;the und nur Wiederholung
+oder Fortsetzung fr&uuml;herer &auml;hnlicher war, hat uns Mariner
+ein getreues, aber schreckensvolles Bild geliefert, wie er auch
+erz&auml;hlt, dass die tonganischen Sitten immer mehr durch die
+Bekanntschaft mit den Fidschis verwilderten. Auf Samoa herrschte
+ein noch grausamerer Kriegsgebrauch als zu Tonga (Mariner 1, 163)
+und h&auml;ufig genug waren diese blutigen Kriege daselbst, welche
+Turner 304 und vorher schildert. Und betrachten wir den
+Markesasarchipel, so ist ganz Nukuhiva in einzelne vom hohen Gipfel
+der Insel herablaufende Th&auml;ler getheilt, deren jedes von einem
+besonderen Stamm bewohnt wird. Alle diese St&auml;mme sind in
+erbitterter Feindschaft und in ewigem Krieg (Melville, Krusenstern,
+Mathias G***). Viel &auml;rger aber als &uuml;berall haben die
+Kriege auf Tahiti gew&uuml;thet, von denen die Insel so
+fortw&auml;hrend heimgesucht war, dass Lutteroth (22) ganz mit
+Recht den Frieden einen der Insel unbekannten Zustand nennt. Und
+wie wurden diese ewigen Kriege gef&uuml;hrt! Alle Fliehenden, die
+man einholte, alle Weiber und Kinder der Besiegten, welche dem
+Sieger in die H&auml;nde fielen, wurden niedergemetzelt
+(M&ouml;renhout 2, 38-39, Lutteroth 21, Ellis 1, 310 ff.). Nun
+waren in fr&uuml;herer Zeit fast alle Schlachten Seeschlachten und
+gerade deshalb besonders blutig, denn die Besiegten, welche sich
+durch Schwimmen ans Land zu retten suchen mussten, wurden
+begreiflicher Weise leicht von den K&auml;hnen der Sieger
+eingeholt. Weniger verderblich waren die Landschlachten, weil in
+ihnen, nach malaiisch-polynesischer Sitte, der Sieg, nach dem nur
+einige wenige gefallen waren, f&uuml;r entschieden angesehen wurde
+(M&ouml;renhout 2, 40, Ellis l, 312). Waren dann bei der Verfolgung
+die Menschen vernichtet, so gings nun an die Zerst&ouml;rung des
+Landes: die Tarofelder und sonstigen Pflanzungen wurden
+verw&uuml;stet, den Kokosb&auml;umen das Herz ausgeschlagen, wonach
+sie absterben, die Brotb&auml;ume umgehauen, die H&auml;user
+verbrannt (Ellis 1, 293, Lutteroth 21-22) &mdash; kurz die
+Besiegten wurden wom&ouml;glich ausgerottet, ihr Land auf Jahre zu
+einer unfruchtbaren Oede gemacht. Solche Kriege w&uuml;theten auf
+der ganzen Gesellschaftsgruppe; der Mission&auml;r Nott erlebte auf
+Tahiti in einem Zeitraum von 15 Jahren 10 solcher Kriege (Lutteroth
+17). Auch die Kriege auf der Hawaiigruppe waren verw&uuml;stend
+genug. Hier wie zu Tahiti gab es blutige Seeschlachten (Ellis 4,
+155) und in den Landkriegen, in denen nach Jarves (59) Hinterhalte,
+heimliche Ueberf&auml;lle u. dergl. selten vorkamen, vielmehr meist
+in offenen Feldschlachten (die auch zu Tahiti keineswegs selten
+waren, Ellis 1, 284) gek&auml;mpft wurde, war es namentlich wieder
+die Verfolgung, nicht die Schlachten selbst (Jarves 60), welche der
+Bev&ouml;lkerung und ganzen Distrikten Tod und Zerst&ouml;rung
+brachte. Die Gef&auml;hrlichkeit dieser Kriege geht aus der
+Geschichte Hawaiis unter Tamehameha und aus den Bewegungen, welche
+dieser grosse F&uuml;rst auf der Gruppe hervorbrachte, zur
+Gen&uuml;ge hervor. Auch die Paumotuinsulaner sind wilde, weit und
+breit gef&uuml;rchtete Krieger, die unter sich die heftigsten
+Kriege f&uuml;hren. Die Bewohner von Anaa (Chainisland)
+verw&uuml;steten alle umliegenden Inseln, hieben die
+Fruchtb&auml;ume nieder und was von den Bewohnern nicht
+get&ouml;dtet wurde, ward als Sklave mit fortgeschleppt
+(M&ouml;renhout 1, 199 vergl. 169). Nicht weniger als 38 Inseln
+haben sie auf diese Art ver&ouml;det (Hale 35).</p>
+
+<p>Auch in Mikronesien wurden und werden heftige Kriege
+gef&uuml;hrt, so auf den Palaus (Keate), auf einzelnen Karolinen
+und zwar auf den hohen Inseln Eap, Truck (Hogoleu), Ponapi, nicht
+aber auf Kusaie (Ualan Chamisso 135, Kittlitz 1, 356): so und
+besonders leidenschaftlich auf der Eatakkette (Kotzebue, Chamisso)
+und auf den Gilbertinseln (Gulick 410). W&auml;hrend man in diesem
+Gebiet nur an einigen Orten die B&auml;ume schonte (Hale 84) hieb
+man, sie nach der gemeinsamen Sitte der Ozeanier, auf Ratak und
+sonst nieder (Kotzebue 287), und man kann sich denken, wie
+furchtbar solche Barbareien auf den kleinen schon ohnehin nur
+&uuml;beraus k&auml;rgliche Nahrung bietenden Inseln wirken
+mussten: viele, die der Krieg verschont hatte, namentlich Weiber
+und Kinder, erlagen dem Hunger, dem Elend, das ihm folgte. Daher
+ist die Behauptung, dass die einheimischen Kriege der ozeanischen
+Bev&ouml;lkerung ganz unberechenbaren Schaden zugef&uuml;gt und
+wesentlich zu ihrer stetigen Verminderung beigetragen haben, nur
+allzusehr gerechtfertigt.</p>
+
+<p>Die Sitte des Sch&auml;delerbeutens, welche wir auf Neuguinea
+sahen und die das ganze Malaisien beherrscht, finden wir insofern
+&uuml;berall in Polynesien, als man gierig die Sch&auml;del und in
+Tahiti auch die Unterkiefer der Feinde erstrebt, um sie als
+Troph&auml;e aufzuheben (Nukuhiva Melville 2, 129, Tahiti
+Bougainville 181, Ellis 1, 309, Perl- oder Palliserinseln ebend. 1,
+358, Aitutaiki 1, 309, Rarotonga 1, 359, Neuseeland Dieffenbach 2,
+134, Samoa Turner 301. 304). Hiermit h&auml;ngt die weite
+Verbreitung der Menschenfresserei enge zusammen, wie sie nach Hale
+38 in Neuseeland, wo nach Thomson 1, 148 das letzte Beispiel dieser
+Sitte noch 1843 vorkam, Hervey, Mangareva (Gambier), Paumotu und
+dem Marquesasarchipel ganz allgemein und ohne Scham betrieben
+wurde. Auch zu Kriegen wird sie oft Anlass, indem man, um ihn zu
+fressen, einen oder mehrere Menschen eines fremden Stammes
+erschlug, welche That nat&uuml;rlich Rache erheischte. Auf Samoa,
+Tonga, Tahiti und Hawaii kommt der Kannibalismus jetzt nur noch
+einzeln vor, auf Samoa bei ganz besonders erbittertem Hass (Turner
+194), auf Tonga aus Prahlerei und in Nachahmung der Fidschisitten,
+(Mariner 1, 116-17), so wie bei Hungersnoth, wo man irgend
+Jemanden, meist einen Verwandten erschl&auml;gt und isst (eb. 2,
+19; 1, 117); in Tahiti gleichfalls, aus Prahlerei, um sich
+furchtbar zu machen (Ellis 1, 310). Aber fr&uuml;her war er auf
+diesen Inseln allgemeine Sitte (Hale 37), wie eine Menge seltsamer
+und anders ganz unerkl&auml;rbarer Gebr&auml;uche beweisen: so auf
+Tahiti der oft beschriebene Gebrauch bei Menschenopfern, dem
+K&ouml;nig das linke Auge (den Sitz der Seele) des Opfers
+darzubieten, der dann den Mund &ouml;ffnete, als ob er es
+verschl&auml;nge und durch diese Ceremonie Verstand und Klugheit
+bekommen sollte. Urspr&uuml;nglich hat er es gewiss gegessen, und
+erst sp&auml;ter, als die Sitten sich milderten, begn&uuml;gte man
+sich, wie in analogen F&auml;llen bei allen V&ouml;lkern der Welt,
+mit einer symbolischen Handlung. Im Samoaarchipel beugt sich, wer
+dem Sieger als besiegt sich unterwirft, vor demselben nieder, indem
+er ihm Feuerholz und die Bl&auml;tter darreicht, in welche man in
+Polynesien die Speisen, die gekocht werden sollen, einschl&auml;gt
+(Turner 194). Und so liesse sich vieles anf&uuml;hren. Es scheint
+aber, als ob, wie die Tahitier, Hawaier u.s.w. die
+Menschenfresserei abgeschafft hatten, ehe die Europ&auml;er kamen,
+noch an manchen anderen Orten Polynesiens dieselbe Sitte in Abnahme
+oder doch in Misskredit gekommen sei, ohne dass der Einfluss der
+Europ&auml;er dies bewirkt h&auml;tte: so l&auml;ugneten auf
+Nukuhiva die wilden Taipis den Kannibalismus ganz und gar, und
+suchten ihn den Weissen zu verbergen, wie Melville mittheilt. Und
+die neuseel&auml;ndischen F&uuml;rsten erz&auml;hlten, er sei
+keineswegs von Alters her bei ihnen Sitte, sondern erst sp&auml;ter
+eingef&uuml;hrt (Thomson 1, 142), eine Behauptung, welche
+entschieden falsch und nur von ihnen erfunden kaum eine Widerlegung
+verdient.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_10_Menschenopfer"></a>
+<h2>&sect; 10. Menschenopfer.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>In Nordamerika sind Menschenopfer nicht sehr zahlreich gewesen.
+In Florida wurden Weiber und Diener ehedem beim Tode des Herrn
+gleichfalls get&ouml;dtet, um ihm im Jenseits zu dienen (Waitz 3,
+199-200), wie man ebendaselbst den Erstgeborenen der Sonne opferte.
+Kinderopfer werden auch sonst &ouml;fters erw&auml;hnt: in
+Virginien, in Neuengland, bei den Sioux und sonst (Waitz 3, 207).
+Auch bei manchen Caribenst&auml;mmen wurden mit den gestorbenen
+H&auml;uptlingen einige seiner Weiber lebendig begraben (ebend. 3,
+387) und vornehmen Leuten folgte ein Sklave nach (3, 334). Allein
+bei allen diesen V&ouml;lkern sind die Menschenopfer von so wenig
+Ausdehnung gewesen, dass wir bei ihnen, da sie f&uuml;r unsere
+Betrachtung gar keine Bedeutung haben, nicht zu verweilen brauchen.
+Um so zahlloser aber waren die Menschenopfer, welche die Religion
+der amerikanischen Kulturv&ouml;lker forderte und deren Ursprung in
+uralte vorhistorische Zeit zur&uuml;ckgeht (Waitz 4, 157). Wo wir
+Menschenopfer finden, werden wir dieselben immer mit gr&ouml;sster
+Wahrscheinlichkeit auf die aller&auml;lteste Zeit
+zur&uuml;ckf&uuml;hren, denn sie wurzeln stets in sehr ernst
+gemeinter Religiosit&auml;t, nie in Grausamkeit. Sp&auml;tere
+Einf&uuml;hrung derselben findet sieh nur in ganz vereinzelten
+F&auml;llen und wird sich aus Nachahmung der Sitten anderer
+V&ouml;lker, besonders heftiger Kriegserbitterung oder irgend etwas
+&auml;hnlichem fast immer erkl&auml;ren lassen. Wohl aber sind die
+Menschenopfer im Laufe der Zeiten bei manchen V&ouml;lkern
+abgekommen: so bei den Indogermanen, den Semiten u.s.w. Die Zahl
+dieser Opfer war nun in Mexiko geradezu ungeheuer, wie folgende
+Zeugnisse, die alle aus Waitz 4, 157 ff. entlehnt sind, beweisen.
+Der Bischof Zumarraga (zur Zeit der Entdeckung) sch&auml;tzt sie
+bei Torquemada auf 20,000 j&auml;hrlich, wenigstens f&uuml;r die
+letzte Zeit des Reichs; in der Hauptstadt und ihrer n&auml;chsten
+Umgebung soll ihre Zahl j&auml;hrlich mehr als 2500 gewesen sein.
+Oviedo behauptet, dass Montezuma jedes Jahr &uuml;ber 5000 geopfert
+h&auml;tte; bei einem Fest in der Stadt Tlaskala fielen 800 Opfer
+j&auml;hrlich; der zweite Monat des Jahres war, weil er so viele
+Menschenopfer forderte, nach der Schlaflosigkeit der Menschen
+benannt. Trat D&uuml;rre, Misswachs u. dergl. ein, so wurden die
+Opfer vermehrt. Die Einweihung des Haupttempels zu Tenochtitlan
+(den 19. Februar 1487 nach Gama) &raquo;soll nach Torquemada (1610)
+62,344, nach Fra Toribio Motolinia und Ixtlilxochitl (von
+m&uuml;tterlicher Seite aus vornehmen mexikanischen
+F&uuml;rstengeschlecht, von v&auml;terlicher Seite Spanier, der mit
+grossem Eifer die Geschichte des Landes seiner m&uuml;tterlichen
+Vorfahren durchforschte und seine grossentheils zuverl&auml;ssigen
+Werke um 1600 schrieb Waitz 4, 7 u. 8) sogar 80,400 Menschen das
+Leben gekostet haben.&laquo; Die Sch&auml;del der Opfer wurden zu
+einer grossen Pyramide im Tempelhof aufgeschichtet, die man im
+mexikanischen Haupttempel auf 136,000 berechnet hat (Waitz 4, 149).
+Und ausserdem kommt noch eine grosse Zahl geopferter Menschen
+dadurch hinzu, dass jedes auch kleinere Fest solche Opfer, nur
+wenigere forderte: durch die stete Wiederholung aber, denn es gab
+viel Feste im Jahr, sammeln sich auch diese zu einer grossen Summe.
+Wenn wir nun auch mit Waitz die kleinsten der genannten Zahlen
+f&uuml;r die wahrscheinlichsten halten; so ist die Zahl, die
+f&uuml;r jedes Jahr herauskommt, noch immer enorm. Waren die eben
+besprochenen nur solche Opfer, die man den G&ouml;ttern brachte, so
+forderte der Tod vornehmer Menschen andere. Starb der Herrscher
+oder irgend ein Vornehmerer sonst, so folgten diesem Weiber und
+Sklaven in den Tod; aber da nun am 4ten, 20sten, 40sten und 80sten
+Tage nach dem Begr&auml;bniss auf dem Grabe derartige
+Abschlachtungen stattfinden mussten, so darf man sich auch die Zahl
+der auf diese Weise umgebrachten Menschen nicht zu gering denken:
+stieg sie doch manchmal bis auf 200 (4, 167).</p>
+
+<p>Die Quiches in Guatemala (4, 264) so wie die Chorotegen in
+Nikaragua (279), toltekische V&ouml;lker, brachten Menschenopfer
+dar wohl ebenso reichlich als die Mexikaner, wie denn ihre Religion
+in fast allen St&uuml;cken der mexikanischen gleich war. In
+Yukatan, wo solche Opfer zwar auch vorkommen, waren sie doch minder
+zahlreich als in jenen Gegenden und in Mexiko (4, 309).</p>
+
+<p>In Darien vergifteten sich des Herrschers Lieblingsweiber und
+Diener bei seinem Tod, oder sie wurden lebendig mit ihm begraben
+(4, 351), wie Weiber und Diener auch bei den Chibchas in Neugranada
+get&ouml;tet (4, 466) und Menschenopfer bei allen diesen
+V&ouml;lkern gar nicht selten den G&ouml;ttern dargebracht wurden.
+Ebenso war es auf den Antillen (4, 327).</p>
+
+<p>In Peru waren Menschenopfer, wozu man gefangene Feinde nahm,
+selten und nur bei ausserordentlichen Veranlassungen
+gebr&auml;uchlich. Weiber und Diener aber folgten auch hier dem
+Inka, deren einem 1000 seiner Angeh&ouml;rigen sich geopfert haben
+sollen, und ebenso den Vornehmen freiwillig in den Tod nach, um ihm
+im Jenseits weiter zu dienen. Namentlich aber Kinder wurden hier
+vielfach get&ouml;tet; wenn ein Vornehmer krank war, wurde eins von
+seinen eigenen Kindern den G&ouml;ttern zum Ersatzopfer, wie man
+annimmt, geschlachtet, welches dann freudig in den Tod zu gehen
+pflegte. Vor dem Auszuge zum Krieg, bei Krankheit des Herrschers
+und bei dessen Inauguration wurden Kinder, meist Knaben von 4-10
+Jahren, seltener M&auml;dchen, nach einzelnen freilich nicht ganz
+glaubw&uuml;rdigen Angaben bis zu 200, ja bis zu 1000, geopfert,
+was auch beim Erntefest, bei verheerenden Epidemien, ja in einigen
+Gegenden mit jedem erstgeborenen Kinde und mit dem einen von
+Zwillingen geschah. Auch wurde den Todten von dem Blute des
+geopferten Kindes ein Strich von einem Ohr zum anderen gezogen
+(Waitz 4, 460-61). Auch hier m&uuml;ssen wir auf das
+zur&uuml;ckkommen, was wir oben gesagt haben: die Kinderopfer
+dienen nur dazu, einen bei den G&ouml;ttern, denen Kinder am
+liebsten waren, besonders g&uuml;ltigen Vermittler zu haben;
+deshalb, und nicht zum Ersatz, wurden die eigenen Kinder als Opfer
+bei Krankheiten preisgegeben und unsere Auffassung wird
+unterst&uuml;tzt dadurch, dass die Kinder gew&ouml;hnlich freudig
+in den Tod gingen: sie wussten, dass sie einem guten Loos
+entgegengingen; daher auch der Strich mit Kinderblut &uuml;ber die
+Todten, welche auf diese Weise gleich das Zeichen des Vermittlers
+an sich trugen.</p>
+
+<p>Die Kinderopfer in Mexiko hatten meist dieselbe Veranlassung und
+denselben Zweck: so wurden zwei Kinder vornehmer Abkunft, wenn die
+Saat aufging, ertr&auml;nkt, vier, wenn sie gr&ouml;sser war, dem
+Hungertode preisgegeben (4, 159). In Nikaragua wurde ein Knabe,
+wenn Regen n&ouml;thig war, den G&ouml;ttern dargebracht (4, 379).
+Aehnliche Opfer brachten die Chibchas in Neugranada vor der
+Schlacht (364).</p>
+
+<p>Nirgends aber sind auch die Menschenopfer massenhafter, als auf
+Fidschi, wie wir daselbst auch den Kannibalismus schrecklicher
+ausgebildet fanden, als sonst irgendwo. Zur Feier der Mannbarkeit
+eines H&auml;uptlingssohnes, so erz&auml;hlt Seemann (Zeitschr. 9,
+476), sollte eine rebellische Stadt ganz vernichtet, die Einwohner
+erschlagen, auf einen Haufen zusammengetragen, auf diese Sklaven
+gelegt und auf diese wieder der Einzuweihende gesetzt werden. Alle
+Schiffbr&uuml;chigen, das verlangt ihr Glaube, m&uuml;ssen
+get&ouml;dtet werden; wer es unterliesse, w&uuml;rde sonst selbst
+im Schiffbruch umkommen (Erskine 249-50). Alte Eltern werden von
+ihren Kindern, kranke Kinder von ihren Eltern lebendig begraben
+(ebend.) und zwar ist es der eigene Wille der Opfer, dass ihnen so
+geschieht (477), denn man glaubt, man k&auml;me nach und durch
+solchen Tod sofort in ein anderes und viel besseres Leben; daher
+sich diese scheussliche Sitte mit wirklicher
+Familienanh&auml;nglichkeit vertr&auml;gt. Aber es ist ebendaher
+auch begreiflich, dass nur wenige Menschen eines nat&uuml;rlichen
+Todes sterben (Will. u. Calvert 1, 188). Menschenopfer am Grabe,
+namentlich von H&auml;uptlingen, sind ebenso gew&ouml;hnlich als
+umfangreich; die Weiber werden entweder alle oder doch die
+Lieblingsweiber und eine Menge Sklaven ermordet. Die Mutter, deren
+geliebter Sohn stirbt, folgt ihm bisweilen ins Grab, der Freund dem
+Freund (Will. u. Calvert 1, 134). Auch hierzu dr&auml;ngen sich,
+wegen der Belohnungen im Jenseits, die Opfer; die Weiber erdrosseln
+sich selbst, wenn ihnen Niemand diesen Dienst thut (Erskine 293.
+Mariner 1, 347). Und wie fest man an den Menschenopfern hielt, geht
+aus folgender Notiz bei Erskine 440 hervor: ein Fidschiinsulaner
+hatte, von irgend welchem Mitleiden ergriffen, einen Gefangenen
+nicht dem Gotte geopfert; da erschien ihm letzterer im Traum und
+qu&auml;lte ihn &uuml;ber diese Unterlassung dermassen mit
+Gewissensbissen, dass der Mensch fast in Raserei fiel. Doch
+dieselbe Partei, welche, wie wir schon erw&auml;hnt haben (S. 70),
+sich gegen den Kannibalismus wendete und ihn abzuschaffen sucht,
+ist auch diesen Menschenopfern feindlich (Erskine 280) und so
+werden auch sie, da der Einfluss der Europ&auml;er hinzukommt,
+hoffentlich nicht mehr allzulange dauern. &mdash; Aehnliche
+Gebr&auml;uche fanden sich auch sonst in Melanesien, wenn auch
+nirgends so &uuml;bertrieben wie hier: namentlich ist es das
+Lebendigbegrabenwerden der Eltern, der Kranken, die Ermordung der
+Mutter oder einer Verwandtin, wenn ein kleines Kind stirbt, was uns
+berichtet wird.</p>
+
+<p>Was nun Polynesien betrifft, so ist es gewiss Uebertreibung,
+wenn Michelis (91. ohne Quellenangabe) erz&auml;hlt, der K&ouml;nig
+von Futuna (n&ouml;rdlich von Samoa), dessen Insel 2000 Einwohner
+hat, habe w&auml;hrend seiner Regierung an 1000 Menschen den
+G&ouml;ttern geopfert. Denn wir finden sonst in Polynesien die
+Menschenopfer nicht allzuzahlreich. Freilich ist es ein Irrthum,
+wenn Ellis 1, 106 behauptet, sie seien in Tahiti erst sp&auml;ter
+eingef&uuml;hrt, da sie mit der ganzen polynesischen Religion viel
+zu eng verwachsen sind; wohl aber sind sie in sp&auml;terer Zeit,
+noch vor der Entdeckung, von den Eingeborenen selbst sehr
+beschr&auml;nkt. Bei Beginn eines Krieges erhielt der Kriegsgott
+ein Menschenopfer (Ellis 1, 276), dem so wie anderen G&ouml;ttern
+&ouml;fters Menschen dargebracht wurden (1, 357). In Kriegszeiten,
+bei grossen Nationalfesten, bei Krankheiten und dem Tod der
+F&uuml;rsten (Bratring 182-83. 196) opferte man Menschen, sowie man
+die K&ouml;pfe der Besiegten (was auch melanesischer Brauch war) in
+den Tempelpl&auml;tzen als Weihgeschenk aufstellte (M&ouml;renhout
+2, 47). H&auml;ufiger waren diese Opfer in Hawaii, wo (Jarves 47)
+h&auml;ufig an 80 Menschen auf einmal geschlachtet sein sollen. Man
+nahm, hier und in Tahiti, dazu Gefangene oder Verbrecher oder
+Leute, die irgend ein Tabu gebrochen hatten, oder, wenn deren keine
+vorhanden waren, Leute aus dem Volk (Jarves 18. Ellis a.a.O.).
+Aehnlicher Gebrauch herrschte auch auf den Herveyinseln (Williams
+215). Wenn nun auch in Hawaii, nach den Angaben der F&uuml;rsten,
+diese Opfer erst sp&auml;ter eingef&uuml;hrt sein sollten (Jarves
+47); so ist dies nur ein Zeichen, dass man auch hier schon dies
+Schreckliche der Sitte eingesehen hatte und sie im Abnehmen war.
+Menschenopfer fanden selbstverst&auml;ndlich auch hier an den
+Gr&auml;bern der Vornehmen statt, zun&auml;chst beim Ausstellen der
+Leiche und dann noch zahlreicher beim Begr&auml;bniss selbst (Remy
+115). Ebenso war es fr&uuml;her in Neuseeland Sitte &mdash; jetzt
+ist sie abgekommen &mdash; dass sich die Weiber am Grabe ihrer
+M&auml;nner erdrosselten, die Sklaven get&ouml;dtet wurden (Taylor
+97). In Tonga wurden bei den Gr&auml;bern der Vornehmen ab und zu
+Weiber geopfert (authent. narrat. v. Tonga 78; Mariner 1, 295), was
+auf fr&uuml;here Allgemeinheit dieser Sitte, gegen welche die
+tonganischen F&uuml;rsten selbst eiferten, schliessen
+l&auml;sst.</p>
+
+<p>Von besonderem Interesse ist der Kindermord, wie er sich auf
+Tonga zeigt. So wurden (Mariner 1, 229) Kinder den G&ouml;ttern
+geopfert, um den Frevel eines F&uuml;rsten gegen ein Heiligthum
+wieder gut zu machen: ein Opfer, welches gar keinen Sinn
+h&auml;tte, wenn man nicht eben in den Kindern den G&ouml;ttern
+besonders angenehme Vermittler gesehen h&auml;tte. Um des
+K&ouml;nigs Leben zu erhalten, wurde eines von seinen mit einem
+Nebenweib erzeugten Kindern get&ouml;dtet (1, 379): wenn aber der
+Tui-tonga, der h&ouml;chste religi&ouml;se und fr&uuml;her wohl
+auch weltliche Herr von Tonga krank ist, da gen&uuml;gt ein Kind
+nicht und man t&ouml;dtet drei bis vier (1, 454).</p>
+
+<p>Ehe wir diesen Gegenstand verlassen, ist noch von einer Art
+Opfer zu sprechen, die, wie es scheint, &uuml;ber die ganze Welt
+verbreitet ist: &uuml;ber die Menschenopfer zur Einweihung, zur
+Sicherung von Geb&auml;uden u. dergl.<a name="FNanchor_N_14"></a><a
+href="#Footnote_N_14"><sup>[N]</sup></a> Auch diese Sitte ist am
+&uuml;bertriebensten auf den Fidschiinseln. Dort m&uuml;ssen
+neugebaute K&auml;hne, damit sie vor Sturm und Unheil sicher sind,
+&uuml;ber lebende Sklaven in die See gerollt werden; jeden Pfosten
+eines neu gebaut werdenden Hauses muss, damit der Pfosten sicher
+steht, ein lebender Sklave umfassen &mdash; und zu diesem lebendig
+Zerquetscht-, zu diesem lebendig Begrabenwerden dr&auml;ngen sich
+die Opfer, denen es im Jenseits m&auml;chtig vergolten wird
+(Erskine 249-50). Die Sitte war nicht bloss melanesisch, sondern
+auch &uuml;ber ganz Polynesien verbreitet: in Neuseeland ruhte der
+Mittelpfeiler des Hauses fr&uuml;her auf Menschenleichen (Taylor
+387 ff.) und von Tahiti erz&auml;hlt dasselbe M&ouml;renhout 2,
+22-23; doch scheint auch hier der Gebrauch in sp&auml;terer Zeit
+abgekommen zu sein; denn wenn er und Ellis (1, 346) diesen Gebrauch
+nur f&uuml;r Tempel angeben, so ist er wohl erst sp&auml;ter nur
+auf diese beschr&auml;nkt worden. Derselbe Gebrauch findet sich
+auch in S&uuml;damerika: der Palast des Bogota, des Herrschers der
+Chibcha stand auf M&auml;dchenleichen und sein Grund so wie seine
+Th&uuml;rpfosten waren mit Menschenblut getr&auml;nkt (Waitz 4,
+360).</p>
+
+<p>Nachdem wir so diese Uebersicht &uuml;ber die Art, wie die
+Naturv&ouml;lker das Menschenleben sch&auml;tzen, vollendet haben,
+ergibt sich als Resultat, dass ihre Kriege f&uuml;r sie h&ouml;chst
+gef&auml;hrlich sind, ja einzelnen geradezu die Existenz
+gef&auml;hrden, so dass wir sie in erster Linie auff&uuml;hren
+m&uuml;ssen, wenn wir die Ursachen f&uuml;r das Aussterben der
+Naturv&ouml;lker aufsuchen; dass aber Kannibalismus und
+Menschenopfer, obwohl in einzelnen L&auml;ndern furchtbar
+ausgedehnt, nur von sekund&auml;rer Wichtigkeit sind und nur wenn
+sie mit anderen Gr&uuml;nden vereint auftreten, zur sichtlichen
+Verminderung eines Volkes beigetragen haben.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_11_Verfassung_und_Recht"></a>
+<h2>&sect; 11. Verfassung und Recht.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Auch die Staats-und Rechtsverfassung der Naturv&ouml;lker wird
+nach einigen Seiten uns hier, freilich nur kurz, besch&auml;ftigen
+m&uuml;ssen. Die Kulturstaaten Amerikas so wie die polynesischen
+Inseln sind es, die wir nach dieser Richtung hin betrachten
+m&uuml;ssen; denn bei den &uuml;brigen Naturv&ouml;lkern ist theils
+das Rechts- und Staatsleben zu wenig entwickelt, als dass es irgend
+welchen Einfluss gehabt h&auml;tte, theils so entwickelt, dass
+dieser Einfluss kein ung&uuml;nstiger war. Wie das Recht in seiner
+&auml;ltesten Entwickelung immer seine Gesetze &raquo;mit
+Blut&laquo; schreibt; so war es auch in Mexiko der Fall: fast alle
+Verbrechen, selbst geringe Diebst&auml;hle, Trunk, Verleumdung u.
+dergl. wurden mit dem Tod bestraft, und bisweilen die ganze Familie
+in die Sklaverei verkauft (Waitz 4, 84-85). Denn der Grundsatz,
+dass die Sippe haften muss f&uuml;r das einzelne verbrecherische
+Mitglied gilt auch hier. In Peru (4, 414-15) war die Strenge der
+Gesetze nicht minder gross und die Haftbarkeit der Familie f&uuml;r
+den Schuldigen, mit dem sie in vielen F&auml;llen den Tod zugleich
+erlitt, noch gr&ouml;sser. Diese strenge Justiz und namentlich die
+Haftbarkeit der Familie f&uuml;r den Einzelnen hat in der
+S&uuml;dsee ferner, wo sie gleichfalls herrscht, um so
+gr&ouml;sseren Schaden angerichtet, als, wie wir gleich sehen
+werden, dort die Gewalt der Herrschenden noch absoluter war als in
+Amerika. So wurde in Tonga der ganze Stamm eines Aufr&uuml;hrers
+vernichtet (Mariner 1, 271) und die fortw&auml;hrenden Rachekriege
+dieser V&ouml;lker und St&auml;mme untereinander beruhen theilweise
+auf dieser blutigen Rechtsauffassung (z.B. f&uuml;r Neuseeland
+Dieffenbach 1, 93, Haftbarkeit des Stammes f&uuml;r den Einzelnen
+Thomson 1, 98). Auch in Neuholland sind ziemlich strenge
+Rechtsstrafen (Grey 2, 236-37), entweder Tod oder Durchstossen
+einzelner K&ouml;rpertheile mit dem Speer (wobei oft der Tod
+erfolgt) oder Speerung, d.h. der Schuldige muss sich den
+Speerw&uuml;rfen einer gr&ouml;sseren oder geringeren Menge von
+Volksgenossen aussetzen, denen er freilich durch seine
+Geschicklichkeit (Waffen darf er nicht haben), wenn sie ausreicht,
+ausweichen darf (Grey 2, 244-45). Die Haftbarkeit der Familie, des
+Stammes f&uuml;r den Einzelnen ist hier wo m&ouml;glich noch
+fester, als irgendwo sonst (Grey 2, 239-40; 235-36).</p>
+
+<p>In Mexiko war die Verfassung streng monarchisch, wobei der Adel,
+der fr&uuml;her wahrscheinlich die h&ouml;chste Staatsgewalt selbst
+in H&auml;nden gehabt hatte (Waitz 4, 71), wie in anderen
+monarchischen Staaten auch, grosse Vorrechte &uuml;ber das Volk
+hatte. Der Herrscher, weil er Stellvertreter Gottes auf Erden war,
+hatte unumschr&auml;nkte Gewalt (Waitz 4, 68); und mochte dadurch
+auch mancherlei Ungerechtigkeit und Gewaltth&auml;tigkeit
+geschehen, mochten einzelne F&uuml;rsten ihre Macht missbrauchen,
+wie denn namentlich der letzte von ihnen, Montezuma II., seinen
+gewaltth&auml;tigen und hoff&auml;rtigen Charakter in noch
+sch&auml;rferer Entwickelung des Absolutismus und der
+Sonderstellung des Adels zeigte; das wurde doch vom Volk ertragen,
+ohne dass dadurch das Volk noch auch durch den Unwillen des Volkes
+die Herrscher gef&auml;hrdet waren. Schlimmer war, dass die
+Herrscher durch ihren Absolutismus den eigenen Willen des Volkes zu
+sehr gel&auml;hmt hatten. &raquo;Die strenge und allgemeine
+F&uuml;gsamkeit in den Willen des Herrschers hat sich von Seiten
+des Volkes bei mehreren Gelegenheiten in unzweideutiger Weise
+gezeigt: auf einen Wink von Montezuma blieb Alles ruhig, sogar als
+er selbst von Cortez gefangen gesetzt wurde und mit der Eroberung
+der Hauptstadt h&ouml;rte jeder Widerstand auf, nicht bloss weil
+die Grossen des Reichs dort alle vereinigt waren, sondern auch weil
+mit dem Falle des Herrschers f&uuml;r die bis zum Aeussersten
+standhaft gebliebenen Mexikaner die Pflicht der Selbstverteidigung
+wegfiel. Revolutionen des Volks waren &mdash; abgesehen von neu
+eroberten L&auml;ndern &mdash; fast unbekannt&laquo; (Waitz 4, 68).
+Am gef&auml;hrlichsten aber war die Eroberungspolitik des
+mexikanischen Staates. Um alle L&auml;nder sich und ihrem Gotte
+Huitzilopochtli zu unterwerfen, was das stete Streben der Mexikaner
+war (4, 117), hatten sie ihre Herrschaft vom atlantischen bis zum
+stillen Ozean ausgedehnt, ohne aber wirklich Widerstand leistende
+L&auml;nder ernstlich zu bezwingen und sich zu assimiliren. Und
+Montezuma II. noch machte es ebenso. W&auml;hrend in seinen
+L&auml;ndern Emp&ouml;rungen der unterworfenen L&auml;ndertheile
+ausbrachen, schickte er, anstatt das Gewonnene dauernd zu fesseln,
+seine Heere in immer fernere Gegenden, um immer mehr zu gewinnen
+(Waitz 4, 46), und &raquo;daher, sagt Waitz 4, 47, ist es wohl
+begreiflich, dass das grosse rasch gewachsene Reich des Montezuma
+durch ein paar kr&auml;ftige und geschickt gef&uuml;hrte
+St&ouml;sse zertr&uuml;mmert werden konnte.&laquo; Eine Menge
+einheimische Feinde, ganze L&auml;ndertheile erhoben sich und
+stellten sich auf Seiten der Spanier &mdash; und so ist Mexiko, das
+so bev&ouml;lkerte, reiche und bl&uuml;hende Land zum nicht
+geringsten Theil durch seine eigene Politik zu Grunde gegangen. Da
+diese Schilderung im Grossen und Ganzen auch auf Peru passt, wo der
+K&ouml;nig als Stellvertreter Gottes auf Erden nur eine noch
+absolutere und dr&uuml;ckendere Macht besass, wo gleichfalls
+Eroberungskriege das Land ausgedehnt und dadurch minder fest
+gemacht hatten, weil es nun in seinem Innern feindliche Elemente
+barg (Waitz 4, 399-413), da wir hier so ziemlich dasselbe finden,
+so brauchen wir die Verh&auml;ltnisse des Inkareiches nicht genauer
+zu betrachten und gehen gleich zu Polynesien &uuml;ber.</p>
+
+<p>Hier hat der Absolutismus und die Sonderstellung des Adels, die
+in der g&ouml;ttlichen Abstammung des Adels und der K&ouml;nige
+wurzelt, die denkbar h&ouml;chste, man k&ouml;nnte sagen eine
+logisch vollkommene Entwickelung gefunden. Ueberall, in Neuseeland,
+in Tahiti, in Hawaii, dem Markesasarchipel, auf Tonga, bei der
+alten Bev&ouml;lkerung der Marianen (w&auml;hrend sonst Mikronesien
+in der Praxis wenigstens die Gegens&auml;tze minder scharf fasst)
+gilt das Volk als unbeseelt, daher sein Leben als vollkommen
+werthlos. Man t&ouml;dtete es nach Gel&uuml;sten oder Laune
+(Mariner 1, 60. 91), man bedr&uuml;ckte es, da es weiter keine
+Geltung hat, als eben nur f&uuml;r die Vornehmen da zu sein, keinen
+Werth weiter als was es den Vornehmen werth ist &mdash; und
+nirgends war dieser Druck schlimmer als auf Hawaii &mdash; man hat
+ihm aus demselben Grund alle harte Arbeit, z.B. den Landbau,
+aufgeladen; dabei ist ihm das meiste der besseren Nahrungsmittel
+verboten; zu den Festen der Vornehmen muss es, was es besitzt an
+Lebensmitteln, beisteuern, zu den Menschenopfern nimmt man die
+Individuen aus ihm, kurz, es liegt ein Druck auf ihm, so
+unglaublich, dass man gar nicht begreift, wie unter demselben
+&uuml;berhaupt sich eine und noch dazu zahlreiche Bev&ouml;lkerung
+erhalten konnte. Oft fand es nicht Zeit zur Bestellung des eigenen
+Landes, daher denn Hungersnoth, Kindermord und namentlich eine
+grosse Menge von Auswanderungen eintraten, die vor allem Tahiti
+entv&ouml;lkerten, aber auch von anderen Inseln erz&auml;hlt
+werden. So gab es auf Tahiti im wilden, gebirgigen und kaum
+bewohnbaren Inneren der Insel eine zerstreute Bev&ouml;lkerung
+&raquo;wilder M&auml;nner&laquo;, die, ausserordentlich scheu und
+&auml;ngstlich, ganz einsam in den Kl&uuml;ften leben, gewiss nur
+entsprungene Fl&uuml;chtlinge aus dem Volke, oder deren
+Abk&ouml;mmlinge, welche nicht zur&uuml;ckzukehren wagten (Ellis 1,
+305). Von Hawaii sagt Jarves (368 ff.): &raquo;Der Ackerbau ward
+vernachl&auml;ssigt, und Hungersnoth herrschte. Ganze Schaaren
+gingen unter ihrer Last zu Grunde; andere verliessen ihre Heimath
+und flohen gleich wilden Thieren in die Tiefe der W&auml;lder, wo
+sie aufs elendeste aus Mangel umkamen, oder eine kl&auml;gliche
+Existenz durch Fr&uuml;chte und Wurzeln fristeten. Blind f&uuml;r
+diese Folgen setzten die F&uuml;rsten ihre Politik (zu der sie von
+geldgierigen Fremden vielfach verleitet wurden) fort.&laquo;
+Kindermord war die Folge namentlich einer unerschwinglichen
+Kopfsteuer und nicht nur physisch, auch moralisch verkam das Volk.
+Und auf dies moralische Verkommen ist sehr zu achten; denn nichts
+bef&ouml;rdert den Untergang einer Bev&ouml;lkerung mehr als dies.
+Wo die Moralit&auml;t (nat&uuml;rlich hier nur nach den Begriffen
+der betreffenden V&ouml;lker) fehlt, fehlt auch die Selbstachtung;
+wo die Selbstachtung, die Freude am Leben, welche diesen Menschen
+auch schon aus &auml;usseren Gr&uuml;nden unm&ouml;glich war; und
+wo die Freude am Leben fehlt, da verkommt und versiegt das Leben
+selbst. Mit Recht stellt daher Jarves (a.a.O.) diesen Druck, unter
+dem das Volk erlag, f&uuml;r eine Hauptursache seines massenhaften
+Schwindens hin: und wie es in Hawaii war, so war es, mit wenig
+Ab&auml;nderungen, so ziemlich &uuml;berall in Polynesien.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_12_Natureinflusse"></a>
+<h2>&sect; 12. Natureinfl&uuml;sse.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Sahen wir so, was die Naturv&ouml;lker durch eigene Lebensart
+oder Schuld zu ihrem Hinschwinden beitragen: so m&uuml;ssen wir,
+ehe wir weiter gehen, einen Blick auf die Naturumgebungen dieser
+V&ouml;lker werfen und deren g&uuml;nstigen oder sch&auml;dlichen
+Einfluss abw&auml;gen. So viel leuchtet schon dem ersten Blick ein:
+durch Natureinfl&uuml;sse allein stirbt kein Volk aus und die
+menschliche Natur gew&ouml;hnt sich fast an alles. Man kann sich,
+nach Darwins Schilderung, kaum eine f&uuml;r menschliche
+Entwickelung ung&uuml;nstigere Natur denken, sowohl in Hinsicht auf
+Klima, als auf Lebensmittel u.s.w., als die S&uuml;dspitze von
+Amerika und dennoch sagt derselbe Schriftsteller, dass ein
+Aussterben der elenden St&auml;mme der Feuerl&auml;nder nicht zu
+bemerken sei. Ebenso wenig der Eskimos. Der Mensch akklimatisirt
+sich, freilich nur sehr allm&auml;hlich in langsamen Vorr&uuml;cken
+und durch Jahrhunderte oder besser Jahrtausende lange Vererbung und
+dadurch Verst&auml;rkung der f&uuml;r die einzelne Gegend speziell
+bef&auml;higenden Eigenschaften an jede Gegend, an jedes Klima, und
+nichts beweist gerade mehr die Dauerhaftigkeit unserer Natur als
+diese F&auml;higkeit der Gew&ouml;hnung. Aber freilich werden weder
+Feuerl&auml;nder noch Eskimos sich je zu grossen m&auml;chtigen
+Nationen entwickeln: und zwar in Folge ihrer Naturumgebung, welche
+der freien Entfaltung der Menschheit denn doch
+un&uuml;bersteigliche Hindernisse in den Weg stellt. So ist denn
+eben die Naturumgebung der Grund, dass wir die roheren
+Naturv&ouml;lker nie sehr zahlreich sehen; die Natur erheischt ein
+Leben, welches dem Gedeihen der Menschheit nicht zutr&auml;glich
+ist. Die geringe Zahl der Neuholl&auml;nder ist zweifelsohne
+bedingt durch die erstaunlich unfruchtbare Natur ihres Landes, denn
+wenn auch Grey (1, 239) Recht hat gegen Sturt und viele Andere,
+dass der Nahrungsmangel in Neuholland nicht so gross ist, als er
+gew&ouml;hnlich gemacht wird, und allerdings gibt er f&uuml;r den
+S&uuml;dwestdistrikt des Welttheils, f&uuml;r eine Ausdehnung von
+2-300 Meilen (2, 299) eine reiche Menge Nahrungsmittel an (2,
+263-64); so sind dieselben doch immer erst weit zerstreut,
+m&uuml;ssen gesucht werden und sind oft, im einzelnen betrachtet,
+elend genug. Sie zu vermehren, anzubauen haben die Eingeborenen
+nicht Kultur genug, auch finden sich kaum unter den Pflanzen und
+Thieren Neuhollands solche, die zu eigentlichen Kulturpflanzen oder
+Hausthieren brauchbar w&auml;ren; zu sammeln aber sind die
+Neuholl&auml;nder, wie wir schon bei der Betrachtung ihres
+Charakters sahen, zu indolent, zu tr&auml;ge. Wir m&uuml;ssen hier
+die ausserordentlich hemmenden Schranken der Natur anerkennen, die
+jedoch nur dann erst wirklich f&uuml;r den Bestand eines Volkes
+gef&auml;hrlich werden, wenn noch andere Bedr&auml;ngnisse
+hinzukommen. Ueber viele Distrikte Amerikas muss man, mehr oder
+minder, dasselbe sagen, in mancher Beziehung auch von
+S&uuml;dafrika. Und fast noch ung&uuml;nstiger gestellt ist
+Polynesien schon in seinen hohen Inseln, die meist im Innern so
+steil und unwegsam sind, dass sie, wie Tahiti und Nukuhiva, nicht
+bewohnt werden k&ouml;nnen, oder grosse unfruchtbare Strecken
+hinter ihren meist &uuml;ppigen Uferstrecken bergen, wie die
+Fidschis und viele der Hawaiiinseln, und die, wenn sie auch durch
+und durch bewohnbar w&auml;ren, doch schon durch ihre
+verschwindende Kleinheit in dem ungeheuren und gef&auml;hrlichen
+Ozeane ihren Bewohnern ein Hinderniss sind. Hier ist die
+Schifffahrt nicht so leicht, wie im Mittelmeer und eine
+K&uuml;stenschifffahrt ganz unm&ouml;glich. Grosse Thiere gibt es
+gar nicht ausser dem zum Hausthier im wahren Sinne ungeeigneten
+Schwein und einigen Hunden, welche aber ihre Hundenatur fast
+abgelegt haben und Mastvieh geworden sind. Nutzpflanzen gibt es
+genug, aber so reichlich, dass weder geistige noch leibliche
+Anstrengung, ja kaum Th&auml;tigkeit n&ouml;thig ist, um
+hinl&auml;nglichen Vorrath zu bekommen, oder so wenig, wie auf
+Neuseeland (nat&uuml;rlich zur Zeit der Entdeckung), dass trotz
+aller Anstrengung die Nahrungsmittel sich nicht sehr heben konnten.
+Und nun gar die kleineren Inseln, die fast immer unfruchtbaren
+Korallenringe, welche meist, wie im &ouml;stlichen Polynesien und
+in Paumotu, nur den Pandanus mit seinen k&uuml;mmerlich
+n&auml;hrenden Fr&uuml;chten und, aber noch nicht einmal
+&uuml;berall, z.B. in der n&ouml;rdlichen Ratakkette nicht, die
+Kokospalme hervorbringen, den Brotbaum und die anderen
+Nahrungspflanzen der S&uuml;dsee, welche feuchten Boden verlangen,
+wie Tacca und Arum, nur seltener oder nur erst nach sehr
+m&uuml;hevoller Bearbeitung des harten Korallengrundes gedeihen
+lassen, Thiere aber, ausser zahlreichen Ratten, gar nicht besitzen.
+Dazu kommt, dass gr&auml;ssliche Orkane, denen nichts zu
+widerstehen vermag, auf Tahiti, den Paumotu- und Herveyinseln, auf
+Tonga, den Karolinen, den Marianen, kurz so ziemlich &uuml;berall,
+die Vegetation gar nicht selten so vollst&auml;ndig vernichten,
+dass &auml;usserste Hungersnoth eintritt. Auf den Inseln
+s&uuml;dlich vom Aequator sollen St&uuml;rme der Art nach
+M&ouml;renhout (2, 365) nicht &ouml;fter als alle 8-10 Jahre
+vorkommen, also gerade oft genug, um eine reiche Entwickelung der
+Bev&ouml;lkerung unm&ouml;glich zu machen. Denn ihre Gewalt ist so,
+dass an irgend welchen Schutz oder Widerstand gar nicht zu denken
+ist. Daher ist es denn begreiflich, dass man den Kindermord, wie
+Chamisso mit solchem Entsetzen von den Ratakinsulanern
+erz&auml;hlt, dort und auch sonst noch (z.B. auf Tikopia) geradezu
+gesetzlich regulirte, um die Inseln vor Ueberv&ouml;lkerung zu
+beh&uuml;ten; begreiflich ferner, wie Hochstetter auf den Gedanken
+kam, dass der Kannibalismus auf Neuseeland durch den Hunger
+eingef&uuml;hrt sei. Ist nun zwar letztere Ansicht gewiss nicht
+richtig, wie sich leicht aus dem was wir &uuml;ber den
+Kannibalismus schon gesagt haben, ergibt; so ist es doch sicher,
+dass in einzelnen Gegenden Polynesiens, z.B. in Nukuhiva, bisweilen
+der Hunger zum Auffressen naher Verwandten trieb. Auch in Amerika,
+namentlich im Norden, gibt es V&ouml;lker, die durch die
+&auml;ussere Noth gezwungen, zum Kannibalismus gebracht sind (Waitz
+3, 508; 4, 251).</p>
+
+<p>Dass auch die Aleuteninseln durch ihre Naturbeschaffenheit keine
+reiche Entwickelung ihrer Bev&ouml;lkerung zulassen, ist klar; und
+dasselbe gilt von Kamtschatka, &uuml;ber dessen Natur von neuern
+Schriftstellern v. Kittlitz trefflich gehandelt hat.</p>
+
+<p>Alle die besprochenen L&auml;nder machen eine grosse
+geschichtliche Entwicklung von vornherein so gut wie
+unm&ouml;glich. Einf&ouml;rmigkeit ist das Zeichen der meisten; und
+historische Schicksale, das wirksamste Mittel, die Menschheit zu
+heben, konnten ihre Bewohner so gut wie gar nicht treffen. Dadurch
+aber konnten sie sich nicht &uuml;ber die Natur, wie z.B. die
+Indogermanen, die Semiten gethan, erheben, so dass diese von ihnen
+beherrscht w&auml;re. Und nehmen wir auf der anderen Seite
+V&ouml;lker mit den Sitten, wie wir sie bisher geschildert, in
+ung&uuml;nstiger Natur, so leuchtet wohl ein, wie gerade ihnen
+gegen&uuml;ber sch&auml;dliche Natureinfl&uuml;sse von doppelter
+Gefahr sein mussten.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name=
+"_13_Aeussere_Einflusse_der_hoheren_Kultur_auf_die_Naturvolker"></a>
+<h2>&sect; 13. Aeussere Einfl&uuml;sse der h&ouml;heren Kultur auf
+die Naturv&ouml;lker.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Wir k&ouml;nnen nun erst, nachdem wir betrachtet haben, was in
+der Natur und Lebensweise dieser V&ouml;lker selbst einen
+fr&uuml;hen Untergang Begr&uuml;ndendes liegt, die Einfl&uuml;sse
+genauer erw&auml;gen, welche ihre Ber&uuml;hrung mit anderen meist
+h&ouml;her kultivirten V&ouml;lkern und namentlich mit den
+Kulturv&ouml;lkern Europas und Amerikas hervorgebracht hat.</p>
+
+<p>Es sind hier zun&auml;chst Einfl&uuml;sse zu erw&auml;hnen,
+welche obwohl durchaus nicht feindselig, ja h&auml;ufig nur gut
+gemeint dennoch physisch wie psychisch die gewaltsamsten Wirkungen
+haben mussten und hatten und haben.</p>
+
+<p>Zun&auml;chst ist es die Um&auml;nderung des &auml;usseren
+Lebens der Naturv&ouml;lker, welche uns, wie sie durch jene
+Ber&uuml;hrung unvermeidlich war, besch&auml;ftigen muss. &mdash;
+Die ganze Lebensart dieser V&ouml;lker war durch lange fast
+instinktive Auswahl, dem Klima, den Bodenverh&auml;ltnissen, ihrer
+ganzen &auml;usseren Natur so entsprechend oder wenigstens die
+Natur dieser V&ouml;lker hatte sich durch lange Gew&ouml;hnung so
+mit dieser Lebensart assimilirt, dass jede auffallende Aenderung,
+namentlich wenn sie pl&ouml;tzlich kam, wenn sie sich &uuml;ber
+mehreres erstreckte, oder gar wenn sie bloss halb, bloss zeitweilig
+durchgef&uuml;hrt wurde, die gr&ouml;ssten Revolutionen in ihrem
+gesammten Wesen hervorbringen musste. Auch hier ist wieder auf die
+unendliche Macht einer sich stets verst&auml;rkenden Vererbung
+hinzuweisen, wie sie durch Jahrhunderte, Jahrtausende lange
+Gew&ouml;hnung, durch &uuml;beraus allm&auml;hliche Angleichung die
+Menschennatur so fest auch an ung&uuml;nstige Einfl&uuml;sse
+gew&ouml;hnen kann, dass eine Abwendung von ihnen f&uuml;r den
+Augenblick nur sch&auml;dlich zu wirken scheint.</p>
+
+<p>So finden wir das k&ouml;rperliche Leben der Naturv&ouml;lker im
+engsten Einklang mit den Naturumgebungen und ihren Einfl&uuml;ssen.
+Vor der Bekanntschaft mit den Europ&auml;ern oder Amerikanern (die
+immer, was gestattet sein m&ouml;ge, mitgemeint sind, wenn im
+Folgenden einfach nur von den Europ&auml;ern und ihrem Einfluss die
+Rede ist) waren daher die Naturv&ouml;lker durchaus gesund, obwohl
+einzelne Seuchen ab und zu schon damals bei ihnen vorkamen: nie
+aber kannten sie die chronische Kr&auml;nklichkeit kultivirter
+Nationen.</p>
+
+<p>So war es mit der Kleidung. Die Neuseel&auml;nder trugen Kleider
+von Mattenzeug, welches aus den Bl&auml;ttern der
+neuseel&auml;ndischen Flachslilie (Phormium tenax) geflochten war
+&mdash; auf welchen Matten man auch schlief &mdash; und seltener
+und nur die F&uuml;rsten einen Mantel aus zusammengen&auml;hten
+Hundefellen (Dieffenbach 2, 153). Statt dieser k&uuml;hlen, die
+Haut nur sch&uuml;tzenden, kaum erregenden Kleidung, welche auch
+(f&uuml;r Neuseeland sehr wichtig, wo es sehr oft, meist nur
+vor&uuml;bergehend, regnet) die N&auml;sse nicht lange hielt,
+tragen sie jetzt wollene Decken, die, abgesehen davon, dass sie dem
+Ungeziefer eine willkommene Zuflucht sind, die Haut reizen, die
+Feuchtigkeit sehr lange halten und einen viel st&auml;rkeren
+Wechsel in der Temperatur des K&ouml;rpers hervorbringen. Denn wie
+die Maoris fr&uuml;her ihre Phormiummatten bei irgend welcher
+Arbeit oder sonstigen Gelegenheit leicht ablegten, gerade so machen
+sie es, ganz ohne R&uuml;cksicht, ob sie warm sind, ob nicht, auch
+mit den Wollendecken jetzt (Dieffenbach 2, 18). Ganz &auml;hnlich
+schildert das Jarves 370 von Hawaii. F&uuml;rsten und Volk, sehr
+begierig auf jeden ausl&auml;ndischen Stoff, gleich viel ob es
+Matrosentuch oder das d&uuml;nnste chinesische Gewebe war, trugen
+alles ganz ohne Unterschied, und so kamen sie bald nach ihrer alten
+Art, bald anders, bald mit einer Mischung von beiden bekleidet;
+derselbe, der l&auml;ngere Zeit eine solche Kleidung trug, erschien
+dann wieder viele Tage lang nackt. Je sch&ouml;ner das Wetter war,
+um so reichlicher bekleidet gingen sie, um zu paradiren, bei
+schlechtem Wetter aber meist nackt, um die Kleidung zu schonen;
+nackt daher auch in der ganzen Jahreszeit des Winters, und im
+Sommer bekleidet. Jarves wie Dieffenbach finden daher mit vollem,
+Recht in dieser Ver&auml;nderung und in dieser Art der Neuerung
+eine &auml;usserst wirksame Ursache f&uuml;r den Verfall der
+Gesundheit dieser V&ouml;lker. Diese Ursache aber wirkt
+&uuml;berall, wo Natur- und Kulturv&ouml;lker zusammentreffen: sie
+musste eintreten, weil schon die Mission&auml;re eine etwas
+decentere Bekleidung als die meisten Naturv&ouml;lker kannten,
+verlangen mussten.</p>
+
+<p>Auch eingef&uuml;hrte Nahrungsmittel (abgesehen von den
+Spirituosen) waren den Naturv&ouml;lkern sch&auml;dlich: so nach
+Dieffenbach a.a.O. f&uuml;r die Neuseel&auml;nder die
+Einf&uuml;hrung des Maises, den sie halb gegohren verbacken und
+durch dies &auml;usserst ungesunde Brot sich sehr schaden. Salz,
+sagt er, was sie fr&uuml;her in den Seethieren genossen, essen sie
+jetzt gar nicht mehr, denn ihre fast einzige Nahrung ist die
+Kartoffel; diese aber, abgesehen davon, dass ihr ausschliesslicher
+Genuss &uuml;berhaupt sch&auml;dlich ist, wirkte noch dadurch
+ung&uuml;nstig, dass sie bei der wenigen Pflege, die sie verlangt,
+ganz und gar nur von Sklaven und Weibern besorgt wird, ohne die
+M&auml;nner nur zu irgend welcher Th&auml;tigkeit anzuregen. Was
+wir hier an dem einen Beispiel zeigten, gilt nat&uuml;rlich
+wiederum f&uuml;r einen ganzen Kreis dieser V&ouml;lker.</p>
+
+<p>Auch der Hausbau hat sich vielfach ge&auml;ndert, wenigstens in
+Polynesien, da hier fast allein ein ann&auml;hernd freundliches
+Verkehren der Europ&auml;er mit Eingeborenen sich entwickelt hat.
+In Polynesien war man fr&uuml;her an sehr luftige, reinliche
+H&auml;user, die fast nur aus einem sehr tief herabreichenden Dache
+bestanden, gew&ouml;hnt. Jetzt aber kommen mehr und mehr mit
+Hintansetzung der altheimischen Art H&auml;user oder Baracken auf,
+die nach europ&auml;ischer Art gebaut der f&uuml;r jene Gegenden so
+n&ouml;thigen Ventilation fast ganz entbehren und, da nun noch dazu
+nach alter Sitte viele Menschen in einem solchen Raum zusammen
+wohnen und schlafen, durch den grellen Gegensatz gegen das von
+fr&uuml;herher Gewohnte den schlimmsten Einfluss haben (z. B,
+Dieffenbach 2, 68-71).</p>
+
+<p>Namentlich war es der Adel in Polynesien, der diese Aenderungen
+vornehmlich, da er mit den Europ&auml;ern in genauere
+Ber&uuml;hrung kam und gr&ouml;ssere Mittel hatte, bei sich
+einf&uuml;hrte: gerade aber der Adel ist vom Aussterben weit mehr
+und rascher ergriffen, als das Volk &mdash; so namentlich in Hawaii
+&mdash; und es ist diese Erscheinung nicht so zu erkl&auml;ren,
+dass man beim Adel, weil er geringer an der Zahl sei, das
+Hinschwinden klarer s&auml;he: denn hiergegen sprechen die
+Verh&auml;ltnisszahlen so wie der Umstand, dass in der ersten Zeit
+der Adel vornehmlich von Krankheit u. dergl. heimgesucht war, bis
+das Verderben sich weiter ausbreitete. Es nimmt das um so weniger
+Wunder, als auch der Adel es war, welchem die meisten der
+geschilderten polynesischen Ausschweifungen zur Last fallen. Das
+meiste &uuml;berhaupt, was vorz&uuml;glich in &auml;lteren
+Reisebeschreibungen von Polynesien gesagt wird, geht auf den Adel,
+da dieser bevorzugte Stand mit so hervorragenden Fremdlingen, als
+die Europ&auml;er waren, zu verkehren nach polynesischen Begriffen
+fast allein das Recht hatte. Wo aber diese V&ouml;lker wenigstens
+nicht halb und nur zeitweilig, sondern ganz und f&uuml;r immer die
+europ&auml;ischen Sitten, Kleidung, Wohnung, Lebensart u. s. w.
+annehmen, da bleiben sie weit ungef&auml;hrdeter, wie dies
+Dieffenbach a. a. O. von den Neuseel&auml;ndern nachweist. Den
+skrophul&ouml;sen Habitus so vieler Maorikinder an der K&uuml;ste
+erkl&auml;rt er dagegen nur durch die ungeeignete und halbe
+Aenderung der einheimischen Lebensweise.</p>
+
+<p>Auch die Ausbreitung der Weissen beschr&auml;nkt und
+besch&auml;digt nat&uuml;rlich, schon durch sich selbst und ohne
+b&ouml;swillige Absicht der sich Ausbreitenden, die
+Naturv&ouml;lker in hohem Grade. Auf den kleinen polynesischen
+Inseln z. B., doch auch sonst und &uuml;berall sind die
+Lebensmittel bei so riesig durch die Europ&auml;er gesteigertem
+Verkehr viel werthvoller und dadurch immer knapper geworden. Man
+denke nur, um dies Beispiel aus Polynesien auszuf&uuml;hren, was
+alle die Schiffe brauchen, welche zu Papeiti oder gar zu Honolulu
+vor Anker gehen, um sich zu verproviantiren. Und sollte man denken,
+dass grade dies gr&ouml;ssere Bed&uuml;rfniss ein Sporn f&uuml;r
+die Eingeborenen sei, der sie weiter bringe in der Kultur, im
+Ackerbau, Handel u. s. w.: so erw&auml;ge man, dass jetzt kaum ein
+Jahrhundert seit der ersten Entdeckung (die spanischen Besuche auf
+den Inseln, welche fr&uuml;her fallen, abgerechnet) verflossen ist,
+dass in einem so kurzen Zeitraum aber, wo so mannigfache Schicksale
+auf die Eingeborenen einst&uuml;rmten, sich der Ackerbau noch gar
+nicht so entwickeln konnte, dass er diesen massenhaften
+Anforderungen entspr&auml;che; und dass zu grosse Forderungen eben
+nicht mehr anspornen, sondern erschlaffen, erdr&uuml;cken. In
+anderen Gegenden gestaltet sich dieselbe Sache anders, aber die
+Resultate bleiben gleich.</p>
+
+<p>Die Neuholl&auml;nder freuen sich, wenn sich in ihrem Gebiete
+Europ&auml;er niederliessen, sie w&uuml;nschten es und forderten
+sie dazu an vielen Orten auf. Allein die n&auml;chste Folge war,
+dass sie in eine sehr elende Lage geriethen: denn (abgesehen von
+anderem, was wir sp&auml;ter besprechen) ihre Jagdthiere
+verminderten sich auf der Stelle, ja sie verschwanden, theils
+verdr&auml;ngt oder verjagt, theils ausgerottet von den meist sehr
+jagdlustigen Einwanderern (Lang bei Grey 2, 234-35). Daher sagte
+ein Australier sehr richtig zu einem Europ&auml;er: &raquo;Ihr
+solltet uns Schwarzen Milch, K&uuml;he und Schafe geben, denn ihr
+seid hergekommen und habt die Opossums and K&auml;nguruhs vertilgt.
+Wir haben nichts mehr zu essen und sind hungrig&laquo; (Bennet bei
+Waitz 1, 183). Die brauchbaren Gras- und Weidestrecken nahmen die
+Europ&auml;er mehr und mehr im Lauf der Jahre ein in Neuholland,
+Neuseeland, Afrika, Amerika, die fruchtbaren K&uuml;stenstriche,
+sonst der gew&ouml;hnliche Aufenthalt der Eingeborenen, haben sie
+ganz und gar inne, das Land erkl&auml;ren sie f&uuml;r ihr
+Eigenthum, und da sie sich man kann wohl sagen t&auml;glich mehr
+und mehr ausbreiten, so dr&auml;ngen sie schon durch ihre blosse
+Existenz die Eingeborenen in die W&auml;lder, die Berge, die
+Wildniss zur&uuml;ck; so dass es denn gar kein Wunder ist, wenn die
+Eingeborenen schon hierdurch allein &raquo;wie von einem giftigen
+Hauche ber&uuml;hrt&laquo; (oder wie die Phrase lautet) verkommen.
+&raquo;Als der weisse Mann, so sagte der Cherokeeh&auml;uptling
+Bunteschlange in einer Rede, sich gew&auml;rmt hatte am Feuer des
+Indianers, und sich ges&auml;ttigt an seinem Maisbrei, da wurde er
+sehr gross, er reichte &uuml;ber die Berggipfel hinweg und seine
+F&uuml;sse bedeckten die Ebenen und die Th&auml;ler. Seine
+H&auml;nde streckte er aus bis zum Meere im Osten und Westen. Da
+wurde er unser grosser Vater. Er liebte seine rothen Kinder, aber
+sprach zu ihnen: ihr m&uuml;sst ein wenig aus dem Wege gehen, damit
+ich nicht von ungef&auml;hr auf euch trete. Mit dem einen Fuss
+stiess er den rothen Mann &uuml;ber den Okonnee und mit dem anderen
+trat er die Gr&auml;ber seiner V&auml;ter nieder. Aber unser
+grosser Vater liebte doch seine rothen Kinder und &auml;nderte bald
+seine Sprache gegen sie. Er sprach viel, aber der Sinn von Allem
+war, nur: geht ein wenig aus dem Wege, ihr seid mir zu nahe. Ich
+habe viele Reden von unserem grossen Vater geh&ouml;rt und alle
+begannen und endeten ebenso&laquo; (Waitz 3, 144). Chamisso, einer
+der wenigen, die sich in Deutschland f&uuml;r die Stellung jener
+V&ouml;lker interessirten, hat dieser Rede ergreifenden Ausdruck
+verliehen in einem seiner Gedichte (Werke 4, 86). Sie ist bekannt
+genug: und wenn auch in ihr der ethische Gedanke die Hauptsache
+ist, so kann doch auch die Schilderung der Thatsachen nicht
+schlagender gegeben werden.</p>
+
+<p>Und doch, auch wenn man den Eingeborenen gen&uuml;genden
+Landbesitz und Jagd und Lebensmittel genug sichern k&ouml;nnte, wir
+wiederholen es: die totale Umw&auml;lzung ihres ganzen leiblichen
+Lebens, das, wie wir eben gesehen, sich nach jeder Richtung hin
+&auml;ndern musste durch die pl&ouml;tzlich hereinbrechende Kultur,
+wird auch wenn keine Halbheiten, Ungeschicklichkeiten u. dergl.
+vorkommen, wenn alles gleich so trefflich als m&ouml;glich
+eingerichtet w&auml;re, den gefahrvollsten Einfluss auf die
+Naturv&ouml;lker haben und je mehr, je pl&ouml;tzlicher sie kommt.
+Denn je l&auml;nger physische Gewohnheiten schon bestehen, um so
+fester sind sie und um so gef&auml;hrlicher ist es f&uuml;r die
+menschliche Natur, wenn sie pl&ouml;tzlich gebrochen werden sollen.
+Auch hierin ist Leib und Seele einem Gesetze unterworfen: dem
+Gesetze der Beharrlichkeit. Wie eine Fl&uuml;ssigkeit, welche man
+in einen bestimmten Kreislauf gebracht hat, diesem Laufe immer
+williger und rascher folgt, aber wild in ungeordnete Wirbel
+zusammensch&auml;umt, wenn man sie nach der entgegengesetzten
+Richtung hin zwingen will, bis sie sich endlich und allm&auml;hlich
+diesem Neuen gew&ouml;hnt: so musste das nat&uuml;rliche Leben
+dieser V&ouml;lker in Aufregung und Unordnung kommen, als es so
+pl&ouml;tzlich von der &uuml;berm&auml;chtigen Kultur unterbrochen
+wurde, an die es sich erst langsam und sehr allm&auml;hlich
+gew&ouml;hnen wird. So werden denn einzelne wohl, nie aber ein
+ganzes Volk rasch und pl&ouml;tzlich sich eine so totale
+Um&auml;nderung, wie hier n&ouml;thig, und k&auml;me sie unter den
+g&uuml;nstigsten Bedingungen (was hier leider nicht geschah),
+aneignen k&ouml;nnen. Nur so ist sicher die Nachricht zu verstehen,
+die wir vorhin Dieffenbach entlehnten, dass die Neuseel&auml;nder,
+wo sie vollkommen europ&auml;isch lebten, auch gesund seien: wobei
+denn immer noch zu erw&auml;gen bleibt, dass Dieffenbach erst 1840
+seine Beobachtungen anstellte, also &uuml;ber zwei Generationen (70
+Jahre) nach der ersten Entdeckung der Insel. Allein man k&ouml;nnte
+sagen: und doch haben andere V&ouml;lker dasselbe pl&ouml;tzliche
+Hereinbrechen einer &uuml;berm&auml;chtigen Kultur durchgemacht und
+&uuml;berwunden. Man k&ouml;nnte unsere eigenen Vorfahren, die
+alten Deutschen nennen. Und doch, welch ein ungeheurer Unterschied
+hier in Allem! Denn erstens war die griechischr&ouml;mische Kultur,
+wie sie zu den Germanen kam, unendlich bequemer als die moderne,
+wie sie die Naturv&ouml;lker annehmen sollen; zweitens standen die
+Germanen in jeder Weise, auch in ihrer leiblichen Beschaffenheit,
+jener Kultur und ihren Tr&auml;gern bei weitem n&auml;her als die
+Naturv&ouml;lker den Europ&auml;ern; drittens brach dieselbe nicht
+so unaufhaltsam, so pl&ouml;tzlich, so r&uuml;cksichtlos &uuml;ber
+die Germanen herein, wie &uuml;ber jene V&ouml;lker, sondern ganz
+allm&auml;hlich, durch Jahrhunderte langes Vertrautwerden mit dem
+Einzelnen, wobei das romanisirte Gallien keine unbedeutende
+Vermittlerrolle spielte; und endlich kam sie nicht in solchem Grade
+feindselig, wie die moderne Kultur &uuml;ber die sogenannten
+Wilden.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_14_Psychische_Einwirkungen_der_Kultur"></a>
+<h2>&sect; 14. Psychische Einwirkungen der Kultur.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Und so blieben unsere Vorfahren vor dem namentlich bewahrt, was
+den Naturv&ouml;lkern so verh&auml;ngnissvoll wurde: vor dem
+geistig deprimirenden Eindruck, den die Kultur auf die
+Naturv&ouml;lker macht. Die Germanen fanden Gelegenheit
+selbst&auml;ndig siegend in dem Land ihrer geistigen Besieger
+aufzutreten: sie behielten stets das gegr&uuml;ndete Bewusstsein
+eigenes Werthes und dass sie nicht in jeder Beziehung untergeordnet
+seien. Sie standen den R&ouml;mern gegen&uuml;ber wie der
+Sch&uuml;ler dem Lehrer, der des Sch&uuml;lers geistiges Leben
+leitet, corrigirt, erh&ouml;ht, aber nicht verletzt, vernichtet,
+verh&ouml;hnt.</p>
+
+<p>Ganz anders aber die Naturv&ouml;lker. Ihr Geistesleben, alles,
+was sie dachten, f&uuml;hlten und glaubten ist ihnen durch ihr
+Bekanntwerden mit den Europ&auml;ern was sollen wir anders sagen
+als geradezu (und oft mit der boshaftesten Absichtlichkeit)
+vernichtet worden. Hierdurch wurden selbstverst&auml;ndlich je
+gebildeter die V&ouml;lker waren, sie um so h&auml;rter betroffen;
+so dass vieles von dem im folgenden Entwickelten auf die rohesten
+St&auml;mme S&uuml;damerikas oder Neuhollands keine Anwendung
+findet.</p>
+
+<p>Zun&auml;chst die Religion. Die meisten Naturv&ouml;lker sind
+von sehr reiner und inniger Religiosit&auml;t, bei allen
+Abgeschmacktheiten und Monstrosit&auml;ten ihres Glaubens. So waren
+es die Mexikaner. Ihre Religion (Waitz 4, 128) war es, welche ihnen
+ihre hohe und reine Moral eingab, deren Grundgedanke &mdash;
+zugleich ihr festester und untr&uuml;glichster Schwur (Waitz 4,
+154) &mdash; war: sieht mich nicht unser Gott? Und alles, was die
+Religion schweres von ihnen forderte, wurde treu und gewissenhaft
+und mit &auml;chter und inniger Andacht von ihnen, nach Cortez
+eigenem Zeugniss (Waitz 4, 154) ausgef&uuml;hrt, Ihre vielen
+Eroberungskriege waren, wie wir schon sahen, alle von dem Gedanken
+geleitet, ihre Religion auszubreiten &uuml;ber alle Welt. Nicht
+anders, nach Waitz Schilderung (4, 447 ff.) die Peruaner.
+Gleichfalls in hohem Grade gottesf&uuml;rchtig sind die
+Nordindianer (Waitz 3, 205), die keine Handlung ohne Gebet
+unternehmen, die alle schweren von der Religion verlangten
+Peinigungen mit der gr&ouml;ssten Gewissenhaftigkeit
+vollf&uuml;hren. Und so haben alle diese V&ouml;lker &uuml;berall
+z&auml;he an ihren Religionen gehalten.</p>
+
+<p>Etwas anders steht die Sache in Polynesien. Nicht als ob die
+polynesischen V&ouml;lker nicht von gleich tiefer Religiosit&auml;t
+w&auml;ren; was z.B. schon die bekehrten Eingeborenen beweisen, in
+deren Hand jetzt der gr&ouml;sste Theil der S&uuml;dseemission ist.
+Aber die ganze Bev&ouml;lkerung war sittlich minder rein als die
+Amerikaner und befand sich schon zur Zeit der Entdeckung, wie
+Meinicke (b) nachgewiesen, in einem Zustande auch des geistigen
+Verfalls. Daher erkl&auml;rt sich die auffallende Erscheinung, dass
+die Polynesier (Dieffenbach 2, 50 vom ganzen Ozean) und nach
+Chamissos Zeugniss auch die Mikronesier sich leicht bewegen lassen,
+&uuml;ber ihren fr&uuml;heren Aberglauben selbst zu lachen und ihn
+aufzugeben. Doch auch sie f&uuml;gen sich und nicht bloss aus
+Herkommen mit freudigstem Gehorsam den beschr&auml;nkendsten
+Gesetzen ihrer Religion, z.B. den Tabu-Gesetzen, d.h. den
+Bestimmungen, durch welche Gegenst&auml;nde aller Art heilig
+gesprochen und dem unheiligen Volk g&auml;nzlich entzogen werden,
+sowie der &uuml;bergrossen Adelsverehrung und anderem der Art. Und
+nur da haben sie ihre Religion wirklich und ohne Widerstand
+aufgegeben, wo sie durch die Mission wirklichen religi&ouml;sen
+Ersatz bekamen. Gegen feindselige Angriffe auf ihre Religion,
+mochten sie absichtlich oder nur zuf&auml;llig sein, haben sie sich
+immer aufs heftigste aufgebracht gezeigt und eine Menge
+Ueberf&auml;lle, Kriege, ja Cooks Tod selbst sind nur durch solche
+Verletzungen ihrer Tempelpl&auml;tze oder sonstigen
+Heiligth&uuml;mer hervorgerufen.</p>
+
+<p>Aber selbstverst&auml;ndlich war es gerade die Religion, gegen
+welche sich die heftigsten und ersten Angriffe der
+Kulturv&ouml;lker richteten. Das brauchte nicht mit der brutalen
+Roheit der Conquistadoren und ihrer Pfaffen in Amerika oder der
+Sendlinge Frankreichs in den letzten Jahrzehnten, der Laplace,
+Dupetitthouars u.s.w. in der S&uuml;dsee zu geschehen: auch die
+edelsten der Europ&auml;er mussten sich gegen diese Religionen
+wenden, um sie zu zerst&ouml;ren, und so sahen die Eingeborenen ihr
+Heiligstes vernichtet, ja als durchaus schlecht und
+nichtsw&uuml;rdig verachtet. Aus dem Vorstehenden aber kann man
+ermessen, wie vernichtend dieser Schlag ihr geistiges Leben
+traf.</p>
+
+<p>Ebenso war es mit den politischen Einrichtungen: und auch hier
+m&uuml;ssen wir wenigstens auf einige Hauptpunkte hinweisen. Die
+despotische Verfassung, das strenge Adelsregiment der S&uuml;dsee
+(um bei den Polynesiern zun&auml;chst zu bleiben), haben wir schon
+betrachtet. Aber mochte der Adel sich noch so hoch &uuml;ber das
+Volk stellen, das Volk aufs &auml;rgste unterdr&uuml;cken: er war
+doch von Gott, man hing ihm doch mit warmer Verehrung an, man
+brachte in den meisten F&auml;llen sein Gut und Blut mit
+aufrichtigem Eifer dar &mdash; lohnte doch eine solche Aufopferung
+mit einem besseren oder &uuml;berhaupt mit einem Leben nach dem
+Tode! Jedenfalls beruhte auf diesem Verh&auml;ltniss des Adels, der
+naturgem&auml;ss die stolzeste Meinung von sich hatte und sich
+keineswegs den europ&auml;ischen Grossen untergeordnet f&uuml;hlte,
+und des Volkes das gesammte &ouml;ffentliche Leben Polynesiens und
+Mikronesiens und hier wieder vorz&uuml;glich der Marianen.</p>
+
+<p>Durch den Einfluss der Europ&auml;er &auml;nderte sich das alles
+und so sehr auch das Volk nachher dadurch gewann: f&uuml;r den
+Augenblick musste es die Einrichtungen, die ihm seit Jahrtausenden
+gewohnt und ehrw&uuml;rdig waren, aufgeben und die, welche es
+vordem gleich G&ouml;ttern geachtet hatte, von den Europ&auml;ern
+keineswegs besonders hochgestellt, ja oft mit Verachtung oder gar
+mit schreiendster Ungerechtigkeit behandelt, zum Theil wie auf den
+Marianen blutig verfolgt und vernichtet sehen. Der Adel selbst aber
+war noch schlimmer dran. Er war, bei v&ouml;lliger
+Unumschr&auml;nktheit, der festen Ueberzeugung, von ganz anderem
+Stoff zu sein, als das gemeine Volk, er stellte sich ganz den
+h&ouml;chsten Europ&auml;ern gleich und wusste sich, wie Liholiho,
+Tamehameha I. Sohn in England bei seinem Aufenthalt unter der
+englischen h&ouml;chsten Aristokratie bewiesen hat, diesen auch im
+&auml;usseren Benehmen ziemlich gleich zu halten. Und nun fand er
+sich von den Europ&auml;ern, oft von den gemeinsten Matrosen, nicht
+nur nicht g&ouml;ttlich verehrt, sondern verachtet, dem gemeinen
+Volke ganz gleich, und jedenfalls tief unter jeden Weissen
+gestellt, er fand sich von der Gesellschaft in den meisten
+F&auml;llen (wo sich eine wirklich europ&auml;ische Gesellschaft
+bilden konnte) entweder ausgeschlossen oder doch nur geduldet! So
+geschah es zu Neuseeland &mdash; man kennt ja den Hochmuth der
+englischen Ra&ccedil;e einer farbigen Bev&ouml;lkerung
+gegen&uuml;ber &mdash; so, seit der gloriosen franz&ouml;sischen
+Occupation, zu Tahiti, so einige Jahrhunderte fr&uuml;her auf den
+Marianen, wo der Adel in den blutigen K&auml;mpfen ganz zu Grunde
+ging.</p>
+
+<p>Noch viel schlimmer, weil die Zerst&ouml;rung gr&uuml;ndlicher
+war, wirkten diese Dinge in Amerika. Denn auch hier war Volk und
+Herrscher durch Bande grosser Anh&auml;nglichkeit und
+Religiosit&auml;t verkn&uuml;pft. Der Herrscher, der aus dem hohen
+Adel gew&auml;hlt wurde, und mit ihm der h&ouml;chste Adel war, wie
+wir schon sahen, Stellvertreter Gottes auf Erden und daher
+unumschr&auml;nkt. Wie rein und tief man in Mexiko, trotz alles
+Absolutismus, die Stellung des Herrschers auffasste, geht aus den
+Reden hervor, die man bei seiner Inauguration an ihn richtete und
+welche nicht nur nach Waitz 4,68 &raquo;zu dem Sch&ouml;nsten und
+Erhabensten geh&ouml;ren, was von den Azteken noch &uuml;brig
+ist&laquo;, sondern &uuml;berhaupt zu dem Sch&ouml;nsten und
+Erhabensten, sicher zu dem Wahrsten, was man je K&ouml;nigen gesagt
+hat. Die Steuern und Frohnen, unter denen, nach den alten
+spanischen Schriftstellern, das Volk seufzte, sind nach Waitz
+genauer und schlagender Untersuchung von den Spaniern aus nahe
+liegenden Gr&uuml;nden sehr &uuml;bertrieben worden. Nach alle
+diesem wird sich die L&uuml;cke ermessen lassen, welche im
+Gem&uuml;th des Volkes nach dem Sturz alles Bestehenden entstand.
+&raquo;Zurita hat gezeigt, sagt Waitz 4, 186, wie das mexikanische
+Volk haupts&auml;chlich dadurch ins &auml;usserste Elend gerieth,
+dass alle Grundlagen seiner bisherigen politischen und socialen
+Organisation von den Siegern zerst&ouml;rt wurden. Vom
+mexikanischen Adel &uuml;berlebten nur wenige den Fall der
+Hauptstadt und diese wenigen waren meist noch Kinder. Eine Petition
+sechs vornehmer Indianer an Karl V. legt dar, wie der Rest des
+Adels von den Spaniern niedergetreten und ins Volk
+zur&uuml;ckgeworfen in Armuth und Elend umkam. Eine Tochter
+Montezuma's ist im tiefsten Elend gestorben.&laquo; Man nehme nun
+dazu, dass auch das gesammte &auml;ussere Leben, die ganze
+gl&auml;nzende Kultur des Volkes, die reiche Hauptstadt, die
+bl&uuml;henden G&auml;rten, die zahlreichen Tempel, dass Alles
+zerst&ouml;rt und oft aufs grausamste und ver&auml;chtlichste
+zerst&ouml;rt wurde: und man wird begreiflich finden, dass schon
+dadurch der Sieger der Seele des besiegten Volkes einen Todesstoss
+versetzte. Dasselbe gilt, vielleicht in noch h&ouml;herem Grade von
+den Quechuas und den Nordamerikanern. &raquo;Mit einem Fuss stiess
+er den rothen Mann &uuml;ber den Okonnee, und mit dem anderen trat
+er die Gr&auml;ber unserer V&auml;ter nieder&laquo;, hiess es in
+der oben erw&auml;hnten Rede. Und leider waren es die
+pers&ouml;nlichsten und heiligsten Empfindungen, die man allzu oft
+und mit der gr&ouml;ssten R&uuml;cksichtslosigkeit verletzte, woran
+freilich nicht mehr die Kultur, sondern nur ihre Tr&auml;ger schuld
+waren. Das zweite Concil zu Lima bedrohte die Zerst&ouml;rung und
+Pl&uuml;nderung der alten Indianergr&auml;ber, die Preisgebung der
+Leichen mit Excommunication; allein der supremo consejo de las
+Indias fand der Sch&auml;tze wegen, die sie enthalten k&ouml;nnten,
+f&uuml;r gut, ihre Durchsuchung zu erlauben (Waitz 4, 493-94).
+Alles dies musste das unterdr&uuml;ckte Volk ruhig mit ansehen: ihr
+innerstes Leben wurde ihnen vernichtet, ohne dass sie, die sonst
+schon aufs f&uuml;rchterlichste bedr&uuml;ckt waren, sich wehren
+konnten. Dass aber nicht bloss ihre Todten, dass die Lebenden
+selbst noch mehr zu leiden hatten; dass man auf sie, ob sie lebten
+oder starben, nicht die mindeste R&uuml;cksicht nahm, dass man also
+durch Verletzung der theuersten und heiligsten Gef&uuml;hle auch
+nach dieser Seite hin den Indianern das &auml;usserste that, das
+ist nur allzubekannt. Ein Nordindianer (Waitz 3, 141) sagte in
+einer &ouml;ffentlichen und viel erw&auml;hnten Rede: &raquo;ich
+h&auml;tte sogar daran gedacht, ganz unter euch zu leben,
+h&auml;tte nicht ein Mann mir B&ouml;ses gethan. Oberst Cresap
+ermordete im letzten Fr&uuml;hjahr (1774) mit kaltem Blut und aus
+eigenem Antriebe alle meine Verwandten, selbst meine Weiber und
+Kinder verschonte er nicht. Kein Tropfen von meinem Blut l&auml;uft
+mehr in den Adern eines lebenden Wesens.&laquo; Dies eine Zeugniss
+gen&uuml;ge.</p>
+
+<p>Eine der hervorragendsten Eigenschaften der Naturv&ouml;lker ist
+ihr Stolz. Die Amerikaner halten sich f&uuml;r die ersten aller
+Menschen; Geschickt wie ein Indianer und dumm wie ein Europ&auml;er
+sind bei ihnen Sprichw&ouml;rter (Waitz 3, 170). Verletzung dieses
+Stolzes war auch das H&auml;rteste, was sie unter sich einander
+zuf&uuml;gten. Die Polynesier glaubten alles Ernstes, die
+Europ&auml;er k&auml;men zu ihnen, um jetzt erst wahres Leben
+kennen zu lernen und an ihrer Gl&uuml;ckseligkeit, an ihrer
+Vollkommenheit Theil zu nehmen. Selbstmord aus Scham oder
+verletztem Ehrgef&uuml;hl ist unter ihnen gar nicht so selten
+(Dieffenbach 2, 112. Thomson 319. Will. u. Calvert 1, 121 ff.);
+ihre eigenen Thaten l&auml;ugnen sie eben wegen dieses Stolzes nie
+(Williams u. Calvert 1, 124; Tyermann u. Bennet 1, 78; Waitz
+a.a.O.).</p>
+
+<p>Nicht minder empfindlich ist das Rechtsgef&uuml;hl aller dieser
+V&ouml;lker, welches z.B. einen Irokesen, der von Christi Leiden
+h&ouml;rte, ganz wie jenen Friesenf&uuml;rsten zu dem Ausrufe
+zwang: &raquo;w&auml;re ich dabei gewesen, ich w&uuml;rde ihn
+ger&auml;cht und die Juden skalpirt haben&laquo; (Waitz 3, 169).
+Und diese Empfindungen, f&uuml;r welche Waitz a.a.O. u. b, 147 noch
+eine Menge Beispiele zusammenstellt, finden wir ebenso in
+Polynesien; ebenso wirksam wenigstens, wenn auch minder frei
+entwickelt, auch bei den roheren V&ouml;lkern, den
+S&uuml;damerikanern, Hottentotten, Australiern. Schon das stete
+Streben, welches diese V&ouml;lker nach Rache haben, beweist es.
+Wie grausam aber sind gerade diese Eigenschaften von der Kultur
+verletzt! Theils ohne ihre Schuld: denn dass die Naturv&ouml;lker
+gar bald einsahen, wie sie gegen die Europ&auml;er nichts
+w&auml;ren und nichts verm&ouml;chten, lag in der Natur der Sache.
+Theils aber tragen auch hier die Europ&auml;er die schwerste
+Verantwortlichkeit, denn sie haben die Rechte dieser V&ouml;lker
+absichtlich mit F&uuml;ssen getreten, sie haben, da sie die
+Naturv&ouml;lker kaum f&uuml;r Menschen ansahen, nicht einmal ihr
+menschliches Selbstbewusstsein ihnen lassen m&ouml;gen, sondern
+auch dieses, und oft von Staatswegen, wie die Vereinigten Staaten,
+wie Frankreich in Tahiti, wie die Engl&auml;nder in Australien, mit
+F&uuml;ssen getreten; und man tritt es durch den grenzenlosen
+Hochmuth und Hass, mit dem man diese V&ouml;lker von aller
+Gemeinschaft und damit von aller Kultur ausschliesst, nachdem man
+ihnen h&auml;ufig Land und Lebensmittel genommen, auch ferner mit
+F&uuml;ssen. Und selbst in ihrem Rachedurst sind alle diese
+V&ouml;lker den Europ&auml;ern gegen&uuml;ber so ohnm&auml;chtig,
+gegen welche h&ouml;chstens einmal ein vereinzelter Racheakt
+Einzelner gl&uuml;cklichen Erfolg hatte. Mag auch Waitz Recht
+haben, wenn er sagt (b, 157), das Rechtsgef&uuml;hl der Indianer
+sei durch den harten Druck der Weissen weiter und sch&auml;rfer
+entwickelt worden, als es wohl sonst geschehen sei; so f&auml;hrt
+er doch ebenso richtig fort: &raquo;freilich war davon die
+n&auml;chste Folge f&uuml;r sie selbst nur diese, dass sie ihre
+Ohnmacht und die Trostlosigkeit ihrer Lage dann um so bitterer
+empfanden.&laquo;</p>
+
+<p>Diese Vernichtung aber des gesammten geistigen und ethischen
+Lebens der Nationen kann man gar nicht stark genug betonen, wenn
+man die Gr&uuml;nde f&uuml;r ihr Aussterben aufsuchen will. Wie
+nichts ein Volk mehr hebt, als freudige Achtung vor sich selbst und
+fr&ouml;hliches Gelingen des von ihm Erstrebten, so dr&uuml;ckt
+nichts den Volksgeist tiefer, als das Gef&uuml;hl der eigenen
+Ohnmacht und Verlorenheit. Zum Gef&uuml;hl aber der &auml;ussersten
+Ohnmacht und Rechtslosigkeit, des bittersten und doch ganz
+h&uuml;lflosen Ingrimms finden wir alle diese V&ouml;lker,
+Amerikaner, Aleuten und Kamtschadalen, Neuholl&auml;nder,
+Polynesier und Hottentotten verdammt. &raquo;Jede Ra&ccedil;e,
+weiss schwarz oder roth, sagt Elliot bei Waitz 3, 299, muss
+untergehen, wenn ihr Muth, ihre Energie und Selbstachtung durch
+Unterdr&uuml;ckung, Sklaverei und Laster zu Grunde gehen.&laquo;
+Und nun hatten, wie wir gesehen, die meisten Naturv&ouml;lker schon
+von Haus aus einen entschiedenen Hang zur Melancholie, welche durch
+alle diese Schicksale nat&uuml;rlich aufs &auml;rgste vermehrt
+ihren Untergang nur beschleunigte. Man denke sich nur, wenn wir
+Europ&auml;er mit allen unseren Kulturmitteln, mit unserer
+Religion, kurz mit allen den Vortheilen, die wir den
+Naturv&ouml;lkern gegen&uuml;ber besitzen, ihr Loos auch nur wenige
+Jahre, etwa eine Generation, zu ertragen h&auml;tten, was aus uns
+werden sollte! Man denke, wie der dreissigj&auml;hrige Krieg
+gewirkt hat, dessen Greuel doch bei weitem durch das, was die
+Naturv&ouml;lker zu leiden hatten, &uuml;berboten werden: und man
+wird sich mehr &uuml;ber die z&auml;he Ausdauer, als &uuml;ber das
+Hinschwinden derselben verwundern. Nur ihre gr&ouml;ssere
+H&auml;rte und Festigkeit hat sie aufrecht erhalten den
+V&ouml;lkern gegen&uuml;ber, die sie anfangs alle, Mexikaner sowohl
+wie Hottentotten und Neuholl&auml;nder, f&uuml;r G&ouml;tter
+hielten!</p>
+
+<p>Musste alles dieses auf das geistige Leben der V&ouml;lker und
+damit auch auf das leibliche einen vernichtenden Einfluss
+aus&uuml;ben, so &uuml;bte es den auch noch auf eine andere Art.
+Mit der Vernichtung der bestehenden Staaten war nat&uuml;rlich auch
+jedes Recht und Gesetz, welches in denselben bestanden hatte,
+aufgehoben. In Mexiko, in Peru aber waren die Gesetze von grosser
+Strenge und grosser Wirksamkeit, da sie &uuml;berall in
+h&ouml;chster Achtung standen und nicht anders war es in
+Polynesien, wo das Tabu auch manchen heilsam verbietenden Einfluss
+hatte. St&uuml;rzte nun das Alles zusammen, so musste
+nothwendigerweise eine um so &auml;rgere Demoralisation eintreten,
+je h&ouml;her fr&uuml;her die Kultur des zerst&ouml;rten Staates
+gestanden hatte; eine solche Demoralisation musste aber gerade in
+einer Zeit einer so allgemeinen Zerst&ouml;rung, wo f&uuml;r die
+Unterliegenden weder leiblich noch geistig irgend ein Halt blieb,
+die unheilvollsten Folgen f&uuml;r ihr ganzes Dasein haben und
+nicht wenige in den genannten Kulturstaaten sind denn auch gerade
+durch die unter den Eingebornen einreissende Z&uuml;gellosigkeit zu
+Grunde gegangen. Und je tiefer, je pers&ouml;nlich vernichtender
+die Angriffe waren, um so mehr nat&uuml;rlich demoralisirten sie
+die V&ouml;lker: was sollten die noch irgend etwas scheuen und
+heilig halten, welche selbst in ihrem Heiligsten verletzt waren?
+wie konnten sie noch sich selbst achten, die von jenen ankommenden
+G&ouml;ttern so in Staub getreten wurden? Ueberall riss in Folge
+der auf diese Weise nahenden Kultur Entsittlichung und dadurch
+immer tieferes geistiges und leibliches Sinken unter den
+Naturv&ouml;lkern ein. Was nicht unmittelbar vernichtet wurde, das
+wurde im Innersten vergiftet und langsames Hinsiechen war die
+nothwendige Folge.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name=
+"_15_Schwierigkeit_fur_die_Naturvolker_die_moderne_Kultur_sich"></a>
+
+
+<h2>&sect; 15. Schwierigkeit f&uuml;r die Naturv&ouml;lker, die
+moderne Kultur sich anzueignen.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Aber wenn auch die europ&auml;ische Kultur den Naturv&ouml;lkern
+mit vollkommener Freundlichkeit und Schonung zugef&uuml;hrt worden
+w&auml;re: diese Kultur bot auch noch ausser denen, welche wir
+schon gesehen haben, die gr&ouml;ssten Schwierigkeiten und
+Gefahren, die wir jetzt betrachten m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>War es schon keine Kleinigkeit, dass diese V&ouml;lker fast alle
+ihre seit Jahrhunderten eigenth&uuml;mlichen Ideen und Anschauungen
+aufgeben mussten, so war es noch viel schwieriger, das aufzunehmen,
+was die Europ&auml;er brachten, die ganze unendlich verwickelte
+moderne Kultur! Das traf besonders Polynesien und Australien; man
+denke sich die kleinen Kokosinseln, die nun pl&ouml;tzlich sich
+hineinfinden m&uuml;ssen in die ganze europ&auml;ische Lebensart,
+in den europ&auml;ischen Handel, das europ&auml;ische Recht, die
+Religion und so vieles andere &mdash; und sie m&uuml;ssen mehr als
+nur oberfl&auml;chliches davon annehmen, wenn sie nicht verloren
+sein wollen. Um wie viel gl&uuml;cklicher waren auch hierin die
+Germanen, die sehr allm&auml;hlich eine viel weniger verwickelte
+Kultur aufzunehmen hatten; und doch wie lange Zeit brauchten auch
+sie, bis sie diese Kultur vollkommen sich assimilirt hatten! Ist es
+zu viel gesagt, wenn man behauptet, dass dies erst im vorigen
+Jahrhundert durch das geistige Durchdringen des Alterthums ganz
+geschehen sei?</p>
+
+<p>Einzelne Punkte &mdash; denn vieles (Wohnung, Kleidung u.s.w.)
+ist schon in dem bisher Behandelten wenigstens andeutend
+ausgesprochen worden &mdash; m&uuml;ssen wir noch besonders
+ber&uuml;cksichtigen. Zun&auml;chst die Bewaffnung. Die Feuerwaffen
+sich anzueignen ist weit schwieriger, als die Aneignung der
+r&ouml;mischen Taktik, da sie ausser der leiblichen Uebung noch die
+Ueberwindung der Scheu vor Donner und Blitz, durch welche gerade
+man die Weissen zuerst als G&ouml;tter dokumentirt sah, verlangen;
+da ihre Wirkung weit &uuml;bernat&uuml;rlicher scheint, als die der
+r&ouml;mischen Waffen. &mdash; Ferner die Sprache. Uns
+Europ&auml;ern macht es sehr grosse Schwierigkeiten, die Sprache
+eines Naturvolkes mit ihren anderen Anschauungen geistig zu
+erfassen; und doch steigen wir herab, da jene Sprachen alle in der
+Entwicklung und Verbindung der Gedanken so wie in der F&uuml;lle
+der Anschauung weit weniger vorgeschritten sind, als die Sprachen
+des gebildeten Europas; und zugleich haben wir durch lange
+Jahrhunderte fortgesetzte Uebung und ausserdem durch eine Menge von
+H&uuml;lfsmitteln eine viel gr&ouml;ssere Kraft, als jene
+V&ouml;lker, die doch hinaufsteigen m&uuml;ssen, wenn sie eine
+europ&auml;ische Sprache erlernen wollen. Schon beim blossen
+Sprechenlernen, das vom Begreifen und wirklichen Verstehen einer
+Sprache himmelweit verschieden ist, m&uuml;ssen sie ihren Geist mit
+einer ganzen Menge neuer Anschauungen und Begriffe erweitern, die
+ihnen fr&uuml;her aber auch ganz unbekannt waren &mdash; und das
+meist vom Niveau einer Sprache aus, welche strenges, logisches
+Verkn&uuml;pfen und Ausdenken der Begriffe wenig genug
+unterst&uuml;tzt.</p>
+
+<p>Nicht anders ist es mit der Religion. Der Abstand von manchen
+der Religionen dieser V&ouml;lker vom Christenthum mag, wenn auch
+die meisten tiefer stehen, nicht gr&ouml;sser sein, als der des
+germanischen Heidenthums von letzterem war; aber das Christenthum,
+was den Germanen gepredigt wurde, war selbst ein ganz anderes, als
+was die Mission&auml;re, wenigstens die protestantischen, heut zu
+Tage predigen. Dann freilich, wenn man die Berichte des sehr eifrig
+katholischen Michelis liest, so ist das, was die Propaganda z.B. in
+der S&uuml;dsee gepredigt hat, an vielen Orten &uuml;berhaupt
+nicht, viel Anderes gewesen, als was jene V&ouml;lker schon
+wussten: die katholischen Mission&auml;re haben getauft und das
+Heidenthum gelassen. Auf der andern Seite aber, wie so ganz
+unfassbar muss f&uuml;r die ganz sinnlichen Naturv&ouml;lker eine
+so abstrakte Lehre sein, wie die evangelische, die noch dazu auf
+Begriffen und Anschauungen beruht, welche jene V&ouml;lker gar
+nicht haben. Und indem man ihnen das Christenthum predigte,
+verlangte man, dass sie die Religion der M&auml;nner annehmen
+sollten, welche ihnen so alles Aergste zugef&uuml;gt hatten, der
+Weissen! Ja hat man sie nicht auch gleich, damit ihnen nichts
+erspart bliebe, mit dogmatischen Streitigkeiten begl&uuml;ckt? In
+der ganzen Missionsgeschichte der neueren Zeit ist vielleicht kein
+so trauriges Ereigniss als das Auftreten der Propaganda in der
+S&uuml;dsee, wo eben die protestantische Mission festen Fuss zu
+fassen und Fr&uuml;chte ihrer m&uuml;hevollen Arbeit zu sehen
+begann. Das liess der katholischen Kirche nicht Ruhe: sie trat an
+einzelnen Stellen mit rohster Gewalt (die dann durch L&uuml;gen
+aller Art verdeckt wurde) der protestantischen Mission entgegen und
+brachte zu den eben bekehrten Heiden den Streit der kirchlichen
+Parteien. Lutteroth, den zu widerlegen Michelis sich vergebens
+bem&uuml;ht, hat dies scharf und schlagend bewiesen. Auch
+Streitigkeiten, die in ihrem eigenen Schooss entstanden sind,
+brachte sie zu den Neubekehrten, wie Humboldt b, 5, 133 von
+S&uuml;damerika erz&auml;hlt. Uebrigens ist auch die
+protestantische Kirche in der Schonung solcher Heiden, die von
+einer andern protestantischen Sekte bekehrt waren, durchaus nicht
+&uuml;berm&auml;ssig zart gewesen. An manchen Orten (Nordamerika,
+Afrika u s.w.) hat auch sie statt des Friedens des Christenthums
+den Streit der Sekten gebracht. Welchen Einfluss musste das auf die
+eben gewonnenen Naturv&ouml;lker und deren Charakter machen! Dabei
+darf auch nicht vergessen werden, dass in den meisten F&auml;llen
+sich der Mission die Europ&auml;er selbst auf das Heftigste
+entgegensetzten, da sie sich durch jene in ihrem oft sehr
+weltlichen oder besser gesagt gottlosen Treiben behindert sahen. So
+war es namentlich in Polynesien, fast auf jeder Insel (Meinicke,
+Lutteroth und fast in allen Quellen); so in Amerika schon im 16.
+Jahrhundert (Waitz 4, 188; 338); so auch in Afrika bei
+Hottentotten, Kaffern, Negern, &uuml;berall. Man sieht, unsere
+Kultur verlangt von den Naturv&ouml;lkern eine geistige Anstrengung
+von so enormer Gr&ouml;sse, dass sie mit einem Male und von einer
+Generation gar nicht &uuml;berwunden werden kann. W&auml;hrend aber
+nun die Europ&auml;er immer frischen Zuzug neuer Schaaren haben,
+die sie in ihren Bestrebungen st&auml;rken, w&auml;hrend auch bei
+den Germanen auf die Stelle einer unterlegenen Schaar eine andere
+trat, die das, was jene gewonnen hatten, &uuml;bernehmend
+ausf&uuml;hrte, was noch nicht geleistet war, so fehlt es bei der
+geringen Kopfzahl der Naturv&ouml;lker an solcher kraftgebenden und
+aushelfenden Ersatzmannschaft, durch welche die Arbeit sich
+theilen, die Aneignung sich leichter und allgemeiner vollziehen
+k&ouml;nnte. Daher wird der lebenden Generation eine um so
+gr&ouml;ssere und schwerere Aufgabe gestellt und es ist schon
+deshalb klar, dass eine Generation, ja dass zwei, drei Generationen
+ihr nicht gen&uuml;gen k&ouml;nnen. Die Gr&ouml;sse der Aufgabe,
+die enorme geistige Anstrengung selbst erschwert aber das
+gedeihliche Weiterleben der Generationen durch den geistigen Druck
+so sehr, dass wir auch hierauf mit allem Nachdruck hinweisen
+m&uuml;ssen. Und zweitens m&uuml;ssen wir auch wieder betonen, dass
+der Hang zur Melancholie durch solche Ueberanstrengung, wo in den
+meisten F&auml;llen nur allzubald sich zeigt, dass ein auch nur
+einigermassen befriedigendes Ziel kaum zu erreichen ist, immer
+vergr&ouml;ssert wird, ja dass er geradezu Charakterzug der
+V&ouml;lker werden kann. Und so finden wir es im allgemeinen wie im
+einzelnen. Tschudi 2, 286 erz&auml;hlt von einem Botokudenknaben,
+der von einer Familie in Bahia sorgf&auml;ltig aufgezogen und dann
+zum Studium der Medizin auf die Universit&auml;t geschickt wurde.
+Er erwarb sich den Doktortitel, &uuml;bte auch eine Zeitlang die
+Praxis selbst&auml;ndig, bis er verschwand. &raquo;Eine tiefe
+Melancholie war immer der Grundzug seines Charakters.&laquo;
+Sp&auml;ter erfuhr man, dass er wieder, nachdem er sich jeglicher
+Spur von Civilisation, auch der Kleider, entledigt, als J&auml;ger
+durch die W&auml;lder streife. Einen ganz gleichen Fall von einem
+jungen Choktaw, der Advokat geworden war, hernach aber durch
+Melancholie (woran freilich der Kastenhochmuth der
+Nordamerikanischen Weissen mit Schuld war) bis zum Selbstmord
+getrieben wurde, erz&auml;hlt Waitz b, 71-72. Diese F&auml;lle zu
+erkl&auml;ren, reicht es nicht aus, bloss an die &raquo;schiefe
+Stellung&laquo; zu erinnern, in welche solche Individuen gerathen;
+denn bei jenem Botokuden trifft dies nicht zu, da in
+S&uuml;damerika das Verh&auml;ltniss der Farbigen zu den Weissen
+kein ung&uuml;nstiges ist: wesentlich mitgewirkt hat bei ihnen und
+&auml;hnlichen, wie wir sie bei Individuen und ganzen V&ouml;lkern
+finden, die ewige Dem&uuml;thigung auf der einen, die
+Ueberanstrengung auf der anderen Seite.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name=
+"_16_Behandlung_der_Naturvolker_durch_die_Weissen_Afrika_Amerika"></a>
+<h2>&sect; 16. Behandlung der Naturv&ouml;lker durch die Weissen.
+Afrika. Amerika.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Wir kommen nun zu dem d&uuml;stersten Punkt in unserer ganzen
+Schilderung, zu der d&uuml;stersten Partie vielleicht in der ganzen
+Geschichte der Menschheit: zu der Art, wie die Weissen die
+Naturv&ouml;lker behandelt haben. Die Laster, die sie ihnen
+brachten oder bei ihnen bef&ouml;rderten, brauchen wir hier, da wir
+sie schon oben an verschiedenen Stellen erw&auml;hnten, nicht noch
+einmal im Zusammenhang zu besprechen. Beginnen wir mit
+S&uuml;dafrika. Die Hottentotten zeigen sich uns gleich bei ihrem
+ersten Bekanntwerden als ein Volk, das fr&uuml;her eine viel
+gr&ouml;ssere Macht und Ausdehnung besessen hatte und damals schon
+in einer Art Verfall war. Von den umwohnenden afrikanischen
+V&ouml;lkerschaften waren sie &uuml;berall verdr&auml;ngt,
+namentlich von Norden nach S&uuml;den geschoben und nicht nur sehr
+vermindert, sondern wie es scheint, auch in ihrem inneren Wesen
+gebrochen oder wenigstens, durch die ewigen Kriege und Niederlagen,
+wesentlich besch&auml;digt worden (Waitz 2, 323 ff.). Schlimmeres
+aber brachten ihnen die Holl&auml;nder, welche sich seit 1652 am
+Cap niederliessen und nat&uuml;rlich den Eingeborenen so viel Land
+ohne weiteres wegnahmen, als sie brauchten. Sie brauchten aber, da
+sie aus Faulheit alles brach liegen liessen und stets nur frisches
+Land bebauten, da sie ferner aus dem gleichen Grund lieber
+Viehzucht als Ackerbau trieben, sehr viel Land. Die Hottentotten,
+welche zu Sklaven zu machen das Gesetz verbot, machten sie zu ihren
+Knechten, die, weil man sie nicht verkaufen konnte, viel schlechter
+gehalten wurden als Sklaven (Waitz 2, 331). Als freilich die
+Engl&auml;nder 1796 in Besitz des Caps kamen, zeigten sie sich aus
+Nationaleitelkeit anfangs zwar sehr emp&ouml;rt &uuml;ber das
+Benehmen der Holl&auml;nder; allein gar bald thaten sie es ihnen in
+Allem nach (ebd. 332). Wie man mit &raquo;dem schwarzen
+Vieh&laquo;, den Hottentotten, verfuhr, zeigt sich z.B. in
+folgendem Fall, den Sparmann erz&auml;hlt. Ein Holl&auml;nder hatte
+einen hottentottischen Knecht, der im Fieber lag und dessen
+Krankheit durch eine auf des Herrn Bitte von Sparmann unternommene
+Kur sehr verschlimmert wurde; Sparmann suchte den sehr
+niedergeschlagenen Boer zu tr&ouml;sten: allein jener fuhr auf: er
+k&uuml;mmere sich den Teufel um den Hottentotten und seine Seele,
+wenn er nur einen anderen Ochsenf&uuml;hrer, um seine Butter zu
+verkaufen, f&auml;nde (Sparmann 273). Dies war aber kein
+vereinzelter Fall, sondern allgemeine Ansicht und so werden wir uns
+&uuml;ber die Einrichtung der sogenannten Commandos gegen die
+Eingeborenen, welche 1774 etwa zuerst aufkamen, nicht sehr wundern
+k&ouml;nnen. Der Bericht eines Offiziers &uuml;ber solch ein
+Commando bei Waitz lautet (2, 333-34):</p>
+
+<p>&raquo;27. Sept. 1792 der erste Kraal angegriffen, 75
+Buschm&auml;nner get&ouml;dtet, 21 gefangen.</p>
+
+<p>15. Oktober ein anderer Kraal entdeckt, 85 get&ouml;dtet, 23
+gefangen.</p>
+
+<p>20. Okt. ein dritter entdeckt, 7 get&ouml;dtet, 3
+gefangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man wird einigermassen, f&auml;hrt Waitz fort, die
+Ausdehnung ermessen k&ouml;nnen, in welcher diese Vertilgung
+besonders der Buschm&auml;nner betrieben wurde, wenn man bedenkt,
+dass Coblins (1809) einen sonst respektablen Mann erz&auml;hlen
+h&ouml;rte, er habe binnen 6 Jahren mit seinen Leuten zusammen 3200
+Buschm&auml;nner get&ouml;dtet und gefangen, wogegen ein anderer
+mittheilte, dass die Commandos, an denen er sich betheiligte, 2700
+Buschm&auml;nnern das Leben gekostet h&auml;tten. Thompson kannte
+einen Kolonisten, der in 30 Jahren 32 solcher Raubz&uuml;ge
+mitgemacht hatte, auf deren einem 200 Buschm&auml;nner umgebracht
+seien. Mit dem Eintritt der englischen Herrschaft am Cap hatte zwar
+das Commandosystem aufh&ouml;ren sollen, aber die Boers waren so
+sehr an dasselbe gew&ouml;hnt, dass es unm&ouml;glich war, es auf
+einmal zu beseitigen. Von 1797-1823, d.h. bis zur Okkupation des
+Landes der Buschm&auml;nner, werden 53 Commandos offiziell
+angegeben; es ist unzweifelhaft, dass das System 1823 nach einigen
+Unterbrechungen wieder in voller Bl&uuml;the war und es scheint den
+Buschm&auml;nnern unter der englischen Herrschaft noch trauriger
+gegangen zu sein, als unter der holl&auml;ndischen. Dass die
+Hottentottenbev&ouml;lkerung der Capkolonie unter der englischen
+Herrschaft bis zum Jahr 1822 um die H&auml;lfte zugenommen habe
+(Zeitschr. 1, 287) ist wenig glaubhaft und sicherlich nur
+scheinbar.&laquo; Die Boers zogen, um den ihnen verhassten
+englischen Gesetzen nicht gehorchen zu m&uuml;ssen, 5000 an der
+Zahl, um 1836 nach Port Natal, wo sie ihre scheussliche
+Willk&uuml;rherrschaft, ihre Commandos und Knechtung der
+Eingeborenen noch jetzt, wie sie es selbst bei Livingstones
+Anwesenheit thaten, fortsetzen (Waitz 2, 336).</p>
+
+<p>Man wird es nicht eben wunderbar finden, wenn die Hottentotten
+diesem Hauche der Kultur erlagen; wenn jetzt ihr Hass gegen die
+Weissen so gross ist, dass ein friedliches Einwirken der letzteren,
+wenn nicht unm&ouml;glich, doch ausserordentlich erschwert ist:
+wenn endlich die Hottentotten jetzt sehr viel roher, tr&auml;ger
+und sittlich schlechter sind als zu der Zeit, da man sie zuerst
+kennen lernte. Stand doch &uuml;ber manchen Kirchen der
+Holl&auml;nder: &raquo;kein Hund und kein Hottentotte darf
+eintreten&laquo; (Waitz 2, 333). Haben doch die Boers nach
+Kr&auml;ften die Christianisirung der Eingeborenen zu hindern
+gesucht, indem sie verboten, dass ihre Sklaven und deren Kinder
+getauft wurden und bei Lebensstrafe denselben die Missionsstation
+auch nur zu nennen verboten. Die holl&auml;ndische Compagnie selbst
+war es, welche die m&auml;hrischen Br&uuml;der aus dem Lande der
+Hottentotten vertrieb, weil sie auf letztere einen zu grossen
+Einfluss gewannen. Ja noch 1831, als die Hottentotten am Kat River
+sich niedergelassen und dort unter Leitung der Mission&auml;re zu
+einer gewissen Bl&uuml;the gelangt waren, gelang es kaum, die Boers
+von der Zerst&ouml;rung dieser Colonie mit Gewalt
+zur&uuml;ckzuhalten (Waitz 2, 336).</p>
+
+<p>Und in diesem Zustande leben die Hottentotten nun schon
+&uuml;ber 200 Jahr und sind noch nicht ausgerottet!</p>
+
+<p>Gehen wir nun nach Amerika. Die Indianer Nordamerikas kamen den
+Europ&auml;ern anfangs freundlich entgegen (Waitz 3, 242), aber die
+Weissen waren es, welche das Verh&auml;ltniss tr&uuml;bten.
+Zun&auml;chst vernichteten sie wegen verh&auml;ltnissm&auml;ssig
+geringf&uuml;giger Veranlassung das Volk der Pequots; an 700 wurden
+bei einem pl&ouml;tzlichen Ueberfall get&ouml;dtet, die
+&uuml;brigen zerstreut, gefangen und von Staatswegen als Sklaven
+verkauft (Waitz 3, 244). Sklavenjagden in Nordamerika von Seiten
+der Engl&auml;nder und Spanier waren ganz gew&ouml;hnlich. Die
+frommen Puritaner, die Gott dankbar waren f&uuml;r jede verheerende
+Krankheit, welche unter den Indianern w&uuml;thete (Waitz 3, 242),
+sahen in jedem gelingenden Greuel der Christen gegen die Indianer,
+namentlich wenn diese massenweise zu Grund gingen, ein Zeichen
+g&ouml;ttlicher Gnade, in jedem Misslingen eines Mordzuges einen
+g&ouml;ttlichen Zornausbruch gegen sie selber und bekannten dies
+laut (Waitz 3, 244-45). Man dachte gar bald daran, die Indianer
+ganz auszurotten: und soll uns das wundern, wenn wir erfahren, dass
+noch in diesem Jahrhundert der Regierung der Vereinigten Staaten
+ein f&ouml;rmliches Projekt zur Vertilgung der Indianer vorgelegt
+wurde? Und wie man sie vertilgte! &raquo;Die Engl&auml;nder,
+versichert Trumbull bei Waitz 3, 248, hatten damals (im 17.
+Jahrhundert) und sp&auml;ter viel Zweifel dar&uuml;ber, ob es sich
+mit dem Christenthum und der Menschlichkeit vertrage, die Feinde
+lebendig zu verbrennen.&laquo; Die Weissen haben, wie schon hieraus
+hervorgeht und auch sonst &uuml;berall, oft sogar mit dem
+gr&ouml;ssten R&uuml;hmen, bezeugt wird, den Krieg mit derselben
+und oft noch viel &auml;rgerer Grausamkeit gef&uuml;hrt, als die
+Indianer selbst (ebd. 258. 260); noch 1830 haben sie, wie
+fr&uuml;her &ouml;fter, unter den Pani das Blattergift verbreitet
+(ebd. 259). Wie man nun die V&ouml;lker um ihr Land geprellt, wie
+man sie sp&auml;ter immer weiter nach Westen und schliesslich
+&uuml;ber den Missisippi hin&uuml;bergedr&auml;ngt hat, ohne
+R&uuml;cksicht auf die bedeutend aufbl&uuml;hende Kultur der
+Cherokees, welche durch diese Verpflanzung einen schweren Stoss
+erlitt, das mag man bei Waitz 3 bis 299 und b, 26-60 nachlesen: wir
+wollen nur noch bemerken, dass die Natchez, die Schawanoes, die
+Delawares, Potowatomies, Seminolen, Kaskaskias und andere einst
+m&auml;chtige V&ouml;lker von den Weissen vernichtet oder so gut
+wie vernichtet sind (Waitz 1, 166).</p>
+
+<p>In S&uuml;damerika traten die Europ&auml;er wom&ouml;glich noch
+scheusslicher auf. &raquo;Benzoni, sagt Waitz 3, 399-100 in
+Beziehung auf Guyana, hat als Augenzeuge ein schauerliches Bild
+davon entworfen, wie die Spanier in diesen L&auml;ndern hausten.
+Das Verbot, Sklaven zu machen, war kein Verbot, Sklaven zu halten.
+Die gew&ouml;hnliche Formel, mit welcher letzteres erlaubt wurde,
+lautete: ihr sollt als Sklaven halten d&uuml;rfen die von den
+eingeborenen Herren des Landes als solche gehalten und euch
+verkauft werden. Das gew&ouml;hnliche Verfahren, welches namentlich
+in Maracapana oft zur Ausf&uuml;hrung gekommen ist, bestand daher
+darin, dass man einen H&auml;uptling einfing, der gezwungen wurde,
+sich durch den Verkauf seiner Leute als Sklaven die Freiheit zu
+erwerben, und dass man die so gewonnenen Sklaven dann von der
+Beh&ouml;rde f&uuml;r rechtm&auml;ssig erkl&auml;ren liess.
+Unterwarf sich aber ein H&auml;uptling freiwillig, so fiel man mit
+ihm &uuml;ber seine Feinde her, um diese zu versklaven oder suchte
+Streit mit ihm selbst. Nasen- und Ohrenabschneiden war eine
+gew&ouml;hnliche und nicht selten ausgef&uuml;hrte Drohung der
+Spanier gegen Indianer, die sich ungef&uuml;gig zeigten, und da das
+Gesetz verbot, die Lastthiere zu &uuml;berb&uuml;rden, damit sie
+sich reichlich vermehren k&ouml;nnten, diente auch dies als
+Vorwand, die Eingeborenen selbst als Lastthiere zu gebrauchen.
+N&auml;chst der Minenarbeit und pers&ouml;nlichen Dienstbarkeit
+&uuml;berhaupt hat vorz&uuml;glich auch die Entf&uuml;hrung vieler
+Weiber ihre Zahl verringert. Nat&uuml;rlich liessen sich das die
+streitbaren Indianer nicht ohne Weiteres anthun und man kann
+denken, welche f&uuml;rchterlichen K&auml;mpfe eine solche
+Behandlung hervorrufen musste und wie diese K&auml;mpfe selbst,
+obwohl zum Theil gl&uuml;cklich f&uuml;r sie, die Indianer
+decimiren mussten. In Brasilien wars um nichts besser. Obwohl man
+anfangs den Eingeborenen die Freiheit zugesprochen hatte, kam man
+doch sehr bald dahin, dass man Menschenjagden erst duldete und dann
+(seit 1611) allgemein gestattete und diese entwickelten sich gar
+bald zu einer solchen H&ouml;he, dass in den 3 Jahren 1628-1630 in
+Rio de Janeiro allein 60,000 Indianer, meist aus Paraguay, in die
+Sklaverei verkauft wurden, wobei es nat&uuml;rlich auch wieder zu
+den scheusslichsten Kriegen kam, in welchen Europ&auml;er und
+Indianer gleichm&auml;ssig verwilderten (Waitz 3, 450-51).
+Allerdings setzten sich die Mission&auml;re (Jesuiten) hiergegen,
+allein nur, um die Arbeitskraft der Indianer ihrem Orden zukommen
+zu lassen, und meist mit so geringem Erfolg, dass ihr Widerstand
+gar nichts bedeutete. Uebrigens ist auch jetzt noch das Loos der
+unter brasilianischer, also portugiesischer Herrschaft stehenden
+Indianer kaum besser (ebd. 453), wie die Portugiesen wohl
+diejenigen Europ&auml;er sind, welche am unmenschlichsten mit den
+Amerikanern umgingen. Das beweist auch, wie sie mit den Indianern
+der Pampas verfuhren. Wir wollen h&ouml;ren, was hier&uuml;ber v.
+Tschudi 2, 261-64 von vergangenen Zeiten und von der Gegenwart
+sagt: &raquo;Das Verh&auml;ltniss zwischen den erobernden
+Portugiesen und den Indianern war seit dem 16. Jahrhundert im
+allgemeinen ein getr&uuml;btes. Bekanntlich trachteten die
+Ansiedler so viel als nur m&ouml;glich, die Eingeborenen f&uuml;r
+die Feldbestellung und f&uuml;r den Bergbau zu benutzen. Diese aber
+fanden im ganzen wenig Freude an solchen ihren nat&uuml;rlichen
+Neigungen mehr oder weniger widerstrebenden Verrichtungen und
+wollten ebenso wenig in ein Dienstverh&auml;ltniss zu den
+Eindringlingen treten. Die gebieterische Nothwendigkeit,
+Arbeitskr&auml;fte zu besitzen, f&uuml;hrte die Portugiesen
+allm&auml;hlich dahin, sich der Indianer mit Gewalt zu
+bem&auml;chtigen und sie zu unentgeltlichen Dienstleistungen zu
+zwingen. Binnen kurzem bildete sich eine Indianersklaverei und ein
+schwunghafter Menschenhandel aus. Banden k&uuml;hner Abenteurer
+zogen nach den Urw&auml;ldern auf Menschenjagd und verkauften nach
+der R&uuml;ckkehr ihre Beute an Grossgrundbesitzer, in denen sie
+stets willige Abnehmer fanden. K&ouml;nigliche Verordnungen
+autorisirten gewissermassen dieses emp&ouml;rende Verfahren und nur
+an der Gesellschaft Jesu fanden die hartbedr&auml;ngten Urbewohner
+Vertheidiger und Besch&uuml;tzer. Durch massenhafte Einfuhr von
+Sklaven von der afrikanischen K&uuml;ste, verbunden mit einer etwas
+humaneren Gesetzgebung, verminderte sich, besonders im 18.
+Jahrhundert, die Indianersklaverei, dagegen aber entwickelte sich
+an vielen Grenzpunkten der Civilisation ein f&ouml;rmlicher
+Vernichtungskrieg zwischen Portugiesen und Indianern.
+Ueberlegenheit der Angriffs- und Verteidigungswaffen sicherten den
+ersten den Erfolg ..... deren weite mit gehacktem Blei geladene
+Trabucos oft schreckliche Verw&uuml;stungen unter den Gegnern
+anrichteten.</p>
+
+<p>Wilde Bluthunde, die ausschliesslich auf Indianerf&auml;hrten
+abgerichtet waren, halfen den nicht weniger blutd&uuml;rstigen
+Menschenj&auml;gern die feindlichen Lager ausfindig machen. Die
+Offiziere wetteiferten, wer die besten Indianerhunde besitze, und
+ein gewisser Lieutenant Antonio Pereira liess die seinigen nur
+Indianerfleisch geniessen, um sie stets bei guter Nase zu erhalten.
+Als durch die Einf&uuml;hrung der weit arbeitsf&auml;higeren Neger
+die Indianer fast ganz entwerthet wurden, so handelte es sich bei
+solchen Expeditionen nicht mehr darum, Menschen zu fangen, sondern
+nur eine m&ouml;glichst grosse Zahl zu morden. Um diesen Zweck, die
+Vernichtung der Indianer, in ausgedehntem Massstabe zu erreichen,
+griffen die Portugiesen zu den niedertr&auml;chtigsten Mitteln. Sie
+legten Kleider von Personen, die an Blattern oder Scharlach
+verstorben waren, in der Absicht in die W&auml;lder, dass Indianer
+sich diese aneignen und infolge dessen Epidemien unter ihnen
+ausbrechen und gr&auml;ssliche Verheerungen unter ihnen anrichten
+sollten.&laquo; Also ganz wie es die Engl&auml;nder in Nordamerika
+machten! &mdash; Nachdem nun Tschudi gesagt hat, dass die Spanier
+zu solchen sch&auml;ndlichen Mitteln nie gegriffen h&auml;tten,
+f&auml;hrt er fort: &raquo;trotz der sch&ouml;nen aber leider so
+mangelhaft ausgef&uuml;hrten Constitution Brasiliens hat der
+Vernichtungskrieg gegen die Indianer der Provinz Minas bis auf die
+neueste Zeit noch fortgedauert. Heute noch (1860) leben dort
+Individuen, denen eine Indianerjagd der h&ouml;chste Genuss ist und
+die noch sorgf&auml;ltig Schweiss- und Sp&uuml;rhunde zu diesem
+Zwecke pflegen. Nur eine kurze Zeit ist verflossen, seit ein
+kaiserlich brasilianischer Milit&auml;rcommandant als Repressalien
+f&uuml;r einen von den Indianern begangenen Mord ein Indianeraldea
+(Dorf) &uuml;berfiel und als Siegestroph&auml;e <i>dreihundert</i>
+Ohren von grausam abgeschlachteten Indianern in den Flecken St.
+Matheus, s&uuml;dlich vom Mukury brachte! Selbst der kaiserliche
+Commission&auml;r ... neigt sich mehr zu den Vertilgungsmitteln
+hin, als auf rein menschliche Weise die Indianer der Civilisation
+unterthan zu machen....</p>
+
+<p>Ottoni f&uuml;hrt einige Beispiele an, wie der Vernichtungskrieg
+gegen die Indianer auch in neuerer Zeit gef&uuml;hrt wurde. Der
+Schauplatz dieser elenden Thaten war das Quellgebiet des Mukury und
+ein Theil von dem des Jaquitinhonha. Die Hauptleiter der
+M&ouml;rderexpeditionen waren zwei indianische Soldaten Cr&eacute;
+und Crahy, denen sich als dritter w&uuml;rdiger Genosse ein
+gewisser Tidoro zugesellte. Sie handelten aber nur auf h&ouml;heren
+Milit&auml;rbefehl. &raquo;Eine Aldea umbringen&laquo; war ihr
+Losungswort, der Zauber, der sie f&uuml;r ihr Henkerhandwerk
+fanatisirte. Mit H&uuml;lfe kaiserlich brasilianischer Soldaten und
+&raquo;Liebhaber&laquo; (oft den besten St&auml;nden
+angeh&ouml;rend) umringten sie w&auml;hrend der Nacht die dem
+Untergang geweihte Aldea und st&uuml;rmten sie mit dem ersten
+Tagesgrauen, so dass die aufgehende Sonne nur noch blutrauchende
+gr&auml;sslich verst&uuml;mmelte Leichname beschien. Die arglosen
+Indianer hatten gew&ouml;hnlich keine Idee von dem ihnen drohenden
+Verh&auml;ngniss: sie wurden meistens im tiefen Schlaf
+&uuml;berrascht. Die Soldaten bem&auml;chtigten sich immer zuerst
+der in einer Ecke zusammengestellten Bogen und Pfeile, um so
+weniger gef&auml;hrdet die wehrlosen Indianer abzuschlachten. Nur
+die Kinder (Kurukas) wurden verschont, sie waren Kriegsbeute! Ein
+solches Kuruka wurde in der Regel f&uuml;r 100 Milreis verkauft.
+Selbst in neuester Zeit war der Gewinn, der aus dem Verkauf der
+erbeuteten Kinder gezogen wurde, das einzige Motiv, um eine Aldea
+umzubringen. Und dieses geschieht im constitutionellen Brasilien
+gegen die urspr&uuml;nglichen Bewohner des Landes! Am Rio
+Jaquitinhonha, am Mukury, am Rio St. Matheus, am Rio Dolce sind
+zahlreiche Beispiele dieser Menschenschl&auml;chtereien
+vorgekommen. Vier Jahre vor meinem Besuch am Mukury leiteten die
+Henkersknechte Cro und Crahy eine solche Metzelei bei Queriba am
+Jaquitinhonha. Sogar im Jahr 1861 wurde wenige Meilen von
+Philadelphia eine derartige Menschenschl&auml;chterei
+ausgef&uuml;hrt. Im Jahre 1846 wurde in Marianna, 2 Leguas von St.
+Jose de Porto Alegre, an der M&uuml;ndung des Mukury, der Tribus
+des H&auml;uptlings Shiporok fast g&auml;nzlich vernichtet.
+Sechzehn Sch&auml;del der ermordeten Indianer kaufte ein Franzose
+und schickte sie an ein pariser Museum.&laquo;</p>
+
+<p>Man muss diese Nachrichten, welche jede Vorstellung
+&uuml;bersteigen, bei einem so glaubw&uuml;rdigen Schriftsteller
+wie Tschudi selbst lesen, um sie zu glauben. Uebrigens ging es den
+Araukanern kaum besser, die in einem fast 200j&auml;hrigen Kampfe
+(von 1540-1724) mit den Spaniern um ihre Unabh&auml;ngigkeit
+rangen. Auch hier waren es wieder die Europ&auml;er, welche die
+grauenvollsten Grausamkeiten gegen die tapferen und edeln
+Amerikaner begingen, welche letztern aber auch, wie es
+nat&uuml;rlich war, in einem solchen Krieg verwilderten und
+herunterkamen, so dass man jetzt in ihnen die alten Araukaner nicht
+mehr zu suchen braucht (Waitz 3, 521 ff.). Wie die Spanier noch in
+diesem Jahrhundert gegen sie verfuhren, geht aus folgender, von
+einem Augenzeugen erz&auml;hlten Geschichte hervor, welche den
+portugiesischen Schandthaten w&uuml;rdig zur Seite steht:
+&raquo;von einem Indianerstamme, der sich in seinem Versteck aller
+Nachforschungen entzog, konnte Major Rodriguez nur ein Weib
+auffinden mit ihrem Sohn und ihrer Tochter, die noch Kind war.
+Drohungen und Versprechungen bewirkten nichts &uuml;ber sie, um sie
+zur Verr&auml;therei zu bewegen. Da liess man den Sohn niederknien
+und erschoss ihn vor den Augen seiner Mutter und Schwester. Dennoch
+wollte das Weib nichts gestehen. Auch sie musste niederknien, um zu
+sterben; da erbot sich die Tochter, das Versteck ihres Vaters und
+ihrer Br&uuml;der zu verrathen. Die Mutter st&uuml;rzte
+w&uuml;thend &uuml;ber sie her und wollte sie erdrosseln, doch man
+entriss ihr das Kind und schleppte sie fort in der von diesem
+bezeichneten Richtung, w&auml;hrend sie die Tochter mit den
+h&auml;rtesten Vorw&uuml;rfen wegen ihrer Feigheit und Entartung
+&uuml;berh&auml;ufte. Ihre ganze Familie musste sie hinschlachten
+sehen und gab verzweifelnd und mit dem letzten Athemzuge den
+M&ouml;rdern fluchend bei diesem Anblicke ihren Geist auf&laquo;
+(Waitz 3, 526). Solche Beispiele viehischer Unmenschlichkeit stehen
+keineswegs als einzelne wegen ihrer besonderen Scheusslichkeit
+merkw&uuml;rdige F&auml;lle da: sie sind in diesen Kriegen das ganz
+Gew&ouml;hnliche.</p>
+
+<p>v. Tschudi gab an, dass die Botokuden bei den Jesuiten Schutz
+gefunden h&auml;tten; und wenn allerdings die Geistlichen bisweilen
+ihre Stimmen f&uuml;r die Unterdr&uuml;ckten erhoben, so war das
+keineswegs &uuml;berall oder immer der Fall; ja die Geistlichen
+wurden sehr h&auml;ufig nur eine neue Plage f&uuml;r die
+Eingeborenen durch die Mittel, wie sie die Indianer f&uuml;r die
+Taufe gewannen: einfach dadurch, dass sie dieselben jagten, fingen
+und dann tauften oder so lange einsperrten, bis sie sich taufen
+liessen, was freilich von den spanischen Gesetzen verboten war,
+aber doch oft genug, mit H&uuml;lfe anderer Indianer,
+ausgef&uuml;hrt wurde. Nur allzubekannt ist jene f&uuml;rchterliche
+Geschichte von der Guahibaindianerin, welche mit ihren Kindern
+gefangen worden war und von der</p>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza"><span>Zu der Guahiba und der Christen
+Bildniss<br>
+</span> <span>Erz&auml;hlet jener Stein mit stummem Munde<br>
+</span> <span>Am Atapabos-Ufer in der Wildniss.<br>
+</span></div>
+</div>
+
+<p>Diese Geschichte spielt etwa um 1770: und Humboldt, welcher sie
+uns aus dem Munde der Geistlichen selbst erz&auml;hlt (b, 5, 81
+ff.; vgl. Chamisso Werke 4, 69 ff.), f&auml;hrt fort:
+&raquo;Dergleichen Jammer kommt &uuml;berall vor, wo es Herren und
+Sklaven gibt, wo civilisirte Europ&auml;er unter versunkenen
+V&ouml;lkern leben, wo Priester mit unumschr&auml;nkter Gewalt
+&uuml;ber unwissende, wehrlose V&ouml;lker gebieten&laquo;
+(Humboldt a.a.O. 85). Und er hat Recht: denselben Jammer finden wir
+in Californien wieder, wohin die spanische Herrschaft
+haupts&auml;chlich durch Mission&auml;re gebracht war, und wo diese
+letzteren Schlingen legten, um Indianer zu fangen oder zu demselben
+Behuf bewaffnete Schaaren ausschickten. Widersetzte sich einer der
+Eingeborenen der neuen Lehre, so sperrte man ihn zun&auml;chst ein
+und liess ihn hungern, dann zeigte man ihm Fleisch, um ihm von dem
+guten Leben, das ihn bei den Mission&auml;ren erwarte, einen
+Begriff zu geben und suchte ihn so zum &mdash; Christenthum zu
+gewinnen (Beechey 1, 356). Wiedereingefangene Deserteure erhielten
+nach Langsdorff Stockpr&uuml;gel, die sehr h&auml;ufig auch bei
+Frauen angewendet wurden, und es wurde ihnen ein schwerer Eisenstab
+angeh&auml;ngt, um f&uuml;rderhin Flucht ihnen unm&ouml;glich zu
+machen. Da nun die so Bekehrten ganz wie Sklaven den frommen
+Mission&auml;ren dienen mussten, so ist es einmal kein Wunder, wenn
+sie, um dieser Religion, dieser Kultur zu entfliehen, kein Mittel
+scheuten, auf der anderen Seite aber auch nicht, wenn wir sie
+massenhaft in den Missionen sterben sehen. Krankheiten
+w&uuml;theten und von Jahr zu Jahr wuchs die Sterblichkeit. 1786
+waren 7701 Indianer getauft, von denen 2388 starben; 1813 waren
+57,328 getauft, aber gestorben 37,437 (Beechey 1, 370). &mdash; Als
+nun sp&auml;ter die Missionen durch die politischen
+Verh&auml;ltnisse Californiens verfielen, wurde das Loos der
+Eingeborenen noch schlimmer. Sklavenjagden oder auch geradezu
+Menschenhetzen begannen, man schoss sie nieder, ohne Unterschied
+des Alters und Geschlechtes, wo man sie traf. Ein spanischer
+General hatte (nach Wilkes) Californier zu Soldaten einexercirt;
+als sie sich aber sehr brauchbar zeigten, bekam er Furcht vor ihnen
+und liess sie alle niederschiessen (Waitz 2, 244-51).</p>
+
+<p>Am aller&auml;rgsten aber haben die Weissen in den kultivirten
+Gegenden Amerikas gehaust, welche sie zuerst vom ganzen Continente
+kennen lernten. Die Eroberung von Mexiko kostete, wie ein Spanier
+(Clavigero bei Waitz 1, 189-90) angibt, mehr Menschen, als
+w&auml;hrend der ganzen Dauer des mexikanischen Reiches den
+G&ouml;ttern geopfert sind; wenn auch die Behauptung desselben
+Schriftstellers, die Bev&ouml;lkerung des Landes sei durch die
+Eroberung bis auf ein Zehntel gesunken, von Waitz (4, 190) mit
+Recht als &uuml;bertrieben angesehen werden mag. Aber Gomara
+selbst, der f&uuml;r Cortez schreibt, berichtet, dass weder Weiber
+noch Kinder von den Spaniern geschont seien (Waitz 4, 186); und
+doch war Cortez noch derjenige, welcher wenigstens ohne
+unn&ouml;thige Grausamkeit verfuhr, w&auml;hrend seine Nachfolger
+geradezu unmenschlich hausten. Doch auch Cortez vertheilte,
+trotzdem es ihm hart erschien, die Mexikaner unter die spanischen
+Eroberer als Knechte und der h&ouml;chste Adel sowohl wie gemeines
+Volk mussten ihren Enkomenderos die h&auml;rteste Arbeit thun,
+unter der sie, &uuml;berhaupt nicht an strenge Arbeit, am
+allerwenigsten aber an so ganz unmenschliche Ueberb&uuml;rdung
+gew&ouml;hnt, massenweis erlagen. Widerspenstige oder wer,
+gleichviel aus welchem Grunde, den Tribut nicht zahlte, wurden als
+Sklaven verkauft. Dieser Tribut aber war enorm und wurde mit der
+gr&ouml;ssten Strenge, sehr h&auml;ufig auch mit den &auml;rgsten
+Betr&uuml;gereien und Erpressungen beigetrieben. Viele
+t&ouml;dteten sich nun aus Verzweiflung, andere verabredeten sich,
+keine Kinder mehr zu erzeugen oder k&uuml;nstlichen Abortus zu
+bewirken, um wenigstens ihre Nachkommen von diesem ganz
+unertr&auml;glichen Elend, das noch durch jene f&uuml;rchterlichen
+eingeschleppten Krankheiten furchtbar erh&ouml;ht wurde, zu
+bewahren. Bei der Eroberung waren die Wasserleitungen mit
+zerst&ouml;rt und dadurch erhob sich neues Elend: denn ein grosser
+Theil des Landes ward dadurch zur W&uuml;ste (Waitz 4, 187). Das
+Christenthum, das &uuml;brigens sobald es sich der Eingeborenen
+annahm, von den spanischen Machthabern aufs Heftigste angefeindet
+wurde, kam nun auch und mit ihm die Inquisition, die gar nicht
+selten 100 Ketzer auf einmal verbrennen liess (4, 189) &mdash;
+kurz, es ergoss sich auf die ungl&uuml;cklichen Menschen ein so
+grimmiges Elend, wie vielleicht kein Volk sonst hat aushalten
+m&uuml;ssen, und es ist kein Wunder, wenn auch hier die
+Eingeborenen vor dem &raquo;Hauche der Kultur&laquo; schaarenweis
+starben; ein Wunder ists nur, dass sie trotz aller dieser Leiden
+bis auf den heutigen Tag nicht ausgerottet sind.</p>
+
+<p>Nicht anders hausten die Spanier in Guatemala (4, 268), in
+Nikaragua (280) und noch &auml;rger auf den Antillen und Lukayen
+(Bahamainseln), deren Einwohner, mehrere 100,000 an der Zahl
+innerhalb weniger Jahrzehnte g&auml;nzlich vernichtet sind, wozu
+die eingeschleppten Krankheiten, die Minenarbeiten, die
+nichtsw&uuml;rdigen Knechtungen und oft ganz zwecklose
+Menschenmetzeleien das Meiste beitrugen. Massenweise t&ouml;dteten
+die Eingeborenen sich selbst. Columbus selbst hatte ganz dieselbe
+Gesinnung wie seine Landsleute: Menschenraub, Sklaverei, grausame
+Verst&uuml;mmelungen geschahen auf seinen Befehl und die spanische
+Regierung war, obwohl Isabella diese Behandlung der Eingeborenen im
+h&ouml;chsten Grade missbilligte, viel zu schwach, irgend etwas
+Bleibendes zu Gunsten der Indianer zu erreichen (Waitz 4, 331.
+334).</p>
+
+<p>Ebenso ging es in Darien (4, 351) und Neu-Granada (377) und dass
+es in Peru eher schlimmer als besser war, daf&uuml;r b&uuml;rgt
+schon der Name Pizarro. Das beliebte Mittel der Portugiesen,
+Bluthunde, die auf Indianer dressirt waren, gegen diese
+loszuhetzen, wurde hier namentlich angewandt. Wir erinnern hier an
+die schon erw&auml;hnte Bitte des gefangenen F&uuml;rsten, ihn
+nicht verbrennen, nicht den Hunden vorwerfen, sondern einfach
+erh&auml;ngen zu lassen (1, 478 ff.). Nach Gomara sind in den
+Kriegen unmittelbar nach der Eroberung etwa anderthalb Millionen
+Eingeborene aufgerieben; die &uuml;brigen litten unter dem Druck
+der Encomiendas und Mitas (zwangsweise Vermiethung der Eingeborenen
+an Privatleute, von der Mestizen, Mulatten, Zambos frei waren) so
+unertr&auml;glich, dass sie durch das Uebermass von Arbeit
+schaarenweis aufgerieben wurden. Dazu kam noch der furchtbare
+Steuerdruck unter den habgierigen Spaniern, an welchem sich
+&uuml;brigens die Geistlichkeit ohne die geringste Scheu aufs
+lebhafteste mit betheiligte. Nimmt man dies leibliche Leiden
+zusammen, und dazu das Bewusstsein der g&auml;nzlichen Ohnmacht
+gegen diesen Gegner, so wird man sich die psychischen Leiden dieser
+Menschen denken k&ouml;nnen; diese fallen aber mit dem
+gr&ouml;ssten Gewicht in unsere Wagschale, da ihnen gewiss grosse
+Mengen erlegen sind, wie vielfach bezeugt ist. Gewiss, wenn man die
+Amerikaner in Nord und S&uuml;d betrachtet, deren Bedr&uuml;ckung
+noch nirgends ganz aufgeh&ouml;rt hat, so ist das das allein
+Wunderbare, dass jetzt, nach 300 oder 200 Jahren eines solchen
+Druckes, noch irgend etwas von der Urbev&ouml;lkerung existirt.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_17_Fortsetzung_Der_stille_Ozean"></a>
+<h2>&sect; 17. Fortsetzung. Der stille Ozean.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Eine &auml;hnliche Behandlung wie die bisher besprochenen
+V&ouml;lker von Holl&auml;ndern, Engl&auml;ndern, Spaniern und
+Portugiesen erfuhren die Kamtschadalen und Aleuten durch die
+Russen. Nach King (Cook 3te Reise 4, 171) w&uuml;thete der Russe
+Atlassof, der 1699 Kamtschatka zuerst entdeckt hatte, seit 1706 zum
+zweiten Male Befehlshaber daselbst, &raquo;um die Einwohner mit
+guter Art und durch friedliche Mittel zu gewinnen&laquo;, in dem
+Lande so arg, dass seine eigenen Leute, die Kosaken, welche bis
+dahin friedlich mit den Kamtschadalen ausgekommen waren, gegen ihn
+einen Aufstand erhoben und sich in den Besitz der Halbinsel
+setzten. Dadurch ward es aber nicht besser, denn sie w&uuml;theten,
+einmal an Mord und Blut gew&ouml;hnt, von nun ab unter den
+Eingeborenen von Kamtschatka selbst. &raquo;Die Geschichte dieser
+Halbinsel von jenem Zeitpunkte an bis in das Jahr 1731 ist eine
+Reihe von Mordthaten, Emp&ouml;rungen und wilden blutigen Gefechten
+kleiner im ganzen Lande streifender Parteien.&laquo; Damals
+n&auml;mlich erhoben sich die erbitterten Kamtschadalen, um ihr
+Land nicht immer weiter unterjocht werden zu lassen und um sich an
+ihren Peinigern zu r&auml;chen. Behring war zu jener Zeit da,
+welcher alle ihm entbehrlichen Truppen, mit Ausnahme kleiner
+Besatzungen in den Festungen des Landes, gegen die Tschuktschen
+schickte, denn bei der ausserordentlichen Klugheit,
+Verschwiegenheit und Energie der Kamtschadalen hatte weder er, noch
+irgend sonst ein Russe eine Ahndung von einer Verschw&ouml;rung,
+welche &uuml;ber die ganze Halbinsel ausgebreitet war. Sie war sehr
+gut organisirt; von kleinen aufhaltenden Zwischenf&auml;llen z.B.
+waren in k&uuml;rzester Frist alle Oberh&auml;upter derselben
+benachrichtigt: und so gelang es denn, nach Behrings Abfahrt den
+Kamtschadalen, dass sie die Festungen rasch einnahmen, und alles
+was von Russen noch im Lande war (Weiber und Kinder mit
+eingeschlossen) niedermachten oder in die Gefangenschaft
+wegschleppten. Behring aber, durch widrige Winde an der K&uuml;ste
+festgehalten, erfuhr das Geschehene, kehrte zur&uuml;ck und
+belagerte das Fort, wohin sich die Kamtschadalen auf Kunde seiner
+R&uuml;ckkehr geworfen hatten; allein nicht eher konnte er es
+&mdash; so tapfer war der Widerstand &mdash; einnehmen, als bis es
+endlich durch einen Zufall in die Luft gesprengt wurde. Da nun die
+Kamtschadalen auch in einigen offenen Gefechten, die sehr blutig
+waren und sonst den k&uuml;rzeren zogen, so mussten sie sich zum
+Frieden bequemen. Von da ab blieb alles ruhig, einzelne
+Aufst&auml;nde abgerechnet &mdash; welche ein deutliches Bild
+geben, wie die Russen sich gegen die durch jenen Aufstand
+gebrochenen Kamtschadalen betrugen. Wenn die Halbinsel, nach King,
+sich nach 1731 wieder so erholt haben soll (doch King selbst
+berichtet zweifelnd), dass sie sp&auml;ter volkreicher war als
+fr&uuml;her, so ist dieser Nachricht kein Glauben zu schenken, oder
+sie bezieht sich auf die Erh&ouml;hung der Bev&ouml;lkerung, welche
+durch Einwanderung erfolgte. Die Russen fuhren fort, wie sie
+angefangen hatten; w&auml;ren die Kamtschadalen noch die alten
+gewesen, die mit solcher Umsicht und Thatkraft den Aufstand von
+1731 ausf&uuml;hrten, sie h&auml;tten von Neuem gegen das Joch
+anzuk&auml;mpfen versucht, was bis auf jene ohnm&auml;chtigen
+Aufst&auml;nde, welche gegen die Peiniger sich &ouml;rtlich
+erhoben, nicht weiter geschah. Jener Krieg hatte sie eben
+gebrochen. Und so erlagen sie denn g&auml;nzlich, als zuerst 1767
+jene Epidemien ausbrachen, die wir schon geschildert haben.</p>
+
+<p>Abgesehen von Krieg und Seuchen hat ihnen der Pelzhandel
+unendlich geschadet. Krusenstern (3, 52-53) erz&auml;hlt, dass die
+Agenten der amerikanischen Compagnie und die russischen
+H&auml;ndler im Lande umherziehen, die einzelnen, mit denen sie
+handeln wollen, mit Branntwein v&ouml;llig trunken machen, was
+ihnen bei der Leidenschaft der Kamtschadalen f&uuml;r den Trunk gar
+nicht schwer wird, und dann den ganzen Vorrath von Pelz, den jene
+besitzen, den Besinnungslosen abnehmen, um sich f&uuml;r &raquo;die
+Menge des getrunkenen Branntweins bezahlt zu machen.&laquo; So
+verliert der Ungl&uuml;ckliche, f&auml;hrt Krusenstern fort, den
+Lohn monatelanger M&uuml;he, statt sich zum Leben n&uuml;tzliche
+und n&ouml;thige Dinge kaufen zu k&ouml;nnen, in einem Rausche.
+&raquo;Gr&ouml;sseres Elend (S. 54) ist auch mit
+Niederdr&uuml;ckung seines Geistes verkn&uuml;pft, welche einen
+&auml;usserst sch&auml;dlichen Einfluss auf seinen ohnehin schon
+siechen K&ouml;rper haben muss, da dieser zuletzt bei
+g&auml;nzlichem Mangel an substantieller Nahrung und jeder
+medizinischen H&uuml;lfe beraubt solchen harten St&ouml;ssen nicht
+lange widerstehen kann. Dies scheint mir die wahre Ursache ihrer
+j&auml;hrlichen Abnahme und allm&auml;hlichen g&auml;nzlichen
+Ausrottung zu sein, welche durch epidemische Krankheiten, die sie
+haufenweise wegraffen, bef&ouml;rdert wird.&laquo;</p>
+
+<p>Auch auf friedlichem Wege wird ihre Zahl verringert: denn hier
+und auf den Aleuten sind sie mit den Russen vielfach durch
+Heirathen zusammengeschmolzen.</p>
+
+<p>Allein auch auf den Aleuten haben sich die Russen meist nur
+feindselig gezeigt. Namentlich sind es die russischen
+Wildj&auml;ger (Promyschlenniks, welche von 1760-90 die Inseln
+beherrschten, Waitz 3, 313), die sich durch w&uuml;ste Grausamkeit
+auszeichnen. &raquo;Sie pflegten nicht selten Menschen dicht
+zusammenzustellen und zu versuchen, durch wie viele die Kugel ihrer
+gezogenen B&uuml;chse hindurchdringen k&ouml;nne&laquo;, sagt Sauer
+(aus dem Tagebuch eines russischen Offiziers, das er in den
+Anh&auml;ngen an seine Reise mittheilt) bei Chamisso 177. Dazu
+kommt noch die sklavische Knechtung, in welcher Kamtschadalen und
+Aleuten von den Russen gehalten werden (Chamisso 177 und
+Langsdorff): wie denn z.B. die H&auml;lfte der gesammten
+m&auml;nnlichen Bev&ouml;lkerung von 18-50 Jahren das ganze Jahr
+hindurch unentgeltlich von ihnen in Anspruch genommen wird
+(Kittlitz 1, 295). Daher hat Waitz ganz Recht, wenn er die
+Nachrichten &uuml;ber das milde Verfahren der Russen nicht eben
+hoch anschl&auml;gt (3, 313-14). Nach den Schilderungen von
+Chamisso, der hier mit Kotzebue (1, 167 &mdash; 68) ganz
+&uuml;bereinstimmt, sind sie jetzt ein tr&auml;ges auch in seiner
+Freude tr&uuml;bes und theilnahmloses Volk (Cham. 177), wozu sie in
+Folge des unaufh&ouml;rlichen Drucks geworden sind. Einzelne sollen
+sich, &auml;hnlich wie die &raquo;wilden M&auml;nner&laquo; von
+Tahiti, in die Berge gefl&uuml;chtet haben und dort ein
+k&uuml;mmerliches Leben fristen (Chamisso 177).</p>
+
+<p>Von der Inselwelt des stillen Ozeans kamen die Europ&auml;er
+zuerst in dauernde Ber&uuml;hrung mit den Marianen, wo die Spanier,
+als sie 1668 landeten eine sehr bedeutende Bev&ouml;lkerung
+(100,000 ist nicht &uuml;bertrieben, wie wir schon sahen) auf der
+ganzen Kette vertheilt fanden &mdash; und um 1710 war nur noch
+Guaham, die s&uuml;dlichste und gr&ouml;sste Insel bewohnt, die
+anderen ver&ouml;det. Der Krieg, welchen namentlich Quiroga mit
+blutiger Tapferkeit f&uuml;hrte, und der &uuml;ber 30 Jahre
+dauerte, zahlreiche Epidemien, Verpflanzung der Eingeborenen von
+einem Distrikt zum anderen (welches Mittel auch in Amerika die
+verheerendsten Folgen hatte) trugen zu dieser Vernichtung das
+ihrige bei. Aber wenn auch nach den Berichten, die wir haben und
+die ganz, wie le Gobien und Freycinet, auf spanischen Quellen
+beruhen oder Erz&auml;hlungen der bei der spanischen Unterwerfung
+th&auml;tigen Jesuiten sind wie die Berichte im &raquo;neuen
+Weltbott&laquo; (einer Missionzeitung a.d. Anfange des vorigen
+Jahrhunderts); wenn auch nach diesen Quellen die Spanier nicht mit
+der emp&ouml;renden Grausamkeit verfuhren wie in Amerika: so ist es
+doch auffallend, dass wir ganz dieselben Erscheinungen hier wie
+dort nach ihrem Auftreten finden, wildeste Verzweiflung der
+Eingeborenen &mdash; welche hier wie dort anfangs den Spaniern sehr
+freundlich entgegenkamen &mdash; massenhaftes Auswandern derselben,
+zahllosen Selbstmord, k&uuml;nstliche Fehlgeburt oder Ermordung der
+Kinder bei der Geburt und schliesslich und sehr bald totale
+Entv&ouml;lkerung der Inseln, welche f&uuml;r Guaham nur durch
+zahlreiche Einf&uuml;hrung philippinischer Tagalen verh&uuml;tet
+ist. Wahrscheinlich hausten also hier die Spanier mit derselben
+rohen Bedr&uuml;ckung und wilden Grausamkeit, welche sie
+&uuml;berall zum Fluch der neuentdeckten L&auml;nder machte, nur
+dass hier, ganz &auml;hnlich wie &uuml;ber das ebenso rasch
+entv&ouml;lkerte Honduras (Waitz 4, 280), unsere Quellen schweigen,
+oder nur parteiisch und einseitig berichten. Sicher wird man aus
+dem Aussterben der marianischen Bev&ouml;lkerung keinen Schluss
+ziehen k&ouml;nnen zu Gunsten der Ansicht, dass die
+Naturv&ouml;lker, weil sie von schlechterer Organisation seien, den
+Weissen erl&auml;gen.</p>
+
+<p>Polynesien ist 3 Jahrhunderte sp&auml;ter entdeckt worden als
+Amerika, eins sp&auml;ter als die Marianen; so sehen wir denn hier
+die kultivirte Menschheit anders als bisher. Zwar zeigen die
+fr&uuml;heren Durchsegler des Ozeans, die Spanier, Dampier,
+Roggeween, dieselbe Rohheit den Naturv&ouml;lkern gegen&uuml;ber
+wie alle ihre Zeitgenossen; allein im Ganzen ist man hier milder
+aufgetreten als sonst, wozu ausser dem kleineren Terrain wie der
+geringeren Zahl, in welcher die Europ&auml;er demgem&auml;ss
+auftreten, der Hauptgrund das Jahrhundert ist, in welchem man die
+meisten dieser Inseln entdeckte. War es doch die Zeit des
+Philanthropismus und glaubte man doch die ertr&auml;umten Ideale
+von menschlicher Gl&uuml;ckseligkeit, wie z.B. Rousseau sie in
+Europa entwarf, hier im Leben der S&uuml;dseeinsulaner verwirklicht
+zu finden; ein Umstand, der f&uuml;r die Art, wie man den
+Polynesiern entgegentrat, von grosser Bedeutung war. Und noch,
+wichtiger war es, dass gleich nach der Entdeckung zu ihnen
+Mission&auml;re der protestantischen Kirche, denen es nicht auf
+Ausbreitung des christlichen Namens und der &auml;usseren
+Gebr&auml;uche, sondern da sie selbst im tiefsten Herzen wahre
+Christen waren, auf die Emporhebung und F&ouml;rderung der
+Eingeborenen ankam. So steht der treffliche Wilson, der erste
+Mission&auml;r der S&uuml;dsee (1795), an der Spitze einer Reihe
+von Ehrenm&auml;nnern, die, wenn auch hin und wieder selbst nicht
+frei von menschlichen Schw&auml;chen, auf das Wohlgemeinteste
+f&uuml;r diese V&ouml;lker sorgten.</p>
+
+<p>Allein weder sie noch der fortgeschrittene Geist der
+Jahrhunderte konnten auch hier die b&ouml;sen Wirkungen der Kultur
+und ihrer Tr&auml;ger abwehren. Eine Reihe einzelner
+Brutalit&auml;ten, deren Helden meist Schiffskapit&auml;ne und ihre
+Matrosen sind, kamen auch hier vor, welche allerdings bei der
+geringen Anzahl der Einwohner f&uuml;r die einzelnen Inseln
+gef&auml;hrlich genug sein konnten und z.B. f&uuml;r Waihu
+verderblich gewesen sind (M&ouml;renhout 2, 278-79, der Genaueres
+und die Quellen gibt).</p>
+
+<p>Aber auf die Dauer gef&auml;hrlich wurden die Europ&auml;er
+durch die Verbrecherkolonien, welche sie in der S&uuml;dsee
+(Neuholland, Tasmanien und sonst) anlegten. Denn eine Menge der
+deportirten Verbrecher entwichen und indem sie sich auf
+verschiedenen Inseln des Ozeans umhertrieben oder auf einzelnen
+festsetzten, schleppten sie ausser Krankheiten eine Menge Laster
+ein oder reizten, was oft genug vorgekommen ist, die Eingeborenen
+zum Krieg gegen die ankommenden Weissen, der meist den Eingeborenen
+verderblich wurde; oder zum Widerstand gegen die Mission&auml;re,
+der ihnen nach anderer Seite hin schadete.</p>
+
+<p>Ausserdem wird die S&uuml;dsee durchkreuzt von einer Menge von
+Walern, welche oft ziemlich lange Rast auf den einzelnen Inseln
+halten und deren Mannschaft sehr oft aus dem Abschaum aller
+V&ouml;lker zusammenfliesst. Auch sie wirkten auf gleiche Weise
+ausserordentlich unheilvoll. F&uuml;r Hawaii allein schl&auml;gt
+Virgin (1, 269) die Zahl derselben auf j&auml;hrlich 15-20,000 an
+und er erw&auml;hnt auch, wie die Syphilis durch sie
+fortw&auml;hrend neue Nahrung bekommt. Diesen Walern und ihrem
+entsittlichenden Einfluss schreibt auch Gulick die Abnahme der
+Bev&ouml;lkerung von Kusaie, von der oben die Rede war, zu.</p>
+
+<p>Ferner hat hier die Feindseligkeit, mit welcher die nicht
+geistlichen Europ&auml;er den Mission&auml;ren, meist aus Gewinn-
+oder Genusssucht, entgegentraten (genauere Belege bei Meinicke b
+und Lutteroth) ganz besonders nachtheiligen Einfluss ausge&uuml;bt;
+und nicht minder der Streit, welchen die katholische Kirche in der
+S&uuml;dsee mit den evangelischen Mission&auml;ren anfing.
+Frankreich war es, welches als &raquo;Werkzeug der
+Propaganda&laquo; (Lutteroth 164) in diesem Theil der Welt auftrat
+und die Art und Weise, wie es das gethan hat, war keineswegs im
+Interesse der Polynesier. Erstaunt man schon &uuml;ber die Orgien,
+welche seine Vertreter ver&uuml;bten &mdash; so Dumont d'Urville
+auf Nukuhiva (4, 5, ff.), Laplace und die Mannschaft der Artemise
+auf Tahiti (Lutteroth 167), so erstaunt man noch mehr &uuml;ber die
+Unbefangenheit, mit welcher die franz&ouml;sischen Schriftsteller
+&uuml;ber diese schmachvollen Vorg&auml;nge als etwas ganz
+Selbstverst&auml;ndliches reden. Will man die Eingeborenen dieser
+Inseln heben, so muss man ihr Selbstgef&uuml;hl zu f&ouml;rdern
+suchen, man muss, indem man die Laster, die ihnen so viel geschadet
+haben, unterdr&uuml;ckt, auf ihre guten Seiten belebend und
+kr&auml;ftigend einwirken: von allem aber hat die franz&ouml;sische
+Okkupation der Insel Tahiti nur das Gegentheil bewirkt und wie man
+aus der brutalen Art schliessen kann, mit der sie verfuhr, auch
+gewollt. Wenigstens geht aus allem hervor, dass die Einwanderer die
+Eingeborenen hier nicht h&ouml;her sch&auml;tzten, als einst die
+Spanier oder Engl&auml;nder die Amerikaner. In Neuseeland, wo die
+Engl&auml;nder fest sich niedergelassen und denselben
+Ra&ccedil;enhochmuth gegen die Eingeborenen gezeigt haben, hat
+ausser diesem letzteren und anderem schon erw&auml;hnten namentlich
+der massenhafte Landverkauf sch&auml;dlich gewirkt, auf welchen die
+Neuseel&auml;nder, ohne recht zu wissen, warum es sich handele,
+eingingen und wobei sie oft genug &mdash; so namentlich von der
+Neuseelandcompagnie &mdash; sich betrogen sahen. Sie geriethen
+durch den Mangel an Land in grosse Noth, durch den Betrug aber in
+grosse Wuth und die Kriege, welche noch bis vor kurzem gef&uuml;hrt
+wurden, beruhen wesentlich auf diesen Gr&uuml;nden (Hochstetter
+483-97). Durch alles dies, die Kriege nicht in letzter Reihe, ist
+nat&uuml;rlich das Emporkommen der Eingeborenen sehr gehindert.</p>
+
+<p>In Melanesien haben namentlich die Sandelholzh&auml;ndler, meist
+englische oder amerikanische Capit&auml;ne, der Bev&ouml;lkerung
+geschadet, da sie, um zu ihrer Waare zu kommen, oft die
+gewaltsamsten und scheusslichsten Mittel anwenden. Sie schlagen das
+Sandelholz nieder, wo sie es finden: daher sie h&auml;ufig in
+Streit mit den Eingeborenen gerathen. Und in einem solchen Kampfe
+auf Tanna kam es vor, dass, als die Eingeborenen in eine H&ouml;hle
+im Gebirge flohen, die nachfolgenden Matrosen vor derselben ein
+Feuer anz&uuml;ndeten und durch den Rauch alle in der H&ouml;hle
+befindlichen umbrachten! Auch rauben sie zu ihren Arbeiten
+Eingeborene der Inseln und schleppen sie mit sich fort, welche dann
+h&auml;ufig dem Heimweh und der Ueberb&uuml;rdung mit Arbeit
+erliegen (Turner 493 vergl. 464). Auf allen Inseln Melanesiens sind
+sie gleichm&auml;ssig gef&uuml;rchtet (Cheyne).</p>
+
+<p>Meinicke (a 2, 217) h&auml;lt die Neuholl&auml;nder f&uuml;r
+einen der Kultur absolut unzug&auml;nglichen Menschenstamm. Andere
+Schriftsteller haben auch behauptet, ein friedliches Auskommen mit
+ihnen sei ganz unm&ouml;glich. Allein die Engl&auml;nder haben sich
+nie die M&uuml;he gegeben, auch nur in ein ertr&auml;gliches
+Verh&auml;ltniss mit ihnen zu kommen: und dass dies sehr leicht
+gewesen w&auml;re, beweisen zun&auml;chst einzelne Beispiele (Waitz
+1 184 ff.), wie vor allen das Greys, der &uuml;berall friedlich mit
+ihnen fertig geworden ist, dann aber geht es aus dem ganzen
+Betragen der Eingebornen hervor, die eher scheu als kriegerisch, im
+Anfang den Weissen freundlich entgegen kamen, ja sogar ihre
+Niederlassung im eignen Gebiet w&uuml;nschten (Grey 2, 234-35).
+Auch Meinicke, der wahrlich nicht f&uuml;r die Neuholl&auml;nder
+Partei nimmt, gibt das zu (a 2, 214). Ihre vielfach behauptete
+wilde Blutgier ist nichts als Fabel &mdash; wohl aus dem
+naheliegenden Grund erfunden, um nun gegen sie desto
+r&uuml;cksichtsloser zu verfahren. Und das ist reichlich geschehen.
+Zun&auml;chst machte man ihr Land vornehmlich zum Deportationsort
+von Verbrechern; Neu-S&uuml;d-Wales war Verbrecherkolonie bis 1843:
+Westaustralien, das nach Grey's Zeugniss 2, 364 h&ouml;her stand
+als der Osten des Continents, weil es keine Verbrecherkolonie war,
+ist es neuerdings geworden (Waitz 1, 185) und dass die Ureinwohner
+die h&ouml;here Kultur, welche durch diese Str&auml;flinge und ihre
+Frevelthaten sich zun&auml;chst bei ihnen ank&uuml;ndigte,
+&raquo;strenge von sich abwiesen&laquo; (Meinicke 2, 217): sollte
+ihnen das nicht eher zum Lobe gereichen? Sodann hat die englische
+Krone die Rechte der Eingeborenen an ihr Land nie anerkannt; sie
+hat genommen was sie wollte, und als dann die Eingeborenen in Folge
+von Nahrungs-und Landmangel zu Bettlern und R&auml;ubern geworden
+waren, hat man hierin ein Zeichen ihrer Unverbesserlichkeit durch
+die Kultur gesehen und sie mit allen Mitteln verfolgt. Sp&auml;ter
+freilich, und auch dies erst in Folge der schreiendsten
+Misshandlungen durch die Weissen, hat man sie unter die englischen
+Gesetze gestellt, allein diese wirken wenig zu ihren Gunsten (Grey
+2, 368). Denn abgesehen davon, dass die Eingeborenen so gut wie gar
+nicht zeugnissf&auml;hig vor Gericht sind, so werden auch die
+Gesetze meist nur da angewandt, wo sie gegen dieselben, nicht wo
+sie zu ihren Gunsten sprechen; ihre Verbrechen an den Weissen
+werden gestraft, nicht aber umgekehrt die der Weissen an ihnen, und
+letztere Verbrechen sind viel zahlreicher. 1838 weigerten sich die
+Geschworenen eine Anzahl Weisser zu verurtheilen, welche 28
+Eingeborene ganz ohne Grund abgeschlachtet hatten (Waitz 1, 184).
+Man schiesst (Breton 200) die Eingeborenen &ouml;fters zum
+Vergn&uuml;gen nieder, da sie in den Augen der Kolonisten nicht
+h&ouml;her stehen, wie etwa der Orang Utang. Ja man hat sie an
+verschiedenen Orten schaarenweise vergiftet (Eyre Journal of
+expedd. into Central-Austral. 1845 2, 176 Note: Waitz 186); nach
+Byrne (12 years wanderings in the british colonies 1848 1, 275,
+Waitz eb.) ist das an vielen Gegenden von Neu-S&uuml;d-Wales durch
+Arsenik geschehen und man hat sich laut und &ouml;ffentlich dieser
+That ger&uuml;hmt.</p>
+
+<p>Nat&uuml;rlich ist f&uuml;r ihre Emporhebung so gut wie nichts
+geschehen; denn was wollen die edeln Bem&uuml;hungen einzelner
+M&auml;nner, wie der Mission&auml;re, sagen, wenn das ganze Volk
+der Kolonisten anders handelt? Grey (2, 364 ff.) stellt zusammen,
+worin man an ihnen gefehlt hat: man betrachtet sie als niedere
+Ra&ccedil;e und behandelt sie deshalb mit dem gr&ouml;ssten
+Vorurtheil und der gr&ouml;ssten Willk&uuml;hr. Werden sie zur
+Arbeit gedungen, so zahlt man ihnen oft fast nichts, immer aber
+weit geringeren Lohn als den Europ&auml;ern. Nat&uuml;rlich
+schweifen sie lieber bettelnd umher. Sie unter englischen
+Rechtsschutz zu stellen war wohlgemeint: allein man h&auml;tte die
+englischen Gesetze auch auf das Unrecht, was sie einander selbst
+thun, anwenden sollen, w&auml;hrend jetzt (Grey gibt Beispiele aus
+Perth) die Europ&auml;er ruhig zusehen, wenn Eingeborene von
+Eingeborenen ermordet werden; man hat durch diese Art der
+Einf&uuml;hrung des englischen Rechts nichts erreicht, als dass die
+&auml;lteren Eingeborenen die j&uuml;ngeren durch grausame
+Behandlung von der Annahme neuer Sitten abschrecken (Grey 2, 376).
+Es ist nach alledem kein Wunder, wenn sie sich von der Kultur, die
+sie so namenlos elend gemacht hat und fortf&auml;hrt, sie als wilde
+Thiere zu behandeln, streng abwenden, obwohl sie geschickt genug
+sind, sie unter sich aufzunehmen und sich h&ouml;her zu entwickeln
+(Grey 2, 374). Grey selbst erz&auml;hlt einen Fall (2, 369), dass
+ein europ&auml;isch unterrichteter Eingeborener, der manche
+F&auml;higkeiten sich erworben hatte, wieder zur&uuml;ckkehrte zu
+den uncivilisirten Seinen, in die wilden W&auml;lder. Wollen wir
+ihn tadeln, dass er nicht lieber, wie es in Prutzs
+geistreichem-Lustspiel von &auml;hnlichen Verh&auml;ltnissen
+heisst,</p>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza"><span>Ein Lump auf Griechisch ist, als ein
+honetter Tektosage?<br>
+</span></div>
+</div>
+
+<p>Bei den Seinen hatte er Familie, Ehre, Verm&ouml;gen; in der
+Kolonie war er verachtet, ehrlos, arm. &raquo;Ich h&auml;tte ebenso
+gehandelt&laquo;, sagt Grey.</p>
+
+<p>Aus allem Angef&uuml;hrten geht hervor, dass es sehr unrecht
+ist, wenn man aus der Feindseligkeit der Neuholl&auml;nder gegen
+die Kultur schliesst, sie seien &uuml;berhaupt jeglicher
+h&ouml;heren Bildung unf&auml;hig. Nicht sie haben die Kultur, die
+Kultur hat sie von sich gestossen.</p>
+
+<p>Die Eingeborenen Tasmaniens, welche noch friedfertiger waren als
+die Neuholl&auml;nder, sind schon vernichtet. Auch hier war eine
+Verbrecherkolonie und was f&uuml;r Fr&uuml;chte sie den
+Eingeborenen trug, zeigt folgende Geschichte: ein Str&auml;fling
+&uuml;berredete einen Eingeborenen, dem er eine geladene Flinte
+gab, wenn er dieselbe in sein Ohr losdr&uuml;cke, so w&uuml;rde er
+eine sehr angenehme Empfindung haben. Er machte ihm, was er zu thun
+habe, mit einer ungeladenen Flinte vor; worauf nat&uuml;rlich der
+Eingeborene sich erschoss (Holman a voyage round the world
+[1827-1832] 4, 403). Auch sonst wurden sie, wie offiziell
+festgestellt ist, aufs schm&auml;hlichste, wie wilde Thiere
+behandelt. Gleich bei der ersten Ansiedelung schoss ein Offizier
+zum Vergn&uuml;gen mit Kart&auml;tschen unter die friedlichen
+Eingeborenen (Bischof, Sketch of the hist. of V. Diemensl. 204);
+andere Schandthaten gleicher Art kamen h&auml;ufig vor und erst
+seit 1810, sieben Jahre nach der Kolonisation ward festgestellt,
+dass die Ermordung eines Eingeborenen als Mord gelten und bestraft
+werden sollte (Hobarttown Almanak for the year 1830, 201). So
+erhoben sich endlich (1826) die erbitterten Eingeborenen zu einem
+Krieg auf Leben und Tod, in welchem sie gef&auml;hrlich genug
+wurden, schliesslich aber &mdash; war doch auf das Einfangen eines
+Erwachsenen 5 Pfund, auf das eines Kindes 2 Pfund als Preis gesetzt
+(Van Diemensland Almanak for the year 1831 p. 161) &mdash;
+schliesslich unterlagen sie. Darwin, welcher auch der Meinung ist,
+dass ihre Vernichtung in dem &raquo;sch&auml;ndlichen
+Betragen&laquo; der Engl&auml;nder ihren Grund hatte, vergleicht
+den Krieg gegen sie mit einer der grossen ostindischen Jagden (2,
+226). Besiegt wurden sie nach Flinders Insel deportirt (Darwin
+a.a.O.); 1848 verpflanzte man sie nach Oyster Cove im Canal
+d'Entrecasteaux und jetzt werden sie wohl, vor dem Hauche einer
+solchen Kultur, ganz ausgestorben sein (Melville the present state
+of Australia 1851 370, Nixon 18). 1815 betrug ihre Zahl noch 5000,
+1835 (nach dem Kriege) noch 111, 1847 waren noch 13 M&auml;nner, 22
+Weiber und 10 Kinder &uuml;brig; 1854 waren, nachdem 29 gestorben
+und kein Kind weiter geboren war, noch 16 &uuml;brig (Petermann
+1856, 441 nach dem Blaubuch). Nirgends fand Darwin die Vermehrung
+eines civilisirten &uuml;ber ein uncivilisirtes Volk auffallender
+wie hier: nirgends aber ist auch die Vernichtung der Eingeborenen
+roher und r&uuml;cksichtsloser betrieben, als in Tasmanien
+(Bischof, Sketch of the hist. of V. Diemensland 1832, appendix);
+wobei wohl in Anschlag zu bringen ist, dass alle diese
+Scheusslichkeiten im 19. Jahrhundert ausge&uuml;bt sind.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name=
+"_18_Geographische_Vertheilung_der_einzelnen_Grunde_fur_das_Aussterben">
+</a>
+
+<h2>&sect; 18. Geographische Vertheilung der einzelnen Gr&uuml;nde
+f&uuml;r das Aussterben der Naturv&ouml;lker. Vergleichung dieser
+Gr&uuml;nde in Bezug auf ihr Gewicht.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Sorglosigkeit der V&ouml;lker also gegen sich, in leiblicher und
+geistiger Beziehung: ihre Ausschweifungen, so wie der geringe
+Werth, welchen sie dem Menschenleben geben; Druck der einheimischen
+F&uuml;rsten; dann ihr leibliches und geistiges Verkommen durch die
+nothwendigen Einwirkungen einer &uuml;berm&auml;chtigen und von
+ihnen nur theilweise angenommenen Kultur, so wie endlich die
+Mittel, welche die Kulturv&ouml;lker theils aus Rohheit, theils mit
+der Absicht gegen sie anwandten, sie auszurotten: diese Gr&uuml;nde
+waren es, welche wir bisher als Schuld an ihrem Aussterben
+bezeichneten. Nat&uuml;rlich haben diese Gr&uuml;nde, wie wir schon
+sahen, nicht alle &uuml;berall Geltung und es wird n&ouml;thig
+sein, dass wir sie, inwiefern sie bei den einzelnen V&ouml;lkern
+wirksam waren, hier kurz zusammenstellen.</p>
+
+<p>In Tasmanien ist die Bev&ouml;lkerung lediglich in Folge des
+englischen Vernichtungskrieges gegen sie zu Grunde gegangen.
+Gleichfalls nur dem Einfluss der Europ&auml;er und zwar der Spanier
+erlegen sind die Bewohner der Marianen und der Antillen: allerdings
+haben hier die Seuchen, welche im Gefolge der Europ&auml;er
+ausbrachen, den Weissen die Blutarbeit wesentlich erleichtert:
+allerdings hat die tiefe Niedergeschlagenheit, welche sich der
+Eingeborenen bem&auml;chtigte, wesentlich diese Krankheiten und das
+Aussterben bef&ouml;rdert. Aber beides, Krankheiten und
+Melancholie, waren erst durch das Auftreten der Europ&auml;er
+hervorgerufen; und gesetzt auch, die Seuchen h&auml;tten diese
+V&ouml;lker ohne die Europ&auml;er &uuml;berfallen, so w&uuml;rden
+sie dieselben wohl &uuml;berwunden haben, wie ja auch die
+Bev&ouml;lkerung Mexikos das schwarze Erbrechen, welches schon vor
+Ankunft der Spanier in verheerender Weise w&uuml;thete, siegreich
+ohne bleibenden Nachtheil &uuml;berstanden hat.</p>
+
+<p>Den Europ&auml;ern allein ist ferner das Verderben der Mexikaner
+und Peruaner zuzuschreiben: nur dass sie am Anfang unterst&uuml;tzt
+wurden von verschiedenen eingeborenen St&auml;mmen und
+V&ouml;lkern, welche mit dem Hauptland in Feindschaft waren, bis
+auch diese nach und nach der europ&auml;ischen Bedr&uuml;ckung
+erlagen.</p>
+
+<p>Der schlimme Einfluss der Weissen und die Seuchen, welche sie
+brachten, war es denn auch vornehmlich, welcher die
+Neuholl&auml;nder aufrieb, aber keineswegs dieser allein. Bei ihnen
+ist zweitens die schlechte Lebensweise, die dadurch veranlasste
+Unfruchtbarkeit der Weiber und Sterblichkeit der Kinder von sehr
+bedeutendem Einfluss, so wie drittens der Kindermord und viertens
+die mannigfachen Kriege und Feindseligkeiten der St&auml;mme
+untereinander mit in Anschlag zu bringen sind. Die Ausschweifungen,
+die sich bei ihnen finden &mdash; den Trunk haben erst die Weissen
+gebracht &mdash; sind zu wenig verbreitet, als dass sie ins Gewicht
+fallen k&ouml;nnten.</p>
+
+<p>Auch die roheren V&ouml;lker Nord- und S&uuml;damerikas
+w&uuml;rden wir wohl noch in derselben Anzahl jetzt vorfinden, wie
+vor 300 Jahren, wenn der Einfluss der Europ&auml;er, der als
+Hauptgrund auch f&uuml;r ihr Aussterben anzusehen ist, nicht
+gewesen w&auml;re. Neben der Wirkung der europ&auml;ischen Waffen
+und Getr&auml;nke waren von schlimmstem Einfluss die Seuchen,
+welche von den Weissen (wie wir sahen oft mit der
+sch&auml;ndlichsten Bosheit) eingeschleppt wurden, dann aber auch,
+ausser den direkten Vernichtungskriegen, das geistige und leibliche
+Verkommen der Eingeborenen in Folge der pl&ouml;tzlich
+eingef&uuml;hrten Kultur und vor allen die tiefe
+Niedergeschlagenheit, welche sich der Indianer, als sie ihre
+Ohnmacht sahen und sahen, wie sie rechtlos zertreten wurden,
+bem&auml;chtigte und die bei ihrer schon vorzugsweise
+melancholischen Natur doppelt gef&auml;hrlich wirkte. Dazu kommen
+nun noch als gleichfalls sehr wichtige Faktoren zweitens die
+heftigen Kriege, die sie untereinander f&uuml;hrten, drittens die
+in Folge der Lebensweise geringere Fruchtbarkeit der Weiber und
+viertens in S&uuml;damerika (in Nordamerika war beides zu wenig
+verbreitet) der Kindermord, die Ausschweifungen, namentlich der
+Trunk.</p>
+
+<p>Und hier m&uuml;ssen wir auf jene schon oben (S. 11)
+erw&auml;hnte Beobachtung Tschudis zur&uuml;ckkommen, dass
+amerikanische V&ouml;lker, nach einem sehr verheerenden Krieg, nach
+einer sehr schlimmen Epidemie sich nie wieder zu ihrer
+fr&uuml;heren Kraft erh&ouml;ben, sondern h&ouml;chstens in diesem
+reducirten Zustand ein elendes Leben weiter fristeten. Diese
+betr&uuml;bende Erscheinung ist leider nur allzunat&uuml;rlich.
+Denn wie ein menschlicher Organismus, der sich von einer
+furchtbaren Krankheit erholt, nur durch lange und sorgsame Pflege
+seine fr&uuml;here Kraft wieder zu gewinnen im Stande ist: eben so
+ist es der Fall bei ganzen V&ouml;lkern. Durch das von uns
+geschilderte mannigfache Elend aber, in welchem diese St&auml;mme
+sich auch sonst noch befinden, werden alle ihre Kr&auml;fte schon
+auf die Erhaltung des Lebens, wie es nun einmal ist, absorbirt und
+es bleibt kein Ueberschuss &uuml;brig f&uuml;r Wiederherstellung
+des Verlorenen oder Verletzten. Auch wird durch solche furchtbare
+Schicksale die Lebenskraft selbst schwer verletzt, indem bei so
+massenhaftem Elend nothwendig l&auml;hmende Melancholie oder
+Apathie eintritt.</p>
+
+<p>Die Fruchtbarkeit der Weiber, ja auch der Zeugungstrieb der
+M&auml;nner wird durch den steten Druck der Sorge und Noth, der
+fast noch schwerer auf der Seele ruht als auf dem Leib, wesentlich
+beeintr&auml;chtigt; und ein Schlag, den diese V&ouml;lker, wenn
+sie sich in besserer, hoffnungsvollerer Lage bef&auml;nden, mehr
+oder minder leicht &uuml;berwinden w&uuml;rden, muss jetzt
+nothwendig h&ouml;chst gef&auml;hrlich, ja t&ouml;dtlich auf sie
+wirken. Schaffte man das Elend, das leiblich und geistig auf ihnen
+lastet, weg &mdash; wozu indess ebenso viel Umsicht und Energie als
+Ausdauer und Zeit geh&ouml;rte &mdash; so w&uuml;rden auch solche
+reducirten V&ouml;lker sich heben und mit den Jahren, die man nicht
+allzu k&auml;rglich bemessen d&uuml;rfte, das werden, woran die
+s&uuml;damerikanischen Staaten denn doch keinen allzugrossen
+Ueberfluss haben: brauchbare und zuverl&auml;ssige B&uuml;rger. Die
+Indianerst&auml;mme, welche man jetzt in den W&auml;ldern verkommen
+l&auml;sst oder gar absichtlich mordet und ausrottet, sind ein
+Capital, was bei vern&uuml;nftiger Behandlung f&uuml;r die Zukunft
+reichlich Zinsen tragen w&uuml;rde und was man jetzt muthwillig und
+absichtlich vergeudet.</p>
+
+<p>Die Hottentotten sind gleichfalls haupts&auml;chlich der
+feindseligen Ausrottung durch Holl&auml;nder und Engl&auml;nder
+erlegen: allein ihre Macht war, wie es scheint, schon durch
+fr&uuml;here Kriege mit den umwohnenden V&ouml;lkern gebrochen.
+Ihre elende Lebensart, Seuchen u.s.w. f&ouml;rdern ihr Aussterben
+m&auml;chtig.</p>
+
+<p>Die Kamtschadalen und Aleuten sind den Vernichtungskriegen oder
+der muthwilligen Ausrottung durch die Russen, sowie den von ihnen
+eingeschleppten Seuchen erlegen: zweitens aber wirkten gleichfalls
+sehr die Ausschweifungen (in geschlechtlicher Hinsicht und durch
+den Trunk), denen sie ergeben waren. Sie waren durch dieselben
+entnervt und deshalb zum Widerstand nicht mehr stark genug.</p>
+
+<p>Die Polynesier dagegen haben sich wesentlich selbst zu Grunde
+gerichtet, zun&auml;chst durch ihre unsinnigen geschlechtlichen
+Ausschweifungen (Tahiti, Hawaii); sodann durch den bei ihnen so
+furchtbar verbreiteten Kindermord, drittens durch die blutigen und
+verheerenden Kriege, die sie untereinander f&uuml;hrten, viertens
+durch die sinnlose Bedr&uuml;ckung, welche die Herrschenden
+&uuml;ber die Beherrschten aus&uuml;bten und endlich f&uuml;nftens
+durch den geringen Werth, in welchem bei ihnen das Menschenleben
+stand. Sie waren schon im Aussterben begriffen, als die Kultur zu
+ihnen kam, und diese hat nur &mdash; einzelne V&ouml;lker, wo ihre
+Tr&auml;ger gr&ouml;ssere Schuld auf sich luden, abgerechnet
+&mdash; durch die physische und psychische Erregung, die sie
+bringen musste und wodurch ein sechster Grund f&uuml;r ihr
+Hinschwinden dazu kommt, das Uebel, welches diese V&ouml;lker wie
+ein schleichendes Gift durchdrungen hatte, zum rascheren Ausbruch
+und schnelleren Verlauf gebracht.</p>
+
+<p>Fragen wir nun, welche von allen diesen Ursachen war die
+verderblichste, so liegt gleich auf der Hand, dass dies das
+feindselige Auftreten der Weissen war, wie es ja auch bei fast
+allen Naturv&ouml;lkern gleichm&auml;ssig gewirkt hat und
+m&ouml;chten wir die Angriffe auf das psychische Leben der
+Naturv&ouml;lker fast f&uuml;r verderblicher halten, als das
+Losst&uuml;rmen auf ihre physische Existenz. Letzteres hat akuter
+gewirkt und l&auml;sst sich mit der Verwundung eines Organismus
+vergleichen: jene brachten, wie eine totale Vergiftung, ein zwar
+langsameres, aber viel tieferes, schwerer zu heilendes und weit
+allgemeineres Unheil hervor. Aber auch die Europ&auml;er, trotz der
+Mittel, die sie anwandten, trotz der grossen Uebermacht ihrer
+Kultur, haben eine totale Ausrottung nur auf eng abgegrenzten
+Bezirken bewirkt, auf kleinen Inseln, auf Tasmanien, den Marianen,
+den Antillen: auf gr&ouml;sseren Gebieten reicht ihre Wirksamkeit
+nicht so weit, trotzdem sie hier noch manches andere
+unterst&uuml;tzt hat. Die leichte Empf&auml;nglichkeit der
+Naturv&ouml;lker m&uuml;ssen wir, sowohl was Kraft der Wirkung, als
+auch was weite Ausdehnung derselben angeht, an zweiter Stelle
+erw&auml;hnen. Die Krankheiten, welche scheinbar spontan bei der
+Ber&uuml;hrung der Naturv&ouml;lker und der Weissen entstanden, so
+wie die, welche von letzteren zu ersteren eingeschleppt wurden,
+haben im Durchschnitt gewiss ein Drittel, wenn nicht mehr, der
+Eingeborenen Amerikas, Afrikas und des stillen Ozeans
+dahingerafft.</p>
+
+<p>Die dritte Stufe in dieser Reihenfolge der Verderblichkeit geben
+wir den Ausschweifungen. Allerdings haben sie minder allgemein
+geschadet als jenes Niedergeschmettert- oder Inficirtwerden von
+aussen her; aber f&uuml;r die menschliche Natur sind sie noch
+gef&auml;hrlicher, weil sie die innersten Lebensnerven
+zerst&ouml;ren und wo sie wirksam sind, keine Rettung durch Flucht
+oder durch Besiegung des Feindes m&ouml;glich ist. Wir sahen die
+Polynesier, ein so gl&auml;nzend begabtes Volk, verkommen, trotzdem
+dass ihrer sich die Kultur im Wesentlichen freundlich angenommen
+hat: sie waren im Innersten angefressen durch die Ausschweifungen,
+denen sie sich hingegeben hatten und sie w&auml;ren auch ohne
+Ber&uuml;hrung mit den Weissen und nach und nach immer rascher
+durch ihre eigenen Laster zu Grunde gegangen. Die Betrachtung der
+Polynesier lehrt uns die Gefahr der Ausschweifungen f&uuml;r ganze
+V&ouml;lker erst richtig ermessen.</p>
+
+<p>Viertens muss der Kindermord genannt werden, welcher vor allen
+Dingen in Polynesien und in S&uuml;damerika heimisch war, so wie
+&uuml;berhaupt der geringe Werth, welchen man dem Menschenleben
+beimisst. Dass aber letzteres allein ein Volk nicht wesentlich
+zur&uuml;ckbringt, beweist das Beispiel des Fidschiarchipels.
+Nirgends wird durch Menschenopfer, Krieg, Kannibalismus u. dergl.
+mehr Blut vergossen und Leben verschwendet als hier; und dennoch
+geh&ouml;ren diese Inseln zu den bev&ouml;lkertsten der S&uuml;dsee
+und ein Aussterben wird auf ihnen nicht bemerkt.</p>
+
+<p>Die Kriege haben zwar mancherlei Schwankungen unter den
+Naturv&ouml;lkern herbeigef&uuml;hrt, auch wohl einzelne
+St&auml;mme ganz aufgerieben, aber doch nirgends so gewirkt, dass
+wir sie in erster Reihe aufzuf&uuml;hren h&auml;tten. Ebenso ist es
+mit der elenden Lebensweise der meisten dieser V&ouml;lker, welche
+zwar ihr fr&ouml;hliches und kr&auml;ftiges Gedeihen hindern
+konnte, nirgends aber, so weit unser Material der Beobachtung
+reicht, eine v&ouml;llige Vernichtung herbeigef&uuml;hrt haben. Bei
+alle den roheren Nationen fanden wir auch vor der Ber&uuml;hrung
+mit den Europ&auml;ern die Kopfzahl nie sehr hoch und hierf&uuml;r
+war eben ihre wandernde und k&auml;rgliche Lebensart der Grund.
+Beides nun, das schlechte Leben und die verh&auml;ltnissm&auml;ssig
+geringe Volksmenge unterst&uuml;tzen jedes andere &uuml;ber ein
+Volk hereinbrechende Uebel immer in so fern, als sie das Volk um so
+r&uuml;ckhaltsloser und rascher unterliegen lassen. Und
+&auml;hnlich ist es mit allen den &uuml;brigen von uns
+angef&uuml;hrten Gr&uuml;nden, die alle erst dann wirksam werden,
+wenn sie mit anderen verbunden auftreten.</p>
+
+<p>Hierher geh&ouml;ren auch die unvermeidlichen Folgen der zu
+rasch herein brechenden und nur halb angenommenen Kultur, welche
+wir in so mancher Beziehung f&uuml;r die Naturv&ouml;lker
+sch&auml;dlich fanden. Allein wohl nimmermehr w&auml;ren diesen
+Folgen, den Ver&auml;nderungen im leiblichen und geistigen Leben,
+der gewaltigen geistigen Anstrengung, welche die Kultur verlangte,
+diese V&ouml;lker erlegen, wenn nicht andere Ursachen hierf&uuml;r
+wirksam waren, zu denen dann freilich sich auch jene Folgen der
+Kultur als wirksamer sekund&auml;rer Grund hinzugesellten.
+H&auml;tte sich die Ann&auml;herung der Kultur, wenn auch rasch,
+aber friedlich vollzogen; h&auml;tte sie gesunde V&ouml;lker
+getroffen, so w&uuml;rde bei diesen, &auml;hnlich wie bei den alten
+Germanen, eine Zeit des Stillstandes eingetreten, dann aber ein
+neues kr&auml;ftiges Leben erbl&uuml;ht sein. Wo die
+Verh&auml;ltnisse nur ann&auml;hernd normal waren, finden wir
+diesen Gang der Ereignisse, wie wir im Folgenden n&auml;her
+betrachten werden.</p>
+
+<p>Aus dem Vorstehenden folgt ein wichtiges Gesetz: nie ist es eine
+Ursache allein, welche ein Volk vernichtet, sondern stets mehrere
+zusammen, von denen allerdings eine im Vordergrund stehen kann.
+Auch die Ausrottung der Marianer, Tasmanier und der antillischen
+Bev&ouml;lkerung bildet keine Ausnahme, da man hier die
+Begrenztheit des Terrains als zweiten Grund, in Tasmanien Charakter
+und Lebensart der Bewohner als dritten in Anschlag bringen muss. Wo
+nur eine der genannten Ursachen wirkt, oder auch mehrere der
+untergeordneten, da tritt, soweit jetzt menschliche Geschichte und
+Beobachtung reicht, kein Aussterben ein; so halten sich die
+Feuerl&auml;nder trotz ihres elenden Lebens: so bestehen die
+Fidschis weiter trotz der auch zu ihnen m&auml;chtig eingedrungenen
+Kultur, trotz der massenhaften Menschent&ouml;dtung; und so kann
+man dies weiter verfolgen. Diese Erscheinung ist anthropologisch
+bedeutsam, weil sie wie keine zweite die z&auml;he
+Lebensf&auml;higkeit der Menschheit und zugleich beweist, dass
+diese Lebenskraft in allen Zweigen des Menschengeschlechtes
+gleichm&auml;ssig vertheilt ist, ja bei den Naturv&ouml;lkern eher
+st&auml;rker, wie bei den kultivirten Nationen auftritt, welche
+letzteren, weil sie feiner organisirt sind als die unkultivirten
+Menschen, auch bei weitem weniger zu ertragen im Stande sind.</p>
+
+<p>Denn wenn wir fragen: sind die angef&uuml;hrten Ursachen stark
+genug, um das Hinschwinden ganzer V&ouml;lker zu veranlassen? so
+m&uuml;ssen wir antworten: sie sind es reichlich und im Uebermass,
+jede einzelne schon und nun gar mehrere vereint. Ist es nicht ein
+wahres Wunder, dass der Naturmensch in einem Lande wie Neuholland
+sich hielt, wo Europ&auml;er trotz aller Ausr&uuml;stungen meist so
+rettungslos verloren sind? Und noch dazu sich hielt in den ewigen
+Kriegen mit seines Gleichen, unter den ung&uuml;nstigen
+Einfl&uuml;ssen der eigenen mangelhaften Kultur? oder der
+Polynesier auf seinen kleinen oft so unfruchtbaren Inseln inmitten
+des ungeheuersten aller Ozeane, und auch er ewigem Krieg und
+Kindermord und den entnervendsten Ausschweifungen unterworfen?
+Nicht ein Wunder, dass nach den furchtbaren Vernichtungskriegen
+durch die Weissen nicht eines dieser V&ouml;lker vollkommen
+vertilgt ist, ausser kleinen St&auml;mmen? Gewiss, wenn wir dies
+alles &uuml;berdenken, werden wir nicht von der
+Lebensunf&auml;higkeit der Naturv&ouml;lker, sondern vielmehr von
+ihrer ausserordentlichen Lebenskraft und Unverw&uuml;stlichkeit uns
+&uuml;berzeugen m&uuml;ssen. Und so ist hier der Ort, auf die Frage
+zur&uuml;ckzukommen, zu welcher wir durch Waitz veranlasst waren:
+sind wir wirklich zu dem Gest&auml;ndniss gen&ouml;thigt, dass uns
+das Aussterben der Naturv&ouml;lker vollst&auml;ndig zu
+erkl&auml;ren noch nicht gelingt? Wir sind es nicht. Wenn man der
+Geschichte jedes einzelnen Volkes folgend fragt, wie kommt es, dass
+es dahin siecht und schwindet, wir werden immer vollkommen
+ersch&ouml;pfend die Gr&uuml;nde erkennen, welche stets dem von uns
+zusammengestellten Kreis angeh&ouml;ren werden. Diese erkl&auml;ren
+das Aussterben der Bev&ouml;lkerung so vollst&auml;ndig, dass zu
+irgend welchem R&auml;thselhaften nicht der mindeste Platz bleibt,
+sobald man nur die einzelnen Gr&uuml;nde in ihrer physischen und
+psychischen Wirksamkeit sich mit gen&uuml;gender Consequenz vor
+Augen f&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Doch ist wohl zu beachten, dass auch die Unverw&uuml;stlichkeit
+dieser h&auml;rteren V&ouml;lker ihre Grenze hat. Wir sahen in
+Neuholland einen Menschenstamm, der von fr&uuml;her besserem
+Zustand herabgesunken scheint; dasselbe ist der Fall mit
+Mikronesien und dem eigentlichen Polynesien, sowie mit den
+Hottentotten. Am weitesten vorgeschritten war der Verfall bei den
+Polynesiern: daher sie denn bei verh&auml;ltnissm&auml;ssig
+leichtem Anstoss von aussen her rasch und viel unaufhaltsamer
+zusammenbrechen, als z.B. die Melanesier oder Hottentotten und
+andere V&ouml;lker. Dieser Verfall musste, wenn seine Ursachen, die
+Ausschweifungen, Kriege und Vergeudung der Menschenleben, wirksam
+blieb, immer rascher weiter gehen und so waren sie jedenfalls
+verloren &mdash; wenn sie nicht von aussen her gerettet wurden und
+das hat, so weit es noch m&ouml;glich war, die Kultur im Grossen
+und Ganzen gethan. Und m&ouml;gen wir auch noch so sehr beklagen,
+wie die Europ&auml;er sich den meisten Naturv&ouml;lkern
+gegen&uuml;ber benommen haben: das m&uuml;ssen wir anerkennen, dass
+alle diese unkultivirten V&ouml;lker, wenn sie in ihrem
+Naturzustande noch Jahrhunderte weiterlebten, einem zwar sehr
+langsamen, aber sicheren Untergang, dessen Keime sie in sich selbst
+trugen, entgegengingen. Sie hatten sich keine Herrschaft &uuml;ber
+die sie umgebende Natur errungen: sie lebten ausschweifend, nur
+ihren Gel&uuml;sten hingegeben, unregelm&auml;ssig, ohne Gedanken
+in die Zukunft, in gewaltigster Tr&auml;gheit; Kriege, Rache u.s.w.
+waren bei ihnen feste Sitten; der Aberglaube, der so h&auml;ufig
+Menschenopfer verlangte, beherrschte sie ganz; ihr psychisches
+Leben war wenig, die intellektuelle Th&auml;tigkeit nur nach
+praktischer Seite hin entwickelt. Diese Z&uuml;ge ihres Wesens
+mussten aber im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende immer
+starrer und un&uuml;berwindlicher werden: und es ist keine Frage,
+dass sie ihnen einst, fr&uuml;her oder sp&auml;ter, denn wer mag
+das Ende dieser Zeit bestimmen, erliegen mussten. Die Natur, in
+welcher sie lebten, bot kein erziehendes Moment von durchgreifender
+Macht; und h&auml;tte sie es durch irgend welche Ver&auml;nderungen
+ihnen noch geboten, sie waren nicht mehr im Stande, es sich zu
+nutze zu machen, da sie durch und in Jahrtausende langer
+Gew&ouml;hnung erstarrt waren. Sollten diese V&ouml;lker also
+gerettet werden, so war ein pl&ouml;tzlicher Anstoss, es war das
+Eingreifen der Kultur nothwendig; und obwohl dieselbe ihre Aufgabe
+so blutig gel&ouml;st hat; so ist diese Nothwendigkeit doch ein
+Gedanke, der &uuml;ber das viele Blut und Elend, das sie oder
+vielmehr ihre Tr&auml;ger schufen, einigermassen tr&ouml;stet.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name=
+"_19_Vergleichung_der_Natur__und_Kulturvolker_in_Bezug_auf_ihre"></a>
+
+
+<h2>&sect; 19. Vergleichung der Natur- und Kulturv&ouml;lker in
+Bezug auf ihre Lebenskraft.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Da sich nun aus allen diesen angef&uuml;hrten Gr&uuml;nden das
+Aussterben der Naturv&ouml;lker vollkommen erkl&auml;rt, ja da die
+Art ihrer Wirksamkeit uns erst recht die Lebenskraft des
+Menschengeschlechtes beweist: so f&auml;llt damit schon von selbst
+die Annahme, als ob die Naturv&ouml;lker &raquo;von der Natur zum
+Untergange bestimmt&laquo; geringer organisirt seien als die
+Kulturv&ouml;lker. Dies wird sich ganz klar und unwiderleglich
+zeigen, wenn wir die Wirksamkeit derselben Gr&uuml;nde auf die
+europ&auml;ischen Nationen betrachten. Wir werden dort ganz genau
+denselben, ja einen noch weit schlimmeren Erfolg derselben
+sehen.</p>
+
+<p>Alles, was C&auml;sar den Galliern zuf&uuml;gte, die
+Verw&uuml;stung des Landes, die grossen Verluste an Menschenleben,
+das Zertreten des Nationalgef&uuml;hls, alles das ist doch wahrlich
+nicht zu vergleichen mit dem, was Mexiko z.B. oder die
+Nordamerikaner litten: und dennoch war durch C&auml;sar in nicht 10
+Jahren das gallische Volk, das er freilich schon herabgesunken
+vorfand, so sehr gebrochen, dass es seine Selbst&auml;ndigkeit bis
+auf die Sprache verlor. Allerdings hatten die italischen
+B&uuml;rgerkriege Italien etwa 70 Jahre auf das grauenvollste
+verw&uuml;stet; aber nach ihnen finden wir auch das Land im
+Innersten gebrochen und die Macht des r&ouml;mischen Staates auf
+Heeren von Fremdlingen beruhend; erst massenhaft versetzt mit
+frischen germanischen Elementen und auch da erst nach langer Ruhe
+hebt sich die italische Bev&ouml;lkerung, nun ein ganz neues Volk,
+wieder empor. Und doch waren auch seine Leiden viel geringer als
+die der Amerikaner. Und die Griechen! Warum haben sie
+aufgeh&ouml;rt ein historisch bedeutendes Volk zu sein? weil sie
+entnervt waren von den scheusslichsten Ausschweifungen und ihre
+letzte Kraft zertreten wurde zuerst durch die St&uuml;rme der
+V&ouml;lkerwanderung und dann durch das t&uuml;rkische Joch. Aber
+welche H&ouml;he hatten die Griechen einst inne &mdash; und es ist
+nicht zu viel gesagt, wenn man jetzt die Durchschnittsbildung der
+Griechen gleichstellt mit der etwa der &uuml;briggebliebenen
+Mexikaner.</p>
+
+<p>Der 30j&auml;hrige Krieg, welcher doch im Anfang nur lokal und
+nie ohne Unterbrechungen w&uuml;thete und mit allen seinen Greueln
+und seiner Dauer durchaus nicht das, was die Naturv&ouml;lker zu
+leiden hatten, erreicht, welche grenzenlose Verw&uuml;stung hat er
+in der Bev&ouml;lkerung unseres Vaterlandes angerichtet! Ernstlich
+war durch ihn die deutsche Nation in ihrer Existenz gef&auml;hrdet
+und es ist ja eine vielfach ausgesprochene Wahrheit, dass einmal
+unser Nationalcharakter durch diesen furchtbaren Krieg mannigfach
+ver&auml;ndert und herabgedr&uuml;ckt ist, andererseits wir noch
+bis auf den heutigen Tag mit der Heilung der Wunden, welche er
+unserem socialen und politischen Leben geschlagen hat, zu thun
+haben.</p>
+
+<p>Sehen wir so an diesen wenigen historischen Beispielen dieselben
+Ursachen bei den kultivirten Nationen noch st&auml;rker wirken, als
+bei den Naturv&ouml;lkern: so wird eine kurze psychologische
+Betrachtung uns dasselbe lehren. Obwohl wir eine Religion haben,
+welche den Gl&auml;ubigen Trost gew&auml;hrt auch im schlimmsten
+Ungl&uuml;ck, obwohl wir durch die Kultur so manches
+H&uuml;lfsmittel auch f&uuml;r bedr&auml;ngte Lagen haben: so
+wirken doch auf uns eine Menge Dinge, welche auf die
+Naturv&ouml;lker noch gar keinen und eine Menge anderer, welche auf
+sie weit geringern Einfluss haben. Wir sind in unserm leiblichen
+Leben verz&auml;rtelt, an eine Menge Bequemlichkeit gew&ouml;hnt,
+die wir nicht entbehren k&ouml;nnen; wir sind geistig viel
+empfindlicher und ein Niederwerfen dessen, was uns heilig ist,
+dr&uuml;ckt uns mit zu Boden. Liebe zu den Verwandten, Scham, kurz
+eine ganze Reihe m&auml;chtiger geistiger Faktoren haben bei den
+Kulturv&ouml;lkern eine solche Herrschaft &uuml;bers Leben, dass,
+wenn sie ernstlich verletzt werden, das Leben mit bedroht ist, und
+man kann wohl sagen, je gebildeter ein Volk ist, um so rascher muss
+es in fortw&auml;hrendem Unheil sich verzehren. Wenn wir z.B. nur
+bedenken, welche Wirkungen das Gef&uuml;hl eines ohnm&auml;chtigen
+Ingrimms, das l&auml;ngere Zeit immer in uns erneut w&uuml;rde, auf
+uns haben m&uuml;sste, wie jeder Einzelne an sich abnehmen kann, so
+werden wir einmal ermessen k&ouml;nnen, wie dasselbe Gef&uuml;hl
+auf die Naturv&ouml;lker eingewirkt haben muss, bei welchen es
+durch so furchtbare Misshandlungen fortw&auml;hrend erneut wurde
+und es sehr begreiflich finden, wenn sie schon durch dieses allein
+zu Grunde gegangen w&auml;ren; wir werden einsehen, was die
+gebildeten Mexikaner und Peruaner gelitten haben und warum gerade
+sie so rasch mit dem Sturze ihrer Bildung zu Grunde gingen; wir
+werden aber andererseits zugestehen m&uuml;ssen, dass wir unter
+&auml;hnlichen Verh&auml;ltnissen wohl viel weniger
+Widerstandskraft haben w&uuml;rden, als jene V&ouml;lker, und
+gewiss jetzt erst recht aufh&ouml;ren von einer besonderen
+Lebensunf&auml;higkeit der Naturv&ouml;lker zu sprechen, da wir dem
+Unheil, welchem jene unterliegen, viel rascher unterliegen
+w&uuml;rden. Ja, wir w&uuml;rden nach Gr&uuml;nden suchen
+m&uuml;ssen, wie es kommt, dass jene V&ouml;lker eine gr&ouml;ssere
+Widerstandsf&auml;higkeit haben wie wir; und finden dieselben in
+ihrer gr&ouml;sseren leiblichen Abh&auml;rtung, sowie in ihrer
+geringen geistigen Empfindlichkeit, welche immer mit geringer
+Geistesentwickelung Hand in Hand geht. &mdash; Wenn wir nun dennoch
+die Kulturv&ouml;lker wohl ohnm&auml;chtig und geschichtlich
+unbedeutend werden, aber nicht eigentlich verschwinden sehen, so
+kommt dies daher, dass sie gerade in solchen Zeiten der Gefahr mit
+neuen Menschenschaaren durchsetzt werden. Die Verw&uuml;ster
+Italiens, die Germanen, liessen sich massenhaft in den
+bl&uuml;henden Fluren des besiegten Landes nieder; ebenso die
+Bulgaren in Griechenland u.s.w. Oder die schon bestehende Kultur
+bietet neue H&uuml;lfsmittel, wohin man auch das Einwandern
+zahlreicher Franzosen in unser Vaterland nach dem 30j&auml;hrigen
+Krieg rechnen mag. Beispiele von Kulturv&ouml;lkern, die
+v&ouml;llig vernichtet sind, wie ihre Kultur, bietet die Geschichte
+von Kleinasien.</p>
+
+<p>Es f&auml;llt von hier aus noch einmal ein Blick auf die
+Eintheilung, nach welcher Carus die Menschen betrachtet; man sieht
+auch hier, wie wenig stichhaltig sie ist, denn seine Tagmenschen
+haben keine gr&ouml;ssere Widerstandsf&auml;higkeit, als seine
+Nacht- oder D&auml;mmerungsmenschen; und w&auml;hrend er behauptet
+(17), dass die westlichen D&auml;mmerungsv&ouml;lker, die
+Amerikaner, &raquo;wirklich dem Untergange zugewendet&laquo; seien,
+so sehen wir die Tagv&ouml;lker noch rascher ihrem Untergange
+zueilen, schon wenn sie durch weit mildere Schicksale heimgesucht
+werden. &mdash; Auch die Eintheilung der Menschheit in aktive und
+passive V&ouml;lker, wie sie Klemm und Wuttke geben (Waitz 1, 344)
+hat ihr sehr Bedenkliches; sie ist falsch, wenn man in
+gr&ouml;sserer Aktivit&auml;t zugleich nach jeder Richtung hin
+gr&ouml;ssere Kraftentwickelung sieht, denn die
+&raquo;aktiven&laquo; V&ouml;lker (die Kulturv&ouml;lker)
+zerbrechen im Ungl&uuml;ck viel leichter, als die z&auml;heren und
+h&auml;rteren Naturv&ouml;lker; sie ist ferner falsch, wenn man sie
+als in der urspr&uuml;nglichen Natur der Menschheit begr&uuml;ndet,
+wenn man also Aktivit&auml;t oder Passivit&auml;t als verschiedenen
+V&ouml;lkern angeboren ansieht: denn von Haus aus gleich organisirt
+hat sich die Menschheit durch verschiedene Naturumgebung,
+verschiedene Schicksale u.s.w. im Lauf der Jahrtausende so
+verschieden entwickelt, wie wir sie in geschichtlicher Zeit
+vorfinden.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_20_Aussterbende_und_ausdauernde_Naturvolker"></a>
+<h2>&sect; 20. Aussterbende und ausdauernde Naturv&ouml;lker.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Wenn die Annahme einer minderen Lebensf&auml;higkeit ganzer
+V&ouml;lker richtig w&auml;re, so m&uuml;sste doch bei allen diesen
+V&ouml;lkern sich jenes Hinschwinden gleichm&auml;ssig zeigen. Wie
+kommt es aber, dass eins ausstirbt und das andere dicht daneben
+nicht? ja, dass von ein und demselben Volke der eine Zweig
+abstirbt, der andere ungef&auml;hrdet weiter lebt? Und auch das
+findet sich oft. Die Tonganer sterben nicht aus und sind Polynesier
+wie die Tahitier, Maoris oder Kanakas; die meisten mikronesischen
+Inseln (so namentlich der Gilbertarchipel) haben eine dichte
+Bev&ouml;lkerung, die Kusaier sterben aus; und beide, Mikro- und
+Polynesier, sind nur ein Zweig des grossen malaiischen Stammes, bei
+welchem ein solches Hinschwinden, die kleine Insel Engano und
+einige elende in die Gebirge gedr&auml;ngte St&auml;mme
+ausgenommen, sonst doch nirgends bemerkt wird. Die Kamtschadalen
+sterben aus, die &uuml;brigen Nordasiaten, ihre nahen Verwandten,
+nicht. Doch vielleicht waren hier jene von uns besprochenen
+Gr&uuml;nde des Aussterbens nicht in Th&auml;tigkeit? Allein
+w&auml;hrend die &uuml;brigen Melanesier an vielen Punkten sich
+vermindern, bleiben die Fidschis, trotz des europ&auml;ischen
+Einflusses, trotz ihrer Kriege und Menschenopfer, kr&auml;ftig und
+bei voller Zahl. Noch &auml;rger fast als alle anderen V&ouml;lker
+sind die Neger bedr&uuml;ckt von einheimischen und fremden
+Tyrannen; und w&auml;hrend sie f&uuml;r einen der fruchtbarsten
+St&auml;mme gelten, der gar nicht zu vermindern ist, sterben die
+Neuholl&auml;nder, nach dem K&auml;rtchen bei Carus Nachtmenschen
+wie sie, aus &mdash; welchem Fall freilich der ethnologische
+Unsinn, afrikanische und melanesische Neger zu einer Ra&ccedil;e zu
+vereinigen, der sich indess nicht bei Carus allein findet, die
+Beweiskraft nimmt. Aber die anderen Beispiele zeigen vollkommen
+schlagend, wie irrig die Ansicht ist, dass die hinschwindenden
+V&ouml;lker in Folge der Inferiorit&auml;t ihrer Ra&ccedil;e
+ausst&uuml;rben; daher wir dabei nicht zu verweilen brauchen. Wenn
+unsere Ansicht aber stichhaltig ist, so muss sich nachweisen
+lassen, dass da, wo die Gr&uuml;nde, aus denen wir das Aussterben
+der Naturv&ouml;lker erkl&auml;ren, nicht eintreten oder beseitigt
+werden, dass da die V&ouml;lker gedeihen, sich weiter entwickeln
+oder sich wieder erholen, ja selbst die so gef&auml;hrliche Kultur
+&uuml;berwinden und sich zu ihr, wenn auch nur sehr
+allm&auml;hlich, emporheben k&ouml;nnen. Und der Nachweis ist
+leicht.</p>
+
+<p>In Afrika beweisen es die Hottentotten der herrnhutischen
+Kolonie Baavianskloof, welche Lichtenstein schildert. 1799 betrug
+die Zahl ihrer Lehrlinge (Licht. 1, 247) 100; das Dorf, worin sie
+wohnten, glich mit seinen 200 H&auml;usern, seinen G&auml;rten,
+seinen geraden Strassen ganz einem deutschen Dorfe; die
+Hottentotten waren t&uuml;chtig im Feld- und Hausbau und zu allem
+dem gebracht ganz ohne andere Strafe als Ausschliessung vom
+Gottesdienst (251). Die Taufe erhielt man freilich nur als
+h&ouml;chste Belohnung f&uuml;r Th&auml;tigkeit, Rechtschaffenheit
+und Fr&ouml;mmigkeit und allerdings fand Lichtenstein noch keine
+Hottentotten unvermischten Blutes, sondern nur Mischlinge getauft;
+aber da sich die Herrnhuter bem&uuml;hten, sie &raquo;erst zu
+Menschen und dann zu Christen&laquo; zu machen (eb. 253), so hob
+sich die Colonie immer mehr, so dass von der Zeit nach 1828 der
+Bericht lautet: &raquo;Die frei gewordenen Hottentotten fingen an
+mehr f&uuml;r die Zukunft zu sorgen, der Landbau wurde eifrig
+betrieben und durch k&uuml;nstliche Bew&auml;sserung verbessert,
+M&auml;ssigkeit und Sittlichkeit, die Zahl der regelm&auml;ssigen
+Ehen, der Besuch und die Sorge der Eltern f&uuml;r die Erziehung
+der Kinder war im Steigen begriffen und es bedurfte dazu keiner
+Unterst&uuml;tzung von aussen&laquo; (Waitz 2, 337). Dies ist
+allerdings nur von einem kleinen Distrikt gesagt; aber wo hat man
+sich sonst auch mit demselben Verstand und derselben Ausdauer der
+Hottentotten so redlich angenommen? Wo man das thut, da gedeihen
+sie und werden brauchbare Menschen (vergl. W. 2, 341).</p>
+
+<p>In Amerika haben die Cherokees, die Algonkins, die Irokesen und
+andere V&ouml;lker deutlich genug bewiesen, dass auch die Indianer
+der Erhebung und Kultivirung f&auml;hig sind. Die Irokesen sind
+seit 1820 &raquo;bedeutend fortgeschritten im Ackerbau, Hausbau und
+den mechanischen K&uuml;nsten &uuml;berhaupt; sie besuchten die
+Kirche regelm&auml;ssig, viele von ihnen waren im Lesen, Schreiben
+und Rechnen so weit gekommen, dass sie Schullehrer werden konnten,
+einige andere sogar respektable Geistliche&laquo; (Waitz 3, 291 mit
+d. Quellen). Sie hatten das Mohawk zur allgemeinen Verkehrssprache
+im Gebrauch und nach Schoolcrafts Bericht f&uuml;r 1845 war ihre
+Volkszahl im Wachsen (a.a.O.). Ebenso hatten die Ottawa, ein
+heidnischer Algonkinstamm, sowie die Sauk und noch mehr die
+Delaware grosse Fortschritte gemacht; sie leben ganz von dem
+Ackerbau, den sie sehr eifrig und t&uuml;chtig betreiben, sowie vom
+Handel mit den Produkten ihrer Felder (292-93): ihre Zahl ist im
+Wachsen (294).</p>
+
+<p>Noch mehr war dies Alles der Fall bei den Cherokees, deren
+Volkszahl in den Jahren 1819 bis 1825 von 10,000 auf 13,500 nebst
+200 Weissen und 1300 Negersklaven anwuchs. Schon vor 1820 waren sie
+sehr t&uuml;chtige Ackerbauer, welche im Laufe von 8 Jahren
+(M'Kennay bei Waitz 3, 294) die Wildniss in einen Garten umschufen.
+Schon um 1773 hatten sie 43 St&auml;dte und ihre Bildung war schon
+damals nicht unbedeutend (Bartram 353-60); seit 1796 waren
+Baumwollenmanufakturen bei ihnen errichtet, Luxusgegenst&auml;nde
+traf man hin und wieder und Einzelne hatten ein nicht unbedeutendes
+Privatverm&ouml;gen. Die Polygamie wurde abgeschafft; ihre Kinder
+zeigten sich &raquo;sehr lenksam, anh&auml;nglich und
+bildungsf&auml;hig&laquo; (Waitz 3, 295). 1820 f&uuml;hrten sie
+geschriebene Gesetze und eine Repr&auml;sentativverfassung ein. Der
+oberste H&auml;uptling, dem nebst einem hohen Rath die Exekutive
+zusteht, soll alle zwei Jahre das Land bereisen, um dessen Zustand
+kennen zu lernen. Die richterliche Gewalt wird vom obersten
+Gerichtshofe, dem wandernden Gericht und von Friedensrichtern
+ausge&uuml;bt. Geschworenengerichte und drei Instanzen sind
+eingef&uuml;hrt, die Richter nur durch den Willen beider
+H&auml;user absetzbar. Es herrscht allgemeine Religionsfreiheit,
+doch kann Niemand ein Amt bekleiden, der nicht an Gott und an
+Vergeltung in einem k&uuml;nftigen Leben glaubt&laquo; (Waitz 3,
+295-96). Es wurde dann ein Alphabet von 85 Zeichen 1821 von einem
+Cherokee erfunden und bald war die Kunst des Lesens und Schreibens
+unter ihnen allgemein; seit 1828 erschien eine periodische
+Zeitschrift in ihrer Sprache. Auch diese aufbl&uuml;hende Kultur
+hat man nicht geschont; man hat auch die Cherokees, trotz ihres
+heftigen Widerstrebens, &uuml;ber den Missisippi vertrieben. Allein
+obwohl ihre Kultur dadurch im hohen Grade gef&auml;hrdet wurde, so
+unterlag sie nicht; sie erhob sich bald wieder und seit 1841
+allgemeiner wie fr&uuml;her (296). Ebenso verh&auml;lt es sich mit
+den Choktaw, den Creek und einigen anderen V&ouml;lkern, &uuml;ber
+die Waitz (296-99) ausf&uuml;hrlichere Nachrichten gibt.</p>
+
+<p>Ebenso in S&uuml;damerika: die Volkszahl der Abiponer nahm nach
+Dobrizhofer bedeutend zu, als das Verstossen der Weiber, der
+Kindermord und die Polygamie abgeschafft wurde (Waitz 1, 164); in
+Guatemala (nach einem Bericht von 1771) vermehrten sich die
+Eingeborenen trotz des schweren Drucks der Spanier so sehr, dass
+diese sie zu f&uuml;rchten anfingen (eb. 163). In Mexiko bilden
+nach Humboldt die Eingeborenen noch immer fast die H&auml;lfte der
+Einwohner (b, 3, 9) and in dieser Zahl haben sich die Indianer
+&uuml;berall erhalten, wo die Spanier organisirte Reiche vorfanden
+(eb. 3, 8); die einheimische Bev&ouml;lkerung ist im Steigen
+(derselbe a 1, 83 und 107) und zwar in Folge eigenes Wohlstands,
+nicht fremden Zuwachses (eb. 105) und diese &raquo;f&uuml;r die
+Menschheit sehr tr&ouml;stliche&laquo; Zunahme der indianischen
+Bev&ouml;lkerung beweist Humboldt durch speciellere Angaben a, 5,
+6; 4/7 der gesammten Volkszahl sind Indianer (Waitz 4, 195).</p>
+
+<p>Auch in Polynesien finden wir sehr wichtige Erscheinungen der
+Art. Von Hawaii sagt Jarves 371-72: die Kultur zerst&ouml;rt im
+Anfang; nachher wirkt sie segensreich; so war auch auf den
+Sandwichinseln die Entv&ouml;lkerung unter Tamehameha I. und
+Liholiho gr&ouml;sser als in sp&auml;terer Zeit. &raquo;In dem
+Verh&auml;ltniss, in welchem Christenthum und Civilisation
+w&auml;chst, vermindert sich die Sterblichkeit. Allerdings sind
+ihre Wirkungen jetzt noch zu neu, um ihre Endresultate
+vorherzusagen, aber man kann sicher hoffen, dass, wenn die
+b&ouml;sen Einfl&uuml;sse aufh&ouml;ren und anderen Platz machen,
+gute Ergebnisse folgen werden. Der Despotismus der F&uuml;rsten ist
+v&ouml;llig abgeschafft und Gesetze wirken f&uuml;r das Anwachsen
+der Bev&ouml;lkerung. Familien mit 3 Kindern sind von den Abgaben
+befreit; die, welche mehr haben, bekommen Land und andere
+Geschenke, um sie zu heben. Die Abgaben, obwohl immer noch hoch,
+sind gleich vertheilt und f&uuml;r das Volk erleichtert. Ein
+Nationalgeist ist erwacht, Schulen und Kirchen gegr&uuml;ndet,
+regelm&auml;ssige Handelsverbindungen und Gewerbe haben sich
+gebildet: kurz das gerade Gegentheil der moralischen Versunkenheit,
+in welcher noch vor Kurzem das Volk sich befand, f&auml;ngt an sich
+zu entwickeln; medizinische Kenntnisse und &auml;rztliche
+H&uuml;lfe verbreitet sich; Kleidung, Wohnung bessern sich
+allm&auml;hlich. Freilich ist dies nur die Morgenr&ouml;the eines
+besseren Tages: aber schon zeigt sich deutlich genug, dass
+Christenthum und Bildung durch die Einwirkung der amerikanischen
+Mission und die Intelligenz der Fremden diese segensreichen Folgen
+haben. Noch schlagender zeigt sich das daraus, dass Kinder und
+Erwachsene, welche die Schulen besuchen und unter der unmittelbaren
+Leitung der Mission&auml;re stehen, sich einer ausgezeichneten
+Gesundheit erfreuen und rasche Fortschritte machen. Dasselbe gilt
+von den Eingeborenen, welche unter dem Einfluss europ&auml;ischer
+Familien stehen.&laquo; Nach Virgin (1, 300) freilich scheint die
+Entwickelung nicht allzurasch weiter gegangen zu sein; doch auch er
+gibt an, dass vor 1820 die Abnahme der Bev&ouml;lkerung
+st&auml;rker gewesen sei, als nachher, und dass die Missionen an
+verschiedenen Punkten die Abnahme ins Stocken gebracht haben durch
+m&ouml;glichstes Hinwegr&auml;umen der b&ouml;sen Ursachen, welche
+sie veranlassen. Auch Waitz 1, 177 erw&auml;hnt einige Inseln und
+Distrikte dieser Gruppe, wo die Bev&ouml;lkerung nicht nur nicht
+abnimmt, sondern in nicht ganz unbedeutendem Anwachsen begriffen
+ist.</p>
+
+<p>Ganz ebenso ist es in Tahiti. Auch hier hat die Volkszahl gleich
+nach dem ersten Zusammenstoss mit den Europ&auml;ern sehr
+abgenommen, von 16,000 (Wilson) bis auf 8000 (Ellis) oder 9000
+(Wilkes), denn Turnballs 5000 ist eine &uuml;bertrieben niedrige
+Angabe. Nachher aber ist die Zahl gleich geblieben oder eher
+gewachsen; Virgin wenigstens gibt sie f&uuml;r 1852 auf 10,000 an
+(2, 41). Auf Raiatea dagegen nimmt die Bev&ouml;lkerung stark zu
+(Waitz 2, 167 nach Journ. R. geogr. soc. III, 179). Auch Ellis (um
+1830) sagt 1, 169, dass vor 1819 das Abnehmen der tahitischen
+Eingeborenen noch stark gewesen sei: 1819-20 seien Todesf&auml;lle
+und Geburten einander gleich gewesen und von da ab habe die
+Volkszahl stark zugenommen. Mag Ellis auch, der so eifrig f&uuml;r
+das Wohl der Insel th&auml;tig war, seine Hoffnungen auf jene
+Angabe vielleicht etwas mit haben einwirken lassen: bloss auf
+Uebertreibung beruht eine so sichere Behauptung eines so
+zuverl&auml;ssigen Beobachters nicht. Allerdings klagt der
+franz&ouml;sische Commandant der Insel, de la Ronci&egrave;re, in
+seinem Bericht vom Dezember 1866 (Globus 12, 60-61) &uuml;ber die
+Tr&auml;gheit, Indolenz und Flatterhaftigkeit der Bewohner; allein
+wenn man die Vorg&auml;nge w&auml;hrend und nach der
+franz&ouml;sischen Okkupation der Insel und die ganze Haltung der
+Franzosen wenigstens in der ersten Zeit ihres Aufenthalts bedenkt,
+so ist es nur allzu begreiflich, dass die Entwickelung der Insel
+durch sie nicht eben gef&ouml;rdert ist. Doch sind wir, wenn man
+sich wirklich ernsthaft und ausdauernd der Eingeborenen annimmt,
+auch f&uuml;r sie zu guten Hoffnungen berechtigt.</p>
+
+<p>Was wir von Neuseeland zu berichten haben (nach Hochstetter
+482-497) ist noch merkw&uuml;rdiger. Gegen den Einfluss der Fremden
+bildete sich eine Nationalpartei unter den Eingeborenen, welche, da
+sie Gott ebenso nah st&auml;nden als die Weissen, mit diesen
+gleiche soziale und politische Rechte verlangten. 1857
+erw&auml;hlten die Maoris, von diesen Gesichtspunkten ausgehend,
+einen K&ouml;nig, den als Krieger und Redner ber&uuml;hmten
+Potatau, der sich den zweiten Friedensk&ouml;nig nach Melchisedek
+nannte, sich thatkr&auml;ftige H&auml;uptlinge, so vor allen den
+Maori William Thompson aus dem Stamm der Ngatihua, als Minister
+ausw&auml;hlte, und seinen Herrschersitz zu Ngaruawahia, an der
+Hauptwasserstrasse ins Innere, an den Thoren von Aukland in
+vortrefflich ausgesuchter Lage nahm. Die Grundprinzipien des
+K&ouml;nigthums sollten Glaube, Liebe und Gesetzlichkeit sein. Man
+beschwerte sich bitter &uuml;ber die englische Regierung, welche
+sich gar nicht um die Maoris k&uuml;mmere, die H&auml;uptlinge
+nicht standesgem&auml;&szlig; behandele, zwar Protokolle &uuml;ber
+ihr Aussterben f&uuml;hre, aber nichts dagegen thue; man habe die
+eingef&uuml;hrten Waaren mit ungerechten Abgaben gedr&uuml;ckt,
+indem z.B. wollene Decken nach dem Gewicht wie Seide und Spitzen
+versteuert w&uuml;rden; Munition und Waffen verkaufe man ihnen gar
+nicht, um so lieber aber Spirituosen. Und zu dem Allen
+ben&auml;hmen sich die Europ&auml;er so hochm&uuml;thig und grob!
+Diese Nationalpartei, welche sehr beredte Agenten im Lande
+umherschickte, fand &uuml;berall rasch Anh&auml;nger; auch die
+Weiber und M&auml;dchen theilten ihre Gesinnungen. Freiwillige
+Abgaben f&uuml;r den K&ouml;nig fl&ouml;ssen regelm&auml;ssig und
+reichlich und dieser schlichtete zu Ngaruawahia alle Streitigkeiten
+der Eingeborenen, trieb auch von den unter ihnen lebenden
+Europ&auml;ern Abgaben ein und legte einen Zoll auf die an seiner
+Stadt vorbeipassirenden europ&auml;ischen Schiffe; sein Einfluss
+war bald so gross, dass sich auch die Mission&auml;re, wenn sie
+etwas gegen einen Maori vorzubringen hatten, an ihn wandten.
+Aehnliche Ziele hatte die Landligue, eine Vereinigung der
+Maorif&uuml;rsten, um den Landverkauf zu verh&uuml;ten, welchen die
+einheimische Regierung &auml;usserst ungern sah. Es war klar, dass
+die Kolonialverwaltung durch diese selbst&auml;ndige Entwickelung,
+namentlich aber durch die Beschr&auml;nkung der Landk&auml;ufe,
+welche, um g&uuml;ltig zu sein, erst die Best&auml;tigung des
+Maorik&ouml;nigs nach der Auffassung der Eingeborenen bedurften, in
+arge Verlegenheit kommen musste. Daher erkannte denn England diese
+Beschr&auml;nkung des Landverkaufs durch die Maorigesetze nicht an
+und so musste es zum gewaltsamen Zusammenstoss kommen. Dies geschah
+unter Potatau II., dem Sohne Potataus I.; den 17. M&auml;rz 1860
+begann der Krieg, in welchem die Maoris sich nicht nur
+ausserordentlich tapfer, sondern auch so umsichtig bewiesen, dass
+sie den Engl&auml;ndern empfindliche Niederlagen beibrachten. Der
+Nationalpartei schlossen sich jetzt alle Maoris, auch die
+fr&uuml;her l&auml;ssigen, an; es ist besser, hiess es, f&uuml;rs
+Vaterland zu sterben, als unterjocht von Fremden zu leben. Auch im
+englischen Parlament erhoben sich Stimmen f&uuml;r sie, so vor
+allen die Martins, des Bischofs von Aukland. William Thompson war
+alleiniger Anf&uuml;hrer dieses Krieges und seiner Stelle sehr
+gewachsen; denn der Kampf, der von den Maoris haupts&auml;chlich
+als Guerillakrieg gef&uuml;hrt wurde, konnte nur durch die
+englischen Kanonen und die englische Uebermacht (1861 hatten die
+Engl&auml;nder 12,000 Mann zusammen) mehr und mehr zu Gunsten der
+Engl&auml;nder gewendet werden. Indess kam es durch Einfluss der
+Mission&auml;re und durch den an Brownes Stelle gesandten Lord Grey
+zur friedlichen Vermittlung. Wir sehen also auch hier Anf&auml;nge,
+bedeutend genug, um in kurzer Zeit die Gr&uuml;nde, auf welchen wir
+das Aussterben der neuseel&auml;ndischen Eingeborenen beruhend
+fanden, zu beseitigen. Es ist sehr traurig, dass diese nationale
+Erhebung von englischer Seite gleich im Anfang geknickt oder
+wenigstens gehemmt ist: doch ist die Hoffnung nicht aufzugeben,
+dass sie abermals auch diesen Stoss &uuml;berwinden wird. Die
+Hauptsache wird sein, dass sie selber Muth und Zuversicht gewinnen,
+dann werden sie die Kultur sich nicht bloss &auml;usserlich und auf
+eine Weise, die ihnen nur schadet, aneignen, sondern sie werden
+sich, da sie stets sich sehr f&auml;hig gezeigt haben, an ihr
+emporheben und ein neues Leben zu f&uuml;hren im Stande sein. Zu
+dieser Hoffnung berechtigt auch die innige Religiosit&auml;t,
+welche die meisten der neu und wahrhaft Bekehrten zeigen. Ob sie
+aber auch in diesem Falle sp&auml;ter nicht einmal durch
+Vermischung mit den Weissen aufh&ouml;ren als Nationalit&auml;t zu
+existiren? Ein solches Aufgehen w&uuml;rde indess nur erfreulich
+sein, denn es bewiese zugleich, dass auch die Engl&auml;nder der
+Kolonie von ihrem starren Ra&ccedil;enhochmuth nachgelassen
+h&auml;tten.</p>
+
+<p>In Tonga nun, wo von jeher die Sitten strenger waren und
+namentlich nie diese L&uuml;derlichkeit herrschte, welche in
+Polynesien an anderen Punkten so gef&auml;hrlich wirkte; wo man mit
+dem Menschenleben, wenigstens jetzt und schon seit l&auml;ngerer
+Zeit, nicht so verschwenderisch umging, ist ein Sinken der
+Volkszahl nicht eingetreten. Das Christenthum hat die Monogamie
+durchgesetzt und so ist denn trotz der vielen Kriege, welche die
+Einf&uuml;hrung des Christenthums und die Befestigung der
+K&ouml;nigsherrschaft mit sich brachte, die Bev&ouml;lkerung, die
+sich im Allgemeinen einer sehr guten Gesundheit erfreut, im Wachsen
+(Erskine 160-61).</p>
+
+<p>Die Bev&ouml;lkerung von Samoa sch&auml;tzt Erskine (104) auf
+etwa 37,000 Seelen, doch glaubt er, dass sie abnehme (a.a.O. u.
+60). Auch Turner erw&auml;hnt die grosse Sterblichkeit der Kinder
+daselbst, welche durch th&ouml;richte Behandlung derselben vor und
+bei der ersten Nahrung veranlasst wird. Seitdem aber jetzt die
+Mission&auml;re g&uuml;nstig wirken, die Polygamie abgeschafft und
+ausschweifende Lebensweise durch strenge Ueberwachung sehr
+erschwert ist, nimmt die Bev&ouml;lkerung wieder zu (Turner 176).
+Doch waren die Samoaner &uuml;berhaupt weit weniger ausschweifend
+gewesen als die &uuml;brigen Polynesier und hatten den Werth des
+Menschenlebens h&ouml;her geachtet. Also auch hier dieselbe
+Erscheinung: der erste Zusammenstoss mit den Weissen bringt durch
+Seuchen u. dergl. (doch fand Wilkes in Samoa keine Syphilis 2, 73,
+126, 138) eine arge Ersch&uuml;tterung in der Wohlfahrt des Volkes,
+ein Zur&uuml;ckgehen der Kopfzahl hervor; allein sobald diese
+ersten Folgen &uuml;berwunden sind, hebt sich die Ziffer wieder.
+Gerade die Samoaner sind besonders innige Christen (Turner 106-109,
+166 ff.)</p>
+
+<p>Zu den bestbev&ouml;lkerten Gegenden Polynesiens geh&ouml;ren
+die kleinen Inseln n&ouml;rdlich und westlich von Samoa und Tonga,
+die Uniongruppe, Tikopia, Rotuma u.s.w., wo die Sitten unverderbt
+und die Bev&ouml;lkerung in bester Wohlfahrt ist. Trotz des
+zahlreichen Kindermords auf Tikopia ist dort die Kinderzahl in
+einer Familie meist drei bis acht (Gaimard bei Dumont D'Urville b,
+5, 309; vergl. ders. in Zoologie 23; u. 5, 306). Nur von dem
+gleichfalls hierher geh&ouml;rigen Sikayana wird eine Abnahme der
+Eingeborenen berichtet, welche durch eine sehr heftige
+Blatternepidemie auf 171 Seelen zusammengeschmolzen sind (Nov. 2,
+438-441).</p>
+
+<p>Alle diese Beispiele beweisen schlagend, dass ein Hinschwinden
+dieser V&ouml;lker aus mangelnder Lebenskraft, &raquo;weil sie von
+Natur dem Untergange bestimmt seien&laquo;, nicht stattfindet; wo
+es also eintritt, kann es nur durch die besprochenen Gr&uuml;nde
+veranlasst sein. Sobald die Kultur nicht feindselig, sondern
+friedfertig naht und diese V&ouml;lker zu sich emporzieht, statt
+sie zu vernichten, so ist von den Naturv&ouml;lkern keins, das
+nicht f&uuml;r sie gewonnen werden k&ouml;nnte, ja einzelne haben
+sich trotz der feindseligsten Haltung der Weissen dennoch zur
+Kultur, wenigstens zu guten Anf&auml;ngen, emporgeschwungen: eine
+That, deren Gr&ouml;sse man aus dem Vorstehenden ermessen kann und
+die eine so ausserordentlich gute Begabung und sichere Kraft
+beweist, dass sie ebenso sehr unser Staunen als unsere Bewunderung
+erwecken muss. Allerdings wird aus einem neuholl&auml;ndischen
+Stamm nicht sofort ein europ&auml;isch civilisirter Staat, aber es
+ist handgreiflich verkehrt, zu behaupten, wie noch Meinicke thut,
+die Neuholl&auml;nder seien &uuml;berhaupt der Kultur unf&auml;hig.
+Denn wo sich wirklich die Kultur ihrer angenommen (es ist selten
+genug geschehen), da haben sie sich auch als friedfertige und
+bildsame Menschen gezeigt. Dass sie sich und so noch manche andere
+Naturv&ouml;lker jetzt so viel als m&ouml;glich von der Kultur
+zur&uuml;ckziehen, das ist nach dem, was ihnen von ihren
+Tr&auml;gern zugef&uuml;gt ist, nur allzubegreiflich. Halten doch
+manche Nordindianer auch das Christenthum nur f&uuml;r eine neue
+Art, sie zu betr&uuml;gen (Waitz 3, 289) &raquo;und, sagten sie,
+was sollen wir Christen werden, da diese &auml;rgere L&uuml;gner,
+Diebe und Trinker sind, als die Indianer&laquo; (eb. 287).
+&raquo;Die Christen wollen nicht arbeiten, sie sind Spieler,
+B&ouml;sewichter und Gottesl&auml;sterer,&laquo; sagte ein Indianer
+von Nikaragua; auf die Antwort, so handelten nur die schlechten,
+erwiderte er: &raquo;wo sind denn die guten? ich wenigstens kenne
+nur schlechte&laquo; (Waitz 4, 280-81). Ein zweiter Grund, weshalb
+viele Naturv&ouml;lker so schwer die Kultur, auch wenn sie ihnen
+friedlich naht, annehmen, liegt in ihren Gew&ouml;hnungen. Es muss
+hier nochmals auf die Kraft der Vererbung erinnert werden. Durch
+Jahrtausende langes Leben an ein unst&auml;tes Umherschweifen u.
+dergl. gew&ouml;hnt, wird es ihnen sehr schwer, so pl&ouml;tzlich
+die althergebrachte, tief in ihr leibliches und geistiges Wesen
+eingewachsene Lebensart zu &auml;ndern.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_21_Die_afrikanischen_Neger"></a>
+<h2>&sect; 21. Die afrikanischen Neger.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Wir m&uuml;ssen, um einem m&ouml;glichen Einwand zu begegnen,
+noch einmal auf einen Umstand zur&uuml;ckkommen, den wir schon
+vorhin wenigstens ber&uuml;hrten. Wie ist es zu erkl&auml;ren, dass
+die Neger nicht aussterben? Sie sind doch geplagt, gedr&uuml;ckt,
+gemisshandelt wie kein zweites Volk, der Heimath entrissen, oft
+ganz zum Lastthier herabgew&uuml;rdigt &mdash; und sie gedeihen
+doch. Der Hang der Neger zu Ausschweifungen ist bekannt; wie
+gef&auml;hrlich ihre Kriege, die sie untereinander f&uuml;hren,
+f&uuml;r die Besiegten sind, wird nur zu deutlich durch die
+massenhaft fortgeschleppten Sklaven bewiesen: Menschenleben
+vergeuden auch sie ganz r&uuml;cksichtslos, wof&uuml;r schon der
+eine Name Dahomey als Beweis gen&uuml;gt. Und doch waren das
+dieselben Gr&uuml;nde, welche wir als das Aussterben der
+Naturv&ouml;lker veranlassend annahmen. Wie kommt es, dass sie dort
+wirken und hier nicht? Muss man nicht doch also zu jenen
+Gr&uuml;nden noch einen hinzuf&uuml;gen und welcher k&ouml;nnte das
+sein, als mangelnde Lebenskraft oder sonst irgend etwas
+Geheimnissvolles? Aber trotzdem sind die Neger, nach einstimmigem
+Urtheil aller Forscher, die leiblich am wenigsten vollkommen
+organisirten Menschen, und es w&auml;re doch seltsam, wenn
+h&ouml;her stehende V&ouml;lker mindere Lebenskraft h&auml;tten als
+sie.</p>
+
+<p>Allein diese Annahme ist auch durchaus unn&ouml;thig. Die
+gr&ouml;ssere Ausdauer des Negers beruht auf seinem anders
+gearteten Naturell, was wir zun&auml;chst nach der psychischen
+Seite hin verfolgen wollen. Vom Charakter des Negers ist jeder
+melancholische Zug ausgeschlossen. Jeder momentane Eindruck ist bei
+ihrer derb sinnlichen Natur so m&auml;chtig, dass der folgende den
+vorhergehenden sofort ausl&ouml;scht, und so vergessen sie dadurch
+auch im tiefsten Elend ihre schlimme Lage rasch und g&auml;nzlich,
+wenn irgend eine pl&ouml;tzliche Anregung zur Lust &uuml;ber sie
+kommt. So zwingen sie die Sklavenh&auml;ndler, um sie &uuml;ber ihr
+oft t&ouml;dtliches Heimweh hinwegzubringen, bisweilen mit der
+Peitsche zum Tanz, der sie dann in seiner sie nun ganz
+beherrschenden Ausgelassenheit alles Ungl&uuml;ck vergessen
+l&auml;sst (Waitz 2, 203). Diese rasch wechselnde Gem&uuml;thslage
+hilft ihnen &uuml;ber vieles Schwere hinweg und ist klar, wie sehr
+sie im Gegensatz steht ebenso zu dem z&auml;hen Festhalten eines
+Gedankens, wie wir es beim Amerikaner und Polynesier so
+vorherrschend finden, als zu der Melancholie dieser V&ouml;lker.
+Auch die sinnlichen Gen&uuml;sse wirken auf den Neger viel
+befriedigender, als auf die anderen V&ouml;lker; seine grosse
+geschlechtliche Sinnlichkeit ist wiederum f&uuml;r die
+Fruchtbarkeit seiner Ra&ccedil;e von grosser Bedeutung und so
+massenhafte und &uuml;bertriebene Ausschweifungen wie bei den
+Polynesiern finden sich bei ihnen nicht. Auch sein Hang zum
+Phantastischen muss erw&auml;hnt werden, denn auch er dient sehr
+dazu, ihm seine Lage oft in ganz anderem Lichte erscheinen zu
+lassen, als sie ist. Hiermit vereinigt sich eine gewisse Stumpfheit
+und Tr&auml;gheit des geistigen Lebens sehr wohl, die vor Vielem
+und gerade dem Schmerzlichsten den Neger besch&uuml;tzt: er wird
+sich fast nie moralisch vernichtet und dadurch in seiner innersten
+Pers&ouml;nlichkeit verwundet f&uuml;hlen. Auch ist seine grosse
+Gutm&uuml;thigkeit und seine innige Religiosit&auml;t hierbei nicht
+ausser Acht zu lassen.</p>
+
+<p>Zweitens aber scheint auch die physische Natur weit minder
+empf&auml;nglich und empfindlich zu sein, als die der meisten
+anderen V&ouml;lker. Sei es, dass er durch allm&auml;hliche
+Gew&ouml;hnung, durch das Klima seines Landes oder durch
+urspr&uuml;ngliche Anlage h&auml;rter ist: er vertr&auml;gt es, in
+ganz andere Himmelsstriche verpflanzt zu werden; er h&auml;lt sogar
+die Luft der Malariagegenden und noch dazu bei t&auml;glicher oft
+sehr grosser Anstrengung ohne Schaden aus, welchem allen die
+meisten anderen V&ouml;lker regelm&auml;ssig erliegen. Er ist also
+schon durch seinen K&ouml;rper gesicherter.</p>
+
+<p>Drittens ist nicht zu &uuml;bersehen, dass der Neger schon seit
+einer Reihe von Jahrtausenden, seit der ersten Entwickelung der
+Kulturv&ouml;lker, mit diesen in Ber&uuml;hrung und oft in sehr
+enger steht und gestanden hat: so ist er an die Einfl&uuml;sse der
+Kultur ganz anders gew&ouml;hnt als Amerikaner und Ozeanier, als
+Hottentotten und Kamtschadalen, und hat daher ihre ung&uuml;nstigen
+Folgen weit weniger zu f&uuml;rchten.</p>
+
+<p>Hiermit ist der Einwand, welchen man von den Negern aus erheben
+k&ouml;nnte, als beseitigt zu betrachten; wir m&uuml;ssen indess
+noch einen Blick auf das Aussterben der freigewordenen Neger in den
+vereinigten Staaten werfen, wie wir es im Ausland (1867, 1404)
+geschildert sehen nach Henry Lathams black and white. Nach ihm sind
+seit der Emancipation von 4,000,000 Negern 1,000,000 zu Grunde
+gegangen, durch Unwissenheit, H&uuml;lflosigkeit, Laster und
+Mangel. Unfruchtbarkeit trat ein, Kindermord nahm &uuml;berhand,
+&raquo;die Sterblichkeit war so gross, dass es Leute gab, welche
+eine L&ouml;sung der schwierigen Negerfrage in dem Verschwinden der
+farbigen Ra&ccedil;e in den n&auml;chsten 50 Jahren
+voraussagten&laquo;. &raquo;In den Gebieten, wo sie w&auml;hrend
+des Krieges in gr&ouml;sster Sicherheit lebten, wo man annehmen
+kann, dass sie massenhaft vorhanden sind, und wo die gr&ouml;ssten
+Beitr&auml;ge zusammengebracht wurden, um sie vor Hungersnoth zu
+sch&uuml;tzen, sind sie in Abnahme begriffen. In dem k&auml;ltern
+Klima der Nordstaaten starben die farbigen Familien nach einer oder
+zwei Generationen aus.&laquo; Die Schilderung ist, wie wir sie hier
+vor uns haben, entschieden parteiisch gef&auml;rbt. Wir betrachten
+daher nur die Thatsache, dass die emancipirten Neger moralisch und
+physisch sich verschlechtern, ja geradezu verkommen. Diese
+Erscheinung ist allemal da beobachtet, wo Neger emancipirt wurden,
+und sie machte auch der Republik Liberia anfangs viel zu schaffen;
+allein sie tritt bei jeder Sklavenemancipation naturgem&auml;ss
+jedesmal ein, m&ouml;gen die Sklaven nun Neger oder nicht sein. Sie
+haben nicht gelernt, selbst&auml;ndig zu leben, f&uuml;r sich zu
+sorgen, f&uuml;r sich zu arbeiten; jede Arbeit ist ihnen, in
+Erinnerung an ihr fr&uuml;heres Loos, eine Last zugleich und eine
+Entw&uuml;rdigung. Durch den langen Zustand der Unfreiheit haben
+sie die F&auml;higkeit, der Natur gegen&uuml;ber sich zu behaupten,
+welche sie in ihrer Heimath besassen, verlernt; sie sind auch
+geistig herabgedr&uuml;ckt und dass sie lasterhaft werden, ist die
+Folge des Beispiels, was ihnen allzuoft ihre eigenen Herren gaben,
+sowie des Mangels an Selbstachtung, zu dem sie als Sklaven
+verurtheilt waren. In Nordamerika ist ihnen ferner jede
+Emancipation noch durch die entschiedene und r&uuml;cksichtslose
+Feindseligkeit unendlich erschwert, mit der die &raquo;gute
+Gesellschaft&laquo;, die Weissen, sich vor jedem Farbigen strenge
+verschliesst, f&uuml;r den sie nichts als die bitterste Verachtung
+hat. Klimatisches mag sich gleichfalls geltend machen; jedenfalls
+ist hier nichts, was unserer Betrachtung irgend ein neues Moment
+zuf&uuml;gen oder eine n&auml;here Erkl&auml;rung noch erheischen
+k&ouml;nnte.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name=
+"22_Folgerungen_aus_der_Art_wie_die_Naturvolker_von_den_Kulturvolkern">
+</a>
+
+<h2>&sect; 22. Folgerungen aus der Art, wie die Naturv&ouml;lker von
+den Kulturv&ouml;lkern behandelt sind.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Ehe wir unsere Betrachtungen schliessen, ist es n&ouml;thig,
+auch einen Blick auf die Kulturv&ouml;lker zu thun, welche mit den
+Naturv&ouml;lkern in Ber&uuml;hrung kamen; denn ein solcher wird
+ethnologisch nicht ohne Ausbeute sein. Zun&auml;chst ist zu
+constatiren, dass alle Kulturv&ouml;lker sich ganz auf dieselbe
+Weise grausam, r&uuml;cksichtslos und unmenschlich gegen die
+Naturv&ouml;lker betragen haben, die mit ihnen in Ber&uuml;hrung
+kamen: die Spanier, die Portugiesen, die Holl&auml;nder, die
+Engl&auml;nder und die Franzosen. Die Engl&auml;nder und
+Holl&auml;nder zeichnen sich durch unaussprechlichen Hochmuth und
+Hass gegen jede farbige Bev&ouml;lkerung aus, durch welchen sie den
+Naturv&ouml;lkern fast nicht mindern Schaden gethan haben, als
+durch offene Feindseligkeiten. Wir Deutsche haben Eroberungen nicht
+gemacht, aber trotzdem sind einzelne unserer Landsleute mit den
+Naturv&ouml;lkern in Ber&uuml;hrung gekommen. Diejenigen, welche
+zur Zeit der ersten Entdeckung Amerikas mit den Spaniern dorthin
+kamen &mdash; so die Abgesandten der Welser, welchen dort
+L&auml;nderstrecken von Karl V. verpf&auml;ndet waren &mdash;
+w&uuml;theten nicht geringer als die Spanier selbst. Das westliche
+Venezuela wurde um 1527 von Georg v. Speier und Ambrosius Dalfinger
+verw&uuml;stet (Waitz 3, 398). Allein das sind vereinzelte
+F&auml;lle; im Ganzen haben die Deutschen den Naturv&ouml;lkern
+Segen gebracht, denn gerade die einflussreichsten Missionen sind
+zum Theil in ihren H&auml;nden gewesen, wobei vor allen Dingen an
+die Wirksamkeit der Herrnhuter in Afrika und Nordamerika (z.B.
+Heckewelder) erinnert werden muss. Auch unter den Jesuiten waren
+viele Deutsche, z. B. Dobrizhofer unter den Abiponen, Strohbach auf
+den Marianen. Die Missionsth&auml;tigkeit ist auch jetzt noch nicht
+vermindert und tr&auml;gt ihre segensreichen Fr&uuml;chte f&uuml;r
+die Eingeborenen und f&uuml;r die Wissenschaft, denn eine Menge der
+bedeutendsten Missionsschriften sind, freilich meist in englischer
+Sprache, von Deutschen verfasst &mdash; Namen wie K&ouml;lle,
+D&ouml;hne, Teichelmann, Sch&uuml;rmann, Dieffenbach (freilich kein
+Mission&auml;r) u.a. sind bekannt genug.</p>
+
+<p>Die fast immer ganz unmenschliche und mordgierige Art, mit
+welcher der Europ&auml;er die Naturv&ouml;lker bekriegte und meist
+deren Rohheit bei weitem &uuml;bertraf, zwingt uns zu einem
+anthropologischen Schluss von nicht geringer Bedeutung; denn wir
+sehen daraus klar, &raquo;dass die Kluft, die den civilisirten
+Menschen vom sogen. Wilden trennt, bei weitem nicht so gross ist,
+als man sich oft einbildet&laquo; (Waitz, 3, 259). Man hat ja
+gerade die wilde Blutgier der Naturv&ouml;lker so wie ihr
+beharrliches Fernbleiben von aller Kultur so besonders
+hervorgehoben, ja mit darauf hin den Schluss gezogen, dass sie von
+geringerer Organisation und Bef&auml;higung, dass sie von Haus aus
+eine niedrigere Ra&ccedil;e w&auml;ren (Carus 28, 22 ff.). Wie will
+man das aber aufrecht halten, wenn die civilisirten V&ouml;lker von
+einer viel wilderen und grauenvolleren Blutgier besessen sind, die
+um so schrecklicher wird, als sie unvermittelt neben so hoch
+entwickelten intellektuellen F&auml;higkeiten steht? Wenn die
+gr&ouml;ssten und bedeutendsten M&auml;nner dieser civilisirten
+V&ouml;lker dieselbe Blutgier theilen, wie Columbus, welcher die
+auf Menschen dressirten Hunde einf&uuml;hrte, der K&ouml;nigin
+Isabella rieth, die Kosten seiner Fahrten durch Menschenraub zu
+decken, Diebst&auml;hle mit grausamen Verst&uuml;mmelungen strafte
+und Hinterlist und gemeinen Verrath gegen die Indianer f&uuml;r
+erlaubt hielt? (Waitz 4, 331). Wenn die blutgierig-rohesten wohl
+noch wegen ihrer grauenvollen Bestialit&auml;t als besonders
+hervorragend gepriesen werden, wie die &raquo;Pioniere des
+Westens&laquo;, die &raquo;Helden von Old-Kentucky&laquo; (Waitz 3,
+260), die nebenbei auch der intellektuellen Vorz&uuml;ge der Kultur
+sich begebend genau ebenso abergl&auml;ubisch als die Indianer
+wurden, deren Lebensweise, Vergn&uuml;gungen und Skalpirungen bald
+sich nur noch durch gr&ouml;ssere Rohheit von den Indianern
+unterschied? Ja d'Ewes (China, Australia and the Pacif. Islands in
+1855-56. London 1857, p. 150) erz&auml;hlt, dass einzelne Weisse
+auf den Fidschi-und Tonga-Inseln, neben den gr&auml;sslichsten
+Verbrechen aller Art, sogar den Kannibalismus der Eingeborenen
+mitgemacht haben! Beispiele von Spaniern und Portugiesen, welche
+unter die Bildungsstufe der Eingeborenen S&uuml;damerikas
+herabgesunken sind, findet man reichlich bei Waitz 1, 370 und bei
+v. Tschudi an verschiedenen Stellen. Ehrlichkeit, Treue, Vertrauen,
+Anstand, Gastfreundschaft, Menschlichkeit, reine Religiosit&auml;t,
+die besseren moralischen Eigenschaften findet man meist nicht auf
+Seiten der Europ&auml;er, sondern der so tief verachteten
+Naturv&ouml;lker, und Seume's</p>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza"><span>&raquo;Wir Wilden sind doch bessre
+Menschen&laquo;<br>
+</span></div>
+</div>
+
+<p>hat seinen tiefen Grund. Man sage nicht, dass die von den
+Europ&auml;ern ver&uuml;bten Schlechtigkeiten nur von einzelnen
+ausgegangen und also auch nur den einzelnen Individuen zur Last zu
+legen seien; sie sind so ziemlich gleichm&auml;ssig von der
+gesammten Kolonistenbev&ouml;lkerung ausgef&uuml;hrt und jedenfalls
+von ihr h&ouml;chlich gebilligt worden; ja es fehlt noch viel, dass
+sie auch jetzt &uuml;berall getadelt w&uuml;rden.</p>
+
+<p>Es zeigt sich aus diesen Betrachtungen ferner, wie ungeheuer
+langsam die Menschheit moralisch fortschreitet und wie wenig durch
+intellektuelle Entwickelung ein Fortschritt nach jener Seite
+bedingt wird. Das eben von Columbus Erw&auml;hnte mag als Beleg
+dienen, er, der geistig so hoch &uuml;ber seiner Zeit stand, hatte
+sittlich ganz dieselbe Stufe inne. Seine ganze Zeit aber stand
+trotz des Christenthums, trotz der &auml;usseren Kultur noch auf
+einem Standpunkt der geistigen Rohheit, die sich noch kaum von dem
+Wesen des Naturmenschen unterscheidet, ja durch reicher entwickelte
+und ganz z&uuml;gellose Leidenschaften noch tiefer als jenes
+erscheint. Wie gewaltig nun die Entwickelung der Intelligenz in den
+letzten drei Jahrhunderten zugenommen hat, weiss Jeder; blickt man
+aber auf die Kulturv&ouml;lker des 19. Jahrhunderts &mdash; man
+denke an die Engl&auml;nder in Tasmanien, Neuholland, Nordamerika,
+die Portugiesen und Spanier in S&uuml;damerika &mdash; so wird man
+von einem moralischen Fortschritt noch gar wenig bemerken, denn sie
+benehmen sich, allerdings nicht mehr in solcher Allgemeinheit,
+gerade ebenso brutal und unmenschlich, als die Spanier im 16.
+Jahrhundert.</p>
+
+<p>Auch kann man nicht behaupten, dass die heutige Propaganda und
+ihr Verfahren in der S&uuml;dsee sich sehr zu ihrem Vortheil von
+den Mission&auml;ren des 16. und 17. Jahrhunderts unterschied; was
+sie etwa an Gewaltth&auml;tigkeit verloren hat, das hat sie an
+Unwahrheit gewonnen. Und wenn man im 19. Jahrhundert mit demselben
+Leichtsinn wie im 16. nur um zu taufen, tauft: so ist das in
+unseren Zeiten bei weitem schlimmer, als in jenen fr&uuml;heren.
+Bis jetzt also hat die H&ouml;he der intellektuellen Entwickelung
+noch keineswegs durchgreifend und in dem Maasse, als man denken
+sollte, auf die moralische Seite des menschlichen Charakters
+gewirkt &mdash; aus Gr&uuml;nden, deren tiefere psychologische
+Motivirung hier uns zu weit f&uuml;hren w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Und doch l&auml;sst es sich nicht l&auml;ugnen, dass alles
+wirkliche Fortschreiten der gesammten Menschheit, wodurch sie immer
+reiner und wirklich menschlicher sich entwickelt, nicht sowohl auf
+intellektuellen als auf moralischen Geistesthaten beruht. Die
+europ&auml;ische Gesellschaft ist zu ihrer heutigen H&ouml;hestufe
+emporgehoben erstens durch die Gleichstellung der Frauen bei den
+Germanen, zweitens die rein moralische Macht des Christenthums,
+drittens die Reinigung des Christenthums und die Anerkennung der
+individuellen Geistesfreiheit durch die Reformation und die
+Reinigung der sozialen Verh&auml;ltnisse durch die Revolution des
+vorigen Jahrhunderts. Letztere trug auch gleich den
+Naturv&ouml;lkern die besten Fr&uuml;chte: denn dass Polynesien
+wesentlich anders behandelt ist, als Amerika, dazu trugen nicht
+wenig bei die Lehren von M&auml;nnern wie Rousseau, der Gedanke,
+dass alle Menschen, mochten sie nun durch St&auml;nde oder
+Hautfarbe und Sprache verschieden scheinen, in ihrem Wesen gleiche
+Menschen seien; ja die Ansicht, welche man von diesen V&ouml;lkern
+lange Zeit in Europa hegte, beruhte gleichfalls auf diesen
+Gedanken, da sie haupts&auml;chlich durch die Werke der Forster
+hervorgerufen wurden, diese aber eifrige Anh&auml;nger Rousseau's
+waren. &mdash; Neben jenen Hauptf&ouml;rderungen der Menschheit
+darf man einige andere zwar nicht in erster Linie anf&uuml;hren,
+aber auch ebensowenig ganz &uuml;bersehen, und dahin geh&ouml;rt
+die Erweckung des reinen Sch&ouml;nheitssinnes, der wahren Kunst
+durch die Griechen. W&auml;hrend nun im Leben der V&ouml;lker und
+der Einzelnen es sich nur allzuh&auml;ufig zeigt, dass die
+gr&ouml;sste Ausbildung der Intelligenz auf die sittliche
+Vollendung eines Menschen gar keinen Einfluss hat, so f&ouml;rdert
+umgekehrt jeder sittliche Fortschritt der menschlichen Gesellschaft
+ihre intellektuellen Leistungen und ist ohne eine solche
+F&ouml;rderung gar nicht zu denken, da ja jeder wirklich bedeutende
+sittliche Fortschritt die Menschheit in ihrem ganzen Wesen hebt und
+weiter entwickelt, und nur wo dieser Doppelfortschritt geschieht,
+kann von einem wirklichen H&ouml;hersteigen die Rede sein. Man hebt
+nie ein Volk nur durch Industrie und Lehranstalten, wenn man es
+dadurch auch reich und wohl unterrichtet machen kann; man hebt es
+nur, wenn man seine idealen Anschauungen l&auml;utert und
+f&ouml;rdert. Dass aber eine F&ouml;rderung nicht etwa dadurch
+eintritt, dass man der Gegenwart das Ideal vergangener Jahrhunderte
+als das einzig heilvolle aufzwingen will, das liegt auf der
+Hand.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_23_Zukunft_der_Naturvolker_Mittel_sie_zu_heben"></a>
+<h2>&sect; 23. Zukunft der Naturv&ouml;lker. Mittel, sie zu
+heben.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Was wird nun die Zukunft der Naturv&ouml;lker sein? Geradezu
+vernichtet sind nur wenige bis jetzt und noch k&ouml;nnen wir, und
+da wir Unf&auml;higkeit zur Entwickelung, leibliche oder geistige,
+nirgends bei ihnen finden, noch m&uuml;ssen wir hoffen. Freilich
+ist viel verdorben; und die Leichtigkeit der Ann&auml;herung, das
+Vertrauen, mit dem sie der Kultur entgegenkamen, ist bei den
+meisten unwiederbringlich verloren.</p>
+
+<p>Wie bisher die Mission&auml;re die gr&ouml;ssten Verdienste um
+diese V&ouml;lker haben, so fallen auch, wenn wir nach der Zukunft
+fragen, unsere Augen zun&auml;chst auf die Mission&auml;re. Wenn
+wir bedenken, dass die Polynesier man kann wohl sagen ihre Rettung
+bisher ihnen verdanken, dass, die Hottentotten und so mancher
+amerikanische Stamm nur und allein durch sie Gelegenheit hatten,
+auch die guten Seiten der Kultur an sich zu erfahren; so
+k&ouml;nnen wir nicht dringend genug w&uuml;nschen, dass ihr Werk
+sich segensreich immer weiter ausbreiten m&ouml;ge. Dazu
+geh&ouml;rt zun&auml;chst Unterst&uuml;tzung durch die weltlichen
+M&auml;chte, freilich anders als sie von Frankreich den
+katholischen Mission&auml;ren zu Theil wurde: denn die Staaten
+m&uuml;ssten, im Interesse der jedesmaligen Eingeborenen, jede
+segensreiche Wirksamkeit gleichviel von welcher Confession
+gleichm&auml;ssig sch&uuml;tzen. Und so hat sich, um gar nicht vom
+Christenthum zu reden, auch vom anthropologischen Standpunkt aus
+die katholische Kirche und Frankreich in ihrem Dienst in der
+S&uuml;dsee schwer vergangen. Die M&auml;chte, welche unter den
+Naturv&ouml;lkern Kolonien haben, England besonders, haben den
+gr&ouml;ssten Vortheil von einer t&uuml;chtigen Wirksamkeit der
+Mission&auml;re; denn einmal werden durch sie unn&uuml;tze Kriege,
+die doch auch den Weissen oft sch&auml;dlich genug sind, vermieden,
+und ferner die Eingeborenen selbst der Kolonie gewonnen. Man sollte
+also von Staatswegen die Missionen mit allen Mitteln st&uuml;tzen
+(nicht gewaltsam einf&uuml;hren, nur st&uuml;tzen), aber auch
+zugleich ein wachsames Auge auf sie haben und sie n&ouml;thigen
+Falles zur Rechenschaft ziehen. Denn Menschlichkeiten k&ouml;nnen
+vorkommen und sind auch unter den protestantischen Mission&auml;ren
+der S&uuml;dsee vorgekommen, welche z.B. in Neuseeland durch ihre
+Landank&auml;ufe und Spekulationen sich und ihrer Sache und den
+Eingeborenen gleichviel geschadet haben. Aber auch die
+Mission&auml;re m&uuml;ssen auf sich selbst das strengste Augenmerk
+haben. Sie m&uuml;ssen immer mehr und mehr zu der richtigen und
+wichtigen Einsicht gelangen, dass es nichts hilft, V&ouml;lker zu
+taufen oder sie auf abstrakte und f&uuml;r jene Menschen ebenso
+unverst&auml;ndliche wie unbrauchbare Lehrbegriffe hinzuweisen,
+wenn man nicht alle ihre Geisteskr&auml;fte weckt, die Wahrheiten
+dieser Lehre sich anzueignen. Nach dieser Seite &mdash; wer wollte
+es l&auml;ugnen? &uuml;bersteigt es doch auch hier ganz fehlerlos
+zu handeln bei weitem menschliche Kraft &mdash; nach dieser Seite
+haben beide Kirchen viel verfehlt; die katholische durch oft ganz
+beispiellos leichtsinniges Taufen, wobei sie das Heidenthum ruhig
+bestehen liess (Beispiele f&uuml;r diese harte Behauptung liefern
+die Annales de la propagation de la foi, Michelis und Lutteroth
+genug; wir f&uuml;hren einzelnes der K&uuml;rze halber nicht an),
+die protestantische durch allzustrengen Ernst und eigensinniges
+Steifen auf die abstrakten Lehrs&auml;tze. Doch wird jeder
+Unbefangene die bei weitem bessere Wirksamkeit auf protestantischer
+Seite sehen m&uuml;ssen, wenn wir auch fern sind, zu verkennen, was
+die katholische Kirche grosses geleistet hat. M&auml;nner wie Las
+Casas und so viele seiner Glaubensgenossen, welche fast der einzige
+Schutz der unterdr&uuml;ckten Amerikaner waren, so viele Jesuiten,
+die mit dem gr&ouml;ssten Glaubenseifer sich jeglicher Gefahr
+f&uuml;r das Christenthum unterzogen, wie z.B. der gewaltige San
+Vitores auf den blutgetr&auml;nkten Marianen: alle diese
+M&auml;nner m&uuml;ssen in erster Reihe genannt werden, wenn es
+sich um Darstellung der Verdienste der Mission handelt.</p>
+
+<p>Man mache die Naturv&ouml;lker erst zu Menschen, dann zu
+Christen; man bilde sie langsam zu der und durch die Kultur vor,
+deren h&ouml;chste Bl&uuml;the das Christenthum ja eben sein will.
+Nicht Wissen und Erkennen, und w&auml;re es der h&ouml;chsten
+Weisheit, Th&auml;tigkeit vielmehr und selbst&auml;ndiges Bauen des
+eigenen Lebens gibt dem Menschen erst sittlichen Halt und sittliche
+Kraft: diese wecke, gestalte, bef&ouml;rdere man und man wird das
+Christenthum f&ouml;rdern. Ist es doch wahr, dass jene Verbrecher,
+welche aus den Deportationsorten entsprangen und sich an
+verschiedenen Stellen Ozeaniens niederliessen, durch die
+Bruchst&uuml;cke von Kultur, welche sie den Eingeborenen
+mittheilten, dem Christenthum und den Mission&auml;ren den Weg
+gebahnt und sehr erleichtert haben, ohne dass sie es selbst wollten
+und obwohl sie oft mit der Kultur zugleich manches Verbrechen
+lehrten. Will man aber ohne gen&uuml;gende Vorbereitung rasch
+Erfolge sehen, so wird man nichts wirken; die Missionsberichte
+(beider Confessionen) beweisen zur Gen&uuml;ge, wie th&ouml;richt
+ein solches Streben ist und wie es oft zu den allergr&ouml;bsten
+Selbstt&auml;uschungen f&uuml;hrt. Nur die liebevollste Arbeit und
+aufopferndste Hingebung vieler Generationen kann hier wirklichen
+und bleibenden Erfolg erringen. Man muthe doch nicht den
+Naturv&ouml;lkern zu, die H&ouml;he der Bildung im Fluge zu
+ersteigen, welche die begabtesten Kulturv&ouml;lker im Laufe von
+Jahrtausenden und mit so h&auml;ufigem R&uuml;ckfall, so heissem
+Kampfe, so stetiger Arbeit sich errungen haben.</p>
+
+<p>Aber auch die weltliche Macht muss H&uuml;lfe bringen;
+zun&auml;chst negativ, indem sie nicht duldet, dass andere, was die
+Mission&auml;re bauen, untergraben und einreissen; und ferner
+positiv, indem sie das von jenen begonnene weiterf&uuml;hrt. Sie
+muss die Eingeborenen in ihren nat&uuml;rlichen Rechten
+sch&uuml;tzen, das Eigenthumsrecht an den von ihnen bewohnten Boden
+anerkennen und aufs Strengste darauf halten, dass ihnen von Seiten
+der Kolonisten kein Unrecht geschieht. Freilich werden solche
+M&auml;nner wie Lord Grey, die mit der gr&ouml;ssten Umsicht und
+Energie die reinste Menschenliebe besitzen, nicht h&auml;ufig
+gefunden werden; aber man kann auch in der Wahl einer obersten
+Kolonialverwaltung nicht zu viel thun. Specielle Vorschl&auml;ge
+haben Grey f&uuml;r Australien, Dieffenbach f&uuml;r Neuseeland,
+Andere f&uuml;r andere V&ouml;lker gemacht; und es liesse sich, bei
+allen Schwierigkeiten, wenn die M&auml;chte, welche Kolonien
+besitzen, also vor allen Dingen England ernsthaft wollten, gewiss
+viel Elend verh&uuml;ten, viel Gutes stiften und viel Verdorbenes
+herstellen. Bis jetzt freilich haben die englischen und
+&uuml;berhaupt die europ&auml;ischen Matrosen meist nur das eine
+Recht der Gewalt; die Frevel, die sie an jenen V&ouml;lkern
+begehen, bleiben ungestraft, w&auml;hrend es mit den &auml;rgsten
+Strafen heimgesucht wird, wenn die Eingeborenen irgend an Weissen
+freveln. Zum Theil ist diese Ungerechtigkeit n&ouml;thig, um die
+fernen Weissen zu sch&uuml;tzen; theils aber liegt sie auch in der
+selbst noch sehr mangelhaften moralischen Entwickelung der Weissen,
+welche an solchen Gewalttaten im grossen Ganzen kaum einen Frevel.
+sehen. Was soll man dazu sagen, wenn Schandgeschichten wie die
+folgende unter Englands offiziellem Schutz geschehen und in den
+Zeitungen, auch in deutschen, fast als Scherz erz&auml;hlt werden?
+Nach der Ermordung eines Kaufmanns<a name="FNanchor_O_15"></a><a
+href="#Footnote_O_15"><sup>[O]</sup></a> erschien das englische
+Kriegsschiff Perseus, Capit&auml;n Stevens, 1867 im Fr&uuml;hjahr
+vor der Palaus (Pelewsinseln, westliches Mikronesien), um
+Genugthuung zu fordern: es zeigte sich, das der Kaufmann auf Befehl
+des K&ouml;nigs, auf dessen Insel Koror er lebte und Grundeigentum
+besass, ermordet sei, weil er an die Feinde desselben Feuerwaffen
+verkauft hatte. &raquo;Obwohl nun Stevens einsah, heisst es, dass
+jener besser gethan h&auml;tte, keine Mordwaffen zu
+verkaufen&laquo;, so glaubte er doch streng verfahren zu
+m&uuml;ssen und verlangte Hinrichtung des K&ouml;nigs. Die
+Insulaner, von dem Kriegsschiff bedr&auml;ngt, beschlossen, sich
+nicht zu widersetzen &mdash; aber sie baten, dass die Hinrichtung
+von Matrosen des Schiffes ausgef&uuml;hrt w&uuml;rde, was Stevens
+nicht zuliess. &raquo;Insulaner sollten das Werk thun&laquo;. So
+geschah es denn. Und es geschah noch mehr. Die so behandelten
+Insulaner riefen den Schiffscapit&auml;n zu ihrem K&ouml;nig aus.
+&raquo;Er nahm auch sofort die Krone an und bewies, dass er die
+k&ouml;nigliche Pr&auml;rogative in erspriesslicher Weise zu
+n&uuml;tzen verstehe. Er befahl seinen Unterthanen, H&uuml;hner,
+Eier, Fr&uuml;chte und sonst noch mancherlei an Bord des Dampfers
+zu bringen und diesem Befehl wurde willig Folge gegeben. Eine
+Verg&uuml;tung f&uuml;r die gelieferten Sachen blieb ausser Frage,
+doch war seine improvisirte Majest&auml;t so g&uuml;tig, einige
+Geschenke, als da sind: Messer, Scheeren u. dergl. verabfolgen zu
+lassen. Als dies geschehen war, dankte er ab und &uuml;berliess den
+Paleuinsulanern, sich nun einen anderen K&ouml;nig nach ihrem
+Geschmack zu suchen&laquo; (Globus 12, 59, nach der Overland China
+Mail v. 30. Mai 1867 und der &raquo;Presse&laquo; zu Manila).
+Heisst das nicht, jede Selbstachtung eines Volkes mit F&uuml;ssen
+treten? nicht, der Gerechtigkeit und Menschlichkeit ins Gesicht
+schlagen? Und das that ein Vertreter des englischen Staates im
+Namen der Gerechtigkeit! Und eine solche Geschichte erheitert als
+Anekdote ein europ&auml;isches Publikum! Die Insulaner mussten,
+trotz ihrer Bitten, ihren eigenen K&ouml;nig erschiessen, weil er
+sich eines gegen ihn entschieden feindlich handelnden
+Engl&auml;nders, allerdings auf frevelhaftem Wege, entledigt hatte!
+So lange solche Geschichten noch m&ouml;glich sind, so lange ist
+allerdings f&uuml;r die Naturv&ouml;lker noch nicht allzuviel zu
+hoffen. Und sie werden, wir bef&uuml;rchten es, noch lange
+m&ouml;glich sein; so lange wenigstens sicher als die
+Kulturv&ouml;lker sich von ganz anderem Stoff d&uuml;nken, als jene
+&raquo;Wilden&laquo;, denen man wohl die Gestalt, aber keineswegs
+die Rechte eines Menschen zugesteht.</p>
+
+<p>Gegen diese g&auml;nzliche Ausschliessung von allem
+europ&auml;ischen Leben, wie es die Eingeborenen in den
+Koloniall&auml;ndern fast immer zu dulden haben, m&uuml;sste der
+Staat, was in seinen Kr&auml;ften steht, thun, wenn er jene
+wirklich heben wollte: denn das ist es, was sie jetzt am meisten
+von der Kultur ab und im Elend zur&uuml;ckh&auml;lt. Aber das wird
+schwer, wo nicht unm&ouml;glich sein; und die Menschheit, so
+scheint es, wird erst noch manchen Schritt vorw&auml;rts thun
+m&uuml;ssen, ehe diese Gleichstellung (wenn sie dann noch
+m&ouml;glich ist) auch nur ann&auml;hernd sich verwirklichen lassen
+wird; so dass man in diesem Sinne wohl sagen kann, alles, was in
+Europa zur Hebung der weissen Bev&ouml;lkerung und ihres sittlichen
+Lebens geschieht, das kommt auch mittelbar den Naturv&ouml;lkern zu
+gut.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name=
+"_24_Werth_der_Naturvolker_fur_die_Menschheit_und_ihre_Entwickelung">
+</a>
+
+<h2>&sect; 24. Werth der Naturv&ouml;lker f&uuml;r die Menschheit
+und ihre Entwickelung. Schluss.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Aber, so m&uuml;ssen wir noch fragen, kann man &uuml;berhaupt
+einem Staat, den civilisirten V&ouml;lkern zumuthen, so viel
+M&uuml;h und Arbeit an die Naturv&ouml;lker zu verwenden, die sie
+doch anderen Zwecken und vielleicht besseren oder doch
+n&uuml;tzlicheren entziehen m&uuml;ssen? Kann man nicht mit Fug und
+Recht von dem werthlosen Leben dieser rohen Nationen Talleyrands
+ber&uuml;chtigtes je n'en vois pas la n&eacute;cessit&eacute;
+sagen? Wie man vom Standpunkte des Christenthums hierauf antworten
+muss, welches lehrt, dass alle Menschen Br&uuml;der und vor Gott
+gleich sind, liegt auf der Hand: und wo wird denn ein strenges
+Christenthum mehr zur Schau getragen, als im &ouml;ffentlichen
+Leben Englands und Amerikas? Aber auch vom Standpunkt der
+Philosophie aus wird man die Erhaltung der minder entwickelten
+V&ouml;lker f&uuml;r eine wesentliche Aufgabe der Kultur ansehen
+m&uuml;ssen. Der empirische Forscher wird nach genauer historischer
+und naturwissenschaftlicher Betrachtung der Welt sehen, dass die
+Gesammtheit der Natur als solche dem Entwickelungsgesetze folgt,
+wie die einzelnen grossen Abtheilungen der Natur, wie die
+Gattungen, Arten und Individuen. Das Gesetz dieser Entwickelung
+besteht aber darin, dass Alles, Gesammtheit und Einzelnwesen, eine
+gr&ouml;ssere Vollkommenheit, Festigkeit und Sicherheit der
+Existenz anstreben. In diesem Entwickelungsgange hat die Natur
+selbst die Werthbestimmungen gesetzt, dass sie das Individuum der
+Art, die Art der Gattung, die Gattung der Familie, kurz das
+Beschr&auml;nktere dem Gr&ouml;sseren unterordnet, ja wenn es im
+Interesse des Gr&ouml;sseren noth thut, aufopfert. Es w&uuml;rde
+spiritualistische Verkennung unseres Standpunktes sein, welchen wir
+in der Stufenfolge des Ganzen einnehmen, wenn wir Menschen f&uuml;r
+uns andere Gesetze beanspruchen wollten, als sie f&uuml;r die
+gesammte Natur gelten; zeigt doch auch alle historische
+Entwickelung, dass wir unter ganz denselben stehen, wie die
+&uuml;brigen Organismen alle, nur dass unsere Stellung verschieden
+ist. Wie nun also der Natur Erhaltung und F&ouml;rderung des Ganzen
+Hauptzweck ist, so muss er es auch uns Menschen sein, und zwar
+zun&auml;chst Erhaltung und F&ouml;rderung der menschlichen
+Gesellschaft, da unsere Th&auml;tigkeit zun&auml;chst unserer
+eigenen Gattung naturm&auml;ssig geh&ouml;rt. Das aber heisst
+schlecht dem Ganzen dienen, wenn man lebensf&auml;hige Keime
+desselben, bloss weil sie nicht im gleichen Lenz und nach gleicher
+Art mit uns sich entwickelt haben, zertreten wollte. Wer weiss, zu
+welchem Endzweck auch sie der Natur dienen k&ouml;nnen! Und Niemand
+wird doch behaupten wollen, dass sie zu zertreten den V&ouml;lkern
+von h&ouml;herer Kultur Nutzen br&auml;chte. Wenn wir von diesem
+philosophischen Standpunkt aus nach dem Zweck menschlicher
+Entwickelung forschen, so werden wir die Civilisation als solchen
+bestimmen m&uuml;ssen (Waitz 1, 478 f.). Denn einmal sichert sie
+erst durch engen Zusammenschluss der Individuen, welche sich im
+Naturzustande selbsts&uuml;chtig, also feindlich gegen&uuml;ber
+stehen, die menschliche Gesellschaft dauernd und fest, andererseits
+bringt sie erst, indem sie auf diese Weise eine Menge
+&uuml;bersch&uuml;ssiger Kraft frei macht, die Menschheit zu
+h&ouml;herer Entwickelung. Sie allein ist es, welche die wichtigste
+Seite des menschlichen Lebens, die Th&auml;tigkeit des Geistes
+&uuml;berhaupt erst erm&ouml;glicht. Zu diesem Endzweck
+menschlicher Entwickelung ist aber jedes Volk berufen und die
+einzige Aufgabe schon civilisirter Nationen uncivilisirten
+gegen&uuml;ber kann nur die sein, die Civilisation auch zu jenen
+hinzutragen, nicht aber durch die reichlicheren und wirksameren
+Mittel derselben jene zu vertilgen. Auch darf hierbei nicht
+&uuml;bersehen werden, wie nichts der Civilisation selbst
+gef&auml;hrlicher ist, als Zur&uuml;cksinken in Rohheit, weil ein
+solches mit stets zunehmender Geschwindigkeit, gleichsam nach den
+Fallgesetzen vor sich geht. Das w&uuml;ste Verfahren gegen die
+Naturv&ouml;lker ist aber ein solches Zur&uuml;cksinken in Rohheit
+und wie beim l&auml;ngeren Vernichtungskampf gegen sie jene Rohheit
+schrecklich w&auml;chst, das haben wir schon gesehen. Ganze
+St&auml;mme civilisirter Nationen sind durch sie, zu der sich dann
+noch Faulheit und Genusssucht gesellten, in die &auml;usserste
+Barbarei zur&uuml;ckgesunken oder doch wenigstens merklich in ihrer
+Entwickelung aufgehalten: so die Holl&auml;nder am Cap, die Spanier
+und Portugiesen und zum Theil die Engl&auml;nder in Amerika. Das
+ewige Blutvergiessen und Morden musste sie immer
+gleichg&uuml;ltiger, immer roher machen und dadurch schwanden
+selbstverst&auml;ndlich gar manche andere Interessen; Faulheit und
+so manches andere, obwohl gar manche Kolonisten auch davon einen
+reichlichen Vorrath mitbrachten, war die nat&uuml;rliche Folge der
+fortgesetzten Grausamkeit. F&uuml;hrt uns dieser letztere Punkt
+schon aus dem theoretischen und moralischen mehr ins praktische
+Gebiet, so gibt es auch noch andere praktische Gr&uuml;nde, welche
+f&uuml;r Schonung und Hebung der Naturv&ouml;lker, keinen aber, der
+dagegen spricht. Waitz (1, 484) setzt auseinander, dass bei den
+grossen Unterschieden in der Naturumgebung der Menschen, bei den
+mannigfaltigen F&auml;higkeiten und Eigenschaften, welche die
+verschiedenen V&ouml;lker im und durch den Lauf der Zeiten
+entwickeln, die Civilisation der gesammten Menschheit auch in
+h&ouml;chster Vollendung keine ganz gleiche zu sein braucht, ja
+auch nur sein kann. &raquo;Ohne dass ein Volk dem anderen die
+materielle oder die geistige Arbeit ganz abnehmen k&ouml;nnte,
+w&uuml;rde sich doch das Verh&auml;ltniss so gestalten, dass bei
+einigen die eine, bei anderen die andere Art der Arbeit in ein
+entschiedenes Uebergewicht tr&auml;te, dass einige in der einen,
+andere in der anderen Richtung sich produktiver zeigten und dem
+entsprechend auf die &uuml;brigen wirkten und ihnen mittheilten.
+Den Tropenl&auml;ndern w&uuml;rde alsdann mehr oder weniger
+allgemein die &uuml;berwiegende Produktion der materiellen, den
+gem&auml;&szlig;igten Klimaten die der geistigen G&uuml;ter
+zufallen. Eine hohe Stufe intellektueller Bildung, tiefes Denken
+und eine durchgebildete, auf feiner und vielseitiger Ueberlegung
+ruhende Sittlichkeit, scheint bei der geistigen Erschlaffung kaum
+erreichbar zu sein, welche das Leben in der heissen Zone f&uuml;r
+den Europ&auml;er wie f&uuml;r den Eingeborenen mit sich
+bringt&laquo; (1, 185). Gerade weil aber das Leben unter den Tropen
+erschlaffend wirkt und auf den weissen Einwanderer noch mehr als
+auf den Eingeborenen, so ist es f&uuml;r ersteren der gr&ouml;sste
+Vortheil, wenn ihm Unterst&uuml;tzung von letzteren zu Theil
+w&uuml;rde. Von wie grossem Segen w&auml;re es f&uuml;r alle
+Kolonien, statt wie jetzt in oft so blutiger Feindschaft mit den
+Eingeborenen zu leben, in ihnen Helfer und freundliche und
+intelligente Arbeiter zu finden und so empfiehlt sich schon von
+rein praktischer Seite f&uuml;r den Europ&auml;er die Schonung und
+Hebung der Naturv&ouml;lker durchaus.</p>
+
+<p>Auch haben diese letzteren manches und wenn es bloss die
+Kenntniss der sie umgebenden Natur w&auml;re, was sie als
+n&uuml;tzliche Dankesgabe f&uuml;r eine ihnen gewidmete treue
+Sorgfalt geben k&ouml;nnten. Hatten doch einige von ihnen reiche
+und originelle Kulturen entwickelt, deren Zerst&ouml;rung ein
+unersetzlicher Verlust f&uuml;r die Menschheit ist. Zun&auml;chst
+ist es die H&ouml;he und Reinheit der mexikanischen Moral, wovon
+Waitz (4, 125 ff.) Proben gibt und die auch hinter den Lehren des
+Christenthums keineswegs weit zur&uuml;ckbleiben, was jene
+Behauptung rechtfertigt. Zugleich aber war in Mexiko wie in Peru
+auch die intellektuelle F&auml;higkeit hoch entwickelt, und was sie
+in industrieller Beziehung leisteten (Bauwerke, Goldarbeiten
+u.s.w.) ist bekannt genug. Sicher ist uns vieles von dem, was sie
+leisteten, durch die Art der Eroberung verloren; und was eine
+solche Kultur geleistet haben w&uuml;rde, wenn sie durch
+freundliches und allm&auml;hliches Bekanntwerden mit der
+europ&auml;ischen erh&ouml;ht worden w&auml;re, dar&uuml;ber haben
+wir kein Urtheil. Jedenfalls sind verschiedene Brennpunkte der
+Kultur f&uuml;r die Menschheit nur ein Vortheil und zwar ein ganz
+unsch&auml;tzbarer, wenn man bedenkt wie langsam im allgemeinen die
+Entwickelung der V&ouml;lker ist. Auch ist kein geringer Werth auf
+die originale Verschiedenheit solcher selbst&auml;ndiger Kulturen
+zu legen; durch ihr Zusammentreffen, Wetteifern, selbst&auml;ndiges
+Schaffen wird mehr und allseitiges ins Leben gerufen und der
+menschliche Geist mehr und allseitiger entwickelt, als durch eine
+einzige in sich wesentlich gleiche Kultur.</p>
+
+<p>M&ouml;ge denn von diesen V&ouml;lkern wenigstens gerettet
+werden, was noch zu retten m&ouml;glich ist. Bis jetzt steht die
+Entwickelung der Menschheit auch nach dieser Seite hin ganz unter
+naturalistischem Gesetz. Der &raquo;Kampf ums Dasein&laquo;, in
+welchem es der St&auml;rkere ist, welcher siegt, zeigt sich im
+vollsten Maasse; die erstarkten Ra&ccedil;en breiten sich aus,
+gewaltsam und zum Unterschied von der unvern&uuml;nftigen Natur mit
+Lust und ohne Bed&uuml;rfniss zerst&ouml;rend, und ihnen erliegen
+die schw&auml;cheren. Allein der Mensch ist der Vernunft und der
+Liebe f&auml;hig und gerade darin sollte der st&auml;rkere des
+vernunftbegabten Geschlechtes seine Kraft zeigen, dass er
+schw&auml;cheres liebend zu sich emporhebt, statt es zu vernichten;
+dann w&uuml;rde der Geist, die sittliche Wahl des Menschen
+herrschen und die Gesamtheit h&auml;tte einen grossen Schritt
+weiter gethan auf der Bahn, die sie gehen muss, in der Befreiung
+des Geistes von den rohen Fesseln der &auml;usseren Natur.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="FOOTNOTES"></a>
+<h2>Fu&szlig;noten:</h2>
+
+<a name="Footnote_A_1"></a><a href="#FNanchor_A_1">[A]</a>
+<div class="note">
+<p>Hale sagt ausdr&uuml;cklich, dass sie ihm nicht zu hoch schiene;
+er hatte die Angabe von Punchard, einem Engl&auml;nder, der mehrere
+Jahre auf der Insel gelebt hatte.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_B_2"></a><a href="#FNanchor_B_2">[B]</a>
+<div class="note">
+<p>Auch die Beispiele, welche Darwin a.a.O. zur Erh&auml;rtung
+seiner Hypothese von dem sch&auml;dlichen Effluvium lang
+eingeschlossener Menschen mittheilt, lassen sich aus Obigem, wie es
+scheint, erkl&auml;ren, ebenso das Erkranken der Shropshirer
+Schafe. Jenes Effluvium ist weiter nichts, als eben solche
+unbewusst mitgeschleppten Miasmen, an welche der, welcher sie
+mitbringt, seine Natur nach und nach accommodirt hat.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_C_3"></a><a href="#FNanchor_C_3">[C]</a>
+<div class="note">
+<p>Diese Fr&uuml;hreife der Weiber ist wohl nicht, wie Humboldt b
+2, 190 will, Ra&ccedil;encharakter. Einmal widerspricht dieser
+Behauptung, dass sich mancherlei Beispiele von sp&auml;ter
+Entwicklung auch unter den Amerikanerinnen findet; und sodann, dass
+fast bei allen Naturv&ouml;lkern die Mannbarkeit so fr&uuml;h
+eintritt. Wenn nun auch das Klima mannigfachen Einfluss hierauf hat
+(Waitz 1, 45), so doch keineswegs einen &uuml;berall gleich
+bleibenden und sicher nachzuweisenden. Denn bei den Eskimos, bei
+den Kamtschadalen und anderen V&ouml;lkern in so hohen
+Breitengraden finden wir dieselbe Erscheinung und die Fidschis z.B.
+in der heissen Zone zeigen sie nicht. Waitz 1, 125 f&uuml;hrt die
+animalische Nahrung und die hohe Temperatur in den H&uuml;tten
+vieler dieser V&ouml;lker als Grund an. Allein auch dies trifft
+nicht bei allen zu. Sollte nicht der Grund der fr&uuml;hen
+Mannbarkeit der sein, dass einmal bei der g&auml;nzlichen
+Schrankenlosigkeit der Naturv&ouml;lker die W&uuml;nsche
+fr&uuml;her erregt und ferner die M&auml;dchen zu fr&uuml;he
+begehrt werden? Das konnte und musste im Laufe der Generationen
+seine Wirkung zeigen. Die Gew&ouml;hnung vererbte sich immer mehr,
+setzte sich durch Vererbung immer fester, und so entwickeln sich
+die Geschlechtsfunktionen wirklich fr&uuml;her, als es der
+menschlichen Natur eigentlich normal ist. So w&uuml;rde sich diese
+Erscheinung bei allen Naturv&ouml;lkern gleich gut erkl&auml;ren:
+und man lernt t&auml;glich Gew&ouml;hnung und Vererbung mehr in
+ihrer Bedeutung f&uuml;r die Geschichte der Menschheit
+sch&auml;tzen. Dass Klima und sonstige Lebensweise mit gewirkt
+haben, soll damit nicht abgel&auml;ugnet werden; nur sind sie bei
+den Naturv&ouml;lkern von untergeordnetem Einfluss, und die
+Einwirkung von Gew&ouml;hnung und Vererbung ist gewiss die
+Hauptsache. Nirgends ist der Einfluss des Willens, der W&uuml;nsche
+und Gedanken so gross, als gerade im geschlechtlichen
+Verh&auml;ltniss.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_D_4"></a><a href="#FNanchor_D_4">[D]</a>
+<div class="note">
+<p>Spuren von ihr finden sich auch in S&uuml;damerika, so bei Azara
+248, der von den Mbayas erz&auml;hlt, dass ihre Weiber nie Fleisch
+von K&uuml;hen und Affen essen; doch, da ihre M&auml;dchen
+&uuml;berhaupt kein Fleisch, nicht einmal grosse Fische und zur
+Zeit der Periode nur Gem&uuml;se und Obst geniessen, so k&ouml;nnte
+man diese Enthaltsamkeit auch einfacher erkl&auml;ren. Dagegen ist
+es gewiss eine dem nordamerikanischen Totem urspr&uuml;nglich
+verwandte jetzt nicht mehr verstandene Sitte, wenn die Cariben z.B.
+nie Affen essen, dagegen die Ameisenb&auml;ren als Delikatesse
+aufsuchen, welche wiederum die Makusis nur nothgedrungen essen
+w&uuml;rden (Schomburgk 2, 434). Thiere gelten auch in
+S&uuml;damerika als die Stammv&auml;ter und Schutzgeister mancher
+V&ouml;lker. Und nicht anders ist es in Afrika bei den Betschuanen,
+deren einzelne St&auml;mme unver&auml;nderliche, ihre Abstammung
+von gewissen Thieren bezeichnende Namen besitzen. &raquo;Diese
+Thiere werden von den V&ouml;lkern, die sich nach ihnen nennen,
+heilig gehalten, weder gejagt noch gegessen und man pflegt durch
+die Frage &raquo;was tanzt ihr&laquo; nach dem Namen desselben sich
+zu erkundigen.&laquo; So gibts M&auml;nner des L&ouml;wen,
+Krokodils, Stachelschweins, Fischs, Affen, doch auch des Eisens,
+Waitz 1, 352. 413. Die Frage &raquo;was tanzt ihr&laquo;? ist
+merkw&uuml;rdig. Sie erinnert an manchen Thiere darstellenden Tanz
+amerikanischer und australischer V&ouml;lker, und es liegt nahe
+anzunehmen, dass die heiligen T&auml;nze zuerst das Leben der
+Schutzgeister versinnbildlichten, wie die Griechen die Geschichte
+ihrer G&ouml;tter tanzten. Sp&auml;ter erblasste die Bedeutung
+solcher T&auml;nze vielfach.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_E_5"></a><a href="#FNanchor_E_5">[E]</a>
+<div class="note">
+<p>Aehnliches findet sich auch bei indogermanischen V&ouml;lkern.
+Heilige Thiere als Wappen und in Eigennamen waren sehr
+gebr&auml;uchlich, vergl. Grimm D.M. 633. T&ouml;dtete man sie auf
+der Jagd, oder beschnitt man einen heiligen Baum, so waren auch
+dabei bestimmte vers&ouml;hnende und abbittende Gebetsformeln
+&uuml;blich, eb. 618.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_F_6"></a><a href="#FNanchor_F_6">[F]</a>
+<div class="note">
+<p>Wenn hier Kadu nicht irrth&uuml;mlich einen rohen melanesischen
+Stamm meint; oder, um etwas recht Entsetzliches zu erz&auml;hlen,
+absichtlich oder selbst get&auml;uscht aufbindet. Denn
+wahrscheinlich ist die Angabe f&uuml;r die Palaus nicht.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_G_7"></a><a href="#FNanchor_G_7">[G]</a>
+<div class="note">
+<p>Zwillinge werden fast von allen Naturv&ouml;lkern get&ouml;dtet:
+auch von den Negern (Waitz 2, 124).</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_H_8"></a><a href="#FNanchor_H_8">[H]</a>
+<div class="note">
+<p>Obwohl auch Jarves 83 manche der Zahlen anzuzweifeln
+scheint.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_I_9"></a><a href="#FNanchor_I_9">[I]</a>
+<div class="note">
+<p>Dass &uuml;brigens auch bei Indogermanen und Semiten die Kinder
+vielfach get&ouml;dtet sind, ist ja bekannt genug. In Griechenland
+wurden die Kinder umgebracht, welche der Vater, wenn sie die
+Hebamme ihm vor die F&uuml;sse legte, nicht aufhob; eine Sitte, die
+bei Plautus und Terenz, d.h. also der sp&auml;teren attischen
+Kom&ouml;die so vielfach erw&auml;hnt wird. Namentlich T&ouml;chter
+wurden umgebracht. Diese T&ouml;dtung geschah durch Aussetzung
+zumeist (Sch&ouml;mann griech. Alterth&uuml;mer 1, 562). Bei den
+alten Deutschen herrschte durchaus derselbe Gebrauch. Aus
+semitischem Gebiet sei zun&auml;chst an Abrahams Opferung Isaaks
+erinnert, sodann an den Molochdienst der Ph&ouml;nicier, der so
+vielfach von den Juden nachgeahmt wurde (Winer, bibl.
+Realw&ouml;rterbuch unter Moloch) so wie an die der Astarte
+geschlachteten Kinder (Movers Ph&ouml;n. 2, 2, 69). Allerdings ist
+der semitische Gebrauch ein religi&ouml;ser, also zum Kinderopfern
+geh&ouml;rig. Doch liesse sich auch f&uuml;r blosses Aussetzen der
+Kinder manches Semitische beibringen.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_J_10"></a><a href="#FNanchor_J_10">[J]</a>
+<div class="note">
+<p>Auch was Humboldt b5, 110-111 von den &raquo;Mysterien des
+Botuto&laquo;, einer Trompete von Thon mit mehreren kugelartigen
+Anschwellungen, die zu allen feierlichen Ceremonien gebraucht wird,
+erz&auml;hlt, geh&ouml;rt hierher: &raquo;um in die Mysterien des
+Botuto eingeweiht zu werden, muss man rein von Sitten und unbeweibt
+sein. Die Eingeweihten unterziehen sich der Geiselung, dem Fasten
+und anderen angreifenden Andachts&uuml;bungen.&laquo; Durch die
+Trompete theilt der grosse Geist den Eingeweihten seinen Willen
+mit; sie stehen also mit den G&ouml;ttern in n&auml;herem Verkehr
+als andere Menschen und das war auch der Grundgedanke der Areois.
+Ganz &auml;hnlich wird von Haiti berichtet. &raquo;Die Caziken
+n&auml;mlich standen&laquo;, erz&auml;hlt Waitz 4, 329 nach
+Herrera, Torquemada und Petr. Martyr, &raquo;ohne selbst Priester
+zu sein, doch an der Spitze des Cultus: die Tempel und
+Opferpl&auml;tze, wo die Gottesverehrung stattfand, waren entweder
+ihre H&auml;user selbst oder H&uuml;tten, die als ihnen
+geh&ouml;rig betrachtet wurden; dort waren die Bilder der Ahnen
+aufgestellt, die von Holz, inwendig hohl und mit einem Rohre
+versehen nur von ihnen um Orakel befragt werden konnten und nur
+aussprachen was sie ihnen eingaben. Sie berauschten sich zu diesem
+Zwecke mit einer Art von Schnupftabak und f&uuml;hrten die heilige
+Handlung allein aus, von der nat&uuml;rlich das Volk ausgeschlossen
+blieb.&laquo; Auch T&auml;nze geh&ouml;rten zu diesen
+religi&ouml;sen Mysterien, die sie allein kannten, auch dies wieder
+wie bei den Areois.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_K_11"></a><a href="#FNanchor_K_11">[K]</a>
+<div class="note">
+<p>Jak. Grimm, Gesch. d. d. Sprache 1. Aufl. (1848) S. 143 ff.
+stellt eine Menge V&ouml;lker zusammen, bei welchen derselbe
+Gebrauch vorkam: Scythen (Issedonen, nach Mela 3. Auflage 1868),
+Kelten (3. Auflage), Germanen verschiedener St&auml;mme (Deutsche,
+Schweden) Romanen und Slaven. Merkw&uuml;rdig ist, dass auch bei
+Heiligen-Sch&auml;deln der Gebrauch vorkommt, so zu Trier, zu
+Neuss, und nach Aventin (Ausg. v. 1566 fol. 33, a) zu Ebersberg und
+Regensburg. Der Gebrauch ist also derselbe; man sieht, es war wohl
+zun&auml;chst eine Art von Kannibalismus, dann aber auch ein
+Zeichen der Freundschaft, der Liebe, dankbarer Erinnerung. Zu
+beachten ist noch, dass Aventin sagt, Niemand h&auml;tte aus einem
+solchen Sch&auml;del trinken d&uuml;rfen, wer nicht einen Feind
+erschlagen h&auml;tte, da auch dieser Zug an manches Aehnliche
+unter den Naturv&ouml;lkern erinnert. Doch k&ouml;nnen wir diese
+h&ouml;chst merkw&uuml;rdigen Uebereinstimmungen hier nicht weiter
+verfolgen.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_L_12"></a><a href="#FNanchor_L_12">[L]</a>
+<div class="note">
+<p>Herod. 4, 26 (nach Grimm a.a.O.) sagt von den Issedonen
+&#7952;&pi;&epsilon;&#8048;&alpha;&nu;
+&#7936;&nu;&delta;&rho;&#8054;
+&#7936;&pi;&omicron;&theta;&#8049;&nu;&eta;
+&pi;&alpha;&#8052;&rho;, &omicron;&#7985;
+&pi;&rho;&omicron;&sigma;&#7968;&chi;&omicron;&nu;&tau;&epsilon;&sigmaf;
+&pi;&#8049;&nu;&tau;&epsilon;&sigmaf;
+&pi;&rho;&omicron;&sigma;&#8049;&gamma;&omicron;&upsilon;&sigma;&iota;
+&pi;&rho;&#8057;&beta;&alpha;&tau;&alpha;&chi;&alpha;&#8054;
+&#7956;&pi;&epsilon;&iota;&tau;&epsilon;&nu;
+&tau;&alpha;&#8160;&tau;&alpha;
+&theta;&#8017;&sigma;&alpha;&nu;&tau;&epsilon;&sigmaf;
+&chi;&alpha;&#8054;
+&chi;&alpha;&tau;&alpha;&tau;&alpha;&mu;&#8057;&nu;&tau;&epsilon;&sigmaf;
+&tau;&#8048; &chi;&rho;&#8051;&alpha;
+&chi;&alpha;&tau;&tau;&alpha;&#8049;&mu;&nu;&omicron;&upsilon;&sigma;&iota;
+&chi;&alpha;&#8054; &tau;&#8056;&nu; &tau;&omicron;&#8160;
+&delta;&epsilon;&chi;&omicron;&mu;&#8051;&nu;&omicron;&upsilon;
+&tau;&epsilon;&theta;&nu;&epsilon;&#8182;&tau;&alpha;
+&gamma;&omicron;&nu;&#8051;&alpha;,
+&#7936;&nu;&alpha;&mu;&#8055;&xi;&alpha;&nu;&tau;&epsilon;&sigmaf;
+&delta;&#8050; &pi;&#8049;&nu;&tau;&alpha; &tau;&#8048;
+&chi;&rho;&#8051;&alpha; &delta;&alpha;&#8145;&tau;&alpha;
+&pi;&rho;&omicron;&tau;&iota;&theta;&#8051;&alpha;&tau;&alpha;&iota;.
+Auch die Wilzen und Skythen assen ihre verstorbenen Eltern. Die
+Wenden t&ouml;dteten noch im 16. Jahrhundert ihre
+arbeitsunt&uuml;chtigen V&auml;ter unter besonderen Ceremonien
+(K&uuml;hn, m&auml;rkische Sagen und M&auml;hrchen 335). Auch hier
+stehen wir vor einer uralten und weit verbreiteten Sitte, die wir
+hier ebenfalls nur ber&uuml;hren, nicht abhandeln k&ouml;nnen. Vgl.
+was etwas weiter unten &uuml;ber Mare und Neuguinea gesagt wird.
+Ueber dieselbe Sitte bei R&ouml;mern, Griechen, Ph&ouml;niziern
+(Sardinien), spanischen, deutschen u.a. V&ouml;lkern siehe Merklin
+in den Memoires de l'academie de Petersbourg 1852 S. 119 und
+Osenbr&uuml;ggen in der Vorrede zu Cicero pro S. Roscio p. 51 ff.
+Auch das litauische Sprichwort (Schleicher lit. M&auml;hrchen 179)
+&raquo;wie das S&ouml;hnchen heranw&auml;chst, hat es auch den
+Vater erw&uuml;rgt&laquo;, k&ouml;nnte auf eine &auml;hnliche,
+jetzt l&auml;ngst abgekommene Sitte hinweisen.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_M_13"></a><a href="#FNanchor_M_13">[M]</a>
+<div class="note">
+<p>Bei Bechst. bekommen Knaben nach Genuss einer Zauberspeise die
+F&auml;higkeit zu fliegen. In einem sehr &auml;hnlichen indischen
+M&auml;hrchen bei Somadeva (Brockhaus 104) ist diese Speise
+Menschenfleisch. Ein Zusammenhang beider Erz&auml;hlungen w&auml;re
+nicht undenkbar.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_N_14"></a><a href="#FNanchor_N_14">[N]</a>
+<div class="note">
+<p>Die Menschensch&auml;del, welche am Eingange des Palastes, an
+den Stadtthoren und allen wichtigen Pl&auml;tzen Dahomeys
+angebracht sind (Waitz 2, 130), kann man gewiss nicht anders
+deuten. Auch unter den Semiten war der Gebrauch verbreitet: die
+ph&ouml;nicischen St&auml;dte wurden dadurch fest gemacht, dass man
+an ihren Thoren und sonst Menschen eingrub (Movers Ph&ouml;nizien
+2, 46). Bei den Indogermanen kommt er vielfach vor; er war bei den
+Germanen sehr verbreitet, wie Ueberreste dieser Sitte noch heute
+beweisen; so wird z.B. am S&uuml;dharz das kleinste Kind des Hauses
+barfuss in den frischen Estrich hineingestellt, damit er halte
+u.s.w. Bei den Slaven kommt er vor, wie sich in vielen ihrer
+M&auml;hrchen und Sagen zeigt (z.B. Talvj Volkslieder d. Serben 1,
+117, die Erbauung Skodras); von den Kelten wird er gleichfalls
+erw&auml;hnt und Hahn albanesische Studien 1, 160 erz&auml;hlt
+dasselbe von Albanien. Die Thiere, die man jetzt dort schlachtet
+und ganz oder theilweise einmauert (wie auch in Deutschland viel
+geschah), vertreten nur die fr&uuml;heren geopferten Menschen. In
+Albanien herrscht auch, um das zu &sect; 4 nachzutragen, ein ganz
+&auml;hnliches Heilverfahren, wie bei Hottentotten, Amerikanern und
+Australiern. Jedes Uebel, das auch hier nur auf Bezauberung beruht,
+wird in Gestalt von etwas Festem aus dem K&ouml;rper entfernt und
+dieses letztere dann eingewickelt fortgeworfen. Wer auf das
+Eingewickelte tritt, auf den geht die Krankheit &uuml;ber (ebend,
+159).</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_O_15"></a><a href="#FNanchor_O_15">[O]</a>
+<div class="note">
+<p>Der get&ouml;dtete Engl&auml;nder hiess Cheyne und ist derselbe,
+welcher das auch von uns vielfach benutzte Buch a description of
+islands in the Western Pacific Ocean, north and south of the
+Equator geschrieben hat (Petermann, Mittheil. 1868, 28). Obwohl nun
+dies und seine anderen Schriften sehr werthvoll sind zur Kenntniss
+des sonst noch so wenig gekannten westlichen Theiles des stillen
+Ozeans; so hat man doch bei der Benutzung Vorsicht anzuwenden, da
+Cheyne, selbst Sandelholzh&auml;ndler (und Trepangfischer) sich bei
+der moralischen Beurtheilung der geschilderten V&ouml;lker sehr
+h&auml;ufig von seinen Handelsinteressen beeinflussen l&auml;sst.
+So schildert er die Melanesier ohne Ausnahme (Fichteninsel, Lifu,
+Mare, Uea, Tanna, Erromango u.s.w.) als wild und &raquo;h&ouml;chst
+verr&auml;therisch&laquo; und war selbst h&auml;ufig mit ihnen im
+Streit. Ebenso erz&auml;hlt er von <i>allen</i> Karoliniern, dass
+man ihnen nicht trauen d&uuml;rfe. Er steht also selbst auf dem
+Standpunkt der Sandelholzh&auml;ndler und beachtet nicht, was die
+Eingeborenen von diesen an Ungerechtigkeit, Raub und roher Gewalt
+zu leiden hatten. Nach der Lekt&uuml;re seines Buches wundert man
+sich nicht, dass er ein solches Ende genommen hat; das ganz
+einseitige Betonen seiner Handelsinteressen liess vielmehr nichts
+anderes erwarten. Es f&auml;llt daher von hier aus erst das wahre
+Licht auf die Vorg&auml;nge in Koror, sowohl auf sein Auftreten als
+auf den Racheakt des englischen Kriegsschiffes.</p>
+</div>
+
+<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 14028 ***</div>
+</body>
+</html>
+
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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+Project Gutenberg's Über das Aussterben der Naturvölker, by Georg Gerland
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Über das Aussterben der Naturvölker
+
+Author: Georg Gerland
+
+Release Date: November 12, 2004 [EBook #14028]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NATURVÖLKER ***
+
+
+
+
+Produced by PG Distributed Proofreaders
+
+
+
+
+ÜBER DAS AUSSTERBEN DER NATURVÖLKER
+
+VON
+
+DR. GEORG GERLAND,
+
+LEHRER AM KLOSTER U. L. FR. ZU MAGDEBURG.
+
+
+LEIPZIG,
+
+VERLAG VON FRIEDRICH FLEISCHER.
+
+1868.
+
+SEINER EXCELLENZ
+
+DEM HERRN GEHEIMEN RATH
+
+H.C. VON DER GABELENTZ.
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Die Frage nach dem Aussterben der Naturvölker ist bis jetzt nur
+gelegentlich und nicht mit der Ausführlichkeit behandelt, welche die
+Wichtigkeit der Sache wohl verlangen kann. Am genauesten ist Waitz auf
+sie eingegangen in seiner Anthropologie der Naturvölker Bd. 1, 158-186;
+aber da auch er sie nur anhangsweise bespricht und in dem Zusammenhang
+seines Werkes nicht mehr als nur die Hauptgesichtspunkte angeben konnte
+und wollte; da er ferner manches nur andeutet oder ganz übergeht, was
+von grosser Wichtigkeit ist, so erscheint es durchaus nicht überflüssig,
+die Gründe für dies »räthselhafte« Hinschwinden selbständig und
+möglichst genau von neuem zu erörtern. Namentlich die psychologische
+Seite des Gegenstandes hat man bisher über die Gebühr vernachlässigt;
+sie wird deshalb in den folgenden Blättern besonders betont werden
+müssen.
+
+Das Material zur Beantwortung der Frage, die uns beschäftigen soll,
+findet sich zerstreut in einer grossen Menge von Reisebeschreibungen,
+ethnographischen und anthropologischen Werken. Da es mir aber darauf
+ankam, einmal--denn nur strengste Empirie kann uns bei unserer Frage
+fördern--meine Sätze durch getreue Quellenangabe zu stützen, und
+andererseits, dass die angeführten Citate nicht allzuschwer zugänglich
+seien, um nachgeschlagen werden zu können, so habe ich mich, wo es
+möglich war, auf Werke gestützt, die weiter verbreitet sind, und den
+Quellennachweis nur da weggelassen, wo das Gesagte in allen Reisewerken
+sich gleichmässig findet. Dass ich das schon erwähnte ausgezeichnete
+Werk meines nur allzufrüh verstorbenen Lehrers Waitz, die Anthropologie
+der Naturvölker, sehr reichlich benutzt habe, wird man nicht tadeln; man
+findet dort die oft sehr schwer zugänglichen Quellen in kritischer
+Auswahl beisammen--und wozu werden solche grundlegenden Werke
+geschrieben, wenn man nicht auf ihnen weiterbaut?
+
+Ich stelle hier der Uebersicht und des bequemeren Citirens wegen die
+Werke zusammen, welche ich als Belege benutzt habe, ohne die mit
+anzuführen, welche nicht öfters citirt sind. Einige, welche ich gern
+gehabt hätte, sind mir unzugänglich geblieben.
+
+
+Angas, Savage life in Australia and N. Zealand. London 1847.
+
+Australia felix. Berlin 1849.
+
+Azara, Reise nach Südamerika in den Jahren 1781-1801 (Magazin der merkw.
+neuen Reisen. Bd. 31. Berlin 1810).
+
+Bartram, Reisen durch Karolina, Georgien und Florida 1773. (eb. 10.
+Band). Berlin 1793.
+
+Beechey, Narrative of a voyage to the Pacific (1825-28). London 1831.
+
+Behm, Geographisches Jahrbuch. 1. Theil 1866. Gotha 1866.
+
+Bennett, Narr. of a whaling round the globe 1833-36. London 1840.
+
+v. Bibra, Schilderung der Insel Vandiemensland bearbeitet v. Röding.
+Hamburg 1823.
+
+Bougainville, Reise um die Welt 1766-69. Leipzig 1772.
+
+Bratring, Die Reisen der Spanier nach der Südsee. Berlin 1842.
+
+Breton Excursions in N.S. Wales, W. Australia and V. Diemensland. London
+1833.
+
+Browne, N. Zealand and its aborigines. London 1845.
+
+Carus, Ueber ungleiche Befähigung der verschiedenen Menschheits-Stämme.
+Leipzig 1849.
+
+v. Chamisso, Bemerkungen und Ansichten auf einer Entdeckungsreise
+(1815-18). Weimar 1821.
+
+Cheyne, a description of islands in the Western Pacif. Ocean etc. London
+1852.
+
+Cook, 3te Entdeckungsreise in die Südsee und nach dem Nordpol. 2. Bd.
+Berl. 1789.--id. b, 1ste Entdeckungsreise bei Schiller.
+
+Darwin, Naturwissenschaftliche Reise, übersetzt von Dieffenbach,
+Braunschw. 1844.
+
+Dieffenbach, Travels in N. Zealand. London 1843.
+
+Dillon, Narrative of a voyage in the South Sea. London 1839.
+
+Dumont d'Urville, a, Voyage de l'Astrolabe. Paris 1830. id. b, Voy. au
+Pole Sud. Paris 1841.
+
+Ellis, Polynesian Researches. London 1831.
+
+Erskine, Journal of a cruise among the Islands of the Western Pacific.
+London 1853.
+
+Finsch, N. Guinea und seine Bewohner. Bremen 1865.
+
+Freycinet, Voyage autour du monde (1817-20). Paris 1827.
+
+P. Mathias G***, Lettres sur les îles Marquises. Pasis 1843.
+
+Gill, Gems from the Coral Islands. London 1855.
+
+le Gobien, Histoire des Isles Marianes. Paris 1701.
+
+Grey, Journals of two expedit. in NW and W. Australia (1837-39). London
+1841.
+
+Gulick, Micronesia, Nautical Magazin 1862.
+
+Hale, Ethnographie and Philol. (Unit. States exploring expedition).
+Philadelphia 1846.
+
+Hearne, Reise von der Hudsonsbay bis zum Eismeere (1769-1772). Magaz. v.
+Reisebeschreibungen. 14. Bd. Berlin 1797.
+
+v. Hochstetter, Neuseeland. Stuttgart 1863.
+
+Howitt, Impressions of Australia felix. London 1845. id. a, Abenteuer in
+Australien. Berlin 1856.
+
+A. v. Humboldt, a) Versuch über den politischen Zustand des Königreichs
+ Neuspanien. Tübingen 1809.
+
+ b) Reise in die Aequinoktialgegenden des neuen Continentes,
+ deutsch v. Hauff. Stuttgart 1861.
+
+ c) Ansichten der Natur. 3. Aufl. Stuttgart u. Augsburg 1859.
+
+Jarves, History of the Haw. or Sandw. Islands. London 1843.
+
+v. Kittlitz, Denkwürdigkeiten auf einer Reise nach d. russ. Amerika,
+Mikronesien u. Kamtschatka (1826 etc.). Gotha 1858.
+
+v. Kotzebue, Entdeckungsreise in die Südsee und nach der Behringsstrasse
+(1815-18). Weimar 1821.
+
+Krusenstern, Reise um die Welt (1803-6). Berlin 1811.
+
+v. Langsdorff, Bemerkungen auf seiner Reise um die Welt (1803-7).
+Frankfurt 1812.
+
+La Pérouse, Entdeckungsreise 1785. Magazin von Reisebeschr. Band 16. 17.
+Berlin 1799 f.
+
+v. Lessep, Reise durch Kamtschatka und Sibirien, Magaz. v. Reisebeschr.
+4. Berlin 1791.
+
+Lichtenstein, Reise in Südafrika (1803-6). Berlin 1812.
+
+Lutteroth, Geschichte der Insel Tahiti, deutsch v. Bruns. Berlin 1843,
+
+Mariner, Tonga Islands. London 1818.
+
+Meinicke, a) Das Festland v. Australien. Prenzlau 1837.
+
+ b) Die Südseevölker u. das Christenthum. Prenzlau 1844.
+
+ c) Australien in Wappäus Handbuch der Geographie und
+ Statistik. 7. Aufl. 2. Bd. 2. Nachtr. Leipzig 1866.
+
+Melville, Vier Monate auf den Marquesas-Inseln. Leipzig 1847. Id. b,
+the present state of Australia. London 1851.
+
+Moerenhont, Voyage aux îles du grand Ocean. Paris 1837.
+
+Nieuw Guinea, ethnogr. en natuurk. onderzocht in 1858 door een Nederl.
+Ind. Commiss. Amst. 1862.
+
+Nixon, The cruise of the Beacon. London 1857.
+
+Novara, Reise der österr. Fregatte (1857-59). Wien 1861.
+
+Ohmstedt, Incidents of a whaling voyage. N. York 1841.
+
+Petermann, Mittheilungen u.s.w. a.d. Gesammtgebiet d. Geographie.
+
+Pöppig, Artikel Indier bei Ersch u. Gruber. 2. S. B. 17. 1840.
+
+Remy, Hist. de l'Arch. Hawaiien, texte et traduction. Paris et Leipzig
+1862.
+
+Salvado, Memorie storiche dell' Australia, part. della miss.
+benedettina. Roma 1851.
+
+Schomburgk, Reisen in Britisch-Guiana 1840-44. Leipzig 1848.
+
+Sparmann, Reise nach d. Vorgebirge der guten Hoffn. 1772-76. Berlin
+1784.
+
+Stewart, Journal of a residence in the Sandwich isl. (1823-25). London
+1828.
+
+Taylor, The Ika a Maui or N. Zealand and its inhabitants. London 1855.
+
+Thomson, The story of N. Zealand. London 1859.
+
+Thunberg, Reisen in Afrika und Asien 1772-79 im Mag. d. Reis. 7. Bd.
+Berlin 1792.
+
+v. Tschudi, Reisen durch Südamerika. Leipzig 1866.
+
+Turnbull, Reise um die Welt 1800-1804, Magaz. v. Reisebeschr. Bd. 27.
+Berlin 1806.
+
+Turner, Nineteen years in Polynesia. London 1861.
+
+Tyermann and Bennet, Journal of voy. in the S. Sea islands. London 1831.
+
+Vankouver, Reisen nach d. nördl. Theile der Südsee (1790-95). Magaz. v.
+Reisebeschr. Bd. 18. 19. Berlin 1799 f.
+
+Virgin, Erdumsegelung der Fregatte Eugenie (1831-33), übers. v. Etzel.
+Berlin 1856.
+
+Waitz, Anthropologie der Naturvölker. Leipzig 1859 f. id. b, Die
+Indianer Nordamerikas. Leipzig 1865.
+
+Williams, a Narrat. of Missionary enterprises in the South Sea Islands.
+London 1837.
+
+Williams and Calvert, Fiji and the Fijians ed. by Rowe. Lond. 1858.
+
+Wilson, Missionsreise ins südl. stille Meer 1796-98, Magaz. von
+Reisebeschr. Bd. 21. Berlin 1800.
+
+Zeitschrift für allgemeine Erdkunde, neue Folge.
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+ Vorwort. Quellen
+§ 1. Einleitung. Umfang des Aussterbens
+§ 2. Empfänglichkeit der Naturvölker für Miasmen. Krankheiten, welche
+ spontan bei der Zusammenkunft der Natur- und Kulturvölker entstehen
+§ 3. Direkt eingeschleppte Krankheiten
+§ 4. Behandlung der Kranken bei den Naturvölkern
+§ 5. Geringe Sorgfalt der Naturvölker für ihr leibliches Wohl
+§ 6. Charakter der Naturvölker
+§ 7. Ausschweifungen der Naturvölker
+§ 8. Unfruchtbarkeit. Künstlicher Abortus. Kindermord
+§ 9. Krieg und Kannibalismus
+§ 10. Menschenopfer
+§ 11. Verfassung und Recht
+§ 12. Natureinflüsse
+§ 13. Aeussere Einflüsse der höheren Kultur auf die Naturvölker
+§ 14. Psychische Einwirkungen der Kultur
+§ 15. Schwierigkeit für die Naturvölker, die moderne Kultur sich
+ anzueignen
+§ 16. Behandlung der Naturvölker durch die Weissen. Afrika. Amerika
+§ 17. Fortsetzung. Der stille Ozean
+§ 18. Geographische Vertheilung der einzelnen Gründe für das Aussterben
+ der Naturvölker. Vergleichung dieser Gründe in Bezug auf ihr Gewicht
+§ 19. Vergleichung der Natur- und Kulturvölker in Bezug auf ihre
+ Lebenskraft
+§ 20. Aussterbende und ausdauernde Naturvölker
+§ 21. Die afrikanischen Neger
+§ 22. Folgerungen aus der Art, wie die Naturvölker von den Kultur
+ behandelt sind
+§ 23. Zukunft der Naturvölker; Mittel sie zu heben
+§ 24. Werth der Naturvölker für die Menschheit und ihre Entwickelung.
+ Schluss
+
+
+
+
+§1. Einleitung. Umfang des Aussterbens.
+
+
+Die Erscheinung, dass eine Reihe von Völkern vor unseren Augen durch
+langsameres oder rascheres Hinschwinden ihrem Untergang entgegengeht,
+ist eine überaus wichtige. Dass sie für die Geschichtsforschung grosse
+Bedeutung hat, leuchtet ohne weiteres ein; dass sie für die
+Naturgeschichte des Menschen, die Anthropologie entscheidend ist,
+ebenfalls. Und wenn es sich als wahr bestätigt, dass, wie man behauptet
+hat, diese Völker aus einer Lebensunfähigkeit, welche ihrer Natur
+anhaftet, dem Aufhören entgegengehen; so ist, da die nothwendige
+Folgerung jener Behauptung dahin führt, dass man verschiedene Arten,
+höhere und niedere im Geschlecht Mensch annimmt, die Beantwortung dieser
+Frage auch für die Philosophie massgebend. Praktisch hat man sie von
+jeher in den Staaten betont, wo Weisse mit Farbigen zusammenleben; wie
+man eben die Theorie der geringeren Lebensfähigkeit nicht weisser Raçen
+zuerst in diesen Staaten aufgestellt hat.
+
+Und allerdings ist es auffallend, dass nur farbige Raçen dies
+Hinschwinden zeigen und am meisten es da zeigen, wo sie mit der weissen
+in Berührung gekommen sind; dass die Weissen, obwohl sie doch ihre
+Heimat, das gewohnte Klima u.s.w. aufgegeben haben und in unmittelbarer
+Berührung mit denen leben, welche in ihrem Vaterlande, scheinbar unter
+den alten Lebensbedingungen, verkommen, gänzlich davon verschont zu sein
+scheinen.
+
+Während wir nun dies Hinschwinden hauptsächlich bei den kulturlosen
+Raçen, bei den Naturvölkern, d.h. bei den Völkern finden, welche dem
+Naturzustande des Menschengeschlechtes noch verhältnissmässig nahe
+stehen (Waitz 1, 346), oder bei welchen, um mit Steinthal zu reden, noch
+keine bedeutende Entwickelung der logischen Fähigkeiten stattgefunden
+hat: so sehen wir es doch ebenfalls auch da, wo farbige Raçen sich zur
+Kultur und sogar zu einer gewissen Höhe der Kultur emporgeschwungen
+haben, in Polynesien, in Mexiko, in Peru, und man hat daher geschlossen,
+einmal dass diese Kultur doch nur Halbkultur und wenig bedeutend gewesen
+sei, denn wäre sie wahr und ganz gewesen, so würde sie grössere Kraft
+verliehen haben: oder aber, dass bestimmte Raçen, auch wenn sie sich
+wirklich über das Niveau der gewöhnlichen »Wilden« erhoben hätten,
+dennoch einem frühen Tode entgegengingen, weil sie nun eben von der
+Natur zum Aussterben bestimmt seien, weil es ihnen eben, in Folge ihrer
+Raçeneigenthümlichkeit, an Lebensfähigkeit fehle, welche keine Kultur
+ersetzen könne: vielmehr decke jede Art von Kultur diesen Mangel nur um
+so mitleidsloser auf. Allerdings gibt es auch farbige Raçen und
+Naturvölker, bei welchen an ein Aussterben nicht zu denken ist; und
+andererseits sind auch Theile von Kulturvölkern, indogermanische,
+semitische Stämme verschwunden und ausgestorben. Allein bei letzteren
+redet man nicht von einer geringeren Lebensfähigkeit, einmal wegen der
+Verwandtschaft dieser Stämme mit den anerkannt lebensfähigsten Völkern
+der Welt; andererseits auch wegen der Art ihres Verschwindens. Denn der
+Grund, warum sie aufgehört haben zu existiren, liegt klar auf der Hand;
+theils sind sie durch Krieg vernichtet, wie so viele Völker, welche mit
+dem alten Rom kämpften, theils sind sie mit anderen Kulturvölkern, die
+sie rings umgaben, verschmolzen, wie die Gothen, die Vandalen, theils
+trat beides zugleich ein: die höhere Kulturstufe, welche sie besiegte,
+nahm die besiegten Reste in sich auf, wie die alten Preussen, die Wenden
+und so viele slavische Völkerschaften durch und in Deutschland, die
+Iberer, die Kelten durch und in das römische Wesen verschwanden. So war
+auch zweifelsohne das Loos der Völker, welche vor der Einwanderung der
+Indogermanen Europa inne hatten. Anders aber ist das Hinschwinden der
+Naturvölker: wo sie mit höherer Kultur zusammenkommen, auch da, wo diese
+letztere sich friedlich gegen sie verhält, sehen wir sie von Krankheiten
+ergriffen werden, ihr physisches und psychisches Vermögen versiechen,
+und ihre Zahl, oft ausserordentlich rasch, sich vermindern. Allerdings
+sind auch einzelne Naturvölker aufgerieben oder doch stark vermindert
+durch ganz äusserliche und leicht begreifliche Gründe: so namentlich
+viele malaiische Stämme, welche durch nachrückende verwandte Völker ins
+Gebirge zurückgedrängt und dabei gewiss ebenso so stark vermindert
+worden sind, als durch ihr gleiches Schicksal die Basken in Europa,
+während sie in ihren Bergen sich in ziemlich gleichbleibender Anzahl
+halten; so die Bewohner der Warekauri-(Chatam-) Inseln bei Neu-Seeland,
+die Moreore. welche 1832-35 noch 1500 etwa betrugen, durch die
+Neu-Seeländer aber, die in jenen Jahren einen Zug nach den
+Warekauriinseln unternahmen, fast ganz ausgerottet sind, so dass ihre
+Zahl jetzt nur noch 200 beträgt: und auch diese nehmen, durch
+Assimilation an die eingewanderten Maoris rasch ab (Travers bei Peterm.
+1866, 62). Auch müssen wir hier die schwarze Urbevölkerung
+Vorderindiens, die dekhanischen und Vindhyavölker erwähnen, weil auch
+sie nach Lassen (ind. Alterthumskunde 1, 390) allmählich abnehmen.
+Früher waren sie weiter ausgebreitet und einzelne Reste von ihnen
+scheinen sich (Lassen a.a.O. 387 ff.) in Himalaya, in Belutschistan,
+Tübet und sonst erhalten zu haben. Sie wurden durch die nachrückenden
+arischen Inder und gewiss nicht friedlich in die Gebirge zurückgedrängt
+(Lassen 366), wo sie nun theils im barbarischen Zustande weiter lebten,
+theils aber, und so namentlich die südlicheren Dekhanvölker, in die
+indische Kultur übergingen (Lassen 364. 371). Ein ähnliches Schicksal
+hatten verschiedene amerikanische Stämme, die von anderen mächtigeren
+Indianervölkern theils aufgerieben, theils sich einverleibt wurden; auch
+wird von einzelnen Hottentottenvölkern eine ähnliche Vermischung mit
+Kafferstämmen erwähnt (Waitz 2, 318).
+
+Doch scheinen auch manche Völker vermindert oder gar verschwunden, ohne
+es in Wirklichkeit zu sein. Ein solcher Schein ist hervorgerufen, wie
+Waitz 1, 159-160 zeigt, theils durch Umänderung von Namen, wo man nun
+fälschlich annahm, weil der Name nicht mehr existire, so sei auch das
+Volk erloschen, oder durch Irrthümer der Reisenden, indem sie manche
+Namen zu weit ausdehnen, andere aber auf völligem Missverständniss
+beruhen, oder durch falsche Schätzung der Volkszahl, wie man sie oft
+sehr übertrieben, namentlich bei älteren Reisenden, z.B. für Polynesien
+bei Cook, findet u. dergl.
+
+Ehe wir nun aber die Gründe für jenes weniger leicht zu erklärende
+Hinschwinden der Naturvölker aufsuchen, müssen wir den Umfang desselben
+betrachten, wobei wir ausser Europa alle Welttheile zu berücksichtigen
+haben.
+
+In Asien sterben aus oder sind schon ausgestorben die Kamtschadalen und
+so rasch ging ihre Verminderung vor sich, das Langsdorff (1803-4,
+Krusensterns Begleiter) Ortschaften, welche die Cooksche Expedition und
+La Perouse noch wohl bevölkert sahen, völlig menschenleer fand. Wenn La
+Perouse 1787 auf der Halbinsel im ganzen noch 4000 Bewohner fand
+(2,166), so sind die russischen Einwanderer in dieser Zahl, bei der
+trotzdem auf mehrere Quadratmeilen kaum ein Mensch kommt, schon
+einbegriffen. Denn Cooks Reisebegleiter (1780) fanden, nach den
+Mittheilungen eines dort ansässigen Offiziers in Kamtschatka nur noch
+3000 Einwohner, wobei die Kurilen schon mitgerechnet sind; sie erzählen
+selbst, wie sich die Eingeborenen immer mehr mit den einwandernden
+Russen verbinden und ihre Zahl dadurch immer mehr abnimmt (Cook 3. R. 4,
+175). La Perouses Reisegefährte Lessep (41) behauptet, dass nur noch ein
+Viertel der eigentlichen Kamtschadalen übrig sei; und er war noch nicht
+ein volles Jahrhundert nach der ersten Unternehmung der Russen (1696)
+gegen Kamtschatka dort. Dasselbe Schicksal haben ausser den Jakuten und
+Jukagiren in Sibirien Waitz, (1, 164) auch die Aleuten auf den
+Fuchsinseln und die ihnen verwandten Stämme auf den nächsten Küsten von
+Amerika, die wir hier gleich erwähnen, weil auch sie wie die
+Kamtschadalen unter demselben Drucke Russlands stehen. Langsdorff fand
+auf den Fuchsinseln nur gegen 300 Männer, während er für 1796 1300 und
+für 1783-87 gar 3000 und mehr angibt. Das Steigen der Zahlen, welches
+wir im Anfang dieses Jahrhunderts finden, ist keineswegs tröstlich. Denn
+wenn Chamisso (177, zweite Note) nach aktenmässigen Mittheilungen für
+1806 die Aleuten der Fuchsinseln auf 1334 Männer und 570 Frauen, 1817
+dagegen auf 462 Männer und 584 Frauen angibt, so versieht er erstlich
+diese allerdings auffallenden Zahlen selbst mit einem Fragezeichen; und
+zweitens, wenn sie auch richtig sind, Langsdorff sich geirrt und die
+Volkszahl sich nicht durch russische Einwanderer vermehrt hat: das
+Sinken der Bevölkerung von 1806-1817 ist gewiss eben so arg als wie wir
+es bei Langsdorff geschildert finden. Der offizielle Bericht von 1860
+bei Peterm. 1863, 70 gibt 4645 Bewohner der Fuchsinseln an: allein hier
+sind jedenfalls die Russen, welche jetzt auf den Inseln ansässig sind,
+mitgezählt, obwohl die Mischlinge, 1896 Seelen, noch besonders angegeben
+werden und diese Vermehrung, welche sich auf Kamtschatka gleichmässig
+findet, ist nur eine scheinbare.
+
+Bekannt ist das Aussterben der Ureinwohner Amerikas, deren Zahl man in
+Nordamerika für die Zeit der Entdeckung etwa auf 16 Millionen, jetzt
+kaum noch 2 Millionen schätzt (Waitz b, 16). 1864 betrug die Zahl der
+Indianer in den Vereinigten Staaten etwa 275,000; 1860 zählte man noch
+294,431; 1841 aber, auf kleinerem Gebiete 342,058 Seelen, so dass sich
+also hier in 23 Jahren ein Verlust von nahezu 70,000 Menschen
+herausstellt (eb. 18). Noch geringere Zahlen gibt Behm (105 ff.) an,
+nämlich 268,000 unabhängige Indianer für die Vereinigten Staaten,
+155,000 für britisch Nordamerika. Und während d'Orbigny (1838) für den
+von ihm bereisten grösseren Theil von Südamerika 1,685,127 Indianer
+zählte (Waitz b, 16). so stellt Behm auch hier geringere Zahlen auf:
+Brasilien hat nach ihm (a.a.O.) 500,000 unabhängige Indianer, die drei
+Guyanas 9770, Venezuela 52,400, Neu-Granada 126,000, Ekuador 200,000,
+Peru 400,000, Bolivia 245,000, Chile 10,000, die Staaten der
+argentinischen Republik 40,000, Patagonien und Feuerland 30,000, also
+zusammen 1,613,170 und zwar für ganz Südamerika. So viel aber betrug
+allein die Bevölkerung von Chile zur Zeit der Entdeckung (Pöppig 385
+Anmerkung) nach einer der kleinsten Annahmen. Mittelamerika hatte um
+1800 zwei und eine halbe Million unvermischter Ureinwohner und diese
+Zahl war im Wachsen (Humboldt a 1, 107); aber zur Zeit der Entdeckung
+betrug die Volkszahl in Tenuchtitlan, der alten Hauptstadt von Mexiko
+und dem ihm nahe gelegenen Tezkuko allein nach mittleren Angaben fast
+eine Million und das Land war dicht bedeckt mit grossen und volkreichen
+Städten. Behm nimmt als jetzige unabhängige Urbevölkerung nur 6000 an
+(a.a.O.), eine Zahl, welche gegen Humboldts Angaben ausserordentlich
+gering ist: allein Behm schätzt hier nur die Indianer ab, »welche sich
+den Behörden vollständig entziehen«, während Humboldt auch die
+Eingeborenen mitbegreift, welche sich am europäischen Leben so gut wie
+die spanischen Mexikaner betheiligen. Behm (114) schätzt diese auf
+4,800,000. Natürlich geht dies Aussterben auch jetzt noch weiter, wofür
+v. Tschudi 2, 216 ein Beispiel gibt: die Malalies, ein araukanischer
+Stamm, 1787 noch über 500 Individuen stark, schmolzen in jener Zeit
+durch Kriege auf 26 Seelen zusammen. Obwohl sie nun 70 Jahre lang
+ansässig sind und ungefährdet gelebt haben, ist ihre Zahl doch nicht
+höher als auf einige über dreissig gestiegen.
+
+In Afrika sind es die Hottentotten zunächst, welche in den Kreis unserer
+Betrachtung hineingehören. Während sie früher sich weit hin in das
+Innere von Südafrika ausdehnten und in eine zahlreiche Menge von
+einzelnen Stämmen zerfielen, finden wir sie jetzt auf sehr viel
+kleinerem Gebiete und aufgerieben bis auf 3 Stämme, die Korana, Namaqua
+und Griqua (Waitz 2, 317 ff.), deren Zahl fortwährend im Fallen ist.
+Auch die Kaffern müssen hier erwähnt werden, denn im brittisch Kafraria
+hat sich 1857 die Bevölkerung um mehr als die Hälfte vermindert: sie
+betrug am Anfang des Jahres 104,721 Seelen und am Ende desselben nur
+noch 52,186 (Peterm. 1859 S. 79 nach dem Population Return v. John
+Maclean Chief Commissioner): nach Behm jedoch (100) 1861 74,648
+Eingeborene.
+
+Es bleibt uns nun noch Australien und Ozeanien zu betrachten übrig, wo
+an vielen Orten die Bevölkerung rasch hinschwindet, so namentlich in
+Neuholland. Doch ist es gerade für dies Land schwer, ja ganz unmöglich,
+Zahlen aufzustellen, weil die Stämme fortwährend hin- und herziehen und
+daher alle Zahlangaben sehr wenig zuverlässig sind (Grey 2, 246). Die,
+welche Meinicke a 177 aufstellt, beweisen dies zur Genüge, und selbst
+die bei Behm (72) sind nicht sicherer. Nur von Südaustralien, Queensland
+und Viktoria hat er bestimmte Zählungsergebnisse und so ist seine
+Gesammtziffer 55.000 nur eine sehr ungefähre. Alle Quellen aber
+berichten einstimmig, dass die Bevölkerung wenigstens der Küsten
+reissend abnimmt; dass Stämme, welche früher nach Hunderten zählten,
+jetzt vielfach bis auf ebenso viel Zehner zusammengeschmolzen sind. Die
+Bevölkerung Tasmaniens betrug 1843 noch 54 Individuen, 1854 noch 16
+(Nixon 18) und ist jetzt wohl ganz ausgestorben.
+
+Wenn auch nicht so reissend, so vermindern sich doch auch die Melanesier
+an verschiedenen Gegenden ihres Gebietes: so nach Reina (Zeitschr. 4.,
+360), die Völker der kleinen Inseln in der Nähe von Neuguinea: so nach
+D'Urville 5, 213 die Bewohner von Vanikoro, nach Turner 494 die
+Eingeborenen der neuen Hebriden, wie z.B. die Bevölkerung von Anneitum
+1860, welche Turner auf 3513 Seelen schätzt, 1100 Menschen durch eine
+Masernepidemie verlor (Muray bei Behm 77) und die von Erromango 1842
+durch eine gefährliche Dysenterie um ein Drittel vermindert wurde
+(Turner a.a.O.); und so finden sich noch verschiedene Angaben zerstreut.
+
+In Mikronesien ist die Bevölkerung der Marianen, welche bei Ankunft der
+Spanier 1668 mindestens 78,000 Einwohner gehabt haben, für die aber auch
+100,000 durchaus nicht zu hoch gegriffen ist (Gulick 170) gänzlich
+ausgestorben. Schon um 1720 hatten die Inseln (und zwar nur noch die
+beiden südlichsten) nicht mehr als etwa 2000 Einwohner, und von diesen
+waren sehr viele von den Philippinen her verpflanzte Tagalen. Ponapi
+(Puynipet, Ostende der Karolinen) hatte nach Hale (82) 15.000 Bewohner,
+welche Annahme vielleicht etwas, aber nicht viel zu hoch ist[A]; jetzt
+hat sie (Gulick 358) noch 5000, Kusaie (Ualan) hatte 1852 12-1300, 1862
+nur noch 700 Menschen (Gulick 245).
+
+In Polynesien betrug auf Tahiti die Bevölkerung zu Cooks Zeiten (1770)
+etwa 15-16,000 Seelen (G. Forster nach einer spanischen Beschreibung von
+Tahiti a.d. Jahre 1778 ges. Werke 4,211, Bratring 104, welcher derselben
+Quelle folgt oder wenigstens einer nahe verwandten). Dieselbe Zahl fand
+Wilson noch im Jahre 1797; Turnbull (259) gibt nur 5000 an im Jahre
+1803, Waldegrave bei Meinicke b, 113 6000 für 1830 und Ellis 1, 102 für
+1820 etwa 10,000, welche Zahl Virgin auch für 1852 angibt (2, 41). Mögen
+auch diese Zahlen unbestimmt und schwankend und Turnbulls Angaben
+negativ übertrieben sein: so viel ist sehr klar, dass seit der
+Entdeckung durch die Europäer die Entvölkerung dieser Insel, welche
+indess nach den Aussagen der Eingebornen (Virgin 2, 41) schon früher
+begonnen hatte, rasch fortgeschritten ist; bis unter die Hälfte der
+früheren Kopfzahl sinken die Angaben. Auf den übrigen Societätsinseln
+war das Verhältniss (Meinicke a. a. O.) ein ähnliches. Auch jetzt
+scheint das Aussterben, obwohl langsamer, fortzugehen: der offizielle
+französische Bericht für 1862 gibt für Tahiti 9086 Bewohner an (Behm
+81).
+
+Auf Laivavai, einer der Australinseln, betrug die Bevölkerung 1822
+mindestens 1200, 1830 nur noch etwa 120 und 1834 kaum noch 100 Seelen
+(Mörenhout 1, 143). Günstiger ist Meinickes Schätzung, welcher auf der
+ganzen Gruppe Ende 1830 etwa 5000 Seelen, für 1840 nur noch 2000 annimmt
+(a.a.O. 114). Rapa schätzte Vankouver 1795 auf 1500 Einwohner, Mörenhout
+(1, 139) 1834 nur noch auf 300 und diese waren in stetem Abnehmen. Auch
+die Herveygruppe, welcher Ellis 1, 102 10-11,000 Bewohner gibt, ist
+jetzt viel minder zahlreich bewohnt, namentlich Rarotonga, welches durch
+eine furchtbare Seuche im höchsten Grade gelitten hat (Williams 281).
+
+Ganz ebenso schlimm ist es in Hawaii, wo nach Ohmstedt 262, die
+Bevölkerung in den Jahren 1832-36 von 130,000 auf 102,000 Seelen, also
+in 4 Jahren um 28,000 Seelen gesunken ist! Mag Ohmstedt nun auch Recht
+haben, dass die Bevölkerungsziffer für 1836 zu gering ist, weil eine
+Menge Geburten nicht angezeigt worden sind: so ist das Hinschwinden
+trotzdem ganz ausserordentlich, zumal die Insel zu Cooks Zeiten, der
+400,000 Einwohner angibt, wohl an 300,000 nach Jarves Berechnung (373)
+hatte. Die Zahlen bei Meinicke (b, 115-16 nach der Sandwich Isl.
+gazette) sind zwar nicht genau dieselben, das Verhältniss der Abnahme
+aber bleibt, auch wenn wir ihnen folgen, unverändert. Nach Virgin 1, 267
+hatte die Hawaiigruppe 1823 etwa 142,000 Seelen, 1832 noch 130,313, 1836
+108,579 und 1850 betrug die Zahl nur noch 84,165! also in 78 Jahren hat
+sich die Bevölkerung um ein Drittel gemindert und die Zahl der Geburten
+verhielt sich zu den Todesfällen wie 1:3! Auch jetzt noch schreitet die
+Verminderung fort: die Zahl der Eingeborenen betrug nach dem Census von
+1860 nur 67,084 Seelen (Behm 85).
+
+Auch auf dem Markesasarchipel, dessen Bevölkerung nach Meinicke (b, 115)
+22,000 Menschen beträgt, ist ein Hinschwinden bemerkt: so verlor
+Nukuhiva (Rodriguet in Revue de 2 mondes 1859 2, 638) von 1806-12 zwei
+Drittel seiner Bevölkerung durch Hungersnoth. Auf Neu-Seeland beträgt
+die Abnahme der Bevölkerung in den letzten 14 Jahren etwa 19-20 Percent;
+1770 betrug sie etwa 100,000 und 1859 noch 56,000 (Hochstetter 474, nach
+Fenton). Nach offiziellen Berichten im Athenäum (Zeitschr. 9, 325),
+welche zu Hochstetters Angaben nicht ganz stimmen, war die Zahl der
+Eingebornen 1858 87,766, und zwar, auffallend genug, 31,667 Männer und
+56,099 Frauen. Dagegen treffen die offiziellen Berichte von 1861
+(Meinicke c 557) mit Hochstetter überein: denn sie geben 55,336
+Eingeborene an. Letzteres ist wohl das richtigere. Nach Fenton (Reise
+der Novara 3, 178) verhielten sich bis gegen 1830 die Sterbefälle und
+Geburten zur Gesammtbevölkerung wie 1: 33,04 und 1: 67,12.
+
+Auf Samoa nimmt nach Erskine 104 die Bevölkerung, 37,000 Seelen,
+gleichfalls ab, und zwar soll die Abnahme nach den Berichten der
+Missionäre in 10 Jahren auf einer Insel von 4000 bis zu 3700 oder 3600
+vorgeschritten sein (eb. 60).
+
+Auch die Pageh auf Engano, ein den Polynesiern ähnlicher malaiischer
+Stamm auf einer kleinen Insel südlich von Sumatra sterben aus nach
+Wallands Urtheil, der auf der Insel eine äusserst geringe Kinderzahl
+vorfand--nur fünf im Ganzen (Zeitschr. 16, 420).
+
+
+
+
+§ 2. Empfänglichkeit der Naturvölker für Miasmen. Krankheiten, welche
+spontan bei der Zusammenkunft der Natur- und Kulturvölker entstehen.
+
+
+Indem wir uns nun anschicken, die Gründe für dies Hinschwinden
+aufzusuchen, wollen wir zuerst vernehmen, wie man sich über die
+Lebensunfähigkeit dieser Stämme geäussert hat. Pöppig (386) sagt von
+Amerika: »Es ist eine unbezweifelte Thatsache, dass der kupferfarbene
+Mensch die Verbreitung europäischer Civilisation nicht in seiner Nähe
+verträgt, sondern in ihrer Atmosphäre ohne durch Trunk, epidemische
+Krankheiten oder Kriege ergriffen zu werden, dennoch wie von einem
+giftigen Hauche berührt ausstirbt. Die zahlreichen Versuche der
+Regierungen haben Sitte und Bürgerthum unter jener Raçe nie einheimisch
+machen können, denn ihr fehlt die nöthige Perfektibilität. Dieser Mangel
+macht die durchdachten und menschenfreundlichen Pläne der Erziehung zu
+nichte und rechtfertigt den Vergleich jener Menschheit mit jener eine
+eigenthümliche Physiognomie tragenden, aber niederen Vegetation, die das
+dem Meere entstiegene Land zuerst in Besitz nimmt, aber in dem Masse wie
+höher ausgebildete und kräftigere Pflanzen sich entwickeln, sich
+vermindert und zuletzt auf immer verschwindet. Wie sehr das menschliche
+Gefühl sich gegen eine solche Annahme sträubt, so glauben wir doch in
+den Amerikanern _einen von der Natur selbst dem Untergang geweihten_
+Zweig unseres Geschlechtes zu sehen. In den leer gewordenen Raum tritt
+eine _geistig vorzüglichere_, beweglichere, aus dem Osten stammende
+grosse Familie. Wie diese ihrer Bestimmung zur allgemeinsten Verbreitung
+gehorsam sich ausdehnt und die entlegensten Wildnisse sich unterwirft,
+so legt die Urbevölkerung sich zum Todesschlafe nieder und verschwindet
+selbst aus dem Gedächtnisse des neuen Volkes. In weniger als einem
+Jahrhundert wird vielleicht die Forschung über die ersten Bewohner eines
+ganzen Welttheils dem Gebiete der Archäologie überwiesen werden müssen,
+und dann erst wird das Tragische und Räthselhafte ihres Schicksals
+begriffen (?) und tief empfunden werden.«
+
+So schrieb 1840 ein deutscher Gelehrter, der lange Reisen in Amerika
+gemacht hatte. Auch Carus Phantastereien von Tag-, Nacht- und
+Dämmerungsvölkern (17 ff.) gehören hierher; seine westlichen
+Dämmerungsvölker, »sie, die wirklich dem Untergange zugewendet sind und
+ihrem Verlöschen mehr und mehr entgegengehen«, sind die Amerikaner;
+seine Nachtvölker, welche sich »über Afrika ausdehnen und hinab gegen
+Süden über Australien (!), Van Diemensland und einen Theil von
+Neuseeland (als Papus!!) erstrecken«, stehen noch tiefer in ihrer
+geistigen Entwickelung und Fähigkeit. Ganz ähnlicher Ansicht über die
+Neuholländer, wie Pöppig über die Amerikaner, scheint Meinicke zu sein,
+nur dass er sich verhüllter ausdrückt; doch nennt er sie einen »dem
+Untergang _geweihten_« Volksstamm (c 522) und spricht hier n. a 2, 215
+von ihrer »gänzlichen Unbildsamkeit«. Viel direkter hat man von der
+Unbildsamkeit, von dem nothwendigen Untergang, von der geringen
+Lebensfähigkeit der tieferstehenden und mangelhaft organisirten Raçen in
+Amerika (Waitz 3, 45) und den Kolonieen in Afrika, Neuholland und
+Polynesien gesprochen; da man denn sich auch weiter kein Gewissen
+machte, den Untergang, welchem diese Raçen nun doch einmal geweiht
+seien, damit auf ihren Trümmern sich das bessere Leben höherstehender
+Raçen entwickeln könne, mit allen Mitteln beschleunigen zu helfen.
+
+Aber auch vorurtheilsfreie Forscher sehen in diesem Hinschwinden etwas
+Räthselhaftes, so Waitz 1, 173, wenigstens in Beziehung auf Australien
+und Polynesien, da hier eine Hauptursache der Entvölkerung, welche in
+Amerika so wirksam war, der Druck durch die Weissen, in Polynesien ganz
+wegfalle, in Australien wenigstens nicht weitgreifend gewirkt habe.
+»Begreiflicher Weise, fährt er jedoch fort, ist das Aussterben eines
+Volkes, das früher kräftig und gesund gewesen ist, nicht damit erklärt,
+dass man ihm die Lebenskraft abspricht oder einen ursprünglichen Mangel
+der Organisation zuschreibt, und es hat an sich schon etwas sehr
+Unbefriedigendes für eine so seltene und abnorme Erscheinung einen
+geheimnissvollen Zusammenhang anzunehmen, dem sie ihre Entstehung
+verdanke; man wird vielmehr hier wie überall nach dem natürlichen
+Zusammenhange der Sache zu suchen haben, wenn man sich auch schliesslich
+zu dem Geständnisse genöthigt finden sollte, dass es bis jetzt nicht
+gelingen will, denselben vollständig aufzuklären.«
+
+Wir wollen sehen, ob wir zu diesem Geständniss genöthigt werden.
+
+Auch Darwin (2, 213) sieht bei diesem Aussterben, für welches er viele
+natürliche Gründe anführt, auch »noch irgend eine mehr räthselhafte
+Wirksamkeit« thätig. »Die Menschenraçen, sagt er, scheinen auf dieselbe
+Art aufeinander zu wirken, wie verschiedene Thierarten, von denen die
+stärkere die schwächere vertilgt.« Er macht darauf aufmerksam, dass fast
+bei jeder Berührung der Naturvölker und der Weissen, oft auch von
+Stämmen ein- und desselben Volkes, welche in verschiedener Gegend
+wohnen, seuchenartige Krankheiten entstehen, oft bei völliger Gesundheit
+der Schiffsmannschaft und der von ihr besuchten Völkerschaft, »von denen
+alsdann vorzugsweise die niedere von beiden Raçen oder die der
+Eingeborenen, welche in ihrem Lande von Fremden aufgesucht werden, zu
+leiden hat« (Waitz 1, 162). Und hierzu lassen sich die Beispiele
+allerdings häufen. So sagt Humboldt (a 4, 392), dass in Panama und Calao
+der Anfang grosser Epidemien des gelben Fiebers »am häufigsten durch
+die Ankunft einiger Schiffe aus Chile bezeichnet werde«, obwohl doch
+Chile selbst eines der gesündesten Länder der Welt sei und das gelbe
+Fieber gar nicht kenne; aber die schädlichen Folgen der ausserordentlich
+erhitzten und durch ein Gemisch von faulen Dünsten verdorbenen Luft, an
+welche die Organe der Eingeborenen gewöhnt seien, wirkten mächtig auf
+Individuen aus einer kälteren Region. Aehnlich verhält es sich mit dem
+Ausbrechen des gelben Fiebers in Mittel- und Nordamerika, das
+eingeschleppt zu haben so häufig die eine der genannten Gegenden
+Besuchern aus der anderen vorwirft (Humboldt a.a.O. 384). Die »grausame
+Epidemie« von 1794, wo Verakruz ungewöhnlich heftig vom gelben Fieber
+heimgesucht war, fing an mit der Ankunft dreier Kriegsschiffe (eb. 423).
+Ebenso schreiben die Einwohner Egyptens das Ausbrechen der Pest der
+Ankunft griechischer Schiffe zu und umgekehrt die Bewohner Griechenlands
+und Konstantinopels egyptischen (eb. 384), wobei keineswegs immer an
+eine Einschleppung zu denken ist. Auf Rapa (Australinseln) traten
+tödtliche Krankheiten nach dem Besuch von englischen Schiffen auf,
+welche die Hälfte der Eingeborenen dahinrafften (Mörenh. 1, 139); auf
+Tubuai (Australinseln) ward die Bevölkerung durch Krankheiten, welche
+mit der Mission 1822 auftraten, auf die Zahl von 150 heruntergebracht
+(eb. 2, 343). Raivavai, welches 1822 noch 1200 Einwohner hatte, besass
+1830 etwa noch 120 durch gleiches Schicksal (eb. 1, 143). Williams
+(283-84) spricht es als seine eigene Erfahrung aus, dass die meisten der
+Seuchen, die er in der Südsee erlebte, durch Schiffe, deren Mannschaft
+ganz gesund sei und nur auf ganz erlaubtem, gewöhnlichem Wege mit den
+Eingeborenen verkehrte, veranlasst wurden. Das erste Zusammentreffen
+zwischen Europäern und Eingeborenen, sagt er, ist fast immer mit dem
+Fieber, mit Dysenterie u. dergl. bezeichnet; so starb auf Rapa die
+Hälfte der Eingeborenen aus; so entstand die furchtbare Seuche auf
+Rarotonga (Herveyinseln), die er 282 schildert. Ganz dasselbe sagt
+Virgin 1, 268; »Auch nur kurze Besuche von Fahrzeugen haben auf den
+Inselgruppen der Südsee Krankheiten von mehr oder minder verderblicher
+Natur verursacht, die sich sogar erst längere Zeit nachher gezeigt
+haben. Es hat sich dies auch sogar zugetragen, ungeachtet die Besatzung
+der Schiffe vollkommen gesund war und die Krankheiten sind nicht stets
+solche gewesen, welche möglicherweise durch eigentliche Ansteckung
+mitgetheilt werden konnten oder welche in Europa zu denen gehören, deren
+Beschaffenheit in der Regel mehr oder weniger tödtlich ist.« Von Tahiti
+erzählt Bratring 145, dass 1775 bei der Anwesenheit der Spanier unter
+Boenechea ein ansteckendes Katarrhalfieber ausbrach. Nach Cooks Besuch
+litt die Insel unter Dysenterie (Mörenh. 2, 425) und die Tahitier selbst
+schrieben schon um 1800 alle Krankheiten den Berührungen mit fremden
+Schiffen zu (Turnbull 266). Beechey 1, 94-95 berichtet Aehnliches von
+den Inseln Pitkairn. Bei regnichtem Wetter und bei gelegentlichen
+Besuchen von Schiffen, sagt er, leiden die Eingeborenen (eine
+Mischbevölkerung von Tahitiern und Engländern) stärker an Blutandrang
+(plethora) und Schwären als sonst; sie glauben ganz fest, dass diese
+Krankheiten durch den Verkehr mit ihren Gästen, mögen diese selbst auch
+ganz gesund sein, herrühren. Das eine Schiff sollte ihnen Kopfschmerzen,
+ein anderes Scharbock, das dritte Geschwüre u.s.w. gebracht haben, wie
+sie denn auch von Beecheys Schiff, dessen Mannschaft ganz gesund war,
+ähnliches erwarteten: ja sie fühlten schon Kopfweh und Schwindel.
+Beechey erklärt diese Zufälle durch die Veränderung ihrer Lebensweise
+während solcher Besuche, da sie gegen ihre sonstige Gewohnheit dann viel
+Fleisch essen und reichlichere Kleidung tragen. Von Melanesien (Tanna)
+erzählt Turner 91 nach den Aussagen der Eingeborenen, welche alle
+Krankheiten, wie Fieber, Dysenterie, Husten u. dergl. »fremde Dinge«
+nennen, ganz Gleiches. Auch in Celebes (Waitz 1, 163) herrschte diese
+Meinung und ebenso auch bei den alten Marianern, welche nach jedem
+fremden (europäischen) Schiff von einer Seuche heimgesucht zu werden
+behaupteten; so brachte 1688 ein Schiff von Mexiko, welches mit
+Verbrechern beladen an der Insel scheiterte, Rheuma, Fieber, Blutungen
+(le Gobien 376), und die Eingeborenen sahen alle Krankheiten als durch
+die Spanier eingeschleppt an (ebd. 140). Die Einwohner von St. Kilda
+(westl. v. d. Hebriden bei Schottl.) sind der festen Ansicht, für die
+sie eine lange Erfahrung haben, dass der Besuch eines Fremden ihnen
+Schnupfen bringe (Macculloch bei Darwin 2, 214).
+
+Nach dem medizinischen Theil der Novara Reise (1, 225) glauben die
+Eingeborenen der Nikobaren, dass die Kokosnüsse von den Bäumen fielen,
+sobald ein Missionär die Insel beträte. So mag denn auch diese
+weitverbreitete Ansicht der Grund sein, weshalb in Ponapi, sobald ein
+Schiff in Sicht kommt, das Volk flieht und der Priester aufs
+Feierlichste die Götter um Hülfe anruft (Gulick 175), wenn wir es hier
+nicht mit etwas Religiösem zu thun haben. Jedenfalls ist wohl zu
+beachten, dass die Naturvölker vor der Bekanntschaft mit den Europäern
+fast nichts von Krankheit wussten; weder die Marianer (le Gobien 140)
+noch die übrigen Mikronesier (Chamisso) noch die Polynesier, von denen
+freilich die Neu-Seeländer, obwohl der Gesundheitszustand auch ihrer
+Insel im Allgemeinen trefflich war, von schweren Seuchen, die sie schon
+vor Cook heimgesucht hätten, erzählten (Dieffenbach 2, 12-14), noch die
+Neu-Holländer, Hottentotten und Amerikaner (Waitz 1, 140-41).
+
+Für die Indianerstämme steigert sich die Wirkung solcher Epidemien noch
+durch Folgendes, was v. Tschudi, einer der ausgezeichnetsten Kenner der
+amerikanischen Völker, 2, 216 sagt: »Es ist eine höchst eigenthümliche
+Erscheinung, dass Indianerstämme, die durch Krieg oder Epidemien
+plötzlich sehr stark reducirt wurden, sich in der Regel nie wieder
+erholen und nur noch als wenig zahlreiche Familien gewöhnlich Jahrzehnte
+lang hinsiechen, bis sie endlich ganz aussterben. Bei ihnen tritt nicht
+mehr die Vermehrungsprogression ein, wie sie vor dem vernichtenden
+Schlage stattgefunden hatte, und bei anderen unter den nämlichen
+physischen Bedingungen lebenden Völkern beobachtet wird. Meines Wissens
+ist dieses Verhältniss noch nirgends erörtert worden. Ich habe es bei
+einem genauen Studium der Geschichte der nord- und südamerikanischen
+Indianer als Regel gefunden. Sehr verminderte Fruchtbarkeit des Weibes
+ist die Hauptursache: auf welchen physiologischen Einwirkungen sie aber
+beruht, ist wohl schwer zu ermitteln.« Waitz freilich (1, 163) bringt
+Beispiele vom Gegentheil: die Creeks (nach Simpson), die Winibegs (nach
+Schoolcraft), die Apachen (Kendall) u.s.w. haben sich nach schweren
+Epidemien wieder erholt. Wir kommen hierauf zurück.
+
+Man hat nun diese auffallende Erscheinung, dass Krankheiten durch
+Berührung gesunder, aber aus verschiedener Gegend oder Raçe stammender
+Menschen entstehen, zu erklären versucht. Darwin, der in Shropshire
+gehört, dass gesunde Schafe, die aber auf Schiffen eingeführt wurden, in
+einem Pferch zu anderen gebracht, diese krank machen, Darwin meint, dass
+das Effluvium von Menschen--und wohl auch, nach dem letzten Beispiel,
+von Thieren--die lange Zeit eingeschlossen gewesen seien, giftig auf
+andere wirke, namentlich dann, wenn sie von verschiedenen Raçen wären
+(2, 214); eine Ansicht, welche indess weder von medizinischer Seite noch
+durch die Erfahrung bestätigt wird.
+
+Will man sich aber mit Waitz dabei begnügen zu sagen, dass beim
+Zusammentreffen verschiedener Raçen, selbst bei völliger Gesundheit
+beider, sich bisweilen Krankheiten erzeugen, welche dann meist die
+niedere Raçe ergreifen, so kommt einmal durch das Wort niedere Raçe
+leicht etwas Missverständliches in den Ausdruck, und andererseits wird
+nichts durch dies blosse Zusammenfassen der Erscheinung erklärt. Dazu
+kommt, dass z.B. der Bericht Humboldts über das gelbe Fieber in Panama
+und Callao sich ja auf gleiche Raçen bezieht und eben so doch auch die
+Angabe Darwins von den Schafen. Und wenn man ferner die Geschichte der
+kultivirten Völker betrachtet, so findet man eine ähnliche Erscheinung:
+eine neu auftretende Krankheitsform wüthet viel allgemeiner und
+verheerender, als eine fortwährend herrschende; so die Pest, der
+schwarze Tod, die Pocken, die Cholera u.s.w., die dann oft nach und nach
+verlöschen. Die Pocken aber hat man dadurch unschädlich gemacht, dass
+man eine verwandte, aber unschädlichere Krankheitsform einimpft. Es
+scheint also, als ob der menschliche Körper um so empfänglicher für ein
+Miasma oder einen Krankheitsstoff ist, je ferner und freier von
+demselben er früher war. Ist er aber, wie bei der Pockenimpfung
+geschieht, durch ein Minimum des Giftes affizirt und dadurch anders
+disponirt worden, so dass er sich nun allmählich an jenen feindlichen
+Stoff gewöhnt, ihn der eignen Natur und die eigene Natur ihm
+einigermassen assimilirt hat: so hat er dadurch Fähigkeit zum Widerstand
+gegen die Krankheit gewonnen, da sie ja nun seiner Natur nicht mehr
+absolut feindlich ist; daher denn solche Seuchen nach und nach
+erlöschen, denn die Ueberlebenden werden nach und nach durch das
+Einathmen der miasmatischen Luft körperlich selbst immer fester.
+Keineswegs hilft aber eine solche Gewöhnung für alle Zeit, wie ja auch
+die Pocken nach bestimmten Zeiträumen von neuem eingeimpft werden
+müssen. Merkwürdig, aber für uns wichtig genug ist, was Humboldt a 1, 92
+über diese Krankheit in Mexiko sagt: »die Pocken scheinen
+ihre Verwüstungen nur alle 17 Jahre anzurichten. In den
+Aequinoktial-Gegenden«--ob das aber nicht in allen Gegenden oder
+wenigstens bei allen menschlichen Individuen auf gleiche Weise
+gilt?--»haben sie, wie das schwarze Erbrechen und mehrere andere
+Krankheiten, ihre festen Perioden, an denen sie sich regelmässig wieder
+einfinden: und man möchte glauben, dass sich in diesen Ländern die
+Anlage der Eingeborenen für gewisse Miasmen nur in sehr weit von
+einander entfernten Perioden erneuert; indem die Pocken, deren Samen
+sehr oft von europäischen Schiffen gebracht wird, nur in sehr
+ansehnlichen Zwischenräumen epidemisch, aber auch dem Erwachsenen nur
+desto gefährlicher werden.« Alles dies scheint sehr für unsere obige
+Annahme zu sprechen. Der Europäer, der Civilisirte kommt nun fortwährend
+mit unendlich mehr Krankheitsstoffen und Miasmen, in den meisten Fällen
+ohne es selbst zu merken, in Berührung, als der im Naturzustande und der
+freien Natur lebende Mensch. Und nicht nur durch eigene Gewöhnung von
+Kindheit an, sondern auch durch Vererbung der Accommodation von Eltern
+und Grosseltern her hat er eine viel grössere Widerstandsfähigkeit gegen
+solche schädliche Einflüsse, als sie jemals früher Isolirte und
+namentlich, wenn sie vielleicht schon erwachsen zuerst mit diesen
+Einflüssen in Berührung kommen, sich erwerben können. Hiergegen spricht
+nicht, wenn einzelne Individuen der Naturvölker gesund etwa in Europa
+längere Zeit gelebt haben. Denn in den meisten Fällen ist da eine
+Gewöhnung von Jugend auf eingetreten und jedenfalls sind alle solche
+Fälle wissenschaftlich nur dann zu verwerthen, wenn man die Geschichte
+des Besuchers, seine Natur, die Natur seines Volkes u.s.w. bis ins
+Einzelne verfolgen kann. Uebrigens gibt es auch Beispiele genug, dass
+solche Besuche unglücklich abliefen: Liholiho, der Sohn Tamehameha I.
+und seine Gemahlin starben bei ihrem Aufenthalt in England, wo alle
+Sorgfalt ihnen zu Theil wurde, an den Masern bei raschem Verlauf der
+Krankheit; und der Prinz Libu, welchen Wilson gegen Ende des vorigen
+Jahrhunderts von den Palau-Inseln mit nach England genommen hatte und
+dort sehr sorgfältig pflegte, an einer ähnlichen Krankheit, kurz nach
+seiner Ankunft (Keate die Pelewinseln, Schluss). Jetzt beweisen solche
+Besuche um so weniger, als jetzt die meisten Völker Bekanntschaft mit
+der weissen Raçe haben.
+
+Nach alledem würde es kein Wunder, nichts Rätselhaftes sein, wenn die
+Naturvölker gegen solche Miasmen, die auch von ganz Gesunden ganz
+unbemerkt eingeschleppt werden können, um so empfänglicher und
+empfindlicher sind, je weniger sie Schutz durch irgend welche Gewöhnung
+haben; daher denn solche Krankheiten, welche scheinbar unerklärlich
+entstehen, mit einer Heftigkeit wüthen, wie, vor Zeiten die Pest. So
+erzählt Williams (280 ff.), dass bei jener Seuche auf Rarotonga von
+mehreren tausend Einwohnern kaum ein einziger ganz davon befreit
+blieb.--Die Krankheiten, welche am meisten so ganz spontan dem Schein
+nach entstehen, sind Dysenterie, Influenza, Fieber, Blutungen,
+Geschwüre, Husten und Hautkrankheiten. (Einige Belegstellen: Turner 91;
+Dieffenbach 2, 12-14; le Gobien 376; Beechey 1, 94-95.)
+
+Dass auch Geschwüre genannt werden, könnte auffallen. Die ausbrechenden
+Krankheiten richten sich jedenfalls theils nach den Miasmen, durch
+welche sie hervorgerufen sind, theils und wohl ganz besonders nach der
+Natur des Inficirten. Wie ja bei herrschenden Epidemien oder in der Nähe
+gefüllter Krankenhäuser jede Krankheit, jede oft unbedeutendste
+Verwundung durch den giftigen Einfluss der Miasmen schlimmer werden, ja
+bis zum Tode führen kann, auch ohne in die herrschende Krankheitsform
+überzugehen: ebenso natürlich ist es, dass sich solche eingeführten
+Miasmen gerade auf den Theil des inficirten Organismus werfen, welcher
+schon zuvor, in den meisten Fällen gewiss gleichfalls unbewusst, der
+schwächste oder gerade bei der Einführung des Miasma irgendwie erregt
+oder afficirt war. Auch erklärt es sich hieraus, wie bei gleichen
+Miasmen--vorausgesetzt, dass sie gleich sind; denn eine
+Schiffsmannschaft kann leicht verschiedene zugleich
+bringen--verschiedene Individuen, wie sich das gar nicht selten zeigt
+(z.B. bei Turner in Melanesien, bei le Gobien auf den Marianen, bei
+Beechey auf Pitkairn) verschiedene Krankheiten bekommen können.
+
+So erklärt sich das räthselhafte Faktum (welches als Faktum durch die
+sichersten und verschiedenartigsten Zeugnisse feststeht), dass eine
+gesunde Schiffsmannschaft gesunden Menschen Krankheiten bringen kann[B].
+Dabei dürfen wir nicht unerwähnt lassen, was Humboldt an sich und
+seinen Begleitern in Centralamerika beobachtete: »Es kommt häufig vor,
+sagt er b 6, 142, dass sich bei Reisenden die Folgen der Miasmen erst
+dann äussern, wenn sie wieder in reinerer Luft sind und sich zu erholen
+anfangen. Eine gewisse geistige Anspannung kann eine Zeitlang die
+Wirkung krankmachender Ursachen hinausschieben.« Denn aus diesem Satze
+erklären sich manche Erscheinungen bei jenen spontanen Krankheiten der
+Naturvölker--so darf man wohl, ohne Gefahr missverstanden zu werden, die
+Krankheiten nennen, welche nach der blossen Berührung mit den
+Kulturvölkern, ohne direkte Einschleppung entstehen--Erscheinungen,
+welche sonst auffallen müssten. So, dass diese Uebel während der
+Anwesenheit der Europäer noch nicht verspürt werden, denn jene
+Schwindel- und Kopfwehanfälle der Pitkairner noch während Beecheys
+Besuch beruhten sicher, nach ächt polynesischer Art, auf anticipirender
+und übertreibender Einbildung; dann, dass sie ungleich seltener bei
+feindlichem Zusammenstoss zweier Raçen sich zeigen, welcher freilich
+meist auch von kürzerer Dauer ist, als ein freundlicher Besuch. Auch
+scheint es, als ob das Durchmachen _einer_ Epidemie gegen Miasmen
+verschiedener Art abhärte; wiewohl es gar nicht selten ist, dass ein und
+derselbe Volksstamm von mancherlei Seuchen nach einander (oder auch von
+derselben wieder) heimgesucht wird. Doch ist dann fast immer der erste
+Anfall der verheerendste.
+
+Jedenfalls aber haben wir hier die erste Ursache für das Aussterben der
+Naturvölker: ihre leichte Empfänglichkeit für Miasmen, welche die
+Kulturvölker ohne Wissen und Willen und bei eigener Gesundheit, zu ihnen
+bringen; und die geringe Widerstandsfähigkeit ihres Organismus gegen
+solche durch jene Miasmen entstehende Krankheiten.
+
+
+
+
+§ 3. Direkt eingeschleppte Krankheiten.
+
+
+Zu diesen eben besprochenen Krankheiten kommen noch andere hinzu, deren
+Mittheilung zwar auf demselben Grunde beruht, den wir im vorigen
+Paragraphen betrachteten, die aber doch, da man sie als direkt
+eingeschleppte allgemein betrachtet und nachweisen kann, für den
+Beobachter weit mindere Schwierigkeit bieten. Hierher gehören aber
+gerade die furchtbarsten Seuchen, welche die Naturvölker betroffen
+haben; und kann man sich denken, wie verheerend sie auf die
+empfänglichen Naturen jener Völker wirkten. Nicht bloss Weisse haben sie
+eingeschleppt: auch einzelne Zweige desselben Stammes haben andere mit
+solchen Gaben bedacht. So ward ein böser Aussatz von Polynesien aus Rapa
+nach Pitkairn verschleppt und den Bewohnern dieser Insel gefährlich; und
+andere gleiche Beispiele finden sich. Schlimmer aber ist, was die
+Weissen brachten, vor allen Syphilis und Blattern. Erstere Seuche ist
+zwar überall bekannt genug, wo die Europäer hinkommen, und so also auch
+von Alters her in Afrika und Amerika, wo sie eingeschleppt wurde (in
+Californien nach Rollin, La Perouses Schiffsarzt bei La Perouse 2, 289;
+in Guyana nach Schomburgk 2, 336). Gefährlicher aber ist sie vor allen
+für die Polynesier geworden, denn hier begünstigte ihre Mittheilung und
+Verbreitung die ausserordentliche Lüderlichkeit dieser Völker gar sehr;
+und da die Polynesier durch ihre Lüste vielfach entnervt waren, so
+wurden hierdurch auch die Formen dieser Krankheiten immer grauenvoller.
+Und so finden wir sie hier vom äussersten Osten bis zum fernsten Westen.
+Auf Waihu (Osterins.) ist sie jetzt häufig eingeschleppt von Europäern
+(Mörenhout 1, 26). Auf Neu-Seeland findet sie sich, namentlich an den
+Küsten, wo die Eingeborenen mit den Europäern am meisten verkehren, und
+so schlimm, dass eine Menge Verwachsungen u. dergl. durch sie entstehen
+(Dieffenbach 2, 17-25). Auf Tonga hatte sie Cooks Mannschaft, wie Cook
+selbst erzählt dritte Reise 2, 390 eingeschleppt; doch kann sie hier
+nicht allzu heftig gewirkt haben, denn Mariner (2, 270) gibt an, dass
+durchaus nichts Syphilitisches sich auf der Gruppe finde und dass ein
+Fall, welcher auf französischer Ansteckung beruhte, so rasch tödtlich
+verlief, dass er weiter keine Folgen hatte. Allein ob nicht die Art von
+Gonorrhöe mit ardor urinae, die er 268 als in Tonga heimisch erwähnt,
+doch noch vielleicht von Cooks Mannschaft herstammte? Auch auf dem
+Gilbertarchipel und den Ratakinseln--denselben Inseln, wo Chamisso
+Anfang dieses Jahrhunderts so paradiesische Tage verlebte--ist die
+Syphilis und andere Seuchen durch europäische Seeleute eingeschleppt
+(Meinicke Zeitschr. 398), wie denn überhaupt Mikronesien auch sonst sehr
+durch solche bösen Einwirkungen gelitten hat (Gulick 245).
+
+Aber am schlimmsten hat diese Seuche auf Tahiti und Hawaii gewüthet. In
+Tahiti ist sie so allgemein, dass fast jede Familie von ihr berührt ist
+(Mörenhout 1, 228-29); und schon um 1790 waren zwei Fünftel der Insel
+venerisch (eb. 2, 425). Da nun diese entsetzliche Krankheit theils gar
+nicht, theils schlecht geheilt und behandelt wurde, so ward sie ein
+Hauptmittel für die Dezimirung der Eingeborenen (eb. 2, 405). Vankouver
+(1790) spricht von den Verheerungen, die sie unter den tahitischen
+Weibern angerichtet hatte (1, 111): sie musste also schon lange
+verbreitet sein und ist zweifelsohne gleich von den ersten Besuchern
+eingeschleppt, gleichviel ob von Wallis (Anfang 1767) oder Von
+Bougainville (1767, 15. Apr.), genug, Cook fand sie vor. Meinicke zwar
+(b, 118) versucht zu beweisen, dass dies Uebel in der Südsee schon
+heimisch war, vor der Berührung mit den Europäern: allein sein Beweis
+ist ihm nicht gelungen und seiner Hypothese stehen die gewichtigsten
+Autoritäten entgegen, so Cook selbst für Tahiti (dritte Reise 2, 331)
+und für Hawaii (King ebendas. 4, 379), Turnbull (291) für Tahiti und so
+noch andere. Auch thut Meinicke nicht recht, das Zeugniss der
+Eingeborenen für so ganz nichtig zu halten; um so weniger, als die
+Tahitier nach Cook sehr bestimmt Bougainvilles Schiff als das
+bezeichneten, welches die verhängnissvolle Gabe brachte, sich also
+keineswegs in allgemeinen Behauptungen hielten. Auch was Cook a.a.O.
+390-91 über die Schwierigkeit, Ansteckung zu verhüten, die Gesundheit
+der eigenen Mannschaft zu ermitteln und die Leichtigkeit, mit der sich
+die Krankheit ausbreitet, und gewiss sehr richtig auseinandersetzt,
+spricht gegen Meinicke. Allerdings stützt dieser sich für die
+Sandwichgruppe auf den Umstand, dass, obwohl Cook zuerst nur auf Atuai
+und Onihiau landete, er gleichwohl schon neun Monate später die Seuche
+auf Maui verbreitet fand--was auch La Perouse mit mehreren anderen
+Gründen medizinischer Art, die aber nicht ganz stichhaltig erscheinen
+(1, 246, 276), als Grund gegen die Einschleppung durch Cook anführt. Er
+schreibt die erste Verbreitung dieser Seuche den Spaniern zu, welche im
+16. Jahrhundert öfters die Hawaiigruppe besucht haben. Wenn man nun auch
+auf die rasche Verbreitung der Krankheit, wie sie bei der Lüderlichkeit
+und dem fortwährenden Verkehr der Eingeborenen nur zu möglich war,
+hinweisen könnte, so ist uns das für unsere Zwecke gleichgültig; genug
+die Seuche ist jetzt überall verbreitet in Polynesien und Meinicke gibt
+ja selbst zu, dass die Eingeborenen wenigstens die schwereren Formen des
+Unheils den Europäern verdanken. Jedenfalls sind die Verheerungen,
+welche gerade diese Krankheit in Polynesien angerichtet hat, auch wenn
+es Meinicke nicht ganz zugeben will, entsetzlich genug, wie ältere und
+neuere Schriftsteller einstimmig bezeugen. (Vergl. über Hawaii noch
+Virgin 1, 265; Rollin bei La Perouse 2, 271; über Tahiti Turnbull 291;
+Cook dritte Reise 2, 331). Doch scheint es, als ob in Tahiti sich jetzt
+(1852) der Gesundheitszustand wieder gehoben habe (Virgin 2, 41). Auch
+werden von früher (Cook a.a.O. 2, 331) schon Beispiele erwähnt, wo
+Infizirte, freilich selten genug, von selbst genassen. Nur in Tonga
+scheint, bei dem keuscheren Leben der Tonganer das Unheil wenigstens
+nach Mariners Bericht, nicht um sich gegriffen oder doch leichtere
+Formen nach und nach angenommen zu haben.
+
+Die Seuche ist auch unter den Eingeborenen von Neu-Holland verbreitet
+und auch hier will Meinicke (a 2, 179) die Annahme, sie sei ihnen von
+den Europäern gebracht, als »äusserst unwahrscheinlich« dadurch
+beweisen, dass bei der Gründung der Colonie von Sydney und auch
+neuerdings diese Krankheit tief im Inneren des Continentes gefunden sei.
+Als ob das bei dem Wanderleben dieser Stämme auffallen könnte! als ob
+sie nicht schon vor der Gründung der Colonie mit Europäern und wahrlich
+nicht mit den reinsten in mannigfacher Berührung gewesen wären! Den
+Aleuten, bei denen es Cook schon vorfand (dritte Reise 3, 265), und den
+Kamtschadalen ist dieses Unheil von den Russen, den Pelzhändlern,
+mitgetheilt. Da nun aber die Kamtschadalen ebenfalls zu Ausschweifungen,
+sei es im Trunk, sei es in der Liebe, geneigt waren, so sind auch hier
+seine Folgen nicht ohne Gewicht für unsere Betrachtung.
+
+Bei weitem schlimmer, aber und allgemeiner haben die Blattern gewüthet,
+die schlimmste Geissel aller Naturvölker. Am bekanntesten ist dies von
+Amerika, in dessen nördlicher Hälfte sie zuerst um 1630 auftraten (Waitz
+b, 15). Neun Zehntel von den Nordindianern rafften sie hin; die
+Mandans starben 1837 fast ganz aus, die Schwarzfüsse schmolzen durch
+sie von 30-40,000 auf 1000 zusammen: ähnlich erging es anderen
+nordamerikanischen Stämmen, den Krähenindianern, Minetarris, Cumanchen,
+Rikkaris; von den Omahas und den Eingeborenen des Oregongebietes erlagen
+ihnen zwei Drittel, von den Californiern die Hälfte (Waitz 1, 161).
+Aehnlich wütheten sie unter den Völkern von Südamerika, den Indianern
+von Paraguay und Gran Chako, den Puelchen, den Cariben, den Araukanern,
+in Peru, am Maranon, in Guyana, wo ganze Völkerstämme durch sie
+aufgerieben sind. Nie aber sind sie, wie Humboldt b 4, 224 bezeugt, am
+oberen Orinoko aufgetreten, obwohl sie bei den Völkern Brasiliens wieder
+ihre ganze Furchtbarkeit zeigten, bei den Chaymas, die 1730-36 von ihnen
+dezimirt wurden (Humboldt eb. 2, 180), bei den Chiquitas (Waitz 3, 533),
+welche schwer von ihnen zu leiden hatten. Nicht minder heftig aber
+traten sie bei den kultivirten Stämmen Amerikas auf.
+
+In Mexiko brachen, nach Torribio, die Pocken eingeschleppt durch einen
+Negersklaven 1520 zuerst aus und rafften gleich damals die Hälfte der
+Mexikaner hin (Humboldt a 1, 97); nach Herrera traten sie schon 1518 auf
+(Pöppig 373) und schon 1517 mit denselben Verheerungen, ohne jedoch
+einen Europäer hinzuraffen, auf den Antillen, zu deren Entvölkerung sie
+wesentlich beigetragen haben. Ueberall, in ganz Amerika, waren die
+Verwüstungen so arg, dass die Todten bisweilen unbeerdigt blieben, weil
+es an Händen hierzu fehlte (Waitz b, 15). Man begreift es, dass, wenn
+die Pocken ausbrachen, die Indianer im äussersten Entsetzen vielfach
+ihre Hütten verbrannten, ihre Kinder tödteten und in die Einsamkeit
+flohen (Humboldt b 4, 224); oder dass z.B. die Chilesen die Hütte mit
+sammt den in ihr liegenden Kranken verbrannten (Waitz 1, 161). Waitz ist
+der Ansicht und wir stimmen ihm bei, denn alle Quellen sprechen dafür,
+dass diese Krankheit zahlreichere Opfer forderte, als Krieg und
+Branntwein zusammengenommen; dass ihr gewiss die Hälfte bis zwei Drittel
+der Urbevölkerung Amerikas erlegen sind.
+
+Allein nicht bloss auf Amerika beschränken sich die Verheerungen der
+Pocken. 1767 brachen sie, eingeschleppt durch einen russischen Soldaten,
+in Kamtschatka aus und wütheten wie die Pest: nicht weniger als 20,000
+Kamtschadalen, Kuriler und Koriäken sollen ihnen erlegen sein. Ganze
+Dörfer starben aus und Cooks Reisebegleiter fanden selbst noch eine
+Menge ganz leer stehender Dörfer vor. Ein anderes, vor der Epidemie mit
+360 Menschen bevölkert, hatte nachher noch 36 Seelen (Cook 3. Reise 4.
+174-75). Aehnliche, wenn auch minder starke Epidemien traten 1800 und
+1801 auf, welche gegen 5000 Kamtschadalen dahinrafften und bei dem schon
+lange immer mehr um sich greifenden Schwinden der Bevölkerung so
+verheerend wirkten, dass in den Ostrogen (kleinen Dörfern des Inneren),
+welche vorher meist 30-40 Einwohner hatten, nachher meistens nur 8-10,
+in einigen wenigen 15-20 Bewohner übrig blieben (Krusenstern 3, 49. 52.
+2. Theil, 2. Abtheil. Cap. 8).
+
+Auf Neuholland brachen die Blattern zuerst 1789 aus und verwüsteten ganz
+Cumberland; 1830 verheerten sie, bis zur Nordküste hin das Innere von
+Ostaustralien (Meinicke a 2, 179). Auch diese Seuche entstand nach
+Meinicke a.a.O. ohne Einschleppung spontan unter den Eingeborenen. Von
+einer furchtbaren Pockenepidemie auf Ponapi (Puinipet, Banabe,
+Carolinen) erzählt die Novarareise 2, 395: die Krankheit war durch einen
+englischen Matrosen eingeschleppt und raffte 3000 Menschen hin; 2000
+blieben übrig. Auf der Hawaiigruppe starben 1853 an den Pocken 5-6000
+Menschen (Waitz 1, 176).
+
+Auch die Hottentotten, wenigstens in der Nähe der Capstadt, sind
+wesentlich durch die Pocken vermindert (Waitz 2, 346).
+
+Ausser dieser Krankheit haben dann die Masern und Rötheln schlimm unter
+den Naturvölkern gehaust, so in Brasilien, Guyana, im Mosquitolande
+(Waitz 1, 162), in Neuholland (Darwin 2, 213); und noch gefährlicher
+verschiedene Fieber, welche z.B. die Oregonindianer schwer heimsuchten,
+die oberen Tschinuks 1823 von 10,000 auf 500 zusammenschmolzen und zwar
+so schnell, dass die Zahl der Ueberlebenden nicht hinreichte, die Todten
+zu begraben (Wilkes und Haie bei Waitz 1, 162).
+
+Doch sind wir durch diese Fieber bei den Seuchen angekommen, denen die
+Naturvölker vor dem Auftreten der Europäer unterworfen waren.
+Epidemische Krankheiten sind zwar vorher selten, doch finden sie sich
+auch. So jene Seuche, welche vor Cook auf der Ostküste von Neu-Seeland
+wüthete, und zwar so heftig und rasch, dass auch hier nicht alle Todten
+begraben werden konnten (Dieffenbach 2, 12-14); so die Fieber, welche,
+wie es scheint, durch das Klima hervorgerufen am Orinoko epidemisch sind
+(Humboldt b 4, 215), so und vor allen jene berüchtigte mexikanische
+Krankheit, Matlazahuatl von den Eingeborenen genannt, ein furchtbares,
+dem gelben Fieber verwandtes Gallenfieber mit Blutbrechen, das schon
+lange vor Cortes Ankunft in Mexiko, ja wohl schon im 11. Jahrhundert
+unter den Tolteken, die damals noch in Nordamerika waren, herrschte
+(Humboldt a 4, 379), wie sich denn überhaupt die Krankheit mit
+Leichtigkeit in die kalte Zone verpflanzt und ihr »die kupferfarbige
+Raçe in beiden amerikanischen Hälften seit undenklichen Zeiten
+unterworfen ist« (eb. 380). Wie furchtbar aber diese Krankheit wüthete,
+geht aus den Zahlen hervor, welche Torquemada für die beiden Epidemien
+1545 und 1576 angibt: 1545 sollen 800,000, 1576 zwei Millionen Indianer
+gestorben sein (Humboldt a 1, 97). Mag auch Humboldt, obgleich er sich
+verwahrt, Torquemadas Glaubwürdigkeit anzuzweifeln, Recht haben--und er
+hat es gewiss--dass diese Zahlen nur auf ungefährer und ungenauer,
+vielleicht übertriebener Schätzung beruhen: auch wenn wir die Ziffern
+halbiren, welch furchtbarer Verlust an Menschenleben bleibt immer noch!
+Humboldt meint (a.a.O.), dass auch diese Krankheit sich alle hundert
+Jahre einmal zeige: da er aber 4, 379 die Jahre 1545, 1576, 1736, 1761
+und 1762 als Jahre, worin die Krankheit wüthete, aufstellt, so ist, wenn
+anders die Periodicität dieser Krankheit richtig ist, ihr Erscheinen in
+den einzelnen Jahren dann auf Stämme und Landschaften eingeschränkt,
+welche sie früher nicht hatten.
+
+Einen Hauptgrund für die furchtbare Wirksamkeit solcher eingeschleppter
+Krankheiten, auf den wir später zurückkommen, führt Humboldt an, wenn er
+a 4, 410-11 sagt: »Die Niedergeschlagenheit des Geistes und die Furcht
+vermehren natürlich die Prädisposition der Organe, um die Miasmen
+aufzunehmen; daher es kein Wunder ist, wenn solche Epidemien namentlich
+dann besonders heftig sind, wenn sie von siegreichen Eroberern
+eingeschleppt werden.«
+
+
+
+
+§4. Behandlung der Kranken bei den Naturvölkern.
+
+
+Alle diese Krankheiten nun, welche den Naturvölkern durch die eigene
+Natur derselben gefährlich genug waren, wurden es noch mehr durch die
+ganz verkehrte Art, mit der jene Völker Krankheiten behandelten. Die
+Syphilis ward dadurch so gefährlich in Polynesien, dass man sich theils
+gar nicht um sie kümmerte, theils aber, wenn man es that, das Uebel nur
+vermehrte. So glaubte man in dem berauschenden Kavatrank, der aus den
+Wurzeln des Piper methysticum bereitet wird, ein Mittel gegen sie
+gefunden zu haben, und es konnte doch nichts Gefährlicheres angewendet
+werden, als bei dieser Krankheit dieses Mittel, das denn auch nicht
+verfehlte, die Wirkungen der Seuche erst recht schlimm zu machen
+(Mörenhout 2, 405). In Amerika wendete man gegen die Blattern
+vornehmlich Dampfbäder mit unmittelbar folgenden kalten Abwaschungen an
+und in Neuholland und Polynesien ausserdem noch andere und noch
+thörichtere Mittel; natürlich wurde schon durch diese Kuren die
+Krankheit fast immer tödtlich. Dass sich aber diese Völker bei neuen
+unerhörten Krankheiten nicht zu helfen wussten, wird uns nicht Wunder
+nehmen, wenn wir sehen, wie sie sich Kranken gegenüber für gewöhnlich zu
+benehmen pflegen.
+
+Die Neuholländer haben für ihre Kranken nur eine Ceremonie der Priester,
+welche den bösen Geist, der im Kranken sitzt, oder den Zauber, der ihn
+krank macht, beschwört, indem er unter allerlei Faxen einen Stein, meist
+ein glänzendes Stück Quarz, aus dem Kranken zieht und damit ihn vom
+Zauber, der in jenen Stein eingeschlossen ist, befreit (Grey 2, 337). Da
+nun jede Krankheit auf Bezauberung beruht und zwar häufig auf Entziehung
+der Seele, welche im Nierenfett ihren Sitz hat (Howitt 189), so wurde in
+einigen Gegenden der Kranke mit dem Nierenfett dessen, den man für den
+versteckten Mörder hielt und dem man es oft noch lebend ausschneidet
+(Angas 1, 123), bestrichen: oder man versucht die Krankheit aus dem
+betreffenden Glied auszusaugen, durch Aderlass zu entfernen, den bösen
+Geist, indem man den Kranken knetet, schlägt, tritt und sonst
+misshandelt, zu verjagen u. dergl. mehr. Geschickter sind die
+Neuholländer im Behandeln äusserer Verletzungen; auch haben sie manche
+rationelle Mittel gegen den Biss giftiger Schlangen (Brehm Thierleben 5,
+262).
+
+So ziemlich dasselbe Bild wird nun von der Heilkunst aller Naturvölker
+zu entwerfen sein. Auf den Fidschiinseln werden schwer Kranke schon als
+todt betrachtet, aufgeputzt und ausgestellt (Williams und Calvert 183);
+Rücksicht nimmt man auf sie durchaus nicht, hat vielmehr, da man sie für
+böswillig hält und glaubt, dass sie die Gesunden nur absichtlich
+quälten, nicht das mindeste Mitleid mit ihnen (eb. 188). Ebenso sonst in
+Melanesien. Sehr gewöhnlich werden Kranke ohne weiteres erschlagen, oder
+ausgesetzt, z.B. auf der Fichteninsel (Cheyne 88). Auf Vate (neue
+Hebriden) tödtet man phantasirende Kranke sogleich, damit sie nicht
+Andere anstecken können (Turner 444); man begräbt sie und andere
+schwerer Erkrankte lebendig (450). Ebenso machen es die Ajetas der
+Philippinen, eine Negritobevölkerung der Gebirge Luzons mit
+Schwerkranken (de la Gironière Aventures d'un gentilhomme Breton aux
+îles Philippines 325). In andern Gegenden Melanesiens (auf den kleinen
+Inseln bei Neu-Guinea) setzen sich die Kranken ans Meeresufer und
+essen, was sie können, da nicht mehr essende Kranke sofort getödtet
+werden. Kranke Glieder schnüren sie ein, um den Dämon, der die Krankheit
+verursacht, zu fangen (Reina in Zeitschr. 4, 360). Denn auch hier gilt
+alle Krankheit für Behexung (Turner 18-19), obwohl auch die Melanesier
+Aderlass und derartige Mittel kennen (eb. 92). Auch in Mikronesien
+tödtete man entweder die Kranken (indem man sie in einem lecken Schiff
+ins Meer stiess, Hale 80) oder man wandte, um sie zu curiren, Zauberei
+an, so auch auf den Marianen (le Gobien 47).
+
+Und nicht anders in Polynesien. Auch hier wurden sie oft ermordet, oder
+doch ganz gleichgültig behandelt, wo denn jeder Kranke für sich sorgte,
+so gut es ging, d.h. in den Wald oder die Einsamkeit ging und entweder
+gesund oder gar nicht wieder zurückkehrte. In Nukuhiva hielt man
+Schwerkranken Mund und Nase zu, um den Geist festzuhalten (Mathias
+_G***_, 115); ebenso in Südamerika bei den Moxos (Waitz 3, 538; b 151).
+In Tonga bestand die Behandlung der Kranken fast nur darin, dass man sie
+von einem Tempel zum andern schleppte, um die Priester und Götter für
+sie anzuflehen; je kränker Jemand ist, je weiter schleppt man ihn--und
+führt seinen Tod natürlicherweise gerade dadurch herbei (Mariner 1, 110;
+362 ff. u. sonst). Oder man opferte wie in Tahiti und sonst in
+Polynesien, Kinder oder Sklaven, um das Leben eines Vornehmeren zu
+erhalten. Doch waren die Tonganer als Chirurgen nicht ungeschickt und
+sie wagten sich an gefährliche Operationen. Auch war Skarifikation und
+der Gebrauch gewisser Pflanzensäfte in Anwendung (Mariner 2, 267-270).
+So wie bei ihnen, so gilt auch sonst in Polynesien Krankheit als
+Bezauberung, oder als Rache und Strafe der Götter: in Neu-Seeland
+(Dieffenb. 2, 59 ff.); in Tahiti (Bratring 181-82, Mörenh. 1, 543); in
+Nukuhiva (Math. G. 228); und in Hawaii (Tyermann u. Bennet 1, 129).
+Daher waren auch hier die häufigsten Mittel Opfer und Gebete. Nur auf
+Neu-Seeland scheint man etwas zweckmässiger verfahren zu haben.
+Wenigstens kannten die Eingeborenen die Heilkraft ihrer heissen Quellen
+und wendeten sie für kranke Kinder an (Dieffenb. 1, 246), man gab den
+Kranken leichtere Kost, gebrauchte Dämpfe von Pflanzenaufgüssen
+(Pflanzenaufgüsse kannten auch die Marianer nach le Gobien),
+Einreibungen mit warmen Pflanzensäften u. dergl. (Dieffenb. 2, 41).
+Dampfbäder und darauf unmittelbar folgende kalte Abwaschungen waren
+gleichfalls gebräuchlich (Mörenhout 2, 164) und Kneten der Glieder
+überall verbreitet: in Nukuhiva, in Tahiti, Hawaii u.s.w. In Tahiti
+hielt man jede Krankheit für Wirkung göttlichen Zornes und es galt daher
+für sündlich, Arzeneien zu nehmen (Turnbull 260), gegen die sie auch
+einen unüberwindlichen Abscheu haben (292). Wird ein Eingeborener dieser
+Insel krank, so wird er sofort von allen Angehörigen und Landsleuten
+gemieden: er ist ganz hilflos und auf sich allein angewiesen, ein
+Verfahren, welches sich bitter genug rächt: denn die bei ihnen
+gewöhnlichsten Uebel sind solche, die schon bei geringer Pflege leicht
+heilen, bei Vernachlässigung aber tödtlich werden (Turnbull 260 u. 292).
+Als Chirurgen waren auch sie wie alle Polynesier geschickt (Mörenhout 1,
+161).
+
+In Amerika finden wir so ziemlich dasselbe. Denn auch die Mexikaner,
+obwohl tüchtige Chirurgen und mit mancherlei medizinischen Mitteln
+bekannt, setzten ihre festeste Hoffnung auf abergläubische Mittel (Waitz
+4, 165, 174). Die Californier versuchten durch Anblasen und Aussaugen
+des kranken Gliedes oder dadurch, dass sie andere opferten oder
+verstümmelten, die Krankheit zu heben (Waitz 4, 250). Aussaugen,
+Anblasen, Reiben galt auch auf Haiti als Hauptmittel, so wie denn,
+merkwürdig genug, hier die Aerzte dieselbe Ceremonie anwandten, welche
+die Neuholländer noch jetzt haben: sie zogen dem Kranken einen Stein und
+mit ihm den Anlass aller Krankheiten aus dem Mund. Schwerkranke wurden,
+wie in Mikronesien, ausgesetzt, oder, wie in Nukuhiva erstickt (Waitz 4,
+327). Das Hervorziehen des Steines oder Knochens aus dem Körper des
+Kranken fand sich auf dem brasilianischen Festland unter den Payaguas
+(Azara 269). Auch in Peru war das Heilverfahren, obwohl man einige
+Arzneipflanzen kannte, purgirte und zur Ader liess, fast durchaus auf
+Zauberei begründet (Waitz 4, 463). In Nordamerika nun waren bei fast
+allen den minder kultivirten Völkern die Aerzte ganz und gar Zauberer,
+die Krankheit nur Besessenheit, der böse Geist ward daher, zur Kur,
+ausgesaugt und ausgespieen, oder durch Blasen, Kneten, Schlagen und
+ähnliche Mittel entfernt (Waitz 3, 213-14). Auch in Südamerika ist
+Zauberei, Aussaugen Anblasen u.s.w. Hauptmittel und fast überall der
+Arzt zugleich Zauberer, nur bei den Botokuden nicht, welche nur
+natürliche Mittel, Reiben, Kneten, Urtikation, auch, aber meist ohne
+Erfolg, innerliche Arzneien anwenden (Tschudi 2, 286-87) und als
+Chirurgen nicht ungeschickt sind. Aber Zauberer waren die Aerzte bei den
+Tupis, den Makusis, deren Heilverfahren, das neben vieler Zauberei auch
+manche wirklich wirksame Mittel kannte, Schomburgk (2, 333) schildert,
+ferner bei den Waraus (eb. 1, 170), den Cariben (2, 427), den
+Araukariern, welche indess neben den Zauberärzten auch noch andere und
+tüchtigere Aerzte hatten (Waitz 3, 519), den Feuerländern (Bouqainville
+130) u.s.w.
+
+Dampfbäder sind sehr allgemein verbreitet und bei fast allen Krankheiten
+angewendet; so bei den Mexikanern und bei den alten Tolteken (Waitz 4,
+270); ebenso in Nordamerika (3, 217) in Südamerika bei den Makusi
+(Schomburgk 2, 333) und sonst.
+
+Nicht anders war im grossen Ganzen, nach Langsdorff, das Heilverfahren
+der Aleuten.
+
+Auch die Hottentotten betrachteten alle Krankheiten als Wirkungen von
+Zauberei und bösen Geistern, und behandeln sie darnach, durch
+Beschwörung u. dergl., doch wendet der Zauberer oder die Zauberin dabei
+auch andere, innerliche und äusserliche Heilmittel an. Wunderbarer Weise
+findet sich denn auch hier, wie auf den Antillen, jener sonderbare
+neuholländische Gebrauch wieder, einen Stein--hier einen Knochen--unter
+mancherlei Ceremonien aus dem Leibe (Mund, Ohr, Rücken u.s.w.) des
+Kranken, der ihm eingehext und der Sitz der Krankheit sei,
+hervorzuziehen, damit jener genese (Sparmann 197-98). Ihre Giftärzte
+sollen freilich sehr ausgezeichnete Mittel gegen Schlangenbiss haben,
+und die Colonisten haben, was sie von Heilpflanzen der südafrikanischen
+Flora kennen, erst von den Eingeborenen gelernt (Waitz 2, 344). Allein
+Schwerkranke, Alte und Hülflose setzen die Hottentotten häufig aus
+(Sparmann 320); Sterbende schüttelt und stösst man, gewiss um den Dämon
+der Krankheit zu verscheuchen, überhäuft ihn mit Vorwürfen, dass er die
+Verwandten durch seinen Tod betrübe, bittet ihn zu bleiben u.s.w.
+(Sparmann 273).
+
+Die Zauberer aber gerathen sehr häufig, wenn ihre Kur nicht anschlägt,
+in Gefahr, von den erbitterten Angehörigen arg gemisshandelt oder
+getödtet zu werden. Für Amerika bringt Waitz und die angeführten Autoren
+eine Menge Beispiele bei: für Afrika genüge eins, welches bei Sparmann
+198 erwähnt wird: ein Fürst, der an schlimmen Augen litt und von den
+Zauberern nicht geheilt werden konnte, liess diese alle umbringen, weil
+er glaubte, dass einer von ihnen, der ihm feindlich gesinnt sei, seine
+Heilung verhüte. Denn jeder unglückliche Ausgang einer Krankheit gilt
+als bewirkt durch stärkeren Zauber, hier und in Amerika und Polynesien.
+
+
+
+
+§ 5. Geringe Sorgfalt der Naturvölker für ihr leibliches Wohl.
+
+
+Indess, da ja Krankheiten die Naturvölker in ihrem gewöhnlichen Zustand
+nur wenig plagen, so möchte alles dies Verkehrte, und wenn es manchem
+Kranken den Tod brachte, doch nicht allzuviel für ihr Hinschwinden
+bewirkt haben; viel gefährlicher ist die geringe Sorge, welche fast alle
+Naturvölker auf ihre leibliche Pflege verwenden und verwenden können.
+Freilich sind sie abgehärtet gegen Vieles durch eigene Gewöhnung und,
+wodurch diese erst in so hohem Grade ermöglicht wird, durch Vererbung;
+und so fühlen sich auch noch die Feuerländer, nach Darwin die elendesten
+und niedersten Menschen, in ihrem entsetzlichen Klima, ohne rechtes
+Obdach, auf dem nassen Boden schlafend, nackt, nur kümmerliche Nahrung
+und diese nur mit Mühe findend, nach ihrer Art wohl und begehren nichts
+Besseres (Darwin 1, 230). Die Eskimos sind an ihre Schneewüsten, die
+Neuholländer an ihre unfruchtbaren Steppen, die ihre wandernde Lebensart
+bedingen, die neuholländischen Weiber an ein Leben voll Last und Mühe,
+an die schrecklichste Behandlung gewöhnt, so weit menschliche Natur sich
+gewöhnen kann. Trotz aller Gewöhnung aber hängt es mit der Lebensart der
+Naturvölker zusammen, dass sie, auch bei der ersten Bekanntschaft mit
+den Europäern, bisweilen selbst wenn sie schon eine gewisse Halbkultur
+erlangt hatten, verhältnissmässig so geringe Bevölkerungsziffern
+aufweisen; sie leben eben so, dass die menschliche Natur nicht anders
+als kümmerlich gedeiht--wenn auch die einzelnen Individuen oft ganz
+besonders stark erscheinen. Es ist ja aber gerade ein oft wiederholter
+Ausspruch, die Naturvölker seien deshalb körperlich so kräftig, weil
+alle schwächlichen Kinder ohne weiteres erlägen; so z.B. Humboldt b 2,
+189.
+
+Nicht bloss schwächliche Kinder erliegen indess; und diese Sterblichkeit
+der Kinder ist das erste, was wir hier zu betrachten haben. Die
+Feuerländer, deren Wohnung nicht den geringsten Schutz bietet (Darwin 1,
+228), setzen ihre Kinder nackt der Wuth ihres Klimas aus (eb. 229). Fast
+alle Indianer in Nord- und Südamerika führen jetzt ein elendes
+Wanderleben; und überall hin werden die Kinder von den Müttern
+mitgeschleppt, auf den rauhesten und weitesten Märschen und oft noch,
+während sie durch aufgelegte Bretter und andere gewaltsame Mittel (um
+ihrem Kopf eine eigenthümliche Gestalt zu geben) in der natürlichen
+Entwickelung gestört sind. Schon bei der Geburt werden viele Kinder
+sterben. Denn überall ist es Sitte, dass das Weib kurz vor der Geburt
+sich in den Wald begiebt, dort allein gebiert, sich selbst die
+Nabelschnur abschneidet und unterbindet, dann sich und das Kind sogleich
+in kaltem Wasser badet und nun zurückkehrt, nicht etwa zur Pflege,
+sondern zur erneuten Arbeit. Dies war der Fall bei den Waraus in Guyana
+(Schomburgk 1, 166), bei den Cariben und Makusi (eb. 2, 315, 431); und
+in Nordamerika sehr vielfach (Waitz b, 98). Die Nahrung aber, welche ein
+Kind nach und neben der Muttermilch bekommt, ist oft schon an und für
+sich schädlich und ungesund. Grosse Sterblichkeit herrscht noch unter
+den Kindern des heutigen Mexiko in Folge verkehrter Diät (Waiz 4, 196).
+Die Nahrung wird ihnen auch noch beschränkt durch die eigenthümliche
+Sitte, neben den Kindern Thiere, Affen, Beutelratten u.s.w. zu säugen,
+was die Makusi, die Waraus, die Cariben und verschiedene andere Völker
+thun (Schomburgk 2, 315. 1, 167). Von der schlechten Wartung der Kinder,
+wenn sie krank sind, spricht Humboldt b. 4, 224 und der Schmutz, in
+welchem sie aufwachsen, und von denen Schomburgk aus Guyana
+Abschreckendes erzählt, kann auch keinen guten Einfluss haben. Und doch
+lieben die Amerikaner in Nord-und Südamerika ihre Kinder aufs innigste.
+
+In Tahiti nehmen die Frauen unmittelbar nach der Geburt sofort
+Dampfbäder mit kalten Abwaschungen (Wilson 461), in Neuseeland
+gleichfalls, wo die Kinder, wie in Tahiti, ganz nackt bleiben und eher
+schwimmen als laufen können (Dieffenbach 2, 24-25, Ellis 1, 261 und
+Mörenh. 2, 61); und ebenso auf Nukuhiva (Melville 2, 191).
+Hautkrankheiten, und zwar sehr bösartige der Kinder (jaws, framboesia)
+werden öfters erwähnt, z.B. in Tonga, wo die Kinder gut gepflegt und
+sonst sehr gesund sind (Mariner 2, 179) und in Ponapi (Cheyne 122).
+Grosse Sterblichkeit herrscht aber unter den Kindern wegen Mangel an
+Pflege und Wartung in Hawaii (Virgin 1, 268) und ebenso in Tahiti
+(Bennett 1, 148). Ellis sagt, dass die tahitischen Kinder, obwohl dem
+Aussehen nach dick und gesund, doch bis zu einem Alter etwa von 12
+Monaten sehr zart und hinfällig wären (1, 260). Formation des Schädels
+durch Platt- und Hochdrücken war in Tahiti sehr häufig 1, 261. Auch auf
+Mikronesien ist die Wartung der Kinder schlecht. Auf Tobi (Lord North,
+äusserstes Süd-Westende Mikronesiens) erhalten die Kinder sofort nach
+der Geburt ganz gleiche Speise wie die Erwachsenen (Pickaring, Memoir of
+the Language and Inhabitants of Lord Norths Isl. 1845; 228), und ebenso
+auf Ratak Kokosmilch und Pisang, den ihnen die Mutter vorkaut;
+schädlicher aber als diese Nahrung ist ihnen die Unregelmässigkeit, mit
+der sie überhaupt etwas bekommen (Gulick 180-181), daher denn auch hier
+die Sterblichkeit unter ihnen gross ist. Auch in Polynesien säugen die
+Weiber gern Thiere auf neben den Kindern, wie z.B. die Hawaierinnen nach
+Remy XLII Hunde und Schweine.
+
+In Melanosien ist es nicht besser: die Kinder werden nicht gepflegt und
+müssen von der Geburt an das Leben der Alten mitmachen. In einigen
+Gegenden Neu-Guineas (Finsch 103) wird der Gebärenden fortwährend kaltes
+Wasser über den Kopf gegossen, ist aber das Kind geboren, Mutter und
+Kind sofort kalt gebadet und dann einer möglichst starken Hitze neben
+einem lodernden Feuer ausgesetzt, und so abwechselnd weiter. Je heisser
+und länger Mutter und Kind diese Höllenkur vertragen, für desto gesünder
+gelten beide. In einer anderen Gegend hatte eine Frau ein unlängst erst
+geborenes Kind auf den heissen Sand gelegt und arbeitete in der Nähe;
+als Fremde kamen, grub sie es ohne weiteres bis an den Hals in den Sand
+und arbeitete fort (eb. 63).
+
+Fast nirgends aber sterben mehr Kinder als in Neuholland: von vieren
+wird kaum mehr als eins drei Jahre alt (Turnbull 43), was sich aus der
+Behandlung, die ihnen zu Theil wird, und die nur ausserordentlich starke
+Kinder überstehen, erklärt. Kaum geboren wird das Kind in ein
+Opossumfell gewickelt, überall mit hingeschleppt und meist im höchsten
+Grade nachlässig behandelt, dem Feuer zu nahe gelegt und dergl. (Grey
+2, 250-251). Dies Wandern führt auch Darwin (2, 213) als Grund der
+Sterblichkeit unter den Kindern an, und es ist beachtenswerth, was er
+zusetzt: »Wie die Schwierigkeit, sagt er, sich Nahrung zu verschaffen,
+wächst, so wächst ihre wandernde Lebensweise und darum wird die
+Bevölkerung ohne eigentlichen Hungerstod auf eine so ausnehmend
+gewaltsame Weise zurückgehalten, im Vergleich mit civilisirten Ländern,
+wo der Vater seine Arbeit mehren kann, ohne den Sprössling zu
+vernichten«. Dazu wird ihnen auch noch die Nahrung dadurch verkürzt,
+dass auch hier die Weiber vielfach junge Thiere, Hunde, säugen (Grey 2,
+279) und gewiss oft nur aus Noth: denn ein Hund ist jetzt um so mehr,
+als die Jagdthiere immer scheuer und seltener werden, ein grosser Schatz
+für den jagenden Eingeborenen und die Nahrung für die jungen Thiere ist
+gewiss oft genug selten.
+
+Kurz aber mit allem Nachdruck müssen wir hier erwähnen, dass auch das
+Tattuiren, was in ganz Polynesien häufig betrieben wird, häufig den Tod
+nach sich zieht (Ellis 1, 266); und da man nur eben heranwachsende
+dieser Operation unterwirft, so wird der Jugend auch durch sie ein nicht
+zu unterschätzender Abbruch gethan.
+
+Wichtiger freilich, weil eine Sache von grösstem Einfluss auf das
+leibliche Gedeihen der Naturvölker, ist die oft über alle Begriffe
+schlechte Behandlung der Weiber. So vor allen Dingen in Neuholland. Die
+armen Weiber müssen, schwanger oder nicht, mit allem Gepäck und oft noch
+mit 1-2 Kindern beladen, dem Manne, der nur das Jagdgeräth trägt,
+folgen; sie müssen, kaum angekommen, alle Arbeit für den Haushalt
+besorgen, die Hütte aufschlagen, Feuer machen, Wurzeln, Muscheln erst
+suchen, dann kochen, für den Mann, die Kinder alles Nöthige bereiten,
+und dann, wenn sie bei alle dem oft aufs brutalste behandelt sind, dem
+Manne Nachts geschlechtlich zu Willen sein. Die beste Nahrung, die sie
+finden, ist für den Mann und ihre Söhne; sie dürfen erst essen, was
+diese übrig lassen und wenn sie fertig sind. So ist ihr Loos Tag für
+Tag: denn von dem, was sie noch ausser diesem gewöhnlichen Elend
+besonderes Schlimmes trifft (z.B. die Art, wie sie von den Männern zur
+Ehe geraubt werden), brauchen wir hier nicht zu reden. Ein wichtiger
+Umstand ist ferner, dass ihre Pubertät schon mit 11 oder 12 Jahren
+beginnt und sie schon mit diesen Jahren verheirathet werden. Nimmt man
+zu alle dem nun noch hinzu, dass sie ihre Kinder sehr lange säugen, oft
+bis 3 Jahre (Grey 2, 248-250) ja länger (4-6 Jahre nach Salvado 311), so
+wird man sich nicht wundern, dass die Lebensdauer dieser Unglücklichen,
+die nichts desto weniger oft ganz fröhlich sind und ihren Männern mit
+Liebe anhangen, nicht allzulang ist und dass es weniger Weiber als
+Männer gibt, im Verhältniss wie 1:3 nach Grey, nach anderen wie 2:3--ein
+Umstand indess, der wahrscheinlich mit bedingt ist durch die Sitte,
+neugeborene Mädchen umzubringen, von der wir später reden müssen.
+
+Und in Amerika ist es nicht besser. »Entbehrung und Leiden, sagt
+Humboldt b 2, 192, sind bei den Chaymas, wie bei allen halbbarbarischen
+Völkern, das Loos des Weibes. Wenn wir die Chaymas Abends aus ihren
+Gärten heimkommen sahen, trug der Mann nichts als ein Messer, mit dem er
+sich einen Weg durchs Gesträuch bahnt. Das Weib ging gebückt unter einer
+gewaltigen Last Bananen und trug ein Kind auf dem Arm und zwei andere
+sassen nicht selten oben auf dem Bündel«. Auch die Botokudinnen müssen,
+wie ihre Leidensgenossinnen in Neuholland, alle Arbeit thun, alles
+Gepäck schleppen und sich dann noch von ihren Männern aufs roheste
+misshandeln lassen (Tschudi 2, 284). Dasselbe erzählt Schomburgk von den
+Bewohnern Guyanas (2, 313; 1, 122 ff.) und mit einem schauderhaften
+Beispiel von roher Misshandlung von den Cariben (2, 428). Noch härter
+ist das Loos der Weiber in Nordamerika, wo sie auch die Feldarbeit thun
+müssen (Humboldt b 2, 293) und noch roher misshandelt werden (Waitz b,
+98). Mrs. Eastmann, welche längere Zeit selbst mit den Dakotas gelebt
+hat und daher diese Völker genau kennt, hat wohl Recht, wenn sie (bei
+Waitz b, 98; 3, 100) sagt: »Die Arbeit des Weibes wird nie fertig. Sie
+macht das Sommer- und Winterhaus. Für jenes schält sie im Frühling die
+Rinde von den Bäumen, für dieses näht sie die Rehfelle zusammen. Sie
+gerbt die Häute, aus denen Röcke, Schuhe und Gamaschen für ihre Familie
+gemacht werden und muss sie abschaben und zubereiten, während noch
+andere Sorgen auf ihr lasten. Wenn ihr Kind geboren ist, kann sie sich
+nicht ruhen und pflegen. Sie muss für ihren Mann das Rudern des Kahnes
+übernehmen, Schmerz und Schwäche wollen dabei vergessen sein. Immer ist
+sie gastlich. Geh zu ihr in ihr Zelt, sie gibt dir gern, was du
+brauchst, wenn es nur in ihrer Macht steht, und thut bereitwillig, was
+sie kann, um es dir bequem zu machen. In ihrem Blick ist wenig
+Anziehendes. Die Zeit war es nicht, die ihre Stirn gerunzelt und ihre
+Wange gefurcht hat. Mangel, Leidenschaft, Sorgen und Thränen haben es
+gethan. Ihre gebückte Gestalt war einst anmuthig, Mangel und Entbehrung
+erhalten die Schönheit schlecht«. So kommt es vor, dass Mädchen von
+ihren Eltern getödtet werden, um sie dem elenden Loos, das ihrer wartet,
+zu entziehen; und dass Weiber sich selbst umbringen, weil sie die Bürde
+ihres Lebens und Leidens nicht mehr zu tragen vermögen (Waitz 3, 103).
+Nur bei einigen wenigen Völkern war das Loos der Weiber etwas besser
+(Waitz 3, 181). Die Speisen des Mannes durften die Weiber nicht theilen,
+ja oft nicht einmal mit den Männern zusammen essen (Schomburgk 2, 428),
+eine Sitte, die auch überall in Ozeanien herrscht und ihren letzten
+Grund in religiösen Anschauungen hat. Doch waren durch sie den Weibern
+meist die wirklich guten und nahrhaften Lebensmittel untersagt, was bei
+ihren schweren Arbeiten von doppeltem Gewichte war. In Poly- und
+Mikronesien (in Melanesien herrschten Sitten, die den australischen
+näher kommen und Fidschi steht zwischen beiden) war die Stellung der
+Weiber nicht schlecht; allerdings waren sie meist von der Gesellschaft
+und den Genüssen der Männer ausgeschlossen, doch empfanden sie dies
+sowie die Prostitution, zu der sie verurtheilt waren, nicht, weil es die
+Sitte nun einmal mit sich brachte und man sie sonst als
+Freudenspenderinnen ehrte. Wirklich schlecht scheinen sie nur in der
+Paumotugruppe behandelt zu sein, von wo und zwar von Mangareva Mörenhout
+2, 71 schreckliche Beispiele äusserster Bedrückung und grausamster
+Misshandlung erzählt. Während an den meisten Orten den Weibern so gut
+wie gar keine oder nur weibliche Arbeit, Zeugbereiten und dergl.
+obliegt, wie in Tonga, in Tahiti, in Nukuhiva (Melville 2, 147); so
+müssen sie in andern Inseln fast alle Arbeit thun, wie in Neuseeland
+(Dieffenb. 2, 12). Frühreife der Weiber ist in Polynesien sehr
+gewöhnlich. Auf Neuseeland tritt die Pubertät früher als bei uns, doch
+später als in Südeuropa ein (Dieffenb. 2, 33) nach Browne 38 sind sie
+schon mit dem 11. Jahre heirathsfähig und früher coitus ist auf der
+ganzen Insel gewöhnlich (Dieffenb. 2, 12). Aehnlich fand es Cook auf
+Tahiti (b, 126-127). Dass sich 11jährige Mädchen den Fremden anbieten,
+ist gar nicht selten; es soll auch noch jüngere geben, die es thun. Die
+Geschlechtsentwickelung auf den Fidschiinseln fällt später: für die
+Mädchen ins 14., für Knaben ins 17. oder 18. Jahr (Wilkes bei Waitz 1,
+126). Auch in Amerika reifen die Weiber sehr früh (Azara an vielen
+Stellen). Schomburgk (1, 123) sah unter den Waraus in Guyana eine Frau
+von kaum 10 Jahren, die dennoch hochschwanger war. Humboldt der b 2, 188
+sagt, dass die Chaymasweiber mit 11-12 Jahren sich verheiratheten,
+erzählt dasselbe von den Eskimos der Nordwestküste von Amerika, den
+Koriäken und den Kamtschadalen (190), bei denen häufig 10jährige Mädchen
+Mütter sind. Er meint zwar, dass diese frühzeitigen Heirathen der
+Bevölkerung nichts schadeten: jedenfalls aber hängt das frühzeitige
+Verblühen der Weiber (Waitz b, 99; Tschudi 2, 298; Schoinburgk sagt in
+Beziehung auf Guyana dasselbe) mit dieser Frühreife zusammen. Doch gibt
+es Stämme in Nordamerika, wo die Geschlechtsreife viel später eintritt
+(Waitz 1, 125) Thunberg sah bei den Hottentotten hinwiederum Mädchen von
+11-12 Jahren, welche schon Kinder hatten (25-26[C]).
+
+Zu dieser frühen Entwickelung kommt nun ein sehr langes Säugen. Wie in
+Neuholland die Weiber--und in Polynesien ist es ebenso, nach Dieffenbach
+a.a.O. und anderen--so säugen auch die Amerikanerinnen ihre Kinder
+öfters bis ins 12. Jahr und dies Säugen wird, wenn die Mutter
+mittlerweile durch ein 2. Kind beansprucht wird, von der Grossmutter
+fortgesetzt! Die Indianerinnen behaupten, im Besitz eines Mittels zu
+sein, welches ihnen länger und unerschöpflicher die Milch erhalte
+(Schomburgk 2, 239. 315).
+
+Muss eine solche Lebensart, welche auch bei den Hottentotten um nichts
+besser und nur in Nebendingen anders ist, die Weiber frühzeitig welken
+lassen und dahinraffen, so ist die Lebensweise der Männer vielfach auch
+vollkommen aufreibend durch das Uebermass von Anstrengungen, was sie mit
+sich bringt. Man denke auch nur, was es heissen will, Tag für Tag, bei
+oft ganz ungenügender oder durch ihre zu reichliche Fülle schädlicher
+Nahrung, fortwährend umherzuziehen, über endlose Strecken dem Wild nach,
+in den Anstrengungen der Jagd oder des Krieges und dabei allen Unbilden
+des Klimas, des Wetters ausgesetzt! Daher finden wir nirgends in
+Neuholland oder dem Feuerland oder unter den Wanderstämmen Amerikas ein
+so hohes Alter unter den Einzelnen als es Chamisso auf den Ratakinseln
+und San Vitores (nach le Gobien 47) auf den Marianen fand, wo 100jährige
+Greise nicht selten waren, während Grey schon 70 Jahre als hohes Alter
+unter den Neuholländern betrachtet (2, 247-248), aber gleich hinzusetzt,
+dass bei der grossen Sterblichkeit der Kinder, die mittlere Lebensdauer
+bei ihnen viel geringer als in Europa ist. Nach Azara freilich erreichen
+die brasilianischen Stämme ein sehr hohes Alter: er will unter den
+Payaguas mehrere Männer gesehen haben, die zum wenigsten 120 Jahre alt
+waren (270; vgl. 173). Die Polynesier, überhaupt die Bewohner kleiner
+und meist genügend fruchtbarer Inseln, so bedenklich ein solcher Wohnort
+nach anderen Seiten sein mag, sind in dieser Beziehung besser gestellt,
+da schon die Oertlichkeit ihrer Heimath solche übermässige Anstrengung
+verhütet; die langen und dünnen Gliedmaassen, die vorhängenden Bäuche,
+die verkommene Gestalt aber der Neuholländer ist zweifelsohne nicht
+Raçencharakter (an einem anderen Ort gedenke ich den Nachweis zu führen,
+dass die letzteren gleichfalls ein Zweig des malaiopolynesischen Stammes
+sind), sondern durch die mühselige Lebensart, das ewige Wandern, die
+Unregelmässigkeit der Nahrung hervorgebracht. Und natürlich steigert
+sich alle diese Noth durch die Ausbreitung der Europäer, durch welche
+die Jagdthiere der Naturvölker sehr rasch zusammenschmelzen; ja sie
+steigert sich durch sich selbst und ihre eigene lange Dauer, da die
+Thiere, stets verfolgt, dadurch immer scheuer, die Jagd immer
+schwieriger wird, wie von Tschudi 2, 279 von Südamerika bezeugt. Auch
+werde, um nichts zu übergehen, wenigstens beiläufig an das erinnert, was
+Tschudi eb. 290 sagt, dass mangelnde Jagdbeute die Völker nöthigt, ihre
+Jagdzüge weiter auszudehnen und das Gebiet anderer Horden zu verletzen;
+dass diese ihr Gebiet vertheidigen und sich so oft sehr bedeutende
+Kämpfe um die Existenz entwickeln. Auf beschränktem Terrain war
+Ausrottung der Jagdthiere bisweilen nothwendige Folge auch der
+vorsichtigsten Jagd; so in Neuseeland, wo die grossen Jagdvögel, die
+Moas (Dinornis, Apteryx), nach und nach ausgerottet sind von den
+Eingeborenen selbst, die ersteren ganz, die letzteren wenigstens zum
+grössten Theil, und zwar ohne Schuld der Maoris: die Vögel vermehrten
+sich langsam und wurden bei ihrer Unbehülflichkeit und dem nicht sehr
+günstigen Terrain leicht die Beute der Jäger. So starben sie aus, ohne
+dass man jenen ein blindes Wüthen gegen die Jagdthiere vorwerfen dürfte.
+
+Betraf dies nun ihre Lebensart im Allgemeinen, so müssen wir nun noch
+von einzelnen Punkten speziell reden. Zunächst die Nahrung, in deren
+Auswahl und Aufbewahrung fast alle Naturvölker wenig Sorgfalt zeigen.
+Sie dürfen auch, da die Natur von selbst, auch in den Tropen, nicht zu
+jeder Zeit und nicht allzubereitwillig das Nöthige bildet, nicht allzu
+wählerisch sein. So essen denn z.B. die Botokuden eigentlich Alles,
+ausser geniessbaren Thieren auch Füchse, Aasgeier, Mäuse, Schlangen,
+Eidechsen, Kröten, Fledermäuse, Insektenlarven, Würmer, ungeputzte
+Eingeweide (Tschudi 2, 279. 298) und dergl. In Guyana graben die Kinder
+18 Zoll lange Skolopender aus der Erde und--fressen sie lebendig (Voigt
+Zoologie V, 420 nach Humboldt). Das Erdeessen der Otomaken hält
+Humboldt, der es b 6, 102 ff. mit Herbeiziehung alles Analogen bei
+anderen Völkern bespricht, zwar nicht für schädlich, nützlich aber ist
+es auch nicht, sondern nur hungervertreibend. Auch in Australien (Grey
+2, 263-264) findet es sich; doch wird hier die Erde mit einer geriebenen
+Wurzel gemischt.
+
+In Australien ist zwar nach Grey 2, 259-261 der Nahrungsmangel nicht so
+gross, als man gewöhnlich annimmt und vieles was uns nur aus äusserstem
+Elend gewählt scheint, ist ihnen eine willkommene Leckerei; indess sagt
+Grey doch selbst, 261 ff., dass jede Gegend des Continents ihre
+besondere Nahrung habe, die man aber erst kennen und aufsuchen müsse.
+Und das scheint keine leichte Sache, wenigstens war er selbst, obwohl
+von einem nicht unbefähigten Eingeborenen begleitet, auf seinem
+unfreiwilligen Zug die Westküste des Kontinentes entlang in der
+äussersten Lebensgefahr durch Hunger. Ein fauler Walfisch ist den
+Neuholländern, während sie sonst sehr ekel gegen angegangenes Fleisch
+sind, grösster Genuss und je stinkender die Speise, desto willkommener
+wird sie, wie auch die Thakallis, ein Stamm der Athapasken in
+Nordamerika, faules Fleisch vorzüglich gern essen (Waitz b, 90). Und wie
+nun diese Völker essen! »Die Botokuden geniessen die meisten
+Nahrungsmittel, besonders das Fleisch in halbgarem Zustande. Es wird
+über das Feuer gehalten, bis die äussersten Schichten etwas angebrannt
+sind und dann verzehrt. Die Gefrässigkeit dieser Indianer ist fast
+sprichwörtlich geworden.----Wenn ein glücklicher Jagdzug reichliche
+Beute gewährt, so wird sie gierig verzehrt und da das Fleisch rasch in
+Fäulniss übergeht, um ja nichts zu verlieren, der Magen so lange
+vollgestopft, als eine physische Möglichkeit dazu vorhanden ist. Dann
+folgt eine lange behäbige Verdauungsruhe und dieser oft wochenlang
+äusserst spärliche Mahlzeiten. Völker und Individuen, die
+ausschliesslich auf Fleischnahrung angewiesen sind, haben eine rasche
+Verdauung und es äussert sich bei ihnen Heisshunger viel heftiger als
+bei jenen, die an eine vegetabilische oder gemischte Nahrung gewöhnt
+sind. Sie können sich aber auch mit einer sehr geringen Quantität ihrer
+gewohnten Fleischnahrung lange kräftig erhalten, leiden dabei aber stets
+an Hunger. Bei jeder sich darbietenden Gelegenheit suchen die Botokuden
+ihren steten Hunger durch übermenschliches Fressen zu stillen und
+verschlingen mit der Gier eines Raubthieres die ekelhaftesten
+Gegenstände ohne Wahl mit gleichem Heisshunger«. Was Tschudi (2,
+278-279) uns so von den Botokuden erzählt, das kann mit denselben Worten
+von allen Naturvölkern Amerikas, von den Feuerländern bis zu den
+Eskimos, das kann von den Hottentotten, von denen es allwärts bekannt
+ist (von den Buschmännern bezeugt es z.B. Lichtenstein 2, 355), und
+trotz ihrer mehr gemischten Nahrung von den Neuholländern, den meisten
+Melanesiern, und auch, obwohl bei diesen meist die vegetabilische
+Nahrung vorwiegt, von vielen Polynesiern gesagt werden, von den roheren
+gewiss, doch zu Zeiten auch von den cultivirteren, wenigstens
+übersteigt die Masse der bei Festlichkeiten verschlungenen Lebensmittel
+alle europäischen Begriffe bei weitem. Ja es kam vor, dass man bei
+grossen Vorräthen, wie einst die hochcivilisirten Römer, Brechmittel
+nahm, um mit frischen Kräften weiter essen zu können (Waitz 3, 82, vom
+südl. Nordamerika). Zwiefach gefährlich ist eine solche Lebensart,
+einmal, weil sie dem menschlichen Organismus gewiss nicht entsprechend
+und also schädlich ist; und zweitens weil sie, da man alles was die
+Gegenwart bietet aufzehrt und in sich stopft, Vorräthe zu sammeln aber
+etwas ganz Ungewohntes ist, für die Zukunft, für welche Naturvölker nur
+in den seltensten Fällen und auch dann meist sehr unvollkommen sorgen,
+die bedenklichsten Folgen hat. Hungersnoth entsteht in Polynesien nicht
+selten durch gänzliches Aufzehren aller Lebensmittel bei Festlichkeiten,
+obwohl doch die meisten Völker hier Vorräthe sammeln. Uebrigens thun
+dies auch manche Indianerstämme (Waitz b, 91). Man sollte denken, gerade
+die Naturvölker, durch Noth und Erfahrung belehrt, müssten am ersten für
+die Zukunft Sorge zu tragen gelernt haben, allein Waitz, der daran
+erinnert, dass »auch unter den civilisirten Völkern die Individuen und
+die ganzen Classen der Gesellschaft sich um die Zukunft wenig oder gar
+nicht kümmern, denen zur Arbeit jedes andere Motiv fehlt, ausser der
+Sorge für ihren eigenen Lebensunterhalt«, hat sehr richtig b, 84 u. 91
+die psychologischen Gründe entwickelt, warum die kulturlosen Völker nur
+der Gegenwart leben. Die Hauptsache ist, dass sie allzusehr unter der
+Herrschaft der sinnlichen Nerveneindrücke stehen: die Vorstellung,
+welche sie gerade gegenwärtig haben, verdrängt alle anderen aus ihrem
+Bewusstsein, und ist, nach Noth und Entbehrung, die Gegenwart wieder
+gut, so kommt dazu der physische Genuss dieses Wohllebens, dieser Ruhe,
+der die augenblicklichen Vorstellungen mit um so grösserer Macht zu
+alleinherrschenden macht (Waitz 1, 351).
+
+Aber nicht bloss sorglos sind sie um die Zukunft: wie oft zerstören sie
+sich man kann fast sagen die Lebensbedingungen für dieselbe selbst, so
+namentlich auf der Jagd. »Der Jäger, sagt Waitz 1, 350, geräth,
+besonders massenhafter Beute gegenüber, wie der Soldat im heissen
+Kampfe, in eine grenzenlose Wuth, er mordet mit Lust und verwüstet das
+Wild meist in völlig nutzloser Weise, verzehrt davon das Beste und oft
+dieses kaum, wenn es im Ueberfluss sich darbietet. Daher brauchen
+Jägervölker ein ganz unverhältnissmässig grosses Areal und gerathen
+trotzdem oft in Noth, weil ihnen Schonung der Jagdthiere ebenso fremd
+ist, als sparsames Haushalten mit Vorräthen überhaupt. Der hundertste
+Theil des von den Zulus erlegten Wildes, bemerkt Delagorgue, würde zu
+seinem und seiner Begleiter Unterhalt mehr als hinreichend gewesen
+sein.« Die Buschmänner zerstören häufig grössere Jagdbeute aus Missgunst
+und Bosheit: »was sie selbst im Ueberfluss nicht gebrauchen können,
+soll wenigstens keinem anderen zu Gute kommen«, sagt Lichtenstein 2, 565
+von ihnen. Aehnlich berichtet Hearne 120 von den nördlichsten Stämmen
+Nordamerikas, die das Wild schliesslich der Zungen, des Markes, des
+Fettes wegen, aller Gegenvorstellungen zum Trotz, erlegten, die an
+keinem Nest mit Jungen oder Eiern vorübergehen konnten, ohne es zu
+zerstören. Waitz 3, 81 sieht darin nur die Sitte eines gänzlich rohen
+Stammes und sagt, dass, wo diese und ähnliche Sitten jetzt eingerissen
+seien, es in Folge moralischer Gesunkenheit geschehen sei, da sonst
+Sparsamkeit der Charakter der meisten Indianer gewesen sei. Mag
+letzterer Zug ganz richtig sein: die Leidenschaft der Jagd aber, welche
+kein Thier schont, findet sich in Amerika nicht nur bei verkommenen
+Völkern. Sie herrscht in Canada (Waitz 3, 85) und gewiss sonst noch aus
+der abergläubischen Ansicht, dass die fliehenden Thiere die anderen
+warnen und verscheuchen würden. Von Südamerika berichtet Azara 193
+Gleiches. Dasselbe gilt von den Neuholländern.
+
+Und nicht genug, dass sie sich auf diese Weise die Nahrung selbst
+zerstören: sie verbieten sich auch eine Menge Speisen, oft gerade die
+besten, durch religiösen Glauben. Zunächst sind die Frauen fast überall
+in Amerika, Polynesien und Australien, in Neuholland auch die Jünglinge
+und Knaben (Grey 2, 248), von den besten Nahrungsmitteln, die nur den
+erwachsenen, oft nur den greisen Männern erlaubt sind, ausgeschlossen.
+Dann aber gehört das Totem der Indianer hierher, von dem Waitz 3, 119
+sagt: »Der politische Verband des Volkes beruhte in alter Zeit sehr
+allgemein auf einer Eintheilung in Banden oder Geschlechter, deren jedes
+durch ein Thier oder einen Körpertheil, eines Thieres als Marke
+bezeichnet war, z.B. Bär, Büffel, Fischotter, Falke und dergl. Nur ein
+Fisch oder ein Theil eines Fisches konnte diese Marke nicht sein.« Der
+Name dieser Marke, Totem, kommt von den Algonkin. Wahrscheinlich
+(ebend.) hatte das Totem ursprünglich eine religiöse Bedeutung: das
+Thier des Totem war der Schutzgeist der nach ihm benannten Familie,
+wurde von dieser heilig gehalten und _durfte von ihr nicht gejagt_
+werden. Und ebenso verhielt es sich gewiss mit »der Medicin«, die jeder
+Amerikaner hatte, d.h. dem Totem des Einzelnen. Denn zur Zeit der
+beginnenden Mannbarkeit erscheint jedem einzelnen sein Schutzgeist in
+Gestalt eines Thieres, das dann gejagt und dessen Balg stets von dem
+Betreffenden getragen werden muss. Der Verlust der Medicin würde ihm
+tiefste Verachtung und beständiges Unglück zuziehen (Waitz 3, 118-119).
+Ursprünglich durfte gewiss kein Indianer das Thier, das ihm »Medicin«
+Schutzgeist war, verzehren. Die meisten Völker (auch die Aleuten)
+stammten von solchen Thieren ab (Waitz 3, 119. 191) und auch diese waren
+ihnen gewiss ursprünglich heilig, wenn sich auch später diese Verehrung
+in etwas abschwächte. Diese auffallende Sitte, die genauer betrachtet
+gewiss mancherlei merkwürdige Resultate gäbe[D], findet sich ganz
+übereinstimmend bei den Neuholländern, worüber man Grey 2, 225-229
+vergleiche. Jede Familie, oder besser, jeder Stamm, denn die Familien
+sind ausgedehnt wie Stämme, hat ihr »kobong« Pflanze oder Thier, das ihr
+heilig ist, ihr den Namen gibt u.s.w. Wie in Amerika Leute von gleichen
+Totem, so durften in Neuholland Leute desselben Kobongs einander nicht
+heirathen. Kein Neuholländer tödtet sein Kobong, wenn er es schlafend
+findet, auch nie, ohne ihm vorher Gelegenheit zur Flucht zu geben; war
+es eine Pflanze, so durfte es der Betreffende nur zu bestimmten
+Jahreszeiten und unter ganz bestimmten Ceremonien einärnten und
+benutzen[E]. Hierin sehen wir eine Folge der Noth; denn ursprünglich
+durfte das Kobong wohl ebenso wenig gegessen werden, wie das
+amerikanische Totem. Dafür spricht auch die Form, in welcher sich die
+Sitte in Polynesien erhalten hat. Denn in Polynesien gilt es noch jetzt
+an verschiedenen Orten als strenges Gesetz, dass Einzelne einzelne
+Thiere, in welchen ihr Schutzgeist oder der Geist ihrer Ahnen verborgen
+ist, weder tödten noch essen dürfen. So in Mikronesien z.B. auf Ponapi
+(O'Connel bei Hale 84), auf Tikopia (Gaimard bei D'Urville V, 305-307),
+auf den Fidschiinseln (Wilkes 3, 214), wohin die Sitte entweder von
+Polynesien gekommen ist oder sich als malaiisches Ureigenthum, wie wir
+sie auch in Neuholland finden, erhalten hat; so in Hawaii (Remy 165), in
+Tahiti (Mörenhout 1, 451-57). Wir finden auf allen diesen Inseln jetzt
+Gedanken an Seelenwanderung eingemischt; allein man muss bedenken, dass
+der Glaube an die behütende Macht der Seelen der Vorfahren, also an den
+Uebergang der abgeschiedenen Seelen in Schutzgeister der Lebenden in
+Polynesien später vielfach aufgekommen ist.
+
+Auch anderer Aberglaube als dieser entzog bisweilen den Naturvölkern die
+Nahrung, wie z.B. Grey 1, 363-364 erzählt, dass, weil einige Eingeborene
+beim Muschelessen gestorben waren, die Neuholländer, die ihn
+begleiteten, aus Furcht vor Zauberei nicht dahin zu bringen waren,
+selbst durch den äussersten Hunger nicht, dass sie Muscheln assen; und
+Derartiges liesse sich, wenn es für unsern Zweck nicht zu weit führte,
+noch mancherlei sammeln.
+
+Dass nun die engen dumpfigen Wohnungen vieler dieser Völker (es bedarf
+hierzu keiner Belegstellen), worin oft sehr viel Menschen
+zusammengepfercht wohnen und schlafen und die oft von Schmutz und
+Ungeziefer starren, ungesund sind, versteht sich von selbst. Andere
+Stämme (Feuerländer, Australier u.s.w.) haben in ihren Wohnungen fast
+gar keinen Schutz vor dem Wetter; die Buschmänner (Waitz 2, 344) haben
+zu ihren stets wechselnden Schlafstätten Erdlöcher, die sie mit
+Baumzweigen überdecken, Felsspalten und Büsche. Auch auf die meist sehr
+mangelhafte Bekleidung dieser Völker braucht hier bloss hingewiesen zu
+werden. Alles dies, die Art wie sie sich nähren zumeist, ist zwar
+schädlich und bewirkt es, dass nirgend die Naturvölker sehr hohe
+Kopfzahlen aufzuweisen haben; aber alles dies ist auch wiederum nicht
+von solchem Einfluss, dass es das Aussterben dieser Völker allein schon
+erklärte; wir dürfen es nur als sekundäre Ursachen dafür betrachten, als
+solche aber dürfen wir es auch durchaus nicht übergehen oder
+unterschätzen. Wäre dies ihr Leben dem menschlichen Organismus
+zuträglicher, so würden sie auch manches feindliche Schicksal, welchem
+sie so erliegen oder erlegen sind, überwunden haben.
+
+
+
+
+§ 6. Charakter der Naturvölker.
+
+
+Aber nicht bloss diese Fahrlässigkeit in Bezug auf ihr äusseres Leben
+schadet den Naturvölkern: ihr ganzer Charakter, wie er sich im Laufe der
+Jahrtausende entwickelt hat, steht einem kräftigen Gedeihen im Wege und
+so müssen wir auch diesen, wenigstens nach einigen Seiten hin,
+betrachten. Zunächst ist unter ihren geistigen Eigenschaften ihre
+furchtbare Trägheit hervorzuheben, welche z.B. in Mikronesien so weit
+geht, dass man viel zu indolent ist gegen eine fürchterliche Form des
+Aussatzes, welche in ihrem Anfang noch heilbar und leicht heilbar in
+ihrer Entwickelung ebenso qualvoll als absolut tödtlich wird, auch nur
+das Mindeste zu thun: man sieht dem ersten Anfange, der noch nicht
+belästigt, mit grösster Seelenruhe zu, bis jede Hülfe zu spät ist
+(Virgin 2, 103). Diese Faulheit, welche Waitz 1, 350; b, 84, 90 und
+sonst zur Genüge geschildert hat, ist denn auch ein Grund, weshalb
+Naturvölker so selten Vorräthe sammeln, ja verhindert sie oft nur
+auszugehen, um Nahrung zu suchen, wie Grey 2, 262-63 von den
+Neuholländern sagt; namentlich im Sommer bei Hitze und im Winter bei
+Kälte und Nässe leiden sie Hunger, die Folge ihrer Trägheit. Beispiele
+von den Hottentotten zu geben wäre überflüssig. Diese Trägheit schadet
+ihnen aber noch auf ganz andere Weise. Denn wie Fleiss, Interesse und
+geistige Anspannung auch körperlich anregen und grössere Kraft und dem
+ganzen Organismus auch leiblich erhöhteres Leben verleihen, so schwächt
+umgekehrt fortgesetzte Schlaffheit und geistige Trägheit, wie sie die
+Naturvölker in so hohem Grade ausser wenn sie Noth treibt bekunden, auch
+die leibliche Kraft und die Funktionen des Körpers scheinen darunter zu
+leiden. Wenn nun dieser Zustand durch leibliche und geistige Vererbung
+(auch der Einfluss geistiger Vererbung ist von grösster Bedeutung und
+wohl noch nicht überall hinlänglich gewürdigt) sich immer mehr
+befestigt, so muss er auf das Gedeihen der Naturvölker einen immer
+gefährlicheren Einfluss haben. Allerdings ist das Ineinandergreifen des
+leiblichen und geistigen Lebens ein schwieriger und dunkler Punkt, auf
+den aber gerade deshalb ganz besonders aufmerksam gemacht werden muss.
+
+So entwickelt sich denn aus dieser Trägheit des äusseren auch eine
+Starrheit und Unbeweglichkeit des geistigen Lebens, die gleichfalls von
+den schlimmsten Folgen für diese Völker ist, schon dadurch, dass jeder
+gute Einfluss der Europäer auf sie, jeder Versuch, sie zur Kultur
+emporzuheben, ausserordentlich erschwert wird. Dadurch abgeschreckt
+haben auch vorurtheilsfreie Männer, wie Meinicke, behauptet, sie seien
+zu jeder Kultur unfähig, und doch ist, wie Erfahrungen bei allen
+Naturvölkern bewiesen haben, nichts falscher, als diese Behauptung. Da
+nun diese Starrheit mit jeder Generation nach und nach zunimmt, so
+wirken auch historische Schicksale, Wanderungen und dergl. unendlich
+viel schwerer auf diese Völker, als sie vor so vielen Jahrtausenden auf
+die Indogermanen, die Semiten, als sie auch auf die gebildeteren
+Polynesier und Amerikaner wirkten. Daher versinken sie immer mehr und
+mehr in Roheit und Stumpfheit, und es ist nicht übertrieben, zu
+behaupten, dass, auch wenn sie allein auf der Welt wären, ohne jeglichen
+feindseligen Einfluss von aussen her, sie dennoch, wie jetzt ihre
+Entwickelung oder wohl besser ihre Verhärtung ist, nach und nach
+langsam vergehen und erlöschen würden. Denn nichts ist der menschlichen
+Natur, die so sehr auf Wechselbeziehung zwischen Leib und Seele
+gegründet ist, schädlicher, als eine solche Unthätigkeit beider.
+
+Ein dritter Zug ihres Charakters, der uns hier näher angeht, ist eine
+gewisse Melancholie, die sich, wie bekannt, zumeist bei den Amerikanern
+findet. Doch auch die scheinbar so fröhlichen Polynesier, wenn man
+gleich ihr Temperament nicht wie das der Amerikaner melancholisch nennen
+kann, zeigen manches Entsprechende. So resigniren sich die Tahitier über
+ihr Aussterben durch den oft wiederholten Ausspruch, den wohl Ellis (1,
+103-104) zuerst mittheilte: der Hibiskus soll wachsen, die Koralle sich
+ausbreiten, der Mensch aber dahinsterben; und »es war melancholisch,
+sagt Darwin (2, 213), die schönen energischen Eingeborenen Neuseelands
+sagen zu hören, sie wüssten, dass das Land nicht das Eigenthum ihrer
+Kinder bleiben würde.« Für Kamtschatka ist wichtig, was v. Kittlitz über
+das Klima dieses Landes sagt, das bald (oder Einzelne) zur tiefsten
+Melancholie stimme, bald (oder Andere) zur höchsten excentrischsten
+Freude aufrege. Die Schilderungen der Aleuten bei Kotzebue, Chamisso,
+Langsdorff u.a. enthalten ganz ähnliche Züge von Niedergeschlagenheit,
+die allerdings hier mit grossem Phlegma gepaart scheint.
+
+Es ist klar, dass diese Melancholie mit jener schon besprochenen
+Trägheit zusammenhängt; denn diese raubt dem Geist der Naturvölker, der
+nach aller Naturvölker Art ganz und gar vom jedesmaligen sinnlichen
+Eindruck und meist nur von solchen abhängig ist, die besonnene und feste
+Willens- und Widerstandskraft immer mehr. So wie nun aber jeder
+Willensakt eine rein physische Nerventhätigkeit voraussetzt, so wird
+auch fortgesetztes Nichtwollen zum bleibenden Nervenhabitus, zum nicht
+Wollenkönnen und dadurch vom übelsten Einfluss auf die Seele, der, wenn
+dieser letzteren Leiden entgegentreten, um so grösser und vernichtender
+wird.
+
+Das zeigt sich nun schon bei den Naturvölkern im Leben der Individuen.
+Wir sahen, dass Krankheiten überall als Bezauberung oder Einwirkung von
+Dämonen gelten; viele aber, die von Krankheiten befallen sind, sterben
+aus keinem andern Grund, als aus Melancholie über die vermeintliche
+Bezauberung. Beispiele für Neuseeland gibt Dieffenbach 2, 16, Browne 75;
+für Tahiti Ellis 1, 364, 367-68; für Neuholland, wo eine namenlose Angst
+vor Bezauberung herrscht, Grey 1, 363-64. 2, 336-40; für Nordamerika, wo
+der Tod aus abergläubischer Furcht gar nicht selten ist, Waitz 3, 213:
+und nach allem Gesagten werden wir in den Ländern, wo Krankheit durch
+Zauberei entsteht oder als Folge von Sünden gilt, wie z.B. in
+Kamtschatka, wo Krankheit und Tod erfolgen, wenn man Kohle mit dem
+Messer spiesst oder Schnee mit dem Messer von den Schuhen schabt (Waitz
+1, 324), in allen diesen Ländern, also bei allen Naturvölkern werden wir
+auch ein solches Hinsterben Einzelner aus Angst und Aberglauben finden.
+
+
+
+
+§ 7. Ausschweifungen der Naturvölker.
+
+
+Die gänzliche Abhängigkeit der Naturvölker von sinnlichen Eindrücken hat
+auch noch eine andere sehr gefährliche Folge für sie, durch welche
+einzelne Stämme ernstlich bedroht worden sind: wir meinen die
+Ausschweifungen, denen viele von ihnen verfallen sind, im Trunk und vor
+allen in geschlechtlicher Beziehung.
+
+Zwar von den gebildeten Völkern Amerikas, den Mexikanern und ihren
+Verwandten sowie den Peruanern, kann man nicht behaupten, dass sie nach
+dieser Seite hin Vorwürfe verdienten; freilich kamen bei ihnen
+Ausschweifungen und grobe, ja unnatürliche Laster vor, freilich gab es
+bei ihnen öffentliche Dirnen, aber alles das war keineswegs ausgebreitet
+und durchaus verachtet, so dass wir sie in dieser Beziehung viel höher
+stellen müssen, als die heutigen Kulturstaaten Europas. Die Schilderung
+freilich, welche wir bei Pöppig 375 finden, oder was uns der berüchtigte
+Ortiz, ein Mönch zur Zeit der Entdeckung, erzählt, enthält des
+Scheusslichsten auch nach dieser Seite viel; Ortiz Darstellung sollte
+aber nur die Behandlung, welche das Land durch die Conquistadoren
+erfuhr, rechtfertigen und so häufte sie alle Laster auf die Indianer.
+Pöppigs Nachrichten beruhen auf ähnlichen Quellen, die gleichfalls ganz
+unzuverlässig und meist unwahr sind. Wenn z.B. Gomara (bei Pöppig)
+berichtet, dass Balboa 50 Päderasten in Quarequa in Darien und ebenso
+(Waitz 4, 350) den Herrn dieses Landes um desselben Lasters willen von
+Hunden zerreissen und dann verbrennen liess, so ist es ganz klar, dass
+hier die Anklage nur erfunden wurde, um die scheussliche Grausamkeit
+Balboas zu bemänteln, der selbst sagt, das Laster sei nur von den
+Vornehmen verübt, vom Volke verabscheut. Denn dass spanische Soldaten,
+unter welchen es gleichfalls vorkam (Waitz 3, 383), jemals dafür und gar
+so fürchterlich gestraft wären, davon wird nichts erwähnt. Waitz im 4.
+Bande der Anthropologie hat nun ganz klar und deutlich bewiesen, dass
+solche Ausschweifungen nur einzeln und selten bei diesen Völkern sich
+fanden, wofür die strengen Strafen, welche bei ihnen allen auf solchen
+Lastern oder auf sonstiger Unzucht standen, sprechen; vergl. Waitz 4,
+85. 88. 131. 307. 350. 367 u. sonst. Ebenso wenig waren solche Laster,
+wie Pöppig a.a.O. will, »Volkslaster« in Peru; freilich haben die
+Conquistadoren auch hier das ärgste zu erzählen gewusst und mussten,
+nach ihren Berichten, die grausamsten Strafen gegen die Lüstlinge
+anwenden; wenn man aber liest (Waitz 4, 478), wie der gefangene Inka
+Manko Capak, Atahualpas Bruder, die Spanier flehentlich bat, dass man
+ihn doch wenigstens nicht zum Feuertod verurtheilen oder den Hunden
+vorwerfen, sondern nur aufhängen möge, so wirft das auf jene Strafen ein
+ganz eigenthümliches Licht. Auch beweisen die Zeugnisse bei Waitz 4,
+417, dass auch in Peru solche Laster, Ehebruch oder gar Päderastie,
+durchaus nicht verbreitet waren, sondern nur vereinzelt vorkamen, wofür
+wiederum die strengen Strafen, welche die einheimischen Landesgesetze
+gegen derartiges verhängten, sprechen.
+
+In Nordamerika war, wie bei den eben besprochenen Völkern, Polygamie
+erlaubt, keineswegs aber sehr ausgedehnt (Waitz 3, 109). Weibertausch
+kommt vor, als Freundschaftszeichen unter Familien (Hearne 128), ebenso
+auch Prostitution aus Gastfreundschaft. Keuschheit der Mädchen war
+überhaupt etwas, auf das man bei vielen Völkern und namentlich bei den
+roheren, keinen Werth setzte (Waitz 3, 111). Schlimmere Dinge und
+namentlich Blutschande erwähnt als gewöhnlich bei den Athapasken Hearne
+128, der auch sonst den Anwohnerinnen der Hudsonsbai arge
+Ausschweifungen Schuld gibt (126-27). Unnatürliche Laster werden
+vielfach bei den Völkern Nordamerikas erwähnt und Männer in
+Weiberkleidern finden sich freilich an vielen Orten, so bei den
+Illinois, in Florida, bei den Mandans, den Osagen, den Kansas u.s.w.
+(Waitz 3, 113); auch bei den Bewohnern Nutkas wird Aehnliches erwähnt
+(eb. 133), obgleich sie sowohl wie die Koluschen im ganzen keusch leben,
+anders wie die Chinook (am Columbia), bei denen Prostitution und
+sinnliche Ausschweifungen verbreitet waren (eb. 337). Strenger sind die
+Völker vom Oregongebiete. Uebrigens ist das nicht immer ein Zeichen von
+unnatürlichen Lastern, wenn Männer Weiberkleider tragen; denn einmal
+scheint manche abergläubische Vorstellung (eb. 113) damit verbunden zu
+sein, in anderen Fällen war es wenigstens eine symbolische, wie z.B. die
+Delawares von den Irokesen »zu Weibern gemacht«, d.h., gezwungen wurden,
+als sie gänzlich besiegt waren, den Weiberrock anzuziehen (Waitz 3, 23.
+b, 158) und auch bei den Chibchas in Neu-Granada Feiglinge mit einem
+Weiberrock bekleidet wurden (4, 361). Bei den Illinois standen die so
+gekleideten Männer in besonderem Ansehen (3, 113) und ganz ähnlich war
+es bei den nördlichen Patagoniern (3, 506), wo die Zauberpriester, deren
+einen jede Familie hatte, Weiberkleider trugen. Auch was Combes (Hist.
+de las islas de Mindanao Madrid 1667 p. 55) erzählt, dass es bei den
+Subanos auf Mindanao Männer gäbe, welche unverheirathet blieben,
+Weiberkleider trügen, aber geehrt wären und keusch lebten, zugleich aber
+auch physisch ein weibliches Aussehen hätten, werde hier als merkwürdige
+Parallele erwähnt.
+
+Den Cariben in Südamerika wird von den älteren spanischen
+Schriftstellern gleichfalls der Vorwurf unnatürlicher Lasterhaftigkeit
+gemacht, doch hat Waitz 3, 383 Recht, wenn er auch diesen Vorwurf für
+unrichtig hält, »denn auf ihn pflegte hauptsächlich der Anspruch
+gegründet zu werden, die Eingeborenen zu rechtmässigen Sklaven zu
+machen«. Andere Schriftsteller läugnen auch, dass hier solche Laster
+vorgekommen seien; doch fanden sich Männer in Weiberkleidern auch hier
+(Oviedo bei Waitz 3, 383). Auch die Tupis in Brasilien lebten streng (3,
+423); ebenso die Araukaner (3, 516). Hiermit stimmen auch alle
+Nachrichten bei Azara; nur dass er den Weibern der Mbayas, bei denen
+Polygamie erlaubt ist, mancherlei Ausschweifungen vorwirft (249-50).
+
+Es ist nicht nöthig, dies bei den Amerikanern weiter zu verfolgen; für
+uns genügt das Ergebniss, dass zwar mancherlei Ausschweifungen
+namentlich in Nordamerika unter ihnen sich vorfanden, dass diese aber
+keineswegs allgemein und bedeutend genug waren, um aus ihnen die
+Verminderung der Kopfzahl dieser Völker zu erklären. Dass aber, seit der
+Bekanntschaft mit den Europäern diese Ausschweifungen sehr zugenommen
+haben, ist eine traurige Wahrheit.
+
+Dem Trunk war man in Mittel- und Nordamerika nicht ergeben und ist es
+verhältnissmässig auch jetzt noch nicht. Allerdings kannte man in Mexiko
+mehrere geistige Getränke (Waitz 4, 98), von denen das eine, Pulque,
+Agavesaft, den man durch Ausschneiden des Herzens der Pflanze, wenn sie
+den mächtigen Schaft treiben will, gewinnt und gähren lässt, auch von
+Europäern (Humboldt a 3, 99) mit wahrer Leidenschaft getrunken wird;
+allein die Mexikaner waren mässig, wie schon aus ihren Gesetzen
+hervorgeht. Der Trunk wurde darin so streng geahndet, dass irgend welche
+Verbreitung desselben ganz unmöglich war (Waitz 4, 83-84). Auch in
+Californien war er selten (eb. 240. 242). Die Eingeborenen von
+Nikaragua, von welchen auch verschiedene geschlechtliche Ausschweifungen
+berichtet werden, sollen nach Oviedo auch dem Trunke ergeben gewesen
+sein; allein allzu sicher sind diese Nachrichten nicht (Waitz 4, 279).
+Auch die Peruaner, obwohl sie verschiedene geistige Getränke hatten,
+waren dem Trunke nicht ergeben (4, 429), so wie sie auch dem Genuss der
+Coka, die im ganzen Land gebaut wurde, nicht übermässig fröhnten; dem
+Volk war sie ganz verboten (422). Obwohl nun die Eroberung des Landes
+die Sitten vielfach verschlechterte, so sind doch auch jetzt noch weder
+die Peruaner (500) noch die Mexikaner (196) und die ihnen verwandten
+Völker dem Trunk ergeben (227)--wenn es auch Feste gab, z.B. in Yukatan,
+bei welchem sich die Weiber berauscht haben sollen (4, 307), oder bei
+denen, wie in Nikaragua, allgemeine Zügellosigkeit herrschte (279). Denn
+bei allen solchen Festen waren gewiss, wie bei ähnlichen semitischen und
+indogermanischen, religiöse Motive wirksam.
+
+Anders war es in Südamerika, wo Schomburgk 2, 420 die Cariben als
+Trunkenbolde schildert; und schon von Alters her hatten sie ausser
+andern ein berauschendes Getränk aus Cassadabrod, welches zerbrochen,
+mit heissem Wasser zu einem Teig zerrührt, dann von alten Weibern
+durchgekaut und in einen Trog gespieen wurde, wo es nun gähren musste
+(Schomburgk 1, 173); ganz ähnlich bereiteten die Tupis einen
+berauschenden Trank aus Mais oder Hirse, wobei das Getreide gekocht und
+von alten Weibern durchgekaut wurde. Sie nannten es Caouin oder Kaveng
+und sowohl durch die Bereitungsart als durch den Namen wird man an den
+gleich zu erwähnenden polynesischen Kavatrank erinnert (Waitz 3,
+423-24). Gegohrene Getränke hatten die Araukaner (3, 509), die
+Chiquitos, die dem Trunke sehr ergeben waren (eb. 530) und sind (533),
+die Moxos (537), welche ihn gleichfalls sehr lieben und andere Völker
+schon vor der Entdeckung. Dass nun durch den Einfluss der Europäer diese
+Neigung nicht vermindert, sondern nur gestiegen ist, begreift sich; und
+so wird es uns von den Cariben (Schomburgk 1, 173) von den Warans (eb.
+1, 123), den Charuas (Azara 184), den Mbayas (eb. 242) u.s.w. berichtet.
+
+In Nordamerika, bei den Indianern der Vereinigten Staaten, waren vor den
+Europäern keine geistigen Getränke in Gebrauch, ja Wasser war fast das
+einzige Getränk, was sie genossen, wie Waitz 3, 82 ins Einzelne
+ausführt; ebenso war es bei den Koluschen und den Chinooks (3, 84. 337).
+Wenn nun der Trunk, der Branntwein in Nordamerika doch so traurige
+Folgen gehabt und ganze Stämme dahin gerafft hat, so dass man oft genug
+die Behauptung findet, die Indianer seien von Natur dem Trunke ergeben
+gewesen; so fordert dies zur genaueren Untersuchung der Sachlage auf,
+die sich nach Waitz 3, 83-84 und 270, der die Quellenbeweise beibringt,
+so stellt, dass die Indianer sich aufs stärkste gegen den Verkauf von
+Branntwein gewehrt und viele Verträge geschlossen haben, in welchen die
+Einfuhr derselben ausdrücklich verboten war, dass aber der Branntwein
+dennoch, sogar mit Gewalt, von den europäischen Nationen den
+Eingeborenen aufgezwungen ist, theils um das Produkt abzusetzen, theils
+um sie im Trunke zu betrügen, theils auch geradezu, um sie durch den
+Trunk zu vernichten. Das ist denn nur allzugut gelungen; denn wenn auch,
+trotz der vorherrschenden Sinnlichkeit, die Amerikaner einen höchst
+beachtungswerthen Widerstand diesem Genussmittel entgegensetzten, so
+konnte dieser eben bei ihrer Natur kein absoluter sein; öfters zwang sie
+der Nahrungsmangel zum Trunk und ein sehr häufiger Grund, sich dem
+Trunke zu ergeben (der auch in Mittelamerika vielfach vorkam) war der,
+dass man aus der grenzenlosen Fülle des Elends ringsher sich wenigstens
+einmal wieder durch den Rausch in einen glücklichen Zustand versetzen
+oder dass man sich in der Verzweiflung betäuben wollte. Uebrigens haben
+Völker und Individuen sich dem Laster des Trunkes auch wieder zu
+entreissen vermocht (Waitz b, 43). Eigentlich also gehörte diese
+Betrachtung erst dahin, wo wir vom Einfluss der Weissen auf die
+Naturvölker sprechen werden, indess mag ein solches Vorausnehmen, des
+Zusammenhangs wegen und um den einen Gegenstand zu erschöpfen, gleich
+hier seine Entschuldigung finden. Tabak hat ebensowenig als Coka
+geschadet.
+
+Wenn nun auch die Hottentotten und die Buschmänner gar keinen Werth auf
+die Keuschheit der Mädchen und Weiber legen, so waren sie doch weder in
+geschlechtlicher Beziehung noch im Trunk sehr ausschweifend, während wir
+bei den Aleuten und Kamtschadalen die Verhältnisse wesentlich anders
+finden. Dem Trunk waren namentlich die Kamtschadalen ganz
+außerordentlich ergeben (Krusenstern 3, 53) und wie diese Leidenschaft
+von den europäischen Pelzhändlern zu ihrem Verderben benutzt ist, werden
+wir später sehen. Aber auch die Aleuten liebten dies Laster (Waitz 3,
+314), wie sie auch sonst sehr ausschweifend lebten. Die Weiber hatten
+(nach Wenjaminow in Ermans Archiv bei Waitz 1, 356 Note) zwei Männer,
+einen aus höherem Stande und einen Nebenmann aus niederem; dem Gast
+stellte der Wirth, um ihn gastfreundlich zu ehren, das eigene Weib zur
+Verfügung. Auch der Päderastie waren sie ergeben (Waitz 3, 314) und die
+stumpfsinnige Melancholie, in der sie z.B. Chamisso vorfand, scheint
+nicht wenig durch derartige Ausschweifungen veranlasst zu sein. Den
+Kamtschadalen schadete gar sehr der grosse Weibermangel, der nach
+Krusenstern 3, 44, bei ihnen herrschte und nicht nur die Moralität
+gänzlich, sondern auch die Fruchtbarkeit der Ehen zerstörte. xyxyxyß Die
+Neuholländer, obwohl sie von den Unverheiratheten beider Geschlechter
+keine Keuschheit verlangen, obwohl sie an einigen Orten die Weiber ihren
+Gastfreunden anbieten und sie mit guten Freunden tauschen (Angas 1, 93),
+sind doch so eifersüchtig, dass verheirathete Frauen sehr zurückhaltend
+sein müssen (Grey 1, 256). Polygamie ist bei ihnen häufig, aber man kann
+sie eigentlich nicht ausschweifend nennen. Auch geistige Getränke hatten
+sie nicht. Von den Melanesiern wird nichts auffallend Schlimmes
+berichtet, wohl aber von manchen Orten das Gegentheil; so herrschen,
+nach Malte Brun in Bullet. de la soc. geogr. 1854, I, 238, auf
+Neucaledonien, wenn auch die Weiber ganz sklavisch gehalten werden,
+geschlechtliche Ausschweifungen nicht. Polygamie ist allerdings auf den
+Inseln Sitte (Turner 86. 371. 424), allein wirklich ausgedehnt nur bei
+Häuptlingen und in selteneren Fällen. Ehebruch kommt, aus Furcht vor
+Strafe, kaum vor (Turner 86 in Bez. auf Tanna), allein Keuschheit der
+Unverheiratheten ist hier so wenig verlangt als sonst irgendwo bei den
+Naturvölkern. Während nun Erskine 256 von den Fidschis sagt, dass sie
+sehr enthaltsam lebten und Ekel vor Ausschweifungen empfänden, so
+behaupten William und Calvert 1, 134, dass sie sehr zügellos und grobe
+Ausschweifungen bei ihnen verbreitet seien. Möglich, dass Erskine ein zu
+günstiges Urtheil fällte; jedenfalls aber stehen die Fidschiinsulaner
+sehr viel höher als die Polynesier in dieser Beziehung und mögen wohl
+erst durch den fortwährenden Verkehr mit den Fremden zu dieser
+Zügellosigkeit gesteigert sein.
+
+Am schlimmsten müssen wir über die eigentlichen Polynesier urtheilen,
+unter denen Trunk und Wollust schon vor den Europäern aufs ärgste
+gehaust haben. Aus der Wurzel vom Piper methysticum, dem Kavapfeffer,
+bereitete man, indem sie (an den meisten Orten von alten Weibern) gekaut
+und dann ausgespieen wurde, durch Aufguss von Wasser ein eigenthümliches
+Getränk, dem alle Polynesier sehr zugethan waren. Es berauscht nicht
+eigentlich, da es die Besinnung nicht raubt, aber, indem Gang und Zunge
+schwer werden, versetzt es den Geist in einen ähnlichen Zustand, wie das
+Opium; auch wollüstige Träume u. dergl. sollen seinem Genuss folgen, der
+oft wiederholt allgemeine Schwäche, Zittern, geistige Stumpfheit,
+Abmagerung und schliesslich scheussliche Hautkrankheiten hervorbringt,
+Geschwüre, welche aufbrechen und arge Narben zurücklassen. Aber gerade
+diese Narben galten als Ehrenzeichen (Hale 43). Namentlich auf Tahiti
+und auf Hawaii war der Kavatrank beliebt; grosse Kavafeste auf Tonga
+beschreibt Mariner, auf Fidschi d'Urville b 4, 207 und Hale 63. Dagegen
+trank man ihn auf Neuseeland, obwohl man ihn kannte, nicht. Auch in
+Mikronesien, wo indess die Wurzel zerrieben, nicht gekaut wurde, war der
+Kavatrank sehr beliebt und sehr verbreitet (Hale 83: Gulick 417). Was
+jedoch die schädlichen Einwirkungen dieses in der That höchst
+gefährlichen Trankes sehr milderte, war der Umstand, dass er ein
+heiliges Getränk war. Freilich durfte er daher bei keiner irgend wie
+bedeutenderen Gelegenheit fehlen; aber nur die Fürsten waren es, die ihn
+trinken durften, nie das Volk, und auch die Fürsten nur bei und unter
+bestimmten Feierlichkeiten (Hale 43, für Mikronesien Novara 1, 371). So
+hat denn auch der Schade, den dieser Genuss hervorrief, fast nur die
+Fürsten und den Adel getroffen. Gegen den Branntwein (Rum u.s.w.) hatten
+alle Polynesier einen grossen Widerwillen (Novara 2, 337 für
+Mikronesien), und wenn er trotzdem in Tahiti und Hawaii so verderbliche
+Wirkungen hervorgerufen hat, so muss man bedenken, wie er zu Tahiti von
+den Franzosen, zu Hawaii von diesen sowie den amerikanischen und
+europäischen Kaufleuten unter heftigem Widerstreben der Missionäre und
+gegen den Willen der Eingeborenen (vergl. z.B. Lutteroth Geschichte der
+Insel Tahiti 172 u. sonst) gewaltsam eingeführt ist. Und schlimm genug
+waren die Folgen dieser Einführung. »Als die Tahitier von fremden
+Seeleuten und Sandwichinsulanern geistige Getränke von einheimischen
+Wurzeln zu destilliren gelernt und Rum in reichlicher Menge von ihnen
+empfangen hatten, da verbreitete sich Trunksucht sehr allgemein, und
+alle die Demoralisation, die Verbrechen, das Elend, welches ihr folgt,
+kam über das Volk. Unthätigkeit wuchs, Streit in den Familien nahm
+überhand, die Verbrechen der Areois (über welche wir sogleich reden)
+nahmen zu«, sagt Ellis 1, 108 und so wie hier und noch ärger war es zu
+Hawaii und an den Küsten von Neuseeland. Allein die Eingeborenen (vergl.
+Ellis u.a.O.) haben sich an vielen Orten, Dank dem reinen Eifer der
+Missionäre, wieder von diesem so gefährlichen Laster befreit; in
+Neuseeland sowohl wie in Hawaii schadet der Rum nur an den Küstenplätzen
+den Eingeborenen und das überall wachsende Christenthum hat siegreich
+auch in Tahiti und sonst diese Gefahr im Allgemeinen abgewendet.
+
+Bei weitem verhängnissvoller aber wirkten die geschlechtlichen
+Ausschweifungen, die wohl bei keinem Volk der Welt so schamlos
+verbreitet waren, wie in Polynesien. Jede Reisebeschreibung (auch andere
+Bücher als die schamlose Reise der Pandora von Hamilton) rechtfertigt an
+hundert Stellen den Namen la nouvelle Cythere, welchen Bougainville der
+Insel Tahiti gab. Nicht nur, dass auf Tahiti, Hawaii, Neuseeland, auch
+auf Tonga (obwohl man hier strenger lebt) und auf Samoa (nach Wilkes)
+wenigstens Fremden gegenüber die Mädchen ganz frei waren; so ist auch
+nirgends die Prostitution der Weiber durch Väter, Brüder, Gatten frecher
+betrieben wie hier. Polygamie herrschte überall. Gastfreunden bot man
+die Weiber an, vornehme Frauen lebten ganz zügellos. Für Hawaii bezeugt
+dies, um nur einige Beweisstellen anzuführen, Jarves 80, für Tahiti Cook
+und alle andern Reisenden, für Waihu Mörenhout 1, 26, für die Markesas
+Porter (Journal of a cruise in the Pacif. Ocean 1812-14) 2, 60,
+Krusenstern 1, 221; nach Mathias G*** 152 herrscht indess Prostitution
+nur in den Häfen. Neuseeland stand etwas höher; doch waren auch hier die
+Mädchen vollständig ungebunden (Dieffenb. 2, 40). Die Weiber selbst
+lockten die ankommende Mannschaft von Wallis Schiff durch die
+unanständigsten Geberden ans Land und die Männer, welche das Geschäft
+abschlossen, forderten schon damals für schöne Frauen, Töchter,
+Schwestern u.s.w. höhere Preise als für minder schöne (Wallis 214 ff.
+256). Ja vor aller Augen, und nicht etwa aus Roheit, wie die Bewohner
+der Palauinseln nach Kadus Zeugniss bei Chamisso 137[F], sondern
+umstanden von vornehmen Weibern, unter denen die Königin selbst,
+vollzogen sie die Begattung, zum Ergötzen der Umstehenden, welche dem
+Paare, namentlich dem betheiligten Mädchen, Lehren gaben, um die Lust zu
+erhöhen--doch das war nicht nöthig, denn, obwohl das Mädchen erst 11
+Jahre zählte, so wusste sie doch mit allem schon guten Bescheid (Cook b,
+126-27, vergl. 86. 106). Da ist es nicht zu verwundern, dass schmutzige
+Gegenstände sehr häufig, vor aller Ohren, Inhalt der Unterhaltung waren
+und nur belacht wurden. Ueberall herrschte Polygamie; auf Tahiti,
+Nukuhiva und Hawaii (Turnbull 65, Stewart 129, Porter 2, 30) kamen
+Heirathen unter Geschwistern vor, jedoch nur in der regierenden Familie,
+die auf andere Art keine ebenbürtige Ehe schliessen konnte, da alle
+anderen Adelsgeschlechter an Rang unter ihr standen (Ellis 4, 435). Auf
+den Markesasinseln war es nach Melville 2, 122-23 Sitte, dass die
+Weiber, ähnlich wie die Aleutinnen, zwei Männer hatten, einen wirklichen
+Gatten und einen Nebenmann, der ganz die Rechte wie jener besass, auch
+im Frieden mit ihm lebte; welche Sitte nach Melville darin ihren Grund
+hatte, dass es weit mehr Männer als Frauen gab. Mathias G*** sagt 111
+dasselbe, was auch sonst noch vielfach bestätigt wird. Auch unnatürliche
+Lüste, denen in Tahiti ein eigener Gott vorstand (Mörenh. 2, 168), waren
+sehr ausgedehnt. Männer in Weiberkleidern finden wir, wie in Amerika,
+auch zu Tahiti, aber hier nur im Dienste der widernatürlichen Wollust
+(Turnbull 306); und da nun die Männer des gemeinen Volks, damit die
+Fürsten desto mehr Weiber hätten, oder weil sie den Kaufpreis für die
+Frauen nicht zahlen konnten, fast immer unverheirathet bleiben mussten,
+so war Onanie unter ihnen in solchem Grade getrieben, dass sie dadurch
+meist unfähig wurden, einem Weibe noch beizuwohnen (Wilson 311). »Ihre
+Verbrechen in dieser Art sind zu entsetzlich, als dass sie alle erzählt
+werden könnten,« sagt Wilson (1799) a.a.O. Noch Ellis (1, 98) fand
+dasselbe vor, er sagt, die Schilderung, welche Paulus von den Heiden im
+ersten Kapitel des Römerbriefes mache, passe durchaus auf die Tahitier.
+Auch in Hawaii waren unnatürliche Laster ganz gewöhnlich, von denen
+Päderastie nur oder wenigstens vorzugweise unter den Fürsten vorkam
+(Remy XLIII).
+
+Mikronesien steht viel höher in dieser Beziehung, mit Ausnahme der alten
+Marianer, unter denen, freilich nach den alten spanischen Berichten
+(Salaçar bei Oviedo XX, 16), eine arge Zügellosigkeit herrschte, und le
+Gobien berichtet manches entsprechende. Aber sonst fanden die ersten
+europäischen Besucher in Mikronesien keine Ausschweifungen, weder im
+Trunk noch in der Liebe vor, wenn auch die Mädchen leicht zu gewinnen
+waren: und schamhaft waren sie alle (Chamisso 91. 119). Uebrigens
+herrschte, nach Chamisso 118-19, Polygamie auch auf Ratak und besonders
+nahe Freunde besassen auch die Weiber gemeinschaftlich.--Auch im
+eigentlichen Polynesien gab es reinere Bezirke, so Tonga, wo die
+Jünglinge von Staatswegen zur Keuschheit ermahnt wurden: nie sollten sie
+Gewalt anwenden, nie sich gegen Ehefrauen vergehen (Mariner 1, 138);
+allein auch hier waren die Unverheiratheten ganz frei und ebenso die
+verheiratheten Männer (2, 174), auch hier waren Unanständigkeiten der
+häufige und gern belachte Inhalt des Gespräches, die man nur vor
+verheiratheten Frauen vermied (2, 177). In Samoa herrschte noch grössere
+Sittenstrenge.
+
+Viel besprochen ist die Gesellschaft der Areois auf Tahiti, über welche
+Mörenhout 1, 485-503 und Ellis 1, 230 ff. handeln, und die auch wir kurz
+besprechen müssen, wenn wir an diesem Ort auch nur auf die furchtbare
+Unsittlichkeit hinweisen, welche in dieser ursprünglich religiösen
+Gesellschaft herrschte. Männer und Weiber lebten in ihr aufs höchste
+ausschweifend und unter dem bestimmten Gesetz, alle ihre Kinder zu
+tödten, beisammen und hochgeehrt vom ganzen Volk, dem sie wie Götter
+erschienen, durchzogen sie die Inseln, um Feste, Schauspiele, Tänze vor
+der Menge aufzuführen. Wir finden diese Gesellschaft nicht bloss auf
+Gesellschaftsinseln, sondern (Meinieke b 78) auch auf Rarotonga, auch im
+Markesasarchipel (Mörenh. 1, 502). Und da nun le Gobien 59-62 von den
+Uritaos der Marianen ganz das Nämliche erzählt, die in aller
+Zügellosigkeit mit den Mädchen des Landes zusammenlebten, selbst in
+Blutschande, ohne dass es ihnen Tadel zuzog, da sie von höherer Weihe
+waren (Freycinet 2, 368)--so werden wir auch diese, wie schon ihr Name
+derselbe ist, mit jenen Areois trotz Meinickes Widerspruch (b, 79)
+zusammenstellen müssen.
+
+Es kann uns nicht wundern, wenn solche lasterhafte Sitten, in solcher
+Ausdehnung herrschend, die Gesundheit der polynesischen Bevölkerung
+untergruben und sie haben es gethan. Schon eine bis zwei Generationen
+vor Wallis hatte die Volksverminderung, nach den Aussagen der
+Eingeborenen selbst, auf Tahiti angefangen (Ellis 1, 105) und dass
+hieran diese Ausschweifungen, wenn auch nicht allein, so doch zum
+grössten Theil schuld waren, kann man gewiss behaupten. Ihren
+entnervenden Einfluss schildern wenigstens die zuverlässigsten
+Augenzeugen in den düstersten Farben, wie Ellis 1, 98 und Turnbull
+(1804) 307. Und ferner ist es sehr begreiflich, dass solche entnervte
+Wüstlinge sehr viel und leichter Krankheiten ausgesetzt waren, als
+gesunde Menschen, dass Krankheiten viel heftiger bei ihnen wüthen
+mussten und dass sich namentlich die Syphilis unter ihnen rasch
+verbreiten und gefährlich erweisen musste.
+
+
+
+
+§ 8. Unfruchtbarkeit. Künstlicher Abortus. Kindermord.
+
+
+Aber eine andere noch schlimmere Folge dieser Ausschweifungen ist die
+Unfruchtbarkeit der Weiber, welche in Polynesien hauptsächlich auf
+diesem einen Grund beruht. Die Unfruchtbarkeit der Ehen auf den
+Markesas, welche schon Krusenstern 1, 255-56 und dann Melville 2, 125
+betont, erwähnt auch Mathias G*** 108 mit starkem Nachdruck.
+Unfruchtbarkeit ist in Hawaii sehr verbreitet (Virgin 1, 268); in Tahiti
+wird es erst in neuerer Zeit besser und Dieffenbach 2, 15-16 gibt als
+eine der Ursachen für das Hinschwinden der Maoris die geringe
+Fruchtbarkeit ihrer Weiber an.
+
+Da nun aber ganz analoge Erscheinungen sich in Melanesien (wo z.B. auf
+Erromango schon eine hohe Kinderzahl ist, Turner 494), in Neuholland
+(Grey 2, 248 ff.) und namentlich in Amerika vorfinden, so hat man, vor
+allem mit Rücksicht auf die Eingeborenen des letzten Landes gesagt, die
+geringe Fruchtbarkeit sei ein charakteristisches Merkmal für niedere
+Raçen, das in ihrer Natur selbst begründet liege. Allerdings haben die
+Weiber der Botokuden (Tschudi 2, 284), der Makusi (Schomburgk 2, 312)
+der meisten brasilianischen Völker (Azara an vielen Stellen) und ebenso
+auch der meisten Nordamerikaner (wofür Waitz 1, 169 die Beispiele
+zusammenstellt) sehr wenige, oft auch gar keine Kinder; allein wie man
+hierin ein Raçenmerkmal finden soll, ist für Unbefangene unmöglich
+abzusehen. Denn erstlich zeigen sich eine lange Reihe äusserer Gründe,
+wodurch die Unfruchtbarkeit bewirkt wird; ausser den schon besprochenen
+Gründen wie Ausschweifungen, Krankheit u. dergl., die auch in Amerika
+und vor allen auf Kamtschatka und den Aleuten wirkten, muss hier auf das
+gleichfalls schon erwähnte lange Säugen hingewiesen werden, welches der
+Fruchtbarkeit Abbruch thut, ferner und ganz besonders auf die meist
+überaus elende Stellung der Weiber, auf die Noth, die ewigen Mühsale,
+unter denen sie ihr Leben hinbringen müssen. Dann heirathen viele Völker
+nur im eigenen Stamm und man kann wohl sagen, da bei vielen kleineren
+Völkern Stamm und Familie so ziemlich zusammenfällt, in derselben
+Familie; dass aber auch hierdurch eine Verminderung der Fruchtbarkeit
+eintritt, ist bekannt genug. So z.B. die Botokuden; daher Tschudi (2,
+284) in diesem Umstand einen Hauptgrund für die Unfruchtbarkeit ihrer
+Ehen sieht. Auch bei den Bewohnern von Darien zeigten sich die
+schädlichen Folgen solcher Heirathen (Waitz 4, 351).
+
+Der allzufrühe Coitus, den Dieffenbach 2, 15 für die Unfruchtbarkeit der
+Neuseeländerinnen als einen Hauptgrund anführt, ist wichtig für viele
+Völker, da er bei vielen, wie wir sehen, vorkommt. Obwohl nun Humboldt
+(b, 2, 190), nach dem Zeugniss der amerikanischen Ordensgeistlichen am
+Orinoko, darin keine Gefahr für die Zahl der Bevölkerung sehen will, so
+spricht doch die Natur der Sache und mannigfache Erfahrung gegen ihn.
+Doppelt gefährlich wird aber zu früher geschlechtlicher Umgang bei
+Völkern, bei denen es an Weibern fehlt. So heirathen die Mädchen der
+Tarumas in Guyana, weil es unter diesem Volk nur wenig Weiber gibt,
+schon vor der Pubertät (nach Schomburgk bei Waitz 1, 170). Mehr Männer
+als Weiber gab es noch in verschiedenen Orten in Amerika (z.B.
+Californien Waitz 1, 170 Anmerk., bei den Guanas Azara 232), in
+Polynesien (Tahiti, Markesas u. sonst) und in Kamtschatka, wo der Mangel
+an Weibern, wie wir sahen, vorzugsweise gross war. Durch diesen wurde
+denn wieder eine andere sehr wenig heilsame Einrichtung gefördert, dass
+in Neuholland junge Mädchen zunächst an alte Männer und erst nach deren
+Tode, wenn sie nun mittlerweile älter waren, an jüngere Leute
+verheirathet wurden (Nind im Journ. R. Geogr. Soc. 1, 38), eine Sitte,
+welche bei den Irokesen ebenfalls im Schwunge war: »Der junge Mann von
+25 Jahren erhielt bei ihnen oft eine ältere Frau zugetheilt als er
+selbst war, der alte Wittwer dagegen wählte sich ein junges Mädchen«
+(Waitz 3, 103).
+
+Dass wir unter diesen Gründen die Polygamie und Polyandrie mit ihren
+gewiss schlimmen Folgen für die Bevölkerungszahl nicht besonders
+erwähnen, hat seinen Grund darin, dass wir diese beiden Einrichtungen,
+auch wenn sie noch so gesetzmässig sind, unter die Ausschweifungen
+rechnen und also, was von jenen gesagt ist, auch für diese gilt. Ebenso,
+was man für manche amerikanische Völker als Grund für die
+Unfruchtbarkeit angeführt hat, die geringe Neigung der Männer für das
+weibliche Geschlecht und ihre minder entwickelten Genitalien (Pöppig,
+Azara, Waitz 1, 171 u.s.w.) lassen wir auf sich beruhen, da dieser
+Umstand keineswegs allgemein und keineswegs in den daraus abgeleiteten
+Folgen sicher ist.
+
+Weit wichtiger sind noch einige psychische Gründe, die wir recht
+hervorheben möchten. Wie Gram und Kummer, Druck und Despotismus das
+äussere Leben zurückhalten und verkümmern lassen, so wirken sie
+natürlich auch auf die Fruchtbarkeit der Weiber ein, denn der Einfluss
+des geistigen Lebens auf jede Seite des leiblichen, so sehr man ihn auch
+anerkennt, kann kaum mächtig genug gedacht werden. Wo daher ein schwerer
+Druck auf der Bevölkerung liegt wie durch die Adelsherrschaft in
+Polynesien und hier namentlich auf den Fidschi- und Hawaiiinseln, da
+wird es auch leichter unfruchtbare Ehen geben. Und noch mehr, wenn der
+Druck der Herrscher zugleich das tiefste moralische Weh über die
+Unterworfenen bringt, wie das durch die furchtbaren Einwirkungen der
+Europäer fast überall geschehen ist. Auch ist zu bemerken, dass von
+diesen Gründen stets mehrere vereint, nie einer allein wirken; dass wir
+die verminderte Fruchtbarkeit also äusserlich veranlasst sehen, wodurch
+die Ansicht, sie sei Raçencharakter, schon erschüttert wird. Und wäre
+sie es wirklich, so müsste sie doch überall sich bei den betreffenden
+Raçen zeigen. Aber das ist gar nicht der Fall. In Neuholland z.B., wo
+allerdings Heirathen in demselben Stamme so gut wie gar nicht vorkommen,
+werden fruchtbare Ehen gar nicht selten erwähnt. Grey (a.a.O.) sah 41
+Weiber, welche zusammen 188 Kinder hatten; und gar manches Volk in
+Amerika gibt es, welches eine sehr reichliche Kinderzahl besitzt, so die
+Stämme der Nordwestküste, die Nordindianer, welche Hearne besuchte, die
+Chippewais, die Sioux, die Mandans, und manche Südamerikaner, welche
+Waitz 1, 171-72 zusammenstellt. Und während einzelne Theile
+melanesischer Bevölkerung meist nur kinderarme Familien aufweisen, ist
+das Gegentheil bei anderen, z.B. den Fidschis der Fall; dieselben
+Gegensätze zeigt Mikronesien und Polynesien, in welchem letzteren Gebiet
+z.B. Tonga ganz anders als Tahiti und die Markesasinseln nur fruchtbare
+Ehen kennt. Und wer hat je etwas der Art von dem Brudervolk der
+Polynesier, von den Malaien gehört? Gedeihen sie nicht reichlich in
+ihrer Inselwelt und müsste nicht, wäre die Unfruchtbarkeit
+Raçencharakter, sie sich auch bei ihnen vorfinden?
+
+Umgekehrt aber findet sie sich bei Kulturvölkern, bei denen die oben
+besprochenen Gründe wirksam sind, wofür Waitz 1, 173 einige Beispiele
+aufstellt. Wo diese Gründe aber wegfallen, da sind die Weiber auch sonst
+minder fruchtbarer Stämme mit Kindern gesegnet. Neuseeländerinnen mit
+Europäern (Dieffenbach 2, 152) und Botokudinnen mit Weissen oder Negern
+vermählt (Tschudi 2, 284) pflegen sehr fruchtbar zu sein, weil dann die
+Frau meist ein ruhigeres, besseres Leben hat, wie Tschudi dies sehr
+richtig a.a.O. erklärt, nicht aber etwa in Folge der Vermischung und des
+Einflusses einer höheren Raçe, da ja in der Ehe mit Negern dasselbe
+Verhältniss eintritt.
+
+Wir würden schon hieraus die Unfruchtbarkeit der Weiber vollkommen
+erklärlich finden, ohne Hinzunahme einer so wenig begründeten Theorie,
+wie die von der minderen Zeugungsfähigkeit der hinschwindenden Raçen.
+Aber einen der wichtigsten Gründe, welcher nicht nur diese
+Unfruchtbarkeit, sondern überhaupt die Verringerung der Naturvölker
+nicht zum mindesten Theil erklärt, haben wir noch zu besprechen: es ist
+das weitverbreitete Tödten der Kinder vor oder gleich nach der Geburt.
+
+Bei den Hottentotten (Sparmann 320) herrschte die Sitte, Säuglinge,
+deren Mutter starb, mit dieser zugleich zu begraben oder auszusetzen;
+ebenso tödteten sie von Zwillingen das eine Kind. Künstliche
+Fehlgeburten kamen häufig bei ihnen vor. Noch häufiger war dies alles
+bei den Buschmännern, welche bei ehelichen Streitigkeiten, bei
+Nahrungsmangel, der sie oft genug betraf, und bei eiliger Verfolgung die
+Kinder tödteten, aus Rache und Zorn gegen den Ehegatten, oder weil sie
+dieselben nicht ernähren, nicht mitnehmen konnten; das heisst in den
+meisten Fällen, weil sie jede ungewöhnliche Anstrengung, welche ihnen
+die hülflosen Kinder auferlegt hätten, scheuten. Zwillinge und
+missgestaltete Kinder wurden stets umgebracht (Waitz 2, 340 und daselbst
+die Quellen).
+
+Ebenso war es in Amerika, namentlich in der südlichen Hälfte des
+Kontinentes, während die Indianer Nordamerikas, wie sie überhaupt höher
+stehen, auch ihre Kinder besser halten, ja sie oft mit der innigsten
+Liebe pflegen. So verwenden z.B. die Potowatomi auch auf arbeitsunfähige
+und blödsinnige Kinder zärtliche Sorgfalt (Waitz 3, 115-16); und die
+Huronen zogen auch solche Säuglinge auf, deren Mutter gestorben war
+(Waitz b, 100). Künstlicher Abortus dagegen war weit verbreitet unter
+den Thakallis, dem westlichsten Stamm der Athapasken, welcher auch sonst
+sehr tief stand und von Keuschheit oder ehelicher Treue keinen Begriff
+hatte (Waitz b, 90). Dass die Knisteno namentlich ihre weiblichen Kinder
+tödteten, um sie vor dem elenden Loos des Lebens, das sie erwartete, zu
+behüten (Waitz 3, 103), ist schon erwähnt. Und nun gar in Südamerika.
+Die Guanas (Azara 232) bringen die meisten Mädchen sofort bei der Geburt
+um, indem sie die Neugeborenen lebendig begraben; überhaupt aber ziehen
+sie nur etwa die Hälfte ihrer Kinder auf. Da es bei den Tupis Sitte war
+(Waitz 3, 423), die Neugeborenen dadurch anzuerkennen, dass man sie vom
+Boden aufhob, so können wir hieraus schliessen, dass bei ihnen,
+wenigstens in früherer Zeit, viele Kinder, die man eben nicht aufhob,
+getödtet sind. Von den Guaikurus (östlich vom oberen Paraguay) berichtet
+Azara 273, dass die ganze Nation hauptsächlich durch Abtreiben der
+Kinder, von denen sie nur das letzte und also, da diese Rechnung sehr
+unsicher ist, oft keins schonten, ganz verschwunden sei; und wenn wir
+auch mit Waitz (3, 430) diese Nachrichten, sowohl in Beziehung auf ihr
+Aussterben--denn Castelnau z.B. fand 6 Stämme von ihnen, darunter zwei
+ackerbauend, am Paraguay vor--als auch in Betreff dieser furchtbaren
+Ausdehnung des Kindermords für übertrieben halten, so muss doch
+künstlicher Abortus bei ihnen vorzugsweise verbreitet gewesen sein, wie
+ihn auch noch neuere Reisende, Martius, Castelnau bei Waitz 3, 472 als
+gewöhnlich unter ihnen angeben. Auch von den Mbayes, welche indess von
+den Guaikurus nicht zu trennen sind, gibt Azara 250 genau dasselbe an:
+sie tödten alle Kinder bis auf eins, bisweilen auch alle insgesammt. Als
+Gründe für diese Sitte geben die Indianerinnen an, regelmässige Geburten
+machten sie vor der Zeit alt und hässlich, auch sei es ihnen, bei ihren
+ewigen Wanderzügen, wo sie selbst oft nichts zu essen hätten, sehr
+schwer mehr als ein Kind mitzunehmen und zu erhalten. Fühlte sich also
+eine Frau schwanger, so legte sie sich auf die Erde und andere Weiber
+gaben ihr so lange die heftigsten Schläge auf den Unterleib, bis Blut
+und bald darauf die Frucht abging, eine Operation, an der natürlich
+viele Weiber sogleich oder kurz darauf starben, andere wenigstens ihr
+ganzes Leben siechten (Azara a.a.O.). Auch bei den Abiponen herrschte
+dieser Gebrauch; mehr als zwei Kinder zogen sie nicht auf (Waitz 3,
+476). Die Tobas (zwischen Abiponen und Guaikurus, östlich vom Paraguay)
+tödten viele ihrer Kinder (Waitz 3, 475), die Lules (östlich von den
+Tobas) alle unehelichen, von Zwillingskindern, welche für ein Zeichen
+von Untreue gelten, immer eins, und wenn die Matter stirbt, so begraben
+sie den Säugling mit ihr (Waitz 3, 480). Die Yurakares, westlich vom
+Titikaka-See, mordeten ihre Kinder, wenn sie keine Lust hatten, sie
+weiter zu verpflegen (Waitz b, 100). Die Moxos tödteten von Zwillingen
+immer das eine Kind und begruben kleine Kinder mit ihrer Mutter, wenn
+diese starb (Waitz 3, 537). Gegen Zwillingskinder wandten sie diese
+Massregel an, weil man in einer solchen Doppelgeburt etwas
+Thierähnliches sah (Waitz b, 100). Die Chiquitos (zwischen dem oberen
+Paraguay und dem Titikaka) hatten so wenig Anhänglichkeit an ihre
+Kinder, dass sie dieselben leicht fortgaben oder verkauften (Waitz 3,
+530) und von den Minuanes (am unteren Parana) erzählt Azara 191 ganz
+ähnliches; waren die Kinder entwöhnt, so kümmerten sich die Eltern gar
+nicht mehr um sie, vielmehr wurden sie von verheiratheten Verwandten
+aufgezogen. Bei den caribischen Völkern herrschten dieselben Sitten, wie
+dies Humboldt b 4, 225-28 genauer schildert. Von Zwillingen tödten sie
+immer ein Kind, um nicht wie Ratten, Beuteltiere und das niederste
+Gethier, das viele Jungen zugleich wirft, zu sein, oder weil man auch
+hier in einer solchen Doppelgeburt ein Zeichen von Untreue sieht. Auch
+missgestaltete, ja selbst schwächliche Kinder werden getödtet, um sich
+der Last, die man später mit ihnen haben würde, zu entziehen. Die Frauen
+dieser Völker haben verschiedene Pflanzenaufgüsse, welche sie zum
+Abtreiben anwenden und zwar in verschiedenen Gegenden zu verschiedener
+Zeit, je nachdem sie es für die Gesundheit und die Schönheit früh oder
+spät Kinder zu bekommen für zuträglich halten. Auch bei den Makusis
+sieht Schomburgk (2, 312), so sehr er auch sich gegen diese Annahme
+sträubt, sich genöthigt, an künstliche Fehlgeburten zu glauben. Wenn er
+aber meint (313), dass Zwillinge bei ihnen nicht getödtet würden, und
+dass überhaupt solche Geburten höchst selten bei ihnen seien, weil er
+nur zweimal unter den Eingeborenen von Guyana, einmal unter den Makusis,
+einmal unter den Waikas Zwillinge sah und nie von ihnen reden hörte, so
+ist das sicherlich unrichtig, denn er selbst erzählt, dass die Frauen
+jener Völker auf seine Bemerkung, die Europäerinnen bekämen bisweilen
+zwei, ja drei Kinder, den Mund spöttisch verziehend geantwortet hätten:
+wir sind keine Hündinnen, die einen Haufen Junge werfen.[G] Also auch
+hier dieselbe Auffassung wie überall in Südamerika und sicher auch
+derselbe Gebrauch. Schon die Seltenheit von Zwillingen spricht dafür;
+und wenn die Indianer nie von Zwillingen sprechen, so erklärt sich das
+aus dem herrschenden Gebrauch, von der Ermordung der Kinder überhaupt
+nicht zu reden; man thut, als seien sie eines natürlichen Todes
+gestorben: »Das arme Kind konnte nicht mit uns Schritt halten; man hat
+nichts mehr von ihm gesehen« (Humboldt 64, 226).
+
+Auch bei den Kulturvölkern Amerikas herrschte derselbe Brauch. Die
+Mexikaner, in dem Glauben, dass Zwillinge den Tod des Vaters oder der
+Mutter vorbedeuteten, tödteten oft das eine der beiden Kinder (Waitz 4,
+164). Die Chibchas, in Neu-Granada, thaten dasselbe, weil sie in
+Zwillingsgeburten die Folge grober Ausschweifungen sahen (eb. 4, 367).
+Auch in Peru galten Zwillinge als üble Vorbedeutung für die Eltern, der
+man in vielen Theilen des Landes durch Fasten (eb. 417), in anderen
+durch Tödtung eines der Kinder vorzubeugen suchte (eb. 461). Die
+darischen Weiber sollen ihre Kinder getödtet haben, um ihre Schönheit zu
+bewahren (350). Die zu den Chibchas gehörenden Panches tödteten alle
+ihre Kinder, so lange ihnen nur Mädchen geboren wurden (eb. 376); und
+hier mag denn den Schluss die Bemerkung bilden, dass die vielfach
+vorkommende Tödtung der Mädchen ursprünglich wohl nicht den Grund hatte,
+den Töchtern ein schlimmes Lebensloos zu ersparen, welche Auffassung
+gleichwohl späterhin gegolten haben mag: der Hauptgrund war gewiss ein
+abergläubisch-religiöser oder wenigstens der, dass man Knaben der
+Kriegstüchtigkeit halber und weil man sie für vortrefflicher hielt,
+lieber sah als Mädchen.
+
+Dieselben Sitten galten in Neuholland. Stirbt die Mutter eines
+Säuglings, so wird derselbe mit ihr begraben und von Zwillingen stets
+das eine Kind getödtet (Freycinet 2, 747), in Ost- und Westaustralien;
+missgestaltete Kinder oder solche, die bei der Geburt Schmerzen
+machen--diese alle gewiss, weil man sie von bösen Geistern besessen
+glaubt--tödtet man gleichfalls, so wie alle Kinder von europäischen
+Vätern, welche die Mutter verliessen (Grey 2, 251. Bennet 1, 122). Von
+Mischlingskindern tödtet man nach Breton (231) indess nur die Knaben,
+nicht die Mädchen, während sonst die Mädchen so vorzugsweise getödtet
+werden, dass nach Grey (2, 251) das Verhältniss der Weiber und Männer
+wie 1: 3 ist. Jede Mutter tödtet ihr drittes, bisweilen schon ihr
+zweites Mädchen, wenn es nicht eine fremde Frau als ihr Kind annimmt
+(Salvado 111). Fehlgeburten werden oft herbeigeführt und Neugeborene oft
+getödtet, um der Last und der Schwierigkeit, Kinder aufzuziehen, zu
+entgehen (Meinicke a 2, 208). Ja es soll sogar vorkommen, dass Eltern
+ihre neugeborenen Kinder selbst auffressen (Stanbridge, transaction of
+the ethnol. Society X. S. 1, 289; Australia felix 129; Angas 1, 73). Auf
+Vandiemensland dagegen herrschte der Kindermord nicht (Bibra 16).
+
+Wohl aber in Melanesien, und so auf Vate (Gill 67), wo man neugeborene
+Kinder lebendig begrub und nur zwei bis drei aufzog (Turner 394), und
+ebenso war es auf Erromango (Turner 491) und in grösster Ausdehnung auf
+den Inseln in der nächsten Nähe von Neuguinea (Reina in Zeitschr. 4,
+359). Auf den Fidschiinseln war der Kindermord gleichfalls nicht selten,
+wie Williams und Calvert (1, 180) berichten und das Gemälde, das sie
+entwerfen, ist düster genug: künstliche Fehlgeburten, Tödtung der
+Kinder, namentlich der Mädchen, gleich nach der Geburt, ist sehr häufig,
+aus Laune, aus Faulheit, aus Eifersucht und Rache; wie in Polynesien gab
+es auch hier in jedem Dorf Leute, welche Fehlgeburten herbeizuführen
+verstehen. Hale (66) schreibt den Fidschis dieselbe Sitte zu, welche wir
+bei den Tupis fanden und welche ja auch unter den Indogermanen eine so
+weit verbreitete war, dass alle Kinder, welche der Vater oder Priester
+nicht unmittelbar nach der Geburt vom Boden aufnimmt, als
+»ausgestossene« getödtet werden.
+
+Aber schlimmer noch und wahrhaft in entsetzlicher Ausdehnung tritt der
+Kindermord auf im übrigen Ozeanien. Wir beginnen mit Mikronesien.
+Während allerdings die Carolinen frei von diesem Verbrechen waren
+(Chamisso 137), durfte auf den Ratakinseln keine Mutter mehr als drei
+Kinder grossziehen: alle übrigen wurden umgebracht (Chamisso 119); und
+ebenso ist, um übergrosse Bevölkerung zu vermeiden, künstlicher Abortus
+bei den Gilbertinsulanern nach Gulick (410), allerdings gegen Hales
+Ansicht, häufig. Von der Kingswillgruppe, aber mit Ausnahme von Makin,
+sagt auch Hale dasselbe (96). Nach alledem, was wir von den marianischen
+Uritaos wissen, scheinen auch sie, obwohl bestimmte Daten darüber
+fehlen, die Kinder, welche ihnen bei ihren Ausschweifungen und
+namentlich die, welche von niederen Weibern geboren worden, getödtet zu
+haben.
+
+Im eigentlichen Polynesien nun bleiben auf Tikopia nur die ältesten
+beiden Söhne am Leben, um die Insel nicht zu übervölkern, so wie alle
+Mädchen, daher die Insel weit mehr Weiber als Männer hat (Dillon 2,
+134). Auf Tonga kam der Kindermord, dessen Motiv dann meist Trägheit
+oder Bequemlichkeit ist, nur vereinzelt vor (Mariner 2, 18-19), auf
+Samoa aber gar nicht (Wilkes 2, 80, Williams 560) und ebenso wenig, um
+das hier gleich anzuschliessen, auf den Herveyinseln (Williams 560).
+
+Allein auf Tahiti war das Verbrechen so im Schwunge, dass Ellis (1, 249)
+annimmt, es habe sich in der Ausdehnung, wie er es vorfand, erst in
+etwa den letzten 50 Jahren vor der Entdeckung, ausbreiten können, weil
+sonst eine so zahlreiche Bevölkerung, wie sie Wallis und Cook vorfanden,
+sich unmöglich habe erhalten können. Cook fand den Kindermord schon
+allgemein verbreitet vor und suchte vergeblich den König Otu zu seiner
+Abschaffung zu veranlassen. Auch die Missionäre des Duff (1796) fanden
+die Tödtung der Kinder als etwas ganz Selbstverständliches, über das mit
+der grössten Gleichgültigkeit geredet wurde (Wilson 272. 310); und mit
+demselben Entsetzen über diese Gleichgültigkeit wie Wilson sagt auch
+Ellis, dass etwa zwei Drittel der Kinder getödtet seien. Die ersten drei
+Kinder wurden es meist, Zwillinge gleichfalls, mehr wie zwei oder drei
+Kinder zog Niemand auf. Allein eben dadurch konnten sich die Geburten
+rascher folgen und so fand Ellis Frauen, welche vier, sechs, acht, ja 10
+und noch mehr Kinder getödtet hatten (1, 250. 251); ja er versichert,
+und da kein Stand von dem Gebrauche ausgeschlossen war, ganz glaublich,
+kein Weib gefunden zu haben, das nicht seine Hände mit dem Blut der
+eigenen Kinder befleckt hätte. Unter den Areois nun war es so strenges
+Gesetz, alle Kinder, welche den Mitgliedern der Gesellschaft geboren
+wurden, zu tödten, dass wer sich diesem Gesetz nicht fügte, sofort
+ausgestossen wurde. Die einzigen Ausnahmen, welche gestattet waren,
+bestanden darin, dass die ersten Fürsten ihren ersten Sohn behielten und
+dass die vornehmsten Areois (die Gesellschaft hatte 12 Grade, Mörenhout
+1, 489) nur ihr ältestes Kind so wie alle Mädchen tödteten. Das letztere
+geschah auch hier wohl aus religiösen Gründen oder weil man die Mädchen
+für geringer als die Knaben hielt; Mörenhout, dem diese Nachrichten
+entlehnt sind--er handelt von den Areois 1, 485-98--ist der Meinung,
+alle diese Morde seien vollbracht, um die Volksmenge der Insel nicht
+übergross werden zu lassen, welcher Ansicht man kaum beipflichten wird;
+wie denn auch das tahitische Volk selbst der Ansicht war, die Weiber
+brächten zur Conservirung ihrer Schönheit die Kinder um. Dass alle
+Kinder einer Mischehe--wenigstens, nach Williams 565, eines gemeinen
+Mannes und einer adligen Frau--umgebracht wurden, versteht sich nach den
+Begriffen, welche man über die verschiedenen Stände hatte und nach denen
+der Adel ganz göttlich, das Volk aber nicht einmal im Besitz einer Seele
+war, von selbst. Für Tonga wählte man solche Kinder vorzüglich
+gern, nach Mariner, zu Opfern aus. Und so war es auf allen
+Gesellschaftsinseln. Williams erzählt von Raiatea, wo er (1829) seine
+Station hatte, folgendes Beispiel. Er sass mit Bennett in einem Zimmer,
+in dessen Hintergrund mehrere eingeborene Weiber arbeiteten und als
+Bennett sich bei ihm nach der Ausdehnung des Kindermords erkundigte, so
+fragte er, um sich selbst zu überzeugen, ob das Verbrechen so allgemein
+sei als er glaube, die zufällig anwesenden Weiber, die er nicht weiter
+kannte, wie viel Kinder jede getödtet habe: neun die eine, sieben die
+andere, die dritte fünf, also alle drei zusammen 21! Eine andere Frau
+bekannte sterbend, dass sie 16, ein vornehmer Häuptling, dass er 19
+umgebracht hätte und manche Familien hatten alle getödtet (Williams
+562-565). Als Gründe geben ihm die Eingeborenen an, zunächst Furcht vor
+den ewigen Kriegen und ihren blutigen Zerstörungen; man wollte von den
+Kindern nicht gehindert sein, auch wohl böse Schicksale ihnen ersparen
+und was wohl der Hauptgrund war, dem Feind keine Gelegenheit zu irgend
+welchem Triumph (etwa durch Gefangennehmung oder Ermordung der Kinder)
+geben. Zweitens war aber die Verschiedenheit des Ranges ein wichtiger
+Grund. War ein Mann von niederem Rang als seine Frau, so konnte er durch
+Tödtung von zwei, vier oder sechs Kindern, je nachdem er tiefer stand,
+zum Rang der Frau sich erheben und die Kinder, welche ihm, nachdem er
+diese Stufe erreicht, geboren wurden, blieben am Leben. Die Frau aber,
+welche von minder hohem Range als ihr Mann war, konnte, da alle
+Vererbung nur in weiblicher Linie erfolgte, sich durch kein Mittel, auch
+dieses nicht erheben. Blieben aber in gemischten Ehen die Kinder ohne
+Weiteres am Leben, so sank die Familie auf den Rang herab, welchen der
+minder vornehme der Eltern inne hatte (Ellis 1, 256). Als dritten Grund
+führt Williams die Eitelkeit der Weiber auf: sie wollten ihre Schönheit
+nicht durch Säugen und Kinderpflegen gefährden. Der Hauptgrund scheint
+aber, wenn nicht in frühester, vorhistorischer Zeit religiöse Motive
+mitwirkten, Faulheit gewesen zu sein: auf der Insel, welche eine
+vielfach grössere Bevölkerung leicht ernähren konnte, hiess ein Vater
+von vier Kindern schon ein »arg überbürdeter« Mann (Ellis a.a.O.).
+
+Man tödtete die Kinder, indem man ihnen einen nassen Lappen auf den Mund
+legte, oder ihnen die Kehle mit dem Daumen zupresste, oder sie, noch im
+Mutterleibe, aber während der Geburt, mit einem spitzen Bambus
+durchbohrte; oder man begrub sie lebendig und zwar gerne so, dass die
+Erde nicht unmittelbar auf sie kam, sondern sich über ihnen her wölbte
+(Williams und Ellis a.a.O.). Eine vierte noch viel scheusslichere Art
+beschreibt Williams 567-568: zuerst wurden den eben Geborenen die
+äussersten Glieder an Finger und Zehen, dann, wenn sie davon nicht
+starben, die Hand- und Fussknöchel gebrochen. Ueberstand das Kind auch
+das, so kamen die Kniee und Ellenbogen an die Reihe, und wenn es dann
+immer noch lebte, so wurde es schliesslich erwürgt. Indess ist die That
+scheusslicher als die Gesinnung, welche sie hervorbrachte: denn ohne
+Zweifel wandte man diese grässlichen Todesarten aus keinem anderen
+Grunde an als aus Ehrfurcht vor der Seele des Kindes, die auf möglichst
+gelinde Weise, von aussen her, zur Entfernung mehr aufgefordert als
+genöthigt werden sollte, und erst wenn sie diese Aufforderung gar nicht
+verstand, trat Zwang ein. Denn die Seelen der getödteten Kinder, die
+man sich unter der Gestalt von Heuschrecken nach Mörenhout dachte,
+galten für heilig und wurden hoch geehrt. Auch hier gab es fast in jedem
+Dorfe Leute, welche aus dem Kindermord Gewerbe machten (Williams 568)
+und doch, war einem Kinde auch nur eine Viertelstunde das Leben erhalten
+worden, so durfte es nicht mehr getödtet werden, und hatte dann sehr
+liebevolle, ja wohl zärtliche Eltern.
+
+Wo möglich noch roher waren die Bewohner der Sandwichsinseln. Hier
+herrschte der Kindermord namentlich in den unteren Klassen, von denen
+die Eltern selten, mochten die Ehen auch noch so fruchtbar sein, mehr
+als zwei oder drei, vielmehr oft nur ein Kind aufzogen. Auch hier sind
+(Ellis 4, 326-330) 2/3 der Kinder getödtet und zwar meist durch Erwürgen
+oder lebendig Einscharren, wobei man sie ohne Weiteres mit Erde bedeckte
+und diese mit den Füssen feststampfte. Hier begrub man die kleinen
+Leichen oft im eigenen Hause, ja im eigenen Schlafgemach der Eltern,
+während man zu Tahiti ihnen doch wenigstens einen Platz neben dem Hause
+gab. Oft waren es, hier wie zu Tahiti, die Eltern selbst, welche die
+grauenvolle That vollbrachten. In Hawaii war der Grund zu diesem Mord
+meist Trägheit nach Ellis 4, 329 und Eitelkeit der Weiber, nach Jarves
+85. Während aber zu Tahiti die Kinder, welche die erste halbe Stunde
+überlebt hatten, gerettet waren und zärtlich aufgezogen wurden; so
+tödtete man zu Hawaii, mit viel grösserem Stumpfsinn, die Kinder auch
+noch nach einem Jahre, ja noch später. War ein Kind krank und machte
+Unruhe, so begrub man es lebendig, schrie es der Mutter zu unerträglich,
+so stopfte sie ihm ein Stück Zeug in den Mund und grub die unglückliche
+Creatur in die Erde, wenige Schritte von ihrem Bette, zu welchem sie
+nach vollbrachter That, als ob nichts geschehen wäre, ruhig zurückkehrte
+(Ellis 4, 330). Und selbst dies wird noch durch folgenden Fall, den
+Ellis gleichfalls (326) erzählt, überboten. Ein Mann und eine Frau,
+welche ein Kind, einen hübschen Jungen, nach Jarves (73) von sieben
+Jahren, hatten, geriethen über denselben in Streit und da die Frau nicht
+nachgab, ergriff der Vater das Kind bei Kopf und Fuss, brach ihm über
+seinem Knie den Rücken entzwei und warf die zuckende Leiche der Mutter
+zu Füssen! Tamehameha, bei dem die Unthat angezeigt wurde, erklärte, er
+könne nicht strafend eingreifen, da der Mann sein eigen Kind umgebracht
+habe.--Auch in Neuseeland findet sich der Kindermord gar nicht selten
+(Angas 1, 313); er ist aber, wie in Tahiti, nicht mehr statthaft, wenn
+das Kind auch nur eine halbe Stunde gelebt habe. Will man es tödten, so
+wird es meist lebendig begraben oder bei der Geburt erwürgt. Rache ist
+häufig das Motiv hierzu, wegen harter Behandlung der Frau während ihrer
+Schwangerschaft, oder weil der Vater sie verliess oder aus irgend
+welchem anderen Grunde (Dieffenbach 2, 25 ff.). Trägheit aber steht auch
+hier in erster Linie. Namentlich Mädchen brachte man um (Taylor 165).
+Auch Abortus ist häufig: und so ist es nicht zu verwundern, dass (Browne
+40) die Ehen durchschnittlich kaum mehr als zwei Kinder haben.
+Allerdings herrschen diese furchtbaren Gebräuche am meisten an der
+Küste; im Innern sind die Familien zahlreicher, ja Dieffenbach (2, 33)
+sah bis zu 10 Kindern in einer. Gegen die geschonten Kinder sind die
+Maoris liebevolle (Dieffenbach 2, 25 ff.), wenn auch nicht gerade
+zärtliche Eltern (Browne 39).
+
+Es könnte scheinen, als hätten wir uns schon allzu lange bei diesem
+abschreckenden Gegenstande aufgehalten und seien zu sehr ins Einzelne
+gegangen, allein dies genauere Eingehen war nöthig für folgenden
+Nachweis. Da alle Polynesier liebevolle Eltern sind und wir dennoch
+dieselben Eltern im ganzen östlichen Polynesien so vollkommen abgehärtet
+gegen den Kindermord sehen, dass sie ruhig von allen den
+Scheusslichkeiten sprechen, ja auch schon herangewachsene Kinder
+kaltblütig morden: so kann diese Sitte nicht erst 50 Jahre vor der
+Entdeckung, also um 1700 oder 1710 weiter um sich gegriffen haben, wie
+Ellis will. Jedenfalls muss sie älter sein, auch in dieser Ausdehnung.
+Denn um ein Volk so ganz zu beherrschen, dazu braucht eine solche Sitte,
+auch wenn sie eingeschränkt schon früher im Gebrauche war, mehr als 50
+Jahre. Auch ist uns berichtet, dass die marianischen Weiber ihre Kinder
+vor und bei der Geburt massenweise tödteten, als die Spanier die Inseln
+eroberten, damit die Neugeborenen nicht in Knechtschaft geriethen. Auch
+das setzt schon ein Bekanntsein mit Aehnlichem voraus, und dazu kommt,
+dass sich beim malaiischen Stamm überhaupt die Sitte des Kindermordes
+oder des künstlichen Abortus sehr häufig findet. So treiben die Battas
+häufig die Frucht vorzeitig ab, Waitz 5, 190; die östlichen Malgaschen
+tödten Zwillinge, sowie sie solche Kinder, die an einem bösen Tage
+geboren wurden, ertränkten, aussetzten oder lebendig begruben (Waitz 2,
+441). Die Bisayas ziehen, um nicht zu verarmen, nur wenige Kinder auf,
+und tödten uneheliche Kinder meist, weil das Mädchen, ihr Vater und ihr
+Geliebter für aussereheliche Schwangerschaft Strafe zahlen müssen
+(Loarca in Ternaux Archives 1, 23). Aehnlich die Pintados auf den
+Philippinen, welche ihre Kinder vom 3ten an tödten, indem sie dieselben
+unter Festen und Lustbarkeiten lebendig begraben, so wie auch, um sie
+nicht ernähren zu müssen, alle unehelichen Geburten (nach einem Bericht
+von 1577 in N. Journ. As. VIII, 39, 1831). Auf den Niasinseln setzt man
+die Kinder aus (Domis bei Oosterling tydschrift toegew. van de
+verbreiding d. Kennis v. Oost. Indie II, 2, 125). Abtreiben der Kinder
+bei den Dajaks aus Sittenlosigkeit erwähnt Schwaner Borneo 1, 203.
+
+Wie hat man sich nun die Entstehung dieser schrecklichen Sitte zu
+denken? Ist es bloss Trägheit und Versunkenheit, worin sie wurzelt? In
+Afrika und Nordamerika ist freilich meist das äussere Elend ihr Anlass,
+wie auch die Markesaner ihre Kinder aus Hungersnoth tödteten und assen
+(Ellis 4, 328); allein das reicht weder für Polynesien noch für
+Südamerika aus. Meinicke meint nun (b, 59 bis 60), dass in Polynesien
+der Kindermord eingeführt sei, um die Reinheit des Blutes der
+Aristokratie zu erhalten. Er stützt diese Ansicht, für welche
+historische Gründe sich nicht aufstellen lassen, dadurch, dass, trotzdem
+der Kindermord bei allen Klassen der Bevölkerung vorkommt, er doch zu
+Tahiti zumeist von den Areois ausgeht, dass alle Kinder aus gemischten
+Ehen, die bei der förmlichen Berechtigung der Vornehmen zu jeglichem
+Lebensgenuss gar nicht zu vermeiden waren, getödtet wurden. »So mögen«,
+fährt er S. 60 fort, »solche Kinder seit Jahrtausenden getödtet sein,
+ohne dass dies bei den körperlichen Vorzügen, die dergleichen
+Verbindungen mit Menschen niederen Standes nicht häufig gemacht haben
+werden und bei ihrer geringen Zahl grossen Einfluss gehabt haben wird.
+Aber mit der Zeit fing man an, Kinder auch zu tödten, um durch die
+Sorge, die sie erforderten, nicht an Ausschweifungen und Vergnügungen
+gehindert zu werden (wie es bei den Areois der Fall war), und endlich
+verbreitete sich die grauenvolle Sitte bloss durch den Einfluss der
+Mode, die auf den Südseeinseln so gut wie in anderen Erdtheilen die
+niederen Stände antreibt, Verkehrtheiten und selbst Laster der Vornehmen
+nachzuahmen, auch unter das Volk, wo sie in der Bequemlichkeit,
+Liederlichkeit, Armuth und den Beschwerden, die Kinder zu erziehen,
+mannigfache Unterstützung fand. Man sieht, dass der Kindermord so mit
+der Zeit stets zunehmen musste und wird hierin eine Hauptursache der
+erstaunlich raschen Abnahme der Bevölkerung zu suchen haben, wenn auch
+die Angaben der Missionäre über die Zahl der hingeopferten Kinder
+übertrieben sein sollten«. Dies letztere ist nun zwar bei den mit
+bestimmten Zahlen angegebenen einzelnen Fällen und der genauen
+Uebereinstimmung der Angaben, welche die Missionäre machen, nicht
+wahrscheinlich[H] wie denn Ellis ausdrücklich sagt, dass er Williams
+Angabe, 2/3 der Kinder seien getödtet, an Ort und Stelle geprüft und
+nicht übertrieben gefunden habe. Recht aber hat Meinicke darin, dass
+auch er diese Sitte für eine sehr alte ansieht.
+
+Allein sonst ist seine Ansicht schwerlich richtig. Mag auch späterhin,
+und er hat es gewiss sehr reichlich gethan, der Unterschied zwischen
+Volk und Adel dem Kindermord weitere Ausdehnung verliehen haben;
+veranlasst hat er ihn gewiss nicht, wofür zunächst spricht, dass wir in
+Südamerika den Kindermord fast in ähnlicher Ausdehnung wie in
+Polynesien, jenen Standesunterschied aber nicht vorfanden. Aber auch für
+Polynesien allein wird es bedenklich, den letzteren als alleinige
+Ursache des ersteren anzusehen, wenn man Folgendes erwägt. Williams
+sagt, wie wir schon vorhin sahen, dass ein niederer Mann durch
+Kindermord sich dem Stand seiner vornehmeren Frau angleichen kann; was
+Meinicke, wohl nur durch einen Irrthum seinerseits, für einen Irrthum
+hielt. Denn aller Rang vererbte durch die Mutter; der Adel war ferner
+eine mit Seele begabte, göttliche Klasse, im Gegensatz zu dem
+unbeseelten, irdischen Volk. Kinderseelen nun, welche nach Mörenhout für
+besonders heilig gehalten und zu denen als Vermittlern zwischen Göttern
+und Menschen besonders gebetet wurde, konnten, wenn für den unbeseelten
+Mann geopfert, ihm, sei es durch direkten Uebergang in ihn, oder sei es
+durch Vermittlung bei den Göttern, zu einer Seele verhelfen, wodurch er
+zu höherem Rang emporstiege. Die Areois sind eine religiöse
+Gesellschaft; religiöse Scheu zeigte sich in der Art, wie man
+(wenigstens in Tahiti) die Kinder umbrachte; man hat sie also in vielen
+Fällen vielleicht nur getödtet, um Schutzgeister zu haben oder sie als
+Opfer fürs eigene Leben--solche Opfer werden wir gleich noch mehr
+sehen--den Göttern darzubringen. Dieselbe Bedeutung hat wohl der
+Kindermord in Mikro-und Melanesien gehabt, wie einzelne Spuren noch
+andeuten, wenn sich auch Zwingendes nicht dafür anführen lässt als eben
+ihre Verwandtschaft mit den Polynesiern. Wenn aber Meinicke sagt, die
+Sitte müsse überall geherrscht haben und sei, wo wir sie nicht erwähnt
+finden, wie in Tonga, nur übersehen, so kann man das nicht zugeben; der
+so feinen und scharfen Beobachtung Mariners hätte sich ein so
+auffallender Gebrauch nicht entziehen können und er führt 2, 18-19 einen
+Fall der Art ausdrücklich als etwas Ausserordentliches an. Aber möglich
+ist es, ja wahrscheinlich, dass die Sitte auch in Tonga ursprünglich
+geherrscht hat, nur während sie sich im übrigen Polynesien ausbreitete,
+so erlag sie schon sehr früh und lange vor der Entdeckung dem besseren
+Sinn der Tonganer, wie sie auch andere ähnliche Sitten aufgaben, z. B.
+die Ermordung der Weiber beim Tode der Männer, von der Mariner als von
+einer früher gebräuchlichen hörte (1, 342), die aber zu seiner Zeit
+schon ausser Gebrauch gekommen war.
+
+Da wir nun Gründe haben, bei den Polynesiern diesen Gebrauch für einen
+ursprünglich religiösen zu halten, der freilich in späterer Zeit aus
+ganz anderen Motiven, aus Faulheit, Eitelkeit, Lieblosigkeit,
+Standeshochmuth u.s.w. sich unendlich verbreitete und das ganze Leben
+der Nation in der neuen Gestalt anfrass; so möchte auch die ziemlich
+weite Verbreitung der Sitte, wie wir sie im eigentlichen Malaisien von
+Luzon bis nach Madagaskar hin nachwiesen, auf demselben Princip beruhen.
+Wie es sich in Südamerika hiermit verhält, lassen wir, da es uns an
+älteren Daten fehlt, unerörtert; doch hat hier vielleicht eine ähnliche
+Grundanschauung geherrscht, als wir sie für Polynesien annahmen. Denn in
+Mexiko wenigstens glaubte man, kleine Kinder, welche stürben, seien den
+Göttern besonders lieb; sie kämen zu einem Baum, von welchem beständig
+Milch herabträufele, und seien Vermittler zwischen Göttern und Menschen
+(Waitz 4, 166). Kinderopfer, um die Götter gnädig zu stimmen, kamen viel
+bei ihnen vor (4, 159) und das Bild des Gottes, das sie bei der
+Ceremonie, die unserem Abendmahl ähnlich ist, unter sich vertheilen und
+als »das Fleisch Gottes« verzehren, war mit Kinderblut angefertigt, wie
+auch bei den Totonaken die Kuchen bereitet waren, welche sie »das Brot
+unseres Lebens« nannten (Waitz 4, 161). Jetzt scheint diese Sitte dort
+keine anderen Motive zu haben, als Eitelkeit, Faulheit und Elend und
+Noth[I]. Das Tödten von Zwillingen oder des einen von beiden Kindern
+beruht auf anderen Grundlagen: es geht aus von dem Schreck über das
+portentum einer mehrfachen Geburt, in welcher man etwas Unnatürliches
+und daher Unheimliches oder aber eine Thierähnlichkeit sah.
+
+
+
+
+§ 9. Krieg und Kannibalismus.
+
+
+Haben wir oben gesehen, wie wenig das Menschenleben bei den Naturvölkern
+geachtet wurde, so werden wir von seinem geringen Werth bei ihnen im
+Folgenden noch massenhaftere Beispiele finden, da wir uns zunächst mit
+der Frage beschäftigen müssen, welchen Einfluss auf Zahl und Existenz
+dieser Völker haben Krieg, Kannibalismus und Menschenopfer gehabt?
+
+Freilich scheint die Art der Kriegführung bei den unkultivirten Stämmen
+mindere Opfer als bei den kultivirten gefordert zu haben. Denn so
+kriegerisch auch die Nordamerikaner waren, so sehr ihr ganzes Leben
+beinah auf dem Krieg beruhte, so galt ihnen doch eine Art der
+Kriegführung, wie die europäische, wo man in offener Feldschlacht stets
+das eigene Leben in Gefahr setzt, für Thorheit, ihr Krieg bestand nur in
+Ablauern des Feindes, in Ueberfall und Hinterhalt; daher er denn, dem
+entsprechend, minder durch Tapferkeit als durch Schnelligkeit,
+Schlauheit und Verwegenheit geführt wurde. Aber dafür endete auch der
+Krieg bei ihnen nie: denn Grenzverletzungen oder Blutrache, sowie Rache
+für Zauberei (durch die man jeden Todesfall, namentlich aber den Tod von
+Häuptlingen verursacht glaubte) oder alter, einmal eingewurzelter und
+durch stets neue schlimme Thaten niemals verlöschender Stammhass
+erregten ihn immer aufs Neue. Und gerade diese versteckte, fast feige
+scheinende Art, wie sie den Krieg führten, brachte oft ein furchtbares
+Blutvergiessen hervor, da bei den Ueberfällen der meist unvorbereitete
+und wehrlose Feind ganz und gar mit Weib und Kind niedergemetzelt wurde,
+schon der Skalpe wegen, deren Erbeutung ja den Siegern die grösste
+Herzenssache und Ehre war. In Virginien zwar und bei den Huronen wurden
+Weiber und Kinder meist zu Gefangenen gemacht; war der Kampf aber lang
+und erbittert gewesen, so mordeten auch hier die Sieger so lange als sie
+die Arme heben konnten (Waitz 3, 150-154). Und gefangene Feinde, die
+Männer wurden ja von diesen Völkern wie bekannt so gut wie immer
+getödtet. Dass aber solche Kriege der Existenz ganzer Völker
+verhängnissvoll geworden sind und also, als für ihr Aussterben
+grundlegend, recht eigentlich zu unserer Betrachtung gehören, dafür hat
+Waitz, was Amerika betrifft, 1, 165, Zeugnisse gesammelt. »Die
+Kupferminenindianer sagt er an dieser Stelle, wurden durch die
+Hundsrippenindianer (Hearne) fast vertilgt, die Moquis durch die Navajos
+im hohen Grade geschwächt (Schoolcraft), die Osagen durch ihre
+erstaunlich vielen Feinde innerhalb 10 Jahren auf die Hälfte ihrer
+früheren Anzahl reducirt. Der kleine Rest des besiegten Volkes wird dann
+nicht selten von dem siegenden in sich aufgenommen und sein Name
+verschwindet von da an aus der Geschichte. Auf diese Weise sollen z.B.
+die Creecks allmählich die Reste von 15 anderen Stämmen verschlungen
+haben.« Auch die Irokesen (Waitz 3, 155) haben ausserordentlich durch
+derartige Kriege gelitten. Jenseits des Felsengebirges sind die Kriege
+viel milder und thun im Ganzen wenig Schaden (3, 338) und ebenso ist es
+auch bei den Oregonvölkern, wenn diese gleich viel kräftiger zu sein
+schienen als die Nulkas und Chinooks.
+
+Der Kannibalismus, welcher vom Kriege nicht zu trennen ist, hat auf die
+Völker Nordamerikas keinen sehr bedeutenden und für ihre Zahl durchaus
+ungefährlichen Einfluss gehabt. Er findet sich bei manchen Völkern, z.B.
+den nördlichen Athapasken, den Hasenindianern, Nipissangs, den Crees,
+Ojibways, doch ist bei allen diesen das Entsetzen vor der That ein ganz
+ausserordentliches. Ebenfalls findet er sich, und durch gleiche
+Veranlassung, bei den Indianern in Canada, die ihn aber minder
+verabscheuen (Waitz 3, 89). Allein bei den Algonkins und den Irokesen,
+den Sioux war der Kannibalismus früher (jetzt hat er aufgehört) weit
+verbreitet und besonders merkwürdig ist es, dass es bei den Miami und
+Potowatomi eine besondere, aus bestimmten Familien sich ergänzende
+Gesellschaft gab, welche Menschenfleisch ass und sich im Besitz von
+übernatürlichen, auf andere übertragbaren Zauberkräften wähnte (Waitz 3,
+159 nach Keating): man wird an die Gesellschaften der Areois auf Tahiti
+und die entsprechenden auf den anderen polynesischen Inseln erinnert.[J]
+Aber bei allen diesen amerikanischen Völkern sowie auch bei den
+Oregonindianern (Waitz 3, 345) ward der Kannibalismus nur an gefangenen
+oder gefallenen Feinden ausgeübt, deren Herz man ass, theils aus Rache,
+theils um sich die Tapferkeit und Kraft dessen, dem das Herz gehörte,
+anzueignen (Waitz 3, 159).
+
+In Südamerika hat der Krieg nicht minder, die Anthropophagie noch weit
+mehr gewirkt, als in Nordamerika: lebte doch hier das Volk, welches dem
+Kannibalismus seinen Namen gegeben hat, die Kaniben, Kariben oder
+Karaiben. Ursprünglich auf den kleinen Antillen und dem ihnen
+gegenüberliegenden Festland heimisch machten sie von dort aus, nach
+Columbus Erzählung, verheerende Kriegszüge in weite Ferne, um Weiber zu
+erbeuten, während sie die Männer erschlugen und sie, wie auch ihre
+eigenen mit den gefangenen Weibern erzeugten Kinder frassen (Waitz 3,
+374-375). Auch ihre Weiber waren ausserordentlich kriegerisch und
+kämpften so selbstständig, dass die Sage von den Amazonen, die im
+nördlichen Südamerika häufig vorkommt, durch sie veranlasst zu sein
+scheint. Schomburgk 2, 429 erzählt, dass die Kariben sich namentlich
+gegen die Makusis wandten, um Sklaven zu erbeuten, zu welcher
+Menschenjagd sie von den Holländern aus Eigennutz angetrieben wurden,
+denn diese kauften die Sklaven von ihnen. Er schildert diesen
+scheusslichen Handel näher und sagt, dass er bis gegen die vierziger
+Jahre dieses Jahrhunderts, also bis auf unsere Zeit hin bestanden habe!
+Die Art nun, wie noch jetzt die Kariben von allen anderen indianischen
+Stämmen als Herrn und Gebieter gefürchtet werden, so dass sie ohne
+Weiteres sich in jeder beliebigen Hütte was ihnen gefällt nehmen können
+(ebendas. 427); so wie die blinde Angst, welche man noch jetzt in jenen
+Gegenden vor ihnen hat, lässt erkennen, was sie einst gewesen sein
+mögen. Und wie durch sie die Aturen (Humboldt c, 1, 284) in die
+Katarakten des Orinoko, wo
+
+ ihres Stammes letzte Spuren
+ birgt des Uferschilfes Grün,
+
+hineingedrängt verkamen: so waren die blutigen Kriege, welche von ihnen
+ausgingen, eine Hauptursache für die Verminderung der Stämme in Guyana.
+Indess verzehren sie jetzt (Schomburgk 2, 430) Menschenfleisch nicht
+mehr; und jetzt sind auch sie sehr zusammengeschmolzen (eb. 417), wozu
+ihre eigenen Kriege nicht wenig beigetragen haben mögen. Da nun auch die
+Tupi tapfere, ja wilde Krieger waren (Azara 218) und sie sowohl wie auch
+die Guarani (welche Azara 213 ff. freilich als sehr scheu schildert)
+Menschenfleisch verzehrten; da nun auch fast alle südamerikanischen
+Stämme, die Araukaner (Waitz 3, 529 ff.), Chiquitos (eb. 530), die
+Pampas, Patagonier u.s.w. (Azara an vielen Stellen) sich durch wilde
+Tapferkeit auszeichneten und demzufolge zwischen ihnen fast stetiger
+Krieg herrschte; da sie fast alle Kannibalen waren, wie die Mbayas
+(Waitz 3, 473), ganz besonders die Guaykurus (471), die Tobas (475), die
+Abiponer (476), die Feuerländer (508) und ebenso die Patagonier, welche
+alle feindlichen Männer niederhieben, Weiber und Kinder aber zu
+Gefangenen machten: so werden wir begreiflich finden, dass die Zahl
+dieser Völker, die in so heftigem und unablässigem Kampf mit einander
+sind, auch dadurch abgenommen hat und noch jetzt abnimmt. Tschudi 2, 259
+sagt geradezu, dass die Angriffe der Botokuden auf die von den
+Portugiesen um Rio Janeiro unterworfenen halb civilisirten Indianer die
+Ursache seien, dass jene Gegenden auch heute noch so spärlich bevölkert
+seien. Auch mag daran erinnert werden, dass jene Völker in dem
+Urarigift, mit dem sie ihre Lanzen vergifteten, eine ganz besonders
+gefährliche Waffe haben, da dies Gift auch bei der leisesten Verwundung
+unfehlbar tödtet.
+
+Tüchtige Krieger waren nun, nach der trefflichen Schilderung bei Waitz,
+auch die Kulturvölker des alten Amerikas. Doch da ihre Kriege keine
+Vernichtung des Feindes bezweckten, sondern diesem, auch wenn er besiegt
+wurde, seine Nationalität und Hab und Gut liessen, bis auf den Tribut,
+den sie zahlen mussten (Waitz 4, 77. 406), so konnten diese wohl den
+Namen von Völkern aufhören machen, indem sie das besiegte dem eigenen
+Volke einverleibten, und namentlich in Peru geschah das öfters (407),
+aber ein Volk vernichten oder auch nur so weit verringern, dass seine
+Lebenskraft dadurch gebrochen wäre, konnten sie nicht und haben sie
+nicht gethan, denn Columbus, Cortez und Pizarro fanden dichtbevölkerte,
+blühende Staaten vor. Zwar herrschte auch Anthropophagie in Mexiko: die
+geopferten Sklaven oder Kriegsgefangenen wurden verzehrt, und die
+Ottomies sollen sogar Menschenfleisch auf dem Markte verkauft haben,
+eine Sitte, die man so wenig anstössig fand, dass man offen davon sprach
+und den Spaniern erzählte, ihr Fleisch schmecke bitter (Waitz 4, 158);
+doch liegt es auf der Hand, dass auch diese Sitte dem Bestehen dieser
+Völker oder seiner Nachbarn nicht die mindeste Gefahr brachte, da sie
+sehr wenig ausgedehnt war. Sie scheint ein Recht zu sein aus alter und
+ältester Zeit, wo sie dann freilich weitere Verbreitung gehabt haben
+wird. Auch in Neugranada war Kannibalismus, in manchen Gegenden des
+Landes in sehr roher Form, verbreitet (Waitz 4, 374, 376). Was von den
+Cariben erzählt wird, dass sie ihre eigenen mit gefangenen Weibern
+erzeugten Kinder gefressen hätten, wird auch von ihnen berichtet (4,
+374). Auch in Yukatan (310) fand sich Anthropophagie.
+
+Anders aber finden wir es in der Südsee. Zwar in Australien sind, ausser
+im Norden, die Kämpfe an sich wenig blutig: Hale 115 beschreibt
+dieselben, wie sie meist aus Privatschlägereien entstehen, wie sich dann
+beide Parteien, jede bis 200 stark, heftig und lange erst schelten, und
+dann Mann für Mann vortritt und den Speer schleudert, bis einer
+verwundet wird: dann hört der Kampf auf. Doch fehlt es ihnen keineswegs
+an Muth, Kraft und Standhaftigkeit, wie sie auch Schmerzen mit grosser
+Geduld ertragen (Turnbull 34-35). Allein da die Kriege, bei der
+Verfehdung fast aller Stämme unter einander, doch sehr zahlreich sind
+(Wilson 143 v.d. Rafflesbai), da man manche Stämme von ihnen, namentlich
+die Nordaustralier, deren Krieger und Zauberer durch den ganzen
+Continent aufs Aeusserste gefürchtet sind, als Gegner auch Europäern
+gegenüber keineswegs verachten darf (Grey 1, 152), da ferner auch diese
+Kriege zum grössten Theil in Ueberfall und in Ermorden Wehrloser oder
+Schlafender bestehen und, weil jede solche That wieder Rache verlangt,
+geradezu unendlich sind (Meinicke a 2, 198)--so sind sie für die Zahl
+und das Gedeihen der Einwohner so verhängnissvoll, dass wir sie als eine
+der wichtigeren Ursachen für das Aussterben der Australier hier
+bezeichnen müssen. Auch die Eingeborenen von Vandiemensland lebten unter
+einander in beständigem Streit, der von Stamm gegen Stamm ausgefochten
+wurde (Nixon 26).
+
+Auch Kannibalismus herrscht in Neuholland, doch keineswegs sehr
+ausgedehnt. So brauchen nach Angas 1, 68 die Eingeborenen von Lake
+Albert die Schädel ihrer Feinde als Trinkgeschirre, ganz wie die Inkas
+von Peru (Waitz 4, 413) und die Abiponer, und nach dem bekannten
+Zeugniss des Paulus Diaconus, die Langobarden.[K] Ferner sollen
+Kannibalen im Innern des Landes leben (Angas 2, 231); ganz sicher
+verzehren im Norden Freunde ein Stück vom verstorbenen Freund und an
+Moretonbai assen (Angas 1, 73) Eltern aus Liebe von dem Fleische ihrer
+todten Kinder, eine Sitte, welche nach Anderen auf geliebte Verwandte
+überhaupt ausgedehnt ist (Howitt a, 289. Austral, Felix 134). Sie findet
+sich auch zu Hawaii: dort ass das Volk aus Liebe Fleisch von der Leiche
+seiner verstorbenen Fürsten (Remy XLVIII. 125.[L]) Auch Aberglaube
+diente dazu den Kannibalismus zu verbreiten. Wie bei den Potowatomi und
+den Miami in Nordamerika, wie in so manchem indisch-arabischen Mährchen
+der Genuss des Menschenfleisches höhere übermenschliche Kraft gibt--ein
+Zug, der auch, wie wohl verdunkelt, in deutschen Sagen vorkommt
+(Bechstein, Sagen des Rhöngeb. u. d. Grabfeldes 60 ff.)[M]--ebenso
+müssen in Australien (nach Eyre) die Zauberer Menschenfleisch essen, um
+ihre Wunderkraft zu behalten. Am Lake Alexandrine ist es nicht
+ungewöhnlich, einem lebenden Menschen das Nierenfett auszuscheiden, das
+als Zauber gegen böse Geister von ganz besonderer Kraft sein soll (Angas
+1, 123). Auch Bennet (1, 295) fand Menschenfett als Zaubermittel oder
+Medikament aufgehoben. Meinicke a 2, 184 hat also wohl die Neuholländer
+zu frei von Kannibalismus dargestellt.
+
+Gehen wir nun zu den melanesischen Inseln, so finden wir auf Vanikoro
+unter den einzelnen Stämmen fortwährenden Kampf (D'Urville 5, 165) und
+wenn sie auch keine Kannibalen zu sein behaupten, so dienen die Schädel
+der Feinde doch als Trophäen (eb. 217), welche öffentlich aufbewahrt
+werden. Auch auf Tanna herrscht beständiger Krieg der einzelnen Stämme
+unter einander (Turner 82, Gill 227), da jede Privatbeleidigung einen
+öffentlichen Krieg nach sich zieht (85), und ausgebildetster
+Kannibalismus: die erschlagenen Feinde werden mit Yams gekocht, Farbige
+den Weissen vorgezogen, einzelne Portionen des Fleisches an Freunde
+geschickt als Ehrengeschenke u.s.w. (82). Auch auf Fate und Aneitum,
+obwohl beide minder kriegerisch sind, findet sich der Kannibalismus
+(Turner 393. 371. Gill 66). Erromango und Mare (Nengone), auf welcher
+letzteren Insel zwei feindliche Staaten neben einander bestanden, waren
+fortwährend von leidenschaftlichem Krieg heimgesucht und die
+Anthropophagie hatte hier einen solchen Grad erreicht, dass selbst die
+nächsten Verwandten, wenn man mit ihnen in Streit gerieth, erschlagen
+und gefressen wurden (Gill 10-11; 122. Turner 400. 411). Es ist eine
+leere Behauptung oder auch Einbildung der katholischen Mission, dass sie
+auf Neukaledonien den Kannibalismus hätte aufhören machen (Montreval in
+nouv. annal. de la foi 1854, 94); Turner (um anderer zu geschweigen)
+fand ihn daselbst sehr ausgebildet und so unbefangen, dass er überall
+eingestanden und besprochen wurde (426), wie er uns auch von den
+beständigen Kriegen der Insel (428) berichtet. Die Bewohner von Isabel
+schildert schon Mendana 1595 (Dalrymple 91) als Menschenfresser und
+eifrige Krieger, wie sich auch die Bewohner von Guadalcanar zeigen.
+Eifrige Krieger und Menschenfresser sind auch die Eingeborenen der
+Lusiade (Salerio bei Petermann 1862, 342-344) und von der Nordwestküste
+von Neuguinea sagt einer der besten Kenner dieser Gegenden, Marsden (in
+Transact. of the Reg. Asiat. Soc. 3,125), dass daselbst ein äusserst
+roher Kannibalismus herrsche: man frisst Feinde so gut wie Freunde,
+natürlich Gestorbene so gut wie Erschlagene, und ist dieser Nachricht
+gegenüber nicht abzusehen, wie Finsch (49) seine Behauptung, noch sei
+von keinem glaubwürdigen Manne bestimmte Nachricht über das Vorkommen
+des Kannibalismus auf Neuguinea gegeben, aufrecht halten will. Einzelne
+der neuguineischen Stämme sind Köpfeschneller, d.h. sie schlagen todt,
+wen sie finden, um Köpfe zu erbeuten, deren recht viele zu besitzen
+eine grosse Ehre ist; und so entstehen bloss zu diesem Zwecke im
+Distrikt Namototte (Speelmannsbai) die hartnäckigsten und mörderischsten
+Kriege (N. Guin. 109 ff. und daher wohl Finsch 82).
+
+Aber schlimmer als überall ist die Geringschätzung des Menschenlebens
+auf den Fidschiinseln, deren Einwohner im Ruf einer besonderen
+Tapferkeit auch auf Tonga stehen, und die von solchen Tonganern, welche
+Kriegsabenteuer erleben und zu Hause selbst als Krieger berühmt sein
+wollten, vielfach besucht wurden (Mariner). Krieg ist nun auch, nach
+Wilkes 3, 63, ihre so beständige Beschäftigung, dass irgend welcher
+Kampf auf der Gruppe immer herrscht; und da die Insulaner ebenso
+blutdürstig als verrätherisch sind (Hale 50), so sind diese Kriege sehr
+zerstörend. Doch führen sie den Krieg, der indessen stets offen angesagt
+wird, nur durch Verrath und heimlichen Ueberfall; weshalb sie Williams
+und Calvert (1, 43) und ebenso Erskine (249) geradezu feig nennen. Wegen
+des beständigen Verrathes herrscht ein grenzenloses Misstrauen auf der
+Gruppe, Niemand geht, aus Furcht überfallen zu werden, ohne Waffen
+(Will. u. Calv. a.a.O.), Niemand traut einem andern, selbst nicht den
+nächsten Verwandten (Hale 51). Und das nicht ohne Grund: denn da zu
+ihren nur einigermassen solennen Bewirthungen Menschenfleisch nothwendig
+gehört, so werden oft die harmlosesten Wanderer (je harmloser, desto
+eher), Weiber bei der Feldarbeit u.s.w. überfallen und getödtet, wozu
+Erskine 182 empörende Beispiele erzählt. Wenn auch die Schlachten,
+sobald nur einige gefallen sind, aufhören (Jackson bei Erskine 425), so
+sind die Kriege doch ausserordentlich blutig durch die sinnlose Wuth,
+mit der Alles, was ihnen in die Hände kommt, gemordet wird. Bei
+Ueberfällen, die sehr häufig sind, machen sie es nicht anders, so dass
+oft ganze Distrikte (Erskine und Jackson a.a.O. Seemann Zeitschr. 9,
+476) vernichtet werden. Wer einen Menschen erschlagen hat, bekommt einen
+Ehrennamen und wird durch besondere Ceremonien geweiht (Will. u. Calvert
+55), gerade wie in einigen Gegenden Neuguineas nur der Kakadufedern
+tragen darf, der einen Feind getödtet hat, und bei den alten Deutschen
+nur ein solcher aus dem kostbarsten und heldenhaftesten Trinkgefäss, dem
+Schädel des erschlagenen Feindes, trinken durfte.
+
+Der Kannibalismus ferner steht hier in solcher Blüthe, wie wohl nirgends
+sonst auf der Welt. Erskine, der um 1840 die Gruppe besuchte, gibt
+(257-60) Beispiele. Den Menschen nennen die Eingeborenen nur das »lange«
+Schwein, zum Unterschied vom »wahren« Schwein (ebend.); bei jedem Fest
+muss Menschenfleisch gegessen werden, zu welchem Behufe die das Fest
+gebenden Stämme gar nicht selten ihre eigenen Kinder schlachten; alle
+Feinde, alle Schiffbrüchigen werden gefressen (Erskine. 262. 229). Oder
+man erschlägt, um das nöthige Fleisch zu bekommen, den ersten besten aus
+dem Volke, den man unbewaffnet trifft (so wurden einmal 16 Weiber
+gefangen und gegessen, wie Erskine 182 erzählt). Dass man allen Freunden
+von dieser geschätztesten Speise schickt, ist so feste Sitte, dass gar
+nicht selten, weil es bei irgend einer Gelegenheit unterlassen, Krieg
+entsteht. Dem Gebratenen gibt man oft eine Keule in die Hand, malt ihm
+das Gesicht roth und setzt ihm eine Perrücke auf (Erskine 262); ja in
+einigen Gegenden der Gruppe führen die Weiber um diese Todten und ihnen
+zum Hohne die allerschandbarsten Tänze auf (Jacks, bei Erskine 440).
+Auch hat man verschiedene Arten, Menschenfleisch zu kochen, welche nach
+den Landestheilen verschieden sind (261. 439). Als der Sohn eines
+Häuptlings starb; jammerte ihm sein Vater nach: er war so kühn! er
+tödtete, wenn sie ihn erzürnten, seine eigenen Weiber und ass sie (Ersk.
+244). Auch Mariner (1, 329) nennt den Kannibalismus auf den
+Fidschiinseln sehr verbreitet und sagt, dass er von dort erst zu den
+Tonganern, die ihn nur in prahlerischer Nachahmung der Fidschis ausüben,
+gekommen sei; an einem Fest hätten die Fidschimänner 200 Feinde gegessen
+(1, 345; 2, 71). Wer eines natürlichen Todes stirbt, wird nicht gegessen
+(Williams und Calvert 1, 266), doch hat man auch Gräber erbrochen, um
+die Leichen zu verzehren! (eb. 212), ja man schneidet, um auch das
+Scheusslichste nicht zu verschweigen, auch von Lebenden, aber nur von
+gefangenen Feinden, Fleisch ab und verzehrt es vor ihren Augen (Will. u.
+Calv. 1, 212). Der Grund des Kannibalismus, ursprünglich Hass und
+Rachedurst oder Prahlerei, indem man sich dadurch furchtbar machen
+wollte, oder die Absicht, sich die Eigenschaften des Gefressenen
+anzueignen, ist jetzt fast überall auf der Gruppe nur Wohlgeschmack am
+Menschenfleisch, das sie jetzt jedem anderen Fleische vorziehen. Roh
+verzehren sie es nie: die Gabel, mit der es gegessen wird, ist für alle
+anderen Speisen verboten (Tabu) (eb. 212). Mit Trommelschlag in ganz
+bestimmtem Rythmus
+
+ | |\ | _ | | | |\ | _ | |
+ | | | / | | | | | / | |
+ * * * * ' * ' , * * * * ' * ' ,
+
+der sonst nie angewendet wird, laden sie zu den Kannibalenfesten ein
+(Erskine 291), von denen Weiber fast immer, Sklaven und gewisse Priester
+immer ausgeschlossen sind (Erskine 260; Williams und Calvert 1, 211).
+Und trotz alledem hatte der Kannibalismus eine religiöse Weihe bei
+ihnen: die getödteten Feinde werden zuerst den Göttern dargeboten
+(Erskine 261), die selbst Kannibalen sind (247) und jedes Kannibalenfest
+hat bestimmte, sonst nicht getanzte heilige Tänze (209. 440).
+
+Wir haben uns bei diesem ekelhaften Detail so lange verweilt, einmal,
+weil es anthropologisch von hohem Interesse ist--dann aber und
+hauptsächlich, um zu beweisen, dass der Kannibalismus, der so
+ausgeprägt, so eingewurzelt bei den Fidschis ist, nicht erst, wie jetzt
+die Häuptlinge gern erzählen, in der letzten Zeit aufgekommen sei, Hand
+in Hand mit dem blutiger werdenden Kriege (Erskine, 272). Er besteht
+gewiss viele Jahrhunderte lang, gewiss viel länger, als die Fidschis
+ihre jetzige Wohnung inne haben: allein er hat sich immer weiter
+ausgedehnt und mag seine rohesten Formen, z.B. das Menschenfressen aus
+Leckerei erst im letzten Jahrhundert seines Bestehens, so lange aber
+auch mindestens, angenommen haben. Trotzdem aber, und auf dies Faktum
+werden wir zurückkommen, trotzdem ist ein Aussterben der Bevölkerung
+nicht zu merken (Erskine 274). Die Zahl derselben beträgt nach den
+Missionären (ebendas.) 200-300,000 und mag dies auch etwas zu hoch
+gegriffen sein, sie ist jedenfalls beträchtlich genug, so dass auch Behm
+200,000 als Totalsumme annimmt. Und ferner, was von besonderer
+Wichtigkeit für die geschichtliche Betrachtung der Naturvölker ist, sie
+selbst haben das Bedenkliche des Kannibalismus eingesehen; daher jene
+halb entschuldigende Rede der eingeborenen Fürsten; daher die
+verhältnissmässige Leichtigkeit des Kampfes, welchen die Missionäre
+gegen die Anthropophagie führen, welchen man doch gerade, wegen des
+Alters der Sitte, für unendlich schwierig halten sollte (Erskine 280).
+Ja sie werden sogar von einer heidnischen Partei darin unterstützt,
+welche sehr gegen den Kannibalismus, sowie gegen das unsinnige Morden
+der Weiber und Sklaven ist, welches wir gleich betrachten werden, und
+für Abschaffung aller dieser Sitten eifrig kämpft. Die Fürsten sind es,
+welche aus feudalen Gelüsten dies Alles aufrecht erhalten wissen wollen
+(Seemann Zeitschr. 10, 289). Man sieht, das Christenthum ist hier gerade
+im rechten Zeitpunkt gekommen: man sieht aber auch ferner, solche
+Umänderungen, wie wir sie vorhin für Tonga voraussetzten, haben sich
+wirklich bei diesen Völkern vollziehen können: wir sehen sie hier bei
+einem viel roheren Volk vor unseren Augen geschehen.
+
+Auch in Polynesien herrschten die blutigsten Kriege, wobei aber zu
+bemerken, dass, obwohl man den Eingeborenen persönliche Tapferkeit
+durchaus nicht absprechen kann, welche sie, auch die sonst so
+weichlichen Tahitier, selbst den Europäern gegenüber, wohl gezeigt
+haben, dass trotzdem auch hier der Krieg hauptsächlich durch Ueberfall
+geführt wird. Aber auch die Polynesier morden den besiegten Stamm
+kaltblütig mit Weib und Kind und so sind ihre Kriege ausserordentlich
+blutig und verheerend. Solche Kämpfe herrschten nun zu Neuseeland und
+trugen wie zur Zersplitterung der Maoristaaten zum Hinschwinden der
+Bevölkerung nicht wenig bei (Dieffenbach 2, 132), die theils im Krieg
+selbst getödtet, theils zu Sklaven gemacht, theils durch die Noth nach
+dem Kriege vernichtet wurde (2, 16). In Tonga wurden Kriegsgefangene
+(Mariner 1, 115) stets ermordet, und ebenso alle Einwohner eroberter
+Städte (1, 101). Von den grausamen Kriegen unter Finau (der z.B. einmal
+18 nur verdächtige Vornehme ertränken liess, Mariner 1, 271), welche bei
+Ankunft der Europäer schon in voller Blüthe und nur Wiederholung oder
+Fortsetzung früherer ähnlicher war, hat uns Mariner ein getreues, aber
+schreckensvolles Bild geliefert, wie er auch erzählt, dass die
+tonganischen Sitten immer mehr durch die Bekanntschaft mit den Fidschis
+verwilderten. Auf Samoa herrschte ein noch grausamerer Kriegsgebrauch
+als zu Tonga (Mariner 1, 163) und häufig genug waren diese blutigen
+Kriege daselbst, welche Turner 304 und vorher schildert. Und betrachten
+wir den Markesasarchipel, so ist ganz Nukuhiva in einzelne vom hohen
+Gipfel der Insel herablaufende Thäler getheilt, deren jedes von einem
+besonderen Stamm bewohnt wird. Alle diese Stämme sind in erbitterter
+Feindschaft und in ewigem Krieg (Melville, Krusenstern, Mathias G***).
+Viel ärger aber als überall haben die Kriege auf Tahiti gewüthet, von
+denen die Insel so fortwährend heimgesucht war, dass Lutteroth (22) ganz
+mit Recht den Frieden einen der Insel unbekannten Zustand nennt. Und wie
+wurden diese ewigen Kriege geführt! Alle Fliehenden, die man einholte,
+alle Weiber und Kinder der Besiegten, welche dem Sieger in die Hände
+fielen, wurden niedergemetzelt (Mörenhout 2, 38-39, Lutteroth 21, Ellis
+1, 310 ff.). Nun waren in früherer Zeit fast alle Schlachten
+Seeschlachten und gerade deshalb besonders blutig, denn die Besiegten,
+welche sich durch Schwimmen ans Land zu retten suchen mussten, wurden
+begreiflicher Weise leicht von den Kähnen der Sieger eingeholt. Weniger
+verderblich waren die Landschlachten, weil in ihnen, nach
+malaiisch-polynesischer Sitte, der Sieg, nach dem nur einige wenige
+gefallen waren, für entschieden angesehen wurde (Mörenhout 2, 40, Ellis
+l, 312). Waren dann bei der Verfolgung die Menschen vernichtet, so gings
+nun an die Zerstörung des Landes: die Tarofelder und sonstigen
+Pflanzungen wurden verwüstet, den Kokosbäumen das Herz ausgeschlagen,
+wonach sie absterben, die Brotbäume umgehauen, die Häuser verbrannt
+(Ellis 1, 293, Lutteroth 21-22)--kurz die Besiegten wurden womöglich
+ausgerottet, ihr Land auf Jahre zu einer unfruchtbaren Oede gemacht.
+Solche Kriege wütheten auf der ganzen Gesellschaftsgruppe; der Missionär
+Nott erlebte auf Tahiti in einem Zeitraum von 15 Jahren 10 solcher
+Kriege (Lutteroth 17). Auch die Kriege auf der Hawaiigruppe waren
+verwüstend genug. Hier wie zu Tahiti gab es blutige Seeschlachten (Ellis
+4, 155) und in den Landkriegen, in denen nach Jarves (59) Hinterhalte,
+heimliche Ueberfälle u. dergl. selten vorkamen, vielmehr meist in
+offenen Feldschlachten (die auch zu Tahiti keineswegs selten waren,
+Ellis 1, 284) gekämpft wurde, war es namentlich wieder die Verfolgung,
+nicht die Schlachten selbst (Jarves 60), welche der Bevölkerung und
+ganzen Distrikten Tod und Zerstörung brachte. Die Gefährlichkeit dieser
+Kriege geht aus der Geschichte Hawaiis unter Tamehameha und aus den
+Bewegungen, welche dieser grosse Fürst auf der Gruppe hervorbrachte, zur
+Genüge hervor. Auch die Paumotuinsulaner sind wilde, weit und breit
+gefürchtete Krieger, die unter sich die heftigsten Kriege führen. Die
+Bewohner von Anaa (Chainisland) verwüsteten alle umliegenden Inseln,
+hieben die Fruchtbäume nieder und was von den Bewohnern nicht getödtet
+wurde, ward als Sklave mit fortgeschleppt (Mörenhout 1, 199 vergl. 169).
+Nicht weniger als 38 Inseln haben sie auf diese Art verödet (Hale 35).
+
+Auch in Mikronesien wurden und werden heftige Kriege geführt, so auf den
+Palaus (Keate), auf einzelnen Karolinen und zwar auf den hohen Inseln
+Eap, Truck (Hogoleu), Ponapi, nicht aber auf Kusaie (Ualan Chamisso 135,
+Kittlitz 1, 356): so und besonders leidenschaftlich auf der Eatakkette
+(Kotzebue, Chamisso) und auf den Gilbertinseln (Gulick 410). Während man
+in diesem Gebiet nur an einigen Orten die Bäume schonte (Hale 84) hieb
+man, sie nach der gemeinsamen Sitte der Ozeanier, auf Ratak und sonst
+nieder (Kotzebue 287), und man kann sich denken, wie furchtbar solche
+Barbareien auf den kleinen schon ohnehin nur überaus kärgliche Nahrung
+bietenden Inseln wirken mussten: viele, die der Krieg verschont hatte,
+namentlich Weiber und Kinder, erlagen dem Hunger, dem Elend, das ihm
+folgte. Daher ist die Behauptung, dass die einheimischen Kriege der
+ozeanischen Bevölkerung ganz unberechenbaren Schaden zugefügt und
+wesentlich zu ihrer stetigen Verminderung beigetragen haben, nur
+allzusehr gerechtfertigt.
+
+Die Sitte des Schädelerbeutens, welche wir auf Neuguinea sahen und die
+das ganze Malaisien beherrscht, finden wir insofern überall in
+Polynesien, als man gierig die Schädel und in Tahiti auch die
+Unterkiefer der Feinde erstrebt, um sie als Trophäe aufzuheben (Nukuhiva
+Melville 2, 129, Tahiti Bougainville 181, Ellis 1, 309, Perl- oder
+Palliserinseln ebend. 1, 358, Aitutaiki 1, 309, Rarotonga 1, 359,
+Neuseeland Dieffenbach 2, 134, Samoa Turner 301. 304). Hiermit hängt die
+weite Verbreitung der Menschenfresserei enge zusammen, wie sie nach Hale
+38 in Neuseeland, wo nach Thomson 1, 148 das letzte Beispiel dieser
+Sitte noch 1843 vorkam, Hervey, Mangareva (Gambier), Paumotu und dem
+Marquesasarchipel ganz allgemein und ohne Scham betrieben wurde. Auch zu
+Kriegen wird sie oft Anlass, indem man, um ihn zu fressen, einen oder
+mehrere Menschen eines fremden Stammes erschlug, welche That natürlich
+Rache erheischte. Auf Samoa, Tonga, Tahiti und Hawaii kommt der
+Kannibalismus jetzt nur noch einzeln vor, auf Samoa bei ganz besonders
+erbittertem Hass (Turner 194), auf Tonga aus Prahlerei und in Nachahmung
+der Fidschisitten, (Mariner 1, 116-17), so wie bei Hungersnoth, wo man
+irgend Jemanden, meist einen Verwandten erschlägt und isst (eb. 2, 19;
+1, 117); in Tahiti gleichfalls, aus Prahlerei, um sich furchtbar zu
+machen (Ellis 1, 310). Aber früher war er auf diesen Inseln allgemeine
+Sitte (Hale 37), wie eine Menge seltsamer und anders ganz unerklärbarer
+Gebräuche beweisen: so auf Tahiti der oft beschriebene Gebrauch bei
+Menschenopfern, dem König das linke Auge (den Sitz der Seele) des Opfers
+darzubieten, der dann den Mund öffnete, als ob er es verschlänge und
+durch diese Ceremonie Verstand und Klugheit bekommen sollte.
+Ursprünglich hat er es gewiss gegessen, und erst später, als die Sitten
+sich milderten, begnügte man sich, wie in analogen Fällen bei allen
+Völkern der Welt, mit einer symbolischen Handlung. Im Samoaarchipel
+beugt sich, wer dem Sieger als besiegt sich unterwirft, vor demselben
+nieder, indem er ihm Feuerholz und die Blätter darreicht, in welche man
+in Polynesien die Speisen, die gekocht werden sollen, einschlägt (Turner
+194). Und so liesse sich vieles anführen. Es scheint aber, als ob, wie
+die Tahitier, Hawaier u.s.w. die Menschenfresserei abgeschafft hatten,
+ehe die Europäer kamen, noch an manchen anderen Orten Polynesiens
+dieselbe Sitte in Abnahme oder doch in Misskredit gekommen sei, ohne
+dass der Einfluss der Europäer dies bewirkt hätte: so läugneten auf
+Nukuhiva die wilden Taipis den Kannibalismus ganz und gar, und suchten
+ihn den Weissen zu verbergen, wie Melville mittheilt. Und die
+neuseeländischen Fürsten erzählten, er sei keineswegs von Alters her bei
+ihnen Sitte, sondern erst später eingeführt (Thomson 1, 142), eine
+Behauptung, welche entschieden falsch und nur von ihnen erfunden kaum
+eine Widerlegung verdient.
+
+
+
+
+§ 10. Menschenopfer.
+
+
+In Nordamerika sind Menschenopfer nicht sehr zahlreich gewesen. In
+Florida wurden Weiber und Diener ehedem beim Tode des Herrn gleichfalls
+getödtet, um ihm im Jenseits zu dienen (Waitz 3, 199-200), wie man
+ebendaselbst den Erstgeborenen der Sonne opferte. Kinderopfer werden
+auch sonst öfters erwähnt: in Virginien, in Neuengland, bei den Sioux
+und sonst (Waitz 3, 207). Auch bei manchen Caribenstämmen wurden mit den
+gestorbenen Häuptlingen einige seiner Weiber lebendig begraben (ebend.
+3, 387) und vornehmen Leuten folgte ein Sklave nach (3, 334). Allein bei
+allen diesen Völkern sind die Menschenopfer von so wenig Ausdehnung
+gewesen, dass wir bei ihnen, da sie für unsere Betrachtung gar keine
+Bedeutung haben, nicht zu verweilen brauchen. Um so zahlloser aber waren
+die Menschenopfer, welche die Religion der amerikanischen Kulturvölker
+forderte und deren Ursprung in uralte vorhistorische Zeit zurückgeht
+(Waitz 4, 157). Wo wir Menschenopfer finden, werden wir dieselben immer
+mit grösster Wahrscheinlichkeit auf die allerälteste Zeit zurückführen,
+denn sie wurzeln stets in sehr ernst gemeinter Religiosität, nie in
+Grausamkeit. Spätere Einführung derselben findet sieh nur in ganz
+vereinzelten Fällen und wird sich aus Nachahmung der Sitten anderer
+Völker, besonders heftiger Kriegserbitterung oder irgend etwas ähnlichem
+fast immer erklären lassen. Wohl aber sind die Menschenopfer im Laufe
+der Zeiten bei manchen Völkern abgekommen: so bei den Indogermanen, den
+Semiten u.s.w. Die Zahl dieser Opfer war nun in Mexiko geradezu
+ungeheuer, wie folgende Zeugnisse, die alle aus Waitz 4, 157 ff.
+entlehnt sind, beweisen. Der Bischof Zumarraga (zur Zeit der Entdeckung)
+schätzt sie bei Torquemada auf 20,000 jährlich, wenigstens für die
+letzte Zeit des Reichs; in der Hauptstadt und ihrer nächsten Umgebung
+soll ihre Zahl jährlich mehr als 2500 gewesen sein. Oviedo behauptet,
+dass Montezuma jedes Jahr über 5000 geopfert hätte; bei einem Fest in
+der Stadt Tlaskala fielen 800 Opfer jährlich; der zweite Monat des
+Jahres war, weil er so viele Menschenopfer forderte, nach der
+Schlaflosigkeit der Menschen benannt. Trat Dürre, Misswachs u. dergl.
+ein, so wurden die Opfer vermehrt. Die Einweihung des Haupttempels zu
+Tenochtitlan (den 19. Februar 1487 nach Gama) »soll nach Torquemada
+(1610) 62,344, nach Fra Toribio Motolinia und Ixtlilxochitl (von
+mütterlicher Seite aus vornehmen mexikanischen Fürstengeschlecht, von
+väterlicher Seite Spanier, der mit grossem Eifer die Geschichte des
+Landes seiner mütterlichen Vorfahren durchforschte und seine
+grossentheils zuverlässigen Werke um 1600 schrieb Waitz 4, 7 u. 8) sogar
+80,400 Menschen das Leben gekostet haben.« Die Schädel der Opfer wurden
+zu einer grossen Pyramide im Tempelhof aufgeschichtet, die man im
+mexikanischen Haupttempel auf 136,000 berechnet hat (Waitz 4, 149). Und
+ausserdem kommt noch eine grosse Zahl geopferter Menschen dadurch hinzu,
+dass jedes auch kleinere Fest solche Opfer, nur wenigere forderte: durch
+die stete Wiederholung aber, denn es gab viel Feste im Jahr, sammeln
+sich auch diese zu einer grossen Summe. Wenn wir nun auch mit Waitz die
+kleinsten der genannten Zahlen für die wahrscheinlichsten halten; so ist
+die Zahl, die für jedes Jahr herauskommt, noch immer enorm. Waren die
+eben besprochenen nur solche Opfer, die man den Göttern brachte, so
+forderte der Tod vornehmer Menschen andere. Starb der Herrscher oder
+irgend ein Vornehmerer sonst, so folgten diesem Weiber und Sklaven in
+den Tod; aber da nun am 4ten, 20sten, 40sten und 80sten Tage nach dem
+Begräbniss auf dem Grabe derartige Abschlachtungen stattfinden mussten,
+so darf man sich auch die Zahl der auf diese Weise umgebrachten Menschen
+nicht zu gering denken: stieg sie doch manchmal bis auf 200 (4, 167).
+
+Die Quiches in Guatemala (4, 264) so wie die Chorotegen in Nikaragua
+(279), toltekische Völker, brachten Menschenopfer dar wohl ebenso
+reichlich als die Mexikaner, wie denn ihre Religion in fast allen
+Stücken der mexikanischen gleich war. In Yukatan, wo solche Opfer zwar
+auch vorkommen, waren sie doch minder zahlreich als in jenen Gegenden
+und in Mexiko (4, 309).
+
+In Darien vergifteten sich des Herrschers Lieblingsweiber und Diener bei
+seinem Tod, oder sie wurden lebendig mit ihm begraben (4, 351), wie
+Weiber und Diener auch bei den Chibchas in Neugranada getötet (4, 466)
+und Menschenopfer bei allen diesen Völkern gar nicht selten den Göttern
+dargebracht wurden. Ebenso war es auf den Antillen (4, 327).
+
+In Peru waren Menschenopfer, wozu man gefangene Feinde nahm, selten und
+nur bei ausserordentlichen Veranlassungen gebräuchlich. Weiber und
+Diener aber folgten auch hier dem Inka, deren einem 1000 seiner
+Angehörigen sich geopfert haben sollen, und ebenso den Vornehmen
+freiwillig in den Tod nach, um ihm im Jenseits weiter zu dienen.
+Namentlich aber Kinder wurden hier vielfach getötet; wenn ein Vornehmer
+krank war, wurde eins von seinen eigenen Kindern den Göttern zum
+Ersatzopfer, wie man annimmt, geschlachtet, welches dann freudig in den
+Tod zu gehen pflegte. Vor dem Auszuge zum Krieg, bei Krankheit des
+Herrschers und bei dessen Inauguration wurden Kinder, meist Knaben von
+4-10 Jahren, seltener Mädchen, nach einzelnen freilich nicht ganz
+glaubwürdigen Angaben bis zu 200, ja bis zu 1000, geopfert, was auch
+beim Erntefest, bei verheerenden Epidemien, ja in einigen Gegenden mit
+jedem erstgeborenen Kinde und mit dem einen von Zwillingen geschah. Auch
+wurde den Todten von dem Blute des geopferten Kindes ein Strich von
+einem Ohr zum anderen gezogen (Waitz 4, 460-61). Auch hier müssen wir
+auf das zurückkommen, was wir oben gesagt haben: die Kinderopfer dienen
+nur dazu, einen bei den Göttern, denen Kinder am liebsten waren,
+besonders gültigen Vermittler zu haben; deshalb, und nicht zum Ersatz,
+wurden die eigenen Kinder als Opfer bei Krankheiten preisgegeben und
+unsere Auffassung wird unterstützt dadurch, dass die Kinder gewöhnlich
+freudig in den Tod gingen: sie wussten, dass sie einem guten Loos
+entgegengingen; daher auch der Strich mit Kinderblut über die Todten,
+welche auf diese Weise gleich das Zeichen des Vermittlers an sich
+trugen.
+
+Die Kinderopfer in Mexiko hatten meist dieselbe Veranlassung und
+denselben Zweck: so wurden zwei Kinder vornehmer Abkunft, wenn die Saat
+aufging, ertränkt, vier, wenn sie grösser war, dem Hungertode
+preisgegeben (4, 159). In Nikaragua wurde ein Knabe, wenn Regen nöthig
+war, den Göttern dargebracht (4, 379). Aehnliche Opfer brachten die
+Chibchas in Neugranada vor der Schlacht (364).
+
+Nirgends aber sind auch die Menschenopfer massenhafter, als auf Fidschi,
+wie wir daselbst auch den Kannibalismus schrecklicher ausgebildet
+fanden, als sonst irgendwo. Zur Feier der Mannbarkeit eines
+Häuptlingssohnes, so erzählt Seemann (Zeitschr. 9, 476), sollte eine
+rebellische Stadt ganz vernichtet, die Einwohner erschlagen, auf einen
+Haufen zusammengetragen, auf diese Sklaven gelegt und auf diese wieder
+der Einzuweihende gesetzt werden. Alle Schiffbrüchigen, das verlangt ihr
+Glaube, müssen getödtet werden; wer es unterliesse, würde sonst selbst
+im Schiffbruch umkommen (Erskine 249-50). Alte Eltern werden von ihren
+Kindern, kranke Kinder von ihren Eltern lebendig begraben (ebend.) und
+zwar ist es der eigene Wille der Opfer, dass ihnen so geschieht (477),
+denn man glaubt, man käme nach und durch solchen Tod sofort in ein
+anderes und viel besseres Leben; daher sich diese scheussliche Sitte mit
+wirklicher Familienanhänglichkeit verträgt. Aber es ist ebendaher auch
+begreiflich, dass nur wenige Menschen eines natürlichen Todes sterben
+(Will. u. Calvert 1, 188). Menschenopfer am Grabe, namentlich von
+Häuptlingen, sind ebenso gewöhnlich als umfangreich; die Weiber werden
+entweder alle oder doch die Lieblingsweiber und eine Menge Sklaven
+ermordet. Die Mutter, deren geliebter Sohn stirbt, folgt ihm bisweilen
+ins Grab, der Freund dem Freund (Will. u. Calvert 1, 134). Auch hierzu
+drängen sich, wegen der Belohnungen im Jenseits, die Opfer; die Weiber
+erdrosseln sich selbst, wenn ihnen Niemand diesen Dienst thut (Erskine
+293. Mariner 1, 347). Und wie fest man an den Menschenopfern hielt, geht
+aus folgender Notiz bei Erskine 440 hervor: ein Fidschiinsulaner hatte,
+von irgend welchem Mitleiden ergriffen, einen Gefangenen nicht dem Gotte
+geopfert; da erschien ihm letzterer im Traum und quälte ihn über diese
+Unterlassung dermassen mit Gewissensbissen, dass der Mensch fast in
+Raserei fiel. Doch dieselbe Partei, welche, wie wir schon erwähnt haben
+(S. 70), sich gegen den Kannibalismus wendete und ihn abzuschaffen
+sucht, ist auch diesen Menschenopfern feindlich (Erskine 280) und so
+werden auch sie, da der Einfluss der Europäer hinzukommt, hoffentlich
+nicht mehr allzulange dauern.--Aehnliche Gebräuche fanden sich auch
+sonst in Melanesien, wenn auch nirgends so übertrieben wie hier:
+namentlich ist es das Lebendigbegrabenwerden der Eltern, der Kranken,
+die Ermordung der Mutter oder einer Verwandtin, wenn ein kleines Kind
+stirbt, was uns berichtet wird.
+
+Was nun Polynesien betrifft, so ist es gewiss Uebertreibung, wenn
+Michelis (91. ohne Quellenangabe) erzählt, der König von Futuna
+(nördlich von Samoa), dessen Insel 2000 Einwohner hat, habe während
+seiner Regierung an 1000 Menschen den Göttern geopfert. Denn wir finden
+sonst in Polynesien die Menschenopfer nicht allzuzahlreich. Freilich ist
+es ein Irrthum, wenn Ellis 1, 106 behauptet, sie seien in Tahiti erst
+später eingeführt, da sie mit der ganzen polynesischen Religion viel zu
+eng verwachsen sind; wohl aber sind sie in späterer Zeit, noch vor der
+Entdeckung, von den Eingeborenen selbst sehr beschränkt. Bei Beginn
+eines Krieges erhielt der Kriegsgott ein Menschenopfer (Ellis 1, 276),
+dem so wie anderen Göttern öfters Menschen dargebracht wurden (1, 357).
+In Kriegszeiten, bei grossen Nationalfesten, bei Krankheiten und dem Tod
+der Fürsten (Bratring 182-83. 196) opferte man Menschen, sowie man die
+Köpfe der Besiegten (was auch melanesischer Brauch war) in den
+Tempelplätzen als Weihgeschenk aufstellte (Mörenhout 2, 47). Häufiger
+waren diese Opfer in Hawaii, wo (Jarves 47) häufig an 80 Menschen auf
+einmal geschlachtet sein sollen. Man nahm, hier und in Tahiti, dazu
+Gefangene oder Verbrecher oder Leute, die irgend ein Tabu gebrochen
+hatten, oder, wenn deren keine vorhanden waren, Leute aus dem Volk
+(Jarves 18. Ellis a.a.O.). Aehnlicher Gebrauch herrschte auch auf den
+Herveyinseln (Williams 215). Wenn nun auch in Hawaii, nach den Angaben
+der Fürsten, diese Opfer erst später eingeführt sein sollten (Jarves
+47); so ist dies nur ein Zeichen, dass man auch hier schon dies
+Schreckliche der Sitte eingesehen hatte und sie im Abnehmen war.
+Menschenopfer fanden selbstverständlich auch hier an den Gräbern der
+Vornehmen statt, zunächst beim Ausstellen der Leiche und dann noch
+zahlreicher beim Begräbniss selbst (Remy 115). Ebenso war es früher in
+Neuseeland Sitte--jetzt ist sie abgekommen--dass sich die Weiber am
+Grabe ihrer Männer erdrosselten, die Sklaven getödtet wurden (Taylor
+97). In Tonga wurden bei den Gräbern der Vornehmen ab und zu Weiber
+geopfert (authent. narrat. v. Tonga 78; Mariner 1, 295), was auf frühere
+Allgemeinheit dieser Sitte, gegen welche die tonganischen Fürsten selbst
+eiferten, schliessen lässt.
+
+Von besonderem Interesse ist der Kindermord, wie er sich auf Tonga
+zeigt. So wurden (Mariner 1, 229) Kinder den Göttern geopfert, um den
+Frevel eines Fürsten gegen ein Heiligthum wieder gut zu machen: ein
+Opfer, welches gar keinen Sinn hätte, wenn man nicht eben in den Kindern
+den Göttern besonders angenehme Vermittler gesehen hätte. Um des Königs
+Leben zu erhalten, wurde eines von seinen mit einem Nebenweib erzeugten
+Kindern getödtet (1, 379): wenn aber der Tui-tonga, der höchste
+religiöse und früher wohl auch weltliche Herr von Tonga krank ist, da
+genügt ein Kind nicht und man tödtet drei bis vier (1, 454).
+
+Ehe wir diesen Gegenstand verlassen, ist noch von einer Art Opfer zu
+sprechen, die, wie es scheint, über die ganze Welt verbreitet ist: über
+die Menschenopfer zur Einweihung, zur Sicherung von Gebäuden u.
+dergl.[N] Auch diese Sitte ist am übertriebensten auf den
+Fidschiinseln. Dort müssen neugebaute Kähne, damit sie vor Sturm und
+Unheil sicher sind, über lebende Sklaven in die See gerollt werden;
+jeden Pfosten eines neu gebaut werdenden Hauses muss, damit der Pfosten
+sicher steht, ein lebender Sklave umfassen--und zu diesem lebendig
+Zerquetscht-, zu diesem lebendig Begrabenwerden drängen sich die Opfer,
+denen es im Jenseits mächtig vergolten wird (Erskine 249-50). Die Sitte
+war nicht bloss melanesisch, sondern auch über ganz Polynesien
+verbreitet: in Neuseeland ruhte der Mittelpfeiler des Hauses früher auf
+Menschenleichen (Taylor 387 ff.) und von Tahiti erzählt dasselbe
+Mörenhout 2, 22-23; doch scheint auch hier der Gebrauch in späterer Zeit
+abgekommen zu sein; denn wenn er und Ellis (1, 346) diesen Gebrauch nur
+für Tempel angeben, so ist er wohl erst später nur auf diese beschränkt
+worden. Derselbe Gebrauch findet sich auch in Südamerika: der Palast des
+Bogota, des Herrschers der Chibcha stand auf Mädchenleichen und sein
+Grund so wie seine Thürpfosten waren mit Menschenblut getränkt (Waitz 4,
+360).
+
+Nachdem wir so diese Uebersicht über die Art, wie die Naturvölker das
+Menschenleben schätzen, vollendet haben, ergibt sich als Resultat, dass
+ihre Kriege für sie höchst gefährlich sind, ja einzelnen geradezu die
+Existenz gefährden, so dass wir sie in erster Linie aufführen müssen,
+wenn wir die Ursachen für das Aussterben der Naturvölker aufsuchen; dass
+aber Kannibalismus und Menschenopfer, obwohl in einzelnen Ländern
+furchtbar ausgedehnt, nur von sekundärer Wichtigkeit sind und nur wenn
+sie mit anderen Gründen vereint auftreten, zur sichtlichen Verminderung
+eines Volkes beigetragen haben.
+
+
+
+
+§ 11. Verfassung und Recht.
+
+
+Auch die Staats-und Rechtsverfassung der Naturvölker wird nach einigen
+Seiten uns hier, freilich nur kurz, beschäftigen müssen. Die
+Kulturstaaten Amerikas so wie die polynesischen Inseln sind es, die wir
+nach dieser Richtung hin betrachten müssen; denn bei den übrigen
+Naturvölkern ist theils das Rechts- und Staatsleben zu wenig entwickelt,
+als dass es irgend welchen Einfluss gehabt hätte, theils so entwickelt,
+dass dieser Einfluss kein ungünstiger war. Wie das Recht in seiner
+ältesten Entwickelung immer seine Gesetze »mit Blut« schreibt; so war es
+auch in Mexiko der Fall: fast alle Verbrechen, selbst geringe
+Diebstähle, Trunk, Verleumdung u. dergl. wurden mit dem Tod bestraft,
+und bisweilen die ganze Familie in die Sklaverei verkauft (Waitz 4,
+84-85). Denn der Grundsatz, dass die Sippe haften muss für das einzelne
+verbrecherische Mitglied gilt auch hier. In Peru (4, 414-15) war die
+Strenge der Gesetze nicht minder gross und die Haftbarkeit der Familie
+für den Schuldigen, mit dem sie in vielen Fällen den Tod zugleich
+erlitt, noch grösser. Diese strenge Justiz und namentlich die
+Haftbarkeit der Familie für den Einzelnen hat in der Südsee ferner, wo
+sie gleichfalls herrscht, um so grösseren Schaden angerichtet, als, wie
+wir gleich sehen werden, dort die Gewalt der Herrschenden noch absoluter
+war als in Amerika. So wurde in Tonga der ganze Stamm eines Aufrührers
+vernichtet (Mariner 1, 271) und die fortwährenden Rachekriege dieser
+Völker und Stämme untereinander beruhen theilweise auf dieser blutigen
+Rechtsauffassung (z.B. für Neuseeland Dieffenbach 1, 93, Haftbarkeit des
+Stammes für den Einzelnen Thomson 1, 98). Auch in Neuholland sind
+ziemlich strenge Rechtsstrafen (Grey 2, 236-37), entweder Tod oder
+Durchstossen einzelner Körpertheile mit dem Speer (wobei oft der Tod
+erfolgt) oder Speerung, d.h. der Schuldige muss sich den Speerwürfen
+einer grösseren oder geringeren Menge von Volksgenossen aussetzen, denen
+er freilich durch seine Geschicklichkeit (Waffen darf er nicht haben),
+wenn sie ausreicht, ausweichen darf (Grey 2, 244-45). Die Haftbarkeit
+der Familie, des Stammes für den Einzelnen ist hier wo möglich noch
+fester, als irgendwo sonst (Grey 2, 239-40; 235-36).
+
+In Mexiko war die Verfassung streng monarchisch, wobei der Adel, der
+früher wahrscheinlich die höchste Staatsgewalt selbst in Händen gehabt
+hatte (Waitz 4, 71), wie in anderen monarchischen Staaten auch, grosse
+Vorrechte über das Volk hatte. Der Herrscher, weil er Stellvertreter
+Gottes auf Erden war, hatte unumschränkte Gewalt (Waitz 4, 68); und
+mochte dadurch auch mancherlei Ungerechtigkeit und Gewaltthätigkeit
+geschehen, mochten einzelne Fürsten ihre Macht missbrauchen, wie denn
+namentlich der letzte von ihnen, Montezuma II., seinen gewaltthätigen
+und hoffärtigen Charakter in noch schärferer Entwickelung des
+Absolutismus und der Sonderstellung des Adels zeigte; das wurde doch vom
+Volk ertragen, ohne dass dadurch das Volk noch auch durch den Unwillen
+des Volkes die Herrscher gefährdet waren. Schlimmer war, dass die
+Herrscher durch ihren Absolutismus den eigenen Willen des Volkes zu sehr
+gelähmt hatten. »Die strenge und allgemeine Fügsamkeit in den Willen des
+Herrschers hat sich von Seiten des Volkes bei mehreren Gelegenheiten in
+unzweideutiger Weise gezeigt: auf einen Wink von Montezuma blieb Alles
+ruhig, sogar als er selbst von Cortez gefangen gesetzt wurde und mit der
+Eroberung der Hauptstadt hörte jeder Widerstand auf, nicht bloss weil
+die Grossen des Reichs dort alle vereinigt waren, sondern auch weil mit
+dem Falle des Herrschers für die bis zum Aeussersten standhaft
+gebliebenen Mexikaner die Pflicht der Selbstverteidigung wegfiel.
+Revolutionen des Volks waren--abgesehen von neu eroberten Ländern--fast
+unbekannt« (Waitz 4, 68). Am gefährlichsten aber war die
+Eroberungspolitik des mexikanischen Staates. Um alle Länder sich und
+ihrem Gotte Huitzilopochtli zu unterwerfen, was das stete Streben der
+Mexikaner war (4, 117), hatten sie ihre Herrschaft vom atlantischen bis
+zum stillen Ozean ausgedehnt, ohne aber wirklich Widerstand leistende
+Länder ernstlich zu bezwingen und sich zu assimiliren. Und Montezuma II.
+noch machte es ebenso. Während in seinen Ländern Empörungen der
+unterworfenen Ländertheile ausbrachen, schickte er, anstatt das
+Gewonnene dauernd zu fesseln, seine Heere in immer fernere Gegenden, um
+immer mehr zu gewinnen (Waitz 4, 46), und »daher, sagt Waitz 4, 47, ist
+es wohl begreiflich, dass das grosse rasch gewachsene Reich des
+Montezuma durch ein paar kräftige und geschickt geführte Stösse
+zertrümmert werden konnte.« Eine Menge einheimische Feinde, ganze
+Ländertheile erhoben sich und stellten sich auf Seiten der Spanier--und
+so ist Mexiko, das so bevölkerte, reiche und blühende Land zum nicht
+geringsten Theil durch seine eigene Politik zu Grunde gegangen. Da diese
+Schilderung im Grossen und Ganzen auch auf Peru passt, wo der König als
+Stellvertreter Gottes auf Erden nur eine noch absolutere und drückendere
+Macht besass, wo gleichfalls Eroberungskriege das Land ausgedehnt und
+dadurch minder fest gemacht hatten, weil es nun in seinem Innern
+feindliche Elemente barg (Waitz 4, 399-413), da wir hier so ziemlich
+dasselbe finden, so brauchen wir die Verhältnisse des Inkareiches nicht
+genauer zu betrachten und gehen gleich zu Polynesien über.
+
+Hier hat der Absolutismus und die Sonderstellung des Adels, die in der
+göttlichen Abstammung des Adels und der Könige wurzelt, die denkbar
+höchste, man könnte sagen eine logisch vollkommene Entwickelung
+gefunden. Ueberall, in Neuseeland, in Tahiti, in Hawaii, dem
+Markesasarchipel, auf Tonga, bei der alten Bevölkerung der Marianen
+(während sonst Mikronesien in der Praxis wenigstens die Gegensätze
+minder scharf fasst) gilt das Volk als unbeseelt, daher sein Leben als
+vollkommen werthlos. Man tödtete es nach Gelüsten oder Laune (Mariner 1,
+60. 91), man bedrückte es, da es weiter keine Geltung hat, als eben nur
+für die Vornehmen da zu sein, keinen Werth weiter als was es den
+Vornehmen werth ist--und nirgends war dieser Druck schlimmer als auf
+Hawaii--man hat ihm aus demselben Grund alle harte Arbeit, z.B. den
+Landbau, aufgeladen; dabei ist ihm das meiste der besseren
+Nahrungsmittel verboten; zu den Festen der Vornehmen muss es, was es
+besitzt an Lebensmitteln, beisteuern, zu den Menschenopfern nimmt man
+die Individuen aus ihm, kurz, es liegt ein Druck auf ihm, so
+unglaublich, dass man gar nicht begreift, wie unter demselben überhaupt
+sich eine und noch dazu zahlreiche Bevölkerung erhalten konnte. Oft fand
+es nicht Zeit zur Bestellung des eigenen Landes, daher denn Hungersnoth,
+Kindermord und namentlich eine grosse Menge von Auswanderungen
+eintraten, die vor allem Tahiti entvölkerten, aber auch von anderen
+Inseln erzählt werden. So gab es auf Tahiti im wilden, gebirgigen und
+kaum bewohnbaren Inneren der Insel eine zerstreute Bevölkerung »wilder
+Männer«, die, ausserordentlich scheu und ängstlich, ganz einsam in den
+Klüften leben, gewiss nur entsprungene Flüchtlinge aus dem Volke, oder
+deren Abkömmlinge, welche nicht zurückzukehren wagten (Ellis 1, 305).
+Von Hawaii sagt Jarves (368 ff.): »Der Ackerbau ward vernachlässigt, und
+Hungersnoth herrschte. Ganze Schaaren gingen unter ihrer Last zu Grunde;
+andere verliessen ihre Heimath und flohen gleich wilden Thieren in die
+Tiefe der Wälder, wo sie aufs elendeste aus Mangel umkamen, oder eine
+klägliche Existenz durch Früchte und Wurzeln fristeten. Blind für diese
+Folgen setzten die Fürsten ihre Politik (zu der sie von geldgierigen
+Fremden vielfach verleitet wurden) fort.« Kindermord war die Folge
+namentlich einer unerschwinglichen Kopfsteuer und nicht nur physisch,
+auch moralisch verkam das Volk. Und auf dies moralische Verkommen ist
+sehr zu achten; denn nichts befördert den Untergang einer Bevölkerung
+mehr als dies. Wo die Moralität (natürlich hier nur nach den Begriffen
+der betreffenden Völker) fehlt, fehlt auch die Selbstachtung; wo die
+Selbstachtung, die Freude am Leben, welche diesen Menschen auch schon
+aus äusseren Gründen unmöglich war; und wo die Freude am Leben fehlt, da
+verkommt und versiegt das Leben selbst. Mit Recht stellt daher Jarves
+(a.a.O.) diesen Druck, unter dem das Volk erlag, für eine Hauptursache
+seines massenhaften Schwindens hin: und wie es in Hawaii war, so war es,
+mit wenig Abänderungen, so ziemlich überall in Polynesien.
+
+
+
+
+§ 12. Natureinflüsse.
+
+
+Sahen wir so, was die Naturvölker durch eigene Lebensart oder Schuld zu
+ihrem Hinschwinden beitragen: so müssen wir, ehe wir weiter gehen, einen
+Blick auf die Naturumgebungen dieser Völker werfen und deren günstigen
+oder schädlichen Einfluss abwägen. So viel leuchtet schon dem ersten
+Blick ein: durch Natureinflüsse allein stirbt kein Volk aus und die
+menschliche Natur gewöhnt sich fast an alles. Man kann sich, nach
+Darwins Schilderung, kaum eine für menschliche Entwickelung ungünstigere
+Natur denken, sowohl in Hinsicht auf Klima, als auf Lebensmittel u.s.w.,
+als die Südspitze von Amerika und dennoch sagt derselbe Schriftsteller,
+dass ein Aussterben der elenden Stämme der Feuerländer nicht zu bemerken
+sei. Ebenso wenig der Eskimos. Der Mensch akklimatisirt sich, freilich
+nur sehr allmählich in langsamen Vorrücken und durch Jahrhunderte oder
+besser Jahrtausende lange Vererbung und dadurch Verstärkung der für die
+einzelne Gegend speziell befähigenden Eigenschaften an jede Gegend, an
+jedes Klima, und nichts beweist gerade mehr die Dauerhaftigkeit unserer
+Natur als diese Fähigkeit der Gewöhnung. Aber freilich werden weder
+Feuerländer noch Eskimos sich je zu grossen mächtigen Nationen
+entwickeln: und zwar in Folge ihrer Naturumgebung, welche der freien
+Entfaltung der Menschheit denn doch unübersteigliche Hindernisse in den
+Weg stellt. So ist denn eben die Naturumgebung der Grund, dass wir die
+roheren Naturvölker nie sehr zahlreich sehen; die Natur erheischt ein
+Leben, welches dem Gedeihen der Menschheit nicht zuträglich ist. Die
+geringe Zahl der Neuholländer ist zweifelsohne bedingt durch die
+erstaunlich unfruchtbare Natur ihres Landes, denn wenn auch Grey (1,
+239) Recht hat gegen Sturt und viele Andere, dass der Nahrungsmangel in
+Neuholland nicht so gross ist, als er gewöhnlich gemacht wird, und
+allerdings gibt er für den Südwestdistrikt des Welttheils, für eine
+Ausdehnung von 2-300 Meilen (2, 299) eine reiche Menge Nahrungsmittel an
+(2, 263-64); so sind dieselben doch immer erst weit zerstreut, müssen
+gesucht werden und sind oft, im einzelnen betrachtet, elend genug. Sie
+zu vermehren, anzubauen haben die Eingeborenen nicht Kultur genug, auch
+finden sich kaum unter den Pflanzen und Thieren Neuhollands solche, die
+zu eigentlichen Kulturpflanzen oder Hausthieren brauchbar wären; zu
+sammeln aber sind die Neuholländer, wie wir schon bei der Betrachtung
+ihres Charakters sahen, zu indolent, zu träge. Wir müssen hier die
+ausserordentlich hemmenden Schranken der Natur anerkennen, die jedoch
+nur dann erst wirklich für den Bestand eines Volkes gefährlich werden,
+wenn noch andere Bedrängnisse hinzukommen. Ueber viele Distrikte
+Amerikas muss man, mehr oder minder, dasselbe sagen, in mancher
+Beziehung auch von Südafrika. Und fast noch ungünstiger gestellt ist
+Polynesien schon in seinen hohen Inseln, die meist im Innern so steil
+und unwegsam sind, dass sie, wie Tahiti und Nukuhiva, nicht bewohnt
+werden können, oder grosse unfruchtbare Strecken hinter ihren meist
+üppigen Uferstrecken bergen, wie die Fidschis und viele der
+Hawaiiinseln, und die, wenn sie auch durch und durch bewohnbar wären,
+doch schon durch ihre verschwindende Kleinheit in dem ungeheuren und
+gefährlichen Ozeane ihren Bewohnern ein Hinderniss sind. Hier ist die
+Schifffahrt nicht so leicht, wie im Mittelmeer und eine
+Küstenschifffahrt ganz unmöglich. Grosse Thiere gibt es gar nicht ausser
+dem zum Hausthier im wahren Sinne ungeeigneten Schwein und einigen
+Hunden, welche aber ihre Hundenatur fast abgelegt haben und Mastvieh
+geworden sind. Nutzpflanzen gibt es genug, aber so reichlich, dass weder
+geistige noch leibliche Anstrengung, ja kaum Thätigkeit nöthig ist, um
+hinlänglichen Vorrath zu bekommen, oder so wenig, wie auf Neuseeland
+(natürlich zur Zeit der Entdeckung), dass trotz aller Anstrengung die
+Nahrungsmittel sich nicht sehr heben konnten. Und nun gar die kleineren
+Inseln, die fast immer unfruchtbaren Korallenringe, welche meist, wie im
+östlichen Polynesien und in Paumotu, nur den Pandanus mit seinen
+kümmerlich nährenden Früchten und, aber noch nicht einmal überall, z.B.
+in der nördlichen Ratakkette nicht, die Kokospalme hervorbringen, den
+Brotbaum und die anderen Nahrungspflanzen der Südsee, welche feuchten
+Boden verlangen, wie Tacca und Arum, nur seltener oder nur erst nach
+sehr mühevoller Bearbeitung des harten Korallengrundes gedeihen lassen,
+Thiere aber, ausser zahlreichen Ratten, gar nicht besitzen. Dazu kommt,
+dass grässliche Orkane, denen nichts zu widerstehen vermag, auf Tahiti,
+den Paumotu- und Herveyinseln, auf Tonga, den Karolinen, den Marianen,
+kurz so ziemlich überall, die Vegetation gar nicht selten so vollständig
+vernichten, dass äusserste Hungersnoth eintritt. Auf den Inseln südlich
+vom Aequator sollen Stürme der Art nach Mörenhout (2, 365) nicht öfter
+als alle 8-10 Jahre vorkommen, also gerade oft genug, um eine reiche
+Entwickelung der Bevölkerung unmöglich zu machen. Denn ihre Gewalt ist
+so, dass an irgend welchen Schutz oder Widerstand gar nicht zu denken
+ist. Daher ist es denn begreiflich, dass man den Kindermord, wie
+Chamisso mit solchem Entsetzen von den Ratakinsulanern erzählt, dort und
+auch sonst noch (z.B. auf Tikopia) geradezu gesetzlich regulirte, um die
+Inseln vor Uebervölkerung zu behüten; begreiflich ferner, wie
+Hochstetter auf den Gedanken kam, dass der Kannibalismus auf Neuseeland
+durch den Hunger eingeführt sei. Ist nun zwar letztere Ansicht gewiss
+nicht richtig, wie sich leicht aus dem was wir über den Kannibalismus
+schon gesagt haben, ergibt; so ist es doch sicher, dass in einzelnen
+Gegenden Polynesiens, z.B. in Nukuhiva, bisweilen der Hunger zum
+Auffressen naher Verwandten trieb. Auch in Amerika, namentlich im
+Norden, gibt es Völker, die durch die äussere Noth gezwungen, zum
+Kannibalismus gebracht sind (Waitz 3, 508; 4, 251).
+
+Dass auch die Aleuteninseln durch ihre Naturbeschaffenheit keine reiche
+Entwickelung ihrer Bevölkerung zulassen, ist klar; und dasselbe gilt von
+Kamtschatka, über dessen Natur von neuern Schriftstellern v. Kittlitz
+trefflich gehandelt hat.
+
+Alle die besprochenen Länder machen eine grosse geschichtliche
+Entwicklung von vornherein so gut wie unmöglich. Einförmigkeit ist das
+Zeichen der meisten; und historische Schicksale, das wirksamste Mittel,
+die Menschheit zu heben, konnten ihre Bewohner so gut wie gar nicht
+treffen. Dadurch aber konnten sie sich nicht über die Natur, wie z.B.
+die Indogermanen, die Semiten gethan, erheben, so dass diese von ihnen
+beherrscht wäre. Und nehmen wir auf der anderen Seite Völker mit den
+Sitten, wie wir sie bisher geschildert, in ungünstiger Natur, so
+leuchtet wohl ein, wie gerade ihnen gegenüber schädliche Natureinflüsse
+von doppelter Gefahr sein mussten.
+
+
+
+
+§ 13. Aeussere Einflüsse der höheren Kultur auf die Naturvölker.
+
+
+Wir können nun erst, nachdem wir betrachtet haben, was in der Natur und
+Lebensweise dieser Völker selbst einen frühen Untergang Begründendes
+liegt, die Einflüsse genauer erwägen, welche ihre Berührung mit anderen
+meist höher kultivirten Völkern und namentlich mit den Kulturvölkern
+Europas und Amerikas hervorgebracht hat.
+
+Es sind hier zunächst Einflüsse zu erwähnen, welche obwohl durchaus
+nicht feindselig, ja häufig nur gut gemeint dennoch physisch wie
+psychisch die gewaltsamsten Wirkungen haben mussten und hatten und
+haben.
+
+Zunächst ist es die Umänderung des äusseren Lebens der Naturvölker,
+welche uns, wie sie durch jene Berührung unvermeidlich war, beschäftigen
+muss.--Die ganze Lebensart dieser Völker war durch lange fast
+instinktive Auswahl, dem Klima, den Bodenverhältnissen, ihrer ganzen
+äusseren Natur so entsprechend oder wenigstens die Natur dieser Völker
+hatte sich durch lange Gewöhnung so mit dieser Lebensart assimilirt,
+dass jede auffallende Aenderung, namentlich wenn sie plötzlich kam, wenn
+sie sich über mehreres erstreckte, oder gar wenn sie bloss halb, bloss
+zeitweilig durchgeführt wurde, die grössten Revolutionen in ihrem
+gesammten Wesen hervorbringen musste. Auch hier ist wieder auf die
+unendliche Macht einer sich stets verstärkenden Vererbung hinzuweisen,
+wie sie durch Jahrhunderte, Jahrtausende lange Gewöhnung, durch überaus
+allmähliche Angleichung die Menschennatur so fest auch an ungünstige
+Einflüsse gewöhnen kann, dass eine Abwendung von ihnen für den
+Augenblick nur schädlich zu wirken scheint.
+
+So finden wir das körperliche Leben der Naturvölker im engsten Einklang
+mit den Naturumgebungen und ihren Einflüssen. Vor der Bekanntschaft mit
+den Europäern oder Amerikanern (die immer, was gestattet sein möge,
+mitgemeint sind, wenn im Folgenden einfach nur von den Europäern und
+ihrem Einfluss die Rede ist) waren daher die Naturvölker durchaus
+gesund, obwohl einzelne Seuchen ab und zu schon damals bei ihnen
+vorkamen: nie aber kannten sie die chronische Kränklichkeit kultivirter
+Nationen.
+
+So war es mit der Kleidung. Die Neuseeländer trugen Kleider von
+Mattenzeug, welches aus den Blättern der neuseeländischen Flachslilie
+(Phormium tenax) geflochten war--auf welchen Matten man auch
+schlief--und seltener und nur die Fürsten einen Mantel aus
+zusammengenähten Hundefellen (Dieffenbach 2, 153). Statt dieser kühlen,
+die Haut nur schützenden, kaum erregenden Kleidung, welche auch (für
+Neuseeland sehr wichtig, wo es sehr oft, meist nur vorübergehend,
+regnet) die Nässe nicht lange hielt, tragen sie jetzt wollene Decken,
+die, abgesehen davon, dass sie dem Ungeziefer eine willkommene Zuflucht
+sind, die Haut reizen, die Feuchtigkeit sehr lange halten und einen viel
+stärkeren Wechsel in der Temperatur des Körpers hervorbringen. Denn wie
+die Maoris früher ihre Phormiummatten bei irgend welcher Arbeit oder
+sonstigen Gelegenheit leicht ablegten, gerade so machen sie es, ganz
+ohne Rücksicht, ob sie warm sind, ob nicht, auch mit den Wollendecken
+jetzt (Dieffenbach 2, 18). Ganz ähnlich schildert das Jarves 370 von
+Hawaii. Fürsten und Volk, sehr begierig auf jeden ausländischen Stoff,
+gleich viel ob es Matrosentuch oder das dünnste chinesische Gewebe war,
+trugen alles ganz ohne Unterschied, und so kamen sie bald nach ihrer
+alten Art, bald anders, bald mit einer Mischung von beiden bekleidet;
+derselbe, der längere Zeit eine solche Kleidung trug, erschien dann
+wieder viele Tage lang nackt. Je schöner das Wetter war, um so
+reichlicher bekleidet gingen sie, um zu paradiren, bei schlechtem Wetter
+aber meist nackt, um die Kleidung zu schonen; nackt daher auch in der
+ganzen Jahreszeit des Winters, und im Sommer bekleidet. Jarves wie
+Dieffenbach finden daher mit vollem, Recht in dieser Veränderung und in
+dieser Art der Neuerung eine äusserst wirksame Ursache für den Verfall
+der Gesundheit dieser Völker. Diese Ursache aber wirkt überall, wo
+Natur- und Kulturvölker zusammentreffen: sie musste eintreten, weil
+schon die Missionäre eine etwas decentere Bekleidung als die meisten
+Naturvölker kannten, verlangen mussten.
+
+Auch eingeführte Nahrungsmittel (abgesehen von den Spirituosen) waren
+den Naturvölkern schädlich: so nach Dieffenbach a.a.O. für die
+Neuseeländer die Einführung des Maises, den sie halb gegohren verbacken
+und durch dies äusserst ungesunde Brot sich sehr schaden. Salz, sagt er,
+was sie früher in den Seethieren genossen, essen sie jetzt gar nicht
+mehr, denn ihre fast einzige Nahrung ist die Kartoffel; diese aber,
+abgesehen davon, dass ihr ausschliesslicher Genuss überhaupt schädlich
+ist, wirkte noch dadurch ungünstig, dass sie bei der wenigen Pflege, die
+sie verlangt, ganz und gar nur von Sklaven und Weibern besorgt wird,
+ohne die Männer nur zu irgend welcher Thätigkeit anzuregen. Was wir hier
+an dem einen Beispiel zeigten, gilt natürlich wiederum für einen ganzen
+Kreis dieser Völker.
+
+Auch der Hausbau hat sich vielfach geändert, wenigstens in Polynesien,
+da hier fast allein ein annähernd freundliches Verkehren der Europäer
+mit Eingeborenen sich entwickelt hat. In Polynesien war man früher an
+sehr luftige, reinliche Häuser, die fast nur aus einem sehr tief
+herabreichenden Dache bestanden, gewöhnt. Jetzt aber kommen mehr und
+mehr mit Hintansetzung der altheimischen Art Häuser oder Baracken auf,
+die nach europäischer Art gebaut der für jene Gegenden so nöthigen
+Ventilation fast ganz entbehren und, da nun noch dazu nach alter Sitte
+viele Menschen in einem solchen Raum zusammen wohnen und schlafen, durch
+den grellen Gegensatz gegen das von früherher Gewohnte den schlimmsten
+Einfluss haben (z. B, Dieffenbach 2, 68-71).
+
+Namentlich war es der Adel in Polynesien, der diese Aenderungen
+vornehmlich, da er mit den Europäern in genauere Berührung kam und
+grössere Mittel hatte, bei sich einführte: gerade aber der Adel ist vom
+Aussterben weit mehr und rascher ergriffen, als das Volk--so namentlich
+in Hawaii--und es ist diese Erscheinung nicht so zu erklären, dass man
+beim Adel, weil er geringer an der Zahl sei, das Hinschwinden klarer
+sähe: denn hiergegen sprechen die Verhältnisszahlen so wie der Umstand,
+dass in der ersten Zeit der Adel vornehmlich von Krankheit u. dergl.
+heimgesucht war, bis das Verderben sich weiter ausbreitete. Es nimmt das
+um so weniger Wunder, als auch der Adel es war, welchem die meisten der
+geschilderten polynesischen Ausschweifungen zur Last fallen. Das meiste
+überhaupt, was vorzüglich in älteren Reisebeschreibungen von Polynesien
+gesagt wird, geht auf den Adel, da dieser bevorzugte Stand mit so
+hervorragenden Fremdlingen, als die Europäer waren, zu verkehren nach
+polynesischen Begriffen fast allein das Recht hatte. Wo aber diese
+Völker wenigstens nicht halb und nur zeitweilig, sondern ganz und für
+immer die europäischen Sitten, Kleidung, Wohnung, Lebensart u. s. w.
+annehmen, da bleiben sie weit ungefährdeter, wie dies Dieffenbach a. a.
+O. von den Neuseeländern nachweist. Den skrophulösen Habitus so vieler
+Maorikinder an der Küste erklärt er dagegen nur durch die ungeeignete
+und halbe Aenderung der einheimischen Lebensweise.
+
+Auch die Ausbreitung der Weissen beschränkt und beschädigt natürlich,
+schon durch sich selbst und ohne böswillige Absicht der sich
+Ausbreitenden, die Naturvölker in hohem Grade. Auf den kleinen
+polynesischen Inseln z. B., doch auch sonst und überall sind die
+Lebensmittel bei so riesig durch die Europäer gesteigertem Verkehr viel
+werthvoller und dadurch immer knapper geworden. Man denke nur, um dies
+Beispiel aus Polynesien auszuführen, was alle die Schiffe brauchen,
+welche zu Papeiti oder gar zu Honolulu vor Anker gehen, um sich zu
+verproviantiren. Und sollte man denken, dass grade dies grössere
+Bedürfniss ein Sporn für die Eingeborenen sei, der sie weiter bringe in
+der Kultur, im Ackerbau, Handel u. s. w.: so erwäge man, dass jetzt kaum
+ein Jahrhundert seit der ersten Entdeckung (die spanischen Besuche auf
+den Inseln, welche früher fallen, abgerechnet) verflossen ist, dass in
+einem so kurzen Zeitraum aber, wo so mannigfache Schicksale auf die
+Eingeborenen einstürmten, sich der Ackerbau noch gar nicht so entwickeln
+konnte, dass er diesen massenhaften Anforderungen entspräche; und dass
+zu grosse Forderungen eben nicht mehr anspornen, sondern erschlaffen,
+erdrücken. In anderen Gegenden gestaltet sich dieselbe Sache anders,
+aber die Resultate bleiben gleich.
+
+Die Neuholländer freuen sich, wenn sich in ihrem Gebiete Europäer
+niederliessen, sie wünschten es und forderten sie dazu an vielen Orten
+auf. Allein die nächste Folge war, dass sie in eine sehr elende Lage
+geriethen: denn (abgesehen von anderem, was wir später besprechen) ihre
+Jagdthiere verminderten sich auf der Stelle, ja sie verschwanden, theils
+verdrängt oder verjagt, theils ausgerottet von den meist sehr
+jagdlustigen Einwanderern (Lang bei Grey 2, 234-35). Daher sagte ein
+Australier sehr richtig zu einem Europäer: »Ihr solltet uns Schwarzen
+Milch, Kühe und Schafe geben, denn ihr seid hergekommen und habt die
+Opossums and Känguruhs vertilgt. Wir haben nichts mehr zu essen und sind
+hungrig« (Bennet bei Waitz 1, 183). Die brauchbaren Gras- und
+Weidestrecken nahmen die Europäer mehr und mehr im Lauf der Jahre ein in
+Neuholland, Neuseeland, Afrika, Amerika, die fruchtbaren Küstenstriche,
+sonst der gewöhnliche Aufenthalt der Eingeborenen, haben sie ganz und
+gar inne, das Land erklären sie für ihr Eigenthum, und da sie sich man
+kann wohl sagen täglich mehr und mehr ausbreiten, so drängen sie schon
+durch ihre blosse Existenz die Eingeborenen in die Wälder, die Berge,
+die Wildniss zurück; so dass es denn gar kein Wunder ist, wenn die
+Eingeborenen schon hierdurch allein »wie von einem giftigen Hauche
+berührt« (oder wie die Phrase lautet) verkommen. »Als der weisse Mann,
+so sagte der Cherokeehäuptling Bunteschlange in einer Rede, sich gewärmt
+hatte am Feuer des Indianers, und sich gesättigt an seinem Maisbrei, da
+wurde er sehr gross, er reichte über die Berggipfel hinweg und seine
+Füsse bedeckten die Ebenen und die Thäler. Seine Hände streckte er aus
+bis zum Meere im Osten und Westen. Da wurde er unser grosser Vater. Er
+liebte seine rothen Kinder, aber sprach zu ihnen: ihr müsst ein wenig
+aus dem Wege gehen, damit ich nicht von ungefähr auf euch trete. Mit dem
+einen Fuss stiess er den rothen Mann über den Okonnee und mit dem
+anderen trat er die Gräber seiner Väter nieder. Aber unser grosser Vater
+liebte doch seine rothen Kinder und änderte bald seine Sprache gegen
+sie. Er sprach viel, aber der Sinn von Allem war, nur: geht ein wenig
+aus dem Wege, ihr seid mir zu nahe. Ich habe viele Reden von unserem
+grossen Vater gehört und alle begannen und endeten ebenso« (Waitz 3,
+144). Chamisso, einer der wenigen, die sich in Deutschland für die
+Stellung jener Völker interessirten, hat dieser Rede ergreifenden
+Ausdruck verliehen in einem seiner Gedichte (Werke 4, 86). Sie ist
+bekannt genug: und wenn auch in ihr der ethische Gedanke die Hauptsache
+ist, so kann doch auch die Schilderung der Thatsachen nicht schlagender
+gegeben werden.
+
+Und doch, auch wenn man den Eingeborenen genügenden Landbesitz und Jagd
+und Lebensmittel genug sichern könnte, wir wiederholen es: die totale
+Umwälzung ihres ganzen leiblichen Lebens, das, wie wir eben gesehen,
+sich nach jeder Richtung hin ändern musste durch die plötzlich
+hereinbrechende Kultur, wird auch wenn keine Halbheiten,
+Ungeschicklichkeiten u. dergl. vorkommen, wenn alles gleich so trefflich
+als möglich eingerichtet wäre, den gefahrvollsten Einfluss auf die
+Naturvölker haben und je mehr, je plötzlicher sie kommt. Denn je länger
+physische Gewohnheiten schon bestehen, um so fester sind sie und um so
+gefährlicher ist es für die menschliche Natur, wenn sie plötzlich
+gebrochen werden sollen. Auch hierin ist Leib und Seele einem Gesetze
+unterworfen: dem Gesetze der Beharrlichkeit. Wie eine Flüssigkeit,
+welche man in einen bestimmten Kreislauf gebracht hat, diesem Laufe
+immer williger und rascher folgt, aber wild in ungeordnete Wirbel
+zusammenschäumt, wenn man sie nach der entgegengesetzten Richtung hin
+zwingen will, bis sie sich endlich und allmählich diesem Neuen gewöhnt:
+so musste das natürliche Leben dieser Völker in Aufregung und Unordnung
+kommen, als es so plötzlich von der übermächtigen Kultur unterbrochen
+wurde, an die es sich erst langsam und sehr allmählich gewöhnen wird. So
+werden denn einzelne wohl, nie aber ein ganzes Volk rasch und plötzlich
+sich eine so totale Umänderung, wie hier nöthig, und käme sie unter den
+günstigsten Bedingungen (was hier leider nicht geschah), aneignen
+können. Nur so ist sicher die Nachricht zu verstehen, die wir vorhin
+Dieffenbach entlehnten, dass die Neuseeländer, wo sie vollkommen
+europäisch lebten, auch gesund seien: wobei denn immer noch zu erwägen
+bleibt, dass Dieffenbach erst 1840 seine Beobachtungen anstellte, also
+über zwei Generationen (70 Jahre) nach der ersten Entdeckung der Insel.
+Allein man könnte sagen: und doch haben andere Völker dasselbe
+plötzliche Hereinbrechen einer übermächtigen Kultur durchgemacht und
+überwunden. Man könnte unsere eigenen Vorfahren, die alten Deutschen
+nennen. Und doch, welch ein ungeheurer Unterschied hier in Allem! Denn
+erstens war die griechischrömische Kultur, wie sie zu den Germanen kam,
+unendlich bequemer als die moderne, wie sie die Naturvölker annehmen
+sollen; zweitens standen die Germanen in jeder Weise, auch in ihrer
+leiblichen Beschaffenheit, jener Kultur und ihren Trägern bei weitem
+näher als die Naturvölker den Europäern; drittens brach dieselbe nicht
+so unaufhaltsam, so plötzlich, so rücksichtlos über die Germanen herein,
+wie über jene Völker, sondern ganz allmählich, durch Jahrhunderte langes
+Vertrautwerden mit dem Einzelnen, wobei das romanisirte Gallien keine
+unbedeutende Vermittlerrolle spielte; und endlich kam sie nicht in
+solchem Grade feindselig, wie die moderne Kultur über die sogenannten
+Wilden.
+
+
+
+
+§ 14. Psychische Einwirkungen der Kultur.
+
+
+Und so blieben unsere Vorfahren vor dem namentlich bewahrt, was den
+Naturvölkern so verhängnissvoll wurde: vor dem geistig deprimirenden
+Eindruck, den die Kultur auf die Naturvölker macht. Die Germanen fanden
+Gelegenheit selbständig siegend in dem Land ihrer geistigen Besieger
+aufzutreten: sie behielten stets das gegründete Bewusstsein eigenes
+Werthes und dass sie nicht in jeder Beziehung untergeordnet seien. Sie
+standen den Römern gegenüber wie der Schüler dem Lehrer, der des
+Schülers geistiges Leben leitet, corrigirt, erhöht, aber nicht verletzt,
+vernichtet, verhöhnt.
+
+Ganz anders aber die Naturvölker. Ihr Geistesleben, alles, was sie
+dachten, fühlten und glaubten ist ihnen durch ihr Bekanntwerden mit den
+Europäern was sollen wir anders sagen als geradezu (und oft mit der
+boshaftesten Absichtlichkeit) vernichtet worden. Hierdurch wurden
+selbstverständlich je gebildeter die Völker waren, sie um so härter
+betroffen; so dass vieles von dem im folgenden Entwickelten auf die
+rohesten Stämme Südamerikas oder Neuhollands keine Anwendung findet.
+
+Zunächst die Religion. Die meisten Naturvölker sind von sehr reiner und
+inniger Religiosität, bei allen Abgeschmacktheiten und Monstrositäten
+ihres Glaubens. So waren es die Mexikaner. Ihre Religion (Waitz 4, 128)
+war es, welche ihnen ihre hohe und reine Moral eingab, deren
+Grundgedanke--zugleich ihr festester und untrüglichster Schwur (Waitz 4,
+154)--war: sieht mich nicht unser Gott? Und alles, was die Religion
+schweres von ihnen forderte, wurde treu und gewissenhaft und mit ächter
+und inniger Andacht von ihnen, nach Cortez eigenem Zeugniss (Waitz 4,
+154) ausgeführt, Ihre vielen Eroberungskriege waren, wie wir schon
+sahen, alle von dem Gedanken geleitet, ihre Religion auszubreiten über
+alle Welt. Nicht anders, nach Waitz Schilderung (4, 447 ff.) die
+Peruaner. Gleichfalls in hohem Grade gottesfürchtig sind die
+Nordindianer (Waitz 3, 205), die keine Handlung ohne Gebet unternehmen,
+die alle schweren von der Religion verlangten Peinigungen mit der
+grössten Gewissenhaftigkeit vollführen. Und so haben alle diese Völker
+überall zähe an ihren Religionen gehalten.
+
+Etwas anders steht die Sache in Polynesien. Nicht als ob die
+polynesischen Völker nicht von gleich tiefer Religiosität wären; was
+z.B. schon die bekehrten Eingeborenen beweisen, in deren Hand jetzt der
+grösste Theil der Südseemission ist. Aber die ganze Bevölkerung war
+sittlich minder rein als die Amerikaner und befand sich schon zur Zeit
+der Entdeckung, wie Meinicke (b) nachgewiesen, in einem Zustande auch
+des geistigen Verfalls. Daher erklärt sich die auffallende Erscheinung,
+dass die Polynesier (Dieffenbach 2, 50 vom ganzen Ozean) und nach
+Chamissos Zeugniss auch die Mikronesier sich leicht bewegen lassen, über
+ihren früheren Aberglauben selbst zu lachen und ihn aufzugeben. Doch
+auch sie fügen sich und nicht bloss aus Herkommen mit freudigstem
+Gehorsam den beschränkendsten Gesetzen ihrer Religion, z.B. den
+Tabu-Gesetzen, d.h. den Bestimmungen, durch welche Gegenstände aller Art
+heilig gesprochen und dem unheiligen Volk gänzlich entzogen werden,
+sowie der übergrossen Adelsverehrung und anderem der Art. Und nur da
+haben sie ihre Religion wirklich und ohne Widerstand aufgegeben, wo sie
+durch die Mission wirklichen religiösen Ersatz bekamen. Gegen
+feindselige Angriffe auf ihre Religion, mochten sie absichtlich oder nur
+zufällig sein, haben sie sich immer aufs heftigste aufgebracht gezeigt
+und eine Menge Ueberfälle, Kriege, ja Cooks Tod selbst sind nur durch
+solche Verletzungen ihrer Tempelplätze oder sonstigen Heiligthümer
+hervorgerufen.
+
+Aber selbstverständlich war es gerade die Religion, gegen welche sich
+die heftigsten und ersten Angriffe der Kulturvölker richteten. Das
+brauchte nicht mit der brutalen Roheit der Conquistadoren und ihrer
+Pfaffen in Amerika oder der Sendlinge Frankreichs in den letzten
+Jahrzehnten, der Laplace, Dupetitthouars u.s.w. in der Südsee zu
+geschehen: auch die edelsten der Europäer mussten sich gegen diese
+Religionen wenden, um sie zu zerstören, und so sahen die Eingeborenen
+ihr Heiligstes vernichtet, ja als durchaus schlecht und nichtswürdig
+verachtet. Aus dem Vorstehenden aber kann man ermessen, wie vernichtend
+dieser Schlag ihr geistiges Leben traf.
+
+Ebenso war es mit den politischen Einrichtungen: und auch hier müssen
+wir wenigstens auf einige Hauptpunkte hinweisen. Die despotische
+Verfassung, das strenge Adelsregiment der Südsee (um bei den Polynesiern
+zunächst zu bleiben), haben wir schon betrachtet. Aber mochte der Adel
+sich noch so hoch über das Volk stellen, das Volk aufs ärgste
+unterdrücken: er war doch von Gott, man hing ihm doch mit warmer
+Verehrung an, man brachte in den meisten Fällen sein Gut und Blut mit
+aufrichtigem Eifer dar--lohnte doch eine solche Aufopferung mit einem
+besseren oder überhaupt mit einem Leben nach dem Tode! Jedenfalls
+beruhte auf diesem Verhältniss des Adels, der naturgemäss die stolzeste
+Meinung von sich hatte und sich keineswegs den europäischen Grossen
+untergeordnet fühlte, und des Volkes das gesammte öffentliche Leben
+Polynesiens und Mikronesiens und hier wieder vorzüglich der Marianen.
+
+Durch den Einfluss der Europäer änderte sich das alles und so sehr auch
+das Volk nachher dadurch gewann: für den Augenblick musste es die
+Einrichtungen, die ihm seit Jahrtausenden gewohnt und ehrwürdig waren,
+aufgeben und die, welche es vordem gleich Göttern geachtet hatte, von
+den Europäern keineswegs besonders hochgestellt, ja oft mit Verachtung
+oder gar mit schreiendster Ungerechtigkeit behandelt, zum Theil wie auf
+den Marianen blutig verfolgt und vernichtet sehen. Der Adel selbst aber
+war noch schlimmer dran. Er war, bei völliger Unumschränktheit, der
+festen Ueberzeugung, von ganz anderem Stoff zu sein, als das gemeine
+Volk, er stellte sich ganz den höchsten Europäern gleich und wusste
+sich, wie Liholiho, Tamehameha I. Sohn in England bei seinem Aufenthalt
+unter der englischen höchsten Aristokratie bewiesen hat, diesen auch im
+äusseren Benehmen ziemlich gleich zu halten. Und nun fand er sich von
+den Europäern, oft von den gemeinsten Matrosen, nicht nur nicht göttlich
+verehrt, sondern verachtet, dem gemeinen Volke ganz gleich, und
+jedenfalls tief unter jeden Weissen gestellt, er fand sich von der
+Gesellschaft in den meisten Fällen (wo sich eine wirklich europäische
+Gesellschaft bilden konnte) entweder ausgeschlossen oder doch nur
+geduldet! So geschah es zu Neuseeland--man kennt ja den Hochmuth der
+englischen Raçe einer farbigen Bevölkerung gegenüber--so, seit der
+gloriosen französischen Occupation, zu Tahiti, so einige Jahrhunderte
+früher auf den Marianen, wo der Adel in den blutigen Kämpfen ganz zu
+Grunde ging.
+
+Noch viel schlimmer, weil die Zerstörung gründlicher war, wirkten diese
+Dinge in Amerika. Denn auch hier war Volk und Herrscher durch Bande
+grosser Anhänglichkeit und Religiosität verknüpft. Der Herrscher, der
+aus dem hohen Adel gewählt wurde, und mit ihm der höchste Adel war, wie
+wir schon sahen, Stellvertreter Gottes auf Erden und daher
+unumschränkt. Wie rein und tief man in Mexiko, trotz alles Absolutismus,
+die Stellung des Herrschers auffasste, geht aus den Reden hervor, die
+man bei seiner Inauguration an ihn richtete und welche nicht nur nach
+Waitz 4,68 »zu dem Schönsten und Erhabensten gehören, was von den
+Azteken noch übrig ist«, sondern überhaupt zu dem Schönsten und
+Erhabensten, sicher zu dem Wahrsten, was man je Königen gesagt hat. Die
+Steuern und Frohnen, unter denen, nach den alten spanischen
+Schriftstellern, das Volk seufzte, sind nach Waitz genauer und
+schlagender Untersuchung von den Spaniern aus nahe liegenden Gründen
+sehr übertrieben worden. Nach alle diesem wird sich die Lücke ermessen
+lassen, welche im Gemüth des Volkes nach dem Sturz alles Bestehenden
+entstand. »Zurita hat gezeigt, sagt Waitz 4, 186, wie das mexikanische
+Volk hauptsächlich dadurch ins äusserste Elend gerieth, dass alle
+Grundlagen seiner bisherigen politischen und socialen Organisation von
+den Siegern zerstört wurden. Vom mexikanischen Adel überlebten nur
+wenige den Fall der Hauptstadt und diese wenigen waren meist noch
+Kinder. Eine Petition sechs vornehmer Indianer an Karl V. legt dar, wie
+der Rest des Adels von den Spaniern niedergetreten und ins Volk
+zurückgeworfen in Armuth und Elend umkam. Eine Tochter Montezuma's ist
+im tiefsten Elend gestorben.« Man nehme nun dazu, dass auch das gesammte
+äussere Leben, die ganze glänzende Kultur des Volkes, die reiche
+Hauptstadt, die blühenden Gärten, die zahlreichen Tempel, dass Alles
+zerstört und oft aufs grausamste und verächtlichste zerstört wurde: und
+man wird begreiflich finden, dass schon dadurch der Sieger der Seele des
+besiegten Volkes einen Todesstoss versetzte. Dasselbe gilt, vielleicht
+in noch höherem Grade von den Quechuas und den Nordamerikanern. »Mit
+einem Fuss stiess er den rothen Mann über den Okonnee, und mit dem
+anderen trat er die Gräber unserer Väter nieder«, hiess es in der oben
+erwähnten Rede. Und leider waren es die persönlichsten und heiligsten
+Empfindungen, die man allzu oft und mit der grössten Rücksichtslosigkeit
+verletzte, woran freilich nicht mehr die Kultur, sondern nur ihre Träger
+schuld waren. Das zweite Concil zu Lima bedrohte die Zerstörung und
+Plünderung der alten Indianergräber, die Preisgebung der Leichen mit
+Excommunication; allein der supremo consejo de las Indias fand der
+Schätze wegen, die sie enthalten könnten, für gut, ihre Durchsuchung zu
+erlauben (Waitz 4, 493-94). Alles dies musste das unterdrückte Volk
+ruhig mit ansehen: ihr innerstes Leben wurde ihnen vernichtet, ohne dass
+sie, die sonst schon aufs fürchterlichste bedrückt waren, sich wehren
+konnten. Dass aber nicht bloss ihre Todten, dass die Lebenden selbst
+noch mehr zu leiden hatten; dass man auf sie, ob sie lebten oder
+starben, nicht die mindeste Rücksicht nahm, dass man also durch
+Verletzung der theuersten und heiligsten Gefühle auch nach dieser Seite
+hin den Indianern das äusserste that, das ist nur allzubekannt. Ein
+Nordindianer (Waitz 3, 141) sagte in einer öffentlichen und viel
+erwähnten Rede: »ich hätte sogar daran gedacht, ganz unter euch zu
+leben, hätte nicht ein Mann mir Böses gethan. Oberst Cresap ermordete im
+letzten Frühjahr (1774) mit kaltem Blut und aus eigenem Antriebe alle
+meine Verwandten, selbst meine Weiber und Kinder verschonte er nicht.
+Kein Tropfen von meinem Blut läuft mehr in den Adern eines lebenden
+Wesens.« Dies eine Zeugniss genüge.
+
+Eine der hervorragendsten Eigenschaften der Naturvölker ist ihr Stolz.
+Die Amerikaner halten sich für die ersten aller Menschen; Geschickt wie
+ein Indianer und dumm wie ein Europäer sind bei ihnen Sprichwörter
+(Waitz 3, 170). Verletzung dieses Stolzes war auch das Härteste, was sie
+unter sich einander zufügten. Die Polynesier glaubten alles Ernstes, die
+Europäer kämen zu ihnen, um jetzt erst wahres Leben kennen zu lernen und
+an ihrer Glückseligkeit, an ihrer Vollkommenheit Theil zu nehmen.
+Selbstmord aus Scham oder verletztem Ehrgefühl ist unter ihnen gar nicht
+so selten (Dieffenbach 2, 112. Thomson 319. Will. u. Calvert 1, 121
+ff.); ihre eigenen Thaten läugnen sie eben wegen dieses Stolzes nie
+(Williams u. Calvert 1, 124; Tyermann u. Bennet 1, 78; Waitz a.a.O.).
+
+Nicht minder empfindlich ist das Rechtsgefühl aller dieser Völker,
+welches z.B. einen Irokesen, der von Christi Leiden hörte, ganz wie
+jenen Friesenfürsten zu dem Ausrufe zwang: »wäre ich dabei gewesen, ich
+würde ihn gerächt und die Juden skalpirt haben« (Waitz 3, 169). Und
+diese Empfindungen, für welche Waitz a.a.O. u. b, 147 noch eine Menge
+Beispiele zusammenstellt, finden wir ebenso in Polynesien; ebenso
+wirksam wenigstens, wenn auch minder frei entwickelt, auch bei den
+roheren Völkern, den Südamerikanern, Hottentotten, Australiern. Schon
+das stete Streben, welches diese Völker nach Rache haben, beweist es.
+Wie grausam aber sind gerade diese Eigenschaften von der Kultur
+verletzt! Theils ohne ihre Schuld: denn dass die Naturvölker gar bald
+einsahen, wie sie gegen die Europäer nichts wären und nichts vermöchten,
+lag in der Natur der Sache. Theils aber tragen auch hier die Europäer
+die schwerste Verantwortlichkeit, denn sie haben die Rechte dieser
+Völker absichtlich mit Füssen getreten, sie haben, da sie die
+Naturvölker kaum für Menschen ansahen, nicht einmal ihr menschliches
+Selbstbewusstsein ihnen lassen mögen, sondern auch dieses, und oft von
+Staatswegen, wie die Vereinigten Staaten, wie Frankreich in Tahiti, wie
+die Engländer in Australien, mit Füssen getreten; und man tritt es durch
+den grenzenlosen Hochmuth und Hass, mit dem man diese Völker von aller
+Gemeinschaft und damit von aller Kultur ausschliesst, nachdem man ihnen
+häufig Land und Lebensmittel genommen, auch ferner mit Füssen. Und
+selbst in ihrem Rachedurst sind alle diese Völker den Europäern
+gegenüber so ohnmächtig, gegen welche höchstens einmal ein vereinzelter
+Racheakt Einzelner glücklichen Erfolg hatte. Mag auch Waitz Recht haben,
+wenn er sagt (b, 157), das Rechtsgefühl der Indianer sei durch den
+harten Druck der Weissen weiter und schärfer entwickelt worden, als es
+wohl sonst geschehen sei; so fährt er doch ebenso richtig fort:
+»freilich war davon die nächste Folge für sie selbst nur diese, dass sie
+ihre Ohnmacht und die Trostlosigkeit ihrer Lage dann um so bitterer
+empfanden.«
+
+Diese Vernichtung aber des gesammten geistigen und ethischen Lebens der
+Nationen kann man gar nicht stark genug betonen, wenn man die Gründe für
+ihr Aussterben aufsuchen will. Wie nichts ein Volk mehr hebt, als
+freudige Achtung vor sich selbst und fröhliches Gelingen des von ihm
+Erstrebten, so drückt nichts den Volksgeist tiefer, als das Gefühl der
+eigenen Ohnmacht und Verlorenheit. Zum Gefühl aber der äussersten
+Ohnmacht und Rechtslosigkeit, des bittersten und doch ganz hülflosen
+Ingrimms finden wir alle diese Völker, Amerikaner, Aleuten und
+Kamtschadalen, Neuholländer, Polynesier und Hottentotten verdammt. »Jede
+Raçe, weiss schwarz oder roth, sagt Elliot bei Waitz 3, 299, muss
+untergehen, wenn ihr Muth, ihre Energie und Selbstachtung durch
+Unterdrückung, Sklaverei und Laster zu Grunde gehen.« Und nun hatten,
+wie wir gesehen, die meisten Naturvölker schon von Haus aus einen
+entschiedenen Hang zur Melancholie, welche durch alle diese Schicksale
+natürlich aufs ärgste vermehrt ihren Untergang nur beschleunigte. Man
+denke sich nur, wenn wir Europäer mit allen unseren Kulturmitteln, mit
+unserer Religion, kurz mit allen den Vortheilen, die wir den
+Naturvölkern gegenüber besitzen, ihr Loos auch nur wenige Jahre, etwa
+eine Generation, zu ertragen hätten, was aus uns werden sollte! Man
+denke, wie der dreissigjährige Krieg gewirkt hat, dessen Greuel doch bei
+weitem durch das, was die Naturvölker zu leiden hatten, überboten
+werden: und man wird sich mehr über die zähe Ausdauer, als über das
+Hinschwinden derselben verwundern. Nur ihre grössere Härte und
+Festigkeit hat sie aufrecht erhalten den Völkern gegenüber, die sie
+anfangs alle, Mexikaner sowohl wie Hottentotten und Neuholländer, für
+Götter hielten!
+
+Musste alles dieses auf das geistige Leben der Völker und damit auch auf
+das leibliche einen vernichtenden Einfluss ausüben, so übte es den auch
+noch auf eine andere Art. Mit der Vernichtung der bestehenden Staaten
+war natürlich auch jedes Recht und Gesetz, welches in denselben
+bestanden hatte, aufgehoben. In Mexiko, in Peru aber waren die Gesetze
+von grosser Strenge und grosser Wirksamkeit, da sie überall in höchster
+Achtung standen und nicht anders war es in Polynesien, wo das Tabu auch
+manchen heilsam verbietenden Einfluss hatte. Stürzte nun das Alles
+zusammen, so musste nothwendigerweise eine um so ärgere Demoralisation
+eintreten, je höher früher die Kultur des zerstörten Staates gestanden
+hatte; eine solche Demoralisation musste aber gerade in einer Zeit einer
+so allgemeinen Zerstörung, wo für die Unterliegenden weder leiblich noch
+geistig irgend ein Halt blieb, die unheilvollsten Folgen für ihr ganzes
+Dasein haben und nicht wenige in den genannten Kulturstaaten sind denn
+auch gerade durch die unter den Eingebornen einreissende Zügellosigkeit
+zu Grunde gegangen. Und je tiefer, je persönlich vernichtender die
+Angriffe waren, um so mehr natürlich demoralisirten sie die Völker: was
+sollten die noch irgend etwas scheuen und heilig halten, welche selbst
+in ihrem Heiligsten verletzt waren? wie konnten sie noch sich selbst
+achten, die von jenen ankommenden Göttern so in Staub getreten wurden?
+Ueberall riss in Folge der auf diese Weise nahenden Kultur
+Entsittlichung und dadurch immer tieferes geistiges und leibliches
+Sinken unter den Naturvölkern ein. Was nicht unmittelbar vernichtet
+wurde, das wurde im Innersten vergiftet und langsames Hinsiechen war die
+nothwendige Folge.
+
+
+
+
+§ 15. Schwierigkeit für die Naturvölker, die moderne Kultur sich
+anzueignen.
+
+
+Aber wenn auch die europäische Kultur den Naturvölkern mit vollkommener
+Freundlichkeit und Schonung zugeführt worden wäre: diese Kultur bot auch
+noch ausser denen, welche wir schon gesehen haben, die grössten
+Schwierigkeiten und Gefahren, die wir jetzt betrachten müssen.
+
+War es schon keine Kleinigkeit, dass diese Völker fast alle ihre seit
+Jahrhunderten eigenthümlichen Ideen und Anschauungen aufgeben mussten,
+so war es noch viel schwieriger, das aufzunehmen, was die Europäer
+brachten, die ganze unendlich verwickelte moderne Kultur! Das traf
+besonders Polynesien und Australien; man denke sich die kleinen
+Kokosinseln, die nun plötzlich sich hineinfinden müssen in die ganze
+europäische Lebensart, in den europäischen Handel, das europäische
+Recht, die Religion und so vieles andere--und sie müssen mehr als nur
+oberflächliches davon annehmen, wenn sie nicht verloren sein wollen. Um
+wie viel glücklicher waren auch hierin die Germanen, die sehr allmählich
+eine viel weniger verwickelte Kultur aufzunehmen hatten; und doch wie
+lange Zeit brauchten auch sie, bis sie diese Kultur vollkommen sich
+assimilirt hatten! Ist es zu viel gesagt, wenn man behauptet, dass dies
+erst im vorigen Jahrhundert durch das geistige Durchdringen des
+Alterthums ganz geschehen sei?
+
+Einzelne Punkte--denn vieles (Wohnung, Kleidung u.s.w.) ist schon in
+dem bisher Behandelten wenigstens andeutend ausgesprochen worden--müssen
+wir noch besonders berücksichtigen. Zunächst die Bewaffnung. Die
+Feuerwaffen sich anzueignen ist weit schwieriger, als die Aneignung der
+römischen Taktik, da sie ausser der leiblichen Uebung noch die
+Ueberwindung der Scheu vor Donner und Blitz, durch welche gerade man die
+Weissen zuerst als Götter dokumentirt sah, verlangen; da ihre Wirkung
+weit übernatürlicher scheint, als die der römischen Waffen.--Ferner die
+Sprache. Uns Europäern macht es sehr grosse Schwierigkeiten, die Sprache
+eines Naturvolkes mit ihren anderen Anschauungen geistig zu erfassen;
+und doch steigen wir herab, da jene Sprachen alle in der Entwicklung und
+Verbindung der Gedanken so wie in der Fülle der Anschauung weit weniger
+vorgeschritten sind, als die Sprachen des gebildeten Europas; und
+zugleich haben wir durch lange Jahrhunderte fortgesetzte Uebung und
+ausserdem durch eine Menge von Hülfsmitteln eine viel grössere Kraft,
+als jene Völker, die doch hinaufsteigen müssen, wenn sie eine
+europäische Sprache erlernen wollen. Schon beim blossen Sprechenlernen,
+das vom Begreifen und wirklichen Verstehen einer Sprache himmelweit
+verschieden ist, müssen sie ihren Geist mit einer ganzen Menge neuer
+Anschauungen und Begriffe erweitern, die ihnen früher aber auch ganz
+unbekannt waren--und das meist vom Niveau einer Sprache aus, welche
+strenges, logisches Verknüpfen und Ausdenken der Begriffe wenig genug
+unterstützt.
+
+Nicht anders ist es mit der Religion. Der Abstand von manchen der
+Religionen dieser Völker vom Christenthum mag, wenn auch die meisten
+tiefer stehen, nicht grösser sein, als der des germanischen Heidenthums
+von letzterem war; aber das Christenthum, was den Germanen gepredigt
+wurde, war selbst ein ganz anderes, als was die Missionäre, wenigstens
+die protestantischen, heut zu Tage predigen. Dann freilich, wenn man die
+Berichte des sehr eifrig katholischen Michelis liest, so ist das, was
+die Propaganda z.B. in der Südsee gepredigt hat, an vielen Orten
+überhaupt nicht, viel Anderes gewesen, als was jene Völker schon
+wussten: die katholischen Missionäre haben getauft und das Heidenthum
+gelassen. Auf der andern Seite aber, wie so ganz unfassbar muss für die
+ganz sinnlichen Naturvölker eine so abstrakte Lehre sein, wie die
+evangelische, die noch dazu auf Begriffen und Anschauungen beruht,
+welche jene Völker gar nicht haben. Und indem man ihnen das Christenthum
+predigte, verlangte man, dass sie die Religion der Männer annehmen
+sollten, welche ihnen so alles Aergste zugefügt hatten, der Weissen! Ja
+hat man sie nicht auch gleich, damit ihnen nichts erspart bliebe, mit
+dogmatischen Streitigkeiten beglückt? In der ganzen Missionsgeschichte
+der neueren Zeit ist vielleicht kein so trauriges Ereigniss als das
+Auftreten der Propaganda in der Südsee, wo eben die protestantische
+Mission festen Fuss zu fassen und Früchte ihrer mühevollen Arbeit zu
+sehen begann. Das liess der katholischen Kirche nicht Ruhe: sie trat an
+einzelnen Stellen mit rohster Gewalt (die dann durch Lügen aller Art
+verdeckt wurde) der protestantischen Mission entgegen und brachte zu den
+eben bekehrten Heiden den Streit der kirchlichen Parteien. Lutteroth,
+den zu widerlegen Michelis sich vergebens bemüht, hat dies scharf und
+schlagend bewiesen. Auch Streitigkeiten, die in ihrem eigenen Schooss
+entstanden sind, brachte sie zu den Neubekehrten, wie Humboldt b, 5, 133
+von Südamerika erzählt. Uebrigens ist auch die protestantische Kirche in
+der Schonung solcher Heiden, die von einer andern protestantischen Sekte
+bekehrt waren, durchaus nicht übermässig zart gewesen. An manchen Orten
+(Nordamerika, Afrika u s.w.) hat auch sie statt des Friedens des
+Christenthums den Streit der Sekten gebracht. Welchen Einfluss musste
+das auf die eben gewonnenen Naturvölker und deren Charakter machen!
+Dabei darf auch nicht vergessen werden, dass in den meisten Fällen sich
+der Mission die Europäer selbst auf das Heftigste entgegensetzten, da
+sie sich durch jene in ihrem oft sehr weltlichen oder besser gesagt
+gottlosen Treiben behindert sahen. So war es namentlich in Polynesien,
+fast auf jeder Insel (Meinicke, Lutteroth und fast in allen Quellen); so
+in Amerika schon im 16. Jahrhundert (Waitz 4, 188; 338); so auch in
+Afrika bei Hottentotten, Kaffern, Negern, überall. Man sieht, unsere
+Kultur verlangt von den Naturvölkern eine geistige Anstrengung von so
+enormer Grösse, dass sie mit einem Male und von einer Generation gar
+nicht überwunden werden kann. Während aber nun die Europäer immer
+frischen Zuzug neuer Schaaren haben, die sie in ihren Bestrebungen
+stärken, während auch bei den Germanen auf die Stelle einer unterlegenen
+Schaar eine andere trat, die das, was jene gewonnen hatten, übernehmend
+ausführte, was noch nicht geleistet war, so fehlt es bei der geringen
+Kopfzahl der Naturvölker an solcher kraftgebenden und aushelfenden
+Ersatzmannschaft, durch welche die Arbeit sich theilen, die Aneignung
+sich leichter und allgemeiner vollziehen könnte. Daher wird der lebenden
+Generation eine um so grössere und schwerere Aufgabe gestellt und es ist
+schon deshalb klar, dass eine Generation, ja dass zwei, drei
+Generationen ihr nicht genügen können. Die Grösse der Aufgabe, die
+enorme geistige Anstrengung selbst erschwert aber das gedeihliche
+Weiterleben der Generationen durch den geistigen Druck so sehr, dass wir
+auch hierauf mit allem Nachdruck hinweisen müssen. Und zweitens müssen
+wir auch wieder betonen, dass der Hang zur Melancholie durch solche
+Ueberanstrengung, wo in den meisten Fällen nur allzubald sich zeigt,
+dass ein auch nur einigermassen befriedigendes Ziel kaum zu erreichen
+ist, immer vergrössert wird, ja dass er geradezu Charakterzug der Völker
+werden kann. Und so finden wir es im allgemeinen wie im einzelnen.
+Tschudi 2, 286 erzählt von einem Botokudenknaben, der von einer Familie
+in Bahia sorgfältig aufgezogen und dann zum Studium der Medizin auf die
+Universität geschickt wurde. Er erwarb sich den Doktortitel, übte auch
+eine Zeitlang die Praxis selbständig, bis er verschwand. »Eine tiefe
+Melancholie war immer der Grundzug seines Charakters.« Später erfuhr
+man, dass er wieder, nachdem er sich jeglicher Spur von Civilisation,
+auch der Kleider, entledigt, als Jäger durch die Wälder streife. Einen
+ganz gleichen Fall von einem jungen Choktaw, der Advokat geworden war,
+hernach aber durch Melancholie (woran freilich der Kastenhochmuth der
+Nordamerikanischen Weissen mit Schuld war) bis zum Selbstmord getrieben
+wurde, erzählt Waitz b, 71-72. Diese Fälle zu erklären, reicht es nicht
+aus, bloss an die »schiefe Stellung« zu erinnern, in welche solche
+Individuen gerathen; denn bei jenem Botokuden trifft dies nicht zu, da
+in Südamerika das Verhältniss der Farbigen zu den Weissen kein
+ungünstiges ist: wesentlich mitgewirkt hat bei ihnen und ähnlichen, wie
+wir sie bei Individuen und ganzen Völkern finden, die ewige Demüthigung
+auf der einen, die Ueberanstrengung auf der anderen Seite.
+
+
+
+
+§ 16. Behandlung der Naturvölker durch die Weissen. Afrika. Amerika.
+
+
+Wir kommen nun zu dem düstersten Punkt in unserer ganzen Schilderung, zu
+der düstersten Partie vielleicht in der ganzen Geschichte der
+Menschheit: zu der Art, wie die Weissen die Naturvölker behandelt haben.
+Die Laster, die sie ihnen brachten oder bei ihnen beförderten, brauchen
+wir hier, da wir sie schon oben an verschiedenen Stellen erwähnten,
+nicht noch einmal im Zusammenhang zu besprechen. Beginnen wir mit
+Südafrika. Die Hottentotten zeigen sich uns gleich bei ihrem ersten
+Bekanntwerden als ein Volk, das früher eine viel grössere Macht und
+Ausdehnung besessen hatte und damals schon in einer Art Verfall war. Von
+den umwohnenden afrikanischen Völkerschaften waren sie überall
+verdrängt, namentlich von Norden nach Süden geschoben und nicht nur sehr
+vermindert, sondern wie es scheint, auch in ihrem inneren Wesen
+gebrochen oder wenigstens, durch die ewigen Kriege und Niederlagen,
+wesentlich beschädigt worden (Waitz 2, 323 ff.). Schlimmeres aber
+brachten ihnen die Holländer, welche sich seit 1652 am Cap niederliessen
+und natürlich den Eingeborenen so viel Land ohne weiteres wegnahmen, als
+sie brauchten. Sie brauchten aber, da sie aus Faulheit alles brach
+liegen liessen und stets nur frisches Land bebauten, da sie ferner aus
+dem gleichen Grund lieber Viehzucht als Ackerbau trieben, sehr viel
+Land. Die Hottentotten, welche zu Sklaven zu machen das Gesetz verbot,
+machten sie zu ihren Knechten, die, weil man sie nicht verkaufen konnte,
+viel schlechter gehalten wurden als Sklaven (Waitz 2, 331). Als freilich
+die Engländer 1796 in Besitz des Caps kamen, zeigten sie sich aus
+Nationaleitelkeit anfangs zwar sehr empört über das Benehmen der
+Holländer; allein gar bald thaten sie es ihnen in Allem nach (ebd. 332).
+Wie man mit »dem schwarzen Vieh«, den Hottentotten, verfuhr, zeigt sich
+z.B. in folgendem Fall, den Sparmann erzählt. Ein Holländer hatte einen
+hottentottischen Knecht, der im Fieber lag und dessen Krankheit durch
+eine auf des Herrn Bitte von Sparmann unternommene Kur sehr
+verschlimmert wurde; Sparmann suchte den sehr niedergeschlagenen Boer zu
+trösten: allein jener fuhr auf: er kümmere sich den Teufel um den
+Hottentotten und seine Seele, wenn er nur einen anderen Ochsenführer, um
+seine Butter zu verkaufen, fände (Sparmann 273). Dies war aber kein
+vereinzelter Fall, sondern allgemeine Ansicht und so werden wir uns über
+die Einrichtung der sogenannten Commandos gegen die Eingeborenen, welche
+1774 etwa zuerst aufkamen, nicht sehr wundern können. Der Bericht eines
+Offiziers über solch ein Commando bei Waitz lautet (2, 333-34):
+
+»27. Sept. 1792 der erste Kraal angegriffen, 75 Buschmänner getödtet, 21
+gefangen.
+
+15. Oktober ein anderer Kraal entdeckt, 85 getödtet, 23 gefangen.
+
+20. Okt. ein dritter entdeckt, 7 getödtet, 3 gefangen.«
+
+»Man wird einigermassen, fährt Waitz fort, die Ausdehnung ermessen
+können, in welcher diese Vertilgung besonders der Buschmänner betrieben
+wurde, wenn man bedenkt, dass Coblins (1809) einen sonst respektablen
+Mann erzählen hörte, er habe binnen 6 Jahren mit seinen Leuten zusammen
+3200 Buschmänner getödtet und gefangen, wogegen ein anderer mittheilte,
+dass die Commandos, an denen er sich betheiligte, 2700 Buschmännern das
+Leben gekostet hätten. Thompson kannte einen Kolonisten, der in 30
+Jahren 32 solcher Raubzüge mitgemacht hatte, auf deren einem 200
+Buschmänner umgebracht seien. Mit dem Eintritt der englischen Herrschaft
+am Cap hatte zwar das Commandosystem aufhören sollen, aber die Boers
+waren so sehr an dasselbe gewöhnt, dass es unmöglich war, es auf einmal
+zu beseitigen. Von 1797-1823, d.h. bis zur Okkupation des Landes der
+Buschmänner, werden 53 Commandos offiziell angegeben; es ist
+unzweifelhaft, dass das System 1823 nach einigen Unterbrechungen wieder
+in voller Blüthe war und es scheint den Buschmännern unter der
+englischen Herrschaft noch trauriger gegangen zu sein, als unter der
+holländischen. Dass die Hottentottenbevölkerung der Capkolonie unter
+der englischen Herrschaft bis zum Jahr 1822 um die Hälfte zugenommen
+habe (Zeitschr. 1, 287) ist wenig glaubhaft und sicherlich nur
+scheinbar.« Die Boers zogen, um den ihnen verhassten englischen Gesetzen
+nicht gehorchen zu müssen, 5000 an der Zahl, um 1836 nach Port Natal, wo
+sie ihre scheussliche Willkürherrschaft, ihre Commandos und Knechtung
+der Eingeborenen noch jetzt, wie sie es selbst bei Livingstones
+Anwesenheit thaten, fortsetzen (Waitz 2, 336).
+
+Man wird es nicht eben wunderbar finden, wenn die Hottentotten diesem
+Hauche der Kultur erlagen; wenn jetzt ihr Hass gegen die Weissen so
+gross ist, dass ein friedliches Einwirken der letzteren, wenn nicht
+unmöglich, doch ausserordentlich erschwert ist: wenn endlich die
+Hottentotten jetzt sehr viel roher, träger und sittlich schlechter sind
+als zu der Zeit, da man sie zuerst kennen lernte. Stand doch über
+manchen Kirchen der Holländer: »kein Hund und kein Hottentotte darf
+eintreten« (Waitz 2, 333). Haben doch die Boers nach Kräften die
+Christianisirung der Eingeborenen zu hindern gesucht, indem sie
+verboten, dass ihre Sklaven und deren Kinder getauft wurden und bei
+Lebensstrafe denselben die Missionsstation auch nur zu nennen verboten.
+Die holländische Compagnie selbst war es, welche die mährischen Brüder
+aus dem Lande der Hottentotten vertrieb, weil sie auf letztere einen zu
+grossen Einfluss gewannen. Ja noch 1831, als die Hottentotten am Kat
+River sich niedergelassen und dort unter Leitung der Missionäre zu einer
+gewissen Blüthe gelangt waren, gelang es kaum, die Boers von der
+Zerstörung dieser Colonie mit Gewalt zurückzuhalten (Waitz 2, 336).
+
+Und in diesem Zustande leben die Hottentotten nun schon über 200 Jahr
+und sind noch nicht ausgerottet!
+
+Gehen wir nun nach Amerika. Die Indianer Nordamerikas kamen den
+Europäern anfangs freundlich entgegen (Waitz 3, 242), aber die Weissen
+waren es, welche das Verhältniss trübten. Zunächst vernichteten sie
+wegen verhältnissmässig geringfügiger Veranlassung das Volk der Pequots;
+an 700 wurden bei einem plötzlichen Ueberfall getödtet, die übrigen
+zerstreut, gefangen und von Staatswegen als Sklaven verkauft (Waitz 3,
+244). Sklavenjagden in Nordamerika von Seiten der Engländer und Spanier
+waren ganz gewöhnlich. Die frommen Puritaner, die Gott dankbar waren für
+jede verheerende Krankheit, welche unter den Indianern wüthete (Waitz 3,
+242), sahen in jedem gelingenden Greuel der Christen gegen die Indianer,
+namentlich wenn diese massenweise zu Grund gingen, ein Zeichen
+göttlicher Gnade, in jedem Misslingen eines Mordzuges einen göttlichen
+Zornausbruch gegen sie selber und bekannten dies laut (Waitz 3, 244-45).
+Man dachte gar bald daran, die Indianer ganz auszurotten: und soll uns
+das wundern, wenn wir erfahren, dass noch in diesem Jahrhundert der
+Regierung der Vereinigten Staaten ein förmliches Projekt zur Vertilgung
+der Indianer vorgelegt wurde? Und wie man sie vertilgte! »Die Engländer,
+versichert Trumbull bei Waitz 3, 248, hatten damals (im 17. Jahrhundert)
+und später viel Zweifel darüber, ob es sich mit dem Christenthum und der
+Menschlichkeit vertrage, die Feinde lebendig zu verbrennen.« Die Weissen
+haben, wie schon hieraus hervorgeht und auch sonst überall, oft sogar
+mit dem grössten Rühmen, bezeugt wird, den Krieg mit derselben und oft
+noch viel ärgerer Grausamkeit geführt, als die Indianer selbst (ebd.
+258. 260); noch 1830 haben sie, wie früher öfter, unter den Pani das
+Blattergift verbreitet (ebd. 259). Wie man nun die Völker um ihr Land
+geprellt, wie man sie später immer weiter nach Westen und schliesslich
+über den Missisippi hinübergedrängt hat, ohne Rücksicht auf die
+bedeutend aufblühende Kultur der Cherokees, welche durch diese
+Verpflanzung einen schweren Stoss erlitt, das mag man bei Waitz 3 bis
+299 und b, 26-60 nachlesen: wir wollen nur noch bemerken, dass die
+Natchez, die Schawanoes, die Delawares, Potowatomies, Seminolen,
+Kaskaskias und andere einst mächtige Völker von den Weissen vernichtet
+oder so gut wie vernichtet sind (Waitz 1, 166).
+
+In Südamerika traten die Europäer womöglich noch scheusslicher auf.
+»Benzoni, sagt Waitz 3, 399-100 in Beziehung auf Guyana, hat als
+Augenzeuge ein schauerliches Bild davon entworfen, wie die Spanier in
+diesen Ländern hausten. Das Verbot, Sklaven zu machen, war kein Verbot,
+Sklaven zu halten. Die gewöhnliche Formel, mit welcher letzteres erlaubt
+wurde, lautete: ihr sollt als Sklaven halten dürfen die von den
+eingeborenen Herren des Landes als solche gehalten und euch verkauft
+werden. Das gewöhnliche Verfahren, welches namentlich in Maracapana oft
+zur Ausführung gekommen ist, bestand daher darin, dass man einen
+Häuptling einfing, der gezwungen wurde, sich durch den Verkauf seiner
+Leute als Sklaven die Freiheit zu erwerben, und dass man die so
+gewonnenen Sklaven dann von der Behörde für rechtmässig erklären liess.
+Unterwarf sich aber ein Häuptling freiwillig, so fiel man mit ihm über
+seine Feinde her, um diese zu versklaven oder suchte Streit mit ihm
+selbst. Nasen- und Ohrenabschneiden war eine gewöhnliche und nicht
+selten ausgeführte Drohung der Spanier gegen Indianer, die sich
+ungefügig zeigten, und da das Gesetz verbot, die Lastthiere zu
+überbürden, damit sie sich reichlich vermehren könnten, diente auch dies
+als Vorwand, die Eingeborenen selbst als Lastthiere zu gebrauchen.
+Nächst der Minenarbeit und persönlichen Dienstbarkeit überhaupt hat
+vorzüglich auch die Entführung vieler Weiber ihre Zahl verringert.
+Natürlich liessen sich das die streitbaren Indianer nicht ohne Weiteres
+anthun und man kann denken, welche fürchterlichen Kämpfe eine solche
+Behandlung hervorrufen musste und wie diese Kämpfe selbst, obwohl zum
+Theil glücklich für sie, die Indianer decimiren mussten. In Brasilien
+wars um nichts besser. Obwohl man anfangs den Eingeborenen die Freiheit
+zugesprochen hatte, kam man doch sehr bald dahin, dass man
+Menschenjagden erst duldete und dann (seit 1611) allgemein gestattete
+und diese entwickelten sich gar bald zu einer solchen Höhe, dass in den
+3 Jahren 1628-1630 in Rio de Janeiro allein 60,000 Indianer, meist aus
+Paraguay, in die Sklaverei verkauft wurden, wobei es natürlich auch
+wieder zu den scheusslichsten Kriegen kam, in welchen Europäer und
+Indianer gleichmässig verwilderten (Waitz 3, 450-51). Allerdings setzten
+sich die Missionäre (Jesuiten) hiergegen, allein nur, um die
+Arbeitskraft der Indianer ihrem Orden zukommen zu lassen, und meist mit
+so geringem Erfolg, dass ihr Widerstand gar nichts bedeutete. Uebrigens
+ist auch jetzt noch das Loos der unter brasilianischer, also
+portugiesischer Herrschaft stehenden Indianer kaum besser (ebd. 453),
+wie die Portugiesen wohl diejenigen Europäer sind, welche am
+unmenschlichsten mit den Amerikanern umgingen. Das beweist auch, wie sie
+mit den Indianern der Pampas verfuhren. Wir wollen hören, was hierüber
+v. Tschudi 2, 261-64 von vergangenen Zeiten und von der Gegenwart sagt:
+»Das Verhältniss zwischen den erobernden Portugiesen und den Indianern
+war seit dem 16. Jahrhundert im allgemeinen ein getrübtes. Bekanntlich
+trachteten die Ansiedler so viel als nur möglich, die Eingeborenen für
+die Feldbestellung und für den Bergbau zu benutzen. Diese aber fanden im
+ganzen wenig Freude an solchen ihren natürlichen Neigungen mehr oder
+weniger widerstrebenden Verrichtungen und wollten ebenso wenig in ein
+Dienstverhältniss zu den Eindringlingen treten. Die gebieterische
+Nothwendigkeit, Arbeitskräfte zu besitzen, führte die Portugiesen
+allmählich dahin, sich der Indianer mit Gewalt zu bemächtigen und sie zu
+unentgeltlichen Dienstleistungen zu zwingen. Binnen kurzem bildete sich
+eine Indianersklaverei und ein schwunghafter Menschenhandel aus. Banden
+kühner Abenteurer zogen nach den Urwäldern auf Menschenjagd und
+verkauften nach der Rückkehr ihre Beute an Grossgrundbesitzer, in denen
+sie stets willige Abnehmer fanden. Königliche Verordnungen autorisirten
+gewissermassen dieses empörende Verfahren und nur an der Gesellschaft
+Jesu fanden die hartbedrängten Urbewohner Vertheidiger und Beschützer.
+Durch massenhafte Einfuhr von Sklaven von der afrikanischen Küste,
+verbunden mit einer etwas humaneren Gesetzgebung, verminderte sich,
+besonders im 18. Jahrhundert, die Indianersklaverei, dagegen aber
+entwickelte sich an vielen Grenzpunkten der Civilisation ein förmlicher
+Vernichtungskrieg zwischen Portugiesen und Indianern. Ueberlegenheit der
+Angriffs- und Verteidigungswaffen sicherten den ersten den Erfolg .....
+deren weite mit gehacktem Blei geladene Trabucos oft schreckliche
+Verwüstungen unter den Gegnern anrichteten.
+
+Wilde Bluthunde, die ausschliesslich auf Indianerfährten abgerichtet
+waren, halfen den nicht weniger blutdürstigen Menschenjägern die
+feindlichen Lager ausfindig machen. Die Offiziere wetteiferten, wer die
+besten Indianerhunde besitze, und ein gewisser Lieutenant Antonio
+Pereira liess die seinigen nur Indianerfleisch geniessen, um sie stets
+bei guter Nase zu erhalten. Als durch die Einführung der weit
+arbeitsfähigeren Neger die Indianer fast ganz entwerthet wurden, so
+handelte es sich bei solchen Expeditionen nicht mehr darum, Menschen zu
+fangen, sondern nur eine möglichst grosse Zahl zu morden. Um diesen
+Zweck, die Vernichtung der Indianer, in ausgedehntem Massstabe zu
+erreichen, griffen die Portugiesen zu den niederträchtigsten Mitteln.
+Sie legten Kleider von Personen, die an Blattern oder Scharlach
+verstorben waren, in der Absicht in die Wälder, dass Indianer sich diese
+aneignen und infolge dessen Epidemien unter ihnen ausbrechen und
+grässliche Verheerungen unter ihnen anrichten sollten.« Also ganz wie es
+die Engländer in Nordamerika machten!--Nachdem nun Tschudi gesagt hat,
+dass die Spanier zu solchen schändlichen Mitteln nie gegriffen hätten,
+fährt er fort: »trotz der schönen aber leider so mangelhaft ausgeführten
+Constitution Brasiliens hat der Vernichtungskrieg gegen die Indianer der
+Provinz Minas bis auf die neueste Zeit noch fortgedauert. Heute noch
+(1860) leben dort Individuen, denen eine Indianerjagd der höchste Genuss
+ist und die noch sorgfältig Schweiss- und Spürhunde zu diesem Zwecke
+pflegen. Nur eine kurze Zeit ist verflossen, seit ein kaiserlich
+brasilianischer Militärcommandant als Repressalien für einen von den
+Indianern begangenen Mord ein Indianeraldea (Dorf) überfiel und als
+Siegestrophäe _dreihundert_ Ohren von grausam abgeschlachteten Indianern
+in den Flecken St. Matheus, südlich vom Mukury brachte! Selbst der
+kaiserliche Commissionär ... neigt sich mehr zu den Vertilgungsmitteln
+hin, als auf rein menschliche Weise die Indianer der Civilisation
+unterthan zu machen....
+
+Ottoni führt einige Beispiele an, wie der Vernichtungskrieg gegen die
+Indianer auch in neuerer Zeit geführt wurde. Der Schauplatz dieser
+elenden Thaten war das Quellgebiet des Mukury und ein Theil von dem des
+Jaquitinhonha. Die Hauptleiter der Mörderexpeditionen waren zwei
+indianische Soldaten Cré und Crahy, denen sich als dritter würdiger
+Genosse ein gewisser Tidoro zugesellte. Sie handelten aber nur auf
+höheren Militärbefehl. »Eine Aldea umbringen« war ihr Losungswort, der
+Zauber, der sie für ihr Henkerhandwerk fanatisirte. Mit Hülfe kaiserlich
+brasilianischer Soldaten und »Liebhaber« (oft den besten Ständen
+angehörend) umringten sie während der Nacht die dem Untergang geweihte
+Aldea und stürmten sie mit dem ersten Tagesgrauen, so dass die
+aufgehende Sonne nur noch blutrauchende grässlich verstümmelte Leichname
+beschien. Die arglosen Indianer hatten gewöhnlich keine Idee von dem
+ihnen drohenden Verhängniss: sie wurden meistens im tiefen Schlaf
+überrascht. Die Soldaten bemächtigten sich immer zuerst der in einer
+Ecke zusammengestellten Bogen und Pfeile, um so weniger gefährdet die
+wehrlosen Indianer abzuschlachten. Nur die Kinder (Kurukas) wurden
+verschont, sie waren Kriegsbeute! Ein solches Kuruka wurde in der Regel
+für 100 Milreis verkauft. Selbst in neuester Zeit war der Gewinn, der
+aus dem Verkauf der erbeuteten Kinder gezogen wurde, das einzige Motiv,
+um eine Aldea umzubringen. Und dieses geschieht im constitutionellen
+Brasilien gegen die ursprünglichen Bewohner des Landes! Am Rio
+Jaquitinhonha, am Mukury, am Rio St. Matheus, am Rio Dolce sind
+zahlreiche Beispiele dieser Menschenschlächtereien vorgekommen. Vier
+Jahre vor meinem Besuch am Mukury leiteten die Henkersknechte Cro und
+Crahy eine solche Metzelei bei Queriba am Jaquitinhonha. Sogar im Jahr
+1861 wurde wenige Meilen von Philadelphia eine derartige
+Menschenschlächterei ausgeführt. Im Jahre 1846 wurde in Marianna, 2
+Leguas von St. Jose de Porto Alegre, an der Mündung des Mukury, der
+Tribus des Häuptlings Shiporok fast gänzlich vernichtet. Sechzehn
+Schädel der ermordeten Indianer kaufte ein Franzose und schickte sie an
+ein pariser Museum.«
+
+Man muss diese Nachrichten, welche jede Vorstellung übersteigen, bei
+einem so glaubwürdigen Schriftsteller wie Tschudi selbst lesen, um sie
+zu glauben. Uebrigens ging es den Araukanern kaum besser, die in einem
+fast 200jährigen Kampfe (von 1540-1724) mit den Spaniern um ihre
+Unabhängigkeit rangen. Auch hier waren es wieder die Europäer, welche
+die grauenvollsten Grausamkeiten gegen die tapferen und edeln Amerikaner
+begingen, welche letztern aber auch, wie es natürlich war, in einem
+solchen Krieg verwilderten und herunterkamen, so dass man jetzt in ihnen
+die alten Araukaner nicht mehr zu suchen braucht (Waitz 3, 521 ff.). Wie
+die Spanier noch in diesem Jahrhundert gegen sie verfuhren, geht aus
+folgender, von einem Augenzeugen erzählten Geschichte hervor, welche den
+portugiesischen Schandthaten würdig zur Seite steht: »von einem
+Indianerstamme, der sich in seinem Versteck aller Nachforschungen
+entzog, konnte Major Rodriguez nur ein Weib auffinden mit ihrem Sohn und
+ihrer Tochter, die noch Kind war. Drohungen und Versprechungen bewirkten
+nichts über sie, um sie zur Verrätherei zu bewegen. Da liess man den
+Sohn niederknien und erschoss ihn vor den Augen seiner Mutter und
+Schwester. Dennoch wollte das Weib nichts gestehen. Auch sie musste
+niederknien, um zu sterben; da erbot sich die Tochter, das Versteck
+ihres Vaters und ihrer Brüder zu verrathen. Die Mutter stürzte wüthend
+über sie her und wollte sie erdrosseln, doch man entriss ihr das Kind
+und schleppte sie fort in der von diesem bezeichneten Richtung, während
+sie die Tochter mit den härtesten Vorwürfen wegen ihrer Feigheit und
+Entartung überhäufte. Ihre ganze Familie musste sie hinschlachten sehen
+und gab verzweifelnd und mit dem letzten Athemzuge den Mördern fluchend
+bei diesem Anblicke ihren Geist auf« (Waitz 3, 526). Solche Beispiele
+viehischer Unmenschlichkeit stehen keineswegs als einzelne wegen ihrer
+besonderen Scheusslichkeit merkwürdige Fälle da: sie sind in diesen
+Kriegen das ganz Gewöhnliche.
+
+v. Tschudi gab an, dass die Botokuden bei den Jesuiten Schutz gefunden
+hätten; und wenn allerdings die Geistlichen bisweilen ihre Stimmen für
+die Unterdrückten erhoben, so war das keineswegs überall oder immer der
+Fall; ja die Geistlichen wurden sehr häufig nur eine neue Plage für die
+Eingeborenen durch die Mittel, wie sie die Indianer für die Taufe
+gewannen: einfach dadurch, dass sie dieselben jagten, fingen und dann
+tauften oder so lange einsperrten, bis sie sich taufen liessen, was
+freilich von den spanischen Gesetzen verboten war, aber doch oft genug,
+mit Hülfe anderer Indianer, ausgeführt wurde. Nur allzubekannt ist jene
+fürchterliche Geschichte von der Guahibaindianerin, welche mit ihren
+Kindern gefangen worden war und von der
+
+ Zu der Guahiba und der Christen Bildniss
+ Erzählet jener Stein mit stummem Munde
+ Am Atapabos-Ufer in der Wildniss.
+
+Diese Geschichte spielt etwa um 1770: und Humboldt, welcher sie uns aus
+dem Munde der Geistlichen selbst erzählt (b, 5, 81 ff.; vgl. Chamisso
+Werke 4, 69 ff.), fährt fort: »Dergleichen Jammer kommt überall vor, wo
+es Herren und Sklaven gibt, wo civilisirte Europäer unter versunkenen
+Völkern leben, wo Priester mit unumschränkter Gewalt über unwissende,
+wehrlose Völker gebieten« (Humboldt a.a.O. 85). Und er hat Recht:
+denselben Jammer finden wir in Californien wieder, wohin die spanische
+Herrschaft hauptsächlich durch Missionäre gebracht war, und wo diese
+letzteren Schlingen legten, um Indianer zu fangen oder zu demselben
+Behuf bewaffnete Schaaren ausschickten. Widersetzte sich einer der
+Eingeborenen der neuen Lehre, so sperrte man ihn zunächst ein und liess
+ihn hungern, dann zeigte man ihm Fleisch, um ihm von dem guten Leben,
+das ihn bei den Missionären erwarte, einen Begriff zu geben und
+suchte ihn so zum--Christenthum zu gewinnen (Beechey 1, 356).
+Wiedereingefangene Deserteure erhielten nach Langsdorff Stockprügel, die
+sehr häufig auch bei Frauen angewendet wurden, und es wurde ihnen ein
+schwerer Eisenstab angehängt, um fürderhin Flucht ihnen unmöglich zu
+machen. Da nun die so Bekehrten ganz wie Sklaven den frommen Missionären
+dienen mussten, so ist es einmal kein Wunder, wenn sie, um dieser
+Religion, dieser Kultur zu entfliehen, kein Mittel scheuten, auf der
+anderen Seite aber auch nicht, wenn wir sie massenhaft in den Missionen
+sterben sehen. Krankheiten wütheten und von Jahr zu Jahr wuchs die
+Sterblichkeit. 1786 waren 7701 Indianer getauft, von denen 2388 starben;
+1813 waren 57,328 getauft, aber gestorben 37,437 (Beechey 1, 370).--Als
+nun später die Missionen durch die politischen Verhältnisse Californiens
+verfielen, wurde das Loos der Eingeborenen noch schlimmer. Sklavenjagden
+oder auch geradezu Menschenhetzen begannen, man schoss sie nieder, ohne
+Unterschied des Alters und Geschlechtes, wo man sie traf. Ein spanischer
+General hatte (nach Wilkes) Californier zu Soldaten einexercirt; als sie
+sich aber sehr brauchbar zeigten, bekam er Furcht vor ihnen und liess
+sie alle niederschiessen (Waitz 2, 244-51).
+
+Am allerärgsten aber haben die Weissen in den kultivirten Gegenden
+Amerikas gehaust, welche sie zuerst vom ganzen Continente kennen
+lernten. Die Eroberung von Mexiko kostete, wie ein Spanier (Clavigero
+bei Waitz 1, 189-90) angibt, mehr Menschen, als während der ganzen Dauer
+des mexikanischen Reiches den Göttern geopfert sind; wenn auch die
+Behauptung desselben Schriftstellers, die Bevölkerung des Landes sei
+durch die Eroberung bis auf ein Zehntel gesunken, von Waitz (4, 190) mit
+Recht als übertrieben angesehen werden mag. Aber Gomara selbst, der für
+Cortez schreibt, berichtet, dass weder Weiber noch Kinder von den
+Spaniern geschont seien (Waitz 4, 186); und doch war Cortez noch
+derjenige, welcher wenigstens ohne unnöthige Grausamkeit verfuhr,
+während seine Nachfolger geradezu unmenschlich hausten. Doch auch Cortez
+vertheilte, trotzdem es ihm hart erschien, die Mexikaner unter die
+spanischen Eroberer als Knechte und der höchste Adel sowohl wie gemeines
+Volk mussten ihren Enkomenderos die härteste Arbeit thun, unter der sie,
+überhaupt nicht an strenge Arbeit, am allerwenigsten aber an so ganz
+unmenschliche Ueberbürdung gewöhnt, massenweis erlagen. Widerspenstige
+oder wer, gleichviel aus welchem Grunde, den Tribut nicht zahlte, wurden
+als Sklaven verkauft. Dieser Tribut aber war enorm und wurde mit der
+grössten Strenge, sehr häufig auch mit den ärgsten Betrügereien und
+Erpressungen beigetrieben. Viele tödteten sich nun aus Verzweiflung,
+andere verabredeten sich, keine Kinder mehr zu erzeugen oder künstlichen
+Abortus zu bewirken, um wenigstens ihre Nachkommen von diesem ganz
+unerträglichen Elend, das noch durch jene fürchterlichen eingeschleppten
+Krankheiten furchtbar erhöht wurde, zu bewahren. Bei der Eroberung waren
+die Wasserleitungen mit zerstört und dadurch erhob sich neues Elend:
+denn ein grosser Theil des Landes ward dadurch zur Wüste (Waitz 4, 187).
+Das Christenthum, das übrigens sobald es sich der Eingeborenen annahm,
+von den spanischen Machthabern aufs Heftigste angefeindet wurde, kam nun
+auch und mit ihm die Inquisition, die gar nicht selten 100 Ketzer auf
+einmal verbrennen liess (4, 189)--kurz, es ergoss sich auf die
+unglücklichen Menschen ein so grimmiges Elend, wie vielleicht kein Volk
+sonst hat aushalten müssen, und es ist kein Wunder, wenn auch hier die
+Eingeborenen vor dem »Hauche der Kultur« schaarenweis starben; ein
+Wunder ists nur, dass sie trotz aller dieser Leiden bis auf den heutigen
+Tag nicht ausgerottet sind.
+
+Nicht anders hausten die Spanier in Guatemala (4, 268), in Nikaragua
+(280) und noch ärger auf den Antillen und Lukayen (Bahamainseln), deren
+Einwohner, mehrere 100,000 an der Zahl innerhalb weniger Jahrzehnte
+gänzlich vernichtet sind, wozu die eingeschleppten Krankheiten, die
+Minenarbeiten, die nichtswürdigen Knechtungen und oft ganz zwecklose
+Menschenmetzeleien das Meiste beitrugen. Massenweise tödteten die
+Eingeborenen sich selbst. Columbus selbst hatte ganz dieselbe Gesinnung
+wie seine Landsleute: Menschenraub, Sklaverei, grausame Verstümmelungen
+geschahen auf seinen Befehl und die spanische Regierung war, obwohl
+Isabella diese Behandlung der Eingeborenen im höchsten Grade
+missbilligte, viel zu schwach, irgend etwas Bleibendes zu Gunsten der
+Indianer zu erreichen (Waitz 4, 331. 334).
+
+Ebenso ging es in Darien (4, 351) und Neu-Granada (377) und dass es in
+Peru eher schlimmer als besser war, dafür bürgt schon der Name Pizarro.
+Das beliebte Mittel der Portugiesen, Bluthunde, die auf Indianer
+dressirt waren, gegen diese loszuhetzen, wurde hier namentlich
+angewandt. Wir erinnern hier an die schon erwähnte Bitte des gefangenen
+Fürsten, ihn nicht verbrennen, nicht den Hunden vorwerfen, sondern
+einfach erhängen zu lassen (1, 478 ff.). Nach Gomara sind in den Kriegen
+unmittelbar nach der Eroberung etwa anderthalb Millionen Eingeborene
+aufgerieben; die übrigen litten unter dem Druck der Encomiendas und
+Mitas (zwangsweise Vermiethung der Eingeborenen an Privatleute, von der
+Mestizen, Mulatten, Zambos frei waren) so unerträglich, dass sie durch
+das Uebermass von Arbeit schaarenweis aufgerieben wurden. Dazu kam noch
+der furchtbare Steuerdruck unter den habgierigen Spaniern, an welchem
+sich übrigens die Geistlichkeit ohne die geringste Scheu aufs
+lebhafteste mit betheiligte. Nimmt man dies leibliche Leiden zusammen,
+und dazu das Bewusstsein der gänzlichen Ohnmacht gegen diesen Gegner, so
+wird man sich die psychischen Leiden dieser Menschen denken können;
+diese fallen aber mit dem grössten Gewicht in unsere Wagschale, da ihnen
+gewiss grosse Mengen erlegen sind, wie vielfach bezeugt ist. Gewiss,
+wenn man die Amerikaner in Nord und Süd betrachtet, deren Bedrückung
+noch nirgends ganz aufgehört hat, so ist das das allein Wunderbare, dass
+jetzt, nach 300 oder 200 Jahren eines solchen Druckes, noch irgend etwas
+von der Urbevölkerung existirt.
+
+
+
+
+§ 17. Fortsetzung. Der stille Ozean.
+
+
+Eine ähnliche Behandlung wie die bisher besprochenen Völker von
+Holländern, Engländern, Spaniern und Portugiesen erfuhren die
+Kamtschadalen und Aleuten durch die Russen. Nach King (Cook 3te Reise 4,
+171) wüthete der Russe Atlassof, der 1699 Kamtschatka zuerst entdeckt
+hatte, seit 1706 zum zweiten Male Befehlshaber daselbst, »um die
+Einwohner mit guter Art und durch friedliche Mittel zu gewinnen«, in dem
+Lande so arg, dass seine eigenen Leute, die Kosaken, welche bis dahin
+friedlich mit den Kamtschadalen ausgekommen waren, gegen ihn einen
+Aufstand erhoben und sich in den Besitz der Halbinsel setzten. Dadurch
+ward es aber nicht besser, denn sie wütheten, einmal an Mord und Blut
+gewöhnt, von nun ab unter den Eingeborenen von Kamtschatka selbst. »Die
+Geschichte dieser Halbinsel von jenem Zeitpunkte an bis in das Jahr 1731
+ist eine Reihe von Mordthaten, Empörungen und wilden blutigen Gefechten
+kleiner im ganzen Lande streifender Parteien.« Damals nämlich erhoben
+sich die erbitterten Kamtschadalen, um ihr Land nicht immer weiter
+unterjocht werden zu lassen und um sich an ihren Peinigern zu rächen.
+Behring war zu jener Zeit da, welcher alle ihm entbehrlichen Truppen,
+mit Ausnahme kleiner Besatzungen in den Festungen des Landes, gegen die
+Tschuktschen schickte, denn bei der ausserordentlichen Klugheit,
+Verschwiegenheit und Energie der Kamtschadalen hatte weder er, noch
+irgend sonst ein Russe eine Ahndung von einer Verschwörung, welche über
+die ganze Halbinsel ausgebreitet war. Sie war sehr gut organisirt; von
+kleinen aufhaltenden Zwischenfällen z.B. waren in kürzester Frist alle
+Oberhäupter derselben benachrichtigt: und so gelang es denn, nach
+Behrings Abfahrt den Kamtschadalen, dass sie die Festungen rasch
+einnahmen, und alles was von Russen noch im Lande war (Weiber und Kinder
+mit eingeschlossen) niedermachten oder in die Gefangenschaft
+wegschleppten. Behring aber, durch widrige Winde an der Küste
+festgehalten, erfuhr das Geschehene, kehrte zurück und belagerte das
+Fort, wohin sich die Kamtschadalen auf Kunde seiner Rückkehr geworfen
+hatten; allein nicht eher konnte er es--so tapfer war der
+Widerstand--einnehmen, als bis es endlich durch einen Zufall in die Luft
+gesprengt wurde. Da nun die Kamtschadalen auch in einigen offenen
+Gefechten, die sehr blutig waren und sonst den kürzeren zogen, so
+mussten sie sich zum Frieden bequemen. Von da ab blieb alles ruhig,
+einzelne Aufstände abgerechnet--welche ein deutliches Bild geben, wie
+die Russen sich gegen die durch jenen Aufstand gebrochenen Kamtschadalen
+betrugen. Wenn die Halbinsel, nach King, sich nach 1731 wieder so erholt
+haben soll (doch King selbst berichtet zweifelnd), dass sie später
+volkreicher war als früher, so ist dieser Nachricht kein Glauben zu
+schenken, oder sie bezieht sich auf die Erhöhung der Bevölkerung,
+welche durch Einwanderung erfolgte. Die Russen fuhren fort, wie sie
+angefangen hatten; wären die Kamtschadalen noch die alten gewesen, die
+mit solcher Umsicht und Thatkraft den Aufstand von 1731 ausführten, sie
+hätten von Neuem gegen das Joch anzukämpfen versucht, was bis auf jene
+ohnmächtigen Aufstände, welche gegen die Peiniger sich örtlich erhoben,
+nicht weiter geschah. Jener Krieg hatte sie eben gebrochen. Und so
+erlagen sie denn gänzlich, als zuerst 1767 jene Epidemien ausbrachen,
+die wir schon geschildert haben.
+
+Abgesehen von Krieg und Seuchen hat ihnen der Pelzhandel unendlich
+geschadet. Krusenstern (3, 52-53) erzählt, dass die Agenten der
+amerikanischen Compagnie und die russischen Händler im Lande
+umherziehen, die einzelnen, mit denen sie handeln wollen, mit Branntwein
+völlig trunken machen, was ihnen bei der Leidenschaft der Kamtschadalen
+für den Trunk gar nicht schwer wird, und dann den ganzen Vorrath von
+Pelz, den jene besitzen, den Besinnungslosen abnehmen, um sich für »die
+Menge des getrunkenen Branntweins bezahlt zu machen.« So verliert der
+Unglückliche, fährt Krusenstern fort, den Lohn monatelanger Mühe, statt
+sich zum Leben nützliche und nöthige Dinge kaufen zu können, in einem
+Rausche. »Grösseres Elend (S. 54) ist auch mit Niederdrückung seines
+Geistes verknüpft, welche einen äusserst schädlichen Einfluss auf seinen
+ohnehin schon siechen Körper haben muss, da dieser zuletzt bei
+gänzlichem Mangel an substantieller Nahrung und jeder medizinischen
+Hülfe beraubt solchen harten Stössen nicht lange widerstehen kann. Dies
+scheint mir die wahre Ursache ihrer jährlichen Abnahme und allmählichen
+gänzlichen Ausrottung zu sein, welche durch epidemische Krankheiten, die
+sie haufenweise wegraffen, befördert wird.«
+
+Auch auf friedlichem Wege wird ihre Zahl verringert: denn hier und auf
+den Aleuten sind sie mit den Russen vielfach durch Heirathen
+zusammengeschmolzen.
+
+Allein auch auf den Aleuten haben sich die Russen meist nur feindselig
+gezeigt. Namentlich sind es die russischen Wildjäger (Promyschlenniks,
+welche von 1760-90 die Inseln beherrschten, Waitz 3, 313), die sich
+durch wüste Grausamkeit auszeichnen. »Sie pflegten nicht selten Menschen
+dicht zusammenzustellen und zu versuchen, durch wie viele die Kugel
+ihrer gezogenen Büchse hindurchdringen könne«, sagt Sauer (aus dem
+Tagebuch eines russischen Offiziers, das er in den Anhängen an seine
+Reise mittheilt) bei Chamisso 177. Dazu kommt noch die sklavische
+Knechtung, in welcher Kamtschadalen und Aleuten von den Russen gehalten
+werden (Chamisso 177 und Langsdorff): wie denn z.B. die Hälfte der
+gesammten männlichen Bevölkerung von 18-50 Jahren das ganze Jahr
+hindurch unentgeltlich von ihnen in Anspruch genommen wird (Kittlitz 1,
+295). Daher hat Waitz ganz Recht, wenn er die Nachrichten über das
+milde Verfahren der Russen nicht eben hoch anschlägt (3, 313-14). Nach
+den Schilderungen von Chamisso, der hier mit Kotzebue (1, 167--68) ganz
+übereinstimmt, sind sie jetzt ein träges auch in seiner Freude trübes
+und theilnahmloses Volk (Cham. 177), wozu sie in Folge des
+unaufhörlichen Drucks geworden sind. Einzelne sollen sich, ähnlich wie
+die »wilden Männer« von Tahiti, in die Berge geflüchtet haben und dort
+ein kümmerliches Leben fristen (Chamisso 177).
+
+Von der Inselwelt des stillen Ozeans kamen die Europäer zuerst in
+dauernde Berührung mit den Marianen, wo die Spanier, als sie 1668
+landeten eine sehr bedeutende Bevölkerung (100,000 ist nicht
+übertrieben, wie wir schon sahen) auf der ganzen Kette vertheilt
+fanden--und um 1710 war nur noch Guaham, die südlichste und grösste
+Insel bewohnt, die anderen verödet. Der Krieg, welchen namentlich
+Quiroga mit blutiger Tapferkeit führte, und der über 30 Jahre dauerte,
+zahlreiche Epidemien, Verpflanzung der Eingeborenen von einem Distrikt
+zum anderen (welches Mittel auch in Amerika die verheerendsten Folgen
+hatte) trugen zu dieser Vernichtung das ihrige bei. Aber wenn auch nach
+den Berichten, die wir haben und die ganz, wie le Gobien und Freycinet,
+auf spanischen Quellen beruhen oder Erzählungen der bei der spanischen
+Unterwerfung thätigen Jesuiten sind wie die Berichte im »neuen Weltbott«
+(einer Missionzeitung a.d. Anfange des vorigen Jahrhunderts); wenn auch
+nach diesen Quellen die Spanier nicht mit der empörenden Grausamkeit
+verfuhren wie in Amerika: so ist es doch auffallend, dass wir ganz
+dieselben Erscheinungen hier wie dort nach ihrem Auftreten finden,
+wildeste Verzweiflung der Eingeborenen--welche hier wie dort anfangs den
+Spaniern sehr freundlich entgegenkamen--massenhaftes Auswandern
+derselben, zahllosen Selbstmord, künstliche Fehlgeburt oder Ermordung
+der Kinder bei der Geburt und schliesslich und sehr bald totale
+Entvölkerung der Inseln, welche für Guaham nur durch zahlreiche
+Einführung philippinischer Tagalen verhütet ist. Wahrscheinlich hausten
+also hier die Spanier mit derselben rohen Bedrückung und wilden
+Grausamkeit, welche sie überall zum Fluch der neuentdeckten Länder
+machte, nur dass hier, ganz ähnlich wie über das ebenso rasch
+entvölkerte Honduras (Waitz 4, 280), unsere Quellen schweigen, oder nur
+parteiisch und einseitig berichten. Sicher wird man aus dem Aussterben
+der marianischen Bevölkerung keinen Schluss ziehen können zu Gunsten der
+Ansicht, dass die Naturvölker, weil sie von schlechterer Organisation
+seien, den Weissen erlägen.
+
+Polynesien ist 3 Jahrhunderte später entdeckt worden als Amerika, eins
+später als die Marianen; so sehen wir denn hier die kultivirte
+Menschheit anders als bisher. Zwar zeigen die früheren Durchsegler des
+Ozeans, die Spanier, Dampier, Roggeween, dieselbe Rohheit den
+Naturvölkern gegenüber wie alle ihre Zeitgenossen; allein im Ganzen ist
+man hier milder aufgetreten als sonst, wozu ausser dem kleineren Terrain
+wie der geringeren Zahl, in welcher die Europäer demgemäss auftreten,
+der Hauptgrund das Jahrhundert ist, in welchem man die meisten dieser
+Inseln entdeckte. War es doch die Zeit des Philanthropismus und glaubte
+man doch die erträumten Ideale von menschlicher Glückseligkeit, wie z.B.
+Rousseau sie in Europa entwarf, hier im Leben der Südseeinsulaner
+verwirklicht zu finden; ein Umstand, der für die Art, wie man den
+Polynesiern entgegentrat, von grosser Bedeutung war. Und noch, wichtiger
+war es, dass gleich nach der Entdeckung zu ihnen Missionäre der
+protestantischen Kirche, denen es nicht auf Ausbreitung des christlichen
+Namens und der äusseren Gebräuche, sondern da sie selbst im tiefsten
+Herzen wahre Christen waren, auf die Emporhebung und Förderung der
+Eingeborenen ankam. So steht der treffliche Wilson, der erste Missionär
+der Südsee (1795), an der Spitze einer Reihe von Ehrenmännern, die, wenn
+auch hin und wieder selbst nicht frei von menschlichen Schwächen, auf
+das Wohlgemeinteste für diese Völker sorgten.
+
+Allein weder sie noch der fortgeschrittene Geist der Jahrhunderte
+konnten auch hier die bösen Wirkungen der Kultur und ihrer Träger
+abwehren. Eine Reihe einzelner Brutalitäten, deren Helden meist
+Schiffskapitäne und ihre Matrosen sind, kamen auch hier vor, welche
+allerdings bei der geringen Anzahl der Einwohner für die einzelnen
+Inseln gefährlich genug sein konnten und z.B. für Waihu verderblich
+gewesen sind (Mörenhout 2, 278-79, der Genaueres und die Quellen gibt).
+
+Aber auf die Dauer gefährlich wurden die Europäer durch die
+Verbrecherkolonien, welche sie in der Südsee (Neuholland, Tasmanien und
+sonst) anlegten. Denn eine Menge der deportirten Verbrecher entwichen
+und indem sie sich auf verschiedenen Inseln des Ozeans umhertrieben oder
+auf einzelnen festsetzten, schleppten sie ausser Krankheiten eine Menge
+Laster ein oder reizten, was oft genug vorgekommen ist, die Eingeborenen
+zum Krieg gegen die ankommenden Weissen, der meist den Eingeborenen
+verderblich wurde; oder zum Widerstand gegen die Missionäre, der ihnen
+nach anderer Seite hin schadete.
+
+Ausserdem wird die Südsee durchkreuzt von einer Menge von Walern, welche
+oft ziemlich lange Rast auf den einzelnen Inseln halten und deren
+Mannschaft sehr oft aus dem Abschaum aller Völker zusammenfliesst. Auch
+sie wirkten auf gleiche Weise ausserordentlich unheilvoll. Für Hawaii
+allein schlägt Virgin (1, 269) die Zahl derselben auf jährlich 15-20,000
+an und er erwähnt auch, wie die Syphilis durch sie fortwährend neue
+Nahrung bekommt. Diesen Walern und ihrem entsittlichenden Einfluss
+schreibt auch Gulick die Abnahme der Bevölkerung von Kusaie, von der
+oben die Rede war, zu.
+
+Ferner hat hier die Feindseligkeit, mit welcher die nicht geistlichen
+Europäer den Missionären, meist aus Gewinn- oder Genusssucht,
+entgegentraten (genauere Belege bei Meinicke b und Lutteroth) ganz
+besonders nachtheiligen Einfluss ausgeübt; und nicht minder der Streit,
+welchen die katholische Kirche in der Südsee mit den evangelischen
+Missionären anfing. Frankreich war es, welches als »Werkzeug der
+Propaganda« (Lutteroth 164) in diesem Theil der Welt auftrat und die Art
+und Weise, wie es das gethan hat, war keineswegs im Interesse der
+Polynesier. Erstaunt man schon über die Orgien, welche seine Vertreter
+verübten--so Dumont d'Urville auf Nukuhiva (4, 5, ff.), Laplace und die
+Mannschaft der Artemise auf Tahiti (Lutteroth 167), so erstaunt man noch
+mehr über die Unbefangenheit, mit welcher die französischen
+Schriftsteller über diese schmachvollen Vorgänge als etwas ganz
+Selbstverständliches reden. Will man die Eingeborenen dieser Inseln
+heben, so muss man ihr Selbstgefühl zu fördern suchen, man muss, indem
+man die Laster, die ihnen so viel geschadet haben, unterdrückt, auf ihre
+guten Seiten belebend und kräftigend einwirken: von allem aber hat die
+französische Okkupation der Insel Tahiti nur das Gegentheil bewirkt und
+wie man aus der brutalen Art schliessen kann, mit der sie verfuhr, auch
+gewollt. Wenigstens geht aus allem hervor, dass die Einwanderer die
+Eingeborenen hier nicht höher schätzten, als einst die Spanier oder
+Engländer die Amerikaner. In Neuseeland, wo die Engländer fest sich
+niedergelassen und denselben Raçenhochmuth gegen die Eingeborenen
+gezeigt haben, hat ausser diesem letzteren und anderem schon erwähnten
+namentlich der massenhafte Landverkauf schädlich gewirkt, auf welchen
+die Neuseeländer, ohne recht zu wissen, warum es sich handele, eingingen
+und wobei sie oft genug--so namentlich von der Neuseelandcompagnie--sich
+betrogen sahen. Sie geriethen durch den Mangel an Land in grosse Noth,
+durch den Betrug aber in grosse Wuth und die Kriege, welche noch bis vor
+kurzem geführt wurden, beruhen wesentlich auf diesen Gründen
+(Hochstetter 483-97). Durch alles dies, die Kriege nicht in letzter
+Reihe, ist natürlich das Emporkommen der Eingeborenen sehr gehindert.
+
+In Melanesien haben namentlich die Sandelholzhändler, meist englische
+oder amerikanische Capitäne, der Bevölkerung geschadet, da sie, um zu
+ihrer Waare zu kommen, oft die gewaltsamsten und scheusslichsten Mittel
+anwenden. Sie schlagen das Sandelholz nieder, wo sie es finden: daher
+sie häufig in Streit mit den Eingeborenen gerathen. Und in einem solchen
+Kampfe auf Tanna kam es vor, dass, als die Eingeborenen in eine Höhle im
+Gebirge flohen, die nachfolgenden Matrosen vor derselben ein Feuer
+anzündeten und durch den Rauch alle in der Höhle befindlichen
+umbrachten! Auch rauben sie zu ihren Arbeiten Eingeborene der Inseln und
+schleppen sie mit sich fort, welche dann häufig dem Heimweh und der
+Ueberbürdung mit Arbeit erliegen (Turner 493 vergl. 464). Auf allen
+Inseln Melanesiens sind sie gleichmässig gefürchtet (Cheyne).
+
+Meinicke (a 2, 217) hält die Neuholländer für einen der Kultur absolut
+unzugänglichen Menschenstamm. Andere Schriftsteller haben auch
+behauptet, ein friedliches Auskommen mit ihnen sei ganz unmöglich.
+Allein die Engländer haben sich nie die Mühe gegeben, auch nur in ein
+erträgliches Verhältniss mit ihnen zu kommen: und dass dies sehr leicht
+gewesen wäre, beweisen zunächst einzelne Beispiele (Waitz 1 184 ff.),
+wie vor allen das Greys, der überall friedlich mit ihnen fertig geworden
+ist, dann aber geht es aus dem ganzen Betragen der Eingebornen hervor,
+die eher scheu als kriegerisch, im Anfang den Weissen freundlich
+entgegen kamen, ja sogar ihre Niederlassung im eignen Gebiet wünschten
+(Grey 2, 234-35). Auch Meinicke, der wahrlich nicht für die Neuholländer
+Partei nimmt, gibt das zu (a 2, 214). Ihre vielfach behauptete wilde
+Blutgier ist nichts als Fabel--wohl aus dem naheliegenden Grund
+erfunden, um nun gegen sie desto rücksichtsloser zu verfahren. Und das
+ist reichlich geschehen. Zunächst machte man ihr Land vornehmlich zum
+Deportationsort von Verbrechern; Neu-Süd-Wales war Verbrecherkolonie bis
+1843: Westaustralien, das nach Grey's Zeugniss 2, 364 höher stand als
+der Osten des Continents, weil es keine Verbrecherkolonie war, ist es
+neuerdings geworden (Waitz 1, 185) und dass die Ureinwohner die höhere
+Kultur, welche durch diese Sträflinge und ihre Frevelthaten sich
+zunächst bei ihnen ankündigte, »strenge von sich abwiesen« (Meinicke 2,
+217): sollte ihnen das nicht eher zum Lobe gereichen? Sodann hat die
+englische Krone die Rechte der Eingeborenen an ihr Land nie anerkannt;
+sie hat genommen was sie wollte, und als dann die Eingeborenen in Folge
+von Nahrungs-und Landmangel zu Bettlern und Räubern geworden waren, hat
+man hierin ein Zeichen ihrer Unverbesserlichkeit durch die Kultur
+gesehen und sie mit allen Mitteln verfolgt. Später freilich, und auch
+dies erst in Folge der schreiendsten Misshandlungen durch die Weissen,
+hat man sie unter die englischen Gesetze gestellt, allein diese wirken
+wenig zu ihren Gunsten (Grey 2, 368). Denn abgesehen davon, dass die
+Eingeborenen so gut wie gar nicht zeugnissfähig vor Gericht sind, so
+werden auch die Gesetze meist nur da angewandt, wo sie gegen dieselben,
+nicht wo sie zu ihren Gunsten sprechen; ihre Verbrechen an den Weissen
+werden gestraft, nicht aber umgekehrt die der Weissen an ihnen, und
+letztere Verbrechen sind viel zahlreicher. 1838 weigerten sich die
+Geschworenen eine Anzahl Weisser zu verurtheilen, welche 28 Eingeborene
+ganz ohne Grund abgeschlachtet hatten (Waitz 1, 184). Man schiesst
+(Breton 200) die Eingeborenen öfters zum Vergnügen nieder, da sie in
+den Augen der Kolonisten nicht höher stehen, wie etwa der Orang Utang.
+Ja man hat sie an verschiedenen Orten schaarenweise vergiftet (Eyre
+Journal of expedd. into Central-Austral. 1845 2, 176 Note: Waitz 186);
+nach Byrne (12 years wanderings in the british colonies 1848 1, 275,
+Waitz eb.) ist das an vielen Gegenden von Neu-Süd-Wales durch Arsenik
+geschehen und man hat sich laut und öffentlich dieser That gerühmt.
+
+Natürlich ist für ihre Emporhebung so gut wie nichts geschehen; denn was
+wollen die edeln Bemühungen einzelner Männer, wie der Missionäre, sagen,
+wenn das ganze Volk der Kolonisten anders handelt? Grey (2, 364 ff.)
+stellt zusammen, worin man an ihnen gefehlt hat: man betrachtet sie als
+niedere Raçe und behandelt sie deshalb mit dem grössten Vorurtheil und
+der grössten Willkühr. Werden sie zur Arbeit gedungen, so zahlt man
+ihnen oft fast nichts, immer aber weit geringeren Lohn als den
+Europäern. Natürlich schweifen sie lieber bettelnd umher. Sie unter
+englischen Rechtsschutz zu stellen war wohlgemeint: allein man hätte die
+englischen Gesetze auch auf das Unrecht, was sie einander selbst thun,
+anwenden sollen, während jetzt (Grey gibt Beispiele aus Perth) die
+Europäer ruhig zusehen, wenn Eingeborene von Eingeborenen ermordet
+werden; man hat durch diese Art der Einführung des englischen Rechts
+nichts erreicht, als dass die älteren Eingeborenen die jüngeren durch
+grausame Behandlung von der Annahme neuer Sitten abschrecken (Grey 2,
+376). Es ist nach alledem kein Wunder, wenn sie sich von der Kultur, die
+sie so namenlos elend gemacht hat und fortfährt, sie als wilde Thiere zu
+behandeln, streng abwenden, obwohl sie geschickt genug sind, sie unter
+sich aufzunehmen und sich höher zu entwickeln (Grey 2, 374). Grey selbst
+erzählt einen Fall (2, 369), dass ein europäisch unterrichteter
+Eingeborener, der manche Fähigkeiten sich erworben hatte, wieder
+zurückkehrte zu den uncivilisirten Seinen, in die wilden Wälder.
+Wollen wir ihn tadeln, dass er nicht lieber, wie es in Prutzs
+geistreichem-Lustspiel von ähnlichen Verhältnissen heisst,
+
+ Ein Lump auf Griechisch ist, als ein honetter Tektosage?
+
+Bei den Seinen hatte er Familie, Ehre, Vermögen; in der Kolonie war er
+verachtet, ehrlos, arm. »Ich hätte ebenso gehandelt«, sagt Grey.
+
+Aus allem Angeführten geht hervor, dass es sehr unrecht ist, wenn man
+aus der Feindseligkeit der Neuholländer gegen die Kultur schliesst, sie
+seien überhaupt jeglicher höheren Bildung unfähig. Nicht sie haben die
+Kultur, die Kultur hat sie von sich gestossen.
+
+Die Eingeborenen Tasmaniens, welche noch friedfertiger waren als die
+Neuholländer, sind schon vernichtet. Auch hier war eine
+Verbrecherkolonie und was für Früchte sie den Eingeborenen trug, zeigt
+folgende Geschichte: ein Sträfling überredete einen Eingeborenen, dem er
+eine geladene Flinte gab, wenn er dieselbe in sein Ohr losdrücke, so
+würde er eine sehr angenehme Empfindung haben. Er machte ihm, was er zu
+thun habe, mit einer ungeladenen Flinte vor; worauf natürlich der
+Eingeborene sich erschoss (Holman a voyage round the world [1827-1832]
+4, 403). Auch sonst wurden sie, wie offiziell festgestellt ist, aufs
+schmählichste, wie wilde Thiere behandelt. Gleich bei der ersten
+Ansiedelung schoss ein Offizier zum Vergnügen mit Kartätschen unter die
+friedlichen Eingeborenen (Bischof, Sketch of the hist. of V. Diemensl.
+204); andere Schandthaten gleicher Art kamen häufig vor und erst seit
+1810, sieben Jahre nach der Kolonisation ward festgestellt, dass die
+Ermordung eines Eingeborenen als Mord gelten und bestraft werden sollte
+(Hobarttown Almanak for the year 1830, 201). So erhoben sich endlich
+(1826) die erbitterten Eingeborenen zu einem Krieg auf Leben und Tod, in
+welchem sie gefährlich genug wurden, schliesslich aber--war doch auf das
+Einfangen eines Erwachsenen 5 Pfund, auf das eines Kindes 2 Pfund als
+Preis gesetzt (Van Diemensland Almanak for the year 1831 p.
+161)--schliesslich unterlagen sie. Darwin, welcher auch der Meinung ist,
+dass ihre Vernichtung in dem »schändlichen Betragen« der Engländer ihren
+Grund hatte, vergleicht den Krieg gegen sie mit einer der grossen
+ostindischen Jagden (2, 226). Besiegt wurden sie nach Flinders Insel
+deportirt (Darwin a.a.O.); 1848 verpflanzte man sie nach Oyster Cove im
+Canal d'Entrecasteaux und jetzt werden sie wohl, vor dem Hauche einer
+solchen Kultur, ganz ausgestorben sein (Melville the present state of
+Australia 1851 370, Nixon 18). 1815 betrug ihre Zahl noch 5000, 1835
+(nach dem Kriege) noch 111, 1847 waren noch 13 Männer, 22 Weiber und 10
+Kinder übrig; 1854 waren, nachdem 29 gestorben und kein Kind weiter
+geboren war, noch 16 übrig (Petermann 1856, 441 nach dem Blaubuch).
+Nirgends fand Darwin die Vermehrung eines civilisirten über ein
+uncivilisirtes Volk auffallender wie hier: nirgends aber ist auch die
+Vernichtung der Eingeborenen roher und rücksichtsloser betrieben, als in
+Tasmanien (Bischof, Sketch of the hist. of V. Diemensland 1832,
+appendix); wobei wohl in Anschlag zu bringen ist, dass alle diese
+Scheusslichkeiten im 19. Jahrhundert ausgeübt sind.
+
+
+
+
+§ 18. Geographische Vertheilung der einzelnen Gründe für das Aussterben
+der Naturvölker. Vergleichung dieser Gründe in Bezug auf ihr Gewicht.
+
+
+Sorglosigkeit der Völker also gegen sich, in leiblicher und geistiger
+Beziehung: ihre Ausschweifungen, so wie der geringe Werth, welchen sie
+dem Menschenleben geben; Druck der einheimischen Fürsten; dann ihr
+leibliches und geistiges Verkommen durch die nothwendigen Einwirkungen
+einer übermächtigen und von ihnen nur theilweise angenommenen Kultur, so
+wie endlich die Mittel, welche die Kulturvölker theils aus Rohheit,
+theils mit der Absicht gegen sie anwandten, sie auszurotten: diese
+Gründe waren es, welche wir bisher als Schuld an ihrem Aussterben
+bezeichneten. Natürlich haben diese Gründe, wie wir schon sahen, nicht
+alle überall Geltung und es wird nöthig sein, dass wir sie, inwiefern
+sie bei den einzelnen Völkern wirksam waren, hier kurz zusammenstellen.
+
+In Tasmanien ist die Bevölkerung lediglich in Folge des englischen
+Vernichtungskrieges gegen sie zu Grunde gegangen. Gleichfalls nur dem
+Einfluss der Europäer und zwar der Spanier erlegen sind die Bewohner der
+Marianen und der Antillen: allerdings haben hier die Seuchen, welche im
+Gefolge der Europäer ausbrachen, den Weissen die Blutarbeit wesentlich
+erleichtert: allerdings hat die tiefe Niedergeschlagenheit, welche sich
+der Eingeborenen bemächtigte, wesentlich diese Krankheiten und das
+Aussterben befördert. Aber beides, Krankheiten und Melancholie, waren
+erst durch das Auftreten der Europäer hervorgerufen; und gesetzt auch,
+die Seuchen hätten diese Völker ohne die Europäer überfallen, so würden
+sie dieselben wohl überwunden haben, wie ja auch die Bevölkerung Mexikos
+das schwarze Erbrechen, welches schon vor Ankunft der Spanier in
+verheerender Weise wüthete, siegreich ohne bleibenden Nachtheil
+überstanden hat.
+
+Den Europäern allein ist ferner das Verderben der Mexikaner und Peruaner
+zuzuschreiben: nur dass sie am Anfang unterstützt wurden von
+verschiedenen eingeborenen Stämmen und Völkern, welche mit dem Hauptland
+in Feindschaft waren, bis auch diese nach und nach der europäischen
+Bedrückung erlagen.
+
+Der schlimme Einfluss der Weissen und die Seuchen, welche sie brachten,
+war es denn auch vornehmlich, welcher die Neuholländer aufrieb, aber
+keineswegs dieser allein. Bei ihnen ist zweitens die schlechte
+Lebensweise, die dadurch veranlasste Unfruchtbarkeit der Weiber und
+Sterblichkeit der Kinder von sehr bedeutendem Einfluss, so wie drittens
+der Kindermord und viertens die mannigfachen Kriege und Feindseligkeiten
+der Stämme untereinander mit in Anschlag zu bringen sind. Die
+Ausschweifungen, die sich bei ihnen finden--den Trunk haben erst die
+Weissen gebracht--sind zu wenig verbreitet, als dass sie ins Gewicht
+fallen könnten.
+
+Auch die roheren Völker Nord- und Südamerikas würden wir wohl noch in
+derselben Anzahl jetzt vorfinden, wie vor 300 Jahren, wenn der Einfluss
+der Europäer, der als Hauptgrund auch für ihr Aussterben anzusehen ist,
+nicht gewesen wäre. Neben der Wirkung der europäischen Waffen und
+Getränke waren von schlimmstem Einfluss die Seuchen, welche von den
+Weissen (wie wir sahen oft mit der schändlichsten Bosheit) eingeschleppt
+wurden, dann aber auch, ausser den direkten Vernichtungskriegen, das
+geistige und leibliche Verkommen der Eingeborenen in Folge der plötzlich
+eingeführten Kultur und vor allen die tiefe Niedergeschlagenheit, welche
+sich der Indianer, als sie ihre Ohnmacht sahen und sahen, wie sie
+rechtlos zertreten wurden, bemächtigte und die bei ihrer schon
+vorzugsweise melancholischen Natur doppelt gefährlich wirkte. Dazu
+kommen nun noch als gleichfalls sehr wichtige Faktoren zweitens die
+heftigen Kriege, die sie untereinander führten, drittens die in Folge
+der Lebensweise geringere Fruchtbarkeit der Weiber und viertens in
+Südamerika (in Nordamerika war beides zu wenig verbreitet) der
+Kindermord, die Ausschweifungen, namentlich der Trunk.
+
+Und hier müssen wir auf jene schon oben (S. 11) erwähnte Beobachtung
+Tschudis zurückkommen, dass amerikanische Völker, nach einem sehr
+verheerenden Krieg, nach einer sehr schlimmen Epidemie sich nie wieder
+zu ihrer früheren Kraft erhöben, sondern höchstens in diesem reducirten
+Zustand ein elendes Leben weiter fristeten. Diese betrübende Erscheinung
+ist leider nur allzunatürlich. Denn wie ein menschlicher Organismus, der
+sich von einer furchtbaren Krankheit erholt, nur durch lange und
+sorgsame Pflege seine frühere Kraft wieder zu gewinnen im Stande ist:
+eben so ist es der Fall bei ganzen Völkern. Durch das von uns
+geschilderte mannigfache Elend aber, in welchem diese Stämme sich auch
+sonst noch befinden, werden alle ihre Kräfte schon auf die Erhaltung des
+Lebens, wie es nun einmal ist, absorbirt und es bleibt kein Ueberschuss
+übrig für Wiederherstellung des Verlorenen oder Verletzten. Auch wird
+durch solche furchtbare Schicksale die Lebenskraft selbst schwer
+verletzt, indem bei so massenhaftem Elend nothwendig lähmende
+Melancholie oder Apathie eintritt.
+
+Die Fruchtbarkeit der Weiber, ja auch der Zeugungstrieb der Männer wird
+durch den steten Druck der Sorge und Noth, der fast noch schwerer auf
+der Seele ruht als auf dem Leib, wesentlich beeinträchtigt; und ein
+Schlag, den diese Völker, wenn sie sich in besserer, hoffnungsvollerer
+Lage befänden, mehr oder minder leicht überwinden würden, muss jetzt
+nothwendig höchst gefährlich, ja tödtlich auf sie wirken. Schaffte man
+das Elend, das leiblich und geistig auf ihnen lastet, weg--wozu indess
+ebenso viel Umsicht und Energie als Ausdauer und Zeit gehörte--so würden
+auch solche reducirten Völker sich heben und mit den Jahren, die man
+nicht allzu kärglich bemessen dürfte, das werden, woran die
+südamerikanischen Staaten denn doch keinen allzugrossen Ueberfluss
+haben: brauchbare und zuverlässige Bürger. Die Indianerstämme, welche
+man jetzt in den Wäldern verkommen lässt oder gar absichtlich mordet und
+ausrottet, sind ein Capital, was bei vernünftiger Behandlung für die
+Zukunft reichlich Zinsen tragen würde und was man jetzt muthwillig und
+absichtlich vergeudet.
+
+Die Hottentotten sind gleichfalls hauptsächlich der feindseligen
+Ausrottung durch Holländer und Engländer erlegen: allein ihre Macht war,
+wie es scheint, schon durch frühere Kriege mit den umwohnenden Völkern
+gebrochen. Ihre elende Lebensart, Seuchen u.s.w. fördern ihr Aussterben
+mächtig.
+
+Die Kamtschadalen und Aleuten sind den Vernichtungskriegen oder der
+muthwilligen Ausrottung durch die Russen, sowie den von ihnen
+eingeschleppten Seuchen erlegen: zweitens aber wirkten gleichfalls sehr
+die Ausschweifungen (in geschlechtlicher Hinsicht und durch den Trunk),
+denen sie ergeben waren. Sie waren durch dieselben entnervt und deshalb
+zum Widerstand nicht mehr stark genug.
+
+Die Polynesier dagegen haben sich wesentlich selbst zu Grunde gerichtet,
+zunächst durch ihre unsinnigen geschlechtlichen Ausschweifungen (Tahiti,
+Hawaii); sodann durch den bei ihnen so furchtbar verbreiteten
+Kindermord, drittens durch die blutigen und verheerenden Kriege, die sie
+untereinander führten, viertens durch die sinnlose Bedrückung, welche
+die Herrschenden über die Beherrschten ausübten und endlich fünftens
+durch den geringen Werth, in welchem bei ihnen das Menschenleben stand.
+Sie waren schon im Aussterben begriffen, als die Kultur zu ihnen kam,
+und diese hat nur--einzelne Völker, wo ihre Träger grössere Schuld auf
+sich luden, abgerechnet--durch die physische und psychische Erregung,
+die sie bringen musste und wodurch ein sechster Grund für ihr
+Hinschwinden dazu kommt, das Uebel, welches diese Völker wie ein
+schleichendes Gift durchdrungen hatte, zum rascheren Ausbruch und
+schnelleren Verlauf gebracht.
+
+Fragen wir nun, welche von allen diesen Ursachen war die verderblichste,
+so liegt gleich auf der Hand, dass dies das feindselige Auftreten der
+Weissen war, wie es ja auch bei fast allen Naturvölkern gleichmässig
+gewirkt hat und möchten wir die Angriffe auf das psychische Leben der
+Naturvölker fast für verderblicher halten, als das Losstürmen auf ihre
+physische Existenz. Letzteres hat akuter gewirkt und lässt sich mit der
+Verwundung eines Organismus vergleichen: jene brachten, wie eine totale
+Vergiftung, ein zwar langsameres, aber viel tieferes, schwerer zu
+heilendes und weit allgemeineres Unheil hervor. Aber auch die Europäer,
+trotz der Mittel, die sie anwandten, trotz der grossen Uebermacht ihrer
+Kultur, haben eine totale Ausrottung nur auf eng abgegrenzten Bezirken
+bewirkt, auf kleinen Inseln, auf Tasmanien, den Marianen, den Antillen:
+auf grösseren Gebieten reicht ihre Wirksamkeit nicht so weit, trotzdem
+sie hier noch manches andere unterstützt hat. Die leichte
+Empfänglichkeit der Naturvölker müssen wir, sowohl was Kraft der
+Wirkung, als auch was weite Ausdehnung derselben angeht, an zweiter
+Stelle erwähnen. Die Krankheiten, welche scheinbar spontan bei der
+Berührung der Naturvölker und der Weissen entstanden, so wie die,
+welche von letzteren zu ersteren eingeschleppt wurden, haben im
+Durchschnitt gewiss ein Drittel, wenn nicht mehr, der Eingeborenen
+Amerikas, Afrikas und des stillen Ozeans dahingerafft.
+
+Die dritte Stufe in dieser Reihenfolge der Verderblichkeit geben wir den
+Ausschweifungen. Allerdings haben sie minder allgemein geschadet als
+jenes Niedergeschmettert- oder Inficirtwerden von aussen her; aber für
+die menschliche Natur sind sie noch gefährlicher, weil sie die innersten
+Lebensnerven zerstören und wo sie wirksam sind, keine Rettung durch
+Flucht oder durch Besiegung des Feindes möglich ist. Wir sahen die
+Polynesier, ein so glänzend begabtes Volk, verkommen, trotzdem dass
+ihrer sich die Kultur im Wesentlichen freundlich angenommen hat: sie
+waren im Innersten angefressen durch die Ausschweifungen, denen sie sich
+hingegeben hatten und sie wären auch ohne Berührung mit den Weissen und
+nach und nach immer rascher durch ihre eigenen Laster zu Grunde
+gegangen. Die Betrachtung der Polynesier lehrt uns die Gefahr der
+Ausschweifungen für ganze Völker erst richtig ermessen.
+
+Viertens muss der Kindermord genannt werden, welcher vor allen Dingen in
+Polynesien und in Südamerika heimisch war, so wie überhaupt der geringe
+Werth, welchen man dem Menschenleben beimisst. Dass aber letzteres
+allein ein Volk nicht wesentlich zurückbringt, beweist das Beispiel des
+Fidschiarchipels. Nirgends wird durch Menschenopfer, Krieg,
+Kannibalismus u. dergl. mehr Blut vergossen und Leben verschwendet als
+hier; und dennoch gehören diese Inseln zu den bevölkertsten der Südsee
+und ein Aussterben wird auf ihnen nicht bemerkt.
+
+Die Kriege haben zwar mancherlei Schwankungen unter den Naturvölkern
+herbeigeführt, auch wohl einzelne Stämme ganz aufgerieben, aber doch
+nirgends so gewirkt, dass wir sie in erster Reihe aufzuführen hätten.
+Ebenso ist es mit der elenden Lebensweise der meisten dieser Völker,
+welche zwar ihr fröhliches und kräftiges Gedeihen hindern konnte,
+nirgends aber, so weit unser Material der Beobachtung reicht, eine
+völlige Vernichtung herbeigeführt haben. Bei alle den roheren Nationen
+fanden wir auch vor der Berührung mit den Europäern die Kopfzahl nie
+sehr hoch und hierfür war eben ihre wandernde und kärgliche Lebensart
+der Grund. Beides nun, das schlechte Leben und die verhältnissmässig
+geringe Volksmenge unterstützen jedes andere über ein Volk
+hereinbrechende Uebel immer in so fern, als sie das Volk um so
+rückhaltsloser und rascher unterliegen lassen. Und ähnlich ist es mit
+allen den übrigen von uns angeführten Gründen, die alle erst dann
+wirksam werden, wenn sie mit anderen verbunden auftreten.
+
+Hierher gehören auch die unvermeidlichen Folgen der zu rasch herein
+brechenden und nur halb angenommenen Kultur, welche wir in so mancher
+Beziehung für die Naturvölker schädlich fanden. Allein wohl nimmermehr
+wären diesen Folgen, den Veränderungen im leiblichen und geistigen
+Leben, der gewaltigen geistigen Anstrengung, welche die Kultur
+verlangte, diese Völker erlegen, wenn nicht andere Ursachen hierfür
+wirksam waren, zu denen dann freilich sich auch jene Folgen der Kultur
+als wirksamer sekundärer Grund hinzugesellten. Hätte sich die Annäherung
+der Kultur, wenn auch rasch, aber friedlich vollzogen; hätte sie gesunde
+Völker getroffen, so würde bei diesen, ähnlich wie bei den alten
+Germanen, eine Zeit des Stillstandes eingetreten, dann aber ein neues
+kräftiges Leben erblüht sein. Wo die Verhältnisse nur annähernd normal
+waren, finden wir diesen Gang der Ereignisse, wie wir im Folgenden näher
+betrachten werden.
+
+Aus dem Vorstehenden folgt ein wichtiges Gesetz: nie ist es eine Ursache
+allein, welche ein Volk vernichtet, sondern stets mehrere zusammen, von
+denen allerdings eine im Vordergrund stehen kann. Auch die Ausrottung
+der Marianer, Tasmanier und der antillischen Bevölkerung bildet keine
+Ausnahme, da man hier die Begrenztheit des Terrains als zweiten Grund,
+in Tasmanien Charakter und Lebensart der Bewohner als dritten in
+Anschlag bringen muss. Wo nur eine der genannten Ursachen wirkt, oder
+auch mehrere der untergeordneten, da tritt, soweit jetzt menschliche
+Geschichte und Beobachtung reicht, kein Aussterben ein; so halten sich
+die Feuerländer trotz ihres elenden Lebens: so bestehen die Fidschis
+weiter trotz der auch zu ihnen mächtig eingedrungenen Kultur, trotz der
+massenhaften Menschentödtung; und so kann man dies weiter verfolgen.
+Diese Erscheinung ist anthropologisch bedeutsam, weil sie wie keine
+zweite die zähe Lebensfähigkeit der Menschheit und zugleich beweist,
+dass diese Lebenskraft in allen Zweigen des Menschengeschlechtes
+gleichmässig vertheilt ist, ja bei den Naturvölkern eher stärker, wie
+bei den kultivirten Nationen auftritt, welche letzteren, weil sie feiner
+organisirt sind als die unkultivirten Menschen, auch bei weitem weniger
+zu ertragen im Stande sind.
+
+Denn wenn wir fragen: sind die angeführten Ursachen stark genug, um das
+Hinschwinden ganzer Völker zu veranlassen? so müssen wir antworten: sie
+sind es reichlich und im Uebermass, jede einzelne schon und nun gar
+mehrere vereint. Ist es nicht ein wahres Wunder, dass der Naturmensch in
+einem Lande wie Neuholland sich hielt, wo Europäer trotz aller
+Ausrüstungen meist so rettungslos verloren sind? Und noch dazu sich
+hielt in den ewigen Kriegen mit seines Gleichen, unter den ungünstigen
+Einflüssen der eigenen mangelhaften Kultur? oder der Polynesier auf
+seinen kleinen oft so unfruchtbaren Inseln inmitten des ungeheuersten
+aller Ozeane, und auch er ewigem Krieg und Kindermord und den
+entnervendsten Ausschweifungen unterworfen? Nicht ein Wunder, dass nach
+den furchtbaren Vernichtungskriegen durch die Weissen nicht eines dieser
+Völker vollkommen vertilgt ist, ausser kleinen Stämmen? Gewiss, wenn
+wir dies alles überdenken, werden wir nicht von der Lebensunfähigkeit
+der Naturvölker, sondern vielmehr von ihrer ausserordentlichen
+Lebenskraft und Unverwüstlichkeit uns überzeugen müssen. Und so ist hier
+der Ort, auf die Frage zurückzukommen, zu welcher wir durch Waitz
+veranlasst waren: sind wir wirklich zu dem Geständniss genöthigt, dass
+uns das Aussterben der Naturvölker vollständig zu erklären noch nicht
+gelingt? Wir sind es nicht. Wenn man der Geschichte jedes einzelnen
+Volkes folgend fragt, wie kommt es, dass es dahin siecht und schwindet,
+wir werden immer vollkommen erschöpfend die Gründe erkennen, welche
+stets dem von uns zusammengestellten Kreis angehören werden. Diese
+erklären das Aussterben der Bevölkerung so vollständig, dass zu irgend
+welchem Räthselhaften nicht der mindeste Platz bleibt, sobald man nur
+die einzelnen Gründe in ihrer physischen und psychischen Wirksamkeit
+sich mit genügender Consequenz vor Augen führt.
+
+Doch ist wohl zu beachten, dass auch die Unverwüstlichkeit dieser
+härteren Völker ihre Grenze hat. Wir sahen in Neuholland einen
+Menschenstamm, der von früher besserem Zustand herabgesunken scheint;
+dasselbe ist der Fall mit Mikronesien und dem eigentlichen Polynesien,
+sowie mit den Hottentotten. Am weitesten vorgeschritten war der Verfall
+bei den Polynesiern: daher sie denn bei verhältnissmässig leichtem
+Anstoss von aussen her rasch und viel unaufhaltsamer zusammenbrechen,
+als z.B. die Melanesier oder Hottentotten und andere Völker. Dieser
+Verfall musste, wenn seine Ursachen, die Ausschweifungen, Kriege und
+Vergeudung der Menschenleben, wirksam blieb, immer rascher weiter gehen
+und so waren sie jedenfalls verloren--wenn sie nicht von aussen her
+gerettet wurden und das hat, so weit es noch möglich war, die Kultur im
+Grossen und Ganzen gethan. Und mögen wir auch noch so sehr beklagen, wie
+die Europäer sich den meisten Naturvölkern gegenüber benommen haben: das
+müssen wir anerkennen, dass alle diese unkultivirten Völker, wenn sie in
+ihrem Naturzustande noch Jahrhunderte weiterlebten, einem zwar sehr
+langsamen, aber sicheren Untergang, dessen Keime sie in sich selbst
+trugen, entgegengingen. Sie hatten sich keine Herrschaft über die sie
+umgebende Natur errungen: sie lebten ausschweifend, nur ihren Gelüsten
+hingegeben, unregelmässig, ohne Gedanken in die Zukunft, in gewaltigster
+Trägheit; Kriege, Rache u.s.w. waren bei ihnen feste Sitten; der
+Aberglaube, der so häufig Menschenopfer verlangte, beherrschte sie ganz;
+ihr psychisches Leben war wenig, die intellektuelle Thätigkeit nur nach
+praktischer Seite hin entwickelt. Diese Züge ihres Wesens mussten aber
+im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende immer starrer und
+unüberwindlicher werden: und es ist keine Frage, dass sie ihnen einst,
+früher oder später, denn wer mag das Ende dieser Zeit bestimmen,
+erliegen mussten. Die Natur, in welcher sie lebten, bot kein erziehendes
+Moment von durchgreifender Macht; und hätte sie es durch irgend welche
+Veränderungen ihnen noch geboten, sie waren nicht mehr im Stande, es
+sich zu nutze zu machen, da sie durch und in Jahrtausende langer
+Gewöhnung erstarrt waren. Sollten diese Völker also gerettet werden, so
+war ein plötzlicher Anstoss, es war das Eingreifen der Kultur
+nothwendig; und obwohl dieselbe ihre Aufgabe so blutig gelöst hat; so
+ist diese Nothwendigkeit doch ein Gedanke, der über das viele Blut und
+Elend, das sie oder vielmehr ihre Träger schufen, einigermassen tröstet.
+
+
+
+
+§ 19. Vergleichung der Natur- und Kulturvölker in Bezug auf ihre
+Lebenskraft.
+
+
+Da sich nun aus allen diesen angeführten Gründen das Aussterben der
+Naturvölker vollkommen erklärt, ja da die Art ihrer Wirksamkeit uns erst
+recht die Lebenskraft des Menschengeschlechtes beweist: so fällt damit
+schon von selbst die Annahme, als ob die Naturvölker »von der Natur zum
+Untergange bestimmt« geringer organisirt seien als die Kulturvölker.
+Dies wird sich ganz klar und unwiderleglich zeigen, wenn wir die
+Wirksamkeit derselben Gründe auf die europäischen Nationen betrachten.
+Wir werden dort ganz genau denselben, ja einen noch weit schlimmeren
+Erfolg derselben sehen.
+
+Alles, was Cäsar den Galliern zufügte, die Verwüstung des Landes, die
+grossen Verluste an Menschenleben, das Zertreten des Nationalgefühls,
+alles das ist doch wahrlich nicht zu vergleichen mit dem, was Mexiko
+z.B. oder die Nordamerikaner litten: und dennoch war durch Cäsar in
+nicht 10 Jahren das gallische Volk, das er freilich schon herabgesunken
+vorfand, so sehr gebrochen, dass es seine Selbständigkeit bis auf die
+Sprache verlor. Allerdings hatten die italischen Bürgerkriege Italien
+etwa 70 Jahre auf das grauenvollste verwüstet; aber nach ihnen finden
+wir auch das Land im Innersten gebrochen und die Macht des römischen
+Staates auf Heeren von Fremdlingen beruhend; erst massenhaft versetzt
+mit frischen germanischen Elementen und auch da erst nach langer Ruhe
+hebt sich die italische Bevölkerung, nun ein ganz neues Volk, wieder
+empor. Und doch waren auch seine Leiden viel geringer als die der
+Amerikaner. Und die Griechen! Warum haben sie aufgehört ein historisch
+bedeutendes Volk zu sein? weil sie entnervt waren von den
+scheusslichsten Ausschweifungen und ihre letzte Kraft zertreten wurde
+zuerst durch die Stürme der Völkerwanderung und dann durch das türkische
+Joch. Aber welche Höhe hatten die Griechen einst inne--und es ist nicht
+zu viel gesagt, wenn man jetzt die Durchschnittsbildung der Griechen
+gleichstellt mit der etwa der übriggebliebenen Mexikaner.
+
+Der 30jährige Krieg, welcher doch im Anfang nur lokal und nie ohne
+Unterbrechungen wüthete und mit allen seinen Greueln und seiner Dauer
+durchaus nicht das, was die Naturvölker zu leiden hatten, erreicht,
+welche grenzenlose Verwüstung hat er in der Bevölkerung unseres
+Vaterlandes angerichtet! Ernstlich war durch ihn die deutsche Nation in
+ihrer Existenz gefährdet und es ist ja eine vielfach ausgesprochene
+Wahrheit, dass einmal unser Nationalcharakter durch diesen furchtbaren
+Krieg mannigfach verändert und herabgedrückt ist, andererseits wir noch
+bis auf den heutigen Tag mit der Heilung der Wunden, welche er unserem
+socialen und politischen Leben geschlagen hat, zu thun haben.
+
+Sehen wir so an diesen wenigen historischen Beispielen dieselben
+Ursachen bei den kultivirten Nationen noch stärker wirken, als bei den
+Naturvölkern: so wird eine kurze psychologische Betrachtung uns dasselbe
+lehren. Obwohl wir eine Religion haben, welche den Gläubigen Trost
+gewährt auch im schlimmsten Unglück, obwohl wir durch die Kultur so
+manches Hülfsmittel auch für bedrängte Lagen haben: so wirken doch auf
+uns eine Menge Dinge, welche auf die Naturvölker noch gar keinen und
+eine Menge anderer, welche auf sie weit geringern Einfluss haben. Wir
+sind in unserm leiblichen Leben verzärtelt, an eine Menge Bequemlichkeit
+gewöhnt, die wir nicht entbehren können; wir sind geistig viel
+empfindlicher und ein Niederwerfen dessen, was uns heilig ist, drückt
+uns mit zu Boden. Liebe zu den Verwandten, Scham, kurz eine ganze Reihe
+mächtiger geistiger Faktoren haben bei den Kulturvölkern eine solche
+Herrschaft übers Leben, dass, wenn sie ernstlich verletzt werden, das
+Leben mit bedroht ist, und man kann wohl sagen, je gebildeter ein Volk
+ist, um so rascher muss es in fortwährendem Unheil sich verzehren. Wenn
+wir z.B. nur bedenken, welche Wirkungen das Gefühl eines ohnmächtigen
+Ingrimms, das längere Zeit immer in uns erneut würde, auf uns haben
+müsste, wie jeder Einzelne an sich abnehmen kann, so werden wir einmal
+ermessen können, wie dasselbe Gefühl auf die Naturvölker eingewirkt
+haben muss, bei welchen es durch so furchtbare Misshandlungen
+fortwährend erneut wurde und es sehr begreiflich finden, wenn sie schon
+durch dieses allein zu Grunde gegangen wären; wir werden einsehen, was
+die gebildeten Mexikaner und Peruaner gelitten haben und warum gerade
+sie so rasch mit dem Sturze ihrer Bildung zu Grunde gingen; wir werden
+aber andererseits zugestehen müssen, dass wir unter ähnlichen
+Verhältnissen wohl viel weniger Widerstandskraft haben würden, als jene
+Völker, und gewiss jetzt erst recht aufhören von einer besonderen
+Lebensunfähigkeit der Naturvölker zu sprechen, da wir dem Unheil,
+welchem jene unterliegen, viel rascher unterliegen würden. Ja, wir
+würden nach Gründen suchen müssen, wie es kommt, dass jene Völker eine
+grössere Widerstandsfähigkeit haben wie wir; und finden dieselben in
+ihrer grösseren leiblichen Abhärtung, sowie in ihrer geringen geistigen
+Empfindlichkeit, welche immer mit geringer Geistesentwickelung Hand in
+Hand geht.--Wenn wir nun dennoch die Kulturvölker wohl ohnmächtig und
+geschichtlich unbedeutend werden, aber nicht eigentlich verschwinden
+sehen, so kommt dies daher, dass sie gerade in solchen Zeiten der Gefahr
+mit neuen Menschenschaaren durchsetzt werden. Die Verwüster Italiens,
+die Germanen, liessen sich massenhaft in den blühenden Fluren des
+besiegten Landes nieder; ebenso die Bulgaren in Griechenland u.s.w. Oder
+die schon bestehende Kultur bietet neue Hülfsmittel, wohin man auch das
+Einwandern zahlreicher Franzosen in unser Vaterland nach dem 30jährigen
+Krieg rechnen mag. Beispiele von Kulturvölkern, die völlig vernichtet
+sind, wie ihre Kultur, bietet die Geschichte von Kleinasien.
+
+Es fällt von hier aus noch einmal ein Blick auf die Eintheilung, nach
+welcher Carus die Menschen betrachtet; man sieht auch hier, wie wenig
+stichhaltig sie ist, denn seine Tagmenschen haben keine grössere
+Widerstandsfähigkeit, als seine Nacht- oder Dämmerungsmenschen; und
+während er behauptet (17), dass die westlichen Dämmerungsvölker, die
+Amerikaner, »wirklich dem Untergange zugewendet« seien, so sehen wir die
+Tagvölker noch rascher ihrem Untergange zueilen, schon wenn sie durch
+weit mildere Schicksale heimgesucht werden.--Auch die Eintheilung der
+Menschheit in aktive und passive Völker, wie sie Klemm und Wuttke geben
+(Waitz 1, 344) hat ihr sehr Bedenkliches; sie ist falsch, wenn man in
+grösserer Aktivität zugleich nach jeder Richtung hin grössere
+Kraftentwickelung sieht, denn die »aktiven« Völker (die Kulturvölker)
+zerbrechen im Unglück viel leichter, als die zäheren und härteren
+Naturvölker; sie ist ferner falsch, wenn man sie als in der
+ursprünglichen Natur der Menschheit begründet, wenn man also Aktivität
+oder Passivität als verschiedenen Völkern angeboren ansieht: denn von
+Haus aus gleich organisirt hat sich die Menschheit durch verschiedene
+Naturumgebung, verschiedene Schicksale u.s.w. im Lauf der Jahrtausende
+so verschieden entwickelt, wie wir sie in geschichtlicher Zeit
+vorfinden.
+
+
+
+
+§ 20. Aussterbende und ausdauernde Naturvölker.
+
+
+Wenn die Annahme einer minderen Lebensfähigkeit ganzer Völker richtig
+wäre, so müsste doch bei allen diesen Völkern sich jenes Hinschwinden
+gleichmässig zeigen. Wie kommt es aber, dass eins ausstirbt und das
+andere dicht daneben nicht? ja, dass von ein und demselben Volke der
+eine Zweig abstirbt, der andere ungefährdet weiter lebt? Und auch das
+findet sich oft. Die Tonganer sterben nicht aus und sind Polynesier wie
+die Tahitier, Maoris oder Kanakas; die meisten mikronesischen Inseln (so
+namentlich der Gilbertarchipel) haben eine dichte Bevölkerung, die
+Kusaier sterben aus; und beide, Mikro- und Polynesier, sind nur ein
+Zweig des grossen malaiischen Stammes, bei welchem ein solches
+Hinschwinden, die kleine Insel Engano und einige elende in die Gebirge
+gedrängte Stämme ausgenommen, sonst doch nirgends bemerkt wird. Die
+Kamtschadalen sterben aus, die übrigen Nordasiaten, ihre nahen
+Verwandten, nicht. Doch vielleicht waren hier jene von uns besprochenen
+Gründe des Aussterbens nicht in Thätigkeit? Allein während die übrigen
+Melanesier an vielen Punkten sich vermindern, bleiben die Fidschis,
+trotz des europäischen Einflusses, trotz ihrer Kriege und Menschenopfer,
+kräftig und bei voller Zahl. Noch ärger fast als alle anderen Völker
+sind die Neger bedrückt von einheimischen und fremden Tyrannen; und
+während sie für einen der fruchtbarsten Stämme gelten, der gar nicht zu
+vermindern ist, sterben die Neuholländer, nach dem Kärtchen bei Carus
+Nachtmenschen wie sie, aus--welchem Fall freilich der ethnologische
+Unsinn, afrikanische und melanesische Neger zu einer Raçe zu vereinigen,
+der sich indess nicht bei Carus allein findet, die Beweiskraft nimmt.
+Aber die anderen Beispiele zeigen vollkommen schlagend, wie irrig die
+Ansicht ist, dass die hinschwindenden Völker in Folge der Inferiorität
+ihrer Raçe ausstürben; daher wir dabei nicht zu verweilen brauchen. Wenn
+unsere Ansicht aber stichhaltig ist, so muss sich nachweisen lassen,
+dass da, wo die Gründe, aus denen wir das Aussterben der Naturvölker
+erklären, nicht eintreten oder beseitigt werden, dass da die Völker
+gedeihen, sich weiter entwickeln oder sich wieder erholen, ja selbst die
+so gefährliche Kultur überwinden und sich zu ihr, wenn auch nur sehr
+allmählich, emporheben können. Und der Nachweis ist leicht.
+
+In Afrika beweisen es die Hottentotten der herrnhutischen Kolonie
+Baavianskloof, welche Lichtenstein schildert. 1799 betrug die Zahl ihrer
+Lehrlinge (Licht. 1, 247) 100; das Dorf, worin sie wohnten, glich mit
+seinen 200 Häusern, seinen Gärten, seinen geraden Strassen ganz einem
+deutschen Dorfe; die Hottentotten waren tüchtig im Feld- und Hausbau und
+zu allem dem gebracht ganz ohne andere Strafe als Ausschliessung vom
+Gottesdienst (251). Die Taufe erhielt man freilich nur als höchste
+Belohnung für Thätigkeit, Rechtschaffenheit und Frömmigkeit und
+allerdings fand Lichtenstein noch keine Hottentotten unvermischten
+Blutes, sondern nur Mischlinge getauft; aber da sich die Herrnhuter
+bemühten, sie »erst zu Menschen und dann zu Christen« zu machen (eb.
+253), so hob sich die Colonie immer mehr, so dass von der Zeit nach 1828
+der Bericht lautet: »Die frei gewordenen Hottentotten fingen an mehr für
+die Zukunft zu sorgen, der Landbau wurde eifrig betrieben und durch
+künstliche Bewässerung verbessert, Mässigkeit und Sittlichkeit, die Zahl
+der regelmässigen Ehen, der Besuch und die Sorge der Eltern für die
+Erziehung der Kinder war im Steigen begriffen und es bedurfte dazu
+keiner Unterstützung von aussen« (Waitz 2, 337). Dies ist allerdings nur
+von einem kleinen Distrikt gesagt; aber wo hat man sich sonst auch mit
+demselben Verstand und derselben Ausdauer der Hottentotten so redlich
+angenommen? Wo man das thut, da gedeihen sie und werden brauchbare
+Menschen (vergl. W. 2, 341).
+
+In Amerika haben die Cherokees, die Algonkins, die Irokesen und andere
+Völker deutlich genug bewiesen, dass auch die Indianer der Erhebung und
+Kultivirung fähig sind. Die Irokesen sind seit 1820 »bedeutend
+fortgeschritten im Ackerbau, Hausbau und den mechanischen Künsten
+überhaupt; sie besuchten die Kirche regelmässig, viele von ihnen waren
+im Lesen, Schreiben und Rechnen so weit gekommen, dass sie Schullehrer
+werden konnten, einige andere sogar respektable Geistliche« (Waitz 3,
+291 mit d. Quellen). Sie hatten das Mohawk zur allgemeinen
+Verkehrssprache im Gebrauch und nach Schoolcrafts Bericht für 1845 war
+ihre Volkszahl im Wachsen (a.a.O.). Ebenso hatten die Ottawa, ein
+heidnischer Algonkinstamm, sowie die Sauk und noch mehr die Delaware
+grosse Fortschritte gemacht; sie leben ganz von dem Ackerbau, den sie
+sehr eifrig und tüchtig betreiben, sowie vom Handel mit den Produkten
+ihrer Felder (292-93): ihre Zahl ist im Wachsen (294).
+
+Noch mehr war dies Alles der Fall bei den Cherokees, deren Volkszahl in
+den Jahren 1819 bis 1825 von 10,000 auf 13,500 nebst 200 Weissen und
+1300 Negersklaven anwuchs. Schon vor 1820 waren sie sehr tüchtige
+Ackerbauer, welche im Laufe von 8 Jahren (M'Kennay bei Waitz 3, 294) die
+Wildniss in einen Garten umschufen. Schon um 1773 hatten sie 43 Städte
+und ihre Bildung war schon damals nicht unbedeutend (Bartram 353-60);
+seit 1796 waren Baumwollenmanufakturen bei ihnen errichtet,
+Luxusgegenstände traf man hin und wieder und Einzelne hatten ein nicht
+unbedeutendes Privatvermögen. Die Polygamie wurde abgeschafft; ihre
+Kinder zeigten sich »sehr lenksam, anhänglich und bildungsfähig« (Waitz
+3, 295). 1820 führten sie geschriebene Gesetze und eine
+Repräsentativverfassung ein. Der oberste Häuptling, dem nebst einem
+hohen Rath die Exekutive zusteht, soll alle zwei Jahre das Land
+bereisen, um dessen Zustand kennen zu lernen. Die richterliche Gewalt
+wird vom obersten Gerichtshofe, dem wandernden Gericht und von
+Friedensrichtern ausgeübt. Geschworenengerichte und drei Instanzen sind
+eingeführt, die Richter nur durch den Willen beider Häuser absetzbar. Es
+herrscht allgemeine Religionsfreiheit, doch kann Niemand ein Amt
+bekleiden, der nicht an Gott und an Vergeltung in einem künftigen Leben
+glaubt« (Waitz 3, 295-96). Es wurde dann ein Alphabet von 85 Zeichen
+1821 von einem Cherokee erfunden und bald war die Kunst des Lesens und
+Schreibens unter ihnen allgemein; seit 1828 erschien eine periodische
+Zeitschrift in ihrer Sprache. Auch diese aufblühende Kultur hat man
+nicht geschont; man hat auch die Cherokees, trotz ihres heftigen
+Widerstrebens, über den Missisippi vertrieben. Allein obwohl ihre Kultur
+dadurch im hohen Grade gefährdet wurde, so unterlag sie nicht; sie erhob
+sich bald wieder und seit 1841 allgemeiner wie früher (296). Ebenso
+verhält es sich mit den Choktaw, den Creek und einigen anderen Völkern,
+über die Waitz (296-99) ausführlichere Nachrichten gibt.
+
+Ebenso in Südamerika: die Volkszahl der Abiponer nahm nach Dobrizhofer
+bedeutend zu, als das Verstossen der Weiber, der Kindermord und die
+Polygamie abgeschafft wurde (Waitz 1, 164); in Guatemala (nach einem
+Bericht von 1771) vermehrten sich die Eingeborenen trotz des schweren
+Drucks der Spanier so sehr, dass diese sie zu fürchten anfingen (eb.
+163). In Mexiko bilden nach Humboldt die Eingeborenen noch immer fast
+die Hälfte der Einwohner (b, 3, 9) and in dieser Zahl haben sich die
+Indianer überall erhalten, wo die Spanier organisirte Reiche vorfanden
+(eb. 3, 8); die einheimische Bevölkerung ist im Steigen (derselbe a 1,
+83 und 107) und zwar in Folge eigenes Wohlstands, nicht fremden
+Zuwachses (eb. 105) und diese »für die Menschheit sehr tröstliche«
+Zunahme der indianischen Bevölkerung beweist Humboldt durch speciellere
+Angaben a, 5, 6; 4/7 der gesammten Volkszahl sind Indianer (Waitz 4,
+195).
+
+Auch in Polynesien finden wir sehr wichtige Erscheinungen der Art. Von
+Hawaii sagt Jarves 371-72: die Kultur zerstört im Anfang; nachher wirkt
+sie segensreich; so war auch auf den Sandwichinseln die Entvölkerung
+unter Tamehameha I. und Liholiho grösser als in späterer Zeit. »In dem
+Verhältniss, in welchem Christenthum und Civilisation wächst, vermindert
+sich die Sterblichkeit. Allerdings sind ihre Wirkungen jetzt noch zu
+neu, um ihre Endresultate vorherzusagen, aber man kann sicher hoffen,
+dass, wenn die bösen Einflüsse aufhören und anderen Platz machen, gute
+Ergebnisse folgen werden. Der Despotismus der Fürsten ist völlig
+abgeschafft und Gesetze wirken für das Anwachsen der Bevölkerung.
+Familien mit 3 Kindern sind von den Abgaben befreit; die, welche mehr
+haben, bekommen Land und andere Geschenke, um sie zu heben. Die Abgaben,
+obwohl immer noch hoch, sind gleich vertheilt und für das Volk
+erleichtert. Ein Nationalgeist ist erwacht, Schulen und Kirchen
+gegründet, regelmässige Handelsverbindungen und Gewerbe haben sich
+gebildet: kurz das gerade Gegentheil der moralischen Versunkenheit, in
+welcher noch vor Kurzem das Volk sich befand, fängt an sich zu
+entwickeln; medizinische Kenntnisse und ärztliche Hülfe verbreitet sich;
+Kleidung, Wohnung bessern sich allmählich. Freilich ist dies nur die
+Morgenröthe eines besseren Tages: aber schon zeigt sich deutlich genug,
+dass Christenthum und Bildung durch die Einwirkung der amerikanischen
+Mission und die Intelligenz der Fremden diese segensreichen Folgen
+haben. Noch schlagender zeigt sich das daraus, dass Kinder und
+Erwachsene, welche die Schulen besuchen und unter der unmittelbaren
+Leitung der Missionäre stehen, sich einer ausgezeichneten Gesundheit
+erfreuen und rasche Fortschritte machen. Dasselbe gilt von den
+Eingeborenen, welche unter dem Einfluss europäischer Familien stehen.«
+Nach Virgin (1, 300) freilich scheint die Entwickelung nicht allzurasch
+weiter gegangen zu sein; doch auch er gibt an, dass vor 1820 die Abnahme
+der Bevölkerung stärker gewesen sei, als nachher, und dass die Missionen
+an verschiedenen Punkten die Abnahme ins Stocken gebracht haben durch
+möglichstes Hinwegräumen der bösen Ursachen, welche sie veranlassen.
+Auch Waitz 1, 177 erwähnt einige Inseln und Distrikte dieser Gruppe, wo
+die Bevölkerung nicht nur nicht abnimmt, sondern in nicht ganz
+unbedeutendem Anwachsen begriffen ist.
+
+Ganz ebenso ist es in Tahiti. Auch hier hat die Volkszahl gleich nach
+dem ersten Zusammenstoss mit den Europäern sehr abgenommen, von 16,000
+(Wilson) bis auf 8000 (Ellis) oder 9000 (Wilkes), denn Turnballs 5000
+ist eine übertrieben niedrige Angabe. Nachher aber ist die Zahl gleich
+geblieben oder eher gewachsen; Virgin wenigstens gibt sie für 1852 auf
+10,000 an (2, 41). Auf Raiatea dagegen nimmt die Bevölkerung stark zu
+(Waitz 2, 167 nach Journ. R. geogr. soc. III, 179). Auch Ellis (um 1830)
+sagt 1, 169, dass vor 1819 das Abnehmen der tahitischen Eingeborenen
+noch stark gewesen sei: 1819-20 seien Todesfälle und Geburten einander
+gleich gewesen und von da ab habe die Volkszahl stark zugenommen. Mag
+Ellis auch, der so eifrig für das Wohl der Insel thätig war, seine
+Hoffnungen auf jene Angabe vielleicht etwas mit haben einwirken lassen:
+bloss auf Uebertreibung beruht eine so sichere Behauptung eines so
+zuverlässigen Beobachters nicht. Allerdings klagt der französische
+Commandant der Insel, de la Roncière, in seinem Bericht vom Dezember
+1866 (Globus 12, 60-61) über die Trägheit, Indolenz und
+Flatterhaftigkeit der Bewohner; allein wenn man die Vorgänge während und
+nach der französischen Okkupation der Insel und die ganze Haltung der
+Franzosen wenigstens in der ersten Zeit ihres Aufenthalts bedenkt, so
+ist es nur allzu begreiflich, dass die Entwickelung der Insel durch sie
+nicht eben gefördert ist. Doch sind wir, wenn man sich wirklich
+ernsthaft und ausdauernd der Eingeborenen annimmt, auch für sie zu guten
+Hoffnungen berechtigt.
+
+Was wir von Neuseeland zu berichten haben (nach Hochstetter 482-497) ist
+noch merkwürdiger. Gegen den Einfluss der Fremden bildete sich eine
+Nationalpartei unter den Eingeborenen, welche, da sie Gott ebenso nah
+ständen als die Weissen, mit diesen gleiche soziale und politische
+Rechte verlangten. 1857 erwählten die Maoris, von diesen Gesichtspunkten
+ausgehend, einen König, den als Krieger und Redner berühmten Potatau,
+der sich den zweiten Friedenskönig nach Melchisedek nannte, sich
+thatkräftige Häuptlinge, so vor allen den Maori William Thompson aus dem
+Stamm der Ngatihua, als Minister auswählte, und seinen Herrschersitz zu
+Ngaruawahia, an der Hauptwasserstrasse ins Innere, an den Thoren von
+Aukland in vortrefflich ausgesuchter Lage nahm. Die Grundprinzipien des
+Königthums sollten Glaube, Liebe und Gesetzlichkeit sein. Man beschwerte
+sich bitter über die englische Regierung, welche sich gar nicht um die
+Maoris kümmere, die Häuptlinge nicht standesgemäß behandele, zwar
+Protokolle über ihr Aussterben führe, aber nichts dagegen thue; man habe
+die eingeführten Waaren mit ungerechten Abgaben gedrückt, indem z.B.
+wollene Decken nach dem Gewicht wie Seide und Spitzen versteuert würden;
+Munition und Waffen verkaufe man ihnen gar nicht, um so lieber aber
+Spirituosen. Und zu dem Allen benähmen sich die Europäer so hochmüthig
+und grob! Diese Nationalpartei, welche sehr beredte Agenten im Lande
+umherschickte, fand überall rasch Anhänger; auch die Weiber und Mädchen
+theilten ihre Gesinnungen. Freiwillige Abgaben für den König flössen
+regelmässig und reichlich und dieser schlichtete zu Ngaruawahia alle
+Streitigkeiten der Eingeborenen, trieb auch von den unter ihnen lebenden
+Europäern Abgaben ein und legte einen Zoll auf die an seiner Stadt
+vorbeipassirenden europäischen Schiffe; sein Einfluss war bald so gross,
+dass sich auch die Missionäre, wenn sie etwas gegen einen Maori
+vorzubringen hatten, an ihn wandten. Aehnliche Ziele hatte die
+Landligue, eine Vereinigung der Maorifürsten, um den Landverkauf zu
+verhüten, welchen die einheimische Regierung äusserst ungern sah. Es war
+klar, dass die Kolonialverwaltung durch diese selbständige Entwickelung,
+namentlich aber durch die Beschränkung der Landkäufe, welche, um gültig
+zu sein, erst die Bestätigung des Maorikönigs nach der Auffassung der
+Eingeborenen bedurften, in arge Verlegenheit kommen musste. Daher
+erkannte denn England diese Beschränkung des Landverkaufs durch die
+Maorigesetze nicht an und so musste es zum gewaltsamen Zusammenstoss
+kommen. Dies geschah unter Potatau II., dem Sohne Potataus I.; den 17.
+März 1860 begann der Krieg, in welchem die Maoris sich nicht nur
+ausserordentlich tapfer, sondern auch so umsichtig bewiesen, dass sie
+den Engländern empfindliche Niederlagen beibrachten. Der Nationalpartei
+schlossen sich jetzt alle Maoris, auch die früher lässigen, an; es ist
+besser, hiess es, fürs Vaterland zu sterben, als unterjocht von Fremden
+zu leben. Auch im englischen Parlament erhoben sich Stimmen für sie, so
+vor allen die Martins, des Bischofs von Aukland. William Thompson war
+alleiniger Anführer dieses Krieges und seiner Stelle sehr gewachsen;
+denn der Kampf, der von den Maoris hauptsächlich als Guerillakrieg
+geführt wurde, konnte nur durch die englischen Kanonen und die englische
+Uebermacht (1861 hatten die Engländer 12,000 Mann zusammen) mehr und
+mehr zu Gunsten der Engländer gewendet werden. Indess kam es durch
+Einfluss der Missionäre und durch den an Brownes Stelle gesandten Lord
+Grey zur friedlichen Vermittlung. Wir sehen also auch hier Anfänge,
+bedeutend genug, um in kurzer Zeit die Gründe, auf welchen wir das
+Aussterben der neuseeländischen Eingeborenen beruhend fanden, zu
+beseitigen. Es ist sehr traurig, dass diese nationale Erhebung von
+englischer Seite gleich im Anfang geknickt oder wenigstens gehemmt ist:
+doch ist die Hoffnung nicht aufzugeben, dass sie abermals auch diesen
+Stoss überwinden wird. Die Hauptsache wird sein, dass sie selber Muth
+und Zuversicht gewinnen, dann werden sie die Kultur sich nicht bloss
+äusserlich und auf eine Weise, die ihnen nur schadet, aneignen, sondern
+sie werden sich, da sie stets sich sehr fähig gezeigt haben, an ihr
+emporheben und ein neues Leben zu führen im Stande sein. Zu dieser
+Hoffnung berechtigt auch die innige Religiosität, welche die meisten der
+neu und wahrhaft Bekehrten zeigen. Ob sie aber auch in diesem Falle
+später nicht einmal durch Vermischung mit den Weissen aufhören als
+Nationalität zu existiren? Ein solches Aufgehen würde indess nur
+erfreulich sein, denn es bewiese zugleich, dass auch die Engländer der
+Kolonie von ihrem starren Raçenhochmuth nachgelassen hätten.
+
+In Tonga nun, wo von jeher die Sitten strenger waren und namentlich nie
+diese Lüderlichkeit herrschte, welche in Polynesien an anderen Punkten
+so gefährlich wirkte; wo man mit dem Menschenleben, wenigstens jetzt und
+schon seit längerer Zeit, nicht so verschwenderisch umging, ist ein
+Sinken der Volkszahl nicht eingetreten. Das Christenthum hat die
+Monogamie durchgesetzt und so ist denn trotz der vielen Kriege, welche
+die Einführung des Christenthums und die Befestigung der
+Königsherrschaft mit sich brachte, die Bevölkerung, die sich im
+Allgemeinen einer sehr guten Gesundheit erfreut, im Wachsen (Erskine
+160-61).
+
+Die Bevölkerung von Samoa schätzt Erskine (104) auf etwa 37,000 Seelen,
+doch glaubt er, dass sie abnehme (a.a.O. u. 60). Auch Turner erwähnt die
+grosse Sterblichkeit der Kinder daselbst, welche durch thörichte
+Behandlung derselben vor und bei der ersten Nahrung veranlasst wird.
+Seitdem aber jetzt die Missionäre günstig wirken, die Polygamie
+abgeschafft und ausschweifende Lebensweise durch strenge Ueberwachung
+sehr erschwert ist, nimmt die Bevölkerung wieder zu (Turner 176). Doch
+waren die Samoaner überhaupt weit weniger ausschweifend gewesen als die
+übrigen Polynesier und hatten den Werth des Menschenlebens höher
+geachtet. Also auch hier dieselbe Erscheinung: der erste Zusammenstoss
+mit den Weissen bringt durch Seuchen u. dergl. (doch fand Wilkes in
+Samoa keine Syphilis 2, 73, 126, 138) eine arge Erschütterung in der
+Wohlfahrt des Volkes, ein Zurückgehen der Kopfzahl hervor; allein sobald
+diese ersten Folgen überwunden sind, hebt sich die Ziffer wieder. Gerade
+die Samoaner sind besonders innige Christen (Turner 106-109, 166 ff.)
+
+Zu den bestbevölkerten Gegenden Polynesiens gehören die kleinen Inseln
+nördlich und westlich von Samoa und Tonga, die Uniongruppe, Tikopia,
+Rotuma u.s.w., wo die Sitten unverderbt und die Bevölkerung in bester
+Wohlfahrt ist. Trotz des zahlreichen Kindermords auf Tikopia ist dort
+die Kinderzahl in einer Familie meist drei bis acht (Gaimard bei Dumont
+D'Urville b, 5, 309; vergl. ders. in Zoologie 23; u. 5, 306). Nur von
+dem gleichfalls hierher gehörigen Sikayana wird eine Abnahme der
+Eingeborenen berichtet, welche durch eine sehr heftige Blatternepidemie
+auf 171 Seelen zusammengeschmolzen sind (Nov. 2, 438-441).
+
+Alle diese Beispiele beweisen schlagend, dass ein Hinschwinden dieser
+Völker aus mangelnder Lebenskraft, »weil sie von Natur dem Untergange
+bestimmt seien«, nicht stattfindet; wo es also eintritt, kann es nur
+durch die besprochenen Gründe veranlasst sein. Sobald die Kultur nicht
+feindselig, sondern friedfertig naht und diese Völker zu sich
+emporzieht, statt sie zu vernichten, so ist von den Naturvölkern keins,
+das nicht für sie gewonnen werden könnte, ja einzelne haben sich trotz
+der feindseligsten Haltung der Weissen dennoch zur Kultur, wenigstens zu
+guten Anfängen, emporgeschwungen: eine That, deren Grösse man aus dem
+Vorstehenden ermessen kann und die eine so ausserordentlich gute
+Begabung und sichere Kraft beweist, dass sie ebenso sehr unser Staunen
+als unsere Bewunderung erwecken muss. Allerdings wird aus einem
+neuholländischen Stamm nicht sofort ein europäisch civilisirter Staat,
+aber es ist handgreiflich verkehrt, zu behaupten, wie noch Meinicke
+thut, die Neuholländer seien überhaupt der Kultur unfähig. Denn wo sich
+wirklich die Kultur ihrer angenommen (es ist selten genug geschehen), da
+haben sie sich auch als friedfertige und bildsame Menschen gezeigt. Dass
+sie sich und so noch manche andere Naturvölker jetzt so viel als möglich
+von der Kultur zurückziehen, das ist nach dem, was ihnen von ihren
+Trägern zugefügt ist, nur allzubegreiflich. Halten doch manche
+Nordindianer auch das Christenthum nur für eine neue Art, sie zu
+betrügen (Waitz 3, 289) »und, sagten sie, was sollen wir Christen
+werden, da diese ärgere Lügner, Diebe und Trinker sind, als die
+Indianer« (eb. 287). »Die Christen wollen nicht arbeiten, sie sind
+Spieler, Bösewichter und Gotteslästerer,« sagte ein Indianer von
+Nikaragua; auf die Antwort, so handelten nur die schlechten, erwiderte
+er: »wo sind denn die guten? ich wenigstens kenne nur schlechte« (Waitz
+4, 280-81). Ein zweiter Grund, weshalb viele Naturvölker so schwer die
+Kultur, auch wenn sie ihnen friedlich naht, annehmen, liegt in ihren
+Gewöhnungen. Es muss hier nochmals auf die Kraft der Vererbung erinnert
+werden. Durch Jahrtausende langes Leben an ein unstätes Umherschweifen
+u. dergl. gewöhnt, wird es ihnen sehr schwer, so plötzlich die
+althergebrachte, tief in ihr leibliches und geistiges Wesen
+eingewachsene Lebensart zu ändern.
+
+
+
+
+§ 21. Die afrikanischen Neger.
+
+
+Wir müssen, um einem möglichen Einwand zu begegnen, noch einmal auf
+einen Umstand zurückkommen, den wir schon vorhin wenigstens berührten.
+Wie ist es zu erklären, dass die Neger nicht aussterben? Sie sind doch
+geplagt, gedrückt, gemisshandelt wie kein zweites Volk, der Heimath
+entrissen, oft ganz zum Lastthier herabgewürdigt--und sie gedeihen doch.
+Der Hang der Neger zu Ausschweifungen ist bekannt; wie gefährlich ihre
+Kriege, die sie untereinander führen, für die Besiegten sind, wird nur
+zu deutlich durch die massenhaft fortgeschleppten Sklaven bewiesen:
+Menschenleben vergeuden auch sie ganz rücksichtslos, wofür schon der
+eine Name Dahomey als Beweis genügt. Und doch waren das dieselben
+Gründe, welche wir als das Aussterben der Naturvölker veranlassend
+annahmen. Wie kommt es, dass sie dort wirken und hier nicht? Muss man
+nicht doch also zu jenen Gründen noch einen hinzufügen und welcher
+könnte das sein, als mangelnde Lebenskraft oder sonst irgend etwas
+Geheimnissvolles? Aber trotzdem sind die Neger, nach einstimmigem
+Urtheil aller Forscher, die leiblich am wenigsten vollkommen
+organisirten Menschen, und es wäre doch seltsam, wenn höher stehende
+Völker mindere Lebenskraft hätten als sie.
+
+Allein diese Annahme ist auch durchaus unnöthig. Die grössere Ausdauer
+des Negers beruht auf seinem anders gearteten Naturell, was wir zunächst
+nach der psychischen Seite hin verfolgen wollen. Vom Charakter des
+Negers ist jeder melancholische Zug ausgeschlossen. Jeder momentane
+Eindruck ist bei ihrer derb sinnlichen Natur so mächtig, dass der
+folgende den vorhergehenden sofort auslöscht, und so vergessen sie
+dadurch auch im tiefsten Elend ihre schlimme Lage rasch und gänzlich,
+wenn irgend eine plötzliche Anregung zur Lust über sie kommt. So zwingen
+sie die Sklavenhändler, um sie über ihr oft tödtliches Heimweh
+hinwegzubringen, bisweilen mit der Peitsche zum Tanz, der sie dann in
+seiner sie nun ganz beherrschenden Ausgelassenheit alles Unglück
+vergessen lässt (Waitz 2, 203). Diese rasch wechselnde Gemüthslage hilft
+ihnen über vieles Schwere hinweg und ist klar, wie sehr sie im Gegensatz
+steht ebenso zu dem zähen Festhalten eines Gedankens, wie wir es beim
+Amerikaner und Polynesier so vorherrschend finden, als zu der
+Melancholie dieser Völker. Auch die sinnlichen Genüsse wirken auf den
+Neger viel befriedigender, als auf die anderen Völker; seine grosse
+geschlechtliche Sinnlichkeit ist wiederum für die Fruchtbarkeit seiner
+Raçe von grosser Bedeutung und so massenhafte und übertriebene
+Ausschweifungen wie bei den Polynesiern finden sich bei ihnen nicht.
+Auch sein Hang zum Phantastischen muss erwähnt werden, denn auch er
+dient sehr dazu, ihm seine Lage oft in ganz anderem Lichte erscheinen zu
+lassen, als sie ist. Hiermit vereinigt sich eine gewisse Stumpfheit und
+Trägheit des geistigen Lebens sehr wohl, die vor Vielem und gerade dem
+Schmerzlichsten den Neger beschützt: er wird sich fast nie moralisch
+vernichtet und dadurch in seiner innersten Persönlichkeit verwundet
+fühlen. Auch ist seine grosse Gutmüthigkeit und seine innige
+Religiosität hierbei nicht ausser Acht zu lassen.
+
+Zweitens aber scheint auch die physische Natur weit minder empfänglich
+und empfindlich zu sein, als die der meisten anderen Völker. Sei es,
+dass er durch allmähliche Gewöhnung, durch das Klima seines Landes oder
+durch ursprüngliche Anlage härter ist: er verträgt es, in ganz andere
+Himmelsstriche verpflanzt zu werden; er hält sogar die Luft der
+Malariagegenden und noch dazu bei täglicher oft sehr grosser Anstrengung
+ohne Schaden aus, welchem allen die meisten anderen Völker regelmässig
+erliegen. Er ist also schon durch seinen Körper gesicherter.
+
+Drittens ist nicht zu übersehen, dass der Neger schon seit einer Reihe
+von Jahrtausenden, seit der ersten Entwickelung der Kulturvölker, mit
+diesen in Berührung und oft in sehr enger steht und gestanden hat: so
+ist er an die Einflüsse der Kultur ganz anders gewöhnt als Amerikaner
+und Ozeanier, als Hottentotten und Kamtschadalen, und hat daher ihre
+ungünstigen Folgen weit weniger zu fürchten.
+
+Hiermit ist der Einwand, welchen man von den Negern aus erheben könnte,
+als beseitigt zu betrachten; wir müssen indess noch einen Blick auf das
+Aussterben der freigewordenen Neger in den vereinigten Staaten werfen,
+wie wir es im Ausland (1867, 1404) geschildert sehen nach Henry Lathams
+black and white. Nach ihm sind seit der Emancipation von 4,000,000
+Negern 1,000,000 zu Grunde gegangen, durch Unwissenheit, Hülflosigkeit,
+Laster und Mangel. Unfruchtbarkeit trat ein, Kindermord nahm überhand,
+»die Sterblichkeit war so gross, dass es Leute gab, welche eine Lösung
+der schwierigen Negerfrage in dem Verschwinden der farbigen Raçe in den
+nächsten 50 Jahren voraussagten«. »In den Gebieten, wo sie während des
+Krieges in grösster Sicherheit lebten, wo man annehmen kann, dass sie
+massenhaft vorhanden sind, und wo die grössten Beiträge zusammengebracht
+wurden, um sie vor Hungersnoth zu schützen, sind sie in Abnahme
+begriffen. In dem kältern Klima der Nordstaaten starben die farbigen
+Familien nach einer oder zwei Generationen aus.« Die Schilderung ist,
+wie wir sie hier vor uns haben, entschieden parteiisch gefärbt. Wir
+betrachten daher nur die Thatsache, dass die emancipirten Neger
+moralisch und physisch sich verschlechtern, ja geradezu verkommen. Diese
+Erscheinung ist allemal da beobachtet, wo Neger emancipirt wurden, und
+sie machte auch der Republik Liberia anfangs viel zu schaffen; allein
+sie tritt bei jeder Sklavenemancipation naturgemäss jedesmal ein, mögen
+die Sklaven nun Neger oder nicht sein. Sie haben nicht gelernt,
+selbständig zu leben, für sich zu sorgen, für sich zu arbeiten; jede
+Arbeit ist ihnen, in Erinnerung an ihr früheres Loos, eine Last zugleich
+und eine Entwürdigung. Durch den langen Zustand der Unfreiheit haben sie
+die Fähigkeit, der Natur gegenüber sich zu behaupten, welche sie in
+ihrer Heimath besassen, verlernt; sie sind auch geistig herabgedrückt
+und dass sie lasterhaft werden, ist die Folge des Beispiels, was ihnen
+allzuoft ihre eigenen Herren gaben, sowie des Mangels an Selbstachtung,
+zu dem sie als Sklaven verurtheilt waren. In Nordamerika ist ihnen
+ferner jede Emancipation noch durch die entschiedene und rücksichtslose
+Feindseligkeit unendlich erschwert, mit der die »gute Gesellschaft«, die
+Weissen, sich vor jedem Farbigen strenge verschliesst, für den sie
+nichts als die bitterste Verachtung hat. Klimatisches mag sich
+gleichfalls geltend machen; jedenfalls ist hier nichts, was unserer
+Betrachtung irgend ein neues Moment zufügen oder eine nähere Erklärung
+noch erheischen könnte.
+
+
+
+
+§ 22. Folgerungen aus der Art, wie die Naturvölker von den Kulturvölkern
+behandelt sind.
+
+
+Ehe wir unsere Betrachtungen schliessen, ist es nöthig, auch einen Blick
+auf die Kulturvölker zu thun, welche mit den Naturvölkern in Berührung
+kamen; denn ein solcher wird ethnologisch nicht ohne Ausbeute sein.
+Zunächst ist zu constatiren, dass alle Kulturvölker sich ganz auf
+dieselbe Weise grausam, rücksichtslos und unmenschlich gegen die
+Naturvölker betragen haben, die mit ihnen in Berührung kamen: die
+Spanier, die Portugiesen, die Holländer, die Engländer und die
+Franzosen. Die Engländer und Holländer zeichnen sich durch
+unaussprechlichen Hochmuth und Hass gegen jede farbige Bevölkerung aus,
+durch welchen sie den Naturvölkern fast nicht mindern Schaden gethan
+haben, als durch offene Feindseligkeiten. Wir Deutsche haben Eroberungen
+nicht gemacht, aber trotzdem sind einzelne unserer Landsleute mit den
+Naturvölkern in Berührung gekommen. Diejenigen, welche zur Zeit der
+ersten Entdeckung Amerikas mit den Spaniern dorthin kamen--so die
+Abgesandten der Welser, welchen dort Länderstrecken von Karl V.
+verpfändet waren--wütheten nicht geringer als die Spanier selbst. Das
+westliche Venezuela wurde um 1527 von Georg v. Speier und Ambrosius
+Dalfinger verwüstet (Waitz 3, 398). Allein das sind vereinzelte Fälle;
+im Ganzen haben die Deutschen den Naturvölkern Segen gebracht, denn
+gerade die einflussreichsten Missionen sind zum Theil in ihren Händen
+gewesen, wobei vor allen Dingen an die Wirksamkeit der Herrnhuter in
+Afrika und Nordamerika (z.B. Heckewelder) erinnert werden muss. Auch
+unter den Jesuiten waren viele Deutsche, z. B. Dobrizhofer unter den
+Abiponen, Strohbach auf den Marianen. Die Missionsthätigkeit ist auch
+jetzt noch nicht vermindert und trägt ihre segensreichen Früchte für die
+Eingeborenen und für die Wissenschaft, denn eine Menge der bedeutendsten
+Missionsschriften sind, freilich meist in englischer Sprache, von
+Deutschen verfasst--Namen wie Kölle, Döhne, Teichelmann, Schürmann,
+Dieffenbach (freilich kein Missionär) u.a. sind bekannt genug.
+
+Die fast immer ganz unmenschliche und mordgierige Art, mit welcher der
+Europäer die Naturvölker bekriegte und meist deren Rohheit bei weitem
+übertraf, zwingt uns zu einem anthropologischen Schluss von nicht
+geringer Bedeutung; denn wir sehen daraus klar, »dass die Kluft, die den
+civilisirten Menschen vom sogen. Wilden trennt, bei weitem nicht so
+gross ist, als man sich oft einbildet« (Waitz, 3, 259). Man hat ja
+gerade die wilde Blutgier der Naturvölker so wie ihr beharrliches
+Fernbleiben von aller Kultur so besonders hervorgehoben, ja mit darauf
+hin den Schluss gezogen, dass sie von geringerer Organisation und
+Befähigung, dass sie von Haus aus eine niedrigere Raçe wären (Carus 28,
+22 ff.). Wie will man das aber aufrecht halten, wenn die civilisirten
+Völker von einer viel wilderen und grauenvolleren Blutgier besessen
+sind, die um so schrecklicher wird, als sie unvermittelt neben so hoch
+entwickelten intellektuellen Fähigkeiten steht? Wenn die grössten und
+bedeutendsten Männer dieser civilisirten Völker dieselbe Blutgier
+theilen, wie Columbus, welcher die auf Menschen dressirten Hunde
+einführte, der Königin Isabella rieth, die Kosten seiner Fahrten durch
+Menschenraub zu decken, Diebstähle mit grausamen Verstümmelungen strafte
+und Hinterlist und gemeinen Verrath gegen die Indianer für erlaubt
+hielt? (Waitz 4, 331). Wenn die blutgierig-rohesten wohl noch wegen
+ihrer grauenvollen Bestialität als besonders hervorragend gepriesen
+werden, wie die »Pioniere des Westens«, die »Helden von Old-Kentucky«
+(Waitz 3, 260), die nebenbei auch der intellektuellen Vorzüge der Kultur
+sich begebend genau ebenso abergläubisch als die Indianer wurden, deren
+Lebensweise, Vergnügungen und Skalpirungen bald sich nur noch durch
+grössere Rohheit von den Indianern unterschied? Ja d'Ewes (China,
+Australia and the Pacif. Islands in 1855-56. London 1857, p. 150)
+erzählt, dass einzelne Weisse auf den Fidschi-und Tonga-Inseln, neben
+den grässlichsten Verbrechen aller Art, sogar den Kannibalismus der
+Eingeborenen mitgemacht haben! Beispiele von Spaniern und Portugiesen,
+welche unter die Bildungsstufe der Eingeborenen Südamerikas
+herabgesunken sind, findet man reichlich bei Waitz 1, 370 und bei v.
+Tschudi an verschiedenen Stellen. Ehrlichkeit, Treue, Vertrauen,
+Anstand, Gastfreundschaft, Menschlichkeit, reine Religiosität, die
+besseren moralischen Eigenschaften findet man meist nicht auf Seiten der
+Europäer, sondern der so tief verachteten Naturvölker, und Seume's
+
+ »Wir Wilden sind doch bessre Menschen«
+
+hat seinen tiefen Grund. Man sage nicht, dass die von den Europäern
+verübten Schlechtigkeiten nur von einzelnen ausgegangen und also auch
+nur den einzelnen Individuen zur Last zu legen seien; sie sind so
+ziemlich gleichmässig von der gesammten Kolonistenbevölkerung ausgeführt
+und jedenfalls von ihr höchlich gebilligt worden; ja es fehlt noch viel,
+dass sie auch jetzt überall getadelt würden.
+
+Es zeigt sich aus diesen Betrachtungen ferner, wie ungeheuer langsam die
+Menschheit moralisch fortschreitet und wie wenig durch intellektuelle
+Entwickelung ein Fortschritt nach jener Seite bedingt wird. Das eben von
+Columbus Erwähnte mag als Beleg dienen, er, der geistig so hoch über
+seiner Zeit stand, hatte sittlich ganz dieselbe Stufe inne. Seine ganze
+Zeit aber stand trotz des Christenthums, trotz der äusseren Kultur noch
+auf einem Standpunkt der geistigen Rohheit, die sich noch kaum von dem
+Wesen des Naturmenschen unterscheidet, ja durch reicher entwickelte und
+ganz zügellose Leidenschaften noch tiefer als jenes erscheint. Wie
+gewaltig nun die Entwickelung der Intelligenz in den letzten drei
+Jahrhunderten zugenommen hat, weiss Jeder; blickt man aber auf die
+Kulturvölker des 19. Jahrhunderts--man denke an die Engländer in
+Tasmanien, Neuholland, Nordamerika, die Portugiesen und Spanier in
+Südamerika--so wird man von einem moralischen Fortschritt noch gar wenig
+bemerken, denn sie benehmen sich, allerdings nicht mehr in solcher
+Allgemeinheit, gerade ebenso brutal und unmenschlich, als die Spanier im
+16. Jahrhundert.
+
+Auch kann man nicht behaupten, dass die heutige Propaganda und ihr
+Verfahren in der Südsee sich sehr zu ihrem Vortheil von den Missionären
+des 16. und 17. Jahrhunderts unterschied; was sie etwa an
+Gewaltthätigkeit verloren hat, das hat sie an Unwahrheit gewonnen. Und
+wenn man im 19. Jahrhundert mit demselben Leichtsinn wie im 16. nur um
+zu taufen, tauft: so ist das in unseren Zeiten bei weitem schlimmer, als
+in jenen früheren. Bis jetzt also hat die Höhe der intellektuellen
+Entwickelung noch keineswegs durchgreifend und in dem Maasse, als man
+denken sollte, auf die moralische Seite des menschlichen Charakters
+gewirkt--aus Gründen, deren tiefere psychologische Motivirung hier uns
+zu weit führen würde.
+
+Und doch lässt es sich nicht läugnen, dass alles wirkliche Fortschreiten
+der gesammten Menschheit, wodurch sie immer reiner und wirklich
+menschlicher sich entwickelt, nicht sowohl auf intellektuellen als auf
+moralischen Geistesthaten beruht. Die europäische Gesellschaft ist zu
+ihrer heutigen Höhestufe emporgehoben erstens durch die Gleichstellung
+der Frauen bei den Germanen, zweitens die rein moralische Macht des
+Christenthums, drittens die Reinigung des Christenthums und die
+Anerkennung der individuellen Geistesfreiheit durch die Reformation und
+die Reinigung der sozialen Verhältnisse durch die Revolution des vorigen
+Jahrhunderts. Letztere trug auch gleich den Naturvölkern die besten
+Früchte: denn dass Polynesien wesentlich anders behandelt ist, als
+Amerika, dazu trugen nicht wenig bei die Lehren von Männern wie
+Rousseau, der Gedanke, dass alle Menschen, mochten sie nun durch Stände
+oder Hautfarbe und Sprache verschieden scheinen, in ihrem Wesen gleiche
+Menschen seien; ja die Ansicht, welche man von diesen Völkern lange Zeit
+in Europa hegte, beruhte gleichfalls auf diesen Gedanken, da sie
+hauptsächlich durch die Werke der Forster hervorgerufen wurden, diese
+aber eifrige Anhänger Rousseau's waren.--Neben jenen Hauptförderungen
+der Menschheit darf man einige andere zwar nicht in erster Linie
+anführen, aber auch ebensowenig ganz übersehen, und dahin gehört die
+Erweckung des reinen Schönheitssinnes, der wahren Kunst durch die
+Griechen. Während nun im Leben der Völker und der Einzelnen es sich nur
+allzuhäufig zeigt, dass die grösste Ausbildung der Intelligenz auf die
+sittliche Vollendung eines Menschen gar keinen Einfluss hat, so fördert
+umgekehrt jeder sittliche Fortschritt der menschlichen Gesellschaft ihre
+intellektuellen Leistungen und ist ohne eine solche Förderung gar nicht
+zu denken, da ja jeder wirklich bedeutende sittliche Fortschritt die
+Menschheit in ihrem ganzen Wesen hebt und weiter entwickelt, und nur wo
+dieser Doppelfortschritt geschieht, kann von einem wirklichen
+Höhersteigen die Rede sein. Man hebt nie ein Volk nur durch Industrie
+und Lehranstalten, wenn man es dadurch auch reich und wohl unterrichtet
+machen kann; man hebt es nur, wenn man seine idealen Anschauungen
+läutert und fördert. Dass aber eine Förderung nicht etwa dadurch
+eintritt, dass man der Gegenwart das Ideal vergangener Jahrhunderte als
+das einzig heilvolle aufzwingen will, das liegt auf der Hand.
+
+
+
+
+§ 23. Zukunft der Naturvölker. Mittel, sie zu heben.
+
+
+Was wird nun die Zukunft der Naturvölker sein? Geradezu vernichtet sind
+nur wenige bis jetzt und noch können wir, und da wir Unfähigkeit zur
+Entwickelung, leibliche oder geistige, nirgends bei ihnen finden, noch
+müssen wir hoffen. Freilich ist viel verdorben; und die Leichtigkeit der
+Annäherung, das Vertrauen, mit dem sie der Kultur entgegenkamen, ist bei
+den meisten unwiederbringlich verloren.
+
+Wie bisher die Missionäre die grössten Verdienste um diese Völker haben,
+so fallen auch, wenn wir nach der Zukunft fragen, unsere Augen zunächst
+auf die Missionäre. Wenn wir bedenken, dass die Polynesier man kann wohl
+sagen ihre Rettung bisher ihnen verdanken, dass, die Hottentotten und so
+mancher amerikanische Stamm nur und allein durch sie Gelegenheit hatten,
+auch die guten Seiten der Kultur an sich zu erfahren; so können wir
+nicht dringend genug wünschen, dass ihr Werk sich segensreich immer
+weiter ausbreiten möge. Dazu gehört zunächst Unterstützung durch die
+weltlichen Mächte, freilich anders als sie von Frankreich den
+katholischen Missionären zu Theil wurde: denn die Staaten müssten, im
+Interesse der jedesmaligen Eingeborenen, jede segensreiche Wirksamkeit
+gleichviel von welcher Confession gleichmässig schützen. Und so hat
+sich, um gar nicht vom Christenthum zu reden, auch vom anthropologischen
+Standpunkt aus die katholische Kirche und Frankreich in ihrem Dienst in
+der Südsee schwer vergangen. Die Mächte, welche unter den Naturvölkern
+Kolonien haben, England besonders, haben den grössten Vortheil von einer
+tüchtigen Wirksamkeit der Missionäre; denn einmal werden durch sie
+unnütze Kriege, die doch auch den Weissen oft schädlich genug sind,
+vermieden, und ferner die Eingeborenen selbst der Kolonie gewonnen. Man
+sollte also von Staatswegen die Missionen mit allen Mitteln stützen
+(nicht gewaltsam einführen, nur stützen), aber auch zugleich ein
+wachsames Auge auf sie haben und sie nöthigen Falles zur Rechenschaft
+ziehen. Denn Menschlichkeiten können vorkommen und sind auch unter den
+protestantischen Missionären der Südsee vorgekommen, welche z.B. in
+Neuseeland durch ihre Landankäufe und Spekulationen sich und ihrer Sache
+und den Eingeborenen gleichviel geschadet haben. Aber auch die
+Missionäre müssen auf sich selbst das strengste Augenmerk haben. Sie
+müssen immer mehr und mehr zu der richtigen und wichtigen Einsicht
+gelangen, dass es nichts hilft, Völker zu taufen oder sie auf abstrakte
+und für jene Menschen ebenso unverständliche wie unbrauchbare
+Lehrbegriffe hinzuweisen, wenn man nicht alle ihre Geisteskräfte weckt,
+die Wahrheiten dieser Lehre sich anzueignen. Nach dieser Seite--wer
+wollte es läugnen? übersteigt es doch auch hier ganz fehlerlos zu
+handeln bei weitem menschliche Kraft--nach dieser Seite haben beide
+Kirchen viel verfehlt; die katholische durch oft ganz beispiellos
+leichtsinniges Taufen, wobei sie das Heidenthum ruhig bestehen liess
+(Beispiele für diese harte Behauptung liefern die Annales de la
+propagation de la foi, Michelis und Lutteroth genug; wir führen
+einzelnes der Kürze halber nicht an), die protestantische durch
+allzustrengen Ernst und eigensinniges Steifen auf die abstrakten
+Lehrsätze. Doch wird jeder Unbefangene die bei weitem bessere
+Wirksamkeit auf protestantischer Seite sehen müssen, wenn wir auch fern
+sind, zu verkennen, was die katholische Kirche grosses geleistet hat.
+Männer wie Las Casas und so viele seiner Glaubensgenossen, welche fast
+der einzige Schutz der unterdrückten Amerikaner waren, so viele
+Jesuiten, die mit dem grössten Glaubenseifer sich jeglicher Gefahr für
+das Christenthum unterzogen, wie z.B. der gewaltige San Vitores auf den
+blutgetränkten Marianen: alle diese Männer müssen in erster Reihe
+genannt werden, wenn es sich um Darstellung der Verdienste der Mission
+handelt.
+
+Man mache die Naturvölker erst zu Menschen, dann zu Christen; man bilde
+sie langsam zu der und durch die Kultur vor, deren höchste Blüthe das
+Christenthum ja eben sein will. Nicht Wissen und Erkennen, und wäre es
+der höchsten Weisheit, Thätigkeit vielmehr und selbständiges Bauen des
+eigenen Lebens gibt dem Menschen erst sittlichen Halt und sittliche
+Kraft: diese wecke, gestalte, befördere man und man wird das
+Christenthum fördern. Ist es doch wahr, dass jene Verbrecher, welche aus
+den Deportationsorten entsprangen und sich an verschiedenen Stellen
+Ozeaniens niederliessen, durch die Bruchstücke von Kultur, welche sie
+den Eingeborenen mittheilten, dem Christenthum und den Missionären den
+Weg gebahnt und sehr erleichtert haben, ohne dass sie es selbst wollten
+und obwohl sie oft mit der Kultur zugleich manches Verbrechen lehrten.
+Will man aber ohne genügende Vorbereitung rasch Erfolge sehen, so wird
+man nichts wirken; die Missionsberichte (beider Confessionen) beweisen
+zur Genüge, wie thöricht ein solches Streben ist und wie es oft zu den
+allergröbsten Selbsttäuschungen führt. Nur die liebevollste Arbeit und
+aufopferndste Hingebung vieler Generationen kann hier wirklichen und
+bleibenden Erfolg erringen. Man muthe doch nicht den Naturvölkern zu,
+die Höhe der Bildung im Fluge zu ersteigen, welche die begabtesten
+Kulturvölker im Laufe von Jahrtausenden und mit so häufigem Rückfall, so
+heissem Kampfe, so stetiger Arbeit sich errungen haben.
+
+Aber auch die weltliche Macht muss Hülfe bringen; zunächst negativ,
+indem sie nicht duldet, dass andere, was die Missionäre bauen,
+untergraben und einreissen; und ferner positiv, indem sie das von jenen
+begonnene weiterführt. Sie muss die Eingeborenen in ihren natürlichen
+Rechten schützen, das Eigenthumsrecht an den von ihnen bewohnten Boden
+anerkennen und aufs Strengste darauf halten, dass ihnen von Seiten der
+Kolonisten kein Unrecht geschieht. Freilich werden solche Männer wie
+Lord Grey, die mit der grössten Umsicht und Energie die reinste
+Menschenliebe besitzen, nicht häufig gefunden werden; aber man kann auch
+in der Wahl einer obersten Kolonialverwaltung nicht zu viel thun.
+Specielle Vorschläge haben Grey für Australien, Dieffenbach für
+Neuseeland, Andere für andere Völker gemacht; und es liesse sich, bei
+allen Schwierigkeiten, wenn die Mächte, welche Kolonien besitzen, also
+vor allen Dingen England ernsthaft wollten, gewiss viel Elend verhüten,
+viel Gutes stiften und viel Verdorbenes herstellen. Bis jetzt freilich
+haben die englischen und überhaupt die europäischen Matrosen meist nur
+das eine Recht der Gewalt; die Frevel, die sie an jenen Völkern begehen,
+bleiben ungestraft, während es mit den ärgsten Strafen heimgesucht wird,
+wenn die Eingeborenen irgend an Weissen freveln. Zum Theil ist diese
+Ungerechtigkeit nöthig, um die fernen Weissen zu schützen; theils aber
+liegt sie auch in der selbst noch sehr mangelhaften moralischen
+Entwickelung der Weissen, welche an solchen Gewalttaten im grossen
+Ganzen kaum einen Frevel. sehen. Was soll man dazu sagen, wenn
+Schandgeschichten wie die folgende unter Englands offiziellem Schutz
+geschehen und in den Zeitungen, auch in deutschen, fast als Scherz
+erzählt werden? Nach der Ermordung eines Kaufmanns[O] erschien das
+englische Kriegsschiff Perseus, Capitän Stevens, 1867 im Frühjahr vor
+der Palaus (Pelewsinseln, westliches Mikronesien), um Genugthuung zu
+fordern: es zeigte sich, das der Kaufmann auf Befehl des Königs, auf
+dessen Insel Koror er lebte und Grundeigentum besass, ermordet sei, weil
+er an die Feinde desselben Feuerwaffen verkauft hatte. »Obwohl nun
+Stevens einsah, heisst es, dass jener besser gethan hätte, keine
+Mordwaffen zu verkaufen«, so glaubte er doch streng verfahren zu müssen
+und verlangte Hinrichtung des Königs. Die Insulaner, von dem
+Kriegsschiff bedrängt, beschlossen, sich nicht zu widersetzen--aber sie
+baten, dass die Hinrichtung von Matrosen des Schiffes ausgeführt würde,
+was Stevens nicht zuliess. »Insulaner sollten das Werk thun«. So geschah
+es denn. Und es geschah noch mehr. Die so behandelten Insulaner riefen
+den Schiffscapitän zu ihrem König aus. »Er nahm auch sofort die Krone an
+und bewies, dass er die königliche Prärogative in erspriesslicher Weise
+zu nützen verstehe. Er befahl seinen Unterthanen, Hühner, Eier, Früchte
+und sonst noch mancherlei an Bord des Dampfers zu bringen und diesem
+Befehl wurde willig Folge gegeben. Eine Vergütung für die gelieferten
+Sachen blieb ausser Frage, doch war seine improvisirte Majestät so
+gütig, einige Geschenke, als da sind: Messer, Scheeren u. dergl.
+verabfolgen zu lassen. Als dies geschehen war, dankte er ab und
+überliess den Paleuinsulanern, sich nun einen anderen König nach ihrem
+Geschmack zu suchen« (Globus 12, 59, nach der Overland China Mail v. 30.
+Mai 1867 und der »Presse« zu Manila). Heisst das nicht, jede
+Selbstachtung eines Volkes mit Füssen treten? nicht, der Gerechtigkeit
+und Menschlichkeit ins Gesicht schlagen? Und das that ein Vertreter des
+englischen Staates im Namen der Gerechtigkeit! Und eine solche
+Geschichte erheitert als Anekdote ein europäisches Publikum! Die
+Insulaner mussten, trotz ihrer Bitten, ihren eigenen König erschiessen,
+weil er sich eines gegen ihn entschieden feindlich handelnden
+Engländers, allerdings auf frevelhaftem Wege, entledigt hatte! So lange
+solche Geschichten noch möglich sind, so lange ist allerdings für die
+Naturvölker noch nicht allzuviel zu hoffen. Und sie werden, wir
+befürchten es, noch lange möglich sein; so lange wenigstens sicher als
+die Kulturvölker sich von ganz anderem Stoff dünken, als jene »Wilden«,
+denen man wohl die Gestalt, aber keineswegs die Rechte eines Menschen
+zugesteht.
+
+Gegen diese gänzliche Ausschliessung von allem europäischen Leben, wie
+es die Eingeborenen in den Kolonialländern fast immer zu dulden haben,
+müsste der Staat, was in seinen Kräften steht, thun, wenn er jene
+wirklich heben wollte: denn das ist es, was sie jetzt am meisten von der
+Kultur ab und im Elend zurückhält. Aber das wird schwer, wo nicht
+unmöglich sein; und die Menschheit, so scheint es, wird erst noch
+manchen Schritt vorwärts thun müssen, ehe diese Gleichstellung (wenn sie
+dann noch möglich ist) auch nur annähernd sich verwirklichen lassen
+wird; so dass man in diesem Sinne wohl sagen kann, alles, was in Europa
+zur Hebung der weissen Bevölkerung und ihres sittlichen Lebens
+geschieht, das kommt auch mittelbar den Naturvölkern zu gut.
+
+
+
+
+§ 24. Werth der Naturvölker für die Menschheit und ihre Entwickelung.
+Schluss.
+
+
+Aber, so müssen wir noch fragen, kann man überhaupt einem Staat, den
+civilisirten Völkern zumuthen, so viel Müh und Arbeit an die Naturvölker
+zu verwenden, die sie doch anderen Zwecken und vielleicht besseren oder
+doch nützlicheren entziehen müssen? Kann man nicht mit Fug und Recht von
+dem werthlosen Leben dieser rohen Nationen Talleyrands berüchtigtes je
+n'en vois pas la nécessité sagen? Wie man vom Standpunkte des
+Christenthums hierauf antworten muss, welches lehrt, dass alle Menschen
+Brüder und vor Gott gleich sind, liegt auf der Hand: und wo wird denn
+ein strenges Christenthum mehr zur Schau getragen, als im öffentlichen
+Leben Englands und Amerikas? Aber auch vom Standpunkt der Philosophie
+aus wird man die Erhaltung der minder entwickelten Völker für eine
+wesentliche Aufgabe der Kultur ansehen müssen. Der empirische Forscher
+wird nach genauer historischer und naturwissenschaftlicher Betrachtung
+der Welt sehen, dass die Gesammtheit der Natur als solche dem
+Entwickelungsgesetze folgt, wie die einzelnen grossen Abtheilungen der
+Natur, wie die Gattungen, Arten und Individuen. Das Gesetz dieser
+Entwickelung besteht aber darin, dass Alles, Gesammtheit und
+Einzelnwesen, eine grössere Vollkommenheit, Festigkeit und Sicherheit
+der Existenz anstreben. In diesem Entwickelungsgange hat die Natur
+selbst die Werthbestimmungen gesetzt, dass sie das Individuum der Art,
+die Art der Gattung, die Gattung der Familie, kurz das Beschränktere dem
+Grösseren unterordnet, ja wenn es im Interesse des Grösseren noth thut,
+aufopfert. Es würde spiritualistische Verkennung unseres Standpunktes
+sein, welchen wir in der Stufenfolge des Ganzen einnehmen, wenn wir
+Menschen für uns andere Gesetze beanspruchen wollten, als sie für die
+gesammte Natur gelten; zeigt doch auch alle historische Entwickelung,
+dass wir unter ganz denselben stehen, wie die übrigen Organismen alle,
+nur dass unsere Stellung verschieden ist. Wie nun also der Natur
+Erhaltung und Förderung des Ganzen Hauptzweck ist, so muss er es auch
+uns Menschen sein, und zwar zunächst Erhaltung und Förderung der
+menschlichen Gesellschaft, da unsere Thätigkeit zunächst unserer eigenen
+Gattung naturmässig gehört. Das aber heisst schlecht dem Ganzen dienen,
+wenn man lebensfähige Keime desselben, bloss weil sie nicht im gleichen
+Lenz und nach gleicher Art mit uns sich entwickelt haben, zertreten
+wollte. Wer weiss, zu welchem Endzweck auch sie der Natur dienen können!
+Und Niemand wird doch behaupten wollen, dass sie zu zertreten den
+Völkern von höherer Kultur Nutzen brächte. Wenn wir von diesem
+philosophischen Standpunkt aus nach dem Zweck menschlicher Entwickelung
+forschen, so werden wir die Civilisation als solchen bestimmen müssen
+(Waitz 1, 478 f.). Denn einmal sichert sie erst durch engen
+Zusammenschluss der Individuen, welche sich im Naturzustande
+selbstsüchtig, also feindlich gegenüber stehen, die menschliche
+Gesellschaft dauernd und fest, andererseits bringt sie erst, indem sie
+auf diese Weise eine Menge überschüssiger Kraft frei macht, die
+Menschheit zu höherer Entwickelung. Sie allein ist es, welche die
+wichtigste Seite des menschlichen Lebens, die Thätigkeit des Geistes
+überhaupt erst ermöglicht. Zu diesem Endzweck menschlicher Entwickelung
+ist aber jedes Volk berufen und die einzige Aufgabe schon civilisirter
+Nationen uncivilisirten gegenüber kann nur die sein, die Civilisation
+auch zu jenen hinzutragen, nicht aber durch die reichlicheren und
+wirksameren Mittel derselben jene zu vertilgen. Auch darf hierbei nicht
+übersehen werden, wie nichts der Civilisation selbst gefährlicher ist,
+als Zurücksinken in Rohheit, weil ein solches mit stets zunehmender
+Geschwindigkeit, gleichsam nach den Fallgesetzen vor sich geht. Das
+wüste Verfahren gegen die Naturvölker ist aber ein solches Zurücksinken
+in Rohheit und wie beim längeren Vernichtungskampf gegen sie jene
+Rohheit schrecklich wächst, das haben wir schon gesehen. Ganze Stämme
+civilisirter Nationen sind durch sie, zu der sich dann noch Faulheit und
+Genusssucht gesellten, in die äusserste Barbarei zurückgesunken oder
+doch wenigstens merklich in ihrer Entwickelung aufgehalten: so die
+Holländer am Cap, die Spanier und Portugiesen und zum Theil die
+Engländer in Amerika. Das ewige Blutvergiessen und Morden musste sie
+immer gleichgültiger, immer roher machen und dadurch schwanden
+selbstverständlich gar manche andere Interessen; Faulheit und so manches
+andere, obwohl gar manche Kolonisten auch davon einen reichlichen
+Vorrath mitbrachten, war die natürliche Folge der fortgesetzten
+Grausamkeit. Führt uns dieser letztere Punkt schon aus dem theoretischen
+und moralischen mehr ins praktische Gebiet, so gibt es auch noch andere
+praktische Gründe, welche für Schonung und Hebung der Naturvölker,
+keinen aber, der dagegen spricht. Waitz (1, 484) setzt auseinander, dass
+bei den grossen Unterschieden in der Naturumgebung der Menschen, bei den
+mannigfaltigen Fähigkeiten und Eigenschaften, welche die verschiedenen
+Völker im und durch den Lauf der Zeiten entwickeln, die Civilisation der
+gesammten Menschheit auch in höchster Vollendung keine ganz gleiche zu
+sein braucht, ja auch nur sein kann. »Ohne dass ein Volk dem anderen die
+materielle oder die geistige Arbeit ganz abnehmen könnte, würde sich
+doch das Verhältniss so gestalten, dass bei einigen die eine, bei
+anderen die andere Art der Arbeit in ein entschiedenes Uebergewicht
+träte, dass einige in der einen, andere in der anderen Richtung sich
+produktiver zeigten und dem entsprechend auf die übrigen wirkten und
+ihnen mittheilten. Den Tropenländern würde alsdann mehr oder weniger
+allgemein die überwiegende Produktion der materiellen, den gemäßigten
+Klimaten die der geistigen Güter zufallen. Eine hohe Stufe
+intellektueller Bildung, tiefes Denken und eine durchgebildete, auf
+feiner und vielseitiger Ueberlegung ruhende Sittlichkeit, scheint bei
+der geistigen Erschlaffung kaum erreichbar zu sein, welche das Leben in
+der heissen Zone für den Europäer wie für den Eingeborenen mit sich
+bringt« (1, 185). Gerade weil aber das Leben unter den Tropen
+erschlaffend wirkt und auf den weissen Einwanderer noch mehr als auf den
+Eingeborenen, so ist es für ersteren der grösste Vortheil, wenn ihm
+Unterstützung von letzteren zu Theil würde. Von wie grossem Segen wäre
+es für alle Kolonien, statt wie jetzt in oft so blutiger Feindschaft mit
+den Eingeborenen zu leben, in ihnen Helfer und freundliche und
+intelligente Arbeiter zu finden und so empfiehlt sich schon von rein
+praktischer Seite für den Europäer die Schonung und Hebung der
+Naturvölker durchaus.
+
+Auch haben diese letzteren manches und wenn es bloss die Kenntniss der
+sie umgebenden Natur wäre, was sie als nützliche Dankesgabe für eine
+ihnen gewidmete treue Sorgfalt geben könnten. Hatten doch einige von
+ihnen reiche und originelle Kulturen entwickelt, deren Zerstörung ein
+unersetzlicher Verlust für die Menschheit ist. Zunächst ist es die Höhe
+und Reinheit der mexikanischen Moral, wovon Waitz (4, 125 ff.) Proben
+gibt und die auch hinter den Lehren des Christenthums keineswegs weit
+zurückbleiben, was jene Behauptung rechtfertigt. Zugleich aber war in
+Mexiko wie in Peru auch die intellektuelle Fähigkeit hoch entwickelt,
+und was sie in industrieller Beziehung leisteten (Bauwerke, Goldarbeiten
+u.s.w.) ist bekannt genug. Sicher ist uns vieles von dem, was sie
+leisteten, durch die Art der Eroberung verloren; und was eine solche
+Kultur geleistet haben würde, wenn sie durch freundliches und
+allmähliches Bekanntwerden mit der europäischen erhöht worden wäre,
+darüber haben wir kein Urtheil. Jedenfalls sind verschiedene Brennpunkte
+der Kultur für die Menschheit nur ein Vortheil und zwar ein ganz
+unschätzbarer, wenn man bedenkt wie langsam im allgemeinen die
+Entwickelung der Völker ist. Auch ist kein geringer Werth auf die
+originale Verschiedenheit solcher selbständiger Kulturen zu legen; durch
+ihr Zusammentreffen, Wetteifern, selbständiges Schaffen wird mehr und
+allseitiges ins Leben gerufen und der menschliche Geist mehr und
+allseitiger entwickelt, als durch eine einzige in sich wesentlich
+gleiche Kultur.
+
+Möge denn von diesen Völkern wenigstens gerettet werden, was noch zu
+retten möglich ist. Bis jetzt steht die Entwickelung der Menschheit auch
+nach dieser Seite hin ganz unter naturalistischem Gesetz. Der »Kampf ums
+Dasein«, in welchem es der Stärkere ist, welcher siegt, zeigt sich im
+vollsten Maasse; die erstarkten Raçen breiten sich aus, gewaltsam und
+zum Unterschied von der unvernünftigen Natur mit Lust und ohne
+Bedürfniss zerstörend, und ihnen erliegen die schwächeren. Allein der
+Mensch ist der Vernunft und der Liebe fähig und gerade darin sollte der
+stärkere des vernunftbegabten Geschlechtes seine Kraft zeigen, dass er
+schwächeres liebend zu sich emporhebt, statt es zu vernichten; dann
+würde der Geist, die sittliche Wahl des Menschen herrschen und die
+Gesamtheit hätte einen grossen Schritt weiter gethan auf der Bahn, die
+sie gehen muss, in der Befreiung des Geistes von den rohen Fesseln der
+äusseren Natur.
+
+
+
+
+Fußnoten:
+
+
+[A] Hale sagt ausdrücklich, dass sie ihm nicht zu hoch schiene; er hatte
+die Angabe von Punchard, einem Engländer, der mehrere Jahre auf der
+Insel gelebt hatte.
+
+[B] Auch die Beispiele, welche Darwin a.a.O. zur Erhärtung seiner
+Hypothese von dem schädlichen Effluvium lang eingeschlossener Menschen
+mittheilt, lassen sich aus Obigem, wie es scheint, erklären, ebenso das
+Erkranken der Shropshirer Schafe. Jenes Effluvium ist weiter nichts, als
+eben solche unbewusst mitgeschleppten Miasmen, an welche der, welcher
+sie mitbringt, seine Natur nach und nach accommodirt hat.
+
+[C] Diese Frühreife der Weiber ist wohl nicht, wie Humboldt b 2, 190
+will, Raçencharakter. Einmal widerspricht dieser Behauptung, dass sich
+mancherlei Beispiele von später Entwicklung auch unter den
+Amerikanerinnen findet; und sodann, dass fast bei allen Naturvölkern die
+Mannbarkeit so früh eintritt. Wenn nun auch das Klima mannigfachen
+Einfluss hierauf hat (Waitz 1, 45), so doch keineswegs einen überall
+gleich bleibenden und sicher nachzuweisenden. Denn bei den Eskimos, bei
+den Kamtschadalen und anderen Völkern in so hohen Breitengraden finden
+wir dieselbe Erscheinung und die Fidschis z.B. in der heissen Zone
+zeigen sie nicht. Waitz 1, 125 führt die animalische Nahrung und die
+hohe Temperatur in den Hütten vieler dieser Völker als Grund an. Allein
+auch dies trifft nicht bei allen zu. Sollte nicht der Grund der frühen
+Mannbarkeit der sein, dass einmal bei der gänzlichen Schrankenlosigkeit
+der Naturvölker die Wünsche früher erregt und ferner die Mädchen zu
+frühe begehrt werden? Das konnte und musste im Laufe der Generationen
+seine Wirkung zeigen. Die Gewöhnung vererbte sich immer mehr, setzte
+sich durch Vererbung immer fester, und so entwickeln sich die
+Geschlechtsfunktionen wirklich früher, als es der menschlichen Natur
+eigentlich normal ist. So würde sich diese Erscheinung bei allen
+Naturvölkern gleich gut erklären: und man lernt täglich Gewöhnung und
+Vererbung mehr in ihrer Bedeutung für die Geschichte der Menschheit
+schätzen. Dass Klima und sonstige Lebensweise mit gewirkt haben, soll
+damit nicht abgeläugnet werden; nur sind sie bei den Naturvölkern von
+untergeordnetem Einfluss, und die Einwirkung von Gewöhnung und Vererbung
+ist gewiss die Hauptsache. Nirgends ist der Einfluss des Willens, der
+Wünsche und Gedanken so gross, als gerade im geschlechtlichen
+Verhältniss.
+
+[D] Spuren von ihr finden sich auch in Südamerika, so bei Azara 248, der
+von den Mbayas erzählt, dass ihre Weiber nie Fleisch von Kühen und Affen
+essen; doch, da ihre Mädchen überhaupt kein Fleisch, nicht einmal grosse
+Fische und zur Zeit der Periode nur Gemüse und Obst geniessen, so könnte
+man diese Enthaltsamkeit auch einfacher erklären. Dagegen ist es gewiss
+eine dem nordamerikanischen Totem ursprünglich verwandte jetzt nicht
+mehr verstandene Sitte, wenn die Cariben z.B. nie Affen essen, dagegen
+die Ameisenbären als Delikatesse aufsuchen, welche wiederum die Makusis
+nur nothgedrungen essen würden (Schomburgk 2, 434). Thiere gelten auch
+in Südamerika als die Stammväter und Schutzgeister mancher Völker. Und
+nicht anders ist es in Afrika bei den Betschuanen, deren einzelne Stämme
+unveränderliche, ihre Abstammung von gewissen Thieren bezeichnende Namen
+besitzen. »Diese Thiere werden von den Völkern, die sich nach ihnen
+nennen, heilig gehalten, weder gejagt noch gegessen und man pflegt durch
+die Frage »was tanzt ihr« nach dem Namen desselben sich zu erkundigen.«
+So gibts Männer des Löwen, Krokodils, Stachelschweins, Fischs, Affen,
+doch auch des Eisens, Waitz 1, 352. 413. Die Frage »was tanzt ihr«? ist
+merkwürdig. Sie erinnert an manchen Thiere darstellenden Tanz
+amerikanischer und australischer Völker, und es liegt nahe anzunehmen,
+dass die heiligen Tänze zuerst das Leben der Schutzgeister
+versinnbildlichten, wie die Griechen die Geschichte ihrer Götter
+tanzten. Später erblasste die Bedeutung solcher Tänze vielfach.
+
+[E] Aehnliches findet sich auch bei indogermanischen Völkern. Heilige
+Thiere als Wappen und in Eigennamen waren sehr gebräuchlich, vergl.
+Grimm D.M. 633. Tödtete man sie auf der Jagd, oder beschnitt man einen
+heiligen Baum, so waren auch dabei bestimmte versöhnende und abbittende
+Gebetsformeln üblich, eb. 618.
+
+[F] Wenn hier Kadu nicht irrthümlich einen rohen melanesischen Stamm
+meint; oder, um etwas recht Entsetzliches zu erzählen, absichtlich oder
+selbst getäuscht aufbindet. Denn wahrscheinlich ist die Angabe für die
+Palaus nicht.
+
+[G] Zwillinge werden fast von allen Naturvölkern getödtet: auch von den
+Negern (Waitz 2, 124).
+
+[H] Obwohl auch Jarves 83 manche der Zahlen anzuzweifeln scheint.
+
+[I] Dass übrigens auch bei Indogermanen und Semiten die Kinder vielfach
+getödtet sind, ist ja bekannt genug. In Griechenland wurden die Kinder
+umgebracht, welche der Vater, wenn sie die Hebamme ihm vor die Füsse
+legte, nicht aufhob; eine Sitte, die bei Plautus und Terenz, d.h. also
+der späteren attischen Komödie so vielfach erwähnt wird. Namentlich
+Töchter wurden umgebracht. Diese Tödtung geschah durch Aussetzung
+zumeist (Schömann griech. Alterthümer 1, 562). Bei den alten Deutschen
+herrschte durchaus derselbe Gebrauch. Aus semitischem Gebiet sei
+zunächst an Abrahams Opferung Isaaks erinnert, sodann an den
+Molochdienst der Phönicier, der so vielfach von den Juden nachgeahmt
+wurde (Winer, bibl. Realwörterbuch unter Moloch) so wie an die der
+Astarte geschlachteten Kinder (Movers Phön. 2, 2, 69). Allerdings ist
+der semitische Gebrauch ein religiöser, also zum Kinderopfern gehörig.
+Doch liesse sich auch für blosses Aussetzen der Kinder manches
+Semitische beibringen.
+
+[J] Auch was Humboldt b5, 110-111 von den »Mysterien des Botuto«, einer
+Trompete von Thon mit mehreren kugelartigen Anschwellungen, die zu allen
+feierlichen Ceremonien gebraucht wird, erzählt, gehört hierher: »um in
+die Mysterien des Botuto eingeweiht zu werden, muss man rein von Sitten
+und unbeweibt sein. Die Eingeweihten unterziehen sich der Geiselung, dem
+Fasten und anderen angreifenden Andachtsübungen.« Durch die Trompete
+theilt der grosse Geist den Eingeweihten seinen Willen mit; sie stehen
+also mit den Göttern in näherem Verkehr als andere Menschen und das war
+auch der Grundgedanke der Areois. Ganz ähnlich wird von Haiti berichtet.
+»Die Caziken nämlich standen«, erzählt Waitz 4, 329 nach Herrera,
+Torquemada und Petr. Martyr, »ohne selbst Priester zu sein, doch an der
+Spitze des Cultus: die Tempel und Opferplätze, wo die Gottesverehrung
+stattfand, waren entweder ihre Häuser selbst oder Hütten, die als ihnen
+gehörig betrachtet wurden; dort waren die Bilder der Ahnen aufgestellt,
+die von Holz, inwendig hohl und mit einem Rohre versehen nur von ihnen
+um Orakel befragt werden konnten und nur aussprachen was sie ihnen
+eingaben. Sie berauschten sich zu diesem Zwecke mit einer Art von
+Schnupftabak und führten die heilige Handlung allein aus, von der
+natürlich das Volk ausgeschlossen blieb.« Auch Tänze gehörten zu diesen
+religiösen Mysterien, die sie allein kannten, auch dies wieder wie bei
+den Areois.
+
+[K] Jak. Grimm, Gesch. d. d. Sprache 1. Aufl. (1848) S. 143 ff. stellt
+eine Menge Völker zusammen, bei welchen derselbe Gebrauch vorkam:
+Scythen (Issedonen, nach Mela 3. Auflage 1868), Kelten (3. Auflage),
+Germanen verschiedener Stämme (Deutsche, Schweden) Romanen und Slaven.
+Merkwürdig ist, dass auch bei Heiligen-Schädeln der Gebrauch vorkommt,
+so zu Trier, zu Neuss, und nach Aventin (Ausg. v. 1566 fol. 33, a) zu
+Ebersberg und Regensburg. Der Gebrauch ist also derselbe; man sieht, es
+war wohl zunächst eine Art von Kannibalismus, dann aber auch ein Zeichen
+der Freundschaft, der Liebe, dankbarer Erinnerung. Zu beachten ist noch,
+dass Aventin sagt, Niemand hätte aus einem solchen Schädel trinken
+dürfen, wer nicht einen Feind erschlagen hätte, da auch dieser Zug an
+manches Aehnliche unter den Naturvölkern erinnert. Doch können wir diese
+höchst merkwürdigen Uebereinstimmungen hier nicht weiter verfolgen.
+
+[L] Herod. 4, 26 (nach Grimm a.a.O.) sagt von den Issedonen [Griechisch:
+epean andri apothanê patêr, hoi prosêchontes pantes prosagousi
+probata chai epeiten tauta thysantes chai chatatamontes ta chrea
+chatatamnousi chai ton tou dechomenou tethneôta gonea, anamixantes de
+panta ta chrea daita protitheatai]. Auch die Wilzen und Skythen assen
+ihre verstorbenen Eltern. Die Wenden tödteten noch im 16. Jahrhundert
+ihre arbeitsuntüchtigen Väter unter besonderen Ceremonien (Kühn,
+märkische Sagen und Mährchen 335). Auch hier stehen wir vor einer
+uralten und weit verbreiteten Sitte, die wir hier ebenfalls nur
+berühren, nicht abhandeln können. Vgl. was etwas weiter unten über Mare
+und Neuguinea gesagt wird. Ueber dieselbe Sitte bei Römern, Griechen,
+Phöniziern (Sardinien), spanischen, deutschen u.a. Völkern siehe Merklin
+in den Memoires de l'academie de Petersbourg 1852 S. 119 und Osenbrüggen
+in der Vorrede zu Cicero pro S. Roscio p. 51 ff. Auch das litauische
+Sprichwort (Schleicher lit. Mährchen 179) »wie das Söhnchen heranwächst,
+hat es auch den Vater erwürgt«, könnte auf eine ähnliche, jetzt längst
+abgekommene Sitte hinweisen.
+
+[M] Bei Bechst. bekommen Knaben nach Genuss einer Zauberspeise die
+Fähigkeit zu fliegen. In einem sehr ähnlichen indischen Mährchen bei
+Somadeva (Brockhaus 104) ist diese Speise Menschenfleisch. Ein
+Zusammenhang beider Erzählungen wäre nicht undenkbar.
+
+[N] Die Menschenschädel, welche am Eingange des Palastes, an den
+Stadtthoren und allen wichtigen Plätzen Dahomeys angebracht sind (Waitz
+2, 130), kann man gewiss nicht anders deuten. Auch unter den Semiten war
+der Gebrauch verbreitet: die phönicischen Städte wurden dadurch fest
+gemacht, dass man an ihren Thoren und sonst Menschen eingrub (Movers
+Phönizien 2, 46). Bei den Indogermanen kommt er vielfach vor; er war bei
+den Germanen sehr verbreitet, wie Ueberreste dieser Sitte noch heute
+beweisen; so wird z.B. am Südharz das kleinste Kind des Hauses barfuss
+in den frischen Estrich hineingestellt, damit er halte u.s.w. Bei den
+Slaven kommt er vor, wie sich in vielen ihrer Mährchen und Sagen zeigt
+(z.B. Talvj Volkslieder d. Serben 1, 117, die Erbauung Skodras); von den
+Kelten wird er gleichfalls erwähnt und Hahn albanesische Studien 1, 160
+erzählt dasselbe von Albanien. Die Thiere, die man jetzt dort schlachtet
+und ganz oder theilweise einmauert (wie auch in Deutschland viel
+geschah), vertreten nur die früheren geopferten Menschen. In Albanien
+herrscht auch, um das zu § 4 nachzutragen, ein ganz ähnliches
+Heilverfahren, wie bei Hottentotten, Amerikanern und Australiern. Jedes
+Uebel, das auch hier nur auf Bezauberung beruht, wird in Gestalt von
+etwas Festem aus dem Körper entfernt und dieses letztere dann
+eingewickelt fortgeworfen. Wer auf das Eingewickelte tritt, auf den geht
+die Krankheit über (ebend, 159).
+
+[O] Der getödtete Engländer hiess Cheyne und ist derselbe, welcher das
+auch von uns vielfach benutzte Buch a description of islands in the
+Western Pacific Ocean, north and south of the Equator geschrieben hat
+(Petermann, Mittheil. 1868, 28). Obwohl nun dies und seine anderen
+Schriften sehr werthvoll sind zur Kenntniss des sonst noch so wenig
+gekannten westlichen Theiles des stillen Ozeans; so hat man doch bei der
+Benutzung Vorsicht anzuwenden, da Cheyne, selbst Sandelholzhändler (und
+Trepangfischer) sich bei der moralischen Beurtheilung der geschilderten
+Völker sehr häufig von seinen Handelsinteressen beeinflussen lässt. So
+schildert er die Melanesier ohne Ausnahme (Fichteninsel, Lifu, Mare,
+Uea, Tanna, Erromango u.s.w.) als wild und »höchst verrätherisch« und
+war selbst häufig mit ihnen im Streit. Ebenso erzählt er von _allen_
+Karoliniern, dass man ihnen nicht trauen dürfe. Er steht also selbst auf
+dem Standpunkt der Sandelholzhändler und beachtet nicht, was die
+Eingeborenen von diesen an Ungerechtigkeit, Raub und roher Gewalt zu
+leiden hatten. Nach der Lektüre seines Buches wundert man sich nicht,
+dass er ein solches Ende genommen hat; das ganz einseitige Betonen
+seiner Handelsinteressen liess vielmehr nichts anderes erwarten. Es
+fällt daher von hier aus erst das wahre Licht auf die Vorgänge in Koror,
+sowohl auf sein Auftreten als auf den Racheakt des englischen
+Kriegsschiffes.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Über das Aussterben der Naturvölker
+by Georg Gerland
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NATURVÖLKER ***
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+works. See paragraph 1.E below.
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+Literary Archive Foundation
+
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+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+<pre>
+
+Project Gutenberg's Über das Aussterben der Naturvölker, by Georg Gerland
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Über das Aussterben der Naturvölker
+
+Author: Georg Gerland
+
+Release Date: November 12, 2004 [EBook #14028]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NATURV&Ouml;LKER ***
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+Produced by PG Distributed Proofreaders
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+
+<h1>&Uuml;BER DAS AUSSTERBEN DER NATURV&Ouml;LKER</h1>
+
+<center>
+<p>VON</p>
+
+<p><big>DR. GEORG GERLAND,</big></p>
+
+<p>LEHRER AM KLOSTER U. L. FR. ZU MAGDEBURG.</p>
+
+<br>
+
+
+<p>LEIPZIG,</p>
+
+<p>VERLAG VON FRIEDRICH FLEISCHER.</p>
+
+<p>1868.</p>
+
+<p>SEINER EXCELLENZ</p>
+
+<p>DEM HERRN GEHEIMEN RATH</p>
+
+<p>H.C. VON DER GABELENTZ.</p>
+</center>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="Vorwort"></a>
+<h2>Vorwort.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Die Frage nach dem Aussterben der Naturv&ouml;lker ist bis jetzt
+nur gelegentlich und nicht mit der Ausf&uuml;hrlichkeit behandelt,
+welche die Wichtigkeit der Sache wohl verlangen kann. Am genauesten
+ist Waitz auf sie eingegangen in seiner Anthropologie der
+Naturv&ouml;lker Bd. 1, 158-186; aber da auch er sie nur
+anhangsweise bespricht und in dem Zusammenhang seines Werkes nicht
+mehr als nur die Hauptgesichtspunkte angeben konnte und wollte; da
+er ferner manches nur andeutet oder ganz &uuml;bergeht, was von
+grosser Wichtigkeit ist, so erscheint es durchaus nicht
+&uuml;berfl&uuml;ssig, die Gr&uuml;nde f&uuml;r dies
+&raquo;r&auml;thselhafte&laquo; Hinschwinden selbst&auml;ndig und
+m&ouml;glichst genau von neuem zu er&ouml;rtern. Namentlich die
+psychologische Seite des Gegenstandes hat man bisher &uuml;ber die
+Geb&uuml;hr vernachl&auml;ssigt; sie wird deshalb in den folgenden
+Bl&auml;ttern besonders betont werden m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Das Material zur Beantwortung der Frage, die uns
+besch&auml;ftigen soll, findet sich zerstreut in einer grossen
+Menge von Reisebeschreibungen, ethnographischen und
+anthropologischen Werken. Da es mir aber darauf ankam, einmal
+&mdash; denn nur strengste Empirie kann uns bei unserer Frage
+f&ouml;rdern &mdash; meine S&auml;tze durch getreue Quellenangabe
+zu st&uuml;tzen, und andererseits, dass die angef&uuml;hrten Citate
+nicht allzuschwer zug&auml;nglich seien, um nachgeschlagen werden
+zu k&ouml;nnen, so habe ich mich, wo es m&ouml;glich war, auf Werke
+gest&uuml;tzt, die weiter verbreitet sind, und den Quellennachweis
+nur da weggelassen, wo das Gesagte in allen Reisewerken sich
+gleichm&auml;ssig findet. Dass ich das schon erw&auml;hnte
+ausgezeichnete Werk meines nur allzufr&uuml;h verstorbenen Lehrers
+Waitz, die Anthropologie der Naturv&ouml;lker, sehr reichlich
+benutzt habe, wird man nicht tadeln; man findet dort die oft sehr
+schwer zug&auml;nglichen Quellen in kritischer Auswahl beisammen
+&mdash; und wozu werden solche grundlegenden Werke geschrieben,
+wenn man nicht auf ihnen weiterbaut?</p>
+
+<p>Ich stelle hier der Uebersicht und des bequemeren Citirens wegen
+die Werke zusammen, welche ich als Belege benutzt habe, ohne die
+mit anzuf&uuml;hren, welche nicht &ouml;fters citirt sind. Einige,
+welche ich gern gehabt h&auml;tte, sind mir unzug&auml;nglich
+geblieben.</p>
+
+<br>
+
+
+<ul>
+<li>Angas, Savage life in Australia and N. Zealand. London
+1847.</li>
+
+<li>Australia felix. Berlin 1849.</li>
+
+<li>Azara, Reise nach S&uuml;damerika in den Jahren 1781-1801
+(Magazin der merkw. neuen Reisen. Bd. 31. Berlin 1810).</li>
+
+<li>Bartram, Reisen durch Karolina, Georgien und Florida 1773. (eb.
+10. Band). Berlin 1793.</li>
+
+<li>Beechey, Narrative of a voyage to the Pacific (1825-28). London
+1831.</li>
+
+<li>Behm, Geographisches Jahrbuch. 1. Theil 1866. Gotha 1866.</li>
+
+<li>Bennett, Narr. of a whaling round the globe 1833-36. London
+1840.</li>
+
+<li>v. Bibra, Schilderung der Insel Vandiemensland bearbeitet v.
+R&ouml;ding. Hamburg 1823.</li>
+
+<li>Bougainville, Reise um die Welt 1766-69. Leipzig 1772.</li>
+
+<li>Bratring, Die Reisen der Spanier nach der S&uuml;dsee. Berlin
+1842.</li>
+
+<li>Breton Excursions in N.S. Wales, W. Australia and V.
+Diemensland. London 1833.</li>
+
+<li>Browne, N. Zealand and its aborigines. London 1845.</li>
+
+<li>Carus, Ueber ungleiche Bef&auml;higung der verschiedenen
+Menschheits-St&auml;mme. Leipzig 1849.</li>
+
+<li>v. Chamisso, Bemerkungen und Ansichten auf einer
+Entdeckungsreise (1815-18). Weimar 1821.</li>
+
+<li>Cheyne, a description of islands in the Western Pacif. Ocean
+etc. London 1852.</li>
+
+<li>Cook, 3te Entdeckungsreise in die S&uuml;dsee und nach dem
+Nordpol. 2. Bd. Berl. 1789. &mdash; id. b, 1ste Entdeckungsreise
+bei Schiller.</li>
+
+<li>Darwin, Naturwissenschaftliche Reise, &uuml;bersetzt von
+Dieffenbach, Braunschw. 1844.</li>
+
+<li>Dieffenbach, Travels in N. Zealand. London 1843.</li>
+
+<li>Dillon, Narrative of a voyage in the South Sea. London
+1839.</li>
+
+<li>Dumont d'Urville, a, Voyage de l'Astrolabe. Paris 1830. id. b,
+Voy. au Pole Sud. Paris 1841.</li>
+
+<li>Ellis, Polynesian Researches. London 1831.</li>
+
+<li>Erskine, Journal of a cruise among the Islands of the Western
+Pacific. London 1853.</li>
+
+<li>Finsch, N. Guinea und seine Bewohner. Bremen 1865.</li>
+
+<li>Freycinet, Voyage autour du monde (1817-20). Paris 1827.</li>
+
+<li>P. Mathias G***, Lettres sur les &icirc;les Marquises. Pasis
+1843.</li>
+
+<li>Gill, Gems from the Coral Islands. London 1855.</li>
+
+<li>le Gobien, Histoire des Isles Marianes. Paris 1701.</li>
+
+<li>Grey, Journals of two expedit. in NW and W. Australia
+(1837-39). London 1841.</li>
+
+<li>Gulick, Micronesia, Nautical Magazin 1862.</li>
+
+<li>Hale, Ethnographie and Philol. (Unit. States exploring
+expedition). Philadelphia 1846.</li>
+
+<li>Hearne, Reise von der Hudsonsbay bis zum Eismeere (1769-1772).
+Magaz. v. Reisebeschreibungen. 14. Bd. Berlin 1797.</li>
+
+<li>v. Hochstetter, Neuseeland. Stuttgart 1863.</li>
+
+<li>Howitt, Impressions of Australia felix. London 1845. id. a,
+Abenteuer in Australien. Berlin 1856.</li>
+
+<li>A. v. Humboldt, a) Versuch &uuml;ber den politischen Zustand
+des K&ouml;nigreichs Neuspanien. T&uuml;bingen 1809.</li>
+
+<li>b) Reise in die Aequinoktialgegenden des neuen Continentes,
+deutsch v. Hauff. Stuttgart 1861.</li>
+
+<li>c) Ansichten der Natur. 3. Aufl. Stuttgart u. Augsburg
+1859.</li>
+
+<li>Jarves, History of the Haw. or Sandw. Islands. London
+1843.</li>
+
+<li>v. Kittlitz, Denkw&uuml;rdigkeiten auf einer Reise nach d.
+russ. Amerika, Mikronesien u. Kamtschatka (1826 etc.). Gotha
+1858.</li>
+
+<li>v. Kotzebue, Entdeckungsreise in die S&uuml;dsee und nach der
+Behringsstrasse (1815-18). Weimar 1821.</li>
+
+<li>Krusenstern, Reise um die Welt (1803-6). Berlin 1811.</li>
+
+<li>v. Langsdorff, Bemerkungen auf seiner Reise um die Welt
+(1803-7). Frankfurt 1812.</li>
+
+<li>La P&eacute;rouse, Entdeckungsreise 1785. Magazin von
+Reisebeschr. Band 16. 17. Berlin 1799 f.</li>
+
+<li>v. Lessep, Reise durch Kamtschatka und Sibirien, Magaz. v.
+Reisebeschr. 4. Berlin 1791.</li>
+
+<li>Lichtenstein, Reise in S&uuml;dafrika (1803-6). Berlin
+1812.</li>
+
+<li>Lutteroth, Geschichte der Insel Tahiti, deutsch v. Bruns.
+Berlin 1843,</li>
+
+<li>Mariner, Tonga Islands. London 1818.</li>
+
+<li>Meinicke, a) Das Festland v. Australien. Prenzlau 1837.</li>
+
+<li>b) Die S&uuml;dseev&ouml;lker u. das Christenthum. Prenzlau
+1844.</li>
+
+<li>c) Australien in Wapp&auml;us Handbuch der Geographie und
+Statistik. 7. Aufl. 2. Bd. 2. Nachtr. Leipzig 1866.</li>
+
+<li>Melville, Vier Monate auf den Marquesas-Inseln. Leipzig 1847.
+Id. b, the present state of Australia. London 1851.</li>
+
+<li>Moerenhont, Voyage aux &icirc;les du grand Ocean. Paris
+1837.</li>
+
+<li>Nieuw Guinea, ethnogr. en natuurk. onderzocht in 1858 door een
+Nederl. Ind. Commiss. Amst. 1862.</li>
+
+<li>Nixon, The cruise of the Beacon. London 1857.</li>
+
+<li>Novara, Reise der &ouml;sterr. Fregatte (1857-59). Wien
+1861.</li>
+
+<li>Ohmstedt, Incidents of a whaling voyage. N. York 1841.</li>
+
+<li>Petermann, Mittheilungen u.s.w. a.d. Gesammtgebiet d.
+Geographie.</li>
+
+<li>P&ouml;ppig, Artikel Indier bei Ersch u. Gruber. 2. S. B. 17.
+1840.</li>
+
+<li>Remy, Hist. de l'Arch. Hawaiien, texte et traduction. Paris et
+Leipzig 1862.</li>
+
+<li>Salvado, Memorie storiche dell' Australia, part. della miss.
+benedettina. Roma 1851.</li>
+
+<li>Schomburgk, Reisen in Britisch-Guiana 1840-44. Leipzig
+1848.</li>
+
+<li>Sparmann, Reise nach d. Vorgebirge der guten Hoffn. 1772-76.
+Berlin 1784.</li>
+
+<li>Stewart, Journal of a residence in the Sandwich isl. (1823-25).
+London 1828.</li>
+
+<li>Taylor, The Ika a Maui or N. Zealand and its inhabitants.
+London 1855.</li>
+
+<li>Thomson, The story of N. Zealand. London 1859.</li>
+
+<li>Thunberg, Reisen in Afrika und Asien 1772-79 im Mag. d. Reis.
+7. Bd. Berlin 1792.</li>
+
+<li>v. Tschudi, Reisen durch S&uuml;damerika. Leipzig 1866.</li>
+
+<li>Turnbull, Reise um die Welt 1800-1804, Magaz. v. Reisebeschr.
+Bd. 27. Berlin 1806.</li>
+
+<li>Turner, Nineteen years in Polynesia. London 1861.</li>
+
+<li>Tyermann and Bennet, Journal of voy. in the S. Sea islands.
+London 1831.</li>
+
+<li>Vankouver, Reisen nach d. n&ouml;rdl. Theile der S&uuml;dsee
+(1790-95). Magaz. v. Reisebeschr. Bd. 18. 19. Berlin 1799 f.</li>
+
+<li>Virgin, Erdumsegelung der Fregatte Eugenie (1831-33),
+&uuml;bers. v. Etzel. Berlin 1856.</li>
+
+<li>Waitz, Anthropologie der Naturv&ouml;lker. Leipzig 1859 f. id.
+b, Die Indianer Nordamerikas. Leipzig 1865.</li>
+
+<li>Williams, a Narrat. of Missionary enterprises in the South Sea
+Islands. London 1837.</li>
+
+<li>Williams and Calvert, Fiji and the Fijians ed. by Rowe. Lond.
+1858.</li>
+
+<li>Wilson, Missionsreise ins s&uuml;dl. stille Meer 1796-98,
+Magaz. von Reisebeschr. Bd. 21. Berlin 1800.</li>
+
+<li>Zeitschrift f&uuml;r allgemeine Erdkunde, neue Folge.</li>
+</ul>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<h2>Inhalt.</h2>
+
+<br>
+ <a href="#Vorwort"><b>Vorwort. Quellen</b></a><br>
+ <a href="#1_Einleitung_Umfang_des_Aussterbens"><b>&sect; 1.
+Einleitung. Umfang des Aussterbens</b></a><br>
+ <a href=
+"#_2_Empfanglichkeit_der_Naturvolker_fur_Miasmen_Krankheiten_welche">
+<b>&sect; 2. Empf&auml;nglichkeit der Naturv&ouml;lker f&uuml;r
+Miasmen. Krankheiten, welche spontan bei der Zusammenkunft der
+Natur- und Kulturv&ouml;lker entstehen</b></a><br>
+ <a href="#_3_Direkt_eingeschleppte_Krankheiten"><b>&sect; 3.
+Direkt eingeschleppte Krankheiten</b></a><br>
+ <a href="#4_Behandlung_der_Kranken_bei_den_Naturvolkern"><b>&sect;
+4. Behandlung der Kranken bei den Naturv&ouml;lkern</b></a><br>
+ <a href=
+"#_5_Geringe_Sorgfalt_der_Naturvolker_fur_ihr_leibliches_Wohl"><b>&sect;
+5. Geringe Sorgfalt der Naturv&ouml;lker f&uuml;r ihr leibliches
+Wohl</b></a><br>
+ <a href="#_6_Charakter_der_Naturvolker"><b>&sect; 6. Charakter der
+Naturv&ouml;lker</b></a><br>
+ <a href="#_7_Ausschweifungen_der_Naturvolker"><b>&sect; 7.
+Ausschweifungen der Naturv&ouml;lker</b></a><br>
+ <a href=
+"#_8_Unfruchtbarkeit_Kunstlicher_Abortus_Kindermord"><b>&sect; 8.
+Unfruchtbarkeit. K&uuml;nstlicher Abortus. Kindermord</b></a><br>
+ <a href="#_9_Krieg_und_Kannibalismus"><b>&sect; 9. Krieg und
+Kannibalismus</b></a><br>
+ <a href="#_10_Menschenopfer"><b>&sect; 10.
+Menschenopfer</b></a><br>
+ <a href="#_11_Verfassung_und_Recht"><b>&sect; 11. Verfassung und
+Recht</b></a><br>
+ <a href="#_12_Natureinflusse"><b>&sect; 12.
+Natureinfl&uuml;sse</b></a><br>
+ <a href=
+"#_13_Aeussere_Einflusse_der_hoheren_Kultur_auf_die_Naturvolker"><b>
+&sect; 13. Aeussere Einfl&uuml;sse der h&ouml;heren Kultur auf die
+Naturv&ouml;lker</b></a><br>
+ <a href="#_14_Psychische_Einwirkungen_der_Kultur"><b>&sect; 14.
+Psychische Einwirkungen der Kultur</b></a><br>
+ <a href=
+"#_15_Schwierigkeit_fur_die_Naturvolker_die_moderne_Kultur_sich"><b>
+&sect; 15. Schwierigkeit f&uuml;r die Naturv&ouml;lker, die moderne
+Kultur sich anzueignen</b></a><br>
+ <a href=
+"#_16_Behandlung_der_Naturvolker_durch_die_Weissen_Afrika_Amerika"><b>
+&sect; 16. Behandlung der Naturv&ouml;lker durch die Weissen.
+Afrika. Amerika</b></a><br>
+ <a href="#_17_Fortsetzung_Der_stille_Ozean"><b>&sect; 17.
+Fortsetzung. Der stille Ozean</b></a><br>
+ <a href=
+"#_18_Geographische_Vertheilung_der_einzelnen_Grunde_fur_das_Aussterben">
+<b>&sect; 18. Geographische Vertheilung der einzelnen Gr&uuml;nde
+f&uuml;r das Aussterben der Naturv&ouml;lker. Vergleichung dieser
+Gr&uuml;nde in Bezug auf ihr Gewicht</b></a><br>
+ <a href=
+"#_19_Vergleichung_der_Natur__und_Kulturvolker_in_Bezug_auf_ihre"><b>
+&sect; 19. Vergleichung der Natur- und Kulturv&ouml;lker in Bezug
+auf ihre Lebenskraft</b></a><br>
+ <a href="#_20_Aussterbende_und_ausdauernde_Naturvolker"><b>&sect;
+20. Aussterbende und ausdauernde Naturv&ouml;lker</b></a><br>
+ <a href="#_21_Die_afrikanischen_Neger"><b>&sect; 21. Die
+afrikanischen Neger</b></a><br>
+ <a href=
+"#22_Folgerungen_aus_der_Art_wie_die_Naturvolker_von_den_Kulturvolkern">
+<b>&sect; 22. Folgerungen aus der Art, wie die Naturv&ouml;lker von
+den Kultur behandelt sind</b></a><br>
+ <a href=
+"#_23_Zukunft_der_Naturvolker_Mittel_sie_zu_heben"><b>&sect; 23.
+Zukunft der Naturv&ouml;lker; Mittel sie zu heben</b></a><br>
+ <a href=
+"#_24_Werth_der_Naturvolker_fur_die_Menschheit_und_ihre_Entwickelung">
+<b>&sect; 24. Werth der Naturv&ouml;lker f&uuml;r die Menschheit
+und ihre Entwickelung. Schluss</b></a><br>
+ <a href="#FOOTNOTES"><b>Fu&szlig;noten</b></a><br>
+
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="1_Einleitung_Umfang_des_Aussterbens"></a>
+<h2>&sect;1. Einleitung. Umfang des Aussterbens.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Die Erscheinung, dass eine Reihe von V&ouml;lkern vor unseren
+Augen durch langsameres oder rascheres Hinschwinden ihrem Untergang
+entgegengeht, ist eine &uuml;beraus wichtige. Dass sie f&uuml;r die
+Geschichtsforschung grosse Bedeutung hat, leuchtet ohne weiteres
+ein; dass sie f&uuml;r die Naturgeschichte des Menschen, die
+Anthropologie entscheidend ist, ebenfalls. Und wenn es sich als
+wahr best&auml;tigt, dass, wie man behauptet hat, diese V&ouml;lker
+aus einer Lebensunf&auml;higkeit, welche ihrer Natur anhaftet, dem
+Aufh&ouml;ren entgegengehen; so ist, da die nothwendige Folgerung
+jener Behauptung dahin f&uuml;hrt, dass man verschiedene Arten,
+h&ouml;here und niedere im Geschlecht Mensch annimmt, die
+Beantwortung dieser Frage auch f&uuml;r die Philosophie massgebend.
+Praktisch hat man sie von jeher in den Staaten betont, wo Weisse
+mit Farbigen zusammenleben; wie man eben die Theorie der geringeren
+Lebensf&auml;higkeit nicht weisser Ra&ccedil;en zuerst in diesen
+Staaten aufgestellt hat.</p>
+
+<p>Und allerdings ist es auffallend, dass nur farbige Ra&ccedil;en
+dies Hinschwinden zeigen und am meisten es da zeigen, wo sie mit
+der weissen in Ber&uuml;hrung gekommen sind; dass die Weissen,
+obwohl sie doch ihre Heimat, das gewohnte Klima u.s.w. aufgegeben
+haben und in unmittelbarer Ber&uuml;hrung mit denen leben, welche
+in ihrem Vaterlande, scheinbar unter den alten Lebensbedingungen,
+verkommen, g&auml;nzlich davon verschont zu sein scheinen.</p>
+
+<p>W&auml;hrend wir nun dies Hinschwinden haupts&auml;chlich bei
+den kulturlosen Ra&ccedil;en, bei den Naturv&ouml;lkern, d.h. bei
+den V&ouml;lkern finden, welche dem Naturzustande des
+Menschengeschlechtes noch verh&auml;ltnissm&auml;ssig nahe stehen
+(Waitz 1, 346), oder bei welchen, um mit Steinthal zu reden, noch
+keine bedeutende Entwickelung der logischen F&auml;higkeiten
+stattgefunden hat: so sehen wir es doch ebenfalls auch da, wo
+farbige Ra&ccedil;en sich zur Kultur und sogar zu einer gewissen
+H&ouml;he der Kultur emporgeschwungen haben, in Polynesien, in
+Mexiko, in Peru, und man hat daher geschlossen, einmal dass diese
+Kultur doch nur Halbkultur und wenig bedeutend gewesen sei, denn
+w&auml;re sie wahr und ganz gewesen, so w&uuml;rde sie
+gr&ouml;ssere Kraft verliehen haben: oder aber, dass bestimmte
+Ra&ccedil;en, auch wenn sie sich wirklich &uuml;ber das Niveau der
+gew&ouml;hnlichen &raquo;Wilden&laquo; erhoben h&auml;tten, dennoch
+einem fr&uuml;hen Tode entgegengingen, weil sie nun eben von der
+Natur zum Aussterben bestimmt seien, weil es ihnen eben, in Folge
+ihrer Ra&ccedil;eneigenth&uuml;mlichkeit, an Lebensf&auml;higkeit
+fehle, welche keine Kultur ersetzen k&ouml;nne: vielmehr decke jede
+Art von Kultur diesen Mangel nur um so mitleidsloser auf.
+Allerdings gibt es auch farbige Ra&ccedil;en und Naturv&ouml;lker,
+bei welchen an ein Aussterben nicht zu denken ist; und andererseits
+sind auch Theile von Kulturv&ouml;lkern, indogermanische,
+semitische St&auml;mme verschwunden und ausgestorben. Allein bei
+letzteren redet man nicht von einer geringeren
+Lebensf&auml;higkeit, einmal wegen der Verwandtschaft dieser
+St&auml;mme mit den anerkannt lebensf&auml;higsten V&ouml;lkern der
+Welt; andererseits auch wegen der Art ihres Verschwindens. Denn der
+Grund, warum sie aufgeh&ouml;rt haben zu existiren, liegt klar auf
+der Hand; theils sind sie durch Krieg vernichtet, wie so viele
+V&ouml;lker, welche mit dem alten Rom k&auml;mpften, theils sind
+sie mit anderen Kulturv&ouml;lkern, die sie rings umgaben,
+verschmolzen, wie die Gothen, die Vandalen, theils trat beides
+zugleich ein: die h&ouml;here Kulturstufe, welche sie besiegte,
+nahm die besiegten Reste in sich auf, wie die alten Preussen, die
+Wenden und so viele slavische V&ouml;lkerschaften durch und in
+Deutschland, die Iberer, die Kelten durch und in das r&ouml;mische
+Wesen verschwanden. So war auch zweifelsohne das Loos der
+V&ouml;lker, welche vor der Einwanderung der Indogermanen Europa
+inne hatten. Anders aber ist das Hinschwinden der Naturv&ouml;lker:
+wo sie mit h&ouml;herer Kultur zusammenkommen, auch da, wo diese
+letztere sich friedlich gegen sie verh&auml;lt, sehen wir sie von
+Krankheiten ergriffen werden, ihr physisches und psychisches
+Verm&ouml;gen versiechen, und ihre Zahl, oft ausserordentlich
+rasch, sich vermindern. Allerdings sind auch einzelne
+Naturv&ouml;lker aufgerieben oder doch stark vermindert durch ganz
+&auml;usserliche und leicht begreifliche Gr&uuml;nde: so namentlich
+viele malaiische St&auml;mme, welche durch nachr&uuml;ckende
+verwandte V&ouml;lker ins Gebirge zur&uuml;ckgedr&auml;ngt und
+dabei gewiss ebenso so stark vermindert worden sind, als durch ihr
+gleiches Schicksal die Basken in Europa, w&auml;hrend sie in ihren
+Bergen sich in ziemlich gleichbleibender Anzahl halten; so die
+Bewohner der Warekauri-(Chatam-) Inseln bei Neu-Seeland, die
+Moreore. welche 1832-35 noch 1500 etwa betrugen, durch die
+Neu-Seel&auml;nder aber, die in jenen Jahren einen Zug nach den
+Warekauriinseln unternahmen, fast ganz ausgerottet sind, so dass
+ihre Zahl jetzt nur noch 200 betr&auml;gt: und auch diese nehmen,
+durch Assimilation an die eingewanderten Maoris rasch ab (Travers
+bei Peterm. 1866, 62). Auch m&uuml;ssen wir hier die schwarze
+Urbev&ouml;lkerung Vorderindiens, die dekhanischen und
+Vindhyav&ouml;lker erw&auml;hnen, weil auch sie nach Lassen (ind.
+Alterthumskunde 1, 390) allm&auml;hlich abnehmen. Fr&uuml;her waren
+sie weiter ausgebreitet und einzelne Reste von ihnen scheinen sich
+(Lassen a.a.O. 387 ff.) in Himalaya, in Belutschistan, T&uuml;bet
+und sonst erhalten zu haben. Sie wurden durch die
+nachr&uuml;ckenden arischen Inder und gewiss nicht friedlich in die
+Gebirge zur&uuml;ckgedr&auml;ngt (Lassen 366), wo sie nun theils im
+barbarischen Zustande weiter lebten, theils aber, und so namentlich
+die s&uuml;dlicheren Dekhanv&ouml;lker, in die indische Kultur
+&uuml;bergingen (Lassen 364. 371). Ein &auml;hnliches Schicksal
+hatten verschiedene amerikanische St&auml;mme, die von anderen
+m&auml;chtigeren Indianerv&ouml;lkern theils aufgerieben, theils
+sich einverleibt wurden; auch wird von einzelnen
+Hottentottenv&ouml;lkern eine &auml;hnliche Vermischung mit
+Kafferst&auml;mmen erw&auml;hnt (Waitz 2, 318).</p>
+
+<p>Doch scheinen auch manche V&ouml;lker vermindert oder gar
+verschwunden, ohne es in Wirklichkeit zu sein. Ein solcher Schein
+ist hervorgerufen, wie Waitz 1, 159-160 zeigt, theils durch
+Um&auml;nderung von Namen, wo man nun f&auml;lschlich annahm, weil
+der Name nicht mehr existire, so sei auch das Volk erloschen, oder
+durch Irrth&uuml;mer der Reisenden, indem sie manche Namen zu weit
+ausdehnen, andere aber auf v&ouml;lligem Missverst&auml;ndniss
+beruhen, oder durch falsche Sch&auml;tzung der Volkszahl, wie man
+sie oft sehr &uuml;bertrieben, namentlich bei &auml;lteren
+Reisenden, z.B. f&uuml;r Polynesien bei Cook, findet u. dergl.</p>
+
+<p>Ehe wir nun aber die Gr&uuml;nde f&uuml;r jenes weniger leicht
+zu erkl&auml;rende Hinschwinden der Naturv&ouml;lker aufsuchen,
+m&uuml;ssen wir den Umfang desselben betrachten, wobei wir ausser
+Europa alle Welttheile zu ber&uuml;cksichtigen haben.</p>
+
+<p>In Asien sterben aus oder sind schon ausgestorben die
+Kamtschadalen und so rasch ging ihre Verminderung vor sich, das
+Langsdorff (1803-4, Krusensterns Begleiter) Ortschaften, welche die
+Cooksche Expedition und La Perouse noch wohl bev&ouml;lkert sahen,
+v&ouml;llig menschenleer fand. Wenn La Perouse 1787 auf der
+Halbinsel im ganzen noch 4000 Bewohner fand (2,166), so sind die
+russischen Einwanderer in dieser Zahl, bei der trotzdem auf mehrere
+Quadratmeilen kaum ein Mensch kommt, schon einbegriffen. Denn Cooks
+Reisebegleiter (1780) fanden, nach den Mittheilungen eines dort
+ans&auml;ssigen Offiziers in Kamtschatka nur noch 3000 Einwohner,
+wobei die Kurilen schon mitgerechnet sind; sie erz&auml;hlen
+selbst, wie sich die Eingeborenen immer mehr mit den einwandernden
+Russen verbinden und ihre Zahl dadurch immer mehr abnimmt (Cook 3.
+R. 4, 175). La Perouses Reisegef&auml;hrte Lessep (41) behauptet,
+dass nur noch ein Viertel der eigentlichen Kamtschadalen &uuml;brig
+sei; und er war noch nicht ein volles Jahrhundert nach der ersten
+Unternehmung der Russen (1696) gegen Kamtschatka dort. Dasselbe
+Schicksal haben ausser den Jakuten und Jukagiren in Sibirien Waitz,
+(1, 164) auch die Aleuten auf den Fuchsinseln und die ihnen
+verwandten St&auml;mme auf den n&auml;chsten K&uuml;sten von
+Amerika, die wir hier gleich erw&auml;hnen, weil auch sie wie die
+Kamtschadalen unter demselben Drucke Russlands stehen. Langsdorff
+fand auf den Fuchsinseln nur gegen 300 M&auml;nner, w&auml;hrend er
+f&uuml;r 1796 1300 und f&uuml;r 1783-87 gar 3000 und mehr angibt.
+Das Steigen der Zahlen, welches wir im Anfang dieses Jahrhunderts
+finden, ist keineswegs tr&ouml;stlich. Denn wenn Chamisso (177,
+zweite Note) nach aktenm&auml;ssigen Mittheilungen f&uuml;r 1806
+die Aleuten der Fuchsinseln auf 1334 M&auml;nner und 570 Frauen,
+1817 dagegen auf 462 M&auml;nner und 584 Frauen angibt, so versieht
+er erstlich diese allerdings auffallenden Zahlen selbst mit einem
+Fragezeichen; und zweitens, wenn sie auch richtig sind, Langsdorff
+sich geirrt und die Volkszahl sich nicht durch russische
+Einwanderer vermehrt hat: das Sinken der Bev&ouml;lkerung von
+1806-1817 ist gewiss eben so arg als wie wir es bei Langsdorff
+geschildert finden. Der offizielle Bericht von 1860 bei Peterm.
+1863, 70 gibt 4645 Bewohner der Fuchsinseln an: allein hier sind
+jedenfalls die Russen, welche jetzt auf den Inseln ans&auml;ssig
+sind, mitgez&auml;hlt, obwohl die Mischlinge, 1896 Seelen, noch
+besonders angegeben werden und diese Vermehrung, welche sich auf
+Kamtschatka gleichm&auml;ssig findet, ist nur eine scheinbare.</p>
+
+<p>Bekannt ist das Aussterben der Ureinwohner Amerikas, deren Zahl
+man in Nordamerika f&uuml;r die Zeit der Entdeckung etwa auf 16
+Millionen, jetzt kaum noch 2 Millionen sch&auml;tzt (Waitz b, 16).
+1864 betrug die Zahl der Indianer in den Vereinigten Staaten etwa
+275,000; 1860 z&auml;hlte man noch 294,431; 1841 aber, auf
+kleinerem Gebiete 342,058 Seelen, so dass sich also hier in 23
+Jahren ein Verlust von nahezu 70,000 Menschen herausstellt (eb.
+18). Noch geringere Zahlen gibt Behm (105 ff.) an, n&auml;mlich
+268,000 unabh&auml;ngige Indianer f&uuml;r die Vereinigten Staaten,
+155,000 f&uuml;r britisch Nordamerika. Und w&auml;hrend d'Orbigny
+(1838) f&uuml;r den von ihm bereisten gr&ouml;sseren Theil von
+S&uuml;damerika 1,685,127 Indianer z&auml;hlte (Waitz b, 16). so
+stellt Behm auch hier geringere Zahlen auf: Brasilien hat nach ihm
+(a.a.O.) 500,000 unabh&auml;ngige Indianer, die drei Guyanas 9770,
+Venezuela 52,400, Neu-Granada 126,000, Ekuador 200,000, Peru
+400,000, Bolivia 245,000, Chile 10,000, die Staaten der
+argentinischen Republik 40,000, Patagonien und Feuerland 30,000,
+also zusammen 1,613,170 und zwar f&uuml;r ganz S&uuml;damerika. So
+viel aber betrug allein die Bev&ouml;lkerung von Chile zur Zeit der
+Entdeckung (P&ouml;ppig 385 Anmerkung) nach einer der kleinsten
+Annahmen. Mittelamerika hatte um 1800 zwei und eine halbe Million
+unvermischter Ureinwohner und diese Zahl war im Wachsen (Humboldt a
+1, 107); aber zur Zeit der Entdeckung betrug die Volkszahl in
+Tenuchtitlan, der alten Hauptstadt von Mexiko und dem ihm nahe
+gelegenen Tezkuko allein nach mittleren Angaben fast eine Million
+und das Land war dicht bedeckt mit grossen und volkreichen
+St&auml;dten. Behm nimmt als jetzige unabh&auml;ngige
+Urbev&ouml;lkerung nur 6000 an (a.a.O.), eine Zahl, welche gegen
+Humboldts Angaben ausserordentlich gering ist: allein Behm
+sch&auml;tzt hier nur die Indianer ab, &raquo;welche sich den
+Beh&ouml;rden vollst&auml;ndig entziehen&laquo;, w&auml;hrend
+Humboldt auch die Eingeborenen mitbegreift, welche sich am
+europ&auml;ischen Leben so gut wie die spanischen Mexikaner
+betheiligen. Behm (114) sch&auml;tzt diese auf 4,800,000.
+Nat&uuml;rlich geht dies Aussterben auch jetzt noch weiter,
+wof&uuml;r v. Tschudi 2, 216 ein Beispiel gibt: die Malalies, ein
+araukanischer Stamm, 1787 noch &uuml;ber 500 Individuen stark,
+schmolzen in jener Zeit durch Kriege auf 26 Seelen zusammen. Obwohl
+sie nun 70 Jahre lang ans&auml;ssig sind und ungef&auml;hrdet
+gelebt haben, ist ihre Zahl doch nicht h&ouml;her als auf einige
+&uuml;ber dreissig gestiegen.</p>
+
+<p>In Afrika sind es die Hottentotten zun&auml;chst, welche in den
+Kreis unserer Betrachtung hineingeh&ouml;ren. W&auml;hrend sie
+fr&uuml;her sich weit hin in das Innere von S&uuml;dafrika
+ausdehnten und in eine zahlreiche Menge von einzelnen St&auml;mmen
+zerfielen, finden wir sie jetzt auf sehr viel kleinerem Gebiete und
+aufgerieben bis auf 3 St&auml;mme, die Korana, Namaqua und Griqua
+(Waitz 2, 317 ff.), deren Zahl fortw&auml;hrend im Fallen ist. Auch
+die Kaffern m&uuml;ssen hier erw&auml;hnt werden, denn im brittisch
+Kafraria hat sich 1857 die Bev&ouml;lkerung um mehr als die
+H&auml;lfte vermindert: sie betrug am Anfang des Jahres 104,721
+Seelen und am Ende desselben nur noch 52,186 (Peterm. 1859 S. 79
+nach dem Population Return v. John Maclean Chief Commissioner):
+nach Behm jedoch (100) 1861 74,648 Eingeborene.</p>
+
+<p>Es bleibt uns nun noch Australien und Ozeanien zu betrachten
+&uuml;brig, wo an vielen Orten die Bev&ouml;lkerung rasch
+hinschwindet, so namentlich in Neuholland. Doch ist es gerade
+f&uuml;r dies Land schwer, ja ganz unm&ouml;glich, Zahlen
+aufzustellen, weil die St&auml;mme fortw&auml;hrend hin- und
+herziehen und daher alle Zahlangaben sehr wenig zuverl&auml;ssig
+sind (Grey 2, 246). Die, welche Meinicke a 177 aufstellt, beweisen
+dies zur Gen&uuml;ge, und selbst die bei Behm (72) sind nicht
+sicherer. Nur von S&uuml;daustralien, Queensland und Viktoria hat
+er bestimmte Z&auml;hlungsergebnisse und so ist seine Gesammtziffer
+55.000 nur eine sehr ungef&auml;hre. Alle Quellen aber berichten
+einstimmig, dass die Bev&ouml;lkerung wenigstens der K&uuml;sten
+reissend abnimmt; dass St&auml;mme, welche fr&uuml;her nach
+Hunderten z&auml;hlten, jetzt vielfach bis auf ebenso viel Zehner
+zusammengeschmolzen sind. Die Bev&ouml;lkerung Tasmaniens betrug
+1843 noch 54 Individuen, 1854 noch 16 (Nixon 18) und ist jetzt wohl
+ganz ausgestorben.</p>
+
+<p>Wenn auch nicht so reissend, so vermindern sich doch auch die
+Melanesier an verschiedenen Gegenden ihres Gebietes: so nach Reina
+(Zeitschr. 4., 360), die V&ouml;lker der kleinen Inseln in der
+N&auml;he von Neuguinea: so nach D'Urville 5, 213 die Bewohner von
+Vanikoro, nach Turner 494 die Eingeborenen der neuen Hebriden, wie
+z.B. die Bev&ouml;lkerung von Anneitum 1860, welche Turner auf 3513
+Seelen sch&auml;tzt, 1100 Menschen durch eine Masernepidemie verlor
+(Muray bei Behm 77) und die von Erromango 1842 durch eine
+gef&auml;hrliche Dysenterie um ein Drittel vermindert wurde (Turner
+a.a.O.); und so finden sich noch verschiedene Angaben
+zerstreut.</p>
+
+<p>In Mikronesien ist die Bev&ouml;lkerung der Marianen, welche bei
+Ankunft der Spanier 1668 mindestens 78,000 Einwohner gehabt haben,
+f&uuml;r die aber auch 100,000 durchaus nicht zu hoch gegriffen ist
+(Gulick 170) g&auml;nzlich ausgestorben. Schon um 1720 hatten die
+Inseln (und zwar nur noch die beiden s&uuml;dlichsten) nicht mehr
+als etwa 2000 Einwohner, und von diesen waren sehr viele von den
+Philippinen her verpflanzte Tagalen. Ponapi (Puynipet, Ostende der
+Karolinen) hatte nach Hale (82) 15.000 Bewohner, welche Annahme
+vielleicht etwas, aber nicht viel zu hoch ist<a name=
+"FNanchor_A_1"></a><a href="#Footnote_A_1"><sup>[A]</sup></a>;
+jetzt hat sie (Gulick 358) noch 5000, Kusaie (Ualan) hatte 1852
+12-1300, 1862 nur noch 700 Menschen (Gulick 245).</p>
+
+<p>In Polynesien betrug auf Tahiti die Bev&ouml;lkerung zu Cooks
+Zeiten (1770) etwa 15-16,000 Seelen (G. Forster nach einer
+spanischen Beschreibung von Tahiti a.d. Jahre 1778 ges. Werke
+4,211, Bratring 104, welcher derselben Quelle folgt oder wenigstens
+einer nahe verwandten). Dieselbe Zahl fand Wilson noch im Jahre
+1797; Turnbull (259) gibt nur 5000 an im Jahre 1803, Waldegrave bei
+Meinicke b, 113 6000 f&uuml;r 1830 und Ellis 1, 102 f&uuml;r 1820
+etwa 10,000, welche Zahl Virgin auch f&uuml;r 1852 angibt (2, 41).
+M&ouml;gen auch diese Zahlen unbestimmt und schwankend und
+Turnbulls Angaben negativ &uuml;bertrieben sein: so viel ist sehr
+klar, dass seit der Entdeckung durch die Europ&auml;er die
+Entv&ouml;lkerung dieser Insel, welche indess nach den Aussagen der
+Eingebornen (Virgin 2, 41) schon fr&uuml;her begonnen hatte, rasch
+fortgeschritten ist; bis unter die H&auml;lfte der fr&uuml;heren
+Kopfzahl sinken die Angaben. Auf den &uuml;brigen
+Societ&auml;tsinseln war das Verh&auml;ltniss (Meinicke a. a. O.)
+ein &auml;hnliches. Auch jetzt scheint das Aussterben, obwohl
+langsamer, fortzugehen: der offizielle franz&ouml;sische Bericht
+f&uuml;r 1862 gibt f&uuml;r Tahiti 9086 Bewohner an (Behm 81).</p>
+
+<p>Auf Laivavai, einer der Australinseln, betrug die
+Bev&ouml;lkerung 1822 mindestens 1200, 1830 nur noch etwa 120 und
+1834 kaum noch 100 Seelen (M&ouml;renhout 1, 143). G&uuml;nstiger
+ist Meinickes Sch&auml;tzung, welcher auf der ganzen Gruppe Ende
+1830 etwa 5000 Seelen, f&uuml;r 1840 nur noch 2000 annimmt (a.a.O.
+114). Rapa sch&auml;tzte Vankouver 1795 auf 1500 Einwohner,
+M&ouml;renhout (1, 139) 1834 nur noch auf 300 und diese waren in
+stetem Abnehmen. Auch die Herveygruppe, welcher Ellis 1, 102
+10-11,000 Bewohner gibt, ist jetzt viel minder zahlreich bewohnt,
+namentlich Rarotonga, welches durch eine furchtbare Seuche im
+h&ouml;chsten Grade gelitten hat (Williams 281).</p>
+
+<p>Ganz ebenso schlimm ist es in Hawaii, wo nach Ohmstedt 262, die
+Bev&ouml;lkerung in den Jahren 1832-36 von 130,000 auf 102,000
+Seelen, also in 4 Jahren um 28,000 Seelen gesunken ist! Mag
+Ohmstedt nun auch Recht haben, dass die Bev&ouml;lkerungsziffer
+f&uuml;r 1836 zu gering ist, weil eine Menge Geburten nicht
+angezeigt worden sind: so ist das Hinschwinden trotzdem ganz
+ausserordentlich, zumal die Insel zu Cooks Zeiten, der 400,000
+Einwohner angibt, wohl an 300,000 nach Jarves Berechnung (373)
+hatte. Die Zahlen bei Meinicke (b, 115-16 nach der Sandwich Isl.
+gazette) sind zwar nicht genau dieselben, das Verh&auml;ltniss der
+Abnahme aber bleibt, auch wenn wir ihnen folgen, unver&auml;ndert.
+Nach Virgin 1, 267 hatte die Hawaiigruppe 1823 etwa 142,000 Seelen,
+1832 noch 130,313, 1836 108,579 und 1850 betrug die Zahl nur noch
+84,165! also in 78 Jahren hat sich die Bev&ouml;lkerung um ein
+Drittel gemindert und die Zahl der Geburten verhielt sich zu den
+Todesf&auml;llen wie 1:3! Auch jetzt noch schreitet die
+Verminderung fort: die Zahl der Eingeborenen betrug nach dem Census
+von 1860 nur 67,084 Seelen (Behm 85).</p>
+
+<p>Auch auf dem Markesasarchipel, dessen Bev&ouml;lkerung nach
+Meinicke (b, 115) 22,000 Menschen betr&auml;gt, ist ein
+Hinschwinden bemerkt: so verlor Nukuhiva (Rodriguet in Revue de 2
+mondes 1859 2, 638) von 1806-12 zwei Drittel seiner
+Bev&ouml;lkerung durch Hungersnoth. Auf Neu-Seeland betr&auml;gt
+die Abnahme der Bev&ouml;lkerung in den letzten 14 Jahren etwa
+19-20 Percent; 1770 betrug sie etwa 100,000 und 1859 noch 56,000
+(Hochstetter 474, nach Fenton). Nach offiziellen Berichten im
+Athen&auml;um (Zeitschr. 9, 325), welche zu Hochstetters Angaben
+nicht ganz stimmen, war die Zahl der Eingebornen 1858 87,766, und
+zwar, auffallend genug, 31,667 M&auml;nner und 56,099 Frauen.
+Dagegen treffen die offiziellen Berichte von 1861 (Meinicke c 557)
+mit Hochstetter &uuml;berein: denn sie geben 55,336 Eingeborene an.
+Letzteres ist wohl das richtigere. Nach Fenton (Reise der Novara 3,
+178) verhielten sich bis gegen 1830 die Sterbef&auml;lle und
+Geburten zur Gesammtbev&ouml;lkerung wie 1: 33,04 und 1: 67,12.</p>
+
+<p>Auf Samoa nimmt nach Erskine 104 die Bev&ouml;lkerung, 37,000
+Seelen, gleichfalls ab, und zwar soll die Abnahme nach den
+Berichten der Mission&auml;re in 10 Jahren auf einer Insel von 4000
+bis zu 3700 oder 3600 vorgeschritten sein (eb. 60).</p>
+
+<p>Auch die Pageh auf Engano, ein den Polynesiern &auml;hnlicher
+malaiischer Stamm auf einer kleinen Insel s&uuml;dlich von Sumatra
+sterben aus nach Wallands Urtheil, der auf der Insel eine
+&auml;usserst geringe Kinderzahl vorfand &mdash; nur f&uuml;nf im
+Ganzen (Zeitschr. 16, 420).</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name=
+"_2_Empfanglichkeit_der_Naturvolker_fur_Miasmen_Krankheiten_welche">
+</a>
+
+<h2>&sect; 2. Empf&auml;nglichkeit der Naturv&ouml;lker f&uuml;r
+Miasmen. Krankheiten, welche spontan bei der Zusammenkunft der
+Natur- und Kulturv&ouml;lker entstehen.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Indem wir uns nun anschicken, die Gr&uuml;nde f&uuml;r dies
+Hinschwinden aufzusuchen, wollen wir zuerst vernehmen, wie man sich
+&uuml;ber die Lebensunf&auml;higkeit dieser St&auml;mme
+ge&auml;ussert hat. P&ouml;ppig (386) sagt von Amerika: &raquo;Es
+ist eine unbezweifelte Thatsache, dass der kupferfarbene Mensch die
+Verbreitung europ&auml;ischer Civilisation nicht in seiner
+N&auml;he vertr&auml;gt, sondern in ihrer Atmosph&auml;re ohne
+durch Trunk, epidemische Krankheiten oder Kriege ergriffen zu
+werden, dennoch wie von einem giftigen Hauche ber&uuml;hrt
+ausstirbt. Die zahlreichen Versuche der Regierungen haben Sitte und
+B&uuml;rgerthum unter jener Ra&ccedil;e nie einheimisch machen
+k&ouml;nnen, denn ihr fehlt die n&ouml;thige Perfektibilit&auml;t.
+Dieser Mangel macht die durchdachten und menschenfreundlichen
+Pl&auml;ne der Erziehung zu nichte und rechtfertigt den Vergleich
+jener Menschheit mit jener eine eigenth&uuml;mliche Physiognomie
+tragenden, aber niederen Vegetation, die das dem Meere entstiegene
+Land zuerst in Besitz nimmt, aber in dem Masse wie h&ouml;her
+ausgebildete und kr&auml;ftigere Pflanzen sich entwickeln, sich
+vermindert und zuletzt auf immer verschwindet. Wie sehr das
+menschliche Gef&uuml;hl sich gegen eine solche Annahme
+str&auml;ubt, so glauben wir doch in den Amerikanern <i>einen von
+der Natur selbst dem Untergang geweihten</i> Zweig unseres
+Geschlechtes zu sehen. In den leer gewordenen Raum tritt eine
+<i>geistig vorz&uuml;glichere</i>, beweglichere, aus dem Osten
+stammende grosse Familie. Wie diese ihrer Bestimmung zur
+allgemeinsten Verbreitung gehorsam sich ausdehnt und die
+entlegensten Wildnisse sich unterwirft, so legt die
+Urbev&ouml;lkerung sich zum Todesschlafe nieder und verschwindet
+selbst aus dem Ged&auml;chtnisse des neuen Volkes. In weniger als
+einem Jahrhundert wird vielleicht die Forschung &uuml;ber die
+ersten Bewohner eines ganzen Welttheils dem Gebiete der
+Arch&auml;ologie &uuml;berwiesen werden m&uuml;ssen, und dann erst
+wird das Tragische und R&auml;thselhafte ihres Schicksals begriffen
+(?) und tief empfunden werden.&laquo;</p>
+
+<p>So schrieb 1840 ein deutscher Gelehrter, der lange Reisen in
+Amerika gemacht hatte. Auch Carus Phantastereien von Tag-, Nacht-
+und D&auml;mmerungsv&ouml;lkern (17 ff.) geh&ouml;ren hierher;
+seine westlichen D&auml;mmerungsv&ouml;lker, &raquo;sie, die
+wirklich dem Untergange zugewendet sind und ihrem Verl&ouml;schen
+mehr und mehr entgegengehen&laquo;, sind die Amerikaner; seine
+Nachtv&ouml;lker, welche sich &raquo;&uuml;ber Afrika ausdehnen und
+hinab gegen S&uuml;den &uuml;ber Australien (!), Van Diemensland
+und einen Theil von Neuseeland (als Papus!!) erstrecken&laquo;,
+stehen noch tiefer in ihrer geistigen Entwickelung und
+F&auml;higkeit. Ganz &auml;hnlicher Ansicht &uuml;ber die
+Neuholl&auml;nder, wie P&ouml;ppig &uuml;ber die Amerikaner,
+scheint Meinicke zu sein, nur dass er sich verh&uuml;llter
+ausdr&uuml;ckt; doch nennt er sie einen &raquo;dem Untergang
+<i>geweihten</i>&laquo; Volksstamm (c 522) und spricht hier n. a 2,
+215 von ihrer &raquo;g&auml;nzlichen Unbildsamkeit&laquo;. Viel
+direkter hat man von der Unbildsamkeit, von dem nothwendigen
+Untergang, von der geringen Lebensf&auml;higkeit der
+tieferstehenden und mangelhaft organisirten Ra&ccedil;en in Amerika
+(Waitz 3, 45) und den Kolonieen in Afrika, Neuholland und
+Polynesien gesprochen; da man denn sich auch weiter kein Gewissen
+machte, den Untergang, welchem diese Ra&ccedil;en nun doch einmal
+geweiht seien, damit auf ihren Tr&uuml;mmern sich das bessere Leben
+h&ouml;herstehender Ra&ccedil;en entwickeln k&ouml;nne, mit allen
+Mitteln beschleunigen zu helfen.</p>
+
+<p>Aber auch vorurtheilsfreie Forscher sehen in diesem Hinschwinden
+etwas R&auml;thselhaftes, so Waitz 1, 173, wenigstens in Beziehung
+auf Australien und Polynesien, da hier eine Hauptursache der
+Entv&ouml;lkerung, welche in Amerika so wirksam war, der Druck
+durch die Weissen, in Polynesien ganz wegfalle, in Australien
+wenigstens nicht weitgreifend gewirkt habe. &raquo;Begreiflicher
+Weise, f&auml;hrt er jedoch fort, ist das Aussterben eines Volkes,
+das fr&uuml;her kr&auml;ftig und gesund gewesen ist, nicht damit
+erkl&auml;rt, dass man ihm die Lebenskraft abspricht oder einen
+urspr&uuml;nglichen Mangel der Organisation zuschreibt, und es hat
+an sich schon etwas sehr Unbefriedigendes f&uuml;r eine so seltene
+und abnorme Erscheinung einen geheimnissvollen Zusammenhang
+anzunehmen, dem sie ihre Entstehung verdanke; man wird vielmehr
+hier wie &uuml;berall nach dem nat&uuml;rlichen Zusammenhange der
+Sache zu suchen haben, wenn man sich auch schliesslich zu dem
+Gest&auml;ndnisse gen&ouml;thigt finden sollte, dass es bis jetzt
+nicht gelingen will, denselben vollst&auml;ndig
+aufzukl&auml;ren.&laquo;</p>
+
+<p>Wir wollen sehen, ob wir zu diesem Gest&auml;ndniss
+gen&ouml;thigt werden.</p>
+
+<p>Auch Darwin (2, 213) sieht bei diesem Aussterben, f&uuml;r
+welches er viele nat&uuml;rliche Gr&uuml;nde anf&uuml;hrt, auch
+&raquo;noch irgend eine mehr r&auml;thselhafte Wirksamkeit&laquo;
+th&auml;tig. &raquo;Die Menschenra&ccedil;en, sagt er, scheinen auf
+dieselbe Art aufeinander zu wirken, wie verschiedene Thierarten,
+von denen die st&auml;rkere die schw&auml;chere vertilgt.&laquo; Er
+macht darauf aufmerksam, dass fast bei jeder Ber&uuml;hrung der
+Naturv&ouml;lker und der Weissen, oft auch von St&auml;mmen ein-
+und desselben Volkes, welche in verschiedener Gegend wohnen,
+seuchenartige Krankheiten entstehen, oft bei v&ouml;lliger
+Gesundheit der Schiffsmannschaft und der von ihr besuchten
+V&ouml;lkerschaft, &raquo;von denen alsdann vorzugsweise die
+niedere von beiden Ra&ccedil;en oder die der Eingeborenen, welche
+in ihrem Lande von Fremden aufgesucht werden, zu leiden hat&laquo;
+(Waitz 1, 162). Und hierzu lassen sich die Beispiele allerdings
+h&auml;ufen. So sagt Humboldt (a 4, 392), dass in Panama und Calao
+der Anfang grosser Epidemien des gelben Fiebers &raquo;am
+h&auml;ufigsten durch die Ankunft einiger Schiffe aus Chile
+bezeichnet werde&laquo;, obwohl doch Chile selbst eines der
+ges&uuml;ndesten L&auml;nder der Welt sei und das gelbe Fieber gar
+nicht kenne; aber die sch&auml;dlichen Folgen der ausserordentlich
+erhitzten und durch ein Gemisch von faulen D&uuml;nsten verdorbenen
+Luft, an welche die Organe der Eingeborenen gew&ouml;hnt seien,
+wirkten m&auml;chtig auf Individuen aus einer k&auml;lteren Region.
+Aehnlich verh&auml;lt es sich mit dem Ausbrechen des gelben Fiebers
+in Mittel- und Nordamerika, das eingeschleppt zu haben so
+h&auml;ufig die eine der genannten Gegenden Besuchern aus der
+anderen vorwirft (Humboldt a.a.O. 384). Die &raquo;grausame
+Epidemie&laquo; von 1794, wo Verakruz ungew&ouml;hnlich heftig vom
+gelben Fieber heimgesucht war, fing an mit der Ankunft dreier
+Kriegsschiffe (eb. 423). Ebenso schreiben die Einwohner Egyptens
+das Ausbrechen der Pest der Ankunft griechischer Schiffe zu und
+umgekehrt die Bewohner Griechenlands und Konstantinopels
+egyptischen (eb. 384), wobei keineswegs immer an eine Einschleppung
+zu denken ist. Auf Rapa (Australinseln) traten t&ouml;dtliche
+Krankheiten nach dem Besuch von englischen Schiffen auf, welche die
+H&auml;lfte der Eingeborenen dahinrafften (M&ouml;renh. 1, 139);
+auf Tubuai (Australinseln) ward die Bev&ouml;lkerung durch
+Krankheiten, welche mit der Mission 1822 auftraten, auf die Zahl
+von 150 heruntergebracht (eb. 2, 343). Raivavai, welches 1822 noch
+1200 Einwohner hatte, besass 1830 etwa noch 120 durch gleiches
+Schicksal (eb. 1, 143). Williams (283-84) spricht es als seine
+eigene Erfahrung aus, dass die meisten der Seuchen, die er in der
+S&uuml;dsee erlebte, durch Schiffe, deren Mannschaft ganz gesund
+sei und nur auf ganz erlaubtem, gew&ouml;hnlichem Wege mit den
+Eingeborenen verkehrte, veranlasst wurden. Das erste
+Zusammentreffen zwischen Europ&auml;ern und Eingeborenen, sagt er,
+ist fast immer mit dem Fieber, mit Dysenterie u. dergl. bezeichnet;
+so starb auf Rapa die H&auml;lfte der Eingeborenen aus; so entstand
+die furchtbare Seuche auf Rarotonga (Herveyinseln), die er 282
+schildert. Ganz dasselbe sagt Virgin 1, 268; &raquo;Auch nur kurze
+Besuche von Fahrzeugen haben auf den Inselgruppen der S&uuml;dsee
+Krankheiten von mehr oder minder verderblicher Natur verursacht,
+die sich sogar erst l&auml;ngere Zeit nachher gezeigt haben. Es hat
+sich dies auch sogar zugetragen, ungeachtet die Besatzung der
+Schiffe vollkommen gesund war und die Krankheiten sind nicht stets
+solche gewesen, welche m&ouml;glicherweise durch eigentliche
+Ansteckung mitgetheilt werden konnten oder welche in Europa zu
+denen geh&ouml;ren, deren Beschaffenheit in der Regel mehr oder
+weniger t&ouml;dtlich ist.&laquo; Von Tahiti erz&auml;hlt Bratring
+145, dass 1775 bei der Anwesenheit der Spanier unter Boenechea ein
+ansteckendes Katarrhalfieber ausbrach. Nach Cooks Besuch litt die
+Insel unter Dysenterie (M&ouml;renh. 2, 425) und die Tahitier
+selbst schrieben schon um 1800 alle Krankheiten den
+Ber&uuml;hrungen mit fremden Schiffen zu (Turnbull 266). Beechey 1,
+94-95 berichtet Aehnliches von den Inseln Pitkairn. Bei regnichtem
+Wetter und bei gelegentlichen Besuchen von Schiffen, sagt er,
+leiden die Eingeborenen (eine Mischbev&ouml;lkerung von Tahitiern
+und Engl&auml;ndern) st&auml;rker an Blutandrang (plethora) und
+Schw&auml;ren als sonst; sie glauben ganz fest, dass diese
+Krankheiten durch den Verkehr mit ihren G&auml;sten, m&ouml;gen
+diese selbst auch ganz gesund sein, herr&uuml;hren. Das eine Schiff
+sollte ihnen Kopfschmerzen, ein anderes Scharbock, das dritte
+Geschw&uuml;re u.s.w. gebracht haben, wie sie denn auch von
+Beecheys Schiff, dessen Mannschaft ganz gesund war, &auml;hnliches
+erwarteten: ja sie f&uuml;hlten schon Kopfweh und Schwindel.
+Beechey erkl&auml;rt diese Zuf&auml;lle durch die Ver&auml;nderung
+ihrer Lebensweise w&auml;hrend solcher Besuche, da sie gegen ihre
+sonstige Gewohnheit dann viel Fleisch essen und reichlichere
+Kleidung tragen. Von Melanesien (Tanna) erz&auml;hlt Turner 91 nach
+den Aussagen der Eingeborenen, welche alle Krankheiten, wie Fieber,
+Dysenterie, Husten u. dergl. &raquo;fremde Dinge&laquo; nennen,
+ganz Gleiches. Auch in Celebes (Waitz 1, 163) herrschte diese
+Meinung und ebenso auch bei den alten Marianern, welche nach jedem
+fremden (europ&auml;ischen) Schiff von einer Seuche heimgesucht zu
+werden behaupteten; so brachte 1688 ein Schiff von Mexiko, welches
+mit Verbrechern beladen an der Insel scheiterte, Rheuma, Fieber,
+Blutungen (le Gobien 376), und die Eingeborenen sahen alle
+Krankheiten als durch die Spanier eingeschleppt an (ebd. 140). Die
+Einwohner von St. Kilda (westl. v. d. Hebriden bei Schottl.) sind
+der festen Ansicht, f&uuml;r die sie eine lange Erfahrung haben,
+dass der Besuch eines Fremden ihnen Schnupfen bringe (Macculloch
+bei Darwin 2, 214).</p>
+
+<p>Nach dem medizinischen Theil der Novara Reise (1, 225) glauben
+die Eingeborenen der Nikobaren, dass die Kokosn&uuml;sse von den
+B&auml;umen fielen, sobald ein Mission&auml;r die Insel
+betr&auml;te. So mag denn auch diese weitverbreitete Ansicht der
+Grund sein, weshalb in Ponapi, sobald ein Schiff in Sicht kommt,
+das Volk flieht und der Priester aufs Feierlichste die G&ouml;tter
+um H&uuml;lfe anruft (Gulick 175), wenn wir es hier nicht mit etwas
+Religi&ouml;sem zu thun haben. Jedenfalls ist wohl zu beachten,
+dass die Naturv&ouml;lker vor der Bekanntschaft mit den
+Europ&auml;ern fast nichts von Krankheit wussten; weder die
+Marianer (le Gobien 140) noch die &uuml;brigen Mikronesier
+(Chamisso) noch die Polynesier, von denen freilich die
+Neu-Seel&auml;nder, obwohl der Gesundheitszustand auch ihrer Insel
+im Allgemeinen trefflich war, von schweren Seuchen, die sie schon
+vor Cook heimgesucht h&auml;tten, erz&auml;hlten (Dieffenbach 2,
+12-14), noch die Neu-Holl&auml;nder, Hottentotten und Amerikaner
+(Waitz 1, 140-41).</p>
+
+<p>F&uuml;r die Indianerst&auml;mme steigert sich die Wirkung
+solcher Epidemien noch durch Folgendes, was v. Tschudi, einer der
+ausgezeichnetsten Kenner der amerikanischen V&ouml;lker, 2, 216
+sagt: &raquo;Es ist eine h&ouml;chst eigenth&uuml;mliche
+Erscheinung, dass Indianerst&auml;mme, die durch Krieg oder
+Epidemien pl&ouml;tzlich sehr stark reducirt wurden, sich in der
+Regel nie wieder erholen und nur noch als wenig zahlreiche Familien
+gew&ouml;hnlich Jahrzehnte lang hinsiechen, bis sie endlich ganz
+aussterben. Bei ihnen tritt nicht mehr die Vermehrungsprogression
+ein, wie sie vor dem vernichtenden Schlage stattgefunden hatte, und
+bei anderen unter den n&auml;mlichen physischen Bedingungen
+lebenden V&ouml;lkern beobachtet wird. Meines Wissens ist dieses
+Verh&auml;ltniss noch nirgends er&ouml;rtert worden. Ich habe es
+bei einem genauen Studium der Geschichte der nord- und
+s&uuml;damerikanischen Indianer als Regel gefunden. Sehr
+verminderte Fruchtbarkeit des Weibes ist die Hauptursache: auf
+welchen physiologischen Einwirkungen sie aber beruht, ist wohl
+schwer zu ermitteln.&laquo; Waitz freilich (1, 163) bringt
+Beispiele vom Gegentheil: die Creeks (nach Simpson), die Winibegs
+(nach Schoolcraft), die Apachen (Kendall) u.s.w. haben sich nach
+schweren Epidemien wieder erholt. Wir kommen hierauf
+zur&uuml;ck.</p>
+
+<p>Man hat nun diese auffallende Erscheinung, dass Krankheiten
+durch Ber&uuml;hrung gesunder, aber aus verschiedener Gegend oder
+Ra&ccedil;e stammender Menschen entstehen, zu erkl&auml;ren
+versucht. Darwin, der in Shropshire geh&ouml;rt, dass gesunde
+Schafe, die aber auf Schiffen eingef&uuml;hrt wurden, in einem
+Pferch zu anderen gebracht, diese krank machen, Darwin meint, dass
+das Effluvium von Menschen &mdash; und wohl auch, nach dem letzten
+Beispiel, von Thieren &mdash; die lange Zeit eingeschlossen gewesen
+seien, giftig auf andere wirke, namentlich dann, wenn sie von
+verschiedenen Ra&ccedil;en w&auml;ren (2, 214); eine Ansicht,
+welche indess weder von medizinischer Seite noch durch die
+Erfahrung best&auml;tigt wird.</p>
+
+<p>Will man sich aber mit Waitz dabei begn&uuml;gen zu sagen, dass
+beim Zusammentreffen verschiedener Ra&ccedil;en, selbst bei
+v&ouml;lliger Gesundheit beider, sich bisweilen Krankheiten
+erzeugen, welche dann meist die niedere Ra&ccedil;e ergreifen, so
+kommt einmal durch das Wort niedere Ra&ccedil;e leicht etwas
+Missverst&auml;ndliches in den Ausdruck, und andererseits wird
+nichts durch dies blosse Zusammenfassen der Erscheinung
+erkl&auml;rt. Dazu kommt, dass z.B. der Bericht Humboldts &uuml;ber
+das gelbe Fieber in Panama und Callao sich ja auf gleiche
+Ra&ccedil;en bezieht und eben so doch auch die Angabe Darwins von
+den Schafen. Und wenn man ferner die Geschichte der kultivirten
+V&ouml;lker betrachtet, so findet man eine &auml;hnliche
+Erscheinung: eine neu auftretende Krankheitsform w&uuml;thet viel
+allgemeiner und verheerender, als eine fortw&auml;hrend
+herrschende; so die Pest, der schwarze Tod, die Pocken, die Cholera
+u.s.w., die dann oft nach und nach verl&ouml;schen. Die Pocken aber
+hat man dadurch unsch&auml;dlich gemacht, dass man eine verwandte,
+aber unsch&auml;dlichere Krankheitsform einimpft. Es scheint also,
+als ob der menschliche K&ouml;rper um so empf&auml;nglicher
+f&uuml;r ein Miasma oder einen Krankheitsstoff ist, je ferner und
+freier von demselben er fr&uuml;her war. Ist er aber, wie bei der
+Pockenimpfung geschieht, durch ein Minimum des Giftes affizirt und
+dadurch anders disponirt worden, so dass er sich nun
+allm&auml;hlich an jenen feindlichen Stoff gew&ouml;hnt, ihn der
+eignen Natur und die eigene Natur ihm einigermassen assimilirt hat:
+so hat er dadurch F&auml;higkeit zum Widerstand gegen die Krankheit
+gewonnen, da sie ja nun seiner Natur nicht mehr absolut feindlich
+ist; daher denn solche Seuchen nach und nach erl&ouml;schen, denn
+die Ueberlebenden werden nach und nach durch das Einathmen der
+miasmatischen Luft k&ouml;rperlich selbst immer fester. Keineswegs
+hilft aber eine solche Gew&ouml;hnung f&uuml;r alle Zeit, wie ja
+auch die Pocken nach bestimmten Zeitr&auml;umen von neuem
+eingeimpft werden m&uuml;ssen. Merkw&uuml;rdig, aber f&uuml;r uns
+wichtig genug ist, was Humboldt a 1, 92 &uuml;ber diese Krankheit
+in Mexiko sagt: &raquo;die Pocken scheinen ihre Verw&uuml;stungen
+nur alle 17 Jahre anzurichten. In den Aequinoktial-Gegenden&laquo;
+&mdash; ob das aber nicht in allen Gegenden oder wenigstens bei
+allen menschlichen Individuen auf gleiche Weise gilt? &mdash;
+&raquo;haben sie, wie das schwarze Erbrechen und mehrere andere
+Krankheiten, ihre festen Perioden, an denen sie sich
+regelm&auml;ssig wieder einfinden: und man m&ouml;chte glauben,
+dass sich in diesen L&auml;ndern die Anlage der Eingeborenen
+f&uuml;r gewisse Miasmen nur in sehr weit von einander entfernten
+Perioden erneuert; indem die Pocken, deren Samen sehr oft von
+europ&auml;ischen Schiffen gebracht wird, nur in sehr ansehnlichen
+Zwischenr&auml;umen epidemisch, aber auch dem Erwachsenen nur desto
+gef&auml;hrlicher werden.&laquo; Alles dies scheint sehr f&uuml;r
+unsere obige Annahme zu sprechen. Der Europ&auml;er, der
+Civilisirte kommt nun fortw&auml;hrend mit unendlich mehr
+Krankheitsstoffen und Miasmen, in den meisten F&auml;llen ohne es
+selbst zu merken, in Ber&uuml;hrung, als der im Naturzustande und
+der freien Natur lebende Mensch. Und nicht nur durch eigene
+Gew&ouml;hnung von Kindheit an, sondern auch durch Vererbung der
+Accommodation von Eltern und Grosseltern her hat er eine viel
+gr&ouml;ssere Widerstandsf&auml;higkeit gegen solche
+sch&auml;dliche Einfl&uuml;sse, als sie jemals fr&uuml;her Isolirte
+und namentlich, wenn sie vielleicht schon erwachsen zuerst mit
+diesen Einfl&uuml;ssen in Ber&uuml;hrung kommen, sich erwerben
+k&ouml;nnen. Hiergegen spricht nicht, wenn einzelne Individuen der
+Naturv&ouml;lker gesund etwa in Europa l&auml;ngere Zeit gelebt
+haben. Denn in den meisten F&auml;llen ist da eine Gew&ouml;hnung
+von Jugend auf eingetreten und jedenfalls sind alle solche
+F&auml;lle wissenschaftlich nur dann zu verwerthen, wenn man die
+Geschichte des Besuchers, seine Natur, die Natur seines Volkes
+u.s.w. bis ins Einzelne verfolgen kann. Uebrigens gibt es auch
+Beispiele genug, dass solche Besuche ungl&uuml;cklich abliefen:
+Liholiho, der Sohn Tamehameha I. und seine Gemahlin starben bei
+ihrem Aufenthalt in England, wo alle Sorgfalt ihnen zu Theil wurde,
+an den Masern bei raschem Verlauf der Krankheit; und der Prinz
+Libu, welchen Wilson gegen Ende des vorigen Jahrhunderts von den
+Palau-Inseln mit nach England genommen hatte und dort sehr
+sorgf&auml;ltig pflegte, an einer &auml;hnlichen Krankheit, kurz
+nach seiner Ankunft (Keate die Pelewinseln, Schluss). Jetzt
+beweisen solche Besuche um so weniger, als jetzt die meisten
+V&ouml;lker Bekanntschaft mit der weissen Ra&ccedil;e haben.</p>
+
+<p>Nach alledem w&uuml;rde es kein Wunder, nichts R&auml;tselhaftes
+sein, wenn die Naturv&ouml;lker gegen solche Miasmen, die auch von
+ganz Gesunden ganz unbemerkt eingeschleppt werden k&ouml;nnen, um
+so empf&auml;nglicher und empfindlicher sind, je weniger sie Schutz
+durch irgend welche Gew&ouml;hnung haben; daher denn solche
+Krankheiten, welche scheinbar unerkl&auml;rlich entstehen, mit
+einer Heftigkeit w&uuml;then, wie, vor Zeiten die Pest. So
+erz&auml;hlt Williams (280 ff.), dass bei jener Seuche auf
+Rarotonga von mehreren tausend Einwohnern kaum ein einziger ganz
+davon befreit blieb. &mdash; Die Krankheiten, welche am meisten so
+ganz spontan dem Schein nach entstehen, sind Dysenterie, Influenza,
+Fieber, Blutungen, Geschw&uuml;re, Husten und Hautkrankheiten.
+(Einige Belegstellen: Turner 91; Dieffenbach 2, 12-14; le Gobien
+376; Beechey 1, 94-95.)</p>
+
+<p>Dass auch Geschw&uuml;re genannt werden, k&ouml;nnte auffallen.
+Die ausbrechenden Krankheiten richten sich jedenfalls theils nach
+den Miasmen, durch welche sie hervorgerufen sind, theils und wohl
+ganz besonders nach der Natur des Inficirten. Wie ja bei
+herrschenden Epidemien oder in der N&auml;he gef&uuml;llter
+Krankenh&auml;user jede Krankheit, jede oft unbedeutendste
+Verwundung durch den giftigen Einfluss der Miasmen schlimmer
+werden, ja bis zum Tode f&uuml;hren kann, auch ohne in die
+herrschende Krankheitsform &uuml;berzugehen: ebenso nat&uuml;rlich
+ist es, dass sich solche eingef&uuml;hrten Miasmen gerade auf den
+Theil des inficirten Organismus werfen, welcher schon zuvor, in den
+meisten F&auml;llen gewiss gleichfalls unbewusst, der
+schw&auml;chste oder gerade bei der Einf&uuml;hrung des Miasma
+irgendwie erregt oder afficirt war. Auch erkl&auml;rt es sich
+hieraus, wie bei gleichen Miasmen &mdash; vorausgesetzt, dass sie
+gleich sind; denn eine Schiffsmannschaft kann leicht verschiedene
+zugleich bringen &mdash; verschiedene Individuen, wie sich das gar
+nicht selten zeigt (z.B. bei Turner in Melanesien, bei le Gobien
+auf den Marianen, bei Beechey auf Pitkairn) verschiedene
+Krankheiten bekommen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>So erkl&auml;rt sich das r&auml;thselhafte Faktum (welches als
+Faktum durch die sichersten und verschiedenartigsten Zeugnisse
+feststeht), dass eine gesunde Schiffsmannschaft gesunden Menschen
+Krankheiten bringen kann<a name="FNanchor_B_2"></a><a href=
+"#Footnote_B_2"><sup>[B]</sup></a>. Dabei d&uuml;rfen wir nicht
+unerw&auml;hnt lassen, was Humboldt an sich und seinen Begleitern
+in Centralamerika beobachtete: &raquo;Es kommt h&auml;ufig vor,
+sagt er b 6, 142, dass sich bei Reisenden die Folgen der Miasmen
+erst dann &auml;ussern, wenn sie wieder in reinerer Luft sind und
+sich zu erholen anfangen. Eine gewisse geistige Anspannung kann
+eine Zeitlang die Wirkung krankmachender Ursachen
+hinausschieben.&laquo; Denn aus diesem Satze erkl&auml;ren sich
+manche Erscheinungen bei jenen spontanen Krankheiten der
+Naturv&ouml;lker &mdash; so darf man wohl, ohne Gefahr
+missverstanden zu werden, die Krankheiten nennen, welche nach der
+blossen Ber&uuml;hrung mit den Kulturv&ouml;lkern, ohne direkte
+Einschleppung entstehen &mdash; Erscheinungen, welche sonst
+auffallen m&uuml;ssten. So, dass diese Uebel w&auml;hrend der
+Anwesenheit der Europ&auml;er noch nicht versp&uuml;rt werden, denn
+jene Schwindel- und Kopfwehanf&auml;lle der Pitkairner noch
+w&auml;hrend Beecheys Besuch beruhten sicher, nach &auml;cht
+polynesischer Art, auf anticipirender und &uuml;bertreibender
+Einbildung; dann, dass sie ungleich seltener bei feindlichem
+Zusammenstoss zweier Ra&ccedil;en sich zeigen, welcher freilich
+meist auch von k&uuml;rzerer Dauer ist, als ein freundlicher
+Besuch. Auch scheint es, als ob das Durchmachen <i>einer</i>
+Epidemie gegen Miasmen verschiedener Art abh&auml;rte; wiewohl es
+gar nicht selten ist, dass ein und derselbe Volksstamm von
+mancherlei Seuchen nach einander (oder auch von derselben wieder)
+heimgesucht wird. Doch ist dann fast immer der erste Anfall der
+verheerendste.</p>
+
+<p>Jedenfalls aber haben wir hier die erste Ursache f&uuml;r das
+Aussterben der Naturv&ouml;lker: ihre leichte Empf&auml;nglichkeit
+f&uuml;r Miasmen, welche die Kulturv&ouml;lker ohne Wissen und
+Willen und bei eigener Gesundheit, zu ihnen bringen; und die
+geringe Widerstandsf&auml;higkeit ihres Organismus gegen solche
+durch jene Miasmen entstehende Krankheiten.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_3_Direkt_eingeschleppte_Krankheiten"></a>
+<h2>&sect; 3. Direkt eingeschleppte Krankheiten.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Zu diesen eben besprochenen Krankheiten kommen noch andere
+hinzu, deren Mittheilung zwar auf demselben Grunde beruht, den wir
+im vorigen Paragraphen betrachteten, die aber doch, da man sie als
+direkt eingeschleppte allgemein betrachtet und nachweisen kann,
+f&uuml;r den Beobachter weit mindere Schwierigkeit bieten. Hierher
+geh&ouml;ren aber gerade die furchtbarsten Seuchen, welche die
+Naturv&ouml;lker betroffen haben; und kann man sich denken, wie
+verheerend sie auf die empf&auml;nglichen Naturen jener V&ouml;lker
+wirkten. Nicht bloss Weisse haben sie eingeschleppt: auch einzelne
+Zweige desselben Stammes haben andere mit solchen Gaben bedacht. So
+ward ein b&ouml;ser Aussatz von Polynesien aus Rapa nach Pitkairn
+verschleppt und den Bewohnern dieser Insel gef&auml;hrlich; und
+andere gleiche Beispiele finden sich. Schlimmer aber ist, was die
+Weissen brachten, vor allen Syphilis und Blattern. Erstere Seuche
+ist zwar &uuml;berall bekannt genug, wo die Europ&auml;er
+hinkommen, und so also auch von Alters her in Afrika und Amerika,
+wo sie eingeschleppt wurde (in Californien nach Rollin, La Perouses
+Schiffsarzt bei La Perouse 2, 289; in Guyana nach Schomburgk 2,
+336). Gef&auml;hrlicher aber ist sie vor allen f&uuml;r die
+Polynesier geworden, denn hier beg&uuml;nstigte ihre Mittheilung
+und Verbreitung die ausserordentliche L&uuml;derlichkeit dieser
+V&ouml;lker gar sehr; und da die Polynesier durch ihre L&uuml;ste
+vielfach entnervt waren, so wurden hierdurch auch die Formen dieser
+Krankheiten immer grauenvoller. Und so finden wir sie hier vom
+&auml;ussersten Osten bis zum fernsten Westen. Auf Waihu
+(Osterins.) ist sie jetzt h&auml;ufig eingeschleppt von
+Europ&auml;ern (M&ouml;renhout 1, 26). Auf Neu-Seeland findet sie
+sich, namentlich an den K&uuml;sten, wo die Eingeborenen mit den
+Europ&auml;ern am meisten verkehren, und so schlimm, dass eine
+Menge Verwachsungen u. dergl. durch sie entstehen (Dieffenbach 2,
+17-25). Auf Tonga hatte sie Cooks Mannschaft, wie Cook selbst
+erz&auml;hlt dritte Reise 2, 390 eingeschleppt; doch kann sie hier
+nicht allzu heftig gewirkt haben, denn Mariner (2, 270) gibt an,
+dass durchaus nichts Syphilitisches sich auf der Gruppe finde und
+dass ein Fall, welcher auf franz&ouml;sischer Ansteckung beruhte,
+so rasch t&ouml;dtlich verlief, dass er weiter keine Folgen hatte.
+Allein ob nicht die Art von Gonorrh&ouml;e mit ardor urinae, die er
+268 als in Tonga heimisch erw&auml;hnt, doch noch vielleicht von
+Cooks Mannschaft herstammte? Auch auf dem Gilbertarchipel und den
+Ratakinseln &mdash; denselben Inseln, wo Chamisso Anfang dieses
+Jahrhunderts so paradiesische Tage verlebte &mdash; ist die
+Syphilis und andere Seuchen durch europ&auml;ische Seeleute
+eingeschleppt (Meinicke Zeitschr. 398), wie denn &uuml;berhaupt
+Mikronesien auch sonst sehr durch solche b&ouml;sen Einwirkungen
+gelitten hat (Gulick 245).</p>
+
+<p>Aber am schlimmsten hat diese Seuche auf Tahiti und Hawaii
+gew&uuml;thet. In Tahiti ist sie so allgemein, dass fast jede
+Familie von ihr ber&uuml;hrt ist (M&ouml;renhout 1, 228-29); und
+schon um 1790 waren zwei F&uuml;nftel der Insel venerisch (eb. 2,
+425). Da nun diese entsetzliche Krankheit theils gar nicht, theils
+schlecht geheilt und behandelt wurde, so ward sie ein Hauptmittel
+f&uuml;r die Dezimirung der Eingeborenen (eb. 2, 405). Vankouver
+(1790) spricht von den Verheerungen, die sie unter den tahitischen
+Weibern angerichtet hatte (1, 111): sie musste also schon lange
+verbreitet sein und ist zweifelsohne gleich von den ersten
+Besuchern eingeschleppt, gleichviel ob von Wallis (Anfang 1767)
+oder Von Bougainville (1767, 15. Apr.), genug, Cook fand sie vor.
+Meinicke zwar (b, 118) versucht zu beweisen, dass dies Uebel in der
+S&uuml;dsee schon heimisch war, vor der Ber&uuml;hrung mit den
+Europ&auml;ern: allein sein Beweis ist ihm nicht gelungen und
+seiner Hypothese stehen die gewichtigsten Autorit&auml;ten
+entgegen, so Cook selbst f&uuml;r Tahiti (dritte Reise 2, 331) und
+f&uuml;r Hawaii (King ebendas. 4, 379), Turnbull (291) f&uuml;r
+Tahiti und so noch andere. Auch thut Meinicke nicht recht, das
+Zeugniss der Eingeborenen f&uuml;r so ganz nichtig zu halten; um so
+weniger, als die Tahitier nach Cook sehr bestimmt Bougainvilles
+Schiff als das bezeichneten, welches die verh&auml;ngnissvolle Gabe
+brachte, sich also keineswegs in allgemeinen Behauptungen hielten.
+Auch was Cook a.a.O. 390-91 &uuml;ber die Schwierigkeit, Ansteckung
+zu verh&uuml;ten, die Gesundheit der eigenen Mannschaft zu
+ermitteln und die Leichtigkeit, mit der sich die Krankheit
+ausbreitet, und gewiss sehr richtig auseinandersetzt, spricht gegen
+Meinicke. Allerdings st&uuml;tzt dieser sich f&uuml;r die
+Sandwichgruppe auf den Umstand, dass, obwohl Cook zuerst nur auf
+Atuai und Onihiau landete, er gleichwohl schon neun Monate
+sp&auml;ter die Seuche auf Maui verbreitet fand &mdash; was auch La
+Perouse mit mehreren anderen Gr&uuml;nden medizinischer Art, die
+aber nicht ganz stichhaltig erscheinen (1, 246, 276), als Grund
+gegen die Einschleppung durch Cook anf&uuml;hrt. Er schreibt die
+erste Verbreitung dieser Seuche den Spaniern zu, welche im 16.
+Jahrhundert &ouml;fters die Hawaiigruppe besucht haben. Wenn man
+nun auch auf die rasche Verbreitung der Krankheit, wie sie bei der
+L&uuml;derlichkeit und dem fortw&auml;hrenden Verkehr der
+Eingeborenen nur zu m&ouml;glich war, hinweisen k&ouml;nnte, so ist
+uns das f&uuml;r unsere Zwecke gleichg&uuml;ltig; genug die Seuche
+ist jetzt &uuml;berall verbreitet in Polynesien und Meinicke gibt
+ja selbst zu, dass die Eingeborenen wenigstens die schwereren
+Formen des Unheils den Europ&auml;ern verdanken. Jedenfalls sind
+die Verheerungen, welche gerade diese Krankheit in Polynesien
+angerichtet hat, auch wenn es Meinicke nicht ganz zugeben will,
+entsetzlich genug, wie &auml;ltere und neuere Schriftsteller
+einstimmig bezeugen. (Vergl. &uuml;ber Hawaii noch Virgin 1, 265;
+Rollin bei La Perouse 2, 271; &uuml;ber Tahiti Turnbull 291; Cook
+dritte Reise 2, 331). Doch scheint es, als ob in Tahiti sich jetzt
+(1852) der Gesundheitszustand wieder gehoben habe (Virgin 2, 41).
+Auch werden von fr&uuml;her (Cook a.a.O. 2, 331) schon Beispiele
+erw&auml;hnt, wo Infizirte, freilich selten genug, von selbst
+genassen. Nur in Tonga scheint, bei dem keuscheren Leben der
+Tonganer das Unheil wenigstens nach Mariners Bericht, nicht um sich
+gegriffen oder doch leichtere Formen nach und nach angenommen zu
+haben.</p>
+
+<p>Die Seuche ist auch unter den Eingeborenen von Neu-Holland
+verbreitet und auch hier will Meinicke (a 2, 179) die Annahme, sie
+sei ihnen von den Europ&auml;ern gebracht, als &raquo;&auml;usserst
+unwahrscheinlich&laquo; dadurch beweisen, dass bei der
+Gr&uuml;ndung der Colonie von Sydney und auch neuerdings diese
+Krankheit tief im Inneren des Continentes gefunden sei. Als ob das
+bei dem Wanderleben dieser St&auml;mme auffallen k&ouml;nnte! als
+ob sie nicht schon vor der Gr&uuml;ndung der Colonie mit
+Europ&auml;ern und wahrlich nicht mit den reinsten in mannigfacher
+Ber&uuml;hrung gewesen w&auml;ren! Den Aleuten, bei denen es Cook
+schon vorfand (dritte Reise 3, 265), und den Kamtschadalen ist
+dieses Unheil von den Russen, den Pelzh&auml;ndlern, mitgetheilt.
+Da nun aber die Kamtschadalen ebenfalls zu Ausschweifungen, sei es
+im Trunk, sei es in der Liebe, geneigt waren, so sind auch hier
+seine Folgen nicht ohne Gewicht f&uuml;r unsere Betrachtung.</p>
+
+<p>Bei weitem schlimmer, aber und allgemeiner haben die Blattern
+gew&uuml;thet, die schlimmste Geissel aller Naturv&ouml;lker. Am
+bekanntesten ist dies von Amerika, in dessen n&ouml;rdlicher
+H&auml;lfte sie zuerst um 1630 auftraten (Waitz b, 15). Neun
+Zehntel von den Nordindianern rafften sie hin; die Mandans starben
+1837 fast ganz aus, die Schwarzf&uuml;sse schmolzen durch sie von
+30-40,000 auf 1000 zusammen: &auml;hnlich erging es anderen
+nordamerikanischen St&auml;mmen, den Kr&auml;henindianern,
+Minetarris, Cumanchen, Rikkaris; von den Omahas und den
+Eingeborenen des Oregongebietes erlagen ihnen zwei Drittel, von den
+Californiern die H&auml;lfte (Waitz 1, 161). Aehnlich w&uuml;theten
+sie unter den V&ouml;lkern von S&uuml;damerika, den Indianern von
+Paraguay und Gran Chako, den Puelchen, den Cariben, den Araukanern,
+in Peru, am Maranon, in Guyana, wo ganze V&ouml;lkerst&auml;mme
+durch sie aufgerieben sind. Nie aber sind sie, wie Humboldt b 4,
+224 bezeugt, am oberen Orinoko aufgetreten, obwohl sie bei den
+V&ouml;lkern Brasiliens wieder ihre ganze Furchtbarkeit zeigten,
+bei den Chaymas, die 1730-36 von ihnen dezimirt wurden (Humboldt
+eb. 2, 180), bei den Chiquitas (Waitz 3, 533), welche schwer von
+ihnen zu leiden hatten. Nicht minder heftig aber traten sie bei den
+kultivirten St&auml;mmen Amerikas auf.</p>
+
+<p>In Mexiko brachen, nach Torribio, die Pocken eingeschleppt durch
+einen Negersklaven 1520 zuerst aus und rafften gleich damals die
+H&auml;lfte der Mexikaner hin (Humboldt a 1, 97); nach Herrera
+traten sie schon 1518 auf (P&ouml;ppig 373) und schon 1517 mit
+denselben Verheerungen, ohne jedoch einen Europ&auml;er
+hinzuraffen, auf den Antillen, zu deren Entv&ouml;lkerung sie
+wesentlich beigetragen haben. Ueberall, in ganz Amerika, waren die
+Verw&uuml;stungen so arg, dass die Todten bisweilen unbeerdigt
+blieben, weil es an H&auml;nden hierzu fehlte (Waitz b, 15). Man
+begreift es, dass, wenn die Pocken ausbrachen, die Indianer im
+&auml;ussersten Entsetzen vielfach ihre H&uuml;tten verbrannten,
+ihre Kinder t&ouml;dteten und in die Einsamkeit flohen (Humboldt b
+4, 224); oder dass z.B. die Chilesen die H&uuml;tte mit sammt den
+in ihr liegenden Kranken verbrannten (Waitz 1, 161). Waitz ist der
+Ansicht und wir stimmen ihm bei, denn alle Quellen sprechen
+daf&uuml;r, dass diese Krankheit zahlreichere Opfer forderte, als
+Krieg und Branntwein zusammengenommen; dass ihr gewiss die
+H&auml;lfte bis zwei Drittel der Urbev&ouml;lkerung Amerikas
+erlegen sind.</p>
+
+<p>Allein nicht bloss auf Amerika beschr&auml;nken sich die
+Verheerungen der Pocken. 1767 brachen sie, eingeschleppt durch
+einen russischen Soldaten, in Kamtschatka aus und w&uuml;theten wie
+die Pest: nicht weniger als 20,000 Kamtschadalen, Kuriler und
+Kori&auml;ken sollen ihnen erlegen sein. Ganze D&ouml;rfer starben
+aus und Cooks Reisebegleiter fanden selbst noch eine Menge ganz
+leer stehender D&ouml;rfer vor. Ein anderes, vor der Epidemie mit
+360 Menschen bev&ouml;lkert, hatte nachher noch 36 Seelen (Cook 3.
+Reise 4. 174-75). Aehnliche, wenn auch minder starke Epidemien
+traten 1800 und 1801 auf, welche gegen 5000 Kamtschadalen
+dahinrafften und bei dem schon lange immer mehr um sich greifenden
+Schwinden der Bev&ouml;lkerung so verheerend wirkten, dass in den
+Ostrogen (kleinen D&ouml;rfern des Inneren), welche vorher meist
+30-40 Einwohner hatten, nachher meistens nur 8-10, in einigen
+wenigen 15-20 Bewohner &uuml;brig blieben (Krusenstern 3, 49. 52.
+2. Theil, 2. Abtheil. Cap. 8).</p>
+
+<p>Auf Neuholland brachen die Blattern zuerst 1789 aus und
+verw&uuml;steten ganz Cumberland; 1830 verheerten sie, bis zur
+Nordk&uuml;ste hin das Innere von Ostaustralien (Meinicke a 2,
+179). Auch diese Seuche entstand nach Meinicke a.a.O. ohne
+Einschleppung spontan unter den Eingeborenen. Von einer furchtbaren
+Pockenepidemie auf Ponapi (Puinipet, Banabe, Carolinen)
+erz&auml;hlt die Novarareise 2, 395: die Krankheit war durch einen
+englischen Matrosen eingeschleppt und raffte 3000 Menschen hin;
+2000 blieben &uuml;brig. Auf der Hawaiigruppe starben 1853 an den
+Pocken 5-6000 Menschen (Waitz 1, 176).</p>
+
+<p>Auch die Hottentotten, wenigstens in der N&auml;he der Capstadt,
+sind wesentlich durch die Pocken vermindert (Waitz 2, 346).</p>
+
+<p>Ausser dieser Krankheit haben dann die Masern und R&ouml;theln
+schlimm unter den Naturv&ouml;lkern gehaust, so in Brasilien,
+Guyana, im Mosquitolande (Waitz 1, 162), in Neuholland (Darwin 2,
+213); und noch gef&auml;hrlicher verschiedene Fieber, welche z.B.
+die Oregonindianer schwer heimsuchten, die oberen Tschinuks 1823
+von 10,000 auf 500 zusammenschmolzen und zwar so schnell, dass die
+Zahl der Ueberlebenden nicht hinreichte, die Todten zu begraben
+(Wilkes und Haie bei Waitz 1, 162).</p>
+
+<p>Doch sind wir durch diese Fieber bei den Seuchen angekommen,
+denen die Naturv&ouml;lker vor dem Auftreten der Europ&auml;er
+unterworfen waren. Epidemische Krankheiten sind zwar vorher selten,
+doch finden sie sich auch. So jene Seuche, welche vor Cook auf der
+Ostk&uuml;ste von Neu-Seeland w&uuml;thete, und zwar so heftig und
+rasch, dass auch hier nicht alle Todten begraben werden konnten
+(Dieffenbach 2, 12-14); so die Fieber, welche, wie es scheint,
+durch das Klima hervorgerufen am Orinoko epidemisch sind (Humboldt
+b 4, 215), so und vor allen jene ber&uuml;chtigte mexikanische
+Krankheit, Matlazahuatl von den Eingeborenen genannt, ein
+furchtbares, dem gelben Fieber verwandtes Gallenfieber mit
+Blutbrechen, das schon lange vor Cortes Ankunft in Mexiko, ja wohl
+schon im 11. Jahrhundert unter den Tolteken, die damals noch in
+Nordamerika waren, herrschte (Humboldt a 4, 379), wie sich denn
+&uuml;berhaupt die Krankheit mit Leichtigkeit in die kalte Zone
+verpflanzt und ihr &raquo;die kupferfarbige Ra&ccedil;e in beiden
+amerikanischen H&auml;lften seit undenklichen Zeiten unterworfen
+ist&laquo; (eb. 380). Wie furchtbar aber diese Krankheit
+w&uuml;thete, geht aus den Zahlen hervor, welche Torquemada
+f&uuml;r die beiden Epidemien 1545 und 1576 angibt: 1545 sollen
+800,000, 1576 zwei Millionen Indianer gestorben sein (Humboldt a 1,
+97). Mag auch Humboldt, obgleich er sich verwahrt, Torquemadas
+Glaubw&uuml;rdigkeit anzuzweifeln, Recht haben &mdash; und er hat
+es gewiss &mdash; dass diese Zahlen nur auf ungef&auml;hrer und
+ungenauer, vielleicht &uuml;bertriebener Sch&auml;tzung beruhen:
+auch wenn wir die Ziffern halbiren, welch furchtbarer Verlust an
+Menschenleben bleibt immer noch! Humboldt meint (a.a.O.), dass auch
+diese Krankheit sich alle hundert Jahre einmal zeige: da er aber 4,
+379 die Jahre 1545, 1576, 1736, 1761 und 1762 als Jahre, worin die
+Krankheit w&uuml;thete, aufstellt, so ist, wenn anders die
+Periodicit&auml;t dieser Krankheit richtig ist, ihr Erscheinen in
+den einzelnen Jahren dann auf St&auml;mme und Landschaften
+eingeschr&auml;nkt, welche sie fr&uuml;her nicht hatten.</p>
+
+<p>Einen Hauptgrund f&uuml;r die furchtbare Wirksamkeit solcher
+eingeschleppter Krankheiten, auf den wir sp&auml;ter
+zur&uuml;ckkommen, f&uuml;hrt Humboldt an, wenn er a 4, 410-11
+sagt: &raquo;Die Niedergeschlagenheit des Geistes und die Furcht
+vermehren nat&uuml;rlich die Pr&auml;disposition der Organe, um die
+Miasmen aufzunehmen; daher es kein Wunder ist, wenn solche
+Epidemien namentlich dann besonders heftig sind, wenn sie von
+siegreichen Eroberern eingeschleppt werden.&laquo;</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="4_Behandlung_der_Kranken_bei_den_Naturvolkern"></a>
+<h2>&sect;4. Behandlung der Kranken bei den Naturv&ouml;lkern.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Alle diese Krankheiten nun, welche den Naturv&ouml;lkern durch
+die eigene Natur derselben gef&auml;hrlich genug waren, wurden es
+noch mehr durch die ganz verkehrte Art, mit der jene V&ouml;lker
+Krankheiten behandelten. Die Syphilis ward dadurch so
+gef&auml;hrlich in Polynesien, dass man sich theils gar nicht um
+sie k&uuml;mmerte, theils aber, wenn man es that, das Uebel nur
+vermehrte. So glaubte man in dem berauschenden Kavatrank, der aus
+den Wurzeln des Piper methysticum bereitet wird, ein Mittel gegen
+sie gefunden zu haben, und es konnte doch nichts
+Gef&auml;hrlicheres angewendet werden, als bei dieser Krankheit
+dieses Mittel, das denn auch nicht verfehlte, die Wirkungen der
+Seuche erst recht schlimm zu machen (M&ouml;renhout 2, 405). In
+Amerika wendete man gegen die Blattern vornehmlich Dampfb&auml;der
+mit unmittelbar folgenden kalten Abwaschungen an und in Neuholland
+und Polynesien ausserdem noch andere und noch th&ouml;richtere
+Mittel; nat&uuml;rlich wurde schon durch diese Kuren die Krankheit
+fast immer t&ouml;dtlich. Dass sich aber diese V&ouml;lker bei
+neuen unerh&ouml;rten Krankheiten nicht zu helfen wussten, wird uns
+nicht Wunder nehmen, wenn wir sehen, wie sie sich Kranken
+gegen&uuml;ber f&uuml;r gew&ouml;hnlich zu benehmen pflegen.</p>
+
+<p>Die Neuholl&auml;nder haben f&uuml;r ihre Kranken nur eine
+Ceremonie der Priester, welche den b&ouml;sen Geist, der im Kranken
+sitzt, oder den Zauber, der ihn krank macht, beschw&ouml;rt, indem
+er unter allerlei Faxen einen Stein, meist ein gl&auml;nzendes
+St&uuml;ck Quarz, aus dem Kranken zieht und damit ihn vom Zauber,
+der in jenen Stein eingeschlossen ist, befreit (Grey 2, 337). Da
+nun jede Krankheit auf Bezauberung beruht und zwar h&auml;ufig auf
+Entziehung der Seele, welche im Nierenfett ihren Sitz hat (Howitt
+189), so wurde in einigen Gegenden der Kranke mit dem Nierenfett
+dessen, den man f&uuml;r den versteckten M&ouml;rder hielt und dem
+man es oft noch lebend ausschneidet (Angas 1, 123), bestrichen:
+oder man versucht die Krankheit aus dem betreffenden Glied
+auszusaugen, durch Aderlass zu entfernen, den b&ouml;sen Geist,
+indem man den Kranken knetet, schl&auml;gt, tritt und sonst
+misshandelt, zu verjagen u. dergl. mehr. Geschickter sind die
+Neuholl&auml;nder im Behandeln &auml;usserer Verletzungen; auch
+haben sie manche rationelle Mittel gegen den Biss giftiger
+Schlangen (Brehm Thierleben 5, 262).</p>
+
+<p>So ziemlich dasselbe Bild wird nun von der Heilkunst aller
+Naturv&ouml;lker zu entwerfen sein. Auf den Fidschiinseln werden
+schwer Kranke schon als todt betrachtet, aufgeputzt und ausgestellt
+(Williams und Calvert 183); R&uuml;cksicht nimmt man auf sie
+durchaus nicht, hat vielmehr, da man sie f&uuml;r b&ouml;swillig
+h&auml;lt und glaubt, dass sie die Gesunden nur absichtlich
+qu&auml;lten, nicht das mindeste Mitleid mit ihnen (eb. 188).
+Ebenso sonst in Melanesien. Sehr gew&ouml;hnlich werden Kranke ohne
+weiteres erschlagen, oder ausgesetzt, z.B. auf der Fichteninsel
+(Cheyne 88). Auf Vate (neue Hebriden) t&ouml;dtet man phantasirende
+Kranke sogleich, damit sie nicht Andere anstecken k&ouml;nnen
+(Turner 444); man begr&auml;bt sie und andere schwerer Erkrankte
+lebendig (450). Ebenso machen es die Ajetas der Philippinen, eine
+Negritobev&ouml;lkerung der Gebirge Luzons mit Schwerkranken (de la
+Gironi&egrave;re Aventures d'un gentilhomme Breton aux &icirc;les
+Philippines 325). In andern Gegenden Melanesiens (auf den kleinen
+Inseln bei Neu-Guinea) setzen sich die Kranken ans Meeresufer und
+essen, was sie k&ouml;nnen, da nicht mehr essende Kranke sofort
+get&ouml;dtet werden. Kranke Glieder schn&uuml;ren sie ein, um den
+D&auml;mon, der die Krankheit verursacht, zu fangen (Reina in
+Zeitschr. 4, 360). Denn auch hier gilt alle Krankheit f&uuml;r
+Behexung (Turner 18-19), obwohl auch die Melanesier Aderlass und
+derartige Mittel kennen (eb. 92). Auch in Mikronesien t&ouml;dtete
+man entweder die Kranken (indem man sie in einem lecken Schiff ins
+Meer stiess, Hale 80) oder man wandte, um sie zu curiren, Zauberei
+an, so auch auf den Marianen (le Gobien 47).</p>
+
+<p>Und nicht anders in Polynesien. Auch hier wurden sie oft
+ermordet, oder doch ganz gleichg&uuml;ltig behandelt, wo denn jeder
+Kranke f&uuml;r sich sorgte, so gut es ging, d.h. in den Wald oder
+die Einsamkeit ging und entweder gesund oder gar nicht wieder
+zur&uuml;ckkehrte. In Nukuhiva hielt man Schwerkranken Mund und
+Nase zu, um den Geist festzuhalten (Mathias <i>G***</i>, 115);
+ebenso in S&uuml;damerika bei den Moxos (Waitz 3, 538; b 151). In
+Tonga bestand die Behandlung der Kranken fast nur darin, dass man
+sie von einem Tempel zum andern schleppte, um die Priester und
+G&ouml;tter f&uuml;r sie anzuflehen; je kr&auml;nker Jemand ist, je
+weiter schleppt man ihn &mdash; und f&uuml;hrt seinen Tod
+nat&uuml;rlicherweise gerade dadurch herbei (Mariner 1, 110; 362
+ff. u. sonst). Oder man opferte wie in Tahiti und sonst in
+Polynesien, Kinder oder Sklaven, um das Leben eines Vornehmeren zu
+erhalten. Doch waren die Tonganer als Chirurgen nicht ungeschickt
+und sie wagten sich an gef&auml;hrliche Operationen. Auch war
+Skarifikation und der Gebrauch gewisser Pflanzens&auml;fte in
+Anwendung (Mariner 2, 267-270). So wie bei ihnen, so gilt auch
+sonst in Polynesien Krankheit als Bezauberung, oder als Rache und
+Strafe der G&ouml;tter: in Neu-Seeland (Dieffenb. 2, 59 ff.); in
+Tahiti (Bratring 181-82, M&ouml;renh. 1, 543); in Nukuhiva (Math.
+G. 228); und in Hawaii (Tyermann u. Bennet 1, 129). Daher waren
+auch hier die h&auml;ufigsten Mittel Opfer und Gebete. Nur auf
+Neu-Seeland scheint man etwas zweckm&auml;ssiger verfahren zu
+haben. Wenigstens kannten die Eingeborenen die Heilkraft ihrer
+heissen Quellen und wendeten sie f&uuml;r kranke Kinder an
+(Dieffenb. 1, 246), man gab den Kranken leichtere Kost, gebrauchte
+D&auml;mpfe von Pflanzenaufg&uuml;ssen (Pflanzenaufg&uuml;sse
+kannten auch die Marianer nach le Gobien), Einreibungen mit warmen
+Pflanzens&auml;ften u. dergl. (Dieffenb. 2, 41). Dampfb&auml;der
+und darauf unmittelbar folgende kalte Abwaschungen waren
+gleichfalls gebr&auml;uchlich (M&ouml;renhout 2, 164) und Kneten
+der Glieder &uuml;berall verbreitet: in Nukuhiva, in Tahiti, Hawaii
+u.s.w. In Tahiti hielt man jede Krankheit f&uuml;r Wirkung
+g&ouml;ttlichen Zornes und es galt daher f&uuml;r s&uuml;ndlich,
+Arzeneien zu nehmen (Turnbull 260), gegen die sie auch einen
+un&uuml;berwindlichen Abscheu haben (292). Wird ein Eingeborener
+dieser Insel krank, so wird er sofort von allen Angeh&ouml;rigen
+und Landsleuten gemieden: er ist ganz hilflos und auf sich allein
+angewiesen, ein Verfahren, welches sich bitter genug r&auml;cht:
+denn die bei ihnen gew&ouml;hnlichsten Uebel sind solche, die schon
+bei geringer Pflege leicht heilen, bei Vernachl&auml;ssigung aber
+t&ouml;dtlich werden (Turnbull 260 u. 292). Als Chirurgen waren
+auch sie wie alle Polynesier geschickt (M&ouml;renhout 1, 161).</p>
+
+<p>In Amerika finden wir so ziemlich dasselbe. Denn auch die
+Mexikaner, obwohl t&uuml;chtige Chirurgen und mit mancherlei
+medizinischen Mitteln bekannt, setzten ihre festeste Hoffnung auf
+abergl&auml;ubische Mittel (Waitz 4, 165, 174). Die Californier
+versuchten durch Anblasen und Aussaugen des kranken Gliedes oder
+dadurch, dass sie andere opferten oder verst&uuml;mmelten, die
+Krankheit zu heben (Waitz 4, 250). Aussaugen, Anblasen, Reiben galt
+auch auf Haiti als Hauptmittel, so wie denn, merkw&uuml;rdig genug,
+hier die Aerzte dieselbe Ceremonie anwandten, welche die
+Neuholl&auml;nder noch jetzt haben: sie zogen dem Kranken einen
+Stein und mit ihm den Anlass aller Krankheiten aus dem Mund.
+Schwerkranke wurden, wie in Mikronesien, ausgesetzt, oder, wie in
+Nukuhiva erstickt (Waitz 4, 327). Das Hervorziehen des Steines oder
+Knochens aus dem K&ouml;rper des Kranken fand sich auf dem
+brasilianischen Festland unter den Payaguas (Azara 269). Auch in
+Peru war das Heilverfahren, obwohl man einige Arzneipflanzen
+kannte, purgirte und zur Ader liess, fast durchaus auf Zauberei
+begr&uuml;ndet (Waitz 4, 463). In Nordamerika nun waren bei fast
+allen den minder kultivirten V&ouml;lkern die Aerzte ganz und gar
+Zauberer, die Krankheit nur Besessenheit, der b&ouml;se Geist ward
+daher, zur Kur, ausgesaugt und ausgespieen, oder durch Blasen,
+Kneten, Schlagen und &auml;hnliche Mittel entfernt (Waitz 3,
+213-14). Auch in S&uuml;damerika ist Zauberei, Aussaugen Anblasen
+u.s.w. Hauptmittel und fast &uuml;berall der Arzt zugleich
+Zauberer, nur bei den Botokuden nicht, welche nur nat&uuml;rliche
+Mittel, Reiben, Kneten, Urtikation, auch, aber meist ohne Erfolg,
+innerliche Arzneien anwenden (Tschudi 2, 286-87) und als Chirurgen
+nicht ungeschickt sind. Aber Zauberer waren die Aerzte bei den
+Tupis, den Makusis, deren Heilverfahren, das neben vieler Zauberei
+auch manche wirklich wirksame Mittel kannte, Schomburgk (2, 333)
+schildert, ferner bei den Waraus (eb. 1, 170), den Cariben (2,
+427), den Araukariern, welche indess neben den Zauber&auml;rzten
+auch noch andere und t&uuml;chtigere Aerzte hatten (Waitz 3, 519),
+den Feuerl&auml;ndern (Bouqainville 130) u.s.w.</p>
+
+<p>Dampfb&auml;der sind sehr allgemein verbreitet und bei fast
+allen Krankheiten angewendet; so bei den Mexikanern und bei den
+alten Tolteken (Waitz 4, 270); ebenso in Nordamerika (3, 217) in
+S&uuml;damerika bei den Makusi (Schomburgk 2, 333) und sonst.</p>
+
+<p>Nicht anders war im grossen Ganzen, nach Langsdorff, das
+Heilverfahren der Aleuten.</p>
+
+<p>Auch die Hottentotten betrachteten alle Krankheiten als
+Wirkungen von Zauberei und b&ouml;sen Geistern, und behandeln sie
+darnach, durch Beschw&ouml;rung u. dergl., doch wendet der Zauberer
+oder die Zauberin dabei auch andere, innerliche und
+&auml;usserliche Heilmittel an. Wunderbarer Weise findet sich denn
+auch hier, wie auf den Antillen, jener sonderbare
+neuholl&auml;ndische Gebrauch wieder, einen Stein &mdash; hier
+einen Knochen &mdash; unter mancherlei Ceremonien aus dem Leibe
+(Mund, Ohr, R&uuml;cken u.s.w.) des Kranken, der ihm eingehext und
+der Sitz der Krankheit sei, hervorzuziehen, damit jener genese
+(Sparmann 197-98). Ihre Gift&auml;rzte sollen freilich sehr
+ausgezeichnete Mittel gegen Schlangenbiss haben, und die Colonisten
+haben, was sie von Heilpflanzen der s&uuml;dafrikanischen Flora
+kennen, erst von den Eingeborenen gelernt (Waitz 2, 344). Allein
+Schwerkranke, Alte und H&uuml;lflose setzen die Hottentotten
+h&auml;ufig aus (Sparmann 320); Sterbende sch&uuml;ttelt und
+st&ouml;sst man, gewiss um den D&auml;mon der Krankheit zu
+verscheuchen, &uuml;berh&auml;uft ihn mit Vorw&uuml;rfen, dass er
+die Verwandten durch seinen Tod betr&uuml;be, bittet ihn zu bleiben
+u.s.w. (Sparmann 273).</p>
+
+<p>Die Zauberer aber gerathen sehr h&auml;ufig, wenn ihre Kur nicht
+anschl&auml;gt, in Gefahr, von den erbitterten Angeh&ouml;rigen arg
+gemisshandelt oder get&ouml;dtet zu werden. F&uuml;r Amerika bringt
+Waitz und die angef&uuml;hrten Autoren eine Menge Beispiele bei:
+f&uuml;r Afrika gen&uuml;ge eins, welches bei Sparmann 198
+erw&auml;hnt wird: ein F&uuml;rst, der an schlimmen Augen litt und
+von den Zauberern nicht geheilt werden konnte, liess diese alle
+umbringen, weil er glaubte, dass einer von ihnen, der ihm feindlich
+gesinnt sei, seine Heilung verh&uuml;te. Denn jeder
+ungl&uuml;ckliche Ausgang einer Krankheit gilt als bewirkt durch
+st&auml;rkeren Zauber, hier und in Amerika und Polynesien.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name=
+"_5_Geringe_Sorgfalt_der_Naturvolker_fur_ihr_leibliches_Wohl"></a>
+<h2>&sect; 5. Geringe Sorgfalt der Naturv&ouml;lker f&uuml;r ihr
+leibliches Wohl.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Indess, da ja Krankheiten die Naturv&ouml;lker in ihrem
+gew&ouml;hnlichen Zustand nur wenig plagen, so m&ouml;chte alles
+dies Verkehrte, und wenn es manchem Kranken den Tod brachte, doch
+nicht allzuviel f&uuml;r ihr Hinschwinden bewirkt haben; viel
+gef&auml;hrlicher ist die geringe Sorge, welche fast alle
+Naturv&ouml;lker auf ihre leibliche Pflege verwenden und verwenden
+k&ouml;nnen. Freilich sind sie abgeh&auml;rtet gegen Vieles durch
+eigene Gew&ouml;hnung und, wodurch diese erst in so hohem Grade
+erm&ouml;glicht wird, durch Vererbung; und so f&uuml;hlen sich auch
+noch die Feuerl&auml;nder, nach Darwin die elendesten und
+niedersten Menschen, in ihrem entsetzlichen Klima, ohne rechtes
+Obdach, auf dem nassen Boden schlafend, nackt, nur k&uuml;mmerliche
+Nahrung und diese nur mit M&uuml;he findend, nach ihrer Art wohl
+und begehren nichts Besseres (Darwin 1, 230). Die Eskimos sind an
+ihre Schneew&uuml;sten, die Neuholl&auml;nder an ihre unfruchtbaren
+Steppen, die ihre wandernde Lebensart bedingen, die
+neuholl&auml;ndischen Weiber an ein Leben voll Last und M&uuml;he,
+an die schrecklichste Behandlung gew&ouml;hnt, so weit menschliche
+Natur sich gew&ouml;hnen kann. Trotz aller Gew&ouml;hnung aber
+h&auml;ngt es mit der Lebensart der Naturv&ouml;lker zusammen, dass
+sie, auch bei der ersten Bekanntschaft mit den Europ&auml;ern,
+bisweilen selbst wenn sie schon eine gewisse Halbkultur erlangt
+hatten, verh&auml;ltnissm&auml;ssig so geringe
+Bev&ouml;lkerungsziffern aufweisen; sie leben eben so, dass die
+menschliche Natur nicht anders als k&uuml;mmerlich gedeiht &mdash;
+wenn auch die einzelnen Individuen oft ganz besonders stark
+erscheinen. Es ist ja aber gerade ein oft wiederholter Ausspruch,
+die Naturv&ouml;lker seien deshalb k&ouml;rperlich so kr&auml;ftig,
+weil alle schw&auml;chlichen Kinder ohne weiteres erl&auml;gen; so
+z.B. Humboldt b 2, 189.</p>
+
+<p>Nicht bloss schw&auml;chliche Kinder erliegen indess; und diese
+Sterblichkeit der Kinder ist das erste, was wir hier zu betrachten
+haben. Die Feuerl&auml;nder, deren Wohnung nicht den geringsten
+Schutz bietet (Darwin 1, 228), setzen ihre Kinder nackt der Wuth
+ihres Klimas aus (eb. 229). Fast alle Indianer in Nord- und
+S&uuml;damerika f&uuml;hren jetzt ein elendes Wanderleben; und
+&uuml;berall hin werden die Kinder von den M&uuml;ttern
+mitgeschleppt, auf den rauhesten und weitesten M&auml;rschen und
+oft noch, w&auml;hrend sie durch aufgelegte Bretter und andere
+gewaltsame Mittel (um ihrem Kopf eine eigenth&uuml;mliche Gestalt
+zu geben) in der nat&uuml;rlichen Entwickelung gest&ouml;rt sind.
+Schon bei der Geburt werden viele Kinder sterben. Denn &uuml;berall
+ist es Sitte, dass das Weib kurz vor der Geburt sich in den Wald
+begiebt, dort allein gebiert, sich selbst die Nabelschnur
+abschneidet und unterbindet, dann sich und das Kind sogleich in
+kaltem Wasser badet und nun zur&uuml;ckkehrt, nicht etwa zur
+Pflege, sondern zur erneuten Arbeit. Dies war der Fall bei den
+Waraus in Guyana (Schomburgk 1, 166), bei den Cariben und Makusi
+(eb. 2, 315, 431); und in Nordamerika sehr vielfach (Waitz b, 98).
+Die Nahrung aber, welche ein Kind nach und neben der Muttermilch
+bekommt, ist oft schon an und f&uuml;r sich sch&auml;dlich und
+ungesund. Grosse Sterblichkeit herrscht noch unter den Kindern des
+heutigen Mexiko in Folge verkehrter Di&auml;t (Waiz 4, 196). Die
+Nahrung wird ihnen auch noch beschr&auml;nkt durch die
+eigenth&uuml;mliche Sitte, neben den Kindern Thiere, Affen,
+Beutelratten u.s.w. zu s&auml;ugen, was die Makusi, die Waraus, die
+Cariben und verschiedene andere V&ouml;lker thun (Schomburgk 2,
+315. 1, 167). Von der schlechten Wartung der Kinder, wenn sie krank
+sind, spricht Humboldt b. 4, 224 und der Schmutz, in welchem sie
+aufwachsen, und von denen Schomburgk aus Guyana Abschreckendes
+erz&auml;hlt, kann auch keinen guten Einfluss haben. Und doch
+lieben die Amerikaner in Nord-und S&uuml;damerika ihre Kinder aufs
+innigste.</p>
+
+<p>In Tahiti nehmen die Frauen unmittelbar nach der Geburt sofort
+Dampfb&auml;der mit kalten Abwaschungen (Wilson 461), in Neuseeland
+gleichfalls, wo die Kinder, wie in Tahiti, ganz nackt bleiben und
+eher schwimmen als laufen k&ouml;nnen (Dieffenbach 2, 24-25, Ellis
+1, 261 und M&ouml;renh. 2, 61); und ebenso auf Nukuhiva (Melville
+2, 191). Hautkrankheiten, und zwar sehr b&ouml;sartige der Kinder
+(jaws, framboesia) werden &ouml;fters erw&auml;hnt, z.B. in Tonga,
+wo die Kinder gut gepflegt und sonst sehr gesund sind (Mariner 2,
+179) und in Ponapi (Cheyne 122). Grosse Sterblichkeit herrscht aber
+unter den Kindern wegen Mangel an Pflege und Wartung in Hawaii
+(Virgin 1, 268) und ebenso in Tahiti (Bennett 1, 148). Ellis sagt,
+dass die tahitischen Kinder, obwohl dem Aussehen nach dick und
+gesund, doch bis zu einem Alter etwa von 12 Monaten sehr zart und
+hinf&auml;llig w&auml;ren (1, 260). Formation des Sch&auml;dels
+durch Platt- und Hochdr&uuml;cken war in Tahiti sehr h&auml;ufig 1,
+261. Auch auf Mikronesien ist die Wartung der Kinder schlecht. Auf
+Tobi (Lord North, &auml;usserstes S&uuml;d-Westende Mikronesiens)
+erhalten die Kinder sofort nach der Geburt ganz gleiche Speise wie
+die Erwachsenen (Pickaring, Memoir of the Language and Inhabitants
+of Lord Norths Isl. 1845; 228), und ebenso auf Ratak Kokosmilch und
+Pisang, den ihnen die Mutter vorkaut; sch&auml;dlicher aber als
+diese Nahrung ist ihnen die Unregelm&auml;ssigkeit, mit der sie
+&uuml;berhaupt etwas bekommen (Gulick 180-181), daher denn auch
+hier die Sterblichkeit unter ihnen gross ist. Auch in Polynesien
+s&auml;ugen die Weiber gern Thiere auf neben den Kindern, wie z.B.
+die Hawaierinnen nach Remy XLII Hunde und Schweine.</p>
+
+<p>In Melanosien ist es nicht besser: die Kinder werden nicht
+gepflegt und m&uuml;ssen von der Geburt an das Leben der Alten
+mitmachen. In einigen Gegenden Neu-Guineas (Finsch 103) wird der
+Geb&auml;renden fortw&auml;hrend kaltes Wasser &uuml;ber den Kopf
+gegossen, ist aber das Kind geboren, Mutter und Kind sofort kalt
+gebadet und dann einer m&ouml;glichst starken Hitze neben einem
+lodernden Feuer ausgesetzt, und so abwechselnd weiter. Je heisser
+und l&auml;nger Mutter und Kind diese H&ouml;llenkur vertragen,
+f&uuml;r desto ges&uuml;nder gelten beide. In einer anderen Gegend
+hatte eine Frau ein unl&auml;ngst erst geborenes Kind auf den
+heissen Sand gelegt und arbeitete in der N&auml;he; als Fremde
+kamen, grub sie es ohne weiteres bis an den Hals in den Sand und
+arbeitete fort (eb. 63).</p>
+
+<p>Fast nirgends aber sterben mehr Kinder als in Neuholland: von
+vieren wird kaum mehr als eins drei Jahre alt (Turnbull 43), was
+sich aus der Behandlung, die ihnen zu Theil wird, und die nur
+ausserordentlich starke Kinder &uuml;berstehen, erkl&auml;rt. Kaum
+geboren wird das Kind in ein Opossumfell gewickelt, &uuml;berall
+mit hingeschleppt und meist im h&ouml;chsten Grade nachl&auml;ssig
+behandelt, dem Feuer zu nahe gelegt und dergl. (Grey 2, 250-251).
+Dies Wandern f&uuml;hrt auch Darwin (2, 213) als Grund der
+Sterblichkeit unter den Kindern an, und es ist beachtenswerth, was
+er zusetzt: &raquo;Wie die Schwierigkeit, sagt er, sich Nahrung zu
+verschaffen, w&auml;chst, so w&auml;chst ihre wandernde Lebensweise
+und darum wird die Bev&ouml;lkerung ohne eigentlichen Hungerstod
+auf eine so ausnehmend gewaltsame Weise zur&uuml;ckgehalten, im
+Vergleich mit civilisirten L&auml;ndern, wo der Vater seine Arbeit
+mehren kann, ohne den Spr&ouml;ssling zu vernichten&laquo;. Dazu
+wird ihnen auch noch die Nahrung dadurch verk&uuml;rzt, dass auch
+hier die Weiber vielfach junge Thiere, Hunde, s&auml;ugen (Grey 2,
+279) und gewiss oft nur aus Noth: denn ein Hund ist jetzt um so
+mehr, als die Jagdthiere immer scheuer und seltener werden, ein
+grosser Schatz f&uuml;r den jagenden Eingeborenen und die Nahrung
+f&uuml;r die jungen Thiere ist gewiss oft genug selten.</p>
+
+<p>Kurz aber mit allem Nachdruck m&uuml;ssen wir hier
+erw&auml;hnen, dass auch das Tattuiren, was in ganz Polynesien
+h&auml;ufig betrieben wird, h&auml;ufig den Tod nach sich zieht
+(Ellis 1, 266); und da man nur eben heranwachsende dieser Operation
+unterwirft, so wird der Jugend auch durch sie ein nicht zu
+untersch&auml;tzender Abbruch gethan.</p>
+
+<p>Wichtiger freilich, weil eine Sache von gr&ouml;sstem Einfluss
+auf das leibliche Gedeihen der Naturv&ouml;lker, ist die oft
+&uuml;ber alle Begriffe schlechte Behandlung der Weiber. So vor
+allen Dingen in Neuholland. Die armen Weiber m&uuml;ssen, schwanger
+oder nicht, mit allem Gep&auml;ck und oft noch mit 1-2 Kindern
+beladen, dem Manne, der nur das Jagdger&auml;th tr&auml;gt, folgen;
+sie m&uuml;ssen, kaum angekommen, alle Arbeit f&uuml;r den Haushalt
+besorgen, die H&uuml;tte aufschlagen, Feuer machen, Wurzeln,
+Muscheln erst suchen, dann kochen, f&uuml;r den Mann, die Kinder
+alles N&ouml;thige bereiten, und dann, wenn sie bei alle dem oft
+aufs brutalste behandelt sind, dem Manne Nachts geschlechtlich zu
+Willen sein. Die beste Nahrung, die sie finden, ist f&uuml;r den
+Mann und ihre S&ouml;hne; sie d&uuml;rfen erst essen, was diese
+&uuml;brig lassen und wenn sie fertig sind. So ist ihr Loos Tag
+f&uuml;r Tag: denn von dem, was sie noch ausser diesem
+gew&ouml;hnlichen Elend besonderes Schlimmes trifft (z.B. die Art,
+wie sie von den M&auml;nnern zur Ehe geraubt werden), brauchen wir
+hier nicht zu reden. Ein wichtiger Umstand ist ferner, dass ihre
+Pubert&auml;t schon mit 11 oder 12 Jahren beginnt und sie schon mit
+diesen Jahren verheirathet werden. Nimmt man zu alle dem nun noch
+hinzu, dass sie ihre Kinder sehr lange s&auml;ugen, oft bis 3 Jahre
+(Grey 2, 248-250) ja l&auml;nger (4-6 Jahre nach Salvado 311), so
+wird man sich nicht wundern, dass die Lebensdauer dieser
+Ungl&uuml;cklichen, die nichts desto weniger oft ganz fr&ouml;hlich
+sind und ihren M&auml;nnern mit Liebe anhangen, nicht allzulang ist
+und dass es weniger Weiber als M&auml;nner gibt, im
+Verh&auml;ltniss wie 1:3 nach Grey, nach anderen wie 2:3 &mdash;
+ein Umstand indess, der wahrscheinlich mit bedingt ist durch die
+Sitte, neugeborene M&auml;dchen umzubringen, von der wir
+sp&auml;ter reden m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Und in Amerika ist es nicht besser. &raquo;Entbehrung und
+Leiden, sagt Humboldt b 2, 192, sind bei den Chaymas, wie bei allen
+halbbarbarischen V&ouml;lkern, das Loos des Weibes. Wenn wir die
+Chaymas Abends aus ihren G&auml;rten heimkommen sahen, trug der
+Mann nichts als ein Messer, mit dem er sich einen Weg durchs
+Gestr&auml;uch bahnt. Das Weib ging geb&uuml;ckt unter einer
+gewaltigen Last Bananen und trug ein Kind auf dem Arm und zwei
+andere sassen nicht selten oben auf dem B&uuml;ndel&laquo;. Auch
+die Botokudinnen m&uuml;ssen, wie ihre Leidensgenossinnen in
+Neuholland, alle Arbeit thun, alles Gep&auml;ck schleppen und sich
+dann noch von ihren M&auml;nnern aufs roheste misshandeln lassen
+(Tschudi 2, 284). Dasselbe erz&auml;hlt Schomburgk von den
+Bewohnern Guyanas (2, 313; 1, 122 ff.) und mit einem schauderhaften
+Beispiel von roher Misshandlung von den Cariben (2, 428). Noch
+h&auml;rter ist das Loos der Weiber in Nordamerika, wo sie auch die
+Feldarbeit thun m&uuml;ssen (Humboldt b 2, 293) und noch roher
+misshandelt werden (Waitz b, 98). Mrs. Eastmann, welche
+l&auml;ngere Zeit selbst mit den Dakotas gelebt hat und daher diese
+V&ouml;lker genau kennt, hat wohl Recht, wenn sie (bei Waitz b, 98;
+3, 100) sagt: &raquo;Die Arbeit des Weibes wird nie fertig. Sie
+macht das Sommer- und Winterhaus. F&uuml;r jenes sch&auml;lt sie im
+Fr&uuml;hling die Rinde von den B&auml;umen, f&uuml;r dieses
+n&auml;ht sie die Rehfelle zusammen. Sie gerbt die H&auml;ute, aus
+denen R&ouml;cke, Schuhe und Gamaschen f&uuml;r ihre Familie
+gemacht werden und muss sie abschaben und zubereiten, w&auml;hrend
+noch andere Sorgen auf ihr lasten. Wenn ihr Kind geboren ist, kann
+sie sich nicht ruhen und pflegen. Sie muss f&uuml;r ihren Mann das
+Rudern des Kahnes &uuml;bernehmen, Schmerz und Schw&auml;che wollen
+dabei vergessen sein. Immer ist sie gastlich. Geh zu ihr in ihr
+Zelt, sie gibt dir gern, was du brauchst, wenn es nur in ihrer
+Macht steht, und thut bereitwillig, was sie kann, um es dir bequem
+zu machen. In ihrem Blick ist wenig Anziehendes. Die Zeit war es
+nicht, die ihre Stirn gerunzelt und ihre Wange gefurcht hat.
+Mangel, Leidenschaft, Sorgen und Thr&auml;nen haben es gethan. Ihre
+geb&uuml;ckte Gestalt war einst anmuthig, Mangel und Entbehrung
+erhalten die Sch&ouml;nheit schlecht&laquo;. So kommt es vor, dass
+M&auml;dchen von ihren Eltern get&ouml;dtet werden, um sie dem
+elenden Loos, das ihrer wartet, zu entziehen; und dass Weiber sich
+selbst umbringen, weil sie die B&uuml;rde ihres Lebens und Leidens
+nicht mehr zu tragen verm&ouml;gen (Waitz 3, 103). Nur bei einigen
+wenigen V&ouml;lkern war das Loos der Weiber etwas besser (Waitz 3,
+181). Die Speisen des Mannes durften die Weiber nicht theilen, ja
+oft nicht einmal mit den M&auml;nnern zusammen essen (Schomburgk 2,
+428), eine Sitte, die auch &uuml;berall in Ozeanien herrscht und
+ihren letzten Grund in religi&ouml;sen Anschauungen hat. Doch waren
+durch sie den Weibern meist die wirklich guten und nahrhaften
+Lebensmittel untersagt, was bei ihren schweren Arbeiten von
+doppeltem Gewichte war. In Poly- und Mikronesien (in Melanesien
+herrschten Sitten, die den australischen n&auml;her kommen und
+Fidschi steht zwischen beiden) war die Stellung der Weiber nicht
+schlecht; allerdings waren sie meist von der Gesellschaft und den
+Gen&uuml;ssen der M&auml;nner ausgeschlossen, doch empfanden sie
+dies sowie die Prostitution, zu der sie verurtheilt waren, nicht,
+weil es die Sitte nun einmal mit sich brachte und man sie sonst als
+Freudenspenderinnen ehrte. Wirklich schlecht scheinen sie nur in
+der Paumotugruppe behandelt zu sein, von wo und zwar von Mangareva
+M&ouml;renhout 2, 71 schreckliche Beispiele &auml;usserster
+Bedr&uuml;ckung und grausamster Misshandlung erz&auml;hlt.
+W&auml;hrend an den meisten Orten den Weibern so gut wie gar keine
+oder nur weibliche Arbeit, Zeugbereiten und dergl. obliegt, wie in
+Tonga, in Tahiti, in Nukuhiva (Melville 2, 147); so m&uuml;ssen sie
+in andern Inseln fast alle Arbeit thun, wie in Neuseeland
+(Dieffenb. 2, 12). Fr&uuml;hreife der Weiber ist in Polynesien sehr
+gew&ouml;hnlich. Auf Neuseeland tritt die Pubert&auml;t fr&uuml;her
+als bei uns, doch sp&auml;ter als in S&uuml;deuropa ein (Dieffenb.
+2, 33) nach Browne 38 sind sie schon mit dem 11. Jahre
+heirathsf&auml;hig und fr&uuml;her coitus ist auf der ganzen Insel
+gew&ouml;hnlich (Dieffenb. 2, 12). Aehnlich fand es Cook auf Tahiti
+(b, 126-127). Dass sich 11j&auml;hrige M&auml;dchen den Fremden
+anbieten, ist gar nicht selten; es soll auch noch j&uuml;ngere
+geben, die es thun. Die Geschlechtsentwickelung auf den
+Fidschiinseln f&auml;llt sp&auml;ter: f&uuml;r die M&auml;dchen ins
+14., f&uuml;r Knaben ins 17. oder 18. Jahr (Wilkes bei Waitz 1,
+126). Auch in Amerika reifen die Weiber sehr fr&uuml;h (Azara an
+vielen Stellen). Schomburgk (1, 123) sah unter den Waraus in Guyana
+eine Frau von kaum 10 Jahren, die dennoch hochschwanger war.
+Humboldt der b 2, 188 sagt, dass die Chaymasweiber mit 11-12 Jahren
+sich verheiratheten, erz&auml;hlt dasselbe von den Eskimos der
+Nordwestk&uuml;ste von Amerika, den Kori&auml;ken und den
+Kamtschadalen (190), bei denen h&auml;ufig 10j&auml;hrige
+M&auml;dchen M&uuml;tter sind. Er meint zwar, dass diese
+fr&uuml;hzeitigen Heirathen der Bev&ouml;lkerung nichts schadeten:
+jedenfalls aber h&auml;ngt das fr&uuml;hzeitige Verbl&uuml;hen der
+Weiber (Waitz b, 99; Tschudi 2, 298; Schoinburgk sagt in Beziehung
+auf Guyana dasselbe) mit dieser Fr&uuml;hreife zusammen. Doch gibt
+es St&auml;mme in Nordamerika, wo die Geschlechtsreife viel
+sp&auml;ter eintritt (Waitz 1, 125) Thunberg sah bei den
+Hottentotten hinwiederum M&auml;dchen von 11-12 Jahren, welche
+schon Kinder hatten (25-26<a name="FNanchor_C_3"></a><a href=
+"#Footnote_C_3"><sup>[C]</sup></a>).</p>
+
+<p>Zu dieser fr&uuml;hen Entwickelung kommt nun ein sehr langes
+S&auml;ugen. Wie in Neuholland die Weiber &mdash; und in Polynesien
+ist es ebenso, nach Dieffenbach a.a.O. und anderen &mdash; so
+s&auml;ugen auch die Amerikanerinnen ihre Kinder &ouml;fters bis
+ins 12. Jahr und dies S&auml;ugen wird, wenn die Mutter
+mittlerweile durch ein 2. Kind beansprucht wird, von der
+Grossmutter fortgesetzt! Die Indianerinnen behaupten, im Besitz
+eines Mittels zu sein, welches ihnen l&auml;nger und
+unersch&ouml;pflicher die Milch erhalte (Schomburgk 2, 239.
+315).</p>
+
+<p>Muss eine solche Lebensart, welche auch bei den Hottentotten um
+nichts besser und nur in Nebendingen anders ist, die Weiber
+fr&uuml;hzeitig welken lassen und dahinraffen, so ist die
+Lebensweise der M&auml;nner vielfach auch vollkommen aufreibend
+durch das Uebermass von Anstrengungen, was sie mit sich bringt. Man
+denke auch nur, was es heissen will, Tag f&uuml;r Tag, bei oft ganz
+ungen&uuml;gender oder durch ihre zu reichliche F&uuml;lle
+sch&auml;dlicher Nahrung, fortw&auml;hrend umherzuziehen, &uuml;ber
+endlose Strecken dem Wild nach, in den Anstrengungen der Jagd oder
+des Krieges und dabei allen Unbilden des Klimas, des Wetters
+ausgesetzt! Daher finden wir nirgends in Neuholland oder dem
+Feuerland oder unter den Wanderst&auml;mmen Amerikas ein so hohes
+Alter unter den Einzelnen als es Chamisso auf den Ratakinseln und
+San Vitores (nach le Gobien 47) auf den Marianen fand, wo
+100j&auml;hrige Greise nicht selten waren, w&auml;hrend Grey schon
+70 Jahre als hohes Alter unter den Neuholl&auml;ndern betrachtet
+(2, 247-248), aber gleich hinzusetzt, dass bei der grossen
+Sterblichkeit der Kinder, die mittlere Lebensdauer bei ihnen viel
+geringer als in Europa ist. Nach Azara freilich erreichen die
+brasilianischen St&auml;mme ein sehr hohes Alter: er will unter den
+Payaguas mehrere M&auml;nner gesehen haben, die zum wenigsten 120
+Jahre alt waren (270; vgl. 173). Die Polynesier, &uuml;berhaupt die
+Bewohner kleiner und meist gen&uuml;gend fruchtbarer Inseln, so
+bedenklich ein solcher Wohnort nach anderen Seiten sein mag, sind
+in dieser Beziehung besser gestellt, da schon die Oertlichkeit
+ihrer Heimath solche &uuml;berm&auml;ssige Anstrengung
+verh&uuml;tet; die langen und d&uuml;nnen Gliedmaassen, die
+vorh&auml;ngenden B&auml;uche, die verkommene Gestalt aber der
+Neuholl&auml;nder ist zweifelsohne nicht Ra&ccedil;encharakter (an
+einem anderen Ort gedenke ich den Nachweis zu f&uuml;hren, dass die
+letzteren gleichfalls ein Zweig des malaiopolynesischen Stammes
+sind), sondern durch die m&uuml;hselige Lebensart, das ewige
+Wandern, die Unregelm&auml;ssigkeit der Nahrung hervorgebracht. Und
+nat&uuml;rlich steigert sich alle diese Noth durch die Ausbreitung
+der Europ&auml;er, durch welche die Jagdthiere der Naturv&ouml;lker
+sehr rasch zusammenschmelzen; ja sie steigert sich durch sich
+selbst und ihre eigene lange Dauer, da die Thiere, stets verfolgt,
+dadurch immer scheuer, die Jagd immer schwieriger wird, wie von
+Tschudi 2, 279 von S&uuml;damerika bezeugt. Auch werde, um nichts
+zu &uuml;bergehen, wenigstens beil&auml;ufig an das erinnert, was
+Tschudi eb. 290 sagt, dass mangelnde Jagdbeute die V&ouml;lker
+n&ouml;thigt, ihre Jagdz&uuml;ge weiter auszudehnen und das Gebiet
+anderer Horden zu verletzen; dass diese ihr Gebiet vertheidigen und
+sich so oft sehr bedeutende K&auml;mpfe um die Existenz entwickeln.
+Auf beschr&auml;nktem Terrain war Ausrottung der Jagdthiere
+bisweilen nothwendige Folge auch der vorsichtigsten Jagd; so in
+Neuseeland, wo die grossen Jagdv&ouml;gel, die Moas (Dinornis,
+Apteryx), nach und nach ausgerottet sind von den Eingeborenen
+selbst, die ersteren ganz, die letzteren wenigstens zum
+gr&ouml;ssten Theil, und zwar ohne Schuld der Maoris: die
+V&ouml;gel vermehrten sich langsam und wurden bei ihrer
+Unbeh&uuml;lflichkeit und dem nicht sehr g&uuml;nstigen Terrain
+leicht die Beute der J&auml;ger. So starben sie aus, ohne dass man
+jenen ein blindes W&uuml;then gegen die Jagdthiere vorwerfen
+d&uuml;rfte.</p>
+
+<p>Betraf dies nun ihre Lebensart im Allgemeinen, so m&uuml;ssen
+wir nun noch von einzelnen Punkten speziell reden. Zun&auml;chst
+die Nahrung, in deren Auswahl und Aufbewahrung fast alle
+Naturv&ouml;lker wenig Sorgfalt zeigen. Sie d&uuml;rfen auch, da
+die Natur von selbst, auch in den Tropen, nicht zu jeder Zeit und
+nicht allzubereitwillig das N&ouml;thige bildet, nicht allzu
+w&auml;hlerisch sein. So essen denn z.B. die Botokuden eigentlich
+Alles, ausser geniessbaren Thieren auch F&uuml;chse, Aasgeier,
+M&auml;use, Schlangen, Eidechsen, Kr&ouml;ten, Flederm&auml;use,
+Insektenlarven, W&uuml;rmer, ungeputzte Eingeweide (Tschudi 2, 279.
+298) und dergl. In Guyana graben die Kinder 18 Zoll lange
+Skolopender aus der Erde und &mdash; fressen sie lebendig (Voigt
+Zoologie V, 420 nach Humboldt). Das Erdeessen der Otomaken
+h&auml;lt Humboldt, der es b 6, 102 ff. mit Herbeiziehung alles
+Analogen bei anderen V&ouml;lkern bespricht, zwar nicht f&uuml;r
+sch&auml;dlich, n&uuml;tzlich aber ist es auch nicht, sondern nur
+hungervertreibend. Auch in Australien (Grey 2, 263-264) findet es
+sich; doch wird hier die Erde mit einer geriebenen Wurzel
+gemischt.</p>
+
+<p>In Australien ist zwar nach Grey 2, 259-261 der Nahrungsmangel
+nicht so gross, als man gew&ouml;hnlich annimmt und vieles was uns
+nur aus &auml;usserstem Elend gew&auml;hlt scheint, ist ihnen eine
+willkommene Leckerei; indess sagt Grey doch selbst, 261 ff., dass
+jede Gegend des Continents ihre besondere Nahrung habe, die man
+aber erst kennen und aufsuchen m&uuml;sse. Und das scheint keine
+leichte Sache, wenigstens war er selbst, obwohl von einem nicht
+unbef&auml;higten Eingeborenen begleitet, auf seinem unfreiwilligen
+Zug die Westk&uuml;ste des Kontinentes entlang in der
+&auml;ussersten Lebensgefahr durch Hunger. Ein fauler Walfisch ist
+den Neuholl&auml;ndern, w&auml;hrend sie sonst sehr ekel gegen
+angegangenes Fleisch sind, gr&ouml;sster Genuss und je stinkender
+die Speise, desto willkommener wird sie, wie auch die Thakallis,
+ein Stamm der Athapasken in Nordamerika, faules Fleisch
+vorz&uuml;glich gern essen (Waitz b, 90). Und wie nun diese
+V&ouml;lker essen! &raquo;Die Botokuden geniessen die meisten
+Nahrungsmittel, besonders das Fleisch in halbgarem Zustande. Es
+wird &uuml;ber das Feuer gehalten, bis die &auml;ussersten
+Schichten etwas angebrannt sind und dann verzehrt. Die
+Gefr&auml;ssigkeit dieser Indianer ist fast sprichw&ouml;rtlich
+geworden. &mdash; &mdash;Wenn ein gl&uuml;cklicher Jagdzug
+reichliche Beute gew&auml;hrt, so wird sie gierig verzehrt und da
+das Fleisch rasch in F&auml;ulniss &uuml;bergeht, um ja nichts zu
+verlieren, der Magen so lange vollgestopft, als eine physische
+M&ouml;glichkeit dazu vorhanden ist. Dann folgt eine lange
+beh&auml;bige Verdauungsruhe und dieser oft wochenlang
+&auml;usserst sp&auml;rliche Mahlzeiten. V&ouml;lker und
+Individuen, die ausschliesslich auf Fleischnahrung angewiesen sind,
+haben eine rasche Verdauung und es &auml;ussert sich bei ihnen
+Heisshunger viel heftiger als bei jenen, die an eine vegetabilische
+oder gemischte Nahrung gew&ouml;hnt sind. Sie k&ouml;nnen sich aber
+auch mit einer sehr geringen Quantit&auml;t ihrer gewohnten
+Fleischnahrung lange kr&auml;ftig erhalten, leiden dabei aber stets
+an Hunger. Bei jeder sich darbietenden Gelegenheit suchen die
+Botokuden ihren steten Hunger durch &uuml;bermenschliches Fressen
+zu stillen und verschlingen mit der Gier eines Raubthieres die
+ekelhaftesten Gegenst&auml;nde ohne Wahl mit gleichem
+Heisshunger&laquo;. Was Tschudi (2, 278-279) uns so von den
+Botokuden erz&auml;hlt, das kann mit denselben Worten von allen
+Naturv&ouml;lkern Amerikas, von den Feuerl&auml;ndern bis zu den
+Eskimos, das kann von den Hottentotten, von denen es allw&auml;rts
+bekannt ist (von den Buschm&auml;nnern bezeugt es z.B. Lichtenstein
+2, 355), und trotz ihrer mehr gemischten Nahrung von den
+Neuholl&auml;ndern, den meisten Melanesiern, und auch, obwohl bei
+diesen meist die vegetabilische Nahrung vorwiegt, von vielen
+Polynesiern gesagt werden, von den roheren gewiss, doch zu Zeiten
+auch von den cultivirteren, wenigstens &uuml;bersteigt die Masse
+der bei Festlichkeiten verschlungenen Lebensmittel alle
+europ&auml;ischen Begriffe bei weitem. Ja es kam vor, dass man bei
+grossen Vorr&auml;then, wie einst die hochcivilisirten R&ouml;mer,
+Brechmittel nahm, um mit frischen Kr&auml;ften weiter essen zu
+k&ouml;nnen (Waitz 3, 82, vom s&uuml;dl. Nordamerika). Zwiefach
+gef&auml;hrlich ist eine solche Lebensart, einmal, weil sie dem
+menschlichen Organismus gewiss nicht entsprechend und also
+sch&auml;dlich ist; und zweitens weil sie, da man alles was die
+Gegenwart bietet aufzehrt und in sich stopft, Vorr&auml;the zu
+sammeln aber etwas ganz Ungewohntes ist, f&uuml;r die Zukunft,
+f&uuml;r welche Naturv&ouml;lker nur in den seltensten F&auml;llen
+und auch dann meist sehr unvollkommen sorgen, die bedenklichsten
+Folgen hat. Hungersnoth entsteht in Polynesien nicht selten durch
+g&auml;nzliches Aufzehren aller Lebensmittel bei Festlichkeiten,
+obwohl doch die meisten V&ouml;lker hier Vorr&auml;the sammeln.
+Uebrigens thun dies auch manche Indianerst&auml;mme (Waitz b, 91).
+Man sollte denken, gerade die Naturv&ouml;lker, durch Noth und
+Erfahrung belehrt, m&uuml;ssten am ersten f&uuml;r die Zukunft
+Sorge zu tragen gelernt haben, allein Waitz, der daran erinnert,
+dass &raquo;auch unter den civilisirten V&ouml;lkern die Individuen
+und die ganzen Classen der Gesellschaft sich um die Zukunft wenig
+oder gar nicht k&uuml;mmern, denen zur Arbeit jedes andere Motiv
+fehlt, ausser der Sorge f&uuml;r ihren eigenen
+Lebensunterhalt&laquo;, hat sehr richtig b, 84 u. 91 die
+psychologischen Gr&uuml;nde entwickelt, warum die kulturlosen
+V&ouml;lker nur der Gegenwart leben. Die Hauptsache ist, dass sie
+allzusehr unter der Herrschaft der sinnlichen Nerveneindr&uuml;cke
+stehen: die Vorstellung, welche sie gerade gegenw&auml;rtig haben,
+verdr&auml;ngt alle anderen aus ihrem Bewusstsein, und ist, nach
+Noth und Entbehrung, die Gegenwart wieder gut, so kommt dazu der
+physische Genuss dieses Wohllebens, dieser Ruhe, der die
+augenblicklichen Vorstellungen mit um so gr&ouml;sserer Macht zu
+alleinherrschenden macht (Waitz 1, 351).</p>
+
+<p>Aber nicht bloss sorglos sind sie um die Zukunft: wie oft
+zerst&ouml;ren sie sich man kann fast sagen die Lebensbedingungen
+f&uuml;r dieselbe selbst, so namentlich auf der Jagd. &raquo;Der
+J&auml;ger, sagt Waitz 1, 350, ger&auml;th, besonders massenhafter
+Beute gegen&uuml;ber, wie der Soldat im heissen Kampfe, in eine
+grenzenlose Wuth, er mordet mit Lust und verw&uuml;stet das Wild
+meist in v&ouml;llig nutzloser Weise, verzehrt davon das Beste und
+oft dieses kaum, wenn es im Ueberfluss sich darbietet. Daher
+brauchen J&auml;gerv&ouml;lker ein ganz
+unverh&auml;ltnissm&auml;ssig grosses Areal und gerathen trotzdem
+oft in Noth, weil ihnen Schonung der Jagdthiere ebenso fremd ist,
+als sparsames Haushalten mit Vorr&auml;then &uuml;berhaupt. Der
+hundertste Theil des von den Zulus erlegten Wildes, bemerkt
+Delagorgue, w&uuml;rde zu seinem und seiner Begleiter Unterhalt
+mehr als hinreichend gewesen sein.&laquo; Die Buschm&auml;nner
+zerst&ouml;ren h&auml;ufig gr&ouml;ssere Jagdbeute aus Missgunst
+und Bosheit: &raquo;was sie selbst im Ueberfluss nicht gebrauchen
+k&ouml;nnen, soll wenigstens keinem anderen zu Gute kommen&laquo;,
+sagt Lichtenstein 2, 565 von ihnen. Aehnlich berichtet Hearne 120
+von den n&ouml;rdlichsten St&auml;mmen Nordamerikas, die das Wild
+schliesslich der Zungen, des Markes, des Fettes wegen, aller
+Gegenvorstellungen zum Trotz, erlegten, die an keinem Nest mit
+Jungen oder Eiern vor&uuml;bergehen konnten, ohne es zu
+zerst&ouml;ren. Waitz 3, 81 sieht darin nur die Sitte eines
+g&auml;nzlich rohen Stammes und sagt, dass, wo diese und
+&auml;hnliche Sitten jetzt eingerissen seien, es in Folge
+moralischer Gesunkenheit geschehen sei, da sonst Sparsamkeit der
+Charakter der meisten Indianer gewesen sei. Mag letzterer Zug ganz
+richtig sein: die Leidenschaft der Jagd aber, welche kein Thier
+schont, findet sich in Amerika nicht nur bei verkommenen
+V&ouml;lkern. Sie herrscht in Canada (Waitz 3, 85) und gewiss sonst
+noch aus der abergl&auml;ubischen Ansicht, dass die fliehenden
+Thiere die anderen warnen und verscheuchen w&uuml;rden. Von
+S&uuml;damerika berichtet Azara 193 Gleiches. Dasselbe gilt von den
+Neuholl&auml;ndern.</p>
+
+<p>Und nicht genug, dass sie sich auf diese Weise die Nahrung
+selbst zerst&ouml;ren: sie verbieten sich auch eine Menge Speisen,
+oft gerade die besten, durch religi&ouml;sen Glauben. Zun&auml;chst
+sind die Frauen fast &uuml;berall in Amerika, Polynesien und
+Australien, in Neuholland auch die J&uuml;nglinge und Knaben (Grey
+2, 248), von den besten Nahrungsmitteln, die nur den erwachsenen,
+oft nur den greisen M&auml;nnern erlaubt sind, ausgeschlossen. Dann
+aber geh&ouml;rt das Totem der Indianer hierher, von dem Waitz 3,
+119 sagt: &raquo;Der politische Verband des Volkes beruhte in alter
+Zeit sehr allgemein auf einer Eintheilung in Banden oder
+Geschlechter, deren jedes durch ein Thier oder einen
+K&ouml;rpertheil, eines Thieres als Marke bezeichnet war, z.B.
+B&auml;r, B&uuml;ffel, Fischotter, Falke und dergl. Nur ein Fisch
+oder ein Theil eines Fisches konnte diese Marke nicht sein.&laquo;
+Der Name dieser Marke, Totem, kommt von den Algonkin.
+Wahrscheinlich (ebend.) hatte das Totem urspr&uuml;nglich eine
+religi&ouml;se Bedeutung: das Thier des Totem war der Schutzgeist
+der nach ihm benannten Familie, wurde von dieser heilig gehalten
+und <i>durfte von ihr nicht gejagt</i> werden. Und ebenso verhielt
+es sich gewiss mit &raquo;der Medicin&laquo;, die jeder Amerikaner
+hatte, d.h. dem Totem des Einzelnen. Denn zur Zeit der beginnenden
+Mannbarkeit erscheint jedem einzelnen sein Schutzgeist in Gestalt
+eines Thieres, das dann gejagt und dessen Balg stets von dem
+Betreffenden getragen werden muss. Der Verlust der Medicin
+w&uuml;rde ihm tiefste Verachtung und best&auml;ndiges Ungl&uuml;ck
+zuziehen (Waitz 3, 118-119). Urspr&uuml;nglich durfte gewiss kein
+Indianer das Thier, das ihm &raquo;Medicin&laquo; Schutzgeist war,
+verzehren. Die meisten V&ouml;lker (auch die Aleuten) stammten von
+solchen Thieren ab (Waitz 3, 119. 191) und auch diese waren ihnen
+gewiss urspr&uuml;nglich heilig, wenn sich auch sp&auml;ter diese
+Verehrung in etwas abschw&auml;chte. Diese auffallende Sitte, die
+genauer betrachtet gewiss mancherlei merkw&uuml;rdige Resultate
+g&auml;be<a name="FNanchor_D_4"></a><a href=
+"#Footnote_D_4"><sup>[D]</sup></a>, findet sich ganz
+&uuml;bereinstimmend bei den Neuholl&auml;ndern, wor&uuml;ber man
+Grey 2, 225-229 vergleiche. Jede Familie, oder besser, jeder Stamm,
+denn die Familien sind ausgedehnt wie St&auml;mme, hat ihr
+&raquo;kobong&laquo; Pflanze oder Thier, das ihr heilig ist, ihr
+den Namen gibt u.s.w. Wie in Amerika Leute von gleichen Totem, so
+durften in Neuholland Leute desselben Kobongs einander nicht
+heirathen. Kein Neuholl&auml;nder t&ouml;dtet sein Kobong, wenn er
+es schlafend findet, auch nie, ohne ihm vorher Gelegenheit zur
+Flucht zu geben; war es eine Pflanze, so durfte es der Betreffende
+nur zu bestimmten Jahreszeiten und unter ganz bestimmten Ceremonien
+ein&auml;rnten und benutzen<a name="FNanchor_E_5"></a><a href=
+"#Footnote_E_5"><sup>[E]</sup></a>. Hierin sehen wir eine Folge der
+Noth; denn urspr&uuml;nglich durfte das Kobong wohl ebenso wenig
+gegessen werden, wie das amerikanische Totem. Daf&uuml;r spricht
+auch die Form, in welcher sich die Sitte in Polynesien erhalten
+hat. Denn in Polynesien gilt es noch jetzt an verschiedenen Orten
+als strenges Gesetz, dass Einzelne einzelne Thiere, in welchen ihr
+Schutzgeist oder der Geist ihrer Ahnen verborgen ist, weder
+t&ouml;dten noch essen d&uuml;rfen. So in Mikronesien z.B. auf
+Ponapi (O'Connel bei Hale 84), auf Tikopia (Gaimard bei D'Urville
+V, 305-307), auf den Fidschiinseln (Wilkes 3, 214), wohin die Sitte
+entweder von Polynesien gekommen ist oder sich als malaiisches
+Ureigenthum, wie wir sie auch in Neuholland finden, erhalten hat;
+so in Hawaii (Remy 165), in Tahiti (M&ouml;renhout 1, 451-57). Wir
+finden auf allen diesen Inseln jetzt Gedanken an Seelenwanderung
+eingemischt; allein man muss bedenken, dass der Glaube an die
+beh&uuml;tende Macht der Seelen der Vorfahren, also an den
+Uebergang der abgeschiedenen Seelen in Schutzgeister der Lebenden
+in Polynesien sp&auml;ter vielfach aufgekommen ist.</p>
+
+<p>Auch anderer Aberglaube als dieser entzog bisweilen den
+Naturv&ouml;lkern die Nahrung, wie z.B. Grey 1, 363-364
+erz&auml;hlt, dass, weil einige Eingeborene beim Muschelessen
+gestorben waren, die Neuholl&auml;nder, die ihn begleiteten, aus
+Furcht vor Zauberei nicht dahin zu bringen waren, selbst durch den
+&auml;ussersten Hunger nicht, dass sie Muscheln assen; und
+Derartiges liesse sich, wenn es f&uuml;r unsern Zweck nicht zu weit
+f&uuml;hrte, noch mancherlei sammeln.</p>
+
+<p>Dass nun die engen dumpfigen Wohnungen vieler dieser V&ouml;lker
+(es bedarf hierzu keiner Belegstellen), worin oft sehr viel
+Menschen zusammengepfercht wohnen und schlafen und die oft von
+Schmutz und Ungeziefer starren, ungesund sind, versteht sich von
+selbst. Andere St&auml;mme (Feuerl&auml;nder, Australier u.s.w.)
+haben in ihren Wohnungen fast gar keinen Schutz vor dem Wetter; die
+Buschm&auml;nner (Waitz 2, 344) haben zu ihren stets wechselnden
+Schlafst&auml;tten Erdl&ouml;cher, die sie mit Baumzweigen
+&uuml;berdecken, Felsspalten und B&uuml;sche. Auch auf die meist
+sehr mangelhafte Bekleidung dieser V&ouml;lker braucht hier bloss
+hingewiesen zu werden. Alles dies, die Art wie sie sich n&auml;hren
+zumeist, ist zwar sch&auml;dlich und bewirkt es, dass nirgend die
+Naturv&ouml;lker sehr hohe Kopfzahlen aufzuweisen haben; aber alles
+dies ist auch wiederum nicht von solchem Einfluss, dass es das
+Aussterben dieser V&ouml;lker allein schon erkl&auml;rte; wir
+d&uuml;rfen es nur als sekund&auml;re Ursachen daf&uuml;r
+betrachten, als solche aber d&uuml;rfen wir es auch durchaus nicht
+&uuml;bergehen oder untersch&auml;tzen. W&auml;re dies ihr Leben
+dem menschlichen Organismus zutr&auml;glicher, so w&uuml;rden sie
+auch manches feindliche Schicksal, welchem sie so erliegen oder
+erlegen sind, &uuml;berwunden haben.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_6_Charakter_der_Naturvolker"></a>
+<h2>&sect; 6. Charakter der Naturv&ouml;lker.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Aber nicht bloss diese Fahrl&auml;ssigkeit in Bezug auf ihr
+&auml;usseres Leben schadet den Naturv&ouml;lkern: ihr ganzer
+Charakter, wie er sich im Laufe der Jahrtausende entwickelt hat,
+steht einem kr&auml;ftigen Gedeihen im Wege und so m&uuml;ssen wir
+auch diesen, wenigstens nach einigen Seiten hin, betrachten.
+Zun&auml;chst ist unter ihren geistigen Eigenschaften ihre
+furchtbare Tr&auml;gheit hervorzuheben, welche z.B. in Mikronesien
+so weit geht, dass man viel zu indolent ist gegen eine
+f&uuml;rchterliche Form des Aussatzes, welche in ihrem Anfang noch
+heilbar und leicht heilbar in ihrer Entwickelung ebenso qualvoll
+als absolut t&ouml;dtlich wird, auch nur das Mindeste zu thun: man
+sieht dem ersten Anfange, der noch nicht bel&auml;stigt, mit
+gr&ouml;sster Seelenruhe zu, bis jede H&uuml;lfe zu sp&auml;t ist
+(Virgin 2, 103). Diese Faulheit, welche Waitz 1, 350; b, 84, 90 und
+sonst zur Gen&uuml;ge geschildert hat, ist denn auch ein Grund,
+weshalb Naturv&ouml;lker so selten Vorr&auml;the sammeln, ja
+verhindert sie oft nur auszugehen, um Nahrung zu suchen, wie Grey
+2, 262-63 von den Neuholl&auml;ndern sagt; namentlich im Sommer bei
+Hitze und im Winter bei K&auml;lte und N&auml;sse leiden sie
+Hunger, die Folge ihrer Tr&auml;gheit. Beispiele von den
+Hottentotten zu geben w&auml;re &uuml;berfl&uuml;ssig. Diese
+Tr&auml;gheit schadet ihnen aber noch auf ganz andere Weise. Denn
+wie Fleiss, Interesse und geistige Anspannung auch k&ouml;rperlich
+anregen und gr&ouml;ssere Kraft und dem ganzen Organismus auch
+leiblich erh&ouml;hteres Leben verleihen, so schw&auml;cht
+umgekehrt fortgesetzte Schlaffheit und geistige Tr&auml;gheit, wie
+sie die Naturv&ouml;lker in so hohem Grade ausser wenn sie Noth
+treibt bekunden, auch die leibliche Kraft und die Funktionen des
+K&ouml;rpers scheinen darunter zu leiden. Wenn nun dieser Zustand
+durch leibliche und geistige Vererbung (auch der Einfluss geistiger
+Vererbung ist von gr&ouml;sster Bedeutung und wohl noch nicht
+&uuml;berall hinl&auml;nglich gew&uuml;rdigt) sich immer mehr
+befestigt, so muss er auf das Gedeihen der Naturv&ouml;lker einen
+immer gef&auml;hrlicheren Einfluss haben. Allerdings ist das
+Ineinandergreifen des leiblichen und geistigen Lebens ein
+schwieriger und dunkler Punkt, auf den aber gerade deshalb ganz
+besonders aufmerksam gemacht werden muss.</p>
+
+<p>So entwickelt sich denn aus dieser Tr&auml;gheit des
+&auml;usseren auch eine Starrheit und Unbeweglichkeit des geistigen
+Lebens, die gleichfalls von den schlimmsten Folgen f&uuml;r diese
+V&ouml;lker ist, schon dadurch, dass jeder gute Einfluss der
+Europ&auml;er auf sie, jeder Versuch, sie zur Kultur emporzuheben,
+ausserordentlich erschwert wird. Dadurch abgeschreckt haben auch
+vorurtheilsfreie M&auml;nner, wie Meinicke, behauptet, sie seien zu
+jeder Kultur unf&auml;hig, und doch ist, wie Erfahrungen bei allen
+Naturv&ouml;lkern bewiesen haben, nichts falscher, als diese
+Behauptung. Da nun diese Starrheit mit jeder Generation nach und
+nach zunimmt, so wirken auch historische Schicksale, Wanderungen
+und dergl. unendlich viel schwerer auf diese V&ouml;lker, als sie
+vor so vielen Jahrtausenden auf die Indogermanen, die Semiten, als
+sie auch auf die gebildeteren Polynesier und Amerikaner wirkten.
+Daher versinken sie immer mehr und mehr in Roheit und Stumpfheit,
+und es ist nicht &uuml;bertrieben, zu behaupten, dass, auch wenn
+sie allein auf der Welt w&auml;ren, ohne jeglichen feindseligen
+Einfluss von aussen her, sie dennoch, wie jetzt ihre Entwickelung
+oder wohl besser ihre Verh&auml;rtung ist, nach und nach langsam
+vergehen und erl&ouml;schen w&uuml;rden. Denn nichts ist der
+menschlichen Natur, die so sehr auf Wechselbeziehung zwischen Leib
+und Seele gegr&uuml;ndet ist, sch&auml;dlicher, als eine solche
+Unth&auml;tigkeit beider.</p>
+
+<p>Ein dritter Zug ihres Charakters, der uns hier n&auml;her
+angeht, ist eine gewisse Melancholie, die sich, wie bekannt,
+zumeist bei den Amerikanern findet. Doch auch die scheinbar so
+fr&ouml;hlichen Polynesier, wenn man gleich ihr Temperament nicht
+wie das der Amerikaner melancholisch nennen kann, zeigen manches
+Entsprechende. So resigniren sich die Tahitier &uuml;ber ihr
+Aussterben durch den oft wiederholten Ausspruch, den wohl Ellis (1,
+103-104) zuerst mittheilte: der Hibiskus soll wachsen, die Koralle
+sich ausbreiten, der Mensch aber dahinsterben; und &raquo;es war
+melancholisch, sagt Darwin (2, 213), die sch&ouml;nen energischen
+Eingeborenen Neuseelands sagen zu h&ouml;ren, sie w&uuml;ssten,
+dass das Land nicht das Eigenthum ihrer Kinder bleiben
+w&uuml;rde.&laquo; F&uuml;r Kamtschatka ist wichtig, was v.
+Kittlitz &uuml;ber das Klima dieses Landes sagt, das bald (oder
+Einzelne) zur tiefsten Melancholie stimme, bald (oder Andere) zur
+h&ouml;chsten excentrischsten Freude aufrege. Die Schilderungen der
+Aleuten bei Kotzebue, Chamisso, Langsdorff u.a. enthalten ganz
+&auml;hnliche Z&uuml;ge von Niedergeschlagenheit, die allerdings
+hier mit grossem Phlegma gepaart scheint.</p>
+
+<p>Es ist klar, dass diese Melancholie mit jener schon besprochenen
+Tr&auml;gheit zusammenh&auml;ngt; denn diese raubt dem Geist der
+Naturv&ouml;lker, der nach aller Naturv&ouml;lker Art ganz und gar
+vom jedesmaligen sinnlichen Eindruck und meist nur von solchen
+abh&auml;ngig ist, die besonnene und feste Willens- und
+Widerstandskraft immer mehr. So wie nun aber jeder Willensakt eine
+rein physische Nerventh&auml;tigkeit voraussetzt, so wird auch
+fortgesetztes Nichtwollen zum bleibenden Nervenhabitus, zum nicht
+Wollenk&ouml;nnen und dadurch vom &uuml;belsten Einfluss auf die
+Seele, der, wenn dieser letzteren Leiden entgegentreten, um so
+gr&ouml;sser und vernichtender wird.</p>
+
+<p>Das zeigt sich nun schon bei den Naturv&ouml;lkern im Leben der
+Individuen. Wir sahen, dass Krankheiten &uuml;berall als
+Bezauberung oder Einwirkung von D&auml;monen gelten; viele aber,
+die von Krankheiten befallen sind, sterben aus keinem andern Grund,
+als aus Melancholie &uuml;ber die vermeintliche Bezauberung.
+Beispiele f&uuml;r Neuseeland gibt Dieffenbach 2, 16, Browne 75;
+f&uuml;r Tahiti Ellis 1, 364, 367-68; f&uuml;r Neuholland, wo eine
+namenlose Angst vor Bezauberung herrscht, Grey 1, 363-64. 2,
+336-40; f&uuml;r Nordamerika, wo der Tod aus abergl&auml;ubischer
+Furcht gar nicht selten ist, Waitz 3, 213: und nach allem Gesagten
+werden wir in den L&auml;ndern, wo Krankheit durch Zauberei
+entsteht oder als Folge von S&uuml;nden gilt, wie z.B. in
+Kamtschatka, wo Krankheit und Tod erfolgen, wenn man Kohle mit dem
+Messer spiesst oder Schnee mit dem Messer von den Schuhen schabt
+(Waitz 1, 324), in allen diesen L&auml;ndern, also bei allen
+Naturv&ouml;lkern werden wir auch ein solches Hinsterben Einzelner
+aus Angst und Aberglauben finden.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_7_Ausschweifungen_der_Naturvolker"></a>
+<h2>&sect; 7. Ausschweifungen der Naturv&ouml;lker.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Die g&auml;nzliche Abh&auml;ngigkeit der Naturv&ouml;lker von
+sinnlichen Eindr&uuml;cken hat auch noch eine andere sehr
+gef&auml;hrliche Folge f&uuml;r sie, durch welche einzelne
+St&auml;mme ernstlich bedroht worden sind: wir meinen die
+Ausschweifungen, denen viele von ihnen verfallen sind, im Trunk und
+vor allen in geschlechtlicher Beziehung.</p>
+
+<p>Zwar von den gebildeten V&ouml;lkern Amerikas, den Mexikanern
+und ihren Verwandten sowie den Peruanern, kann man nicht behaupten,
+dass sie nach dieser Seite hin Vorw&uuml;rfe verdienten; freilich
+kamen bei ihnen Ausschweifungen und grobe, ja unnat&uuml;rliche
+Laster vor, freilich gab es bei ihnen &ouml;ffentliche Dirnen, aber
+alles das war keineswegs ausgebreitet und durchaus verachtet, so
+dass wir sie in dieser Beziehung viel h&ouml;her stellen
+m&uuml;ssen, als die heutigen Kulturstaaten Europas. Die
+Schilderung freilich, welche wir bei P&ouml;ppig 375 finden, oder
+was uns der ber&uuml;chtigte Ortiz, ein M&ouml;nch zur Zeit der
+Entdeckung, erz&auml;hlt, enth&auml;lt des Scheusslichsten auch
+nach dieser Seite viel; Ortiz Darstellung sollte aber nur die
+Behandlung, welche das Land durch die Conquistadoren erfuhr,
+rechtfertigen und so h&auml;ufte sie alle Laster auf die Indianer.
+P&ouml;ppigs Nachrichten beruhen auf &auml;hnlichen Quellen, die
+gleichfalls ganz unzuverl&auml;ssig und meist unwahr sind. Wenn
+z.B. Gomara (bei P&ouml;ppig) berichtet, dass Balboa 50
+P&auml;derasten in Quarequa in Darien und ebenso (Waitz 4, 350) den
+Herrn dieses Landes um desselben Lasters willen von Hunden
+zerreissen und dann verbrennen liess, so ist es ganz klar, dass
+hier die Anklage nur erfunden wurde, um die scheussliche
+Grausamkeit Balboas zu bem&auml;nteln, der selbst sagt, das Laster
+sei nur von den Vornehmen ver&uuml;bt, vom Volke verabscheut. Denn
+dass spanische Soldaten, unter welchen es gleichfalls vorkam (Waitz
+3, 383), jemals daf&uuml;r und gar so f&uuml;rchterlich gestraft
+w&auml;ren, davon wird nichts erw&auml;hnt. Waitz im 4. Bande der
+Anthropologie hat nun ganz klar und deutlich bewiesen, dass solche
+Ausschweifungen nur einzeln und selten bei diesen V&ouml;lkern sich
+fanden, wof&uuml;r die strengen Strafen, welche bei ihnen allen auf
+solchen Lastern oder auf sonstiger Unzucht standen, sprechen;
+vergl. Waitz 4, 85. 88. 131. 307. 350. 367 u. sonst. Ebenso wenig
+waren solche Laster, wie P&ouml;ppig a.a.O. will,
+&raquo;Volkslaster&laquo; in Peru; freilich haben die
+Conquistadoren auch hier das &auml;rgste zu erz&auml;hlen gewusst
+und mussten, nach ihren Berichten, die grausamsten Strafen gegen
+die L&uuml;stlinge anwenden; wenn man aber liest (Waitz 4, 478),
+wie der gefangene Inka Manko Capak, Atahualpas Bruder, die Spanier
+flehentlich bat, dass man ihn doch wenigstens nicht zum Feuertod
+verurtheilen oder den Hunden vorwerfen, sondern nur aufh&auml;ngen
+m&ouml;ge, so wirft das auf jene Strafen ein ganz
+eigenth&uuml;mliches Licht. Auch beweisen die Zeugnisse bei Waitz
+4, 417, dass auch in Peru solche Laster, Ehebruch oder gar
+P&auml;derastie, durchaus nicht verbreitet waren, sondern nur
+vereinzelt vorkamen, wof&uuml;r wiederum die strengen Strafen,
+welche die einheimischen Landesgesetze gegen derartiges
+verh&auml;ngten, sprechen.</p>
+
+<p>In Nordamerika war, wie bei den eben besprochenen V&ouml;lkern,
+Polygamie erlaubt, keineswegs aber sehr ausgedehnt (Waitz 3, 109).
+Weibertausch kommt vor, als Freundschaftszeichen unter Familien
+(Hearne 128), ebenso auch Prostitution aus Gastfreundschaft.
+Keuschheit der M&auml;dchen war &uuml;berhaupt etwas, auf das man
+bei vielen V&ouml;lkern und namentlich bei den roheren, keinen
+Werth setzte (Waitz 3, 111). Schlimmere Dinge und namentlich
+Blutschande erw&auml;hnt als gew&ouml;hnlich bei den Athapasken
+Hearne 128, der auch sonst den Anwohnerinnen der Hudsonsbai arge
+Ausschweifungen Schuld gibt (126-27). Unnat&uuml;rliche Laster
+werden vielfach bei den V&ouml;lkern Nordamerikas erw&auml;hnt und
+M&auml;nner in Weiberkleidern finden sich freilich an vielen Orten,
+so bei den Illinois, in Florida, bei den Mandans, den Osagen, den
+Kansas u.s.w. (Waitz 3, 113); auch bei den Bewohnern Nutkas wird
+Aehnliches erw&auml;hnt (eb. 133), obgleich sie sowohl wie die
+Koluschen im ganzen keusch leben, anders wie die Chinook (am
+Columbia), bei denen Prostitution und sinnliche Ausschweifungen
+verbreitet waren (eb. 337). Strenger sind die V&ouml;lker vom
+Oregongebiete. Uebrigens ist das nicht immer ein Zeichen von
+unnat&uuml;rlichen Lastern, wenn M&auml;nner Weiberkleider tragen;
+denn einmal scheint manche abergl&auml;ubische Vorstellung (eb.
+113) damit verbunden zu sein, in anderen F&auml;llen war es
+wenigstens eine symbolische, wie z.B. die Delawares von den
+Irokesen &raquo;zu Weibern gemacht&laquo;, d.h., gezwungen wurden,
+als sie g&auml;nzlich besiegt waren, den Weiberrock anzuziehen
+(Waitz 3, 23. b, 158) und auch bei den Chibchas in Neu-Granada
+Feiglinge mit einem Weiberrock bekleidet wurden (4, 361). Bei den
+Illinois standen die so gekleideten M&auml;nner in besonderem
+Ansehen (3, 113) und ganz &auml;hnlich war es bei den
+n&ouml;rdlichen Patagoniern (3, 506), wo die Zauberpriester, deren
+einen jede Familie hatte, Weiberkleider trugen. Auch was Combes
+(Hist. de las islas de Mindanao Madrid 1667 p. 55) erz&auml;hlt,
+dass es bei den Subanos auf Mindanao M&auml;nner g&auml;be, welche
+unverheirathet blieben, Weiberkleider tr&uuml;gen, aber geehrt
+w&auml;ren und keusch lebten, zugleich aber auch physisch ein
+weibliches Aussehen h&auml;tten, werde hier als merkw&uuml;rdige
+Parallele erw&auml;hnt.</p>
+
+<p>Den Cariben in S&uuml;damerika wird von den &auml;lteren
+spanischen Schriftstellern gleichfalls der Vorwurf
+unnat&uuml;rlicher Lasterhaftigkeit gemacht, doch hat Waitz 3, 383
+Recht, wenn er auch diesen Vorwurf f&uuml;r unrichtig h&auml;lt,
+&raquo;denn auf ihn pflegte haupts&auml;chlich der Anspruch
+gegr&uuml;ndet zu werden, die Eingeborenen zu rechtm&auml;ssigen
+Sklaven zu machen&laquo;. Andere Schriftsteller l&auml;ugnen auch,
+dass hier solche Laster vorgekommen seien; doch fanden sich
+M&auml;nner in Weiberkleidern auch hier (Oviedo bei Waitz 3, 383).
+Auch die Tupis in Brasilien lebten streng (3, 423); ebenso die
+Araukaner (3, 516). Hiermit stimmen auch alle Nachrichten bei
+Azara; nur dass er den Weibern der Mbayas, bei denen Polygamie
+erlaubt ist, mancherlei Ausschweifungen vorwirft (249-50).</p>
+
+<p>Es ist nicht n&ouml;thig, dies bei den Amerikanern weiter zu
+verfolgen; f&uuml;r uns gen&uuml;gt das Ergebniss, dass zwar
+mancherlei Ausschweifungen namentlich in Nordamerika unter ihnen
+sich vorfanden, dass diese aber keineswegs allgemein und bedeutend
+genug waren, um aus ihnen die Verminderung der Kopfzahl dieser
+V&ouml;lker zu erkl&auml;ren. Dass aber, seit der Bekanntschaft mit
+den Europ&auml;ern diese Ausschweifungen sehr zugenommen haben, ist
+eine traurige Wahrheit.</p>
+
+<p>Dem Trunk war man in Mittel- und Nordamerika nicht ergeben und
+ist es verh&auml;ltnissm&auml;ssig auch jetzt noch nicht.
+Allerdings kannte man in Mexiko mehrere geistige Getr&auml;nke
+(Waitz 4, 98), von denen das eine, Pulque, Agavesaft, den man durch
+Ausschneiden des Herzens der Pflanze, wenn sie den m&auml;chtigen
+Schaft treiben will, gewinnt und g&auml;hren l&auml;sst, auch von
+Europ&auml;ern (Humboldt a 3, 99) mit wahrer Leidenschaft getrunken
+wird; allein die Mexikaner waren m&auml;ssig, wie schon aus ihren
+Gesetzen hervorgeht. Der Trunk wurde darin so streng geahndet, dass
+irgend welche Verbreitung desselben ganz unm&ouml;glich war (Waitz
+4, 83-84). Auch in Californien war er selten (eb. 240. 242). Die
+Eingeborenen von Nikaragua, von welchen auch verschiedene
+geschlechtliche Ausschweifungen berichtet werden, sollen nach
+Oviedo auch dem Trunke ergeben gewesen sein; allein allzu sicher
+sind diese Nachrichten nicht (Waitz 4, 279). Auch die Peruaner,
+obwohl sie verschiedene geistige Getr&auml;nke hatten, waren dem
+Trunke nicht ergeben (4, 429), so wie sie auch dem Genuss der Coka,
+die im ganzen Land gebaut wurde, nicht &uuml;berm&auml;ssig
+fr&ouml;hnten; dem Volk war sie ganz verboten (422). Obwohl nun die
+Eroberung des Landes die Sitten vielfach verschlechterte, so sind
+doch auch jetzt noch weder die Peruaner (500) noch die Mexikaner
+(196) und die ihnen verwandten V&ouml;lker dem Trunk ergeben (227)
+&mdash; wenn es auch Feste gab, z.B. in Yukatan, bei welchem sich
+die Weiber berauscht haben sollen (4, 307), oder bei denen, wie in
+Nikaragua, allgemeine Z&uuml;gellosigkeit herrschte (279). Denn bei
+allen solchen Festen waren gewiss, wie bei &auml;hnlichen
+semitischen und indogermanischen, religi&ouml;se Motive
+wirksam.</p>
+
+<p>Anders war es in S&uuml;damerika, wo Schomburgk 2, 420 die
+Cariben als Trunkenbolde schildert; und schon von Alters her hatten
+sie ausser andern ein berauschendes Getr&auml;nk aus Cassadabrod,
+welches zerbrochen, mit heissem Wasser zu einem Teig zerr&uuml;hrt,
+dann von alten Weibern durchgekaut und in einen Trog gespieen
+wurde, wo es nun g&auml;hren musste (Schomburgk 1, 173); ganz
+&auml;hnlich bereiteten die Tupis einen berauschenden Trank aus
+Mais oder Hirse, wobei das Getreide gekocht und von alten Weibern
+durchgekaut wurde. Sie nannten es Caouin oder Kaveng und sowohl
+durch die Bereitungsart als durch den Namen wird man an den gleich
+zu erw&auml;hnenden polynesischen Kavatrank erinnert (Waitz 3,
+423-24). Gegohrene Getr&auml;nke hatten die Araukaner (3, 509), die
+Chiquitos, die dem Trunke sehr ergeben waren (eb. 530) und sind
+(533), die Moxos (537), welche ihn gleichfalls sehr lieben und
+andere V&ouml;lker schon vor der Entdeckung. Dass nun durch den
+Einfluss der Europ&auml;er diese Neigung nicht vermindert, sondern
+nur gestiegen ist, begreift sich; und so wird es uns von den
+Cariben (Schomburgk 1, 173) von den Warans (eb. 1, 123), den
+Charuas (Azara 184), den Mbayas (eb. 242) u.s.w. berichtet.</p>
+
+<p>In Nordamerika, bei den Indianern der Vereinigten Staaten, waren
+vor den Europ&auml;ern keine geistigen Getr&auml;nke in Gebrauch,
+ja Wasser war fast das einzige Getr&auml;nk, was sie genossen, wie
+Waitz 3, 82 ins Einzelne ausf&uuml;hrt; ebenso war es bei den
+Koluschen und den Chinooks (3, 84. 337). Wenn nun der Trunk, der
+Branntwein in Nordamerika doch so traurige Folgen gehabt und ganze
+St&auml;mme dahin gerafft hat, so dass man oft genug die Behauptung
+findet, die Indianer seien von Natur dem Trunke ergeben gewesen; so
+fordert dies zur genaueren Untersuchung der Sachlage auf, die sich
+nach Waitz 3, 83-84 und 270, der die Quellenbeweise beibringt, so
+stellt, dass die Indianer sich aufs st&auml;rkste gegen den Verkauf
+von Branntwein gewehrt und viele Vertr&auml;ge geschlossen haben,
+in welchen die Einfuhr derselben ausdr&uuml;cklich verboten war,
+dass aber der Branntwein dennoch, sogar mit Gewalt, von den
+europ&auml;ischen Nationen den Eingeborenen aufgezwungen ist,
+theils um das Produkt abzusetzen, theils um sie im Trunke zu
+betr&uuml;gen, theils auch geradezu, um sie durch den Trunk zu
+vernichten. Das ist denn nur allzugut gelungen; denn wenn auch,
+trotz der vorherrschenden Sinnlichkeit, die Amerikaner einen
+h&ouml;chst beachtungswerthen Widerstand diesem Genussmittel
+entgegensetzten, so konnte dieser eben bei ihrer Natur kein
+absoluter sein; &ouml;fters zwang sie der Nahrungsmangel zum Trunk
+und ein sehr h&auml;ufiger Grund, sich dem Trunke zu ergeben (der
+auch in Mittelamerika vielfach vorkam) war der, dass man aus der
+grenzenlosen F&uuml;lle des Elends ringsher sich wenigstens einmal
+wieder durch den Rausch in einen gl&uuml;cklichen Zustand versetzen
+oder dass man sich in der Verzweiflung bet&auml;uben wollte.
+Uebrigens haben V&ouml;lker und Individuen sich dem Laster des
+Trunkes auch wieder zu entreissen vermocht (Waitz b, 43).
+Eigentlich also geh&ouml;rte diese Betrachtung erst dahin, wo wir
+vom Einfluss der Weissen auf die Naturv&ouml;lker sprechen werden,
+indess mag ein solches Vorausnehmen, des Zusammenhangs wegen und um
+den einen Gegenstand zu ersch&ouml;pfen, gleich hier seine
+Entschuldigung finden. Tabak hat ebensowenig als Coka
+geschadet.</p>
+
+<p>Wenn nun auch die Hottentotten und die Buschm&auml;nner gar
+keinen Werth auf die Keuschheit der M&auml;dchen und Weiber legen,
+so waren sie doch weder in geschlechtlicher Beziehung noch im Trunk
+sehr ausschweifend, w&auml;hrend wir bei den Aleuten und
+Kamtschadalen die Verh&auml;ltnisse wesentlich anders finden. Dem
+Trunk waren namentlich die Kamtschadalen ganz au&szlig;erordentlich
+ergeben (Krusenstern 3, 53) und wie diese Leidenschaft von den
+europ&auml;ischen Pelzh&auml;ndlern zu ihrem Verderben benutzt ist,
+werden wir sp&auml;ter sehen. Aber auch die Aleuten liebten dies
+Laster (Waitz 3, 314), wie sie auch sonst sehr ausschweifend
+lebten. Die Weiber hatten (nach Wenjaminow in Ermans Archiv bei
+Waitz 1, 356 Note) zwei M&auml;nner, einen aus h&ouml;herem Stande
+und einen Nebenmann aus niederem; dem Gast stellte der Wirth, um
+ihn gastfreundlich zu ehren, das eigene Weib zur Verf&uuml;gung.
+Auch der P&auml;derastie waren sie ergeben (Waitz 3, 314) und die
+stumpfsinnige Melancholie, in der sie z.B. Chamisso vorfand,
+scheint nicht wenig durch derartige Ausschweifungen veranlasst zu
+sein. Den Kamtschadalen schadete gar sehr der grosse Weibermangel,
+der nach Krusenstern 3, 44, bei ihnen herrschte und nicht nur die
+Moralit&auml;t g&auml;nzlich, sondern auch die Fruchtbarkeit der
+Ehen zerst&ouml;rte. xyxyxy&szlig; Die Neuholl&auml;nder, obwohl
+sie von den Unverheiratheten beider Geschlechter keine Keuschheit
+verlangen, obwohl sie an einigen Orten die Weiber ihren
+Gastfreunden anbieten und sie mit guten Freunden tauschen (Angas 1,
+93), sind doch so eifers&uuml;chtig, dass verheirathete Frauen sehr
+zur&uuml;ckhaltend sein m&uuml;ssen (Grey 1, 256). Polygamie ist
+bei ihnen h&auml;ufig, aber man kann sie eigentlich nicht
+ausschweifend nennen. Auch geistige Getr&auml;nke hatten sie nicht.
+Von den Melanesiern wird nichts auffallend Schlimmes berichtet,
+wohl aber von manchen Orten das Gegentheil; so herrschen, nach
+Malte Brun in Bullet. de la soc. geogr. 1854, I, 238, auf
+Neucaledonien, wenn auch die Weiber ganz sklavisch gehalten werden,
+geschlechtliche Ausschweifungen nicht. Polygamie ist allerdings auf
+den Inseln Sitte (Turner 86. 371. 424), allein wirklich ausgedehnt
+nur bei H&auml;uptlingen und in selteneren F&auml;llen. Ehebruch
+kommt, aus Furcht vor Strafe, kaum vor (Turner 86 in Bez. auf
+Tanna), allein Keuschheit der Unverheiratheten ist hier so wenig
+verlangt als sonst irgendwo bei den Naturv&ouml;lkern. W&auml;hrend
+nun Erskine 256 von den Fidschis sagt, dass sie sehr enthaltsam
+lebten und Ekel vor Ausschweifungen empf&auml;nden, so behaupten
+William und Calvert 1, 134, dass sie sehr z&uuml;gellos und grobe
+Ausschweifungen bei ihnen verbreitet seien. M&ouml;glich, dass
+Erskine ein zu g&uuml;nstiges Urtheil f&auml;llte; jedenfalls aber
+stehen die Fidschiinsulaner sehr viel h&ouml;her als die Polynesier
+in dieser Beziehung und m&ouml;gen wohl erst durch den
+fortw&auml;hrenden Verkehr mit den Fremden zu dieser
+Z&uuml;gellosigkeit gesteigert sein.</p>
+
+<p>Am schlimmsten m&uuml;ssen wir &uuml;ber die eigentlichen
+Polynesier urtheilen, unter denen Trunk und Wollust schon vor den
+Europ&auml;ern aufs &auml;rgste gehaust haben. Aus der Wurzel vom
+Piper methysticum, dem Kavapfeffer, bereitete man, indem sie (an
+den meisten Orten von alten Weibern) gekaut und dann ausgespieen
+wurde, durch Aufguss von Wasser ein eigenth&uuml;mliches
+Getr&auml;nk, dem alle Polynesier sehr zugethan waren. Es berauscht
+nicht eigentlich, da es die Besinnung nicht raubt, aber, indem Gang
+und Zunge schwer werden, versetzt es den Geist in einen
+&auml;hnlichen Zustand, wie das Opium; auch woll&uuml;stige
+Tr&auml;ume u. dergl. sollen seinem Genuss folgen, der oft
+wiederholt allgemeine Schw&auml;che, Zittern, geistige Stumpfheit,
+Abmagerung und schliesslich scheussliche Hautkrankheiten
+hervorbringt, Geschw&uuml;re, welche aufbrechen und arge Narben
+zur&uuml;cklassen. Aber gerade diese Narben galten als Ehrenzeichen
+(Hale 43). Namentlich auf Tahiti und auf Hawaii war der Kavatrank
+beliebt; grosse Kavafeste auf Tonga beschreibt Mariner, auf Fidschi
+d'Urville b 4, 207 und Hale 63. Dagegen trank man ihn auf
+Neuseeland, obwohl man ihn kannte, nicht. Auch in Mikronesien, wo
+indess die Wurzel zerrieben, nicht gekaut wurde, war der Kavatrank
+sehr beliebt und sehr verbreitet (Hale 83: Gulick 417). Was jedoch
+die sch&auml;dlichen Einwirkungen dieses in der That h&ouml;chst
+gef&auml;hrlichen Trankes sehr milderte, war der Umstand, dass er
+ein heiliges Getr&auml;nk war. Freilich durfte er daher bei keiner
+irgend wie bedeutenderen Gelegenheit fehlen; aber nur die
+F&uuml;rsten waren es, die ihn trinken durften, nie das Volk, und
+auch die F&uuml;rsten nur bei und unter bestimmten Feierlichkeiten
+(Hale 43, f&uuml;r Mikronesien Novara 1, 371). So hat denn auch der
+Schade, den dieser Genuss hervorrief, fast nur die F&uuml;rsten und
+den Adel getroffen. Gegen den Branntwein (Rum u.s.w.) hatten alle
+Polynesier einen grossen Widerwillen (Novara 2, 337 f&uuml;r
+Mikronesien), und wenn er trotzdem in Tahiti und Hawaii so
+verderbliche Wirkungen hervorgerufen hat, so muss man bedenken, wie
+er zu Tahiti von den Franzosen, zu Hawaii von diesen sowie den
+amerikanischen und europ&auml;ischen Kaufleuten unter heftigem
+Widerstreben der Mission&auml;re und gegen den Willen der
+Eingeborenen (vergl. z.B. Lutteroth Geschichte der Insel Tahiti 172
+u. sonst) gewaltsam eingef&uuml;hrt ist. Und schlimm genug waren
+die Folgen dieser Einf&uuml;hrung. &raquo;Als die Tahitier von
+fremden Seeleuten und Sandwichinsulanern geistige Getr&auml;nke von
+einheimischen Wurzeln zu destilliren gelernt und Rum in reichlicher
+Menge von ihnen empfangen hatten, da verbreitete sich Trunksucht
+sehr allgemein, und alle die Demoralisation, die Verbrechen, das
+Elend, welches ihr folgt, kam &uuml;ber das Volk. Unth&auml;tigkeit
+wuchs, Streit in den Familien nahm &uuml;berhand, die Verbrechen
+der Areois (&uuml;ber welche wir sogleich reden) nahmen zu&laquo;,
+sagt Ellis 1, 108 und so wie hier und noch &auml;rger war es zu
+Hawaii und an den K&uuml;sten von Neuseeland. Allein die
+Eingeborenen (vergl. Ellis u.a.O.) haben sich an vielen Orten, Dank
+dem reinen Eifer der Mission&auml;re, wieder von diesem so
+gef&auml;hrlichen Laster befreit; in Neuseeland sowohl wie in
+Hawaii schadet der Rum nur an den K&uuml;stenpl&auml;tzen den
+Eingeborenen und das &uuml;berall wachsende Christenthum hat
+siegreich auch in Tahiti und sonst diese Gefahr im Allgemeinen
+abgewendet.</p>
+
+<p>Bei weitem verh&auml;ngnissvoller aber wirkten die
+geschlechtlichen Ausschweifungen, die wohl bei keinem Volk der Welt
+so schamlos verbreitet waren, wie in Polynesien. Jede
+Reisebeschreibung (auch andere B&uuml;cher als die schamlose Reise
+der Pandora von Hamilton) rechtfertigt an hundert Stellen den Namen
+la nouvelle Cythere, welchen Bougainville der Insel Tahiti gab.
+Nicht nur, dass auf Tahiti, Hawaii, Neuseeland, auch auf Tonga
+(obwohl man hier strenger lebt) und auf Samoa (nach Wilkes)
+wenigstens Fremden gegen&uuml;ber die M&auml;dchen ganz frei waren;
+so ist auch nirgends die Prostitution der Weiber durch V&auml;ter,
+Br&uuml;der, Gatten frecher betrieben wie hier. Polygamie herrschte
+&uuml;berall. Gastfreunden bot man die Weiber an, vornehme Frauen
+lebten ganz z&uuml;gellos. F&uuml;r Hawaii bezeugt dies, um nur
+einige Beweisstellen anzuf&uuml;hren, Jarves 80, f&uuml;r Tahiti
+Cook und alle andern Reisenden, f&uuml;r Waihu M&ouml;renhout 1,
+26, f&uuml;r die Markesas Porter (Journal of a cruise in the Pacif.
+Ocean 1812-14) 2, 60, Krusenstern 1, 221; nach Mathias G*** 152
+herrscht indess Prostitution nur in den H&auml;fen. Neuseeland
+stand etwas h&ouml;her; doch waren auch hier die M&auml;dchen
+vollst&auml;ndig ungebunden (Dieffenb. 2, 40). Die Weiber selbst
+lockten die ankommende Mannschaft von Wallis Schiff durch die
+unanst&auml;ndigsten Geberden ans Land und die M&auml;nner, welche
+das Gesch&auml;ft abschlossen, forderten schon damals f&uuml;r
+sch&ouml;ne Frauen, T&ouml;chter, Schwestern u.s.w. h&ouml;here
+Preise als f&uuml;r minder sch&ouml;ne (Wallis 214 ff. 256). Ja vor
+aller Augen, und nicht etwa aus Roheit, wie die Bewohner der
+Palauinseln nach Kadus Zeugniss bei Chamisso 137<a name=
+"FNanchor_F_6"></a><a href="#Footnote_F_6"><sup>[F]</sup></a>,
+sondern umstanden von vornehmen Weibern, unter denen die
+K&ouml;nigin selbst, vollzogen sie die Begattung, zum Erg&ouml;tzen
+der Umstehenden, welche dem Paare, namentlich dem betheiligten
+M&auml;dchen, Lehren gaben, um die Lust zu erh&ouml;hen &mdash;
+doch das war nicht n&ouml;thig, denn, obwohl das M&auml;dchen erst
+11 Jahre z&auml;hlte, so wusste sie doch mit allem schon guten
+Bescheid (Cook b, 126-27, vergl. 86. 106). Da ist es nicht zu
+verwundern, dass schmutzige Gegenst&auml;nde sehr h&auml;ufig, vor
+aller Ohren, Inhalt der Unterhaltung waren und nur belacht wurden.
+Ueberall herrschte Polygamie; auf Tahiti, Nukuhiva und Hawaii
+(Turnbull 65, Stewart 129, Porter 2, 30) kamen Heirathen unter
+Geschwistern vor, jedoch nur in der regierenden Familie, die auf
+andere Art keine ebenb&uuml;rtige Ehe schliessen konnte, da alle
+anderen Adelsgeschlechter an Rang unter ihr standen (Ellis 4, 435).
+Auf den Markesasinseln war es nach Melville 2, 122-23 Sitte, dass
+die Weiber, &auml;hnlich wie die Aleutinnen, zwei M&auml;nner
+hatten, einen wirklichen Gatten und einen Nebenmann, der ganz die
+Rechte wie jener besass, auch im Frieden mit ihm lebte; welche
+Sitte nach Melville darin ihren Grund hatte, dass es weit mehr
+M&auml;nner als Frauen gab. Mathias G*** sagt 111 dasselbe, was
+auch sonst noch vielfach best&auml;tigt wird. Auch
+unnat&uuml;rliche L&uuml;ste, denen in Tahiti ein eigener Gott
+vorstand (M&ouml;renh. 2, 168), waren sehr ausgedehnt. M&auml;nner
+in Weiberkleidern finden wir, wie in Amerika, auch zu Tahiti, aber
+hier nur im Dienste der widernat&uuml;rlichen Wollust (Turnbull
+306); und da nun die M&auml;nner des gemeinen Volks, damit die
+F&uuml;rsten desto mehr Weiber h&auml;tten, oder weil sie den
+Kaufpreis f&uuml;r die Frauen nicht zahlen konnten, fast immer
+unverheirathet bleiben mussten, so war Onanie unter ihnen in
+solchem Grade getrieben, dass sie dadurch meist unf&auml;hig
+wurden, einem Weibe noch beizuwohnen (Wilson 311). &raquo;Ihre
+Verbrechen in dieser Art sind zu entsetzlich, als dass sie alle
+erz&auml;hlt werden k&ouml;nnten,&laquo; sagt Wilson (1799) a.a.O.
+Noch Ellis (1, 98) fand dasselbe vor, er sagt, die Schilderung,
+welche Paulus von den Heiden im ersten Kapitel des
+R&ouml;merbriefes mache, passe durchaus auf die Tahitier. Auch in
+Hawaii waren unnat&uuml;rliche Laster ganz gew&ouml;hnlich, von
+denen P&auml;derastie nur oder wenigstens vorzugweise unter den
+F&uuml;rsten vorkam (Remy XLIII).</p>
+
+<p>Mikronesien steht viel h&ouml;her in dieser Beziehung, mit
+Ausnahme der alten Marianer, unter denen, freilich nach den alten
+spanischen Berichten (Sala&ccedil;ar bei Oviedo XX, 16), eine arge
+Z&uuml;gellosigkeit herrschte, und le Gobien berichtet manches
+entsprechende. Aber sonst fanden die ersten europ&auml;ischen
+Besucher in Mikronesien keine Ausschweifungen, weder im Trunk noch
+in der Liebe vor, wenn auch die M&auml;dchen leicht zu gewinnen
+waren: und schamhaft waren sie alle (Chamisso 91. 119). Uebrigens
+herrschte, nach Chamisso 118-19, Polygamie auch auf Ratak und
+besonders nahe Freunde besassen auch die Weiber gemeinschaftlich.
+&mdash; Auch im eigentlichen Polynesien gab es reinere Bezirke, so
+Tonga, wo die J&uuml;nglinge von Staatswegen zur Keuschheit ermahnt
+wurden: nie sollten sie Gewalt anwenden, nie sich gegen Ehefrauen
+vergehen (Mariner 1, 138); allein auch hier waren die
+Unverheiratheten ganz frei und ebenso die verheiratheten
+M&auml;nner (2, 174), auch hier waren Unanst&auml;ndigkeiten der
+h&auml;ufige und gern belachte Inhalt des Gespr&auml;ches, die man
+nur vor verheiratheten Frauen vermied (2, 177). In Samoa herrschte
+noch gr&ouml;ssere Sittenstrenge.</p>
+
+<p>Viel besprochen ist die Gesellschaft der Areois auf Tahiti,
+&uuml;ber welche M&ouml;renhout 1, 485-503 und Ellis 1, 230 ff.
+handeln, und die auch wir kurz besprechen m&uuml;ssen, wenn wir an
+diesem Ort auch nur auf die furchtbare Unsittlichkeit hinweisen,
+welche in dieser urspr&uuml;nglich religi&ouml;sen Gesellschaft
+herrschte. M&auml;nner und Weiber lebten in ihr aufs h&ouml;chste
+ausschweifend und unter dem bestimmten Gesetz, alle ihre Kinder zu
+t&ouml;dten, beisammen und hochgeehrt vom ganzen Volk, dem sie wie
+G&ouml;tter erschienen, durchzogen sie die Inseln, um Feste,
+Schauspiele, T&auml;nze vor der Menge aufzuf&uuml;hren. Wir finden
+diese Gesellschaft nicht bloss auf Gesellschaftsinseln, sondern
+(Meinieke b 78) auch auf Rarotonga, auch im Markesasarchipel
+(M&ouml;renh. 1, 502). Und da nun le Gobien 59-62 von den Uritaos
+der Marianen ganz das N&auml;mliche erz&auml;hlt, die in aller
+Z&uuml;gellosigkeit mit den M&auml;dchen des Landes zusammenlebten,
+selbst in Blutschande, ohne dass es ihnen Tadel zuzog, da sie von
+h&ouml;herer Weihe waren (Freycinet 2, 368) &mdash; so werden wir
+auch diese, wie schon ihr Name derselbe ist, mit jenen Areois trotz
+Meinickes Widerspruch (b, 79) zusammenstellen m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>Es kann uns nicht wundern, wenn solche lasterhafte Sitten, in
+solcher Ausdehnung herrschend, die Gesundheit der polynesischen
+Bev&ouml;lkerung untergruben und sie haben es gethan. Schon eine
+bis zwei Generationen vor Wallis hatte die Volksverminderung, nach
+den Aussagen der Eingeborenen selbst, auf Tahiti angefangen (Ellis
+1, 105) und dass hieran diese Ausschweifungen, wenn auch nicht
+allein, so doch zum gr&ouml;ssten Theil schuld waren, kann man
+gewiss behaupten. Ihren entnervenden Einfluss schildern wenigstens
+die zuverl&auml;ssigsten Augenzeugen in den d&uuml;stersten Farben,
+wie Ellis 1, 98 und Turnbull (1804) 307. Und ferner ist es sehr
+begreiflich, dass solche entnervte W&uuml;stlinge sehr viel und
+leichter Krankheiten ausgesetzt waren, als gesunde Menschen, dass
+Krankheiten viel heftiger bei ihnen w&uuml;then mussten und dass
+sich namentlich die Syphilis unter ihnen rasch verbreiten und
+gef&auml;hrlich erweisen musste.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_8_Unfruchtbarkeit_Kunstlicher_Abortus_Kindermord"></a>
+<h2>&sect; 8. Unfruchtbarkeit. K&uuml;nstlicher Abortus.
+Kindermord.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Aber eine andere noch schlimmere Folge dieser Ausschweifungen
+ist die Unfruchtbarkeit der Weiber, welche in Polynesien
+haupts&auml;chlich auf diesem einen Grund beruht. Die
+Unfruchtbarkeit der Ehen auf den Markesas, welche schon Krusenstern
+1, 255-56 und dann Melville 2, 125 betont, erw&auml;hnt auch
+Mathias G*** 108 mit starkem Nachdruck. Unfruchtbarkeit ist in
+Hawaii sehr verbreitet (Virgin 1, 268); in Tahiti wird es erst in
+neuerer Zeit besser und Dieffenbach 2, 15-16 gibt als eine der
+Ursachen f&uuml;r das Hinschwinden der Maoris die geringe
+Fruchtbarkeit ihrer Weiber an.</p>
+
+<p>Da nun aber ganz analoge Erscheinungen sich in Melanesien (wo
+z.B. auf Erromango schon eine hohe Kinderzahl ist, Turner 494), in
+Neuholland (Grey 2, 248 ff.) und namentlich in Amerika vorfinden,
+so hat man, vor allem mit R&uuml;cksicht auf die Eingeborenen des
+letzten Landes gesagt, die geringe Fruchtbarkeit sei ein
+charakteristisches Merkmal f&uuml;r niedere Ra&ccedil;en, das in
+ihrer Natur selbst begr&uuml;ndet liege. Allerdings haben die
+Weiber der Botokuden (Tschudi 2, 284), der Makusi (Schomburgk 2,
+312) der meisten brasilianischen V&ouml;lker (Azara an vielen
+Stellen) und ebenso auch der meisten Nordamerikaner (wof&uuml;r
+Waitz 1, 169 die Beispiele zusammenstellt) sehr wenige, oft auch
+gar keine Kinder; allein wie man hierin ein Ra&ccedil;enmerkmal
+finden soll, ist f&uuml;r Unbefangene unm&ouml;glich abzusehen.
+Denn erstlich zeigen sich eine lange Reihe &auml;usserer
+Gr&uuml;nde, wodurch die Unfruchtbarkeit bewirkt wird; ausser den
+schon besprochenen Gr&uuml;nden wie Ausschweifungen, Krankheit u.
+dergl., die auch in Amerika und vor allen auf Kamtschatka und den
+Aleuten wirkten, muss hier auf das gleichfalls schon erw&auml;hnte
+lange S&auml;ugen hingewiesen werden, welches der Fruchtbarkeit
+Abbruch thut, ferner und ganz besonders auf die meist &uuml;beraus
+elende Stellung der Weiber, auf die Noth, die ewigen M&uuml;hsale,
+unter denen sie ihr Leben hinbringen m&uuml;ssen. Dann heirathen
+viele V&ouml;lker nur im eigenen Stamm und man kann wohl sagen, da
+bei vielen kleineren V&ouml;lkern Stamm und Familie so ziemlich
+zusammenf&auml;llt, in derselben Familie; dass aber auch hierdurch
+eine Verminderung der Fruchtbarkeit eintritt, ist bekannt genug. So
+z.B. die Botokuden; daher Tschudi (2, 284) in diesem Umstand einen
+Hauptgrund f&uuml;r die Unfruchtbarkeit ihrer Ehen sieht. Auch bei
+den Bewohnern von Darien zeigten sich die sch&auml;dlichen Folgen
+solcher Heirathen (Waitz 4, 351).</p>
+
+<p>Der allzufr&uuml;he Coitus, den Dieffenbach 2, 15 f&uuml;r die
+Unfruchtbarkeit der Neuseel&auml;nderinnen als einen Hauptgrund
+anf&uuml;hrt, ist wichtig f&uuml;r viele V&ouml;lker, da er bei
+vielen, wie wir sehen, vorkommt. Obwohl nun Humboldt (b, 2, 190),
+nach dem Zeugniss der amerikanischen Ordensgeistlichen am Orinoko,
+darin keine Gefahr f&uuml;r die Zahl der Bev&ouml;lkerung sehen
+will, so spricht doch die Natur der Sache und mannigfache Erfahrung
+gegen ihn. Doppelt gef&auml;hrlich wird aber zu fr&uuml;her
+geschlechtlicher Umgang bei V&ouml;lkern, bei denen es an Weibern
+fehlt. So heirathen die M&auml;dchen der Tarumas in Guyana, weil es
+unter diesem Volk nur wenig Weiber gibt, schon vor der
+Pubert&auml;t (nach Schomburgk bei Waitz 1, 170). Mehr M&auml;nner
+als Weiber gab es noch in verschiedenen Orten in Amerika (z.B.
+Californien Waitz 1, 170 Anmerk., bei den Guanas Azara 232), in
+Polynesien (Tahiti, Markesas u. sonst) und in Kamtschatka, wo der
+Mangel an Weibern, wie wir sahen, vorzugsweise gross war. Durch
+diesen wurde denn wieder eine andere sehr wenig heilsame
+Einrichtung gef&ouml;rdert, dass in Neuholland junge M&auml;dchen
+zun&auml;chst an alte M&auml;nner und erst nach deren Tode, wenn
+sie nun mittlerweile &auml;lter waren, an j&uuml;ngere Leute
+verheirathet wurden (Nind im Journ. R. Geogr. Soc. 1, 38), eine
+Sitte, welche bei den Irokesen ebenfalls im Schwunge war:
+&raquo;Der junge Mann von 25 Jahren erhielt bei ihnen oft eine
+&auml;ltere Frau zugetheilt als er selbst war, der alte Wittwer
+dagegen w&auml;hlte sich ein junges M&auml;dchen&laquo; (Waitz 3,
+103).</p>
+
+<p>Dass wir unter diesen Gr&uuml;nden die Polygamie und Polyandrie
+mit ihren gewiss schlimmen Folgen f&uuml;r die
+Bev&ouml;lkerungszahl nicht besonders erw&auml;hnen, hat seinen
+Grund darin, dass wir diese beiden Einrichtungen, auch wenn sie
+noch so gesetzm&auml;ssig sind, unter die Ausschweifungen rechnen
+und also, was von jenen gesagt ist, auch f&uuml;r diese gilt.
+Ebenso, was man f&uuml;r manche amerikanische V&ouml;lker als Grund
+f&uuml;r die Unfruchtbarkeit angef&uuml;hrt hat, die geringe
+Neigung der M&auml;nner f&uuml;r das weibliche Geschlecht und ihre
+minder entwickelten Genitalien (P&ouml;ppig, Azara, Waitz 1, 171
+u.s.w.) lassen wir auf sich beruhen, da dieser Umstand keineswegs
+allgemein und keineswegs in den daraus abgeleiteten Folgen sicher
+ist.</p>
+
+<p>Weit wichtiger sind noch einige psychische Gr&uuml;nde, die wir
+recht hervorheben m&ouml;chten. Wie Gram und Kummer, Druck und
+Despotismus das &auml;ussere Leben zur&uuml;ckhalten und
+verk&uuml;mmern lassen, so wirken sie nat&uuml;rlich auch auf die
+Fruchtbarkeit der Weiber ein, denn der Einfluss des geistigen
+Lebens auf jede Seite des leiblichen, so sehr man ihn auch
+anerkennt, kann kaum m&auml;chtig genug gedacht werden. Wo daher
+ein schwerer Druck auf der Bev&ouml;lkerung liegt wie durch die
+Adelsherrschaft in Polynesien und hier namentlich auf den Fidschi-
+und Hawaiiinseln, da wird es auch leichter unfruchtbare Ehen geben.
+Und noch mehr, wenn der Druck der Herrscher zugleich das tiefste
+moralische Weh &uuml;ber die Unterworfenen bringt, wie das durch
+die furchtbaren Einwirkungen der Europ&auml;er fast &uuml;berall
+geschehen ist. Auch ist zu bemerken, dass von diesen Gr&uuml;nden
+stets mehrere vereint, nie einer allein wirken; dass wir die
+verminderte Fruchtbarkeit also &auml;usserlich veranlasst sehen,
+wodurch die Ansicht, sie sei Ra&ccedil;encharakter, schon
+ersch&uuml;ttert wird. Und w&auml;re sie es wirklich, so
+m&uuml;sste sie doch &uuml;berall sich bei den betreffenden
+Ra&ccedil;en zeigen. Aber das ist gar nicht der Fall. In Neuholland
+z.B., wo allerdings Heirathen in demselben Stamme so gut wie gar
+nicht vorkommen, werden fruchtbare Ehen gar nicht selten
+erw&auml;hnt. Grey (a.a.O.) sah 41 Weiber, welche zusammen 188
+Kinder hatten; und gar manches Volk in Amerika gibt es, welches
+eine sehr reichliche Kinderzahl besitzt, so die St&auml;mme der
+Nordwestk&uuml;ste, die Nordindianer, welche Hearne besuchte, die
+Chippewais, die Sioux, die Mandans, und manche S&uuml;damerikaner,
+welche Waitz 1, 171-72 zusammenstellt. Und w&auml;hrend einzelne
+Theile melanesischer Bev&ouml;lkerung meist nur kinderarme Familien
+aufweisen, ist das Gegentheil bei anderen, z.B. den Fidschis der
+Fall; dieselben Gegens&auml;tze zeigt Mikronesien und Polynesien,
+in welchem letzteren Gebiet z.B. Tonga ganz anders als Tahiti und
+die Markesasinseln nur fruchtbare Ehen kennt. Und wer hat je etwas
+der Art von dem Brudervolk der Polynesier, von den Malaien
+geh&ouml;rt? Gedeihen sie nicht reichlich in ihrer Inselwelt und
+m&uuml;sste nicht, w&auml;re die Unfruchtbarkeit
+Ra&ccedil;encharakter, sie sich auch bei ihnen vorfinden?</p>
+
+<p>Umgekehrt aber findet sie sich bei Kulturv&ouml;lkern, bei denen
+die oben besprochenen Gr&uuml;nde wirksam sind, wof&uuml;r Waitz 1,
+173 einige Beispiele aufstellt. Wo diese Gr&uuml;nde aber
+wegfallen, da sind die Weiber auch sonst minder fruchtbarer
+St&auml;mme mit Kindern gesegnet. Neuseel&auml;nderinnen mit
+Europ&auml;ern (Dieffenbach 2, 152) und Botokudinnen mit Weissen
+oder Negern verm&auml;hlt (Tschudi 2, 284) pflegen sehr fruchtbar
+zu sein, weil dann die Frau meist ein ruhigeres, besseres Leben
+hat, wie Tschudi dies sehr richtig a.a.O. erkl&auml;rt, nicht aber
+etwa in Folge der Vermischung und des Einflusses einer h&ouml;heren
+Ra&ccedil;e, da ja in der Ehe mit Negern dasselbe Verh&auml;ltniss
+eintritt.</p>
+
+<p>Wir w&uuml;rden schon hieraus die Unfruchtbarkeit der Weiber
+vollkommen erkl&auml;rlich finden, ohne Hinzunahme einer so wenig
+begr&uuml;ndeten Theorie, wie die von der minderen
+Zeugungsf&auml;higkeit der hinschwindenden Ra&ccedil;en. Aber einen
+der wichtigsten Gr&uuml;nde, welcher nicht nur diese
+Unfruchtbarkeit, sondern &uuml;berhaupt die Verringerung der
+Naturv&ouml;lker nicht zum mindesten Theil erkl&auml;rt, haben wir
+noch zu besprechen: es ist das weitverbreitete T&ouml;dten der
+Kinder vor oder gleich nach der Geburt.</p>
+
+<p>Bei den Hottentotten (Sparmann 320) herrschte die Sitte,
+S&auml;uglinge, deren Mutter starb, mit dieser zugleich zu begraben
+oder auszusetzen; ebenso t&ouml;dteten sie von Zwillingen das eine
+Kind. K&uuml;nstliche Fehlgeburten kamen h&auml;ufig bei ihnen vor.
+Noch h&auml;ufiger war dies alles bei den Buschm&auml;nnern, welche
+bei ehelichen Streitigkeiten, bei Nahrungsmangel, der sie oft genug
+betraf, und bei eiliger Verfolgung die Kinder t&ouml;dteten, aus
+Rache und Zorn gegen den Ehegatten, oder weil sie dieselben nicht
+ern&auml;hren, nicht mitnehmen konnten; das heisst in den meisten
+F&auml;llen, weil sie jede ungew&ouml;hnliche Anstrengung, welche
+ihnen die h&uuml;lflosen Kinder auferlegt h&auml;tten, scheuten.
+Zwillinge und missgestaltete Kinder wurden stets umgebracht (Waitz
+2, 340 und daselbst die Quellen).</p>
+
+<p>Ebenso war es in Amerika, namentlich in der s&uuml;dlichen
+H&auml;lfte des Kontinentes, w&auml;hrend die Indianer
+Nordamerikas, wie sie &uuml;berhaupt h&ouml;her stehen, auch ihre
+Kinder besser halten, ja sie oft mit der innigsten Liebe pflegen.
+So verwenden z.B. die Potowatomi auch auf arbeitsunf&auml;hige und
+bl&ouml;dsinnige Kinder z&auml;rtliche Sorgfalt (Waitz 3, 115-16);
+und die Huronen zogen auch solche S&auml;uglinge auf, deren Mutter
+gestorben war (Waitz b, 100). K&uuml;nstlicher Abortus dagegen war
+weit verbreitet unter den Thakallis, dem westlichsten Stamm der
+Athapasken, welcher auch sonst sehr tief stand und von Keuschheit
+oder ehelicher Treue keinen Begriff hatte (Waitz b, 90). Dass die
+Knisteno namentlich ihre weiblichen Kinder t&ouml;dteten, um sie
+vor dem elenden Loos des Lebens, das sie erwartete, zu beh&uuml;ten
+(Waitz 3, 103), ist schon erw&auml;hnt. Und nun gar in
+S&uuml;damerika. Die Guanas (Azara 232) bringen die meisten
+M&auml;dchen sofort bei der Geburt um, indem sie die Neugeborenen
+lebendig begraben; &uuml;berhaupt aber ziehen sie nur etwa die
+H&auml;lfte ihrer Kinder auf. Da es bei den Tupis Sitte war (Waitz
+3, 423), die Neugeborenen dadurch anzuerkennen, dass man sie vom
+Boden aufhob, so k&ouml;nnen wir hieraus schliessen, dass bei
+ihnen, wenigstens in fr&uuml;herer Zeit, viele Kinder, die man eben
+nicht aufhob, get&ouml;dtet sind. Von den Guaikurus (&ouml;stlich
+vom oberen Paraguay) berichtet Azara 273, dass die ganze Nation
+haupts&auml;chlich durch Abtreiben der Kinder, von denen sie nur
+das letzte und also, da diese Rechnung sehr unsicher ist, oft keins
+schonten, ganz verschwunden sei; und wenn wir auch mit Waitz (3,
+430) diese Nachrichten, sowohl in Beziehung auf ihr Aussterben
+&mdash; denn Castelnau z.B. fand 6 St&auml;mme von ihnen, darunter
+zwei ackerbauend, am Paraguay vor &mdash; als auch in Betreff
+dieser furchtbaren Ausdehnung des Kindermords f&uuml;r
+&uuml;bertrieben halten, so muss doch k&uuml;nstlicher Abortus bei
+ihnen vorzugsweise verbreitet gewesen sein, wie ihn auch noch
+neuere Reisende, Martius, Castelnau bei Waitz 3, 472 als
+gew&ouml;hnlich unter ihnen angeben. Auch von den Mbayes, welche
+indess von den Guaikurus nicht zu trennen sind, gibt Azara 250
+genau dasselbe an: sie t&ouml;dten alle Kinder bis auf eins,
+bisweilen auch alle insgesammt. Als Gr&uuml;nde f&uuml;r diese
+Sitte geben die Indianerinnen an, regelm&auml;ssige Geburten
+machten sie vor der Zeit alt und h&auml;sslich, auch sei es ihnen,
+bei ihren ewigen Wanderz&uuml;gen, wo sie selbst oft nichts zu
+essen h&auml;tten, sehr schwer mehr als ein Kind mitzunehmen und zu
+erhalten. F&uuml;hlte sich also eine Frau schwanger, so legte sie
+sich auf die Erde und andere Weiber gaben ihr so lange die
+heftigsten Schl&auml;ge auf den Unterleib, bis Blut und bald darauf
+die Frucht abging, eine Operation, an der nat&uuml;rlich viele
+Weiber sogleich oder kurz darauf starben, andere wenigstens ihr
+ganzes Leben siechten (Azara a.a.O.). Auch bei den Abiponen
+herrschte dieser Gebrauch; mehr als zwei Kinder zogen sie nicht auf
+(Waitz 3, 476). Die Tobas (zwischen Abiponen und Guaikurus,
+&ouml;stlich vom Paraguay) t&ouml;dten viele ihrer Kinder (Waitz 3,
+475), die Lules (&ouml;stlich von den Tobas) alle unehelichen, von
+Zwillingskindern, welche f&uuml;r ein Zeichen von Untreue gelten,
+immer eins, und wenn die Matter stirbt, so begraben sie den
+S&auml;ugling mit ihr (Waitz 3, 480). Die Yurakares, westlich vom
+Titikaka-See, mordeten ihre Kinder, wenn sie keine Lust hatten, sie
+weiter zu verpflegen (Waitz b, 100). Die Moxos t&ouml;dteten von
+Zwillingen immer das eine Kind und begruben kleine Kinder mit ihrer
+Mutter, wenn diese starb (Waitz 3, 537). Gegen Zwillingskinder
+wandten sie diese Massregel an, weil man in einer solchen
+Doppelgeburt etwas Thier&auml;hnliches sah (Waitz b, 100). Die
+Chiquitos (zwischen dem oberen Paraguay und dem Titikaka) hatten so
+wenig Anh&auml;nglichkeit an ihre Kinder, dass sie dieselben leicht
+fortgaben oder verkauften (Waitz 3, 530) und von den Minuanes (am
+unteren Parana) erz&auml;hlt Azara 191 ganz &auml;hnliches; waren
+die Kinder entw&ouml;hnt, so k&uuml;mmerten sich die Eltern gar
+nicht mehr um sie, vielmehr wurden sie von verheiratheten
+Verwandten aufgezogen. Bei den caribischen V&ouml;lkern herrschten
+dieselben Sitten, wie dies Humboldt b 4, 225-28 genauer schildert.
+Von Zwillingen t&ouml;dten sie immer ein Kind, um nicht wie Ratten,
+Beuteltiere und das niederste Gethier, das viele Jungen zugleich
+wirft, zu sein, oder weil man auch hier in einer solchen
+Doppelgeburt ein Zeichen von Untreue sieht. Auch missgestaltete, ja
+selbst schw&auml;chliche Kinder werden get&ouml;dtet, um sich der
+Last, die man sp&auml;ter mit ihnen haben w&uuml;rde, zu entziehen.
+Die Frauen dieser V&ouml;lker haben verschiedene
+Pflanzenaufg&uuml;sse, welche sie zum Abtreiben anwenden und zwar
+in verschiedenen Gegenden zu verschiedener Zeit, je nachdem sie es
+f&uuml;r die Gesundheit und die Sch&ouml;nheit fr&uuml;h oder
+sp&auml;t Kinder zu bekommen f&uuml;r zutr&auml;glich halten. Auch
+bei den Makusis sieht Schomburgk (2, 312), so sehr er auch sich
+gegen diese Annahme str&auml;ubt, sich gen&ouml;thigt, an
+k&uuml;nstliche Fehlgeburten zu glauben. Wenn er aber meint (313),
+dass Zwillinge bei ihnen nicht get&ouml;dtet w&uuml;rden, und dass
+&uuml;berhaupt solche Geburten h&ouml;chst selten bei ihnen seien,
+weil er nur zweimal unter den Eingeborenen von Guyana, einmal unter
+den Makusis, einmal unter den Waikas Zwillinge sah und nie von
+ihnen reden h&ouml;rte, so ist das sicherlich unrichtig, denn er
+selbst erz&auml;hlt, dass die Frauen jener V&ouml;lker auf seine
+Bemerkung, die Europ&auml;erinnen bek&auml;men bisweilen zwei, ja
+drei Kinder, den Mund sp&ouml;ttisch verziehend geantwortet
+h&auml;tten: wir sind keine H&uuml;ndinnen, die einen Haufen Junge
+werfen.<a name="FNanchor_G_7"></a><a href=
+"#Footnote_G_7"><sup>[G]</sup></a> Also auch hier dieselbe
+Auffassung wie &uuml;berall in S&uuml;damerika und sicher auch
+derselbe Gebrauch. Schon die Seltenheit von Zwillingen spricht
+daf&uuml;r; und wenn die Indianer nie von Zwillingen sprechen, so
+erkl&auml;rt sich das aus dem herrschenden Gebrauch, von der
+Ermordung der Kinder &uuml;berhaupt nicht zu reden; man thut, als
+seien sie eines nat&uuml;rlichen Todes gestorben: &raquo;Das arme
+Kind konnte nicht mit uns Schritt halten; man hat nichts mehr von
+ihm gesehen&laquo; (Humboldt 64, 226).</p>
+
+<p>Auch bei den Kulturv&ouml;lkern Amerikas herrschte derselbe
+Brauch. Die Mexikaner, in dem Glauben, dass Zwillinge den Tod des
+Vaters oder der Mutter vorbedeuteten, t&ouml;dteten oft das eine
+der beiden Kinder (Waitz 4, 164). Die Chibchas, in Neu-Granada,
+thaten dasselbe, weil sie in Zwillingsgeburten die Folge grober
+Ausschweifungen sahen (eb. 4, 367). Auch in Peru galten Zwillinge
+als &uuml;ble Vorbedeutung f&uuml;r die Eltern, der man in vielen
+Theilen des Landes durch Fasten (eb. 417), in anderen durch
+T&ouml;dtung eines der Kinder vorzubeugen suchte (eb. 461). Die
+darischen Weiber sollen ihre Kinder get&ouml;dtet haben, um ihre
+Sch&ouml;nheit zu bewahren (350). Die zu den Chibchas
+geh&ouml;renden Panches t&ouml;dteten alle ihre Kinder, so lange
+ihnen nur M&auml;dchen geboren wurden (eb. 376); und hier mag denn
+den Schluss die Bemerkung bilden, dass die vielfach vorkommende
+T&ouml;dtung der M&auml;dchen urspr&uuml;nglich wohl nicht den
+Grund hatte, den T&ouml;chtern ein schlimmes Lebensloos zu
+ersparen, welche Auffassung gleichwohl sp&auml;terhin gegolten
+haben mag: der Hauptgrund war gewiss ein
+abergl&auml;ubisch-religi&ouml;ser oder wenigstens der, dass man
+Knaben der Kriegst&uuml;chtigkeit halber und weil man sie f&uuml;r
+vortrefflicher hielt, lieber sah als M&auml;dchen.</p>
+
+<p>Dieselben Sitten galten in Neuholland. Stirbt die Mutter eines
+S&auml;uglings, so wird derselbe mit ihr begraben und von
+Zwillingen stets das eine Kind get&ouml;dtet (Freycinet 2, 747), in
+Ost- und Westaustralien; missgestaltete Kinder oder solche, die bei
+der Geburt Schmerzen machen &mdash; diese alle gewiss, weil man sie
+von b&ouml;sen Geistern besessen glaubt &mdash; t&ouml;dtet man
+gleichfalls, so wie alle Kinder von europ&auml;ischen V&auml;tern,
+welche die Mutter verliessen (Grey 2, 251. Bennet 1, 122). Von
+Mischlingskindern t&ouml;dtet man nach Breton (231) indess nur die
+Knaben, nicht die M&auml;dchen, w&auml;hrend sonst die M&auml;dchen
+so vorzugsweise get&ouml;dtet werden, dass nach Grey (2, 251) das
+Verh&auml;ltniss der Weiber und M&auml;nner wie 1: 3 ist. Jede
+Mutter t&ouml;dtet ihr drittes, bisweilen schon ihr zweites
+M&auml;dchen, wenn es nicht eine fremde Frau als ihr Kind annimmt
+(Salvado 111). Fehlgeburten werden oft herbeigef&uuml;hrt und
+Neugeborene oft get&ouml;dtet, um der Last und der Schwierigkeit,
+Kinder aufzuziehen, zu entgehen (Meinicke a 2, 208). Ja es soll
+sogar vorkommen, dass Eltern ihre neugeborenen Kinder selbst
+auffressen (Stanbridge, transaction of the ethnol. Society X. S. 1,
+289; Australia felix 129; Angas 1, 73). Auf Vandiemensland dagegen
+herrschte der Kindermord nicht (Bibra 16).</p>
+
+<p>Wohl aber in Melanesien, und so auf Vate (Gill 67), wo man
+neugeborene Kinder lebendig begrub und nur zwei bis drei aufzog
+(Turner 394), und ebenso war es auf Erromango (Turner 491) und in
+gr&ouml;sster Ausdehnung auf den Inseln in der n&auml;chsten
+N&auml;he von Neuguinea (Reina in Zeitschr. 4, 359). Auf den
+Fidschiinseln war der Kindermord gleichfalls nicht selten, wie
+Williams und Calvert (1, 180) berichten und das Gem&auml;lde, das
+sie entwerfen, ist d&uuml;ster genug: k&uuml;nstliche Fehlgeburten,
+T&ouml;dtung der Kinder, namentlich der M&auml;dchen, gleich nach
+der Geburt, ist sehr h&auml;ufig, aus Laune, aus Faulheit, aus
+Eifersucht und Rache; wie in Polynesien gab es auch hier in jedem
+Dorf Leute, welche Fehlgeburten herbeizuf&uuml;hren verstehen. Hale
+(66) schreibt den Fidschis dieselbe Sitte zu, welche wir bei den
+Tupis fanden und welche ja auch unter den Indogermanen eine so weit
+verbreitete war, dass alle Kinder, welche der Vater oder Priester
+nicht unmittelbar nach der Geburt vom Boden aufnimmt, als
+&raquo;ausgestossene&laquo; get&ouml;dtet werden.</p>
+
+<p>Aber schlimmer noch und wahrhaft in entsetzlicher Ausdehnung
+tritt der Kindermord auf im &uuml;brigen Ozeanien. Wir beginnen mit
+Mikronesien. W&auml;hrend allerdings die Carolinen frei von diesem
+Verbrechen waren (Chamisso 137), durfte auf den Ratakinseln keine
+Mutter mehr als drei Kinder grossziehen: alle &uuml;brigen wurden
+umgebracht (Chamisso 119); und ebenso ist, um &uuml;bergrosse
+Bev&ouml;lkerung zu vermeiden, k&uuml;nstlicher Abortus bei den
+Gilbertinsulanern nach Gulick (410), allerdings gegen Hales
+Ansicht, h&auml;ufig. Von der Kingswillgruppe, aber mit Ausnahme
+von Makin, sagt auch Hale dasselbe (96). Nach alledem, was wir von
+den marianischen Uritaos wissen, scheinen auch sie, obwohl
+bestimmte Daten dar&uuml;ber fehlen, die Kinder, welche ihnen bei
+ihren Ausschweifungen und namentlich die, welche von niederen
+Weibern geboren worden, get&ouml;dtet zu haben.</p>
+
+<p>Im eigentlichen Polynesien nun bleiben auf Tikopia nur die
+&auml;ltesten beiden S&ouml;hne am Leben, um die Insel nicht zu
+&uuml;berv&ouml;lkern, so wie alle M&auml;dchen, daher die Insel
+weit mehr Weiber als M&auml;nner hat (Dillon 2, 134). Auf Tonga kam
+der Kindermord, dessen Motiv dann meist Tr&auml;gheit oder
+Bequemlichkeit ist, nur vereinzelt vor (Mariner 2, 18-19), auf
+Samoa aber gar nicht (Wilkes 2, 80, Williams 560) und ebenso wenig,
+um das hier gleich anzuschliessen, auf den Herveyinseln (Williams
+560).</p>
+
+<p>Allein auf Tahiti war das Verbrechen so im Schwunge, dass Ellis
+(1, 249) annimmt, es habe sich in der Ausdehnung, wie er es
+vorfand, erst in etwa den letzten 50 Jahren vor der Entdeckung,
+ausbreiten k&ouml;nnen, weil sonst eine so zahlreiche
+Bev&ouml;lkerung, wie sie Wallis und Cook vorfanden, sich
+unm&ouml;glich habe erhalten k&ouml;nnen. Cook fand den Kindermord
+schon allgemein verbreitet vor und suchte vergeblich den K&ouml;nig
+Otu zu seiner Abschaffung zu veranlassen. Auch die Mission&auml;re
+des Duff (1796) fanden die T&ouml;dtung der Kinder als etwas ganz
+Selbstverst&auml;ndliches, &uuml;ber das mit der gr&ouml;ssten
+Gleichg&uuml;ltigkeit geredet wurde (Wilson 272. 310); und mit
+demselben Entsetzen &uuml;ber diese Gleichg&uuml;ltigkeit wie
+Wilson sagt auch Ellis, dass etwa zwei Drittel der Kinder
+get&ouml;dtet seien. Die ersten drei Kinder wurden es meist,
+Zwillinge gleichfalls, mehr wie zwei oder drei Kinder zog Niemand
+auf. Allein eben dadurch konnten sich die Geburten rascher folgen
+und so fand Ellis Frauen, welche vier, sechs, acht, ja 10 und noch
+mehr Kinder get&ouml;dtet hatten (1, 250. 251); ja er versichert,
+und da kein Stand von dem Gebrauche ausgeschlossen war, ganz
+glaublich, kein Weib gefunden zu haben, das nicht seine H&auml;nde
+mit dem Blut der eigenen Kinder befleckt h&auml;tte. Unter den
+Areois nun war es so strenges Gesetz, alle Kinder, welche den
+Mitgliedern der Gesellschaft geboren wurden, zu t&ouml;dten, dass
+wer sich diesem Gesetz nicht f&uuml;gte, sofort ausgestossen wurde.
+Die einzigen Ausnahmen, welche gestattet waren, bestanden darin,
+dass die ersten F&uuml;rsten ihren ersten Sohn behielten und dass
+die vornehmsten Areois (die Gesellschaft hatte 12 Grade,
+M&ouml;renhout 1, 489) nur ihr &auml;ltestes Kind so wie alle
+M&auml;dchen t&ouml;dteten. Das letztere geschah auch hier wohl aus
+religi&ouml;sen Gr&uuml;nden oder weil man die M&auml;dchen
+f&uuml;r geringer als die Knaben hielt; M&ouml;renhout, dem diese
+Nachrichten entlehnt sind &mdash; er handelt von den Areois 1,
+485-98 &mdash; ist der Meinung, alle diese Morde seien vollbracht,
+um die Volksmenge der Insel nicht &uuml;bergross werden zu lassen,
+welcher Ansicht man kaum beipflichten wird; wie denn auch das
+tahitische Volk selbst der Ansicht war, die Weiber br&auml;chten
+zur Conservirung ihrer Sch&ouml;nheit die Kinder um. Dass alle
+Kinder einer Mischehe &mdash; wenigstens, nach Williams 565, eines
+gemeinen Mannes und einer adligen Frau &mdash; umgebracht wurden,
+versteht sich nach den Begriffen, welche man &uuml;ber die
+verschiedenen St&auml;nde hatte und nach denen der Adel ganz
+g&ouml;ttlich, das Volk aber nicht einmal im Besitz einer Seele
+war, von selbst. F&uuml;r Tonga w&auml;hlte man solche Kinder
+vorz&uuml;glich gern, nach Mariner, zu Opfern aus. Und so war es
+auf allen Gesellschaftsinseln. Williams erz&auml;hlt von Raiatea,
+wo er (1829) seine Station hatte, folgendes Beispiel. Er sass mit
+Bennett in einem Zimmer, in dessen Hintergrund mehrere eingeborene
+Weiber arbeiteten und als Bennett sich bei ihm nach der Ausdehnung
+des Kindermords erkundigte, so fragte er, um sich selbst zu
+&uuml;berzeugen, ob das Verbrechen so allgemein sei als er glaube,
+die zuf&auml;llig anwesenden Weiber, die er nicht weiter kannte,
+wie viel Kinder jede get&ouml;dtet habe: neun die eine, sieben die
+andere, die dritte f&uuml;nf, also alle drei zusammen 21! Eine
+andere Frau bekannte sterbend, dass sie 16, ein vornehmer
+H&auml;uptling, dass er 19 umgebracht h&auml;tte und manche
+Familien hatten alle get&ouml;dtet (Williams 562-565). Als
+Gr&uuml;nde geben ihm die Eingeborenen an, zun&auml;chst Furcht vor
+den ewigen Kriegen und ihren blutigen Zerst&ouml;rungen; man wollte
+von den Kindern nicht gehindert sein, auch wohl b&ouml;se
+Schicksale ihnen ersparen und was wohl der Hauptgrund war, dem
+Feind keine Gelegenheit zu irgend welchem Triumph (etwa durch
+Gefangennehmung oder Ermordung der Kinder) geben. Zweitens war aber
+die Verschiedenheit des Ranges ein wichtiger Grund. War ein Mann
+von niederem Rang als seine Frau, so konnte er durch T&ouml;dtung
+von zwei, vier oder sechs Kindern, je nachdem er tiefer stand, zum
+Rang der Frau sich erheben und die Kinder, welche ihm, nachdem er
+diese Stufe erreicht, geboren wurden, blieben am Leben. Die Frau
+aber, welche von minder hohem Range als ihr Mann war, konnte, da
+alle Vererbung nur in weiblicher Linie erfolgte, sich durch kein
+Mittel, auch dieses nicht erheben. Blieben aber in gemischten Ehen
+die Kinder ohne Weiteres am Leben, so sank die Familie auf den Rang
+herab, welchen der minder vornehme der Eltern inne hatte (Ellis 1,
+256). Als dritten Grund f&uuml;hrt Williams die Eitelkeit der
+Weiber auf: sie wollten ihre Sch&ouml;nheit nicht durch S&auml;ugen
+und Kinderpflegen gef&auml;hrden. Der Hauptgrund scheint aber, wenn
+nicht in fr&uuml;hester, vorhistorischer Zeit religi&ouml;se Motive
+mitwirkten, Faulheit gewesen zu sein: auf der Insel, welche eine
+vielfach gr&ouml;ssere Bev&ouml;lkerung leicht ern&auml;hren
+konnte, hiess ein Vater von vier Kindern schon ein &raquo;arg
+&uuml;berb&uuml;rdeter&laquo; Mann (Ellis a.a.O.).</p>
+
+<p>Man t&ouml;dtete die Kinder, indem man ihnen einen nassen Lappen
+auf den Mund legte, oder ihnen die Kehle mit dem Daumen zupresste,
+oder sie, noch im Mutterleibe, aber w&auml;hrend der Geburt, mit
+einem spitzen Bambus durchbohrte; oder man begrub sie lebendig und
+zwar gerne so, dass die Erde nicht unmittelbar auf sie kam, sondern
+sich &uuml;ber ihnen her w&ouml;lbte (Williams und Ellis a.a.O.).
+Eine vierte noch viel scheusslichere Art beschreibt Williams
+567-568: zuerst wurden den eben Geborenen die &auml;ussersten
+Glieder an Finger und Zehen, dann, wenn sie davon nicht starben,
+die Hand- und Fusskn&ouml;chel gebrochen. Ueberstand das Kind auch
+das, so kamen die Kniee und Ellenbogen an die Reihe, und wenn es
+dann immer noch lebte, so wurde es schliesslich erw&uuml;rgt.
+Indess ist die That scheusslicher als die Gesinnung, welche sie
+hervorbrachte: denn ohne Zweifel wandte man diese gr&auml;sslichen
+Todesarten aus keinem anderen Grunde an als aus Ehrfurcht vor der
+Seele des Kindes, die auf m&ouml;glichst gelinde Weise, von aussen
+her, zur Entfernung mehr aufgefordert als gen&ouml;thigt werden
+sollte, und erst wenn sie diese Aufforderung gar nicht verstand,
+trat Zwang ein. Denn die Seelen der get&ouml;dteten Kinder, die man
+sich unter der Gestalt von Heuschrecken nach M&ouml;renhout dachte,
+galten f&uuml;r heilig und wurden hoch geehrt. Auch hier gab es
+fast in jedem Dorfe Leute, welche aus dem Kindermord Gewerbe
+machten (Williams 568) und doch, war einem Kinde auch nur eine
+Viertelstunde das Leben erhalten worden, so durfte es nicht mehr
+get&ouml;dtet werden, und hatte dann sehr liebevolle, ja wohl
+z&auml;rtliche Eltern.</p>
+
+<p>Wo m&ouml;glich noch roher waren die Bewohner der
+Sandwichsinseln. Hier herrschte der Kindermord namentlich in den
+unteren Klassen, von denen die Eltern selten, mochten die Ehen auch
+noch so fruchtbar sein, mehr als zwei oder drei, vielmehr oft nur
+ein Kind aufzogen. Auch hier sind (Ellis 4, 326-330) 2/3 der Kinder
+get&ouml;dtet und zwar meist durch Erw&uuml;rgen oder lebendig
+Einscharren, wobei man sie ohne Weiteres mit Erde bedeckte und
+diese mit den F&uuml;ssen feststampfte. Hier begrub man die kleinen
+Leichen oft im eigenen Hause, ja im eigenen Schlafgemach der
+Eltern, w&auml;hrend man zu Tahiti ihnen doch wenigstens einen
+Platz neben dem Hause gab. Oft waren es, hier wie zu Tahiti, die
+Eltern selbst, welche die grauenvolle That vollbrachten. In Hawaii
+war der Grund zu diesem Mord meist Tr&auml;gheit nach Ellis 4, 329
+und Eitelkeit der Weiber, nach Jarves 85. W&auml;hrend aber zu
+Tahiti die Kinder, welche die erste halbe Stunde &uuml;berlebt
+hatten, gerettet waren und z&auml;rtlich aufgezogen wurden; so
+t&ouml;dtete man zu Hawaii, mit viel gr&ouml;sserem Stumpfsinn, die
+Kinder auch noch nach einem Jahre, ja noch sp&auml;ter. War ein
+Kind krank und machte Unruhe, so begrub man es lebendig, schrie es
+der Mutter zu unertr&auml;glich, so stopfte sie ihm ein St&uuml;ck
+Zeug in den Mund und grub die ungl&uuml;ckliche Creatur in die
+Erde, wenige Schritte von ihrem Bette, zu welchem sie nach
+vollbrachter That, als ob nichts geschehen w&auml;re, ruhig
+zur&uuml;ckkehrte (Ellis 4, 330). Und selbst dies wird noch durch
+folgenden Fall, den Ellis gleichfalls (326) erz&auml;hlt,
+&uuml;berboten. Ein Mann und eine Frau, welche ein Kind, einen
+h&uuml;bschen Jungen, nach Jarves (73) von sieben Jahren, hatten,
+geriethen &uuml;ber denselben in Streit und da die Frau nicht
+nachgab, ergriff der Vater das Kind bei Kopf und Fuss, brach ihm
+&uuml;ber seinem Knie den R&uuml;cken entzwei und warf die zuckende
+Leiche der Mutter zu F&uuml;ssen! Tamehameha, bei dem die Unthat
+angezeigt wurde, erkl&auml;rte, er k&ouml;nne nicht strafend
+eingreifen, da der Mann sein eigen Kind umgebracht habe. &mdash;
+Auch in Neuseeland findet sich der Kindermord gar nicht selten
+(Angas 1, 313); er ist aber, wie in Tahiti, nicht mehr statthaft,
+wenn das Kind auch nur eine halbe Stunde gelebt habe. Will man es
+t&ouml;dten, so wird es meist lebendig begraben oder bei der Geburt
+erw&uuml;rgt. Rache ist h&auml;ufig das Motiv hierzu, wegen harter
+Behandlung der Frau w&auml;hrend ihrer Schwangerschaft, oder weil
+der Vater sie verliess oder aus irgend welchem anderen Grunde
+(Dieffenbach 2, 25 ff.). Tr&auml;gheit aber steht auch hier in
+erster Linie. Namentlich M&auml;dchen brachte man um (Taylor 165).
+Auch Abortus ist h&auml;ufig: und so ist es nicht zu verwundern,
+dass (Browne 40) die Ehen durchschnittlich kaum mehr als zwei
+Kinder haben. Allerdings herrschen diese furchtbaren Gebr&auml;uche
+am meisten an der K&uuml;ste; im Innern sind die Familien
+zahlreicher, ja Dieffenbach (2, 33) sah bis zu 10 Kindern in einer.
+Gegen die geschonten Kinder sind die Maoris liebevolle (Dieffenbach
+2, 25 ff.), wenn auch nicht gerade z&auml;rtliche Eltern (Browne
+39).</p>
+
+<p>Es k&ouml;nnte scheinen, als h&auml;tten wir uns schon allzu
+lange bei diesem abschreckenden Gegenstande aufgehalten und seien
+zu sehr ins Einzelne gegangen, allein dies genauere Eingehen war
+n&ouml;thig f&uuml;r folgenden Nachweis. Da alle Polynesier
+liebevolle Eltern sind und wir dennoch dieselben Eltern im ganzen
+&ouml;stlichen Polynesien so vollkommen abgeh&auml;rtet gegen den
+Kindermord sehen, dass sie ruhig von allen den Scheusslichkeiten
+sprechen, ja auch schon herangewachsene Kinder kaltbl&uuml;tig
+morden: so kann diese Sitte nicht erst 50 Jahre vor der Entdeckung,
+also um 1700 oder 1710 weiter um sich gegriffen haben, wie Ellis
+will. Jedenfalls muss sie &auml;lter sein, auch in dieser
+Ausdehnung. Denn um ein Volk so ganz zu beherrschen, dazu braucht
+eine solche Sitte, auch wenn sie eingeschr&auml;nkt schon
+fr&uuml;her im Gebrauche war, mehr als 50 Jahre. Auch ist uns
+berichtet, dass die marianischen Weiber ihre Kinder vor und bei der
+Geburt massenweise t&ouml;dteten, als die Spanier die Inseln
+eroberten, damit die Neugeborenen nicht in Knechtschaft geriethen.
+Auch das setzt schon ein Bekanntsein mit Aehnlichem voraus, und
+dazu kommt, dass sich beim malaiischen Stamm &uuml;berhaupt die
+Sitte des Kindermordes oder des k&uuml;nstlichen Abortus sehr
+h&auml;ufig findet. So treiben die Battas h&auml;ufig die Frucht
+vorzeitig ab, Waitz 5, 190; die &ouml;stlichen Malgaschen
+t&ouml;dten Zwillinge, sowie sie solche Kinder, die an einem
+b&ouml;sen Tage geboren wurden, ertr&auml;nkten, aussetzten oder
+lebendig begruben (Waitz 2, 441). Die Bisayas ziehen, um nicht zu
+verarmen, nur wenige Kinder auf, und t&ouml;dten uneheliche Kinder
+meist, weil das M&auml;dchen, ihr Vater und ihr Geliebter f&uuml;r
+aussereheliche Schwangerschaft Strafe zahlen m&uuml;ssen (Loarca in
+Ternaux Archives 1, 23). Aehnlich die Pintados auf den Philippinen,
+welche ihre Kinder vom 3ten an t&ouml;dten, indem sie dieselben
+unter Festen und Lustbarkeiten lebendig begraben, so wie auch, um
+sie nicht ern&auml;hren zu m&uuml;ssen, alle unehelichen Geburten
+(nach einem Bericht von 1577 in N. Journ. As. VIII, 39, 1831). Auf
+den Niasinseln setzt man die Kinder aus (Domis bei Oosterling
+tydschrift toegew. van de verbreiding d. Kennis v. Oost. Indie II,
+2, 125). Abtreiben der Kinder bei den Dajaks aus Sittenlosigkeit
+erw&auml;hnt Schwaner Borneo 1, 203.</p>
+
+<p>Wie hat man sich nun die Entstehung dieser schrecklichen Sitte
+zu denken? Ist es bloss Tr&auml;gheit und Versunkenheit, worin sie
+wurzelt? In Afrika und Nordamerika ist freilich meist das
+&auml;ussere Elend ihr Anlass, wie auch die Markesaner ihre Kinder
+aus Hungersnoth t&ouml;dteten und assen (Ellis 4, 328); allein das
+reicht weder f&uuml;r Polynesien noch f&uuml;r S&uuml;damerika aus.
+Meinicke meint nun (b, 59 bis 60), dass in Polynesien der
+Kindermord eingef&uuml;hrt sei, um die Reinheit des Blutes der
+Aristokratie zu erhalten. Er st&uuml;tzt diese Ansicht, f&uuml;r
+welche historische Gr&uuml;nde sich nicht aufstellen lassen,
+dadurch, dass, trotzdem der Kindermord bei allen Klassen der
+Bev&ouml;lkerung vorkommt, er doch zu Tahiti zumeist von den Areois
+ausgeht, dass alle Kinder aus gemischten Ehen, die bei der
+f&ouml;rmlichen Berechtigung der Vornehmen zu jeglichem
+Lebensgenuss gar nicht zu vermeiden waren, get&ouml;dtet wurden.
+&raquo;So m&ouml;gen&laquo;, f&auml;hrt er S. 60 fort,
+&raquo;solche Kinder seit Jahrtausenden get&ouml;dtet sein, ohne
+dass dies bei den k&ouml;rperlichen Vorz&uuml;gen, die dergleichen
+Verbindungen mit Menschen niederen Standes nicht h&auml;ufig
+gemacht haben werden und bei ihrer geringen Zahl grossen Einfluss
+gehabt haben wird. Aber mit der Zeit fing man an, Kinder auch zu
+t&ouml;dten, um durch die Sorge, die sie erforderten, nicht an
+Ausschweifungen und Vergn&uuml;gungen gehindert zu werden (wie es
+bei den Areois der Fall war), und endlich verbreitete sich die
+grauenvolle Sitte bloss durch den Einfluss der Mode, die auf den
+S&uuml;dseeinseln so gut wie in anderen Erdtheilen die niederen
+St&auml;nde antreibt, Verkehrtheiten und selbst Laster der
+Vornehmen nachzuahmen, auch unter das Volk, wo sie in der
+Bequemlichkeit, Liederlichkeit, Armuth und den Beschwerden, die
+Kinder zu erziehen, mannigfache Unterst&uuml;tzung fand. Man sieht,
+dass der Kindermord so mit der Zeit stets zunehmen musste und wird
+hierin eine Hauptursache der erstaunlich raschen Abnahme der
+Bev&ouml;lkerung zu suchen haben, wenn auch die Angaben der
+Mission&auml;re &uuml;ber die Zahl der hingeopferten Kinder
+&uuml;bertrieben sein sollten&laquo;. Dies letztere ist nun zwar
+bei den mit bestimmten Zahlen angegebenen einzelnen F&auml;llen und
+der genauen Uebereinstimmung der Angaben, welche die
+Mission&auml;re machen, nicht wahrscheinlich<a name=
+"FNanchor_H_8"></a><a href="#Footnote_H_8"><sup>[H]</sup></a> wie
+denn Ellis ausdr&uuml;cklich sagt, dass er Williams Angabe, 2/3 der
+Kinder seien get&ouml;dtet, an Ort und Stelle gepr&uuml;ft und
+nicht &uuml;bertrieben gefunden habe. Recht aber hat Meinicke
+darin, dass auch er diese Sitte f&uuml;r eine sehr alte
+ansieht.</p>
+
+<p>Allein sonst ist seine Ansicht schwerlich richtig. Mag auch
+sp&auml;terhin, und er hat es gewiss sehr reichlich gethan, der
+Unterschied zwischen Volk und Adel dem Kindermord weitere
+Ausdehnung verliehen haben; veranlasst hat er ihn gewiss nicht,
+wof&uuml;r zun&auml;chst spricht, dass wir in S&uuml;damerika den
+Kindermord fast in &auml;hnlicher Ausdehnung wie in Polynesien,
+jenen Standesunterschied aber nicht vorfanden. Aber auch f&uuml;r
+Polynesien allein wird es bedenklich, den letzteren als alleinige
+Ursache des ersteren anzusehen, wenn man Folgendes erw&auml;gt.
+Williams sagt, wie wir schon vorhin sahen, dass ein niederer Mann
+durch Kindermord sich dem Stand seiner vornehmeren Frau angleichen
+kann; was Meinicke, wohl nur durch einen Irrthum seinerseits,
+f&uuml;r einen Irrthum hielt. Denn aller Rang vererbte durch die
+Mutter; der Adel war ferner eine mit Seele begabte, g&ouml;ttliche
+Klasse, im Gegensatz zu dem unbeseelten, irdischen Volk.
+Kinderseelen nun, welche nach M&ouml;renhout f&uuml;r besonders
+heilig gehalten und zu denen als Vermittlern zwischen G&ouml;ttern
+und Menschen besonders gebetet wurde, konnten, wenn f&uuml;r den
+unbeseelten Mann geopfert, ihm, sei es durch direkten Uebergang in
+ihn, oder sei es durch Vermittlung bei den G&ouml;ttern, zu einer
+Seele verhelfen, wodurch er zu h&ouml;herem Rang emporstiege. Die
+Areois sind eine religi&ouml;se Gesellschaft; religi&ouml;se Scheu
+zeigte sich in der Art, wie man (wenigstens in Tahiti) die Kinder
+umbrachte; man hat sie also in vielen F&auml;llen vielleicht nur
+get&ouml;dtet, um Schutzgeister zu haben oder sie als Opfer
+f&uuml;rs eigene Leben &mdash; solche Opfer werden wir gleich noch
+mehr sehen &mdash; den G&ouml;ttern darzubringen. Dieselbe
+Bedeutung hat wohl der Kindermord in Mikro-und Melanesien gehabt,
+wie einzelne Spuren noch andeuten, wenn sich auch Zwingendes nicht
+daf&uuml;r anf&uuml;hren l&auml;sst als eben ihre Verwandtschaft
+mit den Polynesiern. Wenn aber Meinicke sagt, die Sitte m&uuml;sse
+&uuml;berall geherrscht haben und sei, wo wir sie nicht
+erw&auml;hnt finden, wie in Tonga, nur &uuml;bersehen, so kann man
+das nicht zugeben; der so feinen und scharfen Beobachtung Mariners
+h&auml;tte sich ein so auffallender Gebrauch nicht entziehen
+k&ouml;nnen und er f&uuml;hrt 2, 18-19 einen Fall der Art
+ausdr&uuml;cklich als etwas Ausserordentliches an. Aber
+m&ouml;glich ist es, ja wahrscheinlich, dass die Sitte auch in
+Tonga urspr&uuml;nglich geherrscht hat, nur w&auml;hrend sie sich
+im &uuml;brigen Polynesien ausbreitete, so erlag sie schon sehr
+fr&uuml;h und lange vor der Entdeckung dem besseren Sinn der
+Tonganer, wie sie auch andere &auml;hnliche Sitten aufgaben, z. B.
+die Ermordung der Weiber beim Tode der M&auml;nner, von der Mariner
+als von einer fr&uuml;her gebr&auml;uchlichen h&ouml;rte (1, 342),
+die aber zu seiner Zeit schon ausser Gebrauch gekommen war.</p>
+
+<p>Da wir nun Gr&uuml;nde haben, bei den Polynesiern diesen
+Gebrauch f&uuml;r einen urspr&uuml;nglich religi&ouml;sen zu
+halten, der freilich in sp&auml;terer Zeit aus ganz anderen
+Motiven, aus Faulheit, Eitelkeit, Lieblosigkeit, Standeshochmuth
+u.s.w. sich unendlich verbreitete und das ganze Leben der Nation in
+der neuen Gestalt anfrass; so m&ouml;chte auch die ziemlich weite
+Verbreitung der Sitte, wie wir sie im eigentlichen Malaisien von
+Luzon bis nach Madagaskar hin nachwiesen, auf demselben Princip
+beruhen. Wie es sich in S&uuml;damerika hiermit verh&auml;lt,
+lassen wir, da es uns an &auml;lteren Daten fehlt, uner&ouml;rtert;
+doch hat hier vielleicht eine &auml;hnliche Grundanschauung
+geherrscht, als wir sie f&uuml;r Polynesien annahmen. Denn in
+Mexiko wenigstens glaubte man, kleine Kinder, welche st&uuml;rben,
+seien den G&ouml;ttern besonders lieb; sie k&auml;men zu einem
+Baum, von welchem best&auml;ndig Milch herabtr&auml;ufele, und
+seien Vermittler zwischen G&ouml;ttern und Menschen (Waitz 4, 166).
+Kinderopfer, um die G&ouml;tter gn&auml;dig zu stimmen, kamen viel
+bei ihnen vor (4, 159) und das Bild des Gottes, das sie bei der
+Ceremonie, die unserem Abendmahl &auml;hnlich ist, unter sich
+vertheilen und als &raquo;das Fleisch Gottes&laquo; verzehren, war
+mit Kinderblut angefertigt, wie auch bei den Totonaken die Kuchen
+bereitet waren, welche sie &raquo;das Brot unseres Lebens&laquo;
+nannten (Waitz 4, 161). Jetzt scheint diese Sitte dort keine
+anderen Motive zu haben, als Eitelkeit, Faulheit und Elend und
+Noth<a name="FNanchor_I_9"></a><a href=
+"#Footnote_I_9"><sup>[I]</sup></a>. Das T&ouml;dten von Zwillingen
+oder des einen von beiden Kindern beruht auf anderen Grundlagen: es
+geht aus von dem Schreck &uuml;ber das portentum einer mehrfachen
+Geburt, in welcher man etwas Unnat&uuml;rliches und daher
+Unheimliches oder aber eine Thier&auml;hnlichkeit sah.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_9_Krieg_und_Kannibalismus"></a>
+<h2>&sect; 9. Krieg und Kannibalismus.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Haben wir oben gesehen, wie wenig das Menschenleben bei den
+Naturv&ouml;lkern geachtet wurde, so werden wir von seinem geringen
+Werth bei ihnen im Folgenden noch massenhaftere Beispiele finden,
+da wir uns zun&auml;chst mit der Frage besch&auml;ftigen
+m&uuml;ssen, welchen Einfluss auf Zahl und Existenz dieser
+V&ouml;lker haben Krieg, Kannibalismus und Menschenopfer
+gehabt?</p>
+
+<p>Freilich scheint die Art der Kriegf&uuml;hrung bei den
+unkultivirten St&auml;mmen mindere Opfer als bei den kultivirten
+gefordert zu haben. Denn so kriegerisch auch die Nordamerikaner
+waren, so sehr ihr ganzes Leben beinah auf dem Krieg beruhte, so
+galt ihnen doch eine Art der Kriegf&uuml;hrung, wie die
+europ&auml;ische, wo man in offener Feldschlacht stets das eigene
+Leben in Gefahr setzt, f&uuml;r Thorheit, ihr Krieg bestand nur in
+Ablauern des Feindes, in Ueberfall und Hinterhalt; daher er denn,
+dem entsprechend, minder durch Tapferkeit als durch Schnelligkeit,
+Schlauheit und Verwegenheit gef&uuml;hrt wurde. Aber daf&uuml;r
+endete auch der Krieg bei ihnen nie: denn Grenzverletzungen oder
+Blutrache, sowie Rache f&uuml;r Zauberei (durch die man jeden
+Todesfall, namentlich aber den Tod von H&auml;uptlingen verursacht
+glaubte) oder alter, einmal eingewurzelter und durch stets neue
+schlimme Thaten niemals verl&ouml;schender Stammhass erregten ihn
+immer aufs Neue. Und gerade diese versteckte, fast feige scheinende
+Art, wie sie den Krieg f&uuml;hrten, brachte oft ein furchtbares
+Blutvergiessen hervor, da bei den Ueberf&auml;llen der meist
+unvorbereitete und wehrlose Feind ganz und gar mit Weib und Kind
+niedergemetzelt wurde, schon der Skalpe wegen, deren Erbeutung ja
+den Siegern die gr&ouml;sste Herzenssache und Ehre war. In
+Virginien zwar und bei den Huronen wurden Weiber und Kinder meist
+zu Gefangenen gemacht; war der Kampf aber lang und erbittert
+gewesen, so mordeten auch hier die Sieger so lange als sie die Arme
+heben konnten (Waitz 3, 150-154). Und gefangene Feinde, die
+M&auml;nner wurden ja von diesen V&ouml;lkern wie bekannt so gut
+wie immer get&ouml;dtet. Dass aber solche Kriege der Existenz
+ganzer V&ouml;lker verh&auml;ngnissvoll geworden sind und also, als
+f&uuml;r ihr Aussterben grundlegend, recht eigentlich zu unserer
+Betrachtung geh&ouml;ren, daf&uuml;r hat Waitz, was Amerika
+betrifft, 1, 165, Zeugnisse gesammelt. &raquo;Die
+Kupferminenindianer sagt er an dieser Stelle, wurden durch die
+Hundsrippenindianer (Hearne) fast vertilgt, die Moquis durch die
+Navajos im hohen Grade geschw&auml;cht (Schoolcraft), die Osagen
+durch ihre erstaunlich vielen Feinde innerhalb 10 Jahren auf die
+H&auml;lfte ihrer fr&uuml;heren Anzahl reducirt. Der kleine Rest
+des besiegten Volkes wird dann nicht selten von dem siegenden in
+sich aufgenommen und sein Name verschwindet von da an aus der
+Geschichte. Auf diese Weise sollen z.B. die Creecks allm&auml;hlich
+die Reste von 15 anderen St&auml;mmen verschlungen haben.&laquo;
+Auch die Irokesen (Waitz 3, 155) haben ausserordentlich durch
+derartige Kriege gelitten. Jenseits des Felsengebirges sind die
+Kriege viel milder und thun im Ganzen wenig Schaden (3, 338) und
+ebenso ist es auch bei den Oregonv&ouml;lkern, wenn diese gleich
+viel kr&auml;ftiger zu sein schienen als die Nulkas und
+Chinooks.</p>
+
+<p>Der Kannibalismus, welcher vom Kriege nicht zu trennen ist, hat
+auf die V&ouml;lker Nordamerikas keinen sehr bedeutenden und
+f&uuml;r ihre Zahl durchaus ungef&auml;hrlichen Einfluss gehabt. Er
+findet sich bei manchen V&ouml;lkern, z.B. den n&ouml;rdlichen
+Athapasken, den Hasenindianern, Nipissangs, den Crees, Ojibways,
+doch ist bei allen diesen das Entsetzen vor der That ein ganz
+ausserordentliches. Ebenfalls findet er sich, und durch gleiche
+Veranlassung, bei den Indianern in Canada, die ihn aber minder
+verabscheuen (Waitz 3, 89). Allein bei den Algonkins und den
+Irokesen, den Sioux war der Kannibalismus fr&uuml;her (jetzt hat er
+aufgeh&ouml;rt) weit verbreitet und besonders merkw&uuml;rdig ist
+es, dass es bei den Miami und Potowatomi eine besondere, aus
+bestimmten Familien sich erg&auml;nzende Gesellschaft gab, welche
+Menschenfleisch ass und sich im Besitz von
+&uuml;bernat&uuml;rlichen, auf andere &uuml;bertragbaren
+Zauberkr&auml;ften w&auml;hnte (Waitz 3, 159 nach Keating): man
+wird an die Gesellschaften der Areois auf Tahiti und die
+entsprechenden auf den anderen polynesischen Inseln erinnert.<a
+name="FNanchor_J_10"></a><a href=
+"#Footnote_J_10"><sup>[J]</sup></a> Aber bei allen diesen
+amerikanischen V&ouml;lkern sowie auch bei den Oregonindianern
+(Waitz 3, 345) ward der Kannibalismus nur an gefangenen oder
+gefallenen Feinden ausge&uuml;bt, deren Herz man ass, theils aus
+Rache, theils um sich die Tapferkeit und Kraft dessen, dem das Herz
+geh&ouml;rte, anzueignen (Waitz 3, 159).</p>
+
+<p>In S&uuml;damerika hat der Krieg nicht minder, die
+Anthropophagie noch weit mehr gewirkt, als in Nordamerika: lebte
+doch hier das Volk, welches dem Kannibalismus seinen Namen gegeben
+hat, die Kaniben, Kariben oder Karaiben. Urspr&uuml;nglich auf den
+kleinen Antillen und dem ihnen gegen&uuml;berliegenden Festland
+heimisch machten sie von dort aus, nach Columbus Erz&auml;hlung,
+verheerende Kriegsz&uuml;ge in weite Ferne, um Weiber zu erbeuten,
+w&auml;hrend sie die M&auml;nner erschlugen und sie, wie auch ihre
+eigenen mit den gefangenen Weibern erzeugten Kinder frassen (Waitz
+3, 374-375). Auch ihre Weiber waren ausserordentlich kriegerisch
+und k&auml;mpften so selbstst&auml;ndig, dass die Sage von den
+Amazonen, die im n&ouml;rdlichen S&uuml;damerika h&auml;ufig
+vorkommt, durch sie veranlasst zu sein scheint. Schomburgk 2, 429
+erz&auml;hlt, dass die Kariben sich namentlich gegen die Makusis
+wandten, um Sklaven zu erbeuten, zu welcher Menschenjagd sie von
+den Holl&auml;ndern aus Eigennutz angetrieben wurden, denn diese
+kauften die Sklaven von ihnen. Er schildert diesen scheusslichen
+Handel n&auml;her und sagt, dass er bis gegen die vierziger Jahre
+dieses Jahrhunderts, also bis auf unsere Zeit hin bestanden habe!
+Die Art nun, wie noch jetzt die Kariben von allen anderen
+indianischen St&auml;mmen als Herrn und Gebieter gef&uuml;rchtet
+werden, so dass sie ohne Weiteres sich in jeder beliebigen
+H&uuml;tte was ihnen gef&auml;llt nehmen k&ouml;nnen (ebendas.
+427); so wie die blinde Angst, welche man noch jetzt in jenen
+Gegenden vor ihnen hat, l&auml;sst erkennen, was sie einst gewesen
+sein m&ouml;gen. Und wie durch sie die Aturen (Humboldt c, 1, 284)
+in die Katarakten des Orinoko, wo</p>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza"><span>ihres Stammes letzte Spuren<br>
+</span> <span>birgt des Uferschilfes Gr&uuml;n,<br>
+</span></div>
+</div>
+
+<p>hineingedr&auml;ngt verkamen: so waren die blutigen Kriege,
+welche von ihnen ausgingen, eine Hauptursache f&uuml;r die
+Verminderung der St&auml;mme in Guyana. Indess verzehren sie jetzt
+(Schomburgk 2, 430) Menschenfleisch nicht mehr; und jetzt sind auch
+sie sehr zusammengeschmolzen (eb. 417), wozu ihre eigenen Kriege
+nicht wenig beigetragen haben m&ouml;gen. Da nun auch die Tupi
+tapfere, ja wilde Krieger waren (Azara 218) und sie sowohl wie auch
+die Guarani (welche Azara 213 ff. freilich als sehr scheu
+schildert) Menschenfleisch verzehrten; da nun auch fast alle
+s&uuml;damerikanischen St&auml;mme, die Araukaner (Waitz 3, 529
+ff.), Chiquitos (eb. 530), die Pampas, Patagonier u.s.w. (Azara an
+vielen Stellen) sich durch wilde Tapferkeit auszeichneten und
+demzufolge zwischen ihnen fast stetiger Krieg herrschte; da sie
+fast alle Kannibalen waren, wie die Mbayas (Waitz 3, 473), ganz
+besonders die Guaykurus (471), die Tobas (475), die Abiponer (476),
+die Feuerl&auml;nder (508) und ebenso die Patagonier, welche alle
+feindlichen M&auml;nner niederhieben, Weiber und Kinder aber zu
+Gefangenen machten: so werden wir begreiflich finden, dass die Zahl
+dieser V&ouml;lker, die in so heftigem und unabl&auml;ssigem Kampf
+mit einander sind, auch dadurch abgenommen hat und noch jetzt
+abnimmt. Tschudi 2, 259 sagt geradezu, dass die Angriffe der
+Botokuden auf die von den Portugiesen um Rio Janeiro unterworfenen
+halb civilisirten Indianer die Ursache seien, dass jene Gegenden
+auch heute noch so sp&auml;rlich bev&ouml;lkert seien. Auch mag
+daran erinnert werden, dass jene V&ouml;lker in dem Urarigift, mit
+dem sie ihre Lanzen vergifteten, eine ganz besonders
+gef&auml;hrliche Waffe haben, da dies Gift auch bei der leisesten
+Verwundung unfehlbar t&ouml;dtet.</p>
+
+<p>T&uuml;chtige Krieger waren nun, nach der trefflichen
+Schilderung bei Waitz, auch die Kulturv&ouml;lker des alten
+Amerikas. Doch da ihre Kriege keine Vernichtung des Feindes
+bezweckten, sondern diesem, auch wenn er besiegt wurde, seine
+Nationalit&auml;t und Hab und Gut liessen, bis auf den Tribut, den
+sie zahlen mussten (Waitz 4, 77. 406), so konnten diese wohl den
+Namen von V&ouml;lkern aufh&ouml;ren machen, indem sie das besiegte
+dem eigenen Volke einverleibten, und namentlich in Peru geschah das
+&ouml;fters (407), aber ein Volk vernichten oder auch nur so weit
+verringern, dass seine Lebenskraft dadurch gebrochen w&auml;re,
+konnten sie nicht und haben sie nicht gethan, denn Columbus, Cortez
+und Pizarro fanden dichtbev&ouml;lkerte, bl&uuml;hende Staaten vor.
+Zwar herrschte auch Anthropophagie in Mexiko: die geopferten
+Sklaven oder Kriegsgefangenen wurden verzehrt, und die Ottomies
+sollen sogar Menschenfleisch auf dem Markte verkauft haben, eine
+Sitte, die man so wenig anst&ouml;ssig fand, dass man offen davon
+sprach und den Spaniern erz&auml;hlte, ihr Fleisch schmecke bitter
+(Waitz 4, 158); doch liegt es auf der Hand, dass auch diese Sitte
+dem Bestehen dieser V&ouml;lker oder seiner Nachbarn nicht die
+mindeste Gefahr brachte, da sie sehr wenig ausgedehnt war. Sie
+scheint ein Recht zu sein aus alter und &auml;ltester Zeit, wo sie
+dann freilich weitere Verbreitung gehabt haben wird. Auch in
+Neugranada war Kannibalismus, in manchen Gegenden des Landes in
+sehr roher Form, verbreitet (Waitz 4, 374, 376). Was von den
+Cariben erz&auml;hlt wird, dass sie ihre eigenen mit gefangenen
+Weibern erzeugten Kinder gefressen h&auml;tten, wird auch von ihnen
+berichtet (4, 374). Auch in Yukatan (310) fand sich
+Anthropophagie.</p>
+
+<p>Anders aber finden wir es in der S&uuml;dsee. Zwar in Australien
+sind, ausser im Norden, die K&auml;mpfe an sich wenig blutig: Hale
+115 beschreibt dieselben, wie sie meist aus Privatschl&auml;gereien
+entstehen, wie sich dann beide Parteien, jede bis 200 stark, heftig
+und lange erst schelten, und dann Mann f&uuml;r Mann vortritt und
+den Speer schleudert, bis einer verwundet wird: dann h&ouml;rt der
+Kampf auf. Doch fehlt es ihnen keineswegs an Muth, Kraft und
+Standhaftigkeit, wie sie auch Schmerzen mit grosser Geduld ertragen
+(Turnbull 34-35). Allein da die Kriege, bei der Verfehdung fast
+aller St&auml;mme unter einander, doch sehr zahlreich sind (Wilson
+143 v.d. Rafflesbai), da man manche St&auml;mme von ihnen,
+namentlich die Nordaustralier, deren Krieger und Zauberer durch den
+ganzen Continent aufs Aeusserste gef&uuml;rchtet sind, als Gegner
+auch Europ&auml;ern gegen&uuml;ber keineswegs verachten darf (Grey
+1, 152), da ferner auch diese Kriege zum gr&ouml;ssten Theil in
+Ueberfall und in Ermorden Wehrloser oder Schlafender bestehen und,
+weil jede solche That wieder Rache verlangt, geradezu unendlich
+sind (Meinicke a 2, 198) &mdash; so sind sie f&uuml;r die Zahl und
+das Gedeihen der Einwohner so verh&auml;ngnissvoll, dass wir sie
+als eine der wichtigeren Ursachen f&uuml;r das Aussterben der
+Australier hier bezeichnen m&uuml;ssen. Auch die Eingeborenen von
+Vandiemensland lebten unter einander in best&auml;ndigem Streit,
+der von Stamm gegen Stamm ausgefochten wurde (Nixon 26).</p>
+
+<p>Auch Kannibalismus herrscht in Neuholland, doch keineswegs sehr
+ausgedehnt. So brauchen nach Angas 1, 68 die Eingeborenen von Lake
+Albert die Sch&auml;del ihrer Feinde als Trinkgeschirre, ganz wie
+die Inkas von Peru (Waitz 4, 413) und die Abiponer, und nach dem
+bekannten Zeugniss des Paulus Diaconus, die Langobarden.<a name=
+"FNanchor_K_11"></a><a href="#Footnote_K_11"><sup>[K]</sup></a>
+Ferner sollen Kannibalen im Innern des Landes leben (Angas 2, 231);
+ganz sicher verzehren im Norden Freunde ein St&uuml;ck vom
+verstorbenen Freund und an Moretonbai assen (Angas 1, 73) Eltern
+aus Liebe von dem Fleische ihrer todten Kinder, eine Sitte, welche
+nach Anderen auf geliebte Verwandte &uuml;berhaupt ausgedehnt ist
+(Howitt a, 289. Austral, Felix 134). Sie findet sich auch zu
+Hawaii: dort ass das Volk aus Liebe Fleisch von der Leiche seiner
+verstorbenen F&uuml;rsten (Remy XLVIII. 125.<a name=
+"FNanchor_L_12"></a><a href="#Footnote_L_12"><sup>[L]</sup></a>)
+Auch Aberglaube diente dazu den Kannibalismus zu verbreiten. Wie
+bei den Potowatomi und den Miami in Nordamerika, wie in so manchem
+indisch-arabischen M&auml;hrchen der Genuss des Menschenfleisches
+h&ouml;here &uuml;bermenschliche Kraft gibt &mdash; ein Zug, der
+auch, wie wohl verdunkelt, in deutschen Sagen vorkommt (Bechstein,
+Sagen des Rh&ouml;ngeb. u. d. Grabfeldes 60 ff.)<a name=
+"FNanchor_M_13"></a><a href="#Footnote_M_13"><sup>[M]</sup></a>
+&mdash; ebenso m&uuml;ssen in Australien (nach Eyre) die Zauberer
+Menschenfleisch essen, um ihre Wunderkraft zu behalten. Am Lake
+Alexandrine ist es nicht ungew&ouml;hnlich, einem lebenden Menschen
+das Nierenfett auszuscheiden, das als Zauber gegen b&ouml;se
+Geister von ganz besonderer Kraft sein soll (Angas 1, 123). Auch
+Bennet (1, 295) fand Menschenfett als Zaubermittel oder Medikament
+aufgehoben. Meinicke a 2, 184 hat also wohl die Neuholl&auml;nder
+zu frei von Kannibalismus dargestellt.</p>
+
+<p>Gehen wir nun zu den melanesischen Inseln, so finden wir auf
+Vanikoro unter den einzelnen St&auml;mmen fortw&auml;hrenden Kampf
+(D'Urville 5, 165) und wenn sie auch keine Kannibalen zu sein
+behaupten, so dienen die Sch&auml;del der Feinde doch als
+Troph&auml;en (eb. 217), welche &ouml;ffentlich aufbewahrt werden.
+Auch auf Tanna herrscht best&auml;ndiger Krieg der einzelnen
+St&auml;mme unter einander (Turner 82, Gill 227), da jede
+Privatbeleidigung einen &ouml;ffentlichen Krieg nach sich zieht
+(85), und ausgebildetster Kannibalismus: die erschlagenen Feinde
+werden mit Yams gekocht, Farbige den Weissen vorgezogen, einzelne
+Portionen des Fleisches an Freunde geschickt als Ehrengeschenke
+u.s.w. (82). Auch auf Fate und Aneitum, obwohl beide minder
+kriegerisch sind, findet sich der Kannibalismus (Turner 393. 371.
+Gill 66). Erromango und Mare (Nengone), auf welcher letzteren Insel
+zwei feindliche Staaten neben einander bestanden, waren
+fortw&auml;hrend von leidenschaftlichem Krieg heimgesucht und die
+Anthropophagie hatte hier einen solchen Grad erreicht, dass selbst
+die n&auml;chsten Verwandten, wenn man mit ihnen in Streit gerieth,
+erschlagen und gefressen wurden (Gill 10-11; 122. Turner 400. 411).
+Es ist eine leere Behauptung oder auch Einbildung der katholischen
+Mission, dass sie auf Neukaledonien den Kannibalismus h&auml;tte
+aufh&ouml;ren machen (Montreval in nouv. annal. de la foi 1854,
+94); Turner (um anderer zu geschweigen) fand ihn daselbst sehr
+ausgebildet und so unbefangen, dass er &uuml;berall eingestanden
+und besprochen wurde (426), wie er uns auch von den
+best&auml;ndigen Kriegen der Insel (428) berichtet. Die Bewohner
+von Isabel schildert schon Mendana 1595 (Dalrymple 91) als
+Menschenfresser und eifrige Krieger, wie sich auch die Bewohner von
+Guadalcanar zeigen. Eifrige Krieger und Menschenfresser sind auch
+die Eingeborenen der Lusiade (Salerio bei Petermann 1862, 342-344)
+und von der Nordwestk&uuml;ste von Neuguinea sagt einer der besten
+Kenner dieser Gegenden, Marsden (in Transact. of the Reg. Asiat.
+Soc. 3,125), dass daselbst ein &auml;usserst roher Kannibalismus
+herrsche: man frisst Feinde so gut wie Freunde, nat&uuml;rlich
+Gestorbene so gut wie Erschlagene, und ist dieser Nachricht
+gegen&uuml;ber nicht abzusehen, wie Finsch (49) seine Behauptung,
+noch sei von keinem glaubw&uuml;rdigen Manne bestimmte Nachricht
+&uuml;ber das Vorkommen des Kannibalismus auf Neuguinea gegeben,
+aufrecht halten will. Einzelne der neuguineischen St&auml;mme sind
+K&ouml;pfeschneller, d.h. sie schlagen todt, wen sie finden, um
+K&ouml;pfe zu erbeuten, deren recht viele zu besitzen eine grosse
+Ehre ist; und so entstehen bloss zu diesem Zwecke im Distrikt
+Namototte (Speelmannsbai) die hartn&auml;ckigsten und
+m&ouml;rderischsten Kriege (N. Guin. 109 ff. und daher wohl Finsch
+82).</p>
+
+<p>Aber schlimmer als &uuml;berall ist die Geringsch&auml;tzung des
+Menschenlebens auf den Fidschiinseln, deren Einwohner im Ruf einer
+besonderen Tapferkeit auch auf Tonga stehen, und die von solchen
+Tonganern, welche Kriegsabenteuer erleben und zu Hause selbst als
+Krieger ber&uuml;hmt sein wollten, vielfach besucht wurden
+(Mariner). Krieg ist nun auch, nach Wilkes 3, 63, ihre so
+best&auml;ndige Besch&auml;ftigung, dass irgend welcher Kampf auf
+der Gruppe immer herrscht; und da die Insulaner ebenso
+blutd&uuml;rstig als verr&auml;therisch sind (Hale 50), so sind
+diese Kriege sehr zerst&ouml;rend. Doch f&uuml;hren sie den Krieg,
+der indessen stets offen angesagt wird, nur durch Verrath und
+heimlichen Ueberfall; weshalb sie Williams und Calvert (1, 43) und
+ebenso Erskine (249) geradezu feig nennen. Wegen des
+best&auml;ndigen Verrathes herrscht ein grenzenloses Misstrauen auf
+der Gruppe, Niemand geht, aus Furcht &uuml;berfallen zu werden,
+ohne Waffen (Will. u. Calv. a.a.O.), Niemand traut einem andern,
+selbst nicht den n&auml;chsten Verwandten (Hale 51). Und das nicht
+ohne Grund: denn da zu ihren nur einigermassen solennen
+Bewirthungen Menschenfleisch nothwendig geh&ouml;rt, so werden oft
+die harmlosesten Wanderer (je harmloser, desto eher), Weiber bei
+der Feldarbeit u.s.w. &uuml;berfallen und get&ouml;dtet, wozu
+Erskine 182 emp&ouml;rende Beispiele erz&auml;hlt. Wenn auch die
+Schlachten, sobald nur einige gefallen sind, aufh&ouml;ren (Jackson
+bei Erskine 425), so sind die Kriege doch ausserordentlich blutig
+durch die sinnlose Wuth, mit der Alles, was ihnen in die H&auml;nde
+kommt, gemordet wird. Bei Ueberf&auml;llen, die sehr h&auml;ufig
+sind, machen sie es nicht anders, so dass oft ganze Distrikte
+(Erskine und Jackson a.a.O. Seemann Zeitschr. 9, 476) vernichtet
+werden. Wer einen Menschen erschlagen hat, bekommt einen Ehrennamen
+und wird durch besondere Ceremonien geweiht (Will. u. Calvert 55),
+gerade wie in einigen Gegenden Neuguineas nur der Kakadufedern
+tragen darf, der einen Feind get&ouml;dtet hat, und bei den alten
+Deutschen nur ein solcher aus dem kostbarsten und heldenhaftesten
+Trinkgef&auml;ss, dem Sch&auml;del des erschlagenen Feindes,
+trinken durfte.</p>
+
+<p>Der Kannibalismus ferner steht hier in solcher Bl&uuml;the, wie
+wohl nirgends sonst auf der Welt. Erskine, der um 1840 die Gruppe
+besuchte, gibt (257-60) Beispiele. Den Menschen nennen die
+Eingeborenen nur das &raquo;lange&laquo; Schwein, zum Unterschied
+vom &raquo;wahren&laquo; Schwein (ebend.); bei jedem Fest muss
+Menschenfleisch gegessen werden, zu welchem Behufe die das Fest
+gebenden St&auml;mme gar nicht selten ihre eigenen Kinder
+schlachten; alle Feinde, alle Schiffbr&uuml;chigen werden gefressen
+(Erskine. 262. 229). Oder man erschl&auml;gt, um das n&ouml;thige
+Fleisch zu bekommen, den ersten besten aus dem Volke, den man
+unbewaffnet trifft (so wurden einmal 16 Weiber gefangen und
+gegessen, wie Erskine 182 erz&auml;hlt). Dass man allen Freunden
+von dieser gesch&auml;tztesten Speise schickt, ist so feste Sitte,
+dass gar nicht selten, weil es bei irgend einer Gelegenheit
+unterlassen, Krieg entsteht. Dem Gebratenen gibt man oft eine Keule
+in die Hand, malt ihm das Gesicht roth und setzt ihm eine
+Perr&uuml;cke auf (Erskine 262); ja in einigen Gegenden der Gruppe
+f&uuml;hren die Weiber um diese Todten und ihnen zum Hohne die
+allerschandbarsten T&auml;nze auf (Jacks, bei Erskine 440). Auch
+hat man verschiedene Arten, Menschenfleisch zu kochen, welche nach
+den Landestheilen verschieden sind (261. 439). Als der Sohn eines
+H&auml;uptlings starb; jammerte ihm sein Vater nach: er war so
+k&uuml;hn! er t&ouml;dtete, wenn sie ihn erz&uuml;rnten, seine
+eigenen Weiber und ass sie (Ersk. 244). Auch Mariner (1, 329) nennt
+den Kannibalismus auf den Fidschiinseln sehr verbreitet und sagt,
+dass er von dort erst zu den Tonganern, die ihn nur in
+prahlerischer Nachahmung der Fidschis aus&uuml;ben, gekommen sei;
+an einem Fest h&auml;tten die Fidschim&auml;nner 200 Feinde
+gegessen (1, 345; 2, 71). Wer eines nat&uuml;rlichen Todes stirbt,
+wird nicht gegessen (Williams und Calvert 1, 266), doch hat man
+auch Gr&auml;ber erbrochen, um die Leichen zu verzehren! (eb. 212),
+ja man schneidet, um auch das Scheusslichste nicht zu verschweigen,
+auch von Lebenden, aber nur von gefangenen Feinden, Fleisch ab und
+verzehrt es vor ihren Augen (Will. u. Calv. 1, 212). Der Grund des
+Kannibalismus, urspr&uuml;nglich Hass und Rachedurst oder
+Prahlerei, indem man sich dadurch furchtbar machen wollte, oder die
+Absicht, sich die Eigenschaften des Gefressenen anzueignen, ist
+jetzt fast &uuml;berall auf der Gruppe nur Wohlgeschmack am
+Menschenfleisch, das sie jetzt jedem anderen Fleische vorziehen.
+Roh verzehren sie es nie: die Gabel, mit der es gegessen wird, ist
+f&uuml;r alle anderen Speisen verboten (Tabu) (eb. 212). Mit
+Trommelschlag in ganz bestimmtem Rythmus</p>
+
+<center><img src="images/rythmus.png" width="639" height="55" alt=
+"Rhytmus" title=""></center>
+
+<p>der sonst nie angewendet wird, laden sie zu den Kannibalenfesten
+ein (Erskine 291), von denen Weiber fast immer, Sklaven und gewisse
+Priester immer ausgeschlossen sind (Erskine 260; Williams und
+Calvert 1, 211). Und trotz alledem hatte der Kannibalismus eine
+religi&ouml;se Weihe bei ihnen: die get&ouml;dteten Feinde werden
+zuerst den G&ouml;ttern dargeboten (Erskine 261), die selbst
+Kannibalen sind (247) und jedes Kannibalenfest hat bestimmte, sonst
+nicht getanzte heilige T&auml;nze (209. 440).</p>
+
+<p>Wir haben uns bei diesem ekelhaften Detail so lange verweilt,
+einmal, weil es anthropologisch von hohem Interesse ist &mdash;
+dann aber und haupts&auml;chlich, um zu beweisen, dass der
+Kannibalismus, der so ausgepr&auml;gt, so eingewurzelt bei den
+Fidschis ist, nicht erst, wie jetzt die H&auml;uptlinge gern
+erz&auml;hlen, in der letzten Zeit aufgekommen sei, Hand in Hand
+mit dem blutiger werdenden Kriege (Erskine, 272). Er besteht gewiss
+viele Jahrhunderte lang, gewiss viel l&auml;nger, als die Fidschis
+ihre jetzige Wohnung inne haben: allein er hat sich immer weiter
+ausgedehnt und mag seine rohesten Formen, z.B. das Menschenfressen
+aus Leckerei erst im letzten Jahrhundert seines Bestehens, so lange
+aber auch mindestens, angenommen haben. Trotzdem aber, und auf dies
+Faktum werden wir zur&uuml;ckkommen, trotzdem ist ein Aussterben
+der Bev&ouml;lkerung nicht zu merken (Erskine 274). Die Zahl
+derselben betr&auml;gt nach den Mission&auml;ren (ebendas.)
+200-300,000 und mag dies auch etwas zu hoch gegriffen sein, sie ist
+jedenfalls betr&auml;chtlich genug, so dass auch Behm 200,000 als
+Totalsumme annimmt. Und ferner, was von besonderer Wichtigkeit
+f&uuml;r die geschichtliche Betrachtung der Naturv&ouml;lker ist,
+sie selbst haben das Bedenkliche des Kannibalismus eingesehen;
+daher jene halb entschuldigende Rede der eingeborenen F&uuml;rsten;
+daher die verh&auml;ltnissm&auml;ssige Leichtigkeit des Kampfes,
+welchen die Mission&auml;re gegen die Anthropophagie f&uuml;hren,
+welchen man doch gerade, wegen des Alters der Sitte, f&uuml;r
+unendlich schwierig halten sollte (Erskine 280). Ja sie werden
+sogar von einer heidnischen Partei darin unterst&uuml;tzt, welche
+sehr gegen den Kannibalismus, sowie gegen das unsinnige Morden der
+Weiber und Sklaven ist, welches wir gleich betrachten werden, und
+f&uuml;r Abschaffung aller dieser Sitten eifrig k&auml;mpft. Die
+F&uuml;rsten sind es, welche aus feudalen Gel&uuml;sten dies Alles
+aufrecht erhalten wissen wollen (Seemann Zeitschr. 10, 289). Man
+sieht, das Christenthum ist hier gerade im rechten Zeitpunkt
+gekommen: man sieht aber auch ferner, solche Um&auml;nderungen, wie
+wir sie vorhin f&uuml;r Tonga voraussetzten, haben sich wirklich
+bei diesen V&ouml;lkern vollziehen k&ouml;nnen: wir sehen sie hier
+bei einem viel roheren Volk vor unseren Augen geschehen.</p>
+
+<p>Auch in Polynesien herrschten die blutigsten Kriege, wobei aber
+zu bemerken, dass, obwohl man den Eingeborenen pers&ouml;nliche
+Tapferkeit durchaus nicht absprechen kann, welche sie, auch die
+sonst so weichlichen Tahitier, selbst den Europ&auml;ern
+gegen&uuml;ber, wohl gezeigt haben, dass trotzdem auch hier der
+Krieg haupts&auml;chlich durch Ueberfall gef&uuml;hrt wird. Aber
+auch die Polynesier morden den besiegten Stamm kaltbl&uuml;tig mit
+Weib und Kind und so sind ihre Kriege ausserordentlich blutig und
+verheerend. Solche K&auml;mpfe herrschten nun zu Neuseeland und
+trugen wie zur Zersplitterung der Maoristaaten zum Hinschwinden der
+Bev&ouml;lkerung nicht wenig bei (Dieffenbach 2, 132), die theils
+im Krieg selbst get&ouml;dtet, theils zu Sklaven gemacht, theils
+durch die Noth nach dem Kriege vernichtet wurde (2, 16). In Tonga
+wurden Kriegsgefangene (Mariner 1, 115) stets ermordet, und ebenso
+alle Einwohner eroberter St&auml;dte (1, 101). Von den grausamen
+Kriegen unter Finau (der z.B. einmal 18 nur verd&auml;chtige
+Vornehme ertr&auml;nken liess, Mariner 1, 271), welche bei Ankunft
+der Europ&auml;er schon in voller Bl&uuml;the und nur Wiederholung
+oder Fortsetzung fr&uuml;herer &auml;hnlicher war, hat uns Mariner
+ein getreues, aber schreckensvolles Bild geliefert, wie er auch
+erz&auml;hlt, dass die tonganischen Sitten immer mehr durch die
+Bekanntschaft mit den Fidschis verwilderten. Auf Samoa herrschte
+ein noch grausamerer Kriegsgebrauch als zu Tonga (Mariner 1, 163)
+und h&auml;ufig genug waren diese blutigen Kriege daselbst, welche
+Turner 304 und vorher schildert. Und betrachten wir den
+Markesasarchipel, so ist ganz Nukuhiva in einzelne vom hohen Gipfel
+der Insel herablaufende Th&auml;ler getheilt, deren jedes von einem
+besonderen Stamm bewohnt wird. Alle diese St&auml;mme sind in
+erbitterter Feindschaft und in ewigem Krieg (Melville, Krusenstern,
+Mathias G***). Viel &auml;rger aber als &uuml;berall haben die
+Kriege auf Tahiti gew&uuml;thet, von denen die Insel so
+fortw&auml;hrend heimgesucht war, dass Lutteroth (22) ganz mit
+Recht den Frieden einen der Insel unbekannten Zustand nennt. Und
+wie wurden diese ewigen Kriege gef&uuml;hrt! Alle Fliehenden, die
+man einholte, alle Weiber und Kinder der Besiegten, welche dem
+Sieger in die H&auml;nde fielen, wurden niedergemetzelt
+(M&ouml;renhout 2, 38-39, Lutteroth 21, Ellis 1, 310 ff.). Nun
+waren in fr&uuml;herer Zeit fast alle Schlachten Seeschlachten und
+gerade deshalb besonders blutig, denn die Besiegten, welche sich
+durch Schwimmen ans Land zu retten suchen mussten, wurden
+begreiflicher Weise leicht von den K&auml;hnen der Sieger
+eingeholt. Weniger verderblich waren die Landschlachten, weil in
+ihnen, nach malaiisch-polynesischer Sitte, der Sieg, nach dem nur
+einige wenige gefallen waren, f&uuml;r entschieden angesehen wurde
+(M&ouml;renhout 2, 40, Ellis l, 312). Waren dann bei der Verfolgung
+die Menschen vernichtet, so gings nun an die Zerst&ouml;rung des
+Landes: die Tarofelder und sonstigen Pflanzungen wurden
+verw&uuml;stet, den Kokosb&auml;umen das Herz ausgeschlagen, wonach
+sie absterben, die Brotb&auml;ume umgehauen, die H&auml;user
+verbrannt (Ellis 1, 293, Lutteroth 21-22) &mdash; kurz die
+Besiegten wurden wom&ouml;glich ausgerottet, ihr Land auf Jahre zu
+einer unfruchtbaren Oede gemacht. Solche Kriege w&uuml;theten auf
+der ganzen Gesellschaftsgruppe; der Mission&auml;r Nott erlebte auf
+Tahiti in einem Zeitraum von 15 Jahren 10 solcher Kriege (Lutteroth
+17). Auch die Kriege auf der Hawaiigruppe waren verw&uuml;stend
+genug. Hier wie zu Tahiti gab es blutige Seeschlachten (Ellis 4,
+155) und in den Landkriegen, in denen nach Jarves (59) Hinterhalte,
+heimliche Ueberf&auml;lle u. dergl. selten vorkamen, vielmehr meist
+in offenen Feldschlachten (die auch zu Tahiti keineswegs selten
+waren, Ellis 1, 284) gek&auml;mpft wurde, war es namentlich wieder
+die Verfolgung, nicht die Schlachten selbst (Jarves 60), welche der
+Bev&ouml;lkerung und ganzen Distrikten Tod und Zerst&ouml;rung
+brachte. Die Gef&auml;hrlichkeit dieser Kriege geht aus der
+Geschichte Hawaiis unter Tamehameha und aus den Bewegungen, welche
+dieser grosse F&uuml;rst auf der Gruppe hervorbrachte, zur
+Gen&uuml;ge hervor. Auch die Paumotuinsulaner sind wilde, weit und
+breit gef&uuml;rchtete Krieger, die unter sich die heftigsten
+Kriege f&uuml;hren. Die Bewohner von Anaa (Chainisland)
+verw&uuml;steten alle umliegenden Inseln, hieben die
+Fruchtb&auml;ume nieder und was von den Bewohnern nicht
+get&ouml;dtet wurde, ward als Sklave mit fortgeschleppt
+(M&ouml;renhout 1, 199 vergl. 169). Nicht weniger als 38 Inseln
+haben sie auf diese Art ver&ouml;det (Hale 35).</p>
+
+<p>Auch in Mikronesien wurden und werden heftige Kriege
+gef&uuml;hrt, so auf den Palaus (Keate), auf einzelnen Karolinen
+und zwar auf den hohen Inseln Eap, Truck (Hogoleu), Ponapi, nicht
+aber auf Kusaie (Ualan Chamisso 135, Kittlitz 1, 356): so und
+besonders leidenschaftlich auf der Eatakkette (Kotzebue, Chamisso)
+und auf den Gilbertinseln (Gulick 410). W&auml;hrend man in diesem
+Gebiet nur an einigen Orten die B&auml;ume schonte (Hale 84) hieb
+man, sie nach der gemeinsamen Sitte der Ozeanier, auf Ratak und
+sonst nieder (Kotzebue 287), und man kann sich denken, wie
+furchtbar solche Barbareien auf den kleinen schon ohnehin nur
+&uuml;beraus k&auml;rgliche Nahrung bietenden Inseln wirken
+mussten: viele, die der Krieg verschont hatte, namentlich Weiber
+und Kinder, erlagen dem Hunger, dem Elend, das ihm folgte. Daher
+ist die Behauptung, dass die einheimischen Kriege der ozeanischen
+Bev&ouml;lkerung ganz unberechenbaren Schaden zugef&uuml;gt und
+wesentlich zu ihrer stetigen Verminderung beigetragen haben, nur
+allzusehr gerechtfertigt.</p>
+
+<p>Die Sitte des Sch&auml;delerbeutens, welche wir auf Neuguinea
+sahen und die das ganze Malaisien beherrscht, finden wir insofern
+&uuml;berall in Polynesien, als man gierig die Sch&auml;del und in
+Tahiti auch die Unterkiefer der Feinde erstrebt, um sie als
+Troph&auml;e aufzuheben (Nukuhiva Melville 2, 129, Tahiti
+Bougainville 181, Ellis 1, 309, Perl- oder Palliserinseln ebend. 1,
+358, Aitutaiki 1, 309, Rarotonga 1, 359, Neuseeland Dieffenbach 2,
+134, Samoa Turner 301. 304). Hiermit h&auml;ngt die weite
+Verbreitung der Menschenfresserei enge zusammen, wie sie nach Hale
+38 in Neuseeland, wo nach Thomson 1, 148 das letzte Beispiel dieser
+Sitte noch 1843 vorkam, Hervey, Mangareva (Gambier), Paumotu und
+dem Marquesasarchipel ganz allgemein und ohne Scham betrieben
+wurde. Auch zu Kriegen wird sie oft Anlass, indem man, um ihn zu
+fressen, einen oder mehrere Menschen eines fremden Stammes
+erschlug, welche That nat&uuml;rlich Rache erheischte. Auf Samoa,
+Tonga, Tahiti und Hawaii kommt der Kannibalismus jetzt nur noch
+einzeln vor, auf Samoa bei ganz besonders erbittertem Hass (Turner
+194), auf Tonga aus Prahlerei und in Nachahmung der Fidschisitten,
+(Mariner 1, 116-17), so wie bei Hungersnoth, wo man irgend
+Jemanden, meist einen Verwandten erschl&auml;gt und isst (eb. 2,
+19; 1, 117); in Tahiti gleichfalls, aus Prahlerei, um sich
+furchtbar zu machen (Ellis 1, 310). Aber fr&uuml;her war er auf
+diesen Inseln allgemeine Sitte (Hale 37), wie eine Menge seltsamer
+und anders ganz unerkl&auml;rbarer Gebr&auml;uche beweisen: so auf
+Tahiti der oft beschriebene Gebrauch bei Menschenopfern, dem
+K&ouml;nig das linke Auge (den Sitz der Seele) des Opfers
+darzubieten, der dann den Mund &ouml;ffnete, als ob er es
+verschl&auml;nge und durch diese Ceremonie Verstand und Klugheit
+bekommen sollte. Urspr&uuml;nglich hat er es gewiss gegessen, und
+erst sp&auml;ter, als die Sitten sich milderten, begn&uuml;gte man
+sich, wie in analogen F&auml;llen bei allen V&ouml;lkern der Welt,
+mit einer symbolischen Handlung. Im Samoaarchipel beugt sich, wer
+dem Sieger als besiegt sich unterwirft, vor demselben nieder, indem
+er ihm Feuerholz und die Bl&auml;tter darreicht, in welche man in
+Polynesien die Speisen, die gekocht werden sollen, einschl&auml;gt
+(Turner 194). Und so liesse sich vieles anf&uuml;hren. Es scheint
+aber, als ob, wie die Tahitier, Hawaier u.s.w. die
+Menschenfresserei abgeschafft hatten, ehe die Europ&auml;er kamen,
+noch an manchen anderen Orten Polynesiens dieselbe Sitte in Abnahme
+oder doch in Misskredit gekommen sei, ohne dass der Einfluss der
+Europ&auml;er dies bewirkt h&auml;tte: so l&auml;ugneten auf
+Nukuhiva die wilden Taipis den Kannibalismus ganz und gar, und
+suchten ihn den Weissen zu verbergen, wie Melville mittheilt. Und
+die neuseel&auml;ndischen F&uuml;rsten erz&auml;hlten, er sei
+keineswegs von Alters her bei ihnen Sitte, sondern erst sp&auml;ter
+eingef&uuml;hrt (Thomson 1, 142), eine Behauptung, welche
+entschieden falsch und nur von ihnen erfunden kaum eine Widerlegung
+verdient.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_10_Menschenopfer"></a>
+<h2>&sect; 10. Menschenopfer.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>In Nordamerika sind Menschenopfer nicht sehr zahlreich gewesen.
+In Florida wurden Weiber und Diener ehedem beim Tode des Herrn
+gleichfalls get&ouml;dtet, um ihm im Jenseits zu dienen (Waitz 3,
+199-200), wie man ebendaselbst den Erstgeborenen der Sonne opferte.
+Kinderopfer werden auch sonst &ouml;fters erw&auml;hnt: in
+Virginien, in Neuengland, bei den Sioux und sonst (Waitz 3, 207).
+Auch bei manchen Caribenst&auml;mmen wurden mit den gestorbenen
+H&auml;uptlingen einige seiner Weiber lebendig begraben (ebend. 3,
+387) und vornehmen Leuten folgte ein Sklave nach (3, 334). Allein
+bei allen diesen V&ouml;lkern sind die Menschenopfer von so wenig
+Ausdehnung gewesen, dass wir bei ihnen, da sie f&uuml;r unsere
+Betrachtung gar keine Bedeutung haben, nicht zu verweilen brauchen.
+Um so zahlloser aber waren die Menschenopfer, welche die Religion
+der amerikanischen Kulturv&ouml;lker forderte und deren Ursprung in
+uralte vorhistorische Zeit zur&uuml;ckgeht (Waitz 4, 157). Wo wir
+Menschenopfer finden, werden wir dieselben immer mit gr&ouml;sster
+Wahrscheinlichkeit auf die aller&auml;lteste Zeit
+zur&uuml;ckf&uuml;hren, denn sie wurzeln stets in sehr ernst
+gemeinter Religiosit&auml;t, nie in Grausamkeit. Sp&auml;tere
+Einf&uuml;hrung derselben findet sieh nur in ganz vereinzelten
+F&auml;llen und wird sich aus Nachahmung der Sitten anderer
+V&ouml;lker, besonders heftiger Kriegserbitterung oder irgend etwas
+&auml;hnlichem fast immer erkl&auml;ren lassen. Wohl aber sind die
+Menschenopfer im Laufe der Zeiten bei manchen V&ouml;lkern
+abgekommen: so bei den Indogermanen, den Semiten u.s.w. Die Zahl
+dieser Opfer war nun in Mexiko geradezu ungeheuer, wie folgende
+Zeugnisse, die alle aus Waitz 4, 157 ff. entlehnt sind, beweisen.
+Der Bischof Zumarraga (zur Zeit der Entdeckung) sch&auml;tzt sie
+bei Torquemada auf 20,000 j&auml;hrlich, wenigstens f&uuml;r die
+letzte Zeit des Reichs; in der Hauptstadt und ihrer n&auml;chsten
+Umgebung soll ihre Zahl j&auml;hrlich mehr als 2500 gewesen sein.
+Oviedo behauptet, dass Montezuma jedes Jahr &uuml;ber 5000 geopfert
+h&auml;tte; bei einem Fest in der Stadt Tlaskala fielen 800 Opfer
+j&auml;hrlich; der zweite Monat des Jahres war, weil er so viele
+Menschenopfer forderte, nach der Schlaflosigkeit der Menschen
+benannt. Trat D&uuml;rre, Misswachs u. dergl. ein, so wurden die
+Opfer vermehrt. Die Einweihung des Haupttempels zu Tenochtitlan
+(den 19. Februar 1487 nach Gama) &raquo;soll nach Torquemada (1610)
+62,344, nach Fra Toribio Motolinia und Ixtlilxochitl (von
+m&uuml;tterlicher Seite aus vornehmen mexikanischen
+F&uuml;rstengeschlecht, von v&auml;terlicher Seite Spanier, der mit
+grossem Eifer die Geschichte des Landes seiner m&uuml;tterlichen
+Vorfahren durchforschte und seine grossentheils zuverl&auml;ssigen
+Werke um 1600 schrieb Waitz 4, 7 u. 8) sogar 80,400 Menschen das
+Leben gekostet haben.&laquo; Die Sch&auml;del der Opfer wurden zu
+einer grossen Pyramide im Tempelhof aufgeschichtet, die man im
+mexikanischen Haupttempel auf 136,000 berechnet hat (Waitz 4, 149).
+Und ausserdem kommt noch eine grosse Zahl geopferter Menschen
+dadurch hinzu, dass jedes auch kleinere Fest solche Opfer, nur
+wenigere forderte: durch die stete Wiederholung aber, denn es gab
+viel Feste im Jahr, sammeln sich auch diese zu einer grossen Summe.
+Wenn wir nun auch mit Waitz die kleinsten der genannten Zahlen
+f&uuml;r die wahrscheinlichsten halten; so ist die Zahl, die
+f&uuml;r jedes Jahr herauskommt, noch immer enorm. Waren die eben
+besprochenen nur solche Opfer, die man den G&ouml;ttern brachte, so
+forderte der Tod vornehmer Menschen andere. Starb der Herrscher
+oder irgend ein Vornehmerer sonst, so folgten diesem Weiber und
+Sklaven in den Tod; aber da nun am 4ten, 20sten, 40sten und 80sten
+Tage nach dem Begr&auml;bniss auf dem Grabe derartige
+Abschlachtungen stattfinden mussten, so darf man sich auch die Zahl
+der auf diese Weise umgebrachten Menschen nicht zu gering denken:
+stieg sie doch manchmal bis auf 200 (4, 167).</p>
+
+<p>Die Quiches in Guatemala (4, 264) so wie die Chorotegen in
+Nikaragua (279), toltekische V&ouml;lker, brachten Menschenopfer
+dar wohl ebenso reichlich als die Mexikaner, wie denn ihre Religion
+in fast allen St&uuml;cken der mexikanischen gleich war. In
+Yukatan, wo solche Opfer zwar auch vorkommen, waren sie doch minder
+zahlreich als in jenen Gegenden und in Mexiko (4, 309).</p>
+
+<p>In Darien vergifteten sich des Herrschers Lieblingsweiber und
+Diener bei seinem Tod, oder sie wurden lebendig mit ihm begraben
+(4, 351), wie Weiber und Diener auch bei den Chibchas in Neugranada
+get&ouml;tet (4, 466) und Menschenopfer bei allen diesen
+V&ouml;lkern gar nicht selten den G&ouml;ttern dargebracht wurden.
+Ebenso war es auf den Antillen (4, 327).</p>
+
+<p>In Peru waren Menschenopfer, wozu man gefangene Feinde nahm,
+selten und nur bei ausserordentlichen Veranlassungen
+gebr&auml;uchlich. Weiber und Diener aber folgten auch hier dem
+Inka, deren einem 1000 seiner Angeh&ouml;rigen sich geopfert haben
+sollen, und ebenso den Vornehmen freiwillig in den Tod nach, um ihm
+im Jenseits weiter zu dienen. Namentlich aber Kinder wurden hier
+vielfach get&ouml;tet; wenn ein Vornehmer krank war, wurde eins von
+seinen eigenen Kindern den G&ouml;ttern zum Ersatzopfer, wie man
+annimmt, geschlachtet, welches dann freudig in den Tod zu gehen
+pflegte. Vor dem Auszuge zum Krieg, bei Krankheit des Herrschers
+und bei dessen Inauguration wurden Kinder, meist Knaben von 4-10
+Jahren, seltener M&auml;dchen, nach einzelnen freilich nicht ganz
+glaubw&uuml;rdigen Angaben bis zu 200, ja bis zu 1000, geopfert,
+was auch beim Erntefest, bei verheerenden Epidemien, ja in einigen
+Gegenden mit jedem erstgeborenen Kinde und mit dem einen von
+Zwillingen geschah. Auch wurde den Todten von dem Blute des
+geopferten Kindes ein Strich von einem Ohr zum anderen gezogen
+(Waitz 4, 460-61). Auch hier m&uuml;ssen wir auf das
+zur&uuml;ckkommen, was wir oben gesagt haben: die Kinderopfer
+dienen nur dazu, einen bei den G&ouml;ttern, denen Kinder am
+liebsten waren, besonders g&uuml;ltigen Vermittler zu haben;
+deshalb, und nicht zum Ersatz, wurden die eigenen Kinder als Opfer
+bei Krankheiten preisgegeben und unsere Auffassung wird
+unterst&uuml;tzt dadurch, dass die Kinder gew&ouml;hnlich freudig
+in den Tod gingen: sie wussten, dass sie einem guten Loos
+entgegengingen; daher auch der Strich mit Kinderblut &uuml;ber die
+Todten, welche auf diese Weise gleich das Zeichen des Vermittlers
+an sich trugen.</p>
+
+<p>Die Kinderopfer in Mexiko hatten meist dieselbe Veranlassung und
+denselben Zweck: so wurden zwei Kinder vornehmer Abkunft, wenn die
+Saat aufging, ertr&auml;nkt, vier, wenn sie gr&ouml;sser war, dem
+Hungertode preisgegeben (4, 159). In Nikaragua wurde ein Knabe,
+wenn Regen n&ouml;thig war, den G&ouml;ttern dargebracht (4, 379).
+Aehnliche Opfer brachten die Chibchas in Neugranada vor der
+Schlacht (364).</p>
+
+<p>Nirgends aber sind auch die Menschenopfer massenhafter, als auf
+Fidschi, wie wir daselbst auch den Kannibalismus schrecklicher
+ausgebildet fanden, als sonst irgendwo. Zur Feier der Mannbarkeit
+eines H&auml;uptlingssohnes, so erz&auml;hlt Seemann (Zeitschr. 9,
+476), sollte eine rebellische Stadt ganz vernichtet, die Einwohner
+erschlagen, auf einen Haufen zusammengetragen, auf diese Sklaven
+gelegt und auf diese wieder der Einzuweihende gesetzt werden. Alle
+Schiffbr&uuml;chigen, das verlangt ihr Glaube, m&uuml;ssen
+get&ouml;dtet werden; wer es unterliesse, w&uuml;rde sonst selbst
+im Schiffbruch umkommen (Erskine 249-50). Alte Eltern werden von
+ihren Kindern, kranke Kinder von ihren Eltern lebendig begraben
+(ebend.) und zwar ist es der eigene Wille der Opfer, dass ihnen so
+geschieht (477), denn man glaubt, man k&auml;me nach und durch
+solchen Tod sofort in ein anderes und viel besseres Leben; daher
+sich diese scheussliche Sitte mit wirklicher
+Familienanh&auml;nglichkeit vertr&auml;gt. Aber es ist ebendaher
+auch begreiflich, dass nur wenige Menschen eines nat&uuml;rlichen
+Todes sterben (Will. u. Calvert 1, 188). Menschenopfer am Grabe,
+namentlich von H&auml;uptlingen, sind ebenso gew&ouml;hnlich als
+umfangreich; die Weiber werden entweder alle oder doch die
+Lieblingsweiber und eine Menge Sklaven ermordet. Die Mutter, deren
+geliebter Sohn stirbt, folgt ihm bisweilen ins Grab, der Freund dem
+Freund (Will. u. Calvert 1, 134). Auch hierzu dr&auml;ngen sich,
+wegen der Belohnungen im Jenseits, die Opfer; die Weiber erdrosseln
+sich selbst, wenn ihnen Niemand diesen Dienst thut (Erskine 293.
+Mariner 1, 347). Und wie fest man an den Menschenopfern hielt, geht
+aus folgender Notiz bei Erskine 440 hervor: ein Fidschiinsulaner
+hatte, von irgend welchem Mitleiden ergriffen, einen Gefangenen
+nicht dem Gotte geopfert; da erschien ihm letzterer im Traum und
+qu&auml;lte ihn &uuml;ber diese Unterlassung dermassen mit
+Gewissensbissen, dass der Mensch fast in Raserei fiel. Doch
+dieselbe Partei, welche, wie wir schon erw&auml;hnt haben (S. 70),
+sich gegen den Kannibalismus wendete und ihn abzuschaffen sucht,
+ist auch diesen Menschenopfern feindlich (Erskine 280) und so
+werden auch sie, da der Einfluss der Europ&auml;er hinzukommt,
+hoffentlich nicht mehr allzulange dauern. &mdash; Aehnliche
+Gebr&auml;uche fanden sich auch sonst in Melanesien, wenn auch
+nirgends so &uuml;bertrieben wie hier: namentlich ist es das
+Lebendigbegrabenwerden der Eltern, der Kranken, die Ermordung der
+Mutter oder einer Verwandtin, wenn ein kleines Kind stirbt, was uns
+berichtet wird.</p>
+
+<p>Was nun Polynesien betrifft, so ist es gewiss Uebertreibung,
+wenn Michelis (91. ohne Quellenangabe) erz&auml;hlt, der K&ouml;nig
+von Futuna (n&ouml;rdlich von Samoa), dessen Insel 2000 Einwohner
+hat, habe w&auml;hrend seiner Regierung an 1000 Menschen den
+G&ouml;ttern geopfert. Denn wir finden sonst in Polynesien die
+Menschenopfer nicht allzuzahlreich. Freilich ist es ein Irrthum,
+wenn Ellis 1, 106 behauptet, sie seien in Tahiti erst sp&auml;ter
+eingef&uuml;hrt, da sie mit der ganzen polynesischen Religion viel
+zu eng verwachsen sind; wohl aber sind sie in sp&auml;terer Zeit,
+noch vor der Entdeckung, von den Eingeborenen selbst sehr
+beschr&auml;nkt. Bei Beginn eines Krieges erhielt der Kriegsgott
+ein Menschenopfer (Ellis 1, 276), dem so wie anderen G&ouml;ttern
+&ouml;fters Menschen dargebracht wurden (1, 357). In Kriegszeiten,
+bei grossen Nationalfesten, bei Krankheiten und dem Tod der
+F&uuml;rsten (Bratring 182-83. 196) opferte man Menschen, sowie man
+die K&ouml;pfe der Besiegten (was auch melanesischer Brauch war) in
+den Tempelpl&auml;tzen als Weihgeschenk aufstellte (M&ouml;renhout
+2, 47). H&auml;ufiger waren diese Opfer in Hawaii, wo (Jarves 47)
+h&auml;ufig an 80 Menschen auf einmal geschlachtet sein sollen. Man
+nahm, hier und in Tahiti, dazu Gefangene oder Verbrecher oder
+Leute, die irgend ein Tabu gebrochen hatten, oder, wenn deren keine
+vorhanden waren, Leute aus dem Volk (Jarves 18. Ellis a.a.O.).
+Aehnlicher Gebrauch herrschte auch auf den Herveyinseln (Williams
+215). Wenn nun auch in Hawaii, nach den Angaben der F&uuml;rsten,
+diese Opfer erst sp&auml;ter eingef&uuml;hrt sein sollten (Jarves
+47); so ist dies nur ein Zeichen, dass man auch hier schon dies
+Schreckliche der Sitte eingesehen hatte und sie im Abnehmen war.
+Menschenopfer fanden selbstverst&auml;ndlich auch hier an den
+Gr&auml;bern der Vornehmen statt, zun&auml;chst beim Ausstellen der
+Leiche und dann noch zahlreicher beim Begr&auml;bniss selbst (Remy
+115). Ebenso war es fr&uuml;her in Neuseeland Sitte &mdash; jetzt
+ist sie abgekommen &mdash; dass sich die Weiber am Grabe ihrer
+M&auml;nner erdrosselten, die Sklaven get&ouml;dtet wurden (Taylor
+97). In Tonga wurden bei den Gr&auml;bern der Vornehmen ab und zu
+Weiber geopfert (authent. narrat. v. Tonga 78; Mariner 1, 295), was
+auf fr&uuml;here Allgemeinheit dieser Sitte, gegen welche die
+tonganischen F&uuml;rsten selbst eiferten, schliessen
+l&auml;sst.</p>
+
+<p>Von besonderem Interesse ist der Kindermord, wie er sich auf
+Tonga zeigt. So wurden (Mariner 1, 229) Kinder den G&ouml;ttern
+geopfert, um den Frevel eines F&uuml;rsten gegen ein Heiligthum
+wieder gut zu machen: ein Opfer, welches gar keinen Sinn
+h&auml;tte, wenn man nicht eben in den Kindern den G&ouml;ttern
+besonders angenehme Vermittler gesehen h&auml;tte. Um des
+K&ouml;nigs Leben zu erhalten, wurde eines von seinen mit einem
+Nebenweib erzeugten Kindern get&ouml;dtet (1, 379): wenn aber der
+Tui-tonga, der h&ouml;chste religi&ouml;se und fr&uuml;her wohl
+auch weltliche Herr von Tonga krank ist, da gen&uuml;gt ein Kind
+nicht und man t&ouml;dtet drei bis vier (1, 454).</p>
+
+<p>Ehe wir diesen Gegenstand verlassen, ist noch von einer Art
+Opfer zu sprechen, die, wie es scheint, &uuml;ber die ganze Welt
+verbreitet ist: &uuml;ber die Menschenopfer zur Einweihung, zur
+Sicherung von Geb&auml;uden u. dergl.<a name="FNanchor_N_14"></a><a
+href="#Footnote_N_14"><sup>[N]</sup></a> Auch diese Sitte ist am
+&uuml;bertriebensten auf den Fidschiinseln. Dort m&uuml;ssen
+neugebaute K&auml;hne, damit sie vor Sturm und Unheil sicher sind,
+&uuml;ber lebende Sklaven in die See gerollt werden; jeden Pfosten
+eines neu gebaut werdenden Hauses muss, damit der Pfosten sicher
+steht, ein lebender Sklave umfassen &mdash; und zu diesem lebendig
+Zerquetscht-, zu diesem lebendig Begrabenwerden dr&auml;ngen sich
+die Opfer, denen es im Jenseits m&auml;chtig vergolten wird
+(Erskine 249-50). Die Sitte war nicht bloss melanesisch, sondern
+auch &uuml;ber ganz Polynesien verbreitet: in Neuseeland ruhte der
+Mittelpfeiler des Hauses fr&uuml;her auf Menschenleichen (Taylor
+387 ff.) und von Tahiti erz&auml;hlt dasselbe M&ouml;renhout 2,
+22-23; doch scheint auch hier der Gebrauch in sp&auml;terer Zeit
+abgekommen zu sein; denn wenn er und Ellis (1, 346) diesen Gebrauch
+nur f&uuml;r Tempel angeben, so ist er wohl erst sp&auml;ter nur
+auf diese beschr&auml;nkt worden. Derselbe Gebrauch findet sich
+auch in S&uuml;damerika: der Palast des Bogota, des Herrschers der
+Chibcha stand auf M&auml;dchenleichen und sein Grund so wie seine
+Th&uuml;rpfosten waren mit Menschenblut getr&auml;nkt (Waitz 4,
+360).</p>
+
+<p>Nachdem wir so diese Uebersicht &uuml;ber die Art, wie die
+Naturv&ouml;lker das Menschenleben sch&auml;tzen, vollendet haben,
+ergibt sich als Resultat, dass ihre Kriege f&uuml;r sie h&ouml;chst
+gef&auml;hrlich sind, ja einzelnen geradezu die Existenz
+gef&auml;hrden, so dass wir sie in erster Linie auff&uuml;hren
+m&uuml;ssen, wenn wir die Ursachen f&uuml;r das Aussterben der
+Naturv&ouml;lker aufsuchen; dass aber Kannibalismus und
+Menschenopfer, obwohl in einzelnen L&auml;ndern furchtbar
+ausgedehnt, nur von sekund&auml;rer Wichtigkeit sind und nur wenn
+sie mit anderen Gr&uuml;nden vereint auftreten, zur sichtlichen
+Verminderung eines Volkes beigetragen haben.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_11_Verfassung_und_Recht"></a>
+<h2>&sect; 11. Verfassung und Recht.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Auch die Staats-und Rechtsverfassung der Naturv&ouml;lker wird
+nach einigen Seiten uns hier, freilich nur kurz, besch&auml;ftigen
+m&uuml;ssen. Die Kulturstaaten Amerikas so wie die polynesischen
+Inseln sind es, die wir nach dieser Richtung hin betrachten
+m&uuml;ssen; denn bei den &uuml;brigen Naturv&ouml;lkern ist theils
+das Rechts- und Staatsleben zu wenig entwickelt, als dass es irgend
+welchen Einfluss gehabt h&auml;tte, theils so entwickelt, dass
+dieser Einfluss kein ung&uuml;nstiger war. Wie das Recht in seiner
+&auml;ltesten Entwickelung immer seine Gesetze &raquo;mit
+Blut&laquo; schreibt; so war es auch in Mexiko der Fall: fast alle
+Verbrechen, selbst geringe Diebst&auml;hle, Trunk, Verleumdung u.
+dergl. wurden mit dem Tod bestraft, und bisweilen die ganze Familie
+in die Sklaverei verkauft (Waitz 4, 84-85). Denn der Grundsatz,
+dass die Sippe haften muss f&uuml;r das einzelne verbrecherische
+Mitglied gilt auch hier. In Peru (4, 414-15) war die Strenge der
+Gesetze nicht minder gross und die Haftbarkeit der Familie f&uuml;r
+den Schuldigen, mit dem sie in vielen F&auml;llen den Tod zugleich
+erlitt, noch gr&ouml;sser. Diese strenge Justiz und namentlich die
+Haftbarkeit der Familie f&uuml;r den Einzelnen hat in der
+S&uuml;dsee ferner, wo sie gleichfalls herrscht, um so
+gr&ouml;sseren Schaden angerichtet, als, wie wir gleich sehen
+werden, dort die Gewalt der Herrschenden noch absoluter war als in
+Amerika. So wurde in Tonga der ganze Stamm eines Aufr&uuml;hrers
+vernichtet (Mariner 1, 271) und die fortw&auml;hrenden Rachekriege
+dieser V&ouml;lker und St&auml;mme untereinander beruhen theilweise
+auf dieser blutigen Rechtsauffassung (z.B. f&uuml;r Neuseeland
+Dieffenbach 1, 93, Haftbarkeit des Stammes f&uuml;r den Einzelnen
+Thomson 1, 98). Auch in Neuholland sind ziemlich strenge
+Rechtsstrafen (Grey 2, 236-37), entweder Tod oder Durchstossen
+einzelner K&ouml;rpertheile mit dem Speer (wobei oft der Tod
+erfolgt) oder Speerung, d.h. der Schuldige muss sich den
+Speerw&uuml;rfen einer gr&ouml;sseren oder geringeren Menge von
+Volksgenossen aussetzen, denen er freilich durch seine
+Geschicklichkeit (Waffen darf er nicht haben), wenn sie ausreicht,
+ausweichen darf (Grey 2, 244-45). Die Haftbarkeit der Familie, des
+Stammes f&uuml;r den Einzelnen ist hier wo m&ouml;glich noch
+fester, als irgendwo sonst (Grey 2, 239-40; 235-36).</p>
+
+<p>In Mexiko war die Verfassung streng monarchisch, wobei der Adel,
+der fr&uuml;her wahrscheinlich die h&ouml;chste Staatsgewalt selbst
+in H&auml;nden gehabt hatte (Waitz 4, 71), wie in anderen
+monarchischen Staaten auch, grosse Vorrechte &uuml;ber das Volk
+hatte. Der Herrscher, weil er Stellvertreter Gottes auf Erden war,
+hatte unumschr&auml;nkte Gewalt (Waitz 4, 68); und mochte dadurch
+auch mancherlei Ungerechtigkeit und Gewaltth&auml;tigkeit
+geschehen, mochten einzelne F&uuml;rsten ihre Macht missbrauchen,
+wie denn namentlich der letzte von ihnen, Montezuma II., seinen
+gewaltth&auml;tigen und hoff&auml;rtigen Charakter in noch
+sch&auml;rferer Entwickelung des Absolutismus und der
+Sonderstellung des Adels zeigte; das wurde doch vom Volk ertragen,
+ohne dass dadurch das Volk noch auch durch den Unwillen des Volkes
+die Herrscher gef&auml;hrdet waren. Schlimmer war, dass die
+Herrscher durch ihren Absolutismus den eigenen Willen des Volkes zu
+sehr gel&auml;hmt hatten. &raquo;Die strenge und allgemeine
+F&uuml;gsamkeit in den Willen des Herrschers hat sich von Seiten
+des Volkes bei mehreren Gelegenheiten in unzweideutiger Weise
+gezeigt: auf einen Wink von Montezuma blieb Alles ruhig, sogar als
+er selbst von Cortez gefangen gesetzt wurde und mit der Eroberung
+der Hauptstadt h&ouml;rte jeder Widerstand auf, nicht bloss weil
+die Grossen des Reichs dort alle vereinigt waren, sondern auch weil
+mit dem Falle des Herrschers f&uuml;r die bis zum Aeussersten
+standhaft gebliebenen Mexikaner die Pflicht der Selbstverteidigung
+wegfiel. Revolutionen des Volks waren &mdash; abgesehen von neu
+eroberten L&auml;ndern &mdash; fast unbekannt&laquo; (Waitz 4, 68).
+Am gef&auml;hrlichsten aber war die Eroberungspolitik des
+mexikanischen Staates. Um alle L&auml;nder sich und ihrem Gotte
+Huitzilopochtli zu unterwerfen, was das stete Streben der Mexikaner
+war (4, 117), hatten sie ihre Herrschaft vom atlantischen bis zum
+stillen Ozean ausgedehnt, ohne aber wirklich Widerstand leistende
+L&auml;nder ernstlich zu bezwingen und sich zu assimiliren. Und
+Montezuma II. noch machte es ebenso. W&auml;hrend in seinen
+L&auml;ndern Emp&ouml;rungen der unterworfenen L&auml;ndertheile
+ausbrachen, schickte er, anstatt das Gewonnene dauernd zu fesseln,
+seine Heere in immer fernere Gegenden, um immer mehr zu gewinnen
+(Waitz 4, 46), und &raquo;daher, sagt Waitz 4, 47, ist es wohl
+begreiflich, dass das grosse rasch gewachsene Reich des Montezuma
+durch ein paar kr&auml;ftige und geschickt gef&uuml;hrte
+St&ouml;sse zertr&uuml;mmert werden konnte.&laquo; Eine Menge
+einheimische Feinde, ganze L&auml;ndertheile erhoben sich und
+stellten sich auf Seiten der Spanier &mdash; und so ist Mexiko, das
+so bev&ouml;lkerte, reiche und bl&uuml;hende Land zum nicht
+geringsten Theil durch seine eigene Politik zu Grunde gegangen. Da
+diese Schilderung im Grossen und Ganzen auch auf Peru passt, wo der
+K&ouml;nig als Stellvertreter Gottes auf Erden nur eine noch
+absolutere und dr&uuml;ckendere Macht besass, wo gleichfalls
+Eroberungskriege das Land ausgedehnt und dadurch minder fest
+gemacht hatten, weil es nun in seinem Innern feindliche Elemente
+barg (Waitz 4, 399-413), da wir hier so ziemlich dasselbe finden,
+so brauchen wir die Verh&auml;ltnisse des Inkareiches nicht genauer
+zu betrachten und gehen gleich zu Polynesien &uuml;ber.</p>
+
+<p>Hier hat der Absolutismus und die Sonderstellung des Adels, die
+in der g&ouml;ttlichen Abstammung des Adels und der K&ouml;nige
+wurzelt, die denkbar h&ouml;chste, man k&ouml;nnte sagen eine
+logisch vollkommene Entwickelung gefunden. Ueberall, in Neuseeland,
+in Tahiti, in Hawaii, dem Markesasarchipel, auf Tonga, bei der
+alten Bev&ouml;lkerung der Marianen (w&auml;hrend sonst Mikronesien
+in der Praxis wenigstens die Gegens&auml;tze minder scharf fasst)
+gilt das Volk als unbeseelt, daher sein Leben als vollkommen
+werthlos. Man t&ouml;dtete es nach Gel&uuml;sten oder Laune
+(Mariner 1, 60. 91), man bedr&uuml;ckte es, da es weiter keine
+Geltung hat, als eben nur f&uuml;r die Vornehmen da zu sein, keinen
+Werth weiter als was es den Vornehmen werth ist &mdash; und
+nirgends war dieser Druck schlimmer als auf Hawaii &mdash; man hat
+ihm aus demselben Grund alle harte Arbeit, z.B. den Landbau,
+aufgeladen; dabei ist ihm das meiste der besseren Nahrungsmittel
+verboten; zu den Festen der Vornehmen muss es, was es besitzt an
+Lebensmitteln, beisteuern, zu den Menschenopfern nimmt man die
+Individuen aus ihm, kurz, es liegt ein Druck auf ihm, so
+unglaublich, dass man gar nicht begreift, wie unter demselben
+&uuml;berhaupt sich eine und noch dazu zahlreiche Bev&ouml;lkerung
+erhalten konnte. Oft fand es nicht Zeit zur Bestellung des eigenen
+Landes, daher denn Hungersnoth, Kindermord und namentlich eine
+grosse Menge von Auswanderungen eintraten, die vor allem Tahiti
+entv&ouml;lkerten, aber auch von anderen Inseln erz&auml;hlt
+werden. So gab es auf Tahiti im wilden, gebirgigen und kaum
+bewohnbaren Inneren der Insel eine zerstreute Bev&ouml;lkerung
+&raquo;wilder M&auml;nner&laquo;, die, ausserordentlich scheu und
+&auml;ngstlich, ganz einsam in den Kl&uuml;ften leben, gewiss nur
+entsprungene Fl&uuml;chtlinge aus dem Volke, oder deren
+Abk&ouml;mmlinge, welche nicht zur&uuml;ckzukehren wagten (Ellis 1,
+305). Von Hawaii sagt Jarves (368 ff.): &raquo;Der Ackerbau ward
+vernachl&auml;ssigt, und Hungersnoth herrschte. Ganze Schaaren
+gingen unter ihrer Last zu Grunde; andere verliessen ihre Heimath
+und flohen gleich wilden Thieren in die Tiefe der W&auml;lder, wo
+sie aufs elendeste aus Mangel umkamen, oder eine kl&auml;gliche
+Existenz durch Fr&uuml;chte und Wurzeln fristeten. Blind f&uuml;r
+diese Folgen setzten die F&uuml;rsten ihre Politik (zu der sie von
+geldgierigen Fremden vielfach verleitet wurden) fort.&laquo;
+Kindermord war die Folge namentlich einer unerschwinglichen
+Kopfsteuer und nicht nur physisch, auch moralisch verkam das Volk.
+Und auf dies moralische Verkommen ist sehr zu achten; denn nichts
+bef&ouml;rdert den Untergang einer Bev&ouml;lkerung mehr als dies.
+Wo die Moralit&auml;t (nat&uuml;rlich hier nur nach den Begriffen
+der betreffenden V&ouml;lker) fehlt, fehlt auch die Selbstachtung;
+wo die Selbstachtung, die Freude am Leben, welche diesen Menschen
+auch schon aus &auml;usseren Gr&uuml;nden unm&ouml;glich war; und
+wo die Freude am Leben fehlt, da verkommt und versiegt das Leben
+selbst. Mit Recht stellt daher Jarves (a.a.O.) diesen Druck, unter
+dem das Volk erlag, f&uuml;r eine Hauptursache seines massenhaften
+Schwindens hin: und wie es in Hawaii war, so war es, mit wenig
+Ab&auml;nderungen, so ziemlich &uuml;berall in Polynesien.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_12_Natureinflusse"></a>
+<h2>&sect; 12. Natureinfl&uuml;sse.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Sahen wir so, was die Naturv&ouml;lker durch eigene Lebensart
+oder Schuld zu ihrem Hinschwinden beitragen: so m&uuml;ssen wir,
+ehe wir weiter gehen, einen Blick auf die Naturumgebungen dieser
+V&ouml;lker werfen und deren g&uuml;nstigen oder sch&auml;dlichen
+Einfluss abw&auml;gen. So viel leuchtet schon dem ersten Blick ein:
+durch Natureinfl&uuml;sse allein stirbt kein Volk aus und die
+menschliche Natur gew&ouml;hnt sich fast an alles. Man kann sich,
+nach Darwins Schilderung, kaum eine f&uuml;r menschliche
+Entwickelung ung&uuml;nstigere Natur denken, sowohl in Hinsicht auf
+Klima, als auf Lebensmittel u.s.w., als die S&uuml;dspitze von
+Amerika und dennoch sagt derselbe Schriftsteller, dass ein
+Aussterben der elenden St&auml;mme der Feuerl&auml;nder nicht zu
+bemerken sei. Ebenso wenig der Eskimos. Der Mensch akklimatisirt
+sich, freilich nur sehr allm&auml;hlich in langsamen Vorr&uuml;cken
+und durch Jahrhunderte oder besser Jahrtausende lange Vererbung und
+dadurch Verst&auml;rkung der f&uuml;r die einzelne Gegend speziell
+bef&auml;higenden Eigenschaften an jede Gegend, an jedes Klima, und
+nichts beweist gerade mehr die Dauerhaftigkeit unserer Natur als
+diese F&auml;higkeit der Gew&ouml;hnung. Aber freilich werden weder
+Feuerl&auml;nder noch Eskimos sich je zu grossen m&auml;chtigen
+Nationen entwickeln: und zwar in Folge ihrer Naturumgebung, welche
+der freien Entfaltung der Menschheit denn doch
+un&uuml;bersteigliche Hindernisse in den Weg stellt. So ist denn
+eben die Naturumgebung der Grund, dass wir die roheren
+Naturv&ouml;lker nie sehr zahlreich sehen; die Natur erheischt ein
+Leben, welches dem Gedeihen der Menschheit nicht zutr&auml;glich
+ist. Die geringe Zahl der Neuholl&auml;nder ist zweifelsohne
+bedingt durch die erstaunlich unfruchtbare Natur ihres Landes, denn
+wenn auch Grey (1, 239) Recht hat gegen Sturt und viele Andere,
+dass der Nahrungsmangel in Neuholland nicht so gross ist, als er
+gew&ouml;hnlich gemacht wird, und allerdings gibt er f&uuml;r den
+S&uuml;dwestdistrikt des Welttheils, f&uuml;r eine Ausdehnung von
+2-300 Meilen (2, 299) eine reiche Menge Nahrungsmittel an (2,
+263-64); so sind dieselben doch immer erst weit zerstreut,
+m&uuml;ssen gesucht werden und sind oft, im einzelnen betrachtet,
+elend genug. Sie zu vermehren, anzubauen haben die Eingeborenen
+nicht Kultur genug, auch finden sich kaum unter den Pflanzen und
+Thieren Neuhollands solche, die zu eigentlichen Kulturpflanzen oder
+Hausthieren brauchbar w&auml;ren; zu sammeln aber sind die
+Neuholl&auml;nder, wie wir schon bei der Betrachtung ihres
+Charakters sahen, zu indolent, zu tr&auml;ge. Wir m&uuml;ssen hier
+die ausserordentlich hemmenden Schranken der Natur anerkennen, die
+jedoch nur dann erst wirklich f&uuml;r den Bestand eines Volkes
+gef&auml;hrlich werden, wenn noch andere Bedr&auml;ngnisse
+hinzukommen. Ueber viele Distrikte Amerikas muss man, mehr oder
+minder, dasselbe sagen, in mancher Beziehung auch von
+S&uuml;dafrika. Und fast noch ung&uuml;nstiger gestellt ist
+Polynesien schon in seinen hohen Inseln, die meist im Innern so
+steil und unwegsam sind, dass sie, wie Tahiti und Nukuhiva, nicht
+bewohnt werden k&ouml;nnen, oder grosse unfruchtbare Strecken
+hinter ihren meist &uuml;ppigen Uferstrecken bergen, wie die
+Fidschis und viele der Hawaiiinseln, und die, wenn sie auch durch
+und durch bewohnbar w&auml;ren, doch schon durch ihre
+verschwindende Kleinheit in dem ungeheuren und gef&auml;hrlichen
+Ozeane ihren Bewohnern ein Hinderniss sind. Hier ist die
+Schifffahrt nicht so leicht, wie im Mittelmeer und eine
+K&uuml;stenschifffahrt ganz unm&ouml;glich. Grosse Thiere gibt es
+gar nicht ausser dem zum Hausthier im wahren Sinne ungeeigneten
+Schwein und einigen Hunden, welche aber ihre Hundenatur fast
+abgelegt haben und Mastvieh geworden sind. Nutzpflanzen gibt es
+genug, aber so reichlich, dass weder geistige noch leibliche
+Anstrengung, ja kaum Th&auml;tigkeit n&ouml;thig ist, um
+hinl&auml;nglichen Vorrath zu bekommen, oder so wenig, wie auf
+Neuseeland (nat&uuml;rlich zur Zeit der Entdeckung), dass trotz
+aller Anstrengung die Nahrungsmittel sich nicht sehr heben konnten.
+Und nun gar die kleineren Inseln, die fast immer unfruchtbaren
+Korallenringe, welche meist, wie im &ouml;stlichen Polynesien und
+in Paumotu, nur den Pandanus mit seinen k&uuml;mmerlich
+n&auml;hrenden Fr&uuml;chten und, aber noch nicht einmal
+&uuml;berall, z.B. in der n&ouml;rdlichen Ratakkette nicht, die
+Kokospalme hervorbringen, den Brotbaum und die anderen
+Nahrungspflanzen der S&uuml;dsee, welche feuchten Boden verlangen,
+wie Tacca und Arum, nur seltener oder nur erst nach sehr
+m&uuml;hevoller Bearbeitung des harten Korallengrundes gedeihen
+lassen, Thiere aber, ausser zahlreichen Ratten, gar nicht besitzen.
+Dazu kommt, dass gr&auml;ssliche Orkane, denen nichts zu
+widerstehen vermag, auf Tahiti, den Paumotu- und Herveyinseln, auf
+Tonga, den Karolinen, den Marianen, kurz so ziemlich &uuml;berall,
+die Vegetation gar nicht selten so vollst&auml;ndig vernichten,
+dass &auml;usserste Hungersnoth eintritt. Auf den Inseln
+s&uuml;dlich vom Aequator sollen St&uuml;rme der Art nach
+M&ouml;renhout (2, 365) nicht &ouml;fter als alle 8-10 Jahre
+vorkommen, also gerade oft genug, um eine reiche Entwickelung der
+Bev&ouml;lkerung unm&ouml;glich zu machen. Denn ihre Gewalt ist so,
+dass an irgend welchen Schutz oder Widerstand gar nicht zu denken
+ist. Daher ist es denn begreiflich, dass man den Kindermord, wie
+Chamisso mit solchem Entsetzen von den Ratakinsulanern
+erz&auml;hlt, dort und auch sonst noch (z.B. auf Tikopia) geradezu
+gesetzlich regulirte, um die Inseln vor Ueberv&ouml;lkerung zu
+beh&uuml;ten; begreiflich ferner, wie Hochstetter auf den Gedanken
+kam, dass der Kannibalismus auf Neuseeland durch den Hunger
+eingef&uuml;hrt sei. Ist nun zwar letztere Ansicht gewiss nicht
+richtig, wie sich leicht aus dem was wir &uuml;ber den
+Kannibalismus schon gesagt haben, ergibt; so ist es doch sicher,
+dass in einzelnen Gegenden Polynesiens, z.B. in Nukuhiva, bisweilen
+der Hunger zum Auffressen naher Verwandten trieb. Auch in Amerika,
+namentlich im Norden, gibt es V&ouml;lker, die durch die
+&auml;ussere Noth gezwungen, zum Kannibalismus gebracht sind (Waitz
+3, 508; 4, 251).</p>
+
+<p>Dass auch die Aleuteninseln durch ihre Naturbeschaffenheit keine
+reiche Entwickelung ihrer Bev&ouml;lkerung zulassen, ist klar; und
+dasselbe gilt von Kamtschatka, &uuml;ber dessen Natur von neuern
+Schriftstellern v. Kittlitz trefflich gehandelt hat.</p>
+
+<p>Alle die besprochenen L&auml;nder machen eine grosse
+geschichtliche Entwicklung von vornherein so gut wie
+unm&ouml;glich. Einf&ouml;rmigkeit ist das Zeichen der meisten; und
+historische Schicksale, das wirksamste Mittel, die Menschheit zu
+heben, konnten ihre Bewohner so gut wie gar nicht treffen. Dadurch
+aber konnten sie sich nicht &uuml;ber die Natur, wie z.B. die
+Indogermanen, die Semiten gethan, erheben, so dass diese von ihnen
+beherrscht w&auml;re. Und nehmen wir auf der anderen Seite
+V&ouml;lker mit den Sitten, wie wir sie bisher geschildert, in
+ung&uuml;nstiger Natur, so leuchtet wohl ein, wie gerade ihnen
+gegen&uuml;ber sch&auml;dliche Natureinfl&uuml;sse von doppelter
+Gefahr sein mussten.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name=
+"_13_Aeussere_Einflusse_der_hoheren_Kultur_auf_die_Naturvolker"></a>
+<h2>&sect; 13. Aeussere Einfl&uuml;sse der h&ouml;heren Kultur auf
+die Naturv&ouml;lker.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Wir k&ouml;nnen nun erst, nachdem wir betrachtet haben, was in
+der Natur und Lebensweise dieser V&ouml;lker selbst einen
+fr&uuml;hen Untergang Begr&uuml;ndendes liegt, die Einfl&uuml;sse
+genauer erw&auml;gen, welche ihre Ber&uuml;hrung mit anderen meist
+h&ouml;her kultivirten V&ouml;lkern und namentlich mit den
+Kulturv&ouml;lkern Europas und Amerikas hervorgebracht hat.</p>
+
+<p>Es sind hier zun&auml;chst Einfl&uuml;sse zu erw&auml;hnen,
+welche obwohl durchaus nicht feindselig, ja h&auml;ufig nur gut
+gemeint dennoch physisch wie psychisch die gewaltsamsten Wirkungen
+haben mussten und hatten und haben.</p>
+
+<p>Zun&auml;chst ist es die Um&auml;nderung des &auml;usseren
+Lebens der Naturv&ouml;lker, welche uns, wie sie durch jene
+Ber&uuml;hrung unvermeidlich war, besch&auml;ftigen muss. &mdash;
+Die ganze Lebensart dieser V&ouml;lker war durch lange fast
+instinktive Auswahl, dem Klima, den Bodenverh&auml;ltnissen, ihrer
+ganzen &auml;usseren Natur so entsprechend oder wenigstens die
+Natur dieser V&ouml;lker hatte sich durch lange Gew&ouml;hnung so
+mit dieser Lebensart assimilirt, dass jede auffallende Aenderung,
+namentlich wenn sie pl&ouml;tzlich kam, wenn sie sich &uuml;ber
+mehreres erstreckte, oder gar wenn sie bloss halb, bloss zeitweilig
+durchgef&uuml;hrt wurde, die gr&ouml;ssten Revolutionen in ihrem
+gesammten Wesen hervorbringen musste. Auch hier ist wieder auf die
+unendliche Macht einer sich stets verst&auml;rkenden Vererbung
+hinzuweisen, wie sie durch Jahrhunderte, Jahrtausende lange
+Gew&ouml;hnung, durch &uuml;beraus allm&auml;hliche Angleichung die
+Menschennatur so fest auch an ung&uuml;nstige Einfl&uuml;sse
+gew&ouml;hnen kann, dass eine Abwendung von ihnen f&uuml;r den
+Augenblick nur sch&auml;dlich zu wirken scheint.</p>
+
+<p>So finden wir das k&ouml;rperliche Leben der Naturv&ouml;lker im
+engsten Einklang mit den Naturumgebungen und ihren Einfl&uuml;ssen.
+Vor der Bekanntschaft mit den Europ&auml;ern oder Amerikanern (die
+immer, was gestattet sein m&ouml;ge, mitgemeint sind, wenn im
+Folgenden einfach nur von den Europ&auml;ern und ihrem Einfluss die
+Rede ist) waren daher die Naturv&ouml;lker durchaus gesund, obwohl
+einzelne Seuchen ab und zu schon damals bei ihnen vorkamen: nie
+aber kannten sie die chronische Kr&auml;nklichkeit kultivirter
+Nationen.</p>
+
+<p>So war es mit der Kleidung. Die Neuseel&auml;nder trugen Kleider
+von Mattenzeug, welches aus den Bl&auml;ttern der
+neuseel&auml;ndischen Flachslilie (Phormium tenax) geflochten war
+&mdash; auf welchen Matten man auch schlief &mdash; und seltener
+und nur die F&uuml;rsten einen Mantel aus zusammengen&auml;hten
+Hundefellen (Dieffenbach 2, 153). Statt dieser k&uuml;hlen, die
+Haut nur sch&uuml;tzenden, kaum erregenden Kleidung, welche auch
+(f&uuml;r Neuseeland sehr wichtig, wo es sehr oft, meist nur
+vor&uuml;bergehend, regnet) die N&auml;sse nicht lange hielt,
+tragen sie jetzt wollene Decken, die, abgesehen davon, dass sie dem
+Ungeziefer eine willkommene Zuflucht sind, die Haut reizen, die
+Feuchtigkeit sehr lange halten und einen viel st&auml;rkeren
+Wechsel in der Temperatur des K&ouml;rpers hervorbringen. Denn wie
+die Maoris fr&uuml;her ihre Phormiummatten bei irgend welcher
+Arbeit oder sonstigen Gelegenheit leicht ablegten, gerade so machen
+sie es, ganz ohne R&uuml;cksicht, ob sie warm sind, ob nicht, auch
+mit den Wollendecken jetzt (Dieffenbach 2, 18). Ganz &auml;hnlich
+schildert das Jarves 370 von Hawaii. F&uuml;rsten und Volk, sehr
+begierig auf jeden ausl&auml;ndischen Stoff, gleich viel ob es
+Matrosentuch oder das d&uuml;nnste chinesische Gewebe war, trugen
+alles ganz ohne Unterschied, und so kamen sie bald nach ihrer alten
+Art, bald anders, bald mit einer Mischung von beiden bekleidet;
+derselbe, der l&auml;ngere Zeit eine solche Kleidung trug, erschien
+dann wieder viele Tage lang nackt. Je sch&ouml;ner das Wetter war,
+um so reichlicher bekleidet gingen sie, um zu paradiren, bei
+schlechtem Wetter aber meist nackt, um die Kleidung zu schonen;
+nackt daher auch in der ganzen Jahreszeit des Winters, und im
+Sommer bekleidet. Jarves wie Dieffenbach finden daher mit vollem,
+Recht in dieser Ver&auml;nderung und in dieser Art der Neuerung
+eine &auml;usserst wirksame Ursache f&uuml;r den Verfall der
+Gesundheit dieser V&ouml;lker. Diese Ursache aber wirkt
+&uuml;berall, wo Natur- und Kulturv&ouml;lker zusammentreffen: sie
+musste eintreten, weil schon die Mission&auml;re eine etwas
+decentere Bekleidung als die meisten Naturv&ouml;lker kannten,
+verlangen mussten.</p>
+
+<p>Auch eingef&uuml;hrte Nahrungsmittel (abgesehen von den
+Spirituosen) waren den Naturv&ouml;lkern sch&auml;dlich: so nach
+Dieffenbach a.a.O. f&uuml;r die Neuseel&auml;nder die
+Einf&uuml;hrung des Maises, den sie halb gegohren verbacken und
+durch dies &auml;usserst ungesunde Brot sich sehr schaden. Salz,
+sagt er, was sie fr&uuml;her in den Seethieren genossen, essen sie
+jetzt gar nicht mehr, denn ihre fast einzige Nahrung ist die
+Kartoffel; diese aber, abgesehen davon, dass ihr ausschliesslicher
+Genuss &uuml;berhaupt sch&auml;dlich ist, wirkte noch dadurch
+ung&uuml;nstig, dass sie bei der wenigen Pflege, die sie verlangt,
+ganz und gar nur von Sklaven und Weibern besorgt wird, ohne die
+M&auml;nner nur zu irgend welcher Th&auml;tigkeit anzuregen. Was
+wir hier an dem einen Beispiel zeigten, gilt nat&uuml;rlich
+wiederum f&uuml;r einen ganzen Kreis dieser V&ouml;lker.</p>
+
+<p>Auch der Hausbau hat sich vielfach ge&auml;ndert, wenigstens in
+Polynesien, da hier fast allein ein ann&auml;hernd freundliches
+Verkehren der Europ&auml;er mit Eingeborenen sich entwickelt hat.
+In Polynesien war man fr&uuml;her an sehr luftige, reinliche
+H&auml;user, die fast nur aus einem sehr tief herabreichenden Dache
+bestanden, gew&ouml;hnt. Jetzt aber kommen mehr und mehr mit
+Hintansetzung der altheimischen Art H&auml;user oder Baracken auf,
+die nach europ&auml;ischer Art gebaut der f&uuml;r jene Gegenden so
+n&ouml;thigen Ventilation fast ganz entbehren und, da nun noch dazu
+nach alter Sitte viele Menschen in einem solchen Raum zusammen
+wohnen und schlafen, durch den grellen Gegensatz gegen das von
+fr&uuml;herher Gewohnte den schlimmsten Einfluss haben (z. B,
+Dieffenbach 2, 68-71).</p>
+
+<p>Namentlich war es der Adel in Polynesien, der diese Aenderungen
+vornehmlich, da er mit den Europ&auml;ern in genauere
+Ber&uuml;hrung kam und gr&ouml;ssere Mittel hatte, bei sich
+einf&uuml;hrte: gerade aber der Adel ist vom Aussterben weit mehr
+und rascher ergriffen, als das Volk &mdash; so namentlich in Hawaii
+&mdash; und es ist diese Erscheinung nicht so zu erkl&auml;ren,
+dass man beim Adel, weil er geringer an der Zahl sei, das
+Hinschwinden klarer s&auml;he: denn hiergegen sprechen die
+Verh&auml;ltnisszahlen so wie der Umstand, dass in der ersten Zeit
+der Adel vornehmlich von Krankheit u. dergl. heimgesucht war, bis
+das Verderben sich weiter ausbreitete. Es nimmt das um so weniger
+Wunder, als auch der Adel es war, welchem die meisten der
+geschilderten polynesischen Ausschweifungen zur Last fallen. Das
+meiste &uuml;berhaupt, was vorz&uuml;glich in &auml;lteren
+Reisebeschreibungen von Polynesien gesagt wird, geht auf den Adel,
+da dieser bevorzugte Stand mit so hervorragenden Fremdlingen, als
+die Europ&auml;er waren, zu verkehren nach polynesischen Begriffen
+fast allein das Recht hatte. Wo aber diese V&ouml;lker wenigstens
+nicht halb und nur zeitweilig, sondern ganz und f&uuml;r immer die
+europ&auml;ischen Sitten, Kleidung, Wohnung, Lebensart u. s. w.
+annehmen, da bleiben sie weit ungef&auml;hrdeter, wie dies
+Dieffenbach a. a. O. von den Neuseel&auml;ndern nachweist. Den
+skrophul&ouml;sen Habitus so vieler Maorikinder an der K&uuml;ste
+erkl&auml;rt er dagegen nur durch die ungeeignete und halbe
+Aenderung der einheimischen Lebensweise.</p>
+
+<p>Auch die Ausbreitung der Weissen beschr&auml;nkt und
+besch&auml;digt nat&uuml;rlich, schon durch sich selbst und ohne
+b&ouml;swillige Absicht der sich Ausbreitenden, die
+Naturv&ouml;lker in hohem Grade. Auf den kleinen polynesischen
+Inseln z. B., doch auch sonst und &uuml;berall sind die
+Lebensmittel bei so riesig durch die Europ&auml;er gesteigertem
+Verkehr viel werthvoller und dadurch immer knapper geworden. Man
+denke nur, um dies Beispiel aus Polynesien auszuf&uuml;hren, was
+alle die Schiffe brauchen, welche zu Papeiti oder gar zu Honolulu
+vor Anker gehen, um sich zu verproviantiren. Und sollte man denken,
+dass grade dies gr&ouml;ssere Bed&uuml;rfniss ein Sporn f&uuml;r
+die Eingeborenen sei, der sie weiter bringe in der Kultur, im
+Ackerbau, Handel u. s. w.: so erw&auml;ge man, dass jetzt kaum ein
+Jahrhundert seit der ersten Entdeckung (die spanischen Besuche auf
+den Inseln, welche fr&uuml;her fallen, abgerechnet) verflossen ist,
+dass in einem so kurzen Zeitraum aber, wo so mannigfache Schicksale
+auf die Eingeborenen einst&uuml;rmten, sich der Ackerbau noch gar
+nicht so entwickeln konnte, dass er diesen massenhaften
+Anforderungen entspr&auml;che; und dass zu grosse Forderungen eben
+nicht mehr anspornen, sondern erschlaffen, erdr&uuml;cken. In
+anderen Gegenden gestaltet sich dieselbe Sache anders, aber die
+Resultate bleiben gleich.</p>
+
+<p>Die Neuholl&auml;nder freuen sich, wenn sich in ihrem Gebiete
+Europ&auml;er niederliessen, sie w&uuml;nschten es und forderten
+sie dazu an vielen Orten auf. Allein die n&auml;chste Folge war,
+dass sie in eine sehr elende Lage geriethen: denn (abgesehen von
+anderem, was wir sp&auml;ter besprechen) ihre Jagdthiere
+verminderten sich auf der Stelle, ja sie verschwanden, theils
+verdr&auml;ngt oder verjagt, theils ausgerottet von den meist sehr
+jagdlustigen Einwanderern (Lang bei Grey 2, 234-35). Daher sagte
+ein Australier sehr richtig zu einem Europ&auml;er: &raquo;Ihr
+solltet uns Schwarzen Milch, K&uuml;he und Schafe geben, denn ihr
+seid hergekommen und habt die Opossums and K&auml;nguruhs vertilgt.
+Wir haben nichts mehr zu essen und sind hungrig&laquo; (Bennet bei
+Waitz 1, 183). Die brauchbaren Gras- und Weidestrecken nahmen die
+Europ&auml;er mehr und mehr im Lauf der Jahre ein in Neuholland,
+Neuseeland, Afrika, Amerika, die fruchtbaren K&uuml;stenstriche,
+sonst der gew&ouml;hnliche Aufenthalt der Eingeborenen, haben sie
+ganz und gar inne, das Land erkl&auml;ren sie f&uuml;r ihr
+Eigenthum, und da sie sich man kann wohl sagen t&auml;glich mehr
+und mehr ausbreiten, so dr&auml;ngen sie schon durch ihre blosse
+Existenz die Eingeborenen in die W&auml;lder, die Berge, die
+Wildniss zur&uuml;ck; so dass es denn gar kein Wunder ist, wenn die
+Eingeborenen schon hierdurch allein &raquo;wie von einem giftigen
+Hauche ber&uuml;hrt&laquo; (oder wie die Phrase lautet) verkommen.
+&raquo;Als der weisse Mann, so sagte der Cherokeeh&auml;uptling
+Bunteschlange in einer Rede, sich gew&auml;rmt hatte am Feuer des
+Indianers, und sich ges&auml;ttigt an seinem Maisbrei, da wurde er
+sehr gross, er reichte &uuml;ber die Berggipfel hinweg und seine
+F&uuml;sse bedeckten die Ebenen und die Th&auml;ler. Seine
+H&auml;nde streckte er aus bis zum Meere im Osten und Westen. Da
+wurde er unser grosser Vater. Er liebte seine rothen Kinder, aber
+sprach zu ihnen: ihr m&uuml;sst ein wenig aus dem Wege gehen, damit
+ich nicht von ungef&auml;hr auf euch trete. Mit dem einen Fuss
+stiess er den rothen Mann &uuml;ber den Okonnee und mit dem anderen
+trat er die Gr&auml;ber seiner V&auml;ter nieder. Aber unser
+grosser Vater liebte doch seine rothen Kinder und &auml;nderte bald
+seine Sprache gegen sie. Er sprach viel, aber der Sinn von Allem
+war, nur: geht ein wenig aus dem Wege, ihr seid mir zu nahe. Ich
+habe viele Reden von unserem grossen Vater geh&ouml;rt und alle
+begannen und endeten ebenso&laquo; (Waitz 3, 144). Chamisso, einer
+der wenigen, die sich in Deutschland f&uuml;r die Stellung jener
+V&ouml;lker interessirten, hat dieser Rede ergreifenden Ausdruck
+verliehen in einem seiner Gedichte (Werke 4, 86). Sie ist bekannt
+genug: und wenn auch in ihr der ethische Gedanke die Hauptsache
+ist, so kann doch auch die Schilderung der Thatsachen nicht
+schlagender gegeben werden.</p>
+
+<p>Und doch, auch wenn man den Eingeborenen gen&uuml;genden
+Landbesitz und Jagd und Lebensmittel genug sichern k&ouml;nnte, wir
+wiederholen es: die totale Umw&auml;lzung ihres ganzen leiblichen
+Lebens, das, wie wir eben gesehen, sich nach jeder Richtung hin
+&auml;ndern musste durch die pl&ouml;tzlich hereinbrechende Kultur,
+wird auch wenn keine Halbheiten, Ungeschicklichkeiten u. dergl.
+vorkommen, wenn alles gleich so trefflich als m&ouml;glich
+eingerichtet w&auml;re, den gefahrvollsten Einfluss auf die
+Naturv&ouml;lker haben und je mehr, je pl&ouml;tzlicher sie kommt.
+Denn je l&auml;nger physische Gewohnheiten schon bestehen, um so
+fester sind sie und um so gef&auml;hrlicher ist es f&uuml;r die
+menschliche Natur, wenn sie pl&ouml;tzlich gebrochen werden sollen.
+Auch hierin ist Leib und Seele einem Gesetze unterworfen: dem
+Gesetze der Beharrlichkeit. Wie eine Fl&uuml;ssigkeit, welche man
+in einen bestimmten Kreislauf gebracht hat, diesem Laufe immer
+williger und rascher folgt, aber wild in ungeordnete Wirbel
+zusammensch&auml;umt, wenn man sie nach der entgegengesetzten
+Richtung hin zwingen will, bis sie sich endlich und allm&auml;hlich
+diesem Neuen gew&ouml;hnt: so musste das nat&uuml;rliche Leben
+dieser V&ouml;lker in Aufregung und Unordnung kommen, als es so
+pl&ouml;tzlich von der &uuml;berm&auml;chtigen Kultur unterbrochen
+wurde, an die es sich erst langsam und sehr allm&auml;hlich
+gew&ouml;hnen wird. So werden denn einzelne wohl, nie aber ein
+ganzes Volk rasch und pl&ouml;tzlich sich eine so totale
+Um&auml;nderung, wie hier n&ouml;thig, und k&auml;me sie unter den
+g&uuml;nstigsten Bedingungen (was hier leider nicht geschah),
+aneignen k&ouml;nnen. Nur so ist sicher die Nachricht zu verstehen,
+die wir vorhin Dieffenbach entlehnten, dass die Neuseel&auml;nder,
+wo sie vollkommen europ&auml;isch lebten, auch gesund seien: wobei
+denn immer noch zu erw&auml;gen bleibt, dass Dieffenbach erst 1840
+seine Beobachtungen anstellte, also &uuml;ber zwei Generationen (70
+Jahre) nach der ersten Entdeckung der Insel. Allein man k&ouml;nnte
+sagen: und doch haben andere V&ouml;lker dasselbe pl&ouml;tzliche
+Hereinbrechen einer &uuml;berm&auml;chtigen Kultur durchgemacht und
+&uuml;berwunden. Man k&ouml;nnte unsere eigenen Vorfahren, die
+alten Deutschen nennen. Und doch, welch ein ungeheurer Unterschied
+hier in Allem! Denn erstens war die griechischr&ouml;mische Kultur,
+wie sie zu den Germanen kam, unendlich bequemer als die moderne,
+wie sie die Naturv&ouml;lker annehmen sollen; zweitens standen die
+Germanen in jeder Weise, auch in ihrer leiblichen Beschaffenheit,
+jener Kultur und ihren Tr&auml;gern bei weitem n&auml;her als die
+Naturv&ouml;lker den Europ&auml;ern; drittens brach dieselbe nicht
+so unaufhaltsam, so pl&ouml;tzlich, so r&uuml;cksichtlos &uuml;ber
+die Germanen herein, wie &uuml;ber jene V&ouml;lker, sondern ganz
+allm&auml;hlich, durch Jahrhunderte langes Vertrautwerden mit dem
+Einzelnen, wobei das romanisirte Gallien keine unbedeutende
+Vermittlerrolle spielte; und endlich kam sie nicht in solchem Grade
+feindselig, wie die moderne Kultur &uuml;ber die sogenannten
+Wilden.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_14_Psychische_Einwirkungen_der_Kultur"></a>
+<h2>&sect; 14. Psychische Einwirkungen der Kultur.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Und so blieben unsere Vorfahren vor dem namentlich bewahrt, was
+den Naturv&ouml;lkern so verh&auml;ngnissvoll wurde: vor dem
+geistig deprimirenden Eindruck, den die Kultur auf die
+Naturv&ouml;lker macht. Die Germanen fanden Gelegenheit
+selbst&auml;ndig siegend in dem Land ihrer geistigen Besieger
+aufzutreten: sie behielten stets das gegr&uuml;ndete Bewusstsein
+eigenes Werthes und dass sie nicht in jeder Beziehung untergeordnet
+seien. Sie standen den R&ouml;mern gegen&uuml;ber wie der
+Sch&uuml;ler dem Lehrer, der des Sch&uuml;lers geistiges Leben
+leitet, corrigirt, erh&ouml;ht, aber nicht verletzt, vernichtet,
+verh&ouml;hnt.</p>
+
+<p>Ganz anders aber die Naturv&ouml;lker. Ihr Geistesleben, alles,
+was sie dachten, f&uuml;hlten und glaubten ist ihnen durch ihr
+Bekanntwerden mit den Europ&auml;ern was sollen wir anders sagen
+als geradezu (und oft mit der boshaftesten Absichtlichkeit)
+vernichtet worden. Hierdurch wurden selbstverst&auml;ndlich je
+gebildeter die V&ouml;lker waren, sie um so h&auml;rter betroffen;
+so dass vieles von dem im folgenden Entwickelten auf die rohesten
+St&auml;mme S&uuml;damerikas oder Neuhollands keine Anwendung
+findet.</p>
+
+<p>Zun&auml;chst die Religion. Die meisten Naturv&ouml;lker sind
+von sehr reiner und inniger Religiosit&auml;t, bei allen
+Abgeschmacktheiten und Monstrosit&auml;ten ihres Glaubens. So waren
+es die Mexikaner. Ihre Religion (Waitz 4, 128) war es, welche ihnen
+ihre hohe und reine Moral eingab, deren Grundgedanke &mdash;
+zugleich ihr festester und untr&uuml;glichster Schwur (Waitz 4,
+154) &mdash; war: sieht mich nicht unser Gott? Und alles, was die
+Religion schweres von ihnen forderte, wurde treu und gewissenhaft
+und mit &auml;chter und inniger Andacht von ihnen, nach Cortez
+eigenem Zeugniss (Waitz 4, 154) ausgef&uuml;hrt, Ihre vielen
+Eroberungskriege waren, wie wir schon sahen, alle von dem Gedanken
+geleitet, ihre Religion auszubreiten &uuml;ber alle Welt. Nicht
+anders, nach Waitz Schilderung (4, 447 ff.) die Peruaner.
+Gleichfalls in hohem Grade gottesf&uuml;rchtig sind die
+Nordindianer (Waitz 3, 205), die keine Handlung ohne Gebet
+unternehmen, die alle schweren von der Religion verlangten
+Peinigungen mit der gr&ouml;ssten Gewissenhaftigkeit
+vollf&uuml;hren. Und so haben alle diese V&ouml;lker &uuml;berall
+z&auml;he an ihren Religionen gehalten.</p>
+
+<p>Etwas anders steht die Sache in Polynesien. Nicht als ob die
+polynesischen V&ouml;lker nicht von gleich tiefer Religiosit&auml;t
+w&auml;ren; was z.B. schon die bekehrten Eingeborenen beweisen, in
+deren Hand jetzt der gr&ouml;sste Theil der S&uuml;dseemission ist.
+Aber die ganze Bev&ouml;lkerung war sittlich minder rein als die
+Amerikaner und befand sich schon zur Zeit der Entdeckung, wie
+Meinicke (b) nachgewiesen, in einem Zustande auch des geistigen
+Verfalls. Daher erkl&auml;rt sich die auffallende Erscheinung, dass
+die Polynesier (Dieffenbach 2, 50 vom ganzen Ozean) und nach
+Chamissos Zeugniss auch die Mikronesier sich leicht bewegen lassen,
+&uuml;ber ihren fr&uuml;heren Aberglauben selbst zu lachen und ihn
+aufzugeben. Doch auch sie f&uuml;gen sich und nicht bloss aus
+Herkommen mit freudigstem Gehorsam den beschr&auml;nkendsten
+Gesetzen ihrer Religion, z.B. den Tabu-Gesetzen, d.h. den
+Bestimmungen, durch welche Gegenst&auml;nde aller Art heilig
+gesprochen und dem unheiligen Volk g&auml;nzlich entzogen werden,
+sowie der &uuml;bergrossen Adelsverehrung und anderem der Art. Und
+nur da haben sie ihre Religion wirklich und ohne Widerstand
+aufgegeben, wo sie durch die Mission wirklichen religi&ouml;sen
+Ersatz bekamen. Gegen feindselige Angriffe auf ihre Religion,
+mochten sie absichtlich oder nur zuf&auml;llig sein, haben sie sich
+immer aufs heftigste aufgebracht gezeigt und eine Menge
+Ueberf&auml;lle, Kriege, ja Cooks Tod selbst sind nur durch solche
+Verletzungen ihrer Tempelpl&auml;tze oder sonstigen
+Heiligth&uuml;mer hervorgerufen.</p>
+
+<p>Aber selbstverst&auml;ndlich war es gerade die Religion, gegen
+welche sich die heftigsten und ersten Angriffe der
+Kulturv&ouml;lker richteten. Das brauchte nicht mit der brutalen
+Roheit der Conquistadoren und ihrer Pfaffen in Amerika oder der
+Sendlinge Frankreichs in den letzten Jahrzehnten, der Laplace,
+Dupetitthouars u.s.w. in der S&uuml;dsee zu geschehen: auch die
+edelsten der Europ&auml;er mussten sich gegen diese Religionen
+wenden, um sie zu zerst&ouml;ren, und so sahen die Eingeborenen ihr
+Heiligstes vernichtet, ja als durchaus schlecht und
+nichtsw&uuml;rdig verachtet. Aus dem Vorstehenden aber kann man
+ermessen, wie vernichtend dieser Schlag ihr geistiges Leben
+traf.</p>
+
+<p>Ebenso war es mit den politischen Einrichtungen: und auch hier
+m&uuml;ssen wir wenigstens auf einige Hauptpunkte hinweisen. Die
+despotische Verfassung, das strenge Adelsregiment der S&uuml;dsee
+(um bei den Polynesiern zun&auml;chst zu bleiben), haben wir schon
+betrachtet. Aber mochte der Adel sich noch so hoch &uuml;ber das
+Volk stellen, das Volk aufs &auml;rgste unterdr&uuml;cken: er war
+doch von Gott, man hing ihm doch mit warmer Verehrung an, man
+brachte in den meisten F&auml;llen sein Gut und Blut mit
+aufrichtigem Eifer dar &mdash; lohnte doch eine solche Aufopferung
+mit einem besseren oder &uuml;berhaupt mit einem Leben nach dem
+Tode! Jedenfalls beruhte auf diesem Verh&auml;ltniss des Adels, der
+naturgem&auml;ss die stolzeste Meinung von sich hatte und sich
+keineswegs den europ&auml;ischen Grossen untergeordnet f&uuml;hlte,
+und des Volkes das gesammte &ouml;ffentliche Leben Polynesiens und
+Mikronesiens und hier wieder vorz&uuml;glich der Marianen.</p>
+
+<p>Durch den Einfluss der Europ&auml;er &auml;nderte sich das alles
+und so sehr auch das Volk nachher dadurch gewann: f&uuml;r den
+Augenblick musste es die Einrichtungen, die ihm seit Jahrtausenden
+gewohnt und ehrw&uuml;rdig waren, aufgeben und die, welche es
+vordem gleich G&ouml;ttern geachtet hatte, von den Europ&auml;ern
+keineswegs besonders hochgestellt, ja oft mit Verachtung oder gar
+mit schreiendster Ungerechtigkeit behandelt, zum Theil wie auf den
+Marianen blutig verfolgt und vernichtet sehen. Der Adel selbst aber
+war noch schlimmer dran. Er war, bei v&ouml;lliger
+Unumschr&auml;nktheit, der festen Ueberzeugung, von ganz anderem
+Stoff zu sein, als das gemeine Volk, er stellte sich ganz den
+h&ouml;chsten Europ&auml;ern gleich und wusste sich, wie Liholiho,
+Tamehameha I. Sohn in England bei seinem Aufenthalt unter der
+englischen h&ouml;chsten Aristokratie bewiesen hat, diesen auch im
+&auml;usseren Benehmen ziemlich gleich zu halten. Und nun fand er
+sich von den Europ&auml;ern, oft von den gemeinsten Matrosen, nicht
+nur nicht g&ouml;ttlich verehrt, sondern verachtet, dem gemeinen
+Volke ganz gleich, und jedenfalls tief unter jeden Weissen
+gestellt, er fand sich von der Gesellschaft in den meisten
+F&auml;llen (wo sich eine wirklich europ&auml;ische Gesellschaft
+bilden konnte) entweder ausgeschlossen oder doch nur geduldet! So
+geschah es zu Neuseeland &mdash; man kennt ja den Hochmuth der
+englischen Ra&ccedil;e einer farbigen Bev&ouml;lkerung
+gegen&uuml;ber &mdash; so, seit der gloriosen franz&ouml;sischen
+Occupation, zu Tahiti, so einige Jahrhunderte fr&uuml;her auf den
+Marianen, wo der Adel in den blutigen K&auml;mpfen ganz zu Grunde
+ging.</p>
+
+<p>Noch viel schlimmer, weil die Zerst&ouml;rung gr&uuml;ndlicher
+war, wirkten diese Dinge in Amerika. Denn auch hier war Volk und
+Herrscher durch Bande grosser Anh&auml;nglichkeit und
+Religiosit&auml;t verkn&uuml;pft. Der Herrscher, der aus dem hohen
+Adel gew&auml;hlt wurde, und mit ihm der h&ouml;chste Adel war, wie
+wir schon sahen, Stellvertreter Gottes auf Erden und daher
+unumschr&auml;nkt. Wie rein und tief man in Mexiko, trotz alles
+Absolutismus, die Stellung des Herrschers auffasste, geht aus den
+Reden hervor, die man bei seiner Inauguration an ihn richtete und
+welche nicht nur nach Waitz 4,68 &raquo;zu dem Sch&ouml;nsten und
+Erhabensten geh&ouml;ren, was von den Azteken noch &uuml;brig
+ist&laquo;, sondern &uuml;berhaupt zu dem Sch&ouml;nsten und
+Erhabensten, sicher zu dem Wahrsten, was man je K&ouml;nigen gesagt
+hat. Die Steuern und Frohnen, unter denen, nach den alten
+spanischen Schriftstellern, das Volk seufzte, sind nach Waitz
+genauer und schlagender Untersuchung von den Spaniern aus nahe
+liegenden Gr&uuml;nden sehr &uuml;bertrieben worden. Nach alle
+diesem wird sich die L&uuml;cke ermessen lassen, welche im
+Gem&uuml;th des Volkes nach dem Sturz alles Bestehenden entstand.
+&raquo;Zurita hat gezeigt, sagt Waitz 4, 186, wie das mexikanische
+Volk haupts&auml;chlich dadurch ins &auml;usserste Elend gerieth,
+dass alle Grundlagen seiner bisherigen politischen und socialen
+Organisation von den Siegern zerst&ouml;rt wurden. Vom
+mexikanischen Adel &uuml;berlebten nur wenige den Fall der
+Hauptstadt und diese wenigen waren meist noch Kinder. Eine Petition
+sechs vornehmer Indianer an Karl V. legt dar, wie der Rest des
+Adels von den Spaniern niedergetreten und ins Volk
+zur&uuml;ckgeworfen in Armuth und Elend umkam. Eine Tochter
+Montezuma's ist im tiefsten Elend gestorben.&laquo; Man nehme nun
+dazu, dass auch das gesammte &auml;ussere Leben, die ganze
+gl&auml;nzende Kultur des Volkes, die reiche Hauptstadt, die
+bl&uuml;henden G&auml;rten, die zahlreichen Tempel, dass Alles
+zerst&ouml;rt und oft aufs grausamste und ver&auml;chtlichste
+zerst&ouml;rt wurde: und man wird begreiflich finden, dass schon
+dadurch der Sieger der Seele des besiegten Volkes einen Todesstoss
+versetzte. Dasselbe gilt, vielleicht in noch h&ouml;herem Grade von
+den Quechuas und den Nordamerikanern. &raquo;Mit einem Fuss stiess
+er den rothen Mann &uuml;ber den Okonnee, und mit dem anderen trat
+er die Gr&auml;ber unserer V&auml;ter nieder&laquo;, hiess es in
+der oben erw&auml;hnten Rede. Und leider waren es die
+pers&ouml;nlichsten und heiligsten Empfindungen, die man allzu oft
+und mit der gr&ouml;ssten R&uuml;cksichtslosigkeit verletzte, woran
+freilich nicht mehr die Kultur, sondern nur ihre Tr&auml;ger schuld
+waren. Das zweite Concil zu Lima bedrohte die Zerst&ouml;rung und
+Pl&uuml;nderung der alten Indianergr&auml;ber, die Preisgebung der
+Leichen mit Excommunication; allein der supremo consejo de las
+Indias fand der Sch&auml;tze wegen, die sie enthalten k&ouml;nnten,
+f&uuml;r gut, ihre Durchsuchung zu erlauben (Waitz 4, 493-94).
+Alles dies musste das unterdr&uuml;ckte Volk ruhig mit ansehen: ihr
+innerstes Leben wurde ihnen vernichtet, ohne dass sie, die sonst
+schon aufs f&uuml;rchterlichste bedr&uuml;ckt waren, sich wehren
+konnten. Dass aber nicht bloss ihre Todten, dass die Lebenden
+selbst noch mehr zu leiden hatten; dass man auf sie, ob sie lebten
+oder starben, nicht die mindeste R&uuml;cksicht nahm, dass man also
+durch Verletzung der theuersten und heiligsten Gef&uuml;hle auch
+nach dieser Seite hin den Indianern das &auml;usserste that, das
+ist nur allzubekannt. Ein Nordindianer (Waitz 3, 141) sagte in
+einer &ouml;ffentlichen und viel erw&auml;hnten Rede: &raquo;ich
+h&auml;tte sogar daran gedacht, ganz unter euch zu leben,
+h&auml;tte nicht ein Mann mir B&ouml;ses gethan. Oberst Cresap
+ermordete im letzten Fr&uuml;hjahr (1774) mit kaltem Blut und aus
+eigenem Antriebe alle meine Verwandten, selbst meine Weiber und
+Kinder verschonte er nicht. Kein Tropfen von meinem Blut l&auml;uft
+mehr in den Adern eines lebenden Wesens.&laquo; Dies eine Zeugniss
+gen&uuml;ge.</p>
+
+<p>Eine der hervorragendsten Eigenschaften der Naturv&ouml;lker ist
+ihr Stolz. Die Amerikaner halten sich f&uuml;r die ersten aller
+Menschen; Geschickt wie ein Indianer und dumm wie ein Europ&auml;er
+sind bei ihnen Sprichw&ouml;rter (Waitz 3, 170). Verletzung dieses
+Stolzes war auch das H&auml;rteste, was sie unter sich einander
+zuf&uuml;gten. Die Polynesier glaubten alles Ernstes, die
+Europ&auml;er k&auml;men zu ihnen, um jetzt erst wahres Leben
+kennen zu lernen und an ihrer Gl&uuml;ckseligkeit, an ihrer
+Vollkommenheit Theil zu nehmen. Selbstmord aus Scham oder
+verletztem Ehrgef&uuml;hl ist unter ihnen gar nicht so selten
+(Dieffenbach 2, 112. Thomson 319. Will. u. Calvert 1, 121 ff.);
+ihre eigenen Thaten l&auml;ugnen sie eben wegen dieses Stolzes nie
+(Williams u. Calvert 1, 124; Tyermann u. Bennet 1, 78; Waitz
+a.a.O.).</p>
+
+<p>Nicht minder empfindlich ist das Rechtsgef&uuml;hl aller dieser
+V&ouml;lker, welches z.B. einen Irokesen, der von Christi Leiden
+h&ouml;rte, ganz wie jenen Friesenf&uuml;rsten zu dem Ausrufe
+zwang: &raquo;w&auml;re ich dabei gewesen, ich w&uuml;rde ihn
+ger&auml;cht und die Juden skalpirt haben&laquo; (Waitz 3, 169).
+Und diese Empfindungen, f&uuml;r welche Waitz a.a.O. u. b, 147 noch
+eine Menge Beispiele zusammenstellt, finden wir ebenso in
+Polynesien; ebenso wirksam wenigstens, wenn auch minder frei
+entwickelt, auch bei den roheren V&ouml;lkern, den
+S&uuml;damerikanern, Hottentotten, Australiern. Schon das stete
+Streben, welches diese V&ouml;lker nach Rache haben, beweist es.
+Wie grausam aber sind gerade diese Eigenschaften von der Kultur
+verletzt! Theils ohne ihre Schuld: denn dass die Naturv&ouml;lker
+gar bald einsahen, wie sie gegen die Europ&auml;er nichts
+w&auml;ren und nichts verm&ouml;chten, lag in der Natur der Sache.
+Theils aber tragen auch hier die Europ&auml;er die schwerste
+Verantwortlichkeit, denn sie haben die Rechte dieser V&ouml;lker
+absichtlich mit F&uuml;ssen getreten, sie haben, da sie die
+Naturv&ouml;lker kaum f&uuml;r Menschen ansahen, nicht einmal ihr
+menschliches Selbstbewusstsein ihnen lassen m&ouml;gen, sondern
+auch dieses, und oft von Staatswegen, wie die Vereinigten Staaten,
+wie Frankreich in Tahiti, wie die Engl&auml;nder in Australien, mit
+F&uuml;ssen getreten; und man tritt es durch den grenzenlosen
+Hochmuth und Hass, mit dem man diese V&ouml;lker von aller
+Gemeinschaft und damit von aller Kultur ausschliesst, nachdem man
+ihnen h&auml;ufig Land und Lebensmittel genommen, auch ferner mit
+F&uuml;ssen. Und selbst in ihrem Rachedurst sind alle diese
+V&ouml;lker den Europ&auml;ern gegen&uuml;ber so ohnm&auml;chtig,
+gegen welche h&ouml;chstens einmal ein vereinzelter Racheakt
+Einzelner gl&uuml;cklichen Erfolg hatte. Mag auch Waitz Recht
+haben, wenn er sagt (b, 157), das Rechtsgef&uuml;hl der Indianer
+sei durch den harten Druck der Weissen weiter und sch&auml;rfer
+entwickelt worden, als es wohl sonst geschehen sei; so f&auml;hrt
+er doch ebenso richtig fort: &raquo;freilich war davon die
+n&auml;chste Folge f&uuml;r sie selbst nur diese, dass sie ihre
+Ohnmacht und die Trostlosigkeit ihrer Lage dann um so bitterer
+empfanden.&laquo;</p>
+
+<p>Diese Vernichtung aber des gesammten geistigen und ethischen
+Lebens der Nationen kann man gar nicht stark genug betonen, wenn
+man die Gr&uuml;nde f&uuml;r ihr Aussterben aufsuchen will. Wie
+nichts ein Volk mehr hebt, als freudige Achtung vor sich selbst und
+fr&ouml;hliches Gelingen des von ihm Erstrebten, so dr&uuml;ckt
+nichts den Volksgeist tiefer, als das Gef&uuml;hl der eigenen
+Ohnmacht und Verlorenheit. Zum Gef&uuml;hl aber der &auml;ussersten
+Ohnmacht und Rechtslosigkeit, des bittersten und doch ganz
+h&uuml;lflosen Ingrimms finden wir alle diese V&ouml;lker,
+Amerikaner, Aleuten und Kamtschadalen, Neuholl&auml;nder,
+Polynesier und Hottentotten verdammt. &raquo;Jede Ra&ccedil;e,
+weiss schwarz oder roth, sagt Elliot bei Waitz 3, 299, muss
+untergehen, wenn ihr Muth, ihre Energie und Selbstachtung durch
+Unterdr&uuml;ckung, Sklaverei und Laster zu Grunde gehen.&laquo;
+Und nun hatten, wie wir gesehen, die meisten Naturv&ouml;lker schon
+von Haus aus einen entschiedenen Hang zur Melancholie, welche durch
+alle diese Schicksale nat&uuml;rlich aufs &auml;rgste vermehrt
+ihren Untergang nur beschleunigte. Man denke sich nur, wenn wir
+Europ&auml;er mit allen unseren Kulturmitteln, mit unserer
+Religion, kurz mit allen den Vortheilen, die wir den
+Naturv&ouml;lkern gegen&uuml;ber besitzen, ihr Loos auch nur wenige
+Jahre, etwa eine Generation, zu ertragen h&auml;tten, was aus uns
+werden sollte! Man denke, wie der dreissigj&auml;hrige Krieg
+gewirkt hat, dessen Greuel doch bei weitem durch das, was die
+Naturv&ouml;lker zu leiden hatten, &uuml;berboten werden: und man
+wird sich mehr &uuml;ber die z&auml;he Ausdauer, als &uuml;ber das
+Hinschwinden derselben verwundern. Nur ihre gr&ouml;ssere
+H&auml;rte und Festigkeit hat sie aufrecht erhalten den
+V&ouml;lkern gegen&uuml;ber, die sie anfangs alle, Mexikaner sowohl
+wie Hottentotten und Neuholl&auml;nder, f&uuml;r G&ouml;tter
+hielten!</p>
+
+<p>Musste alles dieses auf das geistige Leben der V&ouml;lker und
+damit auch auf das leibliche einen vernichtenden Einfluss
+aus&uuml;ben, so &uuml;bte es den auch noch auf eine andere Art.
+Mit der Vernichtung der bestehenden Staaten war nat&uuml;rlich auch
+jedes Recht und Gesetz, welches in denselben bestanden hatte,
+aufgehoben. In Mexiko, in Peru aber waren die Gesetze von grosser
+Strenge und grosser Wirksamkeit, da sie &uuml;berall in
+h&ouml;chster Achtung standen und nicht anders war es in
+Polynesien, wo das Tabu auch manchen heilsam verbietenden Einfluss
+hatte. St&uuml;rzte nun das Alles zusammen, so musste
+nothwendigerweise eine um so &auml;rgere Demoralisation eintreten,
+je h&ouml;her fr&uuml;her die Kultur des zerst&ouml;rten Staates
+gestanden hatte; eine solche Demoralisation musste aber gerade in
+einer Zeit einer so allgemeinen Zerst&ouml;rung, wo f&uuml;r die
+Unterliegenden weder leiblich noch geistig irgend ein Halt blieb,
+die unheilvollsten Folgen f&uuml;r ihr ganzes Dasein haben und
+nicht wenige in den genannten Kulturstaaten sind denn auch gerade
+durch die unter den Eingebornen einreissende Z&uuml;gellosigkeit zu
+Grunde gegangen. Und je tiefer, je pers&ouml;nlich vernichtender
+die Angriffe waren, um so mehr nat&uuml;rlich demoralisirten sie
+die V&ouml;lker: was sollten die noch irgend etwas scheuen und
+heilig halten, welche selbst in ihrem Heiligsten verletzt waren?
+wie konnten sie noch sich selbst achten, die von jenen ankommenden
+G&ouml;ttern so in Staub getreten wurden? Ueberall riss in Folge
+der auf diese Weise nahenden Kultur Entsittlichung und dadurch
+immer tieferes geistiges und leibliches Sinken unter den
+Naturv&ouml;lkern ein. Was nicht unmittelbar vernichtet wurde, das
+wurde im Innersten vergiftet und langsames Hinsiechen war die
+nothwendige Folge.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name=
+"_15_Schwierigkeit_fur_die_Naturvolker_die_moderne_Kultur_sich"></a>
+
+
+<h2>&sect; 15. Schwierigkeit f&uuml;r die Naturv&ouml;lker, die
+moderne Kultur sich anzueignen.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Aber wenn auch die europ&auml;ische Kultur den Naturv&ouml;lkern
+mit vollkommener Freundlichkeit und Schonung zugef&uuml;hrt worden
+w&auml;re: diese Kultur bot auch noch ausser denen, welche wir
+schon gesehen haben, die gr&ouml;ssten Schwierigkeiten und
+Gefahren, die wir jetzt betrachten m&uuml;ssen.</p>
+
+<p>War es schon keine Kleinigkeit, dass diese V&ouml;lker fast alle
+ihre seit Jahrhunderten eigenth&uuml;mlichen Ideen und Anschauungen
+aufgeben mussten, so war es noch viel schwieriger, das aufzunehmen,
+was die Europ&auml;er brachten, die ganze unendlich verwickelte
+moderne Kultur! Das traf besonders Polynesien und Australien; man
+denke sich die kleinen Kokosinseln, die nun pl&ouml;tzlich sich
+hineinfinden m&uuml;ssen in die ganze europ&auml;ische Lebensart,
+in den europ&auml;ischen Handel, das europ&auml;ische Recht, die
+Religion und so vieles andere &mdash; und sie m&uuml;ssen mehr als
+nur oberfl&auml;chliches davon annehmen, wenn sie nicht verloren
+sein wollen. Um wie viel gl&uuml;cklicher waren auch hierin die
+Germanen, die sehr allm&auml;hlich eine viel weniger verwickelte
+Kultur aufzunehmen hatten; und doch wie lange Zeit brauchten auch
+sie, bis sie diese Kultur vollkommen sich assimilirt hatten! Ist es
+zu viel gesagt, wenn man behauptet, dass dies erst im vorigen
+Jahrhundert durch das geistige Durchdringen des Alterthums ganz
+geschehen sei?</p>
+
+<p>Einzelne Punkte &mdash; denn vieles (Wohnung, Kleidung u.s.w.)
+ist schon in dem bisher Behandelten wenigstens andeutend
+ausgesprochen worden &mdash; m&uuml;ssen wir noch besonders
+ber&uuml;cksichtigen. Zun&auml;chst die Bewaffnung. Die Feuerwaffen
+sich anzueignen ist weit schwieriger, als die Aneignung der
+r&ouml;mischen Taktik, da sie ausser der leiblichen Uebung noch die
+Ueberwindung der Scheu vor Donner und Blitz, durch welche gerade
+man die Weissen zuerst als G&ouml;tter dokumentirt sah, verlangen;
+da ihre Wirkung weit &uuml;bernat&uuml;rlicher scheint, als die der
+r&ouml;mischen Waffen. &mdash; Ferner die Sprache. Uns
+Europ&auml;ern macht es sehr grosse Schwierigkeiten, die Sprache
+eines Naturvolkes mit ihren anderen Anschauungen geistig zu
+erfassen; und doch steigen wir herab, da jene Sprachen alle in der
+Entwicklung und Verbindung der Gedanken so wie in der F&uuml;lle
+der Anschauung weit weniger vorgeschritten sind, als die Sprachen
+des gebildeten Europas; und zugleich haben wir durch lange
+Jahrhunderte fortgesetzte Uebung und ausserdem durch eine Menge von
+H&uuml;lfsmitteln eine viel gr&ouml;ssere Kraft, als jene
+V&ouml;lker, die doch hinaufsteigen m&uuml;ssen, wenn sie eine
+europ&auml;ische Sprache erlernen wollen. Schon beim blossen
+Sprechenlernen, das vom Begreifen und wirklichen Verstehen einer
+Sprache himmelweit verschieden ist, m&uuml;ssen sie ihren Geist mit
+einer ganzen Menge neuer Anschauungen und Begriffe erweitern, die
+ihnen fr&uuml;her aber auch ganz unbekannt waren &mdash; und das
+meist vom Niveau einer Sprache aus, welche strenges, logisches
+Verkn&uuml;pfen und Ausdenken der Begriffe wenig genug
+unterst&uuml;tzt.</p>
+
+<p>Nicht anders ist es mit der Religion. Der Abstand von manchen
+der Religionen dieser V&ouml;lker vom Christenthum mag, wenn auch
+die meisten tiefer stehen, nicht gr&ouml;sser sein, als der des
+germanischen Heidenthums von letzterem war; aber das Christenthum,
+was den Germanen gepredigt wurde, war selbst ein ganz anderes, als
+was die Mission&auml;re, wenigstens die protestantischen, heut zu
+Tage predigen. Dann freilich, wenn man die Berichte des sehr eifrig
+katholischen Michelis liest, so ist das, was die Propaganda z.B. in
+der S&uuml;dsee gepredigt hat, an vielen Orten &uuml;berhaupt
+nicht, viel Anderes gewesen, als was jene V&ouml;lker schon
+wussten: die katholischen Mission&auml;re haben getauft und das
+Heidenthum gelassen. Auf der andern Seite aber, wie so ganz
+unfassbar muss f&uuml;r die ganz sinnlichen Naturv&ouml;lker eine
+so abstrakte Lehre sein, wie die evangelische, die noch dazu auf
+Begriffen und Anschauungen beruht, welche jene V&ouml;lker gar
+nicht haben. Und indem man ihnen das Christenthum predigte,
+verlangte man, dass sie die Religion der M&auml;nner annehmen
+sollten, welche ihnen so alles Aergste zugef&uuml;gt hatten, der
+Weissen! Ja hat man sie nicht auch gleich, damit ihnen nichts
+erspart bliebe, mit dogmatischen Streitigkeiten begl&uuml;ckt? In
+der ganzen Missionsgeschichte der neueren Zeit ist vielleicht kein
+so trauriges Ereigniss als das Auftreten der Propaganda in der
+S&uuml;dsee, wo eben die protestantische Mission festen Fuss zu
+fassen und Fr&uuml;chte ihrer m&uuml;hevollen Arbeit zu sehen
+begann. Das liess der katholischen Kirche nicht Ruhe: sie trat an
+einzelnen Stellen mit rohster Gewalt (die dann durch L&uuml;gen
+aller Art verdeckt wurde) der protestantischen Mission entgegen und
+brachte zu den eben bekehrten Heiden den Streit der kirchlichen
+Parteien. Lutteroth, den zu widerlegen Michelis sich vergebens
+bem&uuml;ht, hat dies scharf und schlagend bewiesen. Auch
+Streitigkeiten, die in ihrem eigenen Schooss entstanden sind,
+brachte sie zu den Neubekehrten, wie Humboldt b, 5, 133 von
+S&uuml;damerika erz&auml;hlt. Uebrigens ist auch die
+protestantische Kirche in der Schonung solcher Heiden, die von
+einer andern protestantischen Sekte bekehrt waren, durchaus nicht
+&uuml;berm&auml;ssig zart gewesen. An manchen Orten (Nordamerika,
+Afrika u s.w.) hat auch sie statt des Friedens des Christenthums
+den Streit der Sekten gebracht. Welchen Einfluss musste das auf die
+eben gewonnenen Naturv&ouml;lker und deren Charakter machen! Dabei
+darf auch nicht vergessen werden, dass in den meisten F&auml;llen
+sich der Mission die Europ&auml;er selbst auf das Heftigste
+entgegensetzten, da sie sich durch jene in ihrem oft sehr
+weltlichen oder besser gesagt gottlosen Treiben behindert sahen. So
+war es namentlich in Polynesien, fast auf jeder Insel (Meinicke,
+Lutteroth und fast in allen Quellen); so in Amerika schon im 16.
+Jahrhundert (Waitz 4, 188; 338); so auch in Afrika bei
+Hottentotten, Kaffern, Negern, &uuml;berall. Man sieht, unsere
+Kultur verlangt von den Naturv&ouml;lkern eine geistige Anstrengung
+von so enormer Gr&ouml;sse, dass sie mit einem Male und von einer
+Generation gar nicht &uuml;berwunden werden kann. W&auml;hrend aber
+nun die Europ&auml;er immer frischen Zuzug neuer Schaaren haben,
+die sie in ihren Bestrebungen st&auml;rken, w&auml;hrend auch bei
+den Germanen auf die Stelle einer unterlegenen Schaar eine andere
+trat, die das, was jene gewonnen hatten, &uuml;bernehmend
+ausf&uuml;hrte, was noch nicht geleistet war, so fehlt es bei der
+geringen Kopfzahl der Naturv&ouml;lker an solcher kraftgebenden und
+aushelfenden Ersatzmannschaft, durch welche die Arbeit sich
+theilen, die Aneignung sich leichter und allgemeiner vollziehen
+k&ouml;nnte. Daher wird der lebenden Generation eine um so
+gr&ouml;ssere und schwerere Aufgabe gestellt und es ist schon
+deshalb klar, dass eine Generation, ja dass zwei, drei Generationen
+ihr nicht gen&uuml;gen k&ouml;nnen. Die Gr&ouml;sse der Aufgabe,
+die enorme geistige Anstrengung selbst erschwert aber das
+gedeihliche Weiterleben der Generationen durch den geistigen Druck
+so sehr, dass wir auch hierauf mit allem Nachdruck hinweisen
+m&uuml;ssen. Und zweitens m&uuml;ssen wir auch wieder betonen, dass
+der Hang zur Melancholie durch solche Ueberanstrengung, wo in den
+meisten F&auml;llen nur allzubald sich zeigt, dass ein auch nur
+einigermassen befriedigendes Ziel kaum zu erreichen ist, immer
+vergr&ouml;ssert wird, ja dass er geradezu Charakterzug der
+V&ouml;lker werden kann. Und so finden wir es im allgemeinen wie im
+einzelnen. Tschudi 2, 286 erz&auml;hlt von einem Botokudenknaben,
+der von einer Familie in Bahia sorgf&auml;ltig aufgezogen und dann
+zum Studium der Medizin auf die Universit&auml;t geschickt wurde.
+Er erwarb sich den Doktortitel, &uuml;bte auch eine Zeitlang die
+Praxis selbst&auml;ndig, bis er verschwand. &raquo;Eine tiefe
+Melancholie war immer der Grundzug seines Charakters.&laquo;
+Sp&auml;ter erfuhr man, dass er wieder, nachdem er sich jeglicher
+Spur von Civilisation, auch der Kleider, entledigt, als J&auml;ger
+durch die W&auml;lder streife. Einen ganz gleichen Fall von einem
+jungen Choktaw, der Advokat geworden war, hernach aber durch
+Melancholie (woran freilich der Kastenhochmuth der
+Nordamerikanischen Weissen mit Schuld war) bis zum Selbstmord
+getrieben wurde, erz&auml;hlt Waitz b, 71-72. Diese F&auml;lle zu
+erkl&auml;ren, reicht es nicht aus, bloss an die &raquo;schiefe
+Stellung&laquo; zu erinnern, in welche solche Individuen gerathen;
+denn bei jenem Botokuden trifft dies nicht zu, da in
+S&uuml;damerika das Verh&auml;ltniss der Farbigen zu den Weissen
+kein ung&uuml;nstiges ist: wesentlich mitgewirkt hat bei ihnen und
+&auml;hnlichen, wie wir sie bei Individuen und ganzen V&ouml;lkern
+finden, die ewige Dem&uuml;thigung auf der einen, die
+Ueberanstrengung auf der anderen Seite.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name=
+"_16_Behandlung_der_Naturvolker_durch_die_Weissen_Afrika_Amerika"></a>
+<h2>&sect; 16. Behandlung der Naturv&ouml;lker durch die Weissen.
+Afrika. Amerika.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Wir kommen nun zu dem d&uuml;stersten Punkt in unserer ganzen
+Schilderung, zu der d&uuml;stersten Partie vielleicht in der ganzen
+Geschichte der Menschheit: zu der Art, wie die Weissen die
+Naturv&ouml;lker behandelt haben. Die Laster, die sie ihnen
+brachten oder bei ihnen bef&ouml;rderten, brauchen wir hier, da wir
+sie schon oben an verschiedenen Stellen erw&auml;hnten, nicht noch
+einmal im Zusammenhang zu besprechen. Beginnen wir mit
+S&uuml;dafrika. Die Hottentotten zeigen sich uns gleich bei ihrem
+ersten Bekanntwerden als ein Volk, das fr&uuml;her eine viel
+gr&ouml;ssere Macht und Ausdehnung besessen hatte und damals schon
+in einer Art Verfall war. Von den umwohnenden afrikanischen
+V&ouml;lkerschaften waren sie &uuml;berall verdr&auml;ngt,
+namentlich von Norden nach S&uuml;den geschoben und nicht nur sehr
+vermindert, sondern wie es scheint, auch in ihrem inneren Wesen
+gebrochen oder wenigstens, durch die ewigen Kriege und Niederlagen,
+wesentlich besch&auml;digt worden (Waitz 2, 323 ff.). Schlimmeres
+aber brachten ihnen die Holl&auml;nder, welche sich seit 1652 am
+Cap niederliessen und nat&uuml;rlich den Eingeborenen so viel Land
+ohne weiteres wegnahmen, als sie brauchten. Sie brauchten aber, da
+sie aus Faulheit alles brach liegen liessen und stets nur frisches
+Land bebauten, da sie ferner aus dem gleichen Grund lieber
+Viehzucht als Ackerbau trieben, sehr viel Land. Die Hottentotten,
+welche zu Sklaven zu machen das Gesetz verbot, machten sie zu ihren
+Knechten, die, weil man sie nicht verkaufen konnte, viel schlechter
+gehalten wurden als Sklaven (Waitz 2, 331). Als freilich die
+Engl&auml;nder 1796 in Besitz des Caps kamen, zeigten sie sich aus
+Nationaleitelkeit anfangs zwar sehr emp&ouml;rt &uuml;ber das
+Benehmen der Holl&auml;nder; allein gar bald thaten sie es ihnen in
+Allem nach (ebd. 332). Wie man mit &raquo;dem schwarzen
+Vieh&laquo;, den Hottentotten, verfuhr, zeigt sich z.B. in
+folgendem Fall, den Sparmann erz&auml;hlt. Ein Holl&auml;nder hatte
+einen hottentottischen Knecht, der im Fieber lag und dessen
+Krankheit durch eine auf des Herrn Bitte von Sparmann unternommene
+Kur sehr verschlimmert wurde; Sparmann suchte den sehr
+niedergeschlagenen Boer zu tr&ouml;sten: allein jener fuhr auf: er
+k&uuml;mmere sich den Teufel um den Hottentotten und seine Seele,
+wenn er nur einen anderen Ochsenf&uuml;hrer, um seine Butter zu
+verkaufen, f&auml;nde (Sparmann 273). Dies war aber kein
+vereinzelter Fall, sondern allgemeine Ansicht und so werden wir uns
+&uuml;ber die Einrichtung der sogenannten Commandos gegen die
+Eingeborenen, welche 1774 etwa zuerst aufkamen, nicht sehr wundern
+k&ouml;nnen. Der Bericht eines Offiziers &uuml;ber solch ein
+Commando bei Waitz lautet (2, 333-34):</p>
+
+<p>&raquo;27. Sept. 1792 der erste Kraal angegriffen, 75
+Buschm&auml;nner get&ouml;dtet, 21 gefangen.</p>
+
+<p>15. Oktober ein anderer Kraal entdeckt, 85 get&ouml;dtet, 23
+gefangen.</p>
+
+<p>20. Okt. ein dritter entdeckt, 7 get&ouml;dtet, 3
+gefangen.&laquo;</p>
+
+<p>&raquo;Man wird einigermassen, f&auml;hrt Waitz fort, die
+Ausdehnung ermessen k&ouml;nnen, in welcher diese Vertilgung
+besonders der Buschm&auml;nner betrieben wurde, wenn man bedenkt,
+dass Coblins (1809) einen sonst respektablen Mann erz&auml;hlen
+h&ouml;rte, er habe binnen 6 Jahren mit seinen Leuten zusammen 3200
+Buschm&auml;nner get&ouml;dtet und gefangen, wogegen ein anderer
+mittheilte, dass die Commandos, an denen er sich betheiligte, 2700
+Buschm&auml;nnern das Leben gekostet h&auml;tten. Thompson kannte
+einen Kolonisten, der in 30 Jahren 32 solcher Raubz&uuml;ge
+mitgemacht hatte, auf deren einem 200 Buschm&auml;nner umgebracht
+seien. Mit dem Eintritt der englischen Herrschaft am Cap hatte zwar
+das Commandosystem aufh&ouml;ren sollen, aber die Boers waren so
+sehr an dasselbe gew&ouml;hnt, dass es unm&ouml;glich war, es auf
+einmal zu beseitigen. Von 1797-1823, d.h. bis zur Okkupation des
+Landes der Buschm&auml;nner, werden 53 Commandos offiziell
+angegeben; es ist unzweifelhaft, dass das System 1823 nach einigen
+Unterbrechungen wieder in voller Bl&uuml;the war und es scheint den
+Buschm&auml;nnern unter der englischen Herrschaft noch trauriger
+gegangen zu sein, als unter der holl&auml;ndischen. Dass die
+Hottentottenbev&ouml;lkerung der Capkolonie unter der englischen
+Herrschaft bis zum Jahr 1822 um die H&auml;lfte zugenommen habe
+(Zeitschr. 1, 287) ist wenig glaubhaft und sicherlich nur
+scheinbar.&laquo; Die Boers zogen, um den ihnen verhassten
+englischen Gesetzen nicht gehorchen zu m&uuml;ssen, 5000 an der
+Zahl, um 1836 nach Port Natal, wo sie ihre scheussliche
+Willk&uuml;rherrschaft, ihre Commandos und Knechtung der
+Eingeborenen noch jetzt, wie sie es selbst bei Livingstones
+Anwesenheit thaten, fortsetzen (Waitz 2, 336).</p>
+
+<p>Man wird es nicht eben wunderbar finden, wenn die Hottentotten
+diesem Hauche der Kultur erlagen; wenn jetzt ihr Hass gegen die
+Weissen so gross ist, dass ein friedliches Einwirken der letzteren,
+wenn nicht unm&ouml;glich, doch ausserordentlich erschwert ist:
+wenn endlich die Hottentotten jetzt sehr viel roher, tr&auml;ger
+und sittlich schlechter sind als zu der Zeit, da man sie zuerst
+kennen lernte. Stand doch &uuml;ber manchen Kirchen der
+Holl&auml;nder: &raquo;kein Hund und kein Hottentotte darf
+eintreten&laquo; (Waitz 2, 333). Haben doch die Boers nach
+Kr&auml;ften die Christianisirung der Eingeborenen zu hindern
+gesucht, indem sie verboten, dass ihre Sklaven und deren Kinder
+getauft wurden und bei Lebensstrafe denselben die Missionsstation
+auch nur zu nennen verboten. Die holl&auml;ndische Compagnie selbst
+war es, welche die m&auml;hrischen Br&uuml;der aus dem Lande der
+Hottentotten vertrieb, weil sie auf letztere einen zu grossen
+Einfluss gewannen. Ja noch 1831, als die Hottentotten am Kat River
+sich niedergelassen und dort unter Leitung der Mission&auml;re zu
+einer gewissen Bl&uuml;the gelangt waren, gelang es kaum, die Boers
+von der Zerst&ouml;rung dieser Colonie mit Gewalt
+zur&uuml;ckzuhalten (Waitz 2, 336).</p>
+
+<p>Und in diesem Zustande leben die Hottentotten nun schon
+&uuml;ber 200 Jahr und sind noch nicht ausgerottet!</p>
+
+<p>Gehen wir nun nach Amerika. Die Indianer Nordamerikas kamen den
+Europ&auml;ern anfangs freundlich entgegen (Waitz 3, 242), aber die
+Weissen waren es, welche das Verh&auml;ltniss tr&uuml;bten.
+Zun&auml;chst vernichteten sie wegen verh&auml;ltnissm&auml;ssig
+geringf&uuml;giger Veranlassung das Volk der Pequots; an 700 wurden
+bei einem pl&ouml;tzlichen Ueberfall get&ouml;dtet, die
+&uuml;brigen zerstreut, gefangen und von Staatswegen als Sklaven
+verkauft (Waitz 3, 244). Sklavenjagden in Nordamerika von Seiten
+der Engl&auml;nder und Spanier waren ganz gew&ouml;hnlich. Die
+frommen Puritaner, die Gott dankbar waren f&uuml;r jede verheerende
+Krankheit, welche unter den Indianern w&uuml;thete (Waitz 3, 242),
+sahen in jedem gelingenden Greuel der Christen gegen die Indianer,
+namentlich wenn diese massenweise zu Grund gingen, ein Zeichen
+g&ouml;ttlicher Gnade, in jedem Misslingen eines Mordzuges einen
+g&ouml;ttlichen Zornausbruch gegen sie selber und bekannten dies
+laut (Waitz 3, 244-45). Man dachte gar bald daran, die Indianer
+ganz auszurotten: und soll uns das wundern, wenn wir erfahren, dass
+noch in diesem Jahrhundert der Regierung der Vereinigten Staaten
+ein f&ouml;rmliches Projekt zur Vertilgung der Indianer vorgelegt
+wurde? Und wie man sie vertilgte! &raquo;Die Engl&auml;nder,
+versichert Trumbull bei Waitz 3, 248, hatten damals (im 17.
+Jahrhundert) und sp&auml;ter viel Zweifel dar&uuml;ber, ob es sich
+mit dem Christenthum und der Menschlichkeit vertrage, die Feinde
+lebendig zu verbrennen.&laquo; Die Weissen haben, wie schon hieraus
+hervorgeht und auch sonst &uuml;berall, oft sogar mit dem
+gr&ouml;ssten R&uuml;hmen, bezeugt wird, den Krieg mit derselben
+und oft noch viel &auml;rgerer Grausamkeit gef&uuml;hrt, als die
+Indianer selbst (ebd. 258. 260); noch 1830 haben sie, wie
+fr&uuml;her &ouml;fter, unter den Pani das Blattergift verbreitet
+(ebd. 259). Wie man nun die V&ouml;lker um ihr Land geprellt, wie
+man sie sp&auml;ter immer weiter nach Westen und schliesslich
+&uuml;ber den Missisippi hin&uuml;bergedr&auml;ngt hat, ohne
+R&uuml;cksicht auf die bedeutend aufbl&uuml;hende Kultur der
+Cherokees, welche durch diese Verpflanzung einen schweren Stoss
+erlitt, das mag man bei Waitz 3 bis 299 und b, 26-60 nachlesen: wir
+wollen nur noch bemerken, dass die Natchez, die Schawanoes, die
+Delawares, Potowatomies, Seminolen, Kaskaskias und andere einst
+m&auml;chtige V&ouml;lker von den Weissen vernichtet oder so gut
+wie vernichtet sind (Waitz 1, 166).</p>
+
+<p>In S&uuml;damerika traten die Europ&auml;er wom&ouml;glich noch
+scheusslicher auf. &raquo;Benzoni, sagt Waitz 3, 399-100 in
+Beziehung auf Guyana, hat als Augenzeuge ein schauerliches Bild
+davon entworfen, wie die Spanier in diesen L&auml;ndern hausten.
+Das Verbot, Sklaven zu machen, war kein Verbot, Sklaven zu halten.
+Die gew&ouml;hnliche Formel, mit welcher letzteres erlaubt wurde,
+lautete: ihr sollt als Sklaven halten d&uuml;rfen die von den
+eingeborenen Herren des Landes als solche gehalten und euch
+verkauft werden. Das gew&ouml;hnliche Verfahren, welches namentlich
+in Maracapana oft zur Ausf&uuml;hrung gekommen ist, bestand daher
+darin, dass man einen H&auml;uptling einfing, der gezwungen wurde,
+sich durch den Verkauf seiner Leute als Sklaven die Freiheit zu
+erwerben, und dass man die so gewonnenen Sklaven dann von der
+Beh&ouml;rde f&uuml;r rechtm&auml;ssig erkl&auml;ren liess.
+Unterwarf sich aber ein H&auml;uptling freiwillig, so fiel man mit
+ihm &uuml;ber seine Feinde her, um diese zu versklaven oder suchte
+Streit mit ihm selbst. Nasen- und Ohrenabschneiden war eine
+gew&ouml;hnliche und nicht selten ausgef&uuml;hrte Drohung der
+Spanier gegen Indianer, die sich ungef&uuml;gig zeigten, und da das
+Gesetz verbot, die Lastthiere zu &uuml;berb&uuml;rden, damit sie
+sich reichlich vermehren k&ouml;nnten, diente auch dies als
+Vorwand, die Eingeborenen selbst als Lastthiere zu gebrauchen.
+N&auml;chst der Minenarbeit und pers&ouml;nlichen Dienstbarkeit
+&uuml;berhaupt hat vorz&uuml;glich auch die Entf&uuml;hrung vieler
+Weiber ihre Zahl verringert. Nat&uuml;rlich liessen sich das die
+streitbaren Indianer nicht ohne Weiteres anthun und man kann
+denken, welche f&uuml;rchterlichen K&auml;mpfe eine solche
+Behandlung hervorrufen musste und wie diese K&auml;mpfe selbst,
+obwohl zum Theil gl&uuml;cklich f&uuml;r sie, die Indianer
+decimiren mussten. In Brasilien wars um nichts besser. Obwohl man
+anfangs den Eingeborenen die Freiheit zugesprochen hatte, kam man
+doch sehr bald dahin, dass man Menschenjagden erst duldete und dann
+(seit 1611) allgemein gestattete und diese entwickelten sich gar
+bald zu einer solchen H&ouml;he, dass in den 3 Jahren 1628-1630 in
+Rio de Janeiro allein 60,000 Indianer, meist aus Paraguay, in die
+Sklaverei verkauft wurden, wobei es nat&uuml;rlich auch wieder zu
+den scheusslichsten Kriegen kam, in welchen Europ&auml;er und
+Indianer gleichm&auml;ssig verwilderten (Waitz 3, 450-51).
+Allerdings setzten sich die Mission&auml;re (Jesuiten) hiergegen,
+allein nur, um die Arbeitskraft der Indianer ihrem Orden zukommen
+zu lassen, und meist mit so geringem Erfolg, dass ihr Widerstand
+gar nichts bedeutete. Uebrigens ist auch jetzt noch das Loos der
+unter brasilianischer, also portugiesischer Herrschaft stehenden
+Indianer kaum besser (ebd. 453), wie die Portugiesen wohl
+diejenigen Europ&auml;er sind, welche am unmenschlichsten mit den
+Amerikanern umgingen. Das beweist auch, wie sie mit den Indianern
+der Pampas verfuhren. Wir wollen h&ouml;ren, was hier&uuml;ber v.
+Tschudi 2, 261-64 von vergangenen Zeiten und von der Gegenwart
+sagt: &raquo;Das Verh&auml;ltniss zwischen den erobernden
+Portugiesen und den Indianern war seit dem 16. Jahrhundert im
+allgemeinen ein getr&uuml;btes. Bekanntlich trachteten die
+Ansiedler so viel als nur m&ouml;glich, die Eingeborenen f&uuml;r
+die Feldbestellung und f&uuml;r den Bergbau zu benutzen. Diese aber
+fanden im ganzen wenig Freude an solchen ihren nat&uuml;rlichen
+Neigungen mehr oder weniger widerstrebenden Verrichtungen und
+wollten ebenso wenig in ein Dienstverh&auml;ltniss zu den
+Eindringlingen treten. Die gebieterische Nothwendigkeit,
+Arbeitskr&auml;fte zu besitzen, f&uuml;hrte die Portugiesen
+allm&auml;hlich dahin, sich der Indianer mit Gewalt zu
+bem&auml;chtigen und sie zu unentgeltlichen Dienstleistungen zu
+zwingen. Binnen kurzem bildete sich eine Indianersklaverei und ein
+schwunghafter Menschenhandel aus. Banden k&uuml;hner Abenteurer
+zogen nach den Urw&auml;ldern auf Menschenjagd und verkauften nach
+der R&uuml;ckkehr ihre Beute an Grossgrundbesitzer, in denen sie
+stets willige Abnehmer fanden. K&ouml;nigliche Verordnungen
+autorisirten gewissermassen dieses emp&ouml;rende Verfahren und nur
+an der Gesellschaft Jesu fanden die hartbedr&auml;ngten Urbewohner
+Vertheidiger und Besch&uuml;tzer. Durch massenhafte Einfuhr von
+Sklaven von der afrikanischen K&uuml;ste, verbunden mit einer etwas
+humaneren Gesetzgebung, verminderte sich, besonders im 18.
+Jahrhundert, die Indianersklaverei, dagegen aber entwickelte sich
+an vielen Grenzpunkten der Civilisation ein f&ouml;rmlicher
+Vernichtungskrieg zwischen Portugiesen und Indianern.
+Ueberlegenheit der Angriffs- und Verteidigungswaffen sicherten den
+ersten den Erfolg ..... deren weite mit gehacktem Blei geladene
+Trabucos oft schreckliche Verw&uuml;stungen unter den Gegnern
+anrichteten.</p>
+
+<p>Wilde Bluthunde, die ausschliesslich auf Indianerf&auml;hrten
+abgerichtet waren, halfen den nicht weniger blutd&uuml;rstigen
+Menschenj&auml;gern die feindlichen Lager ausfindig machen. Die
+Offiziere wetteiferten, wer die besten Indianerhunde besitze, und
+ein gewisser Lieutenant Antonio Pereira liess die seinigen nur
+Indianerfleisch geniessen, um sie stets bei guter Nase zu erhalten.
+Als durch die Einf&uuml;hrung der weit arbeitsf&auml;higeren Neger
+die Indianer fast ganz entwerthet wurden, so handelte es sich bei
+solchen Expeditionen nicht mehr darum, Menschen zu fangen, sondern
+nur eine m&ouml;glichst grosse Zahl zu morden. Um diesen Zweck, die
+Vernichtung der Indianer, in ausgedehntem Massstabe zu erreichen,
+griffen die Portugiesen zu den niedertr&auml;chtigsten Mitteln. Sie
+legten Kleider von Personen, die an Blattern oder Scharlach
+verstorben waren, in der Absicht in die W&auml;lder, dass Indianer
+sich diese aneignen und infolge dessen Epidemien unter ihnen
+ausbrechen und gr&auml;ssliche Verheerungen unter ihnen anrichten
+sollten.&laquo; Also ganz wie es die Engl&auml;nder in Nordamerika
+machten! &mdash; Nachdem nun Tschudi gesagt hat, dass die Spanier
+zu solchen sch&auml;ndlichen Mitteln nie gegriffen h&auml;tten,
+f&auml;hrt er fort: &raquo;trotz der sch&ouml;nen aber leider so
+mangelhaft ausgef&uuml;hrten Constitution Brasiliens hat der
+Vernichtungskrieg gegen die Indianer der Provinz Minas bis auf die
+neueste Zeit noch fortgedauert. Heute noch (1860) leben dort
+Individuen, denen eine Indianerjagd der h&ouml;chste Genuss ist und
+die noch sorgf&auml;ltig Schweiss- und Sp&uuml;rhunde zu diesem
+Zwecke pflegen. Nur eine kurze Zeit ist verflossen, seit ein
+kaiserlich brasilianischer Milit&auml;rcommandant als Repressalien
+f&uuml;r einen von den Indianern begangenen Mord ein Indianeraldea
+(Dorf) &uuml;berfiel und als Siegestroph&auml;e <i>dreihundert</i>
+Ohren von grausam abgeschlachteten Indianern in den Flecken St.
+Matheus, s&uuml;dlich vom Mukury brachte! Selbst der kaiserliche
+Commission&auml;r ... neigt sich mehr zu den Vertilgungsmitteln
+hin, als auf rein menschliche Weise die Indianer der Civilisation
+unterthan zu machen....</p>
+
+<p>Ottoni f&uuml;hrt einige Beispiele an, wie der Vernichtungskrieg
+gegen die Indianer auch in neuerer Zeit gef&uuml;hrt wurde. Der
+Schauplatz dieser elenden Thaten war das Quellgebiet des Mukury und
+ein Theil von dem des Jaquitinhonha. Die Hauptleiter der
+M&ouml;rderexpeditionen waren zwei indianische Soldaten Cr&eacute;
+und Crahy, denen sich als dritter w&uuml;rdiger Genosse ein
+gewisser Tidoro zugesellte. Sie handelten aber nur auf h&ouml;heren
+Milit&auml;rbefehl. &raquo;Eine Aldea umbringen&laquo; war ihr
+Losungswort, der Zauber, der sie f&uuml;r ihr Henkerhandwerk
+fanatisirte. Mit H&uuml;lfe kaiserlich brasilianischer Soldaten und
+&raquo;Liebhaber&laquo; (oft den besten St&auml;nden
+angeh&ouml;rend) umringten sie w&auml;hrend der Nacht die dem
+Untergang geweihte Aldea und st&uuml;rmten sie mit dem ersten
+Tagesgrauen, so dass die aufgehende Sonne nur noch blutrauchende
+gr&auml;sslich verst&uuml;mmelte Leichname beschien. Die arglosen
+Indianer hatten gew&ouml;hnlich keine Idee von dem ihnen drohenden
+Verh&auml;ngniss: sie wurden meistens im tiefen Schlaf
+&uuml;berrascht. Die Soldaten bem&auml;chtigten sich immer zuerst
+der in einer Ecke zusammengestellten Bogen und Pfeile, um so
+weniger gef&auml;hrdet die wehrlosen Indianer abzuschlachten. Nur
+die Kinder (Kurukas) wurden verschont, sie waren Kriegsbeute! Ein
+solches Kuruka wurde in der Regel f&uuml;r 100 Milreis verkauft.
+Selbst in neuester Zeit war der Gewinn, der aus dem Verkauf der
+erbeuteten Kinder gezogen wurde, das einzige Motiv, um eine Aldea
+umzubringen. Und dieses geschieht im constitutionellen Brasilien
+gegen die urspr&uuml;nglichen Bewohner des Landes! Am Rio
+Jaquitinhonha, am Mukury, am Rio St. Matheus, am Rio Dolce sind
+zahlreiche Beispiele dieser Menschenschl&auml;chtereien
+vorgekommen. Vier Jahre vor meinem Besuch am Mukury leiteten die
+Henkersknechte Cro und Crahy eine solche Metzelei bei Queriba am
+Jaquitinhonha. Sogar im Jahr 1861 wurde wenige Meilen von
+Philadelphia eine derartige Menschenschl&auml;chterei
+ausgef&uuml;hrt. Im Jahre 1846 wurde in Marianna, 2 Leguas von St.
+Jose de Porto Alegre, an der M&uuml;ndung des Mukury, der Tribus
+des H&auml;uptlings Shiporok fast g&auml;nzlich vernichtet.
+Sechzehn Sch&auml;del der ermordeten Indianer kaufte ein Franzose
+und schickte sie an ein pariser Museum.&laquo;</p>
+
+<p>Man muss diese Nachrichten, welche jede Vorstellung
+&uuml;bersteigen, bei einem so glaubw&uuml;rdigen Schriftsteller
+wie Tschudi selbst lesen, um sie zu glauben. Uebrigens ging es den
+Araukanern kaum besser, die in einem fast 200j&auml;hrigen Kampfe
+(von 1540-1724) mit den Spaniern um ihre Unabh&auml;ngigkeit
+rangen. Auch hier waren es wieder die Europ&auml;er, welche die
+grauenvollsten Grausamkeiten gegen die tapferen und edeln
+Amerikaner begingen, welche letztern aber auch, wie es
+nat&uuml;rlich war, in einem solchen Krieg verwilderten und
+herunterkamen, so dass man jetzt in ihnen die alten Araukaner nicht
+mehr zu suchen braucht (Waitz 3, 521 ff.). Wie die Spanier noch in
+diesem Jahrhundert gegen sie verfuhren, geht aus folgender, von
+einem Augenzeugen erz&auml;hlten Geschichte hervor, welche den
+portugiesischen Schandthaten w&uuml;rdig zur Seite steht:
+&raquo;von einem Indianerstamme, der sich in seinem Versteck aller
+Nachforschungen entzog, konnte Major Rodriguez nur ein Weib
+auffinden mit ihrem Sohn und ihrer Tochter, die noch Kind war.
+Drohungen und Versprechungen bewirkten nichts &uuml;ber sie, um sie
+zur Verr&auml;therei zu bewegen. Da liess man den Sohn niederknien
+und erschoss ihn vor den Augen seiner Mutter und Schwester. Dennoch
+wollte das Weib nichts gestehen. Auch sie musste niederknien, um zu
+sterben; da erbot sich die Tochter, das Versteck ihres Vaters und
+ihrer Br&uuml;der zu verrathen. Die Mutter st&uuml;rzte
+w&uuml;thend &uuml;ber sie her und wollte sie erdrosseln, doch man
+entriss ihr das Kind und schleppte sie fort in der von diesem
+bezeichneten Richtung, w&auml;hrend sie die Tochter mit den
+h&auml;rtesten Vorw&uuml;rfen wegen ihrer Feigheit und Entartung
+&uuml;berh&auml;ufte. Ihre ganze Familie musste sie hinschlachten
+sehen und gab verzweifelnd und mit dem letzten Athemzuge den
+M&ouml;rdern fluchend bei diesem Anblicke ihren Geist auf&laquo;
+(Waitz 3, 526). Solche Beispiele viehischer Unmenschlichkeit stehen
+keineswegs als einzelne wegen ihrer besonderen Scheusslichkeit
+merkw&uuml;rdige F&auml;lle da: sie sind in diesen Kriegen das ganz
+Gew&ouml;hnliche.</p>
+
+<p>v. Tschudi gab an, dass die Botokuden bei den Jesuiten Schutz
+gefunden h&auml;tten; und wenn allerdings die Geistlichen bisweilen
+ihre Stimmen f&uuml;r die Unterdr&uuml;ckten erhoben, so war das
+keineswegs &uuml;berall oder immer der Fall; ja die Geistlichen
+wurden sehr h&auml;ufig nur eine neue Plage f&uuml;r die
+Eingeborenen durch die Mittel, wie sie die Indianer f&uuml;r die
+Taufe gewannen: einfach dadurch, dass sie dieselben jagten, fingen
+und dann tauften oder so lange einsperrten, bis sie sich taufen
+liessen, was freilich von den spanischen Gesetzen verboten war,
+aber doch oft genug, mit H&uuml;lfe anderer Indianer,
+ausgef&uuml;hrt wurde. Nur allzubekannt ist jene f&uuml;rchterliche
+Geschichte von der Guahibaindianerin, welche mit ihren Kindern
+gefangen worden war und von der</p>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza"><span>Zu der Guahiba und der Christen
+Bildniss<br>
+</span> <span>Erz&auml;hlet jener Stein mit stummem Munde<br>
+</span> <span>Am Atapabos-Ufer in der Wildniss.<br>
+</span></div>
+</div>
+
+<p>Diese Geschichte spielt etwa um 1770: und Humboldt, welcher sie
+uns aus dem Munde der Geistlichen selbst erz&auml;hlt (b, 5, 81
+ff.; vgl. Chamisso Werke 4, 69 ff.), f&auml;hrt fort:
+&raquo;Dergleichen Jammer kommt &uuml;berall vor, wo es Herren und
+Sklaven gibt, wo civilisirte Europ&auml;er unter versunkenen
+V&ouml;lkern leben, wo Priester mit unumschr&auml;nkter Gewalt
+&uuml;ber unwissende, wehrlose V&ouml;lker gebieten&laquo;
+(Humboldt a.a.O. 85). Und er hat Recht: denselben Jammer finden wir
+in Californien wieder, wohin die spanische Herrschaft
+haupts&auml;chlich durch Mission&auml;re gebracht war, und wo diese
+letzteren Schlingen legten, um Indianer zu fangen oder zu demselben
+Behuf bewaffnete Schaaren ausschickten. Widersetzte sich einer der
+Eingeborenen der neuen Lehre, so sperrte man ihn zun&auml;chst ein
+und liess ihn hungern, dann zeigte man ihm Fleisch, um ihm von dem
+guten Leben, das ihn bei den Mission&auml;ren erwarte, einen
+Begriff zu geben und suchte ihn so zum &mdash; Christenthum zu
+gewinnen (Beechey 1, 356). Wiedereingefangene Deserteure erhielten
+nach Langsdorff Stockpr&uuml;gel, die sehr h&auml;ufig auch bei
+Frauen angewendet wurden, und es wurde ihnen ein schwerer Eisenstab
+angeh&auml;ngt, um f&uuml;rderhin Flucht ihnen unm&ouml;glich zu
+machen. Da nun die so Bekehrten ganz wie Sklaven den frommen
+Mission&auml;ren dienen mussten, so ist es einmal kein Wunder, wenn
+sie, um dieser Religion, dieser Kultur zu entfliehen, kein Mittel
+scheuten, auf der anderen Seite aber auch nicht, wenn wir sie
+massenhaft in den Missionen sterben sehen. Krankheiten
+w&uuml;theten und von Jahr zu Jahr wuchs die Sterblichkeit. 1786
+waren 7701 Indianer getauft, von denen 2388 starben; 1813 waren
+57,328 getauft, aber gestorben 37,437 (Beechey 1, 370). &mdash; Als
+nun sp&auml;ter die Missionen durch die politischen
+Verh&auml;ltnisse Californiens verfielen, wurde das Loos der
+Eingeborenen noch schlimmer. Sklavenjagden oder auch geradezu
+Menschenhetzen begannen, man schoss sie nieder, ohne Unterschied
+des Alters und Geschlechtes, wo man sie traf. Ein spanischer
+General hatte (nach Wilkes) Californier zu Soldaten einexercirt;
+als sie sich aber sehr brauchbar zeigten, bekam er Furcht vor ihnen
+und liess sie alle niederschiessen (Waitz 2, 244-51).</p>
+
+<p>Am aller&auml;rgsten aber haben die Weissen in den kultivirten
+Gegenden Amerikas gehaust, welche sie zuerst vom ganzen Continente
+kennen lernten. Die Eroberung von Mexiko kostete, wie ein Spanier
+(Clavigero bei Waitz 1, 189-90) angibt, mehr Menschen, als
+w&auml;hrend der ganzen Dauer des mexikanischen Reiches den
+G&ouml;ttern geopfert sind; wenn auch die Behauptung desselben
+Schriftstellers, die Bev&ouml;lkerung des Landes sei durch die
+Eroberung bis auf ein Zehntel gesunken, von Waitz (4, 190) mit
+Recht als &uuml;bertrieben angesehen werden mag. Aber Gomara
+selbst, der f&uuml;r Cortez schreibt, berichtet, dass weder Weiber
+noch Kinder von den Spaniern geschont seien (Waitz 4, 186); und
+doch war Cortez noch derjenige, welcher wenigstens ohne
+unn&ouml;thige Grausamkeit verfuhr, w&auml;hrend seine Nachfolger
+geradezu unmenschlich hausten. Doch auch Cortez vertheilte,
+trotzdem es ihm hart erschien, die Mexikaner unter die spanischen
+Eroberer als Knechte und der h&ouml;chste Adel sowohl wie gemeines
+Volk mussten ihren Enkomenderos die h&auml;rteste Arbeit thun,
+unter der sie, &uuml;berhaupt nicht an strenge Arbeit, am
+allerwenigsten aber an so ganz unmenschliche Ueberb&uuml;rdung
+gew&ouml;hnt, massenweis erlagen. Widerspenstige oder wer,
+gleichviel aus welchem Grunde, den Tribut nicht zahlte, wurden als
+Sklaven verkauft. Dieser Tribut aber war enorm und wurde mit der
+gr&ouml;ssten Strenge, sehr h&auml;ufig auch mit den &auml;rgsten
+Betr&uuml;gereien und Erpressungen beigetrieben. Viele
+t&ouml;dteten sich nun aus Verzweiflung, andere verabredeten sich,
+keine Kinder mehr zu erzeugen oder k&uuml;nstlichen Abortus zu
+bewirken, um wenigstens ihre Nachkommen von diesem ganz
+unertr&auml;glichen Elend, das noch durch jene f&uuml;rchterlichen
+eingeschleppten Krankheiten furchtbar erh&ouml;ht wurde, zu
+bewahren. Bei der Eroberung waren die Wasserleitungen mit
+zerst&ouml;rt und dadurch erhob sich neues Elend: denn ein grosser
+Theil des Landes ward dadurch zur W&uuml;ste (Waitz 4, 187). Das
+Christenthum, das &uuml;brigens sobald es sich der Eingeborenen
+annahm, von den spanischen Machthabern aufs Heftigste angefeindet
+wurde, kam nun auch und mit ihm die Inquisition, die gar nicht
+selten 100 Ketzer auf einmal verbrennen liess (4, 189) &mdash;
+kurz, es ergoss sich auf die ungl&uuml;cklichen Menschen ein so
+grimmiges Elend, wie vielleicht kein Volk sonst hat aushalten
+m&uuml;ssen, und es ist kein Wunder, wenn auch hier die
+Eingeborenen vor dem &raquo;Hauche der Kultur&laquo; schaarenweis
+starben; ein Wunder ists nur, dass sie trotz aller dieser Leiden
+bis auf den heutigen Tag nicht ausgerottet sind.</p>
+
+<p>Nicht anders hausten die Spanier in Guatemala (4, 268), in
+Nikaragua (280) und noch &auml;rger auf den Antillen und Lukayen
+(Bahamainseln), deren Einwohner, mehrere 100,000 an der Zahl
+innerhalb weniger Jahrzehnte g&auml;nzlich vernichtet sind, wozu
+die eingeschleppten Krankheiten, die Minenarbeiten, die
+nichtsw&uuml;rdigen Knechtungen und oft ganz zwecklose
+Menschenmetzeleien das Meiste beitrugen. Massenweise t&ouml;dteten
+die Eingeborenen sich selbst. Columbus selbst hatte ganz dieselbe
+Gesinnung wie seine Landsleute: Menschenraub, Sklaverei, grausame
+Verst&uuml;mmelungen geschahen auf seinen Befehl und die spanische
+Regierung war, obwohl Isabella diese Behandlung der Eingeborenen im
+h&ouml;chsten Grade missbilligte, viel zu schwach, irgend etwas
+Bleibendes zu Gunsten der Indianer zu erreichen (Waitz 4, 331.
+334).</p>
+
+<p>Ebenso ging es in Darien (4, 351) und Neu-Granada (377) und dass
+es in Peru eher schlimmer als besser war, daf&uuml;r b&uuml;rgt
+schon der Name Pizarro. Das beliebte Mittel der Portugiesen,
+Bluthunde, die auf Indianer dressirt waren, gegen diese
+loszuhetzen, wurde hier namentlich angewandt. Wir erinnern hier an
+die schon erw&auml;hnte Bitte des gefangenen F&uuml;rsten, ihn
+nicht verbrennen, nicht den Hunden vorwerfen, sondern einfach
+erh&auml;ngen zu lassen (1, 478 ff.). Nach Gomara sind in den
+Kriegen unmittelbar nach der Eroberung etwa anderthalb Millionen
+Eingeborene aufgerieben; die &uuml;brigen litten unter dem Druck
+der Encomiendas und Mitas (zwangsweise Vermiethung der Eingeborenen
+an Privatleute, von der Mestizen, Mulatten, Zambos frei waren) so
+unertr&auml;glich, dass sie durch das Uebermass von Arbeit
+schaarenweis aufgerieben wurden. Dazu kam noch der furchtbare
+Steuerdruck unter den habgierigen Spaniern, an welchem sich
+&uuml;brigens die Geistlichkeit ohne die geringste Scheu aufs
+lebhafteste mit betheiligte. Nimmt man dies leibliche Leiden
+zusammen, und dazu das Bewusstsein der g&auml;nzlichen Ohnmacht
+gegen diesen Gegner, so wird man sich die psychischen Leiden dieser
+Menschen denken k&ouml;nnen; diese fallen aber mit dem
+gr&ouml;ssten Gewicht in unsere Wagschale, da ihnen gewiss grosse
+Mengen erlegen sind, wie vielfach bezeugt ist. Gewiss, wenn man die
+Amerikaner in Nord und S&uuml;d betrachtet, deren Bedr&uuml;ckung
+noch nirgends ganz aufgeh&ouml;rt hat, so ist das das allein
+Wunderbare, dass jetzt, nach 300 oder 200 Jahren eines solchen
+Druckes, noch irgend etwas von der Urbev&ouml;lkerung existirt.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_17_Fortsetzung_Der_stille_Ozean"></a>
+<h2>&sect; 17. Fortsetzung. Der stille Ozean.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Eine &auml;hnliche Behandlung wie die bisher besprochenen
+V&ouml;lker von Holl&auml;ndern, Engl&auml;ndern, Spaniern und
+Portugiesen erfuhren die Kamtschadalen und Aleuten durch die
+Russen. Nach King (Cook 3te Reise 4, 171) w&uuml;thete der Russe
+Atlassof, der 1699 Kamtschatka zuerst entdeckt hatte, seit 1706 zum
+zweiten Male Befehlshaber daselbst, &raquo;um die Einwohner mit
+guter Art und durch friedliche Mittel zu gewinnen&laquo;, in dem
+Lande so arg, dass seine eigenen Leute, die Kosaken, welche bis
+dahin friedlich mit den Kamtschadalen ausgekommen waren, gegen ihn
+einen Aufstand erhoben und sich in den Besitz der Halbinsel
+setzten. Dadurch ward es aber nicht besser, denn sie w&uuml;theten,
+einmal an Mord und Blut gew&ouml;hnt, von nun ab unter den
+Eingeborenen von Kamtschatka selbst. &raquo;Die Geschichte dieser
+Halbinsel von jenem Zeitpunkte an bis in das Jahr 1731 ist eine
+Reihe von Mordthaten, Emp&ouml;rungen und wilden blutigen Gefechten
+kleiner im ganzen Lande streifender Parteien.&laquo; Damals
+n&auml;mlich erhoben sich die erbitterten Kamtschadalen, um ihr
+Land nicht immer weiter unterjocht werden zu lassen und um sich an
+ihren Peinigern zu r&auml;chen. Behring war zu jener Zeit da,
+welcher alle ihm entbehrlichen Truppen, mit Ausnahme kleiner
+Besatzungen in den Festungen des Landes, gegen die Tschuktschen
+schickte, denn bei der ausserordentlichen Klugheit,
+Verschwiegenheit und Energie der Kamtschadalen hatte weder er, noch
+irgend sonst ein Russe eine Ahndung von einer Verschw&ouml;rung,
+welche &uuml;ber die ganze Halbinsel ausgebreitet war. Sie war sehr
+gut organisirt; von kleinen aufhaltenden Zwischenf&auml;llen z.B.
+waren in k&uuml;rzester Frist alle Oberh&auml;upter derselben
+benachrichtigt: und so gelang es denn, nach Behrings Abfahrt den
+Kamtschadalen, dass sie die Festungen rasch einnahmen, und alles
+was von Russen noch im Lande war (Weiber und Kinder mit
+eingeschlossen) niedermachten oder in die Gefangenschaft
+wegschleppten. Behring aber, durch widrige Winde an der K&uuml;ste
+festgehalten, erfuhr das Geschehene, kehrte zur&uuml;ck und
+belagerte das Fort, wohin sich die Kamtschadalen auf Kunde seiner
+R&uuml;ckkehr geworfen hatten; allein nicht eher konnte er es
+&mdash; so tapfer war der Widerstand &mdash; einnehmen, als bis es
+endlich durch einen Zufall in die Luft gesprengt wurde. Da nun die
+Kamtschadalen auch in einigen offenen Gefechten, die sehr blutig
+waren und sonst den k&uuml;rzeren zogen, so mussten sie sich zum
+Frieden bequemen. Von da ab blieb alles ruhig, einzelne
+Aufst&auml;nde abgerechnet &mdash; welche ein deutliches Bild
+geben, wie die Russen sich gegen die durch jenen Aufstand
+gebrochenen Kamtschadalen betrugen. Wenn die Halbinsel, nach King,
+sich nach 1731 wieder so erholt haben soll (doch King selbst
+berichtet zweifelnd), dass sie sp&auml;ter volkreicher war als
+fr&uuml;her, so ist dieser Nachricht kein Glauben zu schenken, oder
+sie bezieht sich auf die Erh&ouml;hung der Bev&ouml;lkerung, welche
+durch Einwanderung erfolgte. Die Russen fuhren fort, wie sie
+angefangen hatten; w&auml;ren die Kamtschadalen noch die alten
+gewesen, die mit solcher Umsicht und Thatkraft den Aufstand von
+1731 ausf&uuml;hrten, sie h&auml;tten von Neuem gegen das Joch
+anzuk&auml;mpfen versucht, was bis auf jene ohnm&auml;chtigen
+Aufst&auml;nde, welche gegen die Peiniger sich &ouml;rtlich
+erhoben, nicht weiter geschah. Jener Krieg hatte sie eben
+gebrochen. Und so erlagen sie denn g&auml;nzlich, als zuerst 1767
+jene Epidemien ausbrachen, die wir schon geschildert haben.</p>
+
+<p>Abgesehen von Krieg und Seuchen hat ihnen der Pelzhandel
+unendlich geschadet. Krusenstern (3, 52-53) erz&auml;hlt, dass die
+Agenten der amerikanischen Compagnie und die russischen
+H&auml;ndler im Lande umherziehen, die einzelnen, mit denen sie
+handeln wollen, mit Branntwein v&ouml;llig trunken machen, was
+ihnen bei der Leidenschaft der Kamtschadalen f&uuml;r den Trunk gar
+nicht schwer wird, und dann den ganzen Vorrath von Pelz, den jene
+besitzen, den Besinnungslosen abnehmen, um sich f&uuml;r &raquo;die
+Menge des getrunkenen Branntweins bezahlt zu machen.&laquo; So
+verliert der Ungl&uuml;ckliche, f&auml;hrt Krusenstern fort, den
+Lohn monatelanger M&uuml;he, statt sich zum Leben n&uuml;tzliche
+und n&ouml;thige Dinge kaufen zu k&ouml;nnen, in einem Rausche.
+&raquo;Gr&ouml;sseres Elend (S. 54) ist auch mit
+Niederdr&uuml;ckung seines Geistes verkn&uuml;pft, welche einen
+&auml;usserst sch&auml;dlichen Einfluss auf seinen ohnehin schon
+siechen K&ouml;rper haben muss, da dieser zuletzt bei
+g&auml;nzlichem Mangel an substantieller Nahrung und jeder
+medizinischen H&uuml;lfe beraubt solchen harten St&ouml;ssen nicht
+lange widerstehen kann. Dies scheint mir die wahre Ursache ihrer
+j&auml;hrlichen Abnahme und allm&auml;hlichen g&auml;nzlichen
+Ausrottung zu sein, welche durch epidemische Krankheiten, die sie
+haufenweise wegraffen, bef&ouml;rdert wird.&laquo;</p>
+
+<p>Auch auf friedlichem Wege wird ihre Zahl verringert: denn hier
+und auf den Aleuten sind sie mit den Russen vielfach durch
+Heirathen zusammengeschmolzen.</p>
+
+<p>Allein auch auf den Aleuten haben sich die Russen meist nur
+feindselig gezeigt. Namentlich sind es die russischen
+Wildj&auml;ger (Promyschlenniks, welche von 1760-90 die Inseln
+beherrschten, Waitz 3, 313), die sich durch w&uuml;ste Grausamkeit
+auszeichnen. &raquo;Sie pflegten nicht selten Menschen dicht
+zusammenzustellen und zu versuchen, durch wie viele die Kugel ihrer
+gezogenen B&uuml;chse hindurchdringen k&ouml;nne&laquo;, sagt Sauer
+(aus dem Tagebuch eines russischen Offiziers, das er in den
+Anh&auml;ngen an seine Reise mittheilt) bei Chamisso 177. Dazu
+kommt noch die sklavische Knechtung, in welcher Kamtschadalen und
+Aleuten von den Russen gehalten werden (Chamisso 177 und
+Langsdorff): wie denn z.B. die H&auml;lfte der gesammten
+m&auml;nnlichen Bev&ouml;lkerung von 18-50 Jahren das ganze Jahr
+hindurch unentgeltlich von ihnen in Anspruch genommen wird
+(Kittlitz 1, 295). Daher hat Waitz ganz Recht, wenn er die
+Nachrichten &uuml;ber das milde Verfahren der Russen nicht eben
+hoch anschl&auml;gt (3, 313-14). Nach den Schilderungen von
+Chamisso, der hier mit Kotzebue (1, 167 &mdash; 68) ganz
+&uuml;bereinstimmt, sind sie jetzt ein tr&auml;ges auch in seiner
+Freude tr&uuml;bes und theilnahmloses Volk (Cham. 177), wozu sie in
+Folge des unaufh&ouml;rlichen Drucks geworden sind. Einzelne sollen
+sich, &auml;hnlich wie die &raquo;wilden M&auml;nner&laquo; von
+Tahiti, in die Berge gefl&uuml;chtet haben und dort ein
+k&uuml;mmerliches Leben fristen (Chamisso 177).</p>
+
+<p>Von der Inselwelt des stillen Ozeans kamen die Europ&auml;er
+zuerst in dauernde Ber&uuml;hrung mit den Marianen, wo die Spanier,
+als sie 1668 landeten eine sehr bedeutende Bev&ouml;lkerung
+(100,000 ist nicht &uuml;bertrieben, wie wir schon sahen) auf der
+ganzen Kette vertheilt fanden &mdash; und um 1710 war nur noch
+Guaham, die s&uuml;dlichste und gr&ouml;sste Insel bewohnt, die
+anderen ver&ouml;det. Der Krieg, welchen namentlich Quiroga mit
+blutiger Tapferkeit f&uuml;hrte, und der &uuml;ber 30 Jahre
+dauerte, zahlreiche Epidemien, Verpflanzung der Eingeborenen von
+einem Distrikt zum anderen (welches Mittel auch in Amerika die
+verheerendsten Folgen hatte) trugen zu dieser Vernichtung das
+ihrige bei. Aber wenn auch nach den Berichten, die wir haben und
+die ganz, wie le Gobien und Freycinet, auf spanischen Quellen
+beruhen oder Erz&auml;hlungen der bei der spanischen Unterwerfung
+th&auml;tigen Jesuiten sind wie die Berichte im &raquo;neuen
+Weltbott&laquo; (einer Missionzeitung a.d. Anfange des vorigen
+Jahrhunderts); wenn auch nach diesen Quellen die Spanier nicht mit
+der emp&ouml;renden Grausamkeit verfuhren wie in Amerika: so ist es
+doch auffallend, dass wir ganz dieselben Erscheinungen hier wie
+dort nach ihrem Auftreten finden, wildeste Verzweiflung der
+Eingeborenen &mdash; welche hier wie dort anfangs den Spaniern sehr
+freundlich entgegenkamen &mdash; massenhaftes Auswandern derselben,
+zahllosen Selbstmord, k&uuml;nstliche Fehlgeburt oder Ermordung der
+Kinder bei der Geburt und schliesslich und sehr bald totale
+Entv&ouml;lkerung der Inseln, welche f&uuml;r Guaham nur durch
+zahlreiche Einf&uuml;hrung philippinischer Tagalen verh&uuml;tet
+ist. Wahrscheinlich hausten also hier die Spanier mit derselben
+rohen Bedr&uuml;ckung und wilden Grausamkeit, welche sie
+&uuml;berall zum Fluch der neuentdeckten L&auml;nder machte, nur
+dass hier, ganz &auml;hnlich wie &uuml;ber das ebenso rasch
+entv&ouml;lkerte Honduras (Waitz 4, 280), unsere Quellen schweigen,
+oder nur parteiisch und einseitig berichten. Sicher wird man aus
+dem Aussterben der marianischen Bev&ouml;lkerung keinen Schluss
+ziehen k&ouml;nnen zu Gunsten der Ansicht, dass die
+Naturv&ouml;lker, weil sie von schlechterer Organisation seien, den
+Weissen erl&auml;gen.</p>
+
+<p>Polynesien ist 3 Jahrhunderte sp&auml;ter entdeckt worden als
+Amerika, eins sp&auml;ter als die Marianen; so sehen wir denn hier
+die kultivirte Menschheit anders als bisher. Zwar zeigen die
+fr&uuml;heren Durchsegler des Ozeans, die Spanier, Dampier,
+Roggeween, dieselbe Rohheit den Naturv&ouml;lkern gegen&uuml;ber
+wie alle ihre Zeitgenossen; allein im Ganzen ist man hier milder
+aufgetreten als sonst, wozu ausser dem kleineren Terrain wie der
+geringeren Zahl, in welcher die Europ&auml;er demgem&auml;ss
+auftreten, der Hauptgrund das Jahrhundert ist, in welchem man die
+meisten dieser Inseln entdeckte. War es doch die Zeit des
+Philanthropismus und glaubte man doch die ertr&auml;umten Ideale
+von menschlicher Gl&uuml;ckseligkeit, wie z.B. Rousseau sie in
+Europa entwarf, hier im Leben der S&uuml;dseeinsulaner verwirklicht
+zu finden; ein Umstand, der f&uuml;r die Art, wie man den
+Polynesiern entgegentrat, von grosser Bedeutung war. Und noch,
+wichtiger war es, dass gleich nach der Entdeckung zu ihnen
+Mission&auml;re der protestantischen Kirche, denen es nicht auf
+Ausbreitung des christlichen Namens und der &auml;usseren
+Gebr&auml;uche, sondern da sie selbst im tiefsten Herzen wahre
+Christen waren, auf die Emporhebung und F&ouml;rderung der
+Eingeborenen ankam. So steht der treffliche Wilson, der erste
+Mission&auml;r der S&uuml;dsee (1795), an der Spitze einer Reihe
+von Ehrenm&auml;nnern, die, wenn auch hin und wieder selbst nicht
+frei von menschlichen Schw&auml;chen, auf das Wohlgemeinteste
+f&uuml;r diese V&ouml;lker sorgten.</p>
+
+<p>Allein weder sie noch der fortgeschrittene Geist der
+Jahrhunderte konnten auch hier die b&ouml;sen Wirkungen der Kultur
+und ihrer Tr&auml;ger abwehren. Eine Reihe einzelner
+Brutalit&auml;ten, deren Helden meist Schiffskapit&auml;ne und ihre
+Matrosen sind, kamen auch hier vor, welche allerdings bei der
+geringen Anzahl der Einwohner f&uuml;r die einzelnen Inseln
+gef&auml;hrlich genug sein konnten und z.B. f&uuml;r Waihu
+verderblich gewesen sind (M&ouml;renhout 2, 278-79, der Genaueres
+und die Quellen gibt).</p>
+
+<p>Aber auf die Dauer gef&auml;hrlich wurden die Europ&auml;er
+durch die Verbrecherkolonien, welche sie in der S&uuml;dsee
+(Neuholland, Tasmanien und sonst) anlegten. Denn eine Menge der
+deportirten Verbrecher entwichen und indem sie sich auf
+verschiedenen Inseln des Ozeans umhertrieben oder auf einzelnen
+festsetzten, schleppten sie ausser Krankheiten eine Menge Laster
+ein oder reizten, was oft genug vorgekommen ist, die Eingeborenen
+zum Krieg gegen die ankommenden Weissen, der meist den Eingeborenen
+verderblich wurde; oder zum Widerstand gegen die Mission&auml;re,
+der ihnen nach anderer Seite hin schadete.</p>
+
+<p>Ausserdem wird die S&uuml;dsee durchkreuzt von einer Menge von
+Walern, welche oft ziemlich lange Rast auf den einzelnen Inseln
+halten und deren Mannschaft sehr oft aus dem Abschaum aller
+V&ouml;lker zusammenfliesst. Auch sie wirkten auf gleiche Weise
+ausserordentlich unheilvoll. F&uuml;r Hawaii allein schl&auml;gt
+Virgin (1, 269) die Zahl derselben auf j&auml;hrlich 15-20,000 an
+und er erw&auml;hnt auch, wie die Syphilis durch sie
+fortw&auml;hrend neue Nahrung bekommt. Diesen Walern und ihrem
+entsittlichenden Einfluss schreibt auch Gulick die Abnahme der
+Bev&ouml;lkerung von Kusaie, von der oben die Rede war, zu.</p>
+
+<p>Ferner hat hier die Feindseligkeit, mit welcher die nicht
+geistlichen Europ&auml;er den Mission&auml;ren, meist aus Gewinn-
+oder Genusssucht, entgegentraten (genauere Belege bei Meinicke b
+und Lutteroth) ganz besonders nachtheiligen Einfluss ausge&uuml;bt;
+und nicht minder der Streit, welchen die katholische Kirche in der
+S&uuml;dsee mit den evangelischen Mission&auml;ren anfing.
+Frankreich war es, welches als &raquo;Werkzeug der
+Propaganda&laquo; (Lutteroth 164) in diesem Theil der Welt auftrat
+und die Art und Weise, wie es das gethan hat, war keineswegs im
+Interesse der Polynesier. Erstaunt man schon &uuml;ber die Orgien,
+welche seine Vertreter ver&uuml;bten &mdash; so Dumont d'Urville
+auf Nukuhiva (4, 5, ff.), Laplace und die Mannschaft der Artemise
+auf Tahiti (Lutteroth 167), so erstaunt man noch mehr &uuml;ber die
+Unbefangenheit, mit welcher die franz&ouml;sischen Schriftsteller
+&uuml;ber diese schmachvollen Vorg&auml;nge als etwas ganz
+Selbstverst&auml;ndliches reden. Will man die Eingeborenen dieser
+Inseln heben, so muss man ihr Selbstgef&uuml;hl zu f&ouml;rdern
+suchen, man muss, indem man die Laster, die ihnen so viel geschadet
+haben, unterdr&uuml;ckt, auf ihre guten Seiten belebend und
+kr&auml;ftigend einwirken: von allem aber hat die franz&ouml;sische
+Okkupation der Insel Tahiti nur das Gegentheil bewirkt und wie man
+aus der brutalen Art schliessen kann, mit der sie verfuhr, auch
+gewollt. Wenigstens geht aus allem hervor, dass die Einwanderer die
+Eingeborenen hier nicht h&ouml;her sch&auml;tzten, als einst die
+Spanier oder Engl&auml;nder die Amerikaner. In Neuseeland, wo die
+Engl&auml;nder fest sich niedergelassen und denselben
+Ra&ccedil;enhochmuth gegen die Eingeborenen gezeigt haben, hat
+ausser diesem letzteren und anderem schon erw&auml;hnten namentlich
+der massenhafte Landverkauf sch&auml;dlich gewirkt, auf welchen die
+Neuseel&auml;nder, ohne recht zu wissen, warum es sich handele,
+eingingen und wobei sie oft genug &mdash; so namentlich von der
+Neuseelandcompagnie &mdash; sich betrogen sahen. Sie geriethen
+durch den Mangel an Land in grosse Noth, durch den Betrug aber in
+grosse Wuth und die Kriege, welche noch bis vor kurzem gef&uuml;hrt
+wurden, beruhen wesentlich auf diesen Gr&uuml;nden (Hochstetter
+483-97). Durch alles dies, die Kriege nicht in letzter Reihe, ist
+nat&uuml;rlich das Emporkommen der Eingeborenen sehr gehindert.</p>
+
+<p>In Melanesien haben namentlich die Sandelholzh&auml;ndler, meist
+englische oder amerikanische Capit&auml;ne, der Bev&ouml;lkerung
+geschadet, da sie, um zu ihrer Waare zu kommen, oft die
+gewaltsamsten und scheusslichsten Mittel anwenden. Sie schlagen das
+Sandelholz nieder, wo sie es finden: daher sie h&auml;ufig in
+Streit mit den Eingeborenen gerathen. Und in einem solchen Kampfe
+auf Tanna kam es vor, dass, als die Eingeborenen in eine H&ouml;hle
+im Gebirge flohen, die nachfolgenden Matrosen vor derselben ein
+Feuer anz&uuml;ndeten und durch den Rauch alle in der H&ouml;hle
+befindlichen umbrachten! Auch rauben sie zu ihren Arbeiten
+Eingeborene der Inseln und schleppen sie mit sich fort, welche dann
+h&auml;ufig dem Heimweh und der Ueberb&uuml;rdung mit Arbeit
+erliegen (Turner 493 vergl. 464). Auf allen Inseln Melanesiens sind
+sie gleichm&auml;ssig gef&uuml;rchtet (Cheyne).</p>
+
+<p>Meinicke (a 2, 217) h&auml;lt die Neuholl&auml;nder f&uuml;r
+einen der Kultur absolut unzug&auml;nglichen Menschenstamm. Andere
+Schriftsteller haben auch behauptet, ein friedliches Auskommen mit
+ihnen sei ganz unm&ouml;glich. Allein die Engl&auml;nder haben sich
+nie die M&uuml;he gegeben, auch nur in ein ertr&auml;gliches
+Verh&auml;ltniss mit ihnen zu kommen: und dass dies sehr leicht
+gewesen w&auml;re, beweisen zun&auml;chst einzelne Beispiele (Waitz
+1 184 ff.), wie vor allen das Greys, der &uuml;berall friedlich mit
+ihnen fertig geworden ist, dann aber geht es aus dem ganzen
+Betragen der Eingebornen hervor, die eher scheu als kriegerisch, im
+Anfang den Weissen freundlich entgegen kamen, ja sogar ihre
+Niederlassung im eignen Gebiet w&uuml;nschten (Grey 2, 234-35).
+Auch Meinicke, der wahrlich nicht f&uuml;r die Neuholl&auml;nder
+Partei nimmt, gibt das zu (a 2, 214). Ihre vielfach behauptete
+wilde Blutgier ist nichts als Fabel &mdash; wohl aus dem
+naheliegenden Grund erfunden, um nun gegen sie desto
+r&uuml;cksichtsloser zu verfahren. Und das ist reichlich geschehen.
+Zun&auml;chst machte man ihr Land vornehmlich zum Deportationsort
+von Verbrechern; Neu-S&uuml;d-Wales war Verbrecherkolonie bis 1843:
+Westaustralien, das nach Grey's Zeugniss 2, 364 h&ouml;her stand
+als der Osten des Continents, weil es keine Verbrecherkolonie war,
+ist es neuerdings geworden (Waitz 1, 185) und dass die Ureinwohner
+die h&ouml;here Kultur, welche durch diese Str&auml;flinge und ihre
+Frevelthaten sich zun&auml;chst bei ihnen ank&uuml;ndigte,
+&raquo;strenge von sich abwiesen&laquo; (Meinicke 2, 217): sollte
+ihnen das nicht eher zum Lobe gereichen? Sodann hat die englische
+Krone die Rechte der Eingeborenen an ihr Land nie anerkannt; sie
+hat genommen was sie wollte, und als dann die Eingeborenen in Folge
+von Nahrungs-und Landmangel zu Bettlern und R&auml;ubern geworden
+waren, hat man hierin ein Zeichen ihrer Unverbesserlichkeit durch
+die Kultur gesehen und sie mit allen Mitteln verfolgt. Sp&auml;ter
+freilich, und auch dies erst in Folge der schreiendsten
+Misshandlungen durch die Weissen, hat man sie unter die englischen
+Gesetze gestellt, allein diese wirken wenig zu ihren Gunsten (Grey
+2, 368). Denn abgesehen davon, dass die Eingeborenen so gut wie gar
+nicht zeugnissf&auml;hig vor Gericht sind, so werden auch die
+Gesetze meist nur da angewandt, wo sie gegen dieselben, nicht wo
+sie zu ihren Gunsten sprechen; ihre Verbrechen an den Weissen
+werden gestraft, nicht aber umgekehrt die der Weissen an ihnen, und
+letztere Verbrechen sind viel zahlreicher. 1838 weigerten sich die
+Geschworenen eine Anzahl Weisser zu verurtheilen, welche 28
+Eingeborene ganz ohne Grund abgeschlachtet hatten (Waitz 1, 184).
+Man schiesst (Breton 200) die Eingeborenen &ouml;fters zum
+Vergn&uuml;gen nieder, da sie in den Augen der Kolonisten nicht
+h&ouml;her stehen, wie etwa der Orang Utang. Ja man hat sie an
+verschiedenen Orten schaarenweise vergiftet (Eyre Journal of
+expedd. into Central-Austral. 1845 2, 176 Note: Waitz 186); nach
+Byrne (12 years wanderings in the british colonies 1848 1, 275,
+Waitz eb.) ist das an vielen Gegenden von Neu-S&uuml;d-Wales durch
+Arsenik geschehen und man hat sich laut und &ouml;ffentlich dieser
+That ger&uuml;hmt.</p>
+
+<p>Nat&uuml;rlich ist f&uuml;r ihre Emporhebung so gut wie nichts
+geschehen; denn was wollen die edeln Bem&uuml;hungen einzelner
+M&auml;nner, wie der Mission&auml;re, sagen, wenn das ganze Volk
+der Kolonisten anders handelt? Grey (2, 364 ff.) stellt zusammen,
+worin man an ihnen gefehlt hat: man betrachtet sie als niedere
+Ra&ccedil;e und behandelt sie deshalb mit dem gr&ouml;ssten
+Vorurtheil und der gr&ouml;ssten Willk&uuml;hr. Werden sie zur
+Arbeit gedungen, so zahlt man ihnen oft fast nichts, immer aber
+weit geringeren Lohn als den Europ&auml;ern. Nat&uuml;rlich
+schweifen sie lieber bettelnd umher. Sie unter englischen
+Rechtsschutz zu stellen war wohlgemeint: allein man h&auml;tte die
+englischen Gesetze auch auf das Unrecht, was sie einander selbst
+thun, anwenden sollen, w&auml;hrend jetzt (Grey gibt Beispiele aus
+Perth) die Europ&auml;er ruhig zusehen, wenn Eingeborene von
+Eingeborenen ermordet werden; man hat durch diese Art der
+Einf&uuml;hrung des englischen Rechts nichts erreicht, als dass die
+&auml;lteren Eingeborenen die j&uuml;ngeren durch grausame
+Behandlung von der Annahme neuer Sitten abschrecken (Grey 2, 376).
+Es ist nach alledem kein Wunder, wenn sie sich von der Kultur, die
+sie so namenlos elend gemacht hat und fortf&auml;hrt, sie als wilde
+Thiere zu behandeln, streng abwenden, obwohl sie geschickt genug
+sind, sie unter sich aufzunehmen und sich h&ouml;her zu entwickeln
+(Grey 2, 374). Grey selbst erz&auml;hlt einen Fall (2, 369), dass
+ein europ&auml;isch unterrichteter Eingeborener, der manche
+F&auml;higkeiten sich erworben hatte, wieder zur&uuml;ckkehrte zu
+den uncivilisirten Seinen, in die wilden W&auml;lder. Wollen wir
+ihn tadeln, dass er nicht lieber, wie es in Prutzs
+geistreichem-Lustspiel von &auml;hnlichen Verh&auml;ltnissen
+heisst,</p>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza"><span>Ein Lump auf Griechisch ist, als ein
+honetter Tektosage?<br>
+</span></div>
+</div>
+
+<p>Bei den Seinen hatte er Familie, Ehre, Verm&ouml;gen; in der
+Kolonie war er verachtet, ehrlos, arm. &raquo;Ich h&auml;tte ebenso
+gehandelt&laquo;, sagt Grey.</p>
+
+<p>Aus allem Angef&uuml;hrten geht hervor, dass es sehr unrecht
+ist, wenn man aus der Feindseligkeit der Neuholl&auml;nder gegen
+die Kultur schliesst, sie seien &uuml;berhaupt jeglicher
+h&ouml;heren Bildung unf&auml;hig. Nicht sie haben die Kultur, die
+Kultur hat sie von sich gestossen.</p>
+
+<p>Die Eingeborenen Tasmaniens, welche noch friedfertiger waren als
+die Neuholl&auml;nder, sind schon vernichtet. Auch hier war eine
+Verbrecherkolonie und was f&uuml;r Fr&uuml;chte sie den
+Eingeborenen trug, zeigt folgende Geschichte: ein Str&auml;fling
+&uuml;berredete einen Eingeborenen, dem er eine geladene Flinte
+gab, wenn er dieselbe in sein Ohr losdr&uuml;cke, so w&uuml;rde er
+eine sehr angenehme Empfindung haben. Er machte ihm, was er zu thun
+habe, mit einer ungeladenen Flinte vor; worauf nat&uuml;rlich der
+Eingeborene sich erschoss (Holman a voyage round the world
+[1827-1832] 4, 403). Auch sonst wurden sie, wie offiziell
+festgestellt ist, aufs schm&auml;hlichste, wie wilde Thiere
+behandelt. Gleich bei der ersten Ansiedelung schoss ein Offizier
+zum Vergn&uuml;gen mit Kart&auml;tschen unter die friedlichen
+Eingeborenen (Bischof, Sketch of the hist. of V. Diemensl. 204);
+andere Schandthaten gleicher Art kamen h&auml;ufig vor und erst
+seit 1810, sieben Jahre nach der Kolonisation ward festgestellt,
+dass die Ermordung eines Eingeborenen als Mord gelten und bestraft
+werden sollte (Hobarttown Almanak for the year 1830, 201). So
+erhoben sich endlich (1826) die erbitterten Eingeborenen zu einem
+Krieg auf Leben und Tod, in welchem sie gef&auml;hrlich genug
+wurden, schliesslich aber &mdash; war doch auf das Einfangen eines
+Erwachsenen 5 Pfund, auf das eines Kindes 2 Pfund als Preis gesetzt
+(Van Diemensland Almanak for the year 1831 p. 161) &mdash;
+schliesslich unterlagen sie. Darwin, welcher auch der Meinung ist,
+dass ihre Vernichtung in dem &raquo;sch&auml;ndlichen
+Betragen&laquo; der Engl&auml;nder ihren Grund hatte, vergleicht
+den Krieg gegen sie mit einer der grossen ostindischen Jagden (2,
+226). Besiegt wurden sie nach Flinders Insel deportirt (Darwin
+a.a.O.); 1848 verpflanzte man sie nach Oyster Cove im Canal
+d'Entrecasteaux und jetzt werden sie wohl, vor dem Hauche einer
+solchen Kultur, ganz ausgestorben sein (Melville the present state
+of Australia 1851 370, Nixon 18). 1815 betrug ihre Zahl noch 5000,
+1835 (nach dem Kriege) noch 111, 1847 waren noch 13 M&auml;nner, 22
+Weiber und 10 Kinder &uuml;brig; 1854 waren, nachdem 29 gestorben
+und kein Kind weiter geboren war, noch 16 &uuml;brig (Petermann
+1856, 441 nach dem Blaubuch). Nirgends fand Darwin die Vermehrung
+eines civilisirten &uuml;ber ein uncivilisirtes Volk auffallender
+wie hier: nirgends aber ist auch die Vernichtung der Eingeborenen
+roher und r&uuml;cksichtsloser betrieben, als in Tasmanien
+(Bischof, Sketch of the hist. of V. Diemensland 1832, appendix);
+wobei wohl in Anschlag zu bringen ist, dass alle diese
+Scheusslichkeiten im 19. Jahrhundert ausge&uuml;bt sind.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name=
+"_18_Geographische_Vertheilung_der_einzelnen_Grunde_fur_das_Aussterben">
+</a>
+
+<h2>&sect; 18. Geographische Vertheilung der einzelnen Gr&uuml;nde
+f&uuml;r das Aussterben der Naturv&ouml;lker. Vergleichung dieser
+Gr&uuml;nde in Bezug auf ihr Gewicht.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Sorglosigkeit der V&ouml;lker also gegen sich, in leiblicher und
+geistiger Beziehung: ihre Ausschweifungen, so wie der geringe
+Werth, welchen sie dem Menschenleben geben; Druck der einheimischen
+F&uuml;rsten; dann ihr leibliches und geistiges Verkommen durch die
+nothwendigen Einwirkungen einer &uuml;berm&auml;chtigen und von
+ihnen nur theilweise angenommenen Kultur, so wie endlich die
+Mittel, welche die Kulturv&ouml;lker theils aus Rohheit, theils mit
+der Absicht gegen sie anwandten, sie auszurotten: diese Gr&uuml;nde
+waren es, welche wir bisher als Schuld an ihrem Aussterben
+bezeichneten. Nat&uuml;rlich haben diese Gr&uuml;nde, wie wir schon
+sahen, nicht alle &uuml;berall Geltung und es wird n&ouml;thig
+sein, dass wir sie, inwiefern sie bei den einzelnen V&ouml;lkern
+wirksam waren, hier kurz zusammenstellen.</p>
+
+<p>In Tasmanien ist die Bev&ouml;lkerung lediglich in Folge des
+englischen Vernichtungskrieges gegen sie zu Grunde gegangen.
+Gleichfalls nur dem Einfluss der Europ&auml;er und zwar der Spanier
+erlegen sind die Bewohner der Marianen und der Antillen: allerdings
+haben hier die Seuchen, welche im Gefolge der Europ&auml;er
+ausbrachen, den Weissen die Blutarbeit wesentlich erleichtert:
+allerdings hat die tiefe Niedergeschlagenheit, welche sich der
+Eingeborenen bem&auml;chtigte, wesentlich diese Krankheiten und das
+Aussterben bef&ouml;rdert. Aber beides, Krankheiten und
+Melancholie, waren erst durch das Auftreten der Europ&auml;er
+hervorgerufen; und gesetzt auch, die Seuchen h&auml;tten diese
+V&ouml;lker ohne die Europ&auml;er &uuml;berfallen, so w&uuml;rden
+sie dieselben wohl &uuml;berwunden haben, wie ja auch die
+Bev&ouml;lkerung Mexikos das schwarze Erbrechen, welches schon vor
+Ankunft der Spanier in verheerender Weise w&uuml;thete, siegreich
+ohne bleibenden Nachtheil &uuml;berstanden hat.</p>
+
+<p>Den Europ&auml;ern allein ist ferner das Verderben der Mexikaner
+und Peruaner zuzuschreiben: nur dass sie am Anfang unterst&uuml;tzt
+wurden von verschiedenen eingeborenen St&auml;mmen und
+V&ouml;lkern, welche mit dem Hauptland in Feindschaft waren, bis
+auch diese nach und nach der europ&auml;ischen Bedr&uuml;ckung
+erlagen.</p>
+
+<p>Der schlimme Einfluss der Weissen und die Seuchen, welche sie
+brachten, war es denn auch vornehmlich, welcher die
+Neuholl&auml;nder aufrieb, aber keineswegs dieser allein. Bei ihnen
+ist zweitens die schlechte Lebensweise, die dadurch veranlasste
+Unfruchtbarkeit der Weiber und Sterblichkeit der Kinder von sehr
+bedeutendem Einfluss, so wie drittens der Kindermord und viertens
+die mannigfachen Kriege und Feindseligkeiten der St&auml;mme
+untereinander mit in Anschlag zu bringen sind. Die Ausschweifungen,
+die sich bei ihnen finden &mdash; den Trunk haben erst die Weissen
+gebracht &mdash; sind zu wenig verbreitet, als dass sie ins Gewicht
+fallen k&ouml;nnten.</p>
+
+<p>Auch die roheren V&ouml;lker Nord- und S&uuml;damerikas
+w&uuml;rden wir wohl noch in derselben Anzahl jetzt vorfinden, wie
+vor 300 Jahren, wenn der Einfluss der Europ&auml;er, der als
+Hauptgrund auch f&uuml;r ihr Aussterben anzusehen ist, nicht
+gewesen w&auml;re. Neben der Wirkung der europ&auml;ischen Waffen
+und Getr&auml;nke waren von schlimmstem Einfluss die Seuchen,
+welche von den Weissen (wie wir sahen oft mit der
+sch&auml;ndlichsten Bosheit) eingeschleppt wurden, dann aber auch,
+ausser den direkten Vernichtungskriegen, das geistige und leibliche
+Verkommen der Eingeborenen in Folge der pl&ouml;tzlich
+eingef&uuml;hrten Kultur und vor allen die tiefe
+Niedergeschlagenheit, welche sich der Indianer, als sie ihre
+Ohnmacht sahen und sahen, wie sie rechtlos zertreten wurden,
+bem&auml;chtigte und die bei ihrer schon vorzugsweise
+melancholischen Natur doppelt gef&auml;hrlich wirkte. Dazu kommen
+nun noch als gleichfalls sehr wichtige Faktoren zweitens die
+heftigen Kriege, die sie untereinander f&uuml;hrten, drittens die
+in Folge der Lebensweise geringere Fruchtbarkeit der Weiber und
+viertens in S&uuml;damerika (in Nordamerika war beides zu wenig
+verbreitet) der Kindermord, die Ausschweifungen, namentlich der
+Trunk.</p>
+
+<p>Und hier m&uuml;ssen wir auf jene schon oben (S. 11)
+erw&auml;hnte Beobachtung Tschudis zur&uuml;ckkommen, dass
+amerikanische V&ouml;lker, nach einem sehr verheerenden Krieg, nach
+einer sehr schlimmen Epidemie sich nie wieder zu ihrer
+fr&uuml;heren Kraft erh&ouml;ben, sondern h&ouml;chstens in diesem
+reducirten Zustand ein elendes Leben weiter fristeten. Diese
+betr&uuml;bende Erscheinung ist leider nur allzunat&uuml;rlich.
+Denn wie ein menschlicher Organismus, der sich von einer
+furchtbaren Krankheit erholt, nur durch lange und sorgsame Pflege
+seine fr&uuml;here Kraft wieder zu gewinnen im Stande ist: eben so
+ist es der Fall bei ganzen V&ouml;lkern. Durch das von uns
+geschilderte mannigfache Elend aber, in welchem diese St&auml;mme
+sich auch sonst noch befinden, werden alle ihre Kr&auml;fte schon
+auf die Erhaltung des Lebens, wie es nun einmal ist, absorbirt und
+es bleibt kein Ueberschuss &uuml;brig f&uuml;r Wiederherstellung
+des Verlorenen oder Verletzten. Auch wird durch solche furchtbare
+Schicksale die Lebenskraft selbst schwer verletzt, indem bei so
+massenhaftem Elend nothwendig l&auml;hmende Melancholie oder
+Apathie eintritt.</p>
+
+<p>Die Fruchtbarkeit der Weiber, ja auch der Zeugungstrieb der
+M&auml;nner wird durch den steten Druck der Sorge und Noth, der
+fast noch schwerer auf der Seele ruht als auf dem Leib, wesentlich
+beeintr&auml;chtigt; und ein Schlag, den diese V&ouml;lker, wenn
+sie sich in besserer, hoffnungsvollerer Lage bef&auml;nden, mehr
+oder minder leicht &uuml;berwinden w&uuml;rden, muss jetzt
+nothwendig h&ouml;chst gef&auml;hrlich, ja t&ouml;dtlich auf sie
+wirken. Schaffte man das Elend, das leiblich und geistig auf ihnen
+lastet, weg &mdash; wozu indess ebenso viel Umsicht und Energie als
+Ausdauer und Zeit geh&ouml;rte &mdash; so w&uuml;rden auch solche
+reducirten V&ouml;lker sich heben und mit den Jahren, die man nicht
+allzu k&auml;rglich bemessen d&uuml;rfte, das werden, woran die
+s&uuml;damerikanischen Staaten denn doch keinen allzugrossen
+Ueberfluss haben: brauchbare und zuverl&auml;ssige B&uuml;rger. Die
+Indianerst&auml;mme, welche man jetzt in den W&auml;ldern verkommen
+l&auml;sst oder gar absichtlich mordet und ausrottet, sind ein
+Capital, was bei vern&uuml;nftiger Behandlung f&uuml;r die Zukunft
+reichlich Zinsen tragen w&uuml;rde und was man jetzt muthwillig und
+absichtlich vergeudet.</p>
+
+<p>Die Hottentotten sind gleichfalls haupts&auml;chlich der
+feindseligen Ausrottung durch Holl&auml;nder und Engl&auml;nder
+erlegen: allein ihre Macht war, wie es scheint, schon durch
+fr&uuml;here Kriege mit den umwohnenden V&ouml;lkern gebrochen.
+Ihre elende Lebensart, Seuchen u.s.w. f&ouml;rdern ihr Aussterben
+m&auml;chtig.</p>
+
+<p>Die Kamtschadalen und Aleuten sind den Vernichtungskriegen oder
+der muthwilligen Ausrottung durch die Russen, sowie den von ihnen
+eingeschleppten Seuchen erlegen: zweitens aber wirkten gleichfalls
+sehr die Ausschweifungen (in geschlechtlicher Hinsicht und durch
+den Trunk), denen sie ergeben waren. Sie waren durch dieselben
+entnervt und deshalb zum Widerstand nicht mehr stark genug.</p>
+
+<p>Die Polynesier dagegen haben sich wesentlich selbst zu Grunde
+gerichtet, zun&auml;chst durch ihre unsinnigen geschlechtlichen
+Ausschweifungen (Tahiti, Hawaii); sodann durch den bei ihnen so
+furchtbar verbreiteten Kindermord, drittens durch die blutigen und
+verheerenden Kriege, die sie untereinander f&uuml;hrten, viertens
+durch die sinnlose Bedr&uuml;ckung, welche die Herrschenden
+&uuml;ber die Beherrschten aus&uuml;bten und endlich f&uuml;nftens
+durch den geringen Werth, in welchem bei ihnen das Menschenleben
+stand. Sie waren schon im Aussterben begriffen, als die Kultur zu
+ihnen kam, und diese hat nur &mdash; einzelne V&ouml;lker, wo ihre
+Tr&auml;ger gr&ouml;ssere Schuld auf sich luden, abgerechnet
+&mdash; durch die physische und psychische Erregung, die sie
+bringen musste und wodurch ein sechster Grund f&uuml;r ihr
+Hinschwinden dazu kommt, das Uebel, welches diese V&ouml;lker wie
+ein schleichendes Gift durchdrungen hatte, zum rascheren Ausbruch
+und schnelleren Verlauf gebracht.</p>
+
+<p>Fragen wir nun, welche von allen diesen Ursachen war die
+verderblichste, so liegt gleich auf der Hand, dass dies das
+feindselige Auftreten der Weissen war, wie es ja auch bei fast
+allen Naturv&ouml;lkern gleichm&auml;ssig gewirkt hat und
+m&ouml;chten wir die Angriffe auf das psychische Leben der
+Naturv&ouml;lker fast f&uuml;r verderblicher halten, als das
+Losst&uuml;rmen auf ihre physische Existenz. Letzteres hat akuter
+gewirkt und l&auml;sst sich mit der Verwundung eines Organismus
+vergleichen: jene brachten, wie eine totale Vergiftung, ein zwar
+langsameres, aber viel tieferes, schwerer zu heilendes und weit
+allgemeineres Unheil hervor. Aber auch die Europ&auml;er, trotz der
+Mittel, die sie anwandten, trotz der grossen Uebermacht ihrer
+Kultur, haben eine totale Ausrottung nur auf eng abgegrenzten
+Bezirken bewirkt, auf kleinen Inseln, auf Tasmanien, den Marianen,
+den Antillen: auf gr&ouml;sseren Gebieten reicht ihre Wirksamkeit
+nicht so weit, trotzdem sie hier noch manches andere
+unterst&uuml;tzt hat. Die leichte Empf&auml;nglichkeit der
+Naturv&ouml;lker m&uuml;ssen wir, sowohl was Kraft der Wirkung, als
+auch was weite Ausdehnung derselben angeht, an zweiter Stelle
+erw&auml;hnen. Die Krankheiten, welche scheinbar spontan bei der
+Ber&uuml;hrung der Naturv&ouml;lker und der Weissen entstanden, so
+wie die, welche von letzteren zu ersteren eingeschleppt wurden,
+haben im Durchschnitt gewiss ein Drittel, wenn nicht mehr, der
+Eingeborenen Amerikas, Afrikas und des stillen Ozeans
+dahingerafft.</p>
+
+<p>Die dritte Stufe in dieser Reihenfolge der Verderblichkeit geben
+wir den Ausschweifungen. Allerdings haben sie minder allgemein
+geschadet als jenes Niedergeschmettert- oder Inficirtwerden von
+aussen her; aber f&uuml;r die menschliche Natur sind sie noch
+gef&auml;hrlicher, weil sie die innersten Lebensnerven
+zerst&ouml;ren und wo sie wirksam sind, keine Rettung durch Flucht
+oder durch Besiegung des Feindes m&ouml;glich ist. Wir sahen die
+Polynesier, ein so gl&auml;nzend begabtes Volk, verkommen, trotzdem
+dass ihrer sich die Kultur im Wesentlichen freundlich angenommen
+hat: sie waren im Innersten angefressen durch die Ausschweifungen,
+denen sie sich hingegeben hatten und sie w&auml;ren auch ohne
+Ber&uuml;hrung mit den Weissen und nach und nach immer rascher
+durch ihre eigenen Laster zu Grunde gegangen. Die Betrachtung der
+Polynesier lehrt uns die Gefahr der Ausschweifungen f&uuml;r ganze
+V&ouml;lker erst richtig ermessen.</p>
+
+<p>Viertens muss der Kindermord genannt werden, welcher vor allen
+Dingen in Polynesien und in S&uuml;damerika heimisch war, so wie
+&uuml;berhaupt der geringe Werth, welchen man dem Menschenleben
+beimisst. Dass aber letzteres allein ein Volk nicht wesentlich
+zur&uuml;ckbringt, beweist das Beispiel des Fidschiarchipels.
+Nirgends wird durch Menschenopfer, Krieg, Kannibalismus u. dergl.
+mehr Blut vergossen und Leben verschwendet als hier; und dennoch
+geh&ouml;ren diese Inseln zu den bev&ouml;lkertsten der S&uuml;dsee
+und ein Aussterben wird auf ihnen nicht bemerkt.</p>
+
+<p>Die Kriege haben zwar mancherlei Schwankungen unter den
+Naturv&ouml;lkern herbeigef&uuml;hrt, auch wohl einzelne
+St&auml;mme ganz aufgerieben, aber doch nirgends so gewirkt, dass
+wir sie in erster Reihe aufzuf&uuml;hren h&auml;tten. Ebenso ist es
+mit der elenden Lebensweise der meisten dieser V&ouml;lker, welche
+zwar ihr fr&ouml;hliches und kr&auml;ftiges Gedeihen hindern
+konnte, nirgends aber, so weit unser Material der Beobachtung
+reicht, eine v&ouml;llige Vernichtung herbeigef&uuml;hrt haben. Bei
+alle den roheren Nationen fanden wir auch vor der Ber&uuml;hrung
+mit den Europ&auml;ern die Kopfzahl nie sehr hoch und hierf&uuml;r
+war eben ihre wandernde und k&auml;rgliche Lebensart der Grund.
+Beides nun, das schlechte Leben und die verh&auml;ltnissm&auml;ssig
+geringe Volksmenge unterst&uuml;tzen jedes andere &uuml;ber ein
+Volk hereinbrechende Uebel immer in so fern, als sie das Volk um so
+r&uuml;ckhaltsloser und rascher unterliegen lassen. Und
+&auml;hnlich ist es mit allen den &uuml;brigen von uns
+angef&uuml;hrten Gr&uuml;nden, die alle erst dann wirksam werden,
+wenn sie mit anderen verbunden auftreten.</p>
+
+<p>Hierher geh&ouml;ren auch die unvermeidlichen Folgen der zu
+rasch herein brechenden und nur halb angenommenen Kultur, welche
+wir in so mancher Beziehung f&uuml;r die Naturv&ouml;lker
+sch&auml;dlich fanden. Allein wohl nimmermehr w&auml;ren diesen
+Folgen, den Ver&auml;nderungen im leiblichen und geistigen Leben,
+der gewaltigen geistigen Anstrengung, welche die Kultur verlangte,
+diese V&ouml;lker erlegen, wenn nicht andere Ursachen hierf&uuml;r
+wirksam waren, zu denen dann freilich sich auch jene Folgen der
+Kultur als wirksamer sekund&auml;rer Grund hinzugesellten.
+H&auml;tte sich die Ann&auml;herung der Kultur, wenn auch rasch,
+aber friedlich vollzogen; h&auml;tte sie gesunde V&ouml;lker
+getroffen, so w&uuml;rde bei diesen, &auml;hnlich wie bei den alten
+Germanen, eine Zeit des Stillstandes eingetreten, dann aber ein
+neues kr&auml;ftiges Leben erbl&uuml;ht sein. Wo die
+Verh&auml;ltnisse nur ann&auml;hernd normal waren, finden wir
+diesen Gang der Ereignisse, wie wir im Folgenden n&auml;her
+betrachten werden.</p>
+
+<p>Aus dem Vorstehenden folgt ein wichtiges Gesetz: nie ist es eine
+Ursache allein, welche ein Volk vernichtet, sondern stets mehrere
+zusammen, von denen allerdings eine im Vordergrund stehen kann.
+Auch die Ausrottung der Marianer, Tasmanier und der antillischen
+Bev&ouml;lkerung bildet keine Ausnahme, da man hier die
+Begrenztheit des Terrains als zweiten Grund, in Tasmanien Charakter
+und Lebensart der Bewohner als dritten in Anschlag bringen muss. Wo
+nur eine der genannten Ursachen wirkt, oder auch mehrere der
+untergeordneten, da tritt, soweit jetzt menschliche Geschichte und
+Beobachtung reicht, kein Aussterben ein; so halten sich die
+Feuerl&auml;nder trotz ihres elenden Lebens: so bestehen die
+Fidschis weiter trotz der auch zu ihnen m&auml;chtig eingedrungenen
+Kultur, trotz der massenhaften Menschent&ouml;dtung; und so kann
+man dies weiter verfolgen. Diese Erscheinung ist anthropologisch
+bedeutsam, weil sie wie keine zweite die z&auml;he
+Lebensf&auml;higkeit der Menschheit und zugleich beweist, dass
+diese Lebenskraft in allen Zweigen des Menschengeschlechtes
+gleichm&auml;ssig vertheilt ist, ja bei den Naturv&ouml;lkern eher
+st&auml;rker, wie bei den kultivirten Nationen auftritt, welche
+letzteren, weil sie feiner organisirt sind als die unkultivirten
+Menschen, auch bei weitem weniger zu ertragen im Stande sind.</p>
+
+<p>Denn wenn wir fragen: sind die angef&uuml;hrten Ursachen stark
+genug, um das Hinschwinden ganzer V&ouml;lker zu veranlassen? so
+m&uuml;ssen wir antworten: sie sind es reichlich und im Uebermass,
+jede einzelne schon und nun gar mehrere vereint. Ist es nicht ein
+wahres Wunder, dass der Naturmensch in einem Lande wie Neuholland
+sich hielt, wo Europ&auml;er trotz aller Ausr&uuml;stungen meist so
+rettungslos verloren sind? Und noch dazu sich hielt in den ewigen
+Kriegen mit seines Gleichen, unter den ung&uuml;nstigen
+Einfl&uuml;ssen der eigenen mangelhaften Kultur? oder der
+Polynesier auf seinen kleinen oft so unfruchtbaren Inseln inmitten
+des ungeheuersten aller Ozeane, und auch er ewigem Krieg und
+Kindermord und den entnervendsten Ausschweifungen unterworfen?
+Nicht ein Wunder, dass nach den furchtbaren Vernichtungskriegen
+durch die Weissen nicht eines dieser V&ouml;lker vollkommen
+vertilgt ist, ausser kleinen St&auml;mmen? Gewiss, wenn wir dies
+alles &uuml;berdenken, werden wir nicht von der
+Lebensunf&auml;higkeit der Naturv&ouml;lker, sondern vielmehr von
+ihrer ausserordentlichen Lebenskraft und Unverw&uuml;stlichkeit uns
+&uuml;berzeugen m&uuml;ssen. Und so ist hier der Ort, auf die Frage
+zur&uuml;ckzukommen, zu welcher wir durch Waitz veranlasst waren:
+sind wir wirklich zu dem Gest&auml;ndniss gen&ouml;thigt, dass uns
+das Aussterben der Naturv&ouml;lker vollst&auml;ndig zu
+erkl&auml;ren noch nicht gelingt? Wir sind es nicht. Wenn man der
+Geschichte jedes einzelnen Volkes folgend fragt, wie kommt es, dass
+es dahin siecht und schwindet, wir werden immer vollkommen
+ersch&ouml;pfend die Gr&uuml;nde erkennen, welche stets dem von uns
+zusammengestellten Kreis angeh&ouml;ren werden. Diese erkl&auml;ren
+das Aussterben der Bev&ouml;lkerung so vollst&auml;ndig, dass zu
+irgend welchem R&auml;thselhaften nicht der mindeste Platz bleibt,
+sobald man nur die einzelnen Gr&uuml;nde in ihrer physischen und
+psychischen Wirksamkeit sich mit gen&uuml;gender Consequenz vor
+Augen f&uuml;hrt.</p>
+
+<p>Doch ist wohl zu beachten, dass auch die Unverw&uuml;stlichkeit
+dieser h&auml;rteren V&ouml;lker ihre Grenze hat. Wir sahen in
+Neuholland einen Menschenstamm, der von fr&uuml;her besserem
+Zustand herabgesunken scheint; dasselbe ist der Fall mit
+Mikronesien und dem eigentlichen Polynesien, sowie mit den
+Hottentotten. Am weitesten vorgeschritten war der Verfall bei den
+Polynesiern: daher sie denn bei verh&auml;ltnissm&auml;ssig
+leichtem Anstoss von aussen her rasch und viel unaufhaltsamer
+zusammenbrechen, als z.B. die Melanesier oder Hottentotten und
+andere V&ouml;lker. Dieser Verfall musste, wenn seine Ursachen, die
+Ausschweifungen, Kriege und Vergeudung der Menschenleben, wirksam
+blieb, immer rascher weiter gehen und so waren sie jedenfalls
+verloren &mdash; wenn sie nicht von aussen her gerettet wurden und
+das hat, so weit es noch m&ouml;glich war, die Kultur im Grossen
+und Ganzen gethan. Und m&ouml;gen wir auch noch so sehr beklagen,
+wie die Europ&auml;er sich den meisten Naturv&ouml;lkern
+gegen&uuml;ber benommen haben: das m&uuml;ssen wir anerkennen, dass
+alle diese unkultivirten V&ouml;lker, wenn sie in ihrem
+Naturzustande noch Jahrhunderte weiterlebten, einem zwar sehr
+langsamen, aber sicheren Untergang, dessen Keime sie in sich selbst
+trugen, entgegengingen. Sie hatten sich keine Herrschaft &uuml;ber
+die sie umgebende Natur errungen: sie lebten ausschweifend, nur
+ihren Gel&uuml;sten hingegeben, unregelm&auml;ssig, ohne Gedanken
+in die Zukunft, in gewaltigster Tr&auml;gheit; Kriege, Rache u.s.w.
+waren bei ihnen feste Sitten; der Aberglaube, der so h&auml;ufig
+Menschenopfer verlangte, beherrschte sie ganz; ihr psychisches
+Leben war wenig, die intellektuelle Th&auml;tigkeit nur nach
+praktischer Seite hin entwickelt. Diese Z&uuml;ge ihres Wesens
+mussten aber im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende immer
+starrer und un&uuml;berwindlicher werden: und es ist keine Frage,
+dass sie ihnen einst, fr&uuml;her oder sp&auml;ter, denn wer mag
+das Ende dieser Zeit bestimmen, erliegen mussten. Die Natur, in
+welcher sie lebten, bot kein erziehendes Moment von durchgreifender
+Macht; und h&auml;tte sie es durch irgend welche Ver&auml;nderungen
+ihnen noch geboten, sie waren nicht mehr im Stande, es sich zu
+nutze zu machen, da sie durch und in Jahrtausende langer
+Gew&ouml;hnung erstarrt waren. Sollten diese V&ouml;lker also
+gerettet werden, so war ein pl&ouml;tzlicher Anstoss, es war das
+Eingreifen der Kultur nothwendig; und obwohl dieselbe ihre Aufgabe
+so blutig gel&ouml;st hat; so ist diese Nothwendigkeit doch ein
+Gedanke, der &uuml;ber das viele Blut und Elend, das sie oder
+vielmehr ihre Tr&auml;ger schufen, einigermassen tr&ouml;stet.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name=
+"_19_Vergleichung_der_Natur__und_Kulturvolker_in_Bezug_auf_ihre"></a>
+
+
+<h2>&sect; 19. Vergleichung der Natur- und Kulturv&ouml;lker in
+Bezug auf ihre Lebenskraft.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Da sich nun aus allen diesen angef&uuml;hrten Gr&uuml;nden das
+Aussterben der Naturv&ouml;lker vollkommen erkl&auml;rt, ja da die
+Art ihrer Wirksamkeit uns erst recht die Lebenskraft des
+Menschengeschlechtes beweist: so f&auml;llt damit schon von selbst
+die Annahme, als ob die Naturv&ouml;lker &raquo;von der Natur zum
+Untergange bestimmt&laquo; geringer organisirt seien als die
+Kulturv&ouml;lker. Dies wird sich ganz klar und unwiderleglich
+zeigen, wenn wir die Wirksamkeit derselben Gr&uuml;nde auf die
+europ&auml;ischen Nationen betrachten. Wir werden dort ganz genau
+denselben, ja einen noch weit schlimmeren Erfolg derselben
+sehen.</p>
+
+<p>Alles, was C&auml;sar den Galliern zuf&uuml;gte, die
+Verw&uuml;stung des Landes, die grossen Verluste an Menschenleben,
+das Zertreten des Nationalgef&uuml;hls, alles das ist doch wahrlich
+nicht zu vergleichen mit dem, was Mexiko z.B. oder die
+Nordamerikaner litten: und dennoch war durch C&auml;sar in nicht 10
+Jahren das gallische Volk, das er freilich schon herabgesunken
+vorfand, so sehr gebrochen, dass es seine Selbst&auml;ndigkeit bis
+auf die Sprache verlor. Allerdings hatten die italischen
+B&uuml;rgerkriege Italien etwa 70 Jahre auf das grauenvollste
+verw&uuml;stet; aber nach ihnen finden wir auch das Land im
+Innersten gebrochen und die Macht des r&ouml;mischen Staates auf
+Heeren von Fremdlingen beruhend; erst massenhaft versetzt mit
+frischen germanischen Elementen und auch da erst nach langer Ruhe
+hebt sich die italische Bev&ouml;lkerung, nun ein ganz neues Volk,
+wieder empor. Und doch waren auch seine Leiden viel geringer als
+die der Amerikaner. Und die Griechen! Warum haben sie
+aufgeh&ouml;rt ein historisch bedeutendes Volk zu sein? weil sie
+entnervt waren von den scheusslichsten Ausschweifungen und ihre
+letzte Kraft zertreten wurde zuerst durch die St&uuml;rme der
+V&ouml;lkerwanderung und dann durch das t&uuml;rkische Joch. Aber
+welche H&ouml;he hatten die Griechen einst inne &mdash; und es ist
+nicht zu viel gesagt, wenn man jetzt die Durchschnittsbildung der
+Griechen gleichstellt mit der etwa der &uuml;briggebliebenen
+Mexikaner.</p>
+
+<p>Der 30j&auml;hrige Krieg, welcher doch im Anfang nur lokal und
+nie ohne Unterbrechungen w&uuml;thete und mit allen seinen Greueln
+und seiner Dauer durchaus nicht das, was die Naturv&ouml;lker zu
+leiden hatten, erreicht, welche grenzenlose Verw&uuml;stung hat er
+in der Bev&ouml;lkerung unseres Vaterlandes angerichtet! Ernstlich
+war durch ihn die deutsche Nation in ihrer Existenz gef&auml;hrdet
+und es ist ja eine vielfach ausgesprochene Wahrheit, dass einmal
+unser Nationalcharakter durch diesen furchtbaren Krieg mannigfach
+ver&auml;ndert und herabgedr&uuml;ckt ist, andererseits wir noch
+bis auf den heutigen Tag mit der Heilung der Wunden, welche er
+unserem socialen und politischen Leben geschlagen hat, zu thun
+haben.</p>
+
+<p>Sehen wir so an diesen wenigen historischen Beispielen dieselben
+Ursachen bei den kultivirten Nationen noch st&auml;rker wirken, als
+bei den Naturv&ouml;lkern: so wird eine kurze psychologische
+Betrachtung uns dasselbe lehren. Obwohl wir eine Religion haben,
+welche den Gl&auml;ubigen Trost gew&auml;hrt auch im schlimmsten
+Ungl&uuml;ck, obwohl wir durch die Kultur so manches
+H&uuml;lfsmittel auch f&uuml;r bedr&auml;ngte Lagen haben: so
+wirken doch auf uns eine Menge Dinge, welche auf die
+Naturv&ouml;lker noch gar keinen und eine Menge anderer, welche auf
+sie weit geringern Einfluss haben. Wir sind in unserm leiblichen
+Leben verz&auml;rtelt, an eine Menge Bequemlichkeit gew&ouml;hnt,
+die wir nicht entbehren k&ouml;nnen; wir sind geistig viel
+empfindlicher und ein Niederwerfen dessen, was uns heilig ist,
+dr&uuml;ckt uns mit zu Boden. Liebe zu den Verwandten, Scham, kurz
+eine ganze Reihe m&auml;chtiger geistiger Faktoren haben bei den
+Kulturv&ouml;lkern eine solche Herrschaft &uuml;bers Leben, dass,
+wenn sie ernstlich verletzt werden, das Leben mit bedroht ist, und
+man kann wohl sagen, je gebildeter ein Volk ist, um so rascher muss
+es in fortw&auml;hrendem Unheil sich verzehren. Wenn wir z.B. nur
+bedenken, welche Wirkungen das Gef&uuml;hl eines ohnm&auml;chtigen
+Ingrimms, das l&auml;ngere Zeit immer in uns erneut w&uuml;rde, auf
+uns haben m&uuml;sste, wie jeder Einzelne an sich abnehmen kann, so
+werden wir einmal ermessen k&ouml;nnen, wie dasselbe Gef&uuml;hl
+auf die Naturv&ouml;lker eingewirkt haben muss, bei welchen es
+durch so furchtbare Misshandlungen fortw&auml;hrend erneut wurde
+und es sehr begreiflich finden, wenn sie schon durch dieses allein
+zu Grunde gegangen w&auml;ren; wir werden einsehen, was die
+gebildeten Mexikaner und Peruaner gelitten haben und warum gerade
+sie so rasch mit dem Sturze ihrer Bildung zu Grunde gingen; wir
+werden aber andererseits zugestehen m&uuml;ssen, dass wir unter
+&auml;hnlichen Verh&auml;ltnissen wohl viel weniger
+Widerstandskraft haben w&uuml;rden, als jene V&ouml;lker, und
+gewiss jetzt erst recht aufh&ouml;ren von einer besonderen
+Lebensunf&auml;higkeit der Naturv&ouml;lker zu sprechen, da wir dem
+Unheil, welchem jene unterliegen, viel rascher unterliegen
+w&uuml;rden. Ja, wir w&uuml;rden nach Gr&uuml;nden suchen
+m&uuml;ssen, wie es kommt, dass jene V&ouml;lker eine gr&ouml;ssere
+Widerstandsf&auml;higkeit haben wie wir; und finden dieselben in
+ihrer gr&ouml;sseren leiblichen Abh&auml;rtung, sowie in ihrer
+geringen geistigen Empfindlichkeit, welche immer mit geringer
+Geistesentwickelung Hand in Hand geht. &mdash; Wenn wir nun dennoch
+die Kulturv&ouml;lker wohl ohnm&auml;chtig und geschichtlich
+unbedeutend werden, aber nicht eigentlich verschwinden sehen, so
+kommt dies daher, dass sie gerade in solchen Zeiten der Gefahr mit
+neuen Menschenschaaren durchsetzt werden. Die Verw&uuml;ster
+Italiens, die Germanen, liessen sich massenhaft in den
+bl&uuml;henden Fluren des besiegten Landes nieder; ebenso die
+Bulgaren in Griechenland u.s.w. Oder die schon bestehende Kultur
+bietet neue H&uuml;lfsmittel, wohin man auch das Einwandern
+zahlreicher Franzosen in unser Vaterland nach dem 30j&auml;hrigen
+Krieg rechnen mag. Beispiele von Kulturv&ouml;lkern, die
+v&ouml;llig vernichtet sind, wie ihre Kultur, bietet die Geschichte
+von Kleinasien.</p>
+
+<p>Es f&auml;llt von hier aus noch einmal ein Blick auf die
+Eintheilung, nach welcher Carus die Menschen betrachtet; man sieht
+auch hier, wie wenig stichhaltig sie ist, denn seine Tagmenschen
+haben keine gr&ouml;ssere Widerstandsf&auml;higkeit, als seine
+Nacht- oder D&auml;mmerungsmenschen; und w&auml;hrend er behauptet
+(17), dass die westlichen D&auml;mmerungsv&ouml;lker, die
+Amerikaner, &raquo;wirklich dem Untergange zugewendet&laquo; seien,
+so sehen wir die Tagv&ouml;lker noch rascher ihrem Untergange
+zueilen, schon wenn sie durch weit mildere Schicksale heimgesucht
+werden. &mdash; Auch die Eintheilung der Menschheit in aktive und
+passive V&ouml;lker, wie sie Klemm und Wuttke geben (Waitz 1, 344)
+hat ihr sehr Bedenkliches; sie ist falsch, wenn man in
+gr&ouml;sserer Aktivit&auml;t zugleich nach jeder Richtung hin
+gr&ouml;ssere Kraftentwickelung sieht, denn die
+&raquo;aktiven&laquo; V&ouml;lker (die Kulturv&ouml;lker)
+zerbrechen im Ungl&uuml;ck viel leichter, als die z&auml;heren und
+h&auml;rteren Naturv&ouml;lker; sie ist ferner falsch, wenn man sie
+als in der urspr&uuml;nglichen Natur der Menschheit begr&uuml;ndet,
+wenn man also Aktivit&auml;t oder Passivit&auml;t als verschiedenen
+V&ouml;lkern angeboren ansieht: denn von Haus aus gleich organisirt
+hat sich die Menschheit durch verschiedene Naturumgebung,
+verschiedene Schicksale u.s.w. im Lauf der Jahrtausende so
+verschieden entwickelt, wie wir sie in geschichtlicher Zeit
+vorfinden.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_20_Aussterbende_und_ausdauernde_Naturvolker"></a>
+<h2>&sect; 20. Aussterbende und ausdauernde Naturv&ouml;lker.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Wenn die Annahme einer minderen Lebensf&auml;higkeit ganzer
+V&ouml;lker richtig w&auml;re, so m&uuml;sste doch bei allen diesen
+V&ouml;lkern sich jenes Hinschwinden gleichm&auml;ssig zeigen. Wie
+kommt es aber, dass eins ausstirbt und das andere dicht daneben
+nicht? ja, dass von ein und demselben Volke der eine Zweig
+abstirbt, der andere ungef&auml;hrdet weiter lebt? Und auch das
+findet sich oft. Die Tonganer sterben nicht aus und sind Polynesier
+wie die Tahitier, Maoris oder Kanakas; die meisten mikronesischen
+Inseln (so namentlich der Gilbertarchipel) haben eine dichte
+Bev&ouml;lkerung, die Kusaier sterben aus; und beide, Mikro- und
+Polynesier, sind nur ein Zweig des grossen malaiischen Stammes, bei
+welchem ein solches Hinschwinden, die kleine Insel Engano und
+einige elende in die Gebirge gedr&auml;ngte St&auml;mme
+ausgenommen, sonst doch nirgends bemerkt wird. Die Kamtschadalen
+sterben aus, die &uuml;brigen Nordasiaten, ihre nahen Verwandten,
+nicht. Doch vielleicht waren hier jene von uns besprochenen
+Gr&uuml;nde des Aussterbens nicht in Th&auml;tigkeit? Allein
+w&auml;hrend die &uuml;brigen Melanesier an vielen Punkten sich
+vermindern, bleiben die Fidschis, trotz des europ&auml;ischen
+Einflusses, trotz ihrer Kriege und Menschenopfer, kr&auml;ftig und
+bei voller Zahl. Noch &auml;rger fast als alle anderen V&ouml;lker
+sind die Neger bedr&uuml;ckt von einheimischen und fremden
+Tyrannen; und w&auml;hrend sie f&uuml;r einen der fruchtbarsten
+St&auml;mme gelten, der gar nicht zu vermindern ist, sterben die
+Neuholl&auml;nder, nach dem K&auml;rtchen bei Carus Nachtmenschen
+wie sie, aus &mdash; welchem Fall freilich der ethnologische
+Unsinn, afrikanische und melanesische Neger zu einer Ra&ccedil;e zu
+vereinigen, der sich indess nicht bei Carus allein findet, die
+Beweiskraft nimmt. Aber die anderen Beispiele zeigen vollkommen
+schlagend, wie irrig die Ansicht ist, dass die hinschwindenden
+V&ouml;lker in Folge der Inferiorit&auml;t ihrer Ra&ccedil;e
+ausst&uuml;rben; daher wir dabei nicht zu verweilen brauchen. Wenn
+unsere Ansicht aber stichhaltig ist, so muss sich nachweisen
+lassen, dass da, wo die Gr&uuml;nde, aus denen wir das Aussterben
+der Naturv&ouml;lker erkl&auml;ren, nicht eintreten oder beseitigt
+werden, dass da die V&ouml;lker gedeihen, sich weiter entwickeln
+oder sich wieder erholen, ja selbst die so gef&auml;hrliche Kultur
+&uuml;berwinden und sich zu ihr, wenn auch nur sehr
+allm&auml;hlich, emporheben k&ouml;nnen. Und der Nachweis ist
+leicht.</p>
+
+<p>In Afrika beweisen es die Hottentotten der herrnhutischen
+Kolonie Baavianskloof, welche Lichtenstein schildert. 1799 betrug
+die Zahl ihrer Lehrlinge (Licht. 1, 247) 100; das Dorf, worin sie
+wohnten, glich mit seinen 200 H&auml;usern, seinen G&auml;rten,
+seinen geraden Strassen ganz einem deutschen Dorfe; die
+Hottentotten waren t&uuml;chtig im Feld- und Hausbau und zu allem
+dem gebracht ganz ohne andere Strafe als Ausschliessung vom
+Gottesdienst (251). Die Taufe erhielt man freilich nur als
+h&ouml;chste Belohnung f&uuml;r Th&auml;tigkeit, Rechtschaffenheit
+und Fr&ouml;mmigkeit und allerdings fand Lichtenstein noch keine
+Hottentotten unvermischten Blutes, sondern nur Mischlinge getauft;
+aber da sich die Herrnhuter bem&uuml;hten, sie &raquo;erst zu
+Menschen und dann zu Christen&laquo; zu machen (eb. 253), so hob
+sich die Colonie immer mehr, so dass von der Zeit nach 1828 der
+Bericht lautet: &raquo;Die frei gewordenen Hottentotten fingen an
+mehr f&uuml;r die Zukunft zu sorgen, der Landbau wurde eifrig
+betrieben und durch k&uuml;nstliche Bew&auml;sserung verbessert,
+M&auml;ssigkeit und Sittlichkeit, die Zahl der regelm&auml;ssigen
+Ehen, der Besuch und die Sorge der Eltern f&uuml;r die Erziehung
+der Kinder war im Steigen begriffen und es bedurfte dazu keiner
+Unterst&uuml;tzung von aussen&laquo; (Waitz 2, 337). Dies ist
+allerdings nur von einem kleinen Distrikt gesagt; aber wo hat man
+sich sonst auch mit demselben Verstand und derselben Ausdauer der
+Hottentotten so redlich angenommen? Wo man das thut, da gedeihen
+sie und werden brauchbare Menschen (vergl. W. 2, 341).</p>
+
+<p>In Amerika haben die Cherokees, die Algonkins, die Irokesen und
+andere V&ouml;lker deutlich genug bewiesen, dass auch die Indianer
+der Erhebung und Kultivirung f&auml;hig sind. Die Irokesen sind
+seit 1820 &raquo;bedeutend fortgeschritten im Ackerbau, Hausbau und
+den mechanischen K&uuml;nsten &uuml;berhaupt; sie besuchten die
+Kirche regelm&auml;ssig, viele von ihnen waren im Lesen, Schreiben
+und Rechnen so weit gekommen, dass sie Schullehrer werden konnten,
+einige andere sogar respektable Geistliche&laquo; (Waitz 3, 291 mit
+d. Quellen). Sie hatten das Mohawk zur allgemeinen Verkehrssprache
+im Gebrauch und nach Schoolcrafts Bericht f&uuml;r 1845 war ihre
+Volkszahl im Wachsen (a.a.O.). Ebenso hatten die Ottawa, ein
+heidnischer Algonkinstamm, sowie die Sauk und noch mehr die
+Delaware grosse Fortschritte gemacht; sie leben ganz von dem
+Ackerbau, den sie sehr eifrig und t&uuml;chtig betreiben, sowie vom
+Handel mit den Produkten ihrer Felder (292-93): ihre Zahl ist im
+Wachsen (294).</p>
+
+<p>Noch mehr war dies Alles der Fall bei den Cherokees, deren
+Volkszahl in den Jahren 1819 bis 1825 von 10,000 auf 13,500 nebst
+200 Weissen und 1300 Negersklaven anwuchs. Schon vor 1820 waren sie
+sehr t&uuml;chtige Ackerbauer, welche im Laufe von 8 Jahren
+(M'Kennay bei Waitz 3, 294) die Wildniss in einen Garten umschufen.
+Schon um 1773 hatten sie 43 St&auml;dte und ihre Bildung war schon
+damals nicht unbedeutend (Bartram 353-60); seit 1796 waren
+Baumwollenmanufakturen bei ihnen errichtet, Luxusgegenst&auml;nde
+traf man hin und wieder und Einzelne hatten ein nicht unbedeutendes
+Privatverm&ouml;gen. Die Polygamie wurde abgeschafft; ihre Kinder
+zeigten sich &raquo;sehr lenksam, anh&auml;nglich und
+bildungsf&auml;hig&laquo; (Waitz 3, 295). 1820 f&uuml;hrten sie
+geschriebene Gesetze und eine Repr&auml;sentativverfassung ein. Der
+oberste H&auml;uptling, dem nebst einem hohen Rath die Exekutive
+zusteht, soll alle zwei Jahre das Land bereisen, um dessen Zustand
+kennen zu lernen. Die richterliche Gewalt wird vom obersten
+Gerichtshofe, dem wandernden Gericht und von Friedensrichtern
+ausge&uuml;bt. Geschworenengerichte und drei Instanzen sind
+eingef&uuml;hrt, die Richter nur durch den Willen beider
+H&auml;user absetzbar. Es herrscht allgemeine Religionsfreiheit,
+doch kann Niemand ein Amt bekleiden, der nicht an Gott und an
+Vergeltung in einem k&uuml;nftigen Leben glaubt&laquo; (Waitz 3,
+295-96). Es wurde dann ein Alphabet von 85 Zeichen 1821 von einem
+Cherokee erfunden und bald war die Kunst des Lesens und Schreibens
+unter ihnen allgemein; seit 1828 erschien eine periodische
+Zeitschrift in ihrer Sprache. Auch diese aufbl&uuml;hende Kultur
+hat man nicht geschont; man hat auch die Cherokees, trotz ihres
+heftigen Widerstrebens, &uuml;ber den Missisippi vertrieben. Allein
+obwohl ihre Kultur dadurch im hohen Grade gef&auml;hrdet wurde, so
+unterlag sie nicht; sie erhob sich bald wieder und seit 1841
+allgemeiner wie fr&uuml;her (296). Ebenso verh&auml;lt es sich mit
+den Choktaw, den Creek und einigen anderen V&ouml;lkern, &uuml;ber
+die Waitz (296-99) ausf&uuml;hrlichere Nachrichten gibt.</p>
+
+<p>Ebenso in S&uuml;damerika: die Volkszahl der Abiponer nahm nach
+Dobrizhofer bedeutend zu, als das Verstossen der Weiber, der
+Kindermord und die Polygamie abgeschafft wurde (Waitz 1, 164); in
+Guatemala (nach einem Bericht von 1771) vermehrten sich die
+Eingeborenen trotz des schweren Drucks der Spanier so sehr, dass
+diese sie zu f&uuml;rchten anfingen (eb. 163). In Mexiko bilden
+nach Humboldt die Eingeborenen noch immer fast die H&auml;lfte der
+Einwohner (b, 3, 9) and in dieser Zahl haben sich die Indianer
+&uuml;berall erhalten, wo die Spanier organisirte Reiche vorfanden
+(eb. 3, 8); die einheimische Bev&ouml;lkerung ist im Steigen
+(derselbe a 1, 83 und 107) und zwar in Folge eigenes Wohlstands,
+nicht fremden Zuwachses (eb. 105) und diese &raquo;f&uuml;r die
+Menschheit sehr tr&ouml;stliche&laquo; Zunahme der indianischen
+Bev&ouml;lkerung beweist Humboldt durch speciellere Angaben a, 5,
+6; 4/7 der gesammten Volkszahl sind Indianer (Waitz 4, 195).</p>
+
+<p>Auch in Polynesien finden wir sehr wichtige Erscheinungen der
+Art. Von Hawaii sagt Jarves 371-72: die Kultur zerst&ouml;rt im
+Anfang; nachher wirkt sie segensreich; so war auch auf den
+Sandwichinseln die Entv&ouml;lkerung unter Tamehameha I. und
+Liholiho gr&ouml;sser als in sp&auml;terer Zeit. &raquo;In dem
+Verh&auml;ltniss, in welchem Christenthum und Civilisation
+w&auml;chst, vermindert sich die Sterblichkeit. Allerdings sind
+ihre Wirkungen jetzt noch zu neu, um ihre Endresultate
+vorherzusagen, aber man kann sicher hoffen, dass, wenn die
+b&ouml;sen Einfl&uuml;sse aufh&ouml;ren und anderen Platz machen,
+gute Ergebnisse folgen werden. Der Despotismus der F&uuml;rsten ist
+v&ouml;llig abgeschafft und Gesetze wirken f&uuml;r das Anwachsen
+der Bev&ouml;lkerung. Familien mit 3 Kindern sind von den Abgaben
+befreit; die, welche mehr haben, bekommen Land und andere
+Geschenke, um sie zu heben. Die Abgaben, obwohl immer noch hoch,
+sind gleich vertheilt und f&uuml;r das Volk erleichtert. Ein
+Nationalgeist ist erwacht, Schulen und Kirchen gegr&uuml;ndet,
+regelm&auml;ssige Handelsverbindungen und Gewerbe haben sich
+gebildet: kurz das gerade Gegentheil der moralischen Versunkenheit,
+in welcher noch vor Kurzem das Volk sich befand, f&auml;ngt an sich
+zu entwickeln; medizinische Kenntnisse und &auml;rztliche
+H&uuml;lfe verbreitet sich; Kleidung, Wohnung bessern sich
+allm&auml;hlich. Freilich ist dies nur die Morgenr&ouml;the eines
+besseren Tages: aber schon zeigt sich deutlich genug, dass
+Christenthum und Bildung durch die Einwirkung der amerikanischen
+Mission und die Intelligenz der Fremden diese segensreichen Folgen
+haben. Noch schlagender zeigt sich das daraus, dass Kinder und
+Erwachsene, welche die Schulen besuchen und unter der unmittelbaren
+Leitung der Mission&auml;re stehen, sich einer ausgezeichneten
+Gesundheit erfreuen und rasche Fortschritte machen. Dasselbe gilt
+von den Eingeborenen, welche unter dem Einfluss europ&auml;ischer
+Familien stehen.&laquo; Nach Virgin (1, 300) freilich scheint die
+Entwickelung nicht allzurasch weiter gegangen zu sein; doch auch er
+gibt an, dass vor 1820 die Abnahme der Bev&ouml;lkerung
+st&auml;rker gewesen sei, als nachher, und dass die Missionen an
+verschiedenen Punkten die Abnahme ins Stocken gebracht haben durch
+m&ouml;glichstes Hinwegr&auml;umen der b&ouml;sen Ursachen, welche
+sie veranlassen. Auch Waitz 1, 177 erw&auml;hnt einige Inseln und
+Distrikte dieser Gruppe, wo die Bev&ouml;lkerung nicht nur nicht
+abnimmt, sondern in nicht ganz unbedeutendem Anwachsen begriffen
+ist.</p>
+
+<p>Ganz ebenso ist es in Tahiti. Auch hier hat die Volkszahl gleich
+nach dem ersten Zusammenstoss mit den Europ&auml;ern sehr
+abgenommen, von 16,000 (Wilson) bis auf 8000 (Ellis) oder 9000
+(Wilkes), denn Turnballs 5000 ist eine &uuml;bertrieben niedrige
+Angabe. Nachher aber ist die Zahl gleich geblieben oder eher
+gewachsen; Virgin wenigstens gibt sie f&uuml;r 1852 auf 10,000 an
+(2, 41). Auf Raiatea dagegen nimmt die Bev&ouml;lkerung stark zu
+(Waitz 2, 167 nach Journ. R. geogr. soc. III, 179). Auch Ellis (um
+1830) sagt 1, 169, dass vor 1819 das Abnehmen der tahitischen
+Eingeborenen noch stark gewesen sei: 1819-20 seien Todesf&auml;lle
+und Geburten einander gleich gewesen und von da ab habe die
+Volkszahl stark zugenommen. Mag Ellis auch, der so eifrig f&uuml;r
+das Wohl der Insel th&auml;tig war, seine Hoffnungen auf jene
+Angabe vielleicht etwas mit haben einwirken lassen: bloss auf
+Uebertreibung beruht eine so sichere Behauptung eines so
+zuverl&auml;ssigen Beobachters nicht. Allerdings klagt der
+franz&ouml;sische Commandant der Insel, de la Ronci&egrave;re, in
+seinem Bericht vom Dezember 1866 (Globus 12, 60-61) &uuml;ber die
+Tr&auml;gheit, Indolenz und Flatterhaftigkeit der Bewohner; allein
+wenn man die Vorg&auml;nge w&auml;hrend und nach der
+franz&ouml;sischen Okkupation der Insel und die ganze Haltung der
+Franzosen wenigstens in der ersten Zeit ihres Aufenthalts bedenkt,
+so ist es nur allzu begreiflich, dass die Entwickelung der Insel
+durch sie nicht eben gef&ouml;rdert ist. Doch sind wir, wenn man
+sich wirklich ernsthaft und ausdauernd der Eingeborenen annimmt,
+auch f&uuml;r sie zu guten Hoffnungen berechtigt.</p>
+
+<p>Was wir von Neuseeland zu berichten haben (nach Hochstetter
+482-497) ist noch merkw&uuml;rdiger. Gegen den Einfluss der Fremden
+bildete sich eine Nationalpartei unter den Eingeborenen, welche, da
+sie Gott ebenso nah st&auml;nden als die Weissen, mit diesen
+gleiche soziale und politische Rechte verlangten. 1857
+erw&auml;hlten die Maoris, von diesen Gesichtspunkten ausgehend,
+einen K&ouml;nig, den als Krieger und Redner ber&uuml;hmten
+Potatau, der sich den zweiten Friedensk&ouml;nig nach Melchisedek
+nannte, sich thatkr&auml;ftige H&auml;uptlinge, so vor allen den
+Maori William Thompson aus dem Stamm der Ngatihua, als Minister
+ausw&auml;hlte, und seinen Herrschersitz zu Ngaruawahia, an der
+Hauptwasserstrasse ins Innere, an den Thoren von Aukland in
+vortrefflich ausgesuchter Lage nahm. Die Grundprinzipien des
+K&ouml;nigthums sollten Glaube, Liebe und Gesetzlichkeit sein. Man
+beschwerte sich bitter &uuml;ber die englische Regierung, welche
+sich gar nicht um die Maoris k&uuml;mmere, die H&auml;uptlinge
+nicht standesgem&auml;&szlig; behandele, zwar Protokolle &uuml;ber
+ihr Aussterben f&uuml;hre, aber nichts dagegen thue; man habe die
+eingef&uuml;hrten Waaren mit ungerechten Abgaben gedr&uuml;ckt,
+indem z.B. wollene Decken nach dem Gewicht wie Seide und Spitzen
+versteuert w&uuml;rden; Munition und Waffen verkaufe man ihnen gar
+nicht, um so lieber aber Spirituosen. Und zu dem Allen
+ben&auml;hmen sich die Europ&auml;er so hochm&uuml;thig und grob!
+Diese Nationalpartei, welche sehr beredte Agenten im Lande
+umherschickte, fand &uuml;berall rasch Anh&auml;nger; auch die
+Weiber und M&auml;dchen theilten ihre Gesinnungen. Freiwillige
+Abgaben f&uuml;r den K&ouml;nig fl&ouml;ssen regelm&auml;ssig und
+reichlich und dieser schlichtete zu Ngaruawahia alle Streitigkeiten
+der Eingeborenen, trieb auch von den unter ihnen lebenden
+Europ&auml;ern Abgaben ein und legte einen Zoll auf die an seiner
+Stadt vorbeipassirenden europ&auml;ischen Schiffe; sein Einfluss
+war bald so gross, dass sich auch die Mission&auml;re, wenn sie
+etwas gegen einen Maori vorzubringen hatten, an ihn wandten.
+Aehnliche Ziele hatte die Landligue, eine Vereinigung der
+Maorif&uuml;rsten, um den Landverkauf zu verh&uuml;ten, welchen die
+einheimische Regierung &auml;usserst ungern sah. Es war klar, dass
+die Kolonialverwaltung durch diese selbst&auml;ndige Entwickelung,
+namentlich aber durch die Beschr&auml;nkung der Landk&auml;ufe,
+welche, um g&uuml;ltig zu sein, erst die Best&auml;tigung des
+Maorik&ouml;nigs nach der Auffassung der Eingeborenen bedurften, in
+arge Verlegenheit kommen musste. Daher erkannte denn England diese
+Beschr&auml;nkung des Landverkaufs durch die Maorigesetze nicht an
+und so musste es zum gewaltsamen Zusammenstoss kommen. Dies geschah
+unter Potatau II., dem Sohne Potataus I.; den 17. M&auml;rz 1860
+begann der Krieg, in welchem die Maoris sich nicht nur
+ausserordentlich tapfer, sondern auch so umsichtig bewiesen, dass
+sie den Engl&auml;ndern empfindliche Niederlagen beibrachten. Der
+Nationalpartei schlossen sich jetzt alle Maoris, auch die
+fr&uuml;her l&auml;ssigen, an; es ist besser, hiess es, f&uuml;rs
+Vaterland zu sterben, als unterjocht von Fremden zu leben. Auch im
+englischen Parlament erhoben sich Stimmen f&uuml;r sie, so vor
+allen die Martins, des Bischofs von Aukland. William Thompson war
+alleiniger Anf&uuml;hrer dieses Krieges und seiner Stelle sehr
+gewachsen; denn der Kampf, der von den Maoris haupts&auml;chlich
+als Guerillakrieg gef&uuml;hrt wurde, konnte nur durch die
+englischen Kanonen und die englische Uebermacht (1861 hatten die
+Engl&auml;nder 12,000 Mann zusammen) mehr und mehr zu Gunsten der
+Engl&auml;nder gewendet werden. Indess kam es durch Einfluss der
+Mission&auml;re und durch den an Brownes Stelle gesandten Lord Grey
+zur friedlichen Vermittlung. Wir sehen also auch hier Anf&auml;nge,
+bedeutend genug, um in kurzer Zeit die Gr&uuml;nde, auf welchen wir
+das Aussterben der neuseel&auml;ndischen Eingeborenen beruhend
+fanden, zu beseitigen. Es ist sehr traurig, dass diese nationale
+Erhebung von englischer Seite gleich im Anfang geknickt oder
+wenigstens gehemmt ist: doch ist die Hoffnung nicht aufzugeben,
+dass sie abermals auch diesen Stoss &uuml;berwinden wird. Die
+Hauptsache wird sein, dass sie selber Muth und Zuversicht gewinnen,
+dann werden sie die Kultur sich nicht bloss &auml;usserlich und auf
+eine Weise, die ihnen nur schadet, aneignen, sondern sie werden
+sich, da sie stets sich sehr f&auml;hig gezeigt haben, an ihr
+emporheben und ein neues Leben zu f&uuml;hren im Stande sein. Zu
+dieser Hoffnung berechtigt auch die innige Religiosit&auml;t,
+welche die meisten der neu und wahrhaft Bekehrten zeigen. Ob sie
+aber auch in diesem Falle sp&auml;ter nicht einmal durch
+Vermischung mit den Weissen aufh&ouml;ren als Nationalit&auml;t zu
+existiren? Ein solches Aufgehen w&uuml;rde indess nur erfreulich
+sein, denn es bewiese zugleich, dass auch die Engl&auml;nder der
+Kolonie von ihrem starren Ra&ccedil;enhochmuth nachgelassen
+h&auml;tten.</p>
+
+<p>In Tonga nun, wo von jeher die Sitten strenger waren und
+namentlich nie diese L&uuml;derlichkeit herrschte, welche in
+Polynesien an anderen Punkten so gef&auml;hrlich wirkte; wo man mit
+dem Menschenleben, wenigstens jetzt und schon seit l&auml;ngerer
+Zeit, nicht so verschwenderisch umging, ist ein Sinken der
+Volkszahl nicht eingetreten. Das Christenthum hat die Monogamie
+durchgesetzt und so ist denn trotz der vielen Kriege, welche die
+Einf&uuml;hrung des Christenthums und die Befestigung der
+K&ouml;nigsherrschaft mit sich brachte, die Bev&ouml;lkerung, die
+sich im Allgemeinen einer sehr guten Gesundheit erfreut, im Wachsen
+(Erskine 160-61).</p>
+
+<p>Die Bev&ouml;lkerung von Samoa sch&auml;tzt Erskine (104) auf
+etwa 37,000 Seelen, doch glaubt er, dass sie abnehme (a.a.O. u.
+60). Auch Turner erw&auml;hnt die grosse Sterblichkeit der Kinder
+daselbst, welche durch th&ouml;richte Behandlung derselben vor und
+bei der ersten Nahrung veranlasst wird. Seitdem aber jetzt die
+Mission&auml;re g&uuml;nstig wirken, die Polygamie abgeschafft und
+ausschweifende Lebensweise durch strenge Ueberwachung sehr
+erschwert ist, nimmt die Bev&ouml;lkerung wieder zu (Turner 176).
+Doch waren die Samoaner &uuml;berhaupt weit weniger ausschweifend
+gewesen als die &uuml;brigen Polynesier und hatten den Werth des
+Menschenlebens h&ouml;her geachtet. Also auch hier dieselbe
+Erscheinung: der erste Zusammenstoss mit den Weissen bringt durch
+Seuchen u. dergl. (doch fand Wilkes in Samoa keine Syphilis 2, 73,
+126, 138) eine arge Ersch&uuml;tterung in der Wohlfahrt des Volkes,
+ein Zur&uuml;ckgehen der Kopfzahl hervor; allein sobald diese
+ersten Folgen &uuml;berwunden sind, hebt sich die Ziffer wieder.
+Gerade die Samoaner sind besonders innige Christen (Turner 106-109,
+166 ff.)</p>
+
+<p>Zu den bestbev&ouml;lkerten Gegenden Polynesiens geh&ouml;ren
+die kleinen Inseln n&ouml;rdlich und westlich von Samoa und Tonga,
+die Uniongruppe, Tikopia, Rotuma u.s.w., wo die Sitten unverderbt
+und die Bev&ouml;lkerung in bester Wohlfahrt ist. Trotz des
+zahlreichen Kindermords auf Tikopia ist dort die Kinderzahl in
+einer Familie meist drei bis acht (Gaimard bei Dumont D'Urville b,
+5, 309; vergl. ders. in Zoologie 23; u. 5, 306). Nur von dem
+gleichfalls hierher geh&ouml;rigen Sikayana wird eine Abnahme der
+Eingeborenen berichtet, welche durch eine sehr heftige
+Blatternepidemie auf 171 Seelen zusammengeschmolzen sind (Nov. 2,
+438-441).</p>
+
+<p>Alle diese Beispiele beweisen schlagend, dass ein Hinschwinden
+dieser V&ouml;lker aus mangelnder Lebenskraft, &raquo;weil sie von
+Natur dem Untergange bestimmt seien&laquo;, nicht stattfindet; wo
+es also eintritt, kann es nur durch die besprochenen Gr&uuml;nde
+veranlasst sein. Sobald die Kultur nicht feindselig, sondern
+friedfertig naht und diese V&ouml;lker zu sich emporzieht, statt
+sie zu vernichten, so ist von den Naturv&ouml;lkern keins, das
+nicht f&uuml;r sie gewonnen werden k&ouml;nnte, ja einzelne haben
+sich trotz der feindseligsten Haltung der Weissen dennoch zur
+Kultur, wenigstens zu guten Anf&auml;ngen, emporgeschwungen: eine
+That, deren Gr&ouml;sse man aus dem Vorstehenden ermessen kann und
+die eine so ausserordentlich gute Begabung und sichere Kraft
+beweist, dass sie ebenso sehr unser Staunen als unsere Bewunderung
+erwecken muss. Allerdings wird aus einem neuholl&auml;ndischen
+Stamm nicht sofort ein europ&auml;isch civilisirter Staat, aber es
+ist handgreiflich verkehrt, zu behaupten, wie noch Meinicke thut,
+die Neuholl&auml;nder seien &uuml;berhaupt der Kultur unf&auml;hig.
+Denn wo sich wirklich die Kultur ihrer angenommen (es ist selten
+genug geschehen), da haben sie sich auch als friedfertige und
+bildsame Menschen gezeigt. Dass sie sich und so noch manche andere
+Naturv&ouml;lker jetzt so viel als m&ouml;glich von der Kultur
+zur&uuml;ckziehen, das ist nach dem, was ihnen von ihren
+Tr&auml;gern zugef&uuml;gt ist, nur allzubegreiflich. Halten doch
+manche Nordindianer auch das Christenthum nur f&uuml;r eine neue
+Art, sie zu betr&uuml;gen (Waitz 3, 289) &raquo;und, sagten sie,
+was sollen wir Christen werden, da diese &auml;rgere L&uuml;gner,
+Diebe und Trinker sind, als die Indianer&laquo; (eb. 287).
+&raquo;Die Christen wollen nicht arbeiten, sie sind Spieler,
+B&ouml;sewichter und Gottesl&auml;sterer,&laquo; sagte ein Indianer
+von Nikaragua; auf die Antwort, so handelten nur die schlechten,
+erwiderte er: &raquo;wo sind denn die guten? ich wenigstens kenne
+nur schlechte&laquo; (Waitz 4, 280-81). Ein zweiter Grund, weshalb
+viele Naturv&ouml;lker so schwer die Kultur, auch wenn sie ihnen
+friedlich naht, annehmen, liegt in ihren Gew&ouml;hnungen. Es muss
+hier nochmals auf die Kraft der Vererbung erinnert werden. Durch
+Jahrtausende langes Leben an ein unst&auml;tes Umherschweifen u.
+dergl. gew&ouml;hnt, wird es ihnen sehr schwer, so pl&ouml;tzlich
+die althergebrachte, tief in ihr leibliches und geistiges Wesen
+eingewachsene Lebensart zu &auml;ndern.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_21_Die_afrikanischen_Neger"></a>
+<h2>&sect; 21. Die afrikanischen Neger.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Wir m&uuml;ssen, um einem m&ouml;glichen Einwand zu begegnen,
+noch einmal auf einen Umstand zur&uuml;ckkommen, den wir schon
+vorhin wenigstens ber&uuml;hrten. Wie ist es zu erkl&auml;ren, dass
+die Neger nicht aussterben? Sie sind doch geplagt, gedr&uuml;ckt,
+gemisshandelt wie kein zweites Volk, der Heimath entrissen, oft
+ganz zum Lastthier herabgew&uuml;rdigt &mdash; und sie gedeihen
+doch. Der Hang der Neger zu Ausschweifungen ist bekannt; wie
+gef&auml;hrlich ihre Kriege, die sie untereinander f&uuml;hren,
+f&uuml;r die Besiegten sind, wird nur zu deutlich durch die
+massenhaft fortgeschleppten Sklaven bewiesen: Menschenleben
+vergeuden auch sie ganz r&uuml;cksichtslos, wof&uuml;r schon der
+eine Name Dahomey als Beweis gen&uuml;gt. Und doch waren das
+dieselben Gr&uuml;nde, welche wir als das Aussterben der
+Naturv&ouml;lker veranlassend annahmen. Wie kommt es, dass sie dort
+wirken und hier nicht? Muss man nicht doch also zu jenen
+Gr&uuml;nden noch einen hinzuf&uuml;gen und welcher k&ouml;nnte das
+sein, als mangelnde Lebenskraft oder sonst irgend etwas
+Geheimnissvolles? Aber trotzdem sind die Neger, nach einstimmigem
+Urtheil aller Forscher, die leiblich am wenigsten vollkommen
+organisirten Menschen, und es w&auml;re doch seltsam, wenn
+h&ouml;her stehende V&ouml;lker mindere Lebenskraft h&auml;tten als
+sie.</p>
+
+<p>Allein diese Annahme ist auch durchaus unn&ouml;thig. Die
+gr&ouml;ssere Ausdauer des Negers beruht auf seinem anders
+gearteten Naturell, was wir zun&auml;chst nach der psychischen
+Seite hin verfolgen wollen. Vom Charakter des Negers ist jeder
+melancholische Zug ausgeschlossen. Jeder momentane Eindruck ist bei
+ihrer derb sinnlichen Natur so m&auml;chtig, dass der folgende den
+vorhergehenden sofort ausl&ouml;scht, und so vergessen sie dadurch
+auch im tiefsten Elend ihre schlimme Lage rasch und g&auml;nzlich,
+wenn irgend eine pl&ouml;tzliche Anregung zur Lust &uuml;ber sie
+kommt. So zwingen sie die Sklavenh&auml;ndler, um sie &uuml;ber ihr
+oft t&ouml;dtliches Heimweh hinwegzubringen, bisweilen mit der
+Peitsche zum Tanz, der sie dann in seiner sie nun ganz
+beherrschenden Ausgelassenheit alles Ungl&uuml;ck vergessen
+l&auml;sst (Waitz 2, 203). Diese rasch wechselnde Gem&uuml;thslage
+hilft ihnen &uuml;ber vieles Schwere hinweg und ist klar, wie sehr
+sie im Gegensatz steht ebenso zu dem z&auml;hen Festhalten eines
+Gedankens, wie wir es beim Amerikaner und Polynesier so
+vorherrschend finden, als zu der Melancholie dieser V&ouml;lker.
+Auch die sinnlichen Gen&uuml;sse wirken auf den Neger viel
+befriedigender, als auf die anderen V&ouml;lker; seine grosse
+geschlechtliche Sinnlichkeit ist wiederum f&uuml;r die
+Fruchtbarkeit seiner Ra&ccedil;e von grosser Bedeutung und so
+massenhafte und &uuml;bertriebene Ausschweifungen wie bei den
+Polynesiern finden sich bei ihnen nicht. Auch sein Hang zum
+Phantastischen muss erw&auml;hnt werden, denn auch er dient sehr
+dazu, ihm seine Lage oft in ganz anderem Lichte erscheinen zu
+lassen, als sie ist. Hiermit vereinigt sich eine gewisse Stumpfheit
+und Tr&auml;gheit des geistigen Lebens sehr wohl, die vor Vielem
+und gerade dem Schmerzlichsten den Neger besch&uuml;tzt: er wird
+sich fast nie moralisch vernichtet und dadurch in seiner innersten
+Pers&ouml;nlichkeit verwundet f&uuml;hlen. Auch ist seine grosse
+Gutm&uuml;thigkeit und seine innige Religiosit&auml;t hierbei nicht
+ausser Acht zu lassen.</p>
+
+<p>Zweitens aber scheint auch die physische Natur weit minder
+empf&auml;nglich und empfindlich zu sein, als die der meisten
+anderen V&ouml;lker. Sei es, dass er durch allm&auml;hliche
+Gew&ouml;hnung, durch das Klima seines Landes oder durch
+urspr&uuml;ngliche Anlage h&auml;rter ist: er vertr&auml;gt es, in
+ganz andere Himmelsstriche verpflanzt zu werden; er h&auml;lt sogar
+die Luft der Malariagegenden und noch dazu bei t&auml;glicher oft
+sehr grosser Anstrengung ohne Schaden aus, welchem allen die
+meisten anderen V&ouml;lker regelm&auml;ssig erliegen. Er ist also
+schon durch seinen K&ouml;rper gesicherter.</p>
+
+<p>Drittens ist nicht zu &uuml;bersehen, dass der Neger schon seit
+einer Reihe von Jahrtausenden, seit der ersten Entwickelung der
+Kulturv&ouml;lker, mit diesen in Ber&uuml;hrung und oft in sehr
+enger steht und gestanden hat: so ist er an die Einfl&uuml;sse der
+Kultur ganz anders gew&ouml;hnt als Amerikaner und Ozeanier, als
+Hottentotten und Kamtschadalen, und hat daher ihre ung&uuml;nstigen
+Folgen weit weniger zu f&uuml;rchten.</p>
+
+<p>Hiermit ist der Einwand, welchen man von den Negern aus erheben
+k&ouml;nnte, als beseitigt zu betrachten; wir m&uuml;ssen indess
+noch einen Blick auf das Aussterben der freigewordenen Neger in den
+vereinigten Staaten werfen, wie wir es im Ausland (1867, 1404)
+geschildert sehen nach Henry Lathams black and white. Nach ihm sind
+seit der Emancipation von 4,000,000 Negern 1,000,000 zu Grunde
+gegangen, durch Unwissenheit, H&uuml;lflosigkeit, Laster und
+Mangel. Unfruchtbarkeit trat ein, Kindermord nahm &uuml;berhand,
+&raquo;die Sterblichkeit war so gross, dass es Leute gab, welche
+eine L&ouml;sung der schwierigen Negerfrage in dem Verschwinden der
+farbigen Ra&ccedil;e in den n&auml;chsten 50 Jahren
+voraussagten&laquo;. &raquo;In den Gebieten, wo sie w&auml;hrend
+des Krieges in gr&ouml;sster Sicherheit lebten, wo man annehmen
+kann, dass sie massenhaft vorhanden sind, und wo die gr&ouml;ssten
+Beitr&auml;ge zusammengebracht wurden, um sie vor Hungersnoth zu
+sch&uuml;tzen, sind sie in Abnahme begriffen. In dem k&auml;ltern
+Klima der Nordstaaten starben die farbigen Familien nach einer oder
+zwei Generationen aus.&laquo; Die Schilderung ist, wie wir sie hier
+vor uns haben, entschieden parteiisch gef&auml;rbt. Wir betrachten
+daher nur die Thatsache, dass die emancipirten Neger moralisch und
+physisch sich verschlechtern, ja geradezu verkommen. Diese
+Erscheinung ist allemal da beobachtet, wo Neger emancipirt wurden,
+und sie machte auch der Republik Liberia anfangs viel zu schaffen;
+allein sie tritt bei jeder Sklavenemancipation naturgem&auml;ss
+jedesmal ein, m&ouml;gen die Sklaven nun Neger oder nicht sein. Sie
+haben nicht gelernt, selbst&auml;ndig zu leben, f&uuml;r sich zu
+sorgen, f&uuml;r sich zu arbeiten; jede Arbeit ist ihnen, in
+Erinnerung an ihr fr&uuml;heres Loos, eine Last zugleich und eine
+Entw&uuml;rdigung. Durch den langen Zustand der Unfreiheit haben
+sie die F&auml;higkeit, der Natur gegen&uuml;ber sich zu behaupten,
+welche sie in ihrer Heimath besassen, verlernt; sie sind auch
+geistig herabgedr&uuml;ckt und dass sie lasterhaft werden, ist die
+Folge des Beispiels, was ihnen allzuoft ihre eigenen Herren gaben,
+sowie des Mangels an Selbstachtung, zu dem sie als Sklaven
+verurtheilt waren. In Nordamerika ist ihnen ferner jede
+Emancipation noch durch die entschiedene und r&uuml;cksichtslose
+Feindseligkeit unendlich erschwert, mit der die &raquo;gute
+Gesellschaft&laquo;, die Weissen, sich vor jedem Farbigen strenge
+verschliesst, f&uuml;r den sie nichts als die bitterste Verachtung
+hat. Klimatisches mag sich gleichfalls geltend machen; jedenfalls
+ist hier nichts, was unserer Betrachtung irgend ein neues Moment
+zuf&uuml;gen oder eine n&auml;here Erkl&auml;rung noch erheischen
+k&ouml;nnte.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name=
+"22_Folgerungen_aus_der_Art_wie_die_Naturvolker_von_den_Kulturvolkern">
+</a>
+
+<h2>&sect; 22. Folgerungen aus der Art, wie die Naturv&ouml;lker von
+den Kulturv&ouml;lkern behandelt sind.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Ehe wir unsere Betrachtungen schliessen, ist es n&ouml;thig,
+auch einen Blick auf die Kulturv&ouml;lker zu thun, welche mit den
+Naturv&ouml;lkern in Ber&uuml;hrung kamen; denn ein solcher wird
+ethnologisch nicht ohne Ausbeute sein. Zun&auml;chst ist zu
+constatiren, dass alle Kulturv&ouml;lker sich ganz auf dieselbe
+Weise grausam, r&uuml;cksichtslos und unmenschlich gegen die
+Naturv&ouml;lker betragen haben, die mit ihnen in Ber&uuml;hrung
+kamen: die Spanier, die Portugiesen, die Holl&auml;nder, die
+Engl&auml;nder und die Franzosen. Die Engl&auml;nder und
+Holl&auml;nder zeichnen sich durch unaussprechlichen Hochmuth und
+Hass gegen jede farbige Bev&ouml;lkerung aus, durch welchen sie den
+Naturv&ouml;lkern fast nicht mindern Schaden gethan haben, als
+durch offene Feindseligkeiten. Wir Deutsche haben Eroberungen nicht
+gemacht, aber trotzdem sind einzelne unserer Landsleute mit den
+Naturv&ouml;lkern in Ber&uuml;hrung gekommen. Diejenigen, welche
+zur Zeit der ersten Entdeckung Amerikas mit den Spaniern dorthin
+kamen &mdash; so die Abgesandten der Welser, welchen dort
+L&auml;nderstrecken von Karl V. verpf&auml;ndet waren &mdash;
+w&uuml;theten nicht geringer als die Spanier selbst. Das westliche
+Venezuela wurde um 1527 von Georg v. Speier und Ambrosius Dalfinger
+verw&uuml;stet (Waitz 3, 398). Allein das sind vereinzelte
+F&auml;lle; im Ganzen haben die Deutschen den Naturv&ouml;lkern
+Segen gebracht, denn gerade die einflussreichsten Missionen sind
+zum Theil in ihren H&auml;nden gewesen, wobei vor allen Dingen an
+die Wirksamkeit der Herrnhuter in Afrika und Nordamerika (z.B.
+Heckewelder) erinnert werden muss. Auch unter den Jesuiten waren
+viele Deutsche, z. B. Dobrizhofer unter den Abiponen, Strohbach auf
+den Marianen. Die Missionsth&auml;tigkeit ist auch jetzt noch nicht
+vermindert und tr&auml;gt ihre segensreichen Fr&uuml;chte f&uuml;r
+die Eingeborenen und f&uuml;r die Wissenschaft, denn eine Menge der
+bedeutendsten Missionsschriften sind, freilich meist in englischer
+Sprache, von Deutschen verfasst &mdash; Namen wie K&ouml;lle,
+D&ouml;hne, Teichelmann, Sch&uuml;rmann, Dieffenbach (freilich kein
+Mission&auml;r) u.a. sind bekannt genug.</p>
+
+<p>Die fast immer ganz unmenschliche und mordgierige Art, mit
+welcher der Europ&auml;er die Naturv&ouml;lker bekriegte und meist
+deren Rohheit bei weitem &uuml;bertraf, zwingt uns zu einem
+anthropologischen Schluss von nicht geringer Bedeutung; denn wir
+sehen daraus klar, &raquo;dass die Kluft, die den civilisirten
+Menschen vom sogen. Wilden trennt, bei weitem nicht so gross ist,
+als man sich oft einbildet&laquo; (Waitz, 3, 259). Man hat ja
+gerade die wilde Blutgier der Naturv&ouml;lker so wie ihr
+beharrliches Fernbleiben von aller Kultur so besonders
+hervorgehoben, ja mit darauf hin den Schluss gezogen, dass sie von
+geringerer Organisation und Bef&auml;higung, dass sie von Haus aus
+eine niedrigere Ra&ccedil;e w&auml;ren (Carus 28, 22 ff.). Wie will
+man das aber aufrecht halten, wenn die civilisirten V&ouml;lker von
+einer viel wilderen und grauenvolleren Blutgier besessen sind, die
+um so schrecklicher wird, als sie unvermittelt neben so hoch
+entwickelten intellektuellen F&auml;higkeiten steht? Wenn die
+gr&ouml;ssten und bedeutendsten M&auml;nner dieser civilisirten
+V&ouml;lker dieselbe Blutgier theilen, wie Columbus, welcher die
+auf Menschen dressirten Hunde einf&uuml;hrte, der K&ouml;nigin
+Isabella rieth, die Kosten seiner Fahrten durch Menschenraub zu
+decken, Diebst&auml;hle mit grausamen Verst&uuml;mmelungen strafte
+und Hinterlist und gemeinen Verrath gegen die Indianer f&uuml;r
+erlaubt hielt? (Waitz 4, 331). Wenn die blutgierig-rohesten wohl
+noch wegen ihrer grauenvollen Bestialit&auml;t als besonders
+hervorragend gepriesen werden, wie die &raquo;Pioniere des
+Westens&laquo;, die &raquo;Helden von Old-Kentucky&laquo; (Waitz 3,
+260), die nebenbei auch der intellektuellen Vorz&uuml;ge der Kultur
+sich begebend genau ebenso abergl&auml;ubisch als die Indianer
+wurden, deren Lebensweise, Vergn&uuml;gungen und Skalpirungen bald
+sich nur noch durch gr&ouml;ssere Rohheit von den Indianern
+unterschied? Ja d'Ewes (China, Australia and the Pacif. Islands in
+1855-56. London 1857, p. 150) erz&auml;hlt, dass einzelne Weisse
+auf den Fidschi-und Tonga-Inseln, neben den gr&auml;sslichsten
+Verbrechen aller Art, sogar den Kannibalismus der Eingeborenen
+mitgemacht haben! Beispiele von Spaniern und Portugiesen, welche
+unter die Bildungsstufe der Eingeborenen S&uuml;damerikas
+herabgesunken sind, findet man reichlich bei Waitz 1, 370 und bei
+v. Tschudi an verschiedenen Stellen. Ehrlichkeit, Treue, Vertrauen,
+Anstand, Gastfreundschaft, Menschlichkeit, reine Religiosit&auml;t,
+die besseren moralischen Eigenschaften findet man meist nicht auf
+Seiten der Europ&auml;er, sondern der so tief verachteten
+Naturv&ouml;lker, und Seume's</p>
+
+<div class="poem">
+<div class="stanza"><span>&raquo;Wir Wilden sind doch bessre
+Menschen&laquo;<br>
+</span></div>
+</div>
+
+<p>hat seinen tiefen Grund. Man sage nicht, dass die von den
+Europ&auml;ern ver&uuml;bten Schlechtigkeiten nur von einzelnen
+ausgegangen und also auch nur den einzelnen Individuen zur Last zu
+legen seien; sie sind so ziemlich gleichm&auml;ssig von der
+gesammten Kolonistenbev&ouml;lkerung ausgef&uuml;hrt und jedenfalls
+von ihr h&ouml;chlich gebilligt worden; ja es fehlt noch viel, dass
+sie auch jetzt &uuml;berall getadelt w&uuml;rden.</p>
+
+<p>Es zeigt sich aus diesen Betrachtungen ferner, wie ungeheuer
+langsam die Menschheit moralisch fortschreitet und wie wenig durch
+intellektuelle Entwickelung ein Fortschritt nach jener Seite
+bedingt wird. Das eben von Columbus Erw&auml;hnte mag als Beleg
+dienen, er, der geistig so hoch &uuml;ber seiner Zeit stand, hatte
+sittlich ganz dieselbe Stufe inne. Seine ganze Zeit aber stand
+trotz des Christenthums, trotz der &auml;usseren Kultur noch auf
+einem Standpunkt der geistigen Rohheit, die sich noch kaum von dem
+Wesen des Naturmenschen unterscheidet, ja durch reicher entwickelte
+und ganz z&uuml;gellose Leidenschaften noch tiefer als jenes
+erscheint. Wie gewaltig nun die Entwickelung der Intelligenz in den
+letzten drei Jahrhunderten zugenommen hat, weiss Jeder; blickt man
+aber auf die Kulturv&ouml;lker des 19. Jahrhunderts &mdash; man
+denke an die Engl&auml;nder in Tasmanien, Neuholland, Nordamerika,
+die Portugiesen und Spanier in S&uuml;damerika &mdash; so wird man
+von einem moralischen Fortschritt noch gar wenig bemerken, denn sie
+benehmen sich, allerdings nicht mehr in solcher Allgemeinheit,
+gerade ebenso brutal und unmenschlich, als die Spanier im 16.
+Jahrhundert.</p>
+
+<p>Auch kann man nicht behaupten, dass die heutige Propaganda und
+ihr Verfahren in der S&uuml;dsee sich sehr zu ihrem Vortheil von
+den Mission&auml;ren des 16. und 17. Jahrhunderts unterschied; was
+sie etwa an Gewaltth&auml;tigkeit verloren hat, das hat sie an
+Unwahrheit gewonnen. Und wenn man im 19. Jahrhundert mit demselben
+Leichtsinn wie im 16. nur um zu taufen, tauft: so ist das in
+unseren Zeiten bei weitem schlimmer, als in jenen fr&uuml;heren.
+Bis jetzt also hat die H&ouml;he der intellektuellen Entwickelung
+noch keineswegs durchgreifend und in dem Maasse, als man denken
+sollte, auf die moralische Seite des menschlichen Charakters
+gewirkt &mdash; aus Gr&uuml;nden, deren tiefere psychologische
+Motivirung hier uns zu weit f&uuml;hren w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Und doch l&auml;sst es sich nicht l&auml;ugnen, dass alles
+wirkliche Fortschreiten der gesammten Menschheit, wodurch sie immer
+reiner und wirklich menschlicher sich entwickelt, nicht sowohl auf
+intellektuellen als auf moralischen Geistesthaten beruht. Die
+europ&auml;ische Gesellschaft ist zu ihrer heutigen H&ouml;hestufe
+emporgehoben erstens durch die Gleichstellung der Frauen bei den
+Germanen, zweitens die rein moralische Macht des Christenthums,
+drittens die Reinigung des Christenthums und die Anerkennung der
+individuellen Geistesfreiheit durch die Reformation und die
+Reinigung der sozialen Verh&auml;ltnisse durch die Revolution des
+vorigen Jahrhunderts. Letztere trug auch gleich den
+Naturv&ouml;lkern die besten Fr&uuml;chte: denn dass Polynesien
+wesentlich anders behandelt ist, als Amerika, dazu trugen nicht
+wenig bei die Lehren von M&auml;nnern wie Rousseau, der Gedanke,
+dass alle Menschen, mochten sie nun durch St&auml;nde oder
+Hautfarbe und Sprache verschieden scheinen, in ihrem Wesen gleiche
+Menschen seien; ja die Ansicht, welche man von diesen V&ouml;lkern
+lange Zeit in Europa hegte, beruhte gleichfalls auf diesen
+Gedanken, da sie haupts&auml;chlich durch die Werke der Forster
+hervorgerufen wurden, diese aber eifrige Anh&auml;nger Rousseau's
+waren. &mdash; Neben jenen Hauptf&ouml;rderungen der Menschheit
+darf man einige andere zwar nicht in erster Linie anf&uuml;hren,
+aber auch ebensowenig ganz &uuml;bersehen, und dahin geh&ouml;rt
+die Erweckung des reinen Sch&ouml;nheitssinnes, der wahren Kunst
+durch die Griechen. W&auml;hrend nun im Leben der V&ouml;lker und
+der Einzelnen es sich nur allzuh&auml;ufig zeigt, dass die
+gr&ouml;sste Ausbildung der Intelligenz auf die sittliche
+Vollendung eines Menschen gar keinen Einfluss hat, so f&ouml;rdert
+umgekehrt jeder sittliche Fortschritt der menschlichen Gesellschaft
+ihre intellektuellen Leistungen und ist ohne eine solche
+F&ouml;rderung gar nicht zu denken, da ja jeder wirklich bedeutende
+sittliche Fortschritt die Menschheit in ihrem ganzen Wesen hebt und
+weiter entwickelt, und nur wo dieser Doppelfortschritt geschieht,
+kann von einem wirklichen H&ouml;hersteigen die Rede sein. Man hebt
+nie ein Volk nur durch Industrie und Lehranstalten, wenn man es
+dadurch auch reich und wohl unterrichtet machen kann; man hebt es
+nur, wenn man seine idealen Anschauungen l&auml;utert und
+f&ouml;rdert. Dass aber eine F&ouml;rderung nicht etwa dadurch
+eintritt, dass man der Gegenwart das Ideal vergangener Jahrhunderte
+als das einzig heilvolle aufzwingen will, das liegt auf der
+Hand.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="_23_Zukunft_der_Naturvolker_Mittel_sie_zu_heben"></a>
+<h2>&sect; 23. Zukunft der Naturv&ouml;lker. Mittel, sie zu
+heben.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Was wird nun die Zukunft der Naturv&ouml;lker sein? Geradezu
+vernichtet sind nur wenige bis jetzt und noch k&ouml;nnen wir, und
+da wir Unf&auml;higkeit zur Entwickelung, leibliche oder geistige,
+nirgends bei ihnen finden, noch m&uuml;ssen wir hoffen. Freilich
+ist viel verdorben; und die Leichtigkeit der Ann&auml;herung, das
+Vertrauen, mit dem sie der Kultur entgegenkamen, ist bei den
+meisten unwiederbringlich verloren.</p>
+
+<p>Wie bisher die Mission&auml;re die gr&ouml;ssten Verdienste um
+diese V&ouml;lker haben, so fallen auch, wenn wir nach der Zukunft
+fragen, unsere Augen zun&auml;chst auf die Mission&auml;re. Wenn
+wir bedenken, dass die Polynesier man kann wohl sagen ihre Rettung
+bisher ihnen verdanken, dass, die Hottentotten und so mancher
+amerikanische Stamm nur und allein durch sie Gelegenheit hatten,
+auch die guten Seiten der Kultur an sich zu erfahren; so
+k&ouml;nnen wir nicht dringend genug w&uuml;nschen, dass ihr Werk
+sich segensreich immer weiter ausbreiten m&ouml;ge. Dazu
+geh&ouml;rt zun&auml;chst Unterst&uuml;tzung durch die weltlichen
+M&auml;chte, freilich anders als sie von Frankreich den
+katholischen Mission&auml;ren zu Theil wurde: denn die Staaten
+m&uuml;ssten, im Interesse der jedesmaligen Eingeborenen, jede
+segensreiche Wirksamkeit gleichviel von welcher Confession
+gleichm&auml;ssig sch&uuml;tzen. Und so hat sich, um gar nicht vom
+Christenthum zu reden, auch vom anthropologischen Standpunkt aus
+die katholische Kirche und Frankreich in ihrem Dienst in der
+S&uuml;dsee schwer vergangen. Die M&auml;chte, welche unter den
+Naturv&ouml;lkern Kolonien haben, England besonders, haben den
+gr&ouml;ssten Vortheil von einer t&uuml;chtigen Wirksamkeit der
+Mission&auml;re; denn einmal werden durch sie unn&uuml;tze Kriege,
+die doch auch den Weissen oft sch&auml;dlich genug sind, vermieden,
+und ferner die Eingeborenen selbst der Kolonie gewonnen. Man sollte
+also von Staatswegen die Missionen mit allen Mitteln st&uuml;tzen
+(nicht gewaltsam einf&uuml;hren, nur st&uuml;tzen), aber auch
+zugleich ein wachsames Auge auf sie haben und sie n&ouml;thigen
+Falles zur Rechenschaft ziehen. Denn Menschlichkeiten k&ouml;nnen
+vorkommen und sind auch unter den protestantischen Mission&auml;ren
+der S&uuml;dsee vorgekommen, welche z.B. in Neuseeland durch ihre
+Landank&auml;ufe und Spekulationen sich und ihrer Sache und den
+Eingeborenen gleichviel geschadet haben. Aber auch die
+Mission&auml;re m&uuml;ssen auf sich selbst das strengste Augenmerk
+haben. Sie m&uuml;ssen immer mehr und mehr zu der richtigen und
+wichtigen Einsicht gelangen, dass es nichts hilft, V&ouml;lker zu
+taufen oder sie auf abstrakte und f&uuml;r jene Menschen ebenso
+unverst&auml;ndliche wie unbrauchbare Lehrbegriffe hinzuweisen,
+wenn man nicht alle ihre Geisteskr&auml;fte weckt, die Wahrheiten
+dieser Lehre sich anzueignen. Nach dieser Seite &mdash; wer wollte
+es l&auml;ugnen? &uuml;bersteigt es doch auch hier ganz fehlerlos
+zu handeln bei weitem menschliche Kraft &mdash; nach dieser Seite
+haben beide Kirchen viel verfehlt; die katholische durch oft ganz
+beispiellos leichtsinniges Taufen, wobei sie das Heidenthum ruhig
+bestehen liess (Beispiele f&uuml;r diese harte Behauptung liefern
+die Annales de la propagation de la foi, Michelis und Lutteroth
+genug; wir f&uuml;hren einzelnes der K&uuml;rze halber nicht an),
+die protestantische durch allzustrengen Ernst und eigensinniges
+Steifen auf die abstrakten Lehrs&auml;tze. Doch wird jeder
+Unbefangene die bei weitem bessere Wirksamkeit auf protestantischer
+Seite sehen m&uuml;ssen, wenn wir auch fern sind, zu verkennen, was
+die katholische Kirche grosses geleistet hat. M&auml;nner wie Las
+Casas und so viele seiner Glaubensgenossen, welche fast der einzige
+Schutz der unterdr&uuml;ckten Amerikaner waren, so viele Jesuiten,
+die mit dem gr&ouml;ssten Glaubenseifer sich jeglicher Gefahr
+f&uuml;r das Christenthum unterzogen, wie z.B. der gewaltige San
+Vitores auf den blutgetr&auml;nkten Marianen: alle diese
+M&auml;nner m&uuml;ssen in erster Reihe genannt werden, wenn es
+sich um Darstellung der Verdienste der Mission handelt.</p>
+
+<p>Man mache die Naturv&ouml;lker erst zu Menschen, dann zu
+Christen; man bilde sie langsam zu der und durch die Kultur vor,
+deren h&ouml;chste Bl&uuml;the das Christenthum ja eben sein will.
+Nicht Wissen und Erkennen, und w&auml;re es der h&ouml;chsten
+Weisheit, Th&auml;tigkeit vielmehr und selbst&auml;ndiges Bauen des
+eigenen Lebens gibt dem Menschen erst sittlichen Halt und sittliche
+Kraft: diese wecke, gestalte, bef&ouml;rdere man und man wird das
+Christenthum f&ouml;rdern. Ist es doch wahr, dass jene Verbrecher,
+welche aus den Deportationsorten entsprangen und sich an
+verschiedenen Stellen Ozeaniens niederliessen, durch die
+Bruchst&uuml;cke von Kultur, welche sie den Eingeborenen
+mittheilten, dem Christenthum und den Mission&auml;ren den Weg
+gebahnt und sehr erleichtert haben, ohne dass sie es selbst wollten
+und obwohl sie oft mit der Kultur zugleich manches Verbrechen
+lehrten. Will man aber ohne gen&uuml;gende Vorbereitung rasch
+Erfolge sehen, so wird man nichts wirken; die Missionsberichte
+(beider Confessionen) beweisen zur Gen&uuml;ge, wie th&ouml;richt
+ein solches Streben ist und wie es oft zu den allergr&ouml;bsten
+Selbstt&auml;uschungen f&uuml;hrt. Nur die liebevollste Arbeit und
+aufopferndste Hingebung vieler Generationen kann hier wirklichen
+und bleibenden Erfolg erringen. Man muthe doch nicht den
+Naturv&ouml;lkern zu, die H&ouml;he der Bildung im Fluge zu
+ersteigen, welche die begabtesten Kulturv&ouml;lker im Laufe von
+Jahrtausenden und mit so h&auml;ufigem R&uuml;ckfall, so heissem
+Kampfe, so stetiger Arbeit sich errungen haben.</p>
+
+<p>Aber auch die weltliche Macht muss H&uuml;lfe bringen;
+zun&auml;chst negativ, indem sie nicht duldet, dass andere, was die
+Mission&auml;re bauen, untergraben und einreissen; und ferner
+positiv, indem sie das von jenen begonnene weiterf&uuml;hrt. Sie
+muss die Eingeborenen in ihren nat&uuml;rlichen Rechten
+sch&uuml;tzen, das Eigenthumsrecht an den von ihnen bewohnten Boden
+anerkennen und aufs Strengste darauf halten, dass ihnen von Seiten
+der Kolonisten kein Unrecht geschieht. Freilich werden solche
+M&auml;nner wie Lord Grey, die mit der gr&ouml;ssten Umsicht und
+Energie die reinste Menschenliebe besitzen, nicht h&auml;ufig
+gefunden werden; aber man kann auch in der Wahl einer obersten
+Kolonialverwaltung nicht zu viel thun. Specielle Vorschl&auml;ge
+haben Grey f&uuml;r Australien, Dieffenbach f&uuml;r Neuseeland,
+Andere f&uuml;r andere V&ouml;lker gemacht; und es liesse sich, bei
+allen Schwierigkeiten, wenn die M&auml;chte, welche Kolonien
+besitzen, also vor allen Dingen England ernsthaft wollten, gewiss
+viel Elend verh&uuml;ten, viel Gutes stiften und viel Verdorbenes
+herstellen. Bis jetzt freilich haben die englischen und
+&uuml;berhaupt die europ&auml;ischen Matrosen meist nur das eine
+Recht der Gewalt; die Frevel, die sie an jenen V&ouml;lkern
+begehen, bleiben ungestraft, w&auml;hrend es mit den &auml;rgsten
+Strafen heimgesucht wird, wenn die Eingeborenen irgend an Weissen
+freveln. Zum Theil ist diese Ungerechtigkeit n&ouml;thig, um die
+fernen Weissen zu sch&uuml;tzen; theils aber liegt sie auch in der
+selbst noch sehr mangelhaften moralischen Entwickelung der Weissen,
+welche an solchen Gewalttaten im grossen Ganzen kaum einen Frevel.
+sehen. Was soll man dazu sagen, wenn Schandgeschichten wie die
+folgende unter Englands offiziellem Schutz geschehen und in den
+Zeitungen, auch in deutschen, fast als Scherz erz&auml;hlt werden?
+Nach der Ermordung eines Kaufmanns<a name="FNanchor_O_15"></a><a
+href="#Footnote_O_15"><sup>[O]</sup></a> erschien das englische
+Kriegsschiff Perseus, Capit&auml;n Stevens, 1867 im Fr&uuml;hjahr
+vor der Palaus (Pelewsinseln, westliches Mikronesien), um
+Genugthuung zu fordern: es zeigte sich, das der Kaufmann auf Befehl
+des K&ouml;nigs, auf dessen Insel Koror er lebte und Grundeigentum
+besass, ermordet sei, weil er an die Feinde desselben Feuerwaffen
+verkauft hatte. &raquo;Obwohl nun Stevens einsah, heisst es, dass
+jener besser gethan h&auml;tte, keine Mordwaffen zu
+verkaufen&laquo;, so glaubte er doch streng verfahren zu
+m&uuml;ssen und verlangte Hinrichtung des K&ouml;nigs. Die
+Insulaner, von dem Kriegsschiff bedr&auml;ngt, beschlossen, sich
+nicht zu widersetzen &mdash; aber sie baten, dass die Hinrichtung
+von Matrosen des Schiffes ausgef&uuml;hrt w&uuml;rde, was Stevens
+nicht zuliess. &raquo;Insulaner sollten das Werk thun&laquo;. So
+geschah es denn. Und es geschah noch mehr. Die so behandelten
+Insulaner riefen den Schiffscapit&auml;n zu ihrem K&ouml;nig aus.
+&raquo;Er nahm auch sofort die Krone an und bewies, dass er die
+k&ouml;nigliche Pr&auml;rogative in erspriesslicher Weise zu
+n&uuml;tzen verstehe. Er befahl seinen Unterthanen, H&uuml;hner,
+Eier, Fr&uuml;chte und sonst noch mancherlei an Bord des Dampfers
+zu bringen und diesem Befehl wurde willig Folge gegeben. Eine
+Verg&uuml;tung f&uuml;r die gelieferten Sachen blieb ausser Frage,
+doch war seine improvisirte Majest&auml;t so g&uuml;tig, einige
+Geschenke, als da sind: Messer, Scheeren u. dergl. verabfolgen zu
+lassen. Als dies geschehen war, dankte er ab und &uuml;berliess den
+Paleuinsulanern, sich nun einen anderen K&ouml;nig nach ihrem
+Geschmack zu suchen&laquo; (Globus 12, 59, nach der Overland China
+Mail v. 30. Mai 1867 und der &raquo;Presse&laquo; zu Manila).
+Heisst das nicht, jede Selbstachtung eines Volkes mit F&uuml;ssen
+treten? nicht, der Gerechtigkeit und Menschlichkeit ins Gesicht
+schlagen? Und das that ein Vertreter des englischen Staates im
+Namen der Gerechtigkeit! Und eine solche Geschichte erheitert als
+Anekdote ein europ&auml;isches Publikum! Die Insulaner mussten,
+trotz ihrer Bitten, ihren eigenen K&ouml;nig erschiessen, weil er
+sich eines gegen ihn entschieden feindlich handelnden
+Engl&auml;nders, allerdings auf frevelhaftem Wege, entledigt hatte!
+So lange solche Geschichten noch m&ouml;glich sind, so lange ist
+allerdings f&uuml;r die Naturv&ouml;lker noch nicht allzuviel zu
+hoffen. Und sie werden, wir bef&uuml;rchten es, noch lange
+m&ouml;glich sein; so lange wenigstens sicher als die
+Kulturv&ouml;lker sich von ganz anderem Stoff d&uuml;nken, als jene
+&raquo;Wilden&laquo;, denen man wohl die Gestalt, aber keineswegs
+die Rechte eines Menschen zugesteht.</p>
+
+<p>Gegen diese g&auml;nzliche Ausschliessung von allem
+europ&auml;ischen Leben, wie es die Eingeborenen in den
+Koloniall&auml;ndern fast immer zu dulden haben, m&uuml;sste der
+Staat, was in seinen Kr&auml;ften steht, thun, wenn er jene
+wirklich heben wollte: denn das ist es, was sie jetzt am meisten
+von der Kultur ab und im Elend zur&uuml;ckh&auml;lt. Aber das wird
+schwer, wo nicht unm&ouml;glich sein; und die Menschheit, so
+scheint es, wird erst noch manchen Schritt vorw&auml;rts thun
+m&uuml;ssen, ehe diese Gleichstellung (wenn sie dann noch
+m&ouml;glich ist) auch nur ann&auml;hernd sich verwirklichen lassen
+wird; so dass man in diesem Sinne wohl sagen kann, alles, was in
+Europa zur Hebung der weissen Bev&ouml;lkerung und ihres sittlichen
+Lebens geschieht, das kommt auch mittelbar den Naturv&ouml;lkern zu
+gut.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name=
+"_24_Werth_der_Naturvolker_fur_die_Menschheit_und_ihre_Entwickelung">
+</a>
+
+<h2>&sect; 24. Werth der Naturv&ouml;lker f&uuml;r die Menschheit
+und ihre Entwickelung. Schluss.</h2>
+
+<br>
+
+
+<p>Aber, so m&uuml;ssen wir noch fragen, kann man &uuml;berhaupt
+einem Staat, den civilisirten V&ouml;lkern zumuthen, so viel
+M&uuml;h und Arbeit an die Naturv&ouml;lker zu verwenden, die sie
+doch anderen Zwecken und vielleicht besseren oder doch
+n&uuml;tzlicheren entziehen m&uuml;ssen? Kann man nicht mit Fug und
+Recht von dem werthlosen Leben dieser rohen Nationen Talleyrands
+ber&uuml;chtigtes je n'en vois pas la n&eacute;cessit&eacute;
+sagen? Wie man vom Standpunkte des Christenthums hierauf antworten
+muss, welches lehrt, dass alle Menschen Br&uuml;der und vor Gott
+gleich sind, liegt auf der Hand: und wo wird denn ein strenges
+Christenthum mehr zur Schau getragen, als im &ouml;ffentlichen
+Leben Englands und Amerikas? Aber auch vom Standpunkt der
+Philosophie aus wird man die Erhaltung der minder entwickelten
+V&ouml;lker f&uuml;r eine wesentliche Aufgabe der Kultur ansehen
+m&uuml;ssen. Der empirische Forscher wird nach genauer historischer
+und naturwissenschaftlicher Betrachtung der Welt sehen, dass die
+Gesammtheit der Natur als solche dem Entwickelungsgesetze folgt,
+wie die einzelnen grossen Abtheilungen der Natur, wie die
+Gattungen, Arten und Individuen. Das Gesetz dieser Entwickelung
+besteht aber darin, dass Alles, Gesammtheit und Einzelnwesen, eine
+gr&ouml;ssere Vollkommenheit, Festigkeit und Sicherheit der
+Existenz anstreben. In diesem Entwickelungsgange hat die Natur
+selbst die Werthbestimmungen gesetzt, dass sie das Individuum der
+Art, die Art der Gattung, die Gattung der Familie, kurz das
+Beschr&auml;nktere dem Gr&ouml;sseren unterordnet, ja wenn es im
+Interesse des Gr&ouml;sseren noth thut, aufopfert. Es w&uuml;rde
+spiritualistische Verkennung unseres Standpunktes sein, welchen wir
+in der Stufenfolge des Ganzen einnehmen, wenn wir Menschen f&uuml;r
+uns andere Gesetze beanspruchen wollten, als sie f&uuml;r die
+gesammte Natur gelten; zeigt doch auch alle historische
+Entwickelung, dass wir unter ganz denselben stehen, wie die
+&uuml;brigen Organismen alle, nur dass unsere Stellung verschieden
+ist. Wie nun also der Natur Erhaltung und F&ouml;rderung des Ganzen
+Hauptzweck ist, so muss er es auch uns Menschen sein, und zwar
+zun&auml;chst Erhaltung und F&ouml;rderung der menschlichen
+Gesellschaft, da unsere Th&auml;tigkeit zun&auml;chst unserer
+eigenen Gattung naturm&auml;ssig geh&ouml;rt. Das aber heisst
+schlecht dem Ganzen dienen, wenn man lebensf&auml;hige Keime
+desselben, bloss weil sie nicht im gleichen Lenz und nach gleicher
+Art mit uns sich entwickelt haben, zertreten wollte. Wer weiss, zu
+welchem Endzweck auch sie der Natur dienen k&ouml;nnen! Und Niemand
+wird doch behaupten wollen, dass sie zu zertreten den V&ouml;lkern
+von h&ouml;herer Kultur Nutzen br&auml;chte. Wenn wir von diesem
+philosophischen Standpunkt aus nach dem Zweck menschlicher
+Entwickelung forschen, so werden wir die Civilisation als solchen
+bestimmen m&uuml;ssen (Waitz 1, 478 f.). Denn einmal sichert sie
+erst durch engen Zusammenschluss der Individuen, welche sich im
+Naturzustande selbsts&uuml;chtig, also feindlich gegen&uuml;ber
+stehen, die menschliche Gesellschaft dauernd und fest, andererseits
+bringt sie erst, indem sie auf diese Weise eine Menge
+&uuml;bersch&uuml;ssiger Kraft frei macht, die Menschheit zu
+h&ouml;herer Entwickelung. Sie allein ist es, welche die wichtigste
+Seite des menschlichen Lebens, die Th&auml;tigkeit des Geistes
+&uuml;berhaupt erst erm&ouml;glicht. Zu diesem Endzweck
+menschlicher Entwickelung ist aber jedes Volk berufen und die
+einzige Aufgabe schon civilisirter Nationen uncivilisirten
+gegen&uuml;ber kann nur die sein, die Civilisation auch zu jenen
+hinzutragen, nicht aber durch die reichlicheren und wirksameren
+Mittel derselben jene zu vertilgen. Auch darf hierbei nicht
+&uuml;bersehen werden, wie nichts der Civilisation selbst
+gef&auml;hrlicher ist, als Zur&uuml;cksinken in Rohheit, weil ein
+solches mit stets zunehmender Geschwindigkeit, gleichsam nach den
+Fallgesetzen vor sich geht. Das w&uuml;ste Verfahren gegen die
+Naturv&ouml;lker ist aber ein solches Zur&uuml;cksinken in Rohheit
+und wie beim l&auml;ngeren Vernichtungskampf gegen sie jene Rohheit
+schrecklich w&auml;chst, das haben wir schon gesehen. Ganze
+St&auml;mme civilisirter Nationen sind durch sie, zu der sich dann
+noch Faulheit und Genusssucht gesellten, in die &auml;usserste
+Barbarei zur&uuml;ckgesunken oder doch wenigstens merklich in ihrer
+Entwickelung aufgehalten: so die Holl&auml;nder am Cap, die Spanier
+und Portugiesen und zum Theil die Engl&auml;nder in Amerika. Das
+ewige Blutvergiessen und Morden musste sie immer
+gleichg&uuml;ltiger, immer roher machen und dadurch schwanden
+selbstverst&auml;ndlich gar manche andere Interessen; Faulheit und
+so manches andere, obwohl gar manche Kolonisten auch davon einen
+reichlichen Vorrath mitbrachten, war die nat&uuml;rliche Folge der
+fortgesetzten Grausamkeit. F&uuml;hrt uns dieser letztere Punkt
+schon aus dem theoretischen und moralischen mehr ins praktische
+Gebiet, so gibt es auch noch andere praktische Gr&uuml;nde, welche
+f&uuml;r Schonung und Hebung der Naturv&ouml;lker, keinen aber, der
+dagegen spricht. Waitz (1, 484) setzt auseinander, dass bei den
+grossen Unterschieden in der Naturumgebung der Menschen, bei den
+mannigfaltigen F&auml;higkeiten und Eigenschaften, welche die
+verschiedenen V&ouml;lker im und durch den Lauf der Zeiten
+entwickeln, die Civilisation der gesammten Menschheit auch in
+h&ouml;chster Vollendung keine ganz gleiche zu sein braucht, ja
+auch nur sein kann. &raquo;Ohne dass ein Volk dem anderen die
+materielle oder die geistige Arbeit ganz abnehmen k&ouml;nnte,
+w&uuml;rde sich doch das Verh&auml;ltniss so gestalten, dass bei
+einigen die eine, bei anderen die andere Art der Arbeit in ein
+entschiedenes Uebergewicht tr&auml;te, dass einige in der einen,
+andere in der anderen Richtung sich produktiver zeigten und dem
+entsprechend auf die &uuml;brigen wirkten und ihnen mittheilten.
+Den Tropenl&auml;ndern w&uuml;rde alsdann mehr oder weniger
+allgemein die &uuml;berwiegende Produktion der materiellen, den
+gem&auml;&szlig;igten Klimaten die der geistigen G&uuml;ter
+zufallen. Eine hohe Stufe intellektueller Bildung, tiefes Denken
+und eine durchgebildete, auf feiner und vielseitiger Ueberlegung
+ruhende Sittlichkeit, scheint bei der geistigen Erschlaffung kaum
+erreichbar zu sein, welche das Leben in der heissen Zone f&uuml;r
+den Europ&auml;er wie f&uuml;r den Eingeborenen mit sich
+bringt&laquo; (1, 185). Gerade weil aber das Leben unter den Tropen
+erschlaffend wirkt und auf den weissen Einwanderer noch mehr als
+auf den Eingeborenen, so ist es f&uuml;r ersteren der gr&ouml;sste
+Vortheil, wenn ihm Unterst&uuml;tzung von letzteren zu Theil
+w&uuml;rde. Von wie grossem Segen w&auml;re es f&uuml;r alle
+Kolonien, statt wie jetzt in oft so blutiger Feindschaft mit den
+Eingeborenen zu leben, in ihnen Helfer und freundliche und
+intelligente Arbeiter zu finden und so empfiehlt sich schon von
+rein praktischer Seite f&uuml;r den Europ&auml;er die Schonung und
+Hebung der Naturv&ouml;lker durchaus.</p>
+
+<p>Auch haben diese letzteren manches und wenn es bloss die
+Kenntniss der sie umgebenden Natur w&auml;re, was sie als
+n&uuml;tzliche Dankesgabe f&uuml;r eine ihnen gewidmete treue
+Sorgfalt geben k&ouml;nnten. Hatten doch einige von ihnen reiche
+und originelle Kulturen entwickelt, deren Zerst&ouml;rung ein
+unersetzlicher Verlust f&uuml;r die Menschheit ist. Zun&auml;chst
+ist es die H&ouml;he und Reinheit der mexikanischen Moral, wovon
+Waitz (4, 125 ff.) Proben gibt und die auch hinter den Lehren des
+Christenthums keineswegs weit zur&uuml;ckbleiben, was jene
+Behauptung rechtfertigt. Zugleich aber war in Mexiko wie in Peru
+auch die intellektuelle F&auml;higkeit hoch entwickelt, und was sie
+in industrieller Beziehung leisteten (Bauwerke, Goldarbeiten
+u.s.w.) ist bekannt genug. Sicher ist uns vieles von dem, was sie
+leisteten, durch die Art der Eroberung verloren; und was eine
+solche Kultur geleistet haben w&uuml;rde, wenn sie durch
+freundliches und allm&auml;hliches Bekanntwerden mit der
+europ&auml;ischen erh&ouml;ht worden w&auml;re, dar&uuml;ber haben
+wir kein Urtheil. Jedenfalls sind verschiedene Brennpunkte der
+Kultur f&uuml;r die Menschheit nur ein Vortheil und zwar ein ganz
+unsch&auml;tzbarer, wenn man bedenkt wie langsam im allgemeinen die
+Entwickelung der V&ouml;lker ist. Auch ist kein geringer Werth auf
+die originale Verschiedenheit solcher selbst&auml;ndiger Kulturen
+zu legen; durch ihr Zusammentreffen, Wetteifern, selbst&auml;ndiges
+Schaffen wird mehr und allseitiges ins Leben gerufen und der
+menschliche Geist mehr und allseitiger entwickelt, als durch eine
+einzige in sich wesentlich gleiche Kultur.</p>
+
+<p>M&ouml;ge denn von diesen V&ouml;lkern wenigstens gerettet
+werden, was noch zu retten m&ouml;glich ist. Bis jetzt steht die
+Entwickelung der Menschheit auch nach dieser Seite hin ganz unter
+naturalistischem Gesetz. Der &raquo;Kampf ums Dasein&laquo;, in
+welchem es der St&auml;rkere ist, welcher siegt, zeigt sich im
+vollsten Maasse; die erstarkten Ra&ccedil;en breiten sich aus,
+gewaltsam und zum Unterschied von der unvern&uuml;nftigen Natur mit
+Lust und ohne Bed&uuml;rfniss zerst&ouml;rend, und ihnen erliegen
+die schw&auml;cheren. Allein der Mensch ist der Vernunft und der
+Liebe f&auml;hig und gerade darin sollte der st&auml;rkere des
+vernunftbegabten Geschlechtes seine Kraft zeigen, dass er
+schw&auml;cheres liebend zu sich emporhebt, statt es zu vernichten;
+dann w&uuml;rde der Geist, die sittliche Wahl des Menschen
+herrschen und die Gesamtheit h&auml;tte einen grossen Schritt
+weiter gethan auf der Bahn, die sie gehen muss, in der Befreiung
+des Geistes von den rohen Fesseln der &auml;usseren Natur.</p>
+
+<hr style="width: 65%;">
+<a name="FOOTNOTES"></a>
+<h2>Fu&szlig;noten:</h2>
+
+<a name="Footnote_A_1"></a><a href="#FNanchor_A_1">[A]</a>
+<div class="note">
+<p>Hale sagt ausdr&uuml;cklich, dass sie ihm nicht zu hoch schiene;
+er hatte die Angabe von Punchard, einem Engl&auml;nder, der mehrere
+Jahre auf der Insel gelebt hatte.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_B_2"></a><a href="#FNanchor_B_2">[B]</a>
+<div class="note">
+<p>Auch die Beispiele, welche Darwin a.a.O. zur Erh&auml;rtung
+seiner Hypothese von dem sch&auml;dlichen Effluvium lang
+eingeschlossener Menschen mittheilt, lassen sich aus Obigem, wie es
+scheint, erkl&auml;ren, ebenso das Erkranken der Shropshirer
+Schafe. Jenes Effluvium ist weiter nichts, als eben solche
+unbewusst mitgeschleppten Miasmen, an welche der, welcher sie
+mitbringt, seine Natur nach und nach accommodirt hat.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_C_3"></a><a href="#FNanchor_C_3">[C]</a>
+<div class="note">
+<p>Diese Fr&uuml;hreife der Weiber ist wohl nicht, wie Humboldt b
+2, 190 will, Ra&ccedil;encharakter. Einmal widerspricht dieser
+Behauptung, dass sich mancherlei Beispiele von sp&auml;ter
+Entwicklung auch unter den Amerikanerinnen findet; und sodann, dass
+fast bei allen Naturv&ouml;lkern die Mannbarkeit so fr&uuml;h
+eintritt. Wenn nun auch das Klima mannigfachen Einfluss hierauf hat
+(Waitz 1, 45), so doch keineswegs einen &uuml;berall gleich
+bleibenden und sicher nachzuweisenden. Denn bei den Eskimos, bei
+den Kamtschadalen und anderen V&ouml;lkern in so hohen
+Breitengraden finden wir dieselbe Erscheinung und die Fidschis z.B.
+in der heissen Zone zeigen sie nicht. Waitz 1, 125 f&uuml;hrt die
+animalische Nahrung und die hohe Temperatur in den H&uuml;tten
+vieler dieser V&ouml;lker als Grund an. Allein auch dies trifft
+nicht bei allen zu. Sollte nicht der Grund der fr&uuml;hen
+Mannbarkeit der sein, dass einmal bei der g&auml;nzlichen
+Schrankenlosigkeit der Naturv&ouml;lker die W&uuml;nsche
+fr&uuml;her erregt und ferner die M&auml;dchen zu fr&uuml;he
+begehrt werden? Das konnte und musste im Laufe der Generationen
+seine Wirkung zeigen. Die Gew&ouml;hnung vererbte sich immer mehr,
+setzte sich durch Vererbung immer fester, und so entwickeln sich
+die Geschlechtsfunktionen wirklich fr&uuml;her, als es der
+menschlichen Natur eigentlich normal ist. So w&uuml;rde sich diese
+Erscheinung bei allen Naturv&ouml;lkern gleich gut erkl&auml;ren:
+und man lernt t&auml;glich Gew&ouml;hnung und Vererbung mehr in
+ihrer Bedeutung f&uuml;r die Geschichte der Menschheit
+sch&auml;tzen. Dass Klima und sonstige Lebensweise mit gewirkt
+haben, soll damit nicht abgel&auml;ugnet werden; nur sind sie bei
+den Naturv&ouml;lkern von untergeordnetem Einfluss, und die
+Einwirkung von Gew&ouml;hnung und Vererbung ist gewiss die
+Hauptsache. Nirgends ist der Einfluss des Willens, der W&uuml;nsche
+und Gedanken so gross, als gerade im geschlechtlichen
+Verh&auml;ltniss.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_D_4"></a><a href="#FNanchor_D_4">[D]</a>
+<div class="note">
+<p>Spuren von ihr finden sich auch in S&uuml;damerika, so bei Azara
+248, der von den Mbayas erz&auml;hlt, dass ihre Weiber nie Fleisch
+von K&uuml;hen und Affen essen; doch, da ihre M&auml;dchen
+&uuml;berhaupt kein Fleisch, nicht einmal grosse Fische und zur
+Zeit der Periode nur Gem&uuml;se und Obst geniessen, so k&ouml;nnte
+man diese Enthaltsamkeit auch einfacher erkl&auml;ren. Dagegen ist
+es gewiss eine dem nordamerikanischen Totem urspr&uuml;nglich
+verwandte jetzt nicht mehr verstandene Sitte, wenn die Cariben z.B.
+nie Affen essen, dagegen die Ameisenb&auml;ren als Delikatesse
+aufsuchen, welche wiederum die Makusis nur nothgedrungen essen
+w&uuml;rden (Schomburgk 2, 434). Thiere gelten auch in
+S&uuml;damerika als die Stammv&auml;ter und Schutzgeister mancher
+V&ouml;lker. Und nicht anders ist es in Afrika bei den Betschuanen,
+deren einzelne St&auml;mme unver&auml;nderliche, ihre Abstammung
+von gewissen Thieren bezeichnende Namen besitzen. &raquo;Diese
+Thiere werden von den V&ouml;lkern, die sich nach ihnen nennen,
+heilig gehalten, weder gejagt noch gegessen und man pflegt durch
+die Frage &raquo;was tanzt ihr&laquo; nach dem Namen desselben sich
+zu erkundigen.&laquo; So gibts M&auml;nner des L&ouml;wen,
+Krokodils, Stachelschweins, Fischs, Affen, doch auch des Eisens,
+Waitz 1, 352. 413. Die Frage &raquo;was tanzt ihr&laquo;? ist
+merkw&uuml;rdig. Sie erinnert an manchen Thiere darstellenden Tanz
+amerikanischer und australischer V&ouml;lker, und es liegt nahe
+anzunehmen, dass die heiligen T&auml;nze zuerst das Leben der
+Schutzgeister versinnbildlichten, wie die Griechen die Geschichte
+ihrer G&ouml;tter tanzten. Sp&auml;ter erblasste die Bedeutung
+solcher T&auml;nze vielfach.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_E_5"></a><a href="#FNanchor_E_5">[E]</a>
+<div class="note">
+<p>Aehnliches findet sich auch bei indogermanischen V&ouml;lkern.
+Heilige Thiere als Wappen und in Eigennamen waren sehr
+gebr&auml;uchlich, vergl. Grimm D.M. 633. T&ouml;dtete man sie auf
+der Jagd, oder beschnitt man einen heiligen Baum, so waren auch
+dabei bestimmte vers&ouml;hnende und abbittende Gebetsformeln
+&uuml;blich, eb. 618.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_F_6"></a><a href="#FNanchor_F_6">[F]</a>
+<div class="note">
+<p>Wenn hier Kadu nicht irrth&uuml;mlich einen rohen melanesischen
+Stamm meint; oder, um etwas recht Entsetzliches zu erz&auml;hlen,
+absichtlich oder selbst get&auml;uscht aufbindet. Denn
+wahrscheinlich ist die Angabe f&uuml;r die Palaus nicht.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_G_7"></a><a href="#FNanchor_G_7">[G]</a>
+<div class="note">
+<p>Zwillinge werden fast von allen Naturv&ouml;lkern get&ouml;dtet:
+auch von den Negern (Waitz 2, 124).</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_H_8"></a><a href="#FNanchor_H_8">[H]</a>
+<div class="note">
+<p>Obwohl auch Jarves 83 manche der Zahlen anzuzweifeln
+scheint.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_I_9"></a><a href="#FNanchor_I_9">[I]</a>
+<div class="note">
+<p>Dass &uuml;brigens auch bei Indogermanen und Semiten die Kinder
+vielfach get&ouml;dtet sind, ist ja bekannt genug. In Griechenland
+wurden die Kinder umgebracht, welche der Vater, wenn sie die
+Hebamme ihm vor die F&uuml;sse legte, nicht aufhob; eine Sitte, die
+bei Plautus und Terenz, d.h. also der sp&auml;teren attischen
+Kom&ouml;die so vielfach erw&auml;hnt wird. Namentlich T&ouml;chter
+wurden umgebracht. Diese T&ouml;dtung geschah durch Aussetzung
+zumeist (Sch&ouml;mann griech. Alterth&uuml;mer 1, 562). Bei den
+alten Deutschen herrschte durchaus derselbe Gebrauch. Aus
+semitischem Gebiet sei zun&auml;chst an Abrahams Opferung Isaaks
+erinnert, sodann an den Molochdienst der Ph&ouml;nicier, der so
+vielfach von den Juden nachgeahmt wurde (Winer, bibl.
+Realw&ouml;rterbuch unter Moloch) so wie an die der Astarte
+geschlachteten Kinder (Movers Ph&ouml;n. 2, 2, 69). Allerdings ist
+der semitische Gebrauch ein religi&ouml;ser, also zum Kinderopfern
+geh&ouml;rig. Doch liesse sich auch f&uuml;r blosses Aussetzen der
+Kinder manches Semitische beibringen.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_J_10"></a><a href="#FNanchor_J_10">[J]</a>
+<div class="note">
+<p>Auch was Humboldt b5, 110-111 von den &raquo;Mysterien des
+Botuto&laquo;, einer Trompete von Thon mit mehreren kugelartigen
+Anschwellungen, die zu allen feierlichen Ceremonien gebraucht wird,
+erz&auml;hlt, geh&ouml;rt hierher: &raquo;um in die Mysterien des
+Botuto eingeweiht zu werden, muss man rein von Sitten und unbeweibt
+sein. Die Eingeweihten unterziehen sich der Geiselung, dem Fasten
+und anderen angreifenden Andachts&uuml;bungen.&laquo; Durch die
+Trompete theilt der grosse Geist den Eingeweihten seinen Willen
+mit; sie stehen also mit den G&ouml;ttern in n&auml;herem Verkehr
+als andere Menschen und das war auch der Grundgedanke der Areois.
+Ganz &auml;hnlich wird von Haiti berichtet. &raquo;Die Caziken
+n&auml;mlich standen&laquo;, erz&auml;hlt Waitz 4, 329 nach
+Herrera, Torquemada und Petr. Martyr, &raquo;ohne selbst Priester
+zu sein, doch an der Spitze des Cultus: die Tempel und
+Opferpl&auml;tze, wo die Gottesverehrung stattfand, waren entweder
+ihre H&auml;user selbst oder H&uuml;tten, die als ihnen
+geh&ouml;rig betrachtet wurden; dort waren die Bilder der Ahnen
+aufgestellt, die von Holz, inwendig hohl und mit einem Rohre
+versehen nur von ihnen um Orakel befragt werden konnten und nur
+aussprachen was sie ihnen eingaben. Sie berauschten sich zu diesem
+Zwecke mit einer Art von Schnupftabak und f&uuml;hrten die heilige
+Handlung allein aus, von der nat&uuml;rlich das Volk ausgeschlossen
+blieb.&laquo; Auch T&auml;nze geh&ouml;rten zu diesen
+religi&ouml;sen Mysterien, die sie allein kannten, auch dies wieder
+wie bei den Areois.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_K_11"></a><a href="#FNanchor_K_11">[K]</a>
+<div class="note">
+<p>Jak. Grimm, Gesch. d. d. Sprache 1. Aufl. (1848) S. 143 ff.
+stellt eine Menge V&ouml;lker zusammen, bei welchen derselbe
+Gebrauch vorkam: Scythen (Issedonen, nach Mela 3. Auflage 1868),
+Kelten (3. Auflage), Germanen verschiedener St&auml;mme (Deutsche,
+Schweden) Romanen und Slaven. Merkw&uuml;rdig ist, dass auch bei
+Heiligen-Sch&auml;deln der Gebrauch vorkommt, so zu Trier, zu
+Neuss, und nach Aventin (Ausg. v. 1566 fol. 33, a) zu Ebersberg und
+Regensburg. Der Gebrauch ist also derselbe; man sieht, es war wohl
+zun&auml;chst eine Art von Kannibalismus, dann aber auch ein
+Zeichen der Freundschaft, der Liebe, dankbarer Erinnerung. Zu
+beachten ist noch, dass Aventin sagt, Niemand h&auml;tte aus einem
+solchen Sch&auml;del trinken d&uuml;rfen, wer nicht einen Feind
+erschlagen h&auml;tte, da auch dieser Zug an manches Aehnliche
+unter den Naturv&ouml;lkern erinnert. Doch k&ouml;nnen wir diese
+h&ouml;chst merkw&uuml;rdigen Uebereinstimmungen hier nicht weiter
+verfolgen.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_L_12"></a><a href="#FNanchor_L_12">[L]</a>
+<div class="note">
+<p>Herod. 4, 26 (nach Grimm a.a.O.) sagt von den Issedonen
+&#7952;&pi;&epsilon;&#8048;&alpha;&nu;
+&#7936;&nu;&delta;&rho;&#8054;
+&#7936;&pi;&omicron;&theta;&#8049;&nu;&eta;
+&pi;&alpha;&#8052;&rho;, &omicron;&#7985;
+&pi;&rho;&omicron;&sigma;&#7968;&chi;&omicron;&nu;&tau;&epsilon;&sigmaf;
+&pi;&#8049;&nu;&tau;&epsilon;&sigmaf;
+&pi;&rho;&omicron;&sigma;&#8049;&gamma;&omicron;&upsilon;&sigma;&iota;
+&pi;&rho;&#8057;&beta;&alpha;&tau;&alpha;&chi;&alpha;&#8054;
+&#7956;&pi;&epsilon;&iota;&tau;&epsilon;&nu;
+&tau;&alpha;&#8160;&tau;&alpha;
+&theta;&#8017;&sigma;&alpha;&nu;&tau;&epsilon;&sigmaf;
+&chi;&alpha;&#8054;
+&chi;&alpha;&tau;&alpha;&tau;&alpha;&mu;&#8057;&nu;&tau;&epsilon;&sigmaf;
+&tau;&#8048; &chi;&rho;&#8051;&alpha;
+&chi;&alpha;&tau;&tau;&alpha;&#8049;&mu;&nu;&omicron;&upsilon;&sigma;&iota;
+&chi;&alpha;&#8054; &tau;&#8056;&nu; &tau;&omicron;&#8160;
+&delta;&epsilon;&chi;&omicron;&mu;&#8051;&nu;&omicron;&upsilon;
+&tau;&epsilon;&theta;&nu;&epsilon;&#8182;&tau;&alpha;
+&gamma;&omicron;&nu;&#8051;&alpha;,
+&#7936;&nu;&alpha;&mu;&#8055;&xi;&alpha;&nu;&tau;&epsilon;&sigmaf;
+&delta;&#8050; &pi;&#8049;&nu;&tau;&alpha; &tau;&#8048;
+&chi;&rho;&#8051;&alpha; &delta;&alpha;&#8145;&tau;&alpha;
+&pi;&rho;&omicron;&tau;&iota;&theta;&#8051;&alpha;&tau;&alpha;&iota;.
+Auch die Wilzen und Skythen assen ihre verstorbenen Eltern. Die
+Wenden t&ouml;dteten noch im 16. Jahrhundert ihre
+arbeitsunt&uuml;chtigen V&auml;ter unter besonderen Ceremonien
+(K&uuml;hn, m&auml;rkische Sagen und M&auml;hrchen 335). Auch hier
+stehen wir vor einer uralten und weit verbreiteten Sitte, die wir
+hier ebenfalls nur ber&uuml;hren, nicht abhandeln k&ouml;nnen. Vgl.
+was etwas weiter unten &uuml;ber Mare und Neuguinea gesagt wird.
+Ueber dieselbe Sitte bei R&ouml;mern, Griechen, Ph&ouml;niziern
+(Sardinien), spanischen, deutschen u.a. V&ouml;lkern siehe Merklin
+in den Memoires de l'academie de Petersbourg 1852 S. 119 und
+Osenbr&uuml;ggen in der Vorrede zu Cicero pro S. Roscio p. 51 ff.
+Auch das litauische Sprichwort (Schleicher lit. M&auml;hrchen 179)
+&raquo;wie das S&ouml;hnchen heranw&auml;chst, hat es auch den
+Vater erw&uuml;rgt&laquo;, k&ouml;nnte auf eine &auml;hnliche,
+jetzt l&auml;ngst abgekommene Sitte hinweisen.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_M_13"></a><a href="#FNanchor_M_13">[M]</a>
+<div class="note">
+<p>Bei Bechst. bekommen Knaben nach Genuss einer Zauberspeise die
+F&auml;higkeit zu fliegen. In einem sehr &auml;hnlichen indischen
+M&auml;hrchen bei Somadeva (Brockhaus 104) ist diese Speise
+Menschenfleisch. Ein Zusammenhang beider Erz&auml;hlungen w&auml;re
+nicht undenkbar.</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_N_14"></a><a href="#FNanchor_N_14">[N]</a>
+<div class="note">
+<p>Die Menschensch&auml;del, welche am Eingange des Palastes, an
+den Stadtthoren und allen wichtigen Pl&auml;tzen Dahomeys
+angebracht sind (Waitz 2, 130), kann man gewiss nicht anders
+deuten. Auch unter den Semiten war der Gebrauch verbreitet: die
+ph&ouml;nicischen St&auml;dte wurden dadurch fest gemacht, dass man
+an ihren Thoren und sonst Menschen eingrub (Movers Ph&ouml;nizien
+2, 46). Bei den Indogermanen kommt er vielfach vor; er war bei den
+Germanen sehr verbreitet, wie Ueberreste dieser Sitte noch heute
+beweisen; so wird z.B. am S&uuml;dharz das kleinste Kind des Hauses
+barfuss in den frischen Estrich hineingestellt, damit er halte
+u.s.w. Bei den Slaven kommt er vor, wie sich in vielen ihrer
+M&auml;hrchen und Sagen zeigt (z.B. Talvj Volkslieder d. Serben 1,
+117, die Erbauung Skodras); von den Kelten wird er gleichfalls
+erw&auml;hnt und Hahn albanesische Studien 1, 160 erz&auml;hlt
+dasselbe von Albanien. Die Thiere, die man jetzt dort schlachtet
+und ganz oder theilweise einmauert (wie auch in Deutschland viel
+geschah), vertreten nur die fr&uuml;heren geopferten Menschen. In
+Albanien herrscht auch, um das zu &sect; 4 nachzutragen, ein ganz
+&auml;hnliches Heilverfahren, wie bei Hottentotten, Amerikanern und
+Australiern. Jedes Uebel, das auch hier nur auf Bezauberung beruht,
+wird in Gestalt von etwas Festem aus dem K&ouml;rper entfernt und
+dieses letztere dann eingewickelt fortgeworfen. Wer auf das
+Eingewickelte tritt, auf den geht die Krankheit &uuml;ber (ebend,
+159).</p>
+</div>
+
+<a name="Footnote_O_15"></a><a href="#FNanchor_O_15">[O]</a>
+<div class="note">
+<p>Der get&ouml;dtete Engl&auml;nder hiess Cheyne und ist derselbe,
+welcher das auch von uns vielfach benutzte Buch a description of
+islands in the Western Pacific Ocean, north and south of the
+Equator geschrieben hat (Petermann, Mittheil. 1868, 28). Obwohl nun
+dies und seine anderen Schriften sehr werthvoll sind zur Kenntniss
+des sonst noch so wenig gekannten westlichen Theiles des stillen
+Ozeans; so hat man doch bei der Benutzung Vorsicht anzuwenden, da
+Cheyne, selbst Sandelholzh&auml;ndler (und Trepangfischer) sich bei
+der moralischen Beurtheilung der geschilderten V&ouml;lker sehr
+h&auml;ufig von seinen Handelsinteressen beeinflussen l&auml;sst.
+So schildert er die Melanesier ohne Ausnahme (Fichteninsel, Lifu,
+Mare, Uea, Tanna, Erromango u.s.w.) als wild und &raquo;h&ouml;chst
+verr&auml;therisch&laquo; und war selbst h&auml;ufig mit ihnen im
+Streit. Ebenso erz&auml;hlt er von <i>allen</i> Karoliniern, dass
+man ihnen nicht trauen d&uuml;rfe. Er steht also selbst auf dem
+Standpunkt der Sandelholzh&auml;ndler und beachtet nicht, was die
+Eingeborenen von diesen an Ungerechtigkeit, Raub und roher Gewalt
+zu leiden hatten. Nach der Lekt&uuml;re seines Buches wundert man
+sich nicht, dass er ein solches Ende genommen hat; das ganz
+einseitige Betonen seiner Handelsinteressen liess vielmehr nichts
+anderes erwarten. Es f&auml;llt daher von hier aus erst das wahre
+Licht auf die Vorg&auml;nge in Koror, sowohl auf sein Auftreten als
+auf den Racheakt des englischen Kriegsschiffes.</p>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Über das Aussterben der Naturvölker
+by Georg Gerland
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NATURV&Ouml;LKER ***
+
+***** This file should be named 14028-h.htm or 14028-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/1/4/0/2/14028/
+
+Produced by PG Distributed Proofreaders
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+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
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+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
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+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
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+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
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+
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new file mode 100644
index 0000000..27cbffd
--- /dev/null
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diff --git a/old/14028.txt b/old/14028.txt
new file mode 100644
index 0000000..fecfdec
--- /dev/null
+++ b/old/14028.txt
@@ -0,0 +1,7057 @@
+Project Gutenberg's Ueber das Aussterben der Naturvoelker, by Georg Gerland
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Ueber das Aussterben der Naturvoelker
+
+Author: Georg Gerland
+
+Release Date: November 12, 2004 [EBook #14028]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ASCII
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NATURVOELKER ***
+
+
+
+
+Produced by PG Distributed Proofreaders
+
+
+
+
+UeBER DAS AUSSTERBEN DER NATURVOeLKER
+
+VON
+
+DR. GEORG GERLAND,
+
+LEHRER AM KLOSTER U. L. FR. ZU MAGDEBURG.
+
+
+LEIPZIG,
+
+VERLAG VON FRIEDRICH FLEISCHER.
+
+1868.
+
+SEINER EXCELLENZ
+
+DEM HERRN GEHEIMEN RATH
+
+H.C. VON DER GABELENTZ.
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Die Frage nach dem Aussterben der Naturvoelker ist bis jetzt nur
+gelegentlich und nicht mit der Ausfuehrlichkeit behandelt, welche die
+Wichtigkeit der Sache wohl verlangen kann. Am genauesten ist Waitz auf
+sie eingegangen in seiner Anthropologie der Naturvoelker Bd. 1, 158-186;
+aber da auch er sie nur anhangsweise bespricht und in dem Zusammenhang
+seines Werkes nicht mehr als nur die Hauptgesichtspunkte angeben konnte
+und wollte; da er ferner manches nur andeutet oder ganz uebergeht, was
+von grosser Wichtigkeit ist, so erscheint es durchaus nicht ueberfluessig,
+die Gruende fuer dies "raethselhafte" Hinschwinden selbstaendig und
+moeglichst genau von neuem zu eroertern. Namentlich die psychologische
+Seite des Gegenstandes hat man bisher ueber die Gebuehr vernachlaessigt;
+sie wird deshalb in den folgenden Blaettern besonders betont werden
+muessen.
+
+Das Material zur Beantwortung der Frage, die uns beschaeftigen soll,
+findet sich zerstreut in einer grossen Menge von Reisebeschreibungen,
+ethnographischen und anthropologischen Werken. Da es mir aber darauf
+ankam, einmal--denn nur strengste Empirie kann uns bei unserer Frage
+foerdern--meine Saetze durch getreue Quellenangabe zu stuetzen, und
+andererseits, dass die angefuehrten Citate nicht allzuschwer zugaenglich
+seien, um nachgeschlagen werden zu koennen, so habe ich mich, wo es
+moeglich war, auf Werke gestuetzt, die weiter verbreitet sind, und den
+Quellennachweis nur da weggelassen, wo das Gesagte in allen Reisewerken
+sich gleichmaessig findet. Dass ich das schon erwaehnte ausgezeichnete
+Werk meines nur allzufrueh verstorbenen Lehrers Waitz, die Anthropologie
+der Naturvoelker, sehr reichlich benutzt habe, wird man nicht tadeln; man
+findet dort die oft sehr schwer zugaenglichen Quellen in kritischer
+Auswahl beisammen--und wozu werden solche grundlegenden Werke
+geschrieben, wenn man nicht auf ihnen weiterbaut?
+
+Ich stelle hier der Uebersicht und des bequemeren Citirens wegen die
+Werke zusammen, welche ich als Belege benutzt habe, ohne die mit
+anzufuehren, welche nicht oefters citirt sind. Einige, welche ich gern
+gehabt haette, sind mir unzugaenglich geblieben.
+
+
+Angas, Savage life in Australia and N. Zealand. London 1847.
+
+Australia felix. Berlin 1849.
+
+Azara, Reise nach Suedamerika in den Jahren 1781-1801 (Magazin der merkw.
+neuen Reisen. Bd. 31. Berlin 1810).
+
+Bartram, Reisen durch Karolina, Georgien und Florida 1773. (eb. 10.
+Band). Berlin 1793.
+
+Beechey, Narrative of a voyage to the Pacific (1825-28). London 1831.
+
+Behm, Geographisches Jahrbuch. 1. Theil 1866. Gotha 1866.
+
+Bennett, Narr. of a whaling round the globe 1833-36. London 1840.
+
+v. Bibra, Schilderung der Insel Vandiemensland bearbeitet v. Roeding.
+Hamburg 1823.
+
+Bougainville, Reise um die Welt 1766-69. Leipzig 1772.
+
+Bratring, Die Reisen der Spanier nach der Suedsee. Berlin 1842.
+
+Breton Excursions in N.S. Wales, W. Australia and V. Diemensland. London
+1833.
+
+Browne, N. Zealand and its aborigines. London 1845.
+
+Carus, Ueber ungleiche Befaehigung der verschiedenen Menschheits-Staemme.
+Leipzig 1849.
+
+v. Chamisso, Bemerkungen und Ansichten auf einer Entdeckungsreise
+(1815-18). Weimar 1821.
+
+Cheyne, a description of islands in the Western Pacif. Ocean etc. London
+1852.
+
+Cook, 3te Entdeckungsreise in die Suedsee und nach dem Nordpol. 2. Bd.
+Berl. 1789.--id. b, 1ste Entdeckungsreise bei Schiller.
+
+Darwin, Naturwissenschaftliche Reise, uebersetzt von Dieffenbach,
+Braunschw. 1844.
+
+Dieffenbach, Travels in N. Zealand. London 1843.
+
+Dillon, Narrative of a voyage in the South Sea. London 1839.
+
+Dumont d'Urville, a, Voyage de l'Astrolabe. Paris 1830. id. b, Voy. au
+Pole Sud. Paris 1841.
+
+Ellis, Polynesian Researches. London 1831.
+
+Erskine, Journal of a cruise among the Islands of the Western Pacific.
+London 1853.
+
+Finsch, N. Guinea und seine Bewohner. Bremen 1865.
+
+Freycinet, Voyage autour du monde (1817-20). Paris 1827.
+
+P. Mathias G***, Lettres sur les iles Marquises. Pasis 1843.
+
+Gill, Gems from the Coral Islands. London 1855.
+
+le Gobien, Histoire des Isles Marianes. Paris 1701.
+
+Grey, Journals of two expedit. in NW and W. Australia (1837-39). London
+1841.
+
+Gulick, Micronesia, Nautical Magazin 1862.
+
+Hale, Ethnographie and Philol. (Unit. States exploring expedition).
+Philadelphia 1846.
+
+Hearne, Reise von der Hudsonsbay bis zum Eismeere (1769-1772). Magaz. v.
+Reisebeschreibungen. 14. Bd. Berlin 1797.
+
+v. Hochstetter, Neuseeland. Stuttgart 1863.
+
+Howitt, Impressions of Australia felix. London 1845. id. a, Abenteuer in
+Australien. Berlin 1856.
+
+A. v. Humboldt, a) Versuch ueber den politischen Zustand des Koenigreichs
+ Neuspanien. Tuebingen 1809.
+
+ b) Reise in die Aequinoktialgegenden des neuen Continentes,
+ deutsch v. Hauff. Stuttgart 1861.
+
+ c) Ansichten der Natur. 3. Aufl. Stuttgart u. Augsburg 1859.
+
+Jarves, History of the Haw. or Sandw. Islands. London 1843.
+
+v. Kittlitz, Denkwuerdigkeiten auf einer Reise nach d. russ. Amerika,
+Mikronesien u. Kamtschatka (1826 etc.). Gotha 1858.
+
+v. Kotzebue, Entdeckungsreise in die Suedsee und nach der Behringsstrasse
+(1815-18). Weimar 1821.
+
+Krusenstern, Reise um die Welt (1803-6). Berlin 1811.
+
+v. Langsdorff, Bemerkungen auf seiner Reise um die Welt (1803-7).
+Frankfurt 1812.
+
+La Perouse, Entdeckungsreise 1785. Magazin von Reisebeschr. Band 16. 17.
+Berlin 1799 f.
+
+v. Lessep, Reise durch Kamtschatka und Sibirien, Magaz. v. Reisebeschr.
+4. Berlin 1791.
+
+Lichtenstein, Reise in Suedafrika (1803-6). Berlin 1812.
+
+Lutteroth, Geschichte der Insel Tahiti, deutsch v. Bruns. Berlin 1843,
+
+Mariner, Tonga Islands. London 1818.
+
+Meinicke, a) Das Festland v. Australien. Prenzlau 1837.
+
+ b) Die Suedseevoelker u. das Christenthum. Prenzlau 1844.
+
+ c) Australien in Wappaeus Handbuch der Geographie und
+ Statistik. 7. Aufl. 2. Bd. 2. Nachtr. Leipzig 1866.
+
+Melville, Vier Monate auf den Marquesas-Inseln. Leipzig 1847. Id. b,
+the present state of Australia. London 1851.
+
+Moerenhont, Voyage aux iles du grand Ocean. Paris 1837.
+
+Nieuw Guinea, ethnogr. en natuurk. onderzocht in 1858 door een Nederl.
+Ind. Commiss. Amst. 1862.
+
+Nixon, The cruise of the Beacon. London 1857.
+
+Novara, Reise der oesterr. Fregatte (1857-59). Wien 1861.
+
+Ohmstedt, Incidents of a whaling voyage. N. York 1841.
+
+Petermann, Mittheilungen u.s.w. a.d. Gesammtgebiet d. Geographie.
+
+Poeppig, Artikel Indier bei Ersch u. Gruber. 2. S. B. 17. 1840.
+
+Remy, Hist. de l'Arch. Hawaiien, texte et traduction. Paris et Leipzig
+1862.
+
+Salvado, Memorie storiche dell' Australia, part. della miss.
+benedettina. Roma 1851.
+
+Schomburgk, Reisen in Britisch-Guiana 1840-44. Leipzig 1848.
+
+Sparmann, Reise nach d. Vorgebirge der guten Hoffn. 1772-76. Berlin
+1784.
+
+Stewart, Journal of a residence in the Sandwich isl. (1823-25). London
+1828.
+
+Taylor, The Ika a Maui or N. Zealand and its inhabitants. London 1855.
+
+Thomson, The story of N. Zealand. London 1859.
+
+Thunberg, Reisen in Afrika und Asien 1772-79 im Mag. d. Reis. 7. Bd.
+Berlin 1792.
+
+v. Tschudi, Reisen durch Suedamerika. Leipzig 1866.
+
+Turnbull, Reise um die Welt 1800-1804, Magaz. v. Reisebeschr. Bd. 27.
+Berlin 1806.
+
+Turner, Nineteen years in Polynesia. London 1861.
+
+Tyermann and Bennet, Journal of voy. in the S. Sea islands. London 1831.
+
+Vankouver, Reisen nach d. noerdl. Theile der Suedsee (1790-95). Magaz. v.
+Reisebeschr. Bd. 18. 19. Berlin 1799 f.
+
+Virgin, Erdumsegelung der Fregatte Eugenie (1831-33), uebers. v. Etzel.
+Berlin 1856.
+
+Waitz, Anthropologie der Naturvoelker. Leipzig 1859 f. id. b, Die
+Indianer Nordamerikas. Leipzig 1865.
+
+Williams, a Narrat. of Missionary enterprises in the South Sea Islands.
+London 1837.
+
+Williams and Calvert, Fiji and the Fijians ed. by Rowe. Lond. 1858.
+
+Wilson, Missionsreise ins suedl. stille Meer 1796-98, Magaz. von
+Reisebeschr. Bd. 21. Berlin 1800.
+
+Zeitschrift fuer allgemeine Erdkunde, neue Folge.
+
+
+
+
+Inhalt.
+
+
+ Vorwort. Quellen
+Sec. 1. Einleitung. Umfang des Aussterbens
+Sec. 2. Empfaenglichkeit der Naturvoelker fuer Miasmen. Krankheiten, welche
+ spontan bei der Zusammenkunft der Natur- und Kulturvoelker entstehen
+Sec. 3. Direkt eingeschleppte Krankheiten
+Sec. 4. Behandlung der Kranken bei den Naturvoelkern
+Sec. 5. Geringe Sorgfalt der Naturvoelker fuer ihr leibliches Wohl
+Sec. 6. Charakter der Naturvoelker
+Sec. 7. Ausschweifungen der Naturvoelker
+Sec. 8. Unfruchtbarkeit. Kuenstlicher Abortus. Kindermord
+Sec. 9. Krieg und Kannibalismus
+Sec. 10. Menschenopfer
+Sec. 11. Verfassung und Recht
+Sec. 12. Natureinfluesse
+Sec. 13. Aeussere Einfluesse der hoeheren Kultur auf die Naturvoelker
+Sec. 14. Psychische Einwirkungen der Kultur
+Sec. 15. Schwierigkeit fuer die Naturvoelker, die moderne Kultur sich
+ anzueignen
+Sec. 16. Behandlung der Naturvoelker durch die Weissen. Afrika. Amerika
+Sec. 17. Fortsetzung. Der stille Ozean
+Sec. 18. Geographische Vertheilung der einzelnen Gruende fuer das Aussterben
+ der Naturvoelker. Vergleichung dieser Gruende in Bezug auf ihr Gewicht
+Sec. 19. Vergleichung der Natur- und Kulturvoelker in Bezug auf ihre
+ Lebenskraft
+Sec. 20. Aussterbende und ausdauernde Naturvoelker
+Sec. 21. Die afrikanischen Neger
+Sec. 22. Folgerungen aus der Art, wie die Naturvoelker von den Kultur
+ behandelt sind
+Sec. 23. Zukunft der Naturvoelker; Mittel sie zu heben
+Sec. 24. Werth der Naturvoelker fuer die Menschheit und ihre Entwickelung.
+ Schluss
+
+
+
+
+Sec.1. Einleitung. Umfang des Aussterbens.
+
+
+Die Erscheinung, dass eine Reihe von Voelkern vor unseren Augen durch
+langsameres oder rascheres Hinschwinden ihrem Untergang entgegengeht,
+ist eine ueberaus wichtige. Dass sie fuer die Geschichtsforschung grosse
+Bedeutung hat, leuchtet ohne weiteres ein; dass sie fuer die
+Naturgeschichte des Menschen, die Anthropologie entscheidend ist,
+ebenfalls. Und wenn es sich als wahr bestaetigt, dass, wie man behauptet
+hat, diese Voelker aus einer Lebensunfaehigkeit, welche ihrer Natur
+anhaftet, dem Aufhoeren entgegengehen; so ist, da die nothwendige
+Folgerung jener Behauptung dahin fuehrt, dass man verschiedene Arten,
+hoehere und niedere im Geschlecht Mensch annimmt, die Beantwortung dieser
+Frage auch fuer die Philosophie massgebend. Praktisch hat man sie von
+jeher in den Staaten betont, wo Weisse mit Farbigen zusammenleben; wie
+man eben die Theorie der geringeren Lebensfaehigkeit nicht weisser Racen
+zuerst in diesen Staaten aufgestellt hat.
+
+Und allerdings ist es auffallend, dass nur farbige Racen dies
+Hinschwinden zeigen und am meisten es da zeigen, wo sie mit der weissen
+in Beruehrung gekommen sind; dass die Weissen, obwohl sie doch ihre
+Heimat, das gewohnte Klima u.s.w. aufgegeben haben und in unmittelbarer
+Beruehrung mit denen leben, welche in ihrem Vaterlande, scheinbar unter
+den alten Lebensbedingungen, verkommen, gaenzlich davon verschont zu sein
+scheinen.
+
+Waehrend wir nun dies Hinschwinden hauptsaechlich bei den kulturlosen
+Racen, bei den Naturvoelkern, d.h. bei den Voelkern finden, welche dem
+Naturzustande des Menschengeschlechtes noch verhaeltnissmaessig nahe
+stehen (Waitz 1, 346), oder bei welchen, um mit Steinthal zu reden, noch
+keine bedeutende Entwickelung der logischen Faehigkeiten stattgefunden
+hat: so sehen wir es doch ebenfalls auch da, wo farbige Racen sich zur
+Kultur und sogar zu einer gewissen Hoehe der Kultur emporgeschwungen
+haben, in Polynesien, in Mexiko, in Peru, und man hat daher geschlossen,
+einmal dass diese Kultur doch nur Halbkultur und wenig bedeutend gewesen
+sei, denn waere sie wahr und ganz gewesen, so wuerde sie groessere Kraft
+verliehen haben: oder aber, dass bestimmte Racen, auch wenn sie sich
+wirklich ueber das Niveau der gewoehnlichen "Wilden" erhoben haetten,
+dennoch einem fruehen Tode entgegengingen, weil sie nun eben von der
+Natur zum Aussterben bestimmt seien, weil es ihnen eben, in Folge ihrer
+Raceneigenthuemlichkeit, an Lebensfaehigkeit fehle, welche keine Kultur
+ersetzen koenne: vielmehr decke jede Art von Kultur diesen Mangel nur um
+so mitleidsloser auf. Allerdings gibt es auch farbige Racen und
+Naturvoelker, bei welchen an ein Aussterben nicht zu denken ist; und
+andererseits sind auch Theile von Kulturvoelkern, indogermanische,
+semitische Staemme verschwunden und ausgestorben. Allein bei letzteren
+redet man nicht von einer geringeren Lebensfaehigkeit, einmal wegen der
+Verwandtschaft dieser Staemme mit den anerkannt lebensfaehigsten Voelkern
+der Welt; andererseits auch wegen der Art ihres Verschwindens. Denn der
+Grund, warum sie aufgehoert haben zu existiren, liegt klar auf der Hand;
+theils sind sie durch Krieg vernichtet, wie so viele Voelker, welche mit
+dem alten Rom kaempften, theils sind sie mit anderen Kulturvoelkern, die
+sie rings umgaben, verschmolzen, wie die Gothen, die Vandalen, theils
+trat beides zugleich ein: die hoehere Kulturstufe, welche sie besiegte,
+nahm die besiegten Reste in sich auf, wie die alten Preussen, die Wenden
+und so viele slavische Voelkerschaften durch und in Deutschland, die
+Iberer, die Kelten durch und in das roemische Wesen verschwanden. So war
+auch zweifelsohne das Loos der Voelker, welche vor der Einwanderung der
+Indogermanen Europa inne hatten. Anders aber ist das Hinschwinden der
+Naturvoelker: wo sie mit hoeherer Kultur zusammenkommen, auch da, wo diese
+letztere sich friedlich gegen sie verhaelt, sehen wir sie von Krankheiten
+ergriffen werden, ihr physisches und psychisches Vermoegen versiechen,
+und ihre Zahl, oft ausserordentlich rasch, sich vermindern. Allerdings
+sind auch einzelne Naturvoelker aufgerieben oder doch stark vermindert
+durch ganz aeusserliche und leicht begreifliche Gruende: so namentlich
+viele malaiische Staemme, welche durch nachrueckende verwandte Voelker ins
+Gebirge zurueckgedraengt und dabei gewiss ebenso so stark vermindert
+worden sind, als durch ihr gleiches Schicksal die Basken in Europa,
+waehrend sie in ihren Bergen sich in ziemlich gleichbleibender Anzahl
+halten; so die Bewohner der Warekauri-(Chatam-) Inseln bei Neu-Seeland,
+die Moreore. welche 1832-35 noch 1500 etwa betrugen, durch die
+Neu-Seelaender aber, die in jenen Jahren einen Zug nach den
+Warekauriinseln unternahmen, fast ganz ausgerottet sind, so dass ihre
+Zahl jetzt nur noch 200 betraegt: und auch diese nehmen, durch
+Assimilation an die eingewanderten Maoris rasch ab (Travers bei Peterm.
+1866, 62). Auch muessen wir hier die schwarze Urbevoelkerung
+Vorderindiens, die dekhanischen und Vindhyavoelker erwaehnen, weil auch
+sie nach Lassen (ind. Alterthumskunde 1, 390) allmaehlich abnehmen.
+Frueher waren sie weiter ausgebreitet und einzelne Reste von ihnen
+scheinen sich (Lassen a.a.O. 387 ff.) in Himalaya, in Belutschistan,
+Tuebet und sonst erhalten zu haben. Sie wurden durch die nachrueckenden
+arischen Inder und gewiss nicht friedlich in die Gebirge zurueckgedraengt
+(Lassen 366), wo sie nun theils im barbarischen Zustande weiter lebten,
+theils aber, und so namentlich die suedlicheren Dekhanvoelker, in die
+indische Kultur uebergingen (Lassen 364. 371). Ein aehnliches Schicksal
+hatten verschiedene amerikanische Staemme, die von anderen maechtigeren
+Indianervoelkern theils aufgerieben, theils sich einverleibt wurden; auch
+wird von einzelnen Hottentottenvoelkern eine aehnliche Vermischung mit
+Kafferstaemmen erwaehnt (Waitz 2, 318).
+
+Doch scheinen auch manche Voelker vermindert oder gar verschwunden, ohne
+es in Wirklichkeit zu sein. Ein solcher Schein ist hervorgerufen, wie
+Waitz 1, 159-160 zeigt, theils durch Umaenderung von Namen, wo man nun
+faelschlich annahm, weil der Name nicht mehr existire, so sei auch das
+Volk erloschen, oder durch Irrthuemer der Reisenden, indem sie manche
+Namen zu weit ausdehnen, andere aber auf voelligem Missverstaendniss
+beruhen, oder durch falsche Schaetzung der Volkszahl, wie man sie oft
+sehr uebertrieben, namentlich bei aelteren Reisenden, z.B. fuer Polynesien
+bei Cook, findet u. dergl.
+
+Ehe wir nun aber die Gruende fuer jenes weniger leicht zu erklaerende
+Hinschwinden der Naturvoelker aufsuchen, muessen wir den Umfang desselben
+betrachten, wobei wir ausser Europa alle Welttheile zu beruecksichtigen
+haben.
+
+In Asien sterben aus oder sind schon ausgestorben die Kamtschadalen und
+so rasch ging ihre Verminderung vor sich, das Langsdorff (1803-4,
+Krusensterns Begleiter) Ortschaften, welche die Cooksche Expedition und
+La Perouse noch wohl bevoelkert sahen, voellig menschenleer fand. Wenn La
+Perouse 1787 auf der Halbinsel im ganzen noch 4000 Bewohner fand
+(2,166), so sind die russischen Einwanderer in dieser Zahl, bei der
+trotzdem auf mehrere Quadratmeilen kaum ein Mensch kommt, schon
+einbegriffen. Denn Cooks Reisebegleiter (1780) fanden, nach den
+Mittheilungen eines dort ansaessigen Offiziers in Kamtschatka nur noch
+3000 Einwohner, wobei die Kurilen schon mitgerechnet sind; sie erzaehlen
+selbst, wie sich die Eingeborenen immer mehr mit den einwandernden
+Russen verbinden und ihre Zahl dadurch immer mehr abnimmt (Cook 3. R. 4,
+175). La Perouses Reisegefaehrte Lessep (41) behauptet, dass nur noch ein
+Viertel der eigentlichen Kamtschadalen uebrig sei; und er war noch nicht
+ein volles Jahrhundert nach der ersten Unternehmung der Russen (1696)
+gegen Kamtschatka dort. Dasselbe Schicksal haben ausser den Jakuten und
+Jukagiren in Sibirien Waitz, (1, 164) auch die Aleuten auf den
+Fuchsinseln und die ihnen verwandten Staemme auf den naechsten Kuesten von
+Amerika, die wir hier gleich erwaehnen, weil auch sie wie die
+Kamtschadalen unter demselben Drucke Russlands stehen. Langsdorff fand
+auf den Fuchsinseln nur gegen 300 Maenner, waehrend er fuer 1796 1300 und
+fuer 1783-87 gar 3000 und mehr angibt. Das Steigen der Zahlen, welches
+wir im Anfang dieses Jahrhunderts finden, ist keineswegs troestlich. Denn
+wenn Chamisso (177, zweite Note) nach aktenmaessigen Mittheilungen fuer
+1806 die Aleuten der Fuchsinseln auf 1334 Maenner und 570 Frauen, 1817
+dagegen auf 462 Maenner und 584 Frauen angibt, so versieht er erstlich
+diese allerdings auffallenden Zahlen selbst mit einem Fragezeichen; und
+zweitens, wenn sie auch richtig sind, Langsdorff sich geirrt und die
+Volkszahl sich nicht durch russische Einwanderer vermehrt hat: das
+Sinken der Bevoelkerung von 1806-1817 ist gewiss eben so arg als wie wir
+es bei Langsdorff geschildert finden. Der offizielle Bericht von 1860
+bei Peterm. 1863, 70 gibt 4645 Bewohner der Fuchsinseln an: allein hier
+sind jedenfalls die Russen, welche jetzt auf den Inseln ansaessig sind,
+mitgezaehlt, obwohl die Mischlinge, 1896 Seelen, noch besonders angegeben
+werden und diese Vermehrung, welche sich auf Kamtschatka gleichmaessig
+findet, ist nur eine scheinbare.
+
+Bekannt ist das Aussterben der Ureinwohner Amerikas, deren Zahl man in
+Nordamerika fuer die Zeit der Entdeckung etwa auf 16 Millionen, jetzt
+kaum noch 2 Millionen schaetzt (Waitz b, 16). 1864 betrug die Zahl der
+Indianer in den Vereinigten Staaten etwa 275,000; 1860 zaehlte man noch
+294,431; 1841 aber, auf kleinerem Gebiete 342,058 Seelen, so dass sich
+also hier in 23 Jahren ein Verlust von nahezu 70,000 Menschen
+herausstellt (eb. 18). Noch geringere Zahlen gibt Behm (105 ff.) an,
+naemlich 268,000 unabhaengige Indianer fuer die Vereinigten Staaten,
+155,000 fuer britisch Nordamerika. Und waehrend d'Orbigny (1838) fuer den
+von ihm bereisten groesseren Theil von Suedamerika 1,685,127 Indianer
+zaehlte (Waitz b, 16). so stellt Behm auch hier geringere Zahlen auf:
+Brasilien hat nach ihm (a.a.O.) 500,000 unabhaengige Indianer, die drei
+Guyanas 9770, Venezuela 52,400, Neu-Granada 126,000, Ekuador 200,000,
+Peru 400,000, Bolivia 245,000, Chile 10,000, die Staaten der
+argentinischen Republik 40,000, Patagonien und Feuerland 30,000, also
+zusammen 1,613,170 und zwar fuer ganz Suedamerika. So viel aber betrug
+allein die Bevoelkerung von Chile zur Zeit der Entdeckung (Poeppig 385
+Anmerkung) nach einer der kleinsten Annahmen. Mittelamerika hatte um
+1800 zwei und eine halbe Million unvermischter Ureinwohner und diese
+Zahl war im Wachsen (Humboldt a 1, 107); aber zur Zeit der Entdeckung
+betrug die Volkszahl in Tenuchtitlan, der alten Hauptstadt von Mexiko
+und dem ihm nahe gelegenen Tezkuko allein nach mittleren Angaben fast
+eine Million und das Land war dicht bedeckt mit grossen und volkreichen
+Staedten. Behm nimmt als jetzige unabhaengige Urbevoelkerung nur 6000 an
+(a.a.O.), eine Zahl, welche gegen Humboldts Angaben ausserordentlich
+gering ist: allein Behm schaetzt hier nur die Indianer ab, "welche sich
+den Behoerden vollstaendig entziehen", waehrend Humboldt auch die
+Eingeborenen mitbegreift, welche sich am europaeischen Leben so gut wie
+die spanischen Mexikaner betheiligen. Behm (114) schaetzt diese auf
+4,800,000. Natuerlich geht dies Aussterben auch jetzt noch weiter, wofuer
+v. Tschudi 2, 216 ein Beispiel gibt: die Malalies, ein araukanischer
+Stamm, 1787 noch ueber 500 Individuen stark, schmolzen in jener Zeit
+durch Kriege auf 26 Seelen zusammen. Obwohl sie nun 70 Jahre lang
+ansaessig sind und ungefaehrdet gelebt haben, ist ihre Zahl doch nicht
+hoeher als auf einige ueber dreissig gestiegen.
+
+In Afrika sind es die Hottentotten zunaechst, welche in den Kreis unserer
+Betrachtung hineingehoeren. Waehrend sie frueher sich weit hin in das
+Innere von Suedafrika ausdehnten und in eine zahlreiche Menge von
+einzelnen Staemmen zerfielen, finden wir sie jetzt auf sehr viel
+kleinerem Gebiete und aufgerieben bis auf 3 Staemme, die Korana, Namaqua
+und Griqua (Waitz 2, 317 ff.), deren Zahl fortwaehrend im Fallen ist.
+Auch die Kaffern muessen hier erwaehnt werden, denn im brittisch Kafraria
+hat sich 1857 die Bevoelkerung um mehr als die Haelfte vermindert: sie
+betrug am Anfang des Jahres 104,721 Seelen und am Ende desselben nur
+noch 52,186 (Peterm. 1859 S. 79 nach dem Population Return v. John
+Maclean Chief Commissioner): nach Behm jedoch (100) 1861 74,648
+Eingeborene.
+
+Es bleibt uns nun noch Australien und Ozeanien zu betrachten uebrig, wo
+an vielen Orten die Bevoelkerung rasch hinschwindet, so namentlich in
+Neuholland. Doch ist es gerade fuer dies Land schwer, ja ganz unmoeglich,
+Zahlen aufzustellen, weil die Staemme fortwaehrend hin- und herziehen und
+daher alle Zahlangaben sehr wenig zuverlaessig sind (Grey 2, 246). Die,
+welche Meinicke a 177 aufstellt, beweisen dies zur Genuege, und selbst
+die bei Behm (72) sind nicht sicherer. Nur von Suedaustralien, Queensland
+und Viktoria hat er bestimmte Zaehlungsergebnisse und so ist seine
+Gesammtziffer 55.000 nur eine sehr ungefaehre. Alle Quellen aber
+berichten einstimmig, dass die Bevoelkerung wenigstens der Kuesten
+reissend abnimmt; dass Staemme, welche frueher nach Hunderten zaehlten,
+jetzt vielfach bis auf ebenso viel Zehner zusammengeschmolzen sind. Die
+Bevoelkerung Tasmaniens betrug 1843 noch 54 Individuen, 1854 noch 16
+(Nixon 18) und ist jetzt wohl ganz ausgestorben.
+
+Wenn auch nicht so reissend, so vermindern sich doch auch die Melanesier
+an verschiedenen Gegenden ihres Gebietes: so nach Reina (Zeitschr. 4.,
+360), die Voelker der kleinen Inseln in der Naehe von Neuguinea: so nach
+D'Urville 5, 213 die Bewohner von Vanikoro, nach Turner 494 die
+Eingeborenen der neuen Hebriden, wie z.B. die Bevoelkerung von Anneitum
+1860, welche Turner auf 3513 Seelen schaetzt, 1100 Menschen durch eine
+Masernepidemie verlor (Muray bei Behm 77) und die von Erromango 1842
+durch eine gefaehrliche Dysenterie um ein Drittel vermindert wurde
+(Turner a.a.O.); und so finden sich noch verschiedene Angaben zerstreut.
+
+In Mikronesien ist die Bevoelkerung der Marianen, welche bei Ankunft der
+Spanier 1668 mindestens 78,000 Einwohner gehabt haben, fuer die aber auch
+100,000 durchaus nicht zu hoch gegriffen ist (Gulick 170) gaenzlich
+ausgestorben. Schon um 1720 hatten die Inseln (und zwar nur noch die
+beiden suedlichsten) nicht mehr als etwa 2000 Einwohner, und von diesen
+waren sehr viele von den Philippinen her verpflanzte Tagalen. Ponapi
+(Puynipet, Ostende der Karolinen) hatte nach Hale (82) 15.000 Bewohner,
+welche Annahme vielleicht etwas, aber nicht viel zu hoch ist[A]; jetzt
+hat sie (Gulick 358) noch 5000, Kusaie (Ualan) hatte 1852 12-1300, 1862
+nur noch 700 Menschen (Gulick 245).
+
+In Polynesien betrug auf Tahiti die Bevoelkerung zu Cooks Zeiten (1770)
+etwa 15-16,000 Seelen (G. Forster nach einer spanischen Beschreibung von
+Tahiti a.d. Jahre 1778 ges. Werke 4,211, Bratring 104, welcher derselben
+Quelle folgt oder wenigstens einer nahe verwandten). Dieselbe Zahl fand
+Wilson noch im Jahre 1797; Turnbull (259) gibt nur 5000 an im Jahre
+1803, Waldegrave bei Meinicke b, 113 6000 fuer 1830 und Ellis 1, 102 fuer
+1820 etwa 10,000, welche Zahl Virgin auch fuer 1852 angibt (2, 41). Moegen
+auch diese Zahlen unbestimmt und schwankend und Turnbulls Angaben
+negativ uebertrieben sein: so viel ist sehr klar, dass seit der
+Entdeckung durch die Europaeer die Entvoelkerung dieser Insel, welche
+indess nach den Aussagen der Eingebornen (Virgin 2, 41) schon frueher
+begonnen hatte, rasch fortgeschritten ist; bis unter die Haelfte der
+frueheren Kopfzahl sinken die Angaben. Auf den uebrigen Societaetsinseln
+war das Verhaeltniss (Meinicke a. a. O.) ein aehnliches. Auch jetzt
+scheint das Aussterben, obwohl langsamer, fortzugehen: der offizielle
+franzoesische Bericht fuer 1862 gibt fuer Tahiti 9086 Bewohner an (Behm
+81).
+
+Auf Laivavai, einer der Australinseln, betrug die Bevoelkerung 1822
+mindestens 1200, 1830 nur noch etwa 120 und 1834 kaum noch 100 Seelen
+(Moerenhout 1, 143). Guenstiger ist Meinickes Schaetzung, welcher auf der
+ganzen Gruppe Ende 1830 etwa 5000 Seelen, fuer 1840 nur noch 2000 annimmt
+(a.a.O. 114). Rapa schaetzte Vankouver 1795 auf 1500 Einwohner, Moerenhout
+(1, 139) 1834 nur noch auf 300 und diese waren in stetem Abnehmen. Auch
+die Herveygruppe, welcher Ellis 1, 102 10-11,000 Bewohner gibt, ist
+jetzt viel minder zahlreich bewohnt, namentlich Rarotonga, welches durch
+eine furchtbare Seuche im hoechsten Grade gelitten hat (Williams 281).
+
+Ganz ebenso schlimm ist es in Hawaii, wo nach Ohmstedt 262, die
+Bevoelkerung in den Jahren 1832-36 von 130,000 auf 102,000 Seelen, also
+in 4 Jahren um 28,000 Seelen gesunken ist! Mag Ohmstedt nun auch Recht
+haben, dass die Bevoelkerungsziffer fuer 1836 zu gering ist, weil eine
+Menge Geburten nicht angezeigt worden sind: so ist das Hinschwinden
+trotzdem ganz ausserordentlich, zumal die Insel zu Cooks Zeiten, der
+400,000 Einwohner angibt, wohl an 300,000 nach Jarves Berechnung (373)
+hatte. Die Zahlen bei Meinicke (b, 115-16 nach der Sandwich Isl.
+gazette) sind zwar nicht genau dieselben, das Verhaeltniss der Abnahme
+aber bleibt, auch wenn wir ihnen folgen, unveraendert. Nach Virgin 1, 267
+hatte die Hawaiigruppe 1823 etwa 142,000 Seelen, 1832 noch 130,313, 1836
+108,579 und 1850 betrug die Zahl nur noch 84,165! also in 78 Jahren hat
+sich die Bevoelkerung um ein Drittel gemindert und die Zahl der Geburten
+verhielt sich zu den Todesfaellen wie 1:3! Auch jetzt noch schreitet die
+Verminderung fort: die Zahl der Eingeborenen betrug nach dem Census von
+1860 nur 67,084 Seelen (Behm 85).
+
+Auch auf dem Markesasarchipel, dessen Bevoelkerung nach Meinicke (b, 115)
+22,000 Menschen betraegt, ist ein Hinschwinden bemerkt: so verlor
+Nukuhiva (Rodriguet in Revue de 2 mondes 1859 2, 638) von 1806-12 zwei
+Drittel seiner Bevoelkerung durch Hungersnoth. Auf Neu-Seeland betraegt
+die Abnahme der Bevoelkerung in den letzten 14 Jahren etwa 19-20 Percent;
+1770 betrug sie etwa 100,000 und 1859 noch 56,000 (Hochstetter 474, nach
+Fenton). Nach offiziellen Berichten im Athenaeum (Zeitschr. 9, 325),
+welche zu Hochstetters Angaben nicht ganz stimmen, war die Zahl der
+Eingebornen 1858 87,766, und zwar, auffallend genug, 31,667 Maenner und
+56,099 Frauen. Dagegen treffen die offiziellen Berichte von 1861
+(Meinicke c 557) mit Hochstetter ueberein: denn sie geben 55,336
+Eingeborene an. Letzteres ist wohl das richtigere. Nach Fenton (Reise
+der Novara 3, 178) verhielten sich bis gegen 1830 die Sterbefaelle und
+Geburten zur Gesammtbevoelkerung wie 1: 33,04 und 1: 67,12.
+
+Auf Samoa nimmt nach Erskine 104 die Bevoelkerung, 37,000 Seelen,
+gleichfalls ab, und zwar soll die Abnahme nach den Berichten der
+Missionaere in 10 Jahren auf einer Insel von 4000 bis zu 3700 oder 3600
+vorgeschritten sein (eb. 60).
+
+Auch die Pageh auf Engano, ein den Polynesiern aehnlicher malaiischer
+Stamm auf einer kleinen Insel suedlich von Sumatra sterben aus nach
+Wallands Urtheil, der auf der Insel eine aeusserst geringe Kinderzahl
+vorfand--nur fuenf im Ganzen (Zeitschr. 16, 420).
+
+
+
+
+Sec. 2. Empfaenglichkeit der Naturvoelker fuer Miasmen. Krankheiten, welche
+spontan bei der Zusammenkunft der Natur- und Kulturvoelker entstehen.
+
+
+Indem wir uns nun anschicken, die Gruende fuer dies Hinschwinden
+aufzusuchen, wollen wir zuerst vernehmen, wie man sich ueber die
+Lebensunfaehigkeit dieser Staemme geaeussert hat. Poeppig (386) sagt von
+Amerika: "Es ist eine unbezweifelte Thatsache, dass der kupferfarbene
+Mensch die Verbreitung europaeischer Civilisation nicht in seiner Naehe
+vertraegt, sondern in ihrer Atmosphaere ohne durch Trunk, epidemische
+Krankheiten oder Kriege ergriffen zu werden, dennoch wie von einem
+giftigen Hauche beruehrt ausstirbt. Die zahlreichen Versuche der
+Regierungen haben Sitte und Buergerthum unter jener Race nie einheimisch
+machen koennen, denn ihr fehlt die noethige Perfektibilitaet. Dieser Mangel
+macht die durchdachten und menschenfreundlichen Plaene der Erziehung zu
+nichte und rechtfertigt den Vergleich jener Menschheit mit jener eine
+eigenthuemliche Physiognomie tragenden, aber niederen Vegetation, die das
+dem Meere entstiegene Land zuerst in Besitz nimmt, aber in dem Masse wie
+hoeher ausgebildete und kraeftigere Pflanzen sich entwickeln, sich
+vermindert und zuletzt auf immer verschwindet. Wie sehr das menschliche
+Gefuehl sich gegen eine solche Annahme straeubt, so glauben wir doch in
+den Amerikanern _einen von der Natur selbst dem Untergang geweihten_
+Zweig unseres Geschlechtes zu sehen. In den leer gewordenen Raum tritt
+eine _geistig vorzueglichere_, beweglichere, aus dem Osten stammende
+grosse Familie. Wie diese ihrer Bestimmung zur allgemeinsten Verbreitung
+gehorsam sich ausdehnt und die entlegensten Wildnisse sich unterwirft,
+so legt die Urbevoelkerung sich zum Todesschlafe nieder und verschwindet
+selbst aus dem Gedaechtnisse des neuen Volkes. In weniger als einem
+Jahrhundert wird vielleicht die Forschung ueber die ersten Bewohner eines
+ganzen Welttheils dem Gebiete der Archaeologie ueberwiesen werden muessen,
+und dann erst wird das Tragische und Raethselhafte ihres Schicksals
+begriffen (?) und tief empfunden werden."
+
+So schrieb 1840 ein deutscher Gelehrter, der lange Reisen in Amerika
+gemacht hatte. Auch Carus Phantastereien von Tag-, Nacht- und
+Daemmerungsvoelkern (17 ff.) gehoeren hierher; seine westlichen
+Daemmerungsvoelker, "sie, die wirklich dem Untergange zugewendet sind und
+ihrem Verloeschen mehr und mehr entgegengehen", sind die Amerikaner;
+seine Nachtvoelker, welche sich "ueber Afrika ausdehnen und hinab gegen
+Sueden ueber Australien (!), Van Diemensland und einen Theil von
+Neuseeland (als Papus!!) erstrecken", stehen noch tiefer in ihrer
+geistigen Entwickelung und Faehigkeit. Ganz aehnlicher Ansicht ueber die
+Neuhollaender, wie Poeppig ueber die Amerikaner, scheint Meinicke zu sein,
+nur dass er sich verhuellter ausdrueckt; doch nennt er sie einen "dem
+Untergang _geweihten_" Volksstamm (c 522) und spricht hier n. a 2, 215
+von ihrer "gaenzlichen Unbildsamkeit". Viel direkter hat man von der
+Unbildsamkeit, von dem nothwendigen Untergang, von der geringen
+Lebensfaehigkeit der tieferstehenden und mangelhaft organisirten Racen in
+Amerika (Waitz 3, 45) und den Kolonieen in Afrika, Neuholland und
+Polynesien gesprochen; da man denn sich auch weiter kein Gewissen
+machte, den Untergang, welchem diese Racen nun doch einmal geweiht
+seien, damit auf ihren Truemmern sich das bessere Leben hoeherstehender
+Racen entwickeln koenne, mit allen Mitteln beschleunigen zu helfen.
+
+Aber auch vorurtheilsfreie Forscher sehen in diesem Hinschwinden etwas
+Raethselhaftes, so Waitz 1, 173, wenigstens in Beziehung auf Australien
+und Polynesien, da hier eine Hauptursache der Entvoelkerung, welche in
+Amerika so wirksam war, der Druck durch die Weissen, in Polynesien ganz
+wegfalle, in Australien wenigstens nicht weitgreifend gewirkt habe.
+"Begreiflicher Weise, faehrt er jedoch fort, ist das Aussterben eines
+Volkes, das frueher kraeftig und gesund gewesen ist, nicht damit erklaert,
+dass man ihm die Lebenskraft abspricht oder einen urspruenglichen Mangel
+der Organisation zuschreibt, und es hat an sich schon etwas sehr
+Unbefriedigendes fuer eine so seltene und abnorme Erscheinung einen
+geheimnissvollen Zusammenhang anzunehmen, dem sie ihre Entstehung
+verdanke; man wird vielmehr hier wie ueberall nach dem natuerlichen
+Zusammenhange der Sache zu suchen haben, wenn man sich auch schliesslich
+zu dem Gestaendnisse genoethigt finden sollte, dass es bis jetzt nicht
+gelingen will, denselben vollstaendig aufzuklaeren."
+
+Wir wollen sehen, ob wir zu diesem Gestaendniss genoethigt werden.
+
+Auch Darwin (2, 213) sieht bei diesem Aussterben, fuer welches er viele
+natuerliche Gruende anfuehrt, auch "noch irgend eine mehr raethselhafte
+Wirksamkeit" thaetig. "Die Menschenracen, sagt er, scheinen auf dieselbe
+Art aufeinander zu wirken, wie verschiedene Thierarten, von denen die
+staerkere die schwaechere vertilgt." Er macht darauf aufmerksam, dass fast
+bei jeder Beruehrung der Naturvoelker und der Weissen, oft auch von
+Staemmen ein- und desselben Volkes, welche in verschiedener Gegend
+wohnen, seuchenartige Krankheiten entstehen, oft bei voelliger Gesundheit
+der Schiffsmannschaft und der von ihr besuchten Voelkerschaft, "von denen
+alsdann vorzugsweise die niedere von beiden Racen oder die der
+Eingeborenen, welche in ihrem Lande von Fremden aufgesucht werden, zu
+leiden hat" (Waitz 1, 162). Und hierzu lassen sich die Beispiele
+allerdings haeufen. So sagt Humboldt (a 4, 392), dass in Panama und Calao
+der Anfang grosser Epidemien des gelben Fiebers "am haeufigsten durch
+die Ankunft einiger Schiffe aus Chile bezeichnet werde", obwohl doch
+Chile selbst eines der gesuendesten Laender der Welt sei und das gelbe
+Fieber gar nicht kenne; aber die schaedlichen Folgen der ausserordentlich
+erhitzten und durch ein Gemisch von faulen Duensten verdorbenen Luft, an
+welche die Organe der Eingeborenen gewoehnt seien, wirkten maechtig auf
+Individuen aus einer kaelteren Region. Aehnlich verhaelt es sich mit dem
+Ausbrechen des gelben Fiebers in Mittel- und Nordamerika, das
+eingeschleppt zu haben so haeufig die eine der genannten Gegenden
+Besuchern aus der anderen vorwirft (Humboldt a.a.O. 384). Die "grausame
+Epidemie" von 1794, wo Verakruz ungewoehnlich heftig vom gelben Fieber
+heimgesucht war, fing an mit der Ankunft dreier Kriegsschiffe (eb. 423).
+Ebenso schreiben die Einwohner Egyptens das Ausbrechen der Pest der
+Ankunft griechischer Schiffe zu und umgekehrt die Bewohner Griechenlands
+und Konstantinopels egyptischen (eb. 384), wobei keineswegs immer an
+eine Einschleppung zu denken ist. Auf Rapa (Australinseln) traten
+toedtliche Krankheiten nach dem Besuch von englischen Schiffen auf,
+welche die Haelfte der Eingeborenen dahinrafften (Moerenh. 1, 139); auf
+Tubuai (Australinseln) ward die Bevoelkerung durch Krankheiten, welche
+mit der Mission 1822 auftraten, auf die Zahl von 150 heruntergebracht
+(eb. 2, 343). Raivavai, welches 1822 noch 1200 Einwohner hatte, besass
+1830 etwa noch 120 durch gleiches Schicksal (eb. 1, 143). Williams
+(283-84) spricht es als seine eigene Erfahrung aus, dass die meisten der
+Seuchen, die er in der Suedsee erlebte, durch Schiffe, deren Mannschaft
+ganz gesund sei und nur auf ganz erlaubtem, gewoehnlichem Wege mit den
+Eingeborenen verkehrte, veranlasst wurden. Das erste Zusammentreffen
+zwischen Europaeern und Eingeborenen, sagt er, ist fast immer mit dem
+Fieber, mit Dysenterie u. dergl. bezeichnet; so starb auf Rapa die
+Haelfte der Eingeborenen aus; so entstand die furchtbare Seuche auf
+Rarotonga (Herveyinseln), die er 282 schildert. Ganz dasselbe sagt
+Virgin 1, 268; "Auch nur kurze Besuche von Fahrzeugen haben auf den
+Inselgruppen der Suedsee Krankheiten von mehr oder minder verderblicher
+Natur verursacht, die sich sogar erst laengere Zeit nachher gezeigt
+haben. Es hat sich dies auch sogar zugetragen, ungeachtet die Besatzung
+der Schiffe vollkommen gesund war und die Krankheiten sind nicht stets
+solche gewesen, welche moeglicherweise durch eigentliche Ansteckung
+mitgetheilt werden konnten oder welche in Europa zu denen gehoeren, deren
+Beschaffenheit in der Regel mehr oder weniger toedtlich ist." Von Tahiti
+erzaehlt Bratring 145, dass 1775 bei der Anwesenheit der Spanier unter
+Boenechea ein ansteckendes Katarrhalfieber ausbrach. Nach Cooks Besuch
+litt die Insel unter Dysenterie (Moerenh. 2, 425) und die Tahitier selbst
+schrieben schon um 1800 alle Krankheiten den Beruehrungen mit fremden
+Schiffen zu (Turnbull 266). Beechey 1, 94-95 berichtet Aehnliches von
+den Inseln Pitkairn. Bei regnichtem Wetter und bei gelegentlichen
+Besuchen von Schiffen, sagt er, leiden die Eingeborenen (eine
+Mischbevoelkerung von Tahitiern und Englaendern) staerker an Blutandrang
+(plethora) und Schwaeren als sonst; sie glauben ganz fest, dass diese
+Krankheiten durch den Verkehr mit ihren Gaesten, moegen diese selbst auch
+ganz gesund sein, herruehren. Das eine Schiff sollte ihnen Kopfschmerzen,
+ein anderes Scharbock, das dritte Geschwuere u.s.w. gebracht haben, wie
+sie denn auch von Beecheys Schiff, dessen Mannschaft ganz gesund war,
+aehnliches erwarteten: ja sie fuehlten schon Kopfweh und Schwindel.
+Beechey erklaert diese Zufaelle durch die Veraenderung ihrer Lebensweise
+waehrend solcher Besuche, da sie gegen ihre sonstige Gewohnheit dann viel
+Fleisch essen und reichlichere Kleidung tragen. Von Melanesien (Tanna)
+erzaehlt Turner 91 nach den Aussagen der Eingeborenen, welche alle
+Krankheiten, wie Fieber, Dysenterie, Husten u. dergl. "fremde Dinge"
+nennen, ganz Gleiches. Auch in Celebes (Waitz 1, 163) herrschte diese
+Meinung und ebenso auch bei den alten Marianern, welche nach jedem
+fremden (europaeischen) Schiff von einer Seuche heimgesucht zu werden
+behaupteten; so brachte 1688 ein Schiff von Mexiko, welches mit
+Verbrechern beladen an der Insel scheiterte, Rheuma, Fieber, Blutungen
+(le Gobien 376), und die Eingeborenen sahen alle Krankheiten als durch
+die Spanier eingeschleppt an (ebd. 140). Die Einwohner von St. Kilda
+(westl. v. d. Hebriden bei Schottl.) sind der festen Ansicht, fuer die
+sie eine lange Erfahrung haben, dass der Besuch eines Fremden ihnen
+Schnupfen bringe (Macculloch bei Darwin 2, 214).
+
+Nach dem medizinischen Theil der Novara Reise (1, 225) glauben die
+Eingeborenen der Nikobaren, dass die Kokosnuesse von den Baeumen fielen,
+sobald ein Missionaer die Insel betraete. So mag denn auch diese
+weitverbreitete Ansicht der Grund sein, weshalb in Ponapi, sobald ein
+Schiff in Sicht kommt, das Volk flieht und der Priester aufs
+Feierlichste die Goetter um Huelfe anruft (Gulick 175), wenn wir es hier
+nicht mit etwas Religioesem zu thun haben. Jedenfalls ist wohl zu
+beachten, dass die Naturvoelker vor der Bekanntschaft mit den Europaeern
+fast nichts von Krankheit wussten; weder die Marianer (le Gobien 140)
+noch die uebrigen Mikronesier (Chamisso) noch die Polynesier, von denen
+freilich die Neu-Seelaender, obwohl der Gesundheitszustand auch ihrer
+Insel im Allgemeinen trefflich war, von schweren Seuchen, die sie schon
+vor Cook heimgesucht haetten, erzaehlten (Dieffenbach 2, 12-14), noch die
+Neu-Hollaender, Hottentotten und Amerikaner (Waitz 1, 140-41).
+
+Fuer die Indianerstaemme steigert sich die Wirkung solcher Epidemien noch
+durch Folgendes, was v. Tschudi, einer der ausgezeichnetsten Kenner der
+amerikanischen Voelker, 2, 216 sagt: "Es ist eine hoechst eigenthuemliche
+Erscheinung, dass Indianerstaemme, die durch Krieg oder Epidemien
+ploetzlich sehr stark reducirt wurden, sich in der Regel nie wieder
+erholen und nur noch als wenig zahlreiche Familien gewoehnlich Jahrzehnte
+lang hinsiechen, bis sie endlich ganz aussterben. Bei ihnen tritt nicht
+mehr die Vermehrungsprogression ein, wie sie vor dem vernichtenden
+Schlage stattgefunden hatte, und bei anderen unter den naemlichen
+physischen Bedingungen lebenden Voelkern beobachtet wird. Meines Wissens
+ist dieses Verhaeltniss noch nirgends eroertert worden. Ich habe es bei
+einem genauen Studium der Geschichte der nord- und suedamerikanischen
+Indianer als Regel gefunden. Sehr verminderte Fruchtbarkeit des Weibes
+ist die Hauptursache: auf welchen physiologischen Einwirkungen sie aber
+beruht, ist wohl schwer zu ermitteln." Waitz freilich (1, 163) bringt
+Beispiele vom Gegentheil: die Creeks (nach Simpson), die Winibegs (nach
+Schoolcraft), die Apachen (Kendall) u.s.w. haben sich nach schweren
+Epidemien wieder erholt. Wir kommen hierauf zurueck.
+
+Man hat nun diese auffallende Erscheinung, dass Krankheiten durch
+Beruehrung gesunder, aber aus verschiedener Gegend oder Race stammender
+Menschen entstehen, zu erklaeren versucht. Darwin, der in Shropshire
+gehoert, dass gesunde Schafe, die aber auf Schiffen eingefuehrt wurden, in
+einem Pferch zu anderen gebracht, diese krank machen, Darwin meint, dass
+das Effluvium von Menschen--und wohl auch, nach dem letzten Beispiel,
+von Thieren--die lange Zeit eingeschlossen gewesen seien, giftig auf
+andere wirke, namentlich dann, wenn sie von verschiedenen Racen waeren
+(2, 214); eine Ansicht, welche indess weder von medizinischer Seite noch
+durch die Erfahrung bestaetigt wird.
+
+Will man sich aber mit Waitz dabei begnuegen zu sagen, dass beim
+Zusammentreffen verschiedener Racen, selbst bei voelliger Gesundheit
+beider, sich bisweilen Krankheiten erzeugen, welche dann meist die
+niedere Race ergreifen, so kommt einmal durch das Wort niedere Race
+leicht etwas Missverstaendliches in den Ausdruck, und andererseits wird
+nichts durch dies blosse Zusammenfassen der Erscheinung erklaert. Dazu
+kommt, dass z.B. der Bericht Humboldts ueber das gelbe Fieber in Panama
+und Callao sich ja auf gleiche Racen bezieht und eben so doch auch die
+Angabe Darwins von den Schafen. Und wenn man ferner die Geschichte der
+kultivirten Voelker betrachtet, so findet man eine aehnliche Erscheinung:
+eine neu auftretende Krankheitsform wuethet viel allgemeiner und
+verheerender, als eine fortwaehrend herrschende; so die Pest, der
+schwarze Tod, die Pocken, die Cholera u.s.w., die dann oft nach und nach
+verloeschen. Die Pocken aber hat man dadurch unschaedlich gemacht, dass
+man eine verwandte, aber unschaedlichere Krankheitsform einimpft. Es
+scheint also, als ob der menschliche Koerper um so empfaenglicher fuer ein
+Miasma oder einen Krankheitsstoff ist, je ferner und freier von
+demselben er frueher war. Ist er aber, wie bei der Pockenimpfung
+geschieht, durch ein Minimum des Giftes affizirt und dadurch anders
+disponirt worden, so dass er sich nun allmaehlich an jenen feindlichen
+Stoff gewoehnt, ihn der eignen Natur und die eigene Natur ihm
+einigermassen assimilirt hat: so hat er dadurch Faehigkeit zum Widerstand
+gegen die Krankheit gewonnen, da sie ja nun seiner Natur nicht mehr
+absolut feindlich ist; daher denn solche Seuchen nach und nach
+erloeschen, denn die Ueberlebenden werden nach und nach durch das
+Einathmen der miasmatischen Luft koerperlich selbst immer fester.
+Keineswegs hilft aber eine solche Gewoehnung fuer alle Zeit, wie ja auch
+die Pocken nach bestimmten Zeitraeumen von neuem eingeimpft werden
+muessen. Merkwuerdig, aber fuer uns wichtig genug ist, was Humboldt a 1, 92
+ueber diese Krankheit in Mexiko sagt: "die Pocken scheinen
+ihre Verwuestungen nur alle 17 Jahre anzurichten. In den
+Aequinoktial-Gegenden"--ob das aber nicht in allen Gegenden oder
+wenigstens bei allen menschlichen Individuen auf gleiche Weise
+gilt?--"haben sie, wie das schwarze Erbrechen und mehrere andere
+Krankheiten, ihre festen Perioden, an denen sie sich regelmaessig wieder
+einfinden: und man moechte glauben, dass sich in diesen Laendern die
+Anlage der Eingeborenen fuer gewisse Miasmen nur in sehr weit von
+einander entfernten Perioden erneuert; indem die Pocken, deren Samen
+sehr oft von europaeischen Schiffen gebracht wird, nur in sehr
+ansehnlichen Zwischenraeumen epidemisch, aber auch dem Erwachsenen nur
+desto gefaehrlicher werden." Alles dies scheint sehr fuer unsere obige
+Annahme zu sprechen. Der Europaeer, der Civilisirte kommt nun fortwaehrend
+mit unendlich mehr Krankheitsstoffen und Miasmen, in den meisten Faellen
+ohne es selbst zu merken, in Beruehrung, als der im Naturzustande und der
+freien Natur lebende Mensch. Und nicht nur durch eigene Gewoehnung von
+Kindheit an, sondern auch durch Vererbung der Accommodation von Eltern
+und Grosseltern her hat er eine viel groessere Widerstandsfaehigkeit gegen
+solche schaedliche Einfluesse, als sie jemals frueher Isolirte und
+namentlich, wenn sie vielleicht schon erwachsen zuerst mit diesen
+Einfluessen in Beruehrung kommen, sich erwerben koennen. Hiergegen spricht
+nicht, wenn einzelne Individuen der Naturvoelker gesund etwa in Europa
+laengere Zeit gelebt haben. Denn in den meisten Faellen ist da eine
+Gewoehnung von Jugend auf eingetreten und jedenfalls sind alle solche
+Faelle wissenschaftlich nur dann zu verwerthen, wenn man die Geschichte
+des Besuchers, seine Natur, die Natur seines Volkes u.s.w. bis ins
+Einzelne verfolgen kann. Uebrigens gibt es auch Beispiele genug, dass
+solche Besuche ungluecklich abliefen: Liholiho, der Sohn Tamehameha I.
+und seine Gemahlin starben bei ihrem Aufenthalt in England, wo alle
+Sorgfalt ihnen zu Theil wurde, an den Masern bei raschem Verlauf der
+Krankheit; und der Prinz Libu, welchen Wilson gegen Ende des vorigen
+Jahrhunderts von den Palau-Inseln mit nach England genommen hatte und
+dort sehr sorgfaeltig pflegte, an einer aehnlichen Krankheit, kurz nach
+seiner Ankunft (Keate die Pelewinseln, Schluss). Jetzt beweisen solche
+Besuche um so weniger, als jetzt die meisten Voelker Bekanntschaft mit
+der weissen Race haben.
+
+Nach alledem wuerde es kein Wunder, nichts Raetselhaftes sein, wenn die
+Naturvoelker gegen solche Miasmen, die auch von ganz Gesunden ganz
+unbemerkt eingeschleppt werden koennen, um so empfaenglicher und
+empfindlicher sind, je weniger sie Schutz durch irgend welche Gewoehnung
+haben; daher denn solche Krankheiten, welche scheinbar unerklaerlich
+entstehen, mit einer Heftigkeit wuethen, wie, vor Zeiten die Pest. So
+erzaehlt Williams (280 ff.), dass bei jener Seuche auf Rarotonga von
+mehreren tausend Einwohnern kaum ein einziger ganz davon befreit
+blieb.--Die Krankheiten, welche am meisten so ganz spontan dem Schein
+nach entstehen, sind Dysenterie, Influenza, Fieber, Blutungen,
+Geschwuere, Husten und Hautkrankheiten. (Einige Belegstellen: Turner 91;
+Dieffenbach 2, 12-14; le Gobien 376; Beechey 1, 94-95.)
+
+Dass auch Geschwuere genannt werden, koennte auffallen. Die ausbrechenden
+Krankheiten richten sich jedenfalls theils nach den Miasmen, durch
+welche sie hervorgerufen sind, theils und wohl ganz besonders nach der
+Natur des Inficirten. Wie ja bei herrschenden Epidemien oder in der Naehe
+gefuellter Krankenhaeuser jede Krankheit, jede oft unbedeutendste
+Verwundung durch den giftigen Einfluss der Miasmen schlimmer werden, ja
+bis zum Tode fuehren kann, auch ohne in die herrschende Krankheitsform
+ueberzugehen: ebenso natuerlich ist es, dass sich solche eingefuehrten
+Miasmen gerade auf den Theil des inficirten Organismus werfen, welcher
+schon zuvor, in den meisten Faellen gewiss gleichfalls unbewusst, der
+schwaechste oder gerade bei der Einfuehrung des Miasma irgendwie erregt
+oder afficirt war. Auch erklaert es sich hieraus, wie bei gleichen
+Miasmen--vorausgesetzt, dass sie gleich sind; denn eine
+Schiffsmannschaft kann leicht verschiedene zugleich
+bringen--verschiedene Individuen, wie sich das gar nicht selten zeigt
+(z.B. bei Turner in Melanesien, bei le Gobien auf den Marianen, bei
+Beechey auf Pitkairn) verschiedene Krankheiten bekommen koennen.
+
+So erklaert sich das raethselhafte Faktum (welches als Faktum durch die
+sichersten und verschiedenartigsten Zeugnisse feststeht), dass eine
+gesunde Schiffsmannschaft gesunden Menschen Krankheiten bringen kann[B].
+Dabei duerfen wir nicht unerwaehnt lassen, was Humboldt an sich und
+seinen Begleitern in Centralamerika beobachtete: "Es kommt haeufig vor,
+sagt er b 6, 142, dass sich bei Reisenden die Folgen der Miasmen erst
+dann aeussern, wenn sie wieder in reinerer Luft sind und sich zu erholen
+anfangen. Eine gewisse geistige Anspannung kann eine Zeitlang die
+Wirkung krankmachender Ursachen hinausschieben." Denn aus diesem Satze
+erklaeren sich manche Erscheinungen bei jenen spontanen Krankheiten der
+Naturvoelker--so darf man wohl, ohne Gefahr missverstanden zu werden, die
+Krankheiten nennen, welche nach der blossen Beruehrung mit den
+Kulturvoelkern, ohne direkte Einschleppung entstehen--Erscheinungen,
+welche sonst auffallen muessten. So, dass diese Uebel waehrend der
+Anwesenheit der Europaeer noch nicht verspuert werden, denn jene
+Schwindel- und Kopfwehanfaelle der Pitkairner noch waehrend Beecheys
+Besuch beruhten sicher, nach aecht polynesischer Art, auf anticipirender
+und uebertreibender Einbildung; dann, dass sie ungleich seltener bei
+feindlichem Zusammenstoss zweier Racen sich zeigen, welcher freilich
+meist auch von kuerzerer Dauer ist, als ein freundlicher Besuch. Auch
+scheint es, als ob das Durchmachen _einer_ Epidemie gegen Miasmen
+verschiedener Art abhaerte; wiewohl es gar nicht selten ist, dass ein und
+derselbe Volksstamm von mancherlei Seuchen nach einander (oder auch von
+derselben wieder) heimgesucht wird. Doch ist dann fast immer der erste
+Anfall der verheerendste.
+
+Jedenfalls aber haben wir hier die erste Ursache fuer das Aussterben der
+Naturvoelker: ihre leichte Empfaenglichkeit fuer Miasmen, welche die
+Kulturvoelker ohne Wissen und Willen und bei eigener Gesundheit, zu ihnen
+bringen; und die geringe Widerstandsfaehigkeit ihres Organismus gegen
+solche durch jene Miasmen entstehende Krankheiten.
+
+
+
+
+Sec. 3. Direkt eingeschleppte Krankheiten.
+
+
+Zu diesen eben besprochenen Krankheiten kommen noch andere hinzu, deren
+Mittheilung zwar auf demselben Grunde beruht, den wir im vorigen
+Paragraphen betrachteten, die aber doch, da man sie als direkt
+eingeschleppte allgemein betrachtet und nachweisen kann, fuer den
+Beobachter weit mindere Schwierigkeit bieten. Hierher gehoeren aber
+gerade die furchtbarsten Seuchen, welche die Naturvoelker betroffen
+haben; und kann man sich denken, wie verheerend sie auf die
+empfaenglichen Naturen jener Voelker wirkten. Nicht bloss Weisse haben sie
+eingeschleppt: auch einzelne Zweige desselben Stammes haben andere mit
+solchen Gaben bedacht. So ward ein boeser Aussatz von Polynesien aus Rapa
+nach Pitkairn verschleppt und den Bewohnern dieser Insel gefaehrlich; und
+andere gleiche Beispiele finden sich. Schlimmer aber ist, was die
+Weissen brachten, vor allen Syphilis und Blattern. Erstere Seuche ist
+zwar ueberall bekannt genug, wo die Europaeer hinkommen, und so also auch
+von Alters her in Afrika und Amerika, wo sie eingeschleppt wurde (in
+Californien nach Rollin, La Perouses Schiffsarzt bei La Perouse 2, 289;
+in Guyana nach Schomburgk 2, 336). Gefaehrlicher aber ist sie vor allen
+fuer die Polynesier geworden, denn hier beguenstigte ihre Mittheilung und
+Verbreitung die ausserordentliche Luederlichkeit dieser Voelker gar sehr;
+und da die Polynesier durch ihre Lueste vielfach entnervt waren, so
+wurden hierdurch auch die Formen dieser Krankheiten immer grauenvoller.
+Und so finden wir sie hier vom aeussersten Osten bis zum fernsten Westen.
+Auf Waihu (Osterins.) ist sie jetzt haeufig eingeschleppt von Europaeern
+(Moerenhout 1, 26). Auf Neu-Seeland findet sie sich, namentlich an den
+Kuesten, wo die Eingeborenen mit den Europaeern am meisten verkehren, und
+so schlimm, dass eine Menge Verwachsungen u. dergl. durch sie entstehen
+(Dieffenbach 2, 17-25). Auf Tonga hatte sie Cooks Mannschaft, wie Cook
+selbst erzaehlt dritte Reise 2, 390 eingeschleppt; doch kann sie hier
+nicht allzu heftig gewirkt haben, denn Mariner (2, 270) gibt an, dass
+durchaus nichts Syphilitisches sich auf der Gruppe finde und dass ein
+Fall, welcher auf franzoesischer Ansteckung beruhte, so rasch toedtlich
+verlief, dass er weiter keine Folgen hatte. Allein ob nicht die Art von
+Gonorrhoee mit ardor urinae, die er 268 als in Tonga heimisch erwaehnt,
+doch noch vielleicht von Cooks Mannschaft herstammte? Auch auf dem
+Gilbertarchipel und den Ratakinseln--denselben Inseln, wo Chamisso
+Anfang dieses Jahrhunderts so paradiesische Tage verlebte--ist die
+Syphilis und andere Seuchen durch europaeische Seeleute eingeschleppt
+(Meinicke Zeitschr. 398), wie denn ueberhaupt Mikronesien auch sonst sehr
+durch solche boesen Einwirkungen gelitten hat (Gulick 245).
+
+Aber am schlimmsten hat diese Seuche auf Tahiti und Hawaii gewuethet. In
+Tahiti ist sie so allgemein, dass fast jede Familie von ihr beruehrt ist
+(Moerenhout 1, 228-29); und schon um 1790 waren zwei Fuenftel der Insel
+venerisch (eb. 2, 425). Da nun diese entsetzliche Krankheit theils gar
+nicht, theils schlecht geheilt und behandelt wurde, so ward sie ein
+Hauptmittel fuer die Dezimirung der Eingeborenen (eb. 2, 405). Vankouver
+(1790) spricht von den Verheerungen, die sie unter den tahitischen
+Weibern angerichtet hatte (1, 111): sie musste also schon lange
+verbreitet sein und ist zweifelsohne gleich von den ersten Besuchern
+eingeschleppt, gleichviel ob von Wallis (Anfang 1767) oder Von
+Bougainville (1767, 15. Apr.), genug, Cook fand sie vor. Meinicke zwar
+(b, 118) versucht zu beweisen, dass dies Uebel in der Suedsee schon
+heimisch war, vor der Beruehrung mit den Europaeern: allein sein Beweis
+ist ihm nicht gelungen und seiner Hypothese stehen die gewichtigsten
+Autoritaeten entgegen, so Cook selbst fuer Tahiti (dritte Reise 2, 331)
+und fuer Hawaii (King ebendas. 4, 379), Turnbull (291) fuer Tahiti und so
+noch andere. Auch thut Meinicke nicht recht, das Zeugniss der
+Eingeborenen fuer so ganz nichtig zu halten; um so weniger, als die
+Tahitier nach Cook sehr bestimmt Bougainvilles Schiff als das
+bezeichneten, welches die verhaengnissvolle Gabe brachte, sich also
+keineswegs in allgemeinen Behauptungen hielten. Auch was Cook a.a.O.
+390-91 ueber die Schwierigkeit, Ansteckung zu verhueten, die Gesundheit
+der eigenen Mannschaft zu ermitteln und die Leichtigkeit, mit der sich
+die Krankheit ausbreitet, und gewiss sehr richtig auseinandersetzt,
+spricht gegen Meinicke. Allerdings stuetzt dieser sich fuer die
+Sandwichgruppe auf den Umstand, dass, obwohl Cook zuerst nur auf Atuai
+und Onihiau landete, er gleichwohl schon neun Monate spaeter die Seuche
+auf Maui verbreitet fand--was auch La Perouse mit mehreren anderen
+Gruenden medizinischer Art, die aber nicht ganz stichhaltig erscheinen
+(1, 246, 276), als Grund gegen die Einschleppung durch Cook anfuehrt. Er
+schreibt die erste Verbreitung dieser Seuche den Spaniern zu, welche im
+16. Jahrhundert oefters die Hawaiigruppe besucht haben. Wenn man nun auch
+auf die rasche Verbreitung der Krankheit, wie sie bei der Luederlichkeit
+und dem fortwaehrenden Verkehr der Eingeborenen nur zu moeglich war,
+hinweisen koennte, so ist uns das fuer unsere Zwecke gleichgueltig; genug
+die Seuche ist jetzt ueberall verbreitet in Polynesien und Meinicke gibt
+ja selbst zu, dass die Eingeborenen wenigstens die schwereren Formen des
+Unheils den Europaeern verdanken. Jedenfalls sind die Verheerungen,
+welche gerade diese Krankheit in Polynesien angerichtet hat, auch wenn
+es Meinicke nicht ganz zugeben will, entsetzlich genug, wie aeltere und
+neuere Schriftsteller einstimmig bezeugen. (Vergl. ueber Hawaii noch
+Virgin 1, 265; Rollin bei La Perouse 2, 271; ueber Tahiti Turnbull 291;
+Cook dritte Reise 2, 331). Doch scheint es, als ob in Tahiti sich jetzt
+(1852) der Gesundheitszustand wieder gehoben habe (Virgin 2, 41). Auch
+werden von frueher (Cook a.a.O. 2, 331) schon Beispiele erwaehnt, wo
+Infizirte, freilich selten genug, von selbst genassen. Nur in Tonga
+scheint, bei dem keuscheren Leben der Tonganer das Unheil wenigstens
+nach Mariners Bericht, nicht um sich gegriffen oder doch leichtere
+Formen nach und nach angenommen zu haben.
+
+Die Seuche ist auch unter den Eingeborenen von Neu-Holland verbreitet
+und auch hier will Meinicke (a 2, 179) die Annahme, sie sei ihnen von
+den Europaeern gebracht, als "aeusserst unwahrscheinlich" dadurch
+beweisen, dass bei der Gruendung der Colonie von Sydney und auch
+neuerdings diese Krankheit tief im Inneren des Continentes gefunden sei.
+Als ob das bei dem Wanderleben dieser Staemme auffallen koennte! als ob
+sie nicht schon vor der Gruendung der Colonie mit Europaeern und wahrlich
+nicht mit den reinsten in mannigfacher Beruehrung gewesen waeren! Den
+Aleuten, bei denen es Cook schon vorfand (dritte Reise 3, 265), und den
+Kamtschadalen ist dieses Unheil von den Russen, den Pelzhaendlern,
+mitgetheilt. Da nun aber die Kamtschadalen ebenfalls zu Ausschweifungen,
+sei es im Trunk, sei es in der Liebe, geneigt waren, so sind auch hier
+seine Folgen nicht ohne Gewicht fuer unsere Betrachtung.
+
+Bei weitem schlimmer, aber und allgemeiner haben die Blattern gewuethet,
+die schlimmste Geissel aller Naturvoelker. Am bekanntesten ist dies von
+Amerika, in dessen noerdlicher Haelfte sie zuerst um 1630 auftraten (Waitz
+b, 15). Neun Zehntel von den Nordindianern rafften sie hin; die
+Mandans starben 1837 fast ganz aus, die Schwarzfuesse schmolzen durch
+sie von 30-40,000 auf 1000 zusammen: aehnlich erging es anderen
+nordamerikanischen Staemmen, den Kraehenindianern, Minetarris, Cumanchen,
+Rikkaris; von den Omahas und den Eingeborenen des Oregongebietes erlagen
+ihnen zwei Drittel, von den Californiern die Haelfte (Waitz 1, 161).
+Aehnlich wuetheten sie unter den Voelkern von Suedamerika, den Indianern
+von Paraguay und Gran Chako, den Puelchen, den Cariben, den Araukanern,
+in Peru, am Maranon, in Guyana, wo ganze Voelkerstaemme durch sie
+aufgerieben sind. Nie aber sind sie, wie Humboldt b 4, 224 bezeugt, am
+oberen Orinoko aufgetreten, obwohl sie bei den Voelkern Brasiliens wieder
+ihre ganze Furchtbarkeit zeigten, bei den Chaymas, die 1730-36 von ihnen
+dezimirt wurden (Humboldt eb. 2, 180), bei den Chiquitas (Waitz 3, 533),
+welche schwer von ihnen zu leiden hatten. Nicht minder heftig aber
+traten sie bei den kultivirten Staemmen Amerikas auf.
+
+In Mexiko brachen, nach Torribio, die Pocken eingeschleppt durch einen
+Negersklaven 1520 zuerst aus und rafften gleich damals die Haelfte der
+Mexikaner hin (Humboldt a 1, 97); nach Herrera traten sie schon 1518 auf
+(Poeppig 373) und schon 1517 mit denselben Verheerungen, ohne jedoch
+einen Europaeer hinzuraffen, auf den Antillen, zu deren Entvoelkerung sie
+wesentlich beigetragen haben. Ueberall, in ganz Amerika, waren die
+Verwuestungen so arg, dass die Todten bisweilen unbeerdigt blieben, weil
+es an Haenden hierzu fehlte (Waitz b, 15). Man begreift es, dass, wenn
+die Pocken ausbrachen, die Indianer im aeussersten Entsetzen vielfach
+ihre Huetten verbrannten, ihre Kinder toedteten und in die Einsamkeit
+flohen (Humboldt b 4, 224); oder dass z.B. die Chilesen die Huette mit
+sammt den in ihr liegenden Kranken verbrannten (Waitz 1, 161). Waitz ist
+der Ansicht und wir stimmen ihm bei, denn alle Quellen sprechen dafuer,
+dass diese Krankheit zahlreichere Opfer forderte, als Krieg und
+Branntwein zusammengenommen; dass ihr gewiss die Haelfte bis zwei Drittel
+der Urbevoelkerung Amerikas erlegen sind.
+
+Allein nicht bloss auf Amerika beschraenken sich die Verheerungen der
+Pocken. 1767 brachen sie, eingeschleppt durch einen russischen Soldaten,
+in Kamtschatka aus und wuetheten wie die Pest: nicht weniger als 20,000
+Kamtschadalen, Kuriler und Koriaeken sollen ihnen erlegen sein. Ganze
+Doerfer starben aus und Cooks Reisebegleiter fanden selbst noch eine
+Menge ganz leer stehender Doerfer vor. Ein anderes, vor der Epidemie mit
+360 Menschen bevoelkert, hatte nachher noch 36 Seelen (Cook 3. Reise 4.
+174-75). Aehnliche, wenn auch minder starke Epidemien traten 1800 und
+1801 auf, welche gegen 5000 Kamtschadalen dahinrafften und bei dem schon
+lange immer mehr um sich greifenden Schwinden der Bevoelkerung so
+verheerend wirkten, dass in den Ostrogen (kleinen Doerfern des Inneren),
+welche vorher meist 30-40 Einwohner hatten, nachher meistens nur 8-10,
+in einigen wenigen 15-20 Bewohner uebrig blieben (Krusenstern 3, 49. 52.
+2. Theil, 2. Abtheil. Cap. 8).
+
+Auf Neuholland brachen die Blattern zuerst 1789 aus und verwuesteten ganz
+Cumberland; 1830 verheerten sie, bis zur Nordkueste hin das Innere von
+Ostaustralien (Meinicke a 2, 179). Auch diese Seuche entstand nach
+Meinicke a.a.O. ohne Einschleppung spontan unter den Eingeborenen. Von
+einer furchtbaren Pockenepidemie auf Ponapi (Puinipet, Banabe,
+Carolinen) erzaehlt die Novarareise 2, 395: die Krankheit war durch einen
+englischen Matrosen eingeschleppt und raffte 3000 Menschen hin; 2000
+blieben uebrig. Auf der Hawaiigruppe starben 1853 an den Pocken 5-6000
+Menschen (Waitz 1, 176).
+
+Auch die Hottentotten, wenigstens in der Naehe der Capstadt, sind
+wesentlich durch die Pocken vermindert (Waitz 2, 346).
+
+Ausser dieser Krankheit haben dann die Masern und Roetheln schlimm unter
+den Naturvoelkern gehaust, so in Brasilien, Guyana, im Mosquitolande
+(Waitz 1, 162), in Neuholland (Darwin 2, 213); und noch gefaehrlicher
+verschiedene Fieber, welche z.B. die Oregonindianer schwer heimsuchten,
+die oberen Tschinuks 1823 von 10,000 auf 500 zusammenschmolzen und zwar
+so schnell, dass die Zahl der Ueberlebenden nicht hinreichte, die Todten
+zu begraben (Wilkes und Haie bei Waitz 1, 162).
+
+Doch sind wir durch diese Fieber bei den Seuchen angekommen, denen die
+Naturvoelker vor dem Auftreten der Europaeer unterworfen waren.
+Epidemische Krankheiten sind zwar vorher selten, doch finden sie sich
+auch. So jene Seuche, welche vor Cook auf der Ostkueste von Neu-Seeland
+wuethete, und zwar so heftig und rasch, dass auch hier nicht alle Todten
+begraben werden konnten (Dieffenbach 2, 12-14); so die Fieber, welche,
+wie es scheint, durch das Klima hervorgerufen am Orinoko epidemisch sind
+(Humboldt b 4, 215), so und vor allen jene beruechtigte mexikanische
+Krankheit, Matlazahuatl von den Eingeborenen genannt, ein furchtbares,
+dem gelben Fieber verwandtes Gallenfieber mit Blutbrechen, das schon
+lange vor Cortes Ankunft in Mexiko, ja wohl schon im 11. Jahrhundert
+unter den Tolteken, die damals noch in Nordamerika waren, herrschte
+(Humboldt a 4, 379), wie sich denn ueberhaupt die Krankheit mit
+Leichtigkeit in die kalte Zone verpflanzt und ihr "die kupferfarbige
+Race in beiden amerikanischen Haelften seit undenklichen Zeiten
+unterworfen ist" (eb. 380). Wie furchtbar aber diese Krankheit wuethete,
+geht aus den Zahlen hervor, welche Torquemada fuer die beiden Epidemien
+1545 und 1576 angibt: 1545 sollen 800,000, 1576 zwei Millionen Indianer
+gestorben sein (Humboldt a 1, 97). Mag auch Humboldt, obgleich er sich
+verwahrt, Torquemadas Glaubwuerdigkeit anzuzweifeln, Recht haben--und er
+hat es gewiss--dass diese Zahlen nur auf ungefaehrer und ungenauer,
+vielleicht uebertriebener Schaetzung beruhen: auch wenn wir die Ziffern
+halbiren, welch furchtbarer Verlust an Menschenleben bleibt immer noch!
+Humboldt meint (a.a.O.), dass auch diese Krankheit sich alle hundert
+Jahre einmal zeige: da er aber 4, 379 die Jahre 1545, 1576, 1736, 1761
+und 1762 als Jahre, worin die Krankheit wuethete, aufstellt, so ist, wenn
+anders die Periodicitaet dieser Krankheit richtig ist, ihr Erscheinen in
+den einzelnen Jahren dann auf Staemme und Landschaften eingeschraenkt,
+welche sie frueher nicht hatten.
+
+Einen Hauptgrund fuer die furchtbare Wirksamkeit solcher eingeschleppter
+Krankheiten, auf den wir spaeter zurueckkommen, fuehrt Humboldt an, wenn er
+a 4, 410-11 sagt: "Die Niedergeschlagenheit des Geistes und die Furcht
+vermehren natuerlich die Praedisposition der Organe, um die Miasmen
+aufzunehmen; daher es kein Wunder ist, wenn solche Epidemien namentlich
+dann besonders heftig sind, wenn sie von siegreichen Eroberern
+eingeschleppt werden."
+
+
+
+
+Sec.4. Behandlung der Kranken bei den Naturvoelkern.
+
+
+Alle diese Krankheiten nun, welche den Naturvoelkern durch die eigene
+Natur derselben gefaehrlich genug waren, wurden es noch mehr durch die
+ganz verkehrte Art, mit der jene Voelker Krankheiten behandelten. Die
+Syphilis ward dadurch so gefaehrlich in Polynesien, dass man sich theils
+gar nicht um sie kuemmerte, theils aber, wenn man es that, das Uebel nur
+vermehrte. So glaubte man in dem berauschenden Kavatrank, der aus den
+Wurzeln des Piper methysticum bereitet wird, ein Mittel gegen sie
+gefunden zu haben, und es konnte doch nichts Gefaehrlicheres angewendet
+werden, als bei dieser Krankheit dieses Mittel, das denn auch nicht
+verfehlte, die Wirkungen der Seuche erst recht schlimm zu machen
+(Moerenhout 2, 405). In Amerika wendete man gegen die Blattern
+vornehmlich Dampfbaeder mit unmittelbar folgenden kalten Abwaschungen an
+und in Neuholland und Polynesien ausserdem noch andere und noch
+thoerichtere Mittel; natuerlich wurde schon durch diese Kuren die
+Krankheit fast immer toedtlich. Dass sich aber diese Voelker bei neuen
+unerhoerten Krankheiten nicht zu helfen wussten, wird uns nicht Wunder
+nehmen, wenn wir sehen, wie sie sich Kranken gegenueber fuer gewoehnlich zu
+benehmen pflegen.
+
+Die Neuhollaender haben fuer ihre Kranken nur eine Ceremonie der Priester,
+welche den boesen Geist, der im Kranken sitzt, oder den Zauber, der ihn
+krank macht, beschwoert, indem er unter allerlei Faxen einen Stein, meist
+ein glaenzendes Stueck Quarz, aus dem Kranken zieht und damit ihn vom
+Zauber, der in jenen Stein eingeschlossen ist, befreit (Grey 2, 337). Da
+nun jede Krankheit auf Bezauberung beruht und zwar haeufig auf Entziehung
+der Seele, welche im Nierenfett ihren Sitz hat (Howitt 189), so wurde in
+einigen Gegenden der Kranke mit dem Nierenfett dessen, den man fuer den
+versteckten Moerder hielt und dem man es oft noch lebend ausschneidet
+(Angas 1, 123), bestrichen: oder man versucht die Krankheit aus dem
+betreffenden Glied auszusaugen, durch Aderlass zu entfernen, den boesen
+Geist, indem man den Kranken knetet, schlaegt, tritt und sonst
+misshandelt, zu verjagen u. dergl. mehr. Geschickter sind die
+Neuhollaender im Behandeln aeusserer Verletzungen; auch haben sie manche
+rationelle Mittel gegen den Biss giftiger Schlangen (Brehm Thierleben 5,
+262).
+
+So ziemlich dasselbe Bild wird nun von der Heilkunst aller Naturvoelker
+zu entwerfen sein. Auf den Fidschiinseln werden schwer Kranke schon als
+todt betrachtet, aufgeputzt und ausgestellt (Williams und Calvert 183);
+Ruecksicht nimmt man auf sie durchaus nicht, hat vielmehr, da man sie fuer
+boeswillig haelt und glaubt, dass sie die Gesunden nur absichtlich
+quaelten, nicht das mindeste Mitleid mit ihnen (eb. 188). Ebenso sonst in
+Melanesien. Sehr gewoehnlich werden Kranke ohne weiteres erschlagen, oder
+ausgesetzt, z.B. auf der Fichteninsel (Cheyne 88). Auf Vate (neue
+Hebriden) toedtet man phantasirende Kranke sogleich, damit sie nicht
+Andere anstecken koennen (Turner 444); man begraebt sie und andere
+schwerer Erkrankte lebendig (450). Ebenso machen es die Ajetas der
+Philippinen, eine Negritobevoelkerung der Gebirge Luzons mit
+Schwerkranken (de la Gironiere Aventures d'un gentilhomme Breton aux
+iles Philippines 325). In andern Gegenden Melanesiens (auf den kleinen
+Inseln bei Neu-Guinea) setzen sich die Kranken ans Meeresufer und
+essen, was sie koennen, da nicht mehr essende Kranke sofort getoedtet
+werden. Kranke Glieder schnueren sie ein, um den Daemon, der die Krankheit
+verursacht, zu fangen (Reina in Zeitschr. 4, 360). Denn auch hier gilt
+alle Krankheit fuer Behexung (Turner 18-19), obwohl auch die Melanesier
+Aderlass und derartige Mittel kennen (eb. 92). Auch in Mikronesien
+toedtete man entweder die Kranken (indem man sie in einem lecken Schiff
+ins Meer stiess, Hale 80) oder man wandte, um sie zu curiren, Zauberei
+an, so auch auf den Marianen (le Gobien 47).
+
+Und nicht anders in Polynesien. Auch hier wurden sie oft ermordet, oder
+doch ganz gleichgueltig behandelt, wo denn jeder Kranke fuer sich sorgte,
+so gut es ging, d.h. in den Wald oder die Einsamkeit ging und entweder
+gesund oder gar nicht wieder zurueckkehrte. In Nukuhiva hielt man
+Schwerkranken Mund und Nase zu, um den Geist festzuhalten (Mathias
+_G***_, 115); ebenso in Suedamerika bei den Moxos (Waitz 3, 538; b 151).
+In Tonga bestand die Behandlung der Kranken fast nur darin, dass man sie
+von einem Tempel zum andern schleppte, um die Priester und Goetter fuer
+sie anzuflehen; je kraenker Jemand ist, je weiter schleppt man ihn--und
+fuehrt seinen Tod natuerlicherweise gerade dadurch herbei (Mariner 1, 110;
+362 ff. u. sonst). Oder man opferte wie in Tahiti und sonst in
+Polynesien, Kinder oder Sklaven, um das Leben eines Vornehmeren zu
+erhalten. Doch waren die Tonganer als Chirurgen nicht ungeschickt und
+sie wagten sich an gefaehrliche Operationen. Auch war Skarifikation und
+der Gebrauch gewisser Pflanzensaefte in Anwendung (Mariner 2, 267-270).
+So wie bei ihnen, so gilt auch sonst in Polynesien Krankheit als
+Bezauberung, oder als Rache und Strafe der Goetter: in Neu-Seeland
+(Dieffenb. 2, 59 ff.); in Tahiti (Bratring 181-82, Moerenh. 1, 543); in
+Nukuhiva (Math. G. 228); und in Hawaii (Tyermann u. Bennet 1, 129).
+Daher waren auch hier die haeufigsten Mittel Opfer und Gebete. Nur auf
+Neu-Seeland scheint man etwas zweckmaessiger verfahren zu haben.
+Wenigstens kannten die Eingeborenen die Heilkraft ihrer heissen Quellen
+und wendeten sie fuer kranke Kinder an (Dieffenb. 1, 246), man gab den
+Kranken leichtere Kost, gebrauchte Daempfe von Pflanzenaufguessen
+(Pflanzenaufguesse kannten auch die Marianer nach le Gobien),
+Einreibungen mit warmen Pflanzensaeften u. dergl. (Dieffenb. 2, 41).
+Dampfbaeder und darauf unmittelbar folgende kalte Abwaschungen waren
+gleichfalls gebraeuchlich (Moerenhout 2, 164) und Kneten der Glieder
+ueberall verbreitet: in Nukuhiva, in Tahiti, Hawaii u.s.w. In Tahiti
+hielt man jede Krankheit fuer Wirkung goettlichen Zornes und es galt daher
+fuer suendlich, Arzeneien zu nehmen (Turnbull 260), gegen die sie auch
+einen unueberwindlichen Abscheu haben (292). Wird ein Eingeborener dieser
+Insel krank, so wird er sofort von allen Angehoerigen und Landsleuten
+gemieden: er ist ganz hilflos und auf sich allein angewiesen, ein
+Verfahren, welches sich bitter genug raecht: denn die bei ihnen
+gewoehnlichsten Uebel sind solche, die schon bei geringer Pflege leicht
+heilen, bei Vernachlaessigung aber toedtlich werden (Turnbull 260 u. 292).
+Als Chirurgen waren auch sie wie alle Polynesier geschickt (Moerenhout 1,
+161).
+
+In Amerika finden wir so ziemlich dasselbe. Denn auch die Mexikaner,
+obwohl tuechtige Chirurgen und mit mancherlei medizinischen Mitteln
+bekannt, setzten ihre festeste Hoffnung auf aberglaeubische Mittel (Waitz
+4, 165, 174). Die Californier versuchten durch Anblasen und Aussaugen
+des kranken Gliedes oder dadurch, dass sie andere opferten oder
+verstuemmelten, die Krankheit zu heben (Waitz 4, 250). Aussaugen,
+Anblasen, Reiben galt auch auf Haiti als Hauptmittel, so wie denn,
+merkwuerdig genug, hier die Aerzte dieselbe Ceremonie anwandten, welche
+die Neuhollaender noch jetzt haben: sie zogen dem Kranken einen Stein und
+mit ihm den Anlass aller Krankheiten aus dem Mund. Schwerkranke wurden,
+wie in Mikronesien, ausgesetzt, oder, wie in Nukuhiva erstickt (Waitz 4,
+327). Das Hervorziehen des Steines oder Knochens aus dem Koerper des
+Kranken fand sich auf dem brasilianischen Festland unter den Payaguas
+(Azara 269). Auch in Peru war das Heilverfahren, obwohl man einige
+Arzneipflanzen kannte, purgirte und zur Ader liess, fast durchaus auf
+Zauberei begruendet (Waitz 4, 463). In Nordamerika nun waren bei fast
+allen den minder kultivirten Voelkern die Aerzte ganz und gar Zauberer,
+die Krankheit nur Besessenheit, der boese Geist ward daher, zur Kur,
+ausgesaugt und ausgespieen, oder durch Blasen, Kneten, Schlagen und
+aehnliche Mittel entfernt (Waitz 3, 213-14). Auch in Suedamerika ist
+Zauberei, Aussaugen Anblasen u.s.w. Hauptmittel und fast ueberall der
+Arzt zugleich Zauberer, nur bei den Botokuden nicht, welche nur
+natuerliche Mittel, Reiben, Kneten, Urtikation, auch, aber meist ohne
+Erfolg, innerliche Arzneien anwenden (Tschudi 2, 286-87) und als
+Chirurgen nicht ungeschickt sind. Aber Zauberer waren die Aerzte bei den
+Tupis, den Makusis, deren Heilverfahren, das neben vieler Zauberei auch
+manche wirklich wirksame Mittel kannte, Schomburgk (2, 333) schildert,
+ferner bei den Waraus (eb. 1, 170), den Cariben (2, 427), den
+Araukariern, welche indess neben den Zauberaerzten auch noch andere und
+tuechtigere Aerzte hatten (Waitz 3, 519), den Feuerlaendern (Bouqainville
+130) u.s.w.
+
+Dampfbaeder sind sehr allgemein verbreitet und bei fast allen Krankheiten
+angewendet; so bei den Mexikanern und bei den alten Tolteken (Waitz 4,
+270); ebenso in Nordamerika (3, 217) in Suedamerika bei den Makusi
+(Schomburgk 2, 333) und sonst.
+
+Nicht anders war im grossen Ganzen, nach Langsdorff, das Heilverfahren
+der Aleuten.
+
+Auch die Hottentotten betrachteten alle Krankheiten als Wirkungen von
+Zauberei und boesen Geistern, und behandeln sie darnach, durch
+Beschwoerung u. dergl., doch wendet der Zauberer oder die Zauberin dabei
+auch andere, innerliche und aeusserliche Heilmittel an. Wunderbarer Weise
+findet sich denn auch hier, wie auf den Antillen, jener sonderbare
+neuhollaendische Gebrauch wieder, einen Stein--hier einen Knochen--unter
+mancherlei Ceremonien aus dem Leibe (Mund, Ohr, Ruecken u.s.w.) des
+Kranken, der ihm eingehext und der Sitz der Krankheit sei,
+hervorzuziehen, damit jener genese (Sparmann 197-98). Ihre Giftaerzte
+sollen freilich sehr ausgezeichnete Mittel gegen Schlangenbiss haben,
+und die Colonisten haben, was sie von Heilpflanzen der suedafrikanischen
+Flora kennen, erst von den Eingeborenen gelernt (Waitz 2, 344). Allein
+Schwerkranke, Alte und Huelflose setzen die Hottentotten haeufig aus
+(Sparmann 320); Sterbende schuettelt und stoesst man, gewiss um den Daemon
+der Krankheit zu verscheuchen, ueberhaeuft ihn mit Vorwuerfen, dass er die
+Verwandten durch seinen Tod betruebe, bittet ihn zu bleiben u.s.w.
+(Sparmann 273).
+
+Die Zauberer aber gerathen sehr haeufig, wenn ihre Kur nicht anschlaegt,
+in Gefahr, von den erbitterten Angehoerigen arg gemisshandelt oder
+getoedtet zu werden. Fuer Amerika bringt Waitz und die angefuehrten Autoren
+eine Menge Beispiele bei: fuer Afrika genuege eins, welches bei Sparmann
+198 erwaehnt wird: ein Fuerst, der an schlimmen Augen litt und von den
+Zauberern nicht geheilt werden konnte, liess diese alle umbringen, weil
+er glaubte, dass einer von ihnen, der ihm feindlich gesinnt sei, seine
+Heilung verhuete. Denn jeder unglueckliche Ausgang einer Krankheit gilt
+als bewirkt durch staerkeren Zauber, hier und in Amerika und Polynesien.
+
+
+
+
+Sec. 5. Geringe Sorgfalt der Naturvoelker fuer ihr leibliches Wohl.
+
+
+Indess, da ja Krankheiten die Naturvoelker in ihrem gewoehnlichen Zustand
+nur wenig plagen, so moechte alles dies Verkehrte, und wenn es manchem
+Kranken den Tod brachte, doch nicht allzuviel fuer ihr Hinschwinden
+bewirkt haben; viel gefaehrlicher ist die geringe Sorge, welche fast alle
+Naturvoelker auf ihre leibliche Pflege verwenden und verwenden koennen.
+Freilich sind sie abgehaertet gegen Vieles durch eigene Gewoehnung und,
+wodurch diese erst in so hohem Grade ermoeglicht wird, durch Vererbung;
+und so fuehlen sich auch noch die Feuerlaender, nach Darwin die elendesten
+und niedersten Menschen, in ihrem entsetzlichen Klima, ohne rechtes
+Obdach, auf dem nassen Boden schlafend, nackt, nur kuemmerliche Nahrung
+und diese nur mit Muehe findend, nach ihrer Art wohl und begehren nichts
+Besseres (Darwin 1, 230). Die Eskimos sind an ihre Schneewuesten, die
+Neuhollaender an ihre unfruchtbaren Steppen, die ihre wandernde Lebensart
+bedingen, die neuhollaendischen Weiber an ein Leben voll Last und Muehe,
+an die schrecklichste Behandlung gewoehnt, so weit menschliche Natur sich
+gewoehnen kann. Trotz aller Gewoehnung aber haengt es mit der Lebensart der
+Naturvoelker zusammen, dass sie, auch bei der ersten Bekanntschaft mit
+den Europaeern, bisweilen selbst wenn sie schon eine gewisse Halbkultur
+erlangt hatten, verhaeltnissmaessig so geringe Bevoelkerungsziffern
+aufweisen; sie leben eben so, dass die menschliche Natur nicht anders
+als kuemmerlich gedeiht--wenn auch die einzelnen Individuen oft ganz
+besonders stark erscheinen. Es ist ja aber gerade ein oft wiederholter
+Ausspruch, die Naturvoelker seien deshalb koerperlich so kraeftig, weil
+alle schwaechlichen Kinder ohne weiteres erlaegen; so z.B. Humboldt b 2,
+189.
+
+Nicht bloss schwaechliche Kinder erliegen indess; und diese Sterblichkeit
+der Kinder ist das erste, was wir hier zu betrachten haben. Die
+Feuerlaender, deren Wohnung nicht den geringsten Schutz bietet (Darwin 1,
+228), setzen ihre Kinder nackt der Wuth ihres Klimas aus (eb. 229). Fast
+alle Indianer in Nord- und Suedamerika fuehren jetzt ein elendes
+Wanderleben; und ueberall hin werden die Kinder von den Muettern
+mitgeschleppt, auf den rauhesten und weitesten Maerschen und oft noch,
+waehrend sie durch aufgelegte Bretter und andere gewaltsame Mittel (um
+ihrem Kopf eine eigenthuemliche Gestalt zu geben) in der natuerlichen
+Entwickelung gestoert sind. Schon bei der Geburt werden viele Kinder
+sterben. Denn ueberall ist es Sitte, dass das Weib kurz vor der Geburt
+sich in den Wald begiebt, dort allein gebiert, sich selbst die
+Nabelschnur abschneidet und unterbindet, dann sich und das Kind sogleich
+in kaltem Wasser badet und nun zurueckkehrt, nicht etwa zur Pflege,
+sondern zur erneuten Arbeit. Dies war der Fall bei den Waraus in Guyana
+(Schomburgk 1, 166), bei den Cariben und Makusi (eb. 2, 315, 431); und
+in Nordamerika sehr vielfach (Waitz b, 98). Die Nahrung aber, welche ein
+Kind nach und neben der Muttermilch bekommt, ist oft schon an und fuer
+sich schaedlich und ungesund. Grosse Sterblichkeit herrscht noch unter
+den Kindern des heutigen Mexiko in Folge verkehrter Diaet (Waiz 4, 196).
+Die Nahrung wird ihnen auch noch beschraenkt durch die eigenthuemliche
+Sitte, neben den Kindern Thiere, Affen, Beutelratten u.s.w. zu saeugen,
+was die Makusi, die Waraus, die Cariben und verschiedene andere Voelker
+thun (Schomburgk 2, 315. 1, 167). Von der schlechten Wartung der Kinder,
+wenn sie krank sind, spricht Humboldt b. 4, 224 und der Schmutz, in
+welchem sie aufwachsen, und von denen Schomburgk aus Guyana
+Abschreckendes erzaehlt, kann auch keinen guten Einfluss haben. Und doch
+lieben die Amerikaner in Nord-und Suedamerika ihre Kinder aufs innigste.
+
+In Tahiti nehmen die Frauen unmittelbar nach der Geburt sofort
+Dampfbaeder mit kalten Abwaschungen (Wilson 461), in Neuseeland
+gleichfalls, wo die Kinder, wie in Tahiti, ganz nackt bleiben und eher
+schwimmen als laufen koennen (Dieffenbach 2, 24-25, Ellis 1, 261 und
+Moerenh. 2, 61); und ebenso auf Nukuhiva (Melville 2, 191).
+Hautkrankheiten, und zwar sehr boesartige der Kinder (jaws, framboesia)
+werden oefters erwaehnt, z.B. in Tonga, wo die Kinder gut gepflegt und
+sonst sehr gesund sind (Mariner 2, 179) und in Ponapi (Cheyne 122).
+Grosse Sterblichkeit herrscht aber unter den Kindern wegen Mangel an
+Pflege und Wartung in Hawaii (Virgin 1, 268) und ebenso in Tahiti
+(Bennett 1, 148). Ellis sagt, dass die tahitischen Kinder, obwohl dem
+Aussehen nach dick und gesund, doch bis zu einem Alter etwa von 12
+Monaten sehr zart und hinfaellig waeren (1, 260). Formation des Schaedels
+durch Platt- und Hochdruecken war in Tahiti sehr haeufig 1, 261. Auch auf
+Mikronesien ist die Wartung der Kinder schlecht. Auf Tobi (Lord North,
+aeusserstes Sued-Westende Mikronesiens) erhalten die Kinder sofort nach
+der Geburt ganz gleiche Speise wie die Erwachsenen (Pickaring, Memoir of
+the Language and Inhabitants of Lord Norths Isl. 1845; 228), und ebenso
+auf Ratak Kokosmilch und Pisang, den ihnen die Mutter vorkaut;
+schaedlicher aber als diese Nahrung ist ihnen die Unregelmaessigkeit, mit
+der sie ueberhaupt etwas bekommen (Gulick 180-181), daher denn auch hier
+die Sterblichkeit unter ihnen gross ist. Auch in Polynesien saeugen die
+Weiber gern Thiere auf neben den Kindern, wie z.B. die Hawaierinnen nach
+Remy XLII Hunde und Schweine.
+
+In Melanosien ist es nicht besser: die Kinder werden nicht gepflegt und
+muessen von der Geburt an das Leben der Alten mitmachen. In einigen
+Gegenden Neu-Guineas (Finsch 103) wird der Gebaerenden fortwaehrend kaltes
+Wasser ueber den Kopf gegossen, ist aber das Kind geboren, Mutter und
+Kind sofort kalt gebadet und dann einer moeglichst starken Hitze neben
+einem lodernden Feuer ausgesetzt, und so abwechselnd weiter. Je heisser
+und laenger Mutter und Kind diese Hoellenkur vertragen, fuer desto gesuender
+gelten beide. In einer anderen Gegend hatte eine Frau ein unlaengst erst
+geborenes Kind auf den heissen Sand gelegt und arbeitete in der Naehe;
+als Fremde kamen, grub sie es ohne weiteres bis an den Hals in den Sand
+und arbeitete fort (eb. 63).
+
+Fast nirgends aber sterben mehr Kinder als in Neuholland: von vieren
+wird kaum mehr als eins drei Jahre alt (Turnbull 43), was sich aus der
+Behandlung, die ihnen zu Theil wird, und die nur ausserordentlich starke
+Kinder ueberstehen, erklaert. Kaum geboren wird das Kind in ein
+Opossumfell gewickelt, ueberall mit hingeschleppt und meist im hoechsten
+Grade nachlaessig behandelt, dem Feuer zu nahe gelegt und dergl. (Grey
+2, 250-251). Dies Wandern fuehrt auch Darwin (2, 213) als Grund der
+Sterblichkeit unter den Kindern an, und es ist beachtenswerth, was er
+zusetzt: "Wie die Schwierigkeit, sagt er, sich Nahrung zu verschaffen,
+waechst, so waechst ihre wandernde Lebensweise und darum wird die
+Bevoelkerung ohne eigentlichen Hungerstod auf eine so ausnehmend
+gewaltsame Weise zurueckgehalten, im Vergleich mit civilisirten Laendern,
+wo der Vater seine Arbeit mehren kann, ohne den Sproessling zu
+vernichten". Dazu wird ihnen auch noch die Nahrung dadurch verkuerzt,
+dass auch hier die Weiber vielfach junge Thiere, Hunde, saeugen (Grey 2,
+279) und gewiss oft nur aus Noth: denn ein Hund ist jetzt um so mehr,
+als die Jagdthiere immer scheuer und seltener werden, ein grosser Schatz
+fuer den jagenden Eingeborenen und die Nahrung fuer die jungen Thiere ist
+gewiss oft genug selten.
+
+Kurz aber mit allem Nachdruck muessen wir hier erwaehnen, dass auch das
+Tattuiren, was in ganz Polynesien haeufig betrieben wird, haeufig den Tod
+nach sich zieht (Ellis 1, 266); und da man nur eben heranwachsende
+dieser Operation unterwirft, so wird der Jugend auch durch sie ein nicht
+zu unterschaetzender Abbruch gethan.
+
+Wichtiger freilich, weil eine Sache von groesstem Einfluss auf das
+leibliche Gedeihen der Naturvoelker, ist die oft ueber alle Begriffe
+schlechte Behandlung der Weiber. So vor allen Dingen in Neuholland. Die
+armen Weiber muessen, schwanger oder nicht, mit allem Gepaeck und oft noch
+mit 1-2 Kindern beladen, dem Manne, der nur das Jagdgeraeth traegt,
+folgen; sie muessen, kaum angekommen, alle Arbeit fuer den Haushalt
+besorgen, die Huette aufschlagen, Feuer machen, Wurzeln, Muscheln erst
+suchen, dann kochen, fuer den Mann, die Kinder alles Noethige bereiten,
+und dann, wenn sie bei alle dem oft aufs brutalste behandelt sind, dem
+Manne Nachts geschlechtlich zu Willen sein. Die beste Nahrung, die sie
+finden, ist fuer den Mann und ihre Soehne; sie duerfen erst essen, was
+diese uebrig lassen und wenn sie fertig sind. So ist ihr Loos Tag fuer
+Tag: denn von dem, was sie noch ausser diesem gewoehnlichen Elend
+besonderes Schlimmes trifft (z.B. die Art, wie sie von den Maennern zur
+Ehe geraubt werden), brauchen wir hier nicht zu reden. Ein wichtiger
+Umstand ist ferner, dass ihre Pubertaet schon mit 11 oder 12 Jahren
+beginnt und sie schon mit diesen Jahren verheirathet werden. Nimmt man
+zu alle dem nun noch hinzu, dass sie ihre Kinder sehr lange saeugen, oft
+bis 3 Jahre (Grey 2, 248-250) ja laenger (4-6 Jahre nach Salvado 311), so
+wird man sich nicht wundern, dass die Lebensdauer dieser Ungluecklichen,
+die nichts desto weniger oft ganz froehlich sind und ihren Maennern mit
+Liebe anhangen, nicht allzulang ist und dass es weniger Weiber als
+Maenner gibt, im Verhaeltniss wie 1:3 nach Grey, nach anderen wie 2:3--ein
+Umstand indess, der wahrscheinlich mit bedingt ist durch die Sitte,
+neugeborene Maedchen umzubringen, von der wir spaeter reden muessen.
+
+Und in Amerika ist es nicht besser. "Entbehrung und Leiden, sagt
+Humboldt b 2, 192, sind bei den Chaymas, wie bei allen halbbarbarischen
+Voelkern, das Loos des Weibes. Wenn wir die Chaymas Abends aus ihren
+Gaerten heimkommen sahen, trug der Mann nichts als ein Messer, mit dem er
+sich einen Weg durchs Gestraeuch bahnt. Das Weib ging gebueckt unter einer
+gewaltigen Last Bananen und trug ein Kind auf dem Arm und zwei andere
+sassen nicht selten oben auf dem Buendel". Auch die Botokudinnen muessen,
+wie ihre Leidensgenossinnen in Neuholland, alle Arbeit thun, alles
+Gepaeck schleppen und sich dann noch von ihren Maennern aufs roheste
+misshandeln lassen (Tschudi 2, 284). Dasselbe erzaehlt Schomburgk von den
+Bewohnern Guyanas (2, 313; 1, 122 ff.) und mit einem schauderhaften
+Beispiel von roher Misshandlung von den Cariben (2, 428). Noch haerter
+ist das Loos der Weiber in Nordamerika, wo sie auch die Feldarbeit thun
+muessen (Humboldt b 2, 293) und noch roher misshandelt werden (Waitz b,
+98). Mrs. Eastmann, welche laengere Zeit selbst mit den Dakotas gelebt
+hat und daher diese Voelker genau kennt, hat wohl Recht, wenn sie (bei
+Waitz b, 98; 3, 100) sagt: "Die Arbeit des Weibes wird nie fertig. Sie
+macht das Sommer- und Winterhaus. Fuer jenes schaelt sie im Fruehling die
+Rinde von den Baeumen, fuer dieses naeht sie die Rehfelle zusammen. Sie
+gerbt die Haeute, aus denen Roecke, Schuhe und Gamaschen fuer ihre Familie
+gemacht werden und muss sie abschaben und zubereiten, waehrend noch
+andere Sorgen auf ihr lasten. Wenn ihr Kind geboren ist, kann sie sich
+nicht ruhen und pflegen. Sie muss fuer ihren Mann das Rudern des Kahnes
+uebernehmen, Schmerz und Schwaeche wollen dabei vergessen sein. Immer ist
+sie gastlich. Geh zu ihr in ihr Zelt, sie gibt dir gern, was du
+brauchst, wenn es nur in ihrer Macht steht, und thut bereitwillig, was
+sie kann, um es dir bequem zu machen. In ihrem Blick ist wenig
+Anziehendes. Die Zeit war es nicht, die ihre Stirn gerunzelt und ihre
+Wange gefurcht hat. Mangel, Leidenschaft, Sorgen und Thraenen haben es
+gethan. Ihre gebueckte Gestalt war einst anmuthig, Mangel und Entbehrung
+erhalten die Schoenheit schlecht". So kommt es vor, dass Maedchen von
+ihren Eltern getoedtet werden, um sie dem elenden Loos, das ihrer wartet,
+zu entziehen; und dass Weiber sich selbst umbringen, weil sie die Buerde
+ihres Lebens und Leidens nicht mehr zu tragen vermoegen (Waitz 3, 103).
+Nur bei einigen wenigen Voelkern war das Loos der Weiber etwas besser
+(Waitz 3, 181). Die Speisen des Mannes durften die Weiber nicht theilen,
+ja oft nicht einmal mit den Maennern zusammen essen (Schomburgk 2, 428),
+eine Sitte, die auch ueberall in Ozeanien herrscht und ihren letzten
+Grund in religioesen Anschauungen hat. Doch waren durch sie den Weibern
+meist die wirklich guten und nahrhaften Lebensmittel untersagt, was bei
+ihren schweren Arbeiten von doppeltem Gewichte war. In Poly- und
+Mikronesien (in Melanesien herrschten Sitten, die den australischen
+naeher kommen und Fidschi steht zwischen beiden) war die Stellung der
+Weiber nicht schlecht; allerdings waren sie meist von der Gesellschaft
+und den Genuessen der Maenner ausgeschlossen, doch empfanden sie dies
+sowie die Prostitution, zu der sie verurtheilt waren, nicht, weil es die
+Sitte nun einmal mit sich brachte und man sie sonst als
+Freudenspenderinnen ehrte. Wirklich schlecht scheinen sie nur in der
+Paumotugruppe behandelt zu sein, von wo und zwar von Mangareva Moerenhout
+2, 71 schreckliche Beispiele aeusserster Bedrueckung und grausamster
+Misshandlung erzaehlt. Waehrend an den meisten Orten den Weibern so gut
+wie gar keine oder nur weibliche Arbeit, Zeugbereiten und dergl.
+obliegt, wie in Tonga, in Tahiti, in Nukuhiva (Melville 2, 147); so
+muessen sie in andern Inseln fast alle Arbeit thun, wie in Neuseeland
+(Dieffenb. 2, 12). Fruehreife der Weiber ist in Polynesien sehr
+gewoehnlich. Auf Neuseeland tritt die Pubertaet frueher als bei uns, doch
+spaeter als in Suedeuropa ein (Dieffenb. 2, 33) nach Browne 38 sind sie
+schon mit dem 11. Jahre heirathsfaehig und frueher coitus ist auf der
+ganzen Insel gewoehnlich (Dieffenb. 2, 12). Aehnlich fand es Cook auf
+Tahiti (b, 126-127). Dass sich 11jaehrige Maedchen den Fremden anbieten,
+ist gar nicht selten; es soll auch noch juengere geben, die es thun. Die
+Geschlechtsentwickelung auf den Fidschiinseln faellt spaeter: fuer die
+Maedchen ins 14., fuer Knaben ins 17. oder 18. Jahr (Wilkes bei Waitz 1,
+126). Auch in Amerika reifen die Weiber sehr frueh (Azara an vielen
+Stellen). Schomburgk (1, 123) sah unter den Waraus in Guyana eine Frau
+von kaum 10 Jahren, die dennoch hochschwanger war. Humboldt der b 2, 188
+sagt, dass die Chaymasweiber mit 11-12 Jahren sich verheiratheten,
+erzaehlt dasselbe von den Eskimos der Nordwestkueste von Amerika, den
+Koriaeken und den Kamtschadalen (190), bei denen haeufig 10jaehrige Maedchen
+Muetter sind. Er meint zwar, dass diese fruehzeitigen Heirathen der
+Bevoelkerung nichts schadeten: jedenfalls aber haengt das fruehzeitige
+Verbluehen der Weiber (Waitz b, 99; Tschudi 2, 298; Schoinburgk sagt in
+Beziehung auf Guyana dasselbe) mit dieser Fruehreife zusammen. Doch gibt
+es Staemme in Nordamerika, wo die Geschlechtsreife viel spaeter eintritt
+(Waitz 1, 125) Thunberg sah bei den Hottentotten hinwiederum Maedchen von
+11-12 Jahren, welche schon Kinder hatten (25-26[C]).
+
+Zu dieser fruehen Entwickelung kommt nun ein sehr langes Saeugen. Wie in
+Neuholland die Weiber--und in Polynesien ist es ebenso, nach Dieffenbach
+a.a.O. und anderen--so saeugen auch die Amerikanerinnen ihre Kinder
+oefters bis ins 12. Jahr und dies Saeugen wird, wenn die Mutter
+mittlerweile durch ein 2. Kind beansprucht wird, von der Grossmutter
+fortgesetzt! Die Indianerinnen behaupten, im Besitz eines Mittels zu
+sein, welches ihnen laenger und unerschoepflicher die Milch erhalte
+(Schomburgk 2, 239. 315).
+
+Muss eine solche Lebensart, welche auch bei den Hottentotten um nichts
+besser und nur in Nebendingen anders ist, die Weiber fruehzeitig welken
+lassen und dahinraffen, so ist die Lebensweise der Maenner vielfach auch
+vollkommen aufreibend durch das Uebermass von Anstrengungen, was sie mit
+sich bringt. Man denke auch nur, was es heissen will, Tag fuer Tag, bei
+oft ganz ungenuegender oder durch ihre zu reichliche Fuelle schaedlicher
+Nahrung, fortwaehrend umherzuziehen, ueber endlose Strecken dem Wild nach,
+in den Anstrengungen der Jagd oder des Krieges und dabei allen Unbilden
+des Klimas, des Wetters ausgesetzt! Daher finden wir nirgends in
+Neuholland oder dem Feuerland oder unter den Wanderstaemmen Amerikas ein
+so hohes Alter unter den Einzelnen als es Chamisso auf den Ratakinseln
+und San Vitores (nach le Gobien 47) auf den Marianen fand, wo 100jaehrige
+Greise nicht selten waren, waehrend Grey schon 70 Jahre als hohes Alter
+unter den Neuhollaendern betrachtet (2, 247-248), aber gleich hinzusetzt,
+dass bei der grossen Sterblichkeit der Kinder, die mittlere Lebensdauer
+bei ihnen viel geringer als in Europa ist. Nach Azara freilich erreichen
+die brasilianischen Staemme ein sehr hohes Alter: er will unter den
+Payaguas mehrere Maenner gesehen haben, die zum wenigsten 120 Jahre alt
+waren (270; vgl. 173). Die Polynesier, ueberhaupt die Bewohner kleiner
+und meist genuegend fruchtbarer Inseln, so bedenklich ein solcher Wohnort
+nach anderen Seiten sein mag, sind in dieser Beziehung besser gestellt,
+da schon die Oertlichkeit ihrer Heimath solche uebermaessige Anstrengung
+verhuetet; die langen und duennen Gliedmaassen, die vorhaengenden Baeuche,
+die verkommene Gestalt aber der Neuhollaender ist zweifelsohne nicht
+Racencharakter (an einem anderen Ort gedenke ich den Nachweis zu fuehren,
+dass die letzteren gleichfalls ein Zweig des malaiopolynesischen Stammes
+sind), sondern durch die muehselige Lebensart, das ewige Wandern, die
+Unregelmaessigkeit der Nahrung hervorgebracht. Und natuerlich steigert
+sich alle diese Noth durch die Ausbreitung der Europaeer, durch welche
+die Jagdthiere der Naturvoelker sehr rasch zusammenschmelzen; ja sie
+steigert sich durch sich selbst und ihre eigene lange Dauer, da die
+Thiere, stets verfolgt, dadurch immer scheuer, die Jagd immer
+schwieriger wird, wie von Tschudi 2, 279 von Suedamerika bezeugt. Auch
+werde, um nichts zu uebergehen, wenigstens beilaeufig an das erinnert, was
+Tschudi eb. 290 sagt, dass mangelnde Jagdbeute die Voelker noethigt, ihre
+Jagdzuege weiter auszudehnen und das Gebiet anderer Horden zu verletzen;
+dass diese ihr Gebiet vertheidigen und sich so oft sehr bedeutende
+Kaempfe um die Existenz entwickeln. Auf beschraenktem Terrain war
+Ausrottung der Jagdthiere bisweilen nothwendige Folge auch der
+vorsichtigsten Jagd; so in Neuseeland, wo die grossen Jagdvoegel, die
+Moas (Dinornis, Apteryx), nach und nach ausgerottet sind von den
+Eingeborenen selbst, die ersteren ganz, die letzteren wenigstens zum
+groessten Theil, und zwar ohne Schuld der Maoris: die Voegel vermehrten
+sich langsam und wurden bei ihrer Unbehuelflichkeit und dem nicht sehr
+guenstigen Terrain leicht die Beute der Jaeger. So starben sie aus, ohne
+dass man jenen ein blindes Wuethen gegen die Jagdthiere vorwerfen duerfte.
+
+Betraf dies nun ihre Lebensart im Allgemeinen, so muessen wir nun noch
+von einzelnen Punkten speziell reden. Zunaechst die Nahrung, in deren
+Auswahl und Aufbewahrung fast alle Naturvoelker wenig Sorgfalt zeigen.
+Sie duerfen auch, da die Natur von selbst, auch in den Tropen, nicht zu
+jeder Zeit und nicht allzubereitwillig das Noethige bildet, nicht allzu
+waehlerisch sein. So essen denn z.B. die Botokuden eigentlich Alles,
+ausser geniessbaren Thieren auch Fuechse, Aasgeier, Maeuse, Schlangen,
+Eidechsen, Kroeten, Fledermaeuse, Insektenlarven, Wuermer, ungeputzte
+Eingeweide (Tschudi 2, 279. 298) und dergl. In Guyana graben die Kinder
+18 Zoll lange Skolopender aus der Erde und--fressen sie lebendig (Voigt
+Zoologie V, 420 nach Humboldt). Das Erdeessen der Otomaken haelt
+Humboldt, der es b 6, 102 ff. mit Herbeiziehung alles Analogen bei
+anderen Voelkern bespricht, zwar nicht fuer schaedlich, nuetzlich aber ist
+es auch nicht, sondern nur hungervertreibend. Auch in Australien (Grey
+2, 263-264) findet es sich; doch wird hier die Erde mit einer geriebenen
+Wurzel gemischt.
+
+In Australien ist zwar nach Grey 2, 259-261 der Nahrungsmangel nicht so
+gross, als man gewoehnlich annimmt und vieles was uns nur aus aeusserstem
+Elend gewaehlt scheint, ist ihnen eine willkommene Leckerei; indess sagt
+Grey doch selbst, 261 ff., dass jede Gegend des Continents ihre
+besondere Nahrung habe, die man aber erst kennen und aufsuchen muesse.
+Und das scheint keine leichte Sache, wenigstens war er selbst, obwohl
+von einem nicht unbefaehigten Eingeborenen begleitet, auf seinem
+unfreiwilligen Zug die Westkueste des Kontinentes entlang in der
+aeussersten Lebensgefahr durch Hunger. Ein fauler Walfisch ist den
+Neuhollaendern, waehrend sie sonst sehr ekel gegen angegangenes Fleisch
+sind, groesster Genuss und je stinkender die Speise, desto willkommener
+wird sie, wie auch die Thakallis, ein Stamm der Athapasken in
+Nordamerika, faules Fleisch vorzueglich gern essen (Waitz b, 90). Und wie
+nun diese Voelker essen! "Die Botokuden geniessen die meisten
+Nahrungsmittel, besonders das Fleisch in halbgarem Zustande. Es wird
+ueber das Feuer gehalten, bis die aeussersten Schichten etwas angebrannt
+sind und dann verzehrt. Die Gefraessigkeit dieser Indianer ist fast
+sprichwoertlich geworden.----Wenn ein gluecklicher Jagdzug reichliche
+Beute gewaehrt, so wird sie gierig verzehrt und da das Fleisch rasch in
+Faeulniss uebergeht, um ja nichts zu verlieren, der Magen so lange
+vollgestopft, als eine physische Moeglichkeit dazu vorhanden ist. Dann
+folgt eine lange behaebige Verdauungsruhe und dieser oft wochenlang
+aeusserst spaerliche Mahlzeiten. Voelker und Individuen, die
+ausschliesslich auf Fleischnahrung angewiesen sind, haben eine rasche
+Verdauung und es aeussert sich bei ihnen Heisshunger viel heftiger als
+bei jenen, die an eine vegetabilische oder gemischte Nahrung gewoehnt
+sind. Sie koennen sich aber auch mit einer sehr geringen Quantitaet ihrer
+gewohnten Fleischnahrung lange kraeftig erhalten, leiden dabei aber stets
+an Hunger. Bei jeder sich darbietenden Gelegenheit suchen die Botokuden
+ihren steten Hunger durch uebermenschliches Fressen zu stillen und
+verschlingen mit der Gier eines Raubthieres die ekelhaftesten
+Gegenstaende ohne Wahl mit gleichem Heisshunger". Was Tschudi (2,
+278-279) uns so von den Botokuden erzaehlt, das kann mit denselben Worten
+von allen Naturvoelkern Amerikas, von den Feuerlaendern bis zu den
+Eskimos, das kann von den Hottentotten, von denen es allwaerts bekannt
+ist (von den Buschmaennern bezeugt es z.B. Lichtenstein 2, 355), und
+trotz ihrer mehr gemischten Nahrung von den Neuhollaendern, den meisten
+Melanesiern, und auch, obwohl bei diesen meist die vegetabilische
+Nahrung vorwiegt, von vielen Polynesiern gesagt werden, von den roheren
+gewiss, doch zu Zeiten auch von den cultivirteren, wenigstens
+uebersteigt die Masse der bei Festlichkeiten verschlungenen Lebensmittel
+alle europaeischen Begriffe bei weitem. Ja es kam vor, dass man bei
+grossen Vorraethen, wie einst die hochcivilisirten Roemer, Brechmittel
+nahm, um mit frischen Kraeften weiter essen zu koennen (Waitz 3, 82, vom
+suedl. Nordamerika). Zwiefach gefaehrlich ist eine solche Lebensart,
+einmal, weil sie dem menschlichen Organismus gewiss nicht entsprechend
+und also schaedlich ist; und zweitens weil sie, da man alles was die
+Gegenwart bietet aufzehrt und in sich stopft, Vorraethe zu sammeln aber
+etwas ganz Ungewohntes ist, fuer die Zukunft, fuer welche Naturvoelker nur
+in den seltensten Faellen und auch dann meist sehr unvollkommen sorgen,
+die bedenklichsten Folgen hat. Hungersnoth entsteht in Polynesien nicht
+selten durch gaenzliches Aufzehren aller Lebensmittel bei Festlichkeiten,
+obwohl doch die meisten Voelker hier Vorraethe sammeln. Uebrigens thun
+dies auch manche Indianerstaemme (Waitz b, 91). Man sollte denken, gerade
+die Naturvoelker, durch Noth und Erfahrung belehrt, muessten am ersten fuer
+die Zukunft Sorge zu tragen gelernt haben, allein Waitz, der daran
+erinnert, dass "auch unter den civilisirten Voelkern die Individuen und
+die ganzen Classen der Gesellschaft sich um die Zukunft wenig oder gar
+nicht kuemmern, denen zur Arbeit jedes andere Motiv fehlt, ausser der
+Sorge fuer ihren eigenen Lebensunterhalt", hat sehr richtig b, 84 u. 91
+die psychologischen Gruende entwickelt, warum die kulturlosen Voelker nur
+der Gegenwart leben. Die Hauptsache ist, dass sie allzusehr unter der
+Herrschaft der sinnlichen Nerveneindruecke stehen: die Vorstellung,
+welche sie gerade gegenwaertig haben, verdraengt alle anderen aus ihrem
+Bewusstsein, und ist, nach Noth und Entbehrung, die Gegenwart wieder
+gut, so kommt dazu der physische Genuss dieses Wohllebens, dieser Ruhe,
+der die augenblicklichen Vorstellungen mit um so groesserer Macht zu
+alleinherrschenden macht (Waitz 1, 351).
+
+Aber nicht bloss sorglos sind sie um die Zukunft: wie oft zerstoeren sie
+sich man kann fast sagen die Lebensbedingungen fuer dieselbe selbst, so
+namentlich auf der Jagd. "Der Jaeger, sagt Waitz 1, 350, geraeth,
+besonders massenhafter Beute gegenueber, wie der Soldat im heissen
+Kampfe, in eine grenzenlose Wuth, er mordet mit Lust und verwuestet das
+Wild meist in voellig nutzloser Weise, verzehrt davon das Beste und oft
+dieses kaum, wenn es im Ueberfluss sich darbietet. Daher brauchen
+Jaegervoelker ein ganz unverhaeltnissmaessig grosses Areal und gerathen
+trotzdem oft in Noth, weil ihnen Schonung der Jagdthiere ebenso fremd
+ist, als sparsames Haushalten mit Vorraethen ueberhaupt. Der hundertste
+Theil des von den Zulus erlegten Wildes, bemerkt Delagorgue, wuerde zu
+seinem und seiner Begleiter Unterhalt mehr als hinreichend gewesen
+sein." Die Buschmaenner zerstoeren haeufig groessere Jagdbeute aus Missgunst
+und Bosheit: "was sie selbst im Ueberfluss nicht gebrauchen koennen,
+soll wenigstens keinem anderen zu Gute kommen", sagt Lichtenstein 2, 565
+von ihnen. Aehnlich berichtet Hearne 120 von den noerdlichsten Staemmen
+Nordamerikas, die das Wild schliesslich der Zungen, des Markes, des
+Fettes wegen, aller Gegenvorstellungen zum Trotz, erlegten, die an
+keinem Nest mit Jungen oder Eiern voruebergehen konnten, ohne es zu
+zerstoeren. Waitz 3, 81 sieht darin nur die Sitte eines gaenzlich rohen
+Stammes und sagt, dass, wo diese und aehnliche Sitten jetzt eingerissen
+seien, es in Folge moralischer Gesunkenheit geschehen sei, da sonst
+Sparsamkeit der Charakter der meisten Indianer gewesen sei. Mag
+letzterer Zug ganz richtig sein: die Leidenschaft der Jagd aber, welche
+kein Thier schont, findet sich in Amerika nicht nur bei verkommenen
+Voelkern. Sie herrscht in Canada (Waitz 3, 85) und gewiss sonst noch aus
+der aberglaeubischen Ansicht, dass die fliehenden Thiere die anderen
+warnen und verscheuchen wuerden. Von Suedamerika berichtet Azara 193
+Gleiches. Dasselbe gilt von den Neuhollaendern.
+
+Und nicht genug, dass sie sich auf diese Weise die Nahrung selbst
+zerstoeren: sie verbieten sich auch eine Menge Speisen, oft gerade die
+besten, durch religioesen Glauben. Zunaechst sind die Frauen fast ueberall
+in Amerika, Polynesien und Australien, in Neuholland auch die Juenglinge
+und Knaben (Grey 2, 248), von den besten Nahrungsmitteln, die nur den
+erwachsenen, oft nur den greisen Maennern erlaubt sind, ausgeschlossen.
+Dann aber gehoert das Totem der Indianer hierher, von dem Waitz 3, 119
+sagt: "Der politische Verband des Volkes beruhte in alter Zeit sehr
+allgemein auf einer Eintheilung in Banden oder Geschlechter, deren jedes
+durch ein Thier oder einen Koerpertheil, eines Thieres als Marke
+bezeichnet war, z.B. Baer, Bueffel, Fischotter, Falke und dergl. Nur ein
+Fisch oder ein Theil eines Fisches konnte diese Marke nicht sein." Der
+Name dieser Marke, Totem, kommt von den Algonkin. Wahrscheinlich
+(ebend.) hatte das Totem urspruenglich eine religioese Bedeutung: das
+Thier des Totem war der Schutzgeist der nach ihm benannten Familie,
+wurde von dieser heilig gehalten und _durfte von ihr nicht gejagt_
+werden. Und ebenso verhielt es sich gewiss mit "der Medicin", die jeder
+Amerikaner hatte, d.h. dem Totem des Einzelnen. Denn zur Zeit der
+beginnenden Mannbarkeit erscheint jedem einzelnen sein Schutzgeist in
+Gestalt eines Thieres, das dann gejagt und dessen Balg stets von dem
+Betreffenden getragen werden muss. Der Verlust der Medicin wuerde ihm
+tiefste Verachtung und bestaendiges Unglueck zuziehen (Waitz 3, 118-119).
+Urspruenglich durfte gewiss kein Indianer das Thier, das ihm "Medicin"
+Schutzgeist war, verzehren. Die meisten Voelker (auch die Aleuten)
+stammten von solchen Thieren ab (Waitz 3, 119. 191) und auch diese waren
+ihnen gewiss urspruenglich heilig, wenn sich auch spaeter diese Verehrung
+in etwas abschwaechte. Diese auffallende Sitte, die genauer betrachtet
+gewiss mancherlei merkwuerdige Resultate gaebe[D], findet sich ganz
+uebereinstimmend bei den Neuhollaendern, worueber man Grey 2, 225-229
+vergleiche. Jede Familie, oder besser, jeder Stamm, denn die Familien
+sind ausgedehnt wie Staemme, hat ihr "kobong" Pflanze oder Thier, das ihr
+heilig ist, ihr den Namen gibt u.s.w. Wie in Amerika Leute von gleichen
+Totem, so durften in Neuholland Leute desselben Kobongs einander nicht
+heirathen. Kein Neuhollaender toedtet sein Kobong, wenn er es schlafend
+findet, auch nie, ohne ihm vorher Gelegenheit zur Flucht zu geben; war
+es eine Pflanze, so durfte es der Betreffende nur zu bestimmten
+Jahreszeiten und unter ganz bestimmten Ceremonien einaernten und
+benutzen[E]. Hierin sehen wir eine Folge der Noth; denn urspruenglich
+durfte das Kobong wohl ebenso wenig gegessen werden, wie das
+amerikanische Totem. Dafuer spricht auch die Form, in welcher sich die
+Sitte in Polynesien erhalten hat. Denn in Polynesien gilt es noch jetzt
+an verschiedenen Orten als strenges Gesetz, dass Einzelne einzelne
+Thiere, in welchen ihr Schutzgeist oder der Geist ihrer Ahnen verborgen
+ist, weder toedten noch essen duerfen. So in Mikronesien z.B. auf Ponapi
+(O'Connel bei Hale 84), auf Tikopia (Gaimard bei D'Urville V, 305-307),
+auf den Fidschiinseln (Wilkes 3, 214), wohin die Sitte entweder von
+Polynesien gekommen ist oder sich als malaiisches Ureigenthum, wie wir
+sie auch in Neuholland finden, erhalten hat; so in Hawaii (Remy 165), in
+Tahiti (Moerenhout 1, 451-57). Wir finden auf allen diesen Inseln jetzt
+Gedanken an Seelenwanderung eingemischt; allein man muss bedenken, dass
+der Glaube an die behuetende Macht der Seelen der Vorfahren, also an den
+Uebergang der abgeschiedenen Seelen in Schutzgeister der Lebenden in
+Polynesien spaeter vielfach aufgekommen ist.
+
+Auch anderer Aberglaube als dieser entzog bisweilen den Naturvoelkern die
+Nahrung, wie z.B. Grey 1, 363-364 erzaehlt, dass, weil einige Eingeborene
+beim Muschelessen gestorben waren, die Neuhollaender, die ihn
+begleiteten, aus Furcht vor Zauberei nicht dahin zu bringen waren,
+selbst durch den aeussersten Hunger nicht, dass sie Muscheln assen; und
+Derartiges liesse sich, wenn es fuer unsern Zweck nicht zu weit fuehrte,
+noch mancherlei sammeln.
+
+Dass nun die engen dumpfigen Wohnungen vieler dieser Voelker (es bedarf
+hierzu keiner Belegstellen), worin oft sehr viel Menschen
+zusammengepfercht wohnen und schlafen und die oft von Schmutz und
+Ungeziefer starren, ungesund sind, versteht sich von selbst. Andere
+Staemme (Feuerlaender, Australier u.s.w.) haben in ihren Wohnungen fast
+gar keinen Schutz vor dem Wetter; die Buschmaenner (Waitz 2, 344) haben
+zu ihren stets wechselnden Schlafstaetten Erdloecher, die sie mit
+Baumzweigen ueberdecken, Felsspalten und Buesche. Auch auf die meist sehr
+mangelhafte Bekleidung dieser Voelker braucht hier bloss hingewiesen zu
+werden. Alles dies, die Art wie sie sich naehren zumeist, ist zwar
+schaedlich und bewirkt es, dass nirgend die Naturvoelker sehr hohe
+Kopfzahlen aufzuweisen haben; aber alles dies ist auch wiederum nicht
+von solchem Einfluss, dass es das Aussterben dieser Voelker allein schon
+erklaerte; wir duerfen es nur als sekundaere Ursachen dafuer betrachten, als
+solche aber duerfen wir es auch durchaus nicht uebergehen oder
+unterschaetzen. Waere dies ihr Leben dem menschlichen Organismus
+zutraeglicher, so wuerden sie auch manches feindliche Schicksal, welchem
+sie so erliegen oder erlegen sind, ueberwunden haben.
+
+
+
+
+Sec. 6. Charakter der Naturvoelker.
+
+
+Aber nicht bloss diese Fahrlaessigkeit in Bezug auf ihr aeusseres Leben
+schadet den Naturvoelkern: ihr ganzer Charakter, wie er sich im Laufe der
+Jahrtausende entwickelt hat, steht einem kraeftigen Gedeihen im Wege und
+so muessen wir auch diesen, wenigstens nach einigen Seiten hin,
+betrachten. Zunaechst ist unter ihren geistigen Eigenschaften ihre
+furchtbare Traegheit hervorzuheben, welche z.B. in Mikronesien so weit
+geht, dass man viel zu indolent ist gegen eine fuerchterliche Form des
+Aussatzes, welche in ihrem Anfang noch heilbar und leicht heilbar in
+ihrer Entwickelung ebenso qualvoll als absolut toedtlich wird, auch nur
+das Mindeste zu thun: man sieht dem ersten Anfange, der noch nicht
+belaestigt, mit groesster Seelenruhe zu, bis jede Huelfe zu spaet ist
+(Virgin 2, 103). Diese Faulheit, welche Waitz 1, 350; b, 84, 90 und
+sonst zur Genuege geschildert hat, ist denn auch ein Grund, weshalb
+Naturvoelker so selten Vorraethe sammeln, ja verhindert sie oft nur
+auszugehen, um Nahrung zu suchen, wie Grey 2, 262-63 von den
+Neuhollaendern sagt; namentlich im Sommer bei Hitze und im Winter bei
+Kaelte und Naesse leiden sie Hunger, die Folge ihrer Traegheit. Beispiele
+von den Hottentotten zu geben waere ueberfluessig. Diese Traegheit schadet
+ihnen aber noch auf ganz andere Weise. Denn wie Fleiss, Interesse und
+geistige Anspannung auch koerperlich anregen und groessere Kraft und dem
+ganzen Organismus auch leiblich erhoehteres Leben verleihen, so schwaecht
+umgekehrt fortgesetzte Schlaffheit und geistige Traegheit, wie sie die
+Naturvoelker in so hohem Grade ausser wenn sie Noth treibt bekunden, auch
+die leibliche Kraft und die Funktionen des Koerpers scheinen darunter zu
+leiden. Wenn nun dieser Zustand durch leibliche und geistige Vererbung
+(auch der Einfluss geistiger Vererbung ist von groesster Bedeutung und
+wohl noch nicht ueberall hinlaenglich gewuerdigt) sich immer mehr
+befestigt, so muss er auf das Gedeihen der Naturvoelker einen immer
+gefaehrlicheren Einfluss haben. Allerdings ist das Ineinandergreifen des
+leiblichen und geistigen Lebens ein schwieriger und dunkler Punkt, auf
+den aber gerade deshalb ganz besonders aufmerksam gemacht werden muss.
+
+So entwickelt sich denn aus dieser Traegheit des aeusseren auch eine
+Starrheit und Unbeweglichkeit des geistigen Lebens, die gleichfalls von
+den schlimmsten Folgen fuer diese Voelker ist, schon dadurch, dass jeder
+gute Einfluss der Europaeer auf sie, jeder Versuch, sie zur Kultur
+emporzuheben, ausserordentlich erschwert wird. Dadurch abgeschreckt
+haben auch vorurtheilsfreie Maenner, wie Meinicke, behauptet, sie seien
+zu jeder Kultur unfaehig, und doch ist, wie Erfahrungen bei allen
+Naturvoelkern bewiesen haben, nichts falscher, als diese Behauptung. Da
+nun diese Starrheit mit jeder Generation nach und nach zunimmt, so
+wirken auch historische Schicksale, Wanderungen und dergl. unendlich
+viel schwerer auf diese Voelker, als sie vor so vielen Jahrtausenden auf
+die Indogermanen, die Semiten, als sie auch auf die gebildeteren
+Polynesier und Amerikaner wirkten. Daher versinken sie immer mehr und
+mehr in Roheit und Stumpfheit, und es ist nicht uebertrieben, zu
+behaupten, dass, auch wenn sie allein auf der Welt waeren, ohne jeglichen
+feindseligen Einfluss von aussen her, sie dennoch, wie jetzt ihre
+Entwickelung oder wohl besser ihre Verhaertung ist, nach und nach
+langsam vergehen und erloeschen wuerden. Denn nichts ist der menschlichen
+Natur, die so sehr auf Wechselbeziehung zwischen Leib und Seele
+gegruendet ist, schaedlicher, als eine solche Unthaetigkeit beider.
+
+Ein dritter Zug ihres Charakters, der uns hier naeher angeht, ist eine
+gewisse Melancholie, die sich, wie bekannt, zumeist bei den Amerikanern
+findet. Doch auch die scheinbar so froehlichen Polynesier, wenn man
+gleich ihr Temperament nicht wie das der Amerikaner melancholisch nennen
+kann, zeigen manches Entsprechende. So resigniren sich die Tahitier ueber
+ihr Aussterben durch den oft wiederholten Ausspruch, den wohl Ellis (1,
+103-104) zuerst mittheilte: der Hibiskus soll wachsen, die Koralle sich
+ausbreiten, der Mensch aber dahinsterben; und "es war melancholisch,
+sagt Darwin (2, 213), die schoenen energischen Eingeborenen Neuseelands
+sagen zu hoeren, sie wuessten, dass das Land nicht das Eigenthum ihrer
+Kinder bleiben wuerde." Fuer Kamtschatka ist wichtig, was v. Kittlitz ueber
+das Klima dieses Landes sagt, das bald (oder Einzelne) zur tiefsten
+Melancholie stimme, bald (oder Andere) zur hoechsten excentrischsten
+Freude aufrege. Die Schilderungen der Aleuten bei Kotzebue, Chamisso,
+Langsdorff u.a. enthalten ganz aehnliche Zuege von Niedergeschlagenheit,
+die allerdings hier mit grossem Phlegma gepaart scheint.
+
+Es ist klar, dass diese Melancholie mit jener schon besprochenen
+Traegheit zusammenhaengt; denn diese raubt dem Geist der Naturvoelker, der
+nach aller Naturvoelker Art ganz und gar vom jedesmaligen sinnlichen
+Eindruck und meist nur von solchen abhaengig ist, die besonnene und feste
+Willens- und Widerstandskraft immer mehr. So wie nun aber jeder
+Willensakt eine rein physische Nerventhaetigkeit voraussetzt, so wird
+auch fortgesetztes Nichtwollen zum bleibenden Nervenhabitus, zum nicht
+Wollenkoennen und dadurch vom uebelsten Einfluss auf die Seele, der, wenn
+dieser letzteren Leiden entgegentreten, um so groesser und vernichtender
+wird.
+
+Das zeigt sich nun schon bei den Naturvoelkern im Leben der Individuen.
+Wir sahen, dass Krankheiten ueberall als Bezauberung oder Einwirkung von
+Daemonen gelten; viele aber, die von Krankheiten befallen sind, sterben
+aus keinem andern Grund, als aus Melancholie ueber die vermeintliche
+Bezauberung. Beispiele fuer Neuseeland gibt Dieffenbach 2, 16, Browne 75;
+fuer Tahiti Ellis 1, 364, 367-68; fuer Neuholland, wo eine namenlose Angst
+vor Bezauberung herrscht, Grey 1, 363-64. 2, 336-40; fuer Nordamerika, wo
+der Tod aus aberglaeubischer Furcht gar nicht selten ist, Waitz 3, 213:
+und nach allem Gesagten werden wir in den Laendern, wo Krankheit durch
+Zauberei entsteht oder als Folge von Suenden gilt, wie z.B. in
+Kamtschatka, wo Krankheit und Tod erfolgen, wenn man Kohle mit dem
+Messer spiesst oder Schnee mit dem Messer von den Schuhen schabt (Waitz
+1, 324), in allen diesen Laendern, also bei allen Naturvoelkern werden wir
+auch ein solches Hinsterben Einzelner aus Angst und Aberglauben finden.
+
+
+
+
+Sec. 7. Ausschweifungen der Naturvoelker.
+
+
+Die gaenzliche Abhaengigkeit der Naturvoelker von sinnlichen Eindruecken hat
+auch noch eine andere sehr gefaehrliche Folge fuer sie, durch welche
+einzelne Staemme ernstlich bedroht worden sind: wir meinen die
+Ausschweifungen, denen viele von ihnen verfallen sind, im Trunk und vor
+allen in geschlechtlicher Beziehung.
+
+Zwar von den gebildeten Voelkern Amerikas, den Mexikanern und ihren
+Verwandten sowie den Peruanern, kann man nicht behaupten, dass sie nach
+dieser Seite hin Vorwuerfe verdienten; freilich kamen bei ihnen
+Ausschweifungen und grobe, ja unnatuerliche Laster vor, freilich gab es
+bei ihnen oeffentliche Dirnen, aber alles das war keineswegs ausgebreitet
+und durchaus verachtet, so dass wir sie in dieser Beziehung viel hoeher
+stellen muessen, als die heutigen Kulturstaaten Europas. Die Schilderung
+freilich, welche wir bei Poeppig 375 finden, oder was uns der beruechtigte
+Ortiz, ein Moench zur Zeit der Entdeckung, erzaehlt, enthaelt des
+Scheusslichsten auch nach dieser Seite viel; Ortiz Darstellung sollte
+aber nur die Behandlung, welche das Land durch die Conquistadoren
+erfuhr, rechtfertigen und so haeufte sie alle Laster auf die Indianer.
+Poeppigs Nachrichten beruhen auf aehnlichen Quellen, die gleichfalls ganz
+unzuverlaessig und meist unwahr sind. Wenn z.B. Gomara (bei Poeppig)
+berichtet, dass Balboa 50 Paederasten in Quarequa in Darien und ebenso
+(Waitz 4, 350) den Herrn dieses Landes um desselben Lasters willen von
+Hunden zerreissen und dann verbrennen liess, so ist es ganz klar, dass
+hier die Anklage nur erfunden wurde, um die scheussliche Grausamkeit
+Balboas zu bemaenteln, der selbst sagt, das Laster sei nur von den
+Vornehmen veruebt, vom Volke verabscheut. Denn dass spanische Soldaten,
+unter welchen es gleichfalls vorkam (Waitz 3, 383), jemals dafuer und gar
+so fuerchterlich gestraft waeren, davon wird nichts erwaehnt. Waitz im 4.
+Bande der Anthropologie hat nun ganz klar und deutlich bewiesen, dass
+solche Ausschweifungen nur einzeln und selten bei diesen Voelkern sich
+fanden, wofuer die strengen Strafen, welche bei ihnen allen auf solchen
+Lastern oder auf sonstiger Unzucht standen, sprechen; vergl. Waitz 4,
+85. 88. 131. 307. 350. 367 u. sonst. Ebenso wenig waren solche Laster,
+wie Poeppig a.a.O. will, "Volkslaster" in Peru; freilich haben die
+Conquistadoren auch hier das aergste zu erzaehlen gewusst und mussten,
+nach ihren Berichten, die grausamsten Strafen gegen die Luestlinge
+anwenden; wenn man aber liest (Waitz 4, 478), wie der gefangene Inka
+Manko Capak, Atahualpas Bruder, die Spanier flehentlich bat, dass man
+ihn doch wenigstens nicht zum Feuertod verurtheilen oder den Hunden
+vorwerfen, sondern nur aufhaengen moege, so wirft das auf jene Strafen ein
+ganz eigenthuemliches Licht. Auch beweisen die Zeugnisse bei Waitz 4,
+417, dass auch in Peru solche Laster, Ehebruch oder gar Paederastie,
+durchaus nicht verbreitet waren, sondern nur vereinzelt vorkamen, wofuer
+wiederum die strengen Strafen, welche die einheimischen Landesgesetze
+gegen derartiges verhaengten, sprechen.
+
+In Nordamerika war, wie bei den eben besprochenen Voelkern, Polygamie
+erlaubt, keineswegs aber sehr ausgedehnt (Waitz 3, 109). Weibertausch
+kommt vor, als Freundschaftszeichen unter Familien (Hearne 128), ebenso
+auch Prostitution aus Gastfreundschaft. Keuschheit der Maedchen war
+ueberhaupt etwas, auf das man bei vielen Voelkern und namentlich bei den
+roheren, keinen Werth setzte (Waitz 3, 111). Schlimmere Dinge und
+namentlich Blutschande erwaehnt als gewoehnlich bei den Athapasken Hearne
+128, der auch sonst den Anwohnerinnen der Hudsonsbai arge
+Ausschweifungen Schuld gibt (126-27). Unnatuerliche Laster werden
+vielfach bei den Voelkern Nordamerikas erwaehnt und Maenner in
+Weiberkleidern finden sich freilich an vielen Orten, so bei den
+Illinois, in Florida, bei den Mandans, den Osagen, den Kansas u.s.w.
+(Waitz 3, 113); auch bei den Bewohnern Nutkas wird Aehnliches erwaehnt
+(eb. 133), obgleich sie sowohl wie die Koluschen im ganzen keusch leben,
+anders wie die Chinook (am Columbia), bei denen Prostitution und
+sinnliche Ausschweifungen verbreitet waren (eb. 337). Strenger sind die
+Voelker vom Oregongebiete. Uebrigens ist das nicht immer ein Zeichen von
+unnatuerlichen Lastern, wenn Maenner Weiberkleider tragen; denn einmal
+scheint manche aberglaeubische Vorstellung (eb. 113) damit verbunden zu
+sein, in anderen Faellen war es wenigstens eine symbolische, wie z.B. die
+Delawares von den Irokesen "zu Weibern gemacht", d.h., gezwungen wurden,
+als sie gaenzlich besiegt waren, den Weiberrock anzuziehen (Waitz 3, 23.
+b, 158) und auch bei den Chibchas in Neu-Granada Feiglinge mit einem
+Weiberrock bekleidet wurden (4, 361). Bei den Illinois standen die so
+gekleideten Maenner in besonderem Ansehen (3, 113) und ganz aehnlich war
+es bei den noerdlichen Patagoniern (3, 506), wo die Zauberpriester, deren
+einen jede Familie hatte, Weiberkleider trugen. Auch was Combes (Hist.
+de las islas de Mindanao Madrid 1667 p. 55) erzaehlt, dass es bei den
+Subanos auf Mindanao Maenner gaebe, welche unverheirathet blieben,
+Weiberkleider truegen, aber geehrt waeren und keusch lebten, zugleich aber
+auch physisch ein weibliches Aussehen haetten, werde hier als merkwuerdige
+Parallele erwaehnt.
+
+Den Cariben in Suedamerika wird von den aelteren spanischen
+Schriftstellern gleichfalls der Vorwurf unnatuerlicher Lasterhaftigkeit
+gemacht, doch hat Waitz 3, 383 Recht, wenn er auch diesen Vorwurf fuer
+unrichtig haelt, "denn auf ihn pflegte hauptsaechlich der Anspruch
+gegruendet zu werden, die Eingeborenen zu rechtmaessigen Sklaven zu
+machen". Andere Schriftsteller laeugnen auch, dass hier solche Laster
+vorgekommen seien; doch fanden sich Maenner in Weiberkleidern auch hier
+(Oviedo bei Waitz 3, 383). Auch die Tupis in Brasilien lebten streng (3,
+423); ebenso die Araukaner (3, 516). Hiermit stimmen auch alle
+Nachrichten bei Azara; nur dass er den Weibern der Mbayas, bei denen
+Polygamie erlaubt ist, mancherlei Ausschweifungen vorwirft (249-50).
+
+Es ist nicht noethig, dies bei den Amerikanern weiter zu verfolgen; fuer
+uns genuegt das Ergebniss, dass zwar mancherlei Ausschweifungen
+namentlich in Nordamerika unter ihnen sich vorfanden, dass diese aber
+keineswegs allgemein und bedeutend genug waren, um aus ihnen die
+Verminderung der Kopfzahl dieser Voelker zu erklaeren. Dass aber, seit der
+Bekanntschaft mit den Europaeern diese Ausschweifungen sehr zugenommen
+haben, ist eine traurige Wahrheit.
+
+Dem Trunk war man in Mittel- und Nordamerika nicht ergeben und ist es
+verhaeltnissmaessig auch jetzt noch nicht. Allerdings kannte man in Mexiko
+mehrere geistige Getraenke (Waitz 4, 98), von denen das eine, Pulque,
+Agavesaft, den man durch Ausschneiden des Herzens der Pflanze, wenn sie
+den maechtigen Schaft treiben will, gewinnt und gaehren laesst, auch von
+Europaeern (Humboldt a 3, 99) mit wahrer Leidenschaft getrunken wird;
+allein die Mexikaner waren maessig, wie schon aus ihren Gesetzen
+hervorgeht. Der Trunk wurde darin so streng geahndet, dass irgend welche
+Verbreitung desselben ganz unmoeglich war (Waitz 4, 83-84). Auch in
+Californien war er selten (eb. 240. 242). Die Eingeborenen von
+Nikaragua, von welchen auch verschiedene geschlechtliche Ausschweifungen
+berichtet werden, sollen nach Oviedo auch dem Trunke ergeben gewesen
+sein; allein allzu sicher sind diese Nachrichten nicht (Waitz 4, 279).
+Auch die Peruaner, obwohl sie verschiedene geistige Getraenke hatten,
+waren dem Trunke nicht ergeben (4, 429), so wie sie auch dem Genuss der
+Coka, die im ganzen Land gebaut wurde, nicht uebermaessig froehnten; dem
+Volk war sie ganz verboten (422). Obwohl nun die Eroberung des Landes
+die Sitten vielfach verschlechterte, so sind doch auch jetzt noch weder
+die Peruaner (500) noch die Mexikaner (196) und die ihnen verwandten
+Voelker dem Trunk ergeben (227)--wenn es auch Feste gab, z.B. in Yukatan,
+bei welchem sich die Weiber berauscht haben sollen (4, 307), oder bei
+denen, wie in Nikaragua, allgemeine Zuegellosigkeit herrschte (279). Denn
+bei allen solchen Festen waren gewiss, wie bei aehnlichen semitischen und
+indogermanischen, religioese Motive wirksam.
+
+Anders war es in Suedamerika, wo Schomburgk 2, 420 die Cariben als
+Trunkenbolde schildert; und schon von Alters her hatten sie ausser
+andern ein berauschendes Getraenk aus Cassadabrod, welches zerbrochen,
+mit heissem Wasser zu einem Teig zerruehrt, dann von alten Weibern
+durchgekaut und in einen Trog gespieen wurde, wo es nun gaehren musste
+(Schomburgk 1, 173); ganz aehnlich bereiteten die Tupis einen
+berauschenden Trank aus Mais oder Hirse, wobei das Getreide gekocht und
+von alten Weibern durchgekaut wurde. Sie nannten es Caouin oder Kaveng
+und sowohl durch die Bereitungsart als durch den Namen wird man an den
+gleich zu erwaehnenden polynesischen Kavatrank erinnert (Waitz 3,
+423-24). Gegohrene Getraenke hatten die Araukaner (3, 509), die
+Chiquitos, die dem Trunke sehr ergeben waren (eb. 530) und sind (533),
+die Moxos (537), welche ihn gleichfalls sehr lieben und andere Voelker
+schon vor der Entdeckung. Dass nun durch den Einfluss der Europaeer diese
+Neigung nicht vermindert, sondern nur gestiegen ist, begreift sich; und
+so wird es uns von den Cariben (Schomburgk 1, 173) von den Warans (eb.
+1, 123), den Charuas (Azara 184), den Mbayas (eb. 242) u.s.w. berichtet.
+
+In Nordamerika, bei den Indianern der Vereinigten Staaten, waren vor den
+Europaeern keine geistigen Getraenke in Gebrauch, ja Wasser war fast das
+einzige Getraenk, was sie genossen, wie Waitz 3, 82 ins Einzelne
+ausfuehrt; ebenso war es bei den Koluschen und den Chinooks (3, 84. 337).
+Wenn nun der Trunk, der Branntwein in Nordamerika doch so traurige
+Folgen gehabt und ganze Staemme dahin gerafft hat, so dass man oft genug
+die Behauptung findet, die Indianer seien von Natur dem Trunke ergeben
+gewesen; so fordert dies zur genaueren Untersuchung der Sachlage auf,
+die sich nach Waitz 3, 83-84 und 270, der die Quellenbeweise beibringt,
+so stellt, dass die Indianer sich aufs staerkste gegen den Verkauf von
+Branntwein gewehrt und viele Vertraege geschlossen haben, in welchen die
+Einfuhr derselben ausdruecklich verboten war, dass aber der Branntwein
+dennoch, sogar mit Gewalt, von den europaeischen Nationen den
+Eingeborenen aufgezwungen ist, theils um das Produkt abzusetzen, theils
+um sie im Trunke zu betruegen, theils auch geradezu, um sie durch den
+Trunk zu vernichten. Das ist denn nur allzugut gelungen; denn wenn auch,
+trotz der vorherrschenden Sinnlichkeit, die Amerikaner einen hoechst
+beachtungswerthen Widerstand diesem Genussmittel entgegensetzten, so
+konnte dieser eben bei ihrer Natur kein absoluter sein; oefters zwang sie
+der Nahrungsmangel zum Trunk und ein sehr haeufiger Grund, sich dem
+Trunke zu ergeben (der auch in Mittelamerika vielfach vorkam) war der,
+dass man aus der grenzenlosen Fuelle des Elends ringsher sich wenigstens
+einmal wieder durch den Rausch in einen gluecklichen Zustand versetzen
+oder dass man sich in der Verzweiflung betaeuben wollte. Uebrigens haben
+Voelker und Individuen sich dem Laster des Trunkes auch wieder zu
+entreissen vermocht (Waitz b, 43). Eigentlich also gehoerte diese
+Betrachtung erst dahin, wo wir vom Einfluss der Weissen auf die
+Naturvoelker sprechen werden, indess mag ein solches Vorausnehmen, des
+Zusammenhangs wegen und um den einen Gegenstand zu erschoepfen, gleich
+hier seine Entschuldigung finden. Tabak hat ebensowenig als Coka
+geschadet.
+
+Wenn nun auch die Hottentotten und die Buschmaenner gar keinen Werth auf
+die Keuschheit der Maedchen und Weiber legen, so waren sie doch weder in
+geschlechtlicher Beziehung noch im Trunk sehr ausschweifend, waehrend wir
+bei den Aleuten und Kamtschadalen die Verhaeltnisse wesentlich anders
+finden. Dem Trunk waren namentlich die Kamtschadalen ganz
+ausserordentlich ergeben (Krusenstern 3, 53) und wie diese Leidenschaft
+von den europaeischen Pelzhaendlern zu ihrem Verderben benutzt ist, werden
+wir spaeter sehen. Aber auch die Aleuten liebten dies Laster (Waitz 3,
+314), wie sie auch sonst sehr ausschweifend lebten. Die Weiber hatten
+(nach Wenjaminow in Ermans Archiv bei Waitz 1, 356 Note) zwei Maenner,
+einen aus hoeherem Stande und einen Nebenmann aus niederem; dem Gast
+stellte der Wirth, um ihn gastfreundlich zu ehren, das eigene Weib zur
+Verfuegung. Auch der Paederastie waren sie ergeben (Waitz 3, 314) und die
+stumpfsinnige Melancholie, in der sie z.B. Chamisso vorfand, scheint
+nicht wenig durch derartige Ausschweifungen veranlasst zu sein. Den
+Kamtschadalen schadete gar sehr der grosse Weibermangel, der nach
+Krusenstern 3, 44, bei ihnen herrschte und nicht nur die Moralitaet
+gaenzlich, sondern auch die Fruchtbarkeit der Ehen zerstoerte. xyxyxyss Die
+Neuhollaender, obwohl sie von den Unverheiratheten beider Geschlechter
+keine Keuschheit verlangen, obwohl sie an einigen Orten die Weiber ihren
+Gastfreunden anbieten und sie mit guten Freunden tauschen (Angas 1, 93),
+sind doch so eifersuechtig, dass verheirathete Frauen sehr zurueckhaltend
+sein muessen (Grey 1, 256). Polygamie ist bei ihnen haeufig, aber man kann
+sie eigentlich nicht ausschweifend nennen. Auch geistige Getraenke hatten
+sie nicht. Von den Melanesiern wird nichts auffallend Schlimmes
+berichtet, wohl aber von manchen Orten das Gegentheil; so herrschen,
+nach Malte Brun in Bullet. de la soc. geogr. 1854, I, 238, auf
+Neucaledonien, wenn auch die Weiber ganz sklavisch gehalten werden,
+geschlechtliche Ausschweifungen nicht. Polygamie ist allerdings auf den
+Inseln Sitte (Turner 86. 371. 424), allein wirklich ausgedehnt nur bei
+Haeuptlingen und in selteneren Faellen. Ehebruch kommt, aus Furcht vor
+Strafe, kaum vor (Turner 86 in Bez. auf Tanna), allein Keuschheit der
+Unverheiratheten ist hier so wenig verlangt als sonst irgendwo bei den
+Naturvoelkern. Waehrend nun Erskine 256 von den Fidschis sagt, dass sie
+sehr enthaltsam lebten und Ekel vor Ausschweifungen empfaenden, so
+behaupten William und Calvert 1, 134, dass sie sehr zuegellos und grobe
+Ausschweifungen bei ihnen verbreitet seien. Moeglich, dass Erskine ein zu
+guenstiges Urtheil faellte; jedenfalls aber stehen die Fidschiinsulaner
+sehr viel hoeher als die Polynesier in dieser Beziehung und moegen wohl
+erst durch den fortwaehrenden Verkehr mit den Fremden zu dieser
+Zuegellosigkeit gesteigert sein.
+
+Am schlimmsten muessen wir ueber die eigentlichen Polynesier urtheilen,
+unter denen Trunk und Wollust schon vor den Europaeern aufs aergste
+gehaust haben. Aus der Wurzel vom Piper methysticum, dem Kavapfeffer,
+bereitete man, indem sie (an den meisten Orten von alten Weibern) gekaut
+und dann ausgespieen wurde, durch Aufguss von Wasser ein eigenthuemliches
+Getraenk, dem alle Polynesier sehr zugethan waren. Es berauscht nicht
+eigentlich, da es die Besinnung nicht raubt, aber, indem Gang und Zunge
+schwer werden, versetzt es den Geist in einen aehnlichen Zustand, wie das
+Opium; auch wolluestige Traeume u. dergl. sollen seinem Genuss folgen, der
+oft wiederholt allgemeine Schwaeche, Zittern, geistige Stumpfheit,
+Abmagerung und schliesslich scheussliche Hautkrankheiten hervorbringt,
+Geschwuere, welche aufbrechen und arge Narben zuruecklassen. Aber gerade
+diese Narben galten als Ehrenzeichen (Hale 43). Namentlich auf Tahiti
+und auf Hawaii war der Kavatrank beliebt; grosse Kavafeste auf Tonga
+beschreibt Mariner, auf Fidschi d'Urville b 4, 207 und Hale 63. Dagegen
+trank man ihn auf Neuseeland, obwohl man ihn kannte, nicht. Auch in
+Mikronesien, wo indess die Wurzel zerrieben, nicht gekaut wurde, war der
+Kavatrank sehr beliebt und sehr verbreitet (Hale 83: Gulick 417). Was
+jedoch die schaedlichen Einwirkungen dieses in der That hoechst
+gefaehrlichen Trankes sehr milderte, war der Umstand, dass er ein
+heiliges Getraenk war. Freilich durfte er daher bei keiner irgend wie
+bedeutenderen Gelegenheit fehlen; aber nur die Fuersten waren es, die ihn
+trinken durften, nie das Volk, und auch die Fuersten nur bei und unter
+bestimmten Feierlichkeiten (Hale 43, fuer Mikronesien Novara 1, 371). So
+hat denn auch der Schade, den dieser Genuss hervorrief, fast nur die
+Fuersten und den Adel getroffen. Gegen den Branntwein (Rum u.s.w.) hatten
+alle Polynesier einen grossen Widerwillen (Novara 2, 337 fuer
+Mikronesien), und wenn er trotzdem in Tahiti und Hawaii so verderbliche
+Wirkungen hervorgerufen hat, so muss man bedenken, wie er zu Tahiti von
+den Franzosen, zu Hawaii von diesen sowie den amerikanischen und
+europaeischen Kaufleuten unter heftigem Widerstreben der Missionaere und
+gegen den Willen der Eingeborenen (vergl. z.B. Lutteroth Geschichte der
+Insel Tahiti 172 u. sonst) gewaltsam eingefuehrt ist. Und schlimm genug
+waren die Folgen dieser Einfuehrung. "Als die Tahitier von fremden
+Seeleuten und Sandwichinsulanern geistige Getraenke von einheimischen
+Wurzeln zu destilliren gelernt und Rum in reichlicher Menge von ihnen
+empfangen hatten, da verbreitete sich Trunksucht sehr allgemein, und
+alle die Demoralisation, die Verbrechen, das Elend, welches ihr folgt,
+kam ueber das Volk. Unthaetigkeit wuchs, Streit in den Familien nahm
+ueberhand, die Verbrechen der Areois (ueber welche wir sogleich reden)
+nahmen zu", sagt Ellis 1, 108 und so wie hier und noch aerger war es zu
+Hawaii und an den Kuesten von Neuseeland. Allein die Eingeborenen (vergl.
+Ellis u.a.O.) haben sich an vielen Orten, Dank dem reinen Eifer der
+Missionaere, wieder von diesem so gefaehrlichen Laster befreit; in
+Neuseeland sowohl wie in Hawaii schadet der Rum nur an den Kuestenplaetzen
+den Eingeborenen und das ueberall wachsende Christenthum hat siegreich
+auch in Tahiti und sonst diese Gefahr im Allgemeinen abgewendet.
+
+Bei weitem verhaengnissvoller aber wirkten die geschlechtlichen
+Ausschweifungen, die wohl bei keinem Volk der Welt so schamlos
+verbreitet waren, wie in Polynesien. Jede Reisebeschreibung (auch andere
+Buecher als die schamlose Reise der Pandora von Hamilton) rechtfertigt an
+hundert Stellen den Namen la nouvelle Cythere, welchen Bougainville der
+Insel Tahiti gab. Nicht nur, dass auf Tahiti, Hawaii, Neuseeland, auch
+auf Tonga (obwohl man hier strenger lebt) und auf Samoa (nach Wilkes)
+wenigstens Fremden gegenueber die Maedchen ganz frei waren; so ist auch
+nirgends die Prostitution der Weiber durch Vaeter, Brueder, Gatten frecher
+betrieben wie hier. Polygamie herrschte ueberall. Gastfreunden bot man
+die Weiber an, vornehme Frauen lebten ganz zuegellos. Fuer Hawaii bezeugt
+dies, um nur einige Beweisstellen anzufuehren, Jarves 80, fuer Tahiti Cook
+und alle andern Reisenden, fuer Waihu Moerenhout 1, 26, fuer die Markesas
+Porter (Journal of a cruise in the Pacif. Ocean 1812-14) 2, 60,
+Krusenstern 1, 221; nach Mathias G*** 152 herrscht indess Prostitution
+nur in den Haefen. Neuseeland stand etwas hoeher; doch waren auch hier die
+Maedchen vollstaendig ungebunden (Dieffenb. 2, 40). Die Weiber selbst
+lockten die ankommende Mannschaft von Wallis Schiff durch die
+unanstaendigsten Geberden ans Land und die Maenner, welche das Geschaeft
+abschlossen, forderten schon damals fuer schoene Frauen, Toechter,
+Schwestern u.s.w. hoehere Preise als fuer minder schoene (Wallis 214 ff.
+256). Ja vor aller Augen, und nicht etwa aus Roheit, wie die Bewohner
+der Palauinseln nach Kadus Zeugniss bei Chamisso 137[F], sondern
+umstanden von vornehmen Weibern, unter denen die Koenigin selbst,
+vollzogen sie die Begattung, zum Ergoetzen der Umstehenden, welche dem
+Paare, namentlich dem betheiligten Maedchen, Lehren gaben, um die Lust zu
+erhoehen--doch das war nicht noethig, denn, obwohl das Maedchen erst 11
+Jahre zaehlte, so wusste sie doch mit allem schon guten Bescheid (Cook b,
+126-27, vergl. 86. 106). Da ist es nicht zu verwundern, dass schmutzige
+Gegenstaende sehr haeufig, vor aller Ohren, Inhalt der Unterhaltung waren
+und nur belacht wurden. Ueberall herrschte Polygamie; auf Tahiti,
+Nukuhiva und Hawaii (Turnbull 65, Stewart 129, Porter 2, 30) kamen
+Heirathen unter Geschwistern vor, jedoch nur in der regierenden Familie,
+die auf andere Art keine ebenbuertige Ehe schliessen konnte, da alle
+anderen Adelsgeschlechter an Rang unter ihr standen (Ellis 4, 435). Auf
+den Markesasinseln war es nach Melville 2, 122-23 Sitte, dass die
+Weiber, aehnlich wie die Aleutinnen, zwei Maenner hatten, einen wirklichen
+Gatten und einen Nebenmann, der ganz die Rechte wie jener besass, auch
+im Frieden mit ihm lebte; welche Sitte nach Melville darin ihren Grund
+hatte, dass es weit mehr Maenner als Frauen gab. Mathias G*** sagt 111
+dasselbe, was auch sonst noch vielfach bestaetigt wird. Auch unnatuerliche
+Lueste, denen in Tahiti ein eigener Gott vorstand (Moerenh. 2, 168), waren
+sehr ausgedehnt. Maenner in Weiberkleidern finden wir, wie in Amerika,
+auch zu Tahiti, aber hier nur im Dienste der widernatuerlichen Wollust
+(Turnbull 306); und da nun die Maenner des gemeinen Volks, damit die
+Fuersten desto mehr Weiber haetten, oder weil sie den Kaufpreis fuer die
+Frauen nicht zahlen konnten, fast immer unverheirathet bleiben mussten,
+so war Onanie unter ihnen in solchem Grade getrieben, dass sie dadurch
+meist unfaehig wurden, einem Weibe noch beizuwohnen (Wilson 311). "Ihre
+Verbrechen in dieser Art sind zu entsetzlich, als dass sie alle erzaehlt
+werden koennten," sagt Wilson (1799) a.a.O. Noch Ellis (1, 98) fand
+dasselbe vor, er sagt, die Schilderung, welche Paulus von den Heiden im
+ersten Kapitel des Roemerbriefes mache, passe durchaus auf die Tahitier.
+Auch in Hawaii waren unnatuerliche Laster ganz gewoehnlich, von denen
+Paederastie nur oder wenigstens vorzugweise unter den Fuersten vorkam
+(Remy XLIII).
+
+Mikronesien steht viel hoeher in dieser Beziehung, mit Ausnahme der alten
+Marianer, unter denen, freilich nach den alten spanischen Berichten
+(Salacar bei Oviedo XX, 16), eine arge Zuegellosigkeit herrschte, und le
+Gobien berichtet manches entsprechende. Aber sonst fanden die ersten
+europaeischen Besucher in Mikronesien keine Ausschweifungen, weder im
+Trunk noch in der Liebe vor, wenn auch die Maedchen leicht zu gewinnen
+waren: und schamhaft waren sie alle (Chamisso 91. 119). Uebrigens
+herrschte, nach Chamisso 118-19, Polygamie auch auf Ratak und besonders
+nahe Freunde besassen auch die Weiber gemeinschaftlich.--Auch im
+eigentlichen Polynesien gab es reinere Bezirke, so Tonga, wo die
+Juenglinge von Staatswegen zur Keuschheit ermahnt wurden: nie sollten sie
+Gewalt anwenden, nie sich gegen Ehefrauen vergehen (Mariner 1, 138);
+allein auch hier waren die Unverheiratheten ganz frei und ebenso die
+verheiratheten Maenner (2, 174), auch hier waren Unanstaendigkeiten der
+haeufige und gern belachte Inhalt des Gespraeches, die man nur vor
+verheiratheten Frauen vermied (2, 177). In Samoa herrschte noch groessere
+Sittenstrenge.
+
+Viel besprochen ist die Gesellschaft der Areois auf Tahiti, ueber welche
+Moerenhout 1, 485-503 und Ellis 1, 230 ff. handeln, und die auch wir kurz
+besprechen muessen, wenn wir an diesem Ort auch nur auf die furchtbare
+Unsittlichkeit hinweisen, welche in dieser urspruenglich religioesen
+Gesellschaft herrschte. Maenner und Weiber lebten in ihr aufs hoechste
+ausschweifend und unter dem bestimmten Gesetz, alle ihre Kinder zu
+toedten, beisammen und hochgeehrt vom ganzen Volk, dem sie wie Goetter
+erschienen, durchzogen sie die Inseln, um Feste, Schauspiele, Taenze vor
+der Menge aufzufuehren. Wir finden diese Gesellschaft nicht bloss auf
+Gesellschaftsinseln, sondern (Meinieke b 78) auch auf Rarotonga, auch im
+Markesasarchipel (Moerenh. 1, 502). Und da nun le Gobien 59-62 von den
+Uritaos der Marianen ganz das Naemliche erzaehlt, die in aller
+Zuegellosigkeit mit den Maedchen des Landes zusammenlebten, selbst in
+Blutschande, ohne dass es ihnen Tadel zuzog, da sie von hoeherer Weihe
+waren (Freycinet 2, 368)--so werden wir auch diese, wie schon ihr Name
+derselbe ist, mit jenen Areois trotz Meinickes Widerspruch (b, 79)
+zusammenstellen muessen.
+
+Es kann uns nicht wundern, wenn solche lasterhafte Sitten, in solcher
+Ausdehnung herrschend, die Gesundheit der polynesischen Bevoelkerung
+untergruben und sie haben es gethan. Schon eine bis zwei Generationen
+vor Wallis hatte die Volksverminderung, nach den Aussagen der
+Eingeborenen selbst, auf Tahiti angefangen (Ellis 1, 105) und dass
+hieran diese Ausschweifungen, wenn auch nicht allein, so doch zum
+groessten Theil schuld waren, kann man gewiss behaupten. Ihren
+entnervenden Einfluss schildern wenigstens die zuverlaessigsten
+Augenzeugen in den duestersten Farben, wie Ellis 1, 98 und Turnbull
+(1804) 307. Und ferner ist es sehr begreiflich, dass solche entnervte
+Wuestlinge sehr viel und leichter Krankheiten ausgesetzt waren, als
+gesunde Menschen, dass Krankheiten viel heftiger bei ihnen wuethen
+mussten und dass sich namentlich die Syphilis unter ihnen rasch
+verbreiten und gefaehrlich erweisen musste.
+
+
+
+
+Sec. 8. Unfruchtbarkeit. Kuenstlicher Abortus. Kindermord.
+
+
+Aber eine andere noch schlimmere Folge dieser Ausschweifungen ist die
+Unfruchtbarkeit der Weiber, welche in Polynesien hauptsaechlich auf
+diesem einen Grund beruht. Die Unfruchtbarkeit der Ehen auf den
+Markesas, welche schon Krusenstern 1, 255-56 und dann Melville 2, 125
+betont, erwaehnt auch Mathias G*** 108 mit starkem Nachdruck.
+Unfruchtbarkeit ist in Hawaii sehr verbreitet (Virgin 1, 268); in Tahiti
+wird es erst in neuerer Zeit besser und Dieffenbach 2, 15-16 gibt als
+eine der Ursachen fuer das Hinschwinden der Maoris die geringe
+Fruchtbarkeit ihrer Weiber an.
+
+Da nun aber ganz analoge Erscheinungen sich in Melanesien (wo z.B. auf
+Erromango schon eine hohe Kinderzahl ist, Turner 494), in Neuholland
+(Grey 2, 248 ff.) und namentlich in Amerika vorfinden, so hat man, vor
+allem mit Ruecksicht auf die Eingeborenen des letzten Landes gesagt, die
+geringe Fruchtbarkeit sei ein charakteristisches Merkmal fuer niedere
+Racen, das in ihrer Natur selbst begruendet liege. Allerdings haben die
+Weiber der Botokuden (Tschudi 2, 284), der Makusi (Schomburgk 2, 312)
+der meisten brasilianischen Voelker (Azara an vielen Stellen) und ebenso
+auch der meisten Nordamerikaner (wofuer Waitz 1, 169 die Beispiele
+zusammenstellt) sehr wenige, oft auch gar keine Kinder; allein wie man
+hierin ein Racenmerkmal finden soll, ist fuer Unbefangene unmoeglich
+abzusehen. Denn erstlich zeigen sich eine lange Reihe aeusserer Gruende,
+wodurch die Unfruchtbarkeit bewirkt wird; ausser den schon besprochenen
+Gruenden wie Ausschweifungen, Krankheit u. dergl., die auch in Amerika
+und vor allen auf Kamtschatka und den Aleuten wirkten, muss hier auf das
+gleichfalls schon erwaehnte lange Saeugen hingewiesen werden, welches der
+Fruchtbarkeit Abbruch thut, ferner und ganz besonders auf die meist
+ueberaus elende Stellung der Weiber, auf die Noth, die ewigen Muehsale,
+unter denen sie ihr Leben hinbringen muessen. Dann heirathen viele Voelker
+nur im eigenen Stamm und man kann wohl sagen, da bei vielen kleineren
+Voelkern Stamm und Familie so ziemlich zusammenfaellt, in derselben
+Familie; dass aber auch hierdurch eine Verminderung der Fruchtbarkeit
+eintritt, ist bekannt genug. So z.B. die Botokuden; daher Tschudi (2,
+284) in diesem Umstand einen Hauptgrund fuer die Unfruchtbarkeit ihrer
+Ehen sieht. Auch bei den Bewohnern von Darien zeigten sich die
+schaedlichen Folgen solcher Heirathen (Waitz 4, 351).
+
+Der allzufruehe Coitus, den Dieffenbach 2, 15 fuer die Unfruchtbarkeit der
+Neuseelaenderinnen als einen Hauptgrund anfuehrt, ist wichtig fuer viele
+Voelker, da er bei vielen, wie wir sehen, vorkommt. Obwohl nun Humboldt
+(b, 2, 190), nach dem Zeugniss der amerikanischen Ordensgeistlichen am
+Orinoko, darin keine Gefahr fuer die Zahl der Bevoelkerung sehen will, so
+spricht doch die Natur der Sache und mannigfache Erfahrung gegen ihn.
+Doppelt gefaehrlich wird aber zu frueher geschlechtlicher Umgang bei
+Voelkern, bei denen es an Weibern fehlt. So heirathen die Maedchen der
+Tarumas in Guyana, weil es unter diesem Volk nur wenig Weiber gibt,
+schon vor der Pubertaet (nach Schomburgk bei Waitz 1, 170). Mehr Maenner
+als Weiber gab es noch in verschiedenen Orten in Amerika (z.B.
+Californien Waitz 1, 170 Anmerk., bei den Guanas Azara 232), in
+Polynesien (Tahiti, Markesas u. sonst) und in Kamtschatka, wo der Mangel
+an Weibern, wie wir sahen, vorzugsweise gross war. Durch diesen wurde
+denn wieder eine andere sehr wenig heilsame Einrichtung gefoerdert, dass
+in Neuholland junge Maedchen zunaechst an alte Maenner und erst nach deren
+Tode, wenn sie nun mittlerweile aelter waren, an juengere Leute
+verheirathet wurden (Nind im Journ. R. Geogr. Soc. 1, 38), eine Sitte,
+welche bei den Irokesen ebenfalls im Schwunge war: "Der junge Mann von
+25 Jahren erhielt bei ihnen oft eine aeltere Frau zugetheilt als er
+selbst war, der alte Wittwer dagegen waehlte sich ein junges Maedchen"
+(Waitz 3, 103).
+
+Dass wir unter diesen Gruenden die Polygamie und Polyandrie mit ihren
+gewiss schlimmen Folgen fuer die Bevoelkerungszahl nicht besonders
+erwaehnen, hat seinen Grund darin, dass wir diese beiden Einrichtungen,
+auch wenn sie noch so gesetzmaessig sind, unter die Ausschweifungen
+rechnen und also, was von jenen gesagt ist, auch fuer diese gilt. Ebenso,
+was man fuer manche amerikanische Voelker als Grund fuer die
+Unfruchtbarkeit angefuehrt hat, die geringe Neigung der Maenner fuer das
+weibliche Geschlecht und ihre minder entwickelten Genitalien (Poeppig,
+Azara, Waitz 1, 171 u.s.w.) lassen wir auf sich beruhen, da dieser
+Umstand keineswegs allgemein und keineswegs in den daraus abgeleiteten
+Folgen sicher ist.
+
+Weit wichtiger sind noch einige psychische Gruende, die wir recht
+hervorheben moechten. Wie Gram und Kummer, Druck und Despotismus das
+aeussere Leben zurueckhalten und verkuemmern lassen, so wirken sie
+natuerlich auch auf die Fruchtbarkeit der Weiber ein, denn der Einfluss
+des geistigen Lebens auf jede Seite des leiblichen, so sehr man ihn auch
+anerkennt, kann kaum maechtig genug gedacht werden. Wo daher ein schwerer
+Druck auf der Bevoelkerung liegt wie durch die Adelsherrschaft in
+Polynesien und hier namentlich auf den Fidschi- und Hawaiiinseln, da
+wird es auch leichter unfruchtbare Ehen geben. Und noch mehr, wenn der
+Druck der Herrscher zugleich das tiefste moralische Weh ueber die
+Unterworfenen bringt, wie das durch die furchtbaren Einwirkungen der
+Europaeer fast ueberall geschehen ist. Auch ist zu bemerken, dass von
+diesen Gruenden stets mehrere vereint, nie einer allein wirken; dass wir
+die verminderte Fruchtbarkeit also aeusserlich veranlasst sehen, wodurch
+die Ansicht, sie sei Racencharakter, schon erschuettert wird. Und waere
+sie es wirklich, so muesste sie doch ueberall sich bei den betreffenden
+Racen zeigen. Aber das ist gar nicht der Fall. In Neuholland z.B., wo
+allerdings Heirathen in demselben Stamme so gut wie gar nicht vorkommen,
+werden fruchtbare Ehen gar nicht selten erwaehnt. Grey (a.a.O.) sah 41
+Weiber, welche zusammen 188 Kinder hatten; und gar manches Volk in
+Amerika gibt es, welches eine sehr reichliche Kinderzahl besitzt, so die
+Staemme der Nordwestkueste, die Nordindianer, welche Hearne besuchte, die
+Chippewais, die Sioux, die Mandans, und manche Suedamerikaner, welche
+Waitz 1, 171-72 zusammenstellt. Und waehrend einzelne Theile
+melanesischer Bevoelkerung meist nur kinderarme Familien aufweisen, ist
+das Gegentheil bei anderen, z.B. den Fidschis der Fall; dieselben
+Gegensaetze zeigt Mikronesien und Polynesien, in welchem letzteren Gebiet
+z.B. Tonga ganz anders als Tahiti und die Markesasinseln nur fruchtbare
+Ehen kennt. Und wer hat je etwas der Art von dem Brudervolk der
+Polynesier, von den Malaien gehoert? Gedeihen sie nicht reichlich in
+ihrer Inselwelt und muesste nicht, waere die Unfruchtbarkeit
+Racencharakter, sie sich auch bei ihnen vorfinden?
+
+Umgekehrt aber findet sie sich bei Kulturvoelkern, bei denen die oben
+besprochenen Gruende wirksam sind, wofuer Waitz 1, 173 einige Beispiele
+aufstellt. Wo diese Gruende aber wegfallen, da sind die Weiber auch sonst
+minder fruchtbarer Staemme mit Kindern gesegnet. Neuseelaenderinnen mit
+Europaeern (Dieffenbach 2, 152) und Botokudinnen mit Weissen oder Negern
+vermaehlt (Tschudi 2, 284) pflegen sehr fruchtbar zu sein, weil dann die
+Frau meist ein ruhigeres, besseres Leben hat, wie Tschudi dies sehr
+richtig a.a.O. erklaert, nicht aber etwa in Folge der Vermischung und des
+Einflusses einer hoeheren Race, da ja in der Ehe mit Negern dasselbe
+Verhaeltniss eintritt.
+
+Wir wuerden schon hieraus die Unfruchtbarkeit der Weiber vollkommen
+erklaerlich finden, ohne Hinzunahme einer so wenig begruendeten Theorie,
+wie die von der minderen Zeugungsfaehigkeit der hinschwindenden Racen.
+Aber einen der wichtigsten Gruende, welcher nicht nur diese
+Unfruchtbarkeit, sondern ueberhaupt die Verringerung der Naturvoelker
+nicht zum mindesten Theil erklaert, haben wir noch zu besprechen: es ist
+das weitverbreitete Toedten der Kinder vor oder gleich nach der Geburt.
+
+Bei den Hottentotten (Sparmann 320) herrschte die Sitte, Saeuglinge,
+deren Mutter starb, mit dieser zugleich zu begraben oder auszusetzen;
+ebenso toedteten sie von Zwillingen das eine Kind. Kuenstliche
+Fehlgeburten kamen haeufig bei ihnen vor. Noch haeufiger war dies alles
+bei den Buschmaennern, welche bei ehelichen Streitigkeiten, bei
+Nahrungsmangel, der sie oft genug betraf, und bei eiliger Verfolgung die
+Kinder toedteten, aus Rache und Zorn gegen den Ehegatten, oder weil sie
+dieselben nicht ernaehren, nicht mitnehmen konnten; das heisst in den
+meisten Faellen, weil sie jede ungewoehnliche Anstrengung, welche ihnen
+die huelflosen Kinder auferlegt haetten, scheuten. Zwillinge und
+missgestaltete Kinder wurden stets umgebracht (Waitz 2, 340 und daselbst
+die Quellen).
+
+Ebenso war es in Amerika, namentlich in der suedlichen Haelfte des
+Kontinentes, waehrend die Indianer Nordamerikas, wie sie ueberhaupt hoeher
+stehen, auch ihre Kinder besser halten, ja sie oft mit der innigsten
+Liebe pflegen. So verwenden z.B. die Potowatomi auch auf arbeitsunfaehige
+und bloedsinnige Kinder zaertliche Sorgfalt (Waitz 3, 115-16); und die
+Huronen zogen auch solche Saeuglinge auf, deren Mutter gestorben war
+(Waitz b, 100). Kuenstlicher Abortus dagegen war weit verbreitet unter
+den Thakallis, dem westlichsten Stamm der Athapasken, welcher auch sonst
+sehr tief stand und von Keuschheit oder ehelicher Treue keinen Begriff
+hatte (Waitz b, 90). Dass die Knisteno namentlich ihre weiblichen Kinder
+toedteten, um sie vor dem elenden Loos des Lebens, das sie erwartete, zu
+behueten (Waitz 3, 103), ist schon erwaehnt. Und nun gar in Suedamerika.
+Die Guanas (Azara 232) bringen die meisten Maedchen sofort bei der Geburt
+um, indem sie die Neugeborenen lebendig begraben; ueberhaupt aber ziehen
+sie nur etwa die Haelfte ihrer Kinder auf. Da es bei den Tupis Sitte war
+(Waitz 3, 423), die Neugeborenen dadurch anzuerkennen, dass man sie vom
+Boden aufhob, so koennen wir hieraus schliessen, dass bei ihnen,
+wenigstens in frueherer Zeit, viele Kinder, die man eben nicht aufhob,
+getoedtet sind. Von den Guaikurus (oestlich vom oberen Paraguay) berichtet
+Azara 273, dass die ganze Nation hauptsaechlich durch Abtreiben der
+Kinder, von denen sie nur das letzte und also, da diese Rechnung sehr
+unsicher ist, oft keins schonten, ganz verschwunden sei; und wenn wir
+auch mit Waitz (3, 430) diese Nachrichten, sowohl in Beziehung auf ihr
+Aussterben--denn Castelnau z.B. fand 6 Staemme von ihnen, darunter zwei
+ackerbauend, am Paraguay vor--als auch in Betreff dieser furchtbaren
+Ausdehnung des Kindermords fuer uebertrieben halten, so muss doch
+kuenstlicher Abortus bei ihnen vorzugsweise verbreitet gewesen sein, wie
+ihn auch noch neuere Reisende, Martius, Castelnau bei Waitz 3, 472 als
+gewoehnlich unter ihnen angeben. Auch von den Mbayes, welche indess von
+den Guaikurus nicht zu trennen sind, gibt Azara 250 genau dasselbe an:
+sie toedten alle Kinder bis auf eins, bisweilen auch alle insgesammt. Als
+Gruende fuer diese Sitte geben die Indianerinnen an, regelmaessige Geburten
+machten sie vor der Zeit alt und haesslich, auch sei es ihnen, bei ihren
+ewigen Wanderzuegen, wo sie selbst oft nichts zu essen haetten, sehr
+schwer mehr als ein Kind mitzunehmen und zu erhalten. Fuehlte sich also
+eine Frau schwanger, so legte sie sich auf die Erde und andere Weiber
+gaben ihr so lange die heftigsten Schlaege auf den Unterleib, bis Blut
+und bald darauf die Frucht abging, eine Operation, an der natuerlich
+viele Weiber sogleich oder kurz darauf starben, andere wenigstens ihr
+ganzes Leben siechten (Azara a.a.O.). Auch bei den Abiponen herrschte
+dieser Gebrauch; mehr als zwei Kinder zogen sie nicht auf (Waitz 3,
+476). Die Tobas (zwischen Abiponen und Guaikurus, oestlich vom Paraguay)
+toedten viele ihrer Kinder (Waitz 3, 475), die Lules (oestlich von den
+Tobas) alle unehelichen, von Zwillingskindern, welche fuer ein Zeichen
+von Untreue gelten, immer eins, und wenn die Matter stirbt, so begraben
+sie den Saeugling mit ihr (Waitz 3, 480). Die Yurakares, westlich vom
+Titikaka-See, mordeten ihre Kinder, wenn sie keine Lust hatten, sie
+weiter zu verpflegen (Waitz b, 100). Die Moxos toedteten von Zwillingen
+immer das eine Kind und begruben kleine Kinder mit ihrer Mutter, wenn
+diese starb (Waitz 3, 537). Gegen Zwillingskinder wandten sie diese
+Massregel an, weil man in einer solchen Doppelgeburt etwas
+Thieraehnliches sah (Waitz b, 100). Die Chiquitos (zwischen dem oberen
+Paraguay und dem Titikaka) hatten so wenig Anhaenglichkeit an ihre
+Kinder, dass sie dieselben leicht fortgaben oder verkauften (Waitz 3,
+530) und von den Minuanes (am unteren Parana) erzaehlt Azara 191 ganz
+aehnliches; waren die Kinder entwoehnt, so kuemmerten sich die Eltern gar
+nicht mehr um sie, vielmehr wurden sie von verheiratheten Verwandten
+aufgezogen. Bei den caribischen Voelkern herrschten dieselben Sitten, wie
+dies Humboldt b 4, 225-28 genauer schildert. Von Zwillingen toedten sie
+immer ein Kind, um nicht wie Ratten, Beuteltiere und das niederste
+Gethier, das viele Jungen zugleich wirft, zu sein, oder weil man auch
+hier in einer solchen Doppelgeburt ein Zeichen von Untreue sieht. Auch
+missgestaltete, ja selbst schwaechliche Kinder werden getoedtet, um sich
+der Last, die man spaeter mit ihnen haben wuerde, zu entziehen. Die Frauen
+dieser Voelker haben verschiedene Pflanzenaufguesse, welche sie zum
+Abtreiben anwenden und zwar in verschiedenen Gegenden zu verschiedener
+Zeit, je nachdem sie es fuer die Gesundheit und die Schoenheit frueh oder
+spaet Kinder zu bekommen fuer zutraeglich halten. Auch bei den Makusis
+sieht Schomburgk (2, 312), so sehr er auch sich gegen diese Annahme
+straeubt, sich genoethigt, an kuenstliche Fehlgeburten zu glauben. Wenn er
+aber meint (313), dass Zwillinge bei ihnen nicht getoedtet wuerden, und
+dass ueberhaupt solche Geburten hoechst selten bei ihnen seien, weil er
+nur zweimal unter den Eingeborenen von Guyana, einmal unter den Makusis,
+einmal unter den Waikas Zwillinge sah und nie von ihnen reden hoerte, so
+ist das sicherlich unrichtig, denn er selbst erzaehlt, dass die Frauen
+jener Voelker auf seine Bemerkung, die Europaeerinnen bekaemen bisweilen
+zwei, ja drei Kinder, den Mund spoettisch verziehend geantwortet haetten:
+wir sind keine Huendinnen, die einen Haufen Junge werfen.[G] Also auch
+hier dieselbe Auffassung wie ueberall in Suedamerika und sicher auch
+derselbe Gebrauch. Schon die Seltenheit von Zwillingen spricht dafuer;
+und wenn die Indianer nie von Zwillingen sprechen, so erklaert sich das
+aus dem herrschenden Gebrauch, von der Ermordung der Kinder ueberhaupt
+nicht zu reden; man thut, als seien sie eines natuerlichen Todes
+gestorben: "Das arme Kind konnte nicht mit uns Schritt halten; man hat
+nichts mehr von ihm gesehen" (Humboldt 64, 226).
+
+Auch bei den Kulturvoelkern Amerikas herrschte derselbe Brauch. Die
+Mexikaner, in dem Glauben, dass Zwillinge den Tod des Vaters oder der
+Mutter vorbedeuteten, toedteten oft das eine der beiden Kinder (Waitz 4,
+164). Die Chibchas, in Neu-Granada, thaten dasselbe, weil sie in
+Zwillingsgeburten die Folge grober Ausschweifungen sahen (eb. 4, 367).
+Auch in Peru galten Zwillinge als ueble Vorbedeutung fuer die Eltern, der
+man in vielen Theilen des Landes durch Fasten (eb. 417), in anderen
+durch Toedtung eines der Kinder vorzubeugen suchte (eb. 461). Die
+darischen Weiber sollen ihre Kinder getoedtet haben, um ihre Schoenheit zu
+bewahren (350). Die zu den Chibchas gehoerenden Panches toedteten alle
+ihre Kinder, so lange ihnen nur Maedchen geboren wurden (eb. 376); und
+hier mag denn den Schluss die Bemerkung bilden, dass die vielfach
+vorkommende Toedtung der Maedchen urspruenglich wohl nicht den Grund hatte,
+den Toechtern ein schlimmes Lebensloos zu ersparen, welche Auffassung
+gleichwohl spaeterhin gegolten haben mag: der Hauptgrund war gewiss ein
+aberglaeubisch-religioeser oder wenigstens der, dass man Knaben der
+Kriegstuechtigkeit halber und weil man sie fuer vortrefflicher hielt,
+lieber sah als Maedchen.
+
+Dieselben Sitten galten in Neuholland. Stirbt die Mutter eines
+Saeuglings, so wird derselbe mit ihr begraben und von Zwillingen stets
+das eine Kind getoedtet (Freycinet 2, 747), in Ost- und Westaustralien;
+missgestaltete Kinder oder solche, die bei der Geburt Schmerzen
+machen--diese alle gewiss, weil man sie von boesen Geistern besessen
+glaubt--toedtet man gleichfalls, so wie alle Kinder von europaeischen
+Vaetern, welche die Mutter verliessen (Grey 2, 251. Bennet 1, 122). Von
+Mischlingskindern toedtet man nach Breton (231) indess nur die Knaben,
+nicht die Maedchen, waehrend sonst die Maedchen so vorzugsweise getoedtet
+werden, dass nach Grey (2, 251) das Verhaeltniss der Weiber und Maenner
+wie 1: 3 ist. Jede Mutter toedtet ihr drittes, bisweilen schon ihr
+zweites Maedchen, wenn es nicht eine fremde Frau als ihr Kind annimmt
+(Salvado 111). Fehlgeburten werden oft herbeigefuehrt und Neugeborene oft
+getoedtet, um der Last und der Schwierigkeit, Kinder aufzuziehen, zu
+entgehen (Meinicke a 2, 208). Ja es soll sogar vorkommen, dass Eltern
+ihre neugeborenen Kinder selbst auffressen (Stanbridge, transaction of
+the ethnol. Society X. S. 1, 289; Australia felix 129; Angas 1, 73). Auf
+Vandiemensland dagegen herrschte der Kindermord nicht (Bibra 16).
+
+Wohl aber in Melanesien, und so auf Vate (Gill 67), wo man neugeborene
+Kinder lebendig begrub und nur zwei bis drei aufzog (Turner 394), und
+ebenso war es auf Erromango (Turner 491) und in groesster Ausdehnung auf
+den Inseln in der naechsten Naehe von Neuguinea (Reina in Zeitschr. 4,
+359). Auf den Fidschiinseln war der Kindermord gleichfalls nicht selten,
+wie Williams und Calvert (1, 180) berichten und das Gemaelde, das sie
+entwerfen, ist duester genug: kuenstliche Fehlgeburten, Toedtung der
+Kinder, namentlich der Maedchen, gleich nach der Geburt, ist sehr haeufig,
+aus Laune, aus Faulheit, aus Eifersucht und Rache; wie in Polynesien gab
+es auch hier in jedem Dorf Leute, welche Fehlgeburten herbeizufuehren
+verstehen. Hale (66) schreibt den Fidschis dieselbe Sitte zu, welche wir
+bei den Tupis fanden und welche ja auch unter den Indogermanen eine so
+weit verbreitete war, dass alle Kinder, welche der Vater oder Priester
+nicht unmittelbar nach der Geburt vom Boden aufnimmt, als
+"ausgestossene" getoedtet werden.
+
+Aber schlimmer noch und wahrhaft in entsetzlicher Ausdehnung tritt der
+Kindermord auf im uebrigen Ozeanien. Wir beginnen mit Mikronesien.
+Waehrend allerdings die Carolinen frei von diesem Verbrechen waren
+(Chamisso 137), durfte auf den Ratakinseln keine Mutter mehr als drei
+Kinder grossziehen: alle uebrigen wurden umgebracht (Chamisso 119); und
+ebenso ist, um uebergrosse Bevoelkerung zu vermeiden, kuenstlicher Abortus
+bei den Gilbertinsulanern nach Gulick (410), allerdings gegen Hales
+Ansicht, haeufig. Von der Kingswillgruppe, aber mit Ausnahme von Makin,
+sagt auch Hale dasselbe (96). Nach alledem, was wir von den marianischen
+Uritaos wissen, scheinen auch sie, obwohl bestimmte Daten darueber
+fehlen, die Kinder, welche ihnen bei ihren Ausschweifungen und
+namentlich die, welche von niederen Weibern geboren worden, getoedtet zu
+haben.
+
+Im eigentlichen Polynesien nun bleiben auf Tikopia nur die aeltesten
+beiden Soehne am Leben, um die Insel nicht zu uebervoelkern, so wie alle
+Maedchen, daher die Insel weit mehr Weiber als Maenner hat (Dillon 2,
+134). Auf Tonga kam der Kindermord, dessen Motiv dann meist Traegheit
+oder Bequemlichkeit ist, nur vereinzelt vor (Mariner 2, 18-19), auf
+Samoa aber gar nicht (Wilkes 2, 80, Williams 560) und ebenso wenig, um
+das hier gleich anzuschliessen, auf den Herveyinseln (Williams 560).
+
+Allein auf Tahiti war das Verbrechen so im Schwunge, dass Ellis (1, 249)
+annimmt, es habe sich in der Ausdehnung, wie er es vorfand, erst in
+etwa den letzten 50 Jahren vor der Entdeckung, ausbreiten koennen, weil
+sonst eine so zahlreiche Bevoelkerung, wie sie Wallis und Cook vorfanden,
+sich unmoeglich habe erhalten koennen. Cook fand den Kindermord schon
+allgemein verbreitet vor und suchte vergeblich den Koenig Otu zu seiner
+Abschaffung zu veranlassen. Auch die Missionaere des Duff (1796) fanden
+die Toedtung der Kinder als etwas ganz Selbstverstaendliches, ueber das mit
+der groessten Gleichgueltigkeit geredet wurde (Wilson 272. 310); und mit
+demselben Entsetzen ueber diese Gleichgueltigkeit wie Wilson sagt auch
+Ellis, dass etwa zwei Drittel der Kinder getoedtet seien. Die ersten drei
+Kinder wurden es meist, Zwillinge gleichfalls, mehr wie zwei oder drei
+Kinder zog Niemand auf. Allein eben dadurch konnten sich die Geburten
+rascher folgen und so fand Ellis Frauen, welche vier, sechs, acht, ja 10
+und noch mehr Kinder getoedtet hatten (1, 250. 251); ja er versichert,
+und da kein Stand von dem Gebrauche ausgeschlossen war, ganz glaublich,
+kein Weib gefunden zu haben, das nicht seine Haende mit dem Blut der
+eigenen Kinder befleckt haette. Unter den Areois nun war es so strenges
+Gesetz, alle Kinder, welche den Mitgliedern der Gesellschaft geboren
+wurden, zu toedten, dass wer sich diesem Gesetz nicht fuegte, sofort
+ausgestossen wurde. Die einzigen Ausnahmen, welche gestattet waren,
+bestanden darin, dass die ersten Fuersten ihren ersten Sohn behielten und
+dass die vornehmsten Areois (die Gesellschaft hatte 12 Grade, Moerenhout
+1, 489) nur ihr aeltestes Kind so wie alle Maedchen toedteten. Das letztere
+geschah auch hier wohl aus religioesen Gruenden oder weil man die Maedchen
+fuer geringer als die Knaben hielt; Moerenhout, dem diese Nachrichten
+entlehnt sind--er handelt von den Areois 1, 485-98--ist der Meinung,
+alle diese Morde seien vollbracht, um die Volksmenge der Insel nicht
+uebergross werden zu lassen, welcher Ansicht man kaum beipflichten wird;
+wie denn auch das tahitische Volk selbst der Ansicht war, die Weiber
+braechten zur Conservirung ihrer Schoenheit die Kinder um. Dass alle
+Kinder einer Mischehe--wenigstens, nach Williams 565, eines gemeinen
+Mannes und einer adligen Frau--umgebracht wurden, versteht sich nach den
+Begriffen, welche man ueber die verschiedenen Staende hatte und nach denen
+der Adel ganz goettlich, das Volk aber nicht einmal im Besitz einer Seele
+war, von selbst. Fuer Tonga waehlte man solche Kinder vorzueglich
+gern, nach Mariner, zu Opfern aus. Und so war es auf allen
+Gesellschaftsinseln. Williams erzaehlt von Raiatea, wo er (1829) seine
+Station hatte, folgendes Beispiel. Er sass mit Bennett in einem Zimmer,
+in dessen Hintergrund mehrere eingeborene Weiber arbeiteten und als
+Bennett sich bei ihm nach der Ausdehnung des Kindermords erkundigte, so
+fragte er, um sich selbst zu ueberzeugen, ob das Verbrechen so allgemein
+sei als er glaube, die zufaellig anwesenden Weiber, die er nicht weiter
+kannte, wie viel Kinder jede getoedtet habe: neun die eine, sieben die
+andere, die dritte fuenf, also alle drei zusammen 21! Eine andere Frau
+bekannte sterbend, dass sie 16, ein vornehmer Haeuptling, dass er 19
+umgebracht haette und manche Familien hatten alle getoedtet (Williams
+562-565). Als Gruende geben ihm die Eingeborenen an, zunaechst Furcht vor
+den ewigen Kriegen und ihren blutigen Zerstoerungen; man wollte von den
+Kindern nicht gehindert sein, auch wohl boese Schicksale ihnen ersparen
+und was wohl der Hauptgrund war, dem Feind keine Gelegenheit zu irgend
+welchem Triumph (etwa durch Gefangennehmung oder Ermordung der Kinder)
+geben. Zweitens war aber die Verschiedenheit des Ranges ein wichtiger
+Grund. War ein Mann von niederem Rang als seine Frau, so konnte er durch
+Toedtung von zwei, vier oder sechs Kindern, je nachdem er tiefer stand,
+zum Rang der Frau sich erheben und die Kinder, welche ihm, nachdem er
+diese Stufe erreicht, geboren wurden, blieben am Leben. Die Frau aber,
+welche von minder hohem Range als ihr Mann war, konnte, da alle
+Vererbung nur in weiblicher Linie erfolgte, sich durch kein Mittel, auch
+dieses nicht erheben. Blieben aber in gemischten Ehen die Kinder ohne
+Weiteres am Leben, so sank die Familie auf den Rang herab, welchen der
+minder vornehme der Eltern inne hatte (Ellis 1, 256). Als dritten Grund
+fuehrt Williams die Eitelkeit der Weiber auf: sie wollten ihre Schoenheit
+nicht durch Saeugen und Kinderpflegen gefaehrden. Der Hauptgrund scheint
+aber, wenn nicht in fruehester, vorhistorischer Zeit religioese Motive
+mitwirkten, Faulheit gewesen zu sein: auf der Insel, welche eine
+vielfach groessere Bevoelkerung leicht ernaehren konnte, hiess ein Vater
+von vier Kindern schon ein "arg ueberbuerdeter" Mann (Ellis a.a.O.).
+
+Man toedtete die Kinder, indem man ihnen einen nassen Lappen auf den Mund
+legte, oder ihnen die Kehle mit dem Daumen zupresste, oder sie, noch im
+Mutterleibe, aber waehrend der Geburt, mit einem spitzen Bambus
+durchbohrte; oder man begrub sie lebendig und zwar gerne so, dass die
+Erde nicht unmittelbar auf sie kam, sondern sich ueber ihnen her woelbte
+(Williams und Ellis a.a.O.). Eine vierte noch viel scheusslichere Art
+beschreibt Williams 567-568: zuerst wurden den eben Geborenen die
+aeussersten Glieder an Finger und Zehen, dann, wenn sie davon nicht
+starben, die Hand- und Fussknoechel gebrochen. Ueberstand das Kind auch
+das, so kamen die Kniee und Ellenbogen an die Reihe, und wenn es dann
+immer noch lebte, so wurde es schliesslich erwuergt. Indess ist die That
+scheusslicher als die Gesinnung, welche sie hervorbrachte: denn ohne
+Zweifel wandte man diese graesslichen Todesarten aus keinem anderen
+Grunde an als aus Ehrfurcht vor der Seele des Kindes, die auf moeglichst
+gelinde Weise, von aussen her, zur Entfernung mehr aufgefordert als
+genoethigt werden sollte, und erst wenn sie diese Aufforderung gar nicht
+verstand, trat Zwang ein. Denn die Seelen der getoedteten Kinder, die
+man sich unter der Gestalt von Heuschrecken nach Moerenhout dachte,
+galten fuer heilig und wurden hoch geehrt. Auch hier gab es fast in jedem
+Dorfe Leute, welche aus dem Kindermord Gewerbe machten (Williams 568)
+und doch, war einem Kinde auch nur eine Viertelstunde das Leben erhalten
+worden, so durfte es nicht mehr getoedtet werden, und hatte dann sehr
+liebevolle, ja wohl zaertliche Eltern.
+
+Wo moeglich noch roher waren die Bewohner der Sandwichsinseln. Hier
+herrschte der Kindermord namentlich in den unteren Klassen, von denen
+die Eltern selten, mochten die Ehen auch noch so fruchtbar sein, mehr
+als zwei oder drei, vielmehr oft nur ein Kind aufzogen. Auch hier sind
+(Ellis 4, 326-330) 2/3 der Kinder getoedtet und zwar meist durch Erwuergen
+oder lebendig Einscharren, wobei man sie ohne Weiteres mit Erde bedeckte
+und diese mit den Fuessen feststampfte. Hier begrub man die kleinen
+Leichen oft im eigenen Hause, ja im eigenen Schlafgemach der Eltern,
+waehrend man zu Tahiti ihnen doch wenigstens einen Platz neben dem Hause
+gab. Oft waren es, hier wie zu Tahiti, die Eltern selbst, welche die
+grauenvolle That vollbrachten. In Hawaii war der Grund zu diesem Mord
+meist Traegheit nach Ellis 4, 329 und Eitelkeit der Weiber, nach Jarves
+85. Waehrend aber zu Tahiti die Kinder, welche die erste halbe Stunde
+ueberlebt hatten, gerettet waren und zaertlich aufgezogen wurden; so
+toedtete man zu Hawaii, mit viel groesserem Stumpfsinn, die Kinder auch
+noch nach einem Jahre, ja noch spaeter. War ein Kind krank und machte
+Unruhe, so begrub man es lebendig, schrie es der Mutter zu unertraeglich,
+so stopfte sie ihm ein Stueck Zeug in den Mund und grub die unglueckliche
+Creatur in die Erde, wenige Schritte von ihrem Bette, zu welchem sie
+nach vollbrachter That, als ob nichts geschehen waere, ruhig zurueckkehrte
+(Ellis 4, 330). Und selbst dies wird noch durch folgenden Fall, den
+Ellis gleichfalls (326) erzaehlt, ueberboten. Ein Mann und eine Frau,
+welche ein Kind, einen huebschen Jungen, nach Jarves (73) von sieben
+Jahren, hatten, geriethen ueber denselben in Streit und da die Frau nicht
+nachgab, ergriff der Vater das Kind bei Kopf und Fuss, brach ihm ueber
+seinem Knie den Ruecken entzwei und warf die zuckende Leiche der Mutter
+zu Fuessen! Tamehameha, bei dem die Unthat angezeigt wurde, erklaerte, er
+koenne nicht strafend eingreifen, da der Mann sein eigen Kind umgebracht
+habe.--Auch in Neuseeland findet sich der Kindermord gar nicht selten
+(Angas 1, 313); er ist aber, wie in Tahiti, nicht mehr statthaft, wenn
+das Kind auch nur eine halbe Stunde gelebt habe. Will man es toedten, so
+wird es meist lebendig begraben oder bei der Geburt erwuergt. Rache ist
+haeufig das Motiv hierzu, wegen harter Behandlung der Frau waehrend ihrer
+Schwangerschaft, oder weil der Vater sie verliess oder aus irgend
+welchem anderen Grunde (Dieffenbach 2, 25 ff.). Traegheit aber steht auch
+hier in erster Linie. Namentlich Maedchen brachte man um (Taylor 165).
+Auch Abortus ist haeufig: und so ist es nicht zu verwundern, dass (Browne
+40) die Ehen durchschnittlich kaum mehr als zwei Kinder haben.
+Allerdings herrschen diese furchtbaren Gebraeuche am meisten an der
+Kueste; im Innern sind die Familien zahlreicher, ja Dieffenbach (2, 33)
+sah bis zu 10 Kindern in einer. Gegen die geschonten Kinder sind die
+Maoris liebevolle (Dieffenbach 2, 25 ff.), wenn auch nicht gerade
+zaertliche Eltern (Browne 39).
+
+Es koennte scheinen, als haetten wir uns schon allzu lange bei diesem
+abschreckenden Gegenstande aufgehalten und seien zu sehr ins Einzelne
+gegangen, allein dies genauere Eingehen war noethig fuer folgenden
+Nachweis. Da alle Polynesier liebevolle Eltern sind und wir dennoch
+dieselben Eltern im ganzen oestlichen Polynesien so vollkommen abgehaertet
+gegen den Kindermord sehen, dass sie ruhig von allen den
+Scheusslichkeiten sprechen, ja auch schon herangewachsene Kinder
+kaltbluetig morden: so kann diese Sitte nicht erst 50 Jahre vor der
+Entdeckung, also um 1700 oder 1710 weiter um sich gegriffen haben, wie
+Ellis will. Jedenfalls muss sie aelter sein, auch in dieser Ausdehnung.
+Denn um ein Volk so ganz zu beherrschen, dazu braucht eine solche Sitte,
+auch wenn sie eingeschraenkt schon frueher im Gebrauche war, mehr als 50
+Jahre. Auch ist uns berichtet, dass die marianischen Weiber ihre Kinder
+vor und bei der Geburt massenweise toedteten, als die Spanier die Inseln
+eroberten, damit die Neugeborenen nicht in Knechtschaft geriethen. Auch
+das setzt schon ein Bekanntsein mit Aehnlichem voraus, und dazu kommt,
+dass sich beim malaiischen Stamm ueberhaupt die Sitte des Kindermordes
+oder des kuenstlichen Abortus sehr haeufig findet. So treiben die Battas
+haeufig die Frucht vorzeitig ab, Waitz 5, 190; die oestlichen Malgaschen
+toedten Zwillinge, sowie sie solche Kinder, die an einem boesen Tage
+geboren wurden, ertraenkten, aussetzten oder lebendig begruben (Waitz 2,
+441). Die Bisayas ziehen, um nicht zu verarmen, nur wenige Kinder auf,
+und toedten uneheliche Kinder meist, weil das Maedchen, ihr Vater und ihr
+Geliebter fuer aussereheliche Schwangerschaft Strafe zahlen muessen
+(Loarca in Ternaux Archives 1, 23). Aehnlich die Pintados auf den
+Philippinen, welche ihre Kinder vom 3ten an toedten, indem sie dieselben
+unter Festen und Lustbarkeiten lebendig begraben, so wie auch, um sie
+nicht ernaehren zu muessen, alle unehelichen Geburten (nach einem Bericht
+von 1577 in N. Journ. As. VIII, 39, 1831). Auf den Niasinseln setzt man
+die Kinder aus (Domis bei Oosterling tydschrift toegew. van de
+verbreiding d. Kennis v. Oost. Indie II, 2, 125). Abtreiben der Kinder
+bei den Dajaks aus Sittenlosigkeit erwaehnt Schwaner Borneo 1, 203.
+
+Wie hat man sich nun die Entstehung dieser schrecklichen Sitte zu
+denken? Ist es bloss Traegheit und Versunkenheit, worin sie wurzelt? In
+Afrika und Nordamerika ist freilich meist das aeussere Elend ihr Anlass,
+wie auch die Markesaner ihre Kinder aus Hungersnoth toedteten und assen
+(Ellis 4, 328); allein das reicht weder fuer Polynesien noch fuer
+Suedamerika aus. Meinicke meint nun (b, 59 bis 60), dass in Polynesien
+der Kindermord eingefuehrt sei, um die Reinheit des Blutes der
+Aristokratie zu erhalten. Er stuetzt diese Ansicht, fuer welche
+historische Gruende sich nicht aufstellen lassen, dadurch, dass, trotzdem
+der Kindermord bei allen Klassen der Bevoelkerung vorkommt, er doch zu
+Tahiti zumeist von den Areois ausgeht, dass alle Kinder aus gemischten
+Ehen, die bei der foermlichen Berechtigung der Vornehmen zu jeglichem
+Lebensgenuss gar nicht zu vermeiden waren, getoedtet wurden. "So moegen",
+faehrt er S. 60 fort, "solche Kinder seit Jahrtausenden getoedtet sein,
+ohne dass dies bei den koerperlichen Vorzuegen, die dergleichen
+Verbindungen mit Menschen niederen Standes nicht haeufig gemacht haben
+werden und bei ihrer geringen Zahl grossen Einfluss gehabt haben wird.
+Aber mit der Zeit fing man an, Kinder auch zu toedten, um durch die
+Sorge, die sie erforderten, nicht an Ausschweifungen und Vergnuegungen
+gehindert zu werden (wie es bei den Areois der Fall war), und endlich
+verbreitete sich die grauenvolle Sitte bloss durch den Einfluss der
+Mode, die auf den Suedseeinseln so gut wie in anderen Erdtheilen die
+niederen Staende antreibt, Verkehrtheiten und selbst Laster der Vornehmen
+nachzuahmen, auch unter das Volk, wo sie in der Bequemlichkeit,
+Liederlichkeit, Armuth und den Beschwerden, die Kinder zu erziehen,
+mannigfache Unterstuetzung fand. Man sieht, dass der Kindermord so mit
+der Zeit stets zunehmen musste und wird hierin eine Hauptursache der
+erstaunlich raschen Abnahme der Bevoelkerung zu suchen haben, wenn auch
+die Angaben der Missionaere ueber die Zahl der hingeopferten Kinder
+uebertrieben sein sollten". Dies letztere ist nun zwar bei den mit
+bestimmten Zahlen angegebenen einzelnen Faellen und der genauen
+Uebereinstimmung der Angaben, welche die Missionaere machen, nicht
+wahrscheinlich[H] wie denn Ellis ausdruecklich sagt, dass er Williams
+Angabe, 2/3 der Kinder seien getoedtet, an Ort und Stelle geprueft und
+nicht uebertrieben gefunden habe. Recht aber hat Meinicke darin, dass
+auch er diese Sitte fuer eine sehr alte ansieht.
+
+Allein sonst ist seine Ansicht schwerlich richtig. Mag auch spaeterhin,
+und er hat es gewiss sehr reichlich gethan, der Unterschied zwischen
+Volk und Adel dem Kindermord weitere Ausdehnung verliehen haben;
+veranlasst hat er ihn gewiss nicht, wofuer zunaechst spricht, dass wir in
+Suedamerika den Kindermord fast in aehnlicher Ausdehnung wie in
+Polynesien, jenen Standesunterschied aber nicht vorfanden. Aber auch fuer
+Polynesien allein wird es bedenklich, den letzteren als alleinige
+Ursache des ersteren anzusehen, wenn man Folgendes erwaegt. Williams
+sagt, wie wir schon vorhin sahen, dass ein niederer Mann durch
+Kindermord sich dem Stand seiner vornehmeren Frau angleichen kann; was
+Meinicke, wohl nur durch einen Irrthum seinerseits, fuer einen Irrthum
+hielt. Denn aller Rang vererbte durch die Mutter; der Adel war ferner
+eine mit Seele begabte, goettliche Klasse, im Gegensatz zu dem
+unbeseelten, irdischen Volk. Kinderseelen nun, welche nach Moerenhout fuer
+besonders heilig gehalten und zu denen als Vermittlern zwischen Goettern
+und Menschen besonders gebetet wurde, konnten, wenn fuer den unbeseelten
+Mann geopfert, ihm, sei es durch direkten Uebergang in ihn, oder sei es
+durch Vermittlung bei den Goettern, zu einer Seele verhelfen, wodurch er
+zu hoeherem Rang emporstiege. Die Areois sind eine religioese
+Gesellschaft; religioese Scheu zeigte sich in der Art, wie man
+(wenigstens in Tahiti) die Kinder umbrachte; man hat sie also in vielen
+Faellen vielleicht nur getoedtet, um Schutzgeister zu haben oder sie als
+Opfer fuers eigene Leben--solche Opfer werden wir gleich noch mehr
+sehen--den Goettern darzubringen. Dieselbe Bedeutung hat wohl der
+Kindermord in Mikro-und Melanesien gehabt, wie einzelne Spuren noch
+andeuten, wenn sich auch Zwingendes nicht dafuer anfuehren laesst als eben
+ihre Verwandtschaft mit den Polynesiern. Wenn aber Meinicke sagt, die
+Sitte muesse ueberall geherrscht haben und sei, wo wir sie nicht erwaehnt
+finden, wie in Tonga, nur uebersehen, so kann man das nicht zugeben; der
+so feinen und scharfen Beobachtung Mariners haette sich ein so
+auffallender Gebrauch nicht entziehen koennen und er fuehrt 2, 18-19 einen
+Fall der Art ausdruecklich als etwas Ausserordentliches an. Aber moeglich
+ist es, ja wahrscheinlich, dass die Sitte auch in Tonga urspruenglich
+geherrscht hat, nur waehrend sie sich im uebrigen Polynesien ausbreitete,
+so erlag sie schon sehr frueh und lange vor der Entdeckung dem besseren
+Sinn der Tonganer, wie sie auch andere aehnliche Sitten aufgaben, z. B.
+die Ermordung der Weiber beim Tode der Maenner, von der Mariner als von
+einer frueher gebraeuchlichen hoerte (1, 342), die aber zu seiner Zeit
+schon ausser Gebrauch gekommen war.
+
+Da wir nun Gruende haben, bei den Polynesiern diesen Gebrauch fuer einen
+urspruenglich religioesen zu halten, der freilich in spaeterer Zeit aus
+ganz anderen Motiven, aus Faulheit, Eitelkeit, Lieblosigkeit,
+Standeshochmuth u.s.w. sich unendlich verbreitete und das ganze Leben
+der Nation in der neuen Gestalt anfrass; so moechte auch die ziemlich
+weite Verbreitung der Sitte, wie wir sie im eigentlichen Malaisien von
+Luzon bis nach Madagaskar hin nachwiesen, auf demselben Princip beruhen.
+Wie es sich in Suedamerika hiermit verhaelt, lassen wir, da es uns an
+aelteren Daten fehlt, uneroertert; doch hat hier vielleicht eine aehnliche
+Grundanschauung geherrscht, als wir sie fuer Polynesien annahmen. Denn in
+Mexiko wenigstens glaubte man, kleine Kinder, welche stuerben, seien den
+Goettern besonders lieb; sie kaemen zu einem Baum, von welchem bestaendig
+Milch herabtraeufele, und seien Vermittler zwischen Goettern und Menschen
+(Waitz 4, 166). Kinderopfer, um die Goetter gnaedig zu stimmen, kamen viel
+bei ihnen vor (4, 159) und das Bild des Gottes, das sie bei der
+Ceremonie, die unserem Abendmahl aehnlich ist, unter sich vertheilen und
+als "das Fleisch Gottes" verzehren, war mit Kinderblut angefertigt, wie
+auch bei den Totonaken die Kuchen bereitet waren, welche sie "das Brot
+unseres Lebens" nannten (Waitz 4, 161). Jetzt scheint diese Sitte dort
+keine anderen Motive zu haben, als Eitelkeit, Faulheit und Elend und
+Noth[I]. Das Toedten von Zwillingen oder des einen von beiden Kindern
+beruht auf anderen Grundlagen: es geht aus von dem Schreck ueber das
+portentum einer mehrfachen Geburt, in welcher man etwas Unnatuerliches
+und daher Unheimliches oder aber eine Thieraehnlichkeit sah.
+
+
+
+
+Sec. 9. Krieg und Kannibalismus.
+
+
+Haben wir oben gesehen, wie wenig das Menschenleben bei den Naturvoelkern
+geachtet wurde, so werden wir von seinem geringen Werth bei ihnen im
+Folgenden noch massenhaftere Beispiele finden, da wir uns zunaechst mit
+der Frage beschaeftigen muessen, welchen Einfluss auf Zahl und Existenz
+dieser Voelker haben Krieg, Kannibalismus und Menschenopfer gehabt?
+
+Freilich scheint die Art der Kriegfuehrung bei den unkultivirten Staemmen
+mindere Opfer als bei den kultivirten gefordert zu haben. Denn so
+kriegerisch auch die Nordamerikaner waren, so sehr ihr ganzes Leben
+beinah auf dem Krieg beruhte, so galt ihnen doch eine Art der
+Kriegfuehrung, wie die europaeische, wo man in offener Feldschlacht stets
+das eigene Leben in Gefahr setzt, fuer Thorheit, ihr Krieg bestand nur in
+Ablauern des Feindes, in Ueberfall und Hinterhalt; daher er denn, dem
+entsprechend, minder durch Tapferkeit als durch Schnelligkeit,
+Schlauheit und Verwegenheit gefuehrt wurde. Aber dafuer endete auch der
+Krieg bei ihnen nie: denn Grenzverletzungen oder Blutrache, sowie Rache
+fuer Zauberei (durch die man jeden Todesfall, namentlich aber den Tod von
+Haeuptlingen verursacht glaubte) oder alter, einmal eingewurzelter und
+durch stets neue schlimme Thaten niemals verloeschender Stammhass
+erregten ihn immer aufs Neue. Und gerade diese versteckte, fast feige
+scheinende Art, wie sie den Krieg fuehrten, brachte oft ein furchtbares
+Blutvergiessen hervor, da bei den Ueberfaellen der meist unvorbereitete
+und wehrlose Feind ganz und gar mit Weib und Kind niedergemetzelt wurde,
+schon der Skalpe wegen, deren Erbeutung ja den Siegern die groesste
+Herzenssache und Ehre war. In Virginien zwar und bei den Huronen wurden
+Weiber und Kinder meist zu Gefangenen gemacht; war der Kampf aber lang
+und erbittert gewesen, so mordeten auch hier die Sieger so lange als sie
+die Arme heben konnten (Waitz 3, 150-154). Und gefangene Feinde, die
+Maenner wurden ja von diesen Voelkern wie bekannt so gut wie immer
+getoedtet. Dass aber solche Kriege der Existenz ganzer Voelker
+verhaengnissvoll geworden sind und also, als fuer ihr Aussterben
+grundlegend, recht eigentlich zu unserer Betrachtung gehoeren, dafuer hat
+Waitz, was Amerika betrifft, 1, 165, Zeugnisse gesammelt. "Die
+Kupferminenindianer sagt er an dieser Stelle, wurden durch die
+Hundsrippenindianer (Hearne) fast vertilgt, die Moquis durch die Navajos
+im hohen Grade geschwaecht (Schoolcraft), die Osagen durch ihre
+erstaunlich vielen Feinde innerhalb 10 Jahren auf die Haelfte ihrer
+frueheren Anzahl reducirt. Der kleine Rest des besiegten Volkes wird dann
+nicht selten von dem siegenden in sich aufgenommen und sein Name
+verschwindet von da an aus der Geschichte. Auf diese Weise sollen z.B.
+die Creecks allmaehlich die Reste von 15 anderen Staemmen verschlungen
+haben." Auch die Irokesen (Waitz 3, 155) haben ausserordentlich durch
+derartige Kriege gelitten. Jenseits des Felsengebirges sind die Kriege
+viel milder und thun im Ganzen wenig Schaden (3, 338) und ebenso ist es
+auch bei den Oregonvoelkern, wenn diese gleich viel kraeftiger zu sein
+schienen als die Nulkas und Chinooks.
+
+Der Kannibalismus, welcher vom Kriege nicht zu trennen ist, hat auf die
+Voelker Nordamerikas keinen sehr bedeutenden und fuer ihre Zahl durchaus
+ungefaehrlichen Einfluss gehabt. Er findet sich bei manchen Voelkern, z.B.
+den noerdlichen Athapasken, den Hasenindianern, Nipissangs, den Crees,
+Ojibways, doch ist bei allen diesen das Entsetzen vor der That ein ganz
+ausserordentliches. Ebenfalls findet er sich, und durch gleiche
+Veranlassung, bei den Indianern in Canada, die ihn aber minder
+verabscheuen (Waitz 3, 89). Allein bei den Algonkins und den Irokesen,
+den Sioux war der Kannibalismus frueher (jetzt hat er aufgehoert) weit
+verbreitet und besonders merkwuerdig ist es, dass es bei den Miami und
+Potowatomi eine besondere, aus bestimmten Familien sich ergaenzende
+Gesellschaft gab, welche Menschenfleisch ass und sich im Besitz von
+uebernatuerlichen, auf andere uebertragbaren Zauberkraeften waehnte (Waitz 3,
+159 nach Keating): man wird an die Gesellschaften der Areois auf Tahiti
+und die entsprechenden auf den anderen polynesischen Inseln erinnert.[J]
+Aber bei allen diesen amerikanischen Voelkern sowie auch bei den
+Oregonindianern (Waitz 3, 345) ward der Kannibalismus nur an gefangenen
+oder gefallenen Feinden ausgeuebt, deren Herz man ass, theils aus Rache,
+theils um sich die Tapferkeit und Kraft dessen, dem das Herz gehoerte,
+anzueignen (Waitz 3, 159).
+
+In Suedamerika hat der Krieg nicht minder, die Anthropophagie noch weit
+mehr gewirkt, als in Nordamerika: lebte doch hier das Volk, welches dem
+Kannibalismus seinen Namen gegeben hat, die Kaniben, Kariben oder
+Karaiben. Urspruenglich auf den kleinen Antillen und dem ihnen
+gegenueberliegenden Festland heimisch machten sie von dort aus, nach
+Columbus Erzaehlung, verheerende Kriegszuege in weite Ferne, um Weiber zu
+erbeuten, waehrend sie die Maenner erschlugen und sie, wie auch ihre
+eigenen mit den gefangenen Weibern erzeugten Kinder frassen (Waitz 3,
+374-375). Auch ihre Weiber waren ausserordentlich kriegerisch und
+kaempften so selbststaendig, dass die Sage von den Amazonen, die im
+noerdlichen Suedamerika haeufig vorkommt, durch sie veranlasst zu sein
+scheint. Schomburgk 2, 429 erzaehlt, dass die Kariben sich namentlich
+gegen die Makusis wandten, um Sklaven zu erbeuten, zu welcher
+Menschenjagd sie von den Hollaendern aus Eigennutz angetrieben wurden,
+denn diese kauften die Sklaven von ihnen. Er schildert diesen
+scheusslichen Handel naeher und sagt, dass er bis gegen die vierziger
+Jahre dieses Jahrhunderts, also bis auf unsere Zeit hin bestanden habe!
+Die Art nun, wie noch jetzt die Kariben von allen anderen indianischen
+Staemmen als Herrn und Gebieter gefuerchtet werden, so dass sie ohne
+Weiteres sich in jeder beliebigen Huette was ihnen gefaellt nehmen koennen
+(ebendas. 427); so wie die blinde Angst, welche man noch jetzt in jenen
+Gegenden vor ihnen hat, laesst erkennen, was sie einst gewesen sein
+moegen. Und wie durch sie die Aturen (Humboldt c, 1, 284) in die
+Katarakten des Orinoko, wo
+
+ ihres Stammes letzte Spuren
+ birgt des Uferschilfes Gruen,
+
+hineingedraengt verkamen: so waren die blutigen Kriege, welche von ihnen
+ausgingen, eine Hauptursache fuer die Verminderung der Staemme in Guyana.
+Indess verzehren sie jetzt (Schomburgk 2, 430) Menschenfleisch nicht
+mehr; und jetzt sind auch sie sehr zusammengeschmolzen (eb. 417), wozu
+ihre eigenen Kriege nicht wenig beigetragen haben moegen. Da nun auch die
+Tupi tapfere, ja wilde Krieger waren (Azara 218) und sie sowohl wie auch
+die Guarani (welche Azara 213 ff. freilich als sehr scheu schildert)
+Menschenfleisch verzehrten; da nun auch fast alle suedamerikanischen
+Staemme, die Araukaner (Waitz 3, 529 ff.), Chiquitos (eb. 530), die
+Pampas, Patagonier u.s.w. (Azara an vielen Stellen) sich durch wilde
+Tapferkeit auszeichneten und demzufolge zwischen ihnen fast stetiger
+Krieg herrschte; da sie fast alle Kannibalen waren, wie die Mbayas
+(Waitz 3, 473), ganz besonders die Guaykurus (471), die Tobas (475), die
+Abiponer (476), die Feuerlaender (508) und ebenso die Patagonier, welche
+alle feindlichen Maenner niederhieben, Weiber und Kinder aber zu
+Gefangenen machten: so werden wir begreiflich finden, dass die Zahl
+dieser Voelker, die in so heftigem und unablaessigem Kampf mit einander
+sind, auch dadurch abgenommen hat und noch jetzt abnimmt. Tschudi 2, 259
+sagt geradezu, dass die Angriffe der Botokuden auf die von den
+Portugiesen um Rio Janeiro unterworfenen halb civilisirten Indianer die
+Ursache seien, dass jene Gegenden auch heute noch so spaerlich bevoelkert
+seien. Auch mag daran erinnert werden, dass jene Voelker in dem
+Urarigift, mit dem sie ihre Lanzen vergifteten, eine ganz besonders
+gefaehrliche Waffe haben, da dies Gift auch bei der leisesten Verwundung
+unfehlbar toedtet.
+
+Tuechtige Krieger waren nun, nach der trefflichen Schilderung bei Waitz,
+auch die Kulturvoelker des alten Amerikas. Doch da ihre Kriege keine
+Vernichtung des Feindes bezweckten, sondern diesem, auch wenn er besiegt
+wurde, seine Nationalitaet und Hab und Gut liessen, bis auf den Tribut,
+den sie zahlen mussten (Waitz 4, 77. 406), so konnten diese wohl den
+Namen von Voelkern aufhoeren machen, indem sie das besiegte dem eigenen
+Volke einverleibten, und namentlich in Peru geschah das oefters (407),
+aber ein Volk vernichten oder auch nur so weit verringern, dass seine
+Lebenskraft dadurch gebrochen waere, konnten sie nicht und haben sie
+nicht gethan, denn Columbus, Cortez und Pizarro fanden dichtbevoelkerte,
+bluehende Staaten vor. Zwar herrschte auch Anthropophagie in Mexiko: die
+geopferten Sklaven oder Kriegsgefangenen wurden verzehrt, und die
+Ottomies sollen sogar Menschenfleisch auf dem Markte verkauft haben,
+eine Sitte, die man so wenig anstoessig fand, dass man offen davon sprach
+und den Spaniern erzaehlte, ihr Fleisch schmecke bitter (Waitz 4, 158);
+doch liegt es auf der Hand, dass auch diese Sitte dem Bestehen dieser
+Voelker oder seiner Nachbarn nicht die mindeste Gefahr brachte, da sie
+sehr wenig ausgedehnt war. Sie scheint ein Recht zu sein aus alter und
+aeltester Zeit, wo sie dann freilich weitere Verbreitung gehabt haben
+wird. Auch in Neugranada war Kannibalismus, in manchen Gegenden des
+Landes in sehr roher Form, verbreitet (Waitz 4, 374, 376). Was von den
+Cariben erzaehlt wird, dass sie ihre eigenen mit gefangenen Weibern
+erzeugten Kinder gefressen haetten, wird auch von ihnen berichtet (4,
+374). Auch in Yukatan (310) fand sich Anthropophagie.
+
+Anders aber finden wir es in der Suedsee. Zwar in Australien sind, ausser
+im Norden, die Kaempfe an sich wenig blutig: Hale 115 beschreibt
+dieselben, wie sie meist aus Privatschlaegereien entstehen, wie sich dann
+beide Parteien, jede bis 200 stark, heftig und lange erst schelten, und
+dann Mann fuer Mann vortritt und den Speer schleudert, bis einer
+verwundet wird: dann hoert der Kampf auf. Doch fehlt es ihnen keineswegs
+an Muth, Kraft und Standhaftigkeit, wie sie auch Schmerzen mit grosser
+Geduld ertragen (Turnbull 34-35). Allein da die Kriege, bei der
+Verfehdung fast aller Staemme unter einander, doch sehr zahlreich sind
+(Wilson 143 v.d. Rafflesbai), da man manche Staemme von ihnen, namentlich
+die Nordaustralier, deren Krieger und Zauberer durch den ganzen
+Continent aufs Aeusserste gefuerchtet sind, als Gegner auch Europaeern
+gegenueber keineswegs verachten darf (Grey 1, 152), da ferner auch diese
+Kriege zum groessten Theil in Ueberfall und in Ermorden Wehrloser oder
+Schlafender bestehen und, weil jede solche That wieder Rache verlangt,
+geradezu unendlich sind (Meinicke a 2, 198)--so sind sie fuer die Zahl
+und das Gedeihen der Einwohner so verhaengnissvoll, dass wir sie als eine
+der wichtigeren Ursachen fuer das Aussterben der Australier hier
+bezeichnen muessen. Auch die Eingeborenen von Vandiemensland lebten unter
+einander in bestaendigem Streit, der von Stamm gegen Stamm ausgefochten
+wurde (Nixon 26).
+
+Auch Kannibalismus herrscht in Neuholland, doch keineswegs sehr
+ausgedehnt. So brauchen nach Angas 1, 68 die Eingeborenen von Lake
+Albert die Schaedel ihrer Feinde als Trinkgeschirre, ganz wie die Inkas
+von Peru (Waitz 4, 413) und die Abiponer, und nach dem bekannten
+Zeugniss des Paulus Diaconus, die Langobarden.[K] Ferner sollen
+Kannibalen im Innern des Landes leben (Angas 2, 231); ganz sicher
+verzehren im Norden Freunde ein Stueck vom verstorbenen Freund und an
+Moretonbai assen (Angas 1, 73) Eltern aus Liebe von dem Fleische ihrer
+todten Kinder, eine Sitte, welche nach Anderen auf geliebte Verwandte
+ueberhaupt ausgedehnt ist (Howitt a, 289. Austral, Felix 134). Sie findet
+sich auch zu Hawaii: dort ass das Volk aus Liebe Fleisch von der Leiche
+seiner verstorbenen Fuersten (Remy XLVIII. 125.[L]) Auch Aberglaube
+diente dazu den Kannibalismus zu verbreiten. Wie bei den Potowatomi und
+den Miami in Nordamerika, wie in so manchem indisch-arabischen Maehrchen
+der Genuss des Menschenfleisches hoehere uebermenschliche Kraft gibt--ein
+Zug, der auch, wie wohl verdunkelt, in deutschen Sagen vorkommt
+(Bechstein, Sagen des Rhoengeb. u. d. Grabfeldes 60 ff.)[M]--ebenso
+muessen in Australien (nach Eyre) die Zauberer Menschenfleisch essen, um
+ihre Wunderkraft zu behalten. Am Lake Alexandrine ist es nicht
+ungewoehnlich, einem lebenden Menschen das Nierenfett auszuscheiden, das
+als Zauber gegen boese Geister von ganz besonderer Kraft sein soll (Angas
+1, 123). Auch Bennet (1, 295) fand Menschenfett als Zaubermittel oder
+Medikament aufgehoben. Meinicke a 2, 184 hat also wohl die Neuhollaender
+zu frei von Kannibalismus dargestellt.
+
+Gehen wir nun zu den melanesischen Inseln, so finden wir auf Vanikoro
+unter den einzelnen Staemmen fortwaehrenden Kampf (D'Urville 5, 165) und
+wenn sie auch keine Kannibalen zu sein behaupten, so dienen die Schaedel
+der Feinde doch als Trophaeen (eb. 217), welche oeffentlich aufbewahrt
+werden. Auch auf Tanna herrscht bestaendiger Krieg der einzelnen Staemme
+unter einander (Turner 82, Gill 227), da jede Privatbeleidigung einen
+oeffentlichen Krieg nach sich zieht (85), und ausgebildetster
+Kannibalismus: die erschlagenen Feinde werden mit Yams gekocht, Farbige
+den Weissen vorgezogen, einzelne Portionen des Fleisches an Freunde
+geschickt als Ehrengeschenke u.s.w. (82). Auch auf Fate und Aneitum,
+obwohl beide minder kriegerisch sind, findet sich der Kannibalismus
+(Turner 393. 371. Gill 66). Erromango und Mare (Nengone), auf welcher
+letzteren Insel zwei feindliche Staaten neben einander bestanden, waren
+fortwaehrend von leidenschaftlichem Krieg heimgesucht und die
+Anthropophagie hatte hier einen solchen Grad erreicht, dass selbst die
+naechsten Verwandten, wenn man mit ihnen in Streit gerieth, erschlagen
+und gefressen wurden (Gill 10-11; 122. Turner 400. 411). Es ist eine
+leere Behauptung oder auch Einbildung der katholischen Mission, dass sie
+auf Neukaledonien den Kannibalismus haette aufhoeren machen (Montreval in
+nouv. annal. de la foi 1854, 94); Turner (um anderer zu geschweigen)
+fand ihn daselbst sehr ausgebildet und so unbefangen, dass er ueberall
+eingestanden und besprochen wurde (426), wie er uns auch von den
+bestaendigen Kriegen der Insel (428) berichtet. Die Bewohner von Isabel
+schildert schon Mendana 1595 (Dalrymple 91) als Menschenfresser und
+eifrige Krieger, wie sich auch die Bewohner von Guadalcanar zeigen.
+Eifrige Krieger und Menschenfresser sind auch die Eingeborenen der
+Lusiade (Salerio bei Petermann 1862, 342-344) und von der Nordwestkueste
+von Neuguinea sagt einer der besten Kenner dieser Gegenden, Marsden (in
+Transact. of the Reg. Asiat. Soc. 3,125), dass daselbst ein aeusserst
+roher Kannibalismus herrsche: man frisst Feinde so gut wie Freunde,
+natuerlich Gestorbene so gut wie Erschlagene, und ist dieser Nachricht
+gegenueber nicht abzusehen, wie Finsch (49) seine Behauptung, noch sei
+von keinem glaubwuerdigen Manne bestimmte Nachricht ueber das Vorkommen
+des Kannibalismus auf Neuguinea gegeben, aufrecht halten will. Einzelne
+der neuguineischen Staemme sind Koepfeschneller, d.h. sie schlagen todt,
+wen sie finden, um Koepfe zu erbeuten, deren recht viele zu besitzen
+eine grosse Ehre ist; und so entstehen bloss zu diesem Zwecke im
+Distrikt Namototte (Speelmannsbai) die hartnaeckigsten und moerderischsten
+Kriege (N. Guin. 109 ff. und daher wohl Finsch 82).
+
+Aber schlimmer als ueberall ist die Geringschaetzung des Menschenlebens
+auf den Fidschiinseln, deren Einwohner im Ruf einer besonderen
+Tapferkeit auch auf Tonga stehen, und die von solchen Tonganern, welche
+Kriegsabenteuer erleben und zu Hause selbst als Krieger beruehmt sein
+wollten, vielfach besucht wurden (Mariner). Krieg ist nun auch, nach
+Wilkes 3, 63, ihre so bestaendige Beschaeftigung, dass irgend welcher
+Kampf auf der Gruppe immer herrscht; und da die Insulaner ebenso
+blutduerstig als verraetherisch sind (Hale 50), so sind diese Kriege sehr
+zerstoerend. Doch fuehren sie den Krieg, der indessen stets offen angesagt
+wird, nur durch Verrath und heimlichen Ueberfall; weshalb sie Williams
+und Calvert (1, 43) und ebenso Erskine (249) geradezu feig nennen. Wegen
+des bestaendigen Verrathes herrscht ein grenzenloses Misstrauen auf der
+Gruppe, Niemand geht, aus Furcht ueberfallen zu werden, ohne Waffen
+(Will. u. Calv. a.a.O.), Niemand traut einem andern, selbst nicht den
+naechsten Verwandten (Hale 51). Und das nicht ohne Grund: denn da zu
+ihren nur einigermassen solennen Bewirthungen Menschenfleisch nothwendig
+gehoert, so werden oft die harmlosesten Wanderer (je harmloser, desto
+eher), Weiber bei der Feldarbeit u.s.w. ueberfallen und getoedtet, wozu
+Erskine 182 empoerende Beispiele erzaehlt. Wenn auch die Schlachten,
+sobald nur einige gefallen sind, aufhoeren (Jackson bei Erskine 425), so
+sind die Kriege doch ausserordentlich blutig durch die sinnlose Wuth,
+mit der Alles, was ihnen in die Haende kommt, gemordet wird. Bei
+Ueberfaellen, die sehr haeufig sind, machen sie es nicht anders, so dass
+oft ganze Distrikte (Erskine und Jackson a.a.O. Seemann Zeitschr. 9,
+476) vernichtet werden. Wer einen Menschen erschlagen hat, bekommt einen
+Ehrennamen und wird durch besondere Ceremonien geweiht (Will. u. Calvert
+55), gerade wie in einigen Gegenden Neuguineas nur der Kakadufedern
+tragen darf, der einen Feind getoedtet hat, und bei den alten Deutschen
+nur ein solcher aus dem kostbarsten und heldenhaftesten Trinkgefaess, dem
+Schaedel des erschlagenen Feindes, trinken durfte.
+
+Der Kannibalismus ferner steht hier in solcher Bluethe, wie wohl nirgends
+sonst auf der Welt. Erskine, der um 1840 die Gruppe besuchte, gibt
+(257-60) Beispiele. Den Menschen nennen die Eingeborenen nur das "lange"
+Schwein, zum Unterschied vom "wahren" Schwein (ebend.); bei jedem Fest
+muss Menschenfleisch gegessen werden, zu welchem Behufe die das Fest
+gebenden Staemme gar nicht selten ihre eigenen Kinder schlachten; alle
+Feinde, alle Schiffbruechigen werden gefressen (Erskine. 262. 229). Oder
+man erschlaegt, um das noethige Fleisch zu bekommen, den ersten besten aus
+dem Volke, den man unbewaffnet trifft (so wurden einmal 16 Weiber
+gefangen und gegessen, wie Erskine 182 erzaehlt). Dass man allen Freunden
+von dieser geschaetztesten Speise schickt, ist so feste Sitte, dass gar
+nicht selten, weil es bei irgend einer Gelegenheit unterlassen, Krieg
+entsteht. Dem Gebratenen gibt man oft eine Keule in die Hand, malt ihm
+das Gesicht roth und setzt ihm eine Perruecke auf (Erskine 262); ja in
+einigen Gegenden der Gruppe fuehren die Weiber um diese Todten und ihnen
+zum Hohne die allerschandbarsten Taenze auf (Jacks, bei Erskine 440).
+Auch hat man verschiedene Arten, Menschenfleisch zu kochen, welche nach
+den Landestheilen verschieden sind (261. 439). Als der Sohn eines
+Haeuptlings starb; jammerte ihm sein Vater nach: er war so kuehn! er
+toedtete, wenn sie ihn erzuernten, seine eigenen Weiber und ass sie (Ersk.
+244). Auch Mariner (1, 329) nennt den Kannibalismus auf den
+Fidschiinseln sehr verbreitet und sagt, dass er von dort erst zu den
+Tonganern, die ihn nur in prahlerischer Nachahmung der Fidschis ausueben,
+gekommen sei; an einem Fest haetten die Fidschimaenner 200 Feinde gegessen
+(1, 345; 2, 71). Wer eines natuerlichen Todes stirbt, wird nicht gegessen
+(Williams und Calvert 1, 266), doch hat man auch Graeber erbrochen, um
+die Leichen zu verzehren! (eb. 212), ja man schneidet, um auch das
+Scheusslichste nicht zu verschweigen, auch von Lebenden, aber nur von
+gefangenen Feinden, Fleisch ab und verzehrt es vor ihren Augen (Will. u.
+Calv. 1, 212). Der Grund des Kannibalismus, urspruenglich Hass und
+Rachedurst oder Prahlerei, indem man sich dadurch furchtbar machen
+wollte, oder die Absicht, sich die Eigenschaften des Gefressenen
+anzueignen, ist jetzt fast ueberall auf der Gruppe nur Wohlgeschmack am
+Menschenfleisch, das sie jetzt jedem anderen Fleische vorziehen. Roh
+verzehren sie es nie: die Gabel, mit der es gegessen wird, ist fuer alle
+anderen Speisen verboten (Tabu) (eb. 212). Mit Trommelschlag in ganz
+bestimmtem Rythmus
+
+ | |\ | _ | | | |\ | _ | |
+ | | | / | | | | | / | |
+ * * * * ' * ' , * * * * ' * ' ,
+
+der sonst nie angewendet wird, laden sie zu den Kannibalenfesten ein
+(Erskine 291), von denen Weiber fast immer, Sklaven und gewisse Priester
+immer ausgeschlossen sind (Erskine 260; Williams und Calvert 1, 211).
+Und trotz alledem hatte der Kannibalismus eine religioese Weihe bei
+ihnen: die getoedteten Feinde werden zuerst den Goettern dargeboten
+(Erskine 261), die selbst Kannibalen sind (247) und jedes Kannibalenfest
+hat bestimmte, sonst nicht getanzte heilige Taenze (209. 440).
+
+Wir haben uns bei diesem ekelhaften Detail so lange verweilt, einmal,
+weil es anthropologisch von hohem Interesse ist--dann aber und
+hauptsaechlich, um zu beweisen, dass der Kannibalismus, der so
+ausgepraegt, so eingewurzelt bei den Fidschis ist, nicht erst, wie jetzt
+die Haeuptlinge gern erzaehlen, in der letzten Zeit aufgekommen sei, Hand
+in Hand mit dem blutiger werdenden Kriege (Erskine, 272). Er besteht
+gewiss viele Jahrhunderte lang, gewiss viel laenger, als die Fidschis
+ihre jetzige Wohnung inne haben: allein er hat sich immer weiter
+ausgedehnt und mag seine rohesten Formen, z.B. das Menschenfressen aus
+Leckerei erst im letzten Jahrhundert seines Bestehens, so lange aber
+auch mindestens, angenommen haben. Trotzdem aber, und auf dies Faktum
+werden wir zurueckkommen, trotzdem ist ein Aussterben der Bevoelkerung
+nicht zu merken (Erskine 274). Die Zahl derselben betraegt nach den
+Missionaeren (ebendas.) 200-300,000 und mag dies auch etwas zu hoch
+gegriffen sein, sie ist jedenfalls betraechtlich genug, so dass auch Behm
+200,000 als Totalsumme annimmt. Und ferner, was von besonderer
+Wichtigkeit fuer die geschichtliche Betrachtung der Naturvoelker ist, sie
+selbst haben das Bedenkliche des Kannibalismus eingesehen; daher jene
+halb entschuldigende Rede der eingeborenen Fuersten; daher die
+verhaeltnissmaessige Leichtigkeit des Kampfes, welchen die Missionaere
+gegen die Anthropophagie fuehren, welchen man doch gerade, wegen des
+Alters der Sitte, fuer unendlich schwierig halten sollte (Erskine 280).
+Ja sie werden sogar von einer heidnischen Partei darin unterstuetzt,
+welche sehr gegen den Kannibalismus, sowie gegen das unsinnige Morden
+der Weiber und Sklaven ist, welches wir gleich betrachten werden, und
+fuer Abschaffung aller dieser Sitten eifrig kaempft. Die Fuersten sind es,
+welche aus feudalen Geluesten dies Alles aufrecht erhalten wissen wollen
+(Seemann Zeitschr. 10, 289). Man sieht, das Christenthum ist hier gerade
+im rechten Zeitpunkt gekommen: man sieht aber auch ferner, solche
+Umaenderungen, wie wir sie vorhin fuer Tonga voraussetzten, haben sich
+wirklich bei diesen Voelkern vollziehen koennen: wir sehen sie hier bei
+einem viel roheren Volk vor unseren Augen geschehen.
+
+Auch in Polynesien herrschten die blutigsten Kriege, wobei aber zu
+bemerken, dass, obwohl man den Eingeborenen persoenliche Tapferkeit
+durchaus nicht absprechen kann, welche sie, auch die sonst so
+weichlichen Tahitier, selbst den Europaeern gegenueber, wohl gezeigt
+haben, dass trotzdem auch hier der Krieg hauptsaechlich durch Ueberfall
+gefuehrt wird. Aber auch die Polynesier morden den besiegten Stamm
+kaltbluetig mit Weib und Kind und so sind ihre Kriege ausserordentlich
+blutig und verheerend. Solche Kaempfe herrschten nun zu Neuseeland und
+trugen wie zur Zersplitterung der Maoristaaten zum Hinschwinden der
+Bevoelkerung nicht wenig bei (Dieffenbach 2, 132), die theils im Krieg
+selbst getoedtet, theils zu Sklaven gemacht, theils durch die Noth nach
+dem Kriege vernichtet wurde (2, 16). In Tonga wurden Kriegsgefangene
+(Mariner 1, 115) stets ermordet, und ebenso alle Einwohner eroberter
+Staedte (1, 101). Von den grausamen Kriegen unter Finau (der z.B. einmal
+18 nur verdaechtige Vornehme ertraenken liess, Mariner 1, 271), welche bei
+Ankunft der Europaeer schon in voller Bluethe und nur Wiederholung oder
+Fortsetzung frueherer aehnlicher war, hat uns Mariner ein getreues, aber
+schreckensvolles Bild geliefert, wie er auch erzaehlt, dass die
+tonganischen Sitten immer mehr durch die Bekanntschaft mit den Fidschis
+verwilderten. Auf Samoa herrschte ein noch grausamerer Kriegsgebrauch
+als zu Tonga (Mariner 1, 163) und haeufig genug waren diese blutigen
+Kriege daselbst, welche Turner 304 und vorher schildert. Und betrachten
+wir den Markesasarchipel, so ist ganz Nukuhiva in einzelne vom hohen
+Gipfel der Insel herablaufende Thaeler getheilt, deren jedes von einem
+besonderen Stamm bewohnt wird. Alle diese Staemme sind in erbitterter
+Feindschaft und in ewigem Krieg (Melville, Krusenstern, Mathias G***).
+Viel aerger aber als ueberall haben die Kriege auf Tahiti gewuethet, von
+denen die Insel so fortwaehrend heimgesucht war, dass Lutteroth (22) ganz
+mit Recht den Frieden einen der Insel unbekannten Zustand nennt. Und wie
+wurden diese ewigen Kriege gefuehrt! Alle Fliehenden, die man einholte,
+alle Weiber und Kinder der Besiegten, welche dem Sieger in die Haende
+fielen, wurden niedergemetzelt (Moerenhout 2, 38-39, Lutteroth 21, Ellis
+1, 310 ff.). Nun waren in frueherer Zeit fast alle Schlachten
+Seeschlachten und gerade deshalb besonders blutig, denn die Besiegten,
+welche sich durch Schwimmen ans Land zu retten suchen mussten, wurden
+begreiflicher Weise leicht von den Kaehnen der Sieger eingeholt. Weniger
+verderblich waren die Landschlachten, weil in ihnen, nach
+malaiisch-polynesischer Sitte, der Sieg, nach dem nur einige wenige
+gefallen waren, fuer entschieden angesehen wurde (Moerenhout 2, 40, Ellis
+l, 312). Waren dann bei der Verfolgung die Menschen vernichtet, so gings
+nun an die Zerstoerung des Landes: die Tarofelder und sonstigen
+Pflanzungen wurden verwuestet, den Kokosbaeumen das Herz ausgeschlagen,
+wonach sie absterben, die Brotbaeume umgehauen, die Haeuser verbrannt
+(Ellis 1, 293, Lutteroth 21-22)--kurz die Besiegten wurden womoeglich
+ausgerottet, ihr Land auf Jahre zu einer unfruchtbaren Oede gemacht.
+Solche Kriege wuetheten auf der ganzen Gesellschaftsgruppe; der Missionaer
+Nott erlebte auf Tahiti in einem Zeitraum von 15 Jahren 10 solcher
+Kriege (Lutteroth 17). Auch die Kriege auf der Hawaiigruppe waren
+verwuestend genug. Hier wie zu Tahiti gab es blutige Seeschlachten (Ellis
+4, 155) und in den Landkriegen, in denen nach Jarves (59) Hinterhalte,
+heimliche Ueberfaelle u. dergl. selten vorkamen, vielmehr meist in
+offenen Feldschlachten (die auch zu Tahiti keineswegs selten waren,
+Ellis 1, 284) gekaempft wurde, war es namentlich wieder die Verfolgung,
+nicht die Schlachten selbst (Jarves 60), welche der Bevoelkerung und
+ganzen Distrikten Tod und Zerstoerung brachte. Die Gefaehrlichkeit dieser
+Kriege geht aus der Geschichte Hawaiis unter Tamehameha und aus den
+Bewegungen, welche dieser grosse Fuerst auf der Gruppe hervorbrachte, zur
+Genuege hervor. Auch die Paumotuinsulaner sind wilde, weit und breit
+gefuerchtete Krieger, die unter sich die heftigsten Kriege fuehren. Die
+Bewohner von Anaa (Chainisland) verwuesteten alle umliegenden Inseln,
+hieben die Fruchtbaeume nieder und was von den Bewohnern nicht getoedtet
+wurde, ward als Sklave mit fortgeschleppt (Moerenhout 1, 199 vergl. 169).
+Nicht weniger als 38 Inseln haben sie auf diese Art veroedet (Hale 35).
+
+Auch in Mikronesien wurden und werden heftige Kriege gefuehrt, so auf den
+Palaus (Keate), auf einzelnen Karolinen und zwar auf den hohen Inseln
+Eap, Truck (Hogoleu), Ponapi, nicht aber auf Kusaie (Ualan Chamisso 135,
+Kittlitz 1, 356): so und besonders leidenschaftlich auf der Eatakkette
+(Kotzebue, Chamisso) und auf den Gilbertinseln (Gulick 410). Waehrend man
+in diesem Gebiet nur an einigen Orten die Baeume schonte (Hale 84) hieb
+man, sie nach der gemeinsamen Sitte der Ozeanier, auf Ratak und sonst
+nieder (Kotzebue 287), und man kann sich denken, wie furchtbar solche
+Barbareien auf den kleinen schon ohnehin nur ueberaus kaergliche Nahrung
+bietenden Inseln wirken mussten: viele, die der Krieg verschont hatte,
+namentlich Weiber und Kinder, erlagen dem Hunger, dem Elend, das ihm
+folgte. Daher ist die Behauptung, dass die einheimischen Kriege der
+ozeanischen Bevoelkerung ganz unberechenbaren Schaden zugefuegt und
+wesentlich zu ihrer stetigen Verminderung beigetragen haben, nur
+allzusehr gerechtfertigt.
+
+Die Sitte des Schaedelerbeutens, welche wir auf Neuguinea sahen und die
+das ganze Malaisien beherrscht, finden wir insofern ueberall in
+Polynesien, als man gierig die Schaedel und in Tahiti auch die
+Unterkiefer der Feinde erstrebt, um sie als Trophaee aufzuheben (Nukuhiva
+Melville 2, 129, Tahiti Bougainville 181, Ellis 1, 309, Perl- oder
+Palliserinseln ebend. 1, 358, Aitutaiki 1, 309, Rarotonga 1, 359,
+Neuseeland Dieffenbach 2, 134, Samoa Turner 301. 304). Hiermit haengt die
+weite Verbreitung der Menschenfresserei enge zusammen, wie sie nach Hale
+38 in Neuseeland, wo nach Thomson 1, 148 das letzte Beispiel dieser
+Sitte noch 1843 vorkam, Hervey, Mangareva (Gambier), Paumotu und dem
+Marquesasarchipel ganz allgemein und ohne Scham betrieben wurde. Auch zu
+Kriegen wird sie oft Anlass, indem man, um ihn zu fressen, einen oder
+mehrere Menschen eines fremden Stammes erschlug, welche That natuerlich
+Rache erheischte. Auf Samoa, Tonga, Tahiti und Hawaii kommt der
+Kannibalismus jetzt nur noch einzeln vor, auf Samoa bei ganz besonders
+erbittertem Hass (Turner 194), auf Tonga aus Prahlerei und in Nachahmung
+der Fidschisitten, (Mariner 1, 116-17), so wie bei Hungersnoth, wo man
+irgend Jemanden, meist einen Verwandten erschlaegt und isst (eb. 2, 19;
+1, 117); in Tahiti gleichfalls, aus Prahlerei, um sich furchtbar zu
+machen (Ellis 1, 310). Aber frueher war er auf diesen Inseln allgemeine
+Sitte (Hale 37), wie eine Menge seltsamer und anders ganz unerklaerbarer
+Gebraeuche beweisen: so auf Tahiti der oft beschriebene Gebrauch bei
+Menschenopfern, dem Koenig das linke Auge (den Sitz der Seele) des Opfers
+darzubieten, der dann den Mund oeffnete, als ob er es verschlaenge und
+durch diese Ceremonie Verstand und Klugheit bekommen sollte.
+Urspruenglich hat er es gewiss gegessen, und erst spaeter, als die Sitten
+sich milderten, begnuegte man sich, wie in analogen Faellen bei allen
+Voelkern der Welt, mit einer symbolischen Handlung. Im Samoaarchipel
+beugt sich, wer dem Sieger als besiegt sich unterwirft, vor demselben
+nieder, indem er ihm Feuerholz und die Blaetter darreicht, in welche man
+in Polynesien die Speisen, die gekocht werden sollen, einschlaegt (Turner
+194). Und so liesse sich vieles anfuehren. Es scheint aber, als ob, wie
+die Tahitier, Hawaier u.s.w. die Menschenfresserei abgeschafft hatten,
+ehe die Europaeer kamen, noch an manchen anderen Orten Polynesiens
+dieselbe Sitte in Abnahme oder doch in Misskredit gekommen sei, ohne
+dass der Einfluss der Europaeer dies bewirkt haette: so laeugneten auf
+Nukuhiva die wilden Taipis den Kannibalismus ganz und gar, und suchten
+ihn den Weissen zu verbergen, wie Melville mittheilt. Und die
+neuseelaendischen Fuersten erzaehlten, er sei keineswegs von Alters her bei
+ihnen Sitte, sondern erst spaeter eingefuehrt (Thomson 1, 142), eine
+Behauptung, welche entschieden falsch und nur von ihnen erfunden kaum
+eine Widerlegung verdient.
+
+
+
+
+Sec. 10. Menschenopfer.
+
+
+In Nordamerika sind Menschenopfer nicht sehr zahlreich gewesen. In
+Florida wurden Weiber und Diener ehedem beim Tode des Herrn gleichfalls
+getoedtet, um ihm im Jenseits zu dienen (Waitz 3, 199-200), wie man
+ebendaselbst den Erstgeborenen der Sonne opferte. Kinderopfer werden
+auch sonst oefters erwaehnt: in Virginien, in Neuengland, bei den Sioux
+und sonst (Waitz 3, 207). Auch bei manchen Caribenstaemmen wurden mit den
+gestorbenen Haeuptlingen einige seiner Weiber lebendig begraben (ebend.
+3, 387) und vornehmen Leuten folgte ein Sklave nach (3, 334). Allein bei
+allen diesen Voelkern sind die Menschenopfer von so wenig Ausdehnung
+gewesen, dass wir bei ihnen, da sie fuer unsere Betrachtung gar keine
+Bedeutung haben, nicht zu verweilen brauchen. Um so zahlloser aber waren
+die Menschenopfer, welche die Religion der amerikanischen Kulturvoelker
+forderte und deren Ursprung in uralte vorhistorische Zeit zurueckgeht
+(Waitz 4, 157). Wo wir Menschenopfer finden, werden wir dieselben immer
+mit groesster Wahrscheinlichkeit auf die alleraelteste Zeit zurueckfuehren,
+denn sie wurzeln stets in sehr ernst gemeinter Religiositaet, nie in
+Grausamkeit. Spaetere Einfuehrung derselben findet sieh nur in ganz
+vereinzelten Faellen und wird sich aus Nachahmung der Sitten anderer
+Voelker, besonders heftiger Kriegserbitterung oder irgend etwas aehnlichem
+fast immer erklaeren lassen. Wohl aber sind die Menschenopfer im Laufe
+der Zeiten bei manchen Voelkern abgekommen: so bei den Indogermanen, den
+Semiten u.s.w. Die Zahl dieser Opfer war nun in Mexiko geradezu
+ungeheuer, wie folgende Zeugnisse, die alle aus Waitz 4, 157 ff.
+entlehnt sind, beweisen. Der Bischof Zumarraga (zur Zeit der Entdeckung)
+schaetzt sie bei Torquemada auf 20,000 jaehrlich, wenigstens fuer die
+letzte Zeit des Reichs; in der Hauptstadt und ihrer naechsten Umgebung
+soll ihre Zahl jaehrlich mehr als 2500 gewesen sein. Oviedo behauptet,
+dass Montezuma jedes Jahr ueber 5000 geopfert haette; bei einem Fest in
+der Stadt Tlaskala fielen 800 Opfer jaehrlich; der zweite Monat des
+Jahres war, weil er so viele Menschenopfer forderte, nach der
+Schlaflosigkeit der Menschen benannt. Trat Duerre, Misswachs u. dergl.
+ein, so wurden die Opfer vermehrt. Die Einweihung des Haupttempels zu
+Tenochtitlan (den 19. Februar 1487 nach Gama) "soll nach Torquemada
+(1610) 62,344, nach Fra Toribio Motolinia und Ixtlilxochitl (von
+muetterlicher Seite aus vornehmen mexikanischen Fuerstengeschlecht, von
+vaeterlicher Seite Spanier, der mit grossem Eifer die Geschichte des
+Landes seiner muetterlichen Vorfahren durchforschte und seine
+grossentheils zuverlaessigen Werke um 1600 schrieb Waitz 4, 7 u. 8) sogar
+80,400 Menschen das Leben gekostet haben." Die Schaedel der Opfer wurden
+zu einer grossen Pyramide im Tempelhof aufgeschichtet, die man im
+mexikanischen Haupttempel auf 136,000 berechnet hat (Waitz 4, 149). Und
+ausserdem kommt noch eine grosse Zahl geopferter Menschen dadurch hinzu,
+dass jedes auch kleinere Fest solche Opfer, nur wenigere forderte: durch
+die stete Wiederholung aber, denn es gab viel Feste im Jahr, sammeln
+sich auch diese zu einer grossen Summe. Wenn wir nun auch mit Waitz die
+kleinsten der genannten Zahlen fuer die wahrscheinlichsten halten; so ist
+die Zahl, die fuer jedes Jahr herauskommt, noch immer enorm. Waren die
+eben besprochenen nur solche Opfer, die man den Goettern brachte, so
+forderte der Tod vornehmer Menschen andere. Starb der Herrscher oder
+irgend ein Vornehmerer sonst, so folgten diesem Weiber und Sklaven in
+den Tod; aber da nun am 4ten, 20sten, 40sten und 80sten Tage nach dem
+Begraebniss auf dem Grabe derartige Abschlachtungen stattfinden mussten,
+so darf man sich auch die Zahl der auf diese Weise umgebrachten Menschen
+nicht zu gering denken: stieg sie doch manchmal bis auf 200 (4, 167).
+
+Die Quiches in Guatemala (4, 264) so wie die Chorotegen in Nikaragua
+(279), toltekische Voelker, brachten Menschenopfer dar wohl ebenso
+reichlich als die Mexikaner, wie denn ihre Religion in fast allen
+Stuecken der mexikanischen gleich war. In Yukatan, wo solche Opfer zwar
+auch vorkommen, waren sie doch minder zahlreich als in jenen Gegenden
+und in Mexiko (4, 309).
+
+In Darien vergifteten sich des Herrschers Lieblingsweiber und Diener bei
+seinem Tod, oder sie wurden lebendig mit ihm begraben (4, 351), wie
+Weiber und Diener auch bei den Chibchas in Neugranada getoetet (4, 466)
+und Menschenopfer bei allen diesen Voelkern gar nicht selten den Goettern
+dargebracht wurden. Ebenso war es auf den Antillen (4, 327).
+
+In Peru waren Menschenopfer, wozu man gefangene Feinde nahm, selten und
+nur bei ausserordentlichen Veranlassungen gebraeuchlich. Weiber und
+Diener aber folgten auch hier dem Inka, deren einem 1000 seiner
+Angehoerigen sich geopfert haben sollen, und ebenso den Vornehmen
+freiwillig in den Tod nach, um ihm im Jenseits weiter zu dienen.
+Namentlich aber Kinder wurden hier vielfach getoetet; wenn ein Vornehmer
+krank war, wurde eins von seinen eigenen Kindern den Goettern zum
+Ersatzopfer, wie man annimmt, geschlachtet, welches dann freudig in den
+Tod zu gehen pflegte. Vor dem Auszuge zum Krieg, bei Krankheit des
+Herrschers und bei dessen Inauguration wurden Kinder, meist Knaben von
+4-10 Jahren, seltener Maedchen, nach einzelnen freilich nicht ganz
+glaubwuerdigen Angaben bis zu 200, ja bis zu 1000, geopfert, was auch
+beim Erntefest, bei verheerenden Epidemien, ja in einigen Gegenden mit
+jedem erstgeborenen Kinde und mit dem einen von Zwillingen geschah. Auch
+wurde den Todten von dem Blute des geopferten Kindes ein Strich von
+einem Ohr zum anderen gezogen (Waitz 4, 460-61). Auch hier muessen wir
+auf das zurueckkommen, was wir oben gesagt haben: die Kinderopfer dienen
+nur dazu, einen bei den Goettern, denen Kinder am liebsten waren,
+besonders gueltigen Vermittler zu haben; deshalb, und nicht zum Ersatz,
+wurden die eigenen Kinder als Opfer bei Krankheiten preisgegeben und
+unsere Auffassung wird unterstuetzt dadurch, dass die Kinder gewoehnlich
+freudig in den Tod gingen: sie wussten, dass sie einem guten Loos
+entgegengingen; daher auch der Strich mit Kinderblut ueber die Todten,
+welche auf diese Weise gleich das Zeichen des Vermittlers an sich
+trugen.
+
+Die Kinderopfer in Mexiko hatten meist dieselbe Veranlassung und
+denselben Zweck: so wurden zwei Kinder vornehmer Abkunft, wenn die Saat
+aufging, ertraenkt, vier, wenn sie groesser war, dem Hungertode
+preisgegeben (4, 159). In Nikaragua wurde ein Knabe, wenn Regen noethig
+war, den Goettern dargebracht (4, 379). Aehnliche Opfer brachten die
+Chibchas in Neugranada vor der Schlacht (364).
+
+Nirgends aber sind auch die Menschenopfer massenhafter, als auf Fidschi,
+wie wir daselbst auch den Kannibalismus schrecklicher ausgebildet
+fanden, als sonst irgendwo. Zur Feier der Mannbarkeit eines
+Haeuptlingssohnes, so erzaehlt Seemann (Zeitschr. 9, 476), sollte eine
+rebellische Stadt ganz vernichtet, die Einwohner erschlagen, auf einen
+Haufen zusammengetragen, auf diese Sklaven gelegt und auf diese wieder
+der Einzuweihende gesetzt werden. Alle Schiffbruechigen, das verlangt ihr
+Glaube, muessen getoedtet werden; wer es unterliesse, wuerde sonst selbst
+im Schiffbruch umkommen (Erskine 249-50). Alte Eltern werden von ihren
+Kindern, kranke Kinder von ihren Eltern lebendig begraben (ebend.) und
+zwar ist es der eigene Wille der Opfer, dass ihnen so geschieht (477),
+denn man glaubt, man kaeme nach und durch solchen Tod sofort in ein
+anderes und viel besseres Leben; daher sich diese scheussliche Sitte mit
+wirklicher Familienanhaenglichkeit vertraegt. Aber es ist ebendaher auch
+begreiflich, dass nur wenige Menschen eines natuerlichen Todes sterben
+(Will. u. Calvert 1, 188). Menschenopfer am Grabe, namentlich von
+Haeuptlingen, sind ebenso gewoehnlich als umfangreich; die Weiber werden
+entweder alle oder doch die Lieblingsweiber und eine Menge Sklaven
+ermordet. Die Mutter, deren geliebter Sohn stirbt, folgt ihm bisweilen
+ins Grab, der Freund dem Freund (Will. u. Calvert 1, 134). Auch hierzu
+draengen sich, wegen der Belohnungen im Jenseits, die Opfer; die Weiber
+erdrosseln sich selbst, wenn ihnen Niemand diesen Dienst thut (Erskine
+293. Mariner 1, 347). Und wie fest man an den Menschenopfern hielt, geht
+aus folgender Notiz bei Erskine 440 hervor: ein Fidschiinsulaner hatte,
+von irgend welchem Mitleiden ergriffen, einen Gefangenen nicht dem Gotte
+geopfert; da erschien ihm letzterer im Traum und quaelte ihn ueber diese
+Unterlassung dermassen mit Gewissensbissen, dass der Mensch fast in
+Raserei fiel. Doch dieselbe Partei, welche, wie wir schon erwaehnt haben
+(S. 70), sich gegen den Kannibalismus wendete und ihn abzuschaffen
+sucht, ist auch diesen Menschenopfern feindlich (Erskine 280) und so
+werden auch sie, da der Einfluss der Europaeer hinzukommt, hoffentlich
+nicht mehr allzulange dauern.--Aehnliche Gebraeuche fanden sich auch
+sonst in Melanesien, wenn auch nirgends so uebertrieben wie hier:
+namentlich ist es das Lebendigbegrabenwerden der Eltern, der Kranken,
+die Ermordung der Mutter oder einer Verwandtin, wenn ein kleines Kind
+stirbt, was uns berichtet wird.
+
+Was nun Polynesien betrifft, so ist es gewiss Uebertreibung, wenn
+Michelis (91. ohne Quellenangabe) erzaehlt, der Koenig von Futuna
+(noerdlich von Samoa), dessen Insel 2000 Einwohner hat, habe waehrend
+seiner Regierung an 1000 Menschen den Goettern geopfert. Denn wir finden
+sonst in Polynesien die Menschenopfer nicht allzuzahlreich. Freilich ist
+es ein Irrthum, wenn Ellis 1, 106 behauptet, sie seien in Tahiti erst
+spaeter eingefuehrt, da sie mit der ganzen polynesischen Religion viel zu
+eng verwachsen sind; wohl aber sind sie in spaeterer Zeit, noch vor der
+Entdeckung, von den Eingeborenen selbst sehr beschraenkt. Bei Beginn
+eines Krieges erhielt der Kriegsgott ein Menschenopfer (Ellis 1, 276),
+dem so wie anderen Goettern oefters Menschen dargebracht wurden (1, 357).
+In Kriegszeiten, bei grossen Nationalfesten, bei Krankheiten und dem Tod
+der Fuersten (Bratring 182-83. 196) opferte man Menschen, sowie man die
+Koepfe der Besiegten (was auch melanesischer Brauch war) in den
+Tempelplaetzen als Weihgeschenk aufstellte (Moerenhout 2, 47). Haeufiger
+waren diese Opfer in Hawaii, wo (Jarves 47) haeufig an 80 Menschen auf
+einmal geschlachtet sein sollen. Man nahm, hier und in Tahiti, dazu
+Gefangene oder Verbrecher oder Leute, die irgend ein Tabu gebrochen
+hatten, oder, wenn deren keine vorhanden waren, Leute aus dem Volk
+(Jarves 18. Ellis a.a.O.). Aehnlicher Gebrauch herrschte auch auf den
+Herveyinseln (Williams 215). Wenn nun auch in Hawaii, nach den Angaben
+der Fuersten, diese Opfer erst spaeter eingefuehrt sein sollten (Jarves
+47); so ist dies nur ein Zeichen, dass man auch hier schon dies
+Schreckliche der Sitte eingesehen hatte und sie im Abnehmen war.
+Menschenopfer fanden selbstverstaendlich auch hier an den Graebern der
+Vornehmen statt, zunaechst beim Ausstellen der Leiche und dann noch
+zahlreicher beim Begraebniss selbst (Remy 115). Ebenso war es frueher in
+Neuseeland Sitte--jetzt ist sie abgekommen--dass sich die Weiber am
+Grabe ihrer Maenner erdrosselten, die Sklaven getoedtet wurden (Taylor
+97). In Tonga wurden bei den Graebern der Vornehmen ab und zu Weiber
+geopfert (authent. narrat. v. Tonga 78; Mariner 1, 295), was auf fruehere
+Allgemeinheit dieser Sitte, gegen welche die tonganischen Fuersten selbst
+eiferten, schliessen laesst.
+
+Von besonderem Interesse ist der Kindermord, wie er sich auf Tonga
+zeigt. So wurden (Mariner 1, 229) Kinder den Goettern geopfert, um den
+Frevel eines Fuersten gegen ein Heiligthum wieder gut zu machen: ein
+Opfer, welches gar keinen Sinn haette, wenn man nicht eben in den Kindern
+den Goettern besonders angenehme Vermittler gesehen haette. Um des Koenigs
+Leben zu erhalten, wurde eines von seinen mit einem Nebenweib erzeugten
+Kindern getoedtet (1, 379): wenn aber der Tui-tonga, der hoechste
+religioese und frueher wohl auch weltliche Herr von Tonga krank ist, da
+genuegt ein Kind nicht und man toedtet drei bis vier (1, 454).
+
+Ehe wir diesen Gegenstand verlassen, ist noch von einer Art Opfer zu
+sprechen, die, wie es scheint, ueber die ganze Welt verbreitet ist: ueber
+die Menschenopfer zur Einweihung, zur Sicherung von Gebaeuden u.
+dergl.[N] Auch diese Sitte ist am uebertriebensten auf den
+Fidschiinseln. Dort muessen neugebaute Kaehne, damit sie vor Sturm und
+Unheil sicher sind, ueber lebende Sklaven in die See gerollt werden;
+jeden Pfosten eines neu gebaut werdenden Hauses muss, damit der Pfosten
+sicher steht, ein lebender Sklave umfassen--und zu diesem lebendig
+Zerquetscht-, zu diesem lebendig Begrabenwerden draengen sich die Opfer,
+denen es im Jenseits maechtig vergolten wird (Erskine 249-50). Die Sitte
+war nicht bloss melanesisch, sondern auch ueber ganz Polynesien
+verbreitet: in Neuseeland ruhte der Mittelpfeiler des Hauses frueher auf
+Menschenleichen (Taylor 387 ff.) und von Tahiti erzaehlt dasselbe
+Moerenhout 2, 22-23; doch scheint auch hier der Gebrauch in spaeterer Zeit
+abgekommen zu sein; denn wenn er und Ellis (1, 346) diesen Gebrauch nur
+fuer Tempel angeben, so ist er wohl erst spaeter nur auf diese beschraenkt
+worden. Derselbe Gebrauch findet sich auch in Suedamerika: der Palast des
+Bogota, des Herrschers der Chibcha stand auf Maedchenleichen und sein
+Grund so wie seine Thuerpfosten waren mit Menschenblut getraenkt (Waitz 4,
+360).
+
+Nachdem wir so diese Uebersicht ueber die Art, wie die Naturvoelker das
+Menschenleben schaetzen, vollendet haben, ergibt sich als Resultat, dass
+ihre Kriege fuer sie hoechst gefaehrlich sind, ja einzelnen geradezu die
+Existenz gefaehrden, so dass wir sie in erster Linie auffuehren muessen,
+wenn wir die Ursachen fuer das Aussterben der Naturvoelker aufsuchen; dass
+aber Kannibalismus und Menschenopfer, obwohl in einzelnen Laendern
+furchtbar ausgedehnt, nur von sekundaerer Wichtigkeit sind und nur wenn
+sie mit anderen Gruenden vereint auftreten, zur sichtlichen Verminderung
+eines Volkes beigetragen haben.
+
+
+
+
+Sec. 11. Verfassung und Recht.
+
+
+Auch die Staats-und Rechtsverfassung der Naturvoelker wird nach einigen
+Seiten uns hier, freilich nur kurz, beschaeftigen muessen. Die
+Kulturstaaten Amerikas so wie die polynesischen Inseln sind es, die wir
+nach dieser Richtung hin betrachten muessen; denn bei den uebrigen
+Naturvoelkern ist theils das Rechts- und Staatsleben zu wenig entwickelt,
+als dass es irgend welchen Einfluss gehabt haette, theils so entwickelt,
+dass dieser Einfluss kein unguenstiger war. Wie das Recht in seiner
+aeltesten Entwickelung immer seine Gesetze "mit Blut" schreibt; so war es
+auch in Mexiko der Fall: fast alle Verbrechen, selbst geringe
+Diebstaehle, Trunk, Verleumdung u. dergl. wurden mit dem Tod bestraft,
+und bisweilen die ganze Familie in die Sklaverei verkauft (Waitz 4,
+84-85). Denn der Grundsatz, dass die Sippe haften muss fuer das einzelne
+verbrecherische Mitglied gilt auch hier. In Peru (4, 414-15) war die
+Strenge der Gesetze nicht minder gross und die Haftbarkeit der Familie
+fuer den Schuldigen, mit dem sie in vielen Faellen den Tod zugleich
+erlitt, noch groesser. Diese strenge Justiz und namentlich die
+Haftbarkeit der Familie fuer den Einzelnen hat in der Suedsee ferner, wo
+sie gleichfalls herrscht, um so groesseren Schaden angerichtet, als, wie
+wir gleich sehen werden, dort die Gewalt der Herrschenden noch absoluter
+war als in Amerika. So wurde in Tonga der ganze Stamm eines Aufruehrers
+vernichtet (Mariner 1, 271) und die fortwaehrenden Rachekriege dieser
+Voelker und Staemme untereinander beruhen theilweise auf dieser blutigen
+Rechtsauffassung (z.B. fuer Neuseeland Dieffenbach 1, 93, Haftbarkeit des
+Stammes fuer den Einzelnen Thomson 1, 98). Auch in Neuholland sind
+ziemlich strenge Rechtsstrafen (Grey 2, 236-37), entweder Tod oder
+Durchstossen einzelner Koerpertheile mit dem Speer (wobei oft der Tod
+erfolgt) oder Speerung, d.h. der Schuldige muss sich den Speerwuerfen
+einer groesseren oder geringeren Menge von Volksgenossen aussetzen, denen
+er freilich durch seine Geschicklichkeit (Waffen darf er nicht haben),
+wenn sie ausreicht, ausweichen darf (Grey 2, 244-45). Die Haftbarkeit
+der Familie, des Stammes fuer den Einzelnen ist hier wo moeglich noch
+fester, als irgendwo sonst (Grey 2, 239-40; 235-36).
+
+In Mexiko war die Verfassung streng monarchisch, wobei der Adel, der
+frueher wahrscheinlich die hoechste Staatsgewalt selbst in Haenden gehabt
+hatte (Waitz 4, 71), wie in anderen monarchischen Staaten auch, grosse
+Vorrechte ueber das Volk hatte. Der Herrscher, weil er Stellvertreter
+Gottes auf Erden war, hatte unumschraenkte Gewalt (Waitz 4, 68); und
+mochte dadurch auch mancherlei Ungerechtigkeit und Gewaltthaetigkeit
+geschehen, mochten einzelne Fuersten ihre Macht missbrauchen, wie denn
+namentlich der letzte von ihnen, Montezuma II., seinen gewaltthaetigen
+und hoffaertigen Charakter in noch schaerferer Entwickelung des
+Absolutismus und der Sonderstellung des Adels zeigte; das wurde doch vom
+Volk ertragen, ohne dass dadurch das Volk noch auch durch den Unwillen
+des Volkes die Herrscher gefaehrdet waren. Schlimmer war, dass die
+Herrscher durch ihren Absolutismus den eigenen Willen des Volkes zu sehr
+gelaehmt hatten. "Die strenge und allgemeine Fuegsamkeit in den Willen des
+Herrschers hat sich von Seiten des Volkes bei mehreren Gelegenheiten in
+unzweideutiger Weise gezeigt: auf einen Wink von Montezuma blieb Alles
+ruhig, sogar als er selbst von Cortez gefangen gesetzt wurde und mit der
+Eroberung der Hauptstadt hoerte jeder Widerstand auf, nicht bloss weil
+die Grossen des Reichs dort alle vereinigt waren, sondern auch weil mit
+dem Falle des Herrschers fuer die bis zum Aeussersten standhaft
+gebliebenen Mexikaner die Pflicht der Selbstverteidigung wegfiel.
+Revolutionen des Volks waren--abgesehen von neu eroberten Laendern--fast
+unbekannt" (Waitz 4, 68). Am gefaehrlichsten aber war die
+Eroberungspolitik des mexikanischen Staates. Um alle Laender sich und
+ihrem Gotte Huitzilopochtli zu unterwerfen, was das stete Streben der
+Mexikaner war (4, 117), hatten sie ihre Herrschaft vom atlantischen bis
+zum stillen Ozean ausgedehnt, ohne aber wirklich Widerstand leistende
+Laender ernstlich zu bezwingen und sich zu assimiliren. Und Montezuma II.
+noch machte es ebenso. Waehrend in seinen Laendern Empoerungen der
+unterworfenen Laendertheile ausbrachen, schickte er, anstatt das
+Gewonnene dauernd zu fesseln, seine Heere in immer fernere Gegenden, um
+immer mehr zu gewinnen (Waitz 4, 46), und "daher, sagt Waitz 4, 47, ist
+es wohl begreiflich, dass das grosse rasch gewachsene Reich des
+Montezuma durch ein paar kraeftige und geschickt gefuehrte Stoesse
+zertruemmert werden konnte." Eine Menge einheimische Feinde, ganze
+Laendertheile erhoben sich und stellten sich auf Seiten der Spanier--und
+so ist Mexiko, das so bevoelkerte, reiche und bluehende Land zum nicht
+geringsten Theil durch seine eigene Politik zu Grunde gegangen. Da diese
+Schilderung im Grossen und Ganzen auch auf Peru passt, wo der Koenig als
+Stellvertreter Gottes auf Erden nur eine noch absolutere und drueckendere
+Macht besass, wo gleichfalls Eroberungskriege das Land ausgedehnt und
+dadurch minder fest gemacht hatten, weil es nun in seinem Innern
+feindliche Elemente barg (Waitz 4, 399-413), da wir hier so ziemlich
+dasselbe finden, so brauchen wir die Verhaeltnisse des Inkareiches nicht
+genauer zu betrachten und gehen gleich zu Polynesien ueber.
+
+Hier hat der Absolutismus und die Sonderstellung des Adels, die in der
+goettlichen Abstammung des Adels und der Koenige wurzelt, die denkbar
+hoechste, man koennte sagen eine logisch vollkommene Entwickelung
+gefunden. Ueberall, in Neuseeland, in Tahiti, in Hawaii, dem
+Markesasarchipel, auf Tonga, bei der alten Bevoelkerung der Marianen
+(waehrend sonst Mikronesien in der Praxis wenigstens die Gegensaetze
+minder scharf fasst) gilt das Volk als unbeseelt, daher sein Leben als
+vollkommen werthlos. Man toedtete es nach Geluesten oder Laune (Mariner 1,
+60. 91), man bedrueckte es, da es weiter keine Geltung hat, als eben nur
+fuer die Vornehmen da zu sein, keinen Werth weiter als was es den
+Vornehmen werth ist--und nirgends war dieser Druck schlimmer als auf
+Hawaii--man hat ihm aus demselben Grund alle harte Arbeit, z.B. den
+Landbau, aufgeladen; dabei ist ihm das meiste der besseren
+Nahrungsmittel verboten; zu den Festen der Vornehmen muss es, was es
+besitzt an Lebensmitteln, beisteuern, zu den Menschenopfern nimmt man
+die Individuen aus ihm, kurz, es liegt ein Druck auf ihm, so
+unglaublich, dass man gar nicht begreift, wie unter demselben ueberhaupt
+sich eine und noch dazu zahlreiche Bevoelkerung erhalten konnte. Oft fand
+es nicht Zeit zur Bestellung des eigenen Landes, daher denn Hungersnoth,
+Kindermord und namentlich eine grosse Menge von Auswanderungen
+eintraten, die vor allem Tahiti entvoelkerten, aber auch von anderen
+Inseln erzaehlt werden. So gab es auf Tahiti im wilden, gebirgigen und
+kaum bewohnbaren Inneren der Insel eine zerstreute Bevoelkerung "wilder
+Maenner", die, ausserordentlich scheu und aengstlich, ganz einsam in den
+Klueften leben, gewiss nur entsprungene Fluechtlinge aus dem Volke, oder
+deren Abkoemmlinge, welche nicht zurueckzukehren wagten (Ellis 1, 305).
+Von Hawaii sagt Jarves (368 ff.): "Der Ackerbau ward vernachlaessigt, und
+Hungersnoth herrschte. Ganze Schaaren gingen unter ihrer Last zu Grunde;
+andere verliessen ihre Heimath und flohen gleich wilden Thieren in die
+Tiefe der Waelder, wo sie aufs elendeste aus Mangel umkamen, oder eine
+klaegliche Existenz durch Fruechte und Wurzeln fristeten. Blind fuer diese
+Folgen setzten die Fuersten ihre Politik (zu der sie von geldgierigen
+Fremden vielfach verleitet wurden) fort." Kindermord war die Folge
+namentlich einer unerschwinglichen Kopfsteuer und nicht nur physisch,
+auch moralisch verkam das Volk. Und auf dies moralische Verkommen ist
+sehr zu achten; denn nichts befoerdert den Untergang einer Bevoelkerung
+mehr als dies. Wo die Moralitaet (natuerlich hier nur nach den Begriffen
+der betreffenden Voelker) fehlt, fehlt auch die Selbstachtung; wo die
+Selbstachtung, die Freude am Leben, welche diesen Menschen auch schon
+aus aeusseren Gruenden unmoeglich war; und wo die Freude am Leben fehlt, da
+verkommt und versiegt das Leben selbst. Mit Recht stellt daher Jarves
+(a.a.O.) diesen Druck, unter dem das Volk erlag, fuer eine Hauptursache
+seines massenhaften Schwindens hin: und wie es in Hawaii war, so war es,
+mit wenig Abaenderungen, so ziemlich ueberall in Polynesien.
+
+
+
+
+Sec. 12. Natureinfluesse.
+
+
+Sahen wir so, was die Naturvoelker durch eigene Lebensart oder Schuld zu
+ihrem Hinschwinden beitragen: so muessen wir, ehe wir weiter gehen, einen
+Blick auf die Naturumgebungen dieser Voelker werfen und deren guenstigen
+oder schaedlichen Einfluss abwaegen. So viel leuchtet schon dem ersten
+Blick ein: durch Natureinfluesse allein stirbt kein Volk aus und die
+menschliche Natur gewoehnt sich fast an alles. Man kann sich, nach
+Darwins Schilderung, kaum eine fuer menschliche Entwickelung unguenstigere
+Natur denken, sowohl in Hinsicht auf Klima, als auf Lebensmittel u.s.w.,
+als die Suedspitze von Amerika und dennoch sagt derselbe Schriftsteller,
+dass ein Aussterben der elenden Staemme der Feuerlaender nicht zu bemerken
+sei. Ebenso wenig der Eskimos. Der Mensch akklimatisirt sich, freilich
+nur sehr allmaehlich in langsamen Vorruecken und durch Jahrhunderte oder
+besser Jahrtausende lange Vererbung und dadurch Verstaerkung der fuer die
+einzelne Gegend speziell befaehigenden Eigenschaften an jede Gegend, an
+jedes Klima, und nichts beweist gerade mehr die Dauerhaftigkeit unserer
+Natur als diese Faehigkeit der Gewoehnung. Aber freilich werden weder
+Feuerlaender noch Eskimos sich je zu grossen maechtigen Nationen
+entwickeln: und zwar in Folge ihrer Naturumgebung, welche der freien
+Entfaltung der Menschheit denn doch unuebersteigliche Hindernisse in den
+Weg stellt. So ist denn eben die Naturumgebung der Grund, dass wir die
+roheren Naturvoelker nie sehr zahlreich sehen; die Natur erheischt ein
+Leben, welches dem Gedeihen der Menschheit nicht zutraeglich ist. Die
+geringe Zahl der Neuhollaender ist zweifelsohne bedingt durch die
+erstaunlich unfruchtbare Natur ihres Landes, denn wenn auch Grey (1,
+239) Recht hat gegen Sturt und viele Andere, dass der Nahrungsmangel in
+Neuholland nicht so gross ist, als er gewoehnlich gemacht wird, und
+allerdings gibt er fuer den Suedwestdistrikt des Welttheils, fuer eine
+Ausdehnung von 2-300 Meilen (2, 299) eine reiche Menge Nahrungsmittel an
+(2, 263-64); so sind dieselben doch immer erst weit zerstreut, muessen
+gesucht werden und sind oft, im einzelnen betrachtet, elend genug. Sie
+zu vermehren, anzubauen haben die Eingeborenen nicht Kultur genug, auch
+finden sich kaum unter den Pflanzen und Thieren Neuhollands solche, die
+zu eigentlichen Kulturpflanzen oder Hausthieren brauchbar waeren; zu
+sammeln aber sind die Neuhollaender, wie wir schon bei der Betrachtung
+ihres Charakters sahen, zu indolent, zu traege. Wir muessen hier die
+ausserordentlich hemmenden Schranken der Natur anerkennen, die jedoch
+nur dann erst wirklich fuer den Bestand eines Volkes gefaehrlich werden,
+wenn noch andere Bedraengnisse hinzukommen. Ueber viele Distrikte
+Amerikas muss man, mehr oder minder, dasselbe sagen, in mancher
+Beziehung auch von Suedafrika. Und fast noch unguenstiger gestellt ist
+Polynesien schon in seinen hohen Inseln, die meist im Innern so steil
+und unwegsam sind, dass sie, wie Tahiti und Nukuhiva, nicht bewohnt
+werden koennen, oder grosse unfruchtbare Strecken hinter ihren meist
+ueppigen Uferstrecken bergen, wie die Fidschis und viele der
+Hawaiiinseln, und die, wenn sie auch durch und durch bewohnbar waeren,
+doch schon durch ihre verschwindende Kleinheit in dem ungeheuren und
+gefaehrlichen Ozeane ihren Bewohnern ein Hinderniss sind. Hier ist die
+Schifffahrt nicht so leicht, wie im Mittelmeer und eine
+Kuestenschifffahrt ganz unmoeglich. Grosse Thiere gibt es gar nicht ausser
+dem zum Hausthier im wahren Sinne ungeeigneten Schwein und einigen
+Hunden, welche aber ihre Hundenatur fast abgelegt haben und Mastvieh
+geworden sind. Nutzpflanzen gibt es genug, aber so reichlich, dass weder
+geistige noch leibliche Anstrengung, ja kaum Thaetigkeit noethig ist, um
+hinlaenglichen Vorrath zu bekommen, oder so wenig, wie auf Neuseeland
+(natuerlich zur Zeit der Entdeckung), dass trotz aller Anstrengung die
+Nahrungsmittel sich nicht sehr heben konnten. Und nun gar die kleineren
+Inseln, die fast immer unfruchtbaren Korallenringe, welche meist, wie im
+oestlichen Polynesien und in Paumotu, nur den Pandanus mit seinen
+kuemmerlich naehrenden Fruechten und, aber noch nicht einmal ueberall, z.B.
+in der noerdlichen Ratakkette nicht, die Kokospalme hervorbringen, den
+Brotbaum und die anderen Nahrungspflanzen der Suedsee, welche feuchten
+Boden verlangen, wie Tacca und Arum, nur seltener oder nur erst nach
+sehr muehevoller Bearbeitung des harten Korallengrundes gedeihen lassen,
+Thiere aber, ausser zahlreichen Ratten, gar nicht besitzen. Dazu kommt,
+dass graessliche Orkane, denen nichts zu widerstehen vermag, auf Tahiti,
+den Paumotu- und Herveyinseln, auf Tonga, den Karolinen, den Marianen,
+kurz so ziemlich ueberall, die Vegetation gar nicht selten so vollstaendig
+vernichten, dass aeusserste Hungersnoth eintritt. Auf den Inseln suedlich
+vom Aequator sollen Stuerme der Art nach Moerenhout (2, 365) nicht oefter
+als alle 8-10 Jahre vorkommen, also gerade oft genug, um eine reiche
+Entwickelung der Bevoelkerung unmoeglich zu machen. Denn ihre Gewalt ist
+so, dass an irgend welchen Schutz oder Widerstand gar nicht zu denken
+ist. Daher ist es denn begreiflich, dass man den Kindermord, wie
+Chamisso mit solchem Entsetzen von den Ratakinsulanern erzaehlt, dort und
+auch sonst noch (z.B. auf Tikopia) geradezu gesetzlich regulirte, um die
+Inseln vor Uebervoelkerung zu behueten; begreiflich ferner, wie
+Hochstetter auf den Gedanken kam, dass der Kannibalismus auf Neuseeland
+durch den Hunger eingefuehrt sei. Ist nun zwar letztere Ansicht gewiss
+nicht richtig, wie sich leicht aus dem was wir ueber den Kannibalismus
+schon gesagt haben, ergibt; so ist es doch sicher, dass in einzelnen
+Gegenden Polynesiens, z.B. in Nukuhiva, bisweilen der Hunger zum
+Auffressen naher Verwandten trieb. Auch in Amerika, namentlich im
+Norden, gibt es Voelker, die durch die aeussere Noth gezwungen, zum
+Kannibalismus gebracht sind (Waitz 3, 508; 4, 251).
+
+Dass auch die Aleuteninseln durch ihre Naturbeschaffenheit keine reiche
+Entwickelung ihrer Bevoelkerung zulassen, ist klar; und dasselbe gilt von
+Kamtschatka, ueber dessen Natur von neuern Schriftstellern v. Kittlitz
+trefflich gehandelt hat.
+
+Alle die besprochenen Laender machen eine grosse geschichtliche
+Entwicklung von vornherein so gut wie unmoeglich. Einfoermigkeit ist das
+Zeichen der meisten; und historische Schicksale, das wirksamste Mittel,
+die Menschheit zu heben, konnten ihre Bewohner so gut wie gar nicht
+treffen. Dadurch aber konnten sie sich nicht ueber die Natur, wie z.B.
+die Indogermanen, die Semiten gethan, erheben, so dass diese von ihnen
+beherrscht waere. Und nehmen wir auf der anderen Seite Voelker mit den
+Sitten, wie wir sie bisher geschildert, in unguenstiger Natur, so
+leuchtet wohl ein, wie gerade ihnen gegenueber schaedliche Natureinfluesse
+von doppelter Gefahr sein mussten.
+
+
+
+
+Sec. 13. Aeussere Einfluesse der hoeheren Kultur auf die Naturvoelker.
+
+
+Wir koennen nun erst, nachdem wir betrachtet haben, was in der Natur und
+Lebensweise dieser Voelker selbst einen fruehen Untergang Begruendendes
+liegt, die Einfluesse genauer erwaegen, welche ihre Beruehrung mit anderen
+meist hoeher kultivirten Voelkern und namentlich mit den Kulturvoelkern
+Europas und Amerikas hervorgebracht hat.
+
+Es sind hier zunaechst Einfluesse zu erwaehnen, welche obwohl durchaus
+nicht feindselig, ja haeufig nur gut gemeint dennoch physisch wie
+psychisch die gewaltsamsten Wirkungen haben mussten und hatten und
+haben.
+
+Zunaechst ist es die Umaenderung des aeusseren Lebens der Naturvoelker,
+welche uns, wie sie durch jene Beruehrung unvermeidlich war, beschaeftigen
+muss.--Die ganze Lebensart dieser Voelker war durch lange fast
+instinktive Auswahl, dem Klima, den Bodenverhaeltnissen, ihrer ganzen
+aeusseren Natur so entsprechend oder wenigstens die Natur dieser Voelker
+hatte sich durch lange Gewoehnung so mit dieser Lebensart assimilirt,
+dass jede auffallende Aenderung, namentlich wenn sie ploetzlich kam, wenn
+sie sich ueber mehreres erstreckte, oder gar wenn sie bloss halb, bloss
+zeitweilig durchgefuehrt wurde, die groessten Revolutionen in ihrem
+gesammten Wesen hervorbringen musste. Auch hier ist wieder auf die
+unendliche Macht einer sich stets verstaerkenden Vererbung hinzuweisen,
+wie sie durch Jahrhunderte, Jahrtausende lange Gewoehnung, durch ueberaus
+allmaehliche Angleichung die Menschennatur so fest auch an unguenstige
+Einfluesse gewoehnen kann, dass eine Abwendung von ihnen fuer den
+Augenblick nur schaedlich zu wirken scheint.
+
+So finden wir das koerperliche Leben der Naturvoelker im engsten Einklang
+mit den Naturumgebungen und ihren Einfluessen. Vor der Bekanntschaft mit
+den Europaeern oder Amerikanern (die immer, was gestattet sein moege,
+mitgemeint sind, wenn im Folgenden einfach nur von den Europaeern und
+ihrem Einfluss die Rede ist) waren daher die Naturvoelker durchaus
+gesund, obwohl einzelne Seuchen ab und zu schon damals bei ihnen
+vorkamen: nie aber kannten sie die chronische Kraenklichkeit kultivirter
+Nationen.
+
+So war es mit der Kleidung. Die Neuseelaender trugen Kleider von
+Mattenzeug, welches aus den Blaettern der neuseelaendischen Flachslilie
+(Phormium tenax) geflochten war--auf welchen Matten man auch
+schlief--und seltener und nur die Fuersten einen Mantel aus
+zusammengenaehten Hundefellen (Dieffenbach 2, 153). Statt dieser kuehlen,
+die Haut nur schuetzenden, kaum erregenden Kleidung, welche auch (fuer
+Neuseeland sehr wichtig, wo es sehr oft, meist nur voruebergehend,
+regnet) die Naesse nicht lange hielt, tragen sie jetzt wollene Decken,
+die, abgesehen davon, dass sie dem Ungeziefer eine willkommene Zuflucht
+sind, die Haut reizen, die Feuchtigkeit sehr lange halten und einen viel
+staerkeren Wechsel in der Temperatur des Koerpers hervorbringen. Denn wie
+die Maoris frueher ihre Phormiummatten bei irgend welcher Arbeit oder
+sonstigen Gelegenheit leicht ablegten, gerade so machen sie es, ganz
+ohne Ruecksicht, ob sie warm sind, ob nicht, auch mit den Wollendecken
+jetzt (Dieffenbach 2, 18). Ganz aehnlich schildert das Jarves 370 von
+Hawaii. Fuersten und Volk, sehr begierig auf jeden auslaendischen Stoff,
+gleich viel ob es Matrosentuch oder das duennste chinesische Gewebe war,
+trugen alles ganz ohne Unterschied, und so kamen sie bald nach ihrer
+alten Art, bald anders, bald mit einer Mischung von beiden bekleidet;
+derselbe, der laengere Zeit eine solche Kleidung trug, erschien dann
+wieder viele Tage lang nackt. Je schoener das Wetter war, um so
+reichlicher bekleidet gingen sie, um zu paradiren, bei schlechtem Wetter
+aber meist nackt, um die Kleidung zu schonen; nackt daher auch in der
+ganzen Jahreszeit des Winters, und im Sommer bekleidet. Jarves wie
+Dieffenbach finden daher mit vollem, Recht in dieser Veraenderung und in
+dieser Art der Neuerung eine aeusserst wirksame Ursache fuer den Verfall
+der Gesundheit dieser Voelker. Diese Ursache aber wirkt ueberall, wo
+Natur- und Kulturvoelker zusammentreffen: sie musste eintreten, weil
+schon die Missionaere eine etwas decentere Bekleidung als die meisten
+Naturvoelker kannten, verlangen mussten.
+
+Auch eingefuehrte Nahrungsmittel (abgesehen von den Spirituosen) waren
+den Naturvoelkern schaedlich: so nach Dieffenbach a.a.O. fuer die
+Neuseelaender die Einfuehrung des Maises, den sie halb gegohren verbacken
+und durch dies aeusserst ungesunde Brot sich sehr schaden. Salz, sagt er,
+was sie frueher in den Seethieren genossen, essen sie jetzt gar nicht
+mehr, denn ihre fast einzige Nahrung ist die Kartoffel; diese aber,
+abgesehen davon, dass ihr ausschliesslicher Genuss ueberhaupt schaedlich
+ist, wirkte noch dadurch unguenstig, dass sie bei der wenigen Pflege, die
+sie verlangt, ganz und gar nur von Sklaven und Weibern besorgt wird,
+ohne die Maenner nur zu irgend welcher Thaetigkeit anzuregen. Was wir hier
+an dem einen Beispiel zeigten, gilt natuerlich wiederum fuer einen ganzen
+Kreis dieser Voelker.
+
+Auch der Hausbau hat sich vielfach geaendert, wenigstens in Polynesien,
+da hier fast allein ein annaehernd freundliches Verkehren der Europaeer
+mit Eingeborenen sich entwickelt hat. In Polynesien war man frueher an
+sehr luftige, reinliche Haeuser, die fast nur aus einem sehr tief
+herabreichenden Dache bestanden, gewoehnt. Jetzt aber kommen mehr und
+mehr mit Hintansetzung der altheimischen Art Haeuser oder Baracken auf,
+die nach europaeischer Art gebaut der fuer jene Gegenden so noethigen
+Ventilation fast ganz entbehren und, da nun noch dazu nach alter Sitte
+viele Menschen in einem solchen Raum zusammen wohnen und schlafen, durch
+den grellen Gegensatz gegen das von frueherher Gewohnte den schlimmsten
+Einfluss haben (z. B, Dieffenbach 2, 68-71).
+
+Namentlich war es der Adel in Polynesien, der diese Aenderungen
+vornehmlich, da er mit den Europaeern in genauere Beruehrung kam und
+groessere Mittel hatte, bei sich einfuehrte: gerade aber der Adel ist vom
+Aussterben weit mehr und rascher ergriffen, als das Volk--so namentlich
+in Hawaii--und es ist diese Erscheinung nicht so zu erklaeren, dass man
+beim Adel, weil er geringer an der Zahl sei, das Hinschwinden klarer
+saehe: denn hiergegen sprechen die Verhaeltnisszahlen so wie der Umstand,
+dass in der ersten Zeit der Adel vornehmlich von Krankheit u. dergl.
+heimgesucht war, bis das Verderben sich weiter ausbreitete. Es nimmt das
+um so weniger Wunder, als auch der Adel es war, welchem die meisten der
+geschilderten polynesischen Ausschweifungen zur Last fallen. Das meiste
+ueberhaupt, was vorzueglich in aelteren Reisebeschreibungen von Polynesien
+gesagt wird, geht auf den Adel, da dieser bevorzugte Stand mit so
+hervorragenden Fremdlingen, als die Europaeer waren, zu verkehren nach
+polynesischen Begriffen fast allein das Recht hatte. Wo aber diese
+Voelker wenigstens nicht halb und nur zeitweilig, sondern ganz und fuer
+immer die europaeischen Sitten, Kleidung, Wohnung, Lebensart u. s. w.
+annehmen, da bleiben sie weit ungefaehrdeter, wie dies Dieffenbach a. a.
+O. von den Neuseelaendern nachweist. Den skrophuloesen Habitus so vieler
+Maorikinder an der Kueste erklaert er dagegen nur durch die ungeeignete
+und halbe Aenderung der einheimischen Lebensweise.
+
+Auch die Ausbreitung der Weissen beschraenkt und beschaedigt natuerlich,
+schon durch sich selbst und ohne boeswillige Absicht der sich
+Ausbreitenden, die Naturvoelker in hohem Grade. Auf den kleinen
+polynesischen Inseln z. B., doch auch sonst und ueberall sind die
+Lebensmittel bei so riesig durch die Europaeer gesteigertem Verkehr viel
+werthvoller und dadurch immer knapper geworden. Man denke nur, um dies
+Beispiel aus Polynesien auszufuehren, was alle die Schiffe brauchen,
+welche zu Papeiti oder gar zu Honolulu vor Anker gehen, um sich zu
+verproviantiren. Und sollte man denken, dass grade dies groessere
+Beduerfniss ein Sporn fuer die Eingeborenen sei, der sie weiter bringe in
+der Kultur, im Ackerbau, Handel u. s. w.: so erwaege man, dass jetzt kaum
+ein Jahrhundert seit der ersten Entdeckung (die spanischen Besuche auf
+den Inseln, welche frueher fallen, abgerechnet) verflossen ist, dass in
+einem so kurzen Zeitraum aber, wo so mannigfache Schicksale auf die
+Eingeborenen einstuermten, sich der Ackerbau noch gar nicht so entwickeln
+konnte, dass er diesen massenhaften Anforderungen entspraeche; und dass
+zu grosse Forderungen eben nicht mehr anspornen, sondern erschlaffen,
+erdruecken. In anderen Gegenden gestaltet sich dieselbe Sache anders,
+aber die Resultate bleiben gleich.
+
+Die Neuhollaender freuen sich, wenn sich in ihrem Gebiete Europaeer
+niederliessen, sie wuenschten es und forderten sie dazu an vielen Orten
+auf. Allein die naechste Folge war, dass sie in eine sehr elende Lage
+geriethen: denn (abgesehen von anderem, was wir spaeter besprechen) ihre
+Jagdthiere verminderten sich auf der Stelle, ja sie verschwanden, theils
+verdraengt oder verjagt, theils ausgerottet von den meist sehr
+jagdlustigen Einwanderern (Lang bei Grey 2, 234-35). Daher sagte ein
+Australier sehr richtig zu einem Europaeer: "Ihr solltet uns Schwarzen
+Milch, Kuehe und Schafe geben, denn ihr seid hergekommen und habt die
+Opossums and Kaenguruhs vertilgt. Wir haben nichts mehr zu essen und sind
+hungrig" (Bennet bei Waitz 1, 183). Die brauchbaren Gras- und
+Weidestrecken nahmen die Europaeer mehr und mehr im Lauf der Jahre ein in
+Neuholland, Neuseeland, Afrika, Amerika, die fruchtbaren Kuestenstriche,
+sonst der gewoehnliche Aufenthalt der Eingeborenen, haben sie ganz und
+gar inne, das Land erklaeren sie fuer ihr Eigenthum, und da sie sich man
+kann wohl sagen taeglich mehr und mehr ausbreiten, so draengen sie schon
+durch ihre blosse Existenz die Eingeborenen in die Waelder, die Berge,
+die Wildniss zurueck; so dass es denn gar kein Wunder ist, wenn die
+Eingeborenen schon hierdurch allein "wie von einem giftigen Hauche
+beruehrt" (oder wie die Phrase lautet) verkommen. "Als der weisse Mann,
+so sagte der Cherokeehaeuptling Bunteschlange in einer Rede, sich gewaermt
+hatte am Feuer des Indianers, und sich gesaettigt an seinem Maisbrei, da
+wurde er sehr gross, er reichte ueber die Berggipfel hinweg und seine
+Fuesse bedeckten die Ebenen und die Thaeler. Seine Haende streckte er aus
+bis zum Meere im Osten und Westen. Da wurde er unser grosser Vater. Er
+liebte seine rothen Kinder, aber sprach zu ihnen: ihr muesst ein wenig
+aus dem Wege gehen, damit ich nicht von ungefaehr auf euch trete. Mit dem
+einen Fuss stiess er den rothen Mann ueber den Okonnee und mit dem
+anderen trat er die Graeber seiner Vaeter nieder. Aber unser grosser Vater
+liebte doch seine rothen Kinder und aenderte bald seine Sprache gegen
+sie. Er sprach viel, aber der Sinn von Allem war, nur: geht ein wenig
+aus dem Wege, ihr seid mir zu nahe. Ich habe viele Reden von unserem
+grossen Vater gehoert und alle begannen und endeten ebenso" (Waitz 3,
+144). Chamisso, einer der wenigen, die sich in Deutschland fuer die
+Stellung jener Voelker interessirten, hat dieser Rede ergreifenden
+Ausdruck verliehen in einem seiner Gedichte (Werke 4, 86). Sie ist
+bekannt genug: und wenn auch in ihr der ethische Gedanke die Hauptsache
+ist, so kann doch auch die Schilderung der Thatsachen nicht schlagender
+gegeben werden.
+
+Und doch, auch wenn man den Eingeborenen genuegenden Landbesitz und Jagd
+und Lebensmittel genug sichern koennte, wir wiederholen es: die totale
+Umwaelzung ihres ganzen leiblichen Lebens, das, wie wir eben gesehen,
+sich nach jeder Richtung hin aendern musste durch die ploetzlich
+hereinbrechende Kultur, wird auch wenn keine Halbheiten,
+Ungeschicklichkeiten u. dergl. vorkommen, wenn alles gleich so trefflich
+als moeglich eingerichtet waere, den gefahrvollsten Einfluss auf die
+Naturvoelker haben und je mehr, je ploetzlicher sie kommt. Denn je laenger
+physische Gewohnheiten schon bestehen, um so fester sind sie und um so
+gefaehrlicher ist es fuer die menschliche Natur, wenn sie ploetzlich
+gebrochen werden sollen. Auch hierin ist Leib und Seele einem Gesetze
+unterworfen: dem Gesetze der Beharrlichkeit. Wie eine Fluessigkeit,
+welche man in einen bestimmten Kreislauf gebracht hat, diesem Laufe
+immer williger und rascher folgt, aber wild in ungeordnete Wirbel
+zusammenschaeumt, wenn man sie nach der entgegengesetzten Richtung hin
+zwingen will, bis sie sich endlich und allmaehlich diesem Neuen gewoehnt:
+so musste das natuerliche Leben dieser Voelker in Aufregung und Unordnung
+kommen, als es so ploetzlich von der uebermaechtigen Kultur unterbrochen
+wurde, an die es sich erst langsam und sehr allmaehlich gewoehnen wird. So
+werden denn einzelne wohl, nie aber ein ganzes Volk rasch und ploetzlich
+sich eine so totale Umaenderung, wie hier noethig, und kaeme sie unter den
+guenstigsten Bedingungen (was hier leider nicht geschah), aneignen
+koennen. Nur so ist sicher die Nachricht zu verstehen, die wir vorhin
+Dieffenbach entlehnten, dass die Neuseelaender, wo sie vollkommen
+europaeisch lebten, auch gesund seien: wobei denn immer noch zu erwaegen
+bleibt, dass Dieffenbach erst 1840 seine Beobachtungen anstellte, also
+ueber zwei Generationen (70 Jahre) nach der ersten Entdeckung der Insel.
+Allein man koennte sagen: und doch haben andere Voelker dasselbe
+ploetzliche Hereinbrechen einer uebermaechtigen Kultur durchgemacht und
+ueberwunden. Man koennte unsere eigenen Vorfahren, die alten Deutschen
+nennen. Und doch, welch ein ungeheurer Unterschied hier in Allem! Denn
+erstens war die griechischroemische Kultur, wie sie zu den Germanen kam,
+unendlich bequemer als die moderne, wie sie die Naturvoelker annehmen
+sollen; zweitens standen die Germanen in jeder Weise, auch in ihrer
+leiblichen Beschaffenheit, jener Kultur und ihren Traegern bei weitem
+naeher als die Naturvoelker den Europaeern; drittens brach dieselbe nicht
+so unaufhaltsam, so ploetzlich, so ruecksichtlos ueber die Germanen herein,
+wie ueber jene Voelker, sondern ganz allmaehlich, durch Jahrhunderte langes
+Vertrautwerden mit dem Einzelnen, wobei das romanisirte Gallien keine
+unbedeutende Vermittlerrolle spielte; und endlich kam sie nicht in
+solchem Grade feindselig, wie die moderne Kultur ueber die sogenannten
+Wilden.
+
+
+
+
+Sec. 14. Psychische Einwirkungen der Kultur.
+
+
+Und so blieben unsere Vorfahren vor dem namentlich bewahrt, was den
+Naturvoelkern so verhaengnissvoll wurde: vor dem geistig deprimirenden
+Eindruck, den die Kultur auf die Naturvoelker macht. Die Germanen fanden
+Gelegenheit selbstaendig siegend in dem Land ihrer geistigen Besieger
+aufzutreten: sie behielten stets das gegruendete Bewusstsein eigenes
+Werthes und dass sie nicht in jeder Beziehung untergeordnet seien. Sie
+standen den Roemern gegenueber wie der Schueler dem Lehrer, der des
+Schuelers geistiges Leben leitet, corrigirt, erhoeht, aber nicht verletzt,
+vernichtet, verhoehnt.
+
+Ganz anders aber die Naturvoelker. Ihr Geistesleben, alles, was sie
+dachten, fuehlten und glaubten ist ihnen durch ihr Bekanntwerden mit den
+Europaeern was sollen wir anders sagen als geradezu (und oft mit der
+boshaftesten Absichtlichkeit) vernichtet worden. Hierdurch wurden
+selbstverstaendlich je gebildeter die Voelker waren, sie um so haerter
+betroffen; so dass vieles von dem im folgenden Entwickelten auf die
+rohesten Staemme Suedamerikas oder Neuhollands keine Anwendung findet.
+
+Zunaechst die Religion. Die meisten Naturvoelker sind von sehr reiner und
+inniger Religiositaet, bei allen Abgeschmacktheiten und Monstrositaeten
+ihres Glaubens. So waren es die Mexikaner. Ihre Religion (Waitz 4, 128)
+war es, welche ihnen ihre hohe und reine Moral eingab, deren
+Grundgedanke--zugleich ihr festester und untrueglichster Schwur (Waitz 4,
+154)--war: sieht mich nicht unser Gott? Und alles, was die Religion
+schweres von ihnen forderte, wurde treu und gewissenhaft und mit aechter
+und inniger Andacht von ihnen, nach Cortez eigenem Zeugniss (Waitz 4,
+154) ausgefuehrt, Ihre vielen Eroberungskriege waren, wie wir schon
+sahen, alle von dem Gedanken geleitet, ihre Religion auszubreiten ueber
+alle Welt. Nicht anders, nach Waitz Schilderung (4, 447 ff.) die
+Peruaner. Gleichfalls in hohem Grade gottesfuerchtig sind die
+Nordindianer (Waitz 3, 205), die keine Handlung ohne Gebet unternehmen,
+die alle schweren von der Religion verlangten Peinigungen mit der
+groessten Gewissenhaftigkeit vollfuehren. Und so haben alle diese Voelker
+ueberall zaehe an ihren Religionen gehalten.
+
+Etwas anders steht die Sache in Polynesien. Nicht als ob die
+polynesischen Voelker nicht von gleich tiefer Religiositaet waeren; was
+z.B. schon die bekehrten Eingeborenen beweisen, in deren Hand jetzt der
+groesste Theil der Suedseemission ist. Aber die ganze Bevoelkerung war
+sittlich minder rein als die Amerikaner und befand sich schon zur Zeit
+der Entdeckung, wie Meinicke (b) nachgewiesen, in einem Zustande auch
+des geistigen Verfalls. Daher erklaert sich die auffallende Erscheinung,
+dass die Polynesier (Dieffenbach 2, 50 vom ganzen Ozean) und nach
+Chamissos Zeugniss auch die Mikronesier sich leicht bewegen lassen, ueber
+ihren frueheren Aberglauben selbst zu lachen und ihn aufzugeben. Doch
+auch sie fuegen sich und nicht bloss aus Herkommen mit freudigstem
+Gehorsam den beschraenkendsten Gesetzen ihrer Religion, z.B. den
+Tabu-Gesetzen, d.h. den Bestimmungen, durch welche Gegenstaende aller Art
+heilig gesprochen und dem unheiligen Volk gaenzlich entzogen werden,
+sowie der uebergrossen Adelsverehrung und anderem der Art. Und nur da
+haben sie ihre Religion wirklich und ohne Widerstand aufgegeben, wo sie
+durch die Mission wirklichen religioesen Ersatz bekamen. Gegen
+feindselige Angriffe auf ihre Religion, mochten sie absichtlich oder nur
+zufaellig sein, haben sie sich immer aufs heftigste aufgebracht gezeigt
+und eine Menge Ueberfaelle, Kriege, ja Cooks Tod selbst sind nur durch
+solche Verletzungen ihrer Tempelplaetze oder sonstigen Heiligthuemer
+hervorgerufen.
+
+Aber selbstverstaendlich war es gerade die Religion, gegen welche sich
+die heftigsten und ersten Angriffe der Kulturvoelker richteten. Das
+brauchte nicht mit der brutalen Roheit der Conquistadoren und ihrer
+Pfaffen in Amerika oder der Sendlinge Frankreichs in den letzten
+Jahrzehnten, der Laplace, Dupetitthouars u.s.w. in der Suedsee zu
+geschehen: auch die edelsten der Europaeer mussten sich gegen diese
+Religionen wenden, um sie zu zerstoeren, und so sahen die Eingeborenen
+ihr Heiligstes vernichtet, ja als durchaus schlecht und nichtswuerdig
+verachtet. Aus dem Vorstehenden aber kann man ermessen, wie vernichtend
+dieser Schlag ihr geistiges Leben traf.
+
+Ebenso war es mit den politischen Einrichtungen: und auch hier muessen
+wir wenigstens auf einige Hauptpunkte hinweisen. Die despotische
+Verfassung, das strenge Adelsregiment der Suedsee (um bei den Polynesiern
+zunaechst zu bleiben), haben wir schon betrachtet. Aber mochte der Adel
+sich noch so hoch ueber das Volk stellen, das Volk aufs aergste
+unterdruecken: er war doch von Gott, man hing ihm doch mit warmer
+Verehrung an, man brachte in den meisten Faellen sein Gut und Blut mit
+aufrichtigem Eifer dar--lohnte doch eine solche Aufopferung mit einem
+besseren oder ueberhaupt mit einem Leben nach dem Tode! Jedenfalls
+beruhte auf diesem Verhaeltniss des Adels, der naturgemaess die stolzeste
+Meinung von sich hatte und sich keineswegs den europaeischen Grossen
+untergeordnet fuehlte, und des Volkes das gesammte oeffentliche Leben
+Polynesiens und Mikronesiens und hier wieder vorzueglich der Marianen.
+
+Durch den Einfluss der Europaeer aenderte sich das alles und so sehr auch
+das Volk nachher dadurch gewann: fuer den Augenblick musste es die
+Einrichtungen, die ihm seit Jahrtausenden gewohnt und ehrwuerdig waren,
+aufgeben und die, welche es vordem gleich Goettern geachtet hatte, von
+den Europaeern keineswegs besonders hochgestellt, ja oft mit Verachtung
+oder gar mit schreiendster Ungerechtigkeit behandelt, zum Theil wie auf
+den Marianen blutig verfolgt und vernichtet sehen. Der Adel selbst aber
+war noch schlimmer dran. Er war, bei voelliger Unumschraenktheit, der
+festen Ueberzeugung, von ganz anderem Stoff zu sein, als das gemeine
+Volk, er stellte sich ganz den hoechsten Europaeern gleich und wusste
+sich, wie Liholiho, Tamehameha I. Sohn in England bei seinem Aufenthalt
+unter der englischen hoechsten Aristokratie bewiesen hat, diesen auch im
+aeusseren Benehmen ziemlich gleich zu halten. Und nun fand er sich von
+den Europaeern, oft von den gemeinsten Matrosen, nicht nur nicht goettlich
+verehrt, sondern verachtet, dem gemeinen Volke ganz gleich, und
+jedenfalls tief unter jeden Weissen gestellt, er fand sich von der
+Gesellschaft in den meisten Faellen (wo sich eine wirklich europaeische
+Gesellschaft bilden konnte) entweder ausgeschlossen oder doch nur
+geduldet! So geschah es zu Neuseeland--man kennt ja den Hochmuth der
+englischen Race einer farbigen Bevoelkerung gegenueber--so, seit der
+gloriosen franzoesischen Occupation, zu Tahiti, so einige Jahrhunderte
+frueher auf den Marianen, wo der Adel in den blutigen Kaempfen ganz zu
+Grunde ging.
+
+Noch viel schlimmer, weil die Zerstoerung gruendlicher war, wirkten diese
+Dinge in Amerika. Denn auch hier war Volk und Herrscher durch Bande
+grosser Anhaenglichkeit und Religiositaet verknuepft. Der Herrscher, der
+aus dem hohen Adel gewaehlt wurde, und mit ihm der hoechste Adel war, wie
+wir schon sahen, Stellvertreter Gottes auf Erden und daher
+unumschraenkt. Wie rein und tief man in Mexiko, trotz alles Absolutismus,
+die Stellung des Herrschers auffasste, geht aus den Reden hervor, die
+man bei seiner Inauguration an ihn richtete und welche nicht nur nach
+Waitz 4,68 "zu dem Schoensten und Erhabensten gehoeren, was von den
+Azteken noch uebrig ist", sondern ueberhaupt zu dem Schoensten und
+Erhabensten, sicher zu dem Wahrsten, was man je Koenigen gesagt hat. Die
+Steuern und Frohnen, unter denen, nach den alten spanischen
+Schriftstellern, das Volk seufzte, sind nach Waitz genauer und
+schlagender Untersuchung von den Spaniern aus nahe liegenden Gruenden
+sehr uebertrieben worden. Nach alle diesem wird sich die Luecke ermessen
+lassen, welche im Gemueth des Volkes nach dem Sturz alles Bestehenden
+entstand. "Zurita hat gezeigt, sagt Waitz 4, 186, wie das mexikanische
+Volk hauptsaechlich dadurch ins aeusserste Elend gerieth, dass alle
+Grundlagen seiner bisherigen politischen und socialen Organisation von
+den Siegern zerstoert wurden. Vom mexikanischen Adel ueberlebten nur
+wenige den Fall der Hauptstadt und diese wenigen waren meist noch
+Kinder. Eine Petition sechs vornehmer Indianer an Karl V. legt dar, wie
+der Rest des Adels von den Spaniern niedergetreten und ins Volk
+zurueckgeworfen in Armuth und Elend umkam. Eine Tochter Montezuma's ist
+im tiefsten Elend gestorben." Man nehme nun dazu, dass auch das gesammte
+aeussere Leben, die ganze glaenzende Kultur des Volkes, die reiche
+Hauptstadt, die bluehenden Gaerten, die zahlreichen Tempel, dass Alles
+zerstoert und oft aufs grausamste und veraechtlichste zerstoert wurde: und
+man wird begreiflich finden, dass schon dadurch der Sieger der Seele des
+besiegten Volkes einen Todesstoss versetzte. Dasselbe gilt, vielleicht
+in noch hoeherem Grade von den Quechuas und den Nordamerikanern. "Mit
+einem Fuss stiess er den rothen Mann ueber den Okonnee, und mit dem
+anderen trat er die Graeber unserer Vaeter nieder", hiess es in der oben
+erwaehnten Rede. Und leider waren es die persoenlichsten und heiligsten
+Empfindungen, die man allzu oft und mit der groessten Ruecksichtslosigkeit
+verletzte, woran freilich nicht mehr die Kultur, sondern nur ihre Traeger
+schuld waren. Das zweite Concil zu Lima bedrohte die Zerstoerung und
+Pluenderung der alten Indianergraeber, die Preisgebung der Leichen mit
+Excommunication; allein der supremo consejo de las Indias fand der
+Schaetze wegen, die sie enthalten koennten, fuer gut, ihre Durchsuchung zu
+erlauben (Waitz 4, 493-94). Alles dies musste das unterdrueckte Volk
+ruhig mit ansehen: ihr innerstes Leben wurde ihnen vernichtet, ohne dass
+sie, die sonst schon aufs fuerchterlichste bedrueckt waren, sich wehren
+konnten. Dass aber nicht bloss ihre Todten, dass die Lebenden selbst
+noch mehr zu leiden hatten; dass man auf sie, ob sie lebten oder
+starben, nicht die mindeste Ruecksicht nahm, dass man also durch
+Verletzung der theuersten und heiligsten Gefuehle auch nach dieser Seite
+hin den Indianern das aeusserste that, das ist nur allzubekannt. Ein
+Nordindianer (Waitz 3, 141) sagte in einer oeffentlichen und viel
+erwaehnten Rede: "ich haette sogar daran gedacht, ganz unter euch zu
+leben, haette nicht ein Mann mir Boeses gethan. Oberst Cresap ermordete im
+letzten Fruehjahr (1774) mit kaltem Blut und aus eigenem Antriebe alle
+meine Verwandten, selbst meine Weiber und Kinder verschonte er nicht.
+Kein Tropfen von meinem Blut laeuft mehr in den Adern eines lebenden
+Wesens." Dies eine Zeugniss genuege.
+
+Eine der hervorragendsten Eigenschaften der Naturvoelker ist ihr Stolz.
+Die Amerikaner halten sich fuer die ersten aller Menschen; Geschickt wie
+ein Indianer und dumm wie ein Europaeer sind bei ihnen Sprichwoerter
+(Waitz 3, 170). Verletzung dieses Stolzes war auch das Haerteste, was sie
+unter sich einander zufuegten. Die Polynesier glaubten alles Ernstes, die
+Europaeer kaemen zu ihnen, um jetzt erst wahres Leben kennen zu lernen und
+an ihrer Glueckseligkeit, an ihrer Vollkommenheit Theil zu nehmen.
+Selbstmord aus Scham oder verletztem Ehrgefuehl ist unter ihnen gar nicht
+so selten (Dieffenbach 2, 112. Thomson 319. Will. u. Calvert 1, 121
+ff.); ihre eigenen Thaten laeugnen sie eben wegen dieses Stolzes nie
+(Williams u. Calvert 1, 124; Tyermann u. Bennet 1, 78; Waitz a.a.O.).
+
+Nicht minder empfindlich ist das Rechtsgefuehl aller dieser Voelker,
+welches z.B. einen Irokesen, der von Christi Leiden hoerte, ganz wie
+jenen Friesenfuersten zu dem Ausrufe zwang: "waere ich dabei gewesen, ich
+wuerde ihn geraecht und die Juden skalpirt haben" (Waitz 3, 169). Und
+diese Empfindungen, fuer welche Waitz a.a.O. u. b, 147 noch eine Menge
+Beispiele zusammenstellt, finden wir ebenso in Polynesien; ebenso
+wirksam wenigstens, wenn auch minder frei entwickelt, auch bei den
+roheren Voelkern, den Suedamerikanern, Hottentotten, Australiern. Schon
+das stete Streben, welches diese Voelker nach Rache haben, beweist es.
+Wie grausam aber sind gerade diese Eigenschaften von der Kultur
+verletzt! Theils ohne ihre Schuld: denn dass die Naturvoelker gar bald
+einsahen, wie sie gegen die Europaeer nichts waeren und nichts vermoechten,
+lag in der Natur der Sache. Theils aber tragen auch hier die Europaeer
+die schwerste Verantwortlichkeit, denn sie haben die Rechte dieser
+Voelker absichtlich mit Fuessen getreten, sie haben, da sie die
+Naturvoelker kaum fuer Menschen ansahen, nicht einmal ihr menschliches
+Selbstbewusstsein ihnen lassen moegen, sondern auch dieses, und oft von
+Staatswegen, wie die Vereinigten Staaten, wie Frankreich in Tahiti, wie
+die Englaender in Australien, mit Fuessen getreten; und man tritt es durch
+den grenzenlosen Hochmuth und Hass, mit dem man diese Voelker von aller
+Gemeinschaft und damit von aller Kultur ausschliesst, nachdem man ihnen
+haeufig Land und Lebensmittel genommen, auch ferner mit Fuessen. Und
+selbst in ihrem Rachedurst sind alle diese Voelker den Europaeern
+gegenueber so ohnmaechtig, gegen welche hoechstens einmal ein vereinzelter
+Racheakt Einzelner gluecklichen Erfolg hatte. Mag auch Waitz Recht haben,
+wenn er sagt (b, 157), das Rechtsgefuehl der Indianer sei durch den
+harten Druck der Weissen weiter und schaerfer entwickelt worden, als es
+wohl sonst geschehen sei; so faehrt er doch ebenso richtig fort:
+"freilich war davon die naechste Folge fuer sie selbst nur diese, dass sie
+ihre Ohnmacht und die Trostlosigkeit ihrer Lage dann um so bitterer
+empfanden."
+
+Diese Vernichtung aber des gesammten geistigen und ethischen Lebens der
+Nationen kann man gar nicht stark genug betonen, wenn man die Gruende fuer
+ihr Aussterben aufsuchen will. Wie nichts ein Volk mehr hebt, als
+freudige Achtung vor sich selbst und froehliches Gelingen des von ihm
+Erstrebten, so drueckt nichts den Volksgeist tiefer, als das Gefuehl der
+eigenen Ohnmacht und Verlorenheit. Zum Gefuehl aber der aeussersten
+Ohnmacht und Rechtslosigkeit, des bittersten und doch ganz huelflosen
+Ingrimms finden wir alle diese Voelker, Amerikaner, Aleuten und
+Kamtschadalen, Neuhollaender, Polynesier und Hottentotten verdammt. "Jede
+Race, weiss schwarz oder roth, sagt Elliot bei Waitz 3, 299, muss
+untergehen, wenn ihr Muth, ihre Energie und Selbstachtung durch
+Unterdrueckung, Sklaverei und Laster zu Grunde gehen." Und nun hatten,
+wie wir gesehen, die meisten Naturvoelker schon von Haus aus einen
+entschiedenen Hang zur Melancholie, welche durch alle diese Schicksale
+natuerlich aufs aergste vermehrt ihren Untergang nur beschleunigte. Man
+denke sich nur, wenn wir Europaeer mit allen unseren Kulturmitteln, mit
+unserer Religion, kurz mit allen den Vortheilen, die wir den
+Naturvoelkern gegenueber besitzen, ihr Loos auch nur wenige Jahre, etwa
+eine Generation, zu ertragen haetten, was aus uns werden sollte! Man
+denke, wie der dreissigjaehrige Krieg gewirkt hat, dessen Greuel doch bei
+weitem durch das, was die Naturvoelker zu leiden hatten, ueberboten
+werden: und man wird sich mehr ueber die zaehe Ausdauer, als ueber das
+Hinschwinden derselben verwundern. Nur ihre groessere Haerte und
+Festigkeit hat sie aufrecht erhalten den Voelkern gegenueber, die sie
+anfangs alle, Mexikaner sowohl wie Hottentotten und Neuhollaender, fuer
+Goetter hielten!
+
+Musste alles dieses auf das geistige Leben der Voelker und damit auch auf
+das leibliche einen vernichtenden Einfluss ausueben, so uebte es den auch
+noch auf eine andere Art. Mit der Vernichtung der bestehenden Staaten
+war natuerlich auch jedes Recht und Gesetz, welches in denselben
+bestanden hatte, aufgehoben. In Mexiko, in Peru aber waren die Gesetze
+von grosser Strenge und grosser Wirksamkeit, da sie ueberall in hoechster
+Achtung standen und nicht anders war es in Polynesien, wo das Tabu auch
+manchen heilsam verbietenden Einfluss hatte. Stuerzte nun das Alles
+zusammen, so musste nothwendigerweise eine um so aergere Demoralisation
+eintreten, je hoeher frueher die Kultur des zerstoerten Staates gestanden
+hatte; eine solche Demoralisation musste aber gerade in einer Zeit einer
+so allgemeinen Zerstoerung, wo fuer die Unterliegenden weder leiblich noch
+geistig irgend ein Halt blieb, die unheilvollsten Folgen fuer ihr ganzes
+Dasein haben und nicht wenige in den genannten Kulturstaaten sind denn
+auch gerade durch die unter den Eingebornen einreissende Zuegellosigkeit
+zu Grunde gegangen. Und je tiefer, je persoenlich vernichtender die
+Angriffe waren, um so mehr natuerlich demoralisirten sie die Voelker: was
+sollten die noch irgend etwas scheuen und heilig halten, welche selbst
+in ihrem Heiligsten verletzt waren? wie konnten sie noch sich selbst
+achten, die von jenen ankommenden Goettern so in Staub getreten wurden?
+Ueberall riss in Folge der auf diese Weise nahenden Kultur
+Entsittlichung und dadurch immer tieferes geistiges und leibliches
+Sinken unter den Naturvoelkern ein. Was nicht unmittelbar vernichtet
+wurde, das wurde im Innersten vergiftet und langsames Hinsiechen war die
+nothwendige Folge.
+
+
+
+
+Sec. 15. Schwierigkeit fuer die Naturvoelker, die moderne Kultur sich
+anzueignen.
+
+
+Aber wenn auch die europaeische Kultur den Naturvoelkern mit vollkommener
+Freundlichkeit und Schonung zugefuehrt worden waere: diese Kultur bot auch
+noch ausser denen, welche wir schon gesehen haben, die groessten
+Schwierigkeiten und Gefahren, die wir jetzt betrachten muessen.
+
+War es schon keine Kleinigkeit, dass diese Voelker fast alle ihre seit
+Jahrhunderten eigenthuemlichen Ideen und Anschauungen aufgeben mussten,
+so war es noch viel schwieriger, das aufzunehmen, was die Europaeer
+brachten, die ganze unendlich verwickelte moderne Kultur! Das traf
+besonders Polynesien und Australien; man denke sich die kleinen
+Kokosinseln, die nun ploetzlich sich hineinfinden muessen in die ganze
+europaeische Lebensart, in den europaeischen Handel, das europaeische
+Recht, die Religion und so vieles andere--und sie muessen mehr als nur
+oberflaechliches davon annehmen, wenn sie nicht verloren sein wollen. Um
+wie viel gluecklicher waren auch hierin die Germanen, die sehr allmaehlich
+eine viel weniger verwickelte Kultur aufzunehmen hatten; und doch wie
+lange Zeit brauchten auch sie, bis sie diese Kultur vollkommen sich
+assimilirt hatten! Ist es zu viel gesagt, wenn man behauptet, dass dies
+erst im vorigen Jahrhundert durch das geistige Durchdringen des
+Alterthums ganz geschehen sei?
+
+Einzelne Punkte--denn vieles (Wohnung, Kleidung u.s.w.) ist schon in
+dem bisher Behandelten wenigstens andeutend ausgesprochen worden--muessen
+wir noch besonders beruecksichtigen. Zunaechst die Bewaffnung. Die
+Feuerwaffen sich anzueignen ist weit schwieriger, als die Aneignung der
+roemischen Taktik, da sie ausser der leiblichen Uebung noch die
+Ueberwindung der Scheu vor Donner und Blitz, durch welche gerade man die
+Weissen zuerst als Goetter dokumentirt sah, verlangen; da ihre Wirkung
+weit uebernatuerlicher scheint, als die der roemischen Waffen.--Ferner die
+Sprache. Uns Europaeern macht es sehr grosse Schwierigkeiten, die Sprache
+eines Naturvolkes mit ihren anderen Anschauungen geistig zu erfassen;
+und doch steigen wir herab, da jene Sprachen alle in der Entwicklung und
+Verbindung der Gedanken so wie in der Fuelle der Anschauung weit weniger
+vorgeschritten sind, als die Sprachen des gebildeten Europas; und
+zugleich haben wir durch lange Jahrhunderte fortgesetzte Uebung und
+ausserdem durch eine Menge von Huelfsmitteln eine viel groessere Kraft,
+als jene Voelker, die doch hinaufsteigen muessen, wenn sie eine
+europaeische Sprache erlernen wollen. Schon beim blossen Sprechenlernen,
+das vom Begreifen und wirklichen Verstehen einer Sprache himmelweit
+verschieden ist, muessen sie ihren Geist mit einer ganzen Menge neuer
+Anschauungen und Begriffe erweitern, die ihnen frueher aber auch ganz
+unbekannt waren--und das meist vom Niveau einer Sprache aus, welche
+strenges, logisches Verknuepfen und Ausdenken der Begriffe wenig genug
+unterstuetzt.
+
+Nicht anders ist es mit der Religion. Der Abstand von manchen der
+Religionen dieser Voelker vom Christenthum mag, wenn auch die meisten
+tiefer stehen, nicht groesser sein, als der des germanischen Heidenthums
+von letzterem war; aber das Christenthum, was den Germanen gepredigt
+wurde, war selbst ein ganz anderes, als was die Missionaere, wenigstens
+die protestantischen, heut zu Tage predigen. Dann freilich, wenn man die
+Berichte des sehr eifrig katholischen Michelis liest, so ist das, was
+die Propaganda z.B. in der Suedsee gepredigt hat, an vielen Orten
+ueberhaupt nicht, viel Anderes gewesen, als was jene Voelker schon
+wussten: die katholischen Missionaere haben getauft und das Heidenthum
+gelassen. Auf der andern Seite aber, wie so ganz unfassbar muss fuer die
+ganz sinnlichen Naturvoelker eine so abstrakte Lehre sein, wie die
+evangelische, die noch dazu auf Begriffen und Anschauungen beruht,
+welche jene Voelker gar nicht haben. Und indem man ihnen das Christenthum
+predigte, verlangte man, dass sie die Religion der Maenner annehmen
+sollten, welche ihnen so alles Aergste zugefuegt hatten, der Weissen! Ja
+hat man sie nicht auch gleich, damit ihnen nichts erspart bliebe, mit
+dogmatischen Streitigkeiten beglueckt? In der ganzen Missionsgeschichte
+der neueren Zeit ist vielleicht kein so trauriges Ereigniss als das
+Auftreten der Propaganda in der Suedsee, wo eben die protestantische
+Mission festen Fuss zu fassen und Fruechte ihrer muehevollen Arbeit zu
+sehen begann. Das liess der katholischen Kirche nicht Ruhe: sie trat an
+einzelnen Stellen mit rohster Gewalt (die dann durch Luegen aller Art
+verdeckt wurde) der protestantischen Mission entgegen und brachte zu den
+eben bekehrten Heiden den Streit der kirchlichen Parteien. Lutteroth,
+den zu widerlegen Michelis sich vergebens bemueht, hat dies scharf und
+schlagend bewiesen. Auch Streitigkeiten, die in ihrem eigenen Schooss
+entstanden sind, brachte sie zu den Neubekehrten, wie Humboldt b, 5, 133
+von Suedamerika erzaehlt. Uebrigens ist auch die protestantische Kirche in
+der Schonung solcher Heiden, die von einer andern protestantischen Sekte
+bekehrt waren, durchaus nicht uebermaessig zart gewesen. An manchen Orten
+(Nordamerika, Afrika u s.w.) hat auch sie statt des Friedens des
+Christenthums den Streit der Sekten gebracht. Welchen Einfluss musste
+das auf die eben gewonnenen Naturvoelker und deren Charakter machen!
+Dabei darf auch nicht vergessen werden, dass in den meisten Faellen sich
+der Mission die Europaeer selbst auf das Heftigste entgegensetzten, da
+sie sich durch jene in ihrem oft sehr weltlichen oder besser gesagt
+gottlosen Treiben behindert sahen. So war es namentlich in Polynesien,
+fast auf jeder Insel (Meinicke, Lutteroth und fast in allen Quellen); so
+in Amerika schon im 16. Jahrhundert (Waitz 4, 188; 338); so auch in
+Afrika bei Hottentotten, Kaffern, Negern, ueberall. Man sieht, unsere
+Kultur verlangt von den Naturvoelkern eine geistige Anstrengung von so
+enormer Groesse, dass sie mit einem Male und von einer Generation gar
+nicht ueberwunden werden kann. Waehrend aber nun die Europaeer immer
+frischen Zuzug neuer Schaaren haben, die sie in ihren Bestrebungen
+staerken, waehrend auch bei den Germanen auf die Stelle einer unterlegenen
+Schaar eine andere trat, die das, was jene gewonnen hatten, uebernehmend
+ausfuehrte, was noch nicht geleistet war, so fehlt es bei der geringen
+Kopfzahl der Naturvoelker an solcher kraftgebenden und aushelfenden
+Ersatzmannschaft, durch welche die Arbeit sich theilen, die Aneignung
+sich leichter und allgemeiner vollziehen koennte. Daher wird der lebenden
+Generation eine um so groessere und schwerere Aufgabe gestellt und es ist
+schon deshalb klar, dass eine Generation, ja dass zwei, drei
+Generationen ihr nicht genuegen koennen. Die Groesse der Aufgabe, die
+enorme geistige Anstrengung selbst erschwert aber das gedeihliche
+Weiterleben der Generationen durch den geistigen Druck so sehr, dass wir
+auch hierauf mit allem Nachdruck hinweisen muessen. Und zweitens muessen
+wir auch wieder betonen, dass der Hang zur Melancholie durch solche
+Ueberanstrengung, wo in den meisten Faellen nur allzubald sich zeigt,
+dass ein auch nur einigermassen befriedigendes Ziel kaum zu erreichen
+ist, immer vergroessert wird, ja dass er geradezu Charakterzug der Voelker
+werden kann. Und so finden wir es im allgemeinen wie im einzelnen.
+Tschudi 2, 286 erzaehlt von einem Botokudenknaben, der von einer Familie
+in Bahia sorgfaeltig aufgezogen und dann zum Studium der Medizin auf die
+Universitaet geschickt wurde. Er erwarb sich den Doktortitel, uebte auch
+eine Zeitlang die Praxis selbstaendig, bis er verschwand. "Eine tiefe
+Melancholie war immer der Grundzug seines Charakters." Spaeter erfuhr
+man, dass er wieder, nachdem er sich jeglicher Spur von Civilisation,
+auch der Kleider, entledigt, als Jaeger durch die Waelder streife. Einen
+ganz gleichen Fall von einem jungen Choktaw, der Advokat geworden war,
+hernach aber durch Melancholie (woran freilich der Kastenhochmuth der
+Nordamerikanischen Weissen mit Schuld war) bis zum Selbstmord getrieben
+wurde, erzaehlt Waitz b, 71-72. Diese Faelle zu erklaeren, reicht es nicht
+aus, bloss an die "schiefe Stellung" zu erinnern, in welche solche
+Individuen gerathen; denn bei jenem Botokuden trifft dies nicht zu, da
+in Suedamerika das Verhaeltniss der Farbigen zu den Weissen kein
+unguenstiges ist: wesentlich mitgewirkt hat bei ihnen und aehnlichen, wie
+wir sie bei Individuen und ganzen Voelkern finden, die ewige Demuethigung
+auf der einen, die Ueberanstrengung auf der anderen Seite.
+
+
+
+
+Sec. 16. Behandlung der Naturvoelker durch die Weissen. Afrika. Amerika.
+
+
+Wir kommen nun zu dem duestersten Punkt in unserer ganzen Schilderung, zu
+der duestersten Partie vielleicht in der ganzen Geschichte der
+Menschheit: zu der Art, wie die Weissen die Naturvoelker behandelt haben.
+Die Laster, die sie ihnen brachten oder bei ihnen befoerderten, brauchen
+wir hier, da wir sie schon oben an verschiedenen Stellen erwaehnten,
+nicht noch einmal im Zusammenhang zu besprechen. Beginnen wir mit
+Suedafrika. Die Hottentotten zeigen sich uns gleich bei ihrem ersten
+Bekanntwerden als ein Volk, das frueher eine viel groessere Macht und
+Ausdehnung besessen hatte und damals schon in einer Art Verfall war. Von
+den umwohnenden afrikanischen Voelkerschaften waren sie ueberall
+verdraengt, namentlich von Norden nach Sueden geschoben und nicht nur sehr
+vermindert, sondern wie es scheint, auch in ihrem inneren Wesen
+gebrochen oder wenigstens, durch die ewigen Kriege und Niederlagen,
+wesentlich beschaedigt worden (Waitz 2, 323 ff.). Schlimmeres aber
+brachten ihnen die Hollaender, welche sich seit 1652 am Cap niederliessen
+und natuerlich den Eingeborenen so viel Land ohne weiteres wegnahmen, als
+sie brauchten. Sie brauchten aber, da sie aus Faulheit alles brach
+liegen liessen und stets nur frisches Land bebauten, da sie ferner aus
+dem gleichen Grund lieber Viehzucht als Ackerbau trieben, sehr viel
+Land. Die Hottentotten, welche zu Sklaven zu machen das Gesetz verbot,
+machten sie zu ihren Knechten, die, weil man sie nicht verkaufen konnte,
+viel schlechter gehalten wurden als Sklaven (Waitz 2, 331). Als freilich
+die Englaender 1796 in Besitz des Caps kamen, zeigten sie sich aus
+Nationaleitelkeit anfangs zwar sehr empoert ueber das Benehmen der
+Hollaender; allein gar bald thaten sie es ihnen in Allem nach (ebd. 332).
+Wie man mit "dem schwarzen Vieh", den Hottentotten, verfuhr, zeigt sich
+z.B. in folgendem Fall, den Sparmann erzaehlt. Ein Hollaender hatte einen
+hottentottischen Knecht, der im Fieber lag und dessen Krankheit durch
+eine auf des Herrn Bitte von Sparmann unternommene Kur sehr
+verschlimmert wurde; Sparmann suchte den sehr niedergeschlagenen Boer zu
+troesten: allein jener fuhr auf: er kuemmere sich den Teufel um den
+Hottentotten und seine Seele, wenn er nur einen anderen Ochsenfuehrer, um
+seine Butter zu verkaufen, faende (Sparmann 273). Dies war aber kein
+vereinzelter Fall, sondern allgemeine Ansicht und so werden wir uns ueber
+die Einrichtung der sogenannten Commandos gegen die Eingeborenen, welche
+1774 etwa zuerst aufkamen, nicht sehr wundern koennen. Der Bericht eines
+Offiziers ueber solch ein Commando bei Waitz lautet (2, 333-34):
+
+"27. Sept. 1792 der erste Kraal angegriffen, 75 Buschmaenner getoedtet, 21
+gefangen.
+
+15. Oktober ein anderer Kraal entdeckt, 85 getoedtet, 23 gefangen.
+
+20. Okt. ein dritter entdeckt, 7 getoedtet, 3 gefangen."
+
+"Man wird einigermassen, faehrt Waitz fort, die Ausdehnung ermessen
+koennen, in welcher diese Vertilgung besonders der Buschmaenner betrieben
+wurde, wenn man bedenkt, dass Coblins (1809) einen sonst respektablen
+Mann erzaehlen hoerte, er habe binnen 6 Jahren mit seinen Leuten zusammen
+3200 Buschmaenner getoedtet und gefangen, wogegen ein anderer mittheilte,
+dass die Commandos, an denen er sich betheiligte, 2700 Buschmaennern das
+Leben gekostet haetten. Thompson kannte einen Kolonisten, der in 30
+Jahren 32 solcher Raubzuege mitgemacht hatte, auf deren einem 200
+Buschmaenner umgebracht seien. Mit dem Eintritt der englischen Herrschaft
+am Cap hatte zwar das Commandosystem aufhoeren sollen, aber die Boers
+waren so sehr an dasselbe gewoehnt, dass es unmoeglich war, es auf einmal
+zu beseitigen. Von 1797-1823, d.h. bis zur Okkupation des Landes der
+Buschmaenner, werden 53 Commandos offiziell angegeben; es ist
+unzweifelhaft, dass das System 1823 nach einigen Unterbrechungen wieder
+in voller Bluethe war und es scheint den Buschmaennern unter der
+englischen Herrschaft noch trauriger gegangen zu sein, als unter der
+hollaendischen. Dass die Hottentottenbevoelkerung der Capkolonie unter
+der englischen Herrschaft bis zum Jahr 1822 um die Haelfte zugenommen
+habe (Zeitschr. 1, 287) ist wenig glaubhaft und sicherlich nur
+scheinbar." Die Boers zogen, um den ihnen verhassten englischen Gesetzen
+nicht gehorchen zu muessen, 5000 an der Zahl, um 1836 nach Port Natal, wo
+sie ihre scheussliche Willkuerherrschaft, ihre Commandos und Knechtung
+der Eingeborenen noch jetzt, wie sie es selbst bei Livingstones
+Anwesenheit thaten, fortsetzen (Waitz 2, 336).
+
+Man wird es nicht eben wunderbar finden, wenn die Hottentotten diesem
+Hauche der Kultur erlagen; wenn jetzt ihr Hass gegen die Weissen so
+gross ist, dass ein friedliches Einwirken der letzteren, wenn nicht
+unmoeglich, doch ausserordentlich erschwert ist: wenn endlich die
+Hottentotten jetzt sehr viel roher, traeger und sittlich schlechter sind
+als zu der Zeit, da man sie zuerst kennen lernte. Stand doch ueber
+manchen Kirchen der Hollaender: "kein Hund und kein Hottentotte darf
+eintreten" (Waitz 2, 333). Haben doch die Boers nach Kraeften die
+Christianisirung der Eingeborenen zu hindern gesucht, indem sie
+verboten, dass ihre Sklaven und deren Kinder getauft wurden und bei
+Lebensstrafe denselben die Missionsstation auch nur zu nennen verboten.
+Die hollaendische Compagnie selbst war es, welche die maehrischen Brueder
+aus dem Lande der Hottentotten vertrieb, weil sie auf letztere einen zu
+grossen Einfluss gewannen. Ja noch 1831, als die Hottentotten am Kat
+River sich niedergelassen und dort unter Leitung der Missionaere zu einer
+gewissen Bluethe gelangt waren, gelang es kaum, die Boers von der
+Zerstoerung dieser Colonie mit Gewalt zurueckzuhalten (Waitz 2, 336).
+
+Und in diesem Zustande leben die Hottentotten nun schon ueber 200 Jahr
+und sind noch nicht ausgerottet!
+
+Gehen wir nun nach Amerika. Die Indianer Nordamerikas kamen den
+Europaeern anfangs freundlich entgegen (Waitz 3, 242), aber die Weissen
+waren es, welche das Verhaeltniss truebten. Zunaechst vernichteten sie
+wegen verhaeltnissmaessig geringfuegiger Veranlassung das Volk der Pequots;
+an 700 wurden bei einem ploetzlichen Ueberfall getoedtet, die uebrigen
+zerstreut, gefangen und von Staatswegen als Sklaven verkauft (Waitz 3,
+244). Sklavenjagden in Nordamerika von Seiten der Englaender und Spanier
+waren ganz gewoehnlich. Die frommen Puritaner, die Gott dankbar waren fuer
+jede verheerende Krankheit, welche unter den Indianern wuethete (Waitz 3,
+242), sahen in jedem gelingenden Greuel der Christen gegen die Indianer,
+namentlich wenn diese massenweise zu Grund gingen, ein Zeichen
+goettlicher Gnade, in jedem Misslingen eines Mordzuges einen goettlichen
+Zornausbruch gegen sie selber und bekannten dies laut (Waitz 3, 244-45).
+Man dachte gar bald daran, die Indianer ganz auszurotten: und soll uns
+das wundern, wenn wir erfahren, dass noch in diesem Jahrhundert der
+Regierung der Vereinigten Staaten ein foermliches Projekt zur Vertilgung
+der Indianer vorgelegt wurde? Und wie man sie vertilgte! "Die Englaender,
+versichert Trumbull bei Waitz 3, 248, hatten damals (im 17. Jahrhundert)
+und spaeter viel Zweifel darueber, ob es sich mit dem Christenthum und der
+Menschlichkeit vertrage, die Feinde lebendig zu verbrennen." Die Weissen
+haben, wie schon hieraus hervorgeht und auch sonst ueberall, oft sogar
+mit dem groessten Ruehmen, bezeugt wird, den Krieg mit derselben und oft
+noch viel aergerer Grausamkeit gefuehrt, als die Indianer selbst (ebd.
+258. 260); noch 1830 haben sie, wie frueher oefter, unter den Pani das
+Blattergift verbreitet (ebd. 259). Wie man nun die Voelker um ihr Land
+geprellt, wie man sie spaeter immer weiter nach Westen und schliesslich
+ueber den Missisippi hinuebergedraengt hat, ohne Ruecksicht auf die
+bedeutend aufbluehende Kultur der Cherokees, welche durch diese
+Verpflanzung einen schweren Stoss erlitt, das mag man bei Waitz 3 bis
+299 und b, 26-60 nachlesen: wir wollen nur noch bemerken, dass die
+Natchez, die Schawanoes, die Delawares, Potowatomies, Seminolen,
+Kaskaskias und andere einst maechtige Voelker von den Weissen vernichtet
+oder so gut wie vernichtet sind (Waitz 1, 166).
+
+In Suedamerika traten die Europaeer womoeglich noch scheusslicher auf.
+"Benzoni, sagt Waitz 3, 399-100 in Beziehung auf Guyana, hat als
+Augenzeuge ein schauerliches Bild davon entworfen, wie die Spanier in
+diesen Laendern hausten. Das Verbot, Sklaven zu machen, war kein Verbot,
+Sklaven zu halten. Die gewoehnliche Formel, mit welcher letzteres erlaubt
+wurde, lautete: ihr sollt als Sklaven halten duerfen die von den
+eingeborenen Herren des Landes als solche gehalten und euch verkauft
+werden. Das gewoehnliche Verfahren, welches namentlich in Maracapana oft
+zur Ausfuehrung gekommen ist, bestand daher darin, dass man einen
+Haeuptling einfing, der gezwungen wurde, sich durch den Verkauf seiner
+Leute als Sklaven die Freiheit zu erwerben, und dass man die so
+gewonnenen Sklaven dann von der Behoerde fuer rechtmaessig erklaeren liess.
+Unterwarf sich aber ein Haeuptling freiwillig, so fiel man mit ihm ueber
+seine Feinde her, um diese zu versklaven oder suchte Streit mit ihm
+selbst. Nasen- und Ohrenabschneiden war eine gewoehnliche und nicht
+selten ausgefuehrte Drohung der Spanier gegen Indianer, die sich
+ungefuegig zeigten, und da das Gesetz verbot, die Lastthiere zu
+ueberbuerden, damit sie sich reichlich vermehren koennten, diente auch dies
+als Vorwand, die Eingeborenen selbst als Lastthiere zu gebrauchen.
+Naechst der Minenarbeit und persoenlichen Dienstbarkeit ueberhaupt hat
+vorzueglich auch die Entfuehrung vieler Weiber ihre Zahl verringert.
+Natuerlich liessen sich das die streitbaren Indianer nicht ohne Weiteres
+anthun und man kann denken, welche fuerchterlichen Kaempfe eine solche
+Behandlung hervorrufen musste und wie diese Kaempfe selbst, obwohl zum
+Theil gluecklich fuer sie, die Indianer decimiren mussten. In Brasilien
+wars um nichts besser. Obwohl man anfangs den Eingeborenen die Freiheit
+zugesprochen hatte, kam man doch sehr bald dahin, dass man
+Menschenjagden erst duldete und dann (seit 1611) allgemein gestattete
+und diese entwickelten sich gar bald zu einer solchen Hoehe, dass in den
+3 Jahren 1628-1630 in Rio de Janeiro allein 60,000 Indianer, meist aus
+Paraguay, in die Sklaverei verkauft wurden, wobei es natuerlich auch
+wieder zu den scheusslichsten Kriegen kam, in welchen Europaeer und
+Indianer gleichmaessig verwilderten (Waitz 3, 450-51). Allerdings setzten
+sich die Missionaere (Jesuiten) hiergegen, allein nur, um die
+Arbeitskraft der Indianer ihrem Orden zukommen zu lassen, und meist mit
+so geringem Erfolg, dass ihr Widerstand gar nichts bedeutete. Uebrigens
+ist auch jetzt noch das Loos der unter brasilianischer, also
+portugiesischer Herrschaft stehenden Indianer kaum besser (ebd. 453),
+wie die Portugiesen wohl diejenigen Europaeer sind, welche am
+unmenschlichsten mit den Amerikanern umgingen. Das beweist auch, wie sie
+mit den Indianern der Pampas verfuhren. Wir wollen hoeren, was hierueber
+v. Tschudi 2, 261-64 von vergangenen Zeiten und von der Gegenwart sagt:
+"Das Verhaeltniss zwischen den erobernden Portugiesen und den Indianern
+war seit dem 16. Jahrhundert im allgemeinen ein getruebtes. Bekanntlich
+trachteten die Ansiedler so viel als nur moeglich, die Eingeborenen fuer
+die Feldbestellung und fuer den Bergbau zu benutzen. Diese aber fanden im
+ganzen wenig Freude an solchen ihren natuerlichen Neigungen mehr oder
+weniger widerstrebenden Verrichtungen und wollten ebenso wenig in ein
+Dienstverhaeltniss zu den Eindringlingen treten. Die gebieterische
+Nothwendigkeit, Arbeitskraefte zu besitzen, fuehrte die Portugiesen
+allmaehlich dahin, sich der Indianer mit Gewalt zu bemaechtigen und sie zu
+unentgeltlichen Dienstleistungen zu zwingen. Binnen kurzem bildete sich
+eine Indianersklaverei und ein schwunghafter Menschenhandel aus. Banden
+kuehner Abenteurer zogen nach den Urwaeldern auf Menschenjagd und
+verkauften nach der Rueckkehr ihre Beute an Grossgrundbesitzer, in denen
+sie stets willige Abnehmer fanden. Koenigliche Verordnungen autorisirten
+gewissermassen dieses empoerende Verfahren und nur an der Gesellschaft
+Jesu fanden die hartbedraengten Urbewohner Vertheidiger und Beschuetzer.
+Durch massenhafte Einfuhr von Sklaven von der afrikanischen Kueste,
+verbunden mit einer etwas humaneren Gesetzgebung, verminderte sich,
+besonders im 18. Jahrhundert, die Indianersklaverei, dagegen aber
+entwickelte sich an vielen Grenzpunkten der Civilisation ein foermlicher
+Vernichtungskrieg zwischen Portugiesen und Indianern. Ueberlegenheit der
+Angriffs- und Verteidigungswaffen sicherten den ersten den Erfolg .....
+deren weite mit gehacktem Blei geladene Trabucos oft schreckliche
+Verwuestungen unter den Gegnern anrichteten.
+
+Wilde Bluthunde, die ausschliesslich auf Indianerfaehrten abgerichtet
+waren, halfen den nicht weniger blutduerstigen Menschenjaegern die
+feindlichen Lager ausfindig machen. Die Offiziere wetteiferten, wer die
+besten Indianerhunde besitze, und ein gewisser Lieutenant Antonio
+Pereira liess die seinigen nur Indianerfleisch geniessen, um sie stets
+bei guter Nase zu erhalten. Als durch die Einfuehrung der weit
+arbeitsfaehigeren Neger die Indianer fast ganz entwerthet wurden, so
+handelte es sich bei solchen Expeditionen nicht mehr darum, Menschen zu
+fangen, sondern nur eine moeglichst grosse Zahl zu morden. Um diesen
+Zweck, die Vernichtung der Indianer, in ausgedehntem Massstabe zu
+erreichen, griffen die Portugiesen zu den niedertraechtigsten Mitteln.
+Sie legten Kleider von Personen, die an Blattern oder Scharlach
+verstorben waren, in der Absicht in die Waelder, dass Indianer sich diese
+aneignen und infolge dessen Epidemien unter ihnen ausbrechen und
+graessliche Verheerungen unter ihnen anrichten sollten." Also ganz wie es
+die Englaender in Nordamerika machten!--Nachdem nun Tschudi gesagt hat,
+dass die Spanier zu solchen schaendlichen Mitteln nie gegriffen haetten,
+faehrt er fort: "trotz der schoenen aber leider so mangelhaft ausgefuehrten
+Constitution Brasiliens hat der Vernichtungskrieg gegen die Indianer der
+Provinz Minas bis auf die neueste Zeit noch fortgedauert. Heute noch
+(1860) leben dort Individuen, denen eine Indianerjagd der hoechste Genuss
+ist und die noch sorgfaeltig Schweiss- und Spuerhunde zu diesem Zwecke
+pflegen. Nur eine kurze Zeit ist verflossen, seit ein kaiserlich
+brasilianischer Militaercommandant als Repressalien fuer einen von den
+Indianern begangenen Mord ein Indianeraldea (Dorf) ueberfiel und als
+Siegestrophaee _dreihundert_ Ohren von grausam abgeschlachteten Indianern
+in den Flecken St. Matheus, suedlich vom Mukury brachte! Selbst der
+kaiserliche Commissionaer ... neigt sich mehr zu den Vertilgungsmitteln
+hin, als auf rein menschliche Weise die Indianer der Civilisation
+unterthan zu machen....
+
+Ottoni fuehrt einige Beispiele an, wie der Vernichtungskrieg gegen die
+Indianer auch in neuerer Zeit gefuehrt wurde. Der Schauplatz dieser
+elenden Thaten war das Quellgebiet des Mukury und ein Theil von dem des
+Jaquitinhonha. Die Hauptleiter der Moerderexpeditionen waren zwei
+indianische Soldaten Cre und Crahy, denen sich als dritter wuerdiger
+Genosse ein gewisser Tidoro zugesellte. Sie handelten aber nur auf
+hoeheren Militaerbefehl. "Eine Aldea umbringen" war ihr Losungswort, der
+Zauber, der sie fuer ihr Henkerhandwerk fanatisirte. Mit Huelfe kaiserlich
+brasilianischer Soldaten und "Liebhaber" (oft den besten Staenden
+angehoerend) umringten sie waehrend der Nacht die dem Untergang geweihte
+Aldea und stuermten sie mit dem ersten Tagesgrauen, so dass die
+aufgehende Sonne nur noch blutrauchende graesslich verstuemmelte Leichname
+beschien. Die arglosen Indianer hatten gewoehnlich keine Idee von dem
+ihnen drohenden Verhaengniss: sie wurden meistens im tiefen Schlaf
+ueberrascht. Die Soldaten bemaechtigten sich immer zuerst der in einer
+Ecke zusammengestellten Bogen und Pfeile, um so weniger gefaehrdet die
+wehrlosen Indianer abzuschlachten. Nur die Kinder (Kurukas) wurden
+verschont, sie waren Kriegsbeute! Ein solches Kuruka wurde in der Regel
+fuer 100 Milreis verkauft. Selbst in neuester Zeit war der Gewinn, der
+aus dem Verkauf der erbeuteten Kinder gezogen wurde, das einzige Motiv,
+um eine Aldea umzubringen. Und dieses geschieht im constitutionellen
+Brasilien gegen die urspruenglichen Bewohner des Landes! Am Rio
+Jaquitinhonha, am Mukury, am Rio St. Matheus, am Rio Dolce sind
+zahlreiche Beispiele dieser Menschenschlaechtereien vorgekommen. Vier
+Jahre vor meinem Besuch am Mukury leiteten die Henkersknechte Cro und
+Crahy eine solche Metzelei bei Queriba am Jaquitinhonha. Sogar im Jahr
+1861 wurde wenige Meilen von Philadelphia eine derartige
+Menschenschlaechterei ausgefuehrt. Im Jahre 1846 wurde in Marianna, 2
+Leguas von St. Jose de Porto Alegre, an der Muendung des Mukury, der
+Tribus des Haeuptlings Shiporok fast gaenzlich vernichtet. Sechzehn
+Schaedel der ermordeten Indianer kaufte ein Franzose und schickte sie an
+ein pariser Museum."
+
+Man muss diese Nachrichten, welche jede Vorstellung uebersteigen, bei
+einem so glaubwuerdigen Schriftsteller wie Tschudi selbst lesen, um sie
+zu glauben. Uebrigens ging es den Araukanern kaum besser, die in einem
+fast 200jaehrigen Kampfe (von 1540-1724) mit den Spaniern um ihre
+Unabhaengigkeit rangen. Auch hier waren es wieder die Europaeer, welche
+die grauenvollsten Grausamkeiten gegen die tapferen und edeln Amerikaner
+begingen, welche letztern aber auch, wie es natuerlich war, in einem
+solchen Krieg verwilderten und herunterkamen, so dass man jetzt in ihnen
+die alten Araukaner nicht mehr zu suchen braucht (Waitz 3, 521 ff.). Wie
+die Spanier noch in diesem Jahrhundert gegen sie verfuhren, geht aus
+folgender, von einem Augenzeugen erzaehlten Geschichte hervor, welche den
+portugiesischen Schandthaten wuerdig zur Seite steht: "von einem
+Indianerstamme, der sich in seinem Versteck aller Nachforschungen
+entzog, konnte Major Rodriguez nur ein Weib auffinden mit ihrem Sohn und
+ihrer Tochter, die noch Kind war. Drohungen und Versprechungen bewirkten
+nichts ueber sie, um sie zur Verraetherei zu bewegen. Da liess man den
+Sohn niederknien und erschoss ihn vor den Augen seiner Mutter und
+Schwester. Dennoch wollte das Weib nichts gestehen. Auch sie musste
+niederknien, um zu sterben; da erbot sich die Tochter, das Versteck
+ihres Vaters und ihrer Brueder zu verrathen. Die Mutter stuerzte wuethend
+ueber sie her und wollte sie erdrosseln, doch man entriss ihr das Kind
+und schleppte sie fort in der von diesem bezeichneten Richtung, waehrend
+sie die Tochter mit den haertesten Vorwuerfen wegen ihrer Feigheit und
+Entartung ueberhaeufte. Ihre ganze Familie musste sie hinschlachten sehen
+und gab verzweifelnd und mit dem letzten Athemzuge den Moerdern fluchend
+bei diesem Anblicke ihren Geist auf" (Waitz 3, 526). Solche Beispiele
+viehischer Unmenschlichkeit stehen keineswegs als einzelne wegen ihrer
+besonderen Scheusslichkeit merkwuerdige Faelle da: sie sind in diesen
+Kriegen das ganz Gewoehnliche.
+
+v. Tschudi gab an, dass die Botokuden bei den Jesuiten Schutz gefunden
+haetten; und wenn allerdings die Geistlichen bisweilen ihre Stimmen fuer
+die Unterdrueckten erhoben, so war das keineswegs ueberall oder immer der
+Fall; ja die Geistlichen wurden sehr haeufig nur eine neue Plage fuer die
+Eingeborenen durch die Mittel, wie sie die Indianer fuer die Taufe
+gewannen: einfach dadurch, dass sie dieselben jagten, fingen und dann
+tauften oder so lange einsperrten, bis sie sich taufen liessen, was
+freilich von den spanischen Gesetzen verboten war, aber doch oft genug,
+mit Huelfe anderer Indianer, ausgefuehrt wurde. Nur allzubekannt ist jene
+fuerchterliche Geschichte von der Guahibaindianerin, welche mit ihren
+Kindern gefangen worden war und von der
+
+ Zu der Guahiba und der Christen Bildniss
+ Erzaehlet jener Stein mit stummem Munde
+ Am Atapabos-Ufer in der Wildniss.
+
+Diese Geschichte spielt etwa um 1770: und Humboldt, welcher sie uns aus
+dem Munde der Geistlichen selbst erzaehlt (b, 5, 81 ff.; vgl. Chamisso
+Werke 4, 69 ff.), faehrt fort: "Dergleichen Jammer kommt ueberall vor, wo
+es Herren und Sklaven gibt, wo civilisirte Europaeer unter versunkenen
+Voelkern leben, wo Priester mit unumschraenkter Gewalt ueber unwissende,
+wehrlose Voelker gebieten" (Humboldt a.a.O. 85). Und er hat Recht:
+denselben Jammer finden wir in Californien wieder, wohin die spanische
+Herrschaft hauptsaechlich durch Missionaere gebracht war, und wo diese
+letzteren Schlingen legten, um Indianer zu fangen oder zu demselben
+Behuf bewaffnete Schaaren ausschickten. Widersetzte sich einer der
+Eingeborenen der neuen Lehre, so sperrte man ihn zunaechst ein und liess
+ihn hungern, dann zeigte man ihm Fleisch, um ihm von dem guten Leben,
+das ihn bei den Missionaeren erwarte, einen Begriff zu geben und
+suchte ihn so zum--Christenthum zu gewinnen (Beechey 1, 356).
+Wiedereingefangene Deserteure erhielten nach Langsdorff Stockpruegel, die
+sehr haeufig auch bei Frauen angewendet wurden, und es wurde ihnen ein
+schwerer Eisenstab angehaengt, um fuerderhin Flucht ihnen unmoeglich zu
+machen. Da nun die so Bekehrten ganz wie Sklaven den frommen Missionaeren
+dienen mussten, so ist es einmal kein Wunder, wenn sie, um dieser
+Religion, dieser Kultur zu entfliehen, kein Mittel scheuten, auf der
+anderen Seite aber auch nicht, wenn wir sie massenhaft in den Missionen
+sterben sehen. Krankheiten wuetheten und von Jahr zu Jahr wuchs die
+Sterblichkeit. 1786 waren 7701 Indianer getauft, von denen 2388 starben;
+1813 waren 57,328 getauft, aber gestorben 37,437 (Beechey 1, 370).--Als
+nun spaeter die Missionen durch die politischen Verhaeltnisse Californiens
+verfielen, wurde das Loos der Eingeborenen noch schlimmer. Sklavenjagden
+oder auch geradezu Menschenhetzen begannen, man schoss sie nieder, ohne
+Unterschied des Alters und Geschlechtes, wo man sie traf. Ein spanischer
+General hatte (nach Wilkes) Californier zu Soldaten einexercirt; als sie
+sich aber sehr brauchbar zeigten, bekam er Furcht vor ihnen und liess
+sie alle niederschiessen (Waitz 2, 244-51).
+
+Am alleraergsten aber haben die Weissen in den kultivirten Gegenden
+Amerikas gehaust, welche sie zuerst vom ganzen Continente kennen
+lernten. Die Eroberung von Mexiko kostete, wie ein Spanier (Clavigero
+bei Waitz 1, 189-90) angibt, mehr Menschen, als waehrend der ganzen Dauer
+des mexikanischen Reiches den Goettern geopfert sind; wenn auch die
+Behauptung desselben Schriftstellers, die Bevoelkerung des Landes sei
+durch die Eroberung bis auf ein Zehntel gesunken, von Waitz (4, 190) mit
+Recht als uebertrieben angesehen werden mag. Aber Gomara selbst, der fuer
+Cortez schreibt, berichtet, dass weder Weiber noch Kinder von den
+Spaniern geschont seien (Waitz 4, 186); und doch war Cortez noch
+derjenige, welcher wenigstens ohne unnoethige Grausamkeit verfuhr,
+waehrend seine Nachfolger geradezu unmenschlich hausten. Doch auch Cortez
+vertheilte, trotzdem es ihm hart erschien, die Mexikaner unter die
+spanischen Eroberer als Knechte und der hoechste Adel sowohl wie gemeines
+Volk mussten ihren Enkomenderos die haerteste Arbeit thun, unter der sie,
+ueberhaupt nicht an strenge Arbeit, am allerwenigsten aber an so ganz
+unmenschliche Ueberbuerdung gewoehnt, massenweis erlagen. Widerspenstige
+oder wer, gleichviel aus welchem Grunde, den Tribut nicht zahlte, wurden
+als Sklaven verkauft. Dieser Tribut aber war enorm und wurde mit der
+groessten Strenge, sehr haeufig auch mit den aergsten Betruegereien und
+Erpressungen beigetrieben. Viele toedteten sich nun aus Verzweiflung,
+andere verabredeten sich, keine Kinder mehr zu erzeugen oder kuenstlichen
+Abortus zu bewirken, um wenigstens ihre Nachkommen von diesem ganz
+unertraeglichen Elend, das noch durch jene fuerchterlichen eingeschleppten
+Krankheiten furchtbar erhoeht wurde, zu bewahren. Bei der Eroberung waren
+die Wasserleitungen mit zerstoert und dadurch erhob sich neues Elend:
+denn ein grosser Theil des Landes ward dadurch zur Wueste (Waitz 4, 187).
+Das Christenthum, das uebrigens sobald es sich der Eingeborenen annahm,
+von den spanischen Machthabern aufs Heftigste angefeindet wurde, kam nun
+auch und mit ihm die Inquisition, die gar nicht selten 100 Ketzer auf
+einmal verbrennen liess (4, 189)--kurz, es ergoss sich auf die
+ungluecklichen Menschen ein so grimmiges Elend, wie vielleicht kein Volk
+sonst hat aushalten muessen, und es ist kein Wunder, wenn auch hier die
+Eingeborenen vor dem "Hauche der Kultur" schaarenweis starben; ein
+Wunder ists nur, dass sie trotz aller dieser Leiden bis auf den heutigen
+Tag nicht ausgerottet sind.
+
+Nicht anders hausten die Spanier in Guatemala (4, 268), in Nikaragua
+(280) und noch aerger auf den Antillen und Lukayen (Bahamainseln), deren
+Einwohner, mehrere 100,000 an der Zahl innerhalb weniger Jahrzehnte
+gaenzlich vernichtet sind, wozu die eingeschleppten Krankheiten, die
+Minenarbeiten, die nichtswuerdigen Knechtungen und oft ganz zwecklose
+Menschenmetzeleien das Meiste beitrugen. Massenweise toedteten die
+Eingeborenen sich selbst. Columbus selbst hatte ganz dieselbe Gesinnung
+wie seine Landsleute: Menschenraub, Sklaverei, grausame Verstuemmelungen
+geschahen auf seinen Befehl und die spanische Regierung war, obwohl
+Isabella diese Behandlung der Eingeborenen im hoechsten Grade
+missbilligte, viel zu schwach, irgend etwas Bleibendes zu Gunsten der
+Indianer zu erreichen (Waitz 4, 331. 334).
+
+Ebenso ging es in Darien (4, 351) und Neu-Granada (377) und dass es in
+Peru eher schlimmer als besser war, dafuer buergt schon der Name Pizarro.
+Das beliebte Mittel der Portugiesen, Bluthunde, die auf Indianer
+dressirt waren, gegen diese loszuhetzen, wurde hier namentlich
+angewandt. Wir erinnern hier an die schon erwaehnte Bitte des gefangenen
+Fuersten, ihn nicht verbrennen, nicht den Hunden vorwerfen, sondern
+einfach erhaengen zu lassen (1, 478 ff.). Nach Gomara sind in den Kriegen
+unmittelbar nach der Eroberung etwa anderthalb Millionen Eingeborene
+aufgerieben; die uebrigen litten unter dem Druck der Encomiendas und
+Mitas (zwangsweise Vermiethung der Eingeborenen an Privatleute, von der
+Mestizen, Mulatten, Zambos frei waren) so unertraeglich, dass sie durch
+das Uebermass von Arbeit schaarenweis aufgerieben wurden. Dazu kam noch
+der furchtbare Steuerdruck unter den habgierigen Spaniern, an welchem
+sich uebrigens die Geistlichkeit ohne die geringste Scheu aufs
+lebhafteste mit betheiligte. Nimmt man dies leibliche Leiden zusammen,
+und dazu das Bewusstsein der gaenzlichen Ohnmacht gegen diesen Gegner, so
+wird man sich die psychischen Leiden dieser Menschen denken koennen;
+diese fallen aber mit dem groessten Gewicht in unsere Wagschale, da ihnen
+gewiss grosse Mengen erlegen sind, wie vielfach bezeugt ist. Gewiss,
+wenn man die Amerikaner in Nord und Sued betrachtet, deren Bedrueckung
+noch nirgends ganz aufgehoert hat, so ist das das allein Wunderbare, dass
+jetzt, nach 300 oder 200 Jahren eines solchen Druckes, noch irgend etwas
+von der Urbevoelkerung existirt.
+
+
+
+
+Sec. 17. Fortsetzung. Der stille Ozean.
+
+
+Eine aehnliche Behandlung wie die bisher besprochenen Voelker von
+Hollaendern, Englaendern, Spaniern und Portugiesen erfuhren die
+Kamtschadalen und Aleuten durch die Russen. Nach King (Cook 3te Reise 4,
+171) wuethete der Russe Atlassof, der 1699 Kamtschatka zuerst entdeckt
+hatte, seit 1706 zum zweiten Male Befehlshaber daselbst, "um die
+Einwohner mit guter Art und durch friedliche Mittel zu gewinnen", in dem
+Lande so arg, dass seine eigenen Leute, die Kosaken, welche bis dahin
+friedlich mit den Kamtschadalen ausgekommen waren, gegen ihn einen
+Aufstand erhoben und sich in den Besitz der Halbinsel setzten. Dadurch
+ward es aber nicht besser, denn sie wuetheten, einmal an Mord und Blut
+gewoehnt, von nun ab unter den Eingeborenen von Kamtschatka selbst. "Die
+Geschichte dieser Halbinsel von jenem Zeitpunkte an bis in das Jahr 1731
+ist eine Reihe von Mordthaten, Empoerungen und wilden blutigen Gefechten
+kleiner im ganzen Lande streifender Parteien." Damals naemlich erhoben
+sich die erbitterten Kamtschadalen, um ihr Land nicht immer weiter
+unterjocht werden zu lassen und um sich an ihren Peinigern zu raechen.
+Behring war zu jener Zeit da, welcher alle ihm entbehrlichen Truppen,
+mit Ausnahme kleiner Besatzungen in den Festungen des Landes, gegen die
+Tschuktschen schickte, denn bei der ausserordentlichen Klugheit,
+Verschwiegenheit und Energie der Kamtschadalen hatte weder er, noch
+irgend sonst ein Russe eine Ahndung von einer Verschwoerung, welche ueber
+die ganze Halbinsel ausgebreitet war. Sie war sehr gut organisirt; von
+kleinen aufhaltenden Zwischenfaellen z.B. waren in kuerzester Frist alle
+Oberhaeupter derselben benachrichtigt: und so gelang es denn, nach
+Behrings Abfahrt den Kamtschadalen, dass sie die Festungen rasch
+einnahmen, und alles was von Russen noch im Lande war (Weiber und Kinder
+mit eingeschlossen) niedermachten oder in die Gefangenschaft
+wegschleppten. Behring aber, durch widrige Winde an der Kueste
+festgehalten, erfuhr das Geschehene, kehrte zurueck und belagerte das
+Fort, wohin sich die Kamtschadalen auf Kunde seiner Rueckkehr geworfen
+hatten; allein nicht eher konnte er es--so tapfer war der
+Widerstand--einnehmen, als bis es endlich durch einen Zufall in die Luft
+gesprengt wurde. Da nun die Kamtschadalen auch in einigen offenen
+Gefechten, die sehr blutig waren und sonst den kuerzeren zogen, so
+mussten sie sich zum Frieden bequemen. Von da ab blieb alles ruhig,
+einzelne Aufstaende abgerechnet--welche ein deutliches Bild geben, wie
+die Russen sich gegen die durch jenen Aufstand gebrochenen Kamtschadalen
+betrugen. Wenn die Halbinsel, nach King, sich nach 1731 wieder so erholt
+haben soll (doch King selbst berichtet zweifelnd), dass sie spaeter
+volkreicher war als frueher, so ist dieser Nachricht kein Glauben zu
+schenken, oder sie bezieht sich auf die Erhoehung der Bevoelkerung,
+welche durch Einwanderung erfolgte. Die Russen fuhren fort, wie sie
+angefangen hatten; waeren die Kamtschadalen noch die alten gewesen, die
+mit solcher Umsicht und Thatkraft den Aufstand von 1731 ausfuehrten, sie
+haetten von Neuem gegen das Joch anzukaempfen versucht, was bis auf jene
+ohnmaechtigen Aufstaende, welche gegen die Peiniger sich oertlich erhoben,
+nicht weiter geschah. Jener Krieg hatte sie eben gebrochen. Und so
+erlagen sie denn gaenzlich, als zuerst 1767 jene Epidemien ausbrachen,
+die wir schon geschildert haben.
+
+Abgesehen von Krieg und Seuchen hat ihnen der Pelzhandel unendlich
+geschadet. Krusenstern (3, 52-53) erzaehlt, dass die Agenten der
+amerikanischen Compagnie und die russischen Haendler im Lande
+umherziehen, die einzelnen, mit denen sie handeln wollen, mit Branntwein
+voellig trunken machen, was ihnen bei der Leidenschaft der Kamtschadalen
+fuer den Trunk gar nicht schwer wird, und dann den ganzen Vorrath von
+Pelz, den jene besitzen, den Besinnungslosen abnehmen, um sich fuer "die
+Menge des getrunkenen Branntweins bezahlt zu machen." So verliert der
+Unglueckliche, faehrt Krusenstern fort, den Lohn monatelanger Muehe, statt
+sich zum Leben nuetzliche und noethige Dinge kaufen zu koennen, in einem
+Rausche. "Groesseres Elend (S. 54) ist auch mit Niederdrueckung seines
+Geistes verknuepft, welche einen aeusserst schaedlichen Einfluss auf seinen
+ohnehin schon siechen Koerper haben muss, da dieser zuletzt bei
+gaenzlichem Mangel an substantieller Nahrung und jeder medizinischen
+Huelfe beraubt solchen harten Stoessen nicht lange widerstehen kann. Dies
+scheint mir die wahre Ursache ihrer jaehrlichen Abnahme und allmaehlichen
+gaenzlichen Ausrottung zu sein, welche durch epidemische Krankheiten, die
+sie haufenweise wegraffen, befoerdert wird."
+
+Auch auf friedlichem Wege wird ihre Zahl verringert: denn hier und auf
+den Aleuten sind sie mit den Russen vielfach durch Heirathen
+zusammengeschmolzen.
+
+Allein auch auf den Aleuten haben sich die Russen meist nur feindselig
+gezeigt. Namentlich sind es die russischen Wildjaeger (Promyschlenniks,
+welche von 1760-90 die Inseln beherrschten, Waitz 3, 313), die sich
+durch wueste Grausamkeit auszeichnen. "Sie pflegten nicht selten Menschen
+dicht zusammenzustellen und zu versuchen, durch wie viele die Kugel
+ihrer gezogenen Buechse hindurchdringen koenne", sagt Sauer (aus dem
+Tagebuch eines russischen Offiziers, das er in den Anhaengen an seine
+Reise mittheilt) bei Chamisso 177. Dazu kommt noch die sklavische
+Knechtung, in welcher Kamtschadalen und Aleuten von den Russen gehalten
+werden (Chamisso 177 und Langsdorff): wie denn z.B. die Haelfte der
+gesammten maennlichen Bevoelkerung von 18-50 Jahren das ganze Jahr
+hindurch unentgeltlich von ihnen in Anspruch genommen wird (Kittlitz 1,
+295). Daher hat Waitz ganz Recht, wenn er die Nachrichten ueber das
+milde Verfahren der Russen nicht eben hoch anschlaegt (3, 313-14). Nach
+den Schilderungen von Chamisso, der hier mit Kotzebue (1, 167--68) ganz
+uebereinstimmt, sind sie jetzt ein traeges auch in seiner Freude truebes
+und theilnahmloses Volk (Cham. 177), wozu sie in Folge des
+unaufhoerlichen Drucks geworden sind. Einzelne sollen sich, aehnlich wie
+die "wilden Maenner" von Tahiti, in die Berge gefluechtet haben und dort
+ein kuemmerliches Leben fristen (Chamisso 177).
+
+Von der Inselwelt des stillen Ozeans kamen die Europaeer zuerst in
+dauernde Beruehrung mit den Marianen, wo die Spanier, als sie 1668
+landeten eine sehr bedeutende Bevoelkerung (100,000 ist nicht
+uebertrieben, wie wir schon sahen) auf der ganzen Kette vertheilt
+fanden--und um 1710 war nur noch Guaham, die suedlichste und groesste
+Insel bewohnt, die anderen veroedet. Der Krieg, welchen namentlich
+Quiroga mit blutiger Tapferkeit fuehrte, und der ueber 30 Jahre dauerte,
+zahlreiche Epidemien, Verpflanzung der Eingeborenen von einem Distrikt
+zum anderen (welches Mittel auch in Amerika die verheerendsten Folgen
+hatte) trugen zu dieser Vernichtung das ihrige bei. Aber wenn auch nach
+den Berichten, die wir haben und die ganz, wie le Gobien und Freycinet,
+auf spanischen Quellen beruhen oder Erzaehlungen der bei der spanischen
+Unterwerfung thaetigen Jesuiten sind wie die Berichte im "neuen Weltbott"
+(einer Missionzeitung a.d. Anfange des vorigen Jahrhunderts); wenn auch
+nach diesen Quellen die Spanier nicht mit der empoerenden Grausamkeit
+verfuhren wie in Amerika: so ist es doch auffallend, dass wir ganz
+dieselben Erscheinungen hier wie dort nach ihrem Auftreten finden,
+wildeste Verzweiflung der Eingeborenen--welche hier wie dort anfangs den
+Spaniern sehr freundlich entgegenkamen--massenhaftes Auswandern
+derselben, zahllosen Selbstmord, kuenstliche Fehlgeburt oder Ermordung
+der Kinder bei der Geburt und schliesslich und sehr bald totale
+Entvoelkerung der Inseln, welche fuer Guaham nur durch zahlreiche
+Einfuehrung philippinischer Tagalen verhuetet ist. Wahrscheinlich hausten
+also hier die Spanier mit derselben rohen Bedrueckung und wilden
+Grausamkeit, welche sie ueberall zum Fluch der neuentdeckten Laender
+machte, nur dass hier, ganz aehnlich wie ueber das ebenso rasch
+entvoelkerte Honduras (Waitz 4, 280), unsere Quellen schweigen, oder nur
+parteiisch und einseitig berichten. Sicher wird man aus dem Aussterben
+der marianischen Bevoelkerung keinen Schluss ziehen koennen zu Gunsten der
+Ansicht, dass die Naturvoelker, weil sie von schlechterer Organisation
+seien, den Weissen erlaegen.
+
+Polynesien ist 3 Jahrhunderte spaeter entdeckt worden als Amerika, eins
+spaeter als die Marianen; so sehen wir denn hier die kultivirte
+Menschheit anders als bisher. Zwar zeigen die frueheren Durchsegler des
+Ozeans, die Spanier, Dampier, Roggeween, dieselbe Rohheit den
+Naturvoelkern gegenueber wie alle ihre Zeitgenossen; allein im Ganzen ist
+man hier milder aufgetreten als sonst, wozu ausser dem kleineren Terrain
+wie der geringeren Zahl, in welcher die Europaeer demgemaess auftreten,
+der Hauptgrund das Jahrhundert ist, in welchem man die meisten dieser
+Inseln entdeckte. War es doch die Zeit des Philanthropismus und glaubte
+man doch die ertraeumten Ideale von menschlicher Glueckseligkeit, wie z.B.
+Rousseau sie in Europa entwarf, hier im Leben der Suedseeinsulaner
+verwirklicht zu finden; ein Umstand, der fuer die Art, wie man den
+Polynesiern entgegentrat, von grosser Bedeutung war. Und noch, wichtiger
+war es, dass gleich nach der Entdeckung zu ihnen Missionaere der
+protestantischen Kirche, denen es nicht auf Ausbreitung des christlichen
+Namens und der aeusseren Gebraeuche, sondern da sie selbst im tiefsten
+Herzen wahre Christen waren, auf die Emporhebung und Foerderung der
+Eingeborenen ankam. So steht der treffliche Wilson, der erste Missionaer
+der Suedsee (1795), an der Spitze einer Reihe von Ehrenmaennern, die, wenn
+auch hin und wieder selbst nicht frei von menschlichen Schwaechen, auf
+das Wohlgemeinteste fuer diese Voelker sorgten.
+
+Allein weder sie noch der fortgeschrittene Geist der Jahrhunderte
+konnten auch hier die boesen Wirkungen der Kultur und ihrer Traeger
+abwehren. Eine Reihe einzelner Brutalitaeten, deren Helden meist
+Schiffskapitaene und ihre Matrosen sind, kamen auch hier vor, welche
+allerdings bei der geringen Anzahl der Einwohner fuer die einzelnen
+Inseln gefaehrlich genug sein konnten und z.B. fuer Waihu verderblich
+gewesen sind (Moerenhout 2, 278-79, der Genaueres und die Quellen gibt).
+
+Aber auf die Dauer gefaehrlich wurden die Europaeer durch die
+Verbrecherkolonien, welche sie in der Suedsee (Neuholland, Tasmanien und
+sonst) anlegten. Denn eine Menge der deportirten Verbrecher entwichen
+und indem sie sich auf verschiedenen Inseln des Ozeans umhertrieben oder
+auf einzelnen festsetzten, schleppten sie ausser Krankheiten eine Menge
+Laster ein oder reizten, was oft genug vorgekommen ist, die Eingeborenen
+zum Krieg gegen die ankommenden Weissen, der meist den Eingeborenen
+verderblich wurde; oder zum Widerstand gegen die Missionaere, der ihnen
+nach anderer Seite hin schadete.
+
+Ausserdem wird die Suedsee durchkreuzt von einer Menge von Walern, welche
+oft ziemlich lange Rast auf den einzelnen Inseln halten und deren
+Mannschaft sehr oft aus dem Abschaum aller Voelker zusammenfliesst. Auch
+sie wirkten auf gleiche Weise ausserordentlich unheilvoll. Fuer Hawaii
+allein schlaegt Virgin (1, 269) die Zahl derselben auf jaehrlich 15-20,000
+an und er erwaehnt auch, wie die Syphilis durch sie fortwaehrend neue
+Nahrung bekommt. Diesen Walern und ihrem entsittlichenden Einfluss
+schreibt auch Gulick die Abnahme der Bevoelkerung von Kusaie, von der
+oben die Rede war, zu.
+
+Ferner hat hier die Feindseligkeit, mit welcher die nicht geistlichen
+Europaeer den Missionaeren, meist aus Gewinn- oder Genusssucht,
+entgegentraten (genauere Belege bei Meinicke b und Lutteroth) ganz
+besonders nachtheiligen Einfluss ausgeuebt; und nicht minder der Streit,
+welchen die katholische Kirche in der Suedsee mit den evangelischen
+Missionaeren anfing. Frankreich war es, welches als "Werkzeug der
+Propaganda" (Lutteroth 164) in diesem Theil der Welt auftrat und die Art
+und Weise, wie es das gethan hat, war keineswegs im Interesse der
+Polynesier. Erstaunt man schon ueber die Orgien, welche seine Vertreter
+veruebten--so Dumont d'Urville auf Nukuhiva (4, 5, ff.), Laplace und die
+Mannschaft der Artemise auf Tahiti (Lutteroth 167), so erstaunt man noch
+mehr ueber die Unbefangenheit, mit welcher die franzoesischen
+Schriftsteller ueber diese schmachvollen Vorgaenge als etwas ganz
+Selbstverstaendliches reden. Will man die Eingeborenen dieser Inseln
+heben, so muss man ihr Selbstgefuehl zu foerdern suchen, man muss, indem
+man die Laster, die ihnen so viel geschadet haben, unterdrueckt, auf ihre
+guten Seiten belebend und kraeftigend einwirken: von allem aber hat die
+franzoesische Okkupation der Insel Tahiti nur das Gegentheil bewirkt und
+wie man aus der brutalen Art schliessen kann, mit der sie verfuhr, auch
+gewollt. Wenigstens geht aus allem hervor, dass die Einwanderer die
+Eingeborenen hier nicht hoeher schaetzten, als einst die Spanier oder
+Englaender die Amerikaner. In Neuseeland, wo die Englaender fest sich
+niedergelassen und denselben Racenhochmuth gegen die Eingeborenen
+gezeigt haben, hat ausser diesem letzteren und anderem schon erwaehnten
+namentlich der massenhafte Landverkauf schaedlich gewirkt, auf welchen
+die Neuseelaender, ohne recht zu wissen, warum es sich handele, eingingen
+und wobei sie oft genug--so namentlich von der Neuseelandcompagnie--sich
+betrogen sahen. Sie geriethen durch den Mangel an Land in grosse Noth,
+durch den Betrug aber in grosse Wuth und die Kriege, welche noch bis vor
+kurzem gefuehrt wurden, beruhen wesentlich auf diesen Gruenden
+(Hochstetter 483-97). Durch alles dies, die Kriege nicht in letzter
+Reihe, ist natuerlich das Emporkommen der Eingeborenen sehr gehindert.
+
+In Melanesien haben namentlich die Sandelholzhaendler, meist englische
+oder amerikanische Capitaene, der Bevoelkerung geschadet, da sie, um zu
+ihrer Waare zu kommen, oft die gewaltsamsten und scheusslichsten Mittel
+anwenden. Sie schlagen das Sandelholz nieder, wo sie es finden: daher
+sie haeufig in Streit mit den Eingeborenen gerathen. Und in einem solchen
+Kampfe auf Tanna kam es vor, dass, als die Eingeborenen in eine Hoehle im
+Gebirge flohen, die nachfolgenden Matrosen vor derselben ein Feuer
+anzuendeten und durch den Rauch alle in der Hoehle befindlichen
+umbrachten! Auch rauben sie zu ihren Arbeiten Eingeborene der Inseln und
+schleppen sie mit sich fort, welche dann haeufig dem Heimweh und der
+Ueberbuerdung mit Arbeit erliegen (Turner 493 vergl. 464). Auf allen
+Inseln Melanesiens sind sie gleichmaessig gefuerchtet (Cheyne).
+
+Meinicke (a 2, 217) haelt die Neuhollaender fuer einen der Kultur absolut
+unzugaenglichen Menschenstamm. Andere Schriftsteller haben auch
+behauptet, ein friedliches Auskommen mit ihnen sei ganz unmoeglich.
+Allein die Englaender haben sich nie die Muehe gegeben, auch nur in ein
+ertraegliches Verhaeltniss mit ihnen zu kommen: und dass dies sehr leicht
+gewesen waere, beweisen zunaechst einzelne Beispiele (Waitz 1 184 ff.),
+wie vor allen das Greys, der ueberall friedlich mit ihnen fertig geworden
+ist, dann aber geht es aus dem ganzen Betragen der Eingebornen hervor,
+die eher scheu als kriegerisch, im Anfang den Weissen freundlich
+entgegen kamen, ja sogar ihre Niederlassung im eignen Gebiet wuenschten
+(Grey 2, 234-35). Auch Meinicke, der wahrlich nicht fuer die Neuhollaender
+Partei nimmt, gibt das zu (a 2, 214). Ihre vielfach behauptete wilde
+Blutgier ist nichts als Fabel--wohl aus dem naheliegenden Grund
+erfunden, um nun gegen sie desto ruecksichtsloser zu verfahren. Und das
+ist reichlich geschehen. Zunaechst machte man ihr Land vornehmlich zum
+Deportationsort von Verbrechern; Neu-Sued-Wales war Verbrecherkolonie bis
+1843: Westaustralien, das nach Grey's Zeugniss 2, 364 hoeher stand als
+der Osten des Continents, weil es keine Verbrecherkolonie war, ist es
+neuerdings geworden (Waitz 1, 185) und dass die Ureinwohner die hoehere
+Kultur, welche durch diese Straeflinge und ihre Frevelthaten sich
+zunaechst bei ihnen ankuendigte, "strenge von sich abwiesen" (Meinicke 2,
+217): sollte ihnen das nicht eher zum Lobe gereichen? Sodann hat die
+englische Krone die Rechte der Eingeborenen an ihr Land nie anerkannt;
+sie hat genommen was sie wollte, und als dann die Eingeborenen in Folge
+von Nahrungs-und Landmangel zu Bettlern und Raeubern geworden waren, hat
+man hierin ein Zeichen ihrer Unverbesserlichkeit durch die Kultur
+gesehen und sie mit allen Mitteln verfolgt. Spaeter freilich, und auch
+dies erst in Folge der schreiendsten Misshandlungen durch die Weissen,
+hat man sie unter die englischen Gesetze gestellt, allein diese wirken
+wenig zu ihren Gunsten (Grey 2, 368). Denn abgesehen davon, dass die
+Eingeborenen so gut wie gar nicht zeugnissfaehig vor Gericht sind, so
+werden auch die Gesetze meist nur da angewandt, wo sie gegen dieselben,
+nicht wo sie zu ihren Gunsten sprechen; ihre Verbrechen an den Weissen
+werden gestraft, nicht aber umgekehrt die der Weissen an ihnen, und
+letztere Verbrechen sind viel zahlreicher. 1838 weigerten sich die
+Geschworenen eine Anzahl Weisser zu verurtheilen, welche 28 Eingeborene
+ganz ohne Grund abgeschlachtet hatten (Waitz 1, 184). Man schiesst
+(Breton 200) die Eingeborenen oefters zum Vergnuegen nieder, da sie in
+den Augen der Kolonisten nicht hoeher stehen, wie etwa der Orang Utang.
+Ja man hat sie an verschiedenen Orten schaarenweise vergiftet (Eyre
+Journal of expedd. into Central-Austral. 1845 2, 176 Note: Waitz 186);
+nach Byrne (12 years wanderings in the british colonies 1848 1, 275,
+Waitz eb.) ist das an vielen Gegenden von Neu-Sued-Wales durch Arsenik
+geschehen und man hat sich laut und oeffentlich dieser That geruehmt.
+
+Natuerlich ist fuer ihre Emporhebung so gut wie nichts geschehen; denn was
+wollen die edeln Bemuehungen einzelner Maenner, wie der Missionaere, sagen,
+wenn das ganze Volk der Kolonisten anders handelt? Grey (2, 364 ff.)
+stellt zusammen, worin man an ihnen gefehlt hat: man betrachtet sie als
+niedere Race und behandelt sie deshalb mit dem groessten Vorurtheil und
+der groessten Willkuehr. Werden sie zur Arbeit gedungen, so zahlt man
+ihnen oft fast nichts, immer aber weit geringeren Lohn als den
+Europaeern. Natuerlich schweifen sie lieber bettelnd umher. Sie unter
+englischen Rechtsschutz zu stellen war wohlgemeint: allein man haette die
+englischen Gesetze auch auf das Unrecht, was sie einander selbst thun,
+anwenden sollen, waehrend jetzt (Grey gibt Beispiele aus Perth) die
+Europaeer ruhig zusehen, wenn Eingeborene von Eingeborenen ermordet
+werden; man hat durch diese Art der Einfuehrung des englischen Rechts
+nichts erreicht, als dass die aelteren Eingeborenen die juengeren durch
+grausame Behandlung von der Annahme neuer Sitten abschrecken (Grey 2,
+376). Es ist nach alledem kein Wunder, wenn sie sich von der Kultur, die
+sie so namenlos elend gemacht hat und fortfaehrt, sie als wilde Thiere zu
+behandeln, streng abwenden, obwohl sie geschickt genug sind, sie unter
+sich aufzunehmen und sich hoeher zu entwickeln (Grey 2, 374). Grey selbst
+erzaehlt einen Fall (2, 369), dass ein europaeisch unterrichteter
+Eingeborener, der manche Faehigkeiten sich erworben hatte, wieder
+zurueckkehrte zu den uncivilisirten Seinen, in die wilden Waelder.
+Wollen wir ihn tadeln, dass er nicht lieber, wie es in Prutzs
+geistreichem-Lustspiel von aehnlichen Verhaeltnissen heisst,
+
+ Ein Lump auf Griechisch ist, als ein honetter Tektosage?
+
+Bei den Seinen hatte er Familie, Ehre, Vermoegen; in der Kolonie war er
+verachtet, ehrlos, arm. "Ich haette ebenso gehandelt", sagt Grey.
+
+Aus allem Angefuehrten geht hervor, dass es sehr unrecht ist, wenn man
+aus der Feindseligkeit der Neuhollaender gegen die Kultur schliesst, sie
+seien ueberhaupt jeglicher hoeheren Bildung unfaehig. Nicht sie haben die
+Kultur, die Kultur hat sie von sich gestossen.
+
+Die Eingeborenen Tasmaniens, welche noch friedfertiger waren als die
+Neuhollaender, sind schon vernichtet. Auch hier war eine
+Verbrecherkolonie und was fuer Fruechte sie den Eingeborenen trug, zeigt
+folgende Geschichte: ein Straefling ueberredete einen Eingeborenen, dem er
+eine geladene Flinte gab, wenn er dieselbe in sein Ohr losdruecke, so
+wuerde er eine sehr angenehme Empfindung haben. Er machte ihm, was er zu
+thun habe, mit einer ungeladenen Flinte vor; worauf natuerlich der
+Eingeborene sich erschoss (Holman a voyage round the world [1827-1832]
+4, 403). Auch sonst wurden sie, wie offiziell festgestellt ist, aufs
+schmaehlichste, wie wilde Thiere behandelt. Gleich bei der ersten
+Ansiedelung schoss ein Offizier zum Vergnuegen mit Kartaetschen unter die
+friedlichen Eingeborenen (Bischof, Sketch of the hist. of V. Diemensl.
+204); andere Schandthaten gleicher Art kamen haeufig vor und erst seit
+1810, sieben Jahre nach der Kolonisation ward festgestellt, dass die
+Ermordung eines Eingeborenen als Mord gelten und bestraft werden sollte
+(Hobarttown Almanak for the year 1830, 201). So erhoben sich endlich
+(1826) die erbitterten Eingeborenen zu einem Krieg auf Leben und Tod, in
+welchem sie gefaehrlich genug wurden, schliesslich aber--war doch auf das
+Einfangen eines Erwachsenen 5 Pfund, auf das eines Kindes 2 Pfund als
+Preis gesetzt (Van Diemensland Almanak for the year 1831 p.
+161)--schliesslich unterlagen sie. Darwin, welcher auch der Meinung ist,
+dass ihre Vernichtung in dem "schaendlichen Betragen" der Englaender ihren
+Grund hatte, vergleicht den Krieg gegen sie mit einer der grossen
+ostindischen Jagden (2, 226). Besiegt wurden sie nach Flinders Insel
+deportirt (Darwin a.a.O.); 1848 verpflanzte man sie nach Oyster Cove im
+Canal d'Entrecasteaux und jetzt werden sie wohl, vor dem Hauche einer
+solchen Kultur, ganz ausgestorben sein (Melville the present state of
+Australia 1851 370, Nixon 18). 1815 betrug ihre Zahl noch 5000, 1835
+(nach dem Kriege) noch 111, 1847 waren noch 13 Maenner, 22 Weiber und 10
+Kinder uebrig; 1854 waren, nachdem 29 gestorben und kein Kind weiter
+geboren war, noch 16 uebrig (Petermann 1856, 441 nach dem Blaubuch).
+Nirgends fand Darwin die Vermehrung eines civilisirten ueber ein
+uncivilisirtes Volk auffallender wie hier: nirgends aber ist auch die
+Vernichtung der Eingeborenen roher und ruecksichtsloser betrieben, als in
+Tasmanien (Bischof, Sketch of the hist. of V. Diemensland 1832,
+appendix); wobei wohl in Anschlag zu bringen ist, dass alle diese
+Scheusslichkeiten im 19. Jahrhundert ausgeuebt sind.
+
+
+
+
+Sec. 18. Geographische Vertheilung der einzelnen Gruende fuer das Aussterben
+der Naturvoelker. Vergleichung dieser Gruende in Bezug auf ihr Gewicht.
+
+
+Sorglosigkeit der Voelker also gegen sich, in leiblicher und geistiger
+Beziehung: ihre Ausschweifungen, so wie der geringe Werth, welchen sie
+dem Menschenleben geben; Druck der einheimischen Fuersten; dann ihr
+leibliches und geistiges Verkommen durch die nothwendigen Einwirkungen
+einer uebermaechtigen und von ihnen nur theilweise angenommenen Kultur, so
+wie endlich die Mittel, welche die Kulturvoelker theils aus Rohheit,
+theils mit der Absicht gegen sie anwandten, sie auszurotten: diese
+Gruende waren es, welche wir bisher als Schuld an ihrem Aussterben
+bezeichneten. Natuerlich haben diese Gruende, wie wir schon sahen, nicht
+alle ueberall Geltung und es wird noethig sein, dass wir sie, inwiefern
+sie bei den einzelnen Voelkern wirksam waren, hier kurz zusammenstellen.
+
+In Tasmanien ist die Bevoelkerung lediglich in Folge des englischen
+Vernichtungskrieges gegen sie zu Grunde gegangen. Gleichfalls nur dem
+Einfluss der Europaeer und zwar der Spanier erlegen sind die Bewohner der
+Marianen und der Antillen: allerdings haben hier die Seuchen, welche im
+Gefolge der Europaeer ausbrachen, den Weissen die Blutarbeit wesentlich
+erleichtert: allerdings hat die tiefe Niedergeschlagenheit, welche sich
+der Eingeborenen bemaechtigte, wesentlich diese Krankheiten und das
+Aussterben befoerdert. Aber beides, Krankheiten und Melancholie, waren
+erst durch das Auftreten der Europaeer hervorgerufen; und gesetzt auch,
+die Seuchen haetten diese Voelker ohne die Europaeer ueberfallen, so wuerden
+sie dieselben wohl ueberwunden haben, wie ja auch die Bevoelkerung Mexikos
+das schwarze Erbrechen, welches schon vor Ankunft der Spanier in
+verheerender Weise wuethete, siegreich ohne bleibenden Nachtheil
+ueberstanden hat.
+
+Den Europaeern allein ist ferner das Verderben der Mexikaner und Peruaner
+zuzuschreiben: nur dass sie am Anfang unterstuetzt wurden von
+verschiedenen eingeborenen Staemmen und Voelkern, welche mit dem Hauptland
+in Feindschaft waren, bis auch diese nach und nach der europaeischen
+Bedrueckung erlagen.
+
+Der schlimme Einfluss der Weissen und die Seuchen, welche sie brachten,
+war es denn auch vornehmlich, welcher die Neuhollaender aufrieb, aber
+keineswegs dieser allein. Bei ihnen ist zweitens die schlechte
+Lebensweise, die dadurch veranlasste Unfruchtbarkeit der Weiber und
+Sterblichkeit der Kinder von sehr bedeutendem Einfluss, so wie drittens
+der Kindermord und viertens die mannigfachen Kriege und Feindseligkeiten
+der Staemme untereinander mit in Anschlag zu bringen sind. Die
+Ausschweifungen, die sich bei ihnen finden--den Trunk haben erst die
+Weissen gebracht--sind zu wenig verbreitet, als dass sie ins Gewicht
+fallen koennten.
+
+Auch die roheren Voelker Nord- und Suedamerikas wuerden wir wohl noch in
+derselben Anzahl jetzt vorfinden, wie vor 300 Jahren, wenn der Einfluss
+der Europaeer, der als Hauptgrund auch fuer ihr Aussterben anzusehen ist,
+nicht gewesen waere. Neben der Wirkung der europaeischen Waffen und
+Getraenke waren von schlimmstem Einfluss die Seuchen, welche von den
+Weissen (wie wir sahen oft mit der schaendlichsten Bosheit) eingeschleppt
+wurden, dann aber auch, ausser den direkten Vernichtungskriegen, das
+geistige und leibliche Verkommen der Eingeborenen in Folge der ploetzlich
+eingefuehrten Kultur und vor allen die tiefe Niedergeschlagenheit, welche
+sich der Indianer, als sie ihre Ohnmacht sahen und sahen, wie sie
+rechtlos zertreten wurden, bemaechtigte und die bei ihrer schon
+vorzugsweise melancholischen Natur doppelt gefaehrlich wirkte. Dazu
+kommen nun noch als gleichfalls sehr wichtige Faktoren zweitens die
+heftigen Kriege, die sie untereinander fuehrten, drittens die in Folge
+der Lebensweise geringere Fruchtbarkeit der Weiber und viertens in
+Suedamerika (in Nordamerika war beides zu wenig verbreitet) der
+Kindermord, die Ausschweifungen, namentlich der Trunk.
+
+Und hier muessen wir auf jene schon oben (S. 11) erwaehnte Beobachtung
+Tschudis zurueckkommen, dass amerikanische Voelker, nach einem sehr
+verheerenden Krieg, nach einer sehr schlimmen Epidemie sich nie wieder
+zu ihrer frueheren Kraft erhoeben, sondern hoechstens in diesem reducirten
+Zustand ein elendes Leben weiter fristeten. Diese betruebende Erscheinung
+ist leider nur allzunatuerlich. Denn wie ein menschlicher Organismus, der
+sich von einer furchtbaren Krankheit erholt, nur durch lange und
+sorgsame Pflege seine fruehere Kraft wieder zu gewinnen im Stande ist:
+eben so ist es der Fall bei ganzen Voelkern. Durch das von uns
+geschilderte mannigfache Elend aber, in welchem diese Staemme sich auch
+sonst noch befinden, werden alle ihre Kraefte schon auf die Erhaltung des
+Lebens, wie es nun einmal ist, absorbirt und es bleibt kein Ueberschuss
+uebrig fuer Wiederherstellung des Verlorenen oder Verletzten. Auch wird
+durch solche furchtbare Schicksale die Lebenskraft selbst schwer
+verletzt, indem bei so massenhaftem Elend nothwendig laehmende
+Melancholie oder Apathie eintritt.
+
+Die Fruchtbarkeit der Weiber, ja auch der Zeugungstrieb der Maenner wird
+durch den steten Druck der Sorge und Noth, der fast noch schwerer auf
+der Seele ruht als auf dem Leib, wesentlich beeintraechtigt; und ein
+Schlag, den diese Voelker, wenn sie sich in besserer, hoffnungsvollerer
+Lage befaenden, mehr oder minder leicht ueberwinden wuerden, muss jetzt
+nothwendig hoechst gefaehrlich, ja toedtlich auf sie wirken. Schaffte man
+das Elend, das leiblich und geistig auf ihnen lastet, weg--wozu indess
+ebenso viel Umsicht und Energie als Ausdauer und Zeit gehoerte--so wuerden
+auch solche reducirten Voelker sich heben und mit den Jahren, die man
+nicht allzu kaerglich bemessen duerfte, das werden, woran die
+suedamerikanischen Staaten denn doch keinen allzugrossen Ueberfluss
+haben: brauchbare und zuverlaessige Buerger. Die Indianerstaemme, welche
+man jetzt in den Waeldern verkommen laesst oder gar absichtlich mordet und
+ausrottet, sind ein Capital, was bei vernuenftiger Behandlung fuer die
+Zukunft reichlich Zinsen tragen wuerde und was man jetzt muthwillig und
+absichtlich vergeudet.
+
+Die Hottentotten sind gleichfalls hauptsaechlich der feindseligen
+Ausrottung durch Hollaender und Englaender erlegen: allein ihre Macht war,
+wie es scheint, schon durch fruehere Kriege mit den umwohnenden Voelkern
+gebrochen. Ihre elende Lebensart, Seuchen u.s.w. foerdern ihr Aussterben
+maechtig.
+
+Die Kamtschadalen und Aleuten sind den Vernichtungskriegen oder der
+muthwilligen Ausrottung durch die Russen, sowie den von ihnen
+eingeschleppten Seuchen erlegen: zweitens aber wirkten gleichfalls sehr
+die Ausschweifungen (in geschlechtlicher Hinsicht und durch den Trunk),
+denen sie ergeben waren. Sie waren durch dieselben entnervt und deshalb
+zum Widerstand nicht mehr stark genug.
+
+Die Polynesier dagegen haben sich wesentlich selbst zu Grunde gerichtet,
+zunaechst durch ihre unsinnigen geschlechtlichen Ausschweifungen (Tahiti,
+Hawaii); sodann durch den bei ihnen so furchtbar verbreiteten
+Kindermord, drittens durch die blutigen und verheerenden Kriege, die sie
+untereinander fuehrten, viertens durch die sinnlose Bedrueckung, welche
+die Herrschenden ueber die Beherrschten ausuebten und endlich fuenftens
+durch den geringen Werth, in welchem bei ihnen das Menschenleben stand.
+Sie waren schon im Aussterben begriffen, als die Kultur zu ihnen kam,
+und diese hat nur--einzelne Voelker, wo ihre Traeger groessere Schuld auf
+sich luden, abgerechnet--durch die physische und psychische Erregung,
+die sie bringen musste und wodurch ein sechster Grund fuer ihr
+Hinschwinden dazu kommt, das Uebel, welches diese Voelker wie ein
+schleichendes Gift durchdrungen hatte, zum rascheren Ausbruch und
+schnelleren Verlauf gebracht.
+
+Fragen wir nun, welche von allen diesen Ursachen war die verderblichste,
+so liegt gleich auf der Hand, dass dies das feindselige Auftreten der
+Weissen war, wie es ja auch bei fast allen Naturvoelkern gleichmaessig
+gewirkt hat und moechten wir die Angriffe auf das psychische Leben der
+Naturvoelker fast fuer verderblicher halten, als das Losstuermen auf ihre
+physische Existenz. Letzteres hat akuter gewirkt und laesst sich mit der
+Verwundung eines Organismus vergleichen: jene brachten, wie eine totale
+Vergiftung, ein zwar langsameres, aber viel tieferes, schwerer zu
+heilendes und weit allgemeineres Unheil hervor. Aber auch die Europaeer,
+trotz der Mittel, die sie anwandten, trotz der grossen Uebermacht ihrer
+Kultur, haben eine totale Ausrottung nur auf eng abgegrenzten Bezirken
+bewirkt, auf kleinen Inseln, auf Tasmanien, den Marianen, den Antillen:
+auf groesseren Gebieten reicht ihre Wirksamkeit nicht so weit, trotzdem
+sie hier noch manches andere unterstuetzt hat. Die leichte
+Empfaenglichkeit der Naturvoelker muessen wir, sowohl was Kraft der
+Wirkung, als auch was weite Ausdehnung derselben angeht, an zweiter
+Stelle erwaehnen. Die Krankheiten, welche scheinbar spontan bei der
+Beruehrung der Naturvoelker und der Weissen entstanden, so wie die,
+welche von letzteren zu ersteren eingeschleppt wurden, haben im
+Durchschnitt gewiss ein Drittel, wenn nicht mehr, der Eingeborenen
+Amerikas, Afrikas und des stillen Ozeans dahingerafft.
+
+Die dritte Stufe in dieser Reihenfolge der Verderblichkeit geben wir den
+Ausschweifungen. Allerdings haben sie minder allgemein geschadet als
+jenes Niedergeschmettert- oder Inficirtwerden von aussen her; aber fuer
+die menschliche Natur sind sie noch gefaehrlicher, weil sie die innersten
+Lebensnerven zerstoeren und wo sie wirksam sind, keine Rettung durch
+Flucht oder durch Besiegung des Feindes moeglich ist. Wir sahen die
+Polynesier, ein so glaenzend begabtes Volk, verkommen, trotzdem dass
+ihrer sich die Kultur im Wesentlichen freundlich angenommen hat: sie
+waren im Innersten angefressen durch die Ausschweifungen, denen sie sich
+hingegeben hatten und sie waeren auch ohne Beruehrung mit den Weissen und
+nach und nach immer rascher durch ihre eigenen Laster zu Grunde
+gegangen. Die Betrachtung der Polynesier lehrt uns die Gefahr der
+Ausschweifungen fuer ganze Voelker erst richtig ermessen.
+
+Viertens muss der Kindermord genannt werden, welcher vor allen Dingen in
+Polynesien und in Suedamerika heimisch war, so wie ueberhaupt der geringe
+Werth, welchen man dem Menschenleben beimisst. Dass aber letzteres
+allein ein Volk nicht wesentlich zurueckbringt, beweist das Beispiel des
+Fidschiarchipels. Nirgends wird durch Menschenopfer, Krieg,
+Kannibalismus u. dergl. mehr Blut vergossen und Leben verschwendet als
+hier; und dennoch gehoeren diese Inseln zu den bevoelkertsten der Suedsee
+und ein Aussterben wird auf ihnen nicht bemerkt.
+
+Die Kriege haben zwar mancherlei Schwankungen unter den Naturvoelkern
+herbeigefuehrt, auch wohl einzelne Staemme ganz aufgerieben, aber doch
+nirgends so gewirkt, dass wir sie in erster Reihe aufzufuehren haetten.
+Ebenso ist es mit der elenden Lebensweise der meisten dieser Voelker,
+welche zwar ihr froehliches und kraeftiges Gedeihen hindern konnte,
+nirgends aber, so weit unser Material der Beobachtung reicht, eine
+voellige Vernichtung herbeigefuehrt haben. Bei alle den roheren Nationen
+fanden wir auch vor der Beruehrung mit den Europaeern die Kopfzahl nie
+sehr hoch und hierfuer war eben ihre wandernde und kaergliche Lebensart
+der Grund. Beides nun, das schlechte Leben und die verhaeltnissmaessig
+geringe Volksmenge unterstuetzen jedes andere ueber ein Volk
+hereinbrechende Uebel immer in so fern, als sie das Volk um so
+rueckhaltsloser und rascher unterliegen lassen. Und aehnlich ist es mit
+allen den uebrigen von uns angefuehrten Gruenden, die alle erst dann
+wirksam werden, wenn sie mit anderen verbunden auftreten.
+
+Hierher gehoeren auch die unvermeidlichen Folgen der zu rasch herein
+brechenden und nur halb angenommenen Kultur, welche wir in so mancher
+Beziehung fuer die Naturvoelker schaedlich fanden. Allein wohl nimmermehr
+waeren diesen Folgen, den Veraenderungen im leiblichen und geistigen
+Leben, der gewaltigen geistigen Anstrengung, welche die Kultur
+verlangte, diese Voelker erlegen, wenn nicht andere Ursachen hierfuer
+wirksam waren, zu denen dann freilich sich auch jene Folgen der Kultur
+als wirksamer sekundaerer Grund hinzugesellten. Haette sich die Annaeherung
+der Kultur, wenn auch rasch, aber friedlich vollzogen; haette sie gesunde
+Voelker getroffen, so wuerde bei diesen, aehnlich wie bei den alten
+Germanen, eine Zeit des Stillstandes eingetreten, dann aber ein neues
+kraeftiges Leben erblueht sein. Wo die Verhaeltnisse nur annaehernd normal
+waren, finden wir diesen Gang der Ereignisse, wie wir im Folgenden naeher
+betrachten werden.
+
+Aus dem Vorstehenden folgt ein wichtiges Gesetz: nie ist es eine Ursache
+allein, welche ein Volk vernichtet, sondern stets mehrere zusammen, von
+denen allerdings eine im Vordergrund stehen kann. Auch die Ausrottung
+der Marianer, Tasmanier und der antillischen Bevoelkerung bildet keine
+Ausnahme, da man hier die Begrenztheit des Terrains als zweiten Grund,
+in Tasmanien Charakter und Lebensart der Bewohner als dritten in
+Anschlag bringen muss. Wo nur eine der genannten Ursachen wirkt, oder
+auch mehrere der untergeordneten, da tritt, soweit jetzt menschliche
+Geschichte und Beobachtung reicht, kein Aussterben ein; so halten sich
+die Feuerlaender trotz ihres elenden Lebens: so bestehen die Fidschis
+weiter trotz der auch zu ihnen maechtig eingedrungenen Kultur, trotz der
+massenhaften Menschentoedtung; und so kann man dies weiter verfolgen.
+Diese Erscheinung ist anthropologisch bedeutsam, weil sie wie keine
+zweite die zaehe Lebensfaehigkeit der Menschheit und zugleich beweist,
+dass diese Lebenskraft in allen Zweigen des Menschengeschlechtes
+gleichmaessig vertheilt ist, ja bei den Naturvoelkern eher staerker, wie
+bei den kultivirten Nationen auftritt, welche letzteren, weil sie feiner
+organisirt sind als die unkultivirten Menschen, auch bei weitem weniger
+zu ertragen im Stande sind.
+
+Denn wenn wir fragen: sind die angefuehrten Ursachen stark genug, um das
+Hinschwinden ganzer Voelker zu veranlassen? so muessen wir antworten: sie
+sind es reichlich und im Uebermass, jede einzelne schon und nun gar
+mehrere vereint. Ist es nicht ein wahres Wunder, dass der Naturmensch in
+einem Lande wie Neuholland sich hielt, wo Europaeer trotz aller
+Ausruestungen meist so rettungslos verloren sind? Und noch dazu sich
+hielt in den ewigen Kriegen mit seines Gleichen, unter den unguenstigen
+Einfluessen der eigenen mangelhaften Kultur? oder der Polynesier auf
+seinen kleinen oft so unfruchtbaren Inseln inmitten des ungeheuersten
+aller Ozeane, und auch er ewigem Krieg und Kindermord und den
+entnervendsten Ausschweifungen unterworfen? Nicht ein Wunder, dass nach
+den furchtbaren Vernichtungskriegen durch die Weissen nicht eines dieser
+Voelker vollkommen vertilgt ist, ausser kleinen Staemmen? Gewiss, wenn
+wir dies alles ueberdenken, werden wir nicht von der Lebensunfaehigkeit
+der Naturvoelker, sondern vielmehr von ihrer ausserordentlichen
+Lebenskraft und Unverwuestlichkeit uns ueberzeugen muessen. Und so ist hier
+der Ort, auf die Frage zurueckzukommen, zu welcher wir durch Waitz
+veranlasst waren: sind wir wirklich zu dem Gestaendniss genoethigt, dass
+uns das Aussterben der Naturvoelker vollstaendig zu erklaeren noch nicht
+gelingt? Wir sind es nicht. Wenn man der Geschichte jedes einzelnen
+Volkes folgend fragt, wie kommt es, dass es dahin siecht und schwindet,
+wir werden immer vollkommen erschoepfend die Gruende erkennen, welche
+stets dem von uns zusammengestellten Kreis angehoeren werden. Diese
+erklaeren das Aussterben der Bevoelkerung so vollstaendig, dass zu irgend
+welchem Raethselhaften nicht der mindeste Platz bleibt, sobald man nur
+die einzelnen Gruende in ihrer physischen und psychischen Wirksamkeit
+sich mit genuegender Consequenz vor Augen fuehrt.
+
+Doch ist wohl zu beachten, dass auch die Unverwuestlichkeit dieser
+haerteren Voelker ihre Grenze hat. Wir sahen in Neuholland einen
+Menschenstamm, der von frueher besserem Zustand herabgesunken scheint;
+dasselbe ist der Fall mit Mikronesien und dem eigentlichen Polynesien,
+sowie mit den Hottentotten. Am weitesten vorgeschritten war der Verfall
+bei den Polynesiern: daher sie denn bei verhaeltnissmaessig leichtem
+Anstoss von aussen her rasch und viel unaufhaltsamer zusammenbrechen,
+als z.B. die Melanesier oder Hottentotten und andere Voelker. Dieser
+Verfall musste, wenn seine Ursachen, die Ausschweifungen, Kriege und
+Vergeudung der Menschenleben, wirksam blieb, immer rascher weiter gehen
+und so waren sie jedenfalls verloren--wenn sie nicht von aussen her
+gerettet wurden und das hat, so weit es noch moeglich war, die Kultur im
+Grossen und Ganzen gethan. Und moegen wir auch noch so sehr beklagen, wie
+die Europaeer sich den meisten Naturvoelkern gegenueber benommen haben: das
+muessen wir anerkennen, dass alle diese unkultivirten Voelker, wenn sie in
+ihrem Naturzustande noch Jahrhunderte weiterlebten, einem zwar sehr
+langsamen, aber sicheren Untergang, dessen Keime sie in sich selbst
+trugen, entgegengingen. Sie hatten sich keine Herrschaft ueber die sie
+umgebende Natur errungen: sie lebten ausschweifend, nur ihren Geluesten
+hingegeben, unregelmaessig, ohne Gedanken in die Zukunft, in gewaltigster
+Traegheit; Kriege, Rache u.s.w. waren bei ihnen feste Sitten; der
+Aberglaube, der so haeufig Menschenopfer verlangte, beherrschte sie ganz;
+ihr psychisches Leben war wenig, die intellektuelle Thaetigkeit nur nach
+praktischer Seite hin entwickelt. Diese Zuege ihres Wesens mussten aber
+im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende immer starrer und
+unueberwindlicher werden: und es ist keine Frage, dass sie ihnen einst,
+frueher oder spaeter, denn wer mag das Ende dieser Zeit bestimmen,
+erliegen mussten. Die Natur, in welcher sie lebten, bot kein erziehendes
+Moment von durchgreifender Macht; und haette sie es durch irgend welche
+Veraenderungen ihnen noch geboten, sie waren nicht mehr im Stande, es
+sich zu nutze zu machen, da sie durch und in Jahrtausende langer
+Gewoehnung erstarrt waren. Sollten diese Voelker also gerettet werden, so
+war ein ploetzlicher Anstoss, es war das Eingreifen der Kultur
+nothwendig; und obwohl dieselbe ihre Aufgabe so blutig geloest hat; so
+ist diese Nothwendigkeit doch ein Gedanke, der ueber das viele Blut und
+Elend, das sie oder vielmehr ihre Traeger schufen, einigermassen troestet.
+
+
+
+
+Sec. 19. Vergleichung der Natur- und Kulturvoelker in Bezug auf ihre
+Lebenskraft.
+
+
+Da sich nun aus allen diesen angefuehrten Gruenden das Aussterben der
+Naturvoelker vollkommen erklaert, ja da die Art ihrer Wirksamkeit uns erst
+recht die Lebenskraft des Menschengeschlechtes beweist: so faellt damit
+schon von selbst die Annahme, als ob die Naturvoelker "von der Natur zum
+Untergange bestimmt" geringer organisirt seien als die Kulturvoelker.
+Dies wird sich ganz klar und unwiderleglich zeigen, wenn wir die
+Wirksamkeit derselben Gruende auf die europaeischen Nationen betrachten.
+Wir werden dort ganz genau denselben, ja einen noch weit schlimmeren
+Erfolg derselben sehen.
+
+Alles, was Caesar den Galliern zufuegte, die Verwuestung des Landes, die
+grossen Verluste an Menschenleben, das Zertreten des Nationalgefuehls,
+alles das ist doch wahrlich nicht zu vergleichen mit dem, was Mexiko
+z.B. oder die Nordamerikaner litten: und dennoch war durch Caesar in
+nicht 10 Jahren das gallische Volk, das er freilich schon herabgesunken
+vorfand, so sehr gebrochen, dass es seine Selbstaendigkeit bis auf die
+Sprache verlor. Allerdings hatten die italischen Buergerkriege Italien
+etwa 70 Jahre auf das grauenvollste verwuestet; aber nach ihnen finden
+wir auch das Land im Innersten gebrochen und die Macht des roemischen
+Staates auf Heeren von Fremdlingen beruhend; erst massenhaft versetzt
+mit frischen germanischen Elementen und auch da erst nach langer Ruhe
+hebt sich die italische Bevoelkerung, nun ein ganz neues Volk, wieder
+empor. Und doch waren auch seine Leiden viel geringer als die der
+Amerikaner. Und die Griechen! Warum haben sie aufgehoert ein historisch
+bedeutendes Volk zu sein? weil sie entnervt waren von den
+scheusslichsten Ausschweifungen und ihre letzte Kraft zertreten wurde
+zuerst durch die Stuerme der Voelkerwanderung und dann durch das tuerkische
+Joch. Aber welche Hoehe hatten die Griechen einst inne--und es ist nicht
+zu viel gesagt, wenn man jetzt die Durchschnittsbildung der Griechen
+gleichstellt mit der etwa der uebriggebliebenen Mexikaner.
+
+Der 30jaehrige Krieg, welcher doch im Anfang nur lokal und nie ohne
+Unterbrechungen wuethete und mit allen seinen Greueln und seiner Dauer
+durchaus nicht das, was die Naturvoelker zu leiden hatten, erreicht,
+welche grenzenlose Verwuestung hat er in der Bevoelkerung unseres
+Vaterlandes angerichtet! Ernstlich war durch ihn die deutsche Nation in
+ihrer Existenz gefaehrdet und es ist ja eine vielfach ausgesprochene
+Wahrheit, dass einmal unser Nationalcharakter durch diesen furchtbaren
+Krieg mannigfach veraendert und herabgedrueckt ist, andererseits wir noch
+bis auf den heutigen Tag mit der Heilung der Wunden, welche er unserem
+socialen und politischen Leben geschlagen hat, zu thun haben.
+
+Sehen wir so an diesen wenigen historischen Beispielen dieselben
+Ursachen bei den kultivirten Nationen noch staerker wirken, als bei den
+Naturvoelkern: so wird eine kurze psychologische Betrachtung uns dasselbe
+lehren. Obwohl wir eine Religion haben, welche den Glaeubigen Trost
+gewaehrt auch im schlimmsten Unglueck, obwohl wir durch die Kultur so
+manches Huelfsmittel auch fuer bedraengte Lagen haben: so wirken doch auf
+uns eine Menge Dinge, welche auf die Naturvoelker noch gar keinen und
+eine Menge anderer, welche auf sie weit geringern Einfluss haben. Wir
+sind in unserm leiblichen Leben verzaertelt, an eine Menge Bequemlichkeit
+gewoehnt, die wir nicht entbehren koennen; wir sind geistig viel
+empfindlicher und ein Niederwerfen dessen, was uns heilig ist, drueckt
+uns mit zu Boden. Liebe zu den Verwandten, Scham, kurz eine ganze Reihe
+maechtiger geistiger Faktoren haben bei den Kulturvoelkern eine solche
+Herrschaft uebers Leben, dass, wenn sie ernstlich verletzt werden, das
+Leben mit bedroht ist, und man kann wohl sagen, je gebildeter ein Volk
+ist, um so rascher muss es in fortwaehrendem Unheil sich verzehren. Wenn
+wir z.B. nur bedenken, welche Wirkungen das Gefuehl eines ohnmaechtigen
+Ingrimms, das laengere Zeit immer in uns erneut wuerde, auf uns haben
+muesste, wie jeder Einzelne an sich abnehmen kann, so werden wir einmal
+ermessen koennen, wie dasselbe Gefuehl auf die Naturvoelker eingewirkt
+haben muss, bei welchen es durch so furchtbare Misshandlungen
+fortwaehrend erneut wurde und es sehr begreiflich finden, wenn sie schon
+durch dieses allein zu Grunde gegangen waeren; wir werden einsehen, was
+die gebildeten Mexikaner und Peruaner gelitten haben und warum gerade
+sie so rasch mit dem Sturze ihrer Bildung zu Grunde gingen; wir werden
+aber andererseits zugestehen muessen, dass wir unter aehnlichen
+Verhaeltnissen wohl viel weniger Widerstandskraft haben wuerden, als jene
+Voelker, und gewiss jetzt erst recht aufhoeren von einer besonderen
+Lebensunfaehigkeit der Naturvoelker zu sprechen, da wir dem Unheil,
+welchem jene unterliegen, viel rascher unterliegen wuerden. Ja, wir
+wuerden nach Gruenden suchen muessen, wie es kommt, dass jene Voelker eine
+groessere Widerstandsfaehigkeit haben wie wir; und finden dieselben in
+ihrer groesseren leiblichen Abhaertung, sowie in ihrer geringen geistigen
+Empfindlichkeit, welche immer mit geringer Geistesentwickelung Hand in
+Hand geht.--Wenn wir nun dennoch die Kulturvoelker wohl ohnmaechtig und
+geschichtlich unbedeutend werden, aber nicht eigentlich verschwinden
+sehen, so kommt dies daher, dass sie gerade in solchen Zeiten der Gefahr
+mit neuen Menschenschaaren durchsetzt werden. Die Verwuester Italiens,
+die Germanen, liessen sich massenhaft in den bluehenden Fluren des
+besiegten Landes nieder; ebenso die Bulgaren in Griechenland u.s.w. Oder
+die schon bestehende Kultur bietet neue Huelfsmittel, wohin man auch das
+Einwandern zahlreicher Franzosen in unser Vaterland nach dem 30jaehrigen
+Krieg rechnen mag. Beispiele von Kulturvoelkern, die voellig vernichtet
+sind, wie ihre Kultur, bietet die Geschichte von Kleinasien.
+
+Es faellt von hier aus noch einmal ein Blick auf die Eintheilung, nach
+welcher Carus die Menschen betrachtet; man sieht auch hier, wie wenig
+stichhaltig sie ist, denn seine Tagmenschen haben keine groessere
+Widerstandsfaehigkeit, als seine Nacht- oder Daemmerungsmenschen; und
+waehrend er behauptet (17), dass die westlichen Daemmerungsvoelker, die
+Amerikaner, "wirklich dem Untergange zugewendet" seien, so sehen wir die
+Tagvoelker noch rascher ihrem Untergange zueilen, schon wenn sie durch
+weit mildere Schicksale heimgesucht werden.--Auch die Eintheilung der
+Menschheit in aktive und passive Voelker, wie sie Klemm und Wuttke geben
+(Waitz 1, 344) hat ihr sehr Bedenkliches; sie ist falsch, wenn man in
+groesserer Aktivitaet zugleich nach jeder Richtung hin groessere
+Kraftentwickelung sieht, denn die "aktiven" Voelker (die Kulturvoelker)
+zerbrechen im Unglueck viel leichter, als die zaeheren und haerteren
+Naturvoelker; sie ist ferner falsch, wenn man sie als in der
+urspruenglichen Natur der Menschheit begruendet, wenn man also Aktivitaet
+oder Passivitaet als verschiedenen Voelkern angeboren ansieht: denn von
+Haus aus gleich organisirt hat sich die Menschheit durch verschiedene
+Naturumgebung, verschiedene Schicksale u.s.w. im Lauf der Jahrtausende
+so verschieden entwickelt, wie wir sie in geschichtlicher Zeit
+vorfinden.
+
+
+
+
+Sec. 20. Aussterbende und ausdauernde Naturvoelker.
+
+
+Wenn die Annahme einer minderen Lebensfaehigkeit ganzer Voelker richtig
+waere, so muesste doch bei allen diesen Voelkern sich jenes Hinschwinden
+gleichmaessig zeigen. Wie kommt es aber, dass eins ausstirbt und das
+andere dicht daneben nicht? ja, dass von ein und demselben Volke der
+eine Zweig abstirbt, der andere ungefaehrdet weiter lebt? Und auch das
+findet sich oft. Die Tonganer sterben nicht aus und sind Polynesier wie
+die Tahitier, Maoris oder Kanakas; die meisten mikronesischen Inseln (so
+namentlich der Gilbertarchipel) haben eine dichte Bevoelkerung, die
+Kusaier sterben aus; und beide, Mikro- und Polynesier, sind nur ein
+Zweig des grossen malaiischen Stammes, bei welchem ein solches
+Hinschwinden, die kleine Insel Engano und einige elende in die Gebirge
+gedraengte Staemme ausgenommen, sonst doch nirgends bemerkt wird. Die
+Kamtschadalen sterben aus, die uebrigen Nordasiaten, ihre nahen
+Verwandten, nicht. Doch vielleicht waren hier jene von uns besprochenen
+Gruende des Aussterbens nicht in Thaetigkeit? Allein waehrend die uebrigen
+Melanesier an vielen Punkten sich vermindern, bleiben die Fidschis,
+trotz des europaeischen Einflusses, trotz ihrer Kriege und Menschenopfer,
+kraeftig und bei voller Zahl. Noch aerger fast als alle anderen Voelker
+sind die Neger bedrueckt von einheimischen und fremden Tyrannen; und
+waehrend sie fuer einen der fruchtbarsten Staemme gelten, der gar nicht zu
+vermindern ist, sterben die Neuhollaender, nach dem Kaertchen bei Carus
+Nachtmenschen wie sie, aus--welchem Fall freilich der ethnologische
+Unsinn, afrikanische und melanesische Neger zu einer Race zu vereinigen,
+der sich indess nicht bei Carus allein findet, die Beweiskraft nimmt.
+Aber die anderen Beispiele zeigen vollkommen schlagend, wie irrig die
+Ansicht ist, dass die hinschwindenden Voelker in Folge der Inferioritaet
+ihrer Race ausstuerben; daher wir dabei nicht zu verweilen brauchen. Wenn
+unsere Ansicht aber stichhaltig ist, so muss sich nachweisen lassen,
+dass da, wo die Gruende, aus denen wir das Aussterben der Naturvoelker
+erklaeren, nicht eintreten oder beseitigt werden, dass da die Voelker
+gedeihen, sich weiter entwickeln oder sich wieder erholen, ja selbst die
+so gefaehrliche Kultur ueberwinden und sich zu ihr, wenn auch nur sehr
+allmaehlich, emporheben koennen. Und der Nachweis ist leicht.
+
+In Afrika beweisen es die Hottentotten der herrnhutischen Kolonie
+Baavianskloof, welche Lichtenstein schildert. 1799 betrug die Zahl ihrer
+Lehrlinge (Licht. 1, 247) 100; das Dorf, worin sie wohnten, glich mit
+seinen 200 Haeusern, seinen Gaerten, seinen geraden Strassen ganz einem
+deutschen Dorfe; die Hottentotten waren tuechtig im Feld- und Hausbau und
+zu allem dem gebracht ganz ohne andere Strafe als Ausschliessung vom
+Gottesdienst (251). Die Taufe erhielt man freilich nur als hoechste
+Belohnung fuer Thaetigkeit, Rechtschaffenheit und Froemmigkeit und
+allerdings fand Lichtenstein noch keine Hottentotten unvermischten
+Blutes, sondern nur Mischlinge getauft; aber da sich die Herrnhuter
+bemuehten, sie "erst zu Menschen und dann zu Christen" zu machen (eb.
+253), so hob sich die Colonie immer mehr, so dass von der Zeit nach 1828
+der Bericht lautet: "Die frei gewordenen Hottentotten fingen an mehr fuer
+die Zukunft zu sorgen, der Landbau wurde eifrig betrieben und durch
+kuenstliche Bewaesserung verbessert, Maessigkeit und Sittlichkeit, die Zahl
+der regelmaessigen Ehen, der Besuch und die Sorge der Eltern fuer die
+Erziehung der Kinder war im Steigen begriffen und es bedurfte dazu
+keiner Unterstuetzung von aussen" (Waitz 2, 337). Dies ist allerdings nur
+von einem kleinen Distrikt gesagt; aber wo hat man sich sonst auch mit
+demselben Verstand und derselben Ausdauer der Hottentotten so redlich
+angenommen? Wo man das thut, da gedeihen sie und werden brauchbare
+Menschen (vergl. W. 2, 341).
+
+In Amerika haben die Cherokees, die Algonkins, die Irokesen und andere
+Voelker deutlich genug bewiesen, dass auch die Indianer der Erhebung und
+Kultivirung faehig sind. Die Irokesen sind seit 1820 "bedeutend
+fortgeschritten im Ackerbau, Hausbau und den mechanischen Kuensten
+ueberhaupt; sie besuchten die Kirche regelmaessig, viele von ihnen waren
+im Lesen, Schreiben und Rechnen so weit gekommen, dass sie Schullehrer
+werden konnten, einige andere sogar respektable Geistliche" (Waitz 3,
+291 mit d. Quellen). Sie hatten das Mohawk zur allgemeinen
+Verkehrssprache im Gebrauch und nach Schoolcrafts Bericht fuer 1845 war
+ihre Volkszahl im Wachsen (a.a.O.). Ebenso hatten die Ottawa, ein
+heidnischer Algonkinstamm, sowie die Sauk und noch mehr die Delaware
+grosse Fortschritte gemacht; sie leben ganz von dem Ackerbau, den sie
+sehr eifrig und tuechtig betreiben, sowie vom Handel mit den Produkten
+ihrer Felder (292-93): ihre Zahl ist im Wachsen (294).
+
+Noch mehr war dies Alles der Fall bei den Cherokees, deren Volkszahl in
+den Jahren 1819 bis 1825 von 10,000 auf 13,500 nebst 200 Weissen und
+1300 Negersklaven anwuchs. Schon vor 1820 waren sie sehr tuechtige
+Ackerbauer, welche im Laufe von 8 Jahren (M'Kennay bei Waitz 3, 294) die
+Wildniss in einen Garten umschufen. Schon um 1773 hatten sie 43 Staedte
+und ihre Bildung war schon damals nicht unbedeutend (Bartram 353-60);
+seit 1796 waren Baumwollenmanufakturen bei ihnen errichtet,
+Luxusgegenstaende traf man hin und wieder und Einzelne hatten ein nicht
+unbedeutendes Privatvermoegen. Die Polygamie wurde abgeschafft; ihre
+Kinder zeigten sich "sehr lenksam, anhaenglich und bildungsfaehig" (Waitz
+3, 295). 1820 fuehrten sie geschriebene Gesetze und eine
+Repraesentativverfassung ein. Der oberste Haeuptling, dem nebst einem
+hohen Rath die Exekutive zusteht, soll alle zwei Jahre das Land
+bereisen, um dessen Zustand kennen zu lernen. Die richterliche Gewalt
+wird vom obersten Gerichtshofe, dem wandernden Gericht und von
+Friedensrichtern ausgeuebt. Geschworenengerichte und drei Instanzen sind
+eingefuehrt, die Richter nur durch den Willen beider Haeuser absetzbar. Es
+herrscht allgemeine Religionsfreiheit, doch kann Niemand ein Amt
+bekleiden, der nicht an Gott und an Vergeltung in einem kuenftigen Leben
+glaubt" (Waitz 3, 295-96). Es wurde dann ein Alphabet von 85 Zeichen
+1821 von einem Cherokee erfunden und bald war die Kunst des Lesens und
+Schreibens unter ihnen allgemein; seit 1828 erschien eine periodische
+Zeitschrift in ihrer Sprache. Auch diese aufbluehende Kultur hat man
+nicht geschont; man hat auch die Cherokees, trotz ihres heftigen
+Widerstrebens, ueber den Missisippi vertrieben. Allein obwohl ihre Kultur
+dadurch im hohen Grade gefaehrdet wurde, so unterlag sie nicht; sie erhob
+sich bald wieder und seit 1841 allgemeiner wie frueher (296). Ebenso
+verhaelt es sich mit den Choktaw, den Creek und einigen anderen Voelkern,
+ueber die Waitz (296-99) ausfuehrlichere Nachrichten gibt.
+
+Ebenso in Suedamerika: die Volkszahl der Abiponer nahm nach Dobrizhofer
+bedeutend zu, als das Verstossen der Weiber, der Kindermord und die
+Polygamie abgeschafft wurde (Waitz 1, 164); in Guatemala (nach einem
+Bericht von 1771) vermehrten sich die Eingeborenen trotz des schweren
+Drucks der Spanier so sehr, dass diese sie zu fuerchten anfingen (eb.
+163). In Mexiko bilden nach Humboldt die Eingeborenen noch immer fast
+die Haelfte der Einwohner (b, 3, 9) and in dieser Zahl haben sich die
+Indianer ueberall erhalten, wo die Spanier organisirte Reiche vorfanden
+(eb. 3, 8); die einheimische Bevoelkerung ist im Steigen (derselbe a 1,
+83 und 107) und zwar in Folge eigenes Wohlstands, nicht fremden
+Zuwachses (eb. 105) und diese "fuer die Menschheit sehr troestliche"
+Zunahme der indianischen Bevoelkerung beweist Humboldt durch speciellere
+Angaben a, 5, 6; 4/7 der gesammten Volkszahl sind Indianer (Waitz 4,
+195).
+
+Auch in Polynesien finden wir sehr wichtige Erscheinungen der Art. Von
+Hawaii sagt Jarves 371-72: die Kultur zerstoert im Anfang; nachher wirkt
+sie segensreich; so war auch auf den Sandwichinseln die Entvoelkerung
+unter Tamehameha I. und Liholiho groesser als in spaeterer Zeit. "In dem
+Verhaeltniss, in welchem Christenthum und Civilisation waechst, vermindert
+sich die Sterblichkeit. Allerdings sind ihre Wirkungen jetzt noch zu
+neu, um ihre Endresultate vorherzusagen, aber man kann sicher hoffen,
+dass, wenn die boesen Einfluesse aufhoeren und anderen Platz machen, gute
+Ergebnisse folgen werden. Der Despotismus der Fuersten ist voellig
+abgeschafft und Gesetze wirken fuer das Anwachsen der Bevoelkerung.
+Familien mit 3 Kindern sind von den Abgaben befreit; die, welche mehr
+haben, bekommen Land und andere Geschenke, um sie zu heben. Die Abgaben,
+obwohl immer noch hoch, sind gleich vertheilt und fuer das Volk
+erleichtert. Ein Nationalgeist ist erwacht, Schulen und Kirchen
+gegruendet, regelmaessige Handelsverbindungen und Gewerbe haben sich
+gebildet: kurz das gerade Gegentheil der moralischen Versunkenheit, in
+welcher noch vor Kurzem das Volk sich befand, faengt an sich zu
+entwickeln; medizinische Kenntnisse und aerztliche Huelfe verbreitet sich;
+Kleidung, Wohnung bessern sich allmaehlich. Freilich ist dies nur die
+Morgenroethe eines besseren Tages: aber schon zeigt sich deutlich genug,
+dass Christenthum und Bildung durch die Einwirkung der amerikanischen
+Mission und die Intelligenz der Fremden diese segensreichen Folgen
+haben. Noch schlagender zeigt sich das daraus, dass Kinder und
+Erwachsene, welche die Schulen besuchen und unter der unmittelbaren
+Leitung der Missionaere stehen, sich einer ausgezeichneten Gesundheit
+erfreuen und rasche Fortschritte machen. Dasselbe gilt von den
+Eingeborenen, welche unter dem Einfluss europaeischer Familien stehen."
+Nach Virgin (1, 300) freilich scheint die Entwickelung nicht allzurasch
+weiter gegangen zu sein; doch auch er gibt an, dass vor 1820 die Abnahme
+der Bevoelkerung staerker gewesen sei, als nachher, und dass die Missionen
+an verschiedenen Punkten die Abnahme ins Stocken gebracht haben durch
+moeglichstes Hinwegraeumen der boesen Ursachen, welche sie veranlassen.
+Auch Waitz 1, 177 erwaehnt einige Inseln und Distrikte dieser Gruppe, wo
+die Bevoelkerung nicht nur nicht abnimmt, sondern in nicht ganz
+unbedeutendem Anwachsen begriffen ist.
+
+Ganz ebenso ist es in Tahiti. Auch hier hat die Volkszahl gleich nach
+dem ersten Zusammenstoss mit den Europaeern sehr abgenommen, von 16,000
+(Wilson) bis auf 8000 (Ellis) oder 9000 (Wilkes), denn Turnballs 5000
+ist eine uebertrieben niedrige Angabe. Nachher aber ist die Zahl gleich
+geblieben oder eher gewachsen; Virgin wenigstens gibt sie fuer 1852 auf
+10,000 an (2, 41). Auf Raiatea dagegen nimmt die Bevoelkerung stark zu
+(Waitz 2, 167 nach Journ. R. geogr. soc. III, 179). Auch Ellis (um 1830)
+sagt 1, 169, dass vor 1819 das Abnehmen der tahitischen Eingeborenen
+noch stark gewesen sei: 1819-20 seien Todesfaelle und Geburten einander
+gleich gewesen und von da ab habe die Volkszahl stark zugenommen. Mag
+Ellis auch, der so eifrig fuer das Wohl der Insel thaetig war, seine
+Hoffnungen auf jene Angabe vielleicht etwas mit haben einwirken lassen:
+bloss auf Uebertreibung beruht eine so sichere Behauptung eines so
+zuverlaessigen Beobachters nicht. Allerdings klagt der franzoesische
+Commandant der Insel, de la Ronciere, in seinem Bericht vom Dezember
+1866 (Globus 12, 60-61) ueber die Traegheit, Indolenz und
+Flatterhaftigkeit der Bewohner; allein wenn man die Vorgaenge waehrend und
+nach der franzoesischen Okkupation der Insel und die ganze Haltung der
+Franzosen wenigstens in der ersten Zeit ihres Aufenthalts bedenkt, so
+ist es nur allzu begreiflich, dass die Entwickelung der Insel durch sie
+nicht eben gefoerdert ist. Doch sind wir, wenn man sich wirklich
+ernsthaft und ausdauernd der Eingeborenen annimmt, auch fuer sie zu guten
+Hoffnungen berechtigt.
+
+Was wir von Neuseeland zu berichten haben (nach Hochstetter 482-497) ist
+noch merkwuerdiger. Gegen den Einfluss der Fremden bildete sich eine
+Nationalpartei unter den Eingeborenen, welche, da sie Gott ebenso nah
+staenden als die Weissen, mit diesen gleiche soziale und politische
+Rechte verlangten. 1857 erwaehlten die Maoris, von diesen Gesichtspunkten
+ausgehend, einen Koenig, den als Krieger und Redner beruehmten Potatau,
+der sich den zweiten Friedenskoenig nach Melchisedek nannte, sich
+thatkraeftige Haeuptlinge, so vor allen den Maori William Thompson aus dem
+Stamm der Ngatihua, als Minister auswaehlte, und seinen Herrschersitz zu
+Ngaruawahia, an der Hauptwasserstrasse ins Innere, an den Thoren von
+Aukland in vortrefflich ausgesuchter Lage nahm. Die Grundprinzipien des
+Koenigthums sollten Glaube, Liebe und Gesetzlichkeit sein. Man beschwerte
+sich bitter ueber die englische Regierung, welche sich gar nicht um die
+Maoris kuemmere, die Haeuptlinge nicht standesgemaess behandele, zwar
+Protokolle ueber ihr Aussterben fuehre, aber nichts dagegen thue; man habe
+die eingefuehrten Waaren mit ungerechten Abgaben gedrueckt, indem z.B.
+wollene Decken nach dem Gewicht wie Seide und Spitzen versteuert wuerden;
+Munition und Waffen verkaufe man ihnen gar nicht, um so lieber aber
+Spirituosen. Und zu dem Allen benaehmen sich die Europaeer so hochmuethig
+und grob! Diese Nationalpartei, welche sehr beredte Agenten im Lande
+umherschickte, fand ueberall rasch Anhaenger; auch die Weiber und Maedchen
+theilten ihre Gesinnungen. Freiwillige Abgaben fuer den Koenig floessen
+regelmaessig und reichlich und dieser schlichtete zu Ngaruawahia alle
+Streitigkeiten der Eingeborenen, trieb auch von den unter ihnen lebenden
+Europaeern Abgaben ein und legte einen Zoll auf die an seiner Stadt
+vorbeipassirenden europaeischen Schiffe; sein Einfluss war bald so gross,
+dass sich auch die Missionaere, wenn sie etwas gegen einen Maori
+vorzubringen hatten, an ihn wandten. Aehnliche Ziele hatte die
+Landligue, eine Vereinigung der Maorifuersten, um den Landverkauf zu
+verhueten, welchen die einheimische Regierung aeusserst ungern sah. Es war
+klar, dass die Kolonialverwaltung durch diese selbstaendige Entwickelung,
+namentlich aber durch die Beschraenkung der Landkaeufe, welche, um gueltig
+zu sein, erst die Bestaetigung des Maorikoenigs nach der Auffassung der
+Eingeborenen bedurften, in arge Verlegenheit kommen musste. Daher
+erkannte denn England diese Beschraenkung des Landverkaufs durch die
+Maorigesetze nicht an und so musste es zum gewaltsamen Zusammenstoss
+kommen. Dies geschah unter Potatau II., dem Sohne Potataus I.; den 17.
+Maerz 1860 begann der Krieg, in welchem die Maoris sich nicht nur
+ausserordentlich tapfer, sondern auch so umsichtig bewiesen, dass sie
+den Englaendern empfindliche Niederlagen beibrachten. Der Nationalpartei
+schlossen sich jetzt alle Maoris, auch die frueher laessigen, an; es ist
+besser, hiess es, fuers Vaterland zu sterben, als unterjocht von Fremden
+zu leben. Auch im englischen Parlament erhoben sich Stimmen fuer sie, so
+vor allen die Martins, des Bischofs von Aukland. William Thompson war
+alleiniger Anfuehrer dieses Krieges und seiner Stelle sehr gewachsen;
+denn der Kampf, der von den Maoris hauptsaechlich als Guerillakrieg
+gefuehrt wurde, konnte nur durch die englischen Kanonen und die englische
+Uebermacht (1861 hatten die Englaender 12,000 Mann zusammen) mehr und
+mehr zu Gunsten der Englaender gewendet werden. Indess kam es durch
+Einfluss der Missionaere und durch den an Brownes Stelle gesandten Lord
+Grey zur friedlichen Vermittlung. Wir sehen also auch hier Anfaenge,
+bedeutend genug, um in kurzer Zeit die Gruende, auf welchen wir das
+Aussterben der neuseelaendischen Eingeborenen beruhend fanden, zu
+beseitigen. Es ist sehr traurig, dass diese nationale Erhebung von
+englischer Seite gleich im Anfang geknickt oder wenigstens gehemmt ist:
+doch ist die Hoffnung nicht aufzugeben, dass sie abermals auch diesen
+Stoss ueberwinden wird. Die Hauptsache wird sein, dass sie selber Muth
+und Zuversicht gewinnen, dann werden sie die Kultur sich nicht bloss
+aeusserlich und auf eine Weise, die ihnen nur schadet, aneignen, sondern
+sie werden sich, da sie stets sich sehr faehig gezeigt haben, an ihr
+emporheben und ein neues Leben zu fuehren im Stande sein. Zu dieser
+Hoffnung berechtigt auch die innige Religiositaet, welche die meisten der
+neu und wahrhaft Bekehrten zeigen. Ob sie aber auch in diesem Falle
+spaeter nicht einmal durch Vermischung mit den Weissen aufhoeren als
+Nationalitaet zu existiren? Ein solches Aufgehen wuerde indess nur
+erfreulich sein, denn es bewiese zugleich, dass auch die Englaender der
+Kolonie von ihrem starren Racenhochmuth nachgelassen haetten.
+
+In Tonga nun, wo von jeher die Sitten strenger waren und namentlich nie
+diese Luederlichkeit herrschte, welche in Polynesien an anderen Punkten
+so gefaehrlich wirkte; wo man mit dem Menschenleben, wenigstens jetzt und
+schon seit laengerer Zeit, nicht so verschwenderisch umging, ist ein
+Sinken der Volkszahl nicht eingetreten. Das Christenthum hat die
+Monogamie durchgesetzt und so ist denn trotz der vielen Kriege, welche
+die Einfuehrung des Christenthums und die Befestigung der
+Koenigsherrschaft mit sich brachte, die Bevoelkerung, die sich im
+Allgemeinen einer sehr guten Gesundheit erfreut, im Wachsen (Erskine
+160-61).
+
+Die Bevoelkerung von Samoa schaetzt Erskine (104) auf etwa 37,000 Seelen,
+doch glaubt er, dass sie abnehme (a.a.O. u. 60). Auch Turner erwaehnt die
+grosse Sterblichkeit der Kinder daselbst, welche durch thoerichte
+Behandlung derselben vor und bei der ersten Nahrung veranlasst wird.
+Seitdem aber jetzt die Missionaere guenstig wirken, die Polygamie
+abgeschafft und ausschweifende Lebensweise durch strenge Ueberwachung
+sehr erschwert ist, nimmt die Bevoelkerung wieder zu (Turner 176). Doch
+waren die Samoaner ueberhaupt weit weniger ausschweifend gewesen als die
+uebrigen Polynesier und hatten den Werth des Menschenlebens hoeher
+geachtet. Also auch hier dieselbe Erscheinung: der erste Zusammenstoss
+mit den Weissen bringt durch Seuchen u. dergl. (doch fand Wilkes in
+Samoa keine Syphilis 2, 73, 126, 138) eine arge Erschuetterung in der
+Wohlfahrt des Volkes, ein Zurueckgehen der Kopfzahl hervor; allein sobald
+diese ersten Folgen ueberwunden sind, hebt sich die Ziffer wieder. Gerade
+die Samoaner sind besonders innige Christen (Turner 106-109, 166 ff.)
+
+Zu den bestbevoelkerten Gegenden Polynesiens gehoeren die kleinen Inseln
+noerdlich und westlich von Samoa und Tonga, die Uniongruppe, Tikopia,
+Rotuma u.s.w., wo die Sitten unverderbt und die Bevoelkerung in bester
+Wohlfahrt ist. Trotz des zahlreichen Kindermords auf Tikopia ist dort
+die Kinderzahl in einer Familie meist drei bis acht (Gaimard bei Dumont
+D'Urville b, 5, 309; vergl. ders. in Zoologie 23; u. 5, 306). Nur von
+dem gleichfalls hierher gehoerigen Sikayana wird eine Abnahme der
+Eingeborenen berichtet, welche durch eine sehr heftige Blatternepidemie
+auf 171 Seelen zusammengeschmolzen sind (Nov. 2, 438-441).
+
+Alle diese Beispiele beweisen schlagend, dass ein Hinschwinden dieser
+Voelker aus mangelnder Lebenskraft, "weil sie von Natur dem Untergange
+bestimmt seien", nicht stattfindet; wo es also eintritt, kann es nur
+durch die besprochenen Gruende veranlasst sein. Sobald die Kultur nicht
+feindselig, sondern friedfertig naht und diese Voelker zu sich
+emporzieht, statt sie zu vernichten, so ist von den Naturvoelkern keins,
+das nicht fuer sie gewonnen werden koennte, ja einzelne haben sich trotz
+der feindseligsten Haltung der Weissen dennoch zur Kultur, wenigstens zu
+guten Anfaengen, emporgeschwungen: eine That, deren Groesse man aus dem
+Vorstehenden ermessen kann und die eine so ausserordentlich gute
+Begabung und sichere Kraft beweist, dass sie ebenso sehr unser Staunen
+als unsere Bewunderung erwecken muss. Allerdings wird aus einem
+neuhollaendischen Stamm nicht sofort ein europaeisch civilisirter Staat,
+aber es ist handgreiflich verkehrt, zu behaupten, wie noch Meinicke
+thut, die Neuhollaender seien ueberhaupt der Kultur unfaehig. Denn wo sich
+wirklich die Kultur ihrer angenommen (es ist selten genug geschehen), da
+haben sie sich auch als friedfertige und bildsame Menschen gezeigt. Dass
+sie sich und so noch manche andere Naturvoelker jetzt so viel als moeglich
+von der Kultur zurueckziehen, das ist nach dem, was ihnen von ihren
+Traegern zugefuegt ist, nur allzubegreiflich. Halten doch manche
+Nordindianer auch das Christenthum nur fuer eine neue Art, sie zu
+betruegen (Waitz 3, 289) "und, sagten sie, was sollen wir Christen
+werden, da diese aergere Luegner, Diebe und Trinker sind, als die
+Indianer" (eb. 287). "Die Christen wollen nicht arbeiten, sie sind
+Spieler, Boesewichter und Gotteslaesterer," sagte ein Indianer von
+Nikaragua; auf die Antwort, so handelten nur die schlechten, erwiderte
+er: "wo sind denn die guten? ich wenigstens kenne nur schlechte" (Waitz
+4, 280-81). Ein zweiter Grund, weshalb viele Naturvoelker so schwer die
+Kultur, auch wenn sie ihnen friedlich naht, annehmen, liegt in ihren
+Gewoehnungen. Es muss hier nochmals auf die Kraft der Vererbung erinnert
+werden. Durch Jahrtausende langes Leben an ein unstaetes Umherschweifen
+u. dergl. gewoehnt, wird es ihnen sehr schwer, so ploetzlich die
+althergebrachte, tief in ihr leibliches und geistiges Wesen
+eingewachsene Lebensart zu aendern.
+
+
+
+
+Sec. 21. Die afrikanischen Neger.
+
+
+Wir muessen, um einem moeglichen Einwand zu begegnen, noch einmal auf
+einen Umstand zurueckkommen, den wir schon vorhin wenigstens beruehrten.
+Wie ist es zu erklaeren, dass die Neger nicht aussterben? Sie sind doch
+geplagt, gedrueckt, gemisshandelt wie kein zweites Volk, der Heimath
+entrissen, oft ganz zum Lastthier herabgewuerdigt--und sie gedeihen doch.
+Der Hang der Neger zu Ausschweifungen ist bekannt; wie gefaehrlich ihre
+Kriege, die sie untereinander fuehren, fuer die Besiegten sind, wird nur
+zu deutlich durch die massenhaft fortgeschleppten Sklaven bewiesen:
+Menschenleben vergeuden auch sie ganz ruecksichtslos, wofuer schon der
+eine Name Dahomey als Beweis genuegt. Und doch waren das dieselben
+Gruende, welche wir als das Aussterben der Naturvoelker veranlassend
+annahmen. Wie kommt es, dass sie dort wirken und hier nicht? Muss man
+nicht doch also zu jenen Gruenden noch einen hinzufuegen und welcher
+koennte das sein, als mangelnde Lebenskraft oder sonst irgend etwas
+Geheimnissvolles? Aber trotzdem sind die Neger, nach einstimmigem
+Urtheil aller Forscher, die leiblich am wenigsten vollkommen
+organisirten Menschen, und es waere doch seltsam, wenn hoeher stehende
+Voelker mindere Lebenskraft haetten als sie.
+
+Allein diese Annahme ist auch durchaus unnoethig. Die groessere Ausdauer
+des Negers beruht auf seinem anders gearteten Naturell, was wir zunaechst
+nach der psychischen Seite hin verfolgen wollen. Vom Charakter des
+Negers ist jeder melancholische Zug ausgeschlossen. Jeder momentane
+Eindruck ist bei ihrer derb sinnlichen Natur so maechtig, dass der
+folgende den vorhergehenden sofort ausloescht, und so vergessen sie
+dadurch auch im tiefsten Elend ihre schlimme Lage rasch und gaenzlich,
+wenn irgend eine ploetzliche Anregung zur Lust ueber sie kommt. So zwingen
+sie die Sklavenhaendler, um sie ueber ihr oft toedtliches Heimweh
+hinwegzubringen, bisweilen mit der Peitsche zum Tanz, der sie dann in
+seiner sie nun ganz beherrschenden Ausgelassenheit alles Unglueck
+vergessen laesst (Waitz 2, 203). Diese rasch wechselnde Gemuethslage hilft
+ihnen ueber vieles Schwere hinweg und ist klar, wie sehr sie im Gegensatz
+steht ebenso zu dem zaehen Festhalten eines Gedankens, wie wir es beim
+Amerikaner und Polynesier so vorherrschend finden, als zu der
+Melancholie dieser Voelker. Auch die sinnlichen Genuesse wirken auf den
+Neger viel befriedigender, als auf die anderen Voelker; seine grosse
+geschlechtliche Sinnlichkeit ist wiederum fuer die Fruchtbarkeit seiner
+Race von grosser Bedeutung und so massenhafte und uebertriebene
+Ausschweifungen wie bei den Polynesiern finden sich bei ihnen nicht.
+Auch sein Hang zum Phantastischen muss erwaehnt werden, denn auch er
+dient sehr dazu, ihm seine Lage oft in ganz anderem Lichte erscheinen zu
+lassen, als sie ist. Hiermit vereinigt sich eine gewisse Stumpfheit und
+Traegheit des geistigen Lebens sehr wohl, die vor Vielem und gerade dem
+Schmerzlichsten den Neger beschuetzt: er wird sich fast nie moralisch
+vernichtet und dadurch in seiner innersten Persoenlichkeit verwundet
+fuehlen. Auch ist seine grosse Gutmuethigkeit und seine innige
+Religiositaet hierbei nicht ausser Acht zu lassen.
+
+Zweitens aber scheint auch die physische Natur weit minder empfaenglich
+und empfindlich zu sein, als die der meisten anderen Voelker. Sei es,
+dass er durch allmaehliche Gewoehnung, durch das Klima seines Landes oder
+durch urspruengliche Anlage haerter ist: er vertraegt es, in ganz andere
+Himmelsstriche verpflanzt zu werden; er haelt sogar die Luft der
+Malariagegenden und noch dazu bei taeglicher oft sehr grosser Anstrengung
+ohne Schaden aus, welchem allen die meisten anderen Voelker regelmaessig
+erliegen. Er ist also schon durch seinen Koerper gesicherter.
+
+Drittens ist nicht zu uebersehen, dass der Neger schon seit einer Reihe
+von Jahrtausenden, seit der ersten Entwickelung der Kulturvoelker, mit
+diesen in Beruehrung und oft in sehr enger steht und gestanden hat: so
+ist er an die Einfluesse der Kultur ganz anders gewoehnt als Amerikaner
+und Ozeanier, als Hottentotten und Kamtschadalen, und hat daher ihre
+unguenstigen Folgen weit weniger zu fuerchten.
+
+Hiermit ist der Einwand, welchen man von den Negern aus erheben koennte,
+als beseitigt zu betrachten; wir muessen indess noch einen Blick auf das
+Aussterben der freigewordenen Neger in den vereinigten Staaten werfen,
+wie wir es im Ausland (1867, 1404) geschildert sehen nach Henry Lathams
+black and white. Nach ihm sind seit der Emancipation von 4,000,000
+Negern 1,000,000 zu Grunde gegangen, durch Unwissenheit, Huelflosigkeit,
+Laster und Mangel. Unfruchtbarkeit trat ein, Kindermord nahm ueberhand,
+"die Sterblichkeit war so gross, dass es Leute gab, welche eine Loesung
+der schwierigen Negerfrage in dem Verschwinden der farbigen Race in den
+naechsten 50 Jahren voraussagten". "In den Gebieten, wo sie waehrend des
+Krieges in groesster Sicherheit lebten, wo man annehmen kann, dass sie
+massenhaft vorhanden sind, und wo die groessten Beitraege zusammengebracht
+wurden, um sie vor Hungersnoth zu schuetzen, sind sie in Abnahme
+begriffen. In dem kaeltern Klima der Nordstaaten starben die farbigen
+Familien nach einer oder zwei Generationen aus." Die Schilderung ist,
+wie wir sie hier vor uns haben, entschieden parteiisch gefaerbt. Wir
+betrachten daher nur die Thatsache, dass die emancipirten Neger
+moralisch und physisch sich verschlechtern, ja geradezu verkommen. Diese
+Erscheinung ist allemal da beobachtet, wo Neger emancipirt wurden, und
+sie machte auch der Republik Liberia anfangs viel zu schaffen; allein
+sie tritt bei jeder Sklavenemancipation naturgemaess jedesmal ein, moegen
+die Sklaven nun Neger oder nicht sein. Sie haben nicht gelernt,
+selbstaendig zu leben, fuer sich zu sorgen, fuer sich zu arbeiten; jede
+Arbeit ist ihnen, in Erinnerung an ihr frueheres Loos, eine Last zugleich
+und eine Entwuerdigung. Durch den langen Zustand der Unfreiheit haben sie
+die Faehigkeit, der Natur gegenueber sich zu behaupten, welche sie in
+ihrer Heimath besassen, verlernt; sie sind auch geistig herabgedrueckt
+und dass sie lasterhaft werden, ist die Folge des Beispiels, was ihnen
+allzuoft ihre eigenen Herren gaben, sowie des Mangels an Selbstachtung,
+zu dem sie als Sklaven verurtheilt waren. In Nordamerika ist ihnen
+ferner jede Emancipation noch durch die entschiedene und ruecksichtslose
+Feindseligkeit unendlich erschwert, mit der die "gute Gesellschaft", die
+Weissen, sich vor jedem Farbigen strenge verschliesst, fuer den sie
+nichts als die bitterste Verachtung hat. Klimatisches mag sich
+gleichfalls geltend machen; jedenfalls ist hier nichts, was unserer
+Betrachtung irgend ein neues Moment zufuegen oder eine naehere Erklaerung
+noch erheischen koennte.
+
+
+
+
+Sec. 22. Folgerungen aus der Art, wie die Naturvoelker von den Kulturvoelkern
+behandelt sind.
+
+
+Ehe wir unsere Betrachtungen schliessen, ist es noethig, auch einen Blick
+auf die Kulturvoelker zu thun, welche mit den Naturvoelkern in Beruehrung
+kamen; denn ein solcher wird ethnologisch nicht ohne Ausbeute sein.
+Zunaechst ist zu constatiren, dass alle Kulturvoelker sich ganz auf
+dieselbe Weise grausam, ruecksichtslos und unmenschlich gegen die
+Naturvoelker betragen haben, die mit ihnen in Beruehrung kamen: die
+Spanier, die Portugiesen, die Hollaender, die Englaender und die
+Franzosen. Die Englaender und Hollaender zeichnen sich durch
+unaussprechlichen Hochmuth und Hass gegen jede farbige Bevoelkerung aus,
+durch welchen sie den Naturvoelkern fast nicht mindern Schaden gethan
+haben, als durch offene Feindseligkeiten. Wir Deutsche haben Eroberungen
+nicht gemacht, aber trotzdem sind einzelne unserer Landsleute mit den
+Naturvoelkern in Beruehrung gekommen. Diejenigen, welche zur Zeit der
+ersten Entdeckung Amerikas mit den Spaniern dorthin kamen--so die
+Abgesandten der Welser, welchen dort Laenderstrecken von Karl V.
+verpfaendet waren--wuetheten nicht geringer als die Spanier selbst. Das
+westliche Venezuela wurde um 1527 von Georg v. Speier und Ambrosius
+Dalfinger verwuestet (Waitz 3, 398). Allein das sind vereinzelte Faelle;
+im Ganzen haben die Deutschen den Naturvoelkern Segen gebracht, denn
+gerade die einflussreichsten Missionen sind zum Theil in ihren Haenden
+gewesen, wobei vor allen Dingen an die Wirksamkeit der Herrnhuter in
+Afrika und Nordamerika (z.B. Heckewelder) erinnert werden muss. Auch
+unter den Jesuiten waren viele Deutsche, z. B. Dobrizhofer unter den
+Abiponen, Strohbach auf den Marianen. Die Missionsthaetigkeit ist auch
+jetzt noch nicht vermindert und traegt ihre segensreichen Fruechte fuer die
+Eingeborenen und fuer die Wissenschaft, denn eine Menge der bedeutendsten
+Missionsschriften sind, freilich meist in englischer Sprache, von
+Deutschen verfasst--Namen wie Koelle, Doehne, Teichelmann, Schuermann,
+Dieffenbach (freilich kein Missionaer) u.a. sind bekannt genug.
+
+Die fast immer ganz unmenschliche und mordgierige Art, mit welcher der
+Europaeer die Naturvoelker bekriegte und meist deren Rohheit bei weitem
+uebertraf, zwingt uns zu einem anthropologischen Schluss von nicht
+geringer Bedeutung; denn wir sehen daraus klar, "dass die Kluft, die den
+civilisirten Menschen vom sogen. Wilden trennt, bei weitem nicht so
+gross ist, als man sich oft einbildet" (Waitz, 3, 259). Man hat ja
+gerade die wilde Blutgier der Naturvoelker so wie ihr beharrliches
+Fernbleiben von aller Kultur so besonders hervorgehoben, ja mit darauf
+hin den Schluss gezogen, dass sie von geringerer Organisation und
+Befaehigung, dass sie von Haus aus eine niedrigere Race waeren (Carus 28,
+22 ff.). Wie will man das aber aufrecht halten, wenn die civilisirten
+Voelker von einer viel wilderen und grauenvolleren Blutgier besessen
+sind, die um so schrecklicher wird, als sie unvermittelt neben so hoch
+entwickelten intellektuellen Faehigkeiten steht? Wenn die groessten und
+bedeutendsten Maenner dieser civilisirten Voelker dieselbe Blutgier
+theilen, wie Columbus, welcher die auf Menschen dressirten Hunde
+einfuehrte, der Koenigin Isabella rieth, die Kosten seiner Fahrten durch
+Menschenraub zu decken, Diebstaehle mit grausamen Verstuemmelungen strafte
+und Hinterlist und gemeinen Verrath gegen die Indianer fuer erlaubt
+hielt? (Waitz 4, 331). Wenn die blutgierig-rohesten wohl noch wegen
+ihrer grauenvollen Bestialitaet als besonders hervorragend gepriesen
+werden, wie die "Pioniere des Westens", die "Helden von Old-Kentucky"
+(Waitz 3, 260), die nebenbei auch der intellektuellen Vorzuege der Kultur
+sich begebend genau ebenso aberglaeubisch als die Indianer wurden, deren
+Lebensweise, Vergnuegungen und Skalpirungen bald sich nur noch durch
+groessere Rohheit von den Indianern unterschied? Ja d'Ewes (China,
+Australia and the Pacif. Islands in 1855-56. London 1857, p. 150)
+erzaehlt, dass einzelne Weisse auf den Fidschi-und Tonga-Inseln, neben
+den graesslichsten Verbrechen aller Art, sogar den Kannibalismus der
+Eingeborenen mitgemacht haben! Beispiele von Spaniern und Portugiesen,
+welche unter die Bildungsstufe der Eingeborenen Suedamerikas
+herabgesunken sind, findet man reichlich bei Waitz 1, 370 und bei v.
+Tschudi an verschiedenen Stellen. Ehrlichkeit, Treue, Vertrauen,
+Anstand, Gastfreundschaft, Menschlichkeit, reine Religiositaet, die
+besseren moralischen Eigenschaften findet man meist nicht auf Seiten der
+Europaeer, sondern der so tief verachteten Naturvoelker, und Seume's
+
+ "Wir Wilden sind doch bessre Menschen"
+
+hat seinen tiefen Grund. Man sage nicht, dass die von den Europaeern
+veruebten Schlechtigkeiten nur von einzelnen ausgegangen und also auch
+nur den einzelnen Individuen zur Last zu legen seien; sie sind so
+ziemlich gleichmaessig von der gesammten Kolonistenbevoelkerung ausgefuehrt
+und jedenfalls von ihr hoechlich gebilligt worden; ja es fehlt noch viel,
+dass sie auch jetzt ueberall getadelt wuerden.
+
+Es zeigt sich aus diesen Betrachtungen ferner, wie ungeheuer langsam die
+Menschheit moralisch fortschreitet und wie wenig durch intellektuelle
+Entwickelung ein Fortschritt nach jener Seite bedingt wird. Das eben von
+Columbus Erwaehnte mag als Beleg dienen, er, der geistig so hoch ueber
+seiner Zeit stand, hatte sittlich ganz dieselbe Stufe inne. Seine ganze
+Zeit aber stand trotz des Christenthums, trotz der aeusseren Kultur noch
+auf einem Standpunkt der geistigen Rohheit, die sich noch kaum von dem
+Wesen des Naturmenschen unterscheidet, ja durch reicher entwickelte und
+ganz zuegellose Leidenschaften noch tiefer als jenes erscheint. Wie
+gewaltig nun die Entwickelung der Intelligenz in den letzten drei
+Jahrhunderten zugenommen hat, weiss Jeder; blickt man aber auf die
+Kulturvoelker des 19. Jahrhunderts--man denke an die Englaender in
+Tasmanien, Neuholland, Nordamerika, die Portugiesen und Spanier in
+Suedamerika--so wird man von einem moralischen Fortschritt noch gar wenig
+bemerken, denn sie benehmen sich, allerdings nicht mehr in solcher
+Allgemeinheit, gerade ebenso brutal und unmenschlich, als die Spanier im
+16. Jahrhundert.
+
+Auch kann man nicht behaupten, dass die heutige Propaganda und ihr
+Verfahren in der Suedsee sich sehr zu ihrem Vortheil von den Missionaeren
+des 16. und 17. Jahrhunderts unterschied; was sie etwa an
+Gewaltthaetigkeit verloren hat, das hat sie an Unwahrheit gewonnen. Und
+wenn man im 19. Jahrhundert mit demselben Leichtsinn wie im 16. nur um
+zu taufen, tauft: so ist das in unseren Zeiten bei weitem schlimmer, als
+in jenen frueheren. Bis jetzt also hat die Hoehe der intellektuellen
+Entwickelung noch keineswegs durchgreifend und in dem Maasse, als man
+denken sollte, auf die moralische Seite des menschlichen Charakters
+gewirkt--aus Gruenden, deren tiefere psychologische Motivirung hier uns
+zu weit fuehren wuerde.
+
+Und doch laesst es sich nicht laeugnen, dass alles wirkliche Fortschreiten
+der gesammten Menschheit, wodurch sie immer reiner und wirklich
+menschlicher sich entwickelt, nicht sowohl auf intellektuellen als auf
+moralischen Geistesthaten beruht. Die europaeische Gesellschaft ist zu
+ihrer heutigen Hoehestufe emporgehoben erstens durch die Gleichstellung
+der Frauen bei den Germanen, zweitens die rein moralische Macht des
+Christenthums, drittens die Reinigung des Christenthums und die
+Anerkennung der individuellen Geistesfreiheit durch die Reformation und
+die Reinigung der sozialen Verhaeltnisse durch die Revolution des vorigen
+Jahrhunderts. Letztere trug auch gleich den Naturvoelkern die besten
+Fruechte: denn dass Polynesien wesentlich anders behandelt ist, als
+Amerika, dazu trugen nicht wenig bei die Lehren von Maennern wie
+Rousseau, der Gedanke, dass alle Menschen, mochten sie nun durch Staende
+oder Hautfarbe und Sprache verschieden scheinen, in ihrem Wesen gleiche
+Menschen seien; ja die Ansicht, welche man von diesen Voelkern lange Zeit
+in Europa hegte, beruhte gleichfalls auf diesen Gedanken, da sie
+hauptsaechlich durch die Werke der Forster hervorgerufen wurden, diese
+aber eifrige Anhaenger Rousseau's waren.--Neben jenen Hauptfoerderungen
+der Menschheit darf man einige andere zwar nicht in erster Linie
+anfuehren, aber auch ebensowenig ganz uebersehen, und dahin gehoert die
+Erweckung des reinen Schoenheitssinnes, der wahren Kunst durch die
+Griechen. Waehrend nun im Leben der Voelker und der Einzelnen es sich nur
+allzuhaeufig zeigt, dass die groesste Ausbildung der Intelligenz auf die
+sittliche Vollendung eines Menschen gar keinen Einfluss hat, so foerdert
+umgekehrt jeder sittliche Fortschritt der menschlichen Gesellschaft ihre
+intellektuellen Leistungen und ist ohne eine solche Foerderung gar nicht
+zu denken, da ja jeder wirklich bedeutende sittliche Fortschritt die
+Menschheit in ihrem ganzen Wesen hebt und weiter entwickelt, und nur wo
+dieser Doppelfortschritt geschieht, kann von einem wirklichen
+Hoehersteigen die Rede sein. Man hebt nie ein Volk nur durch Industrie
+und Lehranstalten, wenn man es dadurch auch reich und wohl unterrichtet
+machen kann; man hebt es nur, wenn man seine idealen Anschauungen
+laeutert und foerdert. Dass aber eine Foerderung nicht etwa dadurch
+eintritt, dass man der Gegenwart das Ideal vergangener Jahrhunderte als
+das einzig heilvolle aufzwingen will, das liegt auf der Hand.
+
+
+
+
+Sec. 23. Zukunft der Naturvoelker. Mittel, sie zu heben.
+
+
+Was wird nun die Zukunft der Naturvoelker sein? Geradezu vernichtet sind
+nur wenige bis jetzt und noch koennen wir, und da wir Unfaehigkeit zur
+Entwickelung, leibliche oder geistige, nirgends bei ihnen finden, noch
+muessen wir hoffen. Freilich ist viel verdorben; und die Leichtigkeit der
+Annaeherung, das Vertrauen, mit dem sie der Kultur entgegenkamen, ist bei
+den meisten unwiederbringlich verloren.
+
+Wie bisher die Missionaere die groessten Verdienste um diese Voelker haben,
+so fallen auch, wenn wir nach der Zukunft fragen, unsere Augen zunaechst
+auf die Missionaere. Wenn wir bedenken, dass die Polynesier man kann wohl
+sagen ihre Rettung bisher ihnen verdanken, dass, die Hottentotten und so
+mancher amerikanische Stamm nur und allein durch sie Gelegenheit hatten,
+auch die guten Seiten der Kultur an sich zu erfahren; so koennen wir
+nicht dringend genug wuenschen, dass ihr Werk sich segensreich immer
+weiter ausbreiten moege. Dazu gehoert zunaechst Unterstuetzung durch die
+weltlichen Maechte, freilich anders als sie von Frankreich den
+katholischen Missionaeren zu Theil wurde: denn die Staaten muessten, im
+Interesse der jedesmaligen Eingeborenen, jede segensreiche Wirksamkeit
+gleichviel von welcher Confession gleichmaessig schuetzen. Und so hat
+sich, um gar nicht vom Christenthum zu reden, auch vom anthropologischen
+Standpunkt aus die katholische Kirche und Frankreich in ihrem Dienst in
+der Suedsee schwer vergangen. Die Maechte, welche unter den Naturvoelkern
+Kolonien haben, England besonders, haben den groessten Vortheil von einer
+tuechtigen Wirksamkeit der Missionaere; denn einmal werden durch sie
+unnuetze Kriege, die doch auch den Weissen oft schaedlich genug sind,
+vermieden, und ferner die Eingeborenen selbst der Kolonie gewonnen. Man
+sollte also von Staatswegen die Missionen mit allen Mitteln stuetzen
+(nicht gewaltsam einfuehren, nur stuetzen), aber auch zugleich ein
+wachsames Auge auf sie haben und sie noethigen Falles zur Rechenschaft
+ziehen. Denn Menschlichkeiten koennen vorkommen und sind auch unter den
+protestantischen Missionaeren der Suedsee vorgekommen, welche z.B. in
+Neuseeland durch ihre Landankaeufe und Spekulationen sich und ihrer Sache
+und den Eingeborenen gleichviel geschadet haben. Aber auch die
+Missionaere muessen auf sich selbst das strengste Augenmerk haben. Sie
+muessen immer mehr und mehr zu der richtigen und wichtigen Einsicht
+gelangen, dass es nichts hilft, Voelker zu taufen oder sie auf abstrakte
+und fuer jene Menschen ebenso unverstaendliche wie unbrauchbare
+Lehrbegriffe hinzuweisen, wenn man nicht alle ihre Geisteskraefte weckt,
+die Wahrheiten dieser Lehre sich anzueignen. Nach dieser Seite--wer
+wollte es laeugnen? uebersteigt es doch auch hier ganz fehlerlos zu
+handeln bei weitem menschliche Kraft--nach dieser Seite haben beide
+Kirchen viel verfehlt; die katholische durch oft ganz beispiellos
+leichtsinniges Taufen, wobei sie das Heidenthum ruhig bestehen liess
+(Beispiele fuer diese harte Behauptung liefern die Annales de la
+propagation de la foi, Michelis und Lutteroth genug; wir fuehren
+einzelnes der Kuerze halber nicht an), die protestantische durch
+allzustrengen Ernst und eigensinniges Steifen auf die abstrakten
+Lehrsaetze. Doch wird jeder Unbefangene die bei weitem bessere
+Wirksamkeit auf protestantischer Seite sehen muessen, wenn wir auch fern
+sind, zu verkennen, was die katholische Kirche grosses geleistet hat.
+Maenner wie Las Casas und so viele seiner Glaubensgenossen, welche fast
+der einzige Schutz der unterdrueckten Amerikaner waren, so viele
+Jesuiten, die mit dem groessten Glaubenseifer sich jeglicher Gefahr fuer
+das Christenthum unterzogen, wie z.B. der gewaltige San Vitores auf den
+blutgetraenkten Marianen: alle diese Maenner muessen in erster Reihe
+genannt werden, wenn es sich um Darstellung der Verdienste der Mission
+handelt.
+
+Man mache die Naturvoelker erst zu Menschen, dann zu Christen; man bilde
+sie langsam zu der und durch die Kultur vor, deren hoechste Bluethe das
+Christenthum ja eben sein will. Nicht Wissen und Erkennen, und waere es
+der hoechsten Weisheit, Thaetigkeit vielmehr und selbstaendiges Bauen des
+eigenen Lebens gibt dem Menschen erst sittlichen Halt und sittliche
+Kraft: diese wecke, gestalte, befoerdere man und man wird das
+Christenthum foerdern. Ist es doch wahr, dass jene Verbrecher, welche aus
+den Deportationsorten entsprangen und sich an verschiedenen Stellen
+Ozeaniens niederliessen, durch die Bruchstuecke von Kultur, welche sie
+den Eingeborenen mittheilten, dem Christenthum und den Missionaeren den
+Weg gebahnt und sehr erleichtert haben, ohne dass sie es selbst wollten
+und obwohl sie oft mit der Kultur zugleich manches Verbrechen lehrten.
+Will man aber ohne genuegende Vorbereitung rasch Erfolge sehen, so wird
+man nichts wirken; die Missionsberichte (beider Confessionen) beweisen
+zur Genuege, wie thoericht ein solches Streben ist und wie es oft zu den
+allergroebsten Selbsttaeuschungen fuehrt. Nur die liebevollste Arbeit und
+aufopferndste Hingebung vieler Generationen kann hier wirklichen und
+bleibenden Erfolg erringen. Man muthe doch nicht den Naturvoelkern zu,
+die Hoehe der Bildung im Fluge zu ersteigen, welche die begabtesten
+Kulturvoelker im Laufe von Jahrtausenden und mit so haeufigem Rueckfall, so
+heissem Kampfe, so stetiger Arbeit sich errungen haben.
+
+Aber auch die weltliche Macht muss Huelfe bringen; zunaechst negativ,
+indem sie nicht duldet, dass andere, was die Missionaere bauen,
+untergraben und einreissen; und ferner positiv, indem sie das von jenen
+begonnene weiterfuehrt. Sie muss die Eingeborenen in ihren natuerlichen
+Rechten schuetzen, das Eigenthumsrecht an den von ihnen bewohnten Boden
+anerkennen und aufs Strengste darauf halten, dass ihnen von Seiten der
+Kolonisten kein Unrecht geschieht. Freilich werden solche Maenner wie
+Lord Grey, die mit der groessten Umsicht und Energie die reinste
+Menschenliebe besitzen, nicht haeufig gefunden werden; aber man kann auch
+in der Wahl einer obersten Kolonialverwaltung nicht zu viel thun.
+Specielle Vorschlaege haben Grey fuer Australien, Dieffenbach fuer
+Neuseeland, Andere fuer andere Voelker gemacht; und es liesse sich, bei
+allen Schwierigkeiten, wenn die Maechte, welche Kolonien besitzen, also
+vor allen Dingen England ernsthaft wollten, gewiss viel Elend verhueten,
+viel Gutes stiften und viel Verdorbenes herstellen. Bis jetzt freilich
+haben die englischen und ueberhaupt die europaeischen Matrosen meist nur
+das eine Recht der Gewalt; die Frevel, die sie an jenen Voelkern begehen,
+bleiben ungestraft, waehrend es mit den aergsten Strafen heimgesucht wird,
+wenn die Eingeborenen irgend an Weissen freveln. Zum Theil ist diese
+Ungerechtigkeit noethig, um die fernen Weissen zu schuetzen; theils aber
+liegt sie auch in der selbst noch sehr mangelhaften moralischen
+Entwickelung der Weissen, welche an solchen Gewalttaten im grossen
+Ganzen kaum einen Frevel. sehen. Was soll man dazu sagen, wenn
+Schandgeschichten wie die folgende unter Englands offiziellem Schutz
+geschehen und in den Zeitungen, auch in deutschen, fast als Scherz
+erzaehlt werden? Nach der Ermordung eines Kaufmanns[O] erschien das
+englische Kriegsschiff Perseus, Capitaen Stevens, 1867 im Fruehjahr vor
+der Palaus (Pelewsinseln, westliches Mikronesien), um Genugthuung zu
+fordern: es zeigte sich, das der Kaufmann auf Befehl des Koenigs, auf
+dessen Insel Koror er lebte und Grundeigentum besass, ermordet sei, weil
+er an die Feinde desselben Feuerwaffen verkauft hatte. "Obwohl nun
+Stevens einsah, heisst es, dass jener besser gethan haette, keine
+Mordwaffen zu verkaufen", so glaubte er doch streng verfahren zu muessen
+und verlangte Hinrichtung des Koenigs. Die Insulaner, von dem
+Kriegsschiff bedraengt, beschlossen, sich nicht zu widersetzen--aber sie
+baten, dass die Hinrichtung von Matrosen des Schiffes ausgefuehrt wuerde,
+was Stevens nicht zuliess. "Insulaner sollten das Werk thun". So geschah
+es denn. Und es geschah noch mehr. Die so behandelten Insulaner riefen
+den Schiffscapitaen zu ihrem Koenig aus. "Er nahm auch sofort die Krone an
+und bewies, dass er die koenigliche Praerogative in erspriesslicher Weise
+zu nuetzen verstehe. Er befahl seinen Unterthanen, Huehner, Eier, Fruechte
+und sonst noch mancherlei an Bord des Dampfers zu bringen und diesem
+Befehl wurde willig Folge gegeben. Eine Verguetung fuer die gelieferten
+Sachen blieb ausser Frage, doch war seine improvisirte Majestaet so
+guetig, einige Geschenke, als da sind: Messer, Scheeren u. dergl.
+verabfolgen zu lassen. Als dies geschehen war, dankte er ab und
+ueberliess den Paleuinsulanern, sich nun einen anderen Koenig nach ihrem
+Geschmack zu suchen" (Globus 12, 59, nach der Overland China Mail v. 30.
+Mai 1867 und der "Presse" zu Manila). Heisst das nicht, jede
+Selbstachtung eines Volkes mit Fuessen treten? nicht, der Gerechtigkeit
+und Menschlichkeit ins Gesicht schlagen? Und das that ein Vertreter des
+englischen Staates im Namen der Gerechtigkeit! Und eine solche
+Geschichte erheitert als Anekdote ein europaeisches Publikum! Die
+Insulaner mussten, trotz ihrer Bitten, ihren eigenen Koenig erschiessen,
+weil er sich eines gegen ihn entschieden feindlich handelnden
+Englaenders, allerdings auf frevelhaftem Wege, entledigt hatte! So lange
+solche Geschichten noch moeglich sind, so lange ist allerdings fuer die
+Naturvoelker noch nicht allzuviel zu hoffen. Und sie werden, wir
+befuerchten es, noch lange moeglich sein; so lange wenigstens sicher als
+die Kulturvoelker sich von ganz anderem Stoff duenken, als jene "Wilden",
+denen man wohl die Gestalt, aber keineswegs die Rechte eines Menschen
+zugesteht.
+
+Gegen diese gaenzliche Ausschliessung von allem europaeischen Leben, wie
+es die Eingeborenen in den Koloniallaendern fast immer zu dulden haben,
+muesste der Staat, was in seinen Kraeften steht, thun, wenn er jene
+wirklich heben wollte: denn das ist es, was sie jetzt am meisten von der
+Kultur ab und im Elend zurueckhaelt. Aber das wird schwer, wo nicht
+unmoeglich sein; und die Menschheit, so scheint es, wird erst noch
+manchen Schritt vorwaerts thun muessen, ehe diese Gleichstellung (wenn sie
+dann noch moeglich ist) auch nur annaehernd sich verwirklichen lassen
+wird; so dass man in diesem Sinne wohl sagen kann, alles, was in Europa
+zur Hebung der weissen Bevoelkerung und ihres sittlichen Lebens
+geschieht, das kommt auch mittelbar den Naturvoelkern zu gut.
+
+
+
+
+Sec. 24. Werth der Naturvoelker fuer die Menschheit und ihre Entwickelung.
+Schluss.
+
+
+Aber, so muessen wir noch fragen, kann man ueberhaupt einem Staat, den
+civilisirten Voelkern zumuthen, so viel Mueh und Arbeit an die Naturvoelker
+zu verwenden, die sie doch anderen Zwecken und vielleicht besseren oder
+doch nuetzlicheren entziehen muessen? Kann man nicht mit Fug und Recht von
+dem werthlosen Leben dieser rohen Nationen Talleyrands beruechtigtes je
+n'en vois pas la necessite sagen? Wie man vom Standpunkte des
+Christenthums hierauf antworten muss, welches lehrt, dass alle Menschen
+Brueder und vor Gott gleich sind, liegt auf der Hand: und wo wird denn
+ein strenges Christenthum mehr zur Schau getragen, als im oeffentlichen
+Leben Englands und Amerikas? Aber auch vom Standpunkt der Philosophie
+aus wird man die Erhaltung der minder entwickelten Voelker fuer eine
+wesentliche Aufgabe der Kultur ansehen muessen. Der empirische Forscher
+wird nach genauer historischer und naturwissenschaftlicher Betrachtung
+der Welt sehen, dass die Gesammtheit der Natur als solche dem
+Entwickelungsgesetze folgt, wie die einzelnen grossen Abtheilungen der
+Natur, wie die Gattungen, Arten und Individuen. Das Gesetz dieser
+Entwickelung besteht aber darin, dass Alles, Gesammtheit und
+Einzelnwesen, eine groessere Vollkommenheit, Festigkeit und Sicherheit
+der Existenz anstreben. In diesem Entwickelungsgange hat die Natur
+selbst die Werthbestimmungen gesetzt, dass sie das Individuum der Art,
+die Art der Gattung, die Gattung der Familie, kurz das Beschraenktere dem
+Groesseren unterordnet, ja wenn es im Interesse des Groesseren noth thut,
+aufopfert. Es wuerde spiritualistische Verkennung unseres Standpunktes
+sein, welchen wir in der Stufenfolge des Ganzen einnehmen, wenn wir
+Menschen fuer uns andere Gesetze beanspruchen wollten, als sie fuer die
+gesammte Natur gelten; zeigt doch auch alle historische Entwickelung,
+dass wir unter ganz denselben stehen, wie die uebrigen Organismen alle,
+nur dass unsere Stellung verschieden ist. Wie nun also der Natur
+Erhaltung und Foerderung des Ganzen Hauptzweck ist, so muss er es auch
+uns Menschen sein, und zwar zunaechst Erhaltung und Foerderung der
+menschlichen Gesellschaft, da unsere Thaetigkeit zunaechst unserer eigenen
+Gattung naturmaessig gehoert. Das aber heisst schlecht dem Ganzen dienen,
+wenn man lebensfaehige Keime desselben, bloss weil sie nicht im gleichen
+Lenz und nach gleicher Art mit uns sich entwickelt haben, zertreten
+wollte. Wer weiss, zu welchem Endzweck auch sie der Natur dienen koennen!
+Und Niemand wird doch behaupten wollen, dass sie zu zertreten den
+Voelkern von hoeherer Kultur Nutzen braechte. Wenn wir von diesem
+philosophischen Standpunkt aus nach dem Zweck menschlicher Entwickelung
+forschen, so werden wir die Civilisation als solchen bestimmen muessen
+(Waitz 1, 478 f.). Denn einmal sichert sie erst durch engen
+Zusammenschluss der Individuen, welche sich im Naturzustande
+selbstsuechtig, also feindlich gegenueber stehen, die menschliche
+Gesellschaft dauernd und fest, andererseits bringt sie erst, indem sie
+auf diese Weise eine Menge ueberschuessiger Kraft frei macht, die
+Menschheit zu hoeherer Entwickelung. Sie allein ist es, welche die
+wichtigste Seite des menschlichen Lebens, die Thaetigkeit des Geistes
+ueberhaupt erst ermoeglicht. Zu diesem Endzweck menschlicher Entwickelung
+ist aber jedes Volk berufen und die einzige Aufgabe schon civilisirter
+Nationen uncivilisirten gegenueber kann nur die sein, die Civilisation
+auch zu jenen hinzutragen, nicht aber durch die reichlicheren und
+wirksameren Mittel derselben jene zu vertilgen. Auch darf hierbei nicht
+uebersehen werden, wie nichts der Civilisation selbst gefaehrlicher ist,
+als Zuruecksinken in Rohheit, weil ein solches mit stets zunehmender
+Geschwindigkeit, gleichsam nach den Fallgesetzen vor sich geht. Das
+wueste Verfahren gegen die Naturvoelker ist aber ein solches Zuruecksinken
+in Rohheit und wie beim laengeren Vernichtungskampf gegen sie jene
+Rohheit schrecklich waechst, das haben wir schon gesehen. Ganze Staemme
+civilisirter Nationen sind durch sie, zu der sich dann noch Faulheit und
+Genusssucht gesellten, in die aeusserste Barbarei zurueckgesunken oder
+doch wenigstens merklich in ihrer Entwickelung aufgehalten: so die
+Hollaender am Cap, die Spanier und Portugiesen und zum Theil die
+Englaender in Amerika. Das ewige Blutvergiessen und Morden musste sie
+immer gleichgueltiger, immer roher machen und dadurch schwanden
+selbstverstaendlich gar manche andere Interessen; Faulheit und so manches
+andere, obwohl gar manche Kolonisten auch davon einen reichlichen
+Vorrath mitbrachten, war die natuerliche Folge der fortgesetzten
+Grausamkeit. Fuehrt uns dieser letztere Punkt schon aus dem theoretischen
+und moralischen mehr ins praktische Gebiet, so gibt es auch noch andere
+praktische Gruende, welche fuer Schonung und Hebung der Naturvoelker,
+keinen aber, der dagegen spricht. Waitz (1, 484) setzt auseinander, dass
+bei den grossen Unterschieden in der Naturumgebung der Menschen, bei den
+mannigfaltigen Faehigkeiten und Eigenschaften, welche die verschiedenen
+Voelker im und durch den Lauf der Zeiten entwickeln, die Civilisation der
+gesammten Menschheit auch in hoechster Vollendung keine ganz gleiche zu
+sein braucht, ja auch nur sein kann. "Ohne dass ein Volk dem anderen die
+materielle oder die geistige Arbeit ganz abnehmen koennte, wuerde sich
+doch das Verhaeltniss so gestalten, dass bei einigen die eine, bei
+anderen die andere Art der Arbeit in ein entschiedenes Uebergewicht
+traete, dass einige in der einen, andere in der anderen Richtung sich
+produktiver zeigten und dem entsprechend auf die uebrigen wirkten und
+ihnen mittheilten. Den Tropenlaendern wuerde alsdann mehr oder weniger
+allgemein die ueberwiegende Produktion der materiellen, den gemaessigten
+Klimaten die der geistigen Gueter zufallen. Eine hohe Stufe
+intellektueller Bildung, tiefes Denken und eine durchgebildete, auf
+feiner und vielseitiger Ueberlegung ruhende Sittlichkeit, scheint bei
+der geistigen Erschlaffung kaum erreichbar zu sein, welche das Leben in
+der heissen Zone fuer den Europaeer wie fuer den Eingeborenen mit sich
+bringt" (1, 185). Gerade weil aber das Leben unter den Tropen
+erschlaffend wirkt und auf den weissen Einwanderer noch mehr als auf den
+Eingeborenen, so ist es fuer ersteren der groesste Vortheil, wenn ihm
+Unterstuetzung von letzteren zu Theil wuerde. Von wie grossem Segen waere
+es fuer alle Kolonien, statt wie jetzt in oft so blutiger Feindschaft mit
+den Eingeborenen zu leben, in ihnen Helfer und freundliche und
+intelligente Arbeiter zu finden und so empfiehlt sich schon von rein
+praktischer Seite fuer den Europaeer die Schonung und Hebung der
+Naturvoelker durchaus.
+
+Auch haben diese letzteren manches und wenn es bloss die Kenntniss der
+sie umgebenden Natur waere, was sie als nuetzliche Dankesgabe fuer eine
+ihnen gewidmete treue Sorgfalt geben koennten. Hatten doch einige von
+ihnen reiche und originelle Kulturen entwickelt, deren Zerstoerung ein
+unersetzlicher Verlust fuer die Menschheit ist. Zunaechst ist es die Hoehe
+und Reinheit der mexikanischen Moral, wovon Waitz (4, 125 ff.) Proben
+gibt und die auch hinter den Lehren des Christenthums keineswegs weit
+zurueckbleiben, was jene Behauptung rechtfertigt. Zugleich aber war in
+Mexiko wie in Peru auch die intellektuelle Faehigkeit hoch entwickelt,
+und was sie in industrieller Beziehung leisteten (Bauwerke, Goldarbeiten
+u.s.w.) ist bekannt genug. Sicher ist uns vieles von dem, was sie
+leisteten, durch die Art der Eroberung verloren; und was eine solche
+Kultur geleistet haben wuerde, wenn sie durch freundliches und
+allmaehliches Bekanntwerden mit der europaeischen erhoeht worden waere,
+darueber haben wir kein Urtheil. Jedenfalls sind verschiedene Brennpunkte
+der Kultur fuer die Menschheit nur ein Vortheil und zwar ein ganz
+unschaetzbarer, wenn man bedenkt wie langsam im allgemeinen die
+Entwickelung der Voelker ist. Auch ist kein geringer Werth auf die
+originale Verschiedenheit solcher selbstaendiger Kulturen zu legen; durch
+ihr Zusammentreffen, Wetteifern, selbstaendiges Schaffen wird mehr und
+allseitiges ins Leben gerufen und der menschliche Geist mehr und
+allseitiger entwickelt, als durch eine einzige in sich wesentlich
+gleiche Kultur.
+
+Moege denn von diesen Voelkern wenigstens gerettet werden, was noch zu
+retten moeglich ist. Bis jetzt steht die Entwickelung der Menschheit auch
+nach dieser Seite hin ganz unter naturalistischem Gesetz. Der "Kampf ums
+Dasein", in welchem es der Staerkere ist, welcher siegt, zeigt sich im
+vollsten Maasse; die erstarkten Racen breiten sich aus, gewaltsam und
+zum Unterschied von der unvernuenftigen Natur mit Lust und ohne
+Beduerfniss zerstoerend, und ihnen erliegen die schwaecheren. Allein der
+Mensch ist der Vernunft und der Liebe faehig und gerade darin sollte der
+staerkere des vernunftbegabten Geschlechtes seine Kraft zeigen, dass er
+schwaecheres liebend zu sich emporhebt, statt es zu vernichten; dann
+wuerde der Geist, die sittliche Wahl des Menschen herrschen und die
+Gesamtheit haette einen grossen Schritt weiter gethan auf der Bahn, die
+sie gehen muss, in der Befreiung des Geistes von den rohen Fesseln der
+aeusseren Natur.
+
+
+
+
+Fussnoten:
+
+
+[A] Hale sagt ausdruecklich, dass sie ihm nicht zu hoch schiene; er hatte
+die Angabe von Punchard, einem Englaender, der mehrere Jahre auf der
+Insel gelebt hatte.
+
+[B] Auch die Beispiele, welche Darwin a.a.O. zur Erhaertung seiner
+Hypothese von dem schaedlichen Effluvium lang eingeschlossener Menschen
+mittheilt, lassen sich aus Obigem, wie es scheint, erklaeren, ebenso das
+Erkranken der Shropshirer Schafe. Jenes Effluvium ist weiter nichts, als
+eben solche unbewusst mitgeschleppten Miasmen, an welche der, welcher
+sie mitbringt, seine Natur nach und nach accommodirt hat.
+
+[C] Diese Fruehreife der Weiber ist wohl nicht, wie Humboldt b 2, 190
+will, Racencharakter. Einmal widerspricht dieser Behauptung, dass sich
+mancherlei Beispiele von spaeter Entwicklung auch unter den
+Amerikanerinnen findet; und sodann, dass fast bei allen Naturvoelkern die
+Mannbarkeit so frueh eintritt. Wenn nun auch das Klima mannigfachen
+Einfluss hierauf hat (Waitz 1, 45), so doch keineswegs einen ueberall
+gleich bleibenden und sicher nachzuweisenden. Denn bei den Eskimos, bei
+den Kamtschadalen und anderen Voelkern in so hohen Breitengraden finden
+wir dieselbe Erscheinung und die Fidschis z.B. in der heissen Zone
+zeigen sie nicht. Waitz 1, 125 fuehrt die animalische Nahrung und die
+hohe Temperatur in den Huetten vieler dieser Voelker als Grund an. Allein
+auch dies trifft nicht bei allen zu. Sollte nicht der Grund der fruehen
+Mannbarkeit der sein, dass einmal bei der gaenzlichen Schrankenlosigkeit
+der Naturvoelker die Wuensche frueher erregt und ferner die Maedchen zu
+fruehe begehrt werden? Das konnte und musste im Laufe der Generationen
+seine Wirkung zeigen. Die Gewoehnung vererbte sich immer mehr, setzte
+sich durch Vererbung immer fester, und so entwickeln sich die
+Geschlechtsfunktionen wirklich frueher, als es der menschlichen Natur
+eigentlich normal ist. So wuerde sich diese Erscheinung bei allen
+Naturvoelkern gleich gut erklaeren: und man lernt taeglich Gewoehnung und
+Vererbung mehr in ihrer Bedeutung fuer die Geschichte der Menschheit
+schaetzen. Dass Klima und sonstige Lebensweise mit gewirkt haben, soll
+damit nicht abgelaeugnet werden; nur sind sie bei den Naturvoelkern von
+untergeordnetem Einfluss, und die Einwirkung von Gewoehnung und Vererbung
+ist gewiss die Hauptsache. Nirgends ist der Einfluss des Willens, der
+Wuensche und Gedanken so gross, als gerade im geschlechtlichen
+Verhaeltniss.
+
+[D] Spuren von ihr finden sich auch in Suedamerika, so bei Azara 248, der
+von den Mbayas erzaehlt, dass ihre Weiber nie Fleisch von Kuehen und Affen
+essen; doch, da ihre Maedchen ueberhaupt kein Fleisch, nicht einmal grosse
+Fische und zur Zeit der Periode nur Gemuese und Obst geniessen, so koennte
+man diese Enthaltsamkeit auch einfacher erklaeren. Dagegen ist es gewiss
+eine dem nordamerikanischen Totem urspruenglich verwandte jetzt nicht
+mehr verstandene Sitte, wenn die Cariben z.B. nie Affen essen, dagegen
+die Ameisenbaeren als Delikatesse aufsuchen, welche wiederum die Makusis
+nur nothgedrungen essen wuerden (Schomburgk 2, 434). Thiere gelten auch
+in Suedamerika als die Stammvaeter und Schutzgeister mancher Voelker. Und
+nicht anders ist es in Afrika bei den Betschuanen, deren einzelne Staemme
+unveraenderliche, ihre Abstammung von gewissen Thieren bezeichnende Namen
+besitzen. "Diese Thiere werden von den Voelkern, die sich nach ihnen
+nennen, heilig gehalten, weder gejagt noch gegessen und man pflegt durch
+die Frage "was tanzt ihr" nach dem Namen desselben sich zu erkundigen."
+So gibts Maenner des Loewen, Krokodils, Stachelschweins, Fischs, Affen,
+doch auch des Eisens, Waitz 1, 352. 413. Die Frage "was tanzt ihr"? ist
+merkwuerdig. Sie erinnert an manchen Thiere darstellenden Tanz
+amerikanischer und australischer Voelker, und es liegt nahe anzunehmen,
+dass die heiligen Taenze zuerst das Leben der Schutzgeister
+versinnbildlichten, wie die Griechen die Geschichte ihrer Goetter
+tanzten. Spaeter erblasste die Bedeutung solcher Taenze vielfach.
+
+[E] Aehnliches findet sich auch bei indogermanischen Voelkern. Heilige
+Thiere als Wappen und in Eigennamen waren sehr gebraeuchlich, vergl.
+Grimm D.M. 633. Toedtete man sie auf der Jagd, oder beschnitt man einen
+heiligen Baum, so waren auch dabei bestimmte versoehnende und abbittende
+Gebetsformeln ueblich, eb. 618.
+
+[F] Wenn hier Kadu nicht irrthuemlich einen rohen melanesischen Stamm
+meint; oder, um etwas recht Entsetzliches zu erzaehlen, absichtlich oder
+selbst getaeuscht aufbindet. Denn wahrscheinlich ist die Angabe fuer die
+Palaus nicht.
+
+[G] Zwillinge werden fast von allen Naturvoelkern getoedtet: auch von den
+Negern (Waitz 2, 124).
+
+[H] Obwohl auch Jarves 83 manche der Zahlen anzuzweifeln scheint.
+
+[I] Dass uebrigens auch bei Indogermanen und Semiten die Kinder vielfach
+getoedtet sind, ist ja bekannt genug. In Griechenland wurden die Kinder
+umgebracht, welche der Vater, wenn sie die Hebamme ihm vor die Fuesse
+legte, nicht aufhob; eine Sitte, die bei Plautus und Terenz, d.h. also
+der spaeteren attischen Komoedie so vielfach erwaehnt wird. Namentlich
+Toechter wurden umgebracht. Diese Toedtung geschah durch Aussetzung
+zumeist (Schoemann griech. Alterthuemer 1, 562). Bei den alten Deutschen
+herrschte durchaus derselbe Gebrauch. Aus semitischem Gebiet sei
+zunaechst an Abrahams Opferung Isaaks erinnert, sodann an den
+Molochdienst der Phoenicier, der so vielfach von den Juden nachgeahmt
+wurde (Winer, bibl. Realwoerterbuch unter Moloch) so wie an die der
+Astarte geschlachteten Kinder (Movers Phoen. 2, 2, 69). Allerdings ist
+der semitische Gebrauch ein religioeser, also zum Kinderopfern gehoerig.
+Doch liesse sich auch fuer blosses Aussetzen der Kinder manches
+Semitische beibringen.
+
+[J] Auch was Humboldt b5, 110-111 von den "Mysterien des Botuto", einer
+Trompete von Thon mit mehreren kugelartigen Anschwellungen, die zu allen
+feierlichen Ceremonien gebraucht wird, erzaehlt, gehoert hierher: "um in
+die Mysterien des Botuto eingeweiht zu werden, muss man rein von Sitten
+und unbeweibt sein. Die Eingeweihten unterziehen sich der Geiselung, dem
+Fasten und anderen angreifenden Andachtsuebungen." Durch die Trompete
+theilt der grosse Geist den Eingeweihten seinen Willen mit; sie stehen
+also mit den Goettern in naeherem Verkehr als andere Menschen und das war
+auch der Grundgedanke der Areois. Ganz aehnlich wird von Haiti berichtet.
+"Die Caziken naemlich standen", erzaehlt Waitz 4, 329 nach Herrera,
+Torquemada und Petr. Martyr, "ohne selbst Priester zu sein, doch an der
+Spitze des Cultus: die Tempel und Opferplaetze, wo die Gottesverehrung
+stattfand, waren entweder ihre Haeuser selbst oder Huetten, die als ihnen
+gehoerig betrachtet wurden; dort waren die Bilder der Ahnen aufgestellt,
+die von Holz, inwendig hohl und mit einem Rohre versehen nur von ihnen
+um Orakel befragt werden konnten und nur aussprachen was sie ihnen
+eingaben. Sie berauschten sich zu diesem Zwecke mit einer Art von
+Schnupftabak und fuehrten die heilige Handlung allein aus, von der
+natuerlich das Volk ausgeschlossen blieb." Auch Taenze gehoerten zu diesen
+religioesen Mysterien, die sie allein kannten, auch dies wieder wie bei
+den Areois.
+
+[K] Jak. Grimm, Gesch. d. d. Sprache 1. Aufl. (1848) S. 143 ff. stellt
+eine Menge Voelker zusammen, bei welchen derselbe Gebrauch vorkam:
+Scythen (Issedonen, nach Mela 3. Auflage 1868), Kelten (3. Auflage),
+Germanen verschiedener Staemme (Deutsche, Schweden) Romanen und Slaven.
+Merkwuerdig ist, dass auch bei Heiligen-Schaedeln der Gebrauch vorkommt,
+so zu Trier, zu Neuss, und nach Aventin (Ausg. v. 1566 fol. 33, a) zu
+Ebersberg und Regensburg. Der Gebrauch ist also derselbe; man sieht, es
+war wohl zunaechst eine Art von Kannibalismus, dann aber auch ein Zeichen
+der Freundschaft, der Liebe, dankbarer Erinnerung. Zu beachten ist noch,
+dass Aventin sagt, Niemand haette aus einem solchen Schaedel trinken
+duerfen, wer nicht einen Feind erschlagen haette, da auch dieser Zug an
+manches Aehnliche unter den Naturvoelkern erinnert. Doch koennen wir diese
+hoechst merkwuerdigen Uebereinstimmungen hier nicht weiter verfolgen.
+
+[L] Herod. 4, 26 (nach Grimm a.a.O.) sagt von den Issedonen [Griechisch:
+epean andri apothane pater, hoi prosechontes pantes prosagousi
+probata chai epeiten tauta thysantes chai chatatamontes ta chrea
+chatatamnousi chai ton tou dechomenou tethneota gonea, anamixantes de
+panta ta chrea daita protitheatai]. Auch die Wilzen und Skythen assen
+ihre verstorbenen Eltern. Die Wenden toedteten noch im 16. Jahrhundert
+ihre arbeitsuntuechtigen Vaeter unter besonderen Ceremonien (Kuehn,
+maerkische Sagen und Maehrchen 335). Auch hier stehen wir vor einer
+uralten und weit verbreiteten Sitte, die wir hier ebenfalls nur
+beruehren, nicht abhandeln koennen. Vgl. was etwas weiter unten ueber Mare
+und Neuguinea gesagt wird. Ueber dieselbe Sitte bei Roemern, Griechen,
+Phoeniziern (Sardinien), spanischen, deutschen u.a. Voelkern siehe Merklin
+in den Memoires de l'academie de Petersbourg 1852 S. 119 und Osenbrueggen
+in der Vorrede zu Cicero pro S. Roscio p. 51 ff. Auch das litauische
+Sprichwort (Schleicher lit. Maehrchen 179) "wie das Soehnchen heranwaechst,
+hat es auch den Vater erwuergt", koennte auf eine aehnliche, jetzt laengst
+abgekommene Sitte hinweisen.
+
+[M] Bei Bechst. bekommen Knaben nach Genuss einer Zauberspeise die
+Faehigkeit zu fliegen. In einem sehr aehnlichen indischen Maehrchen bei
+Somadeva (Brockhaus 104) ist diese Speise Menschenfleisch. Ein
+Zusammenhang beider Erzaehlungen waere nicht undenkbar.
+
+[N] Die Menschenschaedel, welche am Eingange des Palastes, an den
+Stadtthoren und allen wichtigen Plaetzen Dahomeys angebracht sind (Waitz
+2, 130), kann man gewiss nicht anders deuten. Auch unter den Semiten war
+der Gebrauch verbreitet: die phoenicischen Staedte wurden dadurch fest
+gemacht, dass man an ihren Thoren und sonst Menschen eingrub (Movers
+Phoenizien 2, 46). Bei den Indogermanen kommt er vielfach vor; er war bei
+den Germanen sehr verbreitet, wie Ueberreste dieser Sitte noch heute
+beweisen; so wird z.B. am Suedharz das kleinste Kind des Hauses barfuss
+in den frischen Estrich hineingestellt, damit er halte u.s.w. Bei den
+Slaven kommt er vor, wie sich in vielen ihrer Maehrchen und Sagen zeigt
+(z.B. Talvj Volkslieder d. Serben 1, 117, die Erbauung Skodras); von den
+Kelten wird er gleichfalls erwaehnt und Hahn albanesische Studien 1, 160
+erzaehlt dasselbe von Albanien. Die Thiere, die man jetzt dort schlachtet
+und ganz oder theilweise einmauert (wie auch in Deutschland viel
+geschah), vertreten nur die frueheren geopferten Menschen. In Albanien
+herrscht auch, um das zu Sec. 4 nachzutragen, ein ganz aehnliches
+Heilverfahren, wie bei Hottentotten, Amerikanern und Australiern. Jedes
+Uebel, das auch hier nur auf Bezauberung beruht, wird in Gestalt von
+etwas Festem aus dem Koerper entfernt und dieses letztere dann
+eingewickelt fortgeworfen. Wer auf das Eingewickelte tritt, auf den geht
+die Krankheit ueber (ebend, 159).
+
+[O] Der getoedtete Englaender hiess Cheyne und ist derselbe, welcher das
+auch von uns vielfach benutzte Buch a description of islands in the
+Western Pacific Ocean, north and south of the Equator geschrieben hat
+(Petermann, Mittheil. 1868, 28). Obwohl nun dies und seine anderen
+Schriften sehr werthvoll sind zur Kenntniss des sonst noch so wenig
+gekannten westlichen Theiles des stillen Ozeans; so hat man doch bei der
+Benutzung Vorsicht anzuwenden, da Cheyne, selbst Sandelholzhaendler (und
+Trepangfischer) sich bei der moralischen Beurtheilung der geschilderten
+Voelker sehr haeufig von seinen Handelsinteressen beeinflussen laesst. So
+schildert er die Melanesier ohne Ausnahme (Fichteninsel, Lifu, Mare,
+Uea, Tanna, Erromango u.s.w.) als wild und "hoechst verraetherisch" und
+war selbst haeufig mit ihnen im Streit. Ebenso erzaehlt er von _allen_
+Karoliniern, dass man ihnen nicht trauen duerfe. Er steht also selbst auf
+dem Standpunkt der Sandelholzhaendler und beachtet nicht, was die
+Eingeborenen von diesen an Ungerechtigkeit, Raub und roher Gewalt zu
+leiden hatten. Nach der Lektuere seines Buches wundert man sich nicht,
+dass er ein solches Ende genommen hat; das ganz einseitige Betonen
+seiner Handelsinteressen liess vielmehr nichts anderes erwarten. Es
+faellt daher von hier aus erst das wahre Licht auf die Vorgaenge in Koror,
+sowohl auf sein Auftreten als auf den Racheakt des englischen
+Kriegsschiffes.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Ueber das Aussterben der Naturvoelker
+by Georg Gerland
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK NATURVOELKER ***
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
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Binary files differ