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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 04:42:44 -0700 |
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Schweitzer + „Der Sozialdemokrat“ + Schweitzer und die Konservativen + Schweitzer im norddeutschen Reichstag + Schweitzers Diktatur + Die Generalversammlung in Barmen-Elberfeld + Die Rebellion im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein + Der Eisenacher Kongreß + Die Gründung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei und die Auflösung + des Verbandes der deutschen Arbeitervereine + Nach Eisenach + Schweitzers Ende +Beginn meiner parlamentarischen Tätigkeit + Im konstituierenden norddeutschen Reichstag + Im norddeutschen Reichstag und dem Zollparlament + Taktische Unstimmigkeiten +Der Deutsch-Französische Krieg + Das Vorspiel zur Kriegserklärung + Meinungsdifferenzen + Erklärungen und Proklamationen + Die Verhaftung des Braunschweiger Ausschusses + Annexionen und Kaiserkrone + Unsere Verhaftung +Meine weitere parlamentarische Tätigkeit, der Leipziger Hochverratsprozeß +und anderes + Die erste Session des deutschen Reichstags + Der erste deutsche Webertag + Weiteres aus Sachsen + Der Dresdener Parteikongreß +Die zweite Session des deutschen Reichstags + Der Leipziger Hochverratsprozeß + Die dritte Session des ersten deutschen Reichstags + Mein Majestätsbeleidigungsprozeß +Unsere Festungshaft und was zwischendurch passierte + Hubertusburg + Königstein + Zwickau +Von 1871 bis zum Vereinigungskongreß zu Gotha + Die Regierungen und die Sozialdemokratie + Die Einigungsfrage vor den beiden Fraktionen + Der Parteikongreß zu Eisenach 1873 + Die erste Session des neuen Reichstags 1874 + Tessendorf als Bahnbrecher der Einigung. Einigungsverhandlungen +Vom Vereinigungskongreß zu Gotha bis zum Vorabend des Sozialistengesetzes + Das Einigungswerk + Nachwehen + Reichstagsarbeit + Meine Stellung zur Kommune + Neue Verfolgungen + Der Parteikongreß zu Gotha 1876 + Der Wahlkampf 1876 bis 1877 + Der Reichstag 1877 + Der Kongreß zu Gotha 1877 + Landtagswahl in Sachsen. „Die Zukunft“ + Wieder reif fürs Gefängnis + Innere Vorgänge + Der Reichstag Frühjahr 1878 + Im Leipziger Gefängnis und was währenddem geschah + Das Hödel-Attentat und seine Folgen + Das erste Ausnahmegesetz + Das Nobiling-Attentat und seine Wirkung + Die Reichstagswahl von 1878 + + + + +Geleitwort. + + +Früher, als ich selbst gehofft, ist es mir ermöglicht worden, den +vorliegenden zweiten Band „Aus meinem Leben“ fertigzustellen. Mein +Gesundheitszustand hat sich in den letzten anderthalb Jahren erheblich +gebessert und damit ist meine Leistungsfähigkeit gehoben worden. Leider +fiel in diese Zeit die lange, schwere Erkrankung meiner teuren, +unvergeßlichen Frau, mit deren Hinscheiden Ende November 1910 ihr Leiden +seinen Abschluß fand. + +Der zweite Band ist weit stärker geworden, als ich anfangs geahnt; er +wuchs mir unter den Händen zu einer Art Geschichte der Partei, was +erklärlich ist bei der Stellung, die ich in der Partei erlangte. Auch +kamen mir noch Briefe und Aktenmaterial in die Hände, das ich verloren +glaubte. Während dem ruhelosen, überarbeiteten Leben, das ich länger als +ein Menschenalter führte, war vorsichtshalber manches beseitigt und +vergeben worden, das sich bei gründlichem Nachforschen wieder fand. +Außerdem gelangten, da ich als Miterbe des Friedrich Engelsschen +literarischen Nachlasses testamentarisch eingesetzt worden war, die +meisten meiner Briefe wieder in meinen Besitz, die ich im Laufe mehrerer +Jahrzehnte mit Friedrich Engels und Karl Marx gewechselt hatte. Den +Hauptinhalt dieser Briefe, die wesentlich in die Zeit des +Sozialistengesetzes fielen, werde ich im dritten Bande benutzen. + +Dieser letztere wird, vorausgesetzt, daß mir überhaupt das Leben und die +nötigen Kräfte verbleiben, erst nach längerer Zeit erscheinen. Die +Vorarbeiten befinden sich noch in den Anfängen. Möglicherweise muß ich +diesen dritten Band in zwei Teile zerlegen. Sein Inhalt wird die zwölf +Jahre Sozialistengesetz, die „Heroenzeit“ der Partei, wie diese Periode +gern genannt wird, umfassen. Damit gedenke ich meine Veröffentlichungen +größeren Umfangs abzuschließen. + +Dem Schlußband wird ein Namen- und Sachregister beigegeben werden. + +Zürich, den 2. September 1911. + +A. Bebel + + + + +Die Periode des Herrn v. Schweitzer in der proletarischen +Arbeiterbewegung. + + + + +Jean Baptist v. Schweitzer + + +Unter den Persönlichkeiten, die nach dem Tode Lassalles nacheinander die +Führung des von ihm gegründeten Vereins übernahmen, steht J.B. v. +Schweitzer allen weit voran. In Schweitzer erhielt der Verein einen +Führer, der in hohem Grade eine Reihe Eigenschaften besaß, die für seine +Stellung von großem Werte waren. Er besaß die nötige theoretische +Vorbildung, einen weiten politischen Blick und eine kühle Ueberlegung. +Als Journalist und Agitator hatte er die Fähigkeit, die schwierigsten +Fragen und Themen dem einfachsten Arbeiter klar zu machen; er verstand +es wie wenige, die Massen zu fanatisieren, ja zu faszinieren. Er +veröffentlichte im Laufe seiner journalistischen Tätigkeit in seinem +Blatte, dem „Sozialdemokrat“, eine Reihe populärwissenschaftlicher +Abhandlungen, die mit zu dem Besten gehören, was die sozialistische +Literatur besitzt. So beispielsweise seine Kritik des Marxschen +„Kapital“ und die später als Broschüre veröffentlichte Abhandlung „Der +tote Schulze gegen den lebenden Lassalle“, Arbeiten, die noch heute +ihren vollen Wert haben. Auch als Parlamentarier erwies er sich als sehr +geschickt und gewandt. Er erfaßte rasch eine gegebene Situation und +verstand sie auszunutzen. Endlich war er auch ein guter Redner von +großer Berechnung, der Eindruck auf die Massen und die Gegner machte. + +Aber neben diesen guten, zum Teil glänzenden Eigenschaften besaß +Schweitzer eine Reihe Untugenden, die ihn als Führer einer +_Arbeiterpartei_, die in den ersten Anfängen ihrer Entwicklung begriffen +war, dieser gefährlich machten. Für ihn war die Bewegung, der er sich +nach mancherlei Irrfahrten anschloß, nicht Selbstzweck, sondern Mittel +zum Zweck. Er trat in die Bewegung ein, sobald er sah, daß ihm innerhalb +des Bürgertums keine Zukunft blühte, daß für ihn, den durch seine +Lebensweise früh Deklassierten, nur die Hoffnung bestand, in der +Arbeiterbewegung die Rolle zu spielen, zu der sein Ehrgeiz wie seine +Fähigkeiten ihn sozusagen prädestinierten. Er wollte auch nicht bloß der +Führer der Bewegung, sondern ihr Beherrscher sein, und trachtete sie für +seine egoistischen Zwecke auszunutzen. Während einer Reihe von Jahren in +einem von Jesuiten geleiteten Institut in Aschaffenburg erzogen, später +sich dem Studium der Jurisprudenz widmend, gewann er in der jesuitischen +Kasuistik und juristischen Rabulistik das geistige Rüstzeug, das ihn, +der von Natur schon listig und verschlagen war, zu einem Politiker +machte, der skrupellos seinen Zweck zu erreichen suchte, Befriedigung +seines Ehrgeizes um jeden Preis und Befriedigung seiner großen, +lebemännischen Bedürfnisse, was ohne auskömmliche materielle Mittel, die +er nicht besaß, nicht möglich war. Es ist aber eine alte geschichtliche +Erfahrung, die in allen Volksbewegungen sich bestätigt hat, daß führende +Persönlichkeiten, die sybaritische Gewohnheiten haben, aber wegen Mangel +an Mitteln sie nicht zu befriedigen vermögen, leicht an sie +herantretenden Versuchungen unterliegen, namentlich wenn sie dabei auch +glauben, außer der Befriedigung ihres Ehrgeizes Scheinerfolge erringen +zu können. + +Die diktatorische Stellung, welche die Organisation des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins dem Leiter des Vereins einräumte, begünstigte +die Schweitzerschen Bestrebungen ungemein. Es war aber auch ebenso +natürlich, daß gegen die Gelüste des Diktators ein ständiger Kampf der +selbständiger denkenden Mitglieder im Verein entstand. Die Opposition, +zeitweilig durch seine brutale Rücksichtslosigkeit scheinbar +niedergeworfen und aus dem Verein hinausgedrängt, erhob sich in Kürze in +anderen Personen und an anderen Orten wieder, und es begann der Kampf +von neuem gegen ihn. Seine Herrschaftsbestrebungen wurden noch dadurch +ungemein begünstigt, daß das einzige Blatt, das der Verein besaß — und +ein zweites neben diesem duldete er nicht —, „Der Sozialdemokrat“, in +seinen Händen war und von ihm geleitet wurde. Damit hatte er das Mittel +in der Hand und wandte es ohne Skrupel an, die geistige Beherrschung +der Mitglieder zu einer absoluten zu machen, wobei er jeden Widerspruch +und jede ihm unbequeme Meinungsäußerung gewaltsam niederhielt. Die Art, +wie dabei wieder Schweitzer den Massen zu schmeicheln verstand, obgleich +er innerlich sie verachtete, ist mir nie mehr in ähnlichem Maße +begegnet. Sich selbst stellte er als ihr Werkzeug hin, das nur dem +Willen des „souveränen Volkes“ gehorche, dieses souveränen Volkes, das +nur seine Zeitung las und dem er seinen Willen suggerierte. Wer aber +wieder ihn zu lecken wagte, der wurde der niedersten Motive geziehen, +als eine Viertels- oder Achtelsintelligenz gebrandmarkt, die sich über +die braven, ehrlichen Arbeiter erheben wolle, um sie im Interesse ihrer +Gegner zu mißbrauchen. + +Eine Rolle, wie Schweitzer sie allmählich spielte, war allerdings nur in +den Jugendjahren der Bewegung möglich, und darin liegt die +Entschuldigung für seine fanatisierten Anhänger. Wer heute die Rolle +eines Schweitzer in der Bewegung spielen wollte, wäre in kurzer Zeit +unmöglich, sei er wer er wolle. + +Schweitzer war ein Demagog großen Stils, der an der Spitze eines Staates +sich als ein würdiger Schüler Machiavellis — für dessen grundsatzlose +Theorien er schwärmte — erwiesen haben würde. Die absolute Herrschaft, +die er durch die erwähnten Mittel sich auf Jahre in seinem Verein zu +sichern wußte, läßt sich nur vergleichen mit gewissen Erscheinungen in +der katholischen Kirche. Er hatte eben nicht umsonst bei den Jesuiten +Unterricht genommen. + +Wessen wir — Liebknecht und ich — Schweitzer beschuldigten, war, daß er +den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein — natürlich wider Wissen und +Wollen des weitaus größten Teiles seiner Mitglieder — im Interesse der +Bismarckschen Politik leite, _die wir nicht als eine deutsche, sondern +als eine großpreußische Politik betrachteten,_ eine Politik, betrieben +im Interesse der Hohenzollernschen Hausmacht, die bestrebt war, die +Herrschaft über ganz Deutschland zu gewinnen und Deutschland mit +preußischem Geist und preußischen Regierungsgrundsätzen — _die der +Todfeind aller Demokratie sind_ — zu erfüllen. + +Wie damals die Dinge im allgemeinen lagen und bei dem schweren Kampfe, +in dem sich Bismarck mit der liberalen Bourgeoisie befand, benutzte er +jedes Mittel, auch das unscheinbarste, das seinen Zwecken dienen konnte. +Ich habe bereits im ersten Teil dieser Arbeit dargelegt, wie Bismarck +noch vor dem Auftreten Lassalles in dem Lackierer Eichler einen +gewandten Agenten besaß, der für seine Politik in den Arbeiterkreisen +Propaganda machte. Lassalle, der nicht als Dienender, sondern als +Gleichberechtigter, als Macht zu Macht mit Bismarck in Unterhandlungen +sich einließ, unterstützte mehr als er wohl selbst wollte diese +Bismarckschen Bestrebungen. Seine Verhandlungen mit Bismarck wurden zwar +offenbar mit dem Februar 1864 abgebrochen und bis zu seinem (Lassalles) +Tode nicht wieder aufgenommen, aber das Streben, die Arbeiterbewegung +der Bismarckschen Politik dienstbar zu machen, blieb bestehen und hatte +einen gewissen Erfolg, woran die scharfe Absage, die Karl Marx dem alter +ego Bismarcks, Lothar Bucher, gab, als dieser ihn zur Mitarbeit am +preußischen „Staatsanzeiger“ einlud, nichts änderte. + +Helene v. Rakowicza (Helene v. Dönniges), die ehemalige Geliebte +Lassalles, wegen der er in das Duell, das ihn das Leben kostete, +verwickelt wurde, erzählt in ihrem Buche: „Von anderen und mir“, Berlin +1909, daß sie in einer Nachtunterhaltung Lassalle die Frage vorgelegt: +Ist's nun wahr? Hast du mit Bismarck allerlei Geheimes zu tun? Worauf +dieser geantwortet habe: „Was Bismarck anbelangt und was er von mir +gewollt hat und ich von ihm? — laß dir's genügen, daß es nicht zustande +kam, nicht zustande kommen konnte. Wir waren beide zu schlau — wir sahen +unsere beiderseitige Schlauheit und hätten nur damit enden können, uns +(immer politisch gesprochen) ins Gesicht zu lachen. Dazu sind wir zu gut +erzogen — also blieb es bei den Besuchen und geistreichen Gesprächen.“ + +Diese Darstellung klingt wahrscheinlich. Es hieße Lassalles Scharfsinn +und seine Einsicht beleidigen, sollte er anders gedacht haben, als hier +seine ehemalige Geliebte erzählt. Ueberhaupt konnte kein scharfsinniger +und einsichtiger Mensch, und das war auch Schweitzer, sich täuschen +über das, was ein Sozialdemokrat von Bismarck erlangen konnte, was +nicht, und daß, wenn Bismarck auf irgendwelche Beziehungen mit +Sozialdemokraten sich einließ, es nur geschah, um sie in seinem +Interesse zu verwenden und nachher wie ausgepreßte Zitronen beiseite zu +werfen. Oder ein anderes, daß sie sich an ihn verkauften und ihm Dienste +leisteten, was bei Lassalle nicht in Frage kommen konnte. + +Für meine Auffassung spricht zunächst die Tatsache, daß, als an des +Präsidenten Bernhardt Beckers Stelle F.W. Fritzsche Vizepräsident des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins wurde, Dr. Dammer, der frühere +Vizepräsident des Vereins, Fritzsche empfahl, _er solle bei seinen +Agitationen im Königreich Sachsen neben den sozialistischen Forderungen +für die preußische Spitze eintreten und die über diese Versammlungen +veröffentlichten Zeitungsberichte direkt an Bismarck senden, auch diesem +über die abgehaltenen Versammlungen direkt berichten._ Fritzsche selbst +hat mir diese Mitteilungen gemacht, als es sich im Herbst 1878 um die +Bekämpfung des Entwurfs des Sozialistengesetzes handelte. Diese +Mitteilungen habe ich damals im Reichstag in einer Rede gegen Bismarck +auch verwendet. + +Die Versuche, den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein für die +Bismarcksche großpreußische Politik nutzbar zu machen, waren also sehr +frühzeitig vorhanden und dauernde. Es wird Sache meiner +Auseinandersetzungen sein, zu beweisen, daß Schweitzer diesen +Bestrebungen Bismarcks bewußt diente. + +Wäre Schweitzer ein Mann gewesen, der der Sache, die er äußerlich +verfocht, innerlich ehrlich zugetan war, wäre er ein Mann gewesen, von +dem jeder Parteigenosse überzeugt sein mußte, daß nur die Begeisterung +und das reinste Streben, der Arbeiterklasse zu dienen, bei ihm vorhanden +war, hätte er die sehr bedenklichen Zweideutigkeiten, die in seinem +politischen Leben auftauchten, zu vermeiden gewußt, wäre mit einem Worte +sein ganzes Tun Vertrauen fordernd gewesen, er wäre bis an sein +Lebensende unbestritten der Führer der Partei geblieben. Jeder Versuch, +ihn zu diskreditieren, wäre an ihm abgeprallt, mochten solche Angriffe +ausgehen von welcher Seite immer. Statt dessen mußte er sein stetig +sinkendes Ansehen verteidigen und erlebte schließlich, daß nach der +Niederlegung seiner Präsidentschaft, als jeder wagen durfte, frei zu +sprechen, ohne Gefahr, von einem Bannstrahl getroffen zu werden, gerade +diejenigen die ehrenrührigsten Anklagen gegen ihn erhoben, die ihn +einstmals gegen die Angriffe von unserer Seite fanatisch verteidigt +hatten. So kam es, daß die Nachricht von seinem Tode jene kalt und +gleichgültig ließ, die im anderen Falle ihn bis zur letzten Stunde als +ihren Führer anerkannt und seinem Andenken alle Ehren erwiesen haben +würden. + + * * * * * + +Jean Baptist v. Schweitzer wurde am 12. Juli 1834 zu Frankfurt am Main +geboren. Das Blut, das in seinen Adern floß, war, nach seinen Vorfahren +zu urteilen, eine Mischung von italienisch-französischem mit deutschem +Blute. Seine Familie, die im Jahre 1814 vom damaligen König von Bayern +geadelt wurde, gehörte zu den sogenannten Patrizierfamilien +Altfrankfurts. + +Was der junge Schweitzer in seiner Familie sah und hörte, war nicht sehr +erhebend und von zweifelhaft erzieherischem Einfluß. Der Vater, einst +Kammerjunker bei dem berüchtigten Herzog Karl von Braunschweig, der 1830 +eilig sein Land verlassen mußte, wollte er nicht der Volkswut zum Opfer +fallen, war ein Lüdrian, der als Verschwender lebte. Die Mutter, die +getrennt von ihrem Manne ein besonderes Haus führte, trieb es in der +gleichen Weise. Kein Wunder, daß der junge Jean Baptist bei solcher +Abstammung und bei solchem Vorbild in die elterlichen Fußtapfen trat, +nur daß ihm die Mittel fehlten, welche die Eltern verjubelt hatten, +worauf denn für ihn das Schuldenmachen die notwendige Konsequenz war. + +Gegen die Mitte der fünfziger Jahre führte ihn sein Studium auch nach +Berlin, wo er unter anderem im Hause Krummachers, dessen Frau eine +Verwandte seiner Großmutter war, verkehrte, und die führenden Männer der +preußischen Reaktion, so zum Beispiel Friedrich Julius Stahl, kennen +lernte. Die später in seinen Schriften hervortretende scharfe und +treffende Kritik der Natur des preußischen Staates dürfte er bei seinem +Aufenthalt in Berlin und im Verkehr mit den maßgebenden +Gesellschaftskreisen gewonnen haben. Sein großdeutsch-österreichischer +Standpunkt, der nicht nur der herrschende in seiner Familie, sondern +auch in den Bürgerkreisen Altfrankfurts war, mochte seine +Beobachtungsgabe besonders schärfen. Er lernte jetzt den Staat in seinem +innersten Wesen kennen, der der Todfeind Oesterreichs war. Dieser sein +großdeutsch-österreichischer Standpunkt kam auch in den politischen +Schriften zum Ausdruck, deren erste Schweitzer 1859 veröffentlichte, und +zwar in Frankfurt, wo er sich 1857 als Rechtsanwalt niedergelassen +hatte, dem aber die Praxis fehlte. Diese Schrift, die während des +österreichisch-italienisch-französischen Krieges veröffentlicht wurde, +führte den bezeichnenden Titel „Oesterreichs Sache ist Deutschlands +Sache“ und forderte das Eintreten von Gesamtdeutschland für Oesterreich. +Die zweite Schrift mit gleicher Tendenz führte den Titel: „Widerlegung +von Karl Vogts Studien zur gegenwärtigen Lage Europas“. Dieselbe +schließt: Oesterreichs Sache ist die Sache des europäischen Rechtes und +der europäischen Ordnung, die Sache der Kultur und Humanität und vor +allem die _nationale Sache deutscher Ehre und deutscher Unabhängigkeit_. + +In einer dritten Schrift, die 1860 erschien, betitelt „Der einzige Weg +zur nationalen Einheit“, rückt er erheblich nach links. Er bekennt sich +als Republikaner und sieht nur in einer demokratischen Einheit +Deutschlands, die durch eine Revolution von unten herbeizuführen sei, +das Heil Deutschlands. Indes verfiel er später wieder in seine +großdeutsch-österreichischen Sympathien, bis er endlich nach seiner +persönlichen Bekanntschaft mit Lassalle ins kleindeutsche Lager +abschwenkte und in der Politik eines Bismarck die einzige Möglichkeit +zur Lösung der deutschen Frage sah. + +Der Beginn der Volksbewegung und die Gründung des Nationalvereins im +Jahre 1859 mit seinen kleindeutschen Bestrebungen konnten Schweitzer +nicht gleichgültig lassen. Er trat, entsprechend seinem damaligen +Standpunkt, gegen den Nationalverein auf. Er meinte (Januar 1861), nur +wenn der Nationalverein sich für die Republik, das hieß also für die +Revolution erkläre, könne er auf die Hilfe der _Arbeiter_ rechnen. +Preußen sei nicht besser als Oesterreich; _beide müßten zertrümmert +werden_, sollte die deutsche Einheit möglich sein. + +Als dann im November 1861 in Frankfurt a.M. mit seiner Hilfe ein +Arbeiterbildungsverein gegründet wurde, wählte man Schweitzer zu dessen +Vorsitzenden. Hier vertrat er die gleichen radikalen Ideen. Anfang 1862 +erschien wiederum eine Schrift von ihm, „Zur deutschen Frage“, in der er +sich abermals als unerbittlichen Gegner der hohenzollernschen +Hauspolitik und der preußischen Führerschaft in Deutschland bekannte und +die Jämmerlichkeit der Mittelparteien brandmarkte. Er trat jetzt als +Vielgeschäftiger in der Politik hervor. So wurde er auch Vorsitzender +des Frankfurter Turnvereins; Vereine, die damals samt und sonders eine +eifrige politische Tätigkeit entfalteten, obgleich sie angeblich +unpolitische Vereine sein sollten. Das gleiche war mit der +Schützenvereinsbewegung der Fall. Auch in dieser trat Schweitzer aktiv +hervor und wurde, als der deutsche Schützenbund gegründet wurde, +Mitglied des engeren Ausschusses desselben. Als dann Juli 1862 das erste +deutsche Schützenfest in Frankfurt abgehalten wurde, war Schweitzer +Schriftführer des Zentralausschusses und Redakteur der Festzeitung. Der +intime Umgang, den er damals mit dem Herzog von Koburg, dem +„Schützenherzog“, pflog, an dessen Seite er sich häufig auf dem +Festplatze zeigte, stand freilich in Widerspruch zu seinem bisherigen +radikalen Verhalten und auch zu der radikalen Rede, die er am 22. Mai +1862 auf dem Arbeitertag des Maingaus in durchaus sozialistischem Sinne +gehalten hatte, wie ich das bereits im ersten Teil dieser meiner Arbeit +erwähnte. + +Schweitzer hatte um diese Zeit gleichzeitig mehrere Eisen im Feuer. Aber +da brach das Verhängnis über ihn herein. Er wurde kurz nach dem +Frankfurter Schützenfest zweier Verfehlungen öffentlich beschuldigt, die +einen schwarzen Schatten auf sein späteres Leben warfen und als Merkmale +seines Charakters von Bedeutung sind. + +Zunächst wurde er beschuldigt, 2600 Gulden für die Kasse des +Frankfurter Schützenfestes unterschlagen zu haben. Klage wurde von +seiten des Ausschusses nicht erhoben, und das gab wohl Veranlassung, daß +die Tat überhaupt bestritten wurde. Demgegenüber möchte ich feststellen, +daß der Justizrat Sterzing in Gotha, der im Zentralausschuß des +Schützenfestes saß, mit seiner Namensunterschrift eine Erklärung in der +„Allgemeinen Deutschen Arbeiterzeitung“ in Koburg erließ, worin er die +Unterschlagung als Tatsache bestätigte. Als dann einige Jahre später im +Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein die Opposition gegen Schweitzer +losbrach, schickte die Gothaer Mitgliedschaft einen ihrer Angehörigen zu +Justizrat Sterzing, um ihn zu fragen, ob die gegen Schweitzer erhobene +Beschuldigung der Unterschlagung wahr sei. Sterzing betätigte das. +Darauf wandte sich die Gothaer Mitgliedschaft an Schweitzer, teilte ihm +die Aeußerung Sterzings mit und ersuchte ihn, Sterzing zu verklagen. +Schweitzer lehnte ab. Er erklärte: das falle ihm nicht ein, da habe er +viel zu tun. + +Ein anderer noch unliebsamerer Vorgang trug sich im August 1862 im +Schloßgarten zu Mannheim zu. Schweitzer wurde beschuldigt, am Vormittag +des betreffenden Tages ein Sittenvergehen an einem Knaben begangen zu +haben. Er wurde mit vierzehn Tagen Gefängnis bestraft. Die Handlung wäre +viel schwerer bestraft worden, hätte man den betreffenden Knaben +feststellen können. Dieses gelang nicht. Wohl aber wurden andere Knaben +gefunden, denen Schweitzer das gleiche Ansinnen gemacht hatte. Daraufhin +fand seine Verurteilung statt. Im Eifer, Schweitzer reinzuwaschen, hat +man die Unschuld Schweitzers, die er natürlich selbst behauptete, zu +beweisen versucht. Im Interesse der historischen Wahrheit sollten solche +Versuche unterbleiben. Man mag über die gleichgeschlechtliche Liebe noch +so frei denken, so war es unter allen Umständen eine Ehrlosigkeit, die +Befriedigung derselben am hellen Tage in einem öffentlichen Park und an +einem schulpflichtigen Knaben zu versuchen. Bemerkt sei auch, daß +Schweitzer sich hütete, gegen das erstinstanzliche Urteil Berufung +einzulegen, was sicher geschehen wäre, wenn er sich unschuldig gefühlt +hätte. + +Diese beiden Vorkommnisse zwangen Schweitzer, auf einige Zeit Frankfurt +zu verlassen. In den Arbeiterkreisen erweckten sie natürlich eine starke +Animosität gegen ihn. Als daher im nächsten Jahre, nach Gründung des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, Schweitzer die persönliche +Bekanntschaft Lassalles gemacht hatte und Mitglied des Vereins geworden +war, stellten die Frankfurter Mitglieder an Lassalle das Ersuchen, er +solle Schweitzer angehen, den Versammlungen des Vereins nicht mehr +beizuwohnen. Lassalle lehnte dieses Ersuchen als philiströs ab, das +Schweitzer zugeschriebene Vergehen habe mit seinem politischen Charakter +nichts zu tun. Die Knabenliebe sei in Griechenland allgemein +herrschender Brauch gewesen, dem der Staatsmann und der Dichter +gehuldigt habe. Im übrigen zollte er den Fähigkeiten Schweitzers hohes +Lob. An Schweitzer selbst schrieb er, daß die gerügten Neigungen nicht +nach seinem Geschmack seien. Einen Zweifel, daß Schweitzer diese nicht +besitze, drückte er nicht aus; er wußte wohl warum. + +Anfang 1863 veröffentlichte Schweitzer eine neue Schrift bei Otto Wigand +in Leipzig, betitelt „Die österreichische Spitze“. Die Schrift widmete +er seinem Freunde Herrn v. Hofstetten, einem ehemaligen bayerischen +Offizier, „in Verehrung und Freundschaft“; die Vorrede ist von einer +schwülen Ueberschwenglichkeit, als rede Alkibiades zu einem seiner +Lieblinge. Der Inhalt der Schrift ist in mehr als einer Beziehung +interessant. Er schildert darin den Charakter des preußischen Staates +durchaus richtig und erklärt Preußen für eine Einigung Deutschlands +durchaus _ungeeignet_. Im weiteren tritt er trotz aller demokratischen +Vorbehalte wieder für die _österreichische_ Spitze ein. Der preußische +Staat stehe der Gesamtheit Deutschlands gegenüber, so führt er aus, auf +Grund seiner historischen Entwicklung ..., die ihn zwinge, sich weiter +in demselben Lande und durch dieselbe Bereicherungsart zu vergrößern, +also auf Annexionen auszugehen. _Diese Mission Preußens sei aber keine +deutsche, sondern eine preußische._ Preußen müsse nach seiner inneren +Natur darauf sehen, _daß der alles einzelne mehr oder weniger +durchdringende Geist, der althistorische, spezifisch preußische, +wesentlich hohenzollernsche Charakter des Staates nicht verloren gehe_. + +Gegen dieses Preußen macht er energisch Front, das mit einem _wirklichen +Gesamtdeutschland unverträglich sei_. Er spricht sich dabei in folgender +programmatischer Weise aus, eine Auffassung, der wir später in einer +anderen Situation wieder begegnen werden. Er sagt: „Wenn dem künftigen +Deutschen Reiche — sei es eine Republick oder ein Kaisertum — auch nur ein +einziges Dorf des jetzigen deutschen Bundesgebiets fehlt, _so ist dies +ein nationaler Skandal_. Die kleinste Hütte im fernsten Dorfe, wo +deutsche Zunge klingt, hat das heilige Recht auf den Schutz der +Gesamtheit.“ + +Diese feierliche Erklärung hielt ihn aber bald darauf nicht ab, die +Politik zu unterstützen, die den _nationalen Skandal_ herbeiführte und +herbeiführen wollte, und nach seiner eigenen Auffassung herbeiführen +mußte. Und es handelte sich dabei nicht bloß um ein einzelnes Dorf oder +eine Hütte, sondern um Ländergebiete mit zehn Millionen Deutscher, die +Jahrhundertelang früher zum Reiche gehörten als die Provinz Preußen, +deren Namen die Hohenzollern ihrem Königreich gaben. Schließlich +forderte er die _österreichische Spitze_ und den Eintritt +_Gesamtösterreichs_ in den Bund, wenn nicht anders, _so durch die +Zertrümmerung Preußens_. Demgemäß verlangte er, daß die großdeutsche +Partei _energisch für die österreichische Spitze_ eintrete und nicht der +kleindeutschen Partei das Feld in der Agitation für die preußische +Spitze überlasse. + +So Schweitzer als schwarzgelber Großdeutscher noch Anfang 1863. In +wenigen Monaten war er ein anderer. Mittlerweile hatte er die +persönliche Bekanntschaft Lassalles gemacht. Er begriff rasch, daß sich +hier eine Gelegenheit zu einer Stellung für seine Zukunft bot, die +seinem Ehrgeiz entsprach, die ihm in der bürgerlichen Welt nach den oben +geschilderten Vorgängen für alle Zeit abgeschnitten war. In diesen +Kreisen galt er als ein Mensch, vor dem man die Tür schließen müsse. + +Als im Frühjahr 1863 Lassalle nach Frankfurt kam, verständigten sich +beide offenbar sehr bald. Gelegenheit dazu bot auch ein gemeinsamer +Ausflug in die Rheinpfalz, auf dem sich ein amüsanter Vorgang mit +Lassalle zutrug. Außer Lassalle und Schweitzer nahmen an der Partie die +Gräfin Hatzfeldt, Hans v. Bülow und unser verstorbener Parteigenosse, +der damals jugendliche Wendelin _Weißheimer_ teil. Die Reise ging nach +Osthofen am Rhein, von wo aus der Ebernburg, bekanntlich einst der Sitz +Sickingens, ein Besuch gemacht werden sollte. Auf Betreiben Weißheimers +hatte sein Vater, der in Osthofen wohnte, die Gesellschaft zum +Mittagstisch geladen. Lassalle saß an der Tafel neben Frau Weißheimer. +Als diese im Laufe des Gesprächs, wißbegierig wie Frauen nun einmal +sind, die Frage an Lassalle richtete: ob er glaube, daß seine Pläne +durchführbar seien, umarmte Lassalle sie und drückte ihr mit den Worten: +„Sie sind eine köstliche Frau“ einen Kuß auf die Lippen. Er schloß ihr +also buchstäblich den Mund. Ueber diese Verhöhnung aller +gesellschaftlichen Etikette geriet der alte Weißheimer dermaßen in +Aufregung, daß er einige Sekunden nach Atem schnappte, wohingegen die +übrige Gesellschaft aus vollem Halse lachte. + +Die Wandlung in der Gesinnung Schweitzers unter dem Einfluß Lassalles +zeigte sich sofort deutlich in der Rede, die er am 13. Oktober 1863 in +Leipzig unter dem Titel hielt: „Die Partei des Fortschritts als Trägerin +des Stillstandes“. Diese Rede bezeichnet eine vollständige Umwandlung +seiner bisherigen Stellung zu Preußen, zugleich war sie eine +Rechtfertigung der Politik Lassalles und eine klare Stellungnahme gegen +den Liberalismus, _was zu jener Zeit hieß_ eine Parteinahme für Bismarck +und die Feudalen. In jener Rede führt er unter anderem aus: + + „Allein, meine Herren, wenn Sie meinem Vortrag gefolgt sind, so werden + Sie erkannt haben, daß zwar der moderne Absolutismus samt seinen + Adels- und Priesterkoterien uns feindlich gegenübersteht, da er + überhaupt von Neuerung nichts wissen will; allein, Sie werden zugleich + erkannt haben, _daß unser eigentlicher, hartnäckiger und erbitterter + Feind wo ganz anders steckt — nämlich in der Bourgeoispartei und ihren + Vertretern_. Es muß durchaus einmal _offen und bestimmt ausgesprochen + werden,_ daß in der weitaus höchsten und wichtigsten Frage der Zeit + _der wahre Sitz des Stillstandes in der sogenannten liberalen Partei + liegt, daß also unser, der sozialdemokratischen Partei Kampf in erster + Linie gegen sie gerichtet sein muß_. Wenn Sie dies aber festhalten, + meine Herren, dann werden Sie sich selbst sagen: _Warum hätte Lassalle + sich nicht an Bismarck wenden sollen?“_ + +Nach dieser Theorie waren also nicht die Feudalen, denen jeder +politische und soziale Fortschritt ein Greuel war, die, um modern zu +reden, die heftigsten Verteidiger der gottgewollten Abhängigkeiten sind, +der Hauptfeind der Arbeiter, das waren vielmehr die Liberalen, von denen +selbst der am weitesten rechtsstehende Anhänger doch immer noch ein +Vertreter der modernen Entwicklung, ein Anhänger eines gewissen +Kulturfortschrittes ist, ohne den die kapitalistische Ordnung nicht +bestehen kann, die dem Proletarier erst die Möglichkeit schafft, sich +zum freien Menschen emporzuarbeiten, die Unterdrückung des Menschen +durch den Menschen zu beseitigen. Schweitzer _wußte_, daß die von ihm +gepredigte Auffassung eine _grundreaktionäre_ war, ein Verrat an den +Interessen des Arbeiters, aber er propagandierte sie, weil er glaubte, +sich dadurch nach oben zu empfehlen. + +Es verstand sich von selbst, daß Bismarck und die Feudalen eine solche +Hilfe von der äußersten Linken mit Vergnügen sich gefallen ließen und +den Vertreter einer solchen Auffassung eventuell auch unterstützten. War +doch dieses Spielen mit Sozialismus und Kommunismus — und kein +vernünftiger Mensch konnte annehmen, daß es sich um mehr als um ein +Spielen handle — ein vortreffliches Mittel, die liberale Bourgeoisie, die +nie an einem Uebermaß von Mut und Einsicht litt, ins Bockshorn zu jagen +und _sie dem Bismarckschen Zäsarismus ins Garn zu treiben_. Je radikaler +dieser Sozialismus sich gegen die Bourgeoisie aufspielte, je mehr +erfüllte er seinen Zweck. Daher auch die Aufforderung Buchers an +Marx — man muß dieses immer wiederholen —, im „Staatsanzeiger“ selbst +kommunistisch zu schreiben. + +Diese Politik war aber das gerade Gegenteil von Demokratie und +Sozialismus, was ich nicht erst zu beweisen nötig habe. + + + + +„Der Sozialdemokrat.“ + + +Schweitzer siedelte im Juli 1864 nach Berlin über und ließ sich dort +naturalisieren. Sein Zweck war, die Herausgabe eines Parteiorgans „Der +Sozialdemokrat“ zu betreiben, wozu sein Freund v. Hofstetten, der mit +einer Gräfin Strachwitz verheiratet war und einiges Vermögen besaß, die +Mittel hergab. Auffallend ist, daß Lassalle in seinem Testament keinen +Pfennig für das von ihm gebilligte Unternehmen anwies. + +Schweitzer war es gelungen, trotz des Mißtrauens, das ein Teil der hier +Genannten gegen ihn hegte, außer Liebknecht Karl Marx, Friedrich Engels, +Oberst Rüstow, Georg Herwegh, Jean Philipp Becker, Fr. Reusche, Moritz +Heß und Professor Wuttke als Mitarbeiter zu gewinnen, selbstverständlich +auf ein radikales Programm, das Schweitzer entworfen hatte, das sich +durch Klarheit, Bestimmtheit und Kürze auszeichnete. Dasselbe erschien +an der Spitze der Probenummer des „Sozialdemokrat“ vom 15. Dezember 1864 +und lautete: + + _Unser Programm._ + + Drei große Gesichtspunkte sind es, welche das Streben und die + Tätigkeit unserer Partei bestimmen: + + Wir bekämpfen jene Gestaltungen des europäischen Staatensystems, + welche, unnatürlich die Völker trennend und verbindend, aus dem + feudalen Mittelalter in das neunzehnte Jahrhundert sich + herübergeschleppt haben — wir wollen fördern die Solidarität der + Völkerinteressen und der Volkssache durch die ganze Welt. + + Wir wollen nicht ein ohnmächtiges und zerrissenes Vaterland, machtlos + nach außen und voll Willkür im Innern — _das ganze, gewaltige + Deutschland wollen wir, den einen, freien Volksstaat_. + + Wir verwerfen die bisherige Beherrschung der Gesellschaft durch das + Kapital — wir hoffen zu erkämpfen, daß die Arbeit den Staat regiere. + + Diese drei großen auf gemeinsamer Grundlage beruhenden Gesichtspunkte + _weisen uns in jeder möglichen Frage mit zwingender Notwendigkeit auf + die Bahnen, die wir zu wandeln haben_. + + Unsere Prinzipien sind einfach und klar — _ihre Konsequenzen zu ziehen + werden wir uns niemals scheuen_. + +Kein Zweifel, wäre dieses durchaus unanfechtbare, von allen maßgebenden +Personen in der Partei gebilligte Programm fortan die Richtschnur des +Blattes geblieben, eine Spaltung wäre unmöglich gewesen, eine Aera +gesunder Fortentwicklung wäre eingetreten und hätte eine ungeahnte +Ausbreitung der Partei schon in jungen Jahren höchst wahrscheinlich +gemacht. + +Aber Schweitzer wollte es anders. Von Herrn v. Hofstetten, seinem +Associé und Miteigentümer des „Sozialdemokrat“, rede ich nicht. +Hofstetten war ein schwacher Mann ohne tiefere Einsicht in das Wesen der +Dinge, der sich von Schweitzer treiben und mißbrauchen ließ, und den +dann Schweitzer wie eine ausgequetschte Zitrone nach einigen Jahren +beiseite warf, nachdem Hofstetten sein Vermögen bis zum letzten Rest für +den „Sozialdemokrat“ und für Schweitzer, der über Jahr und Tag auch an +seinem Tische saß, geopfert hatte. + +Die korrekte Haltung des „Sozialdemokrat“ währte nicht lange. + +Bereits in Nr. 6 des „Sozialdemokrat“ waren in dem Artikel „Das +Ministerium Bismarck und die Regierungen der Mittel- und Kleinstaaten“ +Wendungen enthalten, in denen Schweitzers Sympathie mit der Politik +Bismarcks, wenn auch noch sehr vorsichtig, zum Ausdruck kam. Mit der Nr. +14 des „Sozialdemokrat“ vom 27. Januar 1865 beginnt dann jene Serie +Artikel „Das Ministerium Bismarck“, in denen er die demokratische Maske +fallen läßt, was die öffentliche Absage der meisten der eben erst +gewonnenen Mitarbeiter zur Folge hatte. + +In dem ersten dieser Artikel wurde ausgeführt: + + „Parlamentarismus heißt Regiment der _Mittelmäßigkeit_, heißt + _machtloses Gerede_, während _Zäsarismus_ doch wenigstens _kühne + Initiative, doch wenigstens bewältigende Tat heißt_. ‚Schmach den + Renegaten, die jetzt der Reaktion dienen‘, rufe man. Sonderbar aber + doch, daß diese radikalen Renegaten (deren rasche Abwirtschaftung wir + erlebt haben. A.B.) nicht bei Pfordten und Beust (selbstverständlich + nicht. A.B.), daß diese radikalen Renegaten gerade bei Bismarck sind.“ + +Die Renegaten, die er meinte, waren eben alles Leute, die keinen Beruf +zu einem revolutionären Vorgehen in sich verspürten, die sich mit der +kapitalistischen Ordnung der Dinge — vorausgesetzt, daß sie überhaupt je +deren Gegner waren — abgefunden hatten und sich sagten, daß der +Kapitalismus unter der Aegide des märkischen Junkers nicht zu kurz +kommen werde, worin sie sich nicht täuschten. + +Im zweiten Artikel Schweitzers hieß es in Betrachtung der Entwicklung +Preußens: + + „Von dieser Grundlage aus (dem Kurfürstentum) hat sich sodann der + vergleichungsweise junge Staat, vorzugsweise durch _das mächtige Genie + eines großen Königs und gewaltigen Kriegshelden, eines in jeder + Beziehung bewunderungswürdigen Mannes_, zu einem ausgedehnten und + mächtigen Königreich erweitert.“ + +Nach dieser Verherrlichung Friedrichs des Großen, die ein Sybel oder +Treitschke tönender nicht betreiben konnte, spendet er auch der +Volkserhebung von 1813 ein Lob, die eine glänzende Ausnahme von der +Regel preußischer Geschichte sei. „Der Hauptsache nach und alles in +allem genommen, ist Preußen das, was es ist, durch die an seiner Spitze +stehende Dynastie geworden.“ + +Alsdann charakterisiert er das Wesen des preußischen Royalismus. + + „Während ein solcher Geist in den einen deutschen Staaten zwar nicht + ohne alle Begründung sein mag, jedenfalls aber alles höheren + politischen Ernstes und der tieferen Würde entbehrt, in den anderen + Staaten aber geradezu als Karikatur dessen erscheint, was man + Royalismus nennt, ist _der königliche Geist in Preußen eine + wohlbegründete politische Anschauungsweise und Richtung_. Denn die + Dynastie und in ihr _der jedesmalige Regent können mit innerer + Berechtigung als der Kulminationspunkt der aufsteigenden Skala_ der + herkömmlichen Elemente, als der Schwerpunkt der in hergebrachten + Bahnen rotierenden Kräfte, als Herz und Gehirn des Organismus + innerhalb eines Staatsganzen betrachtet werden, welches nur so und + unter solcher Voraussetzung seine eigentümliche Wesenheit und seine + dermalige Stellung erlangte und erlangen konnte.“ + +Des weiteren meinte er noch, daß der preußische Staat in seinem +dermaligen Zustand das offenbare Gepräge des Unfertigen, einer noch +nicht abgeschlossenen geschichtlichen Entwicklung auf sich trage. Ein +Zustand also, _der nach Annexionen schreie_. Diese Mission, die Preußen +in Deutschland habe, sei aber keine deutsche, wie man uns glauben machen +wolle, sondern eine _preußische_. + +Schweitzer kannte also die Natur des preußischen Staates, wie keiner sie +besser kennen konnte, seine Schlüsse waren durchaus logisch. Aber um so +mehr drängt sich die Frage auf, wie konnte er dann eine Politik +unterstützen, die nach seinem eigenen Geständnis _undeutsch_, weil nur +_großpreußisch_ war, und wenn siegreich, die _Niederlage der Demokratie +bedeutete_? Eine solche Politik durfte vom demokratischen Standpunkt aus +nicht unterstützt, _sie mußte vielmehr auf Leben und Tod bekämpft +werden, denn es war der Todfeind der Demokratie, der diese Politik +betrieb._ + +Schweitzer schließt seinen zweiten Artikel also: + + „Ein _wahrhaft preußisches_ Ministerium, ein solches, welches die aus + der Geschichte des preußischen Staates hervorgegangene Wesenheit + desselben zu befestigen und weiterzuentwickeln strebt, kann weder in + Gemäßheit bloßen Schablonenkonservatismus _lediglich die stupide + Aufrechterhaltung des gerade Vorhandenen beabsichtigen_, wie dies + konservative Ministerien in Preußen lange getan, noch auch kann es die + dem Staate von seiner Geschichte indizierte äußere Politik _unter + Aufhebung des inneren Charakters des Staates anstreben, wie dies die + liberale Partei unter Verleugnung des Machtschwerpunktes von der Krone + hinweg in das Abgeordnetenhaus beabsichtigte_.“ + +Das heißt also in klares Deutsch übersetzt: Die Eigenart des preußischen +Staates verbietet einer preußischen Regierung die Einführung eines +parlamentarischen Regimes, und wenn ihr Liberalen dennoch danach strebt, +so verlangt ihr etwas, was der Natur des preußischen Staates entgegen +ist. Begnügt euch also, ein Ornament am Staatswagen zu sein. In der +Situation, in der damals die Kammer sich der Regierung gegenüber befand, +bedeuteten solche Auslassungen einfach ein _In-den-Rücken-fallen_ der +Volksvertretung und eine _Unterstützung_ der Pläne Bismarcks. + +In seinem dritten Artikel führt er zunächst aus: Die Schlußfolgerungen +seines zweiten Artikels und die Untersuchungen, die zu denselben +führten, seien _mehrfach mißverstanden_ (!) worden. Er wird also jetzt +noch deutlicher. Er sagt: + + „Indem Preußen eine Politik verfolge, die zur Annexion der Herzogtümer + (Schleswig-Holstein) führen müsse, setze es, _die glorreichen + Traditionen preußischer Geschichte aus langem Schlummer weckend, an + den innersten Kern des preußischen Staatsgeistes seine Hebel an._ + + Es ist eine bedeutende Politik, die jetzt in Preußen gemacht wird! ... + Wer Annexion anfängt, muß sie durchsetzen. Mehr noch. + + Eine preußische Regierung, die in der zweiten Hälfte des neunzehnten + Jahrhunderts deutsches Land zu annektieren beginnt, eine preußische + Regierung, die _angesichts der offenkundigen, von Kaiser, Königen und + Fürsten feierlich proklamierten Unhaltbarkeit der politischen + Verfassung Deutschlands die ‚friedericianische Politik‘_ (wie ein + großdeutsches Blatt sich ausdrückte) _wieder aufnimmt, kann nicht + stille stehen nach kleinem Sieg — weiter muß sie auf der betretenen + Bahn — vorwärts, wenn nötig mit ‚Blut und Eisen‘._ + + Denn anknüpfen an die stolzesten Traditionen eines historisch + erwachsenen Staates und dann feige zurückbeben vor entscheidender Tat, + hieße den innersten Lebensnerv eines solchen Staates ertöten. + + Man kann solche Traditionen ruhen lassen — _aber man kann sie nicht + aufnehmen, um sie zu ruinieren!_ + + Ein preußischer Minister, der _solche_ Politik für Preußen machte — er + verfiele unrettbar _den zürnenden Manen des großen Friedrich und dem + Gelächter seiner Zeitgenossen._“ + +Wie mußte bei dem Lesen solcher Artikel das Herz jedes guten Preußen +schlagen; war doch danach Preußen quasi von der Vorsehung vorher +bestimmt, der Beherrscher Deutschlands zu werden. Und wie mußten die +Herzen der Feudalen einem Manne zugetan sein, der besser als sie alle +die „historische Mission“ des preußischen Staates darzulegen und zu +verherrlichen verstand. Und das sollte unbeachtet und unbelohnt bleiben? + +Was Schweitzer hier schrieb, war aber auch eine Verherrlichung der +weiteren Bismarckschen Politik, es war eine förmliche Anpeitschung +Bismarcks, auf dem betretenen Wege weiter zu gehen, wäre eine solche +noch notwendig gewesen. + +Im vierten Artikel kam Schweitzer auf den Bundestag und Oesterreich zu +sprechen. Hier hatte er mit seiner Kritik leichtes Spiel, denn dümmer +und dem Zeitbedürfnis widersprechender konnte nicht gehandelt werden, +als diese beiden Faktoren in der deutschen Frage gehandelt hatten. Im +übrigen war die Haltung, die in diesem Artikel Schweitzer Oesterreich +gegenüber einnahm, wie in seiner ganzen späteren Politik, das direkte +Gegenteil von dem, was er noch im Jahre 1863 — also anderthalb Jahre +zuvor — in seiner Broschüre „Die österreichische Spitze“ zur +Verherrlichung Oesterreichs gesagt hatte, und was das Programm besagte, +das angeblich der „Sozialdemokrat“ vertreten sollte. + +Der fünfte Artikel beschäftigte sich mit der Stellung der Nation und der +deutschen Frage. Er kommt zu dem Resultat: + + „_Aktionsfähig in Deutschland sind nur noch zwei Faktoren: Preußen und + die Nation, preußische Bajonette oder deutsche Proletarierfäuste_ — wir + sehen kein drittes. + + ... _Das Preußentum ist der Feind des Deutschtums, aber es ist auch + der Feind der bestehenden Gewalten Deutschlands._ + + Die Nation steht fest auf ewigem Fundament — die Fürstenstühle + Deutschlands aber müssen wanken, _wenn Preußen sich erinnert, daß + Friedrich der Große sein König war._“ + +Und wie stand's mit dem preußischen Thron? + +Der Leser wird zugeben, daß raffinierter, demagogischer nicht zu +schreiben war. Wie ein Aal windet er sich vor einer klaren +Stellungnahme. Er läßt nur ahnen, spricht aber nicht aus, was er will. +Klar ist, daß das Lesepublikum, an das Schweitzer sich wandte, von +seinem Plädoyer für Preußen gefangen genommen wurde, und das war sein +Zweck. Dazu kam, daß der ganze politische Inhalt des „Sozialdemokrat“ +von der Tendenz durchtränkt war, welche die fünf Artikel erfüllte. +Bismarck hatte in der ganzen deutschen Presse keine Feder, die +geschickter für seine Politik Propaganda machte. + +Kein Zweifel, diese Bismarckartikel standen mit dem Programm des +„Sozialdemokrat“ in seiner ersten Nummer im schneidendsten Widerspruch. +Es ist auch ausgeschlossen, daß der äußerst scharfsinnige Schweitzer +nicht vorausgesehen habe, daß er mit diesen Artikeln der großen Mehrzahl +der eben erst gewonnenen Mitarbeiter in gröblichster Weise vor den Kopf +schlug. Es war eine Brüskierung sondergleichen. Es war also +selbstverständlich, daß darauf Karl Marx, Friedrich Engels, W. +Liebknecht, Herwegh, Joh. Ph. Becker und Friedrich Reusche von dem +Blatte sich lossagten. + +Schweitzer quittierte in einem Artikel in der Nr. 31 seines Blattes über +die Rücktritte mit den Worten: Einige bornierte Köpfe hatten sich an +unseren Leitartikeln „Das Ministerium Bismarck“ gestoßen. Mit Genugtuung +konstatiere er, daß zwei Hauptorgane des österreichischen Liberalismus, +die „Presse“ und die „Ostdeutsche Post“, sich auf seine Seite gestellt +hätten und brachte längere Auszüge aus denselben. Weiter zitierte er die +„Neue Frankfurter Zeitung“, das Blatt Sonnemanns, die ausgeführt hatte, +daß die von Schweitzer befolgte Politik nichts als die Fortsetzung der +Lassalleschen Politik sei. + +Das war richtig! Ohne Lassalles Verhalten wäre es Schweitzer sehr schwer +geworden, die von ihm beliebte Politik im Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein zur Geltung zu bringen. Aber doch war zwischen Lassalle +und ihm ein Unterschied. Lassalle, ökonomisch vollständig unabhängig, +stand zu Bismarck wie Macht zu Macht, davon konnte bei Schweitzer, der +tief in Schulden steckte und nach seiner sonstigen Qualität in alle Wege +keine Rede sein. Er erschien in seinem Auftreten als ein Werkzeug der +Bismarckschen Politik, als ein Mann, der den Vorteil des Lassalleschen +Scheins für sich hatte und ihn geschickt ausnutzte. + +Im weiteren erklärte Schweitzer gegen Marx und Engels, daß sie sich vom +„Sozialdemokrat“ zurückgezogen, sobald sie eingesehen hätten, daß sie +nicht die erste Rolle bei der Partei spielen konnten. Im Gegensatz zu +ihnen sei Lassalle nicht der Mann der unfruchtbaren Abstraktion, +sondern ein Politiker im strengen Sinne des Wortes, nicht ein +schriftstellerischer Doktrinär, sondern ein Mann der praktischen Tat +gewesen. + +Wobei wieder nicht vergessen werden darf, daß später Schweitzer den +Mann der „unfruchtbaren Abstraktion“, den „schriftstellerischen +Doktrinär“ Karl Marx, umschmeichelte und für sich zu gewinnen suchte. + +Marx und Engels blieben die Antwort nicht schuldig. Unter dem 24. +Februar 1865 veröffentlichten sie folgende Erklärung: + + „Die Unterzeichneten versprachen ihre Mitarbeit am ‚Sozialdemokrat‘ + und gestatteten ihre Nennung als Mitarbeiter unter dem ausdrücklichen + Vorbehalt, daß das Blatt im Geiste des ihnen _mitgeteilten_ kurzen + Programms redigiert werde. Sie verkannten keinen Augenblick die + schwierige Stellung des ‚Sozialdemokrat‘ und machten daher keine für + den Meridian Berlin unpassenden Ansprüche. Sie forderten aber + wiederholt, _daß dem Ministerium und der feudalabsolutistischen Partei + gegenüber eine wenigstens ebenso kühne Sprache geführt werde wie + gegenüber den Fortschrittlern._ Die von dem ‚Sozialdemokrat‘ befolgte + Taktik schließt unsere weitere Beteiligung an demselben aus. Die + Ansicht der Unterzeichneten _vom königlich preußischen + Regierungssozialismus_ und von der richtigen Stellung der + Arbeiterpartei zu solchem Blendwerk findet sich bereits ausführlich + entwickelt in Nr. 73 der ‚Deutschen Brüsseler Zeitung‘ vom 12. + September 1847, in Antwort auf Nr. 206 des damals in Köln + erscheinenden ‚Rheinischen Beobachters‘, worin die Allianz des + Proletariats und der Regierung gegen die liberale Bourgeosie + vorgeschlagen war. Jedes Wort unserer damaligen Erklärung + unterschreiben wir noch heute.“ + +Die Erklärung in der „Deutschen Brüsseler Zeitung“, auf die hier Marx +und Engels sich bezogen, lautete: + + „Wenn eine gewisse Fraktion deutscher Sozialisten fortwährend gegen + die liberale Bourgeoisie gepoltert hat, und zwar in einer Weise, die + niemandem Vorteil brachte als den deutschen _Regierungen_, wenn jetzt + Regierungsblätter wie der ‚Rheinische Beobachter‘, auf die Phrasen + dieser Leute gestützt, behaupten, _nicht die liberale Bourgeoisie, + sondern die Regierung repräsentiere die Interessen des Proletariats, + so haben die Kommunisten weder mit der ersteren noch mit der letzteren + etwas gemein...._ + + Das Volk oder, um an die Stelle dieses weitsichtigen, schwankenden + Ausdrucks den bestimmten zu setzen, das Proletariat räsoniert ganz + anders, als man im geistlichen Ministerium sich träumen läßt. Das + Proletariat fragt nicht, ob den Bourgeois das Volkswohl Nebensache + oder Hauptsache sei, ob sie die Proletarier als Kanonenfutter + gebrauchen werden oder nicht. Das Proletariat fragt nicht, was die + Bourgeois bloß _wollen, sondern was sie müssen_. Es fragt, ob der + jetzige politische Zustand, die Herrschaft der Bureaukratie, _oder der + von den Liberalen erstrebte, die Herrschaft der Bourgeoisie, ihm mehr + Mittel bieten wird, seine eigenen Zwecke zu erreichen._ Dazu hat es + nur nötig, die politische Stellung des Proletariats in England, + Frankreich und Amerika mit der in Deutschland zu vergleichen, um zu + sehen, _daß die Herrschaft der Bourgeoisie dem Proletariat nicht nur + ganz neue Waffen zum Kampfe gegen die Bourgeoisie in die Hand gibt, + sondern ihm auch eine ganz andere Stellung, eine Stellung als + anerkannte Partei verschafft._“ + + Es heißt weiter: „Das Volk kann sich nicht für die _ständischen + Rechte_ interessieren. Aber ein Landtag, der Geschworenengerichte, + Gleichheit vor dem Gesetz, Aufhebung der Frondienste, Preßfreiheit, + Assoziationsfreiheit und eine wirkliche Repräsentation verlangt, _ein + Landtag, der ein für allemal mit der Vergangenheit gebrochen und seine + Forderungen nach den Bedürfnissen der Zeit eingerichtet hat statt nach + alten Gesetzen, solch ein Landtag kann auf die kräftigste + Unterstützung des Proletariats rechnen._“ + +Am 4. März schlossen sich Georg Herwegh und Wilhelm Rüstow der Erklärung +von Marx und Engels ausdrücklich an. Am 5. März erklärte Fr. Reusche in +der „Rheinischen Zeitung“ seinen Rücktritt von der Mitarbeiterschaft am +„Sozialdemokrat“, wobei er unter anderem bemerkte, er habe wiederholt +die Redaktion aufgefordert, das Junkertum rücksichtslos zu bekämpfen. +Rüstow habe Anfang Februar eine eingehende Kritik der Militärfrage an +die Redaktion gesandt; aber trotz der wiederholten Anfragen von Rüstow +und ihm erschienen weder diese noch ein von ihm eingesandter Artikel +gegen den königlich preußischen Regierungssozialismus. Bald habe es +geheißen, es sei kein Raum vorhanden, bald, man wolle warten, bis die +Zeit geeignet wäre. Am 11. März erklärte Jean Philipp Becker in Genf im +Hamburger „Nordstern“, dem Vorgehen von Marx und Engels sich +anzuschließen. Liebknecht hatte sich gleichzeitig mit den letzteren von +Schweitzer und dem „Sozialdemokrat“ losgesagt. Professor Wuttke in +Leipzig gab zwar keine öffentliche Erklärung ab, stellte aber seine +Mitarbeiterschaft am „Sozialdemokrat“ ein. Der einzige, der von dem +ganzen Mitarbeiterstab einstweilen noch dem „Sozialdemokrat“ verblieb, +war Moritz Heß in Paris. Er schied Ende 1866 aus. Eine zweite Erklärung +von Marx und Engels, datiert London den 15. März und abgedruckt in der +Berliner „Reform“ vom 19. März 1865, richtete sich gegen einen Artikel, +den Schweitzer aus der „Neuen Frankfurter Zeitung“ im „Sozialdemokrat“ +abgedruckt hatte, in dem nachgewiesen werden sollte, „wie inkonsequent +und innerlich haltlos das Verfahren der Herren Marx und Engels dem +‚Sozialdemokrat‘ gegenüber ist“. Marx konstatiert: Schweitzer habe am +11. November 1864 ihm das Erscheinen des „Sozialdemokrat“ angezeigt und +habe bei dieser Gelegenheit geschrieben: + + „Wir haben uns an etwa sechs bis acht bewährte Mitglieder der Partei + oder derselben wenigstens nahestehende Männer gewandt, um sie für die + Mitarbeiterschaft zu gewinnen.... Allein für ungleich wichtiger halten + wir es, daß _Sie, der Begründer der deutschen Arbeiterpartei und ihr + erster Verfechter_, uns Ihre Mitwirkung angedeihen lassen. Wir hegen + die Hoffnung, daß Sie einem Verein, der, wenn auch nur indirekt, auf + Ihre eigene Wirksamkeit zurückzuführen ist, nach dem großen Verlust, + der ihn betroffen, in seinem schweren Kampfe zur Seite stehen werden.“ + +In dem Prospekt habe der Name Lassalle nirgends gestanden. Der Prospekt +habe nur drei Punkte enthalten: „Solidarität der Völkerinteressen“, „Das +ganze gewaltige Deutschland — ein freier Volksstaat“, „Abschaffung der +Kapitalherrschaft“. Daraufhin hätten er und Engels ihre Mitarbeit +zugesagt.... Am 28. November habe Schweitzer ihm geschrieben, daß seine +und Engels' Zusage in der Partei, soweit sie überhaupt eingeweiht sei, +die freudigste Sensation hervorgerufen.... Marx erzählt weiter, wie er +im Laufe des Januar gegen die Taktik Schweitzers im „Sozialdemokrat“ +protestierte und daß, als trotz Schweitzers Beruhigungsschreiben die +Taktik im Blatte dieselbe geblieben, er aufs neue protestiert habe, +worauf Schweitzer ihm am 15. Februar folgendes geschrieben: + + „Wenn Sie mir wie im letzten Schreiben über theoretische Fragen + Aufklärung geben wollen, so würde ich solche Belehrung von Ihrer Seite + dankbar entgegennehmen. Was aber die praktischen Fragen momentaner + Taktik betrifft, so bitte ich Sie, zu bedenken, daß, um diese Dinge zu + beurteilen, man im Mittelpunkt der Bewegung stehen muß. Sie tun uns + daher unrecht, _wenn Sie irgendwo und irgendwie Ihre Unzufriedenheit + mit unserer Taktik aussprechen_. Dies dürfen Sie nur dann tun, wenn + Sie die Verhältnisse genau kennen. Auch vergessen Sie nicht, daß der + Allgemeine Deutsche Arbeiterverein ein konsolidierter Körper ist und + bis zu einem gewissen Grade an seine Tradition gebunden bleibt. (Der + Verein war damals kaum 22 Monate alt und hatte nur einige tausend + Mitglieder. A.B.) Die Dinge in concreto schleppen eben immer irgend + ein Fußgewicht mit sich herum.“ + +Es war also selbstverständlich, daß Marx, Engels und Genossen handeln +mußten, wie sie gehandelt haben. Schweitzer scheint geglaubt zu haben, +daß er seinen Mitarbeitern eine ähnliche Rolle zumuten dürfe, wie sie +Lothar Bucher im Einverständnis mit Bismarck Marx im „Staatsanzeiger“ +zugemutet hatte. Sie sollten Mitarbeiter sein, aber kein Recht haben, +über die Taktik mitzusprechen, die mit dem Programm, auf Grund dessen +sie ihre Mitarbeiterschaft zugesagt hatten, im _schneidendsten +Widerspruch stand_. Schreibt so radikal wie möglich für Sozialismus und +Kommunismus, je radikaler, desto besser; ihr seid dann die Flagge, unter +der ich meine Konterbande decke. So ungefähr mochte Schweitzer +räsonnieren. Es war daher eine Unverschämtheit, wenn er auf die +Beschwerde von Marx und Engels über die Haltung des Blattes erklärte: +sie im Ausland könnten die Dinge in Deutschland nicht beurteilen. Diese +konnten aber selbst Personen durchaus richtig beurteilen, die den Marx +und Engels nicht das Wasser reichten. Eines konnte man damals Bismarck +nicht vorwerfen, daß er seine Politik verschleierte und mit verdeckten +Karten spielte. + +Bucher hat später, im Herbst 1878, als anläßlich des bevorstehenden +Sozialistengesetzes seine Einladung von Marx, für den „Staatsanzeiger“ +zu schreiben, Gegenstand der öffentlichen Erörterung wurde, die Marxsche +Darlegung dieser Einladung bestritten. Darauf antwortete Marx in der +„Daily News“ unter anderem: + + Der Brief, worin mich Herr Bucher für den „Staatsanzeiger“ zu kirren + suchte, datiert vom _8. Oktober 1865_. Es heißt darin unter anderem: + „In betreff des Inhaltes versteht es sich von selbst, daß Sie nur + Ihrer wissenschaftlichen Ueberzeugung folgen; jedoch wird die + Rücksicht auf den Leserkreis — haute finance —, nicht auf die + Redaktion, es ratsam machen, daß Sie den innersten Kern nur eben für + den Sachverständigen durchscheinen lassen.“ Dagegen besagt die + „Berichtigung“ des Herrn Bucher, daß er bei „Herrn Marx anfrug, ob er + die gewünschten Artikel liefern wolle, indem es auf eine objektive + Behandlung ankäme. Von des Herrn Marx ‚eigenem wissenschaftlichen + Standpunkt‘ steht nichts in meinem Briefe.“ + +Ferner heißt's in dem Briefe Buchers: + + „Der ‚Staatsanzeiger‘ wünscht monatlich einen Bericht über die + Bewegungen des Geldmarktes (und natürlich auch des Warenmarktes, + soweit beide nicht zu trennen). Ich wurde gefragt, ob ich nicht + jemanden empfehlen könnte, und erwiderte, niemand würde das besser + machen als Sie. Ich bin infolgedessen ersucht worden, mich an Sie zu + wenden.“ + +Klassisch ist der Schluß der Bucherschen Einladung, die Marx in jener +Erklärung ebenfalls abdruckt: + + „Der Fortschritt (er meinte die liberale oder Fortschrittsbourgeoisie) + wird sich noch oft häuten, ehe er stirbt; wer also während seines + Lebens noch innerhalb des Staates wirken will, der muß sich ralliieren + um die Regierung.“ + +Das war also der Grund, der Bucher Bismarck in die Arme trieb und der +ihn veranlaßte, bei anderen das gleiche zu versuchen. + +Nach einer Erklärung, die Liebknecht am 24. März in der „Rheinischen +Zeitung“ veröffentlichte, habe Schweitzer nach dem Tode Lassalles Marx +zum Präsidenten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins vorgeschlagen. +Marx habe abgelehnt, sich mit einer Bewegung zu identifizieren, deren +Taktik er für grundverkehrt hielt, auch habe er keine Neigung gehabt, +unter den obwaltenden politischen Zuständen nach Deutschland +überzusiedeln. Schweitzer habe sich verpflichtet, daß das neue Blatt die +Lassallesche Taktik nicht befolgen, jedes Kokettieren mit der Reaktion +vermeiden sollte, unter dieser Bedingung, und nur unter dieser, habe er +sich zur Mitarbeiterschaft bereit erklärt, vorausgesetzt, daß auch Marx +und Engels sich beteiligen würden. Beide hätten sich schließlich nur mit +dem größten Widerstreben dazu verstanden, und nur auf seine wiederholte +Versicherung, daß er an die Loyalität Schweitzers — von dem er sehr +schlimme Dinge gehört — glaube. + +Die Politik des „Sozialdemokrat“ trug rasch die gewünschten Früchte. +Bereits Anfang Februar 1865 hielt ein Mitglied des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins, Peter Rex, in Köln eine Rede, worin er sagte: _ihm sei +die jetzige Regierung lieber als ein Fortschrittsministerium_. Der +„Sozialdemokrat“ druckte ohne ein Wort der Kritik diese Aeußerungen ab. +Am 12. März erklärte der Rheinisch-Westfälische Arbeitertag zu Barmen +sich mit der Haltung des „Sozialdemokrat“ einverstanden, auch sei es +durchaus zu billigen, die Vorschläge der preußischen Regierung, die bei +verschiedenen Gelegenheiten die Verbesserung der Lage der arbeitenden +Klassen durch die Gesetzgebung _versprochen_ habe, abzuwarten, bevor man +über dieselbe aburteile, indem es keineswegs unmöglich sei, _daß +dieselbe das Dreiklassenwahlgesetz aufhebe und statt desselben das +allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht_, wie es das von +Lassalle, dem Begründer der deutschen Arbeiterpartei, vorgezeichnete +nächste Ziel der jetzigen deutschen Arbeiterbewegung sei, _einführe_. + +Form und Inhalt dieser Resolution sprachen dafür, daß Schweitzer sie +verfaßt hatte, auch empfahl der „Sozialdemokrat“, überall dieselbe zur +Abstimmung zu bringen, ein Akt, der einem Vertrauensvotum für die +preußische Regierung gleichkam. + +Bereits begann aber auch die Opposition im Verein sich bemerkbar zu +machen. In seiner Nr. 38 polemisierte der „Sozialdemokrat“ gegen die +offenen Feinde und falschen Freunde, die Zwietracht in die Partei zu +säen suchten. Und da die Opposition auch begann, gegen die +diktatorischen Organisationsbestimmungen im Vereinsstatut zu +polemisieren, so mußte die Organisation als das ureigenste Werk +Lassalles mit einer Art _Glorienschein_ umgeben werden. Der +Lassallekultus wurde von jetzt ab systematisch gefördert und jeder als +eine Art Schänder des Heiligsten gebrandmarkt, der andere Ansichten zu +hegen wagte. Es waren namentlich die Worte im Lassalleschen Testament: +„Dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein empfehle ich, den Frankfurter +Bevollmächtigten, Bernhard Becker, zu meinem Nachfolger zu wählen. _Er +soll an der Organisation festhalten; sie wird den Arbeiterstand zum +Siege führen_“, die das Schibolet wurden, das den echten von dem +falschen Lassalleaner unterschied. Und Schweitzer unterstützte diese +allmählich ans Idiotenhafte grenzenden Anschauungen, die schließlich +eine Art religiöser Glaubenssätze wurden. Kam es doch im Laufe der Jahre +dahin, daß das Thema „Christus und Lassalle“ das Thema für die +Tagesordnung zahlreicher Volksversammlungen wurde. F.W. Fritzsche +erhielt sogar 1868 in Berlin eine Anklage wegen eines Vortrags über +dieses Thema, in dem der Staatsanwalt eine Gotteslästerung erblickte. +Fritzsche wurde nur freigesprochen, weil ihm der Dolus nicht +nachgewiesen werden konnte. + +Wie Schweitzer innerlich über dieses von ihm geförderte Treiben dachte, +bedarf keiner Auseinandersetzung. + +In einem merkwürdigen Gegensatz zu den Bismarckartikeln veröffentlichte +der „Sozialdemokrat“ in seiner Nr. 43 vom 5. April 1865 eine +Schlußbetrachtung über die österreichischen Staatsverhältnisse, worin es +hieß: + + „Die Deutsche Volkspartei ist, wie in allem, so auch in der deutschen + Einheitssache radikal, das heißt sie will die ganze und ausnahmslose + Verwirklichung der als gut und richtig erkannten Idee. + + Die Deutsche Volkspartei also will das _ganze_ Deutschland zum freien + Volksstaat vereinen. + + Das _ganze_ Deutschland! sagen wir. Nicht ein Dorf, nicht ein + Meierhof, nicht die kleinste Hütte im fernsten Winkel darf uns fehlen! + + Der kleindeutsche Gedanke eines ‚einigen Deutschland‘ ohne die + deutsch-österreichischen Provinzen ist _ein Hochverrat an der Nation + und ihrer Zukunft_. (Auch im Text gesperrt gedruckt.) + + Ein einiges Deutschland — _bedingungslos, ausnahmslos!_“ + +Das war eine der Doppelzüngigkeiten, womit Schweitzer bezweckte, die +Opposition zum Schweigen zu bringen, die sich anläßlich der +Bismarckartikel innerhalb und außerhalb des Vereins geltend machte. Er +sah, daß er sich zu weit vorgewagt hatte. Ein solches Manöver +wiederholte er _regelmäßig_, sobald er wegen seines Verhaltens +öffentlich Angriffen ausgesetzt war. Alsdann warf er sich wieder auf die +linke Seite und schrieb mit einem Radikalismus, der nichts zu wünschen +übrig ließ. Er konnte so, aber auch anders. + +Und er nicht allein, auch der eine und der andere seiner Anhänger. In +derselben Nummer des „Sozialdemokrat“, in der der oben zitierte Artikel +über Oesterreich stand, veröffentlichte Tölcke einen spaltenlangen +Bericht über eine _Königsgeburtstagsfeier, welche die Mitglieder des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in Iserlohn veranstaltet hatten +und in der Tölcke ein Hoch auf den König von Preußen ausgebracht hatte_. +In diesem Toast führte Tölcke aus, der Wille, den Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein vernichten zu wollen — wie das der Iserlohner +Bürgermeister durch maßlos brutale Unterdrückungsmaßregeln versucht +hatte — sei vergeblich. + + „Das gelingt nimmermehr, weil das preußische Ministerium den + Bestrebungen des Vereins, mehr aus volkswirtschaftlichen als aus + politischen Beweggründen, augenscheinlich die große Aufmerksamkeit + schenkt — es gelingt endlich nimmermehr, weil Seine Majestät unser + allverehrter König der Freund der Arbeiter ist.“ + +Auf Tölckes Betreiben hatte man sogar den König durch eine +telegraphische Depesche zum Geburtstag beglückwünscht, worauf folgende +Antwort eingegangen war: + + „Dem Arbeiterverein Iserlohn. Seine Majestät dankt bestens für Ihre + Glückwünsche. Im allerhöchsten Auftrag: Strubberg, Oberstleutnant und + Flügeladjutant.“ + +Die Verlesung dieser Depesche wurde, wie Tölcke weiter berichtete, mit +einem gewaltigen Hoch auf Seine Majestät aufgenommen. Im Festsaal war +ein Transparent angebracht: der preußische Adler stehend auf +verschlungenen Eichen- und Lorbeerzweigen, und darüber die Inschrift: +Heil dem Könige, dem Beschützer der Bedrängten!... Weithin schallten +patriotische Lieder. Ein Kriegerverein konnte nicht patriotischer +handeln. + +Schweitzer druckte den spaltenlangen Bericht Tölckes im „Sozialdemokrat“ +ab, ohne ein Wort des Tadels oder der Unzufriedenheit hinzuzufügen. +Tölcke handelte eben in den Intentionen Schweitzers. Das hinderte ihn +aber nicht, im „Sozialdemokrat“ vom 20. September 1865 bei Besprechung +einer Depesche Lord Russells, worin dieser den Gasteiner Vertrag +zwischen Preußen und Oesterreich aufs schärfste verurteilte, zu sagen: +Was geht uns der Gasteiner Vertrag an?... Es ist nur eine Angelegenheit +der preußischen Regierung, deren Politik im offensten und +entschiedensten Widerspruch zum Willen des Volkes in Preußen steht. Und +gegen die „Kreuzzeitung“ gewendet, die dem Volke mit dem Ausland drohte, +das sich in deutsche Angelegenheiten mischen werde, antwortete er: Nicht +in Frankreich, in Deutschland sitzen die Erbfeinde deutscher Nation. Wen +er darunter meinte, das überließ er dem Leser, sich zurechtzulegen. Wie +konnte der Arbeiter von damals in dieser Zweideutigkeit und +Doppelzüngigkeit sich zurechtfinden? Er hatte nur das eine Gefühl, daß +der Mann, der alles das schrieb, geistig turmhoch über ihm stand und er +darum ihm folgen müsse. + +Die Verbreitung, die damals der „Sozialdemokrat“ besaß, war eine sehr +geringe. Er hatte nur _einige hundert Abonnenten_. Das Blatt erforderte +also _sehr erhebliche_ Zuschüsse, und es konnte gar keine Rede davon +sein, daß es seinen Redakteuren auch nur einen Pfennig Gehalt abwarf, +obgleich beide darauf angewiesen waren. Um so mehr mußte auffallen, daß +bei einem solch elenden finanziellen Stand dasselbe vom 1. Juli 1865 ab +sogar _täglich_ erschien, also sein Defizit fast verdoppelte, ohne jede +Aussicht, in absehbarer Zeit einen Abonnentenzuwachs zu erlangen, der +auch nur einen nennenswerten Teil der Kosten deckte. Die Frage war also +sehr natürlich: wo kommt das Geld her? denn ohne daß erhebliche +Zuschüsse von irgend einer Seite in Aussicht standen, war der Plan, das +Blatt täglich erscheinen zu lassen, der Plan von Irrenhäuslern. + +Der Verein hatte kein Bedürfnis nach einer solchen Vergrößerung des +Blattes, wohl aber die _konservative Presse_, welche die scharfen +Angriffe, die der „Sozialdemokrat“ unausgesetzt gegen die +Fortschrittspartei und ihre Politik führte, mit Behagen weiter +verbreitete und die liberale Presse zwang, dem „Sozialdemokrat“ +ebenfalls größere Beachtung zu schenken. Auf diese Weise erlangte das +Blatt eine Bedeutung, die ganz außer Verhältnis zu seiner Verbreitung +stand. Die Frage: woher kommt das Geld? wurde auch für die liberale +Presse aktuell, und so sahen sich Schweitzer und Hofstetten genötigt, in +der Nr. 77 des „Sozialdemokrat“ vom 28. Juni 1865 eine Erklärung gegen +die „Rheinische Zeitung“ zu veröffentlichen, die in ihrer Nr. 139 +erklärt hatte: _Der „Sozialdemokrat“ stehe in nahen Beziehungen zu +Bismarck, und in ihrer Nr. 139 weiter die Beschuldigung aussprach, dem +„Sozialdemokrat“ flössen aus hochkonservativen Kreisen die Mittel zu, um +statt dreimal wöchentlich täglich zu erscheinen_. Die Erklärung +Schweitzers und Hofstettens gegen die „Rheinische Zeitung“ lautete: + + „In diesen beiden Stellen hat die Redaktion der ‚Rheinischen Zeitung‘, + obwohl mit einiger Vorsicht (? A.B.) und in etwas gewundenen Phrasen + (? A.B.), so doch im ganzen ziemlich unzweideutig uns, die Redakteure + des ‚Sozialdemokrat‘, der schmählichsten und erbärmlichsten Haltung + beschuldigt, die überhaupt in der Politik möglich ist: daß nämlich + wir, die berufen sind, die sozialdemokratische Partei in der Presse zu + vertreten, uns an eine entgegenstehende Partei oder politische Macht + verkauft hätten. + + Wenn die Redaktion der ‚Rheinischen Zeitung‘ nicht _sofort nach + Kenntnisnahme dieser Erklärung ihre Verleumdung widerruft, werden wir + gegen dieselbe, weiteres uns übrigens vorbehaltend, bei dem + zuständigen Gericht Klage erheben._“ + +Darauf antwortete die Redaktion der „Rheinischen Zeitung“ bereits am +folgenden Tage, den 29. Juni: + + _„An die Redaktion des ‚Sozialdemokrat‘, zu Händen des Herrn v. + Schweitzer, Berlin. + + Die Redaktion der ‚Rheinischen Zeitung‘ sieht sich angesichts der ihr + zugesandten Erklärung nicht veranlaßt, irgend etwas zu widerrufen, und + überläßt es der Redaktion des ‚Sozialdemokrat‘, die angedrohte Klage + zu erheben.“_ + +Darauf antwortete Schweitzer: + + _„Demgemäß wird also die in Aussicht gestellte Klage stattfinden.“_ + +Diese Klage fand aber nicht statt, Schweitzer ließ die schweren +Beschuldigungen gleich anderen, die ihm schon gemacht worden waren, auf +sich sitzen. Das besagt genug. + +Um diese Zeit und noch Jahre nachher machte sich ein Individuum in den +Berliner Arbeiterkreisen sehr bemerklich, das im Verdacht stand, im +Dienste der Regierung zu stehen. Es war dies der angebliche Arbeiter +Preuß. Tatsächlich war dieser für ein Gehalt von 50 Taler monatlich +angestellt, und zwar stand er im direkten Dienst des _Geheimen +Regierungsrats Wagener_. Nebenher lieferte Preuß für eine Anzahl Blätter +die Polizeinachrichten, die ihm eine Extraeinnahme brachten. Preuß war +es auch, der Liebknechts Anwesenheit in Berlin, Herbst 1866, wegen +Bannbruchs der Polizei denunzierte, worauf dieser, wie ich schon im +ersten Teil dieser Arbeit erzählte, zu drei Monaten Gefängnis verurteilt +wurde. Preuß besuchte mit Vorliebe die Versammlungen des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins, in denen er auch öfter sprach. Liebknecht und +andere unserer damaligen Berliner Parteifreunde behaupteten mit +Bestimmtheit, daß er den Mittelsmann zwischen Schweitzer und Wagener +abgebe, doch hatte Schweitzer wohl direktere Beziehungen zu Wagener. + +Letzterer, der Geriebene, mit allen Wassern Gewaschene, war, wie +allbekannt, die rechte Hand Bismarcks in allen sozialpolitischen +Angelegenheiten, zugleich war er vortragender Rat und stand so in +engster täglicher Beziehung zu Bismarck und dem König. Die Kette +Schweitzer-Wagener-Bismarck war also ohne ein weiteres Verbindungsglied +geschlossen, was für alle Teile sehr wichtig war. Daß Schweitzer je mit +Bismarck persönlich verkehrte, betrachte ich als vollkommen +ausgeschlossen. Schweitzer war kein Lassalle. Unvergeßlich bleibt mir, +wie Bismarck eines Tages im Reichstag den Neugierigen spielte und mit +der Lorgnette vor den Augen den auf die Tribüne zuschreitenden +Schweitzer vom Scheitel bis zu den Zehen maß, als wollte er sagen: also +du bist der, der mir an den Rockschößen hängt? + +Am Molkenmarkt mußte man die Beziehungen Schweitzers zu Wagener und +höher hinauf kennen. Daher kam es wohl, daß, wenn der „Doktor“, wie +Schweitzer dort kurz und vertraulich genannt wurde, seine öfteren +Besuche auf dem Präsidium machte, die Beamten und Offiziere ihn sehr +entgegenkommend behandelten, wie das der undankbare Tölcke nach einer +Reihe Jahre, als er mit Schweitzer gebrochen hatte, zugestand. Das +Berliner Polizeipräsidium hatte offenbar ein lebhaftes Interesse, auf +Grund seiner wenig sagenden Akten Schweitzer zu rehabilitieren und damit +auch Wagener und Bismarck weiß zu waschen. Aus diesem Grunde geschah es +wohl, daß, als Dr. Gustav Mayer sein Werk „Johann Baptist v. Schweitzer +und die Sozialdemokratie“ schrieb (bei Gustav Fischer in Jena +erschienen), ihm das Berliner Polizeipräsidium bereitwilligst Einsicht +in seine Geheimakten über Schweitzer nehmen ließ. Schon fünfzehn Jahre +früher wurde Genosse Franz Mehring, als er seine Geschichte der +deutschen Sozialdemokratie verfaßte, vom Polizeipräsidium dieselbe +Offerte gemacht, die Mehring aber ablehnte. + + * * * * * + +Die Gräfin Hatzfeldt, der die Unterstützung der Bismarckschen Politik +durch Schweitzer noch nicht weit genug ging, hatte eine Rechtfertigung +dieser Politik schon gegen Ende 1864 in einem Briefe an die Frau +Herweghs versucht, in dem sie schrieb: + + „Es liegt ein förmlicher Abîme (Abgrund) zwischen folgenden zwei + Sachen: sich an einen Gegner zu verkaufen, für ihn arbeiten, verdeckt + oder unverdeckt, oder wie ein großer Politiker den Augenblick zu + erfassen, um von den Fehlern des Gegners zu profitieren, einen Feind + durch den anderen aufreiben zu lassen, ihn auf eine abschüssige Bahn + zu drängen und die dem Zwecke günstige Konjunktur, sie möge + hervorgebracht werden von wem sie wolle, zu benutzen. Die _bloßen_ + ehrlichen Gesinnungen, diejenigen, die sich immer nur auf den idealen, + in der Luft schwebenden Standpunkt der zukünftigen Dinge stellen und + darauf nur das momentane Handeln bestimmen, mögen privatim als recht + brave Menschen gelten, aber sie sind zu nichts zu brauchen, zu + Handlungen, die auf die Ereignisse wirklich einwirken, ganz unfähig, + kurz, sie können nur in der großen Masse dem Führer folgen, der besser + weiß.“ + +Die Frau Gräfin hatte sich hier ein Programm zurechtgelegt, das selbst +einen Lassalle zum Scheitern gebracht hätte, weil vor allen Dingen die +Macht, die dazu gehörte, in der von ihr geschilderten Weise zu +politisieren, fehlte. Lassalle wäre, das ist meine Ueberzeugung, wenn es +zum Kirschenessen mit Bismarck gekommen wäre, gehörig hereingefallen; +sein Spiel hätte mit einer gewaltigen Blamage geendet. Zu glauben, ein +Bismarck konnte oder wollte der Sozialdemokratie, also dem Todfeind der +bürgerlichen Gesellschaft, ernsthafte Konzessionen machen, er, dem doch +allein daran liegen mußte, mit der modernen Macht des Kapitalismus sich +zu verständigen und der zu diesem Zwecke die Sozialdemokratie allenfalls +als _Mittel_ benutzte, hätte von einer Verblendung gezeugt, die alles +andere, nur nicht Realpolitik gewesen wäre. Auch ist die +Sozialdemokratie keine Schafherde, die gedankenlos hinter dem Führer +trottet und sich beliebig führen und nasführen läßt. Das mochte die +Gräfin Hatzfeldt zu ihrer Zeit und in der Atmosphäre, in der sie lebte, +noch glauben, aber eine sozialdemokratische Politik ist auf die Dauer +nicht ohne die bewußte Mitwirkung der Massen und das Betreten ehrlicher, +gerader Wege möglich. Die Massen lassen sich auf diplomatische Finessen +nicht ein; der Führer, der anders rechnet, wird bald erkennen, daß er +sich verrechnet hat. + +Der Sommer 1865 bot Schweitzer Gelegenheit, sich wieder als Radikaler +aufzuspielen, womit er die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen in den +Hintergrund zu drängen hoffen durfte. Es war das ebenfalls schon von mir +im ersten Bande erwähnte Abgeordnetenfest in Köln, dem gegenüber +Bismarck den Gewaltmenschen spielte. Schweitzer mit seinem gewohnten +großen Geschick wendete sich in einer Reihe Artikel im „Sozialdemokrat“ +gegen die Regierung. Und wenn er darin der Fortschrittspartei wegen +ihres feigen Verhaltens in der Kölner Angelegenheit übel mitspielte, so +forderte er auch mit Nachdruck ein völlig freies Vereins- und +Versammlungsrecht für Preußen. Trotz seiner eminenten journalistischen +Gewandtheit schrieb er jetzt mit einer Schärfe, daß der „Sozialdemokrat“ +eine längere Reihe von Tagen _täglich konfisziert_ wurde. Diese +oppositionelle Haltung übertrug er auch auf die Kritik an der +auswärtigen Politik, als Bismarck im Oktober zu Napoleon nach Biarritz +reiste, um dessen Zustimmung zu seiner „nationalen“ Politik zu erlangen, +Verhandlungen, bei denen, wie sich nach 1866 erwies, Napoleon der +Geprellte war. Gegen Schweitzer erhob die Staatsanwaltschaft Anklage +wegen verschiedener Preßvergehen. Auch reizte die Opposition des +„Sozialdemokrat“ die Staatsanwaltschaft noch zu weiterer Verfolgung. So +wurden durch Gerichtsbeschluß in Berlin und Magdeburg die +Mitgliedschaften des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins unterdrückt, +weil sie als selbständige politische Vereine anzusehen seien, die nach +dem § 8 des preußischen Vereins- und Versammlungsgesetzes nicht +miteinander in Verbindung stehen durften. + +Diese Verfolgungen verhinderten aber nicht, daß im Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein Schweitzer mit einer starken Opposition zu kämpfen hatte, +wobei die Gräfin Hatzfeldt tapfer schürte, weil er dieser nicht den +verlangten Einfluß auf den Verein und seine Politik einräumte. Es begann +ein wahres Tohuwabohu im Verein, es war der Kampf um die Macht. Lassalle +hatte kurz vor seinem Tode Schweitzer zum Vorstandsmitglied des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins ernannt. Die Generalversammlung in +Düsseldorf ließ ihn aber für diesen Posten durchfallen. Bernhard Becker +war ebenfalls mit Schweitzer zerfallen und versuchte einen Haupttrumpf +gegen ihn auszuspielen, indem er die Generalversammlung des Vereins nach +Frankfurt a.M. einberief, den Ort, der Schweitzer nach seiner +Vergangenheit der allerunangenehmste sein mußte. Indes war die +Opposition auch gegen den unfähigen Becker so stark, daß dieser kurz +vor der Frankfurter Generalversammlung sein Amt niederlegte, worauf +Tölcke als sein Nachfolger gewählt wurde. Bis aber dessen Wahl durch die +Urabstimmung in den Mitgliedschaften bestätigt war, sollte +Hillmann-Elberfeld, der wieder Fritzsche als Vizepräsident ersetzt +hatte, die Leitung des Vereins übernehmen. Hillmann, der zu den +entschiedensten Gegnern Schweitzers gehörte, benutzte jetzt seine +Stellung, um den zwischen Becker und Schweitzer abgeschlossenen Vertrag, +wonach der „Sozialdemokrat“ offizielles Vereinsorgan war, für null und +nichtig zu erklären und ihm das Recht, sich Vereinsorgan zu nennen, zu +entziehen. Schweitzer und Hofstetten bezeichneten von da ab das Blatt +als „Organ der sozialdemokratischen Partei“. + +Mittlerweile war Schweitzer ins Gefängnis gewandert. Er war am 24. +November wegen verschiedener Preßvergehen, darunter Majestätsbeleidigung +und Schmähung obrigkeitlicher Anordnungen, zu einem Jahre Gefängnis +verurteilt worden. Später bekam er noch vier Monate dazu, auch wurden +ihm jetzt die Ehrenrechte aberkannt. Seine Verhaftung erfolgte kurz nach +seiner ersten Verurteilung. Schweitzers journalistische Tätigkeit wurde +aber durch die Haft in keiner Weise unterbrochen, wie er denn im +Gefängnis ein Maß von Freiheiten genoß, das weder bis dahin noch später +einem in Berlin zu Gefängnis verurteilten politischen Gefangenen zuteil +wurde. Er traf alle Anordnungen sowohl als Redakteur wie später als +Präsident des Vereins aus dem Gefängnis. Seine Korrespondenz war +unbeschränkt, Besuche empfing er häufig. Als er 1869 eine mehrmonatige +Gefängnisstrafe in Rummelsburg verbüßte, konnte er sich sogar dem +Vergnügen des Kahnfahrens auf dem Rummelsburger See widmen. +Selbstbeköstigung war ihm ebenfalls gestattet, die in den Berliner +Gefängnissen für politische Gefangene erst in sehr viel späterer Zeit, +zu Ende des vorigen Jahrhunderts, erlangt wurde. + +Man hat geltend gemacht, daß die verschiedenen Gefängnisstrafen ein +Beweis gegen die Anklage seien, Schweitzer wäre Bismarckscher Agent +gewesen. Diese Auffassung ist durchaus _falsch_. Die Beziehungen, die +eine Regierung zu ihren politischen Agenten zu haben pflegt, bindet sie +nicht den Staatsanwälten und Richtern auf die Nase. Eine zeitweilige +Verurteilung eines politischen Agenten wegen oppositioneller Handlungen +ist auch sehr geeignet, Mißtrauen gegen den Betreffenden zu beseitigen +und das Vertrauen in ihn zu stärken. Bekanntlich haben auch die Berliner +Gerichte zu derselben Zeit, in der Lassalle mit Bismarck seine +stundenlangen politischen Unterhaltungen als „angenehmer Gutsnachbar“ +hatte, sich nicht gescheut, ihn zu einer Reihe harter Gefängnisstrafen +zu verurteilen, obgleich man damals in weiten Kreisen wußte, wie +Bismarck und Lassalle zueinander standen. Lastete doch der Gedanke +schwer auf Lassalle, wie er bei seinem Gesundheitszustand die langen +Haftstrafen überstehen werde. + +In den Monaten, welche der Kriegsentscheidung im Juni 1866 vorausgingen, +arbeitete der „Sozialdemokrat“ weiter zugunsten der Bismarckschen +Politik, und zwar wie auch früher mit raffiniertem Geschick. Es mußten +schon geübte Augen und ein scharfer Verstand sein, um aus all den +Verklausulierungen und Widersprüchen herauszuschälen, daß er eine +unehrliche Politik betrieb. + +Gegen Ende März 1866, also während er im Gefängnis sitzt, wird er im +„Sozialdemokrat“ deutlicher: „Die Zerstörung der Bundesleiche zu +Frankfurt sollte die Auflösung der Nation bedeuten. Die Geburt der +Nation würde von diesem Tage an datieren.“ Einer seiner Hamburger +Anhänger, Schallmeier, erklärte im „Sozialdemokrat“, die Arbeiter würden +für den Krieg sein, gebe man denselben das allgemeine Wahlrecht. +Gleichzeitig erhebt der „Sozialdemokrat“ unausgesetzt heftige +Angriffe gegen die Fortschrittspartei, den Nationalverein, den +Sechsunddreißiger-Ausschuß. Daneben erschienen wieder einige Artikel, +worin ein Buch Rüstows über das Milizsystem günstig besprochen und das +Milizheer als eine Einrichtung gepriesen wird, die am billigten die +meisten Streiter liefere. + +Im März noch hatte der „Sozialdemokrat“ den preußischen +Bundesreformentwurf mit Geringschätzung behandelt, er werde „schätzbares +Material“ bleiben. In der zweiten Hälfte April tritt er entschieden für +die preußische Bundesreform ein. Jetzt war keine Rede mehr von den +früheren Versicherungen, dem neuen Deutschen Reiche dürfe kein Dorf, +nicht der letzte Weiler fehlen. Er hatte auch vergessen, daß er noch in +der zweiten Hälfte September 1865 geschrieben: Unser köstliches Kleinod +ist, daß wir kein Oesterreich und kein Preußen, kein Bayern und kein +Hessen-Homburg, daß wir nur ein Deutschland kennen, ein deutsches Volk +und eine deutsche Sprache. + +In einer Artikelserie: Habsburg, Hohenzollern und die deutsche +Demokratie, die Ende April erschien, spricht er sich schließlich für die +Vernichtung Oesterreichs aus; es müsse reduziert werden auf die 12900000 +Einwohner, die zum Bunde gehörten. Dann sei Deutschland konstituiert, +das heißt dann hat Preußen das Feld. + +Auf ein wiederholtes Gesuch wurde Schweitzer am 9. Mai 1866 angeblich +wegen gefährdeter Gesundheit aus dem Gefängnis beurlaubt. Dagegen wäre +nichts einzuwenden gewesen, entsprach der Grund des Urlaubs der +_Wahrheit_. Dieser Grund erwies sich aber als eine Lüge. _Kaum aus dem +Gefängnis beurlaubt, entwickelte Schweitzer eine umfassende politische +Tätigkeit_, die nicht nur bewies, daß die Ruhe des Gefängnisses ihm +wieder eine gute Gesundheit verschafft hatte, _sondern daß auch die +maßgebenden Behörden gegen seine politische Tätigkeit nichts einzuwenden +hatten, obgleich sonst die Behörden bei Beurlaubungen politischer +Gefangener die selbstverständliche Forderung stellen, daß der Beurlaubte +nicht eine Tätigkeit betreibe, wegen der er in Strafe genommen worden +ist_. + +Am 21. Mai erscheint Schweitzer in Hamburg, um dort „Ordnung zu +schaffen“, am 11. Juni in Erfurt und am 18. Juni in Leipzig, woselbst er +in einer Rede für die Bismarcksche Bundesreform eintritt. Dieses +Eintreten hatte aber nicht verhindert, daß am 18. Mai der +„Sozialdemokrat“ in einem Leitartikel sagte: Von einem liberalen Preußen +sprechen die Gothaer, das an die Spitze Deutschlands zu treten habe, +aber das hieße in Wahrheit sprechen: _von einem Preußen, das nicht +existiert und nicht existieren kann_. + +Und dieser positiven durchaus richtigen Auffassung über das Wesen +Preußens gegenüber sagt Schweitzer am 16. Juni in Leipzig in einem +Vortrag „Ueber die gegenwärtigen Aufgaben der sozialdemokratischen +Partei Deutschlands“ am Schlusse: + + „Wenn es aber gelingt, die preußische Regierung weiterzutreiben auf + dem _Wege der Konzessionen an uns_ (sic! A.B.)..., dann werden wir + soviel wir können das _Unsere tun_, daß der Sieg nicht bei den Fahnen + Oesterreichs, sondern bei den Fahnen Preußens, nicht bei den Fahnen + Benedeks, sondern bei den Fahnen Bismarcks und Garibaldis sei.“ + +Kann man widerspruchsvoller handeln? + +Diese Auslassungen sind als Programmsätze Schweitzers sehr +bemerkenswert, und sie fanden wohl an hoher Stelle in Berlin ihr Echo. +Was aber das Antreiben der preußischen Regierung zu Konzessionen an uns +(also an den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein) betraf, so war, ganz +abgesehen von dem Utopismus, auf Bismarcksche Konzessionen zu +hoffen — woran Schweitzer auch selbstverständlich nicht glaubte — das +ganze Gerede eine _Aufschneiderei_, denn Schweitzer selbst hatte zuletzt +noch am 3. Juni, vierzehn Tage vor seiner Leipziger Rede, im +„Sozialdemokrat“ geschrieben: _daß die Wirren im Verein bis auf weiteres +denselben unfähig machten, in sozialpolitischen Dingen irgend etwas zu +leisten_. + +Diesem Gedanken hatte er auch schon wiederholt vor dem 3. Juni im +„Sozialdemokrat“ Ausdruck gegeben, wie denn in der Tat die Wirren im +Verein, an denen Schweitzer sein vollgerüttelt Maß der Schuld trug, bis +in das Jahr 1867 hinein denselben in Zerrüttung hielten. + +In seltsamem Widerspruch zu diesen wiederholten Erklärungen Schweitzers +steht es, wenn noch in unseren Tagen die Behauptung aufgestellt wurde, +der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein habe zu jener Zeit einen +merkbaren Einfluß auf die Neugestaltung der Dinge ausgeübt, zum Beispiel +bei Erlangung des allgemeinen Wahlrechts. Bei dem Widerstand, den das +Bismarcksche Reformprojekt in den weitesten Kreisen fand, mußte Bismarck +allerdings jede Unterstützung, war sie auch noch so unbedeutend, für +sein Projekt willkommen sein. Daß er das allgemeine Wahlrecht gewährte, +geschah, weil er es gewähren mußte. Das war so selbstverständlich, daß +es dazu keiner Einflüsterungen und Anfeuerungen bedurfte. Hatte er doch +bereits Sommer 1863, also zu einer Zeit, in der der Allgemeine Deutsche +Arbeiterverein eben erst gegründet worden war, gegenüber dem +österreichischen Reformentwurf, der das deutsche Parlament aus +Delegationen der einzelstaatlichen Landtage zusammensetzen wollte, ein +Parlament gefordert, das auf Grund des in der Paulskirche 1849 +beschlossenen allgemeinen Wahlrechtes gewählt werden sollte. Bismarck +hat die Gründe, weshalb er zu demselben griff und greifen mußte, nicht +bloß später im norddeutschen Reichstag auseinandergesetzt; er schrieb +auch in einer Zirkulardepesche am 24. März 1866, also drei Monate vor +dem Krieg: + + „Direkte Wahlen und allgemeines Stimmrecht halte ich für größere + Bürgschaften einer konservativen Haltung als irgend ein künstliches, + auf Erzielung gemachter Majoritäten berechnetes Wahlgesetz. Nach + unseren Erfahrungen sind die Massen ehrlicher bei der Erhaltung + staatlicher Ordnung interessiert als die Führer derjenigen Massen, die + man durch die Einführung irgendeines Zensus in der aktiven + Wahlberechtigung privilegieren möchte.“ + +Und an den Grafen Bernsdorf in London schrieb Bismarck unter dem 19. +April 1866: + + „Ich darf es wohl als eine auf langer Erfahrung begründete + Ueberzeugung aussprechen, daß das künstliche System indirekter und + Klassenwahlen ein viel gefährlicheres ist, indem es die Berührung der + höchsten Gewalt mit den gesunden Elementen, die den Kern und die Masse + des Volkes bilden, verhindert.... Die Träger der Revolution sind die + Wahlmännerkollegien, die der Umsturzpartei ein über das Land + verbreitetes und leicht zu handhabendes Netz gewähren, wie dies 1789 + die Pariser Elekteurs gezeigt haben. Ich stehe nicht an, indirekte + Wahlen für eines der wesentlichsten Hilfsmittel der Revolution zu + erklären, und ich glaube, in diesen Dingen praktisch einige + Erfahrungen gesammelt zu haben.“ + +Zu diesen Gründen, die deutlich das Unbehagen verraten, das die +bisherigen Resultate der Wahlen nach dem Dreiklassenwahlsystem in +Preußen bei ihm erzeugten, kommen noch als besonders _entscheidende_, +daß in dem Staatenkonglomerat, das der später neugebackene Norddeutsche +Bund bildete, es keine gemeinsame Grundlage gab, auf der ein anderes +Wahlrecht als das allgemeine möglich war. Ferner gebot die Rücksicht auf +die Traditionen des ersten deutschen Parlaments in Frankfurt 1848/49, +daß er das allgemeine Wahlrecht einführte, das allein die starken +Antipathien, die gegen die Gründung des Norddeutschen Bundes selbst in +weiten Kreisen der norddeutschen Bevölkerung vorhanden waren, +einigermaßen überwinden konnte. Es muß weiter hinzugefügt und +_wiederholt_ daran erinnert werden, daß in jenen Jahren der Gedanke, das +allgemeine Wahlrecht einzuführen, selbst in konservativen Kreisen im +Hinblick auf die Resultate des Dreiklassenwahlsystems sympathisch +aufgenommen wurde und der Geheime Regierungsrat Wagener schon im +Spätsommer 1862, also _ehe_ noch Lassalle öffentlich diese Forderung +erhoben hatte, die Einführung des allgemeinen Wahlrechts befürwortete. +Auch hatten schon zu Anfang 1862 die radikalen Leipziger Arbeiter diese +Forderung gestellt, und seit 1865 war es eine Programmforderung _der +gesamten deutschen Arbeiterklasse ohne Unterschied der Partei_. Im +Winter 1865/66 wurde diese Forderung in unzähligen Volksversammlungen +propagiert, noch ehe jemand an den Bismarckschen Reformentwurf denken +konnte, weil er für die Oeffentlichkeit noch nicht existierte. Es war +also nach Lage der Dinge unmöglich, daß der Allgemeine Deutsche +Arbeiterverein als solcher merkbaren Einfluß auf die Gewährung des +allgemeinen Stimmrechts ausgeübt hat. + +Bismarck hatte am 9. Mai den Landtag nach Hause geschickt, weil er +fürchtete, daß er ihm, wie bei Gelegenheit der Schleswig-Holsteinschen +Frage, die Mittel zum Kriegführen verweigern werde. Bismarck brauchte +aber Geld, und so gab er auf dem Verordnungswege, also ohne alles +gesetzliche Recht, 40 Millionen Taler Kassenscheine aus und ordnete die +Errichtung von Darlehenskassen an. Die gesamte liberale und +demokratische Presse spie mit Recht Feuer und Flamme über diese +gesetzwidrige Handlung, aber _Schweitzer brachte es fertig, unter sehr +deplacierten Angriffen auf die Fortschrittspartei die Handlung +Bismarcks zu verteidigen_. Als dann Bismarck nach dem Kriege die +Gründung eines Staatsschatzes, der mit 20 Millionen Taler dotiert werden +sollte, verlangte, um ausgesprochenermaßen im Kriegsfall zunächst von +einer Geldbewilligung der Kammer unabhängig zu sein, _führte Schweitzer +wieder eine Menge Gründe zugunsten desselben an, wagte aber nicht_, sich +rückhaltlos für den Plan auszusprechen. + +Der „Sozialdemokrat“ mußte mit dem 1. April 1866 sein sechsmaliges +Erscheinen einstellen; er erschien wieder nur dreimal wöchentlich. Es +mochte niemand mehr ein Bedürfnis haben, angesichts der kommenden +kriegerischen Ereignisse weiter schwere Opfer für ein sechsmaliges +Erscheinen zu tragen. _Denn er besaß noch keine 500 Abonnenten_. Am 17. +Juni fand eine Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins in Leipzig statt, die nur von 12 Delegierten besucht +war, was zeigt, wie gering damals die Leistungsfähigkeit des Vereins +war. Angeblich sollten diese 12 Delegierten, unter denen sich auch +Schweitzer befand, 9400 Mitglieder vertreten. Bei der Präsidentenwahl +unterlag Hillmann-Elberfeld gegenüber Perl-Hamburg, das war ein +indirekter Sieg Schweitzers. Im „Sozialdemokrat“ wiederholte sich jetzt +das Spiel, das man nach seiner Leipziger Rede erwarten mußte. Als +Oesterreich während der Waffenstillstandsverhandlungen Venetien an +Napoleon übergab, um es nicht an das verhaßte Italien abtreten zu +müssen, entdeckte Schweitzer hierin, gleich der liberalen Presse, einen +_Verrat_ Oesterreichs an Deutschland, und ging nun, diesen Vorwand +benutzend, mit fliegenden Fahnen in das Lager Preußens, dessen +„staunenswerte organisatorische Kraft“ gezeigt, daß Deutschland zu ihm +zu stehen habe. Von diesem seinem Standpunkt aus war es ihm +außerordentlich peinlich, als Ende August Johann Jacoby anläßlich der +Beratung einer Adresse an den König eine vorzügliche Rede im preußischen +Landtag hielt, in der er sich entschieden gegen das neue Gebilde, +den Norddeutschen Bund, aussprach, der die Ausschließung +Deutsch-Oesterreichs und der süddeutschen Staaten zur Voraussetzung +gehabt habe. Im weiteren erklärte sich Jacoby gegen die Indemnität, die +jetzt die Regierung für ihre gesetzwidrigen Maßnahmen vor und während +des Krieges von dem Landtag forderte. Schweitzer zollte zwar dem Mute +und dem Idealismus Jacobys volles Lob, rechtfertigte aber durch +gewundene Ausführungen den neuen Stand der Dinge. Als dann am 20. +September die allgemeine Amnestie erschien, war niemand vorhanden, der +dieselbe mehr verdient hätte als er für die Dienste, die er vom 9. Mai +ab für die Regierung geleistet hatte; sie brachte ihm den Nachlaß von +zehn Monaten seiner Haft. + +Ende August 1866 machte der „Sozialdemokrat“ in der Anwandlung einer +melancholischen Stimmung das Geständnis: „So habe sich das deutsche Volk +die deutsche Einheit nicht vorgestellt.“ Was damals über den Entwurf zur +künftigen Nordbundsverfassung verlautete, war allerdings zum +Melancholischwerden. Bismarck, der wirkliche Realpolitiker, der jetzt im +Zenith seiner Macht stand, schmiedete das Eisen, solange es warm war, +und schuf einen Verfassungsentwurf, der noch ein gut Stück hinter der +preußischen Verfassung an konstitutionellen Rechten zurückstand. Es +hieße den Scharfsinn Schweitzers beleidigen, wollte man annehmen, daß er +ernstlich darüber enttäuscht war. Wer wie er das Wesen des jetzt alles +beherrschenden preußischen Staates und auch das Wesen und den Charakter +Bismarcks kannte, konnte nichts anderes erwarten. Aber wie wollte er +seine großpreußische Politik dem Verein gegenüber rechtfertigen und +mundgerecht machen? Jetzt zeigte sich, was es mit seiner Behauptung, der +Verein sei eine Macht, so „daß er ihm (Bismarck) Konzessionen abnötigen +könne“, auf sich hatte. + +Wir waren nicht enttäuscht, denn wir hatten uns keinen Illusionen +hingegeben. Indes spann Schweitzer den alten Faden weiter. Vor allem +setzte er auf der Generalversammlung in Erfurt, die für den 27. Dezember +einberufen worden war, ein Wahlprogramm durch, dessen erster Punkt in +Berlin an maßgebender Stelle notwendig freundlich aufgenommen werden +mußte. Dieser Punkt lautete: „Gänzliche Beseitigung jeder Föderation, +jedes Staatenbundes, unter welcher Form es auch sei. Vereinigung aller +deutschen Stämme zu einer innerlich und organisch durchaus +verschmolzenen Staatseinheit, durch welche allein das deutsche Volk +einer glorreichen nationalen Zukunft fähig werden kann: durch Einheit +zur Freiheit.“ Also auf dem Wege der Bismarckschen Politik zur Freiheit. +Das war die _gleiche_ Parole, welche die nationalliberale Partei +aufgestellt hatte, und bedeutete weitere Annexionen, die nicht ohne +einen neuen Krieg ausführbar waren. Der zweite Punkt des Programms +handelte von der Forderung des allgemeinen, gleichen Wahlrechtes mit +Diätenzahlung für Reichstag und Landtage. Sicherung der Volksrechte. Die +Forderung nach allgemeiner Volksbewaffnung, die in dem von der Gräfin +Hatzfeldt herrührenden Programmentwurf stand, strich Schweitzer, denn +nach dem „Sozialdemokrat“ hatte Preußen bewiesen, „daß es allein durch +seine staunenerregende organisatorische Kraft zur Führung der deutschen +Wehrkraft berufen sei“, und dem durfte man doch jetzt nicht mit der +allgemeinen Volksbewaffnung kommen. Der vierte Punkt verlangte Anbahnung +der Lösung der Arbeiterfrage durch freie Assoziationen mit Staatshilfe +nach den Prinzipien Ferdinand Lassalles. Also von Bismarcks Gnaden. Für +Moritz Heß gab das Erfurter Programm endlich den Anstoß, um als letzter +von den ersten Mitarbeitern dem „Sozialdemokrat“ die Mitarbeiterschaft +aufzusagen. + +Man vergleiche dieses Verhalten Schweitzers mit seinem Verhalten im +Frühjahr 1865, als er, durch die Opposition in seinem Verein bedrängt, +im „Sozialdemokrat“ vom 5. April 1865 erklärte: + + „Die Deutsche Volkspartei _also will das ganze_ Deutschland zum freien + Volksstaat vereinen. Das ganze Deutschland sagen wir. Nicht ein Dorf, + nicht ein Meierhof, nicht die kleinste Hütte im entferntesten Winkel + darf uns fehlen. Der kleindeutsche Gedanke eines einigen Deutschland + _ohne die deutsch-österreichischen Provinzen ist ein Hochverrat an der + Zukunft der Nation_.“ + +So hatte der Schweitzer von 1865 dem Schweitzer von 1866 das Urteil +gesprochen. Aber was er 1865 geschrieben und beteuert hatte, hatten +seine Anhänger vergessen. Blieb nach einer anderen seiner früheren +Ausführungen nur die Wahl zwischen deutschen Proletarierfäusten und +Preußen für die Lösung der deutschen Frage, und waren damals die +deutschen Proletarierfäuste zu schwach, die deutsche Frage im +demokratischen Sinne zu lösen, so war dies für den Führer einer +Arbeiterpartei kein Grund, sich zum Werkzeug der Lösung im cäsarischen +Sinne herzugeben. Einmal die Ehrlichkeit Schweitzers für einen +Augenblick vorausgesetzt, so wäre selbst dann seine Taktik ein Verrat an +der Demokratie gewesen, weil er die Politik ihres gewalttätigsten und +grimmigsten Feindes unterstützte. + + + + +Schweitzer und die Konservativen. + + +Mit der Agitation für die Wahlen zum konstituierenden norddeutschen +Reichstag, die auf den 12. Februar 1867 angesetzt waren, beginnt die +zweite Periode der Tätigkeit Schweitzers. Die Haltung des +„Sozialdemokrat“ ließ keinen Zweifel, daß Schweitzer es mit den +_Konservativen_ nicht verderben wollte. Er rechnete offenbar auf +Schachergeschäfte mit diesen gegen die Liberalen, was auch im Wunsche +Bismarcks liegen mußte. Schweitzer ging also wieder gegen die +Fortschrittspartei aufs schärfste ins Feuer, eine Taktik, die ihm der +alte Moritz Heß als Verrat anrechnete. Dieser meinte, es handle sich vor +allen Dingen doch darum, die _linke_ Seite des Parlamentes nach Kräften +zu stärken, um eine leidliche Verfassung zustande zu bringen, was ein +durchaus richtiger Standpunkt, aber nicht der Schweitzers war. + +Schweitzer hatte unter den verschiedenen Kandidaturen, die ihm von +seinen Anhängern angeboten worden waren, sich für Barmen-Elberfeld +entschieden, ein Wahlkreis, der ihm die meiste Aussicht auf Sieg bot. +Die Leipziger Lassalleaner wollten in Leipzig Liebknecht aufstellen, den +wir im neunzehnten sächsischen Wahlkreis aufgestellt hatten, wo wir +hofften, ihn durchzubringen, was leider nicht gelang. Wir hatten in +Leipzig, nachdem Professor Roßmäßler abgelehnt hatte, Professor Wuttke +als Kandidat proklamiert. Schweitzer eiferte gegen Liebknechts +Kandidatur. Dieselbe gehe von einer Seite aus, der das Werk Lassalles +stets ein Dorn im Auge gewesen sei. Die Leute, die im Hintergrund von +Liebknechts Kandidatur stünden, seien im Zusammenhang mit +österreichischen reaktionären Kreisen. Liebknecht habe noch vor zwei +Jahren Lassalle in öffentlichen Blättern geschmäht. Wer Liebknecht +wähle, sage sich offen von Lassalle und seinem Werke los. So spekulierte +er auf die blinde Voreingenommenheit seiner Anhänger für Lassalles Werk. +Liebknecht zu wählen, war also ein Verbrechen an Lassalle. Wie +Schweitzer überhaupt die Dinge ansah, zeigt ein Ausruf „An meine Freunde +und Parteigenossen in Schlesien und im Rheinland“, in dem es pathetisch +hieß: „_Eine mildere Zeit, eine weisere Regierung ist gekommen!_“ In +Barmen-Elberfeld, woselbst Schweitzer Ende Januar wieder eine seiner +geschickten Reden hielt, sprach er _mit keinem Worte über seine Stellung +in der Politik und gegebenenfalls im Parlament_. Im „Sozialdemokrat“ +wurden ungeschickterweise maßlose Hoffnungen über den Ausfall der Wahlen +genährt. So wurde zum Beispiel in der Nr. 15 vom 3. Februar angekündigt, +die gewählten Vertreter würden in Berlin einen gemeinsamen Haushalt +führen. Man sprach von Diätenkommunismus usw. Schweitzer wurde sogar im +„Sozialdemokrat“ als Sieger angesungen, noch ehe er gewählt war. Er +hatte als Gegenkandidaten in Barmen-Elberfeld von konservativer Seite +Bismarck, von liberaler Herrn v. Forckenbeck. Der Wahltag brachte eine +schwere Enttäuschung. Bismarck erhielt 6523, Forckenbeck 6123, +Schweitzer nur 4688 Stimmen. Er war nicht einmal in die engere Wahl +gekommen. Auch im übrigen Deutschland war der Wahlausfall für den +Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein eine Enttäuschung. In der engeren +Wahl in Barmen-Elberfeld hatten also die Sozialdemokraten den Ausschlag +zu geben. In einer großen Wählerversammlung am 26. Februar nimmt +Schweitzer zunächst das Wort, erklärt aber, keine Parole für die engere +Wahl auszugeben, bevor er nicht die Meinung der Versammlung gehört. +Schließlich ergreift er wieder das Wort, wobei er äußerte: + + „Das vielfache Rufen des Namens Bismarck aus der Versammlung hätte ihn + erkennen lassen, _nach welcher Seite sich die Stimmung im allgemeinen + gelenkt habe. Er könne dem einzelnen keine Vorschriften machen, für + wessen Wahl sich derselbe entscheiden solle, ein jeder solle dem Zuge + seines Herzens folgen._“ + +Damit wußte jeder, woran er war. Um aber das Komödienspiel zu vollenden, +ließ er im Widerspruch mit seiner eigenen Rede eine Resolution annehmen, +in der sich die Versammlung für _Stimmenthaltung_ aussprach. In der Tat +erhielt Bismarck bei der engeren Wahl _fast die gesamten Schweitzerschen +Stimmen. Er wurde mit 10196 gegen 6944, die Forckenbeck erhielt, +gewählt._ + +Schweitzer suchte in einer Erklärung diese Abstimmung damit zu +rechtfertigen, daß er ausführte: + + Man habe der liberalen Bourgeoisie eine Lehre geben wollen für die + gemeine Kampfweise, die sie im Wahlkampf geübt habe. „_Vielleicht + auch, Arbeiter_,“ fuhr er fort, „_war eure Abstimmung eine Huldigung + nicht zwar für den Kandidaten der konservativen Partei, wohl aber für + den Minister, der aus eigenem Antrieb ein Volksrecht euch + zurückgegeben, welch es die liberale Opposition für euch zu fordern so + hartnäckig vergessen hatte._“ + +Der gute, volksfreundliche Bismarck! + +Wenige Tage nach jener Elberfelder Bismarckwahl stand ich in engerer +Wahl im 17. sächsischen Wahlkreis (Glauchau, Meerane usw.) gegen einen +nationalliberalen Kandidaten. Hier erklärte der Führer der +Lassalleaner — den Bericht veröffentlichte der „Sozialdemokrat“ —, _ein +reiner Lassalleaner dürfe Bebel nicht wählen, der nach dem Standpunkte, +den sie, die Lassalleaner, einnähmen, ein Verräter an der Sache sei_. + +_Bismarck der Wohltäter der Arbeiter, Liebknecht und Bebel ihre +Verräter._ Das war das Resultat der Schweitzerschen Erziehungsmethode. +Wie schon früher gemeldet, wurde ich trotzdem gewählt, die wenigen +hundert Stimmen der Lassalleaner gaben nicht den Ausschlag. + +In Barmen-Elberfeld mußte kurz darauf eine Neuwahl stattfinden, da +Bismarck, der doppelt gewählt worden war, das Mandat für +Barmen-Elberfeld niederlegte. Bei der darauf folgenden Neuwahl erhielt +Schweitzer 4919, der liberale Professor Gneist 4291, der konservative +von der Heidt 2594, Oberbürgermeister Bredt 1497 Stimmen. Es mußte also +wieder engere Wahl stattfinden, und zwar diesmal zwischen Schweitzer und +Gneist. Der „Sozialdemokrat“ buhlte jetzt offen um die Stimmen der +konservative — Arbeiter. _Noch charakterloser und würdeloser trieb +Schweitzer die Buhlerei in einer Versammlung am 17. März, in der er die +Konservativen aufforderte, von zwei Uebeln das kleinere oder entferntere +zu wählen, und das sei er. Auf dem sozialen Boden könnte sich die +Arbeiterpartei mit den Konservativen über manches die Hände reichen._ Er +bezieht sich dafür auf _Reden des Geheimen Oberregierungsrats Wagener,_ +auf Bischof Kettelers Buch, _auf Aeußerungen Bismarcks_. + + _„Die Konservativen möchten mitwirken, damit die Arbeiter durch ihn im + Parlament zum Wort kämen. Als die Konservativen die Arbeiter + riefen — einerlei aus welchem Grunde —, kamen diese mit ihrer ganzen + Armee. Jetzt rufen die Arbeiter, und die Konservativen würden eine + moralische Verpflichtung nicht lösen, wenn nicht auch sie nun dem Rufe + folgten. Sie müßten kommen, wenn sie nicht die gerechtere Entrüstung + über sich heraufbeschwören wollten.“_ + +Dann stößt er Drohungen gegen die Fortschrittspartei aus. + +Aber für diese Charakterlosigkeit und Würdelosigkeit sondergleichen +blieb dennoch der Lohn aus. Schweitzer unterlag abermals, und zwar mit +7923 gegen 8019 Stimmen, die auf Gneist fielen. + + + + +Schweitzer im norddeutschen Reichstag. + + +Nachdem der konstituierende norddeutsche Reichstag die Verfassung des +Norddeutschen Bundes beraten hatte und diese verkündet worden war, +wurden die Wahlen für die erste Legislaturperiode auf Ende August 1867 +angesetzt. Schweitzer kandidierte wieder in Barmen-Elberfeld, diesmal +mit Erfolg. Schweitzer erhielt im ersten Wahlgang 6110, Dr. Löwe-Calbe +(Fortschritt) 3588, Professor v. Sybel-Düsseldorf 3478 Stimmen, es war +also engere Wahl zwischen Schweitzer und Löwe-Calbe nötig, in der +Schweitzer mit 8915 Stimmen gegen 6690 Stimmen, die auf Löwe-Calbe +fielen, siegte. _Diesmal hatte wieder der größte Teil der Konservativen +für Schweitzer gestimmt._ Wie er in seiner Danksagung glaubte +hervorheben zu müssen, waren es die konservativen Arbeiter, die in +richtiger Erkenntnis der Sachlage dem Arbeiterkandidaten ihre Stimme +gegeben hätten. Inwieweit das richtig war, zeigt die später bekannt +gewordene Tatsache, _daß der Führer der Konservativen, Herr v. Kusserow, +Schweitzer für seine Wahl 400 Taler eingehändigt hatte._ Auf der +Berliner Generalversammlung stellte man, als diese Tatsache bekannt +wurde, das grausame Verlangen, Schweitzer solle das Geld zurückgeben. +Wie konnte man nur so naiv sein. + +Aber Schweitzer glaubte noch ein übriges tun zu müssen und den +Konservativen Zusicherungen für sein Wohlverhalten im Reichstag geben zu +sollen, und so äußerte er in seiner Erklärung vom 11. September weiter: + + „Mein sozialer Standpunkt wird von niemand in Zweifel gezogen; ich + brauche daher in dieser Beziehung nichts zu sagen. In politischer + Beziehung bemerke ich, daß ich gemäß den Grundsätzen der Partei, der + ich angehöre und die mich zu ihrem Führer erkoren, in Fragen der + Freiheit und _des Volkswohls_ unwandelbar mit der äußersten Linken + (der Fortschrittspartei) stimmen werde. Sollten ernstliche Gefahren + vom Ausland her das deutsche Vaterland bedrohen, so werde ich den + König von Preußen, in dem jetzt die nationale Machtstellung + Deutschlands gipfelt, und seine Regierung mit aller Kraft, die einem + einzelnen zu Gebote stehen kann, in dem Parlament wie außerhalb + desselben zu unterstützen bestrebt sein.“ + +Schweitzers Wahl hatte begreiflicherweise unter seinen Anhängern große +Begeisterung hervorgerufen, und er nutzte diese nun aus, indem er in +einem mit vier Schimmeln bespannten Wagen einen Triumphzug durch die +beiden Städte Barmen-Elberfeld unternahm. Solche Triumphzüge, die, +wollte sie heute ein Arbeiterführer arrangieren, ihn zum toten Manne +machten, liebte er. Solche Triumphzüge, wobei stets die Schimmel eine +Rolle spielten, kamen wiederholt auch später vor, so zum Beispiel in +Hamburg-Altona, nochmals in Barmen-Elberfeld und in Kassel. Damit aber +auch das nötige Volk auf der Straße war, unterbrach zum Beispiel +Schweitzer seine Reise von Berlin nach Kassel in Minden und fuhr von +dort mit einem Zug, der erst abends nach 7 Uhr in Kassel eintraf. Hier +benutzte er die mit Schimmeln bespannte Equipage auch während der +mehrtägigen Dauer der Generalversammlung des Arbeiterverbandes, +verlangte aber, daß seine Anhänger die hohen Kosten dafür tragen +sollten. Dessen weigerten sie sich. Die Kosten des Triumphzugs vom +Bahnhof nach der Stadt wollten sie bezahlen, das andere müsse Schweitzer +tragen. Dabei blieb es. + +Mit Schweitzers Eintritt in den norddeutschen Reichstag, dem außer mir +nunmehr auch Liebknecht angehörte, kam es zeitweilig zwischen uns und +Schweitzer zu Auseinandersetzungen. Eine solche von besonderem Interesse +spielte sich in der Sitzung vom 17. Oktober 1867 ab, in der der +Gesetzentwurf betreffend die Verpflichtung zum Kriegsdienst auf der +Tagesordnung stand. Liebknecht sprach zunächst, und zwar in +außerordentlich scharfer Form unter häufigen heftigen Unterbrechungen +der Mehrheit und des Präsidenten. Namentlich griff er die Politik +Bismarcks schonungslos an und schloß seine Rede mit den Worten: „Die +Weltgeschichte wird hinwegschreiten über diesen norddeutschen Reichstag, +der nichts ist als das Feigenblatt des Absolutismus.“ Nachher kam ich +zum Wort. Ich begründete in aller Ruhe unseren Standpunkt als Vertreter +des Milizsystems. Mittlerweile hatte sich auch Schweitzer gemeldet, um +seinen entgegengesetzten Standpunkt zu markieren. Bei Einbringung eines +Schlußantrags verlas der Präsident, wie es damals Vorschrift war, die +Namen der eingeschriebenen Redner für und wider den Gesetzentwurf, +darunter Schweitzer als Gegner. _Dieser erklärte darauf zur +Geschäftsordnung, er habe sich nicht wider, sondern für den +Gesetzentwurf einschreiben lassen._ + +Schweitzer ergriff alsdann bei der Spezialdebatte das Wort und führte +aus: Nach dem Standpunkt, den Herr Liebknecht einnehme, müßte auch die +allgemeine Wehrpflicht verworfen werden. Dabei hatten wir beide eine +Resolution einzubringen versucht, für die wir aber nicht die nötigen +Unterschriften erhielten, in der die Einführung des Milizsystems, also +die Verwirklichung der allgemeinen Wehrpflicht nach dem Muster +Scharnhorsts und Gneisenaus gefordert wurde. Liebknecht wünsche, daß der +Norddeutsche Bund überhaupt nicht existiere. Er und seine Freunde +wollten den Norddeutschen Bund freiheitlich gestalten, darin ständen sie +mit der _Fortschrittspartei_ auf einem Boden. Er berief sich also wieder +auf dieselbe Partei, die er seit 1863 als Trägerin des Rückschritts +bekämpft und fortgesetzt angegriffen hatte. Er, Schweitzer, wolle nicht +mit Herrn Liebknecht und seinen Freunden, den depossedierten Fürsten und +dem Ausland, dahin trachten, Preußen und den Norddeutschen Bund zu +ruinieren und zu zerstören: + + „Wir haben erkannt, daß der preußische Machtkern unser deutsches + Vaterland, das so lange mißachtet war, dem Ausland gegenüber endlich + zur Geltung und zu Ehren gebracht hat und dies auch künftig tun wird, + und es liegt uns fern, mit jenen selbst diejenigen Eigenschaften an + Preußen leugnen und bemäkeln zu wollen, die im vorigen Jahre eine + feindliche Welt bewundernd anerkennen mußte.“ + +Sie stünden innerhalb, wir außerhalb des neu sich bildenden Vaterlandes, +wollten außerhalb desselben stehen. + +Liebknecht antwortete in einer persönlichen Bemerkung: + + „Der Abgeordnete v. Schweitzer hat mir einen großen Gefallen getan, + denn er hat mir die Gelegenheit gegeben, die ich bis jetzt vergebens + gesucht habe, zu erklären, _daß ich allerdings mit dem Doppelgänger + des Herrn Wagener nichts zu tun habe_.“ + +Schweitzer schwieg und Wagener schwieg. Vor der Abstimmung über den +entscheidenden § 1 verließ Schweitzer den Saal. Er wagte nicht dafür zu +stimmen und wollte nicht dagegen stimmen. + +Diese Vorgänge im Reichstag beschäftigten kurz darauf zwei Versammlungen +der Berliner Mitgliedschaft des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins. +Schweitzer beantragte hier folgende Resolution: + + „Die Versammlung erkennt an, daß die von Preußen geschaffene Macht die + Möglichkeit der Herstellung der deutschen Einheit in sich trägt; + zweitens ist sie _mit der Fortschrittspartei damit einverstanden_ + (weiter nach links wagte Schweitzer nicht mehr zu gehen. A.B.), daß + mit äußerstem Nachdruck und ohne daß man sich um Drohungen der + preußischen Regierung kümmere, auf eine freiheitliche Gestaltung + Preußens und des Norddeutschen Bundes gedrungen werden muß, da nur + hierdurch eine ersprießliche endgültige Lösung der deutschen Sache + möglich ist; drittens erklärt sie es für verfehlt, in Gemeinschaft mit + der Auffassung des mißgünstigen Auslandes das Vorgehen Preußens im + vorigen Jahre zu beurteilen und demgemäß eine Zertrümmerung Preußens + und des Norddeutschen Bundes zu erstreben und zu erhoffen.“ + +Rückhaltloser konnte man für die Bismarcksche Schöpfung nicht eintreten. +Dieser Resolution gegenüber beantragten nun _Theodor Metzner_ und +_Reimann_, zwei Opponenten von Schweitzer: + + „Die Versammlung beschließt, daß Herr v. Schweitzer sowohl im + Reichstag als durch seine Verdächtigung der radikalen Partei in der + heutigen Versammlung _das wenige Vertrauen, das derselbe bisher bei + den Berliner Arbeitern genossen, vollständig verloren hat_.“ + +Eine dritte Resolution brachte der fortschrittliche Maschinenbauer +Andreack ein, die forderte: + + _„Die Versammlung möge beschließen, daß sie in der deutschen Frage + sich nur mit dem Standpunkt der Deutschen Fortschrittspartei + einverstanden erklären kann.“_ + +Und was geschah jetzt? Als Schweitzer merkte, daß die scharfe +Opposition, die er fand, seine Resolution zu Fall bringen könnte, zog +er, feig wie er immer war, wenn ihm eine Niederlage drohte, _dieselbe +zurück und erklärte sich für die fortschrittliche Resolution, die +dasselbe besage wie die seine_. Hofstetten, der den Vorsitz hatte, tat +Schweitzer den Gefallen, über die Andreacksche Resolution zuerst +abzustimmen und sie für angenommen zu erklären, was seitens der +Opposition einen Sturm der Entrüstung hervorrief. + + + + +Schweitzers Diktatur. + + +Schweitzer hatte das dringendste Interesse, den Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein ganz in die Hand zu bekommen, also dessen Präsident zu +werden. Dieses Sehnen verwirklichte sich, als Perl-Hamburg, der +Präsidentschaft müde, erklärte, dieselbe niederlegen zu wollen. Es wurde +eine außerordentliche Generalversammlung auf den 19. und 20. Mai 1867 +nach Braunschweig einberufen, die von 18 Delegierten, die 2500 Stimmen +hinter sich hatten, besucht war. Schweitzer vertrat Apolda mit 22 und +Limbach in Sachsen mit 30 Stimmen. Der Verein war sehr heruntergekommen. +Die beständigen Zerwürfnisse, das Mißtrauen gegen Schweitzer wegen +seiner Politik, der ungünstige Ausfall der Wahlen zum norddeutschen +Reichstag, trotz aller großsprecherischen Worte Schweitzers, die Krise +waren die Hauptursachen dieser Erscheinung. Die Eröffnungsrede Perls war +der Ausdruck der vorhandenen Mutlosigkeit. Die Hoffnung, die man noch in +Leipzig gehegt, Ordnung in den Verein zu bringen, hätte sich nicht +erfüllt; die finanziellen Verhältnisse des Vereins seien sehr ungünstig, +nur wenige Orte zahlten Beiträge usw. Im weiteren Verlauf der +Verhandlungen bat Perl, von seiner Wiederwahl als Präsident abzustehen; +er könne die Opfer nicht mehr tragen, die ihm diese Stellung auferlege. +Schweitzer kritisierte Perls Geschäftsführung, doch wolle er, wie er +sagte, ihm nicht persönlich zu nahe treten. Er erklärte, die +Generalversammlung sei entscheidend für den Verein, nach Tölcke sollte +er sogar die Präsidentschaft _gefordert_ und gedroht haben, falls er +nicht gewählt werde, ließe er mit der nächsten Nummer den +„Sozialdemokrat“ eingehen. Er versprach Garantien zu geben, daß die +_Verwaltungsgeschäfte_ korrekt erledigt würden, da er wisse, daß man ihm +mißtraue. Die Versammlung war unschlüssig, was sie tun sollte; so ließ +man auf Vorschlag Brackes eine Pause eintreten, um sich zu verständigen. +Nach dieser schlug Tölcke Schweitzer als Präsidenten vor. Es wurde +darauf mehrseitig wieder geltend gemacht, daß gegen Schweitzer Mißtrauen +vorhanden sei; auch sei es ein Unding, daß der Präsident des Vereins und +der Redakteur des Vereinsorgans ein und dieselbe Person sei. Tölcke +suchte die Bedenken zu beschwichtigen. Schweitzer erklärte, er wisse, +daß man Mißtrauen gegen ihn habe; er werde das Amt nur annehmen, wenn +man ihm Vertrauen entgegenbringe. Er beantragte eine zweite Pause zur +Verständigung. Nach dieser erklärten mehrere Delegierte, ihr Mißtrauen +gegen Schweitzer fallen zu lassen. Er wurde alsdann, nachdem er auf +einen Vorhalt Tölckes noch mitgeteilt, _er werde sich selber wählen_, +mit 2385 gegen 97 Stimmen und 41 Enthaltungen Präsident des Vereins. Er +hatte, um sich Vertrauen zu erwerben, auf dieser Generalversammlung ein +radikales Programm vorgelegt und annehmen lassen. Jetzt gab er auch die +sogenannten Garantien für sein ferneres Wohlverhalten, indem er durch +Handschlag sämtlichen Delegierten gegenüber sich feierlich +verpflichtete, alles zu tun, was in seinen Kräften stehe, den Verein +vorwärtszubringen. Umgekehrt verpflichteten sich die Delegierten +ebenfalls durch Handschlag Schweitzer gegenüber, treu zur Organisation +und zum Präsidenten zu stehen. Also eine Art Ballhausschwur, wie ihn die +französische Nationalversammlung 1789 leistete, nur mit dem Unterschied, +daß der Regisseur der Schwurszene in Braunschweig, Schweitzer, wußte, +daß es sich um eine Posse handelte. — + +Auf der Generalversammlung des Vereins in Berlin — 23. bis 25. September +1867 — wiederholte Schweitzer: _daß in politischen Fragen der Verein mit +der Fortschrittspartei gehen könne_. Das verhinderte allerdings nicht, +daß, als um dieselbe Zeit in Düsseldorf eine Nachwahl für den Reichstag +stattzufinden hatte, bei der in der engeren Wahl der fortschrittliche +Kandidat, Redakteur der „Rheinischen Zeitung“, Bürgers, und ein +konservativ-nationalliberaler Kandidat sich gegenüberstanden, Schweitzer +im „Sozialdemokrat“ die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins aufforderte, für den letzteren zu stimmen, worauf +Bürgers durchfiel. Neben dem, daß er damit Bismarck einen Gefallen +erwies, kühlte er seine Rache wegen der Anklage der „Rheinischen +Zeitung“, er habe aus hochkonservativen Kreisen Geld für den +„Sozialdemokrat“ genommen. + +Ein anderer für Schweitzer wenig ehrenvoller und seinen Charakter +beleuchtender Vorgang war die Auseinandersetzung mit seinem bisherigen +Freunde Hofstetten. Hofstetten hatte seine Mittel für die Gründung des +„Sozialdemokrat“ hergegeben. Diese Mittel waren Mitte 1867 verbraucht +und Hofstetten ein armer Mann. Anfang 1868 versuchte Schweitzer +Hofstetten nach Wien zu schieben, woselbst er ein sozialdemokratisches +Blatt gründen sollte. Hofstetten kam aber in Wien übel an und eilte nach +Berlin zurück. Jetzt verschloß Schweitzer ihm den Wiedereintritt in die +Redaktion des Blattes, er bestritt auch, daß Hofstetten noch +irgendwelche Ansprüche habe, und setzte ihn vor die Tür, wobei er sich +auf einen Vertrag stützte, den er dem gutmütigen und nicht gerade +scharfsinnigen Hofstetten abgedrungen hatte. Als Hofstetten im Frühjahr +1869 auf der Generalversammlung des Vereins in Barmen-Elberfeld eine +lange Anklagerede gegen Schweitzers Verhalten ihm gegenüber hielt, +entrüsteten die mitgeteilten Tatsachen den Delegierten Heinrich +Vogel — der gegenwärtig noch in Charlottenburg lebt — so, daß er erklärte, +Schweitzer habe Hofstetten gegenüber wie ein ordinärer Bourgeois +gehandelt, eine Charakterisierung, die bei Schweitzers Anhängern einen +Sturm der Entrüstung hervorrief und nachher Vogels Ausschluß aus dem +Verein zur Folge hatte. Hofstetten klagte auch Schweitzer an, daß er das +Geld mit vollen Händen zum Fenster hinausgeworfen habe; woher er es +erhielt, wisse er nicht. Als er Schweitzer wegen seiner +verschwenderischen Lebensweise Vorhalt gemacht, habe dieser geantwortet: +Darüber sei er ihm keine Rechenschaft schuldig, er habe seine Schulden +nicht zu bezahlen. Darin hatte Schweitzer sicher recht, aber die +Tatsache an sich ist sehr beachtlich. Ende 1867 hatte das Blatt erst +1200 Abonnenten, deckte also bei weitem noch immer nicht seine Kosten; +es war also die Frage sehr wohl gerechtfertigt: Woher kommt das Geld für +das Blatt und die verschwenderische Lebensweise Schweitzers? Das ewige +Schuldenmachen hatte doch seine Grenze. Auch wollten die Gläubiger ab +und zu Geld sehen. Eine Erbschaft, die er nach dem Tode seines Vaters +Ende 1868 machte, war so geringfügig, daß sie einen Tropfen auf einen +heißen Stein bedeutete. Dabei hielt Schweitzer sich während des +Reichstags eine Equipage mit galonierten Dienern. + +Gustav Mayer, dessen Buch über Schweitzer ich oben erwähnte, hielt es +für zweckdienlich, sich bei Paul Lindau, der nach Schweitzers Rücktritt +häufigen Verkehr mit ihm hatte, zu befragen, ob er Extravaganzen +Schweitzers wahrgenommen habe. Lindau habe das verneint. Mir ist Paul +Lindaus Urteil nicht maßgebend. Die lebemännischen Gewohnheiten des +alten, heute noch lebenden Herrn waren immer große und da legt er wohl +einen anderen Maßstab an „Extravaganzen“ als andere Menschenkinder. Auch +war Schweitzer, als er zu Lindau in Beziehungen trat, bereits krank und +hatte geheiratet, zwei Umstände, die Extravaganzen erschwerten. Die +Informationen, die wir seinerzeit in Berlin über Schweitzers Lebensweise +einzogen, lauteten anders. Danach war er ein Lebemann ersten Ranges, der +namentlich auch häufig bei Kroll und in den Berliner Nachtlokalen mit +der Demimonde verkehrte, womit er wahrscheinlich die „Treue“ gegen seine +langjährige Braut betätigte, die man ihm als Tugend nachrühmte. Auch +veranstaltete er zeitweilig Champagnergelage mit seinen intimsten +Anhängern. Schweitzer gehörte zu den Naturen, die stets mindestens +doppelt so viel Geld verbrauchen als sie einnehmen, deren Parole ist: +Die Bedürfnisse haben sich nicht nach den Einnahmen, sondern die +Einnahmen haben sich nach den Bedürfnissen zu richten, was bedingt, daß +sie dann skrupellos das Geld nehmen, wo sie es finden. Hatte Schweitzer +1862 2600 Gulden aus der Schützenfestkasse entnommen, so unterschlug er +später, als er Präsident des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins war +und als solcher über die Kassengelder verfügte, von schlecht gelohnten +Arbeitern gesammelte Groschen, um seine Gelüste zu befriedigen. Es +handelte sich hier nicht um große Summen, aber das lag nicht an +Schweitzer, sondern an dem mageren Inhalt der Kasse. Diese Mißwirtschaft +ist ihm auf verschiedenen Generalversammlungen des Vereins vorgeworfen +und nachgewiesen worden, und _Bracke_, der jahrelang Kassierer des +Vereins war und auf Schweitzers Anweisung die Gelder auszahlen mußte, +hat ihn öffentlich dieser Schandtat bezichtigt, ohne daß Schweitzer ein +Wort der Verteidigung wagte. Wer aber dergleichen fähig ist, von dem +soll man nicht behaupten, daß er unfähig gewesen sei, sich politisch zu +verkaufen, was doch das einzige halbwegs lukrative Geschäft für ihn sein +konnte. Den Nachweis, wieviel gezahlt wurde, kann niemand erbringen, +denn dergleichen Geschäfte werden nicht auf offenem Markte +abgeschlossen. Es kann sich hier nur um den Nachweis durch Indizien und +zahlreiche Tatsachen handeln, die sich anders nicht erklären lassen. +Hervorheben möchte ich hier, daß Bismarck nach 1866 die Zinsen aus dem +48 Millionen Mark betragenden Privatvermögen des Königs von Hannover zur +Verfügung standen, die er skrupellos für ihm gutdünkende politische +Zwecke benutzte. Diesen Fonds, der unter dem Namen „Reptilienfonds“ +berüchtigt geworden ist, konnte Bismarck verwenden, ohne jemand darüber +Rechenschaft abzulegen. Da ist's nun charakteristisch, daß, während die +ganze Oppositionspresse gegen diesen Korruptionsfonds ankämpfte, der +„Sozialdemokrat“ den Fonds niemals erwähnte. + +Charakteristisch für den Mann ist ferner, daß, als wir Anfang 1868 das +„Demokratische Wochenblatt“ herausgaben, er systematisch den Namen +desselben totschwieg und, wenn er nicht umhin konnte, gegen dasselbe zu +polemisieren, er immer nur von dem Blatte des Herrn Liebknecht sprach. +Er wollte mit dieser Taktik verhindern, daß einer seiner Anhänger durch +Nennung des Namens des Blattes auf den Gedanken kommen könnte, das +„Demokratische Wochenblatt“ zu abonnieren, wodurch der Leser vieles +erfahren konnte, was ihm, Schweitzer, unangenehm war. Das war eine +kleinliche und lächerliche Kampfesweise, aber er übte sie. + + * * * * * + +Eine merkwürdige Wandlung stellte sich bei Schweitzer wieder im Frühjahr +1868 ein. Gleich dem „Demokratischen Wochenblatt“ druckte jetzt der +„Sozialdemokrat“, wenn er vom norddeutschen Reichstag sprach, diese +Worte in Gänsefüßchen ab. Auch hielt er im Reichstag — Mitte Juni +1868 — eine Rede, in der er in einer Polemik gegen v. Kirchmann eine ganz +andere Auffassung als bisher vom Wert des allgemeinen Wahlrechts +entwickelte. Bisher hatte er damit eine Art Kultus getrieben und die +Wahl Bismarcks durch seine Anhänger in Barmen-Elberfeld bekanntlich +damit zu rechtfertigen gesucht, daß sie dem Geber des allgemeinen +Stimmrechts ihre Dankbarkeit beweisen wollten, als sie ihn wählten. +Jetzt erklärte er: + +„Ich muß im Interesse derjenigen, die mich gewählt haben, und im +Interesse der demokratischen Sache konstatieren, daß dieses Haus nur +scheinbar und nicht in Wirklichkeit aus allgemeinen Wahlen +hervorgegangen ist.“ + +Er motivierte dieses damit, daß Preßfreiheit und volle Vereins-und +Versammlungsfreiheit fehlten. Diese fehlten aber von Anfang an, und doch +klang damals sein Urteil anders. Das Urteil, das er jetzt über das +geltende Wahlrecht fällte, deckte sich mit dem, das das „Demokratische +Wochenblatt“ längst und wiederholt abgegeben hatte. Diese plötzliche +auffällige Meinungsänderung wurde offenbar wieder durch die zunehmende +Opposition in seinem Verein verursacht. + +In Nr. 80 des „Sozialdemokrat“ vom 19. Juli kündigt Schweitzer an, daß +er eine _dreiwöchige_ Haft in der Stadtvogtei antrete, die ihm wegen +eines Flugblattes vom Landgericht Elberfeld zuerkannt worden war. Er +ernannte W. Real in Düsseldorf zum Vizepräsidenten und Hasselmann zum +Leiter des Vereinsorgans, mit dessen Eintritt die Rüpelhaftigkeit im Ton +des Blattes einkehrte. Der pathetische Schluß der Ansprache lautete: + +„Indem ich meine Haft antrete, richte ich an alle Parteigenossen meinen +herzlichsten Abschiedsgruß. Ich hoffe, den Verein in derselben Blüte, in +der ich ihn verlasse, oder in noch gesteigertem Maße (nach ganzen _drei_ +Wochen) wiederzufinden.“ + +Im Sommer 1868 hatte Johann Jacoby eine Rede über „Die soziale Frage“ +gehalten, in der er stark nach links und weit ab von der +Fortschrittspartei rückte. Auf einem großen Volksfest, das auf der Asse +bei Braunschweig abgehalten wurde, hatte sich Bracke über dieses +Auftreten Jacobys sehr günstig ausgesprochen und es begrüßt. Bracke +stellte hier über die Rede folgende Thesen auf: Erstens, das +demokratische Programm von Johann Jacoby verdient im höchsten Maße die +Beachtung des deutschen Volkes; zweitens, nach demselben gibt es in den +Zielen keinen prinzipiellen Unterschied zwischen der entschiedenen +demokratischen Partei und der eigentlichen Arbeiterpartei; drittens, +beide Parteien müssen in dem von Jacoby aufgestellten Ziel: Umgestaltung +der bestehenden staatlichen und gesellschaftlichen Zustände im Sinne der +Freiheit, gegründet auf Gleichheit alles dessen was Menschengesicht +trägt, übereinstimmen. Darauf antwortete der „Sozialdemokrat“ in einem +„Verwirrung“ überschriebenen Artikel: + +„Der von Jacoby aufgestellte Satz einer gerechten Verteilung des +Arbeitslohnes zwischen Kapital und Arbeit, die zu erstreben wäre, ist +eine über alle Maßen verfehlte, alberne und hohle Phrase; es ist +traurig, daß es Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +gibt, die an diesen elenden Brocken herumkauen. ... Wenn einer +behauptet, es seien beachtenswerte Gedanken in Jacobys Rede, wird es +hoffentlich von allen Seiten tönen: Nein! es ist albernes, hohles +Geschwätz eines wichtigtuenden Bourgeois.“ + +Diese erregte, grobe Sprache zeigte, welche Aufregung es Schweitzer +verursachte, sobald Mitglieder des Vereins den Anschein erweckten, als +wollten sie mit Vertretern nahestehender Parteien Fühlung nehmen. Der +Verein mußte nach außen mit einer Art chinesischer Mauer umgeben sein, +damit er ihn absolut beherrschen und nach seinem Willen lenken konnte. + +Die nächste Generalversammlung des Vereins war auf den 22. bis 26. +August nach Hamburg einberufen. Waren auf der Braunschweiger +Generalversammlung nur 2508 Mitglieder vertreten, auf der Berliner 3102, +so jetzt 8192 durch 36 Delegierte. Der Verein war also wesentlich +stärker geworden. Man hat diese Entwicklung ausschließlich der Tätigkeit +und der Leitung Schweitzers zugeschrieben. Mit Unrecht. Der Druck der +Krise, die sich als Folge des sechsundsechziger Krieges eingestellt +hatte, war gewichen, an deren Stelle brachte das Jahr 1868 eine +Prosperitätsperiode. Damit hatte die Hoffnungsfreudigkeit und das +politische Leben in den Arbeiterkreisen von neuem eingesetzt, wovon +nicht nur der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein, sondern auch der +Verband der Arbeitervereine profitierte, an dessen Spitze ich stand und +der damals über 13000 Mitglieder zählte, die freilich keine +programmatische Geschlossenheit wie der Allgemeine Deutsche +Arbeiterverein besaßen. Schweitzer suchte jetzt Karl Marx für sich zu +gewinnen. Er hatte Marx den Dank des Vorstandes für sein Werk „Das +Kapital“ votieren lassen, auch hatte er ihn zur Generalversammlung nach +Hamburg eingeladen, eine Einladung, die Marx wegen Ueberbürdung mit +Arbeit ablehnte. Auch erlaubte er, daß Geib folgenden Antrag stellte: + + „Die Generalversammlung erklärt, da der Druck des Kapitals und der + Reaktion in allen Kulturländern aus im wesentlichen gleichen Ursachen + auf der Arbeiterklasse lastet und da die Bestrebungen der Arbeiter nur + dann erfolgreich sein können, wenn sie einheitlich zusammenhängend in + allen Kulturländern auftreten, ist es die Pflicht der deutschen + Arbeiterpartei und der Arbeiterparteien aller Kulturländer, die von + denselben Prinzipien geleitet werden, gemeinsam vorzugehen.“ + +Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. Aber wie radikal sich +Schweitzer auch gebärdete, die Unzufriedenheit mit seiner Diktatur nahm +zu. So beantragten die Erfurter Mitglieder: Schweitzer solle +spezifizierte Rechnung ablegen über die Gelder, die er seit dem 1. +Januar 1868 der Kasse entnommen habe. Der Vorstand solle die Abrechnung +prüfen. Düsseldorf verlangte, daß Präsidium und Redaktion des +Vereinsorgans getrennt würden, die Einrichtung könne leicht zu +Despotismus führen; sie hätte bereits dazu geführt. Weiter waren +lebhafte Klagen auf den vermiedenen Generalversammlungen laut geworden, +daß die Redaktion des „Sozialdemokrat“ ihr mißfallende Korrespondenzen +unterdrücke, andere willkürlich ändere, ja fälsche. Ein Antrag, das +Organ von seiten des Vereins zu übernehmen, wurde auf der +Generalversammlung für untunlich, die Trennung der Redaktion vom +Präsidium als unzweckmäßig erklärt. Dagegen wurde beschlossen, daß der +vierundzwanzigköpfige Vorstand des Vereins, der in vielen Orten verteilt +wohnte, konzentriert werden solle. Er wurde nach Hamburg verlegt. Das +war der erste harte Schlag, der die Diktatur Schweitzers traf. Bei den +Erörterungen hierüber machte er eine Mitteilung, durch die er sich wider +Willen denunzierte. Er äußerte: _„Dies wird unsere letzte +Generalversammlung sein. Die Feindseligkeit der preußischen Regierung +wird immer mehr hervortreten. Der Verein wird aufgelöst werden.“_ Und +siehe da, kaum drei Wochen später löste die Leipziger Polizeibehörde, da +der Verein in Leipzig seinen Sitz hatte, den Verein wegen der örtlichen +Kassenverwaltungen auf, einer Einrichtung, die von Anfang an im Verein +bestanden hatte. + +_Es ist ganz zweifellos, daß Schweitzer vorher von dieser Auflösung +wußte, ja daß sie zwischen ihm und dem Berliner Polizeipräsidium +verabredet war und die Leipziger Polizei auf Wunsch von Berlin den +Verein auflöste._ Natürlich unterließ unter so bewandten Umständen +Schweitzer jede Beschwerde gegen das Vorgehen der Leipziger Polizei bei +Kreishauptmannschaft und Ministerium. Schweitzer schloß seinen +bezüglichen Artikel, worin er die Auflösung besprach, mit den Worten: + + „Wir fügen uns einfach darum, weil es nach Lage der Dinge das + Vernünftigste ist, was wir tun können. Daher erkläre auch ich andurch: + + ‚Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein hat sich aufzulösen...‘ + Arbeiter in ganz Deutschland! Wir stehen heute am Grabe des + Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins. + + Aber der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein lebt unter uns fort. + + _So stehen wir auch am Grabe Lassalles; er selbst aber weilt noch + unter uns._ + + Daß unser Verein aufgelöst wurde, gereicht ihm, gereicht uns zur Ehre. + Der Verein hat seine Schuldigkeit getan für die Arbeitersache — darum + wurde er aufgelöst. + + Die alte Form ist gefallen — wir werden neue Formen für die Betätigung + unseres Strebens zu finden wissen.“ + +Dann dankt er für das ihm geschenkte Vertrauen. + + „Wir haben gemeinsam gekämpft und gelitten — wir werden auch in Zukunft + gemeinsam kämpfen und leiden.“ + +So auf die Rührseligkeit spekulierend, rührte er die Mitglieder zu +Tränen, und sie vertrauten ihm weiter. + +Wäre es die Feindseligkeit der preußischen Regierung gegen den Verein +gewesen, wie Schweitzer _wider besseres Wissen_ schrieb, dann war es +jetzt seine Pflicht und Schuldigkeit, den Verein dem Einfluß der +preußischen Regierung nach Möglichkeit zu entziehen, zum Beispiel dessen +Sitz nach Hamburg zu verlegen, dessen Vereins- und Versammlungsgesetz +kein Verbindungsverbot kannte. Außerdem hatte der Verein in +Hamburg-Altona seine stärkste Mitgliedschaft, die für die Finanzen des +Vereins wie für das Blatt das eigentliche Rückgrat bildete. Auch fehlte +es in Hamburg nicht an geistigen Kräften. Statt dessen gründete +Schweitzer den neuen Verein _unter den Augen der Berliner Polizei_, und +_Berlin wurde dessen Sitz. In Preußen bestand aber das Verbindungsverbot +so gut wie in Sachsen, und außerdem verlangte das damalige preußische +Vereins- und Versammlungsgesetz, daß die Mitgliederlisten des Vereins +aus ganz Deutschland bei dem Polizeipräsidium eingereicht werden +mußten._ Und wiederum verriet er seine Beziehungen zum Berliner +Polizeipräsidium und sein Einverständnis mit der Auflösung, indem er in +Nr. 119 des „Sozialdemokrat“ sagte: + + _„Man habe Berlin als Sitz der Partei gewählt, damit die Polizei + fortwährend Gelegenheit habe, sich davon zu überzeugen, daß die Partei + ihre Agitation auf Grund und in Gemäßheit der bestehenden Gesetze + betreibe.“_ + +Wie rührend folgsam gegen die liebe Polizei von der Leitung einer +demokratischen Partei! + +_Wenn je die innige Verbindung zwischen Schweitzer und dem Berliner +Polizeipräsidium nachgewiesen werden konnte, so jetzt._ Aber nicht +allein, daß der Verein nunmehr unter die Kontrolle des Berliner +Polizeipräsidiums kam, Schweitzer benutzte auch die Neugründung, _um die +ihm unbequemen Beschlüsse der Hamburger Generalversammlung aus der Welt +zu schaffen und durch die neue Organisation seine Diktatur +unumschränkter denn je zuvor zu befestigen._ Er verkündete den neuen +Plan mit den Worten: + + „Jedenfalls wird dafür gesorgt werden, daß die Einheitlichkeit der + Partei durch ganz Deutschland gewahrt werde. Denn diese + Einheitlichkeit ist unser bestes Kleinod — sie ist der Grundgedanke der + Lassalleschen Organisation, und von dieser werden wir niemals + abgehen.“ + +So mußte also die beständige Berufung auf Lassalle dazu dienen, seine +Autorität aufrecht zu erhalten und den Mitgliedern Sand in die Augen zu +streuen. + +Die neue Vereinsgründung fand _unter Ausschluß der Öffentlichkeit_ statt +in einem kleinen Kreise Auserwählter, die mit ihm durch dick und dünn +gingen. Das neue Statut enthielt geradezu _ungeheuerliche_ Bestimmungen. +So sollte der Präsident _sechs Wochen vor der ordentlichen +Generalversammlung in Urabstimmung durch die Mitglieder des Vereins +gewählt werden_, also ehe noch die Generalversammlung gesprochen und +dessen Geschäftsführung geprüft hatte. Ein Mißtrauensvotum auf der +Generalversammlung war dann wirkungslos, ebenso eine unliebsame Kritik +seiner Tätigkeit. Ferner besagte §5 der Statuten: + + _„Wenn der Präsident es für dringlich hält, so kann er, vorbehaltlich + der in drei Monaten einzuholenden Genehmigung des Vorstandes, alle + Anordnungen treffen.“_ + +Der Vorstand selbst sollte, im Gegensatz zu den Beschlüssen der +Hamburger Generalversammlung, wieder über ganz Deutschland verteilt +wohnen. Die Generalversammlung sollte eine Statutenänderung nur dann +vornehmen können (§7), wenn ein solcher Antrag von 60 Mitgliedern +unterzeichnet _und drei Monate vor der Generalversammlung beim Vorstand +eingereicht worden war_. Wo und wie der Verein aufs neue gegründet +wurde, darüber hat man nie Sicheres erfahren. Aber die Polizei mußte +davon unterrichtet sein, sonst hätte sie den Verein nicht anerkannt. Der +organisierte Arbeiter unserer Zeit wird sich bei dem Lesen solcher +Vorgänge fragen, wie denn dergleichen möglich gewesen sei und ob denn +nicht die ungeheure Mehrheit der Mitglieder des Vereins sich wie ein +Mann erhob und gegen solche Ungeheuerlichkeiten protestierte, den +Urheber derselben aber sofort von seinem Posten entfernte? Von alledem +keine Spur. Mit seinem Blatte beherrschte Schweitzer absolut den Verein; +jeder, der wagte aufzumucken, dessen Beschwerde flog in den Papierkorb, +und wer in einer Versammlung austrat, der wurde als Verräter an dem +Kleinod der Lassalleschen Organisation gebrandmarkt und mit dem Bann +belegt. Im Verein war er tot. Ließ aber jemand sich merken, daß er mit +Liebknecht und mir sympathisiere, so galt dieses selbst in den Augen der +meisten Mitglieder als ein Verbrechen, womöglich größer als Blutschande +oder Mord. Das war die Folge der systematisch von ihm betriebenen +Verhetzung. + +Doch die Umwandlung in den Anschauungen vollzog sich bei einem Teil der +Vereinsmitglieder rascher, als wir damals selbst für wahrscheinlich +hielten. + +Unter dem 26. November 1868 veröffentlichte Schweitzer einen langen +Aufruf in dem mittlerweile seit dem 10. Oktober vergrößerten +„Sozialdemokrat“, der damals 3400 Abonnenten hatte, in welchem er seine +Ansicht über die Finanzlage des Vereins darlegte, die durch das Wachstum +desselben eine wesentlich günstigere geworden war. Zum Schluß kündigte +er an, daß er auf drei Monate „in die Einsamkeit des Gefängnisses +wandere“, die er wegen Veröffentlichung einer Broschüre, „Der +Arbeitslohn und der Kapitalgewinn“, anzutreten hatte. Er schließt den +Artikel mit den Worten: + + „Lassalle sagt in betreff der Organisation, daß alle Einzelkräfte + zusammengeschmiedet werden müßten zu einem einzigen Hammer. Die Partei + war, als sie mich zu ihrem Führer erkor, der Meinung, daß mein Arm + kräftig genug sei, diesen Hammer zu schwingen. Ich will hoffen, daß + mir diese Kraft niemals erlahmt.“ + +An Selbstgefühl ließen diese Ausführungen nichts zu wünschen übrig. + +Anfang Dezember trat er seine Haft an, er wurde aber bereits gegen Ende +Dezember wieder aus dieser entlassen, weil sein Vater schwer erkrankte, +der noch vor Ende des Jahres starb. Schweitzer erhielt darauf eine Woche +Urlaub zur Ordnung von Familienangelegenheiten. Jetzt spielte sich aber +dasselbe ab, was sich 1866 abgespielt hatte, als er auf Urlaub +entlassen wurde. Aus der einen Woche wurden viele Wochen Urlaub, und nun +begann _Schweitzer abermals eine umfassende politische Tätigkeit, als +sei der Urlaub ihm nur zu diesem Zweck gewährt worden_. + +Am 1. Januar 1869 kündigte der „Sozialdemokrat“ an, _der Präsident sei +noch auf Tage den Geschäften der Parteileitung entzogen. Am 14. Januar +veröffentlichte Schweitzer unter den Augen der Polizei im +„Sozialdemokrat“ eine lange Ansprache an die Mitglieder des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins und berief die Generalversammlung des Vereins +auf den 27. bis 30. März nach Barmen-Elberfeld._ + +Nach normalem Gang hätte Schweitzer dieser Generalversammlung gar nicht +beiwohnen können, da um diese Zeit seine Haft noch nicht zu Ende war. +_Aber er wußte bereits, daß er die Freiheit dazu haben würde._ Weiter +ordnete er an, daß die Präsidentenwahl sechs Wochen vor der +Generalversammlung, zwischen dem 24. Januar und dem 7. Februar +stattzufinden habe, wie es die neue, von ihm oktroyierte Organisation +vorschrieb. + +Ferner kündigte er die Einberufung einer Konferenz des Vorstandes in +einer Stadt Mitteldeutschlands an, in der über die Agitation in +Süddeutschland und Sachsen beschlossen werden sollte. Gegen uns nahm der +„Sozialdemokrat“ jetzt eine noch schärfere Stellung ein, da wir bewußt +oder unbewußt im Schlepptau der österreichischen Politik uns befänden. +Bemerkt sei hier, daß um diese Zeit Liebknecht wiederholt im +„Demokratischen Wochenblatt“ Oesterreich gegenüber eine Taktik +eingeschlagen hatte, die ich für durchaus verfehlt hielt, was wiederholt +zwischen uns zu Meinungsverschiedenheiten führte. Liebknecht war eben +ein Mann des Extrems. Wie sein Haß gegen Bismarck und den Nordbund oft +die Grenze überschritt, so auch wieder seine Zuneigung zu Oesterreich, +dessen liberalem Bürgerministerium er übermäßige Leistungen zutraute. Es +war nur natürlich, daß Schweitzer diese Schwäche Liebknechts ausnutzte, +wobei ich bemerken will, daß es im Jahre 1867 auch für Schweitzer eine +Periode gab, in der er dem Bürgerministerium seine Unterstützung in +Aussicht stellte. Er wollte offenbar Hofstetten die Wege in Wien ebnen. + +Im Januar 1869 setzten wir unseren schon früher gegen Schweitzer im +„Demokratischen Wochenblatt“ und in Volksversammlungen aufgenommenen +Kampf mit aller Vehemenz und mit schwerstem Geschütz fort, dessen +vorläufiger Abschluß war, daß wir zur Generalversammlung des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins nach Elberfeld-Barmen eingeladen wurden, um +unsere Anklagen gegen Schweitzer zu erheben. Ich habe das Vorspiel zu +diesem Ereignis bereits im ersten Teil dieser Arbeit ausführlicher +geschildert. + + * * * * * + +Sozusagen zwischenaktlich sei hier erwähnt, daß Hasenclever infolge +einer Stichwahl in Duisburg Anfang 1869 ebenfalls in den Reichstag +gewählt worden war. Da ich glaubte annehmen zu dürfen, daß Hasenclever +das Treiben Schweitzers mißbillige und ehrlich eine Vereinigung wolle, +hatte ich 12 Taler gesammelt, die ich ihm zur Unterstützung seiner Wahl +schickte. Damals rechneten wir hüben und drüben bei Wahlen noch nicht +mit Tausenden und Zehntausenden Mark wie heute. Jeder Taler galt als +namhafter Beitrag. Ich machte darauf unter dem 13. Februar 1869 im +„Demokratischen Wochenblatt“ bekannt, daß Hasenclever seine große Freude +und Genugtuung über die Sympathie und Unterstützung, die ihm zuteil +geworden, ausspreche. Er bedauere die Spaltung, die unter den +verschiedenen Fraktionen der Arbeiterpartei ausgebrochen sei, und hoffe, +daß die Differenzen, die wir mit anderen Führern seiner eigenen Partei +hätten oder gehabt hätten, und die doch nur persönlichen Ursprunges +seien, bald verschwinden würden. Er lebe der vollsten Ueberzeugung, daß +die Zeit nicht fern sei, wo sämtliche Sozialdemokraten Deutschlands in +festgeschlossenen Reihen unter einem Banner kämpften. + +An dieser Erklärung Hasenclevers ist bemerkenswert, daß er von uns als +Sozialdemokraten spricht, ein Zugeständnis, das Schweitzer und der +„Sozialdemokrat“ bis ans Ende der Wirksamkeit Schweitzers uns +versagten. Freilich hat es nachher, als Hasenclever Nachfolger +Schweitzers im Präsidium wurde, auch noch Jahre gedauert, ehe die +Einigung sich vollzog. Es scheint, daß auch sozialdemokratische +Kronprinzen, wo solche vorhanden, liberaler sind, denn später als +regierende Herren. + + * * * * * + +Am 14. Februar verkündete Schweitzer das Wahlresultat; er war wieder mit +rund 5000 Stimmen gegen 54 zum Präsidenten gewählt. Die Wahl war ein +moralisches Mißtrauensvotum, wenn man bedenkt, daß einige Wochen später +auf der Generalversammlung in Barmen-Elberfeld 12000 Mitglieder +vertreten waren; 40 Orte hatten gar keine Stimme abgegeben. Nachdem so +der politische Urlaub Schweitzers seinen Zweck erreicht hatte, ging er +am 18. Februar wieder ins Gefängnis, er wurde aber bereits am 4. März, +_dem Tage vor dem Zusammentritt des Reichstags, aus der Haft entlassen._ + +_Diese Haftentlassung bewies aufs neue die intimen Beziehungen +Schweitzers zur Regierung._ Solange ein Reichstag besteht, also von 1867 +bis heute, ist es nie vorgekommen, daß ein Reichstagsabgeordneter, _auch +kein bürgerlicher, während des Reichstags aus der Strafhaft entlassen +wurde_, um an den Verhandlungen desselben teilzunehmen. Sogar mitten in +der Session von 1909 bis 1910 mußte ein elsässischer Abgeordneter seine +zweimonatige Strafhaft antreten. Die Regierungen, die preußische voran, +wie die Mehrheit des Reichstags, haben stets die Ansicht vertreten, daß +der Artikel 31 der Verfassung, der von der Immunität der Abgeordneten +handelt, die _Strafhaft nicht umfaßt_. Im Gegensatz zu dieser +jahrzehntelangen Uebung, die Preußen auch schon früher handhabte, _wurde +jetzt Schweitzer aus der Strafhaft beurlaubt, was nicht ohne +Einwilligung des zuständigen Ministers geschehen konnte, der dieses +nicht ohne die Zustimmung Bismarcks gewagt hätte._ + +Wie letzterer im übrigen in diesen Dingen dachte, zeigte plastisch die +Verhandlung, die der Reichstag am 28. April — also wenige Wochen nach +Schweitzers Beurlaubung aus der Strafhaft — hatte. Mende hatte in +München-Gladbach eine Versammlung abgehalten, nach der es zu +tumultuarischen Auftritten gekommen war, wobei er verhaftet wurde, weil +er angeblich diese Auftritte verursacht habe, was nicht der Fall war. +_Schweitzer_ stellte einen Antrag auf Haftentlassung Mendes. In der +Debatte nahm auch Bismarck das Wort und erklärte sich in seiner +peremptorischen Art _gegen_ die Haftentlassung. Der Reichstag mußte aber +auf Grund der vorliegenden Tatsachen gegen Bismarck entscheiden. Darauf +rächte sich dieser dadurch, daß er den Beamten, die die Verhaftung +Mendes angeordnet und vorgenommen hatten, Ordensauszeichnungen +zustellte. Und im Falle Mende handelte es sich um keine rechtskräftig +gewordene Strafhaft wie im Falle Schweitzer, sondern um eine +Untersuchungshaft. + +Kurze Zeit vor jenem Vorgang war ich unfreiwilliger Zeuge einer +Begegnung zwischen Schweitzer und dem Prinzen Albrecht, Bruder des +Königs, der Mitglied des Reichstags war. Ich kam einen Korridor entlang +und sah am Ende desselben den Prinzen Albrecht in Gesellschaft einiger +konservativer Abgeordneter stehen. Aus einem Seitenkorridor trat +Schweitzer. Sobald der Prinz seiner ansichtig wurde, winkte er +Schweitzer heran, reichte ihm die Hand, die er kräftig schüttelte und +fragte sehr leutselig: Mein lieber Schweitzer, wie geht es Ihnen? +Schweitzer: Danke, Königliche Hoheit! Der Prinz: Warum waren Sie gestern +nicht in der Sitzung? Schweitzer: Doch, Königliche Hoheit, ich war +zugegen! Der Prinz: Warum haben Sie denn nicht das Wort ergriffen? Man +hatte dieses erwartet.... Ich trat rasch in den Sitzungssaal, um nicht +als Horcher zu erscheinen. Die Unterhaltung zeigte, daß Schweitzer mit +dem Prinzen schon öfter verkehrt hatte, und sie zeigte weiter, daß „man“ +auf der rechten Seite des Reichstags genau wußte, was selbst die +radikalsten Reden Schweitzers bedeuteten. + + + + +Die Generalversammlung in Barmen-Elberfeld. + + +Als wir am 27. März gegen Abend in Barmen-Elberfeld ankamen, empfingen +uns eine Anzahl Gesinnungsgenossen, die sämtlich der Internationale +angehörten. Ueber unsere Verhandlungen an jenem Abend schrieb ich noch +in der Nacht an Marx: + + „Liebknecht und ich sitzen eben hier in Elberfeld in einem kleinen + Kreise von Gesinnungsgenossen, um den Feldzugsplan für die morgige + Schlacht vorzubereiten. Wir haben hier eine solche Fülle von + Schuftereien Schweitzers zu hören bekommen, daß uns die Haare zu Berge + stehen. Ebenso stellt sich zur Evidenz heraus, daß Schweitzer das + Programm der Internationale nur zu dem Zwecke vorschlägt, um einen + Hauptcoup gegen uns zu führen und ein gut Teil oppositioneller + Elemente niederzuschlagen respektive zu sich herüberzuziehen. Ich + bitte Sie deshalb, zugleich im Namen Liebknechts und sämtlicher + hiesiger Freunde, eine etwaige Ratifikation des betreffenden + Beschlusses der Generalversammlung durch Schweitzer vorläufig + unberücksichtigt zu lassen oder wenigstens nur sehr vorsichtig zu + beantworten. + + Nähere Mitteilungen folgen bald nach. + + Ueber den Ausgang der morgigen Disputation läßt sich noch gar nichts + sagen, nur das eine kann ich mitteilen, daß Schweitzer mit allen + Mitteln der Perfidie und Intrige gegen uns wühlt, auf einen + durchschlagenden Erfolg hoffen wir auf keinen Fall. Die Organisation, + um jede Opposition aus der Mitte seines eigenen Vereins totzuschlagen, + ist hier schon seit Wochen mit großem Geschick getroffen worden. + Gestern abend beispielsweise hat Schweitzer bei seiner Ankunft einen + wahren Triumphzug durch Elberfeld-Barmen gehabt. (In einer mit + Schimmeln bespannten Equipage.) Damit schließe ich für heute.“ + +Schweitzer hatte im „Sozialdemokrat“ angekündigt, daß die Feinde schon +bis in die Nähe des Präsidenten (also der allerhöchsten Person) +gedrungen seien und die Generalversammlung wohl strenger und +entschiedener als bisher alle Angriffe auf die Organisation, das heißt +auf die von ihm oktroyierte, zurückweisen müsse. + +In der Vorversammlung war gegen die Ansicht Schweitzers — der die +Begegnung mit uns hinausschieben, wenn nicht ganz verhindern wollte — mit +30 gegen 27 Stimmen unsere sofortige Zulassung beschlossen worden. Am +nächsten Nachmittag traten wir in den überfüllten Saal, von wütenden +Blicken der fanatisierten Anhänger Schweitzers empfangen. Liebknecht +sprach zuerst, etwa anderthalb Stunden, ich folgte und sprach wesentlich +kürzer. Unsere Anklagen enthielten zusammengedrängt, was ich bisher +hier gegen Schweitzer vorgebracht habe. Mehrere Male erfolgten heftige +Unterbrechungen, namentlich als ich Schweitzer als Regierungsagent +bezeichnete. Ich solle das Wort zurücknehmen. Dessen weigerte ich mich. +Ich glaubte, das Recht zu haben, meine Meinung frei aussprechen zu +dürfen, sie, die Zuhörer, brauchten mir ja nicht zu glauben. + +Der „Sozialdemokrat“ brachte einen sehr verstümmelten, zum Teil +gefälschten Bericht unserer Reden, der irreführend wirkte. Liebknecht +übertrieb die Loyalität. Er unterließ jede Berichterstattung und +begnügte sich, im „Demokratischen Wochenblatt“ mitzuteilen, daß wir auf +der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gewesen +und unsere Anklagen gegen Schweitzer vorgebracht hätten. Schweitzer habe +mit 6500 Stimmen gegen 4500, deren Vertreter sich der Abstimmung +enthalten hätten, ein Vertrauensvotum erhalten. Doch da wir begründete +Aussicht auf Verständigung, wenn auch nicht auf Vereinigung der +vermiedenen sozialdemokratischen Fraktionen hätten, werde das +„Demokratische Wochenblatt“ keine Angriffe auf Schweitzer mehr +veröffentlichen, wobei wir voraussetzten, daß von der Gegenseite +dieselbe Taktik innegehalten werde. Das geschah aber nicht, vielmehr +setzte der „Sozialdemokrat“ seine Angriffe auf uns fort. + +Schweitzer, der während unserer Reden auf dem Podium hinter uns saß, +erwiderte kein Wort. So verließen wir den Saal, wobei einige Delegierte +vor und hinter uns gingen, um uns vor Tätlichkeiten der fanatisierten +Anhänger Schweitzers zu schützen. Aber Schmeichelworte wie Schufte, +Verräter, Lumpe, euch sollte man die Knochen im Leibe zerschlagen usw., +bekamen wir bei dem Gange durch das lebende Spalier in Menge zu hören. +Auch machte einer der Anwesenden den Versuch, mich beim Heruntersteigen +vom Podium durch einen Stoß in die Kniekehle zu Fall zu bringen. Vor der +Tür nahmen uns unsere Freunde in Empfang, um uns als Schutzgarde nach +unserem Hotel zu geleiten. + +Schweitzer verlangte von den Delegierten ein Vertrauensvotum. Nach +erregter Debatte wurde ihm dasselbe mit der oben mitgeteilten +Stimmenzahl erteilt. Die Delegierten, die sich der Abstimmung +enthielten, waren: Bracke, Bräuer, Rudolph-Hannover, v. Daake, Geib, +Hirsch, Perl, Raspe-Essen, Schrader, Louis Schumann-Berlin, Spier, +Heinrich Vogel, Wilke und York. + +Die Genannten mußten schwer büßen, daß sie das Vertrauensvotum +verweigert hatten; im „Sozialdemokrat“ fielen die Angriffe hageldicht +auf sie nieder. Das beschlossene Vertrauensvotum lautete: + +„In Erwägung, daß in den Ausführungen der Herren Bebel und Liebknecht +nichts Neues und Erhebliches enthalten ist, erklärt die +Generalversammlung, daß der Vereinspräsident nach wie vor das volle +Vertrauen der deutschen Arbeiterpartei besitzt.“ + +Die Elberfelder Generalversammlung bedeutete für Schweitzer eine Reihe +schwarzer Tage. Was er im Herbste nach der Auflösung des Vereins durch +die Leipziger Polizei an diktatorischen Bestimmungen in die neue +Organisation gebracht hatte, fiel jetzt den Beschlüssen der +Generalversammlung zum Opfer. Zunächst wurde beschlossen, daß die +Leitung des Vereins aus einem Vorstand von 15 Personen statt wie bisher +von 25 bestehen solle. Außer dem Präsidenten, Kassierer und Sekretär +mußten die übrigen 12 Mitglieder an einem Orte wohnen, damit sie in +beständiger Fühlung miteinander waren und jeden Augenblick eine Sitzung +einberufen konnten. Die Sitzungen des Vorstandes sollte dessen +Vorsitzender berufen, nicht wie bisher der Präsident. Der letztere +sollte auch nicht sechs Wochen _vor_ der Generalversammlung, sondern +erst _nach_ derselben durch direkte Wahl seitens der Vereinsmitglieder +gewählt werden, nachdem das Protokoll veröffentlicht worden sei, damit +die Mitglieder wußten, was auf der Generalversammlung geschehen sei. Die +Befugnis des Präsidenten, für von ihm getroffene Anordnungen erst binnen +drei Monaten die Genehmigung des Vorstandes einzuholen, wurde auf acht +Tage beschränkt, machte also die Befugnis gegenstandslos. Außerdem +sollte der Vorstand mit einfacher Mehrheit über die innere Organisation, +den Geschäftsgang, die Förderungsmittel des Vereins, das Schreib- und +Kassenwesen beschließen. Ferner sollte der Vorstand auch das Recht +haben, in Fällen einer _politischen Unredlichkeit oder grober +Kassenvergehen ihn vom Amte zu suspendieren und die endgültige +Entscheidung durch eine sofort zu berufende Generalversammlung oder +durch Urabstimmung herbeiführen._ Durch diese und noch eine Reihe +anderer Bestimmungen wurden die Machtbefugnisse Schweitzers sehr +bedeutend eingeschränkt. Die Beschlüsse legten Zeugnis ab _von einem +sehr intensiven Mißtrauen, das gegen ihn herrschte,_ und bemerkenswert +ist, daß die wichtigsten Bestimmungen angenommen wurden, obgleich er +opponierte. Weiter wurde eine Ueberwachungs- und Beschwerdekommission +von drei Berliner Mitgliedern eingesetzt, die alle Beschwerden gegen die +Redaktion entgegennehmen und darüber entscheiden sollte. Durch diese +Beschlüsse war der Verein auf eine durchaus _demokratische Basis_ +gestellt. Schweitzer war durch die Einschränkung seiner Allmacht so +deprimiert, daß er, nach Berlin zurückgekehrt, Annäherungsversuche an +uns machte. Unter dem 8. April sandte ich meiner Frau einen Brief, in +dem es hieß: + +„Schweitzer hatte, obgleich ich ihn anfangs ignorierte, sich an mich +herangeschlängelt, als ich mit einem anderen Kollegen eine Unterhaltung +hatte. Beim Schluß der Sitzung hat er mich eingeladen, mit ihm, +Fritzsche und Hasenclever zu speisen. Diese Einladung auszuschlagen war +unmöglich, ohne grob zu erscheinen. Schweitzer ließ darauf seine +elegante Equipage mit Livreebedienten vorfahren und fuhr mit uns nach +dem Lokal, in dem wir speisten. (Wir aßen bei Olbrich, damals ein +bayerisches Bierlokal, auf der Leipzigerstraße in der Nähe der Linden.) +Nach dem Essen ließ er es sich nicht nehmen, mich mit der Equipage nach +dem Anhalter Bahnhof zu fahren, woselbst ich Liebknecht abholen wollte.“ +Nebenbei bemerkt, sein Essen zahlte jeder selbst. + +Während des Essens wurde über Waffenstillstandsbedingungen verhandelt. +Ich erklärte mich zu solchen bereit, könnte mich aber auf nichts +Bestimmtes einlassen, bevor nicht Liebknecht mit dabei sei. Mit dreien +gegen mich allein zu verhandeln, war mir bedenklich. Die folgenden Tage +setzten wir die Verhandlungen im Reichstag fort. Schweitzer verlangte, +daß nicht nur die gegenseitigen Angriffe in den Blättern und +Versammlungen eingestellt würden, sondern daß auch die Mitglieder der +beiden Parteien nicht miteinander politisch verkehren oder gemeinsame +Aktionen unternehmen dürften. Das letztere lehnten wir ab, wie wir denn +überhaupt wiederholt sehr heftig aneinander gerieten und Schweitzer +nichts schenkten. Es sei eine Beleidigung für uns und auch eine solche +für die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, sich +gegenseitig wie Feinde anzusehen. Daß weder die Personen noch die +Organisationen gegenseitig angegriffen werden dürften, sei +selbstverständlich. Auch kamen wir überein, künftig im Reichstag die von +der einen oder anderen Partei gestellten Anträge gegenseitig zu +unterstützen. Darauf veröffentlichte der „Sozialdemokrat“ in der Nummer +45 vom 16. April die Ankündigung, wonach er von jetzt ab weder Angriffe +gegen Liebknecht und mich, noch gegen unsere Partei bringen würde, und +forderte die Vereinsmitglieder auf, im gleichen Sinne zu handeln. +Umgekehrt veröffentlichten wir im „Demokratischen Wochenblatt“ eine +ähnlich lautende Erklärung. + +So schien alles in schönster Harmonie zu sein. Aber Schweitzer konnte +sich der neuen Ordnung nicht fügen; eine demokratische Organisation, wie +sie die Barmen-Elberfelder Generalversammlung geschaffen hatte, war für +ihn der politische Tod. Dieselbe legte ihm in einer Weise Fesseln an, +daß die bisher geübte politische Zweideutigkeit für künftig unmöglich +wurde. Außerordentlich bezeichnend für sein damaliges Verhalten ist +auch, daß er das ausführliche Protokoll, das über die Elberfelder +Verhandlungen erschienen war, unterschlug und verschwinden ließ, wie er +das gleichfalls mit dem Protokoll der Hamburger Generalversammlung aus +dem vorhergehenden Sommer getan hatte. Es sollte nichts, was ihn +kompromittierte, den Vereinsmitgliedern bekannt werden und in die +Oeffentlichkeit dringen. + +Da erschien wie ein Blitz aus heiterem Himmel eine Proklamation in +Nummer 70 des „Sozialdemokrat“ vom 18. Juni, überschrieben: +_Wiederherstellung der Einheit der Lassalleschen Partei_, und +unterzeichnet von Schweitzer und Mende. Wiederholt sei hier, daß seit +Anfang 1867 sich ein Teil der Mitglieder vom Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein unter dem Einfluß der Gräfin Hatzfeldt losgelöst und +unter dem Namen „Lassallescher Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein“ +organisiert hatte, dessen Präsident Mende war. Das Organ des letzteren +Vereins war die „Freie Zeitung“. Die beiden Vereine lagen sich seitdem +gegenseitig in den Haaren. Jetzt hatten sich die feindlichen Brüder, +soweit ihre Präsidenten und die Gräfin Hatzfeldt in Frage kamen, auf +einmal gefunden und traten Hand in Hand vor ihre Anhänger. + +Der veröffentlichte Aufruf war ein ungemein phrasenreiches Schriftstück, +das mit einer Verherrlichung Lassalles begann. Wieder wurde das Wort +Lassalles: „Ihr sollt die Organisation aufrechterhalten, sie wird euch +zum Siege führen“, zitiert. Weiter hieß es in hochtrabenden Worten: + + „Die erwählten Führer der beiden Vereine sind von dieser Erkenntnis + durchdrungen; mit gehobenem Gefühl treten sie heute vor die Mitglieder + der beiden Vereine und fordern sie auf, ein stolzes Werk ihnen bauen + zu helfen, ... einen wahrhaft Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, + mächtig über ganz Deutschland.... Unseren Vorschlag unterbreiten wir + den gesamten Mitgliedschaften beider Vereine, das heißt dem + _souveränen Volk selbst unmittelbar zur sofortigen Entscheidung_. + (Auch im Original gesperrt.) + + _Das alte Lassallesche Statut ist es_, unter dem wir dereinst einig + waren und zu dem wir zurückkehren müssen, _um diesmal in einheitlicher + Entwicklung_, von diesem Boden aus gemeinsam voranzuschreiten....“ + +Dann wurde gefordert, daß bis zum 22. ds. Mts. — der Ausruf, vom 16. +datiert, erschien am 18. Juni im „Sozialdemokrat“ und gelangte erst am +19. oder 20. in die Hände der meisten Mitglieder — über ihren Vorschlag +abgestimmt werden solle und am 23. _das Abstimmungsresultat in Berlin +angelangt sein müsse_. + +Des weiteren wurde erklärt, daß, wenn die Abstimmung zugunsten des +Mende-Schweitzerschen Vorschlags ausfalle — in berechnender +Bescheidenheit trat Schweitzer hinter den stupiden Mende zurück —, +sollten am 24. Juni beide Vereine _aufgelöst_ werden, worauf noch _an +demselben Tage einige Parteifreunde zusammentreten und die +Wiederherstellung des ursprünglichen Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins unter dem alten Lassalleschen Statut beschließen +sollten_. Die Präsidentenwahl sollte am 30. Juni stattfinden und am 3. +Juli das Resultat verkündet werden. Bis zur Wahl des Präsidenten sollte +Mende als Präsident, Tölcke als Sekretär, Bracke als Kassierer +fungieren. Der Aufruf schloß: + + „Macht es möglich, Parteigenossen, daß, wenn der Todestag Lassalles + wiederkehrt, wir alle, alle über seinem Grabe uns die Hände reichen + und uns sagen können: _Wir haben uns des Meisters würdig gezeigt._“ + +Dieses Vorgehen der beiden Präsidenten war der _Staatsstreich_. Damit +war die demokratische Organisation, welche die Elberfelder +Generalversammlung dem Schweitzerschen Verein gegeben hatte, mit einem +Schlage vernichtet. Schweitzer hatte die ihm angelegten Fesseln mit +einem Ruck zerrissen und war wieder unumschränkter Herr und Diktator. Um +den befürchteten Widerstand des in Hamburg domizilierten Vorstandes zu +brechen, schickte Schweitzer seinen Vertrauensmann Tölcke nach dort, dem +die Ueberredung des Vorstandes gelang. Geib telegraphierte: „Vorstand +befürwortet einstimmig nach Erwägung der ihm von Tölcke vorgetragenen +Gründe Wiedervereinigung. Mitgliederversammlung stimmte zu.“ + +Aber nun galt es auch die zwischen Schweitzer, Fritzsche, Hasenclever +und uns getroffenen Vereinbarungen aufzuheben. Zu diesem Zwecke erklärte +Schweitzer in der Nummer 72 des „Sozialdemokrat“ vom 22. Juni: Wir +hätten diese Abmachungen gebrochen, _indem wir erneut wissentlich und in +böswilliger Weise einen Eingriff in die von uns gehaßte Organisation des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins versuchten_. Damit hätten wir die +getroffenen Vereinbarungen gelöst, und nun hielten auch sie sich nicht +mehr daran gebunden. + +Das begangene „Verbrechen“ fiel zunächst auf mein Haupt. Ich hatte im +Laufe des Juni in zwölf thüringischen Städten Versammlungen abgehalten, +darunter auch in Apolda, Erfurt und Gotha. Hier hatten die Mitglieder +des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, indem sie mich dazu einluden, +Versammlungen einberufen, und deren Bevollmächtigte führten darin den +Vorsitz. Alle Versammlungen waren überfüllt und verliefen ausgezeichnet. +In jenen Versammlungen war eine Resolution angenommen worden, dahin +lautend, daß nur die sozialdemokratischen Prinzipien es seien, welche +die Lage der arbeitenden Klassen verbessern könnten, und daß eine +Einigung der sozialdemokratischen Arbeiterfraktionen herbeigeführt +werden müsse. + +Den Schluß meiner Agitationsreise bildete eine Konferenz in Eisenach, an +der außer unseren Anhängern auch Mitglieder des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins und Mitglieder der Demokratischen Partei teilnahmen. Es +sei hier erläuternd bemerkt, daß zu jener Zeit eine Anzahl bürgerlicher +Demokraten in Thüringen vorhanden waren, die sämtlich auf dem Standpunkt +Jacobys standen, so Professor Abbe und sein Schwiegervater Professor +Snell, weiter Dr. Sy in Jena, der später der Partei sich anschloß, +Rechtsanwalt Creuznacher in Eisenach usw. Ferner zählte diese Partei +Anhänger in Weimar, Gotha und Altenburg. In Eisenach war in einer +Resolution erklärt worden: + + „Zur gemeinsamen Arbeit für die Lösung der sozialen Frage ist es nicht + nur erforderlich, daß die Spaltung unter den verschiedenen Fraktionen + der Demokratischen Arbeiterpartei aufhört, sondern auch, daß die + demokratischen Arbeitervereine mit der gesamten demokratischen Partei + geeint seien, daß namentlich bei gemeinsamen politischen + Angelegenheiten, insbesondere bei Wahlen, die demokratische Partei und + die sozialdemokratischen Arbeitervereine zusammengehen.“ + +Das war also das Verbrechen, das Schweitzer zu seinem Vorgehen gegen uns +veranlaßte. + +Das Agitieren machte mir übrigens trotz aller Erfolge und +Beifallsbezeigungen wenig Vergnügen. Am 7. Juni hatte ich meiner Frau +von Ronneburg aus geschrieben: „Bei aller Liebe und Freundschaft, die +einem die Leute erweisen, ist das Agitieren kein angenehmes Geschäft.“ +Und wie lange habe ich es nachher noch betrieben. Die Pflicht gebot es, +das genügte. + + + + +Die Rebellion im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein. + + +Schweitzers und Mendes Staatsstreich machte in weiten Kreisen des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins böses Blut. Ein Teil der +intelligenteren Mitglieder sah ein, daß es kein Auskommen mehr mit +Schweitzer gebe und er das Hindernis einer Einigung sei. Bracke ließ +durch Vermittlung von Bremer-Magdeburg Liebknecht und mich wissen: sie +wünschten eine Zusammenkunft mit uns. Auf diesen Wunsch gingen wir +bereitwillig ein. Am 22. Juni abends trafen wir uns — Bracke, Bremer, +Spier-Wolfenbüttel, York-Harburg, Liebknecht und ich — in einem Gasthaus +dritter Güte in Magdeburg. Die Verhandlungen zogen sich in die Länge. +Bracke und Bremer waren für sofortiges Losschlagen gegen Schweitzer und +Austritt aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein. Spier und York +hatten große Bedenken. Man müsse versuchen, den Verein von „innen +heraus“ zu reformieren, meinten sie; worauf wir antworteten, daß gerade +die Vorgänge von Barmen-Elberfeld zeigten, wie es mit einer Reformierung +von innen heraus aussehe. Solange Schweitzer Präsident sei und den +„Sozialdemokrat“ in der Hand habe, sei es unmöglich. Schließlich wurden +wir einig. Es war Mitternacht, als der prächtige Bracke sich über das in +der Wirtsstube stehende Billard streckte, um auf demselben den Aufruf +niederzuschreiben, für den alsdann Unterschriften für die Einberufung +eines Kongresses gesammelt werden sollten. Nachdem wir den Aufruf +nochmals gründlich durchberaten, gingen wir gegen 3 Uhr zu Bette. Aber, +o weh! Wir waren in ein Wanzennest geraten. Keiner von uns konnte +schlafen. Bereits um 4 Uhr erhoben wir uns und fuhren mit den ersten +Frühzügen nach unseren Heimatorten zurück. Beschlossen war worden, einen +Kongreß nach einer mitteldeutschen Stadt — Gotha oder Eisenach — zu +berufen und zur Beschickung desselben auch die deutsch-österreichischen +und die deutschen Arbeitervereine der Schweiz einzuladen, ebenso die +deutsche Abteilung der Internationale um eine Vertretung zu ersuchen. + +Wegen seiner historischen Bedeutung bringe ich den Aufruf von Bracke +und Genossen wörtlich zum Abdruck: + + _An die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins._ + + Parteigenossen! Unter einer Menge von heuchlerischen Redensarten hat + der Präsident unseres Vereins eine Maßregel getroffen, welche jedes + denkende Mitglied mit Entrüstung erfüllen muß. In derjenigen Eile, + welche diese Vorgänge geboten — weshalb denn auch niemand sich über + Zurücksetzung beklagen wolle —, sind die Unterzeichneten + zusammengetreten und haben sich über einen Schritt geeinigt, der von + den weittragendsten Folgen für die Partei sein wird. Wir bitten Euch, + Parteigenossen, aufmerksam und vorurteilsfrei unsere Meinung zu + prüfen. + + Während noch vor kurzem die Herren Schweitzer und Mende, die sich in + der heftigsten Weise gegenseitig beschuldigten, Söldlinge der Reaktion + zu sein, von einer Verschmelzung der verschiedenen Fraktionen der + Arbeiterpartei nichts wissen wollten, treten sie plötzlich heute (im + Einverständnis mit der Gräfin Hatzfeldt) mit rührenden Worten vor die + Mitglieder ihrer Vereine, um dieselben aufzufordern, eine Einheit + lediglich dieser beiden Fraktionen der Partei herbeizuführen — wobei + denn von der Einigung der gesamten sozialdemokratischen Partei keine + Rede ist —, und dies alles unter Bedingungen, welche ein Hohn sind auf + die Rechte des sogenannten „souveränen Volkes“. Nicht allein ist die + Frist der Abstimmung so kurz, daß es unmöglich erscheinen muß, daß die + Mitglieder sich über die Frage wirklich ein Urteil bilden können, so + daß alles wie die reinste Ueberrumpelung erscheint; nicht allein ist + die Form der Abstimmung, bei der man den Mitgliedern einfach die + Pistole auf die Brust setzt mit der Aufforderung, ja oder nein zu + sagen, also entweder sich in die schmachvollsten Bedingungen zu fügen + oder auf die sehnlichst gewünschte, wenn auch nur stückweise Einigung + zu verzichten; nicht allein ist diese Form der Abstimmung eine + demokratisch gesinnter Männer unwürdige, sondern es ist auch der + Präsident so eigenmächtig bei dem allen vorgegangen, wie es fast ohne + Beispiel ist. Nie ist über amerikanische Sklaven in willkürlicherer + Weise verfügt worden, als hier über die Mitglieder des Allgemeinen + Deutschen Arbeitervereins. Wozu auch vorher, ehe man solche im + höchsten Grade wichtige Schritte tut, die Mitglieder oder den Vorstand + um ihre Meinung fragen?! Wenn die Tatsachen fertig sind, wird die + „freie“ Zustimmung der Mitglieder durch einige Redensarten erpreßt. + Wenn Herr v. Schweitzer diktiert, haben die Mitglieder einfach zu + gehorchen, und dann nennt man dieselben noch das „souveräne Volk“. Ein + größerer Hohn war nie einem Menschen geboten. Wenn Herr v. Schweitzer + es für gut hält, wird den Mitgliedern zugemutet, mit eigener Hand und + mit einem Schlage das mühsam in einer Reihe von Jahren aufgebaute + Reformwerk zu vernichten und ohne weiteres ein Statut anzunehmen, das + früher zu dem erbittertsten Zwiespalt Veranlassung gegeben hat; ein + Statut, nach welchem der Präsident die unumschränkteste Gewalt in + seinen Händen und der Vorstand nicht den allergeringsten Einfluß hat, + und das zu alledem dahin ausgelegt werden kann, daß auf volle drei + Jahre hinaus jede Aenderung an demselben unmöglich ist! Das Vorgehen + des Präsidenten in diesem Falle — ein Staatsstreich im kleinen — erhebt + den schon seit langer Zeit von vielen Mitgliedern des Vereins gehegten + Argwohn zur Gewißheit, daß Herr v. Schweitzer den Verein lediglich zur + Befriedigung seines Ehrgeizes benutzt und ihn zum Werkzeug einer + arbeiterfeindlichen reaktionären Politik herabwürdigen will; sonst + würde derselbe jetzt die Einigung der gesamten sozialdemokratischen + Arbeiter Deutschlands suchen. Wer die Einigung eines Teils der + sozialdemokratischen Arbeiter empfiehlt, ohne dabei mit aller Energie + auf die Einigung der gesamten Partei zu wirken, welche ihr allein + Macht und Einfluß verschaffen kann, wer durch Einigung eines Teiles in + diesen Formen die Einigung aller Teile unmöglich macht, und wer dies + tut mit rührenden, von Bruderliebe überfließenden Worten, der ist ein + elender Heuchler; und wer dann diejenigen, welche sich den gestellten + schmachvollen Bedingungen nicht fügen, sondern etwas Größeres, etwas + Erhabeneres erstreben, als Gegner der Einigung überhaupt brandmarken + will, ist ein Jesuit ohnegleichen. + + Die Einigung der gesamten sozialdemokratischen Arbeiter Deutschlands + herbeizuführen, muß das Streben jedes ehrlichen Sozialdemokraten sein. + Angesichts der immer mächtiger sich ausbreitenden Wogen der Bewegung, + angesichts der Vorzeichen, welche in allen Kulturstaaten der Welt auf + eine baldige mächtige Umgestaltung der politischen und sozialen + Verhältnisse hindeuten, ist ein Verschleppen dieser Einigung Verrat. + + Diese Einigung kann aber nur das Werk sein des wirklich souveränen + Volkes selbst, und Ihr, Mitglieder des Allgemeinen Deutschen + Arbeitervereins, werdet Euch nicht verschachern lassen nach der Laune + einiger Führer wie eine Herde Schafe, sondern Ihr werdet wie Männer + Eures eigenen Geschickes Schmiede sein! + + Wir haben eingesehen, daß eine Organisation, in welcher der Wille + eines Einzelnen sich hinwegsetzen kann über alle Errungenschaften des + Vereins, ja den Verein selber in jedem Augenblicke in Frage stellen, + denselben jeden Augenblick auflösen und in anderer ihm passenderer + Form wieder ins Leben rufen kann, in welcher dieser Einzelne die + Pfennige der Arbeiter gebraucht, um elende Lumpen zu bestechen, daß + eine solche Organisation keine Faser von demokratischem Geiste in sich + hat. In einer solchen Organisation ferner zu wirken, wäre schmähliche + Verschwendung unserer besten Kräfte; wir verzichten darauf! + + Geleitet von dem Gedanken, daß nur von der Partei selbst über ihre + Organisation beschlossen werden kann, und ferner geleitet von dem + Gedanken, die Einigung der sozialdemokratischen Arbeiter Deutschlands, + auch was die Gewerkschaften betrifft, herbeizuführen, haben wir den + Entschluß gefaßt, in kürzester Zeit einen allgemeinen Kongreß der + gesamten sozialdemokratischen Arbeiter Deutschlands zu berufen, auf + welchem der Grund einer wirklich demokratischen Organisation der + Partei, im Anschluß an die internationale Bewegung, gelegt werden + kann. Parteigenossen, wir rechnen auf Eure Unterstützung! Die + sozialdemokratischen Arbeiter, welche nie anders als von einem + künstlich erregten Haß gegeneinander erfüllt gewesen sind, werden sich + zu einigen und sich eine Organisation zu geben wissen, welche den + Geist ihrer Prinzipien mit der Zusammenfassung aller ihrer Kräfte + vereint. + + Parteigenossen, Ihr werdet Euch nicht verblenden lassen von den + heuchlerischen Redensarten von Leuten, denen die Einigung der Partei + nie am Herzen gelegen hat; Ihr werdet Euch eine Behandlung nicht + gefallen lassen, welche man nur ehrlosen oder gedankenlosen Menschen + zu bieten wagen kann; Ihr werdet Euch als das zeigen, was Ihr + seid — nicht als die willenlosen Sklaven eines launischen Herrschers —, + sondern als das wirklich und wahrhaft souveräne Volk, das allein über + die Gestaltung seiner Geschicke zu entscheiden hat. Wagt einmal im + Interesse unserer Prinzipien, im Interesse der Demokratie und des + Sozialismus eine kühne Tat! Laßt uns die Fahne, auf welcher die + Einigung der gesamten Partei geschrieben steht, nicht vergebens + erhoben haben! Einig nur sind die Arbeiter eine Macht! Zersplittert + sind wir ewig das Gespött unserer Gegner, aber einheitlich und + wahrhaft demokratisch organisiert sind wir unüberwindlich. + + Wenn Ihr uns zustimmt — und wir hoffen sehr, daß Ihr dies tun + werdet —, so sendet Eure Zustimmung an einen der Unterzeichneten ein, + damit wir gemeinsam die Einberufung des Kongreß betreiben können. + + Aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein werden wir — es ist uns + schwer geworden, den Entschluß zu fassen — austreten. Der Allgemeine + Deutsche Arbeiterverein war uns ans Herz gewachsen, aber im Interesse + der Sache muß man das schwerste Opfer zu bringen verstehen; und anders + ist keine Rettung! + + Vorwärts denn, Parteigenossen, auf der neuen Bahn in heiligem Kampfe + für unsere große und erhabene Sache! Begeisterung und Ausdauer + verbürgen den Sieg. + + Den 22. Juni 1869. + + I. Bremer in Magdeburg. Hoffmann in Neustadt-Magdeburg. W. Klees in + Buckau bei Magdeburg. Th. Borck in Harburg. C. Müller, S. Spier und A. + Viewieg in Wolfenbüttel. W. Bracke junior, H. Ehlers, E. Lüdecke und + A. Schrader in Braunschweig. Friedrich Ellner in Frankfurt a.M. + +In derselben Nummer des „Demokratischen Wochenblatts“ vom 26. Juni, in +der wir den vorstehenden Ausruf veröffentlichten, erschien auch eine +Erklärung von uns an die Parteigenossen, in der die Beschuldigung +Schweitzers, wir hätten die mit ihm getroffenen Abmachungen gebrochen, +zurückgewiesen wurde. Alsdann unterzogen wir die Einigungskomödie der +Mende-Hatzfeldt-Schweitzer einer scharfen Kritik. Wir erklärten: „Wir +werden den Kampf aufnehmen und mit aller Kraft und Zuversicht ihn +führen, Hand in Hand mit den klarblickenden Mitgliedern des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins.“ Wir schlossen: + + „Es wird sich zeigen, ob die Korruption, die Gemeinheit, die + Bestechlichkeit auf jener Seite, oder die Ehrlichkeit und die Reinheit + der Absichten auf unserer den Sieg davonträgt. + + Unsere Losung sei: Nieder mit der Sektiererei! Nieder mit dem + Personenkultus! Nieder mit den Jesuiten, die unser Prinzip in Worten + anerkennen, in Handlungen es verraten! Hoch lebe die Sozialdemokratie, + hoch die Internationale Arbeiterassoziation!“ + +Daß wir in dieser Erklärung und später wiederholt die Ehrlichkeit +unserer Absichten gegen die unehrlichen Schweitzers ins Feld führten, +brachte nachher der neu gegründeten Partei von der Gegenseite den +Spitznamen „Die Ehrlichen“ ein. + +Auf meinen Antrag beschloß der Vorortsvorstand einstimmig, sich dem +Aufruf von Bracke und Genossen zur Einberufung eines allgemeinen +deutschen sozialdemokratischen Arbeiterkongresses anzuschließen und die +Vorstände der Arbeitervereine aufzufordern, ein gleiches zu tun. Ein am +28. Juni von mir hinausgesandtes Zirkular verlangte Antwort bis +spätestens den 1. Juli mittags, eventuell telegraphisch. Auch schrieb +ich an Joh. Phil. Becker in Genf, der Zentralrat der deutschen Sektion +der Internationale möge ebenfalls eine zustimmende Erklärung zu dem +Einigungswerk einsenden. Ich hoffte, diesesmal gelinge uns ein +Hauptschlag. Am 26. Juni hatten auch Geib, Praast und Ockelmann-Hamburg +ihren Austritt aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein erklärt und +sich Bracke und Genossen angeschlossen. + +Der „Sozialdemokrat“ beobachtete jetzt die Taktik, ständig zu verkünden, +unser Anhang bestehe nicht aus Arbeitern, sondern aus Literaten, +Schulmeistern und sonstigen Bourgeois. + +Schweitzer suchte weiter mit dem Geschick, das er besaß, die Mitglieder +des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins an der von ihm systematisch +gepflegten schwachen Seite zu fassen. In einem Artikel schrieb er mit +Bezug auf die Opposition: + + „Ein einziger Punkt entscheidet alles. Seid ihr Demokraten oder nicht? + Ihr behauptet: Ja? Wißt ihr oder wißt ihr nicht, daß der Demokrat sich + der Mehrheit zu fügen hat — doppelt zu fügen hat, wenn diese Mehrheit + an Einstimmigkeit grenzt? Nun denn! Der Allgemeine Deutsche + Arbeiterverein-beide bisherigen Vereine — habe nahezu einstimmig mit Ja + gestimmt. Unterwerft ihr euch jetzt dem Volkswillen? O nein! In eurer + Eitelkeit, ihr ‚Demokraten‘, erklärt ihr das Volk für eine Herde + Schafe und eure Meinung für unfehlbar. Geht doch, ihr aufgeblasenen + Heuchler, _die ihr euch weiser dünkt als das ganze Volk und als + Ferdinand Lassalle!_ + + Weiser als Ferdinand Lassalle, euer riesenhafter Lehrer und + Meister — ja ja. Denn der Stein des Anstoßes liegt euch darin, daß die + Lassallesche Organisation in ihrem ganzen Umfang wieder hergestellt + wurde ...“ + +Das Spiel mit der Lassalleschen Organisation ging spaltenlang und fast +Nummer um Nummer weiter. + +Auf der anderen Seite brachte das „Demokratische Wochenblatt“ Nummer für +Nummer Erklärungen gegen Schweitzer aus der Mitte des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins. So aus Gotha, Hamburg, Hildesheim, Erfurt, +Hannover, Solingen, Wiesbaden, Elberfeld, Chemnitz (letztere gegen +Mende). Auch H. Roller, der bisherige Sekretär des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins, erklärte sich ebenfalls gegen Schweitzer. + +Von den Gewerkschaftsführern sagten sich Fritzsche, Präsident des +Zigarren- und Tabakarbeitervereins, L. Schumann, Präsident des +Allgemeinen Deutschen Schuhmachervereins, Th. Bork, Präsident des +Gewerkvereins deutscher Holzarbeiter, und Schob, Präsident des +Allgemeinen Deutschen Schneidervereins, von Schweitzer los. + +Unter dem 5. Juli teilte Mende im „Sozialdemokrat“ mit, daß Schweitzer +mit absoluter Mehrheit zum Präsidenten gewählt sei. Eine starke +Minorität sei auf ihn (Mende) gefallen, trotzdem er wiederholt erklärt +habe, er nehme eine Wahl nicht an. Zahlen wurden nicht mitgeteilt. Die +Beteiligung an der Wahl war weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. +In der schwülstigen Ansprache, mit der Mende die Wahl Schweitzers zum +Präsidenten verkündete, hieß es: + + „Wie Marat, der größte Revolutionär seiner Zeit, es so treffend + bezeichnet: Als Diktator mit der Kugel am Bein soll der Präsident den + Verein leiten, und diese Kugel soll sein: _Prinzip und Organisation_.“ + +Bekanntlich erwies sich diese Kugel als Attrappe. Und wiederum zitierte +Mende: + + „Haltet treu und fest an der Organisation, sie muß uns zum Siege + führen“, und schloß: „Es lebe Ferdinand Lassalle! Es lebe der von ihm + gestiftete Allgemeine Deutsche Arbeiterverein! Es lebe die + Organisation!“ + +Schweitzer dankte für seine Wahl in einer Ansprache, die ebenso +schwülstig und emphatisch war wie jene Mendes. Der Schluß lautet: + + „Wohlan denn! Namens des hingegangenen Meisters, der euch alle, ihr + Arbeiter, aus dem Schlummer geweckt — namens des _souveränen Volkes + unserer Partei_, das mich zum Führer erkoren — _namens_ eurer leidenden + _Brüder auf der ganzen Erde, entfalte ich die Fahne und trage sie + voran_. Festgeschlossen in Reih' und Glied, ihr Arbeiterbataillone, + folget dem erwählten Führer. + + Hoch die Manen Lassalles! Hoch die sozialdemokratische Agitation!“ + +So die beiden Auguren, beide, wie sich nachher sehr bald herausstellte, +betrogene Betrüger. Darauf ordnete unter dem 10. Juli Schweitzer die +Wahl der vierundzwanzig Vorstandsmitglieder an, für die er die +Kandidatenliste vorschlug. Der Vorstand wurde wieder in früherer Weise, +über Deutschland verteilt wohnend, gewählt. + +Im „Sozialdemokrat“ vom 14. Juli machte Schweitzer bekannt, der +Allgemeine Deutsche Arbeiterverein werde sich auf dem von uns berufenen +sozialdemokratischen Kongreß vertreten lassen und veröffentlichte eine +Reihe von Resolutionen, die seine Anhänger auf dem Kongreß zur Annahme +vorschlagen sollten. Hinter unserem Kongreß, hieß es in der betreffenden +Nummer, stehe die ganze liberale Bourgeoisie in allen ihren +Schattierungen. Von straffer, einheitlicher Organisation könne natürlich +bei uns unter einem Regiment von Literaten, Schulmeistern, Kaufleuten +usw. keine Rede sein. Jeder dieser Leute müsse Gelegenheit haben, sich +recht wichtig zu machen. Die gesamte Bourgeoispresse stehe uns zu Gebot, +log er weiter. Er werde dafür sorgen, daß eine entsprechende Anzahl +Delegierter auf den Eisenacher Kongreß komme, aber keine Literaten und +Bourgeois, sondern wirkliche Arbeiter. + +Von den Literaten, Schulmeistern, Kaufleuten usw., aus denen allein +unsere Partei bestehen sollte, sprach er von jetzt ab nicht anders als +von Achtels- und Viertelsintelligenzen. + +Unter dem 17. Juli forderte das _„Demokratische Wochenblatt“ Schweitzer +auf, nicht nur seine Werkzeuge nach Eisenach zu schicken, sondern selbst +zu kommen_. Ein Wort bei der Berliner Polizei, und der Urlaub werde ihm +bewilligt, falls Herr v. Schweitzer sich überhaupt noch anstandshalber +sollte einsperren lassen. + +Das letztere zog Schweitzer vor. Er veröffentlichte, datiert vom 17. +Juli, einen langen Aufruf „An die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins“, worin er noch einmal einen Ueberblick über die +vorhandenen Wirren gab und eine Anzahl Versprechungen machte, die er +nach seiner Freilassung aus der Haft erfüllen wolle. Er schloß den +Aufruf mit den Worten: + +„Behaltet mich in gutem Andenken, wie auch ich _inmitten meiner +Kerkermauern eurer gern gedenken werde_. Ich scheide von euch mit dem +Rufe: Auf frohes Wiedersehen bei der alten Fahne! Es lebe der Allgemeine +Deutsche Arbeiterverein!“ + +Der Rest der Haft, den er jetzt „hinter Kerkermauern“ verbüßen sollte, +betrug noch acht Wochen, die er in Rummelsburg mit Kahnfahrten auf dem +See und anderen Annehmlichkeiten verbrachte. + +Man vergegenwärtige sich jetzt folgendes. Ende November ging Schweitzer +zur Verbüßung einer dreimonatigen Haft ins Gefängnis. Gegen Ende +Dezember wird er wegen Ordnung von Familienverhältnissen infolge seines +Vaters Tod auf acht Tage beurlaubt; er bleibt aber _sieben Wochen frei, +betreibt in dieser Zeit unter den Augen der Polizei und der Behörden +eine intensive politische Agitation und tritt erst am 18. Februar wieder +die Haft an_. Am 4. März erweist ihm die Regierung abermals den Dienst, +ihn wegen Eröffnung der Reichstagssession aus der Haft zu beurlauben. +Die Session wird am 22. Juni geschlossen, aber Schweitzer bleibt wieder +frei und betreibt abermals bis zum 19. Juli unter den Augen von Polizei +und Behörden eine intensive politische Agitation. Alsdann beliebt es +ihm, die Haft wieder anzutreten. + +Dergleichen war weder vor noch nach Schweitzer in Preußen je möglich. +Als zum Beispiel 1868 Dr. _Guido Weiß_ wegen Preßvergehen zu 14 Tagen +Gefängnis verurteilt wurde, überfielen ihn einige Polizisten morgens 6 +Uhr im Bett und transportierten ihn ins Gefängnis. Diese brutale +Methode, politisch Verurteilte in frühester Stunde aus dem Bette zu +holen und ins Gefängnis zu schleppen, war _jahrzehntelang Sitte bei der +Berliner Polizei_. Es sind noch nicht viele Jahre her, daß diese Sitte +verlassen wurde. Schweitzer hatte sich _nie_ über solche oder ähnliche +Mißhandlungen zu beklagen. Er ging ins Gefängnis und verließ dasselbe, +als wenn er ins Hotel ging und dasselbe verließ. Und jeden gewünschten +Besuch konnte er empfangen. Das Mißtrauen gegen ihn war also zehnfach +gerechtfertigt. + + * * * * * + +Kurz vor dem Eisenacher Kongreß glaubte Tölcke mir eine Stinkbombe an +den Kopf werfen zu müssen, in der Hoffnung, mir politisch zu schaden. Er +erklärte in Nummer 87 des „Sozialdemokrat“ vom 28. Juli, ich beziehe vom +Exkönig von Hannover eine jährliche Besoldung von 600 Talern. Die +Beschuldigung war blöde, aber es gab Leute im Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein, die daran glaubten. So beschloß ich, Tölcke wegen +verleumderischer Beleidigung zu verklagen. Ich bat den Parteigenossen +Wilhelm Eichhoff in Berlin, mit Rechtsanwalt Hirsemenzel, damals der +erste Rechtsanwalt Berlins, zu reden und ihn zu fragen, ob er den Prozeß +annehmen werde. Hirsemenzel lehnte ab, und zwar weil bei dem Prozeß +nichts herauskomme. Der Richter werde in der Behauptung, daß ich im +Solde eines Fürsten stehen solle, nichts Ehrenkränkendes finden und eine +Beweiserhebung darüber ablehnen. Tölcke würde also höchstens wegen +Beleidigung verurteilt, womit mir nicht gedient sein könne. Weiter +machte Hirsemenzel geltend, ließe ich den Grafen Platen, den +Hausminister des Exkönigs von Hannover, als Zeugen darüber vernehmen, ob +die Behauptung Tölckes wahr sei, so werde dieser _schon der Konsequenzen +halber_ das Zeugnis verweigern und dadurch erhalte die Behauptung +Tölckes einen Schein von Berechtigung. Eichhoff richtete darauf zweimal +ein Schreiben an Tölcke mit der Aufforderung, im „Sozialdemokrat“ die +Beweise zu veröffentlichen, da er behauptete, ich stünde +„erwiesenermaßen“ im Dienste des Exkönigs. Tölcke schwieg; ich richtete +darauf ebenfalls eine Aufforderung an ihn, die Beweise zu +veröffentlichen. Statt dessen wiederholte er seine Beschuldigung und +forderte mich auf, ihn zu verklagen. Ich nannte ihn darauf einen +gemeinen Verleumder und ersuchte ihn, mich vor dem Leipziger Gericht zu +belangen, da der Ausgang des Prozesses in Berlin kein Resultat +verspreche. Die Sache ging aus wie das Hornberger Schießen. Bracke +gegenüber erklärte Tölcke, er selbst habe keine Beweise für seine +Behauptung, aber ein Regierungsrat(!) habe die Behauptung aufgestellt +und den könne er nur bei einer gerichtlichen Klage meinerseits als +Zeugen zum Beweis seiner Angaben zwingen. — + + + + +Der Eisenacher Kongreß. + + + + +Die Gründung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei und die Auflösung +des Verbandes der deutschen Arbeitervereine. + + +Nachdem wir uns verständigt hatten, den Kongreß auf den 7. August nach +Eisenach einzuberufen, erschien im „Demokratischen Wochenblatt“ vom 17. +Juli der Ausruf, der unterzeichnet war von 66 ehemaligen Mitgliedern des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins aus verschiedenen Orten, 114 +Mitgliedern des Verbandes der deutschen Arbeitervereine — worunter +ebenfalls eine Anzahl ehemaliger Mitglieder des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins waren —, einer Anzahl ehemaliger Mitglieder des +Lassalleschen Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, vom Zentralkomitee +der deutschen Arbeitervereine der Schweiz, vom Deutsch-Republikanischen +Verein in Zürich; für die Arbeiter Oesterreichs von H. Oberwinder, H. +Hartung, B. Beschan, A. Macher, A. Straßer-Graz, und für die deutsche +Abteilung der Internationale in Genf von Joh. Phil. Becker. Der Ausruf +lautete: + + _An die deutschen Sozialdemokraten!_ + + Parteigenossen! In der jüngsten Zeit haben sich im Schoße unserer + Partei Ereignisse vollzogen, die jeden ehrlichen Sozialdemokraten mit + Freude erfüllen müssen. Der Bann, welcher bisher auf der + sozialdemokratischen Arbeiterbewegung lastete, ist gebrochen; die + Selbstsucht einzelner, welche sich wie ein spaltender Keil in das + Mark, in das Herz unserer Partei geschoben, ist entlarvt und + niedergeschmettert, und es gilt nun, rasch zu handeln, damit die + Früchte des Sieges uns nicht wieder entrissen werden und damit aus der + heilsamen Revolution, welche sich soeben vollzogen hat, die + Prinzipienreinheit und die einheitliche Organisation hervorgehen + mögen, ohne die unsere Partei den ihr gebührenden Einfluß nicht + ausüben, die ihr innewohnende Kraft nicht entfalten kann. + + Lange, leider zu lange, war es dem Egoismus und der Bosheit einzelner + möglich, die Partei in sich zu verfeinden. Doch eine neue Zeit ist + angebrochen; mit ehernem Finger zeigt sie uns auf die Notwendigkeit + hin, die Partei der gesamten sozialdemokratischen Arbeiter + Deutschlands in sich zu einigen und dieselbe in die richtige, einzig + zum Siege führende Bahn der auf internationaler Grundlage beruhenden, + großen Arbeiterbewegung hinüberzuleiten. + + Wer, der ein aufrichtig denkender Sozialdemokrat ist, sollte sich + dieser Notwendigkeit verschließen können? Wer sollte die + unberechenbaren Vorteile für unsere Partei nicht ahnen, die sich aus + einer derartigen Einigung auf Grund einer gemeinsamen Organisation, + eines gemeinsamen Programms, eines gemeinsamen Auftretens in der + politisch-sozialen Welt ergeben? — Wir zweifeln keinen Augenblick + daran, daß die große, die überwältigende Mehrheit unserer + Parteigenossen der besseren Erkenntnis huldigt, daß sie gern und + freudig die Hand zu dem stolzen Werke bietet, das endlich unsere + Partei zur großartigen und wirksamen Machtentfaltung befähigt! + + Von dieser Ueberzeugung durchdrungen, haben wir uns auf einer in + Braunschweig am 6. Juli dieses Jahres stattgehabten Konferenz über die + hierzu zunächst erforderlichen Schritte völlig verständigt und berufen + hiermit in Gemäßheit des dort gefaßten Beschlusses einen _allgemeinen + deutschen sozialdemokratischen Arbeiterkongreß_ auf Sonnabend den 7. + August, Sonntag den 8. August und Montag den 9. August nach Eisenach. + + Auf die Tagesordnung des Kongresses sind, unbeschadet weiterer + Anträge, folgende Punkte gesetzt: l. Die Organisation der Partei. 2. + Das Parteiprogramm. 3. Das Verhältnis zur Internationalen + Arbeiterassoziation. 4. Das Parteiorgan (Blatt). 5. Die Vereinigung + der Gewerkschaften (Gewerksgenossenschaften). + + Die auf diese fünf Punkte der Tagesordnung sich beziehenden + spezielleren Anträge, zum Beispiel Vorlage betreffs der + Parteiorganisation usw., werden ihrem Wortlaut nach spätestens Ende + dieses Monats gedruckt versandt werden. + + Die Delegierten (Abgeordneten) zum Arbeiterkongreß haben sich durch + ein Mandat (Vollmacht), worin der Ort, für den sie abgeordnet sind, + sowie die Zahl ihrer Wähler, die sie vertreten, angegeben sein muß, zu + legitimieren. Es kann solche Legitimation erfolgen entweder durch + Mandate, welche im Namen von Vereinen oder deren Mitgliedschaften, + oder welche auch im Auftrag von zum Zwecke der Beschickung des + Kongresses stattgehabten Volksversammlungen ausgestellt sind, oder + endlich auch Mandate, welche mit den Unterschriften der an einem Orte + anwesenden Parteigenossen versehen sind. Mehrere Orte, denen es zu + schwer wird, je einen Delegierten zu senden, mögen zusammentreten, um + mindestens gemeinsam einen Delegierten abzuordnen. + + Es ist dringend notwendig, daß der Kongreß schon am Sonnabend den 7. + August, abends 8 Uhr, eröffnet wird, damit die Wahl des Bureaus und + die Feststellung der Geschäftsordnung erfolgen kann, weshalb denn auch + die Delegierten noch an diesem Tage (7. August) in Eisenach eintreffen + wollen. + + Wir geben uns der frohen Hoffnung hin, daß von allen Orten des großen + Gesamtdeutschlands, wo die Arbeit im Kampfe mit der Kapitalmacht, wo + der Volkswille gegen die staatliche Reaktion tagtäglich im Ringen nach + Freiheit begriffen ist, Vertreter zum Kongreß abgeordnet werden — wir + hoffen es zum Wohle und Wachstum der Partei, welche die politischen + und sozialen Rechte des gedrückten Volkes mit Flammenschrift auf ihre + Fahne schrieb. + + Auf, Parteigenossen, zu wirken für den allgemeinen deutschen + Arbeiterkongreß, zu wirken durch ihn für die Größe und Einheit der + Partei! + +Im weiteren berief ich im Auftrag des Vorortsvorstandes als Vorsitzender +desselben für Montag den 9. August einen Vereinstag der deutschen +Arbeitervereine nach Eisenach mit der Tagesordnung: 1. Bericht des +Vorstandes. 2. Beratung über die Frage: Welche Stellung soll der Verband +zu der neuen Organisation der sozialdemokratischen Partei einnehmen? +Eventuell Auflösung des Verbandes. + +Von den Einberufern des Kongresses erhielt ich den Auftrag, die nötigen +Vorkehrungen für den Kongreß in Eisenach zu treffen, ferner einen +Programm- und einen Organisationsentwurf auszuarbeiten und zur +gemeinsamen Beratung vorzulegen. Bracke und Geib meinten, es sei an uns, +die für passend erachteten Vorschläge zu machen. Liebknecht war mit der +Redaktion des „Demokratischen Wochenblattes“ und der Polemik gegen den +„Sozialdemokrat“ beschäftigt, so fiel mir die erwähnte Arbeit zu. + +Ich betrachte noch heute mit einiger Heiterkeit die Schriftstücke, worin +sowohl die königlich sächsische Staatsbahnverwaltung wie das Direktorium +der damals privaten Thüringischen Eisenbahngesellschaft auf meine +Gesuche mir anzeigten, daß sie die üblichen Fahrpreisermäßigungen für +Besucher von Kongressen auch den Besuchern des in Eisenach +stattfindenden sozialdemokratischen Kongresses gewährten. Heute geschähe +dergleichen nicht mehr. + + * * * * * + +In eine kleine Verlegenheit brachte mich ein Artikel, in dem Joh. Phil. +Becker im „Vorboten“ seine Ansichten über die Organisation der neuen +Partei entwickelte. Der alte Jean Philipp war ein prächtiger Kerl, +opferbereit, hingebend, unermüdlich bei Tag und Nacht, ein Haudegen, der +wie 1848 und 1849 in der badischen Revolution als Oberst eines +Freischarenregiments jetzt wieder bereit gewesen wäre, zu Pferde zu +steigen. Auch wußte er aus seinem sehr bewegten Leben eine Menge +Geschichten, Schnurren und Anekdoten zu erzählen, die er in äußerst +lebendiger Weise zum Vortrag brachte. Ich habe mich öfter stundenlang +über seine Erzählungen amüsiert. Aber von einer Parteiorganisation +verstand er nicht allzuviel, und seine lange Abwesenheit aus Deutschland +hatten ihn den deutschen Verhältnissen entfremdet. Statt einer +geschlossenen, möglichst zentralisierten, aber demokratisch +organisierten Partei, die fähig zu kräftigem Handeln war, wollte Becker +eine Verbindung, die wohl die Propagierung der sozialdemokratischen +Grundsätze betreibe, aber keine feste Parteiorganisation habe; sie müsse +sich, wie er es nannte, einen stets wandelbaren und entwicklungsfähigen +Charakter bewahren, und diese Verbindung sollte von Genf abhängen. Einen +bezüglichen Entwurf hatte er im „Vorboten“ veröffentlicht und hoffte, +daß der Eisenacher Kongreß ihm zustimmen werde. Dieser Artikel Beckers +veranlaßte Marx, mir zu schreiben, daß sie mit demselben nichts zu tun +hätten und die Ansichten desselben nicht teilten. Darauf antwortete ich +Marx unter dem 30. Juli: + + „Ihr werter Brief, den ich soeben empfangen, hat mir viel Freude + gemacht. Ich habe die Vorschläge Beckers im ‚Vorboten‘ ebenfalls + gelesen und muß gestehen, daß sie mich etwas unbehaglich stimmten, + weil ich daraus zu ersehen glaubte, daß es Becker darum zu tun sei, + die Leitung für Deutschland in bezug auf die Internationale in die + Hände zu bekommen. Mein Entschluß war denn auch, auf dem Kongreß das + unpraktische, ja unausführbare, Zeit und Geld kostende Projekt zu + bekämpfen. Es freut mich nun, an dem Generalrat der Internationale + selbst eine Stütze gefunden zu haben. Fürchten Sie deshalb nicht, daß + ich Sie oder den Generalrat irgendwie nutzloser Weise in die Debatte + hereinziehen werde; ich werde sogar versuchen, wenn Becker selbst oder + ein anderer Vertreter aus Genf kommt, ihm privatim die Gründe + auseinanderzusetzen. Auch können Sie im voraus versichert sein, daß + Beckers Vorschlag weder von unserer Seite, noch von seiten der + Opposition des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, noch von den + schweizer oder österreichischen Vertretern unterstützt wird, ich müßte + denn die Stimmung sehr schlecht kennen. Wie wir uns unser Verhältnis + zur Internationale gedacht, werden Sie aus dem von mir entworfenen und + von Braunschweig und Hamburg mitberatenen Organisationsentwurf, den + das „Demokratische Wochenblatt“ diese Woche bringt, ersehen. Ich + glaube, es ist die einzig richtige und mögliche Form.“ + +An I. Ph. Becker schrieb ich einen Brief im gleichen Sinne, in dem ich +unter anderem auch ein Urteil über Schweitzer abgab, und zwar schrieb +ich Becker mit Bezugnahme auf Schweitzers Plan, Delegierte zum +Eisenacher Kongreß senden zu wollen: + + „Es ist bei aller Pfiffigkeit Schweitzers doch eine große Dummheit, + daß er seinen Coup selber verrät. Ich habe überhaupt im Zusammensein + mit ihm, sowohl in Barmen-Elberfeld wie in Berlin, die Beobachtung + gemacht, daß er, namentlich wenn man ihm persönlich gegenübertritt, + sehr leicht den Kopf verliert und Dummheiten macht. Das böse Gewissen + ist's, das ihm jederzeit die Besinnung raubt, sobald ihn einer an der + Kehle packt.“ + +Ich möchte hier auch einige Worte über Schweitzers Aeußere verlieren. +Schweitzer war von hoher, schlanker Gestalt und hatte bleiche, verlebte +Gesichtszüge. Das braune Haar war dünn, ebenso die Bartkoteletten und +der verzwirbelte Schnurrbart. Die Nase war ziemlich lang und gegen ihr +Ende gebogen und spitz; hinter der Brille sahen ein paar kalte, +glitzernde Augen hervor. Wenn er stand oder ging, legte er stets die +Hände auf den Rücken und zog den Kopf zwischen die Schultern. Er mußte +sehr blutarm sein, denn als ich ihm nach der Barmen-Elberfelder Affäre +einmal in Berlin die Hand reichte, schauerte ich ein wenig zusammen. Es +war, als hätte ich die kalte, feuchte Hand einer Leiche erfaßt. + + * * * * * + +Der Kongreß war von einer stattlichen Zahl von Delegierten besucht. Es +waren 262 Abgeordnete anwesend, die 193 Orte vertraten. Darunter Johann +Philipp Becker-Genf, Greulich und Dr. Ladendorf-Zürich, Oberwinder und +Andreas Scheu-Wien, Hofstetten-Berlin. Sonnemann-Frankfurt war ebenfalls +zugegen, er beteiligte sich auch einigemal an der Debatte. Von jetzt ab +besuchte er aber keinen Arbeiterkongreß mehr; seine Hoffnungen, es könne +noch zwischen der Arbeiterpartei und der Volkspartei zu einer +Verständigung kommen, erfüllten sich nicht. Der Klassencharakter der +Partei stieß ihn ab. Die „Schweitzerianer“, wie wir die Delegierten des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins jetzt nannten, waren ganz +bedeutend schwächer vertreten, nicht halb so stark. Dieselben +versammelten sich im „Schiff“, unsere Delegierten im „Goldenen Bären“. +Da von den verschiedensten Seiten Mitteilungen gemacht wurden, daß die +Schweitzerianer den Kongreß mit Gewalt sprengen wollten, begab ich mich +zum Oberbürgermeister und zur Polizei, um zu hören, wie diese die +Situation betrachteten, denn es lag uns selbstverständlich alles daran, +den Kongreß abhalten zu können, sollten nicht die enormen Opfer umsonst +gebracht worden sein. Die Erklärung lautete, daß wir die Versammlungen +ganz nach Belieben wo und wie abhalten könnten. In Sachsen-Weimar gebe +es kein Vereins- und Versammlungsgesetz, die Versammlungsfreiheit war +also eine absolute. Weiter wurde mir versichert, daß die Polizei, falls +die von uns getroffenen Anordnungen mit Gewalt gestört werden sollten, +bereit sei, einzugreifen. Eine Aufforderung an die Schweitzerianer im +„Schiff“, ihre Mandate abzugeben und dieselben gegen rote +Legitimationskarten einzutauschen, verweigerten sie. Abends gegen 7 Uhr +rückten sie dann über hundert Mann stark, unter Führung des Riesen +Tölcke, in den „Goldenen Bären“. Ueber seine damalige Mission schrieb +Tölcke später in seiner Schrift „Zweck, Mittel und Organisation des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“: + + „Es war überhaupt eine beliebte Manier des Herrn v. Schweitzer, + _überallhin, wo es galt, in heißem Kampfe einen Strauß anzufechten, + andere zu senden_ und diesen die Verantwortlichkeit der Partei + gegenüber für ein etwaiges Mißlingen aufzubürden.“ + +Das war vollkommen zutreffend; Tapferkeit war nicht die Stärke +Schweitzers, dagegen ließ sich damals Tölcke zu allem gebrauchen, wozu +Schweitzer ihn benutzen wollte. + +Als die Schweitzerianer in den „Goldenen Bären“ einrückten, fanden sie +die Treppe von uns so stark besetzt, daß sie es vorzogen, ihre Mandate +abzugeben. Am Nachmittag waren in einer Vorversammlung Geib und ich zu +Vorsitzenden, Oberwinder und Quick-Genf zu Stellvertretern in Aussicht +genommen worden. Es war weiter auf meinen Vorschlag zwischen uns +vereinbart worden, daß, falls die Versammlung am Abend tumultuarisch +verlaufe, Geib den Kongreß schließen solle. Alsdann solle ein neuer +Kongreß auf Sonntag vormittag einberufen werden, zu dem nur Delegierte +mit gelben Eintrittskarten Zutritt hätten. + +Wie vorausgesehen, so kam es. Bei der Bureauwahl entstanden bereits die +stürmischsten Szenen. Wir hatten, da die Beleuchtung eine elende war, am +Bureautisch ein halbes Dutzend Flaschen, in deren Hälse wir +Stearinlichter gesteckt, aufgestellt. Diese waren in beständiger Gefahr, +umzufallen, und mußten mit den Händen gehalten werden. Schließlich nahm +der Tumult so zu, daß Geib den Kongreß schloß und anzeigte, daß er einen +neuen Kongreß für nächsten Vormittag 10 Uhr in den „Mohren“ berufe, an +dem nur Delegierte mit gelben Legitimationskarten teilnehmen könnten. + +Unser Coup war gelungen. Während der Nacht sichteten wir (Bracke, Geib +und ich) die Mandate, suchten die der Schweitzerianer heraus, und Geib +übersandte sie am frühen Morgen an Tölcke mit dem Ersuchen, er möge sie +den betreffenden Delegierten aushändigen. Der Kongreß verlief alsdann +ohne jede Störung. + +Zu Berichterstattern über Programm und Organisation waren ich und Bracke +bestimmt. J.Ph. Becker hatte es sich trotz all meiner Gegengründe nicht +nehmen lassen, einen langen Antrag einzubringen, wonach die Partei sich +„Allgemeiner deutscher sozialistisch-demokratischer Arbeiterverein, +Bestandteil der internationalen Arbeiterassoziation“ nennen solle. Der +Antrag fand keine Zustimmung. Programm und Organisation wurden mit +geringen Aenderungen in der von den Einberufern vorgeschlagenen Fassung +angenommen. Die neue Partei erhielt den Namen „_Sozialdemokratische +Arbeiterpartei_“. Das angenommene Programm lautete: + + _Programm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei._ + + I. Die sozialdemokratische Arbeiterpartei erstrebt die Errichtung des + freien Volksstaats. + + II. Jedes Mitglied der sozialdemokratischen Arbeiterpartei + verpflichtet sich, mit ganzer Kraft einzutreten für folgende + Grundsätze: + + 1. Die heutigen politischen und sozialen Zustände sind im höchsten + Grade ungerecht und daher mit der größten Energie zu bekämpfen. + + 2. Der Kampf für die Befreiung der arbeitenden Klassen ist nicht ein + Kampf für Klassenprivilegien und Vorrechte, sondern für gleiche Rechte + und gleiche Pflichten und für die Abschaffung aller Klassenherrschaft. + + 3. Die ökonomische Abhängigkeit des Arbeiters von dem Kapitalisten + bildet die Grundlage der Knechtschaft in jeder Form, und es erstrebt + deshalb die sozialdemokratische Partei unter Abschaffung der jetzigen + Produktionsweise (Lohnsystem) durch genossenschaftliche Arbeit den + vollen Arbeitsertrag für jeden Arbeiter. + + 4. Die politische Freiheit ist die unentbehrliche Vorbedingung zur + ökonomischen Befreiung der arbeitenden Klassen. Die soziale Frage ist + mithin untrennbar von der politischen, ihre Lösung durch diese bedingt + und nur möglich im demokratischen Staat. + + 5. In Erwägung, daß die politische und ökonomische Befreiung der + Arbeiterklasse nur möglich ist, wenn diese gemeinsam und einheitlich + den Kampf führt, gibt sich die sozialdemokratische Arbeiterpartei eine + einheitliche Organisation, welche es aber auch jedem einzelnen + ermöglicht, seinen Einfluß für das Wohl der Gesamtheit geltend zu + machen. + + 6. In Erwägung, daß die Befreiung der Arbeit weder eine lokale noch + nationale, sondern eine soziale Aufgabe ist, welche alle Länder, in + denen es moderne Gesellschaft gibt, umfaßt, betrachtet sich die + sozialdemokratische Arbeiterpartei, soweit es die Vereinsgesetze + gestatten, als Zweig der Internationalen Arbeiterassoziation, sich + deren Bestrebungen anschließend. + + III. Als die nächsten Forderungen in der Agitation der + sozialdemokratischen Arbeiterpartei sind geltend zu machen: + + 1. Erteilung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen + Wahlrechtes an alle Männer vom 20. Lebensjahr an zur Wahl für das + Parlament, die Landtage der Einzelstaaten, die Provinzial- und + Gemeindevertretungen wie alle übrigen Vertretungskörper. Den gewählten + Vertretern sind genügende Diäten zu gewähren. + + 2. Einführung der direkten Gesetzgebung (das heißt Vorschlags- und + Verwerfungsrecht) durch das Volk. + + 3. Aufhebung aller Vorrechte des Standes, des Besitzes, der Geburt und + Konfession. + + 4. Errichtung der Volkswehr an Stelle der stehenden Heere. + + 5. Trennung der Kirche vom Staat und Trennung der Schule von der + Kirche. + + 6. Obligatorischer Unterricht in Volksschulen und unentgeltlicher + Unterricht in allen öffentlichen Bildungsanstalten. + + 7. Unabhängigkeit der Gerichte, Einführung der Geschworenen- und + Fachgewerbegerichte, Einführung des öffentlichen und mündlichen + Gerichtsverfahrens und unentgeltliche Rechtspflege. + + 8. Abschaffung aller Preß-, Vereins- und Koalitionsgesetze; Einführung + des Normalarbeitstags; Einschränkung der Frauen- und Verbot der + Kinderarbeit. + + 9. Abschaffung aller indirekten Steuern und Einführung einer einzigen + direkten progressiven Einkommensteuer und Erbschaftssteuer. + + 10. Staatliche Förderung des Genossenschaftswesens und Staatskredit + für freie Produktivgenossenschaften unter demokratischen Garantien. + + IV. Jedes Mitglied der Partei hat einen monatlichen Beitrag von 1 + Groschen (3-1/2 Kreuzer süddeutsch, 5 Kreuzer österreichisch, 12 + Centimes) für Parteizwecke zu entrichten. Die Parteigenossen, welche + auf das Parteiorgan abonnieren und dies glaubhaft nachweisen, sind + während der Dauer des Abonnements ihrer Beitragspflicht enthoben. + Sache des Ausschusses ist es, einzelnen Orten den Beitrag zu + ermäßigen. + + V. Der Beitrag ist monatlich franko an den Parteiausschuß abzuliefern. + + VI. Wer drei Monate lang seine Pflichten gegen die Partei nicht + erfüllt, wird als Parteimitglied nicht mehr betrachtet. + + VII. Mindestens einmal im Jahre findet ein Parteikongreß statt, auf + dem über alle die Partei berührende Fragen beraten und beschlossen, + der Vorort der Partei sowie der Sitz der Kontrollkommission und der + Ort für den nächsten Parteikongreß bestimmt wird. — Die Entschädigung + für den Ausschuß respektive einzelne seiner Mitglieder setzt der + Kongreß fest. + + VIII. Außerordentliche Kongresse finden statt, wenn der Ausschuß oder + die Kontrollkommission mit absoluter Majorität dies beschließt oder + wenn ein Sechstel sämtlicher Parteimitglieder darauf anträgt. + + IX. Zu jedem Kongreß ist die vorläufige Tagesordnung mindestens sechs + Wochen vorher durch den Ausschuß im Parteiorgan bekanntzumachen. Die + innerhalb der nächsten zehn Tage nach erfolgter Bekanntmachung von + seiten der Parteigenossen einlaufenden Anträge sind alsdann mindestens + vierzehn Tage vor dem Kongreß als definitive Tagesordnung zu + veröffentlichen. Auf dem Kongreß gestellte selbständige Anträge kommen + nur dann zur Verhandlung, wenn sich mindestens ein Drittel der + Delegierten dafür erklärt. + + X. Jeder Delegierte hat eine Stimme. Die Parteimitglieder, welche sich + an einem Orte an den Wahlen der Delegierten beteiligen, dürfen nicht + mehr als fünf stimmberechtigte Abgeordnete zum Kongreß senden. + Parteimitglieder, welche nicht Delegierte sind, haben nur beratende + Stimme. + + XI. Spätestens drei Wochen nach dem Kongreß muß das Kongreßprotokoll + allen Mitgliedern zum Kostenpreise zugänglich gemacht werden. Alle + Kongreßbeschlüsse, welche eine Abänderung des Statuts, die Grundsätze + und die politische Stellung der Partei oder die Besteuerung derselben + betreffen, müssen innerhalb sechs Wochen nach dem Kongreß der + Urabstimmung aller Parteimitglieder unterbreitet werden. Einfache + Majorität der Abstimmenden entscheidet. Das Resultat der Abstimmung + wird im Parteiorgan veröffentlicht. + + XII. Die Leitung der Parteigeschäfte ist einem Ausschuß von fünf + Personen, als einem Vorsitzenden und dessen Stellvertreter, einem + Schriftführer, einem Kassierer, der eine entsprechende Kaution zu + leisten hat, und einem Beisitzer übertragen. Sämtliche + Ausschußmitglieder müssen an _einem_ Orte oder in dessen einmeiligem + Umkreis wohnhaft sein und werden von den am Vorort der Partei + wohnhaften Parteimitgliedern in besonderen Wahlgängen durch + Stimmzettel mit absoluter Majorität gewählt. Weder ein Mitglied der + Redaktion noch der Expedition des Parteiorgans darf im Ausschuß sein. + Treten im Laufe des Jahres im Ausschuß Vakanzen ein, so hat der + Vorort — mit Ausnahme des in § VII erwähnten Falles — nach demselben + Wahlmodus die Ergänzungswahlen vorzunehmen. + + XIII. Der Ausschuß muß innerhalb vierzehn Tagen nach stattgehabtem + Kongreß gewählt sein; bis zu dieser Wahl verbleibt dem bisherigen + Ausschuß, falls der Kongreß nicht anders verfügt, die + Geschäftsführung. + + XIV. Der Ausschuß faßt alle Beschlüsse gemeinsam und ist nur dann + beschlußfähig, wenn in einer ordentlich einberufenen Sitzung + wenigstens drei Mitglieder anwesend sind; derselbe gibt sich, soweit + nicht der Kongreß darüber bestimmt, selbst eine Geschäftsordnung. + + Der Ausschuß ist dem Parteikongreß für alle seine Handlungen + verantwortlich. + + XV. Um Eigenmächtigkeiten des Ausschusses möglichst zu vermeiden, + konstituiert die Partei eine Kontrollkommission von elf Personen, an + die alle von dem Ausschuß unberücksichtigt gelassenen Beschwerden zu + richten sind, und die zugleich die Geschäftsführung des Ausschusses zu + kontrollieren hat. + + XVI. Die Kontrollkommission wählen die Parteimitglieder desjenigen + Ortes und seines einmeiligen Umkreises, welcher von dem Parteikongreß + als Sitz der Kontrollkommission bestimmt worden ist. Die Wahl erfolgt + durch Stimmzettel und hat spätestens vierzehn Tage nach dem Kongreß + stattzufinden. + + XVII. Die Kontrollkommission ist verpflichtet, die Geschäftsführung, + Akten, Bücher, Kasse usw. des Ausschusses mindestens einmal + vierteljährlich zu prüfen und zu untersuchen, und ist berechtigt, + falls sie begründete Ursache hat und der Ausschuß die Abhilfe der + Unregelmäßigkeiten verweigert, einzelne Mitglieder wie den gesamten + Ausschuß zu suspendieren sowie die nötigen Schritte für provisorische + Weiterführung der Geschäfte zu tun. Es müssen solche Beschlüsse mit + Zweidrittelmajorität der Kontrollkommission gefaßt werden und ist, + wenn mehr als die Hälfte der Ausschußmitglieder suspendiert wird, + innerhalb vier Wochen ein Parteikongreß einzuberufen, der endgültig in + der Sache entscheidet. + + XVIII. Die Partei gründet eine Zeitung als Organ unter dem Namen „Der + Volksstaat“, Organ der sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Das Organ + erscheint in Leipzig und ist Eigentum der Partei. Personen und Gehalt + des Redaktions- und Expeditionspersonals, des Druckers, Preis des + Blattes wird durch den Ausschuß bestimmt. Streitigkeiten hierüber + entscheidet die Kontrollkommission, in letzter Instanz der + Parteikongreß. Die Haltung des Blattes ist streng dem Parteiprogramm + anzupassen. Einsendungen von Parteigenossen, welche demselben + entsprechen, sind — soweit der Raum des Blattes + ausreicht — unentgeltlich aufzunehmen. Beschwerden über Nichtaufnahme + oder tendenziöse Färbung der Einsendungen sind bei dem Ausschuß, in + zweiter Instanz bei der Kontrollkommission anzubringen, welcher die + endgültige Entscheidung zusteht. + + XIX. Die Parteimitglieder verpflichten sich, überall auf Grund des + Parteiprogramms die Gründung sozialdemokratischer Arbeitervereine in + die Hand zu nehmen. + +Im Laufe der Verhandlungen teilte ich mit, daß mir aus dem +Revolutionsfonds in Zürich von den Verwaltern desselben, Dr. Ladendorf +und Genossen, 900 Taler zur Agitation bewilligt worden seien. Das sei +die Geldquelle, die Tölcke und Genossen soviel Schmerzen verursachte, +und die sie dem Hitzinger, dem König von Hannover, zuschrieben. + +Zum Parteiorgan wurde das „Demokratische Wochenblatt“ bestimmt, das +nunmehr vom 1. Oktober ab wöchentlich zweimal unter dem Titel „Der +Volksstaat“, Organ der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und der +internationalen Gewerkschaftsgenossenschaften, erschien. Als Sitz des +Ausschusses wurde _Braunschweig-Wolfenbüttel_, als Sitz der +Kontrollkommission _Wien_ gewählt. Man hatte anfangs die Absicht, +Leipzig zum Sitze des Ausschusses zu bestimmen. Ich riet entschieden ab. +Unsere Propaganda im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein sei weit +leichter, wenn ein Ort wie Braunschweig Sitz der Parteileitung werde, +woselbst ausschließlich frühere Mitglieder des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins in Frage kämen. Unser Einfluß in der neuen Partei bleibe +uns gesichert, wir würden uns mit dem Ausschuß zu stellen wissen. So +geschah es. Als nächster Kongreßort wurde Stuttgart bestimmt. Die +Vertretung auf dem Kongreß der Internationale, der Anfang September in +Basel stattfand, wurde Liebknecht übertragen, dem sich später +Spier-Wolfenbüttel als Delegierter des Ausschusses anschloß. + +Der glänzende Verlauf des Kongresses hatte im Schweitzerschen Lager +einen sehr unangenehmen Eindruck erzeugt. Nachdem wir die nach Eisenach +entsandten Delegierten Schweitzers von unserem Kongreß ausgeschlossen +hatten, tagten diese im „Schiff“, woselbst sie eine Reihe Resolutionen +gegen uns faßten. So lautete eine derselben, die sich gegen Liebknecht +und mich persönlich richtete: „In Erwägung der gehörten Tatsachen +beschließt der Kongreß, daß die Herren Liebknecht und Bebel unwürdig +sind, daß der Kongreß sich weiter mit ihnen befaßt.“ Tölcke +veröffentlichte im „Sozialdemokrat“ vom 15. August einen „Aufruf an die +Parteigenossen“, der mit den Worten begann: „Der Kongreß zu Eisenach ist +vorüber. Mit Stolz und mit voller Zuversicht auf die Zukunft der Partei +können wir auf den Verlauf und das Resultat desselben zurückblicken.“ + + * * * * * + +Nach dem Schlusse des Kongresses hielt der Verband der deutschen +Arbeitervereine seinen Vereinstag ab. Zum Vorsitzenden wurde ich, +Bürger-Göppingen zum Stellvertreter, Motteler zum Schriftführer gewählt. +Crimmitschau erhielt den Auftrag, die Geschäftsführung des Vorortes zu +prüfen und im Parteiorgan Bericht zu erstatten. Aus dem von mir +erstatteten Bericht ging hervor, daß infolge der Spaltung in Nürnberg +der Verband auf 72 Vereine gesunken war, daß im Laufe des Jahres weitere +5 ausschieden, aber 42 Vereine sich neu anschlossen, so daß schließlich +zum Verband 109 Vereine mit rund 10000 Mitgliedern gehörten. Die +Einnahmen betrugen 470 Taler, die Ausgaben 457 Taler, der +Revolutionsfonds hatte 934 Taler gesteuert, von denen 800 Taler für +Unterstützung des „Demokratischen Wochenblatts“ und für Agitation +ausgegeben worden waren. Alsdann beschloß die Versammlung einstimmig die +Auslösung des Verbandes nach sechsjährigem Bestehen und Anschluß an die +Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Der vorhandene Kassenbestand wurde +der letzteren überwiesen, das vorhandene Inventar (Akten, Briefe, +Protokolle) wurde mir zur Aufbewahrung überlassen. Nach einem warmen +Danke an den Vorortsvorstand für dessen Mühewaltung trennte man sich mit +dem Wunsche auf Wiedersehen in Stuttgart. + + + + +Nach Eisenach. + + +Wie man sich leicht vorstellen kann, entbrannte nunmehr heftiger als je +der Kampf zwischen den beiden sozialistischen Fraktionen. Erklärungen +flogen herüber und hinüber, und die Szenen, die sich in zahlreichen +Versammlungen abspielten, spotteten jeder Beschreibung. Insbesondere +waren es die Gewerkschaften, die unter der gegenseitigen Zerfleischung +schwer litten. So kam zum Beispiel in der Metallarbeiterschaft die Wahl +eines Präsidenten nicht zustande, weil eine vollständige Zersplitterung +der Stimmen eintrat, außerdem wurde die Wahl nur bei 23 Abstimmungen +anerkannt, bei 17 wurde sie verworfen. + +Von jetzt ab schlug der „Sozialdemokrat“ einen Ton an, wie er bisher nur +selten vorkam, und fälschte Tatsachen und Berichte in einer Weise, daß +die Leser derselben ein vollständig falsches Bild von der Bewegung auf +unserer Seite bekommen mußten. + +Am 10. September verließ Schweitzer das Gefängnis. Am 12. September +kündigte er in einem längeren Ausruf eine Rundreise durch Deutschland +an, wobei er hinter verschlossenen Türen vor seinen Anhängern erschien, +„um überall Ordnung und strenges Recht zu schaffen“.... „Fürchten werden +meine Gegenwart,“ hieß es in dem Ausruf, „alle diejenigen, welche sich +einer bösen Absicht oder einer Verletzung der Arbeitersache schuldig +wissen; mit Freuden begrüßen werden mich diejenigen, welche als +Bevollmächtigte, Agitatoren oder in sonstiger Eigenschaft treu zur Fahne +gehalten haben.“ + +Glaubt man nicht einen gewissen Jesu zu hören, der ein Gericht über die +Guten und die Bösen ankündigt, wobei die Böcke von den Schafen gesondert +werden sollen? + +Auf dieser Tour beobachtete Schweitzer die alte Taktik, daß überall, wo +er über die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen interpelliert wurde, er +entweder schwieg oder mit spöttischen Bemerkungen darüber hinwegging. + +Dem „Volksstaat“ gegenüber nahm er dieselbe Taktik ein wie gegenüber dem +„Demokratischen Wochenblatt“. Niemals wurde der Name des „Volksstaat“ +genannt, und von der Partei sprach er nicht anders als von der +Eisenacher Volkspartei. + +In Augsburg, wohin er ebenfalls auf seiner Rundreise kam, verlangte er +von den dortigen Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +das Eingehen des von ihnen gegründeten Wochenblatts „Der Proletarier“. +Als diese sich weigerten, seinem Verlangen nachzukommen, drohte er, daß +er alles aufbieten werde, das Blatt zugrunde zu richten, sollte darüber +die Bewegung in Bayern um fünf Jahre zurückgeworfen werden. Ein kleines +Blättchen, „Der Agitator“, den Schweitzer dann zu Neujahr 1871 ins Leben +rief, das vierteljährlich nur 15 Pfennig kostete, sollte in erster Linie +bestimmt sein, massenhaft in Bayern verbreitet zu werden, um dort die +obstinaten Elemente im Zaume zu halten. + +Von seiner Rundreise zurückgekehrt, erklärte er, „daß die Partei niemals +stärker, niemals einiger und zahlreicher gewesen sei als in diesem +Augenblick“. Die Unwahrheit dieser Behauptung wurde dadurch bewiesen, +daß zwischen ihm und Mende-Hatzfeldt von neuem der Zank ausbrach. Mende +berief eine Generalversammlung nach Halle, die sich gegen Schweitzer +erklärte, und veröffentlichte eine Broschüre, in der er Schweitzer aller +möglichen Schandtaten zieh. Daß es so kommen würde, war vorauszusehen. +Während aber Schweitzer ankündigte, daß mit dem 1. Januar 1870 der +„Sozialdemokrat“ in vergrößertem Format erscheinen werde — es waren die +Anstrengungen eines Schwindsüchtigen, der sich den Anschein von Kraft +gibt —, mußte Mende ankündigen, daß, falls nicht bis zum 15. Januar für +sein Organ, die „Freie Zeitung“, 1000 neue Abonnenten herbeigeschafft +würden, er dasselbe werde eingehen lassen. Die größere Macht war also +auf Schweitzers Seite. Die Generalversammlung seines Vereins berief +Schweitzer auf den 5. Januar 1870 und die folgenden Tage nach Berlin. + +Vorher, am 7. November, war es in Berlin zu einer großen +Auseinandersetzung zwischen der Fortschrittspartei und den Lassalleanern +gekommen. Der Abgeordnete Professor Virchow hatte im preußischen +Abgeordnetenhaus einen Abrüstungsantrag gestellt, der nachher von der +Mehrheit des Abgeordnetenhauses verworfen worden war. Die +Fortschrittspartei wollte diesen Antrag durch das moralische Gewicht +einer Volksversammlung unterstützen lassen, die auf den erwähnten Tag +einberufen worden war. Eine Verhandlung wurde aber unmöglich gemacht +durch die Lassalleaner, die massenhaft erschienen waren und den Vorsitz +in der Versammlung beanspruchten. Als nun ein großer Tumult ausbrach, +schloß der Abgeordnete Löwe-Galbe die Versammlung. Darauf eröffnete +Tölcke sofort dieselbe aufs neue. Er hatte in der Voraussicht, daß die +fortschrittliche Versammlung gesprengt werde, eine zweite Versammlung in +dasselbe Lokal polizeilich angemeldet, und die Polizei hatte diese +gleichzeitige doppelte Anmeldung zu einer Versammlung in ein und +dasselbe Lokal angenommen. Wider alle bisherige Gepflogenheit waren auch +die Versammlungen polizeilich nicht überwacht. Tölcke präsidierte, +Schweitzer sprach. In der vorgeschlagenen Resolution war kein Wort gegen +die Regierung enthalten, dagegen wurde die Fortschrittspartei als +Gegnerin des allgemeinen, gleichen Wahlrechts und Gegnerin des +Normalarbeitstags verurteilt und die Abschaffung der stehenden Heere und +die Einführung der Volkswehr, gegründet auf militärische +Jugenderziehung, verlangt. + +Schweitzer suchte also wieder einmal den Standpunkt vergessen zu machen, +den er in Militärfragen vorher wiederholt eingenommen hatte. + +Nebenbei bemerkt: In der sächsischen Zweiten Kammer wurde um jene Zeit +ein Abrüstungsantrag mit 55 gegen 21 Stimmen angenommen. + +Auf dem am 9. September begonnenen _Internationalen Arbeiterkongreß in +Basel_ bildete den Hauptpunkt der Verhandlungen die Haltung der +Sozialisten zur Grund- und Bodenfrage. Die Debatte hierüber füllte +mehrere Sitzungen. Schließlich stimmten von 75 Delegierten 54, darunter +Liebknecht und Spier, für folgende Resolution: + + „Der Kongreß erklärt, daß die Gesellschaft das Recht hat, das + individuelle Eigentum an Grund und Boden abzuschaffen und _den Grund + und Boden in Gemeineigentum zu verwandeln_.“ + +Ebenso stimmten die beiden dem zweiten Teil der Resolution zu, der +lautete: + + „Der Kongreß erklärt auch, daß es _notwendig_ ist, den Grund und Boden + zum Kollektiveigentum zu machen.“ + +Diese Beschlüsse riefen in Deutschland großes Aufsehen hervor, +insbesondere fiel die volksparteilich-demokratische Presse über diese +Beschlüsse her, die sie als eine Ungeheuerlichkeit bezeichnete. Statt +daß nun Liebknecht den Beschluß des Kongresses gegen die Angriffe +verteidigte, erklärte er in der letzten Nummer des „Demokratischen +Wochenblatts“, die erschien: + + „Man hat gefragt: Welche Stellung nimmt die Sozialdemokratische + Arbeiterpartei zu dem Beschluß über das Grundeigentum? + + Antwort: Gar keine! Jedes einzelne Parteimitglied kann und soll + Stellung nehmen, der Partei als solcher steht das nicht zu, weil sie + nach keiner Seite an den Beschluß gebunden ist — ebensowenig _wie die + Internationale Arbeiterassoziation selbst_.“ + +Dieses salomonische Urteil wurde in der Partei mit sehr gemischten +Gefühlen aufgenommen. Es brachte der Partei keine Verbesserung, sondern +eine Verschlimmerung ihrer Lage, denn nunmehr nutzte Schweitzer die +Situation aus, indem er triumphierend auf die Halbheit der Eisenacher +hinwies, die in einer Haupt- und Kardinalfrage des Sozialismus versagten +und von Rücksichten auf die Bourgeois in ihren Reihen sich bestimmen +ließen; das sei der beste Beweis, daß wir keine sozialdemokratische +Partei seien. Unsere Stellung als Partei zu dem Baseler Beschluß wurde +nicht klarer, als es in Nr. 4 des mittlerweile erschienenen +„_Volksstaat_“ auf einmal hieß: „Ueber die Zweckmäßigkeit oder +Unzweckmäßigkeit des Baseler Beschlusses, betreffend das Grundeigentum, +mögen innerhalb unserer Partei verschiedene Meinungen obwalten. _Nachdem +er aber einmal gefaßt ist, kann die Partei als solche ihn nicht +verleugnen, ohne ihre Grundprinzipien zu verleugnen._“ Diese Erklärung +war korrekter als die erste, sie stand aber im _Widerspruch_ zu jener. +Es war deshalb notwendig, daß die Partei klare Stellung nahm, und so +schlug ich vor, die Frage auf dem nächstjährigen Parteikongreß zu +erörtern, ein Vorschlag, dem auch der Ausschuß zustimmte. Und da ich für +Anfang November eine große Agitationsreise nach Süddeutschland geplant +hatte, nahm ich mir vor, den Baseler Beschluß zu verteidigen, wo die +Gelegenheit dieses notwendig mache. Ich trat meine Reise am 8. November +an und beendete sie am 28. Ich hielt in dieser Zeit achtzehn +Volksversammlungen und an zwei Orten, Erlangen und München, private +Besprechungen ab. Ich besuchte nacheinander: Koburg, Bamberg, Nürnberg, +Fürth, Erlangen, Regensburg, München, Augsburg, Ravensburg, Tuttlingen, +Reutlingen, Metzingen, Stuttgart, Eßlingen, Göppingen, Aalen, +Heidenheim, Giengen, Schwäbisch Hall und Heilbronn. Opposition fand ich +in nur vier Versammlungen. Der Erfolg war in allen Versammlungen ein +sehr zufriedenstellender. + +In Stuttgart, woselbst in der Versammlung der ganze Stab der Volkspartei +und der Herausgeber der „Demokratischen Korrespondenz“, Julius Freese, +anwesend waren, kam es zwischen mir und dem Mitglied der Volkspartei +Hausmeister zu prinzipiellen Auseinandersetzungen, bei denen +selbstverständlich mein Gegner den kürzeren zog. Den Abend vorher hatte +ich in einer geselligen Zusammenkunft, bei welcher der damalige Führer +der Volkspartei, Karl Maier, mich fragte, wie die Partei zu dem Baseler +Beschluß stehe, erklärt: Die Partei werde auf dem nächsten Kongreß in +Stuttgart Stellung nehmen und zweifellos sich im Sinne der Baseler +Beschlüsse aussprechen. Tröstend hatte ich hinzugesetzt: Aber man +brauche deshalb nicht aus der Haut zu fahren, denn die Ausführung des +Beschlusses sei doch erst möglich, wenn die öffentliche Meinung dafür +gewonnen sei. Mit dieser Verzuckerung schluckte man die Pille. In der +Versammlung am nächsten Tage trat mir auch der Lassalleaner Leickhardt +entgegen, der mich wegen unserer Stellung zu Schweitzer interpellierte, +worauf ich gründlich antwortete. Alles in allem hatte ich an drei +Stunden sprechen müssen. + +Freese und einem größeren Teil der Volkspartei waren aber meine +Auseinandersetzungen in die Glieder gefahren, und so sah Freese sich +veranlaßt, in vier Artikeln in der „Demokratischen Korrespondenz“ gegen +mich zu polemisieren. Ich beantwortete dieselben durch eine Reihe +Artikel im „Volksstaat“, die zusammengestellt als Broschüre unter dem +Titel „Unsere Ziele“ bis heute erschienen sind. In diesen Aufsätzen +verteidigte ich natürlich auch den Baseler Beschluß. Freese, dem, wie +wohl allen Schwelgern (Sybariten), es keine allzu großen +Gewissensskrupel bereitete, seine Grundsätze zu opfern, sobald er seine +lebemännischen Bedürfnisse durch die Vertretung seiner Grundsätze nicht +mehr befriedigen konnte, ging später in die Dienste des österreichischen +Reichskanzlers, des Herrn v. Beust. + +Nach meiner Rückkehr aus Süddeutschland trat ich meine mittlerweile +rechtskräftig gewordene dreiwöchige Gefängnisstrafe an, die, wie schon +erwähnt, Liebknecht und mir wegen Verbreitung staatsgefährlicher Lehren +aus Anlaß der Adresse „An das spanische Volk“ zuerkannt worden war. + + * * * * * + +Wir mußten nunmehr dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gegenüber +große Anstrengungen machen, um neue Mitglieder zu gewinnen. Was immer an +Kräften und Mitteln aufgebracht werden konnte, wurde für diesen Zweck +benützt. In erster Linie kam hier York als Agitator in Frage. Der Erfolg +seiner Reisen war nicht immer ein zufriedenstellender. So klagte er mir +Ende 1869 über die Erfolglosigkeit einer Agitationsreise, die er nach +dem Rheinland unternommen hatte. Er war darüber in recht pessimistischer +Stimmung. Agitator zu sein, schrieb er mir, sei eine traurige Existenz, +was um so richtiger war, als die finanzielle Entschädigung, die der +Agitator zu jener Zeit erhielt, eine geradezu erbärmliche genannt +werden mußte. Er denke wieder daran, als Arbeiter bei einem Meister +Stellung zu nehmen. York war Tischler. Hätte er keine Familie, läge die +Sache anders, allein könnte er sich durchschlagen. Indes war sein +Opfermut und seine Hingabe an die Sache doch zu groß, als daß er die +Drohung ausgeführt hätte. + +Liebknecht und ich benutzten unsere Anwesenheit während des Reichstags +in Berlin, um dort immer mehr Anhänger zu gewinnen. Wir sprachen +namentlich öfter in einer Reihe Branchenversammlungen mit bestem Erfolg. + +Eine beständige Klage des Braunschweiger Ausschusses war der schlechte +Eingang der Mitgliederbeiträge. Diese Klage war vollauf berechtigt. An +eine regelmäßige monatliche Zahlung an den Ausschuß nach Braunschweig +gewöhnten sich namentlich schwer die ehemaligen Mitglieder des +Arbeitervereinsverbandes, die das Hauptgewicht auf die Verwendung ihrer +Mittel für die lokalen Bedürfnisse zu legen gewohnt waren. + +Zwischen dem Ausschuß in Braunschweig und uns in Leipzig entwickelte +sich ein außerordentlich lebhafter Briefverkehr, in den auch August Geib +in Hamburg, der dort als Buchhändler etabliert war, hereingezogen wurde, +als die Kontrollkommission durch Beschluß des Stuttgarter Kongresses von +Wien nach Hamburg verlegt worden war. Lebhafte Beschwerde führten Bracke +und der Ausschuß über die Redaktion des „Volksstaat“, die zu viel +Politik und zu wenig Sozialismus bringe. Eine Beschwerde, die vielfach +in der Partei laut wurde. + +Sehr aufgebracht war ich darüber, daß wir in der Person Rüdts, der seine +Universitätsstudien unterbrochen hatte und in die Partei als Agitator +eingetreten war, durch den Beschluß des Eisenacher Kongresses einen +Redakteur erhalten hatten, der seine Pflichten stark vernachlässigte, +aber mit dem Honorar, das freilich nicht hoch war, beständig im Vorschuß +sich befand. Das ging gegen meine Auffassung von Leistung und +Gegenleistung. Ich habe es allezeit, und zwar bis auf den heutigen Tag, +als schlimmste Schädigung der Partei und als eine unverzeihliche +Gewissenlosigkeit angesehen, die in einer Arbeiterpartei doppelt gerügt +werden müsse, wenn Personen ein Amt übernehmen, aber vergessen, die +damit übernommenen Pflichten gewissenhaft zu erfüllen, das Gehalt +einstreichen, aber nicht entsprechend dafür leisten. Ein Sozialdemokrat, +der eine Brotstellung in der Partei annimmt, hat damit nach meiner +Auffassung eine Art Ideal erreicht. Er kann nach seiner Ueberzeugung +tätig sein, er hat Maßregelung nicht zu fürchten und findet die volle +Anerkennung seiner Parteigenossen, wenn er seine Schuldigkeit tut. + +Als ich eines Tages mich bei Bracke bitter über Rüdt beschwerte — der +betreffende Brief spielte nachher im Leipziger Hochverratsprozeß eine +Rolle und ist im Bericht darüber abgedruckt —, antwortete mir Bracke +unter dem 17. Oktober: + + „Rüdt ist nicht schlecht, wenigstens glaube ich es nicht. Ich habe + einen intimen Freund, der ebenso ist wie Rüdt, und er ist ein braver + Kerl. Diese Art Menschen sind das Gegenteil eines Philisters, aber in + ihrer Einseitigkeit verfahren sie sich oft, bis sie durch längere, + meist bittere Erfahrungen klug werden. Je weniger ich selbst solchem + Charakter ähnele (ich komme mir oft selbst wie ein Philister vor, wenn + ich meinen ‚Lebenswandel‘ betrachte), um so mehr liebe ich diesen + Charakter bei anderen. Ich will allerdings gestehen, daß ich Rüdt zu + wenig kenne, um behaupten zu können, er sei so wie mein Freund. Aber + ich vermute es. Hast Du die Biographie von Lessing gelesen? Was war + der eine längere Zeit leichtsinnig! Ich habe oft Sehnsucht, auch + einmal leichtsinnig zu sein, aber werde es wohl schwerlich werden. Die + Verhältnisse fesseln mich an mein arbeitsames, ernstes, ja + philiströses Dasein! Von Natur heiteren Temperamentes, bin ich es in + Wirklichkeit so selten.“ + +Ich weiß heute nicht mehr, was ich Bracke auf diesen Brief antwortete, +aber eine Zustimmung zu seinem Urteil über Rüdt war die Antwort sicher +nicht. + +Bracke, der einer wohlhabenden Familie angehörte und aus dem höchsten +Idealismus sich der Partei der Enterbten angeschlossen hatte, war damals +in großen Nöten. Er hatte sich durch Fritzsche bestimmen lassen, für die +Produktivgenossenschaft der Tabak- und Zigarrenarbeiter Bürgschaften zu +übernehmen, und kam nach dem Konkurs der Genossenschaft in die höchst +fatale Lage, sehr erhebliche Summen bezahlen zu müssen. Bracke klagte +mir in zahlreichen Briefen sein Leid, wie wir denn beide kurz nach +unserer Bekanntschaft uns eng aneinandergeschlossen und keine +Geheimnisse voreinander hatten. Der Aermste hat viele Jahre zu kämpfen +gehabt, um aus den Verlegenheiten herauszukommen, in die er sich durch +seine Gutherzigkeit und Opferwilligkeit gestürzt hatte. Als ihn der Tod +ereilte — er starb allzu jung im Jahre 1879, kaum 38 Jahre alt —, wurde +sein Verlust in der ganzen Partei als ein unersetzlicher angesehen. + +Im Oktober 1869 war Karl Marx mehrere Wochen bei seinem Freunde Dr. +Kugelmann in Hannover auf Besuch. Bracke und Bonhorst, der Sekretär des +Ausschusses, fuhren hinüber nach Hannover, um Marx kennen zu lernen und +zu begrüßen. Bracke war von der Begegnung mit Marx aufs höchste +entzückt; er sei, schrieb er mir, „ein lieber Mensch“, sie hätten sich +beide sehr gut verständigt. Ich lernte Marx und zugleich auch Engels +persönlich erst 1880 in London kennen anläßlich eines „Kanossaganges“, +den ich mit Bernstein unternahm. Darüber später. + +Im Dezember 1869 spielte uns die österreichische Regierung einen +unangenehmen Streich; sie entzog dem „Volksstaat“ den Postdebit. Der +„Volksstaat“ stand damals so, daß er keinen Abonnenten entbehren konnte. +Der Akt war aber der beste Beweis, was es mit der Verleumdung des +„Sozialdemokrat“ auf sich hatte, Liebknecht stehe im Dienste der +österreichischen Regierung. + + * * * * * + +Gegen Ende des Jahres brach in Waldenburg in Schlesien ein großer +Bergarbeiterstreik aus, der größte Streik, den Deutschland bis dahin +gesehen hatte. Das Bemerkenswerteste an diesem war, daß er in einem +Gebiet und unter Arbeitern ausbrach, die, soweit sie organisiert waren, +den Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereinen angehörten, und zwar verlangten +die Bergherren den Austritt der Arbeiter aus dem Gewerkverein. Die Lehre +der Hirsch-Duncker von der Harmonie der Interessen zwischen Kapital und +Arbeit erhielt damit einen argen Stoß. Beide sozialdemokratische +Fraktionen traten energisch für die Bergarbeiter ein und unterstützten +sie. Ich wollte in Leipzig ein Plakat anschlagen lassen, in dem ich zu +Sammlungen für die Streikenden aufforderte, aber die Polizei verbot den +Anschlag des Plakats und die Sammlung, die die Genehmigung der Polizei +erfordere, weil auf Grund der Armenordnung von 1842 Sammlungen für +„Notleidende“ dieser Genehmigung bedürften. Ich appellierte wegen dieser +sonderbaren Auslegung der Armenordnung bis an das Ministerium, aber Herr +v. Nostitz-Wallwitz, der damals bereits Minister des Innern war, +billigte die Entscheidung der Leipziger Polizei. + +Mangels genügender Mittel ging der Waldenburger Streik verloren. + + * * * * * + +Im Frühjahr 1870 fiel mir eine Aufgabe zu, die zu erfüllen Pflicht eines +Fortschrittsmannes oder bürgerlichen Demokraten gewesen wäre. In Leipzig +starb Rechtsanwalt Tzschirner, der während des Dresdener Maiaufstandes +1849 mit Heubner und Tod Mitglied der provisorischen Regierung gewesen +war. Nach Niederwerfung des Aufstandes floh Tzschirner nach der Schweiz, +kehrte aber infolge der sächsischen Amnestie von 1865 als gebrochener +Mann nach Leipzig zurück. Er mußte unterstützt werden, und ich selbst +veranlagte eine Sammlung zu seinen Gunsten, deren Ertrag ich an +Tzschirners Parteigenossen Rechtsanwalt Schaffrat in Dresden gelangen +ließ. + +Als nun Tzschirner im Frühjahr 1870 in Leipzig starb, war kein einziger +seiner alten Parteigenossen, auch Schaffrat nicht, bereit, dem Manne die +Grabrede zu halten; man schämte oder scheute sich offenbar, öffentlich +als ehemaliger Parteigenosse des Revolutionärs zu erscheinen. So mußte +ich die Rede übernehmen, obgleich ich den Mann persönlich nicht gekannt +hatte und von seiner Tätigkeit nur vom Hörensagen wußte. Die deutsche +Demokratie hat frühzeitig aufgehört, Mannesmut zu zeigen. + + * * * * * + +Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins für +1870 begann am 5. Januar. Schweitzer war nicht in rosiger Stimmung. +Nachdem man ihn darüber interpelliert, ob er seinerzeit einen geheimen +Vertrag mit Mende bei der sogenannten Vereinigung abgeschlossen habe, +was er bestritt, stellte man ihn wegen der Kassenführung zur Rede. Er +habe Gelder des Vereins für den „Sozialdemokrat“ verwendet, wozu er kein +Recht habe, da das Blatt sein Privateigentum sei. Es wurde sogar ein +Beschluß herbeigeführt, wodurch ihm dieses ausdrücklich verboten wurde. +Schweitzer war durch diesen Beschluß und die an der Redaktion des +„Sozialdemokrat“ geübte Kritik sehr aufgebracht. Er antwortete: Was das +Vertrauen anlange, _so müsse er nach den in der Generalversammlung +gefallenen Aeußerungen annehmen, daß er das Vertrauen der +Generalversammlung nicht besitze_; jedenfalls habe er großenteils das +Vertrauen auf die Delegierten verloren.... Man scheine nicht zu wissen, +was der „Sozialdemokrat“ sei. _Nicht die Partei habe den +„Sozialdemokrat“ gemacht, sondern der „Sozialdemokrat“ die Partei._... +Zu verlangen, daß ein Redakteur für den Inhalt des Blattes eintreten +müsse, sei leicht, wenn man selbst den Rücken frei habe und nicht einmal +die Strafgelder bewilligte. Er habe es satt, sich in dieser Weise erst +mit den Vereinsgegnern und dann mit den Vereinsmitgliedern +herumzuärgern. Gegenüber dem Verlangen, daß in Geldangelegenheiten der +Vorstand beschließen solle und nicht wie bisher der Präsident, erklärte +er, dann sei es gleich besser, einen Ausschuß zu wählen, aber keinen +Präsidenten. Die Generalversammlung nahm alsdann eine genaue Prüfung der +Kassenausgaben vor. Ein Antrag: Die Generalversammlung erklärt sich mit +der diesjährigen Kassenabrechnung vollständig zufrieden und weist alle +Angriffe der Gegner unserer Partei als ungerechtfertigt zurück und +spricht den Wunsch aus, daß die Kassenangelegenheit für alle Zeiten so +bleiben möge, wurde mit 5097 gegen 3409 Stimmen angenommen. + +Eine Aeußerung Schweitzers, daß es die Aristokratie des Vereins sei, die +Agitatoren und Delegierten, von denen immer die Wirren im Verein +ausgingen, führte zu gereizten Auseinandersetzungen. Ein Antrag +Richter-Wandsbeck, dem Präsidenten die _Mißbilligung_ auszusprechen, +weil er auf Antrag von Hamburger Mitgliedern wider alles Recht die +Mitglieder, die gleichzeitig dem Allgemeinen Tabak- und +Zigarrenarbeiterverein angehörten, bis zur Berliner Generalversammlung +ihrer Mitgliedsrechte für verlustig erklärt hatte, wurde mit 24 gegen 12 +Stimmen bei zwei Enthaltungen abgelehnt. Diese Vorgänge ließen es +Schweitzer wieder einmal geraten erscheinen, den radikalen Demokraten +hervorzukehren. Am 9. Januar fand eine von 2000 Personen besuchte +öffentliche Sitzung statt, in der das Thema „Der Militarismus“ auf der +Tagesordnung stand. Hatte Schweitzer am 17. Oktober 1867 im deutschen +Reichstag sich für die Militärgesetzvorlage einschreiben lassen und +hatte er damals in seiner Rede ausgeführt, daß es ihm fernliege, jene +Eigenschaften an Preußen leugnen und bemäkeln zu wollen, welche im +vorigen Jahre eine feindliche Welt bewundernd anerkennen mußte, so ließ +er jetzt folgende Resolution zur Annahme vorschlagen: + + „Die Generalversammlung erklärt: Die stehenden Heere sind die + Hauptstützen der heutigen reaktionären Regierungen und zugleich der + gesellschaftlichen Ausbeutung; das demokratische Prinzip verlangt, daß + überall an Stelle der stehenden Heere die allgemeine Volksbewaffnung + trete.“ + +Also ganz wie in unserem ehemaligen Chemnitzer und jetzt im Eisenacher +Programm. Nach längerer Debatte, an der Schweitzer sich nicht +beteiligte, wurde die Resolution einstimmig angenommen. Im weiteren +erklärte sich die Generalversammlung für den Uebergang des Grund und +Bodens in Gemeineigentum der Gesellschaft. Mit einer sehr radikalen Rede +schloß Schweitzer diese Sitzung. + +Im weiteren Verlauf der Verhandlungen wurde ein Antrag, den +„Sozialdemokrat“ als Parteieigentum zu erwerben, mit 6492 gegen 2585 +Stimmen abgelehnt. Schweitzer hatte im Laufe der Debatte geäußert: Der +„Sozialdemokrat“ habe während der sieben Jahre seines Bestehens enorme +Summen verschlungen _und erfordere auch jetzt noch Opfer_. Woher diese +enormen Summen kamen, erfuhr man nicht. Er sei bereit, das +Eigentumsrecht abzutreten, wenn die Partei einen geringen Teil der auf +das Blatt verwendeten Summen zurückzahle. Ein Redner äußerte die +Besorgnis, Schweitzer werde ein neues Blatt gründen, falls es zu +Differenzen komme. Die Mehrheit sah nach dieser Erklärung die Uebernahme +des Blattes als ein Danaergeschenk an. Schweitzer teilte weiter mit, daß +vom 1. Januar ab Hasenclever neben Hasselmann in die Redaktion +eingetreten sei. Eine ganze Reihe Mitgliedschaften beantragte +ausführliche und _wahrheitsgemäße_ Abfassung der Protokolle der +Generalversammlungen. + +Eine längere und heftige Debatte entspann sich über verschiedene +Anträge; zum Beispiel der Präsident solle, wie es im Statut stehe, durch +die Generalversammlung gewählt werden, wohingegen namentlich Schweitzer +mit aller Entschiedenheit für die Wahl durch „das Volk“ eintrat, das er +durch sein Blatt in der Hand hatte. Er drang mit seiner Ansicht durch. +Das mehrfache Verlangen, die Redaktion durch eine Beschwerdekommission +zu kontrollieren, wurde durch den Beschluß erledigt, daß alle +Beschwerden über die Redaktion des Vereinsorgans an den Präsidenten zu +richten seien. Die oberste Kontrolle über die Wirksamkeit der Redaktion +und die des Präsidenten in seiner Eigenschaft als Kontrolleur habe der +Vorstand zu vollführen und könne derselbe etwa nötige Anordnungen +treffen. In der betreffenden Debatte äußerte Pfannkuch, daß durch die +bisherige Handhabung der Redaktion viele brave Mitglieder aus dem Verein +hinausgestoßen worden seien. + +Bei der Wahl zum Präsidenten, die am 12. Februar stattfand, wurde +Schweitzer wieder mit 4744 gegen 249 Stimmen gewählt, eine Stimmenzahl, +die man auch nicht als besonderes Vertrauensvotum gegenüber den 9000 +Mitgliedern, die auf der Berliner Generalversammlung vertreten waren, +ansehen kann. + + * * * * * + +Zu den drei vorhandenen sozialdemokratischen Organisationen trat Anfang +1870 eine vierte, die allerdings nur unbedeutend war und eine kurze +Lebensdauer hatte. Die hartnäckige Gegnerschaft, die Schweitzer dem in +Augsburg erscheinenden „Proletarier“ und seinen Hintermännern erwies, +erregte diese aufs äußerste. Und als nunmehr auch die Berliner +Generalversammlung sich gegen die Bayern erklärte, beschlossen diese +den Austritt aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und beriefen +auf Ende Januar einen sozialdemokratischen Kongreß nach Augsburg. An der +Spitze dieser Separatbildung standen Franz, Neff und Tauscher; alle drei +Schriftsetzer. Franz hat später eine vorzügliche Broschüre geschrieben: +„Herr Böhmert und seine Fälschungen der Wissenschaft. Von einem +Arbeiter. 1873.“ Franz starb vor wenig Jahren in Amerika. Neff starb +weit früher, Tauscher lebt noch heute als Parteigenosse in Stuttgart. +Von seiten des Braunschweiger Ausschusses wurde ich nach Augsburg +delegiert, um den Anschluß der bayerischen Genossen an unsere Partei +herbeizuführen und die Gründung einer vierten Fraktion zu verhüten. Auf +dem Kongreß waren nur neun Delegierte anwesend. Der Standpunkt, den ich +vertrat, war folgender: + + Die Bildung einer neuen Fraktion werde nur den Gegnern der + Arbeitersache nützen. Dieselben würden aufs neue über diese Spaltung + jubeln und darauf hinweisen, daß die Arbeiter zur Leitung ihrer + Angelegenheiten unfähig, als Partei ungefährlich seien, da sie trotz + aller prinzipiellen Uebereinstimmung sich nicht einigen könnten, + sondern rein formeller und persönlicher Bedenken wegen sich + gegenseitig zerfleischten. Ein weiterer zwingender Grund für die + Einigung sei die Verhütung der Zersplitterung der geistigen und + materiellen Kräfte der Arbeiter. An beiden litten die Arbeiter keinen + Ueberfluß. Je mehr Fraktionen, je mehr Verwaltungen müßten geschaffen + werden. Diese kosteten Geld, und so würden die sauer erworbenen + Groschen der Arbeiter allein durch diesen Verwaltungsapparat + aufgezehrt. Statt die Gelder zur Bekämpfung der Bourgeoisie und der + Reaktion zu verwenden, bekämpfe man sich gegenseitig, die nicht im + Ueberfluß vorhandenen geistigen Kräfte würden in diesem selben Kampfe + verbraucht und aufgerieben, ohne Nutzen für die Gesamtheit. Wohl sei + mir bewußt, daß man hauptsächlich zwei Bedenken gegen die + Verschmelzung habe. Das eine sei unser angebliches Bündnis, wohl gar + Verquickung mit der Volkspartei, das andere unsere Organisation, die + man als eine zu wenig einheitliche ansehe. Beide Einwände beruhten auf + Vorurteilen, durch diejenigen geschickt verbreitet und in die Massen + eingepflanzt, welche aus einer Berührung der Arbeiter mit dem + demokratischen Bürgertum für ihre eigene Stellung fürchteten + (Schweitzer, Mende) und unter der Firma: „Kampf gegen die radikale + Bourgeoisie“, ihr Einverständnis mit der Reaktion verbergen wollten. + Volkspartei und sozialdemokratische Arbeiterpartei seien zwei + vollständig getrennte Parteien, jede habe ihr eigenes Programm und + ihre eigene Organisation. Was das Programm unserer Partei betreffe, so + brauchte ich es nicht weiter zu entwickeln, da man es ja nahezu + wörtlich auch diesem Kongreß zugrunde gelegt, unser Programm gehe aber + in seinem ersten Teile noch weiter, indem es das internationale + Programm in schärfster Fassung enthalte und klar und scharf seine + Stellung auch zum bestehenden Staate formuliere. Die „Volkspartei“ sei + insofern mit uns einverstanden, als sie unsere politischen Forderungen + und auch einige unserer sozialen (Normalarbeitstag, Verbot der + Kinderarbeit) in ihrem Programm habe, also ein gewisses Stück Weg + neben uns hergehe. Sie in den Punkten zu bekämpfen, in denen sie + gleicher Meinung mit uns sei, sei Torheit; selbstverständlich würden + wir ihr aber überall da entgegentreten, wo Differenzen zwischen ihr + und uns beständen, also vorzugsweise auf dem sozialen Gebiet. Die + Volkspartei sei, das wüßten wir genauer als jeder andere, eine Partei, + die aus vermiedenen Elementen zusammengesetzt sei. Sie bestehe aus + großdeutschen konstitutionellen Monarchisten, bürgerlichen + Republikanern und einer kleinen Zahl von Leuten, welche im + wesentlichen auch unser soziales Programm anerkennten, letztere seien + indes sehr in der Minderheit. Einig sei die Volkspartei in dem Kampfe + gegen die großpreußischen Tendenzen, den Militarismus und Zäsarismus + und bekämpfe von diesem Standpunkt aus mit uns auch die uns feindlich + gesinnte Fortschritts- und nationalliberale Partei. Wir ständen also + zur Volkspartei in keinem anderen Verhältnis, als es sich aus der + Natur der beiderseitigen Standpunkte von selbst ergebe. Habe doch + Lassalle dasselbe der Arbeiterpartei gegenüber der Fortschrittspartei + im Jahre 1863 angeraten, ja Lassalle habe sogar an mehreren Stellen + seiner Schriften über „Verfassungswesen“ sich selbst als Mann der + Volkspartei bezeichnet. Ebenso haltlos wie die beständigen Vorwürfe + über unser Verhalten zur Volkspartei seien die Einwendungen gegen + unsere Organisation. Lebten wir in Deutschland in einem freien Staat, + dann verstünde sich von selbst, daß wir nur praktische Gründe bei + Entwerfung einer Organisation im Auge zu behalten hätten. Deutschland + sei aber kein Freistaat, sondern bestehe aus Staaten, die zum größten + Teil sehr reaktionär seien, und in denen die Macht der Gesetze sich + unliebsamen Volksorganisationen sehr fühlbar mache. Die Auflösung des + Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in Sachsen, die Schließung der + vielen Gemeinden in Preußen, der Beschluß des preußischen + Obertribunals gegen den schleswig-holsteinischen Wahlverein, der eine + ähnliche Organisation gehabt habe wie der Allgemeine Deutsche + Arbeiterverein, die neuesten Vorgänge in Bayern bewiesen, wie das + Gesetz jederzeit die Organisation vernichten könne. Hätte Schweitzer + die Urteile der Untergerichte über seinen Verein durch alle + Appellinstanzen verfolgt, das Obertribunal hätte zweifellos die + Organisation als ungesetzlich anerkannt und wäre damit das Verbot des + Vereins für Preußen ausgesprochen worden. Schweitzer habe sich davor + gehütet, und wenn sein Verein dennoch existiere, dann habe er dies + einzig und allein der Gunst zu verdanken, deren er sich notorisch von + seiten des Berliner Polizeipräsidiums und der Regierung zu erfreuen + habe. Wir müßten eine Organisation schaffen, die mit der + Einheitlichkeit zugleich die formelle Unabhängigkeit der + Parteimitglieder an den einzelnen Orten vor dem Gesetz möglich mache. + Die Einheitlichkeit der Partei sei gewahrt in dem von der Partei + gewählten und in seinen Machtbefugnissen scharf begrenzten und + zugleich kontrollierbaren Parteiausschuß, wodurch jede „Führerschaft“ + beseitigt und der Herrschaft einer einzelnen Person ein für alle Mal + ein Ende gemacht sei; ferner in regelmäßigen Steuern, die monatlich + jedes Parteimitglied leistet; und endlich in dem Parteiorgan, das + Eigentum der Partei sei, zu Privatzwecken also nicht benutzt werden + könne. Durch diese Einrichtungen sei also die Möglichkeit einer + kräftigen Agitation zur Verbreitung der Partei und die Geltendmachung + des Parteiwillens in allen Fragen gegeben. In den Lokalvereinen + könnten die Parteigenossen die Parteiangelegenheiten in der + ungehindertsten Weise besprechen und die lokale Agitation betreiben, + ohne daß das Gesetz eingreifen könne. Daß die von uns angenommene + Organisation wirklich und nicht bloß in der Einbildung gut sei, + beweise, daß trotz aller Verfolgungen, welche die Partei vom ersten + Tage ihres Bestehens zu erdulden gehabt habe, die Organisation noch + nicht angetastet worden sei, weil man es einfach nicht könne. Mit + einer Organisation, wie sie der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein + habe, würden wir längst zugrunde gerichtet worden sein. + + Habe die Polizei das Urteil des Obertribunals auf den Allgemeinen + Deutschen Arbeiterverein nicht angewandt, so kennzeichne das mehr als + alles andere das gute Einvernehmen des Chefs des Allgemeinen + Deutschen Arbeitervereins mit der preußischen Polizei. Wir hätten uns + einer solchen Gönnerschaft nicht zu erfreuen, wollten sie auch nicht + haben, müßten also unsere Organisation so einrichten, daß sie gegen + polizeiliche Uebergriffe sicher sei. Die Form sei übrigens für uns + Nebensache, die Hauptsache sei das Prinzip und seine Anwendung. Wir + gehörten nicht zu denen, die als Orthodoxe die äußere Form über die + Sache setzten, wir hielten die Organisation keineswegs für + unverbesserlich. Jedes Mitglied der Partei könne seinen Einfluß für + Aenderung derselben geltend machen, und gelänge es ihm, die Majorität + hierfür zu gewinnen, dann sei der Wille derselben entscheidend; die + ganze Verfassung der Partei sei mit einem Worte demokratisch. + +Ich hatte mit meinen Ausführungen kein Glück. Die Einberufer stießen +sich an unserer Stellung zur Volkspartei, die man, gerade weil sie ein +radikales Programm habe, als gefährlich am schärfsten bekämpfen müsse. +Auch passe ihnen unsere Organisation nicht. + +In dem Bericht, den ich in Nr. 10 des „Volksstaat“ von 1870 +veröffentlichte, führte ich noch aus: + + Ich ergriff wiederholt das Wort und widerlegte die aufgestellten + Bedenken, sah aber sehr bald ein, daß alles Reden unnütz sei, da man + einmal fest entschlossen war, eine vierte Arbeiterfraktion mit dem + ganzen bureaukratischen Apparat einer solchen zu konstituieren. Ich + erklärte darauf, daß ich mein Mandat als erledigt betrachte und an den + öffentlichen Verhandlungen nur insofern noch teilnehmen würde, um eine + Erklärung über meine Stellung zu dem Kongreß abzugeben. + + Als kurz darauf die öffentliche Versammlung wieder aufgenommen wurde, + legte ich die Gründe dar, die mich verhinderten, weiter an den + Verhandlungen mich zu beteiligen. Zugleich benutzte ich diese + Gelegenheit, um nochmals öffentlich die Vorurteile entschieden + zurückzuweisen, die noch als Erbstück Schweitzerscher Erziehung gegen + unsere Partei in der Versammlung vorhanden sein möchten. Nachdem ich + geendet, zog ich mein Mandat zurück und verließ mit unseren + Parteigenossen den Saal. + + War die mir offiziell übertragene Mission auch als gescheitert zu + betrachten, so habe ich dennoch die moralische Ueberzeugung von + Augsburg mitgenommen, daß die Masse der Arbeiter es müde ist, sich + kleinlicher persönlicher oder formeller Bedenken wegen gegenseitig in + die Haare zu geraten. Die Arbeiter begreifen, daß nur in festem + Zusammenhalten, in der Vereinigung aller Kräfte die Gewähr des Sieges + für sie liegt, und ich müßte mich sehr täuschen, wenn nicht trotz der + jetzt konstituierten vierten sozialdemokratischen Fraktion der + Zeitpunkt sehr nahe herangekommen wäre, wo der vollständige Eintritt + in die sozialdemokratische Arbeiterpartei stattfinden wird. + +Die hier ausgesprochene Hoffnung erfüllte sich rasch. Bereits im Juni +fand auf dem Stuttgarter Kongreß eine Verständigung und der Uebertritt +der bayerischen Fraktion in unsere Partei statt. Auf meiner Rückreise +von Augsburg hielt ich in München eine Volksversammlung ab, in der als +Zuhörer der damals zwanzigjährige Georg v. Vollmar anwesend war, wie er +mir gelegentlich erzählte. + +Der Monat Januar 1870 war für mich noch insofern von besonderem +Interesse, als der Rat der Stadt Leipzig beschloß, dem +Arbeiterbildungsverein den Rest der städtischen Unterstützung von 200 +Taler jährlich zu entziehen, weil der Verein sich für das Eisenacher +Programm erklärt hatte. Die Stadtverordneten beschlossen wenige Tage +darauf nach einer heftigen Debatte mit 27 gegen 16 Stimmen, dem Beschluß +des Rats beizutreten. An demselben Abend wählte mich der Verein wieder +mit 121 gegen 20 Stimmen zu seinem Vorsitzenden. + + * * * * * + +Die Agitation zur Ausbreitung der Partei wurde seit Eisenach von uns in +ganz Deutschland mit allen Kräften betrieben. Unter den zahlreichen +Versammlungen, die auch ich abhielt, waren zwei in Plauen im Vogtland +gegen Dr. Max Hirsch dadurch von besonderem Interesse, daß der Inhalt +meiner Reden zu einer neuen Anklage gegen mich wegen Verbreitung +staatsgefährlicher Lehren Veranlassung gab. Als dann noch vor Erledigung +dieser Anklage das Strafgesetzbuch für den Norddeutschen Bund Geltung +erlangte, das diese Bestimmung des sächsischen Strafgesetzes nicht +enthielt, wurde das Material in dem nachher eingeleiteten +Hochverratsprozeß wider mich verwertet. Diese Versammlungen, die an zwei +Abenden hintereinander stattfanden, weil in der ersten die Debatte nicht +zu Ende kam, endeten mit einer vollständigen Niederlage Dr. Max +Hirschs, der damals Vertreter für den Plauener Wahlkreis im +norddeutschen Reichstag war. Zwei Jahre zuvor war ich Dr. Max Hirsch +auch in seiner Vaterstadt Magdeburg entgegengetreten und hatte ihm hier +ebenfalls eine große Niederlage beigebracht. In einer späteren +Magdeburger Versammlung, in der ich Schweitzers Treiben scharf +kritisierte, warf ein fanatischer Zimmerer ein Bierglas nach mir, das +hart an meinem Kopf vorbeiflog und an der Wand zerschellte. Wäre ich +getroffen worden, so würde ich höchst wahrscheinlich einen Schädelbruch +davongetragen haben. Diese Zeilen wären dann wohl nicht geschrieben +worden. Das waren eben Liebenswürdigkeiten, mit denen sich damals die +feindlichen Brüder traktierten. + + * * * * * + +Der Stuttgarter Kongreß der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei war von +uns auf den 4. bis 7. Juni einberufen worden. Anwesend waren 74 +Delegierte. Unter den Gästen befand sich auch Eduard Vaillant mit seinem +Freunde Dr. Mülberger, deren Bekanntschaft ich damals machte. Nach den +Bestimmungen der norddeutschen Bundesverfassung mußten Ende August 1870 +die Neuwahlen zum Reichstag stattfinden — die nachher der Ausbruch des +Deutsch-Französischen Krieges verhinderte — und so war die Frage der +Taktik bei den Wahlen ein Hauptthema in den Verhandlungen. Liebknecht +und ich, die wir über die praktische Beteiligung im Parlament in +Meinungsverschiedenheiten geraten waren, worüber ich noch an anderer +Stelle berichte, hatten uns auf folgende Resolution verständigt: + + „Die sozialdemokratische Arbeiterpartei beteiligt sich an den Reichs- + und Zollparlamentswahlen lediglich aus agitatorischen Gründen. Die + Vertreter der Partei im Reichstag und Zollparlament haben, soweit es + möglich, im Interesse der arbeitenden Klasse zu wirken, im großen und + ganzen aber sich negierend zu verhalten und jede Gelegenheit zu + benutzen, die Verhandlungen beider Körperschaften in ihrer ganzen + Nichtigkeit zu zeigen und als Komödienspiel zu entlarven. + + Die sozialdemokratische Arbeiterpartei geht mit keiner anderen Partei + Allianzen oder Kompromisse ein, dagegen empfiehlt der Kongreß bei den + Wahlen zum Reichstag und Zollparlament da, wo die Partei einen eigenen + Kandidaten nicht aufstellt, solchen Kandidaten ihre Stimmen zu geben, + die wenigstens in politischer Hinsicht wesentlich unseren Standpunkt + einnehmen. Namentlich empfiehlt der Kongreß in den Bezirken, wo die + Partei von Aufstellung eigener Kandidaten absieht, von anderen + Parteien aufgestellte wirkliche Arbeiterkandidaten zu unterstützen.“ + +Werth-Barmen beantragte, die Nichtbeteiligung an den Wahlen +auszusprechen; die Resolution sei inkonsequent. Dieser Antrag wurde +abgelehnt und unsere Resolution angenommen. + +Darauf kam die Grund- und Bodenfrage zur Verhandlung, für die ich +Berichterstatter war. Die von mir vorgeschlagene Resolution lautete: + + „In Erwägung, daß die Erfordernisse der Produktion wie die Anwendung + der Gesetze der Agronomie — wissenschaftlichen Bewirtschaftung des + Bodens — den Großbetrieb beim Ackerbau erheischen und, ähnlich wie in + der modernen Industrie, die Einführung von Maschinen und die + Organisation der ländlichen Arbeitskraft notwendig machen, und daß im + allgemeinen die moderne ökonomische Entwicklung den Großbetrieb im + Ackerbau erstrebt; — in Erwägung, daß demgemäß bei dem Ackerbau wie bei + der Großindustrie die allmähliche Verdrängung der kleinen und + mittleren Eigentümer durch die Großbesitzer vor sich geht, das Elend + und das Abhängigkeitsverhältnis der weitaus größten Mehrzahl der + Ackerbaubevölkerung zugunsten einer kleinen Minorität stetig zunimmt + und dies den Gesetzen der Humanität und Gerechtigkeit + zuwiderläuft; — in Erwägung, daß die produktiven Eigenschaften des + Bodens, die keine Arbeit erheischen, das Material aller Produkte und + aller brauchbaren Dinge bilden: spricht der Kongreß die Ansicht aus, + daß die ökonomische Entwicklung der modernen Gesellschaft es zu einer + gesellschaftlichen Notwendigkeit machen wird, das Ackerland in + gemeinschaftliches Eigentum zu verwandeln und den Boden von Staats + wegen an Ackerbaugenossenschaften zu verpachten, welche verpflichtet + sind, das Land in wissenschaftlicher Weise auszubeuten und den Ertrag + der Arbeit nach kontraktlich geregelter Uebereinkunft unter die + Genossenschafter zu verteilen. Um die vernünftige und + wissenschaftliche Ausbeutung des Grund und Bodens zu ermöglichen, hat + der Staat die Pflicht, durch Einrichtung entsprechender + Bildungsanstalten die nötigen Kenntnisse unter der ackerbautreibenden + Bevölkerung zu verbreiten. + + Als Uebergangsstadium von der Privatbewirtschaftung des Ackerlandes + zur genossenschaftlichen Bewirtschaftung fordert der Kongreß, mit den + Staatsdomänen, Schatullengütern, Fideikommissen, Kirchengütern, + Gemeindeländereien, Bergwerken, Eisenbahnen usw. zu beginnen, und + erklärt sich deshalb gegen jede Verwandlung des oben angeführten + Staats- und Gemeinbesitzes in Privatbesitz.“ + +Der Schlußsatz der Resolution wurde mehrfach angefochten, man solle +nicht ins Detail gehen. Schließlich aber wurde der Resolution +zugestimmt. + +Da um jene Zeit in Wien der Hochverratsprozeß gegen die Führer der +österreichischen Arbeiter, Oberwinder, Andreas Scheu, Johann Most usw. +bevorstand, ferner die österreichische Regierung die Führer der +Arbeiterbewegung mit fanatischem Haß verfolgte und der „Sozialdemokrat“ +fortfuhr, Liebknecht als Agenten der österreichischen Regierung +anzugreifen, schlug folgende Resolution vor: + + „Der Kongreß erklärt, daß die österreichische Regierung durch ihre + Haltung gegenüber der Arbeiterbewegung und durch die aller + Menschlichkeit hohnsprechende Behandlung der eingekerkerten Arbeiter + sich den Haß und die Verachtung der Arbeiter aller Nationen erworben + hat.“ + +Die Resolution wurde unter stürmischem Beifall des Kongresses +angenommen. + +Als Kongreßort für das Jahr 1871 wurde Dresden gewählt. + + + + +Schweitzers Ende. + + +Während die geschilderten Vorgänge sich zutrugen, setzte der +„Sozialdemokrat“ seine Angriffe mit ungeschwächten Kräften und ohne +Bedenken über die Wahl der Kampfmittel gegen uns fort. So war es zum +Beispiel jetzt bei ihm Sitte geworden, daß er beständig Artikel aus dem +nationalliberalen _„Frankfurter Journal“_, das ein Organ unserer Partei +sei, abdruckte und gegen uns verwertete. Die Verlogenheit konnte kaum +weitergetrieben werden. Aber es kam noch besser. + +Unter dem Datum des 3. Juli veröffentlichte der „Volksstaat“ einen +Aufruf des Braunschweiger Ausschusses, worin dieser aufforderte, die +Vorbereitungen zu den Reichstags- und Zollparlamentswahlen zu treffen, +wobei er entsprechend den Beschlüssen des Stuttgarter Kongresses darauf +hinwies, daß in Wahlkreisen, in denen wir selbst keinen Kandidaten +aufstellten, zu erwägen sei, ob nicht dem Kandidaten einer anderen +Arbeiterpartei mit unseren Stimmen zum Siege verholfen werden könne. Der +Braunschweiger Ausschuß ahnte damals nicht, daß schon am Tage vorher, +den 2. Juli, in einer Vorstandssitzung des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins in Hannover Schweitzer Anträge eingebracht hatte, denen +der Vorstand seine Zustimmung erteilt hatte, die folgendermaßen +lauteten: + + „1. Bei der engeren Wahl zwischen einem Reaktionär (Konservativen) und + einem Liberalen: Stimmabgabe für den Liberalen. + + 2. Bei der engeren Wahl zwischen einem Reaktionär und einem + Volksparteiler (Ehrlichen, womit er uns meinte): _Stimmenthaltung_. + + 3. Bei der engeren Wahl zwischen zwei Liberalen: Stimmabgabe für den + weitergehenden Kandidaten. + + 4. Bei der engeren Wahl zwischen einem Liberalen und einem + _Volksparteiler (Ehrlichen): Stimmabgabe für den Liberalen_.“ + +Die ersten drei Punkte waren einstimmig, der vierte gegen vier Stimmen +angenommen worden. + +Man kann sich die Empörung vorstellen, die uns ergriff, als wir diesen +Beschluß lasen, den wir als eine _Infamie ersten Ranges_ ansahen. Es war +klar, daß Schweitzer und Tölcke den fanatischen Haß der +Vorstandsmitglieder gegen uns benutzt hatten, um diesen infamen +Beschluß, der die der Bismarckschen Politik am feindlichsten +gegenüberstehende Partei traf, durchzusetzen. Richter-Wandsbeck hat +später erklärt, _er habe gegen den Antrag gestimmt, weil er gewußt, daß +Schweitzer ihn im Auftrag der Regierung gestellt habe_. Ich lasse das +dahingestellt sein. Zweifellos entsprach aber dieser Beschluß _den +Wünschen Bismarcks_, und das genügte. + +Sobald der Beschluß in unseren Reihen bekannt wurde, erließ der +Braunschweiger Parteiausschuß unterm 11. Juli einen Aufruf, in dem es +hieß: „daß ungeachtet jenes Beschlusses unsere Parteigenossen, wo dies +im Interesse der Arbeitersache liege, _den Kandidaten des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins unterstützen sollten, treu dem Gedanken, daß +die Organisation dazu da sein solle, die Einigung aller +sozialdemokratischen Arbeiter zu ermöglichen“._ Im weiteren hieß es +alsdann: + + „Dem Herrn v. Schweitzer aber, der in der gehässigsten und + verwerflichsten Weise Arbeiter gegen Arbeiter, Sozialdemokraten gegen + Sozialdemokraten zu hetzen sucht, sind wir um der Arbeitersache + verpflichtet, mit aller Energie entgegenzutreten. Daher fordern wir + die _Parteigenossen in Barmen-Elberfeld_, dem klassischen Boden für + diesen Kampf, auf, die nötigen Schritte in dieser Richtung ohne Säumen + zu tun; _die Partei ist schuldig und verbunden, die allgemeine + Bewegung von einem Menschen zu säubern, der, unter dem Deckmantel + einer radikalen Gesinnung, bisher im Interesse der preußischen + Staatsregierung alles getan hat, dieser Bewegung zu schaden._ Die + Partei wird den Genossen in Barmen-Elberfeld zur Seite stehen. Nun + kräftig vorwärts!“ + +Am 13. Juli mußte der „Sozialdemokrat“ bekanntmachen, daß sein Format +verkleinert werden müsse, weil die verlangten 500 neuen Abonnenten nicht +gekommen seien. Das war die Antwort auf die prahlerische Ankündigung am +Schlusse des Vorjahres, das Format des Blattes zu vergrößern. Die Zahl +habe sich kaum um 100 vermehrt. Bald darauf mußte aber sowohl der +„Sozialdemokrat“ wie der „Volksstaat“, der Ende März 1870 2000 +Abonnenten hatte, weitere Raumbeschränkungen eintreten lassen. Es brach +plötzlich der Deutsch-Französische Krieg aus, der von beiden Fraktionen +zahlreiche Parteigenossen unter die Waffen rief, andere durch +hereinbrechende Arbeitslosigkeit brotlos machte. + +Auf die Ursachen und die Entwicklung dieses Krieges komme ich in anderem +Zusammenhang zu sprechen. Liebknecht und ich betrachteten denselben als +einen solchen, an dem Napoleon und Bismarck gleichmäßig schuldig seien, +und enthielten uns bei der verlangten Kriegsanleihe der Abstimmung, was +wir durch eine Erklärung zu den Akten des Reichstags motivierten. Anders +Schweitzer und Genossen. Nach Schweitzer war der Krieg nicht nur ein +Krieg gegen das deutsche Volk, _sondern gegen den Sozialismus._ Und +jeder Deutsche, der sich dem Friedensbrecher entgegenwerfe, kämpfe nicht +nur fürs Vaterland, _sondern auch gegen den Hauptfeind der Ideen der +Zukunft, für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit._ + +Den Sozialismus mit dem Kriege in Verbindung zu bringen, war zwar +grandioser Blödsinn, aber in jener aufgeregten Zeit, in der der größte +Unsinn geglaubt wurde, wenn er sich gegen uns richtete, lag Methode in +diesem Verhalten. + +Mitten in die Kriegswirren traf die Nachricht aus Wien ein, daß +Oberwinder, Andreas Scheu, Most und Papst wegen Hochverrats, ersterer zu +sechs Jahren, die anderen zu fünf bis drei Jahren Zuchthaus, verschärft +für jeden durch einen Fasttag im Monat, verurteilt worden seien. +Außerdem wurde für Oberwinder und Most die Ausweisung aus den +österreichischen Ländern nach verbüßter Strafe ausgesprochen. Die +übrigen Angeklagten wurden zu geringeren Strafen verurteilt. Ein +Hauptanklagepunkt war die Beteiligung am Eisenacher Kongreß (Oberwinder +und Scheu) und die Anerkennung des Eisenacher Programms, das nur durch +Gewalt durchgesetzt werden könne. + +An der Hatz, die jetzt gegen uns seitens fast der gesamten Presse wegen +unseres Verhaltens im Reichstag inszeniert wurde, beteiligte sich der +„Sozialdemokrat“ in hervorragendem Maße, der uns „Landesverräter“ und +ähnliche schöne Titel anhängte. Damit nicht genug, sandte Schweitzer +verschiedene seiner Agitatoren nach Leipzig, die dort die Massen gegen +uns aufhetzen sollten. Zunächst kam Hasenclever, dessen Versammlung +durch ein Plakat angekündigt wurde, in dem es hieß: „Sämtliche Arbeiter, +Bürger und Bewohner der Stadt werden zu dieser Versammlung freundlichst +eingeladen. Während unsere Truppen im Felde stehen, scheint eine +öffentliche Kundgebung des echt deutschen Sinnes unserer Einwohnerschaft +einzelnen undeutschen Elementen gegenüber, die sich auch hier bemerklich +machen, dringend geboten. Der Bevollmächtigte des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins.“ + +Hasenclever machte aber schlechte Geschäfte; wir hatten die Mehrheit in +der Versammlung, und so wurde die von uns vorgeschlagene Resolution +angenommen. Weit schlimmer ging es in der Versammlung zu, in der nach +ihm Wolf-Hamburg und Armborst-Stettin sprechen sollten. Hier kam es +sofort zu tumultuarischen Szenen, die bald in ein Handgemenge +ausarteten, dem der erschreckte Wirt durch Ausdrehen der Gasflammen ein +Ende bereitete. Als wir nach der Versammlung in unserem Vereinslokal uns +zusammenfanden, kam die Kunde, die Schweitzerianer seien nach +Liebknechts Wohnung gezogen, um diesem die Fenster einzuwerfen. Im +Sturmschritt eilten wir auf dem kürzesten Wege nach Liebknechts Wohnung, +kamen aber leider einige Minuten zu spät. In der Tat waren Liebknecht +eine Anzahl Fensterscheiben eingeworfen worden, und war dadurch Frau +Liebknecht, die ahnungslos in der Stube saß und ihrem ersten Sprößling +die Brust reichte, aufs tiefste erschreckt worden. Voll Zorn eilten wir +den Attentätern nach und erreichten sie in der Nähe der inneren Stadt, +worauf sie regelrecht verprügelt wurden. Kurz darauf meldete der +„Sozialdemokrat“ die Heldentat seiner Anhänger mit den Worten: + + „Der Volkszorn gegen das landesverräterische Treiben der Volkspartei + hat einen Ausbruch gefunden. Liebknecht sind die Fenster eingeworfen + worden.“ + +Einige Tage später hatten mir eine Anzahl Studenten eine ähnliche +Ovation zugedacht. Zu dem Fenstereinwurf sollte noch eine Katzenmusik +kommen. Zum Glück wohnte ich hinten im Hofe im Hause eines +Großkaufmanns. Sobald der Hauswart erfuhr, was die eines Abends +heranziehenden Studenten beabsichtigten, schloß er rasch das Tor; so +mußten sie unverrichteter Sache abziehen. + +Alle diese Hetzereien, die weiter aufzuzählen sich nicht lohnt, erregten +derart meine Wähler, daß diese, meist arme Teufel, sich veranlaßt sahen, +mir einen silbernen Lorbeerkranz, begleitet von einem Uhlandschen +Sinngedicht, zu überreichen. Würde ich von dieser Absicht eine Ahnung +gehabt haben, ich hätte ihre Ausführung verhindert. + +Ende August 1870 machte Tölcke im „Iserlohner Kreisblatt“ bekannt, daß +er vorläufig die Politik an den Nagel gehangen und sich als Volksanwalt +niedergelassen habe. Damit war eine der festesten Säulen Schweitzers +geborsten. Aber jetzt trat auch im „Sozialdemokrat“ plötzlich eine +Schwenkung ein, der Draht nach oben war offenbar zerrissen. Der Krieg +mit seinen ununterbrochenen Siegen der deutschen Waffen führte +Süddeutschland und fast das gesamte Bürgertum Norddeutschlands zu den +Füßen Bismarcks. Selbst in den Kreisen der süddeutschen Volkspartei +feierte der Chauvinismus wahre Orgien. Jetzt konnte ein Schweitzer +Bismarck mehr schaden als nützen; es hatte keinen Zweck mehr, ihn zu +halten. + +Am 31. August wendete sich der „Sozialdemokrat“ gegen eine gewaltsame +Annexion von Elsaß-Lothringen. Anfang September, nach der Gefangennahme +Napoleons, sprach er sich für Abschluß eines Waffenstillstandes und +gegen den Gedanken einer Wiedereinsetzung Napoleons aus. Genau also wie +wir im „Volksstaat“. Am 14. September veröffentlichte der +„Sozialdemokrat“ einen Leitartikel, in dem er sich gegen die stehenden +Heere aussprach und sich dabei auf Gneisenau berief. + +Als er die Verhaftung August Geibs in Hamburg meldete, der das Schicksal +des Braunschweiger Ausschusses teilte, dessen Mitglieder man mit Ketten +gefesselt nach der Festung Lötzen geschleppt hatte, bemerkte er +ingrimmig: Liebknecht und Bebel, die andere für sich die Kastanien aus +dem Feuer holen ließen, befänden sich als Haupthetzer in Sicherheit. Er +brauchte nicht allzulange zu warten, und seine Sehnsucht nach unserer +Verhaftung wurde gestillt. Als dann auch Johann Jacoby und +Herbig-Königsberg verhaftet und ebenfalls nach Lötzen geschleppt wurden, +wendete sich jetzt der „Sozialdemokrat“ gegen diese Verhaftung. Anfang +November 1870 meldete das Blatt, daß Petzold-Leipzig, einer seiner +fanatischsten Anhänger, aus dem Vorstand des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins ausgetreten sei. Er wollte von Schweitzer nichts mehr +wissen. + +Für den 24. November war der Reichstag wieder einberufen worden, um +unter anderem über eine neue Geldbewilligung für Fortsetzung des Krieges +zu beschließen. Jetzt kündigte der „Sozialdemokrat“ an, daß diesmal die +Abgeordneten der Partei gegen die Geldbewilligung stimmen würden. Der +Krieg, der anfangs ein Verteidigungskrieg gewesen, sei jetzt zu einem +Eroberungskrieg geworden. Er war also nunmehr auch hierin auf unserem +Standpunkt. Bei den außerordentlich heftigen Debatten, die Liebknecht +und ich beständig im Reichstag provozierten, verhielten sich Schweitzer +und Genossen vollkommen schweigsam, sie griffen mit keinem Worte in die +Debatte ein. Nur als Liebknecht in einer Rede sich gegen die +Unterstellung wandte, wir seien mehr die Freunde Frankreichs als +Deutschlands, und bemerkte: Ich will lieber der gute Bruder des +französischen Volkes als der gute Bruder des Schurken Napoleon sein, +rief Schweitzer ein lautes Bravo! Bravo! dazwischen. Das war die einzige +Aeußerung, die er in den Kriegsdebatten machte. + +Am 17. Dezember wurden Liebknecht, Hepner (der Mitredakteur des +„Volksstaat“) und ich in unseren Wohnungen polizeilich überfallen, und +nachdem eine Durchsuchung unserer Wohnungen stattgefunden hatte, wurden +wir für verhaftet erklärt und in Untersuchungshaft abgeführt. Wir waren +also, da die Untersuchungshaft bis Ende März 1871 dauerte, während des +Wahlkampfes, der nach Neujahr einsetzte, vollständig lahmgelegt, das +verhinderte aber Herrn v. Schweitzer nicht, am 8. Januar im +„Sozialdemokrat“ nochmals die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins darauf hinzuweisen, daß der Beschluß des +Vereinsvorstandes vom 2. Juli des verflossenen Jahres betreffend ihr +Verhalten bei engeren Wahlen sich gegen uns, die Eisenacher Ehrlichen, +richte. Das brachte dieser Mensch fertig, während wir in strengster +Einzelhaft hinter Schloß und Riegel saßen und Staatsanwalt und Richter +einen Hochverratsprozeß gegen uns zusammenbrauten. + +Aber die Leipziger Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +besaßen zuviel Ehrgefühl und Klassenbewußtsein, um diesem Winke zu +folgen; sie machten mit unseren Parteigenossen gemeinsame Sache, indem +sie mich als Kandidaten für Leipzig aufstellten. Auch weigerte sich eine +Anzahl Kandidaten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, eine +Erklärung zu unterschreiben, worin sie sich in ihrer Taktik bei einer +engeren Wahl gegen uns festlegen sollten. Herr v. Schweitzer hatte +wieder einmal den Bogen überspannt. + +Am 3. März 1871, dem Tage des Friedensschlusses, der mit Berechnung als +Wahltag gewählt worden war, veröffentlichte der „Sozialdemokrat“ einen +Leitartikel, der die größte Siegeszuversicht atmete. Aber am Abend jenes +Tages wurde gemeldet, daß nirgends ein Sieg erfochten worden war und +Schweitzer in Barmen-Elberfeld mit dem Kandidaten der Konservativen, +Herrn v. Kusserow, in engere Wahl komme. Es war dieses derselbe Herr v. +Kusserow, der im Herbst 1867 an Schweitzer 400 Taler zahlte als +Wahlkostenbeitrag der Konservativen für seine Wahl. In der engeren Wahl +unterlag Schweitzer mit 8477 gegen 9540 Stimmen. _Diese Niederlage +brachte bei ihm den Entschluß zur Reife, sich vom öffentlichen Leben +zurückzuziehen,_ was wohl am deutlichsten für seinen Charakter spricht. +In einer langen Ansprache im „Sozialdemokrat“ vom 26. März „An die +Partei“ kündigt er an: _er könne die Leitung fortan nicht beibehalten,_ +sein Entschluß sei unwiderruflich. Indem er auf das Wahlergebnis +hinweist, bemerkt er, daß dasselbe zwar nicht die Ursache seines +Rücktritts sei, aber es gebe ihm allerdings Gelegenheit, den längst +beabsichtigten Rücktritt zu verwirklichen. Zahlreiche Parteigenossen in +seiner Umgebung könnten bezeugen, daß er schon seit einem Jahre hierzu +entschlossen sei. Er werde sein Amt bis zur nächsten Generalversammlung +beibehalten, und nachdem die Partei ihn von seiner Geschäftsgebarung +entlastet habe, die Gewalt in die Hände der höchsten Behörde der Partei +niederlegen. + +Der eigentliche Grund seines Rücktritts sei: er habe lange Jahre +hindurch Zeit, Arbeitskraft, Seelenruhe und Geld für die Arbeiterpartei +geopfert. Niemand könne ihm zumuten, diese Opfer weiter fortzusetzen.... +Er habe das Seinige getan, habe lange genug auf dem Posten gestanden, um +verlangen zu dürfen, daß Ablösung stattfinde. + +Diese Ankündigung war für den Verein wie für die Gegner Schweitzers eine +Ueberraschung. Bisher hatte sein Gebaren nicht gezeigt, daß er es satt +habe, auf dem Posten weiter zu stehen, auf den der Verein ihn gestellt. +Alle seine Maßnahmen bewiesen das Gegenteil. Es mag zugegeben werden, +daß er sich seit einem Jahre mit dem Gedanken eines eventuellen +Rücktritts trug und ihn auch diesem oder jenem aus seiner Umgebung +gegenüber äußerte. Aber ernsthaft daran geglaubt hat wohl niemand. Was +seinen Entschluß zunächst hervorgerufen haben mochte, waren wohl die +Erfahrungen in Barmen-Elberfeld und der Verlauf der Berliner +Generalversammlung im Januar 1870, die ihm beweisen mußten, daß es ihm +nie gelingen werde, das volle Vertrauen des Vereins zu erwerben, ja daß +im Gegenteil das Mißtrauen und die Unzufriedenheit mit seiner Leitung +und seinem Verhalten wuchs. Er hatte doch zu viel Anklagematerial +geliefert, zu sehr durch zahlreiche Handlungen Kopfschütteln und +Mißfallen erregt, als daß man schließlich es noch fertig brachte, wegen +der glänzenden Eigenschaften, die er als Parteiführer besaß, über das +Vorgekommene hinwegzusehen, wie das bisher geschehen war. Diesen +Eigenschaften zuliebe hatte man ihm vieles verziehen, was der Verein +unter anderen Umständen sich niemals würde haben bieten lassen. Aber +dieses Maß von Nachsicht ging auf die Neige. Andererseits erkannte er, +_daß er auf die Dauer den Krieg gegen uns mit Aussicht auf Erfolg nicht +fortführen konnte_. Trotz aller Mängel, die damals unsere Partei noch +aufwies in ihrer Organisation und im festen Zusammenschluß ihrer +Glieder, die Partei wuchs beständig, und ihr moralisches Ansehen war in +den Augen ihrer Gegner unbestritten. Es konnte also bald der Tag für ihn +kommen, an dem er einen Friedensschluß mit uns suchen mußte, was einer +Verurteilung seines ganzen bisherigen Verhaltens gleichkam. Diesem Gang +unter das kaudinische Joch, als das er ihm erschien, wollte er sich +nicht unterwerfen. Dieser Möglichkeit zog er die Preisgabe seiner +Stellung im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein vor, die auch nach oben +hin haltlos geworden war. + +Schweitzer hatte auch bereits die Fühler für die Gewinnung einer +bürgerlichen Stellung ausgestreckt. Im Januar 1871 war ein dreiaktiges +Drama von ihm, betitelt „Kanossa“, über eine der Berliner Bühnen +gegangen, wodurch er zeigte, daß bei ihm dramatisches Geschick vorhanden +war. Auf diesem Gebiet arbeitete er nunmehr weiter. + + * * * * * + +Am 30. April hatte ein Teil des _Lassalle_schen Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins seine Auflösung und seinen Uebertritt in unsere Partei +beschlossen. Auch August Kühn, damals in Bremen, trat in einem „Offenen +Brief“ für eine Einigung der verschiedenen Fraktionen ein, die +namentlich hinsichtlich der gewerkschaftlichen Bewegung eine absolute +Notwendigkeit sei. + +Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins war vom +30. April auf den 19. Mai vertagt worden. Aber Ende April ließ +Schweitzer den „Sozialdemokrat“ eingehen, so daß nunmehr der Verein ohne +Organ war. + +Auf dieser Generalversammlung nahmen namentlich die Verhandlungen über +die Kassenzustände einen sehr weiten Raum ein; sie endeten damit, daß +ein Antrag Frohmes einstimmig angenommen wurde, lautend, „_dem +Präsidenten eine Rüge zu erteilen_ wegen der teilweise höchst +unzweckmäßigen Verwendung der Gelder für die Agitation“. Im Laufe der +weiteren Verhandlungen setzte Schweitzer auseinander, daß finanzielle +Gründe ihn gezwungen hätten, den „Sozialdemokrat“ Ende April eingehen zu +lassen. Er hob dabei hervor, _daß der „Sozialdemokrat“ zu keiner Zeit +seine Kosten gedeckt habe,_ also auch kein Redaktionsgehalt ihm +einbringen konnte. Ein Delegierter gab an, daß vom 1. Oktober 1870 bis +1. Januar 1871 der „Sozialdemokrat“ zirka 1700 Abonnenten verlor. Der +„Volksstaat“ verlor in der gleichen Zeit 300. Die Generalversammlung +beschloß, den „Sozialdemokrat“ in der alten Form wieder erscheinen zu +lassen, und zwar als Vereinseigentum. Das Blatt erschien unter dem Titel +„Neuer Sozialdemokrat“ vom 1. Juli ab. Ferner wurde beschlossen, eine +Verwaltungs-und Beschwerdekommission von drei Mitgliedern einzusetzen. +An Stelle Schweitzers wurde Hasenclever zum Vereinspräsidenten gewählt, +Hasselmann wurde erster Redakteur, Derossi Sekretär. Der Präsident wurde +von jetzt ab mit 50 Talern monatlich honoriert. + +Schließlich sprach die Generalversammlung _einstimmig Schweitzer ihren +herzlichen Dank aus für seine tatkräftige Leitung der Partei und +bedauerte, ihn nicht länger auf diesem Posten und an ihrer Spitze zu +haben._ Offenbar wollte man ihm eine goldene Brücke bauen und die +Genugtuung verbergen, die sein Rücktritt bei vielen seiner früheren +Anhänger hervorrief. + +Zu diesem einstimmigen Vertrauensvotum standen die Verhandlungen im +_grellen Widerspruch_, die im nächsten Jahr auf der Generalversammlung +des Vereins zu Berlin vom 22. bis 25. Mai 1872 gepflogen wurden. Auf +dieser wurde das Protokoll der Vorstandssitzung in Hannover vom 3. März +1872 verlesen, auf der Tölcke, der frühere Vertrauensmann Schweitzers, +ausgeführt hatte: + + _„Wenn man die Geschichte des Vereins betrachte, so falle es einem in + die Augen, daß jedesmal, wenn derselbe in die Höhe ging, irgend ein + Experimentchen gemacht wurde, das ihn wieder herunterbrachte.“_ + +Worauf ihm mit Recht geantwortet wurde, daß er diese Experimente +mitgemacht, aber bisher geschwiegen habe. Weiter äußerte Tölcke: + + „Schweitzer habe keine Vereinskarten drucken lassen, weil er das + einkommende Geld sofort selbst konsumierte. Er (Tölcke) habe den + Agitatoren das doch nicht schreiben können, dann wären immer neue + Risse in der Partei entstanden. Aurin habe damals gesagt, die + _Verbandskasse_ sei nicht in Ordnung; das sei richtig gewesen, _da + Schweitzer 500 Taler aus der Verbandskasse genommen_ und zu seinem + Bankier getragen habe. Man habe in Rücksicht auf die Partei darüber + geschwiegen.“ + +Weiter erzählte Tölcke: + + _„Schweitzer stehe mit dem Polizeipräsidium in Verbindung und + hinterbringe demselben alles, was passiere. Schweitzer habe ihm kurz + vor dem Antritt seiner Haft in Rummelsburg gesagt, daß er (Redner) + sich zu jeder Zeit, wenn etwas passiere, an das Polizeipräsidium + wenden könne; er sei auch mit ihm dorthin gegangen und habe ihn + daselbst vorgestellt, wobei Schweitzer eine große Kenntnis der + Räumlichkeiten dort entwickelte. Nachher sei er mit ihm um den ganzen + Hof herum gegangen, wo sämtliche Hauptleute usw. aufgepflanzt waren + und den Doktor freundlich grüßten. Dann sagte ihm Schweitzer auch, daß + er (Redner) jederzeit zum Minister des Innern kommen könne.“_ + +Hierauf wurde Tölcke abermals mit Recht erwidert, _er_ habe die Partei +immer im Dunkeln tappen lassen, noch auf der vorigen Generalversammlung +habe er Schweitzer verteidigt. Ein anderer Redner meinte: Nach seinen +eigenen Angaben sei Tölcke ein weit _schlimmerer Verräter_ als +Schweitzer. Ein dritter Redner äußerte: + + „_Er bemerke die Anwesenheit Doktor Schweitzers und frage an, ob auch + Nichtmitglieder anwesend sein dürfen. Könne sich Schweitzer weder als + Mitglied noch als überwachender Polizeibeamter ausweisen, so habe er + ohne weiteres das Lokal zu verlassen._“ + +Es wird konstatiert, daß Schweitzer seit seinem Rücktritt vom Präsidium +keine Beiträge mehr bezahlte, also kein Mitglied des Vereins mehr sei. +Schweitzer verließ hierauf das Lokal. + +_Lingner beantragte alsdann, einen Beschluß zu fassen, daß Schweitzer +nicht mehr in den Verein aufgenommen werden dürfe, er wolle ihn +ausgeschlossen wissen._ + +Bei der Abstimmung wurde der Antrag, _daß Schweitzer nicht mehr in den +Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein aufgenommen werden könne, mit 5595 +gegen 1177 Stimmen bei 1209 Enthaltungen angenommen._ + +So endete Schweitzers politische Laufbahn. Er war preisgegeben und +verurteilt selbst von denen, die ihm viele Jahre ein fast unbegrenztes +Vertrauen schenkten oder wie Tölcke seine Helfershelfer waren. Mayer +meint in seinem von mir mehrfach zitierten Buche über Schweitzer, es +wären die literarischen Gefälligkeiten gegen den konservativen +Sozialpolitiker Rudolf Meyer gewesen, die Schweitzers Ausschluß aus dem +Verein herbeigeführt hätten. Das ist ein Irrtum, _so_ empfindlich war +man in jener Zeit im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein nicht. Auch +hätte alsdann _Hasenclever_ ausgeschlossen werden müssen, der, wie +_allbekannt_ war, damals ebenfalls mit Rudolf Meyer im Verkehr stand. +Dieser Verkehr wäre aber auch kein Grund zu einem Ausschluß aus der +Partei gewesen. Haben doch auch Fr. Engels und ich später zu Rudolf +Meyer in persönlichen Beziehungen gestanden, der 1893 in Prag unser +Führer durch die Stadt war. Ich meine, an den gewichtigsten Gründen für +den betreffenden Beschluß gegen Schweitzer mangelte es dem Verein nicht, +man brauchte nicht nach anderen zu suchen. + +Mit Schweitzer schied eine Persönlichkeit aus dem politischen Leben, +die, wenn sie zu ihren sonstigen Eigenschaften auch die Eigenschaften +gehabt hätte, _die der Führer einer Arbeiterpartei unbedingt haben muß,_ +Selbstlosigkeit, Ehrlichkeit und volle Hingabe an die zu vertretende +Sache, unbestreitbar der erste Führer der Partei bis an sein Lebensende +geblieben wäre, wie ich das schon hervorhob. Man mag diese großen Fehler +seiner Persönlichkeit bedauern, übersehen durfte man sie nicht. Unter +den damaligen Verhältnissen wäre er der gegebene Mann gewesen. Viele +Jahre erbitterter Kämpfe, in denen Zeit, Kraft, Gesundheit und Geld zur +Freude der gemeinsamen Gegner verschwendet und verpufft wurden, was +wieder ungezählte Kräfte abhielt, sich der Bewegung anzuschließen, wären +unmöglich gewesen. Die Saat, die Schweitzer gesät, trug auch weiter ihre +Früchte. Wohl hatte er die Ideen des Sozialismus in seltener Klarheit +und Lebendigkeit den Massen beizubringen verstanden — das war sein +Verdienst, und diese Tätigkeit stand mit der zweideutigen politischen +Rolle, die er spielte, durchaus nicht im Widerspruch —, aber politisch +hatte er Unheil gesät, den Fanatismus großgezogen und durch den Apfel +der Zwietracht eine dauernde Spaltung und damit die Schwächung der +Arbeiterbewegung aufrecht zu erhalten versucht. + +Dieses war nach meiner Ueberzeugung seine eigentliche Aufgabe. Die +Richtigkeit derselben wird bestätigt durch die bereits zitierte +Aeußerung Tölckes auf der Berliner Generalversammlung, „daß bei einem +Blick auf die Geschichte des Vereins es in die Augen falle, daß, sobald +derselbe in die Höhe ging, irgend ein Experiment gemacht worden sei, das +ihn wieder herunterbrachte“. Dafür liefert die Geschichte des Vereins +zahlreiche Beispiele. Genau so ging es mit den Gewerkschaften. Nachdem +ihre Gründung, weil im Zuge der Zeit liegend, unumgänglich war, mußte +eine möglichst widersinnige Organisation ihre Entwicklung hemmen. Wenn +hier Schweitzer seinen Zweck nicht erreichte, so, weil die Bewegung viel +zu gesund war, um sich in spanische Stiefel schnüren zu lassen, sie +wuchs ihm über den Kopf. + +Der eigentliche Zweck seiner Tätigkeit, und in Bismarcks Augen ihr +Hauptzweck, war, _eine der Regierung politisch gefügige Arbeiterbewegung +zu schaffen._ Darum wurde als Grenzlinie für ihre Opposition der +Standpunkt der Fortschrittspartei festgehalten, jener Partei, die nach +Schweitzers Diktum in sozialen Dingen die Partei des Rückschritts war. +Daß Schweitzer nach alledem, was ich hier an Tatsachen zusammengestellt +habe, im Dienste Bismarcks stand, kann nicht dem geringsten Zweifel mehr +unterliegen. Daß man die Summen nicht kennt, die er für seine Rolle +bezog, beweist nichts. Dergleichen wird nicht, wie ich wiederhole, auf +offenem Markte abgemacht, und daß bei einem Manne wie Schweitzer auch +nicht subalterne Beamte damit zu tun hatten, ist sicher. Nach meiner +Ueberzeugung wußte nicht einmal der Berliner Polizeipräsident darüber +Genaueres. + +Gegen seine Bestechung spricht auch nicht, daß er beständig und bis an +sein Lebensende sich mit Gläubigern herumschlagen mußte. In der ersten +Zeit des Bismarckschen Preußen waren die Summen nicht allzu hoch, die +man für Dienste zahlte, wie Schweitzer sie leistete. Später stand +Bismarck der Reptilienfonds zur absoluten Verfügung. Ueber diesen, der +von der ganzen Oppositionspresse angegriffen wurde, schrieb und sprach +bezeichnenderweise Schweitzer nie ein Wort. Er gehörte andererseits mit +seinen sybaritischen Neigungen zu den Leuten, die selbst mit einem +Bankdirektoreneinkommen leicht fertig werden. Möglich ist auch, daß er +hoffte, und sein Ehrgeiz sprach dafür, zu gelegener Zeit mit einer +entsprechenden Stellung in einem der Ministerien oder Reichsämter etwa +als Geheimrat für Sozialpolitik angestellt zu werden, von der nach +Bismarcks Geständnis seine damaligen Geheimräte nichts verstanden. + +Für die Rolle, die Schweitzer spielte, war aber auch unumgänglich +notwendig, daß er frei und unabhängig nach eigenem Gutdünken mit dem +Verein schalten und walten konnte, an dessen Spitze er stand. _Dazu +gehörte die Diktatur._ Die Diktatur, die ihn jeder Kontrolle entzog, die +ihm erlaubte, ganz nach eigenem Gutdünken zu handeln, ohne daß er nötig +hatte, andere in seine Machenschaften einzuweihen oder gar ihre +Zustimmung einholen zu müssen. Das wäre der Tod der Diktatur gewesen und +hätte ihm seine Rolle _unmöglich_ gemacht. Daher die beständigen kleinen +und großen Staatsstreiche, durch die er die Fesseln wieder abstreifte, +die eben eine Generalversammlung ihm angelegt hatte. Und da Lassalle +infolge seines eigenen Diktatorengelüstes eine Organisation geschaffen +hatte, die dem Führer eine diktatorische Gewalt einräumte, mußte _diese +Organisation zu einer Pflanze Rührmichnichtan gemacht und Angriffe auf +sie zu einer Art Staatsverbrechen gestempelt werden. Die absolute Gewalt +des Präsidenten mußte unangetastet bleiben._ Dazu mußte weiter der +beständige Kultus mit Lassalle und der von ihm geschaffenen Organisation +dienen, ein Kultus, über den der Zyniker heimlich lachte und seine +Verachtung gegen diejenigen steigerte, die sich von ihm führen ließen. + +Schweitzer hat wie an anderer Stelle so auch Rudolf Meyer gegenüber +geklagt über die „Undankbarkeit“ der Arbeiter. Diese Klage paßt ganz zu +dem Bilde, das er uns zeigt. Er kam eben mit einer ganz falschen +Auffassung von seiner Stellung in die Bewegung. Der Führer einer Partei +wird wirklicher Führer nur durch das, was er nach seinen Kräften und +Fähigkeiten der Partei als ehrlicher Mann leistet. Das Höchste zu +leisten, was er vermag, ist die Pflicht und Schuldigkeit eines jeden, +der in einer demokratischen Bewegung steht und zu ihr gehört. Durch +seine Leistung erwirbt er sich das Vertrauen der Masse, und diese stellt +ihn deshalb als Führer an ihre Spitze. Aber nur _als ihren ersten +Vertrauensmann, nicht als ihren Herrn, dem sie blindlings zu gehorchen +habe. Er ist der erwählte Verfechter ihrer Forderungen, der Dolmetsch +ihrer Sehnsucht, ihrer Hoffnungen und Wünsche. Solange der Führer dieser +Aufgabe gerecht wird, ist er der Vertrauensmann einer Partei; sieht +diese aber, daß getäuscht und betrogen und auf Irrwege geführt werden +soll, dann ist es nicht nur ihr Recht, sondern ihre Pflicht, dem Führer +die Führerschaft zu entreißen und ihm ihr Vertrauen zu nehmen._ Eine +Partei ist nicht der Führer wegen da, sondern die Führer der Partei +wegen. _Und da jede Machtstellung in sich die Gefahr des Mißbrauchs +enthält, hat die Partei die Pflicht, die Handlungen ihrer Führer unter +scharfe Kontrolle zu nehmen._ + +_Schweitzer sah aber die Dinge umgekehrt an, als er sie ansehen mußte._ +Er fühlte sich als eine Art _Wohltäter_, er sah in der Partei nur das +Fußgestell, auf dem er emporstieg, das Mittel, seinen Ehrgeiz, und die +Möglichkeit, seine Genußsucht zu befriedigen. Und als ihm dieses Spiel +mißlang, klagte er über Undankbarkeit. Die Massen sind aber nie +undankbar, vorausgesetzt, solange sie an die Ehrlichkeit ihrer Führer +glauben. Und sie sind schwer zu überzeugen, daß sie betrogen werden, +wenn sie erst jemand ihr Vertrauen schenkten. Dafür gibt es eine Menge +Beispiele. Wer über Undankbarkeit der Massen klagt, klage sich selber +an. Die Schuld liegt an ihm. + +Nachdem Schweitzer das Spiel verloren geben mußte, glaubte er auf einmal +seinen Anhängern empfehlen zu sollen, was er, solange er im Besitz +seiner Stellung war, aus Leibeskräften verhindert hatte. In einem +Flugblatt, betitelt: „An meine persönlichen Freunde im Allgemeinen +Deutschen Arbeiterverein“, das er unter dem 2. November 1872 +veröffentlichte, trat er mit aller Entschiedenheit _für eine Vereinigung +der beiden Parteien_ ein. Natürlich konnte er dieses nicht, ohne zuvor +zu versuchen, sein früheres Verhalten gegen uns zu rechtfertigen. Nach +ihm war jetzt gar kein Zweifel mehr, daß wir eine sozialdemokratische +Partei seien, wozu uns aber erst der Uebertritt zahlreicher rühriger +Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gemacht, die er +aber vordem mit uns in einen Topf geworfen und als Literaten, +Schulmeister, Kaufleute, Viertels- und Achtelsintelligenzen bezeichnet +hatte. Weiter wandte er sich gegen den Beschluß der letzten +Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, wonach er +nicht mehr Mitglied des Vereins werden dürfe, dessen gefeierter +Präsident er jahrelang gewesen sei. Er sah in diesem Beschluß einen +unlösbaren Widerspruch zu dem das Jahr vorher ihm von der +Generalversammlung erteilten Vertrauensvotum. Er versicherte pathetisch +seinen redlichen Willen, mit dem er der Partei gedient habe. Er setzte +dann die Nachteile auseinander, die für beide Teile die Spaltung und +gegenseitige Bekämpfung mit sich bringe, und forderte zu einem +gemeinsamen Kongreß auf, der eine zentralistische Organisation, die nach +seiner jetzigen Auffassung das eigentliche Wesen der Lassalleschen +Organisation sei, zu schaffen habe. Er fordert, die Einigung zu schaffen +„mit den Führern, wenn diese wollen, _ohne sie,_ wenn sie untätig +bleiben, _trotz_ ihnen, wenn sie widerstreben“. Man sieht, er konnte +auch so. + +Schweitzer hatte anfangs den Versuch gemacht, sein Flugblatt im +„Volksstaat“ zu veröffentlichen. Dieses wurde abgelehnt, nicht weil der +Gedanke der Einigung unseren Widerspruch fand, sondern weil namentlich +Liebknecht Schweitzer nicht traute. Er sah in dem Flugblatt eine Falle. +Mir machte der Vorschlag den Eindruck, daß Schweitzer seine Nachfolger +damit ärgern und in Verlegenheit bringen wollte. Im Allgemeinen +Deutschen Arbeiterverein versagte die Schweitzersche Aufforderung zur +Vereinigung vollständig. Er bekam jetzt in gewissem Sinne am eigenen +Leibe zu spüren, was er durch jahrelange Verhetzung gegen uns gesät. Es +mußten erst weitere Jahre ins Land gehen, bis unter dem Zwange innerer +und äußerer Umstände die Einigung der deutschen Sozialdemokratie +verwirklicht wurde. + +Schließlich muß ich noch einige Handlungen Schweitzers erwähnen, die +weiter dazu dienen, seinen Charakter in das richtige Licht zu stellen. +Die Vorgänge, die sich auf der Generalversammlung des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins zugetragen, wurden natürlich auch der +bürgerlichen Presse bekannt, und diese erging sich nunmehr in allerlei +Glossen über die Schweitzer bewiesene Undankbarkeit. Darauf +veröffentlichte er in der „Berliner Börsenzeitung“ eine Erklärung, an +deren Schluß es hieß: + + „Ich stimme Ihnen daher vollständig zu, wenn Sie sagen, daß der + Vorgang bezeichnend sei. Die Formfrage war diesen versammelten + ‚Führern‘ und ‚Agitatoren‘ nur Vorwand. Derartige immer wiederkehrende + Beweise von Undankbarkeit sind jedoch sehr erklärlich bei Leuten, von + denen leider nur ein sehr kleiner Teil durch die Begeisterung für eine + neue Idee bewegt wird, _während weitaus die meisten, wie ich zu meiner + Betrübnis beobachten mußte, nur durch den Neid gegen die höheren + Gesellschaftsklassen_ (den niemand heftiger als er geschürt hatte. + A.B.) _oder durch andere unschöne Motive angetrieben werden. Nimmt man + dazu den beschränkten Horizont und man wird sich über Erscheinungen + des Undankes oder des Blödsinnes nicht weiter wundern.“_ + +Der „Berliner Volkszeitung“ schrieb er auf einen Artikel hin, daß er +sich seit seinem Rücktritt von der Präsidentur des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins in keiner Weise aktiv um sozialdemokratische +Angelegenheiten gekümmert habe und auch in Zukunft nichts damit zu +schaffen haben wolle. Er habe es gründlich satt bekommen. Gründlicher +konnte sich Schweitzer selbst nicht bloßstellen, als es durch solche +Erklärungen geschah. + +Damit hatte er aber seiner Feindseligkeit gegen die Träger der von ihm +so viele Jahre geleiteten Bewegung noch nicht genug getan. Fast zu der +gleichen Zeit, in der er sein Flugblatt „An meine Freunde im Allgemeinen +Deutschen Arbeiterverein“ veröffentlichte, erschien auf einer Berliner +Bühne ein von ihm verfaßtes Stück, betitelt „Unser großer Mitbürger“, +Originalposse mit Gesang in drei Akten und sieben Bildern. In diesem +verhöhnte und verspottete er aufs blutigste die Agitatoren des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, deren Erzieher doch er war. +Selbst in der bürgerlichen Presse wurde diese Handlung als +Charakterlosigkeit gerügt und verurteilt. + +Schweitzer litt jahrelang an Tuberkulose, schließlich suchte er in der +Schweiz Heilung seines Leidens. Vergeblich. Am 28. Juli 1875 verschied +er an einer Lungenentzündung im zweiundvierzigsten Lebensjahr. Am 7. +Oktober desselben Jahres wurde seine Leiche, wie Gustav Mayer erzählt, +in der Familiengruft in Frankfurt a.M. beigesetzt. Das Geleite bildeten +ausschließlich seine Familienangehörigen und ein katholischer +Geistlicher. Von seinen einstigen Anhängern und Bewunderern im +Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein folgte keiner dem Sarge. Für die +Sozialdemokratie war er tot, noch ehe er gestorben war. Eine Grabrede +von ihrer Seite hätte keine Lobrede sein können. Auch war dazu die +Leichengruft der Familie nicht der Ort. Auch kein Nachruf zeugt davon, +daß man des ehemaligen Führers gedachte. So endete einer der +bedeutendsten Führer der deutschen Arbeiterbewegung, der sein Schicksal +selbst verschuldet hatte. + + + + +Beginn meiner parlamentarischen Tätigkeit. + + + + +Im konstituierenden norddeutschen Reichstag. + + +Sobald ich die offizielle Anzeige meiner Wahl zum Reichstag in der +Tasche hatte, reiste ich mit einigem Herzklopfen am 5. März 1867 nach +Berlin. Der Reichstag war bereits am 24. Februar eröffnet worden. Ich +ging einer ganz neuen politischen Tätigkeit entgegen. Bis jetzt war mir +das parlamentarische Leben noch gänzlich fremd; jemand, der mich hätte +über dasselbe unterrichten können, kannte ich nicht. Rechtsanwalt +Schraps, der mit mir von der gleichen Partei gewählt worden war, wußte +davon so viel wie ich. Doch hinein ins Wasser. Als ich eben die Tür zum +alten Herrenhaus in der Leipzigerstraße, in dem der Reichstag tagte, +öffnen wollte, wurde dieselbe von innen geöffnet und heraus trat der +Prinz Friedrich Karl, der ebenfalls Mitglied des Reichstags war. Da +begegnet der auf der sozialen Stufenleiter Höchste dem Niedersten, +dachte ich. Nachdem ich mich auf dem Bureau angemeldet hatte, begab ich +mich in die Wohnung von Rechtsanwalt Schaffrath und Professor Wigard, an +die ich ein Empfehlungsschreiben Professor Roßmäßlers hatte, die ich +aber beide persönlich noch nicht kannte, um zu hören, wie es im +Reichstag stehe. Beide klagten über ihre preußischen Gesinnungsgenossen, +die Fortschrittler, unter denen auch der Beste sich nicht auf einen +wirklich freien, demokratischen Standpunkt erheben könne. Auch die +partikularistischen Sachsen, Geheimrat v. Wächter und Genossen, hätten +sich bereits durch Bismarck ins Bockshorn jagen lassen und wagten nicht +mehr ihren konstitutionellen Standpunkt zu vertreten. + +Bemerken will ich, daß _damals_ die konservativen Sachsen, Hannoveraner +usw., die schon ein weit längeres Verfassungsleben hinter sich hatten +als die Preußen, konstitutionellen Anschauungen huldigten und in ihrem +Lande verwirklicht hatten, die selbst liberale Preußen nicht zu +vertreten wagten. + +Ich war der ersten Abteilung zugewiesen worden. Für Laien sei bemerkt, +daß die Mitglieder des Reichstags durch das Los sieben Abteilungen +zugewiesen werden, welche damals noch die Wahlprüfungen endgültig +vorzunehmen hatten und wie heute die Fachkommissionen wählen. Aus diesem +Grunde muß die Zahl der Kommissionsmitglieder stets durch sieben teilbar +sein. + +Meiner Frau schrieb ich unter dem 8. März: Schraps und ich bildeten die +äußerste Linke und wir säßen dementsprechend. Weiter nach links zu +rücken, verhindere uns die Wand, die wollten wir aber doch nicht mit dem +Kopfe einrennen. + +Unter den Abgeordneten befand sich damals die Elite der +norddeutschen Politiker und parlamentarischen Koryphäen. Da sah ich +wieder v. Bennigsen, der im Vorjahr dem Abgeordnetentag in +Frankfurt a.M. präsidiert hatte; weiter Dr. Karl Braun-Wiesbaden, der +Parlamentsspaßmacher wurde und die beste Weinzunge im Reichstag gehabt +haben soll; den roten Becker, dessen Bekanntschaft aus dem Jahre 1863 +ich erneuerte; Max Duncker, der auf seine Löwenmähne stolz war; v. +Forckenbeck, der später Nachfolger Simsons und der parteiischste +Präsident wurde, den den Reichstag je hatte; Gustav Freytag, der +bekannte Romanschriftsteller; Rudolf Gneist, dem nachher eines Tages der +Kriegsminister v. Roon vor dem ganzen Hause das Kompliment machte, er +sei ein Mann, der alles beweisen könnte; den kleinen Lasker, der mit +seinen kurzen Beinchen wie ein Wiesel lief, wenn er zur Tribüne eilte, +was häufig vorkam; das ehemalige Mitglied des Kommunistenbundes Miguel, +ein feiner Kopf und Redner; Dr. Planck, nachmals Hauptmitarbeiter am +Bürgerlichen Gesetzbuch und Kommentator desselben; Eugen Richter, der +noch ebenso frostig dreinsah wie 1863, als ich ihn in Frankfurt a.M. +kennen lernte; Dr. Simson, einst einer der Präsidenten des Frankfurter +Parlaments, dem man jetzt dieses Amt im Reichstag übertragen hatte; +wegen der würdevollen Art, mit der er präsidierte und die Glocke +schwang, wurde er scherzweise Jupiter Tonans genannt; Schwerin-Putzar, +früher Minister in der „liberalen Aera“, setzte später durch, daß der +Reichstag für die Beratung der Initiativanträge seiner Mitglieder einen +bestimmten Tag in der Woche, in der Regel den Mittwoch, bestimmte; +daher werden diese Tage noch heute im Parlamentsjargon Schwerinstage +genannt. Schulze-Delitzsch, Twesten, besonders bekannt geworden durch +sein Duell mit Herrn v. Manteuffel; v. Unruh, ein liberaler Reaktionär; +Waldeck, der eigentliche Führer der Fortschrittspartei; die beiden +Mecklenburger Gebrüder Wiggers, beide ehemalige Revolutionäre, von denen +der eine zu den Nationalliberalen, der andere zur Fortschrittspartei +gehörte. In der bundesstaatlich-konstitutionellen Fraktion ragte vor +allen neben Windthorst Malinckrodt hervor, der mit der feinste Kopf des +späteren Zentrums war. In der Fraktion des Zentrums, das damals aus +Altliberalen bestand, saß Georg v. Vincke, der Schrecken der +Stenographen. Er war der schnellste Redner des Reichstags. Endlich +befand sich auf der äußersten Rechten und als ihr eigentlicher Führer +der Geheime Oberregierungsrat Hermann Wagener, eine hohe, hagere +Bureaukratengestalt, mit einem knochigen, unsympathischen Gesicht und +einem unangenehmen Organ. + +Eine gewichtige Person war Karl Mayer v. Rothschild, den das annektierte +Frankfurt mit Unterstützung der „Frankfurter Zeitung“ in den Reichstag +geschickt hatte. Rothschild war eine untersetzte, breitschulterige +Persönlichkeit mit wohlgepflegtem pechschwarzen Haar und Bart; er trug +eine schwere goldene Kette über dem ziemlich stattlichen Bauch und war +immer höchst elegant gekleidet. Ich erkannte ihn auf den ersten Blick, +ohne je ein Bild von ihm gesehen zu haben. Aehnlich erging es mir im +nächsten Reichstag mit Schweitzer. Auch gehörten dem Reichstag die +Generale Vogel v. Falckenstein und v. Steinmetz an; sie waren gewählt +worden wegen ihrer Kriegstaten im vorhergehenden Jahre. + +Mehr aber als alle die Genannten interessierte mich Bismarck, den ich +vordem noch nicht gesehen hatte. Er erschien damals im Reichstag fast +immer im schwarzen Gehrock, schwarzer Weste und hoher schwarzer +Geheimratskrawatte, aus der die weißen Spitzen der Vatermörder +hervorfahen. Das Haar, soweit er solches noch besaß, war dunkel, ebenso +der kurzgeschnittene Schnurrbart. Nach den drei Haaren, die nach Angabe +aller seiner Karikaturenzeichner auf dem im übrigen kahlen Schädel +stehen sollten, wie drei Pappeln auf weiter Flur, hielt ich vergebens +Ausschau. Entweder waren sie nur in der Phantasie der Zeichner vorhanden +gewesen, oder er hatte sie im Verfassungskampf als Trophäe in den Händen +seiner Gegner lassen müssen. Ich war sehr begierig, ihn sprechen zu +hören, aber nicht wenig enttäuscht, als der Hüne sich erhob und, statt +mit einer Löwen- oder Stentorstimme, mit einer Diskantstimme zum Hause +sprach. Er prägte lange, sehr verwickelte Sätze, stockte auch zeitweilig +ein wenig, sprach aber stets interessant. Was er sagte, hatte Hand und +Fuß. + +Bismarck hatte sich zwar mit der großen Mehrheit der Liberalen, +namentlich den Nationalliberalen ausgesöhnt, aber er war immer noch +mißtrauisch gegen sie und fürchtete, daß sie in die alten Fehler der +Sucht nach parlamentarischer Macht verfallen und ihm das Leben wieder +sauer machen möchten. Den Verfassungsentwurf hatte er deshalb auf seinen +eigenen Leib zugeschnitten, aber diesen Entwurf konnten die Liberalen, +so sehr sie auch sich zu bescheiden bereit waren, doch nicht ohne einige +nicht unerhebliche Aenderungen akzeptieren. Schließlich machte er ihnen +eine Anzahl Konzessionen, aber in zwei Hauptpunkten, dem eisernen +Militäretat und der Verweigerung der Diäten, gaben sie ihm nach. +Letztere hätte er sicher auch gewährt, wie er später einmal zugestand, +wären die Liberalen, die in der ersten Abstimmung mit erheblichem Mehr +die Diäten durchgesetzt hatten, festgeblieben. Aber schon damals wurde +das Umfallen, namentlich den Nationalliberalen, zur süßen Gewohnheit. Es +wäre undenkbar gewesen, daß Bismarck, wie er drohte, die Verfassung ins +Wasser fallen ließ, falls die Diäten in derselben blieben. Diese Blamage +konnte er sich vor der Welt nicht zufügen. Im konstituierenden Reichstag +bezogen übrigens die Abgeordneten sämtlicher Staaten, mit Ausnahme jener +von Preußen, Mecklenburg und Reuß jüngerer Linie, Diäten, so zum +Beispiel wir sächsischen Abgeordneten vier Taler pro Tag, die aus der +Landesstaatskasse gezahlt wurden. + +Dagegen mußte Bismarck in der Sitzung am 28. März, in der der Artikel +über das künftige Wahlrecht für den Reichstag zur Beratung stand, +dieses verteidigen. Die rechtsnationalliberalen Abgeordneten v. Sybel, +Grumbrecht-Harburg und Dr. Meier-Thorn und verschiedene Redner der +Rechten hatten Bedenken gegen dasselbe geäußert. Sybel sah in ihm „die +Diktatur der Demokratie“. Darauf erklärte Bismarck: Das allgemeine +Wahlrecht ist uns gewissermaßen als ein Erbteil der deutschen +Einheitsbestrebungen überkommen; wir haben es in der Reichsverfassung +gehabt, wie sie in Frankfurt entworfen wurde; wir haben es im Jahre 1863 +den damaligen Bestrebungen Oesterreichs in Frankfurt entgegengesetzt, +und ich kann nur sagen: _Ich kenne wenigstens kein besseres Wahlgesetz._ + +Er setzte dann auseinander, wie es ganz unmöglich gewesen sei, in dem zu +gründenden Bunde von einundzwanzig Staaten eine andere gemeinsame +Basis für ein Wahlrecht zu finden. Oder wolle man etwa das +Dreiklassenwahlsystem? „Ja, wer dessen Wirkung und Konstellationen, die +es im Lande schafft, etwas in der Nähe beobachtet hat, muß sagen, _ein +elenderes, ein widersinnigeres Wahlgesetz ist nicht in irgend einem +Staate ausgedacht worden_.“ Er warf diesem Gesetz Willkür und Härte vor. +Der Erfinder desselben würde es nie gemacht haben, hätte er sich die +praktische Wirkung desselben vergegenwärtigt. Er finde es natürlich, +_daß jeder sich als Helot, als politisch tot ansehe, der durch dieses +Gesetz in eine untere Wählerklasse gestellt werde._ + +Meine erste parlamentarische Handlung bestand darin, daß ich den +Reichstag zu einer Ungesetzlichkeit verleitete. Da diese Tat noch nicht +in die Tafeln der Geschichte eingegraben worden ist, sei sie hier in +Kürze erzählt. Als ich der ersten Abteilungssitzung beiwohnte, stand +zufällig die Wahl des Abgeordneten Professor v. Wächter für Leipzig auf +der Tagesordnung. Wächter war in engerer Wahl mit 5434 gegen 4403 +Stimmen gewählt worden. Der Leipziger Magistrat hatte aber den groben +Fehler begangen, daß er nicht, wie §7 des Wahlreglements vorschreibt, +den Wahlkreis in Wahlbezirke, von denen keiner über 3500 Einwohner haben +darf, einteilte, sondern daß er die Namen der gesamten Wählerschaft der +Stadt, nach dem _Alphabet geordnet_, auf acht Wahlorte verteilte, die +im Mittelpunkt der Stadt lagen. Es entschied also nicht der Wahlbezirk, +sondern die alphabetische Ordnung der Namen der Wähler, wo ein solcher +zu wählen hatte. Der Berichterstatter Graf Bethusy-Hue trug den Fall +vor, der nach seinem eigenen Geständnis sehr kritisch lag. In der +Debatte, die über die Gültigkeit der Wahl entstand, ergriff auch ich das +Wort und führte aus: Ich wohnte seit sechs Jahren in Leipzig, wäre mit +den politischen Verhältnissen der Stadt genau bekannt und könnte danach +bestimmt behaupten, wenn der Wahlkreis nach der gesetzlichen Vorschrift +eingeteilt worden wäre, würde das Wahlresultat auch kein anderes gewesen +sein. Diese Auffassung, nach der ich die gesetzliche Vorschrift +vollständig ignorierte, schlug durch. Die Kommission beschloß mit 14 +gegen 11 Stimmen die Gültigkeit der Wahl, und das Plenum schloß sich dem +Antrag _ohne Debatte_ einstimmig an. + +Ich hatte also den Leipziger Magistrat vor einer großen Blamage bewahrt, +der er verfallen wäre, wenn die Wahl für ungültig erklärt worden wäre. +Ich hatte aber auch der Stadt die Vertretung gerettet, denn da der +Reichstag bereits am 17. April geschlossen wurde, hätte eine Nachwahl, +für die eine neue Wählerliste aufgestellt werden mußte, nicht mehr +rechtzeitig stattfinden können. Daß so beschlossen wurde, war allerdings +nur in ungefestigten Verhältnissen möglich, wie sie in der ersten +Session dieses neuen Reichstags vorhanden waren. + +Ich habe oben den Namen des Grafen Bethusy-Hue genannt. Dieser Herr war +einer der oberflächlichen Vielredner jener Zeit und liebte es besonders, +in gewagten Bildern zu sprechen. So äußerte er zum Beispiel eines Tages: +„man müsse den Strom der Zeit an der Stirnlocke fassen“; ein andermal +sagte er mit Beziehung auf die Abgeordneten: „sie seien von der +Sehnsucht erfüllt, heimzukommen zu ihren väterlichen Ochsen“, ein Satz, +der die stürmische Heiterkeit des ganzen Hauses hervorrief. + +Einmal Mitglied des Reichstags, hatte ich das Bedürfnis, eine größere +Rede im Plenum zu halten. In meinem Wahlkreis wartete man sehnlichst +darauf und richtete dementsprechende Anfragen an mich. Aber die +Schlußanträge waren sehr häufig, und in der Generaldebatte über den +Verfassungsentwurf war mir das Wort abgeschnitten worden. Endlich +gelangte ich bei Artikel 14, Verhältnis der süddeutschen Staaten zum +Norddeutschen Bund, zum Worte. Ich führte aus: + + Ich sei überzeugt, daß es Preußen bei der Gründung des Norddeutschen + Bundes keineswegs um eine Einigung Deutschlands zu tun gewesen sei + (lebhafter Widerspruch rechts), man habe im Gegenteil ein spezifisch + preußisches Interesse, die Stärkung der hohenzollernschen Hausmacht, + im Auge gehabt. (Lebhafter Widerspruch rechts. Der Präsident forderte + zur Ruhe auf, man solle mich nachher widerlegen.) Betrachte man den + Bund näher, so ergebe sich ein ganz abnormes Verhältnis der übrigen + Staaten zu Preußen. Der Bund sei nur ein Groß-Preußen, umgeben von + Vasallenstaaten, deren Regierungen nichts weiter als + Generalgouverneure der Krone Preußen seien. (Lebhafter Widerspruch + rechts.) + +Ich führte weiter aus: + + Wenn Preußen die süddeutschen Staaten in das Bundesbündnis hätte mit + aufnehmen wollen, hätte es das gekonnt. Die Behauptung, daß Frankreich + dem entgegengetreten sein würde, ließe ich nicht gelten, denn durch + die Militärkonventionen mit den süddeutschen Staaten sei die + militärische Macht Deutschlands im Falle eines Krieges in der Hand + Preußens vereinigt. Frankreich würde sich also gehütet haben, sich + gegen die Aufnahme Süddeutschlands in den Nordbund zu erklären. Eine + Einmischung von seiner Seite in die inneren Angelegenheiten + Deutschlands würde zur Folge gehabt haben, daß ganz Deutschland sich + wie Ein Mann gegen Frankreich erhoben hätte. + + Wenn der Prager Friedensvertrag nur eine _international_ geregelte + Einigung zwischen Nord- und Süddeutschland zulasse, dann sei damit + bewiesen, wie Preußen in der Frage denke, denn Preußen habe den Prager + Friedensvertrag diktiert, und würde die preußische Regierung finden, + daß dieser Vertrag ihr schädlich sei, so werde sie nicht anstehen, + denselben zu zerreißen. (Oh! Oh! rechts.) Ich sei auch überzeugt, daß + Oesterreich dasselbe tun werde, sobald es die Niederlage und Blamage + des vorigen Jahres auswetzen könne. Die preußische Regierung wolle die + süddeutschen Staaten nicht in den Nordbund aufnehmen, weil alsdann + Preußen eine Majorisierung fürchten müsse. Preußen werde sich also + begnügen, daß es durch die Militärkonventionen die militärische + Gewalt in die Hände bekommen habe, im übrigen werde man durch + Zollverträge die vorhandene Kluft zu überbrücken trachten, aber + ausfüllen werde man sie nicht. Eine solche Politik unterstützten wir + nicht. Ich protestierte dagegen, daß man eine solche Politik eine + deutsche nenne, und ich protestierte gegen einen Bund, der nicht die + Einheit, sondern die _Zerreißung_ Deutschlands proklamiere, gegen + einen Bund, der Deutschland _zu einer großen Kaserne mache_ (lebhafter + Widerspruch) und den letzten Rest von Freiheit und Volksrecht + vernichte. + +Der nationalliberale Abgeordnete Weber-Stade fand, daß durch meine Rede +ein Mißton in die Versammlung geworfen worden sei, er hoffe aber, daß +mit dem Aussprechen solcher Mißtöne die Gelegenheit zur Auflösung +derselben in Harmonie gegeben sei. + +Der Abgeordnete _Miquel_ polemisierte ebenfalls gegen mich. Ich hätte +bedauert, daß der Norddeutsche Bund den Rechten der kleinen Fürsten +einen _so_ gewaltigen Abbruch tue, daß sie sich in der beklagenswerten +Stellung von Generalgouverneuren befänden. Das war eine Verdrehung +meiner Worte, da ich mit dem Gleichnis nur dartun wollte, was für ein +sonderbares Gebilde dieser Norddeutsche Bund sei. Wären damals sämtliche +Klein- und Mittelstaaten annektiert worden, ich hätte keinen Finger +dagegen gerührt. Ein weiteres Diktum von Miquel war: Der preußische +Staat ist _kein_ Militärstaat, sondern ein Staat der Kultur.... Es sei +wunderbar, welche Koalition von Gegnern dem neuen Staatsgebilde +entgegentrete. Auf der einen Seite die _entschiedensten Demokraten,_ +deren Tendenzen doch nicht darauf hinausliefen, sich besonders für die +Machtvollkommenheit der kleinen Fürsten zu interessieren, und verbunden +mit ihnen sei die ultramontane Partei, die, wenn man offen sein wolle, +unser Vaterland nirgends anderswo als in Rom sehe. + +Man sieht, daß vom ersten Augenblick unseres parlamentarischen Lebens +bereits die Denunziation auftauchte, wir seien Verbündete der +ultramontanen Partei, die damals im norddeutschen Reichstag noch keine +organisierte Vertretung hatte. Miquel ist also der Vater dieser +Denunziation, die bis heute von seinen Gesinnungsgenossen uns gegenüber +praktiziert wird. Im weiteren sprach er die Hoffnung aus, der König von +Preußen werde mit Gegnern wie Bebel fertig werden. Bis heute hat sich +diese Hoffnung nicht erfüllt, so wenig wie die andere, die drei +Jahrzehnte später geäußert wurde: die Sozialdemokratie sei nur eine +vorübergehende Erscheinung. + +Natürlich konnte auch Lasker, die parlamentarische Anstandsdame, auf +meine Rede nicht schweigen. Er sei nicht wenig erstaunt gewesen, daß der +erste Redner (ich) mit so heftigen Angriffen gegen den Leiter unserer +Politik auftrat. So viel er wüßte, gehörte ich zu einer Partei, die in +Elberfeld-Barmen die Wahl des Herrn Ministerpräsidenten sehr kräftig +unterstützt habe. (Er meinte die Wahl Bismarcks.) Im übrigen müsse er +mir allerdings das Zugeständnis machen, daß ich die Gespräche, die man +in Bierstuben zu führen pflege, hier klar abgespiegelt habe. Hier +unterbrach ihn der Präsident mit dem Bemerken, daß es ihm (Lasker) nicht +zustehe, eine solche Kritik an der Rede eines Kollegen zu üben. In einer +persönlichen Bemerkung antwortete ich Lasker: Es sei mir sehr angenehm, +durch seine Angriffe auf meine Parteistellung eine Erklärung abgeben zu +können. Ich gehörte nicht zu der Partei, die in Barmen-Elberfeld +geholfen habe, den Grafen v. Bismarck durchzubringen, das heiße der +Lassalleschen Partei. Er (Lasker) hätte dies schon aus der Tatsache +entnehmen können, daß ich hier gegen die Politik des Grafen v. Bismarck +aufgetreten sei. Ich gehörte nicht der Lassalleschen, sondern der +radikaldemokratischen, oder wenn man wolle, der Volkspartei an. Auf +seine persönlichen Angriffe hätte ich keine Veranlassung mehr +zurückzukommen, nachdem der Präsident ihm eine Rüge erteilt habe. + +Meine Rede hatte erhebliches Aufsehen auch außerhalb des Hauses und +namentlich bei meinen Wählern große Befriedigung hervorgerufen. Dagegen +gab das liberale „Glauchauer Tageblatt“ seinem Aerger dadurch Ausdruck, +daß es schrieb: „Der jugendliche Drechslermeister Bebel aus Leipzig hat +seine wohleinstudierte Jungfernrede glücklich vom Stapel gelassen, +infolgedessen schlägt das Schweinefleisch um drei Pfennig ab.“ Darauf +antwortete nächsten Tages eine Annonce im „Schönburger Anzeiger“, der +ebenfalls in Glauchau erschien: „Der erwartete Abschlag des +Schweinefleisches ist nicht erfolgt, wohl aber steht infolge großen +Andranges von ostpreußischem Rindvieh (Anspielung auf den Verfasser) ein +bedeutender Abschlag des Ochsenfleisches bevor.“ + +Meine Jungfernrede hatte noch zwei weitere Nachspiele. Die „Gartenlaube“ +veröffentlichte zu jener Zeit eine Reihe Artikel, in der das Auftreten +markanter Persönlichkeiten im Reichstag besprochen wurde. Mir wurde die +Ehre zuteil, ebenfalls in diesen Artikeln genannt zu werden. Der +Verfasser führte aus, als ich meine Rede gehalten, sei es gewesen, als +rausche der Sturmvogel der Revolution durch das Haus. Das schien dem +Verleger der „Gartenlaube“, Ernst Keil, mit dem ich früher persönlich +wiederholt wegen politischer Dinge Verkehr gehabt hatte, ein zu großes +Lob zu sein. Der Druck der betreffenden Nummer wurde unterbrochen und +der Satz geändert. + +Einige Wochen später, als ich wieder zu Hause war, traten eines Tages +zwei aristokratisch aussehende Herren in meine Werkstatt, in der ich +eben am Schraubstock stand und Büffelhörner zersägte. Der eine der +Herren fragte nach dem Drechslermeister Bebel. Der bin ich, gab ich zur +Antwort. Darauf sah mich der Frager etwas betroffen an und äußerte: Ich +meine den Reichstagsabgeordneten Bebel. Etwas pikiert antwortete ich: Ja +ja, der bin ich! Erstaunt sah er an mir vom Kopf bis zu den Füßen +herunter und stellte sich als Freiherr v. Friesen auf Rötha vor. Er war +der Bruder des Ministers. Er habe meine Reichstagsrede gelesen und sich +über eine Anzahl Stellen in derselben gefreut. Ich verneigte mich für +das Kompliment. Dann fragte er, wer der Dr. Johann Jacoby sei, der im +preußischen Landtag eine so gute Rede gegen die Annexionen und die von +Bismarck geforderte Indemnität gehalten habe. Ich gab ihm die gewünschte +Aufklärung. Dann entfernten sich die beiden. + +Unsere Partikularisten waren zu jener Zeit von einem unbändigen Haß +gegen Bismarck beseelt; sie hätten mit dem Teufel ein Bündnis +geschlossen, um ihn zu vernichten. Während des Reichstags saß der größte +Teil der sächsischen Abgeordneten im Leipziger Garten, der vis-à -vis dem +Herrenhaus sich befand. Wir hatten mit dem Wirt ein Abkommen getroffen, +wonach er für uns jeden Tag nach Schluß der Sitzung ein gemeinsames +Mittagessen bereit hielt. Eines Tages saß ich neben dem Abgeordneten +Haberkorn, der Bürgermeister von Zittau und Präsident der Zweiten +sächsischen Kammer war. Im Laufe der Unterhaltung kam das Gespräch auch +auf Bismarck, der in der Sitzung am Vormittag wieder eine seiner +heftigen Reden gehalten hatte. Haberkorn war darüber so erregt, daß er +sich in den denkbar stärksten Ausdrücken wider ihn erging. + +Gegen Ende der Session hatte der König den gesamten Reichstag zu Tisch +ins Schloß geladen. Ich und einige andere Abgeordnete nahmen an diesem +Essen nicht teil. Am nächsten Vormittag nach jenem Tage stieß ich im +Reichstag auf den roten Becker, mit dem ich gut Freund geworden war. +Becker war noch in weinseliger Stimmung und trug auf dem breit +ausgelegten Chemisette Spuren des genossenen Weines. Becker war damals +Junggeselle. „Nun Becker,“ fragte ich ihn, „wie war es denn gestern bei +Wilhelms?“ Darauf stellte er sich breit vor mich hin, legte beide Hände +auf meine Schultern, schüttelte mich ein wenig und antwortete: +„Bebelchen, es war großartig, Wilhelm hat deliziöse Weinchen,“ dabei +schnalzte er mit der Zunge, „und hinter mir stand so'n Kerl, der immer +einschenkte, wenn mein Glas leer war.“ Ich lachte und fragte: „Da werden +Sie wohl auch künftigen Einladungen ins Schloß folgen?“ worauf er +ebenfalls lachend erwiderte: „Mein Lieber, das können Sie sich denken.“ + +In Becker und Miquel besaß der norddeutsche Reichstag zwei Mitglieder +des ehemaligen Kommunistenbundes, von denen jeder in seiner Art Karriere +machte. Becker wurde Oberbürgermeister von Dortmund und später von Köln, +in welcher Eigenschaft er auch Mitglied des Herrenhauses wurde. Miquel +stieg noch einige Stufen höher. Er wurde zunächst Oberbürgermeister von +Osnabrück, dann von Frankfurt a.M. und starb bekanntlich als geadelter +pensionierter preußischer Finanzminister und Liebling der Agrarier. + +Eine Anzahl Mitglieder des ehemaligen Kommunistenbundes hatte überhaupt +eine besondere Entwicklung genommen. So neben Becker und Miquel der +ehemalige Schriftsetzer Wallau, der als Oberbürgermeister von Mainz +starb, ferner Bürgers, der längere Zeit Chefredakteur der „Rheinischen +Zeitung“ war und während einer Legislaturperiode Mitglied des Deutschen +Reichstags wurde. Er gehörte wie damals Becker zur Fortschrittspartei. + +Am 16. April fand die namentliche Abstimmung über die Verfassung des +Norddeutschen Bundes statt. Von 283 anwesenden Mitgliedern — der +Reichstag zählte 297 — stimmten 230 dafür und 53 dagegen. Außer Schraps +und mir _die gesamte Fortschrittspartei,_ die Polen, Windthorst, +Wächter, Haberkorn und mehrere Hannoveraner. Nach Ansicht der damaligen +Fortschrittspartei war die norddeutsche Bundesverfassung ein Werk, das +nicht die Rechte enthielt, auf deren Gewährung eine konstitutionelle +Volksvertretung bestehen mußte. Keine Grundrechte, kein +Steuerbewilligungsrecht, keine Ministerverantwortlichkeit, keine Diäten. +Dafür den eisernen Militäretat und eine große Machtstellung des +Bundeskanzlers. Reichskanzler heißt er von 1871 ab. Am 17. April wurde +der Reichstag geschlossen; er hatte fünfunddreißig Sitzungen abgehalten. + + * * * * * + +Ich hatte gegen Schluß der Session meine Frau nach Berlin kommen lassen, +um ihr die Stadt zu zeigen. Das damalige Berlin kann sich mit dem +heutigen in nichts vergleichen. Die schmucklosen Fassaden der Häuser an +den langen geraden Straßen ließen es langweilig und eintönig erscheinen. +Die Häuser standen gleichmäßig nebeneinander wie ein Regiment Soldaten, +aber ohne anregende Farbe. Der Verkehr war im Vergleich zu heute gering. +Ab und zu humpelte ein Omnibus mit zwei müden Gäulen über das Pflaster. +Droschken sah man selten, deren Benutzung war dem Berliner jener Zeit zu +teuer. Das einzige moderne Verkehrsmittel war die Pferdebahn, die vom +Kupfergraben nach Charlottenburg führte. Mit den hygienischen Zuständen +war es übel bestellt. Eine Kanalisation war noch nicht vorhanden. In den +Rinnsteinen, die längs der Bürgersteige hinliefen, sammelten sich die +Abwässer der Häuser und verbreiteten an warmen Tagen mephitische +Gerüche. Bedürfnisanstalten auf den Straßen oder Plätzen gab es nicht. +Fremde und namentlich Frauen gerieten in Verzweiflung, bedurften sie +einer solchen. In den Häusern selbst waren diese Einrichtungen meist +unglaublich primitiv. Eines Abends besuchte ich mit meiner Frau das +Königliche Schauspielhaus. Ich war entsetzt, als ich in einem +Zwischenakt in den Raum trat, der für die Befriedigung kleiner +Bedürfnisse der Männer bestimmt war. Mitten in dem Raum stand ein +Riesenbottich, längs den Wänden standen einige Dutzend Pots de Chambre, +von denen man den benutzten höchst eigenhändig in den großen +Kommunebottich zu entleeren hatte. Es war recht gemütlich und ganz +demokratisch. Berlin als Großstadt ist wirklich erst nach dem Jahre 1870 +aus dem Zustand der Barbarei in den der Zivilisation getreten. + + * * * * * + +Ich hatte die Gewohnheit angenommen, nach jeder Session des Reichstags +in meinen Wahlkreis zu reisen und in den Hauptorten eine Anzahl +Wählerversammlungen abzuhalten, in denen ich über die Verhandlungen des +Reichstags und meine Tätigkeit Bericht erstattete. Da wir überall große +Säle zur Verfügung hatten, konnte ich auf Massenbesuch rechnen, und es +war mir besonders interessant, daß von Anfang meiner Agitation an die +Frauen ein nicht unerhebliches Kontingent zu den Versammlungsbesuchern +stellten, die nachher eifrige Agitatorinnen für uns wurden. Da wir keine +Presse besaßen und die paar im Kreise verbreiteten Parteiblätter nur von +wenigen gelesen wurden, die gegnerische Presse aber unausgesetzt sich +namentlich mit mir beschäftigte, waren diese Versammlungen nötig. Es +bildete sich allmählich zwischen mir und meinen Wählern ein +Vertrauensverhältnis heraus, das nichts zu wünschen übrig ließ. Die +Gegner machten bei den verschiedenen Wahlen vergebliche Anstrengungen, +mich aus dem Sattel zu heben. Es fiel mir sehr schwer, als ich nach zehn +Jahren (1877) doppelt gewählt wurde, den Wahlkreis aufzugeben; +andernfalls wäre der neugewonnene Wahlkreis (Altstadt-Dresden) der +Partei wieder verloren gegangen. + + + + +Im norddeutschen Reichstag und dem Zollparlament. + + +Die erste Session der ersten Legislaturperiode des norddeutschen +Reichstags wurde am 10. September 1867 eröffnet. Unter den +Abgeordneten, die neugewählt waren, ragten besonders hervor Freiherr +v. Hoverbeck, Franz Ziegler und v. Kirchmann. Alle drei gehörten zur +Fortschrittspartei! Kirchmann hatte wie Ziegler eine längere +demokratische Vergangenheit hinter sich. So gehörte er in der +preußischen Nationalversammlung im Jahre 1848 zu den Steuerverweigerern. +Er war aber auch einer der am meisten verfolgten preußischen Richter, +gegen den sich die Reaktion die nichtswürdigsten Mittel erlaubte. +Schließlich wurde er seines Amtes als Vizepräsident des +Appellationsgerichts in Ratibor ohne Pension entsetzt, weil er einen +Vortrag gehalten hatte über den Kommunismus in der Natur, in dem er für +eine Einschränkung der Bevölkerungsvermehrung eintrat, und zwar im +Interesse einer höheren Kulturentwicklung und der Beseitigung der +wirtschaftlichen Ungleichheit. Er hatte darin vor seinen Zuhörern +ausgeführt: „Das Ideal einer fortschreitenden Gleichheit aller Menschen +im Glück und Wohlbefinden liegt so tief in der Brust eines jeden, daß +man nicht zu verzagen braucht. Die Bewegung, die Annäherung zu diesem +Ziele wird vorschreiten, des seien Sie gewiß. Wenn viertausend Jahre +dazu gehörten, um nur die Gleichheit des Rechts in einem hohen Grade zu +gewinnen, so dürfen wir nicht den Mut verlieren, weil die Gleichheit der +Glücksgüter, diese viel schwerere Aufgabe, innerhalb zweier Generationen +nicht hat erreicht werden können.“ Dieser Vortrag sollte „unsittlich“ +sein und einen so unsittlichen höheren Richter konnte der allezeit so +fromme und sittliche preußische Staat nicht gebrauchen. Kirchmann war +wohl der philosophisch gebildetste Kopf im Reichstag, jedenfalls stand +er an Bildung und Wissen hoch über den Mitgliedern des Gerichtshofs, die +ihm seine Stellung aberkannten. Außer den drei Genannten war auch +Feldmarschall v. Moltke Mitglied des Hauses geworden. Ferner gehörte dem +Hause der später berüchtigt gewordene Strousberg an, der es meisterhaft +verstand, zahlreiche Vertreter des preußischen Hochadels als Lockvögel +für seine Gründungen zu gewinnen, deren Unterschriften denn auch unter +seinen Prospekten prangten. Das schien um so unbegreiflicher, als +Strousbergs Aeußeres schon den Eindruck eines höchst unsympathischen +Emporkömmlings machte. Sein Auftreten war protzenhaft. Die Feste, die er +veranstaltete, machten in dem Berlin jener Zeit großes Aufsehen. Die +Berliner Presse veröffentlichte lange Berichte über dieselben. So +verschwenderisch wie er hatte bis dahin in Berlin kein Privatmann +gewirtschaftet. Es war die Aera des Großkapitalismus, die Strousberg +einläutete. Aristokratie und Plutokratie verschwägerten sich. + +Meine erste Rede in der neuen Session hielt ich anläßlich einer +Adreßdebatte am 24. September. Ich legte Verwahrung dagegen ein, daß in +der Adresse an das Bundesoberhaupt — den König von Preußen — sich der +Reichstag als die Vertretung der deutschen Nation bezeichne. Der +Präsident unterbrach mich, es gebe keine andere Vertretung der Nation. +Darauf antwortete ich, der Reichstag vertrete nur einen Teil der Nation. +Man habe 18 Millionen Deutsche preisgegeben — 10 Millionen +Deutsch-Oesterreicher, 8 Millionen Süddeutsche — und Luxemburg, das +ebenfalls aus dem Bunde geschieden sei. Außerdem bestehe auf Grund +Artikel 4 des Prager Friedensvertrags die Gefahr, daß wir eines Tages +die nordschleswigschen Distrikte an Dänemark abtreten müßten. Das sei +keine nationale Politik. + +Darauf nahm Bismarck das Wort. Er wolle mir nicht persönlich +entgegnen — bemerkte er etwas maliziös —, sondern weil ich mich zum +Mundstück eines weitverbreiteten Irrtums gemacht hätte. Luxemburg sei +nicht preisgegeben, was er durch eine Reihe Sophismen zu beweisen +versuchte. Oder ob ich etwa wünschte, daß man wegen Luxemburg habe einen +Krieg machen sollen? Das fiel mir selbstverständlich nicht ein, ich +wollte nur konstatieren, daß die alten Beziehungen des Landes zu +Deutschland infolge Bismarcks „nationaler“ Politik gelöst werden mußten, +und zwar auf Verlangen _Napoleons_. Luxemburg war vordem deutscher +Bundesstaat, es hatte Sitz und Stimme im Bundestag in Frankfurt, und die +Stadt Luxemburg war deutsche Bundesfestung, und da der Großherzog von +Luxemburg der König von Holland war, so waren Hollands Interessen in +hohem Grade an die Deutschlands gekettet, was bei internationalen +Verwicklungen ein Vorteil war. + +Am 17. Oktober hielt ich meine zweite Rede bei der Beratung des +Entwurfes betreffend die Wehrpflicht. Der Gesetzentwurf fordere nur +scheinbar die allgemeine Wehrpflicht, denn alle Wehrfähigen +wehrpflichtig zu machen, sei bei der langen Dienstzeit unmöglich. Alle +Wehrfähigen militärisch auszubilden, sei aber ein Akt der Gerechtigkeit +und eine Wohltat für das Land. Das sei nur bei einem Wehrsystem möglich, +wie es infolge der Militärreorganisation von Scharnhorst und Gneisenau +in Preußen von 1809 bis 1813 bestanden habe. Daß man mit kürzerer +Dienstzeit ebenfalls kriegstüchtige Mannschaften liefern könne, habe +1866 auch Sachsen gezeigt, dessen weitaus größte Zahl der Mannschaften +nicht über neun Monate bei den Fahnen gewesen sei. Auch das in Preußen +bestehende Einjährig-Freiwilligensystem beweise es. + +In großer Erregung trat mir Hans Blum entgegen, der sehr ausfallend +gegen mich wurde. Woher ich die Stirne zu einer solchen Rede nehme? +(Rüge des Präsidenten.) In persönlicher Bemerkung antwortete ich Blum, +ich hätte die Stirne hergenommen, wo sein Vater sie 1848 hergenommen +habe, als er für ähnliche Forderungen wie ich im Frankfurter Parlament +eintrat. Liebknechts und meine Reden bei diesem Gesetzentwurf +hatten nach außen Aufsehen erregt. Wir erhielten über dreißig +Zustimmungsadressen, fast alle aus preußischen Städten. Die Leipziger +Parteigenossen schickten uns als Anerkennung einen neun Pfund schweren +Schinken, der uns als diätenlosen Abgeordneten, die wir jetzt waren, +willkommen war. + +Bei der Beratung des Paßgesetzes stellten Liebknecht und ich einen +Antrag, wonach die Polizei kein Recht zu Ausweisungen haben solle. Zum +Freizügigkeitsgesetz stellten wir Anträge, wonach die Polizei niemand +Aufenthaltsbeschränkungen unterwerfen dürfe, solche sollten nur infolge +eines richterlichen Urteils ausgesprochen werden können. Alle bisher +erfolgten Ausweisungen sollten mit Inkrafttreten des Gesetzes aufgehoben +sein. In der Rede, mit der Liebknecht den Antrag begründete, kam er auf +die Vorgänge zu sprechen, die 1865 zu seiner Ausweisung aus Preußen und +Herbst 1866 zu seiner Verurteilung wegen Bannbruch führten. Natürlich +wurden die Anträge abgelehnt. + +Die Session ging bereits am 26. November zu Ende. + + * * * * * + +Im Frühjahr 1868 wurde die Session des Reichstags, die am 23. März +eröffnet worden war, unterbrochen; es sollte nach den Osterferien das +Zollparlament zusammentreten, das für den 27. April nach Berlin berufen +worden war. Dessen Sitzungen wurden im Sitzungssaal des preußischen +Landtags — damals am Dönhofsplatz — abgehalten, weil für die um rund +hundert größere Abgeordnetenzahl der Saal des Herrenhauses nicht +reichte. Die Arrangeure für die Verteilung der Plätze begingen dabei die +kleine Bosheit, daß sie Rothschild neben Liebknecht placierten. Alles +lachte. Der Frankfurter Weltbankier hielt es aber in der gefährlichen +Nachbarschaft nicht lange aus, er ließ sich einen anderen Platz +anweisen. + +Unter den süddeutschen Zollparlamentsmitgliedern befanden sich eine +Anzahl, die bereits eine politische Rolle hinter sich hatten, so Ludwig +Bamberger, der Staatsrechtslehrer Professor Bluntschli, der katholische +Sozialpolitiker Jörg, der Statistiker Dr. Kolb, Fürst zu +Hohenlohe-Schillingsfürst, der spätere Reichskanzler, Professor +Marquardsen, Rechtsanwalt Metz-Darmstadt, Moritz v. Mohl, Rechtsanwalt +Oesterlen-Stuttgart, der gewesene Minister v. Roggenbach, Professor +Schäffle, Professor Sepp, Freiherr v. Stauffenberg, Dr. Tafel-Stuttgart, +Minister v. Varnbühler, Rechtsanwalt Völck — die Frühlingslerche — und +andere. + +Da ich bei der Eröffnungssitzung des Zollparlaments zugegen war, wurde +ich neben den Abgeordneten Hans Blum, v. Watzdorf und Tobias +Jugendschriftführer. Damals bestand noch in der Geschäftsordnung des +Reichstags die Bestimmung, daß die bei der Eröffnungssitzung anwesenden +vier jüngsten Mitglieder neben dem Alterspräsidenten das provisorische +Bureau bildeten. Aus Aerger, daß auf diese Weise Sozialdemokraten in +das Bureau kommen konnten, änderte man später die Geschäftsordnung. +Jetzt wählt der Alterspräsident die vier Schriftführer des +provisorischen Bureaus. An Kleinlichkeit der Auffassung der Opposition +gegenüber hat es dem Reichstag nie gefehlt. + +Unter den süddeutschen Abgeordneten befanden sich eine Anzahl, mit denen +Liebknecht und ich in nähere Beziehungen traten: Ammermüller, +Freiesleben, Kolb, Oesterlen, Schäffle, Tafel usw. Mehrere derselben, +wie Kolb und Tafel, gehörten zur Demokratie. Der größte Teil der +süddeutschen Abgeordneten fand sich nur sehr schwer in die neue Ordnung +der Dinge. Das Zollparlament war eine der Früchte des zwei Jahre vorher +stattgehabten Bruderkriegs, dessen Wunden in Süddeutschland noch nicht +vernarbt waren. Man fühlte sich immer noch als Besiegte. Zudem war das +Zollparlament eine politische Zangengeburt, ein Verlegenheitsprodukt, +nicht Fisch, noch Fleisch. Die Liberalen, als Vertreter der modernen +kapitalistischen Entwicklung, wollten aus dem Zollparlament ein +Vollparlament machen; dem widerstrebte nicht nur Bismarck, aus +politischen Rücksichten auf Frankreich und die Stimmung in +Süddeutschland, dem widerstrebten auch die Vertreter aller anderen +Parteien in Süddeutschland, die in dem Nordbund, seiner Verfassung und +seinen Einrichtungen kein politisches Ideal sahen. Nimmt man hinzu, daß +zu jener Zeit noch ein besonders scharfer Gegensatz in der +Volksgesinnung zwischen Süd und Nord bestand, auf Grund dessen man in +Süddeutschland besser Wien und Paris als Berlin kannte, das Süddeutsche +zu jener Zeit selten besuchten, so begreift man, daß die Geister scharf +aufeinanderplatzten, wo immer sich eine Gelegenheit dazu bot. Doch +zeigte sich auch hier, daß die Süddeutschen an Zähigkeit hinter den +Norddeutschen zurückstanden. Liebknecht und ich hatten manchmal Mühe, +dem uns näher stehenden Teil der süddeutschen Abgeordneten den Rücken zu +steifen. + +Der Versuch der Nationalliberalen, eine Adresse an den König von Preußen +durchzusetzen, fiel nach heftiger Debatte mit 186 gegen 150 Stimmen, ein +Resultat, das die Antragsteller ganz perplex machte. Ich nahm in dieser +Session zu zwei längeren Ausführungen das Wort. Das erstemal sprach ich +gegen den Entwurf eines Gesetzes, wonach der Tabak besteuert werden +sollte, das zweitemal zu dem Zollvertrag zwischen dem Zollverein und +Oesterreich. Ich stieß bei dieser Debatte scharf mit dem Abgeordneten +Lasker zusammen. Derselbe hatte sich wieder einmal allerlei +schulmeisterliche Bemerkungen gegen uns erlaubt und die Zustände in den +Kleinstaaten in übertriebenster Weise angegriffen. Ich wies seine +schulmeisterlichen Bemerkungen energisch zurück und äußerte wegen seiner +Angriffe auf die Kleinstaaten, daß mich diese aus seinem Munde um so +mehr wunderten, da er einem Kleinstaat (Meiningen) sein Mandat verdanke, +eine Bemerkung, durch die ich die Lacher auf meiner Seite hatte. + + * * * * * + +Auf den 14. Mai war eine Volksversammlung von Berliner Demokraten und +Parteigenossen nach dem Konzerthaus berufen worden, und zwar saßen unter +anderem im Komitee: Buchhändler Jonas, der nachher wegen geschäftlicher +Misere nach den Vereinigten Staaten auswanderte und dort die New Yorker +Volkszeitung mitbegründete, deren Chefredakteur er wurde, Ludwig Löwe, +Paul Singer, Fr. Stephani, Tölde usw. Von den süddeutschen Abgeordneten +waren Freiesleben, Kolb, Oesterlen, Schäffle und Tafel, ferner +Liebknecht, Dr. Reinke, der vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein in +Lennep-Mettmann gewählt worden war, und ich anwesend. Liebknecht griff +die Politik der Fortschrittspartei und speziell Waldeck und Genossen +heftig an, auch sprach er so scharf gegen den Nordbund, daß es einem +Teil der Komiteemitglieder angst und bange wurde. Ich führte aus: Was +jetzt unter den Formen der deutschen Einheit vorgenommen werde, sei nie +und nimmer das einige Deutschland. Wir hegten die Erwartung, daß in +einem Deutschland, das durch den Gesamtwillen der Bevölkerung getragen +werde und an dessen Spitze eine Regierung stehe, die aus dem freien +Willen des Volkes hervorgegangen sei, allein das wirkliche Heil für die +Bevölkerung, insbesondere für die arbeitende Bevölkerung zu erwarten +sei. Ich kritisierte weiter die Zustände im Norddeutschen Bund mit Bezug +auf die Entwicklung des Militarismus: nicht Verminderung, sondern +Vergrößerung der Lasten werde die Folge sein. + +Dr. Max Hirsch, der mit seinem Anhang erschienen war, versuchte Lärm +hervorzurufen; das Tischtuch sei zwischen uns zerschnitten. Das war es +längst; sein lärmender Anhang wurde zur Ruhe verwiesen. + + * * * * * + +An einem Maisonntag waren Liebknecht und ich zu einem Fest des Berliner +Schneidervereins geladen. Wir nahmen auf ihren Wunsch die Abgeordneten +Oesterlen, Schäffle und Tafel zu demselben mit. Bei dem Ball kam es zu +einem sogenannten Damenengagement. Die Damen stürzten sich auf uns fünf. +Jede wollte mit einem von uns tanzen. Die vier Kollegen erklärten aber, +nicht tanzen zu können. Nun fielen die Damen über mich Unglücklichen +her. Vier Engagements hatte ich glücklich hinter mir, beim fünften +versagten mir Kopf und Magen. Mir wurde übel, ich mußte in den Garten +flüchten. Nächsten Vormittag kam eine Damendeputation zu mir in meine +Wohnung, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Ich konnte ihr die +beruhigende Versicherung geben, daß ich die Strapazen glücklich +überwunden hätte. Als wir in jener Nacht nach Hause gingen, äußerte sich +Schäffle höchst überrascht über den guten Ton und die ganze Haltung der +Ballgesellschaft, die nicht besser hätte sein können. Er glaube, in +Süddeutschland sei dergleichen auf einem Ballfest der Arbeiter +unmöglich, dort würde es zu Prügeleien kommen. Ich protestierte gegen +diese Auffassung. Ich sei zwar noch auf keinem Ballfest süddeutscher +Arbeiter gewesen, sei aber fest überzeugt, daß dergleichen auf einem +Fest organisierter Arbeiter nicht vorkomme. + +Für den 20. Mai hatte die Berliner Kaufmannschaft die Mitglieder des +Zollparlaments zu einem Festessen geladen, bei dem das Kuvert 25 Taler +kostete. Ich nahm an demselben nicht teil. Kollegen, die daran +teilgenommen hatten, versicherten mir nächsten Tages, die Arrangements +seien so mangelhaft gewesen, daß eine Anzahl Gäste sich nicht einmal +habe satt essen können. + +Die meisten Süddeutschen waren froh, als sie nach vierwöchiger +diätenloser Anwesenheit in Berlin wieder zu ihren Penaten zurückkehren +konnten. Im übrigen waren die Sitzungen meist so schlecht besucht, daß +die Berliner den Witz machten: Zollparlament bedeutet Leerparlament. An +den Schlußberatungen der unterbrochenen Reichstagssession beteiligte ich +mich nicht. + + * * * * * + +Die nächste Session des norddeutschen Reichstags begann den 4. März +1869. Hauptgegenstand seiner Beratung war der Gesetzentwurf für eine +Gewerbeordnung. Ich trat erst in der 10. Sitzung in das Haus und nahm +gleich zur Generaldebatte über den Gesetzentwurf das Wort. Ich +polemisierte unter anderem gegen den Geheimen Regierungsrat Wagener, den +ich wegen seines Auftretens in der Debatte als königlich preußischen +Hofsozialisten bezeichnete. Im weiteren wandte ich mich gegen den +Freiherrn v. Stumm, der uns heftig angegriffen hatte. Ich rechtfertigte +unsere Agitation und Organisation. Organisierten die Arbeiter sich +international, was er ihnen zum Vorwurf gemacht hatte, so sei dieses die +notwendige Konsequenz gegenüber der Internationalität des Kapitalismus. +Gegen den Abgeordneten Miquel trat ich ebenfalls polemisch in die +Schranken, der behauptet hatte, wir in Deutschland seien in sozialen +Dingen weiter als England und Frankreich. Ich antwortete: Jedenfalls +streite man sich in England und Frankreich nicht mehr wochenlang wie wir +um Gewerbefreiheit und Freizügigkeit. Ich führte ferner aus: Der +Abgeordnete Wagener habe dem Abgeordneten Schulze-Delitzsch gegenüber +gesagt: was er (Schulze) fordere, sei ihm (Wagener) insofern angenehm, +als es gelte, die letzten Konsequenzen des Wirtschaftssystems zu ziehen, +das führe dann zur Reaktion. Ich sei der Meinung, er (Wagener) habe sich +in der Schlußfolgerung geirrt, nicht die Reaktion, sondern die +Revolution werde schließlich kommen und kommen müssen. + +Ich hatte mich in meiner Rede gegen eine Kommissionsberatung des +Gesetzentwurfes erklärt, da das Haus doch keinen von uns in die +Kommission wähle. Das hatte die Wirkung, daß man mich in die Kommission +schickte. + +Ich möchte hier die Bemerkung einschalten, daß die Teilnahme an den +Reichstags- und Zollparlamentsverhandlungen für Liebknecht und mich ein +großes Opfer war. Zwar taten unsere Wahlkreise, und namentlich der +meine, was sie konnten, um uns finanziell zu unterstützen. Es war aber +doch ein peinliches Gefühl für uns beide, von einer Wählerschaft +finanzielle Hilfe annehmen zu sollen, die mit zur ärmsten in Deutschland +gehörte. Eine Parteiunterstützung gab es damals noch nicht, für Diäten +war kein Geld vorhanden. Die Diätenzahlung durch die Partei trat erst +vom Jahre 1874 ab ein, die mager genug ausfiel. Auch mußten wir die +Reisen nach und von Berlin aus eigener Tasche bezahlen. So fehlten wir +häufig in den Sitzungen, manchmal sogar, wenn unser Parteiinteresse +gebot anwesend zu sein. Schweitzer und Genossen hatten es darin besser. +Sie wohnten in Berlin, mit Ausnahme von Reinke, der aber bereits 1868 +sein Mandat niederlegte, worauf Fritzsche an seine Stelle trat; sie +konnten ohne Mühe und größere Opfer jeder wichtigen Sitzung beiwohnen. +Doch waren wir bei weitem nicht die einzigen, die schwänzten. Die große +Mehrzahl der Gesetze wurde von beschlußunfähigen Häusern angenommen. So +blieb es bekanntlich bis zur Einführung der Diäten im Frühjahr 1906. + + * * * * * + +Bei der zweiten Beratung der Gewerbeordnung stellten wir eine Anzahl +Anträge, mit denen wir aber nur vereinzelt Glück hatten. Wir beantragten +Bestimmungen, nach denen die Streitigkeiten betreffend Kündigungsfristen +usw. Gewerbegerichten überwiesen werden sollten; wir forderten ferner +das Verbot des Trucksystems; obligatorische Fabrikordnungen für alle +Betriebe mit mehr als zehn Arbeitern, wobei die Arbeiter gutachtlich zu +hören seien; weiter beantragten wir Bestimmungen über den Lehrvertrag, +Aufhebung der Arbeitsbücher, Verbot der Kinderarbeit für Kinder unter +vierzehn Jahren in Fabriken. Weiter verlangten wir das Verbot der +Sonntagsarbeit, einen zehnstündigen Normalarbeitstag für Betriebe mit +mehr als zehn Lohnarbeitern, volle Vereinigungsfreiheit für die +Gewerkschaftsorganisationen, Einführung von Fabrikinspektoren. Meist +hatten Schweitzer und Genossen dasselbe beantragt. + +Einen unerwarteten Erfolg hatte ich mit meinem Antrag, die Arbeitsbücher +abzuschaffen. Das kam so. Das Leipziger Polizeiamt hatte eine +Verordnung erlassen, in der es hieß: Wirte, bei denen einwandernde +Gewerbsgehilfen einkehrten, seien verbunden, ihnen sogleich nach ihrer +Ankunft ihre Wanderlegitimationen abzufordern und solche an das +Fremdenbureau abzugeben. Diejenigen Gesellen aber, welche eine +Wanderlegitimation vorzuzeigen nicht vermöchten, ohne Verzug dem +Fremdenbureau zuzuführen. Ueberdies sollten die Wirte darauf sehen, daß +zugewanderte oder arbeitslos gewordene Gewerbsgehilfen ohne polizeiliche +Erlaubnis nicht über vierundzwanzig Stunden in Leipzig verweilten. + +Diese Verordnung stand in schneidendem Widerspruch mit dem Paßgesetz, +das den Legitimationszwang für das Inland aufgehoben hatte. Die +bezüglichen Bestimmungen der sächsischen Gewerbeordnung, die die +Arbeitsbücher vorschrieben, seien, so führte ich aus, durch das +Paßgesetz gegenstandslos geworden. Lasker unterstützte meinen Antrag, +und so wurde derselbe angenommen. Zehn Jahre später wurden bei einer +Revision der Gewerbeordnung von der konservativ-ultramontanen Mehrheit +die Arbeitsbücher für Personen unter 21 Jahren wieder eingeführt. + +Die Annahme meines Antrags auf Beseitigung der Arbeitsbücher +verschnupfte in den Kreisen der selbständigen Handwerker. Das ganze +Raffinement, mit dem ich bei Stellung dieses Antrags zu Werke gegangen +sein sollte, beschrieb Dr. C. Roscher, der Sohn des bekannten +verstorbenen Nationalökonomen W. Roscher — dem Marx und Lassalle übel +mitspielten —, in einem Artikel überschrieben: Wie der deutsche +Gewerbsstand die Arbeitsbücher verlor. Fragment aus einem sozialen +Roman. Nach C. Roscher, der heute noch in einem hohen Amt in der +sächsischen Regierung sitzt, hatte ich meinen schlau erdachten Plan +meinem „Freund Tübicke“ — der Mann hat wohl nie gelebt — entwickelt, als +er mich eines Abends „in meinem öden Zimmer“ aufsucht, wo ich eben +meine — nebenbei bemerkt — sehr kurze Rede zu meinem Antrag entwarf. Ich +lasse mich nun — immer nach Roscher — mit Tübicke in ein Gespräch ein, +wobei ich ihm auseinandersetze, wie ich morgen den Reichstag düpieren +würde, damit er für meinen Antrag stimme. Ich war nicht wenig stolz, zu +lesen, welche Schlauheit mir Roscher zuschrieb, um meine verehrten +Kollegen über den Löffel zu barbieren. Natürlich gelang der Streich +genau so, wie ich den Plan entworfen haben sollte. Als der Präsident +verkündete, der Antrag habe die Mehrheit, hörte man auf der Tribüne ein +unterdrücktes Kichern. Es war mein Freund Tübicke, der sich über das +Gelingen meines Planes diebisch freute. Ich bin überzeugt, mancher, der +diese Schilderung las, nahm sie ernst und sagte sich: Der Bebel ist doch +ein verfluchter Kerl! Aber geschichtliche Wahrheit enthielt die +Schilderung nicht. So wird aber oft Geschichte gemacht. + +Ein zweiter, minder wertvoller Antrag, den ich durchsetzte, war, daß +überall, wo es im Gesetz „Muße“ hieß, „Pause“ gesetzt wurde. Die +Regierung sah selbst ein, daß das Wort „Muße“ unpassend sei, und +akzeptierte meinen Vorschlag. Dagegen wurden alle unsere anderen Anträge +abgelehnt. + +In derselben Session wurde auch das Wahlgesetz für den Reichstag +festgestellt. Schweitzer und Hasenclever beantragten, statt +fünfundzwanzig Jahre zwanzig zu setzen, und der Wahltag müsse ein +Sonntag sein. Ich beantragte, daß die Wahlen am gleichen Tage im ganzen +Bundesgebiet stattfinden und der Wahltag ein Sonn- oder Feiertag sein +müsse. Ferner verlangte ich, die Bestimmung zu streichen, wonach +Personen das Wahlrecht verlieren sollten, die eine Armenunterstützung +aus öffentlichen oder Gemeindemitteln beziehen oder im letzten Jahre vor +der Wahl bezogen haben. + +Es ist überflüssig zu sagen, daß trotz aller unserer Reden diese Anträge +ebenfalls abgelehnt wurden. Auch verloren jetzt die _unter der Fahne +stehenden Militärpersonen das aktive Wahlrecht_. Es waren die +Nationalliberalen, die hierfür eifrig eintraten. Die Regierungen hatten +diese Forderung _nicht_ gestellt. + +Bei der Debatte über den Haushaltsetat — 24. April — hatte sich der +Abgeordnete v. Hoverbeck für eine Entwaffnung ausgesprochen. Darauf +antwortete ich: Ich sei der Ansicht, daß, wie gegenwärtig die Dinge in +Europa stünden, wo der Zäsarismus hüben und der Zäsarismus drüben das +Ruder führe, ernstlich eine Entwaffnung für möglich zu halten eine +Torheit sei. Ich hielte es für unmöglich, daß unsere Zäsaren, von denen +jeder nach der Gelegenheit hasche, über den anderen herzufallen und ihn +niederzuschlagen, sich einfallen ließen, eine noch so mäßige Entwaffnung +eintreten zu lassen. Es geschehe eben hier, was von den beiden Löwen der +Fabel erzählt werde, sie fielen über sich her und fraßen sich bis auf +die Schwänze auf. Dabei könnten wir nur profitieren. + +Am 13. Mai hielt ich eine Rede gegen das Privileg der Portofreiheit der +Fürsten. Ich wurde wiederholt heftig unterbrochen. Meine Ausführungen +hatten die „loyalen Gefühle“ eines Teils der Mitglieder verletzt. Dafür +erhielt ich aus der Wählerschaft viele Zustimmungen. + +Am 3. Juni wurde das Zollparlament wieder eröffnet, aber bereits am 22. +Juni geschlossen. Ich beteiligte mich nicht an den Debatten, die für +mich keine besondere Bedeutung hatten; außerdem erforderte mein Geschäft +meine Anwesenheit in Leipzig. + + * * * * * + +In der Frühjahrssession des norddeutschen Reichstags von 1870 war der +Hauptberatungsgegenstand der Strafgesetzentwurf für den Norddeutschen +Bund. Ich nahm bei dessen Beratung nur einmal das Wort, und zwar in +dritter Lesung bei Beratung der Todesstrafe. Der Reichstag, der in der +zweiten Lesung mit erheblicher Mehrheit sich gegen die Todesstrafe +ausgesprochen hatte — das im Jahre 1868 erlassene sächsische +Strafgesetzbuch hatte sie abgeschafft, ebenso war sie in Baden +abgeschafft worden —, stimmte jetzt auf Drängen und Drohen Bismarcks +_für_ dieselbe, und zwar mit 127 gegen 110 Stimmen. Der _einzige_ +sächsische Abgeordnete, der _für_ die Todesstrafe eintrat, war Dr. Hans +Blum, der Sohn des im Herbst 1848 in der Brigittenau bei Wien +erschossenen Robert Blum. Als Blum sein Ja für die Todesstrafe abgab, +antworteten wir auf der äußersten Linken mit einem kräftigen Pfui! + +Hans Blum gehörte zu den schmutzigsten und perfidesten Gegnern der +Sozialdemokratie; um uns zu bekämpfen, war ihm _jedes_ Mittel recht. +Selbstverständlich war er ein begeisterter Verehrer Bismarcks, und +dieser wollte ihm wohl. Aber er konnte ihn vor schimpflichem Untergang +nicht retten. Blum wurde wegen ehrloser Handlungen die Advokatur +entzogen. Er ging alsdann nach der Schweiz, woselbst er eine +Zigarrenfabrik betrieb. Er starb 1909 als wohlhabender Mann. + +In einer zweiten Rede in der Frühjahrssession 1870 trat ich für einen +Antrag Lasker ein, der eine Revision des Militärstrafrechtes verlangte. +Der Antrag wurde mit 117 gegen 73 Stimmen angenommen. + +Die Zollparlamentssession von 1870 war wiederum sehr kurz, sie währte +nur gegen drei Wochen. Vor Beginn derselben hatte der Abgeordnete Dr. +Kolb-Bayern sein Mandat für das Zollparlament niedergelegt. Das +Zollparlament sei ein Werk der Täuschung und des Truges, das nur für die +Machtstellung Preußens zu arbeiten habe. Es ist bemerkenswert, wie +kampfunlustig die bürgerliche Demokratie wurde. Damit erhält man aber +keine Partei am Leben, geschweige, daß man sie stärker macht. Die +Klügeren sahen eben schon damals, daß bei der Entwicklung, die die +Sozialdemokratie nahm, die bürgerliche Demokratie keine Zukunft mehr +habe. Die wachsenden Klassengegensätze schieden immer mehr die Geister. + +Die Frühjahrssession 1870 war die letzte des Zollparlaments, denn wenige +Monate nachher begann die große Tragödie, die auch die politischen +Verhältnisse Deutschlands sehr wesentlich änderte und das Zollparlament +überflüssig machte. + + + + +Taktische Unstimmigkeiten. + + +Bevor ich auf die Tragödie des Deutsch-Französischen Krieges eingehe, +muß ich in Kürze auf die taktischen Unstimmigkeiten zu sprechen kommen, +die sich zwischen Liebknecht und mir wegen unserer parlamentarischen +Stellung herausgebildet hatten. + +Liebknecht hatte schon zur Zeit, als der Bismarcksche Bundesreformantrag +zur Diskussion stand — Frühjahr 1866 —, sich gegen das Wählen zu einem +solchen Parlament ausgesprochen, und zwar im Mannheimer „Deutschen +Wochenblatt“. Dieses wurde aber in unseren Kreisen fast nicht gelesen, +und da Liebknecht, soweit ich mich dessen entsinne, weder im Leipziger +Arbeiterbildungsverein, noch im Demokratischen Verein, noch in einer +anderen Versammlung seinen negierenden Standpunkt zur Geltung zu +bringen suchte, kam es infolgedessen zu keiner Diskussion. Als wir dann +Weihnachten 1866 auf unserer Landesversammlung zu Glauchau ohne jeden +Widerspruch die Wahlbeteiligung als selbstverständlich beschlossen und +Liebknecht, der damals drei Monate Gefängnis in der Berliner +Stadtpolizei verbüßte, mit als Kandidaten für den 19. sächsischen +Wahlkreis aufstellten, akzeptierte er diese Aufstellung ohne jeden +Vorbehalt. Bei seiner zweiten Kandidatur, Hochsommer 1867, wurde er auch +gewählt. Anfangs stellte er selbst Anträge zu Gesetzentwürfen, aber bald +kam die alte Abneigung gegen den Parlamentarismus wieder bei ihm zum +Durchbruch und äußerte sich in lebhaften Auseinandersetzungen zwischen +uns über die Taktik, die wir im Reichstag einnahmen sollten. + +Liebknecht sah in dem Norddeutschen Bunde ein Gebilde, das mit allen +Mitteln bis zur Vernichtung bekämpft werden müsse. An dessen Parlament +sich anders als negierend und protestierend zu beteiligen, war nach +seiner Meinung eine Preisgabe des revolutionären Standpunktes. Daher +kein Paktieren, kein Kompromisseln, das heißt kein Versuch, die +Gesetzgebung in unserem Sinne zu beeinflussen. + +Zu dieser Auffassung unseres revolutionären Standpunktes konnte ich mich +nicht bekennen. Protestieren und negieren, wo es am Platze war, also vor +allen Dingen gegen alles Schlechte und Verderbliche, aber zugleich auch +agitieren in positivem Sinne, indem wir überall unsere Anträge zu den +einzelnen Gesetzentwürfen stellten und damit zeigten, wie wir uns die +Gestaltung der Dinge dachten. Indem wir diese Anträge stellten und Reden +zu ihren Gunsten hielten, die, wenn auch noch so verstümmelt, in den +Berichten der Zeitungen von Millionen gelesen wurden, würden wir im +höchsten Grade agitatorisch und propagandistisch wirken. + +Diese Meinungsverschiedenheiten kamen zwischen uns am lebhaftesten zum +Ausdruck, als ich zahlreiche Anträge zur Gewerbeordnung und anderen +Gesetzentwürfen stellte, zu denen Liebknecht seine Stimme nur ungern +hergab. Er hielt es schließlich für zweckmäßig, seinen abweichenden +Standpunkt in einem Vortrag darzulegen, den er am 31. Mai 1869 im +Berliner Demokratischen Arbeiterverein hielt. Der Vortrag ist nachher in +einer Broschüre erschienen, betitelt: Die politische Stellung der +Sozialdemokratie, insbesondere mit bezug auf den Reichstag. + +Liebknecht äußerte darin: Die soziale Bewegung ist ein revolutionärer +Umgestaltungsprozeß, der sich nicht über Nacht vollziehen kann ... Aber +die neue Gesellschaft steht in unversöhnlichem Gegensatz mit dem alten +Staat ... Was die neue Gesellschaft will, hat daher vor allem auf +Vernichtung des alten Staates hinzuwirken ... Für die soziale Praxis muß +sich die Sozialdemokratie erst den staatlichen Boden schaffen ... Der +Kampf im Reichstag sei bloß ein Scheinkampf, bloß eine Komödie ... +Verhandeln könne man nur, wo eine gemeinsame Grundlage bestehe ... +Prinzipien seien unteilbar, man müsse sie ganz bewahren oder ganz opfern +... Den im Reichstag fast ausschließlich vertretenen herrschenden +Klassen gegenüber sei der Sozialismus keine Frage der Theorie mehr, +sondern einfach eine Machtfrage, die in keinem Parlament, die nur auf +der Straße, auf dem Schlachtfeld zu lösen sei, gleich jeder anderen +Machtfrage ... Alles, was von dem Werte der Reden im Reichstag gesagt +werde, sei hinfällig. Ob man glaube, den Reichstag durch Reden bekehren +zu können? Dieses Reden sei zwecklos, und zwecklos zu reden, sei ein +Vergnügen der Toren. + +Er wendete sich dann gegen die Ueberschätzung des Wahlrechts im +absolutistischen Staat; losgelöst von staatsbürgerlicher Freiheit, ohne +Preßfreiheit, ohne Vereinsrecht könne das allgemeine Stimmrecht nur +Spiel und Werkzeug des Absolutismus sein. + +Der Reichstag habe auch keine Macht; eine Kompagnie Soldaten jage, +selbst wenn wir die Mehrheit darin hätten, diese Mehrheit zum Tempel +hinaus ... Revolutionen würden nicht mit hoher obrigkeitlicher +Bewilligung gemacht; die sozialistische Idee könne nicht innerhalb des +heutigen Staates verwirklicht werden; sie müsse ihn stürzen, um ins +Leben treten zu können. „Kein Friede mit dem heutigen Staat.“ + +Diese rein negierende Stellung Liebknechts ist für die Partei nie +maßgebend geworden, so oft er auch dafür kämpfte. Als aber in den +achtziger Jahren unter der Herrschaft des Sozialistengesetzes der +Anarchismus in Deutschland hier und da Boden fand, benutzten +selbstverständlich die Anarchisten die Broschüre Liebknechts, um gegen +uns als „parlamentarische Partei“ zu kämpfen. Es war ein unhaltbarer +Zustand, daß eine Rede des ersten Führers der Partei ständig gegen die +Wirksamkeit der Partei ausgenutzt wurde. Darauf machte ich ihn in einer +Fraktionssitzung Mitte der achtziger Jahre aufmerksam. Liebknecht gab +die Berechtigung meiner Auffassung ohne weiteres zu, und so erschien die +neue Auflage mit einem Vorwort, in dem er darauf hinwies, daß sein in +der Broschüre vertretener Standpunkt sich nur auf die Periode vor +Gründung des Reiches beziehe. Im weiteren hat dann auch Liebknecht auf +dem St. Galler Kongreß — Oktober 1887 — offen und rückhaltlos erklärt, er +sei nunmehr zu der Ansicht gekommen, daß die praktische Tätigkeit in den +Parlamenten eine Notwendigkeit und von großem Vorteil für die Partei +sei. Damit waren die Meinungsverschiedenheiten zwischen uns über die +parlamentarische Taktik beseitigt. + +Die Liebknechtsche Rede hatte ein gerichtliches Nachspiel. Das Berliner +Stadtgericht verurteilte ihn in contumaciam, da er auf Vorladung nicht +erschienen war, wegen Schmähung obrigkeitlicher Anordnungen zu drei +Monaten Gefängnis. Das Berliner Stadtgericht forderte darauf die +Auslieferung Liebknechts — man halte fest, daß es damals noch kein +gemeinsames Strafrecht und kein gemeinsames Prozeßverfahren gab — auf +Grund des Gesetzes über die gegenseitige Rechtshilfe. Diese Auslieferung +wurde von den sächsischen Gerichten _verweigert_, weil es nach dem neuen +sächsischen Strafrecht kein Vergehen gab wie jenes, auf das hin +Liebknecht in Berlin verurteilt worden war. Nun verlangte die preußische +Regierung bei der sächsischen die Verfolgung Liebknechts wegen Schmähung +von Bundesinstitutionen. Die sächsische Regierung machte auch Miene, dem +Verlangen stattzugeben. Die Sache zog sich aber in die Länge, und +schließlich erging es Liebknecht mit seiner Berliner wie mir mit meinen +Plauener Reden, sie wanderten als schätzbares Anklagematerial in die +Akten unseres kommenden Hochverratsprozesses. + + + + +Der Deutsch-Französische Krieg. + + + + +Das Vorspiel zur Kriegserklärung. + + +Die Haltung, die Liebknecht und ich bei Ausbruch und während der Dauer +jenes Krieges in und außerhalb des Reichstags einnahmen, ist +jahrzehntelang Gegenstand der Erörterung und heftiger Angriffe gewesen. +Anfangs auch in der Partei. Aber nur kurze Zeit, dann gab man uns recht. +Ich bekenne, daß ich unsere damalige Haltung in keiner Weise bedaure und +daß, wenn wir bei Ausbruch des Krieges bereits gewußt hätten, was wir im +Laufe der nächsten Jahre auf Grund amtlicher und außeramtlicher +Veröffentlichungen kennen lernten, unsere Haltung vom ersten Augenblick +an eine noch schroffere gewesen sein würde. Wir hätten uns nicht, wie es +geschah, bei der ersten Geldforderung für den Krieg der Abstimmung +enthalten, wir hätten direkt gegen dieselbe stimmen müssen. + +Heute kann es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß der Krieg von 1870 +von _Bismarck gewollt_ und durch ihn von langer Hand vorbereitet worden +ist. Wenn er mit seinen Versuchen, anläßlich der Kriege von 1864 und +1866 sich als den Unschuldigen und dazu Gereizten hinzustellen, wenig +Glück hatte, so ist ihm dieses in bezug auf den Krieg von 1870/71 +glänzend gelungen. Mit Ausnahme eines kleinen Kreises Eingeweihter, der +wußte, daß Bismarck mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln auf den +Krieg mit Frankreich hinarbeitete — zu dem der damalige König und spätere +Kaiser Wilhelm I. nicht gehörte —, hat Bismarck alle Welt düpiert und +den Glauben zu erwecken verstanden, daß Napoleon den Krieg provozierte +und er, der friedliebende Bismarck, sich mit seiner Politik in der Rolle +des Angegriffenen befand. Und die offizielle und offiziöse +Geschichtschreibung hat diesen Glauben, wonach Frankreich der Angreifer, +Deutschland der Angegriffene war, bis heute in der großen Masse der +Bevölkerung aufrechtzuerhalten verstanden. + +Allerdings hat Napoleon formell den Krieg erklärt, aber das +Bewundernswerte in der Bismarckschen Politik lag darin, daß er die +Karten so geschickt gemischt hatte, daß Napoleon mit der Kriegserklärung +austrumpfen _mußte_, er mochte wollen oder nicht, und so als der +Friedensbrecher erschien. + +Haben doch kurze Zeit selbst Männer wie Marx und Engels die Anschauung +gehabt und öffentlich zum Ausdruck gebracht, Napoleon sei der +Friedensbrecher gewesen, obgleich die Warte, auf der sie standen, für +die Beurteilung der europäischen Politik eine weit höhere war als die +unsere. Die Vorgänge bis zur Kriegserklärung waren so irreführend und +verblüffend, daß man ganz die Tatsache übersah, daß Frankreich, das den +Krieg erklärte, mit seiner Armee auf keinen Krieg vorbereitet war, +wohingegen in Deutschland, das als der zum Kriege provozierte Teil +erschien, die Kriegsvorbereitungen _bis auf den letzten Lafettennagel +fertig waren_ und die Mobilmachung wie am Schnürchen sich vollzog. + +Die öffentliche Anklage, daß Bismarck der Urheber des +Deutsch-Französischen Krieges sei, habe ich meines Erinnerns in der +Partei zuerst in zwei Artikeln des „Volksstaat“, und zwar in den Nummern +73 und 74 vom Jahre 1873 erhoben, die die Ueberschrift trugen: „Zum +zweiten September.“ Liebknecht, dem ich die beiden Artikel vorlegte, hat +nur einige kleine formale Aenderungen daran vorgenommen und hat sie +beide an der Spitze seiner später erschienenen Broschüre: „Die Emser +Depesche oder wie Kriege gemacht werden“, abgedruckt. + +Der Krieg mit Frankreich lag lange in der Luft. Sobald die Lösung der +deutschen Frage durch die Kabinette und nicht durch die Volksmassen in +die Hand genommen wurde, war bei der Situation in Deutschland und +Europa, die der Wiener Kongreß von 1815 geschaffen hatte, auch die +Einmischung des Auslandes zu befürchten, in erster Linie die +Frankreichs, dessen damaliger Herrscher Napoleon sich eine Art +Schiedsrichterrolle in Europa anzumaßen verstanden hatte. Der +Antagonismus zwischen Oesterreich und Preußen, wie das ganze Gebilde des +damaligen deutschen Bundes, erleichterte ihm diese Rolle. Bismarck trug +dieser Rolle ebenfalls Rechnung, indem er von 1864 bis 1866 sich auf +allerlei bedenkliche Unterhandlungen mit Napoleon einließ, bei denen die +Abtretung gewisser Teile Deutschlands als Kompensation für Annexionen +deutscher Staaten durch Preußen in Frage kam. Ich habe schon im ersten +Teil meiner Arbeit darauf Bezug genommen. + +Bismarck war es gelungen, sowohl 1864 wie 1866 Napoleon zu prellen; er +ging bei der Umgestaltung der deutschen Verhältnisse zugunsten Preußens +leer aus. Aber seine Einmischung in die Friedensverhandlungen des +Krieges von 1866 hatte doch genügt, um Preußen die geplante Annexion +Sachsens unmöglich zu machen; auch war Napoleons Einfluß die Bestimmung +des Artikel 4 des Prager Friedensvertrags zu verdanken, wonach eine +Abtretung des dänisch sprechenden Teiles Nordschleswigs an Dänemark in +Aussicht genommen wurde; ferner mußte Preußen auf Annexionen südlich der +Mainlinie verzichten. Napoleons Einfluß war weiter geschuldet die Lösung +der Luxemburger Frage im folgenden Jahre zuungunsten Deutschlands. + +Es liegt auf der Hand, daß diese Störung von Bismarcks Zirkeln durch +Napoleon bei Bismarck Rache- und Vergeltungsgedanken aufkommen ließen +und er danach gierte, die überragende Stellung Napoleons und Frankreichs +in Europa zu brechen. Einen Krieg gegen Frankreich zu beginnen, sobald +eine günstige Gelegenheit sich dazu biete, war von 1866 ab das Ziel der +neupreußisch-deutschen Politik. Auf dieses Ziel wurde die militärische +Reorganisation und Armeeerweiterung mit fieberhafter Eile betrieben; es +wurden alle Maßnahmen bis ins kleinste getroffen, um, wenn der Moment +komme, mit Frankreich anbinden zu können. + +Daß der nächste Krieg ein Krieg mit Frankreich sein werde, war seit 1866 +die Ueberzeugung aller Politiker. Auch in der Armee sah man dieses als +selbstverständlich an und sehnte sich nach demselben. Wir klagten +deshalb die Bismarcksche Politik an, daß sie einen Zustand für +Deutschland geschaffen hatte, wie er seit 1815 nicht vorhanden gewesen +sei. Das gespannte Verhältnis zu Oesterreich, das der Ausgang des +Krieges von 1866 zur Folge hatte, mache die Frage für Deutschland +doppelt gefährlich, weil befürchtet werden müsse, daß Oesterreich zu +einer Revanche für 1866 mit Frankreich im Bunde bereit sein werde. +Tatsächlich wurden auch bezügliche Verhandlungen zwischen Frankreich und +Oesterreich gepflogen, die aber keinen Erfolg hatten, weil der +unerwartet rasche Ausbruch des Krieges und die siegreichen Schläge, mit +der die französische Armee von der deutschen niedergeworfen wurde, es +Oesterreich klüger erscheinen ließen, von einer Einmischung abzusehen. +Aus dieser Situation heraus sah man im Volke einem Kriege zwischen +Deutschland und Frankreich mit großem Unbehagen entgegen, um so mehr, da +man in weiten Volkskreisen noch an eine Unbesiegbarkeit Frankreichs +glaubte. Andererseits stand allerdings fest, daß der Mangel an positivem +Gewinn, den Napoleon aus seiner Einmischungsrolle heimgebracht, sein +Ansehen im eigenen Lande tief heruntergesetzt und der bürgerlichen +Opposition großen Anhang verschafft hatte. Diese Stimmung kam deutlich +zum Ausdruck bei den Wahlen im Mai 1869, bei welchen auf die Kandidaten +der Regierung nur rund 4469000 Stimmen, auf die der Opposition 3259000 +Stimmen fielen. Ueber diesen Wahlausfall schrieb man damals der +„Frankfurter Zeitung“ aus Paris: „Nicht allein die moralischen, auch die +materiellen Interessen Europas lassen die republikanische Staatsform als +unerläßlich für die Regeneration unserer Verhältnisse erscheinen.“ + +Die Opposition in der Kammer war auf 116 Köpfe gestiegen. Das veranlaßte +Napoleon Anfang Januar 1870, das Mitglied der Opposition, Olivier, zum +Präsidenten eines gemäßigt liberalen Kabinetts zu ernennen und zur +Unterstützung seiner Politik am 8. Mai ein sogenanntes Plebiszit +(allgemeine Volksabstimmung) vorzunehmen, wobei er für sein Regiment +zwar 7350000 Ja gegen 1500000 Nein erzielte, aber was sehr bedenklich +war, die Armee und Marine hatten 50000 Nein in die Urne geworfen. +Außerdem hatten zahlreiche Städte, voran Paris, ein erhebliches Mehr +gegen ihn ergeben. + +Die feindselige Stimmung gegen Napoleon war in Paris schon im Januar +zutage getreten bei der Beerdigung des Schriftstellers Victor Noir, den +der Prinz Pierre Napoleon bei einem persönlichen Streit meuchlings +niedergeschossen hatte. Eine ungeheure Menschenmenge begleitete +demonstrativ die Leiche Victor Noirs. Es fehlte nicht viel, und es wäre +dabei zu einem revolutionären Ausbruch gekommen. + +Alle diese Vorgänge wirkten niederdrückend auf Napoleon, der damals +schon an einem schmerzhaften Blasensteinleiden litt, dem er schließlich +auch erlag. Dieses Leiden raubte ihm Energie und Tatkraft. + +Aber auch die militärischen Verhältnisse Frankreichs waren solche, die +einen Krieg mit einer starken Macht für gefährlich erscheinen ließen. +Wenn Preußen-Deutschland seit 1866 mit aller Kraft und Energie an der +Vermehrung und Ausbildung der Armee arbeitete, so geschah gleiches nicht +in Frankreich. Napoleon harte zwar in dem Oberst Stoffel einen +Militärattaché in Berlin, der offene Augen und Ohren hatte und +fortgesetzt Berichte einschickte, worin er über die gewaltigen +Fortschritte in der militärischen Entwicklung Preußens Bericht +erstattete und zu ähnlichem Vorgehen antrieb, aber alles war vergebens. +Oberst Stoffel predigte tauben Ohren. Einige Urteile Stoffels, weil von +historischer Bedeutung, mögen hier Platz finden. So schrieb er unter dem +22. Juli 1868: „Nach meiner Meinung lebt man in Frankreich in der +tiefsten Unwissenheit von alledem, was Preußen angeht, sowohl die +preußische Nation als die preußische Armee.“ Am 12. August 1869 schrieb +er prophetisch: „Preußen hat Scharfblick genug, um zu erkennen, daß der +Krieg, den es nicht wünscht, doch ausbrechen wird, und es hat alle +Anstrengungen gemacht, um vorbereitet zu sein für diese Eventualität, +daß irgend ein Zwischenfall den Krieg herbeiführt.“ Ein andermal bemerkt +er: „Das ist der Hauptgegenstand meiner Befürchtung, dieser schlagende +Kontrast zwischen der Voraussicht Preußens und der Verblendung +Frankreichs.“ Wütend ist er über Thiers, der 1848 verhindert habe, daß +die allgemeine Wehrpflicht in Frankreich eingeführt wurde. _„Dieser +Mensch war für unser Land ein schlimmeres Verhängnis als zwanzig +Niederlagen.“_ Und bei Ausbruch des Kriegs bezeichnet er denselben von +französischer Seite als den Krieg der Voraussehungslosigkeit, der +Unwissenheit und der Albernheit gegenüber der Voraussicht, Bildung und +Intelligenz. Napoleon sei krank, _die Revolution stehe vor der Tür_, und +dazu komme die Dummheit der Kaiserin. + +In Paris glaubte kein Mensch an einen Krieg mit Deutschland. _Noch +Anfang Juli 1870, also vierzehn Tage vor Ausbruch des Kriegs, beschloß +die französische Deputiertenkammer die Herabsetzung des +Rekrutenkontingents von 100000 auf 90000 Mann._ Der Kriegsminister +Leboeuf erklärte, daß, _wenn er der Herabsetzung zustimme, es geschehe, +weil er einen Beweis der Friedfertigkeit des Ministeriums geben wolle_. +Und der Ministerpräsident Olivier erklärte auf eine Anfrage des +Abgeordneten Jules Favre, _daß zu keiner Zeit die Erhaltung des Friedens +mehr gesichert sei als gegenwärtig. Nirgends gebe es eine aufregende +Frage._ + +Und doch kam über Nacht der Krieg. + +„Fern im Süd das schöne Spanien“ gab ungewollt die Gelegenheit dazu. +Seit Herbst 1868 war Spanien Republik, aber die herrschenden Klassen +sehnten sich nach der Monarchie. So gingen sie auf die Königsuche. Wie +nachträglich bekannt geworden ist, wurde bereits im September 1869 der +Fürst Karl Anton von Hohenzollern davon unterrichtet, daß man seinen +Sohn Leopold, der damals als Leutnant in einem preußischen Garderegiment +stand, zum König von Spanien wünsche. Der preußische Gesandte in +München, Freiherr v. Werthern, hatte dabei seine Hand im Spiele. Ob mit +oder ohne Wissen Bismarcks? Bismarck leugnete, daß er davon etwas gewußt +habe, aber wer glaubt es ihm? Ein Hohenzollernprinz als Kandidat für den +spanischen Königsthron war eine Sache von größter politischer Bedeutung, +sowohl für die Hohenzollern wie für Napoleon. Napoleon und Frankreich +fühlten sich in ihren Interessen aufs stärkste gefährdet, wenn neben dem +Hohenzollern an der Ostgrenze ein Hohenzoller auf der Südgrenze als +Regent eines großen Staates hinzukam. Im Fall eines Kriegs mit +Deutschland mußte alsdann Frankreich sich gegen einen Ueberfall von +Süden schützen, was eine starke militärische Schwächung bedeutete. + +König Wilhelm hatte bezeichnenderweise von einem ernsthaften Plan, +einen Hohenzollernprinzen auf den spanischen Königsthron zu erheben, +_keine Ahnung_. Er erhielt die Nachricht darüber erst Ende Februar 1870 +und schrieb darauf unter dem 26. an Bismarck: + + „Die Einlage fällt mir wie ein Blitz aus heiterer Luft auf den Leib! + Wieder ein hohenzollerischer Thronkandidat, und zwar für Spanien. Ich + ahndete kein Wort und spaßte neulich mit dem Erbprinzen über die + frühere Nennung seines Namens und beide verwarfen die Idee unter + gleichem Spaß! Da Sie vom Fürsten Details erhalten haben, so müssen + wir konferieren, obgleich ich von Haus gegen die Sache bin. Ihr W.“ + +Bismarck ließ sich aber durch diese Ansicht des Königs nicht irre +machen, er verfolgte konsequent seinen Plan und erreichte schließlich +doch, daß in einer Beratung unter dem Vorsitz des Königs, an welcher der +Kronprinz, der Fürst von Hohenzollern, er und Moltke teilnahmen, der +Kandidatur des Prinzen Leopold zugestimmt wurde. + +Napoleon soll anfangs die Nachricht von der Kandidatur des +Hohenzollernprinzen ohne besonderen Widerspruch hingenommen haben, was +für seine Apathie und sein Ruhebedürfnis spräche. Als aber Anfang Juli +die provisorische Regierung Spaniens sich für die Kandidatur des +Hohenzollern aussprach und dieser Beschluß in Frankreich bekannt wurde, +begann der größte Teil der französischen Presse zu toben wegen der +Gefahr, die ein Hohenzoller auf dem spanischen Königsthron für +Frankreich bedeute. Jetzt mußte auch Napoleon sich rühren. Er sandte +seinen Botschafter Benedetti um Aufklärung zu Bismarck. Dieser gab zur +Antwort, das _Ministerium_ wisse nichts von der Sache. So stellt er +selbst in „Gedanken und Erinnerungen“ die Sache dar. Dort erklärt er im +zweiten Bande auf Seite 80: Politisch habe er der Frage ziemlich +gleichgültig gegenüber gestanden. Auf der folgenden Seite aber äußert er +bereits: „Wenn der Herzog von Gramont (in einer 1872 erschienenen +Broschüre) sich bemüht, den Beweis zu führen, daß ich der spanischen +Anregung gegenüber mich nicht ablehnend verhalten hätte, so finde ich +keinen Grund, dem zu widersprechen.“ + +Einer seiner Verehrer hat recht, wenn er schreibt: „Indem Bismarck +Geschichte schreibt, macht er Geschichte“, das heißt er dreht die Dinge +so, wie sie ihm passen. + +Dem Lärm in der französischen Presse folgte der Lärm in der deutschen. +Aber zunächst nicht überall. Noch am 12. Juli sprach die „Kölnische +Zeitung“ sich sehr entschieden gegen die Hohenzollern-Kandidatur aus im +Interesse der Ruhe Europas. Und wie man in jenen Tagen in Bürgerkreisen +über den Militarismus dachte, darüber legt Zeugnis ab ein Beschluß einer +Vertrauensmännerversammlung der Fortschrittspartei für Rheinpreußen am +10. Juli in Köln. Jene Versammlung resolvierte: + + „Wir erwarten und fordern von den zu wählenden Abgeordneten zum + Reichstag, daß sie in der nächsten Session des Reichstags insbesondere + für die Verminderung der Militärlast durch Verminderung der + Friedensarmee und Verkürzung der Dienstzeit eintreten und für den + Fall, _daß diese Forderung abgelehnt wird, in Ausübung ihres + verfassungsmäßigen Rechtes jedwede Bewilligung von Geldmitteln für das + Militär dem Bundespräsidium verweigern_.“ + +Wer denkt in den bürgerlichen Parteien heute noch an dergleichen +Schritte, obgleich mittlerweile die militärischen Rüstungen zu Wasser +und zu Lande einen Umfang angenommen haben, den zu jener Zeit _niemand +für möglich_ hielt. + +Da kam der 13. Juli, der die Entscheidung brachte. Nach der offiziellen +und offiziösen Darstellung der Begegnung des Grafen Benedetti mit König +Wilhelm in Ems sollte Benedetti in brüsker Weise vom König gefordert +haben, zu erklären, daß er nie wieder eine Hohenzollernkandidatur für +den spanischen Thron zulassen werde, nachdem an demselben Tage auf +Betreiben des Königs Wilhelm der Hohenzollernprinz seine Kandidatur +_zurückgezogen_ hatte. Der König hatte durch einen Adjutanten an +Benedetti diesem mitgeteilt, daß er die Verzichtleistung approbiert +habe. Auf einen nochmaligen Wunsch Benedettis, den König zu sprechen, +ließ dieser, wie sein Generaladjutant Prinz Radziwill nachher in einer +Erklärung mitteilte, „dem Grafen Benedetti durch mich zum dritten Male +nach Tisch, etwa um 6 Uhr, erwidern, Seine Majestät müsse es entschieden +ablehnen, in betreff der bindenden Erklärungen für die Zukunft sich in +weitere Diskussionen einzulassen. Was er heute morgen gesagt, wäre sein +letztes Wort in dieser Sache, und er könne sich lediglich darauf +berufen. Hierauf erklärte Benedetti, sich seinerseits bei dieser +Erklärung beruhigen zu wollen.“ Damit war tatsächlich der Zwischenfall +erledigt. Aber nicht für Bismarck, dessen Pläne auf einen Konflikt mit +Frankreich durch die Erklärung des Königs durchkreuzt waren. Er erzählt +selbst in „Gedanken und Erinnerungen“, daß, als er an jenem Tage mit +Moltke und Roon gemeinsam speiste, diese über die Nachricht von der +Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Thron +im höchsten Grade deprimiert waren. Bismarck selbst war so aufgebracht, +daß er seine Demission geben wollte. Bald darauf lief aus Ems eine lange +Depesche ein, in der Abeken im Auftrag des Königs den Verlauf der +letzten Zusammenkunft desselben mit Benedetti schilderte, deren Inhalt +die letzte Hoffnung auf einen Konflikt mit Frankreich zerstörte. Roon +und Moltke legten tief betroffen Gabel und Messer hin, erzählt Bismarck; +daß die Aussicht auf Krieg geschwunden war, hatte ihnen den Appetit +verdorben. Darauf setzte sich Bismarck — immer nach seiner eigenen +Darstellung — an einen Nebentisch, nahm den Stift und strich die Depesche +so zusammen, daß dieselbe einen völlig veränderten Charakter bekam. Als +er sie in seiner Fassung Moltke und Roon vorlas, leuchteten beider +Augen, und Moltke, der Schweiger, rief: „So, das hat einen anderen +Klang, vorher war es eine Schamade, jetzt ist es eine Fanfare.“ Alsdann +setzten sich alle drei fröhlich zu Tisch und aßen mit bestem Appetit +weiter. Der Krieg war gesichert. + +Die Depesche ging in die Welt und wurde offiziell an alle fremden +Kabinette mit Ausnahme des Pariser verschickt, was die schwerste +Beleidigung für die französische Regierung war. In der redigierten +Fassung lautete die Depesche: + + „Ems, 13. Juli 1870. Nachdem die Nachrichten von der Entsagung des + Erbprinzen von Hohenzollern der kaiserlich französischen Regierung von + der königlich spanischen amtlich mitgeteilt worden sind, hat der + französische Botschafter in Ems an Seine Majestät noch die Forderung + gestellt, ihn zu autorisieren, daß Seine Majestät der König für alle + Zukunft verpflichte, niemals wieder seine Zustimmung zu geben, wenn + die Hohenzollern auf ihre Kandidatur wieder zurückkommen sollten. + _Seine Majestät der König hat es darauf abgelehnt, den französischen + Botschafter zu empfangen und demselben durch den Adjutanten vom Dienst + sagen lassen, daß Seine Majestät dem Botschafter nichts weiter + mitzuteilen habe.“_ + +Diese Bismarcksche Depesche hatte die gewünschte Wirkung. Sobald sie +bekannt wurde, war die Aufregung in Frankreich und Deutschland und weit +über diese Länder hinaus eine ungeheure. Ich bekam Kenntnis von +derselben, als ich am Nachmittag des 14. Juli im Vorderhause bei meinem +Friseur war und die damals von Professor Dr. Karl Biedermann redigierte +„Allgemeine Deutsche Zeitung“ hereingebracht wurde, die jene Depesche +enthielt. Als ich sie gelesen, warf ich das Blatt mit den Worten auf den +Tisch: Da haben wir den Krieg! Der Friseur erschrak über diese Aeußerung +aufs höchste, ich mußte ihm auseinandersetzen, warum die Depesche diese +Bedeutung habe. + +Wie vorauszusehen, erfolgte am 19. Juli die Kriegserklärung Frankreichs +an Deutschland, nachdem die französische Kammer bereits am 15. Juli eine +Kriegsanleihe in Höhe von 700 Millionen Franken gegen eine kleine +Minorität bewilligt hatte. + + + + +Meinungsdifferenzen. + + +Die geschilderten Vorgänge hatten zwischen Liebknecht und mir abermals +eine Meinungsverschiedenheit hervorgerufen. Liebknecht hatte die +Ansicht, Napoleon wolle den Krieg, Bismarck habe aber nicht den Mut, den +hingeworfenen Fehdehandschuh aufzunehmen. So schrieb er am 13. Juli im +„Volksstaat“: „Das Frankreich des Bonaparte hat dem Preußen des Bismarck +die Kriegsfrage gestellt, und wenn letzteres sich nicht zu einem +schimpflichen Rückzug entschließt, ist der Krieg unvermeidlich.“ Am 16. +Juli schrieb er: „Der Mutige weicht zurück — vor dem Stärkeren. Die +Hohenzollernkandidatur ist gegenüber der drohenden Haltung Bonapartes +zurückgezogen worden; es bleibt Friede, und der großmächtige +Norddeutsche Bund, der Deutschland Achtung im Ausland verschaffen +sollte, hat mit derselben Demut, wie weiland in der Luxemburger Affäre, +vor dem französischen Kaiserreich die Segel gestrichen.“ + +Ich vertrat den entgegengesetzten Standpunkt. Wohl habe Napoleon den +Krieg erklärt, aber er sei nach meinem Gefühl in eine Falle getappt, die +Bismarck ihm gestellt; _letzterer_ wolle den Krieg, und er habe sein +Ziel erreicht. Ich war über die Auffassung des „Volksstaat“ im höchsten +Grade erregt, es kam zu lebhaften Erörterungen zwischen Liebknecht und +mir, und erst auf eine Intervention Geibs kam es zu einer Verständigung +zwischen uns. Vom 20. Juli ab vertrat der „Volksstaat“ eine Auffassung, +die auch ich durchaus teilte. + +Ohne Ahnung, daß ein Krieg ausbrechen werde, hatten wir zum 17. Juli +eine Landesversammlung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei nach +Chemnitz einberufen. Natürlich mußten wir nunmehr zur Kriegsfrage +Stellung nehmen. Dieses geschah durch folgende Resolution, die +Liebknecht und ich vorschlugen und die einstimmig angenommen wurde. + + „Die Landesversammlung protestiert gegen jeden nicht im Interesse der + Freiheit und Humanität geführten Krieg, als einen Hohn auf die moderne + Kultur. Die Landesversammlung protestiert gegen einen Krieg, der nur + im dynastischen Interesse geführt wird und das Leben von + Hunderttausenden, den Wohlstand von Millionen auf das Spiel setzt, um + den Ehrgeiz einiger Machthaber zu befriedigen. Die Versammlung begrüßt + mit Freuden die Haltung der französischen Demokratie und insbesondere + der sozialistischen Arbeiter, sie erklärt sich mit deren Bestrebungen + gegen den Krieg vollständig einverstanden und erwartet, daß auch die + deutsche Demokratie und die deutschen Arbeiter in diesem Sinne ihre + Stimme erheben.“ + +Die Pariser Arbeiter hatten schon vor uns sich gegen den Krieg +ausgesprochen. In ähnlichem Sinne wie wir erklärten sich die Arbeiter +vieler Städte in öffentlichen Versammlungen, so unter anderen in Barmen, +Berlin, Nürnberg, München, Königsberg, Fürth, Krefeld. + +Anders dachte der Braunschweiger Parteiausschuß, der zum 16. Juli eine +Volksversammlung einberufen hatte, in der er eine Resolution annehmen +ließ, in der die Versammelten sich auf den Standpunkt stellten, daß +Napoleon und die Majorität der Volksvertreter Frankreichs die frivolen +Friedensbrecher und Ruhestörer Europas seien. Die deutsche Nation +dagegen sei die beschimpfte, die angegriffene, deshalb müsse die +Versammlung den Verteidigungskrieg als unvermeidliches Uebel anerkennen, +sie fordere jedoch das gesamte Volk auf, mit allen Mitteln dahin zu +wirken, daß dem Volke selbst die Entscheidung zwischen Krieg und +Frieden, wie überhaupt die vollste Selbstbestimmung werde. Dieser +Auffassung des Parteiausschusses schlossen sich eine große Zahl +Parteiorte, namentlich in Norddeutschland, an. Es war also eine starke +Meinungsverschiedenheit in der Partei vorhanden. + + * * * * * + +Der Reichstag war zum 19. Juli einberufen worden. Als Liebknecht und ich +am 18. von Chemnitz abreisten, waren bereits die Bahnen durch die +Militärtransporte so in Anspruch genommen, daß wir auf dem Gößnitzer +Bahnhof mehrere Stunden warten mußten, ehe wir weiterfahren konnten. +Hier besprachen wir unsere im Reichstag zu beobachtende Taktik. +Liebknecht war der Ansicht, wir müßten die Geldforderung strikte +ablehnen, da beide Teile am Kriege schuld seien und wir für keinen Teil +Partei ergreifen dürften. Ich erklärte dieses für einen Fehler. Nach +Lage der Sache könnten wir allerdings für keinen der streitenden Teile +Partei ergreifen. Dieser Eindruck würde aber gerade dann, und zwar +zugunsten Napoleons, hervorgerufen, wenn wir gegen die Anleihe stimmten; +es bliebe uns kein anderer Weg, als uns der Abstimmung zu enthalten. +Schließlich ersuchte mich Liebknecht, den Entwurf einer Erklärung +auszuarbeiten und am nächsten Tage mit nach Berlin zu bringen. Dies +geschah. Nach einigen kleinen Aenderungen stimmte Liebknecht meinem +Entwurf zu, auch sollte ich die Erklärung im Reichstag abgeben. In der +Sitzung vom 21. Juli nahm ich das Wort: „Da, wie wir vernommen, es der +Wunsch ist, die Tagesordnung ohne Debatte zu erledigen, so sind wir +übereingekommen, keine Debatte zu provozieren, obgleich wir mit der +Ansicht des Hauses in keiner Weise einverstanden sind. Wir sind +entschlossen, in der vorliegenden Frage uns der Abstimmung zu +enthalten, und werden unsere Motive in einer schriftlichen Erklärung zu +den Akten des Hauses niederlegen.“ + +Simson als Präsident meinte: Das zu tun, könne er uns nicht hindern. Die +Motivierung unseres Standpunktes lautete: + + „Der gegenwärtige Krieg ist ein dynastischer Krieg, unternommen im + Interesse der Dynastie Bonaparte, wie der Krieg von 1866 im Interesse + der Dynastie Hohenzollern. + + Die zur Führung des Krieges dem Reichstag abverlangten Geldmittel + können wir nicht bewilligen, weil dies ein Vertrauensvotum für die + preußische Regierung wäre, die durch ihr Vorgehen im Jahre 1866 den + gegenwärtigen Krieg vorbereitet hat. + + Ebensowenig können wir die geforderten Geldmittel verweigern; denn es + könnte dies als Billigung der frevelhaften und verbrecherischen + Politik Bonapartes aufgefaßt werden. + + Als prinzipielle Gegner jedes dynastischen Krieges, als + Sozialrepublikaner und Mitglieder der Internationalen + Arbeiterassoziation, die ohne Unterschied der Nationalität alle + Unterdrücker bekämpft, alle Unterdrückten zu einem großen Bruderbund + zu vereinigen sucht, können wir uns weder direkt noch indirekt für den + gegenwärtigen Krieg erklären und enthalten uns daher der Abstimmung, + indem wir die zuversichtliche Hoffnung aussprechen, daß die Völker + Europas, durch die jetzigen unheilvollen Ereignisse belehrt, alles + aufbieten werden, um sich ihr Selbstbestimmungsrecht zu erobern und + die heutige Säbel- und Klassenherrschaft, als die Ursache aller + staatlichen und gesellschaftlichen Uebel, zu beseitigen.“ + +Die geforderten 120 Millionen Taler Kriegsanleihe wurden vom Reichstag +bewilligt. Fritzsche, Hasenclever, Mende und Schweitzer stimmten dafür, +Försterling hatte im Frühjahr sein Mandat für Chemnitz niedergelegt. In +der Nachwahl war der Kreis den Hatzfeldtianern verloren gegangen. Als +aber die Anleihe zur Zeichnung aufgelegt wurde, gab die deutsche +Kapitalistenklasse der Welt ein trauriges Schauspiel. Obgleich das Geld +mit 5 Prozent verzinst werden sollte und der Gläubiger für 100 Taler nur +88 zu geben brauchte, für die er aber nachher 100 Taler erhielt, wurden +nur 68 Millionen Taler gezeichnet. Das war eine ungeheure Blamage. +Anders in Frankreich. Dort wurden die geforderten 700 Millionen Franken +voll gezeichnet, und zwar zu dem gleichen Zins, den Deutschland bot. + + * * * * * + +Unser Verhalten im Reichstag hatte die Differenzen zwischen uns und dem +Parteiausschuß erweitert. Es kam zu sehr gereizten brieflichen +Auseinandersetzungen, namentlich zwischen Liebknecht und dem Ausschuß, +da Liebknecht nicht im Sinne des Ausschusses den „Volksstaat“ redigieren +wollte. Vergebens mahnte Liebknecht zur Vernunft. Unter dem 26. Juli +schrieb er an Bracke unter anderem: „Ich nehme Euch Euren patriotischen +Eifer nicht übel. Aber seid auch Eurerseits tolerant. Wenn Ihr mit +Bebels und meinem Verhalten auf dem Reichstag nicht einverstanden seid, +so muß dieser Zwist jetzt um jeden Preis beigelegt oder wenigstens ein +offener Ausbruch vermieden werden. Es darf in einem Moment, wie dem +jetzigen, in der Partei nichts vorkommen, was wie Uneinigkeit aussähe, +und ich beschwöre Euch, alles zu unterlassen, was die Differenzen +verschärfen könnte.“ + +Diese Bitte war vergeblich. Schließlich war Liebknecht so verärgert, daß +er drohte auszuwandern, die Wirtschaft und der nationale Paroxismus ekle +ihn an. Auch mir wurden die Nörgeleien der Braunschweiger zu arg. Am 13. +August schrieb ich nach dort: „Wenn der Ausschuß gegen Liebknecht +vorgeht, verzichten wir auf jede fernere Mitarbeit am ‚Volksstaat‘. Nach +Eurem Briefe (der an Liebknecht gerichtet war und Drohungen gegen ihn +enthielt) scheint Ihr in eine Art von nationalem Paroxismus verfallen zu +sein, scheint Ihr den Skandal und den Bruch in der Partei um jeden Preis +zu wollen. Einen Verstoß gegen die Parteiprinzipien könnt Ihr in unserem +Verhalten auf dem Reichstag nicht nachweisen. Statt Euch damit zu +begnügen, daß keine Verschärfung des Konflikts eintritt, verlangt Ihr +von Leuten, die eine feste Meinung haben, die Aenderung, die Verleugnung +dieser Ansicht. Der ‚Volksstaat‘ hat sich gerade in den letzten Wochen +streng als Parteiorgan gezeigt. Beweis: das einstimmige Wutgeheul +unserer Gegner. Wollt Ihr auch in dieses nationalliberale Geheul mit +einstimmen? Ihr sprecht von sächsischem Partikularismus. Und doch sind +wir gerade in Sachsen gut _sozialrepublikanisch_, und wir betrachten +alle den Krieg als einen dynastischen. Marx hat sich auch für uns +erklärt.“ + +Am 1. September schrieb Liebknecht auf einen Brief von Bracke: „Nicht +aus Furcht vor den Strebern habe ich Lust, wegzugehen, sondern aus Ekel +vor dem patriotischen Dusel. Diese Krankheit muß ihren Verlauf nehmen, +und während derselben bin ich hier sehr überflüssig, kann aber +anderwärts sehr nützlich sein, zum Beispiel in Amerika. Doch es wird +nicht so schlimm kommen, und ich werde nicht zu gehen brauchen.“ + +August Geib-Hamburg suchte abermals zu vermitteln. Aber erfolgreicher +als alle Vermittlung wirkte der Gang der Ereignisse, der uns bald wieder +in die gleiche Schlachtlinie trieb. + + + + +Erklärungen und Proklamationen. + + +Am 17. Juli fand in Berlin ein großer Kriegsrat statt. Wie es mit den +Kriegsaussichten für Preußen-Deutschland stand, zeigt eine Erklärung +Moltkes, die dieser zugleich im Namen Roons abgab: „_Preußen sei noch +nie in der Lage gewesen, hinsichtlich seiner Heeresverfassung, +Ausrüstung, Hilfsmittel usw. mit solchen Aussichten auf Erfolg einen +Krieg anzunehmen wie gegenwärtig_. Er sei _sehr genau_ über den +Fortschritt (er hätte sagen können die Zurückgebliebenheit. A.B.) der +französischen Rüstungen informiert, und _danach sei eine militärische +Ueberrumpelung seitens Frankreichs nicht zu fürchten_.“ Die Richtigkeit +dieser Ansicht bestätigte sich sofort. In Deutschland glaubte man +allgemein, der Kriegserklärung Napoleons werde ohne Verzug ein Einbruch +der französischen Armee in deutsches Gebiet folgen. Man wartete +vergebens. In Frankreich hatte die Kriegserklärung ein vollständiges +Durcheinander hervorgerufen, kein einziges Armeekorps war auf Kriegsfuß, +die Kopflosigkeit herrschte von oben bis unten. Anfang August standen +bereits 380000 Deutsche 250000 Franzosen gegenüber. Und wie man in +deutschliberalen Kreisen die Situation ansah, bewies ein Toast des +Professor Biedermann in Leipzig auf einem studentischen Fest, in dem er +bereits _Ende Juli_ ausführte: Wir werden die französische Nation +daniederwerfen, daß sie in einem Menschenalter nicht mehr an Krieg +denken kann. Wir werden das tun, indem wir dafür Sorge tragen, _daß der +Leib Frankreichs etwas schmäler wird_. + +Hier wurde also bereits auf eine Annexion angespielt, noch ehe eine +Schlacht geschlagen war. Man rechnete also absolut sicher mit dem Siege. +In den offiziellen Aktenstücken lautete es um diese Zeit ganz anders! So +wurde in der Thronrede, mit der der Reichstag am 19. Juli eröffnet +worden war, gesagt, „daß man die Volkskraft zum Schutze unserer +Unabhängigkeit aufrufe“, „Deutschland trage in sich selbst den Willen +und die Kraft der Abwehr erneuter französischer Gewalttat“, man wende +sich getrosten Mutes „an die Vaterlandsliebe und Opferfreudigkeit des +deutschen Volkes mit dem Aufruf _zur Verteidigung seiner Ehre und seiner +Unabhängigkeit_“. „Wir werden nach dem Beispiel unserer Väter“ — so +lautete der Schluß — „_für unsere Freiheit und für unser Recht gegen die +Gewalttat fremder Eroberer kämpfen_, und in diesem Kampfe, _in dem wir +kein anderes Ziel verfolgen, als den Frieden Europas dauernd zu sichern, +wird Gott mit uns sein, wie er mit unseren Vätern war_.“ + +Nach dieser feierlichen Erklärung — deren Verfasser Lothar Bucher +war — handelte es sich also um einen _Verteidigungs-_, nicht um einen +_Eroberungskrieg_, mit dem Zweck, für künftig den Frieden zu sichern. + +Einen interessanten Satz enthielt aber noch die Thronrede; der Satz +lautete: + + „Das deutsche wie das französische Volk, beide die Segnungen + christlicher Gesittung und steigenden Wohlstandes genießend und + begehrend, sind zu einem heilsameren Wettkampf berufen als zu dem + blutigen der Waffen.“ + +Bezeichnend für die Stimmung in den offiziellen Kreisen war auch die +Proklamation des Königs von Preußen vom 11. August 1870, worin er +anzeigte, daß er in Frankreich eingerückt sei und den Oberbefehl +übernommen habe: „Ich führe Krieg mit den französischen _Soldaten_ und +nicht mit den _Bürgern Frankreichs_.“ + +Eine sehr günstige Beurteilung in unseren Kreisen fand die Proklamation +des Prinzen Friedrich Karl: + + „An die Soldaten der zweiten Armee! + + Ihr betretet französischen Boden. Der Kaiser Napoleon hat ohne allen + Grund an Deutschland den Krieg erklärt, er und seine Armee sind unsere + Feinde. Das französische Volk ist nicht gefragt worden, ob es mit + seinen deutschen Nachbarn einen blutigen Krieg führen wolle, ein Grund + zur Feindschaft ist nicht vorhanden. Seid dessen eingedenk den + friedlichen Bewohnern Frankreichs gegenüber, zeigt ihnen, daß in + unserem Jahrhundert zwei Kulturvölker selbst im Kriege untereinander + die Gebote der Menschlichkeit nicht vergessen, denkt stets daran, wie + eure Eltern in der Heimat es empfinden würden, wenn ein Feind, was + Gott verhüte, unsere Provinzen überschwemmte. Zeigt den Franzosen, daß + das deutsche Volk nicht nur groß und tapfer, sondern auch gesittet und + edelmütig dem Feinde gegenübersteht.“ + +Und bereits am 25. Juli hatte der König auf die laut gewordenen +Kundgebungen ein Dankschreiben veröffentlicht, in dem es hieß: + + „Die Liebe zu dem gemeinsamen Vaterlande, die einmütige Erhebung der + deutschen Stämme und ihrer Fürsten hat alle Unterschiede und + Gegensätze in sich beschlossen und versöhnt, und einig, wie kaum + jemals zuvor, darf Deutschland in seiner Einmütigkeit, in seinem Recht + die Bürgschaft finden, daß der Krieg ihm den dauernden Frieden bringen + und daß aus der blutigen Saat eine von Gott gesegnete Ernte deutscher + Freiheit und Einheit sprießen werde.“ + +Es ist zu beachten, wie in diesem Dankschreiben am Schluß die Freiheit +vor die Einheit gesetzt ist. Das sollte mir später verhängnisvoll +werden, als ich an dieses Versprechen in mehreren öffentlichen +Versammlungen erinnerte. + + + + +Die Verhaftung des Braunschweiger Ausschusses. + + +Im „Volksstaat“ vom 30. Juli veröffentlichte der Parteiausschuß einen +Aufruf, in dem der abweichende Standpunkt, der ihn damals von uns noch +trennte, zum Ausdruck kam. Nachdem er die Partei zu energischer +Tätigkeit aufgefordert, fuhr er fort: „Unsere Aufgabe ist es, bei der +Geburt dieses, wie wir hoffen, ganz Deutschland umfassenden Staates +_bestimmend mitzuwirken_, damit, wenn es möglich ist, _nicht der +dynastische Staat_, sondern der _sozialdemokratische Volksstaat_ (!!! +A.B.) ins Dasein tritt; unsere Aufgabe ist es — mag der gewordene neue +Staat bei der Geburt noch dynastische Färbung tragen —, ihm in ernstem, +schwerem Kampfe den Stempel _unserer_ Ideen aufzudrücken.“ Er hoffe, daß +unsere Brüder mit Begeisterung und Mut uns bald zum Siege in Frankreich +führten, doch solle man sich nicht vom Siegestaumel beherrschen lassen. +Man müsse den Bruderkampf zwischen zwei Völkern bedauern, aber +Deutschland sei unschuldig an dem Kriege; den Schuldigen werde die +Strafe ereilen, dann aber gelte es, uns kräftig zu erhalten für den +glorreicheren gemeinsamen Kampf aller Unterdrückten der Erde. Sei +Napoleon besiegt, werde das französische Volk freier aufatmen, und wir +hätten alsdann unsere Machthaber daran zu erinnern, was dem Volke von +Gottes und Rechts wegen gebühre und was zu fordern die unendlichen Opfer +und Qualen des Krieges es doppelt und dreifach berechtigten. + +Der Ausschuß ahnte in seinem Optimismus damals nicht, daß er das erste +Opfer sein werde, das die Herrlichkeit des Sieges zu kosten bekommen +werde. Die Armeen des Kaiserreichs wurden in rasch aufeinanderfolgenden +Schlägen zu Boden geworfen, Deutschland sah ganze Armeen französischer +Gefangener in seinen Gauen, deren Unterbringung und Verpflegung bald +eine unbequeme Last wurde. Es kam die Schlacht bei Sedan, die Napoleon +unter Umständen annahm, daß man fast glauben sollte, er habe absichtlich +so manövriert, um als Gefangener nach Deutschland, nicht als +geschlagener Kaiser nach Frankreich zu kommen. Als die Nachricht von +seiner Gefangenschaft nach Deutschland kam, jubelte alles, wir mit. Alle +Welt erhoffte das Ende des Krieges, dessen Schlachten mit ihren +ungeheuren Verlusten an Menschenleben schon den Ueberdruß am Kriege +erzeugt hatten. „Ich scheue mich, nach den Verlusten zu fragen“, schrieb +der König von Preußen nach den Schlachten um Metz an die Königin. An den +König von Württemberg telegraphierte er: „Die Verluste der letzten +Schlacht (am 19. August) wie der vorhergehenden sind so bedeutend, daß +die Siegesfreude sehr getrübt wird.“ Und die von Guido Weiß redigierte +Berliner „Zukunft“ schrieb: „Vor dem bleichen Purpur des Todes beugen +sich auch die im Purpur Geborenen. Eine Furcht überkommt selbst die +Furchtlosen: Zu weit ausgegriffen hat die Sichel, zu reichlich gedüngt +ist das Blachfeld.“ + +Doch der Krieg wütete weiter. Die Gefangennahme Napoleons bei Sedan +beantwortete Paris mit der Erklärung der Republik, ein Ereignis, das +namentlich im deutschen Hauptquartier sehr unangenehm berührte. Um +Frankreich zu einer Republik zu machen, dafür hatte man den Krieg nicht +begonnen. Man fürchtete das böse Beispiel, wie sich gezeigt hat, ohne +Grund. Als die Nachricht von der Verkündung der Republik nach +Deutschland kam, stürzte Liebknecht in größter Aufregung und mit Tränen +in den Augen zu mir in meine Werkstatt, um mir das Ereignis zu +verkünden. Er war frappiert über die Kühle, mit der ich die Nachricht +aufnahm. Aber auch im Braunschweiger Ausschuß hatte die Nachricht wie +eine Bombe eingeschlagen und einen starken Gesinnungswechsel +hervorgerufen. Jetzt waren mit einem Schlage alle Differenzen zwischen +uns beseitigt. Sofortiger Friedensschluß mit der französischen Republik, +Ersatz aller Kriegskosten, aber Verzicht auf jede Annexion waren die +Forderungen, die wir jetzt gemeinsam erhoben. Aus dem Verteidigungskrieg +war mittlerweile der Eroberungskrieg geworden. Was Biedermann schon Ende +Juli angedeutet, wurde nach den vielen und raschen Siegen allgemeine +Forderung der liberalen und konservativen Presse. + +In einem Manifest, das der Generalrat der Internationalen +Arbeiterassoziation mit Bezug auf den Krieg erließ und der „Volksstaat“ +am 7. August veröffentlichte, hieß es: „Das Kriegskomplott vom Juli 1870 +ist nur eine verbesserte Auflage des Staatsstreichs vom Dezember 1851.“ +Der Krieg habe so aberwitzig geschienen, daß Frankreich nicht daran +glauben wollte, selbst die bürgerliche Opposition habe die Geldmittel +verweigert. Die der Internationale angehörenden französischen Arbeiter +hätten den Krieg als einen _dynastischen_ Krieg verurteilt. „Welchen +Verlauf auch immer der Krieg Louis Bonapartes mit Preußen nimmt, die +Totenglocke des zweiten Kaiserreichs hat bereits in Paris geläutet. Es +wird enden, wie es begonnen, mit einer Parodie.“ Auf deutscher Seite +sei der Krieg ein Verteidigungskrieg, „aber welche Politik habe +verschuldet, daß Deutschland in diese Lage komme?“ Die Kritik der +Bismarckschen Politik, die hier folgte, mußte der „Volksstaat“ +unterdrücken. „Wenn die deutschen Arbeiter es erlauben, daß der +gegenwärtige Krieg seinen streng defensiven Charakter verliert und in +einen Krieg gegen das französische Volk ausartet, wird Sieg oder +Niederlage sich gleich verhängnisvoll erweisen.“ Der Generalrat weist +alsdann darauf hin, daß in einem solchen Falle Rußland den Vorteil habe. + +Im Sinne des Manifestes des Generalrats handelte jetzt der +Braunschweiger Ausschuß, als er, datiert vom 5. September, einen Aufruf +„An alle deutschen Arbeiter“ erließ. Mit Hinweis auf die neuesten +Ereignisse in Frankreich erwarte er, daß die neue republikanische +Regierung den Frieden mit Deutschland zu erreichen suche. Darin müßten +die deutschen Arbeiter die Absichten der republikanischen Regierung +unterstützen und einen ehrenvollen Frieden mit dem französischen Volke +fordern, für den sie in Masse ihre Stimmen erheben sollten. + +Der Ausschuß zitiert dann aus einem Briefe von Karl Marx — dessen Name +aber nicht genannt wurde —, was folgen werde und folgen müsse, wenn man +auf der Annexion von Elsaß-Lothringen bestehen bleibe. Das Zitat lautet: + + „Wer nicht ganz vom Geschrei des Augenblicks übertäubt ist oder ein + Interesse daran hat, das deutsche Volk zu übertäuben, muß einsehen, + daß der Krieg von 1870 ganz so notwendig einen Krieg zwischen + Deutschland und Rußland im Schoße trägt, wie der Krieg von 1866 den + von 1870.... Durch den Verlauf des jetzigen Krieges _sei der + Schwerpunkt der kontinentalen Arbeiterbewegung von Frankreich nach + Deutschland verlegt_. Damit hafte größere Verantwortlichkeit auf der + deutschen Arbeiterklasse.“ + +Der Ausschuß akzeptierte diese Auffassung, forderte zu Kundgebungen auf +gegen die Annexion von Elsaß-Lothringen und für einen ehrenvollen +Frieden mit der französischen Republik. Der Aufruf schloß: + + „Wenn wir jetzt sehen, wie wieder ein großes Volk seine Geschicke in + seine Hände genommen, wenn wir heute die Republik nicht allein mehr + sehen in der Schweiz und jenseits der Meere, sondern auch faktisch + Republik in Spanien, Republik in Frankreich, so lasset uns ausbrechen + in den Ruf, der, wenn es auch heute noch nicht sein kann, auch für + Deutschland einst die Morgenröte der Freiheit verkünden wird, in den + Jubelruf: Es lebe die Republik!“ + +Am 11. September hatte der „Volksstaat“ den hier erwähnten Ausruf +abgedruckt, in der nächsten Nummer am 14. mußten bereits Liebknecht und +ich eine Ansprache an die Parteigenossen veröffentlichen, in der wir +anzeigten, daß der General Vogel v. Falckenstein in Hannover — wie sich +herausstellte wider Recht und Gesetz — Befehl gegeben hatte, den +Parteiausschuß, und zwar Bracke, Bonhorst, Spier, Kühn und den +Buchdruckereibesitzer Sievers, mit Ketten gefesselt und unter starker +militärischer Bedeckung nach der Festung Lötzen in Ostpreußen zu +transportieren und dort zu internieren. Die den Verhafteten widerfahrene +Behandlung war eine höchst brutale, um nicht zu sagen grausame; sie +brauchten allein 36 Stunden, um nach Königsberg zu gelangen. Auf der +Reise hielt man sie überall von seiten des Publikums für gefangene +Landesverräter und behandelte sie danach. Wir forderten auf, daß bis auf +weitere Anordnung der Kontrollkommission Briefe und Gelder an +Geib-Hamburg gesandt werden sollten. Der Schluß lautete: + + „Parteigenossen! Es ist ein schwerer Schlag, der die Partei getroffen, + und es werden ihm vielleicht andere folgen. + + Steht fest und unverzagt; in der Gefahr zeigt sich die echte + Ueberzeugung, bewährt sich der rechte Mann. + + Arbeitet kräftig für die Ausbreitung der Partei und unserer + Prinzipien, aber seid vorsichtig im Reden, vorsichtig auch im + Schreiben — die uns feindliche Gewalt sucht alles gegen uns zu + benutzen. + + Wirkt kräftig für Verbreitung des Parteiorgans, denn in ihm liegt in + diesem Moment des geistigen Kampfes unsere Macht und unsere Stärke. + + Es lebe der internationale Kampf des Proletariats! Hoch die + sozialdemokratische Organisation!“ + +Die Nennung von Geibs Namen in unserer Ansprache genügte für Vogel v. +Falckenstein, um auch diesen nach Lötzen schaffen zu lassen. Dasselbe +Schicksal traf Johann Jacoby wegen einer Rede in Königsberg gegen die +Annexion, und Gutsbesitzer Herbig, der Vorsitzender jener Versammlung +gewesen war. Vogel v. Falckenstein handelte als Oberstkommandierender in +Norddeutschland, das er gegen eine eventuelle Landung der Franzosen an +den Nordküsten verteidigen sollte. In Ermanglung kriegerischer Taten +verfiel er auf Polizeimaßregeln. + +Die Verhaftung Jacobys und Herbigs machte in der liberalen Presse einen +unangenehmen Eindruck. Ein linksliberales Blatt meinte: „Diese +Handlungen paßten schlecht zu den großen Siegen und veranlaßten die +Frage aufzuwerfen: _ob nicht dem deutschen Volk an innerer Freiheit +verloren gehe, was es an äußerem Ruhm gewonnen.“_ + +Wir sahen das Tun und Treiben der Machthaber als selbstverständlich an. +Es war eben eine Illusion des Parteiausschusses, daß er an eine +freiheitliche Gestaltung in der neuen Ordnung glaubte, die derselbe Mann +gewähren sollte, der sich bis dahin als der größte Feind jeder +freiheitlichen, ich sage nicht einmal demokratischen Entwicklung gezeigt +hatte, und der jetzt als Sieger dem neuen Reich den Kürassierstiefel in +den Nacken setzte. + +In Harburg wurden auch Bock und mehrere Genossen und in Halberstadt +Naters verhaftet und ins Gefängnis gesetzt, um ihnen einen Prozeß wegen +Verbreitung des Manifestes des Parteiausschusses zu machen. In Sachsen +erließ das Generalgouvernement für das 12. Armeekorps Ende September +eine Verordnung, wonach alle Volksversammlungen mit Rücksicht auf die +Endziele des Kriegs verboten wurden. Ein Lichtblick in dieser Zeit war, +daß in Kirchberg und in Mittweida (beide in Sachsen) die +Stadtverordnetenwahlen für unsere Partei glänzend ausfielen. Auch war +trotz des Krieges am 1. August in Crimmitschau ein täglich erscheinendes +Parteiblatt, „Der Bürger- und Bauernfreund“, den Karl Hirsch redigierte, +erschienen, und am nächsten 1. Februar folgte die „Chemnitzer Freie +Presse“, die ebenfalls täglich herauskam. Der Unterschied zwischen uns +und dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein bestand auch darin, daß wir +Neugründungen von Parteiblättern kein Hindernis in den Weg legten. + +Anfang Oktober bedauerte die offiziöse „Norddeutsche Allgemeine +Zeitung“, daß man Liebknecht und mich nicht ebenfalls in Haft genommen +habe wie den Braunschweiger Ausschuß, Johann Jacoby usw. Ihr Wunsch fand +bald Erfüllung. + +Die Kontrollkommission hatte den provisorischen neuen Ausschuß nach +Dresden verlegt. Er wurde von den Genossen Knieling, Köhler und Otto +Walster gebildet. Da wir wußten, daß bei der Verhaftung des +Braunschweiger Ausschusses eine große Menge Briefschaften beschlagnahmt +worden waren, schrieb ich an Walster, der Sekretär im neuen Ausschuß +war, er möge sich den Braunschweiger Vorgang als Warnung dienen lassen +und keinen der Briefe aufheben. Aber wer diesen guten Rat _nicht_ +befolgte, war Walster. Als später — wie vorauszusehen war — auch bei ihm +Durchsuchung stattfand, fiel sogar mein Warnungsbrief der Polizei in die +Hände, der dann in die Akten des bevorstehenden Hochverratsprozesses +wanderte. + + * * * * * + +Ein eigenartiges Intermezzo erlebten Liebknecht und ich Ende Oktober. +Der 31. Oktober, der Reformationstag, an dem Luther seine 95 Thesen an +die Tür der Wittenberger Schloßkirche schlug, ist in Sachsen ein +Feiertag. Zwei Tage vor demselben erhielt ich einen eingeschriebenen +Brief, worin Liebknecht und ich dringend ersucht wurden, in einer +hochwichtigen Sache am 31. Oktober nach Mittweida zu kommen. Wir folgten +der Einladung. Am Bahnhof wurden wir geheimnisvoll in Empfang genommen +und um die halbe Stadt nach einer Restauration geführt, woselbst wir zu +unserer Ueberraschung die gesamten Vertrauensmänner des oberen und +unteren Erzgebirges versammelt fanden. Darauf wurde von einem Redner an +uns die Frage gestellt, warum wir die Hände in den Schoß legten und +nicht zum Losschlagen aufforderten, die Armee sei doch außerhalb des +Landes, was im Lande sei, könne leicht überwältigt werden. Wir +schüttelten über diese Naivität den Kopf. Ich nahm zunächst das Wort und +bewies dem Redner das Unsinnige seines Verlangens. Liebknecht sprach +sich selbstverständlich im gleichen Sinne aus. Es kostete uns keine +Mühe, den Anwesenden die Richtigkeit unseres Standpunktes zu machen. +Die Anwesenden waren gleich uns auf Einladung von zwei Parteigenossen +nach Mittweida gekommen ohne Ahnung dessen, was man hier wollte. + +Um dieselbe Zeit hielten die Züricher Parteigenossen eine öffentliche +Versammlung ab, in der der damalige _Staatsanwalt_ Parteigenosse +_Forrer_ eine Rede hielt, in der er folgende Resolutionen begründete: + + „1. Unsere Sympathien gehören der französischen Republik! Möge es + derselben gelingen, durch energischen Widerstand die Militärmacht + Hohenzollern so zu schwächen, daß ihr ein baldiger Friede angeboten + werden muß. + + 2. Wir sprechen unseren Parteigenossen in Deutschland und England + (Marx und Engels) die wärmste Anerkennung aus. + + Namentlich seid Ihr, Brüder in Deutschland, trotz Verfolgung und + Unterdrückung, trotz Kerker und Ketten als Männer für Eure Prinzipien + eingestanden, und wir haben das feste Vertrauen auf Euch, Ihr werdet + Eure Schuldigkeit tun und Euch der weltgeschichtlichen Aufgabe der + Sozialdemokratie würdig erzeigen.“ + +Uns bereitete damals diese Anerkennung unserer Züricher Genossen eine +große Genugtuung, und ich empfinde sie noch heute. Gegenwärtig ist der +damalige Redner und Parteigenosse _Forrer_ Mitglied des schweizerischen +Bundesrats in Bern und war zeitweilig dessen Präsident. +Selbstverständlich konnte er zu dieser Würde nicht als Sozialdemokrat +gelangen. So weit ist man auch in der Schweiz noch nicht. Er rückte eben +mit der Zeit, wie so mancher andere, von links nach rechts und kam +dadurch zu Würden und Ehren. + + + + +Annexionen und Kaiserkrone. + + +Der Krieg mit Frankreich wurde nach Sedan mit ungeschwächten Kräften +weitergeführt. Die kaiserliche Armee war zwar vernichtet oder gefangen, +aber jetzt hatte die Regierung der nationalen Verteidigung, an deren +Spitze Gambetta und Freycinet standen, die Organisation neuer Armeen in +die Hand genommen. Diese wurden mitten im Kriege sozusagen aus dem Boden +gestampft. Ein interessantes Buch über diese großartige Leistung ist +„Léon Gambetta und seine Armee“ von Freiherrn von der Goltz, Berlin +1877. Das Hauptverdienst fiel aber nicht Gambetta, sondern Freycinet, +dem ehemaligen Ingenieur, zu. Hatte der Krieg gegen das Kaiserreich +keine sechs Wochen gedauert, so jetzt gegen die Republik noch nahezu +sechs Monate. Die neue Regierung hatte zwar Versuche gemacht, Frieden zu +schließen, allein diese scheiterten an dem Verlangen Bismarcks nach +Annexionen. Auch erklärte Bismarck, der immer noch an die +Wiedereinsetzung Napoleons dachte, die Regierung der Landesverteidigung +sei keine stabile Regierung, mit der man unterhandeln könne. Schließlich +mußte man aber dennoch mit dieser Frieden schließen. + +Ende Oktober übergab Bazaine Metz mit 150000 Mann Besatzung und enormen +Kriegsvorräten, was ein Glück für die deutsche Armeeleitung war, die +alle Kräfte gegen die neugebildete französische Loire- und Nordarmee +brauchte. + +Am 26. Oktober wurden Jacoby, Bonhorst und Herbig aus Lötzen entlassen. +Es standen die preußischen Landtagswahlen bevor, und da konnte man die +wider Recht und Gesetz verhafteten Landesangehörigen nicht in Haft +behalten. Einige Wochen später, am 14. November, wurden die Mitglieder +des Braunschweiger Ausschusses wiederum in Ketten gefesselt von Lötzen +nach Braunschweig zurücktransportiert. Es sollte hier ein +Hochverratsprozeß gegen sie inszeniert werden. Endlich wurde Anfang +Dezember auch Geib aus Lötzen entlassen, und zwar auf Betreiben des +Hamburger Senats. Anklagematerial lag gegen ihn nicht vor. + + * * * * * + +Auf den 24. November war der norddeutsche Reichstag zu einer +außerordentlichen Session einberufen worden, die zwar kurz, aber sehr +erregt war. Es handelte sich um eine weitere Bewilligung von Geldmitteln +für die Fortführung des Krieges und um die Beratung der Versailler +Verträge mit den süddeutschen Staaten und die neue Reichsverfassung. + +Was bis dahin über die Versailler Verträge bekannt geworden war, hatte +in den liberalen Kreisen große Verstimmung hervorgerufen. Danach waren +den süddeutschen Staaten, insbesondere Bayern, sogenannte Reservatrechte +eingeräumt worden, die die Reichseinheit nur komplizierten. Die +norddeutsche Bundesverfassung sollte mit den unumgänglich nötigen +Aenderungen, die die Versailler Verträge bedingten, Reichsverfassung +werden. Die Freiheit, die Ende Juli in seinem Dankschreiben der König in +Aussicht gestellt hatte, blieb wo sie war, in der Kaserne. Nicht einmal +die Diäten wurden bewilligt. War schon durch diese Vorgänge die Stimmung +eine gedrückte, so noch mehr durch die Tatsache, daß der Krieg sich in +die Länge zog, ungeheure Opfer aller Art kostete und sich ein Ende nicht +absehen ließ. Anfang September hatte Moltke an seinen Bruder +geschrieben, er hoffe Ende Oktober in Creisau (seinem Gute in Schlesien) +zu sein und Hasen zu schießen. Diese blieben aber unbehelligt von der +Moltkeschen Flinte. + +Im Reichstag herrschte über die Nachrichten vom Kriegsschauplatz eine +sehr gedrückte Stimmung. So hatte man sich den Gang der Dinge nicht +vorgestellt. Der Kriegsberichterstatter der „Kölnischen Zeitung“, ein +Herr v. Wickede, schrieb noch Ende Dezember: + + „Dieser entsetzliche Krieg, der mit Streitermassen geführt wird, wie + solche die Geschichte aller Zeiten und Völker noch niemals in dem + Umfang gehabt hat, spottet in der Tat aller und jeglicher Berechnung. + Man glaubte endlich am Ende desselben zu sein, und nun stellt sich + heraus, daß man am Ende des Monats genau so weit ist wie am Anfang + desselben. Wir schlagen fort und fort die Franzosen, töten und + verwunden ihnen Tausende von Soldaten ... und immer von neuem und + wieder von neuem sammeln sich ihre geschlagenen Scharen ... und werfen + sich uns sehr häufig mit dem wilden Mut der äußersten Verzweiflung + entgegen.... Es herrscht jetzt schon in manchen von unseren Gruppen + besonders ausgesogenen Gegenden eine entsetzliche Hungersnot, die + Leute fallen wie die Fliegen im Hochsommer zu Dutzenden um, und dieser + Zustand wird sich im Laufe des strengen Winters in noch furchtbarerer + Weise steigern.“ + +Die Thronrede, mit welcher der Reichstag eröffnet wurde, verlas der +Präsident des Bundeskanzleramts, Delbrück; es hieß darin, die jetzigen +Machthaber Frankreichs zögen es vor, die Kräfte einer edlen Nation einem +aussichtslosen Kampfe zu opfern. In einem gewissen Widerspruch hiermit +wurde bemerkt: Frankreich habe keine Regierung, mit der man +unterhandeln könne; es seien auch durch die Haltung der Bevölkerung die +Hoffnungen auf dauernden Frieden vernichtet worden. Sobald Frankreich +sich erholt oder durch Bündnisse sich stark genug fühle, sei eine +Wiederaufnahme des Krieges zu erwarten. Man sah also ein, wohin das +Verlangen nach Annexionen die künftige Entwicklung treiben werde. + +Am 26. November stand die Forderung der weiteren Geldbewilligung (100 +Millionen Taler) auf der Tagesordnung. Ich nahm zu dieser Forderung das +Wort. Vor mir hatte der Abgeordnete Reichensperger sich für die +Bewilligung ausgesprochen. Meine Rede war nicht lang, aber sie erweckte +einen Sturm, wie ich ihn seitdem nie wieder mit einer Rede hervorrief. +Ich führte aus: Ich glaubte ein so guter Deutscher zu sein wie der +Vorredner, trotzdem käme ich bei Prüfung der Sache zu dem +entgegengesetzten Resultat. Ich gab eine kurze historische Uebersicht +bis zum Sturze des Kaiserreichs und wies nach, daß mit der Gefangennahme +Napoleons die eigentliche Kriegsursache beseitigt sei. Dabei stützte ich +mich auf die Thronrede vom 19. Juli und die Proklamation des Königs von +Preußen vom 11. August. Meine Ausführungen riefen große Unruhe und +heftigen Widerspruch hervor. Die Behauptung, Frankreich besitze keine +Regierung, mit der man unterhandeln könne, sei falsch. Ich wies dieses +in meinen Ausführungen nach. Was den Friedensschluß unmöglich mache, sei +die Forderung der Annexionen. Ich verurteilte dann scharf, daß man uns +verbiete, in öffentlichen Versammlungen unseren Standpunkt über die +Annexionen darzulegen. Diesen unseren Standpunkt begründete ich näher. +Wiederum regnete es Unterbrechungen. Als ich dann auf die traurige Rolle +hinwies, die die deutsche Kapitalistenklasse bei der ersten +Kriegsanleihe gespielt und wie ganz anders sich dagegen die französische +Bourgeoisie im gleichen Falle benommen habe, brach vollends der Sturm +los. Ein großer Teil des Hauses hatte einen förmlichen Tobsuchtsanfall; +man überschüttete uns mit Schimpfworten der gröbsten Art, Dutzende von +Mitgliedern drangen mit erhobenen Fäusten auf uns ein und drohten uns +hinauszuwerfen. Viele Minuten lang konnte ich nicht zum Worte kommen; +zum Schluß empfahl ich die Annahme des Antrags, den Liebknecht und ich +gestellt hatten. Dieser Antrag lautete: + + „Der Reichstag wolle beschließen: + + Den Gesetzentwurf betreffend _den ferneren Geldbedarf für die + Kriegführung abzulehnen_ und folgendem Antrag seine Zustimmung zu + geben: + + In Erwägung, daß der am 19. Juli von Louis Bonaparte, damals Kaiser + der Franzosen, erklärte Krieg durch die Gefangennahme Louis Bonapartes + und die Niederwerfung des französischen Kaiserreichs tatsächlich sein + Ende erreicht hat; + + in Erwägung, daß nach den eigenen Erklärungen des Königs von Preußen + in der Thronrede am 19. Juli und der Proklamation an das französische + Volk vom 11. August der Krieg deutscherseits nur ein + Verteidigungskrieg und kein Krieg gegen das französische Volk sei; + + in Erwägung, daß der Krieg, welcher trotzdem seit dem 4. September + geführt wird, in schroffstem Widerspruch mit dem königlichen Wort, + nicht ein Krieg gegen die kaiserliche Regierung und die kaiserliche + Armee, welche nicht mehr existieren, sondern ein Krieg gegen das + französische Volk ist, nicht ein Verteidigungskrieg, sondern ein + Eroberungskrieg, nicht ein Krieg für die Unabhängigkeit Deutschlands, + sondern ein Krieg für die Unterdrückung der edlen französischen + Nation, die nach den Worten der Thronrede vom 19. Juli berufen ist, + ‚die Segnungen christlicher Gesittung und steigenden Wohlstandes + gleichmäßig zu genießen und zu begehren und zu einem heilsameren + Wettkampf als zu dem blutigen der Waffen‘, + + beschließt der Reichstag, die verlangte Geldbewilligung für die + Kriegführung _abzulehnen,_ und fordert den Bundeskanzler auf, dahin zu + wirken, _daß unter Verzichtleistung auf jede Annexion französischen + Gebiets mit der französischen Republik schleunigst Frieden geschlossen + werde_.“ + +Nach mir kam der Abgeordnete Lasker zum Wort, der sich in den Tönen +höchster sittlicher Entrüstung über uns und das französische Volk +erging. Köstlich war, wie er die Finanzwelt gegen meine Vorwürfe in +Schutz nahm. „Es ist wahr,“ führte er aus, „daß die große Finanzwelt +sich nicht erheblich beteiligt hat; es stand kein Gewinn in Aussicht (im +Falle des Sieges sogar ein recht großer. A.B.), und es ist die Weise +der Geschäftsleute, wie dies in der Natur des Geschäftslebens liegt, +sich nicht als Geschäftsleute zu beteiligen, wenn eben ein Gewinn nicht +sichtbar ist. Nun, auch dort die Männer — auf uns zeigend —, die über den +Gewinn und die Belohnung lachen, üben doch ihre ideale Tätigkeit gegen +Entgelt aus (Heiterkeit), und ihre Leitungen, welche sie als +apostolische bezeichnen, erfolgen gegen Diäten. (Heiterkeit. Sehr gut!) +Welche Verwirrung der Begriffe, wenn diese Herren, welche nach der Natur +ihrer Leistungen vielleicht mit geringeren Summen sich begnügen müssen +(das Haus schüttelt sich vor Lachen), über die Lust am Gewinn die Nase +rümpfen. Also, die höhere Finanzwelt hat die Gelegenheit nicht für +geeignet gehalten, gewinnbringende Geschäfte zu machen.“ + +Oeder und widerspruchsvoller konnte wirklich nicht die deutsche +Kapitalistenklasse zu rechtfertigen versucht werden. (In einer zweiten +Rede antwortete ich gebührend Lasker.) Nach Lasker folgte +Braun-Wiesbaden, diesem Liebknecht. Dieser ging den liberalen Vorrednern +kräftigst zu Leibe. Wiederum heftige Unterbrechungen, Ordnungsruf des +Präsidenten. + +Liebknecht führte unter anderem aus: + + „Die Regierung, die im Juli den Krieg erklärt hat, ist beseitigt und + ihr Führer sitzt auf Wilhelmshöhe und ist der gute Bruder des Königs + von Preußen; er schwelgt in kaiserlichem Luxus, während die deutschen + Krieger draußen ihr Blut vergießen und die furchtbarsten Strapazen + erdulden müssen im Kampfe gegen das französische Volk, welches unser + Brudervolk trotz alledem und alledem ist, und welches den Frieden mit + uns will. (Unruhe, Zurufe) Es ist wahrlich ehrenhafter, der Bruder des + französischen Volkes und der französischen Arbeiter zu sein, als der + liebe Bruder des Schurken auf Wilhelmshöhe. (Abgeordneter Dr. v. + Schweitzer: Bravo, bravo!)“ + +Liebknecht schloß: + + „Die Anleihe, die man von uns fordert, ist für die Durchführung der + Annexion bestimmt, wie das ja auch aus dem Wortlaut der Thronrede + hervorgeht. Die Annexion aber bringt uns nicht den Frieden, sondern + den Krieg. Indem sie auch nach dem Frieden eine beständige + Kriegsgefahr schafft, befestigt sie in Deutschland die + Militärdiktatur.... Aus diesen Gründen bin ich natürlich gegen die + Kriegsbeile und habe mit meinem Freunde Bebel den Antrag auf + Verweigerung derselben gestellt.“ + +Dieser Antrag wurde gegen fünf Stimmen abgelehnt. + +In der Sitzung vom 28. November, in der die dritte Lesung der +Kriegsanleihe auf der Tagesordnung stand, nahm der von unserer Partei +gewählte Dr. Götz-Lindenau, der im März desselben Jahres noch die +Kandidatur Johann Jacobys für den Reichstag befürwortet hatte, das Wort, +um sich für die Kriegsanleihe auszusprechen, obgleich ihm dieses, wie er +versicherte, „blutessigsauer“ werde, und obgleich er aus der Thronrede +entnommen, daß der Krieg nicht den Frieden bringe und auch keine +Verminderung der Militärlasten zu hoffen sei. Die Rede war ungemein +konfus. Bezeichnend war, daß, als wir in dieser Sitzung gegen Angriffe +durch Zwischenrufe uns wehrten, Lasker die Frage an den Präsidenten +richtete, ob nicht durch sofortige Aenderung der Geschäftsordnung diesem +„Unfug“ ein Ende gemacht werden könne. Liebknecht antwortete, indem er +auf die beleidigenden Zurufe und Reden hinwies, die wir in der Sitzung +am 26. November zu hören bekommen hatten. Als Liebknecht dann bei dem §1 +des Gesetzentwurfes über die Kriegsanleihe auf die gehörten Angriffe +antworten wollte, unterbrach ihn der Präsident, er könne nicht auf die +allgemeine Debatte zurückgreifen. Als Liebknecht mit vollem Recht diesen +Standpunkt nicht anerkannte, denn der §1 enthielt die Geldforderung für +Fortsetzung des Krieges, entzog ihm das Haus auf Anfrage des Präsidenten +das Wort. Gegen die Kriegsanleihe stimmten in dritter Lesung Dr. Ewald +(Hannoveraner), Fritzsche, Hasenclever, Liebknecht, Mende, Schraps, +Schweitzer und ich. + +Einige Tage später stand eine Interpellation des Abgeordneten Duncker +und Genossen, betreffend die Handhabung der Verfassungsbestimmungen +während des Kriegszustandes, auf der Tagesordnung. Dieselbe richtete +sich gegen die Maßnahmen des Generals Vogel v. Falckenstein. Uns war +eine solche Interpellation einzubringen nicht möglich, weil wir nicht +die nötigen dreißig Unterschriften bekamen. Wenn man in bürgerlichen +Kreisen den Gewaltakt gegen unseren Parteiausschuß sich gefallen ließ, +so hatte die Verhaftung Johann Jacobys viel böses Blut gemacht; sie +paßte schlecht zu dem, was man von der neuen Reichsgründung erwartete. +Jacoby harte sich nach seiner Verhaftung direkt beschwerdeführend an +Bismarck im Versailler Hauptquartier gewandt und dessen Intervention für +seine Freilassung verlangt, da seine Verhaftung ungesetzlicherweise +erfolgt sei. Bismarck gab in seiner Antwort an Jacoby indirekt diesem +recht, er tat aber nichts zu seiner Freilassung, offenbar wollte er es +mit den Militärs im Hauptquartier, mit denen er auf sehr gespanntem Fuße +stand, nicht noch mehr verderben. Aber nach der Niederschrift +seines Leibjournalisten Moritz Busch, der über die Herd- und +Tischunterhaltungen Bismarcks getreulich Bericht erstattete, äußerte er +am 20. Oktober, als das Gespräch auf die Verhaftung Jacobys kam: „Ich +freue mich darüber ganz und gar nicht; der Parteimann mag das tun, weil +seine Rachegefühle dadurch befriedigt werden; der politische Mann, die +Politik kennt solche Gefühle nicht; die fragt nur, ob es nützt, wenn +politische Gegner mißhandelt werden.“ Und als am 24. November, also +wenige Tage vor der Interpellation im Reichstag, das Gespräch wieder auf +das Thema kam, äußerte Bismarck — nach derselben Quelle —, die Militärs +befragten ihn zu selten um seine Meinung. „So war's auch mit der +Ernennung Vogel v. Falckensteins, der jetzt den Jacoby gemaßregelt hat. +Wenn ich mich vor dem Reichstag darüber aussprechen müßte, würde ich +meine Hände in Unschuld waschen; man hätte mir nichts Unangenehmeres +einbrocken können. Ich bin militärfromm in den Krieg gekommen, künftig +gehe ich mit den Parlamentarischen, und wenn sie mich weiter ärgern, +lasse ich mir einen Stuhl auf die äußerste Linke stellen.“ + +Schade, daß er diese Drohung nicht wahr machte, ich würde mich sehr +gefreut haben, wenn ich ihn in der nächsten Session, in der ich allein +die äußerste Linke markierte, als Kampfgenossen an meiner Seite gehabt +hätte. + +Die Verhandlung, die am 3. Dezember stattfand, war sehr erregt. Duncker +wies nach, daß Jacoby und Herbig zu unrecht verhaftet worden seien, +dasselbe gestand er auch unseren nach Lötzen geschleppten +Braunschweiger Genossen zu. Er verlangte — da mittlerweile, wie schon +bemerkt, die gefangenen preußischen Staatsangehörigen in Rücksicht auf +die bevorstehenden preußischen Landtagswahlen freigekommen waren —, daß +Aehnliches künftig unterbleibe. Der Präsident des Bundeskanzleramtes, +Delbrück, nahm als Vertreter Bismarcks das Wort und versuchte die +Maßregeln zu rechtfertigen. Ihm antwortete Windthorst, der ihm scharf zu +Leibe ging und unter anderem bissig bemerkte, daß nach dem, was er heute +vom Präsidenten des Bundeskanzleramtes gehört, er nicht recht daran +glaube, daß es nunmehr gelingen werde, was zu Anfang des Krieges +versprochen worden war, „daß der deutsche Staat ein Staat der +Gottesfurcht, der guten Sitten und der wahren Freiheit werde“. Er +empfahl höhnisch, in die Friedensbedingungen mit Frankreich die +Bestimmung aufzunehmen, daß es uns auch Cayenne und Lambessa abtrete, +damit man geeignete Orte habe, um unbequeme Persönlichkeiten +unterzubringen. Im weiteren beschwerte sich Windthorst bitter über die +Mißhandlungen, die Vogel v. Falckenstein gefangen gesetzten +Hannoveranern habe zuteil werden lassen. Im Laufe der Debatte nahm auch +ich das Wort, um die Behandlung zu schildern, die unseren gefangen +gesetzten Genossen auf der Reise nach und von Lötzen und während ihrer +Haft in Lötzen widerfahren sei. Auch beschwerte ich mich über das +generelle Versammlungsverbot in Sachsen. Die Maßregeln seien ein Hohn +auf Recht und Gesetz. Miquel billigte, wie nicht anders von ihm zu +erwarten war, nicht nur die Maßregeln Vogel v. Falckensteins, er +behauptete sogar, daß durch unsere Haltung in Deutschland Frankreich in +seinem Widerstand bestärkt worden sei, eine Behauptung, deren Unwahrheit +ich ihm sofort nachwies. Bekanntlich gehen in der Regel Interpellationen +aus wie das berühmte Hornberger Schießen, so auch diesmal. + +In einer der folgenden Sitzungen standen die Verträge mit Baden, Hessen, +Württemberg und Bayern zur Beratung. Ich erklärte mich sowohl gegen +diese wie gegen die neue Verfassung überhaupt. Das Volk werde in Bälde +zur Einsicht darüber kommen, wie es mit der deutschen Freiheit und +Einheit aussehe. Die drei Kriege, die Deutschland seit zehn Jahren +durchzuführen gehabt habe, hätten es in freiheitlicher Beziehung nur +zurückgebracht. Doch das Volk werde einst sein Selbstbestimmungsrecht +fordern und erlangen und dann eine Verfassung sich selber schaffen, die +nur die Republik zum Ziele haben könne. + +Nach mir nahm der Geheime Regierungsrat Wagener das Wort und erzählte zu +Liebknechts und meiner großen Ueberraschung, daß wir, wie er aus der ihm +soeben übermittelten „Börsenzeitung“ ersehen habe, von dem +_französischen Konsul_ in Wien, Lefaivre, den Dank der französischen +Republik für unser Auftreten im Reichstag empfangen hätten. (Lebhafte +Zurufe: Hört! Hört! und Pfui!) Ich konnte darauf in einer persönlichen +Bemerkung nur antworten, daß bis zu diesem Augenblick weder Liebknecht +noch mir ein solcher Brief zugegangen sei, was mir um so unbegreiflicher +wäre, da, wie ich eben gehört, auch die „Norddeutsche Allgemeine +Zeitung“ den Brief abgedruckt habe. Ich sei der Meinung, daß der Brief +eine elende Modifikation sei, die vom preußischen Pressebureau ausgehe, +um mich und Liebknecht zu diskreditieren. In der folgenden Sitzung hielt +Wagener seine Behauptung aufrecht. Der Brief, der an meine Adresse +geschickt worden, sei echt. Ich antwortete am Schlusse der Sitzung, daß +ich bis zu diesem Augenblick den fraglichen Brief nicht erhalten habe, +also bei meiner ersten _Erklärung verbleiben_ müsse. Schließlich erhielt +ich ihn aber dennoch; er war an Liebknecht und mich gerichtet. Der Brief +existierte also, er war vom 2. Dezember datiert und hatte sechs Tage +gebraucht, bis er in meine Hände gelangte. Er lautete: + + „Meine Herren! Im Namen der französischen Republik, deren Regierung + mich zu ihrem speziellen Vertreter bei der Demokratie Deutschlands + bestellt hat, erachte ich es für meine Pflicht, Ihnen für die edlen + Worte, die Sie im Berliner Parlament inmitten einer durch den Geist + der Eroberung und der Trunkenheit des Militarismus fanatisierten + Versammlung gesprochen haben, meinen Dank auszudrucken. Der Mut, den + Sie bei dieser Gelegenheit bewiesen, hat die Aufmerksamkeit von ganz + Europa auf Sie gelenkt und Ihnen einen ruhmvollen Platz in der Reihe + der Streiter für Freiheit erobert. Der freisinnige und humanitäre + Geist Deutschlands erleidet in diesem Augenblick, wie Sie, meine + Herren, es so beredt dargetan haben, eine jener Verfinsterungen, die + wir selbst während der Periode unseres ersten Kaiserreichs + durchgemacht haben, und geht denselben Enttäuschungen entgegen. Eine + Sucht nach brutaler Herrschaft hat sich der erleuchteten Geister + bemächtigt. Jene Denker, die noch vor kurzem solche Lichtstrahlen über + die Welt aussandten, sind heute unter der Eingebung des Herrn v. + Bismarck zu Aposteln des Mordes und der Vernichtung einer ganzen + Nation geworden. Sie, meine Herren, sind es und Ihre Partei, welche + bei diesem allgemeinen Abfall die große deutsche Tradition aufrecht + erhalten. — In unseren Augen sind Sie die großen Vertreter einer + deutschen Nation, die wir mit einer wahrhaft brüderlichen Liebe + umfassen und die wir zu lieben nicht aufgehört haben. Frankreich + begrüßt Sie, meine Herren, und dankt Ihnen, denn es erblickt in Ihnen + die Zukunft Deutschlands und die Hoffnung auf eine Versöhnung zwischen + den beiden Völkern.“ + +Der Brief mochte gut gemeint sein, aber in jenem Augenblick bedeutete er +eine große Taktlosigkeit. Wer ihn veröffentlichte, haben wir nie +erfahren. Ich vermute, der Konsul wurde zu dem Briefe von einer Seite +animiert, die ein Interesse daran hatte, uns zu schaden. — + +Während der Verfassungsberatung kam es zu einer heiteren Szene. Es war +bekannt geworden, daß der König Ludwig II. von Bayern nach langem +Drängen und Unterhandeln sich bereit erklärt hatte, die deutschen +Bundesfürsten und freien Städte zu ersuchen, dem König von Preußen die +deutsche Kaiserkrone anzutragen. Die Mitteilung dieses Ereignisses +sollte mit einer gewissen feierlichen Ueberraschung im Reichstag +erfolgen. In der betreffenden Sitzung erhob sich der Abgeordnete +Friedenthal und stellte eine diesbezügliche Anfrage. Darauf erhob sich +feierlich der Präsident des Bundeskanzleramtes, Delbrück, um das +betreffende Schriftstück vorzulesen. Aber er wußte nicht, in welche +Tasche er es gesteckt hatte. In höchster Aufregung durchsuchte er +krampfhaft alle Taschen, ein Schauspiel, das im Hause ungeheure +Heiterkeit hervorrief. Schließlich fand er den Brief, aber die Wirkung +war verpufft. Delbrück war ein sehr tüchtiger Beamter, aber die +trockenste Bureaukratennatur, die man sich vorstellen konnte. Eine +feierliche Manifestation zu inszenieren, dazu war er ganz und gar nicht +der Mann. Bismarck brauste auf, als er in Versailles von der +mißlungenen Manifestation hörte. + +In dieser Debatte erregte eine Rede Liebknechts über die neue Verfassung +und das neue Kaisertum Stürme der Entrüstung. Er warf einen Rückblick +auf die deutschen Einheitsbestrebungen, die eine ganz andere Einheit +Deutschlands als Ziel gehabt hätten, als jene, die jetzt geschaffen +werde. Diese sei ein Gewaltwerk von oben, über die sich die Fürsten +verständigt hätten und zu dem der Reichstag einfach Ja sagen solle und +müsse. Die Verfassung zeige, daß sie im Heerlager zu Versailles ihren +Ursprung habe. Die dort abgeschlossenen Verträge mit den süddeutschen +Staaten zeigten aber auch, daß es sich nicht einmal um eine äußere +Einheit handle. Das Hindernis einer wirklichen Einheit Deutschlands +bilde das Haus Hohenzollern, dessen Interessen im Gegensatz zu denen des +deutschen Volkes stünden. Die Krönung des neuen Kaisers solle man auf +dem (Berliner) Gendarmenmarkt vornehmen, der das geeignete Symbol +hierfür sei. Denn dieses Kaisertum könne nur durch den Gendarmen +aufrecht erhalten werden. Mehrere Ordnungsrufe und eine Reihe von +Zurechtweisungen durch den Präsidenten gaben der Rede die Weihe. + +Am 10. Dezember wurde eine Deputation gewählt, die dem König die +beschlossene Adresse mit den Glückwünschen des Reichstags zur +Kaiserwürde nach Versailles überbringen sollte. Die Fortschrittspartei, +die mit uns zum größeren Teil gegen das Verfassungswerk stimmte, hatte +dem Bureau mitgeteilt, daß sie auf Beteiligung an der Deputation +verzichte. Die Mitglieder sollten durch das Los bestimmt werden. Wir +schwiegen und ließen es darauf ankommen, ob einer von uns durch das Los +für die Deputation bestimmt würde. Selbstverständlich hätte er nicht +angenommen. Aber das Glück blieb uns fern. Als der Name Rothschilds aus +der Urne gezogen wurde, ging Windthorst feierlich auf diesen zu, +schüttelte ihm kräftig die Hand und gratulierte ihm zur Wahl. Das ganze +Haus brach in stürmische Heiterkeit aus. + +Die Deputation war von ihrer von vielen Hindernissen begleiteten Reise +und von dem Empfang im Versailler Hauptquartier nicht entzückt. Der +Empfang stand so gar nicht im Einklang mit den Vorstellungen, die sich +die Deputation von ihrer „hehren Mission“ gemacht hatte. Der König +selbst stand der Kaisermache so gleichgültig gegenüber, daß er ganz +überrascht war, als der Kronprinz ihm mitteilte, die anwesenden Fürsten +und Generale hätten den Wunsch, bei Ueberreichung der Reichstagsadresse +durch die Deputation anwesend zu sein. Die trockene Antwort des Königs +lautete: Wenn wirklich jemand von den Genannten dabei zu sein Lust habe, +habe er nichts dawider. Seine Stimmung wäre wohl eine der neuen Würde +günstigere gewesen, hätte die Deputation ihm in Aussicht stellen können, +daß im Falle der Annexion von Elsaß-Lothringen dieses Preußen +angegliedert werden solle. Es war der erste große Krieg, den ein +Hohenzoller siegreich führte, der ohne Landeserwerb für Preußen endete. +Das konnte ein Hohenzoller nur schwer verwinden. + +Es ist also wie so vieles andere eine Geschichtslegende, zu behaupten, +der damalige König habe die deutsche Kaiserwürde als das Ziel seines +Sehnens angesehen. Daher entspricht auch die Darstellung, die der Kaiser +Wilhelm II. am 26. Februar 1894 in einer Rede bei dem Festessen des +Provinziallandtags der Provinz Brandenburg gab, nicht den gerichtlichen +Tatsachen. Damals führte Wilhelm II. mit Hinweis auf die Einigung +Deutschlands aus: + + „Das alte Deutsche Reich wurde verfolgt von außen, von seinen + Nachbarn, und von innen, durch seine Parteiungen. Der einzige, dem es + gelang, gewissermaßen das Land einmal zusammenzufassen, das war der + Kaiser Friedrich Barbarossa. Ihm dankt das deutsche Volk noch heute + dafür. Seit der Zeit verfiel unser Vaterland, und es schien, als ob + niemals der Mann kommen sollte, der imstande wäre, dasselbe wieder + zusammenzufügen. Die Vorsehung schuf sich dieses Instrument und suchte + sich aus den Herrn, den wir als den ersten großen Kaiser des neuen + Deutschen Reiches begrüßen konnten. Wir können ihn verfolgen, wie er + langsam heranreifte von der schweren Zeit der Prüfung bis zu dem + Zeitpunkt, wo er als fertiger Mann, dem Greisenalter nahe, zur Arbeit + berufen wurde, sich jahrelang auf seinen Beruf vorbereitend, die + großen Gedanken bereits in seinem Haupte fertig, die es ihm + ermöglichen sollten, das Reich wieder erstehen zu lassen. Wir sehen, + wie er zuerst sein Heer stellt und aus dinghaften Bauernsöhnen seiner + Provinzen sie zusammenreiht zu einer kräftigen, waffenglänzenden + Schar; wir sehen, wie es ihm gelingt, mit dem Heer allmählich eine + Vormacht in Deutschland zu werden und Brandenburg-Preußen an die + führende Stelle zu setzen. Und als dies erreicht war, kam der Moment, + wo er das gesamte Vaterland aufrief und auf dem Schlachtfeld der + Gegner Einigung herbeiführte.“ + +In Wahrheit lagen die Dinge so, daß nicht der alte Wilhelm, sondern sein +Sohn, der Kronprinz — der spätere Kaiser Friedrich —, Sehnsucht nach der +Kaiserwürde empfand und damals in Versailles alles aufbot, um dieselbe +durchzusetzen. Sein Freund, der bekannte Schriftsteller Gustav Freitag, +behauptete sogar, daß dem Kronprinzen allein die Erlangung der +Kaiserwürde für die Hohenzollern zu danken sei. Sicher ist, daß neben +dem Kronprinzen auch Bismarck alles aufbot, um die Kaiserwürde für die +Hohenzollern zu erlangen. Bismarck, der sicher hier der kompetenteste +Beurteiler ist, schreibt über die Stellung des Königs zur Kaiserwürde in +seinen „Gedanken und Erinnerungen“: + + Die Kaiserkrone erschien ihm im Lichte eines übertragenen modernen + Amtes, dessen Autorität von Friedrich dem Großen bekämpft war, den + großen Kurfürsten bedrückt hatte. Bei den ersten Erörterungen sagte + er: „Was soll mir der Charakter-Major?“ worauf ich unter anderem + erwiderte: „Euer Majestät wollen doch nicht ewig ein Neutrum + bleiben, ‚das Präsidium‘? In dem Ausdruck ‚Präsidium‘ liegt eine + Abstraktion, in dem Worte ‚Kaiser‘ eine große Schwungkraft.“ + +Ausführlich und sehr lehrreich wird die Kaiserfrage in des Kronprinzen +Friedrich Tagebuch erörtert, das der Geheimrat Geffken nach dem Tode +Friedrichs in der „Deutschen Rundschau“, Oktoberheft 1888, zum größten +Aerger Bismarcks veröffentlichte. Dort schreibt Friedrich unter dem 30. +September 1870: + + „Ich rede Seine Majestät auf die Kaiserfrage an, die im Anrücken + begriffen; er betrachtet sie als gar nicht in Aussicht stehend; beruft + sich auf du Bois-Reymonds Aeußerung, der Imperialismus liege zu Boden, + so daß es in Deutschland künftig nur einen König von Preußen, Herzog + der Deutschen, geben könne. Ich zeige dagegen, daß die drei Könige + uns nötigen, den Supremat durch den Kaiser zu ergreifen, daß die + tausendjährige Kaiser- oder Königskrone nichts mit dem modernen + Imperialismus zu tun habe, schließlich wird sein Widerspruch + schwächer.“ + +Und am 17. Januar, dem Tage vor der Ausrufung des Königs zum deutschen +Kaiser, schreibt Friedrich: + + „Die Reichsfarben machen wenig Bedenken, _die, wie der König sagt, + sind nicht aus dem Straßenschmutz gestiegen; doch werde er die Kokarde + nur neben der preußischen dulden, er verbat sich die Zumutung, von + einem kaiserlichen Heere zu hören,_ die Marine aber möge kaiserlich + genannt werden; _man sah, wie schwer es ihm wurde, morgen von dem + alten Preußen, an dem er so festhält, Abschied nehmen zu müssen._ Als + ich auf die Hausgeschichte hinwies, wie wir vom Burggrafen zum + Kurfürsten und dann zum König gestiegen seien, wie auch Friedrich I. + ein Scheinkönigtum geübt und dasselbe doch so mächtig geworden, daß + uns jetzt die Kaiserwürde zufalle, erwiderte er: Mein Sohn ist mit + ganzer Seele bei dem neuen Stand der Dinge, während ich mir nicht ein + Haar breit daraus mache und nur zu Preußen halte.“ + +Am 11. Dezember, nach Schluß des Reichstags, reisten Liebknecht und ich +nach Leipzig zurück. Am 15. referierten wir in einer öffentlichen +Versammlung des sozialdemokratischen Arbeitervereins über die +Verhandlungen des Reichstags. Die Versammlung war so massenhaft besucht, +daß sie zur Volksversammlung wurde. Unter den Zuhörern befanden sich +eine Menge französischer Offiziere in Zivil, die als Kriegsgefangene in +Leipzig interniert waren. Die Versammlung verlief ausgezeichnet; +dieselbe nahm mit großer Begeisterung eine Resolution an, in der uns für +unsere Haltung im Reichstag gedankt wurde. Zustimmungen zu unserer +Haltung waren uns auch aus einer Reihe anderer Orte zugegangen. Es war +auf längere Zeit die letzte Versammlung, die wir abhalten sollten. Am +17. traf uns der Schlag, den wir längst erwartet hatten. Ich hatte +bereits in einem Briefe vom 1. Dezember an den Parteigenossen F.A. Sorge +in Hoboken geschrieben: Die Wut der „patriotischen“ Kreise gegen uns ist +grenzenlos; wenn man uns nächstens packen kann, dann geschieht's sicher +und fest. + + + + +Unsere Verhaftung. + + +An der Spitze des „Volksstaat“ vom 7. September hatten wir mitgeteilt, +wir hätten aus sicherster Quelle in Erfahrung gebracht, daß auf +entschiedenes Verlangen im deutschen Hauptquartier, speziell des Grafen +v. Bismarck, die sächsische Regierung entschlossen sei, gegen unsere +Partei mit allem Nachdruck vorzugehen. Haussuchungen und Verhaftungen +sollten bevorstehen. Wie auf Kommando ging fast die gesamte Presse, die +liberale voran, in Hetzartikeln gegen uns los. Man trieb die +Unverschämtheit so weit, daß man uns des Landesverrats zugunsten +Frankreichs bezichtigte. Als dann im Dezember die damals erscheinende +offiziöse „Zeidlersche Korrespondenz“ aus den bei dem Braunschweiger +Parteiausschuß beschlagnahmten Briefen von Liebknecht und mir tendenziös +herausgerissene Bruchstücke veröffentlichte, um ihre Denunziationen +gegen uns gerechtfertigt erscheinen zu lassen, schickte ich der Berliner +„Zukunft“ folgende Erklärung zur Veröffentlichung: + + „Die unter der Mitwirkung des Herrn Wagener auf Dummerwitz + erscheinende ‚Zeidlersche Korrespondenz‘ hat, wie ich aus hiesigen + Lokalblättern ersehe, Bruchstücke aus Briefen von Liebknecht und mir, + die bei Verhaftung des Braunschweiger Ausschusses gefunden wurden, + abgedruckt, um ihre Denunziantenmission daran zu üben. Obgleich ich + der Meinung bin, daß nur _durch Bruch des Amtseids eines Beamten_ die + ‚Zeidlersche Korrespondenz‘ in der Lage ist, jene Bruchstücke zu + veröffentlichen, muß ich dennoch den Wunsch aussprechen, daß sie statt + der Bruchstücke den ganzen Inhalt meiner Briefe der Öffentlichkeit + übergebe. + + Ich habe alle Ursache zu glauben, daß durch eine _solche_ + Veröffentlichung klar und zweifellos festgestellt wird, wie Herr + Zeidler und Konsorten die bruchstückweise Veröffentlichung von + Privatbriefen, die ihnen nur _von einem gewissenlosen Beamten_ + zugesteckt sein können, deshalb betreiben, weil sie dadurch ihr + schwarzes Handwerk mit größerer Wirkung auf das leichtgläubige + Publikum ausüben können. + + Mich wundert dieses Treiben nicht. Die offiziöse Preßmeute tut eben, + was Natur und Amt ihr vorschreiben. + + Leipzig, den 16. Dezember 1870. A. Bebel.“ + +Am 17. Dezember morgens arbeitete ich in meiner Werkstatt, als +plötzlich meine Frau totenbleich hereinstürzte und mir mitteilte, daß +oben in unserer Wohnung ein Polizeibeamter sei, der mich zu sprechen +wünsche. Ich wußte woran ich war. Ich eile die Hintertreppe hinauf und +treffe in unserer Wohnstube den mir bekannten Beamten, zugleich aber +auch einen Soldaten in kriegsmäßiger Ausrüstung. Auf meine Frage, was +das bedeute, antwortete mir meine Frau, der Mann sei soeben als +Einquartierung eingetroffen. Alsdann teilte mir der Beamte mit, er habe +Auftrag, meine Papiere zu beschlagnahmen. Das war rasch geschehen, ich +hatte für reinen Tisch gesorgt. Der Beamte erklärte weiter, er habe auch +Auftrag, mich zu verhaften. Ich kleidete mich rasch um, nahm Abschied +von Frau und Kind, mit der Vertröstung, ich würde bald zurückkommen, und +stieg in die vor dem Hause wartende Droschke, die mich zunächst nach dem +Polizeiamt, von dort nach dem Bezirksgericht führte. Hier wurde mir im +Bezirksgerichtsgefängnis eine Zelle angewiesen. Ich mache kein Hehl +daraus, daß, nachdem der Beamte das große Schloß und die beiden eisernen +Riegel, womit nach alter Väter Weise die Tür versehen war, hinter mir +abgeschlossen hatte, ich wütend in der Zelle auf und ab lief und meinen +Feinden fluchte. Aber was half es? Der Kluge gibt nach. Am +nächsten Morgen (Sonntag) traten der Staatsanwalt und der +Bezirksgerichtsdirektor, der die Oberaufsicht über das Gefängnis hatte, +herein und fragten: ob ich Wünsche hätte. Ich bat, daß ich mir Bücher +dürfe kommen lassen und um Licht bis abends 10 Uhr. Der Direktor sagte +beides zu, Licht aber nur bis abends 8 Uhr. Der Staatsanwalt teilte mir +mit, daß es sich bei der Untersuchung um meine gesamte agitatorische +Tätigkeit handeln werde, die man als staatsgefährlich und +hochverräterisch ansehe. Die Untersuchung werde längere Zeit währen, da +auch Recherchen nach auswärts nötig seien. Ich würde morgen vor dem +Untersuchungsrichter mein erstes Verhör haben. Meine Spannung war groß. +Der Untersuchungsrichter, Landgerichtsrat Ahnert, dem ich vorgeführt +wurde, empfing mich mit strenger Miene und großer Zurückhaltung. Es +werde gegen mich, Liebknecht und Hepner, die beide ebenfalls verhaftet +seien, was ich erst jetzt erfuhr, die Anklage auf Versuch und +Vorbereitung zum Hochverrat erhoben werden. Daß Liebknecht mit mir +gepackt war, fand ich natürlich, aber auch der Unglückswurm Hepner, der +erst kurze Zeit zweiter Redakteur am „Volksstaat“ war? Der war doch so +unschuldig wie ein neugeborenes Kind. Weiter teilte mir zu meiner nicht +geringen Ueberraschung und Enttäuschung der Richter mit, daß er die +Untersuchung noch nicht weiter führen könne, _weil der Hauptteil des +Untersuchungsmaterials noch in Braunschweig sei_. Er hoffe aber, daß +dasselbe noch vor Neujahr eintreffe, worauf er alsdann mit allem Fleiß +an die Arbeit gehen werde. Man hatte uns also, streng genommen, ohne +gesetzlichen Grund verhaftet, denn weder der Richter noch der +Staatsanwalt kannten das Anklagematerial, auf Grund dessen wir angeklagt +werden sollten. Es war also offenbar der Wunsch des Hauptquartiers, uns +möglichst rasch unschädlich zu machen, für unsere Verhaftung maßgebend +gewesen. + +Ich war sehr ärgerlich, als ich in meine Zelle zurückkehrte; ich hatte +jetzt reichlich Zeit, mich zunächst mit dieser zu beschäftigen. Die +Zelle hatte genügend Raum, denn sie war fast leer. In einer Ecke an der +Tür stand ein großer, verdeckter hölzerner Kübel, über dessen Zweck ich +kein Wort zu verlieren nötig habe. An der einen Wand war ein kleines +Regal angebracht, auf dem ein Wasserkrug stand und ein Gesangbuch und +das Neue Testament lagen. An der anderen Wand war eine drei Fuß lange +schmale Bank befestigt, so daß man sie nicht wegrücken konnte, und vor +derselben hatte man mir, als besondere Vergünstigung, ein kleines +Tischchen aufgestellt, so groß, daß wenn ich einen Band Gartenlaube +darauf ausbreitete, die Tischplatte bedeckt war; ein Bett war nicht +vorhanden, die Matratze, die abends auf den Fußboden gelegt wurde, +wanderte am nächsten Morgen auf den Korridor auf einen Berg anderer +Matratzen. Unten vor meinem Fenster, das fest vergittert war und nur +durch Besteigen des Tischchens erreicht werden konnte, hörte ich Tag und +Nacht ein eigentümliches Geräusch. Als ich an das Fenster stieg, sah +ich, daß unten in einem Garten sechs große Kaffeeröstmaschinen +aufgestellt waren, in denen große Quantitäten Kaffee für die im Felde +stehenden Truppen geröstet wurden. Der Winter 1870/71 war wohl der +strengste, den wir in vielen Jahrzehnten hatten. Die armen Teufel im +Felde — Deutsche wie Franzosen — litten fürchterlich unter Kälte, Eis und +Schnee. Das Unwetter hatte früh eingesetzt und hörte erst spät auf. Aber +auch in meiner Zelle war es scheußlich kalt. Der alte vorsintflutliche +eiserne Ofen, der morgens um 5 Uhr mit einer Handvoll Kohlen geheizt +wurde, gab keine besondere Wärme ab. Außerdem mußte ich doch frische +Luft haben. Oeffnete ich also morgens die Fensterklappe, so war das +bißchen Wärme im Nu verflogen. Ich fror hundemäßig. Um mich zu erwärmen, +setzte ich mich auf das Tischchen, stützte die Füße auf die Bank und +umwickelte die Beine mit einer weißen wollenen Decke, die ich als +Bettdecke erhalten hatte. Trotzdem bekam ich einen Blasenkatarrh. Zum +Unglück lag meine Zelle auch noch nach Norden. Liebknecht, als dem +ältesten unter uns, hatte man ein Zimmer, das damals für sogenannte +Wechselgefangene reserviert war, eingeräumt. Dies erfuhr ich bei einem +Besuche meiner Frau, die wöchentlich einmal in Gegenwart des +Untersuchungsrichters mich kurze Zeit sprechen durfte. Auch wurde mir +die Korrespondenz mit ihr unter Kontrolle des Richters gestattet. + +Sehr rasch entdeckte ich aber zu meinem großen Unbehagen, daß ich die +Zelle nicht allein bewohnte; dieselbe wimmelte von Ungeziefer. Nun, ich +hatte Zeit zur Jagd, und ich war dabei erfolgreicher als Moltke mit +seiner Hoffnung auf die Greisauer Hasen. Die weiße Wolldecke wurde zur +Falle. Ich hatte bald eine Rekordziffer erreicht. Ich tötete an einem +Tage, meine Leserinnen mögen nicht erschrecken, einundachtzig der +braunen Kerle, die man Flöhe nennt. Allmählich brachte ich die Zelle +rein, auch ohne Insektenpulver, das mir meine Frau auf mein Verlangen +ein paarmal sandte, das ich aber nie erhielt, weil es die Aufseher für +sich verbrauchten. Ich hatte auch durchgesetzt, daß meine Matratze in +der Zelle blieb, die vordem jedesmal am Abend voll Ungeziefer wieder zu +mir hereingebracht wurde. Kaum hatte ich aber mein „Heim“ rein, so wurde +ich auf Anordnung des Arztes nach der Westseite umquartiert. Ich erhielt +jetzt eine Zelle, in der vor mir eine Kindsmörderin zugebracht hatte, +wie mir mein Aufseher in liebenswürdiger Weise mitteilte. Nun hatte ich +die Arbeit des Reinigens von neuem vorzunehmen. + +Eine Untersuchungshaft wie die unsere ist die scheußlichste aller +Haftarten. In strenger Einzelhaft hinter Schloß und Riegel sitzen +müssen, ohne zu wissen, wie lange die Haft währt und welches +Anklagematerial vorliegt, wirkt ungemein aufregend und nervenzerrüttend. +Endlich wurde ich Anfang Januar wieder dem Untersuchungsrichter +vorgeführt. Als ich in das Zimmer des Richters trat, fiel mein Blick auf +ein stattliches Bündel blauer Papiere, die auf der breiten Fensterbank +lagen. Es waren meine Briefe an den Parteiausschuß, die dieser mit den +Briefen von Liebknecht, Marx und Engels ganz besonders sorgfältig und +liebevoll aufbewahrt hatte. Ich weiß nicht, was ich getan, hätte ich in +diesem Augenblick unseren Parteisekretär Bonhorst zwischen den Fingern +gehabt. Bald ergab sich aber, daß ich keine Ursache hatte, mich über die +beschlagnahmten Briefe zu ärgern. Der Untersuchungsrichter teilte mir +mit, daß er erst vor ein paar Tagen das Anklagematerial erhalten habe, +daß er aber gewillt sei, nach Möglichkeit die Untersuchung zu +beschleunigen. Und er hielt Wort. Mit jedem neuen Verhör wurde der +Richter zugänglicher. Selbstverständlich waren unsere Briefe das erste +Material, was er durchstudierte. Und da nun diese fast alle streng +vertraulicher Natur waren, so hatten wir darin uns gegenseitig nicht nur +unsere Parteischmerzen, sondern auch unsere großen und kleinen +Privatschmerzen mitgeteilt, und dabei stellte sich heraus, daß keiner +von uns auf Rosen gebettet war. Wohl zu seiner eigenen Ueberraschung +entdeckte der Untersuchungsrichter, daß wir keine Landesverräter und +Königsmörder seien, sondern Menschen, die von den besten Absichten +beseelt waren und warmes Herzblut in den Adern hatten. Ende Februar +hatte der Untersuchungsrichter das Riesenmaterial, das quantativ sehr +groß war — es waren allein gegen 2000 Briefe vorhanden —, durchgearbeitet +und die Untersuchung geschlossen. Der Untersuchungsrichter hatte, und er +war ein sehr intelligenter und gewissenhafter Mann, wie wir später durch +unseren Rechtsanwalt Otto Freytag erfuhren, die Ueberzeugung gewonnen, +daß wir nicht nur nicht wegen Versuchs, sondern auch nicht wegen +Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt werden könnten. Er stellte +demgemäß den Antrag auf unsere Haftentlassung, dem aber die +Staatsanwaltschaft widersprach. + +Als Ende Februar 1871 in Oesterreich das Ministerium Graf +Hohenwart-Schäffle ans Ruder kam und durch eine Amnestie die Wiener +Hochverräter Oberwinder, A. Scheu, Most usw. aus dem Zuchthaus entlassen +wurden, legte mir eines Abends gelegentlich eines Verhörs der +Untersuchungsrichter schweigend die „Leipziger Zeitung“ vor, in der die +Depesche über die Amnestie enthalten war. Ich konnte mich nicht +enthalten zu bemerken, dergleichen würde uns nicht blühen; und ich +behielt recht. Ich hatte die feste Ueberzeugung, daß wir verurteilt +würden, nicht weil ich mich schuldig fühlte, sondern weil ich wegen der +Hatz, die namentlich auch während unserer Haft gegen uns fortgesetzt +betrieben wurde, der Stimmung der Geschworenen nicht traute. Außerdem +sagte ich mir auch, daß die Regierung alles aufbieten werde, unsere +Verurteilung herbeizuführen. Andernfalls wäre der Prozeß eine Blamage +für sie geworden. Ich hatte sogar in einem Brief an einen Freund, den +ich meiner Frau zur Uebermittlung schickte, ausgesprochen, wir würden +wohl mit zwei Jahren Festung hängen bleiben. Darüber war namentlich Frau +Liebknecht, der meine Frau meine Ansicht mitgeteilt hatte, ganz +entsetzt. Aber meine Prophezeiung traf wieder einmal ein. + + * * * * * + +Nachdem wir in Haft genommen waren, beriefen die Leipziger +Parteigenossen Karl Hirsch, der damals Redakteur am „Crimmitschauer +Bürger- und Bauernfreund“ war, nach Leipzig, um die Redaktion des +„Volksstaat“ zu übernehmen. Karl Hirsch sprang bereitwillig ein und +verdiente sich durch die Art, wie er das Blatt in schwerster Zeit +redigierte, den Dank der Partei. In der Nummer 102 des „Volksstaat“ vom +21. Dezember kündigte er an, daß er die Redaktion auf unseren Wunsch +übernommen habe, und fuhr dann fort: + + „Die gegen unsere Freunde eingeleitete Untersuchung wird, wie ich + hoffe, nicht von langer Dauer sein und, wie ich überzeugt bin, die + Schuldlosigkeit derselben zum Ergebnis haben. _Einstweilen werde ich + mir die edle, kühne und nicht ‚landesverräterische‘, sondern im + Gegenteil wahrhaft patriotische Haltung, die der ‚Volksstaat‘ unter + seiner bisherigen Leitung eingenommen hat, bei meiner Redaktion zum + Vorbild nehmen._ + + An der Tendenz und am Erscheinen des Blattes wird nichts geändert, die + gegnerischerseits gehegte Hoffnung, der Schlag, der unser Organ + betroffen, werde die Partei mundtot machen, wird zuschanden werden.“ + +Kaum war Hirsch in die Redaktion des „Volksstaat“ eingetreten, so begann +Professor Biedermann in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ auch gegen +ihn zu denunzieren. Im gleichen Sinne arbeitete die „Zeidlersche +Korrespondenz“, die, wie sie von uns Briefe tendenziös stückweise +veröffentlichte, dasselbe mit Briefen von Hirsch machte, die in +Braunschweig beschlagnahmt worden waren. Hirsch schüttelte die +Denunzianten kräftig ab. Weiter antwortete Hirsch damit, daß er an der +Spitze des „Volksstaat“ vom 1. Januar 1871 Freiligraths Gedicht „Die +Schlacht am Birkenbaum“ zum Abdruck brachte. + +Im Januar wurden die Wahlen zum Reichstag ausgeschrieben; sie sollten am +3. März vorgenommen werden. Eine Landesversammlung der Partei hatte uns +wieder in unseren alten Wahlkreisen aufgestellt. In Leipzig vereinigten +sich die Lassalleaner mit unseren Genossen auf meine Kandidatur. Ich +ließ das Komitee wissen, daß ich im Interesse der Konzentration der +Mittel und Kräfte auf die aussichtsreichen Wahlkreise eine Kandidatur +für Leipzig nicht annehmen könne. Es blieb aber dabei. In bürgerlichen +Kreisen veranstaltete man Geldsammlungen, um Liebknechts und meine Wahl +zu verhindern. In meinem Wahlkreis — Glauchau-Meerane-Hohenstein — hatten +die Gegner sich auf die Kandidatur von _Schulze-Delitzsch_ gegen mich +vereinigt. Schulze nahm die Kandidatur an, er weigerte sich aber, +Wählerversammlungen abzuhalten, da ich an der Abhaltung solcher +verhindert sei; dieselben wären ihm wahrscheinlich schlecht bekommen. +Ende Januar legte der provisorische Parteiausschuß in Dresden sein +Mandat nieder; es galt, die Kräfte zu konzentrieren, und so wurde auf +Anordnung der Kontrollkommission in Hamburg Leipzig Sitz des +provisorischen Ausschusses. Die Geldmittel waren natürlich sehr knapp. +Die Parteigenossen von heute ahnen nicht, mit wie wenig Geld damals die +Wahlen betrieben wurden. Ueber 500 bis 600 Mark gingen die Wahlkosten +kaum irgendwo hinaus. + +Die Wahlen verliefen ungünstig; sie fanden statt unter Glockengeläute +und Kanonendonner, da am 3. März der Präliminarfriede in Versailles +unterzeichnet wurde. Die einzigen Sieger waren Schraps und ich im 17. +und 18. sächsischen Wahlkreis. Ich hatte mit 7344 Stimmen gegen +Schulze-Delitzsch mit 4679 Stimmen gesiegt. Schraps, der streng genommen +nicht mehr zur Partei gehörte und an dessen Stelle von Rechts wegen +Julius Motteler hätte aufgestellt werden sollen, siegte mit 5875 gegen +5706 Stimmen. Liebknecht unterlag im 19. sächsischen Wahlkreis mit 3981 +gegen 5134 Stimmen. Spier war in Mittweida-Frankenberg in engere Wahl +gekommen, er unterlag aber mit 4017 gegen 5430 Stimmen, die auf +Professor Biedermann fielen. In Leipzig hatte ich 2576, mein +Gegenkandidat Bürgermeister Dr. Stephani 7312 Stimmen erhalten. Das +Resultat galt als sehr günstig; im Herbst 1867 erhielten wir nur 900 +Stimmen. In Leipzig-Land war Johann Jacoby aufgestellt worden, der mit +2877 gegen 5718 Stimmen seinem Gegner unterlag. Bracke wurde in Chemnitz +und im 22. sächsischen Wahlkreis aufgestellt und erhielt 2972 bezw. 3477 +Stimmen. Wir hatten in Sachsen über 39000 Stimmen auf unsere Kandidaten +vereinigt. In manchen Wahlkreisen, wie Bielefeld, hatten unsere +Parteigenossen den Kandidaten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +(Pfannkuch) unterstützt, in Mittel- und Süddeutschland hatten sie fast +überall von der Aufstellung eigener Kandidaten abgesehen. Der Allgemeine +Deutsche Arbeiterverein hatte im ganzen 63000 Stimmen auf seine +Kandidaten vereinigt. + +Wie die angeführten Zahlen zeigen, war die Beteiligung an der Wahl eine +schwache, nirgends herrschte Begeisterung für das neue Reich. Der +schwere Druck, der auf Handel und Wandel lastete, die Arbeitslosigkeit, +alles Folgen des Krieges, dazu der lange und harte Winter, der den +Massen ebenfalls schwere Opfer auferlegte, schufen eine sehr gedrückte +Stimmung. + +Sobald ich die offizielle Nachricht von meiner Wahl erhalten hatte, +schickte ich aus dem Gefängnis meinem Wahlkomitee folgende Danksagung +zur Veröffentlichung: + + „An meine Wähler! Parteigenossen! Ihr habt mir aufs neue einen + glänzenden Beweis Eures Vertrauens gegeben, indem Ihr mich nunmehr zum + dritten Male zum Vertreter des 17. Wahlkreises in den Reichstag + erwähltet. + + Ihr habt mir Euer Vertrauen erhalten, obgleich ich nicht in Eurer + Mitte erscheinen konnte, um meinen Standpunkt gegenüber der neuen + Sachlage der Dinge darzutun. Ebensowenig habt Ihr Euch auch beirren + lassen durch die heftige und niedrige Kampfweise, womit die Gegner den + Wahlkampf führten. + + Dies, verbunden mit der Tatsache, daß der unterlegene Gegner als die + gefeiertste Größe des Liberalismus und Kapitalismus gilt, macht die + diesmalige Wahl für mich doppelt ehrenvoll. Nehmt dafür meinen + wärmsten und innigsten Dank entgegen und das Versprechen, daß ich tun + werde, was in meinen Kräften steht, Euer Vertrauen zu rechtfertigen. + + Es lebe die Sozialdemokratie! Das sei der Ruf, mit dem wir neuen + Kämpfen entgegengehen. + + Leipzig, Bezirksgerichtsgefängnis, den 13. März 1871. + + Mit sozialdemokratischem Gruß + + Euer A. Bebel.“ + +Ich habe in meinem Leben oft das Glück gehabt, angesungen zu werden, und +zwar im guten wie im schlimmen Sinne. Auch in dem jetzt verflossenen +Wahlkampf spielte die Poesie eine, wenn auch zweifelhafte Rolle. So +veröffentlichte der Bürgermeister Hohensteins, natürlich anonym, +folgendes Gedicht: + + _Napoleon und Bebel._ + + Er sitzt auf Wilhelmshöhe, + Er im Bezirksgericht. + Er hat sie in der Zehe + Und er im Kopf die Gicht. + +Im „Meeraner Wochenblatt“ höhnte ein anderer Anonymus über mich: + + „_Der Wilhelmshöher an Bebel_. + + Mein lieber Bebel! + + Lassen Sie uns ein vernünftiges Wort miteinander reden! Sehen Sie, ich + bin ein alter Praktikus und habe das alles schon durchgemacht, was Sie + noch vor sich haben. Ach, Bebel, wenn mir auch der Schlummerkopf vom + „New-York-Herald“ neulich wieder einige Hoffnung gemacht hat — ich + fürcht', ich fürchte doch sehr, es wird mit mir nichts mehr werden. + Mir fehlen die Mittel, noch einmal von vorn wieder anzufangen. + + Aber Sie, Bebel, Sie haben ohne Frage eine Zukunft. Sie sind noch + jung, haben ein gewinnendes Aeußeres, einen guten Appetit, eine edle + Dreistigkeit, eine formidable Sprache und ein harmloses Wesen. Kommt + dazu noch die Gunst der Weiber und die Freundschaft der Kirche, so + haben wir alle Eigenschaften beisammen, deren ein junger Mann bedarf, + um en gros sein Glück zu machen. + + Jetzt, Bebel, will ich Ihnen ein wichtiges Wort über die Republik + sagen. Die Republik ist eine sehr gute Einrichtung, wenn + man — Präsident derselben ist. Ist man es nicht, so ist die Republik + eine ebenso mangelhafte Staatsform wie alle anderen, das Papsttum mit + einbegriffen. Wie man Präsident wird, Bebel, das will ich Ihnen einmal + unter vier Augen sagen. Das aber kann ich Ihnen gleich ganz offen + sagen, daß von der Präsidentschaft bis zur Kaiserkrone nur ein Schritt + ist.“ Und so weiter. + +In Leipzig hatte man, und das ist von einem gewissen kulturhistorischen +Interesse, die Verhöhnung unserer Personen während unserer Haft noch +weiter getrieben. So wurde in einem Tingeltangel eine Posse aufgeführt, +betitelt: „Nebel und Piepknecht“; in einem anderen größeren Lokal der +Stadt wurde eine Posse aufgeführt, betitelt: „Bebel oder der erleuchtete +Schuster mit seinem Jungen.“ In dieser Weise machten die „Patrioten“ +ihrem Zorn wider uns Luft. + +Ein Teil der liberalen Presse war über meine Wahl höchlich aufgebracht +und agitierte dafür, daß der Reichstag bei seinem Zusammentritt sich +gegen meine Freilassung aus der Untersuchungshaft aussprechen sollte. +Die „Magdeburger Zeitung“ war von Leipzig aus im gleichen Sinne +inspiriert worden. Darauf veröffentlichte unser Anwalt Otto Freytag eine +Erklärung, in der er ausführte, die Behauptung, wir würden wegen +Landesverrat oder Vorbereitung zum Landesverrat angeklagt, sei eine +Unwahrheit. Wir würden wegen _Vorbereitung zum Hochverrat_, begangen +durch unsere Agitation, angeklagt. _Liebknechts und mein Verhalten in +der Kriegsfrage spiele auch nicht einmal nebensächlich eine Rolle._ Es +sei auch eine dreiste Unwahrheit, wenn behauptet werde, Staatsanwalt und +Untersuchungsrichter würden sich einer Haftentlassung widersetzen. Im +Gegenteil, ihm habe der Untersuchungsrichter erklärt, daß gegen eine +Haftentlassung, nachdem die Untersuchung beendet sei, nicht das +geringste Bedenken vorliege. Ebenso werde der Staatsanwalt _keine_ +Bedenken gegen die Freilassung erheben. + +Am 27. März stellte Schraps, unterstützt von den Mitgliedern der +Fortschrittspartei, im Reichstag den Antrag auf meine Freilassung. Im +Gegensatz hierzu beantragten die Abgeordneten Dr. Stephani-Leipzig und +Professor Biedermann, den Reichskanzler um Auskunft über den Stand der +Sache zu ersuchen. In ihrem blinden Haß fühlten sie nicht das Kleinliche +und Verächtliche ihrer Handlungsweise. Am 29. März wollte der Präsident +die beiden Anträge auf die Tagesordnung der Sitzung vom 30. März setzen. +Darauf erklärte der Abgeordnete Schraps zur Geschäftsordnung: _Er habe +die Nachricht erhalten, daß wir am gestrigen Tage aus der Haft entlassen +worden seien._ + +So war es in der Tat. Die sächsische Regierung wollte die Debatte im +Reichstag umgehen, so ordnete sie unsere Freilassung an. Am Nachmittag +des 28. März gegen 4 Uhr wurden plötzlich mit besonderer Hast Schloß und +Riegel an meiner Tür geöffnet, und herein stürzte der Aufseher mit dem +Ruf: Ich glaube, Sie kommen frei! Als ich aus der Zelle trat, standen +Liebknecht und Hepner bereits auf dem Korridor. Ohne ein Wort zu sagen, +stürzten wir uns alle drei in die Arme. Wir hatten uns seit jener +ominösen Versammlung am 15. Dezember mit keinem Auge gesehen. Vor den +Untersuchungsrichter geführt, erklärte dieser, wir seien aus der Haft +entlassen, doch müßten wir durch Handschlag versichern, keinen +Fluchtversuch zu unternehmen und den Bezirk, Stadt- und +Amtshauptmannschaft Leipzig, nicht ohne seine Zustimmung zu +überschreiten. Nachdem wir unsere Siebensachen zur Abholung bereit +gestellt, eilten wir fort nach Hause, wo es ein frohes Wiedersehen gab. +Mein Töchterchen sprang mir mit einem Freudenschrei an den Hals. + +Zwei Tage danach, am 30. März, wurde auch der Braunschweiger Ausschuß +aus der Haft entlassen. Das Obergericht zu Wolfenbüttel hatte die +Erhebung einer Anklage wegen _Hoch-und Landesverrat abgelehnt_. Die +Braunschweiger hatten 200, wir 101 Tage in der Haft zugebracht. +Optimisten nahmen an, daß nunmehr auch wider uns die Anklage auf +Hochverrat fallen würde. + +Der Braunschweiger Ausschuß wurde darauf im Herbst 1871 von dem +Kreisgericht in Braunschweig wegen einer Reihe Verstöße wider +verschiedene Paragraphen des Strafgesetzes verurteilt, und zwar Bracke +und Bonhorst zu 16 Monaten, Spier zu 14 Monaten, Kühn zu 5 Monaten +Gefängnis. Auf erhobene Nichtigkeitsbeschwerde hob das Obergericht zu +Wolfenbüttel das erste Urteil auf und verurteilte die Genannten wegen +Verstoßes gegen das Vereinsgesetz: Bracke und Bonhorst zu 3 Monaten, +Spier zu 2 Monaten Gefängnis und Kühn zu einer 6wöchigen Haft. Die +Strafen wurden durch die Untersuchungshaft als verbüßt erachtet. + + + + +Meine weitere parlamentarische Tätigkeit, der Leipziger +Hochverratsprozeß und anderes. + + + + +Die erste Session des deutschen Reichstags. + + +Am 2. April 1871 fuhr ich zur Ausübung meines Mandats nach Berlin. Der +Reichstag, der diesmal in besonders feierlicher Weise durch den Kaiser +unter Anwesenheit der gesamten deutschen Fürsten und Vertreter der +freien Städte am 23. März eröffnet worden war, tagte im preußischen +Abgeordnetenhaus am Dönhofplatz. + +Zunächst besuchte ich meine frühere Wirtin, um zu hören, ob ich wieder +Wohnung bei ihr bekommen könne. Sie erklärte, daß sie zu ihrem großen +Bedauern mich nicht in Wohnung nehmen dürfe. Nachdem Liebknecht und ich +im Dezember abgereist seien, _sei die Polizei zu ihr gekommen und habe +ihr heftige Vorwürfe gemacht, daß sie uns Wohnung gegeben habe_. Wir +waren in jener Session auf Schritt und Tritt durch Geheimpolizisten +überwacht worden, als seien wir Verbrecher. Wie uns erging es den Polen. +Kleinlichkeit und Gehässigkeit, mit einem Wort Unanständigkeit ist das +Charakteristikum der politischen Polizei, sobald es sich um die +Verfolgung von Gegnern der Staatsgewalt handelt. Das lernten wir später +auch als sächsische Landtagsabgeordnete in Dresden kennen. + +Als ich in den Reichstag trat, waren die Plätze auf der Linken besetzt, +nur auf der äußersten Rechten waren noch solche frei. Dorthin begab ich +mich, obgleich mir die Nachbarschaft der ehrenwerten Herren der +äußersten Rechten nicht sehr sympathisch war. Aber sie begriffen mein +Unglück und ließen mich nicht entgelten, daß ich als Saul unter die +Propheten geraten war. Sie benahmen sich durchaus als Gentlemen, +obgleich auch ihnen meine Nachbarschaft sicher unangenehm war. Manchmal +entstand im Hause Heiterkeit, wenn die Linke gegen die Rechte stimmte +und ich auf der äußersten Rechten mich mit der Linken erhob. Unter +Larven die einzig fühlende Brust. + +Die Generaldebatte über die Reichsverfassung, die nunmehr nach den +nötigen redaktionellen Aenderungen auch der deutsche Reichstag +gutzuheißen hatte, wurde bereits zu einer Kulturkampfdebatte. Die +Unfehlbarkeitserklärung des Papstes auf dem vatikanischen Konzil zum Rom +im Jahre 1870 hatte die Geister wach gerufen, und namentlich brannten +die Liberalen darauf, das, was sie an bürgerlicher Freiheit preiszugeben +bereit waren, durch hochtönende Kulturkampfpauken (die Bezeichnung +Kulturkampf hatte der Abgeordnete Professor Virchow erfunden) vergessen +zu machen. Die katholische Partei hatte sich als Zentrum konstituiert +unter Führung von Windthorst und Malinckrodt. Unter den Kulturkämpfern +ragte namentlich Kiefer-Baden hervor, der eine hohe Richterstelle +bekleidete. Als ich am 3. April zum Wort kam, sprach ich meine +Verwunderung aus über den religiösen Charakter, den die Debatten +angenommen hätten. Es scheine, daß im neuen Deutschen Reich die +religiösen Debatten alles andere verdrängen sollten. Jemanden, der wie +ich in den zwei Sitzungen, denen ich bis jetzt beigewohnt, außer +Religion kaum etwas anderes zu hören bekommen und mit den religiösen +Dogmen vollständig gebrochen habe, koste es eine gewisse +Selbstüberwindung, diesen Verhandlungen länger zuzuhören. (Heiterkeit.) +Ich griff darauf die Nationalliberalen an, deren Redner, Professor v. +Treitschke, erklärt hatte, Grundrechte für eine Verfassung zu fordern, +gehöre in die Zeit der politischen Kinderjahre. Ich stimmte ihm zu, denn +politische Kinderei sei es gewesen, wenn man 1849 dem König von Preußen +zugemutet habe, eine Verfassung anzunehmen, die volle Preßfreiheit, +volle Vereins- und Versammlungsfreiheit, Trennung der Kirche vom Staate, +Gewährleistung der persönlichen Freiheit und andere schöne Dinge +verlangte. Es sei allerdings kindlich, das einem Hohenzollern zuzumuten. +Ich kritisierte weiter die Liberalen, die lieber alle Freiheiten +preisgäben, als sich mit einer Partei, die als revolutionär gelte, +einzulassen. Indessen hoffte ich, daß, ehe das neunzehnte Jahrhundert zu +Ende gegangen sei, wir alle unsere Forderungen verwirklicht hätten. +(Große Unruhe.) Diese Ansicht war, wie sich inzwischen gezeigt hat, sehr +optimistisch. + +Nach mir sprach Miguel, der meinte, er werde nicht mit mir diskutieren, +vorläufig sei mein Partei noch keine Gefahr. Das sei anders mit den +Herren vor ihm (dem Zentrum), gegen die er losdonnerte. Zum Schluß der +Sitzung nahm ich das Wort zu einer persönlichen Bemerkung gegen Miguel. +Er habe sich etwas wegwerfend über meine Partei ausgelassen. Ich +wunderte mich darüber nicht, ich wolle aber doch konstatieren, daß der +Abgeordnete Miguel — allerdings zu einer Zeit, wo er weder Bankdirektor +noch Oberbürgermeister gewesen sei — zu derselben Partei gehört hätte, +die er heute bekämpfte, _nämlich zur kommunistischen_. Das Haus war über +diese Enthüllung verdutzt. Miguel schwieg. Nach der Sitzung traten eine +ganze Anzahl Abgeordnete an mich heran, um zu hören, inwiefern der +erhobene Vorwurf wahr sei! Der Abgeordnete Miguel behandelte mich von +jetzt ab mit einer gewissen Hochachtung. + +Kaum hatte man die Verfassungsberatung hinter sich, so kamen +Schulze-Delitzsch und Genossen und beantragten die Aenderung des +Artikels 32 der Verfassung zwecks Einführung der Diäten. Bei der +Verfassungsberatung hatte man diesen Antrag nicht gestellt, obgleich er +dort am Platze war. In einer Rede, die ich dazu hielt, führte ich aus, +daß nur die Angst vor der Sozialdemokratie die Herren abhielt, die +Diäten durchzusetzen, die in allen anderen Vertretungskörpern eingeführt +seien. Bismarck verhöhnte die Antragsteller. Er wolle nicht mit voller +Sicherheit entscheiden, ob die Versammlung in ihrer Zusammensetzung nach +der Einführung der Diäten noch dieselbe sei. Aber er wolle den Versuch +nicht machen, es wäre ihm zu schmerzlich, wenn er sich vergeblich nach +der liebgewonnenen Versammlung zurücksehnen solle. (Große Heiterkeit.) +Das Herrenhaus, das keine Diäten erhalte, habe immer die Neigung, die +Sitzungen abzukürzen, bei dem Abgeordnetenhaus, das Diäten erhalte, sei +das Gegenteil der Fall. + +Am 24. April stand die Beschaffung weiterer Geldmittel zur Bestreitung +der durch den Krieg veranlaßten außerordentlichen Ausgaben auf der +Tagesordnung. Die französische Nationalversammlung hatte zwar am 26. +Februar dem Präliminar-Friedensvertrag ihre Zustimmung gegeben, aber die +Frage der Kriegskostenzahlung war noch nicht endgültig erledigt. Man +brauchte für die große Armee in Frankreich weiter Geld. Bismarck nahm +zunächst das Wort, um die Notwendigkeit der Vorlage zu begründen. Bis +jetzt habe Frankreich seine Zahlungsverpflichtungen nicht einhalten +können. Man könne ja in die inneren Verhältnisse Frankreichs eingreifen, +aber das wolle man nicht, es sei daher wünschbar, Frankreich Zeit zu +lassen, sich zu rangieren. Ich nahm nach Bismarck das Wort. Seine +Erklärung zeige, daß er mit seiner Politik in der Klemme sei. Ich legte +dann noch einmal unseren Standpunkt in der Kriegsfrage dar. Hätte man +nicht auf der Annexion bestanden, so wäre der Friede schon seit vielen +Monaten geschlossen worden. Ungeheure Verluste an Menschen und Geld +wären uns erspart geblieben, und die Lage Deutschlands wäre eine viel +günstigere geworden, als sie jetzt sei. Zwei Milliarden damals seien +mehr wert gewesen, als heute fünf. Außerdem werde keine Regierung in +Frankreich, heiße sie wie sie wolle, den Verlust von Elsaß-Lothringen +vergessen dürfen. Frankreich werde nach Bündnissen suchen, und Rußland +werde künftig anders zu der Frage stehen. Daß es dem Reichskanzler +gelingen werde, Rußland ebenso über den Löffel zu barbieren, wie ihm das +mit Napoleon gelungen sei, bezweifelte ich sehr. (Stürmische +Heiterkeit.) _Sicher sei, daß wir künftig ein viel höheres Militärbudget +aufzubringen haben würden, als dieses bei einer vernünftigen +Verständigung mit Frankreich unter Verzicht auf die Annexionen der Fall +wäre._ Wie Napoleon in Frankreich, so werde der Reichskanzler in +Deutschland in seiner Politik durch die Bourgeoisie unterstützt. Es +seien nur die Arbeiter hüben und drüben gewesen, die allein für den +Frieden eingetreten seien. Man sehe jetzt wieder, wie die so viel +angegriffene und verleumdete Kommune mit der größten Mäßigung vorgehe. +(Große, anhaltende Heiterkeit.) — Die Kommune war seit dem 18. März in +Paris proklamiert worden. — Ich sei durchaus nicht mit allen Maßregeln, +die die Kommune ergriffen, einverstanden, aber sie sei zum Beispiel der +großen Finanz gegenüber mit einer Mäßigung verfahren, die wir vielleicht +in einem ähnlichen Falle in Deutschland schwerlich anwenden würden. +(Heiterkeit.) Herr v. Kardorff nahm mir gegenüber das Wort, um +festzustellen, daß ganz Deutschland _ohne_ Annexion den Frieden nicht +gewollt habe, was ich durch heftigen Widerspruch bestritt. + +In dieser Session wurde auch der Gesetzentwurf betreffend die +Verpflichtung zum Schadenersatz (Haftpflichtgesetzentwurf) bei Unfällen +beraten. Ich nahm bei der dritten Lesung das Wort und hob hervor, daß +die Hoffnungen, die man in Arbeiterkreisen an das Gesetz geknüpft, +einmal schon durch den Regierungsentwurf, nachher aber noch mehr durch +die Beschlüsse des Reichstags zunichte gemacht worden seien. Ich wies +dieses in längeren Ausführungen nach. Insbesondere kritisierte ich +scharf den §4, den Lasker in den Entwurf gebracht hatte, wonach der +ganze Betrag der Leitungen aus Versicherungsanstalten, Knappschafts-, +Unterstützungs-, Kranken-oder ähnlichen Kassen, wenn zu der +Versicherungssumme der Unternehmer mindestens ein Drittel zahle, auf die +Gesamtentschädigung einzurechnen sei. Der Unternehmer, der den Nutzen +aus der Arbeit des Arbeiters ziehe, sei auch allein verpflichtet, ihn im +Falle des Unfalls voll zu entschädigen. + +Schließlich verlangte ich, daß bei Feststellung der Entschädigungen aus +den Kreisen der beiden beteiligten Parteien Sachverständige in der Form +von Geschworenen oder Schöffen hinzugezogen würden, und zwar Unternehmer +und Arbeiter in gleicher Stärke. So wie der Gesetzentwurf jetzt +vorliege, vermöchte ich nicht für denselben zu stimmen. + +Da ich im Reichstag allein stand, Schraps zählte ernsthaft nicht mit, +war ich gezwungen, häufiger als sonst in Berlin zu sein, um den +Sitzungen beizuwohnen. Nun verlangte aber auch mein Geschäft dringend +meine Anwesenheit. Das Unbehagliche dieser Zwitterstellung lastete +schwer auf mir und kam in einem Briefe vom 10. Mai an meine Frau zum +Ausdruck, der ich schrieb: + + „Es ist eine unsäglich langweilige Wirtschaft hier und meine Stellung + mir deshalb im höchsten Grade unangenehm. Dieser Widerspruch zwischen + meiner Stellung und der Notwendigkeit, im Geschäft auf dem Platze sein + zu müssen und zu wollen, ist es, was die schlimme Stimmung erzeugt, + die Du und andere an mir bemerkt haben.“ + +Diejenigen, die mich damals wegen meiner Tätigkeit im Reichstag +bejubelten, ahnten nicht, wie mir zumute war. + +Am 25. Mai mußte ich wieder ins Feuer. Auf der Tagesordnung stand der +Gesetzentwurf betreffend die Vereinigung von Elsaß-Lothringen mit dem +Reiche; zugleich sollte, zunächst bis zum 1. Januar 1873, die Diktatur +in Elsaß-Lothringen aufrechterhalten werden. Wiederum ging ich auf den +Verlauf des Krieges ein und auf die Versicherung des Königs von Preußen, +daß der Krieg ein Verteidigungskrieg sei. Die Annexion widerspreche +dieser Versicherung. Die Annexion bedeute nur eine Stärkung der +Hohenzollernschen Hausmacht. In Elsaß-Lothringen werde nur so regiert +werden, wie der Kaiser es wolle. Was aber die Diktatur bedeute, hätten +wir seinerzeit nach der Annexion von Hannover erlebt, wie ich an +Beispielen nachwies. Man habe hier von der französischen +Präfektenwirtschaft gesprochen, von der angeblich die Elsaß-Lothringer +erlöst werden sollten; die preußische Landratswirtschaft sei aber um +kein Haar besser, eher schlimmer. Habe man doch kürzlich einem in +Solingen zum Bürgermeister Gewählten die Betätigung versagt, weil er als +Beamter die Aktenschwänze nicht in Ordnung gehalten habe. (Große +Heiterkeit.) Der Reichskanzler habe neulich in einer Sitzung, der ich +nicht beiwohnen konnte, davon gesprochen, man müsse Elsaß-Lothringen die +preußische Städtefreiheit bringen. Ja, er habe sogar gesagt, daß die +Bestrebungen der Kommune im Grunde darauf hinausliefen, die preußische +Städteordnung in Paris einzuführen. Dafür aber zu kämpfen, lohnte nicht +die Mühe, denn diese sei keinen Schuß Pulver wert. Habe aber der +Reichskanzler recht, dann begriffe ich nicht, wie er in dem +Friedensvertrag — der am 10. Mai in Frankfurt beiderseitig ratifiziert +worden war — die Bestimmung aufnehmen konnte, wonach der französischen +Regierung die gefangenen Armeen zur Niederwerfung der Kommune zur +Verfügung gestellt werden sollten. Auch habe er in demselben +Friedensvertrag festgesetzt, daß dreißig Tage nach dem Falle der Kommune +Frankreich die ersten 500 Millionen Franken Kriegsentschädigung zu +zahlen habe. Das sei doch eine seltsame Art, wie er die Kämpfer für die +preußische Städteordnung in Paris behandle. Werde aber so von deutscher +Seite die Kommune bekämpft, so wolle ich meinerseits erklären, daß das +europäische Proletariat hoffnungsvoll auf Paris sehe. Der Kampf in Paris +sei nur ein kleines Vorpostengefecht, und ehe wenige Jahrzehnte ins Land +gegangen seien, werde der Schlachtruf des Pariser Proletariats: Krieg +den Palästen, Friede den Hütten, Tod der Not und dem Müßiggang! der +Schlachtruf des europäischen Proletariats sein. Ich schloß meine Rede, +indem ich der Hoffnung Ausdruck gab, die elsaß-lothringische Bevölkerung +werde, ihrer freiheitlichen Mission bewußt, den freiheitlichen Kampf mit +uns in Deutschland aufnehmen, damit endlich die Zeit komme, wo die +europäischen Bevölkerungen ihr volles Selbstbestimmungsrecht erlangten, +das sie aber nur erreichen könnten, wenn die Völker Europas in der +republikanischen Staatsform das Ziel ihrer Begebungen erblicken würden. +(Unruhe.) + +Fürst Bismarck äußerte im Herbst 1878 bei der Beratung des +Sozialistengesetzes, es sei diese meine Rede gewesen, die ihm die +Gefährlichkeit des Sozialismus vor Augen führte. Davon war an jenem +Tage, an dem ich diese Rede hielt, nichts zu bemerken. Fürst Bismarck +nahm unmittelbar nach mir das Wort und begann: Befürchten Sie nicht, daß +ich dem Herrn Vorredner antworte; Sie werden alle mit mir das Gefühl +teilen, daß seine Rede in diesem Saale einer Antwort nicht bedarf. +(Zustimmung.) Das war alles, was er gegen mich äußerte. Auch die +folgenden Redner machten es sehr gnädig mit mir, sie erwähnten mich +kaum. Dafür ging draußen in der Presse der Lärm um so ärger gegen mich +los. Darauf erklärte Liebknecht im „Volksstaat“ kategorisch: Was Bebel +gesagt, hat er sagen müssen; es war seine Pflicht, für die Kommune +einzutreten! Mitten in dem Toben gegen mich erschien eine +Sonntagsplauderei in der „Berliner Börsen-Zeitung“, die in einem ganz +anderen, und zwar viel harmloseren Ton gehalten war. Offenbar rührte sie +von Stettenheim her, der damals Redakteur der „Berliner Wespen“ war. Ich +hatte Stettenheim im Verein „Berliner Presse“ kennen gelernt, den ich +manchmal auf Einladung von Robert Schweichel besuchte. Dieses ist auch +der Verein, von dem Stettenheim in der Plauderei spricht. Darin hieß es, +soweit sie sich auf mich bezieht: + + „Berlin ist ruhig! + + Die Schüsse, welche man dann und wann hört, bedeuten nicht die + Hinrichtung von Insurgenten, es sind Aeußerungen des artilleristischen + Examens in Tegel, und der Qualm, welcher den Horizont einhüllt, ist + nicht der Rauch flammender Paläste, es ist der Kongreß der + verschiedenen Sorten Staubes, welcher aus allen Ecken unserer + geliebten Stadt aufsteigt und die Luft von Tauben, Spatzen und anderem + Gefieder reinigt. + + Wir teilen dies in aller Eile und aus bester Quelle mit, um ängstliche + Gemüter, deren Berlin sehr viele zählt, zu beruhigen.... + + ... In der ‚Kreuzzeitung‘ taucht sogar eine Mutter von acht Söhnen + auf, welche alle Mitmütter Berlins auffordert, den Kaiser zu bitten, + zur Verhütung eines gleich schrecklichen Strafgerichts wie des Pariser + alles vernichten und zerstören zu lassen, was Berlin an Anstalten, + Aufführungen, Bildern, Büchern usw. besitzt, welche der Moralität + unserer Kinder schädlich sein könnten.... + + ... So hat die Rede Bebels gewirkt! + + Wir halten es für unsere Pflicht, Oel in die aufgeregten Wogen der + Phantasie zu gießen, welche eine Mutter von acht Söhnen an die + Inseratengestade der ‚Kreuzzeitung‘ schleudert. + + Die Rede Bebels war allerdings etwas heftiger Art. Sie unterscheidet + sich von gewöhnlichen Tischreden durch Drohungen und Betrachtungen, + welche furchtsame Ohren erzittern machen. ‚Krieg den Palästen!‘ klingt + etwas ungewöhnlich. Bei einem solchen Ausruf wird bekanntlich + vorzugsweise jeder unruhig, der kein Palais besitzt, sondern zur Miete + wohnt. Der Palastbewohner von Berlin pflegt sich auf seinen Portier zu + verlassen, der sich im Falle mit verdächtigen Besuchern herumbalgt, + bis der Schutzmann erscheint und die Uebelwollenden zur Wache führt. + + Bebel rief: Krieg den Palästen! Er setzte allerdings hinzu: Friede den + Hütten! Das aber ist kein Balsam für das blutende Herz einer Mutter + von acht Söhnen.... Friede den Hütten! Was will das sagen? + + Es gibt vor allen Dingen gar keine Hütten mehr. Man baut nur noch + drei-, vierstöckige Häuser. Wo steht in Berlin eine Hütte? Mit + Hüttenfrieden ist wenigen gedient, und Bebel kann ihn versprechen, + wie er auch allen, welche Sandalen tragen, Steuerfreiheit versprechen + könnte. Steuerfreiheit ist nicht übel, aber wer trägt heute Sandalen? + + Mittags hatte Bebel seine Brandfackel zu Protokoll gegeben, abends + trafen wir ihn in einem Verein. + + Dieser Verein treibt keine Politik, sondern anderen Unsinn. Man kürzt + sich die Zeit mit allerlei Gesprächen und Bieren. + + Man denke sich einen robusten Mann mit rötlichem Haar und + energieträchtiger Nase — das ist Bebel nicht! + + Bebel ist eine zierliche Erscheinung. Aus einem hübschen Gesicht + strahlen Augen, welche gewiß schon viele Frauenherzen auf dem Gewissen + haben. Aber Bebel ist kein Don Juan. Er ist solide, sogar philiströs, + am allerwenigsten kokett, hauptsächlich bescheiden. Wir haben bemerkt, + daß er das Feuerzeug weit wegschob, weil ihn der Schwefelgeruch + augenscheinlich belästigte. + + Und nun fragen wir jede Mutter, ohne von jeder acht Söhne zu + beanspruchen, wir fragen jeden Berliner Junggesellen, Verlobte, Väter, + Großväter: Sieht Bebel, welchen man nach seiner Rede für den deutschen + Haus- und Gebäude-Nero halten möchte, wie seine Rede aus? Wir boten + Bebel eine Zigarre an. + + Ich rauche nicht! sagte Bebel elegant abwehrend. + + Sollen wir noch etwas zur Beruhigung der Haupt- und Residenzstadt + anführen? Bebel raucht nicht. Bebel zündet keine Zigarre an — und er + sollte Paläste anzünden? + + Wir haben leider vergessen, ihn zu fragen, ob er abends Oel oder Gas + brennt. Wir sind überzeugt davon, daß Bebel kein Petroleum im Hause + hat. Und ein solcher Mann sollte — —? + + Nein! Bebels Seele ist frei von Petroleum! + + Zum Ueberfluß verwickelten wir ihn noch in ein Gespräch über die + Paläste und ähnliche Gebäude in Berlin, die er nicht einmal alle + kannte, und wiesen vorsichtshalber darauf hin, daß Berlin recht arm an + Palästen sei, so daß es gar nicht die Mühe lohnte, einen Krieg gegen + sie zu unternehmen. Bebel fiel es augenscheinlich nicht einmal ein, + daß wir mit Bezug auf seine Rede also sprachen, das ‚Krieg den + Palästen‘ war ihm ohne Zweifel nur so herausgefahren. ‚Was nun die + Berliner Hütten betrifft,‘ fuhren wir fort, ‚so ist in erster Linie + der Eisbock zu nennen, hinter welchem reichlich unschönen Bauwerk alle + anderen Hütten zurückstehen. Würde er verschwinden, so dürfte Berlin + kaum bestürzt sein.‘ Bebel hatte höflich zugehört, aber er begriff + kaum unsere Andeutung, daß ein ‚Krieg den Hütten‘ uns am Ende, und + zwar auf eine einzige beschränkt, viel willkommener wäre als irgend + eine andere Demolierung, worin er uns recht zu geben schien, denn ihm + gefiel der Eisbock ebensowenig wie irgend einem anderen Sterblichen. + + So haben wir also Bebel von seiner Rede zu trennen. In unseren + Parlamenten wird manches gesprochen, was sich besser, respektive + schrecklicher liest, als es sich einfach ausgeführt denken läßt. + Erinnern sich unsere geehrten Leser gefälligst der Dreizackrede des + Abgeordneten Ziegler: ‚Der Kultusminister muß fort von seinem Platz!‘ + Herr v. Mühler saß dabei und zuckte die Achsel. Heute noch sitzt er + ‚aufrecht auf der Matte‘. + + Bebel ist der Ziegler der Paläste! + + Ziegler ist der Bebel des Kultusministers.“ + +Die Ausführungen, die ich in den hier von mir zitierten Reden über die +Pariser Kommune machte, werden einem sehr erheblichen Teile meiner Leser +unverständlich sein. Ein Teil derselben weiß überhaupt nicht, was die +Kommune war, ein anderer Teil ist in Vorurteilen befangen durch das, was +er gegen die Kommune las, nur der kleinste Teil kennt die Geschichte der +Kommune. Unsere Stellung zu derselben spielte aber in den +Kämpfen — insbesondere in den Wahlkämpfen der siebziger und achtziger +Jahre — eine große Rolle. Ich mußte sogar noch in den neunziger Jahren +unsere Stellung zur Kommune im Reichstag verteidigen. + +Im März 1876 hatte ich in Leipzig eine große Disputation mit dem +Hauptagitator der Leipziger Nationalliberalen Bruno Sparig, auf die ich +an geeigneter Stelle zurückkommen und meine damaligen Ausführungen über +die Kommune zum Abdruck bringen werde. + + * * * * * + +Der Reichstag wurde gegen Ende Mai 1871 geschlossen. Zu Hause +angekommen, machte ich die Bekanntschaft von _Johann Most_, der nach +seiner Amnestierung aus Oesterreich ausgewiesen worden und nach Leipzig +gekommen war. Nach seiner Haftentlassung wurde sein Brief bekannt, den +er an seinen Vater geschrieben hatte, der in Augsburg, irre ich nicht, +Beamter bei einer Kirchenstiftung war. Der Vater hatte versucht, den +Sohn von seinen „Irrwegen“ abzubringen. + +Most hatte darauf am 13. Januar 1871 unter anderem geantwortet: + + „Ich versichere es Ihnen: Wenn Sie mir eine Stelle mit einem + Monatsgehalt von 1000 Gulden offerierten und ich einer mir + gesinnungsfeindlichen Partei dienen sollte, und wenn mir andererseits + von seiten meiner Parteigenossen nur trockenes Brot entgegengehalten + würde, so würde ich, ohne mich zu besinnen, nach dem trockenen Brote + greifen.“ + +Dieser Brief spricht sehr zugunsten von Mosts Charakter. Was er schrieb, +war seine ehrliche Ueberzeugung, denn Most war im Grunde eine +vortrefflich angelegte Natur. Wenn er später unter dem Sozialistengesetz +immer mehr auf Abwege geriet, Anarchist und Vertreter der Propaganda der +Tat wurde, ja schließlich sogar, er, der immer ein Muster von +Enthaltsamkeit war, als Trunkenbold in den Vereinigten Staaten +endete, so legte den Grund zu dieser schlimmen Entwicklung das +Sozialistengesetz, das ihn wie so viele andere außer Landes trieb. Wäre +Most unter dem Einfluß von Männern geblieben, die ihn zu leiten und +seine Leidenschaftlichkeit zu zügeln verbanden, die Partei hätte in ihm +einen ihrer eifrigsten, opferwilligsten und unermüdlichen Kämpfer +behalten. Er hat später als Redakteur der von ihm gegründeten +„Freiheit“ — die erst in London, nachher in New York erschien — mich oft +heftig angegriffen. Noch schlimmer als mich behandelte er Ignaz Auer und +Liebknecht. Aber dennoch ist mir leid, daß er, der gut Veranlagte, so +elend zugrunde ging. + +Most wurde in Leipzig nach wenigen Tagen seiner Anwesenheit ebenfalls +ausgewiesen. Er ging nach Chemnitz, woselbst er Redakteur der +„Chemnitzer Freie Presse“ wurde und den großen Metallarbeiterstreik +leitete, der im Hochsommer 1871 zum Ausbruch kam. + + * * * * * + +Die Partei hatte sich von den Wirkungen der Kriegszeit rasch erholt. Die +glänzende industrielle Prosperitätsperiode, die jetzt begann, kam der +Bewegung zustatten. Daß die deutsche Frage einen Abschluß erlangt hatte, +der, wenn er auch uns nicht gefiel, zunächst keine Aussicht auf +Aenderung bot, beseitigte verschiedene Differenzpunkte, die bisher +zwischen den streitenden Arbeiterparteien bestanden. Das Schlachtfeld +wurde übersichtlicher und vereinfachter. In der Eisenacher Partei, wie +unsere Partei kurz genannt wurde, erschienen in Bälde eine Anzahl +Parteiorgane. So neben den Blättern in Crimmitschau und Chemnitz solche +in Braunschweig, wo der unermüdliche, immer opferbereite Bracke den +„Volksfreund“ ins Leben rief und eine eigene Druckerei gründete, ferner +in Hamburg-Altona, Dresden, Nürnberg, Hof, später in München und Mainz. +Dagegen ging der „Proletarier“ in Augsburg Mitte Juni ein. + + + + +Der erste deutsche Webertag. + + +Die Prosperitätsepoche, die nach dem Deutsch-Französischen Krieg +einsetzte, stimulierte die Arbeiterkreise zur Gründung neuer und +Ausdehnung der vorhandenen gewerkschaftlichen Organisationen. Ein +solches Bedürfnis machte sich auch unter der Weberbevölkerung geltend, +deren Lage eine besonders gedrückte war. Aus meinem Wahlkreis wurde die +Anregung zu einem deutschen Webertag gegeben, der vom 28. bis 30. Mai +1871 in Glauchau tagte. Derselbe war von 147 Delegierten besucht, die +134 Mandate aus 85 Orten zu vertreten hatten. Unter den Delegierten +befand sich auch der spätere Reichstagsabgeordnete Harm-Elberfeld, der +damals im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein stand. An Stelle von +Motteler, der eine notwendige Geschäftsreise zu unternehmen hatte, war +mir das Referat über die drei Fragen übertragen worden: 1. Wie ist es +gekommen, daß in der Weberei die Löhne so gedrückt sind? 2. Wie sind sie +zu heben? 3. Wie sind sie den Zeitverhältnissen entsprechend zu +erhalten? Im Laufe des Vortrags wies ich darauf hin, daß durch die +Annexion von Elsaß-Lothringen mit seiner hochentwickelten +Baumwollspinnerei und -weberei den gleichen deutschen Industriezweigen +eine gewaltige Konkurrenz erwachsen dürfte, die zweifellos auch eine +revolutionierende Wirkung auf die Art der bisherigen Produktionsweise in +Deutschland (weite Verbreitung der Hausweberei) ausüben werde. +Glauchauer Kaufleute, die als Zuhörer anwesend waren und damals durch +ihre Faktoren in der Hausweberei arbeiten ließen, hörten diese +Ausführungen mit Kopfschütteln an. Als ich aber nach langer Haft im +Jahre 1875 in meinen Wahlkreis zurückkehrte, wurde mir allseitig die +Richtigkeit meiner Ausführungen bestätigt. Davon überzeugte mich auch +der Anblick der Städte in meinem Wahlkreis, in denen in wenig Jahren die +Fabriken wie Pilze aus dem Boden gewachsen waren. Ich empfahl, mit den +elsaß-lothringischen Webereiarbeitern Fühlung zu nehmen. Weiter +beantragte ich Resolutionen, die ein Verbot der Kinderarbeit in den +Fabriken und die gesetzliche Einführung eines zehnstündigen +Normalarbeitstags verlangten, die einstimmig angenommen wurden. Ferner +wurde gegen zwei Stimmen die Abschaffung der Sonntagsarbeit zu fordern +beschlossen. Eine andere von mir eingebrachte Resolution, die nach +lebhaften Erörterungen ebenfalls Zustimmung fand, betraf die +Arbeitseinstellungen, und lautete: + + „Der allgemeine deutsche Webertag empfiehlt allen Fachgenossen, bei + Organisierung von Streiks mit der größten Vorsicht vorzugehen und + unter keinen Umständen eine Arbeitseinstellung vorzunehmen, wenn nicht + die Gewißheit vorhanden ist, daß durch genügende Mittel und + Unterstützung der Erfolg gesichert ist.“ + +Bezüglich der Schiedsgerichte schlug ich folgende Resolution vor: + + „Der erste allgemeine deutsche Webertag erachtet es für wünschenswert, + daß sich Schiedsgerichte bilden, die zu gleichen Teilen aus Arbeitern + und Arbeitgebern bestehen, um Differenzen, durch die ein Streik droht, + auf gütlichem Wege auszugleichen.“ + +Schließlich wurde ein Komitee von fünf Personen niedergesetzt (Sitz +Glauchau), das die Agitation und Organisation der Fachgenossen in die +Hand nehmen und regelmäßig Zirkulare herausgeben sollte mit +fachgenössischen Mitteilungen. Es fand auch ein zweiter Webertag in +Berlin statt, und eine Anzahl Zirkulare wurden ebenfalls herausgegeben, +dann aber brach die Bewegung wieder zusammen. + + + + +Weiteres aus Sachsen. + + +Zum 14. Juni 1871 hatten wir in Leipzig eine Volksversammlung einberufen +mit der Tagesordnung: „Die hohen Kommunalsteuern und die städtische +Verwaltung“. Leipzig hatte seit 1848 keine solche Beteiligung gesehen +wie bei dieser Versammlung. Eine wahre Völkerwanderung begann nach dem +Versammlungslokal, das, obgleich es 5000 Köpfe faßte, kaum den dritten +Teil der Besucher aufnehmen konnte. Die Versammlung war eine Antwort auf +die heftigen Angriffe, welche die Leipziger Presse gegen unsere Partei +und speziell gegen mich wegen meines Auftretens im Reichstag inszeniert +hatte. Ich ging mit der Stadtverwaltung streng ins Gericht. Die von mir +vorgeschlagenen Resolutionen tadelten das _Steuersystem_, das die +kleinen Leute zugunsten der Wohlhabenden ungerecht belaste, sie tadelten +ferner die _Verwendung_ der Gemeindesteuern, die hauptsächlich im +Interesse der besitzenden Klasse erfolge, und forderten, da diese +Wirtschaftsweise nur durch das begehende Klassenwahlgesetz möglich sei, +die Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten +Wahlrechts. Die Versammlung nahm unter stürmischem Beifall meine +Vorschläge gegen drei Stimmen an. Die liberale Presse tobte. + +Jetzt begann auch die Aera der Verfolgungen in Sachsen. Im Juli wurde +Vahlteich, der als Stellvertreter für Hirsch am „Crimmitschauer Bürger- +und Bauernfreund“ eingetreten war, als letzterer die Redaktion des +„Volksstaat“ übernahm, wegen Majestätsbeleidigung durch die Presse zu +drei Monaten Festungshaft verurteilt. Kurz darauf erhielt Karl Hirsch +wegen desselben Deliktes vier Monate Festungshaft. + +Den 3. August eröffnete die Staatsanwaltschaft Liebknecht, Hepner und +mir, daß sie gegen uns die Anklage auf Vorbereitung zum Hochverrat +erheben werde, außerdem gegen Liebknecht wegen Majestätsbeleidigung. Am +27. September beschloß die Anklagekammer, dem Antrag der +Staatsanwaltschaft stattzugeben. Die von uns hiergegen eingelegte +Nichtigkeitsbeschwerde bei dem Oberappellationsgericht in Dresden wurde +am 10. November _verworfen_. + + + + +Der Dresdener Parteikongreß. + + +Derselbe war auf den 12. bis 14. August 1871 berufen worden. Er war von +56 Delegierten besucht, die 6220 Parteigenossen aus 75 Orten zu +vertreten hatten. Ich wurde erster, Bracke zweiter Vorsitzender. Die +Tagesordnung war interessant und die Verhandlungen wurden sehr lebhafte. +In der Eröffnungsrede konstatierte ich mit Genugtuung, daß der Kongreß +in der Hauptstadt desjenigen Landes tage, in dem die Sozialdemokratie am +heftigsten verfolgt würde, was ihr keinen Schaden tun werde. Die +„Berliner Volkszeitung“, die zu jener Zeit unter ihrem Redakteur +Bernstein der Partei besonders feindlich gesinnt war, führte Klage +darüber, daß der Leipziger Untersuchungsrichter uns (Liebknecht, Hepner +und mir) die Beteiligung am Kongreß nicht verboten habe, was er nicht +konnte. Bork war Referent über den gesetzlichen Normalarbeitstag. Er +hielt eine gute Rede und befürwortete eine Resolution, in der ein +gesetzlicher Normalarbeitstag von höchstens zehn Stunden gefordert +wurde. Ich referierte über die Forderung der Einführung des allgemeinen, +gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts für die Landtags- und +Gemeindewahlen, Bracke über das neue Haftpflichtgesetz. Er schlug eine +Resolution vor, durch die der Reichstag getadelt wurde, der das Gesetz +in durchaus unbefriedigender Weise verabschiedet habe. Ueber die +politische Stellung der Sozialdemokratie referierte an Liebknechts +Stelle, der vorläufig abgehalten war zu kommen, Most. Die Verhandlungen +hierüber führten zu heftigen Szenen. Der überwachende Polizeikommissar +verlangte im Namen seiner vorgesetzten Behörde, ich solle dem Referenten +mitteilen, daß er sich aller und jeder Abschweifung auf die Pariser +Kommune zu enthalten habe. Das lehnte ich ab. Für Most war dieser +Zwischenfall Wasser auf die Mühle. Er sprach zwar kurz, dafür aber um so +schärfer. Man mache den Versuch, äußerte er, ihm einen moralischen +Maulkorb vorzuhängen. Dinge, die in der ganzen Welt, selbst bei den +Chinesen, diskutiert würden, wolle man uns verbieten zu erörtern. Dabei +seien wir fortgesetzt wegen unserer Haltung Gegenstand der heftigsten +Angriffe und der niedrigsten Verleumdungen. Und nachdem wir so von allen +Seiten mit Schmutz besudelt und mit Steinen beworfen würden, wolle man +uns verwehren, unseren Standpunkt darzulegen. (Stürmischer Beifall.) Der +Kommissar suchte geltend zu machen, daß sich das Verbot nur auf +Aeußerungen über die Kommune beziehe. Das war aber für uns der Punkt, +auf den es uns ankam, wir wollten unseren Standpunkt gegenüber der +Kommune darlegen. + +Nach Most nahm ich das Wort. Mir scheine, daß die Art, wie die Behörden +sich in unsere Verhandlungen einmischten und sie zu beeinflussen +suchten, eines sozialdemokratischen Kongresses unwürdig sei. +(Stürmischer, minutenlanger Beifall.) Mir sei nicht bewußt, daß Urteile +über die Pariser Kommune abzugeben ungesetzlich sein sollte. Indes +wüßten ja die Anwesenden alle, wie wir zur Kommune stünden. Wir seien +leider dem Vorgehen der Behörden gegenüber machtlos, wir könnten nur +dagegen protestieren. Ich schlage vor, da es unserer unwürdig sei, unter +den uns auferlegten Beschränkungen zu debattieren, daß der Referent auf +das Wort verzichte und wir ohne Debatte über die vorgelegte Resolution +abstimmten. Es sei ein trauriges Zeichen der Zeit, daß jetzt, nachdem +die offiziellen Aktenstücke über die Kommune bekannt geworden und +festgestellt sei, daß das seit Monaten gegen die Kommune Gesagte Lüge, +Verleumdung, Unwahrheit sei (Stürmischer Beifall), man uns verbieten +wolle, diese Kampfweise an den Pranger zu stellen. + +Most erklärte, er wäre um so mehr mit meinem Vorschlag einverstanden, da +die Zeit schon weit vorgeschritten sei. Er nehme an, daß alle mit ihm +einverstanden seien, wenn er erkläre: _Wenn die Reaktion sich +international verbindet, dann muß sich selbstverständlich die Revolution +ebenfalls international verbinden_. (Stürmischer Beifall.) Er schloß: + + „Seht wie von Osten hin nach West + So hell die Flamme loht; + Wir halten treu, wir halten fest, + Denn unsre Fahn' ist rot.“ + +Stürmischer, langanhaltender Beifall folgte seinen Worten. Dann ließ ich +über die Resolution abstimmen, die lautete: + + „Der Kongreß erklärt seine volle Zustimmung zu der Haltung des + Parteiorgans ‚Volksstaat‘ gegenüber den politischen und sozialen + Fragen des vergangenen Jahres. Insbesondere billigt der Kongreß den + durch den ‚Volksstaat‘ unterhaltenen geistigen Zusammenhang der + deutschen Sozialdemokratie mit der Internationalen + Arbeiterassoziation.“ + +Die Resolution fand einmütige Zustimmung. Die weiteren Verhandlungen des +Kongresses beschäftigten sich mit den inneren Angelegenheiten der +Partei: Bericht des provisorischen Parteiausschusses und der +Kontrollkommission, Anträge über Statutenänderung usw. Der Bericht über +den „Volksstaat“ ergab, daß derselbe 4020 Abonnenten und eine Schuld von +1675 Taler hatte. Hierbei ist zu beachten, daß die Gründung der +Lokalblätter an den Orten mit der besten Parteiorganisation notwendig +der Verbreitung des „Volksstaat“ sehr hinderlich war. Von diesem +Gesichtspunkt aus betrachtet war der Stand des Blattes ein erfreulicher. +Heinrich Scheu, der in Stuttgart seinen Wohnsitz genommen hatte, dann +aber aus ganz Württemberg ausgewiesen worden war, tadelte scharf die +Liebäugelei unserer Parteigenossen in Württemberg mit der Volkspartei, +was den schlechten Ausfall der Reichstagswahlen für unsere Partei dort +verschuldet habe und überhaupt die Unklarheit in der Partei fördere. Es +wurde ein Antrag der Ronsdorfer Parteigenossen angenommen, lautend: „Bei +den Reichstagswahlen sind nur solche Kandidaten zu unterstützen, die als +Mitglieder unserer Partei eventuell den anderen sozialdemokratischen +Parteien angehören.“ Weiter wurde auf Antrag Metzner und Josewicz +beschlossen: Der Pariser Kommune unsere Anerkennung ohne Debatte durch +Erheben von den Plätzen auszusprechen. Schließlich beschäftigte man sich +mit der Frage, wie am zweckmäßigsten die Agitation und Organisation +unter den Landarbeitern betrieben werden könne. Auf meinen Antrag +beschloß der Kongreß die Gründung einer Genossenschaftsdruckerei in +Leipzig auf Grund des sächsischen Genossenschaftsgesetzes, das die +beschränkte Hast zuließ. Als Sitz des Parteiausschusses wurde Hamburg, +als Sitz der Kontrollkommission Berlin, als nächster Kongreßort Mainz +gewählt. Nach einem Dank an das Bureau des Kongresses und das Dresdner +Lokalkomitee wurde der in höchst befriedigender Weise verlaufene Kongreß +geschlossen. + +Kurz nach dem Dresdener Kongreß wurden die ersten Frauenversammlungen +in Leipzig, Chemnitz usw. abgehalten und bildete sich in Chemnitz die +erste Frauenorganisation. In Berlin gingen Anhänger des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins in der gleichen Richtung vor. + + + + +Die zweite Session des deutschen Reichstags. + + +Die Session begann im Oktober 1871. Ende desselben stand die erste +Lesung über den Etat für 1872 auf der Tagesordnung. Das Etatsjahr begann +damals mit dem 1. Januar. Die Abgeordneten Lasker und Richter hatten vor +mir gesprochen. Ich polemisierte gegen beide. Der Abgeordnete Lasker +habe früher einmal gegen mich ausgeführt, eine starke Regierung brauche +nicht notwendig reaktionär zu sein. Der Beweis dafür sei aber in +Deutschland geliefert, wo die Regierung stark, das Parlament aber +schwach sei. Alle Beschlüsse des Reichstags, die dem Reichskanzler nicht +paßten, wanderten in den Papierkorb, und seien diese Beschlüsse auch +noch so berechtigt. So werde es auch mit dem Verlangen des Abgeordneten +Richter gehen, der die Abschaffung der Salzsteuer fordere, sobald +Frankreich seine letzte halbe Milliarde Kriegskosten bezahlt habe. Das +werde nach dem Friedensvertrag in zwei Jahren der Fall sein. +Mittlerweile werde aber der Reichskanzler wieder aufs neue dilatorische +Verhandlungen begonnen haben und wir stünden vor einem neuen +Kriege. — Tatsächlich standen wir 1875 nahe vor einem solchen. — Die +Salzsteuer werde nicht abgeschafft werden, weder jetzt noch in zwei +Jahren. Auch werde die gewünschte Ermäßigung des Militäretats nicht +eintreten. Der Abgeordnete Lasker habe unrecht, dem Abgeordneten Greil +vorzuwerfen, es sei eine falsche Auffassung seinerseits, daß man im +Volke geglaubt habe, nach der Gründung des Reiches würden die +Militärlasten vermindert werden. Dieser Glaube sei allerdings vorhanden +gewesen und er sei durch die Liberalen vertreten worden. Diesen +Glauben hätte ich allerdings nie geteilt. Schon die wachsenden +Klassengegensätze, die aus der zunehmenden kapitalistischen Entwicklung +resultierten, würden es verhindern, die stehende Armee zu vermindern, +und darüber hätten auch die Ausführungen des Abgeordneten Lasker keinen +Zweifel gelassen. Es sei aber irrig, wenn Lasker glaube, die stehende +Armee unter allen Umständen als Stütze der bestehenden Ordnung der Dinge +ansehen zu können. Frankreich habe auch eine große Armee gehabt, aber +die Entstehung der Kommune habe diese nicht verhindert. Außerdem +vermehre sich das Proletariat weit rascher, als die stehende Armee +vermehrt werden könne, und außerdem steige mit der Vermehrung der Armee +auch das sozialistische Element in derselben, da das industrielle +Proletariat einen immer größeren Bruchteil derselben bilde. Trotz +alledem würden die Liberalen ihre Hoffnung auf die Armee setzen und jede +Forderung für dieselbe bewilligen. + +Am 8. November wurde über einen Antrag Büsing in dritter Lesung +verhandelt, der verlangte, daß in jedem Bundesstaat eine aus Wahlen +hervorgegangene Volksvertretung bestehen müsse. Dieser Antrag war in +zweiter Lesung angenommen worden. Ich erklärte zu demselben, daß ich +heute mit den Konservativen und dem Zentrum gegen den Antrag stimmen +würde, auf die Gefahr hin, daß man wieder von einer Kooperation der +Schwarzen mit den Roten spreche. Früher hätten wir uns gegen +Kompetenzerweiterungen des Bundes ausgesprochen, in der Hoffnung, in den +Mittel- und Kleinstaaten werde man sich etwas freier bewegen können. Das +sei eine Täuschung gewesen, was man zum Beispiel gegen uns in Sachsen +leiste, könnte nicht leicht überboten werden. Wenn daher der +Reichskanzler die gesamten Mittel- und Kleinstaaten in die Tasche +stecken wollte, hätten wir nichts dagegen, mit dem einen würden wir +nachher auch fertig. (Gelächter.) Ich stimmte gegen den Antrag, weil er +inhaltlos sei. Was heiße das: in jedem Bundesstaat müsse eine aus Wahlen +hervorgegangene Vertretung bestehen. Aus welchen Wahlen? Etwa nach dem +Dreiklassenwahlsystem in Preußen? Von den heutigen einzelstaatlichen +Vertretungen als _Volksvertretungen_ zu reden, sei Schwindel. (Gelächter +und große Unruhe.) Man habe davon gesprochen, der Reichskanzler sei seit +1866 konstitutioneller geworden. Das sei nicht wahr. Die liberalen +Parteien seien _nachgiebiger_ geworden, das sei des Pudels Kern. (Große +Unruhe.) Man habe eine Reichsverfassung geschaffen, wie sie reaktionärer +nicht sein könne. (Gelächter.) Das sei Scheinkonstitutionalismus, +nackter Cäsarismus. Der Präsident Simson, der schon lange nervös +geworden war, unterbrach mich und drohte, wenn ich so fortfahren würde, +sich vom Hause autorisieren zu lassen, daß er mir die Fortsetzung der +Rede untersage. (Lebhafte Zustimmung.) Dazu hatte er nach der +Geschäftsordnung keinen Funken Recht. Ich protestierte also gegen seine +Drohung und fuhr fort, auszuführen, daß wenn die mecklenburgische +Verfassung etwa ebenso schlecht sein sollte.... Abermalige Unterbrechung +durch den Präsidenten. Er habe die Grenzen der Redefreiheit weit +gezogen, aber gegen eine Verfassung, unter der wir lebten, so zu reden +wie ich, überschreite alle Grenzen. Er drohte abermals mit der +Wortentziehung. Ich protestierte aufs neue und berief mich darauf, daß +die Opposition — zu der damals auch Simson gehörte — in der preußischen +Konfliktszeit viel schärfer geredet habe als ich heute. Der Präsident +erwiderte, was damals geschehen sei, gehe ihn nichts an, was jetzt +gesagt werden dürfe, bestimme er. + +Abermaliger Protest von meiner Seite. Ich charakterisierte dann den +Humbug des Scheinkonstitutionalismus, was eine solche Verfassung für +einen Wert habe? Ich hätte keine Neigung, den paar Dutzend Verfassungen +in Deutschland, die nicht das Papier wert wären, auf dem sie geschrieben +ständen, noch eine neue hinzuzufügen. + +Der Präsident geriet abermals in Aufregung. Ob ich mit dieser +Charakterisierung auch die Reichsverfassung gemeint habe? Ich hätte +nicht nötig gehabt, auf diese Frage zu antworten, dennoch erklärte ich, +daß ich allerdings auch die Reichsverfassung mit darunter verstanden +habe. (Große Unruhe.) Darauf erbat sich der Präsident die Ermächtigung +vom Hause, mir das Wort zu entziehen. Die Mehrheit stimmte zu. + +Nach mir kam die Parlamentsanstandsdame, der Abgeordnete Lasker, zum +Worte. Ihm zufolge hatten wir im Reichstag und im Reiche das denkbar +höchste Maß von Rede- und Preßfreiheit. Das sei uns alles nicht genug, +wir wollten mit roher Gewalt alles durchsetzen und uns über die Gesetze +stellen. (Ich unterbrach den Redner durch Zurufe, der Präsident verwies +mich zur Ordnung.) Ich sollte nur nicht glauben, daß man eine Armee von +400000 Mann hielte, um meine Bestrebungen zurückzuweisen. Das würden die +Bürger allein besorgen. Er hatte hier hinzugefügt: indem sie uns mit +Knüppeln totschlügen. Diesen Satz hatte er nachher im Stenogramm +gestrichen. Der deutsche Bürger sei weit mutiger als der französische, +ich sei ein Phantast, zu glauben, daß wir unser Ziel erreichen könnten. + +Ich nahm am Schlusse der Sitzung zu einer persönlichen Bemerkung das +Wort, um darauf hinzuweisen, daß der Präsident die Beleidigung, ich sei +ein Phantast, nicht gerügt habe. Ich glaubte, der Abgeordnete Lasker sei +mehr Phantast als ich. Geprahlt hätte ich auch nicht, daß das deutsche +Volk hinter uns stehe. Ich wüßte, daß wir noch eine kleine Minderheit +seien, stünde das Volk hinter uns, dann säßen der Abgeordnete Lasker und +seine Freunde nicht in diesem Hause. (Große Heiterkeit.) Des weiteren +habe der Abgeordnete Lasker sich gegen meine Partei Denunziationen +erlaubt. Was er über die Kommune gesagt, darüber würde ich mich mit ihm +ein anderes Mal auseinandersetzen. Der Abgeordnete Wiggers hatte +ebenfalls gegen mich polemisiert. Mit meiner Ablehnung ihres Antrags +spräche ich mich für den bestehenden Zustand in Mecklenburg aus. Ich +antwortete, das sei ein Irrtum, er habe überhört, daß ich mich für die +Annexion von Mecklenburg an Preußen ausgesprochen habe, da sei doch ihm +und seinen Mecklenburger Parteigenossen auf einmal geholfen. +(Heiterkeit.) + +Am folgenden Tage nahm ich vor Eintritt in die Tagesordnung zu einer +Erklärung das Wort. Das Haus habe mir gestern auf Verlangen des +Präsidenten im Namen der Ordnung das Wort entzogen. Das Haus habe aber +selbst die Ordnung aufs schwerste verletzt. Ich wies dieses an dem +Wortlaut der Geschäftsordnung nach. Mir hätte nur das Wort entzogen +werden können, nachdem der Präsident mich ausdrücklich zweimal zur +Ordnung gerufen habe. Das sei nicht geschehen. Die vorgekommenen +Unterbrechungen meiner Rede durch den Präsidenten seien keine +Ordnungsrufe gewesen. Er hätte mir deutlich sagen müssen: Ich rufe Sie +zur Ordnung! Nachdem der Präsident die vorgeschriebene Regel nicht +beobachtet habe, sei auch der Beschluß des Hauses vollständig +unberechtigt und deshalb nichtig. + +Den Präsidenten brachte mein Einspruch aus dem Gleichgewicht, er wußte +genau, daß er und das Haus ein Unrecht an mir begangen hatten. Er +spitzte jetzt die Frage darauf zu, ob er bei einem Ordnungsruf die +Formel gebrauchen müsse: Ich rufe den Redner zur Ordnung. Er sei nicht +dieser Meinung; sei ich anderer Ansicht, so wolle er den Fall der +Geschäftsordnungskommission überweisen. + +Darauf erklärte ich, daß ich meine Auffassung über das Verfahren des +Präsidenten und des Hauses aufrechterhalten müsse. Es läge kein +Ordnungsruf vor, da eine bloße Unterbrechung des Redners durch den +Präsidenten nie als Ordnungsruf gegolten habe. Er möchte die Frage der +Geschäftsordnungskommission überweisen. Dazu erklärte sich Simson +bereit. + +Diese Vorgänge hatten großes Aufsehen hervorgerufen und fast die gesamte +Presse trat auf meine Seite. Der Präsident und der Reichstag hätten mir +unrecht getan. Der Reichstag werde nervös und verliere die sachliche +Urteilsfähigkeit, sobald ich spräche, äußerte ein liberales Blatt. Die +„Elberfelder Zeitung“ hatte einige Tage vorher geschrieben: Der +Vertretungskörper des deutschen Volks habe bei all seinen Vorzügen doch +die Schwäche, den fremden Tropfen Blut in seinen Adern mit allzu wenig +Geduld zu ertragen. Man solle die Spektakelsucht einzelner +Reichstagsmitglieder durch die engsten gesetzlichen Schranken eindämmen, +aber über die Grenzlinie des gesetzlich Erlaubten soll man nicht ein +Haar breit gehen.... Am Mittwoch seien aber die gesetzlichen Formen ohne +allen Zweifel vom Präsidenten und vom Hause selbst verletzt worden, und +auch heute sei Lasker im Unrecht gewesen. + +Als dann der stenographische Bericht über die Sitzung vom 8. November +vorlag, nahm ich abermals vor der Tagesordnung das Wort. Der Abgeordnete +Lasker wollte laut stenographischem Bericht in jener Sitzung gesagt +haben, so würde der redliche und besitzende Bürger mit eigener Macht +sie (uns) niederschlagen. Diese Stelle sei eine Fälschung der Rede; er +habe gesagt: _mit Knüppeln sie totschlagen._ Er, Lasker, werde sich zwar +sehr hüten, an die Spitze der redlichen Bürger, mit einem Knüppel +bewaffnet, sich zu stellen, aber die Aeußerung sei gerade für ihn +interessant, der sich mir gegenüber stets, und auch wieder in der +erwähnten Sitzung, als Vertreter von Anstand und Sitte hingestellt und +im Namen der Zivilisation gegen mich gesprochen habe. Da der +Vizepräsident, der Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst — der spätere +Reichskanzler —, mich unterbrach und mich nicht weiterreden lassen +wollte, kam ich auch mit diesem in Konflikt. + +Lasker nahm alsdann das Wort, um in einer Rede voll sittlicher +Entrüstung mich als Ausbund alles Schlechten hinzustellen, gab aber zu, +daß es ihm darum zu tun gewesen sei, seine Worte abzuschwächen. Ich +antwortete, es komme nicht darauf an, was er (Lasker) habe sagen +_wollen,_ sondern was er gesagt _habe,_ und das müsse unter allen +Umständen in den stenographischen Bericht. Ich wandte mich dann gegen +seine Ausführungen über die Kommune, auf die er wieder zu sprechen +gekommen war. Ich verteidigte die Kommune und wies darauf hin, daß jetzt +selbst die liberale Presse eine ganze Reihe angeblicher Schandtaten habe +richtig stellen müssen, deren sie vorher die Kommune beschuldigt habe. +Das Haus wurde wieder nervös, man unterbrach mich und gebrauchte die +stärksten Schimpfworte gegen mich, ohne daß der Präsident ein Wort des +Tadels hatte. + +Am 22. November war endlich der große Tag, an dem die Streitfrage +zwischen dem Präsidenten und mir ihre Erledigung finden sollte. Die +Geschäftsordnungskommission hatte sich ihre Aufgabe sehr leicht gemacht. +Der Präsident hatte ihr die Frage unterbreitet, ob er bei einem +Ordnungsruf sagen müsse: ich rufe den Redner zur Ordnung. Der Präsident +hatte auch mich für diese Formel einfangen wollen, indem er mir seinen +Antrag zur Mitunterschrift unterbreiten ließ. Ich verweigerte die +Unterschrift. Die Fragestellung war eine total falsche und ebenso die +Antwort der Kommission, denn der Präsident brauchte nicht gerade die +erwähnte Formel zu gebrauchen, um einen Redner zur Ordnung zu rufen. +Das Mitglied der Fortschrittspartei Klotz-Berlin war Berichterstatter +der Kommission. Gegen die grundfalsche Stellung derselben nahm zunächst +der Zentrumsabgeordnete Greil-Passau das Wort und stellte sich auf meine +Seite. Nach ihm kam der sächsische Generalstaatsanwalt Dr. v. Schwarze +und verteidigte den Beschluß der Kommission. Alsdann kam ich zum Wort. +Ich zerpflückte unbarmherzig den Kommissionsbeschluß. Ich hätte nicht +behauptet, der Präsident müsse unter allen Umständen bei einem +Ordnungsruf die Worte gebrauchen: Ich rufe den Redner zur Ordnung! Er +könne auch sagen: Ich sehe mich genötigt, den Abgeordneten Soundso zur +Ordnung zu rufen! Und so gebe es noch viele Formen. Entscheidend sei, +_daß der Redner und das Haus wisse,_ daß der Ordnungsruf erteilt wurde. +Das sei bei mir nicht der Fall gewesen. Dann zitierte ich aus einer Rede +Simsons vom 10. Februar 1866. Er habe damals geäußert: daß die Freiheit +der Rede gemißbraucht werden könne und häufig gemißbraucht werde, _daß +vielleicht nicht viele unter uns seien, die sich von einem solchen +Vorwurf freisprechen könnten — was ändere das?_ Habe nicht Niebuhr die +Wahrheit ausgesprochen: _Was nicht gemißbraucht werden kann, das taugt +nichts?_ Simson habe in jener Rede die Regierung also angeklagt: _Die +Regierung sei schlechterdings unverträglich mit allem, was der Freiheit +auch nur entfernt ähnlich sehe; sie könnte nicht mit einer freien Presse +regieren; sie könnte nicht regieren ohne Einfluß auf die Zusammensetzung +der Gerichte und sollte dadurch das Ansehen der Justiz im Lande +untergraben werden; sie könnte nicht regieren ohne Beeinflussung der +Wahlen und sollte das Wahlresultat das Gegenteil von dem sein, was im +Volke an Ueberzeugungen lebe; sie könnte nicht regieren mit einer freien +Kommunalverwaltung; sie könnte schließlich nicht regieren mit einem +Hause, in dem durch den Artikel 84 die Redefreiheit walte!_ + +Ich fragte, wie der Präsident sein Verhalten mir gegenüber mit seiner +Rede vom 10. Februar 1866 in Einklang bringen wolle. Bismarck habe +einmal geäußert: Man muß den Parlamentarismus durch den Parlamentarismus +tot machen. Das Haus sei auf dem besten Wege, durch sein Verhalten mir +gegenüber dieses Wort wahr zu machen. Nach mir kam der Diplomat +Windthorst zum Wort, der einen seiner berühmten Eiertänze aufführte. Die +Geschäftsordnung sei angeblich nicht klar genug; schließlich beantragte +er die Zurückweisung der Angelegenheit an die Kommission, um die +betreffenden Vorschriften einer Revision zu unterziehen. Er schloß: Ich +stimme weder für noch gegen Simson, noch für oder gegen Bebel. Auch die +Redner der Fortschrittspartei, Freiherr v. Hoverbeck und Franz Duncker, +waren weder warm noch kalt. Duncker sprach sich für den Windthorstschen +Antrag aus, Hoverbeck dagegen; er glaubte nichts Besseres tun zu können, +als Steine auf mich zu werfen. Der Antrag Windthorst wurde schließlich +angenommen. Der alte Ziegler war tief ergrimmt über das Schauspiel, das +der Reichstag und speziell seine Partei bot. Sobald der Beschluß gefaßt +worden war, kam Ziegler bebend vor Zorn zu mir an meinen Platz und +sagte: _„Hören Sie, Bebel, wir sind allesamt Sch——, bekommen Sie die +Gewalt in die Hand, so hängen Sie uns samt und sonders an die Laterne.“_ +Ich versprach ihm mit lachendem Munde, gegebenen Falles seinen +freundlichen Rat zu befolgen. Den Beschluß des Reichstags faßte Simson +als ein Mißtrauensvotum auf. Er legte das Präsidium nieder. Natürlich +wurde er wiedergewählt. + +Diese Vorgänge wie überhaupt mein Verhalten in den letzten drei +Sessionen hatten mir eine große Popularität in den Arbeiter- und den +demokratischen Bürgerkreisen verschafft. Letztere gab es damals noch. Es +war zum Beispiel in Berlin eine ziemlich starke Gruppe meist gut +gestellter Bürger, die in Johann Jacoby ihr Ideal sahen und mit uns +sympathisierten. Sie gruppierten sich um Dr. Guido Weiß, den Redakteur +der von ihm vorzüglich geleiteten „Zukunft“, eines großen demokratischen +Tageblatts, das die vermögenden Jakobyten — wie wir die speziellen +Anhänger Jacobys kurz nannten — im Jahre 1867 gegründet hatten, aber +wegen zu großer Opfer, die das Blatt erforderte, im Frühjahr 1871 +eingehen lassen mußten. Zugehörige dieser Gruppe waren William +Spindler, der Sohn des Gründers des großen Färbereigeschäfts W. +Spindler, van der Leeden, Dr. G. Friedländer, Morten Levy, Dr. +Meierstein, Boas, Dr. Stephani, später Chefredakteur der „Vossischen +Zeitung“, und andere. Auch der damals noch sehr junge Franz Mehring, den +ich durch Robert Schweichel hatte kennen gelernt, gehörte zu diesem +Kreis. Blieben Liebknecht und ich über Sonntag in Berlin, so trafen wir +in der Regel mit mehreren der Genannten, unter denen sich auch öfter +Paul Singer befand, in einer Weinstube zusammen. Nach stillschweigender +Uebereinkunft tranken alle einen billigen Moselwein, sogenannten +Kutscher, den Schoppen zu 50 Pfennig. Nachher ging es nicht selten noch +in ein Bierhaus. Meine Leistung im Trinken war allezeit eine minimale, +aber Schweichel, Liebknecht, Guido Weiß, Mehring waren trinkfeste +Mannen. Mehr als einmal gingen wir, doch stets aufrechten Hauptes, nach +Hause, als schon die Sonne hell leuchtend am Himmel stand. + +Eine Folge meiner Popularität war, daß ich hofiert und fetiert wurde und +öfter Einladungen zu solennen Mittag- oder Abendessen bei Familien der +Bekannten erhielt. Aber ich war kein großer Freund solcher Einladungen +und ging ihnen so viel als möglich aus dem Wege. So schrieb ich unter +dem 19. November 1871 an meine Frau: + + „Für heute Sonntag habe ich mir alle Einladungen vom Halse geschafft, + indem ich rund heraus erklärte, ich sei schon eingeladen, obgleich es + nicht wahr war. Man ist froh, ein paar Stunden wieder Mensch sein zu + können, indem man sich selbst angehört.... Uebrigens hoffe ich, hier + bald loskommen zu können, ich habe das Leben hier sehr satt und sehne + mich zu Euch und nach meiner Häuslichkeit.... Wenn vom Essen und + Trinken das menschliche Glück abhinge, müßte ich hier sehr glücklich + sein, aber ich bin es nicht.“ — + +Die Vorgänge im Reichstag schlugen noch längere Zeit in der Presse ihre +Wellen. So veröffentlichte die „Augsburger Allgemeine Zeitung“ +Uebersichten über die Verhandlungen, in denen es in bezug auf meine +Stellung zum Antrag Büsing sehr wohlwollend hieß: + + „Bebel gab wieder Proben seines glänzenden Rednertalents und davon, + daß er ein ganzer Mann ist. Schon weil es wenig bekannt ist, verdient + hervorgehoben zu werden, daß der junge Drechslermeister von Leipzig + sich, obgleich er völlig allein steht, und seine weitgehenden + Ansichten fast einstimmig verdammt und bedauert werden, im Reichstag + eine ganz exzeptionelle Stellung, und bei der Mehrzahl, namentlich + auch bei den Hochkonservativen, achtungsvolle Anerkennung erworben + hat, welche dadurch, daß er seine Mußestunden in Berlin dazu benutzt, + durch Arbeit bei einem Handwerksgenossen den Unterhalt für seine + Familie zu verdienen, nur vermehrt und durch die teilweise ungerechten + Angriffe Laskers nicht beeinträchtigt werden konnte. Bebel bietet + zugleich ein Beispiel der wunderbaren Fügungen der Vorsehung. Wäre er + nicht als Knabe überaus schwächlich gewesen, so würde er als Sohn + eines preußischen Unteroffiziers unzweifelhaft in einem preußischen + Militärwaisenhause erzogen worden und jetzt voraussichtlich + wohldisziplinierter Wachtmeister sein. Nun aber erhielt er seine + Erziehung durch die Wincklersche Stiftung in Wetzlar, und seine + angeborene Begabung und eigener Fleiß machten ihn zum Führer einer, + trotz ihrer beschränkten Zahl nicht ungefährlichen Volkspartei und zu + einem hervorragenden Redner im deutschen Parlament.“ + +Es war selbstverständlich eine _Legende,_ wenn der Berichterstatter mich +in Berlin bei einem Handwerksgenossen den Unterhalt für meine Familie +verdienen ließ. Das war denn doch ein Ding der Unmöglichkeit. Aber diese +Legende machte Schule; ich begegnete ihr eine Reihe Jahre später wieder +in einem Buche über die Sozialdemokratie. So wird oft Geschichte +gemacht. Ich erhielt später noch ähnliche Proben. + + * * * * * + +In der Partei ging in dieser Periode die Entwicklung ganz nach Wunsch. +Die gegen die Partei inszenierten Verfolgungen, die schon kräftig +eingesetzt hatten, schadeten ihr nicht, sie nützten ihr. Für jeden, der +im Kampfe unfähig gemacht wurde, traten drei andere an seine Stelle. Zu +den Wundern jener Zeit muß es gerechnet werden, daß die Leipziger +Kreishauptmannschaft die Ausweisung Mosts durch die Leipziger Polizei +aufhob, weil die Begründung für diese Maßregel nicht genüge. Keine +angenehme Sache war es für mich, in den Versammlungen, die ich während +meiner Anwesenheit in Berlin abhielt, in der Regel mich mit einer Anzahl +Agitatoren des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins herumzuschlagen. +Das Verhältnis zwischen uns war trotz des Rücktritts Schweitzers vom +Präsidium unter dessen Nachfolger Hasenclever nicht besser geworden. +Namentlich schlug Hasselmann im „Neuen Sozialdemokrat“ einen sehr rohen +Ton an. Als ich im November im Streikverein der Sattler einen Vortrag +hielt, wobei ich zum erstenmal Ignaz Auer kennen lernte, trat unter +Führung Hasselmanns eine ganze Kolonne Redner gegen mich auf, um mich +moralisch zu vernichten. Der Versuch bekam ihnen übel. Als ich dann nach +Schluß der Versammlung mehreren meiner Gegner im Privatgespräch Vorwürfe +machte wegen ihrer perfiden Kampfweise, gaben zwei derselben, Zielowsky +und Finn, wie aus einem Munde zur Antwort: _Sie müßten uns bekämpfen; +denn werde heute eine Einigung der Sozialdemokratie hergestellt, +schreite morgen die Regierung mit aller Macht ein, um die Partei zu +unterdrücken!_ Die beiden waren ahnungsvolle Engel, denn so ungefähr kam +es nachher, als die Einigung verwirklicht wurde. Hasenclever gefiel sich +anfangs als Präsident auch in der Pose Schweitzers. So ließ er sich in +Altona in einer mit zwei Schimmeln bespannten Kutsche eine Ovation +bringen. Er fand aber bald, daß er kein Schweitzer war und zu einer +solchen Rolle nicht paßte. + +Im Dezember löste der Polizeidirektor Rüder den sozialdemokratischen +Arbeiterverein in Leipzig wegen Verletzung des Verbindungsverbots auf. +Das Verbot fand anderwärts Nachahmung. Um dieselbe Zeit veröffentlichten +unsere Nürnberger Parteigenossen unter Führung Anton Memmingers einen +Aufruf zur Unterstützung des Philosophen _Feuerbach_, der in großer +Notlage in der Nähe Nürnbergs lebte. Memminger, der infolge lokaler +Streitigkeiten in Nürnberg unmöglich wurde, ist später ganz nach rechts +marschiert; er wurde eine Leuchte des bayerischen Bauernbundes und einer +seiner fanatischsten und geschicktesten Vertreter in der Presse und im +bayerischen Landtag. — + +In Sachsen hatten die polizeilichen und gerichtlichen Verfolgungen, die +mit der Gründung bes Deutschen Reiches eine nie vorher gekannte Schärfe +erlangte, eine ganz vortreffliche Stimmung in der Partei hervorgerufen. +Als wir am 9. Januar 1872 in Chemnitz in einer Landesversammlung +zusammentraten, musterten wir 120 Delegierte. Das ganze Land war bis in +die letzten Bezirke vertreten. Ich führte den Vorsitz, Most war +Schriftführer. Beschlossen wurde, für eine gründliche Umgestaltung des +Vereins- und Versammlungsrechtes zu wirken; das allgemeine, gleiche, +direkte und geheime Wahlrecht solle für die Landtags- und Gemeindewahlen +gefordert werden; die Armenunterstützung solle reichsgesetzlich geordnet +und die Kosten durch eine progressive Einkommensteuer aufgebracht +werden. Den gemaßregelten Vereinen und Gewerkschaften wurde empfohlen, +ihre Beschwerden bis in die letzte Instanz zu verfolgen und, falls diese +resultatlos seien, Lokalvereine zu gründen. Ferner wurde die Aufhebung +der Dienstbotenordnung verlangt und den Parteigenossen, die mit +religiösen Ueberzeugungen gebrochen hätten, der Austritt aus der +Landeskirche empfohlen. — + +Am 1. Februar 1872 trat Vahlteich seine Festungshaft in Hubertusburg an; +später folgte ihm Karl Hirsch. Mittlerweile wurden aber auch die übrigen +Gefängnisse mit verurteilten Sozialdemokraten besetzt. Einzelne Genossen +waren mit sehr harten Gefängnisstrafen bedacht worden. + + + + +Der Leipziger Hochverratsprozeß. + + +Bei der Eröffnungsfeier des ersten deutschen Reichstags am 23. März 1871 +im sogenannten Weißen Saale des königlichen Schlosses zu Berlin trat +Fürst Bismarck an den Abgeordneten v. Schwarze heran mit den Worten: +„Nun, Herr Generalstaatsanwalt, was wird denn aus dem Prozeß Bebel und +Genossen?“ Der Angeredete zuckte die Achseln und erwiderte: „Gar nichts +wird.“, worauf Bismarck unwillig antwortete: „Dann hätte man die Leute +auch nicht einstecken sollen; jetzt fällt das Odium des Prozesses auf +uns.“ Wenige Augenblicke nach jenem Vorgang wandte sich der sächsische +Finanzminister v. Friesen, der die Unterhaltung zwischen Bismarck und +Schwarze angehört hatte, an den Abgeordneten Professor Birnbaum, +Vertreter für Leipzig-Land, mit den Worten: „Da hat unser Schwarze eine +große Dummheit gemacht!“ + +Herr v. Schwarze hatte aber keine Dummheit gemacht, er hatte nur gesagt, +was er als Jurist nach genauer Kenntnis des Inhaltes der Akten sagen +mußte. Schwarze hielt ebenso wie unser Untersuchungsrichter eine +Verurteilung für unmöglich, und Bismarck hatte ganz vergessen, daß +unsere Verhaftung am 17. Dezember 1870 nicht erfolgt war, weil man +irgendwelche Beweise für unsere angebliche Vorbereitung zum Hochverrat +hatte, sondern weil man die Tatsache der Beschlagnahme unserer Briefe +bei dem Braunschweiger Ausschuß benutzen wollte, uns hinter Schloß und +Riegel zu bringen. Uns war sogar mitgeteilt worden, daß Bismarck selbst +vom Hauptquartier aus die Anregung zu unserer Verhaftung gegeben habe. + +Die Frühjahrssession des Leipziger Schwurgerichtes war für unsere +Aburteilung bestimmt worden. Der Prozeß sollte Montag den 11. März +seinen Anfang nehmen. Die Aufregung in Leipzig war groß. Seitens der +Behörden rechnete man mit Unruhen. Das veranlaßte uns, an der Spitze des +„Volksstaat“ vom 6. und 9. März folgende Aufforderung zu +veröffentlichen: + + „_An unsere Parteigenossen!_ + + Wie Ihr wißt, beginnen Montag den 11. März die + Schwurgerichtsverhandlungen in dem Hochverratsprozeß gegen uns. Viele + von Euch werden denselben beiwohnen wollen. Dies veranlaßt uns, die + dringende Aufforderung an Euch zu richten, weder durch Zeichen des + Beifalls noch des Mißfallens die Verhandlungen zu unterbrechen. + Geschehe was da wolle, verhaltet Euch ruhig. Mag unsere Gegnerschaft + durch bübische Hetzartikel oder durch bezahlte Agents provocateurs + Euch zu reizen suchen, macht diese perfiden Machinationen zuschanden. + Die Abrechnung wird nicht ausbleiben. + + Leipzig, den 3. März 1872. + + Bebel, Liebknecht, Hepner.“ + +Diese Mahnung war nicht überflüssig. In der Furcht, es werde unsere +Verurteilung mißlingen, hielten es die Brockhaussche „Deutsche +Allgemeine Zeitung“, das „Leipziger Tageblatt“ und die von Dr. Hans Blum +redigierten „Grenzboten“ für ihre vornehmste Aufgabe, durch Hetzartikel, +die man den Geschworenen zustellte, diese gegen uns einzunehmen. Ebenso +wurde in den verschiedensten Formen persönlich auf diese eingewirkt. + +Es kann nicht meine Aufgabe sein, den Verlauf des Prozesses, der +vierzehn Verhandlungstage in Anspruch nahm, in seinen Einzelheiten +darzulegen. Das Anklagematerial bildete unsere gesamte agitatorische +Tätigkeit in Vereinen, Versammlungen, Artikeln und Broschüren nebst +einer Anzahl Briefe, die bei dem Braunschweiger Ausschuß gefunden worden +waren. Außerdem wurde aber auch fast die ganze bis dahin in deutscher +Sprache erschienene sozialistische Broschürenliteratur als belastend +herangezogen, auch wenn wir an deren Verfasserschaft und Verbreitung gar +nicht beteiligt waren, wie zum Beispiel bei dem Kommunistischen +Manifest. Auch eine Broschüre des bürgerlichen Republikaners Karl +Heinzen, betitelt: „Ein europäischer Soldat an seine Kameraden“, mußte +als Belastungsmaterial dienen, obgleich bis zur Prozeßverhandlung keiner +von uns von der Existenz der Broschüre etwas wußte. Dieselbe war im +Archiv des Parteiausschusses in einem Exemplar gefunden worden. Das +Belastungsmaterial ließ also an _Quantität_ nichts zu wünschen übrig, um +so schlimmer stand es mit der _Qualität,_ wie wir das wiederholt während +der Verhandlungen hervorhoben. + +Unsere Reichstagsreden konnten auf Grund der Verfassung nicht unter +Anklage gestellt werden, es sorgte aber die Leipziger liberale Presse +dafür, daß die schärfsten Stellen aus denselben den Geschworenen bekannt +wurden. + +Als Belastungszeugen hatte die Staatsanwaltschaft eine Anzahl Herren aus +Plauen im Vogtland geladen, die in den beiden Versammlungen anwesend +gewesen waren, die ich Frühjahr 1870 dort gegen Dr. Max Hirsch +abgehalten hatte. Der Inhalt jener Reden, die damals wegen Inkrafttreten +des deutschen Strafgesetzbuchs nicht mehr verfolgt werden konnten, und +ebenso die Liebknechtsche Rede „Ueber die politische Stellung der +Sozialdemokratie“, wegen deren er 1869 in Berlin _in contumaciam_ zu +mehreren Monaten Gefängnis verurteilt worden war, wurden jetzt ebenfalls +als Material für den Hochverratsprozeß verwendet. Die Belastungszeugen +waren der Obergendarm aus Plauen, der meine Versammlungen überwacht +hatte, ferner der Vorsitzende einer derselben, Rechtsanwalt Kirbach, ein +Redakteur, ein Oberlehrer und der Einberufer der Versammlungen. Als +Entlastungszeugen hatten wir Bracke und Spier laden lassen, die alsdann +dem Prozeß bis zu seinem Schlußakt beiwohnten. + +Präsident des Schwurgerichts war ein Herr v. Mücke, +Bezirksgerichtsdirektor in Bautzen. Herr v. Mücke war im Gegensatz zu +seinem Namen ein herkulisch gebauter Mann, der Hände wie ein Fleischer +und eine so niedere Stirne besaß, daß man sich erstaunt fragte, wo in +jenem Kopf das Gehirn sitze. Offenbar hatte der Justizminister Abeken +sich als Präsident des Schwurgerichts den beschränktesten Kopf +ausgesucht, den es unter den Gerichtsdirektoren in Sachsen gab. Will man +in einem politischen Prozeß um jeden Preis eine Verurteilung +herbeiführen, so empfiehlt sich, als Leiter eines solchen entweder einen +gewissenlosen Streber — ein solcher scheint zu jener Zeit in Sachsen +nicht vorhanden gewesen zu sein — oder einen beschränkten Kopf +auszuwählen, der sich leicht beeinflussen läßt. Herr v. Mücke war seiner +Aufgabe in keiner Weise gewachsen, weder beherrschte er das sehr +umfängliche Aktenmaterial, noch besaß er das Maß von Unparteilichkeit +und Ruhe, das erste Voraussetzung für den Leiter einer solchen +Verhandlung ist. Auch war ihm bis dahin offenbar der Sozialismus ein mit +sieben Siegeln verschlossenes Buch. Es stimmte oft sehr heiter und +blamierte ihn gründlich, wenn er über unsere Ausführungen ganz aufgeregt +wurde, Sinn und Tragweite derselben nicht verstehen konnte und dann in +die Rolle fiel, uns widerlegen zu wollen, wozu er ganz und gar unfähig +war und auch kein Recht hatte. Man konnte ihn naiv bis zur +Bewußtlosigkeit nennen. + +Unsere Verteidigung hatten die Rechtsanwälte Otto und Bernhard Freytag +übernommen, die bei ihnen in den besten Händen lag. Beide machten durch +ihre Kreuz- und Querfragen dem Präsidenten, der diese Fragen oft nicht +verstand oder ihre Tragweite nicht übersah, das Leben sauer. + +Unter den Geschworenen waren sechs Kaufleute, davon drei aus Leipzig, +ein Rittergutsbesitzer, ein Oberförster und einige Gutsbesitzer. Die +Verhandlungen waren für Leipzig eine Sensation. Tag für Tag war der +geräumige Verhandlungssaal überfüllt mit Zuhörern aus allen Ständen. +Mehrere Male waren auch der Justizminister und der Generalstaatsanwalt +anwesend. Und da alle größeren Blätter Deutschlands ausführliche +Berichte brachten und ihre Leser jetzt zum erstenmal zu hören bekamen, +was der Sozialismus sei und was die Sozialisten erstrebten — soweit dies +bei Zeitungsberichten möglich ist —, wirkten die Verhandlungen eminent +agitatorisch. Dafür sorgten natürlich auch wir durch unsere Haltung, +namentlich Liebknecht, der der eigentliche Führer des Prozesses wurde. +An allerlei kleinen dramatischen Szenen fehlte es auch nicht. So wenn +der Präsident durch ungeschickte Fragen und Bemerkungen von Liebknecht +gehörig auf den Sand gesetzt wurde, oder ich bei der Frage, was ich zu +dem Kommunistischen Manifest zu sagen habe, antwortete: ich sei damals, +als dasselbe erschienen sei, kaum acht Jahre alt gewesen, oder Hepner +wiederholt antworten mußte: er sei überhaupt noch nicht geboren gewesen, +als dieses oder jenes Aktenstück erschien. + +Die Beeinflussung der Geschworenen wurde Tag für Tag von unseren Gegnern +dadurch versucht, daß sie dieselben in der Restauration aufsuchten, in +der die meisten von ihnen allabendlich zusammenkamen. Alsdann wurden die +Vorgänge des Tages besprochen und entsprechend auszunutzen versucht. So +äußerte zum Beispiel eines Abends ein Appellationsgerichtsrat Müller: +„Denken Sie sich, meine Herren, mir träumte verflossene Nacht, Bebel sei +freigesprochen worden, da habe ich mich aber geärgert.“ Er schien +anzunehmen, man wolle nur Liebknecht verurteilen. Für die Qualität +einzelner Geschworener war auch folgender Vorgang bezeichnend: Eines +Tages trifft einer unserer Rechtsanwälte einen der Geschworenen auf der +Straße und fragt ihn, ob er sich wohl ein klares Bild von dem Inhalt +der vorgetragenen Aktenstücke machen könne? Worauf dieser antwortete: +„Herr Advokat, offen gesagt, wenn ich nicht zeitweilig eine Prise nähm', +schlief' ich ein.“ Nun wurden wir schließlich mit acht gegen vier +Stimmen verurteilt, mehr als sieben Stimmen verlangte das Gesetz für +einen Schuldigspruch, und es war die Stimme dieses Herrn, die das +Schuldig bewirkte. + +Am dreizehnten Verhandlungstag begannen unter enormem Zudrang des +Publikums die Plädoyers, nachdem die Fragen für die Geschworenen +formuliert worden waren. Der öffentliche Ankläger schloß seine Rede mit +den Worten: Wenn Sie die beiden Angeklagten nicht verurteilen — von +Hepner sprach er nicht, er gab ihn preis —, dann sanktionieren Sie für +immer den Hochverrat! + +Zunächst antwortete Rechtsanwalt Otto Freytag, der damit begann, zu +erklären, er habe trotz einer dreiviertelstündigen Pause, die zwischen +der Anklagerede des Staatsanwaltes und seiner Rede lag, sich noch immer +nicht von dem Erstaunen erholt, das bei ihm die Begründung der Anklage +hervorgerufen habe. Nach einer mehrstündigen vorzüglichen Rede, in der +er die Anklage gründlich zerzauste, beantragte er unsere Freisprechung. +Am nächsten Morgen nahm Rechtsanwalt Bernhard Freytag das Wort. Auch er +blieb an oratorischer und juristischer Gewandtheit nicht hinter seinem +Bruder zurück. Nach zirka drei Stunden schloß er mit den Worten an die +Geschworenen: Bejahen Sie die Fragen, so schaffen und sanktionieren Sie +in Sachsen einen rechtlosen Zustand. Wegen dieser Worte kam es zwischen +ihm und dem Präsidenten zu einer heftigen Auseinandersetzung. Der +Präsident hatte diese Worte gerügt. + +Nach dem Schlußwort des Staatsanwaltes nahm noch einmal Otto Freytag das +Wort, dagegen erklärte sein Bruder, daß, nachdem der Staatsanwalt auf +seine Frage: worin „das bestimmte Unternehmen“ bestehe, dessen er uns +anklage, nicht geantwortet habe, er bei der eigentümlichen Disziplin, +die in diesem Saale herrsche, auf weitere Auseinandersetzungen +verzichte. Eine Erklärung, der wir uns anschlossen. So ging die +Verhandlung einen Tag früher zu Ende, als erwartet worden war. Bei der +„Rechtsbelehrung“ der Geschworenen durch den Präsidenten kam es +abermals zwischen diesem und unseren Verteidigern zu lebhaften +Auseinandersetzungen; sie wollten die „Rechtsbelehrung“ desselben, weil +von falschen Voraussetzungen ausgehend, nicht gelten lassen. Beide +meldeten schon im voraus die Nichtigkeitsbeschwerde an. + +Nach mehr als zweieinhalbstündiger Beratung verkündeten die +Geschworenen, daß sie Liebknecht und mich der Vorbereitung zum +Hochverrat schuldig befunden, Hepner freigesprochen hätten. Der +Staatsanwalt beantragte hierauf gegen uns eine Höchststrafe von zwei +Jahren Festung, weil die Vorbereitungshandlungen noch entfernte gewesen +seien, gegen Hepner beantragte er Freisprechung. Der Gerichtshof +erkannte demgemäß gegen Liebknecht und mich unter Anrechnung von zwei +Monaten Untersuchungshaft. + +Unsere Parteigenossen waren über das Urteil höchst aufgebracht. Mich +packte der Galgenhumor: „Wißt ihr was“, äußerte ich zu den Verteidigern +und Mitangeklagten nach Schluß der Verhandlung, „wir gehen heute abend +dem Urteil zum Trotz in Auerbachs Keller (berühmt geworden durch die +Kellerszene in Goethes Faust) und trinken eine Flasche Wein.“ „Das tun +wir“, erklärte Otto Freytag, „und wir (er und sein Bruder) bezahlen die +Zeche.“ + +Unsere Frauen, die uns mit lautem Weinen empfingen, waren freilich von +diesem Vorschlag sehr wenig erbaut. Es sei eine Frivolität, dergleichen +zu tun, wir seien schreckliche Männer. Aber sie waren tapfer und gingen +schließlich mit. Auch Bracke mit seiner jungen, liebenswürdigen Frau, +die ihn nach Leipzig begleitet hatte, und Spier waren bei der Partie. +Meine Frau war noch vor der Verurteilung durch unseren Hausarzt in etwas +eigentümlicher Weise getröstet worden. „Frau Bebel“, hatte er zu ihr +gesagt, „wird Ihr Mann zu einem Jahre Festung verurteilt, so seien Sie +froh, er braucht sehr dringend Ruhe.“ + +Am 27. März, dem Tage, an dem wir die Entscheidungsgründe des +Gerichtshofs erhalten hatten, erließen Liebknecht und ich im +„Volksstaat“ eine kurze Ansprache „An die Parteigenossen“, in der wir +sie aufforderten, tapfer zur Sache zu stehen und namentlich für die +Verbreitung des „Volksstaat“ zu sorgen, der jetzt 5500 Abonnenten hatte. +An demselben Tage veröffentlichten wir eine zweite Erklärung im +„Volksstaat“ „Zu unserer Verurteilung“, in der es hieß: + + „Der Wahrspruch der Herren Geschworenen ist _nicht wahr_. Was wir + gewollt und getan, haben wir ohne Hehl bekannt; ein hochverräterisches + Unternehmen im Sinne des Strafgesetzbuchs haben wir _nicht + vorbereitet_. Wenn wir schuldig sind, ist jede Partei schuldig, die + nicht gerade am Ruder ist. Indem man uns verurteilt, ächtet man die + freie Meinungsäußerung. + + Durch Ihren Wahrspruch, meine Herren Geschworenen, haben Sie im Namen + der besitzenden Klasse die Gewalttat von Lötzen sanktioniert und der + Reaktion einen Freibrief in blanco ausgestellt. Uns persönlich ist das + Resultat gleichgültig. Dieser Prozeß hat so unendlich viel für die + Verbreitung unserer Prinzipien gewirkt, daß wir gern die paar Jahre + Gefängnis hinnehmen, die — falls Rechtskraft eintritt — über uns + verhängt werden können. _Die Sozialdemokratie steht über dem Bereich + eines Schwurgerichtes_. Unsere Partei wird leben, wachsen und siegen. + Wohl aber haben Sie, meine Herren Geschworenen, durch Ihr Verdikt das + Todesurteil gefällt über das Institut der heutigen Schwurgerichte, + die, ausschließlich aus der besitzenden Klasse gebildet, nichts sind + als Mittel der Klassenherrschaft und Klassenunterdrückung.“ + +Die ganze demokratische und linksliberale Presse, die damals noch +Bedeutung hatte, stand auf unserer Seite, mit Ausnahme der „Berliner +Volkszeitung“. Diese folgerte: Das Schwurgericht ist Volkesstimme, +Volkesstimme ist Gottesstimme, ergo, ... Auch der frühere +Appellationsgerichtspräsident Temme, einer der aufrechtesten Männer, die +der preußische Richterstand je gehabt hat, der aber der Reaktion im +Anfang der fünfziger Jahre zum Opfer gefallen war, veröffentlichte in +einem Wiener Blatte einen scharfen Artikel wegen unserer Verurteilung. +Ich hatte das Glück, Temme noch kurz vor seinem Ableben 1882 in Zürich +kennen zu lernen, wohin er sich zurückgezogen hatte; er war eine äußerst +sympathische Persönlichkeit. + +Herr v. Mücke und der Staatsanwalt Hoffmann wurden für +ihre staatsretterische Tätigkeit durch Orden belohnt. +Der Generalstaatsanwalt v. Schwarze, der bei der Anklage +Geburtshelferdienste geleistet hatte, war schon zuvor belohnt worden. +Als Antwort auf das Urteil erklärte Johann Jacoby am 2. April seinen +Beitritt zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Dem Vorgehen desselben +schloß sich der Berliner Demokratische Verein — nicht zu verwechseln mit +dem Demokratischen Arbeiterverein — insofern an, als er mit großer +Mehrheit dem Eisenacher Programm zustimmte. + +Unsere Parteigenossen legten in der Parteipresse und in zahlreichen +Volksversammlungen schärfsten Protest gegen das Urteil ein, was freilich +zur Folge hatte, daß eine ganze Anzahl derselben gerichtlich verurteilt +wurde. + +Kurz nach Schluß des Prozesses befiel mich eine sehr schmerzhafte +Brustfellentzündung, die mich mehrere Wochen ans Bett fesselte. Auch +hatten Agitation, parlamentarische Tätigkeit, Untersuchungshaft und +Prozeß, wozu noch angestrengte Tätigkeit in meinem Geschäft kam, das +meine Kräfte ebenfalls in hohem Grade in Anspruch nahm und mich zu +Erweiterungen meines kleinen Betriebs nötigte, meine Nerven zerrüttet. +Ich litt neben heftigen Schmerzen an großer Schlaflosigkeit. In den +Nächten, in denen ich mich schlaflos im Bette wälzte, dachte ich öfter +an Bismarck, der damals insofern mein Leidensgefährte war, als er nach +den Berichten der Zeitungen ebenfalls an Schlaflosigkeit und +neuralgischen Schmerzen litt. Geteilter Schmerz ist halber Schmerz. + + + + +Die dritte Generation des ersten deutschen Reichstags. + + +Ende April 1872 war der Reichstag wieder zusammengetreten. Eben genesen, +reiste ich nach Berlin und hielt am 1. Mai eine Rede zu dem Antrag +Hoverbeck und Genossen, betreffend die Abschaffung der Salzsteuer. Ich +wendete mich in der Rede gegen die gesamten indirekten Steuern auf +notwendige Lebensbedürfnisse. Die besitzenden Klassen suchten in ihrem +Klasseninteresse dieses System aufrechtzuerhalten und weiter auszubauen; +sie suchten sich den Staatslasten, wo sie könnten, zu entziehen, aber +sie machten die direkten Steuern zum Maßstab der politischen Rechte. Ob +das Haus glaube, daß solche Zustände die Versöhnung der verschiedenen +Klassen herbeiführten? Das Gegenteil werde erreicht; da dürfe sich die +Bourgeoisie nicht wundern, wenn ihr alsdann von uns gesagt werde, was +Tell über Geßler sagte: Mach' deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt, fort +mußt du, deine Uhr ist abgelaufen. (Stürmisches Gelächter.) Eugen +Richter erklärte: Er wolle mir nicht antworten, das hieße meiner Person +und meiner Doktrin eine Bedeutung beimessen, die sie nicht habe. Ich +polemisierte darauf gegen Richter in einer persönlichen Bemerkung; seine +geringschätzende Bemerkung gegen mich solle nur verdecken, daß ihm die +Gründe zu meiner Widerlegung fehlten. Richter antwortete: Er hielt mich +durchaus nicht für so unbedeutend, daß es sich nicht lohne, mir zu +antworten, aber er hielt mich, wenigstens zurzeit noch nicht, für so +bedeutend wie den Reichskanzler (Heiterkeit), darum habe er keine Zeit +gehabt, mir zu antworten. — + +Im Jahre 1872 ging der „Kulturkampf“ seinem Höhepunkt entgegen, jener +„Kulturkampf“, der der größte politische Fehler war, den Bismarck in der +inneren Politik machte, und der der innerpolitischen Entwicklung +Deutschlands eine höchst verderbliche Richtung gab. Bismarck hatte das +Jesuitenausweisungsgesetz dem Reichstag vorgelegt, um das ein heftiger +Kampf entbrannte. Bei der dritten Lesung am 19. Juni kam ich zum Worte. +Ich führte aus: Der englische Kulturhistoriker Buckle bemesse den +Kulturgrad eines Volkes nach der Bedeutung, die religiöse Streitigkeiten +bei demselben fänden. An diesem Maßstab gemessen, müßten wir in +Deutschland auf einem tiefen Kulturgrad stehen. Keiner Frage werde seit +längerer Zeit so viel Aufmerksamkeit geschenkt als der religiösen Frage. +Freilich, die religiösen Auffassungen stünden in inniger Verbindung mit +dem sozialen und politischen Zustand eines Volkes. Sei das Zentrum im +Hause so stark vertreten, so nicht etwa bloß seiner religiösen +Anschauungen wegen, sondern namentlich auch wegen der sozialen und +politischen Interessen, die es vertrete. Die rückständigen ökonomischen +Schichten im katholischen Volke schlössen sich mit Vorliebe dem Zentrum +an, die anderen kapitalistischen Schichten den Liberalen. Der +Protestantismus, einfach, schlicht, hausbacken, gewissermaßen die +Religion in Schlafrock und Pantoffeln, sei die Religion des modernen +Bürgertums. Der ganze Kampf sei, soweit die Religion in Frage komme, nur +ein Scheinkampf, in Wahrheit bedeute er den Kampf um die Herrschaft im +Staate. Wolle die liberale Bourgeoisie ehrlich den Fortschritt, müsse +sie mit der Kirche brechen, denn die Bourgeoisie habe in Wahrheit keine +Religion. Für sie sei die Religion nur Mittel zum Zweck, um die +Autorität zu stützen, die sie brauche, und um in den Arbeitern willige +Ausbeutungsobjekte zu erziehen. + +Man sage, der Jesuitismus habe mit dem Katholizismus nichts zu tun. Das +sei falsch. Der Jesuitismus sei die festeste Stütze des Katholizismus, +und insofern habe das Zentrum recht, wenn es sage, der Kampf gegen den +Jesuitismus sei ein Kampf gegen den Katholizismus. Die Verteidiger der +Vorlage behaupteten, sie wollten durch dieselbe den Frieden herstellen; +das Gegenteil werde erreicht; sie würden nicht den Frieden bekommen, +sondern den Krieg. + +Man sage ferner, das Dogma von der Unfehlbarkeit sei staatsgefährlich. +Das könnte ich nicht einsehen. Schließlich ständen alle Dogmen mit der +Wissenschaft und der gesunden Vernunft in Widerspruch und seien von +diesem Gesichtspunkt aus ebenfalls staatsgefährlich. (Heiterkeit.) Je +ungeheuerlicher ein Dogma ist, und das sei das von der Unfehlbarkeit des +Papstes, um so mehr Widerspruch finde es bei allen Denkenden. Man +behaupte auch, der Jesuitismus sei unmoralisch. Der Staat habe aber +allezeit verdammt wenig nach der Moral gefragt, und der Reichskanzler +sei der letzte, dem diese Sorge mache. Was den Reichskanzler ärgere, +sei, daß man ihn in seiner Politik nicht für unfehlbar halte. +(Heiterkeit.) Würden die Jesuiten und die Herren im Zentrum sich bereit +erklären, seine Politik zu unterstützen, so könnten sie auf kirchlichem +Gebiete tun, was sie wollten. (Sehr richtig.) Je reaktionärer dann der +Jesuitismus sei, um so lieber würde es dem Reichskanzler sein. Er wolle +nichts weiter, als daß die ultramontane Partei sein Werkzeug werde. Daß +man es wage, dem Reichstag einen solchen Gesetzentwurf vorzulegen, sei +ein Zeichen dafür, wie tief man ihn einschätze. (Unruhe.) Die Liberalen +suchten durch den Kampf gegen den Jesuitismus nur wieder zu gewinnen, +was sie an Kredit bei dem Volk durch Preisgabe aller Volksrechte +eingebüßt hätten. Man bekämpfe den Jesuitismus mit einem Ausnahmegesetz, +_und die Folge werde sein, daß sein Anhang größer werde, als er je +gewesen._ Die Masse der Menschen sympathisiere mit dem Verfolgten. Es +gehe nicht an, ein Gesetz zu erlassen, wonach man einen Menschen +heimatlos machen und wie ein wildes Tier von einem Orte zum andern jagen +könne. Wir hätten Unterdrückungsgesetze in Deutschland genug, wofür ich +Beispiele anführte; wir brauchten keine neuen. Wer habe denn den +Jesuitismus gezüchtet? Der Staat. Statt jährlich viele hundert Millionen +für Mordwerkzeuge auszugeben, verwende man diese Mittel _auf die Bildung +des Volkes,_ das werde dem Jesuitismus mehr schaden als alle +Ausnahmegesetze. Man errichte ein auf der Höhe der Zeit stehendes +Bildungssystem, man trenne den Staat von der Kirche, man verweise die +Kirche aus der Schule, und ehe zehn Jahre vergingen, würde es mit den +pfäffischen Wühlereien zu Ende sein. Die Herren könnten dann in Gottes +Namen in der Kirche predigen, hin gehe niemand mehr. (Heiterkeit.) Doch +das wolle man nicht, sie alle brauchten Autoritäten, deren Hauptstütze +die Kirche sei. Man wisse, höre die himmlische Autorität auf, dann falle +auch die irdische. Man fürchte, es würde alsdann auf dem politischen +Gebiet die Republik, auf dem sozialen der Sozialismus und auf dem +religiösen der Atheismus zur Geltung kommen. Ich würde gegen das Gesetz +stimmen, müßte aber die Behauptung, Ultramontanismus und Sozialismus +seien Verbündete, als eine infame Verleumdung zurückweisen. Es würde dem +Ultramontanismus und dem Liberalismus gleich schlecht gehen, wenn wir am +Ruder wären. (Unruhe.) + +Im Verlauf der Debatte sprach auch Graf Ballestrem, der spätere +Präsident des Reichstags. Mit Hinweis auf meine Ausführungen meinte er, +wohin man mit Annahme des Gesetzentwurfes steuere, habe meine Rede +gezeigt. Verliere das Volk erst den Glauben an das Paradies im Himmel, +dann werde es das Paradies auf der Erde verlangen, und das verspreche +ihm die Internationale. Ich unterstrich diese Worte, indem ich kräftig +„sehr richtig“ rief. + +Kurze Zeit danach erzählte man sich im Reichstag einen amüsanten +Vorgang. Einige Herren vom Zentrum unterhielten sich in einer +Restauration über den katholischen Kirchengelehrten Döllinger und das +neue Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes. Döllinger war heftiger +Gegner der Unfehlbarkeitserklärung. Darauf äußerte ein geistlicher Herr, +Abgeordneter für München: Glaubt der alte Esel an so viel Unsinn, konnte +er auch an diesen glauben. Diese Aeußerung wurde im Reichstag bekannt +und viel belacht. + + + + +Mein Majestätsbeleidigungsprozeß. + + +Die Anklage gegen Liebknecht auf Majestätsbeleidigung war auf Beschluß +der Anklagekammer von der Anklage wegen Vorbereitung auf Hochverrat +getrennt und vor das Leipziger Bezirksgericht verwiesen worden. Hier +wurde Liebknecht Anfang April freigesprochen. Ende Mai 1872 verwarf das +Oberappellationsgericht in Dresden unsere Nichtigkeitsbeschwerde, es war +somit das Urteil des Schwurgerichtes rechtskräftig geworden. Liebknecht +trat Mitte Juni seine Haft in Hubertusburg an. Ich hatte nach Schluß des +Reichstags auch noch eine Anklage zu erledigen. Ich war ebenfalls auf +Majestätsbeleidigung, begangen durch Reden in zwei Volksversammlungen im +Bezirk der Leipziger Amtshauptmannschaft, angeklagt worden. Ich hatte +anknüpfend an das Dankschreiben des Königs von Preußen vom 25. Juli +1870, das mit den Worten schloß: er hoffe, daß die _Freiheit_ und +Einheit Deutschlands das Ergebnis des Krieges sein werde, allerlei +kritische Bemerkungen gemacht. Ich hatte ausgeführt, daß wir zwar die +Einheit bekommen hätten, die Freiheit sei aber ausgeblieben; es sei in +dieser Beziehung sogar schlimmer als früher, was ich durch Tatsachen +bewies. Es sei eben die alte Geschichte. Seien die Könige in der +Verlegenheit, so fehle es nicht an schönen Versprechungen, habe aber das +Volk die Opfer gebracht und die Könige gerettet, dann würden die +gemachten Versprechen vergessen und nicht eingelöst. In diesen +Ausführungen sah die Staatsanwaltschaft eine Majestätsbeleidigung, und +der Gerichtshof schloß sich ihr in der Verhandlung am 6. Juli 1872 an, +in der ich mich selbst verteidigte. Der Staatsanwalt hatte eine +Zusatzstrafe zu der bereits erkannten Festungshaft beantragt. Das +Gericht ging über diesen Antrag hinaus und verurteilte mich zu _neun +Monaten Gefängnis_. Da es sich um eine andere Strafart als die mir +bereits zuerkannte handelte, fiel die Zusatzstrafe; sonst würden, wenn +es bei neun Monaten Festung geblieben wäre, diese mit der schon +erkannten Festungshaft wahrscheinlich auf achtundzwanzig Monate +zusammengezogen worden sein. Außerdem ging der Gerichtshof noch in einem +zweiten Punkte über den Antrag des Staatsanwaltes hinaus, _er erkannte +mir das Reichstagsmandat ab_. + +Dieser letztere Beschluß war ein großer politischer Fehler von seiner +Seite, denn da er mir nicht auch die Wählbarkeit aberkennen konnte, +mußte er sich sagen, sein Beschluß werde wirkungslos bleiben, indem +meine Parteigenossen mich in meinem bisherigen Wahlkreis wieder +aufstellen und mich sicher wählen würden. So geschah es. Meine +Wiederwahl wurde für den Gerichtshof eine schallende Ohrfeige. Darüber +später. + + + + +Unsere Festungshaft und was zwischenzeitlich passierte. + + + + +Hubertusburg. + + +Am 1. Juli 1872 schrieb mir Bracke einen Abschiedsbrief, dem er äußerte: +„Wenn Eure Familien nicht wären, könnte ich fast triumphieren über die +Einfalt unserer Feinde! Du zum Beispiel wirst Dich körperlich erholen +und viel lernen; dann bist Du ein verdammt gefährlicher Kerl, und +schließlich wird Deine liebe Frau auch, trotz des harten Loses der +Trennung, zufrieden sein, wenn Du auf diese Weise eine Kurzeit +durchmachst, die Dich wieder kräftigt fürs ganze Leben.“ Am 8. Juli, dem +Tage meines Haftantritts, veröffentlichte ich folgende Erklärung: + + „_An meine Wähler im 17. sächsischen Wahlkreis!_ + + Freunde und Gesinnungsgenossen! Das Königliche Bezirksgericht zu + Leipzig hat die Gewogenheit gehabt, mir wegen ‚Majestätsbeleidigung‘ + neben einer neunmonatigen Gefängnisstrafe auch ‚den Verlust der + bekleideten öffentlichen Aemter sowie der aus Wahlen hervorgegangenen + Rechte‘ abzuerkennen. + + Durch dieses Erkenntnis bin ich des mir von euch verliehenen Mandats + _verlustig_ geworden. + + Freunde und Gesinnungsgenossen! Der Schlag soll nicht nur mich, er + soll auch euch, deren _Vertreter_ ich bisher war, er soll die _Partei_ + treffen, der wir angehören. _Zeigen wir, daß der geführte Schlag ein + Schlag ins Wasser ist_. Ihr seid vor die Alternative einer Neuwahl + gestellt. _Ich biete mich euch für dieselbe aufs neue als Kandidat + an_. Habe ich nach eurer Meinung das in mich gesetzte Vertrauen + gerechtfertigt, _dann wählt mich wieder_. + + Seid versichert, die erhaltenen ‚Strafen‘ machen mich nicht mürbe. + Festung und Gefängnis sind nicht die Mittel, mir bessere Begriffe über + unsere faulen Gesellschaftszustände beizubringen. Die Gesellschaft, + die zu solchen Mitteln der Belehrung greifen muß, verdient, daß sie + aufhört zu existieren. + + Führen wir also den Krieg fort mit aller uns zu Gebote stehenden + Kraft und mit aller Fähigkeit; gebt mir durch die _Neuwahl_ das Mittel + in die Hand, daß ich auch für die nächsten Jahre mich an diesem Kampfe + beteiligen kann. Der Tag kommt, wo auch _unsere_ Stunde schlägt. + + Lebt wohl! Auf Wiedersehen zu neuem Kampf und Sieg!“ + +Am Nachmittag desselben Tages reiste ich nach Hubertusburg. Am Bahnhof +hatten sich eine große Zahl Männer und Frauen eingefunden, um sich von +mir zu verabschieden. Meine Frau hatte ich gebeten, mit unserem +Töchterchen zu Hause zu bleiben. Unter dem Gepäck, das ich mitnahm, +befand sich auch ein großer Vogelbauer mit einem prächtigen +Kanarienhahn, den mir ein Dresdener Freund als Gesellschafter für meine +Zelle geschickt hatte. Er wurde, nachdem ich ihm zu einem Weibchen +verholfen, der Stammvater einer Kinder- und Enkelschar, die ich in +Hubertusburg züchtete. An der Station Dahlen, an der ich ansteigen +mußte, um von dort zu Wagen nach Hubertusburg zu fahren, brachte man mir +eine eigenartige Ovation. Als ich ausstieg, standen sämtliche Schaffner +an dem langen Personenzug vor ihren Wagen und salutierten, indem sie die +Hand an die Mütze legten. Der Lokomotivführer schwenkte die Mütze, +ebenso schwenkte ein großer Teil der Passagiere, der in den Fenstern +lag, Hüte und Mützen und rief mir Lebewohl zu. Ich war sehr gerührt über +diese Zeichen der Sympathie. + +Als ich in Hubertusburg ankam und mit Liebknecht zusammentraf, lachte er +mich aus, daß ich mir noch neun Monate Gefängnis geholt. Da sei er doch +klüger gewesen. Er hatte gut lachen. Er hat nachher für die Artikel, die +er heimlich aus Hubertusburg an den „Volksstaat“ schrieb, weit mehr als +neun Monate Gefängnis den verantwortlichen Redakteuren aufbrummen +helfen. Und wie vorsichtig glaubte er zu sein. Hatte er einen solchen +Artikel auf der Pfanne und hegte er Bedenken gegen seine Fassung, so zog +er mich zu Rate. Er las mir alsdann die betreffende Stelle vor. Warnte +ich ihn, eine mir bedenklich scheinende Stelle im Artikel zu lassen, so +versuchte er mir nachzuweisen, daß und warum sie nicht gefährlich sei. +Er erhielt alsdann regelmäßig von mir die Antwort: Du würdest recht +haben, dächten Staatsanwalt und Richter so wie du. Er kaute alsdann an +einem Fingernagel und überlegte sich die neue Fassung. Manchmal war +diese aber noch schärfer als die frühere. Er trennte sich sehr ungern +von einem Gedanken, mit dessen Veröffentlichung er den Gegner ärgern +konnte. + +Außer Liebknecht war noch Karl Hirsch und ein Chemnitzer Parteigenosse +in der Festungshaft. Vahlteichs Haft war bereits zu Ende, doch sorgten +die Gerichte stets für Ersatz. Wir waren meist fünf bis sechs Genossen, +darunter zeitweilig auch irgend ein Student, der wegen Duellgeschichten +zu kurzer Festungshaft verurteilt worden war. Erst als meine Haft zu +Ende ging, war ich der letzte der Mohikaner, den Hubertusburg beherbergt +hatte. + +Es fiel uns auf, daß wir unsere Haft auf Hubertusburg statt auf der +sächsischen Festung Königstein zu verbüßen hatten. Der Grund war, daß +auf Königstein sich keine Räume für Zivilgefangene befanden, diese +mußten erst erstellt werden. + +Hubertusburg ist weiteren Kreisen bekannt geworden durch den 1763 hier +abgeschlossenen Friedensvertrag, der den siebenjährigen Krieg beendete. +Das Schloß ist ein stattlicher Bau im Zopfstil. Vor demselben dehnt sich +ein großer Hof aus, der durch pavillonartige ein- und zweistockige +Gebäude eingeschlossen ist, die früher den Hofbeamten und Bediensteten +zur Wohnung dienten. Zu unserer Zeit wohnten dort die Beamten der in +Hubertusburg vereinigten Anstalten und hatten daselbst ihre Bureaus. +Längere Zeit waren Teile der Gebäude als Landesgefängnis benutzt worden. +Für uns Festungsgefangene war ein Flügel dieser Bauten reserviert, in +dem man sieben oder acht Zellen eingerichtet hatte. Mit Hubertusburg +verbunden war ein Siechenhaus und eine Irrenanstalt für Frauen, und eine +Pflegeanstalt für blinde und blödsinnige Kinder. Die Insassen dieser +Anstalten bekamen wir aber nicht zu sehen. Unsere Zellen besaßen hohe +Fenster, die mit Eisenstäben versehen waren. Wir blickten aus den +Fenstern in den großen Wirtschaftsgarten, in dem wir unsere Spaziergänge +zu machen hatten, und über dessen Mauern hinaus auf Wald und Flur und +das in der Ferne liegende kleine Städtchen Mutzschen. + +Die Reinigung unserer Zellen besorgte ein sogenannter Kalfakter. Für +deren Reinigung und Miete — der Staat gibt auch den Gefängnisraum nicht +umsonst — hatten wir monatlich fünf Taler zu zahlen. Unser Essen bezogen +wir aus einem Gasthaus des an Hubertusburg grenzenden Wermsdorf. Unsere +Tagesordnung war folgende: Morgens 7 Uhr mußten wir angekleidet sein, +alsdann wurden die Zellen zwecks der Reinigung geöffnet. Während dieser +Zeit frühstückten wir auf dem breiten Korridor, der vor den Zellen +hinlief. Diese Pause benutzte Karl Hirsch, um mit einem Zivilgefangenen +eine Partie Schach zu spielen, wobei sich die beiden zu unserem größten +Ergötzen regelmäßig in die Haare gerieten. Um 8 Uhr wurden wir wieder +eingeschlossen bis 10 Uhr, zu welcher Zeit wir unseren Spaziermarsch im +Garten unternahmen. Um 12 Uhr wieder Einschließung bis 3 Uhr im Winter, +4 Uhr im Sommer, dann zweiter Spaziergang, von 5 beziehungsweise 6 Uhr +ab wieder Einschließung bis nächsten Morgen. Da wir das Recht hatten, +bis 10 Uhr abends Licht brennen zu dürfen, waren diese Stunden meine +Hauptarbeitszeit. Nach einigen Monaten erlangte ich, daß Liebknecht den +Vormittag von 8 bis 10 Uhr in meine Zelle mit eingeschlossen wurde, um +mir englischen und französischen Unterricht zu geben. Bei dieser +Gelegenheit wurden dann auch die Interna der Partei und die politischen +Vorgänge erörtert. Die Korrespondenz für mein Geschäft erledigte ich auf +Grund der Unterlagen, die mir täglich meine Frau sandte. + +Liebknecht und ich waren passionierte Teetrinker. Tee konnten wir aber +nicht erhalten, und das Selbstkochen war der Feuersgefahr wegen +verboten. Aber Verbote sind da, um übertreten zu werden. Ich verschaffte +mir also heimlich eine Teemaschine und die nötigen Ingredienzien. Sobald +am Abend der Aufseher die Zelle abgeschlossen und sich entfernt hatte, +begann ich Tee zu brauen. Um aber auch Liebknecht den Genuß desselben zu +ermöglichen, hatte ich mir im Garten einen etwa zwei Meter langen Stock +zurechtgeschnitten. An dessen Ende befestigte ich eine Schnur, die mit +einem von mir geflochtenen Netz versehen war, in das ich das gefüllte +Glas stellen konnte. War der Tee fertig, klopfte ich Liebknecht, dessen +Zelle neben der meinen lag, damit er ans Fenster trete. Alsdann +streckte ich den Stock mit dem Teeglas zum Fenster hinaus, beschrieb mit +demselben einen Bogen nach Liebknechts Fenster, worauf dieser, sobald er +das Glas in Händen hatte, mit einem: „Ich hab's, danke!“ den Empfang +anzeigte. Aehnlich machten wir's mit dem Austausch der Zeitungen, die +jeder sobald als möglich lesen wollte. Wir hatten vor den Fenstern der +Zellen, längs der Eisenstäbe, eine Schnur ohne Ende angebracht. Wer mit +dem Lesen seiner Zeitung fertig war, befestigte diese mit einem Haken an +die Schnur, darauf klopfte er dem Nachbar, der alsdann ans Fenster trat +und das Zeitungspäckchen zu sich heranlotste. + +Kaum hatte ich mich in meiner Zelle häuslich eingerichtet, als ich wie +ein Taschenmesser zusammenklappte. Die großen Anstrengungen und +Aufregungen der letzten Jahre hatten mir nicht zum Bewußtsein kommen +lassen, wie sehr meine Kräfte heruntergekommen waren. Jetzt, wo ich +gewaltsam zur Ruhe verwiesen worden war und die Spannung nachließ, brach +ich zusammen. Die Erschöpfung war so groß, daß ich wochenlang keine +ernste Arbeit vornehmen konnte. Aber absolute Ruhe und frische Luft +brachten mich allmählich wieder auf die Füße. Mein Hausarzt hatte recht, +als er meine Frau tröstete, ein Jahr Festung werde meiner Gesundheit +nützlich sein. Später stellte sich bei einer genauen ärztlichen +Untersuchung auch heraus, daß mein linker Lungenflügel stark tuberkulös +angegriffen war und eine Kaverne aufwies, die auf der Festung ausheilte. +Freunde, die das erfuhren, meinten lachend, da sei ich ja dem Staate +Dank schuldig, daß er mich auf die Festung geschickt. Ich antwortete: +Dank würde ich ihm schulden, hätte er mich zu meiner Gesundung zu +Festung verurteilen lassen. Ich hatte wieder einmal, wie so oft im +Leben, „Schwein“ gehabt. Was mein Verderben sein konnte, schlug zum +Guten aus. + +Nachdem unabänderlich feststand, daß ich für einunddreißig Monate meine +Freiheit eingebüßt hatte, entschloß ich mich, diese Zeit mit aller Kraft +zu verwenden, um die Lücken meines Wissens einigermaßen auszufüllen. +Sobald ich also wieder arbeitsfähig war, stürzte ich mich mit aller +Energie in die Arbeit, das beste Mittel, über eine unangenehme Situation +hinwegzukommen. Ich studierte hauptsächlich Nationalökonomie und +Geschichte. Zum zweitenmal studierte ich Marx' „Kapital“, dessen erster +Band damals nur vorlag, Engels' „Lage der arbeitenden Klassen in +England“, Lassalles „System der erworbenen Rechte“, Stuart Mills +„Politische Oekonomie“, Dührings und Careys Werke, Lavelayes +„Ureigentum“, Lorenz Steins „Geschichte des französischen Sozialismus +und Kommunismus“, Platos „Staat“, Aristoteles' „Politik“, Machiavellis +„Der Fürst“, Thomas Morus' „Utopia“, v. Thünens „Der isolierte Staat“. +Von den Geschichtswerken, die ich las, fesselten mich besonders Buckles +„Geschichte der englischen Zivilisation“ und Wilhelm Zimmermanns +„Geschichte des Deutschen Bauernkriegs“. Letztere gab mir die Anregung, +eine populäre Abhandlung zu schreiben unter dem Titel „Der Deutsche +Bauernkrieg mit Berücksichtigung der hauptsächlichsten sozialen +Bewegungen des Mittelalters“. Das Buch erschien bei W. Bracke in +Braunschweig; später, unter dem Sozialistengesetz, wurde seine +Verbreitung verboten. Eine zweite Auflage, die eine Neubearbeitung +erforderte, gab ich wegen Zeitmangel nicht mehr heraus. Auch die +Naturwissenschaften vernachlässigte ich nicht. Ich las Darwins „Die +Entstehung der Arten“, Häckels „Natürliche Schöpfungsgeschichte“, L. +Büchners „Kraft und Stoff“ und „Die Stellung des Menschen in der Natur“, +Liebigs „Chemische Briefe“ usw. Ebenso widmete ich dem Lesen der +Klassiker einen Teil meiner Zeit. Ich war von einer wahren Lern- und +Arbeitsgier befallen. + +Ferner übersetzte ich während der Haft _„Etude sur le doctrines sociales +du Christianisme“_ von Ives Guyot und Sigismond Lacroix, eine +Uebersetzung, die unter dem Titel „Die wahre Gestalt des Christentums“ +bis heute erscheint. Dazu verfaßte ich eine Gegenschrift unter dem Titel +„Glossen zu Ives Guyots und Sigismond Lacroix' Die wahre Gestalt des +Christentums, nebst einem Anhang über die gegenwärtige und zukünftige +Stellung der Frau“. Der letztere Aufsatz war, glaube ich, die erste +parteigenössische Abhandlung über die Stellung der Frau vom +sozialistischen Standpunkt aus. Die Anregung zu dieser Abhandlung hatte +mir das Studium der französischen sozialistischen und kommunistischen +Utopisten gegeben. Auch machte ich während dieser Haft die Vorstudien zu +meinem Buche „Die Frau“, das zuerst im Jahre 1879 unter dem Titel „Die +Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ erschien und trotz des +Verbreitungsverbots unter dem Sozialistengesetz acht Auflagen erlebte. +Im Jahre 1910 erschien die 50. und 51. Auflage. + +Es war schön und nützlich, daß ich die Zeit meiner Gefangenschaft zu +meinem eigenen Besten verwenden konnte, nichtsdestoweniger atmete ich +auf und begrüßte den Tag, an dem ich meine Freiheit wieder erlangte. Da +aber jeder Gefangene, der seiner baldigen Befreiung entgegensieht, von +großer Unruhe und Ungeduld gepackt wird und Tage und Stunden zählt, +suchte ich dieselbe dadurch zu meistern, daß ich mir vornahm, noch ein +Pensum Arbeit zu erledigen, das nur unter äußerster Aufbietung der +Kräfte bewältigt werden konnte. Nach dieser Methode verfuhr ich auch bei +späteren Freiheitsentziehungen; ich fand sie probat. + +Unsere Familien besuchten uns alle drei bis vier Wochen einmal. +Wir setzten schließlich durch, daß sie die Gültigkeit der +Rückfahrkarten — drei Tage — ausnutzen durften. Sie wohnten während der +Zeit im Dorfe. Jede der Frauen brachte ein Kind mit; Frau Liebknecht +ihren Aeltesten, der etwas jünger war als meine Tochter. Die Reise war +beschwerlich, namentlich in der ungünstigen Jahreszeit. Die Frauen und +Kinder mußten schon früh vor 7 Uhr von Hause fort; Geld für eine +Droschke auszugeben, hätte jede der Frauen als ein Verbrechen angesehen. +Von vormittags ½10 bis abends 7 Uhr durften sie in unserer Zelle +bleiben, auch den Spaziergang im Garten mitmachen. Das war für uns eine +große Erleichterung der Haft. + +Ich hatte ein großes Bedürfnis zu körperlicher Arbeit. So kam ich auch +auf den Gedanken, wir sollten uns zu diesem Zweck im Garten einige Beete +anlegen. Unser Gesuch, uns dazu ein Stückchen Land zu überweisen, wurde +abgelehnt, wir könnten aber von dem mehrere Meter breiten Rain, der sich +längs der Gartenmauer hinziehe, in Betrieb nehmen, so viel wir wollten. +So geschah es. Mit dem nötigen Werkzeug ausgerüstet, gingen wir an die +Arbeit. Liebknecht, der damals seine Abhandlung über die Grund- und +Bodenfrage schrieb, betrachtete sich als agrarischen Sachverständigen. +Er versicherte, wir hätten an dem Rain einen vorzüglichen Humusboden zu +bearbeiten. Als wir aber die Spaten in den Boden stießen, antwortete ein +Mark und Bein durchdringendes Aechzen. Wir stießen bei jedem Spatenstich +auf Steine. Liebknecht machte bei diesem Resultat ein langes Gesicht, +wir lachten unbändig. Statt aus Humus bestand der Boden aus magerem +Lehm, den wir, wie unser Aufseher versicherte, düngen müßten, wenn wir +ernten wollten. Liebknecht und ich nahmen also einen großen Korb und +zogen nach einem Komposthaufen, der in einer Ecke des Gartens angelegt +war. Wer einen solchen Komposthaufen kennt, weiß, daß, wenn man ihn +ansticht, ihm Düfte entströmen, die alle Wohlgerüche Indiens und +Arabiens nicht überwinden können. Aber wir gingen mit wahrer +Todesverachtung ans Werk, und nachdem wir den Korb gefüllt, steckten wir +durch die Henkel zwei Stangen und trabten, Liebknecht vorn, ich hinten, +nach unserem Beet. Die im Garten arbeitenden Frauen lachten aus vollem +Halse, als sie unser Tun sahen. Ich habe damals und später öfter +geäußert: Mutete der Staat uns eine solche Arbeit zu, wir hätten sie mit +höchster Empörung zurückgewiesen. Das ist der Unterschied zwischen Zwang +und freiem Willen. + +Wir hatten unser Beet mit Radieschensamen bestellt und warteten +sehnsüchtig auf die Ernte. Der Same ging prachtvoll auf, das Kraut schoß +mächtig in die Höhe, aber die ersehnten Radieschen zeigten sich nicht. +Jeden Vormittag, sobald wir unseren Spaziergang antraten, veranstalteten +wir ein Wettrennen nach dem Radieschenbeet, denn jeder wollte die ersten +Früchte ernten. Vergebens. Als wir nun eines Tages kopfschüttelnd um +unser Beet standen und tiefsinnige Betrachtungen über die +fehlgeschlagene Ernte anstellten, lachte unser Aufseher, der in einiger +Entfernung unserer Unterhaltung zugehört hatte, und sagte: „Warum Sie +keine Radieschen bekommen, meine Herren, das will ich Ihnen sagen, Sie +haben zu fett gedüngt.“ Tableau! So war also alle unsere Mühe vergeblich +gewesen. + + * * * * * + +In den ersten Monaten des Jahres 1873 sollte wieder der Reichstag +zusammentreten, und so mußte die sächsische Regierung wohl oder übel +eine Neuwahl für den von mir innegehabten Wahlkreis anordnen. Der +Wahltag wurde auf den 20. Januar festgesetzt. Die ganze Partei +betrachtete es als eine Ehrensache, nicht bloß das Mandat für mich +wiederzuerobern, sondern auch mit höherer Stimmenzahl. Was an +agitatorischen Kräften zur Verfügung stand, eilte in den Wahlkreis. +Auer, Motteler, Vahlteich, Wilhelm Stolle, Walster, York usw. +gingen an die Arbeit. Als Gegenkandidat hatten die Gegner den +Bezirksgerichtsdirektor Petzoldt in Glauchau aufgestellt, ein wegen +seines leutseligen Wesens im Wahlkreis sehr beliebter Herr. Aber das +half ihnen nichts. Am Abend des Wahltags wurden für mich 10740, für +meinen Gegner 4240 Stimmen gezählt. Ich brauche nicht zu versichern, daß +dieses Wahlresultat im Wahlkreis wie in der ganzen Partei stürmischen +Jubel hervorrief. Das Resultat war eine klatschende Ohrfeige für den +Gerichtshof, der mir das Mandat aberkannt hatte. Ich hatte fast 4000 +Stimmen mehr erhalten als am 3. März 1871. Und damit nicht genug. Einige +Tage nach der Wahl veröffentlichte mein besiegter Gegner in der Presse +des Wahlkreises seinen Dank an die Partei, die den Wahlkampf gegen ihn +in so anständiger Weise geführt habe. + +Auer und York kamen nach der Wahl, nachdem sie zuvor meine Frau in +Leipzig besucht und sie beglückwünscht hatten, zu mir nach Hubertusburg, +um mir ebenfalls zu gratulieren. Es war ein fröhliches Wiedersehen. + +Als dann die Session des Reichstags begann, machte ich den Versuch, von +der sächsischen Regierung für die Teilnahme an dessen Sitzungen Urlaub +zu erhalten. Wie ich vorausgesehen, ohne Erfolg. Nunmehr stellte +Schraps, unterstützt von einer Anzahl liberaler Abgeordneter, den +Antrag, mich für die Dauer der Session aus der Strafhaft zu entlassen. +Dieser Antrag wurde mit großer Mehrheit abgelehnt. Der Abgeordnete v. +Mallinckrodt erklärte, er bedauere, daß ich an den Sitzungen des +Reichstags nicht teilnehmen könne, aber der § 31 der Reichsverfassung +erstrecke die Immunität der Abgeordneten nicht auf die Strafhaft. + +Ich bekenne, daß ich diesen Beschluß nicht bedauerte. Wäre ich +freigekommen, so mußte ich um die Urlaubszeit länger im Gefängnis +zubringen. Und da mich dieses Schicksal während drei bis vier Sessionen +getroffen haben würde, wäre statt im Frühjahr 1875 frühestens Sommer +1876 meine Haft zu Ende gewesen. + +In einem konstitutionellen Staate sollte es eine selbstverständliche +Sache sein, daß ein Abgeordneter, der in Strafhaft sich befindet, bei +Beginn einer Session sofort aus der Haft entlassen wird, um seine +Pflichten als Abgeordneter erfüllen zu können. Davon will man in +Deutschland nichts wissen. Und doch ist für einen Abgeordneten, der wie +ich mehrere Jahre Strafhaft zu verbüßen hatte, die regelmäßige +Beurlaubung während einer Session keineswegs eine Annehmlichkeit, wie +irrtümlicherweise allgemein angenommen wird. Ich wenigstens würde sie +als eine _Verschärfung_ meiner Haft angesehen haben, weil sie vor allem +meine wirtschaftliche Existenz noch schwerer geschädigt haben würde. + +Liebknecht und ich hatten selbstverständlich das Bedürfnis, wenigstens +mit den führenden Genossen draußen in möglichster Fühlung zu bleiben. +Das war allerdings nur in beschränktem Maße möglich. Konnten wir auch +öfter Briefe heimlich hinausbringen, die Gefahr bestand, daß durch eine +ungeschickte Antwort dieser Verkehr dem Anstaltsdirektor verraten wurde, +und das hätte für uns unangenehme Folgen gehabt. Es galt also, +vorsichtig zu sein. So schrieben wir nach Möglichkeit direkt, obgleich +diese Korrespondenz der amtlichen Kontrolle unterlag. Ab und zu nahm +dieselbe auch einen humoristischen Charakter an. Einen Brief, den ich +von Most als Antwort auf einen solchen von mir aus dem Zwickauer +Landesgefängnis erhielt, woselbst er wegen verschiedener Preß- und +Redevergehen über ein Jahr zu verbüßen hatte, bringe ich hier zum +Abdruck, weil er zugleich die Persönlichkeit Mosts am besten +charakterisiert. Most antwortete mir: + + Zwickau, den 21.4.73. + + Mein lieber Bebel! + + Aus Deinem Schreiben, das wie ein lichter Blitzstrahl aus düsterem + Himmel in meine Einsiedelei fuhr, ersehe ich und freue mich darüber, + daß es Euch ruchlosen Bösewichtern, die Ihr mittels Stahlfedern und + Tintentöpfen den Staat in Gefahr gebracht hattet, ganz vortrefflich + ergeht. — Ihr wollt nun auch wissen, wie es mit mir steht; glaub's + gern, da ich mir denken kann, daß es Euch gerade so ergehen wird, wie + es mir erging, ehe ich hier meinen Einzug hielt, daß Ihr nämlich bei + dem Namen Zwickau stets an ein Zwicken denkt und ein „Au“schreien zu + vernehmen wähnt. Ich muß gestehen, daß es mir trotz meiner zähen + Katzennatur und meines Galgenhumors — ohne mich gerade einer + Angstmichelei hinzugeben — nicht ganz so wohl war, wie den bekannten + 500 Säuen, wenn ich vor meiner Hieherkunft an dieselbe dachte, jetzt + aber, wo ich da bin, hat die Sache ein ganz anderes + Gesicht. — Natürlich solch ein Jagdschloßleben wie Ihr führe ich nicht, + sondern eher ein Karthäusermönchsdasein, allein Langeweile habe ich + desungeachtet auch nicht, da ich ja noch gar vieles nachzuholen habe + und jetzt daher die Gelegenheit zu fleißigem Studieren benütze. Zur + Zerstreuung dienen mir die Zeitungen, welche ich erhalte, und alle + meine leiblichen Bedürfnisse befriedige ich _in gewohnheitsmäßiger + Weise_ (Kost, Kleidung usw.). Ueberhaupt erdulde ich nur eine + Freiheits-, nicht aber auch eine Leibesstrafe, wofür ich alles halte, + was dem Gefangenen außer der Entziehung seiner Freiheit angetan wird. + Bequemlichkeiten habe ich, von einem zu schriftlichen Arbeiten + geeigneten Tische abgesehen, nicht. Nach einem eigenen Bette empfinde + ich kein Bedürfnis, während ich aber mein eigenes Kopfkissen benütze. + Die Zelle ist eben eine solche, wie sie Vahlteich schilderte (der + ebenfalls längere Zeit im Landesgefängnis zu Zwickau war); andere gibt + es hier nicht; man gewöhnt sich indes bald daran, zumal diese Zellen + trotz des hochgelegenen Fensters sehr hell sind. Spazieren gehe ich + pro Tag 2 Stunden in einem Raume, welcher ein Mittelding zwischen Hof + und Garten ist, und zwar allein. Besuche macht mir niemand, weshalb + ich natürlich auch keine annehmen kann. Dir wird es seinerzeit nicht + verwehrt werden, daß Du mit Deinen Familiengliedern verkehrst. Ebenso + wird man Dir so wenig wie mir den Bart abnehmen wollen. Licht brenne + ich bis 10 Uhr. So, das wäre das Wesentlichste, was ich Dir von meiner + Sozialistenklause aus berichten kann. Betreffs der Studien seid Ihr + freilich schön heraus, da Ihr gleich Euren Professor bei Euch habt. + Ich fühle es besonders bei Sprachstudien, wie sehr da ein Lehrer + mangelt, zumal ja die Konversation ohne einen solchen gar nicht + gepflogen werden kann. Apropos! Was für ein Lehrbuch benütztest Du + fürs Französische? Mir hat Vahlteich auf meinen Wunsch nach einer + französischen Grammatik einen ganz antiken, unbrauchbaren, + unausstehlich-umständlichen und verkehrten Schunken (Hirzel) + übermittelt, den ich schon manchmal vor Zorn am liebsten mitten + entzwei gerissen hätte. — Was Du von Thiers schreibst, ist klar. Dieser + Knirps ist der größte Intrigant Frankreichs, der lebendig gewordene + Geldsack und zugleich die einzige Person, welche die Sache der + Monarchie zu fördern verstand, freilich ohne Erfolg, allein der Plan + war wenigstens nicht schlecht angelegt: den Status quo so lange wie + möglich aufrecht zu erhalten und so schön langsam, gleichsam + unmerklich die Republik erblassen und die Monarchie erscheinen zu + lassen. Jeder andere Monarchist würde an seiner Stelle längst einen + Staatsstreich gemacht haben und — dabei das Genick gebrochen, wie + überhaupt der Monarchie den letzten Rest gegeben haben. In + Spanien — ist man zu glauben versucht — haben die regierenden + Tratschweiber vor lauter Schwätzen ihr bißchen Verstand verloren, + sonst könnte es doch wahrhaftig nicht möglich sein, daß sie mit der + Handvoll karlistischer Mordbrenner nicht fertig werden. Nun, + hoffentlich wird da, wie in Frankreich, bald energisch + ausgemistet. — Du staunst über die Fortschritte, die unsere Sache in + der jüngsten Zeit gemacht hat; nun, die Ursachen sind zahlreich genug, + um solche Wirkungen zu erzeugen. Ich sage Dir: nur 1000 Mann wie Du, + oder selbst nur wie ich (ohne Selbstüberhebung) — und Europa, nicht + bloß Deutschland, ist binnen 5 Jahren sozialistisch. Es erstehen zwar + neue Kräfte genug, und wenn die Feigheit nicht so groß wäre, zeigte + sich noch mancher, aber es sind viel zu wenig. Man sollte glauben, die + meisten Menschen fallen bei der Geburt auf den Kopf oder gar auf den + Mund, weil sie nicht imstande sind, den letzteren ordentlich + aufzumachen. Und wir brauchen weiter nichts, als bloß Leute, die Mund + und Herz am rechten Flecke haben. — Wenn ich mich schon in keinen + großen Hoffnungen wiege, so freue ich mich immerhin gewaltig auf die + nächste Wahlkampagne. Wenigstens wird agitatorisch gefletscht werden, + daß die Funken sprühen. Die Situation ist für uns wie geschaffen. + Fortschritts-Bankrott, Siegestaumel-Katzenjammer, Invalidenfrage, + Wohnungsfrage, Schulfrage, Milliardenfrage, Friedensfrage, + Gründerfrage, „Kulturkampf“-Angelegenheit, Fabrikantenbünde, + Maßregelungen, Verfolgungen, Schubsereien usw. werden ihr Schärflein + zu unsern Gunsten beitragen. Somit konserviere ich meine Lungenflügel + und wetze meinen Schnabel, um dereinst mit wahrer Wollust, wenn die + Wahlschlacht tobt, so manchen politischen Sumpfpiraten in den Grund + bohren zu können. — In Sachsen freilich werde ich direkt nicht + lospauken können, allein es gibt anderwärts auch viele Leute, denen + man die Bretter loslösen muß, welche vor ihre Hirnkästen genagelt + sind. Aus Sachsen wurde ich nämlich polizeilich ausgewiesen, wiewohl + sich die höheren Instanzen noch nicht darüber ausgelassen haben, ob + dieses Ding der gesetzlichen Unmöglichkeit auch durchgeführt werden + soll, allein ich erwarte nichts Gutes, es ist mir aber auch ganz + „schnuppe“, wie die Sache abläuft. Weniger „schnuppe“, ja geradezu + unbegreiflich ist es mir, daß zu diesem Akt ...[1] der sanfte + Julius[2] bisher nicht zu bewegen war, einen Kommentar zu liefern. + Richtig, das Schönste hätte ich bald vergeben: im Falle ich trotz + Ausweisung wieder in Sachsen mich zeigen sollte, wurde mir aktenmäßig + bedeutet, _steckt man mich in ein Korrektionshaus!!_ — Und auch darüber + wird geschwiegen. — Nun, wenn ich wieder frei bin, ist auch noch + Gelegenheit zum — — —. + + Im allgemeinen befinde ich mich sehr wohl und bin bei ausgezeichnetem + Humor. Jetzt lebe wohl, grüße alle Insassen des Sozialistenseminars + und sei auch Du bestens gegrüßt von Deinem + + Joh. Most. + +Einen anderen Charakter wie der Mostsche Brief hatte ein solcher von +Kokosky an uns. Dieser, der 1871 in Königsberg die „Demokratischen +Blätter“ herausgab, mußte diese bald eingehen lassen und trat Ende 1872 +auf Einladung von Bracke in die Redaktion des „Braunschweiger +Volksfreund“. Kokosky hatte eine sehr humoristische Ader, wovon die +Kneipabende der damaligen Parteitage zu erzählen wissen. Auch er verfiel +dem Schicksal der Parteiredakteure jener Zeit. Es währte nicht lange, +und er hatte so und so viele Monate Haft auf dem Rücken. Diese verdarben +ihm aber nicht den Humor, wie folgender Brief zeigt: + + Braunschweig, den 14. Mai 1873 + + Werte Freunde! Sie haben es gut; vorsorglich hat der väterliche Staat + Sie in sein Gewahrsam genommen, damit Sie in beschaulicher Stille die + Segnungen einer guten Regierung kennen lernen. Haben die drei Männer + im feurigen Ofen Loblieder singen können, warum sollt Ihr es nicht, + wenn es anders die Festungsordnung nicht verbietet, hinter den Mauern + von Hubertusburg können? + + Auch mir hat eine gütige Vorsehung drei Monate Festungshaft gewährt, + damit ich wenigstens für einige Zeit den Schreckruf nicht zu hören + brauche: Herr Kokosky, es fehlt Manuskript! Schon der Gedanke hat + etwas Beruhigendes, daß etwaige Briefe, die man empfängt, erst vorher + die Zensur passieren müssen, so daß unangenehme und aufregende + Mitteilungen fern gehalten werden. So enthalte ich mich auch aller + revolutionären Mitteilungen, so gern ich Euch auch über den Stand der + Rüstungen, über die äußerst gelungene Anfertigung der Handgranaten und + Nitroglyzerinbomben, die wahrhaft Wunder verrichten, aufklären möchte. + Nur das eine: + + Hamburg, 27. Mai. Petroleum fester; loco R.-M. 16,20-80, per Mai + 16,20, Aug.-Dez. 17 B., 16,90 G. + + Die Bourgeoisie fängt bereits an, Sie zu beneiden. Als neulich in + einer Bourgeois-Gesellschaft auf die Sozialdemokraten losgezogen + wurde, meinte ein für sehr fein, ja für oberfein gehaltener Börsier: + „Bei den heutigen Börsennachrichten geht mir der Kopf so mit Grundeis, + daß ich Bebel beneiden möchte, daß er ruhig kann sitzen in + Hubertusburg und braucht sich nicht zu kümmern um die Schwankungen der + Kurse. Man gebe so einem Sozialdemokraten so für 30000 Taler + Wechslerbank zu 130 und lasse sie dann fallen auf 85, oder Louise + Tiefbau mit 15 Prozent über Pari, und ich kann Ihnen sagen, sie sind + gestraft genug.“ So, von dieser Seite müßt Ihr die Sache betrachten + lernen, dann wird das gärende Drachengift sich wieder in die Milch der + frommen Denkungsart verwandeln, mit welcher und mit den herzlichsten + Grüßen — ich schließe, da der Brief zur Post gebracht werden soll — ich + bleibe + + Euer treuer Freund und Parteigenosse + + S. Kokosky. + + * * * * * + +Am 29. Oktober 1873 starb der König Johann von Sachsen, und sein Sohn +Albert trat an seine Stelle. Da in der Regel ein solcher Thronwechsel +mit einer Amnestie verbunden ist, hofften auch unsere Frauen auf eine +solche. Man konnte ihnen das nicht verargen, denn sie litten am +härtesten unter unserer Verurteilung und Haft, die wir als eine nicht zu +vermeidende Konsequenz unserer Tätigkeit ansahen. Sobald wir aber von +den erweckten Hoffnungen erfuhren, schrieben wir ihnen, sie möchten +sich nicht mit falschen Hoffnungen tragen. Eine Amnestie werde kommen, +aber nicht für uns. In dem Briefe an meine Frau bemerkte ich: der neue +König werde eher alle Zuchthäusler Sachsens begnadigen als uns. Die +Amnestie fiel sehr mäßig aus, von den zahlreichen gefangenen +Parteigenossen in den verschiedenen sächsischen Gefängnissen wurde nach +meiner Erinnerung nicht einer getroffen. Und das war gut so. Die +allgemeinen Reichstagswahlen, die Anfang 1874 stattfanden, weil damals +der Reichstag nur eine dreijährige Legislaturperiode hatte, zeigten eine +Stimmung, die durch Amnestien nicht hätte verdorben werden dürfen. + +Mir kam der Gedanke, daß ich mich auch als Gefangener in sehr nützlicher +Weise an der Wahlagitation beteiligen könnte durch Abfassung einer +Broschüre über die bisherige Tätigkeit des Reichstags, die den +Kandidaten und Agitatoren der Partei das nötige Material liefere. +Gedacht, getan. Die Broschüre erschien rechtzeitig unter dem Titel: Die +parlamentarische Tätigkeit des Reichstags und der Landtage und die +Sozialdemokratie von 1871 bis 1873. Als Anhang hatte ich derselben +die wichtigsten Bestimmungen des Reichswahlgesetzes, der +Wahlgesetzverordnung, der einschlägigen Bestimmungen des +Reichsstrafgesetzbuchs, der Vereinsgesetze und Winke für die Agitation +angefügt. Die Broschüre, die anonym erscheinen mußte, wurde von der +Partei mit großer Genugtuung begrüßt. Zwei Jahrzehnte später machte mir +sogar der Abgeordnete Eugen Richter ein Kompliment darüber, als wir uns +eines Tages auf einer Reise nach Hamburg in einem Wagenabteil +begegneten. Wir hatten bis dahin, obgleich wir damals bereits über +fünfundzwanzig Jahre Kollegen im Reichstag gewesen waren, nie +miteinander eine Privatunterhaltung gepflogen. Diese kam jetzt in Fluß. +Im Laufe der Unterhaltung erzählte mir Richter, er habe in den siebziger +Jahren in einer thüringischen Stadt einen Vortrag in einer +Volksversammlung gehalten, wobei in der darauf stattgefundenen Debatte +ihm ein Parteigenosse von mir eine Reihe Sünden vorgehalten, die er zum +Teil längst vergessen gehabt habe. Da er bemerkte, daß der Redner die +Vorwürfe aus einer Broschüre zitierte, habe er einen seiner +Parteigenossen gebeten, sich an den Redner heranzuschlängeln, um +festzustellen, was für eine Broschüre es sei, aus der er zitiere. Er +habe alsdann sich dieselbe beschafft und aus dem Inhalt ersehen, daß die +der Broschüre zugrunde liegende Idee eine sehr gute sei. Darauf habe er +sich entschlossen, den Gedanken, wenn auch in anderer Form, ebenfalls +für seine Partei zur Durchführung zu bringen. So sei sein bekanntes +politisches Abcbuch entstanden. Ich war in diesem Augenblick ein wenig +stolz, meinem vielgerühmten politischen Gegner als Lehrmeister gegenüber +zusitzen. Später haben bekanntlich auch die anderen Parteien, unserem +Beispiel folgend, derartige politische Leitfäden herausgegeben. + +Eine andere Wirkung meiner Broschüre war, daß ein Kaplan Hohoff aus +Hüffe in Westfalen sich veranlaßt sah, in mehreren Artikeln, die der +„Volksstaat“ veröffentlichte, gegen meine Auffassung des Christentums +und des Kulturkampfes zu polemisieren. Ich antwortete in einer Reihe +Artikel, die nachher als Broschüre unter dem Titel „Christentum und +Sozialismus“ erschienen sind und bis heute eine größere Zahl Auflagen +erlebten. + +Die Wahlen waren auf den 10. Januar 1874 angesetzt worden. Das +Wahlresultat war für uns sehr befriedigend. Wir hatten auf den +ersten Hieb sechs Abgeordnete durchgebracht — Seib-Freiberg, +Liebknecht-Stollberg-Schneeberg, Most-Chemnitz, +Vahlteich-Mittweida-Burgstädt, Motteler-Crimmitschau-Zwickau und mich in +meinem alten Kreise Glauchau-Meerane. Im 13. Wahlkreis Leipzig-Land war +Johann Jacoby in Stichwahl gekommen. Der Allgemeine Deutsche +Arbeiterverein hatte zwei seiner Kandidaten durchgebracht. Hasenclever +in Altona und Reimer im schleswig-holsteinschen Wahlkreis Seegeberg. +Hasselmann kam in Barmen-Elberfeld zur Stichwahl und siegte. Auch Johann +Jacoby siegte mit 7577 gegen 6674 Stimmen, aber zur allgemeinen und +unangenehmen Ueberraschung der Partei lehnte er das Mandat ab. Es war +richtig, er hatte bei der Befragung, ob er eine Kandidatur annehme, +nicht auch die Zusage gemacht, daß er eine Wahl annehmen werde. Er hatte +in seinem Briefe ausgeführt: Den Parteigenossen sei seine Ansicht über +das preußisch-deutsche Kaisertum bekannt; sie möchten hiernach +ermessen, wie wenig Verlangen er trage, an den unersprießlichen +Reichstagsverhandlungen sich zu beteiligen. Sollte — aus taktischen +Gründen — die Partei für gut befinden, ihn als Kandidaten aufzustellen, +so habe er nichts dagegen, er müsse jedoch im voraus bemerken, daß +er — im Falle der Wahl — die freie Entscheidung über Annahme oder +Ablehnung des Mandats sich vorbehalte. In dem Ablehnungsbrief bemerkte +er, er habe seine Kandidatur nur als Protestkandidatur aufgefaßt, denn +wie er über die neue Ordnung der Dinge in Deutschland denke, habe er +schon am 6. Mai 1867 im preußischen Abgeordnetenhaus ausgesprochen. Er +glaube nicht daran, daß man auf parlamentarischem Wege einen +Militärstaat in einen Volksstaat verwandeln könne. + +Der Fehler lag beim Wahlkomitee, das auf seinen ersten Brief keine klipp +und klare Antwort verlangte. Die Aufregung über den Schritt Jacobys +wurde in der Partei noch größer, als bei der Nachwahl unser Kandidat +Wilhelm Bracke mit 5676 gegen nahe an 8000 Stimmen, die auf den Gegner +fielen, unterlag. Ich selbst war über den Vorgang so aufgebracht, daß +ich einen heftigen Brief an Dr. Guido Weiß, den Freund Jacobys, schrieb, +worin ich die Ablehnung der Wahl tadelte. + +Die beiden Fraktionen der Sozialdemokratie waren also nunmehr durch 9 +Abgeordnete im Reichstag vertreten. Die Stimmenzahl, die auf ihre +Kandidaten fiel, betrug 351670, davon kamen auf die Kandidaten des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins 180319, auf die Kandidaten der +Sozialdemokratischen Arbeiterpartei 171351. Beide Fraktionen musterten +also eine fast gleich starke Anhängerzahl; die Gesamtstimmenzahl war +gegen 1871 um 200 Prozent, im ganzen um 236000 Stimmen gestiegen. + +Dieser glänzende Wahlausfall hatte in den höheren Regionen wie in den +bürgerlichen Kreisen stark verschnupft. Ein solches Resultat hatte man +nicht erwartet. Es zeigte sich, daß allen Verfolgungen und Schikanen zum +Trotz die Partei ständig wuchs, und so verdichteten sich die schon +vorhandenen Gedanken in den maßgebenden Kreisen mehr und mehr, der +Partei mit Ausnahmemaßregeln auf den Leib zu rücken. + + * * * * * + +Das tägliche Einerlei unserer Haft wurde Ende Februar 1874 durch einen +Besuch von Gustav Rasch in amüsanter Weise unterbrochen. Rasch war ein +wenig Sensationsschriftsteller, er liebte es, in seinen Arbeiten die +Farben etwas dick aufzutragen. Er hatte sich dadurch einen Namen +gemacht, daß er Ende der fünfziger und in der ersten Hälfte der +sechziger Jahre in der „Gartenlaube“ und mehreren großen liberalen +Zeitungen zahlreiche Artikel veröffentlichte über die Schandwirtschaft +der Oesterreicher in Venetien und die „Tyrannenherrschaft“ der Dänen in +Schleswig-Holstein, die großes Aufsehen erregten. Liebknecht und ich +hatten ihn in Berlin kennen gelernt. Jetzt kam er hauptsächlich wohl zu +einem Besuch, weil er hoffte, Material für einen Artikel zu erhalten. +Solche Besuche fanden auf dem Bureau in Gegenwart eines Beamten statt +und sollten nicht über eine Stunde währen. Das paßte aber Rasch nicht. +Er verlangte vom Direktor, mit uns unter vier Augen sprechen zu dürfen, +auch wünschte er unsere Zellen zu sehen. Der Direktor lehnte dieses +Ansinnen mit den Worten ab: Er (Rasch) solle sich doch in seine Lage +denken, um einzusehen, daß das nicht gehe; wäre er (Rasch) Direktor, +könnte er auch nicht anders handeln, worauf Rasch mit seiner göttlichen +Unverfrorenheit antwortete: O, wenn er Direktor wäre, er erlaubte es +sicher! Eine Antwort, die uns alle zu schallendem Gelächter veranlaßte. + + +FUSSNOTEN: + +[1] Die Stelle wurde durch den Kontrollbeamten gestrichen. + +[2] Vahlteich. Most beschuldigte Vahlteich, daß er seine Kandidatur für +den Reichstag unmöglich zu machen suche und die Veröffentlichung +verschiedener Mitteilungen für die „Chemnitzer Freie Presse“ +unterdrückte. + + + + +Königstein. + + +Im Laufe des März wurde uns offiziell mitgeteilt, wir würden am 1. April +nach der Festung Königstein überführt werden. Die Nachricht war uns +nicht angenehm. Liebknechts Haft ging Mitte April, die meine Mitte Mai +zu Ende und da kam uns ein Umzug mit unseren Büchern und Skripturen und +verschiedenen Möbelstücken sehr ungelegen. Im letzten Moment wurde aber +die Uebersiedlung verschoben, und so konnte Liebknecht am 15. April von +Hubertusburg nach Leipzig reisen. Ich aber mußte am 23. April 1874 die +Reise nach dem Königstein in Begleitung eines Beamten in Zivil +unternehmen. Als ich mich am Tage vor der Abreise vom Direktor +verabschiedete und ihm für sein Entgegenkommen in so mancher +Angelegenheit dankte, war er sehr gerührt. Er drückte mir zum Abschied +warm die Hand und entließ mich mit den Worten: Gehen Sie mit Gott! Der +beste Wunsch, den er von seinem Standpunkt aus wohl glaubte mir mitgeben +zu können. Als ich dann am nächsten Morgen 5 Uhr die Reise antrat, war +auch die ganze Familie des Aufsehers versammelt, um sich von mir zu +verabschieden. Dieser wurde nunmehr nach dem Waldheimer Zuchthaus +versetzt; ich glaube, die Zeit, in der er uns unter seiner Obhut hatte, +war die schönste seines Lebens. Er starb bald nachher. + +Der 23. April war ein herrlicher Tag, das ganze Elbtal grünte und blühte +in voller Frühlingspracht. Beim Aufstieg auf die Festung begegneten wir +dem Gouverneur der Festung, Generalleutnant v. Leonhardti, dem ich durch +meinen Begleiter vorgestellt wurde. Während wir nun selbander den Weg +nach oben zurücklegten, ließ sich der General in eine Unterhaltung mit +mir ein. Er wünschte zu wissen, wie die Tagesordnung und die Behandlung +in Hubertusburg gewesen sei. Nachdem ich ihm die gewünschte Auskunft +gegeben, meinte er: Na, schlechter sollen Sie es bei mir nicht haben. + +Als Aufenthalt wurde mir ein altes, nach früheren Begriffen bombenfestes +Gebäude angewiesen, das vordem Zeughaus war. Auf dem Korridor standen +zur Stütze des Daches Balken von einer Dicke, wie man sie nur noch auf +den Böden alter Kirchendächer sieht. Die Stube war geräumig und hatte +zwei schießschartenartige Fenster, die mit dicken Eisenstäben versehen +waren, als gelte es, Mörder und Mordbrenner in Gewahrsam zu halten. An +der einen Wand stand ein riesiger Kachelofen, in dem die fünf Pfund +Kohlen, die mir als tägliches Deputat der Staat gewährte — denn es war +trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit und dem prächtigen Frühlingswetter +in dem Raum bitter kalt —, verschwanden. Ich mußte mir auf eigene Kosten +noch Feuerungsmaterial beschaffen, wollte ich nicht frieren. Hätten wir +unsere ganze Haft dort oben verbringen müssen, wir hätten ein kleines +Vermögen für Feuerungsmaterial zugesetzt. + +Eine interessante Persönlichkeit war mein Wärter. Dieser, ein +siebzigjähriger Mann, leistete schon seit 36 Jahren auf der Festung +Dienst und hatte 1849 zwei Mitglieder der provisorischen Regierung +Sachsens, Tod und Heubner, ferner August Röckel und einen der Leiter des +Dresdener Maiaufstandes, Michael Bakunin, den später nach den einen +berühmt, nach den anderen berüchtigt gewordenen Führer der Anarchisten, +in seiner Obhut. Die Genannten befanden sich auf der Festung in +Untersuchungshaft. + +Sehr beschränkt war der Raum für meinen Spaziergang, der sich auf einen +einzigen kurzen Weg in dem kleinen Park der Festung erstreckte und bei +dem regelmäßig ein Posten Wache stand, um die zahlreichen Besucher des +Königsteins mir fern zu halten. Das einzig Zufriedenstellende war die +Kost, die ich aus einer kleinen Wirtschaft auf der Festung bezog. Der +Wirt schien mich in sein Herz geschlossen zu haben; das Essen war nicht +nur sehr gut und billig, sondern auch sehr reichlich. Ich war +verwundert, als ich am ersten Tage die für mich bestimmte Portion sah, +war aber höchlich überrascht, als ich sie ganz verzehrte. Die Höhenluft +tat ihre Wirkung. Die Soldaten der kleinen Besatzung klagten, daß sie +hier oben nie satt würden und froh seien, wenn sie abgelöst würden, was +alle drei Monate geschah. + +Endlich kam der 14. Mai, der Tag der vorläufigen Befreiung. Unter denen, +die mich zu Hause begrüßten, befand sich auch Eduard Bernstein, der +extra zu diesem Zweck von Berlin nach Leipzig gekommen war. Ich hatte +Bernstein bereits 1871 in Berlin kennen gelernt. Durch Vermittlung +meines Rechtsanwalts Otto Freytag hatte sich das Ministerium +herbeigelassen, mir bis zum Antritt der neunmonatigen Haft im +Landesgefängnis in Zwickau eine sechswöchige Frist zu gewähren. Da in +diese Pause Pfingsten fiel, machte ich mit meiner Frau und Tochter und +einigen Freunden einen Ausflug nach der sächsischen Schweiz und dem +Königstein. Hier machte es mir großes Vergnügen, daß die Zelle, in der +ich drei Wochen kampiert hatte, mittlerweile zu den Sehenswürdigkeiten +der Festung avanciert war. Der Fremdenführer machte auf die Fenster der +Zelle, die mich damals beherbergte, aufmerksam. Später ist ihm das +verboten worden. Für die Dresdener Parteigenossen hieß der Königstein +längere Zeit scherzweise die Bebelburg. + + + + +Zwickau. + + +Nachdem ich vor meinem Haftantritt dem Direktor des Landesgefängnisses +einen Besuch abgestattet, um zu erfahren, welche Erleichterungen er mir +als politischer Gefangener während der Haft gewähren wollte, rückte ich +am 1. Juli 1874 dort ein. Die Einrichtungen des Gefängnisses und die +Erleichterungen, die den meisten politischen Gefangenen gewährt wurden, +sind bereits in dem Mostschen Brief an mich erwähnt. Ich kann hier +darauf Bezug nehmen. Den Besuch der Familie sollte ich monatlich einmal +auf eine Stunde unter Aufsicht eines Beamten genießen können. Nachdem +meine Frau einen solchen im dritten Monat meiner Haft gemacht hatte, +verzichteten wir beiderseitig darauf, den Besuch zu erneuern. Zu den +Kosten der Reise auch noch die Beamtenkontrolle über jedes Wort, das man +miteinander sprach, in den Kauf nehmen zu sollen, das war ein zu großes +Opfer. Anderweite Besuche empfing ich auch nur vereinzelt, ich sehnte +mich nicht danach. + +Ich stürzte mich nunmehr wieder mit allem Eifer in die Arbeit. Sehr +aufregend wirkte auf mich, als von meiner Frau Berichte einliefen über +den schweren Stand, den wir geschäftlich hatten, denn mittlerweile war +die große Industriekrise mit aller Wucht hereingebrochen und machte sich +obendrein für uns die ruinöse Konkurrenz eines neu errichteten +Fabrikbetriebs geltend. Wer eine solche Situation nie durchgemacht hat, +ahnt nicht, wie niederdrückend das Bewußtsein vollständiger +Hilflosigkeit auf den Gefangenen wirkt. Meine Hauptgefängnisarbeit war +die schon erwähnte Geschichte des deutschen Bauernkriegs — die längst +vergriffen ist —, die aber schon aus dem Grunde kein Meisterwerk werden +konnte, weil mir die nötigen Hilfsmittel fehlten. Ich schrieb das Buch, +weil mir der große deutsche Bauernkrieg von 1525 und die ihm unmittelbar +vorhergehenden revolutionären Bauernaufstände mit das wichtigste +Ereignis der neueren deutschen Geschichte zu sein dünkt, das die +offizielle Geschichtschreibung zu schildern schmählich vernachlässigte. + +Am 1. Januar 1875 erhielt ich durch Motteler eine Depesche, daß am +Vorabend York gestorben sei. York war ein knorriger und eigenwilliger +Charakter, aber auch ein Mann von unermüdlicher Tätigkeit und höchster +Opferwilligkeit. Dabei war er äußerst bescheiden. Er begnügte sich in +den ersten Jahren als Parteisekretär mit einem Gehalt, das ihm nicht +einmal erlaubte, wie er mir mal schrieb, sich eine neue Hose +anzuschaffen. Er starb arm wie eine Kirchenmaus, die Partei dankte ihm +dadurch, daß sie die Sorge für seine Frau und Kinder übernahm. An Yorks +Stelle war schon den Herbst zuvor Auer als Parteisekretär eingetreten. + +Endlich waren auch die neun Monate Zwickau überstanden. Am 1. April +1875 — dem 60. Geburtstag Bismarcks — wurde ich entlassen. Der Abschied +zwischen dem Direktor und mir war auch hier ein warmer. Ich habe +allezeit den Grundsatz befolgt, sich in Unvermeidliches, das man nicht +zu ändern vermag, nach Möglichkeit zu fügen und den Dingen die beste +Seite abzugewinnen. Von diesem Gesichtspunkt ausgehend, bin ich, ohne +mir dabei das geringste zu vergeben, den Gefängnisbeamten bei Ausübung +ihres schweren Amtes möglichst entgegengekommen, indem ich mich in die +vorgeschriebene Ordnung fügte. Dafür waren sie stets dankbar. In den +größeren Gefängnissen haben es die Beamten mit so viel sozial +bedenklichen und verkommenen Elementen zu tun — den traurigen Produkten +unserer famosen sozialen Ordnung —, daß ihr Dienst einer der schwersten +ist, den es gibt; sie sind glücklich, wenn sie Leute unter ihre Obhut +bekommen, mit denen sie menschlich verkehren können. + +Die Zwickauer Genossen hatten sich am Tage meiner Entlassung zu einer +Ovation vereinigt; sie überreichten mir und meiner Frau ein paar feine, +mit einer Widmung versehene Kaffeetassen. Wir sollten das sächsische +Nationalgetränk künftig noch recht lange in voller Ruhe und Muße und +ungetrennt genießen. Der Wunsch war gut gemeint, aber in Erfüllung ging +er nicht. + +Unter den zahlreichen Gratulanten, die mir ihre Glückwünsche zu meiner +Befreiung übermittelten, befand sich auch die damals noch demokratische +„Frankfurter Zeitung“, die unter anderem mit Hinweis auf Bismarcks +Geburtstag schrieb: + + „... Unser Glückwunsch sucht an einem anderen Orte einen anderen Mann. + Er gilt dem schlichten Bürger und Arbeiter, der morgen nach fast + ununterbrochener dreijähriger Haft das Gefängnis verläßt mit demselben + fleckenlosen Rufe, mit dem er es nach einem Richterspruch, über den, + soweit es von der Mitwelt noch nicht geschehen ist, die Nachwelt + richten wird, betreten hat, geliebt von seinen Parteigenossen, + gefürchtet und geachtet von seinen Gegnern. Wir zählen nicht zu diesen + noch zu jenen, aber wir schätzen, wo wir sie finden, + Ueberzeugungstreue und ehrliches, uneigennütziges Streben, und es + erfüllt uns die stärkste Sympathie für jeden, der um ihrer willen + leiden muß.... Gruß und Glückwunsch darum dem Reichstagsabgeordneten + August Bebel.“ + +Einige Monate zuvor hatte mir der Hauptbesitzer der „Frankfurter +Zeitung“, Leopold Sonnemann, zwanzig Flaschen Wein ins Gefängnis +geschickt; ich ließ sie nach Hause wandern, da im Gefängnis solche +Genüsse nicht gestattet werden. Ich trank sie nachher in Gemeinschaft +mit meiner Frau und Freunden. Zu meiner Freilassung am 1. April sandte +mir dann Sonnemann noch einen brieflichen Glückwunsch, worin er +bemerkte: „Ich hoffe, daß nunmehr Dein Martyrium auf längere Zeit ein +Ende hat.“ Wir duzten uns seit 1866. + + * * * * * + +Kurze Zeit nach meiner Entladung aus Zwickau erhielt ich einen Brief von +Professor Schäffle aus Stuttgart. Schäffle hatte nach seinem Rücktritt +aus dem Ministerium Hohenwart in Wien sich nach Stuttgart zurückgezogen, +woselbst er seinen Studien lebte. 1874 war von ihm eine Broschüre, +betitelt „Die Quintessenz des Sozialismus“, erschienen, die durch die +objektive Beurteilung, die er darin dem Sozialismus zuteil werden ließ, +großes Aufsehen machte. Jetzt sandte er mir den ersten Band seines +dreibändigen Werkes „Bau und Leben des sozialen Körpers“ nebst einem +Brief mit folgendem Inhalt: + +Er wisse nicht, ob ich mich seiner noch vom Zollparlament her erinnere. +Gesehen hätten wir uns seitdem nicht mehr, aber wohl öfter voneinander +gehört. Gingen wir auch in vielem in unseren Lebensauffassungen +auseinander, so sei doch wohl das Interesse an den sozialen Fragen bei +uns gleich stark geblieben. Er sei daher so frei, mir ein Exemplar +seines neuen Buches, in dem mich wohl manche Ausführung interessieren +dürfte, zu übersenden. Es würde ihn freuen, wenn ich das Buch, das ihm +viel Gedankenarbeit verursacht habe, als ein Zeichen der Erinnerung +entgegennehmen wolle. + +Ich antwortete entsprechend und dankte ihm nachträglich noch besonders +dafür, daß er bei seinem Eintritt ins Ministerium Hohenwart die Amnestie +für die verurteilten „Hochverräter“ Scheu, Most, Oberwinder usw. erlangt +habe. + +Im Sommer 1877 besuchte mich Schäffle in Leipzig. Wir unterhielten uns +längere Zeit. Hauptthema unserer Unterhaltung bildete die Entwicklung +der sozialdemokratischen Partei und der Zeitpunkt, wann der Sozialismus +zum Siege kommen werde. Ich als Optimist sah diesen Zeitpunkt sehr nahe, +er dagegen meinte, das werde mindestens noch zweihundert Jahre dauern. +Darüber stritten wir uns. 1880 machte ich ihm einen Gegenbesuch in +Stuttgart, wo wir ebenfalls wieder eine längere Unterhaltung hatten, die +zeigte, daß er uns nach wie vor freundlich gegenüberstand. In den +nächsten Jahren vollzog sich aber bei ihm eine vollständige Wandlung. +Nachdem Bismarck die soziale Versicherungsgesetzgebung inaugurierte, von +der, wie er meinte, seine Geheimräte zu wenig verständen, wurde seine +Aufmerksamkeit auf Schäffle gelenkt. Schäffle war geneigt, eine Stellung +im deutschen Reichsdienst anzunehmen. Damit aber keinerlei ungünstiges +Vorurteil gegen ihn bestehen bleibe, verfaßte er jetzt eine Schrift, +betitelt „Die Aussichtslosigkeit der Sozialdemokratie“, die das +Gegenteil von seinen früheren Auffassungen bekundete. Hermann Bahr, der +in seinen jungen Jahren ebenfalls sozialistische Hosen trug wie so viele +unserer Intellektuellen, verfaßte darauf eine Broschüre, betitelt „Die +Einsichtslosigkeit des Herrn Schäffle“, in der er in geschickter und +humoristischer Weise Schäffle und seine Schrift verspottete. Meine +Beziehungen zu Schäffle hörten mit dem Jahre achtzig auf. Bekanntlich +erfüllte sich seine Hoffnung, in den Reichsdienst gezogen zu werden, +nicht. + + + + +Von 1871 bis zum Vereinigungskongreß zu Gotha. + + + + +Die Regierungen und die Sozialdemokratie. + + +Die Pariser Kommune hatte in den regierenden Kreisen große Besorgnisse +vor der sozialistischen Bewegung hervorgerufen. Die Sympathien, die die +Kommune in allen Ländern mit sozialistischer Bewegung bei den Arbeitern +fand, wurden auf das unangenehmste vermerkt und steigerten das +Mißbehagen. Dazu kamen die übertriebenen, um nicht zu sagen lächerlichen +Vorstellungen, die sich Bourgeoisie und Regierungen von der Macht der +Internationale machten. So sollte zum Beispiel die Internationale der +Pariser Kommune zwei Millionen Franken, viele tausend Gewehre, Munition +usw. geliefert haben, obgleich der Kommune sowohl die Mittel der Bank +von Frankreich zur Verfügung standen wie die Arsenale von Paris mit +ihren Munitions- und Waffenvorräten. Ueberdies war die allgemeine +Volksbewaffnung bereits seit Beginn September, seit der drohenden +Einschließung von Paris durch die Deutschen, also noch unter der +bürgerlichen Regierung, durchgeführt worden. In Deutschland wurden +ebenfalls zahlreiche Stimmen laut, die ein scharfes Vorgehen gegen die +sozialistische Bewegung forderten, ein Verlangen, dem Polizei, +Staatsanwälte und Gerichte bereitwillig entgegenkamen. In dieser +Situation benahm sich Garibaldi sehr anständig, der in einem Briefe an +den Redakteur der „Romagnole“ — Caprera, August 1871 — schrieb: Die +Internationale vertrete einen zahlreichen Teil der Gesellschaft, welcher +um weniger Privilegierter willen leide. Folglich müßten sie für die +Internationale sein, und wenn in ihren Einrichtungen Fehler seien, müßte +man sie verbessern. + +Obgleich um diese Zeit die sozialistische Bewegung in Oesterreich von +geringer Bedeutung war und das Ministerium Hohenwart-Schäffle nicht die +geringste Neigung zu Verfolgungsmaßregeln zeigte, folgte dennoch der +Reichskanzler Graf v. Beust einer Einladung Bismarcks zu einer Konferenz +der beiden Kaiser und ihrer Kanzler in Gastein, um dort über Maßregeln +gegen die Internationale zu beraten. Schäffle hatte von dieser Konferenz +abgeraten, aber er und Beust standen auf gespanntem Fuße, auch mochte es +Beust darum zu tun sein, mit seinem langjährigen intimen Feinde einmal +zusammenzukommen, wohingegen Bismarck von einer Zusammenkunft mit seinem +Gegner von 1866 eine Annäherung erhoffte für seine spätere äußere +Politik. Soweit bekannt wurde, kam man bezüglich der Internationale +überein, zunächst die soziale Lage zu „studieren“. + +Dagegen sah sich Anfang Februar 1872 die _spanische_ Regierung +veranlaßt — Spanien hatte mittlerweile in der Person des Prinzen Amadeo +von Italien einen König erhalten —, in einer Zirkulardepesche an die +Mächte einen Notschrei über die Internationale auszustoßen, die mit +ihren Bestrebungen allen Ueberlieferungen der Menschheit ins Gesicht +schlage, Gott aus dem Geiste auslösche, Familie und Erbnachfolge aus dem +Leben streiche und durch ihre furchtbare Organisation eine Gefahr bilde, +deren Größe nicht überschätzt werden könne. Die spanische Regierung +wünsche deshalb, daß eine der Großmächte die Angelegenheit gegen die +Internationale in die Hand nehme. Mit diesem Verlangen kam sie bei der +englischen Regierung übel an. Der Leiter der englischen auswärtigen +Politik, Lord Granville, antwortete ihr in einer Note, die ihr jedes +weitere Vorgehen verleidete. Er erklärte: obgleich die Internationale +ein Mittelpunkt für die Verbindung von Arbeitern und Gewerkschaften in +den verschiedenen Teilen der Welt geworden sei, beschränke sie sich in +Großbritannien darauf, hauptsächlich Ratschläge in Sachen von +Arbeitseinstellungen zu geben. _Auch habe sie sehr wenig Geld_. Nach den +bestehenden Gesetzen Großbritanniens hätten alle Ausländer das +unumschränkte Recht, dieses Land zu betreten und sich hier aufzuhalten, +und während sie in diesem Lande seien, _ständen sie im gleichen Grade +wie die britischen Untertanen unter dem Schutz der Gesetze. Auch könnten +sie nicht anders bestraft werden als für einen Verstoß gegen das Gesetz +und kraft des Urteilsspruchs der ordentlichen Gerichtstribunale nach +einer öffentlichen Prozedur und nach einem Erkenntnis, das sich auf die +in offenem Gerichtsverfahren beigebrachten Beweise stütze._ Kein +Ausländer könne als solcher des Landes verwiesen werden, mit Ausnahme +derer, die auf Verträge mit anderen Staaten hin behufs wechselseitiger +Auslieferung von Kriminalverbrechern weggeschafft würden. Schließlich +äußerte Granville, es liege bis jetzt kein Grund vor, Aenderungen der +bestehenden Gesetzgebung über den Aufenthalt von Ausländern in +Großbritannien vorzunehmen. + +Durch diese Haltung der englischen Regierung war jede Möglichkeit zu +internationalen Vereinbarungen gegen die Internationale ausgeschlossen. +Endlich zeigte auch der Ausgang des Kongresses der Internationale im +Haag im September 1872, der mit einer Spaltung zwischen Sozialisten und +Anarchisten — dort Marx, hier Bakunin — endete, auch der ängstlichsten +Regierung, daß vorläufig die befürchteten Gefahren nicht eintreten +würden. Und indem die Internationale den Sitz des Generalrats von London +nach Newyork verlegte, war der Beweis geliefert, daß sie selbst ihre +Reorganisation für eine Notwendigkeit hielt. + +War so die Aussicht auf eine internationale Verfolgung der Sozialisten +geschwunden, so hielt Bismarck um so nachdrücklicher an der Verfolgung +der Arbeiterbewegung durch Ausnahmemaßregeln in Deutschland fest. Dieses +zeigte seine Rede, die er Ende April 1873 im Herrenhaus hielt, worin er +die Notwendigkeit scharfer Gesetze gegen die Partei der +Internationale — wie er uns nannte — für ebenso notwendig erklärte wie +gegen die Partei der weltlichen Priesterherrschaft, das Zentrum. + +Dieser Ankündigung folgte die Tat auf dem Fuße. Anfang Juni 1873 ließ er +dem Reichstag einen Preßgesetzentwurf zugehen, in dem der § 20 also +lautete: Wer in einer Druckschrift die Familie, das Eigentum, die +allgemeine Wehrpflicht oder sonstige Grundlagen der staatlichen Ordnung +in einer die Sittlichkeit, den Rechtssinn oder die Vaterlandsliebe +_untergrabenden_ Weise angreift, oder Handlungen, welche das Gesetz als +strafbar bezeichnet, als nachahmungswert, verdienstlich oder +pflichtmäßig darstellt, oder Verhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft +in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise erörtert, wird mit +Gefängnis oder Festungshaft bis zu zwei Jahren bestraft. Wer die im § +166 des Strafgesetzbuchs für das Deutsche Reich (Vergehen wider die +Religion) vorgesehenen Handlungen mittels der Presse verübt, wird mit +Gefängnis nicht unter drei Monaten _bis vier Jahren_ bestraft. Nach § 21 +sollte der verantwortliche Redakteur einer periodischen Druckschrift mit +der Strafe des Täters belegt werden. + +Diese diabolischen Bestimmungen, die eine Aenderung des Strafgesetzes in +wichtigen Materien enthielten, die jede wissenschaftliche Erörterung der +mit Strafe bedrohten Fragen unmöglich machten und außerdem gegen alle +Parteien Anwendung finden konnten, waren denn doch nebst anderen +Bestimmungen der Mehrheit des Reichstags zu bedenklich. Der Entwurf +fiel. + +Mit seinem Preßgesetzentwurf hatte aber Bismarck nicht genug. Er +beantragte in derselben Session auch eine Abänderung und Verschärfung +des § 153 der Gewerbeordnung, wonach unter Umständen statt der +bisherigen Maximalstrafe von drei Monaten Gefängnis eine solche bis zu +sechs Monaten, eventuell bis zu einem Jahre erkannt werden konnte. +Ferner schlug er eine Aenderung des § 108 der Gewerbeordnung vor, wonach +die Streitigkeiten zwischen Unternehmern und den von ihnen beschäftigten +Arbeitern durch Gewerbegerichte entschieden werden sollten, deren +Vorsitzender von der obersten Justizaufsichtsbehörde des betreffenden +Bundesstaats, deren Beisitzer durch die _Gemeindevertretungen_ gewählt +werden sollten. Wegen Schluß der Session blieben die Gesetzentwürfe +unerledigt. + +Im folgenden Jahre folgte der Entwurf eines Kontraktbruchgesetzes und +ein neuer Preßgesetzentwurf, und in der Session von 1875/76 ein Entwurf +für die Abänderung des Strafgesetzbuches, und endlich nach den +Attentaten des Frühjahres 1878 das Ausnahmegesetz gegen die +Sozialdemokratie. Da vom Jahre 1874 ab die Sozialdemokratie wieder durch +ihre Vertreter im Reichstag zum Worte kam, komme ich noch auf die +Behandlung dieser Vorlagen ausführlicher zu sprechen. + + + + +Die Einigungsfrage vor den beiden Fraktionen. + + +Der Charakter, den die Verfolgungen seit 1872 gegen beide Fraktionen der +Sozialdemokratie annahmen, hätte bei ihnen das Bedürfnis nach festem +Zusammenhalten und nach Vereinigung hervorrufen sollen. Davon war aber +vorläufig wenig zu merken. In den Jahren 1872 und 1873 waren sogar die +gegenseitigen Angriffe in der Presse der beiden Fraktionen heftiger als +je zuvor, und der Ton in der Presse übertrug sich auf die Versammlungen. +Da um jene Zeit _Auer_ neben York unser eifrigster und sehr wirksamer +Agitator war, bekamen sie die Folgen dieser Kampfmethode besonders zu +genießen, _Auer_ noch speziell in seiner Agitation in Berlin, worüber +sich beide öfter in Briefen, die sie an mich nach Hubertusburg +richteten, beschwerten. Auer sprach nur noch von den Schülern Tölckes +und von Tölckianern. Aus diesen Vorgängen erklärt sich der bittere Ton, +den Auer einige Male auf den Parteikongressen anschlug, sobald die +Einigungsfrage zur Erörterung kam, und sein Verhalten auf dem +Einigungskongreß in Gotha. Das schloß aber nicht aus, daß er ehrlich die +Vereinigung wollte, und als sie endlich unter seiner Mithilfe kam, +keiner mehr als er bemüht war, die mancherlei persönlichen Gegensätze, +deren Vorhandensein nach jahrelanger erbitterter Bekämpfung nur +natürlich war, auszugleichen. + +Die Frage der Vereinigung wurde zum ersten Male offiziell auf der +Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins zu Berlin +(22. bis 25. Mai 1872) erörtert, auf der das Mitglied Harm, der sich +schon auf dem allgemeinen deutschen Webertag sehr versöhnlich gezeigt +hatte, im Namen seiner Elberfelder Genossen den Antrag stellte: „Die +Generalversammlung möge Mittel und Wege suchen, um die verschiedenen +Fraktionen der deutschen Arbeiterpartei zu vereinigen.“ Dieser Antrag +wurde heftig bekämpft unter starken Ausfällen gegen unsere Partei und +schließlich Uebergang zur Tagesordnung beschlossen. + + * * * * * + +Vom 7. bis 11. September 1872 hielt die sozialdemokratische +Arbeiterpartei ihren vierten Kongreß in Mainz ab. Den Vorsitz führten +Motteler und Vahlteich. Unter den Gästen befand sich Hartung-Wien, der +jetzt die schweizer Gewerkschaften vertrat. Hartung war es 1869 +gelungen, sich der Verhaftung zur Einleitung des Wiener +Hochverratsprozesses auch wider ihn durch die Flucht zu entziehen. Er +war eine Reihe von Jahren in Zürich und der schweizer Bewegung tätig, +zog sich aber dann zurück und wurde als Inhaber einer großen Schreinerei +in Zürich ein wohlhabender Mann. Der mit Hartung eng befreundete +Oberwinder verblieb in Oesterreich und war Redakteur des „Volkswille“. +Die gegen ihn ausgesprochene Ausweisung war zurückgenommen worden. Die +Rolle, die er aber jetzt in der österreichischen Arbeiterbewegung +spielte, wurde immer mehr eine zweideutige und führte schließlich zur +Spaltung. Aber auch seines Bleibens war auf die Dauer nicht in +Oesterreich. In der Zeit des Sozialistengesetzes lebte er in Paris und +kam hier bei unseren Parteigenossen in den Verdacht, im Dienste der +preußischen Polizei zu stehen. Der Partei hatte er Valet gesagt. Später +kehrte er nach Deutschland zurück und übernahm die Chefredaktion des +„Dresdener Anzeigers“, eines magistratlichen Amtsblattes. Oberwinder +setzte sich im Jahre 1911 in seiner Heimat Weilburg an der Lahn zur +Ruhe. + +Ich erwähne dieses hier im Anschluß an meine Bemerkungen über Hartung, +nachdem ich in dieser meiner Arbeit Oberwinders wiederholt gedachte. +Andreas Scheu, auch einer der Führer der damaligen österreichischen +Bewegung, der mit Oberwinder in Konflikt geriet, ging nach schweren +Verfolgungen außer Landes, und zwar nach England. + +Unter den 51 Delegierten auf dem Mainzer Kongreß befand sich zum ersten +Male der junge Karl Grillenberger, der sich um jene Zeit die ersten +Sporen in der Nürnberger Arbeiterbewegung erworben hatte und deshalb in +der Cramer-Klettschen Fabrik, in der er als Schlosser arbeitete, +gemaßregelt worden war. + +In den Verhandlungen des Kongresses kam auch die Vereinigungsfrage zur +Erörterung. Es lag zunächst ein langer Antrag von Bruno Geiser vor, der +die Redaktion des „Volksstaat“ scharf tadelte wegen ihrer Polemik gegen +den „Neuen Sozialdemokrat“. Er verlangte, daß die Redaktion des +„Volksstaat“ unverzüglich die Polemik einstelle und eine solche nur +dann aufnehme, wenn der Parteiausschuß eine solche billige. Dieser +Antrag wurde abgelehnt. Es standen dann weiter drei Anträge zur +Verhandlung, die sämtlich die Vereinigung befürworteten. Schließlich +fand folgender Antrag Annahme, wodurch die anderen Anträge erledigt +waren: + + „Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein ist seinen sozialistischen + Prinzipien gemäß der einzige natürliche Bundesgenosse der + sozialdemokratischen Arbeiterpartei; der Kongreß beauftragt demgemäß + den Ausschuß, ein prinzipielles Zusammengehen mit dem Allgemeinen + Deutschen Arbeiterverein immer von neuem zu versuchen; ferner dafür + Sorge zu tragen, daß die Haltung aller dem Allgemeinen Deutschen + Arbeiterverein abgeneigten Mitgliedschaften eine versöhnliche werde + und die Redaktion des ‚Volksstaat‘ unverzüglich jede Polemik gegen den + Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und seine Leiter einzustellen, + sowie etwa neu eintretenden Anfeindungen von seiten des letzteren mit + Schweigen zu beantworten, falls der Ausschuß nicht ausnahmsweise eine + sachgemäße Erwiderung für unbedingt geboten erachtet.“ + +Kurze Zeit darauf, am 20. September 1872, veröffentlichte der „Neue +Sozialdemokrat“ einen Artikel mit der Ueberschrift: „Ein ernstes Wort an +die Arbeiter der Eisenacher Partei“, eine Anrede, in der er seiner +ständigen Taktik uns gegenüber den Namen der Partei verschwieg und einen +Gegensatz zwischen den Arbeitern und Nichtarbeitern in der Partei +konstruierte. In dieser Ansprache, die der „Volksstaat“ wörtlich +abdruckte, führte er bittere Beschwerde über angebliche Angriffe, die +der „Volksstaat“ und einzelne Mitglieder der Partei trotz jener in Mainz +beschlossenen Resolution gegen den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein +richteten. Auf seiner Seite habe man stets nur in der Verteidigung +gestanden, wohingegen der „Volksstaat“ der Angreifer gewesen sei. +Daraufhin erwiderte der „Volksstaat“ unter dem 28. September in einem +Artikel mit der Ueberschrift „Eine Antwort“ und unterzeichnet „Die +Redaktion“, in der jene Angriffe zurückgewiesen wurden. Am Schlusse des +Artikels, den Liebknecht und ich auf Hubertusburg verfaßt und der +Redaktion zugesandt hatten, hieß es: „Wir wollen von nun an alle Polemik +gegen den ‚Neuen Sozialdemokrat‘ einstellen unter der Bedingung, daß er +1. unsere Partei ausdrücklich und unzweideutig als eine +sozialdemokratische anerkennt und sie, wenn er von ihr spricht, stets +bei ihrem richtigen Namen nennt, und 2. daß er die Angriffe gegen die +Internationale Arbeiterassoziation unterläßt. + +Wir unsererseits erklären, wie wir das schon des öfteren getan haben, 1. +daß wir die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins als +unsere Parteigenossen ansehen, was nicht ausschließt, daß wir gegen +gewisse Persönlichkeiten im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein so +lange ein entschiedenes Mißtrauen hegen werden, bis die von unserer +Seite geltend gemachten Verdachtsgründe konklusiv widerlegt sind; 2. +erklären wir uns bereit, einen Vorschlag zu unterstützen, der dahin +ginge, einen gemeinschaftlichen Kongreß der beiden Fraktionen +einzuberufen, auf welchem die Differenzpunkte behufs einer Einigung +besprochen werden. Sollte eine Einigung respektive Verschmelzung nicht +möglich sein, dann müßte wenigstens ein gemeinsames Programm aufgestellt +und die Formen festgesetzt werden, innerhalb denen eine gemeinsame +Aktion (bei Wahlen, der Agitation usw.) sich zu bewegen hätte. Ein von +beiden Teilen gleichmäßig zu wählender Ausschuß hätte die Ausführung der +vereinbarten Punkte zu überwachen. Ferner möchten wir noch die +Niedersetzung eines aus beiden Fraktionen gleichmäßig zu wählenden +Schiedsgerichts befürworten, das die gegen verschiedene Mitglieder einer +der beiden Fraktionen von der anderen Seite erhobenen Anklagen zu +untersuchen und zu richten hat. Bemerken wollen wir, daß ähnliche +Vorschläge, wie die soeben angedeuteten, privatim schon wiederholentlich +Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins von uns +unterbreitet und von diesen auch gebilligt worden sind.“ + +Auf dem Mainzer Kongreß habe die sozialdemokratische Arbeiterpartei +offiziell in feierlichster Form ihrer versöhnlichen Stimmung Ausdruck +gegeben; am Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein sei es jetzt, die +dargebotene Hand zu ergreifen und der deutschen Arbeiterwelt den Frieden +zu geben. + +Auf diesen Vorschlag antwortete der „Neue Sozialdemokrat“ durch +nichtssagende Ausflüchte. Als dann kurze Zeit darauf die Lassalleaner +eine Versammlung unserer Parteigenossen in Berlin gewaltsam sprengten, +veröffentlichte der „Volksstaat“ eine Art Kriegserklärung gegen den +„Neuen Sozialdemokrat“, die mit den Worten schloß: „Die offenbaren +Verräter der Arbeitersache müssen unschädlich gemacht werden.“ + +Damit war der Kampf zwischen den beiden Fraktionen aufs neue entbrannt, +man schoß in den beiden führenden Blättern herüber und hinüber und +klagte sich gegenseitig mit einer Heftigkeit an, daß es schien, als +stehe eine Vereinigung weiter denn je im Felde. Schließlich mußte es als +ein Fortschritt in der Stellung der beiden Fraktionen zueinander +angesehen werden, als der „Neue Sozialdemokrat“ anläßlich der Wahl am +20. Januar 1873 im 17. sächsischen Wahlkreis seine Parteigenossen dort +aufforderte, nichts gegen meine Wiederwahl zu unternehmen. + +Einen sehr unangenehmen Eindruck machte es auf unserer Seite, daß F.W. +Fritzsche, der 1869 die sozialdemokratische Arbeiterpartei in Eisenach +mit gegründet hatte, jetzt plötzlich wieder auf die andere Seite +schwenkte und Stellung gegen uns nahm. + +In diesem gegenseitigen Kampfe glaubte die Kontrollkommission, die in +Breslau ihren Sitz hatte, unter Führung Geisers einen Rüffel der +Redaktion des „Volksstaat“ erteilen zu sollen, daß sie auf eigene Faust +Versöhnungsvorschläge gemacht und dabei den Kampf wider den „Neuen +Sozialdemokrat“ abermals aufgenommen habe. + +Die Antwort gab der Kontrollkommission die nächste Generalversammlung +des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins. + + * * * * * + +Bei den polizeilichen Verfolgungen, die in jener Zeit in Betracht kamen, +suchte der Leipziger Polizeidirektor seine Kollegen im übrigen +Deutschland in den Schatten zu stellen. Der Auflösungs- und +Ausweisungswut fügte er ein Verbot des Besuchs des Internationalen +Arbeiterkongresses im Haag hinzu mit Androhung von vier Wochen Gefängnis +im Falle der Zuwiderhandlung. Ebenso verbot er die Mitgliedschaft, die +Anwerbung von Mitgliedern und die Geldsammlung für die Internationale. +Als dann Hepner trotz des Erlasses eines Verbots den Haager Kongreß +besuchte, erreichte ihn das angedrohte Geschick. Er bekam seine vier +Wochen Gefängnis und wurde im nächsten Frühjahr auf Grund dieser +Bestrafung aus Leipzig ausgewiesen, eine Maßregelung, die ihm nachher in +der Umgebung Leipzigs wiederholt widerfuhr. Da er aber auch mit dem +Parteiausschuß in Konflikt gekommen war, entschloß er sich, nach Breslau +zu übersiedeln und dort einen Buchverlag zu gründen. + +Die Animosität, die Hepner gegen den Parteiausschuß und speziell gegen +York als Parteisekretär empfand, in dem er nur den verbissenen +Lassalleaner, den bösen Geist in der Partei sah, veranlaßten ihn, an +Marx und Engels Mitteilungen gelangen zu lassen, wonach es in der Partei +sehr trübe aussehen sollte. Bei dem übertriebenen Mißtrauen, das Marx +und Engels gegen alles Lassallesche empfanden, genügten diese +Hepnerschen Schilderungen, um Engels zugleich im Namen von Marx zu einem +Warnungsbrief an Liebknecht zu veranlassen. Da mir Liebknecht den Inhalt +dieses Briefes mitteilte, nahm ich Veranlassung, an Marx folgendes zu +schreiben: + + „Hubertusburg, den 19. Mai 1873. + + Geehrter Freund! + + ... Es sind mehr als 5 Jahre, daß ich Ihnen zum letztenmal geschrieben + und jener Brief betraf Schweitzer. Dieser ist nun glücklich gestürzt + und vieles andere seit jener Zeit ebenfalls. Unsere Partei hingegen + hat einen mächtigen Aufschwung genommen und ich hoffe in weiteren 5 + Jahren ist sie so weit, daß sie ein ernsthaftes Wörtchen mitreden + kann. Hepner hat allem Anschein nach Ihnen und Freund Engels unsere + Parteiverhältnisse sehr düster gemalt, sehr mit Unrecht. Ich habe + darüber Freund Engels ausführlicher geschrieben, der Ihnen Mitteilung + davon machen wird. Im großen und ganzen halte ich die + Parteiverhältnisse für durchaus zufriedenstellend; was noch mangelhaft + ist, wird in nicht allzulanger Zeit sich beseitigen lassen, allerdings + ist da auch notwendig, daß man sich leidlich verträglich hält und + nicht mit Gewalt Krakeel haben will. Was mich zu dieser + Verträglichkeit bestimmt, ist, daß ich genau weiß, daß der beste und + ehrlichste Wille für das Wohl der Partei auch bei den Andersmeinenden + vorhanden ist. In einem solchen Falle halte ich es für unrecht, + Meinungsverschiedenheiten schroff zu behandeln und zum Bruch zu + reizen. Glauben Sie aber nicht, daß wir deshalb die Verträglichkeit + zur Schwäche treiben, es gibt eine Grenze, wo sie aufhört; die Mittel + und die Macht fehlen dann auch nicht, um unseren Willen durchzusetzen + ... + + Dem Wunsche Liebknechts, daß Sie Lassalles Schriften mal zum + Gegenstand einer kritischen Abhandlung machen möchten, schließe ich + mich vollkommen an. Eine solche ist durchaus notwendig, und damit sie + die nötige Wirkung erzielt, müßten Sie und kein anderer sie + veröffentlichen. Eine solche Kritik würde der Partei in Deutschland + nach verschiedenen Seiten hin den Boden ebnen. + + Mit Liebknecht habe ich schon mehrere Male gesprochen wegen neuer + Herausgabe des Kommunistischen Manifestes; wir können es aber in + Rücksicht auf den Schluß nicht riskieren. Dieser würde uns sofort + einen Hochverratsprozeß auf den Hals laden. Das Manifest ist zwar in + einem Heft des Leipziger Hochverratsprozesses als Aktenstück + abgedruckt, es sind auch einige Separatabzüge gemacht worden, aber das + genügt nicht, es müßte nachdrücklich empfohlen und öffentlich verkauft + werden können. Diese Schrift, mit einem passenden Vorwort verbunden, + würde vielen die Augen öffnen, sie würde beweisen, wie unendlich + schwächlich die Lassalleschen Vorschläge sind. Ueberlegen Sie sich die + Sache einmal. + + Mit freundlichem Gruß Ihr Bebel.“ + +In meinem Brief an Engels lauteten die entscheidenden Stellen: + + „Ihr Brief, den Sie am 17. v. M. an Liebknecht sandten und von dessen + Inhalt ich Kenntnis genommen, gibt mir Veranlassung, ebenfalls einige + Zeilen an Sie zu richten. Hepner hat augenscheinlich die Farben über + den Stand unserer Parteiverhältnisse sehr dick aufgetragen und + namentlich den Einfluß und die Absichten Yorks recht schwarz gemalt. + Wundern tut mich das von Hepner nicht, er ist ein durchaus braver und + treuer Genosse, aber leicht verbissen, und gegen den Ausschuß und + speziell gegen York hat er infolge einer ganzen Reihe von + Streitigkeiten einen solchen Zorn, daß er das Schlechteste von ihnen + glaubt und jedes Wort aufs strengste auslegt.“ + +Ich setzte dann im Detail auseinander, warum Hepner und York verbissene +Gegner seien, und fuhr fort: + + „Neben den schlimmen hat York auch entschieden gute Eigenschaften, + dahin gehört, daß er mit großem Eifer die Agitation und regelmäßige + Steuerzahlung betreibt, zwei Dinge, die sehr notwendig sind und die + seit den Wirren des Jahres 1870 — Verhaftung des Braunschweiger + Ausschusses — im argen gelegen haben. Hier ist sein Feld und hier hat + er allerdings auch Verdienste aufzuweisen. + + Ein zweiter Punkt ist unsere Stellung zu Lassalle und dem + Lassalleanismus. Da sind Sie wie Hepner entschieden im _Unrecht_, wenn + sie meinen, wir könnten rücksichtslos vorgehen, ohne erheblichen + Schaden in der Partei zu haben. Der Lassallekultus muß ausgerottet + werden, damit bin ich ganz einverstanden, auch die falschen Ansichten + Lassalles müssen bekämpft werden, aber mit Vorsicht. Sie können von + dort aus unmöglich unsere Verhältnisse genau beurteilen, und Hepner + ist zu wenig praktisch. + + Sie dürfen nicht vergessen, daß die Lassalleschen Schriften + tatsächlich — das läßt sich nicht wegdiskutieren — durch ihre populäre + Sprache die Grundlage der sozialistischen Anschauung der Massen + bilden. Sie sind zehnfach, zwanzigfach mehr wie irgend eine andere + sozialistische Schrift in Deutschland verbreitet, Lassalle genießt so + eine bedeutende Popularität. Diese Popularität ist durch die Ihnen + hinlänglich bekannten Mittel der Gräfin Hatzfeldt, Schweitzers und + anderer zum _Kultus_ potenziert worden, und wenn letzterer auch, dank + dem gesunden Gefühl der Massen und unserer eigenen Tätigkeit, schon + _bedeutend_ abgenommen hat und täglich mehr abnimmt, so wäre es doch + unklug, durch rücksichtsloses Vorgehen diese Gefühle zu verletzen. + + In unserer eigenen Partei ist der Lassallekultus so gut wie + verschwunden, aber immerhin gibt es einige Gegenden, wie das Rheinland + und Schlesien, in denen er Anhänger zählt, und, was uns namentlich + veranlassen muß, nicht allzu schroff vorzugehen, ist, daß sehr viele + Arbeiter im früheren Hatzfeldtschen Lager und im Allgemeinen Deutschen + Arbeiterverein sich mehr und mehr uns nähern und teilweise schon + angeschlossen haben. Daß je der Lassalleanismus in Deutschland wieder + Oberwasser bekommt, daran ist nicht entfernt zu denken; lassen wir + also den Dingen ruhig ihren Lauf und wo sich Gelegenheit bietet, dem + spezifischen Lassalleanismus einen Klaps zu versetzen, da wird es + geschehen. Das hat, glaube ich, auch der „Volksstaat“ bisher getan, + und wenn darüber York und einige andere sich ereifern, so läßt man sie + eben gewähren. + + Ein vernichtender Schlag für den Lassallekultus würde es sein, wenn + Freund Marx dem Wunsche Liebknechts — den ich vollständig + teile — nachkäme und in einigen objektiv gehaltenen Artikeln im + „Volksstaat“ wissenschaftlich die Fehler und Mängel der Lassalleschen + Theorien nachwies. Marx' wissenschaftliche Autorität auf ökonomischem + Gebiet ist so unbestritten, daß die Wirkung einer solchen Arbeit eine + kolossale sein würde. Helfen Sie uns, daß Freund Marx diesen Dienst + der Partei leistet. + + Das oben Gesagte kurz resumiert, steht die Sache also so: Yorks + Einfluß ist unbedeutend, er selbst nichts weniger als gefährlich, der + Lassalleanismus in der Partei ist ebenfalls wenig verbreitet, Schonung + nur in Rücksicht auf zahlreiche ehrliche, aber mißleitete Arbeiter, + die bei geschickter Behandlung uns sicher sind, geboten. + + Ich hoffe, daß nach diesen Auseinandersetzungen Sie nicht anstehen + werden, Ihre Mitarbeiterschaft dem „Volksstaat“ zu erhalten. Eine + Zurückziehung (womit Engels gedroht) wäre das Allerverkehrteste, was + Sie tun könnten, dadurch würden Sie dem oppositionellen Element eine + Bedeutung beilegen, die es absolut nicht hat, und die Partei + schädigen.... + + Mit freundlichem Gruß Ihr Bebel.“ + +An Hepners Stelle trat Wilhelm Blos als leitender Redakteur. Blos war +zuvor an mehreren süddeutschen demokratischen Blättern Redakteur +gewesen, dann wurde er Mitarbeiter an unserem Parteiblatt, dem „Fürther +demokratischen Wochenblatt“, dessen Hauptleserkreis aber in Nürnberg +war. Blos war 1872 der Partei wie der Internationale beigetreten und +wurde an Stelle des verhafteten Kokosky Redakteur des „Braunschweiger +Volksfreund“, alsdann des „Volksstaat“, den er, nachdem Liebknecht +freigekommen war, Herbst 1874 verließ, um auf dessen Wunsch die +Redaktion der Mainzer „Süddeutschen Volksstimme“ zu übernehmen. + +In jenen Jahren waren die gerichtlichen Verfolgungen gegen den +„Volksstaat“ so nachdrücklich, daß beständig zwei, manchmal drei seiner +verantwortlichen Redakteure im Gefängnis zubrachten. Aehnlich erging es +den meisten anderen unserer Parteiorgane, zu denen damals außer dem +„Volksstaat“ der „Braunschweiger Volksfreund“, der „Dresdener +Volksbote“, die „Chemnitzer freie Presse“, der „Crimmitschauer Bürger- +und Bauernfreund“, das „Fürther demokratische Wochenblatt“, der +„Münchner Zeitgeist“, die „Hofer Zeitung“, die Mainzer „Süddeutsche +Volksstimme“ und der „Thüringer Volksbote“ zählten. + +Die führenden Persönlichkeiten jener Zeit hatten mit wenigen Ausnahmen +alle mehr oder weniger oft mit dem Gefängnis Bekanntschaft gemacht. In +Sachsen fügte man hierzu noch die Ausweisungen aus Orten und ganzen +Bezirken, von der neben Most und Hepner unter anderem Auer, Daschner, +Lyser, Muth, Rüdt, Ufert, später auch Max Kayser betroffen wurden. + + + + +Der Parteikongreß zu Eisenach 1873. + + +Zu jener Zeit marschierte auch Bayern in den Reihen der Reaktion. Der +Parteiausschuß hatte für den 24. August 1873 und die folgenden Tage den +Parteikongreß nach Nürnberg einberufen. Am 31. Juli erfolgte durch den +königlichen Kommissar der Stadt Nürnberg das Verbot des Kongresses +mit Hinweis auf Artikel 17 des bayerischen Vereins- und +Versammlungsgesetzes. Auch sei zu befürchten, daß die §§ 110, 130, 131 +und 360 Ziffer 11 des Reichsstrafgesetzbuches durch die Abhaltung des +Kongresses verletzt würden. Eine Beschwerde gegen dieses merkwürdige +Verbot wurde nicht erhoben, weil der Ausschuß sofort den Kongreß nach +_Eisenach_ einberief. Nun glaubte der Leipziger Polizeidirektor Rüder +hinter dem Nürnberger Kommissar nicht zurückgehen zu sollen. Er verbot +nunmehr auch den Besuch des Eisenacher Kongresses bei Strafe von vier +Wochen Gefängnis im Falle der Zuwiderhandlung. In der Tat blieb infolge +dieses Verbots Leipzig auf dem Eisenacher Kongreß unvertreten. + +Auf diesem waren 71 Delegierte anwesend, die 9224 Mitglieder aus 132 +Orten hinter sich hatten. Demselben präsidierten Geib und Motteler. Im +Laufe der Verhandlungen kam auch die leidige Angelegenheit _Memminger,_ +die schon jahrelang die Nürnberg-Fürther Parteigenossen zerklüftet +hatte, zur Sprache. Auf der Seite Memmingers stand _Grillenberger,_ +gegen ihn _Auer_ und _Löwenstein_. Mit großem Mehr beschloß der Kongreß, +daß Memminger sich ein parteischädigendes Verhalten habe zuschulden +kommen lassen und durch eine Reihe von Handlungen sich _außerhalb_ der +Partei gestellt habe. + +Die Verhandlungen über die Einigungsfrage, die ebenfalls auf der +Tagesordnung stand, wurden sehr ungünstig beeinflußt durch die Haltung, +die der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein auf seiner Generalversammlung +im vorhergehenden Mai in Berlin eingenommen hatte. Auf dieser hatten +sich Frohme, Hasenclever, Hasselmann und andere Redner sehr +entschieden _gegen_ einen Antrag, der die Vereinigung forderte, +ausgesprochen. Schließlich war mit allen gegen 3 Stimmen ein Antrag +_Richter_-Wandsbeck, den _Tölcke,_ Harm-Elberfeld, Dasbach-Hanau usw. +unterzeichnet hatten, angenommen worden, der lautete: + + „In Erwägung: 1. daß die sogenannte ‚Sozialdemokratische + Arbeiterpartei‘ ursprünglich auf dem Verbandstag der + Schulze-Delitzschen Arbeiterbildungsvereine zu Nürnberg im Jahre 1868, + beziehentlich auf dem Kongreß zu Eisenach im Jahre 1869, _lediglich in + der Absicht gegründet worden ist, die Arbeiterbewegung in Deutschland + zu schädigen_ dadurch, daß neben dem _Allgemeinen Deutschen + Arbeiterverein eine zweite_ angeblich sozialdemokratische Fraktion + geschaffen wurde, welche nur deshalb ein anscheinend mehr + politisch-revolutionäres Programm aufstellte, um durch dasselbe die + Arbeiter anzuziehen und so die Spaltung der deutschen Arbeiter + herbeizuführen; + + in Erwägung: 2. daß das jetzige _Zusammenwirken des Herrn v. + Schweitzer_ mit den Führern der sogenannten ‚Sozialdemokratischen + Arbeiterpartei‘ zum gemeinsamen Unterwühlen und zur Beseitigung der + Organisation des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins den + schlagendsten Beweis liefert, daß die Vernichtung des Allgemeinen + Deutschen Arbeitervereins der Hauptzweck der Führer der + Sozialdemokratischen Arbeiterpartei ist, die sich nicht scheuen, sich + zur Erreichung dieses Zweckes mit unstreitig reaktionären Elementen zu + verbinden; + + in Erwägung: 3. daß das Programm, die Organisation und die Taktik der + Sozialdemokratischen Arbeiterpartei durchaus unvereinbar sind mit dem + Programm und der Organisation des Allgemeinen Deutschen + Arbeitervereins, + + tritt die Generalversammlung dem Beschluß des Vorstandes des + Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins vom 5. Januar d.J. bei, welcher + also lautet: + + In Erwägung, daß für die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen + Arbeitervereins in prinzipieller und formeller Beziehung durchaus + keine Veranlagung vorliegt, an der Organisation des Allgemeinen + Deutschen Arbeitervereins zum Zwecke einer Vereinigung mit der + Eisenacher Partei eine Aenderung vorzunehmen, in fernerer Erwägung, + daß es den Mitgliedern jener Partei freisteht, in Gemäßheit des + Statuts des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in diesen + einzutreten, welcher eben durch seine starke Organisation sowie durch + seine viel bedeutendere Mitgliederzahl die beste Grundlage zur + Einigkeit der Arbeiter bietet, + + geht der Vorstand über die sogenannten Einigungsvorschläge der + Eisenacher Partei zur Tagesordnung über.“ + +Dem Kongreß lagen eine Anzahl Anträge, die Vereinigungsfrage betreffend, +vor, die sich teils für, teils gegen eine solche aussprachen, teils +unter bestimmten Bedingungen Kandidaten des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins bei den bevorstehenden Reichstagswahlen unterstützen +wollten. + +In der Debatte nahm auch _Auer_ das Wort. Er führte aus: Nach den +gemachten Erfahrungen wäre es unserer Partei unwürdig, noch Kompromisse +mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein einzugehen. In demselben +Sinne sprach sich _Blos_ aus, der weiter verlangte, daß man auch mit der +Volkspartei sich auf kein Kompromiß einlassen solle, von der im +umgekehrten Falle kein Mitglied für einen Arbeiterkandidaten stimme. +Schließlich zog Auer einen Berliner Antrag zugunsten eines Antrags +Albert-Glauchau zurück, der lautete: + + „Die Sozialdemokratische Partei betrachtet die Reichstagswahl nur als + Agitationsmittel und als Prüfung für die Verbreitung ihrer Prinzipien, + jeden Kompromiß mit anderen Parteien ablehnend.“ + +Dieser Antrag wurde nebst einem Antrag der Ronsdorfer Genossen +angenommen, der aussprach: + + „Da von seiten unserer Partei bereits Schritte zur Einigung der + gesamten deutschen Sozialdemokratie gemacht wurden, von der + diesjährigen Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen + Arbeitervereins aber fast einstimmig zurückgewiesen worden sind, + erklärt der Kongreß, jedweden Versuch mit obiger Fraktion, sei er auf + die Einigung der Partei oder auf Wahlen gerichtet, einzustellen.“ + +Als dann infolge dieses Beschlusses unsere Parteigenossen mich in Altona +gegenüber Hasenclever als Kandidat zur Reichstagswahl aufstellten und +der „Neue Sozialdemokrat“ sich darüber beschwerte, verhöhnte ihn _Auer_ +in einer Korrespondenz aus Dresden in Nr. 123 des „Volksstaat“, die mit +den Worten endete: „Ich schließe, indem ich dem Herrn Hasselmarat und +Strohpuppe Hasenclever das Sprüchlein zu bedenken gebe: Vorgetan und +nachbedacht, hat manchen in groß' Leid gebracht.“ Das ist zugleich eine +Probe, wie damals zeitweilig polemisiert wurde. + +Ueber den Ausfall der Wahlen vom 10. Januar 1874 habe ich schon +berichtet. Von Interesse dürfte sein, mit welch finanziellen Mitteln zu +jener Zeit eine Reichstagswahl von unserer Seite gemacht wurde. Die +Ausgaben der Parteikasse für ganz Deutschland betrugen 1300 Taler. Das +sächsische Landeskomitee hatte für die 91000 Stimmen, die in Sachsen auf +unsere Kandidaten fielen, eine Ausgabe von 780 Taler. Die Wahlen in +Leipzig Stadt und Land, einschließlich der Nachwahl in Leipzig Land, +erforderten 733 Taler, die Chemnitzer Wahl 345 Taler, Freiburg-Oederan +(Geibs Wahlkreis) 165 Taler, Stollberg-Schneeberg (Liebknechts +Wahlkreis) 350 Taler. Das sind Beträge, die im Vergleich zu den heutigen +Ausgaben für die gleichen Zwecke winzig genannt werden müssen. Zwischen +damals und jetzt besteht aber ein Unterschied. Jetzt opfern die +Parteigenossen mehr Geld und bezahlen die Wahlarbeit. Damals opferten +die Parteigenossen weniger Geld — weil sie weniger hatten und auch gegen +heute gering an Zahl waren —, aber sie leisteten die Wahlarbeit meist +umsonst. Der einzelne mußte damals durchschnittlich weit größere +persönliche Opfer bringen als heute, sollten Resultate erzielt werden. +Uebersehen darf allerdings nicht werden, daß gegenwärtig die +Wahlagitation in Deutschland namentlich auch seitens der Gegner in ganz +anderem Maße betrieben wird wie früher und schon deshalb unsererseits +weit größere Anstrengungen und Aufwendungen erfordert. + + + + +Die erste Session des neuen Reichstags 1874. + + +Diese wurde im Februar 1874 eröffnet. Seitens unserer Vertreter wurde +den Vertretern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins der Vorschlag +gemacht, eine Fraktion zu bilden. Das lehnten diese ab. Dagegen kam man +überein, sich gegenseitig bei Stellung von Anträgen zu unterstützen, +auch wolle man dahin wirken, daß in der Presse und in den Versammlungen +die gegenseitigen Angriffe unterblieben. Das war nicht viel, aber das +andere mußte folgen. Eine große Anzahl Parteigenossen auf beiden Seiten +hatte allmählich die gegenseitige Bekämpfung, die nur den Gegnern +zustatten kam, satt und wünschte, wenn eine Vereinigung noch nicht +möglich sein sollte, eine Verständigung zu gemeinsamem Vorgehen. + +In unserer Partei war man mit der Haltung der gewählten Vertreter +unzufrieden. Man fand, daß sie zu selten das Wort ergriffen und dann +nicht scharf genug geredet hatten. Der Unmut darüber kam auch mehrfach +in der Parteipresse zum Ausdruck. Liebknecht wohnte keiner Sitzung mehr +bei, da die Session kurz nach seiner Freilassung geschlossen wurde. Ich +erhielt von den verschiedensten Seiten Zuschriften, worin die Verfasser +sich über die Haltung der Parlamentsgenossen beklagten. So schrieb mir +nach Schluß der Session Robert Schweichel, der seit seiner Uebersiedlung +nach Berlin die Redaktion der „Romanzeitung“ übernommen hatte und daher +öffentlich politisch nicht tätig sein konnte: die Haltung der +sozialdemokratischen Abgeordneten habe allgemein enttäuscht. Nach dem +glänzenden Ausfall der Wahlen habe man eine andere Haltung erwartet. +Diese fördere die Partei nicht. Rübner, der Expedient der „Chemnitzer +Freien Presse“, schrieb mir: „Die Vertreter des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins haben unseren Genossen im Reichstag geschickt den Rang +abgelaufen. Darüber sind unsere Leute wütend.“ Die Abgeordneten selbst +beschwerten sich lebhaft darüber, daß der Präsident bei Wortmeldungen +die Vertreter des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bevorzugt habe. +An dieser Behauptung war etwas Wahres. An Simsons Stelle war Forckenbeck +getreten, der, wie ich schon einmal erwähnte, der parteiischste +Präsident war, den der Reichstag je gehabt hat. Erleichtert wurde ihm +diese Parteilichkeit durch die Abschaffung der Rednerliste, die erfolgt +war, um die sozialdemokratischen Abgeordneten möglichst am Redenhalten +hindern zu können. Die Abgeordneten mußten von jetzt ab durch ein +Zeichen dem Präsidenten bekunden, daß sie das Wort zu haben wünschten, +ungefähr so wie die Kinder in der Schule, wenn sie dem Lehrer +bemerklich machen wollen, daß sie eine Antwort auf eine Frage geben +können. Damit lag es in der Willkür des Präsidenten, ob er eine solche +Wortmeldung sehen und ob und wann er sie berücksichtigen wollte. Und +Forckenbeck machte von seiner Vollmacht rücksichtslos Gebrauch. Das +veranlaßte später Windthorst und seine Freunde, den Antrag zu stellen, +die Rednerliste wieder einzuführen. Der Antrag, zu dem von unserer Seite +Vahlteich sprach, wurde abgelehnt. Darauf sah sich Most veranlaßt, noch +kurz vor Schluß der Session die Parteilichkeit des Präsidenten +öffentlich im Reichstag zu denunzieren. Er habe trotz zahlreicher +Meldungen das Wort nur einmal erhalten. Ihm gegenüber lag allem Anschein +nach ein Racheakt vor. Most hatte sich verleiten lassen, bei Beginn der +Session, bevor er nach Berlin reiste, in der „Chemnitzer Freien Presse“, +deren Redakteur er war, eine Art Kriegserklärung an den Reichstag zu +veröffentlichen, in der er demselben den Kampf bis aufs Messer ansagte. +Dafür mußte er offenbar jetzt büßen. Die einzige Rede, die er halten +konnte, betraf den Entwurf zum Impfgesetz, und diese mißglückte ihm. Er +schloß die kurze Rede mit den Worten: „Vorläufig verlangen wir die +öffentlichen Badeanstalten, und wenn wir diese haben, werden wir auch +mit dem Normalarbeitstag kommen.“ Kein Wunder, daß dieser Schluß in +Mosts Munde die Heiterkeit der Gegner hervorrief. + +Aber es machte sich von dieser Session ab noch ein anderer Unfug mit +Forckenbecks Unterstützung breit, der später immer schlimmer wurde. Es +fand sich in einem Mitglied der nationalliberalen Partei, dem +Abgeordneten für Hildburghausen, Valentin, der seines Zeichens +Rechtsanwalt gewesen war, ein stets bereiter Schlußantragsteller. Sobald +Forckenbeck den Schluß der Debatte wünschte, gab er Valentin das +verabredete Zeichen, worauf dieser gehorsam den Schlußantrag stellte, +dem alsdann wie auf Kommando die Mehrheit — Nationalliberale und +Konservative — Folge leistete. Für diese Methode der Wortabschneidung +bildete sich im Reichstag die Bezeichnung: der redenwollende Abgeordnete +sei valentiniert, das heißt geistig guillotiniert worden. Dieser Unfug +ging schließlich so weit, daß auf dem Bureau Valentinsche Schlußanträge +_auf Vorrat_ lagen, deren sich der Präsident nach Belieben bediente. +Valentin wurde für seine Tätigkeit von seiner Fraktion dadurch geehrt, +daß diese ihm, wie im Reichstag erzählt wurde, zu seinem Geburtstag ein +Kistchen mit gedruckten Schlußanträgen schenkte. + +Bezeichnend für die damalige Situation im Reichstag war auch, daß der +Abgeordnete Bamberger es wagen konnte, die sozialistischen Abgeordneten +als geduldete Gäste zu bezeichnen, denen man das Hausrecht verweigern +könne. Kleinlich war auch, daß man Liebknecht und mich während unserer +Haft bei namentlichen Abstimmungen stets als „unentschuldigt“ in den +Listen geführt, ein Unfug, der erst auf eine energische Beschwerde +Vahlteichs in öffentlicher Sitzung ein Ende nahm. + +Unter den Vorlagen, die den Reichstag beschäftigten, befanden sich +mehrere von besonderer Wichtigkeit. So eine neue Militärvorlage, die +eine erhebliche Erhöhung der Präsenzziffer, auf über 401000 Mann, +ausschließlich der Einjährig-Freiwilligen, forderte, und zwar für die +Dauer von sieben Jahren. Damals hatten die Liberalen einschließlich der +Nationalliberalen noch konstitutionelle Bedenken gegen eine derartige +Festlegung auf viele Jahre. Es kam zu scharfen Debatten, aber +schließlich fügten sich die Nationalliberalen und nahmen an, nachdem +Bismarck mit Niederlegung seines Amtes drohte. In der ersten Lesung nahm +Hasenclever, in der Generaldebatte der dritten Lesung Motteler das Wort. +Beide forderten die Miliz. In diesen Debatten äußerte Moltke zur +Verteidigung der Vorlage die später oft zitierten Worte: + + „Was wir in einem halben Jahre mit den Waffen in der Hand errungen + haben, das mögen wir ein halbes Jahrhundert mit den Waffen schützen, + damit es uns nicht wieder entrissen wird. Darüber, meine Herren, + dürfen wir uns keiner Täuschung hingeben: wir haben seit unseren + glücklichen Kriegen an Achtung überall, an Liebe nirgends gewonnen.“ + +Damit wurde bestätigt, was wir wiederholt in den Jahren 1870/71 +vorausgesagt hatten. Nicht der Krieg an sich, aber seine Folgen, die +Annexion von Elsaß-Lothringen, hatte in Europa eine Situation +geschaffen, die die Lage immer gespannter machte, Rußland eine +dominierende Stellung verschaffte und immer neue Rüstungen hervorrief. +Zu unseren Milizvorschlägen äußerte Moltke: Meine Herren! Die Gewehre +sind bald ausgeteilt, aber schwer wieder zurückzubekommen! (Heiterkeit.) + +Der Abgeordnete Malinckrodt hatte den Antrag auf zweijährige Dienstzeit +gestellt, dafür stimmte Vahlteich, dagegen Geib, der Abstimmung +enthielten sich Most und Motteler. Hasenclever, Hasselmann und Reimer +hatten den Antrag gestellt, 540000 Mann für zwei Monate und 18000 Mann +für die weiteren zehn Monate zu bewilligen, ferner sollte die +militärische Jugenderziehung vom 14. bis 20. Jahre eingeführt werden. +Für diesen Antrag stimmten nur die Antragsteller. Diese Abstimmungen +gaben kein erhebendes Bild von der Tätigkeit der sozialdemokratischen +Abgeordneten. + +Eine zweite für die Arbeiterklasse wichtige Vorlage war eine Novelle zur +Gewerbeordnung, die in etwas abgeänderter Form die Vorlage aus der +vorigen Session wiederbrachte. Man begnügte sich diesmal, den § 153 +dahin zu verschärfen, daß Verletzung desselben statt wie bisher mit +höchstens drei Monaten künftig mit bis zu sechs Monaten Gefängnis +bestraft werden sollte. Dagegen hatte man in einem neuen § 153a die +Bestrafung des Kontraktbruchs vorgeschlagen, dieser sollte mit +Geldstrafe bis zu 150 Mk. oder Haft geahndet werden. Die Streiks, +die in den Gründerjahren häufig unter Kontraktbruch vorkamen +und nach ausgebrochener Krise wegen Lohnherabsetzungen und +Arbeitszeitverlängerungen Abwehrstreiks unter Nichtbeachtung der +Kündigungsfristen hervorriefen, hatten das Unternehmertum in die höchste +Aufregung versetzt. Es inszenierte einen Petitionssturm an die +verbündeten Regierungen und den Reichstag, um die kriminelle Bestrafung +des Kontraktbruchs zu erlangen. Diesem Verlangen waren die verbündeten +Regierungen durch den Vorschlag des § 153a nachgekommen. Im weiteren +wurden die früher schon vorgeschlagenen Bestimmungen betreffend die +gewerblichen Schiedsgerichte wieder in Vorschlag gebracht mit der +kleinen Abänderung, daß die höhere Verwaltungsbehörde bestimmen könne, +ob eine Wahl der Beisitzer durch die beteiligten Arbeiter und +Arbeitgeber erfolgen solle. Zu dem Gesetzentwurf hielt Hasselmann eine +gute Rede. In die Kommission wurde von unserer Seite Motteler gesandt, +der sich aber an den Verhandlungen nicht beteiligte, sondern stummer +Zuhörer blieb, was ihm von verschiedenen Seiten verdacht wurde. Die +Kommission strich den Kontraktbruchparagraphen, ebenso wurde die +Verschärfung des § 153 abgelehnt; sie beschloß ferner, daß die Wahl der +Beisitzer in den Gewerbegerichten nur durch allgemeine Wahlen der +Interessenten zu erfolgen habe. Der Entwurf wurde indes im Plenum nicht +zu Ende beraten. Man war vorläufig seitens der Mehrheit des Reichstags +zu Ausnahmebestimmungen oder Verschärfung der bestehenden Gesetze noch +nicht geneigt. + +Die dritte wichtige Vorlage war der Entwurf eines Preßgesetzes. In +diesem hatte der vorjährige § 20 folgenden Wortlaut erhalten: + + „Wer mittels der Presse den Ungehorsam gegen die Gesetze oder die + Verletzung von Gesetzen als etwas Erlaubtes oder Verdienstliches + darstellt, wird mit Gefängnis oder Festungshaft bis zu zwei Jahren + bestraft. Wer die im § 166 des Strafgesetzbuchs für das Deutsche Reich + vorgesehenen Handlungen mittels der Presse verübt, wird mit Gefängnis + nicht unter drei Monaten und bis zu vier Jahren bestraft.“ + +Auch zu diesem Gesetzentwurf hielt _Hasselmann_ eine gute Rede, außer +ihm sprach _Geib_. Der § 20 fiel in der Kommission und im Plenum. Im +übrigen beseitigte das Gesetz die Kautionen und verbot die +Zeitungsstempel und die Inseratenabgaben, wo solche noch bestanden. +Wirkliche Verbesserungen gegen den bisherigen Zustand brachte das Gesetz +nur Preußen, Braunschweig und den beiden Mecklenburg, für Sachsen, die +mitteldeutschen und süddeutschen Staaten schuf es hingegen verschiedene +zum Teil erhebliche Verschlechterungen, so daß seine Annahme anfangs +zweifelhaft war. Es ging hier wie bei allen wichtigen Gesetzen des +Reichs, den Verbesserungen standen _stets_ Verschlechterungen gegenüber; +zu einem politischen Gesetz, das für alle eine wesentliche Besserung +bedeutete, konnte sich der Reichstag nicht erheben, stets gab er dem +Druck der Regierungen, das heißt Preußen nach, dem Stimmführer für alles +Rückschrittliche. + +Erwähnt sei, daß bei Beginn der Session auch wieder der Antrag auf +meine Freilassung für die Dauer der Session gestellt worden war, jedoch +mit demselben negativen Erfolg wie früher. Redner für den Antrag waren +Vahlteich und Hasenclever. Die Fortschrittspartei verweigerte die +Unterstützung des Antrags, weil es zwecklos sei, ihn zu stellen. + + * * * * * + +Die Tatsache, daß die Vertreter der beiden sozialdemokratischen +Fraktionen im Reichstag genötigt wurden, öfter gemeinsame Sache bei den +Beratungen zu machen, war für alle jene, die eine Vereinigung wünschten, +ein neuer Anstoß zum Handeln. Der erste Schritt hierzu wurde auf der +Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +unternommen, die vom 26. Mai bis 5. Juni 1874 in Hannover tagte. F.W. +Fritzsche, Hartmann-Hamburg, Meister-Hannover und andere stellten den +Antrag, zu erklären: Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins hält die Vereinigung aller sozialdemokratischen Arbeiter +Deutschlands für erforderlich, um die Endziele der Sozialdemokratie zu +erreichen, und empfiehlt, um eine solche Vereinigung anzubahnen, daß +dieselben in allen öffentlichen Versammlungen sowie in der Parteipresse +sich nicht mehr bekämpfen und anfeinden. Bestimmte Vorschläge zur +Vereinigung können nicht eher gemacht und diskutiert werden, bevor der +Kongreß der Eisenacher konstatiert, daß auch er eine Einigung aufrichtig +anstrebt. + +Der Antrag wurde zwar nach längerer Debatte mit 50 gegen 19 Stimmen +_abgelehnt_, aber die Debatte wurde in einem merklich anderen Tone als +bei früheren ähnlichen Gelegenheiten geführt. + +Die Sozialdemokratie Arbeiterpartei hielt ihren Kongreß im folgenden +Monat, vom 18. bis 21. Juli, in Koburg ab, auf dem seit 1871 zum +erstenmal Liebknecht wieder auf einem Parteikongreß erschien. Die +Vereinigungsfrage kam hier ebenfalls zur Verhandlung, zu der +verschiedene Anträge gestellt worden waren. In dem Bericht, den _Geib_ +im Namen des Ausschusses erstattete, hatte dieser bereits ausgeführt: +„Wenn wir schließlich noch unsere Stellung zum Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein erwähnen, so geschieht es nur, um zu konstatieren, daß +seit der Reichstagswahl der alte Hader im Wanken begriffen ist. Viel +trägt dazu die Tatsache bei, daß der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein +jetzt von oben herab mit gleichem Maße gemessen wird wie unsere Partei. +Daß die Stellung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins tatsächlich +doch noch eine zurückhaltende ist, geht aus der Abstimmung über den auf +der Generalversammlung dieses Vereins gestellten Einigungsantrag, für +welchen unter 69 Delegierten nur 19 stimmten, deutlich hervor. Wir haben +uns demgemäß zu reservieren und vor allem auf die prinzipielle Haltung +des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins zu achten, da hierin ein +wesentliches, wenn nicht das wesentlichste Moment zur Richtschnur +unserer Einigungstaktik zu suchen ist.“ In der später folgenden Debatte +über die Einigungsanträge nahm auch _Auer_ das Wort, der noch immer der +Frage kühl gegenüberstand und pessimistisch äußerte: Im großen und +ganzen sind wir alle mit der Einigung einverstanden, aber solange auf +beiden Seiten die prinzipiellen Unterschiede ins Gewicht fallen, kann an +eine wirkliche Einigung nicht gedacht werden. Die Aussichten, die uns in +dieser Hinsicht der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein eröffnet, sind +gering, dies zeigt schon sein neuester Entschluß, sich sektenmäßig +„_Lassalleaner_“ zu nennen. Unser Versöhnungsdusel hat bis jetzt wenig +geholfen. Das einzige Mittel zur Einigung heißt: die Lassalleaner unsere +Macht fühlen lassen und uns stärken. Stellen wir uns auf den Standpunkt +der Einigungsvorschläge, die vor zwei Jahren im „Volksstaat“ +veröffentlicht wurden. (Siehe Seite 289 und 290.) Mag ein allgemeiner +Kongreß zur Beratung der Einigungsfrage berufen werden. _Bernstein_ +stand der Frage optimistischer gegenüber als Auer. Im Allgemeinen +Deutschen Arbeiterverein seien bereits viele Mitglieder für eine +Vereinigung. Der Verlauf der Generalversammlung des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins bestätige seine Auffassung. Er erklärte sich +ebenfalls für einen Kongreß behufs Verständigung. _Liebknecht_ sprach +sich in längerer Rede dafür aus, daß, wenn zunächst die Vereinigung +nicht möglich sei, die Einigung erstrebt werden müsse, die Vereinigung +werde nachher von selbst kommen, dafür sorge Herr Tessendorf und die +Logik der Tatsachen, wenn nicht mit, dann den Führern zum Trotz. +_Motteler_ berichtete über Besprechungen, die in Berlin zwischen +Hasenclever und Hasselmann auf der einen und unseren Vertretern auf der +anderen Seite stattgefunden hatten. Hasenclever und Hasselmann hätten +erklärt: _an eine Vereinigung sei nicht zu denken_, da der Allgemeine +Deutsche Arbeiterverein unbedingt die bessere Organisation habe. Ein +friedliches Nebeneinandergehen in Presse und Versammlungen sei ja +vereinbart. Zum Schlusse wurde mit großer Mehrheit ein Antrag Geibs +angenommen, lautend: + + „Der Kongreß erklärt, der Einigung der beiden deutschen + Arbeiterfraktionen geneigt zu sein. Ueber den Modus einer solchen + Einigung werden zum nächsten Kongreß seitens des Ausschusses und den + der Partei angehörigen Reichstagsmitgliedern Vorschläge erwartet. Im + übrigen geht der Kongreß zur Tagesordnung über.“ + + * * * * * + +Auf dem Koburger Kongreß kam es auch zu lebhaften Debatten über den oft +unzeitigen Eifer der Parteigenossen, in den größeren Orten Lokalblätter +zu gründen, die ungenügend finanziell fundiert, alsdann der Partei große +Verlegenheiten bereiteten, weil sie nunmehr um jeden Preis am Leben +erhalten werden sollten. Klagen, die sich bekanntlich bis in die Neuzeit +wiederholten. Nicht wenige dieser Blätter führten eine prekäre Existenz +und machten der Parteileitung schwere Sorge. Es war fast für das eine +und das andere eine Wohltat, unter dem Sozialistengesetz totgeschlagen +zu werden; sie starben wenigstens auf dem Felde der Ehre, im Kampfe mit +einem übermächtigen Gegner. + +Auch die Frage der Programmänderung beschäftigte den Koburger Kongreß. +Es lagen für dieselbe, unter anderen auch von Bracke, eine Anzahl +Anträge vor. Nach längerer Debatte fand alsdann ein Antrag +Kokosky-Grillenberger und Genossen Annahme, wonach der Kongreß die +Reformbedürftigkeit des Programms anerkannte, jedoch in der Erwägung, +daß die Frage im Augenblick noch nicht spruchreif sei, die Aenderung +des Programms bis zum nächsten Kongreß vertage. Die Programmänderung +solle in der Presse zur Diskussion gestellt werden. + +Des weiteren wurden öffentliche Vorträge veranstaltet, wobei Liebknecht +und Motteler über die politische Stellung der Sozialdemokratie, York und +Grillenberger über die industrielle und ländliche Arbeiterfrage +sprachen. Grillenberger, der über das letztere Thema sprach, hielt zu +dieser Frage eine gute instruktive Rede. + + + + +Tessendorf als Bahnbrecher der Einigung. + + + + +Einigungsverhandlungen. + + +Geib und Liebknecht hatten recht, als sie ausführten, die Neigung zu +einer Vereinigung mit uns werde im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein +gefördert werden durch die Behandlung, die ihm jetzt gleich uns von oben +zuteil wurde. Als vornehmster Träger dieser Verfolgungen erwies sich +Staatsanwalt Tessendorf, der im Sommer 1873 von Magdeburg an das +Berliner Stadtgericht berufen wurde. Er fand in der siebenten Deputation +des Berliner Stadtgerichtes in den Herren Reich als Vorsitzender, v. +Ossowsky und Giersch als Beisitzer drei kongeniale Geister, die seinen +staatsretterischen Eifer nach jeder Richtung unterstützten und in einer +längeren Reihe von Jahren in den Prozessen gegen eine große Anzahl +Parteigenossen als wahre Blutrichter sich erwiesen. + +Tessendorf hatte sich seinen Ruf als Sozialistentöter schon in Magdeburg +erworben, allerdings mit der Wirkung, daß die von ihm verfolgte und +gehaßte Partei nach jedem Schlage, den er gegen sie führte, immer +stärker und kräftiger wurde. Er war einer der schlimmsten Streber in +unserer an Strebern so reichen Zeit. Tessendorf zeigte schon im Jahre +1871, wie unglücklich er darüber war, daß er in unseren +Hochverratsprozeß nichts hineinzureden hatte. Dafür zeugt folgender +Vorfall, den ich etwas ausführlicher erwähne, weil er diesen +fanatischsten aller Sozialistenfresser im rechten Lichte zeigt. Die +„Magdeburger Zeitung“ hatte damals wiederholt in Leipziger +Korrespondenzen uns, die wir hinter Schloß und Riegel saßen und uns +nicht wehren konnten, in unqualifizierbarer Weise beschimpft. Als es +dann in Zürich im März 1871 zu einem großen Krawall gekommen war +anläßlich einer Siegesfeier, welche die in Zürich lebenden Deutschen in +der dortigen Tonhalle veranstaltet hatten, sollten wir nach der +Leipziger Korrespondenz in der „Magdeburger Zeitung“ die Urheber jenes +Krawalls sein und unsere Züricher Parteigenossen die Täter. Nebenbei +bemerkt, wurde später gerichtlich festgestellt, daß unsere Züricher +Parteigenossen zu jenem Krawall in gar keiner Beziehung standen. Unser +Anwalt Otto Freytag sah sich darauf veranlaßt, bei dem Magdeburger +Stadt- und Kreisgericht einen Strafantrag gegen die „Magdeburger +Zeitung“ zu stellen. Zu seiner nicht geringen Verwunderung meldete sich +in einem langen Schreiben der Staatsanwalt Tessendorf, der es ablehnte, +gegen die „Magdeburger Zeitung“ vom Amts wegen einzuschreiten. Dabei +erging er sich in langen und gehässigen politischen Betrachtungen über +unser Tun und Lassen. Freytag antwortete: es sei ihm nicht eingefallen, +die Hilfe einer königlich preußischen Staatsanwaltschaft für uns +anzurufen, wie der Wortlaut seines Strafantrags beweise. Im übrigen +müsse er seine, Tessendorfs, Einmischung in politische Angelegenheiten, +_die ihn nichts angingen_, als eine Anmaßung zurückweisen. Nach Verlauf +eines Monats kam Tessendorf abermals in einem Schreiben an Freytag auf +den Vorgang zurück, worin er das taktlose Geständnis machte, _daß er bis +jetzt vergeblich auf die Veröffentlichung seines Schreibens im +„Volksstaat“ gewartet habe. Sollte die Veröffentlichung in Rücksicht auf +seine Person unterblieben sein, so wolle er mitteilen, daß man diese +Rücksicht nicht zu nehmen brauche._ Freytag erteilte ihm unter dem 28. +April eine gepfefferte Antwort, deren Schlußsätze lauteten: + + „Ihr ganzes Verhalten in der vorliegenden Sache gibt mir den Beweis, + daß _Sie Ihre Karriere als königlich preußischer Staatsanwalt und + Polizeimann machen werden, auch wenn Ihr strammes Auftreten gegen die + Herren Bebel und Liebknecht nicht an die Glocke der Oeffentlichkeit + gehängt wird. Vielleicht finden Sie noch einen anderen Weg, Ihre + Zufertigung gedruckt zu sehen._“ + +Und Tessendorf machte Karriere. Er wurde schließlich Oberreichsanwalt +bei dem Reichsgericht zu Leipzig. Er starb aber, ohne seine Hoffnung und +seine Sehnsucht, preußischer Justizminister zu werden, erfüllt zu sehen. +Ein anderer streberischer Staatsanwalt lebte zu jener Zeit in Bielefeld, +der unter dem 26. April 1871 sogar eine öffentliche Warnung an die +Bevölkerung ergehen ließ, auf den „Volksstaat“ zu abonnieren. Eine +Unverschämtheit sondergleichen. + +Tessendorf entsprach in vollem Maße den Erwartungen, die seine +Vorgesetzten und speziell Bismarck auf ihn gesetzt hatten. Die Zahl der +Verurteilungen, die in den nächsten Jahren in Berlin auf seinen Antrag +durch die berüchtigte siebente Deputation vorkamen, ist Legion, und die +Urteile wurden immer härter und grausamer. Aber mit der Verfolgung wuchs +auch der Widerstand der Parteigenossen, und wenn Tessendorf und die +Richter der siebenten Deputation am Ende ihres Lebens sich ehrlich +Rechenschaft über ihr Tun und Treiben abgelegt haben, mußten sie sich +sagen: _wir arbeiteten ohne Erfolg;_ wir haben viele Existenzen +vernichtet, viel Familienglück zerstört und manchen durch harte +Verurteilung in ein frühzeitiges Grab gebracht, aber die Bewegung, die +wir meistern wollten, meisterte uns. Wir sind die Unterlegenen. Die wir +vernichten wollten, blieben Sieger. + +Im Jahre 1874 wurde von der erwähnten Deputation Most in Berlin wegen +einer Rede über die Pariser Kommune mit anderthalb Jahren Gefängnis +bedacht. Der Schriftsetzer Genosse Heinsch, einer der besten +Organisatoren Berlins, wurde wegen Abdrucks eines Gedichtes zu einem +Jahre Gefängnis verurteilt. A. Kapell vom Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein erhielt neun Monate, die das Kammergericht auf drei +Monate reduzierte, Frohme erhielt ebenfalls neun Monate, die das +Kammergericht auf sechs herabsetzte. Eine ganze Reihe anderer +Parteigenossen wurde mit gleich hohen und zum Teil noch höheren Strafen +belegt, und in fast allen diesen Prozessen handelte es sich um +Nichtigkeiten, die vor einem anderen Gericht mit wenigen Wochen +Gefängnis oder einer Geldstrafe bedacht worden wären. Die Nervosität +nahm in gewissen Kreisen immer mehr zu. In ganz Preußen wurden im Jahre +1874 in 104 Prozessen 87 Lassalleaner zu 211 Monaten und 3 Wochen +Gefängnis verurteilt. Aehnlich war es in Sachsen, in dem ebenfalls die +Urteile immer härter wurden. Wo sonst Monate genügten, wurden jetzt +Jahre verhängt. Das Hauptkontingent der Verurteilten stellte unsere +Partei. + +Mit den gerichtlichen Verurteilungen gingen die polizeilichen +Maßregelungen und Auflösungen Hand in Hand. In Berlin wurde Ende Juni +der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein polizeilich geschlossen. Als dann +Hasenclever, als Präsident des Vereins, den Sitz desselben nach Bremen +verlegte, wurde er wegen Verletzung des Vereinsgesetzes zu zwei Monaten +Gefängnis verurteilt. Weiter verfielen in Berlin der Auslösung die +Mitgliedschaft der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, der +Arbeitermädchen- und -frauenverein, der Allgemeine Deutsche +Schuhmacherverein, der Allgemeine Deutsche Tischlerverein und der +Allgemeine Deutsche Maurerverein. In Frankfurt a.M. folgte die Polizei +ihrer Berliner Kollegin und löste gleichfalls die meisten der dort +bestehenden Arbeiterorganisationen auf. Auch in Hannover, Königsberg i. +Pr. und an anderen Orten verfielen sowohl der Allgemeine Deutsche +Arbeiterverein wie die Mitgliedschaften der Sozialdemokratischen +Arbeiterpartei der polizeilichen Auflösung. Sachsen und Bayern blieben +hinter dem preußischen Beispiel nicht zurück. So fielen die +Arbeiterorganisationen in München, Nürnberg, Erlangen, Hof. In München +wurde gleichzeitig eine Reihe gewerkschaftlicher Organisationen +aufgelöst, so der Allgemeine Deutsche Schneiderverein, die Gewerkschaft +der Maler, Lackierer und Vergolder, der Allgemeine Deutsche +Metallarbeiter- und der Allgemeine Deutsche Holzarbeiterverein. + +Alle diese Vorgänge trugen sehr wesentlich dazu bei, selbst den +widerstrebendsten Elementen klarzumachen, daß diesen Gewaltmaßregeln +gegenüber, die beide Fraktionen ohne Unterschied trafen, erhöhter +Widerstand nur in der Vereinigung gefunden werden könne. + +Da, am 11. Oktober 1874, schrieb mir Liebknecht nach dem Zwickauer +Landesgefängnis einen Brief, in dem es hieß: + + „Gestern war Tölcke hier; er will Vereinigung mit uns. Im selben Sinne + schrieb mir heute Fritzsche. Auch Reimer und Hasselmann wollen, so + schreibt Fritzsche, mindestens Verbündung; Verschmelzung sei noch + unmöglich. Mehr mündlich — acht Tage vor Eröffnung des Reichstags + besuche ich Dich. Nur so viel! Feststeht, daß die Deutschen + Allgemeinen vollständig _en deroute_ (in Auflösung) sind; Tölcke — das + Zusammentreffen mit ihm war zum Malen — gab zerknirscht zu, daß die + heilige Organisation sich nicht bewährt habe.... Daß wir nicht gleich + einen Einigungskongreß auf den 15. November berufen wollten, war ihm + eine bittere Enttäuschung und noch mehr meine Erklärung, daß wir + unmöglich den Rückschritt zu dem Lassalleschen Programm, auch einem + reformierten, machen könnten. Tölcke meinte, man brauche ja Lassalle + gar nicht zu nennen, überhaupt sei der Lassallekultus rein aus + taktischen Gründen getrieben worden usw. usw. Tölcke kam im Auftrag + Hasenclevers — der in Zeitz sitzt — und im Einverständnis mit Wode. Das + ist die eine Clique — die andere ist Hasselmann-Reimer. Dazwischen als + _would be_ (sogenannter) Schiedsrichter Fritzsche. Tölcke hat eine + furchtbare Wut auf Hasselmann. Auf meine Frage, ob Hasselmann mit + seinem, Tölckes, Schritt einverstanden sei, erwiderte er: Nein, aber + er muß! Und auf meinen Einwurf: Wenn Ihr gegen Hasselmann, der den + ‚Neuen Sozialdemokrat‘ hat, vorgeht, werdet Ihr einfach in die Luft + gesprengt, ähnlich wie Schweitzer es seinerzeit mit der Opposition + tat, antwortete Tölcke: Hasselmann könne nichts machen, juristischer + Eigentümer des Blattes sei Hasenclever.“ + +Liebknecht schrieb weiter, er habe Tölcke erklärt, Definitives könnten +wir in Leipzig nicht abmachen, er solle zunächst nach Hamburg, dem Sitz +des Parteivorstandes, reisen und dort mit Geib, Auer usw. Rücksprache +nehmen. Vor Weihnachten sei ein Kongreß unmöglich, auch müsse vorher +erst eine Konferenz stattfinden, doch müsse man vorsichtig sein. „An +Verschmelzung ist nicht zu denken,“ schrieb Liebknecht zum Schlusse; +aber einmal A gesagt, treiben die Dinge weiter. + +In Hamburg kam man überein, vorzuschlagen, zu gleichen Teilen eine +Kommission aus beiden Fraktionen zusammenzusetzen, die die Bedingungen +einer Einigung beraten und formulierte Vorschläge machen sollte. In +unserer Partei wurden diese Einigungsversuche, sobald sie bekannt +wurden, allgemein begrüßt. Als der Genosse Dotzauer-Zwickau mir am 15. +Oktober ins Gefängnis schrieb, er habe gehört, es seien +Vereinigungsverhandlungen im Gange, antwortete ich: Das sei mir bekannt. +Es freue mich, daß jetzt die Leute vom Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein an uns herankämen und die Hand zur Versöhnung reichten. +Er (Dotzauer) sei falsch unterrichtet, wenn er angebe, Liebknecht solle +den Antrag „kurzerhand“ abgelehnt haben, seine Schritte in Hamburg +bewiesen das Gegenteil. Dieses Friedensanerbieten hätten Liebknecht und +ich mit Genugtuung begrüßt. „Der Kampf, der acht Jahre gedauert, hat +mich ein gut Teil meiner besten Kräfte, sehr viel Zeit und andere Opfer +gekostet. Gut, daß er ein für allemal und siegreich zu Ende ist.“ + +Ueber die Treibereien von Hasselmann und Reimer schrieb Tölcke an das +Vorstandsmitglied Wode — der während der Haft Hasenclevers Vizepräsident +des Vereins war — unter dem 22. Oktober 1874 aus Iserlohn einen Brief, in +dem es hieß: + + „Nach Annoncen im ‚Volksstaat‘ gehen die ‚Eisenacher‘ mit der + Besprechung des Einigungsprojekts flott vorwärts. Wenn wir nicht von + ihnen überflügelt werden wollen, dann ist auch bei uns — zumal mit + Rücksicht _auf die Abneigung der Herren Hasselmann und Reimer_ — die + rastloseste Tätigkeit erforderlich. Ich mache Dich darauf besonders + aufmerksam, daß Hasselmann und Reimer durch ihre Ansprache in Nr. 119 + des ‚Neuen Sozialdemokrat‘ offenbar die Absicht kundgeben, in betreff + der Agitation durchaus selbständig vorgehen zu wollen, ohne sich um + die Vereinsleitung irgendwie zu kümmern; für die Herren scheint der + Vizepräsident gar nicht zu existieren. + + Es ist also nach allen Seiten hin ein rasches Handeln unerläßlich und + halte ich es deshalb für notwendig, daß wir in folgender Weise + vorgehen: + + 1. Weil nach der Ansicht Hasenclevers weder von ihm, noch von Dir oder + von Vorstandsmitgliedern in der Angelegenheit _amtlich_ Schritte getan + werden können, und weil man allerwärts _von mir_ Benachrichtigung über + den Erfolg meiner Reise erwartet, wird es zweckmäßig sein, daß ich auf + unserer Seite die Korrespondenz wegen des Zusammentritts der + gemischten Kommission und bis zu deren Zusammenkunft führe.... + + 2. Um gewisse Gegenagitationen unschädlich zu machen, muß ich + schleunigst eine Konferenz sämtlicher Bevollmächtigter in Rheinland + und Westfalen ins Wuppertal einberufen....“ + +Tölcke schlug dann eine solche auch für den Süden einschließlich Kassel +vor und erbot sich, die Reisen nach Frankfurt, Offenbach, Hanau und +Kassel zu übernehmen. Er fuhr dann fort in seinem Briefe: + + „Mit dem Leitartikel in der gestrigen Nummer des ‚Neuen + Sozialdemokrat‘, besonders am Schluß desselben, hat Hasselmann seine + Agitation _gegen_ den Kongreß bereits begonnen.“ + +Tölcke schloß seinen Brief mit dem Ersuchen um sofortiges und rastloses +Handeln. + +Hasenclever war mit dem Vorgehen Tölckes einverstanden, doch wurde in +einer Besprechung, die er mit Liebknecht und einigen anderen bei sich im +Gefängnis zu Zeitz hatte, vereinbart, mit weiterem Vorgehen bis zu +seiner Entlassung, die anfangs Dezember erfolgte, zu warten. Alsdann +traten Vertreter der beiden Fraktionen in Berlin zusammen, um weitere +Schritte zu beraten. Dort beschloß man, daß jede Fraktion eine gleiche +Zahl Mitglieder wähle, und jede Fraktion ihrerseits einen Programm-und +Organisationsvorschlag ausarbeiten sollte. Nachher sollten die Vertreter +der beiden Fraktionen zusammentreten und auf Grund der beiden Entwürfe +einen solchen ausarbeiten, der dann dem Kongreß als Grundlage der +Beratung zu unterbreiten sei. + +Die erste Kunde von den im Gange befindlichen Vereinigungsbestrebungen +erhielt die weitere Oeffentlichkeit durch eine Bekanntmachung +Hasenclevers an die Mitglieder seines Vereins, die er unter dem 11. +Dezember 1874 im „Neuen Sozialdemokrat“ veröffentlichte und die der +„Volksstaat“ abdruckte. Er teilte darin mit, daß, nachdem er wisse, daß +die große Mehrheit der Mitglieder des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins für die Vereinigung sei, die Unterhandlungen mit der +Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, die ebenfalls den Wunsch einer +Vereinigung hege, aufgenommen worden seien. Der Wunsch der Lassalleaner, +daß die Anschauungen und Forderungen Lassalles in das gemeinsame +Programm aufgenommen werden sollten und eine einheitliche straffe +Organisation geschaffen werde, würden Berechtigung finden, doch solle +keine Ueberstürzung der Beratungen stattfinden, darin seien die +Vertreter der beiden Parteien einig. + +Die erste Massenkundgebung für die Vereinigung sah Berlin. In der +betreffenden Versammlung waren die sieben auf freiem Fuße befindlichen +Reichstagsabgeordneten anwesend. Eine Einigungsresolution wurde +einstimmig angenommen, auch beschlossen, Most in Plötzensee und mich in +Zwickau von dem Vorgang zu unterrichten. + +Zu einer zweiten Einigungsdemonstration wurde die Leichenfeier Borks in +Hamburg, der, wie ich schon berichtete, in der Nacht auf den 1. Januar +1875 gestorben war. Fünftausend Arbeiter beider Fraktionen folgten mit +zwanzig Fahnen dem Sarge des Mannes, der sowohl einer der Gründer +des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, wie später der +Sozialdemokratischen Arbeiterpartei war und mit Leib und Seele der +Bewegung gedient hatte. + +Am 19. Januar schrieb mir Eduard Bernstein einen Brief, worin er sich +entschuldigte, daß er als Schriftführer der großen Volksversammlung, die +in Berlin tagte und ihn beauftragte, Most und mir die herzlichste +Sympathie der Versammlung zu übermitteln, erst jetzt nachkomme: + + „Ich weiß nicht, wie Sie über die Einigung denken, doch glaube ich, + daß wir insoweit einverstanden sind, daß die Idee einer solchen so + lange als möglich festzuhalten ist. Illusionen mache ich mir gar + nicht, doch weiß ich, daß das Einigungsbedürfnis auch unter den + Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins groß ist. Leider + sind die Leute so verstockte Lassalleaner, daß wir in dieser Hinsicht + Konzessionen machen müssen.“ + +Die niedergesetzte Kommission bestand aus je acht Mitgliedern jeder +Fraktion. Die Lassalleaner hatten Hasenclever, Hasselmann, R. und O. +Kapell, Wode, Reinders, Hartmann und Walther, die Eisenacher Auer, +Bernstein, Bock-Gotha, Geib, Liebknecht, Motteler, Ramm und Vahlteich +delegiert. Am 14. und 15. Februar 1875 trat alsdann die Kommission in +Gotha zusammen, um aus den beiden stark abweichenden Programm- und +Organisationsentwürfen einen einzigen zu schmieden. Die Arbeit war keine +leichte, schließlich wurden Geib, Hasenclever, Hasselmann und Liebknecht +als Redaktionskommission niedergesetzt. Die Kommission konnte alsdann +verkünden, daß das Werk zur vollständigen Zufriedenheit der Teilnehmer +ausgefallen sei. Das war in der Partei nicht überall der Fall. Als +Liebknecht mir am 5. März den Programmentwurf ins Gefängnis sandte mit +dem Bemerken, mehr sei nicht zu erreichen gewesen, war ich wie aus den +Wolken gefallen. Bemerken muß ich, daß ich bereits wochenlang in großer +Aufregung und ärgerlicher Stimmung darüber war, daß weder Liebknecht, +wie er versprochen, sich bei mir hatte sehen lassen, noch weder er noch +Motteler es der Mühe wert erachtet hatten, mir irgendwelche Mitteilungen +über den Gang der Verhandlungen zu machen. Das glaubte ich erwarten zu +dürfen. Ich setzte mich nunmehr hin, schrieb einen mehrere Bogen langen, +sehr gereizten Brief, in dem ich das Programm scharf kritisierte und +einen Gegenentwurf machte, der allerdings übermäßig lang und detailliert +ausfiel. Ich hatte wieder einmal eine Probe geliefert, wie die +Abgeschlossenheit von der Außenwelt das Spintisieren begünstigt. +Liebknecht entschuldigte sich, daß er mich nicht besucht und Rücksprache +mit mir genommen habe. Aber er sei mit Arbeit überlastet, außerdem habe +er sich gesagt, daß eine Unterhaltung über heikle Dinge in Gegenwart +eines Beamten keine angenehme Sache sei. Das war richtig. Aber der +Gefangene, der weiß, daß draußen über Dinge verhandelt wird, die sein +ganzes Denken und Fühlen umfassen, sehnt sich nach einer Aussprache und +sei sie noch so beengt. Liebknecht hatte meinen Brief an den +Parteiausschuß nach Hamburg gesandt, wo er natürlich ebenfalls eine +ablehnende Aufnahme fand. Wenn ich schließlich meine eigenen Vorschläge +preisgab, so war damit meine Unzufriedenheit mit dem Programmentwurf +nicht beseitigt. Außer mir befand sich auch Bracke in heftiger +Opposition gegen den Entwurf. Als er mich zu meiner endlichen Befreiung +am 1. April beglückwünschte, sprach er sich in der erregtesten Weise +gegen das Programm aus. Bracke war in den letzten Jahren gezwungen +worden, sich eine gewisse Zurückhaltung aufzuerlegen. Er kränkelte +unausgesetzt und mußte wiederholt Erholungsreisen unternehmen. +Andererseits zwangen ihn geschäftliche Rücksichten — er war der Leiter +des väterlichen Geschäfts und hatte mit der Gründung eines Druckerei- +und Verlagsunternehmens sich so schwere finanzielle Lasten auferlegt, +daß nur die umsichtigste Tätigkeit ihn vor schweren Verlusten schützen +konnte —, manchem wichtigen Vorgang in der Partei fern zu bleiben. So +war es gekommen, daß Bracke nicht zu der Vereinigungskommission gehörte, +was lebhaft zu bedauern war. Er teilte mir mit, er habe unter anderem +Geib geschrieben, das Programm sei in III geradezu unsinnig. Es sei ein +Skandal, die Parteigenossen mit diesem Blödsinn zu infizieren, den +Widerspruch dagegen aus den Parteikreisen zu verbannen und die +Parteimitgliedschaft von der Zustimmung zu demselben abhängig zu machen +usw. Es entspann sich zwischen uns eine Korrespondenz, in der Bracke mir +am 19. April schrieb: + + „Diesmal ist das Entschuldigen auf meiner Seite. Aber auch ich habe + eben so wenig Zeit und muß gestehen, daß dieser ... Entwurf mir alle + Freudigkeit genommen hat, für den Gegenstand einmal mit Gewalt eine + Stunde herauszureißen. + + Ich bin ganz Deiner Meinung, daß dieser Entwurf gar nicht verbessert + werden kann, sondern ein ganz neuer Entwurf gemacht werden müßte; ich + bin nun gern bereit, mit Dir in Magdeburg zusammenzutreffen, werde + aber schwerlich einen Entwurf machen können, denn woher die Zeit + nehmen?“ + +Schließlich meinte er, da wir keine Zeit zu gründlicher Beratung hätten +und keiner auch die Zeit, einen Entwurf zu machen, es sich empfehle, den +Kommissionsentwurf als provisorisches Programm anzunehmen, nachdem man +durch Kritik denselben möglichst erschüttert habe. Mit der Detailmalerei +in meinem Entwurf könne er sich auch nicht einverstanden erklären, das +gehöre in eine Broschüre. Außer mit mir stand Bracke mit Marx und Engels +wegen des Programm-Entwurfs in Korrespondenz und veranlaßte Marx, seine +bekannte Kritik zu schreiben, die im Band IX, Seite 385 der „Neuen Zeit“ +veröffentlicht wurde. + +Ich hatte Veranlassung genommen, in einem Privatbrief an Engels unter +dem 23. Februar 1875 zu fragen: Was sagen Sie und Marx zu der +Einigungsfrage? Ich habe kein vollgültiges Urteil, denn ich bin außer +aller Kenntnis, ich weiß nur, was die Zeitungen berichteten. Ich bin +gespannt, zu hören und zu sehen, wie die Dinge liegen, wenn ich den 1. +April frei komme. Darauf antwortete mir Engels folgendes: + + „London, 18./28. März 1875. + + Lieber Bebel! + + Ich habe Ihren Brief vom 23. Februar erhalten und freue mich, daß es + Ihnen körperlich so gut geht. + + Sie fragen mich, was wir von der Einigungsgeschichte halten? Leider + ist es uns ganz gegangen wie Ihnen. Weder Liebknecht noch sonst jemand + hat uns irgendwelche Mitteilung gemacht, und auch wir wissen daher + nur, was in den Blättern steht, und da stand nichts, bis vor zirka + acht Tagen der Programmentwurf kam. Der hat uns allerdings nicht wenig + in Erstaunen gesetzt. + + Unsere Partei hatte so oft den Lassalleanern die Hand zur Versöhnung + oder doch wenigstens zum Kartell geboten und war von den Hasenclever, + Hasselmann und Tölckes so oft und so schnöde zurückgewiesen worden, + daß daraus jedes Kind den Schluß ziehen mußte: wenn diese Herren jetzt + selbst kommen und Versöhnung bieten, so müssen sie in einer verdammten + Klemme sein. Bei dem wohlbekannten Charakter dieser Leute ist es aber + unsere Schuldigkeit, diese Klemme zu benutzen, um uns alle und jede + mögliche Garantien auszubedingen, damit nicht jene Leute auf Kosten + unserer Partei in der öffentlichen Arbeitermeinung ihre erschütterte + Stellung wieder befestigen. Man mußte sie äußerst kühl und mißtrauisch + empfangen, die Vereinigung abhängig machen von dem Grade ihrer + Bereitwilligkeit, ihre Sektenstichworte und ihre Staatshilfe fallen zu + laufen und im wesentlichen das Eisenacher Programm von 1869 oder eine + für den heutigen Zeitpunkt angemessene verbesserte Ausgabe desselben + anzunehmen. Unsere Partei hätte von den Lassalleanern in theoretischer + Beziehung, also in dem, was fürs Programm entscheidend ist, _absolut + nichts zu lernen,_ die Lassalleaner aber wohl von ihr; die erste + Bedingung der Vereinigung war, daß sie aufhörten, Sektierer, + Lassalleaner zu sein, daß sie also vor allem das Allerweltsheilmittel + der Staatshilfe wo nicht ganz aufgaben, doch als eine untergeordnete + Uebergangsmaßregel unter und neben vielen möglichen anderen + anerkannten. Der Programmentwurf beweist, daß unsere Leute theoretisch + den Lassalleanerführern hundertmal überlegen — ihnen an politischer + Schlauheit ebensowenig gewachsen sind; die „Ehrlichen“ sind einmal + wieder von den Nichtehrlichen grausam über den Löffel barbiert. + + Zuerst nimmt man die großtönende, aber historisch falsche Lassallesche + Phrase an: gegenüber der Arbeiterklasse seien alle anderen Klassen nur + eine reaktionäre Masse. Dieser Satz ist nur in einzelnen + Ausnahmefällen wahr, zum Beispiel in einer Revolution des + Proletariats, wie die Kommune, oder in einem Land, wo nicht nur die + Bourgeoisie Staat und Gesellschaft nach ihrem Bilde gestaltet hat, + sondern auch schon nach ihr das demokratische Kleinbürgertum diese + Umbildung bis auf ihre letzten Konsequenzen durchgeführt hat. Wenn zum + Beispiel in Deutschland das demokratische Kleinbürgertum zu dieser + reaktionären Masse gehörte, wie konnte da die sozialdemokratische + Arbeiterpartei jahrelang mit ihm, mit der Volkspartei Hand in Hand + gehen? Wie kann der „Volksstaat“ fast seinen ganzen politischen Inhalt + aus der kleinbürgerlich-demokratischen „Frankfurter Zeitung“ nehmen? + Und wie kann man nicht weniger als sieben Forderungen in dies selbe + Programm aufnehmen, die direkt und wörtlich übereinstimmen mit dem + Programm der Volkspartei und kleinbürgerlichen Demokratie? Ich meine, + die sieben politischen Forderungen 1 bis 5 und 1 bis 2, von denen + keine einzige, die nicht _bürgerlich_-demokratisch. + + Zweitens wird das Prinzip der Internationalität der Arbeiterbewegung + praktisch für die Gegenwart vollständig verleugnet, und das von den + Leuten, die fünf Jahre lang und unter den schwierigsten Umständen dies + Prinzip auf die ruhmvollste Weise hochgehalten. Die Stellung der + deutschen Arbeiter an der Spitze der europäischen Bewegung beruht + _wesentlich_ auf ihrer echt internationalen Haltung während des + Kriegs; kein anderes Proletariat hätte sich so gut benommen. Und jetzt + soll dies Prinzip von ihnen verleugnet werden im Moment, wo überall im + Ausland die Arbeiter es in demselben Maß betonen, in dem die + Regierungen jeden Versuch seiner Betätigung in einer Organisation zu + unterdrücken streben. Und was bleibt allein von Internationalismus der + Arbeiterbewegung übrig? Die blasse Aussicht — nicht einmal auf ein + späteres Zusammenwirken der europäischen Arbeiter zu ihrer + Befreiung — nein, auf eine künftige „internationale + Völkerverbrüderung“ — auf die „Vereinigten Staaten von Europa“ der + Bourgeois von der Friedensliga! + + Es war natürlich gar nicht nötig, von der Internationale als solche zu + sprechen. Aber das mindeste war doch, keinen Rückschritt gegen das + Programm von 1869 zu tun und etwa zu sagen: obgleich die deutsche + Arbeiterpartei _zunächst_ innerhalb der ihr gesetzten Staatsgrenzen + wirkt (sie hat kein Recht, im Namen des europäischen Proletariats zu + sprechen, besonders nicht etwas Falsches zu sagen), so ist sie sich + ihrer Solidarität bewußt mit den Arbeitern aller Länder, und wird + stets bereit sein, wie bisher auch fernerhin die ihr durch diese + Solidarität aufgelegten Verpflichtungen zu erfüllen. Derartige + Verpflichtungen bestehen auch ohne daß man gerade sich als Teil der + „Internationale“ proklamiert oder ansieht, zum Beispiel Hilfe, + Abhalten von Zuzug bei Streiks, Sorge dafür, daß die Parteiorgane die + deutschen Arbeiter von der ausländischen Bewegung unterrichtet halten, + Agitation gegen drohende oder ausbrechende Kabinettskriege, Verhalten + während solcher wie 1870 und 1871 mustergültig durchgeführt usw. + + Drittens haben sich unsere Leute das Lassallesche „eherne Lohngesetz“ + aufoktroyieren lassen, das auf einer ganz veralteten ökonomischen + Ansicht beruht, nämlich daß der Arbeiter im Durchschnitt nur das + _Minimum_ des Arbeitslohnes erhält, und zwar deshalb, weil nach + Malthusscher Bevölkerungstheorie immer zuviel Arbeiter da sind (dies + war Lassalles Beweisführung). Nun hat Marx im „Kapital“ ausführlich + nachgewiesen, daß die Gesetze, die den Arbeitslohn regulieren, sehr + kompliziert sind, daß je nach den Verhältnissen bald dieses, bald + jenes vorwiegt, daß sie also keineswegs ehern, sondern im Gegenteil + sehr elastisch sind, und daß die Sache gar nicht so mit ein paar + Worten abzumachen ist, wie Lassalle sich einbildete. Die Malthussche + Begründung des von Lassalle ihm und Ricardo (unter Verfälschung des + letzteren) abgeschriebenen Gesetzes, wie sie sich zum Beispiel + „Arbeiterlesebuch“ Seite 5 aus einer anderen Broschüre Lassalles + zitiert findet, ist von Marx in dem Abschnitt über + „Akkumulationsprozeß des Kapitals“ ausführlich widerlegt. Man bekennt + sich also durch Adoptierung des Lassalleschen „ehernen Gesetzes“ zu + einem falschen Satz und einer falschen Begründung desselben. + + Viertens stellt das Programm als _einzige soziale_ Forderung auf — die + Lassallesche Staatshilfe in ihrer nacktesten Gestalt, wie Lassalle sie + von Buchez gestohlen hatte. Und das, nachdem Bracke diese Forderung + sehr gut in ihrer ganzen Nichtigkeit aufgewiesen; nachdem fast alle, + wo nicht alle Redner unserer Partei im Kampf mit den Lassalleanern + genötigt gewesen sind, gegen diese „Staatshilfe“ aufzutreten! Tiefer + konnte unsere Partei sich nicht demütigen. Der Internationalismus + heruntergekommen auf Amand Gögg, der Sozialismus auf den + Bourgeoisrepublikaner Buchez, der diese Forderung _gegenüber den + Sozialisten_ stellte, um sie auszustechen! + + Im besten Fall aber ist die „Staatshilfe“ im Lassalleschen Sinne doch + nur eine einzige Maßregel unter vielen anderen, um das Ziel zu + erreichen, was hier mit den lahmen Worten bezeichnet wird: „um die + Lösung der sozialen Frage anzubahnen“, als ob es für uns noch eine + theoretisch _ungelöste_ soziale _Frage_ gäbe! Wenn man also sagt: Die + deutsche Arbeiterpartei erstrebt die Abschaffung der Lohnarbeit und + damit der Klassenunterschiede vermittels der Durchführung der + genossenschaftlichen Produktion in Industrie und Ackerbau und auf + nationalem Maßstab; sie tritt ein für jede Maßregel, welche geeignet + ist, dieses Ziel zu erreichen! — so kann kein Lassalleaner etwas + dagegen haben. + + Fünftens ist von der Organisation der Arbeiterklasse als Klasse + vermittels der Gewerksgenossenschaften gar keine Rede. Und das ist ein + sehr wesentlicher Punkt, denn dies ist die eigentliche + Klassenorganisation des Proletariats, in der es seine täglichen Kämpfe + mit dem Kapital durchficht, in der es sich schult, und die heutzutage + bei der schlimmsten Reaktion (wie jetzt in Paris) platterdings nicht + mehr kaput zu machen ist. Bei der Wichtigkeit, die diese Organisation + auch in Deutschland erreicht, wäre es unserer Ansicht nach unbedingt + notwendig, ihrer im Programm zu gedenken und ihr womöglich einen Platz + in der Organisation der Partei offen zu lassen. + + Das alles haben unsere Leute den Lassalleanern zu Gefallen getan. Und + was haben die anderen nachgegeben? Daß ein Haufen ziemlich verworrener + _rein demokratischer Forderungen_ im Programm figurieren, von denen + manche reine Modesache sind, wie zum Beispiel die „Gesetzgebung durch + das Volk“, die in der Schweiz besteht und mehr Schaden als Nutzen + anrichtet, wenn sie überhaupt was anrichtet. Verwaltung durch das + Volk, das wäre noch etwas. Ebenso fehlt die erste Bedingung aller + Freiheit: daß alle Beamte für alle ihre Amtshandlungen jedem Bürger + gegenüber vor den gewöhnlichen Gerichten und nach gemeinem Recht + verantwortlich sind. Davon, daß solche Forderungen wie: Freiheit der + Wissenschaft — Gewissensfreiheit, in jedem liberalen Bourgeoisprogramm + figurieren und sich hier etwas befremdend ausnehmen, davon will ich + weiter nicht sprechen. + + Der freie Volksstaat ist in den freien Staat verwandelt. + Grammatikalisch genommen ist ein freier Staat ein solcher, wo der + Staat frei gegenüber seinen Bürgern ist, also ein Staat mit + despotischer Regierung. Man sollte das ganze Gerede vom Staat fallen + lassen, besonders seit der Kommune, die schon kein Staat im + eigentlichen Sinne mehr war. Der „_Volksstaat_“ ist uns von den + Anarchisten bis zum Ueberdruß in die Zähne geworfen worden, obwohl + schon die Schrift Marx' gegen Proudhon und nachher das Kommunistische + Manifest direkt sagen, daß mit Einführung der sozialistischen + Gesellschaftsordnung der Staat sich von selbst auflöst und + verschwindet. Da nun der Staat doch nur eine vorübergehende + Einrichtung ist, deren man sich im Kampf, in der Revolution bedient, + um seine Gegner gewaltsam niederzuhalten, so ist ist es purer Unsinn, + von freiem Volksstaat zu sprechen: solange das Proletariat den Staat + noch _gebraucht_, gebraucht es ihn nicht im Interesse der Freiheit, + sondern der Niederhaltung seiner Gegner, und sobald von Freiheit die + Rede sein kann, hört der Staat als solcher auf, zu bestehen. Wir + würden daher vorschlagen, überall statt _Staat_ „Gemeinwesen“ zu + setzen, ein gutes altes deutsches Wort, das das französische „Kommune“ + sehr gut vertreten kann. + + „Beseitigung aller sozialen und politischen Ungleichheit“ ist auch + eine sehr bedenkliche Phrase statt: „Aufhebung aller + Klassenunterschiede“. Von Land zu Land, von Provinz zu Provinz, von + Ort zu Ort sogar wird immer eine _gewisse_ Ungleichheit der + Lebensbedingungen bestehen, die man auf ein Minimum reduzieren, aber + nie ganz beseitigen können wird. Alpenbewohner werden immer andere + Lebensbedingungen haben als Leute des flachen Landes. Die Vorstellung + der sozialistischen Gesellschaft als des Reiches der _Gleichheit_ ist + eine einseitige französische Vorstellung, anlehnend an das alte + „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, eine Vorstellung, die _als + Entwicklungsstufe_ ihrer Zeit und ihres Ortes berechtigt war, die + aber, wie alle die Einseitigkeiten der früheren sozialistischen + Schulen, jetzt überwunden sein sollten, da sie nur Verwirrung in den + Köpfen anrichten, und präzisere Darstellungsweisen der Sache gefunden + sind. + + Ich höre auf, obwohl fast jedes Wort in diesem dabei saft- und + kraftlos redigierten Programm zu kritisieren wäre. Es ist der Art, + daß, falls es angenommen wird, Marx und ich uns _nie_ zu der auf + dieser Grundlage errichteten _neuen_ Partei bekennen können und uns + sehr ernstlich werden überlegen müssen, welche Stellung wir — auch + öffentlich — ihr gegenüber zu nehmen haben. Bedenken Sie, daß man _uns_ + im Auslande für alle und jede Aeußerungen und Handlungen der deutschen + sozialdemokratischen Arbeiterpartei verantwortlich macht. So Bakunin + in seiner Schrift „Politik und Anarchie“, wo wir einstehen müssen für + jedes unüberlegte Wort, das Liebknecht seit Stiftung des + „Demokratischen Wochenblattes“ gesagt und geschrieben. Die Leute + bilden sich eben ein, wir kommandierten von hier aus die ganze + Geschichte, während Sie so gut wie ich wissen, daß wir uns fast nie im + geringsten in die inneren Parteiangelegenheiten gemischt, und auch + dann nur, um Böcke, die nach unserer Ansicht geschossen worden, und + zwar _nur theoretische_, wieder nach Möglichkeit gutzumachen. Sie + werden aber selbst einsehen, daß dies Programm einen Wendepunkt + bildet, der uns sehr leicht zwingen könnte, alle und jede + Verantwortlichkeit mit der Partei, die es anerkennt, abzulehnen. + + Im allgemeinen kommt es weniger auf das offizielle Programm einer + Partei an, als auf das, was sie tut. Aber ein _neues_ Programm ist + doch immer eine öffentlich aufgepflanzte Fahne, und die Außenwelt + beurteilt danach die Partei. Es sollte daher keinenfalls einen + Rückschritt enthalten, wie dies gegenüber dem Eisenacher. Man sollte + doch auch bedenken, was die Arbeiter anderer Länder zu diesem Programm + sagen werden; welchen Eindruck diese Kniebeugung des gesamten + deutschen sozialen Proletariats vor dem Lassalleanismus machen wird. + + Dabei bin ich überzeugt, daß eine Einigung auf _dieser_ Basis kein + Jahr dauern wird. Die besten Köpfe unserer Partei sollten sich dazu + hergeben, auswendig gelernte Lassallesche Sätze vom ehernen Lohngesetz + und der Staatshilfe abzuleiern? Ich möchte zum Beispiel Sie dabei + sehen! Und täten sie es, ihre Zuhörer würden sie auszischen. Und ich + bin sicher, die Lassalleaner bestehen gerade auf _diesen_ Stücken des + Programms wie der Jude Shylock auf seinem Pfund Fleisch. Die Trennung + wird kommen; aber wir werden Hasselmann, Hasenclever und Tölcke und + Konsorten wieder „ehrlich gemacht“ haben; wir werden schwächer und die + Lassalleaner stärker aus der Trennung hervorgehen; unsere Partei wird + ihre politische Jungferschaft verloren haben und wird nie wieder gegen + Lassallephrasen, die sie eine Zeitlang selbst auf die Fahne + geschrieben, herzhaft auftreten können; und wenn die Lassalleaner dann + wieder sagen: sie seien die eigentlichste und einzige Arbeiterpartei, + unsere Leute seien Bourgeois, so ist das Programm da, um es zu + beweisen. Alle sozialistischen Maßregeln darin sind _ihre_, und + _unsere_ Partei hat nichts hineingesetzt als Forderungen der + kleinbürgerlichen Demokratie, die doch _auch von ihr_ in denselben + Programm als Teil der „reaktionären Masse“ bezeichnet ist! + + Ich hatte diesen Brief liegen lassen, da Sie doch erst am 1. April zu + Ehren von Bismarcks Geburtstag frei kommen und ich ihn nicht der + Chance des Abfassens bei einem Schmuggelversuch aussetzen wollte. Da + kommt nun gerade ein Brief von Bracke, der auch wegen des Programms + seine schweren Bedenken hat und unsere Meinung wissen will. Ich + schicke ihn daher zur Beförderung an ihn, damit er ihn lese und ich + den ganzen Kram nicht noch einmal zu schreiben brauche. Uebrigens habe + ich Ramm ebenfalls klaren Wein eingeschenkt, an Liebknecht schrieb ich + nur kurz. Ich verzeihe ihm nicht, daß er uns von der ganzen Sache kein + Wort mitgeteilt (während Ramm und andere glaubten, er habe uns genau + unterrichtet), bis es sozusagen zu spät war. Das hat er zwar von jeher + so gemacht — und daher die viele unangenehme Korrespondenz, die wir, + Marx sowohl wie ich, mit ihm hatten — aber diesmal ist es doch zu arg, + und _wir gehen entschieden nicht mit_. + + Sehen Sie, daß Sie es einrichten, im Sommer herzukommen, Sie wohnen + natürlich bei mir, und wenn das Wetter gut, können wir ein paar Tage + seebaden gehen, das wird Ihnen nach dem langen Brummen recht nützlich + sein. + + Freundlichst Ihr + + F.E. + + Marx ist eben ausgezogen, er wohnt 41 Maitland Park Crescent NW, + London.“ + +Unter dem 10. Mai schrieb alsdann Bracke an Marx mit Bezug auf meine +nunmehrige Stellung: + + „Ich hatte erst geglaubt, Bebel würde zu einem entschiedenen Vorgehen + geneigt sein, aber einesteils seine angegriffene Gesundheit und die + notwendige geschäftliche Rehabilitierungsarbeit, anderenteils + dringende Bitten von Liebknecht scheinen ihn abgehalten zu haben.“ + +Es waren nicht allein Liebknechts Bitten, die mich veranlaßten, meiner +Unzufriedenheit über den Programmentwurf keinen öffentlichen Ausdruck zu +geben, es war das Drängen von allen Seiten: ich möge durch mein +Auftreten es nicht zu einem Eklat treiben und damit vielleicht die +Vereinigung unmöglich machen. + +Diesem Verlangen gab ich nach, denn die Vereinigung lag auch mir am +Herzen. Ueberdies war das Drängen nach Vereinigung in der Partei so +stark, daß alle Rücksichten auf programmatische Bedenken schweigen +mußten. Schließlich konnten die gemachten Fehler später repariert +werden. + + * * * * * + +Die Einigungsbestrebungen unter der Führerschaft wurden wesentlich +gefördert durch den Wiederzusammentritt des Reichstags, der die längere +Anwesenheit der Abgeordneten in Berlin gebot. Die Session wurde am 29. +Oktober 1874 eröffnet, aber schon am 30. Januar geschlossen. Die +Beteiligung unserer Vertreter an den Verhandlungen war keine lebhafte. +Die Verhandlungen über die Einigung der Partei nahmen das Interesse der +Abgeordneten mehr in Anspruch als die Beratungen des Reichstags, +obgleich denselben wichtige Vorlagen beschäftigten. So war unter anderen +der Entwurf eines Gerichtsverfassungsgesetzes, einer Straf- und einer +Zivilprozeßordnung vorgelegt worden und ein Gesetzentwurf über den +Landsturm, zu dem später Liebknecht und Hasselmann das Wort nahmen. + +Selbstverständlich wurde wieder der Antrag auf unsere Beurlaubung aus +der Haft während der Dauer der Session eingebracht, der diesmal +Hasenclever, Most und mich umfaßte. Zu der Begründung des Antrags nahm +Liebknecht das Wort, der sich die Gelegenheit nicht entgehen ließ, die +Prozesse, die unsere Verurteilung herbeigeführt, unter die Lupe zu +nehmen und die Urteile gründlich zu zerzausen. Besonders nachdrücklich +sprach er sich über die unwürdige Behandlung aus, die damals Most in +Plötzensee zuteil wurde. + +Nach Liebknecht nahm Windthorst das Wort, der sich ebenfalls lebhaft +über die Behandlung politischer Gefangener aus dem Lager der +Althannoveraner beklagte. Dem Antrag auf unsere Freilassung könne er +aber in Rücksicht auf den Inhalt des Artikel 31 der Verfassung nicht +zustimmen, er wünsche aber, daß, wenn ein in Gefangenschaft befindlicher +Abgeordneter einen Antrag auf seine Beurlaubung stelle, die Regierungen +auf einen solchen Antrag bereitwillig eingingen und der Herr +Reichskanzler dafür eintrete. Bismarck nahm darauf das Wort und bemerkte +spöttisch, der „Herr Reichskanzler“ werde im vorliegen den Falle dafür +eintreten, daß der Verhaftete beurlaubt werde, wenn er darum bitte, denn +Reden wie die der beiden Vorredner habe man lange nicht im Reichstag +gehört, sie seien außerordentlich lehrreich und fehlten uns seit langem. +(Heiterkeit.) Der Reichstag ahnte nicht, daß er auf Grund des +ablehnenden Beschlusses, den er, ähnlich wie früher, faßte, in Bälde in +eine unangenehme Situation gebracht wurde. Die Verhandlungen über den +Antrag Liebknecht und Genossen waren am 21. November gewesen, aber +bereits am 12. Dezember sah sich der Abgeordnete Lasker, unterstützt +durch die Abgeordneten v. Bennigsen, Schenk v. Stauffenberg, v. +Forckenbeck, Dr. Hänel, Windthorst, v. Denzin, Dr. Schwarze und Fürst +Hohenlohe-Langenburg — also den Vertretern sämtlicher bürgerlichen +Parteien —, genötigt, den Antrag zu stellen: + + „Mit Rücksicht darauf, daß die am gestrigen Tage erfolgte Verhaftung + des Reichstagsmitglieds Herrn Majunke infolge eines rechtskräftigen + Strafurteils glaubhaft berichtet wird, die Geschäftsordnungskommission + mit schleuniger Berichterstattung darüber zu beauftragen: 1. Ob nach + Artikel 31 der deutschen Reichsverfassung die Verhaftung eines + Reichstagsmitglieds _während der Session des Reichstags ohne + Zustimmung_ des letzteren verfassungsmäßig zulässig ist; 2. ob und + welche Schritte zu veranlassen sind, um einer Verhaftung von + Mitgliedern des Reichstags infolge eines rechtskräftigen Strafurteils + _während der Session_ des Reichstags ohne Zustimmung desselben + vorzubeugen.“ + +Der Antrag, in dessen Beratung das Haus sofort eintrat, war lächerlich. +War, wie das Haus wiederholt und zuletzt erst am 21. November +entschieden hatte, der Artikel 31 der Verfassung auf die _Strafhaft_ von +Abgeordneten nicht anwendbar, dann hatten die zuständigen Behörden auch +das unbestreitbare Recht, einen Abgeordneten _während der Session_ in +Strafhaft zu nehmen. Nun hatte der Fall des Abgeordneten Majunke, der +als Redakteur der „Germania“ zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden +war, ungeheures Aufsehen erregt. Es war auch unzweifelhaft, daß seine +Verhaftung kurz vor Beginn einer Reichstagssitzung nicht ohne Bismarcks +Zustimmung erfolgte. Denn tatsächlich war das Urteil schon seit dem 23. +September rechtskräftig, man konnte also mit der Verhaftung Majunkes +ohne Schaden für die Rechtspflege auch bis zum Schluß der Session, Ende +Januar, warten, nachdem man es unterlassen, ihn vor Beginn der Session +in Haft zu nehmen. Aber das wollte Bismarck nicht. Er wollte offenbar +dem Zentrum für die Debatte am 4. Dezember einen Denkzettel geben; daß +damit auch der Reichstag moralisch geohrfeigt wurde, der sich diesen +Streich auf Grund seiner eigenen Beschlüsse gefallen lassen mußte, war +ihm sehr gleichgültig. Er fand es auch nicht einmal der Mühe wert, sich +zur Verhandlung einzustellen. Der Antrag Lasker wurde also der +Geschäftsordnungskommission überwiesen, die aber, wie vorauszusehen war, +sich über keinen Antrag zu einigen vermochte und in einigen Tagen mit +leeren Händen vor das Haus trat. Hier nahm die Debatte denselben +kläglichen Verlauf. Eine Reihe Anträge, die gestellt wurden, lehnte +stets irgend eine Mehrheit ab. Der Ausgang der Sache war für den +Reichstag so blamabel wie möglich. + +Ich erwähnte die Debatte vom 4. Dezember als Grund für den Racheakt +Bismarcks gegen Majunke. In jener Sitzung hielt der katholische +Sozialpolitiker Jörg eine Rede über Bismarcks auswärtige Politik und die +Nichteinberufung des Bundesratsausschusses für die Kontrolle dieser +Politik. Bismarck, erbittert über einen Hirtenbrief der französischen +Bischöfe, von denen mehrere zu jener Zeit auch elsaß-lothringische +Reichsangehörige zu ihren Diözesanen zählten, worin die Bischöfe sich +über die deutschen Kulturkampfmaßregeln mißbilligend äußerten, hatte +eine Zirkulardepesche an die Gesandten des Reiches versendet, in der er +ausführte: Sollte sich herausstellen, daß es für das Deutsche Reich +nicht möglich sei, mit dem westlichen Nachbarn in einem dauernden +Frieden zu leben, dann werde man nicht abwarten, bis die Franzosen +vollkommen zum Losschlagen gerüstet seien, sondern werde den geeigneten +Moment selbst wählen und die Initiative ergreifen. Das war eine Drohung +mit Krieg, die große Beunruhigung hervorrief. Nach einem Bismarckschen +Wort in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ erhielt die Depesche die +historische Bezeichnung: die Kaltwasserstrahldepesche. Jörg sah in +diesem Vorgehen Bismarcks eine unverantwortliche Handlungsweise, die +leichtherzig das Reich großen Gefahren aussetzte. Auch beschwerte er +sich darüber, daß man das Zentrum für das Attentat Kullmanns, das dieser +an Bismarck im verflossenen Sommer in Kissingen begangen hatte, +verantwortlich mache. Jörg bezeichnete Kullmann als einen +Halbverrückten, für den das Zentrum keine Verantwortung übernehme. +Bismarck ging darauf in einer sehr aggressiven Rede gegen das Zentrum +los. Mit Hinweis auf das Geständnis, das Kullmann ihm, Bismarck, im +Gefängnis gemacht, daß er durch Lesen der Zentrumspresse zu dem Attentat +bestimmt worden sei, erhob er die Beschuldigung, das Zentrum trage an +dem Attentat die Mitschuld, Kullmann hänge ihm an den Rockschößen. Diese +Worte riefen einen ungeheuren Lärm hervor, aus dem wiederholte +Pfuis ertönten, die man aus der Mitte des Zentrums Bismarck +entgegenschleuderte. Der Hauptrufer im Streit war der spätere Präsident +des Reichstags, Graf Ballestrem. + +Diesen Vorgang hatte Bismarck nicht vergessen, denn eine +Haupteigenschaft seiner Berserkernatur war, ein guter Hasser zu sein. +Mit seinem Hasse hat er mir immer imponiert, dagegen mißfiel mir im +höchsten Grade die kleinliche und gehässige Art, wie er seinem Hasse +Befriedigung verschaffte. Hier war ihm jedes Mittel recht. + +In dieser Session trugen wir unerwartet einen Erfolg davon. Most hatte +sich in einer Petition beschwerdeführend über seine Behandlung in +Plötzensee an den Reichstag gewendet und eine gesetzliche Regelung der +Strafhaft beantragt. Die Petitionskommission, die darüber Bericht zu +erstatten hatte, konnte sich der Berechtigung der Mostschen Klagen nicht +entziehen. Bei der Verhandlung im Plenum, in der Liebknecht ebenfalls +das Wort nahm, wurde der folgende Antrag der Kommission mit großer +Mehrheit angenommen: + + „Die Petition dem Herrn Reichskanzler mit der Aufforderung zu + überweisen, dahin zu wirken, daß in denjenigen Bundesstaaten, in + welchen die Strafvollstreckung bislang nicht durch Gesetz geregelt + ist, insbesondere im Königreich Preußen, von den Bundesregierungen + schleunigst der Strafvollzug und das Gefängniswesen in einer Weise + geordnet wird, daß dadurch der Vollzug der Strafen, namentlich der + Gefängnisstrafen, im Sinne des Strafgesetzbuchs, insbesondere des § 16 + desselben, sichergestellt wird; + + den Herrn Reichskanzler ferner zu ersuchen, bei der königlich + preußischen Regierung dahin zu wirken, daß der § 23 der Instruktion + vom 24. Oktober 1837, der Justizministerialerlaß vom 24. November + 1851 (5c) und § 37 der Hausordnung für das Strafgefängnis bei Berlin, + als mit dem § 16, Alinea 2, des Strafgesetzbuchs in Widerspruch + stehend beseitigt werden.“ + +Meine Freilassung am 1. April 1875 — dem Geburtstag Bismarcks — nach +einunddreißigmonatiger Haft, war nicht nur ein Freudentag für meine +Familie und mich. Es gingen mir von allen Seiten aus der Partei eine +solche Menge Glückwünsche in Briefen und Depeschen zu, daß ich sagen +darf, auch ein großer Teil der Partei betrachtete den Tag als einen +Freudentag. + +Für den 11. April hatte mein Wahlkreis eine große Empfangsfeier in +Glauchau veranstaltet, die ich mit meiner Familie besuchte. In der Rede, +die ich hielt, sagte ich mit Bezug auf die bevorstehende Vereinigung: +„Ich begrüße mit voller Freude die Mitglieder der anderen Fraktion, die +uns oft von dieser Stelle aus als Gegner gegenüberstanden; wir gehen +fortan nicht nur friedlich nebeneinander, wir kämpfen jetzt schon +gemeinsam miteinander für das hohe Ziel, dem wir zustreben. In Bälde +werden wir aber vereinigt sein in einem gemeinsamen Verband. So heftig +wir uns früher bekämpft, nunmehr werden wir um so gestärkter, mutiger +und furchtloser gegen den gemeinsamen Feind vorgehen. Der Erfolg wird +nicht ausbleiben.“ Die Stimmung auf dem Feste war die denkbar beste, +alle waren im Hinblick auf die stattgehabte Versöhnung wie von einem Alp +befreit. Im Juli folgten die Meeraner Genossen ebenfalls mit einem +großen Feste und später Hohenstein-Ernstthal. + +Moritz Heß erlebte die Vereinigung nicht mehr. Er starb im April in +Paris. Karl Hirsch hielt die Leichenrede. In demselben Monat starb auch +Georg Herwegh, der sich seit Lassalles Tod der Partei ferngehalten +hatte, und zwar in Baden-Baden. In demselben Jahre sah sich die +„Frankfurter Zeitung“ veranlaßt, eine Sammlung für den ehemaligen +„Zuchthäusler“ August Röckel zu veranstalten, der in größter Not in Wien +lebte. + + + + +Vom Vereinigungskongreß zu Gotha bis zum Vorabend des +Sozialistengesetzes. + + + + +Das Einigungswerk + + +Der Vereinigungskongreß war auf den 25. Mai 1875 und die folgenden Tage +von dem vorberatenden Komitee einberufen worden. Nach jahrelangen +gegenseitigen erbitterten Kämpfen standen sich jetzt die bisher +feindlichen Brüder zu gemeinsamem Werke Auge in Auge gegenüber. Daß man +sich nicht gleich brüderlich umarmte, sondern zum Teil noch immer +mißtrauisch betrachtete, wer wird sich darüber wundern? Es bedurfte noch +großer gegenseitiger Rücksichtnahme und gegenseitig einer Behandlung, +als habe man es mit rohen Eiern zu tun, sollte es nicht zum +Aufeinanderplatzen der noch vorhandenen persönlichen und sachlichen +Gegensätze kommen. Neugierig und gespannt blickten unsere gemeinsamen +Gegner in jenen Tagen nach Gotha, ob das Vereinigungswerk gelinge. Und +es gelang nach einigen kleinen Reibereien über Erwarten und trug seine +Früchte. + +Auf dem Kongreß waren 25659 Parteigenossen durch 127 Delegierte +vertreten. Davon entfielen auf den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein +16538 Mitglieder mit 71 Delegierten, auf die Sozialdemokratische +Arbeiterpartei 9121 Mitglieder mit 56 Delegierten. + +Die Versammlung eröffnete W. Bock-Gotha im Namen des Lokalkomitees und +begrüßte die Anwesenden. Bock war einer der Mitbegründer der +Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Eisenach, und nun legte er zum +zweiten Male mit Hand ans Werk zur Gründung der neuen, größeren Partei. + +Zu Vorsitzenden des Kongresses wurden Geib und Hasenclever gewählt. Bei +der Mandatprüfung erklärte ich mich für die Zulassung einer kleinen +Vereinigung von Lassalleanern in Leipzig, die sich vom Hauptverein +abgesplittert hatte. Solle Vereinigung sein, so ganze. Auer +widersprach. Mein Antrag fiel, doch ließ man den Vertreter der Sekte mit +beratender Stimme zu. Ich hatte also halb gesiegt. Weiter war von +Breslau der Antrag gestellt, die beiden Fraktionen sollten vor Eintritt +des Gesamtkongresses in die Beratung ihre Separatkongresse abhalten, um +ihre inneren Angelegenheiten zu ordnen. Dagegen erklärte sich Auer. +Diese könnten ebensogut nach dem allgemeinen Kongreß abgehalten werden. +Die Eisenacher brauchten dazu einen Tag. Deren Abrechnungen stimmten, +wie die anwesenden Delegierten bezeugen würden. Der Kongreß finde nach +getroffenen Vereinbarungen der Vertreter der beiden Parteien statt. +Hintergedanken habe niemand gehabt. Bei den Eisenachern gelte die +Parole: Wir sind arm, aber ehrlich. Wir könnten den Kongreß nicht in die +Länge ziehen, daher seien wir gegen den Breslauer Antrag. Diese +Ausführungen Auers verletzten erklärlicherweise die andere Seite, und so +nahm _Fritzsche_ am folgenden Tage das Wort, um sich über die Aeußerung +Auers: „Wir sind arm, aber ehrlich“, zu beschweren. Diese Worte +erweckten den Verdacht, als gehe es im Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein unehrlich zu. _Geib_ beruhigte Fritzsche. Auer erklärte: +Er halte die Aeußerung unter den gegebenen Verhältnissen für +gerechtfertigt. Die Lassalleaner hätten selbst solche Angriffe erhoben +und dabei von „beiden Seiten“ gesprochen. + +Dieses war der einzige ernstliche Mißton, der in den Verhandlungen zum +Vorschein kam. + +In der Programmfrage war _Liebknecht_ Referent. Im Programm war der Satz +enthalten: Die Befreiung der Arbeiter muß das Werk der Arbeiterklasse +sein, „der gegenüber alle anderen Klassen nur eine reaktionäre Masse +sind“. Ich beantragte, an Stelle des letzten Satzes zu sagen: Der +gegenüber alle anderen Klagen reaktionär sind. Vahlteich ging weiter und +beantragte die Streichung des ganzen Abschnittes. Sein Antrag wurde mit +12 gegen 111 Stimmen, der meine mit 58 gegen 50 Stimmen abgelehnt. Bei +der Spezialberatung der nächsten Forderungen beantragte ich, das +Wahlrecht für Staatsangehörige beiderlei Geschlechts zu fordern. +_Hasselmann_ erklärte sich gegen, _Auer_ für meinen Antrag. Derselbe +wurde mit 55 gegen 62 Stimmen abgelehnt. Nachträglich gab _Hasenclever_ +die Erklärung ab: Viele Delegierte hätten gegen meinen Antrag gestimmt, +weil sie die Forderung durch den Ausdruck Staatsangehörigen gedeckt +hielten; ähnlich äußerte sich Liebknecht, er habe aus stilistischen +Gründen (beiderlei Geschlechts) gegen meinen Antrag gestimmt, in der +Sache selbst sei er mit mir einverstanden. Es wurden alsdann noch eine +Reihe kleinerer Verbesserungsanträge, die wir gestellt, angenommen. In +der Endabstimmung fand das Programm einstimmig Annahme. In seinen +prinzipiellen Sätzen lautete nunmehr dasselbe: + + 1. Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur, und da + allgemein nutzbringende Arbeit nur durch die Gesellschaft möglich ist, + so gehört der Gesellschaft, das heißt allen ihren Gliedern, das + gesamte Arbeitsprodukt, bei allgemeiner Arbeitspflicht, nach gleichem + Recht, jedem nach seinen vernunftgemäßen Bedürfnissen. + + In der heutigen Gesellschaft sind die Arbeitsmittel Monopol der + Kapitalistenklasse; die hierdurch bedingte Abhängigkeit der + Arbeiterklasse ist die Ursache des Elends und der Knechtschaft in + allen Formen. + + Die Befreiung der Arbeit erfordert die Verwandlung der Arbeitsmittel + in Gemeingut der Gesellschaft und die genossenschaftliche Regelung der + Gesamtarbeit mit gemeinnütziger Verwendung und gerechter Verteilung + des Arbeitsertrags. + + Die Befreiung der Arbeit muß das Werk der Arbeiterklasse sein, der + gegenüber alle anderen Klassen nur eine reaktionäre Masse sind. + + 2. Von diesen Grundsätzen ausgehend, erstrebt die Sozialistische + Arbeiterpartei Deutschlands mit allen gesetzlichen Mitteln den freien + Staat und die sozialistische Gesellschaft, die Zerbrechung des ehernen + Lohngesetzes durch Abschaffung des Systems der Lohnarbeit, die + Aufhebung der Ausbeutung in jeder Gestalt, die Beseitigung aller + sozialen und politischen Ungleichheit. + + Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, obgleich zunächst im + nationalen Rahmen wirkend, ist sich des internationalen Charakters der + Arbeiterbewegung bewußt und entschlossen, alle Pflichten, welche + dieselbe den Arbeitern auferlegt, zu erfüllen, um die Verbrüderung + aller Menschen zur Wahrheit zu machen. + + 3. Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands fordert, um die + Lösung der sozialen Frage anzubahnen, die Errichtung von + sozialistischen Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe unter der + demokratischen Kontrolle des arbeitenden Volkes. Die + Produktivgenossenschaften sind für Industrie und Ackerbau in solchem + Umfang ins Leben zu rufen, daß aus ihnen die sozialistische + Organisation der Gesamtarbeit entsteht. +Im weiteren folgten die Forderungen für die Demokratisierung des Staates +und die nächsten sozialen Forderungen. + +Wie aus dem Programm hervorgeht, war der Name der vereinigten Partei: +„Sozialistische Arbeiterpartei.“ Ueber die vorgeschlagene Organisation +berichtete _Hasenclever_, die mit einigen Aenderungen ebenfalls nach der +Vorlage einstimmig angenommen wurde. Danach stand an der Spitze der +Partei ein Vorstand aus fünf Personen, die der Kongreß wählte. Für die +Kontrolle der Geschäftsführung des Vorstandes wurde eine +Kontrollkommission aus sieben Personen eingesetzt, deren Sitz der +Kongreß bestimmte und deren Wahl durch die Mitglieder der Partei an dem +Sitz der Kontrollkommission vorgenommen wurde. Außerdem wurde ein +Ausschuß von achtzehn Personen, über Deutschland verteilt wohnend, +gewählt, der als vorläufig richtende Instanz über den Parteivorstand zu +entscheiden hatte und bei besonders wichtigen Vorgängen zur Beratung von +seiten des Vorstandes eingeladen werden sollte. Die Leitung der +örtlichen Geschäfte wurde einem Agenten übertragen, den auf Vorschlag +der Mitglieder eines Ortes der Parteivorstand einsetzte. Man hoffte +damit einer Anklage wegen gesetzwidriger Verbindung von Vereinen aus dem +Wege zu gehen. Wie sich bald ergab, vergeblich. + +Als Sitz des Parteivorstandes wurde auf meinen Vorschlag Hamburg +bestimmt. Weiter wurden die von mir vorgeschlagenen Gehälter für die +fünf Vorstandsmitglieder angenommen, wonach der geschäftsführende +Vorsitzende monatlich 65 Taler, sein Stellvertreter 15 Taler, die beiden +Schriftführer je 50 Taler, der Kassierer 35 Taler erhalten sollten. +Diese Sätze waren vorher unter uns vereinbart worden; ebenso schlug ich +im Namen der Eisenacher vor, in den neuen Vorstand drei Lassalleaner und +zwei Eisenacher zu wählen, was ebenfalls Annahme fand. Darauf wurden +_Hasenclever_ als erster, _Hartmann_-Hamburg als zweiter Vorsitzender, +_Auer_ und _Derossi_ als Schriftführer, _Geib_ als Kassierer gewählt. +Sitz der Kontrollkommission wurde Leipzig und ich deren Vorsitzender. + +Offizielle Organe der Partei wurden der „Neue Sozialdemokrat“ in Berlin +und der Leipziger „Volksstaat“. Beide Blätter gingen in Parteieigentum +über. + +Am 27. Mai abends halb 12 Uhr waren die Beratungen zu Ende und wurde der +Kongreß mit einem Hoch auf die Arbeiter aller Kulturstaaten und +nachfolgendem Gesang der Arbeitermarseillaise geschlossen. + + * * * * * + +Bracke, der dem Kongreß aus Gesundheitsrücksichten fernbleiben mußte, +war am Schlusse desselben durch die erzielten Resultate in günstigerer +Stimmung. So schrieb er am 27. Mai an Engels: + + „Ich persönlich kann Ihnen noch keine Mitteilung sagen, da man das, + was beschlossen ist, erst vor sich haben muß, ehe man urteilt. Sind + diese Beschlüsse nicht unsinnig, werden wir auch keinen Unsinn machen. + (Anspielung auf einen Brief Liebknechts an Bracke.) Jedenfalls war bei + Liebknecht, Geib usw. der ernste Wille vorhanden, den begangenen + Fehler wieder gutzumachen. Der Verlauf des Kongresses hat gezeigt, daß + die Konzessionen des Entwurfes weit weniger wegen der Arbeiter nötig + waren als aus persönlicher Rücksicht gegen Hasenclever usw. _Soweit + bis jetzt ein Urteil möglich ist, bin ich mit dem Kongreß zufrieden,_ + denn derselbe hat gezeigt, daß die Arbeiter tatsächlich viel weiter + sind als ich glaubte.“ + +Ich kam erst im Herbst dazu, Engels auf seinen Brief von Ende März zu +antworten. Ich schrieb: + + „Leipzig, den 21. Sept. 1875. + + Lieber Engels! + + Ich muß recht sehr um Entschuldigung bitten, daß ich Sie auf Ihren + Brief von Ende März ohne alle Antwort gelassen. Ich kann Ihnen aber + versichern, daß ich in den ersten drei bis vier Monaten nach meiner + Freilassung keine ruhige Stunde gehabt, in der ich den Brief hätte + beantworten können, und selbst heute fällt es mir schwer, die nötige + Muße aufzutreiben. + + Mit dem Urteil, das Sie über die Programmvorlage fällten, stimme ich, + wie das auch Briefe von mir an Bracke beweisen, vollkommen überein. + Ich habe auch Liebknecht über seine Nachgiebigkeit heftige Vorwürfe + gemacht, aber nachdem einmal das Malheur geschehen war, galt es, sich + so gut als möglich herauszuziehen. Was der Kongreß beschlossen, war + das Aeußerste, was zu erreichen war. Es zeigte sich auf der anderen + Seite eine entsetzliche Borniertheit und teilweise Verbissenheit, man + mußte mit den Leuten wie mit Porzellanpüppchen umgehen, wollte man + nicht, daß der mit soviel Lärm in Szene gesetzte Einigungskongreß zum + Jubel der Gegner und zur größten Blamage der Partei resultatlos + auseinanderging. Schließlich gelang es aber dennoch, namentlich in der + Personenfrage, derart zu operieren, daß _wir mit dem Resultat + zufrieden sein konnten._ Es wird allerdings noch manchen Kampf gegen + die Borniertheit und den persönlichen Egoismus zu kämpfen geben, aber + ich zweifle nicht, daß auch diese Kämpfe, wenn wir geschickt + operieren, ohne Schaden für das Ganze ausgefochten werden, und daß in + zwei Jahren ein ganz anderer Geist die jetzt teilweise noch + widerhaarigen Elemente durchdringt. + + Das Ganze ist eine Erziehungsfrage. Nachdem die Leute acht bis neun + Jahre in Lassalle-Schweitzerschem Geiste erzogen worden sind, wollen + sie sich nicht _sofort_ an die andere Methode gewöhnen, hier gilt's, + Geduld haben. + + Die von mir bezeichnete Erziehungsmethode würde sich vielleicht + erheblich abkürzen lassen, wenn wir hier den von allen Seiten + herbeiströmenden Einladungen zu Versammlungen und Festreden genügen + könnten. Im persönlichen Verkehr mit den Leuten ließen sich Vorurteile + und Voreingenommenheiten rascher beseitigen, aber wir können nicht + entfernt leisten, was verlangt wird. + + Ich speziell bin durch mein Geschäft ganz bedeutend lahm gelegt, und + der Durchkrach bei der Landtagswahl hat niemand mehr gefreut als mich. + Liebknecht und Motteler geht es, trotzdem sie in der Partei ihre ganze + Stellung haben, nicht viel besser; denn ihre laufende Arbeit verträgt + sich schlecht mit dem vagabundierenden Agitatorenleben, und dann haben + wir in diesem Punkte auch schon zuviel geleistet, um noch große + Sehnsucht danach zu empfinden. Lunge und Stimmorgane sprechen ja auch + ein Wörtchen mit. + + _Im allgemeinen können wir mit dem Gang der Partei sehr zufrieden + sein,_ jetzt sieht man erst, wie die frühere Bekämpfung die Kräfte + zersplitterte, die Partei ist jetzt finanziell so gestellt, wie nie + zuvor, und die Steuern gehen, trotz der schlechten Geschäftszeit, sehr + pünktlich und regelmäßig ein. + + Ihrer freundlichen Einladung nach London konnte ich natürlich unter + den oben geschilderten Umständen nicht nachkommen; ich möchte gerne + einmal hinüber nach Old-England, aber vorläufig ist nicht daran zu + denken. Vielleicht muß ich nächstes Jahr nach dem Rheinland, eventuell + nach Holland in Geschäften, und dann ist der Weg zu Ihnen nicht mehr + allzuweit. + + Wie ich gehört, ist Marx in Karlsbad, wahrscheinlich werde ich ihn + aber nicht zu sehen bekommen; wie mir Liebknecht sagte, will er durch + Bayern zurück. In ungefähr 14 Tagen werde ich nach Karlsbad kommen, + ich will eine Geschäftstour nach Böhmen machen, dann wird er aber + nicht mehr dort sein. Grüßen Sie Marx, wenn er zurückkehrt. Wollen Sie + denn nicht Deutschland mal heimsuchen? Sie sitzen in England wie + eingerostet. + + Freundschaftlichst grüßt Ihr ergebener + + Bebel.“ + +Die Antwort, die ich von Engels erhielt, bewies, daß er und Marx meinen +Brief in einem Sinne aufgefaßt hatten, der mit dem Inhalt desselben +nicht recht in Einklang zu bringen war. Engels schrieb: + + „London, 12. Oktober 1875. + + Lieber Bebel! + + Ihr Brief bestätigt ganz unsere Ansicht, daß die Einigung unsererseits + überstürzt ist und den Keim künftigen Zwiespalts in sich trägt. Wenn + es gelingt, diesen Zwiespalt bis über die nächsten Reichstagswahlen + hinauszuschieben, wäre es schon gut.... + + Das Programm, wie es jetzt ist, besteht aus drei Teilen: + + 1. Den Lassalleschen Sätzen und Stichworten, die aufgenommen zu haben + eine Schmach unserer Partei bleibt. Wenn zwei Fraktionen sich über ein + gemeinsames Programm einigen, so setzen sie das hinein, worüber sie + einig und berühren nicht das, worüber sie uneinig sind. Die + Lassallesche Staatshilfe stand zwar im Eisenacher Programm, aber als + eine aus vielen _Uebergangsmaßregeln,_ und nach allem, was ich gehört + habe, war sie, ohne die Einigung, ziemlich sicher, im diesjährigen + Kongreß auf Brackes Antrag an die Luft gesetzt zu werden. Jetzt + figuriert sie als das eine unfehlbare und ausschließliche Heilmittel + für alle sozialen Gebrechen. Das „eherne Lohngesetz“ und andere + Lassallesche Phrasen sich aufoktroyieren zu lassen, war für unsere + Partei eine kolossale moralische Niederlage. Sie bekehrte sich zum + Lassalleschen Glaubensbekenntnis. Das ist nun einmal nicht + wegzuleugnen. Dieser Teil des Programms ist das kaudinische Joch, + unter dem unsere Partei zum größeren Ruhm des heiligen Lassalle + durchgekrochen ist; + + 2. aus demokratischen Forderungen, die ganz im Sinn und im Stil der + Volkspartei ausgesetzt sind; + + 3. aus Forderungen an den „_heutigen_ Staat“ (wobei man nicht weiß, an + wen denn die übrigen „Forderungen“ gestellt werden), die sehr konfus + und unlogisch sind; + + 4. aus allgemeinen Sätzen, meist dem Kommunistischen Manifeste und den + Statuten der Internationale entlehnt, die aber so umredigiert sind, + daß sie entweder total _Falsches_ enthalten oder aber _reinen + Blödsinn_, wie Marx das in dem Ihnen bekannten Aufsatz im einzelnen + nachgewiesen. + + Das Ganze ist im höchsten Grad unordentlich, konfus, + unzusammenhängend, unlogisch und blamabel. Wenn unter der + Bourgeoispresse ein einziger kritischer Kopf wäre, er hätte dies + Programm Satz für Satz durchgenommen, jeden Satz auf seinen wirklichen + Inhalt hin untersucht, den Unsinn recht handgreiflich + auseinandergelegt, die Widersprüche und ökonomischen Schnitzer (zum + Beispiel: daß die Arbeitsmittel heute „Monopol der Kapitalistenklasse“ + sind, als ob es keine Grundbesitzer gäbe, das Gerede von „Befreiung + der _Arbeit_“ statt der Arbeiterklasse, die Arbeit selbst ist + heutzutage ja gerade _viel zu frei_!) entwickelt und unsere ganze + Partei greulich lächerlich gemacht. Statt dessen haben die Esel von + Bourgeoisblättern dies Programm ganz ernsthaft genommen, + hineingelesen, was nicht darin steht und es kommunistisch gedeutet. + Die Arbeiter scheinen dasselbe zu tun. Es ist _dieser Umstand allein_, + der es Marx und mir möglich gemacht hat, uns nicht öffentlich von + einem solchen Programm loszusagen. Solange unsere Gegner und ebenso + die Arbeiter diesem Programm unsere Ansichten unterschieben, ist es + uns erlaubt, darüber zu schweigen. + + Wenn Sie mit dem Resultat in der Personenfrage zufrieden sind, so + müssen die Ansprüche auf unserer Seite ziemlich tief gesunken sein. + Zwei von den Unseren und drei Lassalleaner! Also auch hier die Unseren + nicht gleichberechtigte Alliierte, sondern Besiegte und von vornherein + überstimmt. Die Aktion des Ausschusses, soweit wir sie kennen, ist + auch nicht erbaulich: 1. Beschluß, Brackes und B. Beckers zwei + Schriften über Lassallesches nicht auf die Parteischriftenliste zu + setzen; wenn dies zurückgenommen, so ist es nicht die Schuld des + Ausschusses und auch nicht Liebknechts; 2. Verbot an Vahlteich, die + ihm von Sonnemann angetragene Korrespondenz für die Frankfurter + Zeitung anzunehmen. Dies hat Sonnemann dem durchreisenden Marx selbst + erzählt. Was mich noch mehr dabei wundert als die Arroganz des + Ausschusses und die Bereitwilligkeit, womit Vahlteich sich gefügt hat, + statt dem Ausschuß etwas zu pfeifen, ist die kolossale Dummheit dieses + Beschlusses. Der Ausschuß sollte doch lieber dafür sorgen, daß ein + Blatt, wie die Frankfurter, von allen Orten aus _nur_ durch unsere + Leute bedient wird. — + + ... Daß die ganze Sache ein Erziehungsexperiment ist, das auch unter + diesen Umständen einen sehr günstigen Erfolg verspricht, darin haben + Sie ganz recht. Die Einigung als solche ist ein großer Erfolg, wenn + sie sich zwei Jahre hält. Aber sie war unzweifelhaft weit billiger zu + haben.“ + +Man sieht, es war kein leichtes Stück, mit den beiden Alten in London +sich zu verständigen. Was bei uns kluge Berechnung, geschickte Taktik +war, das sahen sie als Schwäche und unverantwortliche Nachgiebigkeit an, +schließlich war doch die Tatsache der Einigung die Hauptsache. Diese +trug logisch die Weiterentwicklung in sich selbst, dafür sorgten auch +nach wie vor unsere Freunde, die Feinde. Daran konnten auch +Beschränktheiten und Engherzigkeiten, wie sie der Parteivorstand in den +von Engels gerügten Fällen sich zuschulden kommen ließ, nichts ändern. +Erwähnt muß werden, daß damals die „Frankfurter Zeitung“ der von uns +vertretenen Richtung freundlich gegenüberstand, dagegen hatte der +Allgemeine Deutsche Arbeiterverein mit Sonnemann manchen Span +auszufechten gehabt. Daher war auf dieser Seite die Animosität gegen ihn +und seine Zeitung erklärlicherweise eine sehr starke. + + + + +Nachwehen. + + +So glatt, wie ich in meinem Briefe an Engels die Sachlage dargestellt +hatte, verlief indes die Einigung nicht überall. Namentlich platzten in +Hamburg, wo Hasselmann und Richter-Wandsbeck und ihr Anhang schürten, +die Geister oft heftig aufeinander. Auer, der als Parteisekretär in +Hamburg wohnte, sah diese Vorgänge als ziemlich bedenklich an. So +schrieb er mir am 15. September 1875: In der Parteimitgliedschaft sei +nach wie vor große Uneinigkeit, es sei fraglich, ob aus all dem +Teufelsquark nicht noch eine Spaltung hervorgehe. Und in einem Briefe +vom 25. September an mich wiederholte er seine Klagen. Auf dem +Parteikongreß 1876 wurde dann Richter-Wandsbeck wegen seines +parteischädigenden Treibens aus der Partei ausgestoßen. + + * * * * * + +In Leipzig hatte der zum Reichstag gewählte Abgeordnete Dr. Stephani im +Frühjahr 1875 sein Mandat niedergelegt. Es kam zu einer Nachwahl, bei +der ich wieder als Kandidat der Partei aufgestellt worden war. Bei der +Wahl am 11. Mai erhielt ich 4018 Stimmen, 367 mehr als das Jahr zuvor +bei den allgemeinen Wahlen, mein nationalliberaler Gegner erhielt über +1000 Stimmen weniger, die auf einen Konservativen fielen. Ich war auch +als Landtagskandidat für den sächsischen Landtagswahlkreis +Meerane-Hohenstein-Ernstthal aufgestellt worden. Ich unterlag hier +gleichfalls, und zwar mit 694 gegen 899 Stimmen, die mein +nationalliberaler Gegner erhielt. Ich war über diese Niederlage, wie ich +in meinem oben abgedruckten Briefe an Engels bereits andeutete, sehr +zufrieden. Die Partei hatte sich um jene Zeit noch wenig mit den +Landtagswahlen befaßt. Das Wahlgesetz war zwar im Vergleich zu dem heute +bestehenden ein sehr günstiges, es forderte für den Wähler einen Zensus +von 3 Mark direkter Staatssteuer, die sächsische Staatsangehörigkeit und +ein Alter von 25 Jahren. Für das Recht, als Abgeordneter gewählt zu +werden, das sogenannte passive Wahlrecht, wurde ein Zensus direkter +Staatssteuer von mindestens 30 Mark, ein Alter von 30 Jahren und +dreijährige Staatsangehörigkeit verlangt. Trotzdem war die Zahl unserer +Wähler gering, da zu jener Zeit viele Arbeiter die Staatssteuer von 3 +Mark, die mit einem Jahreseinkommen von 600 Mark verknüpft war, nicht +bezahlten. Erst mit der Einführung eines neuen Einkommensteuergesetzes +im Jahre 1876 änderte sich dieses zu unseren Gunsten infolge der höheren +Einkommeneinschätzung. Von jetzt ab begannen wir mit Erfolg uns an den +Wahlen zum Landtag zu beteiligen. + +Um die stattgehabte Vereinigung immer mehr in Fleisch und Blut der +früher feindlichen Brüder überzuleiten, kamen wir überein, daß die +bekanntesten Persönlichkeiten aus den ehemaligen beiden Lagern +hauptsächlich in den Bezirken Versammlungen abhalten sollten, die ihnen +früher mehr oder weniger unzugänglich waren. So gingen Liebknecht und +Motteler nach Norden und Westen, Hasenclever, Dreesbach und andere nach +dem Süden und nach Sachsen, ich nach Altona-Hamburg, woselbst meine +Versammlungen ungemein stark besucht wurden, ebenso in Berlin, woselbst +ich im Tivoli eine Riesenversammlung abhielt. In Hamburg, Altona und +Umgegend erhielt die Bewegung einen neuen Stützpunkt in der Gründung des +„Hamburg-Altonaer Volksblattes“, das mit dem 1. Oktober 1875 ins Leben +trat. Hasenclever zog es jetzt vor, aus dem Vorstand aus-und in die +Redaktion des „Hamburg-Altonaer Volksblattes“ einzutreten. + + * * * * * + +Für mich persönlich war damals die Situation keine angenehme. Unter dem +Widerspruch der Interessen zwischen Geschäft und Partei litt ich schwer, +darüber klagte auch Bracke in einem Briefe an mich Ende August. Es sei +schrecklich, Sklave eines Geschäftes zu sein. Aber wie loskommen? Er +trage sich mit dem Gedanken, sein Druck- und Verlagsgeschäft an die +Leipziger Genossenschaftsdruckerei zu verkaufen, aber andererseits habe +er wieder Bedenken. Er habe erdrückende Arbeit und ein schweres Defizit +zu tragen, das ihm Verlag und Druckerei verursache. Ich bewunderte bei +ihm die Heiterkeit des Gemüts, die er trotz aller Sorgen behielt. Da ich +um jene Zeit meinen späteren Associé gewonnen hatte, eine Verbindung, +die erst im nächsten Herbste durchgeführt werden konnte, wovon aber +Nachricht sich blitzschnell in Leipzig verbreitet hatte, entstand das +von den Gegnern genährte Gerücht, ich werde mich alsdann aus dem +Parteileben zurückziehen. Die erste Nachricht von diesem Geschwätz +erhielt ich durch einen Altenburger Genossen, der mir am 30. August +schrieb: Er habe bei seiner kürzlichen Anwesenheit in Leipzig von +verschiedenen Seiten gehört, daß ich einen Kompagnon erhielte, +Großindustrieller würde und dann mich langsam aus der Partei +zurückziehen wolle. Das habe er bei einem Arbeiterfest in Schmölln auch +Meeraner und Gößnitzer Genossen mitgeteilt und ihnen gesagt, sie müßten +diesen schmerzlichen Schlag, den sie von mir erhielten, überwinden. Da +sei es aber rührend gewesen, mit welch felsenfestem Vertrauen die +betreffenden Genossen geantwortet, das glaubten sie nicht, das hielten +sie für unmöglich. Mittlerweile habe er auch vernommen, daß es nicht +wahr sei. Er habe ihnen aber versprechen müssen, an mich wegen der Sache +zu schreiben, er bitte wegen seiner Zudringlichkeit um Verzeihung, ich +möchte aber dem Gerücht _öffentlich_ entgegentreten, ein Verlangen, das +zu erfüllen ich meiner unwürdig hielt. + +Um diese Zeit — September 1875 — befand sich Most noch immer im Gefängnis +zu Plötzensee. Ich schrieb ihm zur Tröstung einen längeren Brief und +erkundigte mich, wie es ihm gehe. Daß seine Behandlung gegen früher eine +anständigere geworden war, hatte ich vernommen. Darauf schrieb er mir am +27. September: + + „Lieber Bebel! Wenn ich Dir sage, daß ich oft monatelang weder von der + Partei noch von Parteigenossen ein Sterbenswörtchen höre, so kannst Du + Dir denken, daß mich Dein Brief freute. Du mußt Dir meinethalben keine + Sorge machen, es steht zwar (_lediglich_ wegen meiner kärglichen + Lebensweise) faul genug mit mir, aber flöten gehe ich deshalb doch + nicht. Mir geht es von Kindheit an, namentlich aber seit den letzten + sieben Jahren, so nichtswürdig, daß ich immerhin ungemein viel + aushalten kann.... Alle Nachrichten, die Du mir betreffend unsere + Partei übermittelst, beweisen mir aufs neue, daß alle gegen uns + inszenierten Verfolgungen fruchtlos waren und sind. Komme ich erst + heraus, hoffe ich meine Freude zu haben. Und was meine Stimmbänder + betrifft, so werden sie wohl noch ein Weilchen aushalten.... Was ich + tue? Nun, ich ochse! Erstens schreibe ich für Geib, zweitens büffle + ich französische Uebersetzungen und drittens löffle ich tüchtig + Materialismus.... Man muß ja heutzutage entsetzlich viel gelesen + haben, will man nicht als Schafskopf gelten.... Die Zeit vergeht mir + verhältnismäßig sehr rasch. Geib meint, ich solle beantragen, daß man + mich vorläufig entlasse, aber dieses habe ich nun schon dreimal + abgelehnt, da solche Betteleien prinzip- und zwecklos sind.“ + + + + +Reichstagsarbeit. + + +Ende Oktober 1875 wurde die neue Session des Reichstags eröffnet. Nach +einer Pause von fast dreieinhalb Jahren nahm ich zum erstenmal wieder an +dessen Beratungen teil. Es war auch die erste Session, in der die +Vertretung der Partei als die der geeinigten Partei vor die +Oeffentlichkeit trat. Das Auftreten der Fraktion war denn auch sofort +lebhafter, selbstbewußter und energischer als in irgend einer früheren +Session. Die Natur des Beratungsstoffs trug ebenfalls zu einem +lebhafteren Eingreifen bei. + +Dem Reichstag war ein Gesetzentwurf zugegangen betreffend die Abänderung +des Titels 8 der Gewerbeordnung in Verbindung mit einem Gesetzentwurf +über die gegenseitigen Hilfskassen. Die Debatte über den Gesetzentwurf +in den verschiedenen Stadien seiner Beratung wurde von uns mit allem +Nachdruck geführt. Fast die gesamten Mitglieder der Fraktion beteiligten +sich zum Teil wiederholt an den Debatten und begründeten auch eine +größere Zahl Anträge zu den verschiedenen Paragraphen. In der +Arbeiterwelt hatte der Entwurf lebhafte Mißstimmung erzeugt und eine +Anzahl Petitionen hervorgerufen, unter denen namentlich die Petition der +Kommission der Krankenkassenvorstände _Berlins_ sehr ausführlich auf die +einzelnen Bestimmungen des Gesetzentwurfes einging. + +Seitens der Fraktion war ich zum Redner in der Generaldebatte bestimmt +worden. Die Verhandlungen begannen am 6. November und wurden noch an +demselben Tage zu Ende geführt. Die Mehrheit liebte es, möglichst wenig +zu diskutieren und raschen Schluß zu machen. Ich nahm gegen den Entwurf +in der vorliegenden Fassung entschieden Stellung. Fraktion und Partei +standen damals auf dem Standpunkt, daß die Krankenkassen +_ausschließlich_ den Arbeitern gehörten, daß sie allein die Beiträge +zahlen und die _volle_ Selbstverwaltung besitzen sollten. Die +Haftpflicht beziehungsweise Unfallpflicht in allen ihren Konsequenzen +sei _ausschließlich_ den Unternehmern zu übertragen. Die Invaliditäts- +und Altersversicherung sei auf die Beiträge _beider_ Teile zu begründen. +Ich führte aus: Der Entwurf stelle die Arbeiter unter die Vormundschaft +der Behörden und der Unternehmer. Er verweigere den Arbeitern das Recht, +das jede andere Klasse für die Verwaltung ihres eigenen Vermögens +besitze, das Recht der unumschränkten Selbstverwaltung. Was +würde der Reichstag sagen, machten wir in einem Aktien- oder +Genossenschaftsgesetz solche bevormundende Vorschriften! Statt von +großen des Reiches würdigen Gesichtspunkten sei man von kleinlichen und +kleinlichsten Gesichtspunkten ausgegangen. Namentlich in Verbindung mit +dem § 4 des Haftpflichtgesetzes sei der Entwurf sehr bedenklich, da er +den Arbeitern in den Hilfskassen Lasten auferlege, die die +Haftpflichtversicherung der Unternehmer zu tragen habe. Behalte der +Gesetzentwurf im wesentlichen seinen jetzigen Charakter, werde er statt +Zufriedenheit große Unzufriedenheit in der Arbeiterwelt hervorrufen, +also das Gegenteil von dem, was er bezwecken solle. Der Entwurf wurde an +eine Kommission von 21 Mitgliedern verwiesen. Nachdem dieser Beschluß +gefaßt war, trat der Abgeordnete Miguel an mich heran und stellte die +Frage, ob ich bereit wäre, Mitglied der Kommission zu werden. Nach +erfolgter Umfrage bei den Fraktionsgenossen erklärte ich mich dazu +bereit. Als aber die Wahl erfolgen sollte, kam Miguel abermals zu mir: +er müsse zu seinem Bedauern mir mitteilen, daß die große Mehrheit seiner +Fraktion meine Wahl nicht wünsche. Er riet mir, mich mit dem Zentrum zu +verständigen. Ich lehnte dieses ab; es sei unserer unwürdig, bei einer +anderen Fraktion um einen Sitz in einer Kommission zu petitionieren. Der +Seniorenkonvent bestand damals schon, der die Verteilung der Mitglieder +der Kommissionen nach der Stärke der Fraktionen vornahm. Wir mit unseren +neun Mitgliedern wurden aber als Fraktion nicht anerkannt, dazu waren +mindestens fünfzehn erforderlich. So unterblieb meine Teilnahme an der +Kommission. Wir stimmten schließlich gegen das Gesetz, da wir mit +unseren Verbesserungsanträgen kein Glück hatten; sie wurden sämtlich +abgelehnt. + +Eine zweite Vorlage, die unsere Beteiligung an den Verhandlungen +herausforderte, war die Strafgesetznovelle, durch die nicht weniger als +53 Paragraphen des Strafgesetzes, das erst fünf Jahre in Wirksamkeit +war, geändert oder neu eingeführt werden sollten. Die verbündeten +Regierungen wollten mit der Vorlage 14 neuen Vergehen die +strafrechtliche Verfolgung sichern. Bismarck war allezeit ein +Gewaltmensch; jede ihm unbequeme oder unangenehme Zeitströmung glaubte +er durch Anwendung von staatlichen Gewaltmitteln aus der Welt schaffen +zu können. So die katholische, die Polen-, die sozialistische Bewegung. +Und er ist von dieser Auffassung auch nicht bekehrt worden, obgleich am +Ende seines Lebens das gründliche Fiasko dieser Politik auf der flachen +Hand lag und er der Besiegte und nicht der Sieger war. Die +Strafgesetznovelle sollte im großen zuwege bringen, was bisher durch +Polizei und Richter mißlungen war. Es waren also insbesondere die +sogenannten politischen Paragraphen des Strafgesetzbuches, zum Beispiel +die §§ 95, 103, 110, 111, 113, 114, 117, 128, 130, 130a, 131 usw., die +entsprechend verschärft werden sollten. So sollte der § 130 folgende +Fassung erhalten: Wer in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden +Weise verschiedene Klassen der Bevölkerung gegen einander öffentlich +aufreizt, oder wer in gleicher Weise die Institute der Ehe, der Familie, +des Eigentums öffentlich durch Rede oder Schrift angreift, wird mit +Gefängnis bestraft. Aehnlich erweitert wurde der § 131. Es wurde an +seine Stelle etwas modifiziert der berüchtigte ehemalige preußische Haß- +und Verachtungsparagraph vorgeschlagen. Wir beobachteten die Taktik, uns +zunächst zurückzuhalten und den Liberalen, die mit dem Regierungsentwurf +sehr unzufrieden waren, den Vortritt zu lassen. Diese Taktik erwies sich +als richtig. Nicht nur Dr. _Hänel_ von der Fortschrittspartei, sondern +selbst die Nationalliberalen _Bamberger_ und _Lasker_ entwickelten +Anschauungen über die Freiheit der öffentlichen Meinung, denen wir +nichts hinzuzusetzen brauchten, die aber sehr abstachen +gegen die Haltung, die sie einige Jahre später dem zweiten +Sozialistengesetzentwurf gegenüber einnahmen. Ein Teil der Vorlage ging +an eine Kommission, der andere sollte im Plenum beraten werden. Unsere +eigentliche Beteiligung begann mit der Beratung des § 130, der am 27. +Januar 1876 auf der Tagesordnung stand. Graf Eulenburg, der Minister des +Innern für Preußen, begann seine Rede mit den Worten: Meine Herren, der +§ 130 ist gegen die Sozialdemokratie gerichtet. Der übrige Inhalt seiner +Rede bestand vorzugsweise in langen Zitaten aus dem „Sozialdemokrat“ und +„Volksstaat“ und aus einer Lassalleschen Rede aus dem Jahre 1863, +wodurch er unsere Staatsgefährlichkeit nachzuweisen suchte. Schließlich +bat er, den verbündeten Regierungen die geforderten Machtmittel gegen +uns zu bewilligen, sonst müsse man sich mit den jetzigen unzulänglichen +Gesetzesparagraphen begnügen, „_bis die Flinte schießt und der Säbel +haut_“. Die Rede verlief vollständig eindruckslos, und so hatte es +_Hasselmann_, der nach Eulenburg sprach, leicht, ihn zu widerlegen. Die +Regierung stehe verständnislos der sozialdemokratischen Bewegung +gegenüber, die doch nur die naturgemäße Frucht der bestehenden +wirtschaftlichen Mißstände sei. Die Forderungen im sozialdemokratischen +Programm seien die Heilmittel, die wir gegen die vorhandenen Uebel in +Vorschlag brächten. Auf die Anklage, wir reizten die Arbeiter in den +Volksversammlungen auf, stellte er die Frage, warum man nicht in diese +Versammlungen komme, um uns zu widerlegen? Den Klassenkampf hätten die +Gegner begonnen, und wie grausam und blutig sie ihn eventuell führten, +habe die Pariser Kommune gezeigt. Er erklärte schließlich, wir würden +den Kampf auf gesetzlichem Boden weiterführen, möge er noch so schwere +Opfer kosten. Das Ende der Debatte war, daß, nachdem ein Amendement der +Konservativen abgelehnt worden war, sich _keine_ Stimme für den Antrag +der Regierung erklärte, was große Heiterkeit hervorrief. + +Die Parteipresse beantwortete die Rede Eulenburgs durch Abstattung ihres +Dankes für die agitatorische Wirkung derselben zugunsten der Partei, und +der Parteivorstand beschloß ihre Massenverbreitung. Auch der § 131 fand +in der neuen vorgeschlagenen Fassung im Reichstag keine Gegenliebe und +flog ebenfalls sang- und klanglos in den Orkus. Zum sogenannten +Arnimparagraph (§ 353a) hielt _Liebknecht_ eine kurze, aber sehr +wirkungsvolle Rede, die den lebhaften Widerspruch der Mehrheit des +Reichstags hervorrief. + +Bei der dritten Lesung der Novelle empfand Bismarck das Bedürfnis, noch +einmal zum § 130 der Vorlage zu sprechen. Da dieser aber nicht mehr +existierte, nahm der Abgeordnete Freiherr von Nordeck zur Rabenau den +Antrag wieder auf. Bismarck ging darauf sofort aufs schärfste gegen uns +los. Er verlange, daß man den sozialistischen Agitationen auch im +Reichstag gebührend entgegentrete. Spreche im Hause ein sozialistischer +Abgeordneter, so sei es hergebracht, ihm zuzuhören, als spreche er aus +einer anderen Welt, mit der sich der Reichstag nicht zu befassen habe. +Man müsse den Gegengründen gegen den utopistischen Unsinn der +Sozialisten die weiteste Verbreitung geben; sei es doch so weit +gekommen, daß die Mörder und Mordbrenner der Pariser Kommune hier im +Reichstag eine öffentliche Lobeserhebung bekommen hätten, ohne daß eine +entgegengesetzte Ansicht ausgesprochen worden sei. Es seien das Gebilde, +die von den Verführten nur im Dunkel der Blendlaterne der Verführer +gesehen würden; wenn sie aber hinreichend an die Luft und Sonne gebracht +würden, so müßten sie in ihrer Unausführbarkeit und verbrecherischen +Torheit erkannt werden. + +Diese Bismarckschen Anklagen richteten sich zweifellos gegen meine Rede +in der Session von 1871 zur Verteidigung der Kommune, denn seitdem waren +Reden über die Kommune im Reichstag nicht gehalten worden, und so +meldete ich mich zum Wort. Nachdem dann Windthorst und Bismarck noch +einmal gesprochen, zog der Freiherr v. Nordeck zur Rabenau seinen Antrag +mit der Motivierung zurück, Fürst Bismarck, der bei der zweiten Lesung +habe fehlen müssen, sei jetzt zum Worte gekommen, damit sei der Zweck +seines Antrags erreicht. Als Windthorst auf der Fortsetzung der Debatte +bestand, bestritt Simson, der kurze Zeit als Präsident den verhinderten +Forckenbeck vertrat, daß dieses möglich sei, und als nunmehr Sonnemann, +um mich zu Worte kommen zu lassen, den Antrag v. Nordecks zur Rabenau +wieder aufnahm, erklärte Simson, alsdann habe der Abgeordnete Valentin +den Schluß der Debatte beantragt. Ein Schlußantrag Valentins lag also +bereits wieder einmal auf dem Bureau zu geeigneter Verwendung vorrätig +vor. So schnitt man mir das Wort zur Entgegnung auf die Angriffe +Bismarcks ab. Ich versuchte nunmehr, in einer persönlichen Bemerkung +mich zu verteidigen. Ich tadelte, daß man mir nach den heftigen +Angriffen des Reichskanzlers auf meine Person das Wort zur Entgegnung +verweigert habe. (Wiederholte Zwischenrufe.) Es sei kein Zweifel, daß +die Angriffe des Reichskanzlers sich gegen mich persönlich richteten, +wie ich das mit Hinweis auf meine Reden im Jahre 1871 nachwies. Der +Reichskanzler habe sich über die häufigen Beleidigungen seiner Person +beschwert, da hätte er den guten Rat, den er dem Hause gab, zunächst mir +und meiner Partei gegenüber befolgen sollen. Seine Anklage, ich hätte +Mörder und Mordbrenner verteidigt, wies ich als eine mir zugefügte +Beleidigung zurück. Ich hätte die Männer der Kommune verteidigt, weil +sie nicht als Mörder und Mordbrenner angesehen werden könnten, sondern +als Männer, denen man bitter unrecht getan habe. Daß sie keine Mörder +und Mordbrenner gewesen seien, dafür spreche, daß drei hochangesehene +Regierungen, der Schweizer Bundesrat, die belgische und die englische +Regierung, verweigert hätten, die Flüchtlinge der Pariser Kommune, weil +sie keine Verbrecher seien, auszuliefern. Hier unterbrach mich der +Präsident: Meine Ausführungen seien nicht mehr persönlich, ich machte +sachliche Ausführungen, und da stünde Ansicht gegen Ansicht, das gehe +aber nicht innerhalb des Rahmens einer persönlichen Bemerkung. So mußte +ich auf weitere Ausführungen verzichten. Ich revanchierte mich aber in +einer Versammlung in Leipzig, in der ich meinem Herzen Luft machte. + +Auch die Verhaftungsfrage der Abgeordneten kam durch einen +fortschrittlichen Antrag wieder zur Verhandlung, dem wir, da er eine +Halbheit war, einen weitergehenden korrekten Antrag gegenüberstellten. +Unser Antrag, den ich motivierte, fiel, aber auch der fortschrittliche +Antrag wurde mit 142 gegen 127 Stimmen abgelehnt. _Lasker_, der nach +seiner Haltung in der vorigen Session für den Antrag hätte stimmen +_müssen_, enthielt sich der Abstimmung, _v. Bennigsen_ fehlte als +entschuldigt. + +Ein Vorgang, der auf dem nächsten Parteikongreß zur Sprache kam und +angegriffen wurde, betraf unsere Abstimmung über den Antrag von +Schulze-Delitzsch und Genossen, betreffend Zahlung von Diäten. +Liebknecht und ich hatten uns bei der zweiten Lesung über diesen Antrag +der Abstimmung enthalten, Hasenclever hatte dafür gestimmt und die +übrigen Kollegen, von denen Most in Hast war, waren bei der Abstimmung +nicht anwesend. Bei der dritten Lesung nahm ich im Namen der +_Gesamtheit_ das Wort und erklärte, daß wir uns sämtlich der Abstimmung +enthalten würden. Wir hätten es satt, beständig für den Papierkorb des +Bundesrats zu arbeiten, der Reichstag nehme jede Session mit stets +steigender Mehrheit den Antrag auf Diätenzahlung an, der Bundesrat werfe +ihn ebenso regelmäßig in den Papierkorb. Meine es der Reichstag ernst +mit der Diätenzahlung, dann solle er auch die ihm zu Gebote stehenden +Machtmittel anwenden, um sie zu erlangen. Er solle alsdann zunächst dem +Reichskanzler das Gehalt verweigern. Es sei eine Schande, dem Reichstag +zu verweigern, was alle anderen Parlamente in Deutschland erhielten. Wir +wollten dieses Spiel nicht weiter mitmachen und würden uns der +Abstimmung enthalten, da wir gegen den Antrag nicht stimmen könnten. Die +kurze Rede brachte mir zwei Ordnungsrufe ein. Den 10. Februar wurde die +Session geschlossen. + + + + +Meine Stellung zur Kommune. + + +Am 10. März 1876 hatte ich in Leipzig eine Disputation mit Bruno Sparig, +einem Hauptagitator der Leipziger Nationalliberalen, der in seiner Rede +über meine Stellung zur Kommune alle die Angriffe vorbrachte, die man +damals gegen die Kommune machte. Jene Versammlung war von beiden +Parteien gemeinsam einberufen, jede Partei bekam gleichviel +Eintrittskarten zur Verteilung, jede Partei wählte auch einen +Vorsitzenden, der den Vorsitz führte, während der Gegner redete. Von +unserer Seite war Julius Motteler dieser Vorsitzende, von seiten der +Gegner ein Direktor Peucker. + +Ich erweise manchem meiner Leser einen Dienst, wenn ich meine damalige +Leipziger Rede, wenn auch gekürzt, hier zum Abdruck bringe: + + Direktor _Peucker_: Herr Bebel hat jetzt das Wort. (Der Redner wird + beim Betreten der Tribüne mit stürmischem Beifall empfangen.) + + _Bebel_: Ich knüpfe an die letzten Worte des Herrn Sparig an. + (Unruhe.) Herr Sparig erklärte, er habe noch so viel Tatsachen gegen + die Kommune anzuführen, daß er noch zehn Abende damit zubringen + könnte. (Unruhe.) Meine Herren, ich habe Herrn Sparig gleich anfangs + die Offerte gemacht, daß, wenn die Disputation an einem Abende nicht + beendigt sei, sie am nächsten oder an einem späteren Tage fortgesetzt + werden solle. Wir könnten also morgen oder nächsten Montag die Debatte + fortsetzen, wozu ich bereit bin. (Große Unruhe, Zischen.) Herr Sparig + hat aber erklärt, es sei an einem Abende genug, die Sache würde dabei + zum Austrag gebracht werden. (Bravo! Zischen.) + + Meine Herren, zunächst eine persönliche Erklärung meinen + Parteigenossen gegenüber, die mir zum Teil heftige Vorwürfe gemacht + haben, daß ich auf die Bedingung eingegangen bin, daß zu dieser + Versammlung Karten ausgegeben wurden, weil dies gegen das Prinzip der + Volksversammlungen verstößt. Meine Herren, ich würde nimmer auf diesen + Vorschlag eingegangen sein, wenn ich nicht überzeugt gewesen wäre, daß + im anderen Falle die Versammlung gar nicht stattgefunden hätte. Ich + bin einzig und allein aus diesem Grunde darauf eingegangen, ich werde + aber ein zweites Mal nicht darauf eingehen, weil, obgleich bei unserer + Abmachung Herr Sparig sagte, man wolle, um nicht „unanständig“ zu + erscheinen, bei dem Eingang nicht sammeln, um kein Geldgeschäft daraus + werden zu lassen, dennoch von seiten des Herrn Sparig das Versprechen + nicht gehalten, sondern der Vertrag verletzt und die Karten gegen Geld + ausgeboten wurden. (Große Unruhe. Rufe: Das ist nicht wahr!) _Bebel_: + Wie können Sie da rufen, das ist nicht wahr? (Bravo! Zurufe.) + + Meine Herren! Zunächst bitte ich vor allem meine Parteigenossen, mich + nicht durch Beifallsbezeigungen zu unterbrechen, aus dem einfachen + Grunde, weil mir diese zu viel Zeit wegnehmen. Ich habe nur anderthalb + Stunden Zeit. (Unterbrechung, Zischen.) + + Vorsitzender Direktor _Peucker_: Meine Herren, ich muß Sie ersuchen, + alle derartigen Ausrufe wie „Das ist nicht wahr“ usw. zu unterlassen. + Herr Bebel hat laut eingegangenem Kontrakt das Wort. Ich ersuche beide + Parteien, Herrn Bebel ruhig reden zu lassen. + + _Bebel_: Meine Parteigenossen haben Herrn Sparig mit der größten Ruhe + angehört, obgleich sie häufig Ursache gehabt hatten, ihr Mißfallen + kund zu geben. (Fortgesetzte Unruhe seitens der Liberalen.) + + Ich glaube, meine Herren, wir haben der liberalen Partei heute den + Beweis geliefert, daß ihre Behauptung unwahr ist, daß ein Gegner in + einer sozialdemokratischen Versammlung nicht sprechen könne; Herr + Sparig hat im Gegenteil ganz ruhig sprechen können, während + Sie — (Große Unruhe. Rufe: Raus! Lärm seitens der Liberalen.) + + _Bebel_: Meine Herren! Ich hoffe, daß die Herren Gegner nicht + provozieren wollen, daß die Versammlung polizeilich aufgelöst werde. + Fast komme ich zu dieser Ueberzeugung. Herr Sparig hat ausgeführt, daß + wir uns über die Mundtotmachung im Reichstag beschwert hätten, und er + hat weiter erklärt, er nähme es den Reichsboten nicht übel, wenn sie + nicht immer wieder die sozialdemokratischen Phrasen anhören wollten. + + Wir sind im Reichstage Volksvertreter so gut wie jeder andere, der + dort sitzt, und wir haben nicht bloß das Recht, sondern auch die + Pflicht, unsere Parteianschauungen dort zu vertreten, wo sich die + Gelegenheit bietet. Sind wir einmal in einer Sitzung des Reichstags + nicht zugegen, dann führt die liberale Presse und besonders das + „Leipziger Tageblatt“ gewissenhaft Buch und man liest am nächsten + Tage: Bei der und der Abstimmung haben die und die + sozialdemokratischen Abgeordneten gefehlt. Reden die + sozialdemokratischen Abgeordneten, dann heißt es: Sie sind + unverschämt! Und schneidet man uns das Wort ab, auch wenn wir zum + Reden herausgefordert wurden, so heißt die liberale Presse und Herr + Sparig ein solch nichtswürdiges Verfahren gut.... + + Herr Sparig ist dann auf die Verhandlungen des deutschen Reichstags im + Jahre 1871 eingegangen und erwähnte dabei zuerst die Sitzung vom 25. + Mai, in der es sich um die Annexion von Elsaß und Lothringen handelte. + Hier hat nun Herr Sparig einen chronologischen Schnitzer begangen: er + läßt meine Rede vom 10. April hinter der Rede vom 25. Mai kommen. In + der Rede vom 10. April war es, wo ich erklärte, daß ich die Handlungen + der Kommune zwar nicht in allen Stücken billige, und zwar aus + Zweckmäßigkeitsgründen, daß ich aber nichtsdestoweniger die Kommune + verteidige, und daß ich mich dazu um so mehr für verpflichtet halte, + als selbst die liberale Presse, nachdem sie zuvor gewisse Handlungen + der Kommune als Gewalttaten gebrandmarkt harte, nach wenig Tagen ihre + Beschuldigungen als unwahr zurücknehmen mußte.... + + ... Herr Sparig hat die Tätigkeit der Kommune als eine lange, + ununterbrochene Kette von Verbrechen und Scheußlichkeiten hinzustellen + versucht. Als Hauptschandtaten führte Herr Sparig die Erschießung der + Generale Klement Thomas und Lecomte an, ferner die Erschießung der + Geiseln und den Befehl zur Inbrandsetzung des Finanzministeriums, den + er Ferré imputiert. Sonstige „Schandtaten“ hat er nicht anzugeben + vermocht. + + Wie steht es aber nun mit diesen angeblichen Schandtaten? Am 18. März, + dem Tag der Erschießung der Generale Klement Thomas und Lecomte, hat + die Kommune, nach dem eigenen Geständnis des Herrn Sparig, noch nicht + bestanden. Man kann sie also dafür unmöglich verantwortlich machen. + + An dem Tage, an dem die Geiseln erschossen worden sind — als welchen + Tag Herr Sparig selbst den 24. Mai angibt —, hat die Kommune offiziell + nicht mehr bestanden; der Kommunerat hat am 22. Mai die letzte sehr + schwach besuchte Versammlung abgehalten, was Herr Sparig gleichfalls + bestätigte. Wenn wirklich, wie Herr Sparig behauptet, was aber nicht + erwiesen ist, Ferré und Raoul Rigault am 24. den Befehl zur + Erschießung der Geiseln gegeben hätten, so würde es sich also nur um + zwei Personen von 90 handeln, welche den Kommunerat bildeten, und + diese zwei, nicht aber die Kommune, könnten verantwortlich gemacht + werden. + + (Redner gibt hierauf einen kurzen geschichtlichen Abriß des Entstehens + der Kommune, der Belagerung von Paris, des Mißtrauens der Bevölkerung + gegen Trochu, der Uebergabe von Paris, des Ausschreibens der Wahlen + zur Nationalversammlung, welche den Frieden ratifizieren sollte.) + + Die Wahlen wurden ausgeschrieben in einem Moment, wo zwei Drittel von + Frankreich von den Deutschen besetzt waren, wo ein großer Teil des + Landes im Belagerungszustand war, wo bei der Kürze der Frist von einer + Verständigung über die zu Wählenden keine Rede sein konnte, wo endlich + der größte Teil der bonapartistischen Präfekten und Beamten, die + mehrere Jahrzehnte die niederträchtigste Wahlkorruption betrieben + hatten und darauf eingeübt waren, noch im Amte saß. Unter solchen + Umständen konnte unmöglich von freien Wahlen die Rede sein. + + Die Wahlen fielen auch danach aus. War auch die Majorität nicht + bonapartistisch gesinnt, so war sie doch royalistisch und der Republik + feindlich. Die Folge war, daß Gambetta zurücktrat und Herr Thiers an + die Spitze der Regierung kam. Die Nationalversammlung, die damals + bekanntlich in Bordeaux tagte und die ausdrücklich nur zu dem Zweck + gewählt worden war, über die Friedensbedingungen zu beschließen, maßte + sich jetzt an, über das Geschick Frankreichs zu entscheiden, und + beging damit eine schwere Verletzung ihres Mandats. Die Regierung war + jämmerlich genug, auf solche Anmaßungen einzugehen. Ja es kam in + kurzer Zeit so weit, daß selbst die blauen Republikaner wie Jules + Favre und Konsorten gänzlich aus der Regierung verdrängt wurden. + + Mit dieser Haltung der Versammlung in Bordeaux gingen weitere Schritte + der Regierung gegen Paris Hand in Hand. Die Regierung verlangte von + der Pariser Nationalgarde, und zwar im Widerspruch mit den + Stipulationen des Friedensvertrags, daß sie die Waffen ausliefere. Der + Belagerungszustand, der seit der Revolution vom 4. September in Paris + aufgehoben war, wurde wieder eingeführt. Der als ein Feind der + Republik bekannte Jesuiten-General d'Aurelles de Paladine wurde zum + Oberkommandanten der Nationalgarde, der verhaßte bonapartistische + General Vinoy zum Gouverneur von Paris ernannt. Diesen gegen Paris + feindseligen Schritten schlossen sich eine Reihe anderer an. Infolge + der Belagerung von Paris und des vollständigen Daniederliegens von + Geschäften und Verkehr war früher eine Aufschiebung der fälligen + Wechselzahlungen ausgesprochen worden. Die Regierung, die mittlerweile + von Bordeaux nach Versailles übergesiedelt war, bestimmte jetzt, daß, + obgleich Handel und Wandel noch gleich sehr daniederlagen, alle + fälligen Wechselzahlungen sofort bezahlt werden müßten. Es wurde + ferner befohlen, daß die fälligen Mieten — die bis dahin ebenfalls + gestundet worden waren — sofort bezahlt werden müßten. Gleichzeitig + wurde eine Stempelsteuer von 2 Centimes auf jedes Zeitungsblatt + eingeführt. Die Folge von allem diesem war, daß nicht nur die + Sozialisten, sondern daß der größte Teil der Pariser Bevölkerung, die + kleinen Kaufleute, die Krämer, die Handwerker mit den revolutionären + Elementen gemeinsame Sache machten. Sie erklärten, unter keinen + Umständen auf die Bedingungen und Zumutungen eingehen zu können, + welche die gegenwärtige Regierung stelle. Als die Regierung die + Stimmung in Paris sah, wurde ein Handstreich von ihr versucht. Man + wollte sich Paris mit Gewalt bemächtigen. In der Nacht vom 17. auf den + 18. März rückte der General Lecomte auf Befehl des Generals d'Aurelles + de Paladine mit einer Anzahl Linienbataillone gegen den Montmartre, um + sich der dorthin gebrachten mehreren hundert Geschütze, welche sich + die Nationalgarde aus eigenen Mitteln während der Belagerung beschafft + hatte, zu bemächtigen. Die Nationalgarde hatte tags zuvor von diesem + Plane Kunde erhalten, sie war infolgedessen auf dem Posten. Als die + Truppen heranrückten, fanden sie alle Zugänge sorgfältig besetzt. + Lecomte sah die Unmöglichkeit ein, die Kanonen, wie er gehofft, ohne + Schwertstreich wegzunehmen; er kommandierte Feuer. Wie es bei solchen + Gelegenheiten geht, hatten sich neben der Nationalgarde auch eine + Menge Volks, Männer, Frauen und Kinder, eingefunden, die bei dem + Feuern notwendig wären mitgetroffen worden. Da erklärte die Linie: Wir + schießen nicht. Statt das Gewehr auf die Nationalgarde zu richten, + wandte sie die Gewehrkolben nach oben und fraternisierte mit dem Volk. + Viermal forderte der General zum Feuern auf und viermal verweigerten + die Soldaten den Gehorsam. + + Jetzt begann der General wütend zu schimpfen. Dies erbitterte seine + Soldaten, und darauf wurde er von seinen eigenen Leuten verhaftet und + im Laufe des Nachmittags erschossen. Dabei war kein Mitglied des + Zentralkomitees der Nationalgarde zugegen, und die Kommune wurde erst + wenige Tage später proklamiert. + + In diese Affäre mengte sich nun der General Klement Thomas, der in + Zivilkleidern als Spion sich unter das Volk gemischt hatte und, als er + auf das Benehmen der Soldaten schimpfte, erkannt wurde. Herr Sparig + sagt, Klement Thomas sei ein Republikaner gewesen. + + Meine Herren! Es gibt in Frankreich eine Menge Leute, die sich + Republikaner nennen, im Grunde aber nichts anderes sind wie bei uns + die Nationalliberalen. Klement Thomas war einer von dieser + verwässerten republikanischen Richtung. Früher Offizier, der den + Dienst quittiert hatte, war er anfangs 1848 bei dem Journal „National“ + als Sitzredakteur beschäftigt, dem zugleich die Stelle des Duellanten + bei den Streitigkeiten mit den Redakteuren anderer Blätter zufiel. Von + der Februarregierung wieder in die Armee eingereiht und zum General + erhoben, spielte er vor und während der Junischlacht 1848 die infamste + Henkerrolle und setzte sich durch seine Barbarei gegen die Arbeiter + ein trauriges Denkmal. + + Dieser selbe General wurde von Trochu zum Kommandanten der Pariser + Nationalgarde ernannt, als der General Tamisier im November 1870 wegen + des nicht gehaltenen Versprechens, daß Paris seine Kommuneregierung + wählen solle, das Kommando niederlegte. Das war eine direkte + Provokation. Klement Thomas hatte nach Antritt seines Kommandos nichts + Eiligeres zu tun, als in allen seinen Handlungen die offenbarste + Feindschaft gegen die Nationalgarden aus den Arbeiterquartieren zu + zeigen. Und in dem Moment, wo die Aufregung über das Benehmen des + Generals Lecomte aufs Höchste gestiegen war, erschien der verhaßte + Mann auf der Bühne und nahm für Lecomte Partei. Er wurde festgenommen + und gleich Lecomte von den ergrimmten Soldaten erschossen. + + Meine Herren! Das war eine Gewalttat, und ich bin weit entfernt, sie + gut zu heißen; aber man muß sich die Lage vergegenwärtigen, und wenn + man dies tut, wird man diese Handlungen entschieden entschuldigen + müssen. Es sind von seiten der Reaktion ganz andere und größere + Grausamkeiten begangen worden, und zwar nicht in einer Zeit der + Aufregung und Leidenschaft, unter welcher die Kommune existierte, + sondern man hat sie in ruhiger Zeit und mit kaltem Blute begangen. Man + denke nur an die entsetzliche Behandlung der Kommunedeportierten in + Neukaledonien, welche alles bisher Dagewesene an Grausamkeit + übertrifft, und Jahre lang nach dem Kampfe fortgesetzt wurde. Solche + Greuel fordern die Empörung und Verurteilung jedes Menschenfreundes + heraus. + + Als die in Paris anwesenden Regierungsbehörden am 18. März sahen, wie + die Stimmung der Stadt und der Soldaten war, fanden sie es für gut, + sich eiligst aus dem Staube zu machen. Das Zentralkomitee der + Nationalgarde nahm jetzt die Leitung der Verwaltung in die Hand. + + Herr Sparig glaubt der Versailler Regierung den Vorwurf machen zu + müssen, daß sie am 18. März nicht zuverlässige Truppen nach Paris + gesandt. Es gab aber für die Regierung überhaupt keine zuverlässigen + Truppen. Die ganze französische Armee, soweit sie im Lande war, war + empört über die Haltung der Regierung und sympathisierte mit dem Volk. + Die einzig zuverlässigen Truppen: die Garden Napoleons, die Zuaven und + Turkos und die ultramontanen bretonischen Regimenter, befanden sich in + der deutschen Gefangenschaft. Und erst als Herr Thiers und Herr von + Bismarck sich verständigt hatten, erwies der letztere dem ersteren die + Gefälligkeit, ihm mehr als 80000 Mann der bezeichneten Truppen zur + Verfügung zu stellen, welche jetzt wie Bestien und als wollten sie die + Niederlage, die sie von den Deutschen erlitten, an ihren Landsleuten + rächen, über Paris herfielen und in ihrer schauerlichen Blutarbeit + über 30000 Menschen niedermetzelten. Diese Truppen haben sich für ewig + gebrandmarkt, und sie haben später von ihren Kameraden in der Armee + häufig es anhören müssen, daß es eine Schande und eine Schmach für sie + sei, sich zu Würgern und Henkern des Pariser Volks hergegeben zu + haben. + + Veranlaßt durch das Zentralwahlkomitee der Nationalgarde, wählte das + Pariser Volk am 25. März die Kommune. Herr Sparig erklärte, es habe + dabei eine große Wahlenthaltung stattgefunden, und scheint daraus + schließen zu dürfen, daß alle, die nicht gewählt, Gegner der Kommune + gewesen seien. + + In bezug auf die Wahl der Kommune kann ich mich auf einen Gewährsmann + berufen, der ein wütender Sozialistenfeind ist, nämlich auf Herrn + Johannes Scherr, der gegenwärtig in der „Gartenlaube“ eine Reihe von + Artikeln veröffentlicht, die an Schimpfereien gegen die Kommune + wahrhaftig nichts zu wünschen übrig lassen. + + Nun, in diesen Artikeln teilt Herr Scherr mit, daß von 490000 Wählern + am 25. März 277300 zur Urne kamen und für die Kommune stimmten. Das + sind 57 Prozent. Haben wir etwa eine solche Wahlbeteiligung in Leipzig + einmal bei der Reichstagswahl oder gar bei der Stadtverordnetenwahl + gehabt? Bei der letzteren haben bei der neuesten Wahl kaum 33 Prozent + gewählt. Und was würde Herr Sparig sagen, wenn wir seine Logik + akzeptieren wollten und erklärten, die übrigen 67 Prozent, die sich + der Wahl enthielten, sind Sozialdemokraten? Er würde uns auslachen und + mit vollem Recht. Dasselbe aber gebührt ihm mit seinem Urteil über die + Kommune. + + Es ist eine Tatsache, daß die große Mehrheit der Bevölkerung von Paris + sich für die Kommune erklärt hat; ja Herr Scherr geht sogar so weit, + zu erklären, daß die Kommunewahl am 25. März mit einer Einmütigkeit, + mit einer Freudigkeit ohne gleichen seitens der Bevölkerung begangen + wurde, daß der Tag zu den schönsten gerechnet werden müsse, die Paris + gesehen. Das Volk von Paris habe sich an diesem Tage in seinem vollen + Glanze und von seiner besten Seite gezeigt, wie kaum bei einem anderen + historischen Ereignis. So muß ein Gegner der Sozialdemokratie über die + Kommune urteilen! + + Herr Sparig hat weiterhin die „Gesetzesmacherei“ der Kommune + kritisiert. Er sagte, daß ein Dekret das andere gejagt, das eine das + andere wieder aufgehoben oder verschärft habe. + + Aber war denn das anders möglich, wenn man einen solchen Augiasstall + auszumisten hatte, wie es das kaiserliche Paris war? (Heiterkeit.) Da + hatte man allerdings sehr viel zu dekretieren. Und es versteht sich + von selbst, daß in einer solchen Situation nicht alles wie am + Schnürchen geht. Der Krieg von 1870 war seitens der Deutschen sicher + sehr gut vorbereitet, fragen Sie aber einmal den Generalstäbler + Moltke, ob alles so glatt gegangen ist, und er wird Ihnen sagen, daß + es da und dort gehapert hat. Wie viel mehr muß dies der Fall sein, + wenn es sich um eine revolutionäre Bewegung handelt, wenn an Stelle + des alten ein neuer Staat geschaffen werden soll, inmitten von + Hunderttausenden von Feinden — der deutschen Armee und der Versailler, + die mit aller Kraft und all ihren Mitteln darauf hinarbeiteten, der + neuen Institution den Garaus zu machen. + + Die Dekrete aber, die Herr Sparig anführte, war er selber nicht + imstande, als solche zu qualifizieren, die geeignet wären, die Kommune + zu kompromittieren. Wenn er beispielsweise bezüglich des Dekrets der + Kommune, betreffend die Nachtarbeit der Bäcker, sagt: er glaube nicht, + daß auch die Sozialisten geneigt wären, morgens zum Kaffee mit einem + altbackenen Dreierbrötchen vorlieb zu nehmen, so ist das ein so + flacher Witz, daß ich es unterlasse, näher darauf einzugehen. Es + handelte sich bei dieser Maßregel nicht darum, ob der verwöhnte Gaumen + der Bourgeoisie ein Bedürfnis befriedigen konnte oder nicht, sondern + darum, ob eine zahlreiche Klasse von Arbeitern permanent der + aufreibenden und ruinierenden Nachtarbeit ausgesetzt sein sollte oder + nicht. Jeder, der sich mit diesen Dingen einigermaßen beschäftigt hat, + weiß, daß die Bäckergesellen infolge der Nachtarbeit und der ungemein + langen Arbeitszeit überhaupt, die häufig 16, ja 18 Stunden beträgt, + meist einem frühen Tode entgegengehen. + + Die Kommune hat nun allerdings auf solche Zustände ihr Augenmerk + gerichtet, und das gereicht ihr zur Ehre. (Zustimmung.) + + Weiter führt Herr Sparig an, daß die Kommune zwar die Todesstrafe + abgeschafft habe, aber das Erschießen eingeführt, und er bezog sich + dabei auf ein Dekret, welches die Strafe des Erschießens allen denen + androhte, die sich dem Dienste in der Nationalgarde, also der + Verteidigung der Stadt entzögen. + + Die Kommune, von der Anschauung ausgehend, daß jedes stehende Heer ein + Werkzeug in den Händen der Regierung sei, um das Volk zu unterdrücken, + verlangte die Abschaffung des stehenden Heeres und führte die + allgemeine Volksbewaffnung ein. Es war demgemäß jeder waffenfähige + Mann verpflichtet zur Verteidigung der Stadt. + + Das benachteiligte keinen und war für alle gerecht, was von unserem + Wehrsystem, das trotz der Phrasen von allgemeiner Wehrpflicht nur + einen Teil des Volkes bewaffnet, allerdings nicht gesagt werden kann. + Nun gab es freilich einen Teil, der für die Kommune nicht eintreten + wollte, obgleich sie ringsum von Feinden umgeben war, die mit allen + ihr zu Gebote stehenden Mitteln sie vernichten wollten. + + Die Kommune, von allen Seiten angegriffen und zum Kriegführen + gezwungen, mußte in dieser Lage diejenigen Mittel anwenden, die in + einem solchen Falle jeder kriegführenden Partei zu Gebote stehen und + stehen müssen. Sie bedrohte jeden mit dem Tod durch Erschießen, der + sich weigerte, die Waffen zur Verteidigung zu tragen. + + Es hat Tausende meiner Parteigenossen 1870 gegeben, die mit dem Kriege + nicht einverstanden waren und die man nicht frug, ob sie mitgehen + wollten. Sie mußten mitgehen und sie würden, im Falle der Weigerung, + vor ein Kriegsgericht gestellt und ohne Gnade erschossen worden sein. + + Herr Sparig verwechselt also die Abschaffung der Todesstrafe in + Zivilstrafrechtsfällen mit der militärischen Todesstrafe im Falle + eines Krieges, was doch ein himmelweiter Unterschied ist. Die + Todesstrafe zur Aufrechterhaltung der Disziplin im Kriege wird es + geben, solange es Krieg gibt. + + Herr Sparig hat weiter ein Kommunedekret hervorgehoben, wonach + diejenigen Werkstätten und Fabriken, die seitens der Arbeitgeber + verlassen worden waren, von der Kommune in Beschlag genommen und + denjenigen Arbeitern, welche bisher darin gearbeitet, zum Betrieb + übergeben werden sollten. Ferner, daß eine Kommission gewählt werden + sollte, um die Werkstätten abzuschätzen, damit die früheren Besitzer + entschädigt werden könnten. Er hat sehr richtig hervorgehoben, daß die + Kommune dies allgemein durchgesetzt haben würde, wenn sie die Macht + dazu gehabt hätte. Ja, er hat auch recht, wenn er vermutet, daß wir + allerwärts ähnlich vorgehen würden, wenn wir könnten. Wir wollen den + Gegensatz zwischen Arbeitern und Arbeitgebern ausgleichen, da die + Interessen von Arbeitern und Arbeitgebern sich heute feindlich + gegenüberstehen. Die Arbeitgeber wollen möglichst geringen Lohn zahlen + und möglichst lange arbeiten lassen; der Arbeiter will möglichst hohen + Lohn bei möglichst geringer Arbeitszeit. Mit jeder Maschine, die + erfunden wird, mit jeder neuen Fabrik wird dieser Klassengegensatz + schärfer. Jede Bahn, die gebaut, jeder Telegraphendraht, der gelegt + wird, trägt die Erkenntnis in weitere Kreise, verschafft uns neue + Anhänger. Jeder Schritt zur Konzentration des Kapitals, zur + Vernichtung der kleinen Unternehmer vermehrt die Spaltung und drängt + zur Lösung, indem Produktion und Distribution assoziativ betrieben + werden, das heißt alle Werkstätten, alle Fabriken, alle Arbeitsmittel + müssen in den Händen der Gesellschaft sein und von dieser im Interesse + und bei Gleichberechtigung aller Staatsbürger verwaltet werden. Jeder + muß arbeiten und jeder hat seinen vollen Anteil am Gewinn, wie + selbstverständlich auch am Verlust. An Stelle der Privatindustrie, an + Stelle der wilden, unorganisierten Produktionsweise — die uns die + gegenwärtige Krise auf den Hals gebracht hat — soll eine sozialistisch, + das heißt gesellschaftlich organisierte Produktionsweise treten, wo + einer für alle und alle für einen einstehen. Dazu hat die Kommune den + ersten Schritt getan, und er war ein solcher, wobei die in Frage + kommenden Arbeitgeber durchaus reinen Nachteil hatten, denn sie + sollten den vollen Wert für ihre Werkstätten und Fabriken vergütet + erhalten. + + Nach unserer Auffassung hat die Gesellschaft die Pflicht, sich so zu + organisieren, daß für das Wohl aller ihrer Mitglieder gleichmäßig + gesorgt ist, daß jedes ihrer Mitglieder in immer höherem Grade an den + Errungenschaften der Kultur und Zivilisation auf allen Gebieten des + menschlichen Lebens teilnehmen kann. Die Gegner behaupten zwar, dem + Fortschritt zu huldigen, aber sobald es sich um eine Besserstellung + der Gesamtheit handelt, schreien die, die im Fette sitzen und die + Macht in Händen haben: Wir leben in der besten der Welten, es ist ein + Verbrechen, wenn diese umgestaltet werden soll. + + Mit allen Mitteln verteidigen sie die Vorrechtsstellung, die sie inne + haben, und dies geht so weit, daß Männer, die bei einem ganz + untergeordneten Gesetz, das mit dem Sozialismus gar nichts zu tun hat, + wie zum Beispiel das Hilfskassengesetz, sich herausnehmen zu sagen, + daß das Gesetz gegen die Arbeitgeber ein Unrecht sei, und wer dafür + ist, sich den Vorwurf entgegenschleudern lassen muß — denn als Vorwurf + betrachtet man es —, du bist Sozialist. Wir haben das erst heute im + „Tageblatt“ gelesen. Damit wird aufs deutlichste ausgesprochen: Wir + sind nicht geneigt, den Unterdrückten auch nur die geringsten + Konzessionen zu machen. + + Wenn überall, im kleinen wie im großen, in der Gesetzgebung wie im + sozialen Leben dieser Klassengegensatz hervortritt, so versteht es + sich von selbst, daß Revolutionen entstehen, wie in Paris. Und es ist + meine feste Ueberzeugung — wie ich dieses auch in der hier angezogenen + Reichstagsrede ausgesprochen habe —, daß, ehe wenig Jahrzehnte + vergehen, alles was in Paris geschah, sich in ganz Europa wiederholt. + An der Gesellschaft ist es, zur Einsicht zu kommen und sich zu + bemühen, auf dem Wege der Gesetzgebung die vorhandenen + Klassengegensätze auszugleichen. + + Was hat nun die Kommune weiter getan? Sie hat eine alte liberale + Forderung, die seit Jahrzehnten im Programm der liberalen Partei + gestanden, aber seitdem sie zur Herrschaft gelangt ist, in die + Rumpelkammer geworfen wurde, verwirklicht. Die Kommune hat die + Trennung der Kirche von Schule und Staat beschlossen und + durchgeführt, und sie hat weiter beschlossen, das Kircheneigentum zu + konfiszieren. + + Mich wundert nur, daß Herr Sparig dieses nicht erwähnt und eine + Anklage auf Verletzung des Eigentums erhoben hat. Zum Vorwurf hat man + es der Kommune vielfach gemacht. Da es Herr Sparig nicht erwähnte, so + erwähne ich's, um ihn zu ergänzen. (Heiterkeit.) + + Schade nur, daß das, was die Kommune getan, andere längst vor ihr + getan haben. Wenn in der Reformation, die 1517 begann, viele Fürsten + auf die Seite Luthers traten, so geschah das nicht aus idealem + Interesse, sondern weil sie sich mit dem reichen Kircheneigentum ihre + großen Taschen füllen konnten. (Heiterkeit, Beifall.) + + Und als in den Vereinigten Staaten von Nordamerika vor 15 Jahren der + große Krieg zwischen dem Süden und dem Norden ausbrach und schließlich + der Norden die Sklaverei abschaffte, so war das ein solcher Eingriff + in das Eigentum der Sklavenhalter, wie man sich ihn ärger nicht denken + kann. Unsere Gegner finden, das, was ihnen nützt, sei recht und + billig; tut es aber das Volk zu seinen Gunsten, dann ist es Verbrechen + und Diebstahl. + + Dieselbe Partei, welche gegen die Kommune wegen Antastung des + Eigentums die Anklage erhebt, hat noch zu Anfang der 60er Jahre, als + sie auf Oesterreich noch gut zu sprechen war, ihm den Rat gegeben, die + Kirchengüter zu konfiszieren, um seine kolossale Schuldenlast zu + decken, und sie hat jubelnd Beifall geklatscht, als Italien in dieser + Richtung vorging. Nun, die kirchlichen Korporationen haben ihr + Eigentum auf Grund derselben Rechtstitel erworben, wie irgend ein + Bourgeois sein Haus oder sein Grundstück. Wo bleibt da die Konsequenz? + Nachdem die Kommune die Trennung der Kirche vom Staat und von der + Schule ausgesprochen, dekretierte sie den obligatorischen und + unentgeltlichen Unterricht, und nicht bloß in bezug auf das Schulgeld, + sondern auch in bezug auf die Lehrmittel. Arme und Reiche sollten + gleiche Erziehung genießen, und dadurch, daß der Staat für alle in + gleicher Weise eintrat, sollte vermieden werden, daß der Neid und der + Haß zwischen arm und reich schon in die jugendlichen Herzen gepflanzt + werde. Zeigen Sie mir doch einen liberalen Staat, der auch nur + entfernt etwas Aehnliches geleistet. (Beifall.) + + Herr Sparig hat sich weiter hämische Bemerkungen darüber erlaubt, daß + die Kommune erklärt, ihre Politik und ihre Bestrebungen beruhten auf + Wissenschaft. Die Kommune hat damit sagen wollen, daß sie alle + Errungenschaften der modernen Wissenschaft in bezug auf + Nationalökonomie, in bezug auf Rechtspflege und Volkswohlfahrt + überhaupt für die Gesetzgebung möglichst allgemein nützlich zu + verwenden gedenke und sich nicht an bestimmte Theorien und Axiome + binde. Sie hat sich damit allerdings auf den Standpunkt der modernen + Wissenschaft gestellt, auf jenen Standpunkt, der nicht von bestimmten + Voraussetzungen und vorgefaßten Meinungen ausgeht, sondern an der Hand + der Prüfung und Erfahrung das Beste ausfindig zu machen sucht. + + Wenn die Kommune nur Stückwerk geleistet hat, so erklärt sich das aus + der Lage und aus den Verhältnissen, in denen sie sich befand. Bedenken + Sie, daß die Kommune während ihrer ganzen Dauer nicht einen ruhigen + Augenblick gehabt, daß sie fortwährend im Kriegszustand und Kampf sich + befand — wie konnte es anders sein? + + Herr Sparig hat der Kommune einen besonderen Vorwurf daraus gemacht, + daß sie, die angeblich die vollste Preßfreiheit gewollt habe, die + Preßfreiheit aufhob, indem sie gegnerische Journale unterdrückte. Auch + diese Handlungsweise erklärt sich sehr leicht aus der Zwangslage, in + welcher sich die Kommune befand. Von allen Seiten angegriffen, mitten + im Kampfe und in der Revolution, gebot ihr die Not, neben dem vor den + Toren stehenden Feind nicht auch noch den Feind in den eigenen Mauern + zu dulden. Sie mußte Journale unterdrücken, die Tag für Tag die + heftigsten Angriffe und Verleumdungen gegen sie schleuderten, die mit + dem vor den Toren stehenden Feind in Verbindung standen und auf ihren + Sturz hinarbeiteten. + + Als 1870 der Krieg ausbrach, wurde in Deutschland in allen Provinzen, + die man für gefährdet hielt, der Kriegszustand proklamiert. Die + oppositionellen Blätter wurden unterdrückt und alle Persönlichkeiten, + von denen man glaubte, daß sie dem Kriege feindlich seien, gefangen + gesetzt. Wohlan, dasselbe Recht nehmen wir auch für die Kommune in + Anspruch. + + Auch findet es Herr Sparig absurd, daß sich die Kommune über die + Wegnahme des Oktrois seitens des Herrn Thiers beschwerte, sie, die + doch eine Feindin der indirekten Steuern hätte sein wollen. Zu dieser + Beschwerde hatte sie ein Recht. Das Oktroi gehörte der Stadt, und die + Kommune war nicht in der Lage, mitten im Kampf ein neues Steuersystem + einzuführen. Das Oktroi bildete die einzige regelmäßig fließende + Steuerquelle, und sie mußte diese benutzen, wenn sie die Verteidigung + und die Verwaltung im Gang erhalten wollte. + + Da Herr Thiers der Kommune die Steuern wegnahm, mußte sie zu Anleihen + bei der Bank von Frankreich und bei Rothschild ihre Zuflucht nehmen, + um ihre Bedürfnisse zu decken, und diese Anleihen wurden + unbeanstandet, und zwar mit Zustimmung des Herrn Thiers, gewährt. Eins + aber ist bei der Finanzverwaltung der Kommune zutage getreten, was + auch Herr Sparig nicht anzugreifen vermochte. Das ist die große + Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit der Kommune, der selbst aus + gegnerischem Munde die größte Anerkennung gezollt worden ist. + + Mit vollem Recht konnte der Finanzminister der Kommune, Jourde, vor + seinen Versailler Richtern sagen. „Ich habe ärmer das + Finanzministerium verlassen, als ich es betreten habe!“ (Hört!) Man + zeige mir doch die monarchischen Finanzminister, die gleiches von sich + sagen können! (Heiterkeit, Zustimmung.) Herr Thiers, der 1830 als + armer Advokat und Schriftsteller unter Louis Philippe ins Ministerium + trat, verließ es 1836 als Millionär. + + Der erste Schritt der Kommune war, die hohen Gehälter abzuschaffen, + ihre Mitglieder sollten für gute Arbeitslöhne arbeiten. Der erste + Beamte sollte nicht mehr als jährlich 6000 Franken, das sind 4800 + Mark, erhalten. Der erste Bürgermeister von Leipzig bekommt jährlich + 15000 Mark. (Heiterkeit, hört!) Der erste General der Kommune erhielt + ebenfalls nur 6000 Franken, aber als Herr Thiers kaum Präsident + geworden war, hatte er nichts Eiligeres zu tun, als sich eine + Zivilliste von 3 Millionen Franken auswerfen zu lassen. (Hört!) + + Die Kommune hat ein Beispiel von Sparsamkeit gegeben, das allen + Regierungen als Muster dienen könnte. Das hat sogar der + Sozialistenfeind Herr Scherr anerkannt. Herr Sparig hat das freilich + nicht erwähnt, drum erwähne ich's. (Heiterkeit.) + + Ich komme nun auf die Erschießung der Geiseln und die Brandstiftungen. + Herr Sparig bemerkte in bezug auf letztere, er sei vierzehn Tage nach + dem Fall der Kommune in Paris gewesen und habe die Verwüstungen mit + eigenen Augen gesehen. Er hat uns sogar von einem Privathaus erzählt, + das man habe anzünden wollen und das nicht in der Verteidigungslinie + gelegen. Er hat uns nun freilich nicht gesagt, daß man das Haus + wirklich angezündet hat. Und wie kann er, der während des Kampfes + nicht dort war, überhaupt beurteilen, was zur Verteidigung nötig war + oder nicht? Er beruft sich auf mündliche Versicherungen, die ihm + geworden. Diese gelten in meinen Augen gar nichts. Die Verfolgungswut + der Versailler und ihr bestialisches Wüten war so groß, daß nicht + bloß Wochen, sondern noch Monate und Jahre lang nach dem Fall der + Kommune jeder verfolgt wurde, der ein Wort der Sympathie für sie + hatte. Die Furcht war so groß, daß nicht nur niemand sie in Schutz zu + nehmen wagte, sondern viele auf sie schimpften, um jeden Verdacht von + sich abzulenken. Und dabei zeigte sich die Erbärmlichkeit der + Bourgeoisie im vollsten Lichte. Binnen wenig Tagen nach dem Fall der + Kommune sind bei den Versaillern nicht weniger als 370000 + Denunziationen eingereicht worden. Die Pariser Bourgeoisie hat sich + damals gerade so nichtswürdig benommen, wie 1866 die Leipziger + Bourgeoisie, die damals bei dem preußischen General so viele + Denunziationen vorbrachte, daß dieser voll Ekel erklärte, er wolle + davon nichts mehr wissen. + + Und wenn Herr Sparig hier nun kommt mit einem angeblich von Ferré + unterzeichneten Brandbriefe, der das Siegel des Kriegsministers trägt, + das ebensogut der Kriegsminister des Herrn Thiers darauf gesetzt haben + kann, so ist dies in meinen Augen ein Wisch, der verdient, daß ich ihn + zerreiße. (Redner zerreißt das Papier. Bravo. Unruhe.) Meine Herren, + es sind eine Menge von Aktenstücken, betreffend die Brandstiftungen, + die Erschießung von Geiseln, die angebliche Wegnahme von Eigentum usw. + als Fälschungen vor Gericht konstatiert worden. + + Ferré, der Inbrandlegung des Finanzministeriums auf Grund des hier + vorgezeigten Aktenstücks angeklagt, hat die Echtheit desselben bis zum + letzten Augenblick bestritten; er hat an gewissen Buchstaben + nachzuweisen gesucht, daß dasselbe gefälscht sei; aber da der seitens + der Versailler angestellte Handschriftenvergleicher die Echtheit + behauptete, wurde Ferré verurteilt. Ebenso wurde Ferré der Erschießung + der Geiseln angeklagt. Er selbst sagt aus, daß er nicht den Befehl zu + deren Erschießung, sondern zu deren _Freilassung_ gegeben habe. Damit + stimmen auch andere Berichte, namentlich der eines englischen Arztes, + überein, und ebenso ist festgestellt, daß Geistliche, die als Geiseln + verhaftet waren, später vor Gericht zeugten, also nicht erschossen + sein konnten. Wohl ist ein Teil der 60 Geiseln erschossen worden, aber + es wird behauptet, erst in dem Moment, wo dieselben das Gefängnis + verließen und, von den Barrikadenmännern zur Unterstützung der + Verteidigung aufgefordert, sich dessen weigerten. Da habe man sie mit + Flintenschüssen verfolgt. Auch Raoul Rigault ist der Erschießung der + Geiseln angeklagt worden. Nun, Raoul Rigault ist tot, er hat wie ein + Mann gekämpft und ist mitten im Kampfe wie ein Mann gestorben; ihn + kann man leicht anklagen, er ist tot und kann nicht antworten. + + Was haben die Geiseln für einen Zweck? Die Deutschen haben 1870 in + Frankreich viele Geiseln genommen, und zwar weil die Franktireurs oder + sonstige Bewohner Frankreichs den Deutschen auf Weg und Steg Abbruch + zu tun bestrebt waren, indem sie die Proviantkolonnen überfielen, die + Eisenbahnen, Brücken und Straßen zerstörten, einzelne Posten + überfielen und niedermachten, kurz, schadeten, wo sie konnten. Die + Franktireurs taten damit, was 1813 der preußische Landsturm gegenüber + den Franzosen tat, und zwar bin ich in der Lage, Ihnen die damaligen + Landsturmverordnungen vorlesen zu können, die vorschrieben, dem Feinde + zu schaden und ihn zu vernichten, wie und wo sich die Gelegenheit + biete. + + Die Deutschen wollten diese Kriegführung nicht als kriegsrechtlich + anerkennen und alle Offiziere bekamen den Befehl, wo Soldaten auf die + bezeichnete Weise geschädigt würden, Geiseln zu nehmen und diese ohne + Gnade zu erschießen, wenn man die Schuldigen nicht ausfindig machen + könne. Es sollten ferner von den Bewohnern der Dorfschaften + Kontributionen erhoben, die Häuser oder die Dörfer, aus denen Schüsse + auf die Gruppen gefallen, ohne Rücksicht auf Schuldige oder + Unschuldige niedergebrannt werden. Diese Befehle sind oft vollzogen + worden. Hunderte und aber Hunderte sind so ums Leben gekommen, Häuser + und ganze Ortschaften wurden angezündet, ich habe darüber in der + liberalen Presse keinen Tadel, sondern nur Billigung gefunden. + + Die Kommune befand sich den Versaillern gegenüber in einer ähnlichen + Lage, und mindestens ebenso im Recht, wie die Deutschen gegenüber der + irregulären Kriegführung der Franktireurs. Die Versailler haben + während des wochenlangen Kampfes gegen Paris die ihnen in die Hände + fallenden Gefangenen wider alles Kriegsrecht niedergemetzelt. Auf + solche Weise sind die Kommune-Generale Duval und Flourens und viele + andere Offiziere ums Leben gekommen. Ja, die Versailler haben sich + nicht entblödet, auf die Verbandplätze zu schießen und die gefangenen + Krankenpflegerinnen, nachdem sie dieselben geschändet, zu füsilieren. + Das konnten nur Bestien tun, wie sie Herrn Thiers durch die Hilfe der + Deutschen in den gefangenen Soldaten zur Verfügung gestellt wurden. + + Auf diese Schandtaten hin beschloß die Kommune, Geiseln zu nehmen und + für jeden Nationalgardisten, der niedergemacht würde, drei Geiseln zu + erschießen. Aber es blieb bei dem Beschluß, und als die Geiseln zum + Teil schließlich erschossen wurden, da bestand, wie Herr Sparig selber + zugegeben hat, die Kommune nicht mehr, sie kann also dafür auch nicht + verantwortlich sein. + + Als nun die Versailler durch die Unterstützung der Deutschen, die + ihnen den Weg dazu frei gaben, in Paris eindrangen — was ihnen ohne + diese Hilfe kaum gelungen wäre —, da begannen sie in den Straßen der + Stadt ein Gemetzel und ein Blutbad, wie es in der Geschichte fast + unerhört ist. Alles, was den Versaillern in die Hände fiel, Männer, + Weiber und Kinder, wurde niedergemacht, die Gefangenen wurden zu + Hunderten, wie auf dem Kirchhof Père Lachaise, in Reihen aufgestellt, + mit Mitrailleusen niederschmettert und die noch zuckenden Leichname, + mit Kalk und Petroleum begossen, in die Gruben geworfen. + + Wie die Versailler gewütet, beweist die Tatsache, daß keine + Verwundeten vorhanden waren. So kamen in wenig Tagen nach + übereinstimmenden Aussagen 15-20000 Menschen ums Leben. + + In einer solchen Lage gab es für die Kommune kein Mittel, als sich auf + jede mögliche Art ihrer Haut zu wehren; daß man durchaus berechtigte + Handlungen der Besiegten als Schandtaten hinstellt, daran sind wir + gewöhnt. Lesen Sie einmal das Buch Röckels über seine Gefangenschaft + in Waldheim, worin er auch den Dresdener Maiaufstand von 1849 + schildert, dort werden Sie finden, daß man den Maikämpfern genau + dieselben Verleumdungen seitens der Reaktion nachsagte, die man heute + der Kommune nachsagt, nur war die Mairevolution in Dresden eine + _bürgerliche_ Revolution. Und lesen Sie weiter die Geschichte des + Wiener Oktoberaufstands von 1848, nach dessen Niederwerfung Robert + Blum erschossen wurde; die Proklamation, die damals Fürst + Windischgrätz über die Zustände in Wien in die Welt sandte, sie + gleicht auf ein Haar jener, welche die Versailler über die Zustände in + Paris während der Kommune der Welt vekündeten. + + Ich habe hier aus Blums Feder einen Aufsatz, worin er sich in der + entschiedensten Weise über jene Proklamation des Windischgrätz + ausspricht und entrüstet ausruft. „Was muß die Welt über Wien denken, + von dem sie nichts erfahren kann, wenn man uns, die wir die Dinge + kennen, solches zu sagen wagt!“ + + Hierbei will ich aber auch erwähnen, wie Blum zu jener Zeit die + Revolution auffaßte und wie er in einer Rede in der Aula erklärte: + „Bleiben wir nicht auf halbem Wege stehen, führen wir den Kampf gegen + unsere Gegner bis zu Ende und ohne Erbarmen.“ Und heute noch wird das + Andenken Robert Blums von den Liberalen gefeiert, und mit Recht. + + Ganz wie damals in Wien Bürgertum und Reaktion, so standen sich in + Paris die Kommune und die Versailler gegenüber. Die Kommune mußte bis + zum letzten Atemzuge kämpfen, und sie hat heldenmütig gekämpft. Das + können ihre grimmigsten Gegner nicht bestreiten. Und wie man 1848 und + 49 unsere besten Männer in Wien, Rastatt und Mannheim standrechtlich + erschossen hat, so fielen auch die Männer der Kommune, die meisten mit + dem Rufe: „Es lebe die Republik! Es lebe die Kommune!“ + + Jetzt komme ich zu den Brandlegungen. + + Die Versailler haben den Kampf gegen Paris viele Wochen lang geführt + und sie haben nicht mit Zuckererbsen geschossen; daß es dabei + Verwüstungen absetzt, ist selbstverständlich. Aber während der letzten + 8 Tage, als sie mit Hilfe der Deutschen den Montmartre mit 50 schweren + Geschützen besetzen konnten, haben sie mit glühenden Kugeln und selbst + mit Petroleumbomben auf die Häuser geschossen und, wie nicht anders zu + erwarten, viele davon in Brand gesteckt. So sind die meisten Brände + durch die Versailler entstanden, die sie der Kommune in die Schuhe + schieben. Als nun der Kampf in den Straßen entbrannte und seitens der + Versailler mit wilder Grausamkeit geführt wurde, war die Kommune + genötigt, einzelne Gebäude zu Verteidigungszwecken anzuzünden, um die + Versailler für eine Weile zurückzuhalten. Ist denn diese + Handlungsweise so ungerecht und unerhört, daß man sie als + Mordbrennerei bezeichnen darf? Die Deutschen haben bei der Belagerung + von Straßburg 500 bis 600 Häuser demoliert, nur um die Stadt zur + Uebergabe zu zwingen, obgleich sie mit der Zivilbevölkerung keinen + Krieg führten. Als die Festung Soissons übergeben wurde, betätigten + die verschiedensten Berichterstatter, daß fast kein Haus in der Stadt + unversehrt sei, daß ganze Straßen vernichtet, fast alle Dächer + zerschossen, aber die Wälle der Festung intakt seien. Man beschoß die + Privathäuser und verwundete und tötete die Bevölkerung, damit diese in + ihrer Not die Offiziere zur Uebergabe zwang. Ich habe nicht gelesen, + daß die liberale Presse diese Art der Kriegführung mißbilligt hätte. + Und wie die Deutschen gegen die Festungen, so handelte Thiers gegen + Paris, und da will man es der Kommune als Verbrechen anrechnen, wenn + sie sich, so gut es ging, wehrte! Bei dem Aufstand 1849 in Dresden + verlangte Herr von Beust von den zu Hilfe gerufenen Preußen, sie + sollten die Stadt in Brand schießen, und das wäre geschehen, wenn + nicht der kommandierende Graf von Waldersee erklärte, er hoffe auch + ohne das mit den Insurgenten fertig zu werden. Allerdings hat man es + aber dann an anderen Barbareien nicht fehlen lassen. So hat man zum + Beispiel eine Anzahl Gefangene von der großen Elbbrücke in das Wasser + gestürzt, und wenn sie versuchten, sich an dem Geländer festzuhalten, + hackte man ihnen mit Säbeln die Finger ab. Aehnliche und schlimmere + Grausamkeiten begingen die Versailler Ordnungsbanditen wochenlang in + Paris. + + Der größte Teil der Brände entstand also durch die Beschießung von + Paris seitens der Versailler, wie das auch ein Augenzeuge, der eben in + jener Zeit in Paris war und sich schon seit 20 Jahren dort aufhielt, + der italienische Abgeordnete Patrucelli della Gattinea, in der + „Gazetta d'Italia“ öffentlich erklärt hat. Derselbe schrieb, man müsse + annehmen, daß von zehn in Brand geratenen Häusern sicher neun durch + die Versailler Bomben in Brand geschossen worden seien. Die + Brandstiftungen der Kommune seien zu Verteidigungszwecken geschehen. + Da nun die Zahl der angezündeten und niedergebrannten Häuser sich auf + zirka zweihundert belief, so träfe hiernach die Kommune ein + verhältnismäßig geringer Teil. + + Meine Herren, die Zeit, die mir gewährt ist, ist bereits weit + vorgeschritten, ich habe nur noch wenige Minuten, ich werde aber die + Belege für das von mir Angeführte entweder in der Duplik oder in einer + zweiten Versammlung, die abzuhalten nötig sein wird, beibringen. Ich + kann alles, was ich gesagt, durch gegnerische Aussagen als wahr + beweisen.... + +Ich kam dann nochmals auf die Erschießung der Geiseln, die angeblich +Ferré veranlaßt habe, zu sprechen und fuhr fort: + + Die Kommune hat gehandelt, wie sie nach Lage der Dinge handeln mußte, + und wer ihr Verfahren nicht billigt, wird es wenigstens erklärlich + finden und entschuldigen. + + Mit der Anklage gegen Ferré schloß Herr Sparig, ich muß jetzt + ebenfalls schließen. Sicher steht fest, daß die Kommune nichts getan + hat — und ich hoffe, noch Gelegenheit zu haben, dies weiter zu + beweisen —, dessen sie sich zu schämen brauchte, und daß sie an + Gewalttaten nichts begangen hat, was nicht in Europa die monarchischen + Regierungen in ähnlichen Momenten hundert- und tausendmal ärger getan + haben. (Stürmischer, lang anhaltender Beifall.) + + Vorsitzender _Motteler:_ Meine Herren, wir müssen die Sache kurz + machen; soeben hat mir der Herr Polizeidirektor mitgeteilt, daß er nur + bis 12 Uhr die Versammlung tagen lassen könne. + +Nachdem dann Sparig kurz, aber völlig belanglos geantwortet, nahm ich +nochmals das Wort: + + Meine Herren, Herr Sparig hat auf meine Rede nicht geantwortet, er hat + sich auch nicht bereit erklärt, eine zweite Versammlung abzuhalten, + obgleich wir bei der vorgeschrittenen Zeit heute nicht fertig werden + können. Ich bin nun genötigt, auf einige der letzten Bemerkungen des + Herrn Sparig kurz einzugehen. Herr Sparig hat seinen eigenen Mut + gepriesen, daß er uns entgegen getreten ist. Ob ein großer Mut + dazugehört, einer Partei entgegenzutreten, von der man behauptet, daß + sie nur aus einem Häuflein phantastischer Köpfe besteht, will ich + dahingestellt sein lassen. + + Herr Sparig hat dann die Hoffnung ausgesprochen, daß die heutige + Versammlung zu einer lebhafteren Beteiligung bei den Wahlen beitragen + werde; das hoffen auch wir. (Heiterkeit.) Wir werden dabei keinen + Schaden haben. (Zustimmung.) Bisher hat jeder Wahlkampf gezeigt, daß + wir einige hundert Stimmen mehr erhielten als vorher, und ich hoffe, + die heutige Versammlung hat dazu beigetragen, daß dies bei der + nächsten Reichstagswahl erst recht der Fall sein wird. (Heiterkeit, + Bravo!) + + Herr Sparig hat sich auch für verpflichtet erachtet, im Namen der + Nachkommen Blums dagegen zu protestieren, daß ich denselben in + Verbindung mit der Kommune gebracht. Ich weiß nicht, woher Herr Sparig + die Vollmacht hat, gegen etwas zu protestieren, was nicht geschehen + ist. (Heiterkeit.) Ich weiß so gut wie irgend jemand, daß Robert Blum + kein Sozialist war, aber er war ein guter Demokrat und ein echter + Republikaner, und das ist mehr, als Herr Sparig ist. (Beifall. Herr + Sparig verneigt sich. Stürmische Heiterkeit.) Ich habe nur erklärt, + daß die Kommune sich in einer ähnlichen Lage befand, wie 1848 in den + Oktobertagen Wien. Und daß Robert Blum, der damals in Wien war, sich + mit einer Entschiedenheit für die Fortsetzung der Revolution + ausgesprochen, wie das seitens der Kommune nicht entschiedener + geschehen konnte. Und da ich vorhin auf eine Rede von Robert Blum aus + jenen Tagen Bezug nahm, so will ich hier bemerken, daß dieselbe sich + in einem Buche befindet, das ein Herr Artur Frey zu Ehren Blums + herausgegeben hat und in welchem er sich bemüht, Robert Blum als + Mensch, Schriftsteller und Politiker darzustellen. Die betreffende + Stelle der Rede lautet: + + „Keine halbe Revolution! Fortschreiten, wenn auch blutiges, auf der + eingeschlagenen Bahn, vor allem — keine Schonung gegen die Anhänger des + alten Systems, die Ruhe aus selbstsüchtigen Absichten begehren; gegen + diese werde ein Vernichtungskrieg geführt.“ + + Kann der entschiedenste Sozialist sich entschiedener ausdrücken, als + es hier von Robert Blum gegen die Gegner der Revolution geschah? + (Beifall.) + + Und nun hören Sie auch eine Stelle aus der Proklamation, welche + Windischgrätz an die Wiener erließ: + + „Die Stadt ist befleckt worden durch Greueltaten, welche die Brust + jedes Ehrenmannes mit Entsetzen erfüllen! ... Wien befindet sich in + der Gewalt einer kleinen, aber verwegenen, vor keiner Schandtat + zurückschaudernden Faktion; Leben und Eigentum sind einer Handvoll + Verbrecher preisgegeben!“ + +Stimmt das nicht bis aufs Wort mit den Erklärungen überein, die Herr +Thiers über Paris und die Kommune erließ? (Zustimmung) + +Herr Sparig hat weiter gesagt: solange die Sozialdemokratie der +Phantasie des Internationalismus huldige, könne sie seitens seiner +Partei keine Beachtung finden. Auf das letztere verzichten wir. +(Heiterkeit.) Aber ist denn die Idee der Internationalität wirklich +etwas Phantastisches? Aus der Familie wurde der Stamm, aus mehreren +Stämmmen der Staat und die Nation, und schließlich entwickelt sich aus +der engen Verbindung der Nationen die Internationalität. Das ist der +historische Verlauf. Und indem der Sozialismus sich auf den Standpunkt +der allgemeinen Menschenliebe und Brüderlichkeit stellt, indem er dafür +kämpft, daß die nationalen Kriege und Verhetzungen aufhören, daß die +Nationen in friedlicher Arbeit und Kulturförderung zusammengehen, +vertritt die Sozialdemokratie die höchste Kulturidee, die überhaupt +denkbar ist. (Beifall.) + +Indem man nun unsere Partei, weil sie den engherzigen nationalen +Standpunkt bekämpft, weil sie gegen die Rassenkämpfe Front macht und die +Idee der Völkerverbrüderung vertritt, beschimpft, verleumdet und +verfolgt, geschieht ihr nur, was zu allen Zeiten den Vorankämpfenden +geschah. Meine Herren! Gehen Sie beispielsweise heute noch in ein gut +katholisches Land und hören Sie einmal, mit welcher Unkenntnis über +Luther geurteilt wird! So ist es allen Parteien in der Welt gegangen, +die den Fortschritt vertraten, und so erging es auch der liberalen. +Heute, wo die liberale Partei am Ruder ist und die Herrschaft hat, +betrachtet sie ihre Welt für die beste der Welten, und wir, die wir dies +nicht anerkennen wollen, wir werden von ihr heute behandelt, wie sie +selbst von der feudalen Partei vor kaum zwanzig Jahren behandelt wurde. +Ganz natürlich das! + +Wir lassen uns durch solche Anschuldigungen nicht beirren, wir wissen, +daß unsere Zeit kommt, daß die Verhältnisse uns in die Hände arbeiten, +daß mit der Zunahme des Klassengegensatzes, mit dem Verschwinden der +Mittelschicht, des Kleinbürgertums, das in die Reihen der Lohnarbeiter +geschleudert wird, die Sozialdemokratie immer stärker wird, bis sie +endlich die Macht in Händen hat. (Lebhafter Beifall.) + +Herr Sparig hat sich gefreut, daß bei der letzten Landtagswahl in +Chemnitz kein Sozialdemokrat in den Landtag gekommen ist. Die Freude +dürfte ihm bald zu Wasser werden. (Heiterkeit.) Es ist aber bezeichnend +für ihn, daß er damit sein Wohlgefallen an einem Wahlgesetz kundgibt, +das nur durch seine reaktionären Bestimmungen eine Volkswahl verhindert. +(Beifall.) Indes der Sozialdemokrat wird doch in den Landtag kommen, +wenn auch dieses Jahr nicht, so im nächsten Jahre gewiß (Bravo, +Heiterkeit), und hätte der Chemnitzer Stadtrat die Wahlliste ebenso +geführt, wie er die Steuerliste führt — zwei Dinge, die bekanntlich auch +in Leipzig nicht harmonieren —, so wäre er schon drinnen. (Große +Heiterkeit und Beifall.) + +Endlich hat Herr Sparig, indem er sich an die hier anwesenden Vertreter +der konservativen Presse wandte, gemeint, die konservative Presse werde +jetzt wohl einsehen, daß die Nationalliberalen mit der Sozialdemokratie +nichts zu schaffen haben. Das hat sicherlich noch kein Mensch wirklich +geglaubt, und die, welche es geschrieben haben, am allerwenigsten. +(Heiterkeit.) + +Tatsache ist, daß der Streit zwischen Konservativen und +Nationalliberalen nur als ein Streit wie zwischen zwei unzufriedenen +Eheleuten betrachtet werden kann. Mischt sich ein dritter hinein, so +sind sie einig. (Heiterkeit.) ... Vor einigen Wochen stand im „Leipziger +Tageblatt“ ein Artikel, in dem allen Gegnern der Sozialdemokratie +zugerufen wurde: „Bilden wir allesamt eine einzige große +Ordnungspartei.“ Nun, wir gratulieren Ihnen dazu, Sie werden's nötig +haben. (Heiterkeit.) Wir haben es auch kürzlich in Chemnitz gesehen. +Anfangs lagen sich dort Konservative und Nationalliberale in den Haaren +und beide Parteien wollten einen Kandidaten aufstellen, weil keine der +anderen das Feld gönnte, doch als es hieß, ein Sozialist würde +aufgestellt, da hörte der Streit auf, da hieß es. „Alle gegen Bebel.“ +(Große Heiterkeit und Beifall.) + +Mit meinen Ausführungen schloß die glänzend verlaufene Versammlung. + + + + +Neue Verfolgungen. + + +Anfang Januar 1876 hielten die sächsischen Parteigenossen eine sehr gut +besuchte Landesversammlung in Chemnitz ab, in der man sich bereits mit +der Aufstellung der Kandidaten für die nächste Reichstagswahl +beschäftigte, die man Januar 1877 erwartete. Die Stimmung war trotz +aller Verfolgungen vorzüglich. Mit Beginn des Jahres hatten die Berliner +Genossen in der „Berliner freien Presse“ sich ein Lokalblatt geschaffen, +das sich allmählich eine bei Freund und Feind angesehene Stellung +eroberte. Jetzt wurden auch die ersten Zeichen einer Wandlung der +gesamten Politik des Reiches bemerkbar. Mit der Entlassung des +Präsidenten des Reichskanzleramtes Delbrück, die Ende April erfolgte, +wurde die offizielle Schwenkung nach der schutzzöllnerischen Seite +eingeleitet. Der preußische Handelsminister v. Camphausen, der noch kurz +zuvor im Reichstag die Lohnherabsetzungen durch die Unternehmer als +Mittel, aus der Krise herauszukommen, gerechtfertigt hatte und dafür von +Eugen Richter das Lob erntete: Alle Hochachtung vor einem Minister, der +es wagt, so unpopuläre Wahrheiten auszusprechen, folgte ihm später in +die Wüste nach. Unterdessen nahmen die Verfolgungen gegen die +Parteigenossen ununterbrochen ihren Fortgang, ganz besonders wegen +Beleidigungen des Reichskanzlers. Bismarck hatte die Gewohnheit +angenommen, daß er seine Strafanträge _en masse_ hektographieren ließ +und denjenigen Staatsanwälten zur Anklageerhebung zusandte, die ihm +einen Beleidiger namhaft gemacht hatten. + +Diese Strafanträge wurden von ihm unausgesetzt bis zum Ende seines +Amtes — Februar 1890 — gestellt. Dieselben gingen in die Tausende, und die +Verurteilten halfen die Gefängnisse bevölkern. Von Charaktergröße legte +dieses Verfahren kein Zeugnis ab, es wurde selbst von vielen seiner +Verehrer mißbilligt. + +Getreu den Intentionen Bismarcks setzte ferner Tessendorf seine +Verfolgungen der Arbeiterorganisationen fort. Hatte er bei seiner +Anklage gegen die Leiter des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins wegen +Vergehens gegen das preußische Vereinsgesetz März 1875 den Antrag auf +dessen Unterdrückung mit den Worten begründet: „Zerstören wir die +sozialistische Organisation, und es existiert keine sozialistische +Partei mehr“, Worte, die sein ganzes Unverständnis der Bewegung +bewiesen, so sah er sich jetzt zu weiteren ähnlichen Maßregeln +veranlaßt. Die Unterdrückung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +war durch die Gründung der Sozialistischen Arbeiterpartei in Gotha +wettgemacht worden. Diese sollte jetzt an die Reihe kommen. Es gelang +ihm auch, bei der Ratskammer des Berliner Stadtgerichtes einen Beschluß +zu erlangen, wonach sowohl die Berliner Mitgliedschaft der Partei wie +die Partei selbst für ganz Preußen für vorläufig geschlossen erklärt +wurden. Der Parteivorstand antwortete auf diesen Beschluß mit einer +Ansprache an die Parteigenossen, sie sollten unbekümmert um denselben in +die Agitation für die nächsten Reichstagswahlen eintreten. Die Partei +solle zeigen, daß sie sich durch Beschlüsse, wie jenen der Ratskammer +des Berliner Stadtgerichtes, nicht einschüchtern lasse. Es sei nunmehr +erst recht notwendig, daß jeder einzelne Genosse seine volle +Schuldigkeit für die Partei tue. Dem Trumpf Tessendorfs „Vernichtung der +Sozialdemokratie“ müsse durch den Gegentrumpf „Es lebe die +Sozialdemokratie“ geantwortet werden. Nunmehr wurden überall in Preußen +an Stelle der aufgelösten Parteiorganisation lokale Organisationen ins +Leben gerufen, die allerdings jeden Schein einer Verbindung mit der für +das übrige Deutschland fortbestehenden Zentralorganisation vermeiden +mußten. Das Vorgehen Tessendorfs erwies sich buchstäblich als ein Schlag +ins Wasser, denn für die Anwerbung von Parteigenossen, die Verbreitung +der Parteipresse und die Sammlung von Geldmitteln leisteten diese +Lokalorganisationen mindestens so viel wie die aufgelöste +Zentralorganisation. + +Freilich war unter diesen Verhältnissen ein Parteikongreß im früheren +Sinne nicht mehr möglich. Da wir aber einen solchen nicht entbehren +wollten und konnten, traten Reichstagsfraktion und Parteivorstand +zusammen, um zu beraten, was geschehen solle. Man einigte sich sehr +rasch auf den von mir gemachten Vorschlag, daß die Reichstagsfraktion +einen allgemeinen Sozialistenkongreß einberufen solle, und zwar für die +Tage vom 20. bis 23. August nach Gotha, wozu die Delegierten in +öffentlichen Versammlungen gewählt werden sollten. Um andererseits den +preußischen Parteigenossen die Leistung von Parteibeiträgen in +unanfechtbarer Form zu ermöglichen, wurde beschlossen, monatlich ein +ungefähr handgroßes Blättchen unter dem Titel „Der Wähler“ +herauszugeben, das zum Preise von 20 Pfennig sich eines guten Absatzes +erfreute. + +Tessendorfs Verfolgungseifer begnügte sich aber nicht mit der Auflösung +der Parteiorganisation in Preußen. Er ging alsbald auch gegen eine +Anzahl Zentralverbände der Gewerkschaften vor, um diesen als +„politischen Organisationen“ das Schicksal der Partei zu bereiten. Das +gelang ihm auch bei vier derselben. Die aufgelösten Zentralleitungen +siedelten nunmehr nach Hamburg über, dessen Vereinsgesetz ein +Verbindungsverbot für politische Vereine nicht kannte. + + * * * * * + +Am 28. Juni war Most endlich nach 26 Monaten Haft aus Plötzensee +entlassen worden. An demselben Tage kündigte Bracke öffentlich das +Erscheinen einer von Most verfaßten Broschüre an, betitelt: „Die +Bastille am Plötzensee“, in der er seine Erlebnisse erzählte und die Art +und Weise schilderte, wie er und andere hinter dem Rücken der Beamten +sich allerlei Vorteile beschafft und die Beamten hinter das Licht +geführt hatten. Diese Veröffentlichung war eine Unklugheit. Kaum war die +Schrift erschienen, so verlangte der Minister des Innern von dem nichts +ahnenden Direktor des Gefängnisses Plötzensee Auskunft über die +geschilderten Vorgänge. Das Resultat war, daß mehrere Beamte bestraft +und entlassen wurden und von jetzt ab eine weit strengere Handhabung der +Gefängnisordnung Platz griff. Auch wurden von jetzt ab — mit mir machte +man, als ich ebenfalls in Plötzensee Quartier beziehen mußte, worüber +weiter unten mehr, noch eine Ausnahme — die meisten politischen +Gefangenen im sogenannten Maskenflügel interniert. Als Most im Jahre +1878 abermals auf sechs Monate in Plötzensee seinen Einzug halten mußte, +vergalt man ihm seine Indiskretionen. Er wurde jetzt in strenge +Isolierhaft genommen, und so oft er die Zelle verließ, mußte er, wie +die anderen Insassen des Zellenhauses, eine schwarze Maske vorlegen, +damit ihn niemand erkenne. + +Entsprechend den um jene Zeit einen immer aggressiveren Charakter +annehmenden Verfolgungen der Partei wurden auch die verhängten Strafen +bemessen. Wo man vordem Wochen oder wenige Monate verhängte, erhielt +jetzt der Verurteilte eine drei- und vierfach höhere Strafe zuerkannt. +Urteile, die zwölf, fünfzehn, achtzehn und mehr Monate diktierten, +wurden Regel. Einzelne Parteiblätter, wie der „Vorwärts“ und die +„Berliner Freie Presse“, hatten ständig mehrere Redakteure in Haft. So +erhielt zum Beispiel Saeweke-Chemnitz wegen Majestätsbeleidigung und was +man als Gotteslästerung ansah zwei Jahre Gefängnis; vom Augsburger +Schwurgericht wurden wegen verschiedener Preßvergehen R. Franz zu drei, +E. Rottmanner und E. Köber zu je zwei Jahren Gefängnis verurteilt, eine +Verurteilung, die in der ganzen Partei einen Sturm der Entrüstung +hervorrief. In anderen Prozessen wurde Thomas-Augsburg zu zwei Jahren, +Loof-Chemnitz zu einem Jahre vier Monaten verurteilt. Vahlteich erhielt +im folgenden Jahre wegen verschiedener Preßvergehen achtzehn Monate +Gefängnis, und zu der gleichen Strafe wurde im nächstfolgenden Jahre +G.v.Vollmar, der Redakteur der „Dresdener Volkszeitung“ war, verurteilt. +Diese Verurteilungen erregten schließlich in der Partei kaum noch +Aufsehen; wer Redakteur oder Agitator war, mußte mit dem Gefängnis als +einem unumgänglichen Attribut seiner Stellung rechnen. Mit Vollmar war +ich infolge seiner Stellung als Redakteur der „Dresdener Volkszeitung“ +in lebhafteren brieflichen Verkehr gekommen. Die verschiedenen +Preßvergehen, in die er verwickelt war, legten ihm die Frage nahe, ob +bei einer Verurteilung ihm die Pension, die er als schwer verwundeter +Teilnehmer im Deutsch-Französischen Kriege bezog, nicht entzogen werden +könne, und er ersuchte mich darüber um meine Meinung. Darauf antwortete +ich ihm unter dem 17. Juni 1877 unter anderem: + + „...Bezüglich Ihrer Pensionsangelegenheit habe ich mit Freytag noch + nicht sprechen können, glaube auch kaum, daß er Ihnen mehr als ich + wird sagen können. + + Ich habe mir die Reichstagsverhandlungen angesehen. § 32 des + Gesetzes, die Pensionierung und Versorgung der Militärpersonen, + bestimmt unter b), daß durch rechtskräftige gerichtliche Verurteilung + der Pensionsverlust herbeigeführt werden könne, und bestimmt dann + weiter: + + Die Pensionserhöhungen können jedoch durch gerichtliches Erkenntnis + nicht entzogen werden. + + Aus den Verhandlungen ergibt sich nun mit keinem Wort, in welchem + Falle ein solches Aberkenntnis eintreten dürfe. Es wurde bei der + Beratung darauf aufmerksam gemacht, daß im Reichsstrafgesetzbuch, das + ja auch für Bayern gilt, alle Bestimmungen gestrichen wurden, wonach + die Pension aberkannt werden könne. Im Gegensatz hierzu besteht aber + das alte preußische Militärstrafgesetzbuch aus dem Jahre 1845, das + solche Bestimmungen enthält. Da dieses aber meines Wissens für Bayern + nicht gilt, so fragt es sich, welche bezüglichen Bestimmungen das + bayerische Militärstrafgesetz enthält, diese kommen alsdann in + Betracht und dieses Gesetz werden Sie sich wohl leicht verschaffen + können. + + Ich empfehle Ihnen äußerste Vorsicht in der Schreibweise, ich fürchte, + man läßt Sie tüchtig hereinfallen. Da aber die Verurteilung auf keinen + Fall den Verlust der Ehrenrechte nach sich ziehen kann, so fragt es + sich, ob diese Entziehung nicht eine Bedingung für die Aberkennung der + Pension ist, in welchem Falle Sie gedeckt wären. Daß gegen Sie als + einen „Apostaten“ die herrschende Gewalt eine besondere Animosität + besitzt, ist sicher...“ + +Große Genugtuung rief es hervor, als um jene Zeit in der Partei bekannt +wurde, daß der oberste Gerichtshof im Herzogtum Braunschweig den General +Vogel v. Falckenstein wegen der Lötzener Affäre verurteilt habe, an die +Herbst 1870 von ihm gefangen gesetzten Genossen Entschädigung zu zahlen, +und zwar an Bracke 2100 Mark, an Gralle 108 Mark, an Bonhorst 105 Mark, +an Ehlers als selbständigen Gewerbetreibenden pro Tag 7,50 Mark, an Kühn +als Arbeiter pro Tag 3 Mark. + + + + +Der Parteikongreß in Gotha 1876. + + +Für den Parteikongreß in Gotha — 19. bis 23. August — hatten wir als +Tagesordnung festgesetzt: + + „1. Die Tätigkeit der sozialistischen Abgeordneten; 2. Gang und Stand + der sozialistischen Organisation in Deutschland; 3. die + bevorstehenden Reichstagswahlen; 4. Feststellung der sozialistischen + Kandidaturen; 5. die sozialistische Organisation in Deutschland; 6. + die Parteipresse.“ + +Die offiziöse „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ lärmte gewaltig über +diese Veranstaltung und drohte, man werde festzustellen suchen, ob +dieser Kongreß nicht eine Gesetzesumgehung mit Hinblick auf die +erfolgten Schließungen und Auflösungen sei. Indes an diese Drohungen +kehrten wir uns nicht. Wir mußten zeigen, daß wir uns nicht +einschüchtern ließen und entschlossen waren, jedes Mittel zu benutzen, +das die Umstände uns zu ergreifen ermöglichten, um die gegen uns +gerichteten Schläge zu parieren. + +_Geib_ und _Hasenclever_ führten auf dem Kongreß wieder den Vorsitz. +Anwesend waren 98 Delegierte, die aus 291 Orten 38254 Mandanten zu +vertreten hatten. Liebknecht und ich konnten aus privaten Gründen erst +am zweiten Tage der Verhandlungen erscheinen. Aus dem von _Auer_ +vorgetragenen Bericht ging hervor, daß die Einnahmen der Parteileitung +vom 8. Juni 1875 bis 19. August 1876 sich auf 53973 Mark beliefen, denen +eine Ausgabe von 54432 Mark gegenüberstand. Es war also ein kleines +Defizit vorhanden, das durch den Ueberschuß des „Wähler“ in Höhe von +4330 Mark gedeckt wurde. Die Partei besaß zu jener Zeit 23 politische +Organe und das neu gegründete Unterhaltungsblatt „Die Neue Welt“. Von +den Organen erschienen acht sechsmal, acht drei-, vier zwei- und drei +einmal wöchentlich. Zum erstenmal liefen auf einem deutschen +Parteikongreß eine Reihe Zuschriften von sozialistischen Organisationen +des Auslandes ein, in denen die Partei wegen ihrer tapferen Haltung +beglückwünscht wurde. Ich war in der Lage, die Grüße einer +internationalen Konferenz in Bern zu überbringen, der ich gelegentlich +einer Geschäftsreise in der Schweiz beigewohnt hatte. Zum Zeichen +brüderlicher internationaler Solidarität wurde beschlossen, für die in +großer Not befindlichen Kommunards in geeigneter Weise Geld +aufzubringen. Karl Hirsch erschien als Delegierter Pariser Arbeiter auf +dem Kongreß. Ueber die Tätigkeit der Fraktion im Reichstag berichtete +_Hasenclever_. Ich ergriff die Gelegenheit, um unsere Stimmenthaltung +in der Diätenfrage zu rechtfertigen, die mehrfach angegriffen worden +war. _Molkenbuhr_, der namens der Gegner unserer Abstimmung das Wort +ergriff, behauptete, die Abstimmung habe uns in der Agitation geschadet, +diese Taktik habe bei den Parteigenossen befremdend gewirkt. Die +Fraktion müsse stets klare Stellung nehmen für oder gegen eine Vorlage +und geschlossen stimmen. Nach längerer Debatte brachten A. Kapell und +Dreesbach einen Antrag ein, wonach unsere Abstimmung in der Diätenfrage +als unpraktisch erklärt werden sollte. Dieser Antrag wurde abgelehnt. +Dagegen wurde ein Antrag Löwenstein angenommen, der vorschlug, über die +Frage zur Tagesordnung überzugehen, denn es sei selbstverständlich, daß +die sozialistischen Abgeordneten für Diätenzahlung seien und in +vorliegendem Falle mit der Stimmenthaltung nur der Schwindel hätte +konstatiert werden sollen, dessen sich ein Teil der liberalen +Abgeordneten schuldig machte. + +Die weiteren Verhandlungen zeigten, daß noch starke persönliche und +sachliche Gegensätze in der neu geeinten Partei vorhanden waren, die +jetzt zum Ausbruch kamen. So rief Frohme dadurch eine heftige Diskussion +hervor, daß er die Anschuldigung erhob, verschiedene Parteiblätter und +ebenso Liebknecht und ich hätten von Sonnemann-Frankfurt +Geldunterstützungen bezogen. Es wurde festgestellt, daß kein Blatt +genannt werden konnte, das von Sonnemann Geldunterstützung erhalten +hatte, das gleiche galt von Liebknecht. Ich teilte mit, daß Sonnemann, +der während meiner Haft sich wiederholt bereit erklärt habe, mir mit +einem Darlehen zu helfen, falls ich solches für die Rehabilitierung +meines Geschäfts nach meiner Haftentlassung bedürfe, mir ein solches in +Höhe von 600 Taler gewährt habe, das ich mit 5 Prozent verzinste und in +Raten zurückzahlte. Das sei um so unbedenklicher, da ich seit 1865 mit +Sonnemann befreundet und die ganze Angelegenheit eine rein private sei. +Sonnemann selbst hatte durch eine Indiskretion gegen einen Frankfurter +Genossen den Fall in weitere Kreise getragen. Das Endresultat der +Debatte war, daß ein Antrag von Bracke — der zum erstenmal seit Jahren +wieder einen Kongreß besuchte — mit allen gegen sieben Stimmen angenommen +wurde, der das gegen mich beliebte Vorgehen tadelte. Ich nahm +Veranlassung, noch im Laufe des Jahres das Darlehen an Sonnemann +zurückzuzahlen. + +Eine weitere Debatte, die zeitweilig ebenfalls einen heftigen Charakter +annahm, wurde durch die Frage herbeigeführt, ob fernerweit zwei +offizielle Organe („Der Neue Sozialdemokrat“ in Berlin und „Der +Volksstaat“ in Leipzig) bestehen sollten oder eines und welches dazu +ernannt werden sollte. Schließlich wurden 49 Stimmen für Leipzig und 38 +Stimmen für Berlin abgegeben, 6 Delegierte enthielten sich der +Abstimmung. Darauf wurde weiter beschlossen, das Zentralorgan solle vom +1. Oktober ab unter dem Namen „Vorwärts“ erscheinen, und zwar dreimal +wöchentlich. Lebhafte Erörterung rief alsdann die Wahl der beiden +Redakteure hervor. _Hasselmann_, der der Vereinigung nie grün war, +erklärte, unter keinen Umständen nach Leipzig überzusiedeln und +verzichtete auf eine Redakteurstelle. Auf Vorschlag _Geibs_ erklärte +sich _Hasenclever_ bereit, neben _Liebknecht_ die Redaktion zu +übernehmen. Des weiteren kam man überein, nachdem die Partei in Preußen +aufgelöst war, an Stelle des Parteivorstandes in Hamburg ein +Zentralkomitee zu setzen, in das _Auer, Brasch, Derossi, Geib_ und +_Hartmann_ eintraten. Auf meinen Antrag wurde das Gehalt des Sekretärs +auf 150 Mark, des Kassiers auf 105 Mark und der beiden Beisitzer auf je +45 Mark monatlich festgesetzt. + +Im weiteren beschäftigte sich zum erstenmal ein Parteikongreß mit der +Stellungnahme zu wirtschaftlichen Tagesfragen. Die industrielle Krise, +die mit dem Jahre 1874 einsetzte und sich mit jedem Jahre mehr +verschärfte, hatte einen vollständigen Umschwung in den Kreisen der +Industriellen über die Frage: Schutzzoll oder Freihandel? herbeigeführt +und schließlich auch in den landwirtschaftlichen Kreisen, die seit +Jahrzehnten die Hauptstützen des Freihandelssystems bildeten, Anhang +gefunden. In erster Linie waren es die Eisenindustriellen, die über die +beschlossene Aufhebung der Eisenzölle, die vom 1. Januar 1877 ab +eintreten sollte, schon Jahre zuvor in Aufregung gerieten und dagegen +kämpften. Ihnen schlossen sich andere Industrielle, namentlich die +Baumwollindustriellen an. Und da durch die jetzt sich immer bemerkbarer +machende amerikanische Getreidekonkurrenz auch die Getreidepreise nicht +die erwünschte Höhe behielten, sondern sanken, schwenkten die +ostelbischen Getreideproduzenten, die ihren Absatz nach dem Ausland +unter der amerikanischen Konkurrenz immer mehr einbüßten und diese +Konkurrenz selbst im eigenen Lande verspürten, ins schutzzöllnerische +Lager ab. Diese Umwandlung in den Anschauungen weiter Kreise über +Freihandel und Schutzzoll mußte notwendig auch in den Parteikreisen +Beachtung finden. So erklärten sich im Laufe der Jahre namentlich +_Auer_, _Fritzsche_ und _Max Kayser_ für eine mehr oder weniger +ausgeprägte Schutzzollpolitik. Der Kongreß konnte also nicht umhin, zu +der veränderten Strömung Stellung zu nehmen; er tat dies allerdings in +einer Weise, die unbefriedigend war und eine gewisse Unklarheit verriet. +Auf Antrag von Bracke, Frick, Fritzsche, Grillenberger, Hasselmann, +Liebknecht und Most nahm der Kongreß ohne jede Debatte eine Resolution +an, in der es hieß: Die Sozialisten Deutschlands stehen dem innerhalb +der besitzenden Klassen ausgebrochenen Kampfe zwischen Schutzzoll und +Freihandel _fremd gegenüber_; die Frage, ob Schutzzoll oder nicht, ist +nur eine praktische Frage, die in jedem einzelnen Falle entschieden +werden muß; die Not der arbeitenden Klassen wurzelt in den allgemeinen +wirtschaftlichen Zuständen, doch sind die bestehenden Handelsverträge +seitens der Reichsregierung ungünstig für die deutsche Industrie +abgeschlossen und erheischen eine Aenderung. Die Parteipresse wurde +aufgefordert, die Arbeiter davor zu warnen, für die unter dem Verlangen +nach Schutzzoll eine Staatshilfe erstrebende Bourgeoisie die Kastanien +aus dem Feuer zu holen. Und da zu jener Zeit auch die Frage aufgetaucht +war, ob Privat- oder Staatseisenbahnen, und Bismarck die Monopolisierung +der Bahnen durch das Reich erstrebte, nahmen die beantragten +Resolutionen auch zu dieser Frage Stellung. Der Kongreß sprach sich für +die Verstaatlichung der Eisenbahnen aus, aber _gegen_ das +Reichseisenbahnprojekt, weil dieses letztere bestimmt sei, die +Interessen des Klassen- und Militärstaats zu fördern, und die Einnahmen +zu unproduktiven Zwecken verwendet werden sollten, wodurch das Reich +ein neues Gewicht im volksfeindlichen Sinne erlangte und den +Börsenjobbern große Summen vom Volkseigentum zugespielt würden. + +Ueber den Verlauf des Kongresses schrieb der weiche und gemütvolle +_Bracke_, der die mancherlei Unbill, die man ihm nach seinem Austritt +aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein von jener Seite hatte +angetan, noch nicht vergessen konnte, in einem Briefe vom 31. August an +Friedrich Engels: + + „Die Verhandlungen waren famos, die Angelegenheit Frohme-Sonnemann, + dann die Abstimmung über die Diäten, dann die Frage, ob das + Zentralorgan nach Berlin oder Leipzig kommen solle, das waren die drei + Hauptpositionen; die Lassalleaner hatten ernstlich geglaubt, die + Bewegung in ihre Hände zu bekommen, jedenfalls waren sie ihres Sieges + in der Organisation sicher. Und dazu hatten sie allen Grund. Auf einer + in Berlin stattgehabten Konferenz hatte _Ramm_-Leipzig (der Leiter der + Leipziger Parteibuchdruckerei. A.B.) der Verlegung nach Berlin + zugestimmt, und _Geib_, der sich allein sah, machte dann keine + Opposition mehr. _Bebel_ aber und ich, sowie _Auer_ erklärten die + Verlegung für ganz unmöglich, wir fanden auch viele Zustimmung und + erweckten _Liebknecht_ und _Geib_ und andere zu neuem Leben. Die + Schlacht wurde dann auch glorreich geschlagen. Nachdem in der + Angelegenheit Sonnemann und in der bezüglich der Diäten der Sieg auf + unserer Seite gewesen, setzten die Lassalleaner, denen nun doch das + wirtschaftliche Interesse des Berliner Unternehmens zu Hilfe kam, + alles daran. Die Erregung auf beiden Seiten war groß; es wurde eine + regelmäßige parlamentarische Schlacht geschlagen. Zuerst waren 42 + Redner eingezeichnet, voran außer Bebel lauter Berliner. Wir brachten + durch passende Anträge diese Liste zu Fall, kamen, da die Gegner das + nicht erwartet, dann unsererseits zuerst auf die Liste und konnten nun + großmütig sein, wobei uns schließlich Richter-Wandsbeck noch einen + großen Dienst leistete. Die Erregung war außerordentlich, jedes Mittel + wurde von beiden Seiten benutzt. Die Gegner aber ließen sich von ihrer + Erregung hinreißen, polterten hitzig hervor, um die fünfminutige + Redezeit auszunutzen, während wir ruhig blieben und durchweg langsam + und gemessen sprachen. Das Resultat ist Ihnen begannt. Liebknecht und + Bebel waren famos. + + Daß Hasenclever sich schließlich von Geib breitschlagen ließ, ans + Zentralblatt nach Leipzig zu gehen, vollendete den Sieg, da man sonst + mit Frick-Bremen gesagt habe würde: Das neue Blatt ist nur das Organ + der Herren Bebel und Liebknecht. Damit ist die Einheit besiegelt....“ + +_Hasselmann_ gab zum 1. Oktober 1876 seine Stellung an der „Berliner +Freien Presse“ auf und zog sich nach Barmen-Elberfeld zurück, woselbst +er die Redaktion der „Bergischen Volksstimme“ übernahm und ein neues +Organ, „Die rote Fahne“, das angeblich nur als Flugblatt erscheinen +sollte, ins Leben rief. Es zeigte sich aber bald, daß _Hasselmann_ mit +der Gründung dieses Blattes separatistische Ziele verfolgte, was ihn in +eine schiefe Stellung zur Partei und zum Zentralwahlkomitee brachte und +auf dem nächstjährigen Parteikongreß wieder zu unerquicklichen Debatten +führte. + + + + +Der Wahlkampf 1876 bis 1877 + + +Mit einem Aufruf, datiert vom 12. Oktober 1876, eröffnete das +Zentralwahlkomitee den Wahlkampf. Auf seinen und vieler Genossen Wunsch +hatte ich wiederum eine Broschüre, betitelt: „Die parlamentarische +Tätigkeit des deutschen Reichstags und der Landtage von 1874 bis 1876“, +verfaßt. Die Schrift erschien diesmal unter meinem Namen in der +Genossenschaftsbuchdruckerei zu Berlin, also unter den Augen +Tessendorfs, der diesen Umstand, wie ich bald genug zu meinem Schaden +erfuhr, gebührend ausnützte. + +Am 30. Oktober trat der Reichstag zu seiner letzten Session zusammen. +Diese konnte aber nur kurz sein, und da Gesetzentwürfe von besonderem +Interesse für uns nicht vorlagen, befaßten wir uns mit den +parlamentarischen Verhandlungen nur wenig, aber um so mehr mit der +Wahlagitation, die mich in jenen Wochen von Leipzig nach Köln, von dort +nach Königsberg i.Pr. und von hier nach Breslau usw. führte. In +Königsberg mußte ich an zwei Abenden in überfüllten Versammlungen +sprechen, weil die Diskussion, die mein Vortrag hervorgerufen hatte, +erst am zweiten Abend zu Ende geführt werden konnte. In der ersten +Versammlung war auch Johann Jacoby anwesend, den man zum +Ehrenvorsitzenden der Versammlung ernannt hatte. Ich lernte erst jetzt +Jacoby persönlich kennen. Der kaum mittelgroße Mann, der offensichtlich +in seinem ganzen Wesen zurückhaltender Natur war und nur durch die +Verhältnisse gezwungen sich zu einem demonstrativen Eingreifen in die +öffentlichen Angelegenheiten herbeiließ, machte auf mich einen ungemein +günstigen Eindruck. Ich hatte ihn vor der ersten Versammlung in seiner +Wohnung besucht, wobei er mich in seinem sehr geräumigen Arbeitszimmer +empfing, dessen Regale und Schränke bis an die Decke mit Büchern +vollgepfropft waren. Ich beneidete ihn um diesen ideal ausgestatteten +Raum, der in seiner behaglichen Einrichtung zum Arbeiten geradezu +einlud. Jacoby starb im nächsten Frühjahr infolge einer Steinoperation; +im Oktober des vorhergehenden Jahres war ihm Franz Ziegler im Tode +vorausgegangen. + + * * * * * + +Nach Leipzig zurückgekehrt, ließ ich eine Volksversammlung einberufen +mit der Tagesordnung: „Die Stellung der Frau im heutigen Staat und zum +Sozialismus.“ Obgleich wir den größten Saal Leipzigs zur Verfügung +hatten, faßte er nicht die Masse der herbeiströmenden Zuhörer, von denen +viele wieder wegen Mangel an Raum umkehren mußten. Die Frauen waren sehr +zahlreich vertreten. Ich setzte ihnen unter anderem auseinander, welch +lebhaftes Interesse auch sie an den bevorstehenden Reichstagswahlen +nehmen müßten; da sie aber vorläufig kein Wahlrecht besäßen, sei es ihre +Aufgabe, agitatorisch in den Wahlkampf einzugreifen und ihre Männer und +wahlberechtigten männlichen Verwandten für die Beteiligung an der Wahl +anzutreiben, und zwar zugunsten der Sozialdemokratie, die für ihre volle +politische und soziale Gleichberechtigung eintrete. Die Versammlung +verlief nach Wunsch; es war die erste Versammlung, in der die Frauen zur +politischen Beteiligung bei einer Wahl aufgefordert wurden. + +Von Leipzig eilte ich nach Dresden zur Agitation, woselbst ich als +Kandidat der Partei aufgestellt worden war. Die organisierten Genossen +im 17. sächsischen Wahlkreis Glauchau-Meerane, in dem ich ebenfalls +wieder kandidierte, hatten bereits im voraus erklärt, sollte ich auch in +einem zweiten Wahlkreis gewählt werden, so seien sie zu einer Neuwahl +an meiner Stelle bereit, denn daß sie im 17. Wahlkreis wieder siegen +würden, sah alle Welt als selbstverständlich an. Und so geschah es. + +In Dresden erhielt ich zunächst die relative Mehrheit unter den +aufgestellten drei Kandidaten. Ich kam mit dem Kandidaten der Liberalen, +Professor Maihoff, in engere Wahl und siegte über diesen mit 10837 gegen +9920 Stimmen. Als mir am Tage nach der Wahl die Depesche, die meinen +Sieg meldete, zuging — ich hatte gebeten, am Wahltagabend mir das +Wahlresultat nicht zu telegraphieren —, fragte ich meine Frau, ob wir +noch eine Flasche Wein im Keller hätten, und als sie dies bejahte, +äußerte ich: Gut, dann wollen wir sie heute mittag auf das Wohl meiner +Dresdener Wähler trinken. Darauf meinte mein Töchterchen, das dieser +Unterhaltung beigewohnt hatte: Papa, wird Herr Professor Maihoff heute +mittag auch eine Flasche Wein trinken? Ich gab lachend zur Antwort: Das +wüßte ich nicht, ich kennte nicht den Geschmack des Herrn Professors. An +meine Stelle im 17. Wahlkreis wurde nunmehr Wilhelm Bracke gewählt. + +Der Ausfall der Wahlen war für uns ein sehr günstiger. _Hasselmann_ war +zwar in Barmen-Elberfeld mit 14245 gegen 14485 Stimmen unterlegen, aber +der benachbarte Solinger Kreis schickte _Rittinghausen_ mit 10636 gegen +7453 Stimmen in den Reichstag, und beinahe wäre auch _Grillenberger_ in +Nürnberg gewählt worden, der mit 12089 gegen 12625 Stimmen seinem Gegner +unterlag. Die Partei war bei 24 Stichwahlen beteiligt. Gewählt wurden 12 +Abgeordnete: Auer, Blos, Bracke, der Hofbaurat Demmler-Schwerin im 13. +sächsischen Wahlkreis Leipzig-Land, Fritzsche, Hasenclever, A. Kapell, +Liebknecht, Most, Motteler, Rittinghausen und ich. + +Wie der alte Demmler uns gelegentlich erzählte, hatte er die +Gepflogenheit, wenn er auf längere Zeit Schwerin verließ, sich bei dem +Großherzog von Mecklenburg, als dessen ehemaliger Hofbaumeister er das +prachtvolle Schweriner Schloß gebaut hatte, zu verabschieden. So auch +dieses Mal, als er die Reise nach Berlin zum Reichstag antrat. Bei +dieser Gelegenheit hatte der Großherzog geäußert: „Ich wünsche Ihnen +glückliche Reise, aber lieber Demmler — und dabei erhob er lächelnd +drohend den Finger —, machen Sie es in Berlin nur nicht zu arg.“ Hier +sei bemerkt: Demmler hatte den Schweriner Schloßbau ohne Meister allein +durch Vertrag mit den Arbeitern gebaut und war mit dem erzielten +Resultat sehr zufrieden. + +Am 2. Februar schrieb ich an den Parteigenossen Schlüter in Dresden, der +Expedient unseres dortigen Parteiorgans war, daß ich dem Wahlkommissar +die Annahme der Dresdener Wahl mitgeteilt hätte, und bemerkte dazu: + + „Es amüsiert mich, daß es gerade neunzehn Jahre waren, seitdem ich als + Handwerksbursche in die Fremde ging, natürlich ohne eine Ahnung, daß + ich neunzehn Jahre später auf denselben Tag an einen Wahlkommissar + meine Erklärung für die Annahme des Reichstagsmandats für die + sächsische Residenz abschicken würde. Der alte Napoleon äußerte + einmal, jeder Soldat hat den Marschallstab im Tornister, heute könnte + man sagen: jeder Handwerksbursche trägt ein Reichstagsmandat im + Berliner. Es geht vorwärts. Unsere Freunde, die Feinde, sollen leben.“ + +Und die letzteren machten zu dem Wahlausfall böse Gesichter, denn weit +mehr als die paar gewonnenen Mandate lag ihnen das starke Wachstum der +gewonnenen Stimmen in den Gliedern. Die Stimmenzahl der Partei war von +351670 im Jahre 1874 auf 493447 gestiegen, die wir jetzt im Januar 1877 +auf unsere Kandidaten vereinigten. Das war ein Mehr von 141777 Stimmen +gleich 36 Prozent. In Sachsen hatten wir die relative Mehrheit der +Stimmen erhalten, 124600 von 318740. + +Das System Tessendorf, das allmählich über die Grenzen Preußens hinaus +in den meisten Mittel- und Kleinstaaten Schule gemacht hatte, war also, +wie der Wahlausfall zeigte, elend zusammengebrochen. Und wenn nunmehr +auch das Wüten gegen die sozialdemokratische Presse und die +sozialdemokratischen Organisationen von neuem losging und gegen die +Vertreter der Partei Urteile gefällt wurden eins drakonischer als das +andere, auch das half nicht. Es half auch nichts, als Bismarck, vom +Glück begünstigt, endlich erhielt, wonach er lange gelechzt, ein +schneidiges Ausnahmegesetz gegen die ihm verhaßte und doch so +gefürchtete Partei. + + + + +Der Reichstag 1877. + + +In der am 22. Februar eröffneten Reichstagssession spielten die sozialen +Fragen eine hervorragende Rolle. Das ständige Steigen der +sozialdemokratischen Stimmen hatte namentlich das Zentrum beunruhigt, +das jetzt zum ersten Male unter der Firma des Grafen Galen und Genossen +einen Gesetzentwurf einbrachte, der ganz dem sozialpolitischen Eiertanz +entsprach, dem von jetzt ab das Zentrum in immer stärkerem Maße +huldigte. _Bisher hatte sich das Zentrum den sozialen Fragen gegenüber +durchaus zurückhaltend benommen._ Der Gesetzentwurf sollte sowohl den +Kleingewerbetreibenden wie den Arbeitern eine Verbesserung ihrer Lage +bringen. Fritzsche und ich hatten diesem gegenüber einen Gesetzentwurf +ausgearbeitet, der eine Aenderung wichtiger Bestimmungen in den Titeln +1, 2, 7, 9 und 10 der Gewerbeordnung zugunsten der Arbeiter verlangte, +dem die Fraktion ihre Zustimmung erteilte. Der Gesetzentwurf forderte +eine Regelung der Gefängnisarbeit, wonach diese auf Arbeiten für den +Staat beschränkt werden sollte. Weiter wurde gefordert: Verbot der +industriellen Sonntagsarbeit; wo ein solches Verbot unmöglich sei, +sollte dem Arbeitspersonal ein freier Tag in der Woche gewährt werden +müssen; ein Normalarbeitstag von neun Stunden; für Arbeiterinnen, +Arbeiter unter achtzehn Jahren und Lehrlinge ein solcher von acht +Stunden; Verbot der Nachtarbeit; wo solches durch die Natur des Betriebs +unmöglich sei, solle ein achtstündiger Schichtwechsel eingeführt werden. +Die Schonzeit der Schwangeren und der Wöchnerinnen sollte entsprechend +verlängert werden. Für jede Arbeitsstätte sollte eine Arbeitsordnung +eingeführt werden, deren Bestimmungen zwischen Unternehmern und +Arbeitern zu vereinbaren seien. Ferner wurde gefordert: die Aufhebung +der Arbeitsbücher auch für die Bergarbeiter; die Ausfüllung von +Zeugnissen sollte nur auf Verlangen des Arbeiters erfolgen können; +Festsetzung gleicher Kündigungsfristen für beide Teile, Truckverbot, +strengere Schutzmaßregeln für Arbeiterinnen und Lehrlinge; die +Einführung von Gewerbekammern und Gewerbegerichten; eine +Reichsarbeitsinspektion sollte unter Leitung und Kontrolle des +Reichsgesundheitsamts eingeführt werden. Endlich verlangten wir +Sicherung und Erweiterung des Koalitionsrechts. + +Die Debatte über die gleichzeitig zur Beratung gestellten Gesetzentwürfe +des Zentrums und unserer Partei leitete von seiten der Fraktion +Fritzsche ein. Die Debatte wuchs sich zu einer Sozialistendebatte aus, +die mir Gelegenheit gab, die erhobenen Vorwürfe mit aller Schärfe +zurückzuweisen und die von den Zentrumsrednern vertretene sogenannte +christliche Weltanschauung gebührend zu kritisieren. Meine Rede machte +großen Eindruck. Der Leipziger Buchdruckergehilfenverein ließ mir in +einem besonderen Abdruck ein Exemplar derselben in einem feinen Einband +überreichen. + +Ein praktisches Resultat hatte die Beratung der Anträge nicht. + +In der Sitzung vom 24. April erklärte der Reichstag Hasenclevers Wahl im +sechsten Berliner Wahlkreis, die mit dreißig Stimmen Mehrheit erfolgt +war, für ungültig, weil seltsamerweise eine Wählerliste aus Versehen in +einem Wahlbezirk verheftet gewesen sei, so daß eine Anzahl Wähler nicht +hätten wählen können. Die Fortschrittspartei hoffte bei einer Nachwahl +den sechsten Wahlkreis wieder erobern zu können; sie täuschte sich. Wir +warfen uns mit aller Energie in die Wahlagitation, und so siegte jetzt +Hasenclever mit einem Mehr von über tausend Stimmen. + +Bei einer Verhandlung über die Eisenzollfrage hielt Bracke eine gute +Rede über Schutzzoll und Freihandel, als es aber zur Abstimmung kam, +stimmte die Fraktion geteilt, eine Minorität stimmte für den Zoll. + +Der Versuch, eine andere Fassung des § 46 der Geschäftsordnung +herbeizuführen, um der fortdauernden Willkür bei der Stellung von +Schlußanträgen ein Ende zu machen, mißlang. Der Antrag kam nicht mehr +zur Verhandlung. Dagegen genehmigte der Reichstag den Antrag auf +Einstellung _eines Strafverfahrens_ gegen mich. Tessendorf hatte bei dem +Berliner Stadtgericht wegen meiner Reichstagsbroschüre die Erhebung der +Anklage gegen mich beantragt, und zwar wegen mehrfacher Beleidigung des +Reichskanzlers und Verletzung des § 131 des Strafgesetzbuches. Dieser +Paragraph lautet: „Wer erdichtete oder entstellte Tatsachen, wissend, +daß sie erdichtet oder entstellt sind, öffentlich behauptet oder +verbreitet, um dadurch Staatseinrichtungen oder Anordnungen der +Obrigkeit verächtlich zu machen, wird mit Geldstrafe bis zu 600 Mark +oder mit Gefängnis bis zu zwei Jahren bestraft.“ Bei einer Haussuchung, +die auf Antrag Tessendorfs am 12. Januar in der Expedition der „Berliner +freien Presse“ vorgenommen wurde, waren nur noch 12 Exemplare meiner +Schrift gefunden worden, die beschlagnahmt wurden. + + + + +Der Kongreß in Gotha 1877. + + +Wie schon im vorhergehenden Jahre, so berief auch für das Jahr 1877 die +Reichstagsfraktion einen allgemeinen deutschen Sozialistenkongreß für +den 27. bis 30. Mai nach Gotha. Auf der Tagesordnung stand: 1. Bericht +der Reichstagsabgeordneten über ihre Tätigkeit; 2. Bericht über Gang und +Stand der sozialistischen Bewegung in Deutschland; 3. Die sozialistische +Organisation in Deutschland; 4. Die Parteipresse; 5. Das Parteiprogramm. + +Aus dem wieder von Auer erstatteten Bericht ging hervor, daß die Partei +in 175 Wahlkreisen von 397 eigene Kandidaten aufgestellt hatte. Die Zahl +der Parteiblätter war auf 41 gestiegen. Es bestanden weiter vierzehn +Parteidruckereien. Die Parteieinnahmen ergaben 54217 Mark, die Ausgaben +betrugen 50635 Mark. + +Den Bericht über die Tätigkeit der Fraktion erstattete an Stelle von +Liebknecht, der wegen Krankheit in der Familie noch nicht eingetroffen +war, Fritzsche. Ich traf wegen geschäftlicher Behinderung mit Liebknecht +erst am 28. Mai in Gotha ein. + +Ueber die Organisationsfrage berichtete Tölcke, der im Namen der +gewählten Organisationskommission beantragte, folgender Resolution die +Zustimmung zu geben: + + „Mit Rücksicht auf die von preußischen Behörden mit unerhörter + Dreistigkeit förmlich proklamierte völlige Rechtlosigkeit + sozialistischer Vereine in Preußen nimmt der Kongreß von der + Herstellung einer Organisation der Partei Abstand, auf welche die in + Deutschland, besonders in Preußen bestehenden Vereinsgesetze + angewendet werden können; der Kongreß überläßt es den Parteigenossen + in den einzelnen Orten, sich je nach den örtlichen Verhältnissen und + Bedürfnissen zu organisieren.“ + +Diese Resolution wurde ohne Diskussion einstimmig angenommen. +Hervorgehoben zu werden verdient, daß damals fast die gesamte liberale +Presse, die fortschrittliche nicht ausgenommen, den Scherereien, +Plackereien und Gewalttätigkeiten der Behörden gegen die sozialistischen +Organisationen mit stoischem Gleichmut zusah und selten ein Wort der +Kritik hören ließ. Darin sahen natürlich die Behörden nur eine +Ermutigung ihres ungesetzlichen und gewalttätigen Vorgehens. + +Eine unerquickliche Debatte rief wieder das Verhalten _Hasselmanns_ +hervor. Hasselmann hatte das von ihm mit Zustimmung des +Zentralwahlkomitees Januar 1877 herausgegebene Blatt unter dem Titel +„Die Rote Fahne“ nur als Flugblatt für die Unterstützung der Wahlen +erscheinen lassen wollen. Dagegen war nichts einzuwenden. Er hatte aber +dasselbe förmlich hinter dem Rücken des Zentralwahlkomitees als +regelrecht erscheinendes Wochenblatt behördlich angemeldet, und nun +benutzten seine Anhänger dasselbe überall, um den „Vorwärts“ zu +verdrängen. Es konnte kein Zweifel bestehen, daß _Hasselmann_ auf +Spaltung der Partei hinarbeitete. Das kam auch in der Debatte durch die +Mehrzahl der Redner zum Ausdruck. Schließlich wurde ein Antrag von mir +gegen fünf Stimmen angenommen, dahin lautend: Der Kongreß ersucht den +Genossen Hasselmann, die „Rote Fahne“ eingehen zu lassen, sobald die +„Bergisch-Märkische Volksstimme“ — deren Redakteur er war — sich deckt. +Aber er mußte bereits Anfang Oktober das Eingehen der „Roten Fahne“ +ankündigen. Das Blatt deckte nicht seine Kosten, und so war ihm seine +Fortführung unmöglich. + +Nicht minder unerquicklich wie die Debatte über Hasselmann war die +Debatte, die Most über Friedrich Engels' Artikelserie im „Vorwärts“ über +Professor Dühring hervorrief. Dühring war es gelungen, fast die gesamten +Führer der Berliner Bewegung für seine Theorien einzunehmen. Auch ich +war der Ansicht, daß jede schriftstellerische Leistung, die, wie die +Dühringschen Arbeiten, dem bestehenden Sozialzustand scharf zu Leibe +ging und sich für den Kommunismus erklärte, aus agitatorischen Gründen +unterstützt und für uns ausgenutzt werden müsse. Von diesem Standpunkt +aus hatte ich schon 1874 von der Festung aus zwei Artikel unter der +Ueberschrift „Ein neuer Kommunist“ im „Volksstaat“ veröffentlicht, in +denen ich Dührings Arbeiten besprach. Die betreffenden Bücher hatte mir +Eduard Bernstein zugesandt, der damals mit Most, Fritzsche und anderen +zu Dührings begeisterten Anhängern gehörte. Daß Dühring bald darauf +wegen seiner Lehren mit den Staats- und Universitätsbehörden in Konflikt +kam, ein Konflikt, der im Juni 1877 zu seiner Maßregelung an der +Berliner Universität führte, erhöhte noch sein Ansehen in den Augen +seiner Anhänger. Das alles veranlaßte Most, auf dem Kongreß eine +Resolution einzubringen, lautend: + + „Der Kongreß erklärt, Artikel, wie beispielsweise die in den letzten + Monaten von Engels gegen Dühring veröffentlichten Kritiken, die für + die weitaus größte Mehrheit der Leser des ‚Vorwärts‘ völlig ohne + Interesse oder gar höchst anstoßerregend sind, haben künftighin aus + dem Zentralorgan fernzubleiben.“ + +Das Ansehen Dührings erlitt allerdings nicht lange nachher in den Augen +seiner sozialistischen Anhänger gründlich Schiffbruch. Das Benehmen des +Mannes wurde so autokratisch und an Größenwahn grenzend, daß sich einer +nach dem anderen von ihm zurückzog. + +Auf demselben Kongreß wurde von Vollmar — der damals zum erstenmal auf +einem Parteikongreß erschien — der Antrag gestellt und angenommen: + + „Um der Solidarität der Sozialisten aller Länder Ausdruck zu geben, + beschließt der Kongreß, den diesjährigen internationalen + Sozialistenkongreß zu Gent durch einen Delegierten zu beschicken. Das + Zentral-Wahlkomitee bestimmt den Delegierten.“ + +Grillenberger unterstützte den Antrag, dagegen mahnte Liebknecht +zur Vorsicht im Hinblick auf die in Belgien vorhandene +bakunistisch-anarchistische Strömung, die versuchen werde, den Kongreß +zu beherrschen. + +Ob der Kongreß zustande kam, ist mir nicht erinnerlich, jedenfalls +wurde er von uns nicht beschickt; der Partei erwuchsen mittlerweile im +Innern ernstere und kostspieligere Aufgaben. + + + + +Landtagswahl in Sachsen. — „Die Zukunft.“ + + +Im September 1877 gelang es uns in einem der Landtagswahlkreise +Leipzig-Land — 36. ländlicher Wahlkreis —, Liebknecht zum Abgeordneten zu +wählen. Die Parteigenossen hatten zunächst mir die Kandidatur angeboten, +ich lehnte aber ab, da ich unmöglich meinem Associé und meinem Geschäft +zumuten konnte, neben dem Reichstagsmandat auch ein Landtagsmandat zu +übernehmen. Bei der Prüfung der Wahl durch den Wahlkommissar stellte +sich heraus, daß Liebknecht noch nicht drei Jahre sächsischer +Staatsangehöriger war und somit zum Abgeordneten nicht gewählt werden +konnte. Die Wahl wurde für ungültig erklärt. Darauf stellten die +Parteigenossen des Wahlkreises den Parteigenossen Rechtsanwalt Otto +Freytag in Leipzig auf, der auch gewählt wurde. — + +Den 1. September trat Vahlteich seine achtzehnmonatige Haft in Zwickau +an, dem im nächsten Jahre Vollmar folgte. Am 1. Oktober erschien in +Berlin eine Monatschrift unter dem Titel „Die Zukunft“, zu deren +Erscheinen _Karl Höchberg_, der Sohn eines Frankfurter Bankiers, die +Mittel hergab. Höchberg hatte sich, ich möchte sagen aus +gefühlsphilosophischen Beweggründen der Bewegung angeschlossen; sein +Privatsekretär wurde Eduard Bernstein, der infolgedessen seine Stellung +in einem Berliner Bankgeschäft aufgab. Die unklare Stellung, die die +Zeitschrift sowohl in Anbetracht der Anschauungen ihres Gründers und des +Kreises ihrer Mitarbeiter, in dem alle Richtungen in der Bewegung +vertreten waren, zum wissenschaftlichen Sozialismus, wie ihn Marx und +Engels begründet hatten, einnahm, hatten von vornherein das Mißtrauen +der beiden Alten in London geweckt, ein Mißtrauen, das um so lebhafter +wurde, als der Gang der Ereignisse und die finanzielle Not, in die dabei +die Partei geriet, die finanzielle Opferwilligkeit Höchbergs nach +vermiedenen Richtungen in hohem Grade in Anspruch nahm. Marx und +Engels, die die Dinge nur aus der Ferne sahen, Personen und Verhältnisse +nicht näher kannten, sahen in dieser Opferwilligkeit Höchbergs schlaue +Berechnung, einen kaltblütig ausgeheckten Plan, die Partei auf Abwege zu +bringen, sie ihrer Aufgabe zu entfremden. + +Das war eine durchaus irrige Auffassung. Höchberg hat nie den Versuch +gemacht, seine finanziellen Mittel im Sinne der befürchteten +Bestrebungen anzuwenden oder die Unterstützung derselben zur Bedingung +seiner Hilfsleistungen zu machen. Er gab aus gutem Herzen und aus +Interesse für die Sache, und nie, ohne mich oder andere Freunde, Geib, +Liebknecht usw., zu Rate zu ziehen. Aber der Versuch, das Mißtrauen +gegen Höchberg bei den Londonern zu beseitigen, gelang erst, als ich +mich entschloß, mit Bernstein nachmals den in der Partei berühmt +gewordenen „Kanossagang“ im Spätherbst 1880 anzutreten, um Marx und +Engels klaren Wein einzuschenken. Darüber im nächsten Bande. + +Ich selbst schrieb mehrere Artikel für die „Zukunft“, so einen über das +Proportionalwahlrecht, eine Frage, die damals in der Partei noch wenig +erörtert worden war. Die für mich selbstverständliche Art, wie dieses +Wahlsystem ausgeführt werden müsse und tatsächlich auch nachher in der +Praxis angewendet wurde, fand anfangs bei dem Hauptvertreter dieses +Wahlsystems in der Schweiz, unserem altbewährten Genossen Karl Bürkli, +einigen Widerspruch. Aber als ich mich im Herbst 1901 nach einem +Mittagessen bei Professor Dodel in Zürich von ihm verabschiedete, +äußerte Bürkli: Bebel, wir werden uns nicht mehr wiedersehen — er ging +ins 79. Lebensjahr —, aber eins will ich Ihnen noch sagen, Ihr +Vorschlag, den Sie seinerzeit in der „Zukunft“ machten über die +Ausführung des Proportionalwahlrechts, ist der richtige. Wenige Monate +später starb Bürkli; er hatte sein baldiges Ende richtig vorausgesehen. + + + + +Wieder reif fürs Gefängnis. + + +Am 12. Juni 1877 stand endlich auch ich vor der berüchtigten siebenten +Deputation des Stadtgerichts in Berlin als Angeklagter. Tessendorf hatte +in meiner Broschüre nicht weniger als drei Bismarckbeleidigungen +entdeckt, außerdem, wie ich schon erwähnte, eine Verletzung des § 131 +des Strafgesetzbuchs gefunden. Bismarck hatte bereitwillig den +Strafantrag gestellt. Es war richtig, ich hatte den Reichskanzler etwas +unsanft angefaßt. Als ich die Broschüre schrieb, wurmte mich noch immer +die beleidigende Rede, die er mir Anfang 1876 im Reichstag ins Gesicht +geschleudert hatte, auf die zu antworten mich die Mehrheit durch +Annahme eines Schlußantrags verhindert hatte. Wäre ich damals +ausführlich zum Wort gekommen, höchst wahrscheinlich wäre mir die +Reichskanzlerbeleidigung erspart geblieben, denn es waren die Vorgänge +im Reichstag, auf die ich in den Angriffen auf Bismarck in meiner +Broschüre Bezug nahm. Außerdem hatte ich in einem Angriff auf die +Nationalliberalen diese gehöhnt, daß sie sich vom Reichskanzler +hausknechtmäßig behandeln ließen, und dachte gar nicht daran, damit eine +Beleidigung Bismarcks begehen zu wollen. Es war eben die Zeit, in der +der Abgeordnete Bamberger in einem Augenblick anerkennenswerter +Selbsterkenntnis wegen seiner und seiner Freunde Behandlung durch den +Reichskanzler das Wort geprägt hatte: _Hunde sind wir ja doch_! + +Die Verletzung des § 131 des Strafgesetzbuchs wurde in der scharfen +Kritik gefunden, die ich dem Militarismus hatte angedeihen lassen, die +aber ganz den von uns vertretenen Anschauungen entsprach. Ich empfand es +als eine persönliche Beleidigung, daß man mich anklagte, erdichtete oder +entstellte Tatsachen, wissend, daß sie erdichtet oder entstellt sind, +öffentlich behauptet und verbreitet zu haben, um damit die Einrichtungen +des Militarismus verächtlich zu machen; denn was ich geschrieben hatte, +entsprach meinem Standpunkt und meiner Ueberzeugung. + +Tessendorf als öffentlicher Ankläger machte sich sein Amt sehr leicht, +er kannte ja genügend die siebente Deputation. Nonchalant, als pflege er +eine private Unterhaltung, stand er vor dem Gerichtshof, die eine Hand +in der Tasche einer hellgestreiften Sommerhose — die heute übliche +Amtskleidung wurde erst später eingeführt —, angetan mit einem schäbigen +schwarzen Frack, und beantragte nach einer kaum fünf Minuten langen Rede +9 Monate wegen Beleidigung des Reichskanzlers und 5 Monate wegen der +Verletzung des § 131 des Strafgesetzbuchs, also 14 Monate Gefängnis, die +er auf ein Jahr Gefängnis zusammenzuziehen vorschlug. + +Die Art, wie Tessendorf die Sache behandelte, brachte mich noch mehr in +Erregung, als es ohnedem schon der Fall war. Ich verteidigte mich +selbst. In anderthalbstündiger Rede suchte ich die Anklage Punkt für +Punkt zu widerlegen. Wolle man aus meiner Broschüre eine Beleidigung des +Reichskanzlers herauslesen, dann müßten die Umstände berücksichtigt +werden, unter denen ich zu meinen Ausführungen gekommen sei, und in +Anbetracht dieser sei das beantragte Strafmaß viel zu hoch. Eine +Verletzung des § 131 liege aber in allewege nicht vor. Ich betrachtete +es als unerhört, mich auf diesen Paragraphen hin anzuklagen, da es doch +gerichtsnotorisch sein müsse, daß die obendrein mit Tatsachen und +Zitaten wissenschaftlicher und militärischer Autoritäten begründeten +Ausführungen nur meinem Parteistandpunkt und meiner Ueberzeugung +entsprächen. + +Ich glaube, ich hielt eine sehr gute Rede, aber sie würde auch keinen +Eindruck auf die Richter gemacht haben, wenn deren Aufmerksamkeit nicht +durch ein ausgebrochenes Hagelwetter, dessen Körner gegen die +Fensterscheiben trommelten, in Anspruch genommen gewesen wäre. Die +Frage, in welchem Augenblick wohl die Fensterscheiben durch die +Hagelkörner zertrümmert würden, war den Richtern offenbar wichtiger als +meine schönen Ausführungen. Der Gerichtshof zog sich zurück, da +Tessendorf es nicht der Mühe wert fand, mir zu antworten, und verkündete +nach kurzer Beratung in allen Fällen meine Verurteilung zu neun Monaten +Gefängnis. + +Ich appellierte, und die Sache kam am 28. Oktober vor dem Kammergericht +zur Verhandlung. Hier führte Staatsanwalt Groschuff die Anklage. Im +Laufe seiner Rede machte er geltend, daß ich schon wegen meiner +Vorstrafen keine milde Verurteilung verdiente; er beantragte Bestätigung +des Urteils der ersten Instanz. + +Ich verteidigte mich wiederum selbst. In einstündiger Rede wendete ich +mich gegen die Ausführungen des Staatsanwalts. Seine Bemerkung, daß ich +quasi wegen Rückfälligkeit härter bestraft werden müßte, hatte mich +besonders gereizt. Ich protestierte, daß man einen Angeklagten, der im +Kampfe für seine Ueberzeugungen wiederholt mit dem Strafrichter +Bekanntschaft gemacht habe, mit einem gemeinen Verbrecher — einem Diebe +oder Betrüger im Rückfalle — auf gleiche Stufe stelle. Der gemeine +Verbrecher handle gegen das Gesetz, um einen persönlichen Vorteil zu +erlangen, also aus _Eigennutz_, der politische „Verbrecher“, der, +geschehe es in Verteidigung oder Propagierung seiner Ansichten, gegen +das Gesetz verstoße, handle aus _Idealismus_. Ihm gebühre für die +unentwegte Vertretung seiner Anschauungen nicht verschärfte Strafe, +sondern Anerkennung. Kein politischer „Verbrecher“ werde wegen der +Vertretung seiner Ueberzeugungen, die ihn mit dem Strafgesetz in +Konflikt brächten, gesellschaftlich mißachtet, wie das mit dem gemeinen +Verbrecher wohl die Regel sei. Der politische Verbrecher gewinne sogar +an Ansehen in den Augen seiner Gesinnungsgenossen. + +In meiner weiteren Rede legte ich den Schwerpunkt auf die Anklage wegen +Verletzung des § 131 des Strafgesetzbuchs. Ich erreichte damit, daß der +Vorsitzende des Gerichtshof sieben Seiten meiner Schrift, die Urteile +über den Militarismus enthielten, vorlesen ließ. Das Endresultat war: +ich wurde von der Anklage, den § 131 verletzt zu haben, freigesprochen, +aber wegen Beleidigung Bismarcks zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. + +Hinzufügen möchte ich hier, daß, als einige Monate später, im Dezember, +der konservative Sozialpolitiker Dr. Rudolf Meier ebenfalls wegen +Bismarckbeleidigung von dem Kammergericht zu einem Jahre Gefängnis +verurteilt wurde, derselbe Staatsanwalt Groschuff, der die Anklage auch +gegen mich geführt hatte, jetzt äußerte: _er hege den Wunsch, dieses +möge der letzte Bismarckbeleidigungsprozeß sein_. Diese hörten aber erst +auf, als Bismarck aufhörte, Reichskanzler zu sein, das heißt dreizehn +Jahre später. + +Da es mir sehr darum zu tun war, in Rücksicht auf meine Familie und mein +Geschäft, meine Haft in Leipzig zu verbüßen, hier aber nach den +ministeriellen Vorschriften nur Haftstrafen bis zum Höchstmaß von fünf +Monaten erledigt werden konnten, wandte ich mich an die zuständige +Stelle mit der Frage: ob ich eventuell für die Verbüßung einer +fünfmonatigen Haft im Leipziger Gefängnis zugelassen würde. Nachdem +dieses bejaht worden war, begab ich mich nach Berlin zu dem Vorsitzenden +der siebenten Deputation, Reich, und ersuchte diesen, zu gestatten, daß +ich nach Verbüßung einer einmonatigen Haft in Plötzensee die restlichen +fünf Monate im Leipziger Bezirksgerichtsgefängnis verbringen könne. Zu +meiner nicht geringen Verwunderung empfing er mich mit ausgesuchter +Höflichkeit und erklärte seine Zustimmung zu meinem Antrag. + +Darauf trat ich am 23. November meine Haft in Plötzensee an. Die +Prozedur der Aufnahme war eine sehr umständliche und widerwärtige. Als +ich dem Arbeitsinspektor vorgeführt wurde, empfing mich dieser mit den +Worten: Nun, Herr Bebel, wie es in der Bastille am Plötzensee aussieht, +werden Sie aus Mosts Schrift ersehen haben. Ich antwortete: Ich hätte +zwar die Schrift gelesen, aber das sei schon längere Zeit her, ich bäte +ihn, mich zu informieren. Nun brach bei ihm der offenbar schon lange +verhaltene Grimm gegen Most los. Er verstehe, daß der Gefangene in den +Beamten seine Feinde sehe und sich hinter deren Rücken an Vorteilen zu +verschaffen suche, was ihm möglich sei, aber dann sich nachher auf den +Markt zu stellen und auszuschreien, wie man die Beamten hintergangen +oder diese zu Konzessionen verleitet habe, sei eine Gemeinheit und eine +Dummheit. Er erzählte alsdann, welche Wirkung und welche Folgen die +Mostsche Schrift nach ihrer Veröffentlichung unter den Beamten in +Plötzensee hervorgerufen habe. Er schloß seine erregten +Auseinandersetzungen mit den Worten: Most soll uns nur mal wieder +zwischen die Finger kommen, dem wollen wir seine Indiskretionen +eintränken. + +Und er kam ihnen bald genug wieder zwischen die Finger, und sie habend +ihm tüchtig eingetränkt. Einen Vorgeschmack bekam Most von dem, was ihn +gegebenenfalls erwartete, daß, als er mir in Plötzensee einen Besuch +machen wollte, er kurzerhand abgewiesen wurde. + +Ich erlangte das Recht, mich literarisch beschäftigen zu dürfen und bis +abends 10 Uhr Licht zu brennen. Marx' „Kapital“ und verschiedene andere +sozialistische Schriften wurden mir fortgenommen, als wenn an mir noch +etwas zu verderben gewesen wäre. Und da der Arbeitsinspektor absolut +verlangte, daß ich mich nicht bloß mit dem Studium von Büchern abgeben +dürfe, sondern auch irgendeine literarische Arbeit vorzeigen müsse, +setzte ich mich hin und schrieb ein kleines Broschürchen, das unter dem +Titel erschien: „Frankreich im achtzehnten Jahrhundert.“ + +Selbstbeköstigung gab es nicht, die war Börsenjobbern, die wegen +Gaunereien in Plötzensee Quartier bezogen hatten, gewährt worden, +politischen Gefangenen nicht. Was aber dem Gefangenen die magere Kost +noch besonders verleidete, um nicht zu sagen verekelte, war der +feststehende Küchenzettel, das heißt die in einer Woche morgens, mittags +und abends verabreichte Kost kehrte fast in derselben Reihenfolge Woche +für Woche, Tag für Tag wieder. Ich verlor in den nahezu zwei Monaten, +die ich in Plötzensee verbrachte, erheblich an Gewicht. Ich begriff +nicht, wie Anstaltsärzte eine solche Verpflegungsordnung zulassen +konnten. Auf meinen Antrag bewilligte mir der Arzt die sogenannte +Krankenkost. Danach erhielt ich dreimal in der Woche zu Mittag einen +Teller wirklich gute Fleischbrühsuppe, einen Sperling Fleisch, das auf +ein spitzes Holzstäbchen gespießt war, da man Messer und Gabel dem +Gefangenen nicht anvertraut, und Kartoffeln und Gemüse. Die Bezeichnung +Sperling rührte daher, daß das Stückchen Fleisch nach Form und Größe +einem gerupften Sperling ähnlich sah. + +Ich hatte darauf gerechnet, unmittelbar vor Weihnachten von Plötzensee +nach Leipzig übersiedeln und alsdann die Weihnachtsfeiertage bei meiner +Familie verbringen zu können. Von den acht Weihnachtsfesten, die bis +dahin mein Töchterchen erlebt hatte, hatte ich vier in den Gefängnissen +zugebracht. Ich hoffte, nicht das fünfte Mal die Weihnachtsfeier im +Gefängnis verbringen zu müssen. Es kam aber doch so. Auf meine +Anfrage bei der Leipziger Gefängnisverwaltung, ob ich nach den +Weihnachtsfeiertagen die Haft dort antreten könne, kam die Antwort, daß +dieses vorläufig nicht möglich sei, die Räume seien alle besetzt. Erst +am 18. Januar 1878 konnte ich nach Leipzig übersiedeln. + +Während meiner Haft in Plötzensee besuchte mich wiederholt der +Gefängnisgeistliche, um sich mit mir über die politischen Vorgänge zu +unterhalten. Mir war das Halten der „Vossischen Zeitung“ bewilligt +worden, deren sämtliche Tagesnummern ich aber regelmäßig erst am Ende +der Woche, am Sonntag, zugestellt erhielt. Most hatte um jene Zeit mit +der ganzen Leidenschaftlichkeit seines Temperaments eine öffentliche +Agitation für den Austritt aus der Landeskirche begonnen. Die von +ihm veranlaßten Volksversammlungen waren überfüllt und von +leidenschaftlicher Erregung getragen. Diese wuchs, als jetzt die neu +erstandene christlich-soziale Partei unter Führung des Hofpredigers +_Stöcker_ ebenfalls Versammlungen abhielt und Redner dieser Partei auch +in den Mostschen Versammlungen erschienen, dort aber, wie vorauszusehen +war, unter dem Jubel der Massen den kürzeren zogen. Diese Agitation rief +bei den Frommen im Lande eine ungeheure Aufregung hervor, die auch den +Gefängnisgeistlichen ergriffen hatte. Selbst der alte Kaiser sah sich +veranlaßt, als ihm zu seinem Geburtstag im März 1878 das Präsidium des +Landtags gratulierte, in seiner Antwort zu betonen: Die Religion muß dem +_Volke_ erhalten werden. + + + + +Innere Vorgänge. + + +Während ich hinter den Gefängnismauern Zeit zu allerlei Betrachtungen +hatte, spielten sich in und außerhalb der Partei eine Reihe Vorgänge ab, +die von besonderer Bedeutung waren. Im November hatten die Berliner +Genossen an Stelle der aufgelösten Organisationen einen Verein zur +Wahrung der Interessen der werktätigen Bevölkerung gegründet. Die +christlich-konservativen Staatssozialisten gründeten eine Wochenschrift, +„Der Staatssozialist“, an der als Mitarbeiter Professor Schäffle, +Professor v. Scheel, Bankier Samter, Professor Ad. Wagner, Pastor Tod, +Dr. Petermann-Dresden und andere tätig sein sollten. Die evangelischen +Sozialpolitiker wollten den katholischen nicht allein das Feld +überlassen, sondern unter den evangelischen Arbeitern vor der +Sozialdemokratie retten, was noch zu retten war. + +Auch in der großen Politik schienen Veränderungen bevorzustehen. Die +fortgesetzt steigenden Ausgaben des Reiches erforderten neue Einnahmen. +Die wachsenden Matrikularumlagen, durch die die Einzelstaaten das +Reichsdefizit zu decken hatten, wurde diesen angesichts des eigenen +steigenden Geldbedarfes für ihre innere Verwaltung immer lästiger. Die +gesteigerten Ausgaben aber auf dem Wege direkter Besteuerung zu decken, +davon wollte Bismarck am wenigsten wissen. Er haßte die direkten Steuern +und suchte sich persönlich nach Möglichkeit der Zahlung derselben zu +entziehen. Er hatte schon am 22. November 1876 im Reichstag sein +_Steuerideal_ entwickelt, wobei er ausführte: + + „Ich erkläre mich von Hause aus wesentlich für Aufbringung _aller_ + Mittel nach Möglichkeit für _indirekte_ Steuern, und halte die + direkten Steuern für einen harten und plumpen _Notbehelf_, nach + Aehnlichkeit der Matrikularumlagen, mit alleiniger Ausnahme, ich + möchte sagen einer _Anstandssteuer_, die ich von der direkten Steuer + immer aufrecht erhalten würde; das ist die Einkommensteuer der reichen + Leute ... wohlverstanden, der wirklich reichen Leute.... Ich kann die + Zeit kaum erwarten, daß der Tabak höhere Summen steuere, so sehr ich + jedem Raucher das Vergnügen gönne. Analog steht es auch mit dem Bier, + dem Branntwein, dem Zucker, dem Petroleum und allen diesen großen + Verzehrungsgegenständen, gewissermaßen den _Luxusgegenständen_ der + großen Masse.“ + +Ein großer Teil der Liberalen war geneigt, auf dem gleichen Wege die +Deckung der Mehrausgaben zu suchen. Da Bismarck um jene Zeit mit einem +Teil der konservativen Partei ein starkes Zerwürfnis hatte, andererseits +mit dem Zentrum noch immer in Fehde lebte, kam er auf den Gedanken, die +Nationalliberalen, die damals noch mit ihren nächsten Affiliierten die +stärkste Partei im Reichstag bildeten, dadurch an seine Politik zu +ketten, daß er mit ihrem Führer Herrn v. Bennigsen wegen dessen Eintritt +in das preußische Ministerium in Unterhandlungen trat. Bennigsen war +dazu geneigt, aber er hielt die Zustimmung der führenden Parteigenossen +zu diesem Schritt für notwendig. Unter dem Einfluß Laskers kam man +überein, dem Eintritt Bennigsens in das Ministerium nur zuzustimmen, +wenn neben Bennigsen auch der Bayer Freiherr v. Stauffenberg und Herr +v. Forckenbeck in das Ministerium Aufnahme fänden. Bennigsen allein +würde der wachsenden reaktionären und schutzzöllnerischen Strömung +gegenüber nicht gewachsen sein. Bismarck brachten diese Bedingungen +namentlich gegen Lasker in hellen Zorn, dem er vorwarf, ihm einmal +wieder in die Suppe gespuckt zu haben. Als dann der alte Kaiser von der +Kombination mit Bennigsen hörte, in dem er wegen seiner Haltung im Jahre +1866 gegen das hannoversche Herrscherhaus einen halben Hochverräter sah +und sich entschieden gegen Bennigsen als preußischen Minister erklärte, +fiel der ganze Plan ins Wasser. Bismarck vergaß den Nationalliberalen +nicht, was sie nach seiner Meinung gegen ihn gesündigt hatten, er nahm +bald darauf Rache an ihnen. + + * * * * * + +Ende des Jahres 1877 siedelte _Auer_ von Hamburg nach Berlin über, um +neben Most und anderen in die Redaktion der „Berliner Freien Presse“ +einzutreten. August Geib bemühte sich, an Auers Stelle Julius _Motteler_ +zum Eintritt als Sekretär in das Zentralwahlkomitee zu gewinnen. +Motteler, der aus privaten Gründen 1876 aus der Leitung der Leipziger +Genossenschaftsbuchdruckerei ausgetreten war, lehnte aber ab. + +Bald darauf erlebte Berlin zwei Vorgänge, die die gesamte +Oeffentlichkeit in Spannung versetzten. Am 7. März 1878 starb der Faktor +der Berliner Assoziationsbuchdruckerei August Heinsch und wurde am 10. +März beerdigt. Heinsch war kein Redner, aber er war ein vorzüglicher +Organisator, in dessen Händen alle Fäden der Berliner Bewegung +zusammenliefen, und er hatte sich wegen seiner Unermüdlichkeit, trotz +seines leidenden Zustandes — er starb an der Schwindsucht — zu helfen und +zu raten, wo er konnte, die allgemeinste Sympathie der Berliner Arbeiter +erworben. Das Leichenbegängnis gestaltete sich zu einer großen +sozialdemokratischen Demonstration, wie sie bis dahin Berlin noch nicht +gesehen hatte. Der Polizeipräsident bewies sein Verständnis für die +Bewegung dadurch, daß er die Mitnahme von Fahnen im Zuge, auch wenn sie +verhüllt waren, verbot. + +Die Demonstration hatte durch die Ruhe und Ordnung, mit der sie +verlief, den Gegnern so imponiert, daß der „Kladderadatsch“ sich zu +folgendem Gedicht verstieg. + + „_Für die Sozialdemokratie._ + Daß neulich Zucht und Ordnung sie gehalten + Bei ihrem Aufzug, laßt es uns gestehn. + Ein gleicher Geist der Ordnung möge walten + Bei uns, wenn wir in solchen Massen gehn! + Wir wollen gern den Beifall ihnen zollen, + Der ungerecht nur scheint den Toren. + Es sind verloren, + Die nicht vom Gegner lernen wollen.“ + +Wenige Wochen später sah Berlin ein zweites, womöglich noch größeres +Leichenbegängnis. Paul Dentler, der verantwortliche Redakteur der +„Berliner Freien Presse“, war ebenfalls an der Schwindsucht, aber unter +so empörenden Umständen gestorben, daß ein Sturm der Entrüstung die +Partei in Berlin und in ganz Deutschland ergriff. Dentler war wie +Heinsch ein noch junger Mann, der mir in meiner Prozeßangelegenheit +bereitwilligst eine Reihe kleiner Dienste erwiesen hatte. Eine hoch +aufgeschossene schlanke Gestalt mit der bleichen Gesichtsfarbe und der +zarten durchsichtigen Haut, wie sie Schwindsüchtige öfter zu haben +pflegen, war er in seinem ganzen Wesen die personifizierte +Liebenswürdigkeit und Gefälligkeit. + +Dentler war am 18. Januar unter der Anklage, mehrere +Majestätsbeleidigungen und sonstige Vergehen in der „Berliner Freien +Presse“ begangen zu haben, in schwer krankem Zustand in +Untersuchungshaft genommen und am 7. Februar von der siebten Deputation +zu 21 Monaten Gefängnis verurteilt worden, wogegen er die Berufung +anmeldete. Dentler beantragte alsdann mit Hinweis auf seinen schwer +kranken Zustand seine Entlassung aus der Untersuchungshaft, die infolge +der Berufung fortdauerte. Das Gericht forderte den Gefängnisarzt zur +Begutachtung des Falles auf. Woche um Woche verging; Dr. Lewin, so hieß +der Ehrenmann, ließ sich ab und zu einmal in der Zelle sehen, fragte +Dentler, wie es ihm gehe, und verschwand wieder. Alles, was Dentler +schließlich erreichte, war, daß er kurz vor seinem Tode aus der +Stadtvogtei in die Gefangenenabteilung der Charité gebracht wurde. + +Von hier schrieb _Dentler_ der Redaktion der „Berliner Freien Presse“: + + „Mein Zustand verschlimmert sich jeden Tag, nach Verlauf einer Woche + erinnere ich (an den Antrag auf Entlassung) — vergebens. Eine zweite + Woche bricht an, geht zu Ende und am letzten Tage derselben — vierzehn + Tage nach meinem Antrage — erscheint der Medizinalrat Wolff.... Nach + einer sehr sorgfältigen Untersuchung geht Herr Wolff, nachdem er sich + sehr bedenklich über meinen Zustand ausgesprochen hat. — Seit jener + Untersuchung sind wiederum volle acht Tage verflossen, ich bin nach + wie vor im unklaren über mein Schicksal, die siebte Deputation hat + seitdem drei Sitzungen gehalten und ich — nun ich habe heute nachmittag + in der Spazierstunde Blut gespien, nach meinen bisherigen Erfahrungen + ein Vorbote starker, in kurzer Zeit darauf folgender Lungenblutungen. + Daß ich jetzt eine Lungenblutung vom Schlage der beiden erlebten + überstehen würde, halte ich einfach für unmöglich.“ + +Und der vorausgesagte Blutsturz kam. Am 24. April war _Dentler_ eine +Leiche. Am 28. April fand seine Bestattung unter immenser Beteiligung +statt; sie war ein flammender Protest gegen die ihm widerfahrene +Behandlung. Wiederum war das Bürgertum erstaunt und erschreckt über die +Massen, die Dentler zu Grabe geleiteten. Dieser Ueberraschung gab jetzt +die „Magdeburger Zeitung“ mit den Worten Ausdruck: + + „Wer spricht noch von Arbeiterbataillonen Berlins angesichts dieses + Leichenaufgebots? Das sind Regimenter, Brigaden, Divisionen, ja mehr, + das sind ganze Armeekorps, welche ihrem sicherlich um die Sache + hochverdienten Toten die letzte Ehre erwiesen.“ + +Seitdem hat Berlin noch manchen sozialdemokratischen Leichenzug gesehen, +größer als jenen der Heinsch und Dentler, die der bürgerlichen Welt ein +_mene tekel upharsin_ zuriefen. + + + + +Der Reichstag Frühjahr 1878. + + +Mittlerweile war der Reichstag zum 6. April 1878 einberufen worden. Ich +war durch meine Haft wieder von seinen Beratungen ausgeschlossen. Ein +Antrag auf meine Beurlaubung hatte wie früher einen negativen Erfolg. + +Die Fraktion war sehr fleißig in der Stellung von Anträgen. Sie +beantragte die Abänderung des Artikels 31 der Verfassung — Freilassung +der Abgeordneten auch aus der Strafhaft —, Aenderung des +Reichstagswahlgesetzes: Einführung der Kuverts, Wahltag am Sonntag, +gesetzliche Festlegung der Zahl und des Umfanges der Wahlkreise nach +jeder Volkszählung, Aenderung der Bestimmungen des Strafgesetzbuchs in +bezug auf Wahlbeeinflussungen; einen Gesetzentwurf betreffend das +Vereins- und Versammlungsrecht, Antrag auf Aenderung des +Freizügigkeitsgesetzes — Einschränkung der Ausweisungen —, Anträge zu dem +Bericht der Kommission über die Einführung der Gewerbegerichte, Anträge +zu dem von den Regierungen eingebrachten Gesetzentwurf betreffend +Aenderung der Gewerbeordnung. + +Bei einer der in jener Zeit öfter vorkommenden Sozialistendebatten +erlaubte sich Bismarck den Scherz: er wolle mir einen polnischen Bezirk +zum Musterversuch für sozialistische Experimente überlassen. Da ich +hinter Schloß und Riegel saß, konnte ich ihm auf diesen Scherz nicht +gebührend antworten. + +Als ich vernahm, daß Motteler zur Frage der Fabrikarbeit der Kinder +sprechen wolle, schrieb ich ihm am 12. Februar: + + „Gestern sagte mir Dr. Glattstern, daß Du ihn wegen Beschaffung von + Material in bezug auf Kindersterblichkeit angegangen habest. Wenn Du + dies in Rücksicht auf die Einschränkung der Kinderarbeit durch die + Gewerbeordnungsnovelle getan, dürfte es sich empfehlen, von + Zahlenmaterial, da es meines Wissens in brauchbarer Weise nicht + vorhanden ist, abzusehen. Die große Kindersterblichkeit ist notorisch, + auch in den späteren Jahren, aber es muß beachtet werden, daß neben + der Fabrikarbeit auch elende Wohnung, elende Nahrung und elende Pflege + während der Krankheiten sehr ins Gewicht fallende Faktoren sind. + Willst Du dagegen die große Kindersterblichkeit in den ersten + Lebensjahren auf die Beschäftigung der Mütter in den Fabriken mit + zurückführen, so ist das unzweifelhaft gut und hierfür kein besseres + Beispiel anzuführen als die Zeit der Baumwollenkrise in England, + während des amerikanischen Bürgerkriegs, in der die Kinder bedeutend + weniger starben, weil sie jetzt infolge der mangelnden Arbeit für die + Mütter die Mutterbrust erhalten konnten (siehe Marx' Kapital). + + Ich glaube, Du tust am besten, hier einfach auf die physischen und + moralischen Nachteile dieser Arbeit an und für sich und in Verbindung + damit auf die Zerrüttung des Familienlebens hinzuweisen, das die + Fabrikarbeit der Mütter hervorruft, und appellierst an das Gefühl der + Gegner, was sie sagen würden, wenn ihren Frauen und Kindern solche + Zumutungen gemacht würden. Daneben wäre die perfide Art, wie die + Reichsregierung im Interesse der Fabrikanten die größere Ausbeutung + ermöglicht, gebührend zu brandmarken. + + Hierbei wäre aber ein neuer guter Gedanke in aller Form zum Austrag zu + bringen. Mache das gänzliche Verbot der Kinder- und eine wesentliche + Einschränkung der Frauenarbeit den Fabrikanten die Konkurrenz des + Auslandes schwer, so solle das Mittel ergriffen werden, das die + Regierung auch schon auf anderen Gebieten mit Erfolg ergriffen hat, + _der Abschluß bezüglicher internationaler Verträge_. Sie würde hierbei + nicht nur die öffentliche Meinung Deutschlands wie in kaum einer + anderen Frage auf ihrer Seite haben, sondern auch die Sympathien der + arbeitenden Klassen des Auslandes. Der moralische Druck eines solchen + Vorgehens würde so groß, daß jede Regierung gezwungen würde, auf + solche Vorschläge einzugehen. + + Ich glaube, mit diesem Trumpf könnten wir sehr viel gewinnen. + + Ihr könntet zu dem Antrag von Schulze-Delitzsch, Nr. 11 der + Drucksachen, betreffend das Genossenschaftsgesetz, einige weitere + Anträge bringen, zum Beispiel auf Einführung der beschränkten + Haftpflicht, analog dem früheren sächsischen Genossenschaftsgesetz. + Auch müssen einige Schulzesche Anträge entschieden bekämpft werden. + Ich stelle mein Exemplar des Berichts zur Verfügung, worin ich zu den + Materien die Bemerkungen, die weiter ausgesponnen werden könnten, + angebracht habe. _Auer_ oder wer sonst Lust hat, könnte dieses Kapitel + übernehmen. + + Ich werde gelegentlich den Bericht (Aktenstück Nr. 11) hinausgeben, + bitte aber mir ihn aufzubewahren und zurückzugeben.“ + + + + +Im Leipziger Gefängnis und was währenddem geschah. + + +Die Muße im Gefängnis benutzte ich, um unter anderem im „Vorwärts“ einen +Artikel für die Gründung einer allgemeinen Parteibibliothek (Archiv) +Stimmung zu machen. Die Ereignisse der nächsten Monate verhinderten, den +Plan weiter zu verfolgen. Ich habe dann den Gedanken später im Züricher +„Sozialdemokrat“ aufs neue angeregt und jetzt nahm sich der +Parteigenosse Schlüter, der in der Buchhandlung des „Sozialdemokrat“ +beschäftigt war, der Ausführung des Gedankens an. Die Gründung des +Parteiarchivs erfolgte. + +Des weiteren arbeitete ich an der Vollendung meines Buches „Die Frau und +der Sozialismus“, das im folgenden Jahre in der ersten Auflage +erscheinen konnte. Auch schrieb ich ein Broschürchen „Das +Reichsgesundheitsamt und sein Programm“, in dem ich die +sozialhygienischen Aufgaben erörterte, die nach meiner Ansicht das +Reichsgesundheitsamt lösen müsse, wolle es seinem Namen und seiner +Stellung gerecht werden. + +Meine diesmalige Leipziger Haft gab mir auch die Gelegenheit, einem Teil +meiner Mitgefangenen zu einer kleinen Verbesserung ihrer Lage zu +verhelfen. Zu jener Zeit hatte noch die Oberleitung im Gefängnis ein +alter Inspektor, von dem die Sage ging, daß er in seiner Stellung ein +reicher Mann geworden sei dadurch, daß er den Gefangenen, die im Besitz +von Geld waren, Eßwaren und Getränke zu einem Preise verkaufte, der ihm +einen hohen Nutzen abwarf. Weiter erfuhr ich in der Privatunterhaltung +mit meinem Aufseher, der froh war, wenn ich mit ihm eine Weile +plauderte, daß der Inspektor auch nach anderer Richtung sich an den +Gefangenen verging. So sparte er an Handtüchern und Seife, mit denen die +Gefangenen doppelt so lange aushalten mußten, als vorgeschrieben war. +Die Gefangenen erhielten ihr Mittagessen in Steinkrügen. Daß ab und zu +einer derselben zerbrach, war selbstverständlich. Der Inspektor sorgte +aber nicht für Ersatz, sondern ein Teil der Gefangenen mußte warten bis +der andere Teil gegessen hatte, und dann wurde die mittlerweile kalt +gewordene Speise in den unausgewaschenen Krügen dem anderen Teil +überreicht. + +Diese Mitteilungen erregten meinen Zorn. Ich faßte nunmehr einen Plan, +um dem Inspektor sein Treiben zu legen. Ich setzte mich hin und schrieb +eine Beschwerde an den Direktor des Gerichts, dem damals die +Oberaufsicht über das Gefängnis oblag, worin ich die ganzen ungehörigen +Vorgänge schilderte, aber in der Rolle eines Mannes, der eben als +Gefangener das Gefängnis verlassen und die Ungehörigkeiten des +Inspektors am eigenen Leibe zu spüren bekommen habe, denn ich wurde ja +davon nicht betroffen. Natürlich mußte dieses Schreiben anonym abgehen. + +Als meine Frau mir ihren nächsten Besuch machte, der nur in Gegenwart +des Inspektors stattfinden konnte, drückte ich ihr heimlich einen Zettel +in die Hand, in der ich sie bat, an einem bestimmten Abend Punkt 1/2-10 +Uhr durch die Straße zu gehen, nach der mein Zellenfenster mündete, ich +würde ihr alsdann einen Brief hinunterwerfen, den sie von unbekannter +Hand solle abschreiben lassen und an den Gerichtsdirektor senden. So +geschah es. Als meine Frau mit ihrem Töchterchen auf der Straße +erschien, warf ich ihr aus dem dritten Stock das ziemlich stark +gewordene Briefpaket hinunter, das bei der Stille in der Straße mit +großem Geräusch auf das Pflaster klatschte. Meine Frau hob eilig das +Paket auf und eilte fluchtartig mit ihrem Töchterchen von dannen, sie +glaubten einen Mann hinter sich kommen zu hören und befürchteten, sie +würden verfolgt. Einige Tage später stürzte der Aufseher in großer +Aufregung in meine Zelle und erzählte: den Vormittag habe es zwischen +dem Direktor und dem Inspektor einen heftigen Auftritt gegeben. Der +Alte — wie er den Inspektor bezeichnete — sei zum Direktor befohlen worden +und dieser habe ihm aus einem Briefe, den ein entlassener Gefangener +geschrieben habe, alle seine Sünden vorgerückt und ihm furchtbar den +Marsch geblasen. Der Alte sei ganz aufgeregt zu ihnen, den Aufsehern, +gekommen und habe sofort Order für Abstellung der Uebelstände gegeben. +Der Aufseher erzählte mir das mit großer Genugtuung, selbstverständlich +hütete ich mich, ihn merken zu lassen, wer der Briefschreiber gewesen +war. + + * * * * * + +Anfang Mai veröffentlichte das Zentralwahlkomitee einen Ausruf für die +Abhaltung eines Sozialistenkongresses, der in der Zeit vom 15. bis 18. +Juni abermals in Gotha stattfinden sollte. Unter den Punkten der +Tagesordnung befand sich als Punkt 3: Beratung über die Stellung der +Sozialdemokratie zum Staats- und Gemeindebetrieb, für den ich mit +Rittinghausen als Berichterstatter angemeldet wurde. Den Anstoß zu +diesem Beratungspunkt gab der Bismarcksche Plan, die Eisenbahnen in +Reichsbesitz zu bringen, ferner das Tabakmonopol einzuführen, ein Plan, +der damals zwar noch nicht öffentlich erörtert worden war, aber es war +durchgesickert, daß in den Verhandlungen Bismarcks mit Herrn v. +Bennigsen das Tabakmonopol eine Rolle gespielt habe. Auch hatte unser +Parteigenosse Rittinghausen sich für die Verstaatlichung des +Versicherungswesens öffentlich ausgesprochen und damit in der Partei +nicht überall Zustimmung gefunden. + +Der geplante Kongreß kam aber nicht mehr zur Ausführung, die +eintretenden Ereignisse machten ihn unmöglich. + + + + +Das Hödel-Attentat und seine Folgen. + + +Am 12. Mai wurde mir in meine Zelle die Nachricht, die mich im höchsten +Grad überraschte, überbracht, daß am Tage zuvor, nachmittags 3 Uhr, ein +gewisser Hödel aus Leipzig, der Sozialdemokrat wäre, ein Attentat auf +den alten Kaiser gemacht habe, der aber unverwundet geblieben sei. Mir +erschien der Vorgang zunächst unerklärlich. Der Name Hödel _alias_ +Lehmann war mir bekannt. Hödel war das Jahr zuvor in Leipzig in der +Partei aufgetaucht. Persönlich kannte ich ihn nicht. Da er keine Arbeit +hatte, vielleicht auch keine nehmen wollte — er hatte als Klempner +gelernt —, hatte er sich mit der Verbreitung unseres Leipziger +Lokalorgans, „Die Fackel“, und mit dem Verkauf sozialistischer Schriften +beschäftigt. Aber er erwies sich bald als Schwindler. Er unterschlug die +eingenommenen Gelder, was die Expedition der „Fackel“ schon am 5. April +veranlaßte, bekannt zu machen, daß Hödel der Vertrieb des Blattes +entzogen worden sei. Ferner hatte einige Tage später die Leipziger +Parteimitgliedschaft beschlossen, Hödels Ausschließung aus der Partei zu +beantragen, und in der Tat hatte das Zentralwahlkomitee den Ausschluß +Hödels aus der Partei am 9. Mai, also zwei Tage vor seinem Attentat, +öffentlich im „Vorwärts“ bekannt gemacht. + +Hödel hatte sich alsdann, nachdem er bei uns unmöglich geworden war, an +den nationalliberalen Agitator Sparig und die Redaktion des +nationalliberalen „Leipziger Tageblatts“ gewendet und lieferte diesen +für Geld eine Reihe unwahrer und übertriebener Anklagen gegen die +Partei, die das „Leipziger Tageblatt“ gegen uns ausschlachten versuchte. +Nachdem er in Leipzig seine Mission gegen die Partei erfüllt hatte, +suchten ihn Sparig und Konsorten los zu werden; sie gaben ihm das Geld +zur Reise nach Berlin. Hier angekommen, hielt er es mit beiden Lagern. +Er trat in einen sozialdemokratischen Verein und gleichzeitig in die +christlichsoziale Partei des Hofpredigers Stöcker ein, um den sich +damals eine große Zahl katilinarischer Existenzen aus den +verschiedensten Schichten gesammelt hatte. So auch der Schneider +Grüneberg, der zwei Jahre zuvor in Stuttgart und München von der +sozialdemokratischen Partei wegen Betrügereien ausgeschlossen worden +war. Grüneberg, der später auch von Stöcker gegangen wurde, verriet, daß +neben Hödel auch Dr. Nobiling, der spätere zweite Attentäter auf den +Kaiser, Mitglied der christlichsozialen Partei gewesen war. Er, +Grüneberg, habe auf Geheiß des Hofpredigers eine neue Mitgliederliste +anfertigen müssen, in der der Name Nobilings fehlte. In Berlin hatte +Hödel sowohl sozialdemokratische wie christlichsoziale Blätter und +Schriften, so den „Staatssozialist“ und ein Flugblatt „Ueber die Liebe +zu König und Vaterland“ verbreitet. Als er verhaftet wurde, fand man +auch Photographien von Liebknecht, Most und mir bei ihm, mit denen er +handelte. Ueber die moralische Qualifikation dieses Menschen konnte wohl +kein Zweifel bestehen. + +Sobald Bismarck die Nachricht von dem Hödelattentat in Friedrichsruh +erhielt, telegraphierte er nach Berlin: _Ausnahmegesetz gegen die +Sozialdemokratie_, woraus ersichtlich war, wie gierig er auf irgend eine +Gelegenheit wartete, der verhaßten Partei womöglich den Todesstoß zu +versetzen. Anfangs nahmen die Oeffentlichkeit und die Presse die +Nachricht von dem Attentat ziemlich kühl auf. Als einzelne Blätter den +Versuch machten, die Sozialdemokratie für das Attentat verantwortlich zu +machen, wies der offiziöse Hamburger Korrespondent in einem Artikel +nach, daß binnen 78 Jahren 35 Meuchelmorde und Meuchelmordversuche gegen +hervorragende politische Peinlichkeiten vorgekommen seien, und zwar von +Angehörigen der verschiedensten Parteien. Die Anklage, der politische +Meuchelmord sei am Holze der Sozialdemokratie gewachsen, sei unhaltbar. +Auch im Reichstag faßte man den Vorgang zunächst noch so kühl auf, daß +ein Antrag von uns auf Einstellung eines Strafverfahrens gegen Most am +14. Mai ohne jede Debatte angenommen wurde. + +Bei seiner ersten Vernehmung bestritt Hödel, daß er auf den Kaiser habe +schießen wollen, er habe vielmehr die Absicht gehabt, Selbstmord zu +begehen als Zeichen der Erbärmlichkeit unserer Zustände, die ihn dazu +genötigt hätten. Dafür sprach, daß, als er verhaftet wurde, er keinen +Pfennig in der Tasche hatte und daß der Revolver, den er benutzte, ein +elendes Ding war, der, wie der Büchsenmacher, der ihn untersuchte, +feststellte, auf wenige Schritte sein Ziel verfehlen mußte. Es wurde +weiter festgestellt, daß Hödel als uneheliches Kind seiner Mutter, die +einen Lehmann geheiratet hatte, weshalb er sich auch zeitweilig Lehmann +nannte, eine schlechte Erziehung genossen hatte. Man hatte ihm zwar das +Hirn mit Katechismus- und Bibelsprüchen vollgepfropft, aber er konnte +keinen Satz richtig schreiben. Außerdem wurde eine venerische +Verseuchung bei ihm festgestellt. Als er zur Gerichtsverhandlung geführt +wurde, betrat er blöde lachend den Gerichtssaal, und mit demselben +Lachen verließ er ihn nach seiner Verurteilung. Einen Brief, den er an +seine Eltern schrieb, unterzeichnete er: Max Hödel, Attentäter Sr. +Majestät des Deutschen Kaisers. Festgestellt war auch worden, daß er von +Jugend auf ein Lügner und Dieb war. Das ganze Benehmen des Mannes war, +wie der Gerichtshof, der ihn nichtsdestoweniger zum Tode verurteilte, +feststellte, das eines _geistig und körperlich zerrütteten Menschen_. +Und wegen der Tat eines solchen Menschen sollte die deutsche +Sozialdemokratie ans Kreuz geschlagen werden. + +Hödel hatte den Rechtsanwalt Otto Freitag in Leipzig als Verteidiger +gewünscht. Freitag erklärte sich auch bereit, die Verteidigung zu +übernehmen, er verlangte aber die Zusendung der Akten und eine +achttägige Frist zum Studium derselben und zur Vorbereitung der +Verteidigung. Bezeichnenderweise wurde ihm beides _abgeschlagen_. Man +hatte es sehr eilig mit Hödels Prozeß und Hinrichtung. Hödel erhielt +jetzt einen Offizialverteidiger, der nichts Besseres zu tun wußte, als +sich vor Gericht zu entschuldigen, daß ihn das Los getroffen habe, die +Verteidigung eines Hochverräters übernehmen zu müssen. Hödels Kopf fiel +unter dem Beil des Henkers. Als Professor Virchow bat, ihm den Kopf +Hödels zur anatomischen Untersuchung zu überlassen, _wurde ihm dieses +verweigert_. + +Die Hinrichtungsurkunde mußte der Kronprinz Friedrich unterzeichnen, der +die Stellvertretung des Kaisers übernommen hatte, nachdem dieser +mittlerweile durch das am 2. Juni erfolgte Nobilingsche Attentat schwer +verwundet worden war. Der Kronprinz hat dann während seiner Regentschaft +kein einziges Todesurteil mehr unterzeichnet, obgleich sich unter den +Verurteilten ein Doppelmörder befand. Auch noch andere Symptome sprachen +dafür, wie anders er die ganzen Vorgänge auffaßte. + + + + +Das erste Ausnahmegesetz. + + +Das Verlangen Bismarcks nach einem Ausnahmegesetzentwurf gegen die +Sozialdemokratie wurde bald erfüllt. Bereits am 12. Mai traf Bismarcks +_Entwurf_ für ein Ausnahmegesetz in Berlin ein, den 14. Mai war derselbe +von seiner Kanzlei fertig gestellt worden und fand seine Zustimmung. +Bereits am 16. wurde derselbe vom Bundesrat genehmigt — am eifrigsten +plädierte die sächsische Regierung dafür — und am 20. Mai kam er mit den +Motiven an den Reichstag, der ihn schon am 23. auf seine Tagesordnung +setzte. + +Den Nationalliberalen war bei diesen ganzen Vorgängen nicht wohl zumute; +sie fühlten instinktiv, daß Bismarck noch andere Pläne im Hintergrund +habe, die sich gegen sie selbst richteten. In der preußischen Regierung +waren Wandlungen vor sich gegangen, die nichts Gutes ahnen ließen. Statt +des Eintritts von Bennigsen und Forckenbeck in das Ministerium, waren +zwei Hochkonservative, der Graf Botho zu Eulenburg und der Graf Udo zu +Stolberg-Wernigerode, derselbe, der 1909 als Präsident des Reichstags +starb, berufen worden. Der freihändlerische liberale Finanzminister v. +Camphausen hatte ebenfalls seinen Abschied nehmen müssen und kam an +seine Stelle der charakterschwache nationalliberale Hobrecht. Ebenso +mußte der liberale Kultusminister Falk, der Verfasser der Maigesetze +gegen das Zentrum und des einzig liberalen Gesetzes aus dem Kulturkampf, +des Gesetzes über die Einführung der Zivilstandsregister, das Feld +räumen, was eine große Konzession an das Zentrum bedeutete. Die +Nationalliberalen hatten also alle Ursache zum Mißtrauen. + +Nach der sechs Paragraphen umfassenden Sozialistengesetzvorlage konnten +Drucksachen und Vereine, welche die Ziele der Sozialdemokratie +verfolgten, vom Bundesrat verboten werden. Dem Reichstag mußte, sobald +derselbe versammelt war, Mitteilung von den Verboten gemacht werden. Ein +Verbot mußte außer Kraft gesetzt werden, wenn der Reichstag dies +verlangte. Die Polizeibehörden konnten die Verbreitung von +Druckschriften auf öffentlichen Wegen, Straßen, Plätzen oder anderen +öffentlichen Orten vorläufig verbieten. Das Verbot sollte erlöschen, +wenn nicht innerhalb vier Wochen die Druckschrift seitens des Bundesrats +verboten wurde. Das Verbot und die Auflösung von Versammlungen war ganz +und gar in die Hände der Polizei gelegt. Berufung sollte es hiergegen +nicht geben. Die Zuwiderhandlungen gegen die Verbote sollten mit +Gefängnis bis zu fünf Jahren bestraft werden. Die Beschlagnahme einer +Druckschrift sollte ohne richterliche Anordnung vorgenommen werden +können. Vorsteher von verbotenen Vereinen, Unternehmer und Leiter von +verbotenen Versammlungen und diejenigen, die ein Lokal für einen +verbotenen Verein oder eine verbotene Versammlung hergaben, sollten mit +einer Mindeststrafe von nicht unter drei Monaten belegt werden. Das +Gesetz sollte für einen Zeitraum von drei Jahren Gültigkeit haben. + +In der Annahme, die Fraktion werde bei Beratung der Vorlage durch einen +ihrer Redner gegen dieselbe scharf ins Zeug gehen, schrieb ich Motteler +unter dem 20. Mai aus dem Gefängnis: + + „Da die Einbringung der Ausnahmemaßregel Tatsache ist, so mag + derjenige, der von unserer Seite dazu zum Wort kommt, nicht vergessen, + daß seine Rede in einigen hunderttausend Exemplaren verbreitet werden + muß. Auch ist zu beachten, daß im Falle der Ablehnung der Vorlage der + Reichstag ausgelöst wird, wir also vor einer Wahlkampagne stehen und + dann diese Rede ihre Dienste leisten muß. Also vor allen Dingen alles, + was auf den Täter Bezügliches in unseren Händen ist, Punkt für Punkt + erörtert. + + Das Sonntag-Morgenblatt der Frankfurter Zeitung bringt einen guten + Leitartikel, den ich Euch zur Beachtung empfehle. Der Gesetzentwurf + grenzt an Wahnsinn.“ + +Die Fraktion hatte aber nach längerer Beratung beschlossen, durch +Liebknecht eine Erklärung abgeben zu lassen und sich an den weiteren +Verhandlungen nicht zu beteiligen. + +Die Beratung im Reichstag wurde eingeleitet mit einer kurzen Rede des +Grafen zu Eulenburg. Dann erhielt Liebknecht das Wort zu folgender +Erklärung: + + „Der Versuch, die Tat eines Wahnwitzigen, noch ehe die gerichtliche + Untersuchung geschlossen ist, zur Ausführung eines lang vorbereiteten + Reaktionsstreichs zu benutzen und die „moralische Urheberschaft“ des + noch unerwiesenen Mordattentats auf den deutschen Kaiser einer Partei + aufzuwalzen, welche den Mord in jeder Form verurteilt und die + wirtschaftliche und politische Entwicklung als von dem Willen + einzelner Personen ganz unabhängig auffaßt, richtet sich selbst so + vollständig in den Augen jedes vorurteilslosen Menschen, daß wir, die + Vertreter der sozialdemokratischen Wähler Deutschlands, uns zu der + Erklärung gedrungen fühlen: + + Wir erachten es mit unserer Würde nicht vereinbar, an der Diskussion + des dem Reichstage heute vorliegenden Ausnahmegesetzes teilzunehmen + und werden uns durch keine Provokationen, von welcher Seite sie auch + kommen mögen, in diesem Beschluß erschüttern lassen. Wohl aber werden + wir uns an der Abstimmung beteiligen, weil wir es für unsere Pflicht + halten, zur Verhütung eines beispiellosen Attentats auf die + Volksfreiheit das Unserige beizutragen, indem wir unsere Stimmen in + die Wagschale werfen. + + Falle die Entscheidung des Reichstags aus wie sie wolle — die deutsche + Sozialdemokratie, an Kampf und Verfolgungen gewöhnt, blickt weiteren + Kämpfen und Verfolgungen mit jener zuversichtlichen Ruhe entgegen, die + das Bewußtsein einer guten und unbesiegbaren Sache verleiht.“ + +Nach Liebknecht nahm Bennigsen das Wort. Er hielt eine Rede, die ich für +die beste ansehe, die er bis dahin gehalten hatte; sie zeigte, daß er +auch anders konnte und daß er vermochte, die Dinge auch von einem +höheren Standpunkt, als er bisher bei den nationalliberalen Rednern zur +Geltung kam, zu beurteilen. Es sei die Ansicht laut geworden, führte er +unter anderem aus, die Regierung habe die Vorlage eingebracht, obgleich +sie wisse, daß sie abgelehnt werde. Er erwarte, daß diese Ansicht +dementiert werde. Er wies auf die Unsicherheit und die schwankenden +Verhältnisse in der Regierung hin, die niemals so schlimm gewesen seien +wie jetzt. _In Preußen sei die Ministerkrise in Permanenz._ Wolle man +diktatorische Gewalt, müsse man vor allen Dingen wissen: wer übt sie +aus? Seine Partei könne kein Ausnahmegesetz wie das verlangte +bewilligen, die Geschichte zeige, wohin diese führten und daß sie nichts +nützten. Er machte darüber längere historische Betrachtungen. Weiter +sprach er sich im Laufe der Rede für das Aufhören des Kulturkampfes aus. +Das war der müde Mann, der einen Kampf beendigt zu sehen wünschte, bei +dem bisher die sogenannten Kulturkämpfer keine Seide gesponnen hatten, +obgleich einstmals er und seine Freunde diesen Kampf unter Führung +Bismarcks mit Jubel begrüßt und durchgefochten hatten. Schließlich erbot +er sich, auf dem Boden des gemeinen Rechtes im nächsten Jahre eine +Vorlage durchbringen zu helfen, die die bürgerliche Freiheit mit +gesetzlicher Ordnung und fester Autorität im öffentlichen Leben für alle +Klassen vereinige. + +Er erbot sich also jetzt zu dem, was er und seine Freunde zwei Jahre +früher mit guten Gründen abgelehnt hatten. Das war wieder ganz +nationalliberal. Aber die Ereignisse schritten über diese Vorsätze +hinweg und zwangen Bennigsen und seine Freunde, doch zu tun, was sie +augenblicklich ablehnten. + +Nach zweitägiger Verhandlung wurde § 1 der Vorlage mit 243 gegen 60 +Stimmen bei 6 Enthaltungen abgelehnt. Noch stimmte das Zentrum +geschlossen gegen die Vorlage; von den Nationalliberalen erklärten sich +die Professoren Beseler, Gneist und v. Treitschke dafür. Nach diesem +Resultat zog die Regierung die Vorlage zurück. + +War das Ausnahmegesetz einstweilen gefallen, so veranlaßte nunmehr Graf +zu Eulenburg durch einen Erlaß vom 1. Juni an die Polizeibehörden diese +zu scharfem Einschreiten gegen die Partei. „Es sei Pflicht, der +sozialdemokratischen Agitation entschieden entgegenzutreten und zu +diesem Zwecke von den zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln, unter +sorgfältiger Einhaltung der durch die Gesetze gezogenen Schranken, +innerhalb derselben aber bis an die Grenze des Zulässigen Gebrauch zu +machen.“ + +Einer solchen Aufforderung bedurfte es nicht erst. Die Polizei zeigte +überall den größten Eifer für ihre staatsretterische Tätigkeit und +Staatsanwälte und Richter nicht minder. + + + + +Das Nobiling-Attentat und seine Wirkung. + + +Ich war Ende Mai aus der Haft entlassen worden. Am 2. Juni, einem +Sonntag, machte ich mit Frau und Kind einen Spaziergang, von dem wir +nach 7 Uhr abends zurückkehrten. Kaum waren wir zu Hause angekommen, so +trat die Schwester des Rechtsanwalts Freytag in großer Eile in unsere +Wohnung und fragte aufgeregt, ob wir nicht wüßten, was passiert sei? Wir +wohnten in der äußeren Stadt, wohin Nachrichten, namentlich am Sonntag, +nicht rasch drangen. Ich verneinte die Frage. Darauf stellte Fräulein +Freytag weiter die Frage: „Kennen Sie einen Dr. Nobiling? Derselbe hat +heute nachmittag auf den Kaiser geschossen und ihn schwer verwundet.“ +Ich war sprachlos, wie vom Blitz getroffen. Ich antwortete, der Name +Nobiling sei mir nicht bekannt, ich hielt für ausgeschlossen, daß er zur +Partei gehöre. Beruhigt entfernte sich die junge Dame. + +Am nächsten Morgen eilte ich auf die Redaktion des „Vorwärts“, um zu +hören, was man dort wisse und wie man den Fall beurteile. Ein öffentlich +angeschlagenes Telegramm enthielt kein Wort davon, daß Nobiling der +Sozialdemokratie angehöre. Erleichtert atmete ich auf und trat in die +Redaktion mit den Worten ein: „Na, den können sie uns nicht an die +Rockschöße hängen.“ Liebknecht, Hasenclever und alle übrigen Anwesenden +waren mit mir der gleichen Ansicht, niemand kannte den Attentäter, +keiner hatte vorher auch nur seinen Namen gehört. In beruhigter Stimmung +verließ ich die Redaktion, mußte aber nach wenigen Minuten wieder +umkehren, weil mittlerweile ein zweites Telegramm veröffentlicht worden +war, in dem es hieß: Nobiling habe in seiner ersten Vernehmung bekannt, +er sei Sozialdemokrat und habe Mitschuldige. Wir alle waren sprachlos. + +Diese Angaben des Wolffschen Telegraphenbureaus erwiesen sich nachher, +wie viele andere Nachrichten gleicher Art, die damals mit größter +Geflissentlichkeit verbreitet wurden, als grobe Unwahrheiten und +Fälschungen. Aber sie erreichten im vollsten Maße ihren Zweck. Die +öffentliche Meinung, die schon durch die am 1. Juni eingetroffene +Nachricht aufs höchste erregt worden war, daß der „Große Kurfürst“, +eines der größten Schiffe der damaligen deutschen Flotte, bei hellem +Tage infolge einer Kollision mit einem anderen Schiffe mit fast +fünfhundert Köpfen Besatzung angesichts der englischen Küste +untergegangen sei, geriet über das zweite Attentat in Siedehitze. + +Als bei Bismarck die Nachricht eintraf, rief er frohlockend: Jetzt habe +ich die Kerle — die Nationalliberalen —, jetzt drücke ich sie an die +Wand, daß sie quietschen; dann erst erkundigte er sich nach dem Befinden +des durch die Nobilingsche Schrotflinte schwer verwundeten Kaisers. Die +Auflösung des Reichstags und infolgedessen Neuwahlen standen nunmehr in +sicherer Aussicht, durch die er eine Mehrheit zusammenzubekommen hoffen +durfte, die ihm sowohl ein Ausnahmegesetz gegen uns wie neue Einnahmen +durch die einzuführende Schutzzollpolitik gewährte. + +Nobiling hatte den Schuß auf den Kaiser aus dem Fenster eines Hauses +Unter den Linden, woselbst er sich eingemietet hatte, abgegeben. Er +selbst hatte danach durch zwei Fehlschüsse einen Selbstmordversuch +gemacht. Ein Offizier, der sich unter den Personen befand, die nach dem +Schuß auf den Kaiser in Nobilings Wohnung eindrangen, hatte ihm mit +einem Säbelhieb eine schwere Kopfwunde beigebracht. Nobiling war +zunächst besinnungslos und vollkommen vernehmungsunfähig. Festgestellt +wurde, daß er vor Jahren Landwirtschaft in Leipzig studiert hatte und +dort im Seminar des Professors Birnbaum, eines unserer schlimmsten +Gegner, sich bei den Debatten als heftiger Widersacher unserer Partei +gezeigt hatte. Von Leipzig war er nach Dresden gegangen, wo er das +Seminar des Professors Böhmert besuchte, der gleichfalls ein eifriger +Gegner der Sozialdemokratie war. In Dresden zeigte sich Nobiling +wiederholt in Versammlungen, in denen er als Gegner unserer Partei Reden +hielt, wodurch ihn unsere Parteigenossen dort, wie Vollmar, Schlüter, +Paschky usw., kennen lernten. Diese machten nachher in der Untersuchung +wider Nobiling Zeugenaussagen, nach denen er ein unbedeutender Mensch +und großer Wirrkopf war. Er hatte mit der Partei noch weniger zu tun +gehabt als Hödel. Mehrfach wurden Stimmen laut, die die Ansicht +vertraten, daß Nobiling zu seiner Tat erst angeregt worden sei durch die +Art, wie ein großer Teil der Presse sich mit der Person Hödels +beschäftigte, dessen Porträt zum Beispiel von einem Familienblatt in +einem Prachtholzschnitt dargestellt wurde. Die Meinung, daß man es auch +in Nobiling mit einem geistig kranken Menschen zu tun habe, war weit +verbreitet. So schrieb selbst die freikonservative „Post“, allezeit eine +der gehässigsten Gegnerinnen der Sozialdemokratie: Bei allen Antworten, +die Nobiling gebe, umspiele ein eigentümliches Lächeln seine Lippen, das +auf Geistesstörung schließen ließe. Und dem Redakteur der „Germania“, +Majunke, gegenüber hatte der Untersuchungsrichter Nobilings geäußert: +„Das Bild, das die Zeitungen über Nobiling ausmalen, ist ganz und gar +unzutreffend, er ist nichts weniger als intelligent, er ist noch dümmer +als Hödel.“ Als Nobiling am 10. September im Gefängnis starb, war nicht +der geringste Beweis erbracht, daß die Sozialdemokratie direkt oder +indirekt mit dem Attentäter in Verbindung gestanden oder sein Handeln +beeinflußt hatte. + +Für die Hetzer, die um jeden Preis die beiden Attentate für ein +Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie ausnutzen wollten, waren alle +diese Feststellungen nicht vorhanden. Bismarck mißbrauchte den +gewaltigen Einfluß, den er mit Hilfe des Reptilienfonds auf einen großen +Teil der Presse ausübte, um die Bevölkerung zum fanatischsten Hasse +gegen die Sozialdemokratie aufzupeitschen. Und dieser Presse schlossen +sich alle an, die an einer Niederlage der Sozialdemokratie ein Interesse +hatten, insbesondere ein großer Teil der Unternehmerschaft. Die Partei +hieß im gegnerischen Lager nur noch die Partei der Meuchelmörder, der +Allesruinierer, die der Masse den Glauben an Gott, Königtum, Familie, +Ehe und Eigentum raube. Diese Partei zu bekämpfen und sie, wenn möglich, +zu vernichten, erschien diesen Gegnern als die glorreichste Tat. +Tausende und aber Tausende von Arbeitern, die als Sozialdemokraten +bekannt waren, wurden auf die Straße geworfen. In den Annoncenteilen der +Zeitungen erschienen Erklärungen, wodurch die Arbeiter sich +verpflichteten, fernerweit weder einer sozialdemokratischen Organisation +anzugehören, noch sozialdemokratische Blätter zu halten und zu lesen, +noch Geld für sozialdemokratische Bestrebungen zu opfern. Dieser +Unternehmerterrorismus war so stark, daß unsere Parteizeitungen die +Anhänger der Partei aufforderten, sie sollten jede gewünschte Erklärung +unterzeichnen, sie könnten nachher doch tun, was sie wollten, einem +solchen Terrorismus gegenüber gebe es kein Worthalten. Der Terrorismus +und der damit verbundene Boykott gingen noch weiter: Patriotische +Hausherren kündigten ihren sozialdemokratischen Mietern, Wirte, die +jahrelang froh waren, Sozialdemokraten zu ihren Kunden zu zählen, +forderten jetzt diese auf, ihre Lokalitäten zu meiden. In Leipzig hatten +die Redakteure des „Vorwärts“ und der „Neuen Welt“ — Liebknecht, +Hasenclever, Geiser — die Gewohnheit, nach Schluß der Redaktion am +Nachmittag in einem bestimmten Lokal einen „Frühschoppen“ zu trinken. +Der Wirt ließ ihnen nunmehr sagen, daß er auf ihren Besuch gern +verzichte. Aehnliche Vorgänge wiederholten sich auch gegenüber den +Redakteuren der „Berliner Freien Presse“ und anderwärts. + +In Schwerin warf man dem alten Demmler an zwei Nächten hintereinander +die Fenster ein, was den vierundsiebzigjährigen Mann so aufregte, daß er +auf einige Zeit Schwerin verließ und die weitere Annahme einer +Kandidatur für den Reichstag ablehnte. Alle diese Ausbrüche fanatischer +Roheit und politischen Wahnsinns genügten aber den „Patrioten“ noch +nicht, um ihre Verfolgungswut zu befriedigen. Es entstand eine +Sintflut von Denunziationen wegen wirklichen und angeblichen +Majestätsbeleidigungen. In zahlreichen Fällen wurde gerichtlich +konstatiert, daß gemeine Rachsucht wegen verletzter Privatinteressen die +Denunzianten zu ihrem Vorgehen leitete. Das hinderte aber nicht, daß die +härtesten Bestrafungen ausgesprochen wurden. Ein großer Teil der Richter +war ebenfalls vom Verfolgungsparoxysmus befallen, und so verkündeten sie +Strafen von ein, zwei, drei bis zu fünf Jahren Gefängnis, der +Maximalstrafe, die das Gesetz zuließ. Aeußerungen, die vordem keinen +Staatsanwalt auch nur einen Augenblick aus seiner Ruhe aufgescheucht +haben würden, wurden jetzt als Kardinalverbrechen angesehen und aufs +härteste bestraft. + +Anfang Juli schrieb die fortschrittliche „Vossische Zeitung“: „Nachdem +wir über die auswärtigen Verurteilungen (wegen Majestätsbeleidigung) in +einer Gesamthöhe der erkannten Strafen von 500 bis 600 Jahren berichtet +haben, _widerstrebt es uns, die traurige Liste weiterzuführen_.“ Was +sollte man aber zu Richtern sagen, die ganz und gar vergessen hatten, +was sie ihrem Amte schuldig waren? _In zwei Monaten wurden 521 Personen +zu rund 812 Jahren Gefängnis verurteilt._ Nur ein kleiner Teil der +Verurteilten war sozialdemokratisch gesinnt. Auch die Polizeibehörden +waren, wie immer bei solchen Gelegenheiten, wie von Sinnen und +veranstalteten Haussuchungen und veranlaßten Verhaftungen auf jede vage +Vermutung hin. Die allermeisten der Verhafteten mußten nach kurzer Zeit +wieder entlassen werden. + +Hatte bereits im Mai der Senat zu Hamburg die Abhaltung eines +allgemeinen deutschen Gewerkschaftskongresses untersagt, so verbot +Anfang Juni der Stadtrat zu Gotha die Abhaltung des deutschen +Sozialistenkongresses, und ähnlich verfuhren die Behörden vielfach gegen +Vereine und Versammlungen. Wiederholt wurden uns Aeußerungen aus +maßgebenden Kreisen zugetragen, wie die: Die Sozialdemokratie müsse so +geknebelt und an die Wand gedrückt werden, daß sie aufmucke und man +schießen könne. Das veranlaßte die „Berliner Freie Presse“ zu der +Ankündigung: „Seid vorsichtig und habt acht, man will schießen.“ Trotz +alledem kündigten eine Anzahl Parteiblätter ihre Vergrößerung mit dem 1. +Juli an. Die Zahl der Abonnenten der „Berliner Freien Presse“ war seit +Neujahr von 10000 auf 14000 gewachsen. Ende September 1878 hatte aber +auch die „Berliner Freie Presse“ sechs Redakteure hinter Schloß und +Riegel, darunter Richard Fischer, der als junges Kerlchen die Aufnahme +in den Bund der Geächteten mit sieben Monaten Gefängnis zu bezahlen +hatte. + + * * * * * + +Für mich und unser Geschäft hatte die allgemeine Hetze ganz besonders +mißliche Folgen. Ich war genötigt, nach meiner längeren Haft endlich +eine Geschäftsreise zu unternehmen. Dieselbe sollte nach +Nordwestdeutschland und dem Unterrhein vor sich gehen, Länderstrecken, +die ich bisher zum größten Teil geschäftlich noch nicht besucht hatte. +Das war im gewissen Sinne mein Glück. Ich war in jenen Gegenden +persönlich nur sehr wenig bekannt und konnte es so riskieren, in den +Hotels unter angenommenem Namen zu wohnen, da ich unter meinem eigenen +Namen _nirgends_ als Gast geduldet worden wäre. Tag für Tag war ich an +der Wirtstafel Augen- und Ohrenzeuge, wie die Gäste in Ausdrücken +grenzenlosen Hasses sich gegen die Partei und speziell auch gegen meine +Person ergingen. Wäre ich erkannt worden, es wäre zu den schlimmsten +Szenen gekommen. Aehnlich erging es mir aber auch bei dem Besuch der +Geschäftsleute, denen ich unsere Fabrikate zum Kauf anbot. Den ersten +Besuch machte ich bei einem Kaufmann in Halle a.S. Demselben gefielen +unsere Artikel und er gab mir einen namhaften Auftrag. Sobald ich ihm +aber unsere Geschäftskarte überreichte und er den Namen der Firma las, +erklärte er schroff: Mit dieser Firma arbeite ich nicht, annullieren Sie +meine Bestellung. Und so erging es mir häufig. Andere wieder lehnten, +ohne irgendeine Bemerkung zu machen, eine Bestellung zu geben ab. Ich +machte so schlechte Geschäfte, daß, als ich nach sechs Wochen nach Hause +zurückkehrte, froh war, das Erlebte hinter mir zu haben, da ich aus den +Verkäufen unserer Artikel nicht einmal die Reisespesen gedeckt hatte, +obgleich ich diese aufs niedrigste zu halten suchte und zu diesem Zwecke +in den einzelnen Orten selbst meinen neun Kilo schweren Musterkoffer +Straße auf, Straße ab bei Regen und glühendem Sonnenschein trug, um +keinen Trägerlohn ausgeben zu müssen. + + + + +Die Reichstagswahl von 1878. + + +Wieder nach Hause gekommen, stürzte ich mich in die Wahlagitation. +Bismarck, der es auch hier wieder verstand, das Eisen zu rechter Zeit zu +schmieden, und den die Attentate aus allerlei inneren Wirrnissen befreit +hatten, hatte im Bundesrat den Antrag auf Auflösung des Reichstags +gestellt, dem der Bundesrat am 12. Juni Folge leistete. Die Wahlen +wurden auf den 30. Juli 1878 angesetzt. + +Wenn es Bismarck nur um ein Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie zu +tun gewesen wäre, so hätte er dieses auch ohne Auflösung des Reichstags +bekommen. Nach dem Nobilingattentat versicherte die gesamte +nationalliberale Presse und bei den verschiedensten Gelegenheiten auch +die Abgeordneten der Partei, daß sie jetzt bereit seien, ein scharfes +Ausnahmegesetz gegen uns zu bewilligen. + +Damit war aber Bismarck allein nicht mehr gedient. Er war entschlossen, +die Macht der Nationalliberalen zu brechen; ihren Ansprüchen, erklärte +er, könne keine Regierung gerecht werden. Und wie bescheiden waren diese +Ansprüche doch immer gewesen. Er veranlaßte die Veröffentlichung einer +förmlichen Programmerklärung, in der er mit der herrschenden, angeblich +dem Freihandel dienenden Wirtschaftsordnung vollständig brach. Das +bisherige Vorherrschen von Juristen, Beamten und Gelehrten, von Leuten +ohne produktive Beschäftigung hätten dem Parlament eine unpraktische +Richtung gegeben. Der Parteihaß, der Machtstreit der Fraktionen, der +Ehrgeiz ihrer Führer veranlasse, daß die Zeit mit oratorischen +Schaustellungen vergeudet werde. Die Mehrzahl habe keinen produktiven +Beruf, sie treibe weder ein Gewerbe noch Handel, weder Industrie noch +Landwirtschaft. Die Vertretung der wirtschaftlichen Interessen läge in +den Händen solcher, die von Gehalt, Honorar, von Diäten (die damals der +Reichstag noch nicht erhielt. A.B.), vom Preßgewerbe oder von +zinstragenden Papieren lebe. Usw. + +Die Philippika ließ an Deutlichkeit, aber auch an Grobheit nichts zu +wünschen übrig. Die Beamten, die den Wahlkampf beeinflussen konnten, +wußten nun, woran sie waren, und handelten danach. + +Der Wahlkampf entbrannte mit einer bisher nicht gekannten Heftigkeit. +Die Bismarcksche Wahlparole verhinderte nicht, daß alle bürgerlichen +Parteien den Kampf gegen uns als ihre vornehmste Pflicht ansahen. „Die +Sozialdemokratie muß aus dem Reichstag hinaus. Kein Sozialdemokrat darf +mehr gewählt werden“, wurde die Losung auch in der fortschrittlichen +Presse. Und obgleich für jeden sichtbar war, was Bismarck im Schilde +führte, und er nicht bloß unsere Vernichtung, sondern auch die +Schwächung der Liberalen erstrebte, brachte es der Führer der +Fortschrittspartei, _Eugen Richter_, fertig, als im Erfurter Wahlkreis +der sozialdemokratische mit dem konservativen Kandidaten in engerer Wahl +stand, seinen Parteigenossen die Wahlparole zu telegraphieren: Lieber +Lucius (konservativ) als Kapell (der Sozialdemokrat). Sein Haß gegen uns +machte ihn gegen die selbstverständlichsten Regeln der Wahltaktik blind, +denn der Sozialdemokrat war so gut wie die Liberalen Gegner der +Bismarckschen Wirtschaftspolitik, und der Zukunftsstaat stand nicht in +Frage. + +Ich kandidierte wieder in Dresden und in Leipzig. Mir gegenüber standen +in Dresden der Freiherr v. Friesen, Minister a.D., und ein +fortschrittlicher Kandidat. Ich erhielt im ersten Wahlgang 9855, v. +Friesen 7266, Walther (Fortschrittler) 5410 Stimmen. Es kam zur engeren +Wahl zwischen mir und v. Friesen, die der Wahlkommissär auf den 9. +August, an welchem v. Friesen seinen siebzigsten Geburtstag feierte, +ansetzte. Offenbar rechnete man mit meiner sicheren Niederlage. Aber ich +siegte, und zwar mit 11616 über 10702 Stimmen. In Leipzig erhielt ich +5822 Stimmen, 600 mehr als bei der vorhergehenden Wahl. Außer mir waren +schließlich von der Partei gewählt: Bracke-Glauchau-Meerane, +Fritzsche-Berlin, Hasselmann-Barmen-Elberfeld, Kayser-Oederan-Freiberg +(Sachsen), Liebknecht-Stollberg-Lugau, Reinders-Breslau, +Vahlteich-Mittweida-Limbach, Wiemer-Annaberg-Zschopau (Sachsen). Also +neun Abgeordnete, von denen nur zwei, Bracke und Liebknecht, in der +Hauptwahl gewählt worden waren. + +Mit dem Hinauswurf der Sozialdemokratie aus dem Reichstag war es also +nichts. Aber auch in bezug auf die Stimmenzahl schnitten wir günstiger +ab, als wir nach der furchtbaren Hetze gegen uns hoffen durften, denn in +einer Anzahl Wahlkreise war der gegnerische Terrorismus so stark, daß +wir keine Agitation betreiben konnten. Es wurden bei der Hauptwahl für +die Partei 437158 Stimmen abgegeben, gegen 493447 bei der Wahl im +Januar 1877. Das war ein Verlust von 56389 Stimmen und drei Mandaten. +Die Gegner waren sehr unzufrieden mit diesem Resultat. + +Das Gesamtresultat der Wahlen war, wie vorauszusehen, ein Sieg +Bismarcks. Die Nationalliberalen sanken von 137 auf 106 Mandate, die +Fortschrittspartei von 39 auf 26. Die Konservativen hatten ihre Mandate +entsprechend vermehrt, das Zentrum erhielt ebenfalls einige Mandate +mehr. + +Bismarck hatte jetzt für seine Politik zwei Mehrheiten zur Verfügung. +Eine nationalliberal-konservative Mehrheit für ein Ausnahmegesetz gegen +uns und eine Mehrheit aus Konservativen und Zentrum, der sich der rechte +Flügel der Nationalliberalen anschloß, für seine Zollpolitik. Die neue +Aera mit der politischen Entrechtung der klassenbewußten Arbeiter und +der Belastung der Massen durch die Zollpolitik konnte nunmehr in Szene +gesetzt werden. Der neue Reichstag wurde zur Beschlußfassung über das +Sozialistengesetz auf den 9. September nach Berlin berufen. + +Das Spiel konnte seinen Anfang nehmen. Es sollte eine Tragödie werden, +in der die Sozialdemokratie für die monarchisch-kapitalistischen +Interessen als Opferstier bestimmt war, um den todsicheren Keulenschlag +zu erhalten. Aber es kam auch diesmal, wie so oft schon, anders. Der +Herkules, der uns mit seiner Keule erschlagen sollte, fiel selbst nach +zwölf Jahren eines für ihn ruhmlosen Kampfes mit dem verhaßten Gegner +und deckte mit seiner Leiche das Blachfeld. + + + + + +End of Project Gutenberg's Aus meinem Leben - Zweiter Teil, by August Bebel + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 13690 *** diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Aus meinem Leben - Zweiter Teil + +Author: August Bebel + +Release Date: October 10, 2004 [EBook #13690] + +Language: German + +Character set encoding: Unicode UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN - ZWEITER TEIL *** + + + + +Produced by Distributed Proofreaders + + + + + + + +Aus meinem Leben + + +Von August Bebel + + +Zweiter Teil + + + + +Stuttgart 1911 + +Verlag von J.H.W. Dietz Nachf. G.m.b.H. + + + + +Inhaltsverzeichnis. + + +Geleitwort +Die Periode des Herrn v. Schweitzer in der proletarischen Arbeiterbewegung + Jean Baptist v. Schweitzer + „Der Sozialdemokrat“ + Schweitzer und die Konservativen + Schweitzer im norddeutschen Reichstag + Schweitzers Diktatur + Die Generalversammlung in Barmen-Elberfeld + Die Rebellion im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein + Der Eisenacher Kongreß + Die Gründung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei und die Auflösung + des Verbandes der deutschen Arbeitervereine + Nach Eisenach + Schweitzers Ende +Beginn meiner parlamentarischen Tätigkeit + Im konstituierenden norddeutschen Reichstag + Im norddeutschen Reichstag und dem Zollparlament + Taktische Unstimmigkeiten +Der Deutsch-Französische Krieg + Das Vorspiel zur Kriegserklärung + Meinungsdifferenzen + Erklärungen und Proklamationen + Die Verhaftung des Braunschweiger Ausschusses + Annexionen und Kaiserkrone + Unsere Verhaftung +Meine weitere parlamentarische Tätigkeit, der Leipziger Hochverratsprozeß +und anderes + Die erste Session des deutschen Reichstags + Der erste deutsche Webertag + Weiteres aus Sachsen + Der Dresdener Parteikongreß +Die zweite Session des deutschen Reichstags + Der Leipziger Hochverratsprozeß + Die dritte Session des ersten deutschen Reichstags + Mein Majestätsbeleidigungsprozeß +Unsere Festungshaft und was zwischendurch passierte + Hubertusburg + Königstein + Zwickau +Von 1871 bis zum Vereinigungskongreß zu Gotha + Die Regierungen und die Sozialdemokratie + Die Einigungsfrage vor den beiden Fraktionen + Der Parteikongreß zu Eisenach 1873 + Die erste Session des neuen Reichstags 1874 + Tessendorf als Bahnbrecher der Einigung. Einigungsverhandlungen +Vom Vereinigungskongreß zu Gotha bis zum Vorabend des Sozialistengesetzes + Das Einigungswerk + Nachwehen + Reichstagsarbeit + Meine Stellung zur Kommune + Neue Verfolgungen + Der Parteikongreß zu Gotha 1876 + Der Wahlkampf 1876 bis 1877 + Der Reichstag 1877 + Der Kongreß zu Gotha 1877 + Landtagswahl in Sachsen. „Die Zukunft“ + Wieder reif fürs Gefängnis + Innere Vorgänge + Der Reichstag Frühjahr 1878 + Im Leipziger Gefängnis und was währenddem geschah + Das Hödel-Attentat und seine Folgen + Das erste Ausnahmegesetz + Das Nobiling-Attentat und seine Wirkung + Die Reichstagswahl von 1878 + + + + +Geleitwort. + + +Früher, als ich selbst gehofft, ist es mir ermöglicht worden, den +vorliegenden zweiten Band „Aus meinem Leben“ fertigzustellen. Mein +Gesundheitszustand hat sich in den letzten anderthalb Jahren erheblich +gebessert und damit ist meine Leistungsfähigkeit gehoben worden. Leider +fiel in diese Zeit die lange, schwere Erkrankung meiner teuren, +unvergeßlichen Frau, mit deren Hinscheiden Ende November 1910 ihr Leiden +seinen Abschluß fand. + +Der zweite Band ist weit stärker geworden, als ich anfangs geahnt; er +wuchs mir unter den Händen zu einer Art Geschichte der Partei, was +erklärlich ist bei der Stellung, die ich in der Partei erlangte. Auch +kamen mir noch Briefe und Aktenmaterial in die Hände, das ich verloren +glaubte. Während dem ruhelosen, überarbeiteten Leben, das ich länger als +ein Menschenalter führte, war vorsichtshalber manches beseitigt und +vergeben worden, das sich bei gründlichem Nachforschen wieder fand. +Außerdem gelangten, da ich als Miterbe des Friedrich Engelsschen +literarischen Nachlasses testamentarisch eingesetzt worden war, die +meisten meiner Briefe wieder in meinen Besitz, die ich im Laufe mehrerer +Jahrzehnte mit Friedrich Engels und Karl Marx gewechselt hatte. Den +Hauptinhalt dieser Briefe, die wesentlich in die Zeit des +Sozialistengesetzes fielen, werde ich im dritten Bande benutzen. + +Dieser letztere wird, vorausgesetzt, daß mir überhaupt das Leben und die +nötigen Kräfte verbleiben, erst nach längerer Zeit erscheinen. Die +Vorarbeiten befinden sich noch in den Anfängen. Möglicherweise muß ich +diesen dritten Band in zwei Teile zerlegen. Sein Inhalt wird die zwölf +Jahre Sozialistengesetz, die „Heroenzeit“ der Partei, wie diese Periode +gern genannt wird, umfassen. Damit gedenke ich meine Veröffentlichungen +größeren Umfangs abzuschließen. + +Dem Schlußband wird ein Namen- und Sachregister beigegeben werden. + +Zürich, den 2. September 1911. + +A. Bebel + + + + +Die Periode des Herrn v. Schweitzer in der proletarischen +Arbeiterbewegung. + + + + +Jean Baptist v. Schweitzer + + +Unter den Persönlichkeiten, die nach dem Tode Lassalles nacheinander die +Führung des von ihm gegründeten Vereins übernahmen, steht J.B. v. +Schweitzer allen weit voran. In Schweitzer erhielt der Verein einen +Führer, der in hohem Grade eine Reihe Eigenschaften besaß, die für seine +Stellung von großem Werte waren. Er besaß die nötige theoretische +Vorbildung, einen weiten politischen Blick und eine kühle Ueberlegung. +Als Journalist und Agitator hatte er die Fähigkeit, die schwierigsten +Fragen und Themen dem einfachsten Arbeiter klar zu machen; er verstand +es wie wenige, die Massen zu fanatisieren, ja zu faszinieren. Er +veröffentlichte im Laufe seiner journalistischen Tätigkeit in seinem +Blatte, dem „Sozialdemokrat“, eine Reihe populärwissenschaftlicher +Abhandlungen, die mit zu dem Besten gehören, was die sozialistische +Literatur besitzt. So beispielsweise seine Kritik des Marxschen +„Kapital“ und die später als Broschüre veröffentlichte Abhandlung „Der +tote Schulze gegen den lebenden Lassalle“, Arbeiten, die noch heute +ihren vollen Wert haben. Auch als Parlamentarier erwies er sich als sehr +geschickt und gewandt. Er erfaßte rasch eine gegebene Situation und +verstand sie auszunutzen. Endlich war er auch ein guter Redner von +großer Berechnung, der Eindruck auf die Massen und die Gegner machte. + +Aber neben diesen guten, zum Teil glänzenden Eigenschaften besaß +Schweitzer eine Reihe Untugenden, die ihn als Führer einer +_Arbeiterpartei_, die in den ersten Anfängen ihrer Entwicklung begriffen +war, dieser gefährlich machten. Für ihn war die Bewegung, der er sich +nach mancherlei Irrfahrten anschloß, nicht Selbstzweck, sondern Mittel +zum Zweck. Er trat in die Bewegung ein, sobald er sah, daß ihm innerhalb +des Bürgertums keine Zukunft blühte, daß für ihn, den durch seine +Lebensweise früh Deklassierten, nur die Hoffnung bestand, in der +Arbeiterbewegung die Rolle zu spielen, zu der sein Ehrgeiz wie seine +Fähigkeiten ihn sozusagen prädestinierten. Er wollte auch nicht bloß der +Führer der Bewegung, sondern ihr Beherrscher sein, und trachtete sie für +seine egoistischen Zwecke auszunutzen. Während einer Reihe von Jahren in +einem von Jesuiten geleiteten Institut in Aschaffenburg erzogen, später +sich dem Studium der Jurisprudenz widmend, gewann er in der jesuitischen +Kasuistik und juristischen Rabulistik das geistige Rüstzeug, das ihn, +der von Natur schon listig und verschlagen war, zu einem Politiker +machte, der skrupellos seinen Zweck zu erreichen suchte, Befriedigung +seines Ehrgeizes um jeden Preis und Befriedigung seiner großen, +lebemännischen Bedürfnisse, was ohne auskömmliche materielle Mittel, die +er nicht besaß, nicht möglich war. Es ist aber eine alte geschichtliche +Erfahrung, die in allen Volksbewegungen sich bestätigt hat, daß führende +Persönlichkeiten, die sybaritische Gewohnheiten haben, aber wegen Mangel +an Mitteln sie nicht zu befriedigen vermögen, leicht an sie +herantretenden Versuchungen unterliegen, namentlich wenn sie dabei auch +glauben, außer der Befriedigung ihres Ehrgeizes Scheinerfolge erringen +zu können. + +Die diktatorische Stellung, welche die Organisation des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins dem Leiter des Vereins einräumte, begünstigte +die Schweitzerschen Bestrebungen ungemein. Es war aber auch ebenso +natürlich, daß gegen die Gelüste des Diktators ein ständiger Kampf der +selbständiger denkenden Mitglieder im Verein entstand. Die Opposition, +zeitweilig durch seine brutale Rücksichtslosigkeit scheinbar +niedergeworfen und aus dem Verein hinausgedrängt, erhob sich in Kürze in +anderen Personen und an anderen Orten wieder, und es begann der Kampf +von neuem gegen ihn. Seine Herrschaftsbestrebungen wurden noch dadurch +ungemein begünstigt, daß das einzige Blatt, das der Verein besaß — und +ein zweites neben diesem duldete er nicht —, „Der Sozialdemokrat“, in +seinen Händen war und von ihm geleitet wurde. Damit hatte er das Mittel +in der Hand und wandte es ohne Skrupel an, die geistige Beherrschung +der Mitglieder zu einer absoluten zu machen, wobei er jeden Widerspruch +und jede ihm unbequeme Meinungsäußerung gewaltsam niederhielt. Die Art, +wie dabei wieder Schweitzer den Massen zu schmeicheln verstand, obgleich +er innerlich sie verachtete, ist mir nie mehr in ähnlichem Maße +begegnet. Sich selbst stellte er als ihr Werkzeug hin, das nur dem +Willen des „souveränen Volkes“ gehorche, dieses souveränen Volkes, das +nur seine Zeitung las und dem er seinen Willen suggerierte. Wer aber +wieder ihn zu lecken wagte, der wurde der niedersten Motive geziehen, +als eine Viertels- oder Achtelsintelligenz gebrandmarkt, die sich über +die braven, ehrlichen Arbeiter erheben wolle, um sie im Interesse ihrer +Gegner zu mißbrauchen. + +Eine Rolle, wie Schweitzer sie allmählich spielte, war allerdings nur in +den Jugendjahren der Bewegung möglich, und darin liegt die +Entschuldigung für seine fanatisierten Anhänger. Wer heute die Rolle +eines Schweitzer in der Bewegung spielen wollte, wäre in kurzer Zeit +unmöglich, sei er wer er wolle. + +Schweitzer war ein Demagog großen Stils, der an der Spitze eines Staates +sich als ein würdiger Schüler Machiavellis — für dessen grundsatzlose +Theorien er schwärmte — erwiesen haben würde. Die absolute Herrschaft, +die er durch die erwähnten Mittel sich auf Jahre in seinem Verein zu +sichern wußte, läßt sich nur vergleichen mit gewissen Erscheinungen in +der katholischen Kirche. Er hatte eben nicht umsonst bei den Jesuiten +Unterricht genommen. + +Wessen wir — Liebknecht und ich — Schweitzer beschuldigten, war, daß er +den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein — natürlich wider Wissen und +Wollen des weitaus größten Teiles seiner Mitglieder — im Interesse der +Bismarckschen Politik leite, _die wir nicht als eine deutsche, sondern +als eine großpreußische Politik betrachteten,_ eine Politik, betrieben +im Interesse der Hohenzollernschen Hausmacht, die bestrebt war, die +Herrschaft über ganz Deutschland zu gewinnen und Deutschland mit +preußischem Geist und preußischen Regierungsgrundsätzen — _die der +Todfeind aller Demokratie sind_ — zu erfüllen. + +Wie damals die Dinge im allgemeinen lagen und bei dem schweren Kampfe, +in dem sich Bismarck mit der liberalen Bourgeoisie befand, benutzte er +jedes Mittel, auch das unscheinbarste, das seinen Zwecken dienen konnte. +Ich habe bereits im ersten Teil dieser Arbeit dargelegt, wie Bismarck +noch vor dem Auftreten Lassalles in dem Lackierer Eichler einen +gewandten Agenten besaß, der für seine Politik in den Arbeiterkreisen +Propaganda machte. Lassalle, der nicht als Dienender, sondern als +Gleichberechtigter, als Macht zu Macht mit Bismarck in Unterhandlungen +sich einließ, unterstützte mehr als er wohl selbst wollte diese +Bismarckschen Bestrebungen. Seine Verhandlungen mit Bismarck wurden zwar +offenbar mit dem Februar 1864 abgebrochen und bis zu seinem (Lassalles) +Tode nicht wieder aufgenommen, aber das Streben, die Arbeiterbewegung +der Bismarckschen Politik dienstbar zu machen, blieb bestehen und hatte +einen gewissen Erfolg, woran die scharfe Absage, die Karl Marx dem alter +ego Bismarcks, Lothar Bucher, gab, als dieser ihn zur Mitarbeit am +preußischen „Staatsanzeiger“ einlud, nichts änderte. + +Helene v. Rakowicza (Helene v. Dönniges), die ehemalige Geliebte +Lassalles, wegen der er in das Duell, das ihn das Leben kostete, +verwickelt wurde, erzählt in ihrem Buche: „Von anderen und mir“, Berlin +1909, daß sie in einer Nachtunterhaltung Lassalle die Frage vorgelegt: +Ist's nun wahr? Hast du mit Bismarck allerlei Geheimes zu tun? Worauf +dieser geantwortet habe: „Was Bismarck anbelangt und was er von mir +gewollt hat und ich von ihm? — laß dir's genügen, daß es nicht zustande +kam, nicht zustande kommen konnte. Wir waren beide zu schlau — wir sahen +unsere beiderseitige Schlauheit und hätten nur damit enden können, uns +(immer politisch gesprochen) ins Gesicht zu lachen. Dazu sind wir zu gut +erzogen — also blieb es bei den Besuchen und geistreichen Gesprächen.“ + +Diese Darstellung klingt wahrscheinlich. Es hieße Lassalles Scharfsinn +und seine Einsicht beleidigen, sollte er anders gedacht haben, als hier +seine ehemalige Geliebte erzählt. Ueberhaupt konnte kein scharfsinniger +und einsichtiger Mensch, und das war auch Schweitzer, sich täuschen +über das, was ein Sozialdemokrat von Bismarck erlangen konnte, was +nicht, und daß, wenn Bismarck auf irgendwelche Beziehungen mit +Sozialdemokraten sich einließ, es nur geschah, um sie in seinem +Interesse zu verwenden und nachher wie ausgepreßte Zitronen beiseite zu +werfen. Oder ein anderes, daß sie sich an ihn verkauften und ihm Dienste +leisteten, was bei Lassalle nicht in Frage kommen konnte. + +Für meine Auffassung spricht zunächst die Tatsache, daß, als an des +Präsidenten Bernhardt Beckers Stelle F.W. Fritzsche Vizepräsident des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins wurde, Dr. Dammer, der frühere +Vizepräsident des Vereins, Fritzsche empfahl, _er solle bei seinen +Agitationen im Königreich Sachsen neben den sozialistischen Forderungen +für die preußische Spitze eintreten und die über diese Versammlungen +veröffentlichten Zeitungsberichte direkt an Bismarck senden, auch diesem +über die abgehaltenen Versammlungen direkt berichten._ Fritzsche selbst +hat mir diese Mitteilungen gemacht, als es sich im Herbst 1878 um die +Bekämpfung des Entwurfs des Sozialistengesetzes handelte. Diese +Mitteilungen habe ich damals im Reichstag in einer Rede gegen Bismarck +auch verwendet. + +Die Versuche, den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein für die +Bismarcksche großpreußische Politik nutzbar zu machen, waren also sehr +frühzeitig vorhanden und dauernde. Es wird Sache meiner +Auseinandersetzungen sein, zu beweisen, daß Schweitzer diesen +Bestrebungen Bismarcks bewußt diente. + +Wäre Schweitzer ein Mann gewesen, der der Sache, die er äußerlich +verfocht, innerlich ehrlich zugetan war, wäre er ein Mann gewesen, von +dem jeder Parteigenosse überzeugt sein mußte, daß nur die Begeisterung +und das reinste Streben, der Arbeiterklasse zu dienen, bei ihm vorhanden +war, hätte er die sehr bedenklichen Zweideutigkeiten, die in seinem +politischen Leben auftauchten, zu vermeiden gewußt, wäre mit einem Worte +sein ganzes Tun Vertrauen fordernd gewesen, er wäre bis an sein +Lebensende unbestritten der Führer der Partei geblieben. Jeder Versuch, +ihn zu diskreditieren, wäre an ihm abgeprallt, mochten solche Angriffe +ausgehen von welcher Seite immer. Statt dessen mußte er sein stetig +sinkendes Ansehen verteidigen und erlebte schließlich, daß nach der +Niederlegung seiner Präsidentschaft, als jeder wagen durfte, frei zu +sprechen, ohne Gefahr, von einem Bannstrahl getroffen zu werden, gerade +diejenigen die ehrenrührigsten Anklagen gegen ihn erhoben, die ihn +einstmals gegen die Angriffe von unserer Seite fanatisch verteidigt +hatten. So kam es, daß die Nachricht von seinem Tode jene kalt und +gleichgültig ließ, die im anderen Falle ihn bis zur letzten Stunde als +ihren Führer anerkannt und seinem Andenken alle Ehren erwiesen haben +würden. + + * * * * * + +Jean Baptist v. Schweitzer wurde am 12. Juli 1834 zu Frankfurt am Main +geboren. Das Blut, das in seinen Adern floß, war, nach seinen Vorfahren +zu urteilen, eine Mischung von italienisch-französischem mit deutschem +Blute. Seine Familie, die im Jahre 1814 vom damaligen König von Bayern +geadelt wurde, gehörte zu den sogenannten Patrizierfamilien +Altfrankfurts. + +Was der junge Schweitzer in seiner Familie sah und hörte, war nicht sehr +erhebend und von zweifelhaft erzieherischem Einfluß. Der Vater, einst +Kammerjunker bei dem berüchtigten Herzog Karl von Braunschweig, der 1830 +eilig sein Land verlassen mußte, wollte er nicht der Volkswut zum Opfer +fallen, war ein Lüdrian, der als Verschwender lebte. Die Mutter, die +getrennt von ihrem Manne ein besonderes Haus führte, trieb es in der +gleichen Weise. Kein Wunder, daß der junge Jean Baptist bei solcher +Abstammung und bei solchem Vorbild in die elterlichen Fußtapfen trat, +nur daß ihm die Mittel fehlten, welche die Eltern verjubelt hatten, +worauf denn für ihn das Schuldenmachen die notwendige Konsequenz war. + +Gegen die Mitte der fünfziger Jahre führte ihn sein Studium auch nach +Berlin, wo er unter anderem im Hause Krummachers, dessen Frau eine +Verwandte seiner Großmutter war, verkehrte, und die führenden Männer der +preußischen Reaktion, so zum Beispiel Friedrich Julius Stahl, kennen +lernte. Die später in seinen Schriften hervortretende scharfe und +treffende Kritik der Natur des preußischen Staates dürfte er bei seinem +Aufenthalt in Berlin und im Verkehr mit den maßgebenden +Gesellschaftskreisen gewonnen haben. Sein großdeutsch-österreichischer +Standpunkt, der nicht nur der herrschende in seiner Familie, sondern +auch in den Bürgerkreisen Altfrankfurts war, mochte seine +Beobachtungsgabe besonders schärfen. Er lernte jetzt den Staat in seinem +innersten Wesen kennen, der der Todfeind Oesterreichs war. Dieser sein +großdeutsch-österreichischer Standpunkt kam auch in den politischen +Schriften zum Ausdruck, deren erste Schweitzer 1859 veröffentlichte, und +zwar in Frankfurt, wo er sich 1857 als Rechtsanwalt niedergelassen +hatte, dem aber die Praxis fehlte. Diese Schrift, die während des +österreichisch-italienisch-französischen Krieges veröffentlicht wurde, +führte den bezeichnenden Titel „Oesterreichs Sache ist Deutschlands +Sache“ und forderte das Eintreten von Gesamtdeutschland für Oesterreich. +Die zweite Schrift mit gleicher Tendenz führte den Titel: „Widerlegung +von Karl Vogts Studien zur gegenwärtigen Lage Europas“. Dieselbe +schließt: Oesterreichs Sache ist die Sache des europäischen Rechtes und +der europäischen Ordnung, die Sache der Kultur und Humanität und vor +allem die _nationale Sache deutscher Ehre und deutscher Unabhängigkeit_. + +In einer dritten Schrift, die 1860 erschien, betitelt „Der einzige Weg +zur nationalen Einheit“, rückt er erheblich nach links. Er bekennt sich +als Republikaner und sieht nur in einer demokratischen Einheit +Deutschlands, die durch eine Revolution von unten herbeizuführen sei, +das Heil Deutschlands. Indes verfiel er später wieder in seine +großdeutsch-österreichischen Sympathien, bis er endlich nach seiner +persönlichen Bekanntschaft mit Lassalle ins kleindeutsche Lager +abschwenkte und in der Politik eines Bismarck die einzige Möglichkeit +zur Lösung der deutschen Frage sah. + +Der Beginn der Volksbewegung und die Gründung des Nationalvereins im +Jahre 1859 mit seinen kleindeutschen Bestrebungen konnten Schweitzer +nicht gleichgültig lassen. Er trat, entsprechend seinem damaligen +Standpunkt, gegen den Nationalverein auf. Er meinte (Januar 1861), nur +wenn der Nationalverein sich für die Republik, das hieß also für die +Revolution erkläre, könne er auf die Hilfe der _Arbeiter_ rechnen. +Preußen sei nicht besser als Oesterreich; _beide müßten zertrümmert +werden_, sollte die deutsche Einheit möglich sein. + +Als dann im November 1861 in Frankfurt a.M. mit seiner Hilfe ein +Arbeiterbildungsverein gegründet wurde, wählte man Schweitzer zu dessen +Vorsitzenden. Hier vertrat er die gleichen radikalen Ideen. Anfang 1862 +erschien wiederum eine Schrift von ihm, „Zur deutschen Frage“, in der er +sich abermals als unerbittlichen Gegner der hohenzollernschen +Hauspolitik und der preußischen Führerschaft in Deutschland bekannte und +die Jämmerlichkeit der Mittelparteien brandmarkte. Er trat jetzt als +Vielgeschäftiger in der Politik hervor. So wurde er auch Vorsitzender +des Frankfurter Turnvereins; Vereine, die damals samt und sonders eine +eifrige politische Tätigkeit entfalteten, obgleich sie angeblich +unpolitische Vereine sein sollten. Das gleiche war mit der +Schützenvereinsbewegung der Fall. Auch in dieser trat Schweitzer aktiv +hervor und wurde, als der deutsche Schützenbund gegründet wurde, +Mitglied des engeren Ausschusses desselben. Als dann Juli 1862 das erste +deutsche Schützenfest in Frankfurt abgehalten wurde, war Schweitzer +Schriftführer des Zentralausschusses und Redakteur der Festzeitung. Der +intime Umgang, den er damals mit dem Herzog von Koburg, dem +„Schützenherzog“, pflog, an dessen Seite er sich häufig auf dem +Festplatze zeigte, stand freilich in Widerspruch zu seinem bisherigen +radikalen Verhalten und auch zu der radikalen Rede, die er am 22. Mai +1862 auf dem Arbeitertag des Maingaus in durchaus sozialistischem Sinne +gehalten hatte, wie ich das bereits im ersten Teil dieser meiner Arbeit +erwähnte. + +Schweitzer hatte um diese Zeit gleichzeitig mehrere Eisen im Feuer. Aber +da brach das Verhängnis über ihn herein. Er wurde kurz nach dem +Frankfurter Schützenfest zweier Verfehlungen öffentlich beschuldigt, die +einen schwarzen Schatten auf sein späteres Leben warfen und als Merkmale +seines Charakters von Bedeutung sind. + +Zunächst wurde er beschuldigt, 2600 Gulden für die Kasse des +Frankfurter Schützenfestes unterschlagen zu haben. Klage wurde von +seiten des Ausschusses nicht erhoben, und das gab wohl Veranlassung, daß +die Tat überhaupt bestritten wurde. Demgegenüber möchte ich feststellen, +daß der Justizrat Sterzing in Gotha, der im Zentralausschuß des +Schützenfestes saß, mit seiner Namensunterschrift eine Erklärung in der +„Allgemeinen Deutschen Arbeiterzeitung“ in Koburg erließ, worin er die +Unterschlagung als Tatsache bestätigte. Als dann einige Jahre später im +Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein die Opposition gegen Schweitzer +losbrach, schickte die Gothaer Mitgliedschaft einen ihrer Angehörigen zu +Justizrat Sterzing, um ihn zu fragen, ob die gegen Schweitzer erhobene +Beschuldigung der Unterschlagung wahr sei. Sterzing betätigte das. +Darauf wandte sich die Gothaer Mitgliedschaft an Schweitzer, teilte ihm +die Aeußerung Sterzings mit und ersuchte ihn, Sterzing zu verklagen. +Schweitzer lehnte ab. Er erklärte: das falle ihm nicht ein, da habe er +viel zu tun. + +Ein anderer noch unliebsamerer Vorgang trug sich im August 1862 im +Schloßgarten zu Mannheim zu. Schweitzer wurde beschuldigt, am Vormittag +des betreffenden Tages ein Sittenvergehen an einem Knaben begangen zu +haben. Er wurde mit vierzehn Tagen Gefängnis bestraft. Die Handlung wäre +viel schwerer bestraft worden, hätte man den betreffenden Knaben +feststellen können. Dieses gelang nicht. Wohl aber wurden andere Knaben +gefunden, denen Schweitzer das gleiche Ansinnen gemacht hatte. Daraufhin +fand seine Verurteilung statt. Im Eifer, Schweitzer reinzuwaschen, hat +man die Unschuld Schweitzers, die er natürlich selbst behauptete, zu +beweisen versucht. Im Interesse der historischen Wahrheit sollten solche +Versuche unterbleiben. Man mag über die gleichgeschlechtliche Liebe noch +so frei denken, so war es unter allen Umständen eine Ehrlosigkeit, die +Befriedigung derselben am hellen Tage in einem öffentlichen Park und an +einem schulpflichtigen Knaben zu versuchen. Bemerkt sei auch, daß +Schweitzer sich hütete, gegen das erstinstanzliche Urteil Berufung +einzulegen, was sicher geschehen wäre, wenn er sich unschuldig gefühlt +hätte. + +Diese beiden Vorkommnisse zwangen Schweitzer, auf einige Zeit Frankfurt +zu verlassen. In den Arbeiterkreisen erweckten sie natürlich eine starke +Animosität gegen ihn. Als daher im nächsten Jahre, nach Gründung des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, Schweitzer die persönliche +Bekanntschaft Lassalles gemacht hatte und Mitglied des Vereins geworden +war, stellten die Frankfurter Mitglieder an Lassalle das Ersuchen, er +solle Schweitzer angehen, den Versammlungen des Vereins nicht mehr +beizuwohnen. Lassalle lehnte dieses Ersuchen als philiströs ab, das +Schweitzer zugeschriebene Vergehen habe mit seinem politischen Charakter +nichts zu tun. Die Knabenliebe sei in Griechenland allgemein +herrschender Brauch gewesen, dem der Staatsmann und der Dichter +gehuldigt habe. Im übrigen zollte er den Fähigkeiten Schweitzers hohes +Lob. An Schweitzer selbst schrieb er, daß die gerügten Neigungen nicht +nach seinem Geschmack seien. Einen Zweifel, daß Schweitzer diese nicht +besitze, drückte er nicht aus; er wußte wohl warum. + +Anfang 1863 veröffentlichte Schweitzer eine neue Schrift bei Otto Wigand +in Leipzig, betitelt „Die österreichische Spitze“. Die Schrift widmete +er seinem Freunde Herrn v. Hofstetten, einem ehemaligen bayerischen +Offizier, „in Verehrung und Freundschaft“; die Vorrede ist von einer +schwülen Ueberschwenglichkeit, als rede Alkibiades zu einem seiner +Lieblinge. Der Inhalt der Schrift ist in mehr als einer Beziehung +interessant. Er schildert darin den Charakter des preußischen Staates +durchaus richtig und erklärt Preußen für eine Einigung Deutschlands +durchaus _ungeeignet_. Im weiteren tritt er trotz aller demokratischen +Vorbehalte wieder für die _österreichische_ Spitze ein. Der preußische +Staat stehe der Gesamtheit Deutschlands gegenüber, so führt er aus, auf +Grund seiner historischen Entwicklung ..., die ihn zwinge, sich weiter +in demselben Lande und durch dieselbe Bereicherungsart zu vergrößern, +also auf Annexionen auszugehen. _Diese Mission Preußens sei aber keine +deutsche, sondern eine preußische._ Preußen müsse nach seiner inneren +Natur darauf sehen, _daß der alles einzelne mehr oder weniger +durchdringende Geist, der althistorische, spezifisch preußische, +wesentlich hohenzollernsche Charakter des Staates nicht verloren gehe_. + +Gegen dieses Preußen macht er energisch Front, das mit einem _wirklichen +Gesamtdeutschland unverträglich sei_. Er spricht sich dabei in folgender +programmatischer Weise aus, eine Auffassung, der wir später in einer +anderen Situation wieder begegnen werden. Er sagt: „Wenn dem künftigen +Deutschen Reiche — sei es eine Republick oder ein Kaisertum — auch nur ein +einziges Dorf des jetzigen deutschen Bundesgebiets fehlt, _so ist dies +ein nationaler Skandal_. Die kleinste Hütte im fernsten Dorfe, wo +deutsche Zunge klingt, hat das heilige Recht auf den Schutz der +Gesamtheit.“ + +Diese feierliche Erklärung hielt ihn aber bald darauf nicht ab, die +Politik zu unterstützen, die den _nationalen Skandal_ herbeiführte und +herbeiführen wollte, und nach seiner eigenen Auffassung herbeiführen +mußte. Und es handelte sich dabei nicht bloß um ein einzelnes Dorf oder +eine Hütte, sondern um Ländergebiete mit zehn Millionen Deutscher, die +Jahrhundertelang früher zum Reiche gehörten als die Provinz Preußen, +deren Namen die Hohenzollern ihrem Königreich gaben. Schließlich +forderte er die _österreichische Spitze_ und den Eintritt +_Gesamtösterreichs_ in den Bund, wenn nicht anders, _so durch die +Zertrümmerung Preußens_. Demgemäß verlangte er, daß die großdeutsche +Partei _energisch für die österreichische Spitze_ eintrete und nicht der +kleindeutschen Partei das Feld in der Agitation für die preußische +Spitze überlasse. + +So Schweitzer als schwarzgelber Großdeutscher noch Anfang 1863. In +wenigen Monaten war er ein anderer. Mittlerweile hatte er die +persönliche Bekanntschaft Lassalles gemacht. Er begriff rasch, daß sich +hier eine Gelegenheit zu einer Stellung für seine Zukunft bot, die +seinem Ehrgeiz entsprach, die ihm in der bürgerlichen Welt nach den oben +geschilderten Vorgängen für alle Zeit abgeschnitten war. In diesen +Kreisen galt er als ein Mensch, vor dem man die Tür schließen müsse. + +Als im Frühjahr 1863 Lassalle nach Frankfurt kam, verständigten sich +beide offenbar sehr bald. Gelegenheit dazu bot auch ein gemeinsamer +Ausflug in die Rheinpfalz, auf dem sich ein amüsanter Vorgang mit +Lassalle zutrug. Außer Lassalle und Schweitzer nahmen an der Partie die +Gräfin Hatzfeldt, Hans v. Bülow und unser verstorbener Parteigenosse, +der damals jugendliche Wendelin _Weißheimer_ teil. Die Reise ging nach +Osthofen am Rhein, von wo aus der Ebernburg, bekanntlich einst der Sitz +Sickingens, ein Besuch gemacht werden sollte. Auf Betreiben Weißheimers +hatte sein Vater, der in Osthofen wohnte, die Gesellschaft zum +Mittagstisch geladen. Lassalle saß an der Tafel neben Frau Weißheimer. +Als diese im Laufe des Gesprächs, wißbegierig wie Frauen nun einmal +sind, die Frage an Lassalle richtete: ob er glaube, daß seine Pläne +durchführbar seien, umarmte Lassalle sie und drückte ihr mit den Worten: +„Sie sind eine köstliche Frau“ einen Kuß auf die Lippen. Er schloß ihr +also buchstäblich den Mund. Ueber diese Verhöhnung aller +gesellschaftlichen Etikette geriet der alte Weißheimer dermaßen in +Aufregung, daß er einige Sekunden nach Atem schnappte, wohingegen die +übrige Gesellschaft aus vollem Halse lachte. + +Die Wandlung in der Gesinnung Schweitzers unter dem Einfluß Lassalles +zeigte sich sofort deutlich in der Rede, die er am 13. Oktober 1863 in +Leipzig unter dem Titel hielt: „Die Partei des Fortschritts als Trägerin +des Stillstandes“. Diese Rede bezeichnet eine vollständige Umwandlung +seiner bisherigen Stellung zu Preußen, zugleich war sie eine +Rechtfertigung der Politik Lassalles und eine klare Stellungnahme gegen +den Liberalismus, _was zu jener Zeit hieß_ eine Parteinahme für Bismarck +und die Feudalen. In jener Rede führt er unter anderem aus: + + „Allein, meine Herren, wenn Sie meinem Vortrag gefolgt sind, so werden + Sie erkannt haben, daß zwar der moderne Absolutismus samt seinen + Adels- und Priesterkoterien uns feindlich gegenübersteht, da er + überhaupt von Neuerung nichts wissen will; allein, Sie werden zugleich + erkannt haben, _daß unser eigentlicher, hartnäckiger und erbitterter + Feind wo ganz anders steckt — nämlich in der Bourgeoispartei und ihren + Vertretern_. Es muß durchaus einmal _offen und bestimmt ausgesprochen + werden,_ daß in der weitaus höchsten und wichtigsten Frage der Zeit + _der wahre Sitz des Stillstandes in der sogenannten liberalen Partei + liegt, daß also unser, der sozialdemokratischen Partei Kampf in erster + Linie gegen sie gerichtet sein muß_. Wenn Sie dies aber festhalten, + meine Herren, dann werden Sie sich selbst sagen: _Warum hätte Lassalle + sich nicht an Bismarck wenden sollen?“_ + +Nach dieser Theorie waren also nicht die Feudalen, denen jeder +politische und soziale Fortschritt ein Greuel war, die, um modern zu +reden, die heftigsten Verteidiger der gottgewollten Abhängigkeiten sind, +der Hauptfeind der Arbeiter, das waren vielmehr die Liberalen, von denen +selbst der am weitesten rechtsstehende Anhänger doch immer noch ein +Vertreter der modernen Entwicklung, ein Anhänger eines gewissen +Kulturfortschrittes ist, ohne den die kapitalistische Ordnung nicht +bestehen kann, die dem Proletarier erst die Möglichkeit schafft, sich +zum freien Menschen emporzuarbeiten, die Unterdrückung des Menschen +durch den Menschen zu beseitigen. Schweitzer _wußte_, daß die von ihm +gepredigte Auffassung eine _grundreaktionäre_ war, ein Verrat an den +Interessen des Arbeiters, aber er propagandierte sie, weil er glaubte, +sich dadurch nach oben zu empfehlen. + +Es verstand sich von selbst, daß Bismarck und die Feudalen eine solche +Hilfe von der äußersten Linken mit Vergnügen sich gefallen ließen und +den Vertreter einer solchen Auffassung eventuell auch unterstützten. War +doch dieses Spielen mit Sozialismus und Kommunismus — und kein +vernünftiger Mensch konnte annehmen, daß es sich um mehr als um ein +Spielen handle — ein vortreffliches Mittel, die liberale Bourgeoisie, die +nie an einem Uebermaß von Mut und Einsicht litt, ins Bockshorn zu jagen +und _sie dem Bismarckschen Zäsarismus ins Garn zu treiben_. Je radikaler +dieser Sozialismus sich gegen die Bourgeoisie aufspielte, je mehr +erfüllte er seinen Zweck. Daher auch die Aufforderung Buchers an +Marx — man muß dieses immer wiederholen —, im „Staatsanzeiger“ selbst +kommunistisch zu schreiben. + +Diese Politik war aber das gerade Gegenteil von Demokratie und +Sozialismus, was ich nicht erst zu beweisen nötig habe. + + + + +„Der Sozialdemokrat.“ + + +Schweitzer siedelte im Juli 1864 nach Berlin über und ließ sich dort +naturalisieren. Sein Zweck war, die Herausgabe eines Parteiorgans „Der +Sozialdemokrat“ zu betreiben, wozu sein Freund v. Hofstetten, der mit +einer Gräfin Strachwitz verheiratet war und einiges Vermögen besaß, die +Mittel hergab. Auffallend ist, daß Lassalle in seinem Testament keinen +Pfennig für das von ihm gebilligte Unternehmen anwies. + +Schweitzer war es gelungen, trotz des Mißtrauens, das ein Teil der hier +Genannten gegen ihn hegte, außer Liebknecht Karl Marx, Friedrich Engels, +Oberst Rüstow, Georg Herwegh, Jean Philipp Becker, Fr. Reusche, Moritz +Heß und Professor Wuttke als Mitarbeiter zu gewinnen, selbstverständlich +auf ein radikales Programm, das Schweitzer entworfen hatte, das sich +durch Klarheit, Bestimmtheit und Kürze auszeichnete. Dasselbe erschien +an der Spitze der Probenummer des „Sozialdemokrat“ vom 15. Dezember 1864 +und lautete: + + _Unser Programm._ + + Drei große Gesichtspunkte sind es, welche das Streben und die + Tätigkeit unserer Partei bestimmen: + + Wir bekämpfen jene Gestaltungen des europäischen Staatensystems, + welche, unnatürlich die Völker trennend und verbindend, aus dem + feudalen Mittelalter in das neunzehnte Jahrhundert sich + herübergeschleppt haben — wir wollen fördern die Solidarität der + Völkerinteressen und der Volkssache durch die ganze Welt. + + Wir wollen nicht ein ohnmächtiges und zerrissenes Vaterland, machtlos + nach außen und voll Willkür im Innern — _das ganze, gewaltige + Deutschland wollen wir, den einen, freien Volksstaat_. + + Wir verwerfen die bisherige Beherrschung der Gesellschaft durch das + Kapital — wir hoffen zu erkämpfen, daß die Arbeit den Staat regiere. + + Diese drei großen auf gemeinsamer Grundlage beruhenden Gesichtspunkte + _weisen uns in jeder möglichen Frage mit zwingender Notwendigkeit auf + die Bahnen, die wir zu wandeln haben_. + + Unsere Prinzipien sind einfach und klar — _ihre Konsequenzen zu ziehen + werden wir uns niemals scheuen_. + +Kein Zweifel, wäre dieses durchaus unanfechtbare, von allen maßgebenden +Personen in der Partei gebilligte Programm fortan die Richtschnur des +Blattes geblieben, eine Spaltung wäre unmöglich gewesen, eine Aera +gesunder Fortentwicklung wäre eingetreten und hätte eine ungeahnte +Ausbreitung der Partei schon in jungen Jahren höchst wahrscheinlich +gemacht. + +Aber Schweitzer wollte es anders. Von Herrn v. Hofstetten, seinem +Associé und Miteigentümer des „Sozialdemokrat“, rede ich nicht. +Hofstetten war ein schwacher Mann ohne tiefere Einsicht in das Wesen der +Dinge, der sich von Schweitzer treiben und mißbrauchen ließ, und den +dann Schweitzer wie eine ausgequetschte Zitrone nach einigen Jahren +beiseite warf, nachdem Hofstetten sein Vermögen bis zum letzten Rest für +den „Sozialdemokrat“ und für Schweitzer, der über Jahr und Tag auch an +seinem Tische saß, geopfert hatte. + +Die korrekte Haltung des „Sozialdemokrat“ währte nicht lange. + +Bereits in Nr. 6 des „Sozialdemokrat“ waren in dem Artikel „Das +Ministerium Bismarck und die Regierungen der Mittel- und Kleinstaaten“ +Wendungen enthalten, in denen Schweitzers Sympathie mit der Politik +Bismarcks, wenn auch noch sehr vorsichtig, zum Ausdruck kam. Mit der Nr. +14 des „Sozialdemokrat“ vom 27. Januar 1865 beginnt dann jene Serie +Artikel „Das Ministerium Bismarck“, in denen er die demokratische Maske +fallen läßt, was die öffentliche Absage der meisten der eben erst +gewonnenen Mitarbeiter zur Folge hatte. + +In dem ersten dieser Artikel wurde ausgeführt: + + „Parlamentarismus heißt Regiment der _Mittelmäßigkeit_, heißt + _machtloses Gerede_, während _Zäsarismus_ doch wenigstens _kühne + Initiative, doch wenigstens bewältigende Tat heißt_. ‚Schmach den + Renegaten, die jetzt der Reaktion dienen‘, rufe man. Sonderbar aber + doch, daß diese radikalen Renegaten (deren rasche Abwirtschaftung wir + erlebt haben. A.B.) nicht bei Pfordten und Beust (selbstverständlich + nicht. A.B.), daß diese radikalen Renegaten gerade bei Bismarck sind.“ + +Die Renegaten, die er meinte, waren eben alles Leute, die keinen Beruf +zu einem revolutionären Vorgehen in sich verspürten, die sich mit der +kapitalistischen Ordnung der Dinge — vorausgesetzt, daß sie überhaupt je +deren Gegner waren — abgefunden hatten und sich sagten, daß der +Kapitalismus unter der Aegide des märkischen Junkers nicht zu kurz +kommen werde, worin sie sich nicht täuschten. + +Im zweiten Artikel Schweitzers hieß es in Betrachtung der Entwicklung +Preußens: + + „Von dieser Grundlage aus (dem Kurfürstentum) hat sich sodann der + vergleichungsweise junge Staat, vorzugsweise durch _das mächtige Genie + eines großen Königs und gewaltigen Kriegshelden, eines in jeder + Beziehung bewunderungswürdigen Mannes_, zu einem ausgedehnten und + mächtigen Königreich erweitert.“ + +Nach dieser Verherrlichung Friedrichs des Großen, die ein Sybel oder +Treitschke tönender nicht betreiben konnte, spendet er auch der +Volkserhebung von 1813 ein Lob, die eine glänzende Ausnahme von der +Regel preußischer Geschichte sei. „Der Hauptsache nach und alles in +allem genommen, ist Preußen das, was es ist, durch die an seiner Spitze +stehende Dynastie geworden.“ + +Alsdann charakterisiert er das Wesen des preußischen Royalismus. + + „Während ein solcher Geist in den einen deutschen Staaten zwar nicht + ohne alle Begründung sein mag, jedenfalls aber alles höheren + politischen Ernstes und der tieferen Würde entbehrt, in den anderen + Staaten aber geradezu als Karikatur dessen erscheint, was man + Royalismus nennt, ist _der königliche Geist in Preußen eine + wohlbegründete politische Anschauungsweise und Richtung_. Denn die + Dynastie und in ihr _der jedesmalige Regent können mit innerer + Berechtigung als der Kulminationspunkt der aufsteigenden Skala_ der + herkömmlichen Elemente, als der Schwerpunkt der in hergebrachten + Bahnen rotierenden Kräfte, als Herz und Gehirn des Organismus + innerhalb eines Staatsganzen betrachtet werden, welches nur so und + unter solcher Voraussetzung seine eigentümliche Wesenheit und seine + dermalige Stellung erlangte und erlangen konnte.“ + +Des weiteren meinte er noch, daß der preußische Staat in seinem +dermaligen Zustand das offenbare Gepräge des Unfertigen, einer noch +nicht abgeschlossenen geschichtlichen Entwicklung auf sich trage. Ein +Zustand also, _der nach Annexionen schreie_. Diese Mission, die Preußen +in Deutschland habe, sei aber keine deutsche, wie man uns glauben machen +wolle, sondern eine _preußische_. + +Schweitzer kannte also die Natur des preußischen Staates, wie keiner sie +besser kennen konnte, seine Schlüsse waren durchaus logisch. Aber um so +mehr drängt sich die Frage auf, wie konnte er dann eine Politik +unterstützen, die nach seinem eigenen Geständnis _undeutsch_, weil nur +_großpreußisch_ war, und wenn siegreich, die _Niederlage der Demokratie +bedeutete_? Eine solche Politik durfte vom demokratischen Standpunkt aus +nicht unterstützt, _sie mußte vielmehr auf Leben und Tod bekämpft +werden, denn es war der Todfeind der Demokratie, der diese Politik +betrieb._ + +Schweitzer schließt seinen zweiten Artikel also: + + „Ein _wahrhaft preußisches_ Ministerium, ein solches, welches die aus + der Geschichte des preußischen Staates hervorgegangene Wesenheit + desselben zu befestigen und weiterzuentwickeln strebt, kann weder in + Gemäßheit bloßen Schablonenkonservatismus _lediglich die stupide + Aufrechterhaltung des gerade Vorhandenen beabsichtigen_, wie dies + konservative Ministerien in Preußen lange getan, noch auch kann es die + dem Staate von seiner Geschichte indizierte äußere Politik _unter + Aufhebung des inneren Charakters des Staates anstreben, wie dies die + liberale Partei unter Verleugnung des Machtschwerpunktes von der Krone + hinweg in das Abgeordnetenhaus beabsichtigte_.“ + +Das heißt also in klares Deutsch übersetzt: Die Eigenart des preußischen +Staates verbietet einer preußischen Regierung die Einführung eines +parlamentarischen Regimes, und wenn ihr Liberalen dennoch danach strebt, +so verlangt ihr etwas, was der Natur des preußischen Staates entgegen +ist. Begnügt euch also, ein Ornament am Staatswagen zu sein. In der +Situation, in der damals die Kammer sich der Regierung gegenüber befand, +bedeuteten solche Auslassungen einfach ein _In-den-Rücken-fallen_ der +Volksvertretung und eine _Unterstützung_ der Pläne Bismarcks. + +In seinem dritten Artikel führt er zunächst aus: Die Schlußfolgerungen +seines zweiten Artikels und die Untersuchungen, die zu denselben +führten, seien _mehrfach mißverstanden_ (!) worden. Er wird also jetzt +noch deutlicher. Er sagt: + + „Indem Preußen eine Politik verfolge, die zur Annexion der Herzogtümer + (Schleswig-Holstein) führen müsse, setze es, _die glorreichen + Traditionen preußischer Geschichte aus langem Schlummer weckend, an + den innersten Kern des preußischen Staatsgeistes seine Hebel an._ + + Es ist eine bedeutende Politik, die jetzt in Preußen gemacht wird! ... + Wer Annexion anfängt, muß sie durchsetzen. Mehr noch. + + Eine preußische Regierung, die in der zweiten Hälfte des neunzehnten + Jahrhunderts deutsches Land zu annektieren beginnt, eine preußische + Regierung, die _angesichts der offenkundigen, von Kaiser, Königen und + Fürsten feierlich proklamierten Unhaltbarkeit der politischen + Verfassung Deutschlands die ‚friedericianische Politik‘_ (wie ein + großdeutsches Blatt sich ausdrückte) _wieder aufnimmt, kann nicht + stille stehen nach kleinem Sieg — weiter muß sie auf der betretenen + Bahn — vorwärts, wenn nötig mit ‚Blut und Eisen‘._ + + Denn anknüpfen an die stolzesten Traditionen eines historisch + erwachsenen Staates und dann feige zurückbeben vor entscheidender Tat, + hieße den innersten Lebensnerv eines solchen Staates ertöten. + + Man kann solche Traditionen ruhen lassen — _aber man kann sie nicht + aufnehmen, um sie zu ruinieren!_ + + Ein preußischer Minister, der _solche_ Politik für Preußen machte — er + verfiele unrettbar _den zürnenden Manen des großen Friedrich und dem + Gelächter seiner Zeitgenossen._“ + +Wie mußte bei dem Lesen solcher Artikel das Herz jedes guten Preußen +schlagen; war doch danach Preußen quasi von der Vorsehung vorher +bestimmt, der Beherrscher Deutschlands zu werden. Und wie mußten die +Herzen der Feudalen einem Manne zugetan sein, der besser als sie alle +die „historische Mission“ des preußischen Staates darzulegen und zu +verherrlichen verstand. Und das sollte unbeachtet und unbelohnt bleiben? + +Was Schweitzer hier schrieb, war aber auch eine Verherrlichung der +weiteren Bismarckschen Politik, es war eine förmliche Anpeitschung +Bismarcks, auf dem betretenen Wege weiter zu gehen, wäre eine solche +noch notwendig gewesen. + +Im vierten Artikel kam Schweitzer auf den Bundestag und Oesterreich zu +sprechen. Hier hatte er mit seiner Kritik leichtes Spiel, denn dümmer +und dem Zeitbedürfnis widersprechender konnte nicht gehandelt werden, +als diese beiden Faktoren in der deutschen Frage gehandelt hatten. Im +übrigen war die Haltung, die in diesem Artikel Schweitzer Oesterreich +gegenüber einnahm, wie in seiner ganzen späteren Politik, das direkte +Gegenteil von dem, was er noch im Jahre 1863 — also anderthalb Jahre +zuvor — in seiner Broschüre „Die österreichische Spitze“ zur +Verherrlichung Oesterreichs gesagt hatte, und was das Programm besagte, +das angeblich der „Sozialdemokrat“ vertreten sollte. + +Der fünfte Artikel beschäftigte sich mit der Stellung der Nation und der +deutschen Frage. Er kommt zu dem Resultat: + + „_Aktionsfähig in Deutschland sind nur noch zwei Faktoren: Preußen und + die Nation, preußische Bajonette oder deutsche Proletarierfäuste_ — wir + sehen kein drittes. + + ... _Das Preußentum ist der Feind des Deutschtums, aber es ist auch + der Feind der bestehenden Gewalten Deutschlands._ + + Die Nation steht fest auf ewigem Fundament — die Fürstenstühle + Deutschlands aber müssen wanken, _wenn Preußen sich erinnert, daß + Friedrich der Große sein König war._“ + +Und wie stand's mit dem preußischen Thron? + +Der Leser wird zugeben, daß raffinierter, demagogischer nicht zu +schreiben war. Wie ein Aal windet er sich vor einer klaren +Stellungnahme. Er läßt nur ahnen, spricht aber nicht aus, was er will. +Klar ist, daß das Lesepublikum, an das Schweitzer sich wandte, von +seinem Plädoyer für Preußen gefangen genommen wurde, und das war sein +Zweck. Dazu kam, daß der ganze politische Inhalt des „Sozialdemokrat“ +von der Tendenz durchtränkt war, welche die fünf Artikel erfüllte. +Bismarck hatte in der ganzen deutschen Presse keine Feder, die +geschickter für seine Politik Propaganda machte. + +Kein Zweifel, diese Bismarckartikel standen mit dem Programm des +„Sozialdemokrat“ in seiner ersten Nummer im schneidendsten Widerspruch. +Es ist auch ausgeschlossen, daß der äußerst scharfsinnige Schweitzer +nicht vorausgesehen habe, daß er mit diesen Artikeln der großen Mehrzahl +der eben erst gewonnenen Mitarbeiter in gröblichster Weise vor den Kopf +schlug. Es war eine Brüskierung sondergleichen. Es war also +selbstverständlich, daß darauf Karl Marx, Friedrich Engels, W. +Liebknecht, Herwegh, Joh. Ph. Becker und Friedrich Reusche von dem +Blatte sich lossagten. + +Schweitzer quittierte in einem Artikel in der Nr. 31 seines Blattes über +die Rücktritte mit den Worten: Einige bornierte Köpfe hatten sich an +unseren Leitartikeln „Das Ministerium Bismarck“ gestoßen. Mit Genugtuung +konstatiere er, daß zwei Hauptorgane des österreichischen Liberalismus, +die „Presse“ und die „Ostdeutsche Post“, sich auf seine Seite gestellt +hätten und brachte längere Auszüge aus denselben. Weiter zitierte er die +„Neue Frankfurter Zeitung“, das Blatt Sonnemanns, die ausgeführt hatte, +daß die von Schweitzer befolgte Politik nichts als die Fortsetzung der +Lassalleschen Politik sei. + +Das war richtig! Ohne Lassalles Verhalten wäre es Schweitzer sehr schwer +geworden, die von ihm beliebte Politik im Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein zur Geltung zu bringen. Aber doch war zwischen Lassalle +und ihm ein Unterschied. Lassalle, ökonomisch vollständig unabhängig, +stand zu Bismarck wie Macht zu Macht, davon konnte bei Schweitzer, der +tief in Schulden steckte und nach seiner sonstigen Qualität in alle Wege +keine Rede sein. Er erschien in seinem Auftreten als ein Werkzeug der +Bismarckschen Politik, als ein Mann, der den Vorteil des Lassalleschen +Scheins für sich hatte und ihn geschickt ausnutzte. + +Im weiteren erklärte Schweitzer gegen Marx und Engels, daß sie sich vom +„Sozialdemokrat“ zurückgezogen, sobald sie eingesehen hätten, daß sie +nicht die erste Rolle bei der Partei spielen konnten. Im Gegensatz zu +ihnen sei Lassalle nicht der Mann der unfruchtbaren Abstraktion, +sondern ein Politiker im strengen Sinne des Wortes, nicht ein +schriftstellerischer Doktrinär, sondern ein Mann der praktischen Tat +gewesen. + +Wobei wieder nicht vergessen werden darf, daß später Schweitzer den +Mann der „unfruchtbaren Abstraktion“, den „schriftstellerischen +Doktrinär“ Karl Marx, umschmeichelte und für sich zu gewinnen suchte. + +Marx und Engels blieben die Antwort nicht schuldig. Unter dem 24. +Februar 1865 veröffentlichten sie folgende Erklärung: + + „Die Unterzeichneten versprachen ihre Mitarbeit am ‚Sozialdemokrat‘ + und gestatteten ihre Nennung als Mitarbeiter unter dem ausdrücklichen + Vorbehalt, daß das Blatt im Geiste des ihnen _mitgeteilten_ kurzen + Programms redigiert werde. Sie verkannten keinen Augenblick die + schwierige Stellung des ‚Sozialdemokrat‘ und machten daher keine für + den Meridian Berlin unpassenden Ansprüche. Sie forderten aber + wiederholt, _daß dem Ministerium und der feudalabsolutistischen Partei + gegenüber eine wenigstens ebenso kühne Sprache geführt werde wie + gegenüber den Fortschrittlern._ Die von dem ‚Sozialdemokrat‘ befolgte + Taktik schließt unsere weitere Beteiligung an demselben aus. Die + Ansicht der Unterzeichneten _vom königlich preußischen + Regierungssozialismus_ und von der richtigen Stellung der + Arbeiterpartei zu solchem Blendwerk findet sich bereits ausführlich + entwickelt in Nr. 73 der ‚Deutschen Brüsseler Zeitung‘ vom 12. + September 1847, in Antwort auf Nr. 206 des damals in Köln + erscheinenden ‚Rheinischen Beobachters‘, worin die Allianz des + Proletariats und der Regierung gegen die liberale Bourgeosie + vorgeschlagen war. Jedes Wort unserer damaligen Erklärung + unterschreiben wir noch heute.“ + +Die Erklärung in der „Deutschen Brüsseler Zeitung“, auf die hier Marx +und Engels sich bezogen, lautete: + + „Wenn eine gewisse Fraktion deutscher Sozialisten fortwährend gegen + die liberale Bourgeoisie gepoltert hat, und zwar in einer Weise, die + niemandem Vorteil brachte als den deutschen _Regierungen_, wenn jetzt + Regierungsblätter wie der ‚Rheinische Beobachter‘, auf die Phrasen + dieser Leute gestützt, behaupten, _nicht die liberale Bourgeoisie, + sondern die Regierung repräsentiere die Interessen des Proletariats, + so haben die Kommunisten weder mit der ersteren noch mit der letzteren + etwas gemein...._ + + Das Volk oder, um an die Stelle dieses weitsichtigen, schwankenden + Ausdrucks den bestimmten zu setzen, das Proletariat räsoniert ganz + anders, als man im geistlichen Ministerium sich träumen läßt. Das + Proletariat fragt nicht, ob den Bourgeois das Volkswohl Nebensache + oder Hauptsache sei, ob sie die Proletarier als Kanonenfutter + gebrauchen werden oder nicht. Das Proletariat fragt nicht, was die + Bourgeois bloß _wollen, sondern was sie müssen_. Es fragt, ob der + jetzige politische Zustand, die Herrschaft der Bureaukratie, _oder der + von den Liberalen erstrebte, die Herrschaft der Bourgeoisie, ihm mehr + Mittel bieten wird, seine eigenen Zwecke zu erreichen._ Dazu hat es + nur nötig, die politische Stellung des Proletariats in England, + Frankreich und Amerika mit der in Deutschland zu vergleichen, um zu + sehen, _daß die Herrschaft der Bourgeoisie dem Proletariat nicht nur + ganz neue Waffen zum Kampfe gegen die Bourgeoisie in die Hand gibt, + sondern ihm auch eine ganz andere Stellung, eine Stellung als + anerkannte Partei verschafft._“ + + Es heißt weiter: „Das Volk kann sich nicht für die _ständischen + Rechte_ interessieren. Aber ein Landtag, der Geschworenengerichte, + Gleichheit vor dem Gesetz, Aufhebung der Frondienste, Preßfreiheit, + Assoziationsfreiheit und eine wirkliche Repräsentation verlangt, _ein + Landtag, der ein für allemal mit der Vergangenheit gebrochen und seine + Forderungen nach den Bedürfnissen der Zeit eingerichtet hat statt nach + alten Gesetzen, solch ein Landtag kann auf die kräftigste + Unterstützung des Proletariats rechnen._“ + +Am 4. März schlossen sich Georg Herwegh und Wilhelm Rüstow der Erklärung +von Marx und Engels ausdrücklich an. Am 5. März erklärte Fr. Reusche in +der „Rheinischen Zeitung“ seinen Rücktritt von der Mitarbeiterschaft am +„Sozialdemokrat“, wobei er unter anderem bemerkte, er habe wiederholt +die Redaktion aufgefordert, das Junkertum rücksichtslos zu bekämpfen. +Rüstow habe Anfang Februar eine eingehende Kritik der Militärfrage an +die Redaktion gesandt; aber trotz der wiederholten Anfragen von Rüstow +und ihm erschienen weder diese noch ein von ihm eingesandter Artikel +gegen den königlich preußischen Regierungssozialismus. Bald habe es +geheißen, es sei kein Raum vorhanden, bald, man wolle warten, bis die +Zeit geeignet wäre. Am 11. März erklärte Jean Philipp Becker in Genf im +Hamburger „Nordstern“, dem Vorgehen von Marx und Engels sich +anzuschließen. Liebknecht hatte sich gleichzeitig mit den letzteren von +Schweitzer und dem „Sozialdemokrat“ losgesagt. Professor Wuttke in +Leipzig gab zwar keine öffentliche Erklärung ab, stellte aber seine +Mitarbeiterschaft am „Sozialdemokrat“ ein. Der einzige, der von dem +ganzen Mitarbeiterstab einstweilen noch dem „Sozialdemokrat“ verblieb, +war Moritz Heß in Paris. Er schied Ende 1866 aus. Eine zweite Erklärung +von Marx und Engels, datiert London den 15. März und abgedruckt in der +Berliner „Reform“ vom 19. März 1865, richtete sich gegen einen Artikel, +den Schweitzer aus der „Neuen Frankfurter Zeitung“ im „Sozialdemokrat“ +abgedruckt hatte, in dem nachgewiesen werden sollte, „wie inkonsequent +und innerlich haltlos das Verfahren der Herren Marx und Engels dem +‚Sozialdemokrat‘ gegenüber ist“. Marx konstatiert: Schweitzer habe am +11. November 1864 ihm das Erscheinen des „Sozialdemokrat“ angezeigt und +habe bei dieser Gelegenheit geschrieben: + + „Wir haben uns an etwa sechs bis acht bewährte Mitglieder der Partei + oder derselben wenigstens nahestehende Männer gewandt, um sie für die + Mitarbeiterschaft zu gewinnen.... Allein für ungleich wichtiger halten + wir es, daß _Sie, der Begründer der deutschen Arbeiterpartei und ihr + erster Verfechter_, uns Ihre Mitwirkung angedeihen lassen. Wir hegen + die Hoffnung, daß Sie einem Verein, der, wenn auch nur indirekt, auf + Ihre eigene Wirksamkeit zurückzuführen ist, nach dem großen Verlust, + der ihn betroffen, in seinem schweren Kampfe zur Seite stehen werden.“ + +In dem Prospekt habe der Name Lassalle nirgends gestanden. Der Prospekt +habe nur drei Punkte enthalten: „Solidarität der Völkerinteressen“, „Das +ganze gewaltige Deutschland — ein freier Volksstaat“, „Abschaffung der +Kapitalherrschaft“. Daraufhin hätten er und Engels ihre Mitarbeit +zugesagt.... Am 28. November habe Schweitzer ihm geschrieben, daß seine +und Engels' Zusage in der Partei, soweit sie überhaupt eingeweiht sei, +die freudigste Sensation hervorgerufen.... Marx erzählt weiter, wie er +im Laufe des Januar gegen die Taktik Schweitzers im „Sozialdemokrat“ +protestierte und daß, als trotz Schweitzers Beruhigungsschreiben die +Taktik im Blatte dieselbe geblieben, er aufs neue protestiert habe, +worauf Schweitzer ihm am 15. Februar folgendes geschrieben: + + „Wenn Sie mir wie im letzten Schreiben über theoretische Fragen + Aufklärung geben wollen, so würde ich solche Belehrung von Ihrer Seite + dankbar entgegennehmen. Was aber die praktischen Fragen momentaner + Taktik betrifft, so bitte ich Sie, zu bedenken, daß, um diese Dinge zu + beurteilen, man im Mittelpunkt der Bewegung stehen muß. Sie tun uns + daher unrecht, _wenn Sie irgendwo und irgendwie Ihre Unzufriedenheit + mit unserer Taktik aussprechen_. Dies dürfen Sie nur dann tun, wenn + Sie die Verhältnisse genau kennen. Auch vergessen Sie nicht, daß der + Allgemeine Deutsche Arbeiterverein ein konsolidierter Körper ist und + bis zu einem gewissen Grade an seine Tradition gebunden bleibt. (Der + Verein war damals kaum 22 Monate alt und hatte nur einige tausend + Mitglieder. A.B.) Die Dinge in concreto schleppen eben immer irgend + ein Fußgewicht mit sich herum.“ + +Es war also selbstverständlich, daß Marx, Engels und Genossen handeln +mußten, wie sie gehandelt haben. Schweitzer scheint geglaubt zu haben, +daß er seinen Mitarbeitern eine ähnliche Rolle zumuten dürfe, wie sie +Lothar Bucher im Einverständnis mit Bismarck Marx im „Staatsanzeiger“ +zugemutet hatte. Sie sollten Mitarbeiter sein, aber kein Recht haben, +über die Taktik mitzusprechen, die mit dem Programm, auf Grund dessen +sie ihre Mitarbeiterschaft zugesagt hatten, im _schneidendsten +Widerspruch stand_. Schreibt so radikal wie möglich für Sozialismus und +Kommunismus, je radikaler, desto besser; ihr seid dann die Flagge, unter +der ich meine Konterbande decke. So ungefähr mochte Schweitzer +räsonnieren. Es war daher eine Unverschämtheit, wenn er auf die +Beschwerde von Marx und Engels über die Haltung des Blattes erklärte: +sie im Ausland könnten die Dinge in Deutschland nicht beurteilen. Diese +konnten aber selbst Personen durchaus richtig beurteilen, die den Marx +und Engels nicht das Wasser reichten. Eines konnte man damals Bismarck +nicht vorwerfen, daß er seine Politik verschleierte und mit verdeckten +Karten spielte. + +Bucher hat später, im Herbst 1878, als anläßlich des bevorstehenden +Sozialistengesetzes seine Einladung von Marx, für den „Staatsanzeiger“ +zu schreiben, Gegenstand der öffentlichen Erörterung wurde, die Marxsche +Darlegung dieser Einladung bestritten. Darauf antwortete Marx in der +„Daily News“ unter anderem: + + Der Brief, worin mich Herr Bucher für den „Staatsanzeiger“ zu kirren + suchte, datiert vom _8. Oktober 1865_. Es heißt darin unter anderem: + „In betreff des Inhaltes versteht es sich von selbst, daß Sie nur + Ihrer wissenschaftlichen Ueberzeugung folgen; jedoch wird die + Rücksicht auf den Leserkreis — haute finance —, nicht auf die + Redaktion, es ratsam machen, daß Sie den innersten Kern nur eben für + den Sachverständigen durchscheinen lassen.“ Dagegen besagt die + „Berichtigung“ des Herrn Bucher, daß er bei „Herrn Marx anfrug, ob er + die gewünschten Artikel liefern wolle, indem es auf eine objektive + Behandlung ankäme. Von des Herrn Marx ‚eigenem wissenschaftlichen + Standpunkt‘ steht nichts in meinem Briefe.“ + +Ferner heißt's in dem Briefe Buchers: + + „Der ‚Staatsanzeiger‘ wünscht monatlich einen Bericht über die + Bewegungen des Geldmarktes (und natürlich auch des Warenmarktes, + soweit beide nicht zu trennen). Ich wurde gefragt, ob ich nicht + jemanden empfehlen könnte, und erwiderte, niemand würde das besser + machen als Sie. Ich bin infolgedessen ersucht worden, mich an Sie zu + wenden.“ + +Klassisch ist der Schluß der Bucherschen Einladung, die Marx in jener +Erklärung ebenfalls abdruckt: + + „Der Fortschritt (er meinte die liberale oder Fortschrittsbourgeoisie) + wird sich noch oft häuten, ehe er stirbt; wer also während seines + Lebens noch innerhalb des Staates wirken will, der muß sich ralliieren + um die Regierung.“ + +Das war also der Grund, der Bucher Bismarck in die Arme trieb und der +ihn veranlaßte, bei anderen das gleiche zu versuchen. + +Nach einer Erklärung, die Liebknecht am 24. März in der „Rheinischen +Zeitung“ veröffentlichte, habe Schweitzer nach dem Tode Lassalles Marx +zum Präsidenten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins vorgeschlagen. +Marx habe abgelehnt, sich mit einer Bewegung zu identifizieren, deren +Taktik er für grundverkehrt hielt, auch habe er keine Neigung gehabt, +unter den obwaltenden politischen Zuständen nach Deutschland +überzusiedeln. Schweitzer habe sich verpflichtet, daß das neue Blatt die +Lassallesche Taktik nicht befolgen, jedes Kokettieren mit der Reaktion +vermeiden sollte, unter dieser Bedingung, und nur unter dieser, habe er +sich zur Mitarbeiterschaft bereit erklärt, vorausgesetzt, daß auch Marx +und Engels sich beteiligen würden. Beide hätten sich schließlich nur mit +dem größten Widerstreben dazu verstanden, und nur auf seine wiederholte +Versicherung, daß er an die Loyalität Schweitzers — von dem er sehr +schlimme Dinge gehört — glaube. + +Die Politik des „Sozialdemokrat“ trug rasch die gewünschten Früchte. +Bereits Anfang Februar 1865 hielt ein Mitglied des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins, Peter Rex, in Köln eine Rede, worin er sagte: _ihm sei +die jetzige Regierung lieber als ein Fortschrittsministerium_. Der +„Sozialdemokrat“ druckte ohne ein Wort der Kritik diese Aeußerungen ab. +Am 12. März erklärte der Rheinisch-Westfälische Arbeitertag zu Barmen +sich mit der Haltung des „Sozialdemokrat“ einverstanden, auch sei es +durchaus zu billigen, die Vorschläge der preußischen Regierung, die bei +verschiedenen Gelegenheiten die Verbesserung der Lage der arbeitenden +Klassen durch die Gesetzgebung _versprochen_ habe, abzuwarten, bevor man +über dieselbe aburteile, indem es keineswegs unmöglich sei, _daß +dieselbe das Dreiklassenwahlgesetz aufhebe und statt desselben das +allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht_, wie es das von +Lassalle, dem Begründer der deutschen Arbeiterpartei, vorgezeichnete +nächste Ziel der jetzigen deutschen Arbeiterbewegung sei, _einführe_. + +Form und Inhalt dieser Resolution sprachen dafür, daß Schweitzer sie +verfaßt hatte, auch empfahl der „Sozialdemokrat“, überall dieselbe zur +Abstimmung zu bringen, ein Akt, der einem Vertrauensvotum für die +preußische Regierung gleichkam. + +Bereits begann aber auch die Opposition im Verein sich bemerkbar zu +machen. In seiner Nr. 38 polemisierte der „Sozialdemokrat“ gegen die +offenen Feinde und falschen Freunde, die Zwietracht in die Partei zu +säen suchten. Und da die Opposition auch begann, gegen die +diktatorischen Organisationsbestimmungen im Vereinsstatut zu +polemisieren, so mußte die Organisation als das ureigenste Werk +Lassalles mit einer Art _Glorienschein_ umgeben werden. Der +Lassallekultus wurde von jetzt ab systematisch gefördert und jeder als +eine Art Schänder des Heiligsten gebrandmarkt, der andere Ansichten zu +hegen wagte. Es waren namentlich die Worte im Lassalleschen Testament: +„Dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein empfehle ich, den Frankfurter +Bevollmächtigten, Bernhard Becker, zu meinem Nachfolger zu wählen. _Er +soll an der Organisation festhalten; sie wird den Arbeiterstand zum +Siege führen_“, die das Schibolet wurden, das den echten von dem +falschen Lassalleaner unterschied. Und Schweitzer unterstützte diese +allmählich ans Idiotenhafte grenzenden Anschauungen, die schließlich +eine Art religiöser Glaubenssätze wurden. Kam es doch im Laufe der Jahre +dahin, daß das Thema „Christus und Lassalle“ das Thema für die +Tagesordnung zahlreicher Volksversammlungen wurde. F.W. Fritzsche +erhielt sogar 1868 in Berlin eine Anklage wegen eines Vortrags über +dieses Thema, in dem der Staatsanwalt eine Gotteslästerung erblickte. +Fritzsche wurde nur freigesprochen, weil ihm der Dolus nicht +nachgewiesen werden konnte. + +Wie Schweitzer innerlich über dieses von ihm geförderte Treiben dachte, +bedarf keiner Auseinandersetzung. + +In einem merkwürdigen Gegensatz zu den Bismarckartikeln veröffentlichte +der „Sozialdemokrat“ in seiner Nr. 43 vom 5. April 1865 eine +Schlußbetrachtung über die österreichischen Staatsverhältnisse, worin es +hieß: + + „Die Deutsche Volkspartei ist, wie in allem, so auch in der deutschen + Einheitssache radikal, das heißt sie will die ganze und ausnahmslose + Verwirklichung der als gut und richtig erkannten Idee. + + Die Deutsche Volkspartei also will das _ganze_ Deutschland zum freien + Volksstaat vereinen. + + Das _ganze_ Deutschland! sagen wir. Nicht ein Dorf, nicht ein + Meierhof, nicht die kleinste Hütte im fernsten Winkel darf uns fehlen! + + Der kleindeutsche Gedanke eines ‚einigen Deutschland‘ ohne die + deutsch-österreichischen Provinzen ist _ein Hochverrat an der Nation + und ihrer Zukunft_. (Auch im Text gesperrt gedruckt.) + + Ein einiges Deutschland — _bedingungslos, ausnahmslos!_“ + +Das war eine der Doppelzüngigkeiten, womit Schweitzer bezweckte, die +Opposition zum Schweigen zu bringen, die sich anläßlich der +Bismarckartikel innerhalb und außerhalb des Vereins geltend machte. Er +sah, daß er sich zu weit vorgewagt hatte. Ein solches Manöver +wiederholte er _regelmäßig_, sobald er wegen seines Verhaltens +öffentlich Angriffen ausgesetzt war. Alsdann warf er sich wieder auf die +linke Seite und schrieb mit einem Radikalismus, der nichts zu wünschen +übrig ließ. Er konnte so, aber auch anders. + +Und er nicht allein, auch der eine und der andere seiner Anhänger. In +derselben Nummer des „Sozialdemokrat“, in der der oben zitierte Artikel +über Oesterreich stand, veröffentlichte Tölcke einen spaltenlangen +Bericht über eine _Königsgeburtstagsfeier, welche die Mitglieder des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in Iserlohn veranstaltet hatten +und in der Tölcke ein Hoch auf den König von Preußen ausgebracht hatte_. +In diesem Toast führte Tölcke aus, der Wille, den Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein vernichten zu wollen — wie das der Iserlohner +Bürgermeister durch maßlos brutale Unterdrückungsmaßregeln versucht +hatte — sei vergeblich. + + „Das gelingt nimmermehr, weil das preußische Ministerium den + Bestrebungen des Vereins, mehr aus volkswirtschaftlichen als aus + politischen Beweggründen, augenscheinlich die große Aufmerksamkeit + schenkt — es gelingt endlich nimmermehr, weil Seine Majestät unser + allverehrter König der Freund der Arbeiter ist.“ + +Auf Tölckes Betreiben hatte man sogar den König durch eine +telegraphische Depesche zum Geburtstag beglückwünscht, worauf folgende +Antwort eingegangen war: + + „Dem Arbeiterverein Iserlohn. Seine Majestät dankt bestens für Ihre + Glückwünsche. Im allerhöchsten Auftrag: Strubberg, Oberstleutnant und + Flügeladjutant.“ + +Die Verlesung dieser Depesche wurde, wie Tölcke weiter berichtete, mit +einem gewaltigen Hoch auf Seine Majestät aufgenommen. Im Festsaal war +ein Transparent angebracht: der preußische Adler stehend auf +verschlungenen Eichen- und Lorbeerzweigen, und darüber die Inschrift: +Heil dem Könige, dem Beschützer der Bedrängten!... Weithin schallten +patriotische Lieder. Ein Kriegerverein konnte nicht patriotischer +handeln. + +Schweitzer druckte den spaltenlangen Bericht Tölckes im „Sozialdemokrat“ +ab, ohne ein Wort des Tadels oder der Unzufriedenheit hinzuzufügen. +Tölcke handelte eben in den Intentionen Schweitzers. Das hinderte ihn +aber nicht, im „Sozialdemokrat“ vom 20. September 1865 bei Besprechung +einer Depesche Lord Russells, worin dieser den Gasteiner Vertrag +zwischen Preußen und Oesterreich aufs schärfste verurteilte, zu sagen: +Was geht uns der Gasteiner Vertrag an?... Es ist nur eine Angelegenheit +der preußischen Regierung, deren Politik im offensten und +entschiedensten Widerspruch zum Willen des Volkes in Preußen steht. Und +gegen die „Kreuzzeitung“ gewendet, die dem Volke mit dem Ausland drohte, +das sich in deutsche Angelegenheiten mischen werde, antwortete er: Nicht +in Frankreich, in Deutschland sitzen die Erbfeinde deutscher Nation. Wen +er darunter meinte, das überließ er dem Leser, sich zurechtzulegen. Wie +konnte der Arbeiter von damals in dieser Zweideutigkeit und +Doppelzüngigkeit sich zurechtfinden? Er hatte nur das eine Gefühl, daß +der Mann, der alles das schrieb, geistig turmhoch über ihm stand und er +darum ihm folgen müsse. + +Die Verbreitung, die damals der „Sozialdemokrat“ besaß, war eine sehr +geringe. Er hatte nur _einige hundert Abonnenten_. Das Blatt erforderte +also _sehr erhebliche_ Zuschüsse, und es konnte gar keine Rede davon +sein, daß es seinen Redakteuren auch nur einen Pfennig Gehalt abwarf, +obgleich beide darauf angewiesen waren. Um so mehr mußte auffallen, daß +bei einem solch elenden finanziellen Stand dasselbe vom 1. Juli 1865 ab +sogar _täglich_ erschien, also sein Defizit fast verdoppelte, ohne jede +Aussicht, in absehbarer Zeit einen Abonnentenzuwachs zu erlangen, der +auch nur einen nennenswerten Teil der Kosten deckte. Die Frage war also +sehr natürlich: wo kommt das Geld her? denn ohne daß erhebliche +Zuschüsse von irgend einer Seite in Aussicht standen, war der Plan, das +Blatt täglich erscheinen zu lassen, der Plan von Irrenhäuslern. + +Der Verein hatte kein Bedürfnis nach einer solchen Vergrößerung des +Blattes, wohl aber die _konservative Presse_, welche die scharfen +Angriffe, die der „Sozialdemokrat“ unausgesetzt gegen die +Fortschrittspartei und ihre Politik führte, mit Behagen weiter +verbreitete und die liberale Presse zwang, dem „Sozialdemokrat“ +ebenfalls größere Beachtung zu schenken. Auf diese Weise erlangte das +Blatt eine Bedeutung, die ganz außer Verhältnis zu seiner Verbreitung +stand. Die Frage: woher kommt das Geld? wurde auch für die liberale +Presse aktuell, und so sahen sich Schweitzer und Hofstetten genötigt, in +der Nr. 77 des „Sozialdemokrat“ vom 28. Juni 1865 eine Erklärung gegen +die „Rheinische Zeitung“ zu veröffentlichen, die in ihrer Nr. 139 +erklärt hatte: _Der „Sozialdemokrat“ stehe in nahen Beziehungen zu +Bismarck, und in ihrer Nr. 139 weiter die Beschuldigung aussprach, dem +„Sozialdemokrat“ flössen aus hochkonservativen Kreisen die Mittel zu, um +statt dreimal wöchentlich täglich zu erscheinen_. Die Erklärung +Schweitzers und Hofstettens gegen die „Rheinische Zeitung“ lautete: + + „In diesen beiden Stellen hat die Redaktion der ‚Rheinischen Zeitung‘, + obwohl mit einiger Vorsicht (? A.B.) und in etwas gewundenen Phrasen + (? A.B.), so doch im ganzen ziemlich unzweideutig uns, die Redakteure + des ‚Sozialdemokrat‘, der schmählichsten und erbärmlichsten Haltung + beschuldigt, die überhaupt in der Politik möglich ist: daß nämlich + wir, die berufen sind, die sozialdemokratische Partei in der Presse zu + vertreten, uns an eine entgegenstehende Partei oder politische Macht + verkauft hätten. + + Wenn die Redaktion der ‚Rheinischen Zeitung‘ nicht _sofort nach + Kenntnisnahme dieser Erklärung ihre Verleumdung widerruft, werden wir + gegen dieselbe, weiteres uns übrigens vorbehaltend, bei dem + zuständigen Gericht Klage erheben._“ + +Darauf antwortete die Redaktion der „Rheinischen Zeitung“ bereits am +folgenden Tage, den 29. Juni: + + _„An die Redaktion des ‚Sozialdemokrat‘, zu Händen des Herrn v. + Schweitzer, Berlin. + + Die Redaktion der ‚Rheinischen Zeitung‘ sieht sich angesichts der ihr + zugesandten Erklärung nicht veranlaßt, irgend etwas zu widerrufen, und + überläßt es der Redaktion des ‚Sozialdemokrat‘, die angedrohte Klage + zu erheben.“_ + +Darauf antwortete Schweitzer: + + _„Demgemäß wird also die in Aussicht gestellte Klage stattfinden.“_ + +Diese Klage fand aber nicht statt, Schweitzer ließ die schweren +Beschuldigungen gleich anderen, die ihm schon gemacht worden waren, auf +sich sitzen. Das besagt genug. + +Um diese Zeit und noch Jahre nachher machte sich ein Individuum in den +Berliner Arbeiterkreisen sehr bemerklich, das im Verdacht stand, im +Dienste der Regierung zu stehen. Es war dies der angebliche Arbeiter +Preuß. Tatsächlich war dieser für ein Gehalt von 50 Taler monatlich +angestellt, und zwar stand er im direkten Dienst des _Geheimen +Regierungsrats Wagener_. Nebenher lieferte Preuß für eine Anzahl Blätter +die Polizeinachrichten, die ihm eine Extraeinnahme brachten. Preuß war +es auch, der Liebknechts Anwesenheit in Berlin, Herbst 1866, wegen +Bannbruchs der Polizei denunzierte, worauf dieser, wie ich schon im +ersten Teil dieser Arbeit erzählte, zu drei Monaten Gefängnis verurteilt +wurde. Preuß besuchte mit Vorliebe die Versammlungen des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins, in denen er auch öfter sprach. Liebknecht und +andere unserer damaligen Berliner Parteifreunde behaupteten mit +Bestimmtheit, daß er den Mittelsmann zwischen Schweitzer und Wagener +abgebe, doch hatte Schweitzer wohl direktere Beziehungen zu Wagener. + +Letzterer, der Geriebene, mit allen Wassern Gewaschene, war, wie +allbekannt, die rechte Hand Bismarcks in allen sozialpolitischen +Angelegenheiten, zugleich war er vortragender Rat und stand so in +engster täglicher Beziehung zu Bismarck und dem König. Die Kette +Schweitzer-Wagener-Bismarck war also ohne ein weiteres Verbindungsglied +geschlossen, was für alle Teile sehr wichtig war. Daß Schweitzer je mit +Bismarck persönlich verkehrte, betrachte ich als vollkommen +ausgeschlossen. Schweitzer war kein Lassalle. Unvergeßlich bleibt mir, +wie Bismarck eines Tages im Reichstag den Neugierigen spielte und mit +der Lorgnette vor den Augen den auf die Tribüne zuschreitenden +Schweitzer vom Scheitel bis zu den Zehen maß, als wollte er sagen: also +du bist der, der mir an den Rockschößen hängt? + +Am Molkenmarkt mußte man die Beziehungen Schweitzers zu Wagener und +höher hinauf kennen. Daher kam es wohl, daß, wenn der „Doktor“, wie +Schweitzer dort kurz und vertraulich genannt wurde, seine öfteren +Besuche auf dem Präsidium machte, die Beamten und Offiziere ihn sehr +entgegenkommend behandelten, wie das der undankbare Tölcke nach einer +Reihe Jahre, als er mit Schweitzer gebrochen hatte, zugestand. Das +Berliner Polizeipräsidium hatte offenbar ein lebhaftes Interesse, auf +Grund seiner wenig sagenden Akten Schweitzer zu rehabilitieren und damit +auch Wagener und Bismarck weiß zu waschen. Aus diesem Grunde geschah es +wohl, daß, als Dr. Gustav Mayer sein Werk „Johann Baptist v. Schweitzer +und die Sozialdemokratie“ schrieb (bei Gustav Fischer in Jena +erschienen), ihm das Berliner Polizeipräsidium bereitwilligst Einsicht +in seine Geheimakten über Schweitzer nehmen ließ. Schon fünfzehn Jahre +früher wurde Genosse Franz Mehring, als er seine Geschichte der +deutschen Sozialdemokratie verfaßte, vom Polizeipräsidium dieselbe +Offerte gemacht, die Mehring aber ablehnte. + + * * * * * + +Die Gräfin Hatzfeldt, der die Unterstützung der Bismarckschen Politik +durch Schweitzer noch nicht weit genug ging, hatte eine Rechtfertigung +dieser Politik schon gegen Ende 1864 in einem Briefe an die Frau +Herweghs versucht, in dem sie schrieb: + + „Es liegt ein förmlicher Abîme (Abgrund) zwischen folgenden zwei + Sachen: sich an einen Gegner zu verkaufen, für ihn arbeiten, verdeckt + oder unverdeckt, oder wie ein großer Politiker den Augenblick zu + erfassen, um von den Fehlern des Gegners zu profitieren, einen Feind + durch den anderen aufreiben zu lassen, ihn auf eine abschüssige Bahn + zu drängen und die dem Zwecke günstige Konjunktur, sie möge + hervorgebracht werden von wem sie wolle, zu benutzen. Die _bloßen_ + ehrlichen Gesinnungen, diejenigen, die sich immer nur auf den idealen, + in der Luft schwebenden Standpunkt der zukünftigen Dinge stellen und + darauf nur das momentane Handeln bestimmen, mögen privatim als recht + brave Menschen gelten, aber sie sind zu nichts zu brauchen, zu + Handlungen, die auf die Ereignisse wirklich einwirken, ganz unfähig, + kurz, sie können nur in der großen Masse dem Führer folgen, der besser + weiß.“ + +Die Frau Gräfin hatte sich hier ein Programm zurechtgelegt, das selbst +einen Lassalle zum Scheitern gebracht hätte, weil vor allen Dingen die +Macht, die dazu gehörte, in der von ihr geschilderten Weise zu +politisieren, fehlte. Lassalle wäre, das ist meine Ueberzeugung, wenn es +zum Kirschenessen mit Bismarck gekommen wäre, gehörig hereingefallen; +sein Spiel hätte mit einer gewaltigen Blamage geendet. Zu glauben, ein +Bismarck konnte oder wollte der Sozialdemokratie, also dem Todfeind der +bürgerlichen Gesellschaft, ernsthafte Konzessionen machen, er, dem doch +allein daran liegen mußte, mit der modernen Macht des Kapitalismus sich +zu verständigen und der zu diesem Zwecke die Sozialdemokratie allenfalls +als _Mittel_ benutzte, hätte von einer Verblendung gezeugt, die alles +andere, nur nicht Realpolitik gewesen wäre. Auch ist die +Sozialdemokratie keine Schafherde, die gedankenlos hinter dem Führer +trottet und sich beliebig führen und nasführen läßt. Das mochte die +Gräfin Hatzfeldt zu ihrer Zeit und in der Atmosphäre, in der sie lebte, +noch glauben, aber eine sozialdemokratische Politik ist auf die Dauer +nicht ohne die bewußte Mitwirkung der Massen und das Betreten ehrlicher, +gerader Wege möglich. Die Massen lassen sich auf diplomatische Finessen +nicht ein; der Führer, der anders rechnet, wird bald erkennen, daß er +sich verrechnet hat. + +Der Sommer 1865 bot Schweitzer Gelegenheit, sich wieder als Radikaler +aufzuspielen, womit er die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen in den +Hintergrund zu drängen hoffen durfte. Es war das ebenfalls schon von mir +im ersten Bande erwähnte Abgeordnetenfest in Köln, dem gegenüber +Bismarck den Gewaltmenschen spielte. Schweitzer mit seinem gewohnten +großen Geschick wendete sich in einer Reihe Artikel im „Sozialdemokrat“ +gegen die Regierung. Und wenn er darin der Fortschrittspartei wegen +ihres feigen Verhaltens in der Kölner Angelegenheit übel mitspielte, so +forderte er auch mit Nachdruck ein völlig freies Vereins- und +Versammlungsrecht für Preußen. Trotz seiner eminenten journalistischen +Gewandtheit schrieb er jetzt mit einer Schärfe, daß der „Sozialdemokrat“ +eine längere Reihe von Tagen _täglich konfisziert_ wurde. Diese +oppositionelle Haltung übertrug er auch auf die Kritik an der +auswärtigen Politik, als Bismarck im Oktober zu Napoleon nach Biarritz +reiste, um dessen Zustimmung zu seiner „nationalen“ Politik zu erlangen, +Verhandlungen, bei denen, wie sich nach 1866 erwies, Napoleon der +Geprellte war. Gegen Schweitzer erhob die Staatsanwaltschaft Anklage +wegen verschiedener Preßvergehen. Auch reizte die Opposition des +„Sozialdemokrat“ die Staatsanwaltschaft noch zu weiterer Verfolgung. So +wurden durch Gerichtsbeschluß in Berlin und Magdeburg die +Mitgliedschaften des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins unterdrückt, +weil sie als selbständige politische Vereine anzusehen seien, die nach +dem § 8 des preußischen Vereins- und Versammlungsgesetzes nicht +miteinander in Verbindung stehen durften. + +Diese Verfolgungen verhinderten aber nicht, daß im Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein Schweitzer mit einer starken Opposition zu kämpfen hatte, +wobei die Gräfin Hatzfeldt tapfer schürte, weil er dieser nicht den +verlangten Einfluß auf den Verein und seine Politik einräumte. Es begann +ein wahres Tohuwabohu im Verein, es war der Kampf um die Macht. Lassalle +hatte kurz vor seinem Tode Schweitzer zum Vorstandsmitglied des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins ernannt. Die Generalversammlung in +Düsseldorf ließ ihn aber für diesen Posten durchfallen. Bernhard Becker +war ebenfalls mit Schweitzer zerfallen und versuchte einen Haupttrumpf +gegen ihn auszuspielen, indem er die Generalversammlung des Vereins nach +Frankfurt a.M. einberief, den Ort, der Schweitzer nach seiner +Vergangenheit der allerunangenehmste sein mußte. Indes war die +Opposition auch gegen den unfähigen Becker so stark, daß dieser kurz +vor der Frankfurter Generalversammlung sein Amt niederlegte, worauf +Tölcke als sein Nachfolger gewählt wurde. Bis aber dessen Wahl durch die +Urabstimmung in den Mitgliedschaften bestätigt war, sollte +Hillmann-Elberfeld, der wieder Fritzsche als Vizepräsident ersetzt +hatte, die Leitung des Vereins übernehmen. Hillmann, der zu den +entschiedensten Gegnern Schweitzers gehörte, benutzte jetzt seine +Stellung, um den zwischen Becker und Schweitzer abgeschlossenen Vertrag, +wonach der „Sozialdemokrat“ offizielles Vereinsorgan war, für null und +nichtig zu erklären und ihm das Recht, sich Vereinsorgan zu nennen, zu +entziehen. Schweitzer und Hofstetten bezeichneten von da ab das Blatt +als „Organ der sozialdemokratischen Partei“. + +Mittlerweile war Schweitzer ins Gefängnis gewandert. Er war am 24. +November wegen verschiedener Preßvergehen, darunter Majestätsbeleidigung +und Schmähung obrigkeitlicher Anordnungen, zu einem Jahre Gefängnis +verurteilt worden. Später bekam er noch vier Monate dazu, auch wurden +ihm jetzt die Ehrenrechte aberkannt. Seine Verhaftung erfolgte kurz nach +seiner ersten Verurteilung. Schweitzers journalistische Tätigkeit wurde +aber durch die Haft in keiner Weise unterbrochen, wie er denn im +Gefängnis ein Maß von Freiheiten genoß, das weder bis dahin noch später +einem in Berlin zu Gefängnis verurteilten politischen Gefangenen zuteil +wurde. Er traf alle Anordnungen sowohl als Redakteur wie später als +Präsident des Vereins aus dem Gefängnis. Seine Korrespondenz war +unbeschränkt, Besuche empfing er häufig. Als er 1869 eine mehrmonatige +Gefängnisstrafe in Rummelsburg verbüßte, konnte er sich sogar dem +Vergnügen des Kahnfahrens auf dem Rummelsburger See widmen. +Selbstbeköstigung war ihm ebenfalls gestattet, die in den Berliner +Gefängnissen für politische Gefangene erst in sehr viel späterer Zeit, +zu Ende des vorigen Jahrhunderts, erlangt wurde. + +Man hat geltend gemacht, daß die verschiedenen Gefängnisstrafen ein +Beweis gegen die Anklage seien, Schweitzer wäre Bismarckscher Agent +gewesen. Diese Auffassung ist durchaus _falsch_. Die Beziehungen, die +eine Regierung zu ihren politischen Agenten zu haben pflegt, bindet sie +nicht den Staatsanwälten und Richtern auf die Nase. Eine zeitweilige +Verurteilung eines politischen Agenten wegen oppositioneller Handlungen +ist auch sehr geeignet, Mißtrauen gegen den Betreffenden zu beseitigen +und das Vertrauen in ihn zu stärken. Bekanntlich haben auch die Berliner +Gerichte zu derselben Zeit, in der Lassalle mit Bismarck seine +stundenlangen politischen Unterhaltungen als „angenehmer Gutsnachbar“ +hatte, sich nicht gescheut, ihn zu einer Reihe harter Gefängnisstrafen +zu verurteilen, obgleich man damals in weiten Kreisen wußte, wie +Bismarck und Lassalle zueinander standen. Lastete doch der Gedanke +schwer auf Lassalle, wie er bei seinem Gesundheitszustand die langen +Haftstrafen überstehen werde. + +In den Monaten, welche der Kriegsentscheidung im Juni 1866 vorausgingen, +arbeitete der „Sozialdemokrat“ weiter zugunsten der Bismarckschen +Politik, und zwar wie auch früher mit raffiniertem Geschick. Es mußten +schon geübte Augen und ein scharfer Verstand sein, um aus all den +Verklausulierungen und Widersprüchen herauszuschälen, daß er eine +unehrliche Politik betrieb. + +Gegen Ende März 1866, also während er im Gefängnis sitzt, wird er im +„Sozialdemokrat“ deutlicher: „Die Zerstörung der Bundesleiche zu +Frankfurt sollte die Auflösung der Nation bedeuten. Die Geburt der +Nation würde von diesem Tage an datieren.“ Einer seiner Hamburger +Anhänger, Schallmeier, erklärte im „Sozialdemokrat“, die Arbeiter würden +für den Krieg sein, gebe man denselben das allgemeine Wahlrecht. +Gleichzeitig erhebt der „Sozialdemokrat“ unausgesetzt heftige +Angriffe gegen die Fortschrittspartei, den Nationalverein, den +Sechsunddreißiger-Ausschuß. Daneben erschienen wieder einige Artikel, +worin ein Buch Rüstows über das Milizsystem günstig besprochen und das +Milizheer als eine Einrichtung gepriesen wird, die am billigten die +meisten Streiter liefere. + +Im März noch hatte der „Sozialdemokrat“ den preußischen +Bundesreformentwurf mit Geringschätzung behandelt, er werde „schätzbares +Material“ bleiben. In der zweiten Hälfte April tritt er entschieden für +die preußische Bundesreform ein. Jetzt war keine Rede mehr von den +früheren Versicherungen, dem neuen Deutschen Reiche dürfe kein Dorf, +nicht der letzte Weiler fehlen. Er hatte auch vergessen, daß er noch in +der zweiten Hälfte September 1865 geschrieben: Unser köstliches Kleinod +ist, daß wir kein Oesterreich und kein Preußen, kein Bayern und kein +Hessen-Homburg, daß wir nur ein Deutschland kennen, ein deutsches Volk +und eine deutsche Sprache. + +In einer Artikelserie: Habsburg, Hohenzollern und die deutsche +Demokratie, die Ende April erschien, spricht er sich schließlich für die +Vernichtung Oesterreichs aus; es müsse reduziert werden auf die 12900000 +Einwohner, die zum Bunde gehörten. Dann sei Deutschland konstituiert, +das heißt dann hat Preußen das Feld. + +Auf ein wiederholtes Gesuch wurde Schweitzer am 9. Mai 1866 angeblich +wegen gefährdeter Gesundheit aus dem Gefängnis beurlaubt. Dagegen wäre +nichts einzuwenden gewesen, entsprach der Grund des Urlaubs der +_Wahrheit_. Dieser Grund erwies sich aber als eine Lüge. _Kaum aus dem +Gefängnis beurlaubt, entwickelte Schweitzer eine umfassende politische +Tätigkeit_, die nicht nur bewies, daß die Ruhe des Gefängnisses ihm +wieder eine gute Gesundheit verschafft hatte, _sondern daß auch die +maßgebenden Behörden gegen seine politische Tätigkeit nichts einzuwenden +hatten, obgleich sonst die Behörden bei Beurlaubungen politischer +Gefangener die selbstverständliche Forderung stellen, daß der Beurlaubte +nicht eine Tätigkeit betreibe, wegen der er in Strafe genommen worden +ist_. + +Am 21. Mai erscheint Schweitzer in Hamburg, um dort „Ordnung zu +schaffen“, am 11. Juni in Erfurt und am 18. Juni in Leipzig, woselbst er +in einer Rede für die Bismarcksche Bundesreform eintritt. Dieses +Eintreten hatte aber nicht verhindert, daß am 18. Mai der +„Sozialdemokrat“ in einem Leitartikel sagte: Von einem liberalen Preußen +sprechen die Gothaer, das an die Spitze Deutschlands zu treten habe, +aber das hieße in Wahrheit sprechen: _von einem Preußen, das nicht +existiert und nicht existieren kann_. + +Und dieser positiven durchaus richtigen Auffassung über das Wesen +Preußens gegenüber sagt Schweitzer am 16. Juni in Leipzig in einem +Vortrag „Ueber die gegenwärtigen Aufgaben der sozialdemokratischen +Partei Deutschlands“ am Schlusse: + + „Wenn es aber gelingt, die preußische Regierung weiterzutreiben auf + dem _Wege der Konzessionen an uns_ (sic! A.B.)..., dann werden wir + soviel wir können das _Unsere tun_, daß der Sieg nicht bei den Fahnen + Oesterreichs, sondern bei den Fahnen Preußens, nicht bei den Fahnen + Benedeks, sondern bei den Fahnen Bismarcks und Garibaldis sei.“ + +Kann man widerspruchsvoller handeln? + +Diese Auslassungen sind als Programmsätze Schweitzers sehr +bemerkenswert, und sie fanden wohl an hoher Stelle in Berlin ihr Echo. +Was aber das Antreiben der preußischen Regierung zu Konzessionen an uns +(also an den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein) betraf, so war, ganz +abgesehen von dem Utopismus, auf Bismarcksche Konzessionen zu +hoffen — woran Schweitzer auch selbstverständlich nicht glaubte — das +ganze Gerede eine _Aufschneiderei_, denn Schweitzer selbst hatte zuletzt +noch am 3. Juni, vierzehn Tage vor seiner Leipziger Rede, im +„Sozialdemokrat“ geschrieben: _daß die Wirren im Verein bis auf weiteres +denselben unfähig machten, in sozialpolitischen Dingen irgend etwas zu +leisten_. + +Diesem Gedanken hatte er auch schon wiederholt vor dem 3. Juni im +„Sozialdemokrat“ Ausdruck gegeben, wie denn in der Tat die Wirren im +Verein, an denen Schweitzer sein vollgerüttelt Maß der Schuld trug, bis +in das Jahr 1867 hinein denselben in Zerrüttung hielten. + +In seltsamem Widerspruch zu diesen wiederholten Erklärungen Schweitzers +steht es, wenn noch in unseren Tagen die Behauptung aufgestellt wurde, +der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein habe zu jener Zeit einen +merkbaren Einfluß auf die Neugestaltung der Dinge ausgeübt, zum Beispiel +bei Erlangung des allgemeinen Wahlrechts. Bei dem Widerstand, den das +Bismarcksche Reformprojekt in den weitesten Kreisen fand, mußte Bismarck +allerdings jede Unterstützung, war sie auch noch so unbedeutend, für +sein Projekt willkommen sein. Daß er das allgemeine Wahlrecht gewährte, +geschah, weil er es gewähren mußte. Das war so selbstverständlich, daß +es dazu keiner Einflüsterungen und Anfeuerungen bedurfte. Hatte er doch +bereits Sommer 1863, also zu einer Zeit, in der der Allgemeine Deutsche +Arbeiterverein eben erst gegründet worden war, gegenüber dem +österreichischen Reformentwurf, der das deutsche Parlament aus +Delegationen der einzelstaatlichen Landtage zusammensetzen wollte, ein +Parlament gefordert, das auf Grund des in der Paulskirche 1849 +beschlossenen allgemeinen Wahlrechtes gewählt werden sollte. Bismarck +hat die Gründe, weshalb er zu demselben griff und greifen mußte, nicht +bloß später im norddeutschen Reichstag auseinandergesetzt; er schrieb +auch in einer Zirkulardepesche am 24. März 1866, also drei Monate vor +dem Krieg: + + „Direkte Wahlen und allgemeines Stimmrecht halte ich für größere + Bürgschaften einer konservativen Haltung als irgend ein künstliches, + auf Erzielung gemachter Majoritäten berechnetes Wahlgesetz. Nach + unseren Erfahrungen sind die Massen ehrlicher bei der Erhaltung + staatlicher Ordnung interessiert als die Führer derjenigen Massen, die + man durch die Einführung irgendeines Zensus in der aktiven + Wahlberechtigung privilegieren möchte.“ + +Und an den Grafen Bernsdorf in London schrieb Bismarck unter dem 19. +April 1866: + + „Ich darf es wohl als eine auf langer Erfahrung begründete + Ueberzeugung aussprechen, daß das künstliche System indirekter und + Klassenwahlen ein viel gefährlicheres ist, indem es die Berührung der + höchsten Gewalt mit den gesunden Elementen, die den Kern und die Masse + des Volkes bilden, verhindert.... Die Träger der Revolution sind die + Wahlmännerkollegien, die der Umsturzpartei ein über das Land + verbreitetes und leicht zu handhabendes Netz gewähren, wie dies 1789 + die Pariser Elekteurs gezeigt haben. Ich stehe nicht an, indirekte + Wahlen für eines der wesentlichsten Hilfsmittel der Revolution zu + erklären, und ich glaube, in diesen Dingen praktisch einige + Erfahrungen gesammelt zu haben.“ + +Zu diesen Gründen, die deutlich das Unbehagen verraten, das die +bisherigen Resultate der Wahlen nach dem Dreiklassenwahlsystem in +Preußen bei ihm erzeugten, kommen noch als besonders _entscheidende_, +daß in dem Staatenkonglomerat, das der später neugebackene Norddeutsche +Bund bildete, es keine gemeinsame Grundlage gab, auf der ein anderes +Wahlrecht als das allgemeine möglich war. Ferner gebot die Rücksicht auf +die Traditionen des ersten deutschen Parlaments in Frankfurt 1848/49, +daß er das allgemeine Wahlrecht einführte, das allein die starken +Antipathien, die gegen die Gründung des Norddeutschen Bundes selbst in +weiten Kreisen der norddeutschen Bevölkerung vorhanden waren, +einigermaßen überwinden konnte. Es muß weiter hinzugefügt und +_wiederholt_ daran erinnert werden, daß in jenen Jahren der Gedanke, das +allgemeine Wahlrecht einzuführen, selbst in konservativen Kreisen im +Hinblick auf die Resultate des Dreiklassenwahlsystems sympathisch +aufgenommen wurde und der Geheime Regierungsrat Wagener schon im +Spätsommer 1862, also _ehe_ noch Lassalle öffentlich diese Forderung +erhoben hatte, die Einführung des allgemeinen Wahlrechts befürwortete. +Auch hatten schon zu Anfang 1862 die radikalen Leipziger Arbeiter diese +Forderung gestellt, und seit 1865 war es eine Programmforderung _der +gesamten deutschen Arbeiterklasse ohne Unterschied der Partei_. Im +Winter 1865/66 wurde diese Forderung in unzähligen Volksversammlungen +propagiert, noch ehe jemand an den Bismarckschen Reformentwurf denken +konnte, weil er für die Oeffentlichkeit noch nicht existierte. Es war +also nach Lage der Dinge unmöglich, daß der Allgemeine Deutsche +Arbeiterverein als solcher merkbaren Einfluß auf die Gewährung des +allgemeinen Stimmrechts ausgeübt hat. + +Bismarck hatte am 9. Mai den Landtag nach Hause geschickt, weil er +fürchtete, daß er ihm, wie bei Gelegenheit der Schleswig-Holsteinschen +Frage, die Mittel zum Kriegführen verweigern werde. Bismarck brauchte +aber Geld, und so gab er auf dem Verordnungswege, also ohne alles +gesetzliche Recht, 40 Millionen Taler Kassenscheine aus und ordnete die +Errichtung von Darlehenskassen an. Die gesamte liberale und +demokratische Presse spie mit Recht Feuer und Flamme über diese +gesetzwidrige Handlung, aber _Schweitzer brachte es fertig, unter sehr +deplacierten Angriffen auf die Fortschrittspartei die Handlung +Bismarcks zu verteidigen_. Als dann Bismarck nach dem Kriege die +Gründung eines Staatsschatzes, der mit 20 Millionen Taler dotiert werden +sollte, verlangte, um ausgesprochenermaßen im Kriegsfall zunächst von +einer Geldbewilligung der Kammer unabhängig zu sein, _führte Schweitzer +wieder eine Menge Gründe zugunsten desselben an, wagte aber nicht_, sich +rückhaltlos für den Plan auszusprechen. + +Der „Sozialdemokrat“ mußte mit dem 1. April 1866 sein sechsmaliges +Erscheinen einstellen; er erschien wieder nur dreimal wöchentlich. Es +mochte niemand mehr ein Bedürfnis haben, angesichts der kommenden +kriegerischen Ereignisse weiter schwere Opfer für ein sechsmaliges +Erscheinen zu tragen. _Denn er besaß noch keine 500 Abonnenten_. Am 17. +Juni fand eine Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins in Leipzig statt, die nur von 12 Delegierten besucht +war, was zeigt, wie gering damals die Leistungsfähigkeit des Vereins +war. Angeblich sollten diese 12 Delegierten, unter denen sich auch +Schweitzer befand, 9400 Mitglieder vertreten. Bei der Präsidentenwahl +unterlag Hillmann-Elberfeld gegenüber Perl-Hamburg, das war ein +indirekter Sieg Schweitzers. Im „Sozialdemokrat“ wiederholte sich jetzt +das Spiel, das man nach seiner Leipziger Rede erwarten mußte. Als +Oesterreich während der Waffenstillstandsverhandlungen Venetien an +Napoleon übergab, um es nicht an das verhaßte Italien abtreten zu +müssen, entdeckte Schweitzer hierin, gleich der liberalen Presse, einen +_Verrat_ Oesterreichs an Deutschland, und ging nun, diesen Vorwand +benutzend, mit fliegenden Fahnen in das Lager Preußens, dessen +„staunenswerte organisatorische Kraft“ gezeigt, daß Deutschland zu ihm +zu stehen habe. Von diesem seinem Standpunkt aus war es ihm +außerordentlich peinlich, als Ende August Johann Jacoby anläßlich der +Beratung einer Adresse an den König eine vorzügliche Rede im preußischen +Landtag hielt, in der er sich entschieden gegen das neue Gebilde, +den Norddeutschen Bund, aussprach, der die Ausschließung +Deutsch-Oesterreichs und der süddeutschen Staaten zur Voraussetzung +gehabt habe. Im weiteren erklärte sich Jacoby gegen die Indemnität, die +jetzt die Regierung für ihre gesetzwidrigen Maßnahmen vor und während +des Krieges von dem Landtag forderte. Schweitzer zollte zwar dem Mute +und dem Idealismus Jacobys volles Lob, rechtfertigte aber durch +gewundene Ausführungen den neuen Stand der Dinge. Als dann am 20. +September die allgemeine Amnestie erschien, war niemand vorhanden, der +dieselbe mehr verdient hätte als er für die Dienste, die er vom 9. Mai +ab für die Regierung geleistet hatte; sie brachte ihm den Nachlaß von +zehn Monaten seiner Haft. + +Ende August 1866 machte der „Sozialdemokrat“ in der Anwandlung einer +melancholischen Stimmung das Geständnis: „So habe sich das deutsche Volk +die deutsche Einheit nicht vorgestellt.“ Was damals über den Entwurf zur +künftigen Nordbundsverfassung verlautete, war allerdings zum +Melancholischwerden. Bismarck, der wirkliche Realpolitiker, der jetzt im +Zenith seiner Macht stand, schmiedete das Eisen, solange es warm war, +und schuf einen Verfassungsentwurf, der noch ein gut Stück hinter der +preußischen Verfassung an konstitutionellen Rechten zurückstand. Es +hieße den Scharfsinn Schweitzers beleidigen, wollte man annehmen, daß er +ernstlich darüber enttäuscht war. Wer wie er das Wesen des jetzt alles +beherrschenden preußischen Staates und auch das Wesen und den Charakter +Bismarcks kannte, konnte nichts anderes erwarten. Aber wie wollte er +seine großpreußische Politik dem Verein gegenüber rechtfertigen und +mundgerecht machen? Jetzt zeigte sich, was es mit seiner Behauptung, der +Verein sei eine Macht, so „daß er ihm (Bismarck) Konzessionen abnötigen +könne“, auf sich hatte. + +Wir waren nicht enttäuscht, denn wir hatten uns keinen Illusionen +hingegeben. Indes spann Schweitzer den alten Faden weiter. Vor allem +setzte er auf der Generalversammlung in Erfurt, die für den 27. Dezember +einberufen worden war, ein Wahlprogramm durch, dessen erster Punkt in +Berlin an maßgebender Stelle notwendig freundlich aufgenommen werden +mußte. Dieser Punkt lautete: „Gänzliche Beseitigung jeder Föderation, +jedes Staatenbundes, unter welcher Form es auch sei. Vereinigung aller +deutschen Stämme zu einer innerlich und organisch durchaus +verschmolzenen Staatseinheit, durch welche allein das deutsche Volk +einer glorreichen nationalen Zukunft fähig werden kann: durch Einheit +zur Freiheit.“ Also auf dem Wege der Bismarckschen Politik zur Freiheit. +Das war die _gleiche_ Parole, welche die nationalliberale Partei +aufgestellt hatte, und bedeutete weitere Annexionen, die nicht ohne +einen neuen Krieg ausführbar waren. Der zweite Punkt des Programms +handelte von der Forderung des allgemeinen, gleichen Wahlrechtes mit +Diätenzahlung für Reichstag und Landtage. Sicherung der Volksrechte. Die +Forderung nach allgemeiner Volksbewaffnung, die in dem von der Gräfin +Hatzfeldt herrührenden Programmentwurf stand, strich Schweitzer, denn +nach dem „Sozialdemokrat“ hatte Preußen bewiesen, „daß es allein durch +seine staunenerregende organisatorische Kraft zur Führung der deutschen +Wehrkraft berufen sei“, und dem durfte man doch jetzt nicht mit der +allgemeinen Volksbewaffnung kommen. Der vierte Punkt verlangte Anbahnung +der Lösung der Arbeiterfrage durch freie Assoziationen mit Staatshilfe +nach den Prinzipien Ferdinand Lassalles. Also von Bismarcks Gnaden. Für +Moritz Heß gab das Erfurter Programm endlich den Anstoß, um als letzter +von den ersten Mitarbeitern dem „Sozialdemokrat“ die Mitarbeiterschaft +aufzusagen. + +Man vergleiche dieses Verhalten Schweitzers mit seinem Verhalten im +Frühjahr 1865, als er, durch die Opposition in seinem Verein bedrängt, +im „Sozialdemokrat“ vom 5. April 1865 erklärte: + + „Die Deutsche Volkspartei _also will das ganze_ Deutschland zum freien + Volksstaat vereinen. Das ganze Deutschland sagen wir. Nicht ein Dorf, + nicht ein Meierhof, nicht die kleinste Hütte im entferntesten Winkel + darf uns fehlen. Der kleindeutsche Gedanke eines einigen Deutschland + _ohne die deutsch-österreichischen Provinzen ist ein Hochverrat an der + Zukunft der Nation_.“ + +So hatte der Schweitzer von 1865 dem Schweitzer von 1866 das Urteil +gesprochen. Aber was er 1865 geschrieben und beteuert hatte, hatten +seine Anhänger vergessen. Blieb nach einer anderen seiner früheren +Ausführungen nur die Wahl zwischen deutschen Proletarierfäusten und +Preußen für die Lösung der deutschen Frage, und waren damals die +deutschen Proletarierfäuste zu schwach, die deutsche Frage im +demokratischen Sinne zu lösen, so war dies für den Führer einer +Arbeiterpartei kein Grund, sich zum Werkzeug der Lösung im cäsarischen +Sinne herzugeben. Einmal die Ehrlichkeit Schweitzers für einen +Augenblick vorausgesetzt, so wäre selbst dann seine Taktik ein Verrat an +der Demokratie gewesen, weil er die Politik ihres gewalttätigsten und +grimmigsten Feindes unterstützte. + + + + +Schweitzer und die Konservativen. + + +Mit der Agitation für die Wahlen zum konstituierenden norddeutschen +Reichstag, die auf den 12. Februar 1867 angesetzt waren, beginnt die +zweite Periode der Tätigkeit Schweitzers. Die Haltung des +„Sozialdemokrat“ ließ keinen Zweifel, daß Schweitzer es mit den +_Konservativen_ nicht verderben wollte. Er rechnete offenbar auf +Schachergeschäfte mit diesen gegen die Liberalen, was auch im Wunsche +Bismarcks liegen mußte. Schweitzer ging also wieder gegen die +Fortschrittspartei aufs schärfste ins Feuer, eine Taktik, die ihm der +alte Moritz Heß als Verrat anrechnete. Dieser meinte, es handle sich vor +allen Dingen doch darum, die _linke_ Seite des Parlamentes nach Kräften +zu stärken, um eine leidliche Verfassung zustande zu bringen, was ein +durchaus richtiger Standpunkt, aber nicht der Schweitzers war. + +Schweitzer hatte unter den verschiedenen Kandidaturen, die ihm von +seinen Anhängern angeboten worden waren, sich für Barmen-Elberfeld +entschieden, ein Wahlkreis, der ihm die meiste Aussicht auf Sieg bot. +Die Leipziger Lassalleaner wollten in Leipzig Liebknecht aufstellen, den +wir im neunzehnten sächsischen Wahlkreis aufgestellt hatten, wo wir +hofften, ihn durchzubringen, was leider nicht gelang. Wir hatten in +Leipzig, nachdem Professor Roßmäßler abgelehnt hatte, Professor Wuttke +als Kandidat proklamiert. Schweitzer eiferte gegen Liebknechts +Kandidatur. Dieselbe gehe von einer Seite aus, der das Werk Lassalles +stets ein Dorn im Auge gewesen sei. Die Leute, die im Hintergrund von +Liebknechts Kandidatur stünden, seien im Zusammenhang mit +österreichischen reaktionären Kreisen. Liebknecht habe noch vor zwei +Jahren Lassalle in öffentlichen Blättern geschmäht. Wer Liebknecht +wähle, sage sich offen von Lassalle und seinem Werke los. So spekulierte +er auf die blinde Voreingenommenheit seiner Anhänger für Lassalles Werk. +Liebknecht zu wählen, war also ein Verbrechen an Lassalle. Wie +Schweitzer überhaupt die Dinge ansah, zeigt ein Ausruf „An meine Freunde +und Parteigenossen in Schlesien und im Rheinland“, in dem es pathetisch +hieß: „_Eine mildere Zeit, eine weisere Regierung ist gekommen!_“ In +Barmen-Elberfeld, woselbst Schweitzer Ende Januar wieder eine seiner +geschickten Reden hielt, sprach er _mit keinem Worte über seine Stellung +in der Politik und gegebenenfalls im Parlament_. Im „Sozialdemokrat“ +wurden ungeschickterweise maßlose Hoffnungen über den Ausfall der Wahlen +genährt. So wurde zum Beispiel in der Nr. 15 vom 3. Februar angekündigt, +die gewählten Vertreter würden in Berlin einen gemeinsamen Haushalt +führen. Man sprach von Diätenkommunismus usw. Schweitzer wurde sogar im +„Sozialdemokrat“ als Sieger angesungen, noch ehe er gewählt war. Er +hatte als Gegenkandidaten in Barmen-Elberfeld von konservativer Seite +Bismarck, von liberaler Herrn v. Forckenbeck. Der Wahltag brachte eine +schwere Enttäuschung. Bismarck erhielt 6523, Forckenbeck 6123, +Schweitzer nur 4688 Stimmen. Er war nicht einmal in die engere Wahl +gekommen. Auch im übrigen Deutschland war der Wahlausfall für den +Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein eine Enttäuschung. In der engeren +Wahl in Barmen-Elberfeld hatten also die Sozialdemokraten den Ausschlag +zu geben. In einer großen Wählerversammlung am 26. Februar nimmt +Schweitzer zunächst das Wort, erklärt aber, keine Parole für die engere +Wahl auszugeben, bevor er nicht die Meinung der Versammlung gehört. +Schließlich ergreift er wieder das Wort, wobei er äußerte: + + „Das vielfache Rufen des Namens Bismarck aus der Versammlung hätte ihn + erkennen lassen, _nach welcher Seite sich die Stimmung im allgemeinen + gelenkt habe. Er könne dem einzelnen keine Vorschriften machen, für + wessen Wahl sich derselbe entscheiden solle, ein jeder solle dem Zuge + seines Herzens folgen._“ + +Damit wußte jeder, woran er war. Um aber das Komödienspiel zu vollenden, +ließ er im Widerspruch mit seiner eigenen Rede eine Resolution annehmen, +in der sich die Versammlung für _Stimmenthaltung_ aussprach. In der Tat +erhielt Bismarck bei der engeren Wahl _fast die gesamten Schweitzerschen +Stimmen. Er wurde mit 10196 gegen 6944, die Forckenbeck erhielt, +gewählt._ + +Schweitzer suchte in einer Erklärung diese Abstimmung damit zu +rechtfertigen, daß er ausführte: + + Man habe der liberalen Bourgeoisie eine Lehre geben wollen für die + gemeine Kampfweise, die sie im Wahlkampf geübt habe. „_Vielleicht + auch, Arbeiter_,“ fuhr er fort, „_war eure Abstimmung eine Huldigung + nicht zwar für den Kandidaten der konservativen Partei, wohl aber für + den Minister, der aus eigenem Antrieb ein Volksrecht euch + zurückgegeben, welch es die liberale Opposition für euch zu fordern so + hartnäckig vergessen hatte._“ + +Der gute, volksfreundliche Bismarck! + +Wenige Tage nach jener Elberfelder Bismarckwahl stand ich in engerer +Wahl im 17. sächsischen Wahlkreis (Glauchau, Meerane usw.) gegen einen +nationalliberalen Kandidaten. Hier erklärte der Führer der +Lassalleaner — den Bericht veröffentlichte der „Sozialdemokrat“ —, _ein +reiner Lassalleaner dürfe Bebel nicht wählen, der nach dem Standpunkte, +den sie, die Lassalleaner, einnähmen, ein Verräter an der Sache sei_. + +_Bismarck der Wohltäter der Arbeiter, Liebknecht und Bebel ihre +Verräter._ Das war das Resultat der Schweitzerschen Erziehungsmethode. +Wie schon früher gemeldet, wurde ich trotzdem gewählt, die wenigen +hundert Stimmen der Lassalleaner gaben nicht den Ausschlag. + +In Barmen-Elberfeld mußte kurz darauf eine Neuwahl stattfinden, da +Bismarck, der doppelt gewählt worden war, das Mandat für +Barmen-Elberfeld niederlegte. Bei der darauf folgenden Neuwahl erhielt +Schweitzer 4919, der liberale Professor Gneist 4291, der konservative +von der Heidt 2594, Oberbürgermeister Bredt 1497 Stimmen. Es mußte also +wieder engere Wahl stattfinden, und zwar diesmal zwischen Schweitzer und +Gneist. Der „Sozialdemokrat“ buhlte jetzt offen um die Stimmen der +konservative — Arbeiter. _Noch charakterloser und würdeloser trieb +Schweitzer die Buhlerei in einer Versammlung am 17. März, in der er die +Konservativen aufforderte, von zwei Uebeln das kleinere oder entferntere +zu wählen, und das sei er. Auf dem sozialen Boden könnte sich die +Arbeiterpartei mit den Konservativen über manches die Hände reichen._ Er +bezieht sich dafür auf _Reden des Geheimen Oberregierungsrats Wagener,_ +auf Bischof Kettelers Buch, _auf Aeußerungen Bismarcks_. + + _„Die Konservativen möchten mitwirken, damit die Arbeiter durch ihn im + Parlament zum Wort kämen. Als die Konservativen die Arbeiter + riefen — einerlei aus welchem Grunde —, kamen diese mit ihrer ganzen + Armee. Jetzt rufen die Arbeiter, und die Konservativen würden eine + moralische Verpflichtung nicht lösen, wenn nicht auch sie nun dem Rufe + folgten. Sie müßten kommen, wenn sie nicht die gerechtere Entrüstung + über sich heraufbeschwören wollten.“_ + +Dann stößt er Drohungen gegen die Fortschrittspartei aus. + +Aber für diese Charakterlosigkeit und Würdelosigkeit sondergleichen +blieb dennoch der Lohn aus. Schweitzer unterlag abermals, und zwar mit +7923 gegen 8019 Stimmen, die auf Gneist fielen. + + + + +Schweitzer im norddeutschen Reichstag. + + +Nachdem der konstituierende norddeutsche Reichstag die Verfassung des +Norddeutschen Bundes beraten hatte und diese verkündet worden war, +wurden die Wahlen für die erste Legislaturperiode auf Ende August 1867 +angesetzt. Schweitzer kandidierte wieder in Barmen-Elberfeld, diesmal +mit Erfolg. Schweitzer erhielt im ersten Wahlgang 6110, Dr. Löwe-Calbe +(Fortschritt) 3588, Professor v. Sybel-Düsseldorf 3478 Stimmen, es war +also engere Wahl zwischen Schweitzer und Löwe-Calbe nötig, in der +Schweitzer mit 8915 Stimmen gegen 6690 Stimmen, die auf Löwe-Calbe +fielen, siegte. _Diesmal hatte wieder der größte Teil der Konservativen +für Schweitzer gestimmt._ Wie er in seiner Danksagung glaubte +hervorheben zu müssen, waren es die konservativen Arbeiter, die in +richtiger Erkenntnis der Sachlage dem Arbeiterkandidaten ihre Stimme +gegeben hätten. Inwieweit das richtig war, zeigt die später bekannt +gewordene Tatsache, _daß der Führer der Konservativen, Herr v. Kusserow, +Schweitzer für seine Wahl 400 Taler eingehändigt hatte._ Auf der +Berliner Generalversammlung stellte man, als diese Tatsache bekannt +wurde, das grausame Verlangen, Schweitzer solle das Geld zurückgeben. +Wie konnte man nur so naiv sein. + +Aber Schweitzer glaubte noch ein übriges tun zu müssen und den +Konservativen Zusicherungen für sein Wohlverhalten im Reichstag geben zu +sollen, und so äußerte er in seiner Erklärung vom 11. September weiter: + + „Mein sozialer Standpunkt wird von niemand in Zweifel gezogen; ich + brauche daher in dieser Beziehung nichts zu sagen. In politischer + Beziehung bemerke ich, daß ich gemäß den Grundsätzen der Partei, der + ich angehöre und die mich zu ihrem Führer erkoren, in Fragen der + Freiheit und _des Volkswohls_ unwandelbar mit der äußersten Linken + (der Fortschrittspartei) stimmen werde. Sollten ernstliche Gefahren + vom Ausland her das deutsche Vaterland bedrohen, so werde ich den + König von Preußen, in dem jetzt die nationale Machtstellung + Deutschlands gipfelt, und seine Regierung mit aller Kraft, die einem + einzelnen zu Gebote stehen kann, in dem Parlament wie außerhalb + desselben zu unterstützen bestrebt sein.“ + +Schweitzers Wahl hatte begreiflicherweise unter seinen Anhängern große +Begeisterung hervorgerufen, und er nutzte diese nun aus, indem er in +einem mit vier Schimmeln bespannten Wagen einen Triumphzug durch die +beiden Städte Barmen-Elberfeld unternahm. Solche Triumphzüge, die, +wollte sie heute ein Arbeiterführer arrangieren, ihn zum toten Manne +machten, liebte er. Solche Triumphzüge, wobei stets die Schimmel eine +Rolle spielten, kamen wiederholt auch später vor, so zum Beispiel in +Hamburg-Altona, nochmals in Barmen-Elberfeld und in Kassel. Damit aber +auch das nötige Volk auf der Straße war, unterbrach zum Beispiel +Schweitzer seine Reise von Berlin nach Kassel in Minden und fuhr von +dort mit einem Zug, der erst abends nach 7 Uhr in Kassel eintraf. Hier +benutzte er die mit Schimmeln bespannte Equipage auch während der +mehrtägigen Dauer der Generalversammlung des Arbeiterverbandes, +verlangte aber, daß seine Anhänger die hohen Kosten dafür tragen +sollten. Dessen weigerten sie sich. Die Kosten des Triumphzugs vom +Bahnhof nach der Stadt wollten sie bezahlen, das andere müsse Schweitzer +tragen. Dabei blieb es. + +Mit Schweitzers Eintritt in den norddeutschen Reichstag, dem außer mir +nunmehr auch Liebknecht angehörte, kam es zeitweilig zwischen uns und +Schweitzer zu Auseinandersetzungen. Eine solche von besonderem Interesse +spielte sich in der Sitzung vom 17. Oktober 1867 ab, in der der +Gesetzentwurf betreffend die Verpflichtung zum Kriegsdienst auf der +Tagesordnung stand. Liebknecht sprach zunächst, und zwar in +außerordentlich scharfer Form unter häufigen heftigen Unterbrechungen +der Mehrheit und des Präsidenten. Namentlich griff er die Politik +Bismarcks schonungslos an und schloß seine Rede mit den Worten: „Die +Weltgeschichte wird hinwegschreiten über diesen norddeutschen Reichstag, +der nichts ist als das Feigenblatt des Absolutismus.“ Nachher kam ich +zum Wort. Ich begründete in aller Ruhe unseren Standpunkt als Vertreter +des Milizsystems. Mittlerweile hatte sich auch Schweitzer gemeldet, um +seinen entgegengesetzten Standpunkt zu markieren. Bei Einbringung eines +Schlußantrags verlas der Präsident, wie es damals Vorschrift war, die +Namen der eingeschriebenen Redner für und wider den Gesetzentwurf, +darunter Schweitzer als Gegner. _Dieser erklärte darauf zur +Geschäftsordnung, er habe sich nicht wider, sondern für den +Gesetzentwurf einschreiben lassen._ + +Schweitzer ergriff alsdann bei der Spezialdebatte das Wort und führte +aus: Nach dem Standpunkt, den Herr Liebknecht einnehme, müßte auch die +allgemeine Wehrpflicht verworfen werden. Dabei hatten wir beide eine +Resolution einzubringen versucht, für die wir aber nicht die nötigen +Unterschriften erhielten, in der die Einführung des Milizsystems, also +die Verwirklichung der allgemeinen Wehrpflicht nach dem Muster +Scharnhorsts und Gneisenaus gefordert wurde. Liebknecht wünsche, daß der +Norddeutsche Bund überhaupt nicht existiere. Er und seine Freunde +wollten den Norddeutschen Bund freiheitlich gestalten, darin ständen sie +mit der _Fortschrittspartei_ auf einem Boden. Er berief sich also wieder +auf dieselbe Partei, die er seit 1863 als Trägerin des Rückschritts +bekämpft und fortgesetzt angegriffen hatte. Er, Schweitzer, wolle nicht +mit Herrn Liebknecht und seinen Freunden, den depossedierten Fürsten und +dem Ausland, dahin trachten, Preußen und den Norddeutschen Bund zu +ruinieren und zu zerstören: + + „Wir haben erkannt, daß der preußische Machtkern unser deutsches + Vaterland, das so lange mißachtet war, dem Ausland gegenüber endlich + zur Geltung und zu Ehren gebracht hat und dies auch künftig tun wird, + und es liegt uns fern, mit jenen selbst diejenigen Eigenschaften an + Preußen leugnen und bemäkeln zu wollen, die im vorigen Jahre eine + feindliche Welt bewundernd anerkennen mußte.“ + +Sie stünden innerhalb, wir außerhalb des neu sich bildenden Vaterlandes, +wollten außerhalb desselben stehen. + +Liebknecht antwortete in einer persönlichen Bemerkung: + + „Der Abgeordnete v. Schweitzer hat mir einen großen Gefallen getan, + denn er hat mir die Gelegenheit gegeben, die ich bis jetzt vergebens + gesucht habe, zu erklären, _daß ich allerdings mit dem Doppelgänger + des Herrn Wagener nichts zu tun habe_.“ + +Schweitzer schwieg und Wagener schwieg. Vor der Abstimmung über den +entscheidenden § 1 verließ Schweitzer den Saal. Er wagte nicht dafür zu +stimmen und wollte nicht dagegen stimmen. + +Diese Vorgänge im Reichstag beschäftigten kurz darauf zwei Versammlungen +der Berliner Mitgliedschaft des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins. +Schweitzer beantragte hier folgende Resolution: + + „Die Versammlung erkennt an, daß die von Preußen geschaffene Macht die + Möglichkeit der Herstellung der deutschen Einheit in sich trägt; + zweitens ist sie _mit der Fortschrittspartei damit einverstanden_ + (weiter nach links wagte Schweitzer nicht mehr zu gehen. A.B.), daß + mit äußerstem Nachdruck und ohne daß man sich um Drohungen der + preußischen Regierung kümmere, auf eine freiheitliche Gestaltung + Preußens und des Norddeutschen Bundes gedrungen werden muß, da nur + hierdurch eine ersprießliche endgültige Lösung der deutschen Sache + möglich ist; drittens erklärt sie es für verfehlt, in Gemeinschaft mit + der Auffassung des mißgünstigen Auslandes das Vorgehen Preußens im + vorigen Jahre zu beurteilen und demgemäß eine Zertrümmerung Preußens + und des Norddeutschen Bundes zu erstreben und zu erhoffen.“ + +Rückhaltloser konnte man für die Bismarcksche Schöpfung nicht eintreten. +Dieser Resolution gegenüber beantragten nun _Theodor Metzner_ und +_Reimann_, zwei Opponenten von Schweitzer: + + „Die Versammlung beschließt, daß Herr v. Schweitzer sowohl im + Reichstag als durch seine Verdächtigung der radikalen Partei in der + heutigen Versammlung _das wenige Vertrauen, das derselbe bisher bei + den Berliner Arbeitern genossen, vollständig verloren hat_.“ + +Eine dritte Resolution brachte der fortschrittliche Maschinenbauer +Andreack ein, die forderte: + + _„Die Versammlung möge beschließen, daß sie in der deutschen Frage + sich nur mit dem Standpunkt der Deutschen Fortschrittspartei + einverstanden erklären kann.“_ + +Und was geschah jetzt? Als Schweitzer merkte, daß die scharfe +Opposition, die er fand, seine Resolution zu Fall bringen könnte, zog +er, feig wie er immer war, wenn ihm eine Niederlage drohte, _dieselbe +zurück und erklärte sich für die fortschrittliche Resolution, die +dasselbe besage wie die seine_. Hofstetten, der den Vorsitz hatte, tat +Schweitzer den Gefallen, über die Andreacksche Resolution zuerst +abzustimmen und sie für angenommen zu erklären, was seitens der +Opposition einen Sturm der Entrüstung hervorrief. + + + + +Schweitzers Diktatur. + + +Schweitzer hatte das dringendste Interesse, den Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein ganz in die Hand zu bekommen, also dessen Präsident zu +werden. Dieses Sehnen verwirklichte sich, als Perl-Hamburg, der +Präsidentschaft müde, erklärte, dieselbe niederlegen zu wollen. Es wurde +eine außerordentliche Generalversammlung auf den 19. und 20. Mai 1867 +nach Braunschweig einberufen, die von 18 Delegierten, die 2500 Stimmen +hinter sich hatten, besucht war. Schweitzer vertrat Apolda mit 22 und +Limbach in Sachsen mit 30 Stimmen. Der Verein war sehr heruntergekommen. +Die beständigen Zerwürfnisse, das Mißtrauen gegen Schweitzer wegen +seiner Politik, der ungünstige Ausfall der Wahlen zum norddeutschen +Reichstag, trotz aller großsprecherischen Worte Schweitzers, die Krise +waren die Hauptursachen dieser Erscheinung. Die Eröffnungsrede Perls war +der Ausdruck der vorhandenen Mutlosigkeit. Die Hoffnung, die man noch in +Leipzig gehegt, Ordnung in den Verein zu bringen, hätte sich nicht +erfüllt; die finanziellen Verhältnisse des Vereins seien sehr ungünstig, +nur wenige Orte zahlten Beiträge usw. Im weiteren Verlauf der +Verhandlungen bat Perl, von seiner Wiederwahl als Präsident abzustehen; +er könne die Opfer nicht mehr tragen, die ihm diese Stellung auferlege. +Schweitzer kritisierte Perls Geschäftsführung, doch wolle er, wie er +sagte, ihm nicht persönlich zu nahe treten. Er erklärte, die +Generalversammlung sei entscheidend für den Verein, nach Tölcke sollte +er sogar die Präsidentschaft _gefordert_ und gedroht haben, falls er +nicht gewählt werde, ließe er mit der nächsten Nummer den +„Sozialdemokrat“ eingehen. Er versprach Garantien zu geben, daß die +_Verwaltungsgeschäfte_ korrekt erledigt würden, da er wisse, daß man ihm +mißtraue. Die Versammlung war unschlüssig, was sie tun sollte; so ließ +man auf Vorschlag Brackes eine Pause eintreten, um sich zu verständigen. +Nach dieser schlug Tölcke Schweitzer als Präsidenten vor. Es wurde +darauf mehrseitig wieder geltend gemacht, daß gegen Schweitzer Mißtrauen +vorhanden sei; auch sei es ein Unding, daß der Präsident des Vereins und +der Redakteur des Vereinsorgans ein und dieselbe Person sei. Tölcke +suchte die Bedenken zu beschwichtigen. Schweitzer erklärte, er wisse, +daß man Mißtrauen gegen ihn habe; er werde das Amt nur annehmen, wenn +man ihm Vertrauen entgegenbringe. Er beantragte eine zweite Pause zur +Verständigung. Nach dieser erklärten mehrere Delegierte, ihr Mißtrauen +gegen Schweitzer fallen zu lassen. Er wurde alsdann, nachdem er auf +einen Vorhalt Tölckes noch mitgeteilt, _er werde sich selber wählen_, +mit 2385 gegen 97 Stimmen und 41 Enthaltungen Präsident des Vereins. Er +hatte, um sich Vertrauen zu erwerben, auf dieser Generalversammlung ein +radikales Programm vorgelegt und annehmen lassen. Jetzt gab er auch die +sogenannten Garantien für sein ferneres Wohlverhalten, indem er durch +Handschlag sämtlichen Delegierten gegenüber sich feierlich +verpflichtete, alles zu tun, was in seinen Kräften stehe, den Verein +vorwärtszubringen. Umgekehrt verpflichteten sich die Delegierten +ebenfalls durch Handschlag Schweitzer gegenüber, treu zur Organisation +und zum Präsidenten zu stehen. Also eine Art Ballhausschwur, wie ihn die +französische Nationalversammlung 1789 leistete, nur mit dem Unterschied, +daß der Regisseur der Schwurszene in Braunschweig, Schweitzer, wußte, +daß es sich um eine Posse handelte. — + +Auf der Generalversammlung des Vereins in Berlin — 23. bis 25. September +1867 — wiederholte Schweitzer: _daß in politischen Fragen der Verein mit +der Fortschrittspartei gehen könne_. Das verhinderte allerdings nicht, +daß, als um dieselbe Zeit in Düsseldorf eine Nachwahl für den Reichstag +stattzufinden hatte, bei der in der engeren Wahl der fortschrittliche +Kandidat, Redakteur der „Rheinischen Zeitung“, Bürgers, und ein +konservativ-nationalliberaler Kandidat sich gegenüberstanden, Schweitzer +im „Sozialdemokrat“ die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins aufforderte, für den letzteren zu stimmen, worauf +Bürgers durchfiel. Neben dem, daß er damit Bismarck einen Gefallen +erwies, kühlte er seine Rache wegen der Anklage der „Rheinischen +Zeitung“, er habe aus hochkonservativen Kreisen Geld für den +„Sozialdemokrat“ genommen. + +Ein anderer für Schweitzer wenig ehrenvoller und seinen Charakter +beleuchtender Vorgang war die Auseinandersetzung mit seinem bisherigen +Freunde Hofstetten. Hofstetten hatte seine Mittel für die Gründung des +„Sozialdemokrat“ hergegeben. Diese Mittel waren Mitte 1867 verbraucht +und Hofstetten ein armer Mann. Anfang 1868 versuchte Schweitzer +Hofstetten nach Wien zu schieben, woselbst er ein sozialdemokratisches +Blatt gründen sollte. Hofstetten kam aber in Wien übel an und eilte nach +Berlin zurück. Jetzt verschloß Schweitzer ihm den Wiedereintritt in die +Redaktion des Blattes, er bestritt auch, daß Hofstetten noch +irgendwelche Ansprüche habe, und setzte ihn vor die Tür, wobei er sich +auf einen Vertrag stützte, den er dem gutmütigen und nicht gerade +scharfsinnigen Hofstetten abgedrungen hatte. Als Hofstetten im Frühjahr +1869 auf der Generalversammlung des Vereins in Barmen-Elberfeld eine +lange Anklagerede gegen Schweitzers Verhalten ihm gegenüber hielt, +entrüsteten die mitgeteilten Tatsachen den Delegierten Heinrich +Vogel — der gegenwärtig noch in Charlottenburg lebt — so, daß er erklärte, +Schweitzer habe Hofstetten gegenüber wie ein ordinärer Bourgeois +gehandelt, eine Charakterisierung, die bei Schweitzers Anhängern einen +Sturm der Entrüstung hervorrief und nachher Vogels Ausschluß aus dem +Verein zur Folge hatte. Hofstetten klagte auch Schweitzer an, daß er das +Geld mit vollen Händen zum Fenster hinausgeworfen habe; woher er es +erhielt, wisse er nicht. Als er Schweitzer wegen seiner +verschwenderischen Lebensweise Vorhalt gemacht, habe dieser geantwortet: +Darüber sei er ihm keine Rechenschaft schuldig, er habe seine Schulden +nicht zu bezahlen. Darin hatte Schweitzer sicher recht, aber die +Tatsache an sich ist sehr beachtlich. Ende 1867 hatte das Blatt erst +1200 Abonnenten, deckte also bei weitem noch immer nicht seine Kosten; +es war also die Frage sehr wohl gerechtfertigt: Woher kommt das Geld für +das Blatt und die verschwenderische Lebensweise Schweitzers? Das ewige +Schuldenmachen hatte doch seine Grenze. Auch wollten die Gläubiger ab +und zu Geld sehen. Eine Erbschaft, die er nach dem Tode seines Vaters +Ende 1868 machte, war so geringfügig, daß sie einen Tropfen auf einen +heißen Stein bedeutete. Dabei hielt Schweitzer sich während des +Reichstags eine Equipage mit galonierten Dienern. + +Gustav Mayer, dessen Buch über Schweitzer ich oben erwähnte, hielt es +für zweckdienlich, sich bei Paul Lindau, der nach Schweitzers Rücktritt +häufigen Verkehr mit ihm hatte, zu befragen, ob er Extravaganzen +Schweitzers wahrgenommen habe. Lindau habe das verneint. Mir ist Paul +Lindaus Urteil nicht maßgebend. Die lebemännischen Gewohnheiten des +alten, heute noch lebenden Herrn waren immer große und da legt er wohl +einen anderen Maßstab an „Extravaganzen“ als andere Menschenkinder. Auch +war Schweitzer, als er zu Lindau in Beziehungen trat, bereits krank und +hatte geheiratet, zwei Umstände, die Extravaganzen erschwerten. Die +Informationen, die wir seinerzeit in Berlin über Schweitzers Lebensweise +einzogen, lauteten anders. Danach war er ein Lebemann ersten Ranges, der +namentlich auch häufig bei Kroll und in den Berliner Nachtlokalen mit +der Demimonde verkehrte, womit er wahrscheinlich die „Treue“ gegen seine +langjährige Braut betätigte, die man ihm als Tugend nachrühmte. Auch +veranstaltete er zeitweilig Champagnergelage mit seinen intimsten +Anhängern. Schweitzer gehörte zu den Naturen, die stets mindestens +doppelt so viel Geld verbrauchen als sie einnehmen, deren Parole ist: +Die Bedürfnisse haben sich nicht nach den Einnahmen, sondern die +Einnahmen haben sich nach den Bedürfnissen zu richten, was bedingt, daß +sie dann skrupellos das Geld nehmen, wo sie es finden. Hatte Schweitzer +1862 2600 Gulden aus der Schützenfestkasse entnommen, so unterschlug er +später, als er Präsident des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins war +und als solcher über die Kassengelder verfügte, von schlecht gelohnten +Arbeitern gesammelte Groschen, um seine Gelüste zu befriedigen. Es +handelte sich hier nicht um große Summen, aber das lag nicht an +Schweitzer, sondern an dem mageren Inhalt der Kasse. Diese Mißwirtschaft +ist ihm auf verschiedenen Generalversammlungen des Vereins vorgeworfen +und nachgewiesen worden, und _Bracke_, der jahrelang Kassierer des +Vereins war und auf Schweitzers Anweisung die Gelder auszahlen mußte, +hat ihn öffentlich dieser Schandtat bezichtigt, ohne daß Schweitzer ein +Wort der Verteidigung wagte. Wer aber dergleichen fähig ist, von dem +soll man nicht behaupten, daß er unfähig gewesen sei, sich politisch zu +verkaufen, was doch das einzige halbwegs lukrative Geschäft für ihn sein +konnte. Den Nachweis, wieviel gezahlt wurde, kann niemand erbringen, +denn dergleichen Geschäfte werden nicht auf offenem Markte +abgeschlossen. Es kann sich hier nur um den Nachweis durch Indizien und +zahlreiche Tatsachen handeln, die sich anders nicht erklären lassen. +Hervorheben möchte ich hier, daß Bismarck nach 1866 die Zinsen aus dem +48 Millionen Mark betragenden Privatvermögen des Königs von Hannover zur +Verfügung standen, die er skrupellos für ihm gutdünkende politische +Zwecke benutzte. Diesen Fonds, der unter dem Namen „Reptilienfonds“ +berüchtigt geworden ist, konnte Bismarck verwenden, ohne jemand darüber +Rechenschaft abzulegen. Da ist's nun charakteristisch, daß, während die +ganze Oppositionspresse gegen diesen Korruptionsfonds ankämpfte, der +„Sozialdemokrat“ den Fonds niemals erwähnte. + +Charakteristisch für den Mann ist ferner, daß, als wir Anfang 1868 das +„Demokratische Wochenblatt“ herausgaben, er systematisch den Namen +desselben totschwieg und, wenn er nicht umhin konnte, gegen dasselbe zu +polemisieren, er immer nur von dem Blatte des Herrn Liebknecht sprach. +Er wollte mit dieser Taktik verhindern, daß einer seiner Anhänger durch +Nennung des Namens des Blattes auf den Gedanken kommen könnte, das +„Demokratische Wochenblatt“ zu abonnieren, wodurch der Leser vieles +erfahren konnte, was ihm, Schweitzer, unangenehm war. Das war eine +kleinliche und lächerliche Kampfesweise, aber er übte sie. + + * * * * * + +Eine merkwürdige Wandlung stellte sich bei Schweitzer wieder im Frühjahr +1868 ein. Gleich dem „Demokratischen Wochenblatt“ druckte jetzt der +„Sozialdemokrat“, wenn er vom norddeutschen Reichstag sprach, diese +Worte in Gänsefüßchen ab. Auch hielt er im Reichstag — Mitte Juni +1868 — eine Rede, in der er in einer Polemik gegen v. Kirchmann eine ganz +andere Auffassung als bisher vom Wert des allgemeinen Wahlrechts +entwickelte. Bisher hatte er damit eine Art Kultus getrieben und die +Wahl Bismarcks durch seine Anhänger in Barmen-Elberfeld bekanntlich +damit zu rechtfertigen gesucht, daß sie dem Geber des allgemeinen +Stimmrechts ihre Dankbarkeit beweisen wollten, als sie ihn wählten. +Jetzt erklärte er: + +„Ich muß im Interesse derjenigen, die mich gewählt haben, und im +Interesse der demokratischen Sache konstatieren, daß dieses Haus nur +scheinbar und nicht in Wirklichkeit aus allgemeinen Wahlen +hervorgegangen ist.“ + +Er motivierte dieses damit, daß Preßfreiheit und volle Vereins-und +Versammlungsfreiheit fehlten. Diese fehlten aber von Anfang an, und doch +klang damals sein Urteil anders. Das Urteil, das er jetzt über das +geltende Wahlrecht fällte, deckte sich mit dem, das das „Demokratische +Wochenblatt“ längst und wiederholt abgegeben hatte. Diese plötzliche +auffällige Meinungsänderung wurde offenbar wieder durch die zunehmende +Opposition in seinem Verein verursacht. + +In Nr. 80 des „Sozialdemokrat“ vom 19. Juli kündigt Schweitzer an, daß +er eine _dreiwöchige_ Haft in der Stadtvogtei antrete, die ihm wegen +eines Flugblattes vom Landgericht Elberfeld zuerkannt worden war. Er +ernannte W. Real in Düsseldorf zum Vizepräsidenten und Hasselmann zum +Leiter des Vereinsorgans, mit dessen Eintritt die Rüpelhaftigkeit im Ton +des Blattes einkehrte. Der pathetische Schluß der Ansprache lautete: + +„Indem ich meine Haft antrete, richte ich an alle Parteigenossen meinen +herzlichsten Abschiedsgruß. Ich hoffe, den Verein in derselben Blüte, in +der ich ihn verlasse, oder in noch gesteigertem Maße (nach ganzen _drei_ +Wochen) wiederzufinden.“ + +Im Sommer 1868 hatte Johann Jacoby eine Rede über „Die soziale Frage“ +gehalten, in der er stark nach links und weit ab von der +Fortschrittspartei rückte. Auf einem großen Volksfest, das auf der Asse +bei Braunschweig abgehalten wurde, hatte sich Bracke über dieses +Auftreten Jacobys sehr günstig ausgesprochen und es begrüßt. Bracke +stellte hier über die Rede folgende Thesen auf: Erstens, das +demokratische Programm von Johann Jacoby verdient im höchsten Maße die +Beachtung des deutschen Volkes; zweitens, nach demselben gibt es in den +Zielen keinen prinzipiellen Unterschied zwischen der entschiedenen +demokratischen Partei und der eigentlichen Arbeiterpartei; drittens, +beide Parteien müssen in dem von Jacoby aufgestellten Ziel: Umgestaltung +der bestehenden staatlichen und gesellschaftlichen Zustände im Sinne der +Freiheit, gegründet auf Gleichheit alles dessen was Menschengesicht +trägt, übereinstimmen. Darauf antwortete der „Sozialdemokrat“ in einem +„Verwirrung“ überschriebenen Artikel: + +„Der von Jacoby aufgestellte Satz einer gerechten Verteilung des +Arbeitslohnes zwischen Kapital und Arbeit, die zu erstreben wäre, ist +eine über alle Maßen verfehlte, alberne und hohle Phrase; es ist +traurig, daß es Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +gibt, die an diesen elenden Brocken herumkauen. ... Wenn einer +behauptet, es seien beachtenswerte Gedanken in Jacobys Rede, wird es +hoffentlich von allen Seiten tönen: Nein! es ist albernes, hohles +Geschwätz eines wichtigtuenden Bourgeois.“ + +Diese erregte, grobe Sprache zeigte, welche Aufregung es Schweitzer +verursachte, sobald Mitglieder des Vereins den Anschein erweckten, als +wollten sie mit Vertretern nahestehender Parteien Fühlung nehmen. Der +Verein mußte nach außen mit einer Art chinesischer Mauer umgeben sein, +damit er ihn absolut beherrschen und nach seinem Willen lenken konnte. + +Die nächste Generalversammlung des Vereins war auf den 22. bis 26. +August nach Hamburg einberufen. Waren auf der Braunschweiger +Generalversammlung nur 2508 Mitglieder vertreten, auf der Berliner 3102, +so jetzt 8192 durch 36 Delegierte. Der Verein war also wesentlich +stärker geworden. Man hat diese Entwicklung ausschließlich der Tätigkeit +und der Leitung Schweitzers zugeschrieben. Mit Unrecht. Der Druck der +Krise, die sich als Folge des sechsundsechziger Krieges eingestellt +hatte, war gewichen, an deren Stelle brachte das Jahr 1868 eine +Prosperitätsperiode. Damit hatte die Hoffnungsfreudigkeit und das +politische Leben in den Arbeiterkreisen von neuem eingesetzt, wovon +nicht nur der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein, sondern auch der +Verband der Arbeitervereine profitierte, an dessen Spitze ich stand und +der damals über 13000 Mitglieder zählte, die freilich keine +programmatische Geschlossenheit wie der Allgemeine Deutsche +Arbeiterverein besaßen. Schweitzer suchte jetzt Karl Marx für sich zu +gewinnen. Er hatte Marx den Dank des Vorstandes für sein Werk „Das +Kapital“ votieren lassen, auch hatte er ihn zur Generalversammlung nach +Hamburg eingeladen, eine Einladung, die Marx wegen Ueberbürdung mit +Arbeit ablehnte. Auch erlaubte er, daß Geib folgenden Antrag stellte: + + „Die Generalversammlung erklärt, da der Druck des Kapitals und der + Reaktion in allen Kulturländern aus im wesentlichen gleichen Ursachen + auf der Arbeiterklasse lastet und da die Bestrebungen der Arbeiter nur + dann erfolgreich sein können, wenn sie einheitlich zusammenhängend in + allen Kulturländern auftreten, ist es die Pflicht der deutschen + Arbeiterpartei und der Arbeiterparteien aller Kulturländer, die von + denselben Prinzipien geleitet werden, gemeinsam vorzugehen.“ + +Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. Aber wie radikal sich +Schweitzer auch gebärdete, die Unzufriedenheit mit seiner Diktatur nahm +zu. So beantragten die Erfurter Mitglieder: Schweitzer solle +spezifizierte Rechnung ablegen über die Gelder, die er seit dem 1. +Januar 1868 der Kasse entnommen habe. Der Vorstand solle die Abrechnung +prüfen. Düsseldorf verlangte, daß Präsidium und Redaktion des +Vereinsorgans getrennt würden, die Einrichtung könne leicht zu +Despotismus führen; sie hätte bereits dazu geführt. Weiter waren +lebhafte Klagen auf den vermiedenen Generalversammlungen laut geworden, +daß die Redaktion des „Sozialdemokrat“ ihr mißfallende Korrespondenzen +unterdrücke, andere willkürlich ändere, ja fälsche. Ein Antrag, das +Organ von seiten des Vereins zu übernehmen, wurde auf der +Generalversammlung für untunlich, die Trennung der Redaktion vom +Präsidium als unzweckmäßig erklärt. Dagegen wurde beschlossen, daß der +vierundzwanzigköpfige Vorstand des Vereins, der in vielen Orten verteilt +wohnte, konzentriert werden solle. Er wurde nach Hamburg verlegt. Das +war der erste harte Schlag, der die Diktatur Schweitzers traf. Bei den +Erörterungen hierüber machte er eine Mitteilung, durch die er sich wider +Willen denunzierte. Er äußerte: _„Dies wird unsere letzte +Generalversammlung sein. Die Feindseligkeit der preußischen Regierung +wird immer mehr hervortreten. Der Verein wird aufgelöst werden.“_ Und +siehe da, kaum drei Wochen später löste die Leipziger Polizeibehörde, da +der Verein in Leipzig seinen Sitz hatte, den Verein wegen der örtlichen +Kassenverwaltungen auf, einer Einrichtung, die von Anfang an im Verein +bestanden hatte. + +_Es ist ganz zweifellos, daß Schweitzer vorher von dieser Auflösung +wußte, ja daß sie zwischen ihm und dem Berliner Polizeipräsidium +verabredet war und die Leipziger Polizei auf Wunsch von Berlin den +Verein auflöste._ Natürlich unterließ unter so bewandten Umständen +Schweitzer jede Beschwerde gegen das Vorgehen der Leipziger Polizei bei +Kreishauptmannschaft und Ministerium. Schweitzer schloß seinen +bezüglichen Artikel, worin er die Auflösung besprach, mit den Worten: + + „Wir fügen uns einfach darum, weil es nach Lage der Dinge das + Vernünftigste ist, was wir tun können. Daher erkläre auch ich andurch: + + ‚Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein hat sich aufzulösen...‘ + Arbeiter in ganz Deutschland! Wir stehen heute am Grabe des + Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins. + + Aber der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein lebt unter uns fort. + + _So stehen wir auch am Grabe Lassalles; er selbst aber weilt noch + unter uns._ + + Daß unser Verein aufgelöst wurde, gereicht ihm, gereicht uns zur Ehre. + Der Verein hat seine Schuldigkeit getan für die Arbeitersache — darum + wurde er aufgelöst. + + Die alte Form ist gefallen — wir werden neue Formen für die Betätigung + unseres Strebens zu finden wissen.“ + +Dann dankt er für das ihm geschenkte Vertrauen. + + „Wir haben gemeinsam gekämpft und gelitten — wir werden auch in Zukunft + gemeinsam kämpfen und leiden.“ + +So auf die Rührseligkeit spekulierend, rührte er die Mitglieder zu +Tränen, und sie vertrauten ihm weiter. + +Wäre es die Feindseligkeit der preußischen Regierung gegen den Verein +gewesen, wie Schweitzer _wider besseres Wissen_ schrieb, dann war es +jetzt seine Pflicht und Schuldigkeit, den Verein dem Einfluß der +preußischen Regierung nach Möglichkeit zu entziehen, zum Beispiel dessen +Sitz nach Hamburg zu verlegen, dessen Vereins- und Versammlungsgesetz +kein Verbindungsverbot kannte. Außerdem hatte der Verein in +Hamburg-Altona seine stärkste Mitgliedschaft, die für die Finanzen des +Vereins wie für das Blatt das eigentliche Rückgrat bildete. Auch fehlte +es in Hamburg nicht an geistigen Kräften. Statt dessen gründete +Schweitzer den neuen Verein _unter den Augen der Berliner Polizei_, und +_Berlin wurde dessen Sitz. In Preußen bestand aber das Verbindungsverbot +so gut wie in Sachsen, und außerdem verlangte das damalige preußische +Vereins- und Versammlungsgesetz, daß die Mitgliederlisten des Vereins +aus ganz Deutschland bei dem Polizeipräsidium eingereicht werden +mußten._ Und wiederum verriet er seine Beziehungen zum Berliner +Polizeipräsidium und sein Einverständnis mit der Auflösung, indem er in +Nr. 119 des „Sozialdemokrat“ sagte: + + _„Man habe Berlin als Sitz der Partei gewählt, damit die Polizei + fortwährend Gelegenheit habe, sich davon zu überzeugen, daß die Partei + ihre Agitation auf Grund und in Gemäßheit der bestehenden Gesetze + betreibe.“_ + +Wie rührend folgsam gegen die liebe Polizei von der Leitung einer +demokratischen Partei! + +_Wenn je die innige Verbindung zwischen Schweitzer und dem Berliner +Polizeipräsidium nachgewiesen werden konnte, so jetzt._ Aber nicht +allein, daß der Verein nunmehr unter die Kontrolle des Berliner +Polizeipräsidiums kam, Schweitzer benutzte auch die Neugründung, _um die +ihm unbequemen Beschlüsse der Hamburger Generalversammlung aus der Welt +zu schaffen und durch die neue Organisation seine Diktatur +unumschränkter denn je zuvor zu befestigen._ Er verkündete den neuen +Plan mit den Worten: + + „Jedenfalls wird dafür gesorgt werden, daß die Einheitlichkeit der + Partei durch ganz Deutschland gewahrt werde. Denn diese + Einheitlichkeit ist unser bestes Kleinod — sie ist der Grundgedanke der + Lassalleschen Organisation, und von dieser werden wir niemals + abgehen.“ + +So mußte also die beständige Berufung auf Lassalle dazu dienen, seine +Autorität aufrecht zu erhalten und den Mitgliedern Sand in die Augen zu +streuen. + +Die neue Vereinsgründung fand _unter Ausschluß der Öffentlichkeit_ statt +in einem kleinen Kreise Auserwählter, die mit ihm durch dick und dünn +gingen. Das neue Statut enthielt geradezu _ungeheuerliche_ Bestimmungen. +So sollte der Präsident _sechs Wochen vor der ordentlichen +Generalversammlung in Urabstimmung durch die Mitglieder des Vereins +gewählt werden_, also ehe noch die Generalversammlung gesprochen und +dessen Geschäftsführung geprüft hatte. Ein Mißtrauensvotum auf der +Generalversammlung war dann wirkungslos, ebenso eine unliebsame Kritik +seiner Tätigkeit. Ferner besagte §5 der Statuten: + + _„Wenn der Präsident es für dringlich hält, so kann er, vorbehaltlich + der in drei Monaten einzuholenden Genehmigung des Vorstandes, alle + Anordnungen treffen.“_ + +Der Vorstand selbst sollte, im Gegensatz zu den Beschlüssen der +Hamburger Generalversammlung, wieder über ganz Deutschland verteilt +wohnen. Die Generalversammlung sollte eine Statutenänderung nur dann +vornehmen können (§7), wenn ein solcher Antrag von 60 Mitgliedern +unterzeichnet _und drei Monate vor der Generalversammlung beim Vorstand +eingereicht worden war_. Wo und wie der Verein aufs neue gegründet +wurde, darüber hat man nie Sicheres erfahren. Aber die Polizei mußte +davon unterrichtet sein, sonst hätte sie den Verein nicht anerkannt. Der +organisierte Arbeiter unserer Zeit wird sich bei dem Lesen solcher +Vorgänge fragen, wie denn dergleichen möglich gewesen sei und ob denn +nicht die ungeheure Mehrheit der Mitglieder des Vereins sich wie ein +Mann erhob und gegen solche Ungeheuerlichkeiten protestierte, den +Urheber derselben aber sofort von seinem Posten entfernte? Von alledem +keine Spur. Mit seinem Blatte beherrschte Schweitzer absolut den Verein; +jeder, der wagte aufzumucken, dessen Beschwerde flog in den Papierkorb, +und wer in einer Versammlung austrat, der wurde als Verräter an dem +Kleinod der Lassalleschen Organisation gebrandmarkt und mit dem Bann +belegt. Im Verein war er tot. Ließ aber jemand sich merken, daß er mit +Liebknecht und mir sympathisiere, so galt dieses selbst in den Augen der +meisten Mitglieder als ein Verbrechen, womöglich größer als Blutschande +oder Mord. Das war die Folge der systematisch von ihm betriebenen +Verhetzung. + +Doch die Umwandlung in den Anschauungen vollzog sich bei einem Teil der +Vereinsmitglieder rascher, als wir damals selbst für wahrscheinlich +hielten. + +Unter dem 26. November 1868 veröffentlichte Schweitzer einen langen +Aufruf in dem mittlerweile seit dem 10. Oktober vergrößerten +„Sozialdemokrat“, der damals 3400 Abonnenten hatte, in welchem er seine +Ansicht über die Finanzlage des Vereins darlegte, die durch das Wachstum +desselben eine wesentlich günstigere geworden war. Zum Schluß kündigte +er an, daß er auf drei Monate „in die Einsamkeit des Gefängnisses +wandere“, die er wegen Veröffentlichung einer Broschüre, „Der +Arbeitslohn und der Kapitalgewinn“, anzutreten hatte. Er schließt den +Artikel mit den Worten: + + „Lassalle sagt in betreff der Organisation, daß alle Einzelkräfte + zusammengeschmiedet werden müßten zu einem einzigen Hammer. Die Partei + war, als sie mich zu ihrem Führer erkor, der Meinung, daß mein Arm + kräftig genug sei, diesen Hammer zu schwingen. Ich will hoffen, daß + mir diese Kraft niemals erlahmt.“ + +An Selbstgefühl ließen diese Ausführungen nichts zu wünschen übrig. + +Anfang Dezember trat er seine Haft an, er wurde aber bereits gegen Ende +Dezember wieder aus dieser entlassen, weil sein Vater schwer erkrankte, +der noch vor Ende des Jahres starb. Schweitzer erhielt darauf eine Woche +Urlaub zur Ordnung von Familienangelegenheiten. Jetzt spielte sich aber +dasselbe ab, was sich 1866 abgespielt hatte, als er auf Urlaub +entlassen wurde. Aus der einen Woche wurden viele Wochen Urlaub, und nun +begann _Schweitzer abermals eine umfassende politische Tätigkeit, als +sei der Urlaub ihm nur zu diesem Zweck gewährt worden_. + +Am 1. Januar 1869 kündigte der „Sozialdemokrat“ an, _der Präsident sei +noch auf Tage den Geschäften der Parteileitung entzogen. Am 14. Januar +veröffentlichte Schweitzer unter den Augen der Polizei im +„Sozialdemokrat“ eine lange Ansprache an die Mitglieder des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins und berief die Generalversammlung des Vereins +auf den 27. bis 30. März nach Barmen-Elberfeld._ + +Nach normalem Gang hätte Schweitzer dieser Generalversammlung gar nicht +beiwohnen können, da um diese Zeit seine Haft noch nicht zu Ende war. +_Aber er wußte bereits, daß er die Freiheit dazu haben würde._ Weiter +ordnete er an, daß die Präsidentenwahl sechs Wochen vor der +Generalversammlung, zwischen dem 24. Januar und dem 7. Februar +stattzufinden habe, wie es die neue, von ihm oktroyierte Organisation +vorschrieb. + +Ferner kündigte er die Einberufung einer Konferenz des Vorstandes in +einer Stadt Mitteldeutschlands an, in der über die Agitation in +Süddeutschland und Sachsen beschlossen werden sollte. Gegen uns nahm der +„Sozialdemokrat“ jetzt eine noch schärfere Stellung ein, da wir bewußt +oder unbewußt im Schlepptau der österreichischen Politik uns befänden. +Bemerkt sei hier, daß um diese Zeit Liebknecht wiederholt im +„Demokratischen Wochenblatt“ Oesterreich gegenüber eine Taktik +eingeschlagen hatte, die ich für durchaus verfehlt hielt, was wiederholt +zwischen uns zu Meinungsverschiedenheiten führte. Liebknecht war eben +ein Mann des Extrems. Wie sein Haß gegen Bismarck und den Nordbund oft +die Grenze überschritt, so auch wieder seine Zuneigung zu Oesterreich, +dessen liberalem Bürgerministerium er übermäßige Leistungen zutraute. Es +war nur natürlich, daß Schweitzer diese Schwäche Liebknechts ausnutzte, +wobei ich bemerken will, daß es im Jahre 1867 auch für Schweitzer eine +Periode gab, in der er dem Bürgerministerium seine Unterstützung in +Aussicht stellte. Er wollte offenbar Hofstetten die Wege in Wien ebnen. + +Im Januar 1869 setzten wir unseren schon früher gegen Schweitzer im +„Demokratischen Wochenblatt“ und in Volksversammlungen aufgenommenen +Kampf mit aller Vehemenz und mit schwerstem Geschütz fort, dessen +vorläufiger Abschluß war, daß wir zur Generalversammlung des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins nach Elberfeld-Barmen eingeladen wurden, um +unsere Anklagen gegen Schweitzer zu erheben. Ich habe das Vorspiel zu +diesem Ereignis bereits im ersten Teil dieser Arbeit ausführlicher +geschildert. + + * * * * * + +Sozusagen zwischenaktlich sei hier erwähnt, daß Hasenclever infolge +einer Stichwahl in Duisburg Anfang 1869 ebenfalls in den Reichstag +gewählt worden war. Da ich glaubte annehmen zu dürfen, daß Hasenclever +das Treiben Schweitzers mißbillige und ehrlich eine Vereinigung wolle, +hatte ich 12 Taler gesammelt, die ich ihm zur Unterstützung seiner Wahl +schickte. Damals rechneten wir hüben und drüben bei Wahlen noch nicht +mit Tausenden und Zehntausenden Mark wie heute. Jeder Taler galt als +namhafter Beitrag. Ich machte darauf unter dem 13. Februar 1869 im +„Demokratischen Wochenblatt“ bekannt, daß Hasenclever seine große Freude +und Genugtuung über die Sympathie und Unterstützung, die ihm zuteil +geworden, ausspreche. Er bedauere die Spaltung, die unter den +verschiedenen Fraktionen der Arbeiterpartei ausgebrochen sei, und hoffe, +daß die Differenzen, die wir mit anderen Führern seiner eigenen Partei +hätten oder gehabt hätten, und die doch nur persönlichen Ursprunges +seien, bald verschwinden würden. Er lebe der vollsten Ueberzeugung, daß +die Zeit nicht fern sei, wo sämtliche Sozialdemokraten Deutschlands in +festgeschlossenen Reihen unter einem Banner kämpften. + +An dieser Erklärung Hasenclevers ist bemerkenswert, daß er von uns als +Sozialdemokraten spricht, ein Zugeständnis, das Schweitzer und der +„Sozialdemokrat“ bis ans Ende der Wirksamkeit Schweitzers uns +versagten. Freilich hat es nachher, als Hasenclever Nachfolger +Schweitzers im Präsidium wurde, auch noch Jahre gedauert, ehe die +Einigung sich vollzog. Es scheint, daß auch sozialdemokratische +Kronprinzen, wo solche vorhanden, liberaler sind, denn später als +regierende Herren. + + * * * * * + +Am 14. Februar verkündete Schweitzer das Wahlresultat; er war wieder mit +rund 5000 Stimmen gegen 54 zum Präsidenten gewählt. Die Wahl war ein +moralisches Mißtrauensvotum, wenn man bedenkt, daß einige Wochen später +auf der Generalversammlung in Barmen-Elberfeld 12000 Mitglieder +vertreten waren; 40 Orte hatten gar keine Stimme abgegeben. Nachdem so +der politische Urlaub Schweitzers seinen Zweck erreicht hatte, ging er +am 18. Februar wieder ins Gefängnis, er wurde aber bereits am 4. März, +_dem Tage vor dem Zusammentritt des Reichstags, aus der Haft entlassen._ + +_Diese Haftentlassung bewies aufs neue die intimen Beziehungen +Schweitzers zur Regierung._ Solange ein Reichstag besteht, also von 1867 +bis heute, ist es nie vorgekommen, daß ein Reichstagsabgeordneter, _auch +kein bürgerlicher, während des Reichstags aus der Strafhaft entlassen +wurde_, um an den Verhandlungen desselben teilzunehmen. Sogar mitten in +der Session von 1909 bis 1910 mußte ein elsässischer Abgeordneter seine +zweimonatige Strafhaft antreten. Die Regierungen, die preußische voran, +wie die Mehrheit des Reichstags, haben stets die Ansicht vertreten, daß +der Artikel 31 der Verfassung, der von der Immunität der Abgeordneten +handelt, die _Strafhaft nicht umfaßt_. Im Gegensatz zu dieser +jahrzehntelangen Uebung, die Preußen auch schon früher handhabte, _wurde +jetzt Schweitzer aus der Strafhaft beurlaubt, was nicht ohne +Einwilligung des zuständigen Ministers geschehen konnte, der dieses +nicht ohne die Zustimmung Bismarcks gewagt hätte._ + +Wie letzterer im übrigen in diesen Dingen dachte, zeigte plastisch die +Verhandlung, die der Reichstag am 28. April — also wenige Wochen nach +Schweitzers Beurlaubung aus der Strafhaft — hatte. Mende hatte in +München-Gladbach eine Versammlung abgehalten, nach der es zu +tumultuarischen Auftritten gekommen war, wobei er verhaftet wurde, weil +er angeblich diese Auftritte verursacht habe, was nicht der Fall war. +_Schweitzer_ stellte einen Antrag auf Haftentlassung Mendes. In der +Debatte nahm auch Bismarck das Wort und erklärte sich in seiner +peremptorischen Art _gegen_ die Haftentlassung. Der Reichstag mußte aber +auf Grund der vorliegenden Tatsachen gegen Bismarck entscheiden. Darauf +rächte sich dieser dadurch, daß er den Beamten, die die Verhaftung +Mendes angeordnet und vorgenommen hatten, Ordensauszeichnungen +zustellte. Und im Falle Mende handelte es sich um keine rechtskräftig +gewordene Strafhaft wie im Falle Schweitzer, sondern um eine +Untersuchungshaft. + +Kurze Zeit vor jenem Vorgang war ich unfreiwilliger Zeuge einer +Begegnung zwischen Schweitzer und dem Prinzen Albrecht, Bruder des +Königs, der Mitglied des Reichstags war. Ich kam einen Korridor entlang +und sah am Ende desselben den Prinzen Albrecht in Gesellschaft einiger +konservativer Abgeordneter stehen. Aus einem Seitenkorridor trat +Schweitzer. Sobald der Prinz seiner ansichtig wurde, winkte er +Schweitzer heran, reichte ihm die Hand, die er kräftig schüttelte und +fragte sehr leutselig: Mein lieber Schweitzer, wie geht es Ihnen? +Schweitzer: Danke, Königliche Hoheit! Der Prinz: Warum waren Sie gestern +nicht in der Sitzung? Schweitzer: Doch, Königliche Hoheit, ich war +zugegen! Der Prinz: Warum haben Sie denn nicht das Wort ergriffen? Man +hatte dieses erwartet.... Ich trat rasch in den Sitzungssaal, um nicht +als Horcher zu erscheinen. Die Unterhaltung zeigte, daß Schweitzer mit +dem Prinzen schon öfter verkehrt hatte, und sie zeigte weiter, daß „man“ +auf der rechten Seite des Reichstags genau wußte, was selbst die +radikalsten Reden Schweitzers bedeuteten. + + + + +Die Generalversammlung in Barmen-Elberfeld. + + +Als wir am 27. März gegen Abend in Barmen-Elberfeld ankamen, empfingen +uns eine Anzahl Gesinnungsgenossen, die sämtlich der Internationale +angehörten. Ueber unsere Verhandlungen an jenem Abend schrieb ich noch +in der Nacht an Marx: + + „Liebknecht und ich sitzen eben hier in Elberfeld in einem kleinen + Kreise von Gesinnungsgenossen, um den Feldzugsplan für die morgige + Schlacht vorzubereiten. Wir haben hier eine solche Fülle von + Schuftereien Schweitzers zu hören bekommen, daß uns die Haare zu Berge + stehen. Ebenso stellt sich zur Evidenz heraus, daß Schweitzer das + Programm der Internationale nur zu dem Zwecke vorschlägt, um einen + Hauptcoup gegen uns zu führen und ein gut Teil oppositioneller + Elemente niederzuschlagen respektive zu sich herüberzuziehen. Ich + bitte Sie deshalb, zugleich im Namen Liebknechts und sämtlicher + hiesiger Freunde, eine etwaige Ratifikation des betreffenden + Beschlusses der Generalversammlung durch Schweitzer vorläufig + unberücksichtigt zu lassen oder wenigstens nur sehr vorsichtig zu + beantworten. + + Nähere Mitteilungen folgen bald nach. + + Ueber den Ausgang der morgigen Disputation läßt sich noch gar nichts + sagen, nur das eine kann ich mitteilen, daß Schweitzer mit allen + Mitteln der Perfidie und Intrige gegen uns wühlt, auf einen + durchschlagenden Erfolg hoffen wir auf keinen Fall. Die Organisation, + um jede Opposition aus der Mitte seines eigenen Vereins totzuschlagen, + ist hier schon seit Wochen mit großem Geschick getroffen worden. + Gestern abend beispielsweise hat Schweitzer bei seiner Ankunft einen + wahren Triumphzug durch Elberfeld-Barmen gehabt. (In einer mit + Schimmeln bespannten Equipage.) Damit schließe ich für heute.“ + +Schweitzer hatte im „Sozialdemokrat“ angekündigt, daß die Feinde schon +bis in die Nähe des Präsidenten (also der allerhöchsten Person) +gedrungen seien und die Generalversammlung wohl strenger und +entschiedener als bisher alle Angriffe auf die Organisation, das heißt +auf die von ihm oktroyierte, zurückweisen müsse. + +In der Vorversammlung war gegen die Ansicht Schweitzers — der die +Begegnung mit uns hinausschieben, wenn nicht ganz verhindern wollte — mit +30 gegen 27 Stimmen unsere sofortige Zulassung beschlossen worden. Am +nächsten Nachmittag traten wir in den überfüllten Saal, von wütenden +Blicken der fanatisierten Anhänger Schweitzers empfangen. Liebknecht +sprach zuerst, etwa anderthalb Stunden, ich folgte und sprach wesentlich +kürzer. Unsere Anklagen enthielten zusammengedrängt, was ich bisher +hier gegen Schweitzer vorgebracht habe. Mehrere Male erfolgten heftige +Unterbrechungen, namentlich als ich Schweitzer als Regierungsagent +bezeichnete. Ich solle das Wort zurücknehmen. Dessen weigerte ich mich. +Ich glaubte, das Recht zu haben, meine Meinung frei aussprechen zu +dürfen, sie, die Zuhörer, brauchten mir ja nicht zu glauben. + +Der „Sozialdemokrat“ brachte einen sehr verstümmelten, zum Teil +gefälschten Bericht unserer Reden, der irreführend wirkte. Liebknecht +übertrieb die Loyalität. Er unterließ jede Berichterstattung und +begnügte sich, im „Demokratischen Wochenblatt“ mitzuteilen, daß wir auf +der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gewesen +und unsere Anklagen gegen Schweitzer vorgebracht hätten. Schweitzer habe +mit 6500 Stimmen gegen 4500, deren Vertreter sich der Abstimmung +enthalten hätten, ein Vertrauensvotum erhalten. Doch da wir begründete +Aussicht auf Verständigung, wenn auch nicht auf Vereinigung der +vermiedenen sozialdemokratischen Fraktionen hätten, werde das +„Demokratische Wochenblatt“ keine Angriffe auf Schweitzer mehr +veröffentlichen, wobei wir voraussetzten, daß von der Gegenseite +dieselbe Taktik innegehalten werde. Das geschah aber nicht, vielmehr +setzte der „Sozialdemokrat“ seine Angriffe auf uns fort. + +Schweitzer, der während unserer Reden auf dem Podium hinter uns saß, +erwiderte kein Wort. So verließen wir den Saal, wobei einige Delegierte +vor und hinter uns gingen, um uns vor Tätlichkeiten der fanatisierten +Anhänger Schweitzers zu schützen. Aber Schmeichelworte wie Schufte, +Verräter, Lumpe, euch sollte man die Knochen im Leibe zerschlagen usw., +bekamen wir bei dem Gange durch das lebende Spalier in Menge zu hören. +Auch machte einer der Anwesenden den Versuch, mich beim Heruntersteigen +vom Podium durch einen Stoß in die Kniekehle zu Fall zu bringen. Vor der +Tür nahmen uns unsere Freunde in Empfang, um uns als Schutzgarde nach +unserem Hotel zu geleiten. + +Schweitzer verlangte von den Delegierten ein Vertrauensvotum. Nach +erregter Debatte wurde ihm dasselbe mit der oben mitgeteilten +Stimmenzahl erteilt. Die Delegierten, die sich der Abstimmung +enthielten, waren: Bracke, Bräuer, Rudolph-Hannover, v. Daake, Geib, +Hirsch, Perl, Raspe-Essen, Schrader, Louis Schumann-Berlin, Spier, +Heinrich Vogel, Wilke und York. + +Die Genannten mußten schwer büßen, daß sie das Vertrauensvotum +verweigert hatten; im „Sozialdemokrat“ fielen die Angriffe hageldicht +auf sie nieder. Das beschlossene Vertrauensvotum lautete: + +„In Erwägung, daß in den Ausführungen der Herren Bebel und Liebknecht +nichts Neues und Erhebliches enthalten ist, erklärt die +Generalversammlung, daß der Vereinspräsident nach wie vor das volle +Vertrauen der deutschen Arbeiterpartei besitzt.“ + +Die Elberfelder Generalversammlung bedeutete für Schweitzer eine Reihe +schwarzer Tage. Was er im Herbste nach der Auflösung des Vereins durch +die Leipziger Polizei an diktatorischen Bestimmungen in die neue +Organisation gebracht hatte, fiel jetzt den Beschlüssen der +Generalversammlung zum Opfer. Zunächst wurde beschlossen, daß die +Leitung des Vereins aus einem Vorstand von 15 Personen statt wie bisher +von 25 bestehen solle. Außer dem Präsidenten, Kassierer und Sekretär +mußten die übrigen 12 Mitglieder an einem Orte wohnen, damit sie in +beständiger Fühlung miteinander waren und jeden Augenblick eine Sitzung +einberufen konnten. Die Sitzungen des Vorstandes sollte dessen +Vorsitzender berufen, nicht wie bisher der Präsident. Der letztere +sollte auch nicht sechs Wochen _vor_ der Generalversammlung, sondern +erst _nach_ derselben durch direkte Wahl seitens der Vereinsmitglieder +gewählt werden, nachdem das Protokoll veröffentlicht worden sei, damit +die Mitglieder wußten, was auf der Generalversammlung geschehen sei. Die +Befugnis des Präsidenten, für von ihm getroffene Anordnungen erst binnen +drei Monaten die Genehmigung des Vorstandes einzuholen, wurde auf acht +Tage beschränkt, machte also die Befugnis gegenstandslos. Außerdem +sollte der Vorstand mit einfacher Mehrheit über die innere Organisation, +den Geschäftsgang, die Förderungsmittel des Vereins, das Schreib- und +Kassenwesen beschließen. Ferner sollte der Vorstand auch das Recht +haben, in Fällen einer _politischen Unredlichkeit oder grober +Kassenvergehen ihn vom Amte zu suspendieren und die endgültige +Entscheidung durch eine sofort zu berufende Generalversammlung oder +durch Urabstimmung herbeiführen._ Durch diese und noch eine Reihe +anderer Bestimmungen wurden die Machtbefugnisse Schweitzers sehr +bedeutend eingeschränkt. Die Beschlüsse legten Zeugnis ab _von einem +sehr intensiven Mißtrauen, das gegen ihn herrschte,_ und bemerkenswert +ist, daß die wichtigsten Bestimmungen angenommen wurden, obgleich er +opponierte. Weiter wurde eine Ueberwachungs- und Beschwerdekommission +von drei Berliner Mitgliedern eingesetzt, die alle Beschwerden gegen die +Redaktion entgegennehmen und darüber entscheiden sollte. Durch diese +Beschlüsse war der Verein auf eine durchaus _demokratische Basis_ +gestellt. Schweitzer war durch die Einschränkung seiner Allmacht so +deprimiert, daß er, nach Berlin zurückgekehrt, Annäherungsversuche an +uns machte. Unter dem 8. April sandte ich meiner Frau einen Brief, in +dem es hieß: + +„Schweitzer hatte, obgleich ich ihn anfangs ignorierte, sich an mich +herangeschlängelt, als ich mit einem anderen Kollegen eine Unterhaltung +hatte. Beim Schluß der Sitzung hat er mich eingeladen, mit ihm, +Fritzsche und Hasenclever zu speisen. Diese Einladung auszuschlagen war +unmöglich, ohne grob zu erscheinen. Schweitzer ließ darauf seine +elegante Equipage mit Livreebedienten vorfahren und fuhr mit uns nach +dem Lokal, in dem wir speisten. (Wir aßen bei Olbrich, damals ein +bayerisches Bierlokal, auf der Leipzigerstraße in der Nähe der Linden.) +Nach dem Essen ließ er es sich nicht nehmen, mich mit der Equipage nach +dem Anhalter Bahnhof zu fahren, woselbst ich Liebknecht abholen wollte.“ +Nebenbei bemerkt, sein Essen zahlte jeder selbst. + +Während des Essens wurde über Waffenstillstandsbedingungen verhandelt. +Ich erklärte mich zu solchen bereit, könnte mich aber auf nichts +Bestimmtes einlassen, bevor nicht Liebknecht mit dabei sei. Mit dreien +gegen mich allein zu verhandeln, war mir bedenklich. Die folgenden Tage +setzten wir die Verhandlungen im Reichstag fort. Schweitzer verlangte, +daß nicht nur die gegenseitigen Angriffe in den Blättern und +Versammlungen eingestellt würden, sondern daß auch die Mitglieder der +beiden Parteien nicht miteinander politisch verkehren oder gemeinsame +Aktionen unternehmen dürften. Das letztere lehnten wir ab, wie wir denn +überhaupt wiederholt sehr heftig aneinander gerieten und Schweitzer +nichts schenkten. Es sei eine Beleidigung für uns und auch eine solche +für die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, sich +gegenseitig wie Feinde anzusehen. Daß weder die Personen noch die +Organisationen gegenseitig angegriffen werden dürften, sei +selbstverständlich. Auch kamen wir überein, künftig im Reichstag die von +der einen oder anderen Partei gestellten Anträge gegenseitig zu +unterstützen. Darauf veröffentlichte der „Sozialdemokrat“ in der Nummer +45 vom 16. April die Ankündigung, wonach er von jetzt ab weder Angriffe +gegen Liebknecht und mich, noch gegen unsere Partei bringen würde, und +forderte die Vereinsmitglieder auf, im gleichen Sinne zu handeln. +Umgekehrt veröffentlichten wir im „Demokratischen Wochenblatt“ eine +ähnlich lautende Erklärung. + +So schien alles in schönster Harmonie zu sein. Aber Schweitzer konnte +sich der neuen Ordnung nicht fügen; eine demokratische Organisation, wie +sie die Barmen-Elberfelder Generalversammlung geschaffen hatte, war für +ihn der politische Tod. Dieselbe legte ihm in einer Weise Fesseln an, +daß die bisher geübte politische Zweideutigkeit für künftig unmöglich +wurde. Außerordentlich bezeichnend für sein damaliges Verhalten ist +auch, daß er das ausführliche Protokoll, das über die Elberfelder +Verhandlungen erschienen war, unterschlug und verschwinden ließ, wie er +das gleichfalls mit dem Protokoll der Hamburger Generalversammlung aus +dem vorhergehenden Sommer getan hatte. Es sollte nichts, was ihn +kompromittierte, den Vereinsmitgliedern bekannt werden und in die +Oeffentlichkeit dringen. + +Da erschien wie ein Blitz aus heiterem Himmel eine Proklamation in +Nummer 70 des „Sozialdemokrat“ vom 18. Juni, überschrieben: +_Wiederherstellung der Einheit der Lassalleschen Partei_, und +unterzeichnet von Schweitzer und Mende. Wiederholt sei hier, daß seit +Anfang 1867 sich ein Teil der Mitglieder vom Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein unter dem Einfluß der Gräfin Hatzfeldt losgelöst und +unter dem Namen „Lassallescher Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein“ +organisiert hatte, dessen Präsident Mende war. Das Organ des letzteren +Vereins war die „Freie Zeitung“. Die beiden Vereine lagen sich seitdem +gegenseitig in den Haaren. Jetzt hatten sich die feindlichen Brüder, +soweit ihre Präsidenten und die Gräfin Hatzfeldt in Frage kamen, auf +einmal gefunden und traten Hand in Hand vor ihre Anhänger. + +Der veröffentlichte Aufruf war ein ungemein phrasenreiches Schriftstück, +das mit einer Verherrlichung Lassalles begann. Wieder wurde das Wort +Lassalles: „Ihr sollt die Organisation aufrechterhalten, sie wird euch +zum Siege führen“, zitiert. Weiter hieß es in hochtrabenden Worten: + + „Die erwählten Führer der beiden Vereine sind von dieser Erkenntnis + durchdrungen; mit gehobenem Gefühl treten sie heute vor die Mitglieder + der beiden Vereine und fordern sie auf, ein stolzes Werk ihnen bauen + zu helfen, ... einen wahrhaft Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, + mächtig über ganz Deutschland.... Unseren Vorschlag unterbreiten wir + den gesamten Mitgliedschaften beider Vereine, das heißt dem + _souveränen Volk selbst unmittelbar zur sofortigen Entscheidung_. + (Auch im Original gesperrt.) + + _Das alte Lassallesche Statut ist es_, unter dem wir dereinst einig + waren und zu dem wir zurückkehren müssen, _um diesmal in einheitlicher + Entwicklung_, von diesem Boden aus gemeinsam voranzuschreiten....“ + +Dann wurde gefordert, daß bis zum 22. ds. Mts. — der Ausruf, vom 16. +datiert, erschien am 18. Juni im „Sozialdemokrat“ und gelangte erst am +19. oder 20. in die Hände der meisten Mitglieder — über ihren Vorschlag +abgestimmt werden solle und am 23. _das Abstimmungsresultat in Berlin +angelangt sein müsse_. + +Des weiteren wurde erklärt, daß, wenn die Abstimmung zugunsten des +Mende-Schweitzerschen Vorschlags ausfalle — in berechnender +Bescheidenheit trat Schweitzer hinter den stupiden Mende zurück —, +sollten am 24. Juni beide Vereine _aufgelöst_ werden, worauf noch _an +demselben Tage einige Parteifreunde zusammentreten und die +Wiederherstellung des ursprünglichen Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins unter dem alten Lassalleschen Statut beschließen +sollten_. Die Präsidentenwahl sollte am 30. Juni stattfinden und am 3. +Juli das Resultat verkündet werden. Bis zur Wahl des Präsidenten sollte +Mende als Präsident, Tölcke als Sekretär, Bracke als Kassierer +fungieren. Der Aufruf schloß: + + „Macht es möglich, Parteigenossen, daß, wenn der Todestag Lassalles + wiederkehrt, wir alle, alle über seinem Grabe uns die Hände reichen + und uns sagen können: _Wir haben uns des Meisters würdig gezeigt._“ + +Dieses Vorgehen der beiden Präsidenten war der _Staatsstreich_. Damit +war die demokratische Organisation, welche die Elberfelder +Generalversammlung dem Schweitzerschen Verein gegeben hatte, mit einem +Schlage vernichtet. Schweitzer hatte die ihm angelegten Fesseln mit +einem Ruck zerrissen und war wieder unumschränkter Herr und Diktator. Um +den befürchteten Widerstand des in Hamburg domizilierten Vorstandes zu +brechen, schickte Schweitzer seinen Vertrauensmann Tölcke nach dort, dem +die Ueberredung des Vorstandes gelang. Geib telegraphierte: „Vorstand +befürwortet einstimmig nach Erwägung der ihm von Tölcke vorgetragenen +Gründe Wiedervereinigung. Mitgliederversammlung stimmte zu.“ + +Aber nun galt es auch die zwischen Schweitzer, Fritzsche, Hasenclever +und uns getroffenen Vereinbarungen aufzuheben. Zu diesem Zwecke erklärte +Schweitzer in der Nummer 72 des „Sozialdemokrat“ vom 22. Juni: Wir +hätten diese Abmachungen gebrochen, _indem wir erneut wissentlich und in +böswilliger Weise einen Eingriff in die von uns gehaßte Organisation des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins versuchten_. Damit hätten wir die +getroffenen Vereinbarungen gelöst, und nun hielten auch sie sich nicht +mehr daran gebunden. + +Das begangene „Verbrechen“ fiel zunächst auf mein Haupt. Ich hatte im +Laufe des Juni in zwölf thüringischen Städten Versammlungen abgehalten, +darunter auch in Apolda, Erfurt und Gotha. Hier hatten die Mitglieder +des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, indem sie mich dazu einluden, +Versammlungen einberufen, und deren Bevollmächtigte führten darin den +Vorsitz. Alle Versammlungen waren überfüllt und verliefen ausgezeichnet. +In jenen Versammlungen war eine Resolution angenommen worden, dahin +lautend, daß nur die sozialdemokratischen Prinzipien es seien, welche +die Lage der arbeitenden Klassen verbessern könnten, und daß eine +Einigung der sozialdemokratischen Arbeiterfraktionen herbeigeführt +werden müsse. + +Den Schluß meiner Agitationsreise bildete eine Konferenz in Eisenach, an +der außer unseren Anhängern auch Mitglieder des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins und Mitglieder der Demokratischen Partei teilnahmen. Es +sei hier erläuternd bemerkt, daß zu jener Zeit eine Anzahl bürgerlicher +Demokraten in Thüringen vorhanden waren, die sämtlich auf dem Standpunkt +Jacobys standen, so Professor Abbe und sein Schwiegervater Professor +Snell, weiter Dr. Sy in Jena, der später der Partei sich anschloß, +Rechtsanwalt Creuznacher in Eisenach usw. Ferner zählte diese Partei +Anhänger in Weimar, Gotha und Altenburg. In Eisenach war in einer +Resolution erklärt worden: + + „Zur gemeinsamen Arbeit für die Lösung der sozialen Frage ist es nicht + nur erforderlich, daß die Spaltung unter den verschiedenen Fraktionen + der Demokratischen Arbeiterpartei aufhört, sondern auch, daß die + demokratischen Arbeitervereine mit der gesamten demokratischen Partei + geeint seien, daß namentlich bei gemeinsamen politischen + Angelegenheiten, insbesondere bei Wahlen, die demokratische Partei und + die sozialdemokratischen Arbeitervereine zusammengehen.“ + +Das war also das Verbrechen, das Schweitzer zu seinem Vorgehen gegen uns +veranlaßte. + +Das Agitieren machte mir übrigens trotz aller Erfolge und +Beifallsbezeigungen wenig Vergnügen. Am 7. Juni hatte ich meiner Frau +von Ronneburg aus geschrieben: „Bei aller Liebe und Freundschaft, die +einem die Leute erweisen, ist das Agitieren kein angenehmes Geschäft.“ +Und wie lange habe ich es nachher noch betrieben. Die Pflicht gebot es, +das genügte. + + + + +Die Rebellion im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein. + + +Schweitzers und Mendes Staatsstreich machte in weiten Kreisen des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins böses Blut. Ein Teil der +intelligenteren Mitglieder sah ein, daß es kein Auskommen mehr mit +Schweitzer gebe und er das Hindernis einer Einigung sei. Bracke ließ +durch Vermittlung von Bremer-Magdeburg Liebknecht und mich wissen: sie +wünschten eine Zusammenkunft mit uns. Auf diesen Wunsch gingen wir +bereitwillig ein. Am 22. Juni abends trafen wir uns — Bracke, Bremer, +Spier-Wolfenbüttel, York-Harburg, Liebknecht und ich — in einem Gasthaus +dritter Güte in Magdeburg. Die Verhandlungen zogen sich in die Länge. +Bracke und Bremer waren für sofortiges Losschlagen gegen Schweitzer und +Austritt aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein. Spier und York +hatten große Bedenken. Man müsse versuchen, den Verein von „innen +heraus“ zu reformieren, meinten sie; worauf wir antworteten, daß gerade +die Vorgänge von Barmen-Elberfeld zeigten, wie es mit einer Reformierung +von innen heraus aussehe. Solange Schweitzer Präsident sei und den +„Sozialdemokrat“ in der Hand habe, sei es unmöglich. Schließlich wurden +wir einig. Es war Mitternacht, als der prächtige Bracke sich über das in +der Wirtsstube stehende Billard streckte, um auf demselben den Aufruf +niederzuschreiben, für den alsdann Unterschriften für die Einberufung +eines Kongresses gesammelt werden sollten. Nachdem wir den Aufruf +nochmals gründlich durchberaten, gingen wir gegen 3 Uhr zu Bette. Aber, +o weh! Wir waren in ein Wanzennest geraten. Keiner von uns konnte +schlafen. Bereits um 4 Uhr erhoben wir uns und fuhren mit den ersten +Frühzügen nach unseren Heimatorten zurück. Beschlossen war worden, einen +Kongreß nach einer mitteldeutschen Stadt — Gotha oder Eisenach — zu +berufen und zur Beschickung desselben auch die deutsch-österreichischen +und die deutschen Arbeitervereine der Schweiz einzuladen, ebenso die +deutsche Abteilung der Internationale um eine Vertretung zu ersuchen. + +Wegen seiner historischen Bedeutung bringe ich den Aufruf von Bracke +und Genossen wörtlich zum Abdruck: + + _An die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins._ + + Parteigenossen! Unter einer Menge von heuchlerischen Redensarten hat + der Präsident unseres Vereins eine Maßregel getroffen, welche jedes + denkende Mitglied mit Entrüstung erfüllen muß. In derjenigen Eile, + welche diese Vorgänge geboten — weshalb denn auch niemand sich über + Zurücksetzung beklagen wolle —, sind die Unterzeichneten + zusammengetreten und haben sich über einen Schritt geeinigt, der von + den weittragendsten Folgen für die Partei sein wird. Wir bitten Euch, + Parteigenossen, aufmerksam und vorurteilsfrei unsere Meinung zu + prüfen. + + Während noch vor kurzem die Herren Schweitzer und Mende, die sich in + der heftigsten Weise gegenseitig beschuldigten, Söldlinge der Reaktion + zu sein, von einer Verschmelzung der verschiedenen Fraktionen der + Arbeiterpartei nichts wissen wollten, treten sie plötzlich heute (im + Einverständnis mit der Gräfin Hatzfeldt) mit rührenden Worten vor die + Mitglieder ihrer Vereine, um dieselben aufzufordern, eine Einheit + lediglich dieser beiden Fraktionen der Partei herbeizuführen — wobei + denn von der Einigung der gesamten sozialdemokratischen Partei keine + Rede ist —, und dies alles unter Bedingungen, welche ein Hohn sind auf + die Rechte des sogenannten „souveränen Volkes“. Nicht allein ist die + Frist der Abstimmung so kurz, daß es unmöglich erscheinen muß, daß die + Mitglieder sich über die Frage wirklich ein Urteil bilden können, so + daß alles wie die reinste Ueberrumpelung erscheint; nicht allein ist + die Form der Abstimmung, bei der man den Mitgliedern einfach die + Pistole auf die Brust setzt mit der Aufforderung, ja oder nein zu + sagen, also entweder sich in die schmachvollsten Bedingungen zu fügen + oder auf die sehnlichst gewünschte, wenn auch nur stückweise Einigung + zu verzichten; nicht allein ist diese Form der Abstimmung eine + demokratisch gesinnter Männer unwürdige, sondern es ist auch der + Präsident so eigenmächtig bei dem allen vorgegangen, wie es fast ohne + Beispiel ist. Nie ist über amerikanische Sklaven in willkürlicherer + Weise verfügt worden, als hier über die Mitglieder des Allgemeinen + Deutschen Arbeitervereins. Wozu auch vorher, ehe man solche im + höchsten Grade wichtige Schritte tut, die Mitglieder oder den Vorstand + um ihre Meinung fragen?! Wenn die Tatsachen fertig sind, wird die + „freie“ Zustimmung der Mitglieder durch einige Redensarten erpreßt. + Wenn Herr v. Schweitzer diktiert, haben die Mitglieder einfach zu + gehorchen, und dann nennt man dieselben noch das „souveräne Volk“. Ein + größerer Hohn war nie einem Menschen geboten. Wenn Herr v. Schweitzer + es für gut hält, wird den Mitgliedern zugemutet, mit eigener Hand und + mit einem Schlage das mühsam in einer Reihe von Jahren aufgebaute + Reformwerk zu vernichten und ohne weiteres ein Statut anzunehmen, das + früher zu dem erbittertsten Zwiespalt Veranlassung gegeben hat; ein + Statut, nach welchem der Präsident die unumschränkteste Gewalt in + seinen Händen und der Vorstand nicht den allergeringsten Einfluß hat, + und das zu alledem dahin ausgelegt werden kann, daß auf volle drei + Jahre hinaus jede Aenderung an demselben unmöglich ist! Das Vorgehen + des Präsidenten in diesem Falle — ein Staatsstreich im kleinen — erhebt + den schon seit langer Zeit von vielen Mitgliedern des Vereins gehegten + Argwohn zur Gewißheit, daß Herr v. Schweitzer den Verein lediglich zur + Befriedigung seines Ehrgeizes benutzt und ihn zum Werkzeug einer + arbeiterfeindlichen reaktionären Politik herabwürdigen will; sonst + würde derselbe jetzt die Einigung der gesamten sozialdemokratischen + Arbeiter Deutschlands suchen. Wer die Einigung eines Teils der + sozialdemokratischen Arbeiter empfiehlt, ohne dabei mit aller Energie + auf die Einigung der gesamten Partei zu wirken, welche ihr allein + Macht und Einfluß verschaffen kann, wer durch Einigung eines Teiles in + diesen Formen die Einigung aller Teile unmöglich macht, und wer dies + tut mit rührenden, von Bruderliebe überfließenden Worten, der ist ein + elender Heuchler; und wer dann diejenigen, welche sich den gestellten + schmachvollen Bedingungen nicht fügen, sondern etwas Größeres, etwas + Erhabeneres erstreben, als Gegner der Einigung überhaupt brandmarken + will, ist ein Jesuit ohnegleichen. + + Die Einigung der gesamten sozialdemokratischen Arbeiter Deutschlands + herbeizuführen, muß das Streben jedes ehrlichen Sozialdemokraten sein. + Angesichts der immer mächtiger sich ausbreitenden Wogen der Bewegung, + angesichts der Vorzeichen, welche in allen Kulturstaaten der Welt auf + eine baldige mächtige Umgestaltung der politischen und sozialen + Verhältnisse hindeuten, ist ein Verschleppen dieser Einigung Verrat. + + Diese Einigung kann aber nur das Werk sein des wirklich souveränen + Volkes selbst, und Ihr, Mitglieder des Allgemeinen Deutschen + Arbeitervereins, werdet Euch nicht verschachern lassen nach der Laune + einiger Führer wie eine Herde Schafe, sondern Ihr werdet wie Männer + Eures eigenen Geschickes Schmiede sein! + + Wir haben eingesehen, daß eine Organisation, in welcher der Wille + eines Einzelnen sich hinwegsetzen kann über alle Errungenschaften des + Vereins, ja den Verein selber in jedem Augenblicke in Frage stellen, + denselben jeden Augenblick auflösen und in anderer ihm passenderer + Form wieder ins Leben rufen kann, in welcher dieser Einzelne die + Pfennige der Arbeiter gebraucht, um elende Lumpen zu bestechen, daß + eine solche Organisation keine Faser von demokratischem Geiste in sich + hat. In einer solchen Organisation ferner zu wirken, wäre schmähliche + Verschwendung unserer besten Kräfte; wir verzichten darauf! + + Geleitet von dem Gedanken, daß nur von der Partei selbst über ihre + Organisation beschlossen werden kann, und ferner geleitet von dem + Gedanken, die Einigung der sozialdemokratischen Arbeiter Deutschlands, + auch was die Gewerkschaften betrifft, herbeizuführen, haben wir den + Entschluß gefaßt, in kürzester Zeit einen allgemeinen Kongreß der + gesamten sozialdemokratischen Arbeiter Deutschlands zu berufen, auf + welchem der Grund einer wirklich demokratischen Organisation der + Partei, im Anschluß an die internationale Bewegung, gelegt werden + kann. Parteigenossen, wir rechnen auf Eure Unterstützung! Die + sozialdemokratischen Arbeiter, welche nie anders als von einem + künstlich erregten Haß gegeneinander erfüllt gewesen sind, werden sich + zu einigen und sich eine Organisation zu geben wissen, welche den + Geist ihrer Prinzipien mit der Zusammenfassung aller ihrer Kräfte + vereint. + + Parteigenossen, Ihr werdet Euch nicht verblenden lassen von den + heuchlerischen Redensarten von Leuten, denen die Einigung der Partei + nie am Herzen gelegen hat; Ihr werdet Euch eine Behandlung nicht + gefallen lassen, welche man nur ehrlosen oder gedankenlosen Menschen + zu bieten wagen kann; Ihr werdet Euch als das zeigen, was Ihr + seid — nicht als die willenlosen Sklaven eines launischen Herrschers —, + sondern als das wirklich und wahrhaft souveräne Volk, das allein über + die Gestaltung seiner Geschicke zu entscheiden hat. Wagt einmal im + Interesse unserer Prinzipien, im Interesse der Demokratie und des + Sozialismus eine kühne Tat! Laßt uns die Fahne, auf welcher die + Einigung der gesamten Partei geschrieben steht, nicht vergebens + erhoben haben! Einig nur sind die Arbeiter eine Macht! Zersplittert + sind wir ewig das Gespött unserer Gegner, aber einheitlich und + wahrhaft demokratisch organisiert sind wir unüberwindlich. + + Wenn Ihr uns zustimmt — und wir hoffen sehr, daß Ihr dies tun + werdet —, so sendet Eure Zustimmung an einen der Unterzeichneten ein, + damit wir gemeinsam die Einberufung des Kongreß betreiben können. + + Aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein werden wir — es ist uns + schwer geworden, den Entschluß zu fassen — austreten. Der Allgemeine + Deutsche Arbeiterverein war uns ans Herz gewachsen, aber im Interesse + der Sache muß man das schwerste Opfer zu bringen verstehen; und anders + ist keine Rettung! + + Vorwärts denn, Parteigenossen, auf der neuen Bahn in heiligem Kampfe + für unsere große und erhabene Sache! Begeisterung und Ausdauer + verbürgen den Sieg. + + Den 22. Juni 1869. + + I. Bremer in Magdeburg. Hoffmann in Neustadt-Magdeburg. W. Klees in + Buckau bei Magdeburg. Th. Borck in Harburg. C. Müller, S. Spier und A. + Viewieg in Wolfenbüttel. W. Bracke junior, H. Ehlers, E. Lüdecke und + A. Schrader in Braunschweig. Friedrich Ellner in Frankfurt a.M. + +In derselben Nummer des „Demokratischen Wochenblatts“ vom 26. Juni, in +der wir den vorstehenden Ausruf veröffentlichten, erschien auch eine +Erklärung von uns an die Parteigenossen, in der die Beschuldigung +Schweitzers, wir hätten die mit ihm getroffenen Abmachungen gebrochen, +zurückgewiesen wurde. Alsdann unterzogen wir die Einigungskomödie der +Mende-Hatzfeldt-Schweitzer einer scharfen Kritik. Wir erklärten: „Wir +werden den Kampf aufnehmen und mit aller Kraft und Zuversicht ihn +führen, Hand in Hand mit den klarblickenden Mitgliedern des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins.“ Wir schlossen: + + „Es wird sich zeigen, ob die Korruption, die Gemeinheit, die + Bestechlichkeit auf jener Seite, oder die Ehrlichkeit und die Reinheit + der Absichten auf unserer den Sieg davonträgt. + + Unsere Losung sei: Nieder mit der Sektiererei! Nieder mit dem + Personenkultus! Nieder mit den Jesuiten, die unser Prinzip in Worten + anerkennen, in Handlungen es verraten! Hoch lebe die Sozialdemokratie, + hoch die Internationale Arbeiterassoziation!“ + +Daß wir in dieser Erklärung und später wiederholt die Ehrlichkeit +unserer Absichten gegen die unehrlichen Schweitzers ins Feld führten, +brachte nachher der neu gegründeten Partei von der Gegenseite den +Spitznamen „Die Ehrlichen“ ein. + +Auf meinen Antrag beschloß der Vorortsvorstand einstimmig, sich dem +Aufruf von Bracke und Genossen zur Einberufung eines allgemeinen +deutschen sozialdemokratischen Arbeiterkongresses anzuschließen und die +Vorstände der Arbeitervereine aufzufordern, ein gleiches zu tun. Ein am +28. Juni von mir hinausgesandtes Zirkular verlangte Antwort bis +spätestens den 1. Juli mittags, eventuell telegraphisch. Auch schrieb +ich an Joh. Phil. Becker in Genf, der Zentralrat der deutschen Sektion +der Internationale möge ebenfalls eine zustimmende Erklärung zu dem +Einigungswerk einsenden. Ich hoffte, diesesmal gelinge uns ein +Hauptschlag. Am 26. Juni hatten auch Geib, Praast und Ockelmann-Hamburg +ihren Austritt aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein erklärt und +sich Bracke und Genossen angeschlossen. + +Der „Sozialdemokrat“ beobachtete jetzt die Taktik, ständig zu verkünden, +unser Anhang bestehe nicht aus Arbeitern, sondern aus Literaten, +Schulmeistern und sonstigen Bourgeois. + +Schweitzer suchte weiter mit dem Geschick, das er besaß, die Mitglieder +des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins an der von ihm systematisch +gepflegten schwachen Seite zu fassen. In einem Artikel schrieb er mit +Bezug auf die Opposition: + + „Ein einziger Punkt entscheidet alles. Seid ihr Demokraten oder nicht? + Ihr behauptet: Ja? Wißt ihr oder wißt ihr nicht, daß der Demokrat sich + der Mehrheit zu fügen hat — doppelt zu fügen hat, wenn diese Mehrheit + an Einstimmigkeit grenzt? Nun denn! Der Allgemeine Deutsche + Arbeiterverein-beide bisherigen Vereine — habe nahezu einstimmig mit Ja + gestimmt. Unterwerft ihr euch jetzt dem Volkswillen? O nein! In eurer + Eitelkeit, ihr ‚Demokraten‘, erklärt ihr das Volk für eine Herde + Schafe und eure Meinung für unfehlbar. Geht doch, ihr aufgeblasenen + Heuchler, _die ihr euch weiser dünkt als das ganze Volk und als + Ferdinand Lassalle!_ + + Weiser als Ferdinand Lassalle, euer riesenhafter Lehrer und + Meister — ja ja. Denn der Stein des Anstoßes liegt euch darin, daß die + Lassallesche Organisation in ihrem ganzen Umfang wieder hergestellt + wurde ...“ + +Das Spiel mit der Lassalleschen Organisation ging spaltenlang und fast +Nummer um Nummer weiter. + +Auf der anderen Seite brachte das „Demokratische Wochenblatt“ Nummer für +Nummer Erklärungen gegen Schweitzer aus der Mitte des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins. So aus Gotha, Hamburg, Hildesheim, Erfurt, +Hannover, Solingen, Wiesbaden, Elberfeld, Chemnitz (letztere gegen +Mende). Auch H. Roller, der bisherige Sekretär des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins, erklärte sich ebenfalls gegen Schweitzer. + +Von den Gewerkschaftsführern sagten sich Fritzsche, Präsident des +Zigarren- und Tabakarbeitervereins, L. Schumann, Präsident des +Allgemeinen Deutschen Schuhmachervereins, Th. Bork, Präsident des +Gewerkvereins deutscher Holzarbeiter, und Schob, Präsident des +Allgemeinen Deutschen Schneidervereins, von Schweitzer los. + +Unter dem 5. Juli teilte Mende im „Sozialdemokrat“ mit, daß Schweitzer +mit absoluter Mehrheit zum Präsidenten gewählt sei. Eine starke +Minorität sei auf ihn (Mende) gefallen, trotzdem er wiederholt erklärt +habe, er nehme eine Wahl nicht an. Zahlen wurden nicht mitgeteilt. Die +Beteiligung an der Wahl war weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. +In der schwülstigen Ansprache, mit der Mende die Wahl Schweitzers zum +Präsidenten verkündete, hieß es: + + „Wie Marat, der größte Revolutionär seiner Zeit, es so treffend + bezeichnet: Als Diktator mit der Kugel am Bein soll der Präsident den + Verein leiten, und diese Kugel soll sein: _Prinzip und Organisation_.“ + +Bekanntlich erwies sich diese Kugel als Attrappe. Und wiederum zitierte +Mende: + + „Haltet treu und fest an der Organisation, sie muß uns zum Siege + führen“, und schloß: „Es lebe Ferdinand Lassalle! Es lebe der von ihm + gestiftete Allgemeine Deutsche Arbeiterverein! Es lebe die + Organisation!“ + +Schweitzer dankte für seine Wahl in einer Ansprache, die ebenso +schwülstig und emphatisch war wie jene Mendes. Der Schluß lautet: + + „Wohlan denn! Namens des hingegangenen Meisters, der euch alle, ihr + Arbeiter, aus dem Schlummer geweckt — namens des _souveränen Volkes + unserer Partei_, das mich zum Führer erkoren — _namens_ eurer leidenden + _Brüder auf der ganzen Erde, entfalte ich die Fahne und trage sie + voran_. Festgeschlossen in Reih' und Glied, ihr Arbeiterbataillone, + folget dem erwählten Führer. + + Hoch die Manen Lassalles! Hoch die sozialdemokratische Agitation!“ + +So die beiden Auguren, beide, wie sich nachher sehr bald herausstellte, +betrogene Betrüger. Darauf ordnete unter dem 10. Juli Schweitzer die +Wahl der vierundzwanzig Vorstandsmitglieder an, für die er die +Kandidatenliste vorschlug. Der Vorstand wurde wieder in früherer Weise, +über Deutschland verteilt wohnend, gewählt. + +Im „Sozialdemokrat“ vom 14. Juli machte Schweitzer bekannt, der +Allgemeine Deutsche Arbeiterverein werde sich auf dem von uns berufenen +sozialdemokratischen Kongreß vertreten lassen und veröffentlichte eine +Reihe von Resolutionen, die seine Anhänger auf dem Kongreß zur Annahme +vorschlagen sollten. Hinter unserem Kongreß, hieß es in der betreffenden +Nummer, stehe die ganze liberale Bourgeoisie in allen ihren +Schattierungen. Von straffer, einheitlicher Organisation könne natürlich +bei uns unter einem Regiment von Literaten, Schulmeistern, Kaufleuten +usw. keine Rede sein. Jeder dieser Leute müsse Gelegenheit haben, sich +recht wichtig zu machen. Die gesamte Bourgeoispresse stehe uns zu Gebot, +log er weiter. Er werde dafür sorgen, daß eine entsprechende Anzahl +Delegierter auf den Eisenacher Kongreß komme, aber keine Literaten und +Bourgeois, sondern wirkliche Arbeiter. + +Von den Literaten, Schulmeistern, Kaufleuten usw., aus denen allein +unsere Partei bestehen sollte, sprach er von jetzt ab nicht anders als +von Achtels- und Viertelsintelligenzen. + +Unter dem 17. Juli forderte das _„Demokratische Wochenblatt“ Schweitzer +auf, nicht nur seine Werkzeuge nach Eisenach zu schicken, sondern selbst +zu kommen_. Ein Wort bei der Berliner Polizei, und der Urlaub werde ihm +bewilligt, falls Herr v. Schweitzer sich überhaupt noch anstandshalber +sollte einsperren lassen. + +Das letztere zog Schweitzer vor. Er veröffentlichte, datiert vom 17. +Juli, einen langen Aufruf „An die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins“, worin er noch einmal einen Ueberblick über die +vorhandenen Wirren gab und eine Anzahl Versprechungen machte, die er +nach seiner Freilassung aus der Haft erfüllen wolle. Er schloß den +Aufruf mit den Worten: + +„Behaltet mich in gutem Andenken, wie auch ich _inmitten meiner +Kerkermauern eurer gern gedenken werde_. Ich scheide von euch mit dem +Rufe: Auf frohes Wiedersehen bei der alten Fahne! Es lebe der Allgemeine +Deutsche Arbeiterverein!“ + +Der Rest der Haft, den er jetzt „hinter Kerkermauern“ verbüßen sollte, +betrug noch acht Wochen, die er in Rummelsburg mit Kahnfahrten auf dem +See und anderen Annehmlichkeiten verbrachte. + +Man vergegenwärtige sich jetzt folgendes. Ende November ging Schweitzer +zur Verbüßung einer dreimonatigen Haft ins Gefängnis. Gegen Ende +Dezember wird er wegen Ordnung von Familienverhältnissen infolge seines +Vaters Tod auf acht Tage beurlaubt; er bleibt aber _sieben Wochen frei, +betreibt in dieser Zeit unter den Augen der Polizei und der Behörden +eine intensive politische Agitation und tritt erst am 18. Februar wieder +die Haft an_. Am 4. März erweist ihm die Regierung abermals den Dienst, +ihn wegen Eröffnung der Reichstagssession aus der Haft zu beurlauben. +Die Session wird am 22. Juni geschlossen, aber Schweitzer bleibt wieder +frei und betreibt abermals bis zum 19. Juli unter den Augen von Polizei +und Behörden eine intensive politische Agitation. Alsdann beliebt es +ihm, die Haft wieder anzutreten. + +Dergleichen war weder vor noch nach Schweitzer in Preußen je möglich. +Als zum Beispiel 1868 Dr. _Guido Weiß_ wegen Preßvergehen zu 14 Tagen +Gefängnis verurteilt wurde, überfielen ihn einige Polizisten morgens 6 +Uhr im Bett und transportierten ihn ins Gefängnis. Diese brutale +Methode, politisch Verurteilte in frühester Stunde aus dem Bette zu +holen und ins Gefängnis zu schleppen, war _jahrzehntelang Sitte bei der +Berliner Polizei_. Es sind noch nicht viele Jahre her, daß diese Sitte +verlassen wurde. Schweitzer hatte sich _nie_ über solche oder ähnliche +Mißhandlungen zu beklagen. Er ging ins Gefängnis und verließ dasselbe, +als wenn er ins Hotel ging und dasselbe verließ. Und jeden gewünschten +Besuch konnte er empfangen. Das Mißtrauen gegen ihn war also zehnfach +gerechtfertigt. + + * * * * * + +Kurz vor dem Eisenacher Kongreß glaubte Tölcke mir eine Stinkbombe an +den Kopf werfen zu müssen, in der Hoffnung, mir politisch zu schaden. Er +erklärte in Nummer 87 des „Sozialdemokrat“ vom 28. Juli, ich beziehe vom +Exkönig von Hannover eine jährliche Besoldung von 600 Talern. Die +Beschuldigung war blöde, aber es gab Leute im Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein, die daran glaubten. So beschloß ich, Tölcke wegen +verleumderischer Beleidigung zu verklagen. Ich bat den Parteigenossen +Wilhelm Eichhoff in Berlin, mit Rechtsanwalt Hirsemenzel, damals der +erste Rechtsanwalt Berlins, zu reden und ihn zu fragen, ob er den Prozeß +annehmen werde. Hirsemenzel lehnte ab, und zwar weil bei dem Prozeß +nichts herauskomme. Der Richter werde in der Behauptung, daß ich im +Solde eines Fürsten stehen solle, nichts Ehrenkränkendes finden und eine +Beweiserhebung darüber ablehnen. Tölcke würde also höchstens wegen +Beleidigung verurteilt, womit mir nicht gedient sein könne. Weiter +machte Hirsemenzel geltend, ließe ich den Grafen Platen, den +Hausminister des Exkönigs von Hannover, als Zeugen darüber vernehmen, ob +die Behauptung Tölckes wahr sei, so werde dieser _schon der Konsequenzen +halber_ das Zeugnis verweigern und dadurch erhalte die Behauptung +Tölckes einen Schein von Berechtigung. Eichhoff richtete darauf zweimal +ein Schreiben an Tölcke mit der Aufforderung, im „Sozialdemokrat“ die +Beweise zu veröffentlichen, da er behauptete, ich stünde +„erwiesenermaßen“ im Dienste des Exkönigs. Tölcke schwieg; ich richtete +darauf ebenfalls eine Aufforderung an ihn, die Beweise zu +veröffentlichen. Statt dessen wiederholte er seine Beschuldigung und +forderte mich auf, ihn zu verklagen. Ich nannte ihn darauf einen +gemeinen Verleumder und ersuchte ihn, mich vor dem Leipziger Gericht zu +belangen, da der Ausgang des Prozesses in Berlin kein Resultat +verspreche. Die Sache ging aus wie das Hornberger Schießen. Bracke +gegenüber erklärte Tölcke, er selbst habe keine Beweise für seine +Behauptung, aber ein Regierungsrat(!) habe die Behauptung aufgestellt +und den könne er nur bei einer gerichtlichen Klage meinerseits als +Zeugen zum Beweis seiner Angaben zwingen. — + + + + +Der Eisenacher Kongreß. + + + + +Die Gründung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei und die Auflösung +des Verbandes der deutschen Arbeitervereine. + + +Nachdem wir uns verständigt hatten, den Kongreß auf den 7. August nach +Eisenach einzuberufen, erschien im „Demokratischen Wochenblatt“ vom 17. +Juli der Ausruf, der unterzeichnet war von 66 ehemaligen Mitgliedern des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins aus verschiedenen Orten, 114 +Mitgliedern des Verbandes der deutschen Arbeitervereine — worunter +ebenfalls eine Anzahl ehemaliger Mitglieder des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins waren —, einer Anzahl ehemaliger Mitglieder des +Lassalleschen Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, vom Zentralkomitee +der deutschen Arbeitervereine der Schweiz, vom Deutsch-Republikanischen +Verein in Zürich; für die Arbeiter Oesterreichs von H. Oberwinder, H. +Hartung, B. Beschan, A. Macher, A. Straßer-Graz, und für die deutsche +Abteilung der Internationale in Genf von Joh. Phil. Becker. Der Ausruf +lautete: + + _An die deutschen Sozialdemokraten!_ + + Parteigenossen! In der jüngsten Zeit haben sich im Schoße unserer + Partei Ereignisse vollzogen, die jeden ehrlichen Sozialdemokraten mit + Freude erfüllen müssen. Der Bann, welcher bisher auf der + sozialdemokratischen Arbeiterbewegung lastete, ist gebrochen; die + Selbstsucht einzelner, welche sich wie ein spaltender Keil in das + Mark, in das Herz unserer Partei geschoben, ist entlarvt und + niedergeschmettert, und es gilt nun, rasch zu handeln, damit die + Früchte des Sieges uns nicht wieder entrissen werden und damit aus der + heilsamen Revolution, welche sich soeben vollzogen hat, die + Prinzipienreinheit und die einheitliche Organisation hervorgehen + mögen, ohne die unsere Partei den ihr gebührenden Einfluß nicht + ausüben, die ihr innewohnende Kraft nicht entfalten kann. + + Lange, leider zu lange, war es dem Egoismus und der Bosheit einzelner + möglich, die Partei in sich zu verfeinden. Doch eine neue Zeit ist + angebrochen; mit ehernem Finger zeigt sie uns auf die Notwendigkeit + hin, die Partei der gesamten sozialdemokratischen Arbeiter + Deutschlands in sich zu einigen und dieselbe in die richtige, einzig + zum Siege führende Bahn der auf internationaler Grundlage beruhenden, + großen Arbeiterbewegung hinüberzuleiten. + + Wer, der ein aufrichtig denkender Sozialdemokrat ist, sollte sich + dieser Notwendigkeit verschließen können? Wer sollte die + unberechenbaren Vorteile für unsere Partei nicht ahnen, die sich aus + einer derartigen Einigung auf Grund einer gemeinsamen Organisation, + eines gemeinsamen Programms, eines gemeinsamen Auftretens in der + politisch-sozialen Welt ergeben? — Wir zweifeln keinen Augenblick + daran, daß die große, die überwältigende Mehrheit unserer + Parteigenossen der besseren Erkenntnis huldigt, daß sie gern und + freudig die Hand zu dem stolzen Werke bietet, das endlich unsere + Partei zur großartigen und wirksamen Machtentfaltung befähigt! + + Von dieser Ueberzeugung durchdrungen, haben wir uns auf einer in + Braunschweig am 6. Juli dieses Jahres stattgehabten Konferenz über die + hierzu zunächst erforderlichen Schritte völlig verständigt und berufen + hiermit in Gemäßheit des dort gefaßten Beschlusses einen _allgemeinen + deutschen sozialdemokratischen Arbeiterkongreß_ auf Sonnabend den 7. + August, Sonntag den 8. August und Montag den 9. August nach Eisenach. + + Auf die Tagesordnung des Kongresses sind, unbeschadet weiterer + Anträge, folgende Punkte gesetzt: l. Die Organisation der Partei. 2. + Das Parteiprogramm. 3. Das Verhältnis zur Internationalen + Arbeiterassoziation. 4. Das Parteiorgan (Blatt). 5. Die Vereinigung + der Gewerkschaften (Gewerksgenossenschaften). + + Die auf diese fünf Punkte der Tagesordnung sich beziehenden + spezielleren Anträge, zum Beispiel Vorlage betreffs der + Parteiorganisation usw., werden ihrem Wortlaut nach spätestens Ende + dieses Monats gedruckt versandt werden. + + Die Delegierten (Abgeordneten) zum Arbeiterkongreß haben sich durch + ein Mandat (Vollmacht), worin der Ort, für den sie abgeordnet sind, + sowie die Zahl ihrer Wähler, die sie vertreten, angegeben sein muß, zu + legitimieren. Es kann solche Legitimation erfolgen entweder durch + Mandate, welche im Namen von Vereinen oder deren Mitgliedschaften, + oder welche auch im Auftrag von zum Zwecke der Beschickung des + Kongresses stattgehabten Volksversammlungen ausgestellt sind, oder + endlich auch Mandate, welche mit den Unterschriften der an einem Orte + anwesenden Parteigenossen versehen sind. Mehrere Orte, denen es zu + schwer wird, je einen Delegierten zu senden, mögen zusammentreten, um + mindestens gemeinsam einen Delegierten abzuordnen. + + Es ist dringend notwendig, daß der Kongreß schon am Sonnabend den 7. + August, abends 8 Uhr, eröffnet wird, damit die Wahl des Bureaus und + die Feststellung der Geschäftsordnung erfolgen kann, weshalb denn auch + die Delegierten noch an diesem Tage (7. August) in Eisenach eintreffen + wollen. + + Wir geben uns der frohen Hoffnung hin, daß von allen Orten des großen + Gesamtdeutschlands, wo die Arbeit im Kampfe mit der Kapitalmacht, wo + der Volkswille gegen die staatliche Reaktion tagtäglich im Ringen nach + Freiheit begriffen ist, Vertreter zum Kongreß abgeordnet werden — wir + hoffen es zum Wohle und Wachstum der Partei, welche die politischen + und sozialen Rechte des gedrückten Volkes mit Flammenschrift auf ihre + Fahne schrieb. + + Auf, Parteigenossen, zu wirken für den allgemeinen deutschen + Arbeiterkongreß, zu wirken durch ihn für die Größe und Einheit der + Partei! + +Im weiteren berief ich im Auftrag des Vorortsvorstandes als Vorsitzender +desselben für Montag den 9. August einen Vereinstag der deutschen +Arbeitervereine nach Eisenach mit der Tagesordnung: 1. Bericht des +Vorstandes. 2. Beratung über die Frage: Welche Stellung soll der Verband +zu der neuen Organisation der sozialdemokratischen Partei einnehmen? +Eventuell Auflösung des Verbandes. + +Von den Einberufern des Kongresses erhielt ich den Auftrag, die nötigen +Vorkehrungen für den Kongreß in Eisenach zu treffen, ferner einen +Programm- und einen Organisationsentwurf auszuarbeiten und zur +gemeinsamen Beratung vorzulegen. Bracke und Geib meinten, es sei an uns, +die für passend erachteten Vorschläge zu machen. Liebknecht war mit der +Redaktion des „Demokratischen Wochenblattes“ und der Polemik gegen den +„Sozialdemokrat“ beschäftigt, so fiel mir die erwähnte Arbeit zu. + +Ich betrachte noch heute mit einiger Heiterkeit die Schriftstücke, worin +sowohl die königlich sächsische Staatsbahnverwaltung wie das Direktorium +der damals privaten Thüringischen Eisenbahngesellschaft auf meine +Gesuche mir anzeigten, daß sie die üblichen Fahrpreisermäßigungen für +Besucher von Kongressen auch den Besuchern des in Eisenach +stattfindenden sozialdemokratischen Kongresses gewährten. Heute geschähe +dergleichen nicht mehr. + + * * * * * + +In eine kleine Verlegenheit brachte mich ein Artikel, in dem Joh. Phil. +Becker im „Vorboten“ seine Ansichten über die Organisation der neuen +Partei entwickelte. Der alte Jean Philipp war ein prächtiger Kerl, +opferbereit, hingebend, unermüdlich bei Tag und Nacht, ein Haudegen, der +wie 1848 und 1849 in der badischen Revolution als Oberst eines +Freischarenregiments jetzt wieder bereit gewesen wäre, zu Pferde zu +steigen. Auch wußte er aus seinem sehr bewegten Leben eine Menge +Geschichten, Schnurren und Anekdoten zu erzählen, die er in äußerst +lebendiger Weise zum Vortrag brachte. Ich habe mich öfter stundenlang +über seine Erzählungen amüsiert. Aber von einer Parteiorganisation +verstand er nicht allzuviel, und seine lange Abwesenheit aus Deutschland +hatten ihn den deutschen Verhältnissen entfremdet. Statt einer +geschlossenen, möglichst zentralisierten, aber demokratisch +organisierten Partei, die fähig zu kräftigem Handeln war, wollte Becker +eine Verbindung, die wohl die Propagierung der sozialdemokratischen +Grundsätze betreibe, aber keine feste Parteiorganisation habe; sie müsse +sich, wie er es nannte, einen stets wandelbaren und entwicklungsfähigen +Charakter bewahren, und diese Verbindung sollte von Genf abhängen. Einen +bezüglichen Entwurf hatte er im „Vorboten“ veröffentlicht und hoffte, +daß der Eisenacher Kongreß ihm zustimmen werde. Dieser Artikel Beckers +veranlaßte Marx, mir zu schreiben, daß sie mit demselben nichts zu tun +hätten und die Ansichten desselben nicht teilten. Darauf antwortete ich +Marx unter dem 30. Juli: + + „Ihr werter Brief, den ich soeben empfangen, hat mir viel Freude + gemacht. Ich habe die Vorschläge Beckers im ‚Vorboten‘ ebenfalls + gelesen und muß gestehen, daß sie mich etwas unbehaglich stimmten, + weil ich daraus zu ersehen glaubte, daß es Becker darum zu tun sei, + die Leitung für Deutschland in bezug auf die Internationale in die + Hände zu bekommen. Mein Entschluß war denn auch, auf dem Kongreß das + unpraktische, ja unausführbare, Zeit und Geld kostende Projekt zu + bekämpfen. Es freut mich nun, an dem Generalrat der Internationale + selbst eine Stütze gefunden zu haben. Fürchten Sie deshalb nicht, daß + ich Sie oder den Generalrat irgendwie nutzloser Weise in die Debatte + hereinziehen werde; ich werde sogar versuchen, wenn Becker selbst oder + ein anderer Vertreter aus Genf kommt, ihm privatim die Gründe + auseinanderzusetzen. Auch können Sie im voraus versichert sein, daß + Beckers Vorschlag weder von unserer Seite, noch von seiten der + Opposition des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, noch von den + schweizer oder österreichischen Vertretern unterstützt wird, ich müßte + denn die Stimmung sehr schlecht kennen. Wie wir uns unser Verhältnis + zur Internationale gedacht, werden Sie aus dem von mir entworfenen und + von Braunschweig und Hamburg mitberatenen Organisationsentwurf, den + das „Demokratische Wochenblatt“ diese Woche bringt, ersehen. Ich + glaube, es ist die einzig richtige und mögliche Form.“ + +An I. Ph. Becker schrieb ich einen Brief im gleichen Sinne, in dem ich +unter anderem auch ein Urteil über Schweitzer abgab, und zwar schrieb +ich Becker mit Bezugnahme auf Schweitzers Plan, Delegierte zum +Eisenacher Kongreß senden zu wollen: + + „Es ist bei aller Pfiffigkeit Schweitzers doch eine große Dummheit, + daß er seinen Coup selber verrät. Ich habe überhaupt im Zusammensein + mit ihm, sowohl in Barmen-Elberfeld wie in Berlin, die Beobachtung + gemacht, daß er, namentlich wenn man ihm persönlich gegenübertritt, + sehr leicht den Kopf verliert und Dummheiten macht. Das böse Gewissen + ist's, das ihm jederzeit die Besinnung raubt, sobald ihn einer an der + Kehle packt.“ + +Ich möchte hier auch einige Worte über Schweitzers Aeußere verlieren. +Schweitzer war von hoher, schlanker Gestalt und hatte bleiche, verlebte +Gesichtszüge. Das braune Haar war dünn, ebenso die Bartkoteletten und +der verzwirbelte Schnurrbart. Die Nase war ziemlich lang und gegen ihr +Ende gebogen und spitz; hinter der Brille sahen ein paar kalte, +glitzernde Augen hervor. Wenn er stand oder ging, legte er stets die +Hände auf den Rücken und zog den Kopf zwischen die Schultern. Er mußte +sehr blutarm sein, denn als ich ihm nach der Barmen-Elberfelder Affäre +einmal in Berlin die Hand reichte, schauerte ich ein wenig zusammen. Es +war, als hätte ich die kalte, feuchte Hand einer Leiche erfaßt. + + * * * * * + +Der Kongreß war von einer stattlichen Zahl von Delegierten besucht. Es +waren 262 Abgeordnete anwesend, die 193 Orte vertraten. Darunter Johann +Philipp Becker-Genf, Greulich und Dr. Ladendorf-Zürich, Oberwinder und +Andreas Scheu-Wien, Hofstetten-Berlin. Sonnemann-Frankfurt war ebenfalls +zugegen, er beteiligte sich auch einigemal an der Debatte. Von jetzt ab +besuchte er aber keinen Arbeiterkongreß mehr; seine Hoffnungen, es könne +noch zwischen der Arbeiterpartei und der Volkspartei zu einer +Verständigung kommen, erfüllten sich nicht. Der Klassencharakter der +Partei stieß ihn ab. Die „Schweitzerianer“, wie wir die Delegierten des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins jetzt nannten, waren ganz +bedeutend schwächer vertreten, nicht halb so stark. Dieselben +versammelten sich im „Schiff“, unsere Delegierten im „Goldenen Bären“. +Da von den verschiedensten Seiten Mitteilungen gemacht wurden, daß die +Schweitzerianer den Kongreß mit Gewalt sprengen wollten, begab ich mich +zum Oberbürgermeister und zur Polizei, um zu hören, wie diese die +Situation betrachteten, denn es lag uns selbstverständlich alles daran, +den Kongreß abhalten zu können, sollten nicht die enormen Opfer umsonst +gebracht worden sein. Die Erklärung lautete, daß wir die Versammlungen +ganz nach Belieben wo und wie abhalten könnten. In Sachsen-Weimar gebe +es kein Vereins- und Versammlungsgesetz, die Versammlungsfreiheit war +also eine absolute. Weiter wurde mir versichert, daß die Polizei, falls +die von uns getroffenen Anordnungen mit Gewalt gestört werden sollten, +bereit sei, einzugreifen. Eine Aufforderung an die Schweitzerianer im +„Schiff“, ihre Mandate abzugeben und dieselben gegen rote +Legitimationskarten einzutauschen, verweigerten sie. Abends gegen 7 Uhr +rückten sie dann über hundert Mann stark, unter Führung des Riesen +Tölcke, in den „Goldenen Bären“. Ueber seine damalige Mission schrieb +Tölcke später in seiner Schrift „Zweck, Mittel und Organisation des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“: + + „Es war überhaupt eine beliebte Manier des Herrn v. Schweitzer, + _überallhin, wo es galt, in heißem Kampfe einen Strauß anzufechten, + andere zu senden_ und diesen die Verantwortlichkeit der Partei + gegenüber für ein etwaiges Mißlingen aufzubürden.“ + +Das war vollkommen zutreffend; Tapferkeit war nicht die Stärke +Schweitzers, dagegen ließ sich damals Tölcke zu allem gebrauchen, wozu +Schweitzer ihn benutzen wollte. + +Als die Schweitzerianer in den „Goldenen Bären“ einrückten, fanden sie +die Treppe von uns so stark besetzt, daß sie es vorzogen, ihre Mandate +abzugeben. Am Nachmittag waren in einer Vorversammlung Geib und ich zu +Vorsitzenden, Oberwinder und Quick-Genf zu Stellvertretern in Aussicht +genommen worden. Es war weiter auf meinen Vorschlag zwischen uns +vereinbart worden, daß, falls die Versammlung am Abend tumultuarisch +verlaufe, Geib den Kongreß schließen solle. Alsdann solle ein neuer +Kongreß auf Sonntag vormittag einberufen werden, zu dem nur Delegierte +mit gelben Eintrittskarten Zutritt hätten. + +Wie vorausgesehen, so kam es. Bei der Bureauwahl entstanden bereits die +stürmischsten Szenen. Wir hatten, da die Beleuchtung eine elende war, am +Bureautisch ein halbes Dutzend Flaschen, in deren Hälse wir +Stearinlichter gesteckt, aufgestellt. Diese waren in beständiger Gefahr, +umzufallen, und mußten mit den Händen gehalten werden. Schließlich nahm +der Tumult so zu, daß Geib den Kongreß schloß und anzeigte, daß er einen +neuen Kongreß für nächsten Vormittag 10 Uhr in den „Mohren“ berufe, an +dem nur Delegierte mit gelben Legitimationskarten teilnehmen könnten. + +Unser Coup war gelungen. Während der Nacht sichteten wir (Bracke, Geib +und ich) die Mandate, suchten die der Schweitzerianer heraus, und Geib +übersandte sie am frühen Morgen an Tölcke mit dem Ersuchen, er möge sie +den betreffenden Delegierten aushändigen. Der Kongreß verlief alsdann +ohne jede Störung. + +Zu Berichterstattern über Programm und Organisation waren ich und Bracke +bestimmt. J.Ph. Becker hatte es sich trotz all meiner Gegengründe nicht +nehmen lassen, einen langen Antrag einzubringen, wonach die Partei sich +„Allgemeiner deutscher sozialistisch-demokratischer Arbeiterverein, +Bestandteil der internationalen Arbeiterassoziation“ nennen solle. Der +Antrag fand keine Zustimmung. Programm und Organisation wurden mit +geringen Aenderungen in der von den Einberufern vorgeschlagenen Fassung +angenommen. Die neue Partei erhielt den Namen „_Sozialdemokratische +Arbeiterpartei_“. Das angenommene Programm lautete: + + _Programm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei._ + + I. Die sozialdemokratische Arbeiterpartei erstrebt die Errichtung des + freien Volksstaats. + + II. Jedes Mitglied der sozialdemokratischen Arbeiterpartei + verpflichtet sich, mit ganzer Kraft einzutreten für folgende + Grundsätze: + + 1. Die heutigen politischen und sozialen Zustände sind im höchsten + Grade ungerecht und daher mit der größten Energie zu bekämpfen. + + 2. Der Kampf für die Befreiung der arbeitenden Klassen ist nicht ein + Kampf für Klassenprivilegien und Vorrechte, sondern für gleiche Rechte + und gleiche Pflichten und für die Abschaffung aller Klassenherrschaft. + + 3. Die ökonomische Abhängigkeit des Arbeiters von dem Kapitalisten + bildet die Grundlage der Knechtschaft in jeder Form, und es erstrebt + deshalb die sozialdemokratische Partei unter Abschaffung der jetzigen + Produktionsweise (Lohnsystem) durch genossenschaftliche Arbeit den + vollen Arbeitsertrag für jeden Arbeiter. + + 4. Die politische Freiheit ist die unentbehrliche Vorbedingung zur + ökonomischen Befreiung der arbeitenden Klassen. Die soziale Frage ist + mithin untrennbar von der politischen, ihre Lösung durch diese bedingt + und nur möglich im demokratischen Staat. + + 5. In Erwägung, daß die politische und ökonomische Befreiung der + Arbeiterklasse nur möglich ist, wenn diese gemeinsam und einheitlich + den Kampf führt, gibt sich die sozialdemokratische Arbeiterpartei eine + einheitliche Organisation, welche es aber auch jedem einzelnen + ermöglicht, seinen Einfluß für das Wohl der Gesamtheit geltend zu + machen. + + 6. In Erwägung, daß die Befreiung der Arbeit weder eine lokale noch + nationale, sondern eine soziale Aufgabe ist, welche alle Länder, in + denen es moderne Gesellschaft gibt, umfaßt, betrachtet sich die + sozialdemokratische Arbeiterpartei, soweit es die Vereinsgesetze + gestatten, als Zweig der Internationalen Arbeiterassoziation, sich + deren Bestrebungen anschließend. + + III. Als die nächsten Forderungen in der Agitation der + sozialdemokratischen Arbeiterpartei sind geltend zu machen: + + 1. Erteilung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen + Wahlrechtes an alle Männer vom 20. Lebensjahr an zur Wahl für das + Parlament, die Landtage der Einzelstaaten, die Provinzial- und + Gemeindevertretungen wie alle übrigen Vertretungskörper. Den gewählten + Vertretern sind genügende Diäten zu gewähren. + + 2. Einführung der direkten Gesetzgebung (das heißt Vorschlags- und + Verwerfungsrecht) durch das Volk. + + 3. Aufhebung aller Vorrechte des Standes, des Besitzes, der Geburt und + Konfession. + + 4. Errichtung der Volkswehr an Stelle der stehenden Heere. + + 5. Trennung der Kirche vom Staat und Trennung der Schule von der + Kirche. + + 6. Obligatorischer Unterricht in Volksschulen und unentgeltlicher + Unterricht in allen öffentlichen Bildungsanstalten. + + 7. Unabhängigkeit der Gerichte, Einführung der Geschworenen- und + Fachgewerbegerichte, Einführung des öffentlichen und mündlichen + Gerichtsverfahrens und unentgeltliche Rechtspflege. + + 8. Abschaffung aller Preß-, Vereins- und Koalitionsgesetze; Einführung + des Normalarbeitstags; Einschränkung der Frauen- und Verbot der + Kinderarbeit. + + 9. Abschaffung aller indirekten Steuern und Einführung einer einzigen + direkten progressiven Einkommensteuer und Erbschaftssteuer. + + 10. Staatliche Förderung des Genossenschaftswesens und Staatskredit + für freie Produktivgenossenschaften unter demokratischen Garantien. + + IV. Jedes Mitglied der Partei hat einen monatlichen Beitrag von 1 + Groschen (3-1/2 Kreuzer süddeutsch, 5 Kreuzer österreichisch, 12 + Centimes) für Parteizwecke zu entrichten. Die Parteigenossen, welche + auf das Parteiorgan abonnieren und dies glaubhaft nachweisen, sind + während der Dauer des Abonnements ihrer Beitragspflicht enthoben. + Sache des Ausschusses ist es, einzelnen Orten den Beitrag zu + ermäßigen. + + V. Der Beitrag ist monatlich franko an den Parteiausschuß abzuliefern. + + VI. Wer drei Monate lang seine Pflichten gegen die Partei nicht + erfüllt, wird als Parteimitglied nicht mehr betrachtet. + + VII. Mindestens einmal im Jahre findet ein Parteikongreß statt, auf + dem über alle die Partei berührende Fragen beraten und beschlossen, + der Vorort der Partei sowie der Sitz der Kontrollkommission und der + Ort für den nächsten Parteikongreß bestimmt wird. — Die Entschädigung + für den Ausschuß respektive einzelne seiner Mitglieder setzt der + Kongreß fest. + + VIII. Außerordentliche Kongresse finden statt, wenn der Ausschuß oder + die Kontrollkommission mit absoluter Majorität dies beschließt oder + wenn ein Sechstel sämtlicher Parteimitglieder darauf anträgt. + + IX. Zu jedem Kongreß ist die vorläufige Tagesordnung mindestens sechs + Wochen vorher durch den Ausschuß im Parteiorgan bekanntzumachen. Die + innerhalb der nächsten zehn Tage nach erfolgter Bekanntmachung von + seiten der Parteigenossen einlaufenden Anträge sind alsdann mindestens + vierzehn Tage vor dem Kongreß als definitive Tagesordnung zu + veröffentlichen. Auf dem Kongreß gestellte selbständige Anträge kommen + nur dann zur Verhandlung, wenn sich mindestens ein Drittel der + Delegierten dafür erklärt. + + X. Jeder Delegierte hat eine Stimme. Die Parteimitglieder, welche sich + an einem Orte an den Wahlen der Delegierten beteiligen, dürfen nicht + mehr als fünf stimmberechtigte Abgeordnete zum Kongreß senden. + Parteimitglieder, welche nicht Delegierte sind, haben nur beratende + Stimme. + + XI. Spätestens drei Wochen nach dem Kongreß muß das Kongreßprotokoll + allen Mitgliedern zum Kostenpreise zugänglich gemacht werden. Alle + Kongreßbeschlüsse, welche eine Abänderung des Statuts, die Grundsätze + und die politische Stellung der Partei oder die Besteuerung derselben + betreffen, müssen innerhalb sechs Wochen nach dem Kongreß der + Urabstimmung aller Parteimitglieder unterbreitet werden. Einfache + Majorität der Abstimmenden entscheidet. Das Resultat der Abstimmung + wird im Parteiorgan veröffentlicht. + + XII. Die Leitung der Parteigeschäfte ist einem Ausschuß von fünf + Personen, als einem Vorsitzenden und dessen Stellvertreter, einem + Schriftführer, einem Kassierer, der eine entsprechende Kaution zu + leisten hat, und einem Beisitzer übertragen. Sämtliche + Ausschußmitglieder müssen an _einem_ Orte oder in dessen einmeiligem + Umkreis wohnhaft sein und werden von den am Vorort der Partei + wohnhaften Parteimitgliedern in besonderen Wahlgängen durch + Stimmzettel mit absoluter Majorität gewählt. Weder ein Mitglied der + Redaktion noch der Expedition des Parteiorgans darf im Ausschuß sein. + Treten im Laufe des Jahres im Ausschuß Vakanzen ein, so hat der + Vorort — mit Ausnahme des in § VII erwähnten Falles — nach demselben + Wahlmodus die Ergänzungswahlen vorzunehmen. + + XIII. Der Ausschuß muß innerhalb vierzehn Tagen nach stattgehabtem + Kongreß gewählt sein; bis zu dieser Wahl verbleibt dem bisherigen + Ausschuß, falls der Kongreß nicht anders verfügt, die + Geschäftsführung. + + XIV. Der Ausschuß faßt alle Beschlüsse gemeinsam und ist nur dann + beschlußfähig, wenn in einer ordentlich einberufenen Sitzung + wenigstens drei Mitglieder anwesend sind; derselbe gibt sich, soweit + nicht der Kongreß darüber bestimmt, selbst eine Geschäftsordnung. + + Der Ausschuß ist dem Parteikongreß für alle seine Handlungen + verantwortlich. + + XV. Um Eigenmächtigkeiten des Ausschusses möglichst zu vermeiden, + konstituiert die Partei eine Kontrollkommission von elf Personen, an + die alle von dem Ausschuß unberücksichtigt gelassenen Beschwerden zu + richten sind, und die zugleich die Geschäftsführung des Ausschusses zu + kontrollieren hat. + + XVI. Die Kontrollkommission wählen die Parteimitglieder desjenigen + Ortes und seines einmeiligen Umkreises, welcher von dem Parteikongreß + als Sitz der Kontrollkommission bestimmt worden ist. Die Wahl erfolgt + durch Stimmzettel und hat spätestens vierzehn Tage nach dem Kongreß + stattzufinden. + + XVII. Die Kontrollkommission ist verpflichtet, die Geschäftsführung, + Akten, Bücher, Kasse usw. des Ausschusses mindestens einmal + vierteljährlich zu prüfen und zu untersuchen, und ist berechtigt, + falls sie begründete Ursache hat und der Ausschuß die Abhilfe der + Unregelmäßigkeiten verweigert, einzelne Mitglieder wie den gesamten + Ausschuß zu suspendieren sowie die nötigen Schritte für provisorische + Weiterführung der Geschäfte zu tun. Es müssen solche Beschlüsse mit + Zweidrittelmajorität der Kontrollkommission gefaßt werden und ist, + wenn mehr als die Hälfte der Ausschußmitglieder suspendiert wird, + innerhalb vier Wochen ein Parteikongreß einzuberufen, der endgültig in + der Sache entscheidet. + + XVIII. Die Partei gründet eine Zeitung als Organ unter dem Namen „Der + Volksstaat“, Organ der sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Das Organ + erscheint in Leipzig und ist Eigentum der Partei. Personen und Gehalt + des Redaktions- und Expeditionspersonals, des Druckers, Preis des + Blattes wird durch den Ausschuß bestimmt. Streitigkeiten hierüber + entscheidet die Kontrollkommission, in letzter Instanz der + Parteikongreß. Die Haltung des Blattes ist streng dem Parteiprogramm + anzupassen. Einsendungen von Parteigenossen, welche demselben + entsprechen, sind — soweit der Raum des Blattes + ausreicht — unentgeltlich aufzunehmen. Beschwerden über Nichtaufnahme + oder tendenziöse Färbung der Einsendungen sind bei dem Ausschuß, in + zweiter Instanz bei der Kontrollkommission anzubringen, welcher die + endgültige Entscheidung zusteht. + + XIX. Die Parteimitglieder verpflichten sich, überall auf Grund des + Parteiprogramms die Gründung sozialdemokratischer Arbeitervereine in + die Hand zu nehmen. + +Im Laufe der Verhandlungen teilte ich mit, daß mir aus dem +Revolutionsfonds in Zürich von den Verwaltern desselben, Dr. Ladendorf +und Genossen, 900 Taler zur Agitation bewilligt worden seien. Das sei +die Geldquelle, die Tölcke und Genossen soviel Schmerzen verursachte, +und die sie dem Hitzinger, dem König von Hannover, zuschrieben. + +Zum Parteiorgan wurde das „Demokratische Wochenblatt“ bestimmt, das +nunmehr vom 1. Oktober ab wöchentlich zweimal unter dem Titel „Der +Volksstaat“, Organ der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und der +internationalen Gewerkschaftsgenossenschaften, erschien. Als Sitz des +Ausschusses wurde _Braunschweig-Wolfenbüttel_, als Sitz der +Kontrollkommission _Wien_ gewählt. Man hatte anfangs die Absicht, +Leipzig zum Sitze des Ausschusses zu bestimmen. Ich riet entschieden ab. +Unsere Propaganda im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein sei weit +leichter, wenn ein Ort wie Braunschweig Sitz der Parteileitung werde, +woselbst ausschließlich frühere Mitglieder des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins in Frage kämen. Unser Einfluß in der neuen Partei bleibe +uns gesichert, wir würden uns mit dem Ausschuß zu stellen wissen. So +geschah es. Als nächster Kongreßort wurde Stuttgart bestimmt. Die +Vertretung auf dem Kongreß der Internationale, der Anfang September in +Basel stattfand, wurde Liebknecht übertragen, dem sich später +Spier-Wolfenbüttel als Delegierter des Ausschusses anschloß. + +Der glänzende Verlauf des Kongresses hatte im Schweitzerschen Lager +einen sehr unangenehmen Eindruck erzeugt. Nachdem wir die nach Eisenach +entsandten Delegierten Schweitzers von unserem Kongreß ausgeschlossen +hatten, tagten diese im „Schiff“, woselbst sie eine Reihe Resolutionen +gegen uns faßten. So lautete eine derselben, die sich gegen Liebknecht +und mich persönlich richtete: „In Erwägung der gehörten Tatsachen +beschließt der Kongreß, daß die Herren Liebknecht und Bebel unwürdig +sind, daß der Kongreß sich weiter mit ihnen befaßt.“ Tölcke +veröffentlichte im „Sozialdemokrat“ vom 15. August einen „Aufruf an die +Parteigenossen“, der mit den Worten begann: „Der Kongreß zu Eisenach ist +vorüber. Mit Stolz und mit voller Zuversicht auf die Zukunft der Partei +können wir auf den Verlauf und das Resultat desselben zurückblicken.“ + + * * * * * + +Nach dem Schlusse des Kongresses hielt der Verband der deutschen +Arbeitervereine seinen Vereinstag ab. Zum Vorsitzenden wurde ich, +Bürger-Göppingen zum Stellvertreter, Motteler zum Schriftführer gewählt. +Crimmitschau erhielt den Auftrag, die Geschäftsführung des Vorortes zu +prüfen und im Parteiorgan Bericht zu erstatten. Aus dem von mir +erstatteten Bericht ging hervor, daß infolge der Spaltung in Nürnberg +der Verband auf 72 Vereine gesunken war, daß im Laufe des Jahres weitere +5 ausschieden, aber 42 Vereine sich neu anschlossen, so daß schließlich +zum Verband 109 Vereine mit rund 10000 Mitgliedern gehörten. Die +Einnahmen betrugen 470 Taler, die Ausgaben 457 Taler, der +Revolutionsfonds hatte 934 Taler gesteuert, von denen 800 Taler für +Unterstützung des „Demokratischen Wochenblatts“ und für Agitation +ausgegeben worden waren. Alsdann beschloß die Versammlung einstimmig die +Auslösung des Verbandes nach sechsjährigem Bestehen und Anschluß an die +Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Der vorhandene Kassenbestand wurde +der letzteren überwiesen, das vorhandene Inventar (Akten, Briefe, +Protokolle) wurde mir zur Aufbewahrung überlassen. Nach einem warmen +Danke an den Vorortsvorstand für dessen Mühewaltung trennte man sich mit +dem Wunsche auf Wiedersehen in Stuttgart. + + + + +Nach Eisenach. + + +Wie man sich leicht vorstellen kann, entbrannte nunmehr heftiger als je +der Kampf zwischen den beiden sozialistischen Fraktionen. Erklärungen +flogen herüber und hinüber, und die Szenen, die sich in zahlreichen +Versammlungen abspielten, spotteten jeder Beschreibung. Insbesondere +waren es die Gewerkschaften, die unter der gegenseitigen Zerfleischung +schwer litten. So kam zum Beispiel in der Metallarbeiterschaft die Wahl +eines Präsidenten nicht zustande, weil eine vollständige Zersplitterung +der Stimmen eintrat, außerdem wurde die Wahl nur bei 23 Abstimmungen +anerkannt, bei 17 wurde sie verworfen. + +Von jetzt ab schlug der „Sozialdemokrat“ einen Ton an, wie er bisher nur +selten vorkam, und fälschte Tatsachen und Berichte in einer Weise, daß +die Leser derselben ein vollständig falsches Bild von der Bewegung auf +unserer Seite bekommen mußten. + +Am 10. September verließ Schweitzer das Gefängnis. Am 12. September +kündigte er in einem längeren Ausruf eine Rundreise durch Deutschland +an, wobei er hinter verschlossenen Türen vor seinen Anhängern erschien, +„um überall Ordnung und strenges Recht zu schaffen“.... „Fürchten werden +meine Gegenwart,“ hieß es in dem Ausruf, „alle diejenigen, welche sich +einer bösen Absicht oder einer Verletzung der Arbeitersache schuldig +wissen; mit Freuden begrüßen werden mich diejenigen, welche als +Bevollmächtigte, Agitatoren oder in sonstiger Eigenschaft treu zur Fahne +gehalten haben.“ + +Glaubt man nicht einen gewissen Jesu zu hören, der ein Gericht über die +Guten und die Bösen ankündigt, wobei die Böcke von den Schafen gesondert +werden sollen? + +Auf dieser Tour beobachtete Schweitzer die alte Taktik, daß überall, wo +er über die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen interpelliert wurde, er +entweder schwieg oder mit spöttischen Bemerkungen darüber hinwegging. + +Dem „Volksstaat“ gegenüber nahm er dieselbe Taktik ein wie gegenüber dem +„Demokratischen Wochenblatt“. Niemals wurde der Name des „Volksstaat“ +genannt, und von der Partei sprach er nicht anders als von der +Eisenacher Volkspartei. + +In Augsburg, wohin er ebenfalls auf seiner Rundreise kam, verlangte er +von den dortigen Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +das Eingehen des von ihnen gegründeten Wochenblatts „Der Proletarier“. +Als diese sich weigerten, seinem Verlangen nachzukommen, drohte er, daß +er alles aufbieten werde, das Blatt zugrunde zu richten, sollte darüber +die Bewegung in Bayern um fünf Jahre zurückgeworfen werden. Ein kleines +Blättchen, „Der Agitator“, den Schweitzer dann zu Neujahr 1871 ins Leben +rief, das vierteljährlich nur 15 Pfennig kostete, sollte in erster Linie +bestimmt sein, massenhaft in Bayern verbreitet zu werden, um dort die +obstinaten Elemente im Zaume zu halten. + +Von seiner Rundreise zurückgekehrt, erklärte er, „daß die Partei niemals +stärker, niemals einiger und zahlreicher gewesen sei als in diesem +Augenblick“. Die Unwahrheit dieser Behauptung wurde dadurch bewiesen, +daß zwischen ihm und Mende-Hatzfeldt von neuem der Zank ausbrach. Mende +berief eine Generalversammlung nach Halle, die sich gegen Schweitzer +erklärte, und veröffentlichte eine Broschüre, in der er Schweitzer aller +möglichen Schandtaten zieh. Daß es so kommen würde, war vorauszusehen. +Während aber Schweitzer ankündigte, daß mit dem 1. Januar 1870 der +„Sozialdemokrat“ in vergrößertem Format erscheinen werde — es waren die +Anstrengungen eines Schwindsüchtigen, der sich den Anschein von Kraft +gibt —, mußte Mende ankündigen, daß, falls nicht bis zum 15. Januar für +sein Organ, die „Freie Zeitung“, 1000 neue Abonnenten herbeigeschafft +würden, er dasselbe werde eingehen lassen. Die größere Macht war also +auf Schweitzers Seite. Die Generalversammlung seines Vereins berief +Schweitzer auf den 5. Januar 1870 und die folgenden Tage nach Berlin. + +Vorher, am 7. November, war es in Berlin zu einer großen +Auseinandersetzung zwischen der Fortschrittspartei und den Lassalleanern +gekommen. Der Abgeordnete Professor Virchow hatte im preußischen +Abgeordnetenhaus einen Abrüstungsantrag gestellt, der nachher von der +Mehrheit des Abgeordnetenhauses verworfen worden war. Die +Fortschrittspartei wollte diesen Antrag durch das moralische Gewicht +einer Volksversammlung unterstützen lassen, die auf den erwähnten Tag +einberufen worden war. Eine Verhandlung wurde aber unmöglich gemacht +durch die Lassalleaner, die massenhaft erschienen waren und den Vorsitz +in der Versammlung beanspruchten. Als nun ein großer Tumult ausbrach, +schloß der Abgeordnete Löwe-Galbe die Versammlung. Darauf eröffnete +Tölcke sofort dieselbe aufs neue. Er hatte in der Voraussicht, daß die +fortschrittliche Versammlung gesprengt werde, eine zweite Versammlung in +dasselbe Lokal polizeilich angemeldet, und die Polizei hatte diese +gleichzeitige doppelte Anmeldung zu einer Versammlung in ein und +dasselbe Lokal angenommen. Wider alle bisherige Gepflogenheit waren auch +die Versammlungen polizeilich nicht überwacht. Tölcke präsidierte, +Schweitzer sprach. In der vorgeschlagenen Resolution war kein Wort gegen +die Regierung enthalten, dagegen wurde die Fortschrittspartei als +Gegnerin des allgemeinen, gleichen Wahlrechts und Gegnerin des +Normalarbeitstags verurteilt und die Abschaffung der stehenden Heere und +die Einführung der Volkswehr, gegründet auf militärische +Jugenderziehung, verlangt. + +Schweitzer suchte also wieder einmal den Standpunkt vergessen zu machen, +den er in Militärfragen vorher wiederholt eingenommen hatte. + +Nebenbei bemerkt: In der sächsischen Zweiten Kammer wurde um jene Zeit +ein Abrüstungsantrag mit 55 gegen 21 Stimmen angenommen. + +Auf dem am 9. September begonnenen _Internationalen Arbeiterkongreß in +Basel_ bildete den Hauptpunkt der Verhandlungen die Haltung der +Sozialisten zur Grund- und Bodenfrage. Die Debatte hierüber füllte +mehrere Sitzungen. Schließlich stimmten von 75 Delegierten 54, darunter +Liebknecht und Spier, für folgende Resolution: + + „Der Kongreß erklärt, daß die Gesellschaft das Recht hat, das + individuelle Eigentum an Grund und Boden abzuschaffen und _den Grund + und Boden in Gemeineigentum zu verwandeln_.“ + +Ebenso stimmten die beiden dem zweiten Teil der Resolution zu, der +lautete: + + „Der Kongreß erklärt auch, daß es _notwendig_ ist, den Grund und Boden + zum Kollektiveigentum zu machen.“ + +Diese Beschlüsse riefen in Deutschland großes Aufsehen hervor, +insbesondere fiel die volksparteilich-demokratische Presse über diese +Beschlüsse her, die sie als eine Ungeheuerlichkeit bezeichnete. Statt +daß nun Liebknecht den Beschluß des Kongresses gegen die Angriffe +verteidigte, erklärte er in der letzten Nummer des „Demokratischen +Wochenblatts“, die erschien: + + „Man hat gefragt: Welche Stellung nimmt die Sozialdemokratische + Arbeiterpartei zu dem Beschluß über das Grundeigentum? + + Antwort: Gar keine! Jedes einzelne Parteimitglied kann und soll + Stellung nehmen, der Partei als solcher steht das nicht zu, weil sie + nach keiner Seite an den Beschluß gebunden ist — ebensowenig _wie die + Internationale Arbeiterassoziation selbst_.“ + +Dieses salomonische Urteil wurde in der Partei mit sehr gemischten +Gefühlen aufgenommen. Es brachte der Partei keine Verbesserung, sondern +eine Verschlimmerung ihrer Lage, denn nunmehr nutzte Schweitzer die +Situation aus, indem er triumphierend auf die Halbheit der Eisenacher +hinwies, die in einer Haupt- und Kardinalfrage des Sozialismus versagten +und von Rücksichten auf die Bourgeois in ihren Reihen sich bestimmen +ließen; das sei der beste Beweis, daß wir keine sozialdemokratische +Partei seien. Unsere Stellung als Partei zu dem Baseler Beschluß wurde +nicht klarer, als es in Nr. 4 des mittlerweile erschienenen +„_Volksstaat_“ auf einmal hieß: „Ueber die Zweckmäßigkeit oder +Unzweckmäßigkeit des Baseler Beschlusses, betreffend das Grundeigentum, +mögen innerhalb unserer Partei verschiedene Meinungen obwalten. _Nachdem +er aber einmal gefaßt ist, kann die Partei als solche ihn nicht +verleugnen, ohne ihre Grundprinzipien zu verleugnen._“ Diese Erklärung +war korrekter als die erste, sie stand aber im _Widerspruch_ zu jener. +Es war deshalb notwendig, daß die Partei klare Stellung nahm, und so +schlug ich vor, die Frage auf dem nächstjährigen Parteikongreß zu +erörtern, ein Vorschlag, dem auch der Ausschuß zustimmte. Und da ich für +Anfang November eine große Agitationsreise nach Süddeutschland geplant +hatte, nahm ich mir vor, den Baseler Beschluß zu verteidigen, wo die +Gelegenheit dieses notwendig mache. Ich trat meine Reise am 8. November +an und beendete sie am 28. Ich hielt in dieser Zeit achtzehn +Volksversammlungen und an zwei Orten, Erlangen und München, private +Besprechungen ab. Ich besuchte nacheinander: Koburg, Bamberg, Nürnberg, +Fürth, Erlangen, Regensburg, München, Augsburg, Ravensburg, Tuttlingen, +Reutlingen, Metzingen, Stuttgart, Eßlingen, Göppingen, Aalen, +Heidenheim, Giengen, Schwäbisch Hall und Heilbronn. Opposition fand ich +in nur vier Versammlungen. Der Erfolg war in allen Versammlungen ein +sehr zufriedenstellender. + +In Stuttgart, woselbst in der Versammlung der ganze Stab der Volkspartei +und der Herausgeber der „Demokratischen Korrespondenz“, Julius Freese, +anwesend waren, kam es zwischen mir und dem Mitglied der Volkspartei +Hausmeister zu prinzipiellen Auseinandersetzungen, bei denen +selbstverständlich mein Gegner den kürzeren zog. Den Abend vorher hatte +ich in einer geselligen Zusammenkunft, bei welcher der damalige Führer +der Volkspartei, Karl Maier, mich fragte, wie die Partei zu dem Baseler +Beschluß stehe, erklärt: Die Partei werde auf dem nächsten Kongreß in +Stuttgart Stellung nehmen und zweifellos sich im Sinne der Baseler +Beschlüsse aussprechen. Tröstend hatte ich hinzugesetzt: Aber man +brauche deshalb nicht aus der Haut zu fahren, denn die Ausführung des +Beschlusses sei doch erst möglich, wenn die öffentliche Meinung dafür +gewonnen sei. Mit dieser Verzuckerung schluckte man die Pille. In der +Versammlung am nächsten Tage trat mir auch der Lassalleaner Leickhardt +entgegen, der mich wegen unserer Stellung zu Schweitzer interpellierte, +worauf ich gründlich antwortete. Alles in allem hatte ich an drei +Stunden sprechen müssen. + +Freese und einem größeren Teil der Volkspartei waren aber meine +Auseinandersetzungen in die Glieder gefahren, und so sah Freese sich +veranlaßt, in vier Artikeln in der „Demokratischen Korrespondenz“ gegen +mich zu polemisieren. Ich beantwortete dieselben durch eine Reihe +Artikel im „Volksstaat“, die zusammengestellt als Broschüre unter dem +Titel „Unsere Ziele“ bis heute erschienen sind. In diesen Aufsätzen +verteidigte ich natürlich auch den Baseler Beschluß. Freese, dem, wie +wohl allen Schwelgern (Sybariten), es keine allzu großen +Gewissensskrupel bereitete, seine Grundsätze zu opfern, sobald er seine +lebemännischen Bedürfnisse durch die Vertretung seiner Grundsätze nicht +mehr befriedigen konnte, ging später in die Dienste des österreichischen +Reichskanzlers, des Herrn v. Beust. + +Nach meiner Rückkehr aus Süddeutschland trat ich meine mittlerweile +rechtskräftig gewordene dreiwöchige Gefängnisstrafe an, die, wie schon +erwähnt, Liebknecht und mir wegen Verbreitung staatsgefährlicher Lehren +aus Anlaß der Adresse „An das spanische Volk“ zuerkannt worden war. + + * * * * * + +Wir mußten nunmehr dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gegenüber +große Anstrengungen machen, um neue Mitglieder zu gewinnen. Was immer an +Kräften und Mitteln aufgebracht werden konnte, wurde für diesen Zweck +benützt. In erster Linie kam hier York als Agitator in Frage. Der Erfolg +seiner Reisen war nicht immer ein zufriedenstellender. So klagte er mir +Ende 1869 über die Erfolglosigkeit einer Agitationsreise, die er nach +dem Rheinland unternommen hatte. Er war darüber in recht pessimistischer +Stimmung. Agitator zu sein, schrieb er mir, sei eine traurige Existenz, +was um so richtiger war, als die finanzielle Entschädigung, die der +Agitator zu jener Zeit erhielt, eine geradezu erbärmliche genannt +werden mußte. Er denke wieder daran, als Arbeiter bei einem Meister +Stellung zu nehmen. York war Tischler. Hätte er keine Familie, läge die +Sache anders, allein könnte er sich durchschlagen. Indes war sein +Opfermut und seine Hingabe an die Sache doch zu groß, als daß er die +Drohung ausgeführt hätte. + +Liebknecht und ich benutzten unsere Anwesenheit während des Reichstags +in Berlin, um dort immer mehr Anhänger zu gewinnen. Wir sprachen +namentlich öfter in einer Reihe Branchenversammlungen mit bestem Erfolg. + +Eine beständige Klage des Braunschweiger Ausschusses war der schlechte +Eingang der Mitgliederbeiträge. Diese Klage war vollauf berechtigt. An +eine regelmäßige monatliche Zahlung an den Ausschuß nach Braunschweig +gewöhnten sich namentlich schwer die ehemaligen Mitglieder des +Arbeitervereinsverbandes, die das Hauptgewicht auf die Verwendung ihrer +Mittel für die lokalen Bedürfnisse zu legen gewohnt waren. + +Zwischen dem Ausschuß in Braunschweig und uns in Leipzig entwickelte +sich ein außerordentlich lebhafter Briefverkehr, in den auch August Geib +in Hamburg, der dort als Buchhändler etabliert war, hereingezogen wurde, +als die Kontrollkommission durch Beschluß des Stuttgarter Kongresses von +Wien nach Hamburg verlegt worden war. Lebhafte Beschwerde führten Bracke +und der Ausschuß über die Redaktion des „Volksstaat“, die zu viel +Politik und zu wenig Sozialismus bringe. Eine Beschwerde, die vielfach +in der Partei laut wurde. + +Sehr aufgebracht war ich darüber, daß wir in der Person Rüdts, der seine +Universitätsstudien unterbrochen hatte und in die Partei als Agitator +eingetreten war, durch den Beschluß des Eisenacher Kongresses einen +Redakteur erhalten hatten, der seine Pflichten stark vernachlässigte, +aber mit dem Honorar, das freilich nicht hoch war, beständig im Vorschuß +sich befand. Das ging gegen meine Auffassung von Leistung und +Gegenleistung. Ich habe es allezeit, und zwar bis auf den heutigen Tag, +als schlimmste Schädigung der Partei und als eine unverzeihliche +Gewissenlosigkeit angesehen, die in einer Arbeiterpartei doppelt gerügt +werden müsse, wenn Personen ein Amt übernehmen, aber vergessen, die +damit übernommenen Pflichten gewissenhaft zu erfüllen, das Gehalt +einstreichen, aber nicht entsprechend dafür leisten. Ein Sozialdemokrat, +der eine Brotstellung in der Partei annimmt, hat damit nach meiner +Auffassung eine Art Ideal erreicht. Er kann nach seiner Ueberzeugung +tätig sein, er hat Maßregelung nicht zu fürchten und findet die volle +Anerkennung seiner Parteigenossen, wenn er seine Schuldigkeit tut. + +Als ich eines Tages mich bei Bracke bitter über Rüdt beschwerte — der +betreffende Brief spielte nachher im Leipziger Hochverratsprozeß eine +Rolle und ist im Bericht darüber abgedruckt —, antwortete mir Bracke +unter dem 17. Oktober: + + „Rüdt ist nicht schlecht, wenigstens glaube ich es nicht. Ich habe + einen intimen Freund, der ebenso ist wie Rüdt, und er ist ein braver + Kerl. Diese Art Menschen sind das Gegenteil eines Philisters, aber in + ihrer Einseitigkeit verfahren sie sich oft, bis sie durch längere, + meist bittere Erfahrungen klug werden. Je weniger ich selbst solchem + Charakter ähnele (ich komme mir oft selbst wie ein Philister vor, wenn + ich meinen ‚Lebenswandel‘ betrachte), um so mehr liebe ich diesen + Charakter bei anderen. Ich will allerdings gestehen, daß ich Rüdt zu + wenig kenne, um behaupten zu können, er sei so wie mein Freund. Aber + ich vermute es. Hast Du die Biographie von Lessing gelesen? Was war + der eine längere Zeit leichtsinnig! Ich habe oft Sehnsucht, auch + einmal leichtsinnig zu sein, aber werde es wohl schwerlich werden. Die + Verhältnisse fesseln mich an mein arbeitsames, ernstes, ja + philiströses Dasein! Von Natur heiteren Temperamentes, bin ich es in + Wirklichkeit so selten.“ + +Ich weiß heute nicht mehr, was ich Bracke auf diesen Brief antwortete, +aber eine Zustimmung zu seinem Urteil über Rüdt war die Antwort sicher +nicht. + +Bracke, der einer wohlhabenden Familie angehörte und aus dem höchsten +Idealismus sich der Partei der Enterbten angeschlossen hatte, war damals +in großen Nöten. Er hatte sich durch Fritzsche bestimmen lassen, für die +Produktivgenossenschaft der Tabak- und Zigarrenarbeiter Bürgschaften zu +übernehmen, und kam nach dem Konkurs der Genossenschaft in die höchst +fatale Lage, sehr erhebliche Summen bezahlen zu müssen. Bracke klagte +mir in zahlreichen Briefen sein Leid, wie wir denn beide kurz nach +unserer Bekanntschaft uns eng aneinandergeschlossen und keine +Geheimnisse voreinander hatten. Der Aermste hat viele Jahre zu kämpfen +gehabt, um aus den Verlegenheiten herauszukommen, in die er sich durch +seine Gutherzigkeit und Opferwilligkeit gestürzt hatte. Als ihn der Tod +ereilte — er starb allzu jung im Jahre 1879, kaum 38 Jahre alt —, wurde +sein Verlust in der ganzen Partei als ein unersetzlicher angesehen. + +Im Oktober 1869 war Karl Marx mehrere Wochen bei seinem Freunde Dr. +Kugelmann in Hannover auf Besuch. Bracke und Bonhorst, der Sekretär des +Ausschusses, fuhren hinüber nach Hannover, um Marx kennen zu lernen und +zu begrüßen. Bracke war von der Begegnung mit Marx aufs höchste +entzückt; er sei, schrieb er mir, „ein lieber Mensch“, sie hätten sich +beide sehr gut verständigt. Ich lernte Marx und zugleich auch Engels +persönlich erst 1880 in London kennen anläßlich eines „Kanossaganges“, +den ich mit Bernstein unternahm. Darüber später. + +Im Dezember 1869 spielte uns die österreichische Regierung einen +unangenehmen Streich; sie entzog dem „Volksstaat“ den Postdebit. Der +„Volksstaat“ stand damals so, daß er keinen Abonnenten entbehren konnte. +Der Akt war aber der beste Beweis, was es mit der Verleumdung des +„Sozialdemokrat“ auf sich hatte, Liebknecht stehe im Dienste der +österreichischen Regierung. + + * * * * * + +Gegen Ende des Jahres brach in Waldenburg in Schlesien ein großer +Bergarbeiterstreik aus, der größte Streik, den Deutschland bis dahin +gesehen hatte. Das Bemerkenswerteste an diesem war, daß er in einem +Gebiet und unter Arbeitern ausbrach, die, soweit sie organisiert waren, +den Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereinen angehörten, und zwar verlangten +die Bergherren den Austritt der Arbeiter aus dem Gewerkverein. Die Lehre +der Hirsch-Duncker von der Harmonie der Interessen zwischen Kapital und +Arbeit erhielt damit einen argen Stoß. Beide sozialdemokratische +Fraktionen traten energisch für die Bergarbeiter ein und unterstützten +sie. Ich wollte in Leipzig ein Plakat anschlagen lassen, in dem ich zu +Sammlungen für die Streikenden aufforderte, aber die Polizei verbot den +Anschlag des Plakats und die Sammlung, die die Genehmigung der Polizei +erfordere, weil auf Grund der Armenordnung von 1842 Sammlungen für +„Notleidende“ dieser Genehmigung bedürften. Ich appellierte wegen dieser +sonderbaren Auslegung der Armenordnung bis an das Ministerium, aber Herr +v. Nostitz-Wallwitz, der damals bereits Minister des Innern war, +billigte die Entscheidung der Leipziger Polizei. + +Mangels genügender Mittel ging der Waldenburger Streik verloren. + + * * * * * + +Im Frühjahr 1870 fiel mir eine Aufgabe zu, die zu erfüllen Pflicht eines +Fortschrittsmannes oder bürgerlichen Demokraten gewesen wäre. In Leipzig +starb Rechtsanwalt Tzschirner, der während des Dresdener Maiaufstandes +1849 mit Heubner und Tod Mitglied der provisorischen Regierung gewesen +war. Nach Niederwerfung des Aufstandes floh Tzschirner nach der Schweiz, +kehrte aber infolge der sächsischen Amnestie von 1865 als gebrochener +Mann nach Leipzig zurück. Er mußte unterstützt werden, und ich selbst +veranlagte eine Sammlung zu seinen Gunsten, deren Ertrag ich an +Tzschirners Parteigenossen Rechtsanwalt Schaffrat in Dresden gelangen +ließ. + +Als nun Tzschirner im Frühjahr 1870 in Leipzig starb, war kein einziger +seiner alten Parteigenossen, auch Schaffrat nicht, bereit, dem Manne die +Grabrede zu halten; man schämte oder scheute sich offenbar, öffentlich +als ehemaliger Parteigenosse des Revolutionärs zu erscheinen. So mußte +ich die Rede übernehmen, obgleich ich den Mann persönlich nicht gekannt +hatte und von seiner Tätigkeit nur vom Hörensagen wußte. Die deutsche +Demokratie hat frühzeitig aufgehört, Mannesmut zu zeigen. + + * * * * * + +Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins für +1870 begann am 5. Januar. Schweitzer war nicht in rosiger Stimmung. +Nachdem man ihn darüber interpelliert, ob er seinerzeit einen geheimen +Vertrag mit Mende bei der sogenannten Vereinigung abgeschlossen habe, +was er bestritt, stellte man ihn wegen der Kassenführung zur Rede. Er +habe Gelder des Vereins für den „Sozialdemokrat“ verwendet, wozu er kein +Recht habe, da das Blatt sein Privateigentum sei. Es wurde sogar ein +Beschluß herbeigeführt, wodurch ihm dieses ausdrücklich verboten wurde. +Schweitzer war durch diesen Beschluß und die an der Redaktion des +„Sozialdemokrat“ geübte Kritik sehr aufgebracht. Er antwortete: Was das +Vertrauen anlange, _so müsse er nach den in der Generalversammlung +gefallenen Aeußerungen annehmen, daß er das Vertrauen der +Generalversammlung nicht besitze_; jedenfalls habe er großenteils das +Vertrauen auf die Delegierten verloren.... Man scheine nicht zu wissen, +was der „Sozialdemokrat“ sei. _Nicht die Partei habe den +„Sozialdemokrat“ gemacht, sondern der „Sozialdemokrat“ die Partei._... +Zu verlangen, daß ein Redakteur für den Inhalt des Blattes eintreten +müsse, sei leicht, wenn man selbst den Rücken frei habe und nicht einmal +die Strafgelder bewilligte. Er habe es satt, sich in dieser Weise erst +mit den Vereinsgegnern und dann mit den Vereinsmitgliedern +herumzuärgern. Gegenüber dem Verlangen, daß in Geldangelegenheiten der +Vorstand beschließen solle und nicht wie bisher der Präsident, erklärte +er, dann sei es gleich besser, einen Ausschuß zu wählen, aber keinen +Präsidenten. Die Generalversammlung nahm alsdann eine genaue Prüfung der +Kassenausgaben vor. Ein Antrag: Die Generalversammlung erklärt sich mit +der diesjährigen Kassenabrechnung vollständig zufrieden und weist alle +Angriffe der Gegner unserer Partei als ungerechtfertigt zurück und +spricht den Wunsch aus, daß die Kassenangelegenheit für alle Zeiten so +bleiben möge, wurde mit 5097 gegen 3409 Stimmen angenommen. + +Eine Aeußerung Schweitzers, daß es die Aristokratie des Vereins sei, die +Agitatoren und Delegierten, von denen immer die Wirren im Verein +ausgingen, führte zu gereizten Auseinandersetzungen. Ein Antrag +Richter-Wandsbeck, dem Präsidenten die _Mißbilligung_ auszusprechen, +weil er auf Antrag von Hamburger Mitgliedern wider alles Recht die +Mitglieder, die gleichzeitig dem Allgemeinen Tabak- und +Zigarrenarbeiterverein angehörten, bis zur Berliner Generalversammlung +ihrer Mitgliedsrechte für verlustig erklärt hatte, wurde mit 24 gegen 12 +Stimmen bei zwei Enthaltungen abgelehnt. Diese Vorgänge ließen es +Schweitzer wieder einmal geraten erscheinen, den radikalen Demokraten +hervorzukehren. Am 9. Januar fand eine von 2000 Personen besuchte +öffentliche Sitzung statt, in der das Thema „Der Militarismus“ auf der +Tagesordnung stand. Hatte Schweitzer am 17. Oktober 1867 im deutschen +Reichstag sich für die Militärgesetzvorlage einschreiben lassen und +hatte er damals in seiner Rede ausgeführt, daß es ihm fernliege, jene +Eigenschaften an Preußen leugnen und bemäkeln zu wollen, welche im +vorigen Jahre eine feindliche Welt bewundernd anerkennen mußte, so ließ +er jetzt folgende Resolution zur Annahme vorschlagen: + + „Die Generalversammlung erklärt: Die stehenden Heere sind die + Hauptstützen der heutigen reaktionären Regierungen und zugleich der + gesellschaftlichen Ausbeutung; das demokratische Prinzip verlangt, daß + überall an Stelle der stehenden Heere die allgemeine Volksbewaffnung + trete.“ + +Also ganz wie in unserem ehemaligen Chemnitzer und jetzt im Eisenacher +Programm. Nach längerer Debatte, an der Schweitzer sich nicht +beteiligte, wurde die Resolution einstimmig angenommen. Im weiteren +erklärte sich die Generalversammlung für den Uebergang des Grund und +Bodens in Gemeineigentum der Gesellschaft. Mit einer sehr radikalen Rede +schloß Schweitzer diese Sitzung. + +Im weiteren Verlauf der Verhandlungen wurde ein Antrag, den +„Sozialdemokrat“ als Parteieigentum zu erwerben, mit 6492 gegen 2585 +Stimmen abgelehnt. Schweitzer hatte im Laufe der Debatte geäußert: Der +„Sozialdemokrat“ habe während der sieben Jahre seines Bestehens enorme +Summen verschlungen _und erfordere auch jetzt noch Opfer_. Woher diese +enormen Summen kamen, erfuhr man nicht. Er sei bereit, das +Eigentumsrecht abzutreten, wenn die Partei einen geringen Teil der auf +das Blatt verwendeten Summen zurückzahle. Ein Redner äußerte die +Besorgnis, Schweitzer werde ein neues Blatt gründen, falls es zu +Differenzen komme. Die Mehrheit sah nach dieser Erklärung die Uebernahme +des Blattes als ein Danaergeschenk an. Schweitzer teilte weiter mit, daß +vom 1. Januar ab Hasenclever neben Hasselmann in die Redaktion +eingetreten sei. Eine ganze Reihe Mitgliedschaften beantragte +ausführliche und _wahrheitsgemäße_ Abfassung der Protokolle der +Generalversammlungen. + +Eine längere und heftige Debatte entspann sich über verschiedene +Anträge; zum Beispiel der Präsident solle, wie es im Statut stehe, durch +die Generalversammlung gewählt werden, wohingegen namentlich Schweitzer +mit aller Entschiedenheit für die Wahl durch „das Volk“ eintrat, das er +durch sein Blatt in der Hand hatte. Er drang mit seiner Ansicht durch. +Das mehrfache Verlangen, die Redaktion durch eine Beschwerdekommission +zu kontrollieren, wurde durch den Beschluß erledigt, daß alle +Beschwerden über die Redaktion des Vereinsorgans an den Präsidenten zu +richten seien. Die oberste Kontrolle über die Wirksamkeit der Redaktion +und die des Präsidenten in seiner Eigenschaft als Kontrolleur habe der +Vorstand zu vollführen und könne derselbe etwa nötige Anordnungen +treffen. In der betreffenden Debatte äußerte Pfannkuch, daß durch die +bisherige Handhabung der Redaktion viele brave Mitglieder aus dem Verein +hinausgestoßen worden seien. + +Bei der Wahl zum Präsidenten, die am 12. Februar stattfand, wurde +Schweitzer wieder mit 4744 gegen 249 Stimmen gewählt, eine Stimmenzahl, +die man auch nicht als besonderes Vertrauensvotum gegenüber den 9000 +Mitgliedern, die auf der Berliner Generalversammlung vertreten waren, +ansehen kann. + + * * * * * + +Zu den drei vorhandenen sozialdemokratischen Organisationen trat Anfang +1870 eine vierte, die allerdings nur unbedeutend war und eine kurze +Lebensdauer hatte. Die hartnäckige Gegnerschaft, die Schweitzer dem in +Augsburg erscheinenden „Proletarier“ und seinen Hintermännern erwies, +erregte diese aufs äußerste. Und als nunmehr auch die Berliner +Generalversammlung sich gegen die Bayern erklärte, beschlossen diese +den Austritt aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und beriefen +auf Ende Januar einen sozialdemokratischen Kongreß nach Augsburg. An der +Spitze dieser Separatbildung standen Franz, Neff und Tauscher; alle drei +Schriftsetzer. Franz hat später eine vorzügliche Broschüre geschrieben: +„Herr Böhmert und seine Fälschungen der Wissenschaft. Von einem +Arbeiter. 1873.“ Franz starb vor wenig Jahren in Amerika. Neff starb +weit früher, Tauscher lebt noch heute als Parteigenosse in Stuttgart. +Von seiten des Braunschweiger Ausschusses wurde ich nach Augsburg +delegiert, um den Anschluß der bayerischen Genossen an unsere Partei +herbeizuführen und die Gründung einer vierten Fraktion zu verhüten. Auf +dem Kongreß waren nur neun Delegierte anwesend. Der Standpunkt, den ich +vertrat, war folgender: + + Die Bildung einer neuen Fraktion werde nur den Gegnern der + Arbeitersache nützen. Dieselben würden aufs neue über diese Spaltung + jubeln und darauf hinweisen, daß die Arbeiter zur Leitung ihrer + Angelegenheiten unfähig, als Partei ungefährlich seien, da sie trotz + aller prinzipiellen Uebereinstimmung sich nicht einigen könnten, + sondern rein formeller und persönlicher Bedenken wegen sich + gegenseitig zerfleischten. Ein weiterer zwingender Grund für die + Einigung sei die Verhütung der Zersplitterung der geistigen und + materiellen Kräfte der Arbeiter. An beiden litten die Arbeiter keinen + Ueberfluß. Je mehr Fraktionen, je mehr Verwaltungen müßten geschaffen + werden. Diese kosteten Geld, und so würden die sauer erworbenen + Groschen der Arbeiter allein durch diesen Verwaltungsapparat + aufgezehrt. Statt die Gelder zur Bekämpfung der Bourgeoisie und der + Reaktion zu verwenden, bekämpfe man sich gegenseitig, die nicht im + Ueberfluß vorhandenen geistigen Kräfte würden in diesem selben Kampfe + verbraucht und aufgerieben, ohne Nutzen für die Gesamtheit. Wohl sei + mir bewußt, daß man hauptsächlich zwei Bedenken gegen die + Verschmelzung habe. Das eine sei unser angebliches Bündnis, wohl gar + Verquickung mit der Volkspartei, das andere unsere Organisation, die + man als eine zu wenig einheitliche ansehe. Beide Einwände beruhten auf + Vorurteilen, durch diejenigen geschickt verbreitet und in die Massen + eingepflanzt, welche aus einer Berührung der Arbeiter mit dem + demokratischen Bürgertum für ihre eigene Stellung fürchteten + (Schweitzer, Mende) und unter der Firma: „Kampf gegen die radikale + Bourgeoisie“, ihr Einverständnis mit der Reaktion verbergen wollten. + Volkspartei und sozialdemokratische Arbeiterpartei seien zwei + vollständig getrennte Parteien, jede habe ihr eigenes Programm und + ihre eigene Organisation. Was das Programm unserer Partei betreffe, so + brauchte ich es nicht weiter zu entwickeln, da man es ja nahezu + wörtlich auch diesem Kongreß zugrunde gelegt, unser Programm gehe aber + in seinem ersten Teile noch weiter, indem es das internationale + Programm in schärfster Fassung enthalte und klar und scharf seine + Stellung auch zum bestehenden Staate formuliere. Die „Volkspartei“ sei + insofern mit uns einverstanden, als sie unsere politischen Forderungen + und auch einige unserer sozialen (Normalarbeitstag, Verbot der + Kinderarbeit) in ihrem Programm habe, also ein gewisses Stück Weg + neben uns hergehe. Sie in den Punkten zu bekämpfen, in denen sie + gleicher Meinung mit uns sei, sei Torheit; selbstverständlich würden + wir ihr aber überall da entgegentreten, wo Differenzen zwischen ihr + und uns beständen, also vorzugsweise auf dem sozialen Gebiet. Die + Volkspartei sei, das wüßten wir genauer als jeder andere, eine Partei, + die aus vermiedenen Elementen zusammengesetzt sei. Sie bestehe aus + großdeutschen konstitutionellen Monarchisten, bürgerlichen + Republikanern und einer kleinen Zahl von Leuten, welche im + wesentlichen auch unser soziales Programm anerkennten, letztere seien + indes sehr in der Minderheit. Einig sei die Volkspartei in dem Kampfe + gegen die großpreußischen Tendenzen, den Militarismus und Zäsarismus + und bekämpfe von diesem Standpunkt aus mit uns auch die uns feindlich + gesinnte Fortschritts- und nationalliberale Partei. Wir ständen also + zur Volkspartei in keinem anderen Verhältnis, als es sich aus der + Natur der beiderseitigen Standpunkte von selbst ergebe. Habe doch + Lassalle dasselbe der Arbeiterpartei gegenüber der Fortschrittspartei + im Jahre 1863 angeraten, ja Lassalle habe sogar an mehreren Stellen + seiner Schriften über „Verfassungswesen“ sich selbst als Mann der + Volkspartei bezeichnet. Ebenso haltlos wie die beständigen Vorwürfe + über unser Verhalten zur Volkspartei seien die Einwendungen gegen + unsere Organisation. Lebten wir in Deutschland in einem freien Staat, + dann verstünde sich von selbst, daß wir nur praktische Gründe bei + Entwerfung einer Organisation im Auge zu behalten hätten. Deutschland + sei aber kein Freistaat, sondern bestehe aus Staaten, die zum größten + Teil sehr reaktionär seien, und in denen die Macht der Gesetze sich + unliebsamen Volksorganisationen sehr fühlbar mache. Die Auflösung des + Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in Sachsen, die Schließung der + vielen Gemeinden in Preußen, der Beschluß des preußischen + Obertribunals gegen den schleswig-holsteinischen Wahlverein, der eine + ähnliche Organisation gehabt habe wie der Allgemeine Deutsche + Arbeiterverein, die neuesten Vorgänge in Bayern bewiesen, wie das + Gesetz jederzeit die Organisation vernichten könne. Hätte Schweitzer + die Urteile der Untergerichte über seinen Verein durch alle + Appellinstanzen verfolgt, das Obertribunal hätte zweifellos die + Organisation als ungesetzlich anerkannt und wäre damit das Verbot des + Vereins für Preußen ausgesprochen worden. Schweitzer habe sich davor + gehütet, und wenn sein Verein dennoch existiere, dann habe er dies + einzig und allein der Gunst zu verdanken, deren er sich notorisch von + seiten des Berliner Polizeipräsidiums und der Regierung zu erfreuen + habe. Wir müßten eine Organisation schaffen, die mit der + Einheitlichkeit zugleich die formelle Unabhängigkeit der + Parteimitglieder an den einzelnen Orten vor dem Gesetz möglich mache. + Die Einheitlichkeit der Partei sei gewahrt in dem von der Partei + gewählten und in seinen Machtbefugnissen scharf begrenzten und + zugleich kontrollierbaren Parteiausschuß, wodurch jede „Führerschaft“ + beseitigt und der Herrschaft einer einzelnen Person ein für alle Mal + ein Ende gemacht sei; ferner in regelmäßigen Steuern, die monatlich + jedes Parteimitglied leistet; und endlich in dem Parteiorgan, das + Eigentum der Partei sei, zu Privatzwecken also nicht benutzt werden + könne. Durch diese Einrichtungen sei also die Möglichkeit einer + kräftigen Agitation zur Verbreitung der Partei und die Geltendmachung + des Parteiwillens in allen Fragen gegeben. In den Lokalvereinen + könnten die Parteigenossen die Parteiangelegenheiten in der + ungehindertsten Weise besprechen und die lokale Agitation betreiben, + ohne daß das Gesetz eingreifen könne. Daß die von uns angenommene + Organisation wirklich und nicht bloß in der Einbildung gut sei, + beweise, daß trotz aller Verfolgungen, welche die Partei vom ersten + Tage ihres Bestehens zu erdulden gehabt habe, die Organisation noch + nicht angetastet worden sei, weil man es einfach nicht könne. Mit + einer Organisation, wie sie der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein + habe, würden wir längst zugrunde gerichtet worden sein. + + Habe die Polizei das Urteil des Obertribunals auf den Allgemeinen + Deutschen Arbeiterverein nicht angewandt, so kennzeichne das mehr als + alles andere das gute Einvernehmen des Chefs des Allgemeinen + Deutschen Arbeitervereins mit der preußischen Polizei. Wir hätten uns + einer solchen Gönnerschaft nicht zu erfreuen, wollten sie auch nicht + haben, müßten also unsere Organisation so einrichten, daß sie gegen + polizeiliche Uebergriffe sicher sei. Die Form sei übrigens für uns + Nebensache, die Hauptsache sei das Prinzip und seine Anwendung. Wir + gehörten nicht zu denen, die als Orthodoxe die äußere Form über die + Sache setzten, wir hielten die Organisation keineswegs für + unverbesserlich. Jedes Mitglied der Partei könne seinen Einfluß für + Aenderung derselben geltend machen, und gelänge es ihm, die Majorität + hierfür zu gewinnen, dann sei der Wille derselben entscheidend; die + ganze Verfassung der Partei sei mit einem Worte demokratisch. + +Ich hatte mit meinen Ausführungen kein Glück. Die Einberufer stießen +sich an unserer Stellung zur Volkspartei, die man, gerade weil sie ein +radikales Programm habe, als gefährlich am schärfsten bekämpfen müsse. +Auch passe ihnen unsere Organisation nicht. + +In dem Bericht, den ich in Nr. 10 des „Volksstaat“ von 1870 +veröffentlichte, führte ich noch aus: + + Ich ergriff wiederholt das Wort und widerlegte die aufgestellten + Bedenken, sah aber sehr bald ein, daß alles Reden unnütz sei, da man + einmal fest entschlossen war, eine vierte Arbeiterfraktion mit dem + ganzen bureaukratischen Apparat einer solchen zu konstituieren. Ich + erklärte darauf, daß ich mein Mandat als erledigt betrachte und an den + öffentlichen Verhandlungen nur insofern noch teilnehmen würde, um eine + Erklärung über meine Stellung zu dem Kongreß abzugeben. + + Als kurz darauf die öffentliche Versammlung wieder aufgenommen wurde, + legte ich die Gründe dar, die mich verhinderten, weiter an den + Verhandlungen mich zu beteiligen. Zugleich benutzte ich diese + Gelegenheit, um nochmals öffentlich die Vorurteile entschieden + zurückzuweisen, die noch als Erbstück Schweitzerscher Erziehung gegen + unsere Partei in der Versammlung vorhanden sein möchten. Nachdem ich + geendet, zog ich mein Mandat zurück und verließ mit unseren + Parteigenossen den Saal. + + War die mir offiziell übertragene Mission auch als gescheitert zu + betrachten, so habe ich dennoch die moralische Ueberzeugung von + Augsburg mitgenommen, daß die Masse der Arbeiter es müde ist, sich + kleinlicher persönlicher oder formeller Bedenken wegen gegenseitig in + die Haare zu geraten. Die Arbeiter begreifen, daß nur in festem + Zusammenhalten, in der Vereinigung aller Kräfte die Gewähr des Sieges + für sie liegt, und ich müßte mich sehr täuschen, wenn nicht trotz der + jetzt konstituierten vierten sozialdemokratischen Fraktion der + Zeitpunkt sehr nahe herangekommen wäre, wo der vollständige Eintritt + in die sozialdemokratische Arbeiterpartei stattfinden wird. + +Die hier ausgesprochene Hoffnung erfüllte sich rasch. Bereits im Juni +fand auf dem Stuttgarter Kongreß eine Verständigung und der Uebertritt +der bayerischen Fraktion in unsere Partei statt. Auf meiner Rückreise +von Augsburg hielt ich in München eine Volksversammlung ab, in der als +Zuhörer der damals zwanzigjährige Georg v. Vollmar anwesend war, wie er +mir gelegentlich erzählte. + +Der Monat Januar 1870 war für mich noch insofern von besonderem +Interesse, als der Rat der Stadt Leipzig beschloß, dem +Arbeiterbildungsverein den Rest der städtischen Unterstützung von 200 +Taler jährlich zu entziehen, weil der Verein sich für das Eisenacher +Programm erklärt hatte. Die Stadtverordneten beschlossen wenige Tage +darauf nach einer heftigen Debatte mit 27 gegen 16 Stimmen, dem Beschluß +des Rats beizutreten. An demselben Abend wählte mich der Verein wieder +mit 121 gegen 20 Stimmen zu seinem Vorsitzenden. + + * * * * * + +Die Agitation zur Ausbreitung der Partei wurde seit Eisenach von uns in +ganz Deutschland mit allen Kräften betrieben. Unter den zahlreichen +Versammlungen, die auch ich abhielt, waren zwei in Plauen im Vogtland +gegen Dr. Max Hirsch dadurch von besonderem Interesse, daß der Inhalt +meiner Reden zu einer neuen Anklage gegen mich wegen Verbreitung +staatsgefährlicher Lehren Veranlassung gab. Als dann noch vor Erledigung +dieser Anklage das Strafgesetzbuch für den Norddeutschen Bund Geltung +erlangte, das diese Bestimmung des sächsischen Strafgesetzes nicht +enthielt, wurde das Material in dem nachher eingeleiteten +Hochverratsprozeß wider mich verwertet. Diese Versammlungen, die an zwei +Abenden hintereinander stattfanden, weil in der ersten die Debatte nicht +zu Ende kam, endeten mit einer vollständigen Niederlage Dr. Max +Hirschs, der damals Vertreter für den Plauener Wahlkreis im +norddeutschen Reichstag war. Zwei Jahre zuvor war ich Dr. Max Hirsch +auch in seiner Vaterstadt Magdeburg entgegengetreten und hatte ihm hier +ebenfalls eine große Niederlage beigebracht. In einer späteren +Magdeburger Versammlung, in der ich Schweitzers Treiben scharf +kritisierte, warf ein fanatischer Zimmerer ein Bierglas nach mir, das +hart an meinem Kopf vorbeiflog und an der Wand zerschellte. Wäre ich +getroffen worden, so würde ich höchst wahrscheinlich einen Schädelbruch +davongetragen haben. Diese Zeilen wären dann wohl nicht geschrieben +worden. Das waren eben Liebenswürdigkeiten, mit denen sich damals die +feindlichen Brüder traktierten. + + * * * * * + +Der Stuttgarter Kongreß der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei war von +uns auf den 4. bis 7. Juni einberufen worden. Anwesend waren 74 +Delegierte. Unter den Gästen befand sich auch Eduard Vaillant mit seinem +Freunde Dr. Mülberger, deren Bekanntschaft ich damals machte. Nach den +Bestimmungen der norddeutschen Bundesverfassung mußten Ende August 1870 +die Neuwahlen zum Reichstag stattfinden — die nachher der Ausbruch des +Deutsch-Französischen Krieges verhinderte — und so war die Frage der +Taktik bei den Wahlen ein Hauptthema in den Verhandlungen. Liebknecht +und ich, die wir über die praktische Beteiligung im Parlament in +Meinungsverschiedenheiten geraten waren, worüber ich noch an anderer +Stelle berichte, hatten uns auf folgende Resolution verständigt: + + „Die sozialdemokratische Arbeiterpartei beteiligt sich an den Reichs- + und Zollparlamentswahlen lediglich aus agitatorischen Gründen. Die + Vertreter der Partei im Reichstag und Zollparlament haben, soweit es + möglich, im Interesse der arbeitenden Klasse zu wirken, im großen und + ganzen aber sich negierend zu verhalten und jede Gelegenheit zu + benutzen, die Verhandlungen beider Körperschaften in ihrer ganzen + Nichtigkeit zu zeigen und als Komödienspiel zu entlarven. + + Die sozialdemokratische Arbeiterpartei geht mit keiner anderen Partei + Allianzen oder Kompromisse ein, dagegen empfiehlt der Kongreß bei den + Wahlen zum Reichstag und Zollparlament da, wo die Partei einen eigenen + Kandidaten nicht aufstellt, solchen Kandidaten ihre Stimmen zu geben, + die wenigstens in politischer Hinsicht wesentlich unseren Standpunkt + einnehmen. Namentlich empfiehlt der Kongreß in den Bezirken, wo die + Partei von Aufstellung eigener Kandidaten absieht, von anderen + Parteien aufgestellte wirkliche Arbeiterkandidaten zu unterstützen.“ + +Werth-Barmen beantragte, die Nichtbeteiligung an den Wahlen +auszusprechen; die Resolution sei inkonsequent. Dieser Antrag wurde +abgelehnt und unsere Resolution angenommen. + +Darauf kam die Grund- und Bodenfrage zur Verhandlung, für die ich +Berichterstatter war. Die von mir vorgeschlagene Resolution lautete: + + „In Erwägung, daß die Erfordernisse der Produktion wie die Anwendung + der Gesetze der Agronomie — wissenschaftlichen Bewirtschaftung des + Bodens — den Großbetrieb beim Ackerbau erheischen und, ähnlich wie in + der modernen Industrie, die Einführung von Maschinen und die + Organisation der ländlichen Arbeitskraft notwendig machen, und daß im + allgemeinen die moderne ökonomische Entwicklung den Großbetrieb im + Ackerbau erstrebt; — in Erwägung, daß demgemäß bei dem Ackerbau wie bei + der Großindustrie die allmähliche Verdrängung der kleinen und + mittleren Eigentümer durch die Großbesitzer vor sich geht, das Elend + und das Abhängigkeitsverhältnis der weitaus größten Mehrzahl der + Ackerbaubevölkerung zugunsten einer kleinen Minorität stetig zunimmt + und dies den Gesetzen der Humanität und Gerechtigkeit + zuwiderläuft; — in Erwägung, daß die produktiven Eigenschaften des + Bodens, die keine Arbeit erheischen, das Material aller Produkte und + aller brauchbaren Dinge bilden: spricht der Kongreß die Ansicht aus, + daß die ökonomische Entwicklung der modernen Gesellschaft es zu einer + gesellschaftlichen Notwendigkeit machen wird, das Ackerland in + gemeinschaftliches Eigentum zu verwandeln und den Boden von Staats + wegen an Ackerbaugenossenschaften zu verpachten, welche verpflichtet + sind, das Land in wissenschaftlicher Weise auszubeuten und den Ertrag + der Arbeit nach kontraktlich geregelter Uebereinkunft unter die + Genossenschafter zu verteilen. Um die vernünftige und + wissenschaftliche Ausbeutung des Grund und Bodens zu ermöglichen, hat + der Staat die Pflicht, durch Einrichtung entsprechender + Bildungsanstalten die nötigen Kenntnisse unter der ackerbautreibenden + Bevölkerung zu verbreiten. + + Als Uebergangsstadium von der Privatbewirtschaftung des Ackerlandes + zur genossenschaftlichen Bewirtschaftung fordert der Kongreß, mit den + Staatsdomänen, Schatullengütern, Fideikommissen, Kirchengütern, + Gemeindeländereien, Bergwerken, Eisenbahnen usw. zu beginnen, und + erklärt sich deshalb gegen jede Verwandlung des oben angeführten + Staats- und Gemeinbesitzes in Privatbesitz.“ + +Der Schlußsatz der Resolution wurde mehrfach angefochten, man solle +nicht ins Detail gehen. Schließlich aber wurde der Resolution +zugestimmt. + +Da um jene Zeit in Wien der Hochverratsprozeß gegen die Führer der +österreichischen Arbeiter, Oberwinder, Andreas Scheu, Johann Most usw. +bevorstand, ferner die österreichische Regierung die Führer der +Arbeiterbewegung mit fanatischem Haß verfolgte und der „Sozialdemokrat“ +fortfuhr, Liebknecht als Agenten der österreichischen Regierung +anzugreifen, schlug folgende Resolution vor: + + „Der Kongreß erklärt, daß die österreichische Regierung durch ihre + Haltung gegenüber der Arbeiterbewegung und durch die aller + Menschlichkeit hohnsprechende Behandlung der eingekerkerten Arbeiter + sich den Haß und die Verachtung der Arbeiter aller Nationen erworben + hat.“ + +Die Resolution wurde unter stürmischem Beifall des Kongresses +angenommen. + +Als Kongreßort für das Jahr 1871 wurde Dresden gewählt. + + + + +Schweitzers Ende. + + +Während die geschilderten Vorgänge sich zutrugen, setzte der +„Sozialdemokrat“ seine Angriffe mit ungeschwächten Kräften und ohne +Bedenken über die Wahl der Kampfmittel gegen uns fort. So war es zum +Beispiel jetzt bei ihm Sitte geworden, daß er beständig Artikel aus dem +nationalliberalen _„Frankfurter Journal“_, das ein Organ unserer Partei +sei, abdruckte und gegen uns verwertete. Die Verlogenheit konnte kaum +weitergetrieben werden. Aber es kam noch besser. + +Unter dem Datum des 3. Juli veröffentlichte der „Volksstaat“ einen +Aufruf des Braunschweiger Ausschusses, worin dieser aufforderte, die +Vorbereitungen zu den Reichstags- und Zollparlamentswahlen zu treffen, +wobei er entsprechend den Beschlüssen des Stuttgarter Kongresses darauf +hinwies, daß in Wahlkreisen, in denen wir selbst keinen Kandidaten +aufstellten, zu erwägen sei, ob nicht dem Kandidaten einer anderen +Arbeiterpartei mit unseren Stimmen zum Siege verholfen werden könne. Der +Braunschweiger Ausschuß ahnte damals nicht, daß schon am Tage vorher, +den 2. Juli, in einer Vorstandssitzung des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins in Hannover Schweitzer Anträge eingebracht hatte, denen +der Vorstand seine Zustimmung erteilt hatte, die folgendermaßen +lauteten: + + „1. Bei der engeren Wahl zwischen einem Reaktionär (Konservativen) und + einem Liberalen: Stimmabgabe für den Liberalen. + + 2. Bei der engeren Wahl zwischen einem Reaktionär und einem + Volksparteiler (Ehrlichen, womit er uns meinte): _Stimmenthaltung_. + + 3. Bei der engeren Wahl zwischen zwei Liberalen: Stimmabgabe für den + weitergehenden Kandidaten. + + 4. Bei der engeren Wahl zwischen einem Liberalen und einem + _Volksparteiler (Ehrlichen): Stimmabgabe für den Liberalen_.“ + +Die ersten drei Punkte waren einstimmig, der vierte gegen vier Stimmen +angenommen worden. + +Man kann sich die Empörung vorstellen, die uns ergriff, als wir diesen +Beschluß lasen, den wir als eine _Infamie ersten Ranges_ ansahen. Es war +klar, daß Schweitzer und Tölcke den fanatischen Haß der +Vorstandsmitglieder gegen uns benutzt hatten, um diesen infamen +Beschluß, der die der Bismarckschen Politik am feindlichsten +gegenüberstehende Partei traf, durchzusetzen. Richter-Wandsbeck hat +später erklärt, _er habe gegen den Antrag gestimmt, weil er gewußt, daß +Schweitzer ihn im Auftrag der Regierung gestellt habe_. Ich lasse das +dahingestellt sein. Zweifellos entsprach aber dieser Beschluß _den +Wünschen Bismarcks_, und das genügte. + +Sobald der Beschluß in unseren Reihen bekannt wurde, erließ der +Braunschweiger Parteiausschuß unterm 11. Juli einen Aufruf, in dem es +hieß: „daß ungeachtet jenes Beschlusses unsere Parteigenossen, wo dies +im Interesse der Arbeitersache liege, _den Kandidaten des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins unterstützen sollten, treu dem Gedanken, daß +die Organisation dazu da sein solle, die Einigung aller +sozialdemokratischen Arbeiter zu ermöglichen“._ Im weiteren hieß es +alsdann: + + „Dem Herrn v. Schweitzer aber, der in der gehässigsten und + verwerflichsten Weise Arbeiter gegen Arbeiter, Sozialdemokraten gegen + Sozialdemokraten zu hetzen sucht, sind wir um der Arbeitersache + verpflichtet, mit aller Energie entgegenzutreten. Daher fordern wir + die _Parteigenossen in Barmen-Elberfeld_, dem klassischen Boden für + diesen Kampf, auf, die nötigen Schritte in dieser Richtung ohne Säumen + zu tun; _die Partei ist schuldig und verbunden, die allgemeine + Bewegung von einem Menschen zu säubern, der, unter dem Deckmantel + einer radikalen Gesinnung, bisher im Interesse der preußischen + Staatsregierung alles getan hat, dieser Bewegung zu schaden._ Die + Partei wird den Genossen in Barmen-Elberfeld zur Seite stehen. Nun + kräftig vorwärts!“ + +Am 13. Juli mußte der „Sozialdemokrat“ bekanntmachen, daß sein Format +verkleinert werden müsse, weil die verlangten 500 neuen Abonnenten nicht +gekommen seien. Das war die Antwort auf die prahlerische Ankündigung am +Schlusse des Vorjahres, das Format des Blattes zu vergrößern. Die Zahl +habe sich kaum um 100 vermehrt. Bald darauf mußte aber sowohl der +„Sozialdemokrat“ wie der „Volksstaat“, der Ende März 1870 2000 +Abonnenten hatte, weitere Raumbeschränkungen eintreten lassen. Es brach +plötzlich der Deutsch-Französische Krieg aus, der von beiden Fraktionen +zahlreiche Parteigenossen unter die Waffen rief, andere durch +hereinbrechende Arbeitslosigkeit brotlos machte. + +Auf die Ursachen und die Entwicklung dieses Krieges komme ich in anderem +Zusammenhang zu sprechen. Liebknecht und ich betrachteten denselben als +einen solchen, an dem Napoleon und Bismarck gleichmäßig schuldig seien, +und enthielten uns bei der verlangten Kriegsanleihe der Abstimmung, was +wir durch eine Erklärung zu den Akten des Reichstags motivierten. Anders +Schweitzer und Genossen. Nach Schweitzer war der Krieg nicht nur ein +Krieg gegen das deutsche Volk, _sondern gegen den Sozialismus._ Und +jeder Deutsche, der sich dem Friedensbrecher entgegenwerfe, kämpfe nicht +nur fürs Vaterland, _sondern auch gegen den Hauptfeind der Ideen der +Zukunft, für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit._ + +Den Sozialismus mit dem Kriege in Verbindung zu bringen, war zwar +grandioser Blödsinn, aber in jener aufgeregten Zeit, in der der größte +Unsinn geglaubt wurde, wenn er sich gegen uns richtete, lag Methode in +diesem Verhalten. + +Mitten in die Kriegswirren traf die Nachricht aus Wien ein, daß +Oberwinder, Andreas Scheu, Most und Papst wegen Hochverrats, ersterer zu +sechs Jahren, die anderen zu fünf bis drei Jahren Zuchthaus, verschärft +für jeden durch einen Fasttag im Monat, verurteilt worden seien. +Außerdem wurde für Oberwinder und Most die Ausweisung aus den +österreichischen Ländern nach verbüßter Strafe ausgesprochen. Die +übrigen Angeklagten wurden zu geringeren Strafen verurteilt. Ein +Hauptanklagepunkt war die Beteiligung am Eisenacher Kongreß (Oberwinder +und Scheu) und die Anerkennung des Eisenacher Programms, das nur durch +Gewalt durchgesetzt werden könne. + +An der Hatz, die jetzt gegen uns seitens fast der gesamten Presse wegen +unseres Verhaltens im Reichstag inszeniert wurde, beteiligte sich der +„Sozialdemokrat“ in hervorragendem Maße, der uns „Landesverräter“ und +ähnliche schöne Titel anhängte. Damit nicht genug, sandte Schweitzer +verschiedene seiner Agitatoren nach Leipzig, die dort die Massen gegen +uns aufhetzen sollten. Zunächst kam Hasenclever, dessen Versammlung +durch ein Plakat angekündigt wurde, in dem es hieß: „Sämtliche Arbeiter, +Bürger und Bewohner der Stadt werden zu dieser Versammlung freundlichst +eingeladen. Während unsere Truppen im Felde stehen, scheint eine +öffentliche Kundgebung des echt deutschen Sinnes unserer Einwohnerschaft +einzelnen undeutschen Elementen gegenüber, die sich auch hier bemerklich +machen, dringend geboten. Der Bevollmächtigte des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins.“ + +Hasenclever machte aber schlechte Geschäfte; wir hatten die Mehrheit in +der Versammlung, und so wurde die von uns vorgeschlagene Resolution +angenommen. Weit schlimmer ging es in der Versammlung zu, in der nach +ihm Wolf-Hamburg und Armborst-Stettin sprechen sollten. Hier kam es +sofort zu tumultuarischen Szenen, die bald in ein Handgemenge +ausarteten, dem der erschreckte Wirt durch Ausdrehen der Gasflammen ein +Ende bereitete. Als wir nach der Versammlung in unserem Vereinslokal uns +zusammenfanden, kam die Kunde, die Schweitzerianer seien nach +Liebknechts Wohnung gezogen, um diesem die Fenster einzuwerfen. Im +Sturmschritt eilten wir auf dem kürzesten Wege nach Liebknechts Wohnung, +kamen aber leider einige Minuten zu spät. In der Tat waren Liebknecht +eine Anzahl Fensterscheiben eingeworfen worden, und war dadurch Frau +Liebknecht, die ahnungslos in der Stube saß und ihrem ersten Sprößling +die Brust reichte, aufs tiefste erschreckt worden. Voll Zorn eilten wir +den Attentätern nach und erreichten sie in der Nähe der inneren Stadt, +worauf sie regelrecht verprügelt wurden. Kurz darauf meldete der +„Sozialdemokrat“ die Heldentat seiner Anhänger mit den Worten: + + „Der Volkszorn gegen das landesverräterische Treiben der Volkspartei + hat einen Ausbruch gefunden. Liebknecht sind die Fenster eingeworfen + worden.“ + +Einige Tage später hatten mir eine Anzahl Studenten eine ähnliche +Ovation zugedacht. Zu dem Fenstereinwurf sollte noch eine Katzenmusik +kommen. Zum Glück wohnte ich hinten im Hofe im Hause eines +Großkaufmanns. Sobald der Hauswart erfuhr, was die eines Abends +heranziehenden Studenten beabsichtigten, schloß er rasch das Tor; so +mußten sie unverrichteter Sache abziehen. + +Alle diese Hetzereien, die weiter aufzuzählen sich nicht lohnt, erregten +derart meine Wähler, daß diese, meist arme Teufel, sich veranlaßt sahen, +mir einen silbernen Lorbeerkranz, begleitet von einem Uhlandschen +Sinngedicht, zu überreichen. Würde ich von dieser Absicht eine Ahnung +gehabt haben, ich hätte ihre Ausführung verhindert. + +Ende August 1870 machte Tölcke im „Iserlohner Kreisblatt“ bekannt, daß +er vorläufig die Politik an den Nagel gehangen und sich als Volksanwalt +niedergelassen habe. Damit war eine der festesten Säulen Schweitzers +geborsten. Aber jetzt trat auch im „Sozialdemokrat“ plötzlich eine +Schwenkung ein, der Draht nach oben war offenbar zerrissen. Der Krieg +mit seinen ununterbrochenen Siegen der deutschen Waffen führte +Süddeutschland und fast das gesamte Bürgertum Norddeutschlands zu den +Füßen Bismarcks. Selbst in den Kreisen der süddeutschen Volkspartei +feierte der Chauvinismus wahre Orgien. Jetzt konnte ein Schweitzer +Bismarck mehr schaden als nützen; es hatte keinen Zweck mehr, ihn zu +halten. + +Am 31. August wendete sich der „Sozialdemokrat“ gegen eine gewaltsame +Annexion von Elsaß-Lothringen. Anfang September, nach der Gefangennahme +Napoleons, sprach er sich für Abschluß eines Waffenstillstandes und +gegen den Gedanken einer Wiedereinsetzung Napoleons aus. Genau also wie +wir im „Volksstaat“. Am 14. September veröffentlichte der +„Sozialdemokrat“ einen Leitartikel, in dem er sich gegen die stehenden +Heere aussprach und sich dabei auf Gneisenau berief. + +Als er die Verhaftung August Geibs in Hamburg meldete, der das Schicksal +des Braunschweiger Ausschusses teilte, dessen Mitglieder man mit Ketten +gefesselt nach der Festung Lötzen geschleppt hatte, bemerkte er +ingrimmig: Liebknecht und Bebel, die andere für sich die Kastanien aus +dem Feuer holen ließen, befänden sich als Haupthetzer in Sicherheit. Er +brauchte nicht allzulange zu warten, und seine Sehnsucht nach unserer +Verhaftung wurde gestillt. Als dann auch Johann Jacoby und +Herbig-Königsberg verhaftet und ebenfalls nach Lötzen geschleppt wurden, +wendete sich jetzt der „Sozialdemokrat“ gegen diese Verhaftung. Anfang +November 1870 meldete das Blatt, daß Petzold-Leipzig, einer seiner +fanatischsten Anhänger, aus dem Vorstand des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins ausgetreten sei. Er wollte von Schweitzer nichts mehr +wissen. + +Für den 24. November war der Reichstag wieder einberufen worden, um +unter anderem über eine neue Geldbewilligung für Fortsetzung des Krieges +zu beschließen. Jetzt kündigte der „Sozialdemokrat“ an, daß diesmal die +Abgeordneten der Partei gegen die Geldbewilligung stimmen würden. Der +Krieg, der anfangs ein Verteidigungskrieg gewesen, sei jetzt zu einem +Eroberungskrieg geworden. Er war also nunmehr auch hierin auf unserem +Standpunkt. Bei den außerordentlich heftigen Debatten, die Liebknecht +und ich beständig im Reichstag provozierten, verhielten sich Schweitzer +und Genossen vollkommen schweigsam, sie griffen mit keinem Worte in die +Debatte ein. Nur als Liebknecht in einer Rede sich gegen die +Unterstellung wandte, wir seien mehr die Freunde Frankreichs als +Deutschlands, und bemerkte: Ich will lieber der gute Bruder des +französischen Volkes als der gute Bruder des Schurken Napoleon sein, +rief Schweitzer ein lautes Bravo! Bravo! dazwischen. Das war die einzige +Aeußerung, die er in den Kriegsdebatten machte. + +Am 17. Dezember wurden Liebknecht, Hepner (der Mitredakteur des +„Volksstaat“) und ich in unseren Wohnungen polizeilich überfallen, und +nachdem eine Durchsuchung unserer Wohnungen stattgefunden hatte, wurden +wir für verhaftet erklärt und in Untersuchungshaft abgeführt. Wir waren +also, da die Untersuchungshaft bis Ende März 1871 dauerte, während des +Wahlkampfes, der nach Neujahr einsetzte, vollständig lahmgelegt, das +verhinderte aber Herrn v. Schweitzer nicht, am 8. Januar im +„Sozialdemokrat“ nochmals die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins darauf hinzuweisen, daß der Beschluß des +Vereinsvorstandes vom 2. Juli des verflossenen Jahres betreffend ihr +Verhalten bei engeren Wahlen sich gegen uns, die Eisenacher Ehrlichen, +richte. Das brachte dieser Mensch fertig, während wir in strengster +Einzelhaft hinter Schloß und Riegel saßen und Staatsanwalt und Richter +einen Hochverratsprozeß gegen uns zusammenbrauten. + +Aber die Leipziger Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +besaßen zuviel Ehrgefühl und Klassenbewußtsein, um diesem Winke zu +folgen; sie machten mit unseren Parteigenossen gemeinsame Sache, indem +sie mich als Kandidaten für Leipzig aufstellten. Auch weigerte sich eine +Anzahl Kandidaten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, eine +Erklärung zu unterschreiben, worin sie sich in ihrer Taktik bei einer +engeren Wahl gegen uns festlegen sollten. Herr v. Schweitzer hatte +wieder einmal den Bogen überspannt. + +Am 3. März 1871, dem Tage des Friedensschlusses, der mit Berechnung als +Wahltag gewählt worden war, veröffentlichte der „Sozialdemokrat“ einen +Leitartikel, der die größte Siegeszuversicht atmete. Aber am Abend jenes +Tages wurde gemeldet, daß nirgends ein Sieg erfochten worden war und +Schweitzer in Barmen-Elberfeld mit dem Kandidaten der Konservativen, +Herrn v. Kusserow, in engere Wahl komme. Es war dieses derselbe Herr v. +Kusserow, der im Herbst 1867 an Schweitzer 400 Taler zahlte als +Wahlkostenbeitrag der Konservativen für seine Wahl. In der engeren Wahl +unterlag Schweitzer mit 8477 gegen 9540 Stimmen. _Diese Niederlage +brachte bei ihm den Entschluß zur Reife, sich vom öffentlichen Leben +zurückzuziehen,_ was wohl am deutlichsten für seinen Charakter spricht. +In einer langen Ansprache im „Sozialdemokrat“ vom 26. März „An die +Partei“ kündigt er an: _er könne die Leitung fortan nicht beibehalten,_ +sein Entschluß sei unwiderruflich. Indem er auf das Wahlergebnis +hinweist, bemerkt er, daß dasselbe zwar nicht die Ursache seines +Rücktritts sei, aber es gebe ihm allerdings Gelegenheit, den längst +beabsichtigten Rücktritt zu verwirklichen. Zahlreiche Parteigenossen in +seiner Umgebung könnten bezeugen, daß er schon seit einem Jahre hierzu +entschlossen sei. Er werde sein Amt bis zur nächsten Generalversammlung +beibehalten, und nachdem die Partei ihn von seiner Geschäftsgebarung +entlastet habe, die Gewalt in die Hände der höchsten Behörde der Partei +niederlegen. + +Der eigentliche Grund seines Rücktritts sei: er habe lange Jahre +hindurch Zeit, Arbeitskraft, Seelenruhe und Geld für die Arbeiterpartei +geopfert. Niemand könne ihm zumuten, diese Opfer weiter fortzusetzen.... +Er habe das Seinige getan, habe lange genug auf dem Posten gestanden, um +verlangen zu dürfen, daß Ablösung stattfinde. + +Diese Ankündigung war für den Verein wie für die Gegner Schweitzers eine +Ueberraschung. Bisher hatte sein Gebaren nicht gezeigt, daß er es satt +habe, auf dem Posten weiter zu stehen, auf den der Verein ihn gestellt. +Alle seine Maßnahmen bewiesen das Gegenteil. Es mag zugegeben werden, +daß er sich seit einem Jahre mit dem Gedanken eines eventuellen +Rücktritts trug und ihn auch diesem oder jenem aus seiner Umgebung +gegenüber äußerte. Aber ernsthaft daran geglaubt hat wohl niemand. Was +seinen Entschluß zunächst hervorgerufen haben mochte, waren wohl die +Erfahrungen in Barmen-Elberfeld und der Verlauf der Berliner +Generalversammlung im Januar 1870, die ihm beweisen mußten, daß es ihm +nie gelingen werde, das volle Vertrauen des Vereins zu erwerben, ja daß +im Gegenteil das Mißtrauen und die Unzufriedenheit mit seiner Leitung +und seinem Verhalten wuchs. Er hatte doch zu viel Anklagematerial +geliefert, zu sehr durch zahlreiche Handlungen Kopfschütteln und +Mißfallen erregt, als daß man schließlich es noch fertig brachte, wegen +der glänzenden Eigenschaften, die er als Parteiführer besaß, über das +Vorgekommene hinwegzusehen, wie das bisher geschehen war. Diesen +Eigenschaften zuliebe hatte man ihm vieles verziehen, was der Verein +unter anderen Umständen sich niemals würde haben bieten lassen. Aber +dieses Maß von Nachsicht ging auf die Neige. Andererseits erkannte er, +_daß er auf die Dauer den Krieg gegen uns mit Aussicht auf Erfolg nicht +fortführen konnte_. Trotz aller Mängel, die damals unsere Partei noch +aufwies in ihrer Organisation und im festen Zusammenschluß ihrer +Glieder, die Partei wuchs beständig, und ihr moralisches Ansehen war in +den Augen ihrer Gegner unbestritten. Es konnte also bald der Tag für ihn +kommen, an dem er einen Friedensschluß mit uns suchen mußte, was einer +Verurteilung seines ganzen bisherigen Verhaltens gleichkam. Diesem Gang +unter das kaudinische Joch, als das er ihm erschien, wollte er sich +nicht unterwerfen. Dieser Möglichkeit zog er die Preisgabe seiner +Stellung im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein vor, die auch nach oben +hin haltlos geworden war. + +Schweitzer hatte auch bereits die Fühler für die Gewinnung einer +bürgerlichen Stellung ausgestreckt. Im Januar 1871 war ein dreiaktiges +Drama von ihm, betitelt „Kanossa“, über eine der Berliner Bühnen +gegangen, wodurch er zeigte, daß bei ihm dramatisches Geschick vorhanden +war. Auf diesem Gebiet arbeitete er nunmehr weiter. + + * * * * * + +Am 30. April hatte ein Teil des _Lassalle_schen Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins seine Auflösung und seinen Uebertritt in unsere Partei +beschlossen. Auch August Kühn, damals in Bremen, trat in einem „Offenen +Brief“ für eine Einigung der verschiedenen Fraktionen ein, die +namentlich hinsichtlich der gewerkschaftlichen Bewegung eine absolute +Notwendigkeit sei. + +Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins war vom +30. April auf den 19. Mai vertagt worden. Aber Ende April ließ +Schweitzer den „Sozialdemokrat“ eingehen, so daß nunmehr der Verein ohne +Organ war. + +Auf dieser Generalversammlung nahmen namentlich die Verhandlungen über +die Kassenzustände einen sehr weiten Raum ein; sie endeten damit, daß +ein Antrag Frohmes einstimmig angenommen wurde, lautend, „_dem +Präsidenten eine Rüge zu erteilen_ wegen der teilweise höchst +unzweckmäßigen Verwendung der Gelder für die Agitation“. Im Laufe der +weiteren Verhandlungen setzte Schweitzer auseinander, daß finanzielle +Gründe ihn gezwungen hätten, den „Sozialdemokrat“ Ende April eingehen zu +lassen. Er hob dabei hervor, _daß der „Sozialdemokrat“ zu keiner Zeit +seine Kosten gedeckt habe,_ also auch kein Redaktionsgehalt ihm +einbringen konnte. Ein Delegierter gab an, daß vom 1. Oktober 1870 bis +1. Januar 1871 der „Sozialdemokrat“ zirka 1700 Abonnenten verlor. Der +„Volksstaat“ verlor in der gleichen Zeit 300. Die Generalversammlung +beschloß, den „Sozialdemokrat“ in der alten Form wieder erscheinen zu +lassen, und zwar als Vereinseigentum. Das Blatt erschien unter dem Titel +„Neuer Sozialdemokrat“ vom 1. Juli ab. Ferner wurde beschlossen, eine +Verwaltungs-und Beschwerdekommission von drei Mitgliedern einzusetzen. +An Stelle Schweitzers wurde Hasenclever zum Vereinspräsidenten gewählt, +Hasselmann wurde erster Redakteur, Derossi Sekretär. Der Präsident wurde +von jetzt ab mit 50 Talern monatlich honoriert. + +Schließlich sprach die Generalversammlung _einstimmig Schweitzer ihren +herzlichen Dank aus für seine tatkräftige Leitung der Partei und +bedauerte, ihn nicht länger auf diesem Posten und an ihrer Spitze zu +haben._ Offenbar wollte man ihm eine goldene Brücke bauen und die +Genugtuung verbergen, die sein Rücktritt bei vielen seiner früheren +Anhänger hervorrief. + +Zu diesem einstimmigen Vertrauensvotum standen die Verhandlungen im +_grellen Widerspruch_, die im nächsten Jahr auf der Generalversammlung +des Vereins zu Berlin vom 22. bis 25. Mai 1872 gepflogen wurden. Auf +dieser wurde das Protokoll der Vorstandssitzung in Hannover vom 3. März +1872 verlesen, auf der Tölcke, der frühere Vertrauensmann Schweitzers, +ausgeführt hatte: + + _„Wenn man die Geschichte des Vereins betrachte, so falle es einem in + die Augen, daß jedesmal, wenn derselbe in die Höhe ging, irgend ein + Experimentchen gemacht wurde, das ihn wieder herunterbrachte.“_ + +Worauf ihm mit Recht geantwortet wurde, daß er diese Experimente +mitgemacht, aber bisher geschwiegen habe. Weiter äußerte Tölcke: + + „Schweitzer habe keine Vereinskarten drucken lassen, weil er das + einkommende Geld sofort selbst konsumierte. Er (Tölcke) habe den + Agitatoren das doch nicht schreiben können, dann wären immer neue + Risse in der Partei entstanden. Aurin habe damals gesagt, die + _Verbandskasse_ sei nicht in Ordnung; das sei richtig gewesen, _da + Schweitzer 500 Taler aus der Verbandskasse genommen_ und zu seinem + Bankier getragen habe. Man habe in Rücksicht auf die Partei darüber + geschwiegen.“ + +Weiter erzählte Tölcke: + + _„Schweitzer stehe mit dem Polizeipräsidium in Verbindung und + hinterbringe demselben alles, was passiere. Schweitzer habe ihm kurz + vor dem Antritt seiner Haft in Rummelsburg gesagt, daß er (Redner) + sich zu jeder Zeit, wenn etwas passiere, an das Polizeipräsidium + wenden könne; er sei auch mit ihm dorthin gegangen und habe ihn + daselbst vorgestellt, wobei Schweitzer eine große Kenntnis der + Räumlichkeiten dort entwickelte. Nachher sei er mit ihm um den ganzen + Hof herum gegangen, wo sämtliche Hauptleute usw. aufgepflanzt waren + und den Doktor freundlich grüßten. Dann sagte ihm Schweitzer auch, daß + er (Redner) jederzeit zum Minister des Innern kommen könne.“_ + +Hierauf wurde Tölcke abermals mit Recht erwidert, _er_ habe die Partei +immer im Dunkeln tappen lassen, noch auf der vorigen Generalversammlung +habe er Schweitzer verteidigt. Ein anderer Redner meinte: Nach seinen +eigenen Angaben sei Tölcke ein weit _schlimmerer Verräter_ als +Schweitzer. Ein dritter Redner äußerte: + + „_Er bemerke die Anwesenheit Doktor Schweitzers und frage an, ob auch + Nichtmitglieder anwesend sein dürfen. Könne sich Schweitzer weder als + Mitglied noch als überwachender Polizeibeamter ausweisen, so habe er + ohne weiteres das Lokal zu verlassen._“ + +Es wird konstatiert, daß Schweitzer seit seinem Rücktritt vom Präsidium +keine Beiträge mehr bezahlte, also kein Mitglied des Vereins mehr sei. +Schweitzer verließ hierauf das Lokal. + +_Lingner beantragte alsdann, einen Beschluß zu fassen, daß Schweitzer +nicht mehr in den Verein aufgenommen werden dürfe, er wolle ihn +ausgeschlossen wissen._ + +Bei der Abstimmung wurde der Antrag, _daß Schweitzer nicht mehr in den +Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein aufgenommen werden könne, mit 5595 +gegen 1177 Stimmen bei 1209 Enthaltungen angenommen._ + +So endete Schweitzers politische Laufbahn. Er war preisgegeben und +verurteilt selbst von denen, die ihm viele Jahre ein fast unbegrenztes +Vertrauen schenkten oder wie Tölcke seine Helfershelfer waren. Mayer +meint in seinem von mir mehrfach zitierten Buche über Schweitzer, es +wären die literarischen Gefälligkeiten gegen den konservativen +Sozialpolitiker Rudolf Meyer gewesen, die Schweitzers Ausschluß aus dem +Verein herbeigeführt hätten. Das ist ein Irrtum, _so_ empfindlich war +man in jener Zeit im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein nicht. Auch +hätte alsdann _Hasenclever_ ausgeschlossen werden müssen, der, wie +_allbekannt_ war, damals ebenfalls mit Rudolf Meyer im Verkehr stand. +Dieser Verkehr wäre aber auch kein Grund zu einem Ausschluß aus der +Partei gewesen. Haben doch auch Fr. Engels und ich später zu Rudolf +Meyer in persönlichen Beziehungen gestanden, der 1893 in Prag unser +Führer durch die Stadt war. Ich meine, an den gewichtigsten Gründen für +den betreffenden Beschluß gegen Schweitzer mangelte es dem Verein nicht, +man brauchte nicht nach anderen zu suchen. + +Mit Schweitzer schied eine Persönlichkeit aus dem politischen Leben, +die, wenn sie zu ihren sonstigen Eigenschaften auch die Eigenschaften +gehabt hätte, _die der Führer einer Arbeiterpartei unbedingt haben muß,_ +Selbstlosigkeit, Ehrlichkeit und volle Hingabe an die zu vertretende +Sache, unbestreitbar der erste Führer der Partei bis an sein Lebensende +geblieben wäre, wie ich das schon hervorhob. Man mag diese großen Fehler +seiner Persönlichkeit bedauern, übersehen durfte man sie nicht. Unter +den damaligen Verhältnissen wäre er der gegebene Mann gewesen. Viele +Jahre erbitterter Kämpfe, in denen Zeit, Kraft, Gesundheit und Geld zur +Freude der gemeinsamen Gegner verschwendet und verpufft wurden, was +wieder ungezählte Kräfte abhielt, sich der Bewegung anzuschließen, wären +unmöglich gewesen. Die Saat, die Schweitzer gesät, trug auch weiter ihre +Früchte. Wohl hatte er die Ideen des Sozialismus in seltener Klarheit +und Lebendigkeit den Massen beizubringen verstanden — das war sein +Verdienst, und diese Tätigkeit stand mit der zweideutigen politischen +Rolle, die er spielte, durchaus nicht im Widerspruch —, aber politisch +hatte er Unheil gesät, den Fanatismus großgezogen und durch den Apfel +der Zwietracht eine dauernde Spaltung und damit die Schwächung der +Arbeiterbewegung aufrecht zu erhalten versucht. + +Dieses war nach meiner Ueberzeugung seine eigentliche Aufgabe. Die +Richtigkeit derselben wird bestätigt durch die bereits zitierte +Aeußerung Tölckes auf der Berliner Generalversammlung, „daß bei einem +Blick auf die Geschichte des Vereins es in die Augen falle, daß, sobald +derselbe in die Höhe ging, irgend ein Experiment gemacht worden sei, das +ihn wieder herunterbrachte“. Dafür liefert die Geschichte des Vereins +zahlreiche Beispiele. Genau so ging es mit den Gewerkschaften. Nachdem +ihre Gründung, weil im Zuge der Zeit liegend, unumgänglich war, mußte +eine möglichst widersinnige Organisation ihre Entwicklung hemmen. Wenn +hier Schweitzer seinen Zweck nicht erreichte, so, weil die Bewegung viel +zu gesund war, um sich in spanische Stiefel schnüren zu lassen, sie +wuchs ihm über den Kopf. + +Der eigentliche Zweck seiner Tätigkeit, und in Bismarcks Augen ihr +Hauptzweck, war, _eine der Regierung politisch gefügige Arbeiterbewegung +zu schaffen._ Darum wurde als Grenzlinie für ihre Opposition der +Standpunkt der Fortschrittspartei festgehalten, jener Partei, die nach +Schweitzers Diktum in sozialen Dingen die Partei des Rückschritts war. +Daß Schweitzer nach alledem, was ich hier an Tatsachen zusammengestellt +habe, im Dienste Bismarcks stand, kann nicht dem geringsten Zweifel mehr +unterliegen. Daß man die Summen nicht kennt, die er für seine Rolle +bezog, beweist nichts. Dergleichen wird nicht, wie ich wiederhole, auf +offenem Markte abgemacht, und daß bei einem Manne wie Schweitzer auch +nicht subalterne Beamte damit zu tun hatten, ist sicher. Nach meiner +Ueberzeugung wußte nicht einmal der Berliner Polizeipräsident darüber +Genaueres. + +Gegen seine Bestechung spricht auch nicht, daß er beständig und bis an +sein Lebensende sich mit Gläubigern herumschlagen mußte. In der ersten +Zeit des Bismarckschen Preußen waren die Summen nicht allzu hoch, die +man für Dienste zahlte, wie Schweitzer sie leistete. Später stand +Bismarck der Reptilienfonds zur absoluten Verfügung. Ueber diesen, der +von der ganzen Oppositionspresse angegriffen wurde, schrieb und sprach +bezeichnenderweise Schweitzer nie ein Wort. Er gehörte andererseits mit +seinen sybaritischen Neigungen zu den Leuten, die selbst mit einem +Bankdirektoreneinkommen leicht fertig werden. Möglich ist auch, daß er +hoffte, und sein Ehrgeiz sprach dafür, zu gelegener Zeit mit einer +entsprechenden Stellung in einem der Ministerien oder Reichsämter etwa +als Geheimrat für Sozialpolitik angestellt zu werden, von der nach +Bismarcks Geständnis seine damaligen Geheimräte nichts verstanden. + +Für die Rolle, die Schweitzer spielte, war aber auch unumgänglich +notwendig, daß er frei und unabhängig nach eigenem Gutdünken mit dem +Verein schalten und walten konnte, an dessen Spitze er stand. _Dazu +gehörte die Diktatur._ Die Diktatur, die ihn jeder Kontrolle entzog, die +ihm erlaubte, ganz nach eigenem Gutdünken zu handeln, ohne daß er nötig +hatte, andere in seine Machenschaften einzuweihen oder gar ihre +Zustimmung einholen zu müssen. Das wäre der Tod der Diktatur gewesen und +hätte ihm seine Rolle _unmöglich_ gemacht. Daher die beständigen kleinen +und großen Staatsstreiche, durch die er die Fesseln wieder abstreifte, +die eben eine Generalversammlung ihm angelegt hatte. Und da Lassalle +infolge seines eigenen Diktatorengelüstes eine Organisation geschaffen +hatte, die dem Führer eine diktatorische Gewalt einräumte, mußte _diese +Organisation zu einer Pflanze Rührmichnichtan gemacht und Angriffe auf +sie zu einer Art Staatsverbrechen gestempelt werden. Die absolute Gewalt +des Präsidenten mußte unangetastet bleiben._ Dazu mußte weiter der +beständige Kultus mit Lassalle und der von ihm geschaffenen Organisation +dienen, ein Kultus, über den der Zyniker heimlich lachte und seine +Verachtung gegen diejenigen steigerte, die sich von ihm führen ließen. + +Schweitzer hat wie an anderer Stelle so auch Rudolf Meyer gegenüber +geklagt über die „Undankbarkeit“ der Arbeiter. Diese Klage paßt ganz zu +dem Bilde, das er uns zeigt. Er kam eben mit einer ganz falschen +Auffassung von seiner Stellung in die Bewegung. Der Führer einer Partei +wird wirklicher Führer nur durch das, was er nach seinen Kräften und +Fähigkeiten der Partei als ehrlicher Mann leistet. Das Höchste zu +leisten, was er vermag, ist die Pflicht und Schuldigkeit eines jeden, +der in einer demokratischen Bewegung steht und zu ihr gehört. Durch +seine Leistung erwirbt er sich das Vertrauen der Masse, und diese stellt +ihn deshalb als Führer an ihre Spitze. Aber nur _als ihren ersten +Vertrauensmann, nicht als ihren Herrn, dem sie blindlings zu gehorchen +habe. Er ist der erwählte Verfechter ihrer Forderungen, der Dolmetsch +ihrer Sehnsucht, ihrer Hoffnungen und Wünsche. Solange der Führer dieser +Aufgabe gerecht wird, ist er der Vertrauensmann einer Partei; sieht +diese aber, daß getäuscht und betrogen und auf Irrwege geführt werden +soll, dann ist es nicht nur ihr Recht, sondern ihre Pflicht, dem Führer +die Führerschaft zu entreißen und ihm ihr Vertrauen zu nehmen._ Eine +Partei ist nicht der Führer wegen da, sondern die Führer der Partei +wegen. _Und da jede Machtstellung in sich die Gefahr des Mißbrauchs +enthält, hat die Partei die Pflicht, die Handlungen ihrer Führer unter +scharfe Kontrolle zu nehmen._ + +_Schweitzer sah aber die Dinge umgekehrt an, als er sie ansehen mußte._ +Er fühlte sich als eine Art _Wohltäter_, er sah in der Partei nur das +Fußgestell, auf dem er emporstieg, das Mittel, seinen Ehrgeiz, und die +Möglichkeit, seine Genußsucht zu befriedigen. Und als ihm dieses Spiel +mißlang, klagte er über Undankbarkeit. Die Massen sind aber nie +undankbar, vorausgesetzt, solange sie an die Ehrlichkeit ihrer Führer +glauben. Und sie sind schwer zu überzeugen, daß sie betrogen werden, +wenn sie erst jemand ihr Vertrauen schenkten. Dafür gibt es eine Menge +Beispiele. Wer über Undankbarkeit der Massen klagt, klage sich selber +an. Die Schuld liegt an ihm. + +Nachdem Schweitzer das Spiel verloren geben mußte, glaubte er auf einmal +seinen Anhängern empfehlen zu sollen, was er, solange er im Besitz +seiner Stellung war, aus Leibeskräften verhindert hatte. In einem +Flugblatt, betitelt: „An meine persönlichen Freunde im Allgemeinen +Deutschen Arbeiterverein“, das er unter dem 2. November 1872 +veröffentlichte, trat er mit aller Entschiedenheit _für eine Vereinigung +der beiden Parteien_ ein. Natürlich konnte er dieses nicht, ohne zuvor +zu versuchen, sein früheres Verhalten gegen uns zu rechtfertigen. Nach +ihm war jetzt gar kein Zweifel mehr, daß wir eine sozialdemokratische +Partei seien, wozu uns aber erst der Uebertritt zahlreicher rühriger +Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gemacht, die er +aber vordem mit uns in einen Topf geworfen und als Literaten, +Schulmeister, Kaufleute, Viertels- und Achtelsintelligenzen bezeichnet +hatte. Weiter wandte er sich gegen den Beschluß der letzten +Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, wonach er +nicht mehr Mitglied des Vereins werden dürfe, dessen gefeierter +Präsident er jahrelang gewesen sei. Er sah in diesem Beschluß einen +unlösbaren Widerspruch zu dem das Jahr vorher ihm von der +Generalversammlung erteilten Vertrauensvotum. Er versicherte pathetisch +seinen redlichen Willen, mit dem er der Partei gedient habe. Er setzte +dann die Nachteile auseinander, die für beide Teile die Spaltung und +gegenseitige Bekämpfung mit sich bringe, und forderte zu einem +gemeinsamen Kongreß auf, der eine zentralistische Organisation, die nach +seiner jetzigen Auffassung das eigentliche Wesen der Lassalleschen +Organisation sei, zu schaffen habe. Er fordert, die Einigung zu schaffen +„mit den Führern, wenn diese wollen, _ohne sie,_ wenn sie untätig +bleiben, _trotz_ ihnen, wenn sie widerstreben“. Man sieht, er konnte +auch so. + +Schweitzer hatte anfangs den Versuch gemacht, sein Flugblatt im +„Volksstaat“ zu veröffentlichen. Dieses wurde abgelehnt, nicht weil der +Gedanke der Einigung unseren Widerspruch fand, sondern weil namentlich +Liebknecht Schweitzer nicht traute. Er sah in dem Flugblatt eine Falle. +Mir machte der Vorschlag den Eindruck, daß Schweitzer seine Nachfolger +damit ärgern und in Verlegenheit bringen wollte. Im Allgemeinen +Deutschen Arbeiterverein versagte die Schweitzersche Aufforderung zur +Vereinigung vollständig. Er bekam jetzt in gewissem Sinne am eigenen +Leibe zu spüren, was er durch jahrelange Verhetzung gegen uns gesät. Es +mußten erst weitere Jahre ins Land gehen, bis unter dem Zwange innerer +und äußerer Umstände die Einigung der deutschen Sozialdemokratie +verwirklicht wurde. + +Schließlich muß ich noch einige Handlungen Schweitzers erwähnen, die +weiter dazu dienen, seinen Charakter in das richtige Licht zu stellen. +Die Vorgänge, die sich auf der Generalversammlung des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins zugetragen, wurden natürlich auch der +bürgerlichen Presse bekannt, und diese erging sich nunmehr in allerlei +Glossen über die Schweitzer bewiesene Undankbarkeit. Darauf +veröffentlichte er in der „Berliner Börsenzeitung“ eine Erklärung, an +deren Schluß es hieß: + + „Ich stimme Ihnen daher vollständig zu, wenn Sie sagen, daß der + Vorgang bezeichnend sei. Die Formfrage war diesen versammelten + ‚Führern‘ und ‚Agitatoren‘ nur Vorwand. Derartige immer wiederkehrende + Beweise von Undankbarkeit sind jedoch sehr erklärlich bei Leuten, von + denen leider nur ein sehr kleiner Teil durch die Begeisterung für eine + neue Idee bewegt wird, _während weitaus die meisten, wie ich zu meiner + Betrübnis beobachten mußte, nur durch den Neid gegen die höheren + Gesellschaftsklassen_ (den niemand heftiger als er geschürt hatte. + A.B.) _oder durch andere unschöne Motive angetrieben werden. Nimmt man + dazu den beschränkten Horizont und man wird sich über Erscheinungen + des Undankes oder des Blödsinnes nicht weiter wundern.“_ + +Der „Berliner Volkszeitung“ schrieb er auf einen Artikel hin, daß er +sich seit seinem Rücktritt von der Präsidentur des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins in keiner Weise aktiv um sozialdemokratische +Angelegenheiten gekümmert habe und auch in Zukunft nichts damit zu +schaffen haben wolle. Er habe es gründlich satt bekommen. Gründlicher +konnte sich Schweitzer selbst nicht bloßstellen, als es durch solche +Erklärungen geschah. + +Damit hatte er aber seiner Feindseligkeit gegen die Träger der von ihm +so viele Jahre geleiteten Bewegung noch nicht genug getan. Fast zu der +gleichen Zeit, in der er sein Flugblatt „An meine Freunde im Allgemeinen +Deutschen Arbeiterverein“ veröffentlichte, erschien auf einer Berliner +Bühne ein von ihm verfaßtes Stück, betitelt „Unser großer Mitbürger“, +Originalposse mit Gesang in drei Akten und sieben Bildern. In diesem +verhöhnte und verspottete er aufs blutigste die Agitatoren des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, deren Erzieher doch er war. +Selbst in der bürgerlichen Presse wurde diese Handlung als +Charakterlosigkeit gerügt und verurteilt. + +Schweitzer litt jahrelang an Tuberkulose, schließlich suchte er in der +Schweiz Heilung seines Leidens. Vergeblich. Am 28. Juli 1875 verschied +er an einer Lungenentzündung im zweiundvierzigsten Lebensjahr. Am 7. +Oktober desselben Jahres wurde seine Leiche, wie Gustav Mayer erzählt, +in der Familiengruft in Frankfurt a.M. beigesetzt. Das Geleite bildeten +ausschließlich seine Familienangehörigen und ein katholischer +Geistlicher. Von seinen einstigen Anhängern und Bewunderern im +Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein folgte keiner dem Sarge. Für die +Sozialdemokratie war er tot, noch ehe er gestorben war. Eine Grabrede +von ihrer Seite hätte keine Lobrede sein können. Auch war dazu die +Leichengruft der Familie nicht der Ort. Auch kein Nachruf zeugt davon, +daß man des ehemaligen Führers gedachte. So endete einer der +bedeutendsten Führer der deutschen Arbeiterbewegung, der sein Schicksal +selbst verschuldet hatte. + + + + +Beginn meiner parlamentarischen Tätigkeit. + + + + +Im konstituierenden norddeutschen Reichstag. + + +Sobald ich die offizielle Anzeige meiner Wahl zum Reichstag in der +Tasche hatte, reiste ich mit einigem Herzklopfen am 5. März 1867 nach +Berlin. Der Reichstag war bereits am 24. Februar eröffnet worden. Ich +ging einer ganz neuen politischen Tätigkeit entgegen. Bis jetzt war mir +das parlamentarische Leben noch gänzlich fremd; jemand, der mich hätte +über dasselbe unterrichten können, kannte ich nicht. Rechtsanwalt +Schraps, der mit mir von der gleichen Partei gewählt worden war, wußte +davon so viel wie ich. Doch hinein ins Wasser. Als ich eben die Tür zum +alten Herrenhaus in der Leipzigerstraße, in dem der Reichstag tagte, +öffnen wollte, wurde dieselbe von innen geöffnet und heraus trat der +Prinz Friedrich Karl, der ebenfalls Mitglied des Reichstags war. Da +begegnet der auf der sozialen Stufenleiter Höchste dem Niedersten, +dachte ich. Nachdem ich mich auf dem Bureau angemeldet hatte, begab ich +mich in die Wohnung von Rechtsanwalt Schaffrath und Professor Wigard, an +die ich ein Empfehlungsschreiben Professor Roßmäßlers hatte, die ich +aber beide persönlich noch nicht kannte, um zu hören, wie es im +Reichstag stehe. Beide klagten über ihre preußischen Gesinnungsgenossen, +die Fortschrittler, unter denen auch der Beste sich nicht auf einen +wirklich freien, demokratischen Standpunkt erheben könne. Auch die +partikularistischen Sachsen, Geheimrat v. Wächter und Genossen, hätten +sich bereits durch Bismarck ins Bockshorn jagen lassen und wagten nicht +mehr ihren konstitutionellen Standpunkt zu vertreten. + +Bemerken will ich, daß _damals_ die konservativen Sachsen, Hannoveraner +usw., die schon ein weit längeres Verfassungsleben hinter sich hatten +als die Preußen, konstitutionellen Anschauungen huldigten und in ihrem +Lande verwirklicht hatten, die selbst liberale Preußen nicht zu +vertreten wagten. + +Ich war der ersten Abteilung zugewiesen worden. Für Laien sei bemerkt, +daß die Mitglieder des Reichstags durch das Los sieben Abteilungen +zugewiesen werden, welche damals noch die Wahlprüfungen endgültig +vorzunehmen hatten und wie heute die Fachkommissionen wählen. Aus diesem +Grunde muß die Zahl der Kommissionsmitglieder stets durch sieben teilbar +sein. + +Meiner Frau schrieb ich unter dem 8. März: Schraps und ich bildeten die +äußerste Linke und wir säßen dementsprechend. Weiter nach links zu +rücken, verhindere uns die Wand, die wollten wir aber doch nicht mit dem +Kopfe einrennen. + +Unter den Abgeordneten befand sich damals die Elite der +norddeutschen Politiker und parlamentarischen Koryphäen. Da sah ich +wieder v. Bennigsen, der im Vorjahr dem Abgeordnetentag in +Frankfurt a.M. präsidiert hatte; weiter Dr. Karl Braun-Wiesbaden, der +Parlamentsspaßmacher wurde und die beste Weinzunge im Reichstag gehabt +haben soll; den roten Becker, dessen Bekanntschaft aus dem Jahre 1863 +ich erneuerte; Max Duncker, der auf seine Löwenmähne stolz war; v. +Forckenbeck, der später Nachfolger Simsons und der parteiischste +Präsident wurde, den den Reichstag je hatte; Gustav Freytag, der +bekannte Romanschriftsteller; Rudolf Gneist, dem nachher eines Tages der +Kriegsminister v. Roon vor dem ganzen Hause das Kompliment machte, er +sei ein Mann, der alles beweisen könnte; den kleinen Lasker, der mit +seinen kurzen Beinchen wie ein Wiesel lief, wenn er zur Tribüne eilte, +was häufig vorkam; das ehemalige Mitglied des Kommunistenbundes Miguel, +ein feiner Kopf und Redner; Dr. Planck, nachmals Hauptmitarbeiter am +Bürgerlichen Gesetzbuch und Kommentator desselben; Eugen Richter, der +noch ebenso frostig dreinsah wie 1863, als ich ihn in Frankfurt a.M. +kennen lernte; Dr. Simson, einst einer der Präsidenten des Frankfurter +Parlaments, dem man jetzt dieses Amt im Reichstag übertragen hatte; +wegen der würdevollen Art, mit der er präsidierte und die Glocke +schwang, wurde er scherzweise Jupiter Tonans genannt; Schwerin-Putzar, +früher Minister in der „liberalen Aera“, setzte später durch, daß der +Reichstag für die Beratung der Initiativanträge seiner Mitglieder einen +bestimmten Tag in der Woche, in der Regel den Mittwoch, bestimmte; +daher werden diese Tage noch heute im Parlamentsjargon Schwerinstage +genannt. Schulze-Delitzsch, Twesten, besonders bekannt geworden durch +sein Duell mit Herrn v. Manteuffel; v. Unruh, ein liberaler Reaktionär; +Waldeck, der eigentliche Führer der Fortschrittspartei; die beiden +Mecklenburger Gebrüder Wiggers, beide ehemalige Revolutionäre, von denen +der eine zu den Nationalliberalen, der andere zur Fortschrittspartei +gehörte. In der bundesstaatlich-konstitutionellen Fraktion ragte vor +allen neben Windthorst Malinckrodt hervor, der mit der feinste Kopf des +späteren Zentrums war. In der Fraktion des Zentrums, das damals aus +Altliberalen bestand, saß Georg v. Vincke, der Schrecken der +Stenographen. Er war der schnellste Redner des Reichstags. Endlich +befand sich auf der äußersten Rechten und als ihr eigentlicher Führer +der Geheime Oberregierungsrat Hermann Wagener, eine hohe, hagere +Bureaukratengestalt, mit einem knochigen, unsympathischen Gesicht und +einem unangenehmen Organ. + +Eine gewichtige Person war Karl Mayer v. Rothschild, den das annektierte +Frankfurt mit Unterstützung der „Frankfurter Zeitung“ in den Reichstag +geschickt hatte. Rothschild war eine untersetzte, breitschulterige +Persönlichkeit mit wohlgepflegtem pechschwarzen Haar und Bart; er trug +eine schwere goldene Kette über dem ziemlich stattlichen Bauch und war +immer höchst elegant gekleidet. Ich erkannte ihn auf den ersten Blick, +ohne je ein Bild von ihm gesehen zu haben. Aehnlich erging es mir im +nächsten Reichstag mit Schweitzer. Auch gehörten dem Reichstag die +Generale Vogel v. Falckenstein und v. Steinmetz an; sie waren gewählt +worden wegen ihrer Kriegstaten im vorhergehenden Jahre. + +Mehr aber als alle die Genannten interessierte mich Bismarck, den ich +vordem noch nicht gesehen hatte. Er erschien damals im Reichstag fast +immer im schwarzen Gehrock, schwarzer Weste und hoher schwarzer +Geheimratskrawatte, aus der die weißen Spitzen der Vatermörder +hervorfahen. Das Haar, soweit er solches noch besaß, war dunkel, ebenso +der kurzgeschnittene Schnurrbart. Nach den drei Haaren, die nach Angabe +aller seiner Karikaturenzeichner auf dem im übrigen kahlen Schädel +stehen sollten, wie drei Pappeln auf weiter Flur, hielt ich vergebens +Ausschau. Entweder waren sie nur in der Phantasie der Zeichner vorhanden +gewesen, oder er hatte sie im Verfassungskampf als Trophäe in den Händen +seiner Gegner lassen müssen. Ich war sehr begierig, ihn sprechen zu +hören, aber nicht wenig enttäuscht, als der Hüne sich erhob und, statt +mit einer Löwen- oder Stentorstimme, mit einer Diskantstimme zum Hause +sprach. Er prägte lange, sehr verwickelte Sätze, stockte auch zeitweilig +ein wenig, sprach aber stets interessant. Was er sagte, hatte Hand und +Fuß. + +Bismarck hatte sich zwar mit der großen Mehrheit der Liberalen, +namentlich den Nationalliberalen ausgesöhnt, aber er war immer noch +mißtrauisch gegen sie und fürchtete, daß sie in die alten Fehler der +Sucht nach parlamentarischer Macht verfallen und ihm das Leben wieder +sauer machen möchten. Den Verfassungsentwurf hatte er deshalb auf seinen +eigenen Leib zugeschnitten, aber diesen Entwurf konnten die Liberalen, +so sehr sie auch sich zu bescheiden bereit waren, doch nicht ohne einige +nicht unerhebliche Aenderungen akzeptieren. Schließlich machte er ihnen +eine Anzahl Konzessionen, aber in zwei Hauptpunkten, dem eisernen +Militäretat und der Verweigerung der Diäten, gaben sie ihm nach. +Letztere hätte er sicher auch gewährt, wie er später einmal zugestand, +wären die Liberalen, die in der ersten Abstimmung mit erheblichem Mehr +die Diäten durchgesetzt hatten, festgeblieben. Aber schon damals wurde +das Umfallen, namentlich den Nationalliberalen, zur süßen Gewohnheit. Es +wäre undenkbar gewesen, daß Bismarck, wie er drohte, die Verfassung ins +Wasser fallen ließ, falls die Diäten in derselben blieben. Diese Blamage +konnte er sich vor der Welt nicht zufügen. Im konstituierenden Reichstag +bezogen übrigens die Abgeordneten sämtlicher Staaten, mit Ausnahme jener +von Preußen, Mecklenburg und Reuß jüngerer Linie, Diäten, so zum +Beispiel wir sächsischen Abgeordneten vier Taler pro Tag, die aus der +Landesstaatskasse gezahlt wurden. + +Dagegen mußte Bismarck in der Sitzung am 28. März, in der der Artikel +über das künftige Wahlrecht für den Reichstag zur Beratung stand, +dieses verteidigen. Die rechtsnationalliberalen Abgeordneten v. Sybel, +Grumbrecht-Harburg und Dr. Meier-Thorn und verschiedene Redner der +Rechten hatten Bedenken gegen dasselbe geäußert. Sybel sah in ihm „die +Diktatur der Demokratie“. Darauf erklärte Bismarck: Das allgemeine +Wahlrecht ist uns gewissermaßen als ein Erbteil der deutschen +Einheitsbestrebungen überkommen; wir haben es in der Reichsverfassung +gehabt, wie sie in Frankfurt entworfen wurde; wir haben es im Jahre 1863 +den damaligen Bestrebungen Oesterreichs in Frankfurt entgegengesetzt, +und ich kann nur sagen: _Ich kenne wenigstens kein besseres Wahlgesetz._ + +Er setzte dann auseinander, wie es ganz unmöglich gewesen sei, in dem zu +gründenden Bunde von einundzwanzig Staaten eine andere gemeinsame +Basis für ein Wahlrecht zu finden. Oder wolle man etwa das +Dreiklassenwahlsystem? „Ja, wer dessen Wirkung und Konstellationen, die +es im Lande schafft, etwas in der Nähe beobachtet hat, muß sagen, _ein +elenderes, ein widersinnigeres Wahlgesetz ist nicht in irgend einem +Staate ausgedacht worden_.“ Er warf diesem Gesetz Willkür und Härte vor. +Der Erfinder desselben würde es nie gemacht haben, hätte er sich die +praktische Wirkung desselben vergegenwärtigt. Er finde es natürlich, +_daß jeder sich als Helot, als politisch tot ansehe, der durch dieses +Gesetz in eine untere Wählerklasse gestellt werde._ + +Meine erste parlamentarische Handlung bestand darin, daß ich den +Reichstag zu einer Ungesetzlichkeit verleitete. Da diese Tat noch nicht +in die Tafeln der Geschichte eingegraben worden ist, sei sie hier in +Kürze erzählt. Als ich der ersten Abteilungssitzung beiwohnte, stand +zufällig die Wahl des Abgeordneten Professor v. Wächter für Leipzig auf +der Tagesordnung. Wächter war in engerer Wahl mit 5434 gegen 4403 +Stimmen gewählt worden. Der Leipziger Magistrat hatte aber den groben +Fehler begangen, daß er nicht, wie §7 des Wahlreglements vorschreibt, +den Wahlkreis in Wahlbezirke, von denen keiner über 3500 Einwohner haben +darf, einteilte, sondern daß er die Namen der gesamten Wählerschaft der +Stadt, nach dem _Alphabet geordnet_, auf acht Wahlorte verteilte, die +im Mittelpunkt der Stadt lagen. Es entschied also nicht der Wahlbezirk, +sondern die alphabetische Ordnung der Namen der Wähler, wo ein solcher +zu wählen hatte. Der Berichterstatter Graf Bethusy-Hue trug den Fall +vor, der nach seinem eigenen Geständnis sehr kritisch lag. In der +Debatte, die über die Gültigkeit der Wahl entstand, ergriff auch ich das +Wort und führte aus: Ich wohnte seit sechs Jahren in Leipzig, wäre mit +den politischen Verhältnissen der Stadt genau bekannt und könnte danach +bestimmt behaupten, wenn der Wahlkreis nach der gesetzlichen Vorschrift +eingeteilt worden wäre, würde das Wahlresultat auch kein anderes gewesen +sein. Diese Auffassung, nach der ich die gesetzliche Vorschrift +vollständig ignorierte, schlug durch. Die Kommission beschloß mit 14 +gegen 11 Stimmen die Gültigkeit der Wahl, und das Plenum schloß sich dem +Antrag _ohne Debatte_ einstimmig an. + +Ich hatte also den Leipziger Magistrat vor einer großen Blamage bewahrt, +der er verfallen wäre, wenn die Wahl für ungültig erklärt worden wäre. +Ich hatte aber auch der Stadt die Vertretung gerettet, denn da der +Reichstag bereits am 17. April geschlossen wurde, hätte eine Nachwahl, +für die eine neue Wählerliste aufgestellt werden mußte, nicht mehr +rechtzeitig stattfinden können. Daß so beschlossen wurde, war allerdings +nur in ungefestigten Verhältnissen möglich, wie sie in der ersten +Session dieses neuen Reichstags vorhanden waren. + +Ich habe oben den Namen des Grafen Bethusy-Hue genannt. Dieser Herr war +einer der oberflächlichen Vielredner jener Zeit und liebte es besonders, +in gewagten Bildern zu sprechen. So äußerte er zum Beispiel eines Tages: +„man müsse den Strom der Zeit an der Stirnlocke fassen“; ein andermal +sagte er mit Beziehung auf die Abgeordneten: „sie seien von der +Sehnsucht erfüllt, heimzukommen zu ihren väterlichen Ochsen“, ein Satz, +der die stürmische Heiterkeit des ganzen Hauses hervorrief. + +Einmal Mitglied des Reichstags, hatte ich das Bedürfnis, eine größere +Rede im Plenum zu halten. In meinem Wahlkreis wartete man sehnlichst +darauf und richtete dementsprechende Anfragen an mich. Aber die +Schlußanträge waren sehr häufig, und in der Generaldebatte über den +Verfassungsentwurf war mir das Wort abgeschnitten worden. Endlich +gelangte ich bei Artikel 14, Verhältnis der süddeutschen Staaten zum +Norddeutschen Bund, zum Worte. Ich führte aus: + + Ich sei überzeugt, daß es Preußen bei der Gründung des Norddeutschen + Bundes keineswegs um eine Einigung Deutschlands zu tun gewesen sei + (lebhafter Widerspruch rechts), man habe im Gegenteil ein spezifisch + preußisches Interesse, die Stärkung der hohenzollernschen Hausmacht, + im Auge gehabt. (Lebhafter Widerspruch rechts. Der Präsident forderte + zur Ruhe auf, man solle mich nachher widerlegen.) Betrachte man den + Bund näher, so ergebe sich ein ganz abnormes Verhältnis der übrigen + Staaten zu Preußen. Der Bund sei nur ein Groß-Preußen, umgeben von + Vasallenstaaten, deren Regierungen nichts weiter als + Generalgouverneure der Krone Preußen seien. (Lebhafter Widerspruch + rechts.) + +Ich führte weiter aus: + + Wenn Preußen die süddeutschen Staaten in das Bundesbündnis hätte mit + aufnehmen wollen, hätte es das gekonnt. Die Behauptung, daß Frankreich + dem entgegengetreten sein würde, ließe ich nicht gelten, denn durch + die Militärkonventionen mit den süddeutschen Staaten sei die + militärische Macht Deutschlands im Falle eines Krieges in der Hand + Preußens vereinigt. Frankreich würde sich also gehütet haben, sich + gegen die Aufnahme Süddeutschlands in den Nordbund zu erklären. Eine + Einmischung von seiner Seite in die inneren Angelegenheiten + Deutschlands würde zur Folge gehabt haben, daß ganz Deutschland sich + wie Ein Mann gegen Frankreich erhoben hätte. + + Wenn der Prager Friedensvertrag nur eine _international_ geregelte + Einigung zwischen Nord- und Süddeutschland zulasse, dann sei damit + bewiesen, wie Preußen in der Frage denke, denn Preußen habe den Prager + Friedensvertrag diktiert, und würde die preußische Regierung finden, + daß dieser Vertrag ihr schädlich sei, so werde sie nicht anstehen, + denselben zu zerreißen. (Oh! Oh! rechts.) Ich sei auch überzeugt, daß + Oesterreich dasselbe tun werde, sobald es die Niederlage und Blamage + des vorigen Jahres auswetzen könne. Die preußische Regierung wolle die + süddeutschen Staaten nicht in den Nordbund aufnehmen, weil alsdann + Preußen eine Majorisierung fürchten müsse. Preußen werde sich also + begnügen, daß es durch die Militärkonventionen die militärische + Gewalt in die Hände bekommen habe, im übrigen werde man durch + Zollverträge die vorhandene Kluft zu überbrücken trachten, aber + ausfüllen werde man sie nicht. Eine solche Politik unterstützten wir + nicht. Ich protestierte dagegen, daß man eine solche Politik eine + deutsche nenne, und ich protestierte gegen einen Bund, der nicht die + Einheit, sondern die _Zerreißung_ Deutschlands proklamiere, gegen + einen Bund, der Deutschland _zu einer großen Kaserne mache_ (lebhafter + Widerspruch) und den letzten Rest von Freiheit und Volksrecht + vernichte. + +Der nationalliberale Abgeordnete Weber-Stade fand, daß durch meine Rede +ein Mißton in die Versammlung geworfen worden sei, er hoffe aber, daß +mit dem Aussprechen solcher Mißtöne die Gelegenheit zur Auflösung +derselben in Harmonie gegeben sei. + +Der Abgeordnete _Miquel_ polemisierte ebenfalls gegen mich. Ich hätte +bedauert, daß der Norddeutsche Bund den Rechten der kleinen Fürsten +einen _so_ gewaltigen Abbruch tue, daß sie sich in der beklagenswerten +Stellung von Generalgouverneuren befänden. Das war eine Verdrehung +meiner Worte, da ich mit dem Gleichnis nur dartun wollte, was für ein +sonderbares Gebilde dieser Norddeutsche Bund sei. Wären damals sämtliche +Klein- und Mittelstaaten annektiert worden, ich hätte keinen Finger +dagegen gerührt. Ein weiteres Diktum von Miquel war: Der preußische +Staat ist _kein_ Militärstaat, sondern ein Staat der Kultur.... Es sei +wunderbar, welche Koalition von Gegnern dem neuen Staatsgebilde +entgegentrete. Auf der einen Seite die _entschiedensten Demokraten,_ +deren Tendenzen doch nicht darauf hinausliefen, sich besonders für die +Machtvollkommenheit der kleinen Fürsten zu interessieren, und verbunden +mit ihnen sei die ultramontane Partei, die, wenn man offen sein wolle, +unser Vaterland nirgends anderswo als in Rom sehe. + +Man sieht, daß vom ersten Augenblick unseres parlamentarischen Lebens +bereits die Denunziation auftauchte, wir seien Verbündete der +ultramontanen Partei, die damals im norddeutschen Reichstag noch keine +organisierte Vertretung hatte. Miquel ist also der Vater dieser +Denunziation, die bis heute von seinen Gesinnungsgenossen uns gegenüber +praktiziert wird. Im weiteren sprach er die Hoffnung aus, der König von +Preußen werde mit Gegnern wie Bebel fertig werden. Bis heute hat sich +diese Hoffnung nicht erfüllt, so wenig wie die andere, die drei +Jahrzehnte später geäußert wurde: die Sozialdemokratie sei nur eine +vorübergehende Erscheinung. + +Natürlich konnte auch Lasker, die parlamentarische Anstandsdame, auf +meine Rede nicht schweigen. Er sei nicht wenig erstaunt gewesen, daß der +erste Redner (ich) mit so heftigen Angriffen gegen den Leiter unserer +Politik auftrat. So viel er wüßte, gehörte ich zu einer Partei, die in +Elberfeld-Barmen die Wahl des Herrn Ministerpräsidenten sehr kräftig +unterstützt habe. (Er meinte die Wahl Bismarcks.) Im übrigen müsse er +mir allerdings das Zugeständnis machen, daß ich die Gespräche, die man +in Bierstuben zu führen pflege, hier klar abgespiegelt habe. Hier +unterbrach ihn der Präsident mit dem Bemerken, daß es ihm (Lasker) nicht +zustehe, eine solche Kritik an der Rede eines Kollegen zu üben. In einer +persönlichen Bemerkung antwortete ich Lasker: Es sei mir sehr angenehm, +durch seine Angriffe auf meine Parteistellung eine Erklärung abgeben zu +können. Ich gehörte nicht zu der Partei, die in Barmen-Elberfeld +geholfen habe, den Grafen v. Bismarck durchzubringen, das heiße der +Lassalleschen Partei. Er (Lasker) hätte dies schon aus der Tatsache +entnehmen können, daß ich hier gegen die Politik des Grafen v. Bismarck +aufgetreten sei. Ich gehörte nicht der Lassalleschen, sondern der +radikaldemokratischen, oder wenn man wolle, der Volkspartei an. Auf +seine persönlichen Angriffe hätte ich keine Veranlassung mehr +zurückzukommen, nachdem der Präsident ihm eine Rüge erteilt habe. + +Meine Rede hatte erhebliches Aufsehen auch außerhalb des Hauses und +namentlich bei meinen Wählern große Befriedigung hervorgerufen. Dagegen +gab das liberale „Glauchauer Tageblatt“ seinem Aerger dadurch Ausdruck, +daß es schrieb: „Der jugendliche Drechslermeister Bebel aus Leipzig hat +seine wohleinstudierte Jungfernrede glücklich vom Stapel gelassen, +infolgedessen schlägt das Schweinefleisch um drei Pfennig ab.“ Darauf +antwortete nächsten Tages eine Annonce im „Schönburger Anzeiger“, der +ebenfalls in Glauchau erschien: „Der erwartete Abschlag des +Schweinefleisches ist nicht erfolgt, wohl aber steht infolge großen +Andranges von ostpreußischem Rindvieh (Anspielung auf den Verfasser) ein +bedeutender Abschlag des Ochsenfleisches bevor.“ + +Meine Jungfernrede hatte noch zwei weitere Nachspiele. Die „Gartenlaube“ +veröffentlichte zu jener Zeit eine Reihe Artikel, in der das Auftreten +markanter Persönlichkeiten im Reichstag besprochen wurde. Mir wurde die +Ehre zuteil, ebenfalls in diesen Artikeln genannt zu werden. Der +Verfasser führte aus, als ich meine Rede gehalten, sei es gewesen, als +rausche der Sturmvogel der Revolution durch das Haus. Das schien dem +Verleger der „Gartenlaube“, Ernst Keil, mit dem ich früher persönlich +wiederholt wegen politischer Dinge Verkehr gehabt hatte, ein zu großes +Lob zu sein. Der Druck der betreffenden Nummer wurde unterbrochen und +der Satz geändert. + +Einige Wochen später, als ich wieder zu Hause war, traten eines Tages +zwei aristokratisch aussehende Herren in meine Werkstatt, in der ich +eben am Schraubstock stand und Büffelhörner zersägte. Der eine der +Herren fragte nach dem Drechslermeister Bebel. Der bin ich, gab ich zur +Antwort. Darauf sah mich der Frager etwas betroffen an und äußerte: Ich +meine den Reichstagsabgeordneten Bebel. Etwas pikiert antwortete ich: Ja +ja, der bin ich! Erstaunt sah er an mir vom Kopf bis zu den Füßen +herunter und stellte sich als Freiherr v. Friesen auf Rötha vor. Er war +der Bruder des Ministers. Er habe meine Reichstagsrede gelesen und sich +über eine Anzahl Stellen in derselben gefreut. Ich verneigte mich für +das Kompliment. Dann fragte er, wer der Dr. Johann Jacoby sei, der im +preußischen Landtag eine so gute Rede gegen die Annexionen und die von +Bismarck geforderte Indemnität gehalten habe. Ich gab ihm die gewünschte +Aufklärung. Dann entfernten sich die beiden. + +Unsere Partikularisten waren zu jener Zeit von einem unbändigen Haß +gegen Bismarck beseelt; sie hätten mit dem Teufel ein Bündnis +geschlossen, um ihn zu vernichten. Während des Reichstags saß der größte +Teil der sächsischen Abgeordneten im Leipziger Garten, der vis-à -vis dem +Herrenhaus sich befand. Wir hatten mit dem Wirt ein Abkommen getroffen, +wonach er für uns jeden Tag nach Schluß der Sitzung ein gemeinsames +Mittagessen bereit hielt. Eines Tages saß ich neben dem Abgeordneten +Haberkorn, der Bürgermeister von Zittau und Präsident der Zweiten +sächsischen Kammer war. Im Laufe der Unterhaltung kam das Gespräch auch +auf Bismarck, der in der Sitzung am Vormittag wieder eine seiner +heftigen Reden gehalten hatte. Haberkorn war darüber so erregt, daß er +sich in den denkbar stärksten Ausdrücken wider ihn erging. + +Gegen Ende der Session hatte der König den gesamten Reichstag zu Tisch +ins Schloß geladen. Ich und einige andere Abgeordnete nahmen an diesem +Essen nicht teil. Am nächsten Vormittag nach jenem Tage stieß ich im +Reichstag auf den roten Becker, mit dem ich gut Freund geworden war. +Becker war noch in weinseliger Stimmung und trug auf dem breit +ausgelegten Chemisette Spuren des genossenen Weines. Becker war damals +Junggeselle. „Nun Becker,“ fragte ich ihn, „wie war es denn gestern bei +Wilhelms?“ Darauf stellte er sich breit vor mich hin, legte beide Hände +auf meine Schultern, schüttelte mich ein wenig und antwortete: +„Bebelchen, es war großartig, Wilhelm hat deliziöse Weinchen,“ dabei +schnalzte er mit der Zunge, „und hinter mir stand so'n Kerl, der immer +einschenkte, wenn mein Glas leer war.“ Ich lachte und fragte: „Da werden +Sie wohl auch künftigen Einladungen ins Schloß folgen?“ worauf er +ebenfalls lachend erwiderte: „Mein Lieber, das können Sie sich denken.“ + +In Becker und Miquel besaß der norddeutsche Reichstag zwei Mitglieder +des ehemaligen Kommunistenbundes, von denen jeder in seiner Art Karriere +machte. Becker wurde Oberbürgermeister von Dortmund und später von Köln, +in welcher Eigenschaft er auch Mitglied des Herrenhauses wurde. Miquel +stieg noch einige Stufen höher. Er wurde zunächst Oberbürgermeister von +Osnabrück, dann von Frankfurt a.M. und starb bekanntlich als geadelter +pensionierter preußischer Finanzminister und Liebling der Agrarier. + +Eine Anzahl Mitglieder des ehemaligen Kommunistenbundes hatte überhaupt +eine besondere Entwicklung genommen. So neben Becker und Miquel der +ehemalige Schriftsetzer Wallau, der als Oberbürgermeister von Mainz +starb, ferner Bürgers, der längere Zeit Chefredakteur der „Rheinischen +Zeitung“ war und während einer Legislaturperiode Mitglied des Deutschen +Reichstags wurde. Er gehörte wie damals Becker zur Fortschrittspartei. + +Am 16. April fand die namentliche Abstimmung über die Verfassung des +Norddeutschen Bundes statt. Von 283 anwesenden Mitgliedern — der +Reichstag zählte 297 — stimmten 230 dafür und 53 dagegen. Außer Schraps +und mir _die gesamte Fortschrittspartei,_ die Polen, Windthorst, +Wächter, Haberkorn und mehrere Hannoveraner. Nach Ansicht der damaligen +Fortschrittspartei war die norddeutsche Bundesverfassung ein Werk, das +nicht die Rechte enthielt, auf deren Gewährung eine konstitutionelle +Volksvertretung bestehen mußte. Keine Grundrechte, kein +Steuerbewilligungsrecht, keine Ministerverantwortlichkeit, keine Diäten. +Dafür den eisernen Militäretat und eine große Machtstellung des +Bundeskanzlers. Reichskanzler heißt er von 1871 ab. Am 17. April wurde +der Reichstag geschlossen; er hatte fünfunddreißig Sitzungen abgehalten. + + * * * * * + +Ich hatte gegen Schluß der Session meine Frau nach Berlin kommen lassen, +um ihr die Stadt zu zeigen. Das damalige Berlin kann sich mit dem +heutigen in nichts vergleichen. Die schmucklosen Fassaden der Häuser an +den langen geraden Straßen ließen es langweilig und eintönig erscheinen. +Die Häuser standen gleichmäßig nebeneinander wie ein Regiment Soldaten, +aber ohne anregende Farbe. Der Verkehr war im Vergleich zu heute gering. +Ab und zu humpelte ein Omnibus mit zwei müden Gäulen über das Pflaster. +Droschken sah man selten, deren Benutzung war dem Berliner jener Zeit zu +teuer. Das einzige moderne Verkehrsmittel war die Pferdebahn, die vom +Kupfergraben nach Charlottenburg führte. Mit den hygienischen Zuständen +war es übel bestellt. Eine Kanalisation war noch nicht vorhanden. In den +Rinnsteinen, die längs der Bürgersteige hinliefen, sammelten sich die +Abwässer der Häuser und verbreiteten an warmen Tagen mephitische +Gerüche. Bedürfnisanstalten auf den Straßen oder Plätzen gab es nicht. +Fremde und namentlich Frauen gerieten in Verzweiflung, bedurften sie +einer solchen. In den Häusern selbst waren diese Einrichtungen meist +unglaublich primitiv. Eines Abends besuchte ich mit meiner Frau das +Königliche Schauspielhaus. Ich war entsetzt, als ich in einem +Zwischenakt in den Raum trat, der für die Befriedigung kleiner +Bedürfnisse der Männer bestimmt war. Mitten in dem Raum stand ein +Riesenbottich, längs den Wänden standen einige Dutzend Pots de Chambre, +von denen man den benutzten höchst eigenhändig in den großen +Kommunebottich zu entleeren hatte. Es war recht gemütlich und ganz +demokratisch. Berlin als Großstadt ist wirklich erst nach dem Jahre 1870 +aus dem Zustand der Barbarei in den der Zivilisation getreten. + + * * * * * + +Ich hatte die Gewohnheit angenommen, nach jeder Session des Reichstags +in meinen Wahlkreis zu reisen und in den Hauptorten eine Anzahl +Wählerversammlungen abzuhalten, in denen ich über die Verhandlungen des +Reichstags und meine Tätigkeit Bericht erstattete. Da wir überall große +Säle zur Verfügung hatten, konnte ich auf Massenbesuch rechnen, und es +war mir besonders interessant, daß von Anfang meiner Agitation an die +Frauen ein nicht unerhebliches Kontingent zu den Versammlungsbesuchern +stellten, die nachher eifrige Agitatorinnen für uns wurden. Da wir keine +Presse besaßen und die paar im Kreise verbreiteten Parteiblätter nur von +wenigen gelesen wurden, die gegnerische Presse aber unausgesetzt sich +namentlich mit mir beschäftigte, waren diese Versammlungen nötig. Es +bildete sich allmählich zwischen mir und meinen Wählern ein +Vertrauensverhältnis heraus, das nichts zu wünschen übrig ließ. Die +Gegner machten bei den verschiedenen Wahlen vergebliche Anstrengungen, +mich aus dem Sattel zu heben. Es fiel mir sehr schwer, als ich nach zehn +Jahren (1877) doppelt gewählt wurde, den Wahlkreis aufzugeben; +andernfalls wäre der neugewonnene Wahlkreis (Altstadt-Dresden) der +Partei wieder verloren gegangen. + + + + +Im norddeutschen Reichstag und dem Zollparlament. + + +Die erste Session der ersten Legislaturperiode des norddeutschen +Reichstags wurde am 10. September 1867 eröffnet. Unter den +Abgeordneten, die neugewählt waren, ragten besonders hervor Freiherr +v. Hoverbeck, Franz Ziegler und v. Kirchmann. Alle drei gehörten zur +Fortschrittspartei! Kirchmann hatte wie Ziegler eine längere +demokratische Vergangenheit hinter sich. So gehörte er in der +preußischen Nationalversammlung im Jahre 1848 zu den Steuerverweigerern. +Er war aber auch einer der am meisten verfolgten preußischen Richter, +gegen den sich die Reaktion die nichtswürdigsten Mittel erlaubte. +Schließlich wurde er seines Amtes als Vizepräsident des +Appellationsgerichts in Ratibor ohne Pension entsetzt, weil er einen +Vortrag gehalten hatte über den Kommunismus in der Natur, in dem er für +eine Einschränkung der Bevölkerungsvermehrung eintrat, und zwar im +Interesse einer höheren Kulturentwicklung und der Beseitigung der +wirtschaftlichen Ungleichheit. Er hatte darin vor seinen Zuhörern +ausgeführt: „Das Ideal einer fortschreitenden Gleichheit aller Menschen +im Glück und Wohlbefinden liegt so tief in der Brust eines jeden, daß +man nicht zu verzagen braucht. Die Bewegung, die Annäherung zu diesem +Ziele wird vorschreiten, des seien Sie gewiß. Wenn viertausend Jahre +dazu gehörten, um nur die Gleichheit des Rechts in einem hohen Grade zu +gewinnen, so dürfen wir nicht den Mut verlieren, weil die Gleichheit der +Glücksgüter, diese viel schwerere Aufgabe, innerhalb zweier Generationen +nicht hat erreicht werden können.“ Dieser Vortrag sollte „unsittlich“ +sein und einen so unsittlichen höheren Richter konnte der allezeit so +fromme und sittliche preußische Staat nicht gebrauchen. Kirchmann war +wohl der philosophisch gebildetste Kopf im Reichstag, jedenfalls stand +er an Bildung und Wissen hoch über den Mitgliedern des Gerichtshofs, die +ihm seine Stellung aberkannten. Außer den drei Genannten war auch +Feldmarschall v. Moltke Mitglied des Hauses geworden. Ferner gehörte dem +Hause der später berüchtigt gewordene Strousberg an, der es meisterhaft +verstand, zahlreiche Vertreter des preußischen Hochadels als Lockvögel +für seine Gründungen zu gewinnen, deren Unterschriften denn auch unter +seinen Prospekten prangten. Das schien um so unbegreiflicher, als +Strousbergs Aeußeres schon den Eindruck eines höchst unsympathischen +Emporkömmlings machte. Sein Auftreten war protzenhaft. Die Feste, die er +veranstaltete, machten in dem Berlin jener Zeit großes Aufsehen. Die +Berliner Presse veröffentlichte lange Berichte über dieselben. So +verschwenderisch wie er hatte bis dahin in Berlin kein Privatmann +gewirtschaftet. Es war die Aera des Großkapitalismus, die Strousberg +einläutete. Aristokratie und Plutokratie verschwägerten sich. + +Meine erste Rede in der neuen Session hielt ich anläßlich einer +Adreßdebatte am 24. September. Ich legte Verwahrung dagegen ein, daß in +der Adresse an das Bundesoberhaupt — den König von Preußen — sich der +Reichstag als die Vertretung der deutschen Nation bezeichne. Der +Präsident unterbrach mich, es gebe keine andere Vertretung der Nation. +Darauf antwortete ich, der Reichstag vertrete nur einen Teil der Nation. +Man habe 18 Millionen Deutsche preisgegeben — 10 Millionen +Deutsch-Oesterreicher, 8 Millionen Süddeutsche — und Luxemburg, das +ebenfalls aus dem Bunde geschieden sei. Außerdem bestehe auf Grund +Artikel 4 des Prager Friedensvertrags die Gefahr, daß wir eines Tages +die nordschleswigschen Distrikte an Dänemark abtreten müßten. Das sei +keine nationale Politik. + +Darauf nahm Bismarck das Wort. Er wolle mir nicht persönlich +entgegnen — bemerkte er etwas maliziös —, sondern weil ich mich zum +Mundstück eines weitverbreiteten Irrtums gemacht hätte. Luxemburg sei +nicht preisgegeben, was er durch eine Reihe Sophismen zu beweisen +versuchte. Oder ob ich etwa wünschte, daß man wegen Luxemburg habe einen +Krieg machen sollen? Das fiel mir selbstverständlich nicht ein, ich +wollte nur konstatieren, daß die alten Beziehungen des Landes zu +Deutschland infolge Bismarcks „nationaler“ Politik gelöst werden mußten, +und zwar auf Verlangen _Napoleons_. Luxemburg war vordem deutscher +Bundesstaat, es hatte Sitz und Stimme im Bundestag in Frankfurt, und die +Stadt Luxemburg war deutsche Bundesfestung, und da der Großherzog von +Luxemburg der König von Holland war, so waren Hollands Interessen in +hohem Grade an die Deutschlands gekettet, was bei internationalen +Verwicklungen ein Vorteil war. + +Am 17. Oktober hielt ich meine zweite Rede bei der Beratung des +Entwurfes betreffend die Wehrpflicht. Der Gesetzentwurf fordere nur +scheinbar die allgemeine Wehrpflicht, denn alle Wehrfähigen +wehrpflichtig zu machen, sei bei der langen Dienstzeit unmöglich. Alle +Wehrfähigen militärisch auszubilden, sei aber ein Akt der Gerechtigkeit +und eine Wohltat für das Land. Das sei nur bei einem Wehrsystem möglich, +wie es infolge der Militärreorganisation von Scharnhorst und Gneisenau +in Preußen von 1809 bis 1813 bestanden habe. Daß man mit kürzerer +Dienstzeit ebenfalls kriegstüchtige Mannschaften liefern könne, habe +1866 auch Sachsen gezeigt, dessen weitaus größte Zahl der Mannschaften +nicht über neun Monate bei den Fahnen gewesen sei. Auch das in Preußen +bestehende Einjährig-Freiwilligensystem beweise es. + +In großer Erregung trat mir Hans Blum entgegen, der sehr ausfallend +gegen mich wurde. Woher ich die Stirne zu einer solchen Rede nehme? +(Rüge des Präsidenten.) In persönlicher Bemerkung antwortete ich Blum, +ich hätte die Stirne hergenommen, wo sein Vater sie 1848 hergenommen +habe, als er für ähnliche Forderungen wie ich im Frankfurter Parlament +eintrat. Liebknechts und meine Reden bei diesem Gesetzentwurf +hatten nach außen Aufsehen erregt. Wir erhielten über dreißig +Zustimmungsadressen, fast alle aus preußischen Städten. Die Leipziger +Parteigenossen schickten uns als Anerkennung einen neun Pfund schweren +Schinken, der uns als diätenlosen Abgeordneten, die wir jetzt waren, +willkommen war. + +Bei der Beratung des Paßgesetzes stellten Liebknecht und ich einen +Antrag, wonach die Polizei kein Recht zu Ausweisungen haben solle. Zum +Freizügigkeitsgesetz stellten wir Anträge, wonach die Polizei niemand +Aufenthaltsbeschränkungen unterwerfen dürfe, solche sollten nur infolge +eines richterlichen Urteils ausgesprochen werden können. Alle bisher +erfolgten Ausweisungen sollten mit Inkrafttreten des Gesetzes aufgehoben +sein. In der Rede, mit der Liebknecht den Antrag begründete, kam er auf +die Vorgänge zu sprechen, die 1865 zu seiner Ausweisung aus Preußen und +Herbst 1866 zu seiner Verurteilung wegen Bannbruch führten. Natürlich +wurden die Anträge abgelehnt. + +Die Session ging bereits am 26. November zu Ende. + + * * * * * + +Im Frühjahr 1868 wurde die Session des Reichstags, die am 23. März +eröffnet worden war, unterbrochen; es sollte nach den Osterferien das +Zollparlament zusammentreten, das für den 27. April nach Berlin berufen +worden war. Dessen Sitzungen wurden im Sitzungssaal des preußischen +Landtags — damals am Dönhofsplatz — abgehalten, weil für die um rund +hundert größere Abgeordnetenzahl der Saal des Herrenhauses nicht +reichte. Die Arrangeure für die Verteilung der Plätze begingen dabei die +kleine Bosheit, daß sie Rothschild neben Liebknecht placierten. Alles +lachte. Der Frankfurter Weltbankier hielt es aber in der gefährlichen +Nachbarschaft nicht lange aus, er ließ sich einen anderen Platz +anweisen. + +Unter den süddeutschen Zollparlamentsmitgliedern befanden sich eine +Anzahl, die bereits eine politische Rolle hinter sich hatten, so Ludwig +Bamberger, der Staatsrechtslehrer Professor Bluntschli, der katholische +Sozialpolitiker Jörg, der Statistiker Dr. Kolb, Fürst zu +Hohenlohe-Schillingsfürst, der spätere Reichskanzler, Professor +Marquardsen, Rechtsanwalt Metz-Darmstadt, Moritz v. Mohl, Rechtsanwalt +Oesterlen-Stuttgart, der gewesene Minister v. Roggenbach, Professor +Schäffle, Professor Sepp, Freiherr v. Stauffenberg, Dr. Tafel-Stuttgart, +Minister v. Varnbühler, Rechtsanwalt Völck — die Frühlingslerche — und +andere. + +Da ich bei der Eröffnungssitzung des Zollparlaments zugegen war, wurde +ich neben den Abgeordneten Hans Blum, v. Watzdorf und Tobias +Jugendschriftführer. Damals bestand noch in der Geschäftsordnung des +Reichstags die Bestimmung, daß die bei der Eröffnungssitzung anwesenden +vier jüngsten Mitglieder neben dem Alterspräsidenten das provisorische +Bureau bildeten. Aus Aerger, daß auf diese Weise Sozialdemokraten in +das Bureau kommen konnten, änderte man später die Geschäftsordnung. +Jetzt wählt der Alterspräsident die vier Schriftführer des +provisorischen Bureaus. An Kleinlichkeit der Auffassung der Opposition +gegenüber hat es dem Reichstag nie gefehlt. + +Unter den süddeutschen Abgeordneten befanden sich eine Anzahl, mit denen +Liebknecht und ich in nähere Beziehungen traten: Ammermüller, +Freiesleben, Kolb, Oesterlen, Schäffle, Tafel usw. Mehrere derselben, +wie Kolb und Tafel, gehörten zur Demokratie. Der größte Teil der +süddeutschen Abgeordneten fand sich nur sehr schwer in die neue Ordnung +der Dinge. Das Zollparlament war eine der Früchte des zwei Jahre vorher +stattgehabten Bruderkriegs, dessen Wunden in Süddeutschland noch nicht +vernarbt waren. Man fühlte sich immer noch als Besiegte. Zudem war das +Zollparlament eine politische Zangengeburt, ein Verlegenheitsprodukt, +nicht Fisch, noch Fleisch. Die Liberalen, als Vertreter der modernen +kapitalistischen Entwicklung, wollten aus dem Zollparlament ein +Vollparlament machen; dem widerstrebte nicht nur Bismarck, aus +politischen Rücksichten auf Frankreich und die Stimmung in +Süddeutschland, dem widerstrebten auch die Vertreter aller anderen +Parteien in Süddeutschland, die in dem Nordbund, seiner Verfassung und +seinen Einrichtungen kein politisches Ideal sahen. Nimmt man hinzu, daß +zu jener Zeit noch ein besonders scharfer Gegensatz in der +Volksgesinnung zwischen Süd und Nord bestand, auf Grund dessen man in +Süddeutschland besser Wien und Paris als Berlin kannte, das Süddeutsche +zu jener Zeit selten besuchten, so begreift man, daß die Geister scharf +aufeinanderplatzten, wo immer sich eine Gelegenheit dazu bot. Doch +zeigte sich auch hier, daß die Süddeutschen an Zähigkeit hinter den +Norddeutschen zurückstanden. Liebknecht und ich hatten manchmal Mühe, +dem uns näher stehenden Teil der süddeutschen Abgeordneten den Rücken zu +steifen. + +Der Versuch der Nationalliberalen, eine Adresse an den König von Preußen +durchzusetzen, fiel nach heftiger Debatte mit 186 gegen 150 Stimmen, ein +Resultat, das die Antragsteller ganz perplex machte. Ich nahm in dieser +Session zu zwei längeren Ausführungen das Wort. Das erstemal sprach ich +gegen den Entwurf eines Gesetzes, wonach der Tabak besteuert werden +sollte, das zweitemal zu dem Zollvertrag zwischen dem Zollverein und +Oesterreich. Ich stieß bei dieser Debatte scharf mit dem Abgeordneten +Lasker zusammen. Derselbe hatte sich wieder einmal allerlei +schulmeisterliche Bemerkungen gegen uns erlaubt und die Zustände in den +Kleinstaaten in übertriebenster Weise angegriffen. Ich wies seine +schulmeisterlichen Bemerkungen energisch zurück und äußerte wegen seiner +Angriffe auf die Kleinstaaten, daß mich diese aus seinem Munde um so +mehr wunderten, da er einem Kleinstaat (Meiningen) sein Mandat verdanke, +eine Bemerkung, durch die ich die Lacher auf meiner Seite hatte. + + * * * * * + +Auf den 14. Mai war eine Volksversammlung von Berliner Demokraten und +Parteigenossen nach dem Konzerthaus berufen worden, und zwar saßen unter +anderem im Komitee: Buchhändler Jonas, der nachher wegen geschäftlicher +Misere nach den Vereinigten Staaten auswanderte und dort die New Yorker +Volkszeitung mitbegründete, deren Chefredakteur er wurde, Ludwig Löwe, +Paul Singer, Fr. Stephani, Tölde usw. Von den süddeutschen Abgeordneten +waren Freiesleben, Kolb, Oesterlen, Schäffle und Tafel, ferner +Liebknecht, Dr. Reinke, der vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein in +Lennep-Mettmann gewählt worden war, und ich anwesend. Liebknecht griff +die Politik der Fortschrittspartei und speziell Waldeck und Genossen +heftig an, auch sprach er so scharf gegen den Nordbund, daß es einem +Teil der Komiteemitglieder angst und bange wurde. Ich führte aus: Was +jetzt unter den Formen der deutschen Einheit vorgenommen werde, sei nie +und nimmer das einige Deutschland. Wir hegten die Erwartung, daß in +einem Deutschland, das durch den Gesamtwillen der Bevölkerung getragen +werde und an dessen Spitze eine Regierung stehe, die aus dem freien +Willen des Volkes hervorgegangen sei, allein das wirkliche Heil für die +Bevölkerung, insbesondere für die arbeitende Bevölkerung zu erwarten +sei. Ich kritisierte weiter die Zustände im Norddeutschen Bund mit Bezug +auf die Entwicklung des Militarismus: nicht Verminderung, sondern +Vergrößerung der Lasten werde die Folge sein. + +Dr. Max Hirsch, der mit seinem Anhang erschienen war, versuchte Lärm +hervorzurufen; das Tischtuch sei zwischen uns zerschnitten. Das war es +längst; sein lärmender Anhang wurde zur Ruhe verwiesen. + + * * * * * + +An einem Maisonntag waren Liebknecht und ich zu einem Fest des Berliner +Schneidervereins geladen. Wir nahmen auf ihren Wunsch die Abgeordneten +Oesterlen, Schäffle und Tafel zu demselben mit. Bei dem Ball kam es zu +einem sogenannten Damenengagement. Die Damen stürzten sich auf uns fünf. +Jede wollte mit einem von uns tanzen. Die vier Kollegen erklärten aber, +nicht tanzen zu können. Nun fielen die Damen über mich Unglücklichen +her. Vier Engagements hatte ich glücklich hinter mir, beim fünften +versagten mir Kopf und Magen. Mir wurde übel, ich mußte in den Garten +flüchten. Nächsten Vormittag kam eine Damendeputation zu mir in meine +Wohnung, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Ich konnte ihr die +beruhigende Versicherung geben, daß ich die Strapazen glücklich +überwunden hätte. Als wir in jener Nacht nach Hause gingen, äußerte sich +Schäffle höchst überrascht über den guten Ton und die ganze Haltung der +Ballgesellschaft, die nicht besser hätte sein können. Er glaube, in +Süddeutschland sei dergleichen auf einem Ballfest der Arbeiter +unmöglich, dort würde es zu Prügeleien kommen. Ich protestierte gegen +diese Auffassung. Ich sei zwar noch auf keinem Ballfest süddeutscher +Arbeiter gewesen, sei aber fest überzeugt, daß dergleichen auf einem +Fest organisierter Arbeiter nicht vorkomme. + +Für den 20. Mai hatte die Berliner Kaufmannschaft die Mitglieder des +Zollparlaments zu einem Festessen geladen, bei dem das Kuvert 25 Taler +kostete. Ich nahm an demselben nicht teil. Kollegen, die daran +teilgenommen hatten, versicherten mir nächsten Tages, die Arrangements +seien so mangelhaft gewesen, daß eine Anzahl Gäste sich nicht einmal +habe satt essen können. + +Die meisten Süddeutschen waren froh, als sie nach vierwöchiger +diätenloser Anwesenheit in Berlin wieder zu ihren Penaten zurückkehren +konnten. Im übrigen waren die Sitzungen meist so schlecht besucht, daß +die Berliner den Witz machten: Zollparlament bedeutet Leerparlament. An +den Schlußberatungen der unterbrochenen Reichstagssession beteiligte ich +mich nicht. + + * * * * * + +Die nächste Session des norddeutschen Reichstags begann den 4. März +1869. Hauptgegenstand seiner Beratung war der Gesetzentwurf für eine +Gewerbeordnung. Ich trat erst in der 10. Sitzung in das Haus und nahm +gleich zur Generaldebatte über den Gesetzentwurf das Wort. Ich +polemisierte unter anderem gegen den Geheimen Regierungsrat Wagener, den +ich wegen seines Auftretens in der Debatte als königlich preußischen +Hofsozialisten bezeichnete. Im weiteren wandte ich mich gegen den +Freiherrn v. Stumm, der uns heftig angegriffen hatte. Ich rechtfertigte +unsere Agitation und Organisation. Organisierten die Arbeiter sich +international, was er ihnen zum Vorwurf gemacht hatte, so sei dieses die +notwendige Konsequenz gegenüber der Internationalität des Kapitalismus. +Gegen den Abgeordneten Miquel trat ich ebenfalls polemisch in die +Schranken, der behauptet hatte, wir in Deutschland seien in sozialen +Dingen weiter als England und Frankreich. Ich antwortete: Jedenfalls +streite man sich in England und Frankreich nicht mehr wochenlang wie wir +um Gewerbefreiheit und Freizügigkeit. Ich führte ferner aus: Der +Abgeordnete Wagener habe dem Abgeordneten Schulze-Delitzsch gegenüber +gesagt: was er (Schulze) fordere, sei ihm (Wagener) insofern angenehm, +als es gelte, die letzten Konsequenzen des Wirtschaftssystems zu ziehen, +das führe dann zur Reaktion. Ich sei der Meinung, er (Wagener) habe sich +in der Schlußfolgerung geirrt, nicht die Reaktion, sondern die +Revolution werde schließlich kommen und kommen müssen. + +Ich hatte mich in meiner Rede gegen eine Kommissionsberatung des +Gesetzentwurfes erklärt, da das Haus doch keinen von uns in die +Kommission wähle. Das hatte die Wirkung, daß man mich in die Kommission +schickte. + +Ich möchte hier die Bemerkung einschalten, daß die Teilnahme an den +Reichstags- und Zollparlamentsverhandlungen für Liebknecht und mich ein +großes Opfer war. Zwar taten unsere Wahlkreise, und namentlich der +meine, was sie konnten, um uns finanziell zu unterstützen. Es war aber +doch ein peinliches Gefühl für uns beide, von einer Wählerschaft +finanzielle Hilfe annehmen zu sollen, die mit zur ärmsten in Deutschland +gehörte. Eine Parteiunterstützung gab es damals noch nicht, für Diäten +war kein Geld vorhanden. Die Diätenzahlung durch die Partei trat erst +vom Jahre 1874 ab ein, die mager genug ausfiel. Auch mußten wir die +Reisen nach und von Berlin aus eigener Tasche bezahlen. So fehlten wir +häufig in den Sitzungen, manchmal sogar, wenn unser Parteiinteresse +gebot anwesend zu sein. Schweitzer und Genossen hatten es darin besser. +Sie wohnten in Berlin, mit Ausnahme von Reinke, der aber bereits 1868 +sein Mandat niederlegte, worauf Fritzsche an seine Stelle trat; sie +konnten ohne Mühe und größere Opfer jeder wichtigen Sitzung beiwohnen. +Doch waren wir bei weitem nicht die einzigen, die schwänzten. Die große +Mehrzahl der Gesetze wurde von beschlußunfähigen Häusern angenommen. So +blieb es bekanntlich bis zur Einführung der Diäten im Frühjahr 1906. + + * * * * * + +Bei der zweiten Beratung der Gewerbeordnung stellten wir eine Anzahl +Anträge, mit denen wir aber nur vereinzelt Glück hatten. Wir beantragten +Bestimmungen, nach denen die Streitigkeiten betreffend Kündigungsfristen +usw. Gewerbegerichten überwiesen werden sollten; wir forderten ferner +das Verbot des Trucksystems; obligatorische Fabrikordnungen für alle +Betriebe mit mehr als zehn Arbeitern, wobei die Arbeiter gutachtlich zu +hören seien; weiter beantragten wir Bestimmungen über den Lehrvertrag, +Aufhebung der Arbeitsbücher, Verbot der Kinderarbeit für Kinder unter +vierzehn Jahren in Fabriken. Weiter verlangten wir das Verbot der +Sonntagsarbeit, einen zehnstündigen Normalarbeitstag für Betriebe mit +mehr als zehn Lohnarbeitern, volle Vereinigungsfreiheit für die +Gewerkschaftsorganisationen, Einführung von Fabrikinspektoren. Meist +hatten Schweitzer und Genossen dasselbe beantragt. + +Einen unerwarteten Erfolg hatte ich mit meinem Antrag, die Arbeitsbücher +abzuschaffen. Das kam so. Das Leipziger Polizeiamt hatte eine +Verordnung erlassen, in der es hieß: Wirte, bei denen einwandernde +Gewerbsgehilfen einkehrten, seien verbunden, ihnen sogleich nach ihrer +Ankunft ihre Wanderlegitimationen abzufordern und solche an das +Fremdenbureau abzugeben. Diejenigen Gesellen aber, welche eine +Wanderlegitimation vorzuzeigen nicht vermöchten, ohne Verzug dem +Fremdenbureau zuzuführen. Ueberdies sollten die Wirte darauf sehen, daß +zugewanderte oder arbeitslos gewordene Gewerbsgehilfen ohne polizeiliche +Erlaubnis nicht über vierundzwanzig Stunden in Leipzig verweilten. + +Diese Verordnung stand in schneidendem Widerspruch mit dem Paßgesetz, +das den Legitimationszwang für das Inland aufgehoben hatte. Die +bezüglichen Bestimmungen der sächsischen Gewerbeordnung, die die +Arbeitsbücher vorschrieben, seien, so führte ich aus, durch das +Paßgesetz gegenstandslos geworden. Lasker unterstützte meinen Antrag, +und so wurde derselbe angenommen. Zehn Jahre später wurden bei einer +Revision der Gewerbeordnung von der konservativ-ultramontanen Mehrheit +die Arbeitsbücher für Personen unter 21 Jahren wieder eingeführt. + +Die Annahme meines Antrags auf Beseitigung der Arbeitsbücher +verschnupfte in den Kreisen der selbständigen Handwerker. Das ganze +Raffinement, mit dem ich bei Stellung dieses Antrags zu Werke gegangen +sein sollte, beschrieb Dr. C. Roscher, der Sohn des bekannten +verstorbenen Nationalökonomen W. Roscher — dem Marx und Lassalle übel +mitspielten —, in einem Artikel überschrieben: Wie der deutsche +Gewerbsstand die Arbeitsbücher verlor. Fragment aus einem sozialen +Roman. Nach C. Roscher, der heute noch in einem hohen Amt in der +sächsischen Regierung sitzt, hatte ich meinen schlau erdachten Plan +meinem „Freund Tübicke“ — der Mann hat wohl nie gelebt — entwickelt, als +er mich eines Abends „in meinem öden Zimmer“ aufsucht, wo ich eben +meine — nebenbei bemerkt — sehr kurze Rede zu meinem Antrag entwarf. Ich +lasse mich nun — immer nach Roscher — mit Tübicke in ein Gespräch ein, +wobei ich ihm auseinandersetze, wie ich morgen den Reichstag düpieren +würde, damit er für meinen Antrag stimme. Ich war nicht wenig stolz, zu +lesen, welche Schlauheit mir Roscher zuschrieb, um meine verehrten +Kollegen über den Löffel zu barbieren. Natürlich gelang der Streich +genau so, wie ich den Plan entworfen haben sollte. Als der Präsident +verkündete, der Antrag habe die Mehrheit, hörte man auf der Tribüne ein +unterdrücktes Kichern. Es war mein Freund Tübicke, der sich über das +Gelingen meines Planes diebisch freute. Ich bin überzeugt, mancher, der +diese Schilderung las, nahm sie ernst und sagte sich: Der Bebel ist doch +ein verfluchter Kerl! Aber geschichtliche Wahrheit enthielt die +Schilderung nicht. So wird aber oft Geschichte gemacht. + +Ein zweiter, minder wertvoller Antrag, den ich durchsetzte, war, daß +überall, wo es im Gesetz „Muße“ hieß, „Pause“ gesetzt wurde. Die +Regierung sah selbst ein, daß das Wort „Muße“ unpassend sei, und +akzeptierte meinen Vorschlag. Dagegen wurden alle unsere anderen Anträge +abgelehnt. + +In derselben Session wurde auch das Wahlgesetz für den Reichstag +festgestellt. Schweitzer und Hasenclever beantragten, statt +fünfundzwanzig Jahre zwanzig zu setzen, und der Wahltag müsse ein +Sonntag sein. Ich beantragte, daß die Wahlen am gleichen Tage im ganzen +Bundesgebiet stattfinden und der Wahltag ein Sonn- oder Feiertag sein +müsse. Ferner verlangte ich, die Bestimmung zu streichen, wonach +Personen das Wahlrecht verlieren sollten, die eine Armenunterstützung +aus öffentlichen oder Gemeindemitteln beziehen oder im letzten Jahre vor +der Wahl bezogen haben. + +Es ist überflüssig zu sagen, daß trotz aller unserer Reden diese Anträge +ebenfalls abgelehnt wurden. Auch verloren jetzt die _unter der Fahne +stehenden Militärpersonen das aktive Wahlrecht_. Es waren die +Nationalliberalen, die hierfür eifrig eintraten. Die Regierungen hatten +diese Forderung _nicht_ gestellt. + +Bei der Debatte über den Haushaltsetat — 24. April — hatte sich der +Abgeordnete v. Hoverbeck für eine Entwaffnung ausgesprochen. Darauf +antwortete ich: Ich sei der Ansicht, daß, wie gegenwärtig die Dinge in +Europa stünden, wo der Zäsarismus hüben und der Zäsarismus drüben das +Ruder führe, ernstlich eine Entwaffnung für möglich zu halten eine +Torheit sei. Ich hielte es für unmöglich, daß unsere Zäsaren, von denen +jeder nach der Gelegenheit hasche, über den anderen herzufallen und ihn +niederzuschlagen, sich einfallen ließen, eine noch so mäßige Entwaffnung +eintreten zu lassen. Es geschehe eben hier, was von den beiden Löwen der +Fabel erzählt werde, sie fielen über sich her und fraßen sich bis auf +die Schwänze auf. Dabei könnten wir nur profitieren. + +Am 13. Mai hielt ich eine Rede gegen das Privileg der Portofreiheit der +Fürsten. Ich wurde wiederholt heftig unterbrochen. Meine Ausführungen +hatten die „loyalen Gefühle“ eines Teils der Mitglieder verletzt. Dafür +erhielt ich aus der Wählerschaft viele Zustimmungen. + +Am 3. Juni wurde das Zollparlament wieder eröffnet, aber bereits am 22. +Juni geschlossen. Ich beteiligte mich nicht an den Debatten, die für +mich keine besondere Bedeutung hatten; außerdem erforderte mein Geschäft +meine Anwesenheit in Leipzig. + + * * * * * + +In der Frühjahrssession des norddeutschen Reichstags von 1870 war der +Hauptberatungsgegenstand der Strafgesetzentwurf für den Norddeutschen +Bund. Ich nahm bei dessen Beratung nur einmal das Wort, und zwar in +dritter Lesung bei Beratung der Todesstrafe. Der Reichstag, der in der +zweiten Lesung mit erheblicher Mehrheit sich gegen die Todesstrafe +ausgesprochen hatte — das im Jahre 1868 erlassene sächsische +Strafgesetzbuch hatte sie abgeschafft, ebenso war sie in Baden +abgeschafft worden —, stimmte jetzt auf Drängen und Drohen Bismarcks +_für_ dieselbe, und zwar mit 127 gegen 110 Stimmen. Der _einzige_ +sächsische Abgeordnete, der _für_ die Todesstrafe eintrat, war Dr. Hans +Blum, der Sohn des im Herbst 1848 in der Brigittenau bei Wien +erschossenen Robert Blum. Als Blum sein Ja für die Todesstrafe abgab, +antworteten wir auf der äußersten Linken mit einem kräftigen Pfui! + +Hans Blum gehörte zu den schmutzigsten und perfidesten Gegnern der +Sozialdemokratie; um uns zu bekämpfen, war ihm _jedes_ Mittel recht. +Selbstverständlich war er ein begeisterter Verehrer Bismarcks, und +dieser wollte ihm wohl. Aber er konnte ihn vor schimpflichem Untergang +nicht retten. Blum wurde wegen ehrloser Handlungen die Advokatur +entzogen. Er ging alsdann nach der Schweiz, woselbst er eine +Zigarrenfabrik betrieb. Er starb 1909 als wohlhabender Mann. + +In einer zweiten Rede in der Frühjahrssession 1870 trat ich für einen +Antrag Lasker ein, der eine Revision des Militärstrafrechtes verlangte. +Der Antrag wurde mit 117 gegen 73 Stimmen angenommen. + +Die Zollparlamentssession von 1870 war wiederum sehr kurz, sie währte +nur gegen drei Wochen. Vor Beginn derselben hatte der Abgeordnete Dr. +Kolb-Bayern sein Mandat für das Zollparlament niedergelegt. Das +Zollparlament sei ein Werk der Täuschung und des Truges, das nur für die +Machtstellung Preußens zu arbeiten habe. Es ist bemerkenswert, wie +kampfunlustig die bürgerliche Demokratie wurde. Damit erhält man aber +keine Partei am Leben, geschweige, daß man sie stärker macht. Die +Klügeren sahen eben schon damals, daß bei der Entwicklung, die die +Sozialdemokratie nahm, die bürgerliche Demokratie keine Zukunft mehr +habe. Die wachsenden Klassengegensätze schieden immer mehr die Geister. + +Die Frühjahrssession 1870 war die letzte des Zollparlaments, denn wenige +Monate nachher begann die große Tragödie, die auch die politischen +Verhältnisse Deutschlands sehr wesentlich änderte und das Zollparlament +überflüssig machte. + + + + +Taktische Unstimmigkeiten. + + +Bevor ich auf die Tragödie des Deutsch-Französischen Krieges eingehe, +muß ich in Kürze auf die taktischen Unstimmigkeiten zu sprechen kommen, +die sich zwischen Liebknecht und mir wegen unserer parlamentarischen +Stellung herausgebildet hatten. + +Liebknecht hatte schon zur Zeit, als der Bismarcksche Bundesreformantrag +zur Diskussion stand — Frühjahr 1866 —, sich gegen das Wählen zu einem +solchen Parlament ausgesprochen, und zwar im Mannheimer „Deutschen +Wochenblatt“. Dieses wurde aber in unseren Kreisen fast nicht gelesen, +und da Liebknecht, soweit ich mich dessen entsinne, weder im Leipziger +Arbeiterbildungsverein, noch im Demokratischen Verein, noch in einer +anderen Versammlung seinen negierenden Standpunkt zur Geltung zu +bringen suchte, kam es infolgedessen zu keiner Diskussion. Als wir dann +Weihnachten 1866 auf unserer Landesversammlung zu Glauchau ohne jeden +Widerspruch die Wahlbeteiligung als selbstverständlich beschlossen und +Liebknecht, der damals drei Monate Gefängnis in der Berliner +Stadtpolizei verbüßte, mit als Kandidaten für den 19. sächsischen +Wahlkreis aufstellten, akzeptierte er diese Aufstellung ohne jeden +Vorbehalt. Bei seiner zweiten Kandidatur, Hochsommer 1867, wurde er auch +gewählt. Anfangs stellte er selbst Anträge zu Gesetzentwürfen, aber bald +kam die alte Abneigung gegen den Parlamentarismus wieder bei ihm zum +Durchbruch und äußerte sich in lebhaften Auseinandersetzungen zwischen +uns über die Taktik, die wir im Reichstag einnahmen sollten. + +Liebknecht sah in dem Norddeutschen Bunde ein Gebilde, das mit allen +Mitteln bis zur Vernichtung bekämpft werden müsse. An dessen Parlament +sich anders als negierend und protestierend zu beteiligen, war nach +seiner Meinung eine Preisgabe des revolutionären Standpunktes. Daher +kein Paktieren, kein Kompromisseln, das heißt kein Versuch, die +Gesetzgebung in unserem Sinne zu beeinflussen. + +Zu dieser Auffassung unseres revolutionären Standpunktes konnte ich mich +nicht bekennen. Protestieren und negieren, wo es am Platze war, also vor +allen Dingen gegen alles Schlechte und Verderbliche, aber zugleich auch +agitieren in positivem Sinne, indem wir überall unsere Anträge zu den +einzelnen Gesetzentwürfen stellten und damit zeigten, wie wir uns die +Gestaltung der Dinge dachten. Indem wir diese Anträge stellten und Reden +zu ihren Gunsten hielten, die, wenn auch noch so verstümmelt, in den +Berichten der Zeitungen von Millionen gelesen wurden, würden wir im +höchsten Grade agitatorisch und propagandistisch wirken. + +Diese Meinungsverschiedenheiten kamen zwischen uns am lebhaftesten zum +Ausdruck, als ich zahlreiche Anträge zur Gewerbeordnung und anderen +Gesetzentwürfen stellte, zu denen Liebknecht seine Stimme nur ungern +hergab. Er hielt es schließlich für zweckmäßig, seinen abweichenden +Standpunkt in einem Vortrag darzulegen, den er am 31. Mai 1869 im +Berliner Demokratischen Arbeiterverein hielt. Der Vortrag ist nachher in +einer Broschüre erschienen, betitelt: Die politische Stellung der +Sozialdemokratie, insbesondere mit bezug auf den Reichstag. + +Liebknecht äußerte darin: Die soziale Bewegung ist ein revolutionärer +Umgestaltungsprozeß, der sich nicht über Nacht vollziehen kann ... Aber +die neue Gesellschaft steht in unversöhnlichem Gegensatz mit dem alten +Staat ... Was die neue Gesellschaft will, hat daher vor allem auf +Vernichtung des alten Staates hinzuwirken ... Für die soziale Praxis muß +sich die Sozialdemokratie erst den staatlichen Boden schaffen ... Der +Kampf im Reichstag sei bloß ein Scheinkampf, bloß eine Komödie ... +Verhandeln könne man nur, wo eine gemeinsame Grundlage bestehe ... +Prinzipien seien unteilbar, man müsse sie ganz bewahren oder ganz opfern +... Den im Reichstag fast ausschließlich vertretenen herrschenden +Klassen gegenüber sei der Sozialismus keine Frage der Theorie mehr, +sondern einfach eine Machtfrage, die in keinem Parlament, die nur auf +der Straße, auf dem Schlachtfeld zu lösen sei, gleich jeder anderen +Machtfrage ... Alles, was von dem Werte der Reden im Reichstag gesagt +werde, sei hinfällig. Ob man glaube, den Reichstag durch Reden bekehren +zu können? Dieses Reden sei zwecklos, und zwecklos zu reden, sei ein +Vergnügen der Toren. + +Er wendete sich dann gegen die Ueberschätzung des Wahlrechts im +absolutistischen Staat; losgelöst von staatsbürgerlicher Freiheit, ohne +Preßfreiheit, ohne Vereinsrecht könne das allgemeine Stimmrecht nur +Spiel und Werkzeug des Absolutismus sein. + +Der Reichstag habe auch keine Macht; eine Kompagnie Soldaten jage, +selbst wenn wir die Mehrheit darin hätten, diese Mehrheit zum Tempel +hinaus ... Revolutionen würden nicht mit hoher obrigkeitlicher +Bewilligung gemacht; die sozialistische Idee könne nicht innerhalb des +heutigen Staates verwirklicht werden; sie müsse ihn stürzen, um ins +Leben treten zu können. „Kein Friede mit dem heutigen Staat.“ + +Diese rein negierende Stellung Liebknechts ist für die Partei nie +maßgebend geworden, so oft er auch dafür kämpfte. Als aber in den +achtziger Jahren unter der Herrschaft des Sozialistengesetzes der +Anarchismus in Deutschland hier und da Boden fand, benutzten +selbstverständlich die Anarchisten die Broschüre Liebknechts, um gegen +uns als „parlamentarische Partei“ zu kämpfen. Es war ein unhaltbarer +Zustand, daß eine Rede des ersten Führers der Partei ständig gegen die +Wirksamkeit der Partei ausgenutzt wurde. Darauf machte ich ihn in einer +Fraktionssitzung Mitte der achtziger Jahre aufmerksam. Liebknecht gab +die Berechtigung meiner Auffassung ohne weiteres zu, und so erschien die +neue Auflage mit einem Vorwort, in dem er darauf hinwies, daß sein in +der Broschüre vertretener Standpunkt sich nur auf die Periode vor +Gründung des Reiches beziehe. Im weiteren hat dann auch Liebknecht auf +dem St. Galler Kongreß — Oktober 1887 — offen und rückhaltlos erklärt, er +sei nunmehr zu der Ansicht gekommen, daß die praktische Tätigkeit in den +Parlamenten eine Notwendigkeit und von großem Vorteil für die Partei +sei. Damit waren die Meinungsverschiedenheiten zwischen uns über die +parlamentarische Taktik beseitigt. + +Die Liebknechtsche Rede hatte ein gerichtliches Nachspiel. Das Berliner +Stadtgericht verurteilte ihn in contumaciam, da er auf Vorladung nicht +erschienen war, wegen Schmähung obrigkeitlicher Anordnungen zu drei +Monaten Gefängnis. Das Berliner Stadtgericht forderte darauf die +Auslieferung Liebknechts — man halte fest, daß es damals noch kein +gemeinsames Strafrecht und kein gemeinsames Prozeßverfahren gab — auf +Grund des Gesetzes über die gegenseitige Rechtshilfe. Diese Auslieferung +wurde von den sächsischen Gerichten _verweigert_, weil es nach dem neuen +sächsischen Strafrecht kein Vergehen gab wie jenes, auf das hin +Liebknecht in Berlin verurteilt worden war. Nun verlangte die preußische +Regierung bei der sächsischen die Verfolgung Liebknechts wegen Schmähung +von Bundesinstitutionen. Die sächsische Regierung machte auch Miene, dem +Verlangen stattzugeben. Die Sache zog sich aber in die Länge, und +schließlich erging es Liebknecht mit seiner Berliner wie mir mit meinen +Plauener Reden, sie wanderten als schätzbares Anklagematerial in die +Akten unseres kommenden Hochverratsprozesses. + + + + +Der Deutsch-Französische Krieg. + + + + +Das Vorspiel zur Kriegserklärung. + + +Die Haltung, die Liebknecht und ich bei Ausbruch und während der Dauer +jenes Krieges in und außerhalb des Reichstags einnahmen, ist +jahrzehntelang Gegenstand der Erörterung und heftiger Angriffe gewesen. +Anfangs auch in der Partei. Aber nur kurze Zeit, dann gab man uns recht. +Ich bekenne, daß ich unsere damalige Haltung in keiner Weise bedaure und +daß, wenn wir bei Ausbruch des Krieges bereits gewußt hätten, was wir im +Laufe der nächsten Jahre auf Grund amtlicher und außeramtlicher +Veröffentlichungen kennen lernten, unsere Haltung vom ersten Augenblick +an eine noch schroffere gewesen sein würde. Wir hätten uns nicht, wie es +geschah, bei der ersten Geldforderung für den Krieg der Abstimmung +enthalten, wir hätten direkt gegen dieselbe stimmen müssen. + +Heute kann es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß der Krieg von 1870 +von _Bismarck gewollt_ und durch ihn von langer Hand vorbereitet worden +ist. Wenn er mit seinen Versuchen, anläßlich der Kriege von 1864 und +1866 sich als den Unschuldigen und dazu Gereizten hinzustellen, wenig +Glück hatte, so ist ihm dieses in bezug auf den Krieg von 1870/71 +glänzend gelungen. Mit Ausnahme eines kleinen Kreises Eingeweihter, der +wußte, daß Bismarck mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln auf den +Krieg mit Frankreich hinarbeitete — zu dem der damalige König und spätere +Kaiser Wilhelm I. nicht gehörte —, hat Bismarck alle Welt düpiert und +den Glauben zu erwecken verstanden, daß Napoleon den Krieg provozierte +und er, der friedliebende Bismarck, sich mit seiner Politik in der Rolle +des Angegriffenen befand. Und die offizielle und offiziöse +Geschichtschreibung hat diesen Glauben, wonach Frankreich der Angreifer, +Deutschland der Angegriffene war, bis heute in der großen Masse der +Bevölkerung aufrechtzuerhalten verstanden. + +Allerdings hat Napoleon formell den Krieg erklärt, aber das +Bewundernswerte in der Bismarckschen Politik lag darin, daß er die +Karten so geschickt gemischt hatte, daß Napoleon mit der Kriegserklärung +austrumpfen _mußte_, er mochte wollen oder nicht, und so als der +Friedensbrecher erschien. + +Haben doch kurze Zeit selbst Männer wie Marx und Engels die Anschauung +gehabt und öffentlich zum Ausdruck gebracht, Napoleon sei der +Friedensbrecher gewesen, obgleich die Warte, auf der sie standen, für +die Beurteilung der europäischen Politik eine weit höhere war als die +unsere. Die Vorgänge bis zur Kriegserklärung waren so irreführend und +verblüffend, daß man ganz die Tatsache übersah, daß Frankreich, das den +Krieg erklärte, mit seiner Armee auf keinen Krieg vorbereitet war, +wohingegen in Deutschland, das als der zum Kriege provozierte Teil +erschien, die Kriegsvorbereitungen _bis auf den letzten Lafettennagel +fertig waren_ und die Mobilmachung wie am Schnürchen sich vollzog. + +Die öffentliche Anklage, daß Bismarck der Urheber des +Deutsch-Französischen Krieges sei, habe ich meines Erinnerns in der +Partei zuerst in zwei Artikeln des „Volksstaat“, und zwar in den Nummern +73 und 74 vom Jahre 1873 erhoben, die die Ueberschrift trugen: „Zum +zweiten September.“ Liebknecht, dem ich die beiden Artikel vorlegte, hat +nur einige kleine formale Aenderungen daran vorgenommen und hat sie +beide an der Spitze seiner später erschienenen Broschüre: „Die Emser +Depesche oder wie Kriege gemacht werden“, abgedruckt. + +Der Krieg mit Frankreich lag lange in der Luft. Sobald die Lösung der +deutschen Frage durch die Kabinette und nicht durch die Volksmassen in +die Hand genommen wurde, war bei der Situation in Deutschland und +Europa, die der Wiener Kongreß von 1815 geschaffen hatte, auch die +Einmischung des Auslandes zu befürchten, in erster Linie die +Frankreichs, dessen damaliger Herrscher Napoleon sich eine Art +Schiedsrichterrolle in Europa anzumaßen verstanden hatte. Der +Antagonismus zwischen Oesterreich und Preußen, wie das ganze Gebilde des +damaligen deutschen Bundes, erleichterte ihm diese Rolle. Bismarck trug +dieser Rolle ebenfalls Rechnung, indem er von 1864 bis 1866 sich auf +allerlei bedenkliche Unterhandlungen mit Napoleon einließ, bei denen die +Abtretung gewisser Teile Deutschlands als Kompensation für Annexionen +deutscher Staaten durch Preußen in Frage kam. Ich habe schon im ersten +Teil meiner Arbeit darauf Bezug genommen. + +Bismarck war es gelungen, sowohl 1864 wie 1866 Napoleon zu prellen; er +ging bei der Umgestaltung der deutschen Verhältnisse zugunsten Preußens +leer aus. Aber seine Einmischung in die Friedensverhandlungen des +Krieges von 1866 hatte doch genügt, um Preußen die geplante Annexion +Sachsens unmöglich zu machen; auch war Napoleons Einfluß die Bestimmung +des Artikel 4 des Prager Friedensvertrags zu verdanken, wonach eine +Abtretung des dänisch sprechenden Teiles Nordschleswigs an Dänemark in +Aussicht genommen wurde; ferner mußte Preußen auf Annexionen südlich der +Mainlinie verzichten. Napoleons Einfluß war weiter geschuldet die Lösung +der Luxemburger Frage im folgenden Jahre zuungunsten Deutschlands. + +Es liegt auf der Hand, daß diese Störung von Bismarcks Zirkeln durch +Napoleon bei Bismarck Rache- und Vergeltungsgedanken aufkommen ließen +und er danach gierte, die überragende Stellung Napoleons und Frankreichs +in Europa zu brechen. Einen Krieg gegen Frankreich zu beginnen, sobald +eine günstige Gelegenheit sich dazu biete, war von 1866 ab das Ziel der +neupreußisch-deutschen Politik. Auf dieses Ziel wurde die militärische +Reorganisation und Armeeerweiterung mit fieberhafter Eile betrieben; es +wurden alle Maßnahmen bis ins kleinste getroffen, um, wenn der Moment +komme, mit Frankreich anbinden zu können. + +Daß der nächste Krieg ein Krieg mit Frankreich sein werde, war seit 1866 +die Ueberzeugung aller Politiker. Auch in der Armee sah man dieses als +selbstverständlich an und sehnte sich nach demselben. Wir klagten +deshalb die Bismarcksche Politik an, daß sie einen Zustand für +Deutschland geschaffen hatte, wie er seit 1815 nicht vorhanden gewesen +sei. Das gespannte Verhältnis zu Oesterreich, das der Ausgang des +Krieges von 1866 zur Folge hatte, mache die Frage für Deutschland +doppelt gefährlich, weil befürchtet werden müsse, daß Oesterreich zu +einer Revanche für 1866 mit Frankreich im Bunde bereit sein werde. +Tatsächlich wurden auch bezügliche Verhandlungen zwischen Frankreich und +Oesterreich gepflogen, die aber keinen Erfolg hatten, weil der +unerwartet rasche Ausbruch des Krieges und die siegreichen Schläge, mit +der die französische Armee von der deutschen niedergeworfen wurde, es +Oesterreich klüger erscheinen ließen, von einer Einmischung abzusehen. +Aus dieser Situation heraus sah man im Volke einem Kriege zwischen +Deutschland und Frankreich mit großem Unbehagen entgegen, um so mehr, da +man in weiten Volkskreisen noch an eine Unbesiegbarkeit Frankreichs +glaubte. Andererseits stand allerdings fest, daß der Mangel an positivem +Gewinn, den Napoleon aus seiner Einmischungsrolle heimgebracht, sein +Ansehen im eigenen Lande tief heruntergesetzt und der bürgerlichen +Opposition großen Anhang verschafft hatte. Diese Stimmung kam deutlich +zum Ausdruck bei den Wahlen im Mai 1869, bei welchen auf die Kandidaten +der Regierung nur rund 4469000 Stimmen, auf die der Opposition 3259000 +Stimmen fielen. Ueber diesen Wahlausfall schrieb man damals der +„Frankfurter Zeitung“ aus Paris: „Nicht allein die moralischen, auch die +materiellen Interessen Europas lassen die republikanische Staatsform als +unerläßlich für die Regeneration unserer Verhältnisse erscheinen.“ + +Die Opposition in der Kammer war auf 116 Köpfe gestiegen. Das veranlaßte +Napoleon Anfang Januar 1870, das Mitglied der Opposition, Olivier, zum +Präsidenten eines gemäßigt liberalen Kabinetts zu ernennen und zur +Unterstützung seiner Politik am 8. Mai ein sogenanntes Plebiszit +(allgemeine Volksabstimmung) vorzunehmen, wobei er für sein Regiment +zwar 7350000 Ja gegen 1500000 Nein erzielte, aber was sehr bedenklich +war, die Armee und Marine hatten 50000 Nein in die Urne geworfen. +Außerdem hatten zahlreiche Städte, voran Paris, ein erhebliches Mehr +gegen ihn ergeben. + +Die feindselige Stimmung gegen Napoleon war in Paris schon im Januar +zutage getreten bei der Beerdigung des Schriftstellers Victor Noir, den +der Prinz Pierre Napoleon bei einem persönlichen Streit meuchlings +niedergeschossen hatte. Eine ungeheure Menschenmenge begleitete +demonstrativ die Leiche Victor Noirs. Es fehlte nicht viel, und es wäre +dabei zu einem revolutionären Ausbruch gekommen. + +Alle diese Vorgänge wirkten niederdrückend auf Napoleon, der damals +schon an einem schmerzhaften Blasensteinleiden litt, dem er schließlich +auch erlag. Dieses Leiden raubte ihm Energie und Tatkraft. + +Aber auch die militärischen Verhältnisse Frankreichs waren solche, die +einen Krieg mit einer starken Macht für gefährlich erscheinen ließen. +Wenn Preußen-Deutschland seit 1866 mit aller Kraft und Energie an der +Vermehrung und Ausbildung der Armee arbeitete, so geschah gleiches nicht +in Frankreich. Napoleon harte zwar in dem Oberst Stoffel einen +Militärattaché in Berlin, der offene Augen und Ohren hatte und +fortgesetzt Berichte einschickte, worin er über die gewaltigen +Fortschritte in der militärischen Entwicklung Preußens Bericht +erstattete und zu ähnlichem Vorgehen antrieb, aber alles war vergebens. +Oberst Stoffel predigte tauben Ohren. Einige Urteile Stoffels, weil von +historischer Bedeutung, mögen hier Platz finden. So schrieb er unter dem +22. Juli 1868: „Nach meiner Meinung lebt man in Frankreich in der +tiefsten Unwissenheit von alledem, was Preußen angeht, sowohl die +preußische Nation als die preußische Armee.“ Am 12. August 1869 schrieb +er prophetisch: „Preußen hat Scharfblick genug, um zu erkennen, daß der +Krieg, den es nicht wünscht, doch ausbrechen wird, und es hat alle +Anstrengungen gemacht, um vorbereitet zu sein für diese Eventualität, +daß irgend ein Zwischenfall den Krieg herbeiführt.“ Ein andermal bemerkt +er: „Das ist der Hauptgegenstand meiner Befürchtung, dieser schlagende +Kontrast zwischen der Voraussicht Preußens und der Verblendung +Frankreichs.“ Wütend ist er über Thiers, der 1848 verhindert habe, daß +die allgemeine Wehrpflicht in Frankreich eingeführt wurde. _„Dieser +Mensch war für unser Land ein schlimmeres Verhängnis als zwanzig +Niederlagen.“_ Und bei Ausbruch des Kriegs bezeichnet er denselben von +französischer Seite als den Krieg der Voraussehungslosigkeit, der +Unwissenheit und der Albernheit gegenüber der Voraussicht, Bildung und +Intelligenz. Napoleon sei krank, _die Revolution stehe vor der Tür_, und +dazu komme die Dummheit der Kaiserin. + +In Paris glaubte kein Mensch an einen Krieg mit Deutschland. _Noch +Anfang Juli 1870, also vierzehn Tage vor Ausbruch des Kriegs, beschloß +die französische Deputiertenkammer die Herabsetzung des +Rekrutenkontingents von 100000 auf 90000 Mann._ Der Kriegsminister +Leboeuf erklärte, daß, _wenn er der Herabsetzung zustimme, es geschehe, +weil er einen Beweis der Friedfertigkeit des Ministeriums geben wolle_. +Und der Ministerpräsident Olivier erklärte auf eine Anfrage des +Abgeordneten Jules Favre, _daß zu keiner Zeit die Erhaltung des Friedens +mehr gesichert sei als gegenwärtig. Nirgends gebe es eine aufregende +Frage._ + +Und doch kam über Nacht der Krieg. + +„Fern im Süd das schöne Spanien“ gab ungewollt die Gelegenheit dazu. +Seit Herbst 1868 war Spanien Republik, aber die herrschenden Klassen +sehnten sich nach der Monarchie. So gingen sie auf die Königsuche. Wie +nachträglich bekannt geworden ist, wurde bereits im September 1869 der +Fürst Karl Anton von Hohenzollern davon unterrichtet, daß man seinen +Sohn Leopold, der damals als Leutnant in einem preußischen Garderegiment +stand, zum König von Spanien wünsche. Der preußische Gesandte in +München, Freiherr v. Werthern, hatte dabei seine Hand im Spiele. Ob mit +oder ohne Wissen Bismarcks? Bismarck leugnete, daß er davon etwas gewußt +habe, aber wer glaubt es ihm? Ein Hohenzollernprinz als Kandidat für den +spanischen Königsthron war eine Sache von größter politischer Bedeutung, +sowohl für die Hohenzollern wie für Napoleon. Napoleon und Frankreich +fühlten sich in ihren Interessen aufs stärkste gefährdet, wenn neben dem +Hohenzollern an der Ostgrenze ein Hohenzoller auf der Südgrenze als +Regent eines großen Staates hinzukam. Im Fall eines Kriegs mit +Deutschland mußte alsdann Frankreich sich gegen einen Ueberfall von +Süden schützen, was eine starke militärische Schwächung bedeutete. + +König Wilhelm hatte bezeichnenderweise von einem ernsthaften Plan, +einen Hohenzollernprinzen auf den spanischen Königsthron zu erheben, +_keine Ahnung_. Er erhielt die Nachricht darüber erst Ende Februar 1870 +und schrieb darauf unter dem 26. an Bismarck: + + „Die Einlage fällt mir wie ein Blitz aus heiterer Luft auf den Leib! + Wieder ein hohenzollerischer Thronkandidat, und zwar für Spanien. Ich + ahndete kein Wort und spaßte neulich mit dem Erbprinzen über die + frühere Nennung seines Namens und beide verwarfen die Idee unter + gleichem Spaß! Da Sie vom Fürsten Details erhalten haben, so müssen + wir konferieren, obgleich ich von Haus gegen die Sache bin. Ihr W.“ + +Bismarck ließ sich aber durch diese Ansicht des Königs nicht irre +machen, er verfolgte konsequent seinen Plan und erreichte schließlich +doch, daß in einer Beratung unter dem Vorsitz des Königs, an welcher der +Kronprinz, der Fürst von Hohenzollern, er und Moltke teilnahmen, der +Kandidatur des Prinzen Leopold zugestimmt wurde. + +Napoleon soll anfangs die Nachricht von der Kandidatur des +Hohenzollernprinzen ohne besonderen Widerspruch hingenommen haben, was +für seine Apathie und sein Ruhebedürfnis spräche. Als aber Anfang Juli +die provisorische Regierung Spaniens sich für die Kandidatur des +Hohenzollern aussprach und dieser Beschluß in Frankreich bekannt wurde, +begann der größte Teil der französischen Presse zu toben wegen der +Gefahr, die ein Hohenzoller auf dem spanischen Königsthron für +Frankreich bedeute. Jetzt mußte auch Napoleon sich rühren. Er sandte +seinen Botschafter Benedetti um Aufklärung zu Bismarck. Dieser gab zur +Antwort, das _Ministerium_ wisse nichts von der Sache. So stellt er +selbst in „Gedanken und Erinnerungen“ die Sache dar. Dort erklärt er im +zweiten Bande auf Seite 80: Politisch habe er der Frage ziemlich +gleichgültig gegenüber gestanden. Auf der folgenden Seite aber äußert er +bereits: „Wenn der Herzog von Gramont (in einer 1872 erschienenen +Broschüre) sich bemüht, den Beweis zu führen, daß ich der spanischen +Anregung gegenüber mich nicht ablehnend verhalten hätte, so finde ich +keinen Grund, dem zu widersprechen.“ + +Einer seiner Verehrer hat recht, wenn er schreibt: „Indem Bismarck +Geschichte schreibt, macht er Geschichte“, das heißt er dreht die Dinge +so, wie sie ihm passen. + +Dem Lärm in der französischen Presse folgte der Lärm in der deutschen. +Aber zunächst nicht überall. Noch am 12. Juli sprach die „Kölnische +Zeitung“ sich sehr entschieden gegen die Hohenzollern-Kandidatur aus im +Interesse der Ruhe Europas. Und wie man in jenen Tagen in Bürgerkreisen +über den Militarismus dachte, darüber legt Zeugnis ab ein Beschluß einer +Vertrauensmännerversammlung der Fortschrittspartei für Rheinpreußen am +10. Juli in Köln. Jene Versammlung resolvierte: + + „Wir erwarten und fordern von den zu wählenden Abgeordneten zum + Reichstag, daß sie in der nächsten Session des Reichstags insbesondere + für die Verminderung der Militärlast durch Verminderung der + Friedensarmee und Verkürzung der Dienstzeit eintreten und für den + Fall, _daß diese Forderung abgelehnt wird, in Ausübung ihres + verfassungsmäßigen Rechtes jedwede Bewilligung von Geldmitteln für das + Militär dem Bundespräsidium verweigern_.“ + +Wer denkt in den bürgerlichen Parteien heute noch an dergleichen +Schritte, obgleich mittlerweile die militärischen Rüstungen zu Wasser +und zu Lande einen Umfang angenommen haben, den zu jener Zeit _niemand +für möglich_ hielt. + +Da kam der 13. Juli, der die Entscheidung brachte. Nach der offiziellen +und offiziösen Darstellung der Begegnung des Grafen Benedetti mit König +Wilhelm in Ems sollte Benedetti in brüsker Weise vom König gefordert +haben, zu erklären, daß er nie wieder eine Hohenzollernkandidatur für +den spanischen Thron zulassen werde, nachdem an demselben Tage auf +Betreiben des Königs Wilhelm der Hohenzollernprinz seine Kandidatur +_zurückgezogen_ hatte. Der König hatte durch einen Adjutanten an +Benedetti diesem mitgeteilt, daß er die Verzichtleistung approbiert +habe. Auf einen nochmaligen Wunsch Benedettis, den König zu sprechen, +ließ dieser, wie sein Generaladjutant Prinz Radziwill nachher in einer +Erklärung mitteilte, „dem Grafen Benedetti durch mich zum dritten Male +nach Tisch, etwa um 6 Uhr, erwidern, Seine Majestät müsse es entschieden +ablehnen, in betreff der bindenden Erklärungen für die Zukunft sich in +weitere Diskussionen einzulassen. Was er heute morgen gesagt, wäre sein +letztes Wort in dieser Sache, und er könne sich lediglich darauf +berufen. Hierauf erklärte Benedetti, sich seinerseits bei dieser +Erklärung beruhigen zu wollen.“ Damit war tatsächlich der Zwischenfall +erledigt. Aber nicht für Bismarck, dessen Pläne auf einen Konflikt mit +Frankreich durch die Erklärung des Königs durchkreuzt waren. Er erzählt +selbst in „Gedanken und Erinnerungen“, daß, als er an jenem Tage mit +Moltke und Roon gemeinsam speiste, diese über die Nachricht von der +Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Thron +im höchsten Grade deprimiert waren. Bismarck selbst war so aufgebracht, +daß er seine Demission geben wollte. Bald darauf lief aus Ems eine lange +Depesche ein, in der Abeken im Auftrag des Königs den Verlauf der +letzten Zusammenkunft desselben mit Benedetti schilderte, deren Inhalt +die letzte Hoffnung auf einen Konflikt mit Frankreich zerstörte. Roon +und Moltke legten tief betroffen Gabel und Messer hin, erzählt Bismarck; +daß die Aussicht auf Krieg geschwunden war, hatte ihnen den Appetit +verdorben. Darauf setzte sich Bismarck — immer nach seiner eigenen +Darstellung — an einen Nebentisch, nahm den Stift und strich die Depesche +so zusammen, daß dieselbe einen völlig veränderten Charakter bekam. Als +er sie in seiner Fassung Moltke und Roon vorlas, leuchteten beider +Augen, und Moltke, der Schweiger, rief: „So, das hat einen anderen +Klang, vorher war es eine Schamade, jetzt ist es eine Fanfare.“ Alsdann +setzten sich alle drei fröhlich zu Tisch und aßen mit bestem Appetit +weiter. Der Krieg war gesichert. + +Die Depesche ging in die Welt und wurde offiziell an alle fremden +Kabinette mit Ausnahme des Pariser verschickt, was die schwerste +Beleidigung für die französische Regierung war. In der redigierten +Fassung lautete die Depesche: + + „Ems, 13. Juli 1870. Nachdem die Nachrichten von der Entsagung des + Erbprinzen von Hohenzollern der kaiserlich französischen Regierung von + der königlich spanischen amtlich mitgeteilt worden sind, hat der + französische Botschafter in Ems an Seine Majestät noch die Forderung + gestellt, ihn zu autorisieren, daß Seine Majestät der König für alle + Zukunft verpflichte, niemals wieder seine Zustimmung zu geben, wenn + die Hohenzollern auf ihre Kandidatur wieder zurückkommen sollten. + _Seine Majestät der König hat es darauf abgelehnt, den französischen + Botschafter zu empfangen und demselben durch den Adjutanten vom Dienst + sagen lassen, daß Seine Majestät dem Botschafter nichts weiter + mitzuteilen habe.“_ + +Diese Bismarcksche Depesche hatte die gewünschte Wirkung. Sobald sie +bekannt wurde, war die Aufregung in Frankreich und Deutschland und weit +über diese Länder hinaus eine ungeheure. Ich bekam Kenntnis von +derselben, als ich am Nachmittag des 14. Juli im Vorderhause bei meinem +Friseur war und die damals von Professor Dr. Karl Biedermann redigierte +„Allgemeine Deutsche Zeitung“ hereingebracht wurde, die jene Depesche +enthielt. Als ich sie gelesen, warf ich das Blatt mit den Worten auf den +Tisch: Da haben wir den Krieg! Der Friseur erschrak über diese Aeußerung +aufs höchste, ich mußte ihm auseinandersetzen, warum die Depesche diese +Bedeutung habe. + +Wie vorauszusehen, erfolgte am 19. Juli die Kriegserklärung Frankreichs +an Deutschland, nachdem die französische Kammer bereits am 15. Juli eine +Kriegsanleihe in Höhe von 700 Millionen Franken gegen eine kleine +Minorität bewilligt hatte. + + + + +Meinungsdifferenzen. + + +Die geschilderten Vorgänge hatten zwischen Liebknecht und mir abermals +eine Meinungsverschiedenheit hervorgerufen. Liebknecht hatte die +Ansicht, Napoleon wolle den Krieg, Bismarck habe aber nicht den Mut, den +hingeworfenen Fehdehandschuh aufzunehmen. So schrieb er am 13. Juli im +„Volksstaat“: „Das Frankreich des Bonaparte hat dem Preußen des Bismarck +die Kriegsfrage gestellt, und wenn letzteres sich nicht zu einem +schimpflichen Rückzug entschließt, ist der Krieg unvermeidlich.“ Am 16. +Juli schrieb er: „Der Mutige weicht zurück — vor dem Stärkeren. Die +Hohenzollernkandidatur ist gegenüber der drohenden Haltung Bonapartes +zurückgezogen worden; es bleibt Friede, und der großmächtige +Norddeutsche Bund, der Deutschland Achtung im Ausland verschaffen +sollte, hat mit derselben Demut, wie weiland in der Luxemburger Affäre, +vor dem französischen Kaiserreich die Segel gestrichen.“ + +Ich vertrat den entgegengesetzten Standpunkt. Wohl habe Napoleon den +Krieg erklärt, aber er sei nach meinem Gefühl in eine Falle getappt, die +Bismarck ihm gestellt; _letzterer_ wolle den Krieg, und er habe sein +Ziel erreicht. Ich war über die Auffassung des „Volksstaat“ im höchsten +Grade erregt, es kam zu lebhaften Erörterungen zwischen Liebknecht und +mir, und erst auf eine Intervention Geibs kam es zu einer Verständigung +zwischen uns. Vom 20. Juli ab vertrat der „Volksstaat“ eine Auffassung, +die auch ich durchaus teilte. + +Ohne Ahnung, daß ein Krieg ausbrechen werde, hatten wir zum 17. Juli +eine Landesversammlung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei nach +Chemnitz einberufen. Natürlich mußten wir nunmehr zur Kriegsfrage +Stellung nehmen. Dieses geschah durch folgende Resolution, die +Liebknecht und ich vorschlugen und die einstimmig angenommen wurde. + + „Die Landesversammlung protestiert gegen jeden nicht im Interesse der + Freiheit und Humanität geführten Krieg, als einen Hohn auf die moderne + Kultur. Die Landesversammlung protestiert gegen einen Krieg, der nur + im dynastischen Interesse geführt wird und das Leben von + Hunderttausenden, den Wohlstand von Millionen auf das Spiel setzt, um + den Ehrgeiz einiger Machthaber zu befriedigen. Die Versammlung begrüßt + mit Freuden die Haltung der französischen Demokratie und insbesondere + der sozialistischen Arbeiter, sie erklärt sich mit deren Bestrebungen + gegen den Krieg vollständig einverstanden und erwartet, daß auch die + deutsche Demokratie und die deutschen Arbeiter in diesem Sinne ihre + Stimme erheben.“ + +Die Pariser Arbeiter hatten schon vor uns sich gegen den Krieg +ausgesprochen. In ähnlichem Sinne wie wir erklärten sich die Arbeiter +vieler Städte in öffentlichen Versammlungen, so unter anderen in Barmen, +Berlin, Nürnberg, München, Königsberg, Fürth, Krefeld. + +Anders dachte der Braunschweiger Parteiausschuß, der zum 16. Juli eine +Volksversammlung einberufen hatte, in der er eine Resolution annehmen +ließ, in der die Versammelten sich auf den Standpunkt stellten, daß +Napoleon und die Majorität der Volksvertreter Frankreichs die frivolen +Friedensbrecher und Ruhestörer Europas seien. Die deutsche Nation +dagegen sei die beschimpfte, die angegriffene, deshalb müsse die +Versammlung den Verteidigungskrieg als unvermeidliches Uebel anerkennen, +sie fordere jedoch das gesamte Volk auf, mit allen Mitteln dahin zu +wirken, daß dem Volke selbst die Entscheidung zwischen Krieg und +Frieden, wie überhaupt die vollste Selbstbestimmung werde. Dieser +Auffassung des Parteiausschusses schlossen sich eine große Zahl +Parteiorte, namentlich in Norddeutschland, an. Es war also eine starke +Meinungsverschiedenheit in der Partei vorhanden. + + * * * * * + +Der Reichstag war zum 19. Juli einberufen worden. Als Liebknecht und ich +am 18. von Chemnitz abreisten, waren bereits die Bahnen durch die +Militärtransporte so in Anspruch genommen, daß wir auf dem Gößnitzer +Bahnhof mehrere Stunden warten mußten, ehe wir weiterfahren konnten. +Hier besprachen wir unsere im Reichstag zu beobachtende Taktik. +Liebknecht war der Ansicht, wir müßten die Geldforderung strikte +ablehnen, da beide Teile am Kriege schuld seien und wir für keinen Teil +Partei ergreifen dürften. Ich erklärte dieses für einen Fehler. Nach +Lage der Sache könnten wir allerdings für keinen der streitenden Teile +Partei ergreifen. Dieser Eindruck würde aber gerade dann, und zwar +zugunsten Napoleons, hervorgerufen, wenn wir gegen die Anleihe stimmten; +es bliebe uns kein anderer Weg, als uns der Abstimmung zu enthalten. +Schließlich ersuchte mich Liebknecht, den Entwurf einer Erklärung +auszuarbeiten und am nächsten Tage mit nach Berlin zu bringen. Dies +geschah. Nach einigen kleinen Aenderungen stimmte Liebknecht meinem +Entwurf zu, auch sollte ich die Erklärung im Reichstag abgeben. In der +Sitzung vom 21. Juli nahm ich das Wort: „Da, wie wir vernommen, es der +Wunsch ist, die Tagesordnung ohne Debatte zu erledigen, so sind wir +übereingekommen, keine Debatte zu provozieren, obgleich wir mit der +Ansicht des Hauses in keiner Weise einverstanden sind. Wir sind +entschlossen, in der vorliegenden Frage uns der Abstimmung zu +enthalten, und werden unsere Motive in einer schriftlichen Erklärung zu +den Akten des Hauses niederlegen.“ + +Simson als Präsident meinte: Das zu tun, könne er uns nicht hindern. Die +Motivierung unseres Standpunktes lautete: + + „Der gegenwärtige Krieg ist ein dynastischer Krieg, unternommen im + Interesse der Dynastie Bonaparte, wie der Krieg von 1866 im Interesse + der Dynastie Hohenzollern. + + Die zur Führung des Krieges dem Reichstag abverlangten Geldmittel + können wir nicht bewilligen, weil dies ein Vertrauensvotum für die + preußische Regierung wäre, die durch ihr Vorgehen im Jahre 1866 den + gegenwärtigen Krieg vorbereitet hat. + + Ebensowenig können wir die geforderten Geldmittel verweigern; denn es + könnte dies als Billigung der frevelhaften und verbrecherischen + Politik Bonapartes aufgefaßt werden. + + Als prinzipielle Gegner jedes dynastischen Krieges, als + Sozialrepublikaner und Mitglieder der Internationalen + Arbeiterassoziation, die ohne Unterschied der Nationalität alle + Unterdrücker bekämpft, alle Unterdrückten zu einem großen Bruderbund + zu vereinigen sucht, können wir uns weder direkt noch indirekt für den + gegenwärtigen Krieg erklären und enthalten uns daher der Abstimmung, + indem wir die zuversichtliche Hoffnung aussprechen, daß die Völker + Europas, durch die jetzigen unheilvollen Ereignisse belehrt, alles + aufbieten werden, um sich ihr Selbstbestimmungsrecht zu erobern und + die heutige Säbel- und Klassenherrschaft, als die Ursache aller + staatlichen und gesellschaftlichen Uebel, zu beseitigen.“ + +Die geforderten 120 Millionen Taler Kriegsanleihe wurden vom Reichstag +bewilligt. Fritzsche, Hasenclever, Mende und Schweitzer stimmten dafür, +Försterling hatte im Frühjahr sein Mandat für Chemnitz niedergelegt. In +der Nachwahl war der Kreis den Hatzfeldtianern verloren gegangen. Als +aber die Anleihe zur Zeichnung aufgelegt wurde, gab die deutsche +Kapitalistenklasse der Welt ein trauriges Schauspiel. Obgleich das Geld +mit 5 Prozent verzinst werden sollte und der Gläubiger für 100 Taler nur +88 zu geben brauchte, für die er aber nachher 100 Taler erhielt, wurden +nur 68 Millionen Taler gezeichnet. Das war eine ungeheure Blamage. +Anders in Frankreich. Dort wurden die geforderten 700 Millionen Franken +voll gezeichnet, und zwar zu dem gleichen Zins, den Deutschland bot. + + * * * * * + +Unser Verhalten im Reichstag hatte die Differenzen zwischen uns und dem +Parteiausschuß erweitert. Es kam zu sehr gereizten brieflichen +Auseinandersetzungen, namentlich zwischen Liebknecht und dem Ausschuß, +da Liebknecht nicht im Sinne des Ausschusses den „Volksstaat“ redigieren +wollte. Vergebens mahnte Liebknecht zur Vernunft. Unter dem 26. Juli +schrieb er an Bracke unter anderem: „Ich nehme Euch Euren patriotischen +Eifer nicht übel. Aber seid auch Eurerseits tolerant. Wenn Ihr mit +Bebels und meinem Verhalten auf dem Reichstag nicht einverstanden seid, +so muß dieser Zwist jetzt um jeden Preis beigelegt oder wenigstens ein +offener Ausbruch vermieden werden. Es darf in einem Moment, wie dem +jetzigen, in der Partei nichts vorkommen, was wie Uneinigkeit aussähe, +und ich beschwöre Euch, alles zu unterlassen, was die Differenzen +verschärfen könnte.“ + +Diese Bitte war vergeblich. Schließlich war Liebknecht so verärgert, daß +er drohte auszuwandern, die Wirtschaft und der nationale Paroxismus ekle +ihn an. Auch mir wurden die Nörgeleien der Braunschweiger zu arg. Am 13. +August schrieb ich nach dort: „Wenn der Ausschuß gegen Liebknecht +vorgeht, verzichten wir auf jede fernere Mitarbeit am ‚Volksstaat‘. Nach +Eurem Briefe (der an Liebknecht gerichtet war und Drohungen gegen ihn +enthielt) scheint Ihr in eine Art von nationalem Paroxismus verfallen zu +sein, scheint Ihr den Skandal und den Bruch in der Partei um jeden Preis +zu wollen. Einen Verstoß gegen die Parteiprinzipien könnt Ihr in unserem +Verhalten auf dem Reichstag nicht nachweisen. Statt Euch damit zu +begnügen, daß keine Verschärfung des Konflikts eintritt, verlangt Ihr +von Leuten, die eine feste Meinung haben, die Aenderung, die Verleugnung +dieser Ansicht. Der ‚Volksstaat‘ hat sich gerade in den letzten Wochen +streng als Parteiorgan gezeigt. Beweis: das einstimmige Wutgeheul +unserer Gegner. Wollt Ihr auch in dieses nationalliberale Geheul mit +einstimmen? Ihr sprecht von sächsischem Partikularismus. Und doch sind +wir gerade in Sachsen gut _sozialrepublikanisch_, und wir betrachten +alle den Krieg als einen dynastischen. Marx hat sich auch für uns +erklärt.“ + +Am 1. September schrieb Liebknecht auf einen Brief von Bracke: „Nicht +aus Furcht vor den Strebern habe ich Lust, wegzugehen, sondern aus Ekel +vor dem patriotischen Dusel. Diese Krankheit muß ihren Verlauf nehmen, +und während derselben bin ich hier sehr überflüssig, kann aber +anderwärts sehr nützlich sein, zum Beispiel in Amerika. Doch es wird +nicht so schlimm kommen, und ich werde nicht zu gehen brauchen.“ + +August Geib-Hamburg suchte abermals zu vermitteln. Aber erfolgreicher +als alle Vermittlung wirkte der Gang der Ereignisse, der uns bald wieder +in die gleiche Schlachtlinie trieb. + + + + +Erklärungen und Proklamationen. + + +Am 17. Juli fand in Berlin ein großer Kriegsrat statt. Wie es mit den +Kriegsaussichten für Preußen-Deutschland stand, zeigt eine Erklärung +Moltkes, die dieser zugleich im Namen Roons abgab: „_Preußen sei noch +nie in der Lage gewesen, hinsichtlich seiner Heeresverfassung, +Ausrüstung, Hilfsmittel usw. mit solchen Aussichten auf Erfolg einen +Krieg anzunehmen wie gegenwärtig_. Er sei _sehr genau_ über den +Fortschritt (er hätte sagen können die Zurückgebliebenheit. A.B.) der +französischen Rüstungen informiert, und _danach sei eine militärische +Ueberrumpelung seitens Frankreichs nicht zu fürchten_.“ Die Richtigkeit +dieser Ansicht bestätigte sich sofort. In Deutschland glaubte man +allgemein, der Kriegserklärung Napoleons werde ohne Verzug ein Einbruch +der französischen Armee in deutsches Gebiet folgen. Man wartete +vergebens. In Frankreich hatte die Kriegserklärung ein vollständiges +Durcheinander hervorgerufen, kein einziges Armeekorps war auf Kriegsfuß, +die Kopflosigkeit herrschte von oben bis unten. Anfang August standen +bereits 380000 Deutsche 250000 Franzosen gegenüber. Und wie man in +deutschliberalen Kreisen die Situation ansah, bewies ein Toast des +Professor Biedermann in Leipzig auf einem studentischen Fest, in dem er +bereits _Ende Juli_ ausführte: Wir werden die französische Nation +daniederwerfen, daß sie in einem Menschenalter nicht mehr an Krieg +denken kann. Wir werden das tun, indem wir dafür Sorge tragen, _daß der +Leib Frankreichs etwas schmäler wird_. + +Hier wurde also bereits auf eine Annexion angespielt, noch ehe eine +Schlacht geschlagen war. Man rechnete also absolut sicher mit dem Siege. +In den offiziellen Aktenstücken lautete es um diese Zeit ganz anders! So +wurde in der Thronrede, mit der der Reichstag am 19. Juli eröffnet +worden war, gesagt, „daß man die Volkskraft zum Schutze unserer +Unabhängigkeit aufrufe“, „Deutschland trage in sich selbst den Willen +und die Kraft der Abwehr erneuter französischer Gewalttat“, man wende +sich getrosten Mutes „an die Vaterlandsliebe und Opferfreudigkeit des +deutschen Volkes mit dem Aufruf _zur Verteidigung seiner Ehre und seiner +Unabhängigkeit_“. „Wir werden nach dem Beispiel unserer Väter“ — so +lautete der Schluß — „_für unsere Freiheit und für unser Recht gegen die +Gewalttat fremder Eroberer kämpfen_, und in diesem Kampfe, _in dem wir +kein anderes Ziel verfolgen, als den Frieden Europas dauernd zu sichern, +wird Gott mit uns sein, wie er mit unseren Vätern war_.“ + +Nach dieser feierlichen Erklärung — deren Verfasser Lothar Bucher +war — handelte es sich also um einen _Verteidigungs-_, nicht um einen +_Eroberungskrieg_, mit dem Zweck, für künftig den Frieden zu sichern. + +Einen interessanten Satz enthielt aber noch die Thronrede; der Satz +lautete: + + „Das deutsche wie das französische Volk, beide die Segnungen + christlicher Gesittung und steigenden Wohlstandes genießend und + begehrend, sind zu einem heilsameren Wettkampf berufen als zu dem + blutigen der Waffen.“ + +Bezeichnend für die Stimmung in den offiziellen Kreisen war auch die +Proklamation des Königs von Preußen vom 11. August 1870, worin er +anzeigte, daß er in Frankreich eingerückt sei und den Oberbefehl +übernommen habe: „Ich führe Krieg mit den französischen _Soldaten_ und +nicht mit den _Bürgern Frankreichs_.“ + +Eine sehr günstige Beurteilung in unseren Kreisen fand die Proklamation +des Prinzen Friedrich Karl: + + „An die Soldaten der zweiten Armee! + + Ihr betretet französischen Boden. Der Kaiser Napoleon hat ohne allen + Grund an Deutschland den Krieg erklärt, er und seine Armee sind unsere + Feinde. Das französische Volk ist nicht gefragt worden, ob es mit + seinen deutschen Nachbarn einen blutigen Krieg führen wolle, ein Grund + zur Feindschaft ist nicht vorhanden. Seid dessen eingedenk den + friedlichen Bewohnern Frankreichs gegenüber, zeigt ihnen, daß in + unserem Jahrhundert zwei Kulturvölker selbst im Kriege untereinander + die Gebote der Menschlichkeit nicht vergessen, denkt stets daran, wie + eure Eltern in der Heimat es empfinden würden, wenn ein Feind, was + Gott verhüte, unsere Provinzen überschwemmte. Zeigt den Franzosen, daß + das deutsche Volk nicht nur groß und tapfer, sondern auch gesittet und + edelmütig dem Feinde gegenübersteht.“ + +Und bereits am 25. Juli hatte der König auf die laut gewordenen +Kundgebungen ein Dankschreiben veröffentlicht, in dem es hieß: + + „Die Liebe zu dem gemeinsamen Vaterlande, die einmütige Erhebung der + deutschen Stämme und ihrer Fürsten hat alle Unterschiede und + Gegensätze in sich beschlossen und versöhnt, und einig, wie kaum + jemals zuvor, darf Deutschland in seiner Einmütigkeit, in seinem Recht + die Bürgschaft finden, daß der Krieg ihm den dauernden Frieden bringen + und daß aus der blutigen Saat eine von Gott gesegnete Ernte deutscher + Freiheit und Einheit sprießen werde.“ + +Es ist zu beachten, wie in diesem Dankschreiben am Schluß die Freiheit +vor die Einheit gesetzt ist. Das sollte mir später verhängnisvoll +werden, als ich an dieses Versprechen in mehreren öffentlichen +Versammlungen erinnerte. + + + + +Die Verhaftung des Braunschweiger Ausschusses. + + +Im „Volksstaat“ vom 30. Juli veröffentlichte der Parteiausschuß einen +Aufruf, in dem der abweichende Standpunkt, der ihn damals von uns noch +trennte, zum Ausdruck kam. Nachdem er die Partei zu energischer +Tätigkeit aufgefordert, fuhr er fort: „Unsere Aufgabe ist es, bei der +Geburt dieses, wie wir hoffen, ganz Deutschland umfassenden Staates +_bestimmend mitzuwirken_, damit, wenn es möglich ist, _nicht der +dynastische Staat_, sondern der _sozialdemokratische Volksstaat_ (!!! +A.B.) ins Dasein tritt; unsere Aufgabe ist es — mag der gewordene neue +Staat bei der Geburt noch dynastische Färbung tragen —, ihm in ernstem, +schwerem Kampfe den Stempel _unserer_ Ideen aufzudrücken.“ Er hoffe, daß +unsere Brüder mit Begeisterung und Mut uns bald zum Siege in Frankreich +führten, doch solle man sich nicht vom Siegestaumel beherrschen lassen. +Man müsse den Bruderkampf zwischen zwei Völkern bedauern, aber +Deutschland sei unschuldig an dem Kriege; den Schuldigen werde die +Strafe ereilen, dann aber gelte es, uns kräftig zu erhalten für den +glorreicheren gemeinsamen Kampf aller Unterdrückten der Erde. Sei +Napoleon besiegt, werde das französische Volk freier aufatmen, und wir +hätten alsdann unsere Machthaber daran zu erinnern, was dem Volke von +Gottes und Rechts wegen gebühre und was zu fordern die unendlichen Opfer +und Qualen des Krieges es doppelt und dreifach berechtigten. + +Der Ausschuß ahnte in seinem Optimismus damals nicht, daß er das erste +Opfer sein werde, das die Herrlichkeit des Sieges zu kosten bekommen +werde. Die Armeen des Kaiserreichs wurden in rasch aufeinanderfolgenden +Schlägen zu Boden geworfen, Deutschland sah ganze Armeen französischer +Gefangener in seinen Gauen, deren Unterbringung und Verpflegung bald +eine unbequeme Last wurde. Es kam die Schlacht bei Sedan, die Napoleon +unter Umständen annahm, daß man fast glauben sollte, er habe absichtlich +so manövriert, um als Gefangener nach Deutschland, nicht als +geschlagener Kaiser nach Frankreich zu kommen. Als die Nachricht von +seiner Gefangenschaft nach Deutschland kam, jubelte alles, wir mit. Alle +Welt erhoffte das Ende des Krieges, dessen Schlachten mit ihren +ungeheuren Verlusten an Menschenleben schon den Ueberdruß am Kriege +erzeugt hatten. „Ich scheue mich, nach den Verlusten zu fragen“, schrieb +der König von Preußen nach den Schlachten um Metz an die Königin. An den +König von Württemberg telegraphierte er: „Die Verluste der letzten +Schlacht (am 19. August) wie der vorhergehenden sind so bedeutend, daß +die Siegesfreude sehr getrübt wird.“ Und die von Guido Weiß redigierte +Berliner „Zukunft“ schrieb: „Vor dem bleichen Purpur des Todes beugen +sich auch die im Purpur Geborenen. Eine Furcht überkommt selbst die +Furchtlosen: Zu weit ausgegriffen hat die Sichel, zu reichlich gedüngt +ist das Blachfeld.“ + +Doch der Krieg wütete weiter. Die Gefangennahme Napoleons bei Sedan +beantwortete Paris mit der Erklärung der Republik, ein Ereignis, das +namentlich im deutschen Hauptquartier sehr unangenehm berührte. Um +Frankreich zu einer Republik zu machen, dafür hatte man den Krieg nicht +begonnen. Man fürchtete das böse Beispiel, wie sich gezeigt hat, ohne +Grund. Als die Nachricht von der Verkündung der Republik nach +Deutschland kam, stürzte Liebknecht in größter Aufregung und mit Tränen +in den Augen zu mir in meine Werkstatt, um mir das Ereignis zu +verkünden. Er war frappiert über die Kühle, mit der ich die Nachricht +aufnahm. Aber auch im Braunschweiger Ausschuß hatte die Nachricht wie +eine Bombe eingeschlagen und einen starken Gesinnungswechsel +hervorgerufen. Jetzt waren mit einem Schlage alle Differenzen zwischen +uns beseitigt. Sofortiger Friedensschluß mit der französischen Republik, +Ersatz aller Kriegskosten, aber Verzicht auf jede Annexion waren die +Forderungen, die wir jetzt gemeinsam erhoben. Aus dem Verteidigungskrieg +war mittlerweile der Eroberungskrieg geworden. Was Biedermann schon Ende +Juli angedeutet, wurde nach den vielen und raschen Siegen allgemeine +Forderung der liberalen und konservativen Presse. + +In einem Manifest, das der Generalrat der Internationalen +Arbeiterassoziation mit Bezug auf den Krieg erließ und der „Volksstaat“ +am 7. August veröffentlichte, hieß es: „Das Kriegskomplott vom Juli 1870 +ist nur eine verbesserte Auflage des Staatsstreichs vom Dezember 1851.“ +Der Krieg habe so aberwitzig geschienen, daß Frankreich nicht daran +glauben wollte, selbst die bürgerliche Opposition habe die Geldmittel +verweigert. Die der Internationale angehörenden französischen Arbeiter +hätten den Krieg als einen _dynastischen_ Krieg verurteilt. „Welchen +Verlauf auch immer der Krieg Louis Bonapartes mit Preußen nimmt, die +Totenglocke des zweiten Kaiserreichs hat bereits in Paris geläutet. Es +wird enden, wie es begonnen, mit einer Parodie.“ Auf deutscher Seite +sei der Krieg ein Verteidigungskrieg, „aber welche Politik habe +verschuldet, daß Deutschland in diese Lage komme?“ Die Kritik der +Bismarckschen Politik, die hier folgte, mußte der „Volksstaat“ +unterdrücken. „Wenn die deutschen Arbeiter es erlauben, daß der +gegenwärtige Krieg seinen streng defensiven Charakter verliert und in +einen Krieg gegen das französische Volk ausartet, wird Sieg oder +Niederlage sich gleich verhängnisvoll erweisen.“ Der Generalrat weist +alsdann darauf hin, daß in einem solchen Falle Rußland den Vorteil habe. + +Im Sinne des Manifestes des Generalrats handelte jetzt der +Braunschweiger Ausschuß, als er, datiert vom 5. September, einen Aufruf +„An alle deutschen Arbeiter“ erließ. Mit Hinweis auf die neuesten +Ereignisse in Frankreich erwarte er, daß die neue republikanische +Regierung den Frieden mit Deutschland zu erreichen suche. Darin müßten +die deutschen Arbeiter die Absichten der republikanischen Regierung +unterstützen und einen ehrenvollen Frieden mit dem französischen Volke +fordern, für den sie in Masse ihre Stimmen erheben sollten. + +Der Ausschuß zitiert dann aus einem Briefe von Karl Marx — dessen Name +aber nicht genannt wurde —, was folgen werde und folgen müsse, wenn man +auf der Annexion von Elsaß-Lothringen bestehen bleibe. Das Zitat lautet: + + „Wer nicht ganz vom Geschrei des Augenblicks übertäubt ist oder ein + Interesse daran hat, das deutsche Volk zu übertäuben, muß einsehen, + daß der Krieg von 1870 ganz so notwendig einen Krieg zwischen + Deutschland und Rußland im Schoße trägt, wie der Krieg von 1866 den + von 1870.... Durch den Verlauf des jetzigen Krieges _sei der + Schwerpunkt der kontinentalen Arbeiterbewegung von Frankreich nach + Deutschland verlegt_. Damit hafte größere Verantwortlichkeit auf der + deutschen Arbeiterklasse.“ + +Der Ausschuß akzeptierte diese Auffassung, forderte zu Kundgebungen auf +gegen die Annexion von Elsaß-Lothringen und für einen ehrenvollen +Frieden mit der französischen Republik. Der Aufruf schloß: + + „Wenn wir jetzt sehen, wie wieder ein großes Volk seine Geschicke in + seine Hände genommen, wenn wir heute die Republik nicht allein mehr + sehen in der Schweiz und jenseits der Meere, sondern auch faktisch + Republik in Spanien, Republik in Frankreich, so lasset uns ausbrechen + in den Ruf, der, wenn es auch heute noch nicht sein kann, auch für + Deutschland einst die Morgenröte der Freiheit verkünden wird, in den + Jubelruf: Es lebe die Republik!“ + +Am 11. September hatte der „Volksstaat“ den hier erwähnten Ausruf +abgedruckt, in der nächsten Nummer am 14. mußten bereits Liebknecht und +ich eine Ansprache an die Parteigenossen veröffentlichen, in der wir +anzeigten, daß der General Vogel v. Falckenstein in Hannover — wie sich +herausstellte wider Recht und Gesetz — Befehl gegeben hatte, den +Parteiausschuß, und zwar Bracke, Bonhorst, Spier, Kühn und den +Buchdruckereibesitzer Sievers, mit Ketten gefesselt und unter starker +militärischer Bedeckung nach der Festung Lötzen in Ostpreußen zu +transportieren und dort zu internieren. Die den Verhafteten widerfahrene +Behandlung war eine höchst brutale, um nicht zu sagen grausame; sie +brauchten allein 36 Stunden, um nach Königsberg zu gelangen. Auf der +Reise hielt man sie überall von seiten des Publikums für gefangene +Landesverräter und behandelte sie danach. Wir forderten auf, daß bis auf +weitere Anordnung der Kontrollkommission Briefe und Gelder an +Geib-Hamburg gesandt werden sollten. Der Schluß lautete: + + „Parteigenossen! Es ist ein schwerer Schlag, der die Partei getroffen, + und es werden ihm vielleicht andere folgen. + + Steht fest und unverzagt; in der Gefahr zeigt sich die echte + Ueberzeugung, bewährt sich der rechte Mann. + + Arbeitet kräftig für die Ausbreitung der Partei und unserer + Prinzipien, aber seid vorsichtig im Reden, vorsichtig auch im + Schreiben — die uns feindliche Gewalt sucht alles gegen uns zu + benutzen. + + Wirkt kräftig für Verbreitung des Parteiorgans, denn in ihm liegt in + diesem Moment des geistigen Kampfes unsere Macht und unsere Stärke. + + Es lebe der internationale Kampf des Proletariats! Hoch die + sozialdemokratische Organisation!“ + +Die Nennung von Geibs Namen in unserer Ansprache genügte für Vogel v. +Falckenstein, um auch diesen nach Lötzen schaffen zu lassen. Dasselbe +Schicksal traf Johann Jacoby wegen einer Rede in Königsberg gegen die +Annexion, und Gutsbesitzer Herbig, der Vorsitzender jener Versammlung +gewesen war. Vogel v. Falckenstein handelte als Oberstkommandierender in +Norddeutschland, das er gegen eine eventuelle Landung der Franzosen an +den Nordküsten verteidigen sollte. In Ermanglung kriegerischer Taten +verfiel er auf Polizeimaßregeln. + +Die Verhaftung Jacobys und Herbigs machte in der liberalen Presse einen +unangenehmen Eindruck. Ein linksliberales Blatt meinte: „Diese +Handlungen paßten schlecht zu den großen Siegen und veranlaßten die +Frage aufzuwerfen: _ob nicht dem deutschen Volk an innerer Freiheit +verloren gehe, was es an äußerem Ruhm gewonnen.“_ + +Wir sahen das Tun und Treiben der Machthaber als selbstverständlich an. +Es war eben eine Illusion des Parteiausschusses, daß er an eine +freiheitliche Gestaltung in der neuen Ordnung glaubte, die derselbe Mann +gewähren sollte, der sich bis dahin als der größte Feind jeder +freiheitlichen, ich sage nicht einmal demokratischen Entwicklung gezeigt +hatte, und der jetzt als Sieger dem neuen Reich den Kürassierstiefel in +den Nacken setzte. + +In Harburg wurden auch Bock und mehrere Genossen und in Halberstadt +Naters verhaftet und ins Gefängnis gesetzt, um ihnen einen Prozeß wegen +Verbreitung des Manifestes des Parteiausschusses zu machen. In Sachsen +erließ das Generalgouvernement für das 12. Armeekorps Ende September +eine Verordnung, wonach alle Volksversammlungen mit Rücksicht auf die +Endziele des Kriegs verboten wurden. Ein Lichtblick in dieser Zeit war, +daß in Kirchberg und in Mittweida (beide in Sachsen) die +Stadtverordnetenwahlen für unsere Partei glänzend ausfielen. Auch war +trotz des Krieges am 1. August in Crimmitschau ein täglich erscheinendes +Parteiblatt, „Der Bürger- und Bauernfreund“, den Karl Hirsch redigierte, +erschienen, und am nächsten 1. Februar folgte die „Chemnitzer Freie +Presse“, die ebenfalls täglich herauskam. Der Unterschied zwischen uns +und dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein bestand auch darin, daß wir +Neugründungen von Parteiblättern kein Hindernis in den Weg legten. + +Anfang Oktober bedauerte die offiziöse „Norddeutsche Allgemeine +Zeitung“, daß man Liebknecht und mich nicht ebenfalls in Haft genommen +habe wie den Braunschweiger Ausschuß, Johann Jacoby usw. Ihr Wunsch fand +bald Erfüllung. + +Die Kontrollkommission hatte den provisorischen neuen Ausschuß nach +Dresden verlegt. Er wurde von den Genossen Knieling, Köhler und Otto +Walster gebildet. Da wir wußten, daß bei der Verhaftung des +Braunschweiger Ausschusses eine große Menge Briefschaften beschlagnahmt +worden waren, schrieb ich an Walster, der Sekretär im neuen Ausschuß +war, er möge sich den Braunschweiger Vorgang als Warnung dienen lassen +und keinen der Briefe aufheben. Aber wer diesen guten Rat _nicht_ +befolgte, war Walster. Als später — wie vorauszusehen war — auch bei ihm +Durchsuchung stattfand, fiel sogar mein Warnungsbrief der Polizei in die +Hände, der dann in die Akten des bevorstehenden Hochverratsprozesses +wanderte. + + * * * * * + +Ein eigenartiges Intermezzo erlebten Liebknecht und ich Ende Oktober. +Der 31. Oktober, der Reformationstag, an dem Luther seine 95 Thesen an +die Tür der Wittenberger Schloßkirche schlug, ist in Sachsen ein +Feiertag. Zwei Tage vor demselben erhielt ich einen eingeschriebenen +Brief, worin Liebknecht und ich dringend ersucht wurden, in einer +hochwichtigen Sache am 31. Oktober nach Mittweida zu kommen. Wir folgten +der Einladung. Am Bahnhof wurden wir geheimnisvoll in Empfang genommen +und um die halbe Stadt nach einer Restauration geführt, woselbst wir zu +unserer Ueberraschung die gesamten Vertrauensmänner des oberen und +unteren Erzgebirges versammelt fanden. Darauf wurde von einem Redner an +uns die Frage gestellt, warum wir die Hände in den Schoß legten und +nicht zum Losschlagen aufforderten, die Armee sei doch außerhalb des +Landes, was im Lande sei, könne leicht überwältigt werden. Wir +schüttelten über diese Naivität den Kopf. Ich nahm zunächst das Wort und +bewies dem Redner das Unsinnige seines Verlangens. Liebknecht sprach +sich selbstverständlich im gleichen Sinne aus. Es kostete uns keine +Mühe, den Anwesenden die Richtigkeit unseres Standpunktes zu machen. +Die Anwesenden waren gleich uns auf Einladung von zwei Parteigenossen +nach Mittweida gekommen ohne Ahnung dessen, was man hier wollte. + +Um dieselbe Zeit hielten die Züricher Parteigenossen eine öffentliche +Versammlung ab, in der der damalige _Staatsanwalt_ Parteigenosse +_Forrer_ eine Rede hielt, in der er folgende Resolutionen begründete: + + „1. Unsere Sympathien gehören der französischen Republik! Möge es + derselben gelingen, durch energischen Widerstand die Militärmacht + Hohenzollern so zu schwächen, daß ihr ein baldiger Friede angeboten + werden muß. + + 2. Wir sprechen unseren Parteigenossen in Deutschland und England + (Marx und Engels) die wärmste Anerkennung aus. + + Namentlich seid Ihr, Brüder in Deutschland, trotz Verfolgung und + Unterdrückung, trotz Kerker und Ketten als Männer für Eure Prinzipien + eingestanden, und wir haben das feste Vertrauen auf Euch, Ihr werdet + Eure Schuldigkeit tun und Euch der weltgeschichtlichen Aufgabe der + Sozialdemokratie würdig erzeigen.“ + +Uns bereitete damals diese Anerkennung unserer Züricher Genossen eine +große Genugtuung, und ich empfinde sie noch heute. Gegenwärtig ist der +damalige Redner und Parteigenosse _Forrer_ Mitglied des schweizerischen +Bundesrats in Bern und war zeitweilig dessen Präsident. +Selbstverständlich konnte er zu dieser Würde nicht als Sozialdemokrat +gelangen. So weit ist man auch in der Schweiz noch nicht. Er rückte eben +mit der Zeit, wie so mancher andere, von links nach rechts und kam +dadurch zu Würden und Ehren. + + + + +Annexionen und Kaiserkrone. + + +Der Krieg mit Frankreich wurde nach Sedan mit ungeschwächten Kräften +weitergeführt. Die kaiserliche Armee war zwar vernichtet oder gefangen, +aber jetzt hatte die Regierung der nationalen Verteidigung, an deren +Spitze Gambetta und Freycinet standen, die Organisation neuer Armeen in +die Hand genommen. Diese wurden mitten im Kriege sozusagen aus dem Boden +gestampft. Ein interessantes Buch über diese großartige Leistung ist +„Léon Gambetta und seine Armee“ von Freiherrn von der Goltz, Berlin +1877. Das Hauptverdienst fiel aber nicht Gambetta, sondern Freycinet, +dem ehemaligen Ingenieur, zu. Hatte der Krieg gegen das Kaiserreich +keine sechs Wochen gedauert, so jetzt gegen die Republik noch nahezu +sechs Monate. Die neue Regierung hatte zwar Versuche gemacht, Frieden zu +schließen, allein diese scheiterten an dem Verlangen Bismarcks nach +Annexionen. Auch erklärte Bismarck, der immer noch an die +Wiedereinsetzung Napoleons dachte, die Regierung der Landesverteidigung +sei keine stabile Regierung, mit der man unterhandeln könne. Schließlich +mußte man aber dennoch mit dieser Frieden schließen. + +Ende Oktober übergab Bazaine Metz mit 150000 Mann Besatzung und enormen +Kriegsvorräten, was ein Glück für die deutsche Armeeleitung war, die +alle Kräfte gegen die neugebildete französische Loire- und Nordarmee +brauchte. + +Am 26. Oktober wurden Jacoby, Bonhorst und Herbig aus Lötzen entlassen. +Es standen die preußischen Landtagswahlen bevor, und da konnte man die +wider Recht und Gesetz verhafteten Landesangehörigen nicht in Haft +behalten. Einige Wochen später, am 14. November, wurden die Mitglieder +des Braunschweiger Ausschusses wiederum in Ketten gefesselt von Lötzen +nach Braunschweig zurücktransportiert. Es sollte hier ein +Hochverratsprozeß gegen sie inszeniert werden. Endlich wurde Anfang +Dezember auch Geib aus Lötzen entlassen, und zwar auf Betreiben des +Hamburger Senats. Anklagematerial lag gegen ihn nicht vor. + + * * * * * + +Auf den 24. November war der norddeutsche Reichstag zu einer +außerordentlichen Session einberufen worden, die zwar kurz, aber sehr +erregt war. Es handelte sich um eine weitere Bewilligung von Geldmitteln +für die Fortführung des Krieges und um die Beratung der Versailler +Verträge mit den süddeutschen Staaten und die neue Reichsverfassung. + +Was bis dahin über die Versailler Verträge bekannt geworden war, hatte +in den liberalen Kreisen große Verstimmung hervorgerufen. Danach waren +den süddeutschen Staaten, insbesondere Bayern, sogenannte Reservatrechte +eingeräumt worden, die die Reichseinheit nur komplizierten. Die +norddeutsche Bundesverfassung sollte mit den unumgänglich nötigen +Aenderungen, die die Versailler Verträge bedingten, Reichsverfassung +werden. Die Freiheit, die Ende Juli in seinem Dankschreiben der König in +Aussicht gestellt hatte, blieb wo sie war, in der Kaserne. Nicht einmal +die Diäten wurden bewilligt. War schon durch diese Vorgänge die Stimmung +eine gedrückte, so noch mehr durch die Tatsache, daß der Krieg sich in +die Länge zog, ungeheure Opfer aller Art kostete und sich ein Ende nicht +absehen ließ. Anfang September hatte Moltke an seinen Bruder +geschrieben, er hoffe Ende Oktober in Creisau (seinem Gute in Schlesien) +zu sein und Hasen zu schießen. Diese blieben aber unbehelligt von der +Moltkeschen Flinte. + +Im Reichstag herrschte über die Nachrichten vom Kriegsschauplatz eine +sehr gedrückte Stimmung. So hatte man sich den Gang der Dinge nicht +vorgestellt. Der Kriegsberichterstatter der „Kölnischen Zeitung“, ein +Herr v. Wickede, schrieb noch Ende Dezember: + + „Dieser entsetzliche Krieg, der mit Streitermassen geführt wird, wie + solche die Geschichte aller Zeiten und Völker noch niemals in dem + Umfang gehabt hat, spottet in der Tat aller und jeglicher Berechnung. + Man glaubte endlich am Ende desselben zu sein, und nun stellt sich + heraus, daß man am Ende des Monats genau so weit ist wie am Anfang + desselben. Wir schlagen fort und fort die Franzosen, töten und + verwunden ihnen Tausende von Soldaten ... und immer von neuem und + wieder von neuem sammeln sich ihre geschlagenen Scharen ... und werfen + sich uns sehr häufig mit dem wilden Mut der äußersten Verzweiflung + entgegen.... Es herrscht jetzt schon in manchen von unseren Gruppen + besonders ausgesogenen Gegenden eine entsetzliche Hungersnot, die + Leute fallen wie die Fliegen im Hochsommer zu Dutzenden um, und dieser + Zustand wird sich im Laufe des strengen Winters in noch furchtbarerer + Weise steigern.“ + +Die Thronrede, mit welcher der Reichstag eröffnet wurde, verlas der +Präsident des Bundeskanzleramts, Delbrück; es hieß darin, die jetzigen +Machthaber Frankreichs zögen es vor, die Kräfte einer edlen Nation einem +aussichtslosen Kampfe zu opfern. In einem gewissen Widerspruch hiermit +wurde bemerkt: Frankreich habe keine Regierung, mit der man +unterhandeln könne; es seien auch durch die Haltung der Bevölkerung die +Hoffnungen auf dauernden Frieden vernichtet worden. Sobald Frankreich +sich erholt oder durch Bündnisse sich stark genug fühle, sei eine +Wiederaufnahme des Krieges zu erwarten. Man sah also ein, wohin das +Verlangen nach Annexionen die künftige Entwicklung treiben werde. + +Am 26. November stand die Forderung der weiteren Geldbewilligung (100 +Millionen Taler) auf der Tagesordnung. Ich nahm zu dieser Forderung das +Wort. Vor mir hatte der Abgeordnete Reichensperger sich für die +Bewilligung ausgesprochen. Meine Rede war nicht lang, aber sie erweckte +einen Sturm, wie ich ihn seitdem nie wieder mit einer Rede hervorrief. +Ich führte aus: Ich glaubte ein so guter Deutscher zu sein wie der +Vorredner, trotzdem käme ich bei Prüfung der Sache zu dem +entgegengesetzten Resultat. Ich gab eine kurze historische Uebersicht +bis zum Sturze des Kaiserreichs und wies nach, daß mit der Gefangennahme +Napoleons die eigentliche Kriegsursache beseitigt sei. Dabei stützte ich +mich auf die Thronrede vom 19. Juli und die Proklamation des Königs von +Preußen vom 11. August. Meine Ausführungen riefen große Unruhe und +heftigen Widerspruch hervor. Die Behauptung, Frankreich besitze keine +Regierung, mit der man unterhandeln könne, sei falsch. Ich wies dieses +in meinen Ausführungen nach. Was den Friedensschluß unmöglich mache, sei +die Forderung der Annexionen. Ich verurteilte dann scharf, daß man uns +verbiete, in öffentlichen Versammlungen unseren Standpunkt über die +Annexionen darzulegen. Diesen unseren Standpunkt begründete ich näher. +Wiederum regnete es Unterbrechungen. Als ich dann auf die traurige Rolle +hinwies, die die deutsche Kapitalistenklasse bei der ersten +Kriegsanleihe gespielt und wie ganz anders sich dagegen die französische +Bourgeoisie im gleichen Falle benommen habe, brach vollends der Sturm +los. Ein großer Teil des Hauses hatte einen förmlichen Tobsuchtsanfall; +man überschüttete uns mit Schimpfworten der gröbsten Art, Dutzende von +Mitgliedern drangen mit erhobenen Fäusten auf uns ein und drohten uns +hinauszuwerfen. Viele Minuten lang konnte ich nicht zum Worte kommen; +zum Schluß empfahl ich die Annahme des Antrags, den Liebknecht und ich +gestellt hatten. Dieser Antrag lautete: + + „Der Reichstag wolle beschließen: + + Den Gesetzentwurf betreffend _den ferneren Geldbedarf für die + Kriegführung abzulehnen_ und folgendem Antrag seine Zustimmung zu + geben: + + In Erwägung, daß der am 19. Juli von Louis Bonaparte, damals Kaiser + der Franzosen, erklärte Krieg durch die Gefangennahme Louis Bonapartes + und die Niederwerfung des französischen Kaiserreichs tatsächlich sein + Ende erreicht hat; + + in Erwägung, daß nach den eigenen Erklärungen des Königs von Preußen + in der Thronrede am 19. Juli und der Proklamation an das französische + Volk vom 11. August der Krieg deutscherseits nur ein + Verteidigungskrieg und kein Krieg gegen das französische Volk sei; + + in Erwägung, daß der Krieg, welcher trotzdem seit dem 4. September + geführt wird, in schroffstem Widerspruch mit dem königlichen Wort, + nicht ein Krieg gegen die kaiserliche Regierung und die kaiserliche + Armee, welche nicht mehr existieren, sondern ein Krieg gegen das + französische Volk ist, nicht ein Verteidigungskrieg, sondern ein + Eroberungskrieg, nicht ein Krieg für die Unabhängigkeit Deutschlands, + sondern ein Krieg für die Unterdrückung der edlen französischen + Nation, die nach den Worten der Thronrede vom 19. Juli berufen ist, + ‚die Segnungen christlicher Gesittung und steigenden Wohlstandes + gleichmäßig zu genießen und zu begehren und zu einem heilsameren + Wettkampf als zu dem blutigen der Waffen‘, + + beschließt der Reichstag, die verlangte Geldbewilligung für die + Kriegführung _abzulehnen,_ und fordert den Bundeskanzler auf, dahin zu + wirken, _daß unter Verzichtleistung auf jede Annexion französischen + Gebiets mit der französischen Republik schleunigst Frieden geschlossen + werde_.“ + +Nach mir kam der Abgeordnete Lasker zum Wort, der sich in den Tönen +höchster sittlicher Entrüstung über uns und das französische Volk +erging. Köstlich war, wie er die Finanzwelt gegen meine Vorwürfe in +Schutz nahm. „Es ist wahr,“ führte er aus, „daß die große Finanzwelt +sich nicht erheblich beteiligt hat; es stand kein Gewinn in Aussicht (im +Falle des Sieges sogar ein recht großer. A.B.), und es ist die Weise +der Geschäftsleute, wie dies in der Natur des Geschäftslebens liegt, +sich nicht als Geschäftsleute zu beteiligen, wenn eben ein Gewinn nicht +sichtbar ist. Nun, auch dort die Männer — auf uns zeigend —, die über den +Gewinn und die Belohnung lachen, üben doch ihre ideale Tätigkeit gegen +Entgelt aus (Heiterkeit), und ihre Leitungen, welche sie als +apostolische bezeichnen, erfolgen gegen Diäten. (Heiterkeit. Sehr gut!) +Welche Verwirrung der Begriffe, wenn diese Herren, welche nach der Natur +ihrer Leistungen vielleicht mit geringeren Summen sich begnügen müssen +(das Haus schüttelt sich vor Lachen), über die Lust am Gewinn die Nase +rümpfen. Also, die höhere Finanzwelt hat die Gelegenheit nicht für +geeignet gehalten, gewinnbringende Geschäfte zu machen.“ + +Oeder und widerspruchsvoller konnte wirklich nicht die deutsche +Kapitalistenklasse zu rechtfertigen versucht werden. (In einer zweiten +Rede antwortete ich gebührend Lasker.) Nach Lasker folgte +Braun-Wiesbaden, diesem Liebknecht. Dieser ging den liberalen Vorrednern +kräftigst zu Leibe. Wiederum heftige Unterbrechungen, Ordnungsruf des +Präsidenten. + +Liebknecht führte unter anderem aus: + + „Die Regierung, die im Juli den Krieg erklärt hat, ist beseitigt und + ihr Führer sitzt auf Wilhelmshöhe und ist der gute Bruder des Königs + von Preußen; er schwelgt in kaiserlichem Luxus, während die deutschen + Krieger draußen ihr Blut vergießen und die furchtbarsten Strapazen + erdulden müssen im Kampfe gegen das französische Volk, welches unser + Brudervolk trotz alledem und alledem ist, und welches den Frieden mit + uns will. (Unruhe, Zurufe) Es ist wahrlich ehrenhafter, der Bruder des + französischen Volkes und der französischen Arbeiter zu sein, als der + liebe Bruder des Schurken auf Wilhelmshöhe. (Abgeordneter Dr. v. + Schweitzer: Bravo, bravo!)“ + +Liebknecht schloß: + + „Die Anleihe, die man von uns fordert, ist für die Durchführung der + Annexion bestimmt, wie das ja auch aus dem Wortlaut der Thronrede + hervorgeht. Die Annexion aber bringt uns nicht den Frieden, sondern + den Krieg. Indem sie auch nach dem Frieden eine beständige + Kriegsgefahr schafft, befestigt sie in Deutschland die + Militärdiktatur.... Aus diesen Gründen bin ich natürlich gegen die + Kriegsbeile und habe mit meinem Freunde Bebel den Antrag auf + Verweigerung derselben gestellt.“ + +Dieser Antrag wurde gegen fünf Stimmen abgelehnt. + +In der Sitzung vom 28. November, in der die dritte Lesung der +Kriegsanleihe auf der Tagesordnung stand, nahm der von unserer Partei +gewählte Dr. Götz-Lindenau, der im März desselben Jahres noch die +Kandidatur Johann Jacobys für den Reichstag befürwortet hatte, das Wort, +um sich für die Kriegsanleihe auszusprechen, obgleich ihm dieses, wie er +versicherte, „blutessigsauer“ werde, und obgleich er aus der Thronrede +entnommen, daß der Krieg nicht den Frieden bringe und auch keine +Verminderung der Militärlasten zu hoffen sei. Die Rede war ungemein +konfus. Bezeichnend war, daß, als wir in dieser Sitzung gegen Angriffe +durch Zwischenrufe uns wehrten, Lasker die Frage an den Präsidenten +richtete, ob nicht durch sofortige Aenderung der Geschäftsordnung diesem +„Unfug“ ein Ende gemacht werden könne. Liebknecht antwortete, indem er +auf die beleidigenden Zurufe und Reden hinwies, die wir in der Sitzung +am 26. November zu hören bekommen hatten. Als Liebknecht dann bei dem §1 +des Gesetzentwurfes über die Kriegsanleihe auf die gehörten Angriffe +antworten wollte, unterbrach ihn der Präsident, er könne nicht auf die +allgemeine Debatte zurückgreifen. Als Liebknecht mit vollem Recht diesen +Standpunkt nicht anerkannte, denn der §1 enthielt die Geldforderung für +Fortsetzung des Krieges, entzog ihm das Haus auf Anfrage des Präsidenten +das Wort. Gegen die Kriegsanleihe stimmten in dritter Lesung Dr. Ewald +(Hannoveraner), Fritzsche, Hasenclever, Liebknecht, Mende, Schraps, +Schweitzer und ich. + +Einige Tage später stand eine Interpellation des Abgeordneten Duncker +und Genossen, betreffend die Handhabung der Verfassungsbestimmungen +während des Kriegszustandes, auf der Tagesordnung. Dieselbe richtete +sich gegen die Maßnahmen des Generals Vogel v. Falckenstein. Uns war +eine solche Interpellation einzubringen nicht möglich, weil wir nicht +die nötigen dreißig Unterschriften bekamen. Wenn man in bürgerlichen +Kreisen den Gewaltakt gegen unseren Parteiausschuß sich gefallen ließ, +so hatte die Verhaftung Johann Jacobys viel böses Blut gemacht; sie +paßte schlecht zu dem, was man von der neuen Reichsgründung erwartete. +Jacoby harte sich nach seiner Verhaftung direkt beschwerdeführend an +Bismarck im Versailler Hauptquartier gewandt und dessen Intervention für +seine Freilassung verlangt, da seine Verhaftung ungesetzlicherweise +erfolgt sei. Bismarck gab in seiner Antwort an Jacoby indirekt diesem +recht, er tat aber nichts zu seiner Freilassung, offenbar wollte er es +mit den Militärs im Hauptquartier, mit denen er auf sehr gespanntem Fuße +stand, nicht noch mehr verderben. Aber nach der Niederschrift +seines Leibjournalisten Moritz Busch, der über die Herd- und +Tischunterhaltungen Bismarcks getreulich Bericht erstattete, äußerte er +am 20. Oktober, als das Gespräch auf die Verhaftung Jacobys kam: „Ich +freue mich darüber ganz und gar nicht; der Parteimann mag das tun, weil +seine Rachegefühle dadurch befriedigt werden; der politische Mann, die +Politik kennt solche Gefühle nicht; die fragt nur, ob es nützt, wenn +politische Gegner mißhandelt werden.“ Und als am 24. November, also +wenige Tage vor der Interpellation im Reichstag, das Gespräch wieder auf +das Thema kam, äußerte Bismarck — nach derselben Quelle —, die Militärs +befragten ihn zu selten um seine Meinung. „So war's auch mit der +Ernennung Vogel v. Falckensteins, der jetzt den Jacoby gemaßregelt hat. +Wenn ich mich vor dem Reichstag darüber aussprechen müßte, würde ich +meine Hände in Unschuld waschen; man hätte mir nichts Unangenehmeres +einbrocken können. Ich bin militärfromm in den Krieg gekommen, künftig +gehe ich mit den Parlamentarischen, und wenn sie mich weiter ärgern, +lasse ich mir einen Stuhl auf die äußerste Linke stellen.“ + +Schade, daß er diese Drohung nicht wahr machte, ich würde mich sehr +gefreut haben, wenn ich ihn in der nächsten Session, in der ich allein +die äußerste Linke markierte, als Kampfgenossen an meiner Seite gehabt +hätte. + +Die Verhandlung, die am 3. Dezember stattfand, war sehr erregt. Duncker +wies nach, daß Jacoby und Herbig zu unrecht verhaftet worden seien, +dasselbe gestand er auch unseren nach Lötzen geschleppten +Braunschweiger Genossen zu. Er verlangte — da mittlerweile, wie schon +bemerkt, die gefangenen preußischen Staatsangehörigen in Rücksicht auf +die bevorstehenden preußischen Landtagswahlen freigekommen waren —, daß +Aehnliches künftig unterbleibe. Der Präsident des Bundeskanzleramtes, +Delbrück, nahm als Vertreter Bismarcks das Wort und versuchte die +Maßregeln zu rechtfertigen. Ihm antwortete Windthorst, der ihm scharf zu +Leibe ging und unter anderem bissig bemerkte, daß nach dem, was er heute +vom Präsidenten des Bundeskanzleramtes gehört, er nicht recht daran +glaube, daß es nunmehr gelingen werde, was zu Anfang des Krieges +versprochen worden war, „daß der deutsche Staat ein Staat der +Gottesfurcht, der guten Sitten und der wahren Freiheit werde“. Er +empfahl höhnisch, in die Friedensbedingungen mit Frankreich die +Bestimmung aufzunehmen, daß es uns auch Cayenne und Lambessa abtrete, +damit man geeignete Orte habe, um unbequeme Persönlichkeiten +unterzubringen. Im weiteren beschwerte sich Windthorst bitter über die +Mißhandlungen, die Vogel v. Falckenstein gefangen gesetzten +Hannoveranern habe zuteil werden lassen. Im Laufe der Debatte nahm auch +ich das Wort, um die Behandlung zu schildern, die unseren gefangen +gesetzten Genossen auf der Reise nach und von Lötzen und während ihrer +Haft in Lötzen widerfahren sei. Auch beschwerte ich mich über das +generelle Versammlungsverbot in Sachsen. Die Maßregeln seien ein Hohn +auf Recht und Gesetz. Miquel billigte, wie nicht anders von ihm zu +erwarten war, nicht nur die Maßregeln Vogel v. Falckensteins, er +behauptete sogar, daß durch unsere Haltung in Deutschland Frankreich in +seinem Widerstand bestärkt worden sei, eine Behauptung, deren Unwahrheit +ich ihm sofort nachwies. Bekanntlich gehen in der Regel Interpellationen +aus wie das berühmte Hornberger Schießen, so auch diesmal. + +In einer der folgenden Sitzungen standen die Verträge mit Baden, Hessen, +Württemberg und Bayern zur Beratung. Ich erklärte mich sowohl gegen +diese wie gegen die neue Verfassung überhaupt. Das Volk werde in Bälde +zur Einsicht darüber kommen, wie es mit der deutschen Freiheit und +Einheit aussehe. Die drei Kriege, die Deutschland seit zehn Jahren +durchzuführen gehabt habe, hätten es in freiheitlicher Beziehung nur +zurückgebracht. Doch das Volk werde einst sein Selbstbestimmungsrecht +fordern und erlangen und dann eine Verfassung sich selber schaffen, die +nur die Republik zum Ziele haben könne. + +Nach mir nahm der Geheime Regierungsrat Wagener das Wort und erzählte zu +Liebknechts und meiner großen Ueberraschung, daß wir, wie er aus der ihm +soeben übermittelten „Börsenzeitung“ ersehen habe, von dem +_französischen Konsul_ in Wien, Lefaivre, den Dank der französischen +Republik für unser Auftreten im Reichstag empfangen hätten. (Lebhafte +Zurufe: Hört! Hört! und Pfui!) Ich konnte darauf in einer persönlichen +Bemerkung nur antworten, daß bis zu diesem Augenblick weder Liebknecht +noch mir ein solcher Brief zugegangen sei, was mir um so unbegreiflicher +wäre, da, wie ich eben gehört, auch die „Norddeutsche Allgemeine +Zeitung“ den Brief abgedruckt habe. Ich sei der Meinung, daß der Brief +eine elende Modifikation sei, die vom preußischen Pressebureau ausgehe, +um mich und Liebknecht zu diskreditieren. In der folgenden Sitzung hielt +Wagener seine Behauptung aufrecht. Der Brief, der an meine Adresse +geschickt worden, sei echt. Ich antwortete am Schlusse der Sitzung, daß +ich bis zu diesem Augenblick den fraglichen Brief nicht erhalten habe, +also bei meiner ersten _Erklärung verbleiben_ müsse. Schließlich erhielt +ich ihn aber dennoch; er war an Liebknecht und mich gerichtet. Der Brief +existierte also, er war vom 2. Dezember datiert und hatte sechs Tage +gebraucht, bis er in meine Hände gelangte. Er lautete: + + „Meine Herren! Im Namen der französischen Republik, deren Regierung + mich zu ihrem speziellen Vertreter bei der Demokratie Deutschlands + bestellt hat, erachte ich es für meine Pflicht, Ihnen für die edlen + Worte, die Sie im Berliner Parlament inmitten einer durch den Geist + der Eroberung und der Trunkenheit des Militarismus fanatisierten + Versammlung gesprochen haben, meinen Dank auszudrucken. Der Mut, den + Sie bei dieser Gelegenheit bewiesen, hat die Aufmerksamkeit von ganz + Europa auf Sie gelenkt und Ihnen einen ruhmvollen Platz in der Reihe + der Streiter für Freiheit erobert. Der freisinnige und humanitäre + Geist Deutschlands erleidet in diesem Augenblick, wie Sie, meine + Herren, es so beredt dargetan haben, eine jener Verfinsterungen, die + wir selbst während der Periode unseres ersten Kaiserreichs + durchgemacht haben, und geht denselben Enttäuschungen entgegen. Eine + Sucht nach brutaler Herrschaft hat sich der erleuchteten Geister + bemächtigt. Jene Denker, die noch vor kurzem solche Lichtstrahlen über + die Welt aussandten, sind heute unter der Eingebung des Herrn v. + Bismarck zu Aposteln des Mordes und der Vernichtung einer ganzen + Nation geworden. Sie, meine Herren, sind es und Ihre Partei, welche + bei diesem allgemeinen Abfall die große deutsche Tradition aufrecht + erhalten. — In unseren Augen sind Sie die großen Vertreter einer + deutschen Nation, die wir mit einer wahrhaft brüderlichen Liebe + umfassen und die wir zu lieben nicht aufgehört haben. Frankreich + begrüßt Sie, meine Herren, und dankt Ihnen, denn es erblickt in Ihnen + die Zukunft Deutschlands und die Hoffnung auf eine Versöhnung zwischen + den beiden Völkern.“ + +Der Brief mochte gut gemeint sein, aber in jenem Augenblick bedeutete er +eine große Taktlosigkeit. Wer ihn veröffentlichte, haben wir nie +erfahren. Ich vermute, der Konsul wurde zu dem Briefe von einer Seite +animiert, die ein Interesse daran hatte, uns zu schaden. — + +Während der Verfassungsberatung kam es zu einer heiteren Szene. Es war +bekannt geworden, daß der König Ludwig II. von Bayern nach langem +Drängen und Unterhandeln sich bereit erklärt hatte, die deutschen +Bundesfürsten und freien Städte zu ersuchen, dem König von Preußen die +deutsche Kaiserkrone anzutragen. Die Mitteilung dieses Ereignisses +sollte mit einer gewissen feierlichen Ueberraschung im Reichstag +erfolgen. In der betreffenden Sitzung erhob sich der Abgeordnete +Friedenthal und stellte eine diesbezügliche Anfrage. Darauf erhob sich +feierlich der Präsident des Bundeskanzleramtes, Delbrück, um das +betreffende Schriftstück vorzulesen. Aber er wußte nicht, in welche +Tasche er es gesteckt hatte. In höchster Aufregung durchsuchte er +krampfhaft alle Taschen, ein Schauspiel, das im Hause ungeheure +Heiterkeit hervorrief. Schließlich fand er den Brief, aber die Wirkung +war verpufft. Delbrück war ein sehr tüchtiger Beamter, aber die +trockenste Bureaukratennatur, die man sich vorstellen konnte. Eine +feierliche Manifestation zu inszenieren, dazu war er ganz und gar nicht +der Mann. Bismarck brauste auf, als er in Versailles von der +mißlungenen Manifestation hörte. + +In dieser Debatte erregte eine Rede Liebknechts über die neue Verfassung +und das neue Kaisertum Stürme der Entrüstung. Er warf einen Rückblick +auf die deutschen Einheitsbestrebungen, die eine ganz andere Einheit +Deutschlands als Ziel gehabt hätten, als jene, die jetzt geschaffen +werde. Diese sei ein Gewaltwerk von oben, über die sich die Fürsten +verständigt hätten und zu dem der Reichstag einfach Ja sagen solle und +müsse. Die Verfassung zeige, daß sie im Heerlager zu Versailles ihren +Ursprung habe. Die dort abgeschlossenen Verträge mit den süddeutschen +Staaten zeigten aber auch, daß es sich nicht einmal um eine äußere +Einheit handle. Das Hindernis einer wirklichen Einheit Deutschlands +bilde das Haus Hohenzollern, dessen Interessen im Gegensatz zu denen des +deutschen Volkes stünden. Die Krönung des neuen Kaisers solle man auf +dem (Berliner) Gendarmenmarkt vornehmen, der das geeignete Symbol +hierfür sei. Denn dieses Kaisertum könne nur durch den Gendarmen +aufrecht erhalten werden. Mehrere Ordnungsrufe und eine Reihe von +Zurechtweisungen durch den Präsidenten gaben der Rede die Weihe. + +Am 10. Dezember wurde eine Deputation gewählt, die dem König die +beschlossene Adresse mit den Glückwünschen des Reichstags zur +Kaiserwürde nach Versailles überbringen sollte. Die Fortschrittspartei, +die mit uns zum größeren Teil gegen das Verfassungswerk stimmte, hatte +dem Bureau mitgeteilt, daß sie auf Beteiligung an der Deputation +verzichte. Die Mitglieder sollten durch das Los bestimmt werden. Wir +schwiegen und ließen es darauf ankommen, ob einer von uns durch das Los +für die Deputation bestimmt würde. Selbstverständlich hätte er nicht +angenommen. Aber das Glück blieb uns fern. Als der Name Rothschilds aus +der Urne gezogen wurde, ging Windthorst feierlich auf diesen zu, +schüttelte ihm kräftig die Hand und gratulierte ihm zur Wahl. Das ganze +Haus brach in stürmische Heiterkeit aus. + +Die Deputation war von ihrer von vielen Hindernissen begleiteten Reise +und von dem Empfang im Versailler Hauptquartier nicht entzückt. Der +Empfang stand so gar nicht im Einklang mit den Vorstellungen, die sich +die Deputation von ihrer „hehren Mission“ gemacht hatte. Der König +selbst stand der Kaisermache so gleichgültig gegenüber, daß er ganz +überrascht war, als der Kronprinz ihm mitteilte, die anwesenden Fürsten +und Generale hätten den Wunsch, bei Ueberreichung der Reichstagsadresse +durch die Deputation anwesend zu sein. Die trockene Antwort des Königs +lautete: Wenn wirklich jemand von den Genannten dabei zu sein Lust habe, +habe er nichts dawider. Seine Stimmung wäre wohl eine der neuen Würde +günstigere gewesen, hätte die Deputation ihm in Aussicht stellen können, +daß im Falle der Annexion von Elsaß-Lothringen dieses Preußen +angegliedert werden solle. Es war der erste große Krieg, den ein +Hohenzoller siegreich führte, der ohne Landeserwerb für Preußen endete. +Das konnte ein Hohenzoller nur schwer verwinden. + +Es ist also wie so vieles andere eine Geschichtslegende, zu behaupten, +der damalige König habe die deutsche Kaiserwürde als das Ziel seines +Sehnens angesehen. Daher entspricht auch die Darstellung, die der Kaiser +Wilhelm II. am 26. Februar 1894 in einer Rede bei dem Festessen des +Provinziallandtags der Provinz Brandenburg gab, nicht den gerichtlichen +Tatsachen. Damals führte Wilhelm II. mit Hinweis auf die Einigung +Deutschlands aus: + + „Das alte Deutsche Reich wurde verfolgt von außen, von seinen + Nachbarn, und von innen, durch seine Parteiungen. Der einzige, dem es + gelang, gewissermaßen das Land einmal zusammenzufassen, das war der + Kaiser Friedrich Barbarossa. Ihm dankt das deutsche Volk noch heute + dafür. Seit der Zeit verfiel unser Vaterland, und es schien, als ob + niemals der Mann kommen sollte, der imstande wäre, dasselbe wieder + zusammenzufügen. Die Vorsehung schuf sich dieses Instrument und suchte + sich aus den Herrn, den wir als den ersten großen Kaiser des neuen + Deutschen Reiches begrüßen konnten. Wir können ihn verfolgen, wie er + langsam heranreifte von der schweren Zeit der Prüfung bis zu dem + Zeitpunkt, wo er als fertiger Mann, dem Greisenalter nahe, zur Arbeit + berufen wurde, sich jahrelang auf seinen Beruf vorbereitend, die + großen Gedanken bereits in seinem Haupte fertig, die es ihm + ermöglichen sollten, das Reich wieder erstehen zu lassen. Wir sehen, + wie er zuerst sein Heer stellt und aus dinghaften Bauernsöhnen seiner + Provinzen sie zusammenreiht zu einer kräftigen, waffenglänzenden + Schar; wir sehen, wie es ihm gelingt, mit dem Heer allmählich eine + Vormacht in Deutschland zu werden und Brandenburg-Preußen an die + führende Stelle zu setzen. Und als dies erreicht war, kam der Moment, + wo er das gesamte Vaterland aufrief und auf dem Schlachtfeld der + Gegner Einigung herbeiführte.“ + +In Wahrheit lagen die Dinge so, daß nicht der alte Wilhelm, sondern sein +Sohn, der Kronprinz — der spätere Kaiser Friedrich —, Sehnsucht nach der +Kaiserwürde empfand und damals in Versailles alles aufbot, um dieselbe +durchzusetzen. Sein Freund, der bekannte Schriftsteller Gustav Freitag, +behauptete sogar, daß dem Kronprinzen allein die Erlangung der +Kaiserwürde für die Hohenzollern zu danken sei. Sicher ist, daß neben +dem Kronprinzen auch Bismarck alles aufbot, um die Kaiserwürde für die +Hohenzollern zu erlangen. Bismarck, der sicher hier der kompetenteste +Beurteiler ist, schreibt über die Stellung des Königs zur Kaiserwürde in +seinen „Gedanken und Erinnerungen“: + + Die Kaiserkrone erschien ihm im Lichte eines übertragenen modernen + Amtes, dessen Autorität von Friedrich dem Großen bekämpft war, den + großen Kurfürsten bedrückt hatte. Bei den ersten Erörterungen sagte + er: „Was soll mir der Charakter-Major?“ worauf ich unter anderem + erwiderte: „Euer Majestät wollen doch nicht ewig ein Neutrum + bleiben, ‚das Präsidium‘? In dem Ausdruck ‚Präsidium‘ liegt eine + Abstraktion, in dem Worte ‚Kaiser‘ eine große Schwungkraft.“ + +Ausführlich und sehr lehrreich wird die Kaiserfrage in des Kronprinzen +Friedrich Tagebuch erörtert, das der Geheimrat Geffken nach dem Tode +Friedrichs in der „Deutschen Rundschau“, Oktoberheft 1888, zum größten +Aerger Bismarcks veröffentlichte. Dort schreibt Friedrich unter dem 30. +September 1870: + + „Ich rede Seine Majestät auf die Kaiserfrage an, die im Anrücken + begriffen; er betrachtet sie als gar nicht in Aussicht stehend; beruft + sich auf du Bois-Reymonds Aeußerung, der Imperialismus liege zu Boden, + so daß es in Deutschland künftig nur einen König von Preußen, Herzog + der Deutschen, geben könne. Ich zeige dagegen, daß die drei Könige + uns nötigen, den Supremat durch den Kaiser zu ergreifen, daß die + tausendjährige Kaiser- oder Königskrone nichts mit dem modernen + Imperialismus zu tun habe, schließlich wird sein Widerspruch + schwächer.“ + +Und am 17. Januar, dem Tage vor der Ausrufung des Königs zum deutschen +Kaiser, schreibt Friedrich: + + „Die Reichsfarben machen wenig Bedenken, _die, wie der König sagt, + sind nicht aus dem Straßenschmutz gestiegen; doch werde er die Kokarde + nur neben der preußischen dulden, er verbat sich die Zumutung, von + einem kaiserlichen Heere zu hören,_ die Marine aber möge kaiserlich + genannt werden; _man sah, wie schwer es ihm wurde, morgen von dem + alten Preußen, an dem er so festhält, Abschied nehmen zu müssen._ Als + ich auf die Hausgeschichte hinwies, wie wir vom Burggrafen zum + Kurfürsten und dann zum König gestiegen seien, wie auch Friedrich I. + ein Scheinkönigtum geübt und dasselbe doch so mächtig geworden, daß + uns jetzt die Kaiserwürde zufalle, erwiderte er: Mein Sohn ist mit + ganzer Seele bei dem neuen Stand der Dinge, während ich mir nicht ein + Haar breit daraus mache und nur zu Preußen halte.“ + +Am 11. Dezember, nach Schluß des Reichstags, reisten Liebknecht und ich +nach Leipzig zurück. Am 15. referierten wir in einer öffentlichen +Versammlung des sozialdemokratischen Arbeitervereins über die +Verhandlungen des Reichstags. Die Versammlung war so massenhaft besucht, +daß sie zur Volksversammlung wurde. Unter den Zuhörern befanden sich +eine Menge französischer Offiziere in Zivil, die als Kriegsgefangene in +Leipzig interniert waren. Die Versammlung verlief ausgezeichnet; +dieselbe nahm mit großer Begeisterung eine Resolution an, in der uns für +unsere Haltung im Reichstag gedankt wurde. Zustimmungen zu unserer +Haltung waren uns auch aus einer Reihe anderer Orte zugegangen. Es war +auf längere Zeit die letzte Versammlung, die wir abhalten sollten. Am +17. traf uns der Schlag, den wir längst erwartet hatten. Ich hatte +bereits in einem Briefe vom 1. Dezember an den Parteigenossen F.A. Sorge +in Hoboken geschrieben: Die Wut der „patriotischen“ Kreise gegen uns ist +grenzenlos; wenn man uns nächstens packen kann, dann geschieht's sicher +und fest. + + + + +Unsere Verhaftung. + + +An der Spitze des „Volksstaat“ vom 7. September hatten wir mitgeteilt, +wir hätten aus sicherster Quelle in Erfahrung gebracht, daß auf +entschiedenes Verlangen im deutschen Hauptquartier, speziell des Grafen +v. Bismarck, die sächsische Regierung entschlossen sei, gegen unsere +Partei mit allem Nachdruck vorzugehen. Haussuchungen und Verhaftungen +sollten bevorstehen. Wie auf Kommando ging fast die gesamte Presse, die +liberale voran, in Hetzartikeln gegen uns los. Man trieb die +Unverschämtheit so weit, daß man uns des Landesverrats zugunsten +Frankreichs bezichtigte. Als dann im Dezember die damals erscheinende +offiziöse „Zeidlersche Korrespondenz“ aus den bei dem Braunschweiger +Parteiausschuß beschlagnahmten Briefen von Liebknecht und mir tendenziös +herausgerissene Bruchstücke veröffentlichte, um ihre Denunziationen +gegen uns gerechtfertigt erscheinen zu lassen, schickte ich der Berliner +„Zukunft“ folgende Erklärung zur Veröffentlichung: + + „Die unter der Mitwirkung des Herrn Wagener auf Dummerwitz + erscheinende ‚Zeidlersche Korrespondenz‘ hat, wie ich aus hiesigen + Lokalblättern ersehe, Bruchstücke aus Briefen von Liebknecht und mir, + die bei Verhaftung des Braunschweiger Ausschusses gefunden wurden, + abgedruckt, um ihre Denunziantenmission daran zu üben. Obgleich ich + der Meinung bin, daß nur _durch Bruch des Amtseids eines Beamten_ die + ‚Zeidlersche Korrespondenz‘ in der Lage ist, jene Bruchstücke zu + veröffentlichen, muß ich dennoch den Wunsch aussprechen, daß sie statt + der Bruchstücke den ganzen Inhalt meiner Briefe der Öffentlichkeit + übergebe. + + Ich habe alle Ursache zu glauben, daß durch eine _solche_ + Veröffentlichung klar und zweifellos festgestellt wird, wie Herr + Zeidler und Konsorten die bruchstückweise Veröffentlichung von + Privatbriefen, die ihnen nur _von einem gewissenlosen Beamten_ + zugesteckt sein können, deshalb betreiben, weil sie dadurch ihr + schwarzes Handwerk mit größerer Wirkung auf das leichtgläubige + Publikum ausüben können. + + Mich wundert dieses Treiben nicht. Die offiziöse Preßmeute tut eben, + was Natur und Amt ihr vorschreiben. + + Leipzig, den 16. Dezember 1870. A. Bebel.“ + +Am 17. Dezember morgens arbeitete ich in meiner Werkstatt, als +plötzlich meine Frau totenbleich hereinstürzte und mir mitteilte, daß +oben in unserer Wohnung ein Polizeibeamter sei, der mich zu sprechen +wünsche. Ich wußte woran ich war. Ich eile die Hintertreppe hinauf und +treffe in unserer Wohnstube den mir bekannten Beamten, zugleich aber +auch einen Soldaten in kriegsmäßiger Ausrüstung. Auf meine Frage, was +das bedeute, antwortete mir meine Frau, der Mann sei soeben als +Einquartierung eingetroffen. Alsdann teilte mir der Beamte mit, er habe +Auftrag, meine Papiere zu beschlagnahmen. Das war rasch geschehen, ich +hatte für reinen Tisch gesorgt. Der Beamte erklärte weiter, er habe auch +Auftrag, mich zu verhaften. Ich kleidete mich rasch um, nahm Abschied +von Frau und Kind, mit der Vertröstung, ich würde bald zurückkommen, und +stieg in die vor dem Hause wartende Droschke, die mich zunächst nach dem +Polizeiamt, von dort nach dem Bezirksgericht führte. Hier wurde mir im +Bezirksgerichtsgefängnis eine Zelle angewiesen. Ich mache kein Hehl +daraus, daß, nachdem der Beamte das große Schloß und die beiden eisernen +Riegel, womit nach alter Väter Weise die Tür versehen war, hinter mir +abgeschlossen hatte, ich wütend in der Zelle auf und ab lief und meinen +Feinden fluchte. Aber was half es? Der Kluge gibt nach. Am +nächsten Morgen (Sonntag) traten der Staatsanwalt und der +Bezirksgerichtsdirektor, der die Oberaufsicht über das Gefängnis hatte, +herein und fragten: ob ich Wünsche hätte. Ich bat, daß ich mir Bücher +dürfe kommen lassen und um Licht bis abends 10 Uhr. Der Direktor sagte +beides zu, Licht aber nur bis abends 8 Uhr. Der Staatsanwalt teilte mir +mit, daß es sich bei der Untersuchung um meine gesamte agitatorische +Tätigkeit handeln werde, die man als staatsgefährlich und +hochverräterisch ansehe. Die Untersuchung werde längere Zeit währen, da +auch Recherchen nach auswärts nötig seien. Ich würde morgen vor dem +Untersuchungsrichter mein erstes Verhör haben. Meine Spannung war groß. +Der Untersuchungsrichter, Landgerichtsrat Ahnert, dem ich vorgeführt +wurde, empfing mich mit strenger Miene und großer Zurückhaltung. Es +werde gegen mich, Liebknecht und Hepner, die beide ebenfalls verhaftet +seien, was ich erst jetzt erfuhr, die Anklage auf Versuch und +Vorbereitung zum Hochverrat erhoben werden. Daß Liebknecht mit mir +gepackt war, fand ich natürlich, aber auch der Unglückswurm Hepner, der +erst kurze Zeit zweiter Redakteur am „Volksstaat“ war? Der war doch so +unschuldig wie ein neugeborenes Kind. Weiter teilte mir zu meiner nicht +geringen Ueberraschung und Enttäuschung der Richter mit, daß er die +Untersuchung noch nicht weiter führen könne, _weil der Hauptteil des +Untersuchungsmaterials noch in Braunschweig sei_. Er hoffe aber, daß +dasselbe noch vor Neujahr eintreffe, worauf er alsdann mit allem Fleiß +an die Arbeit gehen werde. Man hatte uns also, streng genommen, ohne +gesetzlichen Grund verhaftet, denn weder der Richter noch der +Staatsanwalt kannten das Anklagematerial, auf Grund dessen wir angeklagt +werden sollten. Es war also offenbar der Wunsch des Hauptquartiers, uns +möglichst rasch unschädlich zu machen, für unsere Verhaftung maßgebend +gewesen. + +Ich war sehr ärgerlich, als ich in meine Zelle zurückkehrte; ich hatte +jetzt reichlich Zeit, mich zunächst mit dieser zu beschäftigen. Die +Zelle hatte genügend Raum, denn sie war fast leer. In einer Ecke an der +Tür stand ein großer, verdeckter hölzerner Kübel, über dessen Zweck ich +kein Wort zu verlieren nötig habe. An der einen Wand war ein kleines +Regal angebracht, auf dem ein Wasserkrug stand und ein Gesangbuch und +das Neue Testament lagen. An der anderen Wand war eine drei Fuß lange +schmale Bank befestigt, so daß man sie nicht wegrücken konnte, und vor +derselben hatte man mir, als besondere Vergünstigung, ein kleines +Tischchen aufgestellt, so groß, daß wenn ich einen Band Gartenlaube +darauf ausbreitete, die Tischplatte bedeckt war; ein Bett war nicht +vorhanden, die Matratze, die abends auf den Fußboden gelegt wurde, +wanderte am nächsten Morgen auf den Korridor auf einen Berg anderer +Matratzen. Unten vor meinem Fenster, das fest vergittert war und nur +durch Besteigen des Tischchens erreicht werden konnte, hörte ich Tag und +Nacht ein eigentümliches Geräusch. Als ich an das Fenster stieg, sah +ich, daß unten in einem Garten sechs große Kaffeeröstmaschinen +aufgestellt waren, in denen große Quantitäten Kaffee für die im Felde +stehenden Truppen geröstet wurden. Der Winter 1870/71 war wohl der +strengste, den wir in vielen Jahrzehnten hatten. Die armen Teufel im +Felde — Deutsche wie Franzosen — litten fürchterlich unter Kälte, Eis und +Schnee. Das Unwetter hatte früh eingesetzt und hörte erst spät auf. Aber +auch in meiner Zelle war es scheußlich kalt. Der alte vorsintflutliche +eiserne Ofen, der morgens um 5 Uhr mit einer Handvoll Kohlen geheizt +wurde, gab keine besondere Wärme ab. Außerdem mußte ich doch frische +Luft haben. Oeffnete ich also morgens die Fensterklappe, so war das +bißchen Wärme im Nu verflogen. Ich fror hundemäßig. Um mich zu erwärmen, +setzte ich mich auf das Tischchen, stützte die Füße auf die Bank und +umwickelte die Beine mit einer weißen wollenen Decke, die ich als +Bettdecke erhalten hatte. Trotzdem bekam ich einen Blasenkatarrh. Zum +Unglück lag meine Zelle auch noch nach Norden. Liebknecht, als dem +ältesten unter uns, hatte man ein Zimmer, das damals für sogenannte +Wechselgefangene reserviert war, eingeräumt. Dies erfuhr ich bei einem +Besuche meiner Frau, die wöchentlich einmal in Gegenwart des +Untersuchungsrichters mich kurze Zeit sprechen durfte. Auch wurde mir +die Korrespondenz mit ihr unter Kontrolle des Richters gestattet. + +Sehr rasch entdeckte ich aber zu meinem großen Unbehagen, daß ich die +Zelle nicht allein bewohnte; dieselbe wimmelte von Ungeziefer. Nun, ich +hatte Zeit zur Jagd, und ich war dabei erfolgreicher als Moltke mit +seiner Hoffnung auf die Greisauer Hasen. Die weiße Wolldecke wurde zur +Falle. Ich hatte bald eine Rekordziffer erreicht. Ich tötete an einem +Tage, meine Leserinnen mögen nicht erschrecken, einundachtzig der +braunen Kerle, die man Flöhe nennt. Allmählich brachte ich die Zelle +rein, auch ohne Insektenpulver, das mir meine Frau auf mein Verlangen +ein paarmal sandte, das ich aber nie erhielt, weil es die Aufseher für +sich verbrauchten. Ich hatte auch durchgesetzt, daß meine Matratze in +der Zelle blieb, die vordem jedesmal am Abend voll Ungeziefer wieder zu +mir hereingebracht wurde. Kaum hatte ich aber mein „Heim“ rein, so wurde +ich auf Anordnung des Arztes nach der Westseite umquartiert. Ich erhielt +jetzt eine Zelle, in der vor mir eine Kindsmörderin zugebracht hatte, +wie mir mein Aufseher in liebenswürdiger Weise mitteilte. Nun hatte ich +die Arbeit des Reinigens von neuem vorzunehmen. + +Eine Untersuchungshaft wie die unsere ist die scheußlichste aller +Haftarten. In strenger Einzelhaft hinter Schloß und Riegel sitzen +müssen, ohne zu wissen, wie lange die Haft währt und welches +Anklagematerial vorliegt, wirkt ungemein aufregend und nervenzerrüttend. +Endlich wurde ich Anfang Januar wieder dem Untersuchungsrichter +vorgeführt. Als ich in das Zimmer des Richters trat, fiel mein Blick auf +ein stattliches Bündel blauer Papiere, die auf der breiten Fensterbank +lagen. Es waren meine Briefe an den Parteiausschuß, die dieser mit den +Briefen von Liebknecht, Marx und Engels ganz besonders sorgfältig und +liebevoll aufbewahrt hatte. Ich weiß nicht, was ich getan, hätte ich in +diesem Augenblick unseren Parteisekretär Bonhorst zwischen den Fingern +gehabt. Bald ergab sich aber, daß ich keine Ursache hatte, mich über die +beschlagnahmten Briefe zu ärgern. Der Untersuchungsrichter teilte mir +mit, daß er erst vor ein paar Tagen das Anklagematerial erhalten habe, +daß er aber gewillt sei, nach Möglichkeit die Untersuchung zu +beschleunigen. Und er hielt Wort. Mit jedem neuen Verhör wurde der +Richter zugänglicher. Selbstverständlich waren unsere Briefe das erste +Material, was er durchstudierte. Und da nun diese fast alle streng +vertraulicher Natur waren, so hatten wir darin uns gegenseitig nicht nur +unsere Parteischmerzen, sondern auch unsere großen und kleinen +Privatschmerzen mitgeteilt, und dabei stellte sich heraus, daß keiner +von uns auf Rosen gebettet war. Wohl zu seiner eigenen Ueberraschung +entdeckte der Untersuchungsrichter, daß wir keine Landesverräter und +Königsmörder seien, sondern Menschen, die von den besten Absichten +beseelt waren und warmes Herzblut in den Adern hatten. Ende Februar +hatte der Untersuchungsrichter das Riesenmaterial, das quantativ sehr +groß war — es waren allein gegen 2000 Briefe vorhanden —, durchgearbeitet +und die Untersuchung geschlossen. Der Untersuchungsrichter hatte, und er +war ein sehr intelligenter und gewissenhafter Mann, wie wir später durch +unseren Rechtsanwalt Otto Freytag erfuhren, die Ueberzeugung gewonnen, +daß wir nicht nur nicht wegen Versuchs, sondern auch nicht wegen +Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt werden könnten. Er stellte +demgemäß den Antrag auf unsere Haftentlassung, dem aber die +Staatsanwaltschaft widersprach. + +Als Ende Februar 1871 in Oesterreich das Ministerium Graf +Hohenwart-Schäffle ans Ruder kam und durch eine Amnestie die Wiener +Hochverräter Oberwinder, A. Scheu, Most usw. aus dem Zuchthaus entlassen +wurden, legte mir eines Abends gelegentlich eines Verhörs der +Untersuchungsrichter schweigend die „Leipziger Zeitung“ vor, in der die +Depesche über die Amnestie enthalten war. Ich konnte mich nicht +enthalten zu bemerken, dergleichen würde uns nicht blühen; und ich +behielt recht. Ich hatte die feste Ueberzeugung, daß wir verurteilt +würden, nicht weil ich mich schuldig fühlte, sondern weil ich wegen der +Hatz, die namentlich auch während unserer Haft gegen uns fortgesetzt +betrieben wurde, der Stimmung der Geschworenen nicht traute. Außerdem +sagte ich mir auch, daß die Regierung alles aufbieten werde, unsere +Verurteilung herbeizuführen. Andernfalls wäre der Prozeß eine Blamage +für sie geworden. Ich hatte sogar in einem Brief an einen Freund, den +ich meiner Frau zur Uebermittlung schickte, ausgesprochen, wir würden +wohl mit zwei Jahren Festung hängen bleiben. Darüber war namentlich Frau +Liebknecht, der meine Frau meine Ansicht mitgeteilt hatte, ganz +entsetzt. Aber meine Prophezeiung traf wieder einmal ein. + + * * * * * + +Nachdem wir in Haft genommen waren, beriefen die Leipziger +Parteigenossen Karl Hirsch, der damals Redakteur am „Crimmitschauer +Bürger- und Bauernfreund“ war, nach Leipzig, um die Redaktion des +„Volksstaat“ zu übernehmen. Karl Hirsch sprang bereitwillig ein und +verdiente sich durch die Art, wie er das Blatt in schwerster Zeit +redigierte, den Dank der Partei. In der Nummer 102 des „Volksstaat“ vom +21. Dezember kündigte er an, daß er die Redaktion auf unseren Wunsch +übernommen habe, und fuhr dann fort: + + „Die gegen unsere Freunde eingeleitete Untersuchung wird, wie ich + hoffe, nicht von langer Dauer sein und, wie ich überzeugt bin, die + Schuldlosigkeit derselben zum Ergebnis haben. _Einstweilen werde ich + mir die edle, kühne und nicht ‚landesverräterische‘, sondern im + Gegenteil wahrhaft patriotische Haltung, die der ‚Volksstaat‘ unter + seiner bisherigen Leitung eingenommen hat, bei meiner Redaktion zum + Vorbild nehmen._ + + An der Tendenz und am Erscheinen des Blattes wird nichts geändert, die + gegnerischerseits gehegte Hoffnung, der Schlag, der unser Organ + betroffen, werde die Partei mundtot machen, wird zuschanden werden.“ + +Kaum war Hirsch in die Redaktion des „Volksstaat“ eingetreten, so begann +Professor Biedermann in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ auch gegen +ihn zu denunzieren. Im gleichen Sinne arbeitete die „Zeidlersche +Korrespondenz“, die, wie sie von uns Briefe tendenziös stückweise +veröffentlichte, dasselbe mit Briefen von Hirsch machte, die in +Braunschweig beschlagnahmt worden waren. Hirsch schüttelte die +Denunzianten kräftig ab. Weiter antwortete Hirsch damit, daß er an der +Spitze des „Volksstaat“ vom 1. Januar 1871 Freiligraths Gedicht „Die +Schlacht am Birkenbaum“ zum Abdruck brachte. + +Im Januar wurden die Wahlen zum Reichstag ausgeschrieben; sie sollten am +3. März vorgenommen werden. Eine Landesversammlung der Partei hatte uns +wieder in unseren alten Wahlkreisen aufgestellt. In Leipzig vereinigten +sich die Lassalleaner mit unseren Genossen auf meine Kandidatur. Ich +ließ das Komitee wissen, daß ich im Interesse der Konzentration der +Mittel und Kräfte auf die aussichtsreichen Wahlkreise eine Kandidatur +für Leipzig nicht annehmen könne. Es blieb aber dabei. In bürgerlichen +Kreisen veranstaltete man Geldsammlungen, um Liebknechts und meine Wahl +zu verhindern. In meinem Wahlkreis — Glauchau-Meerane-Hohenstein — hatten +die Gegner sich auf die Kandidatur von _Schulze-Delitzsch_ gegen mich +vereinigt. Schulze nahm die Kandidatur an, er weigerte sich aber, +Wählerversammlungen abzuhalten, da ich an der Abhaltung solcher +verhindert sei; dieselben wären ihm wahrscheinlich schlecht bekommen. +Ende Januar legte der provisorische Parteiausschuß in Dresden sein +Mandat nieder; es galt, die Kräfte zu konzentrieren, und so wurde auf +Anordnung der Kontrollkommission in Hamburg Leipzig Sitz des +provisorischen Ausschusses. Die Geldmittel waren natürlich sehr knapp. +Die Parteigenossen von heute ahnen nicht, mit wie wenig Geld damals die +Wahlen betrieben wurden. Ueber 500 bis 600 Mark gingen die Wahlkosten +kaum irgendwo hinaus. + +Die Wahlen verliefen ungünstig; sie fanden statt unter Glockengeläute +und Kanonendonner, da am 3. März der Präliminarfriede in Versailles +unterzeichnet wurde. Die einzigen Sieger waren Schraps und ich im 17. +und 18. sächsischen Wahlkreis. Ich hatte mit 7344 Stimmen gegen +Schulze-Delitzsch mit 4679 Stimmen gesiegt. Schraps, der streng genommen +nicht mehr zur Partei gehörte und an dessen Stelle von Rechts wegen +Julius Motteler hätte aufgestellt werden sollen, siegte mit 5875 gegen +5706 Stimmen. Liebknecht unterlag im 19. sächsischen Wahlkreis mit 3981 +gegen 5134 Stimmen. Spier war in Mittweida-Frankenberg in engere Wahl +gekommen, er unterlag aber mit 4017 gegen 5430 Stimmen, die auf +Professor Biedermann fielen. In Leipzig hatte ich 2576, mein +Gegenkandidat Bürgermeister Dr. Stephani 7312 Stimmen erhalten. Das +Resultat galt als sehr günstig; im Herbst 1867 erhielten wir nur 900 +Stimmen. In Leipzig-Land war Johann Jacoby aufgestellt worden, der mit +2877 gegen 5718 Stimmen seinem Gegner unterlag. Bracke wurde in Chemnitz +und im 22. sächsischen Wahlkreis aufgestellt und erhielt 2972 bezw. 3477 +Stimmen. Wir hatten in Sachsen über 39000 Stimmen auf unsere Kandidaten +vereinigt. In manchen Wahlkreisen, wie Bielefeld, hatten unsere +Parteigenossen den Kandidaten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +(Pfannkuch) unterstützt, in Mittel- und Süddeutschland hatten sie fast +überall von der Aufstellung eigener Kandidaten abgesehen. Der Allgemeine +Deutsche Arbeiterverein hatte im ganzen 63000 Stimmen auf seine +Kandidaten vereinigt. + +Wie die angeführten Zahlen zeigen, war die Beteiligung an der Wahl eine +schwache, nirgends herrschte Begeisterung für das neue Reich. Der +schwere Druck, der auf Handel und Wandel lastete, die Arbeitslosigkeit, +alles Folgen des Krieges, dazu der lange und harte Winter, der den +Massen ebenfalls schwere Opfer auferlegte, schufen eine sehr gedrückte +Stimmung. + +Sobald ich die offizielle Nachricht von meiner Wahl erhalten hatte, +schickte ich aus dem Gefängnis meinem Wahlkomitee folgende Danksagung +zur Veröffentlichung: + + „An meine Wähler! Parteigenossen! Ihr habt mir aufs neue einen + glänzenden Beweis Eures Vertrauens gegeben, indem Ihr mich nunmehr zum + dritten Male zum Vertreter des 17. Wahlkreises in den Reichstag + erwähltet. + + Ihr habt mir Euer Vertrauen erhalten, obgleich ich nicht in Eurer + Mitte erscheinen konnte, um meinen Standpunkt gegenüber der neuen + Sachlage der Dinge darzutun. Ebensowenig habt Ihr Euch auch beirren + lassen durch die heftige und niedrige Kampfweise, womit die Gegner den + Wahlkampf führten. + + Dies, verbunden mit der Tatsache, daß der unterlegene Gegner als die + gefeiertste Größe des Liberalismus und Kapitalismus gilt, macht die + diesmalige Wahl für mich doppelt ehrenvoll. Nehmt dafür meinen + wärmsten und innigsten Dank entgegen und das Versprechen, daß ich tun + werde, was in meinen Kräften steht, Euer Vertrauen zu rechtfertigen. + + Es lebe die Sozialdemokratie! Das sei der Ruf, mit dem wir neuen + Kämpfen entgegengehen. + + Leipzig, Bezirksgerichtsgefängnis, den 13. März 1871. + + Mit sozialdemokratischem Gruß + + Euer A. Bebel.“ + +Ich habe in meinem Leben oft das Glück gehabt, angesungen zu werden, und +zwar im guten wie im schlimmen Sinne. Auch in dem jetzt verflossenen +Wahlkampf spielte die Poesie eine, wenn auch zweifelhafte Rolle. So +veröffentlichte der Bürgermeister Hohensteins, natürlich anonym, +folgendes Gedicht: + + _Napoleon und Bebel._ + + Er sitzt auf Wilhelmshöhe, + Er im Bezirksgericht. + Er hat sie in der Zehe + Und er im Kopf die Gicht. + +Im „Meeraner Wochenblatt“ höhnte ein anderer Anonymus über mich: + + „_Der Wilhelmshöher an Bebel_. + + Mein lieber Bebel! + + Lassen Sie uns ein vernünftiges Wort miteinander reden! Sehen Sie, ich + bin ein alter Praktikus und habe das alles schon durchgemacht, was Sie + noch vor sich haben. Ach, Bebel, wenn mir auch der Schlummerkopf vom + „New-York-Herald“ neulich wieder einige Hoffnung gemacht hat — ich + fürcht', ich fürchte doch sehr, es wird mit mir nichts mehr werden. + Mir fehlen die Mittel, noch einmal von vorn wieder anzufangen. + + Aber Sie, Bebel, Sie haben ohne Frage eine Zukunft. Sie sind noch + jung, haben ein gewinnendes Aeußeres, einen guten Appetit, eine edle + Dreistigkeit, eine formidable Sprache und ein harmloses Wesen. Kommt + dazu noch die Gunst der Weiber und die Freundschaft der Kirche, so + haben wir alle Eigenschaften beisammen, deren ein junger Mann bedarf, + um en gros sein Glück zu machen. + + Jetzt, Bebel, will ich Ihnen ein wichtiges Wort über die Republik + sagen. Die Republik ist eine sehr gute Einrichtung, wenn + man — Präsident derselben ist. Ist man es nicht, so ist die Republik + eine ebenso mangelhafte Staatsform wie alle anderen, das Papsttum mit + einbegriffen. Wie man Präsident wird, Bebel, das will ich Ihnen einmal + unter vier Augen sagen. Das aber kann ich Ihnen gleich ganz offen + sagen, daß von der Präsidentschaft bis zur Kaiserkrone nur ein Schritt + ist.“ Und so weiter. + +In Leipzig hatte man, und das ist von einem gewissen kulturhistorischen +Interesse, die Verhöhnung unserer Personen während unserer Haft noch +weiter getrieben. So wurde in einem Tingeltangel eine Posse aufgeführt, +betitelt: „Nebel und Piepknecht“; in einem anderen größeren Lokal der +Stadt wurde eine Posse aufgeführt, betitelt: „Bebel oder der erleuchtete +Schuster mit seinem Jungen.“ In dieser Weise machten die „Patrioten“ +ihrem Zorn wider uns Luft. + +Ein Teil der liberalen Presse war über meine Wahl höchlich aufgebracht +und agitierte dafür, daß der Reichstag bei seinem Zusammentritt sich +gegen meine Freilassung aus der Untersuchungshaft aussprechen sollte. +Die „Magdeburger Zeitung“ war von Leipzig aus im gleichen Sinne +inspiriert worden. Darauf veröffentlichte unser Anwalt Otto Freytag eine +Erklärung, in der er ausführte, die Behauptung, wir würden wegen +Landesverrat oder Vorbereitung zum Landesverrat angeklagt, sei eine +Unwahrheit. Wir würden wegen _Vorbereitung zum Hochverrat_, begangen +durch unsere Agitation, angeklagt. _Liebknechts und mein Verhalten in +der Kriegsfrage spiele auch nicht einmal nebensächlich eine Rolle._ Es +sei auch eine dreiste Unwahrheit, wenn behauptet werde, Staatsanwalt und +Untersuchungsrichter würden sich einer Haftentlassung widersetzen. Im +Gegenteil, ihm habe der Untersuchungsrichter erklärt, daß gegen eine +Haftentlassung, nachdem die Untersuchung beendet sei, nicht das +geringste Bedenken vorliege. Ebenso werde der Staatsanwalt _keine_ +Bedenken gegen die Freilassung erheben. + +Am 27. März stellte Schraps, unterstützt von den Mitgliedern der +Fortschrittspartei, im Reichstag den Antrag auf meine Freilassung. Im +Gegensatz hierzu beantragten die Abgeordneten Dr. Stephani-Leipzig und +Professor Biedermann, den Reichskanzler um Auskunft über den Stand der +Sache zu ersuchen. In ihrem blinden Haß fühlten sie nicht das Kleinliche +und Verächtliche ihrer Handlungsweise. Am 29. März wollte der Präsident +die beiden Anträge auf die Tagesordnung der Sitzung vom 30. März setzen. +Darauf erklärte der Abgeordnete Schraps zur Geschäftsordnung: _Er habe +die Nachricht erhalten, daß wir am gestrigen Tage aus der Haft entlassen +worden seien._ + +So war es in der Tat. Die sächsische Regierung wollte die Debatte im +Reichstag umgehen, so ordnete sie unsere Freilassung an. Am Nachmittag +des 28. März gegen 4 Uhr wurden plötzlich mit besonderer Hast Schloß und +Riegel an meiner Tür geöffnet, und herein stürzte der Aufseher mit dem +Ruf: Ich glaube, Sie kommen frei! Als ich aus der Zelle trat, standen +Liebknecht und Hepner bereits auf dem Korridor. Ohne ein Wort zu sagen, +stürzten wir uns alle drei in die Arme. Wir hatten uns seit jener +ominösen Versammlung am 15. Dezember mit keinem Auge gesehen. Vor den +Untersuchungsrichter geführt, erklärte dieser, wir seien aus der Haft +entlassen, doch müßten wir durch Handschlag versichern, keinen +Fluchtversuch zu unternehmen und den Bezirk, Stadt- und +Amtshauptmannschaft Leipzig, nicht ohne seine Zustimmung zu +überschreiten. Nachdem wir unsere Siebensachen zur Abholung bereit +gestellt, eilten wir fort nach Hause, wo es ein frohes Wiedersehen gab. +Mein Töchterchen sprang mir mit einem Freudenschrei an den Hals. + +Zwei Tage danach, am 30. März, wurde auch der Braunschweiger Ausschuß +aus der Haft entlassen. Das Obergericht zu Wolfenbüttel hatte die +Erhebung einer Anklage wegen _Hoch-und Landesverrat abgelehnt_. Die +Braunschweiger hatten 200, wir 101 Tage in der Haft zugebracht. +Optimisten nahmen an, daß nunmehr auch wider uns die Anklage auf +Hochverrat fallen würde. + +Der Braunschweiger Ausschuß wurde darauf im Herbst 1871 von dem +Kreisgericht in Braunschweig wegen einer Reihe Verstöße wider +verschiedene Paragraphen des Strafgesetzes verurteilt, und zwar Bracke +und Bonhorst zu 16 Monaten, Spier zu 14 Monaten, Kühn zu 5 Monaten +Gefängnis. Auf erhobene Nichtigkeitsbeschwerde hob das Obergericht zu +Wolfenbüttel das erste Urteil auf und verurteilte die Genannten wegen +Verstoßes gegen das Vereinsgesetz: Bracke und Bonhorst zu 3 Monaten, +Spier zu 2 Monaten Gefängnis und Kühn zu einer 6wöchigen Haft. Die +Strafen wurden durch die Untersuchungshaft als verbüßt erachtet. + + + + +Meine weitere parlamentarische Tätigkeit, der Leipziger +Hochverratsprozeß und anderes. + + + + +Die erste Session des deutschen Reichstags. + + +Am 2. April 1871 fuhr ich zur Ausübung meines Mandats nach Berlin. Der +Reichstag, der diesmal in besonders feierlicher Weise durch den Kaiser +unter Anwesenheit der gesamten deutschen Fürsten und Vertreter der +freien Städte am 23. März eröffnet worden war, tagte im preußischen +Abgeordnetenhaus am Dönhofplatz. + +Zunächst besuchte ich meine frühere Wirtin, um zu hören, ob ich wieder +Wohnung bei ihr bekommen könne. Sie erklärte, daß sie zu ihrem großen +Bedauern mich nicht in Wohnung nehmen dürfe. Nachdem Liebknecht und ich +im Dezember abgereist seien, _sei die Polizei zu ihr gekommen und habe +ihr heftige Vorwürfe gemacht, daß sie uns Wohnung gegeben habe_. Wir +waren in jener Session auf Schritt und Tritt durch Geheimpolizisten +überwacht worden, als seien wir Verbrecher. Wie uns erging es den Polen. +Kleinlichkeit und Gehässigkeit, mit einem Wort Unanständigkeit ist das +Charakteristikum der politischen Polizei, sobald es sich um die +Verfolgung von Gegnern der Staatsgewalt handelt. Das lernten wir später +auch als sächsische Landtagsabgeordnete in Dresden kennen. + +Als ich in den Reichstag trat, waren die Plätze auf der Linken besetzt, +nur auf der äußersten Rechten waren noch solche frei. Dorthin begab ich +mich, obgleich mir die Nachbarschaft der ehrenwerten Herren der +äußersten Rechten nicht sehr sympathisch war. Aber sie begriffen mein +Unglück und ließen mich nicht entgelten, daß ich als Saul unter die +Propheten geraten war. Sie benahmen sich durchaus als Gentlemen, +obgleich auch ihnen meine Nachbarschaft sicher unangenehm war. Manchmal +entstand im Hause Heiterkeit, wenn die Linke gegen die Rechte stimmte +und ich auf der äußersten Rechten mich mit der Linken erhob. Unter +Larven die einzig fühlende Brust. + +Die Generaldebatte über die Reichsverfassung, die nunmehr nach den +nötigen redaktionellen Aenderungen auch der deutsche Reichstag +gutzuheißen hatte, wurde bereits zu einer Kulturkampfdebatte. Die +Unfehlbarkeitserklärung des Papstes auf dem vatikanischen Konzil zum Rom +im Jahre 1870 hatte die Geister wach gerufen, und namentlich brannten +die Liberalen darauf, das, was sie an bürgerlicher Freiheit preiszugeben +bereit waren, durch hochtönende Kulturkampfpauken (die Bezeichnung +Kulturkampf hatte der Abgeordnete Professor Virchow erfunden) vergessen +zu machen. Die katholische Partei hatte sich als Zentrum konstituiert +unter Führung von Windthorst und Malinckrodt. Unter den Kulturkämpfern +ragte namentlich Kiefer-Baden hervor, der eine hohe Richterstelle +bekleidete. Als ich am 3. April zum Wort kam, sprach ich meine +Verwunderung aus über den religiösen Charakter, den die Debatten +angenommen hätten. Es scheine, daß im neuen Deutschen Reich die +religiösen Debatten alles andere verdrängen sollten. Jemanden, der wie +ich in den zwei Sitzungen, denen ich bis jetzt beigewohnt, außer +Religion kaum etwas anderes zu hören bekommen und mit den religiösen +Dogmen vollständig gebrochen habe, koste es eine gewisse +Selbstüberwindung, diesen Verhandlungen länger zuzuhören. (Heiterkeit.) +Ich griff darauf die Nationalliberalen an, deren Redner, Professor v. +Treitschke, erklärt hatte, Grundrechte für eine Verfassung zu fordern, +gehöre in die Zeit der politischen Kinderjahre. Ich stimmte ihm zu, denn +politische Kinderei sei es gewesen, wenn man 1849 dem König von Preußen +zugemutet habe, eine Verfassung anzunehmen, die volle Preßfreiheit, +volle Vereins- und Versammlungsfreiheit, Trennung der Kirche vom Staate, +Gewährleistung der persönlichen Freiheit und andere schöne Dinge +verlangte. Es sei allerdings kindlich, das einem Hohenzollern zuzumuten. +Ich kritisierte weiter die Liberalen, die lieber alle Freiheiten +preisgäben, als sich mit einer Partei, die als revolutionär gelte, +einzulassen. Indessen hoffte ich, daß, ehe das neunzehnte Jahrhundert zu +Ende gegangen sei, wir alle unsere Forderungen verwirklicht hätten. +(Große Unruhe.) Diese Ansicht war, wie sich inzwischen gezeigt hat, sehr +optimistisch. + +Nach mir sprach Miguel, der meinte, er werde nicht mit mir diskutieren, +vorläufig sei mein Partei noch keine Gefahr. Das sei anders mit den +Herren vor ihm (dem Zentrum), gegen die er losdonnerte. Zum Schluß der +Sitzung nahm ich das Wort zu einer persönlichen Bemerkung gegen Miguel. +Er habe sich etwas wegwerfend über meine Partei ausgelassen. Ich +wunderte mich darüber nicht, ich wolle aber doch konstatieren, daß der +Abgeordnete Miguel — allerdings zu einer Zeit, wo er weder Bankdirektor +noch Oberbürgermeister gewesen sei — zu derselben Partei gehört hätte, +die er heute bekämpfte, _nämlich zur kommunistischen_. Das Haus war über +diese Enthüllung verdutzt. Miguel schwieg. Nach der Sitzung traten eine +ganze Anzahl Abgeordnete an mich heran, um zu hören, inwiefern der +erhobene Vorwurf wahr sei! Der Abgeordnete Miguel behandelte mich von +jetzt ab mit einer gewissen Hochachtung. + +Kaum hatte man die Verfassungsberatung hinter sich, so kamen +Schulze-Delitzsch und Genossen und beantragten die Aenderung des +Artikels 32 der Verfassung zwecks Einführung der Diäten. Bei der +Verfassungsberatung hatte man diesen Antrag nicht gestellt, obgleich er +dort am Platze war. In einer Rede, die ich dazu hielt, führte ich aus, +daß nur die Angst vor der Sozialdemokratie die Herren abhielt, die +Diäten durchzusetzen, die in allen anderen Vertretungskörpern eingeführt +seien. Bismarck verhöhnte die Antragsteller. Er wolle nicht mit voller +Sicherheit entscheiden, ob die Versammlung in ihrer Zusammensetzung nach +der Einführung der Diäten noch dieselbe sei. Aber er wolle den Versuch +nicht machen, es wäre ihm zu schmerzlich, wenn er sich vergeblich nach +der liebgewonnenen Versammlung zurücksehnen solle. (Große Heiterkeit.) +Das Herrenhaus, das keine Diäten erhalte, habe immer die Neigung, die +Sitzungen abzukürzen, bei dem Abgeordnetenhaus, das Diäten erhalte, sei +das Gegenteil der Fall. + +Am 24. April stand die Beschaffung weiterer Geldmittel zur Bestreitung +der durch den Krieg veranlaßten außerordentlichen Ausgaben auf der +Tagesordnung. Die französische Nationalversammlung hatte zwar am 26. +Februar dem Präliminar-Friedensvertrag ihre Zustimmung gegeben, aber die +Frage der Kriegskostenzahlung war noch nicht endgültig erledigt. Man +brauchte für die große Armee in Frankreich weiter Geld. Bismarck nahm +zunächst das Wort, um die Notwendigkeit der Vorlage zu begründen. Bis +jetzt habe Frankreich seine Zahlungsverpflichtungen nicht einhalten +können. Man könne ja in die inneren Verhältnisse Frankreichs eingreifen, +aber das wolle man nicht, es sei daher wünschbar, Frankreich Zeit zu +lassen, sich zu rangieren. Ich nahm nach Bismarck das Wort. Seine +Erklärung zeige, daß er mit seiner Politik in der Klemme sei. Ich legte +dann noch einmal unseren Standpunkt in der Kriegsfrage dar. Hätte man +nicht auf der Annexion bestanden, so wäre der Friede schon seit vielen +Monaten geschlossen worden. Ungeheure Verluste an Menschen und Geld +wären uns erspart geblieben, und die Lage Deutschlands wäre eine viel +günstigere geworden, als sie jetzt sei. Zwei Milliarden damals seien +mehr wert gewesen, als heute fünf. Außerdem werde keine Regierung in +Frankreich, heiße sie wie sie wolle, den Verlust von Elsaß-Lothringen +vergessen dürfen. Frankreich werde nach Bündnissen suchen, und Rußland +werde künftig anders zu der Frage stehen. Daß es dem Reichskanzler +gelingen werde, Rußland ebenso über den Löffel zu barbieren, wie ihm das +mit Napoleon gelungen sei, bezweifelte ich sehr. (Stürmische +Heiterkeit.) _Sicher sei, daß wir künftig ein viel höheres Militärbudget +aufzubringen haben würden, als dieses bei einer vernünftigen +Verständigung mit Frankreich unter Verzicht auf die Annexionen der Fall +wäre._ Wie Napoleon in Frankreich, so werde der Reichskanzler in +Deutschland in seiner Politik durch die Bourgeoisie unterstützt. Es +seien nur die Arbeiter hüben und drüben gewesen, die allein für den +Frieden eingetreten seien. Man sehe jetzt wieder, wie die so viel +angegriffene und verleumdete Kommune mit der größten Mäßigung vorgehe. +(Große, anhaltende Heiterkeit.) — Die Kommune war seit dem 18. März in +Paris proklamiert worden. — Ich sei durchaus nicht mit allen Maßregeln, +die die Kommune ergriffen, einverstanden, aber sie sei zum Beispiel der +großen Finanz gegenüber mit einer Mäßigung verfahren, die wir vielleicht +in einem ähnlichen Falle in Deutschland schwerlich anwenden würden. +(Heiterkeit.) Herr v. Kardorff nahm mir gegenüber das Wort, um +festzustellen, daß ganz Deutschland _ohne_ Annexion den Frieden nicht +gewollt habe, was ich durch heftigen Widerspruch bestritt. + +In dieser Session wurde auch der Gesetzentwurf betreffend die +Verpflichtung zum Schadenersatz (Haftpflichtgesetzentwurf) bei Unfällen +beraten. Ich nahm bei der dritten Lesung das Wort und hob hervor, daß +die Hoffnungen, die man in Arbeiterkreisen an das Gesetz geknüpft, +einmal schon durch den Regierungsentwurf, nachher aber noch mehr durch +die Beschlüsse des Reichstags zunichte gemacht worden seien. Ich wies +dieses in längeren Ausführungen nach. Insbesondere kritisierte ich +scharf den §4, den Lasker in den Entwurf gebracht hatte, wonach der +ganze Betrag der Leitungen aus Versicherungsanstalten, Knappschafts-, +Unterstützungs-, Kranken-oder ähnlichen Kassen, wenn zu der +Versicherungssumme der Unternehmer mindestens ein Drittel zahle, auf die +Gesamtentschädigung einzurechnen sei. Der Unternehmer, der den Nutzen +aus der Arbeit des Arbeiters ziehe, sei auch allein verpflichtet, ihn im +Falle des Unfalls voll zu entschädigen. + +Schließlich verlangte ich, daß bei Feststellung der Entschädigungen aus +den Kreisen der beiden beteiligten Parteien Sachverständige in der Form +von Geschworenen oder Schöffen hinzugezogen würden, und zwar Unternehmer +und Arbeiter in gleicher Stärke. So wie der Gesetzentwurf jetzt +vorliege, vermöchte ich nicht für denselben zu stimmen. + +Da ich im Reichstag allein stand, Schraps zählte ernsthaft nicht mit, +war ich gezwungen, häufiger als sonst in Berlin zu sein, um den +Sitzungen beizuwohnen. Nun verlangte aber auch mein Geschäft dringend +meine Anwesenheit. Das Unbehagliche dieser Zwitterstellung lastete +schwer auf mir und kam in einem Briefe vom 10. Mai an meine Frau zum +Ausdruck, der ich schrieb: + + „Es ist eine unsäglich langweilige Wirtschaft hier und meine Stellung + mir deshalb im höchsten Grade unangenehm. Dieser Widerspruch zwischen + meiner Stellung und der Notwendigkeit, im Geschäft auf dem Platze sein + zu müssen und zu wollen, ist es, was die schlimme Stimmung erzeugt, + die Du und andere an mir bemerkt haben.“ + +Diejenigen, die mich damals wegen meiner Tätigkeit im Reichstag +bejubelten, ahnten nicht, wie mir zumute war. + +Am 25. Mai mußte ich wieder ins Feuer. Auf der Tagesordnung stand der +Gesetzentwurf betreffend die Vereinigung von Elsaß-Lothringen mit dem +Reiche; zugleich sollte, zunächst bis zum 1. Januar 1873, die Diktatur +in Elsaß-Lothringen aufrechterhalten werden. Wiederum ging ich auf den +Verlauf des Krieges ein und auf die Versicherung des Königs von Preußen, +daß der Krieg ein Verteidigungskrieg sei. Die Annexion widerspreche +dieser Versicherung. Die Annexion bedeute nur eine Stärkung der +Hohenzollernschen Hausmacht. In Elsaß-Lothringen werde nur so regiert +werden, wie der Kaiser es wolle. Was aber die Diktatur bedeute, hätten +wir seinerzeit nach der Annexion von Hannover erlebt, wie ich an +Beispielen nachwies. Man habe hier von der französischen +Präfektenwirtschaft gesprochen, von der angeblich die Elsaß-Lothringer +erlöst werden sollten; die preußische Landratswirtschaft sei aber um +kein Haar besser, eher schlimmer. Habe man doch kürzlich einem in +Solingen zum Bürgermeister Gewählten die Betätigung versagt, weil er als +Beamter die Aktenschwänze nicht in Ordnung gehalten habe. (Große +Heiterkeit.) Der Reichskanzler habe neulich in einer Sitzung, der ich +nicht beiwohnen konnte, davon gesprochen, man müsse Elsaß-Lothringen die +preußische Städtefreiheit bringen. Ja, er habe sogar gesagt, daß die +Bestrebungen der Kommune im Grunde darauf hinausliefen, die preußische +Städteordnung in Paris einzuführen. Dafür aber zu kämpfen, lohnte nicht +die Mühe, denn diese sei keinen Schuß Pulver wert. Habe aber der +Reichskanzler recht, dann begriffe ich nicht, wie er in dem +Friedensvertrag — der am 10. Mai in Frankfurt beiderseitig ratifiziert +worden war — die Bestimmung aufnehmen konnte, wonach der französischen +Regierung die gefangenen Armeen zur Niederwerfung der Kommune zur +Verfügung gestellt werden sollten. Auch habe er in demselben +Friedensvertrag festgesetzt, daß dreißig Tage nach dem Falle der Kommune +Frankreich die ersten 500 Millionen Franken Kriegsentschädigung zu +zahlen habe. Das sei doch eine seltsame Art, wie er die Kämpfer für die +preußische Städteordnung in Paris behandle. Werde aber so von deutscher +Seite die Kommune bekämpft, so wolle ich meinerseits erklären, daß das +europäische Proletariat hoffnungsvoll auf Paris sehe. Der Kampf in Paris +sei nur ein kleines Vorpostengefecht, und ehe wenige Jahrzehnte ins Land +gegangen seien, werde der Schlachtruf des Pariser Proletariats: Krieg +den Palästen, Friede den Hütten, Tod der Not und dem Müßiggang! der +Schlachtruf des europäischen Proletariats sein. Ich schloß meine Rede, +indem ich der Hoffnung Ausdruck gab, die elsaß-lothringische Bevölkerung +werde, ihrer freiheitlichen Mission bewußt, den freiheitlichen Kampf mit +uns in Deutschland aufnehmen, damit endlich die Zeit komme, wo die +europäischen Bevölkerungen ihr volles Selbstbestimmungsrecht erlangten, +das sie aber nur erreichen könnten, wenn die Völker Europas in der +republikanischen Staatsform das Ziel ihrer Begebungen erblicken würden. +(Unruhe.) + +Fürst Bismarck äußerte im Herbst 1878 bei der Beratung des +Sozialistengesetzes, es sei diese meine Rede gewesen, die ihm die +Gefährlichkeit des Sozialismus vor Augen führte. Davon war an jenem +Tage, an dem ich diese Rede hielt, nichts zu bemerken. Fürst Bismarck +nahm unmittelbar nach mir das Wort und begann: Befürchten Sie nicht, daß +ich dem Herrn Vorredner antworte; Sie werden alle mit mir das Gefühl +teilen, daß seine Rede in diesem Saale einer Antwort nicht bedarf. +(Zustimmung.) Das war alles, was er gegen mich äußerte. Auch die +folgenden Redner machten es sehr gnädig mit mir, sie erwähnten mich +kaum. Dafür ging draußen in der Presse der Lärm um so ärger gegen mich +los. Darauf erklärte Liebknecht im „Volksstaat“ kategorisch: Was Bebel +gesagt, hat er sagen müssen; es war seine Pflicht, für die Kommune +einzutreten! Mitten in dem Toben gegen mich erschien eine +Sonntagsplauderei in der „Berliner Börsen-Zeitung“, die in einem ganz +anderen, und zwar viel harmloseren Ton gehalten war. Offenbar rührte sie +von Stettenheim her, der damals Redakteur der „Berliner Wespen“ war. Ich +hatte Stettenheim im Verein „Berliner Presse“ kennen gelernt, den ich +manchmal auf Einladung von Robert Schweichel besuchte. Dieses ist auch +der Verein, von dem Stettenheim in der Plauderei spricht. Darin hieß es, +soweit sie sich auf mich bezieht: + + „Berlin ist ruhig! + + Die Schüsse, welche man dann und wann hört, bedeuten nicht die + Hinrichtung von Insurgenten, es sind Aeußerungen des artilleristischen + Examens in Tegel, und der Qualm, welcher den Horizont einhüllt, ist + nicht der Rauch flammender Paläste, es ist der Kongreß der + verschiedenen Sorten Staubes, welcher aus allen Ecken unserer + geliebten Stadt aufsteigt und die Luft von Tauben, Spatzen und anderem + Gefieder reinigt. + + Wir teilen dies in aller Eile und aus bester Quelle mit, um ängstliche + Gemüter, deren Berlin sehr viele zählt, zu beruhigen.... + + ... In der ‚Kreuzzeitung‘ taucht sogar eine Mutter von acht Söhnen + auf, welche alle Mitmütter Berlins auffordert, den Kaiser zu bitten, + zur Verhütung eines gleich schrecklichen Strafgerichts wie des Pariser + alles vernichten und zerstören zu lassen, was Berlin an Anstalten, + Aufführungen, Bildern, Büchern usw. besitzt, welche der Moralität + unserer Kinder schädlich sein könnten.... + + ... So hat die Rede Bebels gewirkt! + + Wir halten es für unsere Pflicht, Oel in die aufgeregten Wogen der + Phantasie zu gießen, welche eine Mutter von acht Söhnen an die + Inseratengestade der ‚Kreuzzeitung‘ schleudert. + + Die Rede Bebels war allerdings etwas heftiger Art. Sie unterscheidet + sich von gewöhnlichen Tischreden durch Drohungen und Betrachtungen, + welche furchtsame Ohren erzittern machen. ‚Krieg den Palästen!‘ klingt + etwas ungewöhnlich. Bei einem solchen Ausruf wird bekanntlich + vorzugsweise jeder unruhig, der kein Palais besitzt, sondern zur Miete + wohnt. Der Palastbewohner von Berlin pflegt sich auf seinen Portier zu + verlassen, der sich im Falle mit verdächtigen Besuchern herumbalgt, + bis der Schutzmann erscheint und die Uebelwollenden zur Wache führt. + + Bebel rief: Krieg den Palästen! Er setzte allerdings hinzu: Friede den + Hütten! Das aber ist kein Balsam für das blutende Herz einer Mutter + von acht Söhnen.... Friede den Hütten! Was will das sagen? + + Es gibt vor allen Dingen gar keine Hütten mehr. Man baut nur noch + drei-, vierstöckige Häuser. Wo steht in Berlin eine Hütte? Mit + Hüttenfrieden ist wenigen gedient, und Bebel kann ihn versprechen, + wie er auch allen, welche Sandalen tragen, Steuerfreiheit versprechen + könnte. Steuerfreiheit ist nicht übel, aber wer trägt heute Sandalen? + + Mittags hatte Bebel seine Brandfackel zu Protokoll gegeben, abends + trafen wir ihn in einem Verein. + + Dieser Verein treibt keine Politik, sondern anderen Unsinn. Man kürzt + sich die Zeit mit allerlei Gesprächen und Bieren. + + Man denke sich einen robusten Mann mit rötlichem Haar und + energieträchtiger Nase — das ist Bebel nicht! + + Bebel ist eine zierliche Erscheinung. Aus einem hübschen Gesicht + strahlen Augen, welche gewiß schon viele Frauenherzen auf dem Gewissen + haben. Aber Bebel ist kein Don Juan. Er ist solide, sogar philiströs, + am allerwenigsten kokett, hauptsächlich bescheiden. Wir haben bemerkt, + daß er das Feuerzeug weit wegschob, weil ihn der Schwefelgeruch + augenscheinlich belästigte. + + Und nun fragen wir jede Mutter, ohne von jeder acht Söhne zu + beanspruchen, wir fragen jeden Berliner Junggesellen, Verlobte, Väter, + Großväter: Sieht Bebel, welchen man nach seiner Rede für den deutschen + Haus- und Gebäude-Nero halten möchte, wie seine Rede aus? Wir boten + Bebel eine Zigarre an. + + Ich rauche nicht! sagte Bebel elegant abwehrend. + + Sollen wir noch etwas zur Beruhigung der Haupt- und Residenzstadt + anführen? Bebel raucht nicht. Bebel zündet keine Zigarre an — und er + sollte Paläste anzünden? + + Wir haben leider vergessen, ihn zu fragen, ob er abends Oel oder Gas + brennt. Wir sind überzeugt davon, daß Bebel kein Petroleum im Hause + hat. Und ein solcher Mann sollte — —? + + Nein! Bebels Seele ist frei von Petroleum! + + Zum Ueberfluß verwickelten wir ihn noch in ein Gespräch über die + Paläste und ähnliche Gebäude in Berlin, die er nicht einmal alle + kannte, und wiesen vorsichtshalber darauf hin, daß Berlin recht arm an + Palästen sei, so daß es gar nicht die Mühe lohnte, einen Krieg gegen + sie zu unternehmen. Bebel fiel es augenscheinlich nicht einmal ein, + daß wir mit Bezug auf seine Rede also sprachen, das ‚Krieg den + Palästen‘ war ihm ohne Zweifel nur so herausgefahren. ‚Was nun die + Berliner Hütten betrifft,‘ fuhren wir fort, ‚so ist in erster Linie + der Eisbock zu nennen, hinter welchem reichlich unschönen Bauwerk alle + anderen Hütten zurückstehen. Würde er verschwinden, so dürfte Berlin + kaum bestürzt sein.‘ Bebel hatte höflich zugehört, aber er begriff + kaum unsere Andeutung, daß ein ‚Krieg den Hütten‘ uns am Ende, und + zwar auf eine einzige beschränkt, viel willkommener wäre als irgend + eine andere Demolierung, worin er uns recht zu geben schien, denn ihm + gefiel der Eisbock ebensowenig wie irgend einem anderen Sterblichen. + + So haben wir also Bebel von seiner Rede zu trennen. In unseren + Parlamenten wird manches gesprochen, was sich besser, respektive + schrecklicher liest, als es sich einfach ausgeführt denken läßt. + Erinnern sich unsere geehrten Leser gefälligst der Dreizackrede des + Abgeordneten Ziegler: ‚Der Kultusminister muß fort von seinem Platz!‘ + Herr v. Mühler saß dabei und zuckte die Achsel. Heute noch sitzt er + ‚aufrecht auf der Matte‘. + + Bebel ist der Ziegler der Paläste! + + Ziegler ist der Bebel des Kultusministers.“ + +Die Ausführungen, die ich in den hier von mir zitierten Reden über die +Pariser Kommune machte, werden einem sehr erheblichen Teile meiner Leser +unverständlich sein. Ein Teil derselben weiß überhaupt nicht, was die +Kommune war, ein anderer Teil ist in Vorurteilen befangen durch das, was +er gegen die Kommune las, nur der kleinste Teil kennt die Geschichte der +Kommune. Unsere Stellung zu derselben spielte aber in den +Kämpfen — insbesondere in den Wahlkämpfen der siebziger und achtziger +Jahre — eine große Rolle. Ich mußte sogar noch in den neunziger Jahren +unsere Stellung zur Kommune im Reichstag verteidigen. + +Im März 1876 hatte ich in Leipzig eine große Disputation mit dem +Hauptagitator der Leipziger Nationalliberalen Bruno Sparig, auf die ich +an geeigneter Stelle zurückkommen und meine damaligen Ausführungen über +die Kommune zum Abdruck bringen werde. + + * * * * * + +Der Reichstag wurde gegen Ende Mai 1871 geschlossen. Zu Hause +angekommen, machte ich die Bekanntschaft von _Johann Most_, der nach +seiner Amnestierung aus Oesterreich ausgewiesen worden und nach Leipzig +gekommen war. Nach seiner Haftentlassung wurde sein Brief bekannt, den +er an seinen Vater geschrieben hatte, der in Augsburg, irre ich nicht, +Beamter bei einer Kirchenstiftung war. Der Vater hatte versucht, den +Sohn von seinen „Irrwegen“ abzubringen. + +Most hatte darauf am 13. Januar 1871 unter anderem geantwortet: + + „Ich versichere es Ihnen: Wenn Sie mir eine Stelle mit einem + Monatsgehalt von 1000 Gulden offerierten und ich einer mir + gesinnungsfeindlichen Partei dienen sollte, und wenn mir andererseits + von seiten meiner Parteigenossen nur trockenes Brot entgegengehalten + würde, so würde ich, ohne mich zu besinnen, nach dem trockenen Brote + greifen.“ + +Dieser Brief spricht sehr zugunsten von Mosts Charakter. Was er schrieb, +war seine ehrliche Ueberzeugung, denn Most war im Grunde eine +vortrefflich angelegte Natur. Wenn er später unter dem Sozialistengesetz +immer mehr auf Abwege geriet, Anarchist und Vertreter der Propaganda der +Tat wurde, ja schließlich sogar, er, der immer ein Muster von +Enthaltsamkeit war, als Trunkenbold in den Vereinigten Staaten +endete, so legte den Grund zu dieser schlimmen Entwicklung das +Sozialistengesetz, das ihn wie so viele andere außer Landes trieb. Wäre +Most unter dem Einfluß von Männern geblieben, die ihn zu leiten und +seine Leidenschaftlichkeit zu zügeln verbanden, die Partei hätte in ihm +einen ihrer eifrigsten, opferwilligsten und unermüdlichen Kämpfer +behalten. Er hat später als Redakteur der von ihm gegründeten +„Freiheit“ — die erst in London, nachher in New York erschien — mich oft +heftig angegriffen. Noch schlimmer als mich behandelte er Ignaz Auer und +Liebknecht. Aber dennoch ist mir leid, daß er, der gut Veranlagte, so +elend zugrunde ging. + +Most wurde in Leipzig nach wenigen Tagen seiner Anwesenheit ebenfalls +ausgewiesen. Er ging nach Chemnitz, woselbst er Redakteur der +„Chemnitzer Freie Presse“ wurde und den großen Metallarbeiterstreik +leitete, der im Hochsommer 1871 zum Ausbruch kam. + + * * * * * + +Die Partei hatte sich von den Wirkungen der Kriegszeit rasch erholt. Die +glänzende industrielle Prosperitätsperiode, die jetzt begann, kam der +Bewegung zustatten. Daß die deutsche Frage einen Abschluß erlangt hatte, +der, wenn er auch uns nicht gefiel, zunächst keine Aussicht auf +Aenderung bot, beseitigte verschiedene Differenzpunkte, die bisher +zwischen den streitenden Arbeiterparteien bestanden. Das Schlachtfeld +wurde übersichtlicher und vereinfachter. In der Eisenacher Partei, wie +unsere Partei kurz genannt wurde, erschienen in Bälde eine Anzahl +Parteiorgane. So neben den Blättern in Crimmitschau und Chemnitz solche +in Braunschweig, wo der unermüdliche, immer opferbereite Bracke den +„Volksfreund“ ins Leben rief und eine eigene Druckerei gründete, ferner +in Hamburg-Altona, Dresden, Nürnberg, Hof, später in München und Mainz. +Dagegen ging der „Proletarier“ in Augsburg Mitte Juni ein. + + + + +Der erste deutsche Webertag. + + +Die Prosperitätsepoche, die nach dem Deutsch-Französischen Krieg +einsetzte, stimulierte die Arbeiterkreise zur Gründung neuer und +Ausdehnung der vorhandenen gewerkschaftlichen Organisationen. Ein +solches Bedürfnis machte sich auch unter der Weberbevölkerung geltend, +deren Lage eine besonders gedrückte war. Aus meinem Wahlkreis wurde die +Anregung zu einem deutschen Webertag gegeben, der vom 28. bis 30. Mai +1871 in Glauchau tagte. Derselbe war von 147 Delegierten besucht, die +134 Mandate aus 85 Orten zu vertreten hatten. Unter den Delegierten +befand sich auch der spätere Reichstagsabgeordnete Harm-Elberfeld, der +damals im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein stand. An Stelle von +Motteler, der eine notwendige Geschäftsreise zu unternehmen hatte, war +mir das Referat über die drei Fragen übertragen worden: 1. Wie ist es +gekommen, daß in der Weberei die Löhne so gedrückt sind? 2. Wie sind sie +zu heben? 3. Wie sind sie den Zeitverhältnissen entsprechend zu +erhalten? Im Laufe des Vortrags wies ich darauf hin, daß durch die +Annexion von Elsaß-Lothringen mit seiner hochentwickelten +Baumwollspinnerei und -weberei den gleichen deutschen Industriezweigen +eine gewaltige Konkurrenz erwachsen dürfte, die zweifellos auch eine +revolutionierende Wirkung auf die Art der bisherigen Produktionsweise in +Deutschland (weite Verbreitung der Hausweberei) ausüben werde. +Glauchauer Kaufleute, die als Zuhörer anwesend waren und damals durch +ihre Faktoren in der Hausweberei arbeiten ließen, hörten diese +Ausführungen mit Kopfschütteln an. Als ich aber nach langer Haft im +Jahre 1875 in meinen Wahlkreis zurückkehrte, wurde mir allseitig die +Richtigkeit meiner Ausführungen bestätigt. Davon überzeugte mich auch +der Anblick der Städte in meinem Wahlkreis, in denen in wenig Jahren die +Fabriken wie Pilze aus dem Boden gewachsen waren. Ich empfahl, mit den +elsaß-lothringischen Webereiarbeitern Fühlung zu nehmen. Weiter +beantragte ich Resolutionen, die ein Verbot der Kinderarbeit in den +Fabriken und die gesetzliche Einführung eines zehnstündigen +Normalarbeitstags verlangten, die einstimmig angenommen wurden. Ferner +wurde gegen zwei Stimmen die Abschaffung der Sonntagsarbeit zu fordern +beschlossen. Eine andere von mir eingebrachte Resolution, die nach +lebhaften Erörterungen ebenfalls Zustimmung fand, betraf die +Arbeitseinstellungen, und lautete: + + „Der allgemeine deutsche Webertag empfiehlt allen Fachgenossen, bei + Organisierung von Streiks mit der größten Vorsicht vorzugehen und + unter keinen Umständen eine Arbeitseinstellung vorzunehmen, wenn nicht + die Gewißheit vorhanden ist, daß durch genügende Mittel und + Unterstützung der Erfolg gesichert ist.“ + +Bezüglich der Schiedsgerichte schlug ich folgende Resolution vor: + + „Der erste allgemeine deutsche Webertag erachtet es für wünschenswert, + daß sich Schiedsgerichte bilden, die zu gleichen Teilen aus Arbeitern + und Arbeitgebern bestehen, um Differenzen, durch die ein Streik droht, + auf gütlichem Wege auszugleichen.“ + +Schließlich wurde ein Komitee von fünf Personen niedergesetzt (Sitz +Glauchau), das die Agitation und Organisation der Fachgenossen in die +Hand nehmen und regelmäßig Zirkulare herausgeben sollte mit +fachgenössischen Mitteilungen. Es fand auch ein zweiter Webertag in +Berlin statt, und eine Anzahl Zirkulare wurden ebenfalls herausgegeben, +dann aber brach die Bewegung wieder zusammen. + + + + +Weiteres aus Sachsen. + + +Zum 14. Juni 1871 hatten wir in Leipzig eine Volksversammlung einberufen +mit der Tagesordnung: „Die hohen Kommunalsteuern und die städtische +Verwaltung“. Leipzig hatte seit 1848 keine solche Beteiligung gesehen +wie bei dieser Versammlung. Eine wahre Völkerwanderung begann nach dem +Versammlungslokal, das, obgleich es 5000 Köpfe faßte, kaum den dritten +Teil der Besucher aufnehmen konnte. Die Versammlung war eine Antwort auf +die heftigen Angriffe, welche die Leipziger Presse gegen unsere Partei +und speziell gegen mich wegen meines Auftretens im Reichstag inszeniert +hatte. Ich ging mit der Stadtverwaltung streng ins Gericht. Die von mir +vorgeschlagenen Resolutionen tadelten das _Steuersystem_, das die +kleinen Leute zugunsten der Wohlhabenden ungerecht belaste, sie tadelten +ferner die _Verwendung_ der Gemeindesteuern, die hauptsächlich im +Interesse der besitzenden Klasse erfolge, und forderten, da diese +Wirtschaftsweise nur durch das begehende Klassenwahlgesetz möglich sei, +die Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten +Wahlrechts. Die Versammlung nahm unter stürmischem Beifall meine +Vorschläge gegen drei Stimmen an. Die liberale Presse tobte. + +Jetzt begann auch die Aera der Verfolgungen in Sachsen. Im Juli wurde +Vahlteich, der als Stellvertreter für Hirsch am „Crimmitschauer Bürger- +und Bauernfreund“ eingetreten war, als letzterer die Redaktion des +„Volksstaat“ übernahm, wegen Majestätsbeleidigung durch die Presse zu +drei Monaten Festungshaft verurteilt. Kurz darauf erhielt Karl Hirsch +wegen desselben Deliktes vier Monate Festungshaft. + +Den 3. August eröffnete die Staatsanwaltschaft Liebknecht, Hepner und +mir, daß sie gegen uns die Anklage auf Vorbereitung zum Hochverrat +erheben werde, außerdem gegen Liebknecht wegen Majestätsbeleidigung. Am +27. September beschloß die Anklagekammer, dem Antrag der +Staatsanwaltschaft stattzugeben. Die von uns hiergegen eingelegte +Nichtigkeitsbeschwerde bei dem Oberappellationsgericht in Dresden wurde +am 10. November _verworfen_. + + + + +Der Dresdener Parteikongreß. + + +Derselbe war auf den 12. bis 14. August 1871 berufen worden. Er war von +56 Delegierten besucht, die 6220 Parteigenossen aus 75 Orten zu +vertreten hatten. Ich wurde erster, Bracke zweiter Vorsitzender. Die +Tagesordnung war interessant und die Verhandlungen wurden sehr lebhafte. +In der Eröffnungsrede konstatierte ich mit Genugtuung, daß der Kongreß +in der Hauptstadt desjenigen Landes tage, in dem die Sozialdemokratie am +heftigsten verfolgt würde, was ihr keinen Schaden tun werde. Die +„Berliner Volkszeitung“, die zu jener Zeit unter ihrem Redakteur +Bernstein der Partei besonders feindlich gesinnt war, führte Klage +darüber, daß der Leipziger Untersuchungsrichter uns (Liebknecht, Hepner +und mir) die Beteiligung am Kongreß nicht verboten habe, was er nicht +konnte. Bork war Referent über den gesetzlichen Normalarbeitstag. Er +hielt eine gute Rede und befürwortete eine Resolution, in der ein +gesetzlicher Normalarbeitstag von höchstens zehn Stunden gefordert +wurde. Ich referierte über die Forderung der Einführung des allgemeinen, +gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts für die Landtags- und +Gemeindewahlen, Bracke über das neue Haftpflichtgesetz. Er schlug eine +Resolution vor, durch die der Reichstag getadelt wurde, der das Gesetz +in durchaus unbefriedigender Weise verabschiedet habe. Ueber die +politische Stellung der Sozialdemokratie referierte an Liebknechts +Stelle, der vorläufig abgehalten war zu kommen, Most. Die Verhandlungen +hierüber führten zu heftigen Szenen. Der überwachende Polizeikommissar +verlangte im Namen seiner vorgesetzten Behörde, ich solle dem Referenten +mitteilen, daß er sich aller und jeder Abschweifung auf die Pariser +Kommune zu enthalten habe. Das lehnte ich ab. Für Most war dieser +Zwischenfall Wasser auf die Mühle. Er sprach zwar kurz, dafür aber um so +schärfer. Man mache den Versuch, äußerte er, ihm einen moralischen +Maulkorb vorzuhängen. Dinge, die in der ganzen Welt, selbst bei den +Chinesen, diskutiert würden, wolle man uns verbieten zu erörtern. Dabei +seien wir fortgesetzt wegen unserer Haltung Gegenstand der heftigsten +Angriffe und der niedrigsten Verleumdungen. Und nachdem wir so von allen +Seiten mit Schmutz besudelt und mit Steinen beworfen würden, wolle man +uns verwehren, unseren Standpunkt darzulegen. (Stürmischer Beifall.) Der +Kommissar suchte geltend zu machen, daß sich das Verbot nur auf +Aeußerungen über die Kommune beziehe. Das war aber für uns der Punkt, +auf den es uns ankam, wir wollten unseren Standpunkt gegenüber der +Kommune darlegen. + +Nach Most nahm ich das Wort. Mir scheine, daß die Art, wie die Behörden +sich in unsere Verhandlungen einmischten und sie zu beeinflussen +suchten, eines sozialdemokratischen Kongresses unwürdig sei. +(Stürmischer, minutenlanger Beifall.) Mir sei nicht bewußt, daß Urteile +über die Pariser Kommune abzugeben ungesetzlich sein sollte. Indes +wüßten ja die Anwesenden alle, wie wir zur Kommune stünden. Wir seien +leider dem Vorgehen der Behörden gegenüber machtlos, wir könnten nur +dagegen protestieren. Ich schlage vor, da es unserer unwürdig sei, unter +den uns auferlegten Beschränkungen zu debattieren, daß der Referent auf +das Wort verzichte und wir ohne Debatte über die vorgelegte Resolution +abstimmten. Es sei ein trauriges Zeichen der Zeit, daß jetzt, nachdem +die offiziellen Aktenstücke über die Kommune bekannt geworden und +festgestellt sei, daß das seit Monaten gegen die Kommune Gesagte Lüge, +Verleumdung, Unwahrheit sei (Stürmischer Beifall), man uns verbieten +wolle, diese Kampfweise an den Pranger zu stellen. + +Most erklärte, er wäre um so mehr mit meinem Vorschlag einverstanden, da +die Zeit schon weit vorgeschritten sei. Er nehme an, daß alle mit ihm +einverstanden seien, wenn er erkläre: _Wenn die Reaktion sich +international verbindet, dann muß sich selbstverständlich die Revolution +ebenfalls international verbinden_. (Stürmischer Beifall.) Er schloß: + + „Seht wie von Osten hin nach West + So hell die Flamme loht; + Wir halten treu, wir halten fest, + Denn unsre Fahn' ist rot.“ + +Stürmischer, langanhaltender Beifall folgte seinen Worten. Dann ließ ich +über die Resolution abstimmen, die lautete: + + „Der Kongreß erklärt seine volle Zustimmung zu der Haltung des + Parteiorgans ‚Volksstaat‘ gegenüber den politischen und sozialen + Fragen des vergangenen Jahres. Insbesondere billigt der Kongreß den + durch den ‚Volksstaat‘ unterhaltenen geistigen Zusammenhang der + deutschen Sozialdemokratie mit der Internationalen + Arbeiterassoziation.“ + +Die Resolution fand einmütige Zustimmung. Die weiteren Verhandlungen des +Kongresses beschäftigten sich mit den inneren Angelegenheiten der +Partei: Bericht des provisorischen Parteiausschusses und der +Kontrollkommission, Anträge über Statutenänderung usw. Der Bericht über +den „Volksstaat“ ergab, daß derselbe 4020 Abonnenten und eine Schuld von +1675 Taler hatte. Hierbei ist zu beachten, daß die Gründung der +Lokalblätter an den Orten mit der besten Parteiorganisation notwendig +der Verbreitung des „Volksstaat“ sehr hinderlich war. Von diesem +Gesichtspunkt aus betrachtet war der Stand des Blattes ein erfreulicher. +Heinrich Scheu, der in Stuttgart seinen Wohnsitz genommen hatte, dann +aber aus ganz Württemberg ausgewiesen worden war, tadelte scharf die +Liebäugelei unserer Parteigenossen in Württemberg mit der Volkspartei, +was den schlechten Ausfall der Reichstagswahlen für unsere Partei dort +verschuldet habe und überhaupt die Unklarheit in der Partei fördere. Es +wurde ein Antrag der Ronsdorfer Parteigenossen angenommen, lautend: „Bei +den Reichstagswahlen sind nur solche Kandidaten zu unterstützen, die als +Mitglieder unserer Partei eventuell den anderen sozialdemokratischen +Parteien angehören.“ Weiter wurde auf Antrag Metzner und Josewicz +beschlossen: Der Pariser Kommune unsere Anerkennung ohne Debatte durch +Erheben von den Plätzen auszusprechen. Schließlich beschäftigte man sich +mit der Frage, wie am zweckmäßigsten die Agitation und Organisation +unter den Landarbeitern betrieben werden könne. Auf meinen Antrag +beschloß der Kongreß die Gründung einer Genossenschaftsdruckerei in +Leipzig auf Grund des sächsischen Genossenschaftsgesetzes, das die +beschränkte Hast zuließ. Als Sitz des Parteiausschusses wurde Hamburg, +als Sitz der Kontrollkommission Berlin, als nächster Kongreßort Mainz +gewählt. Nach einem Dank an das Bureau des Kongresses und das Dresdner +Lokalkomitee wurde der in höchst befriedigender Weise verlaufene Kongreß +geschlossen. + +Kurz nach dem Dresdener Kongreß wurden die ersten Frauenversammlungen +in Leipzig, Chemnitz usw. abgehalten und bildete sich in Chemnitz die +erste Frauenorganisation. In Berlin gingen Anhänger des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins in der gleichen Richtung vor. + + + + +Die zweite Session des deutschen Reichstags. + + +Die Session begann im Oktober 1871. Ende desselben stand die erste +Lesung über den Etat für 1872 auf der Tagesordnung. Das Etatsjahr begann +damals mit dem 1. Januar. Die Abgeordneten Lasker und Richter hatten vor +mir gesprochen. Ich polemisierte gegen beide. Der Abgeordnete Lasker +habe früher einmal gegen mich ausgeführt, eine starke Regierung brauche +nicht notwendig reaktionär zu sein. Der Beweis dafür sei aber in +Deutschland geliefert, wo die Regierung stark, das Parlament aber +schwach sei. Alle Beschlüsse des Reichstags, die dem Reichskanzler nicht +paßten, wanderten in den Papierkorb, und seien diese Beschlüsse auch +noch so berechtigt. So werde es auch mit dem Verlangen des Abgeordneten +Richter gehen, der die Abschaffung der Salzsteuer fordere, sobald +Frankreich seine letzte halbe Milliarde Kriegskosten bezahlt habe. Das +werde nach dem Friedensvertrag in zwei Jahren der Fall sein. +Mittlerweile werde aber der Reichskanzler wieder aufs neue dilatorische +Verhandlungen begonnen haben und wir stünden vor einem neuen +Kriege. — Tatsächlich standen wir 1875 nahe vor einem solchen. — Die +Salzsteuer werde nicht abgeschafft werden, weder jetzt noch in zwei +Jahren. Auch werde die gewünschte Ermäßigung des Militäretats nicht +eintreten. Der Abgeordnete Lasker habe unrecht, dem Abgeordneten Greil +vorzuwerfen, es sei eine falsche Auffassung seinerseits, daß man im +Volke geglaubt habe, nach der Gründung des Reiches würden die +Militärlasten vermindert werden. Dieser Glaube sei allerdings vorhanden +gewesen und er sei durch die Liberalen vertreten worden. Diesen +Glauben hätte ich allerdings nie geteilt. Schon die wachsenden +Klassengegensätze, die aus der zunehmenden kapitalistischen Entwicklung +resultierten, würden es verhindern, die stehende Armee zu vermindern, +und darüber hätten auch die Ausführungen des Abgeordneten Lasker keinen +Zweifel gelassen. Es sei aber irrig, wenn Lasker glaube, die stehende +Armee unter allen Umständen als Stütze der bestehenden Ordnung der Dinge +ansehen zu können. Frankreich habe auch eine große Armee gehabt, aber +die Entstehung der Kommune habe diese nicht verhindert. Außerdem +vermehre sich das Proletariat weit rascher, als die stehende Armee +vermehrt werden könne, und außerdem steige mit der Vermehrung der Armee +auch das sozialistische Element in derselben, da das industrielle +Proletariat einen immer größeren Bruchteil derselben bilde. Trotz +alledem würden die Liberalen ihre Hoffnung auf die Armee setzen und jede +Forderung für dieselbe bewilligen. + +Am 8. November wurde über einen Antrag Büsing in dritter Lesung +verhandelt, der verlangte, daß in jedem Bundesstaat eine aus Wahlen +hervorgegangene Volksvertretung bestehen müsse. Dieser Antrag war in +zweiter Lesung angenommen worden. Ich erklärte zu demselben, daß ich +heute mit den Konservativen und dem Zentrum gegen den Antrag stimmen +würde, auf die Gefahr hin, daß man wieder von einer Kooperation der +Schwarzen mit den Roten spreche. Früher hätten wir uns gegen +Kompetenzerweiterungen des Bundes ausgesprochen, in der Hoffnung, in den +Mittel- und Kleinstaaten werde man sich etwas freier bewegen können. Das +sei eine Täuschung gewesen, was man zum Beispiel gegen uns in Sachsen +leiste, könnte nicht leicht überboten werden. Wenn daher der +Reichskanzler die gesamten Mittel- und Kleinstaaten in die Tasche +stecken wollte, hätten wir nichts dagegen, mit dem einen würden wir +nachher auch fertig. (Gelächter.) Ich stimmte gegen den Antrag, weil er +inhaltlos sei. Was heiße das: in jedem Bundesstaat müsse eine aus Wahlen +hervorgegangene Vertretung bestehen. Aus welchen Wahlen? Etwa nach dem +Dreiklassenwahlsystem in Preußen? Von den heutigen einzelstaatlichen +Vertretungen als _Volksvertretungen_ zu reden, sei Schwindel. (Gelächter +und große Unruhe.) Man habe davon gesprochen, der Reichskanzler sei seit +1866 konstitutioneller geworden. Das sei nicht wahr. Die liberalen +Parteien seien _nachgiebiger_ geworden, das sei des Pudels Kern. (Große +Unruhe.) Man habe eine Reichsverfassung geschaffen, wie sie reaktionärer +nicht sein könne. (Gelächter.) Das sei Scheinkonstitutionalismus, +nackter Cäsarismus. Der Präsident Simson, der schon lange nervös +geworden war, unterbrach mich und drohte, wenn ich so fortfahren würde, +sich vom Hause autorisieren zu lassen, daß er mir die Fortsetzung der +Rede untersage. (Lebhafte Zustimmung.) Dazu hatte er nach der +Geschäftsordnung keinen Funken Recht. Ich protestierte also gegen seine +Drohung und fuhr fort, auszuführen, daß wenn die mecklenburgische +Verfassung etwa ebenso schlecht sein sollte.... Abermalige Unterbrechung +durch den Präsidenten. Er habe die Grenzen der Redefreiheit weit +gezogen, aber gegen eine Verfassung, unter der wir lebten, so zu reden +wie ich, überschreite alle Grenzen. Er drohte abermals mit der +Wortentziehung. Ich protestierte aufs neue und berief mich darauf, daß +die Opposition — zu der damals auch Simson gehörte — in der preußischen +Konfliktszeit viel schärfer geredet habe als ich heute. Der Präsident +erwiderte, was damals geschehen sei, gehe ihn nichts an, was jetzt +gesagt werden dürfe, bestimme er. + +Abermaliger Protest von meiner Seite. Ich charakterisierte dann den +Humbug des Scheinkonstitutionalismus, was eine solche Verfassung für +einen Wert habe? Ich hätte keine Neigung, den paar Dutzend Verfassungen +in Deutschland, die nicht das Papier wert wären, auf dem sie geschrieben +ständen, noch eine neue hinzuzufügen. + +Der Präsident geriet abermals in Aufregung. Ob ich mit dieser +Charakterisierung auch die Reichsverfassung gemeint habe? Ich hätte +nicht nötig gehabt, auf diese Frage zu antworten, dennoch erklärte ich, +daß ich allerdings auch die Reichsverfassung mit darunter verstanden +habe. (Große Unruhe.) Darauf erbat sich der Präsident die Ermächtigung +vom Hause, mir das Wort zu entziehen. Die Mehrheit stimmte zu. + +Nach mir kam die Parlamentsanstandsdame, der Abgeordnete Lasker, zum +Worte. Ihm zufolge hatten wir im Reichstag und im Reiche das denkbar +höchste Maß von Rede- und Preßfreiheit. Das sei uns alles nicht genug, +wir wollten mit roher Gewalt alles durchsetzen und uns über die Gesetze +stellen. (Ich unterbrach den Redner durch Zurufe, der Präsident verwies +mich zur Ordnung.) Ich sollte nur nicht glauben, daß man eine Armee von +400000 Mann hielte, um meine Bestrebungen zurückzuweisen. Das würden die +Bürger allein besorgen. Er hatte hier hinzugefügt: indem sie uns mit +Knüppeln totschlügen. Diesen Satz hatte er nachher im Stenogramm +gestrichen. Der deutsche Bürger sei weit mutiger als der französische, +ich sei ein Phantast, zu glauben, daß wir unser Ziel erreichen könnten. + +Ich nahm am Schlusse der Sitzung zu einer persönlichen Bemerkung das +Wort, um darauf hinzuweisen, daß der Präsident die Beleidigung, ich sei +ein Phantast, nicht gerügt habe. Ich glaubte, der Abgeordnete Lasker sei +mehr Phantast als ich. Geprahlt hätte ich auch nicht, daß das deutsche +Volk hinter uns stehe. Ich wüßte, daß wir noch eine kleine Minderheit +seien, stünde das Volk hinter uns, dann säßen der Abgeordnete Lasker und +seine Freunde nicht in diesem Hause. (Große Heiterkeit.) Des weiteren +habe der Abgeordnete Lasker sich gegen meine Partei Denunziationen +erlaubt. Was er über die Kommune gesagt, darüber würde ich mich mit ihm +ein anderes Mal auseinandersetzen. Der Abgeordnete Wiggers hatte +ebenfalls gegen mich polemisiert. Mit meiner Ablehnung ihres Antrags +spräche ich mich für den bestehenden Zustand in Mecklenburg aus. Ich +antwortete, das sei ein Irrtum, er habe überhört, daß ich mich für die +Annexion von Mecklenburg an Preußen ausgesprochen habe, da sei doch ihm +und seinen Mecklenburger Parteigenossen auf einmal geholfen. +(Heiterkeit.) + +Am folgenden Tage nahm ich vor Eintritt in die Tagesordnung zu einer +Erklärung das Wort. Das Haus habe mir gestern auf Verlangen des +Präsidenten im Namen der Ordnung das Wort entzogen. Das Haus habe aber +selbst die Ordnung aufs schwerste verletzt. Ich wies dieses an dem +Wortlaut der Geschäftsordnung nach. Mir hätte nur das Wort entzogen +werden können, nachdem der Präsident mich ausdrücklich zweimal zur +Ordnung gerufen habe. Das sei nicht geschehen. Die vorgekommenen +Unterbrechungen meiner Rede durch den Präsidenten seien keine +Ordnungsrufe gewesen. Er hätte mir deutlich sagen müssen: Ich rufe Sie +zur Ordnung! Nachdem der Präsident die vorgeschriebene Regel nicht +beobachtet habe, sei auch der Beschluß des Hauses vollständig +unberechtigt und deshalb nichtig. + +Den Präsidenten brachte mein Einspruch aus dem Gleichgewicht, er wußte +genau, daß er und das Haus ein Unrecht an mir begangen hatten. Er +spitzte jetzt die Frage darauf zu, ob er bei einem Ordnungsruf die +Formel gebrauchen müsse: Ich rufe den Redner zur Ordnung. Er sei nicht +dieser Meinung; sei ich anderer Ansicht, so wolle er den Fall der +Geschäftsordnungskommission überweisen. + +Darauf erklärte ich, daß ich meine Auffassung über das Verfahren des +Präsidenten und des Hauses aufrechterhalten müsse. Es läge kein +Ordnungsruf vor, da eine bloße Unterbrechung des Redners durch den +Präsidenten nie als Ordnungsruf gegolten habe. Er möchte die Frage der +Geschäftsordnungskommission überweisen. Dazu erklärte sich Simson +bereit. + +Diese Vorgänge hatten großes Aufsehen hervorgerufen und fast die gesamte +Presse trat auf meine Seite. Der Präsident und der Reichstag hätten mir +unrecht getan. Der Reichstag werde nervös und verliere die sachliche +Urteilsfähigkeit, sobald ich spräche, äußerte ein liberales Blatt. Die +„Elberfelder Zeitung“ hatte einige Tage vorher geschrieben: Der +Vertretungskörper des deutschen Volks habe bei all seinen Vorzügen doch +die Schwäche, den fremden Tropfen Blut in seinen Adern mit allzu wenig +Geduld zu ertragen. Man solle die Spektakelsucht einzelner +Reichstagsmitglieder durch die engsten gesetzlichen Schranken eindämmen, +aber über die Grenzlinie des gesetzlich Erlaubten soll man nicht ein +Haar breit gehen.... Am Mittwoch seien aber die gesetzlichen Formen ohne +allen Zweifel vom Präsidenten und vom Hause selbst verletzt worden, und +auch heute sei Lasker im Unrecht gewesen. + +Als dann der stenographische Bericht über die Sitzung vom 8. November +vorlag, nahm ich abermals vor der Tagesordnung das Wort. Der Abgeordnete +Lasker wollte laut stenographischem Bericht in jener Sitzung gesagt +haben, so würde der redliche und besitzende Bürger mit eigener Macht +sie (uns) niederschlagen. Diese Stelle sei eine Fälschung der Rede; er +habe gesagt: _mit Knüppeln sie totschlagen._ Er, Lasker, werde sich zwar +sehr hüten, an die Spitze der redlichen Bürger, mit einem Knüppel +bewaffnet, sich zu stellen, aber die Aeußerung sei gerade für ihn +interessant, der sich mir gegenüber stets, und auch wieder in der +erwähnten Sitzung, als Vertreter von Anstand und Sitte hingestellt und +im Namen der Zivilisation gegen mich gesprochen habe. Da der +Vizepräsident, der Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst — der spätere +Reichskanzler —, mich unterbrach und mich nicht weiterreden lassen +wollte, kam ich auch mit diesem in Konflikt. + +Lasker nahm alsdann das Wort, um in einer Rede voll sittlicher +Entrüstung mich als Ausbund alles Schlechten hinzustellen, gab aber zu, +daß es ihm darum zu tun gewesen sei, seine Worte abzuschwächen. Ich +antwortete, es komme nicht darauf an, was er (Lasker) habe sagen +_wollen,_ sondern was er gesagt _habe,_ und das müsse unter allen +Umständen in den stenographischen Bericht. Ich wandte mich dann gegen +seine Ausführungen über die Kommune, auf die er wieder zu sprechen +gekommen war. Ich verteidigte die Kommune und wies darauf hin, daß jetzt +selbst die liberale Presse eine ganze Reihe angeblicher Schandtaten habe +richtig stellen müssen, deren sie vorher die Kommune beschuldigt habe. +Das Haus wurde wieder nervös, man unterbrach mich und gebrauchte die +stärksten Schimpfworte gegen mich, ohne daß der Präsident ein Wort des +Tadels hatte. + +Am 22. November war endlich der große Tag, an dem die Streitfrage +zwischen dem Präsidenten und mir ihre Erledigung finden sollte. Die +Geschäftsordnungskommission hatte sich ihre Aufgabe sehr leicht gemacht. +Der Präsident hatte ihr die Frage unterbreitet, ob er bei einem +Ordnungsruf sagen müsse: ich rufe den Redner zur Ordnung. Der Präsident +hatte auch mich für diese Formel einfangen wollen, indem er mir seinen +Antrag zur Mitunterschrift unterbreiten ließ. Ich verweigerte die +Unterschrift. Die Fragestellung war eine total falsche und ebenso die +Antwort der Kommission, denn der Präsident brauchte nicht gerade die +erwähnte Formel zu gebrauchen, um einen Redner zur Ordnung zu rufen. +Das Mitglied der Fortschrittspartei Klotz-Berlin war Berichterstatter +der Kommission. Gegen die grundfalsche Stellung derselben nahm zunächst +der Zentrumsabgeordnete Greil-Passau das Wort und stellte sich auf meine +Seite. Nach ihm kam der sächsische Generalstaatsanwalt Dr. v. Schwarze +und verteidigte den Beschluß der Kommission. Alsdann kam ich zum Wort. +Ich zerpflückte unbarmherzig den Kommissionsbeschluß. Ich hätte nicht +behauptet, der Präsident müsse unter allen Umständen bei einem +Ordnungsruf die Worte gebrauchen: Ich rufe den Redner zur Ordnung! Er +könne auch sagen: Ich sehe mich genötigt, den Abgeordneten Soundso zur +Ordnung zu rufen! Und so gebe es noch viele Formen. Entscheidend sei, +_daß der Redner und das Haus wisse,_ daß der Ordnungsruf erteilt wurde. +Das sei bei mir nicht der Fall gewesen. Dann zitierte ich aus einer Rede +Simsons vom 10. Februar 1866. Er habe damals geäußert: daß die Freiheit +der Rede gemißbraucht werden könne und häufig gemißbraucht werde, _daß +vielleicht nicht viele unter uns seien, die sich von einem solchen +Vorwurf freisprechen könnten — was ändere das?_ Habe nicht Niebuhr die +Wahrheit ausgesprochen: _Was nicht gemißbraucht werden kann, das taugt +nichts?_ Simson habe in jener Rede die Regierung also angeklagt: _Die +Regierung sei schlechterdings unverträglich mit allem, was der Freiheit +auch nur entfernt ähnlich sehe; sie könnte nicht mit einer freien Presse +regieren; sie könnte nicht regieren ohne Einfluß auf die Zusammensetzung +der Gerichte und sollte dadurch das Ansehen der Justiz im Lande +untergraben werden; sie könnte nicht regieren ohne Beeinflussung der +Wahlen und sollte das Wahlresultat das Gegenteil von dem sein, was im +Volke an Ueberzeugungen lebe; sie könnte nicht regieren mit einer freien +Kommunalverwaltung; sie könnte schließlich nicht regieren mit einem +Hause, in dem durch den Artikel 84 die Redefreiheit walte!_ + +Ich fragte, wie der Präsident sein Verhalten mir gegenüber mit seiner +Rede vom 10. Februar 1866 in Einklang bringen wolle. Bismarck habe +einmal geäußert: Man muß den Parlamentarismus durch den Parlamentarismus +tot machen. Das Haus sei auf dem besten Wege, durch sein Verhalten mir +gegenüber dieses Wort wahr zu machen. Nach mir kam der Diplomat +Windthorst zum Wort, der einen seiner berühmten Eiertänze aufführte. Die +Geschäftsordnung sei angeblich nicht klar genug; schließlich beantragte +er die Zurückweisung der Angelegenheit an die Kommission, um die +betreffenden Vorschriften einer Revision zu unterziehen. Er schloß: Ich +stimme weder für noch gegen Simson, noch für oder gegen Bebel. Auch die +Redner der Fortschrittspartei, Freiherr v. Hoverbeck und Franz Duncker, +waren weder warm noch kalt. Duncker sprach sich für den Windthorstschen +Antrag aus, Hoverbeck dagegen; er glaubte nichts Besseres tun zu können, +als Steine auf mich zu werfen. Der Antrag Windthorst wurde schließlich +angenommen. Der alte Ziegler war tief ergrimmt über das Schauspiel, das +der Reichstag und speziell seine Partei bot. Sobald der Beschluß gefaßt +worden war, kam Ziegler bebend vor Zorn zu mir an meinen Platz und +sagte: _„Hören Sie, Bebel, wir sind allesamt Sch——, bekommen Sie die +Gewalt in die Hand, so hängen Sie uns samt und sonders an die Laterne.“_ +Ich versprach ihm mit lachendem Munde, gegebenen Falles seinen +freundlichen Rat zu befolgen. Den Beschluß des Reichstags faßte Simson +als ein Mißtrauensvotum auf. Er legte das Präsidium nieder. Natürlich +wurde er wiedergewählt. + +Diese Vorgänge wie überhaupt mein Verhalten in den letzten drei +Sessionen hatten mir eine große Popularität in den Arbeiter- und den +demokratischen Bürgerkreisen verschafft. Letztere gab es damals noch. Es +war zum Beispiel in Berlin eine ziemlich starke Gruppe meist gut +gestellter Bürger, die in Johann Jacoby ihr Ideal sahen und mit uns +sympathisierten. Sie gruppierten sich um Dr. Guido Weiß, den Redakteur +der von ihm vorzüglich geleiteten „Zukunft“, eines großen demokratischen +Tageblatts, das die vermögenden Jakobyten — wie wir die speziellen +Anhänger Jacobys kurz nannten — im Jahre 1867 gegründet hatten, aber +wegen zu großer Opfer, die das Blatt erforderte, im Frühjahr 1871 +eingehen lassen mußten. Zugehörige dieser Gruppe waren William +Spindler, der Sohn des Gründers des großen Färbereigeschäfts W. +Spindler, van der Leeden, Dr. G. Friedländer, Morten Levy, Dr. +Meierstein, Boas, Dr. Stephani, später Chefredakteur der „Vossischen +Zeitung“, und andere. Auch der damals noch sehr junge Franz Mehring, den +ich durch Robert Schweichel hatte kennen gelernt, gehörte zu diesem +Kreis. Blieben Liebknecht und ich über Sonntag in Berlin, so trafen wir +in der Regel mit mehreren der Genannten, unter denen sich auch öfter +Paul Singer befand, in einer Weinstube zusammen. Nach stillschweigender +Uebereinkunft tranken alle einen billigen Moselwein, sogenannten +Kutscher, den Schoppen zu 50 Pfennig. Nachher ging es nicht selten noch +in ein Bierhaus. Meine Leistung im Trinken war allezeit eine minimale, +aber Schweichel, Liebknecht, Guido Weiß, Mehring waren trinkfeste +Mannen. Mehr als einmal gingen wir, doch stets aufrechten Hauptes, nach +Hause, als schon die Sonne hell leuchtend am Himmel stand. + +Eine Folge meiner Popularität war, daß ich hofiert und fetiert wurde und +öfter Einladungen zu solennen Mittag- oder Abendessen bei Familien der +Bekannten erhielt. Aber ich war kein großer Freund solcher Einladungen +und ging ihnen so viel als möglich aus dem Wege. So schrieb ich unter +dem 19. November 1871 an meine Frau: + + „Für heute Sonntag habe ich mir alle Einladungen vom Halse geschafft, + indem ich rund heraus erklärte, ich sei schon eingeladen, obgleich es + nicht wahr war. Man ist froh, ein paar Stunden wieder Mensch sein zu + können, indem man sich selbst angehört.... Uebrigens hoffe ich, hier + bald loskommen zu können, ich habe das Leben hier sehr satt und sehne + mich zu Euch und nach meiner Häuslichkeit.... Wenn vom Essen und + Trinken das menschliche Glück abhinge, müßte ich hier sehr glücklich + sein, aber ich bin es nicht.“ — + +Die Vorgänge im Reichstag schlugen noch längere Zeit in der Presse ihre +Wellen. So veröffentlichte die „Augsburger Allgemeine Zeitung“ +Uebersichten über die Verhandlungen, in denen es in bezug auf meine +Stellung zum Antrag Büsing sehr wohlwollend hieß: + + „Bebel gab wieder Proben seines glänzenden Rednertalents und davon, + daß er ein ganzer Mann ist. Schon weil es wenig bekannt ist, verdient + hervorgehoben zu werden, daß der junge Drechslermeister von Leipzig + sich, obgleich er völlig allein steht, und seine weitgehenden + Ansichten fast einstimmig verdammt und bedauert werden, im Reichstag + eine ganz exzeptionelle Stellung, und bei der Mehrzahl, namentlich + auch bei den Hochkonservativen, achtungsvolle Anerkennung erworben + hat, welche dadurch, daß er seine Mußestunden in Berlin dazu benutzt, + durch Arbeit bei einem Handwerksgenossen den Unterhalt für seine + Familie zu verdienen, nur vermehrt und durch die teilweise ungerechten + Angriffe Laskers nicht beeinträchtigt werden konnte. Bebel bietet + zugleich ein Beispiel der wunderbaren Fügungen der Vorsehung. Wäre er + nicht als Knabe überaus schwächlich gewesen, so würde er als Sohn + eines preußischen Unteroffiziers unzweifelhaft in einem preußischen + Militärwaisenhause erzogen worden und jetzt voraussichtlich + wohldisziplinierter Wachtmeister sein. Nun aber erhielt er seine + Erziehung durch die Wincklersche Stiftung in Wetzlar, und seine + angeborene Begabung und eigener Fleiß machten ihn zum Führer einer, + trotz ihrer beschränkten Zahl nicht ungefährlichen Volkspartei und zu + einem hervorragenden Redner im deutschen Parlament.“ + +Es war selbstverständlich eine _Legende,_ wenn der Berichterstatter mich +in Berlin bei einem Handwerksgenossen den Unterhalt für meine Familie +verdienen ließ. Das war denn doch ein Ding der Unmöglichkeit. Aber diese +Legende machte Schule; ich begegnete ihr eine Reihe Jahre später wieder +in einem Buche über die Sozialdemokratie. So wird oft Geschichte +gemacht. Ich erhielt später noch ähnliche Proben. + + * * * * * + +In der Partei ging in dieser Periode die Entwicklung ganz nach Wunsch. +Die gegen die Partei inszenierten Verfolgungen, die schon kräftig +eingesetzt hatten, schadeten ihr nicht, sie nützten ihr. Für jeden, der +im Kampfe unfähig gemacht wurde, traten drei andere an seine Stelle. Zu +den Wundern jener Zeit muß es gerechnet werden, daß die Leipziger +Kreishauptmannschaft die Ausweisung Mosts durch die Leipziger Polizei +aufhob, weil die Begründung für diese Maßregel nicht genüge. Keine +angenehme Sache war es für mich, in den Versammlungen, die ich während +meiner Anwesenheit in Berlin abhielt, in der Regel mich mit einer Anzahl +Agitatoren des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins herumzuschlagen. +Das Verhältnis zwischen uns war trotz des Rücktritts Schweitzers vom +Präsidium unter dessen Nachfolger Hasenclever nicht besser geworden. +Namentlich schlug Hasselmann im „Neuen Sozialdemokrat“ einen sehr rohen +Ton an. Als ich im November im Streikverein der Sattler einen Vortrag +hielt, wobei ich zum erstenmal Ignaz Auer kennen lernte, trat unter +Führung Hasselmanns eine ganze Kolonne Redner gegen mich auf, um mich +moralisch zu vernichten. Der Versuch bekam ihnen übel. Als ich dann nach +Schluß der Versammlung mehreren meiner Gegner im Privatgespräch Vorwürfe +machte wegen ihrer perfiden Kampfweise, gaben zwei derselben, Zielowsky +und Finn, wie aus einem Munde zur Antwort: _Sie müßten uns bekämpfen; +denn werde heute eine Einigung der Sozialdemokratie hergestellt, +schreite morgen die Regierung mit aller Macht ein, um die Partei zu +unterdrücken!_ Die beiden waren ahnungsvolle Engel, denn so ungefähr kam +es nachher, als die Einigung verwirklicht wurde. Hasenclever gefiel sich +anfangs als Präsident auch in der Pose Schweitzers. So ließ er sich in +Altona in einer mit zwei Schimmeln bespannten Kutsche eine Ovation +bringen. Er fand aber bald, daß er kein Schweitzer war und zu einer +solchen Rolle nicht paßte. + +Im Dezember löste der Polizeidirektor Rüder den sozialdemokratischen +Arbeiterverein in Leipzig wegen Verletzung des Verbindungsverbots auf. +Das Verbot fand anderwärts Nachahmung. Um dieselbe Zeit veröffentlichten +unsere Nürnberger Parteigenossen unter Führung Anton Memmingers einen +Aufruf zur Unterstützung des Philosophen _Feuerbach_, der in großer +Notlage in der Nähe Nürnbergs lebte. Memminger, der infolge lokaler +Streitigkeiten in Nürnberg unmöglich wurde, ist später ganz nach rechts +marschiert; er wurde eine Leuchte des bayerischen Bauernbundes und einer +seiner fanatischsten und geschicktesten Vertreter in der Presse und im +bayerischen Landtag. — + +In Sachsen hatten die polizeilichen und gerichtlichen Verfolgungen, die +mit der Gründung bes Deutschen Reiches eine nie vorher gekannte Schärfe +erlangte, eine ganz vortreffliche Stimmung in der Partei hervorgerufen. +Als wir am 9. Januar 1872 in Chemnitz in einer Landesversammlung +zusammentraten, musterten wir 120 Delegierte. Das ganze Land war bis in +die letzten Bezirke vertreten. Ich führte den Vorsitz, Most war +Schriftführer. Beschlossen wurde, für eine gründliche Umgestaltung des +Vereins- und Versammlungsrechtes zu wirken; das allgemeine, gleiche, +direkte und geheime Wahlrecht solle für die Landtags- und Gemeindewahlen +gefordert werden; die Armenunterstützung solle reichsgesetzlich geordnet +und die Kosten durch eine progressive Einkommensteuer aufgebracht +werden. Den gemaßregelten Vereinen und Gewerkschaften wurde empfohlen, +ihre Beschwerden bis in die letzte Instanz zu verfolgen und, falls diese +resultatlos seien, Lokalvereine zu gründen. Ferner wurde die Aufhebung +der Dienstbotenordnung verlangt und den Parteigenossen, die mit +religiösen Ueberzeugungen gebrochen hätten, der Austritt aus der +Landeskirche empfohlen. — + +Am 1. Februar 1872 trat Vahlteich seine Festungshaft in Hubertusburg an; +später folgte ihm Karl Hirsch. Mittlerweile wurden aber auch die übrigen +Gefängnisse mit verurteilten Sozialdemokraten besetzt. Einzelne Genossen +waren mit sehr harten Gefängnisstrafen bedacht worden. + + + + +Der Leipziger Hochverratsprozeß. + + +Bei der Eröffnungsfeier des ersten deutschen Reichstags am 23. März 1871 +im sogenannten Weißen Saale des königlichen Schlosses zu Berlin trat +Fürst Bismarck an den Abgeordneten v. Schwarze heran mit den Worten: +„Nun, Herr Generalstaatsanwalt, was wird denn aus dem Prozeß Bebel und +Genossen?“ Der Angeredete zuckte die Achseln und erwiderte: „Gar nichts +wird.“, worauf Bismarck unwillig antwortete: „Dann hätte man die Leute +auch nicht einstecken sollen; jetzt fällt das Odium des Prozesses auf +uns.“ Wenige Augenblicke nach jenem Vorgang wandte sich der sächsische +Finanzminister v. Friesen, der die Unterhaltung zwischen Bismarck und +Schwarze angehört hatte, an den Abgeordneten Professor Birnbaum, +Vertreter für Leipzig-Land, mit den Worten: „Da hat unser Schwarze eine +große Dummheit gemacht!“ + +Herr v. Schwarze hatte aber keine Dummheit gemacht, er hatte nur gesagt, +was er als Jurist nach genauer Kenntnis des Inhaltes der Akten sagen +mußte. Schwarze hielt ebenso wie unser Untersuchungsrichter eine +Verurteilung für unmöglich, und Bismarck hatte ganz vergessen, daß +unsere Verhaftung am 17. Dezember 1870 nicht erfolgt war, weil man +irgendwelche Beweise für unsere angebliche Vorbereitung zum Hochverrat +hatte, sondern weil man die Tatsache der Beschlagnahme unserer Briefe +bei dem Braunschweiger Ausschuß benutzen wollte, uns hinter Schloß und +Riegel zu bringen. Uns war sogar mitgeteilt worden, daß Bismarck selbst +vom Hauptquartier aus die Anregung zu unserer Verhaftung gegeben habe. + +Die Frühjahrssession des Leipziger Schwurgerichtes war für unsere +Aburteilung bestimmt worden. Der Prozeß sollte Montag den 11. März +seinen Anfang nehmen. Die Aufregung in Leipzig war groß. Seitens der +Behörden rechnete man mit Unruhen. Das veranlaßte uns, an der Spitze des +„Volksstaat“ vom 6. und 9. März folgende Aufforderung zu +veröffentlichen: + + „_An unsere Parteigenossen!_ + + Wie Ihr wißt, beginnen Montag den 11. März die + Schwurgerichtsverhandlungen in dem Hochverratsprozeß gegen uns. Viele + von Euch werden denselben beiwohnen wollen. Dies veranlaßt uns, die + dringende Aufforderung an Euch zu richten, weder durch Zeichen des + Beifalls noch des Mißfallens die Verhandlungen zu unterbrechen. + Geschehe was da wolle, verhaltet Euch ruhig. Mag unsere Gegnerschaft + durch bübische Hetzartikel oder durch bezahlte Agents provocateurs + Euch zu reizen suchen, macht diese perfiden Machinationen zuschanden. + Die Abrechnung wird nicht ausbleiben. + + Leipzig, den 3. März 1872. + + Bebel, Liebknecht, Hepner.“ + +Diese Mahnung war nicht überflüssig. In der Furcht, es werde unsere +Verurteilung mißlingen, hielten es die Brockhaussche „Deutsche +Allgemeine Zeitung“, das „Leipziger Tageblatt“ und die von Dr. Hans Blum +redigierten „Grenzboten“ für ihre vornehmste Aufgabe, durch Hetzartikel, +die man den Geschworenen zustellte, diese gegen uns einzunehmen. Ebenso +wurde in den verschiedensten Formen persönlich auf diese eingewirkt. + +Es kann nicht meine Aufgabe sein, den Verlauf des Prozesses, der +vierzehn Verhandlungstage in Anspruch nahm, in seinen Einzelheiten +darzulegen. Das Anklagematerial bildete unsere gesamte agitatorische +Tätigkeit in Vereinen, Versammlungen, Artikeln und Broschüren nebst +einer Anzahl Briefe, die bei dem Braunschweiger Ausschuß gefunden worden +waren. Außerdem wurde aber auch fast die ganze bis dahin in deutscher +Sprache erschienene sozialistische Broschürenliteratur als belastend +herangezogen, auch wenn wir an deren Verfasserschaft und Verbreitung gar +nicht beteiligt waren, wie zum Beispiel bei dem Kommunistischen +Manifest. Auch eine Broschüre des bürgerlichen Republikaners Karl +Heinzen, betitelt: „Ein europäischer Soldat an seine Kameraden“, mußte +als Belastungsmaterial dienen, obgleich bis zur Prozeßverhandlung keiner +von uns von der Existenz der Broschüre etwas wußte. Dieselbe war im +Archiv des Parteiausschusses in einem Exemplar gefunden worden. Das +Belastungsmaterial ließ also an _Quantität_ nichts zu wünschen übrig, um +so schlimmer stand es mit der _Qualität,_ wie wir das wiederholt während +der Verhandlungen hervorhoben. + +Unsere Reichstagsreden konnten auf Grund der Verfassung nicht unter +Anklage gestellt werden, es sorgte aber die Leipziger liberale Presse +dafür, daß die schärfsten Stellen aus denselben den Geschworenen bekannt +wurden. + +Als Belastungszeugen hatte die Staatsanwaltschaft eine Anzahl Herren aus +Plauen im Vogtland geladen, die in den beiden Versammlungen anwesend +gewesen waren, die ich Frühjahr 1870 dort gegen Dr. Max Hirsch +abgehalten hatte. Der Inhalt jener Reden, die damals wegen Inkrafttreten +des deutschen Strafgesetzbuchs nicht mehr verfolgt werden konnten, und +ebenso die Liebknechtsche Rede „Ueber die politische Stellung der +Sozialdemokratie“, wegen deren er 1869 in Berlin _in contumaciam_ zu +mehreren Monaten Gefängnis verurteilt worden war, wurden jetzt ebenfalls +als Material für den Hochverratsprozeß verwendet. Die Belastungszeugen +waren der Obergendarm aus Plauen, der meine Versammlungen überwacht +hatte, ferner der Vorsitzende einer derselben, Rechtsanwalt Kirbach, ein +Redakteur, ein Oberlehrer und der Einberufer der Versammlungen. Als +Entlastungszeugen hatten wir Bracke und Spier laden lassen, die alsdann +dem Prozeß bis zu seinem Schlußakt beiwohnten. + +Präsident des Schwurgerichts war ein Herr v. Mücke, +Bezirksgerichtsdirektor in Bautzen. Herr v. Mücke war im Gegensatz zu +seinem Namen ein herkulisch gebauter Mann, der Hände wie ein Fleischer +und eine so niedere Stirne besaß, daß man sich erstaunt fragte, wo in +jenem Kopf das Gehirn sitze. Offenbar hatte der Justizminister Abeken +sich als Präsident des Schwurgerichts den beschränktesten Kopf +ausgesucht, den es unter den Gerichtsdirektoren in Sachsen gab. Will man +in einem politischen Prozeß um jeden Preis eine Verurteilung +herbeiführen, so empfiehlt sich, als Leiter eines solchen entweder einen +gewissenlosen Streber — ein solcher scheint zu jener Zeit in Sachsen +nicht vorhanden gewesen zu sein — oder einen beschränkten Kopf +auszuwählen, der sich leicht beeinflussen läßt. Herr v. Mücke war seiner +Aufgabe in keiner Weise gewachsen, weder beherrschte er das sehr +umfängliche Aktenmaterial, noch besaß er das Maß von Unparteilichkeit +und Ruhe, das erste Voraussetzung für den Leiter einer solchen +Verhandlung ist. Auch war ihm bis dahin offenbar der Sozialismus ein mit +sieben Siegeln verschlossenes Buch. Es stimmte oft sehr heiter und +blamierte ihn gründlich, wenn er über unsere Ausführungen ganz aufgeregt +wurde, Sinn und Tragweite derselben nicht verstehen konnte und dann in +die Rolle fiel, uns widerlegen zu wollen, wozu er ganz und gar unfähig +war und auch kein Recht hatte. Man konnte ihn naiv bis zur +Bewußtlosigkeit nennen. + +Unsere Verteidigung hatten die Rechtsanwälte Otto und Bernhard Freytag +übernommen, die bei ihnen in den besten Händen lag. Beide machten durch +ihre Kreuz- und Querfragen dem Präsidenten, der diese Fragen oft nicht +verstand oder ihre Tragweite nicht übersah, das Leben sauer. + +Unter den Geschworenen waren sechs Kaufleute, davon drei aus Leipzig, +ein Rittergutsbesitzer, ein Oberförster und einige Gutsbesitzer. Die +Verhandlungen waren für Leipzig eine Sensation. Tag für Tag war der +geräumige Verhandlungssaal überfüllt mit Zuhörern aus allen Ständen. +Mehrere Male waren auch der Justizminister und der Generalstaatsanwalt +anwesend. Und da alle größeren Blätter Deutschlands ausführliche +Berichte brachten und ihre Leser jetzt zum erstenmal zu hören bekamen, +was der Sozialismus sei und was die Sozialisten erstrebten — soweit dies +bei Zeitungsberichten möglich ist —, wirkten die Verhandlungen eminent +agitatorisch. Dafür sorgten natürlich auch wir durch unsere Haltung, +namentlich Liebknecht, der der eigentliche Führer des Prozesses wurde. +An allerlei kleinen dramatischen Szenen fehlte es auch nicht. So wenn +der Präsident durch ungeschickte Fragen und Bemerkungen von Liebknecht +gehörig auf den Sand gesetzt wurde, oder ich bei der Frage, was ich zu +dem Kommunistischen Manifest zu sagen habe, antwortete: ich sei damals, +als dasselbe erschienen sei, kaum acht Jahre alt gewesen, oder Hepner +wiederholt antworten mußte: er sei überhaupt noch nicht geboren gewesen, +als dieses oder jenes Aktenstück erschien. + +Die Beeinflussung der Geschworenen wurde Tag für Tag von unseren Gegnern +dadurch versucht, daß sie dieselben in der Restauration aufsuchten, in +der die meisten von ihnen allabendlich zusammenkamen. Alsdann wurden die +Vorgänge des Tages besprochen und entsprechend auszunutzen versucht. So +äußerte zum Beispiel eines Abends ein Appellationsgerichtsrat Müller: +„Denken Sie sich, meine Herren, mir träumte verflossene Nacht, Bebel sei +freigesprochen worden, da habe ich mich aber geärgert.“ Er schien +anzunehmen, man wolle nur Liebknecht verurteilen. Für die Qualität +einzelner Geschworener war auch folgender Vorgang bezeichnend: Eines +Tages trifft einer unserer Rechtsanwälte einen der Geschworenen auf der +Straße und fragt ihn, ob er sich wohl ein klares Bild von dem Inhalt +der vorgetragenen Aktenstücke machen könne? Worauf dieser antwortete: +„Herr Advokat, offen gesagt, wenn ich nicht zeitweilig eine Prise nähm', +schlief' ich ein.“ Nun wurden wir schließlich mit acht gegen vier +Stimmen verurteilt, mehr als sieben Stimmen verlangte das Gesetz für +einen Schuldigspruch, und es war die Stimme dieses Herrn, die das +Schuldig bewirkte. + +Am dreizehnten Verhandlungstag begannen unter enormem Zudrang des +Publikums die Plädoyers, nachdem die Fragen für die Geschworenen +formuliert worden waren. Der öffentliche Ankläger schloß seine Rede mit +den Worten: Wenn Sie die beiden Angeklagten nicht verurteilen — von +Hepner sprach er nicht, er gab ihn preis —, dann sanktionieren Sie für +immer den Hochverrat! + +Zunächst antwortete Rechtsanwalt Otto Freytag, der damit begann, zu +erklären, er habe trotz einer dreiviertelstündigen Pause, die zwischen +der Anklagerede des Staatsanwaltes und seiner Rede lag, sich noch immer +nicht von dem Erstaunen erholt, das bei ihm die Begründung der Anklage +hervorgerufen habe. Nach einer mehrstündigen vorzüglichen Rede, in der +er die Anklage gründlich zerzauste, beantragte er unsere Freisprechung. +Am nächsten Morgen nahm Rechtsanwalt Bernhard Freytag das Wort. Auch er +blieb an oratorischer und juristischer Gewandtheit nicht hinter seinem +Bruder zurück. Nach zirka drei Stunden schloß er mit den Worten an die +Geschworenen: Bejahen Sie die Fragen, so schaffen und sanktionieren Sie +in Sachsen einen rechtlosen Zustand. Wegen dieser Worte kam es zwischen +ihm und dem Präsidenten zu einer heftigen Auseinandersetzung. Der +Präsident hatte diese Worte gerügt. + +Nach dem Schlußwort des Staatsanwaltes nahm noch einmal Otto Freytag das +Wort, dagegen erklärte sein Bruder, daß, nachdem der Staatsanwalt auf +seine Frage: worin „das bestimmte Unternehmen“ bestehe, dessen er uns +anklage, nicht geantwortet habe, er bei der eigentümlichen Disziplin, +die in diesem Saale herrsche, auf weitere Auseinandersetzungen +verzichte. Eine Erklärung, der wir uns anschlossen. So ging die +Verhandlung einen Tag früher zu Ende, als erwartet worden war. Bei der +„Rechtsbelehrung“ der Geschworenen durch den Präsidenten kam es +abermals zwischen diesem und unseren Verteidigern zu lebhaften +Auseinandersetzungen; sie wollten die „Rechtsbelehrung“ desselben, weil +von falschen Voraussetzungen ausgehend, nicht gelten lassen. Beide +meldeten schon im voraus die Nichtigkeitsbeschwerde an. + +Nach mehr als zweieinhalbstündiger Beratung verkündeten die +Geschworenen, daß sie Liebknecht und mich der Vorbereitung zum +Hochverrat schuldig befunden, Hepner freigesprochen hätten. Der +Staatsanwalt beantragte hierauf gegen uns eine Höchststrafe von zwei +Jahren Festung, weil die Vorbereitungshandlungen noch entfernte gewesen +seien, gegen Hepner beantragte er Freisprechung. Der Gerichtshof +erkannte demgemäß gegen Liebknecht und mich unter Anrechnung von zwei +Monaten Untersuchungshaft. + +Unsere Parteigenossen waren über das Urteil höchst aufgebracht. Mich +packte der Galgenhumor: „Wißt ihr was“, äußerte ich zu den Verteidigern +und Mitangeklagten nach Schluß der Verhandlung, „wir gehen heute abend +dem Urteil zum Trotz in Auerbachs Keller (berühmt geworden durch die +Kellerszene in Goethes Faust) und trinken eine Flasche Wein.“ „Das tun +wir“, erklärte Otto Freytag, „und wir (er und sein Bruder) bezahlen die +Zeche.“ + +Unsere Frauen, die uns mit lautem Weinen empfingen, waren freilich von +diesem Vorschlag sehr wenig erbaut. Es sei eine Frivolität, dergleichen +zu tun, wir seien schreckliche Männer. Aber sie waren tapfer und gingen +schließlich mit. Auch Bracke mit seiner jungen, liebenswürdigen Frau, +die ihn nach Leipzig begleitet hatte, und Spier waren bei der Partie. +Meine Frau war noch vor der Verurteilung durch unseren Hausarzt in etwas +eigentümlicher Weise getröstet worden. „Frau Bebel“, hatte er zu ihr +gesagt, „wird Ihr Mann zu einem Jahre Festung verurteilt, so seien Sie +froh, er braucht sehr dringend Ruhe.“ + +Am 27. März, dem Tage, an dem wir die Entscheidungsgründe des +Gerichtshofs erhalten hatten, erließen Liebknecht und ich im +„Volksstaat“ eine kurze Ansprache „An die Parteigenossen“, in der wir +sie aufforderten, tapfer zur Sache zu stehen und namentlich für die +Verbreitung des „Volksstaat“ zu sorgen, der jetzt 5500 Abonnenten hatte. +An demselben Tage veröffentlichten wir eine zweite Erklärung im +„Volksstaat“ „Zu unserer Verurteilung“, in der es hieß: + + „Der Wahrspruch der Herren Geschworenen ist _nicht wahr_. Was wir + gewollt und getan, haben wir ohne Hehl bekannt; ein hochverräterisches + Unternehmen im Sinne des Strafgesetzbuchs haben wir _nicht + vorbereitet_. Wenn wir schuldig sind, ist jede Partei schuldig, die + nicht gerade am Ruder ist. Indem man uns verurteilt, ächtet man die + freie Meinungsäußerung. + + Durch Ihren Wahrspruch, meine Herren Geschworenen, haben Sie im Namen + der besitzenden Klasse die Gewalttat von Lötzen sanktioniert und der + Reaktion einen Freibrief in blanco ausgestellt. Uns persönlich ist das + Resultat gleichgültig. Dieser Prozeß hat so unendlich viel für die + Verbreitung unserer Prinzipien gewirkt, daß wir gern die paar Jahre + Gefängnis hinnehmen, die — falls Rechtskraft eintritt — über uns + verhängt werden können. _Die Sozialdemokratie steht über dem Bereich + eines Schwurgerichtes_. Unsere Partei wird leben, wachsen und siegen. + Wohl aber haben Sie, meine Herren Geschworenen, durch Ihr Verdikt das + Todesurteil gefällt über das Institut der heutigen Schwurgerichte, + die, ausschließlich aus der besitzenden Klasse gebildet, nichts sind + als Mittel der Klassenherrschaft und Klassenunterdrückung.“ + +Die ganze demokratische und linksliberale Presse, die damals noch +Bedeutung hatte, stand auf unserer Seite, mit Ausnahme der „Berliner +Volkszeitung“. Diese folgerte: Das Schwurgericht ist Volkesstimme, +Volkesstimme ist Gottesstimme, ergo, ... Auch der frühere +Appellationsgerichtspräsident Temme, einer der aufrechtesten Männer, die +der preußische Richterstand je gehabt hat, der aber der Reaktion im +Anfang der fünfziger Jahre zum Opfer gefallen war, veröffentlichte in +einem Wiener Blatte einen scharfen Artikel wegen unserer Verurteilung. +Ich hatte das Glück, Temme noch kurz vor seinem Ableben 1882 in Zürich +kennen zu lernen, wohin er sich zurückgezogen hatte; er war eine äußerst +sympathische Persönlichkeit. + +Herr v. Mücke und der Staatsanwalt Hoffmann wurden für +ihre staatsretterische Tätigkeit durch Orden belohnt. +Der Generalstaatsanwalt v. Schwarze, der bei der Anklage +Geburtshelferdienste geleistet hatte, war schon zuvor belohnt worden. +Als Antwort auf das Urteil erklärte Johann Jacoby am 2. April seinen +Beitritt zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Dem Vorgehen desselben +schloß sich der Berliner Demokratische Verein — nicht zu verwechseln mit +dem Demokratischen Arbeiterverein — insofern an, als er mit großer +Mehrheit dem Eisenacher Programm zustimmte. + +Unsere Parteigenossen legten in der Parteipresse und in zahlreichen +Volksversammlungen schärfsten Protest gegen das Urteil ein, was freilich +zur Folge hatte, daß eine ganze Anzahl derselben gerichtlich verurteilt +wurde. + +Kurz nach Schluß des Prozesses befiel mich eine sehr schmerzhafte +Brustfellentzündung, die mich mehrere Wochen ans Bett fesselte. Auch +hatten Agitation, parlamentarische Tätigkeit, Untersuchungshaft und +Prozeß, wozu noch angestrengte Tätigkeit in meinem Geschäft kam, das +meine Kräfte ebenfalls in hohem Grade in Anspruch nahm und mich zu +Erweiterungen meines kleinen Betriebs nötigte, meine Nerven zerrüttet. +Ich litt neben heftigen Schmerzen an großer Schlaflosigkeit. In den +Nächten, in denen ich mich schlaflos im Bette wälzte, dachte ich öfter +an Bismarck, der damals insofern mein Leidensgefährte war, als er nach +den Berichten der Zeitungen ebenfalls an Schlaflosigkeit und +neuralgischen Schmerzen litt. Geteilter Schmerz ist halber Schmerz. + + + + +Die dritte Generation des ersten deutschen Reichstags. + + +Ende April 1872 war der Reichstag wieder zusammengetreten. Eben genesen, +reiste ich nach Berlin und hielt am 1. Mai eine Rede zu dem Antrag +Hoverbeck und Genossen, betreffend die Abschaffung der Salzsteuer. Ich +wendete mich in der Rede gegen die gesamten indirekten Steuern auf +notwendige Lebensbedürfnisse. Die besitzenden Klassen suchten in ihrem +Klasseninteresse dieses System aufrechtzuerhalten und weiter auszubauen; +sie suchten sich den Staatslasten, wo sie könnten, zu entziehen, aber +sie machten die direkten Steuern zum Maßstab der politischen Rechte. Ob +das Haus glaube, daß solche Zustände die Versöhnung der verschiedenen +Klassen herbeiführten? Das Gegenteil werde erreicht; da dürfe sich die +Bourgeoisie nicht wundern, wenn ihr alsdann von uns gesagt werde, was +Tell über Geßler sagte: Mach' deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt, fort +mußt du, deine Uhr ist abgelaufen. (Stürmisches Gelächter.) Eugen +Richter erklärte: Er wolle mir nicht antworten, das hieße meiner Person +und meiner Doktrin eine Bedeutung beimessen, die sie nicht habe. Ich +polemisierte darauf gegen Richter in einer persönlichen Bemerkung; seine +geringschätzende Bemerkung gegen mich solle nur verdecken, daß ihm die +Gründe zu meiner Widerlegung fehlten. Richter antwortete: Er hielt mich +durchaus nicht für so unbedeutend, daß es sich nicht lohne, mir zu +antworten, aber er hielt mich, wenigstens zurzeit noch nicht, für so +bedeutend wie den Reichskanzler (Heiterkeit), darum habe er keine Zeit +gehabt, mir zu antworten. — + +Im Jahre 1872 ging der „Kulturkampf“ seinem Höhepunkt entgegen, jener +„Kulturkampf“, der der größte politische Fehler war, den Bismarck in der +inneren Politik machte, und der der innerpolitischen Entwicklung +Deutschlands eine höchst verderbliche Richtung gab. Bismarck hatte das +Jesuitenausweisungsgesetz dem Reichstag vorgelegt, um das ein heftiger +Kampf entbrannte. Bei der dritten Lesung am 19. Juni kam ich zum Worte. +Ich führte aus: Der englische Kulturhistoriker Buckle bemesse den +Kulturgrad eines Volkes nach der Bedeutung, die religiöse Streitigkeiten +bei demselben fänden. An diesem Maßstab gemessen, müßten wir in +Deutschland auf einem tiefen Kulturgrad stehen. Keiner Frage werde seit +längerer Zeit so viel Aufmerksamkeit geschenkt als der religiösen Frage. +Freilich, die religiösen Auffassungen stünden in inniger Verbindung mit +dem sozialen und politischen Zustand eines Volkes. Sei das Zentrum im +Hause so stark vertreten, so nicht etwa bloß seiner religiösen +Anschauungen wegen, sondern namentlich auch wegen der sozialen und +politischen Interessen, die es vertrete. Die rückständigen ökonomischen +Schichten im katholischen Volke schlössen sich mit Vorliebe dem Zentrum +an, die anderen kapitalistischen Schichten den Liberalen. Der +Protestantismus, einfach, schlicht, hausbacken, gewissermaßen die +Religion in Schlafrock und Pantoffeln, sei die Religion des modernen +Bürgertums. Der ganze Kampf sei, soweit die Religion in Frage komme, nur +ein Scheinkampf, in Wahrheit bedeute er den Kampf um die Herrschaft im +Staate. Wolle die liberale Bourgeoisie ehrlich den Fortschritt, müsse +sie mit der Kirche brechen, denn die Bourgeoisie habe in Wahrheit keine +Religion. Für sie sei die Religion nur Mittel zum Zweck, um die +Autorität zu stützen, die sie brauche, und um in den Arbeitern willige +Ausbeutungsobjekte zu erziehen. + +Man sage, der Jesuitismus habe mit dem Katholizismus nichts zu tun. Das +sei falsch. Der Jesuitismus sei die festeste Stütze des Katholizismus, +und insofern habe das Zentrum recht, wenn es sage, der Kampf gegen den +Jesuitismus sei ein Kampf gegen den Katholizismus. Die Verteidiger der +Vorlage behaupteten, sie wollten durch dieselbe den Frieden herstellen; +das Gegenteil werde erreicht; sie würden nicht den Frieden bekommen, +sondern den Krieg. + +Man sage ferner, das Dogma von der Unfehlbarkeit sei staatsgefährlich. +Das könnte ich nicht einsehen. Schließlich ständen alle Dogmen mit der +Wissenschaft und der gesunden Vernunft in Widerspruch und seien von +diesem Gesichtspunkt aus ebenfalls staatsgefährlich. (Heiterkeit.) Je +ungeheuerlicher ein Dogma ist, und das sei das von der Unfehlbarkeit des +Papstes, um so mehr Widerspruch finde es bei allen Denkenden. Man +behaupte auch, der Jesuitismus sei unmoralisch. Der Staat habe aber +allezeit verdammt wenig nach der Moral gefragt, und der Reichskanzler +sei der letzte, dem diese Sorge mache. Was den Reichskanzler ärgere, +sei, daß man ihn in seiner Politik nicht für unfehlbar halte. +(Heiterkeit.) Würden die Jesuiten und die Herren im Zentrum sich bereit +erklären, seine Politik zu unterstützen, so könnten sie auf kirchlichem +Gebiete tun, was sie wollten. (Sehr richtig.) Je reaktionärer dann der +Jesuitismus sei, um so lieber würde es dem Reichskanzler sein. Er wolle +nichts weiter, als daß die ultramontane Partei sein Werkzeug werde. Daß +man es wage, dem Reichstag einen solchen Gesetzentwurf vorzulegen, sei +ein Zeichen dafür, wie tief man ihn einschätze. (Unruhe.) Die Liberalen +suchten durch den Kampf gegen den Jesuitismus nur wieder zu gewinnen, +was sie an Kredit bei dem Volk durch Preisgabe aller Volksrechte +eingebüßt hätten. Man bekämpfe den Jesuitismus mit einem Ausnahmegesetz, +_und die Folge werde sein, daß sein Anhang größer werde, als er je +gewesen._ Die Masse der Menschen sympathisiere mit dem Verfolgten. Es +gehe nicht an, ein Gesetz zu erlassen, wonach man einen Menschen +heimatlos machen und wie ein wildes Tier von einem Orte zum andern jagen +könne. Wir hätten Unterdrückungsgesetze in Deutschland genug, wofür ich +Beispiele anführte; wir brauchten keine neuen. Wer habe denn den +Jesuitismus gezüchtet? Der Staat. Statt jährlich viele hundert Millionen +für Mordwerkzeuge auszugeben, verwende man diese Mittel _auf die Bildung +des Volkes,_ das werde dem Jesuitismus mehr schaden als alle +Ausnahmegesetze. Man errichte ein auf der Höhe der Zeit stehendes +Bildungssystem, man trenne den Staat von der Kirche, man verweise die +Kirche aus der Schule, und ehe zehn Jahre vergingen, würde es mit den +pfäffischen Wühlereien zu Ende sein. Die Herren könnten dann in Gottes +Namen in der Kirche predigen, hin gehe niemand mehr. (Heiterkeit.) Doch +das wolle man nicht, sie alle brauchten Autoritäten, deren Hauptstütze +die Kirche sei. Man wisse, höre die himmlische Autorität auf, dann falle +auch die irdische. Man fürchte, es würde alsdann auf dem politischen +Gebiet die Republik, auf dem sozialen der Sozialismus und auf dem +religiösen der Atheismus zur Geltung kommen. Ich würde gegen das Gesetz +stimmen, müßte aber die Behauptung, Ultramontanismus und Sozialismus +seien Verbündete, als eine infame Verleumdung zurückweisen. Es würde dem +Ultramontanismus und dem Liberalismus gleich schlecht gehen, wenn wir am +Ruder wären. (Unruhe.) + +Im Verlauf der Debatte sprach auch Graf Ballestrem, der spätere +Präsident des Reichstags. Mit Hinweis auf meine Ausführungen meinte er, +wohin man mit Annahme des Gesetzentwurfes steuere, habe meine Rede +gezeigt. Verliere das Volk erst den Glauben an das Paradies im Himmel, +dann werde es das Paradies auf der Erde verlangen, und das verspreche +ihm die Internationale. Ich unterstrich diese Worte, indem ich kräftig +„sehr richtig“ rief. + +Kurze Zeit danach erzählte man sich im Reichstag einen amüsanten +Vorgang. Einige Herren vom Zentrum unterhielten sich in einer +Restauration über den katholischen Kirchengelehrten Döllinger und das +neue Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes. Döllinger war heftiger +Gegner der Unfehlbarkeitserklärung. Darauf äußerte ein geistlicher Herr, +Abgeordneter für München: Glaubt der alte Esel an so viel Unsinn, konnte +er auch an diesen glauben. Diese Aeußerung wurde im Reichstag bekannt +und viel belacht. + + + + +Mein Majestätsbeleidigungsprozeß. + + +Die Anklage gegen Liebknecht auf Majestätsbeleidigung war auf Beschluß +der Anklagekammer von der Anklage wegen Vorbereitung auf Hochverrat +getrennt und vor das Leipziger Bezirksgericht verwiesen worden. Hier +wurde Liebknecht Anfang April freigesprochen. Ende Mai 1872 verwarf das +Oberappellationsgericht in Dresden unsere Nichtigkeitsbeschwerde, es war +somit das Urteil des Schwurgerichtes rechtskräftig geworden. Liebknecht +trat Mitte Juni seine Haft in Hubertusburg an. Ich hatte nach Schluß des +Reichstags auch noch eine Anklage zu erledigen. Ich war ebenfalls auf +Majestätsbeleidigung, begangen durch Reden in zwei Volksversammlungen im +Bezirk der Leipziger Amtshauptmannschaft, angeklagt worden. Ich hatte +anknüpfend an das Dankschreiben des Königs von Preußen vom 25. Juli +1870, das mit den Worten schloß: er hoffe, daß die _Freiheit_ und +Einheit Deutschlands das Ergebnis des Krieges sein werde, allerlei +kritische Bemerkungen gemacht. Ich hatte ausgeführt, daß wir zwar die +Einheit bekommen hätten, die Freiheit sei aber ausgeblieben; es sei in +dieser Beziehung sogar schlimmer als früher, was ich durch Tatsachen +bewies. Es sei eben die alte Geschichte. Seien die Könige in der +Verlegenheit, so fehle es nicht an schönen Versprechungen, habe aber das +Volk die Opfer gebracht und die Könige gerettet, dann würden die +gemachten Versprechen vergessen und nicht eingelöst. In diesen +Ausführungen sah die Staatsanwaltschaft eine Majestätsbeleidigung, und +der Gerichtshof schloß sich ihr in der Verhandlung am 6. Juli 1872 an, +in der ich mich selbst verteidigte. Der Staatsanwalt hatte eine +Zusatzstrafe zu der bereits erkannten Festungshaft beantragt. Das +Gericht ging über diesen Antrag hinaus und verurteilte mich zu _neun +Monaten Gefängnis_. Da es sich um eine andere Strafart als die mir +bereits zuerkannte handelte, fiel die Zusatzstrafe; sonst würden, wenn +es bei neun Monaten Festung geblieben wäre, diese mit der schon +erkannten Festungshaft wahrscheinlich auf achtundzwanzig Monate +zusammengezogen worden sein. Außerdem ging der Gerichtshof noch in einem +zweiten Punkte über den Antrag des Staatsanwaltes hinaus, _er erkannte +mir das Reichstagsmandat ab_. + +Dieser letztere Beschluß war ein großer politischer Fehler von seiner +Seite, denn da er mir nicht auch die Wählbarkeit aberkennen konnte, +mußte er sich sagen, sein Beschluß werde wirkungslos bleiben, indem +meine Parteigenossen mich in meinem bisherigen Wahlkreis wieder +aufstellen und mich sicher wählen würden. So geschah es. Meine +Wiederwahl wurde für den Gerichtshof eine schallende Ohrfeige. Darüber +später. + + + + +Unsere Festungshaft und was zwischenzeitlich passierte. + + + + +Hubertusburg. + + +Am 1. Juli 1872 schrieb mir Bracke einen Abschiedsbrief, dem er äußerte: +„Wenn Eure Familien nicht wären, könnte ich fast triumphieren über die +Einfalt unserer Feinde! Du zum Beispiel wirst Dich körperlich erholen +und viel lernen; dann bist Du ein verdammt gefährlicher Kerl, und +schließlich wird Deine liebe Frau auch, trotz des harten Loses der +Trennung, zufrieden sein, wenn Du auf diese Weise eine Kurzeit +durchmachst, die Dich wieder kräftigt fürs ganze Leben.“ Am 8. Juli, dem +Tage meines Haftantritts, veröffentlichte ich folgende Erklärung: + + „_An meine Wähler im 17. sächsischen Wahlkreis!_ + + Freunde und Gesinnungsgenossen! Das Königliche Bezirksgericht zu + Leipzig hat die Gewogenheit gehabt, mir wegen ‚Majestätsbeleidigung‘ + neben einer neunmonatigen Gefängnisstrafe auch ‚den Verlust der + bekleideten öffentlichen Aemter sowie der aus Wahlen hervorgegangenen + Rechte‘ abzuerkennen. + + Durch dieses Erkenntnis bin ich des mir von euch verliehenen Mandats + _verlustig_ geworden. + + Freunde und Gesinnungsgenossen! Der Schlag soll nicht nur mich, er + soll auch euch, deren _Vertreter_ ich bisher war, er soll die _Partei_ + treffen, der wir angehören. _Zeigen wir, daß der geführte Schlag ein + Schlag ins Wasser ist_. Ihr seid vor die Alternative einer Neuwahl + gestellt. _Ich biete mich euch für dieselbe aufs neue als Kandidat + an_. Habe ich nach eurer Meinung das in mich gesetzte Vertrauen + gerechtfertigt, _dann wählt mich wieder_. + + Seid versichert, die erhaltenen ‚Strafen‘ machen mich nicht mürbe. + Festung und Gefängnis sind nicht die Mittel, mir bessere Begriffe über + unsere faulen Gesellschaftszustände beizubringen. Die Gesellschaft, + die zu solchen Mitteln der Belehrung greifen muß, verdient, daß sie + aufhört zu existieren. + + Führen wir also den Krieg fort mit aller uns zu Gebote stehenden + Kraft und mit aller Fähigkeit; gebt mir durch die _Neuwahl_ das Mittel + in die Hand, daß ich auch für die nächsten Jahre mich an diesem Kampfe + beteiligen kann. Der Tag kommt, wo auch _unsere_ Stunde schlägt. + + Lebt wohl! Auf Wiedersehen zu neuem Kampf und Sieg!“ + +Am Nachmittag desselben Tages reiste ich nach Hubertusburg. Am Bahnhof +hatten sich eine große Zahl Männer und Frauen eingefunden, um sich von +mir zu verabschieden. Meine Frau hatte ich gebeten, mit unserem +Töchterchen zu Hause zu bleiben. Unter dem Gepäck, das ich mitnahm, +befand sich auch ein großer Vogelbauer mit einem prächtigen +Kanarienhahn, den mir ein Dresdener Freund als Gesellschafter für meine +Zelle geschickt hatte. Er wurde, nachdem ich ihm zu einem Weibchen +verholfen, der Stammvater einer Kinder- und Enkelschar, die ich in +Hubertusburg züchtete. An der Station Dahlen, an der ich ansteigen +mußte, um von dort zu Wagen nach Hubertusburg zu fahren, brachte man mir +eine eigenartige Ovation. Als ich ausstieg, standen sämtliche Schaffner +an dem langen Personenzug vor ihren Wagen und salutierten, indem sie die +Hand an die Mütze legten. Der Lokomotivführer schwenkte die Mütze, +ebenso schwenkte ein großer Teil der Passagiere, der in den Fenstern +lag, Hüte und Mützen und rief mir Lebewohl zu. Ich war sehr gerührt über +diese Zeichen der Sympathie. + +Als ich in Hubertusburg ankam und mit Liebknecht zusammentraf, lachte er +mich aus, daß ich mir noch neun Monate Gefängnis geholt. Da sei er doch +klüger gewesen. Er hatte gut lachen. Er hat nachher für die Artikel, die +er heimlich aus Hubertusburg an den „Volksstaat“ schrieb, weit mehr als +neun Monate Gefängnis den verantwortlichen Redakteuren aufbrummen +helfen. Und wie vorsichtig glaubte er zu sein. Hatte er einen solchen +Artikel auf der Pfanne und hegte er Bedenken gegen seine Fassung, so zog +er mich zu Rate. Er las mir alsdann die betreffende Stelle vor. Warnte +ich ihn, eine mir bedenklich scheinende Stelle im Artikel zu lassen, so +versuchte er mir nachzuweisen, daß und warum sie nicht gefährlich sei. +Er erhielt alsdann regelmäßig von mir die Antwort: Du würdest recht +haben, dächten Staatsanwalt und Richter so wie du. Er kaute alsdann an +einem Fingernagel und überlegte sich die neue Fassung. Manchmal war +diese aber noch schärfer als die frühere. Er trennte sich sehr ungern +von einem Gedanken, mit dessen Veröffentlichung er den Gegner ärgern +konnte. + +Außer Liebknecht war noch Karl Hirsch und ein Chemnitzer Parteigenosse +in der Festungshaft. Vahlteichs Haft war bereits zu Ende, doch sorgten +die Gerichte stets für Ersatz. Wir waren meist fünf bis sechs Genossen, +darunter zeitweilig auch irgend ein Student, der wegen Duellgeschichten +zu kurzer Festungshaft verurteilt worden war. Erst als meine Haft zu +Ende ging, war ich der letzte der Mohikaner, den Hubertusburg beherbergt +hatte. + +Es fiel uns auf, daß wir unsere Haft auf Hubertusburg statt auf der +sächsischen Festung Königstein zu verbüßen hatten. Der Grund war, daß +auf Königstein sich keine Räume für Zivilgefangene befanden, diese +mußten erst erstellt werden. + +Hubertusburg ist weiteren Kreisen bekannt geworden durch den 1763 hier +abgeschlossenen Friedensvertrag, der den siebenjährigen Krieg beendete. +Das Schloß ist ein stattlicher Bau im Zopfstil. Vor demselben dehnt sich +ein großer Hof aus, der durch pavillonartige ein- und zweistockige +Gebäude eingeschlossen ist, die früher den Hofbeamten und Bediensteten +zur Wohnung dienten. Zu unserer Zeit wohnten dort die Beamten der in +Hubertusburg vereinigten Anstalten und hatten daselbst ihre Bureaus. +Längere Zeit waren Teile der Gebäude als Landesgefängnis benutzt worden. +Für uns Festungsgefangene war ein Flügel dieser Bauten reserviert, in +dem man sieben oder acht Zellen eingerichtet hatte. Mit Hubertusburg +verbunden war ein Siechenhaus und eine Irrenanstalt für Frauen, und eine +Pflegeanstalt für blinde und blödsinnige Kinder. Die Insassen dieser +Anstalten bekamen wir aber nicht zu sehen. Unsere Zellen besaßen hohe +Fenster, die mit Eisenstäben versehen waren. Wir blickten aus den +Fenstern in den großen Wirtschaftsgarten, in dem wir unsere Spaziergänge +zu machen hatten, und über dessen Mauern hinaus auf Wald und Flur und +das in der Ferne liegende kleine Städtchen Mutzschen. + +Die Reinigung unserer Zellen besorgte ein sogenannter Kalfakter. Für +deren Reinigung und Miete — der Staat gibt auch den Gefängnisraum nicht +umsonst — hatten wir monatlich fünf Taler zu zahlen. Unser Essen bezogen +wir aus einem Gasthaus des an Hubertusburg grenzenden Wermsdorf. Unsere +Tagesordnung war folgende: Morgens 7 Uhr mußten wir angekleidet sein, +alsdann wurden die Zellen zwecks der Reinigung geöffnet. Während dieser +Zeit frühstückten wir auf dem breiten Korridor, der vor den Zellen +hinlief. Diese Pause benutzte Karl Hirsch, um mit einem Zivilgefangenen +eine Partie Schach zu spielen, wobei sich die beiden zu unserem größten +Ergötzen regelmäßig in die Haare gerieten. Um 8 Uhr wurden wir wieder +eingeschlossen bis 10 Uhr, zu welcher Zeit wir unseren Spaziermarsch im +Garten unternahmen. Um 12 Uhr wieder Einschließung bis 3 Uhr im Winter, +4 Uhr im Sommer, dann zweiter Spaziergang, von 5 beziehungsweise 6 Uhr +ab wieder Einschließung bis nächsten Morgen. Da wir das Recht hatten, +bis 10 Uhr abends Licht brennen zu dürfen, waren diese Stunden meine +Hauptarbeitszeit. Nach einigen Monaten erlangte ich, daß Liebknecht den +Vormittag von 8 bis 10 Uhr in meine Zelle mit eingeschlossen wurde, um +mir englischen und französischen Unterricht zu geben. Bei dieser +Gelegenheit wurden dann auch die Interna der Partei und die politischen +Vorgänge erörtert. Die Korrespondenz für mein Geschäft erledigte ich auf +Grund der Unterlagen, die mir täglich meine Frau sandte. + +Liebknecht und ich waren passionierte Teetrinker. Tee konnten wir aber +nicht erhalten, und das Selbstkochen war der Feuersgefahr wegen +verboten. Aber Verbote sind da, um übertreten zu werden. Ich verschaffte +mir also heimlich eine Teemaschine und die nötigen Ingredienzien. Sobald +am Abend der Aufseher die Zelle abgeschlossen und sich entfernt hatte, +begann ich Tee zu brauen. Um aber auch Liebknecht den Genuß desselben zu +ermöglichen, hatte ich mir im Garten einen etwa zwei Meter langen Stock +zurechtgeschnitten. An dessen Ende befestigte ich eine Schnur, die mit +einem von mir geflochtenen Netz versehen war, in das ich das gefüllte +Glas stellen konnte. War der Tee fertig, klopfte ich Liebknecht, dessen +Zelle neben der meinen lag, damit er ans Fenster trete. Alsdann +streckte ich den Stock mit dem Teeglas zum Fenster hinaus, beschrieb mit +demselben einen Bogen nach Liebknechts Fenster, worauf dieser, sobald er +das Glas in Händen hatte, mit einem: „Ich hab's, danke!“ den Empfang +anzeigte. Aehnlich machten wir's mit dem Austausch der Zeitungen, die +jeder sobald als möglich lesen wollte. Wir hatten vor den Fenstern der +Zellen, längs der Eisenstäbe, eine Schnur ohne Ende angebracht. Wer mit +dem Lesen seiner Zeitung fertig war, befestigte diese mit einem Haken an +die Schnur, darauf klopfte er dem Nachbar, der alsdann ans Fenster trat +und das Zeitungspäckchen zu sich heranlotste. + +Kaum hatte ich mich in meiner Zelle häuslich eingerichtet, als ich wie +ein Taschenmesser zusammenklappte. Die großen Anstrengungen und +Aufregungen der letzten Jahre hatten mir nicht zum Bewußtsein kommen +lassen, wie sehr meine Kräfte heruntergekommen waren. Jetzt, wo ich +gewaltsam zur Ruhe verwiesen worden war und die Spannung nachließ, brach +ich zusammen. Die Erschöpfung war so groß, daß ich wochenlang keine +ernste Arbeit vornehmen konnte. Aber absolute Ruhe und frische Luft +brachten mich allmählich wieder auf die Füße. Mein Hausarzt hatte recht, +als er meine Frau tröstete, ein Jahr Festung werde meiner Gesundheit +nützlich sein. Später stellte sich bei einer genauen ärztlichen +Untersuchung auch heraus, daß mein linker Lungenflügel stark tuberkulös +angegriffen war und eine Kaverne aufwies, die auf der Festung ausheilte. +Freunde, die das erfuhren, meinten lachend, da sei ich ja dem Staate +Dank schuldig, daß er mich auf die Festung geschickt. Ich antwortete: +Dank würde ich ihm schulden, hätte er mich zu meiner Gesundung zu +Festung verurteilen lassen. Ich hatte wieder einmal, wie so oft im +Leben, „Schwein“ gehabt. Was mein Verderben sein konnte, schlug zum +Guten aus. + +Nachdem unabänderlich feststand, daß ich für einunddreißig Monate meine +Freiheit eingebüßt hatte, entschloß ich mich, diese Zeit mit aller Kraft +zu verwenden, um die Lücken meines Wissens einigermaßen auszufüllen. +Sobald ich also wieder arbeitsfähig war, stürzte ich mich mit aller +Energie in die Arbeit, das beste Mittel, über eine unangenehme Situation +hinwegzukommen. Ich studierte hauptsächlich Nationalökonomie und +Geschichte. Zum zweitenmal studierte ich Marx' „Kapital“, dessen erster +Band damals nur vorlag, Engels' „Lage der arbeitenden Klassen in +England“, Lassalles „System der erworbenen Rechte“, Stuart Mills +„Politische Oekonomie“, Dührings und Careys Werke, Lavelayes +„Ureigentum“, Lorenz Steins „Geschichte des französischen Sozialismus +und Kommunismus“, Platos „Staat“, Aristoteles' „Politik“, Machiavellis +„Der Fürst“, Thomas Morus' „Utopia“, v. Thünens „Der isolierte Staat“. +Von den Geschichtswerken, die ich las, fesselten mich besonders Buckles +„Geschichte der englischen Zivilisation“ und Wilhelm Zimmermanns +„Geschichte des Deutschen Bauernkriegs“. Letztere gab mir die Anregung, +eine populäre Abhandlung zu schreiben unter dem Titel „Der Deutsche +Bauernkrieg mit Berücksichtigung der hauptsächlichsten sozialen +Bewegungen des Mittelalters“. Das Buch erschien bei W. Bracke in +Braunschweig; später, unter dem Sozialistengesetz, wurde seine +Verbreitung verboten. Eine zweite Auflage, die eine Neubearbeitung +erforderte, gab ich wegen Zeitmangel nicht mehr heraus. Auch die +Naturwissenschaften vernachlässigte ich nicht. Ich las Darwins „Die +Entstehung der Arten“, Häckels „Natürliche Schöpfungsgeschichte“, L. +Büchners „Kraft und Stoff“ und „Die Stellung des Menschen in der Natur“, +Liebigs „Chemische Briefe“ usw. Ebenso widmete ich dem Lesen der +Klassiker einen Teil meiner Zeit. Ich war von einer wahren Lern- und +Arbeitsgier befallen. + +Ferner übersetzte ich während der Haft _„Etude sur le doctrines sociales +du Christianisme“_ von Ives Guyot und Sigismond Lacroix, eine +Uebersetzung, die unter dem Titel „Die wahre Gestalt des Christentums“ +bis heute erscheint. Dazu verfaßte ich eine Gegenschrift unter dem Titel +„Glossen zu Ives Guyots und Sigismond Lacroix' Die wahre Gestalt des +Christentums, nebst einem Anhang über die gegenwärtige und zukünftige +Stellung der Frau“. Der letztere Aufsatz war, glaube ich, die erste +parteigenössische Abhandlung über die Stellung der Frau vom +sozialistischen Standpunkt aus. Die Anregung zu dieser Abhandlung hatte +mir das Studium der französischen sozialistischen und kommunistischen +Utopisten gegeben. Auch machte ich während dieser Haft die Vorstudien zu +meinem Buche „Die Frau“, das zuerst im Jahre 1879 unter dem Titel „Die +Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ erschien und trotz des +Verbreitungsverbots unter dem Sozialistengesetz acht Auflagen erlebte. +Im Jahre 1910 erschien die 50. und 51. Auflage. + +Es war schön und nützlich, daß ich die Zeit meiner Gefangenschaft zu +meinem eigenen Besten verwenden konnte, nichtsdestoweniger atmete ich +auf und begrüßte den Tag, an dem ich meine Freiheit wieder erlangte. Da +aber jeder Gefangene, der seiner baldigen Befreiung entgegensieht, von +großer Unruhe und Ungeduld gepackt wird und Tage und Stunden zählt, +suchte ich dieselbe dadurch zu meistern, daß ich mir vornahm, noch ein +Pensum Arbeit zu erledigen, das nur unter äußerster Aufbietung der +Kräfte bewältigt werden konnte. Nach dieser Methode verfuhr ich auch bei +späteren Freiheitsentziehungen; ich fand sie probat. + +Unsere Familien besuchten uns alle drei bis vier Wochen einmal. +Wir setzten schließlich durch, daß sie die Gültigkeit der +Rückfahrkarten — drei Tage — ausnutzen durften. Sie wohnten während der +Zeit im Dorfe. Jede der Frauen brachte ein Kind mit; Frau Liebknecht +ihren Aeltesten, der etwas jünger war als meine Tochter. Die Reise war +beschwerlich, namentlich in der ungünstigen Jahreszeit. Die Frauen und +Kinder mußten schon früh vor 7 Uhr von Hause fort; Geld für eine +Droschke auszugeben, hätte jede der Frauen als ein Verbrechen angesehen. +Von vormittags ½10 bis abends 7 Uhr durften sie in unserer Zelle +bleiben, auch den Spaziergang im Garten mitmachen. Das war für uns eine +große Erleichterung der Haft. + +Ich hatte ein großes Bedürfnis zu körperlicher Arbeit. So kam ich auch +auf den Gedanken, wir sollten uns zu diesem Zweck im Garten einige Beete +anlegen. Unser Gesuch, uns dazu ein Stückchen Land zu überweisen, wurde +abgelehnt, wir könnten aber von dem mehrere Meter breiten Rain, der sich +längs der Gartenmauer hinziehe, in Betrieb nehmen, so viel wir wollten. +So geschah es. Mit dem nötigen Werkzeug ausgerüstet, gingen wir an die +Arbeit. Liebknecht, der damals seine Abhandlung über die Grund- und +Bodenfrage schrieb, betrachtete sich als agrarischen Sachverständigen. +Er versicherte, wir hätten an dem Rain einen vorzüglichen Humusboden zu +bearbeiten. Als wir aber die Spaten in den Boden stießen, antwortete ein +Mark und Bein durchdringendes Aechzen. Wir stießen bei jedem Spatenstich +auf Steine. Liebknecht machte bei diesem Resultat ein langes Gesicht, +wir lachten unbändig. Statt aus Humus bestand der Boden aus magerem +Lehm, den wir, wie unser Aufseher versicherte, düngen müßten, wenn wir +ernten wollten. Liebknecht und ich nahmen also einen großen Korb und +zogen nach einem Komposthaufen, der in einer Ecke des Gartens angelegt +war. Wer einen solchen Komposthaufen kennt, weiß, daß, wenn man ihn +ansticht, ihm Düfte entströmen, die alle Wohlgerüche Indiens und +Arabiens nicht überwinden können. Aber wir gingen mit wahrer +Todesverachtung ans Werk, und nachdem wir den Korb gefüllt, steckten wir +durch die Henkel zwei Stangen und trabten, Liebknecht vorn, ich hinten, +nach unserem Beet. Die im Garten arbeitenden Frauen lachten aus vollem +Halse, als sie unser Tun sahen. Ich habe damals und später öfter +geäußert: Mutete der Staat uns eine solche Arbeit zu, wir hätten sie mit +höchster Empörung zurückgewiesen. Das ist der Unterschied zwischen Zwang +und freiem Willen. + +Wir hatten unser Beet mit Radieschensamen bestellt und warteten +sehnsüchtig auf die Ernte. Der Same ging prachtvoll auf, das Kraut schoß +mächtig in die Höhe, aber die ersehnten Radieschen zeigten sich nicht. +Jeden Vormittag, sobald wir unseren Spaziergang antraten, veranstalteten +wir ein Wettrennen nach dem Radieschenbeet, denn jeder wollte die ersten +Früchte ernten. Vergebens. Als wir nun eines Tages kopfschüttelnd um +unser Beet standen und tiefsinnige Betrachtungen über die +fehlgeschlagene Ernte anstellten, lachte unser Aufseher, der in einiger +Entfernung unserer Unterhaltung zugehört hatte, und sagte: „Warum Sie +keine Radieschen bekommen, meine Herren, das will ich Ihnen sagen, Sie +haben zu fett gedüngt.“ Tableau! So war also alle unsere Mühe vergeblich +gewesen. + + * * * * * + +In den ersten Monaten des Jahres 1873 sollte wieder der Reichstag +zusammentreten, und so mußte die sächsische Regierung wohl oder übel +eine Neuwahl für den von mir innegehabten Wahlkreis anordnen. Der +Wahltag wurde auf den 20. Januar festgesetzt. Die ganze Partei +betrachtete es als eine Ehrensache, nicht bloß das Mandat für mich +wiederzuerobern, sondern auch mit höherer Stimmenzahl. Was an +agitatorischen Kräften zur Verfügung stand, eilte in den Wahlkreis. +Auer, Motteler, Vahlteich, Wilhelm Stolle, Walster, York usw. +gingen an die Arbeit. Als Gegenkandidat hatten die Gegner den +Bezirksgerichtsdirektor Petzoldt in Glauchau aufgestellt, ein wegen +seines leutseligen Wesens im Wahlkreis sehr beliebter Herr. Aber das +half ihnen nichts. Am Abend des Wahltags wurden für mich 10740, für +meinen Gegner 4240 Stimmen gezählt. Ich brauche nicht zu versichern, daß +dieses Wahlresultat im Wahlkreis wie in der ganzen Partei stürmischen +Jubel hervorrief. Das Resultat war eine klatschende Ohrfeige für den +Gerichtshof, der mir das Mandat aberkannt hatte. Ich hatte fast 4000 +Stimmen mehr erhalten als am 3. März 1871. Und damit nicht genug. Einige +Tage nach der Wahl veröffentlichte mein besiegter Gegner in der Presse +des Wahlkreises seinen Dank an die Partei, die den Wahlkampf gegen ihn +in so anständiger Weise geführt habe. + +Auer und York kamen nach der Wahl, nachdem sie zuvor meine Frau in +Leipzig besucht und sie beglückwünscht hatten, zu mir nach Hubertusburg, +um mir ebenfalls zu gratulieren. Es war ein fröhliches Wiedersehen. + +Als dann die Session des Reichstags begann, machte ich den Versuch, von +der sächsischen Regierung für die Teilnahme an dessen Sitzungen Urlaub +zu erhalten. Wie ich vorausgesehen, ohne Erfolg. Nunmehr stellte +Schraps, unterstützt von einer Anzahl liberaler Abgeordneter, den +Antrag, mich für die Dauer der Session aus der Strafhaft zu entlassen. +Dieser Antrag wurde mit großer Mehrheit abgelehnt. Der Abgeordnete v. +Mallinckrodt erklärte, er bedauere, daß ich an den Sitzungen des +Reichstags nicht teilnehmen könne, aber der § 31 der Reichsverfassung +erstrecke die Immunität der Abgeordneten nicht auf die Strafhaft. + +Ich bekenne, daß ich diesen Beschluß nicht bedauerte. Wäre ich +freigekommen, so mußte ich um die Urlaubszeit länger im Gefängnis +zubringen. Und da mich dieses Schicksal während drei bis vier Sessionen +getroffen haben würde, wäre statt im Frühjahr 1875 frühestens Sommer +1876 meine Haft zu Ende gewesen. + +In einem konstitutionellen Staate sollte es eine selbstverständliche +Sache sein, daß ein Abgeordneter, der in Strafhaft sich befindet, bei +Beginn einer Session sofort aus der Haft entlassen wird, um seine +Pflichten als Abgeordneter erfüllen zu können. Davon will man in +Deutschland nichts wissen. Und doch ist für einen Abgeordneten, der wie +ich mehrere Jahre Strafhaft zu verbüßen hatte, die regelmäßige +Beurlaubung während einer Session keineswegs eine Annehmlichkeit, wie +irrtümlicherweise allgemein angenommen wird. Ich wenigstens würde sie +als eine _Verschärfung_ meiner Haft angesehen haben, weil sie vor allem +meine wirtschaftliche Existenz noch schwerer geschädigt haben würde. + +Liebknecht und ich hatten selbstverständlich das Bedürfnis, wenigstens +mit den führenden Genossen draußen in möglichster Fühlung zu bleiben. +Das war allerdings nur in beschränktem Maße möglich. Konnten wir auch +öfter Briefe heimlich hinausbringen, die Gefahr bestand, daß durch eine +ungeschickte Antwort dieser Verkehr dem Anstaltsdirektor verraten wurde, +und das hätte für uns unangenehme Folgen gehabt. Es galt also, +vorsichtig zu sein. So schrieben wir nach Möglichkeit direkt, obgleich +diese Korrespondenz der amtlichen Kontrolle unterlag. Ab und zu nahm +dieselbe auch einen humoristischen Charakter an. Einen Brief, den ich +von Most als Antwort auf einen solchen von mir aus dem Zwickauer +Landesgefängnis erhielt, woselbst er wegen verschiedener Preß- und +Redevergehen über ein Jahr zu verbüßen hatte, bringe ich hier zum +Abdruck, weil er zugleich die Persönlichkeit Mosts am besten +charakterisiert. Most antwortete mir: + + Zwickau, den 21.4.73. + + Mein lieber Bebel! + + Aus Deinem Schreiben, das wie ein lichter Blitzstrahl aus düsterem + Himmel in meine Einsiedelei fuhr, ersehe ich und freue mich darüber, + daß es Euch ruchlosen Bösewichtern, die Ihr mittels Stahlfedern und + Tintentöpfen den Staat in Gefahr gebracht hattet, ganz vortrefflich + ergeht. — Ihr wollt nun auch wissen, wie es mit mir steht; glaub's + gern, da ich mir denken kann, daß es Euch gerade so ergehen wird, wie + es mir erging, ehe ich hier meinen Einzug hielt, daß Ihr nämlich bei + dem Namen Zwickau stets an ein Zwicken denkt und ein „Au“schreien zu + vernehmen wähnt. Ich muß gestehen, daß es mir trotz meiner zähen + Katzennatur und meines Galgenhumors — ohne mich gerade einer + Angstmichelei hinzugeben — nicht ganz so wohl war, wie den bekannten + 500 Säuen, wenn ich vor meiner Hieherkunft an dieselbe dachte, jetzt + aber, wo ich da bin, hat die Sache ein ganz anderes + Gesicht. — Natürlich solch ein Jagdschloßleben wie Ihr führe ich nicht, + sondern eher ein Karthäusermönchsdasein, allein Langeweile habe ich + desungeachtet auch nicht, da ich ja noch gar vieles nachzuholen habe + und jetzt daher die Gelegenheit zu fleißigem Studieren benütze. Zur + Zerstreuung dienen mir die Zeitungen, welche ich erhalte, und alle + meine leiblichen Bedürfnisse befriedige ich _in gewohnheitsmäßiger + Weise_ (Kost, Kleidung usw.). Ueberhaupt erdulde ich nur eine + Freiheits-, nicht aber auch eine Leibesstrafe, wofür ich alles halte, + was dem Gefangenen außer der Entziehung seiner Freiheit angetan wird. + Bequemlichkeiten habe ich, von einem zu schriftlichen Arbeiten + geeigneten Tische abgesehen, nicht. Nach einem eigenen Bette empfinde + ich kein Bedürfnis, während ich aber mein eigenes Kopfkissen benütze. + Die Zelle ist eben eine solche, wie sie Vahlteich schilderte (der + ebenfalls längere Zeit im Landesgefängnis zu Zwickau war); andere gibt + es hier nicht; man gewöhnt sich indes bald daran, zumal diese Zellen + trotz des hochgelegenen Fensters sehr hell sind. Spazieren gehe ich + pro Tag 2 Stunden in einem Raume, welcher ein Mittelding zwischen Hof + und Garten ist, und zwar allein. Besuche macht mir niemand, weshalb + ich natürlich auch keine annehmen kann. Dir wird es seinerzeit nicht + verwehrt werden, daß Du mit Deinen Familiengliedern verkehrst. Ebenso + wird man Dir so wenig wie mir den Bart abnehmen wollen. Licht brenne + ich bis 10 Uhr. So, das wäre das Wesentlichste, was ich Dir von meiner + Sozialistenklause aus berichten kann. Betreffs der Studien seid Ihr + freilich schön heraus, da Ihr gleich Euren Professor bei Euch habt. + Ich fühle es besonders bei Sprachstudien, wie sehr da ein Lehrer + mangelt, zumal ja die Konversation ohne einen solchen gar nicht + gepflogen werden kann. Apropos! Was für ein Lehrbuch benütztest Du + fürs Französische? Mir hat Vahlteich auf meinen Wunsch nach einer + französischen Grammatik einen ganz antiken, unbrauchbaren, + unausstehlich-umständlichen und verkehrten Schunken (Hirzel) + übermittelt, den ich schon manchmal vor Zorn am liebsten mitten + entzwei gerissen hätte. — Was Du von Thiers schreibst, ist klar. Dieser + Knirps ist der größte Intrigant Frankreichs, der lebendig gewordene + Geldsack und zugleich die einzige Person, welche die Sache der + Monarchie zu fördern verstand, freilich ohne Erfolg, allein der Plan + war wenigstens nicht schlecht angelegt: den Status quo so lange wie + möglich aufrecht zu erhalten und so schön langsam, gleichsam + unmerklich die Republik erblassen und die Monarchie erscheinen zu + lassen. Jeder andere Monarchist würde an seiner Stelle längst einen + Staatsstreich gemacht haben und — dabei das Genick gebrochen, wie + überhaupt der Monarchie den letzten Rest gegeben haben. In + Spanien — ist man zu glauben versucht — haben die regierenden + Tratschweiber vor lauter Schwätzen ihr bißchen Verstand verloren, + sonst könnte es doch wahrhaftig nicht möglich sein, daß sie mit der + Handvoll karlistischer Mordbrenner nicht fertig werden. Nun, + hoffentlich wird da, wie in Frankreich, bald energisch + ausgemistet. — Du staunst über die Fortschritte, die unsere Sache in + der jüngsten Zeit gemacht hat; nun, die Ursachen sind zahlreich genug, + um solche Wirkungen zu erzeugen. Ich sage Dir: nur 1000 Mann wie Du, + oder selbst nur wie ich (ohne Selbstüberhebung) — und Europa, nicht + bloß Deutschland, ist binnen 5 Jahren sozialistisch. Es erstehen zwar + neue Kräfte genug, und wenn die Feigheit nicht so groß wäre, zeigte + sich noch mancher, aber es sind viel zu wenig. Man sollte glauben, die + meisten Menschen fallen bei der Geburt auf den Kopf oder gar auf den + Mund, weil sie nicht imstande sind, den letzteren ordentlich + aufzumachen. Und wir brauchen weiter nichts, als bloß Leute, die Mund + und Herz am rechten Flecke haben. — Wenn ich mich schon in keinen + großen Hoffnungen wiege, so freue ich mich immerhin gewaltig auf die + nächste Wahlkampagne. Wenigstens wird agitatorisch gefletscht werden, + daß die Funken sprühen. Die Situation ist für uns wie geschaffen. + Fortschritts-Bankrott, Siegestaumel-Katzenjammer, Invalidenfrage, + Wohnungsfrage, Schulfrage, Milliardenfrage, Friedensfrage, + Gründerfrage, „Kulturkampf“-Angelegenheit, Fabrikantenbünde, + Maßregelungen, Verfolgungen, Schubsereien usw. werden ihr Schärflein + zu unsern Gunsten beitragen. Somit konserviere ich meine Lungenflügel + und wetze meinen Schnabel, um dereinst mit wahrer Wollust, wenn die + Wahlschlacht tobt, so manchen politischen Sumpfpiraten in den Grund + bohren zu können. — In Sachsen freilich werde ich direkt nicht + lospauken können, allein es gibt anderwärts auch viele Leute, denen + man die Bretter loslösen muß, welche vor ihre Hirnkästen genagelt + sind. Aus Sachsen wurde ich nämlich polizeilich ausgewiesen, wiewohl + sich die höheren Instanzen noch nicht darüber ausgelassen haben, ob + dieses Ding der gesetzlichen Unmöglichkeit auch durchgeführt werden + soll, allein ich erwarte nichts Gutes, es ist mir aber auch ganz + „schnuppe“, wie die Sache abläuft. Weniger „schnuppe“, ja geradezu + unbegreiflich ist es mir, daß zu diesem Akt ...[1] der sanfte + Julius[2] bisher nicht zu bewegen war, einen Kommentar zu liefern. + Richtig, das Schönste hätte ich bald vergeben: im Falle ich trotz + Ausweisung wieder in Sachsen mich zeigen sollte, wurde mir aktenmäßig + bedeutet, _steckt man mich in ein Korrektionshaus!!_ — Und auch darüber + wird geschwiegen. — Nun, wenn ich wieder frei bin, ist auch noch + Gelegenheit zum — — —. + + Im allgemeinen befinde ich mich sehr wohl und bin bei ausgezeichnetem + Humor. Jetzt lebe wohl, grüße alle Insassen des Sozialistenseminars + und sei auch Du bestens gegrüßt von Deinem + + Joh. Most. + +Einen anderen Charakter wie der Mostsche Brief hatte ein solcher von +Kokosky an uns. Dieser, der 1871 in Königsberg die „Demokratischen +Blätter“ herausgab, mußte diese bald eingehen lassen und trat Ende 1872 +auf Einladung von Bracke in die Redaktion des „Braunschweiger +Volksfreund“. Kokosky hatte eine sehr humoristische Ader, wovon die +Kneipabende der damaligen Parteitage zu erzählen wissen. Auch er verfiel +dem Schicksal der Parteiredakteure jener Zeit. Es währte nicht lange, +und er hatte so und so viele Monate Haft auf dem Rücken. Diese verdarben +ihm aber nicht den Humor, wie folgender Brief zeigt: + + Braunschweig, den 14. Mai 1873 + + Werte Freunde! Sie haben es gut; vorsorglich hat der väterliche Staat + Sie in sein Gewahrsam genommen, damit Sie in beschaulicher Stille die + Segnungen einer guten Regierung kennen lernen. Haben die drei Männer + im feurigen Ofen Loblieder singen können, warum sollt Ihr es nicht, + wenn es anders die Festungsordnung nicht verbietet, hinter den Mauern + von Hubertusburg können? + + Auch mir hat eine gütige Vorsehung drei Monate Festungshaft gewährt, + damit ich wenigstens für einige Zeit den Schreckruf nicht zu hören + brauche: Herr Kokosky, es fehlt Manuskript! Schon der Gedanke hat + etwas Beruhigendes, daß etwaige Briefe, die man empfängt, erst vorher + die Zensur passieren müssen, so daß unangenehme und aufregende + Mitteilungen fern gehalten werden. So enthalte ich mich auch aller + revolutionären Mitteilungen, so gern ich Euch auch über den Stand der + Rüstungen, über die äußerst gelungene Anfertigung der Handgranaten und + Nitroglyzerinbomben, die wahrhaft Wunder verrichten, aufklären möchte. + Nur das eine: + + Hamburg, 27. Mai. Petroleum fester; loco R.-M. 16,20-80, per Mai + 16,20, Aug.-Dez. 17 B., 16,90 G. + + Die Bourgeoisie fängt bereits an, Sie zu beneiden. Als neulich in + einer Bourgeois-Gesellschaft auf die Sozialdemokraten losgezogen + wurde, meinte ein für sehr fein, ja für oberfein gehaltener Börsier: + „Bei den heutigen Börsennachrichten geht mir der Kopf so mit Grundeis, + daß ich Bebel beneiden möchte, daß er ruhig kann sitzen in + Hubertusburg und braucht sich nicht zu kümmern um die Schwankungen der + Kurse. Man gebe so einem Sozialdemokraten so für 30000 Taler + Wechslerbank zu 130 und lasse sie dann fallen auf 85, oder Louise + Tiefbau mit 15 Prozent über Pari, und ich kann Ihnen sagen, sie sind + gestraft genug.“ So, von dieser Seite müßt Ihr die Sache betrachten + lernen, dann wird das gärende Drachengift sich wieder in die Milch der + frommen Denkungsart verwandeln, mit welcher und mit den herzlichsten + Grüßen — ich schließe, da der Brief zur Post gebracht werden soll — ich + bleibe + + Euer treuer Freund und Parteigenosse + + S. Kokosky. + + * * * * * + +Am 29. Oktober 1873 starb der König Johann von Sachsen, und sein Sohn +Albert trat an seine Stelle. Da in der Regel ein solcher Thronwechsel +mit einer Amnestie verbunden ist, hofften auch unsere Frauen auf eine +solche. Man konnte ihnen das nicht verargen, denn sie litten am +härtesten unter unserer Verurteilung und Haft, die wir als eine nicht zu +vermeidende Konsequenz unserer Tätigkeit ansahen. Sobald wir aber von +den erweckten Hoffnungen erfuhren, schrieben wir ihnen, sie möchten +sich nicht mit falschen Hoffnungen tragen. Eine Amnestie werde kommen, +aber nicht für uns. In dem Briefe an meine Frau bemerkte ich: der neue +König werde eher alle Zuchthäusler Sachsens begnadigen als uns. Die +Amnestie fiel sehr mäßig aus, von den zahlreichen gefangenen +Parteigenossen in den verschiedenen sächsischen Gefängnissen wurde nach +meiner Erinnerung nicht einer getroffen. Und das war gut so. Die +allgemeinen Reichstagswahlen, die Anfang 1874 stattfanden, weil damals +der Reichstag nur eine dreijährige Legislaturperiode hatte, zeigten eine +Stimmung, die durch Amnestien nicht hätte verdorben werden dürfen. + +Mir kam der Gedanke, daß ich mich auch als Gefangener in sehr nützlicher +Weise an der Wahlagitation beteiligen könnte durch Abfassung einer +Broschüre über die bisherige Tätigkeit des Reichstags, die den +Kandidaten und Agitatoren der Partei das nötige Material liefere. +Gedacht, getan. Die Broschüre erschien rechtzeitig unter dem Titel: Die +parlamentarische Tätigkeit des Reichstags und der Landtage und die +Sozialdemokratie von 1871 bis 1873. Als Anhang hatte ich derselben +die wichtigsten Bestimmungen des Reichswahlgesetzes, der +Wahlgesetzverordnung, der einschlägigen Bestimmungen des +Reichsstrafgesetzbuchs, der Vereinsgesetze und Winke für die Agitation +angefügt. Die Broschüre, die anonym erscheinen mußte, wurde von der +Partei mit großer Genugtuung begrüßt. Zwei Jahrzehnte später machte mir +sogar der Abgeordnete Eugen Richter ein Kompliment darüber, als wir uns +eines Tages auf einer Reise nach Hamburg in einem Wagenabteil +begegneten. Wir hatten bis dahin, obgleich wir damals bereits über +fünfundzwanzig Jahre Kollegen im Reichstag gewesen waren, nie +miteinander eine Privatunterhaltung gepflogen. Diese kam jetzt in Fluß. +Im Laufe der Unterhaltung erzählte mir Richter, er habe in den siebziger +Jahren in einer thüringischen Stadt einen Vortrag in einer +Volksversammlung gehalten, wobei in der darauf stattgefundenen Debatte +ihm ein Parteigenosse von mir eine Reihe Sünden vorgehalten, die er zum +Teil längst vergessen gehabt habe. Da er bemerkte, daß der Redner die +Vorwürfe aus einer Broschüre zitierte, habe er einen seiner +Parteigenossen gebeten, sich an den Redner heranzuschlängeln, um +festzustellen, was für eine Broschüre es sei, aus der er zitiere. Er +habe alsdann sich dieselbe beschafft und aus dem Inhalt ersehen, daß die +der Broschüre zugrunde liegende Idee eine sehr gute sei. Darauf habe er +sich entschlossen, den Gedanken, wenn auch in anderer Form, ebenfalls +für seine Partei zur Durchführung zu bringen. So sei sein bekanntes +politisches Abcbuch entstanden. Ich war in diesem Augenblick ein wenig +stolz, meinem vielgerühmten politischen Gegner als Lehrmeister gegenüber +zusitzen. Später haben bekanntlich auch die anderen Parteien, unserem +Beispiel folgend, derartige politische Leitfäden herausgegeben. + +Eine andere Wirkung meiner Broschüre war, daß ein Kaplan Hohoff aus +Hüffe in Westfalen sich veranlaßt sah, in mehreren Artikeln, die der +„Volksstaat“ veröffentlichte, gegen meine Auffassung des Christentums +und des Kulturkampfes zu polemisieren. Ich antwortete in einer Reihe +Artikel, die nachher als Broschüre unter dem Titel „Christentum und +Sozialismus“ erschienen sind und bis heute eine größere Zahl Auflagen +erlebten. + +Die Wahlen waren auf den 10. Januar 1874 angesetzt worden. Das +Wahlresultat war für uns sehr befriedigend. Wir hatten auf den +ersten Hieb sechs Abgeordnete durchgebracht — Seib-Freiberg, +Liebknecht-Stollberg-Schneeberg, Most-Chemnitz, +Vahlteich-Mittweida-Burgstädt, Motteler-Crimmitschau-Zwickau und mich in +meinem alten Kreise Glauchau-Meerane. Im 13. Wahlkreis Leipzig-Land war +Johann Jacoby in Stichwahl gekommen. Der Allgemeine Deutsche +Arbeiterverein hatte zwei seiner Kandidaten durchgebracht. Hasenclever +in Altona und Reimer im schleswig-holsteinschen Wahlkreis Seegeberg. +Hasselmann kam in Barmen-Elberfeld zur Stichwahl und siegte. Auch Johann +Jacoby siegte mit 7577 gegen 6674 Stimmen, aber zur allgemeinen und +unangenehmen Ueberraschung der Partei lehnte er das Mandat ab. Es war +richtig, er hatte bei der Befragung, ob er eine Kandidatur annehme, +nicht auch die Zusage gemacht, daß er eine Wahl annehmen werde. Er hatte +in seinem Briefe ausgeführt: Den Parteigenossen sei seine Ansicht über +das preußisch-deutsche Kaisertum bekannt; sie möchten hiernach +ermessen, wie wenig Verlangen er trage, an den unersprießlichen +Reichstagsverhandlungen sich zu beteiligen. Sollte — aus taktischen +Gründen — die Partei für gut befinden, ihn als Kandidaten aufzustellen, +so habe er nichts dagegen, er müsse jedoch im voraus bemerken, daß +er — im Falle der Wahl — die freie Entscheidung über Annahme oder +Ablehnung des Mandats sich vorbehalte. In dem Ablehnungsbrief bemerkte +er, er habe seine Kandidatur nur als Protestkandidatur aufgefaßt, denn +wie er über die neue Ordnung der Dinge in Deutschland denke, habe er +schon am 6. Mai 1867 im preußischen Abgeordnetenhaus ausgesprochen. Er +glaube nicht daran, daß man auf parlamentarischem Wege einen +Militärstaat in einen Volksstaat verwandeln könne. + +Der Fehler lag beim Wahlkomitee, das auf seinen ersten Brief keine klipp +und klare Antwort verlangte. Die Aufregung über den Schritt Jacobys +wurde in der Partei noch größer, als bei der Nachwahl unser Kandidat +Wilhelm Bracke mit 5676 gegen nahe an 8000 Stimmen, die auf den Gegner +fielen, unterlag. Ich selbst war über den Vorgang so aufgebracht, daß +ich einen heftigen Brief an Dr. Guido Weiß, den Freund Jacobys, schrieb, +worin ich die Ablehnung der Wahl tadelte. + +Die beiden Fraktionen der Sozialdemokratie waren also nunmehr durch 9 +Abgeordnete im Reichstag vertreten. Die Stimmenzahl, die auf ihre +Kandidaten fiel, betrug 351670, davon kamen auf die Kandidaten des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins 180319, auf die Kandidaten der +Sozialdemokratischen Arbeiterpartei 171351. Beide Fraktionen musterten +also eine fast gleich starke Anhängerzahl; die Gesamtstimmenzahl war +gegen 1871 um 200 Prozent, im ganzen um 236000 Stimmen gestiegen. + +Dieser glänzende Wahlausfall hatte in den höheren Regionen wie in den +bürgerlichen Kreisen stark verschnupft. Ein solches Resultat hatte man +nicht erwartet. Es zeigte sich, daß allen Verfolgungen und Schikanen zum +Trotz die Partei ständig wuchs, und so verdichteten sich die schon +vorhandenen Gedanken in den maßgebenden Kreisen mehr und mehr, der +Partei mit Ausnahmemaßregeln auf den Leib zu rücken. + + * * * * * + +Das tägliche Einerlei unserer Haft wurde Ende Februar 1874 durch einen +Besuch von Gustav Rasch in amüsanter Weise unterbrochen. Rasch war ein +wenig Sensationsschriftsteller, er liebte es, in seinen Arbeiten die +Farben etwas dick aufzutragen. Er hatte sich dadurch einen Namen +gemacht, daß er Ende der fünfziger und in der ersten Hälfte der +sechziger Jahre in der „Gartenlaube“ und mehreren großen liberalen +Zeitungen zahlreiche Artikel veröffentlichte über die Schandwirtschaft +der Oesterreicher in Venetien und die „Tyrannenherrschaft“ der Dänen in +Schleswig-Holstein, die großes Aufsehen erregten. Liebknecht und ich +hatten ihn in Berlin kennen gelernt. Jetzt kam er hauptsächlich wohl zu +einem Besuch, weil er hoffte, Material für einen Artikel zu erhalten. +Solche Besuche fanden auf dem Bureau in Gegenwart eines Beamten statt +und sollten nicht über eine Stunde währen. Das paßte aber Rasch nicht. +Er verlangte vom Direktor, mit uns unter vier Augen sprechen zu dürfen, +auch wünschte er unsere Zellen zu sehen. Der Direktor lehnte dieses +Ansinnen mit den Worten ab: Er (Rasch) solle sich doch in seine Lage +denken, um einzusehen, daß das nicht gehe; wäre er (Rasch) Direktor, +könnte er auch nicht anders handeln, worauf Rasch mit seiner göttlichen +Unverfrorenheit antwortete: O, wenn er Direktor wäre, er erlaubte es +sicher! Eine Antwort, die uns alle zu schallendem Gelächter veranlaßte. + + +FUSSNOTEN: + +[1] Die Stelle wurde durch den Kontrollbeamten gestrichen. + +[2] Vahlteich. Most beschuldigte Vahlteich, daß er seine Kandidatur für +den Reichstag unmöglich zu machen suche und die Veröffentlichung +verschiedener Mitteilungen für die „Chemnitzer Freie Presse“ +unterdrückte. + + + + +Königstein. + + +Im Laufe des März wurde uns offiziell mitgeteilt, wir würden am 1. April +nach der Festung Königstein überführt werden. Die Nachricht war uns +nicht angenehm. Liebknechts Haft ging Mitte April, die meine Mitte Mai +zu Ende und da kam uns ein Umzug mit unseren Büchern und Skripturen und +verschiedenen Möbelstücken sehr ungelegen. Im letzten Moment wurde aber +die Uebersiedlung verschoben, und so konnte Liebknecht am 15. April von +Hubertusburg nach Leipzig reisen. Ich aber mußte am 23. April 1874 die +Reise nach dem Königstein in Begleitung eines Beamten in Zivil +unternehmen. Als ich mich am Tage vor der Abreise vom Direktor +verabschiedete und ihm für sein Entgegenkommen in so mancher +Angelegenheit dankte, war er sehr gerührt. Er drückte mir zum Abschied +warm die Hand und entließ mich mit den Worten: Gehen Sie mit Gott! Der +beste Wunsch, den er von seinem Standpunkt aus wohl glaubte mir mitgeben +zu können. Als ich dann am nächsten Morgen 5 Uhr die Reise antrat, war +auch die ganze Familie des Aufsehers versammelt, um sich von mir zu +verabschieden. Dieser wurde nunmehr nach dem Waldheimer Zuchthaus +versetzt; ich glaube, die Zeit, in der er uns unter seiner Obhut hatte, +war die schönste seines Lebens. Er starb bald nachher. + +Der 23. April war ein herrlicher Tag, das ganze Elbtal grünte und blühte +in voller Frühlingspracht. Beim Aufstieg auf die Festung begegneten wir +dem Gouverneur der Festung, Generalleutnant v. Leonhardti, dem ich durch +meinen Begleiter vorgestellt wurde. Während wir nun selbander den Weg +nach oben zurücklegten, ließ sich der General in eine Unterhaltung mit +mir ein. Er wünschte zu wissen, wie die Tagesordnung und die Behandlung +in Hubertusburg gewesen sei. Nachdem ich ihm die gewünschte Auskunft +gegeben, meinte er: Na, schlechter sollen Sie es bei mir nicht haben. + +Als Aufenthalt wurde mir ein altes, nach früheren Begriffen bombenfestes +Gebäude angewiesen, das vordem Zeughaus war. Auf dem Korridor standen +zur Stütze des Daches Balken von einer Dicke, wie man sie nur noch auf +den Böden alter Kirchendächer sieht. Die Stube war geräumig und hatte +zwei schießschartenartige Fenster, die mit dicken Eisenstäben versehen +waren, als gelte es, Mörder und Mordbrenner in Gewahrsam zu halten. An +der einen Wand stand ein riesiger Kachelofen, in dem die fünf Pfund +Kohlen, die mir als tägliches Deputat der Staat gewährte — denn es war +trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit und dem prächtigen Frühlingswetter +in dem Raum bitter kalt —, verschwanden. Ich mußte mir auf eigene Kosten +noch Feuerungsmaterial beschaffen, wollte ich nicht frieren. Hätten wir +unsere ganze Haft dort oben verbringen müssen, wir hätten ein kleines +Vermögen für Feuerungsmaterial zugesetzt. + +Eine interessante Persönlichkeit war mein Wärter. Dieser, ein +siebzigjähriger Mann, leistete schon seit 36 Jahren auf der Festung +Dienst und hatte 1849 zwei Mitglieder der provisorischen Regierung +Sachsens, Tod und Heubner, ferner August Röckel und einen der Leiter des +Dresdener Maiaufstandes, Michael Bakunin, den später nach den einen +berühmt, nach den anderen berüchtigt gewordenen Führer der Anarchisten, +in seiner Obhut. Die Genannten befanden sich auf der Festung in +Untersuchungshaft. + +Sehr beschränkt war der Raum für meinen Spaziergang, der sich auf einen +einzigen kurzen Weg in dem kleinen Park der Festung erstreckte und bei +dem regelmäßig ein Posten Wache stand, um die zahlreichen Besucher des +Königsteins mir fern zu halten. Das einzig Zufriedenstellende war die +Kost, die ich aus einer kleinen Wirtschaft auf der Festung bezog. Der +Wirt schien mich in sein Herz geschlossen zu haben; das Essen war nicht +nur sehr gut und billig, sondern auch sehr reichlich. Ich war +verwundert, als ich am ersten Tage die für mich bestimmte Portion sah, +war aber höchlich überrascht, als ich sie ganz verzehrte. Die Höhenluft +tat ihre Wirkung. Die Soldaten der kleinen Besatzung klagten, daß sie +hier oben nie satt würden und froh seien, wenn sie abgelöst würden, was +alle drei Monate geschah. + +Endlich kam der 14. Mai, der Tag der vorläufigen Befreiung. Unter denen, +die mich zu Hause begrüßten, befand sich auch Eduard Bernstein, der +extra zu diesem Zweck von Berlin nach Leipzig gekommen war. Ich hatte +Bernstein bereits 1871 in Berlin kennen gelernt. Durch Vermittlung +meines Rechtsanwalts Otto Freytag hatte sich das Ministerium +herbeigelassen, mir bis zum Antritt der neunmonatigen Haft im +Landesgefängnis in Zwickau eine sechswöchige Frist zu gewähren. Da in +diese Pause Pfingsten fiel, machte ich mit meiner Frau und Tochter und +einigen Freunden einen Ausflug nach der sächsischen Schweiz und dem +Königstein. Hier machte es mir großes Vergnügen, daß die Zelle, in der +ich drei Wochen kampiert hatte, mittlerweile zu den Sehenswürdigkeiten +der Festung avanciert war. Der Fremdenführer machte auf die Fenster der +Zelle, die mich damals beherbergte, aufmerksam. Später ist ihm das +verboten worden. Für die Dresdener Parteigenossen hieß der Königstein +längere Zeit scherzweise die Bebelburg. + + + + +Zwickau. + + +Nachdem ich vor meinem Haftantritt dem Direktor des Landesgefängnisses +einen Besuch abgestattet, um zu erfahren, welche Erleichterungen er mir +als politischer Gefangener während der Haft gewähren wollte, rückte ich +am 1. Juli 1874 dort ein. Die Einrichtungen des Gefängnisses und die +Erleichterungen, die den meisten politischen Gefangenen gewährt wurden, +sind bereits in dem Mostschen Brief an mich erwähnt. Ich kann hier +darauf Bezug nehmen. Den Besuch der Familie sollte ich monatlich einmal +auf eine Stunde unter Aufsicht eines Beamten genießen können. Nachdem +meine Frau einen solchen im dritten Monat meiner Haft gemacht hatte, +verzichteten wir beiderseitig darauf, den Besuch zu erneuern. Zu den +Kosten der Reise auch noch die Beamtenkontrolle über jedes Wort, das man +miteinander sprach, in den Kauf nehmen zu sollen, das war ein zu großes +Opfer. Anderweite Besuche empfing ich auch nur vereinzelt, ich sehnte +mich nicht danach. + +Ich stürzte mich nunmehr wieder mit allem Eifer in die Arbeit. Sehr +aufregend wirkte auf mich, als von meiner Frau Berichte einliefen über +den schweren Stand, den wir geschäftlich hatten, denn mittlerweile war +die große Industriekrise mit aller Wucht hereingebrochen und machte sich +obendrein für uns die ruinöse Konkurrenz eines neu errichteten +Fabrikbetriebs geltend. Wer eine solche Situation nie durchgemacht hat, +ahnt nicht, wie niederdrückend das Bewußtsein vollständiger +Hilflosigkeit auf den Gefangenen wirkt. Meine Hauptgefängnisarbeit war +die schon erwähnte Geschichte des deutschen Bauernkriegs — die längst +vergriffen ist —, die aber schon aus dem Grunde kein Meisterwerk werden +konnte, weil mir die nötigen Hilfsmittel fehlten. Ich schrieb das Buch, +weil mir der große deutsche Bauernkrieg von 1525 und die ihm unmittelbar +vorhergehenden revolutionären Bauernaufstände mit das wichtigste +Ereignis der neueren deutschen Geschichte zu sein dünkt, das die +offizielle Geschichtschreibung zu schildern schmählich vernachlässigte. + +Am 1. Januar 1875 erhielt ich durch Motteler eine Depesche, daß am +Vorabend York gestorben sei. York war ein knorriger und eigenwilliger +Charakter, aber auch ein Mann von unermüdlicher Tätigkeit und höchster +Opferwilligkeit. Dabei war er äußerst bescheiden. Er begnügte sich in +den ersten Jahren als Parteisekretär mit einem Gehalt, das ihm nicht +einmal erlaubte, wie er mir mal schrieb, sich eine neue Hose +anzuschaffen. Er starb arm wie eine Kirchenmaus, die Partei dankte ihm +dadurch, daß sie die Sorge für seine Frau und Kinder übernahm. An Yorks +Stelle war schon den Herbst zuvor Auer als Parteisekretär eingetreten. + +Endlich waren auch die neun Monate Zwickau überstanden. Am 1. April +1875 — dem 60. Geburtstag Bismarcks — wurde ich entlassen. Der Abschied +zwischen dem Direktor und mir war auch hier ein warmer. Ich habe +allezeit den Grundsatz befolgt, sich in Unvermeidliches, das man nicht +zu ändern vermag, nach Möglichkeit zu fügen und den Dingen die beste +Seite abzugewinnen. Von diesem Gesichtspunkt ausgehend, bin ich, ohne +mir dabei das geringste zu vergeben, den Gefängnisbeamten bei Ausübung +ihres schweren Amtes möglichst entgegengekommen, indem ich mich in die +vorgeschriebene Ordnung fügte. Dafür waren sie stets dankbar. In den +größeren Gefängnissen haben es die Beamten mit so viel sozial +bedenklichen und verkommenen Elementen zu tun — den traurigen Produkten +unserer famosen sozialen Ordnung —, daß ihr Dienst einer der schwersten +ist, den es gibt; sie sind glücklich, wenn sie Leute unter ihre Obhut +bekommen, mit denen sie menschlich verkehren können. + +Die Zwickauer Genossen hatten sich am Tage meiner Entlassung zu einer +Ovation vereinigt; sie überreichten mir und meiner Frau ein paar feine, +mit einer Widmung versehene Kaffeetassen. Wir sollten das sächsische +Nationalgetränk künftig noch recht lange in voller Ruhe und Muße und +ungetrennt genießen. Der Wunsch war gut gemeint, aber in Erfüllung ging +er nicht. + +Unter den zahlreichen Gratulanten, die mir ihre Glückwünsche zu meiner +Befreiung übermittelten, befand sich auch die damals noch demokratische +„Frankfurter Zeitung“, die unter anderem mit Hinweis auf Bismarcks +Geburtstag schrieb: + + „... Unser Glückwunsch sucht an einem anderen Orte einen anderen Mann. + Er gilt dem schlichten Bürger und Arbeiter, der morgen nach fast + ununterbrochener dreijähriger Haft das Gefängnis verläßt mit demselben + fleckenlosen Rufe, mit dem er es nach einem Richterspruch, über den, + soweit es von der Mitwelt noch nicht geschehen ist, die Nachwelt + richten wird, betreten hat, geliebt von seinen Parteigenossen, + gefürchtet und geachtet von seinen Gegnern. Wir zählen nicht zu diesen + noch zu jenen, aber wir schätzen, wo wir sie finden, + Ueberzeugungstreue und ehrliches, uneigennütziges Streben, und es + erfüllt uns die stärkste Sympathie für jeden, der um ihrer willen + leiden muß.... Gruß und Glückwunsch darum dem Reichstagsabgeordneten + August Bebel.“ + +Einige Monate zuvor hatte mir der Hauptbesitzer der „Frankfurter +Zeitung“, Leopold Sonnemann, zwanzig Flaschen Wein ins Gefängnis +geschickt; ich ließ sie nach Hause wandern, da im Gefängnis solche +Genüsse nicht gestattet werden. Ich trank sie nachher in Gemeinschaft +mit meiner Frau und Freunden. Zu meiner Freilassung am 1. April sandte +mir dann Sonnemann noch einen brieflichen Glückwunsch, worin er +bemerkte: „Ich hoffe, daß nunmehr Dein Martyrium auf längere Zeit ein +Ende hat.“ Wir duzten uns seit 1866. + + * * * * * + +Kurze Zeit nach meiner Entladung aus Zwickau erhielt ich einen Brief von +Professor Schäffle aus Stuttgart. Schäffle hatte nach seinem Rücktritt +aus dem Ministerium Hohenwart in Wien sich nach Stuttgart zurückgezogen, +woselbst er seinen Studien lebte. 1874 war von ihm eine Broschüre, +betitelt „Die Quintessenz des Sozialismus“, erschienen, die durch die +objektive Beurteilung, die er darin dem Sozialismus zuteil werden ließ, +großes Aufsehen machte. Jetzt sandte er mir den ersten Band seines +dreibändigen Werkes „Bau und Leben des sozialen Körpers“ nebst einem +Brief mit folgendem Inhalt: + +Er wisse nicht, ob ich mich seiner noch vom Zollparlament her erinnere. +Gesehen hätten wir uns seitdem nicht mehr, aber wohl öfter voneinander +gehört. Gingen wir auch in vielem in unseren Lebensauffassungen +auseinander, so sei doch wohl das Interesse an den sozialen Fragen bei +uns gleich stark geblieben. Er sei daher so frei, mir ein Exemplar +seines neuen Buches, in dem mich wohl manche Ausführung interessieren +dürfte, zu übersenden. Es würde ihn freuen, wenn ich das Buch, das ihm +viel Gedankenarbeit verursacht habe, als ein Zeichen der Erinnerung +entgegennehmen wolle. + +Ich antwortete entsprechend und dankte ihm nachträglich noch besonders +dafür, daß er bei seinem Eintritt ins Ministerium Hohenwart die Amnestie +für die verurteilten „Hochverräter“ Scheu, Most, Oberwinder usw. erlangt +habe. + +Im Sommer 1877 besuchte mich Schäffle in Leipzig. Wir unterhielten uns +längere Zeit. Hauptthema unserer Unterhaltung bildete die Entwicklung +der sozialdemokratischen Partei und der Zeitpunkt, wann der Sozialismus +zum Siege kommen werde. Ich als Optimist sah diesen Zeitpunkt sehr nahe, +er dagegen meinte, das werde mindestens noch zweihundert Jahre dauern. +Darüber stritten wir uns. 1880 machte ich ihm einen Gegenbesuch in +Stuttgart, wo wir ebenfalls wieder eine längere Unterhaltung hatten, die +zeigte, daß er uns nach wie vor freundlich gegenüberstand. In den +nächsten Jahren vollzog sich aber bei ihm eine vollständige Wandlung. +Nachdem Bismarck die soziale Versicherungsgesetzgebung inaugurierte, von +der, wie er meinte, seine Geheimräte zu wenig verständen, wurde seine +Aufmerksamkeit auf Schäffle gelenkt. Schäffle war geneigt, eine Stellung +im deutschen Reichsdienst anzunehmen. Damit aber keinerlei ungünstiges +Vorurteil gegen ihn bestehen bleibe, verfaßte er jetzt eine Schrift, +betitelt „Die Aussichtslosigkeit der Sozialdemokratie“, die das +Gegenteil von seinen früheren Auffassungen bekundete. Hermann Bahr, der +in seinen jungen Jahren ebenfalls sozialistische Hosen trug wie so viele +unserer Intellektuellen, verfaßte darauf eine Broschüre, betitelt „Die +Einsichtslosigkeit des Herrn Schäffle“, in der er in geschickter und +humoristischer Weise Schäffle und seine Schrift verspottete. Meine +Beziehungen zu Schäffle hörten mit dem Jahre achtzig auf. Bekanntlich +erfüllte sich seine Hoffnung, in den Reichsdienst gezogen zu werden, +nicht. + + + + +Von 1871 bis zum Vereinigungskongreß zu Gotha. + + + + +Die Regierungen und die Sozialdemokratie. + + +Die Pariser Kommune hatte in den regierenden Kreisen große Besorgnisse +vor der sozialistischen Bewegung hervorgerufen. Die Sympathien, die die +Kommune in allen Ländern mit sozialistischer Bewegung bei den Arbeitern +fand, wurden auf das unangenehmste vermerkt und steigerten das +Mißbehagen. Dazu kamen die übertriebenen, um nicht zu sagen lächerlichen +Vorstellungen, die sich Bourgeoisie und Regierungen von der Macht der +Internationale machten. So sollte zum Beispiel die Internationale der +Pariser Kommune zwei Millionen Franken, viele tausend Gewehre, Munition +usw. geliefert haben, obgleich der Kommune sowohl die Mittel der Bank +von Frankreich zur Verfügung standen wie die Arsenale von Paris mit +ihren Munitions- und Waffenvorräten. Ueberdies war die allgemeine +Volksbewaffnung bereits seit Beginn September, seit der drohenden +Einschließung von Paris durch die Deutschen, also noch unter der +bürgerlichen Regierung, durchgeführt worden. In Deutschland wurden +ebenfalls zahlreiche Stimmen laut, die ein scharfes Vorgehen gegen die +sozialistische Bewegung forderten, ein Verlangen, dem Polizei, +Staatsanwälte und Gerichte bereitwillig entgegenkamen. In dieser +Situation benahm sich Garibaldi sehr anständig, der in einem Briefe an +den Redakteur der „Romagnole“ — Caprera, August 1871 — schrieb: Die +Internationale vertrete einen zahlreichen Teil der Gesellschaft, welcher +um weniger Privilegierter willen leide. Folglich müßten sie für die +Internationale sein, und wenn in ihren Einrichtungen Fehler seien, müßte +man sie verbessern. + +Obgleich um diese Zeit die sozialistische Bewegung in Oesterreich von +geringer Bedeutung war und das Ministerium Hohenwart-Schäffle nicht die +geringste Neigung zu Verfolgungsmaßregeln zeigte, folgte dennoch der +Reichskanzler Graf v. Beust einer Einladung Bismarcks zu einer Konferenz +der beiden Kaiser und ihrer Kanzler in Gastein, um dort über Maßregeln +gegen die Internationale zu beraten. Schäffle hatte von dieser Konferenz +abgeraten, aber er und Beust standen auf gespanntem Fuße, auch mochte es +Beust darum zu tun sein, mit seinem langjährigen intimen Feinde einmal +zusammenzukommen, wohingegen Bismarck von einer Zusammenkunft mit seinem +Gegner von 1866 eine Annäherung erhoffte für seine spätere äußere +Politik. Soweit bekannt wurde, kam man bezüglich der Internationale +überein, zunächst die soziale Lage zu „studieren“. + +Dagegen sah sich Anfang Februar 1872 die _spanische_ Regierung +veranlaßt — Spanien hatte mittlerweile in der Person des Prinzen Amadeo +von Italien einen König erhalten —, in einer Zirkulardepesche an die +Mächte einen Notschrei über die Internationale auszustoßen, die mit +ihren Bestrebungen allen Ueberlieferungen der Menschheit ins Gesicht +schlage, Gott aus dem Geiste auslösche, Familie und Erbnachfolge aus dem +Leben streiche und durch ihre furchtbare Organisation eine Gefahr bilde, +deren Größe nicht überschätzt werden könne. Die spanische Regierung +wünsche deshalb, daß eine der Großmächte die Angelegenheit gegen die +Internationale in die Hand nehme. Mit diesem Verlangen kam sie bei der +englischen Regierung übel an. Der Leiter der englischen auswärtigen +Politik, Lord Granville, antwortete ihr in einer Note, die ihr jedes +weitere Vorgehen verleidete. Er erklärte: obgleich die Internationale +ein Mittelpunkt für die Verbindung von Arbeitern und Gewerkschaften in +den verschiedenen Teilen der Welt geworden sei, beschränke sie sich in +Großbritannien darauf, hauptsächlich Ratschläge in Sachen von +Arbeitseinstellungen zu geben. _Auch habe sie sehr wenig Geld_. Nach den +bestehenden Gesetzen Großbritanniens hätten alle Ausländer das +unumschränkte Recht, dieses Land zu betreten und sich hier aufzuhalten, +und während sie in diesem Lande seien, _ständen sie im gleichen Grade +wie die britischen Untertanen unter dem Schutz der Gesetze. Auch könnten +sie nicht anders bestraft werden als für einen Verstoß gegen das Gesetz +und kraft des Urteilsspruchs der ordentlichen Gerichtstribunale nach +einer öffentlichen Prozedur und nach einem Erkenntnis, das sich auf die +in offenem Gerichtsverfahren beigebrachten Beweise stütze._ Kein +Ausländer könne als solcher des Landes verwiesen werden, mit Ausnahme +derer, die auf Verträge mit anderen Staaten hin behufs wechselseitiger +Auslieferung von Kriminalverbrechern weggeschafft würden. Schließlich +äußerte Granville, es liege bis jetzt kein Grund vor, Aenderungen der +bestehenden Gesetzgebung über den Aufenthalt von Ausländern in +Großbritannien vorzunehmen. + +Durch diese Haltung der englischen Regierung war jede Möglichkeit zu +internationalen Vereinbarungen gegen die Internationale ausgeschlossen. +Endlich zeigte auch der Ausgang des Kongresses der Internationale im +Haag im September 1872, der mit einer Spaltung zwischen Sozialisten und +Anarchisten — dort Marx, hier Bakunin — endete, auch der ängstlichsten +Regierung, daß vorläufig die befürchteten Gefahren nicht eintreten +würden. Und indem die Internationale den Sitz des Generalrats von London +nach Newyork verlegte, war der Beweis geliefert, daß sie selbst ihre +Reorganisation für eine Notwendigkeit hielt. + +War so die Aussicht auf eine internationale Verfolgung der Sozialisten +geschwunden, so hielt Bismarck um so nachdrücklicher an der Verfolgung +der Arbeiterbewegung durch Ausnahmemaßregeln in Deutschland fest. Dieses +zeigte seine Rede, die er Ende April 1873 im Herrenhaus hielt, worin er +die Notwendigkeit scharfer Gesetze gegen die Partei der +Internationale — wie er uns nannte — für ebenso notwendig erklärte wie +gegen die Partei der weltlichen Priesterherrschaft, das Zentrum. + +Dieser Ankündigung folgte die Tat auf dem Fuße. Anfang Juni 1873 ließ er +dem Reichstag einen Preßgesetzentwurf zugehen, in dem der § 20 also +lautete: Wer in einer Druckschrift die Familie, das Eigentum, die +allgemeine Wehrpflicht oder sonstige Grundlagen der staatlichen Ordnung +in einer die Sittlichkeit, den Rechtssinn oder die Vaterlandsliebe +_untergrabenden_ Weise angreift, oder Handlungen, welche das Gesetz als +strafbar bezeichnet, als nachahmungswert, verdienstlich oder +pflichtmäßig darstellt, oder Verhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft +in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise erörtert, wird mit +Gefängnis oder Festungshaft bis zu zwei Jahren bestraft. Wer die im § +166 des Strafgesetzbuchs für das Deutsche Reich (Vergehen wider die +Religion) vorgesehenen Handlungen mittels der Presse verübt, wird mit +Gefängnis nicht unter drei Monaten _bis vier Jahren_ bestraft. Nach § 21 +sollte der verantwortliche Redakteur einer periodischen Druckschrift mit +der Strafe des Täters belegt werden. + +Diese diabolischen Bestimmungen, die eine Aenderung des Strafgesetzes in +wichtigen Materien enthielten, die jede wissenschaftliche Erörterung der +mit Strafe bedrohten Fragen unmöglich machten und außerdem gegen alle +Parteien Anwendung finden konnten, waren denn doch nebst anderen +Bestimmungen der Mehrheit des Reichstags zu bedenklich. Der Entwurf +fiel. + +Mit seinem Preßgesetzentwurf hatte aber Bismarck nicht genug. Er +beantragte in derselben Session auch eine Abänderung und Verschärfung +des § 153 der Gewerbeordnung, wonach unter Umständen statt der +bisherigen Maximalstrafe von drei Monaten Gefängnis eine solche bis zu +sechs Monaten, eventuell bis zu einem Jahre erkannt werden konnte. +Ferner schlug er eine Aenderung des § 108 der Gewerbeordnung vor, wonach +die Streitigkeiten zwischen Unternehmern und den von ihnen beschäftigten +Arbeitern durch Gewerbegerichte entschieden werden sollten, deren +Vorsitzender von der obersten Justizaufsichtsbehörde des betreffenden +Bundesstaats, deren Beisitzer durch die _Gemeindevertretungen_ gewählt +werden sollten. Wegen Schluß der Session blieben die Gesetzentwürfe +unerledigt. + +Im folgenden Jahre folgte der Entwurf eines Kontraktbruchgesetzes und +ein neuer Preßgesetzentwurf, und in der Session von 1875/76 ein Entwurf +für die Abänderung des Strafgesetzbuches, und endlich nach den +Attentaten des Frühjahres 1878 das Ausnahmegesetz gegen die +Sozialdemokratie. Da vom Jahre 1874 ab die Sozialdemokratie wieder durch +ihre Vertreter im Reichstag zum Worte kam, komme ich noch auf die +Behandlung dieser Vorlagen ausführlicher zu sprechen. + + + + +Die Einigungsfrage vor den beiden Fraktionen. + + +Der Charakter, den die Verfolgungen seit 1872 gegen beide Fraktionen der +Sozialdemokratie annahmen, hätte bei ihnen das Bedürfnis nach festem +Zusammenhalten und nach Vereinigung hervorrufen sollen. Davon war aber +vorläufig wenig zu merken. In den Jahren 1872 und 1873 waren sogar die +gegenseitigen Angriffe in der Presse der beiden Fraktionen heftiger als +je zuvor, und der Ton in der Presse übertrug sich auf die Versammlungen. +Da um jene Zeit _Auer_ neben York unser eifrigster und sehr wirksamer +Agitator war, bekamen sie die Folgen dieser Kampfmethode besonders zu +genießen, _Auer_ noch speziell in seiner Agitation in Berlin, worüber +sich beide öfter in Briefen, die sie an mich nach Hubertusburg +richteten, beschwerten. Auer sprach nur noch von den Schülern Tölckes +und von Tölckianern. Aus diesen Vorgängen erklärt sich der bittere Ton, +den Auer einige Male auf den Parteikongressen anschlug, sobald die +Einigungsfrage zur Erörterung kam, und sein Verhalten auf dem +Einigungskongreß in Gotha. Das schloß aber nicht aus, daß er ehrlich die +Vereinigung wollte, und als sie endlich unter seiner Mithilfe kam, +keiner mehr als er bemüht war, die mancherlei persönlichen Gegensätze, +deren Vorhandensein nach jahrelanger erbitterter Bekämpfung nur +natürlich war, auszugleichen. + +Die Frage der Vereinigung wurde zum ersten Male offiziell auf der +Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins zu Berlin +(22. bis 25. Mai 1872) erörtert, auf der das Mitglied Harm, der sich +schon auf dem allgemeinen deutschen Webertag sehr versöhnlich gezeigt +hatte, im Namen seiner Elberfelder Genossen den Antrag stellte: „Die +Generalversammlung möge Mittel und Wege suchen, um die verschiedenen +Fraktionen der deutschen Arbeiterpartei zu vereinigen.“ Dieser Antrag +wurde heftig bekämpft unter starken Ausfällen gegen unsere Partei und +schließlich Uebergang zur Tagesordnung beschlossen. + + * * * * * + +Vom 7. bis 11. September 1872 hielt die sozialdemokratische +Arbeiterpartei ihren vierten Kongreß in Mainz ab. Den Vorsitz führten +Motteler und Vahlteich. Unter den Gästen befand sich Hartung-Wien, der +jetzt die schweizer Gewerkschaften vertrat. Hartung war es 1869 +gelungen, sich der Verhaftung zur Einleitung des Wiener +Hochverratsprozesses auch wider ihn durch die Flucht zu entziehen. Er +war eine Reihe von Jahren in Zürich und der schweizer Bewegung tätig, +zog sich aber dann zurück und wurde als Inhaber einer großen Schreinerei +in Zürich ein wohlhabender Mann. Der mit Hartung eng befreundete +Oberwinder verblieb in Oesterreich und war Redakteur des „Volkswille“. +Die gegen ihn ausgesprochene Ausweisung war zurückgenommen worden. Die +Rolle, die er aber jetzt in der österreichischen Arbeiterbewegung +spielte, wurde immer mehr eine zweideutige und führte schließlich zur +Spaltung. Aber auch seines Bleibens war auf die Dauer nicht in +Oesterreich. In der Zeit des Sozialistengesetzes lebte er in Paris und +kam hier bei unseren Parteigenossen in den Verdacht, im Dienste der +preußischen Polizei zu stehen. Der Partei hatte er Valet gesagt. Später +kehrte er nach Deutschland zurück und übernahm die Chefredaktion des +„Dresdener Anzeigers“, eines magistratlichen Amtsblattes. Oberwinder +setzte sich im Jahre 1911 in seiner Heimat Weilburg an der Lahn zur +Ruhe. + +Ich erwähne dieses hier im Anschluß an meine Bemerkungen über Hartung, +nachdem ich in dieser meiner Arbeit Oberwinders wiederholt gedachte. +Andreas Scheu, auch einer der Führer der damaligen österreichischen +Bewegung, der mit Oberwinder in Konflikt geriet, ging nach schweren +Verfolgungen außer Landes, und zwar nach England. + +Unter den 51 Delegierten auf dem Mainzer Kongreß befand sich zum ersten +Male der junge Karl Grillenberger, der sich um jene Zeit die ersten +Sporen in der Nürnberger Arbeiterbewegung erworben hatte und deshalb in +der Cramer-Klettschen Fabrik, in der er als Schlosser arbeitete, +gemaßregelt worden war. + +In den Verhandlungen des Kongresses kam auch die Vereinigungsfrage zur +Erörterung. Es lag zunächst ein langer Antrag von Bruno Geiser vor, der +die Redaktion des „Volksstaat“ scharf tadelte wegen ihrer Polemik gegen +den „Neuen Sozialdemokrat“. Er verlangte, daß die Redaktion des +„Volksstaat“ unverzüglich die Polemik einstelle und eine solche nur +dann aufnehme, wenn der Parteiausschuß eine solche billige. Dieser +Antrag wurde abgelehnt. Es standen dann weiter drei Anträge zur +Verhandlung, die sämtlich die Vereinigung befürworteten. Schließlich +fand folgender Antrag Annahme, wodurch die anderen Anträge erledigt +waren: + + „Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein ist seinen sozialistischen + Prinzipien gemäß der einzige natürliche Bundesgenosse der + sozialdemokratischen Arbeiterpartei; der Kongreß beauftragt demgemäß + den Ausschuß, ein prinzipielles Zusammengehen mit dem Allgemeinen + Deutschen Arbeiterverein immer von neuem zu versuchen; ferner dafür + Sorge zu tragen, daß die Haltung aller dem Allgemeinen Deutschen + Arbeiterverein abgeneigten Mitgliedschaften eine versöhnliche werde + und die Redaktion des ‚Volksstaat‘ unverzüglich jede Polemik gegen den + Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und seine Leiter einzustellen, + sowie etwa neu eintretenden Anfeindungen von seiten des letzteren mit + Schweigen zu beantworten, falls der Ausschuß nicht ausnahmsweise eine + sachgemäße Erwiderung für unbedingt geboten erachtet.“ + +Kurze Zeit darauf, am 20. September 1872, veröffentlichte der „Neue +Sozialdemokrat“ einen Artikel mit der Ueberschrift: „Ein ernstes Wort an +die Arbeiter der Eisenacher Partei“, eine Anrede, in der er seiner +ständigen Taktik uns gegenüber den Namen der Partei verschwieg und einen +Gegensatz zwischen den Arbeitern und Nichtarbeitern in der Partei +konstruierte. In dieser Ansprache, die der „Volksstaat“ wörtlich +abdruckte, führte er bittere Beschwerde über angebliche Angriffe, die +der „Volksstaat“ und einzelne Mitglieder der Partei trotz jener in Mainz +beschlossenen Resolution gegen den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein +richteten. Auf seiner Seite habe man stets nur in der Verteidigung +gestanden, wohingegen der „Volksstaat“ der Angreifer gewesen sei. +Daraufhin erwiderte der „Volksstaat“ unter dem 28. September in einem +Artikel mit der Ueberschrift „Eine Antwort“ und unterzeichnet „Die +Redaktion“, in der jene Angriffe zurückgewiesen wurden. Am Schlusse des +Artikels, den Liebknecht und ich auf Hubertusburg verfaßt und der +Redaktion zugesandt hatten, hieß es: „Wir wollen von nun an alle Polemik +gegen den ‚Neuen Sozialdemokrat‘ einstellen unter der Bedingung, daß er +1. unsere Partei ausdrücklich und unzweideutig als eine +sozialdemokratische anerkennt und sie, wenn er von ihr spricht, stets +bei ihrem richtigen Namen nennt, und 2. daß er die Angriffe gegen die +Internationale Arbeiterassoziation unterläßt. + +Wir unsererseits erklären, wie wir das schon des öfteren getan haben, 1. +daß wir die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins als +unsere Parteigenossen ansehen, was nicht ausschließt, daß wir gegen +gewisse Persönlichkeiten im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein so +lange ein entschiedenes Mißtrauen hegen werden, bis die von unserer +Seite geltend gemachten Verdachtsgründe konklusiv widerlegt sind; 2. +erklären wir uns bereit, einen Vorschlag zu unterstützen, der dahin +ginge, einen gemeinschaftlichen Kongreß der beiden Fraktionen +einzuberufen, auf welchem die Differenzpunkte behufs einer Einigung +besprochen werden. Sollte eine Einigung respektive Verschmelzung nicht +möglich sein, dann müßte wenigstens ein gemeinsames Programm aufgestellt +und die Formen festgesetzt werden, innerhalb denen eine gemeinsame +Aktion (bei Wahlen, der Agitation usw.) sich zu bewegen hätte. Ein von +beiden Teilen gleichmäßig zu wählender Ausschuß hätte die Ausführung der +vereinbarten Punkte zu überwachen. Ferner möchten wir noch die +Niedersetzung eines aus beiden Fraktionen gleichmäßig zu wählenden +Schiedsgerichts befürworten, das die gegen verschiedene Mitglieder einer +der beiden Fraktionen von der anderen Seite erhobenen Anklagen zu +untersuchen und zu richten hat. Bemerken wollen wir, daß ähnliche +Vorschläge, wie die soeben angedeuteten, privatim schon wiederholentlich +Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins von uns +unterbreitet und von diesen auch gebilligt worden sind.“ + +Auf dem Mainzer Kongreß habe die sozialdemokratische Arbeiterpartei +offiziell in feierlichster Form ihrer versöhnlichen Stimmung Ausdruck +gegeben; am Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein sei es jetzt, die +dargebotene Hand zu ergreifen und der deutschen Arbeiterwelt den Frieden +zu geben. + +Auf diesen Vorschlag antwortete der „Neue Sozialdemokrat“ durch +nichtssagende Ausflüchte. Als dann kurze Zeit darauf die Lassalleaner +eine Versammlung unserer Parteigenossen in Berlin gewaltsam sprengten, +veröffentlichte der „Volksstaat“ eine Art Kriegserklärung gegen den +„Neuen Sozialdemokrat“, die mit den Worten schloß: „Die offenbaren +Verräter der Arbeitersache müssen unschädlich gemacht werden.“ + +Damit war der Kampf zwischen den beiden Fraktionen aufs neue entbrannt, +man schoß in den beiden führenden Blättern herüber und hinüber und +klagte sich gegenseitig mit einer Heftigkeit an, daß es schien, als +stehe eine Vereinigung weiter denn je im Felde. Schließlich mußte es als +ein Fortschritt in der Stellung der beiden Fraktionen zueinander +angesehen werden, als der „Neue Sozialdemokrat“ anläßlich der Wahl am +20. Januar 1873 im 17. sächsischen Wahlkreis seine Parteigenossen dort +aufforderte, nichts gegen meine Wiederwahl zu unternehmen. + +Einen sehr unangenehmen Eindruck machte es auf unserer Seite, daß F.W. +Fritzsche, der 1869 die sozialdemokratische Arbeiterpartei in Eisenach +mit gegründet hatte, jetzt plötzlich wieder auf die andere Seite +schwenkte und Stellung gegen uns nahm. + +In diesem gegenseitigen Kampfe glaubte die Kontrollkommission, die in +Breslau ihren Sitz hatte, unter Führung Geisers einen Rüffel der +Redaktion des „Volksstaat“ erteilen zu sollen, daß sie auf eigene Faust +Versöhnungsvorschläge gemacht und dabei den Kampf wider den „Neuen +Sozialdemokrat“ abermals aufgenommen habe. + +Die Antwort gab der Kontrollkommission die nächste Generalversammlung +des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins. + + * * * * * + +Bei den polizeilichen Verfolgungen, die in jener Zeit in Betracht kamen, +suchte der Leipziger Polizeidirektor seine Kollegen im übrigen +Deutschland in den Schatten zu stellen. Der Auflösungs- und +Ausweisungswut fügte er ein Verbot des Besuchs des Internationalen +Arbeiterkongresses im Haag hinzu mit Androhung von vier Wochen Gefängnis +im Falle der Zuwiderhandlung. Ebenso verbot er die Mitgliedschaft, die +Anwerbung von Mitgliedern und die Geldsammlung für die Internationale. +Als dann Hepner trotz des Erlasses eines Verbots den Haager Kongreß +besuchte, erreichte ihn das angedrohte Geschick. Er bekam seine vier +Wochen Gefängnis und wurde im nächsten Frühjahr auf Grund dieser +Bestrafung aus Leipzig ausgewiesen, eine Maßregelung, die ihm nachher in +der Umgebung Leipzigs wiederholt widerfuhr. Da er aber auch mit dem +Parteiausschuß in Konflikt gekommen war, entschloß er sich, nach Breslau +zu übersiedeln und dort einen Buchverlag zu gründen. + +Die Animosität, die Hepner gegen den Parteiausschuß und speziell gegen +York als Parteisekretär empfand, in dem er nur den verbissenen +Lassalleaner, den bösen Geist in der Partei sah, veranlaßten ihn, an +Marx und Engels Mitteilungen gelangen zu lassen, wonach es in der Partei +sehr trübe aussehen sollte. Bei dem übertriebenen Mißtrauen, das Marx +und Engels gegen alles Lassallesche empfanden, genügten diese +Hepnerschen Schilderungen, um Engels zugleich im Namen von Marx zu einem +Warnungsbrief an Liebknecht zu veranlassen. Da mir Liebknecht den Inhalt +dieses Briefes mitteilte, nahm ich Veranlassung, an Marx folgendes zu +schreiben: + + „Hubertusburg, den 19. Mai 1873. + + Geehrter Freund! + + ... Es sind mehr als 5 Jahre, daß ich Ihnen zum letztenmal geschrieben + und jener Brief betraf Schweitzer. Dieser ist nun glücklich gestürzt + und vieles andere seit jener Zeit ebenfalls. Unsere Partei hingegen + hat einen mächtigen Aufschwung genommen und ich hoffe in weiteren 5 + Jahren ist sie so weit, daß sie ein ernsthaftes Wörtchen mitreden + kann. Hepner hat allem Anschein nach Ihnen und Freund Engels unsere + Parteiverhältnisse sehr düster gemalt, sehr mit Unrecht. Ich habe + darüber Freund Engels ausführlicher geschrieben, der Ihnen Mitteilung + davon machen wird. Im großen und ganzen halte ich die + Parteiverhältnisse für durchaus zufriedenstellend; was noch mangelhaft + ist, wird in nicht allzulanger Zeit sich beseitigen lassen, allerdings + ist da auch notwendig, daß man sich leidlich verträglich hält und + nicht mit Gewalt Krakeel haben will. Was mich zu dieser + Verträglichkeit bestimmt, ist, daß ich genau weiß, daß der beste und + ehrlichste Wille für das Wohl der Partei auch bei den Andersmeinenden + vorhanden ist. In einem solchen Falle halte ich es für unrecht, + Meinungsverschiedenheiten schroff zu behandeln und zum Bruch zu + reizen. Glauben Sie aber nicht, daß wir deshalb die Verträglichkeit + zur Schwäche treiben, es gibt eine Grenze, wo sie aufhört; die Mittel + und die Macht fehlen dann auch nicht, um unseren Willen durchzusetzen + ... + + Dem Wunsche Liebknechts, daß Sie Lassalles Schriften mal zum + Gegenstand einer kritischen Abhandlung machen möchten, schließe ich + mich vollkommen an. Eine solche ist durchaus notwendig, und damit sie + die nötige Wirkung erzielt, müßten Sie und kein anderer sie + veröffentlichen. Eine solche Kritik würde der Partei in Deutschland + nach verschiedenen Seiten hin den Boden ebnen. + + Mit Liebknecht habe ich schon mehrere Male gesprochen wegen neuer + Herausgabe des Kommunistischen Manifestes; wir können es aber in + Rücksicht auf den Schluß nicht riskieren. Dieser würde uns sofort + einen Hochverratsprozeß auf den Hals laden. Das Manifest ist zwar in + einem Heft des Leipziger Hochverratsprozesses als Aktenstück + abgedruckt, es sind auch einige Separatabzüge gemacht worden, aber das + genügt nicht, es müßte nachdrücklich empfohlen und öffentlich verkauft + werden können. Diese Schrift, mit einem passenden Vorwort verbunden, + würde vielen die Augen öffnen, sie würde beweisen, wie unendlich + schwächlich die Lassalleschen Vorschläge sind. Ueberlegen Sie sich die + Sache einmal. + + Mit freundlichem Gruß Ihr Bebel.“ + +In meinem Brief an Engels lauteten die entscheidenden Stellen: + + „Ihr Brief, den Sie am 17. v. M. an Liebknecht sandten und von dessen + Inhalt ich Kenntnis genommen, gibt mir Veranlassung, ebenfalls einige + Zeilen an Sie zu richten. Hepner hat augenscheinlich die Farben über + den Stand unserer Parteiverhältnisse sehr dick aufgetragen und + namentlich den Einfluß und die Absichten Yorks recht schwarz gemalt. + Wundern tut mich das von Hepner nicht, er ist ein durchaus braver und + treuer Genosse, aber leicht verbissen, und gegen den Ausschuß und + speziell gegen York hat er infolge einer ganzen Reihe von + Streitigkeiten einen solchen Zorn, daß er das Schlechteste von ihnen + glaubt und jedes Wort aufs strengste auslegt.“ + +Ich setzte dann im Detail auseinander, warum Hepner und York verbissene +Gegner seien, und fuhr fort: + + „Neben den schlimmen hat York auch entschieden gute Eigenschaften, + dahin gehört, daß er mit großem Eifer die Agitation und regelmäßige + Steuerzahlung betreibt, zwei Dinge, die sehr notwendig sind und die + seit den Wirren des Jahres 1870 — Verhaftung des Braunschweiger + Ausschusses — im argen gelegen haben. Hier ist sein Feld und hier hat + er allerdings auch Verdienste aufzuweisen. + + Ein zweiter Punkt ist unsere Stellung zu Lassalle und dem + Lassalleanismus. Da sind Sie wie Hepner entschieden im _Unrecht_, wenn + sie meinen, wir könnten rücksichtslos vorgehen, ohne erheblichen + Schaden in der Partei zu haben. Der Lassallekultus muß ausgerottet + werden, damit bin ich ganz einverstanden, auch die falschen Ansichten + Lassalles müssen bekämpft werden, aber mit Vorsicht. Sie können von + dort aus unmöglich unsere Verhältnisse genau beurteilen, und Hepner + ist zu wenig praktisch. + + Sie dürfen nicht vergessen, daß die Lassalleschen Schriften + tatsächlich — das läßt sich nicht wegdiskutieren — durch ihre populäre + Sprache die Grundlage der sozialistischen Anschauung der Massen + bilden. Sie sind zehnfach, zwanzigfach mehr wie irgend eine andere + sozialistische Schrift in Deutschland verbreitet, Lassalle genießt so + eine bedeutende Popularität. Diese Popularität ist durch die Ihnen + hinlänglich bekannten Mittel der Gräfin Hatzfeldt, Schweitzers und + anderer zum _Kultus_ potenziert worden, und wenn letzterer auch, dank + dem gesunden Gefühl der Massen und unserer eigenen Tätigkeit, schon + _bedeutend_ abgenommen hat und täglich mehr abnimmt, so wäre es doch + unklug, durch rücksichtsloses Vorgehen diese Gefühle zu verletzen. + + In unserer eigenen Partei ist der Lassallekultus so gut wie + verschwunden, aber immerhin gibt es einige Gegenden, wie das Rheinland + und Schlesien, in denen er Anhänger zählt, und, was uns namentlich + veranlassen muß, nicht allzu schroff vorzugehen, ist, daß sehr viele + Arbeiter im früheren Hatzfeldtschen Lager und im Allgemeinen Deutschen + Arbeiterverein sich mehr und mehr uns nähern und teilweise schon + angeschlossen haben. Daß je der Lassalleanismus in Deutschland wieder + Oberwasser bekommt, daran ist nicht entfernt zu denken; lassen wir + also den Dingen ruhig ihren Lauf und wo sich Gelegenheit bietet, dem + spezifischen Lassalleanismus einen Klaps zu versetzen, da wird es + geschehen. Das hat, glaube ich, auch der „Volksstaat“ bisher getan, + und wenn darüber York und einige andere sich ereifern, so läßt man sie + eben gewähren. + + Ein vernichtender Schlag für den Lassallekultus würde es sein, wenn + Freund Marx dem Wunsche Liebknechts — den ich vollständig + teile — nachkäme und in einigen objektiv gehaltenen Artikeln im + „Volksstaat“ wissenschaftlich die Fehler und Mängel der Lassalleschen + Theorien nachwies. Marx' wissenschaftliche Autorität auf ökonomischem + Gebiet ist so unbestritten, daß die Wirkung einer solchen Arbeit eine + kolossale sein würde. Helfen Sie uns, daß Freund Marx diesen Dienst + der Partei leistet. + + Das oben Gesagte kurz resumiert, steht die Sache also so: Yorks + Einfluß ist unbedeutend, er selbst nichts weniger als gefährlich, der + Lassalleanismus in der Partei ist ebenfalls wenig verbreitet, Schonung + nur in Rücksicht auf zahlreiche ehrliche, aber mißleitete Arbeiter, + die bei geschickter Behandlung uns sicher sind, geboten. + + Ich hoffe, daß nach diesen Auseinandersetzungen Sie nicht anstehen + werden, Ihre Mitarbeiterschaft dem „Volksstaat“ zu erhalten. Eine + Zurückziehung (womit Engels gedroht) wäre das Allerverkehrteste, was + Sie tun könnten, dadurch würden Sie dem oppositionellen Element eine + Bedeutung beilegen, die es absolut nicht hat, und die Partei + schädigen.... + + Mit freundlichem Gruß Ihr Bebel.“ + +An Hepners Stelle trat Wilhelm Blos als leitender Redakteur. Blos war +zuvor an mehreren süddeutschen demokratischen Blättern Redakteur +gewesen, dann wurde er Mitarbeiter an unserem Parteiblatt, dem „Fürther +demokratischen Wochenblatt“, dessen Hauptleserkreis aber in Nürnberg +war. Blos war 1872 der Partei wie der Internationale beigetreten und +wurde an Stelle des verhafteten Kokosky Redakteur des „Braunschweiger +Volksfreund“, alsdann des „Volksstaat“, den er, nachdem Liebknecht +freigekommen war, Herbst 1874 verließ, um auf dessen Wunsch die +Redaktion der Mainzer „Süddeutschen Volksstimme“ zu übernehmen. + +In jenen Jahren waren die gerichtlichen Verfolgungen gegen den +„Volksstaat“ so nachdrücklich, daß beständig zwei, manchmal drei seiner +verantwortlichen Redakteure im Gefängnis zubrachten. Aehnlich erging es +den meisten anderen unserer Parteiorgane, zu denen damals außer dem +„Volksstaat“ der „Braunschweiger Volksfreund“, der „Dresdener +Volksbote“, die „Chemnitzer freie Presse“, der „Crimmitschauer Bürger- +und Bauernfreund“, das „Fürther demokratische Wochenblatt“, der +„Münchner Zeitgeist“, die „Hofer Zeitung“, die Mainzer „Süddeutsche +Volksstimme“ und der „Thüringer Volksbote“ zählten. + +Die führenden Persönlichkeiten jener Zeit hatten mit wenigen Ausnahmen +alle mehr oder weniger oft mit dem Gefängnis Bekanntschaft gemacht. In +Sachsen fügte man hierzu noch die Ausweisungen aus Orten und ganzen +Bezirken, von der neben Most und Hepner unter anderem Auer, Daschner, +Lyser, Muth, Rüdt, Ufert, später auch Max Kayser betroffen wurden. + + + + +Der Parteikongreß zu Eisenach 1873. + + +Zu jener Zeit marschierte auch Bayern in den Reihen der Reaktion. Der +Parteiausschuß hatte für den 24. August 1873 und die folgenden Tage den +Parteikongreß nach Nürnberg einberufen. Am 31. Juli erfolgte durch den +königlichen Kommissar der Stadt Nürnberg das Verbot des Kongresses +mit Hinweis auf Artikel 17 des bayerischen Vereins- und +Versammlungsgesetzes. Auch sei zu befürchten, daß die §§ 110, 130, 131 +und 360 Ziffer 11 des Reichsstrafgesetzbuches durch die Abhaltung des +Kongresses verletzt würden. Eine Beschwerde gegen dieses merkwürdige +Verbot wurde nicht erhoben, weil der Ausschuß sofort den Kongreß nach +_Eisenach_ einberief. Nun glaubte der Leipziger Polizeidirektor Rüder +hinter dem Nürnberger Kommissar nicht zurückgehen zu sollen. Er verbot +nunmehr auch den Besuch des Eisenacher Kongresses bei Strafe von vier +Wochen Gefängnis im Falle der Zuwiderhandlung. In der Tat blieb infolge +dieses Verbots Leipzig auf dem Eisenacher Kongreß unvertreten. + +Auf diesem waren 71 Delegierte anwesend, die 9224 Mitglieder aus 132 +Orten hinter sich hatten. Demselben präsidierten Geib und Motteler. Im +Laufe der Verhandlungen kam auch die leidige Angelegenheit _Memminger,_ +die schon jahrelang die Nürnberg-Fürther Parteigenossen zerklüftet +hatte, zur Sprache. Auf der Seite Memmingers stand _Grillenberger,_ +gegen ihn _Auer_ und _Löwenstein_. Mit großem Mehr beschloß der Kongreß, +daß Memminger sich ein parteischädigendes Verhalten habe zuschulden +kommen lassen und durch eine Reihe von Handlungen sich _außerhalb_ der +Partei gestellt habe. + +Die Verhandlungen über die Einigungsfrage, die ebenfalls auf der +Tagesordnung stand, wurden sehr ungünstig beeinflußt durch die Haltung, +die der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein auf seiner Generalversammlung +im vorhergehenden Mai in Berlin eingenommen hatte. Auf dieser hatten +sich Frohme, Hasenclever, Hasselmann und andere Redner sehr +entschieden _gegen_ einen Antrag, der die Vereinigung forderte, +ausgesprochen. Schließlich war mit allen gegen 3 Stimmen ein Antrag +_Richter_-Wandsbeck, den _Tölcke,_ Harm-Elberfeld, Dasbach-Hanau usw. +unterzeichnet hatten, angenommen worden, der lautete: + + „In Erwägung: 1. daß die sogenannte ‚Sozialdemokratische + Arbeiterpartei‘ ursprünglich auf dem Verbandstag der + Schulze-Delitzschen Arbeiterbildungsvereine zu Nürnberg im Jahre 1868, + beziehentlich auf dem Kongreß zu Eisenach im Jahre 1869, _lediglich in + der Absicht gegründet worden ist, die Arbeiterbewegung in Deutschland + zu schädigen_ dadurch, daß neben dem _Allgemeinen Deutschen + Arbeiterverein eine zweite_ angeblich sozialdemokratische Fraktion + geschaffen wurde, welche nur deshalb ein anscheinend mehr + politisch-revolutionäres Programm aufstellte, um durch dasselbe die + Arbeiter anzuziehen und so die Spaltung der deutschen Arbeiter + herbeizuführen; + + in Erwägung: 2. daß das jetzige _Zusammenwirken des Herrn v. + Schweitzer_ mit den Führern der sogenannten ‚Sozialdemokratischen + Arbeiterpartei‘ zum gemeinsamen Unterwühlen und zur Beseitigung der + Organisation des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins den + schlagendsten Beweis liefert, daß die Vernichtung des Allgemeinen + Deutschen Arbeitervereins der Hauptzweck der Führer der + Sozialdemokratischen Arbeiterpartei ist, die sich nicht scheuen, sich + zur Erreichung dieses Zweckes mit unstreitig reaktionären Elementen zu + verbinden; + + in Erwägung: 3. daß das Programm, die Organisation und die Taktik der + Sozialdemokratischen Arbeiterpartei durchaus unvereinbar sind mit dem + Programm und der Organisation des Allgemeinen Deutschen + Arbeitervereins, + + tritt die Generalversammlung dem Beschluß des Vorstandes des + Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins vom 5. Januar d.J. bei, welcher + also lautet: + + In Erwägung, daß für die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen + Arbeitervereins in prinzipieller und formeller Beziehung durchaus + keine Veranlagung vorliegt, an der Organisation des Allgemeinen + Deutschen Arbeitervereins zum Zwecke einer Vereinigung mit der + Eisenacher Partei eine Aenderung vorzunehmen, in fernerer Erwägung, + daß es den Mitgliedern jener Partei freisteht, in Gemäßheit des + Statuts des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in diesen + einzutreten, welcher eben durch seine starke Organisation sowie durch + seine viel bedeutendere Mitgliederzahl die beste Grundlage zur + Einigkeit der Arbeiter bietet, + + geht der Vorstand über die sogenannten Einigungsvorschläge der + Eisenacher Partei zur Tagesordnung über.“ + +Dem Kongreß lagen eine Anzahl Anträge, die Vereinigungsfrage betreffend, +vor, die sich teils für, teils gegen eine solche aussprachen, teils +unter bestimmten Bedingungen Kandidaten des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins bei den bevorstehenden Reichstagswahlen unterstützen +wollten. + +In der Debatte nahm auch _Auer_ das Wort. Er führte aus: Nach den +gemachten Erfahrungen wäre es unserer Partei unwürdig, noch Kompromisse +mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein einzugehen. In demselben +Sinne sprach sich _Blos_ aus, der weiter verlangte, daß man auch mit der +Volkspartei sich auf kein Kompromiß einlassen solle, von der im +umgekehrten Falle kein Mitglied für einen Arbeiterkandidaten stimme. +Schließlich zog Auer einen Berliner Antrag zugunsten eines Antrags +Albert-Glauchau zurück, der lautete: + + „Die Sozialdemokratische Partei betrachtet die Reichstagswahl nur als + Agitationsmittel und als Prüfung für die Verbreitung ihrer Prinzipien, + jeden Kompromiß mit anderen Parteien ablehnend.“ + +Dieser Antrag wurde nebst einem Antrag der Ronsdorfer Genossen +angenommen, der aussprach: + + „Da von seiten unserer Partei bereits Schritte zur Einigung der + gesamten deutschen Sozialdemokratie gemacht wurden, von der + diesjährigen Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen + Arbeitervereins aber fast einstimmig zurückgewiesen worden sind, + erklärt der Kongreß, jedweden Versuch mit obiger Fraktion, sei er auf + die Einigung der Partei oder auf Wahlen gerichtet, einzustellen.“ + +Als dann infolge dieses Beschlusses unsere Parteigenossen mich in Altona +gegenüber Hasenclever als Kandidat zur Reichstagswahl aufstellten und +der „Neue Sozialdemokrat“ sich darüber beschwerte, verhöhnte ihn _Auer_ +in einer Korrespondenz aus Dresden in Nr. 123 des „Volksstaat“, die mit +den Worten endete: „Ich schließe, indem ich dem Herrn Hasselmarat und +Strohpuppe Hasenclever das Sprüchlein zu bedenken gebe: Vorgetan und +nachbedacht, hat manchen in groß' Leid gebracht.“ Das ist zugleich eine +Probe, wie damals zeitweilig polemisiert wurde. + +Ueber den Ausfall der Wahlen vom 10. Januar 1874 habe ich schon +berichtet. Von Interesse dürfte sein, mit welch finanziellen Mitteln zu +jener Zeit eine Reichstagswahl von unserer Seite gemacht wurde. Die +Ausgaben der Parteikasse für ganz Deutschland betrugen 1300 Taler. Das +sächsische Landeskomitee hatte für die 91000 Stimmen, die in Sachsen auf +unsere Kandidaten fielen, eine Ausgabe von 780 Taler. Die Wahlen in +Leipzig Stadt und Land, einschließlich der Nachwahl in Leipzig Land, +erforderten 733 Taler, die Chemnitzer Wahl 345 Taler, Freiburg-Oederan +(Geibs Wahlkreis) 165 Taler, Stollberg-Schneeberg (Liebknechts +Wahlkreis) 350 Taler. Das sind Beträge, die im Vergleich zu den heutigen +Ausgaben für die gleichen Zwecke winzig genannt werden müssen. Zwischen +damals und jetzt besteht aber ein Unterschied. Jetzt opfern die +Parteigenossen mehr Geld und bezahlen die Wahlarbeit. Damals opferten +die Parteigenossen weniger Geld — weil sie weniger hatten und auch gegen +heute gering an Zahl waren —, aber sie leisteten die Wahlarbeit meist +umsonst. Der einzelne mußte damals durchschnittlich weit größere +persönliche Opfer bringen als heute, sollten Resultate erzielt werden. +Uebersehen darf allerdings nicht werden, daß gegenwärtig die +Wahlagitation in Deutschland namentlich auch seitens der Gegner in ganz +anderem Maße betrieben wird wie früher und schon deshalb unsererseits +weit größere Anstrengungen und Aufwendungen erfordert. + + + + +Die erste Session des neuen Reichstags 1874. + + +Diese wurde im Februar 1874 eröffnet. Seitens unserer Vertreter wurde +den Vertretern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins der Vorschlag +gemacht, eine Fraktion zu bilden. Das lehnten diese ab. Dagegen kam man +überein, sich gegenseitig bei Stellung von Anträgen zu unterstützen, +auch wolle man dahin wirken, daß in der Presse und in den Versammlungen +die gegenseitigen Angriffe unterblieben. Das war nicht viel, aber das +andere mußte folgen. Eine große Anzahl Parteigenossen auf beiden Seiten +hatte allmählich die gegenseitige Bekämpfung, die nur den Gegnern +zustatten kam, satt und wünschte, wenn eine Vereinigung noch nicht +möglich sein sollte, eine Verständigung zu gemeinsamem Vorgehen. + +In unserer Partei war man mit der Haltung der gewählten Vertreter +unzufrieden. Man fand, daß sie zu selten das Wort ergriffen und dann +nicht scharf genug geredet hatten. Der Unmut darüber kam auch mehrfach +in der Parteipresse zum Ausdruck. Liebknecht wohnte keiner Sitzung mehr +bei, da die Session kurz nach seiner Freilassung geschlossen wurde. Ich +erhielt von den verschiedensten Seiten Zuschriften, worin die Verfasser +sich über die Haltung der Parlamentsgenossen beklagten. So schrieb mir +nach Schluß der Session Robert Schweichel, der seit seiner Uebersiedlung +nach Berlin die Redaktion der „Romanzeitung“ übernommen hatte und daher +öffentlich politisch nicht tätig sein konnte: die Haltung der +sozialdemokratischen Abgeordneten habe allgemein enttäuscht. Nach dem +glänzenden Ausfall der Wahlen habe man eine andere Haltung erwartet. +Diese fördere die Partei nicht. Rübner, der Expedient der „Chemnitzer +Freien Presse“, schrieb mir: „Die Vertreter des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins haben unseren Genossen im Reichstag geschickt den Rang +abgelaufen. Darüber sind unsere Leute wütend.“ Die Abgeordneten selbst +beschwerten sich lebhaft darüber, daß der Präsident bei Wortmeldungen +die Vertreter des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bevorzugt habe. +An dieser Behauptung war etwas Wahres. An Simsons Stelle war Forckenbeck +getreten, der, wie ich schon einmal erwähnte, der parteiischste +Präsident war, den der Reichstag je gehabt hat. Erleichtert wurde ihm +diese Parteilichkeit durch die Abschaffung der Rednerliste, die erfolgt +war, um die sozialdemokratischen Abgeordneten möglichst am Redenhalten +hindern zu können. Die Abgeordneten mußten von jetzt ab durch ein +Zeichen dem Präsidenten bekunden, daß sie das Wort zu haben wünschten, +ungefähr so wie die Kinder in der Schule, wenn sie dem Lehrer +bemerklich machen wollen, daß sie eine Antwort auf eine Frage geben +können. Damit lag es in der Willkür des Präsidenten, ob er eine solche +Wortmeldung sehen und ob und wann er sie berücksichtigen wollte. Und +Forckenbeck machte von seiner Vollmacht rücksichtslos Gebrauch. Das +veranlaßte später Windthorst und seine Freunde, den Antrag zu stellen, +die Rednerliste wieder einzuführen. Der Antrag, zu dem von unserer Seite +Vahlteich sprach, wurde abgelehnt. Darauf sah sich Most veranlaßt, noch +kurz vor Schluß der Session die Parteilichkeit des Präsidenten +öffentlich im Reichstag zu denunzieren. Er habe trotz zahlreicher +Meldungen das Wort nur einmal erhalten. Ihm gegenüber lag allem Anschein +nach ein Racheakt vor. Most hatte sich verleiten lassen, bei Beginn der +Session, bevor er nach Berlin reiste, in der „Chemnitzer Freien Presse“, +deren Redakteur er war, eine Art Kriegserklärung an den Reichstag zu +veröffentlichen, in der er demselben den Kampf bis aufs Messer ansagte. +Dafür mußte er offenbar jetzt büßen. Die einzige Rede, die er halten +konnte, betraf den Entwurf zum Impfgesetz, und diese mißglückte ihm. Er +schloß die kurze Rede mit den Worten: „Vorläufig verlangen wir die +öffentlichen Badeanstalten, und wenn wir diese haben, werden wir auch +mit dem Normalarbeitstag kommen.“ Kein Wunder, daß dieser Schluß in +Mosts Munde die Heiterkeit der Gegner hervorrief. + +Aber es machte sich von dieser Session ab noch ein anderer Unfug mit +Forckenbecks Unterstützung breit, der später immer schlimmer wurde. Es +fand sich in einem Mitglied der nationalliberalen Partei, dem +Abgeordneten für Hildburghausen, Valentin, der seines Zeichens +Rechtsanwalt gewesen war, ein stets bereiter Schlußantragsteller. Sobald +Forckenbeck den Schluß der Debatte wünschte, gab er Valentin das +verabredete Zeichen, worauf dieser gehorsam den Schlußantrag stellte, +dem alsdann wie auf Kommando die Mehrheit — Nationalliberale und +Konservative — Folge leistete. Für diese Methode der Wortabschneidung +bildete sich im Reichstag die Bezeichnung: der redenwollende Abgeordnete +sei valentiniert, das heißt geistig guillotiniert worden. Dieser Unfug +ging schließlich so weit, daß auf dem Bureau Valentinsche Schlußanträge +_auf Vorrat_ lagen, deren sich der Präsident nach Belieben bediente. +Valentin wurde für seine Tätigkeit von seiner Fraktion dadurch geehrt, +daß diese ihm, wie im Reichstag erzählt wurde, zu seinem Geburtstag ein +Kistchen mit gedruckten Schlußanträgen schenkte. + +Bezeichnend für die damalige Situation im Reichstag war auch, daß der +Abgeordnete Bamberger es wagen konnte, die sozialistischen Abgeordneten +als geduldete Gäste zu bezeichnen, denen man das Hausrecht verweigern +könne. Kleinlich war auch, daß man Liebknecht und mich während unserer +Haft bei namentlichen Abstimmungen stets als „unentschuldigt“ in den +Listen geführt, ein Unfug, der erst auf eine energische Beschwerde +Vahlteichs in öffentlicher Sitzung ein Ende nahm. + +Unter den Vorlagen, die den Reichstag beschäftigten, befanden sich +mehrere von besonderer Wichtigkeit. So eine neue Militärvorlage, die +eine erhebliche Erhöhung der Präsenzziffer, auf über 401000 Mann, +ausschließlich der Einjährig-Freiwilligen, forderte, und zwar für die +Dauer von sieben Jahren. Damals hatten die Liberalen einschließlich der +Nationalliberalen noch konstitutionelle Bedenken gegen eine derartige +Festlegung auf viele Jahre. Es kam zu scharfen Debatten, aber +schließlich fügten sich die Nationalliberalen und nahmen an, nachdem +Bismarck mit Niederlegung seines Amtes drohte. In der ersten Lesung nahm +Hasenclever, in der Generaldebatte der dritten Lesung Motteler das Wort. +Beide forderten die Miliz. In diesen Debatten äußerte Moltke zur +Verteidigung der Vorlage die später oft zitierten Worte: + + „Was wir in einem halben Jahre mit den Waffen in der Hand errungen + haben, das mögen wir ein halbes Jahrhundert mit den Waffen schützen, + damit es uns nicht wieder entrissen wird. Darüber, meine Herren, + dürfen wir uns keiner Täuschung hingeben: wir haben seit unseren + glücklichen Kriegen an Achtung überall, an Liebe nirgends gewonnen.“ + +Damit wurde bestätigt, was wir wiederholt in den Jahren 1870/71 +vorausgesagt hatten. Nicht der Krieg an sich, aber seine Folgen, die +Annexion von Elsaß-Lothringen, hatte in Europa eine Situation +geschaffen, die die Lage immer gespannter machte, Rußland eine +dominierende Stellung verschaffte und immer neue Rüstungen hervorrief. +Zu unseren Milizvorschlägen äußerte Moltke: Meine Herren! Die Gewehre +sind bald ausgeteilt, aber schwer wieder zurückzubekommen! (Heiterkeit.) + +Der Abgeordnete Malinckrodt hatte den Antrag auf zweijährige Dienstzeit +gestellt, dafür stimmte Vahlteich, dagegen Geib, der Abstimmung +enthielten sich Most und Motteler. Hasenclever, Hasselmann und Reimer +hatten den Antrag gestellt, 540000 Mann für zwei Monate und 18000 Mann +für die weiteren zehn Monate zu bewilligen, ferner sollte die +militärische Jugenderziehung vom 14. bis 20. Jahre eingeführt werden. +Für diesen Antrag stimmten nur die Antragsteller. Diese Abstimmungen +gaben kein erhebendes Bild von der Tätigkeit der sozialdemokratischen +Abgeordneten. + +Eine zweite für die Arbeiterklasse wichtige Vorlage war eine Novelle zur +Gewerbeordnung, die in etwas abgeänderter Form die Vorlage aus der +vorigen Session wiederbrachte. Man begnügte sich diesmal, den § 153 +dahin zu verschärfen, daß Verletzung desselben statt wie bisher mit +höchstens drei Monaten künftig mit bis zu sechs Monaten Gefängnis +bestraft werden sollte. Dagegen hatte man in einem neuen § 153a die +Bestrafung des Kontraktbruchs vorgeschlagen, dieser sollte mit +Geldstrafe bis zu 150 Mk. oder Haft geahndet werden. Die Streiks, +die in den Gründerjahren häufig unter Kontraktbruch vorkamen +und nach ausgebrochener Krise wegen Lohnherabsetzungen und +Arbeitszeitverlängerungen Abwehrstreiks unter Nichtbeachtung der +Kündigungsfristen hervorriefen, hatten das Unternehmertum in die höchste +Aufregung versetzt. Es inszenierte einen Petitionssturm an die +verbündeten Regierungen und den Reichstag, um die kriminelle Bestrafung +des Kontraktbruchs zu erlangen. Diesem Verlangen waren die verbündeten +Regierungen durch den Vorschlag des § 153a nachgekommen. Im weiteren +wurden die früher schon vorgeschlagenen Bestimmungen betreffend die +gewerblichen Schiedsgerichte wieder in Vorschlag gebracht mit der +kleinen Abänderung, daß die höhere Verwaltungsbehörde bestimmen könne, +ob eine Wahl der Beisitzer durch die beteiligten Arbeiter und +Arbeitgeber erfolgen solle. Zu dem Gesetzentwurf hielt Hasselmann eine +gute Rede. In die Kommission wurde von unserer Seite Motteler gesandt, +der sich aber an den Verhandlungen nicht beteiligte, sondern stummer +Zuhörer blieb, was ihm von verschiedenen Seiten verdacht wurde. Die +Kommission strich den Kontraktbruchparagraphen, ebenso wurde die +Verschärfung des § 153 abgelehnt; sie beschloß ferner, daß die Wahl der +Beisitzer in den Gewerbegerichten nur durch allgemeine Wahlen der +Interessenten zu erfolgen habe. Der Entwurf wurde indes im Plenum nicht +zu Ende beraten. Man war vorläufig seitens der Mehrheit des Reichstags +zu Ausnahmebestimmungen oder Verschärfung der bestehenden Gesetze noch +nicht geneigt. + +Die dritte wichtige Vorlage war der Entwurf eines Preßgesetzes. In +diesem hatte der vorjährige § 20 folgenden Wortlaut erhalten: + + „Wer mittels der Presse den Ungehorsam gegen die Gesetze oder die + Verletzung von Gesetzen als etwas Erlaubtes oder Verdienstliches + darstellt, wird mit Gefängnis oder Festungshaft bis zu zwei Jahren + bestraft. Wer die im § 166 des Strafgesetzbuchs für das Deutsche Reich + vorgesehenen Handlungen mittels der Presse verübt, wird mit Gefängnis + nicht unter drei Monaten und bis zu vier Jahren bestraft.“ + +Auch zu diesem Gesetzentwurf hielt _Hasselmann_ eine gute Rede, außer +ihm sprach _Geib_. Der § 20 fiel in der Kommission und im Plenum. Im +übrigen beseitigte das Gesetz die Kautionen und verbot die +Zeitungsstempel und die Inseratenabgaben, wo solche noch bestanden. +Wirkliche Verbesserungen gegen den bisherigen Zustand brachte das Gesetz +nur Preußen, Braunschweig und den beiden Mecklenburg, für Sachsen, die +mitteldeutschen und süddeutschen Staaten schuf es hingegen verschiedene +zum Teil erhebliche Verschlechterungen, so daß seine Annahme anfangs +zweifelhaft war. Es ging hier wie bei allen wichtigen Gesetzen des +Reichs, den Verbesserungen standen _stets_ Verschlechterungen gegenüber; +zu einem politischen Gesetz, das für alle eine wesentliche Besserung +bedeutete, konnte sich der Reichstag nicht erheben, stets gab er dem +Druck der Regierungen, das heißt Preußen nach, dem Stimmführer für alles +Rückschrittliche. + +Erwähnt sei, daß bei Beginn der Session auch wieder der Antrag auf +meine Freilassung für die Dauer der Session gestellt worden war, jedoch +mit demselben negativen Erfolg wie früher. Redner für den Antrag waren +Vahlteich und Hasenclever. Die Fortschrittspartei verweigerte die +Unterstützung des Antrags, weil es zwecklos sei, ihn zu stellen. + + * * * * * + +Die Tatsache, daß die Vertreter der beiden sozialdemokratischen +Fraktionen im Reichstag genötigt wurden, öfter gemeinsame Sache bei den +Beratungen zu machen, war für alle jene, die eine Vereinigung wünschten, +ein neuer Anstoß zum Handeln. Der erste Schritt hierzu wurde auf der +Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +unternommen, die vom 26. Mai bis 5. Juni 1874 in Hannover tagte. F.W. +Fritzsche, Hartmann-Hamburg, Meister-Hannover und andere stellten den +Antrag, zu erklären: Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins hält die Vereinigung aller sozialdemokratischen Arbeiter +Deutschlands für erforderlich, um die Endziele der Sozialdemokratie zu +erreichen, und empfiehlt, um eine solche Vereinigung anzubahnen, daß +dieselben in allen öffentlichen Versammlungen sowie in der Parteipresse +sich nicht mehr bekämpfen und anfeinden. Bestimmte Vorschläge zur +Vereinigung können nicht eher gemacht und diskutiert werden, bevor der +Kongreß der Eisenacher konstatiert, daß auch er eine Einigung aufrichtig +anstrebt. + +Der Antrag wurde zwar nach längerer Debatte mit 50 gegen 19 Stimmen +_abgelehnt_, aber die Debatte wurde in einem merklich anderen Tone als +bei früheren ähnlichen Gelegenheiten geführt. + +Die Sozialdemokratie Arbeiterpartei hielt ihren Kongreß im folgenden +Monat, vom 18. bis 21. Juli, in Koburg ab, auf dem seit 1871 zum +erstenmal Liebknecht wieder auf einem Parteikongreß erschien. Die +Vereinigungsfrage kam hier ebenfalls zur Verhandlung, zu der +verschiedene Anträge gestellt worden waren. In dem Bericht, den _Geib_ +im Namen des Ausschusses erstattete, hatte dieser bereits ausgeführt: +„Wenn wir schließlich noch unsere Stellung zum Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein erwähnen, so geschieht es nur, um zu konstatieren, daß +seit der Reichstagswahl der alte Hader im Wanken begriffen ist. Viel +trägt dazu die Tatsache bei, daß der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein +jetzt von oben herab mit gleichem Maße gemessen wird wie unsere Partei. +Daß die Stellung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins tatsächlich +doch noch eine zurückhaltende ist, geht aus der Abstimmung über den auf +der Generalversammlung dieses Vereins gestellten Einigungsantrag, für +welchen unter 69 Delegierten nur 19 stimmten, deutlich hervor. Wir haben +uns demgemäß zu reservieren und vor allem auf die prinzipielle Haltung +des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins zu achten, da hierin ein +wesentliches, wenn nicht das wesentlichste Moment zur Richtschnur +unserer Einigungstaktik zu suchen ist.“ In der später folgenden Debatte +über die Einigungsanträge nahm auch _Auer_ das Wort, der noch immer der +Frage kühl gegenüberstand und pessimistisch äußerte: Im großen und +ganzen sind wir alle mit der Einigung einverstanden, aber solange auf +beiden Seiten die prinzipiellen Unterschiede ins Gewicht fallen, kann an +eine wirkliche Einigung nicht gedacht werden. Die Aussichten, die uns in +dieser Hinsicht der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein eröffnet, sind +gering, dies zeigt schon sein neuester Entschluß, sich sektenmäßig +„_Lassalleaner_“ zu nennen. Unser Versöhnungsdusel hat bis jetzt wenig +geholfen. Das einzige Mittel zur Einigung heißt: die Lassalleaner unsere +Macht fühlen lassen und uns stärken. Stellen wir uns auf den Standpunkt +der Einigungsvorschläge, die vor zwei Jahren im „Volksstaat“ +veröffentlicht wurden. (Siehe Seite 289 und 290.) Mag ein allgemeiner +Kongreß zur Beratung der Einigungsfrage berufen werden. _Bernstein_ +stand der Frage optimistischer gegenüber als Auer. Im Allgemeinen +Deutschen Arbeiterverein seien bereits viele Mitglieder für eine +Vereinigung. Der Verlauf der Generalversammlung des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins bestätige seine Auffassung. Er erklärte sich +ebenfalls für einen Kongreß behufs Verständigung. _Liebknecht_ sprach +sich in längerer Rede dafür aus, daß, wenn zunächst die Vereinigung +nicht möglich sei, die Einigung erstrebt werden müsse, die Vereinigung +werde nachher von selbst kommen, dafür sorge Herr Tessendorf und die +Logik der Tatsachen, wenn nicht mit, dann den Führern zum Trotz. +_Motteler_ berichtete über Besprechungen, die in Berlin zwischen +Hasenclever und Hasselmann auf der einen und unseren Vertretern auf der +anderen Seite stattgefunden hatten. Hasenclever und Hasselmann hätten +erklärt: _an eine Vereinigung sei nicht zu denken_, da der Allgemeine +Deutsche Arbeiterverein unbedingt die bessere Organisation habe. Ein +friedliches Nebeneinandergehen in Presse und Versammlungen sei ja +vereinbart. Zum Schlusse wurde mit großer Mehrheit ein Antrag Geibs +angenommen, lautend: + + „Der Kongreß erklärt, der Einigung der beiden deutschen + Arbeiterfraktionen geneigt zu sein. Ueber den Modus einer solchen + Einigung werden zum nächsten Kongreß seitens des Ausschusses und den + der Partei angehörigen Reichstagsmitgliedern Vorschläge erwartet. Im + übrigen geht der Kongreß zur Tagesordnung über.“ + + * * * * * + +Auf dem Koburger Kongreß kam es auch zu lebhaften Debatten über den oft +unzeitigen Eifer der Parteigenossen, in den größeren Orten Lokalblätter +zu gründen, die ungenügend finanziell fundiert, alsdann der Partei große +Verlegenheiten bereiteten, weil sie nunmehr um jeden Preis am Leben +erhalten werden sollten. Klagen, die sich bekanntlich bis in die Neuzeit +wiederholten. Nicht wenige dieser Blätter führten eine prekäre Existenz +und machten der Parteileitung schwere Sorge. Es war fast für das eine +und das andere eine Wohltat, unter dem Sozialistengesetz totgeschlagen +zu werden; sie starben wenigstens auf dem Felde der Ehre, im Kampfe mit +einem übermächtigen Gegner. + +Auch die Frage der Programmänderung beschäftigte den Koburger Kongreß. +Es lagen für dieselbe, unter anderen auch von Bracke, eine Anzahl +Anträge vor. Nach längerer Debatte fand alsdann ein Antrag +Kokosky-Grillenberger und Genossen Annahme, wonach der Kongreß die +Reformbedürftigkeit des Programms anerkannte, jedoch in der Erwägung, +daß die Frage im Augenblick noch nicht spruchreif sei, die Aenderung +des Programms bis zum nächsten Kongreß vertage. Die Programmänderung +solle in der Presse zur Diskussion gestellt werden. + +Des weiteren wurden öffentliche Vorträge veranstaltet, wobei Liebknecht +und Motteler über die politische Stellung der Sozialdemokratie, York und +Grillenberger über die industrielle und ländliche Arbeiterfrage +sprachen. Grillenberger, der über das letztere Thema sprach, hielt zu +dieser Frage eine gute instruktive Rede. + + + + +Tessendorf als Bahnbrecher der Einigung. + + + + +Einigungsverhandlungen. + + +Geib und Liebknecht hatten recht, als sie ausführten, die Neigung zu +einer Vereinigung mit uns werde im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein +gefördert werden durch die Behandlung, die ihm jetzt gleich uns von oben +zuteil wurde. Als vornehmster Träger dieser Verfolgungen erwies sich +Staatsanwalt Tessendorf, der im Sommer 1873 von Magdeburg an das +Berliner Stadtgericht berufen wurde. Er fand in der siebenten Deputation +des Berliner Stadtgerichtes in den Herren Reich als Vorsitzender, v. +Ossowsky und Giersch als Beisitzer drei kongeniale Geister, die seinen +staatsretterischen Eifer nach jeder Richtung unterstützten und in einer +längeren Reihe von Jahren in den Prozessen gegen eine große Anzahl +Parteigenossen als wahre Blutrichter sich erwiesen. + +Tessendorf hatte sich seinen Ruf als Sozialistentöter schon in Magdeburg +erworben, allerdings mit der Wirkung, daß die von ihm verfolgte und +gehaßte Partei nach jedem Schlage, den er gegen sie führte, immer +stärker und kräftiger wurde. Er war einer der schlimmsten Streber in +unserer an Strebern so reichen Zeit. Tessendorf zeigte schon im Jahre +1871, wie unglücklich er darüber war, daß er in unseren +Hochverratsprozeß nichts hineinzureden hatte. Dafür zeugt folgender +Vorfall, den ich etwas ausführlicher erwähne, weil er diesen +fanatischsten aller Sozialistenfresser im rechten Lichte zeigt. Die +„Magdeburger Zeitung“ hatte damals wiederholt in Leipziger +Korrespondenzen uns, die wir hinter Schloß und Riegel saßen und uns +nicht wehren konnten, in unqualifizierbarer Weise beschimpft. Als es +dann in Zürich im März 1871 zu einem großen Krawall gekommen war +anläßlich einer Siegesfeier, welche die in Zürich lebenden Deutschen in +der dortigen Tonhalle veranstaltet hatten, sollten wir nach der +Leipziger Korrespondenz in der „Magdeburger Zeitung“ die Urheber jenes +Krawalls sein und unsere Züricher Parteigenossen die Täter. Nebenbei +bemerkt, wurde später gerichtlich festgestellt, daß unsere Züricher +Parteigenossen zu jenem Krawall in gar keiner Beziehung standen. Unser +Anwalt Otto Freytag sah sich darauf veranlaßt, bei dem Magdeburger +Stadt- und Kreisgericht einen Strafantrag gegen die „Magdeburger +Zeitung“ zu stellen. Zu seiner nicht geringen Verwunderung meldete sich +in einem langen Schreiben der Staatsanwalt Tessendorf, der es ablehnte, +gegen die „Magdeburger Zeitung“ vom Amts wegen einzuschreiten. Dabei +erging er sich in langen und gehässigen politischen Betrachtungen über +unser Tun und Lassen. Freytag antwortete: es sei ihm nicht eingefallen, +die Hilfe einer königlich preußischen Staatsanwaltschaft für uns +anzurufen, wie der Wortlaut seines Strafantrags beweise. Im übrigen +müsse er seine, Tessendorfs, Einmischung in politische Angelegenheiten, +_die ihn nichts angingen_, als eine Anmaßung zurückweisen. Nach Verlauf +eines Monats kam Tessendorf abermals in einem Schreiben an Freytag auf +den Vorgang zurück, worin er das taktlose Geständnis machte, _daß er bis +jetzt vergeblich auf die Veröffentlichung seines Schreibens im +„Volksstaat“ gewartet habe. Sollte die Veröffentlichung in Rücksicht auf +seine Person unterblieben sein, so wolle er mitteilen, daß man diese +Rücksicht nicht zu nehmen brauche._ Freytag erteilte ihm unter dem 28. +April eine gepfefferte Antwort, deren Schlußsätze lauteten: + + „Ihr ganzes Verhalten in der vorliegenden Sache gibt mir den Beweis, + daß _Sie Ihre Karriere als königlich preußischer Staatsanwalt und + Polizeimann machen werden, auch wenn Ihr strammes Auftreten gegen die + Herren Bebel und Liebknecht nicht an die Glocke der Oeffentlichkeit + gehängt wird. Vielleicht finden Sie noch einen anderen Weg, Ihre + Zufertigung gedruckt zu sehen._“ + +Und Tessendorf machte Karriere. Er wurde schließlich Oberreichsanwalt +bei dem Reichsgericht zu Leipzig. Er starb aber, ohne seine Hoffnung und +seine Sehnsucht, preußischer Justizminister zu werden, erfüllt zu sehen. +Ein anderer streberischer Staatsanwalt lebte zu jener Zeit in Bielefeld, +der unter dem 26. April 1871 sogar eine öffentliche Warnung an die +Bevölkerung ergehen ließ, auf den „Volksstaat“ zu abonnieren. Eine +Unverschämtheit sondergleichen. + +Tessendorf entsprach in vollem Maße den Erwartungen, die seine +Vorgesetzten und speziell Bismarck auf ihn gesetzt hatten. Die Zahl der +Verurteilungen, die in den nächsten Jahren in Berlin auf seinen Antrag +durch die berüchtigte siebente Deputation vorkamen, ist Legion, und die +Urteile wurden immer härter und grausamer. Aber mit der Verfolgung wuchs +auch der Widerstand der Parteigenossen, und wenn Tessendorf und die +Richter der siebenten Deputation am Ende ihres Lebens sich ehrlich +Rechenschaft über ihr Tun und Treiben abgelegt haben, mußten sie sich +sagen: _wir arbeiteten ohne Erfolg;_ wir haben viele Existenzen +vernichtet, viel Familienglück zerstört und manchen durch harte +Verurteilung in ein frühzeitiges Grab gebracht, aber die Bewegung, die +wir meistern wollten, meisterte uns. Wir sind die Unterlegenen. Die wir +vernichten wollten, blieben Sieger. + +Im Jahre 1874 wurde von der erwähnten Deputation Most in Berlin wegen +einer Rede über die Pariser Kommune mit anderthalb Jahren Gefängnis +bedacht. Der Schriftsetzer Genosse Heinsch, einer der besten +Organisatoren Berlins, wurde wegen Abdrucks eines Gedichtes zu einem +Jahre Gefängnis verurteilt. A. Kapell vom Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein erhielt neun Monate, die das Kammergericht auf drei +Monate reduzierte, Frohme erhielt ebenfalls neun Monate, die das +Kammergericht auf sechs herabsetzte. Eine ganze Reihe anderer +Parteigenossen wurde mit gleich hohen und zum Teil noch höheren Strafen +belegt, und in fast allen diesen Prozessen handelte es sich um +Nichtigkeiten, die vor einem anderen Gericht mit wenigen Wochen +Gefängnis oder einer Geldstrafe bedacht worden wären. Die Nervosität +nahm in gewissen Kreisen immer mehr zu. In ganz Preußen wurden im Jahre +1874 in 104 Prozessen 87 Lassalleaner zu 211 Monaten und 3 Wochen +Gefängnis verurteilt. Aehnlich war es in Sachsen, in dem ebenfalls die +Urteile immer härter wurden. Wo sonst Monate genügten, wurden jetzt +Jahre verhängt. Das Hauptkontingent der Verurteilten stellte unsere +Partei. + +Mit den gerichtlichen Verurteilungen gingen die polizeilichen +Maßregelungen und Auflösungen Hand in Hand. In Berlin wurde Ende Juni +der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein polizeilich geschlossen. Als dann +Hasenclever, als Präsident des Vereins, den Sitz desselben nach Bremen +verlegte, wurde er wegen Verletzung des Vereinsgesetzes zu zwei Monaten +Gefängnis verurteilt. Weiter verfielen in Berlin der Auslösung die +Mitgliedschaft der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, der +Arbeitermädchen- und -frauenverein, der Allgemeine Deutsche +Schuhmacherverein, der Allgemeine Deutsche Tischlerverein und der +Allgemeine Deutsche Maurerverein. In Frankfurt a.M. folgte die Polizei +ihrer Berliner Kollegin und löste gleichfalls die meisten der dort +bestehenden Arbeiterorganisationen auf. Auch in Hannover, Königsberg i. +Pr. und an anderen Orten verfielen sowohl der Allgemeine Deutsche +Arbeiterverein wie die Mitgliedschaften der Sozialdemokratischen +Arbeiterpartei der polizeilichen Auflösung. Sachsen und Bayern blieben +hinter dem preußischen Beispiel nicht zurück. So fielen die +Arbeiterorganisationen in München, Nürnberg, Erlangen, Hof. In München +wurde gleichzeitig eine Reihe gewerkschaftlicher Organisationen +aufgelöst, so der Allgemeine Deutsche Schneiderverein, die Gewerkschaft +der Maler, Lackierer und Vergolder, der Allgemeine Deutsche +Metallarbeiter- und der Allgemeine Deutsche Holzarbeiterverein. + +Alle diese Vorgänge trugen sehr wesentlich dazu bei, selbst den +widerstrebendsten Elementen klarzumachen, daß diesen Gewaltmaßregeln +gegenüber, die beide Fraktionen ohne Unterschied trafen, erhöhter +Widerstand nur in der Vereinigung gefunden werden könne. + +Da, am 11. Oktober 1874, schrieb mir Liebknecht nach dem Zwickauer +Landesgefängnis einen Brief, in dem es hieß: + + „Gestern war Tölcke hier; er will Vereinigung mit uns. Im selben Sinne + schrieb mir heute Fritzsche. Auch Reimer und Hasselmann wollen, so + schreibt Fritzsche, mindestens Verbündung; Verschmelzung sei noch + unmöglich. Mehr mündlich — acht Tage vor Eröffnung des Reichstags + besuche ich Dich. Nur so viel! Feststeht, daß die Deutschen + Allgemeinen vollständig _en deroute_ (in Auflösung) sind; Tölcke — das + Zusammentreffen mit ihm war zum Malen — gab zerknirscht zu, daß die + heilige Organisation sich nicht bewährt habe.... Daß wir nicht gleich + einen Einigungskongreß auf den 15. November berufen wollten, war ihm + eine bittere Enttäuschung und noch mehr meine Erklärung, daß wir + unmöglich den Rückschritt zu dem Lassalleschen Programm, auch einem + reformierten, machen könnten. Tölcke meinte, man brauche ja Lassalle + gar nicht zu nennen, überhaupt sei der Lassallekultus rein aus + taktischen Gründen getrieben worden usw. usw. Tölcke kam im Auftrag + Hasenclevers — der in Zeitz sitzt — und im Einverständnis mit Wode. Das + ist die eine Clique — die andere ist Hasselmann-Reimer. Dazwischen als + _would be_ (sogenannter) Schiedsrichter Fritzsche. Tölcke hat eine + furchtbare Wut auf Hasselmann. Auf meine Frage, ob Hasselmann mit + seinem, Tölckes, Schritt einverstanden sei, erwiderte er: Nein, aber + er muß! Und auf meinen Einwurf: Wenn Ihr gegen Hasselmann, der den + ‚Neuen Sozialdemokrat‘ hat, vorgeht, werdet Ihr einfach in die Luft + gesprengt, ähnlich wie Schweitzer es seinerzeit mit der Opposition + tat, antwortete Tölcke: Hasselmann könne nichts machen, juristischer + Eigentümer des Blattes sei Hasenclever.“ + +Liebknecht schrieb weiter, er habe Tölcke erklärt, Definitives könnten +wir in Leipzig nicht abmachen, er solle zunächst nach Hamburg, dem Sitz +des Parteivorstandes, reisen und dort mit Geib, Auer usw. Rücksprache +nehmen. Vor Weihnachten sei ein Kongreß unmöglich, auch müsse vorher +erst eine Konferenz stattfinden, doch müsse man vorsichtig sein. „An +Verschmelzung ist nicht zu denken,“ schrieb Liebknecht zum Schlusse; +aber einmal A gesagt, treiben die Dinge weiter. + +In Hamburg kam man überein, vorzuschlagen, zu gleichen Teilen eine +Kommission aus beiden Fraktionen zusammenzusetzen, die die Bedingungen +einer Einigung beraten und formulierte Vorschläge machen sollte. In +unserer Partei wurden diese Einigungsversuche, sobald sie bekannt +wurden, allgemein begrüßt. Als der Genosse Dotzauer-Zwickau mir am 15. +Oktober ins Gefängnis schrieb, er habe gehört, es seien +Vereinigungsverhandlungen im Gange, antwortete ich: Das sei mir bekannt. +Es freue mich, daß jetzt die Leute vom Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein an uns herankämen und die Hand zur Versöhnung reichten. +Er (Dotzauer) sei falsch unterrichtet, wenn er angebe, Liebknecht solle +den Antrag „kurzerhand“ abgelehnt haben, seine Schritte in Hamburg +bewiesen das Gegenteil. Dieses Friedensanerbieten hätten Liebknecht und +ich mit Genugtuung begrüßt. „Der Kampf, der acht Jahre gedauert, hat +mich ein gut Teil meiner besten Kräfte, sehr viel Zeit und andere Opfer +gekostet. Gut, daß er ein für allemal und siegreich zu Ende ist.“ + +Ueber die Treibereien von Hasselmann und Reimer schrieb Tölcke an das +Vorstandsmitglied Wode — der während der Haft Hasenclevers Vizepräsident +des Vereins war — unter dem 22. Oktober 1874 aus Iserlohn einen Brief, in +dem es hieß: + + „Nach Annoncen im ‚Volksstaat‘ gehen die ‚Eisenacher‘ mit der + Besprechung des Einigungsprojekts flott vorwärts. Wenn wir nicht von + ihnen überflügelt werden wollen, dann ist auch bei uns — zumal mit + Rücksicht _auf die Abneigung der Herren Hasselmann und Reimer_ — die + rastloseste Tätigkeit erforderlich. Ich mache Dich darauf besonders + aufmerksam, daß Hasselmann und Reimer durch ihre Ansprache in Nr. 119 + des ‚Neuen Sozialdemokrat‘ offenbar die Absicht kundgeben, in betreff + der Agitation durchaus selbständig vorgehen zu wollen, ohne sich um + die Vereinsleitung irgendwie zu kümmern; für die Herren scheint der + Vizepräsident gar nicht zu existieren. + + Es ist also nach allen Seiten hin ein rasches Handeln unerläßlich und + halte ich es deshalb für notwendig, daß wir in folgender Weise + vorgehen: + + 1. Weil nach der Ansicht Hasenclevers weder von ihm, noch von Dir oder + von Vorstandsmitgliedern in der Angelegenheit _amtlich_ Schritte getan + werden können, und weil man allerwärts _von mir_ Benachrichtigung über + den Erfolg meiner Reise erwartet, wird es zweckmäßig sein, daß ich auf + unserer Seite die Korrespondenz wegen des Zusammentritts der + gemischten Kommission und bis zu deren Zusammenkunft führe.... + + 2. Um gewisse Gegenagitationen unschädlich zu machen, muß ich + schleunigst eine Konferenz sämtlicher Bevollmächtigter in Rheinland + und Westfalen ins Wuppertal einberufen....“ + +Tölcke schlug dann eine solche auch für den Süden einschließlich Kassel +vor und erbot sich, die Reisen nach Frankfurt, Offenbach, Hanau und +Kassel zu übernehmen. Er fuhr dann fort in seinem Briefe: + + „Mit dem Leitartikel in der gestrigen Nummer des ‚Neuen + Sozialdemokrat‘, besonders am Schluß desselben, hat Hasselmann seine + Agitation _gegen_ den Kongreß bereits begonnen.“ + +Tölcke schloß seinen Brief mit dem Ersuchen um sofortiges und rastloses +Handeln. + +Hasenclever war mit dem Vorgehen Tölckes einverstanden, doch wurde in +einer Besprechung, die er mit Liebknecht und einigen anderen bei sich im +Gefängnis zu Zeitz hatte, vereinbart, mit weiterem Vorgehen bis zu +seiner Entlassung, die anfangs Dezember erfolgte, zu warten. Alsdann +traten Vertreter der beiden Fraktionen in Berlin zusammen, um weitere +Schritte zu beraten. Dort beschloß man, daß jede Fraktion eine gleiche +Zahl Mitglieder wähle, und jede Fraktion ihrerseits einen Programm-und +Organisationsvorschlag ausarbeiten sollte. Nachher sollten die Vertreter +der beiden Fraktionen zusammentreten und auf Grund der beiden Entwürfe +einen solchen ausarbeiten, der dann dem Kongreß als Grundlage der +Beratung zu unterbreiten sei. + +Die erste Kunde von den im Gange befindlichen Vereinigungsbestrebungen +erhielt die weitere Oeffentlichkeit durch eine Bekanntmachung +Hasenclevers an die Mitglieder seines Vereins, die er unter dem 11. +Dezember 1874 im „Neuen Sozialdemokrat“ veröffentlichte und die der +„Volksstaat“ abdruckte. Er teilte darin mit, daß, nachdem er wisse, daß +die große Mehrheit der Mitglieder des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins für die Vereinigung sei, die Unterhandlungen mit der +Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, die ebenfalls den Wunsch einer +Vereinigung hege, aufgenommen worden seien. Der Wunsch der Lassalleaner, +daß die Anschauungen und Forderungen Lassalles in das gemeinsame +Programm aufgenommen werden sollten und eine einheitliche straffe +Organisation geschaffen werde, würden Berechtigung finden, doch solle +keine Ueberstürzung der Beratungen stattfinden, darin seien die +Vertreter der beiden Parteien einig. + +Die erste Massenkundgebung für die Vereinigung sah Berlin. In der +betreffenden Versammlung waren die sieben auf freiem Fuße befindlichen +Reichstagsabgeordneten anwesend. Eine Einigungsresolution wurde +einstimmig angenommen, auch beschlossen, Most in Plötzensee und mich in +Zwickau von dem Vorgang zu unterrichten. + +Zu einer zweiten Einigungsdemonstration wurde die Leichenfeier Borks in +Hamburg, der, wie ich schon berichtete, in der Nacht auf den 1. Januar +1875 gestorben war. Fünftausend Arbeiter beider Fraktionen folgten mit +zwanzig Fahnen dem Sarge des Mannes, der sowohl einer der Gründer +des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, wie später der +Sozialdemokratischen Arbeiterpartei war und mit Leib und Seele der +Bewegung gedient hatte. + +Am 19. Januar schrieb mir Eduard Bernstein einen Brief, worin er sich +entschuldigte, daß er als Schriftführer der großen Volksversammlung, die +in Berlin tagte und ihn beauftragte, Most und mir die herzlichste +Sympathie der Versammlung zu übermitteln, erst jetzt nachkomme: + + „Ich weiß nicht, wie Sie über die Einigung denken, doch glaube ich, + daß wir insoweit einverstanden sind, daß die Idee einer solchen so + lange als möglich festzuhalten ist. Illusionen mache ich mir gar + nicht, doch weiß ich, daß das Einigungsbedürfnis auch unter den + Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins groß ist. Leider + sind die Leute so verstockte Lassalleaner, daß wir in dieser Hinsicht + Konzessionen machen müssen.“ + +Die niedergesetzte Kommission bestand aus je acht Mitgliedern jeder +Fraktion. Die Lassalleaner hatten Hasenclever, Hasselmann, R. und O. +Kapell, Wode, Reinders, Hartmann und Walther, die Eisenacher Auer, +Bernstein, Bock-Gotha, Geib, Liebknecht, Motteler, Ramm und Vahlteich +delegiert. Am 14. und 15. Februar 1875 trat alsdann die Kommission in +Gotha zusammen, um aus den beiden stark abweichenden Programm- und +Organisationsentwürfen einen einzigen zu schmieden. Die Arbeit war keine +leichte, schließlich wurden Geib, Hasenclever, Hasselmann und Liebknecht +als Redaktionskommission niedergesetzt. Die Kommission konnte alsdann +verkünden, daß das Werk zur vollständigen Zufriedenheit der Teilnehmer +ausgefallen sei. Das war in der Partei nicht überall der Fall. Als +Liebknecht mir am 5. März den Programmentwurf ins Gefängnis sandte mit +dem Bemerken, mehr sei nicht zu erreichen gewesen, war ich wie aus den +Wolken gefallen. Bemerken muß ich, daß ich bereits wochenlang in großer +Aufregung und ärgerlicher Stimmung darüber war, daß weder Liebknecht, +wie er versprochen, sich bei mir hatte sehen lassen, noch weder er noch +Motteler es der Mühe wert erachtet hatten, mir irgendwelche Mitteilungen +über den Gang der Verhandlungen zu machen. Das glaubte ich erwarten zu +dürfen. Ich setzte mich nunmehr hin, schrieb einen mehrere Bogen langen, +sehr gereizten Brief, in dem ich das Programm scharf kritisierte und +einen Gegenentwurf machte, der allerdings übermäßig lang und detailliert +ausfiel. Ich hatte wieder einmal eine Probe geliefert, wie die +Abgeschlossenheit von der Außenwelt das Spintisieren begünstigt. +Liebknecht entschuldigte sich, daß er mich nicht besucht und Rücksprache +mit mir genommen habe. Aber er sei mit Arbeit überlastet, außerdem habe +er sich gesagt, daß eine Unterhaltung über heikle Dinge in Gegenwart +eines Beamten keine angenehme Sache sei. Das war richtig. Aber der +Gefangene, der weiß, daß draußen über Dinge verhandelt wird, die sein +ganzes Denken und Fühlen umfassen, sehnt sich nach einer Aussprache und +sei sie noch so beengt. Liebknecht hatte meinen Brief an den +Parteiausschuß nach Hamburg gesandt, wo er natürlich ebenfalls eine +ablehnende Aufnahme fand. Wenn ich schließlich meine eigenen Vorschläge +preisgab, so war damit meine Unzufriedenheit mit dem Programmentwurf +nicht beseitigt. Außer mir befand sich auch Bracke in heftiger +Opposition gegen den Entwurf. Als er mich zu meiner endlichen Befreiung +am 1. April beglückwünschte, sprach er sich in der erregtesten Weise +gegen das Programm aus. Bracke war in den letzten Jahren gezwungen +worden, sich eine gewisse Zurückhaltung aufzuerlegen. Er kränkelte +unausgesetzt und mußte wiederholt Erholungsreisen unternehmen. +Andererseits zwangen ihn geschäftliche Rücksichten — er war der Leiter +des väterlichen Geschäfts und hatte mit der Gründung eines Druckerei- +und Verlagsunternehmens sich so schwere finanzielle Lasten auferlegt, +daß nur die umsichtigste Tätigkeit ihn vor schweren Verlusten schützen +konnte —, manchem wichtigen Vorgang in der Partei fern zu bleiben. So +war es gekommen, daß Bracke nicht zu der Vereinigungskommission gehörte, +was lebhaft zu bedauern war. Er teilte mir mit, er habe unter anderem +Geib geschrieben, das Programm sei in III geradezu unsinnig. Es sei ein +Skandal, die Parteigenossen mit diesem Blödsinn zu infizieren, den +Widerspruch dagegen aus den Parteikreisen zu verbannen und die +Parteimitgliedschaft von der Zustimmung zu demselben abhängig zu machen +usw. Es entspann sich zwischen uns eine Korrespondenz, in der Bracke mir +am 19. April schrieb: + + „Diesmal ist das Entschuldigen auf meiner Seite. Aber auch ich habe + eben so wenig Zeit und muß gestehen, daß dieser ... Entwurf mir alle + Freudigkeit genommen hat, für den Gegenstand einmal mit Gewalt eine + Stunde herauszureißen. + + Ich bin ganz Deiner Meinung, daß dieser Entwurf gar nicht verbessert + werden kann, sondern ein ganz neuer Entwurf gemacht werden müßte; ich + bin nun gern bereit, mit Dir in Magdeburg zusammenzutreffen, werde + aber schwerlich einen Entwurf machen können, denn woher die Zeit + nehmen?“ + +Schließlich meinte er, da wir keine Zeit zu gründlicher Beratung hätten +und keiner auch die Zeit, einen Entwurf zu machen, es sich empfehle, den +Kommissionsentwurf als provisorisches Programm anzunehmen, nachdem man +durch Kritik denselben möglichst erschüttert habe. Mit der Detailmalerei +in meinem Entwurf könne er sich auch nicht einverstanden erklären, das +gehöre in eine Broschüre. Außer mit mir stand Bracke mit Marx und Engels +wegen des Programm-Entwurfs in Korrespondenz und veranlaßte Marx, seine +bekannte Kritik zu schreiben, die im Band IX, Seite 385 der „Neuen Zeit“ +veröffentlicht wurde. + +Ich hatte Veranlassung genommen, in einem Privatbrief an Engels unter +dem 23. Februar 1875 zu fragen: Was sagen Sie und Marx zu der +Einigungsfrage? Ich habe kein vollgültiges Urteil, denn ich bin außer +aller Kenntnis, ich weiß nur, was die Zeitungen berichteten. Ich bin +gespannt, zu hören und zu sehen, wie die Dinge liegen, wenn ich den 1. +April frei komme. Darauf antwortete mir Engels folgendes: + + „London, 18./28. März 1875. + + Lieber Bebel! + + Ich habe Ihren Brief vom 23. Februar erhalten und freue mich, daß es + Ihnen körperlich so gut geht. + + Sie fragen mich, was wir von der Einigungsgeschichte halten? Leider + ist es uns ganz gegangen wie Ihnen. Weder Liebknecht noch sonst jemand + hat uns irgendwelche Mitteilung gemacht, und auch wir wissen daher + nur, was in den Blättern steht, und da stand nichts, bis vor zirka + acht Tagen der Programmentwurf kam. Der hat uns allerdings nicht wenig + in Erstaunen gesetzt. + + Unsere Partei hatte so oft den Lassalleanern die Hand zur Versöhnung + oder doch wenigstens zum Kartell geboten und war von den Hasenclever, + Hasselmann und Tölckes so oft und so schnöde zurückgewiesen worden, + daß daraus jedes Kind den Schluß ziehen mußte: wenn diese Herren jetzt + selbst kommen und Versöhnung bieten, so müssen sie in einer verdammten + Klemme sein. Bei dem wohlbekannten Charakter dieser Leute ist es aber + unsere Schuldigkeit, diese Klemme zu benutzen, um uns alle und jede + mögliche Garantien auszubedingen, damit nicht jene Leute auf Kosten + unserer Partei in der öffentlichen Arbeitermeinung ihre erschütterte + Stellung wieder befestigen. Man mußte sie äußerst kühl und mißtrauisch + empfangen, die Vereinigung abhängig machen von dem Grade ihrer + Bereitwilligkeit, ihre Sektenstichworte und ihre Staatshilfe fallen zu + laufen und im wesentlichen das Eisenacher Programm von 1869 oder eine + für den heutigen Zeitpunkt angemessene verbesserte Ausgabe desselben + anzunehmen. Unsere Partei hätte von den Lassalleanern in theoretischer + Beziehung, also in dem, was fürs Programm entscheidend ist, _absolut + nichts zu lernen,_ die Lassalleaner aber wohl von ihr; die erste + Bedingung der Vereinigung war, daß sie aufhörten, Sektierer, + Lassalleaner zu sein, daß sie also vor allem das Allerweltsheilmittel + der Staatshilfe wo nicht ganz aufgaben, doch als eine untergeordnete + Uebergangsmaßregel unter und neben vielen möglichen anderen + anerkannten. Der Programmentwurf beweist, daß unsere Leute theoretisch + den Lassalleanerführern hundertmal überlegen — ihnen an politischer + Schlauheit ebensowenig gewachsen sind; die „Ehrlichen“ sind einmal + wieder von den Nichtehrlichen grausam über den Löffel barbiert. + + Zuerst nimmt man die großtönende, aber historisch falsche Lassallesche + Phrase an: gegenüber der Arbeiterklasse seien alle anderen Klassen nur + eine reaktionäre Masse. Dieser Satz ist nur in einzelnen + Ausnahmefällen wahr, zum Beispiel in einer Revolution des + Proletariats, wie die Kommune, oder in einem Land, wo nicht nur die + Bourgeoisie Staat und Gesellschaft nach ihrem Bilde gestaltet hat, + sondern auch schon nach ihr das demokratische Kleinbürgertum diese + Umbildung bis auf ihre letzten Konsequenzen durchgeführt hat. Wenn zum + Beispiel in Deutschland das demokratische Kleinbürgertum zu dieser + reaktionären Masse gehörte, wie konnte da die sozialdemokratische + Arbeiterpartei jahrelang mit ihm, mit der Volkspartei Hand in Hand + gehen? Wie kann der „Volksstaat“ fast seinen ganzen politischen Inhalt + aus der kleinbürgerlich-demokratischen „Frankfurter Zeitung“ nehmen? + Und wie kann man nicht weniger als sieben Forderungen in dies selbe + Programm aufnehmen, die direkt und wörtlich übereinstimmen mit dem + Programm der Volkspartei und kleinbürgerlichen Demokratie? Ich meine, + die sieben politischen Forderungen 1 bis 5 und 1 bis 2, von denen + keine einzige, die nicht _bürgerlich_-demokratisch. + + Zweitens wird das Prinzip der Internationalität der Arbeiterbewegung + praktisch für die Gegenwart vollständig verleugnet, und das von den + Leuten, die fünf Jahre lang und unter den schwierigsten Umständen dies + Prinzip auf die ruhmvollste Weise hochgehalten. Die Stellung der + deutschen Arbeiter an der Spitze der europäischen Bewegung beruht + _wesentlich_ auf ihrer echt internationalen Haltung während des + Kriegs; kein anderes Proletariat hätte sich so gut benommen. Und jetzt + soll dies Prinzip von ihnen verleugnet werden im Moment, wo überall im + Ausland die Arbeiter es in demselben Maß betonen, in dem die + Regierungen jeden Versuch seiner Betätigung in einer Organisation zu + unterdrücken streben. Und was bleibt allein von Internationalismus der + Arbeiterbewegung übrig? Die blasse Aussicht — nicht einmal auf ein + späteres Zusammenwirken der europäischen Arbeiter zu ihrer + Befreiung — nein, auf eine künftige „internationale + Völkerverbrüderung“ — auf die „Vereinigten Staaten von Europa“ der + Bourgeois von der Friedensliga! + + Es war natürlich gar nicht nötig, von der Internationale als solche zu + sprechen. Aber das mindeste war doch, keinen Rückschritt gegen das + Programm von 1869 zu tun und etwa zu sagen: obgleich die deutsche + Arbeiterpartei _zunächst_ innerhalb der ihr gesetzten Staatsgrenzen + wirkt (sie hat kein Recht, im Namen des europäischen Proletariats zu + sprechen, besonders nicht etwas Falsches zu sagen), so ist sie sich + ihrer Solidarität bewußt mit den Arbeitern aller Länder, und wird + stets bereit sein, wie bisher auch fernerhin die ihr durch diese + Solidarität aufgelegten Verpflichtungen zu erfüllen. Derartige + Verpflichtungen bestehen auch ohne daß man gerade sich als Teil der + „Internationale“ proklamiert oder ansieht, zum Beispiel Hilfe, + Abhalten von Zuzug bei Streiks, Sorge dafür, daß die Parteiorgane die + deutschen Arbeiter von der ausländischen Bewegung unterrichtet halten, + Agitation gegen drohende oder ausbrechende Kabinettskriege, Verhalten + während solcher wie 1870 und 1871 mustergültig durchgeführt usw. + + Drittens haben sich unsere Leute das Lassallesche „eherne Lohngesetz“ + aufoktroyieren lassen, das auf einer ganz veralteten ökonomischen + Ansicht beruht, nämlich daß der Arbeiter im Durchschnitt nur das + _Minimum_ des Arbeitslohnes erhält, und zwar deshalb, weil nach + Malthusscher Bevölkerungstheorie immer zuviel Arbeiter da sind (dies + war Lassalles Beweisführung). Nun hat Marx im „Kapital“ ausführlich + nachgewiesen, daß die Gesetze, die den Arbeitslohn regulieren, sehr + kompliziert sind, daß je nach den Verhältnissen bald dieses, bald + jenes vorwiegt, daß sie also keineswegs ehern, sondern im Gegenteil + sehr elastisch sind, und daß die Sache gar nicht so mit ein paar + Worten abzumachen ist, wie Lassalle sich einbildete. Die Malthussche + Begründung des von Lassalle ihm und Ricardo (unter Verfälschung des + letzteren) abgeschriebenen Gesetzes, wie sie sich zum Beispiel + „Arbeiterlesebuch“ Seite 5 aus einer anderen Broschüre Lassalles + zitiert findet, ist von Marx in dem Abschnitt über + „Akkumulationsprozeß des Kapitals“ ausführlich widerlegt. Man bekennt + sich also durch Adoptierung des Lassalleschen „ehernen Gesetzes“ zu + einem falschen Satz und einer falschen Begründung desselben. + + Viertens stellt das Programm als _einzige soziale_ Forderung auf — die + Lassallesche Staatshilfe in ihrer nacktesten Gestalt, wie Lassalle sie + von Buchez gestohlen hatte. Und das, nachdem Bracke diese Forderung + sehr gut in ihrer ganzen Nichtigkeit aufgewiesen; nachdem fast alle, + wo nicht alle Redner unserer Partei im Kampf mit den Lassalleanern + genötigt gewesen sind, gegen diese „Staatshilfe“ aufzutreten! Tiefer + konnte unsere Partei sich nicht demütigen. Der Internationalismus + heruntergekommen auf Amand Gögg, der Sozialismus auf den + Bourgeoisrepublikaner Buchez, der diese Forderung _gegenüber den + Sozialisten_ stellte, um sie auszustechen! + + Im besten Fall aber ist die „Staatshilfe“ im Lassalleschen Sinne doch + nur eine einzige Maßregel unter vielen anderen, um das Ziel zu + erreichen, was hier mit den lahmen Worten bezeichnet wird: „um die + Lösung der sozialen Frage anzubahnen“, als ob es für uns noch eine + theoretisch _ungelöste_ soziale _Frage_ gäbe! Wenn man also sagt: Die + deutsche Arbeiterpartei erstrebt die Abschaffung der Lohnarbeit und + damit der Klassenunterschiede vermittels der Durchführung der + genossenschaftlichen Produktion in Industrie und Ackerbau und auf + nationalem Maßstab; sie tritt ein für jede Maßregel, welche geeignet + ist, dieses Ziel zu erreichen! — so kann kein Lassalleaner etwas + dagegen haben. + + Fünftens ist von der Organisation der Arbeiterklasse als Klasse + vermittels der Gewerksgenossenschaften gar keine Rede. Und das ist ein + sehr wesentlicher Punkt, denn dies ist die eigentliche + Klassenorganisation des Proletariats, in der es seine täglichen Kämpfe + mit dem Kapital durchficht, in der es sich schult, und die heutzutage + bei der schlimmsten Reaktion (wie jetzt in Paris) platterdings nicht + mehr kaput zu machen ist. Bei der Wichtigkeit, die diese Organisation + auch in Deutschland erreicht, wäre es unserer Ansicht nach unbedingt + notwendig, ihrer im Programm zu gedenken und ihr womöglich einen Platz + in der Organisation der Partei offen zu lassen. + + Das alles haben unsere Leute den Lassalleanern zu Gefallen getan. Und + was haben die anderen nachgegeben? Daß ein Haufen ziemlich verworrener + _rein demokratischer Forderungen_ im Programm figurieren, von denen + manche reine Modesache sind, wie zum Beispiel die „Gesetzgebung durch + das Volk“, die in der Schweiz besteht und mehr Schaden als Nutzen + anrichtet, wenn sie überhaupt was anrichtet. Verwaltung durch das + Volk, das wäre noch etwas. Ebenso fehlt die erste Bedingung aller + Freiheit: daß alle Beamte für alle ihre Amtshandlungen jedem Bürger + gegenüber vor den gewöhnlichen Gerichten und nach gemeinem Recht + verantwortlich sind. Davon, daß solche Forderungen wie: Freiheit der + Wissenschaft — Gewissensfreiheit, in jedem liberalen Bourgeoisprogramm + figurieren und sich hier etwas befremdend ausnehmen, davon will ich + weiter nicht sprechen. + + Der freie Volksstaat ist in den freien Staat verwandelt. + Grammatikalisch genommen ist ein freier Staat ein solcher, wo der + Staat frei gegenüber seinen Bürgern ist, also ein Staat mit + despotischer Regierung. Man sollte das ganze Gerede vom Staat fallen + lassen, besonders seit der Kommune, die schon kein Staat im + eigentlichen Sinne mehr war. Der „_Volksstaat_“ ist uns von den + Anarchisten bis zum Ueberdruß in die Zähne geworfen worden, obwohl + schon die Schrift Marx' gegen Proudhon und nachher das Kommunistische + Manifest direkt sagen, daß mit Einführung der sozialistischen + Gesellschaftsordnung der Staat sich von selbst auflöst und + verschwindet. Da nun der Staat doch nur eine vorübergehende + Einrichtung ist, deren man sich im Kampf, in der Revolution bedient, + um seine Gegner gewaltsam niederzuhalten, so ist ist es purer Unsinn, + von freiem Volksstaat zu sprechen: solange das Proletariat den Staat + noch _gebraucht_, gebraucht es ihn nicht im Interesse der Freiheit, + sondern der Niederhaltung seiner Gegner, und sobald von Freiheit die + Rede sein kann, hört der Staat als solcher auf, zu bestehen. Wir + würden daher vorschlagen, überall statt _Staat_ „Gemeinwesen“ zu + setzen, ein gutes altes deutsches Wort, das das französische „Kommune“ + sehr gut vertreten kann. + + „Beseitigung aller sozialen und politischen Ungleichheit“ ist auch + eine sehr bedenkliche Phrase statt: „Aufhebung aller + Klassenunterschiede“. Von Land zu Land, von Provinz zu Provinz, von + Ort zu Ort sogar wird immer eine _gewisse_ Ungleichheit der + Lebensbedingungen bestehen, die man auf ein Minimum reduzieren, aber + nie ganz beseitigen können wird. Alpenbewohner werden immer andere + Lebensbedingungen haben als Leute des flachen Landes. Die Vorstellung + der sozialistischen Gesellschaft als des Reiches der _Gleichheit_ ist + eine einseitige französische Vorstellung, anlehnend an das alte + „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, eine Vorstellung, die _als + Entwicklungsstufe_ ihrer Zeit und ihres Ortes berechtigt war, die + aber, wie alle die Einseitigkeiten der früheren sozialistischen + Schulen, jetzt überwunden sein sollten, da sie nur Verwirrung in den + Köpfen anrichten, und präzisere Darstellungsweisen der Sache gefunden + sind. + + Ich höre auf, obwohl fast jedes Wort in diesem dabei saft- und + kraftlos redigierten Programm zu kritisieren wäre. Es ist der Art, + daß, falls es angenommen wird, Marx und ich uns _nie_ zu der auf + dieser Grundlage errichteten _neuen_ Partei bekennen können und uns + sehr ernstlich werden überlegen müssen, welche Stellung wir — auch + öffentlich — ihr gegenüber zu nehmen haben. Bedenken Sie, daß man _uns_ + im Auslande für alle und jede Aeußerungen und Handlungen der deutschen + sozialdemokratischen Arbeiterpartei verantwortlich macht. So Bakunin + in seiner Schrift „Politik und Anarchie“, wo wir einstehen müssen für + jedes unüberlegte Wort, das Liebknecht seit Stiftung des + „Demokratischen Wochenblattes“ gesagt und geschrieben. Die Leute + bilden sich eben ein, wir kommandierten von hier aus die ganze + Geschichte, während Sie so gut wie ich wissen, daß wir uns fast nie im + geringsten in die inneren Parteiangelegenheiten gemischt, und auch + dann nur, um Böcke, die nach unserer Ansicht geschossen worden, und + zwar _nur theoretische_, wieder nach Möglichkeit gutzumachen. Sie + werden aber selbst einsehen, daß dies Programm einen Wendepunkt + bildet, der uns sehr leicht zwingen könnte, alle und jede + Verantwortlichkeit mit der Partei, die es anerkennt, abzulehnen. + + Im allgemeinen kommt es weniger auf das offizielle Programm einer + Partei an, als auf das, was sie tut. Aber ein _neues_ Programm ist + doch immer eine öffentlich aufgepflanzte Fahne, und die Außenwelt + beurteilt danach die Partei. Es sollte daher keinenfalls einen + Rückschritt enthalten, wie dies gegenüber dem Eisenacher. Man sollte + doch auch bedenken, was die Arbeiter anderer Länder zu diesem Programm + sagen werden; welchen Eindruck diese Kniebeugung des gesamten + deutschen sozialen Proletariats vor dem Lassalleanismus machen wird. + + Dabei bin ich überzeugt, daß eine Einigung auf _dieser_ Basis kein + Jahr dauern wird. Die besten Köpfe unserer Partei sollten sich dazu + hergeben, auswendig gelernte Lassallesche Sätze vom ehernen Lohngesetz + und der Staatshilfe abzuleiern? Ich möchte zum Beispiel Sie dabei + sehen! Und täten sie es, ihre Zuhörer würden sie auszischen. Und ich + bin sicher, die Lassalleaner bestehen gerade auf _diesen_ Stücken des + Programms wie der Jude Shylock auf seinem Pfund Fleisch. Die Trennung + wird kommen; aber wir werden Hasselmann, Hasenclever und Tölcke und + Konsorten wieder „ehrlich gemacht“ haben; wir werden schwächer und die + Lassalleaner stärker aus der Trennung hervorgehen; unsere Partei wird + ihre politische Jungferschaft verloren haben und wird nie wieder gegen + Lassallephrasen, die sie eine Zeitlang selbst auf die Fahne + geschrieben, herzhaft auftreten können; und wenn die Lassalleaner dann + wieder sagen: sie seien die eigentlichste und einzige Arbeiterpartei, + unsere Leute seien Bourgeois, so ist das Programm da, um es zu + beweisen. Alle sozialistischen Maßregeln darin sind _ihre_, und + _unsere_ Partei hat nichts hineingesetzt als Forderungen der + kleinbürgerlichen Demokratie, die doch _auch von ihr_ in denselben + Programm als Teil der „reaktionären Masse“ bezeichnet ist! + + Ich hatte diesen Brief liegen lassen, da Sie doch erst am 1. April zu + Ehren von Bismarcks Geburtstag frei kommen und ich ihn nicht der + Chance des Abfassens bei einem Schmuggelversuch aussetzen wollte. Da + kommt nun gerade ein Brief von Bracke, der auch wegen des Programms + seine schweren Bedenken hat und unsere Meinung wissen will. Ich + schicke ihn daher zur Beförderung an ihn, damit er ihn lese und ich + den ganzen Kram nicht noch einmal zu schreiben brauche. Uebrigens habe + ich Ramm ebenfalls klaren Wein eingeschenkt, an Liebknecht schrieb ich + nur kurz. Ich verzeihe ihm nicht, daß er uns von der ganzen Sache kein + Wort mitgeteilt (während Ramm und andere glaubten, er habe uns genau + unterrichtet), bis es sozusagen zu spät war. Das hat er zwar von jeher + so gemacht — und daher die viele unangenehme Korrespondenz, die wir, + Marx sowohl wie ich, mit ihm hatten — aber diesmal ist es doch zu arg, + und _wir gehen entschieden nicht mit_. + + Sehen Sie, daß Sie es einrichten, im Sommer herzukommen, Sie wohnen + natürlich bei mir, und wenn das Wetter gut, können wir ein paar Tage + seebaden gehen, das wird Ihnen nach dem langen Brummen recht nützlich + sein. + + Freundlichst Ihr + + F.E. + + Marx ist eben ausgezogen, er wohnt 41 Maitland Park Crescent NW, + London.“ + +Unter dem 10. Mai schrieb alsdann Bracke an Marx mit Bezug auf meine +nunmehrige Stellung: + + „Ich hatte erst geglaubt, Bebel würde zu einem entschiedenen Vorgehen + geneigt sein, aber einesteils seine angegriffene Gesundheit und die + notwendige geschäftliche Rehabilitierungsarbeit, anderenteils + dringende Bitten von Liebknecht scheinen ihn abgehalten zu haben.“ + +Es waren nicht allein Liebknechts Bitten, die mich veranlaßten, meiner +Unzufriedenheit über den Programmentwurf keinen öffentlichen Ausdruck zu +geben, es war das Drängen von allen Seiten: ich möge durch mein +Auftreten es nicht zu einem Eklat treiben und damit vielleicht die +Vereinigung unmöglich machen. + +Diesem Verlangen gab ich nach, denn die Vereinigung lag auch mir am +Herzen. Ueberdies war das Drängen nach Vereinigung in der Partei so +stark, daß alle Rücksichten auf programmatische Bedenken schweigen +mußten. Schließlich konnten die gemachten Fehler später repariert +werden. + + * * * * * + +Die Einigungsbestrebungen unter der Führerschaft wurden wesentlich +gefördert durch den Wiederzusammentritt des Reichstags, der die längere +Anwesenheit der Abgeordneten in Berlin gebot. Die Session wurde am 29. +Oktober 1874 eröffnet, aber schon am 30. Januar geschlossen. Die +Beteiligung unserer Vertreter an den Verhandlungen war keine lebhafte. +Die Verhandlungen über die Einigung der Partei nahmen das Interesse der +Abgeordneten mehr in Anspruch als die Beratungen des Reichstags, +obgleich denselben wichtige Vorlagen beschäftigten. So war unter anderen +der Entwurf eines Gerichtsverfassungsgesetzes, einer Straf- und einer +Zivilprozeßordnung vorgelegt worden und ein Gesetzentwurf über den +Landsturm, zu dem später Liebknecht und Hasselmann das Wort nahmen. + +Selbstverständlich wurde wieder der Antrag auf unsere Beurlaubung aus +der Haft während der Dauer der Session eingebracht, der diesmal +Hasenclever, Most und mich umfaßte. Zu der Begründung des Antrags nahm +Liebknecht das Wort, der sich die Gelegenheit nicht entgehen ließ, die +Prozesse, die unsere Verurteilung herbeigeführt, unter die Lupe zu +nehmen und die Urteile gründlich zu zerzausen. Besonders nachdrücklich +sprach er sich über die unwürdige Behandlung aus, die damals Most in +Plötzensee zuteil wurde. + +Nach Liebknecht nahm Windthorst das Wort, der sich ebenfalls lebhaft +über die Behandlung politischer Gefangener aus dem Lager der +Althannoveraner beklagte. Dem Antrag auf unsere Freilassung könne er +aber in Rücksicht auf den Inhalt des Artikel 31 der Verfassung nicht +zustimmen, er wünsche aber, daß, wenn ein in Gefangenschaft befindlicher +Abgeordneter einen Antrag auf seine Beurlaubung stelle, die Regierungen +auf einen solchen Antrag bereitwillig eingingen und der Herr +Reichskanzler dafür eintrete. Bismarck nahm darauf das Wort und bemerkte +spöttisch, der „Herr Reichskanzler“ werde im vorliegen den Falle dafür +eintreten, daß der Verhaftete beurlaubt werde, wenn er darum bitte, denn +Reden wie die der beiden Vorredner habe man lange nicht im Reichstag +gehört, sie seien außerordentlich lehrreich und fehlten uns seit langem. +(Heiterkeit.) Der Reichstag ahnte nicht, daß er auf Grund des +ablehnenden Beschlusses, den er, ähnlich wie früher, faßte, in Bälde in +eine unangenehme Situation gebracht wurde. Die Verhandlungen über den +Antrag Liebknecht und Genossen waren am 21. November gewesen, aber +bereits am 12. Dezember sah sich der Abgeordnete Lasker, unterstützt +durch die Abgeordneten v. Bennigsen, Schenk v. Stauffenberg, v. +Forckenbeck, Dr. Hänel, Windthorst, v. Denzin, Dr. Schwarze und Fürst +Hohenlohe-Langenburg — also den Vertretern sämtlicher bürgerlichen +Parteien —, genötigt, den Antrag zu stellen: + + „Mit Rücksicht darauf, daß die am gestrigen Tage erfolgte Verhaftung + des Reichstagsmitglieds Herrn Majunke infolge eines rechtskräftigen + Strafurteils glaubhaft berichtet wird, die Geschäftsordnungskommission + mit schleuniger Berichterstattung darüber zu beauftragen: 1. Ob nach + Artikel 31 der deutschen Reichsverfassung die Verhaftung eines + Reichstagsmitglieds _während der Session des Reichstags ohne + Zustimmung_ des letzteren verfassungsmäßig zulässig ist; 2. ob und + welche Schritte zu veranlassen sind, um einer Verhaftung von + Mitgliedern des Reichstags infolge eines rechtskräftigen Strafurteils + _während der Session_ des Reichstags ohne Zustimmung desselben + vorzubeugen.“ + +Der Antrag, in dessen Beratung das Haus sofort eintrat, war lächerlich. +War, wie das Haus wiederholt und zuletzt erst am 21. November +entschieden hatte, der Artikel 31 der Verfassung auf die _Strafhaft_ von +Abgeordneten nicht anwendbar, dann hatten die zuständigen Behörden auch +das unbestreitbare Recht, einen Abgeordneten _während der Session_ in +Strafhaft zu nehmen. Nun hatte der Fall des Abgeordneten Majunke, der +als Redakteur der „Germania“ zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden +war, ungeheures Aufsehen erregt. Es war auch unzweifelhaft, daß seine +Verhaftung kurz vor Beginn einer Reichstagssitzung nicht ohne Bismarcks +Zustimmung erfolgte. Denn tatsächlich war das Urteil schon seit dem 23. +September rechtskräftig, man konnte also mit der Verhaftung Majunkes +ohne Schaden für die Rechtspflege auch bis zum Schluß der Session, Ende +Januar, warten, nachdem man es unterlassen, ihn vor Beginn der Session +in Haft zu nehmen. Aber das wollte Bismarck nicht. Er wollte offenbar +dem Zentrum für die Debatte am 4. Dezember einen Denkzettel geben; daß +damit auch der Reichstag moralisch geohrfeigt wurde, der sich diesen +Streich auf Grund seiner eigenen Beschlüsse gefallen lassen mußte, war +ihm sehr gleichgültig. Er fand es auch nicht einmal der Mühe wert, sich +zur Verhandlung einzustellen. Der Antrag Lasker wurde also der +Geschäftsordnungskommission überwiesen, die aber, wie vorauszusehen war, +sich über keinen Antrag zu einigen vermochte und in einigen Tagen mit +leeren Händen vor das Haus trat. Hier nahm die Debatte denselben +kläglichen Verlauf. Eine Reihe Anträge, die gestellt wurden, lehnte +stets irgend eine Mehrheit ab. Der Ausgang der Sache war für den +Reichstag so blamabel wie möglich. + +Ich erwähnte die Debatte vom 4. Dezember als Grund für den Racheakt +Bismarcks gegen Majunke. In jener Sitzung hielt der katholische +Sozialpolitiker Jörg eine Rede über Bismarcks auswärtige Politik und die +Nichteinberufung des Bundesratsausschusses für die Kontrolle dieser +Politik. Bismarck, erbittert über einen Hirtenbrief der französischen +Bischöfe, von denen mehrere zu jener Zeit auch elsaß-lothringische +Reichsangehörige zu ihren Diözesanen zählten, worin die Bischöfe sich +über die deutschen Kulturkampfmaßregeln mißbilligend äußerten, hatte +eine Zirkulardepesche an die Gesandten des Reiches versendet, in der er +ausführte: Sollte sich herausstellen, daß es für das Deutsche Reich +nicht möglich sei, mit dem westlichen Nachbarn in einem dauernden +Frieden zu leben, dann werde man nicht abwarten, bis die Franzosen +vollkommen zum Losschlagen gerüstet seien, sondern werde den geeigneten +Moment selbst wählen und die Initiative ergreifen. Das war eine Drohung +mit Krieg, die große Beunruhigung hervorrief. Nach einem Bismarckschen +Wort in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ erhielt die Depesche die +historische Bezeichnung: die Kaltwasserstrahldepesche. Jörg sah in +diesem Vorgehen Bismarcks eine unverantwortliche Handlungsweise, die +leichtherzig das Reich großen Gefahren aussetzte. Auch beschwerte er +sich darüber, daß man das Zentrum für das Attentat Kullmanns, das dieser +an Bismarck im verflossenen Sommer in Kissingen begangen hatte, +verantwortlich mache. Jörg bezeichnete Kullmann als einen +Halbverrückten, für den das Zentrum keine Verantwortung übernehme. +Bismarck ging darauf in einer sehr aggressiven Rede gegen das Zentrum +los. Mit Hinweis auf das Geständnis, das Kullmann ihm, Bismarck, im +Gefängnis gemacht, daß er durch Lesen der Zentrumspresse zu dem Attentat +bestimmt worden sei, erhob er die Beschuldigung, das Zentrum trage an +dem Attentat die Mitschuld, Kullmann hänge ihm an den Rockschößen. Diese +Worte riefen einen ungeheuren Lärm hervor, aus dem wiederholte +Pfuis ertönten, die man aus der Mitte des Zentrums Bismarck +entgegenschleuderte. Der Hauptrufer im Streit war der spätere Präsident +des Reichstags, Graf Ballestrem. + +Diesen Vorgang hatte Bismarck nicht vergessen, denn eine +Haupteigenschaft seiner Berserkernatur war, ein guter Hasser zu sein. +Mit seinem Hasse hat er mir immer imponiert, dagegen mißfiel mir im +höchsten Grade die kleinliche und gehässige Art, wie er seinem Hasse +Befriedigung verschaffte. Hier war ihm jedes Mittel recht. + +In dieser Session trugen wir unerwartet einen Erfolg davon. Most hatte +sich in einer Petition beschwerdeführend über seine Behandlung in +Plötzensee an den Reichstag gewendet und eine gesetzliche Regelung der +Strafhaft beantragt. Die Petitionskommission, die darüber Bericht zu +erstatten hatte, konnte sich der Berechtigung der Mostschen Klagen nicht +entziehen. Bei der Verhandlung im Plenum, in der Liebknecht ebenfalls +das Wort nahm, wurde der folgende Antrag der Kommission mit großer +Mehrheit angenommen: + + „Die Petition dem Herrn Reichskanzler mit der Aufforderung zu + überweisen, dahin zu wirken, daß in denjenigen Bundesstaaten, in + welchen die Strafvollstreckung bislang nicht durch Gesetz geregelt + ist, insbesondere im Königreich Preußen, von den Bundesregierungen + schleunigst der Strafvollzug und das Gefängniswesen in einer Weise + geordnet wird, daß dadurch der Vollzug der Strafen, namentlich der + Gefängnisstrafen, im Sinne des Strafgesetzbuchs, insbesondere des § 16 + desselben, sichergestellt wird; + + den Herrn Reichskanzler ferner zu ersuchen, bei der königlich + preußischen Regierung dahin zu wirken, daß der § 23 der Instruktion + vom 24. Oktober 1837, der Justizministerialerlaß vom 24. November + 1851 (5c) und § 37 der Hausordnung für das Strafgefängnis bei Berlin, + als mit dem § 16, Alinea 2, des Strafgesetzbuchs in Widerspruch + stehend beseitigt werden.“ + +Meine Freilassung am 1. April 1875 — dem Geburtstag Bismarcks — nach +einunddreißigmonatiger Haft, war nicht nur ein Freudentag für meine +Familie und mich. Es gingen mir von allen Seiten aus der Partei eine +solche Menge Glückwünsche in Briefen und Depeschen zu, daß ich sagen +darf, auch ein großer Teil der Partei betrachtete den Tag als einen +Freudentag. + +Für den 11. April hatte mein Wahlkreis eine große Empfangsfeier in +Glauchau veranstaltet, die ich mit meiner Familie besuchte. In der Rede, +die ich hielt, sagte ich mit Bezug auf die bevorstehende Vereinigung: +„Ich begrüße mit voller Freude die Mitglieder der anderen Fraktion, die +uns oft von dieser Stelle aus als Gegner gegenüberstanden; wir gehen +fortan nicht nur friedlich nebeneinander, wir kämpfen jetzt schon +gemeinsam miteinander für das hohe Ziel, dem wir zustreben. In Bälde +werden wir aber vereinigt sein in einem gemeinsamen Verband. So heftig +wir uns früher bekämpft, nunmehr werden wir um so gestärkter, mutiger +und furchtloser gegen den gemeinsamen Feind vorgehen. Der Erfolg wird +nicht ausbleiben.“ Die Stimmung auf dem Feste war die denkbar beste, +alle waren im Hinblick auf die stattgehabte Versöhnung wie von einem Alp +befreit. Im Juli folgten die Meeraner Genossen ebenfalls mit einem +großen Feste und später Hohenstein-Ernstthal. + +Moritz Heß erlebte die Vereinigung nicht mehr. Er starb im April in +Paris. Karl Hirsch hielt die Leichenrede. In demselben Monat starb auch +Georg Herwegh, der sich seit Lassalles Tod der Partei ferngehalten +hatte, und zwar in Baden-Baden. In demselben Jahre sah sich die +„Frankfurter Zeitung“ veranlaßt, eine Sammlung für den ehemaligen +„Zuchthäusler“ August Röckel zu veranstalten, der in größter Not in Wien +lebte. + + + + +Vom Vereinigungskongreß zu Gotha bis zum Vorabend des +Sozialistengesetzes. + + + + +Das Einigungswerk + + +Der Vereinigungskongreß war auf den 25. Mai 1875 und die folgenden Tage +von dem vorberatenden Komitee einberufen worden. Nach jahrelangen +gegenseitigen erbitterten Kämpfen standen sich jetzt die bisher +feindlichen Brüder zu gemeinsamem Werke Auge in Auge gegenüber. Daß man +sich nicht gleich brüderlich umarmte, sondern zum Teil noch immer +mißtrauisch betrachtete, wer wird sich darüber wundern? Es bedurfte noch +großer gegenseitiger Rücksichtnahme und gegenseitig einer Behandlung, +als habe man es mit rohen Eiern zu tun, sollte es nicht zum +Aufeinanderplatzen der noch vorhandenen persönlichen und sachlichen +Gegensätze kommen. Neugierig und gespannt blickten unsere gemeinsamen +Gegner in jenen Tagen nach Gotha, ob das Vereinigungswerk gelinge. Und +es gelang nach einigen kleinen Reibereien über Erwarten und trug seine +Früchte. + +Auf dem Kongreß waren 25659 Parteigenossen durch 127 Delegierte +vertreten. Davon entfielen auf den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein +16538 Mitglieder mit 71 Delegierten, auf die Sozialdemokratische +Arbeiterpartei 9121 Mitglieder mit 56 Delegierten. + +Die Versammlung eröffnete W. Bock-Gotha im Namen des Lokalkomitees und +begrüßte die Anwesenden. Bock war einer der Mitbegründer der +Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Eisenach, und nun legte er zum +zweiten Male mit Hand ans Werk zur Gründung der neuen, größeren Partei. + +Zu Vorsitzenden des Kongresses wurden Geib und Hasenclever gewählt. Bei +der Mandatprüfung erklärte ich mich für die Zulassung einer kleinen +Vereinigung von Lassalleanern in Leipzig, die sich vom Hauptverein +abgesplittert hatte. Solle Vereinigung sein, so ganze. Auer +widersprach. Mein Antrag fiel, doch ließ man den Vertreter der Sekte mit +beratender Stimme zu. Ich hatte also halb gesiegt. Weiter war von +Breslau der Antrag gestellt, die beiden Fraktionen sollten vor Eintritt +des Gesamtkongresses in die Beratung ihre Separatkongresse abhalten, um +ihre inneren Angelegenheiten zu ordnen. Dagegen erklärte sich Auer. +Diese könnten ebensogut nach dem allgemeinen Kongreß abgehalten werden. +Die Eisenacher brauchten dazu einen Tag. Deren Abrechnungen stimmten, +wie die anwesenden Delegierten bezeugen würden. Der Kongreß finde nach +getroffenen Vereinbarungen der Vertreter der beiden Parteien statt. +Hintergedanken habe niemand gehabt. Bei den Eisenachern gelte die +Parole: Wir sind arm, aber ehrlich. Wir könnten den Kongreß nicht in die +Länge ziehen, daher seien wir gegen den Breslauer Antrag. Diese +Ausführungen Auers verletzten erklärlicherweise die andere Seite, und so +nahm _Fritzsche_ am folgenden Tage das Wort, um sich über die Aeußerung +Auers: „Wir sind arm, aber ehrlich“, zu beschweren. Diese Worte +erweckten den Verdacht, als gehe es im Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein unehrlich zu. _Geib_ beruhigte Fritzsche. Auer erklärte: +Er halte die Aeußerung unter den gegebenen Verhältnissen für +gerechtfertigt. Die Lassalleaner hätten selbst solche Angriffe erhoben +und dabei von „beiden Seiten“ gesprochen. + +Dieses war der einzige ernstliche Mißton, der in den Verhandlungen zum +Vorschein kam. + +In der Programmfrage war _Liebknecht_ Referent. Im Programm war der Satz +enthalten: Die Befreiung der Arbeiter muß das Werk der Arbeiterklasse +sein, „der gegenüber alle anderen Klassen nur eine reaktionäre Masse +sind“. Ich beantragte, an Stelle des letzten Satzes zu sagen: Der +gegenüber alle anderen Klagen reaktionär sind. Vahlteich ging weiter und +beantragte die Streichung des ganzen Abschnittes. Sein Antrag wurde mit +12 gegen 111 Stimmen, der meine mit 58 gegen 50 Stimmen abgelehnt. Bei +der Spezialberatung der nächsten Forderungen beantragte ich, das +Wahlrecht für Staatsangehörige beiderlei Geschlechts zu fordern. +_Hasselmann_ erklärte sich gegen, _Auer_ für meinen Antrag. Derselbe +wurde mit 55 gegen 62 Stimmen abgelehnt. Nachträglich gab _Hasenclever_ +die Erklärung ab: Viele Delegierte hätten gegen meinen Antrag gestimmt, +weil sie die Forderung durch den Ausdruck Staatsangehörigen gedeckt +hielten; ähnlich äußerte sich Liebknecht, er habe aus stilistischen +Gründen (beiderlei Geschlechts) gegen meinen Antrag gestimmt, in der +Sache selbst sei er mit mir einverstanden. Es wurden alsdann noch eine +Reihe kleinerer Verbesserungsanträge, die wir gestellt, angenommen. In +der Endabstimmung fand das Programm einstimmig Annahme. In seinen +prinzipiellen Sätzen lautete nunmehr dasselbe: + + 1. Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur, und da + allgemein nutzbringende Arbeit nur durch die Gesellschaft möglich ist, + so gehört der Gesellschaft, das heißt allen ihren Gliedern, das + gesamte Arbeitsprodukt, bei allgemeiner Arbeitspflicht, nach gleichem + Recht, jedem nach seinen vernunftgemäßen Bedürfnissen. + + In der heutigen Gesellschaft sind die Arbeitsmittel Monopol der + Kapitalistenklasse; die hierdurch bedingte Abhängigkeit der + Arbeiterklasse ist die Ursache des Elends und der Knechtschaft in + allen Formen. + + Die Befreiung der Arbeit erfordert die Verwandlung der Arbeitsmittel + in Gemeingut der Gesellschaft und die genossenschaftliche Regelung der + Gesamtarbeit mit gemeinnütziger Verwendung und gerechter Verteilung + des Arbeitsertrags. + + Die Befreiung der Arbeit muß das Werk der Arbeiterklasse sein, der + gegenüber alle anderen Klassen nur eine reaktionäre Masse sind. + + 2. Von diesen Grundsätzen ausgehend, erstrebt die Sozialistische + Arbeiterpartei Deutschlands mit allen gesetzlichen Mitteln den freien + Staat und die sozialistische Gesellschaft, die Zerbrechung des ehernen + Lohngesetzes durch Abschaffung des Systems der Lohnarbeit, die + Aufhebung der Ausbeutung in jeder Gestalt, die Beseitigung aller + sozialen und politischen Ungleichheit. + + Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, obgleich zunächst im + nationalen Rahmen wirkend, ist sich des internationalen Charakters der + Arbeiterbewegung bewußt und entschlossen, alle Pflichten, welche + dieselbe den Arbeitern auferlegt, zu erfüllen, um die Verbrüderung + aller Menschen zur Wahrheit zu machen. + + 3. Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands fordert, um die + Lösung der sozialen Frage anzubahnen, die Errichtung von + sozialistischen Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe unter der + demokratischen Kontrolle des arbeitenden Volkes. Die + Produktivgenossenschaften sind für Industrie und Ackerbau in solchem + Umfang ins Leben zu rufen, daß aus ihnen die sozialistische + Organisation der Gesamtarbeit entsteht. +Im weiteren folgten die Forderungen für die Demokratisierung des Staates +und die nächsten sozialen Forderungen. + +Wie aus dem Programm hervorgeht, war der Name der vereinigten Partei: +„Sozialistische Arbeiterpartei.“ Ueber die vorgeschlagene Organisation +berichtete _Hasenclever_, die mit einigen Aenderungen ebenfalls nach der +Vorlage einstimmig angenommen wurde. Danach stand an der Spitze der +Partei ein Vorstand aus fünf Personen, die der Kongreß wählte. Für die +Kontrolle der Geschäftsführung des Vorstandes wurde eine +Kontrollkommission aus sieben Personen eingesetzt, deren Sitz der +Kongreß bestimmte und deren Wahl durch die Mitglieder der Partei an dem +Sitz der Kontrollkommission vorgenommen wurde. Außerdem wurde ein +Ausschuß von achtzehn Personen, über Deutschland verteilt wohnend, +gewählt, der als vorläufig richtende Instanz über den Parteivorstand zu +entscheiden hatte und bei besonders wichtigen Vorgängen zur Beratung von +seiten des Vorstandes eingeladen werden sollte. Die Leitung der +örtlichen Geschäfte wurde einem Agenten übertragen, den auf Vorschlag +der Mitglieder eines Ortes der Parteivorstand einsetzte. Man hoffte +damit einer Anklage wegen gesetzwidriger Verbindung von Vereinen aus dem +Wege zu gehen. Wie sich bald ergab, vergeblich. + +Als Sitz des Parteivorstandes wurde auf meinen Vorschlag Hamburg +bestimmt. Weiter wurden die von mir vorgeschlagenen Gehälter für die +fünf Vorstandsmitglieder angenommen, wonach der geschäftsführende +Vorsitzende monatlich 65 Taler, sein Stellvertreter 15 Taler, die beiden +Schriftführer je 50 Taler, der Kassierer 35 Taler erhalten sollten. +Diese Sätze waren vorher unter uns vereinbart worden; ebenso schlug ich +im Namen der Eisenacher vor, in den neuen Vorstand drei Lassalleaner und +zwei Eisenacher zu wählen, was ebenfalls Annahme fand. Darauf wurden +_Hasenclever_ als erster, _Hartmann_-Hamburg als zweiter Vorsitzender, +_Auer_ und _Derossi_ als Schriftführer, _Geib_ als Kassierer gewählt. +Sitz der Kontrollkommission wurde Leipzig und ich deren Vorsitzender. + +Offizielle Organe der Partei wurden der „Neue Sozialdemokrat“ in Berlin +und der Leipziger „Volksstaat“. Beide Blätter gingen in Parteieigentum +über. + +Am 27. Mai abends halb 12 Uhr waren die Beratungen zu Ende und wurde der +Kongreß mit einem Hoch auf die Arbeiter aller Kulturstaaten und +nachfolgendem Gesang der Arbeitermarseillaise geschlossen. + + * * * * * + +Bracke, der dem Kongreß aus Gesundheitsrücksichten fernbleiben mußte, +war am Schlusse desselben durch die erzielten Resultate in günstigerer +Stimmung. So schrieb er am 27. Mai an Engels: + + „Ich persönlich kann Ihnen noch keine Mitteilung sagen, da man das, + was beschlossen ist, erst vor sich haben muß, ehe man urteilt. Sind + diese Beschlüsse nicht unsinnig, werden wir auch keinen Unsinn machen. + (Anspielung auf einen Brief Liebknechts an Bracke.) Jedenfalls war bei + Liebknecht, Geib usw. der ernste Wille vorhanden, den begangenen + Fehler wieder gutzumachen. Der Verlauf des Kongresses hat gezeigt, daß + die Konzessionen des Entwurfes weit weniger wegen der Arbeiter nötig + waren als aus persönlicher Rücksicht gegen Hasenclever usw. _Soweit + bis jetzt ein Urteil möglich ist, bin ich mit dem Kongreß zufrieden,_ + denn derselbe hat gezeigt, daß die Arbeiter tatsächlich viel weiter + sind als ich glaubte.“ + +Ich kam erst im Herbst dazu, Engels auf seinen Brief von Ende März zu +antworten. Ich schrieb: + + „Leipzig, den 21. Sept. 1875. + + Lieber Engels! + + Ich muß recht sehr um Entschuldigung bitten, daß ich Sie auf Ihren + Brief von Ende März ohne alle Antwort gelassen. Ich kann Ihnen aber + versichern, daß ich in den ersten drei bis vier Monaten nach meiner + Freilassung keine ruhige Stunde gehabt, in der ich den Brief hätte + beantworten können, und selbst heute fällt es mir schwer, die nötige + Muße aufzutreiben. + + Mit dem Urteil, das Sie über die Programmvorlage fällten, stimme ich, + wie das auch Briefe von mir an Bracke beweisen, vollkommen überein. + Ich habe auch Liebknecht über seine Nachgiebigkeit heftige Vorwürfe + gemacht, aber nachdem einmal das Malheur geschehen war, galt es, sich + so gut als möglich herauszuziehen. Was der Kongreß beschlossen, war + das Aeußerste, was zu erreichen war. Es zeigte sich auf der anderen + Seite eine entsetzliche Borniertheit und teilweise Verbissenheit, man + mußte mit den Leuten wie mit Porzellanpüppchen umgehen, wollte man + nicht, daß der mit soviel Lärm in Szene gesetzte Einigungskongreß zum + Jubel der Gegner und zur größten Blamage der Partei resultatlos + auseinanderging. Schließlich gelang es aber dennoch, namentlich in der + Personenfrage, derart zu operieren, daß _wir mit dem Resultat + zufrieden sein konnten._ Es wird allerdings noch manchen Kampf gegen + die Borniertheit und den persönlichen Egoismus zu kämpfen geben, aber + ich zweifle nicht, daß auch diese Kämpfe, wenn wir geschickt + operieren, ohne Schaden für das Ganze ausgefochten werden, und daß in + zwei Jahren ein ganz anderer Geist die jetzt teilweise noch + widerhaarigen Elemente durchdringt. + + Das Ganze ist eine Erziehungsfrage. Nachdem die Leute acht bis neun + Jahre in Lassalle-Schweitzerschem Geiste erzogen worden sind, wollen + sie sich nicht _sofort_ an die andere Methode gewöhnen, hier gilt's, + Geduld haben. + + Die von mir bezeichnete Erziehungsmethode würde sich vielleicht + erheblich abkürzen lassen, wenn wir hier den von allen Seiten + herbeiströmenden Einladungen zu Versammlungen und Festreden genügen + könnten. Im persönlichen Verkehr mit den Leuten ließen sich Vorurteile + und Voreingenommenheiten rascher beseitigen, aber wir können nicht + entfernt leisten, was verlangt wird. + + Ich speziell bin durch mein Geschäft ganz bedeutend lahm gelegt, und + der Durchkrach bei der Landtagswahl hat niemand mehr gefreut als mich. + Liebknecht und Motteler geht es, trotzdem sie in der Partei ihre ganze + Stellung haben, nicht viel besser; denn ihre laufende Arbeit verträgt + sich schlecht mit dem vagabundierenden Agitatorenleben, und dann haben + wir in diesem Punkte auch schon zuviel geleistet, um noch große + Sehnsucht danach zu empfinden. Lunge und Stimmorgane sprechen ja auch + ein Wörtchen mit. + + _Im allgemeinen können wir mit dem Gang der Partei sehr zufrieden + sein,_ jetzt sieht man erst, wie die frühere Bekämpfung die Kräfte + zersplitterte, die Partei ist jetzt finanziell so gestellt, wie nie + zuvor, und die Steuern gehen, trotz der schlechten Geschäftszeit, sehr + pünktlich und regelmäßig ein. + + Ihrer freundlichen Einladung nach London konnte ich natürlich unter + den oben geschilderten Umständen nicht nachkommen; ich möchte gerne + einmal hinüber nach Old-England, aber vorläufig ist nicht daran zu + denken. Vielleicht muß ich nächstes Jahr nach dem Rheinland, eventuell + nach Holland in Geschäften, und dann ist der Weg zu Ihnen nicht mehr + allzuweit. + + Wie ich gehört, ist Marx in Karlsbad, wahrscheinlich werde ich ihn + aber nicht zu sehen bekommen; wie mir Liebknecht sagte, will er durch + Bayern zurück. In ungefähr 14 Tagen werde ich nach Karlsbad kommen, + ich will eine Geschäftstour nach Böhmen machen, dann wird er aber + nicht mehr dort sein. Grüßen Sie Marx, wenn er zurückkehrt. Wollen Sie + denn nicht Deutschland mal heimsuchen? Sie sitzen in England wie + eingerostet. + + Freundschaftlichst grüßt Ihr ergebener + + Bebel.“ + +Die Antwort, die ich von Engels erhielt, bewies, daß er und Marx meinen +Brief in einem Sinne aufgefaßt hatten, der mit dem Inhalt desselben +nicht recht in Einklang zu bringen war. Engels schrieb: + + „London, 12. Oktober 1875. + + Lieber Bebel! + + Ihr Brief bestätigt ganz unsere Ansicht, daß die Einigung unsererseits + überstürzt ist und den Keim künftigen Zwiespalts in sich trägt. Wenn + es gelingt, diesen Zwiespalt bis über die nächsten Reichstagswahlen + hinauszuschieben, wäre es schon gut.... + + Das Programm, wie es jetzt ist, besteht aus drei Teilen: + + 1. Den Lassalleschen Sätzen und Stichworten, die aufgenommen zu haben + eine Schmach unserer Partei bleibt. Wenn zwei Fraktionen sich über ein + gemeinsames Programm einigen, so setzen sie das hinein, worüber sie + einig und berühren nicht das, worüber sie uneinig sind. Die + Lassallesche Staatshilfe stand zwar im Eisenacher Programm, aber als + eine aus vielen _Uebergangsmaßregeln,_ und nach allem, was ich gehört + habe, war sie, ohne die Einigung, ziemlich sicher, im diesjährigen + Kongreß auf Brackes Antrag an die Luft gesetzt zu werden. Jetzt + figuriert sie als das eine unfehlbare und ausschließliche Heilmittel + für alle sozialen Gebrechen. Das „eherne Lohngesetz“ und andere + Lassallesche Phrasen sich aufoktroyieren zu lassen, war für unsere + Partei eine kolossale moralische Niederlage. Sie bekehrte sich zum + Lassalleschen Glaubensbekenntnis. Das ist nun einmal nicht + wegzuleugnen. Dieser Teil des Programms ist das kaudinische Joch, + unter dem unsere Partei zum größeren Ruhm des heiligen Lassalle + durchgekrochen ist; + + 2. aus demokratischen Forderungen, die ganz im Sinn und im Stil der + Volkspartei ausgesetzt sind; + + 3. aus Forderungen an den „_heutigen_ Staat“ (wobei man nicht weiß, an + wen denn die übrigen „Forderungen“ gestellt werden), die sehr konfus + und unlogisch sind; + + 4. aus allgemeinen Sätzen, meist dem Kommunistischen Manifeste und den + Statuten der Internationale entlehnt, die aber so umredigiert sind, + daß sie entweder total _Falsches_ enthalten oder aber _reinen + Blödsinn_, wie Marx das in dem Ihnen bekannten Aufsatz im einzelnen + nachgewiesen. + + Das Ganze ist im höchsten Grad unordentlich, konfus, + unzusammenhängend, unlogisch und blamabel. Wenn unter der + Bourgeoispresse ein einziger kritischer Kopf wäre, er hätte dies + Programm Satz für Satz durchgenommen, jeden Satz auf seinen wirklichen + Inhalt hin untersucht, den Unsinn recht handgreiflich + auseinandergelegt, die Widersprüche und ökonomischen Schnitzer (zum + Beispiel: daß die Arbeitsmittel heute „Monopol der Kapitalistenklasse“ + sind, als ob es keine Grundbesitzer gäbe, das Gerede von „Befreiung + der _Arbeit_“ statt der Arbeiterklasse, die Arbeit selbst ist + heutzutage ja gerade _viel zu frei_!) entwickelt und unsere ganze + Partei greulich lächerlich gemacht. Statt dessen haben die Esel von + Bourgeoisblättern dies Programm ganz ernsthaft genommen, + hineingelesen, was nicht darin steht und es kommunistisch gedeutet. + Die Arbeiter scheinen dasselbe zu tun. Es ist _dieser Umstand allein_, + der es Marx und mir möglich gemacht hat, uns nicht öffentlich von + einem solchen Programm loszusagen. Solange unsere Gegner und ebenso + die Arbeiter diesem Programm unsere Ansichten unterschieben, ist es + uns erlaubt, darüber zu schweigen. + + Wenn Sie mit dem Resultat in der Personenfrage zufrieden sind, so + müssen die Ansprüche auf unserer Seite ziemlich tief gesunken sein. + Zwei von den Unseren und drei Lassalleaner! Also auch hier die Unseren + nicht gleichberechtigte Alliierte, sondern Besiegte und von vornherein + überstimmt. Die Aktion des Ausschusses, soweit wir sie kennen, ist + auch nicht erbaulich: 1. Beschluß, Brackes und B. Beckers zwei + Schriften über Lassallesches nicht auf die Parteischriftenliste zu + setzen; wenn dies zurückgenommen, so ist es nicht die Schuld des + Ausschusses und auch nicht Liebknechts; 2. Verbot an Vahlteich, die + ihm von Sonnemann angetragene Korrespondenz für die Frankfurter + Zeitung anzunehmen. Dies hat Sonnemann dem durchreisenden Marx selbst + erzählt. Was mich noch mehr dabei wundert als die Arroganz des + Ausschusses und die Bereitwilligkeit, womit Vahlteich sich gefügt hat, + statt dem Ausschuß etwas zu pfeifen, ist die kolossale Dummheit dieses + Beschlusses. Der Ausschuß sollte doch lieber dafür sorgen, daß ein + Blatt, wie die Frankfurter, von allen Orten aus _nur_ durch unsere + Leute bedient wird. — + + ... Daß die ganze Sache ein Erziehungsexperiment ist, das auch unter + diesen Umständen einen sehr günstigen Erfolg verspricht, darin haben + Sie ganz recht. Die Einigung als solche ist ein großer Erfolg, wenn + sie sich zwei Jahre hält. Aber sie war unzweifelhaft weit billiger zu + haben.“ + +Man sieht, es war kein leichtes Stück, mit den beiden Alten in London +sich zu verständigen. Was bei uns kluge Berechnung, geschickte Taktik +war, das sahen sie als Schwäche und unverantwortliche Nachgiebigkeit an, +schließlich war doch die Tatsache der Einigung die Hauptsache. Diese +trug logisch die Weiterentwicklung in sich selbst, dafür sorgten auch +nach wie vor unsere Freunde, die Feinde. Daran konnten auch +Beschränktheiten und Engherzigkeiten, wie sie der Parteivorstand in den +von Engels gerügten Fällen sich zuschulden kommen ließ, nichts ändern. +Erwähnt muß werden, daß damals die „Frankfurter Zeitung“ der von uns +vertretenen Richtung freundlich gegenüberstand, dagegen hatte der +Allgemeine Deutsche Arbeiterverein mit Sonnemann manchen Span +auszufechten gehabt. Daher war auf dieser Seite die Animosität gegen ihn +und seine Zeitung erklärlicherweise eine sehr starke. + + + + +Nachwehen. + + +So glatt, wie ich in meinem Briefe an Engels die Sachlage dargestellt +hatte, verlief indes die Einigung nicht überall. Namentlich platzten in +Hamburg, wo Hasselmann und Richter-Wandsbeck und ihr Anhang schürten, +die Geister oft heftig aufeinander. Auer, der als Parteisekretär in +Hamburg wohnte, sah diese Vorgänge als ziemlich bedenklich an. So +schrieb er mir am 15. September 1875: In der Parteimitgliedschaft sei +nach wie vor große Uneinigkeit, es sei fraglich, ob aus all dem +Teufelsquark nicht noch eine Spaltung hervorgehe. Und in einem Briefe +vom 25. September an mich wiederholte er seine Klagen. Auf dem +Parteikongreß 1876 wurde dann Richter-Wandsbeck wegen seines +parteischädigenden Treibens aus der Partei ausgestoßen. + + * * * * * + +In Leipzig hatte der zum Reichstag gewählte Abgeordnete Dr. Stephani im +Frühjahr 1875 sein Mandat niedergelegt. Es kam zu einer Nachwahl, bei +der ich wieder als Kandidat der Partei aufgestellt worden war. Bei der +Wahl am 11. Mai erhielt ich 4018 Stimmen, 367 mehr als das Jahr zuvor +bei den allgemeinen Wahlen, mein nationalliberaler Gegner erhielt über +1000 Stimmen weniger, die auf einen Konservativen fielen. Ich war auch +als Landtagskandidat für den sächsischen Landtagswahlkreis +Meerane-Hohenstein-Ernstthal aufgestellt worden. Ich unterlag hier +gleichfalls, und zwar mit 694 gegen 899 Stimmen, die mein +nationalliberaler Gegner erhielt. Ich war über diese Niederlage, wie ich +in meinem oben abgedruckten Briefe an Engels bereits andeutete, sehr +zufrieden. Die Partei hatte sich um jene Zeit noch wenig mit den +Landtagswahlen befaßt. Das Wahlgesetz war zwar im Vergleich zu dem heute +bestehenden ein sehr günstiges, es forderte für den Wähler einen Zensus +von 3 Mark direkter Staatssteuer, die sächsische Staatsangehörigkeit und +ein Alter von 25 Jahren. Für das Recht, als Abgeordneter gewählt zu +werden, das sogenannte passive Wahlrecht, wurde ein Zensus direkter +Staatssteuer von mindestens 30 Mark, ein Alter von 30 Jahren und +dreijährige Staatsangehörigkeit verlangt. Trotzdem war die Zahl unserer +Wähler gering, da zu jener Zeit viele Arbeiter die Staatssteuer von 3 +Mark, die mit einem Jahreseinkommen von 600 Mark verknüpft war, nicht +bezahlten. Erst mit der Einführung eines neuen Einkommensteuergesetzes +im Jahre 1876 änderte sich dieses zu unseren Gunsten infolge der höheren +Einkommeneinschätzung. Von jetzt ab begannen wir mit Erfolg uns an den +Wahlen zum Landtag zu beteiligen. + +Um die stattgehabte Vereinigung immer mehr in Fleisch und Blut der +früher feindlichen Brüder überzuleiten, kamen wir überein, daß die +bekanntesten Persönlichkeiten aus den ehemaligen beiden Lagern +hauptsächlich in den Bezirken Versammlungen abhalten sollten, die ihnen +früher mehr oder weniger unzugänglich waren. So gingen Liebknecht und +Motteler nach Norden und Westen, Hasenclever, Dreesbach und andere nach +dem Süden und nach Sachsen, ich nach Altona-Hamburg, woselbst meine +Versammlungen ungemein stark besucht wurden, ebenso in Berlin, woselbst +ich im Tivoli eine Riesenversammlung abhielt. In Hamburg, Altona und +Umgegend erhielt die Bewegung einen neuen Stützpunkt in der Gründung des +„Hamburg-Altonaer Volksblattes“, das mit dem 1. Oktober 1875 ins Leben +trat. Hasenclever zog es jetzt vor, aus dem Vorstand aus-und in die +Redaktion des „Hamburg-Altonaer Volksblattes“ einzutreten. + + * * * * * + +Für mich persönlich war damals die Situation keine angenehme. Unter dem +Widerspruch der Interessen zwischen Geschäft und Partei litt ich schwer, +darüber klagte auch Bracke in einem Briefe an mich Ende August. Es sei +schrecklich, Sklave eines Geschäftes zu sein. Aber wie loskommen? Er +trage sich mit dem Gedanken, sein Druck- und Verlagsgeschäft an die +Leipziger Genossenschaftsdruckerei zu verkaufen, aber andererseits habe +er wieder Bedenken. Er habe erdrückende Arbeit und ein schweres Defizit +zu tragen, das ihm Verlag und Druckerei verursache. Ich bewunderte bei +ihm die Heiterkeit des Gemüts, die er trotz aller Sorgen behielt. Da ich +um jene Zeit meinen späteren Associé gewonnen hatte, eine Verbindung, +die erst im nächsten Herbste durchgeführt werden konnte, wovon aber +Nachricht sich blitzschnell in Leipzig verbreitet hatte, entstand das +von den Gegnern genährte Gerücht, ich werde mich alsdann aus dem +Parteileben zurückziehen. Die erste Nachricht von diesem Geschwätz +erhielt ich durch einen Altenburger Genossen, der mir am 30. August +schrieb: Er habe bei seiner kürzlichen Anwesenheit in Leipzig von +verschiedenen Seiten gehört, daß ich einen Kompagnon erhielte, +Großindustrieller würde und dann mich langsam aus der Partei +zurückziehen wolle. Das habe er bei einem Arbeiterfest in Schmölln auch +Meeraner und Gößnitzer Genossen mitgeteilt und ihnen gesagt, sie müßten +diesen schmerzlichen Schlag, den sie von mir erhielten, überwinden. Da +sei es aber rührend gewesen, mit welch felsenfestem Vertrauen die +betreffenden Genossen geantwortet, das glaubten sie nicht, das hielten +sie für unmöglich. Mittlerweile habe er auch vernommen, daß es nicht +wahr sei. Er habe ihnen aber versprechen müssen, an mich wegen der Sache +zu schreiben, er bitte wegen seiner Zudringlichkeit um Verzeihung, ich +möchte aber dem Gerücht _öffentlich_ entgegentreten, ein Verlangen, das +zu erfüllen ich meiner unwürdig hielt. + +Um diese Zeit — September 1875 — befand sich Most noch immer im Gefängnis +zu Plötzensee. Ich schrieb ihm zur Tröstung einen längeren Brief und +erkundigte mich, wie es ihm gehe. Daß seine Behandlung gegen früher eine +anständigere geworden war, hatte ich vernommen. Darauf schrieb er mir am +27. September: + + „Lieber Bebel! Wenn ich Dir sage, daß ich oft monatelang weder von der + Partei noch von Parteigenossen ein Sterbenswörtchen höre, so kannst Du + Dir denken, daß mich Dein Brief freute. Du mußt Dir meinethalben keine + Sorge machen, es steht zwar (_lediglich_ wegen meiner kärglichen + Lebensweise) faul genug mit mir, aber flöten gehe ich deshalb doch + nicht. Mir geht es von Kindheit an, namentlich aber seit den letzten + sieben Jahren, so nichtswürdig, daß ich immerhin ungemein viel + aushalten kann.... Alle Nachrichten, die Du mir betreffend unsere + Partei übermittelst, beweisen mir aufs neue, daß alle gegen uns + inszenierten Verfolgungen fruchtlos waren und sind. Komme ich erst + heraus, hoffe ich meine Freude zu haben. Und was meine Stimmbänder + betrifft, so werden sie wohl noch ein Weilchen aushalten.... Was ich + tue? Nun, ich ochse! Erstens schreibe ich für Geib, zweitens büffle + ich französische Uebersetzungen und drittens löffle ich tüchtig + Materialismus.... Man muß ja heutzutage entsetzlich viel gelesen + haben, will man nicht als Schafskopf gelten.... Die Zeit vergeht mir + verhältnismäßig sehr rasch. Geib meint, ich solle beantragen, daß man + mich vorläufig entlasse, aber dieses habe ich nun schon dreimal + abgelehnt, da solche Betteleien prinzip- und zwecklos sind.“ + + + + +Reichstagsarbeit. + + +Ende Oktober 1875 wurde die neue Session des Reichstags eröffnet. Nach +einer Pause von fast dreieinhalb Jahren nahm ich zum erstenmal wieder an +dessen Beratungen teil. Es war auch die erste Session, in der die +Vertretung der Partei als die der geeinigten Partei vor die +Oeffentlichkeit trat. Das Auftreten der Fraktion war denn auch sofort +lebhafter, selbstbewußter und energischer als in irgend einer früheren +Session. Die Natur des Beratungsstoffs trug ebenfalls zu einem +lebhafteren Eingreifen bei. + +Dem Reichstag war ein Gesetzentwurf zugegangen betreffend die Abänderung +des Titels 8 der Gewerbeordnung in Verbindung mit einem Gesetzentwurf +über die gegenseitigen Hilfskassen. Die Debatte über den Gesetzentwurf +in den verschiedenen Stadien seiner Beratung wurde von uns mit allem +Nachdruck geführt. Fast die gesamten Mitglieder der Fraktion beteiligten +sich zum Teil wiederholt an den Debatten und begründeten auch eine +größere Zahl Anträge zu den verschiedenen Paragraphen. In der +Arbeiterwelt hatte der Entwurf lebhafte Mißstimmung erzeugt und eine +Anzahl Petitionen hervorgerufen, unter denen namentlich die Petition der +Kommission der Krankenkassenvorstände _Berlins_ sehr ausführlich auf die +einzelnen Bestimmungen des Gesetzentwurfes einging. + +Seitens der Fraktion war ich zum Redner in der Generaldebatte bestimmt +worden. Die Verhandlungen begannen am 6. November und wurden noch an +demselben Tage zu Ende geführt. Die Mehrheit liebte es, möglichst wenig +zu diskutieren und raschen Schluß zu machen. Ich nahm gegen den Entwurf +in der vorliegenden Fassung entschieden Stellung. Fraktion und Partei +standen damals auf dem Standpunkt, daß die Krankenkassen +_ausschließlich_ den Arbeitern gehörten, daß sie allein die Beiträge +zahlen und die _volle_ Selbstverwaltung besitzen sollten. Die +Haftpflicht beziehungsweise Unfallpflicht in allen ihren Konsequenzen +sei _ausschließlich_ den Unternehmern zu übertragen. Die Invaliditäts- +und Altersversicherung sei auf die Beiträge _beider_ Teile zu begründen. +Ich führte aus: Der Entwurf stelle die Arbeiter unter die Vormundschaft +der Behörden und der Unternehmer. Er verweigere den Arbeitern das Recht, +das jede andere Klasse für die Verwaltung ihres eigenen Vermögens +besitze, das Recht der unumschränkten Selbstverwaltung. Was +würde der Reichstag sagen, machten wir in einem Aktien- oder +Genossenschaftsgesetz solche bevormundende Vorschriften! Statt von +großen des Reiches würdigen Gesichtspunkten sei man von kleinlichen und +kleinlichsten Gesichtspunkten ausgegangen. Namentlich in Verbindung mit +dem § 4 des Haftpflichtgesetzes sei der Entwurf sehr bedenklich, da er +den Arbeitern in den Hilfskassen Lasten auferlege, die die +Haftpflichtversicherung der Unternehmer zu tragen habe. Behalte der +Gesetzentwurf im wesentlichen seinen jetzigen Charakter, werde er statt +Zufriedenheit große Unzufriedenheit in der Arbeiterwelt hervorrufen, +also das Gegenteil von dem, was er bezwecken solle. Der Entwurf wurde an +eine Kommission von 21 Mitgliedern verwiesen. Nachdem dieser Beschluß +gefaßt war, trat der Abgeordnete Miguel an mich heran und stellte die +Frage, ob ich bereit wäre, Mitglied der Kommission zu werden. Nach +erfolgter Umfrage bei den Fraktionsgenossen erklärte ich mich dazu +bereit. Als aber die Wahl erfolgen sollte, kam Miguel abermals zu mir: +er müsse zu seinem Bedauern mir mitteilen, daß die große Mehrheit seiner +Fraktion meine Wahl nicht wünsche. Er riet mir, mich mit dem Zentrum zu +verständigen. Ich lehnte dieses ab; es sei unserer unwürdig, bei einer +anderen Fraktion um einen Sitz in einer Kommission zu petitionieren. Der +Seniorenkonvent bestand damals schon, der die Verteilung der Mitglieder +der Kommissionen nach der Stärke der Fraktionen vornahm. Wir mit unseren +neun Mitgliedern wurden aber als Fraktion nicht anerkannt, dazu waren +mindestens fünfzehn erforderlich. So unterblieb meine Teilnahme an der +Kommission. Wir stimmten schließlich gegen das Gesetz, da wir mit +unseren Verbesserungsanträgen kein Glück hatten; sie wurden sämtlich +abgelehnt. + +Eine zweite Vorlage, die unsere Beteiligung an den Verhandlungen +herausforderte, war die Strafgesetznovelle, durch die nicht weniger als +53 Paragraphen des Strafgesetzes, das erst fünf Jahre in Wirksamkeit +war, geändert oder neu eingeführt werden sollten. Die verbündeten +Regierungen wollten mit der Vorlage 14 neuen Vergehen die +strafrechtliche Verfolgung sichern. Bismarck war allezeit ein +Gewaltmensch; jede ihm unbequeme oder unangenehme Zeitströmung glaubte +er durch Anwendung von staatlichen Gewaltmitteln aus der Welt schaffen +zu können. So die katholische, die Polen-, die sozialistische Bewegung. +Und er ist von dieser Auffassung auch nicht bekehrt worden, obgleich am +Ende seines Lebens das gründliche Fiasko dieser Politik auf der flachen +Hand lag und er der Besiegte und nicht der Sieger war. Die +Strafgesetznovelle sollte im großen zuwege bringen, was bisher durch +Polizei und Richter mißlungen war. Es waren also insbesondere die +sogenannten politischen Paragraphen des Strafgesetzbuches, zum Beispiel +die §§ 95, 103, 110, 111, 113, 114, 117, 128, 130, 130a, 131 usw., die +entsprechend verschärft werden sollten. So sollte der § 130 folgende +Fassung erhalten: Wer in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden +Weise verschiedene Klassen der Bevölkerung gegen einander öffentlich +aufreizt, oder wer in gleicher Weise die Institute der Ehe, der Familie, +des Eigentums öffentlich durch Rede oder Schrift angreift, wird mit +Gefängnis bestraft. Aehnlich erweitert wurde der § 131. Es wurde an +seine Stelle etwas modifiziert der berüchtigte ehemalige preußische Haß- +und Verachtungsparagraph vorgeschlagen. Wir beobachteten die Taktik, uns +zunächst zurückzuhalten und den Liberalen, die mit dem Regierungsentwurf +sehr unzufrieden waren, den Vortritt zu lassen. Diese Taktik erwies sich +als richtig. Nicht nur Dr. _Hänel_ von der Fortschrittspartei, sondern +selbst die Nationalliberalen _Bamberger_ und _Lasker_ entwickelten +Anschauungen über die Freiheit der öffentlichen Meinung, denen wir +nichts hinzuzusetzen brauchten, die aber sehr abstachen +gegen die Haltung, die sie einige Jahre später dem zweiten +Sozialistengesetzentwurf gegenüber einnahmen. Ein Teil der Vorlage ging +an eine Kommission, der andere sollte im Plenum beraten werden. Unsere +eigentliche Beteiligung begann mit der Beratung des § 130, der am 27. +Januar 1876 auf der Tagesordnung stand. Graf Eulenburg, der Minister des +Innern für Preußen, begann seine Rede mit den Worten: Meine Herren, der +§ 130 ist gegen die Sozialdemokratie gerichtet. Der übrige Inhalt seiner +Rede bestand vorzugsweise in langen Zitaten aus dem „Sozialdemokrat“ und +„Volksstaat“ und aus einer Lassalleschen Rede aus dem Jahre 1863, +wodurch er unsere Staatsgefährlichkeit nachzuweisen suchte. Schließlich +bat er, den verbündeten Regierungen die geforderten Machtmittel gegen +uns zu bewilligen, sonst müsse man sich mit den jetzigen unzulänglichen +Gesetzesparagraphen begnügen, „_bis die Flinte schießt und der Säbel +haut_“. Die Rede verlief vollständig eindruckslos, und so hatte es +_Hasselmann_, der nach Eulenburg sprach, leicht, ihn zu widerlegen. Die +Regierung stehe verständnislos der sozialdemokratischen Bewegung +gegenüber, die doch nur die naturgemäße Frucht der bestehenden +wirtschaftlichen Mißstände sei. Die Forderungen im sozialdemokratischen +Programm seien die Heilmittel, die wir gegen die vorhandenen Uebel in +Vorschlag brächten. Auf die Anklage, wir reizten die Arbeiter in den +Volksversammlungen auf, stellte er die Frage, warum man nicht in diese +Versammlungen komme, um uns zu widerlegen? Den Klassenkampf hätten die +Gegner begonnen, und wie grausam und blutig sie ihn eventuell führten, +habe die Pariser Kommune gezeigt. Er erklärte schließlich, wir würden +den Kampf auf gesetzlichem Boden weiterführen, möge er noch so schwere +Opfer kosten. Das Ende der Debatte war, daß, nachdem ein Amendement der +Konservativen abgelehnt worden war, sich _keine_ Stimme für den Antrag +der Regierung erklärte, was große Heiterkeit hervorrief. + +Die Parteipresse beantwortete die Rede Eulenburgs durch Abstattung ihres +Dankes für die agitatorische Wirkung derselben zugunsten der Partei, und +der Parteivorstand beschloß ihre Massenverbreitung. Auch der § 131 fand +in der neuen vorgeschlagenen Fassung im Reichstag keine Gegenliebe und +flog ebenfalls sang- und klanglos in den Orkus. Zum sogenannten +Arnimparagraph (§ 353a) hielt _Liebknecht_ eine kurze, aber sehr +wirkungsvolle Rede, die den lebhaften Widerspruch der Mehrheit des +Reichstags hervorrief. + +Bei der dritten Lesung der Novelle empfand Bismarck das Bedürfnis, noch +einmal zum § 130 der Vorlage zu sprechen. Da dieser aber nicht mehr +existierte, nahm der Abgeordnete Freiherr von Nordeck zur Rabenau den +Antrag wieder auf. Bismarck ging darauf sofort aufs schärfste gegen uns +los. Er verlange, daß man den sozialistischen Agitationen auch im +Reichstag gebührend entgegentrete. Spreche im Hause ein sozialistischer +Abgeordneter, so sei es hergebracht, ihm zuzuhören, als spreche er aus +einer anderen Welt, mit der sich der Reichstag nicht zu befassen habe. +Man müsse den Gegengründen gegen den utopistischen Unsinn der +Sozialisten die weiteste Verbreitung geben; sei es doch so weit +gekommen, daß die Mörder und Mordbrenner der Pariser Kommune hier im +Reichstag eine öffentliche Lobeserhebung bekommen hätten, ohne daß eine +entgegengesetzte Ansicht ausgesprochen worden sei. Es seien das Gebilde, +die von den Verführten nur im Dunkel der Blendlaterne der Verführer +gesehen würden; wenn sie aber hinreichend an die Luft und Sonne gebracht +würden, so müßten sie in ihrer Unausführbarkeit und verbrecherischen +Torheit erkannt werden. + +Diese Bismarckschen Anklagen richteten sich zweifellos gegen meine Rede +in der Session von 1871 zur Verteidigung der Kommune, denn seitdem waren +Reden über die Kommune im Reichstag nicht gehalten worden, und so +meldete ich mich zum Wort. Nachdem dann Windthorst und Bismarck noch +einmal gesprochen, zog der Freiherr v. Nordeck zur Rabenau seinen Antrag +mit der Motivierung zurück, Fürst Bismarck, der bei der zweiten Lesung +habe fehlen müssen, sei jetzt zum Worte gekommen, damit sei der Zweck +seines Antrags erreicht. Als Windthorst auf der Fortsetzung der Debatte +bestand, bestritt Simson, der kurze Zeit als Präsident den verhinderten +Forckenbeck vertrat, daß dieses möglich sei, und als nunmehr Sonnemann, +um mich zu Worte kommen zu lassen, den Antrag v. Nordecks zur Rabenau +wieder aufnahm, erklärte Simson, alsdann habe der Abgeordnete Valentin +den Schluß der Debatte beantragt. Ein Schlußantrag Valentins lag also +bereits wieder einmal auf dem Bureau zu geeigneter Verwendung vorrätig +vor. So schnitt man mir das Wort zur Entgegnung auf die Angriffe +Bismarcks ab. Ich versuchte nunmehr, in einer persönlichen Bemerkung +mich zu verteidigen. Ich tadelte, daß man mir nach den heftigen +Angriffen des Reichskanzlers auf meine Person das Wort zur Entgegnung +verweigert habe. (Wiederholte Zwischenrufe.) Es sei kein Zweifel, daß +die Angriffe des Reichskanzlers sich gegen mich persönlich richteten, +wie ich das mit Hinweis auf meine Reden im Jahre 1871 nachwies. Der +Reichskanzler habe sich über die häufigen Beleidigungen seiner Person +beschwert, da hätte er den guten Rat, den er dem Hause gab, zunächst mir +und meiner Partei gegenüber befolgen sollen. Seine Anklage, ich hätte +Mörder und Mordbrenner verteidigt, wies ich als eine mir zugefügte +Beleidigung zurück. Ich hätte die Männer der Kommune verteidigt, weil +sie nicht als Mörder und Mordbrenner angesehen werden könnten, sondern +als Männer, denen man bitter unrecht getan habe. Daß sie keine Mörder +und Mordbrenner gewesen seien, dafür spreche, daß drei hochangesehene +Regierungen, der Schweizer Bundesrat, die belgische und die englische +Regierung, verweigert hätten, die Flüchtlinge der Pariser Kommune, weil +sie keine Verbrecher seien, auszuliefern. Hier unterbrach mich der +Präsident: Meine Ausführungen seien nicht mehr persönlich, ich machte +sachliche Ausführungen, und da stünde Ansicht gegen Ansicht, das gehe +aber nicht innerhalb des Rahmens einer persönlichen Bemerkung. So mußte +ich auf weitere Ausführungen verzichten. Ich revanchierte mich aber in +einer Versammlung in Leipzig, in der ich meinem Herzen Luft machte. + +Auch die Verhaftungsfrage der Abgeordneten kam durch einen +fortschrittlichen Antrag wieder zur Verhandlung, dem wir, da er eine +Halbheit war, einen weitergehenden korrekten Antrag gegenüberstellten. +Unser Antrag, den ich motivierte, fiel, aber auch der fortschrittliche +Antrag wurde mit 142 gegen 127 Stimmen abgelehnt. _Lasker_, der nach +seiner Haltung in der vorigen Session für den Antrag hätte stimmen +_müssen_, enthielt sich der Abstimmung, _v. Bennigsen_ fehlte als +entschuldigt. + +Ein Vorgang, der auf dem nächsten Parteikongreß zur Sprache kam und +angegriffen wurde, betraf unsere Abstimmung über den Antrag von +Schulze-Delitzsch und Genossen, betreffend Zahlung von Diäten. +Liebknecht und ich hatten uns bei der zweiten Lesung über diesen Antrag +der Abstimmung enthalten, Hasenclever hatte dafür gestimmt und die +übrigen Kollegen, von denen Most in Hast war, waren bei der Abstimmung +nicht anwesend. Bei der dritten Lesung nahm ich im Namen der +_Gesamtheit_ das Wort und erklärte, daß wir uns sämtlich der Abstimmung +enthalten würden. Wir hätten es satt, beständig für den Papierkorb des +Bundesrats zu arbeiten, der Reichstag nehme jede Session mit stets +steigender Mehrheit den Antrag auf Diätenzahlung an, der Bundesrat werfe +ihn ebenso regelmäßig in den Papierkorb. Meine es der Reichstag ernst +mit der Diätenzahlung, dann solle er auch die ihm zu Gebote stehenden +Machtmittel anwenden, um sie zu erlangen. Er solle alsdann zunächst dem +Reichskanzler das Gehalt verweigern. Es sei eine Schande, dem Reichstag +zu verweigern, was alle anderen Parlamente in Deutschland erhielten. Wir +wollten dieses Spiel nicht weiter mitmachen und würden uns der +Abstimmung enthalten, da wir gegen den Antrag nicht stimmen könnten. Die +kurze Rede brachte mir zwei Ordnungsrufe ein. Den 10. Februar wurde die +Session geschlossen. + + + + +Meine Stellung zur Kommune. + + +Am 10. März 1876 hatte ich in Leipzig eine Disputation mit Bruno Sparig, +einem Hauptagitator der Leipziger Nationalliberalen, der in seiner Rede +über meine Stellung zur Kommune alle die Angriffe vorbrachte, die man +damals gegen die Kommune machte. Jene Versammlung war von beiden +Parteien gemeinsam einberufen, jede Partei bekam gleichviel +Eintrittskarten zur Verteilung, jede Partei wählte auch einen +Vorsitzenden, der den Vorsitz führte, während der Gegner redete. Von +unserer Seite war Julius Motteler dieser Vorsitzende, von seiten der +Gegner ein Direktor Peucker. + +Ich erweise manchem meiner Leser einen Dienst, wenn ich meine damalige +Leipziger Rede, wenn auch gekürzt, hier zum Abdruck bringe: + + Direktor _Peucker_: Herr Bebel hat jetzt das Wort. (Der Redner wird + beim Betreten der Tribüne mit stürmischem Beifall empfangen.) + + _Bebel_: Ich knüpfe an die letzten Worte des Herrn Sparig an. + (Unruhe.) Herr Sparig erklärte, er habe noch so viel Tatsachen gegen + die Kommune anzuführen, daß er noch zehn Abende damit zubringen + könnte. (Unruhe.) Meine Herren, ich habe Herrn Sparig gleich anfangs + die Offerte gemacht, daß, wenn die Disputation an einem Abende nicht + beendigt sei, sie am nächsten oder an einem späteren Tage fortgesetzt + werden solle. Wir könnten also morgen oder nächsten Montag die Debatte + fortsetzen, wozu ich bereit bin. (Große Unruhe, Zischen.) Herr Sparig + hat aber erklärt, es sei an einem Abende genug, die Sache würde dabei + zum Austrag gebracht werden. (Bravo! Zischen.) + + Meine Herren, zunächst eine persönliche Erklärung meinen + Parteigenossen gegenüber, die mir zum Teil heftige Vorwürfe gemacht + haben, daß ich auf die Bedingung eingegangen bin, daß zu dieser + Versammlung Karten ausgegeben wurden, weil dies gegen das Prinzip der + Volksversammlungen verstößt. Meine Herren, ich würde nimmer auf diesen + Vorschlag eingegangen sein, wenn ich nicht überzeugt gewesen wäre, daß + im anderen Falle die Versammlung gar nicht stattgefunden hätte. Ich + bin einzig und allein aus diesem Grunde darauf eingegangen, ich werde + aber ein zweites Mal nicht darauf eingehen, weil, obgleich bei unserer + Abmachung Herr Sparig sagte, man wolle, um nicht „unanständig“ zu + erscheinen, bei dem Eingang nicht sammeln, um kein Geldgeschäft daraus + werden zu lassen, dennoch von seiten des Herrn Sparig das Versprechen + nicht gehalten, sondern der Vertrag verletzt und die Karten gegen Geld + ausgeboten wurden. (Große Unruhe. Rufe: Das ist nicht wahr!) _Bebel_: + Wie können Sie da rufen, das ist nicht wahr? (Bravo! Zurufe.) + + Meine Herren! Zunächst bitte ich vor allem meine Parteigenossen, mich + nicht durch Beifallsbezeigungen zu unterbrechen, aus dem einfachen + Grunde, weil mir diese zu viel Zeit wegnehmen. Ich habe nur anderthalb + Stunden Zeit. (Unterbrechung, Zischen.) + + Vorsitzender Direktor _Peucker_: Meine Herren, ich muß Sie ersuchen, + alle derartigen Ausrufe wie „Das ist nicht wahr“ usw. zu unterlassen. + Herr Bebel hat laut eingegangenem Kontrakt das Wort. Ich ersuche beide + Parteien, Herrn Bebel ruhig reden zu lassen. + + _Bebel_: Meine Parteigenossen haben Herrn Sparig mit der größten Ruhe + angehört, obgleich sie häufig Ursache gehabt hatten, ihr Mißfallen + kund zu geben. (Fortgesetzte Unruhe seitens der Liberalen.) + + Ich glaube, meine Herren, wir haben der liberalen Partei heute den + Beweis geliefert, daß ihre Behauptung unwahr ist, daß ein Gegner in + einer sozialdemokratischen Versammlung nicht sprechen könne; Herr + Sparig hat im Gegenteil ganz ruhig sprechen können, während + Sie — (Große Unruhe. Rufe: Raus! Lärm seitens der Liberalen.) + + _Bebel_: Meine Herren! Ich hoffe, daß die Herren Gegner nicht + provozieren wollen, daß die Versammlung polizeilich aufgelöst werde. + Fast komme ich zu dieser Ueberzeugung. Herr Sparig hat ausgeführt, daß + wir uns über die Mundtotmachung im Reichstag beschwert hätten, und er + hat weiter erklärt, er nähme es den Reichsboten nicht übel, wenn sie + nicht immer wieder die sozialdemokratischen Phrasen anhören wollten. + + Wir sind im Reichstage Volksvertreter so gut wie jeder andere, der + dort sitzt, und wir haben nicht bloß das Recht, sondern auch die + Pflicht, unsere Parteianschauungen dort zu vertreten, wo sich die + Gelegenheit bietet. Sind wir einmal in einer Sitzung des Reichstags + nicht zugegen, dann führt die liberale Presse und besonders das + „Leipziger Tageblatt“ gewissenhaft Buch und man liest am nächsten + Tage: Bei der und der Abstimmung haben die und die + sozialdemokratischen Abgeordneten gefehlt. Reden die + sozialdemokratischen Abgeordneten, dann heißt es: Sie sind + unverschämt! Und schneidet man uns das Wort ab, auch wenn wir zum + Reden herausgefordert wurden, so heißt die liberale Presse und Herr + Sparig ein solch nichtswürdiges Verfahren gut.... + + Herr Sparig ist dann auf die Verhandlungen des deutschen Reichstags im + Jahre 1871 eingegangen und erwähnte dabei zuerst die Sitzung vom 25. + Mai, in der es sich um die Annexion von Elsaß und Lothringen handelte. + Hier hat nun Herr Sparig einen chronologischen Schnitzer begangen: er + läßt meine Rede vom 10. April hinter der Rede vom 25. Mai kommen. In + der Rede vom 10. April war es, wo ich erklärte, daß ich die Handlungen + der Kommune zwar nicht in allen Stücken billige, und zwar aus + Zweckmäßigkeitsgründen, daß ich aber nichtsdestoweniger die Kommune + verteidige, und daß ich mich dazu um so mehr für verpflichtet halte, + als selbst die liberale Presse, nachdem sie zuvor gewisse Handlungen + der Kommune als Gewalttaten gebrandmarkt harte, nach wenig Tagen ihre + Beschuldigungen als unwahr zurücknehmen mußte.... + + ... Herr Sparig hat die Tätigkeit der Kommune als eine lange, + ununterbrochene Kette von Verbrechen und Scheußlichkeiten hinzustellen + versucht. Als Hauptschandtaten führte Herr Sparig die Erschießung der + Generale Klement Thomas und Lecomte an, ferner die Erschießung der + Geiseln und den Befehl zur Inbrandsetzung des Finanzministeriums, den + er Ferré imputiert. Sonstige „Schandtaten“ hat er nicht anzugeben + vermocht. + + Wie steht es aber nun mit diesen angeblichen Schandtaten? Am 18. März, + dem Tag der Erschießung der Generale Klement Thomas und Lecomte, hat + die Kommune, nach dem eigenen Geständnis des Herrn Sparig, noch nicht + bestanden. Man kann sie also dafür unmöglich verantwortlich machen. + + An dem Tage, an dem die Geiseln erschossen worden sind — als welchen + Tag Herr Sparig selbst den 24. Mai angibt —, hat die Kommune offiziell + nicht mehr bestanden; der Kommunerat hat am 22. Mai die letzte sehr + schwach besuchte Versammlung abgehalten, was Herr Sparig gleichfalls + bestätigte. Wenn wirklich, wie Herr Sparig behauptet, was aber nicht + erwiesen ist, Ferré und Raoul Rigault am 24. den Befehl zur + Erschießung der Geiseln gegeben hätten, so würde es sich also nur um + zwei Personen von 90 handeln, welche den Kommunerat bildeten, und + diese zwei, nicht aber die Kommune, könnten verantwortlich gemacht + werden. + + (Redner gibt hierauf einen kurzen geschichtlichen Abriß des Entstehens + der Kommune, der Belagerung von Paris, des Mißtrauens der Bevölkerung + gegen Trochu, der Uebergabe von Paris, des Ausschreibens der Wahlen + zur Nationalversammlung, welche den Frieden ratifizieren sollte.) + + Die Wahlen wurden ausgeschrieben in einem Moment, wo zwei Drittel von + Frankreich von den Deutschen besetzt waren, wo ein großer Teil des + Landes im Belagerungszustand war, wo bei der Kürze der Frist von einer + Verständigung über die zu Wählenden keine Rede sein konnte, wo endlich + der größte Teil der bonapartistischen Präfekten und Beamten, die + mehrere Jahrzehnte die niederträchtigste Wahlkorruption betrieben + hatten und darauf eingeübt waren, noch im Amte saß. Unter solchen + Umständen konnte unmöglich von freien Wahlen die Rede sein. + + Die Wahlen fielen auch danach aus. War auch die Majorität nicht + bonapartistisch gesinnt, so war sie doch royalistisch und der Republik + feindlich. Die Folge war, daß Gambetta zurücktrat und Herr Thiers an + die Spitze der Regierung kam. Die Nationalversammlung, die damals + bekanntlich in Bordeaux tagte und die ausdrücklich nur zu dem Zweck + gewählt worden war, über die Friedensbedingungen zu beschließen, maßte + sich jetzt an, über das Geschick Frankreichs zu entscheiden, und + beging damit eine schwere Verletzung ihres Mandats. Die Regierung war + jämmerlich genug, auf solche Anmaßungen einzugehen. Ja es kam in + kurzer Zeit so weit, daß selbst die blauen Republikaner wie Jules + Favre und Konsorten gänzlich aus der Regierung verdrängt wurden. + + Mit dieser Haltung der Versammlung in Bordeaux gingen weitere Schritte + der Regierung gegen Paris Hand in Hand. Die Regierung verlangte von + der Pariser Nationalgarde, und zwar im Widerspruch mit den + Stipulationen des Friedensvertrags, daß sie die Waffen ausliefere. Der + Belagerungszustand, der seit der Revolution vom 4. September in Paris + aufgehoben war, wurde wieder eingeführt. Der als ein Feind der + Republik bekannte Jesuiten-General d'Aurelles de Paladine wurde zum + Oberkommandanten der Nationalgarde, der verhaßte bonapartistische + General Vinoy zum Gouverneur von Paris ernannt. Diesen gegen Paris + feindseligen Schritten schlossen sich eine Reihe anderer an. Infolge + der Belagerung von Paris und des vollständigen Daniederliegens von + Geschäften und Verkehr war früher eine Aufschiebung der fälligen + Wechselzahlungen ausgesprochen worden. Die Regierung, die mittlerweile + von Bordeaux nach Versailles übergesiedelt war, bestimmte jetzt, daß, + obgleich Handel und Wandel noch gleich sehr daniederlagen, alle + fälligen Wechselzahlungen sofort bezahlt werden müßten. Es wurde + ferner befohlen, daß die fälligen Mieten — die bis dahin ebenfalls + gestundet worden waren — sofort bezahlt werden müßten. Gleichzeitig + wurde eine Stempelsteuer von 2 Centimes auf jedes Zeitungsblatt + eingeführt. Die Folge von allem diesem war, daß nicht nur die + Sozialisten, sondern daß der größte Teil der Pariser Bevölkerung, die + kleinen Kaufleute, die Krämer, die Handwerker mit den revolutionären + Elementen gemeinsame Sache machten. Sie erklärten, unter keinen + Umständen auf die Bedingungen und Zumutungen eingehen zu können, + welche die gegenwärtige Regierung stelle. Als die Regierung die + Stimmung in Paris sah, wurde ein Handstreich von ihr versucht. Man + wollte sich Paris mit Gewalt bemächtigen. In der Nacht vom 17. auf den + 18. März rückte der General Lecomte auf Befehl des Generals d'Aurelles + de Paladine mit einer Anzahl Linienbataillone gegen den Montmartre, um + sich der dorthin gebrachten mehreren hundert Geschütze, welche sich + die Nationalgarde aus eigenen Mitteln während der Belagerung beschafft + hatte, zu bemächtigen. Die Nationalgarde hatte tags zuvor von diesem + Plane Kunde erhalten, sie war infolgedessen auf dem Posten. Als die + Truppen heranrückten, fanden sie alle Zugänge sorgfältig besetzt. + Lecomte sah die Unmöglichkeit ein, die Kanonen, wie er gehofft, ohne + Schwertstreich wegzunehmen; er kommandierte Feuer. Wie es bei solchen + Gelegenheiten geht, hatten sich neben der Nationalgarde auch eine + Menge Volks, Männer, Frauen und Kinder, eingefunden, die bei dem + Feuern notwendig wären mitgetroffen worden. Da erklärte die Linie: Wir + schießen nicht. Statt das Gewehr auf die Nationalgarde zu richten, + wandte sie die Gewehrkolben nach oben und fraternisierte mit dem Volk. + Viermal forderte der General zum Feuern auf und viermal verweigerten + die Soldaten den Gehorsam. + + Jetzt begann der General wütend zu schimpfen. Dies erbitterte seine + Soldaten, und darauf wurde er von seinen eigenen Leuten verhaftet und + im Laufe des Nachmittags erschossen. Dabei war kein Mitglied des + Zentralkomitees der Nationalgarde zugegen, und die Kommune wurde erst + wenige Tage später proklamiert. + + In diese Affäre mengte sich nun der General Klement Thomas, der in + Zivilkleidern als Spion sich unter das Volk gemischt hatte und, als er + auf das Benehmen der Soldaten schimpfte, erkannt wurde. Herr Sparig + sagt, Klement Thomas sei ein Republikaner gewesen. + + Meine Herren! Es gibt in Frankreich eine Menge Leute, die sich + Republikaner nennen, im Grunde aber nichts anderes sind wie bei uns + die Nationalliberalen. Klement Thomas war einer von dieser + verwässerten republikanischen Richtung. Früher Offizier, der den + Dienst quittiert hatte, war er anfangs 1848 bei dem Journal „National“ + als Sitzredakteur beschäftigt, dem zugleich die Stelle des Duellanten + bei den Streitigkeiten mit den Redakteuren anderer Blätter zufiel. Von + der Februarregierung wieder in die Armee eingereiht und zum General + erhoben, spielte er vor und während der Junischlacht 1848 die infamste + Henkerrolle und setzte sich durch seine Barbarei gegen die Arbeiter + ein trauriges Denkmal. + + Dieser selbe General wurde von Trochu zum Kommandanten der Pariser + Nationalgarde ernannt, als der General Tamisier im November 1870 wegen + des nicht gehaltenen Versprechens, daß Paris seine Kommuneregierung + wählen solle, das Kommando niederlegte. Das war eine direkte + Provokation. Klement Thomas hatte nach Antritt seines Kommandos nichts + Eiligeres zu tun, als in allen seinen Handlungen die offenbarste + Feindschaft gegen die Nationalgarden aus den Arbeiterquartieren zu + zeigen. Und in dem Moment, wo die Aufregung über das Benehmen des + Generals Lecomte aufs Höchste gestiegen war, erschien der verhaßte + Mann auf der Bühne und nahm für Lecomte Partei. Er wurde festgenommen + und gleich Lecomte von den ergrimmten Soldaten erschossen. + + Meine Herren! Das war eine Gewalttat, und ich bin weit entfernt, sie + gut zu heißen; aber man muß sich die Lage vergegenwärtigen, und wenn + man dies tut, wird man diese Handlungen entschieden entschuldigen + müssen. Es sind von seiten der Reaktion ganz andere und größere + Grausamkeiten begangen worden, und zwar nicht in einer Zeit der + Aufregung und Leidenschaft, unter welcher die Kommune existierte, + sondern man hat sie in ruhiger Zeit und mit kaltem Blute begangen. Man + denke nur an die entsetzliche Behandlung der Kommunedeportierten in + Neukaledonien, welche alles bisher Dagewesene an Grausamkeit + übertrifft, und Jahre lang nach dem Kampfe fortgesetzt wurde. Solche + Greuel fordern die Empörung und Verurteilung jedes Menschenfreundes + heraus. + + Als die in Paris anwesenden Regierungsbehörden am 18. März sahen, wie + die Stimmung der Stadt und der Soldaten war, fanden sie es für gut, + sich eiligst aus dem Staube zu machen. Das Zentralkomitee der + Nationalgarde nahm jetzt die Leitung der Verwaltung in die Hand. + + Herr Sparig glaubt der Versailler Regierung den Vorwurf machen zu + müssen, daß sie am 18. März nicht zuverlässige Truppen nach Paris + gesandt. Es gab aber für die Regierung überhaupt keine zuverlässigen + Truppen. Die ganze französische Armee, soweit sie im Lande war, war + empört über die Haltung der Regierung und sympathisierte mit dem Volk. + Die einzig zuverlässigen Truppen: die Garden Napoleons, die Zuaven und + Turkos und die ultramontanen bretonischen Regimenter, befanden sich in + der deutschen Gefangenschaft. Und erst als Herr Thiers und Herr von + Bismarck sich verständigt hatten, erwies der letztere dem ersteren die + Gefälligkeit, ihm mehr als 80000 Mann der bezeichneten Truppen zur + Verfügung zu stellen, welche jetzt wie Bestien und als wollten sie die + Niederlage, die sie von den Deutschen erlitten, an ihren Landsleuten + rächen, über Paris herfielen und in ihrer schauerlichen Blutarbeit + über 30000 Menschen niedermetzelten. Diese Truppen haben sich für ewig + gebrandmarkt, und sie haben später von ihren Kameraden in der Armee + häufig es anhören müssen, daß es eine Schande und eine Schmach für sie + sei, sich zu Würgern und Henkern des Pariser Volks hergegeben zu + haben. + + Veranlaßt durch das Zentralwahlkomitee der Nationalgarde, wählte das + Pariser Volk am 25. März die Kommune. Herr Sparig erklärte, es habe + dabei eine große Wahlenthaltung stattgefunden, und scheint daraus + schließen zu dürfen, daß alle, die nicht gewählt, Gegner der Kommune + gewesen seien. + + In bezug auf die Wahl der Kommune kann ich mich auf einen Gewährsmann + berufen, der ein wütender Sozialistenfeind ist, nämlich auf Herrn + Johannes Scherr, der gegenwärtig in der „Gartenlaube“ eine Reihe von + Artikeln veröffentlicht, die an Schimpfereien gegen die Kommune + wahrhaftig nichts zu wünschen übrig lassen. + + Nun, in diesen Artikeln teilt Herr Scherr mit, daß von 490000 Wählern + am 25. März 277300 zur Urne kamen und für die Kommune stimmten. Das + sind 57 Prozent. Haben wir etwa eine solche Wahlbeteiligung in Leipzig + einmal bei der Reichstagswahl oder gar bei der Stadtverordnetenwahl + gehabt? Bei der letzteren haben bei der neuesten Wahl kaum 33 Prozent + gewählt. Und was würde Herr Sparig sagen, wenn wir seine Logik + akzeptieren wollten und erklärten, die übrigen 67 Prozent, die sich + der Wahl enthielten, sind Sozialdemokraten? Er würde uns auslachen und + mit vollem Recht. Dasselbe aber gebührt ihm mit seinem Urteil über die + Kommune. + + Es ist eine Tatsache, daß die große Mehrheit der Bevölkerung von Paris + sich für die Kommune erklärt hat; ja Herr Scherr geht sogar so weit, + zu erklären, daß die Kommunewahl am 25. März mit einer Einmütigkeit, + mit einer Freudigkeit ohne gleichen seitens der Bevölkerung begangen + wurde, daß der Tag zu den schönsten gerechnet werden müsse, die Paris + gesehen. Das Volk von Paris habe sich an diesem Tage in seinem vollen + Glanze und von seiner besten Seite gezeigt, wie kaum bei einem anderen + historischen Ereignis. So muß ein Gegner der Sozialdemokratie über die + Kommune urteilen! + + Herr Sparig hat weiterhin die „Gesetzesmacherei“ der Kommune + kritisiert. Er sagte, daß ein Dekret das andere gejagt, das eine das + andere wieder aufgehoben oder verschärft habe. + + Aber war denn das anders möglich, wenn man einen solchen Augiasstall + auszumisten hatte, wie es das kaiserliche Paris war? (Heiterkeit.) Da + hatte man allerdings sehr viel zu dekretieren. Und es versteht sich + von selbst, daß in einer solchen Situation nicht alles wie am + Schnürchen geht. Der Krieg von 1870 war seitens der Deutschen sicher + sehr gut vorbereitet, fragen Sie aber einmal den Generalstäbler + Moltke, ob alles so glatt gegangen ist, und er wird Ihnen sagen, daß + es da und dort gehapert hat. Wie viel mehr muß dies der Fall sein, + wenn es sich um eine revolutionäre Bewegung handelt, wenn an Stelle + des alten ein neuer Staat geschaffen werden soll, inmitten von + Hunderttausenden von Feinden — der deutschen Armee und der Versailler, + die mit aller Kraft und all ihren Mitteln darauf hinarbeiteten, der + neuen Institution den Garaus zu machen. + + Die Dekrete aber, die Herr Sparig anführte, war er selber nicht + imstande, als solche zu qualifizieren, die geeignet wären, die Kommune + zu kompromittieren. Wenn er beispielsweise bezüglich des Dekrets der + Kommune, betreffend die Nachtarbeit der Bäcker, sagt: er glaube nicht, + daß auch die Sozialisten geneigt wären, morgens zum Kaffee mit einem + altbackenen Dreierbrötchen vorlieb zu nehmen, so ist das ein so + flacher Witz, daß ich es unterlasse, näher darauf einzugehen. Es + handelte sich bei dieser Maßregel nicht darum, ob der verwöhnte Gaumen + der Bourgeoisie ein Bedürfnis befriedigen konnte oder nicht, sondern + darum, ob eine zahlreiche Klasse von Arbeitern permanent der + aufreibenden und ruinierenden Nachtarbeit ausgesetzt sein sollte oder + nicht. Jeder, der sich mit diesen Dingen einigermaßen beschäftigt hat, + weiß, daß die Bäckergesellen infolge der Nachtarbeit und der ungemein + langen Arbeitszeit überhaupt, die häufig 16, ja 18 Stunden beträgt, + meist einem frühen Tode entgegengehen. + + Die Kommune hat nun allerdings auf solche Zustände ihr Augenmerk + gerichtet, und das gereicht ihr zur Ehre. (Zustimmung.) + + Weiter führt Herr Sparig an, daß die Kommune zwar die Todesstrafe + abgeschafft habe, aber das Erschießen eingeführt, und er bezog sich + dabei auf ein Dekret, welches die Strafe des Erschießens allen denen + androhte, die sich dem Dienste in der Nationalgarde, also der + Verteidigung der Stadt entzögen. + + Die Kommune, von der Anschauung ausgehend, daß jedes stehende Heer ein + Werkzeug in den Händen der Regierung sei, um das Volk zu unterdrücken, + verlangte die Abschaffung des stehenden Heeres und führte die + allgemeine Volksbewaffnung ein. Es war demgemäß jeder waffenfähige + Mann verpflichtet zur Verteidigung der Stadt. + + Das benachteiligte keinen und war für alle gerecht, was von unserem + Wehrsystem, das trotz der Phrasen von allgemeiner Wehrpflicht nur + einen Teil des Volkes bewaffnet, allerdings nicht gesagt werden kann. + Nun gab es freilich einen Teil, der für die Kommune nicht eintreten + wollte, obgleich sie ringsum von Feinden umgeben war, die mit allen + ihr zu Gebote stehenden Mitteln sie vernichten wollten. + + Die Kommune, von allen Seiten angegriffen und zum Kriegführen + gezwungen, mußte in dieser Lage diejenigen Mittel anwenden, die in + einem solchen Falle jeder kriegführenden Partei zu Gebote stehen und + stehen müssen. Sie bedrohte jeden mit dem Tod durch Erschießen, der + sich weigerte, die Waffen zur Verteidigung zu tragen. + + Es hat Tausende meiner Parteigenossen 1870 gegeben, die mit dem Kriege + nicht einverstanden waren und die man nicht frug, ob sie mitgehen + wollten. Sie mußten mitgehen und sie würden, im Falle der Weigerung, + vor ein Kriegsgericht gestellt und ohne Gnade erschossen worden sein. + + Herr Sparig verwechselt also die Abschaffung der Todesstrafe in + Zivilstrafrechtsfällen mit der militärischen Todesstrafe im Falle + eines Krieges, was doch ein himmelweiter Unterschied ist. Die + Todesstrafe zur Aufrechterhaltung der Disziplin im Kriege wird es + geben, solange es Krieg gibt. + + Herr Sparig hat weiter ein Kommunedekret hervorgehoben, wonach + diejenigen Werkstätten und Fabriken, die seitens der Arbeitgeber + verlassen worden waren, von der Kommune in Beschlag genommen und + denjenigen Arbeitern, welche bisher darin gearbeitet, zum Betrieb + übergeben werden sollten. Ferner, daß eine Kommission gewählt werden + sollte, um die Werkstätten abzuschätzen, damit die früheren Besitzer + entschädigt werden könnten. Er hat sehr richtig hervorgehoben, daß die + Kommune dies allgemein durchgesetzt haben würde, wenn sie die Macht + dazu gehabt hätte. Ja, er hat auch recht, wenn er vermutet, daß wir + allerwärts ähnlich vorgehen würden, wenn wir könnten. Wir wollen den + Gegensatz zwischen Arbeitern und Arbeitgebern ausgleichen, da die + Interessen von Arbeitern und Arbeitgebern sich heute feindlich + gegenüberstehen. Die Arbeitgeber wollen möglichst geringen Lohn zahlen + und möglichst lange arbeiten lassen; der Arbeiter will möglichst hohen + Lohn bei möglichst geringer Arbeitszeit. Mit jeder Maschine, die + erfunden wird, mit jeder neuen Fabrik wird dieser Klassengegensatz + schärfer. Jede Bahn, die gebaut, jeder Telegraphendraht, der gelegt + wird, trägt die Erkenntnis in weitere Kreise, verschafft uns neue + Anhänger. Jeder Schritt zur Konzentration des Kapitals, zur + Vernichtung der kleinen Unternehmer vermehrt die Spaltung und drängt + zur Lösung, indem Produktion und Distribution assoziativ betrieben + werden, das heißt alle Werkstätten, alle Fabriken, alle Arbeitsmittel + müssen in den Händen der Gesellschaft sein und von dieser im Interesse + und bei Gleichberechtigung aller Staatsbürger verwaltet werden. Jeder + muß arbeiten und jeder hat seinen vollen Anteil am Gewinn, wie + selbstverständlich auch am Verlust. An Stelle der Privatindustrie, an + Stelle der wilden, unorganisierten Produktionsweise — die uns die + gegenwärtige Krise auf den Hals gebracht hat — soll eine sozialistisch, + das heißt gesellschaftlich organisierte Produktionsweise treten, wo + einer für alle und alle für einen einstehen. Dazu hat die Kommune den + ersten Schritt getan, und er war ein solcher, wobei die in Frage + kommenden Arbeitgeber durchaus reinen Nachteil hatten, denn sie + sollten den vollen Wert für ihre Werkstätten und Fabriken vergütet + erhalten. + + Nach unserer Auffassung hat die Gesellschaft die Pflicht, sich so zu + organisieren, daß für das Wohl aller ihrer Mitglieder gleichmäßig + gesorgt ist, daß jedes ihrer Mitglieder in immer höherem Grade an den + Errungenschaften der Kultur und Zivilisation auf allen Gebieten des + menschlichen Lebens teilnehmen kann. Die Gegner behaupten zwar, dem + Fortschritt zu huldigen, aber sobald es sich um eine Besserstellung + der Gesamtheit handelt, schreien die, die im Fette sitzen und die + Macht in Händen haben: Wir leben in der besten der Welten, es ist ein + Verbrechen, wenn diese umgestaltet werden soll. + + Mit allen Mitteln verteidigen sie die Vorrechtsstellung, die sie inne + haben, und dies geht so weit, daß Männer, die bei einem ganz + untergeordneten Gesetz, das mit dem Sozialismus gar nichts zu tun hat, + wie zum Beispiel das Hilfskassengesetz, sich herausnehmen zu sagen, + daß das Gesetz gegen die Arbeitgeber ein Unrecht sei, und wer dafür + ist, sich den Vorwurf entgegenschleudern lassen muß — denn als Vorwurf + betrachtet man es —, du bist Sozialist. Wir haben das erst heute im + „Tageblatt“ gelesen. Damit wird aufs deutlichste ausgesprochen: Wir + sind nicht geneigt, den Unterdrückten auch nur die geringsten + Konzessionen zu machen. + + Wenn überall, im kleinen wie im großen, in der Gesetzgebung wie im + sozialen Leben dieser Klassengegensatz hervortritt, so versteht es + sich von selbst, daß Revolutionen entstehen, wie in Paris. Und es ist + meine feste Ueberzeugung — wie ich dieses auch in der hier angezogenen + Reichstagsrede ausgesprochen habe —, daß, ehe wenig Jahrzehnte + vergehen, alles was in Paris geschah, sich in ganz Europa wiederholt. + An der Gesellschaft ist es, zur Einsicht zu kommen und sich zu + bemühen, auf dem Wege der Gesetzgebung die vorhandenen + Klassengegensätze auszugleichen. + + Was hat nun die Kommune weiter getan? Sie hat eine alte liberale + Forderung, die seit Jahrzehnten im Programm der liberalen Partei + gestanden, aber seitdem sie zur Herrschaft gelangt ist, in die + Rumpelkammer geworfen wurde, verwirklicht. Die Kommune hat die + Trennung der Kirche von Schule und Staat beschlossen und + durchgeführt, und sie hat weiter beschlossen, das Kircheneigentum zu + konfiszieren. + + Mich wundert nur, daß Herr Sparig dieses nicht erwähnt und eine + Anklage auf Verletzung des Eigentums erhoben hat. Zum Vorwurf hat man + es der Kommune vielfach gemacht. Da es Herr Sparig nicht erwähnte, so + erwähne ich's, um ihn zu ergänzen. (Heiterkeit.) + + Schade nur, daß das, was die Kommune getan, andere längst vor ihr + getan haben. Wenn in der Reformation, die 1517 begann, viele Fürsten + auf die Seite Luthers traten, so geschah das nicht aus idealem + Interesse, sondern weil sie sich mit dem reichen Kircheneigentum ihre + großen Taschen füllen konnten. (Heiterkeit, Beifall.) + + Und als in den Vereinigten Staaten von Nordamerika vor 15 Jahren der + große Krieg zwischen dem Süden und dem Norden ausbrach und schließlich + der Norden die Sklaverei abschaffte, so war das ein solcher Eingriff + in das Eigentum der Sklavenhalter, wie man sich ihn ärger nicht denken + kann. Unsere Gegner finden, das, was ihnen nützt, sei recht und + billig; tut es aber das Volk zu seinen Gunsten, dann ist es Verbrechen + und Diebstahl. + + Dieselbe Partei, welche gegen die Kommune wegen Antastung des + Eigentums die Anklage erhebt, hat noch zu Anfang der 60er Jahre, als + sie auf Oesterreich noch gut zu sprechen war, ihm den Rat gegeben, die + Kirchengüter zu konfiszieren, um seine kolossale Schuldenlast zu + decken, und sie hat jubelnd Beifall geklatscht, als Italien in dieser + Richtung vorging. Nun, die kirchlichen Korporationen haben ihr + Eigentum auf Grund derselben Rechtstitel erworben, wie irgend ein + Bourgeois sein Haus oder sein Grundstück. Wo bleibt da die Konsequenz? + Nachdem die Kommune die Trennung der Kirche vom Staat und von der + Schule ausgesprochen, dekretierte sie den obligatorischen und + unentgeltlichen Unterricht, und nicht bloß in bezug auf das Schulgeld, + sondern auch in bezug auf die Lehrmittel. Arme und Reiche sollten + gleiche Erziehung genießen, und dadurch, daß der Staat für alle in + gleicher Weise eintrat, sollte vermieden werden, daß der Neid und der + Haß zwischen arm und reich schon in die jugendlichen Herzen gepflanzt + werde. Zeigen Sie mir doch einen liberalen Staat, der auch nur + entfernt etwas Aehnliches geleistet. (Beifall.) + + Herr Sparig hat sich weiter hämische Bemerkungen darüber erlaubt, daß + die Kommune erklärt, ihre Politik und ihre Bestrebungen beruhten auf + Wissenschaft. Die Kommune hat damit sagen wollen, daß sie alle + Errungenschaften der modernen Wissenschaft in bezug auf + Nationalökonomie, in bezug auf Rechtspflege und Volkswohlfahrt + überhaupt für die Gesetzgebung möglichst allgemein nützlich zu + verwenden gedenke und sich nicht an bestimmte Theorien und Axiome + binde. Sie hat sich damit allerdings auf den Standpunkt der modernen + Wissenschaft gestellt, auf jenen Standpunkt, der nicht von bestimmten + Voraussetzungen und vorgefaßten Meinungen ausgeht, sondern an der Hand + der Prüfung und Erfahrung das Beste ausfindig zu machen sucht. + + Wenn die Kommune nur Stückwerk geleistet hat, so erklärt sich das aus + der Lage und aus den Verhältnissen, in denen sie sich befand. Bedenken + Sie, daß die Kommune während ihrer ganzen Dauer nicht einen ruhigen + Augenblick gehabt, daß sie fortwährend im Kriegszustand und Kampf sich + befand — wie konnte es anders sein? + + Herr Sparig hat der Kommune einen besonderen Vorwurf daraus gemacht, + daß sie, die angeblich die vollste Preßfreiheit gewollt habe, die + Preßfreiheit aufhob, indem sie gegnerische Journale unterdrückte. Auch + diese Handlungsweise erklärt sich sehr leicht aus der Zwangslage, in + welcher sich die Kommune befand. Von allen Seiten angegriffen, mitten + im Kampfe und in der Revolution, gebot ihr die Not, neben dem vor den + Toren stehenden Feind nicht auch noch den Feind in den eigenen Mauern + zu dulden. Sie mußte Journale unterdrücken, die Tag für Tag die + heftigsten Angriffe und Verleumdungen gegen sie schleuderten, die mit + dem vor den Toren stehenden Feind in Verbindung standen und auf ihren + Sturz hinarbeiteten. + + Als 1870 der Krieg ausbrach, wurde in Deutschland in allen Provinzen, + die man für gefährdet hielt, der Kriegszustand proklamiert. Die + oppositionellen Blätter wurden unterdrückt und alle Persönlichkeiten, + von denen man glaubte, daß sie dem Kriege feindlich seien, gefangen + gesetzt. Wohlan, dasselbe Recht nehmen wir auch für die Kommune in + Anspruch. + + Auch findet es Herr Sparig absurd, daß sich die Kommune über die + Wegnahme des Oktrois seitens des Herrn Thiers beschwerte, sie, die + doch eine Feindin der indirekten Steuern hätte sein wollen. Zu dieser + Beschwerde hatte sie ein Recht. Das Oktroi gehörte der Stadt, und die + Kommune war nicht in der Lage, mitten im Kampf ein neues Steuersystem + einzuführen. Das Oktroi bildete die einzige regelmäßig fließende + Steuerquelle, und sie mußte diese benutzen, wenn sie die Verteidigung + und die Verwaltung im Gang erhalten wollte. + + Da Herr Thiers der Kommune die Steuern wegnahm, mußte sie zu Anleihen + bei der Bank von Frankreich und bei Rothschild ihre Zuflucht nehmen, + um ihre Bedürfnisse zu decken, und diese Anleihen wurden + unbeanstandet, und zwar mit Zustimmung des Herrn Thiers, gewährt. Eins + aber ist bei der Finanzverwaltung der Kommune zutage getreten, was + auch Herr Sparig nicht anzugreifen vermochte. Das ist die große + Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit der Kommune, der selbst aus + gegnerischem Munde die größte Anerkennung gezollt worden ist. + + Mit vollem Recht konnte der Finanzminister der Kommune, Jourde, vor + seinen Versailler Richtern sagen. „Ich habe ärmer das + Finanzministerium verlassen, als ich es betreten habe!“ (Hört!) Man + zeige mir doch die monarchischen Finanzminister, die gleiches von sich + sagen können! (Heiterkeit, Zustimmung.) Herr Thiers, der 1830 als + armer Advokat und Schriftsteller unter Louis Philippe ins Ministerium + trat, verließ es 1836 als Millionär. + + Der erste Schritt der Kommune war, die hohen Gehälter abzuschaffen, + ihre Mitglieder sollten für gute Arbeitslöhne arbeiten. Der erste + Beamte sollte nicht mehr als jährlich 6000 Franken, das sind 4800 + Mark, erhalten. Der erste Bürgermeister von Leipzig bekommt jährlich + 15000 Mark. (Heiterkeit, hört!) Der erste General der Kommune erhielt + ebenfalls nur 6000 Franken, aber als Herr Thiers kaum Präsident + geworden war, hatte er nichts Eiligeres zu tun, als sich eine + Zivilliste von 3 Millionen Franken auswerfen zu lassen. (Hört!) + + Die Kommune hat ein Beispiel von Sparsamkeit gegeben, das allen + Regierungen als Muster dienen könnte. Das hat sogar der + Sozialistenfeind Herr Scherr anerkannt. Herr Sparig hat das freilich + nicht erwähnt, drum erwähne ich's. (Heiterkeit.) + + Ich komme nun auf die Erschießung der Geiseln und die Brandstiftungen. + Herr Sparig bemerkte in bezug auf letztere, er sei vierzehn Tage nach + dem Fall der Kommune in Paris gewesen und habe die Verwüstungen mit + eigenen Augen gesehen. Er hat uns sogar von einem Privathaus erzählt, + das man habe anzünden wollen und das nicht in der Verteidigungslinie + gelegen. Er hat uns nun freilich nicht gesagt, daß man das Haus + wirklich angezündet hat. Und wie kann er, der während des Kampfes + nicht dort war, überhaupt beurteilen, was zur Verteidigung nötig war + oder nicht? Er beruft sich auf mündliche Versicherungen, die ihm + geworden. Diese gelten in meinen Augen gar nichts. Die Verfolgungswut + der Versailler und ihr bestialisches Wüten war so groß, daß nicht + bloß Wochen, sondern noch Monate und Jahre lang nach dem Fall der + Kommune jeder verfolgt wurde, der ein Wort der Sympathie für sie + hatte. Die Furcht war so groß, daß nicht nur niemand sie in Schutz zu + nehmen wagte, sondern viele auf sie schimpften, um jeden Verdacht von + sich abzulenken. Und dabei zeigte sich die Erbärmlichkeit der + Bourgeoisie im vollsten Lichte. Binnen wenig Tagen nach dem Fall der + Kommune sind bei den Versaillern nicht weniger als 370000 + Denunziationen eingereicht worden. Die Pariser Bourgeoisie hat sich + damals gerade so nichtswürdig benommen, wie 1866 die Leipziger + Bourgeoisie, die damals bei dem preußischen General so viele + Denunziationen vorbrachte, daß dieser voll Ekel erklärte, er wolle + davon nichts mehr wissen. + + Und wenn Herr Sparig hier nun kommt mit einem angeblich von Ferré + unterzeichneten Brandbriefe, der das Siegel des Kriegsministers trägt, + das ebensogut der Kriegsminister des Herrn Thiers darauf gesetzt haben + kann, so ist dies in meinen Augen ein Wisch, der verdient, daß ich ihn + zerreiße. (Redner zerreißt das Papier. Bravo. Unruhe.) Meine Herren, + es sind eine Menge von Aktenstücken, betreffend die Brandstiftungen, + die Erschießung von Geiseln, die angebliche Wegnahme von Eigentum usw. + als Fälschungen vor Gericht konstatiert worden. + + Ferré, der Inbrandlegung des Finanzministeriums auf Grund des hier + vorgezeigten Aktenstücks angeklagt, hat die Echtheit desselben bis zum + letzten Augenblick bestritten; er hat an gewissen Buchstaben + nachzuweisen gesucht, daß dasselbe gefälscht sei; aber da der seitens + der Versailler angestellte Handschriftenvergleicher die Echtheit + behauptete, wurde Ferré verurteilt. Ebenso wurde Ferré der Erschießung + der Geiseln angeklagt. Er selbst sagt aus, daß er nicht den Befehl zu + deren Erschießung, sondern zu deren _Freilassung_ gegeben habe. Damit + stimmen auch andere Berichte, namentlich der eines englischen Arztes, + überein, und ebenso ist festgestellt, daß Geistliche, die als Geiseln + verhaftet waren, später vor Gericht zeugten, also nicht erschossen + sein konnten. Wohl ist ein Teil der 60 Geiseln erschossen worden, aber + es wird behauptet, erst in dem Moment, wo dieselben das Gefängnis + verließen und, von den Barrikadenmännern zur Unterstützung der + Verteidigung aufgefordert, sich dessen weigerten. Da habe man sie mit + Flintenschüssen verfolgt. Auch Raoul Rigault ist der Erschießung der + Geiseln angeklagt worden. Nun, Raoul Rigault ist tot, er hat wie ein + Mann gekämpft und ist mitten im Kampfe wie ein Mann gestorben; ihn + kann man leicht anklagen, er ist tot und kann nicht antworten. + + Was haben die Geiseln für einen Zweck? Die Deutschen haben 1870 in + Frankreich viele Geiseln genommen, und zwar weil die Franktireurs oder + sonstige Bewohner Frankreichs den Deutschen auf Weg und Steg Abbruch + zu tun bestrebt waren, indem sie die Proviantkolonnen überfielen, die + Eisenbahnen, Brücken und Straßen zerstörten, einzelne Posten + überfielen und niedermachten, kurz, schadeten, wo sie konnten. Die + Franktireurs taten damit, was 1813 der preußische Landsturm gegenüber + den Franzosen tat, und zwar bin ich in der Lage, Ihnen die damaligen + Landsturmverordnungen vorlesen zu können, die vorschrieben, dem Feinde + zu schaden und ihn zu vernichten, wie und wo sich die Gelegenheit + biete. + + Die Deutschen wollten diese Kriegführung nicht als kriegsrechtlich + anerkennen und alle Offiziere bekamen den Befehl, wo Soldaten auf die + bezeichnete Weise geschädigt würden, Geiseln zu nehmen und diese ohne + Gnade zu erschießen, wenn man die Schuldigen nicht ausfindig machen + könne. Es sollten ferner von den Bewohnern der Dorfschaften + Kontributionen erhoben, die Häuser oder die Dörfer, aus denen Schüsse + auf die Gruppen gefallen, ohne Rücksicht auf Schuldige oder + Unschuldige niedergebrannt werden. Diese Befehle sind oft vollzogen + worden. Hunderte und aber Hunderte sind so ums Leben gekommen, Häuser + und ganze Ortschaften wurden angezündet, ich habe darüber in der + liberalen Presse keinen Tadel, sondern nur Billigung gefunden. + + Die Kommune befand sich den Versaillern gegenüber in einer ähnlichen + Lage, und mindestens ebenso im Recht, wie die Deutschen gegenüber der + irregulären Kriegführung der Franktireurs. Die Versailler haben + während des wochenlangen Kampfes gegen Paris die ihnen in die Hände + fallenden Gefangenen wider alles Kriegsrecht niedergemetzelt. Auf + solche Weise sind die Kommune-Generale Duval und Flourens und viele + andere Offiziere ums Leben gekommen. Ja, die Versailler haben sich + nicht entblödet, auf die Verbandplätze zu schießen und die gefangenen + Krankenpflegerinnen, nachdem sie dieselben geschändet, zu füsilieren. + Das konnten nur Bestien tun, wie sie Herrn Thiers durch die Hilfe der + Deutschen in den gefangenen Soldaten zur Verfügung gestellt wurden. + + Auf diese Schandtaten hin beschloß die Kommune, Geiseln zu nehmen und + für jeden Nationalgardisten, der niedergemacht würde, drei Geiseln zu + erschießen. Aber es blieb bei dem Beschluß, und als die Geiseln zum + Teil schließlich erschossen wurden, da bestand, wie Herr Sparig selber + zugegeben hat, die Kommune nicht mehr, sie kann also dafür auch nicht + verantwortlich sein. + + Als nun die Versailler durch die Unterstützung der Deutschen, die + ihnen den Weg dazu frei gaben, in Paris eindrangen — was ihnen ohne + diese Hilfe kaum gelungen wäre —, da begannen sie in den Straßen der + Stadt ein Gemetzel und ein Blutbad, wie es in der Geschichte fast + unerhört ist. Alles, was den Versaillern in die Hände fiel, Männer, + Weiber und Kinder, wurde niedergemacht, die Gefangenen wurden zu + Hunderten, wie auf dem Kirchhof Père Lachaise, in Reihen aufgestellt, + mit Mitrailleusen niederschmettert und die noch zuckenden Leichname, + mit Kalk und Petroleum begossen, in die Gruben geworfen. + + Wie die Versailler gewütet, beweist die Tatsache, daß keine + Verwundeten vorhanden waren. So kamen in wenig Tagen nach + übereinstimmenden Aussagen 15-20000 Menschen ums Leben. + + In einer solchen Lage gab es für die Kommune kein Mittel, als sich auf + jede mögliche Art ihrer Haut zu wehren; daß man durchaus berechtigte + Handlungen der Besiegten als Schandtaten hinstellt, daran sind wir + gewöhnt. Lesen Sie einmal das Buch Röckels über seine Gefangenschaft + in Waldheim, worin er auch den Dresdener Maiaufstand von 1849 + schildert, dort werden Sie finden, daß man den Maikämpfern genau + dieselben Verleumdungen seitens der Reaktion nachsagte, die man heute + der Kommune nachsagt, nur war die Mairevolution in Dresden eine + _bürgerliche_ Revolution. Und lesen Sie weiter die Geschichte des + Wiener Oktoberaufstands von 1848, nach dessen Niederwerfung Robert + Blum erschossen wurde; die Proklamation, die damals Fürst + Windischgrätz über die Zustände in Wien in die Welt sandte, sie + gleicht auf ein Haar jener, welche die Versailler über die Zustände in + Paris während der Kommune der Welt vekündeten. + + Ich habe hier aus Blums Feder einen Aufsatz, worin er sich in der + entschiedensten Weise über jene Proklamation des Windischgrätz + ausspricht und entrüstet ausruft. „Was muß die Welt über Wien denken, + von dem sie nichts erfahren kann, wenn man uns, die wir die Dinge + kennen, solches zu sagen wagt!“ + + Hierbei will ich aber auch erwähnen, wie Blum zu jener Zeit die + Revolution auffaßte und wie er in einer Rede in der Aula erklärte: + „Bleiben wir nicht auf halbem Wege stehen, führen wir den Kampf gegen + unsere Gegner bis zu Ende und ohne Erbarmen.“ Und heute noch wird das + Andenken Robert Blums von den Liberalen gefeiert, und mit Recht. + + Ganz wie damals in Wien Bürgertum und Reaktion, so standen sich in + Paris die Kommune und die Versailler gegenüber. Die Kommune mußte bis + zum letzten Atemzuge kämpfen, und sie hat heldenmütig gekämpft. Das + können ihre grimmigsten Gegner nicht bestreiten. Und wie man 1848 und + 49 unsere besten Männer in Wien, Rastatt und Mannheim standrechtlich + erschossen hat, so fielen auch die Männer der Kommune, die meisten mit + dem Rufe: „Es lebe die Republik! Es lebe die Kommune!“ + + Jetzt komme ich zu den Brandlegungen. + + Die Versailler haben den Kampf gegen Paris viele Wochen lang geführt + und sie haben nicht mit Zuckererbsen geschossen; daß es dabei + Verwüstungen absetzt, ist selbstverständlich. Aber während der letzten + 8 Tage, als sie mit Hilfe der Deutschen den Montmartre mit 50 schweren + Geschützen besetzen konnten, haben sie mit glühenden Kugeln und selbst + mit Petroleumbomben auf die Häuser geschossen und, wie nicht anders zu + erwarten, viele davon in Brand gesteckt. So sind die meisten Brände + durch die Versailler entstanden, die sie der Kommune in die Schuhe + schieben. Als nun der Kampf in den Straßen entbrannte und seitens der + Versailler mit wilder Grausamkeit geführt wurde, war die Kommune + genötigt, einzelne Gebäude zu Verteidigungszwecken anzuzünden, um die + Versailler für eine Weile zurückzuhalten. Ist denn diese + Handlungsweise so ungerecht und unerhört, daß man sie als + Mordbrennerei bezeichnen darf? Die Deutschen haben bei der Belagerung + von Straßburg 500 bis 600 Häuser demoliert, nur um die Stadt zur + Uebergabe zu zwingen, obgleich sie mit der Zivilbevölkerung keinen + Krieg führten. Als die Festung Soissons übergeben wurde, betätigten + die verschiedensten Berichterstatter, daß fast kein Haus in der Stadt + unversehrt sei, daß ganze Straßen vernichtet, fast alle Dächer + zerschossen, aber die Wälle der Festung intakt seien. Man beschoß die + Privathäuser und verwundete und tötete die Bevölkerung, damit diese in + ihrer Not die Offiziere zur Uebergabe zwang. Ich habe nicht gelesen, + daß die liberale Presse diese Art der Kriegführung mißbilligt hätte. + Und wie die Deutschen gegen die Festungen, so handelte Thiers gegen + Paris, und da will man es der Kommune als Verbrechen anrechnen, wenn + sie sich, so gut es ging, wehrte! Bei dem Aufstand 1849 in Dresden + verlangte Herr von Beust von den zu Hilfe gerufenen Preußen, sie + sollten die Stadt in Brand schießen, und das wäre geschehen, wenn + nicht der kommandierende Graf von Waldersee erklärte, er hoffe auch + ohne das mit den Insurgenten fertig zu werden. Allerdings hat man es + aber dann an anderen Barbareien nicht fehlen lassen. So hat man zum + Beispiel eine Anzahl Gefangene von der großen Elbbrücke in das Wasser + gestürzt, und wenn sie versuchten, sich an dem Geländer festzuhalten, + hackte man ihnen mit Säbeln die Finger ab. Aehnliche und schlimmere + Grausamkeiten begingen die Versailler Ordnungsbanditen wochenlang in + Paris. + + Der größte Teil der Brände entstand also durch die Beschießung von + Paris seitens der Versailler, wie das auch ein Augenzeuge, der eben in + jener Zeit in Paris war und sich schon seit 20 Jahren dort aufhielt, + der italienische Abgeordnete Patrucelli della Gattinea, in der + „Gazetta d'Italia“ öffentlich erklärt hat. Derselbe schrieb, man müsse + annehmen, daß von zehn in Brand geratenen Häusern sicher neun durch + die Versailler Bomben in Brand geschossen worden seien. Die + Brandstiftungen der Kommune seien zu Verteidigungszwecken geschehen. + Da nun die Zahl der angezündeten und niedergebrannten Häuser sich auf + zirka zweihundert belief, so träfe hiernach die Kommune ein + verhältnismäßig geringer Teil. + + Meine Herren, die Zeit, die mir gewährt ist, ist bereits weit + vorgeschritten, ich habe nur noch wenige Minuten, ich werde aber die + Belege für das von mir Angeführte entweder in der Duplik oder in einer + zweiten Versammlung, die abzuhalten nötig sein wird, beibringen. Ich + kann alles, was ich gesagt, durch gegnerische Aussagen als wahr + beweisen.... + +Ich kam dann nochmals auf die Erschießung der Geiseln, die angeblich +Ferré veranlaßt habe, zu sprechen und fuhr fort: + + Die Kommune hat gehandelt, wie sie nach Lage der Dinge handeln mußte, + und wer ihr Verfahren nicht billigt, wird es wenigstens erklärlich + finden und entschuldigen. + + Mit der Anklage gegen Ferré schloß Herr Sparig, ich muß jetzt + ebenfalls schließen. Sicher steht fest, daß die Kommune nichts getan + hat — und ich hoffe, noch Gelegenheit zu haben, dies weiter zu + beweisen —, dessen sie sich zu schämen brauchte, und daß sie an + Gewalttaten nichts begangen hat, was nicht in Europa die monarchischen + Regierungen in ähnlichen Momenten hundert- und tausendmal ärger getan + haben. (Stürmischer, lang anhaltender Beifall.) + + Vorsitzender _Motteler:_ Meine Herren, wir müssen die Sache kurz + machen; soeben hat mir der Herr Polizeidirektor mitgeteilt, daß er nur + bis 12 Uhr die Versammlung tagen lassen könne. + +Nachdem dann Sparig kurz, aber völlig belanglos geantwortet, nahm ich +nochmals das Wort: + + Meine Herren, Herr Sparig hat auf meine Rede nicht geantwortet, er hat + sich auch nicht bereit erklärt, eine zweite Versammlung abzuhalten, + obgleich wir bei der vorgeschrittenen Zeit heute nicht fertig werden + können. Ich bin nun genötigt, auf einige der letzten Bemerkungen des + Herrn Sparig kurz einzugehen. Herr Sparig hat seinen eigenen Mut + gepriesen, daß er uns entgegen getreten ist. Ob ein großer Mut + dazugehört, einer Partei entgegenzutreten, von der man behauptet, daß + sie nur aus einem Häuflein phantastischer Köpfe besteht, will ich + dahingestellt sein lassen. + + Herr Sparig hat dann die Hoffnung ausgesprochen, daß die heutige + Versammlung zu einer lebhafteren Beteiligung bei den Wahlen beitragen + werde; das hoffen auch wir. (Heiterkeit.) Wir werden dabei keinen + Schaden haben. (Zustimmung.) Bisher hat jeder Wahlkampf gezeigt, daß + wir einige hundert Stimmen mehr erhielten als vorher, und ich hoffe, + die heutige Versammlung hat dazu beigetragen, daß dies bei der + nächsten Reichstagswahl erst recht der Fall sein wird. (Heiterkeit, + Bravo!) + + Herr Sparig hat sich auch für verpflichtet erachtet, im Namen der + Nachkommen Blums dagegen zu protestieren, daß ich denselben in + Verbindung mit der Kommune gebracht. Ich weiß nicht, woher Herr Sparig + die Vollmacht hat, gegen etwas zu protestieren, was nicht geschehen + ist. (Heiterkeit.) Ich weiß so gut wie irgend jemand, daß Robert Blum + kein Sozialist war, aber er war ein guter Demokrat und ein echter + Republikaner, und das ist mehr, als Herr Sparig ist. (Beifall. Herr + Sparig verneigt sich. Stürmische Heiterkeit.) Ich habe nur erklärt, + daß die Kommune sich in einer ähnlichen Lage befand, wie 1848 in den + Oktobertagen Wien. Und daß Robert Blum, der damals in Wien war, sich + mit einer Entschiedenheit für die Fortsetzung der Revolution + ausgesprochen, wie das seitens der Kommune nicht entschiedener + geschehen konnte. Und da ich vorhin auf eine Rede von Robert Blum aus + jenen Tagen Bezug nahm, so will ich hier bemerken, daß dieselbe sich + in einem Buche befindet, das ein Herr Artur Frey zu Ehren Blums + herausgegeben hat und in welchem er sich bemüht, Robert Blum als + Mensch, Schriftsteller und Politiker darzustellen. Die betreffende + Stelle der Rede lautet: + + „Keine halbe Revolution! Fortschreiten, wenn auch blutiges, auf der + eingeschlagenen Bahn, vor allem — keine Schonung gegen die Anhänger des + alten Systems, die Ruhe aus selbstsüchtigen Absichten begehren; gegen + diese werde ein Vernichtungskrieg geführt.“ + + Kann der entschiedenste Sozialist sich entschiedener ausdrücken, als + es hier von Robert Blum gegen die Gegner der Revolution geschah? + (Beifall.) + + Und nun hören Sie auch eine Stelle aus der Proklamation, welche + Windischgrätz an die Wiener erließ: + + „Die Stadt ist befleckt worden durch Greueltaten, welche die Brust + jedes Ehrenmannes mit Entsetzen erfüllen! ... Wien befindet sich in + der Gewalt einer kleinen, aber verwegenen, vor keiner Schandtat + zurückschaudernden Faktion; Leben und Eigentum sind einer Handvoll + Verbrecher preisgegeben!“ + +Stimmt das nicht bis aufs Wort mit den Erklärungen überein, die Herr +Thiers über Paris und die Kommune erließ? (Zustimmung) + +Herr Sparig hat weiter gesagt: solange die Sozialdemokratie der +Phantasie des Internationalismus huldige, könne sie seitens seiner +Partei keine Beachtung finden. Auf das letztere verzichten wir. +(Heiterkeit.) Aber ist denn die Idee der Internationalität wirklich +etwas Phantastisches? Aus der Familie wurde der Stamm, aus mehreren +Stämmmen der Staat und die Nation, und schließlich entwickelt sich aus +der engen Verbindung der Nationen die Internationalität. Das ist der +historische Verlauf. Und indem der Sozialismus sich auf den Standpunkt +der allgemeinen Menschenliebe und Brüderlichkeit stellt, indem er dafür +kämpft, daß die nationalen Kriege und Verhetzungen aufhören, daß die +Nationen in friedlicher Arbeit und Kulturförderung zusammengehen, +vertritt die Sozialdemokratie die höchste Kulturidee, die überhaupt +denkbar ist. (Beifall.) + +Indem man nun unsere Partei, weil sie den engherzigen nationalen +Standpunkt bekämpft, weil sie gegen die Rassenkämpfe Front macht und die +Idee der Völkerverbrüderung vertritt, beschimpft, verleumdet und +verfolgt, geschieht ihr nur, was zu allen Zeiten den Vorankämpfenden +geschah. Meine Herren! Gehen Sie beispielsweise heute noch in ein gut +katholisches Land und hören Sie einmal, mit welcher Unkenntnis über +Luther geurteilt wird! So ist es allen Parteien in der Welt gegangen, +die den Fortschritt vertraten, und so erging es auch der liberalen. +Heute, wo die liberale Partei am Ruder ist und die Herrschaft hat, +betrachtet sie ihre Welt für die beste der Welten, und wir, die wir dies +nicht anerkennen wollen, wir werden von ihr heute behandelt, wie sie +selbst von der feudalen Partei vor kaum zwanzig Jahren behandelt wurde. +Ganz natürlich das! + +Wir lassen uns durch solche Anschuldigungen nicht beirren, wir wissen, +daß unsere Zeit kommt, daß die Verhältnisse uns in die Hände arbeiten, +daß mit der Zunahme des Klassengegensatzes, mit dem Verschwinden der +Mittelschicht, des Kleinbürgertums, das in die Reihen der Lohnarbeiter +geschleudert wird, die Sozialdemokratie immer stärker wird, bis sie +endlich die Macht in Händen hat. (Lebhafter Beifall.) + +Herr Sparig hat sich gefreut, daß bei der letzten Landtagswahl in +Chemnitz kein Sozialdemokrat in den Landtag gekommen ist. Die Freude +dürfte ihm bald zu Wasser werden. (Heiterkeit.) Es ist aber bezeichnend +für ihn, daß er damit sein Wohlgefallen an einem Wahlgesetz kundgibt, +das nur durch seine reaktionären Bestimmungen eine Volkswahl verhindert. +(Beifall.) Indes der Sozialdemokrat wird doch in den Landtag kommen, +wenn auch dieses Jahr nicht, so im nächsten Jahre gewiß (Bravo, +Heiterkeit), und hätte der Chemnitzer Stadtrat die Wahlliste ebenso +geführt, wie er die Steuerliste führt — zwei Dinge, die bekanntlich auch +in Leipzig nicht harmonieren —, so wäre er schon drinnen. (Große +Heiterkeit und Beifall.) + +Endlich hat Herr Sparig, indem er sich an die hier anwesenden Vertreter +der konservativen Presse wandte, gemeint, die konservative Presse werde +jetzt wohl einsehen, daß die Nationalliberalen mit der Sozialdemokratie +nichts zu schaffen haben. Das hat sicherlich noch kein Mensch wirklich +geglaubt, und die, welche es geschrieben haben, am allerwenigsten. +(Heiterkeit.) + +Tatsache ist, daß der Streit zwischen Konservativen und +Nationalliberalen nur als ein Streit wie zwischen zwei unzufriedenen +Eheleuten betrachtet werden kann. Mischt sich ein dritter hinein, so +sind sie einig. (Heiterkeit.) ... Vor einigen Wochen stand im „Leipziger +Tageblatt“ ein Artikel, in dem allen Gegnern der Sozialdemokratie +zugerufen wurde: „Bilden wir allesamt eine einzige große +Ordnungspartei.“ Nun, wir gratulieren Ihnen dazu, Sie werden's nötig +haben. (Heiterkeit.) Wir haben es auch kürzlich in Chemnitz gesehen. +Anfangs lagen sich dort Konservative und Nationalliberale in den Haaren +und beide Parteien wollten einen Kandidaten aufstellen, weil keine der +anderen das Feld gönnte, doch als es hieß, ein Sozialist würde +aufgestellt, da hörte der Streit auf, da hieß es. „Alle gegen Bebel.“ +(Große Heiterkeit und Beifall.) + +Mit meinen Ausführungen schloß die glänzend verlaufene Versammlung. + + + + +Neue Verfolgungen. + + +Anfang Januar 1876 hielten die sächsischen Parteigenossen eine sehr gut +besuchte Landesversammlung in Chemnitz ab, in der man sich bereits mit +der Aufstellung der Kandidaten für die nächste Reichstagswahl +beschäftigte, die man Januar 1877 erwartete. Die Stimmung war trotz +aller Verfolgungen vorzüglich. Mit Beginn des Jahres hatten die Berliner +Genossen in der „Berliner freien Presse“ sich ein Lokalblatt geschaffen, +das sich allmählich eine bei Freund und Feind angesehene Stellung +eroberte. Jetzt wurden auch die ersten Zeichen einer Wandlung der +gesamten Politik des Reiches bemerkbar. Mit der Entlassung des +Präsidenten des Reichskanzleramtes Delbrück, die Ende April erfolgte, +wurde die offizielle Schwenkung nach der schutzzöllnerischen Seite +eingeleitet. Der preußische Handelsminister v. Camphausen, der noch kurz +zuvor im Reichstag die Lohnherabsetzungen durch die Unternehmer als +Mittel, aus der Krise herauszukommen, gerechtfertigt hatte und dafür von +Eugen Richter das Lob erntete: Alle Hochachtung vor einem Minister, der +es wagt, so unpopuläre Wahrheiten auszusprechen, folgte ihm später in +die Wüste nach. Unterdessen nahmen die Verfolgungen gegen die +Parteigenossen ununterbrochen ihren Fortgang, ganz besonders wegen +Beleidigungen des Reichskanzlers. Bismarck hatte die Gewohnheit +angenommen, daß er seine Strafanträge _en masse_ hektographieren ließ +und denjenigen Staatsanwälten zur Anklageerhebung zusandte, die ihm +einen Beleidiger namhaft gemacht hatten. + +Diese Strafanträge wurden von ihm unausgesetzt bis zum Ende seines +Amtes — Februar 1890 — gestellt. Dieselben gingen in die Tausende, und die +Verurteilten halfen die Gefängnisse bevölkern. Von Charaktergröße legte +dieses Verfahren kein Zeugnis ab, es wurde selbst von vielen seiner +Verehrer mißbilligt. + +Getreu den Intentionen Bismarcks setzte ferner Tessendorf seine +Verfolgungen der Arbeiterorganisationen fort. Hatte er bei seiner +Anklage gegen die Leiter des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins wegen +Vergehens gegen das preußische Vereinsgesetz März 1875 den Antrag auf +dessen Unterdrückung mit den Worten begründet: „Zerstören wir die +sozialistische Organisation, und es existiert keine sozialistische +Partei mehr“, Worte, die sein ganzes Unverständnis der Bewegung +bewiesen, so sah er sich jetzt zu weiteren ähnlichen Maßregeln +veranlaßt. Die Unterdrückung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +war durch die Gründung der Sozialistischen Arbeiterpartei in Gotha +wettgemacht worden. Diese sollte jetzt an die Reihe kommen. Es gelang +ihm auch, bei der Ratskammer des Berliner Stadtgerichtes einen Beschluß +zu erlangen, wonach sowohl die Berliner Mitgliedschaft der Partei wie +die Partei selbst für ganz Preußen für vorläufig geschlossen erklärt +wurden. Der Parteivorstand antwortete auf diesen Beschluß mit einer +Ansprache an die Parteigenossen, sie sollten unbekümmert um denselben in +die Agitation für die nächsten Reichstagswahlen eintreten. Die Partei +solle zeigen, daß sie sich durch Beschlüsse, wie jenen der Ratskammer +des Berliner Stadtgerichtes, nicht einschüchtern lasse. Es sei nunmehr +erst recht notwendig, daß jeder einzelne Genosse seine volle +Schuldigkeit für die Partei tue. Dem Trumpf Tessendorfs „Vernichtung der +Sozialdemokratie“ müsse durch den Gegentrumpf „Es lebe die +Sozialdemokratie“ geantwortet werden. Nunmehr wurden überall in Preußen +an Stelle der aufgelösten Parteiorganisation lokale Organisationen ins +Leben gerufen, die allerdings jeden Schein einer Verbindung mit der für +das übrige Deutschland fortbestehenden Zentralorganisation vermeiden +mußten. Das Vorgehen Tessendorfs erwies sich buchstäblich als ein Schlag +ins Wasser, denn für die Anwerbung von Parteigenossen, die Verbreitung +der Parteipresse und die Sammlung von Geldmitteln leisteten diese +Lokalorganisationen mindestens so viel wie die aufgelöste +Zentralorganisation. + +Freilich war unter diesen Verhältnissen ein Parteikongreß im früheren +Sinne nicht mehr möglich. Da wir aber einen solchen nicht entbehren +wollten und konnten, traten Reichstagsfraktion und Parteivorstand +zusammen, um zu beraten, was geschehen solle. Man einigte sich sehr +rasch auf den von mir gemachten Vorschlag, daß die Reichstagsfraktion +einen allgemeinen Sozialistenkongreß einberufen solle, und zwar für die +Tage vom 20. bis 23. August nach Gotha, wozu die Delegierten in +öffentlichen Versammlungen gewählt werden sollten. Um andererseits den +preußischen Parteigenossen die Leistung von Parteibeiträgen in +unanfechtbarer Form zu ermöglichen, wurde beschlossen, monatlich ein +ungefähr handgroßes Blättchen unter dem Titel „Der Wähler“ +herauszugeben, das zum Preise von 20 Pfennig sich eines guten Absatzes +erfreute. + +Tessendorfs Verfolgungseifer begnügte sich aber nicht mit der Auflösung +der Parteiorganisation in Preußen. Er ging alsbald auch gegen eine +Anzahl Zentralverbände der Gewerkschaften vor, um diesen als +„politischen Organisationen“ das Schicksal der Partei zu bereiten. Das +gelang ihm auch bei vier derselben. Die aufgelösten Zentralleitungen +siedelten nunmehr nach Hamburg über, dessen Vereinsgesetz ein +Verbindungsverbot für politische Vereine nicht kannte. + + * * * * * + +Am 28. Juni war Most endlich nach 26 Monaten Haft aus Plötzensee +entlassen worden. An demselben Tage kündigte Bracke öffentlich das +Erscheinen einer von Most verfaßten Broschüre an, betitelt: „Die +Bastille am Plötzensee“, in der er seine Erlebnisse erzählte und die Art +und Weise schilderte, wie er und andere hinter dem Rücken der Beamten +sich allerlei Vorteile beschafft und die Beamten hinter das Licht +geführt hatten. Diese Veröffentlichung war eine Unklugheit. Kaum war die +Schrift erschienen, so verlangte der Minister des Innern von dem nichts +ahnenden Direktor des Gefängnisses Plötzensee Auskunft über die +geschilderten Vorgänge. Das Resultat war, daß mehrere Beamte bestraft +und entlassen wurden und von jetzt ab eine weit strengere Handhabung der +Gefängnisordnung Platz griff. Auch wurden von jetzt ab — mit mir machte +man, als ich ebenfalls in Plötzensee Quartier beziehen mußte, worüber +weiter unten mehr, noch eine Ausnahme — die meisten politischen +Gefangenen im sogenannten Maskenflügel interniert. Als Most im Jahre +1878 abermals auf sechs Monate in Plötzensee seinen Einzug halten mußte, +vergalt man ihm seine Indiskretionen. Er wurde jetzt in strenge +Isolierhaft genommen, und so oft er die Zelle verließ, mußte er, wie +die anderen Insassen des Zellenhauses, eine schwarze Maske vorlegen, +damit ihn niemand erkenne. + +Entsprechend den um jene Zeit einen immer aggressiveren Charakter +annehmenden Verfolgungen der Partei wurden auch die verhängten Strafen +bemessen. Wo man vordem Wochen oder wenige Monate verhängte, erhielt +jetzt der Verurteilte eine drei- und vierfach höhere Strafe zuerkannt. +Urteile, die zwölf, fünfzehn, achtzehn und mehr Monate diktierten, +wurden Regel. Einzelne Parteiblätter, wie der „Vorwärts“ und die +„Berliner Freie Presse“, hatten ständig mehrere Redakteure in Haft. So +erhielt zum Beispiel Saeweke-Chemnitz wegen Majestätsbeleidigung und was +man als Gotteslästerung ansah zwei Jahre Gefängnis; vom Augsburger +Schwurgericht wurden wegen verschiedener Preßvergehen R. Franz zu drei, +E. Rottmanner und E. Köber zu je zwei Jahren Gefängnis verurteilt, eine +Verurteilung, die in der ganzen Partei einen Sturm der Entrüstung +hervorrief. In anderen Prozessen wurde Thomas-Augsburg zu zwei Jahren, +Loof-Chemnitz zu einem Jahre vier Monaten verurteilt. Vahlteich erhielt +im folgenden Jahre wegen verschiedener Preßvergehen achtzehn Monate +Gefängnis, und zu der gleichen Strafe wurde im nächstfolgenden Jahre +G.v.Vollmar, der Redakteur der „Dresdener Volkszeitung“ war, verurteilt. +Diese Verurteilungen erregten schließlich in der Partei kaum noch +Aufsehen; wer Redakteur oder Agitator war, mußte mit dem Gefängnis als +einem unumgänglichen Attribut seiner Stellung rechnen. Mit Vollmar war +ich infolge seiner Stellung als Redakteur der „Dresdener Volkszeitung“ +in lebhafteren brieflichen Verkehr gekommen. Die verschiedenen +Preßvergehen, in die er verwickelt war, legten ihm die Frage nahe, ob +bei einer Verurteilung ihm die Pension, die er als schwer verwundeter +Teilnehmer im Deutsch-Französischen Kriege bezog, nicht entzogen werden +könne, und er ersuchte mich darüber um meine Meinung. Darauf antwortete +ich ihm unter dem 17. Juni 1877 unter anderem: + + „...Bezüglich Ihrer Pensionsangelegenheit habe ich mit Freytag noch + nicht sprechen können, glaube auch kaum, daß er Ihnen mehr als ich + wird sagen können. + + Ich habe mir die Reichstagsverhandlungen angesehen. § 32 des + Gesetzes, die Pensionierung und Versorgung der Militärpersonen, + bestimmt unter b), daß durch rechtskräftige gerichtliche Verurteilung + der Pensionsverlust herbeigeführt werden könne, und bestimmt dann + weiter: + + Die Pensionserhöhungen können jedoch durch gerichtliches Erkenntnis + nicht entzogen werden. + + Aus den Verhandlungen ergibt sich nun mit keinem Wort, in welchem + Falle ein solches Aberkenntnis eintreten dürfe. Es wurde bei der + Beratung darauf aufmerksam gemacht, daß im Reichsstrafgesetzbuch, das + ja auch für Bayern gilt, alle Bestimmungen gestrichen wurden, wonach + die Pension aberkannt werden könne. Im Gegensatz hierzu besteht aber + das alte preußische Militärstrafgesetzbuch aus dem Jahre 1845, das + solche Bestimmungen enthält. Da dieses aber meines Wissens für Bayern + nicht gilt, so fragt es sich, welche bezüglichen Bestimmungen das + bayerische Militärstrafgesetz enthält, diese kommen alsdann in + Betracht und dieses Gesetz werden Sie sich wohl leicht verschaffen + können. + + Ich empfehle Ihnen äußerste Vorsicht in der Schreibweise, ich fürchte, + man läßt Sie tüchtig hereinfallen. Da aber die Verurteilung auf keinen + Fall den Verlust der Ehrenrechte nach sich ziehen kann, so fragt es + sich, ob diese Entziehung nicht eine Bedingung für die Aberkennung der + Pension ist, in welchem Falle Sie gedeckt wären. Daß gegen Sie als + einen „Apostaten“ die herrschende Gewalt eine besondere Animosität + besitzt, ist sicher...“ + +Große Genugtuung rief es hervor, als um jene Zeit in der Partei bekannt +wurde, daß der oberste Gerichtshof im Herzogtum Braunschweig den General +Vogel v. Falckenstein wegen der Lötzener Affäre verurteilt habe, an die +Herbst 1870 von ihm gefangen gesetzten Genossen Entschädigung zu zahlen, +und zwar an Bracke 2100 Mark, an Gralle 108 Mark, an Bonhorst 105 Mark, +an Ehlers als selbständigen Gewerbetreibenden pro Tag 7,50 Mark, an Kühn +als Arbeiter pro Tag 3 Mark. + + + + +Der Parteikongreß in Gotha 1876. + + +Für den Parteikongreß in Gotha — 19. bis 23. August — hatten wir als +Tagesordnung festgesetzt: + + „1. Die Tätigkeit der sozialistischen Abgeordneten; 2. Gang und Stand + der sozialistischen Organisation in Deutschland; 3. die + bevorstehenden Reichstagswahlen; 4. Feststellung der sozialistischen + Kandidaturen; 5. die sozialistische Organisation in Deutschland; 6. + die Parteipresse.“ + +Die offiziöse „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ lärmte gewaltig über +diese Veranstaltung und drohte, man werde festzustellen suchen, ob +dieser Kongreß nicht eine Gesetzesumgehung mit Hinblick auf die +erfolgten Schließungen und Auflösungen sei. Indes an diese Drohungen +kehrten wir uns nicht. Wir mußten zeigen, daß wir uns nicht +einschüchtern ließen und entschlossen waren, jedes Mittel zu benutzen, +das die Umstände uns zu ergreifen ermöglichten, um die gegen uns +gerichteten Schläge zu parieren. + +_Geib_ und _Hasenclever_ führten auf dem Kongreß wieder den Vorsitz. +Anwesend waren 98 Delegierte, die aus 291 Orten 38254 Mandanten zu +vertreten hatten. Liebknecht und ich konnten aus privaten Gründen erst +am zweiten Tage der Verhandlungen erscheinen. Aus dem von _Auer_ +vorgetragenen Bericht ging hervor, daß die Einnahmen der Parteileitung +vom 8. Juni 1875 bis 19. August 1876 sich auf 53973 Mark beliefen, denen +eine Ausgabe von 54432 Mark gegenüberstand. Es war also ein kleines +Defizit vorhanden, das durch den Ueberschuß des „Wähler“ in Höhe von +4330 Mark gedeckt wurde. Die Partei besaß zu jener Zeit 23 politische +Organe und das neu gegründete Unterhaltungsblatt „Die Neue Welt“. Von +den Organen erschienen acht sechsmal, acht drei-, vier zwei- und drei +einmal wöchentlich. Zum erstenmal liefen auf einem deutschen +Parteikongreß eine Reihe Zuschriften von sozialistischen Organisationen +des Auslandes ein, in denen die Partei wegen ihrer tapferen Haltung +beglückwünscht wurde. Ich war in der Lage, die Grüße einer +internationalen Konferenz in Bern zu überbringen, der ich gelegentlich +einer Geschäftsreise in der Schweiz beigewohnt hatte. Zum Zeichen +brüderlicher internationaler Solidarität wurde beschlossen, für die in +großer Not befindlichen Kommunards in geeigneter Weise Geld +aufzubringen. Karl Hirsch erschien als Delegierter Pariser Arbeiter auf +dem Kongreß. Ueber die Tätigkeit der Fraktion im Reichstag berichtete +_Hasenclever_. Ich ergriff die Gelegenheit, um unsere Stimmenthaltung +in der Diätenfrage zu rechtfertigen, die mehrfach angegriffen worden +war. _Molkenbuhr_, der namens der Gegner unserer Abstimmung das Wort +ergriff, behauptete, die Abstimmung habe uns in der Agitation geschadet, +diese Taktik habe bei den Parteigenossen befremdend gewirkt. Die +Fraktion müsse stets klare Stellung nehmen für oder gegen eine Vorlage +und geschlossen stimmen. Nach längerer Debatte brachten A. Kapell und +Dreesbach einen Antrag ein, wonach unsere Abstimmung in der Diätenfrage +als unpraktisch erklärt werden sollte. Dieser Antrag wurde abgelehnt. +Dagegen wurde ein Antrag Löwenstein angenommen, der vorschlug, über die +Frage zur Tagesordnung überzugehen, denn es sei selbstverständlich, daß +die sozialistischen Abgeordneten für Diätenzahlung seien und in +vorliegendem Falle mit der Stimmenthaltung nur der Schwindel hätte +konstatiert werden sollen, dessen sich ein Teil der liberalen +Abgeordneten schuldig machte. + +Die weiteren Verhandlungen zeigten, daß noch starke persönliche und +sachliche Gegensätze in der neu geeinten Partei vorhanden waren, die +jetzt zum Ausbruch kamen. So rief Frohme dadurch eine heftige Diskussion +hervor, daß er die Anschuldigung erhob, verschiedene Parteiblätter und +ebenso Liebknecht und ich hätten von Sonnemann-Frankfurt +Geldunterstützungen bezogen. Es wurde festgestellt, daß kein Blatt +genannt werden konnte, das von Sonnemann Geldunterstützung erhalten +hatte, das gleiche galt von Liebknecht. Ich teilte mit, daß Sonnemann, +der während meiner Haft sich wiederholt bereit erklärt habe, mir mit +einem Darlehen zu helfen, falls ich solches für die Rehabilitierung +meines Geschäfts nach meiner Haftentlassung bedürfe, mir ein solches in +Höhe von 600 Taler gewährt habe, das ich mit 5 Prozent verzinste und in +Raten zurückzahlte. Das sei um so unbedenklicher, da ich seit 1865 mit +Sonnemann befreundet und die ganze Angelegenheit eine rein private sei. +Sonnemann selbst hatte durch eine Indiskretion gegen einen Frankfurter +Genossen den Fall in weitere Kreise getragen. Das Endresultat der +Debatte war, daß ein Antrag von Bracke — der zum erstenmal seit Jahren +wieder einen Kongreß besuchte — mit allen gegen sieben Stimmen angenommen +wurde, der das gegen mich beliebte Vorgehen tadelte. Ich nahm +Veranlassung, noch im Laufe des Jahres das Darlehen an Sonnemann +zurückzuzahlen. + +Eine weitere Debatte, die zeitweilig ebenfalls einen heftigen Charakter +annahm, wurde durch die Frage herbeigeführt, ob fernerweit zwei +offizielle Organe („Der Neue Sozialdemokrat“ in Berlin und „Der +Volksstaat“ in Leipzig) bestehen sollten oder eines und welches dazu +ernannt werden sollte. Schließlich wurden 49 Stimmen für Leipzig und 38 +Stimmen für Berlin abgegeben, 6 Delegierte enthielten sich der +Abstimmung. Darauf wurde weiter beschlossen, das Zentralorgan solle vom +1. Oktober ab unter dem Namen „Vorwärts“ erscheinen, und zwar dreimal +wöchentlich. Lebhafte Erörterung rief alsdann die Wahl der beiden +Redakteure hervor. _Hasselmann_, der der Vereinigung nie grün war, +erklärte, unter keinen Umständen nach Leipzig überzusiedeln und +verzichtete auf eine Redakteurstelle. Auf Vorschlag _Geibs_ erklärte +sich _Hasenclever_ bereit, neben _Liebknecht_ die Redaktion zu +übernehmen. Des weiteren kam man überein, nachdem die Partei in Preußen +aufgelöst war, an Stelle des Parteivorstandes in Hamburg ein +Zentralkomitee zu setzen, in das _Auer, Brasch, Derossi, Geib_ und +_Hartmann_ eintraten. Auf meinen Antrag wurde das Gehalt des Sekretärs +auf 150 Mark, des Kassiers auf 105 Mark und der beiden Beisitzer auf je +45 Mark monatlich festgesetzt. + +Im weiteren beschäftigte sich zum erstenmal ein Parteikongreß mit der +Stellungnahme zu wirtschaftlichen Tagesfragen. Die industrielle Krise, +die mit dem Jahre 1874 einsetzte und sich mit jedem Jahre mehr +verschärfte, hatte einen vollständigen Umschwung in den Kreisen der +Industriellen über die Frage: Schutzzoll oder Freihandel? herbeigeführt +und schließlich auch in den landwirtschaftlichen Kreisen, die seit +Jahrzehnten die Hauptstützen des Freihandelssystems bildeten, Anhang +gefunden. In erster Linie waren es die Eisenindustriellen, die über die +beschlossene Aufhebung der Eisenzölle, die vom 1. Januar 1877 ab +eintreten sollte, schon Jahre zuvor in Aufregung gerieten und dagegen +kämpften. Ihnen schlossen sich andere Industrielle, namentlich die +Baumwollindustriellen an. Und da durch die jetzt sich immer bemerkbarer +machende amerikanische Getreidekonkurrenz auch die Getreidepreise nicht +die erwünschte Höhe behielten, sondern sanken, schwenkten die +ostelbischen Getreideproduzenten, die ihren Absatz nach dem Ausland +unter der amerikanischen Konkurrenz immer mehr einbüßten und diese +Konkurrenz selbst im eigenen Lande verspürten, ins schutzzöllnerische +Lager ab. Diese Umwandlung in den Anschauungen weiter Kreise über +Freihandel und Schutzzoll mußte notwendig auch in den Parteikreisen +Beachtung finden. So erklärten sich im Laufe der Jahre namentlich +_Auer_, _Fritzsche_ und _Max Kayser_ für eine mehr oder weniger +ausgeprägte Schutzzollpolitik. Der Kongreß konnte also nicht umhin, zu +der veränderten Strömung Stellung zu nehmen; er tat dies allerdings in +einer Weise, die unbefriedigend war und eine gewisse Unklarheit verriet. +Auf Antrag von Bracke, Frick, Fritzsche, Grillenberger, Hasselmann, +Liebknecht und Most nahm der Kongreß ohne jede Debatte eine Resolution +an, in der es hieß: Die Sozialisten Deutschlands stehen dem innerhalb +der besitzenden Klassen ausgebrochenen Kampfe zwischen Schutzzoll und +Freihandel _fremd gegenüber_; die Frage, ob Schutzzoll oder nicht, ist +nur eine praktische Frage, die in jedem einzelnen Falle entschieden +werden muß; die Not der arbeitenden Klassen wurzelt in den allgemeinen +wirtschaftlichen Zuständen, doch sind die bestehenden Handelsverträge +seitens der Reichsregierung ungünstig für die deutsche Industrie +abgeschlossen und erheischen eine Aenderung. Die Parteipresse wurde +aufgefordert, die Arbeiter davor zu warnen, für die unter dem Verlangen +nach Schutzzoll eine Staatshilfe erstrebende Bourgeoisie die Kastanien +aus dem Feuer zu holen. Und da zu jener Zeit auch die Frage aufgetaucht +war, ob Privat- oder Staatseisenbahnen, und Bismarck die Monopolisierung +der Bahnen durch das Reich erstrebte, nahmen die beantragten +Resolutionen auch zu dieser Frage Stellung. Der Kongreß sprach sich für +die Verstaatlichung der Eisenbahnen aus, aber _gegen_ das +Reichseisenbahnprojekt, weil dieses letztere bestimmt sei, die +Interessen des Klassen- und Militärstaats zu fördern, und die Einnahmen +zu unproduktiven Zwecken verwendet werden sollten, wodurch das Reich +ein neues Gewicht im volksfeindlichen Sinne erlangte und den +Börsenjobbern große Summen vom Volkseigentum zugespielt würden. + +Ueber den Verlauf des Kongresses schrieb der weiche und gemütvolle +_Bracke_, der die mancherlei Unbill, die man ihm nach seinem Austritt +aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein von jener Seite hatte +angetan, noch nicht vergessen konnte, in einem Briefe vom 31. August an +Friedrich Engels: + + „Die Verhandlungen waren famos, die Angelegenheit Frohme-Sonnemann, + dann die Abstimmung über die Diäten, dann die Frage, ob das + Zentralorgan nach Berlin oder Leipzig kommen solle, das waren die drei + Hauptpositionen; die Lassalleaner hatten ernstlich geglaubt, die + Bewegung in ihre Hände zu bekommen, jedenfalls waren sie ihres Sieges + in der Organisation sicher. Und dazu hatten sie allen Grund. Auf einer + in Berlin stattgehabten Konferenz hatte _Ramm_-Leipzig (der Leiter der + Leipziger Parteibuchdruckerei. A.B.) der Verlegung nach Berlin + zugestimmt, und _Geib_, der sich allein sah, machte dann keine + Opposition mehr. _Bebel_ aber und ich, sowie _Auer_ erklärten die + Verlegung für ganz unmöglich, wir fanden auch viele Zustimmung und + erweckten _Liebknecht_ und _Geib_ und andere zu neuem Leben. Die + Schlacht wurde dann auch glorreich geschlagen. Nachdem in der + Angelegenheit Sonnemann und in der bezüglich der Diäten der Sieg auf + unserer Seite gewesen, setzten die Lassalleaner, denen nun doch das + wirtschaftliche Interesse des Berliner Unternehmens zu Hilfe kam, + alles daran. Die Erregung auf beiden Seiten war groß; es wurde eine + regelmäßige parlamentarische Schlacht geschlagen. Zuerst waren 42 + Redner eingezeichnet, voran außer Bebel lauter Berliner. Wir brachten + durch passende Anträge diese Liste zu Fall, kamen, da die Gegner das + nicht erwartet, dann unsererseits zuerst auf die Liste und konnten nun + großmütig sein, wobei uns schließlich Richter-Wandsbeck noch einen + großen Dienst leistete. Die Erregung war außerordentlich, jedes Mittel + wurde von beiden Seiten benutzt. Die Gegner aber ließen sich von ihrer + Erregung hinreißen, polterten hitzig hervor, um die fünfminutige + Redezeit auszunutzen, während wir ruhig blieben und durchweg langsam + und gemessen sprachen. Das Resultat ist Ihnen begannt. Liebknecht und + Bebel waren famos. + + Daß Hasenclever sich schließlich von Geib breitschlagen ließ, ans + Zentralblatt nach Leipzig zu gehen, vollendete den Sieg, da man sonst + mit Frick-Bremen gesagt habe würde: Das neue Blatt ist nur das Organ + der Herren Bebel und Liebknecht. Damit ist die Einheit besiegelt....“ + +_Hasselmann_ gab zum 1. Oktober 1876 seine Stellung an der „Berliner +Freien Presse“ auf und zog sich nach Barmen-Elberfeld zurück, woselbst +er die Redaktion der „Bergischen Volksstimme“ übernahm und ein neues +Organ, „Die rote Fahne“, das angeblich nur als Flugblatt erscheinen +sollte, ins Leben rief. Es zeigte sich aber bald, daß _Hasselmann_ mit +der Gründung dieses Blattes separatistische Ziele verfolgte, was ihn in +eine schiefe Stellung zur Partei und zum Zentralwahlkomitee brachte und +auf dem nächstjährigen Parteikongreß wieder zu unerquicklichen Debatten +führte. + + + + +Der Wahlkampf 1876 bis 1877 + + +Mit einem Aufruf, datiert vom 12. Oktober 1876, eröffnete das +Zentralwahlkomitee den Wahlkampf. Auf seinen und vieler Genossen Wunsch +hatte ich wiederum eine Broschüre, betitelt: „Die parlamentarische +Tätigkeit des deutschen Reichstags und der Landtage von 1874 bis 1876“, +verfaßt. Die Schrift erschien diesmal unter meinem Namen in der +Genossenschaftsbuchdruckerei zu Berlin, also unter den Augen +Tessendorfs, der diesen Umstand, wie ich bald genug zu meinem Schaden +erfuhr, gebührend ausnützte. + +Am 30. Oktober trat der Reichstag zu seiner letzten Session zusammen. +Diese konnte aber nur kurz sein, und da Gesetzentwürfe von besonderem +Interesse für uns nicht vorlagen, befaßten wir uns mit den +parlamentarischen Verhandlungen nur wenig, aber um so mehr mit der +Wahlagitation, die mich in jenen Wochen von Leipzig nach Köln, von dort +nach Königsberg i.Pr. und von hier nach Breslau usw. führte. In +Königsberg mußte ich an zwei Abenden in überfüllten Versammlungen +sprechen, weil die Diskussion, die mein Vortrag hervorgerufen hatte, +erst am zweiten Abend zu Ende geführt werden konnte. In der ersten +Versammlung war auch Johann Jacoby anwesend, den man zum +Ehrenvorsitzenden der Versammlung ernannt hatte. Ich lernte erst jetzt +Jacoby persönlich kennen. Der kaum mittelgroße Mann, der offensichtlich +in seinem ganzen Wesen zurückhaltender Natur war und nur durch die +Verhältnisse gezwungen sich zu einem demonstrativen Eingreifen in die +öffentlichen Angelegenheiten herbeiließ, machte auf mich einen ungemein +günstigen Eindruck. Ich hatte ihn vor der ersten Versammlung in seiner +Wohnung besucht, wobei er mich in seinem sehr geräumigen Arbeitszimmer +empfing, dessen Regale und Schränke bis an die Decke mit Büchern +vollgepfropft waren. Ich beneidete ihn um diesen ideal ausgestatteten +Raum, der in seiner behaglichen Einrichtung zum Arbeiten geradezu +einlud. Jacoby starb im nächsten Frühjahr infolge einer Steinoperation; +im Oktober des vorhergehenden Jahres war ihm Franz Ziegler im Tode +vorausgegangen. + + * * * * * + +Nach Leipzig zurückgekehrt, ließ ich eine Volksversammlung einberufen +mit der Tagesordnung: „Die Stellung der Frau im heutigen Staat und zum +Sozialismus.“ Obgleich wir den größten Saal Leipzigs zur Verfügung +hatten, faßte er nicht die Masse der herbeiströmenden Zuhörer, von denen +viele wieder wegen Mangel an Raum umkehren mußten. Die Frauen waren sehr +zahlreich vertreten. Ich setzte ihnen unter anderem auseinander, welch +lebhaftes Interesse auch sie an den bevorstehenden Reichstagswahlen +nehmen müßten; da sie aber vorläufig kein Wahlrecht besäßen, sei es ihre +Aufgabe, agitatorisch in den Wahlkampf einzugreifen und ihre Männer und +wahlberechtigten männlichen Verwandten für die Beteiligung an der Wahl +anzutreiben, und zwar zugunsten der Sozialdemokratie, die für ihre volle +politische und soziale Gleichberechtigung eintrete. Die Versammlung +verlief nach Wunsch; es war die erste Versammlung, in der die Frauen zur +politischen Beteiligung bei einer Wahl aufgefordert wurden. + +Von Leipzig eilte ich nach Dresden zur Agitation, woselbst ich als +Kandidat der Partei aufgestellt worden war. Die organisierten Genossen +im 17. sächsischen Wahlkreis Glauchau-Meerane, in dem ich ebenfalls +wieder kandidierte, hatten bereits im voraus erklärt, sollte ich auch in +einem zweiten Wahlkreis gewählt werden, so seien sie zu einer Neuwahl +an meiner Stelle bereit, denn daß sie im 17. Wahlkreis wieder siegen +würden, sah alle Welt als selbstverständlich an. Und so geschah es. + +In Dresden erhielt ich zunächst die relative Mehrheit unter den +aufgestellten drei Kandidaten. Ich kam mit dem Kandidaten der Liberalen, +Professor Maihoff, in engere Wahl und siegte über diesen mit 10837 gegen +9920 Stimmen. Als mir am Tage nach der Wahl die Depesche, die meinen +Sieg meldete, zuging — ich hatte gebeten, am Wahltagabend mir das +Wahlresultat nicht zu telegraphieren —, fragte ich meine Frau, ob wir +noch eine Flasche Wein im Keller hätten, und als sie dies bejahte, +äußerte ich: Gut, dann wollen wir sie heute mittag auf das Wohl meiner +Dresdener Wähler trinken. Darauf meinte mein Töchterchen, das dieser +Unterhaltung beigewohnt hatte: Papa, wird Herr Professor Maihoff heute +mittag auch eine Flasche Wein trinken? Ich gab lachend zur Antwort: Das +wüßte ich nicht, ich kennte nicht den Geschmack des Herrn Professors. An +meine Stelle im 17. Wahlkreis wurde nunmehr Wilhelm Bracke gewählt. + +Der Ausfall der Wahlen war für uns ein sehr günstiger. _Hasselmann_ war +zwar in Barmen-Elberfeld mit 14245 gegen 14485 Stimmen unterlegen, aber +der benachbarte Solinger Kreis schickte _Rittinghausen_ mit 10636 gegen +7453 Stimmen in den Reichstag, und beinahe wäre auch _Grillenberger_ in +Nürnberg gewählt worden, der mit 12089 gegen 12625 Stimmen seinem Gegner +unterlag. Die Partei war bei 24 Stichwahlen beteiligt. Gewählt wurden 12 +Abgeordnete: Auer, Blos, Bracke, der Hofbaurat Demmler-Schwerin im 13. +sächsischen Wahlkreis Leipzig-Land, Fritzsche, Hasenclever, A. Kapell, +Liebknecht, Most, Motteler, Rittinghausen und ich. + +Wie der alte Demmler uns gelegentlich erzählte, hatte er die +Gepflogenheit, wenn er auf längere Zeit Schwerin verließ, sich bei dem +Großherzog von Mecklenburg, als dessen ehemaliger Hofbaumeister er das +prachtvolle Schweriner Schloß gebaut hatte, zu verabschieden. So auch +dieses Mal, als er die Reise nach Berlin zum Reichstag antrat. Bei +dieser Gelegenheit hatte der Großherzog geäußert: „Ich wünsche Ihnen +glückliche Reise, aber lieber Demmler — und dabei erhob er lächelnd +drohend den Finger —, machen Sie es in Berlin nur nicht zu arg.“ Hier +sei bemerkt: Demmler hatte den Schweriner Schloßbau ohne Meister allein +durch Vertrag mit den Arbeitern gebaut und war mit dem erzielten +Resultat sehr zufrieden. + +Am 2. Februar schrieb ich an den Parteigenossen Schlüter in Dresden, der +Expedient unseres dortigen Parteiorgans war, daß ich dem Wahlkommissar +die Annahme der Dresdener Wahl mitgeteilt hätte, und bemerkte dazu: + + „Es amüsiert mich, daß es gerade neunzehn Jahre waren, seitdem ich als + Handwerksbursche in die Fremde ging, natürlich ohne eine Ahnung, daß + ich neunzehn Jahre später auf denselben Tag an einen Wahlkommissar + meine Erklärung für die Annahme des Reichstagsmandats für die + sächsische Residenz abschicken würde. Der alte Napoleon äußerte + einmal, jeder Soldat hat den Marschallstab im Tornister, heute könnte + man sagen: jeder Handwerksbursche trägt ein Reichstagsmandat im + Berliner. Es geht vorwärts. Unsere Freunde, die Feinde, sollen leben.“ + +Und die letzteren machten zu dem Wahlausfall böse Gesichter, denn weit +mehr als die paar gewonnenen Mandate lag ihnen das starke Wachstum der +gewonnenen Stimmen in den Gliedern. Die Stimmenzahl der Partei war von +351670 im Jahre 1874 auf 493447 gestiegen, die wir jetzt im Januar 1877 +auf unsere Kandidaten vereinigten. Das war ein Mehr von 141777 Stimmen +gleich 36 Prozent. In Sachsen hatten wir die relative Mehrheit der +Stimmen erhalten, 124600 von 318740. + +Das System Tessendorf, das allmählich über die Grenzen Preußens hinaus +in den meisten Mittel- und Kleinstaaten Schule gemacht hatte, war also, +wie der Wahlausfall zeigte, elend zusammengebrochen. Und wenn nunmehr +auch das Wüten gegen die sozialdemokratische Presse und die +sozialdemokratischen Organisationen von neuem losging und gegen die +Vertreter der Partei Urteile gefällt wurden eins drakonischer als das +andere, auch das half nicht. Es half auch nichts, als Bismarck, vom +Glück begünstigt, endlich erhielt, wonach er lange gelechzt, ein +schneidiges Ausnahmegesetz gegen die ihm verhaßte und doch so +gefürchtete Partei. + + + + +Der Reichstag 1877. + + +In der am 22. Februar eröffneten Reichstagssession spielten die sozialen +Fragen eine hervorragende Rolle. Das ständige Steigen der +sozialdemokratischen Stimmen hatte namentlich das Zentrum beunruhigt, +das jetzt zum ersten Male unter der Firma des Grafen Galen und Genossen +einen Gesetzentwurf einbrachte, der ganz dem sozialpolitischen Eiertanz +entsprach, dem von jetzt ab das Zentrum in immer stärkerem Maße +huldigte. _Bisher hatte sich das Zentrum den sozialen Fragen gegenüber +durchaus zurückhaltend benommen._ Der Gesetzentwurf sollte sowohl den +Kleingewerbetreibenden wie den Arbeitern eine Verbesserung ihrer Lage +bringen. Fritzsche und ich hatten diesem gegenüber einen Gesetzentwurf +ausgearbeitet, der eine Aenderung wichtiger Bestimmungen in den Titeln +1, 2, 7, 9 und 10 der Gewerbeordnung zugunsten der Arbeiter verlangte, +dem die Fraktion ihre Zustimmung erteilte. Der Gesetzentwurf forderte +eine Regelung der Gefängnisarbeit, wonach diese auf Arbeiten für den +Staat beschränkt werden sollte. Weiter wurde gefordert: Verbot der +industriellen Sonntagsarbeit; wo ein solches Verbot unmöglich sei, +sollte dem Arbeitspersonal ein freier Tag in der Woche gewährt werden +müssen; ein Normalarbeitstag von neun Stunden; für Arbeiterinnen, +Arbeiter unter achtzehn Jahren und Lehrlinge ein solcher von acht +Stunden; Verbot der Nachtarbeit; wo solches durch die Natur des Betriebs +unmöglich sei, solle ein achtstündiger Schichtwechsel eingeführt werden. +Die Schonzeit der Schwangeren und der Wöchnerinnen sollte entsprechend +verlängert werden. Für jede Arbeitsstätte sollte eine Arbeitsordnung +eingeführt werden, deren Bestimmungen zwischen Unternehmern und +Arbeitern zu vereinbaren seien. Ferner wurde gefordert: die Aufhebung +der Arbeitsbücher auch für die Bergarbeiter; die Ausfüllung von +Zeugnissen sollte nur auf Verlangen des Arbeiters erfolgen können; +Festsetzung gleicher Kündigungsfristen für beide Teile, Truckverbot, +strengere Schutzmaßregeln für Arbeiterinnen und Lehrlinge; die +Einführung von Gewerbekammern und Gewerbegerichten; eine +Reichsarbeitsinspektion sollte unter Leitung und Kontrolle des +Reichsgesundheitsamts eingeführt werden. Endlich verlangten wir +Sicherung und Erweiterung des Koalitionsrechts. + +Die Debatte über die gleichzeitig zur Beratung gestellten Gesetzentwürfe +des Zentrums und unserer Partei leitete von seiten der Fraktion +Fritzsche ein. Die Debatte wuchs sich zu einer Sozialistendebatte aus, +die mir Gelegenheit gab, die erhobenen Vorwürfe mit aller Schärfe +zurückzuweisen und die von den Zentrumsrednern vertretene sogenannte +christliche Weltanschauung gebührend zu kritisieren. Meine Rede machte +großen Eindruck. Der Leipziger Buchdruckergehilfenverein ließ mir in +einem besonderen Abdruck ein Exemplar derselben in einem feinen Einband +überreichen. + +Ein praktisches Resultat hatte die Beratung der Anträge nicht. + +In der Sitzung vom 24. April erklärte der Reichstag Hasenclevers Wahl im +sechsten Berliner Wahlkreis, die mit dreißig Stimmen Mehrheit erfolgt +war, für ungültig, weil seltsamerweise eine Wählerliste aus Versehen in +einem Wahlbezirk verheftet gewesen sei, so daß eine Anzahl Wähler nicht +hätten wählen können. Die Fortschrittspartei hoffte bei einer Nachwahl +den sechsten Wahlkreis wieder erobern zu können; sie täuschte sich. Wir +warfen uns mit aller Energie in die Wahlagitation, und so siegte jetzt +Hasenclever mit einem Mehr von über tausend Stimmen. + +Bei einer Verhandlung über die Eisenzollfrage hielt Bracke eine gute +Rede über Schutzzoll und Freihandel, als es aber zur Abstimmung kam, +stimmte die Fraktion geteilt, eine Minorität stimmte für den Zoll. + +Der Versuch, eine andere Fassung des § 46 der Geschäftsordnung +herbeizuführen, um der fortdauernden Willkür bei der Stellung von +Schlußanträgen ein Ende zu machen, mißlang. Der Antrag kam nicht mehr +zur Verhandlung. Dagegen genehmigte der Reichstag den Antrag auf +Einstellung _eines Strafverfahrens_ gegen mich. Tessendorf hatte bei dem +Berliner Stadtgericht wegen meiner Reichstagsbroschüre die Erhebung der +Anklage gegen mich beantragt, und zwar wegen mehrfacher Beleidigung des +Reichskanzlers und Verletzung des § 131 des Strafgesetzbuches. Dieser +Paragraph lautet: „Wer erdichtete oder entstellte Tatsachen, wissend, +daß sie erdichtet oder entstellt sind, öffentlich behauptet oder +verbreitet, um dadurch Staatseinrichtungen oder Anordnungen der +Obrigkeit verächtlich zu machen, wird mit Geldstrafe bis zu 600 Mark +oder mit Gefängnis bis zu zwei Jahren bestraft.“ Bei einer Haussuchung, +die auf Antrag Tessendorfs am 12. Januar in der Expedition der „Berliner +freien Presse“ vorgenommen wurde, waren nur noch 12 Exemplare meiner +Schrift gefunden worden, die beschlagnahmt wurden. + + + + +Der Kongreß in Gotha 1877. + + +Wie schon im vorhergehenden Jahre, so berief auch für das Jahr 1877 die +Reichstagsfraktion einen allgemeinen deutschen Sozialistenkongreß für +den 27. bis 30. Mai nach Gotha. Auf der Tagesordnung stand: 1. Bericht +der Reichstagsabgeordneten über ihre Tätigkeit; 2. Bericht über Gang und +Stand der sozialistischen Bewegung in Deutschland; 3. Die sozialistische +Organisation in Deutschland; 4. Die Parteipresse; 5. Das Parteiprogramm. + +Aus dem wieder von Auer erstatteten Bericht ging hervor, daß die Partei +in 175 Wahlkreisen von 397 eigene Kandidaten aufgestellt hatte. Die Zahl +der Parteiblätter war auf 41 gestiegen. Es bestanden weiter vierzehn +Parteidruckereien. Die Parteieinnahmen ergaben 54217 Mark, die Ausgaben +betrugen 50635 Mark. + +Den Bericht über die Tätigkeit der Fraktion erstattete an Stelle von +Liebknecht, der wegen Krankheit in der Familie noch nicht eingetroffen +war, Fritzsche. Ich traf wegen geschäftlicher Behinderung mit Liebknecht +erst am 28. Mai in Gotha ein. + +Ueber die Organisationsfrage berichtete Tölcke, der im Namen der +gewählten Organisationskommission beantragte, folgender Resolution die +Zustimmung zu geben: + + „Mit Rücksicht auf die von preußischen Behörden mit unerhörter + Dreistigkeit förmlich proklamierte völlige Rechtlosigkeit + sozialistischer Vereine in Preußen nimmt der Kongreß von der + Herstellung einer Organisation der Partei Abstand, auf welche die in + Deutschland, besonders in Preußen bestehenden Vereinsgesetze + angewendet werden können; der Kongreß überläßt es den Parteigenossen + in den einzelnen Orten, sich je nach den örtlichen Verhältnissen und + Bedürfnissen zu organisieren.“ + +Diese Resolution wurde ohne Diskussion einstimmig angenommen. +Hervorgehoben zu werden verdient, daß damals fast die gesamte liberale +Presse, die fortschrittliche nicht ausgenommen, den Scherereien, +Plackereien und Gewalttätigkeiten der Behörden gegen die sozialistischen +Organisationen mit stoischem Gleichmut zusah und selten ein Wort der +Kritik hören ließ. Darin sahen natürlich die Behörden nur eine +Ermutigung ihres ungesetzlichen und gewalttätigen Vorgehens. + +Eine unerquickliche Debatte rief wieder das Verhalten _Hasselmanns_ +hervor. Hasselmann hatte das von ihm mit Zustimmung des +Zentralwahlkomitees Januar 1877 herausgegebene Blatt unter dem Titel +„Die Rote Fahne“ nur als Flugblatt für die Unterstützung der Wahlen +erscheinen lassen wollen. Dagegen war nichts einzuwenden. Er hatte aber +dasselbe förmlich hinter dem Rücken des Zentralwahlkomitees als +regelrecht erscheinendes Wochenblatt behördlich angemeldet, und nun +benutzten seine Anhänger dasselbe überall, um den „Vorwärts“ zu +verdrängen. Es konnte kein Zweifel bestehen, daß _Hasselmann_ auf +Spaltung der Partei hinarbeitete. Das kam auch in der Debatte durch die +Mehrzahl der Redner zum Ausdruck. Schließlich wurde ein Antrag von mir +gegen fünf Stimmen angenommen, dahin lautend: Der Kongreß ersucht den +Genossen Hasselmann, die „Rote Fahne“ eingehen zu lassen, sobald die +„Bergisch-Märkische Volksstimme“ — deren Redakteur er war — sich deckt. +Aber er mußte bereits Anfang Oktober das Eingehen der „Roten Fahne“ +ankündigen. Das Blatt deckte nicht seine Kosten, und so war ihm seine +Fortführung unmöglich. + +Nicht minder unerquicklich wie die Debatte über Hasselmann war die +Debatte, die Most über Friedrich Engels' Artikelserie im „Vorwärts“ über +Professor Dühring hervorrief. Dühring war es gelungen, fast die gesamten +Führer der Berliner Bewegung für seine Theorien einzunehmen. Auch ich +war der Ansicht, daß jede schriftstellerische Leistung, die, wie die +Dühringschen Arbeiten, dem bestehenden Sozialzustand scharf zu Leibe +ging und sich für den Kommunismus erklärte, aus agitatorischen Gründen +unterstützt und für uns ausgenutzt werden müsse. Von diesem Standpunkt +aus hatte ich schon 1874 von der Festung aus zwei Artikel unter der +Ueberschrift „Ein neuer Kommunist“ im „Volksstaat“ veröffentlicht, in +denen ich Dührings Arbeiten besprach. Die betreffenden Bücher hatte mir +Eduard Bernstein zugesandt, der damals mit Most, Fritzsche und anderen +zu Dührings begeisterten Anhängern gehörte. Daß Dühring bald darauf +wegen seiner Lehren mit den Staats- und Universitätsbehörden in Konflikt +kam, ein Konflikt, der im Juni 1877 zu seiner Maßregelung an der +Berliner Universität führte, erhöhte noch sein Ansehen in den Augen +seiner Anhänger. Das alles veranlaßte Most, auf dem Kongreß eine +Resolution einzubringen, lautend: + + „Der Kongreß erklärt, Artikel, wie beispielsweise die in den letzten + Monaten von Engels gegen Dühring veröffentlichten Kritiken, die für + die weitaus größte Mehrheit der Leser des ‚Vorwärts‘ völlig ohne + Interesse oder gar höchst anstoßerregend sind, haben künftighin aus + dem Zentralorgan fernzubleiben.“ + +Das Ansehen Dührings erlitt allerdings nicht lange nachher in den Augen +seiner sozialistischen Anhänger gründlich Schiffbruch. Das Benehmen des +Mannes wurde so autokratisch und an Größenwahn grenzend, daß sich einer +nach dem anderen von ihm zurückzog. + +Auf demselben Kongreß wurde von Vollmar — der damals zum erstenmal auf +einem Parteikongreß erschien — der Antrag gestellt und angenommen: + + „Um der Solidarität der Sozialisten aller Länder Ausdruck zu geben, + beschließt der Kongreß, den diesjährigen internationalen + Sozialistenkongreß zu Gent durch einen Delegierten zu beschicken. Das + Zentral-Wahlkomitee bestimmt den Delegierten.“ + +Grillenberger unterstützte den Antrag, dagegen mahnte Liebknecht +zur Vorsicht im Hinblick auf die in Belgien vorhandene +bakunistisch-anarchistische Strömung, die versuchen werde, den Kongreß +zu beherrschen. + +Ob der Kongreß zustande kam, ist mir nicht erinnerlich, jedenfalls +wurde er von uns nicht beschickt; der Partei erwuchsen mittlerweile im +Innern ernstere und kostspieligere Aufgaben. + + + + +Landtagswahl in Sachsen. — „Die Zukunft.“ + + +Im September 1877 gelang es uns in einem der Landtagswahlkreise +Leipzig-Land — 36. ländlicher Wahlkreis —, Liebknecht zum Abgeordneten zu +wählen. Die Parteigenossen hatten zunächst mir die Kandidatur angeboten, +ich lehnte aber ab, da ich unmöglich meinem Associé und meinem Geschäft +zumuten konnte, neben dem Reichstagsmandat auch ein Landtagsmandat zu +übernehmen. Bei der Prüfung der Wahl durch den Wahlkommissar stellte +sich heraus, daß Liebknecht noch nicht drei Jahre sächsischer +Staatsangehöriger war und somit zum Abgeordneten nicht gewählt werden +konnte. Die Wahl wurde für ungültig erklärt. Darauf stellten die +Parteigenossen des Wahlkreises den Parteigenossen Rechtsanwalt Otto +Freytag in Leipzig auf, der auch gewählt wurde. — + +Den 1. September trat Vahlteich seine achtzehnmonatige Haft in Zwickau +an, dem im nächsten Jahre Vollmar folgte. Am 1. Oktober erschien in +Berlin eine Monatschrift unter dem Titel „Die Zukunft“, zu deren +Erscheinen _Karl Höchberg_, der Sohn eines Frankfurter Bankiers, die +Mittel hergab. Höchberg hatte sich, ich möchte sagen aus +gefühlsphilosophischen Beweggründen der Bewegung angeschlossen; sein +Privatsekretär wurde Eduard Bernstein, der infolgedessen seine Stellung +in einem Berliner Bankgeschäft aufgab. Die unklare Stellung, die die +Zeitschrift sowohl in Anbetracht der Anschauungen ihres Gründers und des +Kreises ihrer Mitarbeiter, in dem alle Richtungen in der Bewegung +vertreten waren, zum wissenschaftlichen Sozialismus, wie ihn Marx und +Engels begründet hatten, einnahm, hatten von vornherein das Mißtrauen +der beiden Alten in London geweckt, ein Mißtrauen, das um so lebhafter +wurde, als der Gang der Ereignisse und die finanzielle Not, in die dabei +die Partei geriet, die finanzielle Opferwilligkeit Höchbergs nach +vermiedenen Richtungen in hohem Grade in Anspruch nahm. Marx und +Engels, die die Dinge nur aus der Ferne sahen, Personen und Verhältnisse +nicht näher kannten, sahen in dieser Opferwilligkeit Höchbergs schlaue +Berechnung, einen kaltblütig ausgeheckten Plan, die Partei auf Abwege zu +bringen, sie ihrer Aufgabe zu entfremden. + +Das war eine durchaus irrige Auffassung. Höchberg hat nie den Versuch +gemacht, seine finanziellen Mittel im Sinne der befürchteten +Bestrebungen anzuwenden oder die Unterstützung derselben zur Bedingung +seiner Hilfsleistungen zu machen. Er gab aus gutem Herzen und aus +Interesse für die Sache, und nie, ohne mich oder andere Freunde, Geib, +Liebknecht usw., zu Rate zu ziehen. Aber der Versuch, das Mißtrauen +gegen Höchberg bei den Londonern zu beseitigen, gelang erst, als ich +mich entschloß, mit Bernstein nachmals den in der Partei berühmt +gewordenen „Kanossagang“ im Spätherbst 1880 anzutreten, um Marx und +Engels klaren Wein einzuschenken. Darüber im nächsten Bande. + +Ich selbst schrieb mehrere Artikel für die „Zukunft“, so einen über das +Proportionalwahlrecht, eine Frage, die damals in der Partei noch wenig +erörtert worden war. Die für mich selbstverständliche Art, wie dieses +Wahlsystem ausgeführt werden müsse und tatsächlich auch nachher in der +Praxis angewendet wurde, fand anfangs bei dem Hauptvertreter dieses +Wahlsystems in der Schweiz, unserem altbewährten Genossen Karl Bürkli, +einigen Widerspruch. Aber als ich mich im Herbst 1901 nach einem +Mittagessen bei Professor Dodel in Zürich von ihm verabschiedete, +äußerte Bürkli: Bebel, wir werden uns nicht mehr wiedersehen — er ging +ins 79. Lebensjahr —, aber eins will ich Ihnen noch sagen, Ihr +Vorschlag, den Sie seinerzeit in der „Zukunft“ machten über die +Ausführung des Proportionalwahlrechts, ist der richtige. Wenige Monate +später starb Bürkli; er hatte sein baldiges Ende richtig vorausgesehen. + + + + +Wieder reif fürs Gefängnis. + + +Am 12. Juni 1877 stand endlich auch ich vor der berüchtigten siebenten +Deputation des Stadtgerichts in Berlin als Angeklagter. Tessendorf hatte +in meiner Broschüre nicht weniger als drei Bismarckbeleidigungen +entdeckt, außerdem, wie ich schon erwähnte, eine Verletzung des § 131 +des Strafgesetzbuchs gefunden. Bismarck hatte bereitwillig den +Strafantrag gestellt. Es war richtig, ich hatte den Reichskanzler etwas +unsanft angefaßt. Als ich die Broschüre schrieb, wurmte mich noch immer +die beleidigende Rede, die er mir Anfang 1876 im Reichstag ins Gesicht +geschleudert hatte, auf die zu antworten mich die Mehrheit durch +Annahme eines Schlußantrags verhindert hatte. Wäre ich damals +ausführlich zum Wort gekommen, höchst wahrscheinlich wäre mir die +Reichskanzlerbeleidigung erspart geblieben, denn es waren die Vorgänge +im Reichstag, auf die ich in den Angriffen auf Bismarck in meiner +Broschüre Bezug nahm. Außerdem hatte ich in einem Angriff auf die +Nationalliberalen diese gehöhnt, daß sie sich vom Reichskanzler +hausknechtmäßig behandeln ließen, und dachte gar nicht daran, damit eine +Beleidigung Bismarcks begehen zu wollen. Es war eben die Zeit, in der +der Abgeordnete Bamberger in einem Augenblick anerkennenswerter +Selbsterkenntnis wegen seiner und seiner Freunde Behandlung durch den +Reichskanzler das Wort geprägt hatte: _Hunde sind wir ja doch_! + +Die Verletzung des § 131 des Strafgesetzbuchs wurde in der scharfen +Kritik gefunden, die ich dem Militarismus hatte angedeihen lassen, die +aber ganz den von uns vertretenen Anschauungen entsprach. Ich empfand es +als eine persönliche Beleidigung, daß man mich anklagte, erdichtete oder +entstellte Tatsachen, wissend, daß sie erdichtet oder entstellt sind, +öffentlich behauptet und verbreitet zu haben, um damit die Einrichtungen +des Militarismus verächtlich zu machen; denn was ich geschrieben hatte, +entsprach meinem Standpunkt und meiner Ueberzeugung. + +Tessendorf als öffentlicher Ankläger machte sich sein Amt sehr leicht, +er kannte ja genügend die siebente Deputation. Nonchalant, als pflege er +eine private Unterhaltung, stand er vor dem Gerichtshof, die eine Hand +in der Tasche einer hellgestreiften Sommerhose — die heute übliche +Amtskleidung wurde erst später eingeführt —, angetan mit einem schäbigen +schwarzen Frack, und beantragte nach einer kaum fünf Minuten langen Rede +9 Monate wegen Beleidigung des Reichskanzlers und 5 Monate wegen der +Verletzung des § 131 des Strafgesetzbuchs, also 14 Monate Gefängnis, die +er auf ein Jahr Gefängnis zusammenzuziehen vorschlug. + +Die Art, wie Tessendorf die Sache behandelte, brachte mich noch mehr in +Erregung, als es ohnedem schon der Fall war. Ich verteidigte mich +selbst. In anderthalbstündiger Rede suchte ich die Anklage Punkt für +Punkt zu widerlegen. Wolle man aus meiner Broschüre eine Beleidigung des +Reichskanzlers herauslesen, dann müßten die Umstände berücksichtigt +werden, unter denen ich zu meinen Ausführungen gekommen sei, und in +Anbetracht dieser sei das beantragte Strafmaß viel zu hoch. Eine +Verletzung des § 131 liege aber in allewege nicht vor. Ich betrachtete +es als unerhört, mich auf diesen Paragraphen hin anzuklagen, da es doch +gerichtsnotorisch sein müsse, daß die obendrein mit Tatsachen und +Zitaten wissenschaftlicher und militärischer Autoritäten begründeten +Ausführungen nur meinem Parteistandpunkt und meiner Ueberzeugung +entsprächen. + +Ich glaube, ich hielt eine sehr gute Rede, aber sie würde auch keinen +Eindruck auf die Richter gemacht haben, wenn deren Aufmerksamkeit nicht +durch ein ausgebrochenes Hagelwetter, dessen Körner gegen die +Fensterscheiben trommelten, in Anspruch genommen gewesen wäre. Die +Frage, in welchem Augenblick wohl die Fensterscheiben durch die +Hagelkörner zertrümmert würden, war den Richtern offenbar wichtiger als +meine schönen Ausführungen. Der Gerichtshof zog sich zurück, da +Tessendorf es nicht der Mühe wert fand, mir zu antworten, und verkündete +nach kurzer Beratung in allen Fällen meine Verurteilung zu neun Monaten +Gefängnis. + +Ich appellierte, und die Sache kam am 28. Oktober vor dem Kammergericht +zur Verhandlung. Hier führte Staatsanwalt Groschuff die Anklage. Im +Laufe seiner Rede machte er geltend, daß ich schon wegen meiner +Vorstrafen keine milde Verurteilung verdiente; er beantragte Bestätigung +des Urteils der ersten Instanz. + +Ich verteidigte mich wiederum selbst. In einstündiger Rede wendete ich +mich gegen die Ausführungen des Staatsanwalts. Seine Bemerkung, daß ich +quasi wegen Rückfälligkeit härter bestraft werden müßte, hatte mich +besonders gereizt. Ich protestierte, daß man einen Angeklagten, der im +Kampfe für seine Ueberzeugungen wiederholt mit dem Strafrichter +Bekanntschaft gemacht habe, mit einem gemeinen Verbrecher — einem Diebe +oder Betrüger im Rückfalle — auf gleiche Stufe stelle. Der gemeine +Verbrecher handle gegen das Gesetz, um einen persönlichen Vorteil zu +erlangen, also aus _Eigennutz_, der politische „Verbrecher“, der, +geschehe es in Verteidigung oder Propagierung seiner Ansichten, gegen +das Gesetz verstoße, handle aus _Idealismus_. Ihm gebühre für die +unentwegte Vertretung seiner Anschauungen nicht verschärfte Strafe, +sondern Anerkennung. Kein politischer „Verbrecher“ werde wegen der +Vertretung seiner Ueberzeugungen, die ihn mit dem Strafgesetz in +Konflikt brächten, gesellschaftlich mißachtet, wie das mit dem gemeinen +Verbrecher wohl die Regel sei. Der politische Verbrecher gewinne sogar +an Ansehen in den Augen seiner Gesinnungsgenossen. + +In meiner weiteren Rede legte ich den Schwerpunkt auf die Anklage wegen +Verletzung des § 131 des Strafgesetzbuchs. Ich erreichte damit, daß der +Vorsitzende des Gerichtshof sieben Seiten meiner Schrift, die Urteile +über den Militarismus enthielten, vorlesen ließ. Das Endresultat war: +ich wurde von der Anklage, den § 131 verletzt zu haben, freigesprochen, +aber wegen Beleidigung Bismarcks zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. + +Hinzufügen möchte ich hier, daß, als einige Monate später, im Dezember, +der konservative Sozialpolitiker Dr. Rudolf Meier ebenfalls wegen +Bismarckbeleidigung von dem Kammergericht zu einem Jahre Gefängnis +verurteilt wurde, derselbe Staatsanwalt Groschuff, der die Anklage auch +gegen mich geführt hatte, jetzt äußerte: _er hege den Wunsch, dieses +möge der letzte Bismarckbeleidigungsprozeß sein_. Diese hörten aber erst +auf, als Bismarck aufhörte, Reichskanzler zu sein, das heißt dreizehn +Jahre später. + +Da es mir sehr darum zu tun war, in Rücksicht auf meine Familie und mein +Geschäft, meine Haft in Leipzig zu verbüßen, hier aber nach den +ministeriellen Vorschriften nur Haftstrafen bis zum Höchstmaß von fünf +Monaten erledigt werden konnten, wandte ich mich an die zuständige +Stelle mit der Frage: ob ich eventuell für die Verbüßung einer +fünfmonatigen Haft im Leipziger Gefängnis zugelassen würde. Nachdem +dieses bejaht worden war, begab ich mich nach Berlin zu dem Vorsitzenden +der siebenten Deputation, Reich, und ersuchte diesen, zu gestatten, daß +ich nach Verbüßung einer einmonatigen Haft in Plötzensee die restlichen +fünf Monate im Leipziger Bezirksgerichtsgefängnis verbringen könne. Zu +meiner nicht geringen Verwunderung empfing er mich mit ausgesuchter +Höflichkeit und erklärte seine Zustimmung zu meinem Antrag. + +Darauf trat ich am 23. November meine Haft in Plötzensee an. Die +Prozedur der Aufnahme war eine sehr umständliche und widerwärtige. Als +ich dem Arbeitsinspektor vorgeführt wurde, empfing mich dieser mit den +Worten: Nun, Herr Bebel, wie es in der Bastille am Plötzensee aussieht, +werden Sie aus Mosts Schrift ersehen haben. Ich antwortete: Ich hätte +zwar die Schrift gelesen, aber das sei schon längere Zeit her, ich bäte +ihn, mich zu informieren. Nun brach bei ihm der offenbar schon lange +verhaltene Grimm gegen Most los. Er verstehe, daß der Gefangene in den +Beamten seine Feinde sehe und sich hinter deren Rücken an Vorteilen zu +verschaffen suche, was ihm möglich sei, aber dann sich nachher auf den +Markt zu stellen und auszuschreien, wie man die Beamten hintergangen +oder diese zu Konzessionen verleitet habe, sei eine Gemeinheit und eine +Dummheit. Er erzählte alsdann, welche Wirkung und welche Folgen die +Mostsche Schrift nach ihrer Veröffentlichung unter den Beamten in +Plötzensee hervorgerufen habe. Er schloß seine erregten +Auseinandersetzungen mit den Worten: Most soll uns nur mal wieder +zwischen die Finger kommen, dem wollen wir seine Indiskretionen +eintränken. + +Und er kam ihnen bald genug wieder zwischen die Finger, und sie habend +ihm tüchtig eingetränkt. Einen Vorgeschmack bekam Most von dem, was ihn +gegebenenfalls erwartete, daß, als er mir in Plötzensee einen Besuch +machen wollte, er kurzerhand abgewiesen wurde. + +Ich erlangte das Recht, mich literarisch beschäftigen zu dürfen und bis +abends 10 Uhr Licht zu brennen. Marx' „Kapital“ und verschiedene andere +sozialistische Schriften wurden mir fortgenommen, als wenn an mir noch +etwas zu verderben gewesen wäre. Und da der Arbeitsinspektor absolut +verlangte, daß ich mich nicht bloß mit dem Studium von Büchern abgeben +dürfe, sondern auch irgendeine literarische Arbeit vorzeigen müsse, +setzte ich mich hin und schrieb ein kleines Broschürchen, das unter dem +Titel erschien: „Frankreich im achtzehnten Jahrhundert.“ + +Selbstbeköstigung gab es nicht, die war Börsenjobbern, die wegen +Gaunereien in Plötzensee Quartier bezogen hatten, gewährt worden, +politischen Gefangenen nicht. Was aber dem Gefangenen die magere Kost +noch besonders verleidete, um nicht zu sagen verekelte, war der +feststehende Küchenzettel, das heißt die in einer Woche morgens, mittags +und abends verabreichte Kost kehrte fast in derselben Reihenfolge Woche +für Woche, Tag für Tag wieder. Ich verlor in den nahezu zwei Monaten, +die ich in Plötzensee verbrachte, erheblich an Gewicht. Ich begriff +nicht, wie Anstaltsärzte eine solche Verpflegungsordnung zulassen +konnten. Auf meinen Antrag bewilligte mir der Arzt die sogenannte +Krankenkost. Danach erhielt ich dreimal in der Woche zu Mittag einen +Teller wirklich gute Fleischbrühsuppe, einen Sperling Fleisch, das auf +ein spitzes Holzstäbchen gespießt war, da man Messer und Gabel dem +Gefangenen nicht anvertraut, und Kartoffeln und Gemüse. Die Bezeichnung +Sperling rührte daher, daß das Stückchen Fleisch nach Form und Größe +einem gerupften Sperling ähnlich sah. + +Ich hatte darauf gerechnet, unmittelbar vor Weihnachten von Plötzensee +nach Leipzig übersiedeln und alsdann die Weihnachtsfeiertage bei meiner +Familie verbringen zu können. Von den acht Weihnachtsfesten, die bis +dahin mein Töchterchen erlebt hatte, hatte ich vier in den Gefängnissen +zugebracht. Ich hoffte, nicht das fünfte Mal die Weihnachtsfeier im +Gefängnis verbringen zu müssen. Es kam aber doch so. Auf meine +Anfrage bei der Leipziger Gefängnisverwaltung, ob ich nach den +Weihnachtsfeiertagen die Haft dort antreten könne, kam die Antwort, daß +dieses vorläufig nicht möglich sei, die Räume seien alle besetzt. Erst +am 18. Januar 1878 konnte ich nach Leipzig übersiedeln. + +Während meiner Haft in Plötzensee besuchte mich wiederholt der +Gefängnisgeistliche, um sich mit mir über die politischen Vorgänge zu +unterhalten. Mir war das Halten der „Vossischen Zeitung“ bewilligt +worden, deren sämtliche Tagesnummern ich aber regelmäßig erst am Ende +der Woche, am Sonntag, zugestellt erhielt. Most hatte um jene Zeit mit +der ganzen Leidenschaftlichkeit seines Temperaments eine öffentliche +Agitation für den Austritt aus der Landeskirche begonnen. Die von +ihm veranlaßten Volksversammlungen waren überfüllt und von +leidenschaftlicher Erregung getragen. Diese wuchs, als jetzt die neu +erstandene christlich-soziale Partei unter Führung des Hofpredigers +_Stöcker_ ebenfalls Versammlungen abhielt und Redner dieser Partei auch +in den Mostschen Versammlungen erschienen, dort aber, wie vorauszusehen +war, unter dem Jubel der Massen den kürzeren zogen. Diese Agitation rief +bei den Frommen im Lande eine ungeheure Aufregung hervor, die auch den +Gefängnisgeistlichen ergriffen hatte. Selbst der alte Kaiser sah sich +veranlaßt, als ihm zu seinem Geburtstag im März 1878 das Präsidium des +Landtags gratulierte, in seiner Antwort zu betonen: Die Religion muß dem +_Volke_ erhalten werden. + + + + +Innere Vorgänge. + + +Während ich hinter den Gefängnismauern Zeit zu allerlei Betrachtungen +hatte, spielten sich in und außerhalb der Partei eine Reihe Vorgänge ab, +die von besonderer Bedeutung waren. Im November hatten die Berliner +Genossen an Stelle der aufgelösten Organisationen einen Verein zur +Wahrung der Interessen der werktätigen Bevölkerung gegründet. Die +christlich-konservativen Staatssozialisten gründeten eine Wochenschrift, +„Der Staatssozialist“, an der als Mitarbeiter Professor Schäffle, +Professor v. Scheel, Bankier Samter, Professor Ad. Wagner, Pastor Tod, +Dr. Petermann-Dresden und andere tätig sein sollten. Die evangelischen +Sozialpolitiker wollten den katholischen nicht allein das Feld +überlassen, sondern unter den evangelischen Arbeitern vor der +Sozialdemokratie retten, was noch zu retten war. + +Auch in der großen Politik schienen Veränderungen bevorzustehen. Die +fortgesetzt steigenden Ausgaben des Reiches erforderten neue Einnahmen. +Die wachsenden Matrikularumlagen, durch die die Einzelstaaten das +Reichsdefizit zu decken hatten, wurde diesen angesichts des eigenen +steigenden Geldbedarfes für ihre innere Verwaltung immer lästiger. Die +gesteigerten Ausgaben aber auf dem Wege direkter Besteuerung zu decken, +davon wollte Bismarck am wenigsten wissen. Er haßte die direkten Steuern +und suchte sich persönlich nach Möglichkeit der Zahlung derselben zu +entziehen. Er hatte schon am 22. November 1876 im Reichstag sein +_Steuerideal_ entwickelt, wobei er ausführte: + + „Ich erkläre mich von Hause aus wesentlich für Aufbringung _aller_ + Mittel nach Möglichkeit für _indirekte_ Steuern, und halte die + direkten Steuern für einen harten und plumpen _Notbehelf_, nach + Aehnlichkeit der Matrikularumlagen, mit alleiniger Ausnahme, ich + möchte sagen einer _Anstandssteuer_, die ich von der direkten Steuer + immer aufrecht erhalten würde; das ist die Einkommensteuer der reichen + Leute ... wohlverstanden, der wirklich reichen Leute.... Ich kann die + Zeit kaum erwarten, daß der Tabak höhere Summen steuere, so sehr ich + jedem Raucher das Vergnügen gönne. Analog steht es auch mit dem Bier, + dem Branntwein, dem Zucker, dem Petroleum und allen diesen großen + Verzehrungsgegenständen, gewissermaßen den _Luxusgegenständen_ der + großen Masse.“ + +Ein großer Teil der Liberalen war geneigt, auf dem gleichen Wege die +Deckung der Mehrausgaben zu suchen. Da Bismarck um jene Zeit mit einem +Teil der konservativen Partei ein starkes Zerwürfnis hatte, andererseits +mit dem Zentrum noch immer in Fehde lebte, kam er auf den Gedanken, die +Nationalliberalen, die damals noch mit ihren nächsten Affiliierten die +stärkste Partei im Reichstag bildeten, dadurch an seine Politik zu +ketten, daß er mit ihrem Führer Herrn v. Bennigsen wegen dessen Eintritt +in das preußische Ministerium in Unterhandlungen trat. Bennigsen war +dazu geneigt, aber er hielt die Zustimmung der führenden Parteigenossen +zu diesem Schritt für notwendig. Unter dem Einfluß Laskers kam man +überein, dem Eintritt Bennigsens in das Ministerium nur zuzustimmen, +wenn neben Bennigsen auch der Bayer Freiherr v. Stauffenberg und Herr +v. Forckenbeck in das Ministerium Aufnahme fänden. Bennigsen allein +würde der wachsenden reaktionären und schutzzöllnerischen Strömung +gegenüber nicht gewachsen sein. Bismarck brachten diese Bedingungen +namentlich gegen Lasker in hellen Zorn, dem er vorwarf, ihm einmal +wieder in die Suppe gespuckt zu haben. Als dann der alte Kaiser von der +Kombination mit Bennigsen hörte, in dem er wegen seiner Haltung im Jahre +1866 gegen das hannoversche Herrscherhaus einen halben Hochverräter sah +und sich entschieden gegen Bennigsen als preußischen Minister erklärte, +fiel der ganze Plan ins Wasser. Bismarck vergaß den Nationalliberalen +nicht, was sie nach seiner Meinung gegen ihn gesündigt hatten, er nahm +bald darauf Rache an ihnen. + + * * * * * + +Ende des Jahres 1877 siedelte _Auer_ von Hamburg nach Berlin über, um +neben Most und anderen in die Redaktion der „Berliner Freien Presse“ +einzutreten. August Geib bemühte sich, an Auers Stelle Julius _Motteler_ +zum Eintritt als Sekretär in das Zentralwahlkomitee zu gewinnen. +Motteler, der aus privaten Gründen 1876 aus der Leitung der Leipziger +Genossenschaftsbuchdruckerei ausgetreten war, lehnte aber ab. + +Bald darauf erlebte Berlin zwei Vorgänge, die die gesamte +Oeffentlichkeit in Spannung versetzten. Am 7. März 1878 starb der Faktor +der Berliner Assoziationsbuchdruckerei August Heinsch und wurde am 10. +März beerdigt. Heinsch war kein Redner, aber er war ein vorzüglicher +Organisator, in dessen Händen alle Fäden der Berliner Bewegung +zusammenliefen, und er hatte sich wegen seiner Unermüdlichkeit, trotz +seines leidenden Zustandes — er starb an der Schwindsucht — zu helfen und +zu raten, wo er konnte, die allgemeinste Sympathie der Berliner Arbeiter +erworben. Das Leichenbegängnis gestaltete sich zu einer großen +sozialdemokratischen Demonstration, wie sie bis dahin Berlin noch nicht +gesehen hatte. Der Polizeipräsident bewies sein Verständnis für die +Bewegung dadurch, daß er die Mitnahme von Fahnen im Zuge, auch wenn sie +verhüllt waren, verbot. + +Die Demonstration hatte durch die Ruhe und Ordnung, mit der sie +verlief, den Gegnern so imponiert, daß der „Kladderadatsch“ sich zu +folgendem Gedicht verstieg. + + „_Für die Sozialdemokratie._ + Daß neulich Zucht und Ordnung sie gehalten + Bei ihrem Aufzug, laßt es uns gestehn. + Ein gleicher Geist der Ordnung möge walten + Bei uns, wenn wir in solchen Massen gehn! + Wir wollen gern den Beifall ihnen zollen, + Der ungerecht nur scheint den Toren. + Es sind verloren, + Die nicht vom Gegner lernen wollen.“ + +Wenige Wochen später sah Berlin ein zweites, womöglich noch größeres +Leichenbegängnis. Paul Dentler, der verantwortliche Redakteur der +„Berliner Freien Presse“, war ebenfalls an der Schwindsucht, aber unter +so empörenden Umständen gestorben, daß ein Sturm der Entrüstung die +Partei in Berlin und in ganz Deutschland ergriff. Dentler war wie +Heinsch ein noch junger Mann, der mir in meiner Prozeßangelegenheit +bereitwilligst eine Reihe kleiner Dienste erwiesen hatte. Eine hoch +aufgeschossene schlanke Gestalt mit der bleichen Gesichtsfarbe und der +zarten durchsichtigen Haut, wie sie Schwindsüchtige öfter zu haben +pflegen, war er in seinem ganzen Wesen die personifizierte +Liebenswürdigkeit und Gefälligkeit. + +Dentler war am 18. Januar unter der Anklage, mehrere +Majestätsbeleidigungen und sonstige Vergehen in der „Berliner Freien +Presse“ begangen zu haben, in schwer krankem Zustand in +Untersuchungshaft genommen und am 7. Februar von der siebten Deputation +zu 21 Monaten Gefängnis verurteilt worden, wogegen er die Berufung +anmeldete. Dentler beantragte alsdann mit Hinweis auf seinen schwer +kranken Zustand seine Entlassung aus der Untersuchungshaft, die infolge +der Berufung fortdauerte. Das Gericht forderte den Gefängnisarzt zur +Begutachtung des Falles auf. Woche um Woche verging; Dr. Lewin, so hieß +der Ehrenmann, ließ sich ab und zu einmal in der Zelle sehen, fragte +Dentler, wie es ihm gehe, und verschwand wieder. Alles, was Dentler +schließlich erreichte, war, daß er kurz vor seinem Tode aus der +Stadtvogtei in die Gefangenenabteilung der Charité gebracht wurde. + +Von hier schrieb _Dentler_ der Redaktion der „Berliner Freien Presse“: + + „Mein Zustand verschlimmert sich jeden Tag, nach Verlauf einer Woche + erinnere ich (an den Antrag auf Entlassung) — vergebens. Eine zweite + Woche bricht an, geht zu Ende und am letzten Tage derselben — vierzehn + Tage nach meinem Antrage — erscheint der Medizinalrat Wolff.... Nach + einer sehr sorgfältigen Untersuchung geht Herr Wolff, nachdem er sich + sehr bedenklich über meinen Zustand ausgesprochen hat. — Seit jener + Untersuchung sind wiederum volle acht Tage verflossen, ich bin nach + wie vor im unklaren über mein Schicksal, die siebte Deputation hat + seitdem drei Sitzungen gehalten und ich — nun ich habe heute nachmittag + in der Spazierstunde Blut gespien, nach meinen bisherigen Erfahrungen + ein Vorbote starker, in kurzer Zeit darauf folgender Lungenblutungen. + Daß ich jetzt eine Lungenblutung vom Schlage der beiden erlebten + überstehen würde, halte ich einfach für unmöglich.“ + +Und der vorausgesagte Blutsturz kam. Am 24. April war _Dentler_ eine +Leiche. Am 28. April fand seine Bestattung unter immenser Beteiligung +statt; sie war ein flammender Protest gegen die ihm widerfahrene +Behandlung. Wiederum war das Bürgertum erstaunt und erschreckt über die +Massen, die Dentler zu Grabe geleiteten. Dieser Ueberraschung gab jetzt +die „Magdeburger Zeitung“ mit den Worten Ausdruck: + + „Wer spricht noch von Arbeiterbataillonen Berlins angesichts dieses + Leichenaufgebots? Das sind Regimenter, Brigaden, Divisionen, ja mehr, + das sind ganze Armeekorps, welche ihrem sicherlich um die Sache + hochverdienten Toten die letzte Ehre erwiesen.“ + +Seitdem hat Berlin noch manchen sozialdemokratischen Leichenzug gesehen, +größer als jenen der Heinsch und Dentler, die der bürgerlichen Welt ein +_mene tekel upharsin_ zuriefen. + + + + +Der Reichstag Frühjahr 1878. + + +Mittlerweile war der Reichstag zum 6. April 1878 einberufen worden. Ich +war durch meine Haft wieder von seinen Beratungen ausgeschlossen. Ein +Antrag auf meine Beurlaubung hatte wie früher einen negativen Erfolg. + +Die Fraktion war sehr fleißig in der Stellung von Anträgen. Sie +beantragte die Abänderung des Artikels 31 der Verfassung — Freilassung +der Abgeordneten auch aus der Strafhaft —, Aenderung des +Reichstagswahlgesetzes: Einführung der Kuverts, Wahltag am Sonntag, +gesetzliche Festlegung der Zahl und des Umfanges der Wahlkreise nach +jeder Volkszählung, Aenderung der Bestimmungen des Strafgesetzbuchs in +bezug auf Wahlbeeinflussungen; einen Gesetzentwurf betreffend das +Vereins- und Versammlungsrecht, Antrag auf Aenderung des +Freizügigkeitsgesetzes — Einschränkung der Ausweisungen —, Anträge zu dem +Bericht der Kommission über die Einführung der Gewerbegerichte, Anträge +zu dem von den Regierungen eingebrachten Gesetzentwurf betreffend +Aenderung der Gewerbeordnung. + +Bei einer der in jener Zeit öfter vorkommenden Sozialistendebatten +erlaubte sich Bismarck den Scherz: er wolle mir einen polnischen Bezirk +zum Musterversuch für sozialistische Experimente überlassen. Da ich +hinter Schloß und Riegel saß, konnte ich ihm auf diesen Scherz nicht +gebührend antworten. + +Als ich vernahm, daß Motteler zur Frage der Fabrikarbeit der Kinder +sprechen wolle, schrieb ich ihm am 12. Februar: + + „Gestern sagte mir Dr. Glattstern, daß Du ihn wegen Beschaffung von + Material in bezug auf Kindersterblichkeit angegangen habest. Wenn Du + dies in Rücksicht auf die Einschränkung der Kinderarbeit durch die + Gewerbeordnungsnovelle getan, dürfte es sich empfehlen, von + Zahlenmaterial, da es meines Wissens in brauchbarer Weise nicht + vorhanden ist, abzusehen. Die große Kindersterblichkeit ist notorisch, + auch in den späteren Jahren, aber es muß beachtet werden, daß neben + der Fabrikarbeit auch elende Wohnung, elende Nahrung und elende Pflege + während der Krankheiten sehr ins Gewicht fallende Faktoren sind. + Willst Du dagegen die große Kindersterblichkeit in den ersten + Lebensjahren auf die Beschäftigung der Mütter in den Fabriken mit + zurückführen, so ist das unzweifelhaft gut und hierfür kein besseres + Beispiel anzuführen als die Zeit der Baumwollenkrise in England, + während des amerikanischen Bürgerkriegs, in der die Kinder bedeutend + weniger starben, weil sie jetzt infolge der mangelnden Arbeit für die + Mütter die Mutterbrust erhalten konnten (siehe Marx' Kapital). + + Ich glaube, Du tust am besten, hier einfach auf die physischen und + moralischen Nachteile dieser Arbeit an und für sich und in Verbindung + damit auf die Zerrüttung des Familienlebens hinzuweisen, das die + Fabrikarbeit der Mütter hervorruft, und appellierst an das Gefühl der + Gegner, was sie sagen würden, wenn ihren Frauen und Kindern solche + Zumutungen gemacht würden. Daneben wäre die perfide Art, wie die + Reichsregierung im Interesse der Fabrikanten die größere Ausbeutung + ermöglicht, gebührend zu brandmarken. + + Hierbei wäre aber ein neuer guter Gedanke in aller Form zum Austrag zu + bringen. Mache das gänzliche Verbot der Kinder- und eine wesentliche + Einschränkung der Frauenarbeit den Fabrikanten die Konkurrenz des + Auslandes schwer, so solle das Mittel ergriffen werden, das die + Regierung auch schon auf anderen Gebieten mit Erfolg ergriffen hat, + _der Abschluß bezüglicher internationaler Verträge_. Sie würde hierbei + nicht nur die öffentliche Meinung Deutschlands wie in kaum einer + anderen Frage auf ihrer Seite haben, sondern auch die Sympathien der + arbeitenden Klassen des Auslandes. Der moralische Druck eines solchen + Vorgehens würde so groß, daß jede Regierung gezwungen würde, auf + solche Vorschläge einzugehen. + + Ich glaube, mit diesem Trumpf könnten wir sehr viel gewinnen. + + Ihr könntet zu dem Antrag von Schulze-Delitzsch, Nr. 11 der + Drucksachen, betreffend das Genossenschaftsgesetz, einige weitere + Anträge bringen, zum Beispiel auf Einführung der beschränkten + Haftpflicht, analog dem früheren sächsischen Genossenschaftsgesetz. + Auch müssen einige Schulzesche Anträge entschieden bekämpft werden. + Ich stelle mein Exemplar des Berichts zur Verfügung, worin ich zu den + Materien die Bemerkungen, die weiter ausgesponnen werden könnten, + angebracht habe. _Auer_ oder wer sonst Lust hat, könnte dieses Kapitel + übernehmen. + + Ich werde gelegentlich den Bericht (Aktenstück Nr. 11) hinausgeben, + bitte aber mir ihn aufzubewahren und zurückzugeben.“ + + + + +Im Leipziger Gefängnis und was währenddem geschah. + + +Die Muße im Gefängnis benutzte ich, um unter anderem im „Vorwärts“ einen +Artikel für die Gründung einer allgemeinen Parteibibliothek (Archiv) +Stimmung zu machen. Die Ereignisse der nächsten Monate verhinderten, den +Plan weiter zu verfolgen. Ich habe dann den Gedanken später im Züricher +„Sozialdemokrat“ aufs neue angeregt und jetzt nahm sich der +Parteigenosse Schlüter, der in der Buchhandlung des „Sozialdemokrat“ +beschäftigt war, der Ausführung des Gedankens an. Die Gründung des +Parteiarchivs erfolgte. + +Des weiteren arbeitete ich an der Vollendung meines Buches „Die Frau und +der Sozialismus“, das im folgenden Jahre in der ersten Auflage +erscheinen konnte. Auch schrieb ich ein Broschürchen „Das +Reichsgesundheitsamt und sein Programm“, in dem ich die +sozialhygienischen Aufgaben erörterte, die nach meiner Ansicht das +Reichsgesundheitsamt lösen müsse, wolle es seinem Namen und seiner +Stellung gerecht werden. + +Meine diesmalige Leipziger Haft gab mir auch die Gelegenheit, einem Teil +meiner Mitgefangenen zu einer kleinen Verbesserung ihrer Lage zu +verhelfen. Zu jener Zeit hatte noch die Oberleitung im Gefängnis ein +alter Inspektor, von dem die Sage ging, daß er in seiner Stellung ein +reicher Mann geworden sei dadurch, daß er den Gefangenen, die im Besitz +von Geld waren, Eßwaren und Getränke zu einem Preise verkaufte, der ihm +einen hohen Nutzen abwarf. Weiter erfuhr ich in der Privatunterhaltung +mit meinem Aufseher, der froh war, wenn ich mit ihm eine Weile +plauderte, daß der Inspektor auch nach anderer Richtung sich an den +Gefangenen verging. So sparte er an Handtüchern und Seife, mit denen die +Gefangenen doppelt so lange aushalten mußten, als vorgeschrieben war. +Die Gefangenen erhielten ihr Mittagessen in Steinkrügen. Daß ab und zu +einer derselben zerbrach, war selbstverständlich. Der Inspektor sorgte +aber nicht für Ersatz, sondern ein Teil der Gefangenen mußte warten bis +der andere Teil gegessen hatte, und dann wurde die mittlerweile kalt +gewordene Speise in den unausgewaschenen Krügen dem anderen Teil +überreicht. + +Diese Mitteilungen erregten meinen Zorn. Ich faßte nunmehr einen Plan, +um dem Inspektor sein Treiben zu legen. Ich setzte mich hin und schrieb +eine Beschwerde an den Direktor des Gerichts, dem damals die +Oberaufsicht über das Gefängnis oblag, worin ich die ganzen ungehörigen +Vorgänge schilderte, aber in der Rolle eines Mannes, der eben als +Gefangener das Gefängnis verlassen und die Ungehörigkeiten des +Inspektors am eigenen Leibe zu spüren bekommen habe, denn ich wurde ja +davon nicht betroffen. Natürlich mußte dieses Schreiben anonym abgehen. + +Als meine Frau mir ihren nächsten Besuch machte, der nur in Gegenwart +des Inspektors stattfinden konnte, drückte ich ihr heimlich einen Zettel +in die Hand, in der ich sie bat, an einem bestimmten Abend Punkt 1/2-10 +Uhr durch die Straße zu gehen, nach der mein Zellenfenster mündete, ich +würde ihr alsdann einen Brief hinunterwerfen, den sie von unbekannter +Hand solle abschreiben lassen und an den Gerichtsdirektor senden. So +geschah es. Als meine Frau mit ihrem Töchterchen auf der Straße +erschien, warf ich ihr aus dem dritten Stock das ziemlich stark +gewordene Briefpaket hinunter, das bei der Stille in der Straße mit +großem Geräusch auf das Pflaster klatschte. Meine Frau hob eilig das +Paket auf und eilte fluchtartig mit ihrem Töchterchen von dannen, sie +glaubten einen Mann hinter sich kommen zu hören und befürchteten, sie +würden verfolgt. Einige Tage später stürzte der Aufseher in großer +Aufregung in meine Zelle und erzählte: den Vormittag habe es zwischen +dem Direktor und dem Inspektor einen heftigen Auftritt gegeben. Der +Alte — wie er den Inspektor bezeichnete — sei zum Direktor befohlen worden +und dieser habe ihm aus einem Briefe, den ein entlassener Gefangener +geschrieben habe, alle seine Sünden vorgerückt und ihm furchtbar den +Marsch geblasen. Der Alte sei ganz aufgeregt zu ihnen, den Aufsehern, +gekommen und habe sofort Order für Abstellung der Uebelstände gegeben. +Der Aufseher erzählte mir das mit großer Genugtuung, selbstverständlich +hütete ich mich, ihn merken zu lassen, wer der Briefschreiber gewesen +war. + + * * * * * + +Anfang Mai veröffentlichte das Zentralwahlkomitee einen Ausruf für die +Abhaltung eines Sozialistenkongresses, der in der Zeit vom 15. bis 18. +Juni abermals in Gotha stattfinden sollte. Unter den Punkten der +Tagesordnung befand sich als Punkt 3: Beratung über die Stellung der +Sozialdemokratie zum Staats- und Gemeindebetrieb, für den ich mit +Rittinghausen als Berichterstatter angemeldet wurde. Den Anstoß zu +diesem Beratungspunkt gab der Bismarcksche Plan, die Eisenbahnen in +Reichsbesitz zu bringen, ferner das Tabakmonopol einzuführen, ein Plan, +der damals zwar noch nicht öffentlich erörtert worden war, aber es war +durchgesickert, daß in den Verhandlungen Bismarcks mit Herrn v. +Bennigsen das Tabakmonopol eine Rolle gespielt habe. Auch hatte unser +Parteigenosse Rittinghausen sich für die Verstaatlichung des +Versicherungswesens öffentlich ausgesprochen und damit in der Partei +nicht überall Zustimmung gefunden. + +Der geplante Kongreß kam aber nicht mehr zur Ausführung, die +eintretenden Ereignisse machten ihn unmöglich. + + + + +Das Hödel-Attentat und seine Folgen. + + +Am 12. Mai wurde mir in meine Zelle die Nachricht, die mich im höchsten +Grad überraschte, überbracht, daß am Tage zuvor, nachmittags 3 Uhr, ein +gewisser Hödel aus Leipzig, der Sozialdemokrat wäre, ein Attentat auf +den alten Kaiser gemacht habe, der aber unverwundet geblieben sei. Mir +erschien der Vorgang zunächst unerklärlich. Der Name Hödel _alias_ +Lehmann war mir bekannt. Hödel war das Jahr zuvor in Leipzig in der +Partei aufgetaucht. Persönlich kannte ich ihn nicht. Da er keine Arbeit +hatte, vielleicht auch keine nehmen wollte — er hatte als Klempner +gelernt —, hatte er sich mit der Verbreitung unseres Leipziger +Lokalorgans, „Die Fackel“, und mit dem Verkauf sozialistischer Schriften +beschäftigt. Aber er erwies sich bald als Schwindler. Er unterschlug die +eingenommenen Gelder, was die Expedition der „Fackel“ schon am 5. April +veranlaßte, bekannt zu machen, daß Hödel der Vertrieb des Blattes +entzogen worden sei. Ferner hatte einige Tage später die Leipziger +Parteimitgliedschaft beschlossen, Hödels Ausschließung aus der Partei zu +beantragen, und in der Tat hatte das Zentralwahlkomitee den Ausschluß +Hödels aus der Partei am 9. Mai, also zwei Tage vor seinem Attentat, +öffentlich im „Vorwärts“ bekannt gemacht. + +Hödel hatte sich alsdann, nachdem er bei uns unmöglich geworden war, an +den nationalliberalen Agitator Sparig und die Redaktion des +nationalliberalen „Leipziger Tageblatts“ gewendet und lieferte diesen +für Geld eine Reihe unwahrer und übertriebener Anklagen gegen die +Partei, die das „Leipziger Tageblatt“ gegen uns ausschlachten versuchte. +Nachdem er in Leipzig seine Mission gegen die Partei erfüllt hatte, +suchten ihn Sparig und Konsorten los zu werden; sie gaben ihm das Geld +zur Reise nach Berlin. Hier angekommen, hielt er es mit beiden Lagern. +Er trat in einen sozialdemokratischen Verein und gleichzeitig in die +christlichsoziale Partei des Hofpredigers Stöcker ein, um den sich +damals eine große Zahl katilinarischer Existenzen aus den +verschiedensten Schichten gesammelt hatte. So auch der Schneider +Grüneberg, der zwei Jahre zuvor in Stuttgart und München von der +sozialdemokratischen Partei wegen Betrügereien ausgeschlossen worden +war. Grüneberg, der später auch von Stöcker gegangen wurde, verriet, daß +neben Hödel auch Dr. Nobiling, der spätere zweite Attentäter auf den +Kaiser, Mitglied der christlichsozialen Partei gewesen war. Er, +Grüneberg, habe auf Geheiß des Hofpredigers eine neue Mitgliederliste +anfertigen müssen, in der der Name Nobilings fehlte. In Berlin hatte +Hödel sowohl sozialdemokratische wie christlichsoziale Blätter und +Schriften, so den „Staatssozialist“ und ein Flugblatt „Ueber die Liebe +zu König und Vaterland“ verbreitet. Als er verhaftet wurde, fand man +auch Photographien von Liebknecht, Most und mir bei ihm, mit denen er +handelte. Ueber die moralische Qualifikation dieses Menschen konnte wohl +kein Zweifel bestehen. + +Sobald Bismarck die Nachricht von dem Hödelattentat in Friedrichsruh +erhielt, telegraphierte er nach Berlin: _Ausnahmegesetz gegen die +Sozialdemokratie_, woraus ersichtlich war, wie gierig er auf irgend eine +Gelegenheit wartete, der verhaßten Partei womöglich den Todesstoß zu +versetzen. Anfangs nahmen die Oeffentlichkeit und die Presse die +Nachricht von dem Attentat ziemlich kühl auf. Als einzelne Blätter den +Versuch machten, die Sozialdemokratie für das Attentat verantwortlich zu +machen, wies der offiziöse Hamburger Korrespondent in einem Artikel +nach, daß binnen 78 Jahren 35 Meuchelmorde und Meuchelmordversuche gegen +hervorragende politische Peinlichkeiten vorgekommen seien, und zwar von +Angehörigen der verschiedensten Parteien. Die Anklage, der politische +Meuchelmord sei am Holze der Sozialdemokratie gewachsen, sei unhaltbar. +Auch im Reichstag faßte man den Vorgang zunächst noch so kühl auf, daß +ein Antrag von uns auf Einstellung eines Strafverfahrens gegen Most am +14. Mai ohne jede Debatte angenommen wurde. + +Bei seiner ersten Vernehmung bestritt Hödel, daß er auf den Kaiser habe +schießen wollen, er habe vielmehr die Absicht gehabt, Selbstmord zu +begehen als Zeichen der Erbärmlichkeit unserer Zustände, die ihn dazu +genötigt hätten. Dafür sprach, daß, als er verhaftet wurde, er keinen +Pfennig in der Tasche hatte und daß der Revolver, den er benutzte, ein +elendes Ding war, der, wie der Büchsenmacher, der ihn untersuchte, +feststellte, auf wenige Schritte sein Ziel verfehlen mußte. Es wurde +weiter festgestellt, daß Hödel als uneheliches Kind seiner Mutter, die +einen Lehmann geheiratet hatte, weshalb er sich auch zeitweilig Lehmann +nannte, eine schlechte Erziehung genossen hatte. Man hatte ihm zwar das +Hirn mit Katechismus- und Bibelsprüchen vollgepfropft, aber er konnte +keinen Satz richtig schreiben. Außerdem wurde eine venerische +Verseuchung bei ihm festgestellt. Als er zur Gerichtsverhandlung geführt +wurde, betrat er blöde lachend den Gerichtssaal, und mit demselben +Lachen verließ er ihn nach seiner Verurteilung. Einen Brief, den er an +seine Eltern schrieb, unterzeichnete er: Max Hödel, Attentäter Sr. +Majestät des Deutschen Kaisers. Festgestellt war auch worden, daß er von +Jugend auf ein Lügner und Dieb war. Das ganze Benehmen des Mannes war, +wie der Gerichtshof, der ihn nichtsdestoweniger zum Tode verurteilte, +feststellte, das eines _geistig und körperlich zerrütteten Menschen_. +Und wegen der Tat eines solchen Menschen sollte die deutsche +Sozialdemokratie ans Kreuz geschlagen werden. + +Hödel hatte den Rechtsanwalt Otto Freitag in Leipzig als Verteidiger +gewünscht. Freitag erklärte sich auch bereit, die Verteidigung zu +übernehmen, er verlangte aber die Zusendung der Akten und eine +achttägige Frist zum Studium derselben und zur Vorbereitung der +Verteidigung. Bezeichnenderweise wurde ihm beides _abgeschlagen_. Man +hatte es sehr eilig mit Hödels Prozeß und Hinrichtung. Hödel erhielt +jetzt einen Offizialverteidiger, der nichts Besseres zu tun wußte, als +sich vor Gericht zu entschuldigen, daß ihn das Los getroffen habe, die +Verteidigung eines Hochverräters übernehmen zu müssen. Hödels Kopf fiel +unter dem Beil des Henkers. Als Professor Virchow bat, ihm den Kopf +Hödels zur anatomischen Untersuchung zu überlassen, _wurde ihm dieses +verweigert_. + +Die Hinrichtungsurkunde mußte der Kronprinz Friedrich unterzeichnen, der +die Stellvertretung des Kaisers übernommen hatte, nachdem dieser +mittlerweile durch das am 2. Juni erfolgte Nobilingsche Attentat schwer +verwundet worden war. Der Kronprinz hat dann während seiner Regentschaft +kein einziges Todesurteil mehr unterzeichnet, obgleich sich unter den +Verurteilten ein Doppelmörder befand. Auch noch andere Symptome sprachen +dafür, wie anders er die ganzen Vorgänge auffaßte. + + + + +Das erste Ausnahmegesetz. + + +Das Verlangen Bismarcks nach einem Ausnahmegesetzentwurf gegen die +Sozialdemokratie wurde bald erfüllt. Bereits am 12. Mai traf Bismarcks +_Entwurf_ für ein Ausnahmegesetz in Berlin ein, den 14. Mai war derselbe +von seiner Kanzlei fertig gestellt worden und fand seine Zustimmung. +Bereits am 16. wurde derselbe vom Bundesrat genehmigt — am eifrigsten +plädierte die sächsische Regierung dafür — und am 20. Mai kam er mit den +Motiven an den Reichstag, der ihn schon am 23. auf seine Tagesordnung +setzte. + +Den Nationalliberalen war bei diesen ganzen Vorgängen nicht wohl zumute; +sie fühlten instinktiv, daß Bismarck noch andere Pläne im Hintergrund +habe, die sich gegen sie selbst richteten. In der preußischen Regierung +waren Wandlungen vor sich gegangen, die nichts Gutes ahnen ließen. Statt +des Eintritts von Bennigsen und Forckenbeck in das Ministerium, waren +zwei Hochkonservative, der Graf Botho zu Eulenburg und der Graf Udo zu +Stolberg-Wernigerode, derselbe, der 1909 als Präsident des Reichstags +starb, berufen worden. Der freihändlerische liberale Finanzminister v. +Camphausen hatte ebenfalls seinen Abschied nehmen müssen und kam an +seine Stelle der charakterschwache nationalliberale Hobrecht. Ebenso +mußte der liberale Kultusminister Falk, der Verfasser der Maigesetze +gegen das Zentrum und des einzig liberalen Gesetzes aus dem Kulturkampf, +des Gesetzes über die Einführung der Zivilstandsregister, das Feld +räumen, was eine große Konzession an das Zentrum bedeutete. Die +Nationalliberalen hatten also alle Ursache zum Mißtrauen. + +Nach der sechs Paragraphen umfassenden Sozialistengesetzvorlage konnten +Drucksachen und Vereine, welche die Ziele der Sozialdemokratie +verfolgten, vom Bundesrat verboten werden. Dem Reichstag mußte, sobald +derselbe versammelt war, Mitteilung von den Verboten gemacht werden. Ein +Verbot mußte außer Kraft gesetzt werden, wenn der Reichstag dies +verlangte. Die Polizeibehörden konnten die Verbreitung von +Druckschriften auf öffentlichen Wegen, Straßen, Plätzen oder anderen +öffentlichen Orten vorläufig verbieten. Das Verbot sollte erlöschen, +wenn nicht innerhalb vier Wochen die Druckschrift seitens des Bundesrats +verboten wurde. Das Verbot und die Auflösung von Versammlungen war ganz +und gar in die Hände der Polizei gelegt. Berufung sollte es hiergegen +nicht geben. Die Zuwiderhandlungen gegen die Verbote sollten mit +Gefängnis bis zu fünf Jahren bestraft werden. Die Beschlagnahme einer +Druckschrift sollte ohne richterliche Anordnung vorgenommen werden +können. Vorsteher von verbotenen Vereinen, Unternehmer und Leiter von +verbotenen Versammlungen und diejenigen, die ein Lokal für einen +verbotenen Verein oder eine verbotene Versammlung hergaben, sollten mit +einer Mindeststrafe von nicht unter drei Monaten belegt werden. Das +Gesetz sollte für einen Zeitraum von drei Jahren Gültigkeit haben. + +In der Annahme, die Fraktion werde bei Beratung der Vorlage durch einen +ihrer Redner gegen dieselbe scharf ins Zeug gehen, schrieb ich Motteler +unter dem 20. Mai aus dem Gefängnis: + + „Da die Einbringung der Ausnahmemaßregel Tatsache ist, so mag + derjenige, der von unserer Seite dazu zum Wort kommt, nicht vergessen, + daß seine Rede in einigen hunderttausend Exemplaren verbreitet werden + muß. Auch ist zu beachten, daß im Falle der Ablehnung der Vorlage der + Reichstag ausgelöst wird, wir also vor einer Wahlkampagne stehen und + dann diese Rede ihre Dienste leisten muß. Also vor allen Dingen alles, + was auf den Täter Bezügliches in unseren Händen ist, Punkt für Punkt + erörtert. + + Das Sonntag-Morgenblatt der Frankfurter Zeitung bringt einen guten + Leitartikel, den ich Euch zur Beachtung empfehle. Der Gesetzentwurf + grenzt an Wahnsinn.“ + +Die Fraktion hatte aber nach längerer Beratung beschlossen, durch +Liebknecht eine Erklärung abgeben zu lassen und sich an den weiteren +Verhandlungen nicht zu beteiligen. + +Die Beratung im Reichstag wurde eingeleitet mit einer kurzen Rede des +Grafen zu Eulenburg. Dann erhielt Liebknecht das Wort zu folgender +Erklärung: + + „Der Versuch, die Tat eines Wahnwitzigen, noch ehe die gerichtliche + Untersuchung geschlossen ist, zur Ausführung eines lang vorbereiteten + Reaktionsstreichs zu benutzen und die „moralische Urheberschaft“ des + noch unerwiesenen Mordattentats auf den deutschen Kaiser einer Partei + aufzuwalzen, welche den Mord in jeder Form verurteilt und die + wirtschaftliche und politische Entwicklung als von dem Willen + einzelner Personen ganz unabhängig auffaßt, richtet sich selbst so + vollständig in den Augen jedes vorurteilslosen Menschen, daß wir, die + Vertreter der sozialdemokratischen Wähler Deutschlands, uns zu der + Erklärung gedrungen fühlen: + + Wir erachten es mit unserer Würde nicht vereinbar, an der Diskussion + des dem Reichstage heute vorliegenden Ausnahmegesetzes teilzunehmen + und werden uns durch keine Provokationen, von welcher Seite sie auch + kommen mögen, in diesem Beschluß erschüttern lassen. Wohl aber werden + wir uns an der Abstimmung beteiligen, weil wir es für unsere Pflicht + halten, zur Verhütung eines beispiellosen Attentats auf die + Volksfreiheit das Unserige beizutragen, indem wir unsere Stimmen in + die Wagschale werfen. + + Falle die Entscheidung des Reichstags aus wie sie wolle — die deutsche + Sozialdemokratie, an Kampf und Verfolgungen gewöhnt, blickt weiteren + Kämpfen und Verfolgungen mit jener zuversichtlichen Ruhe entgegen, die + das Bewußtsein einer guten und unbesiegbaren Sache verleiht.“ + +Nach Liebknecht nahm Bennigsen das Wort. Er hielt eine Rede, die ich für +die beste ansehe, die er bis dahin gehalten hatte; sie zeigte, daß er +auch anders konnte und daß er vermochte, die Dinge auch von einem +höheren Standpunkt, als er bisher bei den nationalliberalen Rednern zur +Geltung kam, zu beurteilen. Es sei die Ansicht laut geworden, führte er +unter anderem aus, die Regierung habe die Vorlage eingebracht, obgleich +sie wisse, daß sie abgelehnt werde. Er erwarte, daß diese Ansicht +dementiert werde. Er wies auf die Unsicherheit und die schwankenden +Verhältnisse in der Regierung hin, die niemals so schlimm gewesen seien +wie jetzt. _In Preußen sei die Ministerkrise in Permanenz._ Wolle man +diktatorische Gewalt, müsse man vor allen Dingen wissen: wer übt sie +aus? Seine Partei könne kein Ausnahmegesetz wie das verlangte +bewilligen, die Geschichte zeige, wohin diese führten und daß sie nichts +nützten. Er machte darüber längere historische Betrachtungen. Weiter +sprach er sich im Laufe der Rede für das Aufhören des Kulturkampfes aus. +Das war der müde Mann, der einen Kampf beendigt zu sehen wünschte, bei +dem bisher die sogenannten Kulturkämpfer keine Seide gesponnen hatten, +obgleich einstmals er und seine Freunde diesen Kampf unter Führung +Bismarcks mit Jubel begrüßt und durchgefochten hatten. Schließlich erbot +er sich, auf dem Boden des gemeinen Rechtes im nächsten Jahre eine +Vorlage durchbringen zu helfen, die die bürgerliche Freiheit mit +gesetzlicher Ordnung und fester Autorität im öffentlichen Leben für alle +Klassen vereinige. + +Er erbot sich also jetzt zu dem, was er und seine Freunde zwei Jahre +früher mit guten Gründen abgelehnt hatten. Das war wieder ganz +nationalliberal. Aber die Ereignisse schritten über diese Vorsätze +hinweg und zwangen Bennigsen und seine Freunde, doch zu tun, was sie +augenblicklich ablehnten. + +Nach zweitägiger Verhandlung wurde § 1 der Vorlage mit 243 gegen 60 +Stimmen bei 6 Enthaltungen abgelehnt. Noch stimmte das Zentrum +geschlossen gegen die Vorlage; von den Nationalliberalen erklärten sich +die Professoren Beseler, Gneist und v. Treitschke dafür. Nach diesem +Resultat zog die Regierung die Vorlage zurück. + +War das Ausnahmegesetz einstweilen gefallen, so veranlaßte nunmehr Graf +zu Eulenburg durch einen Erlaß vom 1. Juni an die Polizeibehörden diese +zu scharfem Einschreiten gegen die Partei. „Es sei Pflicht, der +sozialdemokratischen Agitation entschieden entgegenzutreten und zu +diesem Zwecke von den zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln, unter +sorgfältiger Einhaltung der durch die Gesetze gezogenen Schranken, +innerhalb derselben aber bis an die Grenze des Zulässigen Gebrauch zu +machen.“ + +Einer solchen Aufforderung bedurfte es nicht erst. Die Polizei zeigte +überall den größten Eifer für ihre staatsretterische Tätigkeit und +Staatsanwälte und Richter nicht minder. + + + + +Das Nobiling-Attentat und seine Wirkung. + + +Ich war Ende Mai aus der Haft entlassen worden. Am 2. Juni, einem +Sonntag, machte ich mit Frau und Kind einen Spaziergang, von dem wir +nach 7 Uhr abends zurückkehrten. Kaum waren wir zu Hause angekommen, so +trat die Schwester des Rechtsanwalts Freytag in großer Eile in unsere +Wohnung und fragte aufgeregt, ob wir nicht wüßten, was passiert sei? Wir +wohnten in der äußeren Stadt, wohin Nachrichten, namentlich am Sonntag, +nicht rasch drangen. Ich verneinte die Frage. Darauf stellte Fräulein +Freytag weiter die Frage: „Kennen Sie einen Dr. Nobiling? Derselbe hat +heute nachmittag auf den Kaiser geschossen und ihn schwer verwundet.“ +Ich war sprachlos, wie vom Blitz getroffen. Ich antwortete, der Name +Nobiling sei mir nicht bekannt, ich hielt für ausgeschlossen, daß er zur +Partei gehöre. Beruhigt entfernte sich die junge Dame. + +Am nächsten Morgen eilte ich auf die Redaktion des „Vorwärts“, um zu +hören, was man dort wisse und wie man den Fall beurteile. Ein öffentlich +angeschlagenes Telegramm enthielt kein Wort davon, daß Nobiling der +Sozialdemokratie angehöre. Erleichtert atmete ich auf und trat in die +Redaktion mit den Worten ein: „Na, den können sie uns nicht an die +Rockschöße hängen.“ Liebknecht, Hasenclever und alle übrigen Anwesenden +waren mit mir der gleichen Ansicht, niemand kannte den Attentäter, +keiner hatte vorher auch nur seinen Namen gehört. In beruhigter Stimmung +verließ ich die Redaktion, mußte aber nach wenigen Minuten wieder +umkehren, weil mittlerweile ein zweites Telegramm veröffentlicht worden +war, in dem es hieß: Nobiling habe in seiner ersten Vernehmung bekannt, +er sei Sozialdemokrat und habe Mitschuldige. Wir alle waren sprachlos. + +Diese Angaben des Wolffschen Telegraphenbureaus erwiesen sich nachher, +wie viele andere Nachrichten gleicher Art, die damals mit größter +Geflissentlichkeit verbreitet wurden, als grobe Unwahrheiten und +Fälschungen. Aber sie erreichten im vollsten Maße ihren Zweck. Die +öffentliche Meinung, die schon durch die am 1. Juni eingetroffene +Nachricht aufs höchste erregt worden war, daß der „Große Kurfürst“, +eines der größten Schiffe der damaligen deutschen Flotte, bei hellem +Tage infolge einer Kollision mit einem anderen Schiffe mit fast +fünfhundert Köpfen Besatzung angesichts der englischen Küste +untergegangen sei, geriet über das zweite Attentat in Siedehitze. + +Als bei Bismarck die Nachricht eintraf, rief er frohlockend: Jetzt habe +ich die Kerle — die Nationalliberalen —, jetzt drücke ich sie an die +Wand, daß sie quietschen; dann erst erkundigte er sich nach dem Befinden +des durch die Nobilingsche Schrotflinte schwer verwundeten Kaisers. Die +Auflösung des Reichstags und infolgedessen Neuwahlen standen nunmehr in +sicherer Aussicht, durch die er eine Mehrheit zusammenzubekommen hoffen +durfte, die ihm sowohl ein Ausnahmegesetz gegen uns wie neue Einnahmen +durch die einzuführende Schutzzollpolitik gewährte. + +Nobiling hatte den Schuß auf den Kaiser aus dem Fenster eines Hauses +Unter den Linden, woselbst er sich eingemietet hatte, abgegeben. Er +selbst hatte danach durch zwei Fehlschüsse einen Selbstmordversuch +gemacht. Ein Offizier, der sich unter den Personen befand, die nach dem +Schuß auf den Kaiser in Nobilings Wohnung eindrangen, hatte ihm mit +einem Säbelhieb eine schwere Kopfwunde beigebracht. Nobiling war +zunächst besinnungslos und vollkommen vernehmungsunfähig. Festgestellt +wurde, daß er vor Jahren Landwirtschaft in Leipzig studiert hatte und +dort im Seminar des Professors Birnbaum, eines unserer schlimmsten +Gegner, sich bei den Debatten als heftiger Widersacher unserer Partei +gezeigt hatte. Von Leipzig war er nach Dresden gegangen, wo er das +Seminar des Professors Böhmert besuchte, der gleichfalls ein eifriger +Gegner der Sozialdemokratie war. In Dresden zeigte sich Nobiling +wiederholt in Versammlungen, in denen er als Gegner unserer Partei Reden +hielt, wodurch ihn unsere Parteigenossen dort, wie Vollmar, Schlüter, +Paschky usw., kennen lernten. Diese machten nachher in der Untersuchung +wider Nobiling Zeugenaussagen, nach denen er ein unbedeutender Mensch +und großer Wirrkopf war. Er hatte mit der Partei noch weniger zu tun +gehabt als Hödel. Mehrfach wurden Stimmen laut, die die Ansicht +vertraten, daß Nobiling zu seiner Tat erst angeregt worden sei durch die +Art, wie ein großer Teil der Presse sich mit der Person Hödels +beschäftigte, dessen Porträt zum Beispiel von einem Familienblatt in +einem Prachtholzschnitt dargestellt wurde. Die Meinung, daß man es auch +in Nobiling mit einem geistig kranken Menschen zu tun habe, war weit +verbreitet. So schrieb selbst die freikonservative „Post“, allezeit eine +der gehässigsten Gegnerinnen der Sozialdemokratie: Bei allen Antworten, +die Nobiling gebe, umspiele ein eigentümliches Lächeln seine Lippen, das +auf Geistesstörung schließen ließe. Und dem Redakteur der „Germania“, +Majunke, gegenüber hatte der Untersuchungsrichter Nobilings geäußert: +„Das Bild, das die Zeitungen über Nobiling ausmalen, ist ganz und gar +unzutreffend, er ist nichts weniger als intelligent, er ist noch dümmer +als Hödel.“ Als Nobiling am 10. September im Gefängnis starb, war nicht +der geringste Beweis erbracht, daß die Sozialdemokratie direkt oder +indirekt mit dem Attentäter in Verbindung gestanden oder sein Handeln +beeinflußt hatte. + +Für die Hetzer, die um jeden Preis die beiden Attentate für ein +Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie ausnutzen wollten, waren alle +diese Feststellungen nicht vorhanden. Bismarck mißbrauchte den +gewaltigen Einfluß, den er mit Hilfe des Reptilienfonds auf einen großen +Teil der Presse ausübte, um die Bevölkerung zum fanatischsten Hasse +gegen die Sozialdemokratie aufzupeitschen. Und dieser Presse schlossen +sich alle an, die an einer Niederlage der Sozialdemokratie ein Interesse +hatten, insbesondere ein großer Teil der Unternehmerschaft. Die Partei +hieß im gegnerischen Lager nur noch die Partei der Meuchelmörder, der +Allesruinierer, die der Masse den Glauben an Gott, Königtum, Familie, +Ehe und Eigentum raube. Diese Partei zu bekämpfen und sie, wenn möglich, +zu vernichten, erschien diesen Gegnern als die glorreichste Tat. +Tausende und aber Tausende von Arbeitern, die als Sozialdemokraten +bekannt waren, wurden auf die Straße geworfen. In den Annoncenteilen der +Zeitungen erschienen Erklärungen, wodurch die Arbeiter sich +verpflichteten, fernerweit weder einer sozialdemokratischen Organisation +anzugehören, noch sozialdemokratische Blätter zu halten und zu lesen, +noch Geld für sozialdemokratische Bestrebungen zu opfern. Dieser +Unternehmerterrorismus war so stark, daß unsere Parteizeitungen die +Anhänger der Partei aufforderten, sie sollten jede gewünschte Erklärung +unterzeichnen, sie könnten nachher doch tun, was sie wollten, einem +solchen Terrorismus gegenüber gebe es kein Worthalten. Der Terrorismus +und der damit verbundene Boykott gingen noch weiter: Patriotische +Hausherren kündigten ihren sozialdemokratischen Mietern, Wirte, die +jahrelang froh waren, Sozialdemokraten zu ihren Kunden zu zählen, +forderten jetzt diese auf, ihre Lokalitäten zu meiden. In Leipzig hatten +die Redakteure des „Vorwärts“ und der „Neuen Welt“ — Liebknecht, +Hasenclever, Geiser — die Gewohnheit, nach Schluß der Redaktion am +Nachmittag in einem bestimmten Lokal einen „Frühschoppen“ zu trinken. +Der Wirt ließ ihnen nunmehr sagen, daß er auf ihren Besuch gern +verzichte. Aehnliche Vorgänge wiederholten sich auch gegenüber den +Redakteuren der „Berliner Freien Presse“ und anderwärts. + +In Schwerin warf man dem alten Demmler an zwei Nächten hintereinander +die Fenster ein, was den vierundsiebzigjährigen Mann so aufregte, daß er +auf einige Zeit Schwerin verließ und die weitere Annahme einer +Kandidatur für den Reichstag ablehnte. Alle diese Ausbrüche fanatischer +Roheit und politischen Wahnsinns genügten aber den „Patrioten“ noch +nicht, um ihre Verfolgungswut zu befriedigen. Es entstand eine +Sintflut von Denunziationen wegen wirklichen und angeblichen +Majestätsbeleidigungen. In zahlreichen Fällen wurde gerichtlich +konstatiert, daß gemeine Rachsucht wegen verletzter Privatinteressen die +Denunzianten zu ihrem Vorgehen leitete. Das hinderte aber nicht, daß die +härtesten Bestrafungen ausgesprochen wurden. Ein großer Teil der Richter +war ebenfalls vom Verfolgungsparoxysmus befallen, und so verkündeten sie +Strafen von ein, zwei, drei bis zu fünf Jahren Gefängnis, der +Maximalstrafe, die das Gesetz zuließ. Aeußerungen, die vordem keinen +Staatsanwalt auch nur einen Augenblick aus seiner Ruhe aufgescheucht +haben würden, wurden jetzt als Kardinalverbrechen angesehen und aufs +härteste bestraft. + +Anfang Juli schrieb die fortschrittliche „Vossische Zeitung“: „Nachdem +wir über die auswärtigen Verurteilungen (wegen Majestätsbeleidigung) in +einer Gesamthöhe der erkannten Strafen von 500 bis 600 Jahren berichtet +haben, _widerstrebt es uns, die traurige Liste weiterzuführen_.“ Was +sollte man aber zu Richtern sagen, die ganz und gar vergessen hatten, +was sie ihrem Amte schuldig waren? _In zwei Monaten wurden 521 Personen +zu rund 812 Jahren Gefängnis verurteilt._ Nur ein kleiner Teil der +Verurteilten war sozialdemokratisch gesinnt. Auch die Polizeibehörden +waren, wie immer bei solchen Gelegenheiten, wie von Sinnen und +veranstalteten Haussuchungen und veranlaßten Verhaftungen auf jede vage +Vermutung hin. Die allermeisten der Verhafteten mußten nach kurzer Zeit +wieder entlassen werden. + +Hatte bereits im Mai der Senat zu Hamburg die Abhaltung eines +allgemeinen deutschen Gewerkschaftskongresses untersagt, so verbot +Anfang Juni der Stadtrat zu Gotha die Abhaltung des deutschen +Sozialistenkongresses, und ähnlich verfuhren die Behörden vielfach gegen +Vereine und Versammlungen. Wiederholt wurden uns Aeußerungen aus +maßgebenden Kreisen zugetragen, wie die: Die Sozialdemokratie müsse so +geknebelt und an die Wand gedrückt werden, daß sie aufmucke und man +schießen könne. Das veranlaßte die „Berliner Freie Presse“ zu der +Ankündigung: „Seid vorsichtig und habt acht, man will schießen.“ Trotz +alledem kündigten eine Anzahl Parteiblätter ihre Vergrößerung mit dem 1. +Juli an. Die Zahl der Abonnenten der „Berliner Freien Presse“ war seit +Neujahr von 10000 auf 14000 gewachsen. Ende September 1878 hatte aber +auch die „Berliner Freie Presse“ sechs Redakteure hinter Schloß und +Riegel, darunter Richard Fischer, der als junges Kerlchen die Aufnahme +in den Bund der Geächteten mit sieben Monaten Gefängnis zu bezahlen +hatte. + + * * * * * + +Für mich und unser Geschäft hatte die allgemeine Hetze ganz besonders +mißliche Folgen. Ich war genötigt, nach meiner längeren Haft endlich +eine Geschäftsreise zu unternehmen. Dieselbe sollte nach +Nordwestdeutschland und dem Unterrhein vor sich gehen, Länderstrecken, +die ich bisher zum größten Teil geschäftlich noch nicht besucht hatte. +Das war im gewissen Sinne mein Glück. Ich war in jenen Gegenden +persönlich nur sehr wenig bekannt und konnte es so riskieren, in den +Hotels unter angenommenem Namen zu wohnen, da ich unter meinem eigenen +Namen _nirgends_ als Gast geduldet worden wäre. Tag für Tag war ich an +der Wirtstafel Augen- und Ohrenzeuge, wie die Gäste in Ausdrücken +grenzenlosen Hasses sich gegen die Partei und speziell auch gegen meine +Person ergingen. Wäre ich erkannt worden, es wäre zu den schlimmsten +Szenen gekommen. Aehnlich erging es mir aber auch bei dem Besuch der +Geschäftsleute, denen ich unsere Fabrikate zum Kauf anbot. Den ersten +Besuch machte ich bei einem Kaufmann in Halle a.S. Demselben gefielen +unsere Artikel und er gab mir einen namhaften Auftrag. Sobald ich ihm +aber unsere Geschäftskarte überreichte und er den Namen der Firma las, +erklärte er schroff: Mit dieser Firma arbeite ich nicht, annullieren Sie +meine Bestellung. Und so erging es mir häufig. Andere wieder lehnten, +ohne irgendeine Bemerkung zu machen, eine Bestellung zu geben ab. Ich +machte so schlechte Geschäfte, daß, als ich nach sechs Wochen nach Hause +zurückkehrte, froh war, das Erlebte hinter mir zu haben, da ich aus den +Verkäufen unserer Artikel nicht einmal die Reisespesen gedeckt hatte, +obgleich ich diese aufs niedrigste zu halten suchte und zu diesem Zwecke +in den einzelnen Orten selbst meinen neun Kilo schweren Musterkoffer +Straße auf, Straße ab bei Regen und glühendem Sonnenschein trug, um +keinen Trägerlohn ausgeben zu müssen. + + + + +Die Reichstagswahl von 1878. + + +Wieder nach Hause gekommen, stürzte ich mich in die Wahlagitation. +Bismarck, der es auch hier wieder verstand, das Eisen zu rechter Zeit zu +schmieden, und den die Attentate aus allerlei inneren Wirrnissen befreit +hatten, hatte im Bundesrat den Antrag auf Auflösung des Reichstags +gestellt, dem der Bundesrat am 12. Juni Folge leistete. Die Wahlen +wurden auf den 30. Juli 1878 angesetzt. + +Wenn es Bismarck nur um ein Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie zu +tun gewesen wäre, so hätte er dieses auch ohne Auflösung des Reichstags +bekommen. Nach dem Nobilingattentat versicherte die gesamte +nationalliberale Presse und bei den verschiedensten Gelegenheiten auch +die Abgeordneten der Partei, daß sie jetzt bereit seien, ein scharfes +Ausnahmegesetz gegen uns zu bewilligen. + +Damit war aber Bismarck allein nicht mehr gedient. Er war entschlossen, +die Macht der Nationalliberalen zu brechen; ihren Ansprüchen, erklärte +er, könne keine Regierung gerecht werden. Und wie bescheiden waren diese +Ansprüche doch immer gewesen. Er veranlaßte die Veröffentlichung einer +förmlichen Programmerklärung, in der er mit der herrschenden, angeblich +dem Freihandel dienenden Wirtschaftsordnung vollständig brach. Das +bisherige Vorherrschen von Juristen, Beamten und Gelehrten, von Leuten +ohne produktive Beschäftigung hätten dem Parlament eine unpraktische +Richtung gegeben. Der Parteihaß, der Machtstreit der Fraktionen, der +Ehrgeiz ihrer Führer veranlasse, daß die Zeit mit oratorischen +Schaustellungen vergeudet werde. Die Mehrzahl habe keinen produktiven +Beruf, sie treibe weder ein Gewerbe noch Handel, weder Industrie noch +Landwirtschaft. Die Vertretung der wirtschaftlichen Interessen läge in +den Händen solcher, die von Gehalt, Honorar, von Diäten (die damals der +Reichstag noch nicht erhielt. A.B.), vom Preßgewerbe oder von +zinstragenden Papieren lebe. Usw. + +Die Philippika ließ an Deutlichkeit, aber auch an Grobheit nichts zu +wünschen übrig. Die Beamten, die den Wahlkampf beeinflussen konnten, +wußten nun, woran sie waren, und handelten danach. + +Der Wahlkampf entbrannte mit einer bisher nicht gekannten Heftigkeit. +Die Bismarcksche Wahlparole verhinderte nicht, daß alle bürgerlichen +Parteien den Kampf gegen uns als ihre vornehmste Pflicht ansahen. „Die +Sozialdemokratie muß aus dem Reichstag hinaus. Kein Sozialdemokrat darf +mehr gewählt werden“, wurde die Losung auch in der fortschrittlichen +Presse. Und obgleich für jeden sichtbar war, was Bismarck im Schilde +führte, und er nicht bloß unsere Vernichtung, sondern auch die +Schwächung der Liberalen erstrebte, brachte es der Führer der +Fortschrittspartei, _Eugen Richter_, fertig, als im Erfurter Wahlkreis +der sozialdemokratische mit dem konservativen Kandidaten in engerer Wahl +stand, seinen Parteigenossen die Wahlparole zu telegraphieren: Lieber +Lucius (konservativ) als Kapell (der Sozialdemokrat). Sein Haß gegen uns +machte ihn gegen die selbstverständlichsten Regeln der Wahltaktik blind, +denn der Sozialdemokrat war so gut wie die Liberalen Gegner der +Bismarckschen Wirtschaftspolitik, und der Zukunftsstaat stand nicht in +Frage. + +Ich kandidierte wieder in Dresden und in Leipzig. Mir gegenüber standen +in Dresden der Freiherr v. Friesen, Minister a.D., und ein +fortschrittlicher Kandidat. Ich erhielt im ersten Wahlgang 9855, v. +Friesen 7266, Walther (Fortschrittler) 5410 Stimmen. Es kam zur engeren +Wahl zwischen mir und v. Friesen, die der Wahlkommissär auf den 9. +August, an welchem v. Friesen seinen siebzigsten Geburtstag feierte, +ansetzte. Offenbar rechnete man mit meiner sicheren Niederlage. Aber ich +siegte, und zwar mit 11616 über 10702 Stimmen. In Leipzig erhielt ich +5822 Stimmen, 600 mehr als bei der vorhergehenden Wahl. Außer mir waren +schließlich von der Partei gewählt: Bracke-Glauchau-Meerane, +Fritzsche-Berlin, Hasselmann-Barmen-Elberfeld, Kayser-Oederan-Freiberg +(Sachsen), Liebknecht-Stollberg-Lugau, Reinders-Breslau, +Vahlteich-Mittweida-Limbach, Wiemer-Annaberg-Zschopau (Sachsen). Also +neun Abgeordnete, von denen nur zwei, Bracke und Liebknecht, in der +Hauptwahl gewählt worden waren. + +Mit dem Hinauswurf der Sozialdemokratie aus dem Reichstag war es also +nichts. Aber auch in bezug auf die Stimmenzahl schnitten wir günstiger +ab, als wir nach der furchtbaren Hetze gegen uns hoffen durften, denn in +einer Anzahl Wahlkreise war der gegnerische Terrorismus so stark, daß +wir keine Agitation betreiben konnten. Es wurden bei der Hauptwahl für +die Partei 437158 Stimmen abgegeben, gegen 493447 bei der Wahl im +Januar 1877. Das war ein Verlust von 56389 Stimmen und drei Mandaten. +Die Gegner waren sehr unzufrieden mit diesem Resultat. + +Das Gesamtresultat der Wahlen war, wie vorauszusehen, ein Sieg +Bismarcks. Die Nationalliberalen sanken von 137 auf 106 Mandate, die +Fortschrittspartei von 39 auf 26. Die Konservativen hatten ihre Mandate +entsprechend vermehrt, das Zentrum erhielt ebenfalls einige Mandate +mehr. + +Bismarck hatte jetzt für seine Politik zwei Mehrheiten zur Verfügung. +Eine nationalliberal-konservative Mehrheit für ein Ausnahmegesetz gegen +uns und eine Mehrheit aus Konservativen und Zentrum, der sich der rechte +Flügel der Nationalliberalen anschloß, für seine Zollpolitik. Die neue +Aera mit der politischen Entrechtung der klassenbewußten Arbeiter und +der Belastung der Massen durch die Zollpolitik konnte nunmehr in Szene +gesetzt werden. Der neue Reichstag wurde zur Beschlußfassung über das +Sozialistengesetz auf den 9. September nach Berlin berufen. + +Das Spiel konnte seinen Anfang nehmen. Es sollte eine Tragödie werden, +in der die Sozialdemokratie für die monarchisch-kapitalistischen +Interessen als Opferstier bestimmt war, um den todsicheren Keulenschlag +zu erhalten. Aber es kam auch diesmal, wie so oft schon, anders. Der +Herkules, der uns mit seiner Keule erschlagen sollte, fiel selbst nach +zwölf Jahren eines für ihn ruhmlosen Kampfes mit dem verhaßten Gegner +und deckte mit seiner Leiche das Blachfeld. + + + + + +End of Project Gutenberg's Aus meinem Leben - Zweiter Teil, by August Bebel + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN - ZWEITER TEIL *** + +***** This file should be named 13690-0.txt or 13690-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/3/6/9/13690/ + +Produced by Distributed Proofreaders + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + +*** END: FULL LICENSE *** + + diff --git a/old/13690-0.zip b/old/13690-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..8cb429c --- /dev/null +++ b/old/13690-0.zip diff --git a/old/13690-8.txt b/old/13690-8.txt new file mode 100644 index 0000000..a3d9891 --- /dev/null +++ b/old/13690-8.txt @@ -0,0 +1,16088 @@ +Project Gutenberg's Aus meinem Leben - Zweiter Teil, by August Bebel + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Aus meinem Leben - Zweiter Teil + +Author: August Bebel + +Release Date: October 10, 2004 [EBook #13690] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN - ZWEITER TEIL *** + + + + +Produced by Distributed Proofreaders + + + + +Aus meinem Leben + + +Von August Bebel + + +Zweiter Teil + + + + +Stuttgart 1911 + +Verlag von J.H.W. Dietz Nachf. G.m.b.H. + + + + +Inhaltsverzeichnis. + + +Geleitwort +Die Periode des Herrn v. Schweitzer in der proletarischen Arbeiterbewegung + Jean Baptist v. Schweitzer + "Der Sozialdemokrat" + Schweitzer und die Konservativen + Schweitzer im norddeutschen Reichstag + Schweitzers Diktatur + Die Generalversammlung in Barmen-Elberfeld + Die Rebellion im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein + Der Eisenacher Kongreß + Die Gründung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei und die Auflösung + des Verbandes der deutschen Arbeitervereine + Nach Eisenach + Schweitzers Ende +Beginn meiner parlamentarischen Tätigkeit + Im konstituierenden norddeutschen Reichstag + Im norddeutschen Reichstag und dem Zollparlament + Taktische Unstimmigkeiten +Der Deutsch-Französische Krieg + Das Vorspiel zur Kriegserklärung + Meinungsdifferenzen + Erklärungen und Proklamationen + Die Verhaftung des Braunschweiger Ausschusses + Annexionen und Kaiserkrone + Unsere Verhaftung +Meine weitere parlamentarische Tätigkeit, der Leipziger Hochverratsprozeß +und anderes + Die erste Session des deutschen Reichstags + Der erste deutsche Webertag + Weiteres aus Sachsen + Der Dresdener Parteikongreß +Die zweite Session des deutschen Reichstags + Der Leipziger Hochverratsprozeß + Die dritte Session des ersten deutschen Reichstags + Mein Majestätsbeleidigungsprozeß +Unsere Festungshaft und was zwischendurch passierte + Hubertusburg + Königstein + Zwickau +Von 1871 bis zum Vereinigungskongreß zu Gotha + Die Regierungen und die Sozialdemokratie + Die Einigungsfrage vor den beiden Fraktionen + Der Parteikongreß zu Eisenach 1873 + Die erste Session des neuen Reichstags 1874 + Tessendorf als Bahnbrecher der Einigung. Einigungsverhandlungen +Vom Vereinigungskongreß zu Gotha bis zum Vorabend des Sozialistengesetzes + Das Einigungswerk + Nachwehen + Reichstagsarbeit + Meine Stellung zur Kommune + Neue Verfolgungen + Der Parteikongreß zu Gotha 1876 + Der Wahlkampf 1876 bis 1877 + Der Reichstag 1877 + Der Kongreß zu Gotha 1877 + Landtagswahl in Sachsen. "Die Zukunft" + Wieder reif fürs Gefängnis + Innere Vorgänge + Der Reichstag Frühjahr 1878 + Im Leipziger Gefängnis und was währenddem geschah + Das Hödel-Attentat und seine Folgen + Das erste Ausnahmegesetz + Das Nobiling-Attentat und seine Wirkung + Die Reichstagswahl von 1878 + + + + +Geleitwort. + + +Früher, als ich selbst gehofft, ist es mir ermöglicht worden, den +vorliegenden zweiten Band "Aus meinem Leben" fertigzustellen. Mein +Gesundheitszustand hat sich in den letzten anderthalb Jahren erheblich +gebessert und damit ist meine Leistungsfähigkeit gehoben worden. Leider +fiel in diese Zeit die lange, schwere Erkrankung meiner teuren, +unvergeßlichen Frau, mit deren Hinscheiden Ende November 1910 ihr Leiden +seinen Abschluß fand. + +Der zweite Band ist weit stärker geworden, als ich anfangs geahnt; er +wuchs mir unter den Händen zu einer Art Geschichte der Partei, was +erklärlich ist bei der Stellung, die ich in der Partei erlangte. Auch +kamen mir noch Briefe und Aktenmaterial in die Hände, das ich verloren +glaubte. Während dem ruhelosen, überarbeiteten Leben, das ich länger als +ein Menschenalter führte, war vorsichtshalber manches beseitigt und +vergeben worden, das sich bei gründlichem Nachforschen wieder fand. +Außerdem gelangten, da ich als Miterbe des Friedrich Engelsschen +literarischen Nachlasses testamentarisch eingesetzt worden war, die +meisten meiner Briefe wieder in meinen Besitz, die ich im Laufe mehrerer +Jahrzehnte mit Friedrich Engels und Karl Marx gewechselt hatte. Den +Hauptinhalt dieser Briefe, die wesentlich in die Zeit des +Sozialistengesetzes fielen, werde ich im dritten Bande benutzen. + +Dieser letztere wird, vorausgesetzt, daß mir überhaupt das Leben und die +nötigen Kräfte verbleiben, erst nach längerer Zeit erscheinen. Die +Vorarbeiten befinden sich noch in den Anfängen. Möglicherweise muß ich +diesen dritten Band in zwei Teile zerlegen. Sein Inhalt wird die zwölf +Jahre Sozialistengesetz, die "Heroenzeit" der Partei, wie diese Periode +gern genannt wird, umfassen. Damit gedenke ich meine Veröffentlichungen +größeren Umfangs abzuschließen. + +Dem Schlußband wird ein Namen- und Sachregister beigegeben werden. + +Zürich, den 2. September 1911. + +A. Bebel + + + + +Die Periode des Herrn v. Schweitzer in der proletarischen +Arbeiterbewegung. + + + + +Jean Baptist v. Schweitzer + + +Unter den Persönlichkeiten, die nach dem Tode Lassalles nacheinander die +Führung des von ihm gegründeten Vereins übernahmen, steht J.B. v. +Schweitzer allen weit voran. In Schweitzer erhielt der Verein einen +Führer, der in hohem Grade eine Reihe Eigenschaften besaß, die für seine +Stellung von großem Werte waren. Er besaß die nötige theoretische +Vorbildung, einen weiten politischen Blick und eine kühle Ueberlegung. +Als Journalist und Agitator hatte er die Fähigkeit, die schwierigsten +Fragen und Themen dem einfachsten Arbeiter klar zu machen; er verstand +es wie wenige, die Massen zu fanatisieren, ja zu faszinieren. Er +veröffentlichte im Laufe seiner journalistischen Tätigkeit in seinem +Blatte, dem "Sozialdemokrat", eine Reihe populärwissenschaftlicher +Abhandlungen, die mit zu dem Besten gehören, was die sozialistische +Literatur besitzt. So beispielsweise seine Kritik des Marxschen +"Kapital" und die später als Broschüre veröffentlichte Abhandlung "Der +tote Schulze gegen den lebenden Lassalle", Arbeiten, die noch heute +ihren vollen Wert haben. Auch als Parlamentarier erwies er sich als sehr +geschickt und gewandt. Er erfaßte rasch eine gegebene Situation und +verstand sie auszunutzen. Endlich war er auch ein guter Redner von +großer Berechnung, der Eindruck auf die Massen und die Gegner machte. + +Aber neben diesen guten, zum Teil glänzenden Eigenschaften besaß +Schweitzer eine Reihe Untugenden, die ihn als Führer einer +_Arbeiterpartei_, die in den ersten Anfängen ihrer Entwicklung begriffen +war, dieser gefährlich machten. Für ihn war die Bewegung, der er sich +nach mancherlei Irrfahrten anschloß, nicht Selbstzweck, sondern Mittel +zum Zweck. Er trat in die Bewegung ein, sobald er sah, daß ihm innerhalb +des Bürgertums keine Zukunft blühte, daß für ihn, den durch seine +Lebensweise früh Deklassierten, nur die Hoffnung bestand, in der +Arbeiterbewegung die Rolle zu spielen, zu der sein Ehrgeiz wie seine +Fähigkeiten ihn sozusagen prädestinierten. Er wollte auch nicht bloß der +Führer der Bewegung, sondern ihr Beherrscher sein, und trachtete sie für +seine egoistischen Zwecke auszunutzen. Während einer Reihe von Jahren in +einem von Jesuiten geleiteten Institut in Aschaffenburg erzogen, später +sich dem Studium der Jurisprudenz widmend, gewann er in der jesuitischen +Kasuistik und juristischen Rabulistik das geistige Rüstzeug, das ihn, +der von Natur schon listig und verschlagen war, zu einem Politiker +machte, der skrupellos seinen Zweck zu erreichen suchte, Befriedigung +seines Ehrgeizes um jeden Preis und Befriedigung seiner großen, +lebemännischen Bedürfnisse, was ohne auskömmliche materielle Mittel, die +er nicht besaß, nicht möglich war. Es ist aber eine alte geschichtliche +Erfahrung, die in allen Volksbewegungen sich bestätigt hat, daß führende +Persönlichkeiten, die sybaritische Gewohnheiten haben, aber wegen Mangel +an Mitteln sie nicht zu befriedigen vermögen, leicht an sie +herantretenden Versuchungen unterliegen, namentlich wenn sie dabei auch +glauben, außer der Befriedigung ihres Ehrgeizes Scheinerfolge erringen +zu können. + +Die diktatorische Stellung, welche die Organisation des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins dem Leiter des Vereins einräumte, begünstigte +die Schweitzerschen Bestrebungen ungemein. Es war aber auch ebenso +natürlich, daß gegen die Gelüste des Diktators ein ständiger Kampf der +selbständiger denkenden Mitglieder im Verein entstand. Die Opposition, +zeitweilig durch seine brutale Rücksichtslosigkeit scheinbar +niedergeworfen und aus dem Verein hinausgedrängt, erhob sich in Kürze in +anderen Personen und an anderen Orten wieder, und es begann der Kampf +von neuem gegen ihn. Seine Herrschaftsbestrebungen wurden noch dadurch +ungemein begünstigt, daß das einzige Blatt, das der Verein besaß--und +ein zweites neben diesem duldete er nicht--, "Der Sozialdemokrat", in +seinen Händen war und von ihm geleitet wurde. Damit hatte er das Mittel +in der Hand und wandte es ohne Skrupel an, die geistige Beherrschung +der Mitglieder zu einer absoluten zu machen, wobei er jeden Widerspruch +und jede ihm unbequeme Meinungsäußerung gewaltsam niederhielt. Die Art, +wie dabei wieder Schweitzer den Massen zu schmeicheln verstand, obgleich +er innerlich sie verachtete, ist mir nie mehr in ähnlichem Maße +begegnet. Sich selbst stellte er als ihr Werkzeug hin, das nur dem +Willen des "souveränen Volkes" gehorche, dieses souveränen Volkes, das +nur seine Zeitung las und dem er seinen Willen suggerierte. Wer aber +wieder ihn zu lecken wagte, der wurde der niedersten Motive geziehen, +als eine Viertels- oder Achtelsintelligenz gebrandmarkt, die sich über +die braven, ehrlichen Arbeiter erheben wolle, um sie im Interesse ihrer +Gegner zu mißbrauchen. + +Eine Rolle, wie Schweitzer sie allmählich spielte, war allerdings nur in +den Jugendjahren der Bewegung möglich, und darin liegt die +Entschuldigung für seine fanatisierten Anhänger. Wer heute die Rolle +eines Schweitzer in der Bewegung spielen wollte, wäre in kurzer Zeit +unmöglich, sei er wer er wolle. + +Schweitzer war ein Demagog großen Stils, der an der Spitze eines Staates +sich als ein würdiger Schüler Machiavellis--für dessen grundsatzlose +Theorien er schwärmte--erwiesen haben würde. Die absolute Herrschaft, +die er durch die erwähnten Mittel sich auf Jahre in seinem Verein zu +sichern wußte, läßt sich nur vergleichen mit gewissen Erscheinungen in +der katholischen Kirche. Er hatte eben nicht umsonst bei den Jesuiten +Unterricht genommen. + +Wessen wir--Liebknecht und ich--Schweitzer beschuldigten, war, daß er +den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein--natürlich wider Wissen und +Wollen des weitaus größten Teiles seiner Mitglieder--im Interesse der +Bismarckschen Politik leite, _die wir nicht als eine deutsche, sondern +als eine großpreußische Politik betrachteten,_ eine Politik, betrieben +im Interesse der Hohenzollernschen Hausmacht, die bestrebt war, die +Herrschaft über ganz Deutschland zu gewinnen und Deutschland mit +preußischem Geist und preußischen Regierungsgrundsätzen--_die der +Todfeind aller Demokratie sind_--zu erfüllen. + +Wie damals die Dinge im allgemeinen lagen und bei dem schweren Kampfe, +in dem sich Bismarck mit der liberalen Bourgeoisie befand, benutzte er +jedes Mittel, auch das unscheinbarste, das seinen Zwecken dienen konnte. +Ich habe bereits im ersten Teil dieser Arbeit dargelegt, wie Bismarck +noch vor dem Auftreten Lassalles in dem Lackierer Eichler einen +gewandten Agenten besaß, der für seine Politik in den Arbeiterkreisen +Propaganda machte. Lassalle, der nicht als Dienender, sondern als +Gleichberechtigter, als Macht zu Macht mit Bismarck in Unterhandlungen +sich einließ, unterstützte mehr als er wohl selbst wollte diese +Bismarckschen Bestrebungen. Seine Verhandlungen mit Bismarck wurden zwar +offenbar mit dem Februar 1864 abgebrochen und bis zu seinem (Lassalles) +Tode nicht wieder aufgenommen, aber das Streben, die Arbeiterbewegung +der Bismarckschen Politik dienstbar zu machen, blieb bestehen und hatte +einen gewissen Erfolg, woran die scharfe Absage, die Karl Marx dem alter +ego Bismarcks, Lothar Bucher, gab, als dieser ihn zur Mitarbeit am +preußischen "Staatsanzeiger" einlud, nichts änderte. + +Helene v. Rakowicza (Helene v. Dönniges), die ehemalige Geliebte +Lassalles, wegen der er in das Duell, das ihn das Leben kostete, +verwickelt wurde, erzählt in ihrem Buche: "Von anderen und mir", Berlin +1909, daß sie in einer Nachtunterhaltung Lassalle die Frage vorgelegt: +Ist's nun wahr? Hast du mit Bismarck allerlei Geheimes zu tun? Worauf +dieser geantwortet habe: "Was Bismarck anbelangt und was er von mir +gewollt hat und ich von ihm?--laß dir's genügen, daß es nicht zustande +kam, nicht zustande kommen konnte. Wir waren beide zu schlau--wir sahen +unsere beiderseitige Schlauheit und hätten nur damit enden können, uns +(immer politisch gesprochen) ins Gesicht zu lachen. Dazu sind wir zu gut +erzogen--also blieb es bei den Besuchen und geistreichen Gesprächen." + +Diese Darstellung klingt wahrscheinlich. Es hieße Lassalles Scharfsinn +und seine Einsicht beleidigen, sollte er anders gedacht haben, als hier +seine ehemalige Geliebte erzählt. Ueberhaupt konnte kein scharfsinniger +und einsichtiger Mensch, und das war auch Schweitzer, sich täuschen +über das, was ein Sozialdemokrat von Bismarck erlangen konnte, was +nicht, und daß, wenn Bismarck auf irgendwelche Beziehungen mit +Sozialdemokraten sich einließ, es nur geschah, um sie in seinem +Interesse zu verwenden und nachher wie ausgepreßte Zitronen beiseite zu +werfen. Oder ein anderes, daß sie sich an ihn verkauften und ihm Dienste +leisteten, was bei Lassalle nicht in Frage kommen konnte. + +Für meine Auffassung spricht zunächst die Tatsache, daß, als an des +Präsidenten Bernhardt Beckers Stelle F.W. Fritzsche Vizepräsident des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins wurde, Dr. Dammer, der frühere +Vizepräsident des Vereins, Fritzsche empfahl, _er solle bei seinen +Agitationen im Königreich Sachsen neben den sozialistischen Forderungen +für die preußische Spitze eintreten und die über diese Versammlungen +veröffentlichten Zeitungsberichte direkt an Bismarck senden, auch diesem +über die abgehaltenen Versammlungen direkt berichten._ Fritzsche selbst +hat mir diese Mitteilungen gemacht, als es sich im Herbst 1878 um die +Bekämpfung des Entwurfs des Sozialistengesetzes handelte. Diese +Mitteilungen habe ich damals im Reichstag in einer Rede gegen Bismarck +auch verwendet. + +Die Versuche, den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein für die +Bismarcksche großpreußische Politik nutzbar zu machen, waren also sehr +frühzeitig vorhanden und dauernde. Es wird Sache meiner +Auseinandersetzungen sein, zu beweisen, daß Schweitzer diesen +Bestrebungen Bismarcks bewußt diente. + +Wäre Schweitzer ein Mann gewesen, der der Sache, die er äußerlich +verfocht, innerlich ehrlich zugetan war, wäre er ein Mann gewesen, von +dem jeder Parteigenosse überzeugt sein mußte, daß nur die Begeisterung +und das reinste Streben, der Arbeiterklasse zu dienen, bei ihm vorhanden +war, hätte er die sehr bedenklichen Zweideutigkeiten, die in seinem +politischen Leben auftauchten, zu vermeiden gewußt, wäre mit einem Worte +sein ganzes Tun Vertrauen fordernd gewesen, er wäre bis an sein +Lebensende unbestritten der Führer der Partei geblieben. Jeder Versuch, +ihn zu diskreditieren, wäre an ihm abgeprallt, mochten solche Angriffe +ausgehen von welcher Seite immer. Statt dessen mußte er sein stetig +sinkendes Ansehen verteidigen und erlebte schließlich, daß nach der +Niederlegung seiner Präsidentschaft, als jeder wagen durfte, frei zu +sprechen, ohne Gefahr, von einem Bannstrahl getroffen zu werden, gerade +diejenigen die ehrenrührigsten Anklagen gegen ihn erhoben, die ihn +einstmals gegen die Angriffe von unserer Seite fanatisch verteidigt +hatten. So kam es, daß die Nachricht von seinem Tode jene kalt und +gleichgültig ließ, die im anderen Falle ihn bis zur letzten Stunde als +ihren Führer anerkannt und seinem Andenken alle Ehren erwiesen haben +würden. + + * * * * * + +Jean Baptist v. Schweitzer wurde am 12. Juli 1834 zu Frankfurt am Main +geboren. Das Blut, das in seinen Adern floß, war, nach seinen Vorfahren +zu urteilen, eine Mischung von italienisch-französischem mit deutschem +Blute. Seine Familie, die im Jahre 1814 vom damaligen König von Bayern +geadelt wurde, gehörte zu den sogenannten Patrizierfamilien +Altfrankfurts. + +Was der junge Schweitzer in seiner Familie sah und hörte, war nicht sehr +erhebend und von zweifelhaft erzieherischem Einfluß. Der Vater, einst +Kammerjunker bei dem berüchtigten Herzog Karl von Braunschweig, der 1830 +eilig sein Land verlassen mußte, wollte er nicht der Volkswut zum Opfer +fallen, war ein Lüdrian, der als Verschwender lebte. Die Mutter, die +getrennt von ihrem Manne ein besonderes Haus führte, trieb es in der +gleichen Weise. Kein Wunder, daß der junge Jean Baptist bei solcher +Abstammung und bei solchem Vorbild in die elterlichen Fußtapfen trat, +nur daß ihm die Mittel fehlten, welche die Eltern verjubelt hatten, +worauf denn für ihn das Schuldenmachen die notwendige Konsequenz war. + +Gegen die Mitte der fünfziger Jahre führte ihn sein Studium auch nach +Berlin, wo er unter anderem im Hause Krummachers, dessen Frau eine +Verwandte seiner Großmutter war, verkehrte, und die führenden Männer der +preußischen Reaktion, so zum Beispiel Friedrich Julius Stahl, kennen +lernte. Die später in seinen Schriften hervortretende scharfe und +treffende Kritik der Natur des preußischen Staates dürfte er bei seinem +Aufenthalt in Berlin und im Verkehr mit den maßgebenden +Gesellschaftskreisen gewonnen haben. Sein großdeutsch-österreichischer +Standpunkt, der nicht nur der herrschende in seiner Familie, sondern +auch in den Bürgerkreisen Altfrankfurts war, mochte seine +Beobachtungsgabe besonders schärfen. Er lernte jetzt den Staat in seinem +innersten Wesen kennen, der der Todfeind Oesterreichs war. Dieser sein +großdeutsch-österreichischer Standpunkt kam auch in den politischen +Schriften zum Ausdruck, deren erste Schweitzer 1859 veröffentlichte, und +zwar in Frankfurt, wo er sich 1857 als Rechtsanwalt niedergelassen +hatte, dem aber die Praxis fehlte. Diese Schrift, die während des +österreichisch-italienisch-französischen Krieges veröffentlicht wurde, +führte den bezeichnenden Titel "Oesterreichs Sache ist Deutschlands +Sache" und forderte das Eintreten von Gesamtdeutschland für Oesterreich. +Die zweite Schrift mit gleicher Tendenz führte den Titel: "Widerlegung +von Karl Vogts Studien zur gegenwärtigen Lage Europas". Dieselbe +schließt: Oesterreichs Sache ist die Sache des europäischen Rechtes und +der europäischen Ordnung, die Sache der Kultur und Humanität und vor +allem die _nationale Sache deutscher Ehre und deutscher Unabhängigkeit_. + +In einer dritten Schrift, die 1860 erschien, betitelt "Der einzige Weg +zur nationalen Einheit", rückt er erheblich nach links. Er bekennt sich +als Republikaner und sieht nur in einer demokratischen Einheit +Deutschlands, die durch eine Revolution von unten herbeizuführen sei, +das Heil Deutschlands. Indes verfiel er später wieder in seine +großdeutsch-österreichischen Sympathien, bis er endlich nach seiner +persönlichen Bekanntschaft mit Lassalle ins kleindeutsche Lager +abschwenkte und in der Politik eines Bismarck die einzige Möglichkeit +zur Lösung der deutschen Frage sah. + +Der Beginn der Volksbewegung und die Gründung des Nationalvereins im +Jahre 1859 mit seinen kleindeutschen Bestrebungen konnten Schweitzer +nicht gleichgültig lassen. Er trat, entsprechend seinem damaligen +Standpunkt, gegen den Nationalverein auf. Er meinte (Januar 1861), nur +wenn der Nationalverein sich für die Republik, das hieß also für die +Revolution erkläre, könne er auf die Hilfe der _Arbeiter_ rechnen. +Preußen sei nicht besser als Oesterreich; _beide müßten zertrümmert +werden_, sollte die deutsche Einheit möglich sein. + +Als dann im November 1861 in Frankfurt a.M. mit seiner Hilfe ein +Arbeiterbildungsverein gegründet wurde, wählte man Schweitzer zu dessen +Vorsitzenden. Hier vertrat er die gleichen radikalen Ideen. Anfang 1862 +erschien wiederum eine Schrift von ihm, "Zur deutschen Frage", in der er +sich abermals als unerbittlichen Gegner der hohenzollernschen +Hauspolitik und der preußischen Führerschaft in Deutschland bekannte und +die Jämmerlichkeit der Mittelparteien brandmarkte. Er trat jetzt als +Vielgeschäftiger in der Politik hervor. So wurde er auch Vorsitzender +des Frankfurter Turnvereins; Vereine, die damals samt und sonders eine +eifrige politische Tätigkeit entfalteten, obgleich sie angeblich +unpolitische Vereine sein sollten. Das gleiche war mit der +Schützenvereinsbewegung der Fall. Auch in dieser trat Schweitzer aktiv +hervor und wurde, als der deutsche Schützenbund gegründet wurde, +Mitglied des engeren Ausschusses desselben. Als dann Juli 1862 das erste +deutsche Schützenfest in Frankfurt abgehalten wurde, war Schweitzer +Schriftführer des Zentralausschusses und Redakteur der Festzeitung. Der +intime Umgang, den er damals mit dem Herzog von Koburg, dem +"Schützenherzog", pflog, an dessen Seite er sich häufig auf dem +Festplatze zeigte, stand freilich in Widerspruch zu seinem bisherigen +radikalen Verhalten und auch zu der radikalen Rede, die er am 22. Mai +1862 auf dem Arbeitertag des Maingaus in durchaus sozialistischem Sinne +gehalten hatte, wie ich das bereits im ersten Teil dieser meiner Arbeit +erwähnte. + +Schweitzer hatte um diese Zeit gleichzeitig mehrere Eisen im Feuer. Aber +da brach das Verhängnis über ihn herein. Er wurde kurz nach dem +Frankfurter Schützenfest zweier Verfehlungen öffentlich beschuldigt, die +einen schwarzen Schatten auf sein späteres Leben warfen und als Merkmale +seines Charakters von Bedeutung sind. + +Zunächst wurde er beschuldigt, 2600 Gulden für die Kasse des +Frankfurter Schützenfestes unterschlagen zu haben. Klage wurde von +seiten des Ausschusses nicht erhoben, und das gab wohl Veranlassung, daß +die Tat überhaupt bestritten wurde. Demgegenüber möchte ich feststellen, +daß der Justizrat Sterzing in Gotha, der im Zentralausschuß des +Schützenfestes saß, mit seiner Namensunterschrift eine Erklärung in der +"Allgemeinen Deutschen Arbeiterzeitung" in Koburg erließ, worin er die +Unterschlagung als Tatsache bestätigte. Als dann einige Jahre später im +Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein die Opposition gegen Schweitzer +losbrach, schickte die Gothaer Mitgliedschaft einen ihrer Angehörigen zu +Justizrat Sterzing, um ihn zu fragen, ob die gegen Schweitzer erhobene +Beschuldigung der Unterschlagung wahr sei. Sterzing betätigte das. +Darauf wandte sich die Gothaer Mitgliedschaft an Schweitzer, teilte ihm +die Aeußerung Sterzings mit und ersuchte ihn, Sterzing zu verklagen. +Schweitzer lehnte ab. Er erklärte: das falle ihm nicht ein, da habe er +viel zu tun. + +Ein anderer noch unliebsamerer Vorgang trug sich im August 1862 im +Schloßgarten zu Mannheim zu. Schweitzer wurde beschuldigt, am Vormittag +des betreffenden Tages ein Sittenvergehen an einem Knaben begangen zu +haben. Er wurde mit vierzehn Tagen Gefängnis bestraft. Die Handlung wäre +viel schwerer bestraft worden, hätte man den betreffenden Knaben +feststellen können. Dieses gelang nicht. Wohl aber wurden andere Knaben +gefunden, denen Schweitzer das gleiche Ansinnen gemacht hatte. Daraufhin +fand seine Verurteilung statt. Im Eifer, Schweitzer reinzuwaschen, hat +man die Unschuld Schweitzers, die er natürlich selbst behauptete, zu +beweisen versucht. Im Interesse der historischen Wahrheit sollten solche +Versuche unterbleiben. Man mag über die gleichgeschlechtliche Liebe noch +so frei denken, so war es unter allen Umständen eine Ehrlosigkeit, die +Befriedigung derselben am hellen Tage in einem öffentlichen Park und an +einem schulpflichtigen Knaben zu versuchen. Bemerkt sei auch, daß +Schweitzer sich hütete, gegen das erstinstanzliche Urteil Berufung +einzulegen, was sicher geschehen wäre, wenn er sich unschuldig gefühlt +hätte. + +Diese beiden Vorkommnisse zwangen Schweitzer, auf einige Zeit Frankfurt +zu verlassen. In den Arbeiterkreisen erweckten sie natürlich eine starke +Animosität gegen ihn. Als daher im nächsten Jahre, nach Gründung des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, Schweitzer die persönliche +Bekanntschaft Lassalles gemacht hatte und Mitglied des Vereins geworden +war, stellten die Frankfurter Mitglieder an Lassalle das Ersuchen, er +solle Schweitzer angehen, den Versammlungen des Vereins nicht mehr +beizuwohnen. Lassalle lehnte dieses Ersuchen als philiströs ab, das +Schweitzer zugeschriebene Vergehen habe mit seinem politischen Charakter +nichts zu tun. Die Knabenliebe sei in Griechenland allgemein +herrschender Brauch gewesen, dem der Staatsmann und der Dichter +gehuldigt habe. Im übrigen zollte er den Fähigkeiten Schweitzers hohes +Lob. An Schweitzer selbst schrieb er, daß die gerügten Neigungen nicht +nach seinem Geschmack seien. Einen Zweifel, daß Schweitzer diese nicht +besitze, drückte er nicht aus; er wußte wohl warum. + +Anfang 1863 veröffentlichte Schweitzer eine neue Schrift bei Otto Wigand +in Leipzig, betitelt "Die österreichische Spitze". Die Schrift widmete +er seinem Freunde Herrn v. Hofstetten, einem ehemaligen bayerischen +Offizier, "in Verehrung und Freundschaft"; die Vorrede ist von einer +schwülen Ueberschwenglichkeit, als rede Alkibiades zu einem seiner +Lieblinge. Der Inhalt der Schrift ist in mehr als einer Beziehung +interessant. Er schildert darin den Charakter des preußischen Staates +durchaus richtig und erklärt Preußen für eine Einigung Deutschlands +durchaus _ungeeignet_. Im weiteren tritt er trotz aller demokratischen +Vorbehalte wieder für die _österreichische_ Spitze ein. Der preußische +Staat stehe der Gesamtheit Deutschlands gegenüber, so führt er aus, auf +Grund seiner historischen Entwicklung ..., die ihn zwinge, sich weiter +in demselben Lande und durch dieselbe Bereicherungsart zu vergrößern, +also auf Annexionen auszugehen. _Diese Mission Preußens sei aber keine +deutsche, sondern eine preußische._ Preußen müsse nach seiner inneren +Natur darauf sehen, _daß der alles einzelne mehr oder weniger +durchdringende Geist, der althistorische, spezifisch preußische, +wesentlich hohenzollernsche Charakter des Staates nicht verloren gehe_. + +Gegen dieses Preußen macht er energisch Front, das mit einem _wirklichen +Gesamtdeutschland unverträglich sei_. Er spricht sich dabei in folgender +programmatischer Weise aus, eine Auffassung, der wir später in einer +anderen Situation wieder begegnen werden. Er sagt: "Wenn dem künftigen +Deutschen Reiche--sei es eine Republick oder ein Kaisertum--auch nur ein +einziges Dorf des jetzigen deutschen Bundesgebiets fehlt, _so ist dies +ein nationaler Skandal_. Die kleinste Hütte im fernsten Dorfe, wo +deutsche Zunge klingt, hat das heilige Recht auf den Schutz der +Gesamtheit." + +Diese feierliche Erklärung hielt ihn aber bald darauf nicht ab, die +Politik zu unterstützen, die den _nationalen Skandal_ herbeiführte und +herbeiführen wollte, und nach seiner eigenen Auffassung herbeiführen +mußte. Und es handelte sich dabei nicht bloß um ein einzelnes Dorf oder +eine Hütte, sondern um Ländergebiete mit zehn Millionen Deutscher, die +Jahrhundertelang früher zum Reiche gehörten als die Provinz Preußen, +deren Namen die Hohenzollern ihrem Königreich gaben. Schließlich +forderte er die _österreichische Spitze_ und den Eintritt +_Gesamtösterreichs_ in den Bund, wenn nicht anders, _so durch die +Zertrümmerung Preußens_. Demgemäß verlangte er, daß die großdeutsche +Partei _energisch für die österreichische Spitze_ eintrete und nicht der +kleindeutschen Partei das Feld in der Agitation für die preußische +Spitze überlasse. + +So Schweitzer als schwarzgelber Großdeutscher noch Anfang 1863. In +wenigen Monaten war er ein anderer. Mittlerweile hatte er die +persönliche Bekanntschaft Lassalles gemacht. Er begriff rasch, daß sich +hier eine Gelegenheit zu einer Stellung für seine Zukunft bot, die +seinem Ehrgeiz entsprach, die ihm in der bürgerlichen Welt nach den oben +geschilderten Vorgängen für alle Zeit abgeschnitten war. In diesen +Kreisen galt er als ein Mensch, vor dem man die Tür schließen müsse. + +Als im Frühjahr 1863 Lassalle nach Frankfurt kam, verständigten sich +beide offenbar sehr bald. Gelegenheit dazu bot auch ein gemeinsamer +Ausflug in die Rheinpfalz, auf dem sich ein amüsanter Vorgang mit +Lassalle zutrug. Außer Lassalle und Schweitzer nahmen an der Partie die +Gräfin Hatzfeldt, Hans v. Bülow und unser verstorbener Parteigenosse, +der damals jugendliche Wendelin _Weißheimer_ teil. Die Reise ging nach +Osthofen am Rhein, von wo aus der Ebernburg, bekanntlich einst der Sitz +Sickingens, ein Besuch gemacht werden sollte. Auf Betreiben Weißheimers +hatte sein Vater, der in Osthofen wohnte, die Gesellschaft zum +Mittagstisch geladen. Lassalle saß an der Tafel neben Frau Weißheimer. +Als diese im Laufe des Gesprächs, wißbegierig wie Frauen nun einmal +sind, die Frage an Lassalle richtete: ob er glaube, daß seine Pläne +durchführbar seien, umarmte Lassalle sie und drückte ihr mit den Worten: +"Sie sind eine köstliche Frau" einen Kuß auf die Lippen. Er schloß ihr +also buchstäblich den Mund. Ueber diese Verhöhnung aller +gesellschaftlichen Etikette geriet der alte Weißheimer dermaßen in +Aufregung, daß er einige Sekunden nach Atem schnappte, wohingegen die +übrige Gesellschaft aus vollem Halse lachte. + +Die Wandlung in der Gesinnung Schweitzers unter dem Einfluß Lassalles +zeigte sich sofort deutlich in der Rede, die er am 13. Oktober 1863 in +Leipzig unter dem Titel hielt: "Die Partei des Fortschritts als Trägerin +des Stillstandes". Diese Rede bezeichnet eine vollständige Umwandlung +seiner bisherigen Stellung zu Preußen, zugleich war sie eine +Rechtfertigung der Politik Lassalles und eine klare Stellungnahme gegen +den Liberalismus, _was zu jener Zeit hieß_ eine Parteinahme für Bismarck +und die Feudalen. In jener Rede führt er unter anderem aus: + + "Allein, meine Herren, wenn Sie meinem Vortrag gefolgt sind, so werden + Sie erkannt haben, daß zwar der moderne Absolutismus samt seinen + Adels- und Priesterkoterien uns feindlich gegenübersteht, da er + überhaupt von Neuerung nichts wissen will; allein, Sie werden zugleich + erkannt haben, _daß unser eigentlicher, hartnäckiger und erbitterter + Feind wo ganz anders steckt--nämlich in der Bourgeoispartei und ihren + Vertretern_. Es muß durchaus einmal _offen und bestimmt ausgesprochen + werden,_ daß in der weitaus höchsten und wichtigsten Frage der Zeit + _der wahre Sitz des Stillstandes in der sogenannten liberalen Partei + liegt, daß also unser, der sozialdemokratischen Partei Kampf in erster + Linie gegen sie gerichtet sein muß_. Wenn Sie dies aber festhalten, + meine Herren, dann werden Sie sich selbst sagen: _Warum hätte Lassalle + sich nicht an Bismarck wenden sollen?"_ + +Nach dieser Theorie waren also nicht die Feudalen, denen jeder +politische und soziale Fortschritt ein Greuel war, die, um modern zu +reden, die heftigsten Verteidiger der gottgewollten Abhängigkeiten sind, +der Hauptfeind der Arbeiter, das waren vielmehr die Liberalen, von denen +selbst der am weitesten rechtsstehende Anhänger doch immer noch ein +Vertreter der modernen Entwicklung, ein Anhänger eines gewissen +Kulturfortschrittes ist, ohne den die kapitalistische Ordnung nicht +bestehen kann, die dem Proletarier erst die Möglichkeit schafft, sich +zum freien Menschen emporzuarbeiten, die Unterdrückung des Menschen +durch den Menschen zu beseitigen. Schweitzer _wußte_, daß die von ihm +gepredigte Auffassung eine _grundreaktionäre_ war, ein Verrat an den +Interessen des Arbeiters, aber er propagandierte sie, weil er glaubte, +sich dadurch nach oben zu empfehlen. + +Es verstand sich von selbst, daß Bismarck und die Feudalen eine solche +Hilfe von der äußersten Linken mit Vergnügen sich gefallen ließen und +den Vertreter einer solchen Auffassung eventuell auch unterstützten. War +doch dieses Spielen mit Sozialismus und Kommunismus--und kein +vernünftiger Mensch konnte annehmen, daß es sich um mehr als um ein +Spielen handle--ein vortreffliches Mittel, die liberale Bourgeoisie, die +nie an einem Uebermaß von Mut und Einsicht litt, ins Bockshorn zu jagen +und _sie dem Bismarckschen Zäsarismus ins Garn zu treiben_. Je radikaler +dieser Sozialismus sich gegen die Bourgeoisie aufspielte, je mehr +erfüllte er seinen Zweck. Daher auch die Aufforderung Buchers an +Marx--man muß dieses immer wiederholen--, im "Staatsanzeiger" selbst +kommunistisch zu schreiben. + +Diese Politik war aber das gerade Gegenteil von Demokratie und +Sozialismus, was ich nicht erst zu beweisen nötig habe. + + + + +"Der Sozialdemokrat." + + +Schweitzer siedelte im Juli 1864 nach Berlin über und ließ sich dort +naturalisieren. Sein Zweck war, die Herausgabe eines Parteiorgans "Der +Sozialdemokrat" zu betreiben, wozu sein Freund v. Hofstetten, der mit +einer Gräfin Strachwitz verheiratet war und einiges Vermögen besaß, die +Mittel hergab. Auffallend ist, daß Lassalle in seinem Testament keinen +Pfennig für das von ihm gebilligte Unternehmen anwies. + +Schweitzer war es gelungen, trotz des Mißtrauens, das ein Teil der hier +Genannten gegen ihn hegte, außer Liebknecht Karl Marx, Friedrich Engels, +Oberst Rüstow, Georg Herwegh, Jean Philipp Becker, Fr. Reusche, Moritz +Heß und Professor Wuttke als Mitarbeiter zu gewinnen, selbstverständlich +auf ein radikales Programm, das Schweitzer entworfen hatte, das sich +durch Klarheit, Bestimmtheit und Kürze auszeichnete. Dasselbe erschien +an der Spitze der Probenummer des "Sozialdemokrat" vom 15. Dezember 1864 +und lautete: + + _Unser Programm._ + + Drei große Gesichtspunkte sind es, welche das Streben und die + Tätigkeit unserer Partei bestimmen: + + Wir bekämpfen jene Gestaltungen des europäischen Staatensystems, + welche, unnatürlich die Völker trennend und verbindend, aus dem + feudalen Mittelalter in das neunzehnte Jahrhundert sich + herübergeschleppt haben--wir wollen fördern die Solidarität der + Völkerinteressen und der Volkssache durch die ganze Welt. + + Wir wollen nicht ein ohnmächtiges und zerrissenes Vaterland, machtlos + nach außen und voll Willkür im Innern--_das ganze, gewaltige + Deutschland wollen wir, den einen, freien Volksstaat_. + + Wir verwerfen die bisherige Beherrschung der Gesellschaft durch das + Kapital--wir hoffen zu erkämpfen, daß die Arbeit den Staat regiere. + + Diese drei großen auf gemeinsamer Grundlage beruhenden Gesichtspunkte + _weisen uns in jeder möglichen Frage mit zwingender Notwendigkeit auf + die Bahnen, die wir zu wandeln haben_. + + Unsere Prinzipien sind einfach und klar--_ihre Konsequenzen zu ziehen + werden wir uns niemals scheuen_. + +Kein Zweifel, wäre dieses durchaus unanfechtbare, von allen maßgebenden +Personen in der Partei gebilligte Programm fortan die Richtschnur des +Blattes geblieben, eine Spaltung wäre unmöglich gewesen, eine Aera +gesunder Fortentwicklung wäre eingetreten und hätte eine ungeahnte +Ausbreitung der Partei schon in jungen Jahren höchst wahrscheinlich +gemacht. + +Aber Schweitzer wollte es anders. Von Herrn v. Hofstetten, seinem +Associé und Miteigentümer des "Sozialdemokrat", rede ich nicht. +Hofstetten war ein schwacher Mann ohne tiefere Einsicht in das Wesen der +Dinge, der sich von Schweitzer treiben und mißbrauchen ließ, und den +dann Schweitzer wie eine ausgequetschte Zitrone nach einigen Jahren +beiseite warf, nachdem Hofstetten sein Vermögen bis zum letzten Rest für +den "Sozialdemokrat" und für Schweitzer, der über Jahr und Tag auch an +seinem Tische saß, geopfert hatte. + +Die korrekte Haltung des "Sozialdemokrat" währte nicht lange. + +Bereits in Nr. 6 des "Sozialdemokrat" waren in dem Artikel "Das +Ministerium Bismarck und die Regierungen der Mittel- und Kleinstaaten" +Wendungen enthalten, in denen Schweitzers Sympathie mit der Politik +Bismarcks, wenn auch noch sehr vorsichtig, zum Ausdruck kam. Mit der Nr. +14 des "Sozialdemokrat" vom 27. Januar 1865 beginnt dann jene Serie +Artikel "Das Ministerium Bismarck", in denen er die demokratische Maske +fallen läßt, was die öffentliche Absage der meisten der eben erst +gewonnenen Mitarbeiter zur Folge hatte. + +In dem ersten dieser Artikel wurde ausgeführt: + + "Parlamentarismus heißt Regiment der _Mittelmäßigkeit_, heißt + _machtloses Gerede_, während _Zäsarismus_ doch wenigstens _kühne + Initiative, doch wenigstens bewältigende Tat heißt_. 'Schmach den + Renegaten, die jetzt der Reaktion dienen', rufe man. Sonderbar aber + doch, daß diese radikalen Renegaten (deren rasche Abwirtschaftung wir + erlebt haben. A.B.) nicht bei Pfordten und Beust (selbstverständlich + nicht. A.B.), daß diese radikalen Renegaten gerade bei Bismarck sind." + +Die Renegaten, die er meinte, waren eben alles Leute, die keinen Beruf +zu einem revolutionären Vorgehen in sich verspürten, die sich mit der +kapitalistischen Ordnung der Dinge--vorausgesetzt, daß sie überhaupt je +deren Gegner waren--abgefunden hatten und sich sagten, daß der +Kapitalismus unter der Aegide des märkischen Junkers nicht zu kurz +kommen werde, worin sie sich nicht täuschten. + +Im zweiten Artikel Schweitzers hieß es in Betrachtung der Entwicklung +Preußens: + + "Von dieser Grundlage aus (dem Kurfürstentum) hat sich sodann der + vergleichungsweise junge Staat, vorzugsweise durch _das mächtige Genie + eines großen Königs und gewaltigen Kriegshelden, eines in jeder + Beziehung bewunderungswürdigen Mannes_, zu einem ausgedehnten und + mächtigen Königreich erweitert." + +Nach dieser Verherrlichung Friedrichs des Großen, die ein Sybel oder +Treitschke tönender nicht betreiben konnte, spendet er auch der +Volkserhebung von 1813 ein Lob, die eine glänzende Ausnahme von der +Regel preußischer Geschichte sei. "Der Hauptsache nach und alles in +allem genommen, ist Preußen das, was es ist, durch die an seiner Spitze +stehende Dynastie geworden." + +Alsdann charakterisiert er das Wesen des preußischen Royalismus. + + "Während ein solcher Geist in den einen deutschen Staaten zwar nicht + ohne alle Begründung sein mag, jedenfalls aber alles höheren + politischen Ernstes und der tieferen Würde entbehrt, in den anderen + Staaten aber geradezu als Karikatur dessen erscheint, was man + Royalismus nennt, ist _der königliche Geist in Preußen eine + wohlbegründete politische Anschauungsweise und Richtung_. Denn die + Dynastie und in ihr _der jedesmalige Regent können mit innerer + Berechtigung als der Kulminationspunkt der aufsteigenden Skala_ der + herkömmlichen Elemente, als der Schwerpunkt der in hergebrachten + Bahnen rotierenden Kräfte, als Herz und Gehirn des Organismus + innerhalb eines Staatsganzen betrachtet werden, welches nur so und + unter solcher Voraussetzung seine eigentümliche Wesenheit und seine + dermalige Stellung erlangte und erlangen konnte." + +Des weiteren meinte er noch, daß der preußische Staat in seinem +dermaligen Zustand das offenbare Gepräge des Unfertigen, einer noch +nicht abgeschlossenen geschichtlichen Entwicklung auf sich trage. Ein +Zustand also, _der nach Annexionen schreie_. Diese Mission, die Preußen +in Deutschland habe, sei aber keine deutsche, wie man uns glauben machen +wolle, sondern eine _preußische_. + +Schweitzer kannte also die Natur des preußischen Staates, wie keiner sie +besser kennen konnte, seine Schlüsse waren durchaus logisch. Aber um so +mehr drängt sich die Frage auf, wie konnte er dann eine Politik +unterstützen, die nach seinem eigenen Geständnis _undeutsch_, weil nur +_großpreußisch_ war, und wenn siegreich, die _Niederlage der Demokratie +bedeutete_? Eine solche Politik durfte vom demokratischen Standpunkt aus +nicht unterstützt, _sie mußte vielmehr auf Leben und Tod bekämpft +werden, denn es war der Todfeind der Demokratie, der diese Politik +betrieb._ + +Schweitzer schließt seinen zweiten Artikel also: + + "Ein _wahrhaft preußisches_ Ministerium, ein solches, welches die aus + der Geschichte des preußischen Staates hervorgegangene Wesenheit + desselben zu befestigen und weiterzuentwickeln strebt, kann weder in + Gemäßheit bloßen Schablonenkonservatismus _lediglich die stupide + Aufrechterhaltung des gerade Vorhandenen beabsichtigen_, wie dies + konservative Ministerien in Preußen lange getan, noch auch kann es die + dem Staate von seiner Geschichte indizierte äußere Politik _unter + Aufhebung des inneren Charakters des Staates anstreben, wie dies die + liberale Partei unter Verleugnung des Machtschwerpunktes von der Krone + hinweg in das Abgeordnetenhaus beabsichtigte_." + +Das heißt also in klares Deutsch übersetzt: Die Eigenart des preußischen +Staates verbietet einer preußischen Regierung die Einführung eines +parlamentarischen Regimes, und wenn ihr Liberalen dennoch danach strebt, +so verlangt ihr etwas, was der Natur des preußischen Staates entgegen +ist. Begnügt euch also, ein Ornament am Staatswagen zu sein. In der +Situation, in der damals die Kammer sich der Regierung gegenüber befand, +bedeuteten solche Auslassungen einfach ein _In-den-Rücken-fallen_ der +Volksvertretung und eine _Unterstützung_ der Pläne Bismarcks. + +In seinem dritten Artikel führt er zunächst aus: Die Schlußfolgerungen +seines zweiten Artikels und die Untersuchungen, die zu denselben +führten, seien _mehrfach mißverstanden_ (!) worden. Er wird also jetzt +noch deutlicher. Er sagt: + + "Indem Preußen eine Politik verfolge, die zur Annexion der Herzogtümer + (Schleswig-Holstein) führen müsse, setze es, _die glorreichen + Traditionen preußischer Geschichte aus langem Schlummer weckend, an + den innersten Kern des preußischen Staatsgeistes seine Hebel an._ + + Es ist eine bedeutende Politik, die jetzt in Preußen gemacht wird! ... + Wer Annexion anfängt, muß sie durchsetzen. Mehr noch. + + Eine preußische Regierung, die in der zweiten Hälfte des neunzehnten + Jahrhunderts deutsches Land zu annektieren beginnt, eine preußische + Regierung, die _angesichts der offenkundigen, von Kaiser, Königen und + Fürsten feierlich proklamierten Unhaltbarkeit der politischen + Verfassung Deutschlands die 'friedericianische Politik'_ (wie ein + großdeutsches Blatt sich ausdrückte) _wieder aufnimmt, kann nicht + stille stehen nach kleinem Sieg--weiter muß sie auf der betretenen + Bahn--vorwärts, wenn nötig mit 'Blut und Eisen'._ + + Denn anknüpfen an die stolzesten Traditionen eines historisch + erwachsenen Staates und dann feige zurückbeben vor entscheidender Tat, + hieße den innersten Lebensnerv eines solchen Staates ertöten. + + Man kann solche Traditionen ruhen lassen--_aber man kann sie nicht + aufnehmen, um sie zu ruinieren!_ + + Ein preußischer Minister, der _solche_ Politik für Preußen machte--er + verfiele unrettbar _den zürnenden Manen des großen Friedrich und dem + Gelächter seiner Zeitgenossen._" + +Wie mußte bei dem Lesen solcher Artikel das Herz jedes guten Preußen +schlagen; war doch danach Preußen quasi von der Vorsehung vorher +bestimmt, der Beherrscher Deutschlands zu werden. Und wie mußten die +Herzen der Feudalen einem Manne zugetan sein, der besser als sie alle +die "historische Mission" des preußischen Staates darzulegen und zu +verherrlichen verstand. Und das sollte unbeachtet und unbelohnt bleiben? + +Was Schweitzer hier schrieb, war aber auch eine Verherrlichung der +weiteren Bismarckschen Politik, es war eine förmliche Anpeitschung +Bismarcks, auf dem betretenen Wege weiter zu gehen, wäre eine solche +noch notwendig gewesen. + +Im vierten Artikel kam Schweitzer auf den Bundestag und Oesterreich zu +sprechen. Hier hatte er mit seiner Kritik leichtes Spiel, denn dümmer +und dem Zeitbedürfnis widersprechender konnte nicht gehandelt werden, +als diese beiden Faktoren in der deutschen Frage gehandelt hatten. Im +übrigen war die Haltung, die in diesem Artikel Schweitzer Oesterreich +gegenüber einnahm, wie in seiner ganzen späteren Politik, das direkte +Gegenteil von dem, was er noch im Jahre 1863--also anderthalb Jahre +zuvor--in seiner Broschüre "Die österreichische Spitze" zur +Verherrlichung Oesterreichs gesagt hatte, und was das Programm besagte, +das angeblich der "Sozialdemokrat" vertreten sollte. + +Der fünfte Artikel beschäftigte sich mit der Stellung der Nation und der +deutschen Frage. Er kommt zu dem Resultat: + + "_Aktionsfähig in Deutschland sind nur noch zwei Faktoren: Preußen und + die Nation, preußische Bajonette oder deutsche Proletarierfäuste_--wir + sehen kein drittes. + + ... _Das Preußentum ist der Feind des Deutschtums, aber es ist auch + der Feind der bestehenden Gewalten Deutschlands._ + + Die Nation steht fest auf ewigem Fundament--die Fürstenstühle + Deutschlands aber müssen wanken, _wenn Preußen sich erinnert, daß + Friedrich der Große sein König war._" + +Und wie stand's mit dem preußischen Thron? + +Der Leser wird zugeben, daß raffinierter, demagogischer nicht zu +schreiben war. Wie ein Aal windet er sich vor einer klaren +Stellungnahme. Er läßt nur ahnen, spricht aber nicht aus, was er will. +Klar ist, daß das Lesepublikum, an das Schweitzer sich wandte, von +seinem Plädoyer für Preußen gefangen genommen wurde, und das war sein +Zweck. Dazu kam, daß der ganze politische Inhalt des "Sozialdemokrat" +von der Tendenz durchtränkt war, welche die fünf Artikel erfüllte. +Bismarck hatte in der ganzen deutschen Presse keine Feder, die +geschickter für seine Politik Propaganda machte. + +Kein Zweifel, diese Bismarckartikel standen mit dem Programm des +"Sozialdemokrat" in seiner ersten Nummer im schneidendsten Widerspruch. +Es ist auch ausgeschlossen, daß der äußerst scharfsinnige Schweitzer +nicht vorausgesehen habe, daß er mit diesen Artikeln der großen Mehrzahl +der eben erst gewonnenen Mitarbeiter in gröblichster Weise vor den Kopf +schlug. Es war eine Brüskierung sondergleichen. Es war also +selbstverständlich, daß darauf Karl Marx, Friedrich Engels, W. +Liebknecht, Herwegh, Joh. Ph. Becker und Friedrich Reusche von dem +Blatte sich lossagten. + +Schweitzer quittierte in einem Artikel in der Nr. 31 seines Blattes über +die Rücktritte mit den Worten: Einige bornierte Köpfe hatten sich an +unseren Leitartikeln "Das Ministerium Bismarck" gestoßen. Mit Genugtuung +konstatiere er, daß zwei Hauptorgane des österreichischen Liberalismus, +die "Presse" und die "Ostdeutsche Post", sich auf seine Seite gestellt +hätten und brachte längere Auszüge aus denselben. Weiter zitierte er die +"Neue Frankfurter Zeitung", das Blatt Sonnemanns, die ausgeführt hatte, +daß die von Schweitzer befolgte Politik nichts als die Fortsetzung der +Lassalleschen Politik sei. + +Das war richtig! Ohne Lassalles Verhalten wäre es Schweitzer sehr schwer +geworden, die von ihm beliebte Politik im Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein zur Geltung zu bringen. Aber doch war zwischen Lassalle +und ihm ein Unterschied. Lassalle, ökonomisch vollständig unabhängig, +stand zu Bismarck wie Macht zu Macht, davon konnte bei Schweitzer, der +tief in Schulden steckte und nach seiner sonstigen Qualität in alle Wege +keine Rede sein. Er erschien in seinem Auftreten als ein Werkzeug der +Bismarckschen Politik, als ein Mann, der den Vorteil des Lassalleschen +Scheins für sich hatte und ihn geschickt ausnutzte. + +Im weiteren erklärte Schweitzer gegen Marx und Engels, daß sie sich vom +"Sozialdemokrat" zurückgezogen, sobald sie eingesehen hätten, daß sie +nicht die erste Rolle bei der Partei spielen konnten. Im Gegensatz zu +ihnen sei Lassalle nicht der Mann der unfruchtbaren Abstraktion, +sondern ein Politiker im strengen Sinne des Wortes, nicht ein +schriftstellerischer Doktrinär, sondern ein Mann der praktischen Tat +gewesen. + +Wobei wieder nicht vergessen werden darf, daß später Schweitzer den +Mann der "unfruchtbaren Abstraktion", den "schriftstellerischen +Doktrinär" Karl Marx, umschmeichelte und für sich zu gewinnen suchte. + +Marx und Engels blieben die Antwort nicht schuldig. Unter dem 24. +Februar 1865 veröffentlichten sie folgende Erklärung: + + "Die Unterzeichneten versprachen ihre Mitarbeit am 'Sozialdemokrat' + und gestatteten ihre Nennung als Mitarbeiter unter dem ausdrücklichen + Vorbehalt, daß das Blatt im Geiste des ihnen _mitgeteilten_ kurzen + Programms redigiert werde. Sie verkannten keinen Augenblick die + schwierige Stellung des 'Sozialdemokrat' und machten daher keine für + den Meridian Berlin unpassenden Ansprüche. Sie forderten aber + wiederholt, _daß dem Ministerium und der feudalabsolutistischen Partei + gegenüber eine wenigstens ebenso kühne Sprache geführt werde wie + gegenüber den Fortschrittlern._ Die von dem 'Sozialdemokrat' befolgte + Taktik schließt unsere weitere Beteiligung an demselben aus. Die + Ansicht der Unterzeichneten _vom königlich preußischen + Regierungssozialismus_ und von der richtigen Stellung der + Arbeiterpartei zu solchem Blendwerk findet sich bereits ausführlich + entwickelt in Nr. 73 der 'Deutschen Brüsseler Zeitung' vom 12. + September 1847, in Antwort auf Nr. 206 des damals in Köln + erscheinenden 'Rheinischen Beobachters', worin die Allianz des + Proletariats und der Regierung gegen die liberale Bourgeosie + vorgeschlagen war. Jedes Wort unserer damaligen Erklärung + unterschreiben wir noch heute." + +Die Erklärung in der "Deutschen Brüsseler Zeitung", auf die hier Marx +und Engels sich bezogen, lautete: + + "Wenn eine gewisse Fraktion deutscher Sozialisten fortwährend gegen + die liberale Bourgeoisie gepoltert hat, und zwar in einer Weise, die + niemandem Vorteil brachte als den deutschen _Regierungen_, wenn jetzt + Regierungsblätter wie der 'Rheinische Beobachter', auf die Phrasen + dieser Leute gestützt, behaupten, _nicht die liberale Bourgeoisie, + sondern die Regierung repräsentiere die Interessen des Proletariats, + so haben die Kommunisten weder mit der ersteren noch mit der letzteren + etwas gemein...._ + + Das Volk oder, um an die Stelle dieses weitsichtigen, schwankenden + Ausdrucks den bestimmten zu setzen, das Proletariat räsoniert ganz + anders, als man im geistlichen Ministerium sich träumen läßt. Das + Proletariat fragt nicht, ob den Bourgeois das Volkswohl Nebensache + oder Hauptsache sei, ob sie die Proletarier als Kanonenfutter + gebrauchen werden oder nicht. Das Proletariat fragt nicht, was die + Bourgeois bloß _wollen, sondern was sie müssen_. Es fragt, ob der + jetzige politische Zustand, die Herrschaft der Bureaukratie, _oder der + von den Liberalen erstrebte, die Herrschaft der Bourgeoisie, ihm mehr + Mittel bieten wird, seine eigenen Zwecke zu erreichen._ Dazu hat es + nur nötig, die politische Stellung des Proletariats in England, + Frankreich und Amerika mit der in Deutschland zu vergleichen, um zu + sehen, _daß die Herrschaft der Bourgeoisie dem Proletariat nicht nur + ganz neue Waffen zum Kampfe gegen die Bourgeoisie in die Hand gibt, + sondern ihm auch eine ganz andere Stellung, eine Stellung als + anerkannte Partei verschafft._" + + Es heißt weiter: "Das Volk kann sich nicht für die _ständischen + Rechte_ interessieren. Aber ein Landtag, der Geschworenengerichte, + Gleichheit vor dem Gesetz, Aufhebung der Frondienste, Preßfreiheit, + Assoziationsfreiheit und eine wirkliche Repräsentation verlangt, _ein + Landtag, der ein für allemal mit der Vergangenheit gebrochen und seine + Forderungen nach den Bedürfnissen der Zeit eingerichtet hat statt nach + alten Gesetzen, solch ein Landtag kann auf die kräftigste + Unterstützung des Proletariats rechnen._" + +Am 4. März schlossen sich Georg Herwegh und Wilhelm Rüstow der Erklärung +von Marx und Engels ausdrücklich an. Am 5. März erklärte Fr. Reusche in +der "Rheinischen Zeitung" seinen Rücktritt von der Mitarbeiterschaft am +"Sozialdemokrat", wobei er unter anderem bemerkte, er habe wiederholt +die Redaktion aufgefordert, das Junkertum rücksichtslos zu bekämpfen. +Rüstow habe Anfang Februar eine eingehende Kritik der Militärfrage an +die Redaktion gesandt; aber trotz der wiederholten Anfragen von Rüstow +und ihm erschienen weder diese noch ein von ihm eingesandter Artikel +gegen den königlich preußischen Regierungssozialismus. Bald habe es +geheißen, es sei kein Raum vorhanden, bald, man wolle warten, bis die +Zeit geeignet wäre. Am 11. März erklärte Jean Philipp Becker in Genf im +Hamburger "Nordstern", dem Vorgehen von Marx und Engels sich +anzuschließen. Liebknecht hatte sich gleichzeitig mit den letzteren von +Schweitzer und dem "Sozialdemokrat" losgesagt. Professor Wuttke in +Leipzig gab zwar keine öffentliche Erklärung ab, stellte aber seine +Mitarbeiterschaft am "Sozialdemokrat" ein. Der einzige, der von dem +ganzen Mitarbeiterstab einstweilen noch dem "Sozialdemokrat" verblieb, +war Moritz Heß in Paris. Er schied Ende 1866 aus. Eine zweite Erklärung +von Marx und Engels, datiert London den 15. März und abgedruckt in der +Berliner "Reform" vom 19. März 1865, richtete sich gegen einen Artikel, +den Schweitzer aus der "Neuen Frankfurter Zeitung" im "Sozialdemokrat" +abgedruckt hatte, in dem nachgewiesen werden sollte, "wie inkonsequent +und innerlich haltlos das Verfahren der Herren Marx und Engels dem +'Sozialdemokrat' gegenüber ist". Marx konstatiert: Schweitzer habe am +11. November 1864 ihm das Erscheinen des "Sozialdemokrat" angezeigt und +habe bei dieser Gelegenheit geschrieben: + + "Wir haben uns an etwa sechs bis acht bewährte Mitglieder der Partei + oder derselben wenigstens nahestehende Männer gewandt, um sie für die + Mitarbeiterschaft zu gewinnen.... Allein für ungleich wichtiger halten + wir es, daß _Sie, der Begründer der deutschen Arbeiterpartei und ihr + erster Verfechter_, uns Ihre Mitwirkung angedeihen lassen. Wir hegen + die Hoffnung, daß Sie einem Verein, der, wenn auch nur indirekt, auf + Ihre eigene Wirksamkeit zurückzuführen ist, nach dem großen Verlust, + der ihn betroffen, in seinem schweren Kampfe zur Seite stehen werden." + +In dem Prospekt habe der Name Lassalle nirgends gestanden. Der Prospekt +habe nur drei Punkte enthalten: "Solidarität der Völkerinteressen", "Das +ganze gewaltige Deutschland--ein freier Volksstaat", "Abschaffung der +Kapitalherrschaft". Daraufhin hätten er und Engels ihre Mitarbeit +zugesagt.... Am 28. November habe Schweitzer ihm geschrieben, daß seine +und Engels' Zusage in der Partei, soweit sie überhaupt eingeweiht sei, +die freudigste Sensation hervorgerufen.... Marx erzählt weiter, wie er +im Laufe des Januar gegen die Taktik Schweitzers im "Sozialdemokrat" +protestierte und daß, als trotz Schweitzers Beruhigungsschreiben die +Taktik im Blatte dieselbe geblieben, er aufs neue protestiert habe, +worauf Schweitzer ihm am 15. Februar folgendes geschrieben: + + "Wenn Sie mir wie im letzten Schreiben über theoretische Fragen + Aufklärung geben wollen, so würde ich solche Belehrung von Ihrer Seite + dankbar entgegennehmen. Was aber die praktischen Fragen momentaner + Taktik betrifft, so bitte ich Sie, zu bedenken, daß, um diese Dinge zu + beurteilen, man im Mittelpunkt der Bewegung stehen muß. Sie tun uns + daher unrecht, _wenn Sie irgendwo und irgendwie Ihre Unzufriedenheit + mit unserer Taktik aussprechen_. Dies dürfen Sie nur dann tun, wenn + Sie die Verhältnisse genau kennen. Auch vergessen Sie nicht, daß der + Allgemeine Deutsche Arbeiterverein ein konsolidierter Körper ist und + bis zu einem gewissen Grade an seine Tradition gebunden bleibt. (Der + Verein war damals kaum 22 Monate alt und hatte nur einige tausend + Mitglieder. A.B.) Die Dinge in concreto schleppen eben immer irgend + ein Fußgewicht mit sich herum." + +Es war also selbstverständlich, daß Marx, Engels und Genossen handeln +mußten, wie sie gehandelt haben. Schweitzer scheint geglaubt zu haben, +daß er seinen Mitarbeitern eine ähnliche Rolle zumuten dürfe, wie sie +Lothar Bucher im Einverständnis mit Bismarck Marx im "Staatsanzeiger" +zugemutet hatte. Sie sollten Mitarbeiter sein, aber kein Recht haben, +über die Taktik mitzusprechen, die mit dem Programm, auf Grund dessen +sie ihre Mitarbeiterschaft zugesagt hatten, im _schneidendsten +Widerspruch stand_. Schreibt so radikal wie möglich für Sozialismus und +Kommunismus, je radikaler, desto besser; ihr seid dann die Flagge, unter +der ich meine Konterbande decke. So ungefähr mochte Schweitzer +räsonnieren. Es war daher eine Unverschämtheit, wenn er auf die +Beschwerde von Marx und Engels über die Haltung des Blattes erklärte: +sie im Ausland könnten die Dinge in Deutschland nicht beurteilen. Diese +konnten aber selbst Personen durchaus richtig beurteilen, die den Marx +und Engels nicht das Wasser reichten. Eines konnte man damals Bismarck +nicht vorwerfen, daß er seine Politik verschleierte und mit verdeckten +Karten spielte. + +Bucher hat später, im Herbst 1878, als anläßlich des bevorstehenden +Sozialistengesetzes seine Einladung von Marx, für den "Staatsanzeiger" +zu schreiben, Gegenstand der öffentlichen Erörterung wurde, die Marxsche +Darlegung dieser Einladung bestritten. Darauf antwortete Marx in der +"Daily News" unter anderem: + + Der Brief, worin mich Herr Bucher für den "Staatsanzeiger" zu kirren + suchte, datiert vom _8. Oktober 1865_. Es heißt darin unter anderem: + "In betreff des Inhaltes versteht es sich von selbst, daß Sie nur + Ihrer wissenschaftlichen Ueberzeugung folgen; jedoch wird die + Rücksicht auf den Leserkreis--haute finance--, nicht auf die + Redaktion, es ratsam machen, daß Sie den innersten Kern nur eben für + den Sachverständigen durchscheinen lassen." Dagegen besagt die + "Berichtigung" des Herrn Bucher, daß er bei "Herrn Marx anfrug, ob er + die gewünschten Artikel liefern wolle, indem es auf eine objektive + Behandlung ankäme. Von des Herrn Marx 'eigenem wissenschaftlichen + Standpunkt' steht nichts in meinem Briefe." + +Ferner heißt's in dem Briefe Buchers: + + "Der 'Staatsanzeiger' wünscht monatlich einen Bericht über die + Bewegungen des Geldmarktes (und natürlich auch des Warenmarktes, + soweit beide nicht zu trennen). Ich wurde gefragt, ob ich nicht + jemanden empfehlen könnte, und erwiderte, niemand würde das besser + machen als Sie. Ich bin infolgedessen ersucht worden, mich an Sie zu + wenden." + +Klassisch ist der Schluß der Bucherschen Einladung, die Marx in jener +Erklärung ebenfalls abdruckt: + + "Der Fortschritt (er meinte die liberale oder Fortschrittsbourgeoisie) + wird sich noch oft häuten, ehe er stirbt; wer also während seines + Lebens noch innerhalb des Staates wirken will, der muß sich ralliieren + um die Regierung." + +Das war also der Grund, der Bucher Bismarck in die Arme trieb und der +ihn veranlaßte, bei anderen das gleiche zu versuchen. + +Nach einer Erklärung, die Liebknecht am 24. März in der "Rheinischen +Zeitung" veröffentlichte, habe Schweitzer nach dem Tode Lassalles Marx +zum Präsidenten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins vorgeschlagen. +Marx habe abgelehnt, sich mit einer Bewegung zu identifizieren, deren +Taktik er für grundverkehrt hielt, auch habe er keine Neigung gehabt, +unter den obwaltenden politischen Zuständen nach Deutschland +überzusiedeln. Schweitzer habe sich verpflichtet, daß das neue Blatt die +Lassallesche Taktik nicht befolgen, jedes Kokettieren mit der Reaktion +vermeiden sollte, unter dieser Bedingung, und nur unter dieser, habe er +sich zur Mitarbeiterschaft bereit erklärt, vorausgesetzt, daß auch Marx +und Engels sich beteiligen würden. Beide hätten sich schließlich nur mit +dem größten Widerstreben dazu verstanden, und nur auf seine wiederholte +Versicherung, daß er an die Loyalität Schweitzers--von dem er sehr +schlimme Dinge gehört--glaube. + +Die Politik des "Sozialdemokrat" trug rasch die gewünschten Früchte. +Bereits Anfang Februar 1865 hielt ein Mitglied des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins, Peter Rex, in Köln eine Rede, worin er sagte: _ihm sei +die jetzige Regierung lieber als ein Fortschrittsministerium_. Der +"Sozialdemokrat" druckte ohne ein Wort der Kritik diese Aeußerungen ab. +Am 12. März erklärte der Rheinisch-Westfälische Arbeitertag zu Barmen +sich mit der Haltung des "Sozialdemokrat" einverstanden, auch sei es +durchaus zu billigen, die Vorschläge der preußischen Regierung, die bei +verschiedenen Gelegenheiten die Verbesserung der Lage der arbeitenden +Klassen durch die Gesetzgebung _versprochen_ habe, abzuwarten, bevor man +über dieselbe aburteile, indem es keineswegs unmöglich sei, _daß +dieselbe das Dreiklassenwahlgesetz aufhebe und statt desselben das +allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht_, wie es das von +Lassalle, dem Begründer der deutschen Arbeiterpartei, vorgezeichnete +nächste Ziel der jetzigen deutschen Arbeiterbewegung sei, _einführe_. + +Form und Inhalt dieser Resolution sprachen dafür, daß Schweitzer sie +verfaßt hatte, auch empfahl der "Sozialdemokrat", überall dieselbe zur +Abstimmung zu bringen, ein Akt, der einem Vertrauensvotum für die +preußische Regierung gleichkam. + +Bereits begann aber auch die Opposition im Verein sich bemerkbar zu +machen. In seiner Nr. 38 polemisierte der "Sozialdemokrat" gegen die +offenen Feinde und falschen Freunde, die Zwietracht in die Partei zu +säen suchten. Und da die Opposition auch begann, gegen die +diktatorischen Organisationsbestimmungen im Vereinsstatut zu +polemisieren, so mußte die Organisation als das ureigenste Werk +Lassalles mit einer Art _Glorienschein_ umgeben werden. Der +Lassallekultus wurde von jetzt ab systematisch gefördert und jeder als +eine Art Schänder des Heiligsten gebrandmarkt, der andere Ansichten zu +hegen wagte. Es waren namentlich die Worte im Lassalleschen Testament: +"Dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein empfehle ich, den Frankfurter +Bevollmächtigten, Bernhard Becker, zu meinem Nachfolger zu wählen. _Er +soll an der Organisation festhalten; sie wird den Arbeiterstand zum +Siege führen_", die das Schibolet wurden, das den echten von dem +falschen Lassalleaner unterschied. Und Schweitzer unterstützte diese +allmählich ans Idiotenhafte grenzenden Anschauungen, die schließlich +eine Art religiöser Glaubenssätze wurden. Kam es doch im Laufe der Jahre +dahin, daß das Thema "Christus und Lassalle" das Thema für die +Tagesordnung zahlreicher Volksversammlungen wurde. F.W. Fritzsche +erhielt sogar 1868 in Berlin eine Anklage wegen eines Vortrags über +dieses Thema, in dem der Staatsanwalt eine Gotteslästerung erblickte. +Fritzsche wurde nur freigesprochen, weil ihm der Dolus nicht +nachgewiesen werden konnte. + +Wie Schweitzer innerlich über dieses von ihm geförderte Treiben dachte, +bedarf keiner Auseinandersetzung. + +In einem merkwürdigen Gegensatz zu den Bismarckartikeln veröffentlichte +der "Sozialdemokrat" in seiner Nr. 43 vom 5. April 1865 eine +Schlußbetrachtung über die österreichischen Staatsverhältnisse, worin es +hieß: + + "Die Deutsche Volkspartei ist, wie in allem, so auch in der deutschen + Einheitssache radikal, das heißt sie will die ganze und ausnahmslose + Verwirklichung der als gut und richtig erkannten Idee. + + Die Deutsche Volkspartei also will das _ganze_ Deutschland zum freien + Volksstaat vereinen. + + Das _ganze_ Deutschland! sagen wir. Nicht ein Dorf, nicht ein + Meierhof, nicht die kleinste Hütte im fernsten Winkel darf uns fehlen! + + Der kleindeutsche Gedanke eines 'einigen Deutschland' ohne die + deutsch-österreichischen Provinzen ist _ein Hochverrat an der Nation + und ihrer Zukunft_. (Auch im Text gesperrt gedruckt.) + + Ein einiges Deutschland--_bedingungslos, ausnahmslos!_" + +Das war eine der Doppelzüngigkeiten, womit Schweitzer bezweckte, die +Opposition zum Schweigen zu bringen, die sich anläßlich der +Bismarckartikel innerhalb und außerhalb des Vereins geltend machte. Er +sah, daß er sich zu weit vorgewagt hatte. Ein solches Manöver +wiederholte er _regelmäßig_, sobald er wegen seines Verhaltens +öffentlich Angriffen ausgesetzt war. Alsdann warf er sich wieder auf die +linke Seite und schrieb mit einem Radikalismus, der nichts zu wünschen +übrig ließ. Er konnte so, aber auch anders. + +Und er nicht allein, auch der eine und der andere seiner Anhänger. In +derselben Nummer des "Sozialdemokrat", in der der oben zitierte Artikel +über Oesterreich stand, veröffentlichte Tölcke einen spaltenlangen +Bericht über eine _Königsgeburtstagsfeier, welche die Mitglieder des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in Iserlohn veranstaltet hatten +und in der Tölcke ein Hoch auf den König von Preußen ausgebracht hatte_. +In diesem Toast führte Tölcke aus, der Wille, den Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein vernichten zu wollen--wie das der Iserlohner +Bürgermeister durch maßlos brutale Unterdrückungsmaßregeln versucht +hatte--sei vergeblich. + + "Das gelingt nimmermehr, weil das preußische Ministerium den + Bestrebungen des Vereins, mehr aus volkswirtschaftlichen als aus + politischen Beweggründen, augenscheinlich die große Aufmerksamkeit + schenkt--es gelingt endlich nimmermehr, weil Seine Majestät unser + allverehrter König der Freund der Arbeiter ist." + +Auf Tölckes Betreiben hatte man sogar den König durch eine +telegraphische Depesche zum Geburtstag beglückwünscht, worauf folgende +Antwort eingegangen war: + + "Dem Arbeiterverein Iserlohn. Seine Majestät dankt bestens für Ihre + Glückwünsche. Im allerhöchsten Auftrag: Strubberg, Oberstleutnant und + Flügeladjutant." + +Die Verlesung dieser Depesche wurde, wie Tölcke weiter berichtete, mit +einem gewaltigen Hoch auf Seine Majestät aufgenommen. Im Festsaal war +ein Transparent angebracht: der preußische Adler stehend auf +verschlungenen Eichen- und Lorbeerzweigen, und darüber die Inschrift: +Heil dem Könige, dem Beschützer der Bedrängten!... Weithin schallten +patriotische Lieder. Ein Kriegerverein konnte nicht patriotischer +handeln. + +Schweitzer druckte den spaltenlangen Bericht Tölckes im "Sozialdemokrat" +ab, ohne ein Wort des Tadels oder der Unzufriedenheit hinzuzufügen. +Tölcke handelte eben in den Intentionen Schweitzers. Das hinderte ihn +aber nicht, im "Sozialdemokrat" vom 20. September 1865 bei Besprechung +einer Depesche Lord Russells, worin dieser den Gasteiner Vertrag +zwischen Preußen und Oesterreich aufs schärfste verurteilte, zu sagen: +Was geht uns der Gasteiner Vertrag an?... Es ist nur eine Angelegenheit +der preußischen Regierung, deren Politik im offensten und +entschiedensten Widerspruch zum Willen des Volkes in Preußen steht. Und +gegen die "Kreuzzeitung" gewendet, die dem Volke mit dem Ausland drohte, +das sich in deutsche Angelegenheiten mischen werde, antwortete er: Nicht +in Frankreich, in Deutschland sitzen die Erbfeinde deutscher Nation. Wen +er darunter meinte, das überließ er dem Leser, sich zurechtzulegen. Wie +konnte der Arbeiter von damals in dieser Zweideutigkeit und +Doppelzüngigkeit sich zurechtfinden? Er hatte nur das eine Gefühl, daß +der Mann, der alles das schrieb, geistig turmhoch über ihm stand und er +darum ihm folgen müsse. + +Die Verbreitung, die damals der "Sozialdemokrat" besaß, war eine sehr +geringe. Er hatte nur _einige hundert Abonnenten_. Das Blatt erforderte +also _sehr erhebliche_ Zuschüsse, und es konnte gar keine Rede davon +sein, daß es seinen Redakteuren auch nur einen Pfennig Gehalt abwarf, +obgleich beide darauf angewiesen waren. Um so mehr mußte auffallen, daß +bei einem solch elenden finanziellen Stand dasselbe vom 1. Juli 1865 ab +sogar _täglich_ erschien, also sein Defizit fast verdoppelte, ohne jede +Aussicht, in absehbarer Zeit einen Abonnentenzuwachs zu erlangen, der +auch nur einen nennenswerten Teil der Kosten deckte. Die Frage war also +sehr natürlich: wo kommt das Geld her? denn ohne daß erhebliche +Zuschüsse von irgend einer Seite in Aussicht standen, war der Plan, das +Blatt täglich erscheinen zu lassen, der Plan von Irrenhäuslern. + +Der Verein hatte kein Bedürfnis nach einer solchen Vergrößerung des +Blattes, wohl aber die _konservative Presse_, welche die scharfen +Angriffe, die der "Sozialdemokrat" unausgesetzt gegen die +Fortschrittspartei und ihre Politik führte, mit Behagen weiter +verbreitete und die liberale Presse zwang, dem "Sozialdemokrat" +ebenfalls größere Beachtung zu schenken. Auf diese Weise erlangte das +Blatt eine Bedeutung, die ganz außer Verhältnis zu seiner Verbreitung +stand. Die Frage: woher kommt das Geld? wurde auch für die liberale +Presse aktuell, und so sahen sich Schweitzer und Hofstetten genötigt, in +der Nr. 77 des "Sozialdemokrat" vom 28. Juni 1865 eine Erklärung gegen +die "Rheinische Zeitung" zu veröffentlichen, die in ihrer Nr. 139 +erklärt hatte: _Der "Sozialdemokrat" stehe in nahen Beziehungen zu +Bismarck, und in ihrer Nr. 139 weiter die Beschuldigung aussprach, dem +"Sozialdemokrat" flössen aus hochkonservativen Kreisen die Mittel zu, um +statt dreimal wöchentlich täglich zu erscheinen_. Die Erklärung +Schweitzers und Hofstettens gegen die "Rheinische Zeitung" lautete: + + "In diesen beiden Stellen hat die Redaktion der 'Rheinischen Zeitung', + obwohl mit einiger Vorsicht (? A.B.) und in etwas gewundenen Phrasen + (? A.B.), so doch im ganzen ziemlich unzweideutig uns, die Redakteure + des 'Sozialdemokrat', der schmählichsten und erbärmlichsten Haltung + beschuldigt, die überhaupt in der Politik möglich ist: daß nämlich + wir, die berufen sind, die sozialdemokratische Partei in der Presse zu + vertreten, uns an eine entgegenstehende Partei oder politische Macht + verkauft hätten. + + Wenn die Redaktion der 'Rheinischen Zeitung' nicht _sofort nach + Kenntnisnahme dieser Erklärung ihre Verleumdung widerruft, werden wir + gegen dieselbe, weiteres uns übrigens vorbehaltend, bei dem + zuständigen Gericht Klage erheben._" + +Darauf antwortete die Redaktion der "Rheinischen Zeitung" bereits am +folgenden Tage, den 29. Juni: + + _"An die Redaktion des 'Sozialdemokrat', zu Händen des Herrn v. + Schweitzer, Berlin. + + Die Redaktion der 'Rheinischen Zeitung' sieht sich angesichts der ihr + zugesandten Erklärung nicht veranlaßt, irgend etwas zu widerrufen, und + überläßt es der Redaktion des 'Sozialdemokrat', die angedrohte Klage + zu erheben."_ + +Darauf antwortete Schweitzer: + + _"Demgemäß wird also die in Aussicht gestellte Klage stattfinden."_ + +Diese Klage fand aber nicht statt, Schweitzer ließ die schweren +Beschuldigungen gleich anderen, die ihm schon gemacht worden waren, auf +sich sitzen. Das besagt genug. + +Um diese Zeit und noch Jahre nachher machte sich ein Individuum in den +Berliner Arbeiterkreisen sehr bemerklich, das im Verdacht stand, im +Dienste der Regierung zu stehen. Es war dies der angebliche Arbeiter +Preuß. Tatsächlich war dieser für ein Gehalt von 50 Taler monatlich +angestellt, und zwar stand er im direkten Dienst des _Geheimen +Regierungsrats Wagener_. Nebenher lieferte Preuß für eine Anzahl Blätter +die Polizeinachrichten, die ihm eine Extraeinnahme brachten. Preuß war +es auch, der Liebknechts Anwesenheit in Berlin, Herbst 1866, wegen +Bannbruchs der Polizei denunzierte, worauf dieser, wie ich schon im +ersten Teil dieser Arbeit erzählte, zu drei Monaten Gefängnis verurteilt +wurde. Preuß besuchte mit Vorliebe die Versammlungen des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins, in denen er auch öfter sprach. Liebknecht und +andere unserer damaligen Berliner Parteifreunde behaupteten mit +Bestimmtheit, daß er den Mittelsmann zwischen Schweitzer und Wagener +abgebe, doch hatte Schweitzer wohl direktere Beziehungen zu Wagener. + +Letzterer, der Geriebene, mit allen Wassern Gewaschene, war, wie +allbekannt, die rechte Hand Bismarcks in allen sozialpolitischen +Angelegenheiten, zugleich war er vortragender Rat und stand so in +engster täglicher Beziehung zu Bismarck und dem König. Die Kette +Schweitzer-Wagener-Bismarck war also ohne ein weiteres Verbindungsglied +geschlossen, was für alle Teile sehr wichtig war. Daß Schweitzer je mit +Bismarck persönlich verkehrte, betrachte ich als vollkommen +ausgeschlossen. Schweitzer war kein Lassalle. Unvergeßlich bleibt mir, +wie Bismarck eines Tages im Reichstag den Neugierigen spielte und mit +der Lorgnette vor den Augen den auf die Tribüne zuschreitenden +Schweitzer vom Scheitel bis zu den Zehen maß, als wollte er sagen: also +du bist der, der mir an den Rockschößen hängt? + +Am Molkenmarkt mußte man die Beziehungen Schweitzers zu Wagener und +höher hinauf kennen. Daher kam es wohl, daß, wenn der "Doktor", wie +Schweitzer dort kurz und vertraulich genannt wurde, seine öfteren +Besuche auf dem Präsidium machte, die Beamten und Offiziere ihn sehr +entgegenkommend behandelten, wie das der undankbare Tölcke nach einer +Reihe Jahre, als er mit Schweitzer gebrochen hatte, zugestand. Das +Berliner Polizeipräsidium hatte offenbar ein lebhaftes Interesse, auf +Grund seiner wenig sagenden Akten Schweitzer zu rehabilitieren und damit +auch Wagener und Bismarck weiß zu waschen. Aus diesem Grunde geschah es +wohl, daß, als Dr. Gustav Mayer sein Werk "Johann Baptist v. Schweitzer +und die Sozialdemokratie" schrieb (bei Gustav Fischer in Jena +erschienen), ihm das Berliner Polizeipräsidium bereitwilligst Einsicht +in seine Geheimakten über Schweitzer nehmen ließ. Schon fünfzehn Jahre +früher wurde Genosse Franz Mehring, als er seine Geschichte der +deutschen Sozialdemokratie verfaßte, vom Polizeipräsidium dieselbe +Offerte gemacht, die Mehring aber ablehnte. + + * * * * * + +Die Gräfin Hatzfeldt, der die Unterstützung der Bismarckschen Politik +durch Schweitzer noch nicht weit genug ging, hatte eine Rechtfertigung +dieser Politik schon gegen Ende 1864 in einem Briefe an die Frau +Herweghs versucht, in dem sie schrieb: + + "Es liegt ein förmlicher Abîme (Abgrund) zwischen folgenden zwei + Sachen: sich an einen Gegner zu verkaufen, für ihn arbeiten, verdeckt + oder unverdeckt, oder wie ein großer Politiker den Augenblick zu + erfassen, um von den Fehlern des Gegners zu profitieren, einen Feind + durch den anderen aufreiben zu lassen, ihn auf eine abschüssige Bahn + zu drängen und die dem Zwecke günstige Konjunktur, sie möge + hervorgebracht werden von wem sie wolle, zu benutzen. Die _bloßen_ + ehrlichen Gesinnungen, diejenigen, die sich immer nur auf den idealen, + in der Luft schwebenden Standpunkt der zukünftigen Dinge stellen und + darauf nur das momentane Handeln bestimmen, mögen privatim als recht + brave Menschen gelten, aber sie sind zu nichts zu brauchen, zu + Handlungen, die auf die Ereignisse wirklich einwirken, ganz unfähig, + kurz, sie können nur in der großen Masse dem Führer folgen, der besser + weiß." + +Die Frau Gräfin hatte sich hier ein Programm zurechtgelegt, das selbst +einen Lassalle zum Scheitern gebracht hätte, weil vor allen Dingen die +Macht, die dazu gehörte, in der von ihr geschilderten Weise zu +politisieren, fehlte. Lassalle wäre, das ist meine Ueberzeugung, wenn es +zum Kirschenessen mit Bismarck gekommen wäre, gehörig hereingefallen; +sein Spiel hätte mit einer gewaltigen Blamage geendet. Zu glauben, ein +Bismarck konnte oder wollte der Sozialdemokratie, also dem Todfeind der +bürgerlichen Gesellschaft, ernsthafte Konzessionen machen, er, dem doch +allein daran liegen mußte, mit der modernen Macht des Kapitalismus sich +zu verständigen und der zu diesem Zwecke die Sozialdemokratie allenfalls +als _Mittel_ benutzte, hätte von einer Verblendung gezeugt, die alles +andere, nur nicht Realpolitik gewesen wäre. Auch ist die +Sozialdemokratie keine Schafherde, die gedankenlos hinter dem Führer +trottet und sich beliebig führen und nasführen läßt. Das mochte die +Gräfin Hatzfeldt zu ihrer Zeit und in der Atmosphäre, in der sie lebte, +noch glauben, aber eine sozialdemokratische Politik ist auf die Dauer +nicht ohne die bewußte Mitwirkung der Massen und das Betreten ehrlicher, +gerader Wege möglich. Die Massen lassen sich auf diplomatische Finessen +nicht ein; der Führer, der anders rechnet, wird bald erkennen, daß er +sich verrechnet hat. + +Der Sommer 1865 bot Schweitzer Gelegenheit, sich wieder als Radikaler +aufzuspielen, womit er die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen in den +Hintergrund zu drängen hoffen durfte. Es war das ebenfalls schon von mir +im ersten Bande erwähnte Abgeordnetenfest in Köln, dem gegenüber +Bismarck den Gewaltmenschen spielte. Schweitzer mit seinem gewohnten +großen Geschick wendete sich in einer Reihe Artikel im "Sozialdemokrat" +gegen die Regierung. Und wenn er darin der Fortschrittspartei wegen +ihres feigen Verhaltens in der Kölner Angelegenheit übel mitspielte, so +forderte er auch mit Nachdruck ein völlig freies Vereins- und +Versammlungsrecht für Preußen. Trotz seiner eminenten journalistischen +Gewandtheit schrieb er jetzt mit einer Schärfe, daß der "Sozialdemokrat" +eine längere Reihe von Tagen _täglich konfisziert_ wurde. Diese +oppositionelle Haltung übertrug er auch auf die Kritik an der +auswärtigen Politik, als Bismarck im Oktober zu Napoleon nach Biarritz +reiste, um dessen Zustimmung zu seiner "nationalen" Politik zu erlangen, +Verhandlungen, bei denen, wie sich nach 1866 erwies, Napoleon der +Geprellte war. Gegen Schweitzer erhob die Staatsanwaltschaft Anklage +wegen verschiedener Preßvergehen. Auch reizte die Opposition des +"Sozialdemokrat" die Staatsanwaltschaft noch zu weiterer Verfolgung. So +wurden durch Gerichtsbeschluß in Berlin und Magdeburg die +Mitgliedschaften des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins unterdrückt, +weil sie als selbständige politische Vereine anzusehen seien, die nach +dem § 8 des preußischen Vereins- und Versammlungsgesetzes nicht +miteinander in Verbindung stehen durften. + +Diese Verfolgungen verhinderten aber nicht, daß im Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein Schweitzer mit einer starken Opposition zu kämpfen hatte, +wobei die Gräfin Hatzfeldt tapfer schürte, weil er dieser nicht den +verlangten Einfluß auf den Verein und seine Politik einräumte. Es begann +ein wahres Tohuwabohu im Verein, es war der Kampf um die Macht. Lassalle +hatte kurz vor seinem Tode Schweitzer zum Vorstandsmitglied des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins ernannt. Die Generalversammlung in +Düsseldorf ließ ihn aber für diesen Posten durchfallen. Bernhard Becker +war ebenfalls mit Schweitzer zerfallen und versuchte einen Haupttrumpf +gegen ihn auszuspielen, indem er die Generalversammlung des Vereins nach +Frankfurt a.M. einberief, den Ort, der Schweitzer nach seiner +Vergangenheit der allerunangenehmste sein mußte. Indes war die +Opposition auch gegen den unfähigen Becker so stark, daß dieser kurz +vor der Frankfurter Generalversammlung sein Amt niederlegte, worauf +Tölcke als sein Nachfolger gewählt wurde. Bis aber dessen Wahl durch die +Urabstimmung in den Mitgliedschaften bestätigt war, sollte +Hillmann-Elberfeld, der wieder Fritzsche als Vizepräsident ersetzt +hatte, die Leitung des Vereins übernehmen. Hillmann, der zu den +entschiedensten Gegnern Schweitzers gehörte, benutzte jetzt seine +Stellung, um den zwischen Becker und Schweitzer abgeschlossenen Vertrag, +wonach der "Sozialdemokrat" offizielles Vereinsorgan war, für null und +nichtig zu erklären und ihm das Recht, sich Vereinsorgan zu nennen, zu +entziehen. Schweitzer und Hofstetten bezeichneten von da ab das Blatt +als "Organ der sozialdemokratischen Partei". + +Mittlerweile war Schweitzer ins Gefängnis gewandert. Er war am 24. +November wegen verschiedener Preßvergehen, darunter Majestätsbeleidigung +und Schmähung obrigkeitlicher Anordnungen, zu einem Jahre Gefängnis +verurteilt worden. Später bekam er noch vier Monate dazu, auch wurden +ihm jetzt die Ehrenrechte aberkannt. Seine Verhaftung erfolgte kurz nach +seiner ersten Verurteilung. Schweitzers journalistische Tätigkeit wurde +aber durch die Haft in keiner Weise unterbrochen, wie er denn im +Gefängnis ein Maß von Freiheiten genoß, das weder bis dahin noch später +einem in Berlin zu Gefängnis verurteilten politischen Gefangenen zuteil +wurde. Er traf alle Anordnungen sowohl als Redakteur wie später als +Präsident des Vereins aus dem Gefängnis. Seine Korrespondenz war +unbeschränkt, Besuche empfing er häufig. Als er 1869 eine mehrmonatige +Gefängnisstrafe in Rummelsburg verbüßte, konnte er sich sogar dem +Vergnügen des Kahnfahrens auf dem Rummelsburger See widmen. +Selbstbeköstigung war ihm ebenfalls gestattet, die in den Berliner +Gefängnissen für politische Gefangene erst in sehr viel späterer Zeit, +zu Ende des vorigen Jahrhunderts, erlangt wurde. + +Man hat geltend gemacht, daß die verschiedenen Gefängnisstrafen ein +Beweis gegen die Anklage seien, Schweitzer wäre Bismarckscher Agent +gewesen. Diese Auffassung ist durchaus _falsch_. Die Beziehungen, die +eine Regierung zu ihren politischen Agenten zu haben pflegt, bindet sie +nicht den Staatsanwälten und Richtern auf die Nase. Eine zeitweilige +Verurteilung eines politischen Agenten wegen oppositioneller Handlungen +ist auch sehr geeignet, Mißtrauen gegen den Betreffenden zu beseitigen +und das Vertrauen in ihn zu stärken. Bekanntlich haben auch die Berliner +Gerichte zu derselben Zeit, in der Lassalle mit Bismarck seine +stundenlangen politischen Unterhaltungen als "angenehmer Gutsnachbar" +hatte, sich nicht gescheut, ihn zu einer Reihe harter Gefängnisstrafen +zu verurteilen, obgleich man damals in weiten Kreisen wußte, wie +Bismarck und Lassalle zueinander standen. Lastete doch der Gedanke +schwer auf Lassalle, wie er bei seinem Gesundheitszustand die langen +Haftstrafen überstehen werde. + +In den Monaten, welche der Kriegsentscheidung im Juni 1866 vorausgingen, +arbeitete der "Sozialdemokrat" weiter zugunsten der Bismarckschen +Politik, und zwar wie auch früher mit raffiniertem Geschick. Es mußten +schon geübte Augen und ein scharfer Verstand sein, um aus all den +Verklausulierungen und Widersprüchen herauszuschälen, daß er eine +unehrliche Politik betrieb. + +Gegen Ende März 1866, also während er im Gefängnis sitzt, wird er im +"Sozialdemokrat" deutlicher: "Die Zerstörung der Bundesleiche zu +Frankfurt sollte die Auflösung der Nation bedeuten. Die Geburt der +Nation würde von diesem Tage an datieren." Einer seiner Hamburger +Anhänger, Schallmeier, erklärte im "Sozialdemokrat", die Arbeiter würden +für den Krieg sein, gebe man denselben das allgemeine Wahlrecht. +Gleichzeitig erhebt der "Sozialdemokrat" unausgesetzt heftige +Angriffe gegen die Fortschrittspartei, den Nationalverein, den +Sechsunddreißiger-Ausschuß. Daneben erschienen wieder einige Artikel, +worin ein Buch Rüstows über das Milizsystem günstig besprochen und das +Milizheer als eine Einrichtung gepriesen wird, die am billigten die +meisten Streiter liefere. + +Im März noch hatte der "Sozialdemokrat" den preußischen +Bundesreformentwurf mit Geringschätzung behandelt, er werde "schätzbares +Material" bleiben. In der zweiten Hälfte April tritt er entschieden für +die preußische Bundesreform ein. Jetzt war keine Rede mehr von den +früheren Versicherungen, dem neuen Deutschen Reiche dürfe kein Dorf, +nicht der letzte Weiler fehlen. Er hatte auch vergessen, daß er noch in +der zweiten Hälfte September 1865 geschrieben: Unser köstliches Kleinod +ist, daß wir kein Oesterreich und kein Preußen, kein Bayern und kein +Hessen-Homburg, daß wir nur ein Deutschland kennen, ein deutsches Volk +und eine deutsche Sprache. + +In einer Artikelserie: Habsburg, Hohenzollern und die deutsche +Demokratie, die Ende April erschien, spricht er sich schließlich für die +Vernichtung Oesterreichs aus; es müsse reduziert werden auf die 12900000 +Einwohner, die zum Bunde gehörten. Dann sei Deutschland konstituiert, +das heißt dann hat Preußen das Feld. + +Auf ein wiederholtes Gesuch wurde Schweitzer am 9. Mai 1866 angeblich +wegen gefährdeter Gesundheit aus dem Gefängnis beurlaubt. Dagegen wäre +nichts einzuwenden gewesen, entsprach der Grund des Urlaubs der +_Wahrheit_. Dieser Grund erwies sich aber als eine Lüge. _Kaum aus dem +Gefängnis beurlaubt, entwickelte Schweitzer eine umfassende politische +Tätigkeit_, die nicht nur bewies, daß die Ruhe des Gefängnisses ihm +wieder eine gute Gesundheit verschafft hatte, _sondern daß auch die +maßgebenden Behörden gegen seine politische Tätigkeit nichts einzuwenden +hatten, obgleich sonst die Behörden bei Beurlaubungen politischer +Gefangener die selbstverständliche Forderung stellen, daß der Beurlaubte +nicht eine Tätigkeit betreibe, wegen der er in Strafe genommen worden +ist_. + +Am 21. Mai erscheint Schweitzer in Hamburg, um dort "Ordnung zu +schaffen", am 11. Juni in Erfurt und am 18. Juni in Leipzig, woselbst er +in einer Rede für die Bismarcksche Bundesreform eintritt. Dieses +Eintreten hatte aber nicht verhindert, daß am 18. Mai der +"Sozialdemokrat" in einem Leitartikel sagte: Von einem liberalen Preußen +sprechen die Gothaer, das an die Spitze Deutschlands zu treten habe, +aber das hieße in Wahrheit sprechen: _von einem Preußen, das nicht +existiert und nicht existieren kann_. + +Und dieser positiven durchaus richtigen Auffassung über das Wesen +Preußens gegenüber sagt Schweitzer am 16. Juni in Leipzig in einem +Vortrag "Ueber die gegenwärtigen Aufgaben der sozialdemokratischen +Partei Deutschlands" am Schlusse: + + "Wenn es aber gelingt, die preußische Regierung weiterzutreiben auf + dem _Wege der Konzessionen an uns_ (sic! A.B.)..., dann werden wir + soviel wir können das _Unsere tun_, daß der Sieg nicht bei den Fahnen + Oesterreichs, sondern bei den Fahnen Preußens, nicht bei den Fahnen + Benedeks, sondern bei den Fahnen Bismarcks und Garibaldis sei." + +Kann man widerspruchsvoller handeln? + +Diese Auslassungen sind als Programmsätze Schweitzers sehr +bemerkenswert, und sie fanden wohl an hoher Stelle in Berlin ihr Echo. +Was aber das Antreiben der preußischen Regierung zu Konzessionen an uns +(also an den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein) betraf, so war, ganz +abgesehen von dem Utopismus, auf Bismarcksche Konzessionen zu +hoffen--woran Schweitzer auch selbstverständlich nicht glaubte--das +ganze Gerede eine _Aufschneiderei_, denn Schweitzer selbst hatte zuletzt +noch am 3. Juni, vierzehn Tage vor seiner Leipziger Rede, im +"Sozialdemokrat" geschrieben: _daß die Wirren im Verein bis auf weiteres +denselben unfähig machten, in sozialpolitischen Dingen irgend etwas zu +leisten_. + +Diesem Gedanken hatte er auch schon wiederholt vor dem 3. Juni im +"Sozialdemokrat" Ausdruck gegeben, wie denn in der Tat die Wirren im +Verein, an denen Schweitzer sein vollgerüttelt Maß der Schuld trug, bis +in das Jahr 1867 hinein denselben in Zerrüttung hielten. + +In seltsamem Widerspruch zu diesen wiederholten Erklärungen Schweitzers +steht es, wenn noch in unseren Tagen die Behauptung aufgestellt wurde, +der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein habe zu jener Zeit einen +merkbaren Einfluß auf die Neugestaltung der Dinge ausgeübt, zum Beispiel +bei Erlangung des allgemeinen Wahlrechts. Bei dem Widerstand, den das +Bismarcksche Reformprojekt in den weitesten Kreisen fand, mußte Bismarck +allerdings jede Unterstützung, war sie auch noch so unbedeutend, für +sein Projekt willkommen sein. Daß er das allgemeine Wahlrecht gewährte, +geschah, weil er es gewähren mußte. Das war so selbstverständlich, daß +es dazu keiner Einflüsterungen und Anfeuerungen bedurfte. Hatte er doch +bereits Sommer 1863, also zu einer Zeit, in der der Allgemeine Deutsche +Arbeiterverein eben erst gegründet worden war, gegenüber dem +österreichischen Reformentwurf, der das deutsche Parlament aus +Delegationen der einzelstaatlichen Landtage zusammensetzen wollte, ein +Parlament gefordert, das auf Grund des in der Paulskirche 1849 +beschlossenen allgemeinen Wahlrechtes gewählt werden sollte. Bismarck +hat die Gründe, weshalb er zu demselben griff und greifen mußte, nicht +bloß später im norddeutschen Reichstag auseinandergesetzt; er schrieb +auch in einer Zirkulardepesche am 24. März 1866, also drei Monate vor +dem Krieg: + + "Direkte Wahlen und allgemeines Stimmrecht halte ich für größere + Bürgschaften einer konservativen Haltung als irgend ein künstliches, + auf Erzielung gemachter Majoritäten berechnetes Wahlgesetz. Nach + unseren Erfahrungen sind die Massen ehrlicher bei der Erhaltung + staatlicher Ordnung interessiert als die Führer derjenigen Massen, die + man durch die Einführung irgendeines Zensus in der aktiven + Wahlberechtigung privilegieren möchte." + +Und an den Grafen Bernsdorf in London schrieb Bismarck unter dem 19. +April 1866: + + "Ich darf es wohl als eine auf langer Erfahrung begründete + Ueberzeugung aussprechen, daß das künstliche System indirekter und + Klassenwahlen ein viel gefährlicheres ist, indem es die Berührung der + höchsten Gewalt mit den gesunden Elementen, die den Kern und die Masse + des Volkes bilden, verhindert.... Die Träger der Revolution sind die + Wahlmännerkollegien, die der Umsturzpartei ein über das Land + verbreitetes und leicht zu handhabendes Netz gewähren, wie dies 1789 + die Pariser Elekteurs gezeigt haben. Ich stehe nicht an, indirekte + Wahlen für eines der wesentlichsten Hilfsmittel der Revolution zu + erklären, und ich glaube, in diesen Dingen praktisch einige + Erfahrungen gesammelt zu haben." + +Zu diesen Gründen, die deutlich das Unbehagen verraten, das die +bisherigen Resultate der Wahlen nach dem Dreiklassenwahlsystem in +Preußen bei ihm erzeugten, kommen noch als besonders _entscheidende_, +daß in dem Staatenkonglomerat, das der später neugebackene Norddeutsche +Bund bildete, es keine gemeinsame Grundlage gab, auf der ein anderes +Wahlrecht als das allgemeine möglich war. Ferner gebot die Rücksicht auf +die Traditionen des ersten deutschen Parlaments in Frankfurt 1848/49, +daß er das allgemeine Wahlrecht einführte, das allein die starken +Antipathien, die gegen die Gründung des Norddeutschen Bundes selbst in +weiten Kreisen der norddeutschen Bevölkerung vorhanden waren, +einigermaßen überwinden konnte. Es muß weiter hinzugefügt und +_wiederholt_ daran erinnert werden, daß in jenen Jahren der Gedanke, das +allgemeine Wahlrecht einzuführen, selbst in konservativen Kreisen im +Hinblick auf die Resultate des Dreiklassenwahlsystems sympathisch +aufgenommen wurde und der Geheime Regierungsrat Wagener schon im +Spätsommer 1862, also _ehe_ noch Lassalle öffentlich diese Forderung +erhoben hatte, die Einführung des allgemeinen Wahlrechts befürwortete. +Auch hatten schon zu Anfang 1862 die radikalen Leipziger Arbeiter diese +Forderung gestellt, und seit 1865 war es eine Programmforderung _der +gesamten deutschen Arbeiterklasse ohne Unterschied der Partei_. Im +Winter 1865/66 wurde diese Forderung in unzähligen Volksversammlungen +propagiert, noch ehe jemand an den Bismarckschen Reformentwurf denken +konnte, weil er für die Oeffentlichkeit noch nicht existierte. Es war +also nach Lage der Dinge unmöglich, daß der Allgemeine Deutsche +Arbeiterverein als solcher merkbaren Einfluß auf die Gewährung des +allgemeinen Stimmrechts ausgeübt hat. + +Bismarck hatte am 9. Mai den Landtag nach Hause geschickt, weil er +fürchtete, daß er ihm, wie bei Gelegenheit der Schleswig-Holsteinschen +Frage, die Mittel zum Kriegführen verweigern werde. Bismarck brauchte +aber Geld, und so gab er auf dem Verordnungswege, also ohne alles +gesetzliche Recht, 40 Millionen Taler Kassenscheine aus und ordnete die +Errichtung von Darlehenskassen an. Die gesamte liberale und +demokratische Presse spie mit Recht Feuer und Flamme über diese +gesetzwidrige Handlung, aber _Schweitzer brachte es fertig, unter sehr +deplacierten Angriffen auf die Fortschrittspartei die Handlung +Bismarcks zu verteidigen_. Als dann Bismarck nach dem Kriege die +Gründung eines Staatsschatzes, der mit 20 Millionen Taler dotiert werden +sollte, verlangte, um ausgesprochenermaßen im Kriegsfall zunächst von +einer Geldbewilligung der Kammer unabhängig zu sein, _führte Schweitzer +wieder eine Menge Gründe zugunsten desselben an, wagte aber nicht_, sich +rückhaltlos für den Plan auszusprechen. + +Der "Sozialdemokrat" mußte mit dem 1. April 1866 sein sechsmaliges +Erscheinen einstellen; er erschien wieder nur dreimal wöchentlich. Es +mochte niemand mehr ein Bedürfnis haben, angesichts der kommenden +kriegerischen Ereignisse weiter schwere Opfer für ein sechsmaliges +Erscheinen zu tragen. _Denn er besaß noch keine 500 Abonnenten_. Am 17. +Juni fand eine Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins in Leipzig statt, die nur von 12 Delegierten besucht +war, was zeigt, wie gering damals die Leistungsfähigkeit des Vereins +war. Angeblich sollten diese 12 Delegierten, unter denen sich auch +Schweitzer befand, 9400 Mitglieder vertreten. Bei der Präsidentenwahl +unterlag Hillmann-Elberfeld gegenüber Perl-Hamburg, das war ein +indirekter Sieg Schweitzers. Im "Sozialdemokrat" wiederholte sich jetzt +das Spiel, das man nach seiner Leipziger Rede erwarten mußte. Als +Oesterreich während der Waffenstillstandsverhandlungen Venetien an +Napoleon übergab, um es nicht an das verhaßte Italien abtreten zu +müssen, entdeckte Schweitzer hierin, gleich der liberalen Presse, einen +_Verrat_ Oesterreichs an Deutschland, und ging nun, diesen Vorwand +benutzend, mit fliegenden Fahnen in das Lager Preußens, dessen +"staunenswerte organisatorische Kraft" gezeigt, daß Deutschland zu ihm +zu stehen habe. Von diesem seinem Standpunkt aus war es ihm +außerordentlich peinlich, als Ende August Johann Jacoby anläßlich der +Beratung einer Adresse an den König eine vorzügliche Rede im preußischen +Landtag hielt, in der er sich entschieden gegen das neue Gebilde, +den Norddeutschen Bund, aussprach, der die Ausschließung +Deutsch-Oesterreichs und der süddeutschen Staaten zur Voraussetzung +gehabt habe. Im weiteren erklärte sich Jacoby gegen die Indemnität, die +jetzt die Regierung für ihre gesetzwidrigen Maßnahmen vor und während +des Krieges von dem Landtag forderte. Schweitzer zollte zwar dem Mute +und dem Idealismus Jacobys volles Lob, rechtfertigte aber durch +gewundene Ausführungen den neuen Stand der Dinge. Als dann am 20. +September die allgemeine Amnestie erschien, war niemand vorhanden, der +dieselbe mehr verdient hätte als er für die Dienste, die er vom 9. Mai +ab für die Regierung geleistet hatte; sie brachte ihm den Nachlaß von +zehn Monaten seiner Haft. + +Ende August 1866 machte der "Sozialdemokrat" in der Anwandlung einer +melancholischen Stimmung das Geständnis: "So habe sich das deutsche Volk +die deutsche Einheit nicht vorgestellt." Was damals über den Entwurf zur +künftigen Nordbundsverfassung verlautete, war allerdings zum +Melancholischwerden. Bismarck, der wirkliche Realpolitiker, der jetzt im +Zenith seiner Macht stand, schmiedete das Eisen, solange es warm war, +und schuf einen Verfassungsentwurf, der noch ein gut Stück hinter der +preußischen Verfassung an konstitutionellen Rechten zurückstand. Es +hieße den Scharfsinn Schweitzers beleidigen, wollte man annehmen, daß er +ernstlich darüber enttäuscht war. Wer wie er das Wesen des jetzt alles +beherrschenden preußischen Staates und auch das Wesen und den Charakter +Bismarcks kannte, konnte nichts anderes erwarten. Aber wie wollte er +seine großpreußische Politik dem Verein gegenüber rechtfertigen und +mundgerecht machen? Jetzt zeigte sich, was es mit seiner Behauptung, der +Verein sei eine Macht, so "daß er ihm (Bismarck) Konzessionen abnötigen +könne", auf sich hatte. + +Wir waren nicht enttäuscht, denn wir hatten uns keinen Illusionen +hingegeben. Indes spann Schweitzer den alten Faden weiter. Vor allem +setzte er auf der Generalversammlung in Erfurt, die für den 27. Dezember +einberufen worden war, ein Wahlprogramm durch, dessen erster Punkt in +Berlin an maßgebender Stelle notwendig freundlich aufgenommen werden +mußte. Dieser Punkt lautete: "Gänzliche Beseitigung jeder Föderation, +jedes Staatenbundes, unter welcher Form es auch sei. Vereinigung aller +deutschen Stämme zu einer innerlich und organisch durchaus +verschmolzenen Staatseinheit, durch welche allein das deutsche Volk +einer glorreichen nationalen Zukunft fähig werden kann: durch Einheit +zur Freiheit." Also auf dem Wege der Bismarckschen Politik zur Freiheit. +Das war die _gleiche_ Parole, welche die nationalliberale Partei +aufgestellt hatte, und bedeutete weitere Annexionen, die nicht ohne +einen neuen Krieg ausführbar waren. Der zweite Punkt des Programms +handelte von der Forderung des allgemeinen, gleichen Wahlrechtes mit +Diätenzahlung für Reichstag und Landtage. Sicherung der Volksrechte. Die +Forderung nach allgemeiner Volksbewaffnung, die in dem von der Gräfin +Hatzfeldt herrührenden Programmentwurf stand, strich Schweitzer, denn +nach dem "Sozialdemokrat" hatte Preußen bewiesen, "daß es allein durch +seine staunenerregende organisatorische Kraft zur Führung der deutschen +Wehrkraft berufen sei", und dem durfte man doch jetzt nicht mit der +allgemeinen Volksbewaffnung kommen. Der vierte Punkt verlangte Anbahnung +der Lösung der Arbeiterfrage durch freie Assoziationen mit Staatshilfe +nach den Prinzipien Ferdinand Lassalles. Also von Bismarcks Gnaden. Für +Moritz Heß gab das Erfurter Programm endlich den Anstoß, um als letzter +von den ersten Mitarbeitern dem "Sozialdemokrat" die Mitarbeiterschaft +aufzusagen. + +Man vergleiche dieses Verhalten Schweitzers mit seinem Verhalten im +Frühjahr 1865, als er, durch die Opposition in seinem Verein bedrängt, +im "Sozialdemokrat" vom 5. April 1865 erklärte: + + "Die Deutsche Volkspartei _also will das ganze_ Deutschland zum freien + Volksstaat vereinen. Das ganze Deutschland sagen wir. Nicht ein Dorf, + nicht ein Meierhof, nicht die kleinste Hütte im entferntesten Winkel + darf uns fehlen. Der kleindeutsche Gedanke eines einigen Deutschland + _ohne die deutsch-österreichischen Provinzen ist ein Hochverrat an der + Zukunft der Nation_." + +So hatte der Schweitzer von 1865 dem Schweitzer von 1866 das Urteil +gesprochen. Aber was er 1865 geschrieben und beteuert hatte, hatten +seine Anhänger vergessen. Blieb nach einer anderen seiner früheren +Ausführungen nur die Wahl zwischen deutschen Proletarierfäusten und +Preußen für die Lösung der deutschen Frage, und waren damals die +deutschen Proletarierfäuste zu schwach, die deutsche Frage im +demokratischen Sinne zu lösen, so war dies für den Führer einer +Arbeiterpartei kein Grund, sich zum Werkzeug der Lösung im cäsarischen +Sinne herzugeben. Einmal die Ehrlichkeit Schweitzers für einen +Augenblick vorausgesetzt, so wäre selbst dann seine Taktik ein Verrat an +der Demokratie gewesen, weil er die Politik ihres gewalttätigsten und +grimmigsten Feindes unterstützte. + + + + +Schweitzer und die Konservativen. + + +Mit der Agitation für die Wahlen zum konstituierenden norddeutschen +Reichstag, die auf den 12. Februar 1867 angesetzt waren, beginnt die +zweite Periode der Tätigkeit Schweitzers. Die Haltung des +"Sozialdemokrat" ließ keinen Zweifel, daß Schweitzer es mit den +_Konservativen_ nicht verderben wollte. Er rechnete offenbar auf +Schachergeschäfte mit diesen gegen die Liberalen, was auch im Wunsche +Bismarcks liegen mußte. Schweitzer ging also wieder gegen die +Fortschrittspartei aufs schärfste ins Feuer, eine Taktik, die ihm der +alte Moritz Heß als Verrat anrechnete. Dieser meinte, es handle sich vor +allen Dingen doch darum, die _linke_ Seite des Parlamentes nach Kräften +zu stärken, um eine leidliche Verfassung zustande zu bringen, was ein +durchaus richtiger Standpunkt, aber nicht der Schweitzers war. + +Schweitzer hatte unter den verschiedenen Kandidaturen, die ihm von +seinen Anhängern angeboten worden waren, sich für Barmen-Elberfeld +entschieden, ein Wahlkreis, der ihm die meiste Aussicht auf Sieg bot. +Die Leipziger Lassalleaner wollten in Leipzig Liebknecht aufstellen, den +wir im neunzehnten sächsischen Wahlkreis aufgestellt hatten, wo wir +hofften, ihn durchzubringen, was leider nicht gelang. Wir hatten in +Leipzig, nachdem Professor Roßmäßler abgelehnt hatte, Professor Wuttke +als Kandidat proklamiert. Schweitzer eiferte gegen Liebknechts +Kandidatur. Dieselbe gehe von einer Seite aus, der das Werk Lassalles +stets ein Dorn im Auge gewesen sei. Die Leute, die im Hintergrund von +Liebknechts Kandidatur stünden, seien im Zusammenhang mit +österreichischen reaktionären Kreisen. Liebknecht habe noch vor zwei +Jahren Lassalle in öffentlichen Blättern geschmäht. Wer Liebknecht +wähle, sage sich offen von Lassalle und seinem Werke los. So spekulierte +er auf die blinde Voreingenommenheit seiner Anhänger für Lassalles Werk. +Liebknecht zu wählen, war also ein Verbrechen an Lassalle. Wie +Schweitzer überhaupt die Dinge ansah, zeigt ein Ausruf "An meine Freunde +und Parteigenossen in Schlesien und im Rheinland", in dem es pathetisch +hieß: "_Eine mildere Zeit, eine weisere Regierung ist gekommen!_" In +Barmen-Elberfeld, woselbst Schweitzer Ende Januar wieder eine seiner +geschickten Reden hielt, sprach er _mit keinem Worte über seine Stellung +in der Politik und gegebenenfalls im Parlament_. Im "Sozialdemokrat" +wurden ungeschickterweise maßlose Hoffnungen über den Ausfall der Wahlen +genährt. So wurde zum Beispiel in der Nr. 15 vom 3. Februar angekündigt, +die gewählten Vertreter würden in Berlin einen gemeinsamen Haushalt +führen. Man sprach von Diätenkommunismus usw. Schweitzer wurde sogar im +"Sozialdemokrat" als Sieger angesungen, noch ehe er gewählt war. Er +hatte als Gegenkandidaten in Barmen-Elberfeld von konservativer Seite +Bismarck, von liberaler Herrn v. Forckenbeck. Der Wahltag brachte eine +schwere Enttäuschung. Bismarck erhielt 6523, Forckenbeck 6123, +Schweitzer nur 4688 Stimmen. Er war nicht einmal in die engere Wahl +gekommen. Auch im übrigen Deutschland war der Wahlausfall für den +Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein eine Enttäuschung. In der engeren +Wahl in Barmen-Elberfeld hatten also die Sozialdemokraten den Ausschlag +zu geben. In einer großen Wählerversammlung am 26. Februar nimmt +Schweitzer zunächst das Wort, erklärt aber, keine Parole für die engere +Wahl auszugeben, bevor er nicht die Meinung der Versammlung gehört. +Schließlich ergreift er wieder das Wort, wobei er äußerte: + + "Das vielfache Rufen des Namens Bismarck aus der Versammlung hätte ihn + erkennen lassen, _nach welcher Seite sich die Stimmung im allgemeinen + gelenkt habe. Er könne dem einzelnen keine Vorschriften machen, für + wessen Wahl sich derselbe entscheiden solle, ein jeder solle dem Zuge + seines Herzens folgen._" + +Damit wußte jeder, woran er war. Um aber das Komödienspiel zu vollenden, +ließ er im Widerspruch mit seiner eigenen Rede eine Resolution annehmen, +in der sich die Versammlung für _Stimmenthaltung_ aussprach. In der Tat +erhielt Bismarck bei der engeren Wahl _fast die gesamten Schweitzerschen +Stimmen. Er wurde mit 10196 gegen 6944, die Forckenbeck erhielt, +gewählt._ + +Schweitzer suchte in einer Erklärung diese Abstimmung damit zu +rechtfertigen, daß er ausführte: + + Man habe der liberalen Bourgeoisie eine Lehre geben wollen für die + gemeine Kampfweise, die sie im Wahlkampf geübt habe. "_Vielleicht + auch, Arbeiter_," fuhr er fort, "_war eure Abstimmung eine Huldigung + nicht zwar für den Kandidaten der konservativen Partei, wohl aber für + den Minister, der aus eigenem Antrieb ein Volksrecht euch + zurückgegeben, welch es die liberale Opposition für euch zu fordern so + hartnäckig vergessen hatte._" + +Der gute, volksfreundliche Bismarck! + +Wenige Tage nach jener Elberfelder Bismarckwahl stand ich in engerer +Wahl im 17. sächsischen Wahlkreis (Glauchau, Meerane usw.) gegen einen +nationalliberalen Kandidaten. Hier erklärte der Führer der +Lassalleaner--den Bericht veröffentlichte der "Sozialdemokrat"--, _ein +reiner Lassalleaner dürfe Bebel nicht wählen, der nach dem Standpunkte, +den sie, die Lassalleaner, einnähmen, ein Verräter an der Sache sei_. + +_Bismarck der Wohltäter der Arbeiter, Liebknecht und Bebel ihre +Verräter._ Das war das Resultat der Schweitzerschen Erziehungsmethode. +Wie schon früher gemeldet, wurde ich trotzdem gewählt, die wenigen +hundert Stimmen der Lassalleaner gaben nicht den Ausschlag. + +In Barmen-Elberfeld mußte kurz darauf eine Neuwahl stattfinden, da +Bismarck, der doppelt gewählt worden war, das Mandat für +Barmen-Elberfeld niederlegte. Bei der darauf folgenden Neuwahl erhielt +Schweitzer 4919, der liberale Professor Gneist 4291, der konservative +von der Heidt 2594, Oberbürgermeister Bredt 1497 Stimmen. Es mußte also +wieder engere Wahl stattfinden, und zwar diesmal zwischen Schweitzer und +Gneist. Der "Sozialdemokrat" buhlte jetzt offen um die Stimmen der +konservativen--Arbeiter. _Noch charakterloser und würdeloser trieb +Schweitzer die Buhlerei in einer Versammlung am 17. März, in der er die +Konservativen aufforderte, von zwei Uebeln das kleinere oder entferntere +zu wählen, und das sei er. Auf dem sozialen Boden könnte sich die +Arbeiterpartei mit den Konservativen über manches die Hände reichen._ Er +bezieht sich dafür auf _Reden des Geheimen Oberregierungsrats Wagener,_ +auf Bischof Kettelers Buch, _auf Aeußerungen Bismarcks_. + + _"Die Konservativen möchten mitwirken, damit die Arbeiter durch ihn im + Parlament zum Wort kämen. Als die Konservativen die Arbeiter + riefen--einerlei aus welchem Grunde--, kamen diese mit ihrer ganzen + Armee. Jetzt rufen die Arbeiter, und die Konservativen würden eine + moralische Verpflichtung nicht lösen, wenn nicht auch sie nun dem Rufe + folgten. Sie müßten kommen, wenn sie nicht die gerechtere Entrüstung + über sich heraufbeschwören wollten."_ + +Dann stößt er Drohungen gegen die Fortschrittspartei aus. + +Aber für diese Charakterlosigkeit und Würdelosigkeit sondergleichen +blieb dennoch der Lohn aus. Schweitzer unterlag abermals, und zwar mit +7923 gegen 8019 Stimmen, die auf Gneist fielen. + + + + +Schweitzer im norddeutschen Reichstag. + + +Nachdem der konstituierende norddeutsche Reichstag die Verfassung des +Norddeutschen Bundes beraten hatte und diese verkündet worden war, +wurden die Wahlen für die erste Legislaturperiode auf Ende August 1867 +angesetzt. Schweitzer kandidierte wieder in Barmen-Elberfeld, diesmal +mit Erfolg. Schweitzer erhielt im ersten Wahlgang 6110, Dr. Löwe-Calbe +(Fortschritt) 3588, Professor v. Sybel-Düsseldorf 3478 Stimmen, es war +also engere Wahl zwischen Schweitzer und Löwe-Calbe nötig, in der +Schweitzer mit 8915 Stimmen gegen 6690 Stimmen, die auf Löwe-Calbe +fielen, siegte. _Diesmal hatte wieder der größte Teil der Konservativen +für Schweitzer gestimmt._ Wie er in seiner Danksagung glaubte +hervorheben zu müssen, waren es die konservativen Arbeiter, die in +richtiger Erkenntnis der Sachlage dem Arbeiterkandidaten ihre Stimme +gegeben hätten. Inwieweit das richtig war, zeigt die später bekannt +gewordene Tatsache, _daß der Führer der Konservativen, Herr v. Kusserow, +Schweitzer für seine Wahl 400 Taler eingehändigt hatte._ Auf der +Berliner Generalversammlung stellte man, als diese Tatsache bekannt +wurde, das grausame Verlangen, Schweitzer solle das Geld zurückgeben. +Wie konnte man nur so naiv sein. + +Aber Schweitzer glaubte noch ein übriges tun zu müssen und den +Konservativen Zusicherungen für sein Wohlverhalten im Reichstag geben zu +sollen, und so äußerte er in seiner Erklärung vom 11. September weiter: + + "Mein sozialer Standpunkt wird von niemand in Zweifel gezogen; ich + brauche daher in dieser Beziehung nichts zu sagen. In politischer + Beziehung bemerke ich, daß ich gemäß den Grundsätzen der Partei, der + ich angehöre und die mich zu ihrem Führer erkoren, in Fragen der + Freiheit und _des Volkswohls_ unwandelbar mit der äußersten Linken + (der Fortschrittspartei) stimmen werde. Sollten ernstliche Gefahren + vom Ausland her das deutsche Vaterland bedrohen, so werde ich den + König von Preußen, in dem jetzt die nationale Machtstellung + Deutschlands gipfelt, und seine Regierung mit aller Kraft, die einem + einzelnen zu Gebote stehen kann, in dem Parlament wie außerhalb + desselben zu unterstützen bestrebt sein." + +Schweitzers Wahl hatte begreiflicherweise unter seinen Anhängern große +Begeisterung hervorgerufen, und er nutzte diese nun aus, indem er in +einem mit vier Schimmeln bespannten Wagen einen Triumphzug durch die +beiden Städte Barmen-Elberfeld unternahm. Solche Triumphzüge, die, +wollte sie heute ein Arbeiterführer arrangieren, ihn zum toten Manne +machten, liebte er. Solche Triumphzüge, wobei stets die Schimmel eine +Rolle spielten, kamen wiederholt auch später vor, so zum Beispiel in +Hamburg-Altona, nochmals in Barmen-Elberfeld und in Kassel. Damit aber +auch das nötige Volk auf der Straße war, unterbrach zum Beispiel +Schweitzer seine Reise von Berlin nach Kassel in Minden und fuhr von +dort mit einem Zug, der erst abends nach 7 Uhr in Kassel eintraf. Hier +benutzte er die mit Schimmeln bespannte Equipage auch während der +mehrtägigen Dauer der Generalversammlung des Arbeiterverbandes, +verlangte aber, daß seine Anhänger die hohen Kosten dafür tragen +sollten. Dessen weigerten sie sich. Die Kosten des Triumphzugs vom +Bahnhof nach der Stadt wollten sie bezahlen, das andere müsse Schweitzer +tragen. Dabei blieb es. + +Mit Schweitzers Eintritt in den norddeutschen Reichstag, dem außer mir +nunmehr auch Liebknecht angehörte, kam es zeitweilig zwischen uns und +Schweitzer zu Auseinandersetzungen. Eine solche von besonderem Interesse +spielte sich in der Sitzung vom 17. Oktober 1867 ab, in der der +Gesetzentwurf betreffend die Verpflichtung zum Kriegsdienst auf der +Tagesordnung stand. Liebknecht sprach zunächst, und zwar in +außerordentlich scharfer Form unter häufigen heftigen Unterbrechungen +der Mehrheit und des Präsidenten. Namentlich griff er die Politik +Bismarcks schonungslos an und schloß seine Rede mit den Worten: "Die +Weltgeschichte wird hinwegschreiten über diesen norddeutschen Reichstag, +der nichts ist als das Feigenblatt des Absolutismus." Nachher kam ich +zum Wort. Ich begründete in aller Ruhe unseren Standpunkt als Vertreter +des Milizsystems. Mittlerweile hatte sich auch Schweitzer gemeldet, um +seinen entgegengesetzten Standpunkt zu markieren. Bei Einbringung eines +Schlußantrags verlas der Präsident, wie es damals Vorschrift war, die +Namen der eingeschriebenen Redner für und wider den Gesetzentwurf, +darunter Schweitzer als Gegner. _Dieser erklärte darauf zur +Geschäftsordnung, er habe sich nicht wider, sondern für den +Gesetzentwurf einschreiben lassen._ + +Schweitzer ergriff alsdann bei der Spezialdebatte das Wort und führte +aus: Nach dem Standpunkt, den Herr Liebknecht einnehme, müßte auch die +allgemeine Wehrpflicht verworfen werden. Dabei hatten wir beide eine +Resolution einzubringen versucht, für die wir aber nicht die nötigen +Unterschriften erhielten, in der die Einführung des Milizsystems, also +die Verwirklichung der allgemeinen Wehrpflicht nach dem Muster +Scharnhorsts und Gneisenaus gefordert wurde. Liebknecht wünsche, daß der +Norddeutsche Bund überhaupt nicht existiere. Er und seine Freunde +wollten den Norddeutschen Bund freiheitlich gestalten, darin ständen sie +mit der _Fortschrittspartei_ auf einem Boden. Er berief sich also wieder +auf dieselbe Partei, die er seit 1863 als Trägerin des Rückschritts +bekämpft und fortgesetzt angegriffen hatte. Er, Schweitzer, wolle nicht +mit Herrn Liebknecht und seinen Freunden, den depossedierten Fürsten und +dem Ausland, dahin trachten, Preußen und den Norddeutschen Bund zu +ruinieren und zu zerstören: + + "Wir haben erkannt, daß der preußische Machtkern unser deutsches + Vaterland, das so lange mißachtet war, dem Ausland gegenüber endlich + zur Geltung und zu Ehren gebracht hat und dies auch künftig tun wird, + und es liegt uns fern, mit jenen selbst diejenigen Eigenschaften an + Preußen leugnen und bemäkeln zu wollen, die im vorigen Jahre eine + feindliche Welt bewundernd anerkennen mußte." + +Sie stünden innerhalb, wir außerhalb des neu sich bildenden Vaterlandes, +wollten außerhalb desselben stehen. + +Liebknecht antwortete in einer persönlichen Bemerkung: + + "Der Abgeordnete v. Schweitzer hat mir einen großen Gefallen getan, + denn er hat mir die Gelegenheit gegeben, die ich bis jetzt vergebens + gesucht habe, zu erklären, _daß ich allerdings mit dem Doppelgänger + des Herrn Wagener nichts zu tun habe_." + +Schweitzer schwieg und Wagener schwieg. Vor der Abstimmung über den +entscheidenden § 1 verließ Schweitzer den Saal. Er wagte nicht dafür zu +stimmen und wollte nicht dagegen stimmen. + +Diese Vorgänge im Reichstag beschäftigten kurz darauf zwei Versammlungen +der Berliner Mitgliedschaft des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins. +Schweitzer beantragte hier folgende Resolution: + + "Die Versammlung erkennt an, daß die von Preußen geschaffene Macht die + Möglichkeit der Herstellung der deutschen Einheit in sich trägt; + zweitens ist sie _mit der Fortschrittspartei damit einverstanden_ + (weiter nach links wagte Schweitzer nicht mehr zu gehen. A.B.), daß + mit äußerstem Nachdruck und ohne daß man sich um Drohungen der + preußischen Regierung kümmere, auf eine freiheitliche Gestaltung + Preußens und des Norddeutschen Bundes gedrungen werden muß, da nur + hierdurch eine ersprießliche endgültige Lösung der deutschen Sache + möglich ist; drittens erklärt sie es für verfehlt, in Gemeinschaft mit + der Auffassung des mißgünstigen Auslandes das Vorgehen Preußens im + vorigen Jahre zu beurteilen und demgemäß eine Zertrümmerung Preußens + und des Norddeutschen Bundes zu erstreben und zu erhoffen." + +Rückhaltloser konnte man für die Bismarcksche Schöpfung nicht eintreten. +Dieser Resolution gegenüber beantragten nun _Theodor Metzner_ und +_Reimann_, zwei Opponenten von Schweitzer: + + "Die Versammlung beschließt, daß Herr v. Schweitzer sowohl im + Reichstag als durch seine Verdächtigung der radikalen Partei in der + heutigen Versammlung _das wenige Vertrauen, das derselbe bisher bei + den Berliner Arbeitern genossen, vollständig verloren hat_." + +Eine dritte Resolution brachte der fortschrittliche Maschinenbauer +Andreack ein, die forderte: + + _"Die Versammlung möge beschließen, daß sie in der deutschen Frage + sich nur mit dem Standpunkt der Deutschen Fortschrittspartei + einverstanden erklären kann."_ + +Und was geschah jetzt? Als Schweitzer merkte, daß die scharfe +Opposition, die er fand, seine Resolution zu Fall bringen könnte, zog +er, feig wie er immer war, wenn ihm eine Niederlage drohte, _dieselbe +zurück und erklärte sich für die fortschrittliche Resolution, die +dasselbe besage wie die seine_. Hofstetten, der den Vorsitz hatte, tat +Schweitzer den Gefallen, über die Andreacksche Resolution zuerst +abzustimmen und sie für angenommen zu erklären, was seitens der +Opposition einen Sturm der Entrüstung hervorrief. + + + + +Schweitzers Diktatur. + + +Schweitzer hatte das dringendste Interesse, den Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein ganz in die Hand zu bekommen, also dessen Präsident zu +werden. Dieses Sehnen verwirklichte sich, als Perl-Hamburg, der +Präsidentschaft müde, erklärte, dieselbe niederlegen zu wollen. Es wurde +eine außerordentliche Generalversammlung auf den 19. und 20. Mai 1867 +nach Braunschweig einberufen, die von 18 Delegierten, die 2500 Stimmen +hinter sich hatten, besucht war. Schweitzer vertrat Apolda mit 22 und +Limbach in Sachsen mit 30 Stimmen. Der Verein war sehr heruntergekommen. +Die beständigen Zerwürfnisse, das Mißtrauen gegen Schweitzer wegen +seiner Politik, der ungünstige Ausfall der Wahlen zum norddeutschen +Reichstag, trotz aller großsprecherischen Worte Schweitzers, die Krise +waren die Hauptursachen dieser Erscheinung. Die Eröffnungsrede Perls war +der Ausdruck der vorhandenen Mutlosigkeit. Die Hoffnung, die man noch in +Leipzig gehegt, Ordnung in den Verein zu bringen, hätte sich nicht +erfüllt; die finanziellen Verhältnisse des Vereins seien sehr ungünstig, +nur wenige Orte zahlten Beiträge usw. Im weiteren Verlauf der +Verhandlungen bat Perl, von seiner Wiederwahl als Präsident abzustehen; +er könne die Opfer nicht mehr tragen, die ihm diese Stellung auferlege. +Schweitzer kritisierte Perls Geschäftsführung, doch wolle er, wie er +sagte, ihm nicht persönlich zu nahe treten. Er erklärte, die +Generalversammlung sei entscheidend für den Verein, nach Tölcke sollte +er sogar die Präsidentschaft _gefordert_ und gedroht haben, falls er +nicht gewählt werde, ließe er mit der nächsten Nummer den +"Sozialdemokrat" eingehen. Er versprach Garantien zu geben, daß die +_Verwaltungsgeschäfte_ korrekt erledigt würden, da er wisse, daß man ihm +mißtraue. Die Versammlung war unschlüssig, was sie tun sollte; so ließ +man auf Vorschlag Brackes eine Pause eintreten, um sich zu verständigen. +Nach dieser schlug Tölcke Schweitzer als Präsidenten vor. Es wurde +darauf mehrseitig wieder geltend gemacht, daß gegen Schweitzer Mißtrauen +vorhanden sei; auch sei es ein Unding, daß der Präsident des Vereins und +der Redakteur des Vereinsorgans ein und dieselbe Person sei. Tölcke +suchte die Bedenken zu beschwichtigen. Schweitzer erklärte, er wisse, +daß man Mißtrauen gegen ihn habe; er werde das Amt nur annehmen, wenn +man ihm Vertrauen entgegenbringe. Er beantragte eine zweite Pause zur +Verständigung. Nach dieser erklärten mehrere Delegierte, ihr Mißtrauen +gegen Schweitzer fallen zu lassen. Er wurde alsdann, nachdem er auf +einen Vorhalt Tölckes noch mitgeteilt, _er werde sich selber wählen_, +mit 2385 gegen 97 Stimmen und 41 Enthaltungen Präsident des Vereins. Er +hatte, um sich Vertrauen zu erwerben, auf dieser Generalversammlung ein +radikales Programm vorgelegt und annehmen lassen. Jetzt gab er auch die +sogenannten Garantien für sein ferneres Wohlverhalten, indem er durch +Handschlag sämtlichen Delegierten gegenüber sich feierlich +verpflichtete, alles zu tun, was in seinen Kräften stehe, den Verein +vorwärtszubringen. Umgekehrt verpflichteten sich die Delegierten +ebenfalls durch Handschlag Schweitzer gegenüber, treu zur Organisation +und zum Präsidenten zu stehen. Also eine Art Ballhausschwur, wie ihn die +französische Nationalversammlung 1789 leistete, nur mit dem Unterschied, +daß der Regisseur der Schwurszene in Braunschweig, Schweitzer, wußte, +daß es sich um eine Posse handelte.-- + +Auf der Generalversammlung des Vereins in Berlin--23. bis 25. September +1867--wiederholte Schweitzer: _daß in politischen Fragen der Verein mit +der Fortschrittspartei gehen könne_. Das verhinderte allerdings nicht, +daß, als um dieselbe Zeit in Düsseldorf eine Nachwahl für den Reichstag +stattzufinden hatte, bei der in der engeren Wahl der fortschrittliche +Kandidat, Redakteur der "Rheinischen Zeitung", Bürgers, und ein +konservativ-nationalliberaler Kandidat sich gegenüberstanden, Schweitzer +im "Sozialdemokrat" die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins aufforderte, für den letzteren zu stimmen, worauf +Bürgers durchfiel. Neben dem, daß er damit Bismarck einen Gefallen +erwies, kühlte er seine Rache wegen der Anklage der "Rheinischen +Zeitung", er habe aus hochkonservativen Kreisen Geld für den +"Sozialdemokrat" genommen. + +Ein anderer für Schweitzer wenig ehrenvoller und seinen Charakter +beleuchtender Vorgang war die Auseinandersetzung mit seinem bisherigen +Freunde Hofstetten. Hofstetten hatte seine Mittel für die Gründung des +"Sozialdemokrat" hergegeben. Diese Mittel waren Mitte 1867 verbraucht +und Hofstetten ein armer Mann. Anfang 1868 versuchte Schweitzer +Hofstetten nach Wien zu schieben, woselbst er ein sozialdemokratisches +Blatt gründen sollte. Hofstetten kam aber in Wien übel an und eilte nach +Berlin zurück. Jetzt verschloß Schweitzer ihm den Wiedereintritt in die +Redaktion des Blattes, er bestritt auch, daß Hofstetten noch +irgendwelche Ansprüche habe, und setzte ihn vor die Tür, wobei er sich +auf einen Vertrag stützte, den er dem gutmütigen und nicht gerade +scharfsinnigen Hofstetten abgedrungen hatte. Als Hofstetten im Frühjahr +1869 auf der Generalversammlung des Vereins in Barmen-Elberfeld eine +lange Anklagerede gegen Schweitzers Verhalten ihm gegenüber hielt, +entrüsteten die mitgeteilten Tatsachen den Delegierten Heinrich +Vogel--der gegenwärtig noch in Charlottenburg lebt--so, daß er erklärte, +Schweitzer habe Hofstetten gegenüber wie ein ordinärer Bourgeois +gehandelt, eine Charakterisierung, die bei Schweitzers Anhängern einen +Sturm der Entrüstung hervorrief und nachher Vogels Ausschluß aus dem +Verein zur Folge hatte. Hofstetten klagte auch Schweitzer an, daß er das +Geld mit vollen Händen zum Fenster hinausgeworfen habe; woher er es +erhielt, wisse er nicht. Als er Schweitzer wegen seiner +verschwenderischen Lebensweise Vorhalt gemacht, habe dieser geantwortet: +Darüber sei er ihm keine Rechenschaft schuldig, er habe seine Schulden +nicht zu bezahlen. Darin hatte Schweitzer sicher recht, aber die +Tatsache an sich ist sehr beachtlich. Ende 1867 hatte das Blatt erst +1200 Abonnenten, deckte also bei weitem noch immer nicht seine Kosten; +es war also die Frage sehr wohl gerechtfertigt: Woher kommt das Geld für +das Blatt und die verschwenderische Lebensweise Schweitzers? Das ewige +Schuldenmachen hatte doch seine Grenze. Auch wollten die Gläubiger ab +und zu Geld sehen. Eine Erbschaft, die er nach dem Tode seines Vaters +Ende 1868 machte, war so geringfügig, daß sie einen Tropfen auf einen +heißen Stein bedeutete. Dabei hielt Schweitzer sich während des +Reichstags eine Equipage mit galonierten Dienern. + +Gustav Mayer, dessen Buch über Schweitzer ich oben erwähnte, hielt es +für zweckdienlich, sich bei Paul Lindau, der nach Schweitzers Rücktritt +häufigen Verkehr mit ihm hatte, zu befragen, ob er Extravaganzen +Schweitzers wahrgenommen habe. Lindau habe das verneint. Mir ist Paul +Lindaus Urteil nicht maßgebend. Die lebemännischen Gewohnheiten des +alten, heute noch lebenden Herrn waren immer große und da legt er wohl +einen anderen Maßstab an "Extravaganzen" als andere Menschenkinder. Auch +war Schweitzer, als er zu Lindau in Beziehungen trat, bereits krank und +hatte geheiratet, zwei Umstände, die Extravaganzen erschwerten. Die +Informationen, die wir seinerzeit in Berlin über Schweitzers Lebensweise +einzogen, lauteten anders. Danach war er ein Lebemann ersten Ranges, der +namentlich auch häufig bei Kroll und in den Berliner Nachtlokalen mit +der Demimonde verkehrte, womit er wahrscheinlich die "Treue" gegen seine +langjährige Braut betätigte, die man ihm als Tugend nachrühmte. Auch +veranstaltete er zeitweilig Champagnergelage mit seinen intimsten +Anhängern. Schweitzer gehörte zu den Naturen, die stets mindestens +doppelt so viel Geld verbrauchen als sie einnehmen, deren Parole ist: +Die Bedürfnisse haben sich nicht nach den Einnahmen, sondern die +Einnahmen haben sich nach den Bedürfnissen zu richten, was bedingt, daß +sie dann skrupellos das Geld nehmen, wo sie es finden. Hatte Schweitzer +1862 2600 Gulden aus der Schützenfestkasse entnommen, so unterschlug er +später, als er Präsident des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins war +und als solcher über die Kassengelder verfügte, von schlecht gelohnten +Arbeitern gesammelte Groschen, um seine Gelüste zu befriedigen. Es +handelte sich hier nicht um große Summen, aber das lag nicht an +Schweitzer, sondern an dem mageren Inhalt der Kasse. Diese Mißwirtschaft +ist ihm auf verschiedenen Generalversammlungen des Vereins vorgeworfen +und nachgewiesen worden, und _Bracke_, der jahrelang Kassierer des +Vereins war und auf Schweitzers Anweisung die Gelder auszahlen mußte, +hat ihn öffentlich dieser Schandtat bezichtigt, ohne daß Schweitzer ein +Wort der Verteidigung wagte. Wer aber dergleichen fähig ist, von dem +soll man nicht behaupten, daß er unfähig gewesen sei, sich politisch zu +verkaufen, was doch das einzige halbwegs lukrative Geschäft für ihn sein +konnte. Den Nachweis, wieviel gezahlt wurde, kann niemand erbringen, +denn dergleichen Geschäfte werden nicht auf offenem Markte +abgeschlossen. Es kann sich hier nur um den Nachweis durch Indizien und +zahlreiche Tatsachen handeln, die sich anders nicht erklären lassen. +Hervorheben möchte ich hier, daß Bismarck nach 1866 die Zinsen aus dem +48 Millionen Mark betragenden Privatvermögen des Königs von Hannover zur +Verfügung standen, die er skrupellos für ihm gutdünkende politische +Zwecke benutzte. Diesen Fonds, der unter dem Namen "Reptilienfonds" +berüchtigt geworden ist, konnte Bismarck verwenden, ohne jemand darüber +Rechenschaft abzulegen. Da ist's nun charakteristisch, daß, während die +ganze Oppositionspresse gegen diesen Korruptionsfonds ankämpfte, der +"Sozialdemokrat" den Fonds niemals erwähnte. + +Charakteristisch für den Mann ist ferner, daß, als wir Anfang 1868 das +"Demokratische Wochenblatt" herausgaben, er systematisch den Namen +desselben totschwieg und, wenn er nicht umhin konnte, gegen dasselbe zu +polemisieren, er immer nur von dem Blatte des Herrn Liebknecht sprach. +Er wollte mit dieser Taktik verhindern, daß einer seiner Anhänger durch +Nennung des Namens des Blattes auf den Gedanken kommen könnte, das +"Demokratische Wochenblatt" zu abonnieren, wodurch der Leser vieles +erfahren konnte, was ihm, Schweitzer, unangenehm war. Das war eine +kleinliche und lächerliche Kampfesweise, aber er übte sie. + + * * * * * + +Eine merkwürdige Wandlung stellte sich bei Schweitzer wieder im Frühjahr +1868 ein. Gleich dem "Demokratischen Wochenblatt" druckte jetzt der +"Sozialdemokrat", wenn er vom norddeutschen Reichstag sprach, diese +Worte in Gänsefüßchen ab. Auch hielt er im Reichstag--Mitte Juni +1868--eine Rede, in der er in einer Polemik gegen v. Kirchmann eine ganz +andere Auffassung als bisher vom Wert des allgemeinen Wahlrechts +entwickelte. Bisher hatte er damit eine Art Kultus getrieben und die +Wahl Bismarcks durch seine Anhänger in Barmen-Elberfeld bekanntlich +damit zu rechtfertigen gesucht, daß sie dem Geber des allgemeinen +Stimmrechts ihre Dankbarkeit beweisen wollten, als sie ihn wählten. +Jetzt erklärte er: + +"Ich muß im Interesse derjenigen, die mich gewählt haben, und im +Interesse der demokratischen Sache konstatieren, daß dieses Haus nur +scheinbar und nicht in Wirklichkeit aus allgemeinen Wahlen +hervorgegangen ist." + +Er motivierte dieses damit, daß Preßfreiheit und volle Vereins-und +Versammlungsfreiheit fehlten. Diese fehlten aber von Anfang an, und doch +klang damals sein Urteil anders. Das Urteil, das er jetzt über das +geltende Wahlrecht fällte, deckte sich mit dem, das das "Demokratische +Wochenblatt" längst und wiederholt abgegeben hatte. Diese plötzliche +auffällige Meinungsänderung wurde offenbar wieder durch die zunehmende +Opposition in seinem Verein verursacht. + +In Nr. 80 des "Sozialdemokrat" vom 19. Juli kündigt Schweitzer an, daß +er eine _dreiwöchige_ Haft in der Stadtvogtei antrete, die ihm wegen +eines Flugblattes vom Landgericht Elberfeld zuerkannt worden war. Er +ernannte W. Real in Düsseldorf zum Vizepräsidenten und Hasselmann zum +Leiter des Vereinsorgans, mit dessen Eintritt die Rüpelhaftigkeit im Ton +des Blattes einkehrte. Der pathetische Schluß der Ansprache lautete: + +"Indem ich meine Haft antrete, richte ich an alle Parteigenossen meinen +herzlichsten Abschiedsgruß. Ich hoffe, den Verein in derselben Blüte, in +der ich ihn verlasse, oder in noch gesteigertem Maße (nach ganzen _drei_ +Wochen) wiederzufinden." + +Im Sommer 1868 hatte Johann Jacoby eine Rede über "Die soziale Frage" +gehalten, in der er stark nach links und weit ab von der +Fortschrittspartei rückte. Auf einem großen Volksfest, das auf der Asse +bei Braunschweig abgehalten wurde, hatte sich Bracke über dieses +Auftreten Jacobys sehr günstig ausgesprochen und es begrüßt. Bracke +stellte hier über die Rede folgende Thesen auf: Erstens, das +demokratische Programm von Johann Jacoby verdient im höchsten Maße die +Beachtung des deutschen Volkes; zweitens, nach demselben gibt es in den +Zielen keinen prinzipiellen Unterschied zwischen der entschiedenen +demokratischen Partei und der eigentlichen Arbeiterpartei; drittens, +beide Parteien müssen in dem von Jacoby aufgestellten Ziel: Umgestaltung +der bestehenden staatlichen und gesellschaftlichen Zustände im Sinne der +Freiheit, gegründet auf Gleichheit alles dessen was Menschengesicht +trägt, übereinstimmen. Darauf antwortete der "Sozialdemokrat" in einem +"Verwirrung" überschriebenen Artikel: + +"Der von Jacoby aufgestellte Satz einer gerechten Verteilung des +Arbeitslohnes zwischen Kapital und Arbeit, die zu erstreben wäre, ist +eine über alle Maßen verfehlte, alberne und hohle Phrase; es ist +traurig, daß es Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +gibt, die an diesen elenden Brocken herumkauen. ... Wenn einer +behauptet, es seien beachtenswerte Gedanken in Jacobys Rede, wird es +hoffentlich von allen Seiten tönen: Nein! es ist albernes, hohles +Geschwätz eines wichtigtuenden Bourgeois." + +Diese erregte, grobe Sprache zeigte, welche Aufregung es Schweitzer +verursachte, sobald Mitglieder des Vereins den Anschein erweckten, als +wollten sie mit Vertretern nahestehender Parteien Fühlung nehmen. Der +Verein mußte nach außen mit einer Art chinesischer Mauer umgeben sein, +damit er ihn absolut beherrschen und nach seinem Willen lenken konnte. + +Die nächste Generalversammlung des Vereins war auf den 22. bis 26. +August nach Hamburg einberufen. Waren auf der Braunschweiger +Generalversammlung nur 2508 Mitglieder vertreten, auf der Berliner 3102, +so jetzt 8192 durch 36 Delegierte. Der Verein war also wesentlich +stärker geworden. Man hat diese Entwicklung ausschließlich der Tätigkeit +und der Leitung Schweitzers zugeschrieben. Mit Unrecht. Der Druck der +Krise, die sich als Folge des sechsundsechziger Krieges eingestellt +hatte, war gewichen, an deren Stelle brachte das Jahr 1868 eine +Prosperitätsperiode. Damit hatte die Hoffnungsfreudigkeit und das +politische Leben in den Arbeiterkreisen von neuem eingesetzt, wovon +nicht nur der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein, sondern auch der +Verband der Arbeitervereine profitierte, an dessen Spitze ich stand und +der damals über 13000 Mitglieder zählte, die freilich keine +programmatische Geschlossenheit wie der Allgemeine Deutsche +Arbeiterverein besaßen. Schweitzer suchte jetzt Karl Marx für sich zu +gewinnen. Er hatte Marx den Dank des Vorstandes für sein Werk "Das +Kapital" votieren lassen, auch hatte er ihn zur Generalversammlung nach +Hamburg eingeladen, eine Einladung, die Marx wegen Ueberbürdung mit +Arbeit ablehnte. Auch erlaubte er, daß Geib folgenden Antrag stellte: + + "Die Generalversammlung erklärt, da der Druck des Kapitals und der + Reaktion in allen Kulturländern aus im wesentlichen gleichen Ursachen + auf der Arbeiterklasse lastet und da die Bestrebungen der Arbeiter nur + dann erfolgreich sein können, wenn sie einheitlich zusammenhängend in + allen Kulturländern auftreten, ist es die Pflicht der deutschen + Arbeiterpartei und der Arbeiterparteien aller Kulturländer, die von + denselben Prinzipien geleitet werden, gemeinsam vorzugehen." + +Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. Aber wie radikal sich +Schweitzer auch gebärdete, die Unzufriedenheit mit seiner Diktatur nahm +zu. So beantragten die Erfurter Mitglieder: Schweitzer solle +spezifizierte Rechnung ablegen über die Gelder, die er seit dem 1. +Januar 1868 der Kasse entnommen habe. Der Vorstand solle die Abrechnung +prüfen. Düsseldorf verlangte, daß Präsidium und Redaktion des +Vereinsorgans getrennt würden, die Einrichtung könne leicht zu +Despotismus führen; sie hätte bereits dazu geführt. Weiter waren +lebhafte Klagen auf den vermiedenen Generalversammlungen laut geworden, +daß die Redaktion des "Sozialdemokrat" ihr mißfallende Korrespondenzen +unterdrücke, andere willkürlich ändere, ja fälsche. Ein Antrag, das +Organ von seiten des Vereins zu übernehmen, wurde auf der +Generalversammlung für untunlich, die Trennung der Redaktion vom +Präsidium als unzweckmäßig erklärt. Dagegen wurde beschlossen, daß der +vierundzwanzigköpfige Vorstand des Vereins, der in vielen Orten verteilt +wohnte, konzentriert werden solle. Er wurde nach Hamburg verlegt. Das +war der erste harte Schlag, der die Diktatur Schweitzers traf. Bei den +Erörterungen hierüber machte er eine Mitteilung, durch die er sich wider +Willen denunzierte. Er äußerte: _"Dies wird unsere letzte +Generalversammlung sein. Die Feindseligkeit der preußischen Regierung +wird immer mehr hervortreten. Der Verein wird aufgelöst werden."_ Und +siehe da, kaum drei Wochen später löste die Leipziger Polizeibehörde, da +der Verein in Leipzig seinen Sitz hatte, den Verein wegen der örtlichen +Kassenverwaltungen auf, einer Einrichtung, die von Anfang an im Verein +bestanden hatte. + +_Es ist ganz zweifellos, daß Schweitzer vorher von dieser Auflösung +wußte, ja daß sie zwischen ihm und dem Berliner Polizeipräsidium +verabredet war und die Leipziger Polizei auf Wunsch von Berlin den +Verein auflöste._ Natürlich unterließ unter so bewandten Umständen +Schweitzer jede Beschwerde gegen das Vorgehen der Leipziger Polizei bei +Kreishauptmannschaft und Ministerium. Schweitzer schloß seinen +bezüglichen Artikel, worin er die Auflösung besprach, mit den Worten: + + "Wir fügen uns einfach darum, weil es nach Lage der Dinge das + Vernünftigste ist, was wir tun können. Daher erkläre auch ich andurch: + + 'Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein hat sich aufzulösen...' + Arbeiter in ganz Deutschland! Wir stehen heute am Grabe des + Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins. + + Aber der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein lebt unter uns fort. + + _So stehen wir auch am Grabe Lassalles; er selbst aber weilt noch + unter uns._ + + Daß unser Verein aufgelöst wurde, gereicht ihm, gereicht uns zur Ehre. + Der Verein hat seine Schuldigkeit getan für die Arbeitersache--darum + wurde er aufgelöst. + + Die alte Form ist gefallen--wir werden neue Formen für die Betätigung + unseres Strebens zu finden wissen." + +Dann dankt er für das ihm geschenkte Vertrauen. + + "Wir haben gemeinsam gekämpft und gelitten--wir werden auch in Zukunft + gemeinsam kämpfen und leiden." + +So auf die Rührseligkeit spekulierend, rührte er die Mitglieder zu +Tränen, und sie vertrauten ihm weiter. + +Wäre es die Feindseligkeit der preußischen Regierung gegen den Verein +gewesen, wie Schweitzer _wider besseres Wissen_ schrieb, dann war es +jetzt seine Pflicht und Schuldigkeit, den Verein dem Einfluß der +preußischen Regierung nach Möglichkeit zu entziehen, zum Beispiel dessen +Sitz nach Hamburg zu verlegen, dessen Vereins- und Versammlungsgesetz +kein Verbindungsverbot kannte. Außerdem hatte der Verein in +Hamburg-Altona seine stärkste Mitgliedschaft, die für die Finanzen des +Vereins wie für das Blatt das eigentliche Rückgrat bildete. Auch fehlte +es in Hamburg nicht an geistigen Kräften. Statt dessen gründete +Schweitzer den neuen Verein _unter den Augen der Berliner Polizei_, und +_Berlin wurde dessen Sitz. In Preußen bestand aber das Verbindungsverbot +so gut wie in Sachsen, und außerdem verlangte das damalige preußische +Vereins- und Versammlungsgesetz, daß die Mitgliederlisten des Vereins +aus ganz Deutschland bei dem Polizeipräsidium eingereicht werden +mußten._ Und wiederum verriet er seine Beziehungen zum Berliner +Polizeipräsidium und sein Einverständnis mit der Auflösung, indem er in +Nr. 119 des "Sozialdemokrat" sagte: + + _"Man habe Berlin als Sitz der Partei gewählt, damit die Polizei + fortwährend Gelegenheit habe, sich davon zu überzeugen, daß die Partei + ihre Agitation auf Grund und in Gemäßheit der bestehenden Gesetze + betreibe."_ + +Wie rührend folgsam gegen die liebe Polizei von der Leitung einer +demokratischen Partei! + +_Wenn je die innige Verbindung zwischen Schweitzer und dem Berliner +Polizeipräsidium nachgewiesen werden konnte, so jetzt._ Aber nicht +allein, daß der Verein nunmehr unter die Kontrolle des Berliner +Polizeipräsidiums kam, Schweitzer benutzte auch die Neugründung, _um die +ihm unbequemen Beschlüsse der Hamburger Generalversammlung aus der Welt +zu schaffen und durch die neue Organisation seine Diktatur +unumschränkter denn je zuvor zu befestigen._ Er verkündete den neuen +Plan mit den Worten: + + "Jedenfalls wird dafür gesorgt werden, daß die Einheitlichkeit der + Partei durch ganz Deutschland gewahrt werde. Denn diese + Einheitlichkeit ist unser bestes Kleinod--sie ist der Grundgedanke der + Lassalleschen Organisation, und von dieser werden wir niemals + abgehen." + +So mußte also die beständige Berufung auf Lassalle dazu dienen, seine +Autorität aufrecht zu erhalten und den Mitgliedern Sand in die Augen zu +streuen. + +Die neue Vereinsgründung fand _unter Ausschluß der Öffentlichkeit_ statt +in einem kleinen Kreise Auserwählter, die mit ihm durch dick und dünn +gingen. Das neue Statut enthielt geradezu _ungeheuerliche_ Bestimmungen. +So sollte der Präsident _sechs Wochen vor der ordentlichen +Generalversammlung in Urabstimmung durch die Mitglieder des Vereins +gewählt werden_, also ehe noch die Generalversammlung gesprochen und +dessen Geschäftsführung geprüft hatte. Ein Mißtrauensvotum auf der +Generalversammlung war dann wirkungslos, ebenso eine unliebsame Kritik +seiner Tätigkeit. Ferner besagte §5 der Statuten: + + _"Wenn der Präsident es für dringlich hält, so kann er, vorbehaltlich + der in drei Monaten einzuholenden Genehmigung des Vorstandes, alle + Anordnungen treffen."_ + +Der Vorstand selbst sollte, im Gegensatz zu den Beschlüssen der +Hamburger Generalversammlung, wieder über ganz Deutschland verteilt +wohnen. Die Generalversammlung sollte eine Statutenänderung nur dann +vornehmen können (§7), wenn ein solcher Antrag von 60 Mitgliedern +unterzeichnet _und drei Monate vor der Generalversammlung beim Vorstand +eingereicht worden war_. Wo und wie der Verein aufs neue gegründet +wurde, darüber hat man nie Sicheres erfahren. Aber die Polizei mußte +davon unterrichtet sein, sonst hätte sie den Verein nicht anerkannt. Der +organisierte Arbeiter unserer Zeit wird sich bei dem Lesen solcher +Vorgänge fragen, wie denn dergleichen möglich gewesen sei und ob denn +nicht die ungeheure Mehrheit der Mitglieder des Vereins sich wie ein +Mann erhob und gegen solche Ungeheuerlichkeiten protestierte, den +Urheber derselben aber sofort von seinem Posten entfernte? Von alledem +keine Spur. Mit seinem Blatte beherrschte Schweitzer absolut den Verein; +jeder, der wagte aufzumucken, dessen Beschwerde flog in den Papierkorb, +und wer in einer Versammlung austrat, der wurde als Verräter an dem +Kleinod der Lassalleschen Organisation gebrandmarkt und mit dem Bann +belegt. Im Verein war er tot. Ließ aber jemand sich merken, daß er mit +Liebknecht und mir sympathisiere, so galt dieses selbst in den Augen der +meisten Mitglieder als ein Verbrechen, womöglich größer als Blutschande +oder Mord. Das war die Folge der systematisch von ihm betriebenen +Verhetzung. + +Doch die Umwandlung in den Anschauungen vollzog sich bei einem Teil der +Vereinsmitglieder rascher, als wir damals selbst für wahrscheinlich +hielten. + +Unter dem 26. November 1868 veröffentlichte Schweitzer einen langen +Aufruf in dem mittlerweile seit dem 10. Oktober vergrößerten +"Sozialdemokrat", der damals 3400 Abonnenten hatte, in welchem er seine +Ansicht über die Finanzlage des Vereins darlegte, die durch das Wachstum +desselben eine wesentlich günstigere geworden war. Zum Schluß kündigte +er an, daß er auf drei Monate "in die Einsamkeit des Gefängnisses +wandere", die er wegen Veröffentlichung einer Broschüre, "Der +Arbeitslohn und der Kapitalgewinn", anzutreten hatte. Er schließt den +Artikel mit den Worten: + + "Lassalle sagt in betreff der Organisation, daß alle Einzelkräfte + zusammengeschmiedet werden müßten zu einem einzigen Hammer. Die Partei + war, als sie mich zu ihrem Führer erkor, der Meinung, daß mein Arm + kräftig genug sei, diesen Hammer zu schwingen. Ich will hoffen, daß + mir diese Kraft niemals erlahmt." + +An Selbstgefühl ließen diese Ausführungen nichts zu wünschen übrig. + +Anfang Dezember trat er seine Haft an, er wurde aber bereits gegen Ende +Dezember wieder aus dieser entlassen, weil sein Vater schwer erkrankte, +der noch vor Ende des Jahres starb. Schweitzer erhielt darauf eine Woche +Urlaub zur Ordnung von Familienangelegenheiten. Jetzt spielte sich aber +dasselbe ab, was sich 1866 abgespielt hatte, als er auf Urlaub +entlassen wurde. Aus der einen Woche wurden viele Wochen Urlaub, und nun +begann _Schweitzer abermals eine umfassende politische Tätigkeit, als +sei der Urlaub ihm nur zu diesem Zweck gewährt worden_. + +Am 1. Januar 1869 kündigte der "Sozialdemokrat" an, _der Präsident sei +noch auf Tage den Geschäften der Parteileitung entzogen. Am 14. Januar +veröffentlichte Schweitzer unter den Augen der Polizei im +"Sozialdemokrat" eine lange Ansprache an die Mitglieder des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins und berief die Generalversammlung des Vereins +auf den 27. bis 30. März nach Barmen-Elberfeld._ + +Nach normalem Gang hätte Schweitzer dieser Generalversammlung gar nicht +beiwohnen können, da um diese Zeit seine Haft noch nicht zu Ende war. +_Aber er wußte bereits, daß er die Freiheit dazu haben würde._ Weiter +ordnete er an, daß die Präsidentenwahl sechs Wochen vor der +Generalversammlung, zwischen dem 24. Januar und dem 7. Februar +stattzufinden habe, wie es die neue, von ihm oktroyierte Organisation +vorschrieb. + +Ferner kündigte er die Einberufung einer Konferenz des Vorstandes in +einer Stadt Mitteldeutschlands an, in der über die Agitation in +Süddeutschland und Sachsen beschlossen werden sollte. Gegen uns nahm der +"Sozialdemokrat" jetzt eine noch schärfere Stellung ein, da wir bewußt +oder unbewußt im Schlepptau der österreichischen Politik uns befänden. +Bemerkt sei hier, daß um diese Zeit Liebknecht wiederholt im +"Demokratischen Wochenblatt" Oesterreich gegenüber eine Taktik +eingeschlagen hatte, die ich für durchaus verfehlt hielt, was wiederholt +zwischen uns zu Meinungsverschiedenheiten führte. Liebknecht war eben +ein Mann des Extrems. Wie sein Haß gegen Bismarck und den Nordbund oft +die Grenze überschritt, so auch wieder seine Zuneigung zu Oesterreich, +dessen liberalem Bürgerministerium er übermäßige Leistungen zutraute. Es +war nur natürlich, daß Schweitzer diese Schwäche Liebknechts ausnutzte, +wobei ich bemerken will, daß es im Jahre 1867 auch für Schweitzer eine +Periode gab, in der er dem Bürgerministerium seine Unterstützung in +Aussicht stellte. Er wollte offenbar Hofstetten die Wege in Wien ebnen. + +Im Januar 1869 setzten wir unseren schon früher gegen Schweitzer im +"Demokratischen Wochenblatt" und in Volksversammlungen aufgenommenen +Kampf mit aller Vehemenz und mit schwerstem Geschütz fort, dessen +vorläufiger Abschluß war, daß wir zur Generalversammlung des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins nach Elberfeld-Barmen eingeladen wurden, um +unsere Anklagen gegen Schweitzer zu erheben. Ich habe das Vorspiel zu +diesem Ereignis bereits im ersten Teil dieser Arbeit ausführlicher +geschildert. + + * * * * * + +Sozusagen zwischenaktlich sei hier erwähnt, daß Hasenclever infolge +einer Stichwahl in Duisburg Anfang 1869 ebenfalls in den Reichstag +gewählt worden war. Da ich glaubte annehmen zu dürfen, daß Hasenclever +das Treiben Schweitzers mißbillige und ehrlich eine Vereinigung wolle, +hatte ich 12 Taler gesammelt, die ich ihm zur Unterstützung seiner Wahl +schickte. Damals rechneten wir hüben und drüben bei Wahlen noch nicht +mit Tausenden und Zehntausenden Mark wie heute. Jeder Taler galt als +namhafter Beitrag. Ich machte darauf unter dem 13. Februar 1869 im +"Demokratischen Wochenblatt" bekannt, daß Hasenclever seine große Freude +und Genugtuung über die Sympathie und Unterstützung, die ihm zuteil +geworden, ausspreche. Er bedauere die Spaltung, die unter den +verschiedenen Fraktionen der Arbeiterpartei ausgebrochen sei, und hoffe, +daß die Differenzen, die wir mit anderen Führern seiner eigenen Partei +hätten oder gehabt hätten, und die doch nur persönlichen Ursprunges +seien, bald verschwinden würden. Er lebe der vollsten Ueberzeugung, daß +die Zeit nicht fern sei, wo sämtliche Sozialdemokraten Deutschlands in +festgeschlossenen Reihen unter einem Banner kämpften. + +An dieser Erklärung Hasenclevers ist bemerkenswert, daß er von uns als +Sozialdemokraten spricht, ein Zugeständnis, das Schweitzer und der +"Sozialdemokrat" bis ans Ende der Wirksamkeit Schweitzers uns +versagten. Freilich hat es nachher, als Hasenclever Nachfolger +Schweitzers im Präsidium wurde, auch noch Jahre gedauert, ehe die +Einigung sich vollzog. Es scheint, daß auch sozialdemokratische +Kronprinzen, wo solche vorhanden, liberaler sind, denn später als +regierende Herren. + + * * * * * + +Am 14. Februar verkündete Schweitzer das Wahlresultat; er war wieder mit +rund 5000 Stimmen gegen 54 zum Präsidenten gewählt. Die Wahl war ein +moralisches Mißtrauensvotum, wenn man bedenkt, daß einige Wochen später +auf der Generalversammlung in Barmen-Elberfeld 12000 Mitglieder +vertreten waren; 40 Orte hatten gar keine Stimme abgegeben. Nachdem so +der politische Urlaub Schweitzers seinen Zweck erreicht hatte, ging er +am 18. Februar wieder ins Gefängnis, er wurde aber bereits am 4. März, +_dem Tage vor dem Zusammentritt des Reichstags, aus der Haft entlassen._ + +_Diese Haftentlassung bewies aufs neue die intimen Beziehungen +Schweitzers zur Regierung._ Solange ein Reichstag besteht, also von 1867 +bis heute, ist es nie vorgekommen, daß ein Reichstagsabgeordneter, _auch +kein bürgerlicher, während des Reichstags aus der Strafhaft entlassen +wurde_, um an den Verhandlungen desselben teilzunehmen. Sogar mitten in +der Session von 1909 bis 1910 mußte ein elsässischer Abgeordneter seine +zweimonatige Strafhaft antreten. Die Regierungen, die preußische voran, +wie die Mehrheit des Reichstags, haben stets die Ansicht vertreten, daß +der Artikel 31 der Verfassung, der von der Immunität der Abgeordneten +handelt, die _Strafhaft nicht umfaßt_. Im Gegensatz zu dieser +jahrzehntelangen Uebung, die Preußen auch schon früher handhabte, _wurde +jetzt Schweitzer aus der Strafhaft beurlaubt, was nicht ohne +Einwilligung des zuständigen Ministers geschehen konnte, der dieses +nicht ohne die Zustimmung Bismarcks gewagt hätte._ + +Wie letzterer im übrigen in diesen Dingen dachte, zeigte plastisch die +Verhandlung, die der Reichstag am 28. April--also wenige Wochen nach +Schweitzers Beurlaubung aus der Strafhaft--hatte. Mende hatte in +München-Gladbach eine Versammlung abgehalten, nach der es zu +tumultuarischen Auftritten gekommen war, wobei er verhaftet wurde, weil +er angeblich diese Auftritte verursacht habe, was nicht der Fall war. +_Schweitzer_ stellte einen Antrag auf Haftentlassung Mendes. In der +Debatte nahm auch Bismarck das Wort und erklärte sich in seiner +peremptorischen Art _gegen_ die Haftentlassung. Der Reichstag mußte aber +auf Grund der vorliegenden Tatsachen gegen Bismarck entscheiden. Darauf +rächte sich dieser dadurch, daß er den Beamten, die die Verhaftung +Mendes angeordnet und vorgenommen hatten, Ordensauszeichnungen +zustellte. Und im Falle Mende handelte es sich um keine rechtskräftig +gewordene Strafhaft wie im Falle Schweitzer, sondern um eine +Untersuchungshaft. + +Kurze Zeit vor jenem Vorgang war ich unfreiwilliger Zeuge einer +Begegnung zwischen Schweitzer und dem Prinzen Albrecht, Bruder des +Königs, der Mitglied des Reichstags war. Ich kam einen Korridor entlang +und sah am Ende desselben den Prinzen Albrecht in Gesellschaft einiger +konservativer Abgeordneter stehen. Aus einem Seitenkorridor trat +Schweitzer. Sobald der Prinz seiner ansichtig wurde, winkte er +Schweitzer heran, reichte ihm die Hand, die er kräftig schüttelte und +fragte sehr leutselig: Mein lieber Schweitzer, wie geht es Ihnen? +Schweitzer: Danke, Königliche Hoheit! Der Prinz: Warum waren Sie gestern +nicht in der Sitzung? Schweitzer: Doch, Königliche Hoheit, ich war +zugegen! Der Prinz: Warum haben Sie denn nicht das Wort ergriffen? Man +hatte dieses erwartet.... Ich trat rasch in den Sitzungssaal, um nicht +als Horcher zu erscheinen. Die Unterhaltung zeigte, daß Schweitzer mit +dem Prinzen schon öfter verkehrt hatte, und sie zeigte weiter, daß "man" +auf der rechten Seite des Reichstags genau wußte, was selbst die +radikalsten Reden Schweitzers bedeuteten. + + + + +Die Generalversammlung in Barmen-Elberfeld. + + +Als wir am 27. März gegen Abend in Barmen-Elberfeld ankamen, empfingen +uns eine Anzahl Gesinnungsgenossen, die sämtlich der Internationale +angehörten. Ueber unsere Verhandlungen an jenem Abend schrieb ich noch +in der Nacht an Marx: + + "Liebknecht und ich sitzen eben hier in Elberfeld in einem kleinen + Kreise von Gesinnungsgenossen, um den Feldzugsplan für die morgige + Schlacht vorzubereiten. Wir haben hier eine solche Fülle von + Schuftereien Schweitzers zu hören bekommen, daß uns die Haare zu Berge + stehen. Ebenso stellt sich zur Evidenz heraus, daß Schweitzer das + Programm der Internationale nur zu dem Zwecke vorschlägt, um einen + Hauptcoup gegen uns zu führen und ein gut Teil oppositioneller + Elemente niederzuschlagen respektive zu sich herüberzuziehen. Ich + bitte Sie deshalb, zugleich im Namen Liebknechts und sämtlicher + hiesiger Freunde, eine etwaige Ratifikation des betreffenden + Beschlusses der Generalversammlung durch Schweitzer vorläufig + unberücksichtigt zu lassen oder wenigstens nur sehr vorsichtig zu + beantworten. + + Nähere Mitteilungen folgen bald nach. + + Ueber den Ausgang der morgigen Disputation läßt sich noch gar nichts + sagen, nur das eine kann ich mitteilen, daß Schweitzer mit allen + Mitteln der Perfidie und Intrige gegen uns wühlt, auf einen + durchschlagenden Erfolg hoffen wir auf keinen Fall. Die Organisation, + um jede Opposition aus der Mitte seines eigenen Vereins totzuschlagen, + ist hier schon seit Wochen mit großem Geschick getroffen worden. + Gestern abend beispielsweise hat Schweitzer bei seiner Ankunft einen + wahren Triumphzug durch Elberfeld-Barmen gehabt. (In einer mit + Schimmeln bespannten Equipage.) Damit schließe ich für heute." + +Schweitzer hatte im "Sozialdemokrat" angekündigt, daß die Feinde schon +bis in die Nähe des Präsidenten (also der allerhöchsten Person) +gedrungen seien und die Generalversammlung wohl strenger und +entschiedener als bisher alle Angriffe auf die Organisation, das heißt +auf die von ihm oktroyierte, zurückweisen müsse. + +In der Vorversammlung war gegen die Ansicht Schweitzers--der die +Begegnung mit uns hinausschieben, wenn nicht ganz verhindern wollte--mit +30 gegen 27 Stimmen unsere sofortige Zulassung beschlossen worden. Am +nächsten Nachmittag traten wir in den überfüllten Saal, von wütenden +Blicken der fanatisierten Anhänger Schweitzers empfangen. Liebknecht +sprach zuerst, etwa anderthalb Stunden, ich folgte und sprach wesentlich +kürzer. Unsere Anklagen enthielten zusammengedrängt, was ich bisher +hier gegen Schweitzer vorgebracht habe. Mehrere Male erfolgten heftige +Unterbrechungen, namentlich als ich Schweitzer als Regierungsagent +bezeichnete. Ich solle das Wort zurücknehmen. Dessen weigerte ich mich. +Ich glaubte, das Recht zu haben, meine Meinung frei aussprechen zu +dürfen, sie, die Zuhörer, brauchten mir ja nicht zu glauben. + +Der "Sozialdemokrat" brachte einen sehr verstümmelten, zum Teil +gefälschten Bericht unserer Reden, der irreführend wirkte. Liebknecht +übertrieb die Loyalität. Er unterließ jede Berichterstattung und +begnügte sich, im "Demokratischen Wochenblatt" mitzuteilen, daß wir auf +der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gewesen +und unsere Anklagen gegen Schweitzer vorgebracht hätten. Schweitzer habe +mit 6500 Stimmen gegen 4500, deren Vertreter sich der Abstimmung +enthalten hätten, ein Vertrauensvotum erhalten. Doch da wir begründete +Aussicht auf Verständigung, wenn auch nicht auf Vereinigung der +vermiedenen sozialdemokratischen Fraktionen hätten, werde das +"Demokratische Wochenblatt" keine Angriffe auf Schweitzer mehr +veröffentlichen, wobei wir voraussetzten, daß von der Gegenseite +dieselbe Taktik innegehalten werde. Das geschah aber nicht, vielmehr +setzte der "Sozialdemokrat" seine Angriffe auf uns fort. + +Schweitzer, der während unserer Reden auf dem Podium hinter uns saß, +erwiderte kein Wort. So verließen wir den Saal, wobei einige Delegierte +vor und hinter uns gingen, um uns vor Tätlichkeiten der fanatisierten +Anhänger Schweitzers zu schützen. Aber Schmeichelworte wie Schufte, +Verräter, Lumpe, euch sollte man die Knochen im Leibe zerschlagen usw., +bekamen wir bei dem Gange durch das lebende Spalier in Menge zu hören. +Auch machte einer der Anwesenden den Versuch, mich beim Heruntersteigen +vom Podium durch einen Stoß in die Kniekehle zu Fall zu bringen. Vor der +Tür nahmen uns unsere Freunde in Empfang, um uns als Schutzgarde nach +unserem Hotel zu geleiten. + +Schweitzer verlangte von den Delegierten ein Vertrauensvotum. Nach +erregter Debatte wurde ihm dasselbe mit der oben mitgeteilten +Stimmenzahl erteilt. Die Delegierten, die sich der Abstimmung +enthielten, waren: Bracke, Bräuer, Rudolph-Hannover, v. Daake, Geib, +Hirsch, Perl, Raspe-Essen, Schrader, Louis Schumann-Berlin, Spier, +Heinrich Vogel, Wilke und York. + +Die Genannten mußten schwer büßen, daß sie das Vertrauensvotum +verweigert hatten; im "Sozialdemokrat" fielen die Angriffe hageldicht +auf sie nieder. Das beschlossene Vertrauensvotum lautete: + +"In Erwägung, daß in den Ausführungen der Herren Bebel und Liebknecht +nichts Neues und Erhebliches enthalten ist, erklärt die +Generalversammlung, daß der Vereinspräsident nach wie vor das volle +Vertrauen der deutschen Arbeiterpartei besitzt." + +Die Elberfelder Generalversammlung bedeutete für Schweitzer eine Reihe +schwarzer Tage. Was er im Herbste nach der Auflösung des Vereins durch +die Leipziger Polizei an diktatorischen Bestimmungen in die neue +Organisation gebracht hatte, fiel jetzt den Beschlüssen der +Generalversammlung zum Opfer. Zunächst wurde beschlossen, daß die +Leitung des Vereins aus einem Vorstand von 15 Personen statt wie bisher +von 25 bestehen solle. Außer dem Präsidenten, Kassierer und Sekretär +mußten die übrigen 12 Mitglieder an einem Orte wohnen, damit sie in +beständiger Fühlung miteinander waren und jeden Augenblick eine Sitzung +einberufen konnten. Die Sitzungen des Vorstandes sollte dessen +Vorsitzender berufen, nicht wie bisher der Präsident. Der letztere +sollte auch nicht sechs Wochen _vor_ der Generalversammlung, sondern +erst _nach_ derselben durch direkte Wahl seitens der Vereinsmitglieder +gewählt werden, nachdem das Protokoll veröffentlicht worden sei, damit +die Mitglieder wußten, was auf der Generalversammlung geschehen sei. Die +Befugnis des Präsidenten, für von ihm getroffene Anordnungen erst binnen +drei Monaten die Genehmigung des Vorstandes einzuholen, wurde auf acht +Tage beschränkt, machte also die Befugnis gegenstandslos. Außerdem +sollte der Vorstand mit einfacher Mehrheit über die innere Organisation, +den Geschäftsgang, die Förderungsmittel des Vereins, das Schreib- und +Kassenwesen beschließen. Ferner sollte der Vorstand auch das Recht +haben, in Fällen einer _politischen Unredlichkeit oder grober +Kassenvergehen ihn vom Amte zu suspendieren und die endgültige +Entscheidung durch eine sofort zu berufende Generalversammlung oder +durch Urabstimmung herbeiführen._ Durch diese und noch eine Reihe +anderer Bestimmungen wurden die Machtbefugnisse Schweitzers sehr +bedeutend eingeschränkt. Die Beschlüsse legten Zeugnis ab _von einem +sehr intensiven Mißtrauen, das gegen ihn herrschte,_ und bemerkenswert +ist, daß die wichtigsten Bestimmungen angenommen wurden, obgleich er +opponierte. Weiter wurde eine Ueberwachungs- und Beschwerdekommission +von drei Berliner Mitgliedern eingesetzt, die alle Beschwerden gegen die +Redaktion entgegennehmen und darüber entscheiden sollte. Durch diese +Beschlüsse war der Verein auf eine durchaus _demokratische Basis_ +gestellt. Schweitzer war durch die Einschränkung seiner Allmacht so +deprimiert, daß er, nach Berlin zurückgekehrt, Annäherungsversuche an +uns machte. Unter dem 8. April sandte ich meiner Frau einen Brief, in +dem es hieß: + +"Schweitzer hatte, obgleich ich ihn anfangs ignorierte, sich an mich +herangeschlängelt, als ich mit einem anderen Kollegen eine Unterhaltung +hatte. Beim Schluß der Sitzung hat er mich eingeladen, mit ihm, +Fritzsche und Hasenclever zu speisen. Diese Einladung auszuschlagen war +unmöglich, ohne grob zu erscheinen. Schweitzer ließ darauf seine +elegante Equipage mit Livreebedienten vorfahren und fuhr mit uns nach +dem Lokal, in dem wir speisten. (Wir aßen bei Olbrich, damals ein +bayerisches Bierlokal, auf der Leipzigerstraße in der Nähe der Linden.) +Nach dem Essen ließ er es sich nicht nehmen, mich mit der Equipage nach +dem Anhalter Bahnhof zu fahren, woselbst ich Liebknecht abholen wollte." +Nebenbei bemerkt, sein Essen zahlte jeder selbst. + +Während des Essens wurde über Waffenstillstandsbedingungen verhandelt. +Ich erklärte mich zu solchen bereit, könnte mich aber auf nichts +Bestimmtes einlassen, bevor nicht Liebknecht mit dabei sei. Mit dreien +gegen mich allein zu verhandeln, war mir bedenklich. Die folgenden Tage +setzten wir die Verhandlungen im Reichstag fort. Schweitzer verlangte, +daß nicht nur die gegenseitigen Angriffe in den Blättern und +Versammlungen eingestellt würden, sondern daß auch die Mitglieder der +beiden Parteien nicht miteinander politisch verkehren oder gemeinsame +Aktionen unternehmen dürften. Das letztere lehnten wir ab, wie wir denn +überhaupt wiederholt sehr heftig aneinander gerieten und Schweitzer +nichts schenkten. Es sei eine Beleidigung für uns und auch eine solche +für die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, sich +gegenseitig wie Feinde anzusehen. Daß weder die Personen noch die +Organisationen gegenseitig angegriffen werden dürften, sei +selbstverständlich. Auch kamen wir überein, künftig im Reichstag die von +der einen oder anderen Partei gestellten Anträge gegenseitig zu +unterstützen. Darauf veröffentlichte der "Sozialdemokrat" in der Nummer +45 vom 16. April die Ankündigung, wonach er von jetzt ab weder Angriffe +gegen Liebknecht und mich, noch gegen unsere Partei bringen würde, und +forderte die Vereinsmitglieder auf, im gleichen Sinne zu handeln. +Umgekehrt veröffentlichten wir im "Demokratischen Wochenblatt" eine +ähnlich lautende Erklärung. + +So schien alles in schönster Harmonie zu sein. Aber Schweitzer konnte +sich der neuen Ordnung nicht fügen; eine demokratische Organisation, wie +sie die Barmen-Elberfelder Generalversammlung geschaffen hatte, war für +ihn der politische Tod. Dieselbe legte ihm in einer Weise Fesseln an, +daß die bisher geübte politische Zweideutigkeit für künftig unmöglich +wurde. Außerordentlich bezeichnend für sein damaliges Verhalten ist +auch, daß er das ausführliche Protokoll, das über die Elberfelder +Verhandlungen erschienen war, unterschlug und verschwinden ließ, wie er +das gleichfalls mit dem Protokoll der Hamburger Generalversammlung aus +dem vorhergehenden Sommer getan hatte. Es sollte nichts, was ihn +kompromittierte, den Vereinsmitgliedern bekannt werden und in die +Oeffentlichkeit dringen. + +Da erschien wie ein Blitz aus heiterem Himmel eine Proklamation in +Nummer 70 des "Sozialdemokrat" vom 18. Juni, überschrieben: +_Wiederherstellung der Einheit der Lassalleschen Partei_, und +unterzeichnet von Schweitzer und Mende. Wiederholt sei hier, daß seit +Anfang 1867 sich ein Teil der Mitglieder vom Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein unter dem Einfluß der Gräfin Hatzfeldt losgelöst und +unter dem Namen "Lassallescher Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein" +organisiert hatte, dessen Präsident Mende war. Das Organ des letzteren +Vereins war die "Freie Zeitung". Die beiden Vereine lagen sich seitdem +gegenseitig in den Haaren. Jetzt hatten sich die feindlichen Brüder, +soweit ihre Präsidenten und die Gräfin Hatzfeldt in Frage kamen, auf +einmal gefunden und traten Hand in Hand vor ihre Anhänger. + +Der veröffentlichte Aufruf war ein ungemein phrasenreiches Schriftstück, +das mit einer Verherrlichung Lassalles begann. Wieder wurde das Wort +Lassalles: "Ihr sollt die Organisation aufrechterhalten, sie wird euch +zum Siege führen", zitiert. Weiter hieß es in hochtrabenden Worten: + + "Die erwählten Führer der beiden Vereine sind von dieser Erkenntnis + durchdrungen; mit gehobenem Gefühl treten sie heute vor die Mitglieder + der beiden Vereine und fordern sie auf, ein stolzes Werk ihnen bauen + zu helfen, ... einen wahrhaft Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, + mächtig über ganz Deutschland.... Unseren Vorschlag unterbreiten wir + den gesamten Mitgliedschaften beider Vereine, das heißt dem + _souveränen Volk selbst unmittelbar zur sofortigen Entscheidung_. + (Auch im Original gesperrt.) + + _Das alte Lassallesche Statut ist es_, unter dem wir dereinst einig + waren und zu dem wir zurückkehren müssen, _um diesmal in einheitlicher + Entwicklung_, von diesem Boden aus gemeinsam voranzuschreiten...." + +Dann wurde gefordert, daß bis zum 22. ds. Mts.--der Ausruf, vom 16. +datiert, erschien am 18. Juni im "Sozialdemokrat" und gelangte erst am +19. oder 20. in die Hände der meisten Mitglieder--über ihren Vorschlag +abgestimmt werden solle und am 23. _das Abstimmungsresultat in Berlin +angelangt sein müsse_. + +Des weiteren wurde erklärt, daß, wenn die Abstimmung zugunsten des +Mende-Schweitzerschen Vorschlags ausfalle--in berechnender +Bescheidenheit trat Schweitzer hinter den stupiden Mende zurück--, +sollten am 24. Juni beide Vereine _aufgelöst_ werden, worauf noch _an +demselben Tage einige Parteifreunde zusammentreten und die +Wiederherstellung des ursprünglichen Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins unter dem alten Lassalleschen Statut beschließen +sollten_. Die Präsidentenwahl sollte am 30. Juni stattfinden und am 3. +Juli das Resultat verkündet werden. Bis zur Wahl des Präsidenten sollte +Mende als Präsident, Tölcke als Sekretär, Bracke als Kassierer +fungieren. Der Aufruf schloß: + + "Macht es möglich, Parteigenossen, daß, wenn der Todestag Lassalles + wiederkehrt, wir alle, alle über seinem Grabe uns die Hände reichen + und uns sagen können: _Wir haben uns des Meisters würdig gezeigt._" + +Dieses Vorgehen der beiden Präsidenten war der _Staatsstreich_. Damit +war die demokratische Organisation, welche die Elberfelder +Generalversammlung dem Schweitzerschen Verein gegeben hatte, mit einem +Schlage vernichtet. Schweitzer hatte die ihm angelegten Fesseln mit +einem Ruck zerrissen und war wieder unumschränkter Herr und Diktator. Um +den befürchteten Widerstand des in Hamburg domizilierten Vorstandes zu +brechen, schickte Schweitzer seinen Vertrauensmann Tölcke nach dort, dem +die Ueberredung des Vorstandes gelang. Geib telegraphierte: "Vorstand +befürwortet einstimmig nach Erwägung der ihm von Tölcke vorgetragenen +Gründe Wiedervereinigung. Mitgliederversammlung stimmte zu." + +Aber nun galt es auch die zwischen Schweitzer, Fritzsche, Hasenclever +und uns getroffenen Vereinbarungen aufzuheben. Zu diesem Zwecke erklärte +Schweitzer in der Nummer 72 des "Sozialdemokrat" vom 22. Juni: Wir +hätten diese Abmachungen gebrochen, _indem wir erneut wissentlich und in +böswilliger Weise einen Eingriff in die von uns gehaßte Organisation des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins versuchten_. Damit hätten wir die +getroffenen Vereinbarungen gelöst, und nun hielten auch sie sich nicht +mehr daran gebunden. + +Das begangene "Verbrechen" fiel zunächst auf mein Haupt. Ich hatte im +Laufe des Juni in zwölf thüringischen Städten Versammlungen abgehalten, +darunter auch in Apolda, Erfurt und Gotha. Hier hatten die Mitglieder +des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, indem sie mich dazu einluden, +Versammlungen einberufen, und deren Bevollmächtigte führten darin den +Vorsitz. Alle Versammlungen waren überfüllt und verliefen ausgezeichnet. +In jenen Versammlungen war eine Resolution angenommen worden, dahin +lautend, daß nur die sozialdemokratischen Prinzipien es seien, welche +die Lage der arbeitenden Klassen verbessern könnten, und daß eine +Einigung der sozialdemokratischen Arbeiterfraktionen herbeigeführt +werden müsse. + +Den Schluß meiner Agitationsreise bildete eine Konferenz in Eisenach, an +der außer unseren Anhängern auch Mitglieder des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins und Mitglieder der Demokratischen Partei teilnahmen. Es +sei hier erläuternd bemerkt, daß zu jener Zeit eine Anzahl bürgerlicher +Demokraten in Thüringen vorhanden waren, die sämtlich auf dem Standpunkt +Jacobys standen, so Professor Abbe und sein Schwiegervater Professor +Snell, weiter Dr. Sy in Jena, der später der Partei sich anschloß, +Rechtsanwalt Creuznacher in Eisenach usw. Ferner zählte diese Partei +Anhänger in Weimar, Gotha und Altenburg. In Eisenach war in einer +Resolution erklärt worden: + + "Zur gemeinsamen Arbeit für die Lösung der sozialen Frage ist es nicht + nur erforderlich, daß die Spaltung unter den verschiedenen Fraktionen + der Demokratischen Arbeiterpartei aufhört, sondern auch, daß die + demokratischen Arbeitervereine mit der gesamten demokratischen Partei + geeint seien, daß namentlich bei gemeinsamen politischen + Angelegenheiten, insbesondere bei Wahlen, die demokratische Partei und + die sozialdemokratischen Arbeitervereine zusammengehen." + +Das war also das Verbrechen, das Schweitzer zu seinem Vorgehen gegen uns +veranlaßte. + +Das Agitieren machte mir übrigens trotz aller Erfolge und +Beifallsbezeigungen wenig Vergnügen. Am 7. Juni hatte ich meiner Frau +von Ronneburg aus geschrieben: "Bei aller Liebe und Freundschaft, die +einem die Leute erweisen, ist das Agitieren kein angenehmes Geschäft." +Und wie lange habe ich es nachher noch betrieben. Die Pflicht gebot es, +das genügte. + + + + +Die Rebellion im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein. + + +Schweitzers und Mendes Staatsstreich machte in weiten Kreisen des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins böses Blut. Ein Teil der +intelligenteren Mitglieder sah ein, daß es kein Auskommen mehr mit +Schweitzer gebe und er das Hindernis einer Einigung sei. Bracke ließ +durch Vermittlung von Bremer-Magdeburg Liebknecht und mich wissen: sie +wünschten eine Zusammenkunft mit uns. Auf diesen Wunsch gingen wir +bereitwillig ein. Am 22. Juni abends trafen wir uns--Bracke, Bremer, +Spier-Wolfenbüttel, York-Harburg, Liebknecht und ich--in einem Gasthaus +dritter Güte in Magdeburg. Die Verhandlungen zogen sich in die Länge. +Bracke und Bremer waren für sofortiges Losschlagen gegen Schweitzer und +Austritt aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein. Spier und York +hatten große Bedenken. Man müsse versuchen, den Verein von "innen +heraus" zu reformieren, meinten sie; worauf wir antworteten, daß gerade +die Vorgänge von Barmen-Elberfeld zeigten, wie es mit einer Reformierung +von innen heraus aussehe. Solange Schweitzer Präsident sei und den +"Sozialdemokrat" in der Hand habe, sei es unmöglich. Schließlich wurden +wir einig. Es war Mitternacht, als der prächtige Bracke sich über das in +der Wirtsstube stehende Billard streckte, um auf demselben den Aufruf +niederzuschreiben, für den alsdann Unterschriften für die Einberufung +eines Kongresses gesammelt werden sollten. Nachdem wir den Aufruf +nochmals gründlich durchberaten, gingen wir gegen 3 Uhr zu Bette. Aber, +o weh! Wir waren in ein Wanzennest geraten. Keiner von uns konnte +schlafen. Bereits um 4 Uhr erhoben wir uns und fuhren mit den ersten +Frühzügen nach unseren Heimatorten zurück. Beschlossen war worden, einen +Kongreß nach einer mitteldeutschen Stadt--Gotha oder Eisenach--zu +berufen und zur Beschickung desselben auch die deutsch-österreichischen +und die deutschen Arbeitervereine der Schweiz einzuladen, ebenso die +deutsche Abteilung der Internationale um eine Vertretung zu ersuchen. + +Wegen seiner historischen Bedeutung bringe ich den Aufruf von Bracke +und Genossen wörtlich zum Abdruck: + + _An die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins._ + + Parteigenossen! Unter einer Menge von heuchlerischen Redensarten hat + der Präsident unseres Vereins eine Maßregel getroffen, welche jedes + denkende Mitglied mit Entrüstung erfüllen muß. In derjenigen Eile, + welche diese Vorgänge geboten--weshalb denn auch niemand sich über + Zurücksetzung beklagen wolle--, sind die Unterzeichneten + zusammengetreten und haben sich über einen Schritt geeinigt, der von + den weittragendsten Folgen für die Partei sein wird. Wir bitten Euch, + Parteigenossen, aufmerksam und vorurteilsfrei unsere Meinung zu + prüfen. + + Während noch vor kurzem die Herren Schweitzer und Mende, die sich in + der heftigsten Weise gegenseitig beschuldigten, Söldlinge der Reaktion + zu sein, von einer Verschmelzung der verschiedenen Fraktionen der + Arbeiterpartei nichts wissen wollten, treten sie plötzlich heute (im + Einverständnis mit der Gräfin Hatzfeldt) mit rührenden Worten vor die + Mitglieder ihrer Vereine, um dieselben aufzufordern, eine Einheit + lediglich dieser beiden Fraktionen der Partei herbeizuführen--wobei + denn von der Einigung der gesamten sozialdemokratischen Partei keine + Rede ist--, und dies alles unter Bedingungen, welche ein Hohn sind auf + die Rechte des sogenannten "souveränen Volkes". Nicht allein ist die + Frist der Abstimmung so kurz, daß es unmöglich erscheinen muß, daß die + Mitglieder sich über die Frage wirklich ein Urteil bilden können, so + daß alles wie die reinste Ueberrumpelung erscheint; nicht allein ist + die Form der Abstimmung, bei der man den Mitgliedern einfach die + Pistole auf die Brust setzt mit der Aufforderung, ja oder nein zu + sagen, also entweder sich in die schmachvollsten Bedingungen zu fügen + oder auf die sehnlichst gewünschte, wenn auch nur stückweise Einigung + zu verzichten; nicht allein ist diese Form der Abstimmung eine + demokratisch gesinnter Männer unwürdige, sondern es ist auch der + Präsident so eigenmächtig bei dem allen vorgegangen, wie es fast ohne + Beispiel ist. Nie ist über amerikanische Sklaven in willkürlicherer + Weise verfügt worden, als hier über die Mitglieder des Allgemeinen + Deutschen Arbeitervereins. Wozu auch vorher, ehe man solche im + höchsten Grade wichtige Schritte tut, die Mitglieder oder den Vorstand + um ihre Meinung fragen?! Wenn die Tatsachen fertig sind, wird die + "freie" Zustimmung der Mitglieder durch einige Redensarten erpreßt. + Wenn Herr v. Schweitzer diktiert, haben die Mitglieder einfach zu + gehorchen, und dann nennt man dieselben noch das "souveräne Volk". Ein + größerer Hohn war nie einem Menschen geboten. Wenn Herr v. Schweitzer + es für gut hält, wird den Mitgliedern zugemutet, mit eigener Hand und + mit einem Schlage das mühsam in einer Reihe von Jahren aufgebaute + Reformwerk zu vernichten und ohne weiteres ein Statut anzunehmen, das + früher zu dem erbittertsten Zwiespalt Veranlassung gegeben hat; ein + Statut, nach welchem der Präsident die unumschränkteste Gewalt in + seinen Händen und der Vorstand nicht den allergeringsten Einfluß hat, + und das zu alledem dahin ausgelegt werden kann, daß auf volle drei + Jahre hinaus jede Aenderung an demselben unmöglich ist! Das Vorgehen + des Präsidenten in diesem Falle--ein Staatsstreich im kleinen--erhebt + den schon seit langer Zeit von vielen Mitgliedern des Vereins gehegten + Argwohn zur Gewißheit, daß Herr v. Schweitzer den Verein lediglich zur + Befriedigung seines Ehrgeizes benutzt und ihn zum Werkzeug einer + arbeiterfeindlichen reaktionären Politik herabwürdigen will; sonst + würde derselbe jetzt die Einigung der gesamten sozialdemokratischen + Arbeiter Deutschlands suchen. Wer die Einigung eines Teils der + sozialdemokratischen Arbeiter empfiehlt, ohne dabei mit aller Energie + auf die Einigung der gesamten Partei zu wirken, welche ihr allein + Macht und Einfluß verschaffen kann, wer durch Einigung eines Teiles in + diesen Formen die Einigung aller Teile unmöglich macht, und wer dies + tut mit rührenden, von Bruderliebe überfließenden Worten, der ist ein + elender Heuchler; und wer dann diejenigen, welche sich den gestellten + schmachvollen Bedingungen nicht fügen, sondern etwas Größeres, etwas + Erhabeneres erstreben, als Gegner der Einigung überhaupt brandmarken + will, ist ein Jesuit ohnegleichen. + + Die Einigung der gesamten sozialdemokratischen Arbeiter Deutschlands + herbeizuführen, muß das Streben jedes ehrlichen Sozialdemokraten sein. + Angesichts der immer mächtiger sich ausbreitenden Wogen der Bewegung, + angesichts der Vorzeichen, welche in allen Kulturstaaten der Welt auf + eine baldige mächtige Umgestaltung der politischen und sozialen + Verhältnisse hindeuten, ist ein Verschleppen dieser Einigung Verrat. + + Diese Einigung kann aber nur das Werk sein des wirklich souveränen + Volkes selbst, und Ihr, Mitglieder des Allgemeinen Deutschen + Arbeitervereins, werdet Euch nicht verschachern lassen nach der Laune + einiger Führer wie eine Herde Schafe, sondern Ihr werdet wie Männer + Eures eigenen Geschickes Schmiede sein! + + Wir haben eingesehen, daß eine Organisation, in welcher der Wille + eines Einzelnen sich hinwegsetzen kann über alle Errungenschaften des + Vereins, ja den Verein selber in jedem Augenblicke in Frage stellen, + denselben jeden Augenblick auflösen und in anderer ihm passenderer + Form wieder ins Leben rufen kann, in welcher dieser Einzelne die + Pfennige der Arbeiter gebraucht, um elende Lumpen zu bestechen, daß + eine solche Organisation keine Faser von demokratischem Geiste in sich + hat. In einer solchen Organisation ferner zu wirken, wäre schmähliche + Verschwendung unserer besten Kräfte; wir verzichten darauf! + + Geleitet von dem Gedanken, daß nur von der Partei selbst über ihre + Organisation beschlossen werden kann, und ferner geleitet von dem + Gedanken, die Einigung der sozialdemokratischen Arbeiter Deutschlands, + auch was die Gewerkschaften betrifft, herbeizuführen, haben wir den + Entschluß gefaßt, in kürzester Zeit einen allgemeinen Kongreß der + gesamten sozialdemokratischen Arbeiter Deutschlands zu berufen, auf + welchem der Grund einer wirklich demokratischen Organisation der + Partei, im Anschluß an die internationale Bewegung, gelegt werden + kann. Parteigenossen, wir rechnen auf Eure Unterstützung! Die + sozialdemokratischen Arbeiter, welche nie anders als von einem + künstlich erregten Haß gegeneinander erfüllt gewesen sind, werden sich + zu einigen und sich eine Organisation zu geben wissen, welche den + Geist ihrer Prinzipien mit der Zusammenfassung aller ihrer Kräfte + vereint. + + Parteigenossen, Ihr werdet Euch nicht verblenden lassen von den + heuchlerischen Redensarten von Leuten, denen die Einigung der Partei + nie am Herzen gelegen hat; Ihr werdet Euch eine Behandlung nicht + gefallen lassen, welche man nur ehrlosen oder gedankenlosen Menschen + zu bieten wagen kann; Ihr werdet Euch als das zeigen, was Ihr + seid--nicht als die willenlosen Sklaven eines launischen Herrschers--, + sondern als das wirklich und wahrhaft souveräne Volk, das allein über + die Gestaltung seiner Geschicke zu entscheiden hat. Wagt einmal im + Interesse unserer Prinzipien, im Interesse der Demokratie und des + Sozialismus eine kühne Tat! Laßt uns die Fahne, auf welcher die + Einigung der gesamten Partei geschrieben steht, nicht vergebens + erhoben haben! Einig nur sind die Arbeiter eine Macht! Zersplittert + sind wir ewig das Gespött unserer Gegner, aber einheitlich und + wahrhaft demokratisch organisiert sind wir unüberwindlich. + + Wenn Ihr uns zustimmt--und wir hoffen sehr, daß Ihr dies tun + werdet--, so sendet Eure Zustimmung an einen der Unterzeichneten ein, + damit wir gemeinsam die Einberufung des Kongreß betreiben können. + + Aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein werden wir --es ist uns + schwer geworden, den Entschluß zu fassen--austreten. Der Allgemeine + Deutsche Arbeiterverein war uns ans Herz gewachsen, aber im Interesse + der Sache muß man das schwerste Opfer zu bringen verstehen; und anders + ist keine Rettung! + + Vorwärts denn, Parteigenossen, auf der neuen Bahn in heiligem Kampfe + für unsere große und erhabene Sache! Begeisterung und Ausdauer + verbürgen den Sieg. + + Den 22. Juni 1869. + + I. Bremer in Magdeburg. Hoffmann in Neustadt-Magdeburg. W. Klees in + Buckau bei Magdeburg. Th. Borck in Harburg. C. Müller, S. Spier und A. + Viewieg in Wolfenbüttel. W. Bracke junior, H. Ehlers, E. Lüdecke und + A. Schrader in Braunschweig. Friedrich Ellner in Frankfurt a.M. + +In derselben Nummer des "Demokratischen Wochenblatts" vom 26. Juni, in +der wir den vorstehenden Ausruf veröffentlichten, erschien auch eine +Erklärung von uns an die Parteigenossen, in der die Beschuldigung +Schweitzers, wir hätten die mit ihm getroffenen Abmachungen gebrochen, +zurückgewiesen wurde. Alsdann unterzogen wir die Einigungskomödie der +Mende-Hatzfeldt-Schweitzer einer scharfen Kritik. Wir erklärten: "Wir +werden den Kampf aufnehmen und mit aller Kraft und Zuversicht ihn +führen, Hand in Hand mit den klarblickenden Mitgliedern des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins." Wir schlossen: + + "Es wird sich zeigen, ob die Korruption, die Gemeinheit, die + Bestechlichkeit auf jener Seite, oder die Ehrlichkeit und die Reinheit + der Absichten auf unserer den Sieg davonträgt. + + Unsere Losung sei: Nieder mit der Sektiererei! Nieder mit dem + Personenkultus! Nieder mit den Jesuiten, die unser Prinzip in Worten + anerkennen, in Handlungen es verraten! Hoch lebe die Sozialdemokratie, + hoch die Internationale Arbeiterassoziation!" + +Daß wir in dieser Erklärung und später wiederholt die Ehrlichkeit +unserer Absichten gegen die unehrlichen Schweitzers ins Feld führten, +brachte nachher der neu gegründeten Partei von der Gegenseite den +Spitznamen "Die Ehrlichen" ein. + +Auf meinen Antrag beschloß der Vorortsvorstand einstimmig, sich dem +Aufruf von Bracke und Genossen zur Einberufung eines allgemeinen +deutschen sozialdemokratischen Arbeiterkongresses anzuschließen und die +Vorstände der Arbeitervereine aufzufordern, ein gleiches zu tun. Ein am +28. Juni von mir hinausgesandtes Zirkular verlangte Antwort bis +spätestens den 1. Juli mittags, eventuell telegraphisch. Auch schrieb +ich an Joh. Phil. Becker in Genf, der Zentralrat der deutschen Sektion +der Internationale möge ebenfalls eine zustimmende Erklärung zu dem +Einigungswerk einsenden. Ich hoffte, diesesmal gelinge uns ein +Hauptschlag. Am 26. Juni hatten auch Geib, Praast und Ockelmann-Hamburg +ihren Austritt aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein erklärt und +sich Bracke und Genossen angeschlossen. + +Der "Sozialdemokrat" beobachtete jetzt die Taktik, ständig zu verkünden, +unser Anhang bestehe nicht aus Arbeitern, sondern aus Literaten, +Schulmeistern und sonstigen Bourgeois. + +Schweitzer suchte weiter mit dem Geschick, das er besaß, die Mitglieder +des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins an der von ihm systematisch +gepflegten schwachen Seite zu fassen. In einem Artikel schrieb er mit +Bezug auf die Opposition: + + "Ein einziger Punkt entscheidet alles. Seid ihr Demokraten oder nicht? + Ihr behauptet: Ja? Wißt ihr oder wißt ihr nicht, daß der Demokrat sich + der Mehrheit zu fügen hat--doppelt zu fügen hat, wenn diese Mehrheit + an Einstimmigkeit grenzt? Nun denn! Der Allgemeine Deutsche + Arbeiterverein-beide bisherigen Vereine--habe nahezu einstimmig mit Ja + gestimmt. Unterwerft ihr euch jetzt dem Volkswillen? O nein! In eurer + Eitelkeit, ihr 'Demokraten', erklärt ihr das Volk für eine Herde + Schafe und eure Meinung für unfehlbar. Geht doch, ihr aufgeblasenen + Heuchler, _die ihr euch weiser dünkt als das ganze Volk und als + Ferdinand Lassalle!_ + + Weiser als Ferdinand Lassalle, euer riesenhafter Lehrer und + Meister--ja ja. Denn der Stein des Anstoßes liegt euch darin, daß die + Lassallesche Organisation in ihrem ganzen Umfang wieder hergestellt + wurde ..." + +Das Spiel mit der Lassalleschen Organisation ging spaltenlang und fast +Nummer um Nummer weiter. + +Auf der anderen Seite brachte das "Demokratische Wochenblatt" Nummer für +Nummer Erklärungen gegen Schweitzer aus der Mitte des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins. So aus Gotha, Hamburg, Hildesheim, Erfurt, +Hannover, Solingen, Wiesbaden, Elberfeld, Chemnitz (letztere gegen +Mende). Auch H. Roller, der bisherige Sekretär des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins, erklärte sich ebenfalls gegen Schweitzer. + +Von den Gewerkschaftsführern sagten sich Fritzsche, Präsident des +Zigarren- und Tabakarbeitervereins, L. Schumann, Präsident des +Allgemeinen Deutschen Schuhmachervereins, Th. Bork, Präsident des +Gewerkvereins deutscher Holzarbeiter, und Schob, Präsident des +Allgemeinen Deutschen Schneidervereins, von Schweitzer los. + +Unter dem 5. Juli teilte Mende im "Sozialdemokrat" mit, daß Schweitzer +mit absoluter Mehrheit zum Präsidenten gewählt sei. Eine starke +Minorität sei auf ihn (Mende) gefallen, trotzdem er wiederholt erklärt +habe, er nehme eine Wahl nicht an. Zahlen wurden nicht mitgeteilt. Die +Beteiligung an der Wahl war weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben. +In der schwülstigen Ansprache, mit der Mende die Wahl Schweitzers zum +Präsidenten verkündete, hieß es: + + "Wie Marat, der größte Revolutionär seiner Zeit, es so treffend + bezeichnet: Als Diktator mit der Kugel am Bein soll der Präsident den + Verein leiten, und diese Kugel soll sein: _Prinzip und Organisation_." + +Bekanntlich erwies sich diese Kugel als Attrappe. Und wiederum zitierte +Mende: + + "Haltet treu und fest an der Organisation, sie muß uns zum Siege + führen", und schloß: "Es lebe Ferdinand Lassalle! Es lebe der von ihm + gestiftete Allgemeine Deutsche Arbeiterverein! Es lebe die + Organisation!" + +Schweitzer dankte für seine Wahl in einer Ansprache, die ebenso +schwülstig und emphatisch war wie jene Mendes. Der Schluß lautet: + + "Wohlan denn! Namens des hingegangenen Meisters, der euch alle, ihr + Arbeiter, aus dem Schlummer geweckt--namens des _souveränen Volkes + unserer Partei_, das mich zum Führer erkoren--_namens_ eurer leidenden + _Brüder auf der ganzen Erde, entfalte ich die Fahne und trage sie + voran_. Festgeschlossen in Reih' und Glied, ihr Arbeiterbataillone, + folget dem erwählten Führer. + + Hoch die Manen Lassalles! Hoch die sozialdemokratische Agitation!" + +So die beiden Auguren, beide, wie sich nachher sehr bald herausstellte, +betrogene Betrüger. Darauf ordnete unter dem 10. Juli Schweitzer die +Wahl der vierundzwanzig Vorstandsmitglieder an, für die er die +Kandidatenliste vorschlug. Der Vorstand wurde wieder in früherer Weise, +über Deutschland verteilt wohnend, gewählt. + +Im "Sozialdemokrat" vom 14. Juli machte Schweitzer bekannt, der +Allgemeine Deutsche Arbeiterverein werde sich auf dem von uns berufenen +sozialdemokratischen Kongreß vertreten lassen und veröffentlichte eine +Reihe von Resolutionen, die seine Anhänger auf dem Kongreß zur Annahme +vorschlagen sollten. Hinter unserem Kongreß, hieß es in der betreffenden +Nummer, stehe die ganze liberale Bourgeoisie in allen ihren +Schattierungen. Von straffer, einheitlicher Organisation könne natürlich +bei uns unter einem Regiment von Literaten, Schulmeistern, Kaufleuten +usw. keine Rede sein. Jeder dieser Leute müsse Gelegenheit haben, sich +recht wichtig zu machen. Die gesamte Bourgeoispresse stehe uns zu Gebot, +log er weiter. Er werde dafür sorgen, daß eine entsprechende Anzahl +Delegierter auf den Eisenacher Kongreß komme, aber keine Literaten und +Bourgeois, sondern wirkliche Arbeiter. + +Von den Literaten, Schulmeistern, Kaufleuten usw., aus denen allein +unsere Partei bestehen sollte, sprach er von jetzt ab nicht anders als +von Achtels- und Viertelsintelligenzen. + +Unter dem 17. Juli forderte das _"Demokratische Wochenblatt" Schweitzer +auf, nicht nur seine Werkzeuge nach Eisenach zu schicken, sondern selbst +zu kommen_. Ein Wort bei der Berliner Polizei, und der Urlaub werde ihm +bewilligt, falls Herr v. Schweitzer sich überhaupt noch anstandshalber +sollte einsperren lassen. + +Das letztere zog Schweitzer vor. Er veröffentlichte, datiert vom 17. +Juli, einen langen Aufruf "An die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins", worin er noch einmal einen Ueberblick über die +vorhandenen Wirren gab und eine Anzahl Versprechungen machte, die er +nach seiner Freilassung aus der Haft erfüllen wolle. Er schloß den +Aufruf mit den Worten: + +"Behaltet mich in gutem Andenken, wie auch ich _inmitten meiner +Kerkermauern eurer gern gedenken werde_. Ich scheide von euch mit dem +Rufe: Auf frohes Wiedersehen bei der alten Fahne! Es lebe der Allgemeine +Deutsche Arbeiterverein!" + +Der Rest der Haft, den er jetzt "hinter Kerkermauern" verbüßen sollte, +betrug noch acht Wochen, die er in Rummelsburg mit Kahnfahrten auf dem +See und anderen Annehmlichkeiten verbrachte. + +Man vergegenwärtige sich jetzt folgendes. Ende November ging Schweitzer +zur Verbüßung einer dreimonatigen Haft ins Gefängnis. Gegen Ende +Dezember wird er wegen Ordnung von Familienverhältnissen infolge seines +Vaters Tod auf acht Tage beurlaubt; er bleibt aber _sieben Wochen frei, +betreibt in dieser Zeit unter den Augen der Polizei und der Behörden +eine intensive politische Agitation und tritt erst am 18. Februar wieder +die Haft an_. Am 4. März erweist ihm die Regierung abermals den Dienst, +ihn wegen Eröffnung der Reichstagssession aus der Haft zu beurlauben. +Die Session wird am 22. Juni geschlossen, aber Schweitzer bleibt wieder +frei und betreibt abermals bis zum 19. Juli unter den Augen von Polizei +und Behörden eine intensive politische Agitation. Alsdann beliebt es +ihm, die Haft wieder anzutreten. + +Dergleichen war weder vor noch nach Schweitzer in Preußen je möglich. +Als zum Beispiel 1868 Dr. _Guido Weiß_ wegen Preßvergehen zu 14 Tagen +Gefängnis verurteilt wurde, überfielen ihn einige Polizisten morgens 6 +Uhr im Bett und transportierten ihn ins Gefängnis. Diese brutale +Methode, politisch Verurteilte in frühester Stunde aus dem Bette zu +holen und ins Gefängnis zu schleppen, war _jahrzehntelang Sitte bei der +Berliner Polizei_. Es sind noch nicht viele Jahre her, daß diese Sitte +verlassen wurde. Schweitzer hatte sich _nie_ über solche oder ähnliche +Mißhandlungen zu beklagen. Er ging ins Gefängnis und verließ dasselbe, +als wenn er ins Hotel ging und dasselbe verließ. Und jeden gewünschten +Besuch konnte er empfangen. Das Mißtrauen gegen ihn war also zehnfach +gerechtfertigt. + + * * * * * + +Kurz vor dem Eisenacher Kongreß glaubte Tölcke mir eine Stinkbombe an +den Kopf werfen zu müssen, in der Hoffnung, mir politisch zu schaden. Er +erklärte in Nummer 87 des "Sozialdemokrat" vom 28. Juli, ich beziehe vom +Exkönig von Hannover eine jährliche Besoldung von 600 Talern. Die +Beschuldigung war blöde, aber es gab Leute im Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein, die daran glaubten. So beschloß ich, Tölcke wegen +verleumderischer Beleidigung zu verklagen. Ich bat den Parteigenossen +Wilhelm Eichhoff in Berlin, mit Rechtsanwalt Hirsemenzel, damals der +erste Rechtsanwalt Berlins, zu reden und ihn zu fragen, ob er den Prozeß +annehmen werde. Hirsemenzel lehnte ab, und zwar weil bei dem Prozeß +nichts herauskomme. Der Richter werde in der Behauptung, daß ich im +Solde eines Fürsten stehen solle, nichts Ehrenkränkendes finden und eine +Beweiserhebung darüber ablehnen. Tölcke würde also höchstens wegen +Beleidigung verurteilt, womit mir nicht gedient sein könne. Weiter +machte Hirsemenzel geltend, ließe ich den Grafen Platen, den +Hausminister des Exkönigs von Hannover, als Zeugen darüber vernehmen, ob +die Behauptung Tölckes wahr sei, so werde dieser _schon der Konsequenzen +halber_ das Zeugnis verweigern und dadurch erhalte die Behauptung +Tölckes einen Schein von Berechtigung. Eichhoff richtete darauf zweimal +ein Schreiben an Tölcke mit der Aufforderung, im "Sozialdemokrat" die +Beweise zu veröffentlichen, da er behauptete, ich stünde +"erwiesenermaßen" im Dienste des Exkönigs. Tölcke schwieg; ich richtete +darauf ebenfalls eine Aufforderung an ihn, die Beweise zu +veröffentlichen. Statt dessen wiederholte er seine Beschuldigung und +forderte mich auf, ihn zu verklagen. Ich nannte ihn darauf einen +gemeinen Verleumder und ersuchte ihn, mich vor dem Leipziger Gericht zu +belangen, da der Ausgang des Prozesses in Berlin kein Resultat +verspreche. Die Sache ging aus wie das Hornberger Schießen. Bracke +gegenüber erklärte Tölcke, er selbst habe keine Beweise für seine +Behauptung, aber ein Regierungsrat(!) habe die Behauptung aufgestellt +und den könne er nur bei einer gerichtlichen Klage meinerseits als +Zeugen zum Beweis seiner Angaben zwingen.-- + + + + +Der Eisenacher Kongreß. + + + + +Die Gründung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei und die Auflösung +des Verbandes der deutschen Arbeitervereine. + + +Nachdem wir uns verständigt hatten, den Kongreß auf den 7. August nach +Eisenach einzuberufen, erschien im "Demokratischen Wochenblatt" vom 17. +Juli der Ausruf, der unterzeichnet war von 66 ehemaligen Mitgliedern des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins aus verschiedenen Orten, 114 +Mitgliedern des Verbandes der deutschen Arbeitervereine--worunter +ebenfalls eine Anzahl ehemaliger Mitglieder des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins waren--, einer Anzahl ehemaliger Mitglieder des +Lassalleschen Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, vom Zentralkomitee +der deutschen Arbeitervereine der Schweiz, vom Deutsch-Republikanischen +Verein in Zürich; für die Arbeiter Oesterreichs von H. Oberwinder, H. +Hartung, B. Beschan, A. Macher, A. Straßer-Graz, und für die deutsche +Abteilung der Internationale in Genf von Joh. Phil. Becker. Der Ausruf +lautete: + + _An die deutschen Sozialdemokraten!_ + + Parteigenossen! In der jüngsten Zeit haben sich im Schoße unserer + Partei Ereignisse vollzogen, die jeden ehrlichen Sozialdemokraten mit + Freude erfüllen müssen. Der Bann, welcher bisher auf der + sozialdemokratischen Arbeiterbewegung lastete, ist gebrochen; die + Selbstsucht einzelner, welche sich wie ein spaltender Keil in das + Mark, in das Herz unserer Partei geschoben, ist entlarvt und + niedergeschmettert, und es gilt nun, rasch zu handeln, damit die + Früchte des Sieges uns nicht wieder entrissen werden und damit aus der + heilsamen Revolution, welche sich soeben vollzogen hat, die + Prinzipienreinheit und die einheitliche Organisation hervorgehen + mögen, ohne die unsere Partei den ihr gebührenden Einfluß nicht + ausüben, die ihr innewohnende Kraft nicht entfalten kann. + + Lange, leider zu lange, war es dem Egoismus und der Bosheit einzelner + möglich, die Partei in sich zu verfeinden. Doch eine neue Zeit ist + angebrochen; mit ehernem Finger zeigt sie uns auf die Notwendigkeit + hin, die Partei der gesamten sozialdemokratischen Arbeiter + Deutschlands in sich zu einigen und dieselbe in die richtige, einzig + zum Siege führende Bahn der auf internationaler Grundlage beruhenden, + großen Arbeiterbewegung hinüberzuleiten. + + Wer, der ein aufrichtig denkender Sozialdemokrat ist, sollte sich + dieser Notwendigkeit verschließen können? Wer sollte die + unberechenbaren Vorteile für unsere Partei nicht ahnen, die sich aus + einer derartigen Einigung auf Grund einer gemeinsamen Organisation, + eines gemeinsamen Programms, eines gemeinsamen Auftretens in der + politisch-sozialen Welt ergeben?--Wir zweifeln keinen Augenblick + daran, daß die große, die überwältigende Mehrheit unserer + Parteigenossen der besseren Erkenntnis huldigt, daß sie gern und + freudig die Hand zu dem stolzen Werke bietet, das endlich unsere + Partei zur großartigen und wirksamen Machtentfaltung befähigt! + + Von dieser Ueberzeugung durchdrungen, haben wir uns auf einer in + Braunschweig am 6. Juli dieses Jahres stattgehabten Konferenz über die + hierzu zunächst erforderlichen Schritte völlig verständigt und berufen + hiermit in Gemäßheit des dort gefaßten Beschlusses einen _allgemeinen + deutschen sozialdemokratischen Arbeiterkongreß_ auf Sonnabend den 7. + August, Sonntag den 8. August und Montag den 9. August nach Eisenach. + + Auf die Tagesordnung des Kongresses sind, unbeschadet weiterer + Anträge, folgende Punkte gesetzt: l. Die Organisation der Partei. 2. + Das Parteiprogramm. 3. Das Verhältnis zur Internationalen + Arbeiterassoziation. 4. Das Parteiorgan (Blatt). 5. Die Vereinigung + der Gewerkschaften (Gewerksgenossenschaften). + + Die auf diese fünf Punkte der Tagesordnung sich beziehenden + spezielleren Anträge, zum Beispiel Vorlage betreffs der + Parteiorganisation usw., werden ihrem Wortlaut nach spätestens Ende + dieses Monats gedruckt versandt werden. + + Die Delegierten (Abgeordneten) zum Arbeiterkongreß haben sich durch + ein Mandat (Vollmacht), worin der Ort, für den sie abgeordnet sind, + sowie die Zahl ihrer Wähler, die sie vertreten, angegeben sein muß, zu + legitimieren. Es kann solche Legitimation erfolgen entweder durch + Mandate, welche im Namen von Vereinen oder deren Mitgliedschaften, + oder welche auch im Auftrag von zum Zwecke der Beschickung des + Kongresses stattgehabten Volksversammlungen ausgestellt sind, oder + endlich auch Mandate, welche mit den Unterschriften der an einem Orte + anwesenden Parteigenossen versehen sind. Mehrere Orte, denen es zu + schwer wird, je einen Delegierten zu senden, mögen zusammentreten, um + mindestens gemeinsam einen Delegierten abzuordnen. + + Es ist dringend notwendig, daß der Kongreß schon am Sonnabend den 7. + August, abends 8 Uhr, eröffnet wird, damit die Wahl des Bureaus und + die Feststellung der Geschäftsordnung erfolgen kann, weshalb denn auch + die Delegierten noch an diesem Tage (7. August) in Eisenach eintreffen + wollen. + + Wir geben uns der frohen Hoffnung hin, daß von allen Orten des großen + Gesamtdeutschlands, wo die Arbeit im Kampfe mit der Kapitalmacht, wo + der Volkswille gegen die staatliche Reaktion tagtäglich im Ringen nach + Freiheit begriffen ist, Vertreter zum Kongreß abgeordnet werden--wir + hoffen es zum Wohle und Wachstum der Partei, welche die politischen + und sozialen Rechte des gedrückten Volkes mit Flammenschrift auf ihre + Fahne schrieb. + + Auf, Parteigenossen, zu wirken für den allgemeinen deutschen + Arbeiterkongreß, zu wirken durch ihn für die Größe und Einheit der + Partei! + +Im weiteren berief ich im Auftrag des Vorortsvorstandes als Vorsitzender +desselben für Montag den 9. August einen Vereinstag der deutschen +Arbeitervereine nach Eisenach mit der Tagesordnung: 1. Bericht des +Vorstandes. 2. Beratung über die Frage: Welche Stellung soll der Verband +zu der neuen Organisation der sozialdemokratischen Partei einnehmen? +Eventuell Auflösung des Verbandes. + +Von den Einberufern des Kongresses erhielt ich den Auftrag, die nötigen +Vorkehrungen für den Kongreß in Eisenach zu treffen, ferner einen +Programm- und einen Organisationsentwurf auszuarbeiten und zur +gemeinsamen Beratung vorzulegen. Bracke und Geib meinten, es sei an uns, +die für passend erachteten Vorschläge zu machen. Liebknecht war mit der +Redaktion des "Demokratischen Wochenblattes" und der Polemik gegen den +"Sozialdemokrat" beschäftigt, so fiel mir die erwähnte Arbeit zu. + +Ich betrachte noch heute mit einiger Heiterkeit die Schriftstücke, worin +sowohl die königlich sächsische Staatsbahnverwaltung wie das Direktorium +der damals privaten Thüringischen Eisenbahngesellschaft auf meine +Gesuche mir anzeigten, daß sie die üblichen Fahrpreisermäßigungen für +Besucher von Kongressen auch den Besuchern des in Eisenach +stattfindenden sozialdemokratischen Kongresses gewährten. Heute geschähe +dergleichen nicht mehr. + + * * * * * + +In eine kleine Verlegenheit brachte mich ein Artikel, in dem Joh. Phil. +Becker im "Vorboten" seine Ansichten über die Organisation der neuen +Partei entwickelte. Der alte Jean Philipp war ein prächtiger Kerl, +opferbereit, hingebend, unermüdlich bei Tag und Nacht, ein Haudegen, der +wie 1848 und 1849 in der badischen Revolution als Oberst eines +Freischarenregiments jetzt wieder bereit gewesen wäre, zu Pferde zu +steigen. Auch wußte er aus seinem sehr bewegten Leben eine Menge +Geschichten, Schnurren und Anekdoten zu erzählen, die er in äußerst +lebendiger Weise zum Vortrag brachte. Ich habe mich öfter stundenlang +über seine Erzählungen amüsiert. Aber von einer Parteiorganisation +verstand er nicht allzuviel, und seine lange Abwesenheit aus Deutschland +hatten ihn den deutschen Verhältnissen entfremdet. Statt einer +geschlossenen, möglichst zentralisierten, aber demokratisch +organisierten Partei, die fähig zu kräftigem Handeln war, wollte Becker +eine Verbindung, die wohl die Propagierung der sozialdemokratischen +Grundsätze betreibe, aber keine feste Parteiorganisation habe; sie müsse +sich, wie er es nannte, einen stets wandelbaren und entwicklungsfähigen +Charakter bewahren, und diese Verbindung sollte von Genf abhängen. Einen +bezüglichen Entwurf hatte er im "Vorboten" veröffentlicht und hoffte, +daß der Eisenacher Kongreß ihm zustimmen werde. Dieser Artikel Beckers +veranlaßte Marx, mir zu schreiben, daß sie mit demselben nichts zu tun +hätten und die Ansichten desselben nicht teilten. Darauf antwortete ich +Marx unter dem 30. Juli: + + "Ihr werter Brief, den ich soeben empfangen, hat mir viel Freude + gemacht. Ich habe die Vorschläge Beckers im 'Vorboten' ebenfalls + gelesen und muß gestehen, daß sie mich etwas unbehaglich stimmten, + weil ich daraus zu ersehen glaubte, daß es Becker darum zu tun sei, + die Leitung für Deutschland in bezug auf die Internationale in die + Hände zu bekommen. Mein Entschluß war denn auch, auf dem Kongreß das + unpraktische, ja unausführbare, Zeit und Geld kostende Projekt zu + bekämpfen. Es freut mich nun, an dem Generalrat der Internationale + selbst eine Stütze gefunden zu haben. Fürchten Sie deshalb nicht, daß + ich Sie oder den Generalrat irgendwie nutzloser Weise in die Debatte + hereinziehen werde; ich werde sogar versuchen, wenn Becker selbst oder + ein anderer Vertreter aus Genf kommt, ihm privatim die Gründe + auseinanderzusetzen. Auch können Sie im voraus versichert sein, daß + Beckers Vorschlag weder von unserer Seite, noch von seiten der + Opposition des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, noch von den + schweizer oder österreichischen Vertretern unterstützt wird, ich müßte + denn die Stimmung sehr schlecht kennen. Wie wir uns unser Verhältnis + zur Internationale gedacht, werden Sie aus dem von mir entworfenen und + von Braunschweig und Hamburg mitberatenen Organisationsentwurf, den + das "Demokratische Wochenblatt" diese Woche bringt, ersehen. Ich + glaube, es ist die einzig richtige und mögliche Form." + +An I. Ph. Becker schrieb ich einen Brief im gleichen Sinne, in dem ich +unter anderem auch ein Urteil über Schweitzer abgab, und zwar schrieb +ich Becker mit Bezugnahme auf Schweitzers Plan, Delegierte zum +Eisenacher Kongreß senden zu wollen: + + "Es ist bei aller Pfiffigkeit Schweitzers doch eine große Dummheit, + daß er seinen Coup selber verrät. Ich habe überhaupt im Zusammensein + mit ihm, sowohl in Barmen-Elberfeld wie in Berlin, die Beobachtung + gemacht, daß er, namentlich wenn man ihm persönlich gegenübertritt, + sehr leicht den Kopf verliert und Dummheiten macht. Das böse Gewissen + ist's, das ihm jederzeit die Besinnung raubt, sobald ihn einer an der + Kehle packt." + +Ich möchte hier auch einige Worte über Schweitzers Aeußere verlieren. +Schweitzer war von hoher, schlanker Gestalt und hatte bleiche, verlebte +Gesichtszüge. Das braune Haar war dünn, ebenso die Bartkoteletten und +der verzwirbelte Schnurrbart. Die Nase war ziemlich lang und gegen ihr +Ende gebogen und spitz; hinter der Brille sahen ein paar kalte, +glitzernde Augen hervor. Wenn er stand oder ging, legte er stets die +Hände auf den Rücken und zog den Kopf zwischen die Schultern. Er mußte +sehr blutarm sein, denn als ich ihm nach der Barmen-Elberfelder Affäre +einmal in Berlin die Hand reichte, schauerte ich ein wenig zusammen. Es +war, als hätte ich die kalte, feuchte Hand einer Leiche erfaßt. + + * * * * * + +Der Kongreß war von einer stattlichen Zahl von Delegierten besucht. Es +waren 262 Abgeordnete anwesend, die 193 Orte vertraten. Darunter Johann +Philipp Becker-Genf, Greulich und Dr. Ladendorf-Zürich, Oberwinder und +Andreas Scheu-Wien, Hofstetten-Berlin. Sonnemann-Frankfurt war ebenfalls +zugegen, er beteiligte sich auch einigemal an der Debatte. Von jetzt ab +besuchte er aber keinen Arbeiterkongreß mehr; seine Hoffnungen, es könne +noch zwischen der Arbeiterpartei und der Volkspartei zu einer +Verständigung kommen, erfüllten sich nicht. Der Klassencharakter der +Partei stieß ihn ab. Die "Schweitzerianer", wie wir die Delegierten des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins jetzt nannten, waren ganz +bedeutend schwächer vertreten, nicht halb so stark. Dieselben +versammelten sich im "Schiff", unsere Delegierten im "Goldenen Bären". +Da von den verschiedensten Seiten Mitteilungen gemacht wurden, daß die +Schweitzerianer den Kongreß mit Gewalt sprengen wollten, begab ich mich +zum Oberbürgermeister und zur Polizei, um zu hören, wie diese die +Situation betrachteten, denn es lag uns selbstverständlich alles daran, +den Kongreß abhalten zu können, sollten nicht die enormen Opfer umsonst +gebracht worden sein. Die Erklärung lautete, daß wir die Versammlungen +ganz nach Belieben wo und wie abhalten könnten. In Sachsen-Weimar gebe +es kein Vereins- und Versammlungsgesetz, die Versammlungsfreiheit war +also eine absolute. Weiter wurde mir versichert, daß die Polizei, falls +die von uns getroffenen Anordnungen mit Gewalt gestört werden sollten, +bereit sei, einzugreifen. Eine Aufforderung an die Schweitzerianer im +"Schiff", ihre Mandate abzugeben und dieselben gegen rote +Legitimationskarten einzutauschen, verweigerten sie. Abends gegen 7 Uhr +rückten sie dann über hundert Mann stark, unter Führung des Riesen +Tölcke, in den "Goldenen Bären". Ueber seine damalige Mission schrieb +Tölcke später in seiner Schrift "Zweck, Mittel und Organisation des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins": + + "Es war überhaupt eine beliebte Manier des Herrn v. Schweitzer, + _überallhin, wo es galt, in heißem Kampfe einen Strauß anzufechten, + andere zu senden_ und diesen die Verantwortlichkeit der Partei + gegenüber für ein etwaiges Mißlingen aufzubürden." + +Das war vollkommen zutreffend; Tapferkeit war nicht die Stärke +Schweitzers, dagegen ließ sich damals Tölcke zu allem gebrauchen, wozu +Schweitzer ihn benutzen wollte. + +Als die Schweitzerianer in den "Goldenen Bären" einrückten, fanden sie +die Treppe von uns so stark besetzt, daß sie es vorzogen, ihre Mandate +abzugeben. Am Nachmittag waren in einer Vorversammlung Geib und ich zu +Vorsitzenden, Oberwinder und Quick-Genf zu Stellvertretern in Aussicht +genommen worden. Es war weiter auf meinen Vorschlag zwischen uns +vereinbart worden, daß, falls die Versammlung am Abend tumultuarisch +verlaufe, Geib den Kongreß schließen solle. Alsdann solle ein neuer +Kongreß auf Sonntag vormittag einberufen werden, zu dem nur Delegierte +mit gelben Eintrittskarten Zutritt hätten. + +Wie vorausgesehen, so kam es. Bei der Bureauwahl entstanden bereits die +stürmischsten Szenen. Wir hatten, da die Beleuchtung eine elende war, am +Bureautisch ein halbes Dutzend Flaschen, in deren Hälse wir +Stearinlichter gesteckt, aufgestellt. Diese waren in beständiger Gefahr, +umzufallen, und mußten mit den Händen gehalten werden. Schließlich nahm +der Tumult so zu, daß Geib den Kongreß schloß und anzeigte, daß er einen +neuen Kongreß für nächsten Vormittag 10 Uhr in den "Mohren" berufe, an +dem nur Delegierte mit gelben Legitimationskarten teilnehmen könnten. + +Unser Coup war gelungen. Während der Nacht sichteten wir (Bracke, Geib +und ich) die Mandate, suchten die der Schweitzerianer heraus, und Geib +übersandte sie am frühen Morgen an Tölcke mit dem Ersuchen, er möge sie +den betreffenden Delegierten aushändigen. Der Kongreß verlief alsdann +ohne jede Störung. + +Zu Berichterstattern über Programm und Organisation waren ich und Bracke +bestimmt. J.Ph. Becker hatte es sich trotz all meiner Gegengründe nicht +nehmen lassen, einen langen Antrag einzubringen, wonach die Partei sich +"Allgemeiner deutscher sozialistisch-demokratischer Arbeiterverein, +Bestandteil der internationalen Arbeiterassoziation" nennen solle. Der +Antrag fand keine Zustimmung. Programm und Organisation wurden mit +geringen Aenderungen in der von den Einberufern vorgeschlagenen Fassung +angenommen. Die neue Partei erhielt den Namen "_Sozialdemokratische +Arbeiterpartei_". Das angenommene Programm lautete: + + _Programm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei._ + + I. Die sozialdemokratische Arbeiterpartei erstrebt die Errichtung des + freien Volksstaats. + + II. Jedes Mitglied der sozialdemokratischen Arbeiterpartei + verpflichtet sich, mit ganzer Kraft einzutreten für folgende + Grundsätze: + + 1. Die heutigen politischen und sozialen Zustände sind im höchsten + Grade ungerecht und daher mit der größten Energie zu bekämpfen. + + 2. Der Kampf für die Befreiung der arbeitenden Klassen ist nicht ein + Kampf für Klassenprivilegien und Vorrechte, sondern für gleiche Rechte + und gleiche Pflichten und für die Abschaffung aller Klassenherrschaft. + + 3. Die ökonomische Abhängigkeit des Arbeiters von dem Kapitalisten + bildet die Grundlage der Knechtschaft in jeder Form, und es erstrebt + deshalb die sozialdemokratische Partei unter Abschaffung der jetzigen + Produktionsweise (Lohnsystem) durch genossenschaftliche Arbeit den + vollen Arbeitsertrag für jeden Arbeiter. + + 4. Die politische Freiheit ist die unentbehrliche Vorbedingung zur + ökonomischen Befreiung der arbeitenden Klassen. Die soziale Frage ist + mithin untrennbar von der politischen, ihre Lösung durch diese bedingt + und nur möglich im demokratischen Staat. + + 5. In Erwägung, daß die politische und ökonomische Befreiung der + Arbeiterklasse nur möglich ist, wenn diese gemeinsam und einheitlich + den Kampf führt, gibt sich die sozialdemokratische Arbeiterpartei eine + einheitliche Organisation, welche es aber auch jedem einzelnen + ermöglicht, seinen Einfluß für das Wohl der Gesamtheit geltend zu + machen. + + 6. In Erwägung, daß die Befreiung der Arbeit weder eine lokale noch + nationale, sondern eine soziale Aufgabe ist, welche alle Länder, in + denen es moderne Gesellschaft gibt, umfaßt, betrachtet sich die + sozialdemokratische Arbeiterpartei, soweit es die Vereinsgesetze + gestatten, als Zweig der Internationalen Arbeiterassoziation, sich + deren Bestrebungen anschließend. + + III. Als die nächsten Forderungen in der Agitation der + sozialdemokratischen Arbeiterpartei sind geltend zu machen: + + 1. Erteilung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen + Wahlrechtes an alle Männer vom 20. Lebensjahr an zur Wahl für das + Parlament, die Landtage der Einzelstaaten, die Provinzial- und + Gemeindevertretungen wie alle übrigen Vertretungskörper. Den gewählten + Vertretern sind genügende Diäten zu gewähren. + + 2. Einführung der direkten Gesetzgebung (das heißt Vorschlags- und + Verwerfungsrecht) durch das Volk. + + 3. Aufhebung aller Vorrechte des Standes, des Besitzes, der Geburt und + Konfession. + + 4. Errichtung der Volkswehr an Stelle der stehenden Heere. + + 5. Trennung der Kirche vom Staat und Trennung der Schule von der + Kirche. + + 6. Obligatorischer Unterricht in Volksschulen und unentgeltlicher + Unterricht in allen öffentlichen Bildungsanstalten. + + 7. Unabhängigkeit der Gerichte, Einführung der Geschworenen- und + Fachgewerbegerichte, Einführung des öffentlichen und mündlichen + Gerichtsverfahrens und unentgeltliche Rechtspflege. + + 8. Abschaffung aller Preß-, Vereins- und Koalitionsgesetze; Einführung + des Normalarbeitstags; Einschränkung der Frauen- und Verbot der + Kinderarbeit. + + 9. Abschaffung aller indirekten Steuern und Einführung einer einzigen + direkten progressiven Einkommensteuer und Erbschaftssteuer. + + 10. Staatliche Förderung des Genossenschaftswesens und Staatskredit + für freie Produktivgenossenschaften unter demokratischen Garantien. + + IV. Jedes Mitglied der Partei hat einen monatlichen Beitrag von 1 + Groschen (3-1/2 Kreuzer süddeutsch, 5 Kreuzer österreichisch, 12 + Centimes) für Parteizwecke zu entrichten. Die Parteigenossen, welche + auf das Parteiorgan abonnieren und dies glaubhaft nachweisen, sind + während der Dauer des Abonnements ihrer Beitragspflicht enthoben. + Sache des Ausschusses ist es, einzelnen Orten den Beitrag zu + ermäßigen. + + V. Der Beitrag ist monatlich franko an den Parteiausschuß abzuliefern. + + VI. Wer drei Monate lang seine Pflichten gegen die Partei nicht + erfüllt, wird als Parteimitglied nicht mehr betrachtet. + + VII. Mindestens einmal im Jahre findet ein Parteikongreß statt, auf + dem über alle die Partei berührende Fragen beraten und beschlossen, + der Vorort der Partei sowie der Sitz der Kontrollkommission und der + Ort für den nächsten Parteikongreß bestimmt wird.--Die Entschädigung + für den Ausschuß respektive einzelne seiner Mitglieder setzt der + Kongreß fest. + + VIII. Außerordentliche Kongresse finden statt, wenn der Ausschuß oder + die Kontrollkommission mit absoluter Majorität dies beschließt oder + wenn ein Sechstel sämtlicher Parteimitglieder darauf anträgt. + + IX. Zu jedem Kongreß ist die vorläufige Tagesordnung mindestens sechs + Wochen vorher durch den Ausschuß im Parteiorgan bekanntzumachen. Die + innerhalb der nächsten zehn Tage nach erfolgter Bekanntmachung von + seiten der Parteigenossen einlaufenden Anträge sind alsdann mindestens + vierzehn Tage vor dem Kongreß als definitive Tagesordnung zu + veröffentlichen. Auf dem Kongreß gestellte selbständige Anträge kommen + nur dann zur Verhandlung, wenn sich mindestens ein Drittel der + Delegierten dafür erklärt. + + X. Jeder Delegierte hat eine Stimme. Die Parteimitglieder, welche sich + an einem Orte an den Wahlen der Delegierten beteiligen, dürfen nicht + mehr als fünf stimmberechtigte Abgeordnete zum Kongreß senden. + Parteimitglieder, welche nicht Delegierte sind, haben nur beratende + Stimme. + + XI. Spätestens drei Wochen nach dem Kongreß muß das Kongreßprotokoll + allen Mitgliedern zum Kostenpreise zugänglich gemacht werden. Alle + Kongreßbeschlüsse, welche eine Abänderung des Statuts, die Grundsätze + und die politische Stellung der Partei oder die Besteuerung derselben + betreffen, müssen innerhalb sechs Wochen nach dem Kongreß der + Urabstimmung aller Parteimitglieder unterbreitet werden. Einfache + Majorität der Abstimmenden entscheidet. Das Resultat der Abstimmung + wird im Parteiorgan veröffentlicht. + + XII. Die Leitung der Parteigeschäfte ist einem Ausschuß von fünf + Personen, als einem Vorsitzenden und dessen Stellvertreter, einem + Schriftführer, einem Kassierer, der eine entsprechende Kaution zu + leisten hat, und einem Beisitzer übertragen. Sämtliche + Ausschußmitglieder müssen an _einem_ Orte oder in dessen einmeiligem + Umkreis wohnhaft sein und werden von den am Vorort der Partei + wohnhaften Parteimitgliedern in besonderen Wahlgängen durch + Stimmzettel mit absoluter Majorität gewählt. Weder ein Mitglied der + Redaktion noch der Expedition des Parteiorgans darf im Ausschuß sein. + Treten im Laufe des Jahres im Ausschuß Vakanzen ein, so hat der + Vorort--mit Ausnahme des in § VII erwähnten Falles--nach demselben + Wahlmodus die Ergänzungswahlen vorzunehmen. + + XIII. Der Ausschuß muß innerhalb vierzehn Tagen nach stattgehabtem + Kongreß gewählt sein; bis zu dieser Wahl verbleibt dem bisherigen + Ausschuß, falls der Kongreß nicht anders verfügt, die + Geschäftsführung. + + XIV. Der Ausschuß faßt alle Beschlüsse gemeinsam und ist nur dann + beschlußfähig, wenn in einer ordentlich einberufenen Sitzung + wenigstens drei Mitglieder anwesend sind; derselbe gibt sich, soweit + nicht der Kongreß darüber bestimmt, selbst eine Geschäftsordnung. + + Der Ausschuß ist dem Parteikongreß für alle seine Handlungen + verantwortlich. + + XV. Um Eigenmächtigkeiten des Ausschusses möglichst zu vermeiden, + konstituiert die Partei eine Kontrollkommission von elf Personen, an + die alle von dem Ausschuß unberücksichtigt gelassenen Beschwerden zu + richten sind, und die zugleich die Geschäftsführung des Ausschusses zu + kontrollieren hat. + + XVI. Die Kontrollkommission wählen die Parteimitglieder desjenigen + Ortes und seines einmeiligen Umkreises, welcher von dem Parteikongreß + als Sitz der Kontrollkommission bestimmt worden ist. Die Wahl erfolgt + durch Stimmzettel und hat spätestens vierzehn Tage nach dem Kongreß + stattzufinden. + + XVII. Die Kontrollkommission ist verpflichtet, die Geschäftsführung, + Akten, Bücher, Kasse usw. des Ausschusses mindestens einmal + vierteljährlich zu prüfen und zu untersuchen, und ist berechtigt, + falls sie begründete Ursache hat und der Ausschuß die Abhilfe der + Unregelmäßigkeiten verweigert, einzelne Mitglieder wie den gesamten + Ausschuß zu suspendieren sowie die nötigen Schritte für provisorische + Weiterführung der Geschäfte zu tun. Es müssen solche Beschlüsse mit + Zweidrittelmajorität der Kontrollkommission gefaßt werden und ist, + wenn mehr als die Hälfte der Ausschußmitglieder suspendiert wird, + innerhalb vier Wochen ein Parteikongreß einzuberufen, der endgültig in + der Sache entscheidet. + + XVIII. Die Partei gründet eine Zeitung als Organ unter dem Namen "Der + Volksstaat", Organ der sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Das Organ + erscheint in Leipzig und ist Eigentum der Partei. Personen und Gehalt + des Redaktions- und Expeditionspersonals, des Druckers, Preis des + Blattes wird durch den Ausschuß bestimmt. Streitigkeiten hierüber + entscheidet die Kontrollkommission, in letzter Instanz der + Parteikongreß. Die Haltung des Blattes ist streng dem Parteiprogramm + anzupassen. Einsendungen von Parteigenossen, welche demselben + entsprechen, sind--soweit der Raum des Blattes + ausreicht--unentgeltlich aufzunehmen. Beschwerden über Nichtaufnahme + oder tendenziöse Färbung der Einsendungen sind bei dem Ausschuß, in + zweiter Instanz bei der Kontrollkommission anzubringen, welcher die + endgültige Entscheidung zusteht. + + XIX. Die Parteimitglieder verpflichten sich, überall auf Grund des + Parteiprogramms die Gründung sozialdemokratischer Arbeitervereine in + die Hand zu nehmen. + +Im Laufe der Verhandlungen teilte ich mit, daß mir aus dem +Revolutionsfonds in Zürich von den Verwaltern desselben, Dr. Ladendorf +und Genossen, 900 Taler zur Agitation bewilligt worden seien. Das sei +die Geldquelle, die Tölcke und Genossen soviel Schmerzen verursachte, +und die sie dem Hitzinger, dem König von Hannover, zuschrieben. + +Zum Parteiorgan wurde das "Demokratische Wochenblatt" bestimmt, das +nunmehr vom 1. Oktober ab wöchentlich zweimal unter dem Titel "Der +Volksstaat", Organ der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und der +internationalen Gewerkschaftsgenossenschaften, erschien. Als Sitz des +Ausschusses wurde _Braunschweig-Wolfenbüttel_, als Sitz der +Kontrollkommission _Wien_ gewählt. Man hatte anfangs die Absicht, +Leipzig zum Sitze des Ausschusses zu bestimmen. Ich riet entschieden ab. +Unsere Propaganda im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein sei weit +leichter, wenn ein Ort wie Braunschweig Sitz der Parteileitung werde, +woselbst ausschließlich frühere Mitglieder des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins in Frage kämen. Unser Einfluß in der neuen Partei bleibe +uns gesichert, wir würden uns mit dem Ausschuß zu stellen wissen. So +geschah es. Als nächster Kongreßort wurde Stuttgart bestimmt. Die +Vertretung auf dem Kongreß der Internationale, der Anfang September in +Basel stattfand, wurde Liebknecht übertragen, dem sich später +Spier-Wolfenbüttel als Delegierter des Ausschusses anschloß. + +Der glänzende Verlauf des Kongresses hatte im Schweitzerschen Lager +einen sehr unangenehmen Eindruck erzeugt. Nachdem wir die nach Eisenach +entsandten Delegierten Schweitzers von unserem Kongreß ausgeschlossen +hatten, tagten diese im "Schiff", woselbst sie eine Reihe Resolutionen +gegen uns faßten. So lautete eine derselben, die sich gegen Liebknecht +und mich persönlich richtete: "In Erwägung der gehörten Tatsachen +beschließt der Kongreß, daß die Herren Liebknecht und Bebel unwürdig +sind, daß der Kongreß sich weiter mit ihnen befaßt." Tölcke +veröffentlichte im "Sozialdemokrat" vom 15. August einen "Aufruf an die +Parteigenossen", der mit den Worten begann: "Der Kongreß zu Eisenach ist +vorüber. Mit Stolz und mit voller Zuversicht auf die Zukunft der Partei +können wir auf den Verlauf und das Resultat desselben zurückblicken." + + * * * * * + +Nach dem Schlusse des Kongresses hielt der Verband der deutschen +Arbeitervereine seinen Vereinstag ab. Zum Vorsitzenden wurde ich, +Bürger-Göppingen zum Stellvertreter, Motteler zum Schriftführer gewählt. +Crimmitschau erhielt den Auftrag, die Geschäftsführung des Vorortes zu +prüfen und im Parteiorgan Bericht zu erstatten. Aus dem von mir +erstatteten Bericht ging hervor, daß infolge der Spaltung in Nürnberg +der Verband auf 72 Vereine gesunken war, daß im Laufe des Jahres weitere +5 ausschieden, aber 42 Vereine sich neu anschlossen, so daß schließlich +zum Verband 109 Vereine mit rund 10000 Mitgliedern gehörten. Die +Einnahmen betrugen 470 Taler, die Ausgaben 457 Taler, der +Revolutionsfonds hatte 934 Taler gesteuert, von denen 800 Taler für +Unterstützung des "Demokratischen Wochenblatts" und für Agitation +ausgegeben worden waren. Alsdann beschloß die Versammlung einstimmig die +Auslösung des Verbandes nach sechsjährigem Bestehen und Anschluß an die +Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Der vorhandene Kassenbestand wurde +der letzteren überwiesen, das vorhandene Inventar (Akten, Briefe, +Protokolle) wurde mir zur Aufbewahrung überlassen. Nach einem warmen +Danke an den Vorortsvorstand für dessen Mühewaltung trennte man sich mit +dem Wunsche auf Wiedersehen in Stuttgart. + + + + +Nach Eisenach. + + +Wie man sich leicht vorstellen kann, entbrannte nunmehr heftiger als je +der Kampf zwischen den beiden sozialistischen Fraktionen. Erklärungen +flogen herüber und hinüber, und die Szenen, die sich in zahlreichen +Versammlungen abspielten, spotteten jeder Beschreibung. Insbesondere +waren es die Gewerkschaften, die unter der gegenseitigen Zerfleischung +schwer litten. So kam zum Beispiel in der Metallarbeiterschaft die Wahl +eines Präsidenten nicht zustande, weil eine vollständige Zersplitterung +der Stimmen eintrat, außerdem wurde die Wahl nur bei 23 Abstimmungen +anerkannt, bei 17 wurde sie verworfen. + +Von jetzt ab schlug der "Sozialdemokrat" einen Ton an, wie er bisher nur +selten vorkam, und fälschte Tatsachen und Berichte in einer Weise, daß +die Leser derselben ein vollständig falsches Bild von der Bewegung auf +unserer Seite bekommen mußten. + +Am 10. September verließ Schweitzer das Gefängnis. Am 12. September +kündigte er in einem längeren Ausruf eine Rundreise durch Deutschland +an, wobei er hinter verschlossenen Türen vor seinen Anhängern erschien, +"um überall Ordnung und strenges Recht zu schaffen".... "Fürchten werden +meine Gegenwart," hieß es in dem Ausruf, "alle diejenigen, welche sich +einer bösen Absicht oder einer Verletzung der Arbeitersache schuldig +wissen; mit Freuden begrüßen werden mich diejenigen, welche als +Bevollmächtigte, Agitatoren oder in sonstiger Eigenschaft treu zur Fahne +gehalten haben." + +Glaubt man nicht einen gewissen Jesu zu hören, der ein Gericht über die +Guten und die Bösen ankündigt, wobei die Böcke von den Schafen gesondert +werden sollen? + +Auf dieser Tour beobachtete Schweitzer die alte Taktik, daß überall, wo +er über die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen interpelliert wurde, er +entweder schwieg oder mit spöttischen Bemerkungen darüber hinwegging. + +Dem "Volksstaat" gegenüber nahm er dieselbe Taktik ein wie gegenüber dem +"Demokratischen Wochenblatt". Niemals wurde der Name des "Volksstaat" +genannt, und von der Partei sprach er nicht anders als von der +Eisenacher Volkspartei. + +In Augsburg, wohin er ebenfalls auf seiner Rundreise kam, verlangte er +von den dortigen Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +das Eingehen des von ihnen gegründeten Wochenblatts "Der Proletarier". +Als diese sich weigerten, seinem Verlangen nachzukommen, drohte er, daß +er alles aufbieten werde, das Blatt zugrunde zu richten, sollte darüber +die Bewegung in Bayern um fünf Jahre zurückgeworfen werden. Ein kleines +Blättchen, "Der Agitator", den Schweitzer dann zu Neujahr 1871 ins Leben +rief, das vierteljährlich nur 15 Pfennig kostete, sollte in erster Linie +bestimmt sein, massenhaft in Bayern verbreitet zu werden, um dort die +obstinaten Elemente im Zaume zu halten. + +Von seiner Rundreise zurückgekehrt, erklärte er, "daß die Partei niemals +stärker, niemals einiger und zahlreicher gewesen sei als in diesem +Augenblick". Die Unwahrheit dieser Behauptung wurde dadurch bewiesen, +daß zwischen ihm und Mende-Hatzfeldt von neuem der Zank ausbrach. Mende +berief eine Generalversammlung nach Halle, die sich gegen Schweitzer +erklärte, und veröffentlichte eine Broschüre, in der er Schweitzer aller +möglichen Schandtaten zieh. Daß es so kommen würde, war vorauszusehen. +Während aber Schweitzer ankündigte, daß mit dem 1. Januar 1870 der +"Sozialdemokrat" in vergrößertem Format erscheinen werde--es waren die +Anstrengungen eines Schwindsüchtigen, der sich den Anschein von Kraft +gibt--, mußte Mende ankündigen, daß, falls nicht bis zum 15. Januar für +sein Organ, die "Freie Zeitung", 1000 neue Abonnenten herbeigeschafft +würden, er dasselbe werde eingehen lassen. Die größere Macht war also +auf Schweitzers Seite. Die Generalversammlung seines Vereins berief +Schweitzer auf den 5. Januar 1870 und die folgenden Tage nach Berlin. + +Vorher, am 7. November, war es in Berlin zu einer großen +Auseinandersetzung zwischen der Fortschrittspartei und den Lassalleanern +gekommen. Der Abgeordnete Professor Virchow hatte im preußischen +Abgeordnetenhaus einen Abrüstungsantrag gestellt, der nachher von der +Mehrheit des Abgeordnetenhauses verworfen worden war. Die +Fortschrittspartei wollte diesen Antrag durch das moralische Gewicht +einer Volksversammlung unterstützen lassen, die auf den erwähnten Tag +einberufen worden war. Eine Verhandlung wurde aber unmöglich gemacht +durch die Lassalleaner, die massenhaft erschienen waren und den Vorsitz +in der Versammlung beanspruchten. Als nun ein großer Tumult ausbrach, +schloß der Abgeordnete Löwe-Galbe die Versammlung. Darauf eröffnete +Tölcke sofort dieselbe aufs neue. Er hatte in der Voraussicht, daß die +fortschrittliche Versammlung gesprengt werde, eine zweite Versammlung in +dasselbe Lokal polizeilich angemeldet, und die Polizei hatte diese +gleichzeitige doppelte Anmeldung zu einer Versammlung in ein und +dasselbe Lokal angenommen. Wider alle bisherige Gepflogenheit waren auch +die Versammlungen polizeilich nicht überwacht. Tölcke präsidierte, +Schweitzer sprach. In der vorgeschlagenen Resolution war kein Wort gegen +die Regierung enthalten, dagegen wurde die Fortschrittspartei als +Gegnerin des allgemeinen, gleichen Wahlrechts und Gegnerin des +Normalarbeitstags verurteilt und die Abschaffung der stehenden Heere und +die Einführung der Volkswehr, gegründet auf militärische +Jugenderziehung, verlangt. + +Schweitzer suchte also wieder einmal den Standpunkt vergessen zu machen, +den er in Militärfragen vorher wiederholt eingenommen hatte. + +Nebenbei bemerkt: In der sächsischen Zweiten Kammer wurde um jene Zeit +ein Abrüstungsantrag mit 55 gegen 21 Stimmen angenommen. + +Auf dem am 9. September begonnenen _Internationalen Arbeiterkongreß in +Basel_ bildete den Hauptpunkt der Verhandlungen die Haltung der +Sozialisten zur Grund- und Bodenfrage. Die Debatte hierüber füllte +mehrere Sitzungen. Schließlich stimmten von 75 Delegierten 54, darunter +Liebknecht und Spier, für folgende Resolution: + + "Der Kongreß erklärt, daß die Gesellschaft das Recht hat, das + individuelle Eigentum an Grund und Boden abzuschaffen und _den Grund + und Boden in Gemeineigentum zu verwandeln_." + +Ebenso stimmten die beiden dem zweiten Teil der Resolution zu, der +lautete: + + "Der Kongreß erklärt auch, daß es _notwendig_ ist, den Grund und Boden + zum Kollektiveigentum zu machen." + +Diese Beschlüsse riefen in Deutschland großes Aufsehen hervor, +insbesondere fiel die volksparteilich-demokratische Presse über diese +Beschlüsse her, die sie als eine Ungeheuerlichkeit bezeichnete. Statt +daß nun Liebknecht den Beschluß des Kongresses gegen die Angriffe +verteidigte, erklärte er in der letzten Nummer des "Demokratischen +Wochenblatts", die erschien: + + "Man hat gefragt: Welche Stellung nimmt die Sozialdemokratische + Arbeiterpartei zu dem Beschluß über das Grundeigentum? + + Antwort: Gar keine! Jedes einzelne Parteimitglied kann und soll + Stellung nehmen, der Partei als solcher steht das nicht zu, weil sie + nach keiner Seite an den Beschluß gebunden ist--ebensowenig _wie die + Internationale Arbeiterassoziation selbst_." + +Dieses salomonische Urteil wurde in der Partei mit sehr gemischten +Gefühlen aufgenommen. Es brachte der Partei keine Verbesserung, sondern +eine Verschlimmerung ihrer Lage, denn nunmehr nutzte Schweitzer die +Situation aus, indem er triumphierend auf die Halbheit der Eisenacher +hinwies, die in einer Haupt- und Kardinalfrage des Sozialismus versagten +und von Rücksichten auf die Bourgeois in ihren Reihen sich bestimmen +ließen; das sei der beste Beweis, daß wir keine sozialdemokratische +Partei seien. Unsere Stellung als Partei zu dem Baseler Beschluß wurde +nicht klarer, als es in Nr. 4 des mittlerweile erschienenen +"_Volksstaat_" auf einmal hieß: "Ueber die Zweckmäßigkeit oder +Unzweckmäßigkeit des Baseler Beschlusses, betreffend das Grundeigentum, +mögen innerhalb unserer Partei verschiedene Meinungen obwalten. _Nachdem +er aber einmal gefaßt ist, kann die Partei als solche ihn nicht +verleugnen, ohne ihre Grundprinzipien zu verleugnen._" Diese Erklärung +war korrekter als die erste, sie stand aber im _Widerspruch_ zu jener. +Es war deshalb notwendig, daß die Partei klare Stellung nahm, und so +schlug ich vor, die Frage auf dem nächstjährigen Parteikongreß zu +erörtern, ein Vorschlag, dem auch der Ausschuß zustimmte. Und da ich für +Anfang November eine große Agitationsreise nach Süddeutschland geplant +hatte, nahm ich mir vor, den Baseler Beschluß zu verteidigen, wo die +Gelegenheit dieses notwendig mache. Ich trat meine Reise am 8. November +an und beendete sie am 28. Ich hielt in dieser Zeit achtzehn +Volksversammlungen und an zwei Orten, Erlangen und München, private +Besprechungen ab. Ich besuchte nacheinander: Koburg, Bamberg, Nürnberg, +Fürth, Erlangen, Regensburg, München, Augsburg, Ravensburg, Tuttlingen, +Reutlingen, Metzingen, Stuttgart, Eßlingen, Göppingen, Aalen, +Heidenheim, Giengen, Schwäbisch Hall und Heilbronn. Opposition fand ich +in nur vier Versammlungen. Der Erfolg war in allen Versammlungen ein +sehr zufriedenstellender. + +In Stuttgart, woselbst in der Versammlung der ganze Stab der Volkspartei +und der Herausgeber der "Demokratischen Korrespondenz", Julius Freese, +anwesend waren, kam es zwischen mir und dem Mitglied der Volkspartei +Hausmeister zu prinzipiellen Auseinandersetzungen, bei denen +selbstverständlich mein Gegner den kürzeren zog. Den Abend vorher hatte +ich in einer geselligen Zusammenkunft, bei welcher der damalige Führer +der Volkspartei, Karl Maier, mich fragte, wie die Partei zu dem Baseler +Beschluß stehe, erklärt: Die Partei werde auf dem nächsten Kongreß in +Stuttgart Stellung nehmen und zweifellos sich im Sinne der Baseler +Beschlüsse aussprechen. Tröstend hatte ich hinzugesetzt: Aber man +brauche deshalb nicht aus der Haut zu fahren, denn die Ausführung des +Beschlusses sei doch erst möglich, wenn die öffentliche Meinung dafür +gewonnen sei. Mit dieser Verzuckerung schluckte man die Pille. In der +Versammlung am nächsten Tage trat mir auch der Lassalleaner Leickhardt +entgegen, der mich wegen unserer Stellung zu Schweitzer interpellierte, +worauf ich gründlich antwortete. Alles in allem hatte ich an drei +Stunden sprechen müssen. + +Freese und einem größeren Teil der Volkspartei waren aber meine +Auseinandersetzungen in die Glieder gefahren, und so sah Freese sich +veranlaßt, in vier Artikeln in der "Demokratischen Korrespondenz" gegen +mich zu polemisieren. Ich beantwortete dieselben durch eine Reihe +Artikel im "Volksstaat", die zusammengestellt als Broschüre unter dem +Titel "Unsere Ziele" bis heute erschienen sind. In diesen Aufsätzen +verteidigte ich natürlich auch den Baseler Beschluß. Freese, dem, wie +wohl allen Schwelgern (Sybariten), es keine allzu großen +Gewissensskrupel bereitete, seine Grundsätze zu opfern, sobald er seine +lebemännischen Bedürfnisse durch die Vertretung seiner Grundsätze nicht +mehr befriedigen konnte, ging später in die Dienste des österreichischen +Reichskanzlers, des Herrn v. Beust. + +Nach meiner Rückkehr aus Süddeutschland trat ich meine mittlerweile +rechtskräftig gewordene dreiwöchige Gefängnisstrafe an, die, wie schon +erwähnt, Liebknecht und mir wegen Verbreitung staatsgefährlicher Lehren +aus Anlaß der Adresse "An das spanische Volk" zuerkannt worden war. + + * * * * * + +Wir mußten nunmehr dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gegenüber +große Anstrengungen machen, um neue Mitglieder zu gewinnen. Was immer an +Kräften und Mitteln aufgebracht werden konnte, wurde für diesen Zweck +benützt. In erster Linie kam hier York als Agitator in Frage. Der Erfolg +seiner Reisen war nicht immer ein zufriedenstellender. So klagte er mir +Ende 1869 über die Erfolglosigkeit einer Agitationsreise, die er nach +dem Rheinland unternommen hatte. Er war darüber in recht pessimistischer +Stimmung. Agitator zu sein, schrieb er mir, sei eine traurige Existenz, +was um so richtiger war, als die finanzielle Entschädigung, die der +Agitator zu jener Zeit erhielt, eine geradezu erbärmliche genannt +werden mußte. Er denke wieder daran, als Arbeiter bei einem Meister +Stellung zu nehmen. York war Tischler. Hätte er keine Familie, läge die +Sache anders, allein könnte er sich durchschlagen. Indes war sein +Opfermut und seine Hingabe an die Sache doch zu groß, als daß er die +Drohung ausgeführt hätte. + +Liebknecht und ich benutzten unsere Anwesenheit während des Reichstags +in Berlin, um dort immer mehr Anhänger zu gewinnen. Wir sprachen +namentlich öfter in einer Reihe Branchenversammlungen mit bestem Erfolg. + +Eine beständige Klage des Braunschweiger Ausschusses war der schlechte +Eingang der Mitgliederbeiträge. Diese Klage war vollauf berechtigt. An +eine regelmäßige monatliche Zahlung an den Ausschuß nach Braunschweig +gewöhnten sich namentlich schwer die ehemaligen Mitglieder des +Arbeitervereinsverbandes, die das Hauptgewicht auf die Verwendung ihrer +Mittel für die lokalen Bedürfnisse zu legen gewohnt waren. + +Zwischen dem Ausschuß in Braunschweig und uns in Leipzig entwickelte +sich ein außerordentlich lebhafter Briefverkehr, in den auch August Geib +in Hamburg, der dort als Buchhändler etabliert war, hereingezogen wurde, +als die Kontrollkommission durch Beschluß des Stuttgarter Kongresses von +Wien nach Hamburg verlegt worden war. Lebhafte Beschwerde führten Bracke +und der Ausschuß über die Redaktion des "Volksstaat", die zu viel +Politik und zu wenig Sozialismus bringe. Eine Beschwerde, die vielfach +in der Partei laut wurde. + +Sehr aufgebracht war ich darüber, daß wir in der Person Rüdts, der seine +Universitätsstudien unterbrochen hatte und in die Partei als Agitator +eingetreten war, durch den Beschluß des Eisenacher Kongresses einen +Redakteur erhalten hatten, der seine Pflichten stark vernachlässigte, +aber mit dem Honorar, das freilich nicht hoch war, beständig im Vorschuß +sich befand. Das ging gegen meine Auffassung von Leistung und +Gegenleistung. Ich habe es allezeit, und zwar bis auf den heutigen Tag, +als schlimmste Schädigung der Partei und als eine unverzeihliche +Gewissenlosigkeit angesehen, die in einer Arbeiterpartei doppelt gerügt +werden müsse, wenn Personen ein Amt übernehmen, aber vergessen, die +damit übernommenen Pflichten gewissenhaft zu erfüllen, das Gehalt +einstreichen, aber nicht entsprechend dafür leisten. Ein Sozialdemokrat, +der eine Brotstellung in der Partei annimmt, hat damit nach meiner +Auffassung eine Art Ideal erreicht. Er kann nach seiner Ueberzeugung +tätig sein, er hat Maßregelung nicht zu fürchten und findet die volle +Anerkennung seiner Parteigenossen, wenn er seine Schuldigkeit tut. + +Als ich eines Tages mich bei Bracke bitter über Rüdt beschwerte--der +betreffende Brief spielte nachher im Leipziger Hochverratsprozeß eine +Rolle und ist im Bericht darüber abgedruckt--, antwortete mir Bracke +unter dem 17. Oktober: + + "Rüdt ist nicht schlecht, wenigstens glaube ich es nicht. Ich habe + einen intimen Freund, der ebenso ist wie Rüdt, und er ist ein braver + Kerl. Diese Art Menschen sind das Gegenteil eines Philisters, aber in + ihrer Einseitigkeit verfahren sie sich oft, bis sie durch längere, + meist bittere Erfahrungen klug werden. Je weniger ich selbst solchem + Charakter ähnele (ich komme mir oft selbst wie ein Philister vor, wenn + ich meinen 'Lebenswandel' betrachte), um so mehr liebe ich diesen + Charakter bei anderen. Ich will allerdings gestehen, daß ich Rüdt zu + wenig kenne, um behaupten zu können, er sei so wie mein Freund. Aber + ich vermute es. Hast Du die Biographie von Lessing gelesen? Was war + der eine längere Zeit leichtsinnig! Ich habe oft Sehnsucht, auch + einmal leichtsinnig zu sein, aber werde es wohl schwerlich werden. Die + Verhältnisse fesseln mich an mein arbeitsames, ernstes, ja + philiströses Dasein! Von Natur heiteren Temperamentes, bin ich es in + Wirklichkeit so selten." + +Ich weiß heute nicht mehr, was ich Bracke auf diesen Brief antwortete, +aber eine Zustimmung zu seinem Urteil über Rüdt war die Antwort sicher +nicht. + +Bracke, der einer wohlhabenden Familie angehörte und aus dem höchsten +Idealismus sich der Partei der Enterbten angeschlossen hatte, war damals +in großen Nöten. Er hatte sich durch Fritzsche bestimmen lassen, für die +Produktivgenossenschaft der Tabak- und Zigarrenarbeiter Bürgschaften zu +übernehmen, und kam nach dem Konkurs der Genossenschaft in die höchst +fatale Lage, sehr erhebliche Summen bezahlen zu müssen. Bracke klagte +mir in zahlreichen Briefen sein Leid, wie wir denn beide kurz nach +unserer Bekanntschaft uns eng aneinandergeschlossen und keine +Geheimnisse voreinander hatten. Der Aermste hat viele Jahre zu kämpfen +gehabt, um aus den Verlegenheiten herauszukommen, in die er sich durch +seine Gutherzigkeit und Opferwilligkeit gestürzt hatte. Als ihn der Tod +ereilte--er starb allzu jung im Jahre 1879, kaum 38 Jahre alt--, wurde +sein Verlust in der ganzen Partei als ein unersetzlicher angesehen. + +Im Oktober 1869 war Karl Marx mehrere Wochen bei seinem Freunde Dr. +Kugelmann in Hannover auf Besuch. Bracke und Bonhorst, der Sekretär des +Ausschusses, fuhren hinüber nach Hannover, um Marx kennen zu lernen und +zu begrüßen. Bracke war von der Begegnung mit Marx aufs höchste +entzückt; er sei, schrieb er mir, "ein lieber Mensch", sie hätten sich +beide sehr gut verständigt. Ich lernte Marx und zugleich auch Engels +persönlich erst 1880 in London kennen anläßlich eines "Kanossaganges", +den ich mit Bernstein unternahm. Darüber später. + +Im Dezember 1869 spielte uns die österreichische Regierung einen +unangenehmen Streich; sie entzog dem "Volksstaat" den Postdebit. Der +"Volksstaat" stand damals so, daß er keinen Abonnenten entbehren konnte. +Der Akt war aber der beste Beweis, was es mit der Verleumdung des +"Sozialdemokrat" auf sich hatte, Liebknecht stehe im Dienste der +österreichischen Regierung. + + * * * * * + +Gegen Ende des Jahres brach in Waldenburg in Schlesien ein großer +Bergarbeiterstreik aus, der größte Streik, den Deutschland bis dahin +gesehen hatte. Das Bemerkenswerteste an diesem war, daß er in einem +Gebiet und unter Arbeitern ausbrach, die, soweit sie organisiert waren, +den Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereinen angehörten, und zwar verlangten +die Bergherren den Austritt der Arbeiter aus dem Gewerkverein. Die Lehre +der Hirsch-Duncker von der Harmonie der Interessen zwischen Kapital und +Arbeit erhielt damit einen argen Stoß. Beide sozialdemokratische +Fraktionen traten energisch für die Bergarbeiter ein und unterstützten +sie. Ich wollte in Leipzig ein Plakat anschlagen lassen, in dem ich zu +Sammlungen für die Streikenden aufforderte, aber die Polizei verbot den +Anschlag des Plakats und die Sammlung, die die Genehmigung der Polizei +erfordere, weil auf Grund der Armenordnung von 1842 Sammlungen für +"Notleidende" dieser Genehmigung bedürften. Ich appellierte wegen dieser +sonderbaren Auslegung der Armenordnung bis an das Ministerium, aber Herr +v. Nostitz-Wallwitz, der damals bereits Minister des Innern war, +billigte die Entscheidung der Leipziger Polizei. + +Mangels genügender Mittel ging der Waldenburger Streik verloren. + + * * * * * + +Im Frühjahr 1870 fiel mir eine Aufgabe zu, die zu erfüllen Pflicht eines +Fortschrittsmannes oder bürgerlichen Demokraten gewesen wäre. In Leipzig +starb Rechtsanwalt Tzschirner, der während des Dresdener Maiaufstandes +1849 mit Heubner und Tod Mitglied der provisorischen Regierung gewesen +war. Nach Niederwerfung des Aufstandes floh Tzschirner nach der Schweiz, +kehrte aber infolge der sächsischen Amnestie von 1865 als gebrochener +Mann nach Leipzig zurück. Er mußte unterstützt werden, und ich selbst +veranlagte eine Sammlung zu seinen Gunsten, deren Ertrag ich an +Tzschirners Parteigenossen Rechtsanwalt Schaffrat in Dresden gelangen +ließ. + +Als nun Tzschirner im Frühjahr 1870 in Leipzig starb, war kein einziger +seiner alten Parteigenossen, auch Schaffrat nicht, bereit, dem Manne die +Grabrede zu halten; man schämte oder scheute sich offenbar, öffentlich +als ehemaliger Parteigenosse des Revolutionärs zu erscheinen. So mußte +ich die Rede übernehmen, obgleich ich den Mann persönlich nicht gekannt +hatte und von seiner Tätigkeit nur vom Hörensagen wußte. Die deutsche +Demokratie hat frühzeitig aufgehört, Mannesmut zu zeigen. + + * * * * * + +Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins für +1870 begann am 5. Januar. Schweitzer war nicht in rosiger Stimmung. +Nachdem man ihn darüber interpelliert, ob er seinerzeit einen geheimen +Vertrag mit Mende bei der sogenannten Vereinigung abgeschlossen habe, +was er bestritt, stellte man ihn wegen der Kassenführung zur Rede. Er +habe Gelder des Vereins für den "Sozialdemokrat" verwendet, wozu er kein +Recht habe, da das Blatt sein Privateigentum sei. Es wurde sogar ein +Beschluß herbeigeführt, wodurch ihm dieses ausdrücklich verboten wurde. +Schweitzer war durch diesen Beschluß und die an der Redaktion des +"Sozialdemokrat" geübte Kritik sehr aufgebracht. Er antwortete: Was das +Vertrauen anlange, _so müsse er nach den in der Generalversammlung +gefallenen Aeußerungen annehmen, daß er das Vertrauen der +Generalversammlung nicht besitze_; jedenfalls habe er großenteils das +Vertrauen auf die Delegierten verloren.... Man scheine nicht zu wissen, +was der "Sozialdemokrat" sei. _Nicht die Partei habe den +"Sozialdemokrat" gemacht, sondern der "Sozialdemokrat" die Partei._... +Zu verlangen, daß ein Redakteur für den Inhalt des Blattes eintreten +müsse, sei leicht, wenn man selbst den Rücken frei habe und nicht einmal +die Strafgelder bewilligte. Er habe es satt, sich in dieser Weise erst +mit den Vereinsgegnern und dann mit den Vereinsmitgliedern +herumzuärgern. Gegenüber dem Verlangen, daß in Geldangelegenheiten der +Vorstand beschließen solle und nicht wie bisher der Präsident, erklärte +er, dann sei es gleich besser, einen Ausschuß zu wählen, aber keinen +Präsidenten. Die Generalversammlung nahm alsdann eine genaue Prüfung der +Kassenausgaben vor. Ein Antrag: Die Generalversammlung erklärt sich mit +der diesjährigen Kassenabrechnung vollständig zufrieden und weist alle +Angriffe der Gegner unserer Partei als ungerechtfertigt zurück und +spricht den Wunsch aus, daß die Kassenangelegenheit für alle Zeiten so +bleiben möge, wurde mit 5097 gegen 3409 Stimmen angenommen. + +Eine Aeußerung Schweitzers, daß es die Aristokratie des Vereins sei, die +Agitatoren und Delegierten, von denen immer die Wirren im Verein +ausgingen, führte zu gereizten Auseinandersetzungen. Ein Antrag +Richter-Wandsbeck, dem Präsidenten die _Mißbilligung_ auszusprechen, +weil er auf Antrag von Hamburger Mitgliedern wider alles Recht die +Mitglieder, die gleichzeitig dem Allgemeinen Tabak- und +Zigarrenarbeiterverein angehörten, bis zur Berliner Generalversammlung +ihrer Mitgliedsrechte für verlustig erklärt hatte, wurde mit 24 gegen 12 +Stimmen bei zwei Enthaltungen abgelehnt. Diese Vorgänge ließen es +Schweitzer wieder einmal geraten erscheinen, den radikalen Demokraten +hervorzukehren. Am 9. Januar fand eine von 2000 Personen besuchte +öffentliche Sitzung statt, in der das Thema "Der Militarismus" auf der +Tagesordnung stand. Hatte Schweitzer am 17. Oktober 1867 im deutschen +Reichstag sich für die Militärgesetzvorlage einschreiben lassen und +hatte er damals in seiner Rede ausgeführt, daß es ihm fernliege, jene +Eigenschaften an Preußen leugnen und bemäkeln zu wollen, welche im +vorigen Jahre eine feindliche Welt bewundernd anerkennen mußte, so ließ +er jetzt folgende Resolution zur Annahme vorschlagen: + + "Die Generalversammlung erklärt: Die stehenden Heere sind die + Hauptstützen der heutigen reaktionären Regierungen und zugleich der + gesellschaftlichen Ausbeutung; das demokratische Prinzip verlangt, daß + überall an Stelle der stehenden Heere die allgemeine Volksbewaffnung + trete." + +Also ganz wie in unserem ehemaligen Chemnitzer und jetzt im Eisenacher +Programm. Nach längerer Debatte, an der Schweitzer sich nicht +beteiligte, wurde die Resolution einstimmig angenommen. Im weiteren +erklärte sich die Generalversammlung für den Uebergang des Grund und +Bodens in Gemeineigentum der Gesellschaft. Mit einer sehr radikalen Rede +schloß Schweitzer diese Sitzung. + +Im weiteren Verlauf der Verhandlungen wurde ein Antrag, den +"Sozialdemokrat" als Parteieigentum zu erwerben, mit 6492 gegen 2585 +Stimmen abgelehnt. Schweitzer hatte im Laufe der Debatte geäußert: Der +"Sozialdemokrat" habe während der sieben Jahre seines Bestehens enorme +Summen verschlungen _und erfordere auch jetzt noch Opfer_. Woher diese +enormen Summen kamen, erfuhr man nicht. Er sei bereit, das +Eigentumsrecht abzutreten, wenn die Partei einen geringen Teil der auf +das Blatt verwendeten Summen zurückzahle. Ein Redner äußerte die +Besorgnis, Schweitzer werde ein neues Blatt gründen, falls es zu +Differenzen komme. Die Mehrheit sah nach dieser Erklärung die Uebernahme +des Blattes als ein Danaergeschenk an. Schweitzer teilte weiter mit, daß +vom 1. Januar ab Hasenclever neben Hasselmann in die Redaktion +eingetreten sei. Eine ganze Reihe Mitgliedschaften beantragte +ausführliche und _wahrheitsgemäße_ Abfassung der Protokolle der +Generalversammlungen. + +Eine längere und heftige Debatte entspann sich über verschiedene +Anträge; zum Beispiel der Präsident solle, wie es im Statut stehe, durch +die Generalversammlung gewählt werden, wohingegen namentlich Schweitzer +mit aller Entschiedenheit für die Wahl durch "das Volk" eintrat, das er +durch sein Blatt in der Hand hatte. Er drang mit seiner Ansicht durch. +Das mehrfache Verlangen, die Redaktion durch eine Beschwerdekommission +zu kontrollieren, wurde durch den Beschluß erledigt, daß alle +Beschwerden über die Redaktion des Vereinsorgans an den Präsidenten zu +richten seien. Die oberste Kontrolle über die Wirksamkeit der Redaktion +und die des Präsidenten in seiner Eigenschaft als Kontrolleur habe der +Vorstand zu vollführen und könne derselbe etwa nötige Anordnungen +treffen. In der betreffenden Debatte äußerte Pfannkuch, daß durch die +bisherige Handhabung der Redaktion viele brave Mitglieder aus dem Verein +hinausgestoßen worden seien. + +Bei der Wahl zum Präsidenten, die am 12. Februar stattfand, wurde +Schweitzer wieder mit 4744 gegen 249 Stimmen gewählt, eine Stimmenzahl, +die man auch nicht als besonderes Vertrauensvotum gegenüber den 9000 +Mitgliedern, die auf der Berliner Generalversammlung vertreten waren, +ansehen kann. + + * * * * * + +Zu den drei vorhandenen sozialdemokratischen Organisationen trat Anfang +1870 eine vierte, die allerdings nur unbedeutend war und eine kurze +Lebensdauer hatte. Die hartnäckige Gegnerschaft, die Schweitzer dem in +Augsburg erscheinenden "Proletarier" und seinen Hintermännern erwies, +erregte diese aufs äußerste. Und als nunmehr auch die Berliner +Generalversammlung sich gegen die Bayern erklärte, beschlossen diese +den Austritt aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und beriefen +auf Ende Januar einen sozialdemokratischen Kongreß nach Augsburg. An der +Spitze dieser Separatbildung standen Franz, Neff und Tauscher; alle drei +Schriftsetzer. Franz hat später eine vorzügliche Broschüre geschrieben: +"Herr Böhmert und seine Fälschungen der Wissenschaft. Von einem +Arbeiter. 1873." Franz starb vor wenig Jahren in Amerika. Neff starb +weit früher, Tauscher lebt noch heute als Parteigenosse in Stuttgart. +Von seiten des Braunschweiger Ausschusses wurde ich nach Augsburg +delegiert, um den Anschluß der bayerischen Genossen an unsere Partei +herbeizuführen und die Gründung einer vierten Fraktion zu verhüten. Auf +dem Kongreß waren nur neun Delegierte anwesend. Der Standpunkt, den ich +vertrat, war folgender: + + Die Bildung einer neuen Fraktion werde nur den Gegnern der + Arbeitersache nützen. Dieselben würden aufs neue über diese Spaltung + jubeln und darauf hinweisen, daß die Arbeiter zur Leitung ihrer + Angelegenheiten unfähig, als Partei ungefährlich seien, da sie trotz + aller prinzipiellen Uebereinstimmung sich nicht einigen könnten, + sondern rein formeller und persönlicher Bedenken wegen sich + gegenseitig zerfleischten. Ein weiterer zwingender Grund für die + Einigung sei die Verhütung der Zersplitterung der geistigen und + materiellen Kräfte der Arbeiter. An beiden litten die Arbeiter keinen + Ueberfluß. Je mehr Fraktionen, je mehr Verwaltungen müßten geschaffen + werden. Diese kosteten Geld, und so würden die sauer erworbenen + Groschen der Arbeiter allein durch diesen Verwaltungsapparat + aufgezehrt. Statt die Gelder zur Bekämpfung der Bourgeoisie und der + Reaktion zu verwenden, bekämpfe man sich gegenseitig, die nicht im + Ueberfluß vorhandenen geistigen Kräfte würden in diesem selben Kampfe + verbraucht und aufgerieben, ohne Nutzen für die Gesamtheit. Wohl sei + mir bewußt, daß man hauptsächlich zwei Bedenken gegen die + Verschmelzung habe. Das eine sei unser angebliches Bündnis, wohl gar + Verquickung mit der Volkspartei, das andere unsere Organisation, die + man als eine zu wenig einheitliche ansehe. Beide Einwände beruhten auf + Vorurteilen, durch diejenigen geschickt verbreitet und in die Massen + eingepflanzt, welche aus einer Berührung der Arbeiter mit dem + demokratischen Bürgertum für ihre eigene Stellung fürchteten + (Schweitzer, Mende) und unter der Firma: "Kampf gegen die radikale + Bourgeoisie", ihr Einverständnis mit der Reaktion verbergen wollten. + Volkspartei und sozialdemokratische Arbeiterpartei seien zwei + vollständig getrennte Parteien, jede habe ihr eigenes Programm und + ihre eigene Organisation. Was das Programm unserer Partei betreffe, so + brauchte ich es nicht weiter zu entwickeln, da man es ja nahezu + wörtlich auch diesem Kongreß zugrunde gelegt, unser Programm gehe aber + in seinem ersten Teile noch weiter, indem es das internationale + Programm in schärfster Fassung enthalte und klar und scharf seine + Stellung auch zum bestehenden Staate formuliere. Die "Volkspartei" sei + insofern mit uns einverstanden, als sie unsere politischen Forderungen + und auch einige unserer sozialen (Normalarbeitstag, Verbot der + Kinderarbeit) in ihrem Programm habe, also ein gewisses Stück Weg + neben uns hergehe. Sie in den Punkten zu bekämpfen, in denen sie + gleicher Meinung mit uns sei, sei Torheit; selbstverständlich würden + wir ihr aber überall da entgegentreten, wo Differenzen zwischen ihr + und uns beständen, also vorzugsweise auf dem sozialen Gebiet. Die + Volkspartei sei, das wüßten wir genauer als jeder andere, eine Partei, + die aus vermiedenen Elementen zusammengesetzt sei. Sie bestehe aus + großdeutschen konstitutionellen Monarchisten, bürgerlichen + Republikanern und einer kleinen Zahl von Leuten, welche im + wesentlichen auch unser soziales Programm anerkennten, letztere seien + indes sehr in der Minderheit. Einig sei die Volkspartei in dem Kampfe + gegen die großpreußischen Tendenzen, den Militarismus und Zäsarismus + und bekämpfe von diesem Standpunkt aus mit uns auch die uns feindlich + gesinnte Fortschritts- und nationalliberale Partei. Wir ständen also + zur Volkspartei in keinem anderen Verhältnis, als es sich aus der + Natur der beiderseitigen Standpunkte von selbst ergebe. Habe doch + Lassalle dasselbe der Arbeiterpartei gegenüber der Fortschrittspartei + im Jahre 1863 angeraten, ja Lassalle habe sogar an mehreren Stellen + seiner Schriften über "Verfassungswesen" sich selbst als Mann der + Volkspartei bezeichnet. Ebenso haltlos wie die beständigen Vorwürfe + über unser Verhalten zur Volkspartei seien die Einwendungen gegen + unsere Organisation. Lebten wir in Deutschland in einem freien Staat, + dann verstünde sich von selbst, daß wir nur praktische Gründe bei + Entwerfung einer Organisation im Auge zu behalten hätten. Deutschland + sei aber kein Freistaat, sondern bestehe aus Staaten, die zum größten + Teil sehr reaktionär seien, und in denen die Macht der Gesetze sich + unliebsamen Volksorganisationen sehr fühlbar mache. Die Auflösung des + Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in Sachsen, die Schließung der + vielen Gemeinden in Preußen, der Beschluß des preußischen + Obertribunals gegen den schleswig-holsteinischen Wahlverein, der eine + ähnliche Organisation gehabt habe wie der Allgemeine Deutsche + Arbeiterverein, die neuesten Vorgänge in Bayern bewiesen, wie das + Gesetz jederzeit die Organisation vernichten könne. Hätte Schweitzer + die Urteile der Untergerichte über seinen Verein durch alle + Appellinstanzen verfolgt, das Obertribunal hätte zweifellos die + Organisation als ungesetzlich anerkannt und wäre damit das Verbot des + Vereins für Preußen ausgesprochen worden. Schweitzer habe sich davor + gehütet, und wenn sein Verein dennoch existiere, dann habe er dies + einzig und allein der Gunst zu verdanken, deren er sich notorisch von + seiten des Berliner Polizeipräsidiums und der Regierung zu erfreuen + habe. Wir müßten eine Organisation schaffen, die mit der + Einheitlichkeit zugleich die formelle Unabhängigkeit der + Parteimitglieder an den einzelnen Orten vor dem Gesetz möglich mache. + Die Einheitlichkeit der Partei sei gewahrt in dem von der Partei + gewählten und in seinen Machtbefugnissen scharf begrenzten und + zugleich kontrollierbaren Parteiausschuß, wodurch jede "Führerschaft" + beseitigt und der Herrschaft einer einzelnen Person ein für alle Mal + ein Ende gemacht sei; ferner in regelmäßigen Steuern, die monatlich + jedes Parteimitglied leistet; und endlich in dem Parteiorgan, das + Eigentum der Partei sei, zu Privatzwecken also nicht benutzt werden + könne. Durch diese Einrichtungen sei also die Möglichkeit einer + kräftigen Agitation zur Verbreitung der Partei und die Geltendmachung + des Parteiwillens in allen Fragen gegeben. In den Lokalvereinen + könnten die Parteigenossen die Parteiangelegenheiten in der + ungehindertsten Weise besprechen und die lokale Agitation betreiben, + ohne daß das Gesetz eingreifen könne. Daß die von uns angenommene + Organisation wirklich und nicht bloß in der Einbildung gut sei, + beweise, daß trotz aller Verfolgungen, welche die Partei vom ersten + Tage ihres Bestehens zu erdulden gehabt habe, die Organisation noch + nicht angetastet worden sei, weil man es einfach nicht könne. Mit + einer Organisation, wie sie der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein + habe, würden wir längst zugrunde gerichtet worden sein. + + Habe die Polizei das Urteil des Obertribunals auf den Allgemeinen + Deutschen Arbeiterverein nicht angewandt, so kennzeichne das mehr als + alles andere das gute Einvernehmen des Chefs des Allgemeinen + Deutschen Arbeitervereins mit der preußischen Polizei. Wir hätten uns + einer solchen Gönnerschaft nicht zu erfreuen, wollten sie auch nicht + haben, müßten also unsere Organisation so einrichten, daß sie gegen + polizeiliche Uebergriffe sicher sei. Die Form sei übrigens für uns + Nebensache, die Hauptsache sei das Prinzip und seine Anwendung. Wir + gehörten nicht zu denen, die als Orthodoxe die äußere Form über die + Sache setzten, wir hielten die Organisation keineswegs für + unverbesserlich. Jedes Mitglied der Partei könne seinen Einfluß für + Aenderung derselben geltend machen, und gelänge es ihm, die Majorität + hierfür zu gewinnen, dann sei der Wille derselben entscheidend; die + ganze Verfassung der Partei sei mit einem Worte demokratisch. + +Ich hatte mit meinen Ausführungen kein Glück. Die Einberufer stießen +sich an unserer Stellung zur Volkspartei, die man, gerade weil sie ein +radikales Programm habe, als gefährlich am schärfsten bekämpfen müsse. +Auch passe ihnen unsere Organisation nicht. + +In dem Bericht, den ich in Nr. 10 des "Volksstaat" von 1870 +veröffentlichte, führte ich noch aus: + + Ich ergriff wiederholt das Wort und widerlegte die aufgestellten + Bedenken, sah aber sehr bald ein, daß alles Reden unnütz sei, da man + einmal fest entschlossen war, eine vierte Arbeiterfraktion mit dem + ganzen bureaukratischen Apparat einer solchen zu konstituieren. Ich + erklärte darauf, daß ich mein Mandat als erledigt betrachte und an den + öffentlichen Verhandlungen nur insofern noch teilnehmen würde, um eine + Erklärung über meine Stellung zu dem Kongreß abzugeben. + + Als kurz darauf die öffentliche Versammlung wieder aufgenommen wurde, + legte ich die Gründe dar, die mich verhinderten, weiter an den + Verhandlungen mich zu beteiligen. Zugleich benutzte ich diese + Gelegenheit, um nochmals öffentlich die Vorurteile entschieden + zurückzuweisen, die noch als Erbstück Schweitzerscher Erziehung gegen + unsere Partei in der Versammlung vorhanden sein möchten. Nachdem ich + geendet, zog ich mein Mandat zurück und verließ mit unseren + Parteigenossen den Saal. + + War die mir offiziell übertragene Mission auch als gescheitert zu + betrachten, so habe ich dennoch die moralische Ueberzeugung von + Augsburg mitgenommen, daß die Masse der Arbeiter es müde ist, sich + kleinlicher persönlicher oder formeller Bedenken wegen gegenseitig in + die Haare zu geraten. Die Arbeiter begreifen, daß nur in festem + Zusammenhalten, in der Vereinigung aller Kräfte die Gewähr des Sieges + für sie liegt, und ich müßte mich sehr täuschen, wenn nicht trotz der + jetzt konstituierten vierten sozialdemokratischen Fraktion der + Zeitpunkt sehr nahe herangekommen wäre, wo der vollständige Eintritt + in die sozialdemokratische Arbeiterpartei stattfinden wird. + +Die hier ausgesprochene Hoffnung erfüllte sich rasch. Bereits im Juni +fand auf dem Stuttgarter Kongreß eine Verständigung und der Uebertritt +der bayerischen Fraktion in unsere Partei statt. Auf meiner Rückreise +von Augsburg hielt ich in München eine Volksversammlung ab, in der als +Zuhörer der damals zwanzigjährige Georg v. Vollmar anwesend war, wie er +mir gelegentlich erzählte. + +Der Monat Januar 1870 war für mich noch insofern von besonderem +Interesse, als der Rat der Stadt Leipzig beschloß, dem +Arbeiterbildungsverein den Rest der städtischen Unterstützung von 200 +Taler jährlich zu entziehen, weil der Verein sich für das Eisenacher +Programm erklärt hatte. Die Stadtverordneten beschlossen wenige Tage +darauf nach einer heftigen Debatte mit 27 gegen 16 Stimmen, dem Beschluß +des Rats beizutreten. An demselben Abend wählte mich der Verein wieder +mit 121 gegen 20 Stimmen zu seinem Vorsitzenden. + + * * * * * + +Die Agitation zur Ausbreitung der Partei wurde seit Eisenach von uns in +ganz Deutschland mit allen Kräften betrieben. Unter den zahlreichen +Versammlungen, die auch ich abhielt, waren zwei in Plauen im Vogtland +gegen Dr. Max Hirsch dadurch von besonderem Interesse, daß der Inhalt +meiner Reden zu einer neuen Anklage gegen mich wegen Verbreitung +staatsgefährlicher Lehren Veranlassung gab. Als dann noch vor Erledigung +dieser Anklage das Strafgesetzbuch für den Norddeutschen Bund Geltung +erlangte, das diese Bestimmung des sächsischen Strafgesetzes nicht +enthielt, wurde das Material in dem nachher eingeleiteten +Hochverratsprozeß wider mich verwertet. Diese Versammlungen, die an zwei +Abenden hintereinander stattfanden, weil in der ersten die Debatte nicht +zu Ende kam, endeten mit einer vollständigen Niederlage Dr. Max +Hirschs, der damals Vertreter für den Plauener Wahlkreis im +norddeutschen Reichstag war. Zwei Jahre zuvor war ich Dr. Max Hirsch +auch in seiner Vaterstadt Magdeburg entgegengetreten und hatte ihm hier +ebenfalls eine große Niederlage beigebracht. In einer späteren +Magdeburger Versammlung, in der ich Schweitzers Treiben scharf +kritisierte, warf ein fanatischer Zimmerer ein Bierglas nach mir, das +hart an meinem Kopf vorbeiflog und an der Wand zerschellte. Wäre ich +getroffen worden, so würde ich höchst wahrscheinlich einen Schädelbruch +davongetragen haben. Diese Zeilen wären dann wohl nicht geschrieben +worden. Das waren eben Liebenswürdigkeiten, mit denen sich damals die +feindlichen Brüder traktierten. + + * * * * * + +Der Stuttgarter Kongreß der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei war von +uns auf den 4. bis 7. Juni einberufen worden. Anwesend waren 74 +Delegierte. Unter den Gästen befand sich auch Eduard Vaillant mit seinem +Freunde Dr. Mülberger, deren Bekanntschaft ich damals machte. Nach den +Bestimmungen der norddeutschen Bundesverfassung mußten Ende August 1870 +die Neuwahlen zum Reichstag stattfinden--die nachher der Ausbruch des +Deutsch-Französischen Krieges verhinderte--und so war die Frage der +Taktik bei den Wahlen ein Hauptthema in den Verhandlungen. Liebknecht +und ich, die wir über die praktische Beteiligung im Parlament in +Meinungsverschiedenheiten geraten waren, worüber ich noch an anderer +Stelle berichte, hatten uns auf folgende Resolution verständigt: + + "Die sozialdemokratische Arbeiterpartei beteiligt sich an den Reichs- + und Zollparlamentswahlen lediglich aus agitatorischen Gründen. Die + Vertreter der Partei im Reichstag und Zollparlament haben, soweit es + möglich, im Interesse der arbeitenden Klasse zu wirken, im großen und + ganzen aber sich negierend zu verhalten und jede Gelegenheit zu + benutzen, die Verhandlungen beider Körperschaften in ihrer ganzen + Nichtigkeit zu zeigen und als Komödienspiel zu entlarven. + + Die sozialdemokratische Arbeiterpartei geht mit keiner anderen Partei + Allianzen oder Kompromisse ein, dagegen empfiehlt der Kongreß bei den + Wahlen zum Reichstag und Zollparlament da, wo die Partei einen eigenen + Kandidaten nicht aufstellt, solchen Kandidaten ihre Stimmen zu geben, + die wenigstens in politischer Hinsicht wesentlich unseren Standpunkt + einnehmen. Namentlich empfiehlt der Kongreß in den Bezirken, wo die + Partei von Aufstellung eigener Kandidaten absieht, von anderen + Parteien aufgestellte wirkliche Arbeiterkandidaten zu unterstützen." + +Werth-Barmen beantragte, die Nichtbeteiligung an den Wahlen +auszusprechen; die Resolution sei inkonsequent. Dieser Antrag wurde +abgelehnt und unsere Resolution angenommen. + +Darauf kam die Grund- und Bodenfrage zur Verhandlung, für die ich +Berichterstatter war. Die von mir vorgeschlagene Resolution lautete: + + "In Erwägung, daß die Erfordernisse der Produktion wie die Anwendung + der Gesetze der Agronomie--wissenschaftlichen Bewirtschaftung des + Bodens--den Großbetrieb beim Ackerbau erheischen und, ähnlich wie in + der modernen Industrie, die Einführung von Maschinen und die + Organisation der ländlichen Arbeitskraft notwendig machen, und daß im + allgemeinen die moderne ökonomische Entwicklung den Großbetrieb im + Ackerbau erstrebt;--in Erwägung, daß demgemäß bei dem Ackerbau wie bei + der Großindustrie die allmähliche Verdrängung der kleinen und + mittleren Eigentümer durch die Großbesitzer vor sich geht, das Elend + und das Abhängigkeitsverhältnis der weitaus größten Mehrzahl der + Ackerbaubevölkerung zugunsten einer kleinen Minorität stetig zunimmt + und dies den Gesetzen der Humanität und Gerechtigkeit + zuwiderläuft;--in Erwägung, daß die produktiven Eigenschaften des + Bodens, die keine Arbeit erheischen, das Material aller Produkte und + aller brauchbaren Dinge bilden: spricht der Kongreß die Ansicht aus, + daß die ökonomische Entwicklung der modernen Gesellschaft es zu einer + gesellschaftlichen Notwendigkeit machen wird, das Ackerland in + gemeinschaftliches Eigentum zu verwandeln und den Boden von Staats + wegen an Ackerbaugenossenschaften zu verpachten, welche verpflichtet + sind, das Land in wissenschaftlicher Weise auszubeuten und den Ertrag + der Arbeit nach kontraktlich geregelter Uebereinkunft unter die + Genossenschafter zu verteilen. Um die vernünftige und + wissenschaftliche Ausbeutung des Grund und Bodens zu ermöglichen, hat + der Staat die Pflicht, durch Einrichtung entsprechender + Bildungsanstalten die nötigen Kenntnisse unter der ackerbautreibenden + Bevölkerung zu verbreiten. + + Als Uebergangsstadium von der Privatbewirtschaftung des Ackerlandes + zur genossenschaftlichen Bewirtschaftung fordert der Kongreß, mit den + Staatsdomänen, Schatullengütern, Fideikommissen, Kirchengütern, + Gemeindeländereien, Bergwerken, Eisenbahnen usw. zu beginnen, und + erklärt sich deshalb gegen jede Verwandlung des oben angeführten + Staats- und Gemeinbesitzes in Privatbesitz." + +Der Schlußsatz der Resolution wurde mehrfach angefochten, man solle +nicht ins Detail gehen. Schließlich aber wurde der Resolution +zugestimmt. + +Da um jene Zeit in Wien der Hochverratsprozeß gegen die Führer der +österreichischen Arbeiter, Oberwinder, Andreas Scheu, Johann Most usw. +bevorstand, ferner die österreichische Regierung die Führer der +Arbeiterbewegung mit fanatischem Haß verfolgte und der "Sozialdemokrat" +fortfuhr, Liebknecht als Agenten der österreichischen Regierung +anzugreifen, schlug folgende Resolution vor: + + "Der Kongreß erklärt, daß die österreichische Regierung durch ihre + Haltung gegenüber der Arbeiterbewegung und durch die aller + Menschlichkeit hohnsprechende Behandlung der eingekerkerten Arbeiter + sich den Haß und die Verachtung der Arbeiter aller Nationen erworben + hat." + +Die Resolution wurde unter stürmischem Beifall des Kongresses +angenommen. + +Als Kongreßort für das Jahr 1871 wurde Dresden gewählt. + + + + +Schweitzers Ende. + + +Während die geschilderten Vorgänge sich zutrugen, setzte der +"Sozialdemokrat" seine Angriffe mit ungeschwächten Kräften und ohne +Bedenken über die Wahl der Kampfmittel gegen uns fort. So war es zum +Beispiel jetzt bei ihm Sitte geworden, daß er beständig Artikel aus dem +nationalliberalen _"Frankfurter Journal"_, das ein Organ unserer Partei +sei, abdruckte und gegen uns verwertete. Die Verlogenheit konnte kaum +weitergetrieben werden. Aber es kam noch besser. + +Unter dem Datum des 3. Juli veröffentlichte der "Volksstaat" einen +Aufruf des Braunschweiger Ausschusses, worin dieser aufforderte, die +Vorbereitungen zu den Reichstags- und Zollparlamentswahlen zu treffen, +wobei er entsprechend den Beschlüssen des Stuttgarter Kongresses darauf +hinwies, daß in Wahlkreisen, in denen wir selbst keinen Kandidaten +aufstellten, zu erwägen sei, ob nicht dem Kandidaten einer anderen +Arbeiterpartei mit unseren Stimmen zum Siege verholfen werden könne. Der +Braunschweiger Ausschuß ahnte damals nicht, daß schon am Tage vorher, +den 2. Juli, in einer Vorstandssitzung des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins in Hannover Schweitzer Anträge eingebracht hatte, denen +der Vorstand seine Zustimmung erteilt hatte, die folgendermaßen +lauteten: + + "1. Bei der engeren Wahl zwischen einem Reaktionär (Konservativen) und + einem Liberalen: Stimmabgabe für den Liberalen. + + 2. Bei der engeren Wahl zwischen einem Reaktionär und einem + Volksparteiler (Ehrlichen, womit er uns meinte): _Stimmenthaltung_. + + 3. Bei der engeren Wahl zwischen zwei Liberalen: Stimmabgabe für den + weitergehenden Kandidaten. + + 4. Bei der engeren Wahl zwischen einem Liberalen und einem + _Volksparteiler (Ehrlichen): Stimmabgabe für den Liberalen_." + +Die ersten drei Punkte waren einstimmig, der vierte gegen vier Stimmen +angenommen worden. + +Man kann sich die Empörung vorstellen, die uns ergriff, als wir diesen +Beschluß lasen, den wir als eine _Infamie ersten Ranges_ ansahen. Es war +klar, daß Schweitzer und Tölcke den fanatischen Haß der +Vorstandsmitglieder gegen uns benutzt hatten, um diesen infamen +Beschluß, der die der Bismarckschen Politik am feindlichsten +gegenüberstehende Partei traf, durchzusetzen. Richter-Wandsbeck hat +später erklärt, _er habe gegen den Antrag gestimmt, weil er gewußt, daß +Schweitzer ihn im Auftrag der Regierung gestellt habe_. Ich lasse das +dahingestellt sein. Zweifellos entsprach aber dieser Beschluß _den +Wünschen Bismarcks_, und das genügte. + +Sobald der Beschluß in unseren Reihen bekannt wurde, erließ der +Braunschweiger Parteiausschuß unterm 11. Juli einen Aufruf, in dem es +hieß: "daß ungeachtet jenes Beschlusses unsere Parteigenossen, wo dies +im Interesse der Arbeitersache liege, _den Kandidaten des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins unterstützen sollten, treu dem Gedanken, daß +die Organisation dazu da sein solle, die Einigung aller +sozialdemokratischen Arbeiter zu ermöglichen"._ Im weiteren hieß es +alsdann: + + "Dem Herrn v. Schweitzer aber, der in der gehässigsten und + verwerflichsten Weise Arbeiter gegen Arbeiter, Sozialdemokraten gegen + Sozialdemokraten zu hetzen sucht, sind wir um der Arbeitersache + verpflichtet, mit aller Energie entgegenzutreten. Daher fordern wir + die _Parteigenossen in Barmen-Elberfeld_, dem klassischen Boden für + diesen Kampf, auf, die nötigen Schritte in dieser Richtung ohne Säumen + zu tun; _die Partei ist schuldig und verbunden, die allgemeine + Bewegung von einem Menschen zu säubern, der, unter dem Deckmantel + einer radikalen Gesinnung, bisher im Interesse der preußischen + Staatsregierung alles getan hat, dieser Bewegung zu schaden._ Die + Partei wird den Genossen in Barmen-Elberfeld zur Seite stehen. Nun + kräftig vorwärts!" + +Am 13. Juli mußte der "Sozialdemokrat" bekanntmachen, daß sein Format +verkleinert werden müsse, weil die verlangten 500 neuen Abonnenten nicht +gekommen seien. Das war die Antwort auf die prahlerische Ankündigung am +Schlusse des Vorjahres, das Format des Blattes zu vergrößern. Die Zahl +habe sich kaum um 100 vermehrt. Bald darauf mußte aber sowohl der +"Sozialdemokrat" wie der "Volksstaat", der Ende März 1870 2000 +Abonnenten hatte, weitere Raumbeschränkungen eintreten lassen. Es brach +plötzlich der Deutsch-Französische Krieg aus, der von beiden Fraktionen +zahlreiche Parteigenossen unter die Waffen rief, andere durch +hereinbrechende Arbeitslosigkeit brotlos machte. + +Auf die Ursachen und die Entwicklung dieses Krieges komme ich in anderem +Zusammenhang zu sprechen. Liebknecht und ich betrachteten denselben als +einen solchen, an dem Napoleon und Bismarck gleichmäßig schuldig seien, +und enthielten uns bei der verlangten Kriegsanleihe der Abstimmung, was +wir durch eine Erklärung zu den Akten des Reichstags motivierten. Anders +Schweitzer und Genossen. Nach Schweitzer war der Krieg nicht nur ein +Krieg gegen das deutsche Volk, _sondern gegen den Sozialismus._ Und +jeder Deutsche, der sich dem Friedensbrecher entgegenwerfe, kämpfe nicht +nur fürs Vaterland, _sondern auch gegen den Hauptfeind der Ideen der +Zukunft, für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit._ + +Den Sozialismus mit dem Kriege in Verbindung zu bringen, war zwar +grandioser Blödsinn, aber in jener aufgeregten Zeit, in der der größte +Unsinn geglaubt wurde, wenn er sich gegen uns richtete, lag Methode in +diesem Verhalten. + +Mitten in die Kriegswirren traf die Nachricht aus Wien ein, daß +Oberwinder, Andreas Scheu, Most und Papst wegen Hochverrats, ersterer zu +sechs Jahren, die anderen zu fünf bis drei Jahren Zuchthaus, verschärft +für jeden durch einen Fasttag im Monat, verurteilt worden seien. +Außerdem wurde für Oberwinder und Most die Ausweisung aus den +österreichischen Ländern nach verbüßter Strafe ausgesprochen. Die +übrigen Angeklagten wurden zu geringeren Strafen verurteilt. Ein +Hauptanklagepunkt war die Beteiligung am Eisenacher Kongreß (Oberwinder +und Scheu) und die Anerkennung des Eisenacher Programms, das nur durch +Gewalt durchgesetzt werden könne. + +An der Hatz, die jetzt gegen uns seitens fast der gesamten Presse wegen +unseres Verhaltens im Reichstag inszeniert wurde, beteiligte sich der +"Sozialdemokrat" in hervorragendem Maße, der uns "Landesverräter" und +ähnliche schöne Titel anhängte. Damit nicht genug, sandte Schweitzer +verschiedene seiner Agitatoren nach Leipzig, die dort die Massen gegen +uns aufhetzen sollten. Zunächst kam Hasenclever, dessen Versammlung +durch ein Plakat angekündigt wurde, in dem es hieß: "Sämtliche Arbeiter, +Bürger und Bewohner der Stadt werden zu dieser Versammlung freundlichst +eingeladen. Während unsere Truppen im Felde stehen, scheint eine +öffentliche Kundgebung des echt deutschen Sinnes unserer Einwohnerschaft +einzelnen undeutschen Elementen gegenüber, die sich auch hier bemerklich +machen, dringend geboten. Der Bevollmächtigte des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins." + +Hasenclever machte aber schlechte Geschäfte; wir hatten die Mehrheit in +der Versammlung, und so wurde die von uns vorgeschlagene Resolution +angenommen. Weit schlimmer ging es in der Versammlung zu, in der nach +ihm Wolf-Hamburg und Armborst-Stettin sprechen sollten. Hier kam es +sofort zu tumultuarischen Szenen, die bald in ein Handgemenge +ausarteten, dem der erschreckte Wirt durch Ausdrehen der Gasflammen ein +Ende bereitete. Als wir nach der Versammlung in unserem Vereinslokal uns +zusammenfanden, kam die Kunde, die Schweitzerianer seien nach +Liebknechts Wohnung gezogen, um diesem die Fenster einzuwerfen. Im +Sturmschritt eilten wir auf dem kürzesten Wege nach Liebknechts Wohnung, +kamen aber leider einige Minuten zu spät. In der Tat waren Liebknecht +eine Anzahl Fensterscheiben eingeworfen worden, und war dadurch Frau +Liebknecht, die ahnungslos in der Stube saß und ihrem ersten Sprößling +die Brust reichte, aufs tiefste erschreckt worden. Voll Zorn eilten wir +den Attentätern nach und erreichten sie in der Nähe der inneren Stadt, +worauf sie regelrecht verprügelt wurden. Kurz darauf meldete der +"Sozialdemokrat" die Heldentat seiner Anhänger mit den Worten: + + "Der Volkszorn gegen das landesverräterische Treiben der Volkspartei + hat einen Ausbruch gefunden. Liebknecht sind die Fenster eingeworfen + worden." + +Einige Tage später hatten mir eine Anzahl Studenten eine ähnliche +Ovation zugedacht. Zu dem Fenstereinwurf sollte noch eine Katzenmusik +kommen. Zum Glück wohnte ich hinten im Hofe im Hause eines +Großkaufmanns. Sobald der Hauswart erfuhr, was die eines Abends +heranziehenden Studenten beabsichtigten, schloß er rasch das Tor; so +mußten sie unverrichteter Sache abziehen. + +Alle diese Hetzereien, die weiter aufzuzählen sich nicht lohnt, erregten +derart meine Wähler, daß diese, meist arme Teufel, sich veranlaßt sahen, +mir einen silbernen Lorbeerkranz, begleitet von einem Uhlandschen +Sinngedicht, zu überreichen. Würde ich von dieser Absicht eine Ahnung +gehabt haben, ich hätte ihre Ausführung verhindert. + +Ende August 1870 machte Tölcke im "Iserlohner Kreisblatt" bekannt, daß +er vorläufig die Politik an den Nagel gehangen und sich als Volksanwalt +niedergelassen habe. Damit war eine der festesten Säulen Schweitzers +geborsten. Aber jetzt trat auch im "Sozialdemokrat" plötzlich eine +Schwenkung ein, der Draht nach oben war offenbar zerrissen. Der Krieg +mit seinen ununterbrochenen Siegen der deutschen Waffen führte +Süddeutschland und fast das gesamte Bürgertum Norddeutschlands zu den +Füßen Bismarcks. Selbst in den Kreisen der süddeutschen Volkspartei +feierte der Chauvinismus wahre Orgien. Jetzt konnte ein Schweitzer +Bismarck mehr schaden als nützen; es hatte keinen Zweck mehr, ihn zu +halten. + +Am 31. August wendete sich der "Sozialdemokrat" gegen eine gewaltsame +Annexion von Elsaß-Lothringen. Anfang September, nach der Gefangennahme +Napoleons, sprach er sich für Abschluß eines Waffenstillstandes und +gegen den Gedanken einer Wiedereinsetzung Napoleons aus. Genau also wie +wir im "Volksstaat". Am 14. September veröffentlichte der +"Sozialdemokrat" einen Leitartikel, in dem er sich gegen die stehenden +Heere aussprach und sich dabei auf Gneisenau berief. + +Als er die Verhaftung August Geibs in Hamburg meldete, der das Schicksal +des Braunschweiger Ausschusses teilte, dessen Mitglieder man mit Ketten +gefesselt nach der Festung Lötzen geschleppt hatte, bemerkte er +ingrimmig: Liebknecht und Bebel, die andere für sich die Kastanien aus +dem Feuer holen ließen, befänden sich als Haupthetzer in Sicherheit. Er +brauchte nicht allzulange zu warten, und seine Sehnsucht nach unserer +Verhaftung wurde gestillt. Als dann auch Johann Jacoby und +Herbig-Königsberg verhaftet und ebenfalls nach Lötzen geschleppt wurden, +wendete sich jetzt der "Sozialdemokrat" gegen diese Verhaftung. Anfang +November 1870 meldete das Blatt, daß Petzold-Leipzig, einer seiner +fanatischsten Anhänger, aus dem Vorstand des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins ausgetreten sei. Er wollte von Schweitzer nichts mehr +wissen. + +Für den 24. November war der Reichstag wieder einberufen worden, um +unter anderem über eine neue Geldbewilligung für Fortsetzung des Krieges +zu beschließen. Jetzt kündigte der "Sozialdemokrat" an, daß diesmal die +Abgeordneten der Partei gegen die Geldbewilligung stimmen würden. Der +Krieg, der anfangs ein Verteidigungskrieg gewesen, sei jetzt zu einem +Eroberungskrieg geworden. Er war also nunmehr auch hierin auf unserem +Standpunkt. Bei den außerordentlich heftigen Debatten, die Liebknecht +und ich beständig im Reichstag provozierten, verhielten sich Schweitzer +und Genossen vollkommen schweigsam, sie griffen mit keinem Worte in die +Debatte ein. Nur als Liebknecht in einer Rede sich gegen die +Unterstellung wandte, wir seien mehr die Freunde Frankreichs als +Deutschlands, und bemerkte: Ich will lieber der gute Bruder des +französischen Volkes als der gute Bruder des Schurken Napoleon sein, +rief Schweitzer ein lautes Bravo! Bravo! dazwischen. Das war die einzige +Aeußerung, die er in den Kriegsdebatten machte. + +Am 17. Dezember wurden Liebknecht, Hepner (der Mitredakteur des +"Volksstaat") und ich in unseren Wohnungen polizeilich überfallen, und +nachdem eine Durchsuchung unserer Wohnungen stattgefunden hatte, wurden +wir für verhaftet erklärt und in Untersuchungshaft abgeführt. Wir waren +also, da die Untersuchungshaft bis Ende März 1871 dauerte, während des +Wahlkampfes, der nach Neujahr einsetzte, vollständig lahmgelegt, das +verhinderte aber Herrn v. Schweitzer nicht, am 8. Januar im +"Sozialdemokrat" nochmals die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins darauf hinzuweisen, daß der Beschluß des +Vereinsvorstandes vom 2. Juli des verflossenen Jahres betreffend ihr +Verhalten bei engeren Wahlen sich gegen uns, die Eisenacher Ehrlichen, +richte. Das brachte dieser Mensch fertig, während wir in strengster +Einzelhaft hinter Schloß und Riegel saßen und Staatsanwalt und Richter +einen Hochverratsprozeß gegen uns zusammenbrauten. + +Aber die Leipziger Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +besaßen zuviel Ehrgefühl und Klassenbewußtsein, um diesem Winke zu +folgen; sie machten mit unseren Parteigenossen gemeinsame Sache, indem +sie mich als Kandidaten für Leipzig aufstellten. Auch weigerte sich eine +Anzahl Kandidaten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, eine +Erklärung zu unterschreiben, worin sie sich in ihrer Taktik bei einer +engeren Wahl gegen uns festlegen sollten. Herr v. Schweitzer hatte +wieder einmal den Bogen überspannt. + +Am 3. März 1871, dem Tage des Friedensschlusses, der mit Berechnung als +Wahltag gewählt worden war, veröffentlichte der "Sozialdemokrat" einen +Leitartikel, der die größte Siegeszuversicht atmete. Aber am Abend jenes +Tages wurde gemeldet, daß nirgends ein Sieg erfochten worden war und +Schweitzer in Barmen-Elberfeld mit dem Kandidaten der Konservativen, +Herrn v. Kusserow, in engere Wahl komme. Es war dieses derselbe Herr v. +Kusserow, der im Herbst 1867 an Schweitzer 400 Taler zahlte als +Wahlkostenbeitrag der Konservativen für seine Wahl. In der engeren Wahl +unterlag Schweitzer mit 8477 gegen 9540 Stimmen. _Diese Niederlage +brachte bei ihm den Entschluß zur Reife, sich vom öffentlichen Leben +zurückzuziehen,_ was wohl am deutlichsten für seinen Charakter spricht. +In einer langen Ansprache im "Sozialdemokrat" vom 26. März "An die +Partei" kündigt er an: _er könne die Leitung fortan nicht beibehalten,_ +sein Entschluß sei unwiderruflich. Indem er auf das Wahlergebnis +hinweist, bemerkt er, daß dasselbe zwar nicht die Ursache seines +Rücktritts sei, aber es gebe ihm allerdings Gelegenheit, den längst +beabsichtigten Rücktritt zu verwirklichen. Zahlreiche Parteigenossen in +seiner Umgebung könnten bezeugen, daß er schon seit einem Jahre hierzu +entschlossen sei. Er werde sein Amt bis zur nächsten Generalversammlung +beibehalten, und nachdem die Partei ihn von seiner Geschäftsgebarung +entlastet habe, die Gewalt in die Hände der höchsten Behörde der Partei +niederlegen. + +Der eigentliche Grund seines Rücktritts sei: er habe lange Jahre +hindurch Zeit, Arbeitskraft, Seelenruhe und Geld für die Arbeiterpartei +geopfert. Niemand könne ihm zumuten, diese Opfer weiter fortzusetzen.... +Er habe das Seinige getan, habe lange genug auf dem Posten gestanden, um +verlangen zu dürfen, daß Ablösung stattfinde. + +Diese Ankündigung war für den Verein wie für die Gegner Schweitzers eine +Ueberraschung. Bisher hatte sein Gebaren nicht gezeigt, daß er es satt +habe, auf dem Posten weiter zu stehen, auf den der Verein ihn gestellt. +Alle seine Maßnahmen bewiesen das Gegenteil. Es mag zugegeben werden, +daß er sich seit einem Jahre mit dem Gedanken eines eventuellen +Rücktritts trug und ihn auch diesem oder jenem aus seiner Umgebung +gegenüber äußerte. Aber ernsthaft daran geglaubt hat wohl niemand. Was +seinen Entschluß zunächst hervorgerufen haben mochte, waren wohl die +Erfahrungen in Barmen-Elberfeld und der Verlauf der Berliner +Generalversammlung im Januar 1870, die ihm beweisen mußten, daß es ihm +nie gelingen werde, das volle Vertrauen des Vereins zu erwerben, ja daß +im Gegenteil das Mißtrauen und die Unzufriedenheit mit seiner Leitung +und seinem Verhalten wuchs. Er hatte doch zu viel Anklagematerial +geliefert, zu sehr durch zahlreiche Handlungen Kopfschütteln und +Mißfallen erregt, als daß man schließlich es noch fertig brachte, wegen +der glänzenden Eigenschaften, die er als Parteiführer besaß, über das +Vorgekommene hinwegzusehen, wie das bisher geschehen war. Diesen +Eigenschaften zuliebe hatte man ihm vieles verziehen, was der Verein +unter anderen Umständen sich niemals würde haben bieten lassen. Aber +dieses Maß von Nachsicht ging auf die Neige. Andererseits erkannte er, +_daß er auf die Dauer den Krieg gegen uns mit Aussicht auf Erfolg nicht +fortführen konnte_. Trotz aller Mängel, die damals unsere Partei noch +aufwies in ihrer Organisation und im festen Zusammenschluß ihrer +Glieder, die Partei wuchs beständig, und ihr moralisches Ansehen war in +den Augen ihrer Gegner unbestritten. Es konnte also bald der Tag für ihn +kommen, an dem er einen Friedensschluß mit uns suchen mußte, was einer +Verurteilung seines ganzen bisherigen Verhaltens gleichkam. Diesem Gang +unter das kaudinische Joch, als das er ihm erschien, wollte er sich +nicht unterwerfen. Dieser Möglichkeit zog er die Preisgabe seiner +Stellung im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein vor, die auch nach oben +hin haltlos geworden war. + +Schweitzer hatte auch bereits die Fühler für die Gewinnung einer +bürgerlichen Stellung ausgestreckt. Im Januar 1871 war ein dreiaktiges +Drama von ihm, betitelt "Kanossa", über eine der Berliner Bühnen +gegangen, wodurch er zeigte, daß bei ihm dramatisches Geschick vorhanden +war. Auf diesem Gebiet arbeitete er nunmehr weiter. + + * * * * * + +Am 30. April hatte ein Teil des _Lassalle_schen Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins seine Auflösung und seinen Uebertritt in unsere Partei +beschlossen. Auch August Kühn, damals in Bremen, trat in einem "Offenen +Brief" für eine Einigung der verschiedenen Fraktionen ein, die +namentlich hinsichtlich der gewerkschaftlichen Bewegung eine absolute +Notwendigkeit sei. + +Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins war vom +30. April auf den 19. Mai vertagt worden. Aber Ende April ließ +Schweitzer den "Sozialdemokrat" eingehen, so daß nunmehr der Verein ohne +Organ war. + +Auf dieser Generalversammlung nahmen namentlich die Verhandlungen über +die Kassenzustände einen sehr weiten Raum ein; sie endeten damit, daß +ein Antrag Frohmes einstimmig angenommen wurde, lautend, "_dem +Präsidenten eine Rüge zu erteilen_ wegen der teilweise höchst +unzweckmäßigen Verwendung der Gelder für die Agitation". Im Laufe der +weiteren Verhandlungen setzte Schweitzer auseinander, daß finanzielle +Gründe ihn gezwungen hätten, den "Sozialdemokrat" Ende April eingehen zu +lassen. Er hob dabei hervor, _daß der "Sozialdemokrat" zu keiner Zeit +seine Kosten gedeckt habe,_ also auch kein Redaktionsgehalt ihm +einbringen konnte. Ein Delegierter gab an, daß vom 1. Oktober 1870 bis +1. Januar 1871 der "Sozialdemokrat" zirka 1700 Abonnenten verlor. Der +"Volksstaat" verlor in der gleichen Zeit 300. Die Generalversammlung +beschloß, den "Sozialdemokrat" in der alten Form wieder erscheinen zu +lassen, und zwar als Vereinseigentum. Das Blatt erschien unter dem Titel +"Neuer Sozialdemokrat" vom 1. Juli ab. Ferner wurde beschlossen, eine +Verwaltungs-und Beschwerdekommission von drei Mitgliedern einzusetzen. +An Stelle Schweitzers wurde Hasenclever zum Vereinspräsidenten gewählt, +Hasselmann wurde erster Redakteur, Derossi Sekretär. Der Präsident wurde +von jetzt ab mit 50 Talern monatlich honoriert. + +Schließlich sprach die Generalversammlung _einstimmig Schweitzer ihren +herzlichen Dank aus für seine tatkräftige Leitung der Partei und +bedauerte, ihn nicht länger auf diesem Posten und an ihrer Spitze zu +haben._ Offenbar wollte man ihm eine goldene Brücke bauen und die +Genugtuung verbergen, die sein Rücktritt bei vielen seiner früheren +Anhänger hervorrief. + +Zu diesem einstimmigen Vertrauensvotum standen die Verhandlungen im +_grellen Widerspruch_, die im nächsten Jahr auf der Generalversammlung +des Vereins zu Berlin vom 22. bis 25. Mai 1872 gepflogen wurden. Auf +dieser wurde das Protokoll der Vorstandssitzung in Hannover vom 3. März +1872 verlesen, auf der Tölcke, der frühere Vertrauensmann Schweitzers, +ausgeführt hatte: + + _"Wenn man die Geschichte des Vereins betrachte, so falle es einem in + die Augen, daß jedesmal, wenn derselbe in die Höhe ging, irgend ein + Experimentchen gemacht wurde, das ihn wieder herunterbrachte."_ + +Worauf ihm mit Recht geantwortet wurde, daß er diese Experimente +mitgemacht, aber bisher geschwiegen habe. Weiter äußerte Tölcke: + + "Schweitzer habe keine Vereinskarten drucken lassen, weil er das + einkommende Geld sofort selbst konsumierte. Er (Tölcke) habe den + Agitatoren das doch nicht schreiben können, dann wären immer neue + Risse in der Partei entstanden. Aurin habe damals gesagt, die + _Verbandskasse_ sei nicht in Ordnung; das sei richtig gewesen, _da + Schweitzer 500 Taler aus der Verbandskasse genommen_ und zu seinem + Bankier getragen habe. Man habe in Rücksicht auf die Partei darüber + geschwiegen." + +Weiter erzählte Tölcke: + + _"Schweitzer stehe mit dem Polizeipräsidium in Verbindung und + hinterbringe demselben alles, was passiere. Schweitzer habe ihm kurz + vor dem Antritt seiner Haft in Rummelsburg gesagt, daß er (Redner) + sich zu jeder Zeit, wenn etwas passiere, an das Polizeipräsidium + wenden könne; er sei auch mit ihm dorthin gegangen und habe ihn + daselbst vorgestellt, wobei Schweitzer eine große Kenntnis der + Räumlichkeiten dort entwickelte. Nachher sei er mit ihm um den ganzen + Hof herum gegangen, wo sämtliche Hauptleute usw. aufgepflanzt waren + und den Doktor freundlich grüßten. Dann sagte ihm Schweitzer auch, daß + er (Redner) jederzeit zum Minister des Innern kommen könne."_ + +Hierauf wurde Tölcke abermals mit Recht erwidert, _er_ habe die Partei +immer im Dunkeln tappen lassen, noch auf der vorigen Generalversammlung +habe er Schweitzer verteidigt. Ein anderer Redner meinte: Nach seinen +eigenen Angaben sei Tölcke ein weit _schlimmerer Verräter_ als +Schweitzer. Ein dritter Redner äußerte: + + "_Er bemerke die Anwesenheit Doktor Schweitzers und frage an, ob auch + Nichtmitglieder anwesend sein dürfen. Könne sich Schweitzer weder als + Mitglied noch als überwachender Polizeibeamter ausweisen, so habe er + ohne weiteres das Lokal zu verlassen._" + +Es wird konstatiert, daß Schweitzer seit seinem Rücktritt vom Präsidium +keine Beiträge mehr bezahlte, also kein Mitglied des Vereins mehr sei. +Schweitzer verließ hierauf das Lokal. + +_Lingner beantragte alsdann, einen Beschluß zu fassen, daß Schweitzer +nicht mehr in den Verein aufgenommen werden dürfe, er wolle ihn +ausgeschlossen wissen._ + +Bei der Abstimmung wurde der Antrag, _daß Schweitzer nicht mehr in den +Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein aufgenommen werden könne, mit 5595 +gegen 1177 Stimmen bei 1209 Enthaltungen angenommen._ + +So endete Schweitzers politische Laufbahn. Er war preisgegeben und +verurteilt selbst von denen, die ihm viele Jahre ein fast unbegrenztes +Vertrauen schenkten oder wie Tölcke seine Helfershelfer waren. Mayer +meint in seinem von mir mehrfach zitierten Buche über Schweitzer, es +wären die literarischen Gefälligkeiten gegen den konservativen +Sozialpolitiker Rudolf Meyer gewesen, die Schweitzers Ausschluß aus dem +Verein herbeigeführt hätten. Das ist ein Irrtum, _so_ empfindlich war +man in jener Zeit im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein nicht. Auch +hätte alsdann _Hasenclever_ ausgeschlossen werden müssen, der, wie +_allbekannt_ war, damals ebenfalls mit Rudolf Meyer im Verkehr stand. +Dieser Verkehr wäre aber auch kein Grund zu einem Ausschluß aus der +Partei gewesen. Haben doch auch Fr. Engels und ich später zu Rudolf +Meyer in persönlichen Beziehungen gestanden, der 1893 in Prag unser +Führer durch die Stadt war. Ich meine, an den gewichtigsten Gründen für +den betreffenden Beschluß gegen Schweitzer mangelte es dem Verein nicht, +man brauchte nicht nach anderen zu suchen. + +Mit Schweitzer schied eine Persönlichkeit aus dem politischen Leben, +die, wenn sie zu ihren sonstigen Eigenschaften auch die Eigenschaften +gehabt hätte, _die der Führer einer Arbeiterpartei unbedingt haben muß,_ +Selbstlosigkeit, Ehrlichkeit und volle Hingabe an die zu vertretende +Sache, unbestreitbar der erste Führer der Partei bis an sein Lebensende +geblieben wäre, wie ich das schon hervorhob. Man mag diese großen Fehler +seiner Persönlichkeit bedauern, übersehen durfte man sie nicht. Unter +den damaligen Verhältnissen wäre er der gegebene Mann gewesen. Viele +Jahre erbitterter Kämpfe, in denen Zeit, Kraft, Gesundheit und Geld zur +Freude der gemeinsamen Gegner verschwendet und verpufft wurden, was +wieder ungezählte Kräfte abhielt, sich der Bewegung anzuschließen, wären +unmöglich gewesen. Die Saat, die Schweitzer gesät, trug auch weiter ihre +Früchte. Wohl hatte er die Ideen des Sozialismus in seltener Klarheit +und Lebendigkeit den Massen beizubringen verstanden--das war sein +Verdienst, und diese Tätigkeit stand mit der zweideutigen politischen +Rolle, die er spielte, durchaus nicht im Widerspruch--, aber politisch +hatte er Unheil gesät, den Fanatismus großgezogen und durch den Apfel +der Zwietracht eine dauernde Spaltung und damit die Schwächung der +Arbeiterbewegung aufrecht zu erhalten versucht. + +Dieses war nach meiner Ueberzeugung seine eigentliche Aufgabe. Die +Richtigkeit derselben wird bestätigt durch die bereits zitierte +Aeußerung Tölckes auf der Berliner Generalversammlung, "daß bei einem +Blick auf die Geschichte des Vereins es in die Augen falle, daß, sobald +derselbe in die Höhe ging, irgend ein Experiment gemacht worden sei, das +ihn wieder herunterbrachte". Dafür liefert die Geschichte des Vereins +zahlreiche Beispiele. Genau so ging es mit den Gewerkschaften. Nachdem +ihre Gründung, weil im Zuge der Zeit liegend, unumgänglich war, mußte +eine möglichst widersinnige Organisation ihre Entwicklung hemmen. Wenn +hier Schweitzer seinen Zweck nicht erreichte, so, weil die Bewegung viel +zu gesund war, um sich in spanische Stiefel schnüren zu lassen, sie +wuchs ihm über den Kopf. + +Der eigentliche Zweck seiner Tätigkeit, und in Bismarcks Augen ihr +Hauptzweck, war, _eine der Regierung politisch gefügige Arbeiterbewegung +zu schaffen._ Darum wurde als Grenzlinie für ihre Opposition der +Standpunkt der Fortschrittspartei festgehalten, jener Partei, die nach +Schweitzers Diktum in sozialen Dingen die Partei des Rückschritts war. +Daß Schweitzer nach alledem, was ich hier an Tatsachen zusammengestellt +habe, im Dienste Bismarcks stand, kann nicht dem geringsten Zweifel mehr +unterliegen. Daß man die Summen nicht kennt, die er für seine Rolle +bezog, beweist nichts. Dergleichen wird nicht, wie ich wiederhole, auf +offenem Markte abgemacht, und daß bei einem Manne wie Schweitzer auch +nicht subalterne Beamte damit zu tun hatten, ist sicher. Nach meiner +Ueberzeugung wußte nicht einmal der Berliner Polizeipräsident darüber +Genaueres. + +Gegen seine Bestechung spricht auch nicht, daß er beständig und bis an +sein Lebensende sich mit Gläubigern herumschlagen mußte. In der ersten +Zeit des Bismarckschen Preußen waren die Summen nicht allzu hoch, die +man für Dienste zahlte, wie Schweitzer sie leistete. Später stand +Bismarck der Reptilienfonds zur absoluten Verfügung. Ueber diesen, der +von der ganzen Oppositionspresse angegriffen wurde, schrieb und sprach +bezeichnenderweise Schweitzer nie ein Wort. Er gehörte andererseits mit +seinen sybaritischen Neigungen zu den Leuten, die selbst mit einem +Bankdirektoreneinkommen leicht fertig werden. Möglich ist auch, daß er +hoffte, und sein Ehrgeiz sprach dafür, zu gelegener Zeit mit einer +entsprechenden Stellung in einem der Ministerien oder Reichsämter etwa +als Geheimrat für Sozialpolitik angestellt zu werden, von der nach +Bismarcks Geständnis seine damaligen Geheimräte nichts verstanden. + +Für die Rolle, die Schweitzer spielte, war aber auch unumgänglich +notwendig, daß er frei und unabhängig nach eigenem Gutdünken mit dem +Verein schalten und walten konnte, an dessen Spitze er stand. _Dazu +gehörte die Diktatur._ Die Diktatur, die ihn jeder Kontrolle entzog, die +ihm erlaubte, ganz nach eigenem Gutdünken zu handeln, ohne daß er nötig +hatte, andere in seine Machenschaften einzuweihen oder gar ihre +Zustimmung einholen zu müssen. Das wäre der Tod der Diktatur gewesen und +hätte ihm seine Rolle _unmöglich_ gemacht. Daher die beständigen kleinen +und großen Staatsstreiche, durch die er die Fesseln wieder abstreifte, +die eben eine Generalversammlung ihm angelegt hatte. Und da Lassalle +infolge seines eigenen Diktatorengelüstes eine Organisation geschaffen +hatte, die dem Führer eine diktatorische Gewalt einräumte, mußte _diese +Organisation zu einer Pflanze Rührmichnichtan gemacht und Angriffe auf +sie zu einer Art Staatsverbrechen gestempelt werden. Die absolute Gewalt +des Präsidenten mußte unangetastet bleiben._ Dazu mußte weiter der +beständige Kultus mit Lassalle und der von ihm geschaffenen Organisation +dienen, ein Kultus, über den der Zyniker heimlich lachte und seine +Verachtung gegen diejenigen steigerte, die sich von ihm führen ließen. + +Schweitzer hat wie an anderer Stelle so auch Rudolf Meyer gegenüber +geklagt über die "Undankbarkeit" der Arbeiter. Diese Klage paßt ganz zu +dem Bilde, das er uns zeigt. Er kam eben mit einer ganz falschen +Auffassung von seiner Stellung in die Bewegung. Der Führer einer Partei +wird wirklicher Führer nur durch das, was er nach seinen Kräften und +Fähigkeiten der Partei als ehrlicher Mann leistet. Das Höchste zu +leisten, was er vermag, ist die Pflicht und Schuldigkeit eines jeden, +der in einer demokratischen Bewegung steht und zu ihr gehört. Durch +seine Leistung erwirbt er sich das Vertrauen der Masse, und diese stellt +ihn deshalb als Führer an ihre Spitze. Aber nur _als ihren ersten +Vertrauensmann, nicht als ihren Herrn, dem sie blindlings zu gehorchen +habe. Er ist der erwählte Verfechter ihrer Forderungen, der Dolmetsch +ihrer Sehnsucht, ihrer Hoffnungen und Wünsche. Solange der Führer dieser +Aufgabe gerecht wird, ist er der Vertrauensmann einer Partei; sieht +diese aber, daß getäuscht und betrogen und auf Irrwege geführt werden +soll, dann ist es nicht nur ihr Recht, sondern ihre Pflicht, dem Führer +die Führerschaft zu entreißen und ihm ihr Vertrauen zu nehmen._ Eine +Partei ist nicht der Führer wegen da, sondern die Führer der Partei +wegen. _Und da jede Machtstellung in sich die Gefahr des Mißbrauchs +enthält, hat die Partei die Pflicht, die Handlungen ihrer Führer unter +scharfe Kontrolle zu nehmen._ + +_Schweitzer sah aber die Dinge umgekehrt an, als er sie ansehen mußte._ +Er fühlte sich als eine Art _Wohltäter_, er sah in der Partei nur das +Fußgestell, auf dem er emporstieg, das Mittel, seinen Ehrgeiz, und die +Möglichkeit, seine Genußsucht zu befriedigen. Und als ihm dieses Spiel +mißlang, klagte er über Undankbarkeit. Die Massen sind aber nie +undankbar, vorausgesetzt, solange sie an die Ehrlichkeit ihrer Führer +glauben. Und sie sind schwer zu überzeugen, daß sie betrogen werden, +wenn sie erst jemand ihr Vertrauen schenkten. Dafür gibt es eine Menge +Beispiele. Wer über Undankbarkeit der Massen klagt, klage sich selber +an. Die Schuld liegt an ihm. + +Nachdem Schweitzer das Spiel verloren geben mußte, glaubte er auf einmal +seinen Anhängern empfehlen zu sollen, was er, solange er im Besitz +seiner Stellung war, aus Leibeskräften verhindert hatte. In einem +Flugblatt, betitelt: "An meine persönlichen Freunde im Allgemeinen +Deutschen Arbeiterverein", das er unter dem 2. November 1872 +veröffentlichte, trat er mit aller Entschiedenheit _für eine Vereinigung +der beiden Parteien_ ein. Natürlich konnte er dieses nicht, ohne zuvor +zu versuchen, sein früheres Verhalten gegen uns zu rechtfertigen. Nach +ihm war jetzt gar kein Zweifel mehr, daß wir eine sozialdemokratische +Partei seien, wozu uns aber erst der Uebertritt zahlreicher rühriger +Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gemacht, die er +aber vordem mit uns in einen Topf geworfen und als Literaten, +Schulmeister, Kaufleute, Viertels- und Achtelsintelligenzen bezeichnet +hatte. Weiter wandte er sich gegen den Beschluß der letzten +Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, wonach er +nicht mehr Mitglied des Vereins werden dürfe, dessen gefeierter +Präsident er jahrelang gewesen sei. Er sah in diesem Beschluß einen +unlösbaren Widerspruch zu dem das Jahr vorher ihm von der +Generalversammlung erteilten Vertrauensvotum. Er versicherte pathetisch +seinen redlichen Willen, mit dem er der Partei gedient habe. Er setzte +dann die Nachteile auseinander, die für beide Teile die Spaltung und +gegenseitige Bekämpfung mit sich bringe, und forderte zu einem +gemeinsamen Kongreß auf, der eine zentralistische Organisation, die nach +seiner jetzigen Auffassung das eigentliche Wesen der Lassalleschen +Organisation sei, zu schaffen habe. Er fordert, die Einigung zu schaffen +"mit den Führern, wenn diese wollen, _ohne sie,_ wenn sie untätig +bleiben, _trotz_ ihnen, wenn sie widerstreben". Man sieht, er konnte +auch so. + +Schweitzer hatte anfangs den Versuch gemacht, sein Flugblatt im +"Volksstaat" zu veröffentlichen. Dieses wurde abgelehnt, nicht weil der +Gedanke der Einigung unseren Widerspruch fand, sondern weil namentlich +Liebknecht Schweitzer nicht traute. Er sah in dem Flugblatt eine Falle. +Mir machte der Vorschlag den Eindruck, daß Schweitzer seine Nachfolger +damit ärgern und in Verlegenheit bringen wollte. Im Allgemeinen +Deutschen Arbeiterverein versagte die Schweitzersche Aufforderung zur +Vereinigung vollständig. Er bekam jetzt in gewissem Sinne am eigenen +Leibe zu spüren, was er durch jahrelange Verhetzung gegen uns gesät. Es +mußten erst weitere Jahre ins Land gehen, bis unter dem Zwange innerer +und äußerer Umstände die Einigung der deutschen Sozialdemokratie +verwirklicht wurde. + +Schließlich muß ich noch einige Handlungen Schweitzers erwähnen, die +weiter dazu dienen, seinen Charakter in das richtige Licht zu stellen. +Die Vorgänge, die sich auf der Generalversammlung des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins zugetragen, wurden natürlich auch der +bürgerlichen Presse bekannt, und diese erging sich nunmehr in allerlei +Glossen über die Schweitzer bewiesene Undankbarkeit. Darauf +veröffentlichte er in der "Berliner Börsenzeitung" eine Erklärung, an +deren Schluß es hieß: + + "Ich stimme Ihnen daher vollständig zu, wenn Sie sagen, daß der + Vorgang bezeichnend sei. Die Formfrage war diesen versammelten + 'Führern' und 'Agitatoren' nur Vorwand. Derartige immer wiederkehrende + Beweise von Undankbarkeit sind jedoch sehr erklärlich bei Leuten, von + denen leider nur ein sehr kleiner Teil durch die Begeisterung für eine + neue Idee bewegt wird, _während weitaus die meisten, wie ich zu meiner + Betrübnis beobachten mußte, nur durch den Neid gegen die höheren + Gesellschaftsklassen_ (den niemand heftiger als er geschürt hatte. + A.B.) _oder durch andere unschöne Motive angetrieben werden. Nimmt man + dazu den beschränkten Horizont und man wird sich über Erscheinungen + des Undankes oder des Blödsinnes nicht weiter wundern."_ + +Der "Berliner Volkszeitung" schrieb er auf einen Artikel hin, daß er +sich seit seinem Rücktritt von der Präsidentur des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins in keiner Weise aktiv um sozialdemokratische +Angelegenheiten gekümmert habe und auch in Zukunft nichts damit zu +schaffen haben wolle. Er habe es gründlich satt bekommen. Gründlicher +konnte sich Schweitzer selbst nicht bloßstellen, als es durch solche +Erklärungen geschah. + +Damit hatte er aber seiner Feindseligkeit gegen die Träger der von ihm +so viele Jahre geleiteten Bewegung noch nicht genug getan. Fast zu der +gleichen Zeit, in der er sein Flugblatt "An meine Freunde im Allgemeinen +Deutschen Arbeiterverein" veröffentlichte, erschien auf einer Berliner +Bühne ein von ihm verfaßtes Stück, betitelt "Unser großer Mitbürger", +Originalposse mit Gesang in drei Akten und sieben Bildern. In diesem +verhöhnte und verspottete er aufs blutigste die Agitatoren des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, deren Erzieher doch er war. +Selbst in der bürgerlichen Presse wurde diese Handlung als +Charakterlosigkeit gerügt und verurteilt. + +Schweitzer litt jahrelang an Tuberkulose, schließlich suchte er in der +Schweiz Heilung seines Leidens. Vergeblich. Am 28. Juli 1875 verschied +er an einer Lungenentzündung im zweiundvierzigsten Lebensjahr. Am 7. +Oktober desselben Jahres wurde seine Leiche, wie Gustav Mayer erzählt, +in der Familiengruft in Frankfurt a.M. beigesetzt. Das Geleite bildeten +ausschließlich seine Familienangehörigen und ein katholischer +Geistlicher. Von seinen einstigen Anhängern und Bewunderern im +Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein folgte keiner dem Sarge. Für die +Sozialdemokratie war er tot, noch ehe er gestorben war. Eine Grabrede +von ihrer Seite hätte keine Lobrede sein können. Auch war dazu die +Leichengruft der Familie nicht der Ort. Auch kein Nachruf zeugt davon, +daß man des ehemaligen Führers gedachte. So endete einer der +bedeutendsten Führer der deutschen Arbeiterbewegung, der sein Schicksal +selbst verschuldet hatte. + + + + +Beginn meiner parlamentarischen Tätigkeit. + + + + +Im konstituierenden norddeutschen Reichstag. + + +Sobald ich die offizielle Anzeige meiner Wahl zum Reichstag in der +Tasche hatte, reiste ich mit einigem Herzklopfen am 5. März 1867 nach +Berlin. Der Reichstag war bereits am 24. Februar eröffnet worden. Ich +ging einer ganz neuen politischen Tätigkeit entgegen. Bis jetzt war mir +das parlamentarische Leben noch gänzlich fremd; jemand, der mich hätte +über dasselbe unterrichten können, kannte ich nicht. Rechtsanwalt +Schraps, der mit mir von der gleichen Partei gewählt worden war, wußte +davon so viel wie ich. Doch hinein ins Wasser. Als ich eben die Tür zum +alten Herrenhaus in der Leipzigerstraße, in dem der Reichstag tagte, +öffnen wollte, wurde dieselbe von innen geöffnet und heraus trat der +Prinz Friedrich Karl, der ebenfalls Mitglied des Reichstags war. Da +begegnet der auf der sozialen Stufenleiter Höchste dem Niedersten, +dachte ich. Nachdem ich mich auf dem Bureau angemeldet hatte, begab ich +mich in die Wohnung von Rechtsanwalt Schaffrath und Professor Wigard, an +die ich ein Empfehlungsschreiben Professor Roßmäßlers hatte, die ich +aber beide persönlich noch nicht kannte, um zu hören, wie es im +Reichstag stehe. Beide klagten über ihre preußischen Gesinnungsgenossen, +die Fortschrittler, unter denen auch der Beste sich nicht auf einen +wirklich freien, demokratischen Standpunkt erheben könne. Auch die +partikularistischen Sachsen, Geheimrat v. Wächter und Genossen, hätten +sich bereits durch Bismarck ins Bockshorn jagen lassen und wagten nicht +mehr ihren konstitutionellen Standpunkt zu vertreten. + +Bemerken will ich, daß _damals_ die konservativen Sachsen, Hannoveraner +usw., die schon ein weit längeres Verfassungsleben hinter sich hatten +als die Preußen, konstitutionellen Anschauungen huldigten und in ihrem +Lande verwirklicht hatten, die selbst liberale Preußen nicht zu +vertreten wagten. + +Ich war der ersten Abteilung zugewiesen worden. Für Laien sei bemerkt, +daß die Mitglieder des Reichstags durch das Los sieben Abteilungen +zugewiesen werden, welche damals noch die Wahlprüfungen endgültig +vorzunehmen hatten und wie heute die Fachkommissionen wählen. Aus diesem +Grunde muß die Zahl der Kommissionsmitglieder stets durch sieben teilbar +sein. + +Meiner Frau schrieb ich unter dem 8. März: Schraps und ich bildeten die +äußerste Linke und wir säßen dementsprechend. Weiter nach links zu +rücken, verhindere uns die Wand, die wollten wir aber doch nicht mit dem +Kopfe einrennen. + +Unter den Abgeordneten befand sich damals die Elite der +norddeutschen Politiker und parlamentarischen Koryphäen. Da sah ich +wieder v. Bennigsen, der im Vorjahr dem Abgeordnetentag in +Frankfurt a.M. präsidiert hatte; weiter Dr. Karl Braun-Wiesbaden, der +Parlamentsspaßmacher wurde und die beste Weinzunge im Reichstag gehabt +haben soll; den roten Becker, dessen Bekanntschaft aus dem Jahre 1863 +ich erneuerte; Max Duncker, der auf seine Löwenmähne stolz war; v. +Forckenbeck, der später Nachfolger Simsons und der parteiischste +Präsident wurde, den den Reichstag je hatte; Gustav Freytag, der +bekannte Romanschriftsteller; Rudolf Gneist, dem nachher eines Tages der +Kriegsminister v. Roon vor dem ganzen Hause das Kompliment machte, er +sei ein Mann, der alles beweisen könnte; den kleinen Lasker, der mit +seinen kurzen Beinchen wie ein Wiesel lief, wenn er zur Tribüne eilte, +was häufig vorkam; das ehemalige Mitglied des Kommunistenbundes Miguel, +ein feiner Kopf und Redner; Dr. Planck, nachmals Hauptmitarbeiter am +Bürgerlichen Gesetzbuch und Kommentator desselben; Eugen Richter, der +noch ebenso frostig dreinsah wie 1863, als ich ihn in Frankfurt a.M. +kennen lernte; Dr. Simson, einst einer der Präsidenten des Frankfurter +Parlaments, dem man jetzt dieses Amt im Reichstag übertragen hatte; +wegen der würdevollen Art, mit der er präsidierte und die Glocke +schwang, wurde er scherzweise Jupiter Tonans genannt; Schwerin-Putzar, +früher Minister in der "liberalen Aera", setzte später durch, daß der +Reichstag für die Beratung der Initiativanträge seiner Mitglieder einen +bestimmten Tag in der Woche, in der Regel den Mittwoch, bestimmte; +daher werden diese Tage noch heute im Parlamentsjargon Schwerinstage +genannt. Schulze-Delitzsch, Twesten, besonders bekannt geworden durch +sein Duell mit Herrn v. Manteuffel; v. Unruh, ein liberaler Reaktionär; +Waldeck, der eigentliche Führer der Fortschrittspartei; die beiden +Mecklenburger Gebrüder Wiggers, beide ehemalige Revolutionäre, von denen +der eine zu den Nationalliberalen, der andere zur Fortschrittspartei +gehörte. In der bundesstaatlich-konstitutionellen Fraktion ragte vor +allen neben Windthorst Malinckrodt hervor, der mit der feinste Kopf des +späteren Zentrums war. In der Fraktion des Zentrums, das damals aus +Altliberalen bestand, saß Georg v. Vincke, der Schrecken der +Stenographen. Er war der schnellste Redner des Reichstags. Endlich +befand sich auf der äußersten Rechten und als ihr eigentlicher Führer +der Geheime Oberregierungsrat Hermann Wagener, eine hohe, hagere +Bureaukratengestalt, mit einem knochigen, unsympathischen Gesicht und +einem unangenehmen Organ. + +Eine gewichtige Person war Karl Mayer v. Rothschild, den das annektierte +Frankfurt mit Unterstützung der "Frankfurter Zeitung" in den Reichstag +geschickt hatte. Rothschild war eine untersetzte, breitschulterige +Persönlichkeit mit wohlgepflegtem pechschwarzen Haar und Bart; er trug +eine schwere goldene Kette über dem ziemlich stattlichen Bauch und war +immer höchst elegant gekleidet. Ich erkannte ihn auf den ersten Blick, +ohne je ein Bild von ihm gesehen zu haben. Aehnlich erging es mir im +nächsten Reichstag mit Schweitzer. Auch gehörten dem Reichstag die +Generale Vogel v. Falckenstein und v. Steinmetz an; sie waren gewählt +worden wegen ihrer Kriegstaten im vorhergehenden Jahre. + +Mehr aber als alle die Genannten interessierte mich Bismarck, den ich +vordem noch nicht gesehen hatte. Er erschien damals im Reichstag fast +immer im schwarzen Gehrock, schwarzer Weste und hoher schwarzer +Geheimratskrawatte, aus der die weißen Spitzen der Vatermörder +hervorfahen. Das Haar, soweit er solches noch besaß, war dunkel, ebenso +der kurzgeschnittene Schnurrbart. Nach den drei Haaren, die nach Angabe +aller seiner Karikaturenzeichner auf dem im übrigen kahlen Schädel +stehen sollten, wie drei Pappeln auf weiter Flur, hielt ich vergebens +Ausschau. Entweder waren sie nur in der Phantasie der Zeichner vorhanden +gewesen, oder er hatte sie im Verfassungskampf als Trophäe in den Händen +seiner Gegner lassen müssen. Ich war sehr begierig, ihn sprechen zu +hören, aber nicht wenig enttäuscht, als der Hüne sich erhob und, statt +mit einer Löwen- oder Stentorstimme, mit einer Diskantstimme zum Hause +sprach. Er prägte lange, sehr verwickelte Sätze, stockte auch zeitweilig +ein wenig, sprach aber stets interessant. Was er sagte, hatte Hand und +Fuß. + +Bismarck hatte sich zwar mit der großen Mehrheit der Liberalen, +namentlich den Nationalliberalen ausgesöhnt, aber er war immer noch +mißtrauisch gegen sie und fürchtete, daß sie in die alten Fehler der +Sucht nach parlamentarischer Macht verfallen und ihm das Leben wieder +sauer machen möchten. Den Verfassungsentwurf hatte er deshalb auf seinen +eigenen Leib zugeschnitten, aber diesen Entwurf konnten die Liberalen, +so sehr sie auch sich zu bescheiden bereit waren, doch nicht ohne einige +nicht unerhebliche Aenderungen akzeptieren. Schließlich machte er ihnen +eine Anzahl Konzessionen, aber in zwei Hauptpunkten, dem eisernen +Militäretat und der Verweigerung der Diäten, gaben sie ihm nach. +Letztere hätte er sicher auch gewährt, wie er später einmal zugestand, +wären die Liberalen, die in der ersten Abstimmung mit erheblichem Mehr +die Diäten durchgesetzt hatten, festgeblieben. Aber schon damals wurde +das Umfallen, namentlich den Nationalliberalen, zur süßen Gewohnheit. Es +wäre undenkbar gewesen, daß Bismarck, wie er drohte, die Verfassung ins +Wasser fallen ließ, falls die Diäten in derselben blieben. Diese Blamage +konnte er sich vor der Welt nicht zufügen. Im konstituierenden Reichstag +bezogen übrigens die Abgeordneten sämtlicher Staaten, mit Ausnahme jener +von Preußen, Mecklenburg und Reuß jüngerer Linie, Diäten, so zum +Beispiel wir sächsischen Abgeordneten vier Taler pro Tag, die aus der +Landesstaatskasse gezahlt wurden. + +Dagegen mußte Bismarck in der Sitzung am 28. März, in der der Artikel +über das künftige Wahlrecht für den Reichstag zur Beratung stand, +dieses verteidigen. Die rechtsnationalliberalen Abgeordneten v. Sybel, +Grumbrecht-Harburg und Dr. Meier-Thorn und verschiedene Redner der +Rechten hatten Bedenken gegen dasselbe geäußert. Sybel sah in ihm "die +Diktatur der Demokratie". Darauf erklärte Bismarck: Das allgemeine +Wahlrecht ist uns gewissermaßen als ein Erbteil der deutschen +Einheitsbestrebungen überkommen; wir haben es in der Reichsverfassung +gehabt, wie sie in Frankfurt entworfen wurde; wir haben es im Jahre 1863 +den damaligen Bestrebungen Oesterreichs in Frankfurt entgegengesetzt, +und ich kann nur sagen: _Ich kenne wenigstens kein besseres Wahlgesetz._ + +Er setzte dann auseinander, wie es ganz unmöglich gewesen sei, in dem zu +gründenden Bunde von einundzwanzig Staaten eine andere gemeinsame +Basis für ein Wahlrecht zu finden. Oder wolle man etwa das +Dreiklassenwahlsystem? "Ja, wer dessen Wirkung und Konstellationen, die +es im Lande schafft, etwas in der Nähe beobachtet hat, muß sagen, _ein +elenderes, ein widersinnigeres Wahlgesetz ist nicht in irgend einem +Staate ausgedacht worden_." Er warf diesem Gesetz Willkür und Härte vor. +Der Erfinder desselben würde es nie gemacht haben, hätte er sich die +praktische Wirkung desselben vergegenwärtigt. Er finde es natürlich, +_daß jeder sich als Helot, als politisch tot ansehe, der durch dieses +Gesetz in eine untere Wählerklasse gestellt werde._ + +Meine erste parlamentarische Handlung bestand darin, daß ich den +Reichstag zu einer Ungesetzlichkeit verleitete. Da diese Tat noch nicht +in die Tafeln der Geschichte eingegraben worden ist, sei sie hier in +Kürze erzählt. Als ich der ersten Abteilungssitzung beiwohnte, stand +zufällig die Wahl des Abgeordneten Professor v. Wächter für Leipzig auf +der Tagesordnung. Wächter war in engerer Wahl mit 5434 gegen 4403 +Stimmen gewählt worden. Der Leipziger Magistrat hatte aber den groben +Fehler begangen, daß er nicht, wie §7 des Wahlreglements vorschreibt, +den Wahlkreis in Wahlbezirke, von denen keiner über 3500 Einwohner haben +darf, einteilte, sondern daß er die Namen der gesamten Wählerschaft der +Stadt, nach dem _Alphabet geordnet_, auf acht Wahlorte verteilte, die +im Mittelpunkt der Stadt lagen. Es entschied also nicht der Wahlbezirk, +sondern die alphabetische Ordnung der Namen der Wähler, wo ein solcher +zu wählen hatte. Der Berichterstatter Graf Bethusy-Hue trug den Fall +vor, der nach seinem eigenen Geständnis sehr kritisch lag. In der +Debatte, die über die Gültigkeit der Wahl entstand, ergriff auch ich das +Wort und führte aus: Ich wohnte seit sechs Jahren in Leipzig, wäre mit +den politischen Verhältnissen der Stadt genau bekannt und könnte danach +bestimmt behaupten, wenn der Wahlkreis nach der gesetzlichen Vorschrift +eingeteilt worden wäre, würde das Wahlresultat auch kein anderes gewesen +sein. Diese Auffassung, nach der ich die gesetzliche Vorschrift +vollständig ignorierte, schlug durch. Die Kommission beschloß mit 14 +gegen 11 Stimmen die Gültigkeit der Wahl, und das Plenum schloß sich dem +Antrag _ohne Debatte_ einstimmig an. + +Ich hatte also den Leipziger Magistrat vor einer großen Blamage bewahrt, +der er verfallen wäre, wenn die Wahl für ungültig erklärt worden wäre. +Ich hatte aber auch der Stadt die Vertretung gerettet, denn da der +Reichstag bereits am 17. April geschlossen wurde, hätte eine Nachwahl, +für die eine neue Wählerliste aufgestellt werden mußte, nicht mehr +rechtzeitig stattfinden können. Daß so beschlossen wurde, war allerdings +nur in ungefestigten Verhältnissen möglich, wie sie in der ersten +Session dieses neuen Reichstags vorhanden waren. + +Ich habe oben den Namen des Grafen Bethusy-Hue genannt. Dieser Herr war +einer der oberflächlichen Vielredner jener Zeit und liebte es besonders, +in gewagten Bildern zu sprechen. So äußerte er zum Beispiel eines Tages: +"man müsse den Strom der Zeit an der Stirnlocke fassen"; ein andermal +sagte er mit Beziehung auf die Abgeordneten: "sie seien von der +Sehnsucht erfüllt, heimzukommen zu ihren väterlichen Ochsen", ein Satz, +der die stürmische Heiterkeit des ganzen Hauses hervorrief. + +Einmal Mitglied des Reichstags, hatte ich das Bedürfnis, eine größere +Rede im Plenum zu halten. In meinem Wahlkreis wartete man sehnlichst +darauf und richtete dementsprechende Anfragen an mich. Aber die +Schlußanträge waren sehr häufig, und in der Generaldebatte über den +Verfassungsentwurf war mir das Wort abgeschnitten worden. Endlich +gelangte ich bei Artikel 14, Verhältnis der süddeutschen Staaten zum +Norddeutschen Bund, zum Worte. Ich führte aus: + + Ich sei überzeugt, daß es Preußen bei der Gründung des Norddeutschen + Bundes keineswegs um eine Einigung Deutschlands zu tun gewesen sei + (lebhafter Widerspruch rechts), man habe im Gegenteil ein spezifisch + preußisches Interesse, die Stärkung der hohenzollernschen Hausmacht, + im Auge gehabt. (Lebhafter Widerspruch rechts. Der Präsident forderte + zur Ruhe auf, man solle mich nachher widerlegen.) Betrachte man den + Bund näher, so ergebe sich ein ganz abnormes Verhältnis der übrigen + Staaten zu Preußen. Der Bund sei nur ein Groß-Preußen, umgeben von + Vasallenstaaten, deren Regierungen nichts weiter als + Generalgouverneure der Krone Preußen seien. (Lebhafter Widerspruch + rechts.) + +Ich führte weiter aus: + + Wenn Preußen die süddeutschen Staaten in das Bundesbündnis hätte mit + aufnehmen wollen, hätte es das gekonnt. Die Behauptung, daß Frankreich + dem entgegengetreten sein würde, ließe ich nicht gelten, denn durch + die Militärkonventionen mit den süddeutschen Staaten sei die + militärische Macht Deutschlands im Falle eines Krieges in der Hand + Preußens vereinigt. Frankreich würde sich also gehütet haben, sich + gegen die Aufnahme Süddeutschlands in den Nordbund zu erklären. Eine + Einmischung von seiner Seite in die inneren Angelegenheiten + Deutschlands würde zur Folge gehabt haben, daß ganz Deutschland sich + wie Ein Mann gegen Frankreich erhoben hätte. + + Wenn der Prager Friedensvertrag nur eine _international_ geregelte + Einigung zwischen Nord- und Süddeutschland zulasse, dann sei damit + bewiesen, wie Preußen in der Frage denke, denn Preußen habe den Prager + Friedensvertrag diktiert, und würde die preußische Regierung finden, + daß dieser Vertrag ihr schädlich sei, so werde sie nicht anstehen, + denselben zu zerreißen. (Oh! Oh! rechts.) Ich sei auch überzeugt, daß + Oesterreich dasselbe tun werde, sobald es die Niederlage und Blamage + des vorigen Jahres auswetzen könne. Die preußische Regierung wolle die + süddeutschen Staaten nicht in den Nordbund aufnehmen, weil alsdann + Preußen eine Majorisierung fürchten müsse. Preußen werde sich also + begnügen, daß es durch die Militärkonventionen die militärische + Gewalt in die Hände bekommen habe, im übrigen werde man durch + Zollverträge die vorhandene Kluft zu überbrücken trachten, aber + ausfüllen werde man sie nicht. Eine solche Politik unterstützten wir + nicht. Ich protestierte dagegen, daß man eine solche Politik eine + deutsche nenne, und ich protestierte gegen einen Bund, der nicht die + Einheit, sondern die _Zerreißung_ Deutschlands proklamiere, gegen + einen Bund, der Deutschland _zu einer großen Kaserne mache_ (lebhafter + Widerspruch) und den letzten Rest von Freiheit und Volksrecht + vernichte. + +Der nationalliberale Abgeordnete Weber-Stade fand, daß durch meine Rede +ein Mißton in die Versammlung geworfen worden sei, er hoffe aber, daß +mit dem Aussprechen solcher Mißtöne die Gelegenheit zur Auflösung +derselben in Harmonie gegeben sei. + +Der Abgeordnete _Miquel_ polemisierte ebenfalls gegen mich. Ich hätte +bedauert, daß der Norddeutsche Bund den Rechten der kleinen Fürsten +einen _so_ gewaltigen Abbruch tue, daß sie sich in der beklagenswerten +Stellung von Generalgouverneuren befänden. Das war eine Verdrehung +meiner Worte, da ich mit dem Gleichnis nur dartun wollte, was für ein +sonderbares Gebilde dieser Norddeutsche Bund sei. Wären damals sämtliche +Klein- und Mittelstaaten annektiert worden, ich hätte keinen Finger +dagegen gerührt. Ein weiteres Diktum von Miquel war: Der preußische +Staat ist _kein_ Militärstaat, sondern ein Staat der Kultur.... Es sei +wunderbar, welche Koalition von Gegnern dem neuen Staatsgebilde +entgegentrete. Auf der einen Seite die _entschiedensten Demokraten,_ +deren Tendenzen doch nicht darauf hinausliefen, sich besonders für die +Machtvollkommenheit der kleinen Fürsten zu interessieren, und verbunden +mit ihnen sei die ultramontane Partei, die, wenn man offen sein wolle, +unser Vaterland nirgends anderswo als in Rom sehe. + +Man sieht, daß vom ersten Augenblick unseres parlamentarischen Lebens +bereits die Denunziation auftauchte, wir seien Verbündete der +ultramontanen Partei, die damals im norddeutschen Reichstag noch keine +organisierte Vertretung hatte. Miquel ist also der Vater dieser +Denunziation, die bis heute von seinen Gesinnungsgenossen uns gegenüber +praktiziert wird. Im weiteren sprach er die Hoffnung aus, der König von +Preußen werde mit Gegnern wie Bebel fertig werden. Bis heute hat sich +diese Hoffnung nicht erfüllt, so wenig wie die andere, die drei +Jahrzehnte später geäußert wurde: die Sozialdemokratie sei nur eine +vorübergehende Erscheinung. + +Natürlich konnte auch Lasker, die parlamentarische Anstandsdame, auf +meine Rede nicht schweigen. Er sei nicht wenig erstaunt gewesen, daß der +erste Redner (ich) mit so heftigen Angriffen gegen den Leiter unserer +Politik auftrat. So viel er wüßte, gehörte ich zu einer Partei, die in +Elberfeld-Barmen die Wahl des Herrn Ministerpräsidenten sehr kräftig +unterstützt habe. (Er meinte die Wahl Bismarcks.) Im übrigen müsse er +mir allerdings das Zugeständnis machen, daß ich die Gespräche, die man +in Bierstuben zu führen pflege, hier klar abgespiegelt habe. Hier +unterbrach ihn der Präsident mit dem Bemerken, daß es ihm (Lasker) nicht +zustehe, eine solche Kritik an der Rede eines Kollegen zu üben. In einer +persönlichen Bemerkung antwortete ich Lasker: Es sei mir sehr angenehm, +durch seine Angriffe auf meine Parteistellung eine Erklärung abgeben zu +können. Ich gehörte nicht zu der Partei, die in Barmen-Elberfeld +geholfen habe, den Grafen v. Bismarck durchzubringen, das heiße der +Lassalleschen Partei. Er (Lasker) hätte dies schon aus der Tatsache +entnehmen können, daß ich hier gegen die Politik des Grafen v. Bismarck +aufgetreten sei. Ich gehörte nicht der Lassalleschen, sondern der +radikaldemokratischen, oder wenn man wolle, der Volkspartei an. Auf +seine persönlichen Angriffe hätte ich keine Veranlassung mehr +zurückzukommen, nachdem der Präsident ihm eine Rüge erteilt habe. + +Meine Rede hatte erhebliches Aufsehen auch außerhalb des Hauses und +namentlich bei meinen Wählern große Befriedigung hervorgerufen. Dagegen +gab das liberale "Glauchauer Tageblatt" seinem Aerger dadurch Ausdruck, +daß es schrieb: "Der jugendliche Drechslermeister Bebel aus Leipzig hat +seine wohleinstudierte Jungfernrede glücklich vom Stapel gelassen, +infolgedessen schlägt das Schweinefleisch um drei Pfennig ab." Darauf +antwortete nächsten Tages eine Annonce im "Schönburger Anzeiger", der +ebenfalls in Glauchau erschien: "Der erwartete Abschlag des +Schweinefleisches ist nicht erfolgt, wohl aber steht infolge großen +Andranges von ostpreußischem Rindvieh (Anspielung auf den Verfasser) ein +bedeutender Abschlag des Ochsenfleisches bevor." + +Meine Jungfernrede hatte noch zwei weitere Nachspiele. Die "Gartenlaube" +veröffentlichte zu jener Zeit eine Reihe Artikel, in der das Auftreten +markanter Persönlichkeiten im Reichstag besprochen wurde. Mir wurde die +Ehre zuteil, ebenfalls in diesen Artikeln genannt zu werden. Der +Verfasser führte aus, als ich meine Rede gehalten, sei es gewesen, als +rausche der Sturmvogel der Revolution durch das Haus. Das schien dem +Verleger der "Gartenlaube", Ernst Keil, mit dem ich früher persönlich +wiederholt wegen politischer Dinge Verkehr gehabt hatte, ein zu großes +Lob zu sein. Der Druck der betreffenden Nummer wurde unterbrochen und +der Satz geändert. + +Einige Wochen später, als ich wieder zu Hause war, traten eines Tages +zwei aristokratisch aussehende Herren in meine Werkstatt, in der ich +eben am Schraubstock stand und Büffelhörner zersägte. Der eine der +Herren fragte nach dem Drechslermeister Bebel. Der bin ich, gab ich zur +Antwort. Darauf sah mich der Frager etwas betroffen an und äußerte: Ich +meine den Reichstagsabgeordneten Bebel. Etwas pikiert antwortete ich: Ja +ja, der bin ich! Erstaunt sah er an mir vom Kopf bis zu den Füßen +herunter und stellte sich als Freiherr v. Friesen auf Rötha vor. Er war +der Bruder des Ministers. Er habe meine Reichstagsrede gelesen und sich +über eine Anzahl Stellen in derselben gefreut. Ich verneigte mich für +das Kompliment. Dann fragte er, wer der Dr. Johann Jacoby sei, der im +preußischen Landtag eine so gute Rede gegen die Annexionen und die von +Bismarck geforderte Indemnität gehalten habe. Ich gab ihm die gewünschte +Aufklärung. Dann entfernten sich die beiden. + +Unsere Partikularisten waren zu jener Zeit von einem unbändigen Haß +gegen Bismarck beseelt; sie hätten mit dem Teufel ein Bündnis +geschlossen, um ihn zu vernichten. Während des Reichstags saß der größte +Teil der sächsischen Abgeordneten im Leipziger Garten, der vis-à-vis dem +Herrenhaus sich befand. Wir hatten mit dem Wirt ein Abkommen getroffen, +wonach er für uns jeden Tag nach Schluß der Sitzung ein gemeinsames +Mittagessen bereit hielt. Eines Tages saß ich neben dem Abgeordneten +Haberkorn, der Bürgermeister von Zittau und Präsident der Zweiten +sächsischen Kammer war. Im Laufe der Unterhaltung kam das Gespräch auch +auf Bismarck, der in der Sitzung am Vormittag wieder eine seiner +heftigen Reden gehalten hatte. Haberkorn war darüber so erregt, daß er +sich in den denkbar stärksten Ausdrücken wider ihn erging. + +Gegen Ende der Session hatte der König den gesamten Reichstag zu Tisch +ins Schloß geladen. Ich und einige andere Abgeordnete nahmen an diesem +Essen nicht teil. Am nächsten Vormittag nach jenem Tage stieß ich im +Reichstag auf den roten Becker, mit dem ich gut Freund geworden war. +Becker war noch in weinseliger Stimmung und trug auf dem breit +ausgelegten Chemisette Spuren des genossenen Weines. Becker war damals +Junggeselle. "Nun Becker," fragte ich ihn, "wie war es denn gestern bei +Wilhelms?" Darauf stellte er sich breit vor mich hin, legte beide Hände +auf meine Schultern, schüttelte mich ein wenig und antwortete: +"Bebelchen, es war großartig, Wilhelm hat deliziöse Weinchen," dabei +schnalzte er mit der Zunge, "und hinter mir stand so'n Kerl, der immer +einschenkte, wenn mein Glas leer war." Ich lachte und fragte: "Da werden +Sie wohl auch künftigen Einladungen ins Schloß folgen?" worauf er +ebenfalls lachend erwiderte: "Mein Lieber, das können Sie sich denken." + +In Becker und Miquel besaß der norddeutsche Reichstag zwei Mitglieder +des ehemaligen Kommunistenbundes, von denen jeder in seiner Art Karriere +machte. Becker wurde Oberbürgermeister von Dortmund und später von Köln, +in welcher Eigenschaft er auch Mitglied des Herrenhauses wurde. Miquel +stieg noch einige Stufen höher. Er wurde zunächst Oberbürgermeister von +Osnabrück, dann von Frankfurt a.M. und starb bekanntlich als geadelter +pensionierter preußischer Finanzminister und Liebling der Agrarier. + +Eine Anzahl Mitglieder des ehemaligen Kommunistenbundes hatte überhaupt +eine besondere Entwicklung genommen. So neben Becker und Miquel der +ehemalige Schriftsetzer Wallau, der als Oberbürgermeister von Mainz +starb, ferner Bürgers, der längere Zeit Chefredakteur der "Rheinischen +Zeitung" war und während einer Legislaturperiode Mitglied des Deutschen +Reichstags wurde. Er gehörte wie damals Becker zur Fortschrittspartei. + +Am 16. April fand die namentliche Abstimmung über die Verfassung des +Norddeutschen Bundes statt. Von 283 anwesenden Mitgliedern--der +Reichstag zählte 297--stimmten 230 dafür und 53 dagegen. Außer Schraps +und mir _die gesamte Fortschrittspartei,_ die Polen, Windthorst, +Wächter, Haberkorn und mehrere Hannoveraner. Nach Ansicht der damaligen +Fortschrittspartei war die norddeutsche Bundesverfassung ein Werk, das +nicht die Rechte enthielt, auf deren Gewährung eine konstitutionelle +Volksvertretung bestehen mußte. Keine Grundrechte, kein +Steuerbewilligungsrecht, keine Ministerverantwortlichkeit, keine Diäten. +Dafür den eisernen Militäretat und eine große Machtstellung des +Bundeskanzlers. Reichskanzler heißt er von 1871 ab. Am 17. April wurde +der Reichstag geschlossen; er hatte fünfunddreißig Sitzungen abgehalten. + + * * * * * + +Ich hatte gegen Schluß der Session meine Frau nach Berlin kommen lassen, +um ihr die Stadt zu zeigen. Das damalige Berlin kann sich mit dem +heutigen in nichts vergleichen. Die schmucklosen Fassaden der Häuser an +den langen geraden Straßen ließen es langweilig und eintönig erscheinen. +Die Häuser standen gleichmäßig nebeneinander wie ein Regiment Soldaten, +aber ohne anregende Farbe. Der Verkehr war im Vergleich zu heute gering. +Ab und zu humpelte ein Omnibus mit zwei müden Gäulen über das Pflaster. +Droschken sah man selten, deren Benutzung war dem Berliner jener Zeit zu +teuer. Das einzige moderne Verkehrsmittel war die Pferdebahn, die vom +Kupfergraben nach Charlottenburg führte. Mit den hygienischen Zuständen +war es übel bestellt. Eine Kanalisation war noch nicht vorhanden. In den +Rinnsteinen, die längs der Bürgersteige hinliefen, sammelten sich die +Abwässer der Häuser und verbreiteten an warmen Tagen mephitische +Gerüche. Bedürfnisanstalten auf den Straßen oder Plätzen gab es nicht. +Fremde und namentlich Frauen gerieten in Verzweiflung, bedurften sie +einer solchen. In den Häusern selbst waren diese Einrichtungen meist +unglaublich primitiv. Eines Abends besuchte ich mit meiner Frau das +Königliche Schauspielhaus. Ich war entsetzt, als ich in einem +Zwischenakt in den Raum trat, der für die Befriedigung kleiner +Bedürfnisse der Männer bestimmt war. Mitten in dem Raum stand ein +Riesenbottich, längs den Wänden standen einige Dutzend Pots de Chambre, +von denen man den benutzten höchst eigenhändig in den großen +Kommunebottich zu entleeren hatte. Es war recht gemütlich und ganz +demokratisch. Berlin als Großstadt ist wirklich erst nach dem Jahre 1870 +aus dem Zustand der Barbarei in den der Zivilisation getreten. + + * * * * * + +Ich hatte die Gewohnheit angenommen, nach jeder Session des Reichstags +in meinen Wahlkreis zu reisen und in den Hauptorten eine Anzahl +Wählerversammlungen abzuhalten, in denen ich über die Verhandlungen des +Reichstags und meine Tätigkeit Bericht erstattete. Da wir überall große +Säle zur Verfügung hatten, konnte ich auf Massenbesuch rechnen, und es +war mir besonders interessant, daß von Anfang meiner Agitation an die +Frauen ein nicht unerhebliches Kontingent zu den Versammlungsbesuchern +stellten, die nachher eifrige Agitatorinnen für uns wurden. Da wir keine +Presse besaßen und die paar im Kreise verbreiteten Parteiblätter nur von +wenigen gelesen wurden, die gegnerische Presse aber unausgesetzt sich +namentlich mit mir beschäftigte, waren diese Versammlungen nötig. Es +bildete sich allmählich zwischen mir und meinen Wählern ein +Vertrauensverhältnis heraus, das nichts zu wünschen übrig ließ. Die +Gegner machten bei den verschiedenen Wahlen vergebliche Anstrengungen, +mich aus dem Sattel zu heben. Es fiel mir sehr schwer, als ich nach zehn +Jahren (1877) doppelt gewählt wurde, den Wahlkreis aufzugeben; +andernfalls wäre der neugewonnene Wahlkreis (Altstadt-Dresden) der +Partei wieder verloren gegangen. + + + + +Im norddeutschen Reichstag und dem Zollparlament. + + +Die erste Session der ersten Legislaturperiode des norddeutschen +Reichstags wurde am 10. September 1867 eröffnet. Unter den +Abgeordneten, die neugewählt waren, ragten besonders hervor Freiherr +v. Hoverbeck, Franz Ziegler und v. Kirchmann. Alle drei gehörten zur +Fortschrittspartei! Kirchmann hatte wie Ziegler eine längere +demokratische Vergangenheit hinter sich. So gehörte er in der +preußischen Nationalversammlung im Jahre 1848 zu den Steuerverweigerern. +Er war aber auch einer der am meisten verfolgten preußischen Richter, +gegen den sich die Reaktion die nichtswürdigsten Mittel erlaubte. +Schließlich wurde er seines Amtes als Vizepräsident des +Appellationsgerichts in Ratibor ohne Pension entsetzt, weil er einen +Vortrag gehalten hatte über den Kommunismus in der Natur, in dem er für +eine Einschränkung der Bevölkerungsvermehrung eintrat, und zwar im +Interesse einer höheren Kulturentwicklung und der Beseitigung der +wirtschaftlichen Ungleichheit. Er hatte darin vor seinen Zuhörern +ausgeführt: "Das Ideal einer fortschreitenden Gleichheit aller Menschen +im Glück und Wohlbefinden liegt so tief in der Brust eines jeden, daß +man nicht zu verzagen braucht. Die Bewegung, die Annäherung zu diesem +Ziele wird vorschreiten, des seien Sie gewiß. Wenn viertausend Jahre +dazu gehörten, um nur die Gleichheit des Rechts in einem hohen Grade zu +gewinnen, so dürfen wir nicht den Mut verlieren, weil die Gleichheit der +Glücksgüter, diese viel schwerere Aufgabe, innerhalb zweier Generationen +nicht hat erreicht werden können." Dieser Vortrag sollte "unsittlich" +sein und einen so unsittlichen höheren Richter konnte der allezeit so +fromme und sittliche preußische Staat nicht gebrauchen. Kirchmann war +wohl der philosophisch gebildetste Kopf im Reichstag, jedenfalls stand +er an Bildung und Wissen hoch über den Mitgliedern des Gerichtshofs, die +ihm seine Stellung aberkannten. Außer den drei Genannten war auch +Feldmarschall v. Moltke Mitglied des Hauses geworden. Ferner gehörte dem +Hause der später berüchtigt gewordene Strousberg an, der es meisterhaft +verstand, zahlreiche Vertreter des preußischen Hochadels als Lockvögel +für seine Gründungen zu gewinnen, deren Unterschriften denn auch unter +seinen Prospekten prangten. Das schien um so unbegreiflicher, als +Strousbergs Aeußeres schon den Eindruck eines höchst unsympathischen +Emporkömmlings machte. Sein Auftreten war protzenhaft. Die Feste, die er +veranstaltete, machten in dem Berlin jener Zeit großes Aufsehen. Die +Berliner Presse veröffentlichte lange Berichte über dieselben. So +verschwenderisch wie er hatte bis dahin in Berlin kein Privatmann +gewirtschaftet. Es war die Aera des Großkapitalismus, die Strousberg +einläutete. Aristokratie und Plutokratie verschwägerten sich. + +Meine erste Rede in der neuen Session hielt ich anläßlich einer +Adreßdebatte am 24. September. Ich legte Verwahrung dagegen ein, daß in +der Adresse an das Bundesoberhaupt--den König von Preußen--sich der +Reichstag als die Vertretung der deutschen Nation bezeichne. Der +Präsident unterbrach mich, es gebe keine andere Vertretung der Nation. +Darauf antwortete ich, der Reichstag vertrete nur einen Teil der Nation. +Man habe 18 Millionen Deutsche preisgegeben--10 Millionen +Deutsch-Oesterreicher, 8 Millionen Süddeutsche--und Luxemburg, das +ebenfalls aus dem Bunde geschieden sei. Außerdem bestehe auf Grund +Artikel 4 des Prager Friedensvertrags die Gefahr, daß wir eines Tages +die nordschleswigschen Distrikte an Dänemark abtreten müßten. Das sei +keine nationale Politik. + +Darauf nahm Bismarck das Wort. Er wolle mir nicht persönlich +entgegnen--bemerkte er etwas maliziös--, sondern weil ich mich zum +Mundstück eines weitverbreiteten Irrtums gemacht hätte. Luxemburg sei +nicht preisgegeben, was er durch eine Reihe Sophismen zu beweisen +versuchte. Oder ob ich etwa wünschte, daß man wegen Luxemburg habe einen +Krieg machen sollen? Das fiel mir selbstverständlich nicht ein, ich +wollte nur konstatieren, daß die alten Beziehungen des Landes zu +Deutschland infolge Bismarcks "nationaler" Politik gelöst werden mußten, +und zwar auf Verlangen _Napoleons_. Luxemburg war vordem deutscher +Bundesstaat, es hatte Sitz und Stimme im Bundestag in Frankfurt, und die +Stadt Luxemburg war deutsche Bundesfestung, und da der Großherzog von +Luxemburg der König von Holland war, so waren Hollands Interessen in +hohem Grade an die Deutschlands gekettet, was bei internationalen +Verwicklungen ein Vorteil war. + +Am 17. Oktober hielt ich meine zweite Rede bei der Beratung des +Entwurfes betreffend die Wehrpflicht. Der Gesetzentwurf fordere nur +scheinbar die allgemeine Wehrpflicht, denn alle Wehrfähigen +wehrpflichtig zu machen, sei bei der langen Dienstzeit unmöglich. Alle +Wehrfähigen militärisch auszubilden, sei aber ein Akt der Gerechtigkeit +und eine Wohltat für das Land. Das sei nur bei einem Wehrsystem möglich, +wie es infolge der Militärreorganisation von Scharnhorst und Gneisenau +in Preußen von 1809 bis 1813 bestanden habe. Daß man mit kürzerer +Dienstzeit ebenfalls kriegstüchtige Mannschaften liefern könne, habe +1866 auch Sachsen gezeigt, dessen weitaus größte Zahl der Mannschaften +nicht über neun Monate bei den Fahnen gewesen sei. Auch das in Preußen +bestehende Einjährig-Freiwilligensystem beweise es. + +In großer Erregung trat mir Hans Blum entgegen, der sehr ausfallend +gegen mich wurde. Woher ich die Stirne zu einer solchen Rede nehme? +(Rüge des Präsidenten.) In persönlicher Bemerkung antwortete ich Blum, +ich hätte die Stirne hergenommen, wo sein Vater sie 1848 hergenommen +habe, als er für ähnliche Forderungen wie ich im Frankfurter Parlament +eintrat. Liebknechts und meine Reden bei diesem Gesetzentwurf +hatten nach außen Aufsehen erregt. Wir erhielten über dreißig +Zustimmungsadressen, fast alle aus preußischen Städten. Die Leipziger +Parteigenossen schickten uns als Anerkennung einen neun Pfund schweren +Schinken, der uns als diätenlosen Abgeordneten, die wir jetzt waren, +willkommen war. + +Bei der Beratung des Paßgesetzes stellten Liebknecht und ich einen +Antrag, wonach die Polizei kein Recht zu Ausweisungen haben solle. Zum +Freizügigkeitsgesetz stellten wir Anträge, wonach die Polizei niemand +Aufenthaltsbeschränkungen unterwerfen dürfe, solche sollten nur infolge +eines richterlichen Urteils ausgesprochen werden können. Alle bisher +erfolgten Ausweisungen sollten mit Inkrafttreten des Gesetzes aufgehoben +sein. In der Rede, mit der Liebknecht den Antrag begründete, kam er auf +die Vorgänge zu sprechen, die 1865 zu seiner Ausweisung aus Preußen und +Herbst 1866 zu seiner Verurteilung wegen Bannbruch führten. Natürlich +wurden die Anträge abgelehnt. + +Die Session ging bereits am 26. November zu Ende. + + * * * * * + +Im Frühjahr 1868 wurde die Session des Reichstags, die am 23. März +eröffnet worden war, unterbrochen; es sollte nach den Osterferien das +Zollparlament zusammentreten, das für den 27. April nach Berlin berufen +worden war. Dessen Sitzungen wurden im Sitzungssaal des preußischen +Landtags--damals am Dönhofsplatz--abgehalten, weil für die um rund +hundert größere Abgeordnetenzahl der Saal des Herrenhauses nicht +reichte. Die Arrangeure für die Verteilung der Plätze begingen dabei die +kleine Bosheit, daß sie Rothschild neben Liebknecht placierten. Alles +lachte. Der Frankfurter Weltbankier hielt es aber in der gefährlichen +Nachbarschaft nicht lange aus, er ließ sich einen anderen Platz +anweisen. + +Unter den süddeutschen Zollparlamentsmitgliedern befanden sich eine +Anzahl, die bereits eine politische Rolle hinter sich hatten, so Ludwig +Bamberger, der Staatsrechtslehrer Professor Bluntschli, der katholische +Sozialpolitiker Jörg, der Statistiker Dr. Kolb, Fürst zu +Hohenlohe-Schillingsfürst, der spätere Reichskanzler, Professor +Marquardsen, Rechtsanwalt Metz-Darmstadt, Moritz v. Mohl, Rechtsanwalt +Oesterlen-Stuttgart, der gewesene Minister v. Roggenbach, Professor +Schäffle, Professor Sepp, Freiherr v. Stauffenberg, Dr. Tafel-Stuttgart, +Minister v. Varnbühler, Rechtsanwalt Völck--die Frühlingslerche--und +andere. + +Da ich bei der Eröffnungssitzung des Zollparlaments zugegen war, wurde +ich neben den Abgeordneten Hans Blum, v. Watzdorf und Tobias +Jugendschriftführer. Damals bestand noch in der Geschäftsordnung des +Reichstags die Bestimmung, daß die bei der Eröffnungssitzung anwesenden +vier jüngsten Mitglieder neben dem Alterspräsidenten das provisorische +Bureau bildeten. Aus Aerger, daß auf diese Weise Sozialdemokraten in +das Bureau kommen konnten, änderte man später die Geschäftsordnung. +Jetzt wählt der Alterspräsident die vier Schriftführer des +provisorischen Bureaus. An Kleinlichkeit der Auffassung der Opposition +gegenüber hat es dem Reichstag nie gefehlt. + +Unter den süddeutschen Abgeordneten befanden sich eine Anzahl, mit denen +Liebknecht und ich in nähere Beziehungen traten: Ammermüller, +Freiesleben, Kolb, Oesterlen, Schäffle, Tafel usw. Mehrere derselben, +wie Kolb und Tafel, gehörten zur Demokratie. Der größte Teil der +süddeutschen Abgeordneten fand sich nur sehr schwer in die neue Ordnung +der Dinge. Das Zollparlament war eine der Früchte des zwei Jahre vorher +stattgehabten Bruderkriegs, dessen Wunden in Süddeutschland noch nicht +vernarbt waren. Man fühlte sich immer noch als Besiegte. Zudem war das +Zollparlament eine politische Zangengeburt, ein Verlegenheitsprodukt, +nicht Fisch, noch Fleisch. Die Liberalen, als Vertreter der modernen +kapitalistischen Entwicklung, wollten aus dem Zollparlament ein +Vollparlament machen; dem widerstrebte nicht nur Bismarck, aus +politischen Rücksichten auf Frankreich und die Stimmung in +Süddeutschland, dem widerstrebten auch die Vertreter aller anderen +Parteien in Süddeutschland, die in dem Nordbund, seiner Verfassung und +seinen Einrichtungen kein politisches Ideal sahen. Nimmt man hinzu, daß +zu jener Zeit noch ein besonders scharfer Gegensatz in der +Volksgesinnung zwischen Süd und Nord bestand, auf Grund dessen man in +Süddeutschland besser Wien und Paris als Berlin kannte, das Süddeutsche +zu jener Zeit selten besuchten, so begreift man, daß die Geister scharf +aufeinanderplatzten, wo immer sich eine Gelegenheit dazu bot. Doch +zeigte sich auch hier, daß die Süddeutschen an Zähigkeit hinter den +Norddeutschen zurückstanden. Liebknecht und ich hatten manchmal Mühe, +dem uns näher stehenden Teil der süddeutschen Abgeordneten den Rücken zu +steifen. + +Der Versuch der Nationalliberalen, eine Adresse an den König von Preußen +durchzusetzen, fiel nach heftiger Debatte mit 186 gegen 150 Stimmen, ein +Resultat, das die Antragsteller ganz perplex machte. Ich nahm in dieser +Session zu zwei längeren Ausführungen das Wort. Das erstemal sprach ich +gegen den Entwurf eines Gesetzes, wonach der Tabak besteuert werden +sollte, das zweitemal zu dem Zollvertrag zwischen dem Zollverein und +Oesterreich. Ich stieß bei dieser Debatte scharf mit dem Abgeordneten +Lasker zusammen. Derselbe hatte sich wieder einmal allerlei +schulmeisterliche Bemerkungen gegen uns erlaubt und die Zustände in den +Kleinstaaten in übertriebenster Weise angegriffen. Ich wies seine +schulmeisterlichen Bemerkungen energisch zurück und äußerte wegen seiner +Angriffe auf die Kleinstaaten, daß mich diese aus seinem Munde um so +mehr wunderten, da er einem Kleinstaat (Meiningen) sein Mandat verdanke, +eine Bemerkung, durch die ich die Lacher auf meiner Seite hatte. + + * * * * * + +Auf den 14. Mai war eine Volksversammlung von Berliner Demokraten und +Parteigenossen nach dem Konzerthaus berufen worden, und zwar saßen unter +anderem im Komitee: Buchhändler Jonas, der nachher wegen geschäftlicher +Misere nach den Vereinigten Staaten auswanderte und dort die New Yorker +Volkszeitung mitbegründete, deren Chefredakteur er wurde, Ludwig Löwe, +Paul Singer, Fr. Stephani, Tölde usw. Von den süddeutschen Abgeordneten +waren Freiesleben, Kolb, Oesterlen, Schäffle und Tafel, ferner +Liebknecht, Dr. Reinke, der vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein in +Lennep-Mettmann gewählt worden war, und ich anwesend. Liebknecht griff +die Politik der Fortschrittspartei und speziell Waldeck und Genossen +heftig an, auch sprach er so scharf gegen den Nordbund, daß es einem +Teil der Komiteemitglieder angst und bange wurde. Ich führte aus: Was +jetzt unter den Formen der deutschen Einheit vorgenommen werde, sei nie +und nimmer das einige Deutschland. Wir hegten die Erwartung, daß in +einem Deutschland, das durch den Gesamtwillen der Bevölkerung getragen +werde und an dessen Spitze eine Regierung stehe, die aus dem freien +Willen des Volkes hervorgegangen sei, allein das wirkliche Heil für die +Bevölkerung, insbesondere für die arbeitende Bevölkerung zu erwarten +sei. Ich kritisierte weiter die Zustände im Norddeutschen Bund mit Bezug +auf die Entwicklung des Militarismus: nicht Verminderung, sondern +Vergrößerung der Lasten werde die Folge sein. + +Dr. Max Hirsch, der mit seinem Anhang erschienen war, versuchte Lärm +hervorzurufen; das Tischtuch sei zwischen uns zerschnitten. Das war es +längst; sein lärmender Anhang wurde zur Ruhe verwiesen. + + * * * * * + +An einem Maisonntag waren Liebknecht und ich zu einem Fest des Berliner +Schneidervereins geladen. Wir nahmen auf ihren Wunsch die Abgeordneten +Oesterlen, Schäffle und Tafel zu demselben mit. Bei dem Ball kam es zu +einem sogenannten Damenengagement. Die Damen stürzten sich auf uns fünf. +Jede wollte mit einem von uns tanzen. Die vier Kollegen erklärten aber, +nicht tanzen zu können. Nun fielen die Damen über mich Unglücklichen +her. Vier Engagements hatte ich glücklich hinter mir, beim fünften +versagten mir Kopf und Magen. Mir wurde übel, ich mußte in den Garten +flüchten. Nächsten Vormittag kam eine Damendeputation zu mir in meine +Wohnung, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Ich konnte ihr die +beruhigende Versicherung geben, daß ich die Strapazen glücklich +überwunden hätte. Als wir in jener Nacht nach Hause gingen, äußerte sich +Schäffle höchst überrascht über den guten Ton und die ganze Haltung der +Ballgesellschaft, die nicht besser hätte sein können. Er glaube, in +Süddeutschland sei dergleichen auf einem Ballfest der Arbeiter +unmöglich, dort würde es zu Prügeleien kommen. Ich protestierte gegen +diese Auffassung. Ich sei zwar noch auf keinem Ballfest süddeutscher +Arbeiter gewesen, sei aber fest überzeugt, daß dergleichen auf einem +Fest organisierter Arbeiter nicht vorkomme. + +Für den 20. Mai hatte die Berliner Kaufmannschaft die Mitglieder des +Zollparlaments zu einem Festessen geladen, bei dem das Kuvert 25 Taler +kostete. Ich nahm an demselben nicht teil. Kollegen, die daran +teilgenommen hatten, versicherten mir nächsten Tages, die Arrangements +seien so mangelhaft gewesen, daß eine Anzahl Gäste sich nicht einmal +habe satt essen können. + +Die meisten Süddeutschen waren froh, als sie nach vierwöchiger +diätenloser Anwesenheit in Berlin wieder zu ihren Penaten zurückkehren +konnten. Im übrigen waren die Sitzungen meist so schlecht besucht, daß +die Berliner den Witz machten: Zollparlament bedeutet Leerparlament. An +den Schlußberatungen der unterbrochenen Reichstagssession beteiligte ich +mich nicht. + + * * * * * + +Die nächste Session des norddeutschen Reichstags begann den 4. März +1869. Hauptgegenstand seiner Beratung war der Gesetzentwurf für eine +Gewerbeordnung. Ich trat erst in der 10. Sitzung in das Haus und nahm +gleich zur Generaldebatte über den Gesetzentwurf das Wort. Ich +polemisierte unter anderem gegen den Geheimen Regierungsrat Wagener, den +ich wegen seines Auftretens in der Debatte als königlich preußischen +Hofsozialisten bezeichnete. Im weiteren wandte ich mich gegen den +Freiherrn v. Stumm, der uns heftig angegriffen hatte. Ich rechtfertigte +unsere Agitation und Organisation. Organisierten die Arbeiter sich +international, was er ihnen zum Vorwurf gemacht hatte, so sei dieses die +notwendige Konsequenz gegenüber der Internationalität des Kapitalismus. +Gegen den Abgeordneten Miquel trat ich ebenfalls polemisch in die +Schranken, der behauptet hatte, wir in Deutschland seien in sozialen +Dingen weiter als England und Frankreich. Ich antwortete: Jedenfalls +streite man sich in England und Frankreich nicht mehr wochenlang wie wir +um Gewerbefreiheit und Freizügigkeit. Ich führte ferner aus: Der +Abgeordnete Wagener habe dem Abgeordneten Schulze-Delitzsch gegenüber +gesagt: was er (Schulze) fordere, sei ihm (Wagener) insofern angenehm, +als es gelte, die letzten Konsequenzen des Wirtschaftssystems zu ziehen, +das führe dann zur Reaktion. Ich sei der Meinung, er (Wagener) habe sich +in der Schlußfolgerung geirrt, nicht die Reaktion, sondern die +Revolution werde schließlich kommen und kommen müssen. + +Ich hatte mich in meiner Rede gegen eine Kommissionsberatung des +Gesetzentwurfes erklärt, da das Haus doch keinen von uns in die +Kommission wähle. Das hatte die Wirkung, daß man mich in die Kommission +schickte. + +Ich möchte hier die Bemerkung einschalten, daß die Teilnahme an den +Reichstags- und Zollparlamentsverhandlungen für Liebknecht und mich ein +großes Opfer war. Zwar taten unsere Wahlkreise, und namentlich der +meine, was sie konnten, um uns finanziell zu unterstützen. Es war aber +doch ein peinliches Gefühl für uns beide, von einer Wählerschaft +finanzielle Hilfe annehmen zu sollen, die mit zur ärmsten in Deutschland +gehörte. Eine Parteiunterstützung gab es damals noch nicht, für Diäten +war kein Geld vorhanden. Die Diätenzahlung durch die Partei trat erst +vom Jahre 1874 ab ein, die mager genug ausfiel. Auch mußten wir die +Reisen nach und von Berlin aus eigener Tasche bezahlen. So fehlten wir +häufig in den Sitzungen, manchmal sogar, wenn unser Parteiinteresse +gebot anwesend zu sein. Schweitzer und Genossen hatten es darin besser. +Sie wohnten in Berlin, mit Ausnahme von Reinke, der aber bereits 1868 +sein Mandat niederlegte, worauf Fritzsche an seine Stelle trat; sie +konnten ohne Mühe und größere Opfer jeder wichtigen Sitzung beiwohnen. +Doch waren wir bei weitem nicht die einzigen, die schwänzten. Die große +Mehrzahl der Gesetze wurde von beschlußunfähigen Häusern angenommen. So +blieb es bekanntlich bis zur Einführung der Diäten im Frühjahr 1906. + + * * * * * + +Bei der zweiten Beratung der Gewerbeordnung stellten wir eine Anzahl +Anträge, mit denen wir aber nur vereinzelt Glück hatten. Wir beantragten +Bestimmungen, nach denen die Streitigkeiten betreffend Kündigungsfristen +usw. Gewerbegerichten überwiesen werden sollten; wir forderten ferner +das Verbot des Trucksystems; obligatorische Fabrikordnungen für alle +Betriebe mit mehr als zehn Arbeitern, wobei die Arbeiter gutachtlich zu +hören seien; weiter beantragten wir Bestimmungen über den Lehrvertrag, +Aufhebung der Arbeitsbücher, Verbot der Kinderarbeit für Kinder unter +vierzehn Jahren in Fabriken. Weiter verlangten wir das Verbot der +Sonntagsarbeit, einen zehnstündigen Normalarbeitstag für Betriebe mit +mehr als zehn Lohnarbeitern, volle Vereinigungsfreiheit für die +Gewerkschaftsorganisationen, Einführung von Fabrikinspektoren. Meist +hatten Schweitzer und Genossen dasselbe beantragt. + +Einen unerwarteten Erfolg hatte ich mit meinem Antrag, die Arbeitsbücher +abzuschaffen. Das kam so. Das Leipziger Polizeiamt hatte eine +Verordnung erlassen, in der es hieß: Wirte, bei denen einwandernde +Gewerbsgehilfen einkehrten, seien verbunden, ihnen sogleich nach ihrer +Ankunft ihre Wanderlegitimationen abzufordern und solche an das +Fremdenbureau abzugeben. Diejenigen Gesellen aber, welche eine +Wanderlegitimation vorzuzeigen nicht vermöchten, ohne Verzug dem +Fremdenbureau zuzuführen. Ueberdies sollten die Wirte darauf sehen, daß +zugewanderte oder arbeitslos gewordene Gewerbsgehilfen ohne polizeiliche +Erlaubnis nicht über vierundzwanzig Stunden in Leipzig verweilten. + +Diese Verordnung stand in schneidendem Widerspruch mit dem Paßgesetz, +das den Legitimationszwang für das Inland aufgehoben hatte. Die +bezüglichen Bestimmungen der sächsischen Gewerbeordnung, die die +Arbeitsbücher vorschrieben, seien, so führte ich aus, durch das +Paßgesetz gegenstandslos geworden. Lasker unterstützte meinen Antrag, +und so wurde derselbe angenommen. Zehn Jahre später wurden bei einer +Revision der Gewerbeordnung von der konservativ-ultramontanen Mehrheit +die Arbeitsbücher für Personen unter 21 Jahren wieder eingeführt. + +Die Annahme meines Antrags auf Beseitigung der Arbeitsbücher +verschnupfte in den Kreisen der selbständigen Handwerker. Das ganze +Raffinement, mit dem ich bei Stellung dieses Antrags zu Werke gegangen +sein sollte, beschrieb Dr. C. Roscher, der Sohn des bekannten +verstorbenen Nationalökonomen W. Roscher--dem Marx und Lassalle übel +mitspielten--, in einem Artikel überschrieben: Wie der deutsche +Gewerbsstand die Arbeitsbücher verlor. Fragment aus einem sozialen +Roman. Nach C. Roscher, der heute noch in einem hohen Amt in der +sächsischen Regierung sitzt, hatte ich meinen schlau erdachten Plan +meinem "Freund Tübicke"--der Mann hat wohl nie gelebt--entwickelt, als +er mich eines Abends "in meinem öden Zimmer" aufsucht, wo ich eben +meine--nebenbei bemerkt--sehr kurze Rede zu meinem Antrag entwarf. Ich +lasse mich nun--immer nach Roscher--mit Tübicke in ein Gespräch ein, +wobei ich ihm auseinandersetze, wie ich morgen den Reichstag düpieren +würde, damit er für meinen Antrag stimme. Ich war nicht wenig stolz, zu +lesen, welche Schlauheit mir Roscher zuschrieb, um meine verehrten +Kollegen über den Löffel zu barbieren. Natürlich gelang der Streich +genau so, wie ich den Plan entworfen haben sollte. Als der Präsident +verkündete, der Antrag habe die Mehrheit, hörte man auf der Tribüne ein +unterdrücktes Kichern. Es war mein Freund Tübicke, der sich über das +Gelingen meines Planes diebisch freute. Ich bin überzeugt, mancher, der +diese Schilderung las, nahm sie ernst und sagte sich: Der Bebel ist doch +ein verfluchter Kerl! Aber geschichtliche Wahrheit enthielt die +Schilderung nicht. So wird aber oft Geschichte gemacht. + +Ein zweiter, minder wertvoller Antrag, den ich durchsetzte, war, daß +überall, wo es im Gesetz "Muße" hieß, "Pause" gesetzt wurde. Die +Regierung sah selbst ein, daß das Wort "Muße" unpassend sei, und +akzeptierte meinen Vorschlag. Dagegen wurden alle unsere anderen Anträge +abgelehnt. + +In derselben Session wurde auch das Wahlgesetz für den Reichstag +festgestellt. Schweitzer und Hasenclever beantragten, statt +fünfundzwanzig Jahre zwanzig zu setzen, und der Wahltag müsse ein +Sonntag sein. Ich beantragte, daß die Wahlen am gleichen Tage im ganzen +Bundesgebiet stattfinden und der Wahltag ein Sonn- oder Feiertag sein +müsse. Ferner verlangte ich, die Bestimmung zu streichen, wonach +Personen das Wahlrecht verlieren sollten, die eine Armenunterstützung +aus öffentlichen oder Gemeindemitteln beziehen oder im letzten Jahre vor +der Wahl bezogen haben. + +Es ist überflüssig zu sagen, daß trotz aller unserer Reden diese Anträge +ebenfalls abgelehnt wurden. Auch verloren jetzt die _unter der Fahne +stehenden Militärpersonen das aktive Wahlrecht_. Es waren die +Nationalliberalen, die hierfür eifrig eintraten. Die Regierungen hatten +diese Forderung _nicht_ gestellt. + +Bei der Debatte über den Haushaltsetat--24. April--hatte sich der +Abgeordnete v. Hoverbeck für eine Entwaffnung ausgesprochen. Darauf +antwortete ich: Ich sei der Ansicht, daß, wie gegenwärtig die Dinge in +Europa stünden, wo der Zäsarismus hüben und der Zäsarismus drüben das +Ruder führe, ernstlich eine Entwaffnung für möglich zu halten eine +Torheit sei. Ich hielte es für unmöglich, daß unsere Zäsaren, von denen +jeder nach der Gelegenheit hasche, über den anderen herzufallen und ihn +niederzuschlagen, sich einfallen ließen, eine noch so mäßige Entwaffnung +eintreten zu lassen. Es geschehe eben hier, was von den beiden Löwen der +Fabel erzählt werde, sie fielen über sich her und fraßen sich bis auf +die Schwänze auf. Dabei könnten wir nur profitieren. + +Am 13. Mai hielt ich eine Rede gegen das Privileg der Portofreiheit der +Fürsten. Ich wurde wiederholt heftig unterbrochen. Meine Ausführungen +hatten die "loyalen Gefühle" eines Teils der Mitglieder verletzt. Dafür +erhielt ich aus der Wählerschaft viele Zustimmungen. + +Am 3. Juni wurde das Zollparlament wieder eröffnet, aber bereits am 22. +Juni geschlossen. Ich beteiligte mich nicht an den Debatten, die für +mich keine besondere Bedeutung hatten; außerdem erforderte mein Geschäft +meine Anwesenheit in Leipzig. + + * * * * * + +In der Frühjahrssession des norddeutschen Reichstags von 1870 war der +Hauptberatungsgegenstand der Strafgesetzentwurf für den Norddeutschen +Bund. Ich nahm bei dessen Beratung nur einmal das Wort, und zwar in +dritter Lesung bei Beratung der Todesstrafe. Der Reichstag, der in der +zweiten Lesung mit erheblicher Mehrheit sich gegen die Todesstrafe +ausgesprochen hatte--das im Jahre 1868 erlassene sächsische +Strafgesetzbuch hatte sie abgeschafft, ebenso war sie in Baden +abgeschafft worden--, stimmte jetzt auf Drängen und Drohen Bismarcks +_für_ dieselbe, und zwar mit 127 gegen 110 Stimmen. Der _einzige_ +sächsische Abgeordnete, der _für_ die Todesstrafe eintrat, war Dr. Hans +Blum, der Sohn des im Herbst 1848 in der Brigittenau bei Wien +erschossenen Robert Blum. Als Blum sein Ja für die Todesstrafe abgab, +antworteten wir auf der äußersten Linken mit einem kräftigen Pfui! + +Hans Blum gehörte zu den schmutzigsten und perfidesten Gegnern der +Sozialdemokratie; um uns zu bekämpfen, war ihm _jedes_ Mittel recht. +Selbstverständlich war er ein begeisterter Verehrer Bismarcks, und +dieser wollte ihm wohl. Aber er konnte ihn vor schimpflichem Untergang +nicht retten. Blum wurde wegen ehrloser Handlungen die Advokatur +entzogen. Er ging alsdann nach der Schweiz, woselbst er eine +Zigarrenfabrik betrieb. Er starb 1909 als wohlhabender Mann. + +In einer zweiten Rede in der Frühjahrssession 1870 trat ich für einen +Antrag Lasker ein, der eine Revision des Militärstrafrechtes verlangte. +Der Antrag wurde mit 117 gegen 73 Stimmen angenommen. + +Die Zollparlamentssession von 1870 war wiederum sehr kurz, sie währte +nur gegen drei Wochen. Vor Beginn derselben hatte der Abgeordnete Dr. +Kolb-Bayern sein Mandat für das Zollparlament niedergelegt. Das +Zollparlament sei ein Werk der Täuschung und des Truges, das nur für die +Machtstellung Preußens zu arbeiten habe. Es ist bemerkenswert, wie +kampfunlustig die bürgerliche Demokratie wurde. Damit erhält man aber +keine Partei am Leben, geschweige, daß man sie stärker macht. Die +Klügeren sahen eben schon damals, daß bei der Entwicklung, die die +Sozialdemokratie nahm, die bürgerliche Demokratie keine Zukunft mehr +habe. Die wachsenden Klassengegensätze schieden immer mehr die Geister. + +Die Frühjahrssession 1870 war die letzte des Zollparlaments, denn wenige +Monate nachher begann die große Tragödie, die auch die politischen +Verhältnisse Deutschlands sehr wesentlich änderte und das Zollparlament +überflüssig machte. + + + + +Taktische Unstimmigkeiten. + + +Bevor ich auf die Tragödie des Deutsch-Französischen Krieges eingehe, +muß ich in Kürze auf die taktischen Unstimmigkeiten zu sprechen kommen, +die sich zwischen Liebknecht und mir wegen unserer parlamentarischen +Stellung herausgebildet hatten. + +Liebknecht hatte schon zur Zeit, als der Bismarcksche Bundesreformantrag +zur Diskussion stand--Frühjahr 1866--, sich gegen das Wählen zu einem +solchen Parlament ausgesprochen, und zwar im Mannheimer "Deutschen +Wochenblatt". Dieses wurde aber in unseren Kreisen fast nicht gelesen, +und da Liebknecht, soweit ich mich dessen entsinne, weder im Leipziger +Arbeiterbildungsverein, noch im Demokratischen Verein, noch in einer +anderen Versammlung seinen negierenden Standpunkt zur Geltung zu +bringen suchte, kam es infolgedessen zu keiner Diskussion. Als wir dann +Weihnachten 1866 auf unserer Landesversammlung zu Glauchau ohne jeden +Widerspruch die Wahlbeteiligung als selbstverständlich beschlossen und +Liebknecht, der damals drei Monate Gefängnis in der Berliner +Stadtpolizei verbüßte, mit als Kandidaten für den 19. sächsischen +Wahlkreis aufstellten, akzeptierte er diese Aufstellung ohne jeden +Vorbehalt. Bei seiner zweiten Kandidatur, Hochsommer 1867, wurde er auch +gewählt. Anfangs stellte er selbst Anträge zu Gesetzentwürfen, aber bald +kam die alte Abneigung gegen den Parlamentarismus wieder bei ihm zum +Durchbruch und äußerte sich in lebhaften Auseinandersetzungen zwischen +uns über die Taktik, die wir im Reichstag einnahmen sollten. + +Liebknecht sah in dem Norddeutschen Bunde ein Gebilde, das mit allen +Mitteln bis zur Vernichtung bekämpft werden müsse. An dessen Parlament +sich anders als negierend und protestierend zu beteiligen, war nach +seiner Meinung eine Preisgabe des revolutionären Standpunktes. Daher +kein Paktieren, kein Kompromisseln, das heißt kein Versuch, die +Gesetzgebung in unserem Sinne zu beeinflussen. + +Zu dieser Auffassung unseres revolutionären Standpunktes konnte ich mich +nicht bekennen. Protestieren und negieren, wo es am Platze war, also vor +allen Dingen gegen alles Schlechte und Verderbliche, aber zugleich auch +agitieren in positivem Sinne, indem wir überall unsere Anträge zu den +einzelnen Gesetzentwürfen stellten und damit zeigten, wie wir uns die +Gestaltung der Dinge dachten. Indem wir diese Anträge stellten und Reden +zu ihren Gunsten hielten, die, wenn auch noch so verstümmelt, in den +Berichten der Zeitungen von Millionen gelesen wurden, würden wir im +höchsten Grade agitatorisch und propagandistisch wirken. + +Diese Meinungsverschiedenheiten kamen zwischen uns am lebhaftesten zum +Ausdruck, als ich zahlreiche Anträge zur Gewerbeordnung und anderen +Gesetzentwürfen stellte, zu denen Liebknecht seine Stimme nur ungern +hergab. Er hielt es schließlich für zweckmäßig, seinen abweichenden +Standpunkt in einem Vortrag darzulegen, den er am 31. Mai 1869 im +Berliner Demokratischen Arbeiterverein hielt. Der Vortrag ist nachher in +einer Broschüre erschienen, betitelt: Die politische Stellung der +Sozialdemokratie, insbesondere mit bezug auf den Reichstag. + +Liebknecht äußerte darin: Die soziale Bewegung ist ein revolutionärer +Umgestaltungsprozeß, der sich nicht über Nacht vollziehen kann ... Aber +die neue Gesellschaft steht in unversöhnlichem Gegensatz mit dem alten +Staat ... Was die neue Gesellschaft will, hat daher vor allem auf +Vernichtung des alten Staates hinzuwirken ... Für die soziale Praxis muß +sich die Sozialdemokratie erst den staatlichen Boden schaffen ... Der +Kampf im Reichstag sei bloß ein Scheinkampf, bloß eine Komödie ... +Verhandeln könne man nur, wo eine gemeinsame Grundlage bestehe ... +Prinzipien seien unteilbar, man müsse sie ganz bewahren oder ganz opfern +... Den im Reichstag fast ausschließlich vertretenen herrschenden +Klassen gegenüber sei der Sozialismus keine Frage der Theorie mehr, +sondern einfach eine Machtfrage, die in keinem Parlament, die nur auf +der Straße, auf dem Schlachtfeld zu lösen sei, gleich jeder anderen +Machtfrage ... Alles, was von dem Werte der Reden im Reichstag gesagt +werde, sei hinfällig. Ob man glaube, den Reichstag durch Reden bekehren +zu können? Dieses Reden sei zwecklos, und zwecklos zu reden, sei ein +Vergnügen der Toren. + +Er wendete sich dann gegen die Ueberschätzung des Wahlrechts im +absolutistischen Staat; losgelöst von staatsbürgerlicher Freiheit, ohne +Preßfreiheit, ohne Vereinsrecht könne das allgemeine Stimmrecht nur +Spiel und Werkzeug des Absolutismus sein. + +Der Reichstag habe auch keine Macht; eine Kompagnie Soldaten jage, +selbst wenn wir die Mehrheit darin hätten, diese Mehrheit zum Tempel +hinaus ... Revolutionen würden nicht mit hoher obrigkeitlicher +Bewilligung gemacht; die sozialistische Idee könne nicht innerhalb des +heutigen Staates verwirklicht werden; sie müsse ihn stürzen, um ins +Leben treten zu können. "Kein Friede mit dem heutigen Staat." + +Diese rein negierende Stellung Liebknechts ist für die Partei nie +maßgebend geworden, so oft er auch dafür kämpfte. Als aber in den +achtziger Jahren unter der Herrschaft des Sozialistengesetzes der +Anarchismus in Deutschland hier und da Boden fand, benutzten +selbstverständlich die Anarchisten die Broschüre Liebknechts, um gegen +uns als "parlamentarische Partei" zu kämpfen. Es war ein unhaltbarer +Zustand, daß eine Rede des ersten Führers der Partei ständig gegen die +Wirksamkeit der Partei ausgenutzt wurde. Darauf machte ich ihn in einer +Fraktionssitzung Mitte der achtziger Jahre aufmerksam. Liebknecht gab +die Berechtigung meiner Auffassung ohne weiteres zu, und so erschien die +neue Auflage mit einem Vorwort, in dem er darauf hinwies, daß sein in +der Broschüre vertretener Standpunkt sich nur auf die Periode vor +Gründung des Reiches beziehe. Im weiteren hat dann auch Liebknecht auf +dem St. Galler Kongreß--Oktober 1887--offen und rückhaltlos erklärt, er +sei nunmehr zu der Ansicht gekommen, daß die praktische Tätigkeit in den +Parlamenten eine Notwendigkeit und von großem Vorteil für die Partei +sei. Damit waren die Meinungsverschiedenheiten zwischen uns über die +parlamentarische Taktik beseitigt. + +Die Liebknechtsche Rede hatte ein gerichtliches Nachspiel. Das Berliner +Stadtgericht verurteilte ihn in contumaciam, da er auf Vorladung nicht +erschienen war, wegen Schmähung obrigkeitlicher Anordnungen zu drei +Monaten Gefängnis. Das Berliner Stadtgericht forderte darauf die +Auslieferung Liebknechts--man halte fest, daß es damals noch kein +gemeinsames Strafrecht und kein gemeinsames Prozeßverfahren gab--auf +Grund des Gesetzes über die gegenseitige Rechtshilfe. Diese Auslieferung +wurde von den sächsischen Gerichten _verweigert_, weil es nach dem neuen +sächsischen Strafrecht kein Vergehen gab wie jenes, auf das hin +Liebknecht in Berlin verurteilt worden war. Nun verlangte die preußische +Regierung bei der sächsischen die Verfolgung Liebknechts wegen Schmähung +von Bundesinstitutionen. Die sächsische Regierung machte auch Miene, dem +Verlangen stattzugeben. Die Sache zog sich aber in die Länge, und +schließlich erging es Liebknecht mit seiner Berliner wie mir mit meinen +Plauener Reden, sie wanderten als schätzbares Anklagematerial in die +Akten unseres kommenden Hochverratsprozesses. + + + + +Der Deutsch-Französische Krieg. + + + + +Das Vorspiel zur Kriegserklärung. + + +Die Haltung, die Liebknecht und ich bei Ausbruch und während der Dauer +jenes Krieges in und außerhalb des Reichstags einnahmen, ist +jahrzehntelang Gegenstand der Erörterung und heftiger Angriffe gewesen. +Anfangs auch in der Partei. Aber nur kurze Zeit, dann gab man uns recht. +Ich bekenne, daß ich unsere damalige Haltung in keiner Weise bedaure und +daß, wenn wir bei Ausbruch des Krieges bereits gewußt hätten, was wir im +Laufe der nächsten Jahre auf Grund amtlicher und außeramtlicher +Veröffentlichungen kennen lernten, unsere Haltung vom ersten Augenblick +an eine noch schroffere gewesen sein würde. Wir hätten uns nicht, wie es +geschah, bei der ersten Geldforderung für den Krieg der Abstimmung +enthalten, wir hätten direkt gegen dieselbe stimmen müssen. + +Heute kann es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß der Krieg von 1870 +von _Bismarck gewollt_ und durch ihn von langer Hand vorbereitet worden +ist. Wenn er mit seinen Versuchen, anläßlich der Kriege von 1864 und +1866 sich als den Unschuldigen und dazu Gereizten hinzustellen, wenig +Glück hatte, so ist ihm dieses in bezug auf den Krieg von 1870/71 +glänzend gelungen. Mit Ausnahme eines kleinen Kreises Eingeweihter, der +wußte, daß Bismarck mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln auf den +Krieg mit Frankreich hinarbeitete--zu dem der damalige König und spätere +Kaiser Wilhelm I. nicht gehörte--, hat Bismarck alle Welt düpiert und +den Glauben zu erwecken verstanden, daß Napoleon den Krieg provozierte +und er, der friedliebende Bismarck, sich mit seiner Politik in der Rolle +des Angegriffenen befand. Und die offizielle und offiziöse +Geschichtschreibung hat diesen Glauben, wonach Frankreich der Angreifer, +Deutschland der Angegriffene war, bis heute in der großen Masse der +Bevölkerung aufrechtzuerhalten verstanden. + +Allerdings hat Napoleon formell den Krieg erklärt, aber das +Bewundernswerte in der Bismarckschen Politik lag darin, daß er die +Karten so geschickt gemischt hatte, daß Napoleon mit der Kriegserklärung +austrumpfen _mußte_, er mochte wollen oder nicht, und so als der +Friedensbrecher erschien. + +Haben doch kurze Zeit selbst Männer wie Marx und Engels die Anschauung +gehabt und öffentlich zum Ausdruck gebracht, Napoleon sei der +Friedensbrecher gewesen, obgleich die Warte, auf der sie standen, für +die Beurteilung der europäischen Politik eine weit höhere war als die +unsere. Die Vorgänge bis zur Kriegserklärung waren so irreführend und +verblüffend, daß man ganz die Tatsache übersah, daß Frankreich, das den +Krieg erklärte, mit seiner Armee auf keinen Krieg vorbereitet war, +wohingegen in Deutschland, das als der zum Kriege provozierte Teil +erschien, die Kriegsvorbereitungen _bis auf den letzten Lafettennagel +fertig waren_ und die Mobilmachung wie am Schnürchen sich vollzog. + +Die öffentliche Anklage, daß Bismarck der Urheber des +Deutsch-Französischen Krieges sei, habe ich meines Erinnerns in der +Partei zuerst in zwei Artikeln des "Volksstaat", und zwar in den Nummern +73 und 74 vom Jahre 1873 erhoben, die die Ueberschrift trugen: "Zum +zweiten September." Liebknecht, dem ich die beiden Artikel vorlegte, hat +nur einige kleine formale Aenderungen daran vorgenommen und hat sie +beide an der Spitze seiner später erschienenen Broschüre: "Die Emser +Depesche oder wie Kriege gemacht werden", abgedruckt. + +Der Krieg mit Frankreich lag lange in der Luft. Sobald die Lösung der +deutschen Frage durch die Kabinette und nicht durch die Volksmassen in +die Hand genommen wurde, war bei der Situation in Deutschland und +Europa, die der Wiener Kongreß von 1815 geschaffen hatte, auch die +Einmischung des Auslandes zu befürchten, in erster Linie die +Frankreichs, dessen damaliger Herrscher Napoleon sich eine Art +Schiedsrichterrolle in Europa anzumaßen verstanden hatte. Der +Antagonismus zwischen Oesterreich und Preußen, wie das ganze Gebilde des +damaligen deutschen Bundes, erleichterte ihm diese Rolle. Bismarck trug +dieser Rolle ebenfalls Rechnung, indem er von 1864 bis 1866 sich auf +allerlei bedenkliche Unterhandlungen mit Napoleon einließ, bei denen die +Abtretung gewisser Teile Deutschlands als Kompensation für Annexionen +deutscher Staaten durch Preußen in Frage kam. Ich habe schon im ersten +Teil meiner Arbeit darauf Bezug genommen. + +Bismarck war es gelungen, sowohl 1864 wie 1866 Napoleon zu prellen; er +ging bei der Umgestaltung der deutschen Verhältnisse zugunsten Preußens +leer aus. Aber seine Einmischung in die Friedensverhandlungen des +Krieges von 1866 hatte doch genügt, um Preußen die geplante Annexion +Sachsens unmöglich zu machen; auch war Napoleons Einfluß die Bestimmung +des Artikel 4 des Prager Friedensvertrags zu verdanken, wonach eine +Abtretung des dänisch sprechenden Teiles Nordschleswigs an Dänemark in +Aussicht genommen wurde; ferner mußte Preußen auf Annexionen südlich der +Mainlinie verzichten. Napoleons Einfluß war weiter geschuldet die Lösung +der Luxemburger Frage im folgenden Jahre zuungunsten Deutschlands. + +Es liegt auf der Hand, daß diese Störung von Bismarcks Zirkeln durch +Napoleon bei Bismarck Rache- und Vergeltungsgedanken aufkommen ließen +und er danach gierte, die überragende Stellung Napoleons und Frankreichs +in Europa zu brechen. Einen Krieg gegen Frankreich zu beginnen, sobald +eine günstige Gelegenheit sich dazu biete, war von 1866 ab das Ziel der +neupreußisch-deutschen Politik. Auf dieses Ziel wurde die militärische +Reorganisation und Armeeerweiterung mit fieberhafter Eile betrieben; es +wurden alle Maßnahmen bis ins kleinste getroffen, um, wenn der Moment +komme, mit Frankreich anbinden zu können. + +Daß der nächste Krieg ein Krieg mit Frankreich sein werde, war seit 1866 +die Ueberzeugung aller Politiker. Auch in der Armee sah man dieses als +selbstverständlich an und sehnte sich nach demselben. Wir klagten +deshalb die Bismarcksche Politik an, daß sie einen Zustand für +Deutschland geschaffen hatte, wie er seit 1815 nicht vorhanden gewesen +sei. Das gespannte Verhältnis zu Oesterreich, das der Ausgang des +Krieges von 1866 zur Folge hatte, mache die Frage für Deutschland +doppelt gefährlich, weil befürchtet werden müsse, daß Oesterreich zu +einer Revanche für 1866 mit Frankreich im Bunde bereit sein werde. +Tatsächlich wurden auch bezügliche Verhandlungen zwischen Frankreich und +Oesterreich gepflogen, die aber keinen Erfolg hatten, weil der +unerwartet rasche Ausbruch des Krieges und die siegreichen Schläge, mit +der die französische Armee von der deutschen niedergeworfen wurde, es +Oesterreich klüger erscheinen ließen, von einer Einmischung abzusehen. +Aus dieser Situation heraus sah man im Volke einem Kriege zwischen +Deutschland und Frankreich mit großem Unbehagen entgegen, um so mehr, da +man in weiten Volkskreisen noch an eine Unbesiegbarkeit Frankreichs +glaubte. Andererseits stand allerdings fest, daß der Mangel an positivem +Gewinn, den Napoleon aus seiner Einmischungsrolle heimgebracht, sein +Ansehen im eigenen Lande tief heruntergesetzt und der bürgerlichen +Opposition großen Anhang verschafft hatte. Diese Stimmung kam deutlich +zum Ausdruck bei den Wahlen im Mai 1869, bei welchen auf die Kandidaten +der Regierung nur rund 4469000 Stimmen, auf die der Opposition 3259000 +Stimmen fielen. Ueber diesen Wahlausfall schrieb man damals der +"Frankfurter Zeitung" aus Paris: "Nicht allein die moralischen, auch die +materiellen Interessen Europas lassen die republikanische Staatsform als +unerläßlich für die Regeneration unserer Verhältnisse erscheinen." + +Die Opposition in der Kammer war auf 116 Köpfe gestiegen. Das veranlaßte +Napoleon Anfang Januar 1870, das Mitglied der Opposition, Olivier, zum +Präsidenten eines gemäßigt liberalen Kabinetts zu ernennen und zur +Unterstützung seiner Politik am 8. Mai ein sogenanntes Plebiszit +(allgemeine Volksabstimmung) vorzunehmen, wobei er für sein Regiment +zwar 7350000 Ja gegen 1500000 Nein erzielte, aber was sehr bedenklich +war, die Armee und Marine hatten 50000 Nein in die Urne geworfen. +Außerdem hatten zahlreiche Städte, voran Paris, ein erhebliches Mehr +gegen ihn ergeben. + +Die feindselige Stimmung gegen Napoleon war in Paris schon im Januar +zutage getreten bei der Beerdigung des Schriftstellers Victor Noir, den +der Prinz Pierre Napoleon bei einem persönlichen Streit meuchlings +niedergeschossen hatte. Eine ungeheure Menschenmenge begleitete +demonstrativ die Leiche Victor Noirs. Es fehlte nicht viel, und es wäre +dabei zu einem revolutionären Ausbruch gekommen. + +Alle diese Vorgänge wirkten niederdrückend auf Napoleon, der damals +schon an einem schmerzhaften Blasensteinleiden litt, dem er schließlich +auch erlag. Dieses Leiden raubte ihm Energie und Tatkraft. + +Aber auch die militärischen Verhältnisse Frankreichs waren solche, die +einen Krieg mit einer starken Macht für gefährlich erscheinen ließen. +Wenn Preußen-Deutschland seit 1866 mit aller Kraft und Energie an der +Vermehrung und Ausbildung der Armee arbeitete, so geschah gleiches nicht +in Frankreich. Napoleon harte zwar in dem Oberst Stoffel einen +Militärattaché in Berlin, der offene Augen und Ohren hatte und +fortgesetzt Berichte einschickte, worin er über die gewaltigen +Fortschritte in der militärischen Entwicklung Preußens Bericht +erstattete und zu ähnlichem Vorgehen antrieb, aber alles war vergebens. +Oberst Stoffel predigte tauben Ohren. Einige Urteile Stoffels, weil von +historischer Bedeutung, mögen hier Platz finden. So schrieb er unter dem +22. Juli 1868: "Nach meiner Meinung lebt man in Frankreich in der +tiefsten Unwissenheit von alledem, was Preußen angeht, sowohl die +preußische Nation als die preußische Armee." Am 12. August 1869 schrieb +er prophetisch: "Preußen hat Scharfblick genug, um zu erkennen, daß der +Krieg, den es nicht wünscht, doch ausbrechen wird, und es hat alle +Anstrengungen gemacht, um vorbereitet zu sein für diese Eventualität, +daß irgend ein Zwischenfall den Krieg herbeiführt." Ein andermal bemerkt +er: "Das ist der Hauptgegenstand meiner Befürchtung, dieser schlagende +Kontrast zwischen der Voraussicht Preußens und der Verblendung +Frankreichs." Wütend ist er über Thiers, der 1848 verhindert habe, daß +die allgemeine Wehrpflicht in Frankreich eingeführt wurde. _"Dieser +Mensch war für unser Land ein schlimmeres Verhängnis als zwanzig +Niederlagen."_ Und bei Ausbruch des Kriegs bezeichnet er denselben von +französischer Seite als den Krieg der Voraussehungslosigkeit, der +Unwissenheit und der Albernheit gegenüber der Voraussicht, Bildung und +Intelligenz. Napoleon sei krank, _die Revolution stehe vor der Tür_, und +dazu komme die Dummheit der Kaiserin. + +In Paris glaubte kein Mensch an einen Krieg mit Deutschland. _Noch +Anfang Juli 1870, also vierzehn Tage vor Ausbruch des Kriegs, beschloß +die französische Deputiertenkammer die Herabsetzung des +Rekrutenkontingents von 100000 auf 90000 Mann._ Der Kriegsminister +Leboeuf erklärte, daß, _wenn er der Herabsetzung zustimme, es geschehe, +weil er einen Beweis der Friedfertigkeit des Ministeriums geben wolle_. +Und der Ministerpräsident Olivier erklärte auf eine Anfrage des +Abgeordneten Jules Favre, _daß zu keiner Zeit die Erhaltung des Friedens +mehr gesichert sei als gegenwärtig. Nirgends gebe es eine aufregende +Frage._ + +Und doch kam über Nacht der Krieg. + +"Fern im Süd das schöne Spanien" gab ungewollt die Gelegenheit dazu. +Seit Herbst 1868 war Spanien Republik, aber die herrschenden Klassen +sehnten sich nach der Monarchie. So gingen sie auf die Königsuche. Wie +nachträglich bekannt geworden ist, wurde bereits im September 1869 der +Fürst Karl Anton von Hohenzollern davon unterrichtet, daß man seinen +Sohn Leopold, der damals als Leutnant in einem preußischen Garderegiment +stand, zum König von Spanien wünsche. Der preußische Gesandte in +München, Freiherr v. Werthern, hatte dabei seine Hand im Spiele. Ob mit +oder ohne Wissen Bismarcks? Bismarck leugnete, daß er davon etwas gewußt +habe, aber wer glaubt es ihm? Ein Hohenzollernprinz als Kandidat für den +spanischen Königsthron war eine Sache von größter politischer Bedeutung, +sowohl für die Hohenzollern wie für Napoleon. Napoleon und Frankreich +fühlten sich in ihren Interessen aufs stärkste gefährdet, wenn neben dem +Hohenzollern an der Ostgrenze ein Hohenzoller auf der Südgrenze als +Regent eines großen Staates hinzukam. Im Fall eines Kriegs mit +Deutschland mußte alsdann Frankreich sich gegen einen Ueberfall von +Süden schützen, was eine starke militärische Schwächung bedeutete. + +König Wilhelm hatte bezeichnenderweise von einem ernsthaften Plan, +einen Hohenzollernprinzen auf den spanischen Königsthron zu erheben, +_keine Ahnung_. Er erhielt die Nachricht darüber erst Ende Februar 1870 +und schrieb darauf unter dem 26. an Bismarck: + + "Die Einlage fällt mir wie ein Blitz aus heiterer Luft auf den Leib! + Wieder ein hohenzollerischer Thronkandidat, und zwar für Spanien. Ich + ahndete kein Wort und spaßte neulich mit dem Erbprinzen über die + frühere Nennung seines Namens und beide verwarfen die Idee unter + gleichem Spaß! Da Sie vom Fürsten Details erhalten haben, so müssen + wir konferieren, obgleich ich von Haus gegen die Sache bin. Ihr W." + +Bismarck ließ sich aber durch diese Ansicht des Königs nicht irre +machen, er verfolgte konsequent seinen Plan und erreichte schließlich +doch, daß in einer Beratung unter dem Vorsitz des Königs, an welcher der +Kronprinz, der Fürst von Hohenzollern, er und Moltke teilnahmen, der +Kandidatur des Prinzen Leopold zugestimmt wurde. + +Napoleon soll anfangs die Nachricht von der Kandidatur des +Hohenzollernprinzen ohne besonderen Widerspruch hingenommen haben, was +für seine Apathie und sein Ruhebedürfnis spräche. Als aber Anfang Juli +die provisorische Regierung Spaniens sich für die Kandidatur des +Hohenzollern aussprach und dieser Beschluß in Frankreich bekannt wurde, +begann der größte Teil der französischen Presse zu toben wegen der +Gefahr, die ein Hohenzoller auf dem spanischen Königsthron für +Frankreich bedeute. Jetzt mußte auch Napoleon sich rühren. Er sandte +seinen Botschafter Benedetti um Aufklärung zu Bismarck. Dieser gab zur +Antwort, das _Ministerium_ wisse nichts von der Sache. So stellt er +selbst in "Gedanken und Erinnerungen" die Sache dar. Dort erklärt er im +zweiten Bande auf Seite 80: Politisch habe er der Frage ziemlich +gleichgültig gegenüber gestanden. Auf der folgenden Seite aber äußert er +bereits: "Wenn der Herzog von Gramont (in einer 1872 erschienenen +Broschüre) sich bemüht, den Beweis zu führen, daß ich der spanischen +Anregung gegenüber mich nicht ablehnend verhalten hätte, so finde ich +keinen Grund, dem zu widersprechen." + +Einer seiner Verehrer hat recht, wenn er schreibt: "Indem Bismarck +Geschichte schreibt, macht er Geschichte", das heißt er dreht die Dinge +so, wie sie ihm passen. + +Dem Lärm in der französischen Presse folgte der Lärm in der deutschen. +Aber zunächst nicht überall. Noch am 12. Juli sprach die "Kölnische +Zeitung" sich sehr entschieden gegen die Hohenzollern-Kandidatur aus im +Interesse der Ruhe Europas. Und wie man in jenen Tagen in Bürgerkreisen +über den Militarismus dachte, darüber legt Zeugnis ab ein Beschluß einer +Vertrauensmännerversammlung der Fortschrittspartei für Rheinpreußen am +10. Juli in Köln. Jene Versammlung resolvierte: + + "Wir erwarten und fordern von den zu wählenden Abgeordneten zum + Reichstag, daß sie in der nächsten Session des Reichstags insbesondere + für die Verminderung der Militärlast durch Verminderung der + Friedensarmee und Verkürzung der Dienstzeit eintreten und für den + Fall, _daß diese Forderung abgelehnt wird, in Ausübung ihres + verfassungsmäßigen Rechtes jedwede Bewilligung von Geldmitteln für das + Militär dem Bundespräsidium verweigern_." + +Wer denkt in den bürgerlichen Parteien heute noch an dergleichen +Schritte, obgleich mittlerweile die militärischen Rüstungen zu Wasser +und zu Lande einen Umfang angenommen haben, den zu jener Zeit _niemand +für möglich_ hielt. + +Da kam der 13. Juli, der die Entscheidung brachte. Nach der offiziellen +und offiziösen Darstellung der Begegnung des Grafen Benedetti mit König +Wilhelm in Ems sollte Benedetti in brüsker Weise vom König gefordert +haben, zu erklären, daß er nie wieder eine Hohenzollernkandidatur für +den spanischen Thron zulassen werde, nachdem an demselben Tage auf +Betreiben des Königs Wilhelm der Hohenzollernprinz seine Kandidatur +_zurückgezogen_ hatte. Der König hatte durch einen Adjutanten an +Benedetti diesem mitgeteilt, daß er die Verzichtleistung approbiert +habe. Auf einen nochmaligen Wunsch Benedettis, den König zu sprechen, +ließ dieser, wie sein Generaladjutant Prinz Radziwill nachher in einer +Erklärung mitteilte, "dem Grafen Benedetti durch mich zum dritten Male +nach Tisch, etwa um 6 Uhr, erwidern, Seine Majestät müsse es entschieden +ablehnen, in betreff der bindenden Erklärungen für die Zukunft sich in +weitere Diskussionen einzulassen. Was er heute morgen gesagt, wäre sein +letztes Wort in dieser Sache, und er könne sich lediglich darauf +berufen. Hierauf erklärte Benedetti, sich seinerseits bei dieser +Erklärung beruhigen zu wollen." Damit war tatsächlich der Zwischenfall +erledigt. Aber nicht für Bismarck, dessen Pläne auf einen Konflikt mit +Frankreich durch die Erklärung des Königs durchkreuzt waren. Er erzählt +selbst in "Gedanken und Erinnerungen", daß, als er an jenem Tage mit +Moltke und Roon gemeinsam speiste, diese über die Nachricht von der +Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Thron +im höchsten Grade deprimiert waren. Bismarck selbst war so aufgebracht, +daß er seine Demission geben wollte. Bald darauf lief aus Ems eine lange +Depesche ein, in der Abeken im Auftrag des Königs den Verlauf der +letzten Zusammenkunft desselben mit Benedetti schilderte, deren Inhalt +die letzte Hoffnung auf einen Konflikt mit Frankreich zerstörte. Roon +und Moltke legten tief betroffen Gabel und Messer hin, erzählt Bismarck; +daß die Aussicht auf Krieg geschwunden war, hatte ihnen den Appetit +verdorben. Darauf setzte sich Bismarck--immer nach seiner eigenen +Darstellung--an einen Nebentisch, nahm den Stift und strich die Depesche +so zusammen, daß dieselbe einen völlig veränderten Charakter bekam. Als +er sie in seiner Fassung Moltke und Roon vorlas, leuchteten beider +Augen, und Moltke, der Schweiger, rief: "So, das hat einen anderen +Klang, vorher war es eine Schamade, jetzt ist es eine Fanfare." Alsdann +setzten sich alle drei fröhlich zu Tisch und aßen mit bestem Appetit +weiter. Der Krieg war gesichert. + +Die Depesche ging in die Welt und wurde offiziell an alle fremden +Kabinette mit Ausnahme des Pariser verschickt, was die schwerste +Beleidigung für die französische Regierung war. In der redigierten +Fassung lautete die Depesche: + + "Ems, 13. Juli 1870. Nachdem die Nachrichten von der Entsagung des + Erbprinzen von Hohenzollern der kaiserlich französischen Regierung von + der königlich spanischen amtlich mitgeteilt worden sind, hat der + französische Botschafter in Ems an Seine Majestät noch die Forderung + gestellt, ihn zu autorisieren, daß Seine Majestät der König für alle + Zukunft verpflichte, niemals wieder seine Zustimmung zu geben, wenn + die Hohenzollern auf ihre Kandidatur wieder zurückkommen sollten. + _Seine Majestät der König hat es darauf abgelehnt, den französischen + Botschafter zu empfangen und demselben durch den Adjutanten vom Dienst + sagen lassen, daß Seine Majestät dem Botschafter nichts weiter + mitzuteilen habe."_ + +Diese Bismarcksche Depesche hatte die gewünschte Wirkung. Sobald sie +bekannt wurde, war die Aufregung in Frankreich und Deutschland und weit +über diese Länder hinaus eine ungeheure. Ich bekam Kenntnis von +derselben, als ich am Nachmittag des 14. Juli im Vorderhause bei meinem +Friseur war und die damals von Professor Dr. Karl Biedermann redigierte +"Allgemeine Deutsche Zeitung" hereingebracht wurde, die jene Depesche +enthielt. Als ich sie gelesen, warf ich das Blatt mit den Worten auf den +Tisch: Da haben wir den Krieg! Der Friseur erschrak über diese Aeußerung +aufs höchste, ich mußte ihm auseinandersetzen, warum die Depesche diese +Bedeutung habe. + +Wie vorauszusehen, erfolgte am 19. Juli die Kriegserklärung Frankreichs +an Deutschland, nachdem die französische Kammer bereits am 15. Juli eine +Kriegsanleihe in Höhe von 700 Millionen Franken gegen eine kleine +Minorität bewilligt hatte. + + + + +Meinungsdifferenzen. + + +Die geschilderten Vorgänge hatten zwischen Liebknecht und mir abermals +eine Meinungsverschiedenheit hervorgerufen. Liebknecht hatte die +Ansicht, Napoleon wolle den Krieg, Bismarck habe aber nicht den Mut, den +hingeworfenen Fehdehandschuh aufzunehmen. So schrieb er am 13. Juli im +"Volksstaat": "Das Frankreich des Bonaparte hat dem Preußen des Bismarck +die Kriegsfrage gestellt, und wenn letzteres sich nicht zu einem +schimpflichen Rückzug entschließt, ist der Krieg unvermeidlich." Am 16. +Juli schrieb er: "Der Mutige weicht zurück--vor dem Stärkeren. Die +Hohenzollernkandidatur ist gegenüber der drohenden Haltung Bonapartes +zurückgezogen worden; es bleibt Friede, und der großmächtige +Norddeutsche Bund, der Deutschland Achtung im Ausland verschaffen +sollte, hat mit derselben Demut, wie weiland in der Luxemburger Affäre, +vor dem französischen Kaiserreich die Segel gestrichen." + +Ich vertrat den entgegengesetzten Standpunkt. Wohl habe Napoleon den +Krieg erklärt, aber er sei nach meinem Gefühl in eine Falle getappt, die +Bismarck ihm gestellt; _letzterer_ wolle den Krieg, und er habe sein +Ziel erreicht. Ich war über die Auffassung des "Volksstaat" im höchsten +Grade erregt, es kam zu lebhaften Erörterungen zwischen Liebknecht und +mir, und erst auf eine Intervention Geibs kam es zu einer Verständigung +zwischen uns. Vom 20. Juli ab vertrat der "Volksstaat" eine Auffassung, +die auch ich durchaus teilte. + +Ohne Ahnung, daß ein Krieg ausbrechen werde, hatten wir zum 17. Juli +eine Landesversammlung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei nach +Chemnitz einberufen. Natürlich mußten wir nunmehr zur Kriegsfrage +Stellung nehmen. Dieses geschah durch folgende Resolution, die +Liebknecht und ich vorschlugen und die einstimmig angenommen wurde. + + "Die Landesversammlung protestiert gegen jeden nicht im Interesse der + Freiheit und Humanität geführten Krieg, als einen Hohn auf die moderne + Kultur. Die Landesversammlung protestiert gegen einen Krieg, der nur + im dynastischen Interesse geführt wird und das Leben von + Hunderttausenden, den Wohlstand von Millionen auf das Spiel setzt, um + den Ehrgeiz einiger Machthaber zu befriedigen. Die Versammlung begrüßt + mit Freuden die Haltung der französischen Demokratie und insbesondere + der sozialistischen Arbeiter, sie erklärt sich mit deren Bestrebungen + gegen den Krieg vollständig einverstanden und erwartet, daß auch die + deutsche Demokratie und die deutschen Arbeiter in diesem Sinne ihre + Stimme erheben." + +Die Pariser Arbeiter hatten schon vor uns sich gegen den Krieg +ausgesprochen. In ähnlichem Sinne wie wir erklärten sich die Arbeiter +vieler Städte in öffentlichen Versammlungen, so unter anderen in Barmen, +Berlin, Nürnberg, München, Königsberg, Fürth, Krefeld. + +Anders dachte der Braunschweiger Parteiausschuß, der zum 16. Juli eine +Volksversammlung einberufen hatte, in der er eine Resolution annehmen +ließ, in der die Versammelten sich auf den Standpunkt stellten, daß +Napoleon und die Majorität der Volksvertreter Frankreichs die frivolen +Friedensbrecher und Ruhestörer Europas seien. Die deutsche Nation +dagegen sei die beschimpfte, die angegriffene, deshalb müsse die +Versammlung den Verteidigungskrieg als unvermeidliches Uebel anerkennen, +sie fordere jedoch das gesamte Volk auf, mit allen Mitteln dahin zu +wirken, daß dem Volke selbst die Entscheidung zwischen Krieg und +Frieden, wie überhaupt die vollste Selbstbestimmung werde. Dieser +Auffassung des Parteiausschusses schlossen sich eine große Zahl +Parteiorte, namentlich in Norddeutschland, an. Es war also eine starke +Meinungsverschiedenheit in der Partei vorhanden. + + * * * * * + +Der Reichstag war zum 19. Juli einberufen worden. Als Liebknecht und ich +am 18. von Chemnitz abreisten, waren bereits die Bahnen durch die +Militärtransporte so in Anspruch genommen, daß wir auf dem Gößnitzer +Bahnhof mehrere Stunden warten mußten, ehe wir weiterfahren konnten. +Hier besprachen wir unsere im Reichstag zu beobachtende Taktik. +Liebknecht war der Ansicht, wir müßten die Geldforderung strikte +ablehnen, da beide Teile am Kriege schuld seien und wir für keinen Teil +Partei ergreifen dürften. Ich erklärte dieses für einen Fehler. Nach +Lage der Sache könnten wir allerdings für keinen der streitenden Teile +Partei ergreifen. Dieser Eindruck würde aber gerade dann, und zwar +zugunsten Napoleons, hervorgerufen, wenn wir gegen die Anleihe stimmten; +es bliebe uns kein anderer Weg, als uns der Abstimmung zu enthalten. +Schließlich ersuchte mich Liebknecht, den Entwurf einer Erklärung +auszuarbeiten und am nächsten Tage mit nach Berlin zu bringen. Dies +geschah. Nach einigen kleinen Aenderungen stimmte Liebknecht meinem +Entwurf zu, auch sollte ich die Erklärung im Reichstag abgeben. In der +Sitzung vom 21. Juli nahm ich das Wort: "Da, wie wir vernommen, es der +Wunsch ist, die Tagesordnung ohne Debatte zu erledigen, so sind wir +übereingekommen, keine Debatte zu provozieren, obgleich wir mit der +Ansicht des Hauses in keiner Weise einverstanden sind. Wir sind +entschlossen, in der vorliegenden Frage uns der Abstimmung zu +enthalten, und werden unsere Motive in einer schriftlichen Erklärung zu +den Akten des Hauses niederlegen." + +Simson als Präsident meinte: Das zu tun, könne er uns nicht hindern. Die +Motivierung unseres Standpunktes lautete: + + "Der gegenwärtige Krieg ist ein dynastischer Krieg, unternommen im + Interesse der Dynastie Bonaparte, wie der Krieg von 1866 im Interesse + der Dynastie Hohenzollern. + + Die zur Führung des Krieges dem Reichstag abverlangten Geldmittel + können wir nicht bewilligen, weil dies ein Vertrauensvotum für die + preußische Regierung wäre, die durch ihr Vorgehen im Jahre 1866 den + gegenwärtigen Krieg vorbereitet hat. + + Ebensowenig können wir die geforderten Geldmittel verweigern; denn es + könnte dies als Billigung der frevelhaften und verbrecherischen + Politik Bonapartes aufgefaßt werden. + + Als prinzipielle Gegner jedes dynastischen Krieges, als + Sozialrepublikaner und Mitglieder der Internationalen + Arbeiterassoziation, die ohne Unterschied der Nationalität alle + Unterdrücker bekämpft, alle Unterdrückten zu einem großen Bruderbund + zu vereinigen sucht, können wir uns weder direkt noch indirekt für den + gegenwärtigen Krieg erklären und enthalten uns daher der Abstimmung, + indem wir die zuversichtliche Hoffnung aussprechen, daß die Völker + Europas, durch die jetzigen unheilvollen Ereignisse belehrt, alles + aufbieten werden, um sich ihr Selbstbestimmungsrecht zu erobern und + die heutige Säbel- und Klassenherrschaft, als die Ursache aller + staatlichen und gesellschaftlichen Uebel, zu beseitigen." + +Die geforderten 120 Millionen Taler Kriegsanleihe wurden vom Reichstag +bewilligt. Fritzsche, Hasenclever, Mende und Schweitzer stimmten dafür, +Försterling hatte im Frühjahr sein Mandat für Chemnitz niedergelegt. In +der Nachwahl war der Kreis den Hatzfeldtianern verloren gegangen. Als +aber die Anleihe zur Zeichnung aufgelegt wurde, gab die deutsche +Kapitalistenklasse der Welt ein trauriges Schauspiel. Obgleich das Geld +mit 5 Prozent verzinst werden sollte und der Gläubiger für 100 Taler nur +88 zu geben brauchte, für die er aber nachher 100 Taler erhielt, wurden +nur 68 Millionen Taler gezeichnet. Das war eine ungeheure Blamage. +Anders in Frankreich. Dort wurden die geforderten 700 Millionen Franken +voll gezeichnet, und zwar zu dem gleichen Zins, den Deutschland bot. + + * * * * * + +Unser Verhalten im Reichstag hatte die Differenzen zwischen uns und dem +Parteiausschuß erweitert. Es kam zu sehr gereizten brieflichen +Auseinandersetzungen, namentlich zwischen Liebknecht und dem Ausschuß, +da Liebknecht nicht im Sinne des Ausschusses den "Volksstaat" redigieren +wollte. Vergebens mahnte Liebknecht zur Vernunft. Unter dem 26. Juli +schrieb er an Bracke unter anderem: "Ich nehme Euch Euren patriotischen +Eifer nicht übel. Aber seid auch Eurerseits tolerant. Wenn Ihr mit +Bebels und meinem Verhalten auf dem Reichstag nicht einverstanden seid, +so muß dieser Zwist jetzt um jeden Preis beigelegt oder wenigstens ein +offener Ausbruch vermieden werden. Es darf in einem Moment, wie dem +jetzigen, in der Partei nichts vorkommen, was wie Uneinigkeit aussähe, +und ich beschwöre Euch, alles zu unterlassen, was die Differenzen +verschärfen könnte." + +Diese Bitte war vergeblich. Schließlich war Liebknecht so verärgert, daß +er drohte auszuwandern, die Wirtschaft und der nationale Paroxismus ekle +ihn an. Auch mir wurden die Nörgeleien der Braunschweiger zu arg. Am 13. +August schrieb ich nach dort: "Wenn der Ausschuß gegen Liebknecht +vorgeht, verzichten wir auf jede fernere Mitarbeit am 'Volksstaat'. Nach +Eurem Briefe (der an Liebknecht gerichtet war und Drohungen gegen ihn +enthielt) scheint Ihr in eine Art von nationalem Paroxismus verfallen zu +sein, scheint Ihr den Skandal und den Bruch in der Partei um jeden Preis +zu wollen. Einen Verstoß gegen die Parteiprinzipien könnt Ihr in unserem +Verhalten auf dem Reichstag nicht nachweisen. Statt Euch damit zu +begnügen, daß keine Verschärfung des Konflikts eintritt, verlangt Ihr +von Leuten, die eine feste Meinung haben, die Aenderung, die Verleugnung +dieser Ansicht. Der 'Volksstaat' hat sich gerade in den letzten Wochen +streng als Parteiorgan gezeigt. Beweis: das einstimmige Wutgeheul +unserer Gegner. Wollt Ihr auch in dieses nationalliberale Geheul mit +einstimmen? Ihr sprecht von sächsischem Partikularismus. Und doch sind +wir gerade in Sachsen gut _sozialrepublikanisch_, und wir betrachten +alle den Krieg als einen dynastischen. Marx hat sich auch für uns +erklärt." + +Am 1. September schrieb Liebknecht auf einen Brief von Bracke: "Nicht +aus Furcht vor den Strebern habe ich Lust, wegzugehen, sondern aus Ekel +vor dem patriotischen Dusel. Diese Krankheit muß ihren Verlauf nehmen, +und während derselben bin ich hier sehr überflüssig, kann aber +anderwärts sehr nützlich sein, zum Beispiel in Amerika. Doch es wird +nicht so schlimm kommen, und ich werde nicht zu gehen brauchen." + +August Geib-Hamburg suchte abermals zu vermitteln. Aber erfolgreicher +als alle Vermittlung wirkte der Gang der Ereignisse, der uns bald wieder +in die gleiche Schlachtlinie trieb. + + + + +Erklärungen und Proklamationen. + + +Am 17. Juli fand in Berlin ein großer Kriegsrat statt. Wie es mit den +Kriegsaussichten für Preußen-Deutschland stand, zeigt eine Erklärung +Moltkes, die dieser zugleich im Namen Roons abgab: "_Preußen sei noch +nie in der Lage gewesen, hinsichtlich seiner Heeresverfassung, +Ausrüstung, Hilfsmittel usw. mit solchen Aussichten auf Erfolg einen +Krieg anzunehmen wie gegenwärtig_. Er sei _sehr genau_ über den +Fortschritt (er hätte sagen können die Zurückgebliebenheit. A.B.) der +französischen Rüstungen informiert, und _danach sei eine militärische +Ueberrumpelung seitens Frankreichs nicht zu fürchten_." Die Richtigkeit +dieser Ansicht bestätigte sich sofort. In Deutschland glaubte man +allgemein, der Kriegserklärung Napoleons werde ohne Verzug ein Einbruch +der französischen Armee in deutsches Gebiet folgen. Man wartete +vergebens. In Frankreich hatte die Kriegserklärung ein vollständiges +Durcheinander hervorgerufen, kein einziges Armeekorps war auf Kriegsfuß, +die Kopflosigkeit herrschte von oben bis unten. Anfang August standen +bereits 380000 Deutsche 250000 Franzosen gegenüber. Und wie man in +deutschliberalen Kreisen die Situation ansah, bewies ein Toast des +Professor Biedermann in Leipzig auf einem studentischen Fest, in dem er +bereits _Ende Juli_ ausführte: Wir werden die französische Nation +daniederwerfen, daß sie in einem Menschenalter nicht mehr an Krieg +denken kann. Wir werden das tun, indem wir dafür Sorge tragen, _daß der +Leib Frankreichs etwas schmäler wird_. + +Hier wurde also bereits auf eine Annexion angespielt, noch ehe eine +Schlacht geschlagen war. Man rechnete also absolut sicher mit dem Siege. +In den offiziellen Aktenstücken lautete es um diese Zeit ganz anders! So +wurde in der Thronrede, mit der der Reichstag am 19. Juli eröffnet +worden war, gesagt, "daß man die Volkskraft zum Schutze unserer +Unabhängigkeit aufrufe", "Deutschland trage in sich selbst den Willen +und die Kraft der Abwehr erneuter französischer Gewalttat", man wende +sich getrosten Mutes "an die Vaterlandsliebe und Opferfreudigkeit des +deutschen Volkes mit dem Aufruf _zur Verteidigung seiner Ehre und seiner +Unabhängigkeit_". "Wir werden nach dem Beispiel unserer Väter"--so +lautete der Schluß--"_für unsere Freiheit und für unser Recht gegen die +Gewalttat fremder Eroberer kämpfen_, und in diesem Kampfe, _in dem wir +kein anderes Ziel verfolgen, als den Frieden Europas dauernd zu sichern, +wird Gott mit uns sein, wie er mit unseren Vätern war_." + +Nach dieser feierlichen Erklärung--deren Verfasser Lothar Bucher +war--handelte es sich also um einen _Verteidigungs-_, nicht um einen +_Eroberungskrieg_, mit dem Zweck, für künftig den Frieden zu sichern. + +Einen interessanten Satz enthielt aber noch die Thronrede; der Satz +lautete: + + "Das deutsche wie das französische Volk, beide die Segnungen + christlicher Gesittung und steigenden Wohlstandes genießend und + begehrend, sind zu einem heilsameren Wettkampf berufen als zu dem + blutigen der Waffen." + +Bezeichnend für die Stimmung in den offiziellen Kreisen war auch die +Proklamation des Königs von Preußen vom 11. August 1870, worin er +anzeigte, daß er in Frankreich eingerückt sei und den Oberbefehl +übernommen habe: "Ich führe Krieg mit den französischen _Soldaten_ und +nicht mit den _Bürgern Frankreichs_." + +Eine sehr günstige Beurteilung in unseren Kreisen fand die Proklamation +des Prinzen Friedrich Karl: + + "An die Soldaten der zweiten Armee! + + Ihr betretet französischen Boden. Der Kaiser Napoleon hat ohne allen + Grund an Deutschland den Krieg erklärt, er und seine Armee sind unsere + Feinde. Das französische Volk ist nicht gefragt worden, ob es mit + seinen deutschen Nachbarn einen blutigen Krieg führen wolle, ein Grund + zur Feindschaft ist nicht vorhanden. Seid dessen eingedenk den + friedlichen Bewohnern Frankreichs gegenüber, zeigt ihnen, daß in + unserem Jahrhundert zwei Kulturvölker selbst im Kriege untereinander + die Gebote der Menschlichkeit nicht vergessen, denkt stets daran, wie + eure Eltern in der Heimat es empfinden würden, wenn ein Feind, was + Gott verhüte, unsere Provinzen überschwemmte. Zeigt den Franzosen, daß + das deutsche Volk nicht nur groß und tapfer, sondern auch gesittet und + edelmütig dem Feinde gegenübersteht." + +Und bereits am 25. Juli hatte der König auf die laut gewordenen +Kundgebungen ein Dankschreiben veröffentlicht, in dem es hieß: + + "Die Liebe zu dem gemeinsamen Vaterlande, die einmütige Erhebung der + deutschen Stämme und ihrer Fürsten hat alle Unterschiede und + Gegensätze in sich beschlossen und versöhnt, und einig, wie kaum + jemals zuvor, darf Deutschland in seiner Einmütigkeit, in seinem Recht + die Bürgschaft finden, daß der Krieg ihm den dauernden Frieden bringen + und daß aus der blutigen Saat eine von Gott gesegnete Ernte deutscher + Freiheit und Einheit sprießen werde." + +Es ist zu beachten, wie in diesem Dankschreiben am Schluß die Freiheit +vor die Einheit gesetzt ist. Das sollte mir später verhängnisvoll +werden, als ich an dieses Versprechen in mehreren öffentlichen +Versammlungen erinnerte. + + + + +Die Verhaftung des Braunschweiger Ausschusses. + + +Im "Volksstaat" vom 30. Juli veröffentlichte der Parteiausschuß einen +Aufruf, in dem der abweichende Standpunkt, der ihn damals von uns noch +trennte, zum Ausdruck kam. Nachdem er die Partei zu energischer +Tätigkeit aufgefordert, fuhr er fort: "Unsere Aufgabe ist es, bei der +Geburt dieses, wie wir hoffen, ganz Deutschland umfassenden Staates +_bestimmend mitzuwirken_, damit, wenn es möglich ist, _nicht der +dynastische Staat_, sondern der _sozialdemokratische Volksstaat_ (!!! +A.B.) ins Dasein tritt; unsere Aufgabe ist es--mag der gewordene neue +Staat bei der Geburt noch dynastische Färbung tragen--, ihm in ernstem, +schwerem Kampfe den Stempel _unserer_ Ideen aufzudrücken." Er hoffe, daß +unsere Brüder mit Begeisterung und Mut uns bald zum Siege in Frankreich +führten, doch solle man sich nicht vom Siegestaumel beherrschen lassen. +Man müsse den Bruderkampf zwischen zwei Völkern bedauern, aber +Deutschland sei unschuldig an dem Kriege; den Schuldigen werde die +Strafe ereilen, dann aber gelte es, uns kräftig zu erhalten für den +glorreicheren gemeinsamen Kampf aller Unterdrückten der Erde. Sei +Napoleon besiegt, werde das französische Volk freier aufatmen, und wir +hätten alsdann unsere Machthaber daran zu erinnern, was dem Volke von +Gottes und Rechts wegen gebühre und was zu fordern die unendlichen Opfer +und Qualen des Krieges es doppelt und dreifach berechtigten. + +Der Ausschuß ahnte in seinem Optimismus damals nicht, daß er das erste +Opfer sein werde, das die Herrlichkeit des Sieges zu kosten bekommen +werde. Die Armeen des Kaiserreichs wurden in rasch aufeinanderfolgenden +Schlägen zu Boden geworfen, Deutschland sah ganze Armeen französischer +Gefangener in seinen Gauen, deren Unterbringung und Verpflegung bald +eine unbequeme Last wurde. Es kam die Schlacht bei Sedan, die Napoleon +unter Umständen annahm, daß man fast glauben sollte, er habe absichtlich +so manövriert, um als Gefangener nach Deutschland, nicht als +geschlagener Kaiser nach Frankreich zu kommen. Als die Nachricht von +seiner Gefangenschaft nach Deutschland kam, jubelte alles, wir mit. Alle +Welt erhoffte das Ende des Krieges, dessen Schlachten mit ihren +ungeheuren Verlusten an Menschenleben schon den Ueberdruß am Kriege +erzeugt hatten. "Ich scheue mich, nach den Verlusten zu fragen", schrieb +der König von Preußen nach den Schlachten um Metz an die Königin. An den +König von Württemberg telegraphierte er: "Die Verluste der letzten +Schlacht (am 19. August) wie der vorhergehenden sind so bedeutend, daß +die Siegesfreude sehr getrübt wird." Und die von Guido Weiß redigierte +Berliner "Zukunft" schrieb: "Vor dem bleichen Purpur des Todes beugen +sich auch die im Purpur Geborenen. Eine Furcht überkommt selbst die +Furchtlosen: Zu weit ausgegriffen hat die Sichel, zu reichlich gedüngt +ist das Blachfeld." + +Doch der Krieg wütete weiter. Die Gefangennahme Napoleons bei Sedan +beantwortete Paris mit der Erklärung der Republik, ein Ereignis, das +namentlich im deutschen Hauptquartier sehr unangenehm berührte. Um +Frankreich zu einer Republik zu machen, dafür hatte man den Krieg nicht +begonnen. Man fürchtete das böse Beispiel, wie sich gezeigt hat, ohne +Grund. Als die Nachricht von der Verkündung der Republik nach +Deutschland kam, stürzte Liebknecht in größter Aufregung und mit Tränen +in den Augen zu mir in meine Werkstatt, um mir das Ereignis zu +verkünden. Er war frappiert über die Kühle, mit der ich die Nachricht +aufnahm. Aber auch im Braunschweiger Ausschuß hatte die Nachricht wie +eine Bombe eingeschlagen und einen starken Gesinnungswechsel +hervorgerufen. Jetzt waren mit einem Schlage alle Differenzen zwischen +uns beseitigt. Sofortiger Friedensschluß mit der französischen Republik, +Ersatz aller Kriegskosten, aber Verzicht auf jede Annexion waren die +Forderungen, die wir jetzt gemeinsam erhoben. Aus dem Verteidigungskrieg +war mittlerweile der Eroberungskrieg geworden. Was Biedermann schon Ende +Juli angedeutet, wurde nach den vielen und raschen Siegen allgemeine +Forderung der liberalen und konservativen Presse. + +In einem Manifest, das der Generalrat der Internationalen +Arbeiterassoziation mit Bezug auf den Krieg erließ und der "Volksstaat" +am 7. August veröffentlichte, hieß es: "Das Kriegskomplott vom Juli 1870 +ist nur eine verbesserte Auflage des Staatsstreichs vom Dezember 1851." +Der Krieg habe so aberwitzig geschienen, daß Frankreich nicht daran +glauben wollte, selbst die bürgerliche Opposition habe die Geldmittel +verweigert. Die der Internationale angehörenden französischen Arbeiter +hätten den Krieg als einen _dynastischen_ Krieg verurteilt. "Welchen +Verlauf auch immer der Krieg Louis Bonapartes mit Preußen nimmt, die +Totenglocke des zweiten Kaiserreichs hat bereits in Paris geläutet. Es +wird enden, wie es begonnen, mit einer Parodie." Auf deutscher Seite +sei der Krieg ein Verteidigungskrieg, "aber welche Politik habe +verschuldet, daß Deutschland in diese Lage komme?" Die Kritik der +Bismarckschen Politik, die hier folgte, mußte der "Volksstaat" +unterdrücken. "Wenn die deutschen Arbeiter es erlauben, daß der +gegenwärtige Krieg seinen streng defensiven Charakter verliert und in +einen Krieg gegen das französische Volk ausartet, wird Sieg oder +Niederlage sich gleich verhängnisvoll erweisen." Der Generalrat weist +alsdann darauf hin, daß in einem solchen Falle Rußland den Vorteil habe. + +Im Sinne des Manifestes des Generalrats handelte jetzt der +Braunschweiger Ausschuß, als er, datiert vom 5. September, einen Aufruf +"An alle deutschen Arbeiter" erließ. Mit Hinweis auf die neuesten +Ereignisse in Frankreich erwarte er, daß die neue republikanische +Regierung den Frieden mit Deutschland zu erreichen suche. Darin müßten +die deutschen Arbeiter die Absichten der republikanischen Regierung +unterstützen und einen ehrenvollen Frieden mit dem französischen Volke +fordern, für den sie in Masse ihre Stimmen erheben sollten. + +Der Ausschuß zitiert dann aus einem Briefe von Karl Marx--dessen Name +aber nicht genannt wurde--, was folgen werde und folgen müsse, wenn man +auf der Annexion von Elsaß-Lothringen bestehen bleibe. Das Zitat lautet: + + "Wer nicht ganz vom Geschrei des Augenblicks übertäubt ist oder ein + Interesse daran hat, das deutsche Volk zu übertäuben, muß einsehen, + daß der Krieg von 1870 ganz so notwendig einen Krieg zwischen + Deutschland und Rußland im Schoße trägt, wie der Krieg von 1866 den + von 1870.... Durch den Verlauf des jetzigen Krieges _sei der + Schwerpunkt der kontinentalen Arbeiterbewegung von Frankreich nach + Deutschland verlegt_. Damit hafte größere Verantwortlichkeit auf der + deutschen Arbeiterklasse." + +Der Ausschuß akzeptierte diese Auffassung, forderte zu Kundgebungen auf +gegen die Annexion von Elsaß-Lothringen und für einen ehrenvollen +Frieden mit der französischen Republik. Der Aufruf schloß: + + "Wenn wir jetzt sehen, wie wieder ein großes Volk seine Geschicke in + seine Hände genommen, wenn wir heute die Republik nicht allein mehr + sehen in der Schweiz und jenseits der Meere, sondern auch faktisch + Republik in Spanien, Republik in Frankreich, so lasset uns ausbrechen + in den Ruf, der, wenn es auch heute noch nicht sein kann, auch für + Deutschland einst die Morgenröte der Freiheit verkünden wird, in den + Jubelruf: Es lebe die Republik!" + +Am 11. September hatte der "Volksstaat" den hier erwähnten Ausruf +abgedruckt, in der nächsten Nummer am 14. mußten bereits Liebknecht und +ich eine Ansprache an die Parteigenossen veröffentlichen, in der wir +anzeigten, daß der General Vogel v. Falckenstein in Hannover--wie sich +herausstellte wider Recht und Gesetz--Befehl gegeben hatte, den +Parteiausschuß, und zwar Bracke, Bonhorst, Spier, Kühn und den +Buchdruckereibesitzer Sievers, mit Ketten gefesselt und unter starker +militärischer Bedeckung nach der Festung Lötzen in Ostpreußen zu +transportieren und dort zu internieren. Die den Verhafteten widerfahrene +Behandlung war eine höchst brutale, um nicht zu sagen grausame; sie +brauchten allein 36 Stunden, um nach Königsberg zu gelangen. Auf der +Reise hielt man sie überall von seiten des Publikums für gefangene +Landesverräter und behandelte sie danach. Wir forderten auf, daß bis auf +weitere Anordnung der Kontrollkommission Briefe und Gelder an +Geib-Hamburg gesandt werden sollten. Der Schluß lautete: + + "Parteigenossen! Es ist ein schwerer Schlag, der die Partei getroffen, + und es werden ihm vielleicht andere folgen. + + Steht fest und unverzagt; in der Gefahr zeigt sich die echte + Ueberzeugung, bewährt sich der rechte Mann. + + Arbeitet kräftig für die Ausbreitung der Partei und unserer + Prinzipien, aber seid vorsichtig im Reden, vorsichtig auch im + Schreiben--die uns feindliche Gewalt sucht alles gegen uns zu + benutzen. + + Wirkt kräftig für Verbreitung des Parteiorgans, denn in ihm liegt in + diesem Moment des geistigen Kampfes unsere Macht und unsere Stärke. + + Es lebe der internationale Kampf des Proletariats! Hoch die + sozialdemokratische Organisation!" + +Die Nennung von Geibs Namen in unserer Ansprache genügte für Vogel v. +Falckenstein, um auch diesen nach Lötzen schaffen zu lassen. Dasselbe +Schicksal traf Johann Jacoby wegen einer Rede in Königsberg gegen die +Annexion, und Gutsbesitzer Herbig, der Vorsitzender jener Versammlung +gewesen war. Vogel v. Falckenstein handelte als Oberstkommandierender in +Norddeutschland, das er gegen eine eventuelle Landung der Franzosen an +den Nordküsten verteidigen sollte. In Ermanglung kriegerischer Taten +verfiel er auf Polizeimaßregeln. + +Die Verhaftung Jacobys und Herbigs machte in der liberalen Presse einen +unangenehmen Eindruck. Ein linksliberales Blatt meinte: "Diese +Handlungen paßten schlecht zu den großen Siegen und veranlaßten die +Frage aufzuwerfen: _ob nicht dem deutschen Volk an innerer Freiheit +verloren gehe, was es an äußerem Ruhm gewonnen."_ + +Wir sahen das Tun und Treiben der Machthaber als selbstverständlich an. +Es war eben eine Illusion des Parteiausschusses, daß er an eine +freiheitliche Gestaltung in der neuen Ordnung glaubte, die derselbe Mann +gewähren sollte, der sich bis dahin als der größte Feind jeder +freiheitlichen, ich sage nicht einmal demokratischen Entwicklung gezeigt +hatte, und der jetzt als Sieger dem neuen Reich den Kürassierstiefel in +den Nacken setzte. + +In Harburg wurden auch Bock und mehrere Genossen und in Halberstadt +Naters verhaftet und ins Gefängnis gesetzt, um ihnen einen Prozeß wegen +Verbreitung des Manifestes des Parteiausschusses zu machen. In Sachsen +erließ das Generalgouvernement für das 12. Armeekorps Ende September +eine Verordnung, wonach alle Volksversammlungen mit Rücksicht auf die +Endziele des Kriegs verboten wurden. Ein Lichtblick in dieser Zeit war, +daß in Kirchberg und in Mittweida (beide in Sachsen) die +Stadtverordnetenwahlen für unsere Partei glänzend ausfielen. Auch war +trotz des Krieges am 1. August in Crimmitschau ein täglich erscheinendes +Parteiblatt, "Der Bürger- und Bauernfreund", den Karl Hirsch redigierte, +erschienen, und am nächsten 1. Februar folgte die "Chemnitzer Freie +Presse", die ebenfalls täglich herauskam. Der Unterschied zwischen uns +und dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein bestand auch darin, daß wir +Neugründungen von Parteiblättern kein Hindernis in den Weg legten. + +Anfang Oktober bedauerte die offiziöse "Norddeutsche Allgemeine +Zeitung", daß man Liebknecht und mich nicht ebenfalls in Haft genommen +habe wie den Braunschweiger Ausschuß, Johann Jacoby usw. Ihr Wunsch fand +bald Erfüllung. + +Die Kontrollkommission hatte den provisorischen neuen Ausschuß nach +Dresden verlegt. Er wurde von den Genossen Knieling, Köhler und Otto +Walster gebildet. Da wir wußten, daß bei der Verhaftung des +Braunschweiger Ausschusses eine große Menge Briefschaften beschlagnahmt +worden waren, schrieb ich an Walster, der Sekretär im neuen Ausschuß +war, er möge sich den Braunschweiger Vorgang als Warnung dienen lassen +und keinen der Briefe aufheben. Aber wer diesen guten Rat _nicht_ +befolgte, war Walster. Als später--wie vorauszusehen war--auch bei ihm +Durchsuchung stattfand, fiel sogar mein Warnungsbrief der Polizei in die +Hände, der dann in die Akten des bevorstehenden Hochverratsprozesses +wanderte. + + * * * * * + +Ein eigenartiges Intermezzo erlebten Liebknecht und ich Ende Oktober. +Der 31. Oktober, der Reformationstag, an dem Luther seine 95 Thesen an +die Tür der Wittenberger Schloßkirche schlug, ist in Sachsen ein +Feiertag. Zwei Tage vor demselben erhielt ich einen eingeschriebenen +Brief, worin Liebknecht und ich dringend ersucht wurden, in einer +hochwichtigen Sache am 31. Oktober nach Mittweida zu kommen. Wir folgten +der Einladung. Am Bahnhof wurden wir geheimnisvoll in Empfang genommen +und um die halbe Stadt nach einer Restauration geführt, woselbst wir zu +unserer Ueberraschung die gesamten Vertrauensmänner des oberen und +unteren Erzgebirges versammelt fanden. Darauf wurde von einem Redner an +uns die Frage gestellt, warum wir die Hände in den Schoß legten und +nicht zum Losschlagen aufforderten, die Armee sei doch außerhalb des +Landes, was im Lande sei, könne leicht überwältigt werden. Wir +schüttelten über diese Naivität den Kopf. Ich nahm zunächst das Wort und +bewies dem Redner das Unsinnige seines Verlangens. Liebknecht sprach +sich selbstverständlich im gleichen Sinne aus. Es kostete uns keine +Mühe, den Anwesenden die Richtigkeit unseres Standpunktes zu machen. +Die Anwesenden waren gleich uns auf Einladung von zwei Parteigenossen +nach Mittweida gekommen ohne Ahnung dessen, was man hier wollte. + +Um dieselbe Zeit hielten die Züricher Parteigenossen eine öffentliche +Versammlung ab, in der der damalige _Staatsanwalt_ Parteigenosse +_Forrer_ eine Rede hielt, in der er folgende Resolutionen begründete: + + "1. Unsere Sympathien gehören der französischen Republik! Möge es + derselben gelingen, durch energischen Widerstand die Militärmacht + Hohenzollern so zu schwächen, daß ihr ein baldiger Friede angeboten + werden muß. + + 2. Wir sprechen unseren Parteigenossen in Deutschland und England + (Marx und Engels) die wärmste Anerkennung aus. + + Namentlich seid Ihr, Brüder in Deutschland, trotz Verfolgung und + Unterdrückung, trotz Kerker und Ketten als Männer für Eure Prinzipien + eingestanden, und wir haben das feste Vertrauen auf Euch, Ihr werdet + Eure Schuldigkeit tun und Euch der weltgeschichtlichen Aufgabe der + Sozialdemokratie würdig erzeigen." + +Uns bereitete damals diese Anerkennung unserer Züricher Genossen eine +große Genugtuung, und ich empfinde sie noch heute. Gegenwärtig ist der +damalige Redner und Parteigenosse _Forrer_ Mitglied des schweizerischen +Bundesrats in Bern und war zeitweilig dessen Präsident. +Selbstverständlich konnte er zu dieser Würde nicht als Sozialdemokrat +gelangen. So weit ist man auch in der Schweiz noch nicht. Er rückte eben +mit der Zeit, wie so mancher andere, von links nach rechts und kam +dadurch zu Würden und Ehren. + + + + +Annexionen und Kaiserkrone. + + +Der Krieg mit Frankreich wurde nach Sedan mit ungeschwächten Kräften +weitergeführt. Die kaiserliche Armee war zwar vernichtet oder gefangen, +aber jetzt hatte die Regierung der nationalen Verteidigung, an deren +Spitze Gambetta und Freycinet standen, die Organisation neuer Armeen in +die Hand genommen. Diese wurden mitten im Kriege sozusagen aus dem Boden +gestampft. Ein interessantes Buch über diese großartige Leistung ist +"Léon Gambetta und seine Armee" von Freiherrn von der Goltz, Berlin +1877. Das Hauptverdienst fiel aber nicht Gambetta, sondern Freycinet, +dem ehemaligen Ingenieur, zu. Hatte der Krieg gegen das Kaiserreich +keine sechs Wochen gedauert, so jetzt gegen die Republik noch nahezu +sechs Monate. Die neue Regierung hatte zwar Versuche gemacht, Frieden zu +schließen, allein diese scheiterten an dem Verlangen Bismarcks nach +Annexionen. Auch erklärte Bismarck, der immer noch an die +Wiedereinsetzung Napoleons dachte, die Regierung der Landesverteidigung +sei keine stabile Regierung, mit der man unterhandeln könne. Schließlich +mußte man aber dennoch mit dieser Frieden schließen. + +Ende Oktober übergab Bazaine Metz mit 150000 Mann Besatzung und enormen +Kriegsvorräten, was ein Glück für die deutsche Armeeleitung war, die +alle Kräfte gegen die neugebildete französische Loire- und Nordarmee +brauchte. + +Am 26. Oktober wurden Jacoby, Bonhorst und Herbig aus Lötzen entlassen. +Es standen die preußischen Landtagswahlen bevor, und da konnte man die +wider Recht und Gesetz verhafteten Landesangehörigen nicht in Haft +behalten. Einige Wochen später, am 14. November, wurden die Mitglieder +des Braunschweiger Ausschusses wiederum in Ketten gefesselt von Lötzen +nach Braunschweig zurücktransportiert. Es sollte hier ein +Hochverratsprozeß gegen sie inszeniert werden. Endlich wurde Anfang +Dezember auch Geib aus Lötzen entlassen, und zwar auf Betreiben des +Hamburger Senats. Anklagematerial lag gegen ihn nicht vor. + + * * * * * + +Auf den 24. November war der norddeutsche Reichstag zu einer +außerordentlichen Session einberufen worden, die zwar kurz, aber sehr +erregt war. Es handelte sich um eine weitere Bewilligung von Geldmitteln +für die Fortführung des Krieges und um die Beratung der Versailler +Verträge mit den süddeutschen Staaten und die neue Reichsverfassung. + +Was bis dahin über die Versailler Verträge bekannt geworden war, hatte +in den liberalen Kreisen große Verstimmung hervorgerufen. Danach waren +den süddeutschen Staaten, insbesondere Bayern, sogenannte Reservatrechte +eingeräumt worden, die die Reichseinheit nur komplizierten. Die +norddeutsche Bundesverfassung sollte mit den unumgänglich nötigen +Aenderungen, die die Versailler Verträge bedingten, Reichsverfassung +werden. Die Freiheit, die Ende Juli in seinem Dankschreiben der König in +Aussicht gestellt hatte, blieb wo sie war, in der Kaserne. Nicht einmal +die Diäten wurden bewilligt. War schon durch diese Vorgänge die Stimmung +eine gedrückte, so noch mehr durch die Tatsache, daß der Krieg sich in +die Länge zog, ungeheure Opfer aller Art kostete und sich ein Ende nicht +absehen ließ. Anfang September hatte Moltke an seinen Bruder +geschrieben, er hoffe Ende Oktober in Creisau (seinem Gute in Schlesien) +zu sein und Hasen zu schießen. Diese blieben aber unbehelligt von der +Moltkeschen Flinte. + +Im Reichstag herrschte über die Nachrichten vom Kriegsschauplatz eine +sehr gedrückte Stimmung. So hatte man sich den Gang der Dinge nicht +vorgestellt. Der Kriegsberichterstatter der "Kölnischen Zeitung", ein +Herr v. Wickede, schrieb noch Ende Dezember: + + "Dieser entsetzliche Krieg, der mit Streitermassen geführt wird, wie + solche die Geschichte aller Zeiten und Völker noch niemals in dem + Umfang gehabt hat, spottet in der Tat aller und jeglicher Berechnung. + Man glaubte endlich am Ende desselben zu sein, und nun stellt sich + heraus, daß man am Ende des Monats genau so weit ist wie am Anfang + desselben. Wir schlagen fort und fort die Franzosen, töten und + verwunden ihnen Tausende von Soldaten ... und immer von neuem und + wieder von neuem sammeln sich ihre geschlagenen Scharen ... und werfen + sich uns sehr häufig mit dem wilden Mut der äußersten Verzweiflung + entgegen.... Es herrscht jetzt schon in manchen von unseren Gruppen + besonders ausgesogenen Gegenden eine entsetzliche Hungersnot, die + Leute fallen wie die Fliegen im Hochsommer zu Dutzenden um, und dieser + Zustand wird sich im Laufe des strengen Winters in noch furchtbarerer + Weise steigern." + +Die Thronrede, mit welcher der Reichstag eröffnet wurde, verlas der +Präsident des Bundeskanzleramts, Delbrück; es hieß darin, die jetzigen +Machthaber Frankreichs zögen es vor, die Kräfte einer edlen Nation einem +aussichtslosen Kampfe zu opfern. In einem gewissen Widerspruch hiermit +wurde bemerkt: Frankreich habe keine Regierung, mit der man +unterhandeln könne; es seien auch durch die Haltung der Bevölkerung die +Hoffnungen auf dauernden Frieden vernichtet worden. Sobald Frankreich +sich erholt oder durch Bündnisse sich stark genug fühle, sei eine +Wiederaufnahme des Krieges zu erwarten. Man sah also ein, wohin das +Verlangen nach Annexionen die künftige Entwicklung treiben werde. + +Am 26. November stand die Forderung der weiteren Geldbewilligung (100 +Millionen Taler) auf der Tagesordnung. Ich nahm zu dieser Forderung das +Wort. Vor mir hatte der Abgeordnete Reichensperger sich für die +Bewilligung ausgesprochen. Meine Rede war nicht lang, aber sie erweckte +einen Sturm, wie ich ihn seitdem nie wieder mit einer Rede hervorrief. +Ich führte aus: Ich glaubte ein so guter Deutscher zu sein wie der +Vorredner, trotzdem käme ich bei Prüfung der Sache zu dem +entgegengesetzten Resultat. Ich gab eine kurze historische Uebersicht +bis zum Sturze des Kaiserreichs und wies nach, daß mit der Gefangennahme +Napoleons die eigentliche Kriegsursache beseitigt sei. Dabei stützte ich +mich auf die Thronrede vom 19. Juli und die Proklamation des Königs von +Preußen vom 11. August. Meine Ausführungen riefen große Unruhe und +heftigen Widerspruch hervor. Die Behauptung, Frankreich besitze keine +Regierung, mit der man unterhandeln könne, sei falsch. Ich wies dieses +in meinen Ausführungen nach. Was den Friedensschluß unmöglich mache, sei +die Forderung der Annexionen. Ich verurteilte dann scharf, daß man uns +verbiete, in öffentlichen Versammlungen unseren Standpunkt über die +Annexionen darzulegen. Diesen unseren Standpunkt begründete ich näher. +Wiederum regnete es Unterbrechungen. Als ich dann auf die traurige Rolle +hinwies, die die deutsche Kapitalistenklasse bei der ersten +Kriegsanleihe gespielt und wie ganz anders sich dagegen die französische +Bourgeoisie im gleichen Falle benommen habe, brach vollends der Sturm +los. Ein großer Teil des Hauses hatte einen förmlichen Tobsuchtsanfall; +man überschüttete uns mit Schimpfworten der gröbsten Art, Dutzende von +Mitgliedern drangen mit erhobenen Fäusten auf uns ein und drohten uns +hinauszuwerfen. Viele Minuten lang konnte ich nicht zum Worte kommen; +zum Schluß empfahl ich die Annahme des Antrags, den Liebknecht und ich +gestellt hatten. Dieser Antrag lautete: + + "Der Reichstag wolle beschließen: + + Den Gesetzentwurf betreffend _den ferneren Geldbedarf für die + Kriegführung abzulehnen_ und folgendem Antrag seine Zustimmung zu + geben: + + In Erwägung, daß der am 19. Juli von Louis Bonaparte, damals Kaiser + der Franzosen, erklärte Krieg durch die Gefangennahme Louis Bonapartes + und die Niederwerfung des französischen Kaiserreichs tatsächlich sein + Ende erreicht hat; + + in Erwägung, daß nach den eigenen Erklärungen des Königs von Preußen + in der Thronrede am 19. Juli und der Proklamation an das französische + Volk vom 11. August der Krieg deutscherseits nur ein + Verteidigungskrieg und kein Krieg gegen das französische Volk sei; + + in Erwägung, daß der Krieg, welcher trotzdem seit dem 4. September + geführt wird, in schroffstem Widerspruch mit dem königlichen Wort, + nicht ein Krieg gegen die kaiserliche Regierung und die kaiserliche + Armee, welche nicht mehr existieren, sondern ein Krieg gegen das + französische Volk ist, nicht ein Verteidigungskrieg, sondern ein + Eroberungskrieg, nicht ein Krieg für die Unabhängigkeit Deutschlands, + sondern ein Krieg für die Unterdrückung der edlen französischen + Nation, die nach den Worten der Thronrede vom 19. Juli berufen ist, + 'die Segnungen christlicher Gesittung und steigenden Wohlstandes + gleichmäßig zu genießen und zu begehren und zu einem heilsameren + Wettkampf als zu dem blutigen der Waffen', + + beschließt der Reichstag, die verlangte Geldbewilligung für die + Kriegführung _abzulehnen,_ und fordert den Bundeskanzler auf, dahin zu + wirken, _daß unter Verzichtleistung auf jede Annexion französischen + Gebiets mit der französischen Republik schleunigst Frieden geschlossen + werde_." + +Nach mir kam der Abgeordnete Lasker zum Wort, der sich in den Tönen +höchster sittlicher Entrüstung über uns und das französische Volk +erging. Köstlich war, wie er die Finanzwelt gegen meine Vorwürfe in +Schutz nahm. "Es ist wahr," führte er aus, "daß die große Finanzwelt +sich nicht erheblich beteiligt hat; es stand kein Gewinn in Aussicht (im +Falle des Sieges sogar ein recht großer. A.B.), und es ist die Weise +der Geschäftsleute, wie dies in der Natur des Geschäftslebens liegt, +sich nicht als Geschäftsleute zu beteiligen, wenn eben ein Gewinn nicht +sichtbar ist. Nun, auch dort die Männer--auf uns zeigend--, die über den +Gewinn und die Belohnung lachen, üben doch ihre ideale Tätigkeit gegen +Entgelt aus (Heiterkeit), und ihre Leitungen, welche sie als +apostolische bezeichnen, erfolgen gegen Diäten. (Heiterkeit. Sehr gut!) +Welche Verwirrung der Begriffe, wenn diese Herren, welche nach der Natur +ihrer Leistungen vielleicht mit geringeren Summen sich begnügen müssen +(das Haus schüttelt sich vor Lachen), über die Lust am Gewinn die Nase +rümpfen. Also, die höhere Finanzwelt hat die Gelegenheit nicht für +geeignet gehalten, gewinnbringende Geschäfte zu machen." + +Oeder und widerspruchsvoller konnte wirklich nicht die deutsche +Kapitalistenklasse zu rechtfertigen versucht werden. (In einer zweiten +Rede antwortete ich gebührend Lasker.) Nach Lasker folgte +Braun-Wiesbaden, diesem Liebknecht. Dieser ging den liberalen Vorrednern +kräftigst zu Leibe. Wiederum heftige Unterbrechungen, Ordnungsruf des +Präsidenten. + +Liebknecht führte unter anderem aus: + + "Die Regierung, die im Juli den Krieg erklärt hat, ist beseitigt und + ihr Führer sitzt auf Wilhelmshöhe und ist der gute Bruder des Königs + von Preußen; er schwelgt in kaiserlichem Luxus, während die deutschen + Krieger draußen ihr Blut vergießen und die furchtbarsten Strapazen + erdulden müssen im Kampfe gegen das französische Volk, welches unser + Brudervolk trotz alledem und alledem ist, und welches den Frieden mit + uns will. (Unruhe, Zurufe) Es ist wahrlich ehrenhafter, der Bruder des + französischen Volkes und der französischen Arbeiter zu sein, als der + liebe Bruder des Schurken auf Wilhelmshöhe. (Abgeordneter Dr. v. + Schweitzer: Bravo, bravo!)" + +Liebknecht schloß: + + "Die Anleihe, die man von uns fordert, ist für die Durchführung der + Annexion bestimmt, wie das ja auch aus dem Wortlaut der Thronrede + hervorgeht. Die Annexion aber bringt uns nicht den Frieden, sondern + den Krieg. Indem sie auch nach dem Frieden eine beständige + Kriegsgefahr schafft, befestigt sie in Deutschland die + Militärdiktatur.... Aus diesen Gründen bin ich natürlich gegen die + Kriegsbeile und habe mit meinem Freunde Bebel den Antrag auf + Verweigerung derselben gestellt." + +Dieser Antrag wurde gegen fünf Stimmen abgelehnt. + +In der Sitzung vom 28. November, in der die dritte Lesung der +Kriegsanleihe auf der Tagesordnung stand, nahm der von unserer Partei +gewählte Dr. Götz-Lindenau, der im März desselben Jahres noch die +Kandidatur Johann Jacobys für den Reichstag befürwortet hatte, das Wort, +um sich für die Kriegsanleihe auszusprechen, obgleich ihm dieses, wie er +versicherte, "blutessigsauer" werde, und obgleich er aus der Thronrede +entnommen, daß der Krieg nicht den Frieden bringe und auch keine +Verminderung der Militärlasten zu hoffen sei. Die Rede war ungemein +konfus. Bezeichnend war, daß, als wir in dieser Sitzung gegen Angriffe +durch Zwischenrufe uns wehrten, Lasker die Frage an den Präsidenten +richtete, ob nicht durch sofortige Aenderung der Geschäftsordnung diesem +"Unfug" ein Ende gemacht werden könne. Liebknecht antwortete, indem er +auf die beleidigenden Zurufe und Reden hinwies, die wir in der Sitzung +am 26. November zu hören bekommen hatten. Als Liebknecht dann bei dem §1 +des Gesetzentwurfes über die Kriegsanleihe auf die gehörten Angriffe +antworten wollte, unterbrach ihn der Präsident, er könne nicht auf die +allgemeine Debatte zurückgreifen. Als Liebknecht mit vollem Recht diesen +Standpunkt nicht anerkannte, denn der §1 enthielt die Geldforderung für +Fortsetzung des Krieges, entzog ihm das Haus auf Anfrage des Präsidenten +das Wort. Gegen die Kriegsanleihe stimmten in dritter Lesung Dr. Ewald +(Hannoveraner), Fritzsche, Hasenclever, Liebknecht, Mende, Schraps, +Schweitzer und ich. + +Einige Tage später stand eine Interpellation des Abgeordneten Duncker +und Genossen, betreffend die Handhabung der Verfassungsbestimmungen +während des Kriegszustandes, auf der Tagesordnung. Dieselbe richtete +sich gegen die Maßnahmen des Generals Vogel v. Falckenstein. Uns war +eine solche Interpellation einzubringen nicht möglich, weil wir nicht +die nötigen dreißig Unterschriften bekamen. Wenn man in bürgerlichen +Kreisen den Gewaltakt gegen unseren Parteiausschuß sich gefallen ließ, +so hatte die Verhaftung Johann Jacobys viel böses Blut gemacht; sie +paßte schlecht zu dem, was man von der neuen Reichsgründung erwartete. +Jacoby harte sich nach seiner Verhaftung direkt beschwerdeführend an +Bismarck im Versailler Hauptquartier gewandt und dessen Intervention für +seine Freilassung verlangt, da seine Verhaftung ungesetzlicherweise +erfolgt sei. Bismarck gab in seiner Antwort an Jacoby indirekt diesem +recht, er tat aber nichts zu seiner Freilassung, offenbar wollte er es +mit den Militärs im Hauptquartier, mit denen er auf sehr gespanntem Fuße +stand, nicht noch mehr verderben. Aber nach der Niederschrift +seines Leibjournalisten Moritz Busch, der über die Herd- und +Tischunterhaltungen Bismarcks getreulich Bericht erstattete, äußerte er +am 20. Oktober, als das Gespräch auf die Verhaftung Jacobys kam: "Ich +freue mich darüber ganz und gar nicht; der Parteimann mag das tun, weil +seine Rachegefühle dadurch befriedigt werden; der politische Mann, die +Politik kennt solche Gefühle nicht; die fragt nur, ob es nützt, wenn +politische Gegner mißhandelt werden." Und als am 24. November, also +wenige Tage vor der Interpellation im Reichstag, das Gespräch wieder auf +das Thema kam, äußerte Bismarck--nach derselben Quelle--, die Militärs +befragten ihn zu selten um seine Meinung. "So war's auch mit der +Ernennung Vogel v. Falckensteins, der jetzt den Jacoby gemaßregelt hat. +Wenn ich mich vor dem Reichstag darüber aussprechen müßte, würde ich +meine Hände in Unschuld waschen; man hätte mir nichts Unangenehmeres +einbrocken können. Ich bin militärfromm in den Krieg gekommen, künftig +gehe ich mit den Parlamentarischen, und wenn sie mich weiter ärgern, +lasse ich mir einen Stuhl auf die äußerste Linke stellen." + +Schade, daß er diese Drohung nicht wahr machte, ich würde mich sehr +gefreut haben, wenn ich ihn in der nächsten Session, in der ich allein +die äußerste Linke markierte, als Kampfgenossen an meiner Seite gehabt +hätte. + +Die Verhandlung, die am 3. Dezember stattfand, war sehr erregt. Duncker +wies nach, daß Jacoby und Herbig zu unrecht verhaftet worden seien, +dasselbe gestand er auch unseren nach Lötzen geschleppten +Braunschweiger Genossen zu. Er verlangte--da mittlerweile, wie schon +bemerkt, die gefangenen preußischen Staatsangehörigen in Rücksicht auf +die bevorstehenden preußischen Landtagswahlen freigekommen waren--, daß +Aehnliches künftig unterbleibe. Der Präsident des Bundeskanzleramtes, +Delbrück, nahm als Vertreter Bismarcks das Wort und versuchte die +Maßregeln zu rechtfertigen. Ihm antwortete Windthorst, der ihm scharf zu +Leibe ging und unter anderem bissig bemerkte, daß nach dem, was er heute +vom Präsidenten des Bundeskanzleramtes gehört, er nicht recht daran +glaube, daß es nunmehr gelingen werde, was zu Anfang des Krieges +versprochen worden war, "daß der deutsche Staat ein Staat der +Gottesfurcht, der guten Sitten und der wahren Freiheit werde". Er +empfahl höhnisch, in die Friedensbedingungen mit Frankreich die +Bestimmung aufzunehmen, daß es uns auch Cayenne und Lambessa abtrete, +damit man geeignete Orte habe, um unbequeme Persönlichkeiten +unterzubringen. Im weiteren beschwerte sich Windthorst bitter über die +Mißhandlungen, die Vogel v. Falckenstein gefangen gesetzten +Hannoveranern habe zuteil werden lassen. Im Laufe der Debatte nahm auch +ich das Wort, um die Behandlung zu schildern, die unseren gefangen +gesetzten Genossen auf der Reise nach und von Lötzen und während ihrer +Haft in Lötzen widerfahren sei. Auch beschwerte ich mich über das +generelle Versammlungsverbot in Sachsen. Die Maßregeln seien ein Hohn +auf Recht und Gesetz. Miquel billigte, wie nicht anders von ihm zu +erwarten war, nicht nur die Maßregeln Vogel v. Falckensteins, er +behauptete sogar, daß durch unsere Haltung in Deutschland Frankreich in +seinem Widerstand bestärkt worden sei, eine Behauptung, deren Unwahrheit +ich ihm sofort nachwies. Bekanntlich gehen in der Regel Interpellationen +aus wie das berühmte Hornberger Schießen, so auch diesmal. + +In einer der folgenden Sitzungen standen die Verträge mit Baden, Hessen, +Württemberg und Bayern zur Beratung. Ich erklärte mich sowohl gegen +diese wie gegen die neue Verfassung überhaupt. Das Volk werde in Bälde +zur Einsicht darüber kommen, wie es mit der deutschen Freiheit und +Einheit aussehe. Die drei Kriege, die Deutschland seit zehn Jahren +durchzuführen gehabt habe, hätten es in freiheitlicher Beziehung nur +zurückgebracht. Doch das Volk werde einst sein Selbstbestimmungsrecht +fordern und erlangen und dann eine Verfassung sich selber schaffen, die +nur die Republik zum Ziele haben könne. + +Nach mir nahm der Geheime Regierungsrat Wagener das Wort und erzählte zu +Liebknechts und meiner großen Ueberraschung, daß wir, wie er aus der ihm +soeben übermittelten "Börsenzeitung" ersehen habe, von dem +_französischen Konsul_ in Wien, Lefaivre, den Dank der französischen +Republik für unser Auftreten im Reichstag empfangen hätten. (Lebhafte +Zurufe: Hört! Hört! und Pfui!) Ich konnte darauf in einer persönlichen +Bemerkung nur antworten, daß bis zu diesem Augenblick weder Liebknecht +noch mir ein solcher Brief zugegangen sei, was mir um so unbegreiflicher +wäre, da, wie ich eben gehört, auch die "Norddeutsche Allgemeine +Zeitung" den Brief abgedruckt habe. Ich sei der Meinung, daß der Brief +eine elende Modifikation sei, die vom preußischen Pressebureau ausgehe, +um mich und Liebknecht zu diskreditieren. In der folgenden Sitzung hielt +Wagener seine Behauptung aufrecht. Der Brief, der an meine Adresse +geschickt worden, sei echt. Ich antwortete am Schlusse der Sitzung, daß +ich bis zu diesem Augenblick den fraglichen Brief nicht erhalten habe, +also bei meiner ersten _Erklärung verbleiben_ müsse. Schließlich erhielt +ich ihn aber dennoch; er war an Liebknecht und mich gerichtet. Der Brief +existierte also, er war vom 2. Dezember datiert und hatte sechs Tage +gebraucht, bis er in meine Hände gelangte. Er lautete: + + "Meine Herren! Im Namen der französischen Republik, deren Regierung + mich zu ihrem speziellen Vertreter bei der Demokratie Deutschlands + bestellt hat, erachte ich es für meine Pflicht, Ihnen für die edlen + Worte, die Sie im Berliner Parlament inmitten einer durch den Geist + der Eroberung und der Trunkenheit des Militarismus fanatisierten + Versammlung gesprochen haben, meinen Dank auszudrucken. Der Mut, den + Sie bei dieser Gelegenheit bewiesen, hat die Aufmerksamkeit von ganz + Europa auf Sie gelenkt und Ihnen einen ruhmvollen Platz in der Reihe + der Streiter für Freiheit erobert. Der freisinnige und humanitäre + Geist Deutschlands erleidet in diesem Augenblick, wie Sie, meine + Herren, es so beredt dargetan haben, eine jener Verfinsterungen, die + wir selbst während der Periode unseres ersten Kaiserreichs + durchgemacht haben, und geht denselben Enttäuschungen entgegen. Eine + Sucht nach brutaler Herrschaft hat sich der erleuchteten Geister + bemächtigt. Jene Denker, die noch vor kurzem solche Lichtstrahlen über + die Welt aussandten, sind heute unter der Eingebung des Herrn v. + Bismarck zu Aposteln des Mordes und der Vernichtung einer ganzen + Nation geworden. Sie, meine Herren, sind es und Ihre Partei, welche + bei diesem allgemeinen Abfall die große deutsche Tradition aufrecht + erhalten.--In unseren Augen sind Sie die großen Vertreter einer + deutschen Nation, die wir mit einer wahrhaft brüderlichen Liebe + umfassen und die wir zu lieben nicht aufgehört haben. Frankreich + begrüßt Sie, meine Herren, und dankt Ihnen, denn es erblickt in Ihnen + die Zukunft Deutschlands und die Hoffnung auf eine Versöhnung zwischen + den beiden Völkern." + +Der Brief mochte gut gemeint sein, aber in jenem Augenblick bedeutete er +eine große Taktlosigkeit. Wer ihn veröffentlichte, haben wir nie +erfahren. Ich vermute, der Konsul wurde zu dem Briefe von einer Seite +animiert, die ein Interesse daran hatte, uns zu schaden.-- + +Während der Verfassungsberatung kam es zu einer heiteren Szene. Es war +bekannt geworden, daß der König Ludwig II. von Bayern nach langem +Drängen und Unterhandeln sich bereit erklärt hatte, die deutschen +Bundesfürsten und freien Städte zu ersuchen, dem König von Preußen die +deutsche Kaiserkrone anzutragen. Die Mitteilung dieses Ereignisses +sollte mit einer gewissen feierlichen Ueberraschung im Reichstag +erfolgen. In der betreffenden Sitzung erhob sich der Abgeordnete +Friedenthal und stellte eine diesbezügliche Anfrage. Darauf erhob sich +feierlich der Präsident des Bundeskanzleramtes, Delbrück, um das +betreffende Schriftstück vorzulesen. Aber er wußte nicht, in welche +Tasche er es gesteckt hatte. In höchster Aufregung durchsuchte er +krampfhaft alle Taschen, ein Schauspiel, das im Hause ungeheure +Heiterkeit hervorrief. Schließlich fand er den Brief, aber die Wirkung +war verpufft. Delbrück war ein sehr tüchtiger Beamter, aber die +trockenste Bureaukratennatur, die man sich vorstellen konnte. Eine +feierliche Manifestation zu inszenieren, dazu war er ganz und gar nicht +der Mann. Bismarck brauste auf, als er in Versailles von der +mißlungenen Manifestation hörte. + +In dieser Debatte erregte eine Rede Liebknechts über die neue Verfassung +und das neue Kaisertum Stürme der Entrüstung. Er warf einen Rückblick +auf die deutschen Einheitsbestrebungen, die eine ganz andere Einheit +Deutschlands als Ziel gehabt hätten, als jene, die jetzt geschaffen +werde. Diese sei ein Gewaltwerk von oben, über die sich die Fürsten +verständigt hätten und zu dem der Reichstag einfach Ja sagen solle und +müsse. Die Verfassung zeige, daß sie im Heerlager zu Versailles ihren +Ursprung habe. Die dort abgeschlossenen Verträge mit den süddeutschen +Staaten zeigten aber auch, daß es sich nicht einmal um eine äußere +Einheit handle. Das Hindernis einer wirklichen Einheit Deutschlands +bilde das Haus Hohenzollern, dessen Interessen im Gegensatz zu denen des +deutschen Volkes stünden. Die Krönung des neuen Kaisers solle man auf +dem (Berliner) Gendarmenmarkt vornehmen, der das geeignete Symbol +hierfür sei. Denn dieses Kaisertum könne nur durch den Gendarmen +aufrecht erhalten werden. Mehrere Ordnungsrufe und eine Reihe von +Zurechtweisungen durch den Präsidenten gaben der Rede die Weihe. + +Am 10. Dezember wurde eine Deputation gewählt, die dem König die +beschlossene Adresse mit den Glückwünschen des Reichstags zur +Kaiserwürde nach Versailles überbringen sollte. Die Fortschrittspartei, +die mit uns zum größeren Teil gegen das Verfassungswerk stimmte, hatte +dem Bureau mitgeteilt, daß sie auf Beteiligung an der Deputation +verzichte. Die Mitglieder sollten durch das Los bestimmt werden. Wir +schwiegen und ließen es darauf ankommen, ob einer von uns durch das Los +für die Deputation bestimmt würde. Selbstverständlich hätte er nicht +angenommen. Aber das Glück blieb uns fern. Als der Name Rothschilds aus +der Urne gezogen wurde, ging Windthorst feierlich auf diesen zu, +schüttelte ihm kräftig die Hand und gratulierte ihm zur Wahl. Das ganze +Haus brach in stürmische Heiterkeit aus. + +Die Deputation war von ihrer von vielen Hindernissen begleiteten Reise +und von dem Empfang im Versailler Hauptquartier nicht entzückt. Der +Empfang stand so gar nicht im Einklang mit den Vorstellungen, die sich +die Deputation von ihrer "hehren Mission" gemacht hatte. Der König +selbst stand der Kaisermache so gleichgültig gegenüber, daß er ganz +überrascht war, als der Kronprinz ihm mitteilte, die anwesenden Fürsten +und Generale hätten den Wunsch, bei Ueberreichung der Reichstagsadresse +durch die Deputation anwesend zu sein. Die trockene Antwort des Königs +lautete: Wenn wirklich jemand von den Genannten dabei zu sein Lust habe, +habe er nichts dawider. Seine Stimmung wäre wohl eine der neuen Würde +günstigere gewesen, hätte die Deputation ihm in Aussicht stellen können, +daß im Falle der Annexion von Elsaß-Lothringen dieses Preußen +angegliedert werden solle. Es war der erste große Krieg, den ein +Hohenzoller siegreich führte, der ohne Landeserwerb für Preußen endete. +Das konnte ein Hohenzoller nur schwer verwinden. + +Es ist also wie so vieles andere eine Geschichtslegende, zu behaupten, +der damalige König habe die deutsche Kaiserwürde als das Ziel seines +Sehnens angesehen. Daher entspricht auch die Darstellung, die der Kaiser +Wilhelm II. am 26. Februar 1894 in einer Rede bei dem Festessen des +Provinziallandtags der Provinz Brandenburg gab, nicht den gerichtlichen +Tatsachen. Damals führte Wilhelm II. mit Hinweis auf die Einigung +Deutschlands aus: + + "Das alte Deutsche Reich wurde verfolgt von außen, von seinen + Nachbarn, und von innen, durch seine Parteiungen. Der einzige, dem es + gelang, gewissermaßen das Land einmal zusammenzufassen, das war der + Kaiser Friedrich Barbarossa. Ihm dankt das deutsche Volk noch heute + dafür. Seit der Zeit verfiel unser Vaterland, und es schien, als ob + niemals der Mann kommen sollte, der imstande wäre, dasselbe wieder + zusammenzufügen. Die Vorsehung schuf sich dieses Instrument und suchte + sich aus den Herrn, den wir als den ersten großen Kaiser des neuen + Deutschen Reiches begrüßen konnten. Wir können ihn verfolgen, wie er + langsam heranreifte von der schweren Zeit der Prüfung bis zu dem + Zeitpunkt, wo er als fertiger Mann, dem Greisenalter nahe, zur Arbeit + berufen wurde, sich jahrelang auf seinen Beruf vorbereitend, die + großen Gedanken bereits in seinem Haupte fertig, die es ihm + ermöglichen sollten, das Reich wieder erstehen zu lassen. Wir sehen, + wie er zuerst sein Heer stellt und aus dinghaften Bauernsöhnen seiner + Provinzen sie zusammenreiht zu einer kräftigen, waffenglänzenden + Schar; wir sehen, wie es ihm gelingt, mit dem Heer allmählich eine + Vormacht in Deutschland zu werden und Brandenburg-Preußen an die + führende Stelle zu setzen. Und als dies erreicht war, kam der Moment, + wo er das gesamte Vaterland aufrief und auf dem Schlachtfeld der + Gegner Einigung herbeiführte." + +In Wahrheit lagen die Dinge so, daß nicht der alte Wilhelm, sondern sein +Sohn, der Kronprinz--der spätere Kaiser Friedrich--, Sehnsucht nach der +Kaiserwürde empfand und damals in Versailles alles aufbot, um dieselbe +durchzusetzen. Sein Freund, der bekannte Schriftsteller Gustav Freitag, +behauptete sogar, daß dem Kronprinzen allein die Erlangung der +Kaiserwürde für die Hohenzollern zu danken sei. Sicher ist, daß neben +dem Kronprinzen auch Bismarck alles aufbot, um die Kaiserwürde für die +Hohenzollern zu erlangen. Bismarck, der sicher hier der kompetenteste +Beurteiler ist, schreibt über die Stellung des Königs zur Kaiserwürde in +seinen "Gedanken und Erinnerungen": + + Die Kaiserkrone erschien ihm im Lichte eines übertragenen modernen + Amtes, dessen Autorität von Friedrich dem Großen bekämpft war, den + großen Kurfürsten bedrückt hatte. Bei den ersten Erörterungen sagte + er: "Was soll mir der Charakter-Major?" worauf ich unter anderem + erwiderte: "Euer Majestät wollen doch nicht ewig ein Neutrum + bleiben,'das Präsidium'? In dem Ausdruck 'Präsidium' liegt eine + Abstraktion, in dem Worte 'Kaiser' eine große Schwungkraft." + +Ausführlich und sehr lehrreich wird die Kaiserfrage in des Kronprinzen +Friedrich Tagebuch erörtert, das der Geheimrat Geffken nach dem Tode +Friedrichs in der "Deutschen Rundschau", Oktoberheft 1888, zum größten +Aerger Bismarcks veröffentlichte. Dort schreibt Friedrich unter dem 30. +September 1870: + + "Ich rede Seine Majestät auf die Kaiserfrage an, die im Anrücken + begriffen; er betrachtet sie als gar nicht in Aussicht stehend; beruft + sich auf du Bois-Reymonds Aeußerung, der Imperialismus liege zu Boden, + so daß es in Deutschland künftig nur einen König von Preußen, Herzog + der Deutschen, geben könne. Ich zeige dagegen, daß die drei Könige + uns nötigen, den Supremat durch den Kaiser zu ergreifen, daß die + tausendjährige Kaiser- oder Königskrone nichts mit dem modernen + Imperialismus zu tun habe, schließlich wird sein Widerspruch + schwächer." + +Und am 17. Januar, dem Tage vor der Ausrufung des Königs zum deutschen +Kaiser, schreibt Friedrich: + + "Die Reichsfarben machen wenig Bedenken, _die, wie der König sagt, + sind nicht aus dem Straßenschmutz gestiegen; doch werde er die Kokarde + nur neben der preußischen dulden, er verbat sich die Zumutung, von + einem kaiserlichen Heere zu hören,_ die Marine aber möge kaiserlich + genannt werden; _man sah, wie schwer es ihm wurde, morgen von dem + alten Preußen, an dem er so festhält, Abschied nehmen zu müssen._ Als + ich auf die Hausgeschichte hinwies, wie wir vom Burggrafen zum + Kurfürsten und dann zum König gestiegen seien, wie auch Friedrich I. + ein Scheinkönigtum geübt und dasselbe doch so mächtig geworden, daß + uns jetzt die Kaiserwürde zufalle, erwiderte er: Mein Sohn ist mit + ganzer Seele bei dem neuen Stand der Dinge, während ich mir nicht ein + Haar breit daraus mache und nur zu Preußen halte." + +Am 11. Dezember, nach Schluß des Reichstags, reisten Liebknecht und ich +nach Leipzig zurück. Am 15. referierten wir in einer öffentlichen +Versammlung des sozialdemokratischen Arbeitervereins über die +Verhandlungen des Reichstags. Die Versammlung war so massenhaft besucht, +daß sie zur Volksversammlung wurde. Unter den Zuhörern befanden sich +eine Menge französischer Offiziere in Zivil, die als Kriegsgefangene in +Leipzig interniert waren. Die Versammlung verlief ausgezeichnet; +dieselbe nahm mit großer Begeisterung eine Resolution an, in der uns für +unsere Haltung im Reichstag gedankt wurde. Zustimmungen zu unserer +Haltung waren uns auch aus einer Reihe anderer Orte zugegangen. Es war +auf längere Zeit die letzte Versammlung, die wir abhalten sollten. Am +17. traf uns der Schlag, den wir längst erwartet hatten. Ich hatte +bereits in einem Briefe vom 1. Dezember an den Parteigenossen F.A. Sorge +in Hoboken geschrieben: Die Wut der "patriotischen" Kreise gegen uns ist +grenzenlos; wenn man uns nächstens packen kann, dann geschieht's sicher +und fest. + + + + +Unsere Verhaftung. + + +An der Spitze des "Volksstaat" vom 7. September hatten wir mitgeteilt, +wir hätten aus sicherster Quelle in Erfahrung gebracht, daß auf +entschiedenes Verlangen im deutschen Hauptquartier, speziell des Grafen +v. Bismarck, die sächsische Regierung entschlossen sei, gegen unsere +Partei mit allem Nachdruck vorzugehen. Haussuchungen und Verhaftungen +sollten bevorstehen. Wie auf Kommando ging fast die gesamte Presse, die +liberale voran, in Hetzartikeln gegen uns los. Man trieb die +Unverschämtheit so weit, daß man uns des Landesverrats zugunsten +Frankreichs bezichtigte. Als dann im Dezember die damals erscheinende +offiziöse "Zeidlersche Korrespondenz" aus den bei dem Braunschweiger +Parteiausschuß beschlagnahmten Briefen von Liebknecht und mir tendenziös +herausgerissene Bruchstücke veröffentlichte, um ihre Denunziationen +gegen uns gerechtfertigt erscheinen zu lassen, schickte ich der Berliner +"Zukunft" folgende Erklärung zur Veröffentlichung: + + "Die unter der Mitwirkung des Herrn Wagener auf Dummerwitz + erscheinende 'Zeidlersche Korrespondenz' hat, wie ich aus hiesigen + Lokalblättern ersehe, Bruchstücke aus Briefen von Liebknecht und mir, + die bei Verhaftung des Braunschweiger Ausschusses gefunden wurden, + abgedruckt, um ihre Denunziantenmission daran zu üben. Obgleich ich + der Meinung bin, daß nur _durch Bruch des Amtseids eines Beamten_ die + 'Zeidlersche Korrespondenz' in der Lage ist, jene Bruchstücke zu + veröffentlichen, muß ich dennoch den Wunsch aussprechen, daß sie statt + der Bruchstücke den ganzen Inhalt meiner Briefe der Öffentlichkeit + übergebe. + + Ich habe alle Ursache zu glauben, daß durch eine _solche_ + Veröffentlichung klar und zweifellos festgestellt wird, wie Herr + Zeidler und Konsorten die bruchstückweise Veröffentlichung von + Privatbriefen, die ihnen nur _von einem gewissenlosen Beamten_ + zugesteckt sein können, deshalb betreiben, weil sie dadurch ihr + schwarzes Handwerk mit größerer Wirkung auf das leichtgläubige + Publikum ausüben können. + + Mich wundert dieses Treiben nicht. Die offiziöse Preßmeute tut eben, + was Natur und Amt ihr vorschreiben. + + Leipzig, den 16. Dezember 1870. A. Bebel." + +Am 17. Dezember morgens arbeitete ich in meiner Werkstatt, als +plötzlich meine Frau totenbleich hereinstürzte und mir mitteilte, daß +oben in unserer Wohnung ein Polizeibeamter sei, der mich zu sprechen +wünsche. Ich wußte woran ich war. Ich eile die Hintertreppe hinauf und +treffe in unserer Wohnstube den mir bekannten Beamten, zugleich aber +auch einen Soldaten in kriegsmäßiger Ausrüstung. Auf meine Frage, was +das bedeute, antwortete mir meine Frau, der Mann sei soeben als +Einquartierung eingetroffen. Alsdann teilte mir der Beamte mit, er habe +Auftrag, meine Papiere zu beschlagnahmen. Das war rasch geschehen, ich +hatte für reinen Tisch gesorgt. Der Beamte erklärte weiter, er habe auch +Auftrag, mich zu verhaften. Ich kleidete mich rasch um, nahm Abschied +von Frau und Kind, mit der Vertröstung, ich würde bald zurückkommen, und +stieg in die vor dem Hause wartende Droschke, die mich zunächst nach dem +Polizeiamt, von dort nach dem Bezirksgericht führte. Hier wurde mir im +Bezirksgerichtsgefängnis eine Zelle angewiesen. Ich mache kein Hehl +daraus, daß, nachdem der Beamte das große Schloß und die beiden eisernen +Riegel, womit nach alter Väter Weise die Tür versehen war, hinter mir +abgeschlossen hatte, ich wütend in der Zelle auf und ab lief und meinen +Feinden fluchte. Aber was half es? Der Kluge gibt nach. Am +nächsten Morgen (Sonntag) traten der Staatsanwalt und der +Bezirksgerichtsdirektor, der die Oberaufsicht über das Gefängnis hatte, +herein und fragten: ob ich Wünsche hätte. Ich bat, daß ich mir Bücher +dürfe kommen lassen und um Licht bis abends 10 Uhr. Der Direktor sagte +beides zu, Licht aber nur bis abends 8 Uhr. Der Staatsanwalt teilte mir +mit, daß es sich bei der Untersuchung um meine gesamte agitatorische +Tätigkeit handeln werde, die man als staatsgefährlich und +hochverräterisch ansehe. Die Untersuchung werde längere Zeit währen, da +auch Recherchen nach auswärts nötig seien. Ich würde morgen vor dem +Untersuchungsrichter mein erstes Verhör haben. Meine Spannung war groß. +Der Untersuchungsrichter, Landgerichtsrat Ahnert, dem ich vorgeführt +wurde, empfing mich mit strenger Miene und großer Zurückhaltung. Es +werde gegen mich, Liebknecht und Hepner, die beide ebenfalls verhaftet +seien, was ich erst jetzt erfuhr, die Anklage auf Versuch und +Vorbereitung zum Hochverrat erhoben werden. Daß Liebknecht mit mir +gepackt war, fand ich natürlich, aber auch der Unglückswurm Hepner, der +erst kurze Zeit zweiter Redakteur am "Volksstaat" war? Der war doch so +unschuldig wie ein neugeborenes Kind. Weiter teilte mir zu meiner nicht +geringen Ueberraschung und Enttäuschung der Richter mit, daß er die +Untersuchung noch nicht weiter führen könne, _weil der Hauptteil des +Untersuchungsmaterials noch in Braunschweig sei_. Er hoffe aber, daß +dasselbe noch vor Neujahr eintreffe, worauf er alsdann mit allem Fleiß +an die Arbeit gehen werde. Man hatte uns also, streng genommen, ohne +gesetzlichen Grund verhaftet, denn weder der Richter noch der +Staatsanwalt kannten das Anklagematerial, auf Grund dessen wir angeklagt +werden sollten. Es war also offenbar der Wunsch des Hauptquartiers, uns +möglichst rasch unschädlich zu machen, für unsere Verhaftung maßgebend +gewesen. + +Ich war sehr ärgerlich, als ich in meine Zelle zurückkehrte; ich hatte +jetzt reichlich Zeit, mich zunächst mit dieser zu beschäftigen. Die +Zelle hatte genügend Raum, denn sie war fast leer. In einer Ecke an der +Tür stand ein großer, verdeckter hölzerner Kübel, über dessen Zweck ich +kein Wort zu verlieren nötig habe. An der einen Wand war ein kleines +Regal angebracht, auf dem ein Wasserkrug stand und ein Gesangbuch und +das Neue Testament lagen. An der anderen Wand war eine drei Fuß lange +schmale Bank befestigt, so daß man sie nicht wegrücken konnte, und vor +derselben hatte man mir, als besondere Vergünstigung, ein kleines +Tischchen aufgestellt, so groß, daß wenn ich einen Band Gartenlaube +darauf ausbreitete, die Tischplatte bedeckt war; ein Bett war nicht +vorhanden, die Matratze, die abends auf den Fußboden gelegt wurde, +wanderte am nächsten Morgen auf den Korridor auf einen Berg anderer +Matratzen. Unten vor meinem Fenster, das fest vergittert war und nur +durch Besteigen des Tischchens erreicht werden konnte, hörte ich Tag und +Nacht ein eigentümliches Geräusch. Als ich an das Fenster stieg, sah +ich, daß unten in einem Garten sechs große Kaffeeröstmaschinen +aufgestellt waren, in denen große Quantitäten Kaffee für die im Felde +stehenden Truppen geröstet wurden. Der Winter 1870/71 war wohl der +strengste, den wir in vielen Jahrzehnten hatten. Die armen Teufel im +Felde--Deutsche wie Franzosen--litten fürchterlich unter Kälte, Eis und +Schnee. Das Unwetter hatte früh eingesetzt und hörte erst spät auf. Aber +auch in meiner Zelle war es scheußlich kalt. Der alte vorsintflutliche +eiserne Ofen, der morgens um 5 Uhr mit einer Handvoll Kohlen geheizt +wurde, gab keine besondere Wärme ab. Außerdem mußte ich doch frische +Luft haben. Oeffnete ich also morgens die Fensterklappe, so war das +bißchen Wärme im Nu verflogen. Ich fror hundemäßig. Um mich zu erwärmen, +setzte ich mich auf das Tischchen, stützte die Füße auf die Bank und +umwickelte die Beine mit einer weißen wollenen Decke, die ich als +Bettdecke erhalten hatte. Trotzdem bekam ich einen Blasenkatarrh. Zum +Unglück lag meine Zelle auch noch nach Norden. Liebknecht, als dem +ältesten unter uns, hatte man ein Zimmer, das damals für sogenannte +Wechselgefangene reserviert war, eingeräumt. Dies erfuhr ich bei einem +Besuche meiner Frau, die wöchentlich einmal in Gegenwart des +Untersuchungsrichters mich kurze Zeit sprechen durfte. Auch wurde mir +die Korrespondenz mit ihr unter Kontrolle des Richters gestattet. + +Sehr rasch entdeckte ich aber zu meinem großen Unbehagen, daß ich die +Zelle nicht allein bewohnte; dieselbe wimmelte von Ungeziefer. Nun, ich +hatte Zeit zur Jagd, und ich war dabei erfolgreicher als Moltke mit +seiner Hoffnung auf die Greisauer Hasen. Die weiße Wolldecke wurde zur +Falle. Ich hatte bald eine Rekordziffer erreicht. Ich tötete an einem +Tage, meine Leserinnen mögen nicht erschrecken, einundachtzig der +braunen Kerle, die man Flöhe nennt. Allmählich brachte ich die Zelle +rein, auch ohne Insektenpulver, das mir meine Frau auf mein Verlangen +ein paarmal sandte, das ich aber nie erhielt, weil es die Aufseher für +sich verbrauchten. Ich hatte auch durchgesetzt, daß meine Matratze in +der Zelle blieb, die vordem jedesmal am Abend voll Ungeziefer wieder zu +mir hereingebracht wurde. Kaum hatte ich aber mein "Heim" rein, so wurde +ich auf Anordnung des Arztes nach der Westseite umquartiert. Ich erhielt +jetzt eine Zelle, in der vor mir eine Kindsmörderin zugebracht hatte, +wie mir mein Aufseher in liebenswürdiger Weise mitteilte. Nun hatte ich +die Arbeit des Reinigens von neuem vorzunehmen. + +Eine Untersuchungshaft wie die unsere ist die scheußlichste aller +Haftarten. In strenger Einzelhaft hinter Schloß und Riegel sitzen +müssen, ohne zu wissen, wie lange die Haft währt und welches +Anklagematerial vorliegt, wirkt ungemein aufregend und nervenzerrüttend. +Endlich wurde ich Anfang Januar wieder dem Untersuchungsrichter +vorgeführt. Als ich in das Zimmer des Richters trat, fiel mein Blick auf +ein stattliches Bündel blauer Papiere, die auf der breiten Fensterbank +lagen. Es waren meine Briefe an den Parteiausschuß, die dieser mit den +Briefen von Liebknecht, Marx und Engels ganz besonders sorgfältig und +liebevoll aufbewahrt hatte. Ich weiß nicht, was ich getan, hätte ich in +diesem Augenblick unseren Parteisekretär Bonhorst zwischen den Fingern +gehabt. Bald ergab sich aber, daß ich keine Ursache hatte, mich über die +beschlagnahmten Briefe zu ärgern. Der Untersuchungsrichter teilte mir +mit, daß er erst vor ein paar Tagen das Anklagematerial erhalten habe, +daß er aber gewillt sei, nach Möglichkeit die Untersuchung zu +beschleunigen. Und er hielt Wort. Mit jedem neuen Verhör wurde der +Richter zugänglicher. Selbstverständlich waren unsere Briefe das erste +Material, was er durchstudierte. Und da nun diese fast alle streng +vertraulicher Natur waren, so hatten wir darin uns gegenseitig nicht nur +unsere Parteischmerzen, sondern auch unsere großen und kleinen +Privatschmerzen mitgeteilt, und dabei stellte sich heraus, daß keiner +von uns auf Rosen gebettet war. Wohl zu seiner eigenen Ueberraschung +entdeckte der Untersuchungsrichter, daß wir keine Landesverräter und +Königsmörder seien, sondern Menschen, die von den besten Absichten +beseelt waren und warmes Herzblut in den Adern hatten. Ende Februar +hatte der Untersuchungsrichter das Riesenmaterial, das quantativ sehr +groß war--es waren allein gegen 2000 Briefe vorhanden--, durchgearbeitet +und die Untersuchung geschlossen. Der Untersuchungsrichter hatte, und er +war ein sehr intelligenter und gewissenhafter Mann, wie wir später durch +unseren Rechtsanwalt Otto Freytag erfuhren, die Ueberzeugung gewonnen, +daß wir nicht nur nicht wegen Versuchs, sondern auch nicht wegen +Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt werden könnten. Er stellte +demgemäß den Antrag auf unsere Haftentlassung, dem aber die +Staatsanwaltschaft widersprach. + +Als Ende Februar 1871 in Oesterreich das Ministerium Graf +Hohenwart-Schäffle ans Ruder kam und durch eine Amnestie die Wiener +Hochverräter Oberwinder, A. Scheu, Most usw. aus dem Zuchthaus entlassen +wurden, legte mir eines Abends gelegentlich eines Verhörs der +Untersuchungsrichter schweigend die "Leipziger Zeitung" vor, in der die +Depesche über die Amnestie enthalten war. Ich konnte mich nicht +enthalten zu bemerken, dergleichen würde uns nicht blühen; und ich +behielt recht. Ich hatte die feste Ueberzeugung, daß wir verurteilt +würden, nicht weil ich mich schuldig fühlte, sondern weil ich wegen der +Hatz, die namentlich auch während unserer Haft gegen uns fortgesetzt +betrieben wurde, der Stimmung der Geschworenen nicht traute. Außerdem +sagte ich mir auch, daß die Regierung alles aufbieten werde, unsere +Verurteilung herbeizuführen. Andernfalls wäre der Prozeß eine Blamage +für sie geworden. Ich hatte sogar in einem Brief an einen Freund, den +ich meiner Frau zur Uebermittlung schickte, ausgesprochen, wir würden +wohl mit zwei Jahren Festung hängen bleiben. Darüber war namentlich Frau +Liebknecht, der meine Frau meine Ansicht mitgeteilt hatte, ganz +entsetzt. Aber meine Prophezeiung traf wieder einmal ein. + + * * * * * + +Nachdem wir in Haft genommen waren, beriefen die Leipziger +Parteigenossen Karl Hirsch, der damals Redakteur am "Crimmitschauer +Bürger- und Bauernfreund" war, nach Leipzig, um die Redaktion des +"Volksstaat" zu übernehmen. Karl Hirsch sprang bereitwillig ein und +verdiente sich durch die Art, wie er das Blatt in schwerster Zeit +redigierte, den Dank der Partei. In der Nummer 102 des "Volksstaat" vom +21. Dezember kündigte er an, daß er die Redaktion auf unseren Wunsch +übernommen habe, und fuhr dann fort: + + "Die gegen unsere Freunde eingeleitete Untersuchung wird, wie ich + hoffe, nicht von langer Dauer sein und, wie ich überzeugt bin, die + Schuldlosigkeit derselben zum Ergebnis haben. _Einstweilen werde ich + mir die edle, kühne und nicht 'landesverräterische', sondern im + Gegenteil wahrhaft patriotische Haltung, die der 'Volksstaat' unter + seiner bisherigen Leitung eingenommen hat, bei meiner Redaktion zum + Vorbild nehmen._ + + An der Tendenz und am Erscheinen des Blattes wird nichts geändert, die + gegnerischerseits gehegte Hoffnung, der Schlag, der unser Organ + betroffen, werde die Partei mundtot machen, wird zuschanden werden." + +Kaum war Hirsch in die Redaktion des "Volksstaat" eingetreten, so begann +Professor Biedermann in der "Deutschen Allgemeinen Zeitung" auch gegen +ihn zu denunzieren. Im gleichen Sinne arbeitete die "Zeidlersche +Korrespondenz", die, wie sie von uns Briefe tendenziös stückweise +veröffentlichte, dasselbe mit Briefen von Hirsch machte, die in +Braunschweig beschlagnahmt worden waren. Hirsch schüttelte die +Denunzianten kräftig ab. Weiter antwortete Hirsch damit, daß er an der +Spitze des "Volksstaat" vom 1. Januar 1871 Freiligraths Gedicht "Die +Schlacht am Birkenbaum" zum Abdruck brachte. + +Im Januar wurden die Wahlen zum Reichstag ausgeschrieben; sie sollten am +3. März vorgenommen werden. Eine Landesversammlung der Partei hatte uns +wieder in unseren alten Wahlkreisen aufgestellt. In Leipzig vereinigten +sich die Lassalleaner mit unseren Genossen auf meine Kandidatur. Ich +ließ das Komitee wissen, daß ich im Interesse der Konzentration der +Mittel und Kräfte auf die aussichtsreichen Wahlkreise eine Kandidatur +für Leipzig nicht annehmen könne. Es blieb aber dabei. In bürgerlichen +Kreisen veranstaltete man Geldsammlungen, um Liebknechts und meine Wahl +zu verhindern. In meinem Wahlkreis--Glauchau-Meerane-Hohenstein--hatten +die Gegner sich auf die Kandidatur von _Schulze-Delitzsch_ gegen mich +vereinigt. Schulze nahm die Kandidatur an, er weigerte sich aber, +Wählerversammlungen abzuhalten, da ich an der Abhaltung solcher +verhindert sei; dieselben wären ihm wahrscheinlich schlecht bekommen. +Ende Januar legte der provisorische Parteiausschuß in Dresden sein +Mandat nieder; es galt, die Kräfte zu konzentrieren, und so wurde auf +Anordnung der Kontrollkommission in Hamburg Leipzig Sitz des +provisorischen Ausschusses. Die Geldmittel waren natürlich sehr knapp. +Die Parteigenossen von heute ahnen nicht, mit wie wenig Geld damals die +Wahlen betrieben wurden. Ueber 500 bis 600 Mark gingen die Wahlkosten +kaum irgendwo hinaus. + +Die Wahlen verliefen ungünstig; sie fanden statt unter Glockengeläute +und Kanonendonner, da am 3. März der Präliminarfriede in Versailles +unterzeichnet wurde. Die einzigen Sieger waren Schraps und ich im 17. +und 18. sächsischen Wahlkreis. Ich hatte mit 7344 Stimmen gegen +Schulze-Delitzsch mit 4679 Stimmen gesiegt. Schraps, der streng genommen +nicht mehr zur Partei gehörte und an dessen Stelle von Rechts wegen +Julius Motteler hätte aufgestellt werden sollen, siegte mit 5875 gegen +5706 Stimmen. Liebknecht unterlag im 19. sächsischen Wahlkreis mit 3981 +gegen 5134 Stimmen. Spier war in Mittweida-Frankenberg in engere Wahl +gekommen, er unterlag aber mit 4017 gegen 5430 Stimmen, die auf +Professor Biedermann fielen. In Leipzig hatte ich 2576, mein +Gegenkandidat Bürgermeister Dr. Stephani 7312 Stimmen erhalten. Das +Resultat galt als sehr günstig; im Herbst 1867 erhielten wir nur 900 +Stimmen. In Leipzig-Land war Johann Jacoby aufgestellt worden, der mit +2877 gegen 5718 Stimmen seinem Gegner unterlag. Bracke wurde in Chemnitz +und im 22. sächsischen Wahlkreis aufgestellt und erhielt 2972 bezw. 3477 +Stimmen. Wir hatten in Sachsen über 39000 Stimmen auf unsere Kandidaten +vereinigt. In manchen Wahlkreisen, wie Bielefeld, hatten unsere +Parteigenossen den Kandidaten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +(Pfannkuch) unterstützt, in Mittel- und Süddeutschland hatten sie fast +überall von der Aufstellung eigener Kandidaten abgesehen. Der Allgemeine +Deutsche Arbeiterverein hatte im ganzen 63000 Stimmen auf seine +Kandidaten vereinigt. + +Wie die angeführten Zahlen zeigen, war die Beteiligung an der Wahl eine +schwache, nirgends herrschte Begeisterung für das neue Reich. Der +schwere Druck, der auf Handel und Wandel lastete, die Arbeitslosigkeit, +alles Folgen des Krieges, dazu der lange und harte Winter, der den +Massen ebenfalls schwere Opfer auferlegte, schufen eine sehr gedrückte +Stimmung. + +Sobald ich die offizielle Nachricht von meiner Wahl erhalten hatte, +schickte ich aus dem Gefängnis meinem Wahlkomitee folgende Danksagung +zur Veröffentlichung: + + "An meine Wähler! Parteigenossen! Ihr habt mir aufs neue einen + glänzenden Beweis Eures Vertrauens gegeben, indem Ihr mich nunmehr zum + dritten Male zum Vertreter des 17. Wahlkreises in den Reichstag + erwähltet. + + Ihr habt mir Euer Vertrauen erhalten, obgleich ich nicht in Eurer + Mitte erscheinen konnte, um meinen Standpunkt gegenüber der neuen + Sachlage der Dinge darzutun. Ebensowenig habt Ihr Euch auch beirren + lassen durch die heftige und niedrige Kampfweise, womit die Gegner den + Wahlkampf führten. + + Dies, verbunden mit der Tatsache, daß der unterlegene Gegner als die + gefeiertste Größe des Liberalismus und Kapitalismus gilt, macht die + diesmalige Wahl für mich doppelt ehrenvoll. Nehmt dafür meinen + wärmsten und innigsten Dank entgegen und das Versprechen, daß ich tun + werde, was in meinen Kräften steht, Euer Vertrauen zu rechtfertigen. + + Es lebe die Sozialdemokratie! Das sei der Ruf, mit dem wir neuen + Kämpfen entgegengehen. + + Leipzig, Bezirksgerichtsgefängnis, den 13. März 1871. + + Mit sozialdemokratischem Gruß + + Euer A. Bebel." + +Ich habe in meinem Leben oft das Glück gehabt, angesungen zu werden, und +zwar im guten wie im schlimmen Sinne. Auch in dem jetzt verflossenen +Wahlkampf spielte die Poesie eine, wenn auch zweifelhafte Rolle. So +veröffentlichte der Bürgermeister Hohensteins, natürlich anonym, +folgendes Gedicht: + + _Napoleon und Bebel._ + + Er sitzt auf Wilhelmshöhe, + Er im Bezirksgericht. + Er hat sie in der Zehe + Und er im Kopf die Gicht. + +Im "Meeraner Wochenblatt" höhnte ein anderer Anonymus über mich: + + "_Der Wilhelmshöher an Bebel_. + + Mein lieber Bebel! + + Lassen Sie uns ein vernünftiges Wort miteinander reden! Sehen Sie, ich + bin ein alter Praktikus und habe das alles schon durchgemacht, was Sie + noch vor sich haben. Ach, Bebel, wenn mir auch der Schlummerkopf vom + "New-York-Herald" neulich wieder einige Hoffnung gemacht hat--ich + fürcht', ich fürchte doch sehr, es wird mit mir nichts mehr werden. + Mir fehlen die Mittel, noch einmal von vorn wieder anzufangen. + + Aber Sie, Bebel, Sie haben ohne Frage eine Zukunft. Sie sind noch + jung, haben ein gewinnendes Aeußeres, einen guten Appetit, eine edle + Dreistigkeit, eine formidable Sprache und ein harmloses Wesen. Kommt + dazu noch die Gunst der Weiber und die Freundschaft der Kirche, so + haben wir alle Eigenschaften beisammen, deren ein junger Mann bedarf, + um en gros sein Glück zu machen. + + Jetzt, Bebel, will ich Ihnen ein wichtiges Wort über die Republik + sagen. Die Republik ist eine sehr gute Einrichtung, wenn + man--Präsident derselben ist. Ist man es nicht, so ist die Republik + eine ebenso mangelhafte Staatsform wie alle anderen, das Papsttum mit + einbegriffen. Wie man Präsident wird, Bebel, das will ich Ihnen einmal + unter vier Augen sagen. Das aber kann ich Ihnen gleich ganz offen + sagen, daß von der Präsidentschaft bis zur Kaiserkrone nur ein Schritt + ist." Und so weiter. + +In Leipzig hatte man, und das ist von einem gewissen kulturhistorischen +Interesse, die Verhöhnung unserer Personen während unserer Haft noch +weiter getrieben. So wurde in einem Tingeltangel eine Posse aufgeführt, +betitelt: "Nebel und Piepknecht"; in einem anderen größeren Lokal der +Stadt wurde eine Posse aufgeführt, betitelt: "Bebel oder der erleuchtete +Schuster mit seinem Jungen." In dieser Weise machten die "Patrioten" +ihrem Zorn wider uns Luft. + +Ein Teil der liberalen Presse war über meine Wahl höchlich aufgebracht +und agitierte dafür, daß der Reichstag bei seinem Zusammentritt sich +gegen meine Freilassung aus der Untersuchungshaft aussprechen sollte. +Die "Magdeburger Zeitung" war von Leipzig aus im gleichen Sinne +inspiriert worden. Darauf veröffentlichte unser Anwalt Otto Freytag eine +Erklärung, in der er ausführte, die Behauptung, wir würden wegen +Landesverrat oder Vorbereitung zum Landesverrat angeklagt, sei eine +Unwahrheit. Wir würden wegen _Vorbereitung zum Hochverrat_, begangen +durch unsere Agitation, angeklagt. _Liebknechts und mein Verhalten in +der Kriegsfrage spiele auch nicht einmal nebensächlich eine Rolle._ Es +sei auch eine dreiste Unwahrheit, wenn behauptet werde, Staatsanwalt und +Untersuchungsrichter würden sich einer Haftentlassung widersetzen. Im +Gegenteil, ihm habe der Untersuchungsrichter erklärt, daß gegen eine +Haftentlassung, nachdem die Untersuchung beendet sei, nicht das +geringste Bedenken vorliege. Ebenso werde der Staatsanwalt _keine_ +Bedenken gegen die Freilassung erheben. + +Am 27. März stellte Schraps, unterstützt von den Mitgliedern der +Fortschrittspartei, im Reichstag den Antrag auf meine Freilassung. Im +Gegensatz hierzu beantragten die Abgeordneten Dr. Stephani-Leipzig und +Professor Biedermann, den Reichskanzler um Auskunft über den Stand der +Sache zu ersuchen. In ihrem blinden Haß fühlten sie nicht das Kleinliche +und Verächtliche ihrer Handlungsweise. Am 29. März wollte der Präsident +die beiden Anträge auf die Tagesordnung der Sitzung vom 30. März setzen. +Darauf erklärte der Abgeordnete Schraps zur Geschäftsordnung: _Er habe +die Nachricht erhalten, daß wir am gestrigen Tage aus der Haft entlassen +worden seien._ + +So war es in der Tat. Die sächsische Regierung wollte die Debatte im +Reichstag umgehen, so ordnete sie unsere Freilassung an. Am Nachmittag +des 28. März gegen 4 Uhr wurden plötzlich mit besonderer Hast Schloß und +Riegel an meiner Tür geöffnet, und herein stürzte der Aufseher mit dem +Ruf: Ich glaube, Sie kommen frei! Als ich aus der Zelle trat, standen +Liebknecht und Hepner bereits auf dem Korridor. Ohne ein Wort zu sagen, +stürzten wir uns alle drei in die Arme. Wir hatten uns seit jener +ominösen Versammlung am 15. Dezember mit keinem Auge gesehen. Vor den +Untersuchungsrichter geführt, erklärte dieser, wir seien aus der Haft +entlassen, doch müßten wir durch Handschlag versichern, keinen +Fluchtversuch zu unternehmen und den Bezirk, Stadt- und +Amtshauptmannschaft Leipzig, nicht ohne seine Zustimmung zu +überschreiten. Nachdem wir unsere Siebensachen zur Abholung bereit +gestellt, eilten wir fort nach Hause, wo es ein frohes Wiedersehen gab. +Mein Töchterchen sprang mir mit einem Freudenschrei an den Hals. + +Zwei Tage danach, am 30. März, wurde auch der Braunschweiger Ausschuß +aus der Haft entlassen. Das Obergericht zu Wolfenbüttel hatte die +Erhebung einer Anklage wegen _Hoch-und Landesverrat abgelehnt_. Die +Braunschweiger hatten 200, wir 101 Tage in der Haft zugebracht. +Optimisten nahmen an, daß nunmehr auch wider uns die Anklage auf +Hochverrat fallen würde. + +Der Braunschweiger Ausschuß wurde darauf im Herbst 1871 von dem +Kreisgericht in Braunschweig wegen einer Reihe Verstöße wider +verschiedene Paragraphen des Strafgesetzes verurteilt, und zwar Bracke +und Bonhorst zu 16 Monaten, Spier zu 14 Monaten, Kühn zu 5 Monaten +Gefängnis. Auf erhobene Nichtigkeitsbeschwerde hob das Obergericht zu +Wolfenbüttel das erste Urteil auf und verurteilte die Genannten wegen +Verstoßes gegen das Vereinsgesetz: Bracke und Bonhorst zu 3 Monaten, +Spier zu 2 Monaten Gefängnis und Kühn zu einer 6wöchigen Haft. Die +Strafen wurden durch die Untersuchungshaft als verbüßt erachtet. + + + + +Meine weitere parlamentarische Tätigkeit, der Leipziger +Hochverratsprozeß und anderes. + + + + +Die erste Session des deutschen Reichstags. + + +Am 2. April 1871 fuhr ich zur Ausübung meines Mandats nach Berlin. Der +Reichstag, der diesmal in besonders feierlicher Weise durch den Kaiser +unter Anwesenheit der gesamten deutschen Fürsten und Vertreter der +freien Städte am 23. März eröffnet worden war, tagte im preußischen +Abgeordnetenhaus am Dönhofplatz. + +Zunächst besuchte ich meine frühere Wirtin, um zu hören, ob ich wieder +Wohnung bei ihr bekommen könne. Sie erklärte, daß sie zu ihrem großen +Bedauern mich nicht in Wohnung nehmen dürfe. Nachdem Liebknecht und ich +im Dezember abgereist seien, _sei die Polizei zu ihr gekommen und habe +ihr heftige Vorwürfe gemacht, daß sie uns Wohnung gegeben habe_. Wir +waren in jener Session auf Schritt und Tritt durch Geheimpolizisten +überwacht worden, als seien wir Verbrecher. Wie uns erging es den Polen. +Kleinlichkeit und Gehässigkeit, mit einem Wort Unanständigkeit ist das +Charakteristikum der politischen Polizei, sobald es sich um die +Verfolgung von Gegnern der Staatsgewalt handelt. Das lernten wir später +auch als sächsische Landtagsabgeordnete in Dresden kennen. + +Als ich in den Reichstag trat, waren die Plätze auf der Linken besetzt, +nur auf der äußersten Rechten waren noch solche frei. Dorthin begab ich +mich, obgleich mir die Nachbarschaft der ehrenwerten Herren der +äußersten Rechten nicht sehr sympathisch war. Aber sie begriffen mein +Unglück und ließen mich nicht entgelten, daß ich als Saul unter die +Propheten geraten war. Sie benahmen sich durchaus als Gentlemen, +obgleich auch ihnen meine Nachbarschaft sicher unangenehm war. Manchmal +entstand im Hause Heiterkeit, wenn die Linke gegen die Rechte stimmte +und ich auf der äußersten Rechten mich mit der Linken erhob. Unter +Larven die einzig fühlende Brust. + +Die Generaldebatte über die Reichsverfassung, die nunmehr nach den +nötigen redaktionellen Aenderungen auch der deutsche Reichstag +gutzuheißen hatte, wurde bereits zu einer Kulturkampfdebatte. Die +Unfehlbarkeitserklärung des Papstes auf dem vatikanischen Konzil zum Rom +im Jahre 1870 hatte die Geister wach gerufen, und namentlich brannten +die Liberalen darauf, das, was sie an bürgerlicher Freiheit preiszugeben +bereit waren, durch hochtönende Kulturkampfpauken (die Bezeichnung +Kulturkampf hatte der Abgeordnete Professor Virchow erfunden) vergessen +zu machen. Die katholische Partei hatte sich als Zentrum konstituiert +unter Führung von Windthorst und Malinckrodt. Unter den Kulturkämpfern +ragte namentlich Kiefer-Baden hervor, der eine hohe Richterstelle +bekleidete. Als ich am 3. April zum Wort kam, sprach ich meine +Verwunderung aus über den religiösen Charakter, den die Debatten +angenommen hätten. Es scheine, daß im neuen Deutschen Reich die +religiösen Debatten alles andere verdrängen sollten. Jemanden, der wie +ich in den zwei Sitzungen, denen ich bis jetzt beigewohnt, außer +Religion kaum etwas anderes zu hören bekommen und mit den religiösen +Dogmen vollständig gebrochen habe, koste es eine gewisse +Selbstüberwindung, diesen Verhandlungen länger zuzuhören. (Heiterkeit.) +Ich griff darauf die Nationalliberalen an, deren Redner, Professor v. +Treitschke, erklärt hatte, Grundrechte für eine Verfassung zu fordern, +gehöre in die Zeit der politischen Kinderjahre. Ich stimmte ihm zu, denn +politische Kinderei sei es gewesen, wenn man 1849 dem König von Preußen +zugemutet habe, eine Verfassung anzunehmen, die volle Preßfreiheit, +volle Vereins- und Versammlungsfreiheit, Trennung der Kirche vom Staate, +Gewährleistung der persönlichen Freiheit und andere schöne Dinge +verlangte. Es sei allerdings kindlich, das einem Hohenzollern zuzumuten. +Ich kritisierte weiter die Liberalen, die lieber alle Freiheiten +preisgäben, als sich mit einer Partei, die als revolutionär gelte, +einzulassen. Indessen hoffte ich, daß, ehe das neunzehnte Jahrhundert zu +Ende gegangen sei, wir alle unsere Forderungen verwirklicht hätten. +(Große Unruhe.) Diese Ansicht war, wie sich inzwischen gezeigt hat, sehr +optimistisch. + +Nach mir sprach Miguel, der meinte, er werde nicht mit mir diskutieren, +vorläufig sei mein Partei noch keine Gefahr. Das sei anders mit den +Herren vor ihm (dem Zentrum), gegen die er losdonnerte. Zum Schluß der +Sitzung nahm ich das Wort zu einer persönlichen Bemerkung gegen Miguel. +Er habe sich etwas wegwerfend über meine Partei ausgelassen. Ich +wunderte mich darüber nicht, ich wolle aber doch konstatieren, daß der +Abgeordnete Miguel--allerdings zu einer Zeit, wo er weder Bankdirektor +noch Oberbürgermeister gewesen sei--zu derselben Partei gehört hätte, +die er heute bekämpfte, _nämlich zur kommunistischen_. Das Haus war über +diese Enthüllung verdutzt. Miguel schwieg. Nach der Sitzung traten eine +ganze Anzahl Abgeordnete an mich heran, um zu hören, inwiefern der +erhobene Vorwurf wahr sei! Der Abgeordnete Miguel behandelte mich von +jetzt ab mit einer gewissen Hochachtung. + +Kaum hatte man die Verfassungsberatung hinter sich, so kamen +Schulze-Delitzsch und Genossen und beantragten die Aenderung des +Artikels 32 der Verfassung zwecks Einführung der Diäten. Bei der +Verfassungsberatung hatte man diesen Antrag nicht gestellt, obgleich er +dort am Platze war. In einer Rede, die ich dazu hielt, führte ich aus, +daß nur die Angst vor der Sozialdemokratie die Herren abhielt, die +Diäten durchzusetzen, die in allen anderen Vertretungskörpern eingeführt +seien. Bismarck verhöhnte die Antragsteller. Er wolle nicht mit voller +Sicherheit entscheiden, ob die Versammlung in ihrer Zusammensetzung nach +der Einführung der Diäten noch dieselbe sei. Aber er wolle den Versuch +nicht machen, es wäre ihm zu schmerzlich, wenn er sich vergeblich nach +der liebgewonnenen Versammlung zurücksehnen solle. (Große Heiterkeit.) +Das Herrenhaus, das keine Diäten erhalte, habe immer die Neigung, die +Sitzungen abzukürzen, bei dem Abgeordnetenhaus, das Diäten erhalte, sei +das Gegenteil der Fall. + +Am 24. April stand die Beschaffung weiterer Geldmittel zur Bestreitung +der durch den Krieg veranlaßten außerordentlichen Ausgaben auf der +Tagesordnung. Die französische Nationalversammlung hatte zwar am 26. +Februar dem Präliminar-Friedensvertrag ihre Zustimmung gegeben, aber die +Frage der Kriegskostenzahlung war noch nicht endgültig erledigt. Man +brauchte für die große Armee in Frankreich weiter Geld. Bismarck nahm +zunächst das Wort, um die Notwendigkeit der Vorlage zu begründen. Bis +jetzt habe Frankreich seine Zahlungsverpflichtungen nicht einhalten +können. Man könne ja in die inneren Verhältnisse Frankreichs eingreifen, +aber das wolle man nicht, es sei daher wünschbar, Frankreich Zeit zu +lassen, sich zu rangieren. Ich nahm nach Bismarck das Wort. Seine +Erklärung zeige, daß er mit seiner Politik in der Klemme sei. Ich legte +dann noch einmal unseren Standpunkt in der Kriegsfrage dar. Hätte man +nicht auf der Annexion bestanden, so wäre der Friede schon seit vielen +Monaten geschlossen worden. Ungeheure Verluste an Menschen und Geld +wären uns erspart geblieben, und die Lage Deutschlands wäre eine viel +günstigere geworden, als sie jetzt sei. Zwei Milliarden damals seien +mehr wert gewesen, als heute fünf. Außerdem werde keine Regierung in +Frankreich, heiße sie wie sie wolle, den Verlust von Elsaß-Lothringen +vergessen dürfen. Frankreich werde nach Bündnissen suchen, und Rußland +werde künftig anders zu der Frage stehen. Daß es dem Reichskanzler +gelingen werde, Rußland ebenso über den Löffel zu barbieren, wie ihm das +mit Napoleon gelungen sei, bezweifelte ich sehr. (Stürmische +Heiterkeit.) _Sicher sei, daß wir künftig ein viel höheres Militärbudget +aufzubringen haben würden, als dieses bei einer vernünftigen +Verständigung mit Frankreich unter Verzicht auf die Annexionen der Fall +wäre._ Wie Napoleon in Frankreich, so werde der Reichskanzler in +Deutschland in seiner Politik durch die Bourgeoisie unterstützt. Es +seien nur die Arbeiter hüben und drüben gewesen, die allein für den +Frieden eingetreten seien. Man sehe jetzt wieder, wie die so viel +angegriffene und verleumdete Kommune mit der größten Mäßigung vorgehe. +(Große, anhaltende Heiterkeit.)--Die Kommune war seit dem 18. März in +Paris proklamiert worden.--Ich sei durchaus nicht mit allen Maßregeln, +die die Kommune ergriffen, einverstanden, aber sie sei zum Beispiel der +großen Finanz gegenüber mit einer Mäßigung verfahren, die wir vielleicht +in einem ähnlichen Falle in Deutschland schwerlich anwenden würden. +(Heiterkeit.) Herr v. Kardorff nahm mir gegenüber das Wort, um +festzustellen, daß ganz Deutschland _ohne_ Annexion den Frieden nicht +gewollt habe, was ich durch heftigen Widerspruch bestritt. + +In dieser Session wurde auch der Gesetzentwurf betreffend die +Verpflichtung zum Schadenersatz (Haftpflichtgesetzentwurf) bei Unfällen +beraten. Ich nahm bei der dritten Lesung das Wort und hob hervor, daß +die Hoffnungen, die man in Arbeiterkreisen an das Gesetz geknüpft, +einmal schon durch den Regierungsentwurf, nachher aber noch mehr durch +die Beschlüsse des Reichstags zunichte gemacht worden seien. Ich wies +dieses in längeren Ausführungen nach. Insbesondere kritisierte ich +scharf den §4, den Lasker in den Entwurf gebracht hatte, wonach der +ganze Betrag der Leitungen aus Versicherungsanstalten, Knappschafts-, +Unterstützungs-, Kranken-oder ähnlichen Kassen, wenn zu der +Versicherungssumme der Unternehmer mindestens ein Drittel zahle, auf die +Gesamtentschädigung einzurechnen sei. Der Unternehmer, der den Nutzen +aus der Arbeit des Arbeiters ziehe, sei auch allein verpflichtet, ihn im +Falle des Unfalls voll zu entschädigen. + +Schließlich verlangte ich, daß bei Feststellung der Entschädigungen aus +den Kreisen der beiden beteiligten Parteien Sachverständige in der Form +von Geschworenen oder Schöffen hinzugezogen würden, und zwar Unternehmer +und Arbeiter in gleicher Stärke. So wie der Gesetzentwurf jetzt +vorliege, vermöchte ich nicht für denselben zu stimmen. + +Da ich im Reichstag allein stand, Schraps zählte ernsthaft nicht mit, +war ich gezwungen, häufiger als sonst in Berlin zu sein, um den +Sitzungen beizuwohnen. Nun verlangte aber auch mein Geschäft dringend +meine Anwesenheit. Das Unbehagliche dieser Zwitterstellung lastete +schwer auf mir und kam in einem Briefe vom 10. Mai an meine Frau zum +Ausdruck, der ich schrieb: + + "Es ist eine unsäglich langweilige Wirtschaft hier und meine Stellung + mir deshalb im höchsten Grade unangenehm. Dieser Widerspruch zwischen + meiner Stellung und der Notwendigkeit, im Geschäft auf dem Platze sein + zu müssen und zu wollen, ist es, was die schlimme Stimmung erzeugt, + die Du und andere an mir bemerkt haben." + +Diejenigen, die mich damals wegen meiner Tätigkeit im Reichstag +bejubelten, ahnten nicht, wie mir zumute war. + +Am 25. Mai mußte ich wieder ins Feuer. Auf der Tagesordnung stand der +Gesetzentwurf betreffend die Vereinigung von Elsaß-Lothringen mit dem +Reiche; zugleich sollte, zunächst bis zum 1. Januar 1873, die Diktatur +in Elsaß-Lothringen aufrechterhalten werden. Wiederum ging ich auf den +Verlauf des Krieges ein und auf die Versicherung des Königs von Preußen, +daß der Krieg ein Verteidigungskrieg sei. Die Annexion widerspreche +dieser Versicherung. Die Annexion bedeute nur eine Stärkung der +Hohenzollernschen Hausmacht. In Elsaß-Lothringen werde nur so regiert +werden, wie der Kaiser es wolle. Was aber die Diktatur bedeute, hätten +wir seinerzeit nach der Annexion von Hannover erlebt, wie ich an +Beispielen nachwies. Man habe hier von der französischen +Präfektenwirtschaft gesprochen, von der angeblich die Elsaß-Lothringer +erlöst werden sollten; die preußische Landratswirtschaft sei aber um +kein Haar besser, eher schlimmer. Habe man doch kürzlich einem in +Solingen zum Bürgermeister Gewählten die Betätigung versagt, weil er als +Beamter die Aktenschwänze nicht in Ordnung gehalten habe. (Große +Heiterkeit.) Der Reichskanzler habe neulich in einer Sitzung, der ich +nicht beiwohnen konnte, davon gesprochen, man müsse Elsaß-Lothringen die +preußische Städtefreiheit bringen. Ja, er habe sogar gesagt, daß die +Bestrebungen der Kommune im Grunde darauf hinausliefen, die preußische +Städteordnung in Paris einzuführen. Dafür aber zu kämpfen, lohnte nicht +die Mühe, denn diese sei keinen Schuß Pulver wert. Habe aber der +Reichskanzler recht, dann begriffe ich nicht, wie er in dem +Friedensvertrag--der am 10. Mai in Frankfurt beiderseitig ratifiziert +worden war--die Bestimmung aufnehmen konnte, wonach der französischen +Regierung die gefangenen Armeen zur Niederwerfung der Kommune zur +Verfügung gestellt werden sollten. Auch habe er in demselben +Friedensvertrag festgesetzt, daß dreißig Tage nach dem Falle der Kommune +Frankreich die ersten 500 Millionen Franken Kriegsentschädigung zu +zahlen habe. Das sei doch eine seltsame Art, wie er die Kämpfer für die +preußische Städteordnung in Paris behandle. Werde aber so von deutscher +Seite die Kommune bekämpft, so wolle ich meinerseits erklären, daß das +europäische Proletariat hoffnungsvoll auf Paris sehe. Der Kampf in Paris +sei nur ein kleines Vorpostengefecht, und ehe wenige Jahrzehnte ins Land +gegangen seien, werde der Schlachtruf des Pariser Proletariats: Krieg +den Palästen, Friede den Hütten, Tod der Not und dem Müßiggang! der +Schlachtruf des europäischen Proletariats sein. Ich schloß meine Rede, +indem ich der Hoffnung Ausdruck gab, die elsaß-lothringische Bevölkerung +werde, ihrer freiheitlichen Mission bewußt, den freiheitlichen Kampf mit +uns in Deutschland aufnehmen, damit endlich die Zeit komme, wo die +europäischen Bevölkerungen ihr volles Selbstbestimmungsrecht erlangten, +das sie aber nur erreichen könnten, wenn die Völker Europas in der +republikanischen Staatsform das Ziel ihrer Begebungen erblicken würden. +(Unruhe.) + +Fürst Bismarck äußerte im Herbst 1878 bei der Beratung des +Sozialistengesetzes, es sei diese meine Rede gewesen, die ihm die +Gefährlichkeit des Sozialismus vor Augen führte. Davon war an jenem +Tage, an dem ich diese Rede hielt, nichts zu bemerken. Fürst Bismarck +nahm unmittelbar nach mir das Wort und begann: Befürchten Sie nicht, daß +ich dem Herrn Vorredner antworte; Sie werden alle mit mir das Gefühl +teilen, daß seine Rede in diesem Saale einer Antwort nicht bedarf. +(Zustimmung.) Das war alles, was er gegen mich äußerte. Auch die +folgenden Redner machten es sehr gnädig mit mir, sie erwähnten mich +kaum. Dafür ging draußen in der Presse der Lärm um so ärger gegen mich +los. Darauf erklärte Liebknecht im "Volksstaat" kategorisch: Was Bebel +gesagt, hat er sagen müssen; es war seine Pflicht, für die Kommune +einzutreten! Mitten in dem Toben gegen mich erschien eine +Sonntagsplauderei in der "Berliner Börsen-Zeitung", die in einem ganz +anderen, und zwar viel harmloseren Ton gehalten war. Offenbar rührte sie +von Stettenheim her, der damals Redakteur der "Berliner Wespen" war. Ich +hatte Stettenheim im Verein "Berliner Presse" kennen gelernt, den ich +manchmal auf Einladung von Robert Schweichel besuchte. Dieses ist auch +der Verein, von dem Stettenheim in der Plauderei spricht. Darin hieß es, +soweit sie sich auf mich bezieht: + + "Berlin ist ruhig! + + Die Schüsse, welche man dann und wann hört, bedeuten nicht die + Hinrichtung von Insurgenten, es sind Aeußerungen des artilleristischen + Examens in Tegel, und der Qualm, welcher den Horizont einhüllt, ist + nicht der Rauch flammender Paläste, es ist der Kongreß der + verschiedenen Sorten Staubes, welcher aus allen Ecken unserer + geliebten Stadt aufsteigt und die Luft von Tauben, Spatzen und anderem + Gefieder reinigt. + + Wir teilen dies in aller Eile und aus bester Quelle mit, um ängstliche + Gemüter, deren Berlin sehr viele zählt, zu beruhigen.... + + ... In der 'Kreuzzeitung' taucht sogar eine Mutter von acht Söhnen + auf, welche alle Mitmütter Berlins auffordert, den Kaiser zu bitten, + zur Verhütung eines gleich schrecklichen Strafgerichts wie des Pariser + alles vernichten und zerstören zu lassen, was Berlin an Anstalten, + Aufführungen, Bildern, Büchern usw. besitzt, welche der Moralität + unserer Kinder schädlich sein könnten.... + + ... So hat die Rede Bebels gewirkt! + + Wir halten es für unsere Pflicht, Oel in die aufgeregten Wogen der + Phantasie zu gießen, welche eine Mutter von acht Söhnen an die + Inseratengestade der 'Kreuzzeitung' schleudert. + + Die Rede Bebels war allerdings etwas heftiger Art. Sie unterscheidet + sich von gewöhnlichen Tischreden durch Drohungen und Betrachtungen, + welche furchtsame Ohren erzittern machen. 'Krieg den Palästen!' klingt + etwas ungewöhnlich. Bei einem solchen Ausruf wird bekanntlich + vorzugsweise jeder unruhig, der kein Palais besitzt, sondern zur Miete + wohnt. Der Palastbewohner von Berlin pflegt sich auf seinen Portier zu + verlassen, der sich im Falle mit verdächtigen Besuchern herumbalgt, + bis der Schutzmann erscheint und die Uebelwollenden zur Wache führt. + + Bebel rief: Krieg den Palästen! Er setzte allerdings hinzu: Friede den + Hütten! Das aber ist kein Balsam für das blutende Herz einer Mutter + von acht Söhnen.... Friede den Hütten! Was will das sagen? + + Es gibt vor allen Dingen gar keine Hütten mehr. Man baut nur noch + drei-, vierstöckige Häuser. Wo steht in Berlin eine Hütte? Mit + Hüttenfrieden ist wenigen gedient, und Bebel kann ihn versprechen, + wie er auch allen, welche Sandalen tragen, Steuerfreiheit versprechen + könnte. Steuerfreiheit ist nicht übel, aber wer trägt heute Sandalen? + + Mittags hatte Bebel seine Brandfackel zu Protokoll gegeben, abends + trafen wir ihn in einem Verein. + + Dieser Verein treibt keine Politik, sondern anderen Unsinn. Man kürzt + sich die Zeit mit allerlei Gesprächen und Bieren. + + Man denke sich einen robusten Mann mit rötlichem Haar und + energieträchtiger Nase--das ist Bebel nicht! + + Bebel ist eine zierliche Erscheinung. Aus einem hübschen Gesicht + strahlen Augen, welche gewiß schon viele Frauenherzen auf dem Gewissen + haben. Aber Bebel ist kein Don Juan. Er ist solide, sogar philiströs, + am allerwenigsten kokett, hauptsächlich bescheiden. Wir haben bemerkt, + daß er das Feuerzeug weit wegschob, weil ihn der Schwefelgeruch + augenscheinlich belästigte. + + Und nun fragen wir jede Mutter, ohne von jeder acht Söhne zu + beanspruchen, wir fragen jeden Berliner Junggesellen, Verlobte, Väter, + Großväter: Sieht Bebel, welchen man nach seiner Rede für den deutschen + Haus- und Gebäude-Nero halten möchte, wie seine Rede aus? Wir boten + Bebel eine Zigarre an. + + Ich rauche nicht! sagte Bebel elegant abwehrend. + + Sollen wir noch etwas zur Beruhigung der Haupt- und Residenzstadt + anführen? Bebel raucht nicht. Bebel zündet keine Zigarre an--und er + sollte Paläste anzünden? + + Wir haben leider vergessen, ihn zu fragen, ob er abends Oel oder Gas + brennt. Wir sind überzeugt davon, daß Bebel kein Petroleum im Hause + hat. Und ein solcher Mann sollte----? + + Nein! Bebels Seele ist frei von Petroleum! + + Zum Ueberfluß verwickelten wir ihn noch in ein Gespräch über die + Paläste und ähnliche Gebäude in Berlin, die er nicht einmal alle + kannte, und wiesen vorsichtshalber darauf hin, daß Berlin recht arm an + Palästen sei, so daß es gar nicht die Mühe lohnte, einen Krieg gegen + sie zu unternehmen. Bebel fiel es augenscheinlich nicht einmal ein, + daß wir mit Bezug auf seine Rede also sprachen, das 'Krieg den + Palästen' war ihm ohne Zweifel nur so herausgefahren. 'Was nun die + Berliner Hütten betrifft,' fuhren wir fort, 'so ist in erster Linie + der Eisbock zu nennen, hinter welchem reichlich unschönen Bauwerk alle + anderen Hütten zurückstehen. Würde er verschwinden, so dürfte Berlin + kaum bestürzt sein.' Bebel hatte höflich zugehört, aber er begriff + kaum unsere Andeutung, daß ein 'Krieg den Hütten' uns am Ende, und + zwar auf eine einzige beschränkt, viel willkommener wäre als irgend + eine andere Demolierung, worin er uns recht zu geben schien, denn ihm + gefiel der Eisbock ebensowenig wie irgend einem anderen Sterblichen. + + So haben wir also Bebel von seiner Rede zu trennen. In unseren + Parlamenten wird manches gesprochen, was sich besser, respektive + schrecklicher liest, als es sich einfach ausgeführt denken läßt. + Erinnern sich unsere geehrten Leser gefälligst der Dreizackrede des + Abgeordneten Ziegler: 'Der Kultusminister muß fort von seinem Platz!' + Herr v. Mühler saß dabei und zuckte die Achsel. Heute noch sitzt er + 'aufrecht auf der Matte'. + + Bebel ist der Ziegler der Paläste! + + Ziegler ist der Bebel des Kultusministers." + +Die Ausführungen, die ich in den hier von mir zitierten Reden über die +Pariser Kommune machte, werden einem sehr erheblichen Teile meiner Leser +unverständlich sein. Ein Teil derselben weiß überhaupt nicht, was die +Kommune war, ein anderer Teil ist in Vorurteilen befangen durch das, was +er gegen die Kommune las, nur der kleinste Teil kennt die Geschichte der +Kommune. Unsere Stellung zu derselben spielte aber in den +Kämpfen--insbesondere in den Wahlkämpfen der siebziger und achtziger +Jahre--eine große Rolle. Ich mußte sogar noch in den neunziger Jahren +unsere Stellung zur Kommune im Reichstag verteidigen. + +Im März 1876 hatte ich in Leipzig eine große Disputation mit dem +Hauptagitator der Leipziger Nationalliberalen Bruno Sparig, auf die ich +an geeigneter Stelle zurückkommen und meine damaligen Ausführungen über +die Kommune zum Abdruck bringen werde. + + * * * * * + +Der Reichstag wurde gegen Ende Mai 1871 geschlossen. Zu Hause +angekommen, machte ich die Bekanntschaft von _Johann Most_, der nach +seiner Amnestierung aus Oesterreich ausgewiesen worden und nach Leipzig +gekommen war. Nach seiner Haftentlassung wurde sein Brief bekannt, den +er an seinen Vater geschrieben hatte, der in Augsburg, irre ich nicht, +Beamter bei einer Kirchenstiftung war. Der Vater hatte versucht, den +Sohn von seinen "Irrwegen" abzubringen. + +Most hatte darauf am 13. Januar 1871 unter anderem geantwortet: + + "Ich versichere es Ihnen: Wenn Sie mir eine Stelle mit einem + Monatsgehalt von 1000 Gulden offerierten und ich einer mir + gesinnungsfeindlichen Partei dienen sollte, und wenn mir andererseits + von seiten meiner Parteigenossen nur trockenes Brot entgegengehalten + würde, so würde ich, ohne mich zu besinnen, nach dem trockenen Brote + greifen." + +Dieser Brief spricht sehr zugunsten von Mosts Charakter. Was er schrieb, +war seine ehrliche Ueberzeugung, denn Most war im Grunde eine +vortrefflich angelegte Natur. Wenn er später unter dem Sozialistengesetz +immer mehr auf Abwege geriet, Anarchist und Vertreter der Propaganda der +Tat wurde, ja schließlich sogar, er, der immer ein Muster von +Enthaltsamkeit war, als Trunkenbold in den Vereinigten Staaten +endete, so legte den Grund zu dieser schlimmen Entwicklung das +Sozialistengesetz, das ihn wie so viele andere außer Landes trieb. Wäre +Most unter dem Einfluß von Männern geblieben, die ihn zu leiten und +seine Leidenschaftlichkeit zu zügeln verbanden, die Partei hätte in ihm +einen ihrer eifrigsten, opferwilligsten und unermüdlichen Kämpfer +behalten. Er hat später als Redakteur der von ihm gegründeten +"Freiheit"--die erst in London, nachher in New York erschien--mich oft +heftig angegriffen. Noch schlimmer als mich behandelte er Ignaz Auer und +Liebknecht. Aber dennoch ist mir leid, daß er, der gut Veranlagte, so +elend zugrunde ging. + +Most wurde in Leipzig nach wenigen Tagen seiner Anwesenheit ebenfalls +ausgewiesen. Er ging nach Chemnitz, woselbst er Redakteur der +"Chemnitzer Freie Presse" wurde und den großen Metallarbeiterstreik +leitete, der im Hochsommer 1871 zum Ausbruch kam. + + * * * * * + +Die Partei hatte sich von den Wirkungen der Kriegszeit rasch erholt. Die +glänzende industrielle Prosperitätsperiode, die jetzt begann, kam der +Bewegung zustatten. Daß die deutsche Frage einen Abschluß erlangt hatte, +der, wenn er auch uns nicht gefiel, zunächst keine Aussicht auf +Aenderung bot, beseitigte verschiedene Differenzpunkte, die bisher +zwischen den streitenden Arbeiterparteien bestanden. Das Schlachtfeld +wurde übersichtlicher und vereinfachter. In der Eisenacher Partei, wie +unsere Partei kurz genannt wurde, erschienen in Bälde eine Anzahl +Parteiorgane. So neben den Blättern in Crimmitschau und Chemnitz solche +in Braunschweig, wo der unermüdliche, immer opferbereite Bracke den +"Volksfreund" ins Leben rief und eine eigene Druckerei gründete, ferner +in Hamburg-Altona, Dresden, Nürnberg, Hof, später in München und Mainz. +Dagegen ging der "Proletarier" in Augsburg Mitte Juni ein. + + + + +Der erste deutsche Webertag. + + +Die Prosperitätsepoche, die nach dem Deutsch-Französischen Krieg +einsetzte, stimulierte die Arbeiterkreise zur Gründung neuer und +Ausdehnung der vorhandenen gewerkschaftlichen Organisationen. Ein +solches Bedürfnis machte sich auch unter der Weberbevölkerung geltend, +deren Lage eine besonders gedrückte war. Aus meinem Wahlkreis wurde die +Anregung zu einem deutschen Webertag gegeben, der vom 28. bis 30. Mai +1871 in Glauchau tagte. Derselbe war von 147 Delegierten besucht, die +134 Mandate aus 85 Orten zu vertreten hatten. Unter den Delegierten +befand sich auch der spätere Reichstagsabgeordnete Harm-Elberfeld, der +damals im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein stand. An Stelle von +Motteler, der eine notwendige Geschäftsreise zu unternehmen hatte, war +mir das Referat über die drei Fragen übertragen worden: 1. Wie ist es +gekommen, daß in der Weberei die Löhne so gedrückt sind? 2. Wie sind sie +zu heben? 3. Wie sind sie den Zeitverhältnissen entsprechend zu +erhalten? Im Laufe des Vortrags wies ich darauf hin, daß durch die +Annexion von Elsaß-Lothringen mit seiner hochentwickelten +Baumwollspinnerei und -weberei den gleichen deutschen Industriezweigen +eine gewaltige Konkurrenz erwachsen dürfte, die zweifellos auch eine +revolutionierende Wirkung auf die Art der bisherigen Produktionsweise in +Deutschland (weite Verbreitung der Hausweberei) ausüben werde. +Glauchauer Kaufleute, die als Zuhörer anwesend waren und damals durch +ihre Faktoren in der Hausweberei arbeiten ließen, hörten diese +Ausführungen mit Kopfschütteln an. Als ich aber nach langer Haft im +Jahre 1875 in meinen Wahlkreis zurückkehrte, wurde mir allseitig die +Richtigkeit meiner Ausführungen bestätigt. Davon überzeugte mich auch +der Anblick der Städte in meinem Wahlkreis, in denen in wenig Jahren die +Fabriken wie Pilze aus dem Boden gewachsen waren. Ich empfahl, mit den +elsaß-lothringischen Webereiarbeitern Fühlung zu nehmen. Weiter +beantragte ich Resolutionen, die ein Verbot der Kinderarbeit in den +Fabriken und die gesetzliche Einführung eines zehnstündigen +Normalarbeitstags verlangten, die einstimmig angenommen wurden. Ferner +wurde gegen zwei Stimmen die Abschaffung der Sonntagsarbeit zu fordern +beschlossen. Eine andere von mir eingebrachte Resolution, die nach +lebhaften Erörterungen ebenfalls Zustimmung fand, betraf die +Arbeitseinstellungen, und lautete: + + "Der allgemeine deutsche Webertag empfiehlt allen Fachgenossen, bei + Organisierung von Streiks mit der größten Vorsicht vorzugehen und + unter keinen Umständen eine Arbeitseinstellung vorzunehmen, wenn nicht + die Gewißheit vorhanden ist, daß durch genügende Mittel und + Unterstützung der Erfolg gesichert ist." + +Bezüglich der Schiedsgerichte schlug ich folgende Resolution vor: + + "Der erste allgemeine deutsche Webertag erachtet es für wünschenswert, + daß sich Schiedsgerichte bilden, die zu gleichen Teilen aus Arbeitern + und Arbeitgebern bestehen, um Differenzen, durch die ein Streik droht, + auf gütlichem Wege auszugleichen." + +Schließlich wurde ein Komitee von fünf Personen niedergesetzt (Sitz +Glauchau), das die Agitation und Organisation der Fachgenossen in die +Hand nehmen und regelmäßig Zirkulare herausgeben sollte mit +fachgenössischen Mitteilungen. Es fand auch ein zweiter Webertag in +Berlin statt, und eine Anzahl Zirkulare wurden ebenfalls herausgegeben, +dann aber brach die Bewegung wieder zusammen. + + + + +Weiteres aus Sachsen. + + +Zum 14. Juni 1871 hatten wir in Leipzig eine Volksversammlung einberufen +mit der Tagesordnung: "Die hohen Kommunalsteuern und die städtische +Verwaltung". Leipzig hatte seit 1848 keine solche Beteiligung gesehen +wie bei dieser Versammlung. Eine wahre Völkerwanderung begann nach dem +Versammlungslokal, das, obgleich es 5000 Köpfe faßte, kaum den dritten +Teil der Besucher aufnehmen konnte. Die Versammlung war eine Antwort auf +die heftigen Angriffe, welche die Leipziger Presse gegen unsere Partei +und speziell gegen mich wegen meines Auftretens im Reichstag inszeniert +hatte. Ich ging mit der Stadtverwaltung streng ins Gericht. Die von mir +vorgeschlagenen Resolutionen tadelten das _Steuersystem_, das die +kleinen Leute zugunsten der Wohlhabenden ungerecht belaste, sie tadelten +ferner die _Verwendung_ der Gemeindesteuern, die hauptsächlich im +Interesse der besitzenden Klasse erfolge, und forderten, da diese +Wirtschaftsweise nur durch das begehende Klassenwahlgesetz möglich sei, +die Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten +Wahlrechts. Die Versammlung nahm unter stürmischem Beifall meine +Vorschläge gegen drei Stimmen an. Die liberale Presse tobte. + +Jetzt begann auch die Aera der Verfolgungen in Sachsen. Im Juli wurde +Vahlteich, der als Stellvertreter für Hirsch am "Crimmitschauer Bürger- +und Bauernfreund" eingetreten war, als letzterer die Redaktion des +"Volksstaat" übernahm, wegen Majestätsbeleidigung durch die Presse zu +drei Monaten Festungshaft verurteilt. Kurz darauf erhielt Karl Hirsch +wegen desselben Deliktes vier Monate Festungshaft. + +Den 3. August eröffnete die Staatsanwaltschaft Liebknecht, Hepner und +mir, daß sie gegen uns die Anklage auf Vorbereitung zum Hochverrat +erheben werde, außerdem gegen Liebknecht wegen Majestätsbeleidigung. Am +27. September beschloß die Anklagekammer, dem Antrag der +Staatsanwaltschaft stattzugeben. Die von uns hiergegen eingelegte +Nichtigkeitsbeschwerde bei dem Oberappellationsgericht in Dresden wurde +am 10. November _verworfen_. + + + + +Der Dresdener Parteikongreß. + + +Derselbe war auf den 12. bis 14. August 1871 berufen worden. Er war von +56 Delegierten besucht, die 6220 Parteigenossen aus 75 Orten zu +vertreten hatten. Ich wurde erster, Bracke zweiter Vorsitzender. Die +Tagesordnung war interessant und die Verhandlungen wurden sehr lebhafte. +In der Eröffnungsrede konstatierte ich mit Genugtuung, daß der Kongreß +in der Hauptstadt desjenigen Landes tage, in dem die Sozialdemokratie am +heftigsten verfolgt würde, was ihr keinen Schaden tun werde. Die +"Berliner Volkszeitung", die zu jener Zeit unter ihrem Redakteur +Bernstein der Partei besonders feindlich gesinnt war, führte Klage +darüber, daß der Leipziger Untersuchungsrichter uns (Liebknecht, Hepner +und mir) die Beteiligung am Kongreß nicht verboten habe, was er nicht +konnte. Bork war Referent über den gesetzlichen Normalarbeitstag. Er +hielt eine gute Rede und befürwortete eine Resolution, in der ein +gesetzlicher Normalarbeitstag von höchstens zehn Stunden gefordert +wurde. Ich referierte über die Forderung der Einführung des allgemeinen, +gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts für die Landtags- und +Gemeindewahlen, Bracke über das neue Haftpflichtgesetz. Er schlug eine +Resolution vor, durch die der Reichstag getadelt wurde, der das Gesetz +in durchaus unbefriedigender Weise verabschiedet habe. Ueber die +politische Stellung der Sozialdemokratie referierte an Liebknechts +Stelle, der vorläufig abgehalten war zu kommen, Most. Die Verhandlungen +hierüber führten zu heftigen Szenen. Der überwachende Polizeikommissar +verlangte im Namen seiner vorgesetzten Behörde, ich solle dem Referenten +mitteilen, daß er sich aller und jeder Abschweifung auf die Pariser +Kommune zu enthalten habe. Das lehnte ich ab. Für Most war dieser +Zwischenfall Wasser auf die Mühle. Er sprach zwar kurz, dafür aber um so +schärfer. Man mache den Versuch, äußerte er, ihm einen moralischen +Maulkorb vorzuhängen. Dinge, die in der ganzen Welt, selbst bei den +Chinesen, diskutiert würden, wolle man uns verbieten zu erörtern. Dabei +seien wir fortgesetzt wegen unserer Haltung Gegenstand der heftigsten +Angriffe und der niedrigsten Verleumdungen. Und nachdem wir so von allen +Seiten mit Schmutz besudelt und mit Steinen beworfen würden, wolle man +uns verwehren, unseren Standpunkt darzulegen. (Stürmischer Beifall.) Der +Kommissar suchte geltend zu machen, daß sich das Verbot nur auf +Aeußerungen über die Kommune beziehe. Das war aber für uns der Punkt, +auf den es uns ankam, wir wollten unseren Standpunkt gegenüber der +Kommune darlegen. + +Nach Most nahm ich das Wort. Mir scheine, daß die Art, wie die Behörden +sich in unsere Verhandlungen einmischten und sie zu beeinflussen +suchten, eines sozialdemokratischen Kongresses unwürdig sei. +(Stürmischer, minutenlanger Beifall.) Mir sei nicht bewußt, daß Urteile +über die Pariser Kommune abzugeben ungesetzlich sein sollte. Indes +wüßten ja die Anwesenden alle, wie wir zur Kommune stünden. Wir seien +leider dem Vorgehen der Behörden gegenüber machtlos, wir könnten nur +dagegen protestieren. Ich schlage vor, da es unserer unwürdig sei, unter +den uns auferlegten Beschränkungen zu debattieren, daß der Referent auf +das Wort verzichte und wir ohne Debatte über die vorgelegte Resolution +abstimmten. Es sei ein trauriges Zeichen der Zeit, daß jetzt, nachdem +die offiziellen Aktenstücke über die Kommune bekannt geworden und +festgestellt sei, daß das seit Monaten gegen die Kommune Gesagte Lüge, +Verleumdung, Unwahrheit sei (Stürmischer Beifall), man uns verbieten +wolle, diese Kampfweise an den Pranger zu stellen. + +Most erklärte, er wäre um so mehr mit meinem Vorschlag einverstanden, da +die Zeit schon weit vorgeschritten sei. Er nehme an, daß alle mit ihm +einverstanden seien, wenn er erkläre: _Wenn die Reaktion sich +international verbindet, dann muß sich selbstverständlich die Revolution +ebenfalls international verbinden_. (Stürmischer Beifall.) Er schloß: + + "Seht wie von Osten hin nach West + So hell die Flamme loht; + Wir halten treu, wir halten fest, + Denn unsre Fahn' ist rot." + +Stürmischer, langanhaltender Beifall folgte seinen Worten. Dann ließ ich +über die Resolution abstimmen, die lautete: + + "Der Kongreß erklärt seine volle Zustimmung zu der Haltung des + Parteiorgans 'Volksstaat' gegenüber den politischen und sozialen + Fragen des vergangenen Jahres. Insbesondere billigt der Kongreß den + durch den 'Volksstaat' unterhaltenen geistigen Zusammenhang der + deutschen Sozialdemokratie mit der Internationalen + Arbeiterassoziation." + +Die Resolution fand einmütige Zustimmung. Die weiteren Verhandlungen des +Kongresses beschäftigten sich mit den inneren Angelegenheiten der +Partei: Bericht des provisorischen Parteiausschusses und der +Kontrollkommission, Anträge über Statutenänderung usw. Der Bericht über +den "Volksstaat" ergab, daß derselbe 4020 Abonnenten und eine Schuld von +1675 Taler hatte. Hierbei ist zu beachten, daß die Gründung der +Lokalblätter an den Orten mit der besten Parteiorganisation notwendig +der Verbreitung des "Volksstaat" sehr hinderlich war. Von diesem +Gesichtspunkt aus betrachtet war der Stand des Blattes ein erfreulicher. +Heinrich Scheu, der in Stuttgart seinen Wohnsitz genommen hatte, dann +aber aus ganz Württemberg ausgewiesen worden war, tadelte scharf die +Liebäugelei unserer Parteigenossen in Württemberg mit der Volkspartei, +was den schlechten Ausfall der Reichstagswahlen für unsere Partei dort +verschuldet habe und überhaupt die Unklarheit in der Partei fördere. Es +wurde ein Antrag der Ronsdorfer Parteigenossen angenommen, lautend: "Bei +den Reichstagswahlen sind nur solche Kandidaten zu unterstützen, die als +Mitglieder unserer Partei eventuell den anderen sozialdemokratischen +Parteien angehören." Weiter wurde auf Antrag Metzner und Josewicz +beschlossen: Der Pariser Kommune unsere Anerkennung ohne Debatte durch +Erheben von den Plätzen auszusprechen. Schließlich beschäftigte man sich +mit der Frage, wie am zweckmäßigsten die Agitation und Organisation +unter den Landarbeitern betrieben werden könne. Auf meinen Antrag +beschloß der Kongreß die Gründung einer Genossenschaftsdruckerei in +Leipzig auf Grund des sächsischen Genossenschaftsgesetzes, das die +beschränkte Hast zuließ. Als Sitz des Parteiausschusses wurde Hamburg, +als Sitz der Kontrollkommission Berlin, als nächster Kongreßort Mainz +gewählt. Nach einem Dank an das Bureau des Kongresses und das Dresdner +Lokalkomitee wurde der in höchst befriedigender Weise verlaufene Kongreß +geschlossen. + +Kurz nach dem Dresdener Kongreß wurden die ersten Frauenversammlungen +in Leipzig, Chemnitz usw. abgehalten und bildete sich in Chemnitz die +erste Frauenorganisation. In Berlin gingen Anhänger des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins in der gleichen Richtung vor. + + + + +Die zweite Session des deutschen Reichstags. + + +Die Session begann im Oktober 1871. Ende desselben stand die erste +Lesung über den Etat für 1872 auf der Tagesordnung. Das Etatsjahr begann +damals mit dem 1. Januar. Die Abgeordneten Lasker und Richter hatten vor +mir gesprochen. Ich polemisierte gegen beide. Der Abgeordnete Lasker +habe früher einmal gegen mich ausgeführt, eine starke Regierung brauche +nicht notwendig reaktionär zu sein. Der Beweis dafür sei aber in +Deutschland geliefert, wo die Regierung stark, das Parlament aber +schwach sei. Alle Beschlüsse des Reichstags, die dem Reichskanzler nicht +paßten, wanderten in den Papierkorb, und seien diese Beschlüsse auch +noch so berechtigt. So werde es auch mit dem Verlangen des Abgeordneten +Richter gehen, der die Abschaffung der Salzsteuer fordere, sobald +Frankreich seine letzte halbe Milliarde Kriegskosten bezahlt habe. Das +werde nach dem Friedensvertrag in zwei Jahren der Fall sein. +Mittlerweile werde aber der Reichskanzler wieder aufs neue dilatorische +Verhandlungen begonnen haben und wir stünden vor einem neuen +Kriege.--Tatsächlich standen wir 1875 nahe vor einem solchen.--Die +Salzsteuer werde nicht abgeschafft werden, weder jetzt noch in zwei +Jahren. Auch werde die gewünschte Ermäßigung des Militäretats nicht +eintreten. Der Abgeordnete Lasker habe unrecht, dem Abgeordneten Greil +vorzuwerfen, es sei eine falsche Auffassung seinerseits, daß man im +Volke geglaubt habe, nach der Gründung des Reiches würden die +Militärlasten vermindert werden. Dieser Glaube sei allerdings vorhanden +gewesen und er sei durch die Liberalen vertreten worden. Diesen +Glauben hätte ich allerdings nie geteilt. Schon die wachsenden +Klassengegensätze, die aus der zunehmenden kapitalistischen Entwicklung +resultierten, würden es verhindern, die stehende Armee zu vermindern, +und darüber hätten auch die Ausführungen des Abgeordneten Lasker keinen +Zweifel gelassen. Es sei aber irrig, wenn Lasker glaube, die stehende +Armee unter allen Umständen als Stütze der bestehenden Ordnung der Dinge +ansehen zu können. Frankreich habe auch eine große Armee gehabt, aber +die Entstehung der Kommune habe diese nicht verhindert. Außerdem +vermehre sich das Proletariat weit rascher, als die stehende Armee +vermehrt werden könne, und außerdem steige mit der Vermehrung der Armee +auch das sozialistische Element in derselben, da das industrielle +Proletariat einen immer größeren Bruchteil derselben bilde. Trotz +alledem würden die Liberalen ihre Hoffnung auf die Armee setzen und jede +Forderung für dieselbe bewilligen. + +Am 8. November wurde über einen Antrag Büsing in dritter Lesung +verhandelt, der verlangte, daß in jedem Bundesstaat eine aus Wahlen +hervorgegangene Volksvertretung bestehen müsse. Dieser Antrag war in +zweiter Lesung angenommen worden. Ich erklärte zu demselben, daß ich +heute mit den Konservativen und dem Zentrum gegen den Antrag stimmen +würde, auf die Gefahr hin, daß man wieder von einer Kooperation der +Schwarzen mit den Roten spreche. Früher hätten wir uns gegen +Kompetenzerweiterungen des Bundes ausgesprochen, in der Hoffnung, in den +Mittel- und Kleinstaaten werde man sich etwas freier bewegen können. Das +sei eine Täuschung gewesen, was man zum Beispiel gegen uns in Sachsen +leiste, könnte nicht leicht überboten werden. Wenn daher der +Reichskanzler die gesamten Mittel- und Kleinstaaten in die Tasche +stecken wollte, hätten wir nichts dagegen, mit dem einen würden wir +nachher auch fertig. (Gelächter.) Ich stimmte gegen den Antrag, weil er +inhaltlos sei. Was heiße das: in jedem Bundesstaat müsse eine aus Wahlen +hervorgegangene Vertretung bestehen. Aus welchen Wahlen? Etwa nach dem +Dreiklassenwahlsystem in Preußen? Von den heutigen einzelstaatlichen +Vertretungen als _Volksvertretungen_ zu reden, sei Schwindel. (Gelächter +und große Unruhe.) Man habe davon gesprochen, der Reichskanzler sei seit +1866 konstitutioneller geworden. Das sei nicht wahr. Die liberalen +Parteien seien _nachgiebiger_ geworden, das sei des Pudels Kern. (Große +Unruhe.) Man habe eine Reichsverfassung geschaffen, wie sie reaktionärer +nicht sein könne. (Gelächter.) Das sei Scheinkonstitutionalismus, +nackter Cäsarismus. Der Präsident Simson, der schon lange nervös +geworden war, unterbrach mich und drohte, wenn ich so fortfahren würde, +sich vom Hause autorisieren zu lassen, daß er mir die Fortsetzung der +Rede untersage. (Lebhafte Zustimmung.) Dazu hatte er nach der +Geschäftsordnung keinen Funken Recht. Ich protestierte also gegen seine +Drohung und fuhr fort, auszuführen, daß wenn die mecklenburgische +Verfassung etwa ebenso schlecht sein sollte.... Abermalige Unterbrechung +durch den Präsidenten. Er habe die Grenzen der Redefreiheit weit +gezogen, aber gegen eine Verfassung, unter der wir lebten, so zu reden +wie ich, überschreite alle Grenzen. Er drohte abermals mit der +Wortentziehung. Ich protestierte aufs neue und berief mich darauf, daß +die Opposition--zu der damals auch Simson gehörte--in der preußischen +Konfliktszeit viel schärfer geredet habe als ich heute. Der Präsident +erwiderte, was damals geschehen sei, gehe ihn nichts an, was jetzt +gesagt werden dürfe, bestimme er. + +Abermaliger Protest von meiner Seite. Ich charakterisierte dann den +Humbug des Scheinkonstitutionalismus, was eine solche Verfassung für +einen Wert habe? Ich hätte keine Neigung, den paar Dutzend Verfassungen +in Deutschland, die nicht das Papier wert wären, auf dem sie geschrieben +ständen, noch eine neue hinzuzufügen. + +Der Präsident geriet abermals in Aufregung. Ob ich mit dieser +Charakterisierung auch die Reichsverfassung gemeint habe? Ich hätte +nicht nötig gehabt, auf diese Frage zu antworten, dennoch erklärte ich, +daß ich allerdings auch die Reichsverfassung mit darunter verstanden +habe. (Große Unruhe.) Darauf erbat sich der Präsident die Ermächtigung +vom Hause, mir das Wort zu entziehen. Die Mehrheit stimmte zu. + +Nach mir kam die Parlamentsanstandsdame, der Abgeordnete Lasker, zum +Worte. Ihm zufolge hatten wir im Reichstag und im Reiche das denkbar +höchste Maß von Rede- und Preßfreiheit. Das sei uns alles nicht genug, +wir wollten mit roher Gewalt alles durchsetzen und uns über die Gesetze +stellen. (Ich unterbrach den Redner durch Zurufe, der Präsident verwies +mich zur Ordnung.) Ich sollte nur nicht glauben, daß man eine Armee von +400000 Mann hielte, um meine Bestrebungen zurückzuweisen. Das würden die +Bürger allein besorgen. Er hatte hier hinzugefügt: indem sie uns mit +Knüppeln totschlügen. Diesen Satz hatte er nachher im Stenogramm +gestrichen. Der deutsche Bürger sei weit mutiger als der französische, +ich sei ein Phantast, zu glauben, daß wir unser Ziel erreichen könnten. + +Ich nahm am Schlusse der Sitzung zu einer persönlichen Bemerkung das +Wort, um darauf hinzuweisen, daß der Präsident die Beleidigung, ich sei +ein Phantast, nicht gerügt habe. Ich glaubte, der Abgeordnete Lasker sei +mehr Phantast als ich. Geprahlt hätte ich auch nicht, daß das deutsche +Volk hinter uns stehe. Ich wüßte, daß wir noch eine kleine Minderheit +seien, stünde das Volk hinter uns, dann säßen der Abgeordnete Lasker und +seine Freunde nicht in diesem Hause. (Große Heiterkeit.) Des weiteren +habe der Abgeordnete Lasker sich gegen meine Partei Denunziationen +erlaubt. Was er über die Kommune gesagt, darüber würde ich mich mit ihm +ein anderes Mal auseinandersetzen. Der Abgeordnete Wiggers hatte +ebenfalls gegen mich polemisiert. Mit meiner Ablehnung ihres Antrags +spräche ich mich für den bestehenden Zustand in Mecklenburg aus. Ich +antwortete, das sei ein Irrtum, er habe überhört, daß ich mich für die +Annexion von Mecklenburg an Preußen ausgesprochen habe, da sei doch ihm +und seinen Mecklenburger Parteigenossen auf einmal geholfen. +(Heiterkeit.) + +Am folgenden Tage nahm ich vor Eintritt in die Tagesordnung zu einer +Erklärung das Wort. Das Haus habe mir gestern auf Verlangen des +Präsidenten im Namen der Ordnung das Wort entzogen. Das Haus habe aber +selbst die Ordnung aufs schwerste verletzt. Ich wies dieses an dem +Wortlaut der Geschäftsordnung nach. Mir hätte nur das Wort entzogen +werden können, nachdem der Präsident mich ausdrücklich zweimal zur +Ordnung gerufen habe. Das sei nicht geschehen. Die vorgekommenen +Unterbrechungen meiner Rede durch den Präsidenten seien keine +Ordnungsrufe gewesen. Er hätte mir deutlich sagen müssen: Ich rufe Sie +zur Ordnung! Nachdem der Präsident die vorgeschriebene Regel nicht +beobachtet habe, sei auch der Beschluß des Hauses vollständig +unberechtigt und deshalb nichtig. + +Den Präsidenten brachte mein Einspruch aus dem Gleichgewicht, er wußte +genau, daß er und das Haus ein Unrecht an mir begangen hatten. Er +spitzte jetzt die Frage darauf zu, ob er bei einem Ordnungsruf die +Formel gebrauchen müsse: Ich rufe den Redner zur Ordnung. Er sei nicht +dieser Meinung; sei ich anderer Ansicht, so wolle er den Fall der +Geschäftsordnungskommission überweisen. + +Darauf erklärte ich, daß ich meine Auffassung über das Verfahren des +Präsidenten und des Hauses aufrechterhalten müsse. Es läge kein +Ordnungsruf vor, da eine bloße Unterbrechung des Redners durch den +Präsidenten nie als Ordnungsruf gegolten habe. Er möchte die Frage der +Geschäftsordnungskommission überweisen. Dazu erklärte sich Simson +bereit. + +Diese Vorgänge hatten großes Aufsehen hervorgerufen und fast die gesamte +Presse trat auf meine Seite. Der Präsident und der Reichstag hätten mir +unrecht getan. Der Reichstag werde nervös und verliere die sachliche +Urteilsfähigkeit, sobald ich spräche, äußerte ein liberales Blatt. Die +"Elberfelder Zeitung" hatte einige Tage vorher geschrieben: Der +Vertretungskörper des deutschen Volks habe bei all seinen Vorzügen doch +die Schwäche, den fremden Tropfen Blut in seinen Adern mit allzu wenig +Geduld zu ertragen. Man solle die Spektakelsucht einzelner +Reichstagsmitglieder durch die engsten gesetzlichen Schranken eindämmen, +aber über die Grenzlinie des gesetzlich Erlaubten soll man nicht ein +Haar breit gehen.... Am Mittwoch seien aber die gesetzlichen Formen ohne +allen Zweifel vom Präsidenten und vom Hause selbst verletzt worden, und +auch heute sei Lasker im Unrecht gewesen. + +Als dann der stenographische Bericht über die Sitzung vom 8. November +vorlag, nahm ich abermals vor der Tagesordnung das Wort. Der Abgeordnete +Lasker wollte laut stenographischem Bericht in jener Sitzung gesagt +haben, so würde der redliche und besitzende Bürger mit eigener Macht +sie (uns) niederschlagen. Diese Stelle sei eine Fälschung der Rede; er +habe gesagt: _mit Knüppeln sie totschlagen._ Er, Lasker, werde sich zwar +sehr hüten, an die Spitze der redlichen Bürger, mit einem Knüppel +bewaffnet, sich zu stellen, aber die Aeußerung sei gerade für ihn +interessant, der sich mir gegenüber stets, und auch wieder in der +erwähnten Sitzung, als Vertreter von Anstand und Sitte hingestellt und +im Namen der Zivilisation gegen mich gesprochen habe. Da der +Vizepräsident, der Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst--der spätere +Reichskanzler--, mich unterbrach und mich nicht weiterreden lassen +wollte, kam ich auch mit diesem in Konflikt. + +Lasker nahm alsdann das Wort, um in einer Rede voll sittlicher +Entrüstung mich als Ausbund alles Schlechten hinzustellen, gab aber zu, +daß es ihm darum zu tun gewesen sei, seine Worte abzuschwächen. Ich +antwortete, es komme nicht darauf an, was er (Lasker) habe sagen +_wollen,_ sondern was er gesagt _habe,_ und das müsse unter allen +Umständen in den stenographischen Bericht. Ich wandte mich dann gegen +seine Ausführungen über die Kommune, auf die er wieder zu sprechen +gekommen war. Ich verteidigte die Kommune und wies darauf hin, daß jetzt +selbst die liberale Presse eine ganze Reihe angeblicher Schandtaten habe +richtig stellen müssen, deren sie vorher die Kommune beschuldigt habe. +Das Haus wurde wieder nervös, man unterbrach mich und gebrauchte die +stärksten Schimpfworte gegen mich, ohne daß der Präsident ein Wort des +Tadels hatte. + +Am 22. November war endlich der große Tag, an dem die Streitfrage +zwischen dem Präsidenten und mir ihre Erledigung finden sollte. Die +Geschäftsordnungskommission hatte sich ihre Aufgabe sehr leicht gemacht. +Der Präsident hatte ihr die Frage unterbreitet, ob er bei einem +Ordnungsruf sagen müsse: ich rufe den Redner zur Ordnung. Der Präsident +hatte auch mich für diese Formel einfangen wollen, indem er mir seinen +Antrag zur Mitunterschrift unterbreiten ließ. Ich verweigerte die +Unterschrift. Die Fragestellung war eine total falsche und ebenso die +Antwort der Kommission, denn der Präsident brauchte nicht gerade die +erwähnte Formel zu gebrauchen, um einen Redner zur Ordnung zu rufen. +Das Mitglied der Fortschrittspartei Klotz-Berlin war Berichterstatter +der Kommission. Gegen die grundfalsche Stellung derselben nahm zunächst +der Zentrumsabgeordnete Greil-Passau das Wort und stellte sich auf meine +Seite. Nach ihm kam der sächsische Generalstaatsanwalt Dr. v. Schwarze +und verteidigte den Beschluß der Kommission. Alsdann kam ich zum Wort. +Ich zerpflückte unbarmherzig den Kommissionsbeschluß. Ich hätte nicht +behauptet, der Präsident müsse unter allen Umständen bei einem +Ordnungsruf die Worte gebrauchen: Ich rufe den Redner zur Ordnung! Er +könne auch sagen: Ich sehe mich genötigt, den Abgeordneten Soundso zur +Ordnung zu rufen! Und so gebe es noch viele Formen. Entscheidend sei, +_daß der Redner und das Haus wisse,_ daß der Ordnungsruf erteilt wurde. +Das sei bei mir nicht der Fall gewesen. Dann zitierte ich aus einer Rede +Simsons vom 10. Februar 1866. Er habe damals geäußert: daß die Freiheit +der Rede gemißbraucht werden könne und häufig gemißbraucht werde, _daß +vielleicht nicht viele unter uns seien, die sich von einem solchen +Vorwurf freisprechen könnten--was ändere das?_ Habe nicht Niebuhr die +Wahrheit ausgesprochen: _Was nicht gemißbraucht werden kann, das taugt +nichts?_ Simson habe in jener Rede die Regierung also angeklagt: _Die +Regierung sei schlechterdings unverträglich mit allem, was der Freiheit +auch nur entfernt ähnlich sehe; sie könnte nicht mit einer freien Presse +regieren; sie könnte nicht regieren ohne Einfluß auf die Zusammensetzung +der Gerichte und sollte dadurch das Ansehen der Justiz im Lande +untergraben werden; sie könnte nicht regieren ohne Beeinflussung der +Wahlen und sollte das Wahlresultat das Gegenteil von dem sein, was im +Volke an Ueberzeugungen lebe; sie könnte nicht regieren mit einer freien +Kommunalverwaltung; sie könnte schließlich nicht regieren mit einem +Hause, in dem durch den Artikel 84 die Redefreiheit walte!_ + +Ich fragte, wie der Präsident sein Verhalten mir gegenüber mit seiner +Rede vom 10. Februar 1866 in Einklang bringen wolle. Bismarck habe +einmal geäußert: Man muß den Parlamentarismus durch den Parlamentarismus +tot machen. Das Haus sei auf dem besten Wege, durch sein Verhalten mir +gegenüber dieses Wort wahr zu machen. Nach mir kam der Diplomat +Windthorst zum Wort, der einen seiner berühmten Eiertänze aufführte. Die +Geschäftsordnung sei angeblich nicht klar genug; schließlich beantragte +er die Zurückweisung der Angelegenheit an die Kommission, um die +betreffenden Vorschriften einer Revision zu unterziehen. Er schloß: Ich +stimme weder für noch gegen Simson, noch für oder gegen Bebel. Auch die +Redner der Fortschrittspartei, Freiherr v. Hoverbeck und Franz Duncker, +waren weder warm noch kalt. Duncker sprach sich für den Windthorstschen +Antrag aus, Hoverbeck dagegen; er glaubte nichts Besseres tun zu können, +als Steine auf mich zu werfen. Der Antrag Windthorst wurde schließlich +angenommen. Der alte Ziegler war tief ergrimmt über das Schauspiel, das +der Reichstag und speziell seine Partei bot. Sobald der Beschluß gefaßt +worden war, kam Ziegler bebend vor Zorn zu mir an meinen Platz und +sagte: _"Hören Sie, Bebel, wir sind allesamt Sch----, bekommen Sie die +Gewalt in die Hand, so hängen Sie uns samt und sonders an die Laterne."_ +Ich versprach ihm mit lachendem Munde, gegebenen Falles seinen +freundlichen Rat zu befolgen. Den Beschluß des Reichstags faßte Simson +als ein Mißtrauensvotum auf. Er legte das Präsidium nieder. Natürlich +wurde er wiedergewählt. + +Diese Vorgänge wie überhaupt mein Verhalten in den letzten drei +Sessionen hatten mir eine große Popularität in den Arbeiter- und den +demokratischen Bürgerkreisen verschafft. Letztere gab es damals noch. Es +war zum Beispiel in Berlin eine ziemlich starke Gruppe meist gut +gestellter Bürger, die in Johann Jacoby ihr Ideal sahen und mit uns +sympathisierten. Sie gruppierten sich um Dr. Guido Weiß, den Redakteur +der von ihm vorzüglich geleiteten "Zukunft", eines großen demokratischen +Tageblatts, das die vermögenden Jakobyten--wie wir die speziellen +Anhänger Jacobys kurz nannten--im Jahre 1867 gegründet hatten, aber +wegen zu großer Opfer, die das Blatt erforderte, im Frühjahr 1871 +eingehen lassen mußten. Zugehörige dieser Gruppe waren William +Spindler, der Sohn des Gründers des großen Färbereigeschäfts W. +Spindler, van der Leeden, Dr. G. Friedländer, Morten Levy, Dr. +Meierstein, Boas, Dr. Stephani, später Chefredakteur der "Vossischen +Zeitung", und andere. Auch der damals noch sehr junge Franz Mehring, den +ich durch Robert Schweichel hatte kennen gelernt, gehörte zu diesem +Kreis. Blieben Liebknecht und ich über Sonntag in Berlin, so trafen wir +in der Regel mit mehreren der Genannten, unter denen sich auch öfter +Paul Singer befand, in einer Weinstube zusammen. Nach stillschweigender +Uebereinkunft tranken alle einen billigen Moselwein, sogenannten +Kutscher, den Schoppen zu 50 Pfennig. Nachher ging es nicht selten noch +in ein Bierhaus. Meine Leistung im Trinken war allezeit eine minimale, +aber Schweichel, Liebknecht, Guido Weiß, Mehring waren trinkfeste +Mannen. Mehr als einmal gingen wir, doch stets aufrechten Hauptes, nach +Hause, als schon die Sonne hell leuchtend am Himmel stand. + +Eine Folge meiner Popularität war, daß ich hofiert und fetiert wurde und +öfter Einladungen zu solennen Mittag- oder Abendessen bei Familien der +Bekannten erhielt. Aber ich war kein großer Freund solcher Einladungen +und ging ihnen so viel als möglich aus dem Wege. So schrieb ich unter +dem 19. November 1871 an meine Frau: + + "Für heute Sonntag habe ich mir alle Einladungen vom Halse geschafft, + indem ich rund heraus erklärte, ich sei schon eingeladen, obgleich es + nicht wahr war. Man ist froh, ein paar Stunden wieder Mensch sein zu + können, indem man sich selbst angehört.... Uebrigens hoffe ich, hier + bald loskommen zu können, ich habe das Leben hier sehr satt und sehne + mich zu Euch und nach meiner Häuslichkeit.... Wenn vom Essen und + Trinken das menschliche Glück abhinge, müßte ich hier sehr glücklich + sein, aber ich bin es nicht."-- + +Die Vorgänge im Reichstag schlugen noch längere Zeit in der Presse ihre +Wellen. So veröffentlichte die "Augsburger Allgemeine Zeitung" +Uebersichten über die Verhandlungen, in denen es in bezug auf meine +Stellung zum Antrag Büsing sehr wohlwollend hieß: + + "Bebel gab wieder Proben seines glänzenden Rednertalents und davon, + daß er ein ganzer Mann ist. Schon weil es wenig bekannt ist, verdient + hervorgehoben zu werden, daß der junge Drechslermeister von Leipzig + sich, obgleich er völlig allein steht, und seine weitgehenden + Ansichten fast einstimmig verdammt und bedauert werden, im Reichstag + eine ganz exzeptionelle Stellung, und bei der Mehrzahl, namentlich + auch bei den Hochkonservativen, achtungsvolle Anerkennung erworben + hat, welche dadurch, daß er seine Mußestunden in Berlin dazu benutzt, + durch Arbeit bei einem Handwerksgenossen den Unterhalt für seine + Familie zu verdienen, nur vermehrt und durch die teilweise ungerechten + Angriffe Laskers nicht beeinträchtigt werden konnte. Bebel bietet + zugleich ein Beispiel der wunderbaren Fügungen der Vorsehung. Wäre er + nicht als Knabe überaus schwächlich gewesen, so würde er als Sohn + eines preußischen Unteroffiziers unzweifelhaft in einem preußischen + Militärwaisenhause erzogen worden und jetzt voraussichtlich + wohldisziplinierter Wachtmeister sein. Nun aber erhielt er seine + Erziehung durch die Wincklersche Stiftung in Wetzlar, und seine + angeborene Begabung und eigener Fleiß machten ihn zum Führer einer, + trotz ihrer beschränkten Zahl nicht ungefährlichen Volkspartei und zu + einem hervorragenden Redner im deutschen Parlament." + +Es war selbstverständlich eine _Legende,_ wenn der Berichterstatter mich +in Berlin bei einem Handwerksgenossen den Unterhalt für meine Familie +verdienen ließ. Das war denn doch ein Ding der Unmöglichkeit. Aber diese +Legende machte Schule; ich begegnete ihr eine Reihe Jahre später wieder +in einem Buche über die Sozialdemokratie. So wird oft Geschichte +gemacht. Ich erhielt später noch ähnliche Proben. + + * * * * * + +In der Partei ging in dieser Periode die Entwicklung ganz nach Wunsch. +Die gegen die Partei inszenierten Verfolgungen, die schon kräftig +eingesetzt hatten, schadeten ihr nicht, sie nützten ihr. Für jeden, der +im Kampfe unfähig gemacht wurde, traten drei andere an seine Stelle. Zu +den Wundern jener Zeit muß es gerechnet werden, daß die Leipziger +Kreishauptmannschaft die Ausweisung Mosts durch die Leipziger Polizei +aufhob, weil die Begründung für diese Maßregel nicht genüge. Keine +angenehme Sache war es für mich, in den Versammlungen, die ich während +meiner Anwesenheit in Berlin abhielt, in der Regel mich mit einer Anzahl +Agitatoren des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins herumzuschlagen. +Das Verhältnis zwischen uns war trotz des Rücktritts Schweitzers vom +Präsidium unter dessen Nachfolger Hasenclever nicht besser geworden. +Namentlich schlug Hasselmann im "Neuen Sozialdemokrat" einen sehr rohen +Ton an. Als ich im November im Streikverein der Sattler einen Vortrag +hielt, wobei ich zum erstenmal Ignaz Auer kennen lernte, trat unter +Führung Hasselmanns eine ganze Kolonne Redner gegen mich auf, um mich +moralisch zu vernichten. Der Versuch bekam ihnen übel. Als ich dann nach +Schluß der Versammlung mehreren meiner Gegner im Privatgespräch Vorwürfe +machte wegen ihrer perfiden Kampfweise, gaben zwei derselben, Zielowsky +und Finn, wie aus einem Munde zur Antwort: _Sie müßten uns bekämpfen; +denn werde heute eine Einigung der Sozialdemokratie hergestellt, +schreite morgen die Regierung mit aller Macht ein, um die Partei zu +unterdrücken!_ Die beiden waren ahnungsvolle Engel, denn so ungefähr kam +es nachher, als die Einigung verwirklicht wurde. Hasenclever gefiel sich +anfangs als Präsident auch in der Pose Schweitzers. So ließ er sich in +Altona in einer mit zwei Schimmeln bespannten Kutsche eine Ovation +bringen. Er fand aber bald, daß er kein Schweitzer war und zu einer +solchen Rolle nicht paßte. + +Im Dezember löste der Polizeidirektor Rüder den sozialdemokratischen +Arbeiterverein in Leipzig wegen Verletzung des Verbindungsverbots auf. +Das Verbot fand anderwärts Nachahmung. Um dieselbe Zeit veröffentlichten +unsere Nürnberger Parteigenossen unter Führung Anton Memmingers einen +Aufruf zur Unterstützung des Philosophen _Feuerbach_, der in großer +Notlage in der Nähe Nürnbergs lebte. Memminger, der infolge lokaler +Streitigkeiten in Nürnberg unmöglich wurde, ist später ganz nach rechts +marschiert; er wurde eine Leuchte des bayerischen Bauernbundes und einer +seiner fanatischsten und geschicktesten Vertreter in der Presse und im +bayerischen Landtag.-- + +In Sachsen hatten die polizeilichen und gerichtlichen Verfolgungen, die +mit der Gründung bes Deutschen Reiches eine nie vorher gekannte Schärfe +erlangte, eine ganz vortreffliche Stimmung in der Partei hervorgerufen. +Als wir am 9. Januar 1872 in Chemnitz in einer Landesversammlung +zusammentraten, musterten wir 120 Delegierte. Das ganze Land war bis in +die letzten Bezirke vertreten. Ich führte den Vorsitz, Most war +Schriftführer. Beschlossen wurde, für eine gründliche Umgestaltung des +Vereins- und Versammlungsrechtes zu wirken; das allgemeine, gleiche, +direkte und geheime Wahlrecht solle für die Landtags- und Gemeindewahlen +gefordert werden; die Armenunterstützung solle reichsgesetzlich geordnet +und die Kosten durch eine progressive Einkommensteuer aufgebracht +werden. Den gemaßregelten Vereinen und Gewerkschaften wurde empfohlen, +ihre Beschwerden bis in die letzte Instanz zu verfolgen und, falls diese +resultatlos seien, Lokalvereine zu gründen. Ferner wurde die Aufhebung +der Dienstbotenordnung verlangt und den Parteigenossen, die mit +religiösen Ueberzeugungen gebrochen hätten, der Austritt aus der +Landeskirche empfohlen.-- + +Am 1. Februar 1872 trat Vahlteich seine Festungshaft in Hubertusburg an; +später folgte ihm Karl Hirsch. Mittlerweile wurden aber auch die übrigen +Gefängnisse mit verurteilten Sozialdemokraten besetzt. Einzelne Genossen +waren mit sehr harten Gefängnisstrafen bedacht worden. + + + + +Der Leipziger Hochverratsprozeß. + + +Bei der Eröffnungsfeier des ersten deutschen Reichstags am 23. März 1871 +im sogenannten Weißen Saale des königlichen Schlosses zu Berlin trat +Fürst Bismarck an den Abgeordneten v. Schwarze heran mit den Worten: +"Nun, Herr Generalstaatsanwalt, was wird denn aus dem Prozeß Bebel und +Genossen?" Der Angeredete zuckte die Achseln und erwiderte: "Gar nichts +wird.", worauf Bismarck unwillig antwortete: "Dann hätte man die Leute +auch nicht einstecken sollen; jetzt fällt das Odium des Prozesses auf +uns." Wenige Augenblicke nach jenem Vorgang wandte sich der sächsische +Finanzminister v. Friesen, der die Unterhaltung zwischen Bismarck und +Schwarze angehört hatte, an den Abgeordneten Professor Birnbaum, +Vertreter für Leipzig-Land, mit den Worten: "Da hat unser Schwarze eine +große Dummheit gemacht!" + +Herr v. Schwarze hatte aber keine Dummheit gemacht, er hatte nur gesagt, +was er als Jurist nach genauer Kenntnis des Inhaltes der Akten sagen +mußte. Schwarze hielt ebenso wie unser Untersuchungsrichter eine +Verurteilung für unmöglich, und Bismarck hatte ganz vergessen, daß +unsere Verhaftung am 17. Dezember 1870 nicht erfolgt war, weil man +irgendwelche Beweise für unsere angebliche Vorbereitung zum Hochverrat +hatte, sondern weil man die Tatsache der Beschlagnahme unserer Briefe +bei dem Braunschweiger Ausschuß benutzen wollte, uns hinter Schloß und +Riegel zu bringen. Uns war sogar mitgeteilt worden, daß Bismarck selbst +vom Hauptquartier aus die Anregung zu unserer Verhaftung gegeben habe. + +Die Frühjahrssession des Leipziger Schwurgerichtes war für unsere +Aburteilung bestimmt worden. Der Prozeß sollte Montag den 11. März +seinen Anfang nehmen. Die Aufregung in Leipzig war groß. Seitens der +Behörden rechnete man mit Unruhen. Das veranlaßte uns, an der Spitze des +"Volksstaat" vom 6. und 9. März folgende Aufforderung zu +veröffentlichen: + + "_An unsere Parteigenossen!_ + + Wie Ihr wißt, beginnen Montag den 11. März die + Schwurgerichtsverhandlungen in dem Hochverratsprozeß gegen uns. Viele + von Euch werden denselben beiwohnen wollen. Dies veranlaßt uns, die + dringende Aufforderung an Euch zu richten, weder durch Zeichen des + Beifalls noch des Mißfallens die Verhandlungen zu unterbrechen. + Geschehe was da wolle, verhaltet Euch ruhig. Mag unsere Gegnerschaft + durch bübische Hetzartikel oder durch bezahlte Agents provocateurs + Euch zu reizen suchen, macht diese perfiden Machinationen zuschanden. + Die Abrechnung wird nicht ausbleiben. + + Leipzig, den 3. März 1872. + + Bebel, Liebknecht, Hepner." + +Diese Mahnung war nicht überflüssig. In der Furcht, es werde unsere +Verurteilung mißlingen, hielten es die Brockhaussche "Deutsche +Allgemeine Zeitung", das "Leipziger Tageblatt" und die von Dr. Hans Blum +redigierten "Grenzboten" für ihre vornehmste Aufgabe, durch Hetzartikel, +die man den Geschworenen zustellte, diese gegen uns einzunehmen. Ebenso +wurde in den verschiedensten Formen persönlich auf diese eingewirkt. + +Es kann nicht meine Aufgabe sein, den Verlauf des Prozesses, der +vierzehn Verhandlungstage in Anspruch nahm, in seinen Einzelheiten +darzulegen. Das Anklagematerial bildete unsere gesamte agitatorische +Tätigkeit in Vereinen, Versammlungen, Artikeln und Broschüren nebst +einer Anzahl Briefe, die bei dem Braunschweiger Ausschuß gefunden worden +waren. Außerdem wurde aber auch fast die ganze bis dahin in deutscher +Sprache erschienene sozialistische Broschürenliteratur als belastend +herangezogen, auch wenn wir an deren Verfasserschaft und Verbreitung gar +nicht beteiligt waren, wie zum Beispiel bei dem Kommunistischen +Manifest. Auch eine Broschüre des bürgerlichen Republikaners Karl +Heinzen, betitelt: "Ein europäischer Soldat an seine Kameraden", mußte +als Belastungsmaterial dienen, obgleich bis zur Prozeßverhandlung keiner +von uns von der Existenz der Broschüre etwas wußte. Dieselbe war im +Archiv des Parteiausschusses in einem Exemplar gefunden worden. Das +Belastungsmaterial ließ also an _Quantität_ nichts zu wünschen übrig, um +so schlimmer stand es mit der _Qualität,_ wie wir das wiederholt während +der Verhandlungen hervorhoben. + +Unsere Reichstagsreden konnten auf Grund der Verfassung nicht unter +Anklage gestellt werden, es sorgte aber die Leipziger liberale Presse +dafür, daß die schärfsten Stellen aus denselben den Geschworenen bekannt +wurden. + +Als Belastungszeugen hatte die Staatsanwaltschaft eine Anzahl Herren aus +Plauen im Vogtland geladen, die in den beiden Versammlungen anwesend +gewesen waren, die ich Frühjahr 1870 dort gegen Dr. Max Hirsch +abgehalten hatte. Der Inhalt jener Reden, die damals wegen Inkrafttreten +des deutschen Strafgesetzbuchs nicht mehr verfolgt werden konnten, und +ebenso die Liebknechtsche Rede "Ueber die politische Stellung der +Sozialdemokratie", wegen deren er 1869 in Berlin _in contumaciam_ zu +mehreren Monaten Gefängnis verurteilt worden war, wurden jetzt ebenfalls +als Material für den Hochverratsprozeß verwendet. Die Belastungszeugen +waren der Obergendarm aus Plauen, der meine Versammlungen überwacht +hatte, ferner der Vorsitzende einer derselben, Rechtsanwalt Kirbach, ein +Redakteur, ein Oberlehrer und der Einberufer der Versammlungen. Als +Entlastungszeugen hatten wir Bracke und Spier laden lassen, die alsdann +dem Prozeß bis zu seinem Schlußakt beiwohnten. + +Präsident des Schwurgerichts war ein Herr v. Mücke, +Bezirksgerichtsdirektor in Bautzen. Herr v. Mücke war im Gegensatz zu +seinem Namen ein herkulisch gebauter Mann, der Hände wie ein Fleischer +und eine so niedere Stirne besaß, daß man sich erstaunt fragte, wo in +jenem Kopf das Gehirn sitze. Offenbar hatte der Justizminister Abeken +sich als Präsident des Schwurgerichts den beschränktesten Kopf +ausgesucht, den es unter den Gerichtsdirektoren in Sachsen gab. Will man +in einem politischen Prozeß um jeden Preis eine Verurteilung +herbeiführen, so empfiehlt sich, als Leiter eines solchen entweder einen +gewissenlosen Streber--ein solcher scheint zu jener Zeit in Sachsen +nicht vorhanden gewesen zu sein--oder einen beschränkten Kopf +auszuwählen, der sich leicht beeinflussen läßt. Herr v. Mücke war seiner +Aufgabe in keiner Weise gewachsen, weder beherrschte er das sehr +umfängliche Aktenmaterial, noch besaß er das Maß von Unparteilichkeit +und Ruhe, das erste Voraussetzung für den Leiter einer solchen +Verhandlung ist. Auch war ihm bis dahin offenbar der Sozialismus ein mit +sieben Siegeln verschlossenes Buch. Es stimmte oft sehr heiter und +blamierte ihn gründlich, wenn er über unsere Ausführungen ganz aufgeregt +wurde, Sinn und Tragweite derselben nicht verstehen konnte und dann in +die Rolle fiel, uns widerlegen zu wollen, wozu er ganz und gar unfähig +war und auch kein Recht hatte. Man konnte ihn naiv bis zur +Bewußtlosigkeit nennen. + +Unsere Verteidigung hatten die Rechtsanwälte Otto und Bernhard Freytag +übernommen, die bei ihnen in den besten Händen lag. Beide machten durch +ihre Kreuz- und Querfragen dem Präsidenten, der diese Fragen oft nicht +verstand oder ihre Tragweite nicht übersah, das Leben sauer. + +Unter den Geschworenen waren sechs Kaufleute, davon drei aus Leipzig, +ein Rittergutsbesitzer, ein Oberförster und einige Gutsbesitzer. Die +Verhandlungen waren für Leipzig eine Sensation. Tag für Tag war der +geräumige Verhandlungssaal überfüllt mit Zuhörern aus allen Ständen. +Mehrere Male waren auch der Justizminister und der Generalstaatsanwalt +anwesend. Und da alle größeren Blätter Deutschlands ausführliche +Berichte brachten und ihre Leser jetzt zum erstenmal zu hören bekamen, +was der Sozialismus sei und was die Sozialisten erstrebten--soweit dies +bei Zeitungsberichten möglich ist--, wirkten die Verhandlungen eminent +agitatorisch. Dafür sorgten natürlich auch wir durch unsere Haltung, +namentlich Liebknecht, der der eigentliche Führer des Prozesses wurde. +An allerlei kleinen dramatischen Szenen fehlte es auch nicht. So wenn +der Präsident durch ungeschickte Fragen und Bemerkungen von Liebknecht +gehörig auf den Sand gesetzt wurde, oder ich bei der Frage, was ich zu +dem Kommunistischen Manifest zu sagen habe, antwortete: ich sei damals, +als dasselbe erschienen sei, kaum acht Jahre alt gewesen, oder Hepner +wiederholt antworten mußte: er sei überhaupt noch nicht geboren gewesen, +als dieses oder jenes Aktenstück erschien. + +Die Beeinflussung der Geschworenen wurde Tag für Tag von unseren Gegnern +dadurch versucht, daß sie dieselben in der Restauration aufsuchten, in +der die meisten von ihnen allabendlich zusammenkamen. Alsdann wurden die +Vorgänge des Tages besprochen und entsprechend auszunutzen versucht. So +äußerte zum Beispiel eines Abends ein Appellationsgerichtsrat Müller: +"Denken Sie sich, meine Herren, mir träumte verflossene Nacht, Bebel sei +freigesprochen worden, da habe ich mich aber geärgert." Er schien +anzunehmen, man wolle nur Liebknecht verurteilen. Für die Qualität +einzelner Geschworener war auch folgender Vorgang bezeichnend: Eines +Tages trifft einer unserer Rechtsanwälte einen der Geschworenen auf der +Straße und fragt ihn, ob er sich wohl ein klares Bild von dem Inhalt +der vorgetragenen Aktenstücke machen könne? Worauf dieser antwortete: +"Herr Advokat, offen gesagt, wenn ich nicht zeitweilig eine Prise nähm', +schlief' ich ein." Nun wurden wir schließlich mit acht gegen vier +Stimmen verurteilt, mehr als sieben Stimmen verlangte das Gesetz für +einen Schuldigspruch, und es war die Stimme dieses Herrn, die das +Schuldig bewirkte. + +Am dreizehnten Verhandlungstag begannen unter enormem Zudrang des +Publikums die Plädoyers, nachdem die Fragen für die Geschworenen +formuliert worden waren. Der öffentliche Ankläger schloß seine Rede mit +den Worten: Wenn Sie die beiden Angeklagten nicht verurteilen--von +Hepner sprach er nicht, er gab ihn preis--, dann sanktionieren Sie für +immer den Hochverrat! + +Zunächst antwortete Rechtsanwalt Otto Freytag, der damit begann, zu +erklären, er habe trotz einer dreiviertelstündigen Pause, die zwischen +der Anklagerede des Staatsanwaltes und seiner Rede lag, sich noch immer +nicht von dem Erstaunen erholt, das bei ihm die Begründung der Anklage +hervorgerufen habe. Nach einer mehrstündigen vorzüglichen Rede, in der +er die Anklage gründlich zerzauste, beantragte er unsere Freisprechung. +Am nächsten Morgen nahm Rechtsanwalt Bernhard Freytag das Wort. Auch er +blieb an oratorischer und juristischer Gewandtheit nicht hinter seinem +Bruder zurück. Nach zirka drei Stunden schloß er mit den Worten an die +Geschworenen: Bejahen Sie die Fragen, so schaffen und sanktionieren Sie +in Sachsen einen rechtlosen Zustand. Wegen dieser Worte kam es zwischen +ihm und dem Präsidenten zu einer heftigen Auseinandersetzung. Der +Präsident hatte diese Worte gerügt. + +Nach dem Schlußwort des Staatsanwaltes nahm noch einmal Otto Freytag das +Wort, dagegen erklärte sein Bruder, daß, nachdem der Staatsanwalt auf +seine Frage: worin "das bestimmte Unternehmen" bestehe, dessen er uns +anklage, nicht geantwortet habe, er bei der eigentümlichen Disziplin, +die in diesem Saale herrsche, auf weitere Auseinandersetzungen +verzichte. Eine Erklärung, der wir uns anschlossen. So ging die +Verhandlung einen Tag früher zu Ende, als erwartet worden war. Bei der +"Rechtsbelehrung" der Geschworenen durch den Präsidenten kam es +abermals zwischen diesem und unseren Verteidigern zu lebhaften +Auseinandersetzungen; sie wollten die "Rechtsbelehrung" desselben, weil +von falschen Voraussetzungen ausgehend, nicht gelten lassen. Beide +meldeten schon im voraus die Nichtigkeitsbeschwerde an. + +Nach mehr als zweieinhalbstündiger Beratung verkündeten die +Geschworenen, daß sie Liebknecht und mich der Vorbereitung zum +Hochverrat schuldig befunden, Hepner freigesprochen hätten. Der +Staatsanwalt beantragte hierauf gegen uns eine Höchststrafe von zwei +Jahren Festung, weil die Vorbereitungshandlungen noch entfernte gewesen +seien, gegen Hepner beantragte er Freisprechung. Der Gerichtshof +erkannte demgemäß gegen Liebknecht und mich unter Anrechnung von zwei +Monaten Untersuchungshaft. + +Unsere Parteigenossen waren über das Urteil höchst aufgebracht. Mich +packte der Galgenhumor: "Wißt ihr was", äußerte ich zu den Verteidigern +und Mitangeklagten nach Schluß der Verhandlung, "wir gehen heute abend +dem Urteil zum Trotz in Auerbachs Keller (berühmt geworden durch die +Kellerszene in Goethes Faust) und trinken eine Flasche Wein." "Das tun +wir", erklärte Otto Freytag, "und wir (er und sein Bruder) bezahlen die +Zeche." + +Unsere Frauen, die uns mit lautem Weinen empfingen, waren freilich von +diesem Vorschlag sehr wenig erbaut. Es sei eine Frivolität, dergleichen +zu tun, wir seien schreckliche Männer. Aber sie waren tapfer und gingen +schließlich mit. Auch Bracke mit seiner jungen, liebenswürdigen Frau, +die ihn nach Leipzig begleitet hatte, und Spier waren bei der Partie. +Meine Frau war noch vor der Verurteilung durch unseren Hausarzt in etwas +eigentümlicher Weise getröstet worden. "Frau Bebel", hatte er zu ihr +gesagt, "wird Ihr Mann zu einem Jahre Festung verurteilt, so seien Sie +froh, er braucht sehr dringend Ruhe." + +Am 27. März, dem Tage, an dem wir die Entscheidungsgründe des +Gerichtshofs erhalten hatten, erließen Liebknecht und ich im +"Volksstaat" eine kurze Ansprache "An die Parteigenossen", in der wir +sie aufforderten, tapfer zur Sache zu stehen und namentlich für die +Verbreitung des "Volksstaat" zu sorgen, der jetzt 5500 Abonnenten hatte. +An demselben Tage veröffentlichten wir eine zweite Erklärung im +"Volksstaat" "Zu unserer Verurteilung", in der es hieß: + + "Der Wahrspruch der Herren Geschworenen ist _nicht wahr_. Was wir + gewollt und getan, haben wir ohne Hehl bekannt; ein hochverräterisches + Unternehmen im Sinne des Strafgesetzbuchs haben wir _nicht + vorbereitet_. Wenn wir schuldig sind, ist jede Partei schuldig, die + nicht gerade am Ruder ist. Indem man uns verurteilt, ächtet man die + freie Meinungsäußerung. + + Durch Ihren Wahrspruch, meine Herren Geschworenen, haben Sie im Namen + der besitzenden Klasse die Gewalttat von Lötzen sanktioniert und der + Reaktion einen Freibrief in blanco ausgestellt. Uns persönlich ist das + Resultat gleichgültig. Dieser Prozeß hat so unendlich viel für die + Verbreitung unserer Prinzipien gewirkt, daß wir gern die paar Jahre + Gefängnis hinnehmen, die--falls Rechtskraft eintritt--über uns + verhängt werden können. _Die Sozialdemokratie steht über dem Bereich + eines Schwurgerichtes_. Unsere Partei wird leben, wachsen und siegen. + Wohl aber haben Sie, meine Herren Geschworenen, durch Ihr Verdikt das + Todesurteil gefällt über das Institut der heutigen Schwurgerichte, + die, ausschließlich aus der besitzenden Klasse gebildet, nichts sind + als Mittel der Klassenherrschaft und Klassenunterdrückung." + +Die ganze demokratische und linksliberale Presse, die damals noch +Bedeutung hatte, stand auf unserer Seite, mit Ausnahme der "Berliner +Volkszeitung". Diese folgerte: Das Schwurgericht ist Volkesstimme, +Volkesstimme ist Gottesstimme, ergo, ... Auch der frühere +Appellationsgerichtspräsident Temme, einer der aufrechtesten Männer, die +der preußische Richterstand je gehabt hat, der aber der Reaktion im +Anfang der fünfziger Jahre zum Opfer gefallen war, veröffentlichte in +einem Wiener Blatte einen scharfen Artikel wegen unserer Verurteilung. +Ich hatte das Glück, Temme noch kurz vor seinem Ableben 1882 in Zürich +kennen zu lernen, wohin er sich zurückgezogen hatte; er war eine äußerst +sympathische Persönlichkeit. + +Herr v. Mücke und der Staatsanwalt Hoffmann wurden für +ihre staatsretterische Tätigkeit durch Orden belohnt. +Der Generalstaatsanwalt v. Schwarze, der bei der Anklage +Geburtshelferdienste geleistet hatte, war schon zuvor belohnt worden. +Als Antwort auf das Urteil erklärte Johann Jacoby am 2. April seinen +Beitritt zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Dem Vorgehen desselben +schloß sich der Berliner Demokratische Verein--nicht zu verwechseln mit +dem Demokratischen Arbeiterverein--insofern an, als er mit großer +Mehrheit dem Eisenacher Programm zustimmte. + +Unsere Parteigenossen legten in der Parteipresse und in zahlreichen +Volksversammlungen schärfsten Protest gegen das Urteil ein, was freilich +zur Folge hatte, daß eine ganze Anzahl derselben gerichtlich verurteilt +wurde. + +Kurz nach Schluß des Prozesses befiel mich eine sehr schmerzhafte +Brustfellentzündung, die mich mehrere Wochen ans Bett fesselte. Auch +hatten Agitation, parlamentarische Tätigkeit, Untersuchungshaft und +Prozeß, wozu noch angestrengte Tätigkeit in meinem Geschäft kam, das +meine Kräfte ebenfalls in hohem Grade in Anspruch nahm und mich zu +Erweiterungen meines kleinen Betriebs nötigte, meine Nerven zerrüttet. +Ich litt neben heftigen Schmerzen an großer Schlaflosigkeit. In den +Nächten, in denen ich mich schlaflos im Bette wälzte, dachte ich öfter +an Bismarck, der damals insofern mein Leidensgefährte war, als er nach +den Berichten der Zeitungen ebenfalls an Schlaflosigkeit und +neuralgischen Schmerzen litt. Geteilter Schmerz ist halber Schmerz. + + + + +Die dritte Generation des ersten deutschen Reichstags. + + +Ende April 1872 war der Reichstag wieder zusammengetreten. Eben genesen, +reiste ich nach Berlin und hielt am 1. Mai eine Rede zu dem Antrag +Hoverbeck und Genossen, betreffend die Abschaffung der Salzsteuer. Ich +wendete mich in der Rede gegen die gesamten indirekten Steuern auf +notwendige Lebensbedürfnisse. Die besitzenden Klassen suchten in ihrem +Klasseninteresse dieses System aufrechtzuerhalten und weiter auszubauen; +sie suchten sich den Staatslasten, wo sie könnten, zu entziehen, aber +sie machten die direkten Steuern zum Maßstab der politischen Rechte. Ob +das Haus glaube, daß solche Zustände die Versöhnung der verschiedenen +Klassen herbeiführten? Das Gegenteil werde erreicht; da dürfe sich die +Bourgeoisie nicht wundern, wenn ihr alsdann von uns gesagt werde, was +Tell über Geßler sagte: Mach' deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt, fort +mußt du, deine Uhr ist abgelaufen. (Stürmisches Gelächter.) Eugen +Richter erklärte: Er wolle mir nicht antworten, das hieße meiner Person +und meiner Doktrin eine Bedeutung beimessen, die sie nicht habe. Ich +polemisierte darauf gegen Richter in einer persönlichen Bemerkung; seine +geringschätzende Bemerkung gegen mich solle nur verdecken, daß ihm die +Gründe zu meiner Widerlegung fehlten. Richter antwortete: Er hielt mich +durchaus nicht für so unbedeutend, daß es sich nicht lohne, mir zu +antworten, aber er hielt mich, wenigstens zurzeit noch nicht, für so +bedeutend wie den Reichskanzler (Heiterkeit), darum habe er keine Zeit +gehabt, mir zu antworten.-- + +Im Jahre 1872 ging der "Kulturkampf" seinem Höhepunkt entgegen, jener +"Kulturkampf", der der größte politische Fehler war, den Bismarck in der +inneren Politik machte, und der der innerpolitischen Entwicklung +Deutschlands eine höchst verderbliche Richtung gab. Bismarck hatte das +Jesuitenausweisungsgesetz dem Reichstag vorgelegt, um das ein heftiger +Kampf entbrannte. Bei der dritten Lesung am 19. Juni kam ich zum Worte. +Ich führte aus: Der englische Kulturhistoriker Buckle bemesse den +Kulturgrad eines Volkes nach der Bedeutung, die religiöse Streitigkeiten +bei demselben fänden. An diesem Maßstab gemessen, müßten wir in +Deutschland auf einem tiefen Kulturgrad stehen. Keiner Frage werde seit +längerer Zeit so viel Aufmerksamkeit geschenkt als der religiösen Frage. +Freilich, die religiösen Auffassungen stünden in inniger Verbindung mit +dem sozialen und politischen Zustand eines Volkes. Sei das Zentrum im +Hause so stark vertreten, so nicht etwa bloß seiner religiösen +Anschauungen wegen, sondern namentlich auch wegen der sozialen und +politischen Interessen, die es vertrete. Die rückständigen ökonomischen +Schichten im katholischen Volke schlössen sich mit Vorliebe dem Zentrum +an, die anderen kapitalistischen Schichten den Liberalen. Der +Protestantismus, einfach, schlicht, hausbacken, gewissermaßen die +Religion in Schlafrock und Pantoffeln, sei die Religion des modernen +Bürgertums. Der ganze Kampf sei, soweit die Religion in Frage komme, nur +ein Scheinkampf, in Wahrheit bedeute er den Kampf um die Herrschaft im +Staate. Wolle die liberale Bourgeoisie ehrlich den Fortschritt, müsse +sie mit der Kirche brechen, denn die Bourgeoisie habe in Wahrheit keine +Religion. Für sie sei die Religion nur Mittel zum Zweck, um die +Autorität zu stützen, die sie brauche, und um in den Arbeitern willige +Ausbeutungsobjekte zu erziehen. + +Man sage, der Jesuitismus habe mit dem Katholizismus nichts zu tun. Das +sei falsch. Der Jesuitismus sei die festeste Stütze des Katholizismus, +und insofern habe das Zentrum recht, wenn es sage, der Kampf gegen den +Jesuitismus sei ein Kampf gegen den Katholizismus. Die Verteidiger der +Vorlage behaupteten, sie wollten durch dieselbe den Frieden herstellen; +das Gegenteil werde erreicht; sie würden nicht den Frieden bekommen, +sondern den Krieg. + +Man sage ferner, das Dogma von der Unfehlbarkeit sei staatsgefährlich. +Das könnte ich nicht einsehen. Schließlich ständen alle Dogmen mit der +Wissenschaft und der gesunden Vernunft in Widerspruch und seien von +diesem Gesichtspunkt aus ebenfalls staatsgefährlich. (Heiterkeit.) Je +ungeheuerlicher ein Dogma ist, und das sei das von der Unfehlbarkeit des +Papstes, um so mehr Widerspruch finde es bei allen Denkenden. Man +behaupte auch, der Jesuitismus sei unmoralisch. Der Staat habe aber +allezeit verdammt wenig nach der Moral gefragt, und der Reichskanzler +sei der letzte, dem diese Sorge mache. Was den Reichskanzler ärgere, +sei, daß man ihn in seiner Politik nicht für unfehlbar halte. +(Heiterkeit.) Würden die Jesuiten und die Herren im Zentrum sich bereit +erklären, seine Politik zu unterstützen, so könnten sie auf kirchlichem +Gebiete tun, was sie wollten. (Sehr richtig.) Je reaktionärer dann der +Jesuitismus sei, um so lieber würde es dem Reichskanzler sein. Er wolle +nichts weiter, als daß die ultramontane Partei sein Werkzeug werde. Daß +man es wage, dem Reichstag einen solchen Gesetzentwurf vorzulegen, sei +ein Zeichen dafür, wie tief man ihn einschätze. (Unruhe.) Die Liberalen +suchten durch den Kampf gegen den Jesuitismus nur wieder zu gewinnen, +was sie an Kredit bei dem Volk durch Preisgabe aller Volksrechte +eingebüßt hätten. Man bekämpfe den Jesuitismus mit einem Ausnahmegesetz, +_und die Folge werde sein, daß sein Anhang größer werde, als er je +gewesen._ Die Masse der Menschen sympathisiere mit dem Verfolgten. Es +gehe nicht an, ein Gesetz zu erlassen, wonach man einen Menschen +heimatlos machen und wie ein wildes Tier von einem Orte zum andern jagen +könne. Wir hätten Unterdrückungsgesetze in Deutschland genug, wofür ich +Beispiele anführte; wir brauchten keine neuen. Wer habe denn den +Jesuitismus gezüchtet? Der Staat. Statt jährlich viele hundert Millionen +für Mordwerkzeuge auszugeben, verwende man diese Mittel _auf die Bildung +des Volkes,_ das werde dem Jesuitismus mehr schaden als alle +Ausnahmegesetze. Man errichte ein auf der Höhe der Zeit stehendes +Bildungssystem, man trenne den Staat von der Kirche, man verweise die +Kirche aus der Schule, und ehe zehn Jahre vergingen, würde es mit den +pfäffischen Wühlereien zu Ende sein. Die Herren könnten dann in Gottes +Namen in der Kirche predigen, hin gehe niemand mehr. (Heiterkeit.) Doch +das wolle man nicht, sie alle brauchten Autoritäten, deren Hauptstütze +die Kirche sei. Man wisse, höre die himmlische Autorität auf, dann falle +auch die irdische. Man fürchte, es würde alsdann auf dem politischen +Gebiet die Republik, auf dem sozialen der Sozialismus und auf dem +religiösen der Atheismus zur Geltung kommen. Ich würde gegen das Gesetz +stimmen, müßte aber die Behauptung, Ultramontanismus und Sozialismus +seien Verbündete, als eine infame Verleumdung zurückweisen. Es würde dem +Ultramontanismus und dem Liberalismus gleich schlecht gehen, wenn wir am +Ruder wären. (Unruhe.) + +Im Verlauf der Debatte sprach auch Graf Ballestrem, der spätere +Präsident des Reichstags. Mit Hinweis auf meine Ausführungen meinte er, +wohin man mit Annahme des Gesetzentwurfes steuere, habe meine Rede +gezeigt. Verliere das Volk erst den Glauben an das Paradies im Himmel, +dann werde es das Paradies auf der Erde verlangen, und das verspreche +ihm die Internationale. Ich unterstrich diese Worte, indem ich kräftig +"sehr richtig" rief. + +Kurze Zeit danach erzählte man sich im Reichstag einen amüsanten +Vorgang. Einige Herren vom Zentrum unterhielten sich in einer +Restauration über den katholischen Kirchengelehrten Döllinger und das +neue Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes. Döllinger war heftiger +Gegner der Unfehlbarkeitserklärung. Darauf äußerte ein geistlicher Herr, +Abgeordneter für München: Glaubt der alte Esel an so viel Unsinn, konnte +er auch an diesen glauben. Diese Aeußerung wurde im Reichstag bekannt +und viel belacht. + + + + +Mein Majestätsbeleidigungsprozeß. + + +Die Anklage gegen Liebknecht auf Majestätsbeleidigung war auf Beschluß +der Anklagekammer von der Anklage wegen Vorbereitung auf Hochverrat +getrennt und vor das Leipziger Bezirksgericht verwiesen worden. Hier +wurde Liebknecht Anfang April freigesprochen. Ende Mai 1872 verwarf das +Oberappellationsgericht in Dresden unsere Nichtigkeitsbeschwerde, es war +somit das Urteil des Schwurgerichtes rechtskräftig geworden. Liebknecht +trat Mitte Juni seine Haft in Hubertusburg an. Ich hatte nach Schluß des +Reichstags auch noch eine Anklage zu erledigen. Ich war ebenfalls auf +Majestätsbeleidigung, begangen durch Reden in zwei Volksversammlungen im +Bezirk der Leipziger Amtshauptmannschaft, angeklagt worden. Ich hatte +anknüpfend an das Dankschreiben des Königs von Preußen vom 25. Juli +1870, das mit den Worten schloß: er hoffe, daß die _Freiheit_ und +Einheit Deutschlands das Ergebnis des Krieges sein werde, allerlei +kritische Bemerkungen gemacht. Ich hatte ausgeführt, daß wir zwar die +Einheit bekommen hätten, die Freiheit sei aber ausgeblieben; es sei in +dieser Beziehung sogar schlimmer als früher, was ich durch Tatsachen +bewies. Es sei eben die alte Geschichte. Seien die Könige in der +Verlegenheit, so fehle es nicht an schönen Versprechungen, habe aber das +Volk die Opfer gebracht und die Könige gerettet, dann würden die +gemachten Versprechen vergessen und nicht eingelöst. In diesen +Ausführungen sah die Staatsanwaltschaft eine Majestätsbeleidigung, und +der Gerichtshof schloß sich ihr in der Verhandlung am 6. Juli 1872 an, +in der ich mich selbst verteidigte. Der Staatsanwalt hatte eine +Zusatzstrafe zu der bereits erkannten Festungshaft beantragt. Das +Gericht ging über diesen Antrag hinaus und verurteilte mich zu _neun +Monaten Gefängnis_. Da es sich um eine andere Strafart als die mir +bereits zuerkannte handelte, fiel die Zusatzstrafe; sonst würden, wenn +es bei neun Monaten Festung geblieben wäre, diese mit der schon +erkannten Festungshaft wahrscheinlich auf achtundzwanzig Monate +zusammengezogen worden sein. Außerdem ging der Gerichtshof noch in einem +zweiten Punkte über den Antrag des Staatsanwaltes hinaus, _er erkannte +mir das Reichstagsmandat ab_. + +Dieser letztere Beschluß war ein großer politischer Fehler von seiner +Seite, denn da er mir nicht auch die Wählbarkeit aberkennen konnte, +mußte er sich sagen, sein Beschluß werde wirkungslos bleiben, indem +meine Parteigenossen mich in meinem bisherigen Wahlkreis wieder +aufstellen und mich sicher wählen würden. So geschah es. Meine +Wiederwahl wurde für den Gerichtshof eine schallende Ohrfeige. Darüber +später. + + + + +Unsere Festungshaft und was zwischenzeitlich passierte. + + + + +Hubertusburg. + + +Am 1. Juli 1872 schrieb mir Bracke einen Abschiedsbrief, dem er äußerte: +"Wenn Eure Familien nicht wären, könnte ich fast triumphieren über die +Einfalt unserer Feinde! Du zum Beispiel wirst Dich körperlich erholen +und viel lernen; dann bist Du ein verdammt gefährlicher Kerl, und +schließlich wird Deine liebe Frau auch, trotz des harten Loses der +Trennung, zufrieden sein, wenn Du auf diese Weise eine Kurzeit +durchmachst, die Dich wieder kräftigt fürs ganze Leben." Am 8. Juli, dem +Tage meines Haftantritts, veröffentlichte ich folgende Erklärung: + + "_An meine Wähler im 17. sächsischen Wahlkreis!_ + + Freunde und Gesinnungsgenossen! Das Königliche Bezirksgericht zu + Leipzig hat die Gewogenheit gehabt, mir wegen 'Majestätsbeleidigung' + neben einer neunmonatigen Gefängnisstrafe auch 'den Verlust der + bekleideten öffentlichen Aemter sowie der aus Wahlen hervorgegangenen + Rechte' abzuerkennen. + + Durch dieses Erkenntnis bin ich des mir von euch verliehenen Mandats + _verlustig_ geworden. + + Freunde und Gesinnungsgenossen! Der Schlag soll nicht nur mich, er + soll auch euch, deren _Vertreter_ ich bisher war, er soll die _Partei_ + treffen, der wir angehören. _Zeigen wir, daß der geführte Schlag ein + Schlag ins Wasser ist_. Ihr seid vor die Alternative einer Neuwahl + gestellt. _Ich biete mich euch für dieselbe aufs neue als Kandidat + an_. Habe ich nach eurer Meinung das in mich gesetzte Vertrauen + gerechtfertigt, _dann wählt mich wieder_. + + Seid versichert, die erhaltenen 'Strafen' machen mich nicht mürbe. + Festung und Gefängnis sind nicht die Mittel, mir bessere Begriffe über + unsere faulen Gesellschaftszustände beizubringen. Die Gesellschaft, + die zu solchen Mitteln der Belehrung greifen muß, verdient, daß sie + aufhört zu existieren. + + Führen wir also den Krieg fort mit aller uns zu Gebote stehenden + Kraft und mit aller Fähigkeit; gebt mir durch die _Neuwahl_ das Mittel + in die Hand, daß ich auch für die nächsten Jahre mich an diesem Kampfe + beteiligen kann. Der Tag kommt, wo auch _unsere_ Stunde schlägt. + + Lebt wohl! Auf Wiedersehen zu neuem Kampf und Sieg!" + +Am Nachmittag desselben Tages reiste ich nach Hubertusburg. Am Bahnhof +hatten sich eine große Zahl Männer und Frauen eingefunden, um sich von +mir zu verabschieden. Meine Frau hatte ich gebeten, mit unserem +Töchterchen zu Hause zu bleiben. Unter dem Gepäck, das ich mitnahm, +befand sich auch ein großer Vogelbauer mit einem prächtigen +Kanarienhahn, den mir ein Dresdener Freund als Gesellschafter für meine +Zelle geschickt hatte. Er wurde, nachdem ich ihm zu einem Weibchen +verholfen, der Stammvater einer Kinder- und Enkelschar, die ich in +Hubertusburg züchtete. An der Station Dahlen, an der ich ansteigen +mußte, um von dort zu Wagen nach Hubertusburg zu fahren, brachte man mir +eine eigenartige Ovation. Als ich ausstieg, standen sämtliche Schaffner +an dem langen Personenzug vor ihren Wagen und salutierten, indem sie die +Hand an die Mütze legten. Der Lokomotivführer schwenkte die Mütze, +ebenso schwenkte ein großer Teil der Passagiere, der in den Fenstern +lag, Hüte und Mützen und rief mir Lebewohl zu. Ich war sehr gerührt über +diese Zeichen der Sympathie. + +Als ich in Hubertusburg ankam und mit Liebknecht zusammentraf, lachte er +mich aus, daß ich mir noch neun Monate Gefängnis geholt. Da sei er doch +klüger gewesen. Er hatte gut lachen. Er hat nachher für die Artikel, die +er heimlich aus Hubertusburg an den "Volksstaat" schrieb, weit mehr als +neun Monate Gefängnis den verantwortlichen Redakteuren aufbrummen +helfen. Und wie vorsichtig glaubte er zu sein. Hatte er einen solchen +Artikel auf der Pfanne und hegte er Bedenken gegen seine Fassung, so zog +er mich zu Rate. Er las mir alsdann die betreffende Stelle vor. Warnte +ich ihn, eine mir bedenklich scheinende Stelle im Artikel zu lassen, so +versuchte er mir nachzuweisen, daß und warum sie nicht gefährlich sei. +Er erhielt alsdann regelmäßig von mir die Antwort: Du würdest recht +haben, dächten Staatsanwalt und Richter so wie du. Er kaute alsdann an +einem Fingernagel und überlegte sich die neue Fassung. Manchmal war +diese aber noch schärfer als die frühere. Er trennte sich sehr ungern +von einem Gedanken, mit dessen Veröffentlichung er den Gegner ärgern +konnte. + +Außer Liebknecht war noch Karl Hirsch und ein Chemnitzer Parteigenosse +in der Festungshaft. Vahlteichs Haft war bereits zu Ende, doch sorgten +die Gerichte stets für Ersatz. Wir waren meist fünf bis sechs Genossen, +darunter zeitweilig auch irgend ein Student, der wegen Duellgeschichten +zu kurzer Festungshaft verurteilt worden war. Erst als meine Haft zu +Ende ging, war ich der letzte der Mohikaner, den Hubertusburg beherbergt +hatte. + +Es fiel uns auf, daß wir unsere Haft auf Hubertusburg statt auf der +sächsischen Festung Königstein zu verbüßen hatten. Der Grund war, daß +auf Königstein sich keine Räume für Zivilgefangene befanden, diese +mußten erst erstellt werden. + +Hubertusburg ist weiteren Kreisen bekannt geworden durch den 1763 hier +abgeschlossenen Friedensvertrag, der den siebenjährigen Krieg beendete. +Das Schloß ist ein stattlicher Bau im Zopfstil. Vor demselben dehnt sich +ein großer Hof aus, der durch pavillonartige ein- und zweistockige +Gebäude eingeschlossen ist, die früher den Hofbeamten und Bediensteten +zur Wohnung dienten. Zu unserer Zeit wohnten dort die Beamten der in +Hubertusburg vereinigten Anstalten und hatten daselbst ihre Bureaus. +Längere Zeit waren Teile der Gebäude als Landesgefängnis benutzt worden. +Für uns Festungsgefangene war ein Flügel dieser Bauten reserviert, in +dem man sieben oder acht Zellen eingerichtet hatte. Mit Hubertusburg +verbunden war ein Siechenhaus und eine Irrenanstalt für Frauen, und eine +Pflegeanstalt für blinde und blödsinnige Kinder. Die Insassen dieser +Anstalten bekamen wir aber nicht zu sehen. Unsere Zellen besaßen hohe +Fenster, die mit Eisenstäben versehen waren. Wir blickten aus den +Fenstern in den großen Wirtschaftsgarten, in dem wir unsere Spaziergänge +zu machen hatten, und über dessen Mauern hinaus auf Wald und Flur und +das in der Ferne liegende kleine Städtchen Mutzschen. + +Die Reinigung unserer Zellen besorgte ein sogenannter Kalfakter. Für +deren Reinigung und Miete--der Staat gibt auch den Gefängnisraum nicht +umsonst--hatten wir monatlich fünf Taler zu zahlen. Unser Essen bezogen +wir aus einem Gasthaus des an Hubertusburg grenzenden Wermsdorf. Unsere +Tagesordnung war folgende: Morgens 7 Uhr mußten wir angekleidet sein, +alsdann wurden die Zellen zwecks der Reinigung geöffnet. Während dieser +Zeit frühstückten wir auf dem breiten Korridor, der vor den Zellen +hinlief. Diese Pause benutzte Karl Hirsch, um mit einem Zivilgefangenen +eine Partie Schach zu spielen, wobei sich die beiden zu unserem größten +Ergötzen regelmäßig in die Haare gerieten. Um 8 Uhr wurden wir wieder +eingeschlossen bis 10 Uhr, zu welcher Zeit wir unseren Spaziermarsch im +Garten unternahmen. Um 12 Uhr wieder Einschließung bis 3 Uhr im Winter, +4 Uhr im Sommer, dann zweiter Spaziergang, von 5 beziehungsweise 6 Uhr +ab wieder Einschließung bis nächsten Morgen. Da wir das Recht hatten, +bis 10 Uhr abends Licht brennen zu dürfen, waren diese Stunden meine +Hauptarbeitszeit. Nach einigen Monaten erlangte ich, daß Liebknecht den +Vormittag von 8 bis 10 Uhr in meine Zelle mit eingeschlossen wurde, um +mir englischen und französischen Unterricht zu geben. Bei dieser +Gelegenheit wurden dann auch die Interna der Partei und die politischen +Vorgänge erörtert. Die Korrespondenz für mein Geschäft erledigte ich auf +Grund der Unterlagen, die mir täglich meine Frau sandte. + +Liebknecht und ich waren passionierte Teetrinker. Tee konnten wir aber +nicht erhalten, und das Selbstkochen war der Feuersgefahr wegen +verboten. Aber Verbote sind da, um übertreten zu werden. Ich verschaffte +mir also heimlich eine Teemaschine und die nötigen Ingredienzien. Sobald +am Abend der Aufseher die Zelle abgeschlossen und sich entfernt hatte, +begann ich Tee zu brauen. Um aber auch Liebknecht den Genuß desselben zu +ermöglichen, hatte ich mir im Garten einen etwa zwei Meter langen Stock +zurechtgeschnitten. An dessen Ende befestigte ich eine Schnur, die mit +einem von mir geflochtenen Netz versehen war, in das ich das gefüllte +Glas stellen konnte. War der Tee fertig, klopfte ich Liebknecht, dessen +Zelle neben der meinen lag, damit er ans Fenster trete. Alsdann +streckte ich den Stock mit dem Teeglas zum Fenster hinaus, beschrieb mit +demselben einen Bogen nach Liebknechts Fenster, worauf dieser, sobald er +das Glas in Händen hatte, mit einem: "Ich hab's, danke!" den Empfang +anzeigte. Aehnlich machten wir's mit dem Austausch der Zeitungen, die +jeder sobald als möglich lesen wollte. Wir hatten vor den Fenstern der +Zellen, längs der Eisenstäbe, eine Schnur ohne Ende angebracht. Wer mit +dem Lesen seiner Zeitung fertig war, befestigte diese mit einem Haken an +die Schnur, darauf klopfte er dem Nachbar, der alsdann ans Fenster trat +und das Zeitungspäckchen zu sich heranlotste. + +Kaum hatte ich mich in meiner Zelle häuslich eingerichtet, als ich wie +ein Taschenmesser zusammenklappte. Die großen Anstrengungen und +Aufregungen der letzten Jahre hatten mir nicht zum Bewußtsein kommen +lassen, wie sehr meine Kräfte heruntergekommen waren. Jetzt, wo ich +gewaltsam zur Ruhe verwiesen worden war und die Spannung nachließ, brach +ich zusammen. Die Erschöpfung war so groß, daß ich wochenlang keine +ernste Arbeit vornehmen konnte. Aber absolute Ruhe und frische Luft +brachten mich allmählich wieder auf die Füße. Mein Hausarzt hatte recht, +als er meine Frau tröstete, ein Jahr Festung werde meiner Gesundheit +nützlich sein. Später stellte sich bei einer genauen ärztlichen +Untersuchung auch heraus, daß mein linker Lungenflügel stark tuberkulös +angegriffen war und eine Kaverne aufwies, die auf der Festung ausheilte. +Freunde, die das erfuhren, meinten lachend, da sei ich ja dem Staate +Dank schuldig, daß er mich auf die Festung geschickt. Ich antwortete: +Dank würde ich ihm schulden, hätte er mich zu meiner Gesundung zu +Festung verurteilen lassen. Ich hatte wieder einmal, wie so oft im +Leben, "Schwein" gehabt. Was mein Verderben sein konnte, schlug zum +Guten aus. + +Nachdem unabänderlich feststand, daß ich für einunddreißig Monate meine +Freiheit eingebüßt hatte, entschloß ich mich, diese Zeit mit aller Kraft +zu verwenden, um die Lücken meines Wissens einigermaßen auszufüllen. +Sobald ich also wieder arbeitsfähig war, stürzte ich mich mit aller +Energie in die Arbeit, das beste Mittel, über eine unangenehme Situation +hinwegzukommen. Ich studierte hauptsächlich Nationalökonomie und +Geschichte. Zum zweitenmal studierte ich Marx' "Kapital", dessen erster +Band damals nur vorlag, Engels' "Lage der arbeitenden Klassen in +England", Lassalles "System der erworbenen Rechte", Stuart Mills +"Politische Oekonomie", Dührings und Careys Werke, Lavelayes +"Ureigentum", Lorenz Steins "Geschichte des französischen Sozialismus +und Kommunismus", Platos "Staat", Aristoteles' "Politik", Machiavellis +"Der Fürst", Thomas Morus' "Utopia", v. Thünens "Der isolierte Staat". +Von den Geschichtswerken, die ich las, fesselten mich besonders Buckles +"Geschichte der englischen Zivilisation" und Wilhelm Zimmermanns +"Geschichte des Deutschen Bauernkriegs". Letztere gab mir die Anregung, +eine populäre Abhandlung zu schreiben unter dem Titel "Der Deutsche +Bauernkrieg mit Berücksichtigung der hauptsächlichsten sozialen +Bewegungen des Mittelalters". Das Buch erschien bei W. Bracke in +Braunschweig; später, unter dem Sozialistengesetz, wurde seine +Verbreitung verboten. Eine zweite Auflage, die eine Neubearbeitung +erforderte, gab ich wegen Zeitmangel nicht mehr heraus. Auch die +Naturwissenschaften vernachlässigte ich nicht. Ich las Darwins "Die +Entstehung der Arten", Häckels "Natürliche Schöpfungsgeschichte", L. +Büchners "Kraft und Stoff" und "Die Stellung des Menschen in der Natur", +Liebigs "Chemische Briefe" usw. Ebenso widmete ich dem Lesen der +Klassiker einen Teil meiner Zeit. Ich war von einer wahren Lern- und +Arbeitsgier befallen. + +Ferner übersetzte ich während der Haft _"Etude sur le doctrines sociales +du Christianisme"_ von Ives Guyot und Sigismond Lacroix, eine +Uebersetzung, die unter dem Titel "Die wahre Gestalt des Christentums" +bis heute erscheint. Dazu verfaßte ich eine Gegenschrift unter dem Titel +"Glossen zu Ives Guyots und Sigismond Lacroix' Die wahre Gestalt des +Christentums, nebst einem Anhang über die gegenwärtige und zukünftige +Stellung der Frau". Der letztere Aufsatz war, glaube ich, die erste +parteigenössische Abhandlung über die Stellung der Frau vom +sozialistischen Standpunkt aus. Die Anregung zu dieser Abhandlung hatte +mir das Studium der französischen sozialistischen und kommunistischen +Utopisten gegeben. Auch machte ich während dieser Haft die Vorstudien zu +meinem Buche "Die Frau", das zuerst im Jahre 1879 unter dem Titel "Die +Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft" erschien und trotz des +Verbreitungsverbots unter dem Sozialistengesetz acht Auflagen erlebte. +Im Jahre 1910 erschien die 50. und 51. Auflage. + +Es war schön und nützlich, daß ich die Zeit meiner Gefangenschaft zu +meinem eigenen Besten verwenden konnte, nichtsdestoweniger atmete ich +auf und begrüßte den Tag, an dem ich meine Freiheit wieder erlangte. Da +aber jeder Gefangene, der seiner baldigen Befreiung entgegensieht, von +großer Unruhe und Ungeduld gepackt wird und Tage und Stunden zählt, +suchte ich dieselbe dadurch zu meistern, daß ich mir vornahm, noch ein +Pensum Arbeit zu erledigen, das nur unter äußerster Aufbietung der +Kräfte bewältigt werden konnte. Nach dieser Methode verfuhr ich auch bei +späteren Freiheitsentziehungen; ich fand sie probat. + +Unsere Familien besuchten uns alle drei bis vier Wochen einmal. +Wir setzten schließlich durch, daß sie die Gültigkeit der +Rückfahrkarten--drei Tage--ausnutzen durften. Sie wohnten während der +Zeit im Dorfe. Jede der Frauen brachte ein Kind mit; Frau Liebknecht +ihren Aeltesten, der etwas jünger war als meine Tochter. Die Reise war +beschwerlich, namentlich in der ungünstigen Jahreszeit. Die Frauen und +Kinder mußten schon früh vor 7 Uhr von Hause fort; Geld für eine +Droschke auszugeben, hätte jede der Frauen als ein Verbrechen angesehen. +Von vormittags ½10 bis abends 7 Uhr durften sie in unserer Zelle +bleiben, auch den Spaziergang im Garten mitmachen. Das war für uns eine +große Erleichterung der Haft. + +Ich hatte ein großes Bedürfnis zu körperlicher Arbeit. So kam ich auch +auf den Gedanken, wir sollten uns zu diesem Zweck im Garten einige Beete +anlegen. Unser Gesuch, uns dazu ein Stückchen Land zu überweisen, wurde +abgelehnt, wir könnten aber von dem mehrere Meter breiten Rain, der sich +längs der Gartenmauer hinziehe, in Betrieb nehmen, so viel wir wollten. +So geschah es. Mit dem nötigen Werkzeug ausgerüstet, gingen wir an die +Arbeit. Liebknecht, der damals seine Abhandlung über die Grund- und +Bodenfrage schrieb, betrachtete sich als agrarischen Sachverständigen. +Er versicherte, wir hätten an dem Rain einen vorzüglichen Humusboden zu +bearbeiten. Als wir aber die Spaten in den Boden stießen, antwortete ein +Mark und Bein durchdringendes Aechzen. Wir stießen bei jedem Spatenstich +auf Steine. Liebknecht machte bei diesem Resultat ein langes Gesicht, +wir lachten unbändig. Statt aus Humus bestand der Boden aus magerem +Lehm, den wir, wie unser Aufseher versicherte, düngen müßten, wenn wir +ernten wollten. Liebknecht und ich nahmen also einen großen Korb und +zogen nach einem Komposthaufen, der in einer Ecke des Gartens angelegt +war. Wer einen solchen Komposthaufen kennt, weiß, daß, wenn man ihn +ansticht, ihm Düfte entströmen, die alle Wohlgerüche Indiens und +Arabiens nicht überwinden können. Aber wir gingen mit wahrer +Todesverachtung ans Werk, und nachdem wir den Korb gefüllt, steckten wir +durch die Henkel zwei Stangen und trabten, Liebknecht vorn, ich hinten, +nach unserem Beet. Die im Garten arbeitenden Frauen lachten aus vollem +Halse, als sie unser Tun sahen. Ich habe damals und später öfter +geäußert: Mutete der Staat uns eine solche Arbeit zu, wir hätten sie mit +höchster Empörung zurückgewiesen. Das ist der Unterschied zwischen Zwang +und freiem Willen. + +Wir hatten unser Beet mit Radieschensamen bestellt und warteten +sehnsüchtig auf die Ernte. Der Same ging prachtvoll auf, das Kraut schoß +mächtig in die Höhe, aber die ersehnten Radieschen zeigten sich nicht. +Jeden Vormittag, sobald wir unseren Spaziergang antraten, veranstalteten +wir ein Wettrennen nach dem Radieschenbeet, denn jeder wollte die ersten +Früchte ernten. Vergebens. Als wir nun eines Tages kopfschüttelnd um +unser Beet standen und tiefsinnige Betrachtungen über die +fehlgeschlagene Ernte anstellten, lachte unser Aufseher, der in einiger +Entfernung unserer Unterhaltung zugehört hatte, und sagte: "Warum Sie +keine Radieschen bekommen, meine Herren, das will ich Ihnen sagen, Sie +haben zu fett gedüngt." Tableau! So war also alle unsere Mühe vergeblich +gewesen. + + * * * * * + +In den ersten Monaten des Jahres 1873 sollte wieder der Reichstag +zusammentreten, und so mußte die sächsische Regierung wohl oder übel +eine Neuwahl für den von mir innegehabten Wahlkreis anordnen. Der +Wahltag wurde auf den 20. Januar festgesetzt. Die ganze Partei +betrachtete es als eine Ehrensache, nicht bloß das Mandat für mich +wiederzuerobern, sondern auch mit höherer Stimmenzahl. Was an +agitatorischen Kräften zur Verfügung stand, eilte in den Wahlkreis. +Auer, Motteler, Vahlteich, Wilhelm Stolle, Walster, York usw. +gingen an die Arbeit. Als Gegenkandidat hatten die Gegner den +Bezirksgerichtsdirektor Petzoldt in Glauchau aufgestellt, ein wegen +seines leutseligen Wesens im Wahlkreis sehr beliebter Herr. Aber das +half ihnen nichts. Am Abend des Wahltags wurden für mich 10740, für +meinen Gegner 4240 Stimmen gezählt. Ich brauche nicht zu versichern, daß +dieses Wahlresultat im Wahlkreis wie in der ganzen Partei stürmischen +Jubel hervorrief. Das Resultat war eine klatschende Ohrfeige für den +Gerichtshof, der mir das Mandat aberkannt hatte. Ich hatte fast 4000 +Stimmen mehr erhalten als am 3. März 1871. Und damit nicht genug. Einige +Tage nach der Wahl veröffentlichte mein besiegter Gegner in der Presse +des Wahlkreises seinen Dank an die Partei, die den Wahlkampf gegen ihn +in so anständiger Weise geführt habe. + +Auer und York kamen nach der Wahl, nachdem sie zuvor meine Frau in +Leipzig besucht und sie beglückwünscht hatten, zu mir nach Hubertusburg, +um mir ebenfalls zu gratulieren. Es war ein fröhliches Wiedersehen. + +Als dann die Session des Reichstags begann, machte ich den Versuch, von +der sächsischen Regierung für die Teilnahme an dessen Sitzungen Urlaub +zu erhalten. Wie ich vorausgesehen, ohne Erfolg. Nunmehr stellte +Schraps, unterstützt von einer Anzahl liberaler Abgeordneter, den +Antrag, mich für die Dauer der Session aus der Strafhaft zu entlassen. +Dieser Antrag wurde mit großer Mehrheit abgelehnt. Der Abgeordnete v. +Mallinckrodt erklärte, er bedauere, daß ich an den Sitzungen des +Reichstags nicht teilnehmen könne, aber der § 31 der Reichsverfassung +erstrecke die Immunität der Abgeordneten nicht auf die Strafhaft. + +Ich bekenne, daß ich diesen Beschluß nicht bedauerte. Wäre ich +freigekommen, so mußte ich um die Urlaubszeit länger im Gefängnis +zubringen. Und da mich dieses Schicksal während drei bis vier Sessionen +getroffen haben würde, wäre statt im Frühjahr 1875 frühestens Sommer +1876 meine Haft zu Ende gewesen. + +In einem konstitutionellen Staate sollte es eine selbstverständliche +Sache sein, daß ein Abgeordneter, der in Strafhaft sich befindet, bei +Beginn einer Session sofort aus der Haft entlassen wird, um seine +Pflichten als Abgeordneter erfüllen zu können. Davon will man in +Deutschland nichts wissen. Und doch ist für einen Abgeordneten, der wie +ich mehrere Jahre Strafhaft zu verbüßen hatte, die regelmäßige +Beurlaubung während einer Session keineswegs eine Annehmlichkeit, wie +irrtümlicherweise allgemein angenommen wird. Ich wenigstens würde sie +als eine _Verschärfung_ meiner Haft angesehen haben, weil sie vor allem +meine wirtschaftliche Existenz noch schwerer geschädigt haben würde. + +Liebknecht und ich hatten selbstverständlich das Bedürfnis, wenigstens +mit den führenden Genossen draußen in möglichster Fühlung zu bleiben. +Das war allerdings nur in beschränktem Maße möglich. Konnten wir auch +öfter Briefe heimlich hinausbringen, die Gefahr bestand, daß durch eine +ungeschickte Antwort dieser Verkehr dem Anstaltsdirektor verraten wurde, +und das hätte für uns unangenehme Folgen gehabt. Es galt also, +vorsichtig zu sein. So schrieben wir nach Möglichkeit direkt, obgleich +diese Korrespondenz der amtlichen Kontrolle unterlag. Ab und zu nahm +dieselbe auch einen humoristischen Charakter an. Einen Brief, den ich +von Most als Antwort auf einen solchen von mir aus dem Zwickauer +Landesgefängnis erhielt, woselbst er wegen verschiedener Preß- und +Redevergehen über ein Jahr zu verbüßen hatte, bringe ich hier zum +Abdruck, weil er zugleich die Persönlichkeit Mosts am besten +charakterisiert. Most antwortete mir: + + Zwickau, den 21.4.73. + + Mein lieber Bebel! + + Aus Deinem Schreiben, das wie ein lichter Blitzstrahl aus düsterem + Himmel in meine Einsiedelei fuhr, ersehe ich und freue mich darüber, + daß es Euch ruchlosen Bösewichtern, die Ihr mittels Stahlfedern und + Tintentöpfen den Staat in Gefahr gebracht hattet, ganz vortrefflich + ergeht.--Ihr wollt nun auch wissen, wie es mit mir steht; glaub's + gern, da ich mir denken kann, daß es Euch gerade so ergehen wird, wie + es mir erging, ehe ich hier meinen Einzug hielt, daß Ihr nämlich bei + dem Namen Zwickau stets an ein Zwicken denkt und ein "Au"schreien zu + vernehmen wähnt. Ich muß gestehen, daß es mir trotz meiner zähen + Katzennatur und meines Galgenhumors--ohne mich gerade einer + Angstmichelei hinzugeben--nicht ganz so wohl war, wie den bekannten + 500 Säuen, wenn ich vor meiner Hieherkunft an dieselbe dachte, jetzt + aber, wo ich da bin, hat die Sache ein ganz anderes + Gesicht.--Natürlich solch ein Jagdschloßleben wie Ihr führe ich nicht, + sondern eher ein Karthäusermönchsdasein, allein Langeweile habe ich + desungeachtet auch nicht, da ich ja noch gar vieles nachzuholen habe + und jetzt daher die Gelegenheit zu fleißigem Studieren benütze. Zur + Zerstreuung dienen mir die Zeitungen, welche ich erhalte, und alle + meine leiblichen Bedürfnisse befriedige ich _in gewohnheitsmäßiger + Weise_ (Kost, Kleidung usw.). Ueberhaupt erdulde ich nur eine + Freiheits-, nicht aber auch eine Leibesstrafe, wofür ich alles halte, + was dem Gefangenen außer der Entziehung seiner Freiheit angetan wird. + Bequemlichkeiten habe ich, von einem zu schriftlichen Arbeiten + geeigneten Tische abgesehen, nicht. Nach einem eigenen Bette empfinde + ich kein Bedürfnis, während ich aber mein eigenes Kopfkissen benütze. + Die Zelle ist eben eine solche, wie sie Vahlteich schilderte (der + ebenfalls längere Zeit im Landesgefängnis zu Zwickau war); andere gibt + es hier nicht; man gewöhnt sich indes bald daran, zumal diese Zellen + trotz des hochgelegenen Fensters sehr hell sind. Spazieren gehe ich + pro Tag 2 Stunden in einem Raume, welcher ein Mittelding zwischen Hof + und Garten ist, und zwar allein. Besuche macht mir niemand, weshalb + ich natürlich auch keine annehmen kann. Dir wird es seinerzeit nicht + verwehrt werden, daß Du mit Deinen Familiengliedern verkehrst. Ebenso + wird man Dir so wenig wie mir den Bart abnehmen wollen. Licht brenne + ich bis 10 Uhr. So, das wäre das Wesentlichste, was ich Dir von meiner + Sozialistenklause aus berichten kann. Betreffs der Studien seid Ihr + freilich schön heraus, da Ihr gleich Euren Professor bei Euch habt. + Ich fühle es besonders bei Sprachstudien, wie sehr da ein Lehrer + mangelt, zumal ja die Konversation ohne einen solchen gar nicht + gepflogen werden kann. Apropos! Was für ein Lehrbuch benütztest Du + fürs Französische? Mir hat Vahlteich auf meinen Wunsch nach einer + französischen Grammatik einen ganz antiken, unbrauchbaren, + unausstehlich-umständlichen und verkehrten Schunken (Hirzel) + übermittelt, den ich schon manchmal vor Zorn am liebsten mitten + entzwei gerissen hätte.--Was Du von Thiers schreibst, ist klar. Dieser + Knirps ist der größte Intrigant Frankreichs, der lebendig gewordene + Geldsack und zugleich die einzige Person, welche die Sache der + Monarchie zu fördern verstand, freilich ohne Erfolg, allein der Plan + war wenigstens nicht schlecht angelegt: den Status quo so lange wie + möglich aufrecht zu erhalten und so schön langsam, gleichsam + unmerklich die Republik erblassen und die Monarchie erscheinen zu + lassen. Jeder andere Monarchist würde an seiner Stelle längst einen + Staatsstreich gemacht haben und--dabei das Genick gebrochen, wie + überhaupt der Monarchie den letzten Rest gegeben haben. In + Spanien--ist man zu glauben versucht--haben die regierenden + Tratschweiber vor lauter Schwätzen ihr bißchen Verstand verloren, + sonst könnte es doch wahrhaftig nicht möglich sein, daß sie mit der + Handvoll karlistischer Mordbrenner nicht fertig werden. Nun, + hoffentlich wird da, wie in Frankreich, bald energisch + ausgemistet.--Du staunst über die Fortschritte, die unsere Sache in + der jüngsten Zeit gemacht hat; nun, die Ursachen sind zahlreich genug, + um solche Wirkungen zu erzeugen. Ich sage Dir: nur 1000 Mann wie Du, + oder selbst nur wie ich (ohne Selbstüberhebung)--und Europa, nicht + bloß Deutschland, ist binnen 5 Jahren sozialistisch. Es erstehen zwar + neue Kräfte genug, und wenn die Feigheit nicht so groß wäre, zeigte + sich noch mancher, aber es sind viel zu wenig. Man sollte glauben, die + meisten Menschen fallen bei der Geburt auf den Kopf oder gar auf den + Mund, weil sie nicht imstande sind, den letzteren ordentlich + aufzumachen. Und wir brauchen weiter nichts, als bloß Leute, die Mund + und Herz am rechten Flecke haben.--Wenn ich mich schon in keinen + großen Hoffnungen wiege, so freue ich mich immerhin gewaltig auf die + nächste Wahlkampagne. Wenigstens wird agitatorisch gefletscht werden, + daß die Funken sprühen. Die Situation ist für uns wie geschaffen. + Fortschritts-Bankrott, Siegestaumel-Katzenjammer, Invalidenfrage, + Wohnungsfrage, Schulfrage, Milliardenfrage, Friedensfrage, + Gründerfrage, "Kulturkampf"-Angelegenheit, Fabrikantenbünde, + Maßregelungen, Verfolgungen, Schubsereien usw. werden ihr Schärflein + zu unsern Gunsten beitragen. Somit konserviere ich meine Lungenflügel + und wetze meinen Schnabel, um dereinst mit wahrer Wollust, wenn die + Wahlschlacht tobt, so manchen politischen Sumpfpiraten in den Grund + bohren zu können.--In Sachsen freilich werde ich direkt nicht + lospauken können, allein es gibt anderwärts auch viele Leute, denen + man die Bretter loslösen muß, welche vor ihre Hirnkästen genagelt + sind. Aus Sachsen wurde ich nämlich polizeilich ausgewiesen, wiewohl + sich die höheren Instanzen noch nicht darüber ausgelassen haben, ob + dieses Ding der gesetzlichen Unmöglichkeit auch durchgeführt werden + soll, allein ich erwarte nichts Gutes, es ist mir aber auch ganz + "schnuppe", wie die Sache abläuft. Weniger "schnuppe", ja geradezu + unbegreiflich ist es mir, daß zu diesem Akt ...[1] der sanfte + Julius[2] bisher nicht zu bewegen war, einen Kommentar zu liefern. + Richtig, das Schönste hätte ich bald vergeben: im Falle ich trotz + Ausweisung wieder in Sachsen mich zeigen sollte, wurde mir aktenmäßig + bedeutet, _steckt man mich in ein Korrektionshaus!!_--Und auch darüber + wird geschwiegen.--Nun, wenn ich wieder frei bin, ist auch noch + Gelegenheit zum------. + + Im allgemeinen befinde ich mich sehr wohl und bin bei ausgezeichnetem + Humor. Jetzt lebe wohl, grüße alle Insassen des Sozialistenseminars + und sei auch Du bestens gegrüßt von Deinem + + Joh. Most. + +Einen anderen Charakter wie der Mostsche Brief hatte ein solcher von +Kokosky an uns. Dieser, der 1871 in Königsberg die "Demokratischen +Blätter" herausgab, mußte diese bald eingehen lassen und trat Ende 1872 +auf Einladung von Bracke in die Redaktion des "Braunschweiger +Volksfreund". Kokosky hatte eine sehr humoristische Ader, wovon die +Kneipabende der damaligen Parteitage zu erzählen wissen. Auch er verfiel +dem Schicksal der Parteiredakteure jener Zeit. Es währte nicht lange, +und er hatte so und so viele Monate Haft auf dem Rücken. Diese verdarben +ihm aber nicht den Humor, wie folgender Brief zeigt: + + Braunschweig, den 14. Mai 1873 + + Werte Freunde! Sie haben es gut; vorsorglich hat der väterliche Staat + Sie in sein Gewahrsam genommen, damit Sie in beschaulicher Stille die + Segnungen einer guten Regierung kennen lernen. Haben die drei Männer + im feurigen Ofen Loblieder singen können, warum sollt Ihr es nicht, + wenn es anders die Festungsordnung nicht verbietet, hinter den Mauern + von Hubertusburg können? + + Auch mir hat eine gütige Vorsehung drei Monate Festungshaft gewährt, + damit ich wenigstens für einige Zeit den Schreckruf nicht zu hören + brauche: Herr Kokosky, es fehlt Manuskript! Schon der Gedanke hat + etwas Beruhigendes, daß etwaige Briefe, die man empfängt, erst vorher + die Zensur passieren müssen, so daß unangenehme und aufregende + Mitteilungen fern gehalten werden. So enthalte ich mich auch aller + revolutionären Mitteilungen, so gern ich Euch auch über den Stand der + Rüstungen, über die äußerst gelungene Anfertigung der Handgranaten und + Nitroglyzerinbomben, die wahrhaft Wunder verrichten, aufklären möchte. + Nur das eine: + + Hamburg, 27. Mai. Petroleum fester; loco R.-M. 16,20-80, per Mai + 16,20, Aug.-Dez. 17 B., 16,90 G. + + Die Bourgeoisie fängt bereits an, Sie zu beneiden. Als neulich in + einer Bourgeois-Gesellschaft auf die Sozialdemokraten losgezogen + wurde, meinte ein für sehr fein, ja für oberfein gehaltener Börsier: + "Bei den heutigen Börsennachrichten geht mir der Kopf so mit Grundeis, + daß ich Bebel beneiden möchte, daß er ruhig kann sitzen in + Hubertusburg und braucht sich nicht zu kümmern um die Schwankungen der + Kurse. Man gebe so einem Sozialdemokraten so für 30000 Taler + Wechslerbank zu 130 und lasse sie dann fallen auf 85, oder Louise + Tiefbau mit 15 Prozent über Pari, und ich kann Ihnen sagen, sie sind + gestraft genug." So, von dieser Seite müßt Ihr die Sache betrachten + lernen, dann wird das gärende Drachengift sich wieder in die Milch der + frommen Denkungsart verwandeln, mit welcher und mit den herzlichsten + Grüßen--ich schließe, da der Brief zur Post gebracht werden soll--ich + bleibe + + Euer treuer Freund und Parteigenosse + + S. Kokosky. + + * * * * * + +Am 29. Oktober 1873 starb der König Johann von Sachsen, und sein Sohn +Albert trat an seine Stelle. Da in der Regel ein solcher Thronwechsel +mit einer Amnestie verbunden ist, hofften auch unsere Frauen auf eine +solche. Man konnte ihnen das nicht verargen, denn sie litten am +härtesten unter unserer Verurteilung und Haft, die wir als eine nicht zu +vermeidende Konsequenz unserer Tätigkeit ansahen. Sobald wir aber von +den erweckten Hoffnungen erfuhren, schrieben wir ihnen, sie möchten +sich nicht mit falschen Hoffnungen tragen. Eine Amnestie werde kommen, +aber nicht für uns. In dem Briefe an meine Frau bemerkte ich: der neue +König werde eher alle Zuchthäusler Sachsens begnadigen als uns. Die +Amnestie fiel sehr mäßig aus, von den zahlreichen gefangenen +Parteigenossen in den verschiedenen sächsischen Gefängnissen wurde nach +meiner Erinnerung nicht einer getroffen. Und das war gut so. Die +allgemeinen Reichstagswahlen, die Anfang 1874 stattfanden, weil damals +der Reichstag nur eine dreijährige Legislaturperiode hatte, zeigten eine +Stimmung, die durch Amnestien nicht hätte verdorben werden dürfen. + +Mir kam der Gedanke, daß ich mich auch als Gefangener in sehr nützlicher +Weise an der Wahlagitation beteiligen könnte durch Abfassung einer +Broschüre über die bisherige Tätigkeit des Reichstags, die den +Kandidaten und Agitatoren der Partei das nötige Material liefere. +Gedacht, getan. Die Broschüre erschien rechtzeitig unter dem Titel: Die +parlamentarische Tätigkeit des Reichstags und der Landtage und die +Sozialdemokratie von 1871 bis 1873. Als Anhang hatte ich derselben +die wichtigsten Bestimmungen des Reichswahlgesetzes, der +Wahlgesetzverordnung, der einschlägigen Bestimmungen des +Reichsstrafgesetzbuchs, der Vereinsgesetze und Winke für die Agitation +angefügt. Die Broschüre, die anonym erscheinen mußte, wurde von der +Partei mit großer Genugtuung begrüßt. Zwei Jahrzehnte später machte mir +sogar der Abgeordnete Eugen Richter ein Kompliment darüber, als wir uns +eines Tages auf einer Reise nach Hamburg in einem Wagenabteil +begegneten. Wir hatten bis dahin, obgleich wir damals bereits über +fünfundzwanzig Jahre Kollegen im Reichstag gewesen waren, nie +miteinander eine Privatunterhaltung gepflogen. Diese kam jetzt in Fluß. +Im Laufe der Unterhaltung erzählte mir Richter, er habe in den siebziger +Jahren in einer thüringischen Stadt einen Vortrag in einer +Volksversammlung gehalten, wobei in der darauf stattgefundenen Debatte +ihm ein Parteigenosse von mir eine Reihe Sünden vorgehalten, die er zum +Teil längst vergessen gehabt habe. Da er bemerkte, daß der Redner die +Vorwürfe aus einer Broschüre zitierte, habe er einen seiner +Parteigenossen gebeten, sich an den Redner heranzuschlängeln, um +festzustellen, was für eine Broschüre es sei, aus der er zitiere. Er +habe alsdann sich dieselbe beschafft und aus dem Inhalt ersehen, daß die +der Broschüre zugrunde liegende Idee eine sehr gute sei. Darauf habe er +sich entschlossen, den Gedanken, wenn auch in anderer Form, ebenfalls +für seine Partei zur Durchführung zu bringen. So sei sein bekanntes +politisches Abcbuch entstanden. Ich war in diesem Augenblick ein wenig +stolz, meinem vielgerühmten politischen Gegner als Lehrmeister gegenüber +zusitzen. Später haben bekanntlich auch die anderen Parteien, unserem +Beispiel folgend, derartige politische Leitfäden herausgegeben. + +Eine andere Wirkung meiner Broschüre war, daß ein Kaplan Hohoff aus +Hüffe in Westfalen sich veranlaßt sah, in mehreren Artikeln, die der +"Volksstaat" veröffentlichte, gegen meine Auffassung des Christentums +und des Kulturkampfes zu polemisieren. Ich antwortete in einer Reihe +Artikel, die nachher als Broschüre unter dem Titel "Christentum und +Sozialismus" erschienen sind und bis heute eine größere Zahl Auflagen +erlebten. + +Die Wahlen waren auf den 10. Januar 1874 angesetzt worden. Das +Wahlresultat war für uns sehr befriedigend. Wir hatten auf den +ersten Hieb sechs Abgeordnete durchgebracht--Seib-Freiberg, +Liebknecht-Stollberg-Schneeberg, Most-Chemnitz, +Vahlteich-Mittweida-Burgstädt, Motteler-Crimmitschau-Zwickau und mich in +meinem alten Kreise Glauchau-Meerane. Im 13. Wahlkreis Leipzig-Land war +Johann Jacoby in Stichwahl gekommen. Der Allgemeine Deutsche +Arbeiterverein hatte zwei seiner Kandidaten durchgebracht. Hasenclever +in Altona und Reimer im schleswig-holsteinschen Wahlkreis Seegeberg. +Hasselmann kam in Barmen-Elberfeld zur Stichwahl und siegte. Auch Johann +Jacoby siegte mit 7577 gegen 6674 Stimmen, aber zur allgemeinen und +unangenehmen Ueberraschung der Partei lehnte er das Mandat ab. Es war +richtig, er hatte bei der Befragung, ob er eine Kandidatur annehme, +nicht auch die Zusage gemacht, daß er eine Wahl annehmen werde. Er hatte +in seinem Briefe ausgeführt: Den Parteigenossen sei seine Ansicht über +das preußisch-deutsche Kaisertum bekannt; sie möchten hiernach +ermessen, wie wenig Verlangen er trage, an den unersprießlichen +Reichstagsverhandlungen sich zu beteiligen. Sollte--aus taktischen +Gründen--die Partei für gut befinden, ihn als Kandidaten aufzustellen, +so habe er nichts dagegen, er müsse jedoch im voraus bemerken, daß +er--im Falle der Wahl--die freie Entscheidung über Annahme oder +Ablehnung des Mandats sich vorbehalte. In dem Ablehnungsbrief bemerkte +er, er habe seine Kandidatur nur als Protestkandidatur aufgefaßt, denn +wie er über die neue Ordnung der Dinge in Deutschland denke, habe er +schon am 6. Mai 1867 im preußischen Abgeordnetenhaus ausgesprochen. Er +glaube nicht daran, daß man auf parlamentarischem Wege einen +Militärstaat in einen Volksstaat verwandeln könne. + +Der Fehler lag beim Wahlkomitee, das auf seinen ersten Brief keine klipp +und klare Antwort verlangte. Die Aufregung über den Schritt Jacobys +wurde in der Partei noch größer, als bei der Nachwahl unser Kandidat +Wilhelm Bracke mit 5676 gegen nahe an 8000 Stimmen, die auf den Gegner +fielen, unterlag. Ich selbst war über den Vorgang so aufgebracht, daß +ich einen heftigen Brief an Dr. Guido Weiß, den Freund Jacobys, schrieb, +worin ich die Ablehnung der Wahl tadelte. + +Die beiden Fraktionen der Sozialdemokratie waren also nunmehr durch 9 +Abgeordnete im Reichstag vertreten. Die Stimmenzahl, die auf ihre +Kandidaten fiel, betrug 351670, davon kamen auf die Kandidaten des +Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins 180319, auf die Kandidaten der +Sozialdemokratischen Arbeiterpartei 171351. Beide Fraktionen musterten +also eine fast gleich starke Anhängerzahl; die Gesamtstimmenzahl war +gegen 1871 um 200 Prozent, im ganzen um 236000 Stimmen gestiegen. + +Dieser glänzende Wahlausfall hatte in den höheren Regionen wie in den +bürgerlichen Kreisen stark verschnupft. Ein solches Resultat hatte man +nicht erwartet. Es zeigte sich, daß allen Verfolgungen und Schikanen zum +Trotz die Partei ständig wuchs, und so verdichteten sich die schon +vorhandenen Gedanken in den maßgebenden Kreisen mehr und mehr, der +Partei mit Ausnahmemaßregeln auf den Leib zu rücken. + + * * * * * + +Das tägliche Einerlei unserer Haft wurde Ende Februar 1874 durch einen +Besuch von Gustav Rasch in amüsanter Weise unterbrochen. Rasch war ein +wenig Sensationsschriftsteller, er liebte es, in seinen Arbeiten die +Farben etwas dick aufzutragen. Er hatte sich dadurch einen Namen +gemacht, daß er Ende der fünfziger und in der ersten Hälfte der +sechziger Jahre in der "Gartenlaube" und mehreren großen liberalen +Zeitungen zahlreiche Artikel veröffentlichte über die Schandwirtschaft +der Oesterreicher in Venetien und die "Tyrannenherrschaft" der Dänen in +Schleswig-Holstein, die großes Aufsehen erregten. Liebknecht und ich +hatten ihn in Berlin kennen gelernt. Jetzt kam er hauptsächlich wohl zu +einem Besuch, weil er hoffte, Material für einen Artikel zu erhalten. +Solche Besuche fanden auf dem Bureau in Gegenwart eines Beamten statt +und sollten nicht über eine Stunde währen. Das paßte aber Rasch nicht. +Er verlangte vom Direktor, mit uns unter vier Augen sprechen zu dürfen, +auch wünschte er unsere Zellen zu sehen. Der Direktor lehnte dieses +Ansinnen mit den Worten ab: Er (Rasch) solle sich doch in seine Lage +denken, um einzusehen, daß das nicht gehe; wäre er (Rasch) Direktor, +könnte er auch nicht anders handeln, worauf Rasch mit seiner göttlichen +Unverfrorenheit antwortete: O, wenn er Direktor wäre, er erlaubte es +sicher! Eine Antwort, die uns alle zu schallendem Gelächter veranlaßte. + + +FUSSNOTEN: + +[1] Die Stelle wurde durch den Kontrollbeamten gestrichen. + +[2] Vahlteich. Most beschuldigte Vahlteich, daß er seine Kandidatur für +den Reichstag unmöglich zu machen suche und die Veröffentlichung +verschiedener Mitteilungen für die "Chemnitzer Freie Presse" +unterdrückte. + + + + +Königstein. + + +Im Laufe des März wurde uns offiziell mitgeteilt, wir würden am 1. April +nach der Festung Königstein überführt werden. Die Nachricht war uns +nicht angenehm. Liebknechts Haft ging Mitte April, die meine Mitte Mai +zu Ende und da kam uns ein Umzug mit unseren Büchern und Skripturen und +verschiedenen Möbelstücken sehr ungelegen. Im letzten Moment wurde aber +die Uebersiedlung verschoben, und so konnte Liebknecht am 15. April von +Hubertusburg nach Leipzig reisen. Ich aber mußte am 23. April 1874 die +Reise nach dem Königstein in Begleitung eines Beamten in Zivil +unternehmen. Als ich mich am Tage vor der Abreise vom Direktor +verabschiedete und ihm für sein Entgegenkommen in so mancher +Angelegenheit dankte, war er sehr gerührt. Er drückte mir zum Abschied +warm die Hand und entließ mich mit den Worten: Gehen Sie mit Gott! Der +beste Wunsch, den er von seinem Standpunkt aus wohl glaubte mir mitgeben +zu können. Als ich dann am nächsten Morgen 5 Uhr die Reise antrat, war +auch die ganze Familie des Aufsehers versammelt, um sich von mir zu +verabschieden. Dieser wurde nunmehr nach dem Waldheimer Zuchthaus +versetzt; ich glaube, die Zeit, in der er uns unter seiner Obhut hatte, +war die schönste seines Lebens. Er starb bald nachher. + +Der 23. April war ein herrlicher Tag, das ganze Elbtal grünte und blühte +in voller Frühlingspracht. Beim Aufstieg auf die Festung begegneten wir +dem Gouverneur der Festung, Generalleutnant v. Leonhardti, dem ich durch +meinen Begleiter vorgestellt wurde. Während wir nun selbander den Weg +nach oben zurücklegten, ließ sich der General in eine Unterhaltung mit +mir ein. Er wünschte zu wissen, wie die Tagesordnung und die Behandlung +in Hubertusburg gewesen sei. Nachdem ich ihm die gewünschte Auskunft +gegeben, meinte er: Na, schlechter sollen Sie es bei mir nicht haben. + +Als Aufenthalt wurde mir ein altes, nach früheren Begriffen bombenfestes +Gebäude angewiesen, das vordem Zeughaus war. Auf dem Korridor standen +zur Stütze des Daches Balken von einer Dicke, wie man sie nur noch auf +den Böden alter Kirchendächer sieht. Die Stube war geräumig und hatte +zwei schießschartenartige Fenster, die mit dicken Eisenstäben versehen +waren, als gelte es, Mörder und Mordbrenner in Gewahrsam zu halten. An +der einen Wand stand ein riesiger Kachelofen, in dem die fünf Pfund +Kohlen, die mir als tägliches Deputat der Staat gewährte--denn es war +trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit und dem prächtigen Frühlingswetter +in dem Raum bitter kalt--, verschwanden. Ich mußte mir auf eigene Kosten +noch Feuerungsmaterial beschaffen, wollte ich nicht frieren. Hätten wir +unsere ganze Haft dort oben verbringen müssen, wir hätten ein kleines +Vermögen für Feuerungsmaterial zugesetzt. + +Eine interessante Persönlichkeit war mein Wärter. Dieser, ein +siebzigjähriger Mann, leistete schon seit 36 Jahren auf der Festung +Dienst und hatte 1849 zwei Mitglieder der provisorischen Regierung +Sachsens, Tod und Heubner, ferner August Röckel und einen der Leiter des +Dresdener Maiaufstandes, Michael Bakunin, den später nach den einen +berühmt, nach den anderen berüchtigt gewordenen Führer der Anarchisten, +in seiner Obhut. Die Genannten befanden sich auf der Festung in +Untersuchungshaft. + +Sehr beschränkt war der Raum für meinen Spaziergang, der sich auf einen +einzigen kurzen Weg in dem kleinen Park der Festung erstreckte und bei +dem regelmäßig ein Posten Wache stand, um die zahlreichen Besucher des +Königsteins mir fern zu halten. Das einzig Zufriedenstellende war die +Kost, die ich aus einer kleinen Wirtschaft auf der Festung bezog. Der +Wirt schien mich in sein Herz geschlossen zu haben; das Essen war nicht +nur sehr gut und billig, sondern auch sehr reichlich. Ich war +verwundert, als ich am ersten Tage die für mich bestimmte Portion sah, +war aber höchlich überrascht, als ich sie ganz verzehrte. Die Höhenluft +tat ihre Wirkung. Die Soldaten der kleinen Besatzung klagten, daß sie +hier oben nie satt würden und froh seien, wenn sie abgelöst würden, was +alle drei Monate geschah. + +Endlich kam der 14. Mai, der Tag der vorläufigen Befreiung. Unter denen, +die mich zu Hause begrüßten, befand sich auch Eduard Bernstein, der +extra zu diesem Zweck von Berlin nach Leipzig gekommen war. Ich hatte +Bernstein bereits 1871 in Berlin kennen gelernt. Durch Vermittlung +meines Rechtsanwalts Otto Freytag hatte sich das Ministerium +herbeigelassen, mir bis zum Antritt der neunmonatigen Haft im +Landesgefängnis in Zwickau eine sechswöchige Frist zu gewähren. Da in +diese Pause Pfingsten fiel, machte ich mit meiner Frau und Tochter und +einigen Freunden einen Ausflug nach der sächsischen Schweiz und dem +Königstein. Hier machte es mir großes Vergnügen, daß die Zelle, in der +ich drei Wochen kampiert hatte, mittlerweile zu den Sehenswürdigkeiten +der Festung avanciert war. Der Fremdenführer machte auf die Fenster der +Zelle, die mich damals beherbergte, aufmerksam. Später ist ihm das +verboten worden. Für die Dresdener Parteigenossen hieß der Königstein +längere Zeit scherzweise die Bebelburg. + + + + +Zwickau. + + +Nachdem ich vor meinem Haftantritt dem Direktor des Landesgefängnisses +einen Besuch abgestattet, um zu erfahren, welche Erleichterungen er mir +als politischer Gefangener während der Haft gewähren wollte, rückte ich +am 1. Juli 1874 dort ein. Die Einrichtungen des Gefängnisses und die +Erleichterungen, die den meisten politischen Gefangenen gewährt wurden, +sind bereits in dem Mostschen Brief an mich erwähnt. Ich kann hier +darauf Bezug nehmen. Den Besuch der Familie sollte ich monatlich einmal +auf eine Stunde unter Aufsicht eines Beamten genießen können. Nachdem +meine Frau einen solchen im dritten Monat meiner Haft gemacht hatte, +verzichteten wir beiderseitig darauf, den Besuch zu erneuern. Zu den +Kosten der Reise auch noch die Beamtenkontrolle über jedes Wort, das man +miteinander sprach, in den Kauf nehmen zu sollen, das war ein zu großes +Opfer. Anderweite Besuche empfing ich auch nur vereinzelt, ich sehnte +mich nicht danach. + +Ich stürzte mich nunmehr wieder mit allem Eifer in die Arbeit. Sehr +aufregend wirkte auf mich, als von meiner Frau Berichte einliefen über +den schweren Stand, den wir geschäftlich hatten, denn mittlerweile war +die große Industriekrise mit aller Wucht hereingebrochen und machte sich +obendrein für uns die ruinöse Konkurrenz eines neu errichteten +Fabrikbetriebs geltend. Wer eine solche Situation nie durchgemacht hat, +ahnt nicht, wie niederdrückend das Bewußtsein vollständiger +Hilflosigkeit auf den Gefangenen wirkt. Meine Hauptgefängnisarbeit war +die schon erwähnte Geschichte des deutschen Bauernkriegs--die längst +vergriffen ist--, die aber schon aus dem Grunde kein Meisterwerk werden +konnte, weil mir die nötigen Hilfsmittel fehlten. Ich schrieb das Buch, +weil mir der große deutsche Bauernkrieg von 1525 und die ihm unmittelbar +vorhergehenden revolutionären Bauernaufstände mit das wichtigste +Ereignis der neueren deutschen Geschichte zu sein dünkt, das die +offizielle Geschichtschreibung zu schildern schmählich vernachlässigte. + +Am 1. Januar 1875 erhielt ich durch Motteler eine Depesche, daß am +Vorabend York gestorben sei. York war ein knorriger und eigenwilliger +Charakter, aber auch ein Mann von unermüdlicher Tätigkeit und höchster +Opferwilligkeit. Dabei war er äußerst bescheiden. Er begnügte sich in +den ersten Jahren als Parteisekretär mit einem Gehalt, das ihm nicht +einmal erlaubte, wie er mir mal schrieb, sich eine neue Hose +anzuschaffen. Er starb arm wie eine Kirchenmaus, die Partei dankte ihm +dadurch, daß sie die Sorge für seine Frau und Kinder übernahm. An Yorks +Stelle war schon den Herbst zuvor Auer als Parteisekretär eingetreten. + +Endlich waren auch die neun Monate Zwickau überstanden. Am 1. April +1875--dem 60. Geburtstag Bismarcks--wurde ich entlassen. Der Abschied +zwischen dem Direktor und mir war auch hier ein warmer. Ich habe +allezeit den Grundsatz befolgt, sich in Unvermeidliches, das man nicht +zu ändern vermag, nach Möglichkeit zu fügen und den Dingen die beste +Seite abzugewinnen. Von diesem Gesichtspunkt ausgehend, bin ich, ohne +mir dabei das geringste zu vergeben, den Gefängnisbeamten bei Ausübung +ihres schweren Amtes möglichst entgegengekommen, indem ich mich in die +vorgeschriebene Ordnung fügte. Dafür waren sie stets dankbar. In den +größeren Gefängnissen haben es die Beamten mit so viel sozial +bedenklichen und verkommenen Elementen zu tun--den traurigen Produkten +unserer famosen sozialen Ordnung--, daß ihr Dienst einer der schwersten +ist, den es gibt; sie sind glücklich, wenn sie Leute unter ihre Obhut +bekommen, mit denen sie menschlich verkehren können. + +Die Zwickauer Genossen hatten sich am Tage meiner Entlassung zu einer +Ovation vereinigt; sie überreichten mir und meiner Frau ein paar feine, +mit einer Widmung versehene Kaffeetassen. Wir sollten das sächsische +Nationalgetränk künftig noch recht lange in voller Ruhe und Muße und +ungetrennt genießen. Der Wunsch war gut gemeint, aber in Erfüllung ging +er nicht. + +Unter den zahlreichen Gratulanten, die mir ihre Glückwünsche zu meiner +Befreiung übermittelten, befand sich auch die damals noch demokratische +"Frankfurter Zeitung", die unter anderem mit Hinweis auf Bismarcks +Geburtstag schrieb: + + "... Unser Glückwunsch sucht an einem anderen Orte einen anderen Mann. + Er gilt dem schlichten Bürger und Arbeiter, der morgen nach fast + ununterbrochener dreijähriger Haft das Gefängnis verläßt mit demselben + fleckenlosen Rufe, mit dem er es nach einem Richterspruch, über den, + soweit es von der Mitwelt noch nicht geschehen ist, die Nachwelt + richten wird, betreten hat, geliebt von seinen Parteigenossen, + gefürchtet und geachtet von seinen Gegnern. Wir zählen nicht zu diesen + noch zu jenen, aber wir schätzen, wo wir sie finden, + Ueberzeugungstreue und ehrliches, uneigennütziges Streben, und es + erfüllt uns die stärkste Sympathie für jeden, der um ihrer willen + leiden muß.... Gruß und Glückwunsch darum dem Reichstagsabgeordneten + August Bebel." + +Einige Monate zuvor hatte mir der Hauptbesitzer der "Frankfurter +Zeitung", Leopold Sonnemann, zwanzig Flaschen Wein ins Gefängnis +geschickt; ich ließ sie nach Hause wandern, da im Gefängnis solche +Genüsse nicht gestattet werden. Ich trank sie nachher in Gemeinschaft +mit meiner Frau und Freunden. Zu meiner Freilassung am 1. April sandte +mir dann Sonnemann noch einen brieflichen Glückwunsch, worin er +bemerkte: "Ich hoffe, daß nunmehr Dein Martyrium auf längere Zeit ein +Ende hat." Wir duzten uns seit 1866. + + * * * * * + +Kurze Zeit nach meiner Entladung aus Zwickau erhielt ich einen Brief von +Professor Schäffle aus Stuttgart. Schäffle hatte nach seinem Rücktritt +aus dem Ministerium Hohenwart in Wien sich nach Stuttgart zurückgezogen, +woselbst er seinen Studien lebte. 1874 war von ihm eine Broschüre, +betitelt "Die Quintessenz des Sozialismus", erschienen, die durch die +objektive Beurteilung, die er darin dem Sozialismus zuteil werden ließ, +großes Aufsehen machte. Jetzt sandte er mir den ersten Band seines +dreibändigen Werkes "Bau und Leben des sozialen Körpers" nebst einem +Brief mit folgendem Inhalt: + +Er wisse nicht, ob ich mich seiner noch vom Zollparlament her erinnere. +Gesehen hätten wir uns seitdem nicht mehr, aber wohl öfter voneinander +gehört. Gingen wir auch in vielem in unseren Lebensauffassungen +auseinander, so sei doch wohl das Interesse an den sozialen Fragen bei +uns gleich stark geblieben. Er sei daher so frei, mir ein Exemplar +seines neuen Buches, in dem mich wohl manche Ausführung interessieren +dürfte, zu übersenden. Es würde ihn freuen, wenn ich das Buch, das ihm +viel Gedankenarbeit verursacht habe, als ein Zeichen der Erinnerung +entgegennehmen wolle. + +Ich antwortete entsprechend und dankte ihm nachträglich noch besonders +dafür, daß er bei seinem Eintritt ins Ministerium Hohenwart die Amnestie +für die verurteilten "Hochverräter" Scheu, Most, Oberwinder usw. erlangt +habe. + +Im Sommer 1877 besuchte mich Schäffle in Leipzig. Wir unterhielten uns +längere Zeit. Hauptthema unserer Unterhaltung bildete die Entwicklung +der sozialdemokratischen Partei und der Zeitpunkt, wann der Sozialismus +zum Siege kommen werde. Ich als Optimist sah diesen Zeitpunkt sehr nahe, +er dagegen meinte, das werde mindestens noch zweihundert Jahre dauern. +Darüber stritten wir uns. 1880 machte ich ihm einen Gegenbesuch in +Stuttgart, wo wir ebenfalls wieder eine längere Unterhaltung hatten, die +zeigte, daß er uns nach wie vor freundlich gegenüberstand. In den +nächsten Jahren vollzog sich aber bei ihm eine vollständige Wandlung. +Nachdem Bismarck die soziale Versicherungsgesetzgebung inaugurierte, von +der, wie er meinte, seine Geheimräte zu wenig verständen, wurde seine +Aufmerksamkeit auf Schäffle gelenkt. Schäffle war geneigt, eine Stellung +im deutschen Reichsdienst anzunehmen. Damit aber keinerlei ungünstiges +Vorurteil gegen ihn bestehen bleibe, verfaßte er jetzt eine Schrift, +betitelt "Die Aussichtslosigkeit der Sozialdemokratie", die das +Gegenteil von seinen früheren Auffassungen bekundete. Hermann Bahr, der +in seinen jungen Jahren ebenfalls sozialistische Hosen trug wie so viele +unserer Intellektuellen, verfaßte darauf eine Broschüre, betitelt "Die +Einsichtslosigkeit des Herrn Schäffle", in der er in geschickter und +humoristischer Weise Schäffle und seine Schrift verspottete. Meine +Beziehungen zu Schäffle hörten mit dem Jahre achtzig auf. Bekanntlich +erfüllte sich seine Hoffnung, in den Reichsdienst gezogen zu werden, +nicht. + + + + +Von 1871 bis zum Vereinigungskongreß zu Gotha. + + + + +Die Regierungen und die Sozialdemokratie. + + +Die Pariser Kommune hatte in den regierenden Kreisen große Besorgnisse +vor der sozialistischen Bewegung hervorgerufen. Die Sympathien, die die +Kommune in allen Ländern mit sozialistischer Bewegung bei den Arbeitern +fand, wurden auf das unangenehmste vermerkt und steigerten das +Mißbehagen. Dazu kamen die übertriebenen, um nicht zu sagen lächerlichen +Vorstellungen, die sich Bourgeoisie und Regierungen von der Macht der +Internationale machten. So sollte zum Beispiel die Internationale der +Pariser Kommune zwei Millionen Franken, viele tausend Gewehre, Munition +usw. geliefert haben, obgleich der Kommune sowohl die Mittel der Bank +von Frankreich zur Verfügung standen wie die Arsenale von Paris mit +ihren Munitions- und Waffenvorräten. Ueberdies war die allgemeine +Volksbewaffnung bereits seit Beginn September, seit der drohenden +Einschließung von Paris durch die Deutschen, also noch unter der +bürgerlichen Regierung, durchgeführt worden. In Deutschland wurden +ebenfalls zahlreiche Stimmen laut, die ein scharfes Vorgehen gegen die +sozialistische Bewegung forderten, ein Verlangen, dem Polizei, +Staatsanwälte und Gerichte bereitwillig entgegenkamen. In dieser +Situation benahm sich Garibaldi sehr anständig, der in einem Briefe an +den Redakteur der "Romagnole"--Caprera, August 1871--schrieb: Die +Internationale vertrete einen zahlreichen Teil der Gesellschaft, welcher +um weniger Privilegierter willen leide. Folglich müßten sie für die +Internationale sein, und wenn in ihren Einrichtungen Fehler seien, müßte +man sie verbessern. + +Obgleich um diese Zeit die sozialistische Bewegung in Oesterreich von +geringer Bedeutung war und das Ministerium Hohenwart-Schäffle nicht die +geringste Neigung zu Verfolgungsmaßregeln zeigte, folgte dennoch der +Reichskanzler Graf v. Beust einer Einladung Bismarcks zu einer Konferenz +der beiden Kaiser und ihrer Kanzler in Gastein, um dort über Maßregeln +gegen die Internationale zu beraten. Schäffle hatte von dieser Konferenz +abgeraten, aber er und Beust standen auf gespanntem Fuße, auch mochte es +Beust darum zu tun sein, mit seinem langjährigen intimen Feinde einmal +zusammenzukommen, wohingegen Bismarck von einer Zusammenkunft mit seinem +Gegner von 1866 eine Annäherung erhoffte für seine spätere äußere +Politik. Soweit bekannt wurde, kam man bezüglich der Internationale +überein, zunächst die soziale Lage zu "studieren". + +Dagegen sah sich Anfang Februar 1872 die _spanische_ Regierung +veranlaßt--Spanien hatte mittlerweile in der Person des Prinzen Amadeo +von Italien einen König erhalten--, in einer Zirkulardepesche an die +Mächte einen Notschrei über die Internationale auszustoßen, die mit +ihren Bestrebungen allen Ueberlieferungen der Menschheit ins Gesicht +schlage, Gott aus dem Geiste auslösche, Familie und Erbnachfolge aus dem +Leben streiche und durch ihre furchtbare Organisation eine Gefahr bilde, +deren Größe nicht überschätzt werden könne. Die spanische Regierung +wünsche deshalb, daß eine der Großmächte die Angelegenheit gegen die +Internationale in die Hand nehme. Mit diesem Verlangen kam sie bei der +englischen Regierung übel an. Der Leiter der englischen auswärtigen +Politik, Lord Granville, antwortete ihr in einer Note, die ihr jedes +weitere Vorgehen verleidete. Er erklärte: obgleich die Internationale +ein Mittelpunkt für die Verbindung von Arbeitern und Gewerkschaften in +den verschiedenen Teilen der Welt geworden sei, beschränke sie sich in +Großbritannien darauf, hauptsächlich Ratschläge in Sachen von +Arbeitseinstellungen zu geben. _Auch habe sie sehr wenig Geld_. Nach den +bestehenden Gesetzen Großbritanniens hätten alle Ausländer das +unumschränkte Recht, dieses Land zu betreten und sich hier aufzuhalten, +und während sie in diesem Lande seien, _ständen sie im gleichen Grade +wie die britischen Untertanen unter dem Schutz der Gesetze. Auch könnten +sie nicht anders bestraft werden als für einen Verstoß gegen das Gesetz +und kraft des Urteilsspruchs der ordentlichen Gerichtstribunale nach +einer öffentlichen Prozedur und nach einem Erkenntnis, das sich auf die +in offenem Gerichtsverfahren beigebrachten Beweise stütze._ Kein +Ausländer könne als solcher des Landes verwiesen werden, mit Ausnahme +derer, die auf Verträge mit anderen Staaten hin behufs wechselseitiger +Auslieferung von Kriminalverbrechern weggeschafft würden. Schließlich +äußerte Granville, es liege bis jetzt kein Grund vor, Aenderungen der +bestehenden Gesetzgebung über den Aufenthalt von Ausländern in +Großbritannien vorzunehmen. + +Durch diese Haltung der englischen Regierung war jede Möglichkeit zu +internationalen Vereinbarungen gegen die Internationale ausgeschlossen. +Endlich zeigte auch der Ausgang des Kongresses der Internationale im +Haag im September 1872, der mit einer Spaltung zwischen Sozialisten und +Anarchisten--dort Marx, hier Bakunin--endete, auch der ängstlichsten +Regierung, daß vorläufig die befürchteten Gefahren nicht eintreten +würden. Und indem die Internationale den Sitz des Generalrats von London +nach Newyork verlegte, war der Beweis geliefert, daß sie selbst ihre +Reorganisation für eine Notwendigkeit hielt. + +War so die Aussicht auf eine internationale Verfolgung der Sozialisten +geschwunden, so hielt Bismarck um so nachdrücklicher an der Verfolgung +der Arbeiterbewegung durch Ausnahmemaßregeln in Deutschland fest. Dieses +zeigte seine Rede, die er Ende April 1873 im Herrenhaus hielt, worin er +die Notwendigkeit scharfer Gesetze gegen die Partei der +Internationale--wie er uns nannte--für ebenso notwendig erklärte wie +gegen die Partei der weltlichen Priesterherrschaft, das Zentrum. + +Dieser Ankündigung folgte die Tat auf dem Fuße. Anfang Juni 1873 ließ er +dem Reichstag einen Preßgesetzentwurf zugehen, in dem der § 20 also +lautete: Wer in einer Druckschrift die Familie, das Eigentum, die +allgemeine Wehrpflicht oder sonstige Grundlagen der staatlichen Ordnung +in einer die Sittlichkeit, den Rechtssinn oder die Vaterlandsliebe +_untergrabenden_ Weise angreift, oder Handlungen, welche das Gesetz als +strafbar bezeichnet, als nachahmungswert, verdienstlich oder +pflichtmäßig darstellt, oder Verhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft +in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise erörtert, wird mit +Gefängnis oder Festungshaft bis zu zwei Jahren bestraft. Wer die im § +166 des Strafgesetzbuchs für das Deutsche Reich (Vergehen wider die +Religion) vorgesehenen Handlungen mittels der Presse verübt, wird mit +Gefängnis nicht unter drei Monaten _bis vier Jahren_ bestraft. Nach § 21 +sollte der verantwortliche Redakteur einer periodischen Druckschrift mit +der Strafe des Täters belegt werden. + +Diese diabolischen Bestimmungen, die eine Aenderung des Strafgesetzes in +wichtigen Materien enthielten, die jede wissenschaftliche Erörterung der +mit Strafe bedrohten Fragen unmöglich machten und außerdem gegen alle +Parteien Anwendung finden konnten, waren denn doch nebst anderen +Bestimmungen der Mehrheit des Reichstags zu bedenklich. Der Entwurf +fiel. + +Mit seinem Preßgesetzentwurf hatte aber Bismarck nicht genug. Er +beantragte in derselben Session auch eine Abänderung und Verschärfung +des § 153 der Gewerbeordnung, wonach unter Umständen statt der +bisherigen Maximalstrafe von drei Monaten Gefängnis eine solche bis zu +sechs Monaten, eventuell bis zu einem Jahre erkannt werden konnte. +Ferner schlug er eine Aenderung des § 108 der Gewerbeordnung vor, wonach +die Streitigkeiten zwischen Unternehmern und den von ihnen beschäftigten +Arbeitern durch Gewerbegerichte entschieden werden sollten, deren +Vorsitzender von der obersten Justizaufsichtsbehörde des betreffenden +Bundesstaats, deren Beisitzer durch die _Gemeindevertretungen_ gewählt +werden sollten. Wegen Schluß der Session blieben die Gesetzentwürfe +unerledigt. + +Im folgenden Jahre folgte der Entwurf eines Kontraktbruchgesetzes und +ein neuer Preßgesetzentwurf, und in der Session von 1875/76 ein Entwurf +für die Abänderung des Strafgesetzbuches, und endlich nach den +Attentaten des Frühjahres 1878 das Ausnahmegesetz gegen die +Sozialdemokratie. Da vom Jahre 1874 ab die Sozialdemokratie wieder durch +ihre Vertreter im Reichstag zum Worte kam, komme ich noch auf die +Behandlung dieser Vorlagen ausführlicher zu sprechen. + + + + +Die Einigungsfrage vor den beiden Fraktionen. + + +Der Charakter, den die Verfolgungen seit 1872 gegen beide Fraktionen der +Sozialdemokratie annahmen, hätte bei ihnen das Bedürfnis nach festem +Zusammenhalten und nach Vereinigung hervorrufen sollen. Davon war aber +vorläufig wenig zu merken. In den Jahren 1872 und 1873 waren sogar die +gegenseitigen Angriffe in der Presse der beiden Fraktionen heftiger als +je zuvor, und der Ton in der Presse übertrug sich auf die Versammlungen. +Da um jene Zeit _Auer_ neben York unser eifrigster und sehr wirksamer +Agitator war, bekamen sie die Folgen dieser Kampfmethode besonders zu +genießen, _Auer_ noch speziell in seiner Agitation in Berlin, worüber +sich beide öfter in Briefen, die sie an mich nach Hubertusburg +richteten, beschwerten. Auer sprach nur noch von den Schülern Tölckes +und von Tölckianern. Aus diesen Vorgängen erklärt sich der bittere Ton, +den Auer einige Male auf den Parteikongressen anschlug, sobald die +Einigungsfrage zur Erörterung kam, und sein Verhalten auf dem +Einigungskongreß in Gotha. Das schloß aber nicht aus, daß er ehrlich die +Vereinigung wollte, und als sie endlich unter seiner Mithilfe kam, +keiner mehr als er bemüht war, die mancherlei persönlichen Gegensätze, +deren Vorhandensein nach jahrelanger erbitterter Bekämpfung nur +natürlich war, auszugleichen. + +Die Frage der Vereinigung wurde zum ersten Male offiziell auf der +Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins zu Berlin +(22. bis 25. Mai 1872) erörtert, auf der das Mitglied Harm, der sich +schon auf dem allgemeinen deutschen Webertag sehr versöhnlich gezeigt +hatte, im Namen seiner Elberfelder Genossen den Antrag stellte: "Die +Generalversammlung möge Mittel und Wege suchen, um die verschiedenen +Fraktionen der deutschen Arbeiterpartei zu vereinigen." Dieser Antrag +wurde heftig bekämpft unter starken Ausfällen gegen unsere Partei und +schließlich Uebergang zur Tagesordnung beschlossen. + + * * * * * + +Vom 7. bis 11. September 1872 hielt die sozialdemokratische +Arbeiterpartei ihren vierten Kongreß in Mainz ab. Den Vorsitz führten +Motteler und Vahlteich. Unter den Gästen befand sich Hartung-Wien, der +jetzt die schweizer Gewerkschaften vertrat. Hartung war es 1869 +gelungen, sich der Verhaftung zur Einleitung des Wiener +Hochverratsprozesses auch wider ihn durch die Flucht zu entziehen. Er +war eine Reihe von Jahren in Zürich und der schweizer Bewegung tätig, +zog sich aber dann zurück und wurde als Inhaber einer großen Schreinerei +in Zürich ein wohlhabender Mann. Der mit Hartung eng befreundete +Oberwinder verblieb in Oesterreich und war Redakteur des "Volkswille". +Die gegen ihn ausgesprochene Ausweisung war zurückgenommen worden. Die +Rolle, die er aber jetzt in der österreichischen Arbeiterbewegung +spielte, wurde immer mehr eine zweideutige und führte schließlich zur +Spaltung. Aber auch seines Bleibens war auf die Dauer nicht in +Oesterreich. In der Zeit des Sozialistengesetzes lebte er in Paris und +kam hier bei unseren Parteigenossen in den Verdacht, im Dienste der +preußischen Polizei zu stehen. Der Partei hatte er Valet gesagt. Später +kehrte er nach Deutschland zurück und übernahm die Chefredaktion des +"Dresdener Anzeigers", eines magistratlichen Amtsblattes. Oberwinder +setzte sich im Jahre 1911 in seiner Heimat Weilburg an der Lahn zur +Ruhe. + +Ich erwähne dieses hier im Anschluß an meine Bemerkungen über Hartung, +nachdem ich in dieser meiner Arbeit Oberwinders wiederholt gedachte. +Andreas Scheu, auch einer der Führer der damaligen österreichischen +Bewegung, der mit Oberwinder in Konflikt geriet, ging nach schweren +Verfolgungen außer Landes, und zwar nach England. + +Unter den 51 Delegierten auf dem Mainzer Kongreß befand sich zum ersten +Male der junge Karl Grillenberger, der sich um jene Zeit die ersten +Sporen in der Nürnberger Arbeiterbewegung erworben hatte und deshalb in +der Cramer-Klettschen Fabrik, in der er als Schlosser arbeitete, +gemaßregelt worden war. + +In den Verhandlungen des Kongresses kam auch die Vereinigungsfrage zur +Erörterung. Es lag zunächst ein langer Antrag von Bruno Geiser vor, der +die Redaktion des "Volksstaat" scharf tadelte wegen ihrer Polemik gegen +den "Neuen Sozialdemokrat". Er verlangte, daß die Redaktion des +"Volksstaat" unverzüglich die Polemik einstelle und eine solche nur +dann aufnehme, wenn der Parteiausschuß eine solche billige. Dieser +Antrag wurde abgelehnt. Es standen dann weiter drei Anträge zur +Verhandlung, die sämtlich die Vereinigung befürworteten. Schließlich +fand folgender Antrag Annahme, wodurch die anderen Anträge erledigt +waren: + + "Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein ist seinen sozialistischen + Prinzipien gemäß der einzige natürliche Bundesgenosse der + sozialdemokratischen Arbeiterpartei; der Kongreß beauftragt demgemäß + den Ausschuß, ein prinzipielles Zusammengehen mit dem Allgemeinen + Deutschen Arbeiterverein immer von neuem zu versuchen; ferner dafür + Sorge zu tragen, daß die Haltung aller dem Allgemeinen Deutschen + Arbeiterverein abgeneigten Mitgliedschaften eine versöhnliche werde + und die Redaktion des 'Volksstaat' unverzüglich jede Polemik gegen den + Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und seine Leiter einzustellen, + sowie etwa neu eintretenden Anfeindungen von seiten des letzteren mit + Schweigen zu beantworten, falls der Ausschuß nicht ausnahmsweise eine + sachgemäße Erwiderung für unbedingt geboten erachtet." + +Kurze Zeit darauf, am 20. September 1872, veröffentlichte der "Neue +Sozialdemokrat" einen Artikel mit der Ueberschrift: "Ein ernstes Wort an +die Arbeiter der Eisenacher Partei", eine Anrede, in der er seiner +ständigen Taktik uns gegenüber den Namen der Partei verschwieg und einen +Gegensatz zwischen den Arbeitern und Nichtarbeitern in der Partei +konstruierte. In dieser Ansprache, die der "Volksstaat" wörtlich +abdruckte, führte er bittere Beschwerde über angebliche Angriffe, die +der "Volksstaat" und einzelne Mitglieder der Partei trotz jener in Mainz +beschlossenen Resolution gegen den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein +richteten. Auf seiner Seite habe man stets nur in der Verteidigung +gestanden, wohingegen der "Volksstaat" der Angreifer gewesen sei. +Daraufhin erwiderte der "Volksstaat" unter dem 28. September in einem +Artikel mit der Ueberschrift "Eine Antwort" und unterzeichnet "Die +Redaktion", in der jene Angriffe zurückgewiesen wurden. Am Schlusse des +Artikels, den Liebknecht und ich auf Hubertusburg verfaßt und der +Redaktion zugesandt hatten, hieß es: "Wir wollen von nun an alle Polemik +gegen den 'Neuen Sozialdemokrat' einstellen unter der Bedingung, daß er +1. unsere Partei ausdrücklich und unzweideutig als eine +sozialdemokratische anerkennt und sie, wenn er von ihr spricht, stets +bei ihrem richtigen Namen nennt, und 2. daß er die Angriffe gegen die +Internationale Arbeiterassoziation unterläßt. + +Wir unsererseits erklären, wie wir das schon des öfteren getan haben, 1. +daß wir die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins als +unsere Parteigenossen ansehen, was nicht ausschließt, daß wir gegen +gewisse Persönlichkeiten im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein so +lange ein entschiedenes Mißtrauen hegen werden, bis die von unserer +Seite geltend gemachten Verdachtsgründe konklusiv widerlegt sind; 2. +erklären wir uns bereit, einen Vorschlag zu unterstützen, der dahin +ginge, einen gemeinschaftlichen Kongreß der beiden Fraktionen +einzuberufen, auf welchem die Differenzpunkte behufs einer Einigung +besprochen werden. Sollte eine Einigung respektive Verschmelzung nicht +möglich sein, dann müßte wenigstens ein gemeinsames Programm aufgestellt +und die Formen festgesetzt werden, innerhalb denen eine gemeinsame +Aktion (bei Wahlen, der Agitation usw.) sich zu bewegen hätte. Ein von +beiden Teilen gleichmäßig zu wählender Ausschuß hätte die Ausführung der +vereinbarten Punkte zu überwachen. Ferner möchten wir noch die +Niedersetzung eines aus beiden Fraktionen gleichmäßig zu wählenden +Schiedsgerichts befürworten, das die gegen verschiedene Mitglieder einer +der beiden Fraktionen von der anderen Seite erhobenen Anklagen zu +untersuchen und zu richten hat. Bemerken wollen wir, daß ähnliche +Vorschläge, wie die soeben angedeuteten, privatim schon wiederholentlich +Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins von uns +unterbreitet und von diesen auch gebilligt worden sind." + +Auf dem Mainzer Kongreß habe die sozialdemokratische Arbeiterpartei +offiziell in feierlichster Form ihrer versöhnlichen Stimmung Ausdruck +gegeben; am Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein sei es jetzt, die +dargebotene Hand zu ergreifen und der deutschen Arbeiterwelt den Frieden +zu geben. + +Auf diesen Vorschlag antwortete der "Neue Sozialdemokrat" durch +nichtssagende Ausflüchte. Als dann kurze Zeit darauf die Lassalleaner +eine Versammlung unserer Parteigenossen in Berlin gewaltsam sprengten, +veröffentlichte der "Volksstaat" eine Art Kriegserklärung gegen den +"Neuen Sozialdemokrat", die mit den Worten schloß: "Die offenbaren +Verräter der Arbeitersache müssen unschädlich gemacht werden." + +Damit war der Kampf zwischen den beiden Fraktionen aufs neue entbrannt, +man schoß in den beiden führenden Blättern herüber und hinüber und +klagte sich gegenseitig mit einer Heftigkeit an, daß es schien, als +stehe eine Vereinigung weiter denn je im Felde. Schließlich mußte es als +ein Fortschritt in der Stellung der beiden Fraktionen zueinander +angesehen werden, als der "Neue Sozialdemokrat" anläßlich der Wahl am +20. Januar 1873 im 17. sächsischen Wahlkreis seine Parteigenossen dort +aufforderte, nichts gegen meine Wiederwahl zu unternehmen. + +Einen sehr unangenehmen Eindruck machte es auf unserer Seite, daß F.W. +Fritzsche, der 1869 die sozialdemokratische Arbeiterpartei in Eisenach +mit gegründet hatte, jetzt plötzlich wieder auf die andere Seite +schwenkte und Stellung gegen uns nahm. + +In diesem gegenseitigen Kampfe glaubte die Kontrollkommission, die in +Breslau ihren Sitz hatte, unter Führung Geisers einen Rüffel der +Redaktion des "Volksstaat" erteilen zu sollen, daß sie auf eigene Faust +Versöhnungsvorschläge gemacht und dabei den Kampf wider den "Neuen +Sozialdemokrat" abermals aufgenommen habe. + +Die Antwort gab der Kontrollkommission die nächste Generalversammlung +des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins. + + * * * * * + +Bei den polizeilichen Verfolgungen, die in jener Zeit in Betracht kamen, +suchte der Leipziger Polizeidirektor seine Kollegen im übrigen +Deutschland in den Schatten zu stellen. Der Auflösungs- und +Ausweisungswut fügte er ein Verbot des Besuchs des Internationalen +Arbeiterkongresses im Haag hinzu mit Androhung von vier Wochen Gefängnis +im Falle der Zuwiderhandlung. Ebenso verbot er die Mitgliedschaft, die +Anwerbung von Mitgliedern und die Geldsammlung für die Internationale. +Als dann Hepner trotz des Erlasses eines Verbots den Haager Kongreß +besuchte, erreichte ihn das angedrohte Geschick. Er bekam seine vier +Wochen Gefängnis und wurde im nächsten Frühjahr auf Grund dieser +Bestrafung aus Leipzig ausgewiesen, eine Maßregelung, die ihm nachher in +der Umgebung Leipzigs wiederholt widerfuhr. Da er aber auch mit dem +Parteiausschuß in Konflikt gekommen war, entschloß er sich, nach Breslau +zu übersiedeln und dort einen Buchverlag zu gründen. + +Die Animosität, die Hepner gegen den Parteiausschuß und speziell gegen +York als Parteisekretär empfand, in dem er nur den verbissenen +Lassalleaner, den bösen Geist in der Partei sah, veranlaßten ihn, an +Marx und Engels Mitteilungen gelangen zu lassen, wonach es in der Partei +sehr trübe aussehen sollte. Bei dem übertriebenen Mißtrauen, das Marx +und Engels gegen alles Lassallesche empfanden, genügten diese +Hepnerschen Schilderungen, um Engels zugleich im Namen von Marx zu einem +Warnungsbrief an Liebknecht zu veranlassen. Da mir Liebknecht den Inhalt +dieses Briefes mitteilte, nahm ich Veranlassung, an Marx folgendes zu +schreiben: + + "Hubertusburg, den 19. Mai 1873. + + Geehrter Freund! + + ... Es sind mehr als 5 Jahre, daß ich Ihnen zum letztenmal geschrieben + und jener Brief betraf Schweitzer. Dieser ist nun glücklich gestürzt + und vieles andere seit jener Zeit ebenfalls. Unsere Partei hingegen + hat einen mächtigen Aufschwung genommen und ich hoffe in weiteren 5 + Jahren ist sie so weit, daß sie ein ernsthaftes Wörtchen mitreden + kann. Hepner hat allem Anschein nach Ihnen und Freund Engels unsere + Parteiverhältnisse sehr düster gemalt, sehr mit Unrecht. Ich habe + darüber Freund Engels ausführlicher geschrieben, der Ihnen Mitteilung + davon machen wird. Im großen und ganzen halte ich die + Parteiverhältnisse für durchaus zufriedenstellend; was noch mangelhaft + ist, wird in nicht allzulanger Zeit sich beseitigen lassen, allerdings + ist da auch notwendig, daß man sich leidlich verträglich hält und + nicht mit Gewalt Krakeel haben will. Was mich zu dieser + Verträglichkeit bestimmt, ist, daß ich genau weiß, daß der beste und + ehrlichste Wille für das Wohl der Partei auch bei den Andersmeinenden + vorhanden ist. In einem solchen Falle halte ich es für unrecht, + Meinungsverschiedenheiten schroff zu behandeln und zum Bruch zu + reizen. Glauben Sie aber nicht, daß wir deshalb die Verträglichkeit + zur Schwäche treiben, es gibt eine Grenze, wo sie aufhört; die Mittel + und die Macht fehlen dann auch nicht, um unseren Willen durchzusetzen + ... + + Dem Wunsche Liebknechts, daß Sie Lassalles Schriften mal zum + Gegenstand einer kritischen Abhandlung machen möchten, schließe ich + mich vollkommen an. Eine solche ist durchaus notwendig, und damit sie + die nötige Wirkung erzielt, müßten Sie und kein anderer sie + veröffentlichen. Eine solche Kritik würde der Partei in Deutschland + nach verschiedenen Seiten hin den Boden ebnen. + + Mit Liebknecht habe ich schon mehrere Male gesprochen wegen neuer + Herausgabe des Kommunistischen Manifestes; wir können es aber in + Rücksicht auf den Schluß nicht riskieren. Dieser würde uns sofort + einen Hochverratsprozeß auf den Hals laden. Das Manifest ist zwar in + einem Heft des Leipziger Hochverratsprozesses als Aktenstück + abgedruckt, es sind auch einige Separatabzüge gemacht worden, aber das + genügt nicht, es müßte nachdrücklich empfohlen und öffentlich verkauft + werden können. Diese Schrift, mit einem passenden Vorwort verbunden, + würde vielen die Augen öffnen, sie würde beweisen, wie unendlich + schwächlich die Lassalleschen Vorschläge sind. Ueberlegen Sie sich die + Sache einmal. + + Mit freundlichem Gruß Ihr Bebel." + +In meinem Brief an Engels lauteten die entscheidenden Stellen: + + "Ihr Brief, den Sie am 17. v. M. an Liebknecht sandten und von dessen + Inhalt ich Kenntnis genommen, gibt mir Veranlassung, ebenfalls einige + Zeilen an Sie zu richten. Hepner hat augenscheinlich die Farben über + den Stand unserer Parteiverhältnisse sehr dick aufgetragen und + namentlich den Einfluß und die Absichten Yorks recht schwarz gemalt. + Wundern tut mich das von Hepner nicht, er ist ein durchaus braver und + treuer Genosse, aber leicht verbissen, und gegen den Ausschuß und + speziell gegen York hat er infolge einer ganzen Reihe von + Streitigkeiten einen solchen Zorn, daß er das Schlechteste von ihnen + glaubt und jedes Wort aufs strengste auslegt." + +Ich setzte dann im Detail auseinander, warum Hepner und York verbissene +Gegner seien, und fuhr fort: + + "Neben den schlimmen hat York auch entschieden gute Eigenschaften, + dahin gehört, daß er mit großem Eifer die Agitation und regelmäßige + Steuerzahlung betreibt, zwei Dinge, die sehr notwendig sind und die + seit den Wirren des Jahres 1870--Verhaftung des Braunschweiger + Ausschusses--im argen gelegen haben. Hier ist sein Feld und hier hat + er allerdings auch Verdienste aufzuweisen. + + Ein zweiter Punkt ist unsere Stellung zu Lassalle und dem + Lassalleanismus. Da sind Sie wie Hepner entschieden im _Unrecht_, wenn + sie meinen, wir könnten rücksichtslos vorgehen, ohne erheblichen + Schaden in der Partei zu haben. Der Lassallekultus muß ausgerottet + werden, damit bin ich ganz einverstanden, auch die falschen Ansichten + Lassalles müssen bekämpft werden, aber mit Vorsicht. Sie können von + dort aus unmöglich unsere Verhältnisse genau beurteilen, und Hepner + ist zu wenig praktisch. + + Sie dürfen nicht vergessen, daß die Lassalleschen Schriften + tatsächlich--das läßt sich nicht wegdiskutieren--durch ihre populäre + Sprache die Grundlage der sozialistischen Anschauung der Massen + bilden. Sie sind zehnfach, zwanzigfach mehr wie irgend eine andere + sozialistische Schrift in Deutschland verbreitet, Lassalle genießt so + eine bedeutende Popularität. Diese Popularität ist durch die Ihnen + hinlänglich bekannten Mittel der Gräfin Hatzfeldt, Schweitzers und + anderer zum _Kultus_ potenziert worden, und wenn letzterer auch, dank + dem gesunden Gefühl der Massen und unserer eigenen Tätigkeit, schon + _bedeutend_ abgenommen hat und täglich mehr abnimmt, so wäre es doch + unklug, durch rücksichtsloses Vorgehen diese Gefühle zu verletzen. + + In unserer eigenen Partei ist der Lassallekultus so gut wie + verschwunden, aber immerhin gibt es einige Gegenden, wie das Rheinland + und Schlesien, in denen er Anhänger zählt, und, was uns namentlich + veranlassen muß, nicht allzu schroff vorzugehen, ist, daß sehr viele + Arbeiter im früheren Hatzfeldtschen Lager und im Allgemeinen Deutschen + Arbeiterverein sich mehr und mehr uns nähern und teilweise schon + angeschlossen haben. Daß je der Lassalleanismus in Deutschland wieder + Oberwasser bekommt, daran ist nicht entfernt zu denken; lassen wir + also den Dingen ruhig ihren Lauf und wo sich Gelegenheit bietet, dem + spezifischen Lassalleanismus einen Klaps zu versetzen, da wird es + geschehen. Das hat, glaube ich, auch der "Volksstaat" bisher getan, + und wenn darüber York und einige andere sich ereifern, so läßt man sie + eben gewähren. + + Ein vernichtender Schlag für den Lassallekultus würde es sein, wenn + Freund Marx dem Wunsche Liebknechts--den ich vollständig + teile--nachkäme und in einigen objektiv gehaltenen Artikeln im + "Volksstaat" wissenschaftlich die Fehler und Mängel der Lassalleschen + Theorien nachwies. Marx' wissenschaftliche Autorität auf ökonomischem + Gebiet ist so unbestritten, daß die Wirkung einer solchen Arbeit eine + kolossale sein würde. Helfen Sie uns, daß Freund Marx diesen Dienst + der Partei leistet. + + Das oben Gesagte kurz resumiert, steht die Sache also so: Yorks + Einfluß ist unbedeutend, er selbst nichts weniger als gefährlich, der + Lassalleanismus in der Partei ist ebenfalls wenig verbreitet, Schonung + nur in Rücksicht auf zahlreiche ehrliche, aber mißleitete Arbeiter, + die bei geschickter Behandlung uns sicher sind, geboten. + + Ich hoffe, daß nach diesen Auseinandersetzungen Sie nicht anstehen + werden, Ihre Mitarbeiterschaft dem "Volksstaat" zu erhalten. Eine + Zurückziehung (womit Engels gedroht) wäre das Allerverkehrteste, was + Sie tun könnten, dadurch würden Sie dem oppositionellen Element eine + Bedeutung beilegen, die es absolut nicht hat, und die Partei + schädigen.... + + Mit freundlichem Gruß Ihr Bebel." + +An Hepners Stelle trat Wilhelm Blos als leitender Redakteur. Blos war +zuvor an mehreren süddeutschen demokratischen Blättern Redakteur +gewesen, dann wurde er Mitarbeiter an unserem Parteiblatt, dem "Fürther +demokratischen Wochenblatt", dessen Hauptleserkreis aber in Nürnberg +war. Blos war 1872 der Partei wie der Internationale beigetreten und +wurde an Stelle des verhafteten Kokosky Redakteur des "Braunschweiger +Volksfreund", alsdann des "Volksstaat", den er, nachdem Liebknecht +freigekommen war, Herbst 1874 verließ, um auf dessen Wunsch die +Redaktion der Mainzer "Süddeutschen Volksstimme" zu übernehmen. + +In jenen Jahren waren die gerichtlichen Verfolgungen gegen den +"Volksstaat" so nachdrücklich, daß beständig zwei, manchmal drei seiner +verantwortlichen Redakteure im Gefängnis zubrachten. Aehnlich erging es +den meisten anderen unserer Parteiorgane, zu denen damals außer dem +"Volksstaat" der "Braunschweiger Volksfreund", der "Dresdener +Volksbote", die "Chemnitzer freie Presse", der "Crimmitschauer Bürger- +und Bauernfreund", das "Fürther demokratische Wochenblatt", der +"Münchner Zeitgeist", die "Hofer Zeitung", die Mainzer "Süddeutsche +Volksstimme" und der "Thüringer Volksbote" zählten. + +Die führenden Persönlichkeiten jener Zeit hatten mit wenigen Ausnahmen +alle mehr oder weniger oft mit dem Gefängnis Bekanntschaft gemacht. In +Sachsen fügte man hierzu noch die Ausweisungen aus Orten und ganzen +Bezirken, von der neben Most und Hepner unter anderem Auer, Daschner, +Lyser, Muth, Rüdt, Ufert, später auch Max Kayser betroffen wurden. + + + + +Der Parteikongreß zu Eisenach 1873. + + +Zu jener Zeit marschierte auch Bayern in den Reihen der Reaktion. Der +Parteiausschuß hatte für den 24. August 1873 und die folgenden Tage den +Parteikongreß nach Nürnberg einberufen. Am 31. Juli erfolgte durch den +königlichen Kommissar der Stadt Nürnberg das Verbot des Kongresses +mit Hinweis auf Artikel 17 des bayerischen Vereins- und +Versammlungsgesetzes. Auch sei zu befürchten, daß die §§ 110, 130, 131 +und 360 Ziffer 11 des Reichsstrafgesetzbuches durch die Abhaltung des +Kongresses verletzt würden. Eine Beschwerde gegen dieses merkwürdige +Verbot wurde nicht erhoben, weil der Ausschuß sofort den Kongreß nach +_Eisenach_ einberief. Nun glaubte der Leipziger Polizeidirektor Rüder +hinter dem Nürnberger Kommissar nicht zurückgehen zu sollen. Er verbot +nunmehr auch den Besuch des Eisenacher Kongresses bei Strafe von vier +Wochen Gefängnis im Falle der Zuwiderhandlung. In der Tat blieb infolge +dieses Verbots Leipzig auf dem Eisenacher Kongreß unvertreten. + +Auf diesem waren 71 Delegierte anwesend, die 9224 Mitglieder aus 132 +Orten hinter sich hatten. Demselben präsidierten Geib und Motteler. Im +Laufe der Verhandlungen kam auch die leidige Angelegenheit _Memminger,_ +die schon jahrelang die Nürnberg-Fürther Parteigenossen zerklüftet +hatte, zur Sprache. Auf der Seite Memmingers stand _Grillenberger,_ +gegen ihn _Auer_ und _Löwenstein_. Mit großem Mehr beschloß der Kongreß, +daß Memminger sich ein parteischädigendes Verhalten habe zuschulden +kommen lassen und durch eine Reihe von Handlungen sich _außerhalb_ der +Partei gestellt habe. + +Die Verhandlungen über die Einigungsfrage, die ebenfalls auf der +Tagesordnung stand, wurden sehr ungünstig beeinflußt durch die Haltung, +die der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein auf seiner Generalversammlung +im vorhergehenden Mai in Berlin eingenommen hatte. Auf dieser hatten +sich Frohme, Hasenclever, Hasselmann und andere Redner sehr +entschieden _gegen_ einen Antrag, der die Vereinigung forderte, +ausgesprochen. Schließlich war mit allen gegen 3 Stimmen ein Antrag +_Richter_-Wandsbeck, den _Tölcke,_ Harm-Elberfeld, Dasbach-Hanau usw. +unterzeichnet hatten, angenommen worden, der lautete: + + "In Erwägung: 1. daß die sogenannte 'Sozialdemokratische + Arbeiterpartei' ursprünglich auf dem Verbandstag der + Schulze-Delitzschen Arbeiterbildungsvereine zu Nürnberg im Jahre 1868, + beziehentlich auf dem Kongreß zu Eisenach im Jahre 1869, _lediglich in + der Absicht gegründet worden ist, die Arbeiterbewegung in Deutschland + zu schädigen_ dadurch, daß neben dem _Allgemeinen Deutschen + Arbeiterverein eine zweite_ angeblich sozialdemokratische Fraktion + geschaffen wurde, welche nur deshalb ein anscheinend mehr + politisch-revolutionäres Programm aufstellte, um durch dasselbe die + Arbeiter anzuziehen und so die Spaltung der deutschen Arbeiter + herbeizuführen; + + in Erwägung: 2. daß das jetzige _Zusammenwirken des Herrn v. + Schweitzer_ mit den Führern der sogenannten 'Sozialdemokratischen + Arbeiterpartei' zum gemeinsamen Unterwühlen und zur Beseitigung der + Organisation des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins den + schlagendsten Beweis liefert, daß die Vernichtung des Allgemeinen + Deutschen Arbeitervereins der Hauptzweck der Führer der + Sozialdemokratischen Arbeiterpartei ist, die sich nicht scheuen, sich + zur Erreichung dieses Zweckes mit unstreitig reaktionären Elementen zu + verbinden; + + in Erwägung: 3. daß das Programm, die Organisation und die Taktik der + Sozialdemokratischen Arbeiterpartei durchaus unvereinbar sind mit dem + Programm und der Organisation des Allgemeinen Deutschen + Arbeitervereins, + + tritt die Generalversammlung dem Beschluß des Vorstandes des + Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins vom 5. Januar d.J. bei, welcher + also lautet: + + In Erwägung, daß für die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen + Arbeitervereins in prinzipieller und formeller Beziehung durchaus + keine Veranlagung vorliegt, an der Organisation des Allgemeinen + Deutschen Arbeitervereins zum Zwecke einer Vereinigung mit der + Eisenacher Partei eine Aenderung vorzunehmen, in fernerer Erwägung, + daß es den Mitgliedern jener Partei freisteht, in Gemäßheit des + Statuts des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in diesen + einzutreten, welcher eben durch seine starke Organisation sowie durch + seine viel bedeutendere Mitgliederzahl die beste Grundlage zur + Einigkeit der Arbeiter bietet, + + geht der Vorstand über die sogenannten Einigungsvorschläge der + Eisenacher Partei zur Tagesordnung über." + +Dem Kongreß lagen eine Anzahl Anträge, die Vereinigungsfrage betreffend, +vor, die sich teils für, teils gegen eine solche aussprachen, teils +unter bestimmten Bedingungen Kandidaten des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins bei den bevorstehenden Reichstagswahlen unterstützen +wollten. + +In der Debatte nahm auch _Auer_ das Wort. Er führte aus: Nach den +gemachten Erfahrungen wäre es unserer Partei unwürdig, noch Kompromisse +mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein einzugehen. In demselben +Sinne sprach sich _Blos_ aus, der weiter verlangte, daß man auch mit der +Volkspartei sich auf kein Kompromiß einlassen solle, von der im +umgekehrten Falle kein Mitglied für einen Arbeiterkandidaten stimme. +Schließlich zog Auer einen Berliner Antrag zugunsten eines Antrags +Albert-Glauchau zurück, der lautete: + + "Die Sozialdemokratische Partei betrachtet die Reichstagswahl nur als + Agitationsmittel und als Prüfung für die Verbreitung ihrer Prinzipien, + jeden Kompromiß mit anderen Parteien ablehnend." + +Dieser Antrag wurde nebst einem Antrag der Ronsdorfer Genossen +angenommen, der aussprach: + + "Da von seiten unserer Partei bereits Schritte zur Einigung der + gesamten deutschen Sozialdemokratie gemacht wurden, von der + diesjährigen Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen + Arbeitervereins aber fast einstimmig zurückgewiesen worden sind, + erklärt der Kongreß, jedweden Versuch mit obiger Fraktion, sei er auf + die Einigung der Partei oder auf Wahlen gerichtet, einzustellen." + +Als dann infolge dieses Beschlusses unsere Parteigenossen mich in Altona +gegenüber Hasenclever als Kandidat zur Reichstagswahl aufstellten und +der "Neue Sozialdemokrat" sich darüber beschwerte, verhöhnte ihn _Auer_ +in einer Korrespondenz aus Dresden in Nr. 123 des "Volksstaat", die mit +den Worten endete: "Ich schließe, indem ich dem Herrn Hasselmarat und +Strohpuppe Hasenclever das Sprüchlein zu bedenken gebe: Vorgetan und +nachbedacht, hat manchen in groß' Leid gebracht." Das ist zugleich eine +Probe, wie damals zeitweilig polemisiert wurde. + +Ueber den Ausfall der Wahlen vom 10. Januar 1874 habe ich schon +berichtet. Von Interesse dürfte sein, mit welch finanziellen Mitteln zu +jener Zeit eine Reichstagswahl von unserer Seite gemacht wurde. Die +Ausgaben der Parteikasse für ganz Deutschland betrugen 1300 Taler. Das +sächsische Landeskomitee hatte für die 91000 Stimmen, die in Sachsen auf +unsere Kandidaten fielen, eine Ausgabe von 780 Taler. Die Wahlen in +Leipzig Stadt und Land, einschließlich der Nachwahl in Leipzig Land, +erforderten 733 Taler, die Chemnitzer Wahl 345 Taler, Freiburg-Oederan +(Geibs Wahlkreis) 165 Taler, Stollberg-Schneeberg (Liebknechts +Wahlkreis) 350 Taler. Das sind Beträge, die im Vergleich zu den heutigen +Ausgaben für die gleichen Zwecke winzig genannt werden müssen. Zwischen +damals und jetzt besteht aber ein Unterschied. Jetzt opfern die +Parteigenossen mehr Geld und bezahlen die Wahlarbeit. Damals opferten +die Parteigenossen weniger Geld--weil sie weniger hatten und auch gegen +heute gering an Zahl waren--, aber sie leisteten die Wahlarbeit meist +umsonst. Der einzelne mußte damals durchschnittlich weit größere +persönliche Opfer bringen als heute, sollten Resultate erzielt werden. +Uebersehen darf allerdings nicht werden, daß gegenwärtig die +Wahlagitation in Deutschland namentlich auch seitens der Gegner in ganz +anderem Maße betrieben wird wie früher und schon deshalb unsererseits +weit größere Anstrengungen und Aufwendungen erfordert. + + + + +Die erste Session des neuen Reichstags 1874. + + +Diese wurde im Februar 1874 eröffnet. Seitens unserer Vertreter wurde +den Vertretern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins der Vorschlag +gemacht, eine Fraktion zu bilden. Das lehnten diese ab. Dagegen kam man +überein, sich gegenseitig bei Stellung von Anträgen zu unterstützen, +auch wolle man dahin wirken, daß in der Presse und in den Versammlungen +die gegenseitigen Angriffe unterblieben. Das war nicht viel, aber das +andere mußte folgen. Eine große Anzahl Parteigenossen auf beiden Seiten +hatte allmählich die gegenseitige Bekämpfung, die nur den Gegnern +zustatten kam, satt und wünschte, wenn eine Vereinigung noch nicht +möglich sein sollte, eine Verständigung zu gemeinsamem Vorgehen. + +In unserer Partei war man mit der Haltung der gewählten Vertreter +unzufrieden. Man fand, daß sie zu selten das Wort ergriffen und dann +nicht scharf genug geredet hatten. Der Unmut darüber kam auch mehrfach +in der Parteipresse zum Ausdruck. Liebknecht wohnte keiner Sitzung mehr +bei, da die Session kurz nach seiner Freilassung geschlossen wurde. Ich +erhielt von den verschiedensten Seiten Zuschriften, worin die Verfasser +sich über die Haltung der Parlamentsgenossen beklagten. So schrieb mir +nach Schluß der Session Robert Schweichel, der seit seiner Uebersiedlung +nach Berlin die Redaktion der "Romanzeitung" übernommen hatte und daher +öffentlich politisch nicht tätig sein konnte: die Haltung der +sozialdemokratischen Abgeordneten habe allgemein enttäuscht. Nach dem +glänzenden Ausfall der Wahlen habe man eine andere Haltung erwartet. +Diese fördere die Partei nicht. Rübner, der Expedient der "Chemnitzer +Freien Presse", schrieb mir: "Die Vertreter des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins haben unseren Genossen im Reichstag geschickt den Rang +abgelaufen. Darüber sind unsere Leute wütend." Die Abgeordneten selbst +beschwerten sich lebhaft darüber, daß der Präsident bei Wortmeldungen +die Vertreter des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bevorzugt habe. +An dieser Behauptung war etwas Wahres. An Simsons Stelle war Forckenbeck +getreten, der, wie ich schon einmal erwähnte, der parteiischste +Präsident war, den der Reichstag je gehabt hat. Erleichtert wurde ihm +diese Parteilichkeit durch die Abschaffung der Rednerliste, die erfolgt +war, um die sozialdemokratischen Abgeordneten möglichst am Redenhalten +hindern zu können. Die Abgeordneten mußten von jetzt ab durch ein +Zeichen dem Präsidenten bekunden, daß sie das Wort zu haben wünschten, +ungefähr so wie die Kinder in der Schule, wenn sie dem Lehrer +bemerklich machen wollen, daß sie eine Antwort auf eine Frage geben +können. Damit lag es in der Willkür des Präsidenten, ob er eine solche +Wortmeldung sehen und ob und wann er sie berücksichtigen wollte. Und +Forckenbeck machte von seiner Vollmacht rücksichtslos Gebrauch. Das +veranlaßte später Windthorst und seine Freunde, den Antrag zu stellen, +die Rednerliste wieder einzuführen. Der Antrag, zu dem von unserer Seite +Vahlteich sprach, wurde abgelehnt. Darauf sah sich Most veranlaßt, noch +kurz vor Schluß der Session die Parteilichkeit des Präsidenten +öffentlich im Reichstag zu denunzieren. Er habe trotz zahlreicher +Meldungen das Wort nur einmal erhalten. Ihm gegenüber lag allem Anschein +nach ein Racheakt vor. Most hatte sich verleiten lassen, bei Beginn der +Session, bevor er nach Berlin reiste, in der "Chemnitzer Freien Presse", +deren Redakteur er war, eine Art Kriegserklärung an den Reichstag zu +veröffentlichen, in der er demselben den Kampf bis aufs Messer ansagte. +Dafür mußte er offenbar jetzt büßen. Die einzige Rede, die er halten +konnte, betraf den Entwurf zum Impfgesetz, und diese mißglückte ihm. Er +schloß die kurze Rede mit den Worten: "Vorläufig verlangen wir die +öffentlichen Badeanstalten, und wenn wir diese haben, werden wir auch +mit dem Normalarbeitstag kommen." Kein Wunder, daß dieser Schluß in +Mosts Munde die Heiterkeit der Gegner hervorrief. + +Aber es machte sich von dieser Session ab noch ein anderer Unfug mit +Forckenbecks Unterstützung breit, der später immer schlimmer wurde. Es +fand sich in einem Mitglied der nationalliberalen Partei, dem +Abgeordneten für Hildburghausen, Valentin, der seines Zeichens +Rechtsanwalt gewesen war, ein stets bereiter Schlußantragsteller. Sobald +Forckenbeck den Schluß der Debatte wünschte, gab er Valentin das +verabredete Zeichen, worauf dieser gehorsam den Schlußantrag stellte, +dem alsdann wie auf Kommando die Mehrheit--Nationalliberale und +Konservative--Folge leistete. Für diese Methode der Wortabschneidung +bildete sich im Reichstag die Bezeichnung: der redenwollende Abgeordnete +sei valentiniert, das heißt geistig guillotiniert worden. Dieser Unfug +ging schließlich so weit, daß auf dem Bureau Valentinsche Schlußanträge +_auf Vorrat_ lagen, deren sich der Präsident nach Belieben bediente. +Valentin wurde für seine Tätigkeit von seiner Fraktion dadurch geehrt, +daß diese ihm, wie im Reichstag erzählt wurde, zu seinem Geburtstag ein +Kistchen mit gedruckten Schlußanträgen schenkte. + +Bezeichnend für die damalige Situation im Reichstag war auch, daß der +Abgeordnete Bamberger es wagen konnte, die sozialistischen Abgeordneten +als geduldete Gäste zu bezeichnen, denen man das Hausrecht verweigern +könne. Kleinlich war auch, daß man Liebknecht und mich während unserer +Haft bei namentlichen Abstimmungen stets als "unentschuldigt" in den +Listen geführt, ein Unfug, der erst auf eine energische Beschwerde +Vahlteichs in öffentlicher Sitzung ein Ende nahm. + +Unter den Vorlagen, die den Reichstag beschäftigten, befanden sich +mehrere von besonderer Wichtigkeit. So eine neue Militärvorlage, die +eine erhebliche Erhöhung der Präsenzziffer, auf über 401000 Mann, +ausschließlich der Einjährig-Freiwilligen, forderte, und zwar für die +Dauer von sieben Jahren. Damals hatten die Liberalen einschließlich der +Nationalliberalen noch konstitutionelle Bedenken gegen eine derartige +Festlegung auf viele Jahre. Es kam zu scharfen Debatten, aber +schließlich fügten sich die Nationalliberalen und nahmen an, nachdem +Bismarck mit Niederlegung seines Amtes drohte. In der ersten Lesung nahm +Hasenclever, in der Generaldebatte der dritten Lesung Motteler das Wort. +Beide forderten die Miliz. In diesen Debatten äußerte Moltke zur +Verteidigung der Vorlage die später oft zitierten Worte: + + "Was wir in einem halben Jahre mit den Waffen in der Hand errungen + haben, das mögen wir ein halbes Jahrhundert mit den Waffen schützen, + damit es uns nicht wieder entrissen wird. Darüber, meine Herren, + dürfen wir uns keiner Täuschung hingeben: wir haben seit unseren + glücklichen Kriegen an Achtung überall, an Liebe nirgends gewonnen." + +Damit wurde bestätigt, was wir wiederholt in den Jahren 1870/71 +vorausgesagt hatten. Nicht der Krieg an sich, aber seine Folgen, die +Annexion von Elsaß-Lothringen, hatte in Europa eine Situation +geschaffen, die die Lage immer gespannter machte, Rußland eine +dominierende Stellung verschaffte und immer neue Rüstungen hervorrief. +Zu unseren Milizvorschlägen äußerte Moltke: Meine Herren! Die Gewehre +sind bald ausgeteilt, aber schwer wieder zurückzubekommen! (Heiterkeit.) + +Der Abgeordnete Malinckrodt hatte den Antrag auf zweijährige Dienstzeit +gestellt, dafür stimmte Vahlteich, dagegen Geib, der Abstimmung +enthielten sich Most und Motteler. Hasenclever, Hasselmann und Reimer +hatten den Antrag gestellt, 540000 Mann für zwei Monate und 18000 Mann +für die weiteren zehn Monate zu bewilligen, ferner sollte die +militärische Jugenderziehung vom 14. bis 20. Jahre eingeführt werden. +Für diesen Antrag stimmten nur die Antragsteller. Diese Abstimmungen +gaben kein erhebendes Bild von der Tätigkeit der sozialdemokratischen +Abgeordneten. + +Eine zweite für die Arbeiterklasse wichtige Vorlage war eine Novelle zur +Gewerbeordnung, die in etwas abgeänderter Form die Vorlage aus der +vorigen Session wiederbrachte. Man begnügte sich diesmal, den § 153 +dahin zu verschärfen, daß Verletzung desselben statt wie bisher mit +höchstens drei Monaten künftig mit bis zu sechs Monaten Gefängnis +bestraft werden sollte. Dagegen hatte man in einem neuen § 153a die +Bestrafung des Kontraktbruchs vorgeschlagen, dieser sollte mit +Geldstrafe bis zu 150 Mk. oder Haft geahndet werden. Die Streiks, +die in den Gründerjahren häufig unter Kontraktbruch vorkamen +und nach ausgebrochener Krise wegen Lohnherabsetzungen und +Arbeitszeitverlängerungen Abwehrstreiks unter Nichtbeachtung der +Kündigungsfristen hervorriefen, hatten das Unternehmertum in die höchste +Aufregung versetzt. Es inszenierte einen Petitionssturm an die +verbündeten Regierungen und den Reichstag, um die kriminelle Bestrafung +des Kontraktbruchs zu erlangen. Diesem Verlangen waren die verbündeten +Regierungen durch den Vorschlag des § 153a nachgekommen. Im weiteren +wurden die früher schon vorgeschlagenen Bestimmungen betreffend die +gewerblichen Schiedsgerichte wieder in Vorschlag gebracht mit der +kleinen Abänderung, daß die höhere Verwaltungsbehörde bestimmen könne, +ob eine Wahl der Beisitzer durch die beteiligten Arbeiter und +Arbeitgeber erfolgen solle. Zu dem Gesetzentwurf hielt Hasselmann eine +gute Rede. In die Kommission wurde von unserer Seite Motteler gesandt, +der sich aber an den Verhandlungen nicht beteiligte, sondern stummer +Zuhörer blieb, was ihm von verschiedenen Seiten verdacht wurde. Die +Kommission strich den Kontraktbruchparagraphen, ebenso wurde die +Verschärfung des § 153 abgelehnt; sie beschloß ferner, daß die Wahl der +Beisitzer in den Gewerbegerichten nur durch allgemeine Wahlen der +Interessenten zu erfolgen habe. Der Entwurf wurde indes im Plenum nicht +zu Ende beraten. Man war vorläufig seitens der Mehrheit des Reichstags +zu Ausnahmebestimmungen oder Verschärfung der bestehenden Gesetze noch +nicht geneigt. + +Die dritte wichtige Vorlage war der Entwurf eines Preßgesetzes. In +diesem hatte der vorjährige § 20 folgenden Wortlaut erhalten: + + "Wer mittels der Presse den Ungehorsam gegen die Gesetze oder die + Verletzung von Gesetzen als etwas Erlaubtes oder Verdienstliches + darstellt, wird mit Gefängnis oder Festungshaft bis zu zwei Jahren + bestraft. Wer die im § 166 des Strafgesetzbuchs für das Deutsche Reich + vorgesehenen Handlungen mittels der Presse verübt, wird mit Gefängnis + nicht unter drei Monaten und bis zu vier Jahren bestraft." + +Auch zu diesem Gesetzentwurf hielt _Hasselmann_ eine gute Rede, außer +ihm sprach _Geib_. Der § 20 fiel in der Kommission und im Plenum. Im +übrigen beseitigte das Gesetz die Kautionen und verbot die +Zeitungsstempel und die Inseratenabgaben, wo solche noch bestanden. +Wirkliche Verbesserungen gegen den bisherigen Zustand brachte das Gesetz +nur Preußen, Braunschweig und den beiden Mecklenburg, für Sachsen, die +mitteldeutschen und süddeutschen Staaten schuf es hingegen verschiedene +zum Teil erhebliche Verschlechterungen, so daß seine Annahme anfangs +zweifelhaft war. Es ging hier wie bei allen wichtigen Gesetzen des +Reichs, den Verbesserungen standen _stets_ Verschlechterungen gegenüber; +zu einem politischen Gesetz, das für alle eine wesentliche Besserung +bedeutete, konnte sich der Reichstag nicht erheben, stets gab er dem +Druck der Regierungen, das heißt Preußen nach, dem Stimmführer für alles +Rückschrittliche. + +Erwähnt sei, daß bei Beginn der Session auch wieder der Antrag auf +meine Freilassung für die Dauer der Session gestellt worden war, jedoch +mit demselben negativen Erfolg wie früher. Redner für den Antrag waren +Vahlteich und Hasenclever. Die Fortschrittspartei verweigerte die +Unterstützung des Antrags, weil es zwecklos sei, ihn zu stellen. + + * * * * * + +Die Tatsache, daß die Vertreter der beiden sozialdemokratischen +Fraktionen im Reichstag genötigt wurden, öfter gemeinsame Sache bei den +Beratungen zu machen, war für alle jene, die eine Vereinigung wünschten, +ein neuer Anstoß zum Handeln. Der erste Schritt hierzu wurde auf der +Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +unternommen, die vom 26. Mai bis 5. Juni 1874 in Hannover tagte. F.W. +Fritzsche, Hartmann-Hamburg, Meister-Hannover und andere stellten den +Antrag, zu erklären: Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins hält die Vereinigung aller sozialdemokratischen Arbeiter +Deutschlands für erforderlich, um die Endziele der Sozialdemokratie zu +erreichen, und empfiehlt, um eine solche Vereinigung anzubahnen, daß +dieselben in allen öffentlichen Versammlungen sowie in der Parteipresse +sich nicht mehr bekämpfen und anfeinden. Bestimmte Vorschläge zur +Vereinigung können nicht eher gemacht und diskutiert werden, bevor der +Kongreß der Eisenacher konstatiert, daß auch er eine Einigung aufrichtig +anstrebt. + +Der Antrag wurde zwar nach längerer Debatte mit 50 gegen 19 Stimmen +_abgelehnt_, aber die Debatte wurde in einem merklich anderen Tone als +bei früheren ähnlichen Gelegenheiten geführt. + +Die Sozialdemokratie Arbeiterpartei hielt ihren Kongreß im folgenden +Monat, vom 18. bis 21. Juli, in Koburg ab, auf dem seit 1871 zum +erstenmal Liebknecht wieder auf einem Parteikongreß erschien. Die +Vereinigungsfrage kam hier ebenfalls zur Verhandlung, zu der +verschiedene Anträge gestellt worden waren. In dem Bericht, den _Geib_ +im Namen des Ausschusses erstattete, hatte dieser bereits ausgeführt: +"Wenn wir schließlich noch unsere Stellung zum Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein erwähnen, so geschieht es nur, um zu konstatieren, daß +seit der Reichstagswahl der alte Hader im Wanken begriffen ist. Viel +trägt dazu die Tatsache bei, daß der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein +jetzt von oben herab mit gleichem Maße gemessen wird wie unsere Partei. +Daß die Stellung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins tatsächlich +doch noch eine zurückhaltende ist, geht aus der Abstimmung über den auf +der Generalversammlung dieses Vereins gestellten Einigungsantrag, für +welchen unter 69 Delegierten nur 19 stimmten, deutlich hervor. Wir haben +uns demgemäß zu reservieren und vor allem auf die prinzipielle Haltung +des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins zu achten, da hierin ein +wesentliches, wenn nicht das wesentlichste Moment zur Richtschnur +unserer Einigungstaktik zu suchen ist." In der später folgenden Debatte +über die Einigungsanträge nahm auch _Auer_ das Wort, der noch immer der +Frage kühl gegenüberstand und pessimistisch äußerte: Im großen und +ganzen sind wir alle mit der Einigung einverstanden, aber solange auf +beiden Seiten die prinzipiellen Unterschiede ins Gewicht fallen, kann an +eine wirkliche Einigung nicht gedacht werden. Die Aussichten, die uns in +dieser Hinsicht der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein eröffnet, sind +gering, dies zeigt schon sein neuester Entschluß, sich sektenmäßig +"_Lassalleaner_" zu nennen. Unser Versöhnungsdusel hat bis jetzt wenig +geholfen. Das einzige Mittel zur Einigung heißt: die Lassalleaner unsere +Macht fühlen lassen und uns stärken. Stellen wir uns auf den Standpunkt +der Einigungsvorschläge, die vor zwei Jahren im "Volksstaat" +veröffentlicht wurden. (Siehe Seite 289 und 290.) Mag ein allgemeiner +Kongreß zur Beratung der Einigungsfrage berufen werden. _Bernstein_ +stand der Frage optimistischer gegenüber als Auer. Im Allgemeinen +Deutschen Arbeiterverein seien bereits viele Mitglieder für eine +Vereinigung. Der Verlauf der Generalversammlung des Allgemeinen +Deutschen Arbeitervereins bestätige seine Auffassung. Er erklärte sich +ebenfalls für einen Kongreß behufs Verständigung. _Liebknecht_ sprach +sich in längerer Rede dafür aus, daß, wenn zunächst die Vereinigung +nicht möglich sei, die Einigung erstrebt werden müsse, die Vereinigung +werde nachher von selbst kommen, dafür sorge Herr Tessendorf und die +Logik der Tatsachen, wenn nicht mit, dann den Führern zum Trotz. +_Motteler_ berichtete über Besprechungen, die in Berlin zwischen +Hasenclever und Hasselmann auf der einen und unseren Vertretern auf der +anderen Seite stattgefunden hatten. Hasenclever und Hasselmann hätten +erklärt: _an eine Vereinigung sei nicht zu denken_, da der Allgemeine +Deutsche Arbeiterverein unbedingt die bessere Organisation habe. Ein +friedliches Nebeneinandergehen in Presse und Versammlungen sei ja +vereinbart. Zum Schlusse wurde mit großer Mehrheit ein Antrag Geibs +angenommen, lautend: + + "Der Kongreß erklärt, der Einigung der beiden deutschen + Arbeiterfraktionen geneigt zu sein. Ueber den Modus einer solchen + Einigung werden zum nächsten Kongreß seitens des Ausschusses und den + der Partei angehörigen Reichstagsmitgliedern Vorschläge erwartet. Im + übrigen geht der Kongreß zur Tagesordnung über." + + * * * * * + +Auf dem Koburger Kongreß kam es auch zu lebhaften Debatten über den oft +unzeitigen Eifer der Parteigenossen, in den größeren Orten Lokalblätter +zu gründen, die ungenügend finanziell fundiert, alsdann der Partei große +Verlegenheiten bereiteten, weil sie nunmehr um jeden Preis am Leben +erhalten werden sollten. Klagen, die sich bekanntlich bis in die Neuzeit +wiederholten. Nicht wenige dieser Blätter führten eine prekäre Existenz +und machten der Parteileitung schwere Sorge. Es war fast für das eine +und das andere eine Wohltat, unter dem Sozialistengesetz totgeschlagen +zu werden; sie starben wenigstens auf dem Felde der Ehre, im Kampfe mit +einem übermächtigen Gegner. + +Auch die Frage der Programmänderung beschäftigte den Koburger Kongreß. +Es lagen für dieselbe, unter anderen auch von Bracke, eine Anzahl +Anträge vor. Nach längerer Debatte fand alsdann ein Antrag +Kokosky-Grillenberger und Genossen Annahme, wonach der Kongreß die +Reformbedürftigkeit des Programms anerkannte, jedoch in der Erwägung, +daß die Frage im Augenblick noch nicht spruchreif sei, die Aenderung +des Programms bis zum nächsten Kongreß vertage. Die Programmänderung +solle in der Presse zur Diskussion gestellt werden. + +Des weiteren wurden öffentliche Vorträge veranstaltet, wobei Liebknecht +und Motteler über die politische Stellung der Sozialdemokratie, York und +Grillenberger über die industrielle und ländliche Arbeiterfrage +sprachen. Grillenberger, der über das letztere Thema sprach, hielt zu +dieser Frage eine gute instruktive Rede. + + + + +Tessendorf als Bahnbrecher der Einigung. + + + + +Einigungsverhandlungen. + + +Geib und Liebknecht hatten recht, als sie ausführten, die Neigung zu +einer Vereinigung mit uns werde im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein +gefördert werden durch die Behandlung, die ihm jetzt gleich uns von oben +zuteil wurde. Als vornehmster Träger dieser Verfolgungen erwies sich +Staatsanwalt Tessendorf, der im Sommer 1873 von Magdeburg an das +Berliner Stadtgericht berufen wurde. Er fand in der siebenten Deputation +des Berliner Stadtgerichtes in den Herren Reich als Vorsitzender, v. +Ossowsky und Giersch als Beisitzer drei kongeniale Geister, die seinen +staatsretterischen Eifer nach jeder Richtung unterstützten und in einer +längeren Reihe von Jahren in den Prozessen gegen eine große Anzahl +Parteigenossen als wahre Blutrichter sich erwiesen. + +Tessendorf hatte sich seinen Ruf als Sozialistentöter schon in Magdeburg +erworben, allerdings mit der Wirkung, daß die von ihm verfolgte und +gehaßte Partei nach jedem Schlage, den er gegen sie führte, immer +stärker und kräftiger wurde. Er war einer der schlimmsten Streber in +unserer an Strebern so reichen Zeit. Tessendorf zeigte schon im Jahre +1871, wie unglücklich er darüber war, daß er in unseren +Hochverratsprozeß nichts hineinzureden hatte. Dafür zeugt folgender +Vorfall, den ich etwas ausführlicher erwähne, weil er diesen +fanatischsten aller Sozialistenfresser im rechten Lichte zeigt. Die +"Magdeburger Zeitung" hatte damals wiederholt in Leipziger +Korrespondenzen uns, die wir hinter Schloß und Riegel saßen und uns +nicht wehren konnten, in unqualifizierbarer Weise beschimpft. Als es +dann in Zürich im März 1871 zu einem großen Krawall gekommen war +anläßlich einer Siegesfeier, welche die in Zürich lebenden Deutschen in +der dortigen Tonhalle veranstaltet hatten, sollten wir nach der +Leipziger Korrespondenz in der "Magdeburger Zeitung" die Urheber jenes +Krawalls sein und unsere Züricher Parteigenossen die Täter. Nebenbei +bemerkt, wurde später gerichtlich festgestellt, daß unsere Züricher +Parteigenossen zu jenem Krawall in gar keiner Beziehung standen. Unser +Anwalt Otto Freytag sah sich darauf veranlaßt, bei dem Magdeburger +Stadt- und Kreisgericht einen Strafantrag gegen die "Magdeburger +Zeitung" zu stellen. Zu seiner nicht geringen Verwunderung meldete sich +in einem langen Schreiben der Staatsanwalt Tessendorf, der es ablehnte, +gegen die "Magdeburger Zeitung" vom Amts wegen einzuschreiten. Dabei +erging er sich in langen und gehässigen politischen Betrachtungen über +unser Tun und Lassen. Freytag antwortete: es sei ihm nicht eingefallen, +die Hilfe einer königlich preußischen Staatsanwaltschaft für uns +anzurufen, wie der Wortlaut seines Strafantrags beweise. Im übrigen +müsse er seine, Tessendorfs, Einmischung in politische Angelegenheiten, +_die ihn nichts angingen_, als eine Anmaßung zurückweisen. Nach Verlauf +eines Monats kam Tessendorf abermals in einem Schreiben an Freytag auf +den Vorgang zurück, worin er das taktlose Geständnis machte, _daß er bis +jetzt vergeblich auf die Veröffentlichung seines Schreibens im +"Volksstaat" gewartet habe. Sollte die Veröffentlichung in Rücksicht auf +seine Person unterblieben sein, so wolle er mitteilen, daß man diese +Rücksicht nicht zu nehmen brauche._ Freytag erteilte ihm unter dem 28. +April eine gepfefferte Antwort, deren Schlußsätze lauteten: + + "Ihr ganzes Verhalten in der vorliegenden Sache gibt mir den Beweis, + daß _Sie Ihre Karriere als königlich preußischer Staatsanwalt und + Polizeimann machen werden, auch wenn Ihr strammes Auftreten gegen die + Herren Bebel und Liebknecht nicht an die Glocke der Oeffentlichkeit + gehängt wird. Vielleicht finden Sie noch einen anderen Weg, Ihre + Zufertigung gedruckt zu sehen._" + +Und Tessendorf machte Karriere. Er wurde schließlich Oberreichsanwalt +bei dem Reichsgericht zu Leipzig. Er starb aber, ohne seine Hoffnung und +seine Sehnsucht, preußischer Justizminister zu werden, erfüllt zu sehen. +Ein anderer streberischer Staatsanwalt lebte zu jener Zeit in Bielefeld, +der unter dem 26. April 1871 sogar eine öffentliche Warnung an die +Bevölkerung ergehen ließ, auf den "Volksstaat" zu abonnieren. Eine +Unverschämtheit sondergleichen. + +Tessendorf entsprach in vollem Maße den Erwartungen, die seine +Vorgesetzten und speziell Bismarck auf ihn gesetzt hatten. Die Zahl der +Verurteilungen, die in den nächsten Jahren in Berlin auf seinen Antrag +durch die berüchtigte siebente Deputation vorkamen, ist Legion, und die +Urteile wurden immer härter und grausamer. Aber mit der Verfolgung wuchs +auch der Widerstand der Parteigenossen, und wenn Tessendorf und die +Richter der siebenten Deputation am Ende ihres Lebens sich ehrlich +Rechenschaft über ihr Tun und Treiben abgelegt haben, mußten sie sich +sagen: _wir arbeiteten ohne Erfolg;_ wir haben viele Existenzen +vernichtet, viel Familienglück zerstört und manchen durch harte +Verurteilung in ein frühzeitiges Grab gebracht, aber die Bewegung, die +wir meistern wollten, meisterte uns. Wir sind die Unterlegenen. Die wir +vernichten wollten, blieben Sieger. + +Im Jahre 1874 wurde von der erwähnten Deputation Most in Berlin wegen +einer Rede über die Pariser Kommune mit anderthalb Jahren Gefängnis +bedacht. Der Schriftsetzer Genosse Heinsch, einer der besten +Organisatoren Berlins, wurde wegen Abdrucks eines Gedichtes zu einem +Jahre Gefängnis verurteilt. A. Kapell vom Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein erhielt neun Monate, die das Kammergericht auf drei +Monate reduzierte, Frohme erhielt ebenfalls neun Monate, die das +Kammergericht auf sechs herabsetzte. Eine ganze Reihe anderer +Parteigenossen wurde mit gleich hohen und zum Teil noch höheren Strafen +belegt, und in fast allen diesen Prozessen handelte es sich um +Nichtigkeiten, die vor einem anderen Gericht mit wenigen Wochen +Gefängnis oder einer Geldstrafe bedacht worden wären. Die Nervosität +nahm in gewissen Kreisen immer mehr zu. In ganz Preußen wurden im Jahre +1874 in 104 Prozessen 87 Lassalleaner zu 211 Monaten und 3 Wochen +Gefängnis verurteilt. Aehnlich war es in Sachsen, in dem ebenfalls die +Urteile immer härter wurden. Wo sonst Monate genügten, wurden jetzt +Jahre verhängt. Das Hauptkontingent der Verurteilten stellte unsere +Partei. + +Mit den gerichtlichen Verurteilungen gingen die polizeilichen +Maßregelungen und Auflösungen Hand in Hand. In Berlin wurde Ende Juni +der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein polizeilich geschlossen. Als dann +Hasenclever, als Präsident des Vereins, den Sitz desselben nach Bremen +verlegte, wurde er wegen Verletzung des Vereinsgesetzes zu zwei Monaten +Gefängnis verurteilt. Weiter verfielen in Berlin der Auslösung die +Mitgliedschaft der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, der +Arbeitermädchen- und -frauenverein, der Allgemeine Deutsche +Schuhmacherverein, der Allgemeine Deutsche Tischlerverein und der +Allgemeine Deutsche Maurerverein. In Frankfurt a.M. folgte die Polizei +ihrer Berliner Kollegin und löste gleichfalls die meisten der dort +bestehenden Arbeiterorganisationen auf. Auch in Hannover, Königsberg i. +Pr. und an anderen Orten verfielen sowohl der Allgemeine Deutsche +Arbeiterverein wie die Mitgliedschaften der Sozialdemokratischen +Arbeiterpartei der polizeilichen Auflösung. Sachsen und Bayern blieben +hinter dem preußischen Beispiel nicht zurück. So fielen die +Arbeiterorganisationen in München, Nürnberg, Erlangen, Hof. In München +wurde gleichzeitig eine Reihe gewerkschaftlicher Organisationen +aufgelöst, so der Allgemeine Deutsche Schneiderverein, die Gewerkschaft +der Maler, Lackierer und Vergolder, der Allgemeine Deutsche +Metallarbeiter- und der Allgemeine Deutsche Holzarbeiterverein. + +Alle diese Vorgänge trugen sehr wesentlich dazu bei, selbst den +widerstrebendsten Elementen klarzumachen, daß diesen Gewaltmaßregeln +gegenüber, die beide Fraktionen ohne Unterschied trafen, erhöhter +Widerstand nur in der Vereinigung gefunden werden könne. + +Da, am 11. Oktober 1874, schrieb mir Liebknecht nach dem Zwickauer +Landesgefängnis einen Brief, in dem es hieß: + + "Gestern war Tölcke hier; er will Vereinigung mit uns. Im selben Sinne + schrieb mir heute Fritzsche. Auch Reimer und Hasselmann wollen, so + schreibt Fritzsche, mindestens Verbündung; Verschmelzung sei noch + unmöglich. Mehr mündlich--acht Tage vor Eröffnung des Reichstags + besuche ich Dich. Nur so viel! Feststeht, daß die Deutschen + Allgemeinen vollständig _en deroute_ (in Auflösung) sind; Tölcke--das + Zusammentreffen mit ihm war zum Malen--gab zerknirscht zu, daß die + heilige Organisation sich nicht bewährt habe.... Daß wir nicht gleich + einen Einigungskongreß auf den 15. November berufen wollten, war ihm + eine bittere Enttäuschung und noch mehr meine Erklärung, daß wir + unmöglich den Rückschritt zu dem Lassalleschen Programm, auch einem + reformierten, machen könnten. Tölcke meinte, man brauche ja Lassalle + gar nicht zu nennen, überhaupt sei der Lassallekultus rein aus + taktischen Gründen getrieben worden usw. usw. Tölcke kam im Auftrag + Hasenclevers--der in Zeitz sitzt--und im Einverständnis mit Wode. Das + ist die eine Clique--die andere ist Hasselmann-Reimer. Dazwischen als + _would be_ (sogenannter) Schiedsrichter Fritzsche. Tölcke hat eine + furchtbare Wut auf Hasselmann. Auf meine Frage, ob Hasselmann mit + seinem, Tölckes, Schritt einverstanden sei, erwiderte er: Nein, aber + er muß! Und auf meinen Einwurf: Wenn Ihr gegen Hasselmann, der den + 'Neuen Sozialdemokrat' hat, vorgeht, werdet Ihr einfach in die Luft + gesprengt, ähnlich wie Schweitzer es seinerzeit mit der Opposition + tat, antwortete Tölcke: Hasselmann könne nichts machen, juristischer + Eigentümer des Blattes sei Hasenclever." + +Liebknecht schrieb weiter, er habe Tölcke erklärt, Definitives könnten +wir in Leipzig nicht abmachen, er solle zunächst nach Hamburg, dem Sitz +des Parteivorstandes, reisen und dort mit Geib, Auer usw. Rücksprache +nehmen. Vor Weihnachten sei ein Kongreß unmöglich, auch müsse vorher +erst eine Konferenz stattfinden, doch müsse man vorsichtig sein. "An +Verschmelzung ist nicht zu denken," schrieb Liebknecht zum Schlusse; +aber einmal A gesagt, treiben die Dinge weiter. + +In Hamburg kam man überein, vorzuschlagen, zu gleichen Teilen eine +Kommission aus beiden Fraktionen zusammenzusetzen, die die Bedingungen +einer Einigung beraten und formulierte Vorschläge machen sollte. In +unserer Partei wurden diese Einigungsversuche, sobald sie bekannt +wurden, allgemein begrüßt. Als der Genosse Dotzauer-Zwickau mir am 15. +Oktober ins Gefängnis schrieb, er habe gehört, es seien +Vereinigungsverhandlungen im Gange, antwortete ich: Das sei mir bekannt. +Es freue mich, daß jetzt die Leute vom Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein an uns herankämen und die Hand zur Versöhnung reichten. +Er (Dotzauer) sei falsch unterrichtet, wenn er angebe, Liebknecht solle +den Antrag "kurzerhand" abgelehnt haben, seine Schritte in Hamburg +bewiesen das Gegenteil. Dieses Friedensanerbieten hätten Liebknecht und +ich mit Genugtuung begrüßt. "Der Kampf, der acht Jahre gedauert, hat +mich ein gut Teil meiner besten Kräfte, sehr viel Zeit und andere Opfer +gekostet. Gut, daß er ein für allemal und siegreich zu Ende ist." + +Ueber die Treibereien von Hasselmann und Reimer schrieb Tölcke an das +Vorstandsmitglied Wode--der während der Haft Hasenclevers Vizepräsident +des Vereins war--unter dem 22. Oktober 1874 aus Iserlohn einen Brief, in +dem es hieß: + + "Nach Annoncen im 'Volksstaat' gehen die 'Eisenacher' mit der + Besprechung des Einigungsprojekts flott vorwärts. Wenn wir nicht von + ihnen überflügelt werden wollen, dann ist auch bei uns--zumal mit + Rücksicht _auf die Abneigung der Herren Hasselmann und Reimer_--die + rastloseste Tätigkeit erforderlich. Ich mache Dich darauf besonders + aufmerksam, daß Hasselmann und Reimer durch ihre Ansprache in Nr. 119 + des 'Neuen Sozialdemokrat' offenbar die Absicht kundgeben, in betreff + der Agitation durchaus selbständig vorgehen zu wollen, ohne sich um + die Vereinsleitung irgendwie zu kümmern; für die Herren scheint der + Vizepräsident gar nicht zu existieren. + + Es ist also nach allen Seiten hin ein rasches Handeln unerläßlich und + halte ich es deshalb für notwendig, daß wir in folgender Weise + vorgehen: + + 1. Weil nach der Ansicht Hasenclevers weder von ihm, noch von Dir oder + von Vorstandsmitgliedern in der Angelegenheit _amtlich_ Schritte getan + werden können, und weil man allerwärts _von mir_ Benachrichtigung über + den Erfolg meiner Reise erwartet, wird es zweckmäßig sein, daß ich auf + unserer Seite die Korrespondenz wegen des Zusammentritts der + gemischten Kommission und bis zu deren Zusammenkunft führe.... + + 2. Um gewisse Gegenagitationen unschädlich zu machen, muß ich + schleunigst eine Konferenz sämtlicher Bevollmächtigter in Rheinland + und Westfalen ins Wuppertal einberufen...." + +Tölcke schlug dann eine solche auch für den Süden einschließlich Kassel +vor und erbot sich, die Reisen nach Frankfurt, Offenbach, Hanau und +Kassel zu übernehmen. Er fuhr dann fort in seinem Briefe: + + "Mit dem Leitartikel in der gestrigen Nummer des 'Neuen + Sozialdemokrat', besonders am Schluß desselben, hat Hasselmann seine + Agitation _gegen_ den Kongreß bereits begonnen." + +Tölcke schloß seinen Brief mit dem Ersuchen um sofortiges und rastloses +Handeln. + +Hasenclever war mit dem Vorgehen Tölckes einverstanden, doch wurde in +einer Besprechung, die er mit Liebknecht und einigen anderen bei sich im +Gefängnis zu Zeitz hatte, vereinbart, mit weiterem Vorgehen bis zu +seiner Entlassung, die anfangs Dezember erfolgte, zu warten. Alsdann +traten Vertreter der beiden Fraktionen in Berlin zusammen, um weitere +Schritte zu beraten. Dort beschloß man, daß jede Fraktion eine gleiche +Zahl Mitglieder wähle, und jede Fraktion ihrerseits einen Programm-und +Organisationsvorschlag ausarbeiten sollte. Nachher sollten die Vertreter +der beiden Fraktionen zusammentreten und auf Grund der beiden Entwürfe +einen solchen ausarbeiten, der dann dem Kongreß als Grundlage der +Beratung zu unterbreiten sei. + +Die erste Kunde von den im Gange befindlichen Vereinigungsbestrebungen +erhielt die weitere Oeffentlichkeit durch eine Bekanntmachung +Hasenclevers an die Mitglieder seines Vereins, die er unter dem 11. +Dezember 1874 im "Neuen Sozialdemokrat" veröffentlichte und die der +"Volksstaat" abdruckte. Er teilte darin mit, daß, nachdem er wisse, daß +die große Mehrheit der Mitglieder des Allgemeinen Deutschen +Arbeitervereins für die Vereinigung sei, die Unterhandlungen mit der +Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, die ebenfalls den Wunsch einer +Vereinigung hege, aufgenommen worden seien. Der Wunsch der Lassalleaner, +daß die Anschauungen und Forderungen Lassalles in das gemeinsame +Programm aufgenommen werden sollten und eine einheitliche straffe +Organisation geschaffen werde, würden Berechtigung finden, doch solle +keine Ueberstürzung der Beratungen stattfinden, darin seien die +Vertreter der beiden Parteien einig. + +Die erste Massenkundgebung für die Vereinigung sah Berlin. In der +betreffenden Versammlung waren die sieben auf freiem Fuße befindlichen +Reichstagsabgeordneten anwesend. Eine Einigungsresolution wurde +einstimmig angenommen, auch beschlossen, Most in Plötzensee und mich in +Zwickau von dem Vorgang zu unterrichten. + +Zu einer zweiten Einigungsdemonstration wurde die Leichenfeier Borks in +Hamburg, der, wie ich schon berichtete, in der Nacht auf den 1. Januar +1875 gestorben war. Fünftausend Arbeiter beider Fraktionen folgten mit +zwanzig Fahnen dem Sarge des Mannes, der sowohl einer der Gründer +des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, wie später der +Sozialdemokratischen Arbeiterpartei war und mit Leib und Seele der +Bewegung gedient hatte. + +Am 19. Januar schrieb mir Eduard Bernstein einen Brief, worin er sich +entschuldigte, daß er als Schriftführer der großen Volksversammlung, die +in Berlin tagte und ihn beauftragte, Most und mir die herzlichste +Sympathie der Versammlung zu übermitteln, erst jetzt nachkomme: + + "Ich weiß nicht, wie Sie über die Einigung denken, doch glaube ich, + daß wir insoweit einverstanden sind, daß die Idee einer solchen so + lange als möglich festzuhalten ist. Illusionen mache ich mir gar + nicht, doch weiß ich, daß das Einigungsbedürfnis auch unter den + Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins groß ist. Leider + sind die Leute so verstockte Lassalleaner, daß wir in dieser Hinsicht + Konzessionen machen müssen." + +Die niedergesetzte Kommission bestand aus je acht Mitgliedern jeder +Fraktion. Die Lassalleaner hatten Hasenclever, Hasselmann, R. und O. +Kapell, Wode, Reinders, Hartmann und Walther, die Eisenacher Auer, +Bernstein, Bock-Gotha, Geib, Liebknecht, Motteler, Ramm und Vahlteich +delegiert. Am 14. und 15. Februar 1875 trat alsdann die Kommission in +Gotha zusammen, um aus den beiden stark abweichenden Programm- und +Organisationsentwürfen einen einzigen zu schmieden. Die Arbeit war keine +leichte, schließlich wurden Geib, Hasenclever, Hasselmann und Liebknecht +als Redaktionskommission niedergesetzt. Die Kommission konnte alsdann +verkünden, daß das Werk zur vollständigen Zufriedenheit der Teilnehmer +ausgefallen sei. Das war in der Partei nicht überall der Fall. Als +Liebknecht mir am 5. März den Programmentwurf ins Gefängnis sandte mit +dem Bemerken, mehr sei nicht zu erreichen gewesen, war ich wie aus den +Wolken gefallen. Bemerken muß ich, daß ich bereits wochenlang in großer +Aufregung und ärgerlicher Stimmung darüber war, daß weder Liebknecht, +wie er versprochen, sich bei mir hatte sehen lassen, noch weder er noch +Motteler es der Mühe wert erachtet hatten, mir irgendwelche Mitteilungen +über den Gang der Verhandlungen zu machen. Das glaubte ich erwarten zu +dürfen. Ich setzte mich nunmehr hin, schrieb einen mehrere Bogen langen, +sehr gereizten Brief, in dem ich das Programm scharf kritisierte und +einen Gegenentwurf machte, der allerdings übermäßig lang und detailliert +ausfiel. Ich hatte wieder einmal eine Probe geliefert, wie die +Abgeschlossenheit von der Außenwelt das Spintisieren begünstigt. +Liebknecht entschuldigte sich, daß er mich nicht besucht und Rücksprache +mit mir genommen habe. Aber er sei mit Arbeit überlastet, außerdem habe +er sich gesagt, daß eine Unterhaltung über heikle Dinge in Gegenwart +eines Beamten keine angenehme Sache sei. Das war richtig. Aber der +Gefangene, der weiß, daß draußen über Dinge verhandelt wird, die sein +ganzes Denken und Fühlen umfassen, sehnt sich nach einer Aussprache und +sei sie noch so beengt. Liebknecht hatte meinen Brief an den +Parteiausschuß nach Hamburg gesandt, wo er natürlich ebenfalls eine +ablehnende Aufnahme fand. Wenn ich schließlich meine eigenen Vorschläge +preisgab, so war damit meine Unzufriedenheit mit dem Programmentwurf +nicht beseitigt. Außer mir befand sich auch Bracke in heftiger +Opposition gegen den Entwurf. Als er mich zu meiner endlichen Befreiung +am 1. April beglückwünschte, sprach er sich in der erregtesten Weise +gegen das Programm aus. Bracke war in den letzten Jahren gezwungen +worden, sich eine gewisse Zurückhaltung aufzuerlegen. Er kränkelte +unausgesetzt und mußte wiederholt Erholungsreisen unternehmen. +Andererseits zwangen ihn geschäftliche Rücksichten--er war der Leiter +des väterlichen Geschäfts und hatte mit der Gründung eines Druckerei- +und Verlagsunternehmens sich so schwere finanzielle Lasten auferlegt, +daß nur die umsichtigste Tätigkeit ihn vor schweren Verlusten schützen +konnte--, manchem wichtigen Vorgang in der Partei fern zu bleiben. So +war es gekommen, daß Bracke nicht zu der Vereinigungskommission gehörte, +was lebhaft zu bedauern war. Er teilte mir mit, er habe unter anderem +Geib geschrieben, das Programm sei in III geradezu unsinnig. Es sei ein +Skandal, die Parteigenossen mit diesem Blödsinn zu infizieren, den +Widerspruch dagegen aus den Parteikreisen zu verbannen und die +Parteimitgliedschaft von der Zustimmung zu demselben abhängig zu machen +usw. Es entspann sich zwischen uns eine Korrespondenz, in der Bracke mir +am 19. April schrieb: + + "Diesmal ist das Entschuldigen auf meiner Seite. Aber auch ich habe + eben so wenig Zeit und muß gestehen, daß dieser ... Entwurf mir alle + Freudigkeit genommen hat, für den Gegenstand einmal mit Gewalt eine + Stunde herauszureißen. + + Ich bin ganz Deiner Meinung, daß dieser Entwurf gar nicht verbessert + werden kann, sondern ein ganz neuer Entwurf gemacht werden müßte; ich + bin nun gern bereit, mit Dir in Magdeburg zusammenzutreffen, werde + aber schwerlich einen Entwurf machen können, denn woher die Zeit + nehmen?" + +Schließlich meinte er, da wir keine Zeit zu gründlicher Beratung hätten +und keiner auch die Zeit, einen Entwurf zu machen, es sich empfehle, den +Kommissionsentwurf als provisorisches Programm anzunehmen, nachdem man +durch Kritik denselben möglichst erschüttert habe. Mit der Detailmalerei +in meinem Entwurf könne er sich auch nicht einverstanden erklären, das +gehöre in eine Broschüre. Außer mit mir stand Bracke mit Marx und Engels +wegen des Programm-Entwurfs in Korrespondenz und veranlaßte Marx, seine +bekannte Kritik zu schreiben, die im Band IX, Seite 385 der "Neuen Zeit" +veröffentlicht wurde. + +Ich hatte Veranlassung genommen, in einem Privatbrief an Engels unter +dem 23. Februar 1875 zu fragen: Was sagen Sie und Marx zu der +Einigungsfrage? Ich habe kein vollgültiges Urteil, denn ich bin außer +aller Kenntnis, ich weiß nur, was die Zeitungen berichteten. Ich bin +gespannt, zu hören und zu sehen, wie die Dinge liegen, wenn ich den 1. +April frei komme. Darauf antwortete mir Engels folgendes: + + "London, 18./28. März 1875. + + Lieber Bebel! + + Ich habe Ihren Brief vom 23. Februar erhalten und freue mich, daß es + Ihnen körperlich so gut geht. + + Sie fragen mich, was wir von der Einigungsgeschichte halten? Leider + ist es uns ganz gegangen wie Ihnen. Weder Liebknecht noch sonst jemand + hat uns irgendwelche Mitteilung gemacht, und auch wir wissen daher + nur, was in den Blättern steht, und da stand nichts, bis vor zirka + acht Tagen der Programmentwurf kam. Der hat uns allerdings nicht wenig + in Erstaunen gesetzt. + + Unsere Partei hatte so oft den Lassalleanern die Hand zur Versöhnung + oder doch wenigstens zum Kartell geboten und war von den Hasenclever, + Hasselmann und Tölckes so oft und so schnöde zurückgewiesen worden, + daß daraus jedes Kind den Schluß ziehen mußte: wenn diese Herren jetzt + selbst kommen und Versöhnung bieten, so müssen sie in einer verdammten + Klemme sein. Bei dem wohlbekannten Charakter dieser Leute ist es aber + unsere Schuldigkeit, diese Klemme zu benutzen, um uns alle und jede + mögliche Garantien auszubedingen, damit nicht jene Leute auf Kosten + unserer Partei in der öffentlichen Arbeitermeinung ihre erschütterte + Stellung wieder befestigen. Man mußte sie äußerst kühl und mißtrauisch + empfangen, die Vereinigung abhängig machen von dem Grade ihrer + Bereitwilligkeit, ihre Sektenstichworte und ihre Staatshilfe fallen zu + laufen und im wesentlichen das Eisenacher Programm von 1869 oder eine + für den heutigen Zeitpunkt angemessene verbesserte Ausgabe desselben + anzunehmen. Unsere Partei hätte von den Lassalleanern in theoretischer + Beziehung, also in dem, was fürs Programm entscheidend ist, _absolut + nichts zu lernen,_ die Lassalleaner aber wohl von ihr; die erste + Bedingung der Vereinigung war, daß sie aufhörten, Sektierer, + Lassalleaner zu sein, daß sie also vor allem das Allerweltsheilmittel + der Staatshilfe wo nicht ganz aufgaben, doch als eine untergeordnete + Uebergangsmaßregel unter und neben vielen möglichen anderen + anerkannten. Der Programmentwurf beweist, daß unsere Leute theoretisch + den Lassalleanerführern hundertmal überlegen--ihnen an politischer + Schlauheit ebensowenig gewachsen sind; die "Ehrlichen" sind einmal + wieder von den Nichtehrlichen grausam über den Löffel barbiert. + + Zuerst nimmt man die großtönende, aber historisch falsche Lassallesche + Phrase an: gegenüber der Arbeiterklasse seien alle anderen Klassen nur + eine reaktionäre Masse. Dieser Satz ist nur in einzelnen + Ausnahmefällen wahr, zum Beispiel in einer Revolution des + Proletariats, wie die Kommune, oder in einem Land, wo nicht nur die + Bourgeoisie Staat und Gesellschaft nach ihrem Bilde gestaltet hat, + sondern auch schon nach ihr das demokratische Kleinbürgertum diese + Umbildung bis auf ihre letzten Konsequenzen durchgeführt hat. Wenn zum + Beispiel in Deutschland das demokratische Kleinbürgertum zu dieser + reaktionären Masse gehörte, wie konnte da die sozialdemokratische + Arbeiterpartei jahrelang mit ihm, mit der Volkspartei Hand in Hand + gehen? Wie kann der "Volksstaat" fast seinen ganzen politischen Inhalt + aus der kleinbürgerlich-demokratischen "Frankfurter Zeitung" nehmen? + Und wie kann man nicht weniger als sieben Forderungen in dies selbe + Programm aufnehmen, die direkt und wörtlich übereinstimmen mit dem + Programm der Volkspartei und kleinbürgerlichen Demokratie? Ich meine, + die sieben politischen Forderungen 1 bis 5 und 1 bis 2, von denen + keine einzige, die nicht _bürgerlich_-demokratisch. + + Zweitens wird das Prinzip der Internationalität der Arbeiterbewegung + praktisch für die Gegenwart vollständig verleugnet, und das von den + Leuten, die fünf Jahre lang und unter den schwierigsten Umständen dies + Prinzip auf die ruhmvollste Weise hochgehalten. Die Stellung der + deutschen Arbeiter an der Spitze der europäischen Bewegung beruht + _wesentlich_ auf ihrer echt internationalen Haltung während des + Kriegs; kein anderes Proletariat hätte sich so gut benommen. Und jetzt + soll dies Prinzip von ihnen verleugnet werden im Moment, wo überall im + Ausland die Arbeiter es in demselben Maß betonen, in dem die + Regierungen jeden Versuch seiner Betätigung in einer Organisation zu + unterdrücken streben. Und was bleibt allein von Internationalismus der + Arbeiterbewegung übrig? Die blasse Aussicht--nicht einmal auf ein + späteres Zusammenwirken der europäischen Arbeiter zu ihrer + Befreiung--nein, auf eine künftige "internationale + Völkerverbrüderung"--auf die "Vereinigten Staaten von Europa" der + Bourgeois von der Friedensliga! + + Es war natürlich gar nicht nötig, von der Internationale als solche zu + sprechen. Aber das mindeste war doch, keinen Rückschritt gegen das + Programm von 1869 zu tun und etwa zu sagen: obgleich die deutsche + Arbeiterpartei _zunächst_ innerhalb der ihr gesetzten Staatsgrenzen + wirkt (sie hat kein Recht, im Namen des europäischen Proletariats zu + sprechen, besonders nicht etwas Falsches zu sagen), so ist sie sich + ihrer Solidarität bewußt mit den Arbeitern aller Länder, und wird + stets bereit sein, wie bisher auch fernerhin die ihr durch diese + Solidarität aufgelegten Verpflichtungen zu erfüllen. Derartige + Verpflichtungen bestehen auch ohne daß man gerade sich als Teil der + "Internationale" proklamiert oder ansieht, zum Beispiel Hilfe, + Abhalten von Zuzug bei Streiks, Sorge dafür, daß die Parteiorgane die + deutschen Arbeiter von der ausländischen Bewegung unterrichtet halten, + Agitation gegen drohende oder ausbrechende Kabinettskriege, Verhalten + während solcher wie 1870 und 1871 mustergültig durchgeführt usw. + + Drittens haben sich unsere Leute das Lassallesche "eherne Lohngesetz" + aufoktroyieren lassen, das auf einer ganz veralteten ökonomischen + Ansicht beruht, nämlich daß der Arbeiter im Durchschnitt nur das + _Minimum_ des Arbeitslohnes erhält, und zwar deshalb, weil nach + Malthusscher Bevölkerungstheorie immer zuviel Arbeiter da sind (dies + war Lassalles Beweisführung). Nun hat Marx im "Kapital" ausführlich + nachgewiesen, daß die Gesetze, die den Arbeitslohn regulieren, sehr + kompliziert sind, daß je nach den Verhältnissen bald dieses, bald + jenes vorwiegt, daß sie also keineswegs ehern, sondern im Gegenteil + sehr elastisch sind, und daß die Sache gar nicht so mit ein paar + Worten abzumachen ist, wie Lassalle sich einbildete. Die Malthussche + Begründung des von Lassalle ihm und Ricardo (unter Verfälschung des + letzteren) abgeschriebenen Gesetzes, wie sie sich zum Beispiel + "Arbeiterlesebuch" Seite 5 aus einer anderen Broschüre Lassalles + zitiert findet, ist von Marx in dem Abschnitt über + "Akkumulationsprozeß des Kapitals" ausführlich widerlegt. Man bekennt + sich also durch Adoptierung des Lassalleschen "ehernen Gesetzes" zu + einem falschen Satz und einer falschen Begründung desselben. + + Viertens stellt das Programm als _einzige soziale_ Forderung auf--die + Lassallesche Staatshilfe in ihrer nacktesten Gestalt, wie Lassalle sie + von Buchez gestohlen hatte. Und das, nachdem Bracke diese Forderung + sehr gut in ihrer ganzen Nichtigkeit aufgewiesen; nachdem fast alle, + wo nicht alle Redner unserer Partei im Kampf mit den Lassalleanern + genötigt gewesen sind, gegen diese "Staatshilfe" aufzutreten! Tiefer + konnte unsere Partei sich nicht demütigen. Der Internationalismus + heruntergekommen auf Amand Gögg, der Sozialismus auf den + Bourgeoisrepublikaner Buchez, der diese Forderung _gegenüber den + Sozialisten_ stellte, um sie auszustechen! + + Im besten Fall aber ist die "Staatshilfe" im Lassalleschen Sinne doch + nur eine einzige Maßregel unter vielen anderen, um das Ziel zu + erreichen, was hier mit den lahmen Worten bezeichnet wird: "um die + Lösung der sozialen Frage anzubahnen", als ob es für uns noch eine + theoretisch _ungelöste_ soziale _Frage_ gäbe! Wenn man also sagt: Die + deutsche Arbeiterpartei erstrebt die Abschaffung der Lohnarbeit und + damit der Klassenunterschiede vermittels der Durchführung der + genossenschaftlichen Produktion in Industrie und Ackerbau und auf + nationalem Maßstab; sie tritt ein für jede Maßregel, welche geeignet + ist, dieses Ziel zu erreichen!--so kann kein Lassalleaner etwas + dagegen haben. + + Fünftens ist von der Organisation der Arbeiterklasse als Klasse + vermittels der Gewerksgenossenschaften gar keine Rede. Und das ist ein + sehr wesentlicher Punkt, denn dies ist die eigentliche + Klassenorganisation des Proletariats, in der es seine täglichen Kämpfe + mit dem Kapital durchficht, in der es sich schult, und die heutzutage + bei der schlimmsten Reaktion (wie jetzt in Paris) platterdings nicht + mehr kaput zu machen ist. Bei der Wichtigkeit, die diese Organisation + auch in Deutschland erreicht, wäre es unserer Ansicht nach unbedingt + notwendig, ihrer im Programm zu gedenken und ihr womöglich einen Platz + in der Organisation der Partei offen zu lassen. + + Das alles haben unsere Leute den Lassalleanern zu Gefallen getan. Und + was haben die anderen nachgegeben? Daß ein Haufen ziemlich verworrener + _rein demokratischer Forderungen_ im Programm figurieren, von denen + manche reine Modesache sind, wie zum Beispiel die "Gesetzgebung durch + das Volk", die in der Schweiz besteht und mehr Schaden als Nutzen + anrichtet, wenn sie überhaupt was anrichtet. Verwaltung durch das + Volk, das wäre noch etwas. Ebenso fehlt die erste Bedingung aller + Freiheit: daß alle Beamte für alle ihre Amtshandlungen jedem Bürger + gegenüber vor den gewöhnlichen Gerichten und nach gemeinem Recht + verantwortlich sind. Davon, daß solche Forderungen wie: Freiheit der + Wissenschaft--Gewissensfreiheit, in jedem liberalen Bourgeoisprogramm + figurieren und sich hier etwas befremdend ausnehmen, davon will ich + weiter nicht sprechen. + + Der freie Volksstaat ist in den freien Staat verwandelt. + Grammatikalisch genommen ist ein freier Staat ein solcher, wo der + Staat frei gegenüber seinen Bürgern ist, also ein Staat mit + despotischer Regierung. Man sollte das ganze Gerede vom Staat fallen + lassen, besonders seit der Kommune, die schon kein Staat im + eigentlichen Sinne mehr war. Der "_Volksstaat_" ist uns von den + Anarchisten bis zum Ueberdruß in die Zähne geworfen worden, obwohl + schon die Schrift Marx' gegen Proudhon und nachher das Kommunistische + Manifest direkt sagen, daß mit Einführung der sozialistischen + Gesellschaftsordnung der Staat sich von selbst auflöst und + verschwindet. Da nun der Staat doch nur eine vorübergehende + Einrichtung ist, deren man sich im Kampf, in der Revolution bedient, + um seine Gegner gewaltsam niederzuhalten, so ist ist es purer Unsinn, + von freiem Volksstaat zu sprechen: solange das Proletariat den Staat + noch _gebraucht_, gebraucht es ihn nicht im Interesse der Freiheit, + sondern der Niederhaltung seiner Gegner, und sobald von Freiheit die + Rede sein kann, hört der Staat als solcher auf, zu bestehen. Wir + würden daher vorschlagen, überall statt _Staat_ "Gemeinwesen" zu + setzen, ein gutes altes deutsches Wort, das das französische "Kommune" + sehr gut vertreten kann. + + "Beseitigung aller sozialen und politischen Ungleichheit" ist auch + eine sehr bedenkliche Phrase statt: "Aufhebung aller + Klassenunterschiede". Von Land zu Land, von Provinz zu Provinz, von + Ort zu Ort sogar wird immer eine _gewisse_ Ungleichheit der + Lebensbedingungen bestehen, die man auf ein Minimum reduzieren, aber + nie ganz beseitigen können wird. Alpenbewohner werden immer andere + Lebensbedingungen haben als Leute des flachen Landes. Die Vorstellung + der sozialistischen Gesellschaft als des Reiches der _Gleichheit_ ist + eine einseitige französische Vorstellung, anlehnend an das alte + "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", eine Vorstellung, die _als + Entwicklungsstufe_ ihrer Zeit und ihres Ortes berechtigt war, die + aber, wie alle die Einseitigkeiten der früheren sozialistischen + Schulen, jetzt überwunden sein sollten, da sie nur Verwirrung in den + Köpfen anrichten, und präzisere Darstellungsweisen der Sache gefunden + sind. + + Ich höre auf, obwohl fast jedes Wort in diesem dabei saft- und + kraftlos redigierten Programm zu kritisieren wäre. Es ist der Art, + daß, falls es angenommen wird, Marx und ich uns _nie_ zu der auf + dieser Grundlage errichteten _neuen_ Partei bekennen können und uns + sehr ernstlich werden überlegen müssen, welche Stellung wir--auch + öffentlich--ihr gegenüber zu nehmen haben. Bedenken Sie, daß man _uns_ + im Auslande für alle und jede Aeußerungen und Handlungen der deutschen + sozialdemokratischen Arbeiterpartei verantwortlich macht. So Bakunin + in seiner Schrift "Politik und Anarchie", wo wir einstehen müssen für + jedes unüberlegte Wort, das Liebknecht seit Stiftung des + "Demokratischen Wochenblattes" gesagt und geschrieben. Die Leute + bilden sich eben ein, wir kommandierten von hier aus die ganze + Geschichte, während Sie so gut wie ich wissen, daß wir uns fast nie im + geringsten in die inneren Parteiangelegenheiten gemischt, und auch + dann nur, um Böcke, die nach unserer Ansicht geschossen worden, und + zwar _nur theoretische_, wieder nach Möglichkeit gutzumachen. Sie + werden aber selbst einsehen, daß dies Programm einen Wendepunkt + bildet, der uns sehr leicht zwingen könnte, alle und jede + Verantwortlichkeit mit der Partei, die es anerkennt, abzulehnen. + + Im allgemeinen kommt es weniger auf das offizielle Programm einer + Partei an, als auf das, was sie tut. Aber ein _neues_ Programm ist + doch immer eine öffentlich aufgepflanzte Fahne, und die Außenwelt + beurteilt danach die Partei. Es sollte daher keinenfalls einen + Rückschritt enthalten, wie dies gegenüber dem Eisenacher. Man sollte + doch auch bedenken, was die Arbeiter anderer Länder zu diesem Programm + sagen werden; welchen Eindruck diese Kniebeugung des gesamten + deutschen sozialen Proletariats vor dem Lassalleanismus machen wird. + + Dabei bin ich überzeugt, daß eine Einigung auf _dieser_ Basis kein + Jahr dauern wird. Die besten Köpfe unserer Partei sollten sich dazu + hergeben, auswendig gelernte Lassallesche Sätze vom ehernen Lohngesetz + und der Staatshilfe abzuleiern? Ich möchte zum Beispiel Sie dabei + sehen! Und täten sie es, ihre Zuhörer würden sie auszischen. Und ich + bin sicher, die Lassalleaner bestehen gerade auf _diesen_ Stücken des + Programms wie der Jude Shylock auf seinem Pfund Fleisch. Die Trennung + wird kommen; aber wir werden Hasselmann, Hasenclever und Tölcke und + Konsorten wieder "ehrlich gemacht" haben; wir werden schwächer und die + Lassalleaner stärker aus der Trennung hervorgehen; unsere Partei wird + ihre politische Jungferschaft verloren haben und wird nie wieder gegen + Lassallephrasen, die sie eine Zeitlang selbst auf die Fahne + geschrieben, herzhaft auftreten können; und wenn die Lassalleaner dann + wieder sagen: sie seien die eigentlichste und einzige Arbeiterpartei, + unsere Leute seien Bourgeois, so ist das Programm da, um es zu + beweisen. Alle sozialistischen Maßregeln darin sind _ihre_, und + _unsere_ Partei hat nichts hineingesetzt als Forderungen der + kleinbürgerlichen Demokratie, die doch _auch von ihr_ in denselben + Programm als Teil der "reaktionären Masse" bezeichnet ist! + + Ich hatte diesen Brief liegen lassen, da Sie doch erst am 1. April zu + Ehren von Bismarcks Geburtstag frei kommen und ich ihn nicht der + Chance des Abfassens bei einem Schmuggelversuch aussetzen wollte. Da + kommt nun gerade ein Brief von Bracke, der auch wegen des Programms + seine schweren Bedenken hat und unsere Meinung wissen will. Ich + schicke ihn daher zur Beförderung an ihn, damit er ihn lese und ich + den ganzen Kram nicht noch einmal zu schreiben brauche. Uebrigens habe + ich Ramm ebenfalls klaren Wein eingeschenkt, an Liebknecht schrieb ich + nur kurz. Ich verzeihe ihm nicht, daß er uns von der ganzen Sache kein + Wort mitgeteilt (während Ramm und andere glaubten, er habe uns genau + unterrichtet), bis es sozusagen zu spät war. Das hat er zwar von jeher + so gemacht--und daher die viele unangenehme Korrespondenz, die wir, + Marx sowohl wie ich, mit ihm hatten--aber diesmal ist es doch zu arg, + und _wir gehen entschieden nicht mit_. + + Sehen Sie, daß Sie es einrichten, im Sommer herzukommen, Sie wohnen + natürlich bei mir, und wenn das Wetter gut, können wir ein paar Tage + seebaden gehen, das wird Ihnen nach dem langen Brummen recht nützlich + sein. + + Freundlichst Ihr + + F.E. + + Marx ist eben ausgezogen, er wohnt 41 Maitland Park Crescent NW, + London." + +Unter dem 10. Mai schrieb alsdann Bracke an Marx mit Bezug auf meine +nunmehrige Stellung: + + "Ich hatte erst geglaubt, Bebel würde zu einem entschiedenen Vorgehen + geneigt sein, aber einesteils seine angegriffene Gesundheit und die + notwendige geschäftliche Rehabilitierungsarbeit, anderenteils + dringende Bitten von Liebknecht scheinen ihn abgehalten zu haben." + +Es waren nicht allein Liebknechts Bitten, die mich veranlaßten, meiner +Unzufriedenheit über den Programmentwurf keinen öffentlichen Ausdruck zu +geben, es war das Drängen von allen Seiten: ich möge durch mein +Auftreten es nicht zu einem Eklat treiben und damit vielleicht die +Vereinigung unmöglich machen. + +Diesem Verlangen gab ich nach, denn die Vereinigung lag auch mir am +Herzen. Ueberdies war das Drängen nach Vereinigung in der Partei so +stark, daß alle Rücksichten auf programmatische Bedenken schweigen +mußten. Schließlich konnten die gemachten Fehler später repariert +werden. + + * * * * * + +Die Einigungsbestrebungen unter der Führerschaft wurden wesentlich +gefördert durch den Wiederzusammentritt des Reichstags, der die längere +Anwesenheit der Abgeordneten in Berlin gebot. Die Session wurde am 29. +Oktober 1874 eröffnet, aber schon am 30. Januar geschlossen. Die +Beteiligung unserer Vertreter an den Verhandlungen war keine lebhafte. +Die Verhandlungen über die Einigung der Partei nahmen das Interesse der +Abgeordneten mehr in Anspruch als die Beratungen des Reichstags, +obgleich denselben wichtige Vorlagen beschäftigten. So war unter anderen +der Entwurf eines Gerichtsverfassungsgesetzes, einer Straf- und einer +Zivilprozeßordnung vorgelegt worden und ein Gesetzentwurf über den +Landsturm, zu dem später Liebknecht und Hasselmann das Wort nahmen. + +Selbstverständlich wurde wieder der Antrag auf unsere Beurlaubung aus +der Haft während der Dauer der Session eingebracht, der diesmal +Hasenclever, Most und mich umfaßte. Zu der Begründung des Antrags nahm +Liebknecht das Wort, der sich die Gelegenheit nicht entgehen ließ, die +Prozesse, die unsere Verurteilung herbeigeführt, unter die Lupe zu +nehmen und die Urteile gründlich zu zerzausen. Besonders nachdrücklich +sprach er sich über die unwürdige Behandlung aus, die damals Most in +Plötzensee zuteil wurde. + +Nach Liebknecht nahm Windthorst das Wort, der sich ebenfalls lebhaft +über die Behandlung politischer Gefangener aus dem Lager der +Althannoveraner beklagte. Dem Antrag auf unsere Freilassung könne er +aber in Rücksicht auf den Inhalt des Artikel 31 der Verfassung nicht +zustimmen, er wünsche aber, daß, wenn ein in Gefangenschaft befindlicher +Abgeordneter einen Antrag auf seine Beurlaubung stelle, die Regierungen +auf einen solchen Antrag bereitwillig eingingen und der Herr +Reichskanzler dafür eintrete. Bismarck nahm darauf das Wort und bemerkte +spöttisch, der "Herr Reichskanzler" werde im vorliegen den Falle dafür +eintreten, daß der Verhaftete beurlaubt werde, wenn er darum bitte, denn +Reden wie die der beiden Vorredner habe man lange nicht im Reichstag +gehört, sie seien außerordentlich lehrreich und fehlten uns seit langem. +(Heiterkeit.) Der Reichstag ahnte nicht, daß er auf Grund des +ablehnenden Beschlusses, den er, ähnlich wie früher, faßte, in Bälde in +eine unangenehme Situation gebracht wurde. Die Verhandlungen über den +Antrag Liebknecht und Genossen waren am 21. November gewesen, aber +bereits am 12. Dezember sah sich der Abgeordnete Lasker, unterstützt +durch die Abgeordneten v. Bennigsen, Schenk v. Stauffenberg, v. +Forckenbeck, Dr. Hänel, Windthorst, v. Denzin, Dr. Schwarze und Fürst +Hohenlohe-Langenburg--also den Vertretern sämtlicher bürgerlichen +Parteien--, genötigt, den Antrag zu stellen: + + "Mit Rücksicht darauf, daß die am gestrigen Tage erfolgte Verhaftung + des Reichstagsmitglieds Herrn Majunke infolge eines rechtskräftigen + Strafurteils glaubhaft berichtet wird, die Geschäftsordnungskommission + mit schleuniger Berichterstattung darüber zu beauftragen: 1. Ob nach + Artikel 31 der deutschen Reichsverfassung die Verhaftung eines + Reichstagsmitglieds _während der Session des Reichstags ohne + Zustimmung_ des letzteren verfassungsmäßig zulässig ist; 2. ob und + welche Schritte zu veranlassen sind, um einer Verhaftung von + Mitgliedern des Reichstags infolge eines rechtskräftigen Strafurteils + _während der Session_ des Reichstags ohne Zustimmung desselben + vorzubeugen." + +Der Antrag, in dessen Beratung das Haus sofort eintrat, war lächerlich. +War, wie das Haus wiederholt und zuletzt erst am 21. November +entschieden hatte, der Artikel 31 der Verfassung auf die _Strafhaft_ von +Abgeordneten nicht anwendbar, dann hatten die zuständigen Behörden auch +das unbestreitbare Recht, einen Abgeordneten _während der Session_ in +Strafhaft zu nehmen. Nun hatte der Fall des Abgeordneten Majunke, der +als Redakteur der "Germania" zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden +war, ungeheures Aufsehen erregt. Es war auch unzweifelhaft, daß seine +Verhaftung kurz vor Beginn einer Reichstagssitzung nicht ohne Bismarcks +Zustimmung erfolgte. Denn tatsächlich war das Urteil schon seit dem 23. +September rechtskräftig, man konnte also mit der Verhaftung Majunkes +ohne Schaden für die Rechtspflege auch bis zum Schluß der Session, Ende +Januar, warten, nachdem man es unterlassen, ihn vor Beginn der Session +in Haft zu nehmen. Aber das wollte Bismarck nicht. Er wollte offenbar +dem Zentrum für die Debatte am 4. Dezember einen Denkzettel geben; daß +damit auch der Reichstag moralisch geohrfeigt wurde, der sich diesen +Streich auf Grund seiner eigenen Beschlüsse gefallen lassen mußte, war +ihm sehr gleichgültig. Er fand es auch nicht einmal der Mühe wert, sich +zur Verhandlung einzustellen. Der Antrag Lasker wurde also der +Geschäftsordnungskommission überwiesen, die aber, wie vorauszusehen war, +sich über keinen Antrag zu einigen vermochte und in einigen Tagen mit +leeren Händen vor das Haus trat. Hier nahm die Debatte denselben +kläglichen Verlauf. Eine Reihe Anträge, die gestellt wurden, lehnte +stets irgend eine Mehrheit ab. Der Ausgang der Sache war für den +Reichstag so blamabel wie möglich. + +Ich erwähnte die Debatte vom 4. Dezember als Grund für den Racheakt +Bismarcks gegen Majunke. In jener Sitzung hielt der katholische +Sozialpolitiker Jörg eine Rede über Bismarcks auswärtige Politik und die +Nichteinberufung des Bundesratsausschusses für die Kontrolle dieser +Politik. Bismarck, erbittert über einen Hirtenbrief der französischen +Bischöfe, von denen mehrere zu jener Zeit auch elsaß-lothringische +Reichsangehörige zu ihren Diözesanen zählten, worin die Bischöfe sich +über die deutschen Kulturkampfmaßregeln mißbilligend äußerten, hatte +eine Zirkulardepesche an die Gesandten des Reiches versendet, in der er +ausführte: Sollte sich herausstellen, daß es für das Deutsche Reich +nicht möglich sei, mit dem westlichen Nachbarn in einem dauernden +Frieden zu leben, dann werde man nicht abwarten, bis die Franzosen +vollkommen zum Losschlagen gerüstet seien, sondern werde den geeigneten +Moment selbst wählen und die Initiative ergreifen. Das war eine Drohung +mit Krieg, die große Beunruhigung hervorrief. Nach einem Bismarckschen +Wort in der "Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" erhielt die Depesche die +historische Bezeichnung: die Kaltwasserstrahldepesche. Jörg sah in +diesem Vorgehen Bismarcks eine unverantwortliche Handlungsweise, die +leichtherzig das Reich großen Gefahren aussetzte. Auch beschwerte er +sich darüber, daß man das Zentrum für das Attentat Kullmanns, das dieser +an Bismarck im verflossenen Sommer in Kissingen begangen hatte, +verantwortlich mache. Jörg bezeichnete Kullmann als einen +Halbverrückten, für den das Zentrum keine Verantwortung übernehme. +Bismarck ging darauf in einer sehr aggressiven Rede gegen das Zentrum +los. Mit Hinweis auf das Geständnis, das Kullmann ihm, Bismarck, im +Gefängnis gemacht, daß er durch Lesen der Zentrumspresse zu dem Attentat +bestimmt worden sei, erhob er die Beschuldigung, das Zentrum trage an +dem Attentat die Mitschuld, Kullmann hänge ihm an den Rockschößen. Diese +Worte riefen einen ungeheuren Lärm hervor, aus dem wiederholte +Pfuis ertönten, die man aus der Mitte des Zentrums Bismarck +entgegenschleuderte. Der Hauptrufer im Streit war der spätere Präsident +des Reichstags, Graf Ballestrem. + +Diesen Vorgang hatte Bismarck nicht vergessen, denn eine +Haupteigenschaft seiner Berserkernatur war, ein guter Hasser zu sein. +Mit seinem Hasse hat er mir immer imponiert, dagegen mißfiel mir im +höchsten Grade die kleinliche und gehässige Art, wie er seinem Hasse +Befriedigung verschaffte. Hier war ihm jedes Mittel recht. + +In dieser Session trugen wir unerwartet einen Erfolg davon. Most hatte +sich in einer Petition beschwerdeführend über seine Behandlung in +Plötzensee an den Reichstag gewendet und eine gesetzliche Regelung der +Strafhaft beantragt. Die Petitionskommission, die darüber Bericht zu +erstatten hatte, konnte sich der Berechtigung der Mostschen Klagen nicht +entziehen. Bei der Verhandlung im Plenum, in der Liebknecht ebenfalls +das Wort nahm, wurde der folgende Antrag der Kommission mit großer +Mehrheit angenommen: + + "Die Petition dem Herrn Reichskanzler mit der Aufforderung zu + überweisen, dahin zu wirken, daß in denjenigen Bundesstaaten, in + welchen die Strafvollstreckung bislang nicht durch Gesetz geregelt + ist, insbesondere im Königreich Preußen, von den Bundesregierungen + schleunigst der Strafvollzug und das Gefängniswesen in einer Weise + geordnet wird, daß dadurch der Vollzug der Strafen, namentlich der + Gefängnisstrafen, im Sinne des Strafgesetzbuchs, insbesondere des § 16 + desselben, sichergestellt wird; + + den Herrn Reichskanzler ferner zu ersuchen, bei der königlich + preußischen Regierung dahin zu wirken, daß der § 23 der Instruktion + vom 24. Oktober 1837, der Justizministerialerlaß vom 24. November + 1851 (5c) und § 37 der Hausordnung für das Strafgefängnis bei Berlin, + als mit dem § 16, Alinea 2, des Strafgesetzbuchs in Widerspruch + stehend beseitigt werden." + +Meine Freilassung am 1. April 1875--dem Geburtstag Bismarcks--nach +einunddreißigmonatiger Haft, war nicht nur ein Freudentag für meine +Familie und mich. Es gingen mir von allen Seiten aus der Partei eine +solche Menge Glückwünsche in Briefen und Depeschen zu, daß ich sagen +darf, auch ein großer Teil der Partei betrachtete den Tag als einen +Freudentag. + +Für den 11. April hatte mein Wahlkreis eine große Empfangsfeier in +Glauchau veranstaltet, die ich mit meiner Familie besuchte. In der Rede, +die ich hielt, sagte ich mit Bezug auf die bevorstehende Vereinigung: +"Ich begrüße mit voller Freude die Mitglieder der anderen Fraktion, die +uns oft von dieser Stelle aus als Gegner gegenüberstanden; wir gehen +fortan nicht nur friedlich nebeneinander, wir kämpfen jetzt schon +gemeinsam miteinander für das hohe Ziel, dem wir zustreben. In Bälde +werden wir aber vereinigt sein in einem gemeinsamen Verband. So heftig +wir uns früher bekämpft, nunmehr werden wir um so gestärkter, mutiger +und furchtloser gegen den gemeinsamen Feind vorgehen. Der Erfolg wird +nicht ausbleiben." Die Stimmung auf dem Feste war die denkbar beste, +alle waren im Hinblick auf die stattgehabte Versöhnung wie von einem Alp +befreit. Im Juli folgten die Meeraner Genossen ebenfalls mit einem +großen Feste und später Hohenstein-Ernstthal. + +Moritz Heß erlebte die Vereinigung nicht mehr. Er starb im April in +Paris. Karl Hirsch hielt die Leichenrede. In demselben Monat starb auch +Georg Herwegh, der sich seit Lassalles Tod der Partei ferngehalten +hatte, und zwar in Baden-Baden. In demselben Jahre sah sich die +"Frankfurter Zeitung" veranlaßt, eine Sammlung für den ehemaligen +"Zuchthäusler" August Röckel zu veranstalten, der in größter Not in Wien +lebte. + + + + +Vom Vereinigungskongreß zu Gotha bis zum Vorabend des +Sozialistengesetzes. + + + + +Das Einigungswerk + + +Der Vereinigungskongreß war auf den 25. Mai 1875 und die folgenden Tage +von dem vorberatenden Komitee einberufen worden. Nach jahrelangen +gegenseitigen erbitterten Kämpfen standen sich jetzt die bisher +feindlichen Brüder zu gemeinsamem Werke Auge in Auge gegenüber. Daß man +sich nicht gleich brüderlich umarmte, sondern zum Teil noch immer +mißtrauisch betrachtete, wer wird sich darüber wundern? Es bedurfte noch +großer gegenseitiger Rücksichtnahme und gegenseitig einer Behandlung, +als habe man es mit rohen Eiern zu tun, sollte es nicht zum +Aufeinanderplatzen der noch vorhandenen persönlichen und sachlichen +Gegensätze kommen. Neugierig und gespannt blickten unsere gemeinsamen +Gegner in jenen Tagen nach Gotha, ob das Vereinigungswerk gelinge. Und +es gelang nach einigen kleinen Reibereien über Erwarten und trug seine +Früchte. + +Auf dem Kongreß waren 25659 Parteigenossen durch 127 Delegierte +vertreten. Davon entfielen auf den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein +16538 Mitglieder mit 71 Delegierten, auf die Sozialdemokratische +Arbeiterpartei 9121 Mitglieder mit 56 Delegierten. + +Die Versammlung eröffnete W. Bock-Gotha im Namen des Lokalkomitees und +begrüßte die Anwesenden. Bock war einer der Mitbegründer der +Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Eisenach, und nun legte er zum +zweiten Male mit Hand ans Werk zur Gründung der neuen, größeren Partei. + +Zu Vorsitzenden des Kongresses wurden Geib und Hasenclever gewählt. Bei +der Mandatprüfung erklärte ich mich für die Zulassung einer kleinen +Vereinigung von Lassalleanern in Leipzig, die sich vom Hauptverein +abgesplittert hatte. Solle Vereinigung sein, so ganze. Auer +widersprach. Mein Antrag fiel, doch ließ man den Vertreter der Sekte mit +beratender Stimme zu. Ich hatte also halb gesiegt. Weiter war von +Breslau der Antrag gestellt, die beiden Fraktionen sollten vor Eintritt +des Gesamtkongresses in die Beratung ihre Separatkongresse abhalten, um +ihre inneren Angelegenheiten zu ordnen. Dagegen erklärte sich Auer. +Diese könnten ebensogut nach dem allgemeinen Kongreß abgehalten werden. +Die Eisenacher brauchten dazu einen Tag. Deren Abrechnungen stimmten, +wie die anwesenden Delegierten bezeugen würden. Der Kongreß finde nach +getroffenen Vereinbarungen der Vertreter der beiden Parteien statt. +Hintergedanken habe niemand gehabt. Bei den Eisenachern gelte die +Parole: Wir sind arm, aber ehrlich. Wir könnten den Kongreß nicht in die +Länge ziehen, daher seien wir gegen den Breslauer Antrag. Diese +Ausführungen Auers verletzten erklärlicherweise die andere Seite, und so +nahm _Fritzsche_ am folgenden Tage das Wort, um sich über die Aeußerung +Auers: "Wir sind arm, aber ehrlich", zu beschweren. Diese Worte +erweckten den Verdacht, als gehe es im Allgemeinen Deutschen +Arbeiterverein unehrlich zu. _Geib_ beruhigte Fritzsche. Auer erklärte: +Er halte die Aeußerung unter den gegebenen Verhältnissen für +gerechtfertigt. Die Lassalleaner hätten selbst solche Angriffe erhoben +und dabei von "beiden Seiten" gesprochen. + +Dieses war der einzige ernstliche Mißton, der in den Verhandlungen zum +Vorschein kam. + +In der Programmfrage war _Liebknecht_ Referent. Im Programm war der Satz +enthalten: Die Befreiung der Arbeiter muß das Werk der Arbeiterklasse +sein, "der gegenüber alle anderen Klassen nur eine reaktionäre Masse +sind". Ich beantragte, an Stelle des letzten Satzes zu sagen: Der +gegenüber alle anderen Klagen reaktionär sind. Vahlteich ging weiter und +beantragte die Streichung des ganzen Abschnittes. Sein Antrag wurde mit +12 gegen 111 Stimmen, der meine mit 58 gegen 50 Stimmen abgelehnt. Bei +der Spezialberatung der nächsten Forderungen beantragte ich, das +Wahlrecht für Staatsangehörige beiderlei Geschlechts zu fordern. +_Hasselmann_ erklärte sich gegen, _Auer_ für meinen Antrag. Derselbe +wurde mit 55 gegen 62 Stimmen abgelehnt. Nachträglich gab _Hasenclever_ +die Erklärung ab: Viele Delegierte hätten gegen meinen Antrag gestimmt, +weil sie die Forderung durch den Ausdruck Staatsangehörigen gedeckt +hielten; ähnlich äußerte sich Liebknecht, er habe aus stilistischen +Gründen (beiderlei Geschlechts) gegen meinen Antrag gestimmt, in der +Sache selbst sei er mit mir einverstanden. Es wurden alsdann noch eine +Reihe kleinerer Verbesserungsanträge, die wir gestellt, angenommen. In +der Endabstimmung fand das Programm einstimmig Annahme. In seinen +prinzipiellen Sätzen lautete nunmehr dasselbe: + + 1. Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur, und da + allgemein nutzbringende Arbeit nur durch die Gesellschaft möglich ist, + so gehört der Gesellschaft, das heißt allen ihren Gliedern, das + gesamte Arbeitsprodukt, bei allgemeiner Arbeitspflicht, nach gleichem + Recht, jedem nach seinen vernunftgemäßen Bedürfnissen. + + In der heutigen Gesellschaft sind die Arbeitsmittel Monopol der + Kapitalistenklasse; die hierdurch bedingte Abhängigkeit der + Arbeiterklasse ist die Ursache des Elends und der Knechtschaft in + allen Formen. + + Die Befreiung der Arbeit erfordert die Verwandlung der Arbeitsmittel + in Gemeingut der Gesellschaft und die genossenschaftliche Regelung der + Gesamtarbeit mit gemeinnütziger Verwendung und gerechter Verteilung + des Arbeitsertrags. + + Die Befreiung der Arbeit muß das Werk der Arbeiterklasse sein, der + gegenüber alle anderen Klassen nur eine reaktionäre Masse sind. + + 2. Von diesen Grundsätzen ausgehend, erstrebt die Sozialistische + Arbeiterpartei Deutschlands mit allen gesetzlichen Mitteln den freien + Staat und die sozialistische Gesellschaft, die Zerbrechung des ehernen + Lohngesetzes durch Abschaffung des Systems der Lohnarbeit, die + Aufhebung der Ausbeutung in jeder Gestalt, die Beseitigung aller + sozialen und politischen Ungleichheit. + + Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, obgleich zunächst im + nationalen Rahmen wirkend, ist sich des internationalen Charakters der + Arbeiterbewegung bewußt und entschlossen, alle Pflichten, welche + dieselbe den Arbeitern auferlegt, zu erfüllen, um die Verbrüderung + aller Menschen zur Wahrheit zu machen. + + 3. Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands fordert, um die + Lösung der sozialen Frage anzubahnen, die Errichtung von + sozialistischen Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe unter der + demokratischen Kontrolle des arbeitenden Volkes. Die + Produktivgenossenschaften sind für Industrie und Ackerbau in solchem + Umfang ins Leben zu rufen, daß aus ihnen die sozialistische + Organisation der Gesamtarbeit entsteht. +Im weiteren folgten die Forderungen für die Demokratisierung des Staates +und die nächsten sozialen Forderungen. + +Wie aus dem Programm hervorgeht, war der Name der vereinigten Partei: +"Sozialistische Arbeiterpartei." Ueber die vorgeschlagene Organisation +berichtete _Hasenclever_, die mit einigen Aenderungen ebenfalls nach der +Vorlage einstimmig angenommen wurde. Danach stand an der Spitze der +Partei ein Vorstand aus fünf Personen, die der Kongreß wählte. Für die +Kontrolle der Geschäftsführung des Vorstandes wurde eine +Kontrollkommission aus sieben Personen eingesetzt, deren Sitz der +Kongreß bestimmte und deren Wahl durch die Mitglieder der Partei an dem +Sitz der Kontrollkommission vorgenommen wurde. Außerdem wurde ein +Ausschuß von achtzehn Personen, über Deutschland verteilt wohnend, +gewählt, der als vorläufig richtende Instanz über den Parteivorstand zu +entscheiden hatte und bei besonders wichtigen Vorgängen zur Beratung von +seiten des Vorstandes eingeladen werden sollte. Die Leitung der +örtlichen Geschäfte wurde einem Agenten übertragen, den auf Vorschlag +der Mitglieder eines Ortes der Parteivorstand einsetzte. Man hoffte +damit einer Anklage wegen gesetzwidriger Verbindung von Vereinen aus dem +Wege zu gehen. Wie sich bald ergab, vergeblich. + +Als Sitz des Parteivorstandes wurde auf meinen Vorschlag Hamburg +bestimmt. Weiter wurden die von mir vorgeschlagenen Gehälter für die +fünf Vorstandsmitglieder angenommen, wonach der geschäftsführende +Vorsitzende monatlich 65 Taler, sein Stellvertreter 15 Taler, die beiden +Schriftführer je 50 Taler, der Kassierer 35 Taler erhalten sollten. +Diese Sätze waren vorher unter uns vereinbart worden; ebenso schlug ich +im Namen der Eisenacher vor, in den neuen Vorstand drei Lassalleaner und +zwei Eisenacher zu wählen, was ebenfalls Annahme fand. Darauf wurden +_Hasenclever_ als erster, _Hartmann_-Hamburg als zweiter Vorsitzender, +_Auer_ und _Derossi_ als Schriftführer, _Geib_ als Kassierer gewählt. +Sitz der Kontrollkommission wurde Leipzig und ich deren Vorsitzender. + +Offizielle Organe der Partei wurden der "Neue Sozialdemokrat" in Berlin +und der Leipziger "Volksstaat". Beide Blätter gingen in Parteieigentum +über. + +Am 27. Mai abends halb 12 Uhr waren die Beratungen zu Ende und wurde der +Kongreß mit einem Hoch auf die Arbeiter aller Kulturstaaten und +nachfolgendem Gesang der Arbeitermarseillaise geschlossen. + + * * * * * + +Bracke, der dem Kongreß aus Gesundheitsrücksichten fernbleiben mußte, +war am Schlusse desselben durch die erzielten Resultate in günstigerer +Stimmung. So schrieb er am 27. Mai an Engels: + + "Ich persönlich kann Ihnen noch keine Mitteilung sagen, da man das, + was beschlossen ist, erst vor sich haben muß, ehe man urteilt. Sind + diese Beschlüsse nicht unsinnig, werden wir auch keinen Unsinn machen. + (Anspielung auf einen Brief Liebknechts an Bracke.) Jedenfalls war bei + Liebknecht, Geib usw. der ernste Wille vorhanden, den begangenen + Fehler wieder gutzumachen. Der Verlauf des Kongresses hat gezeigt, daß + die Konzessionen des Entwurfes weit weniger wegen der Arbeiter nötig + waren als aus persönlicher Rücksicht gegen Hasenclever usw. _Soweit + bis jetzt ein Urteil möglich ist, bin ich mit dem Kongreß zufrieden,_ + denn derselbe hat gezeigt, daß die Arbeiter tatsächlich viel weiter + sind als ich glaubte." + +Ich kam erst im Herbst dazu, Engels auf seinen Brief von Ende März zu +antworten. Ich schrieb: + + "Leipzig, den 21. Sept. 1875. + + Lieber Engels! + + Ich muß recht sehr um Entschuldigung bitten, daß ich Sie auf Ihren + Brief von Ende März ohne alle Antwort gelassen. Ich kann Ihnen aber + versichern, daß ich in den ersten drei bis vier Monaten nach meiner + Freilassung keine ruhige Stunde gehabt, in der ich den Brief hätte + beantworten können, und selbst heute fällt es mir schwer, die nötige + Muße aufzutreiben. + + Mit dem Urteil, das Sie über die Programmvorlage fällten, stimme ich, + wie das auch Briefe von mir an Bracke beweisen, vollkommen überein. + Ich habe auch Liebknecht über seine Nachgiebigkeit heftige Vorwürfe + gemacht, aber nachdem einmal das Malheur geschehen war, galt es, sich + so gut als möglich herauszuziehen. Was der Kongreß beschlossen, war + das Aeußerste, was zu erreichen war. Es zeigte sich auf der anderen + Seite eine entsetzliche Borniertheit und teilweise Verbissenheit, man + mußte mit den Leuten wie mit Porzellanpüppchen umgehen, wollte man + nicht, daß der mit soviel Lärm in Szene gesetzte Einigungskongreß zum + Jubel der Gegner und zur größten Blamage der Partei resultatlos + auseinanderging. Schließlich gelang es aber dennoch, namentlich in der + Personenfrage, derart zu operieren, daß _wir mit dem Resultat + zufrieden sein konnten._ Es wird allerdings noch manchen Kampf gegen + die Borniertheit und den persönlichen Egoismus zu kämpfen geben, aber + ich zweifle nicht, daß auch diese Kämpfe, wenn wir geschickt + operieren, ohne Schaden für das Ganze ausgefochten werden, und daß in + zwei Jahren ein ganz anderer Geist die jetzt teilweise noch + widerhaarigen Elemente durchdringt. + + Das Ganze ist eine Erziehungsfrage. Nachdem die Leute acht bis neun + Jahre in Lassalle-Schweitzerschem Geiste erzogen worden sind, wollen + sie sich nicht _sofort_ an die andere Methode gewöhnen, hier gilt's, + Geduld haben. + + Die von mir bezeichnete Erziehungsmethode würde sich vielleicht + erheblich abkürzen lassen, wenn wir hier den von allen Seiten + herbeiströmenden Einladungen zu Versammlungen und Festreden genügen + könnten. Im persönlichen Verkehr mit den Leuten ließen sich Vorurteile + und Voreingenommenheiten rascher beseitigen, aber wir können nicht + entfernt leisten, was verlangt wird. + + Ich speziell bin durch mein Geschäft ganz bedeutend lahm gelegt, und + der Durchkrach bei der Landtagswahl hat niemand mehr gefreut als mich. + Liebknecht und Motteler geht es, trotzdem sie in der Partei ihre ganze + Stellung haben, nicht viel besser; denn ihre laufende Arbeit verträgt + sich schlecht mit dem vagabundierenden Agitatorenleben, und dann haben + wir in diesem Punkte auch schon zuviel geleistet, um noch große + Sehnsucht danach zu empfinden. Lunge und Stimmorgane sprechen ja auch + ein Wörtchen mit. + + _Im allgemeinen können wir mit dem Gang der Partei sehr zufrieden + sein,_ jetzt sieht man erst, wie die frühere Bekämpfung die Kräfte + zersplitterte, die Partei ist jetzt finanziell so gestellt, wie nie + zuvor, und die Steuern gehen, trotz der schlechten Geschäftszeit, sehr + pünktlich und regelmäßig ein. + + Ihrer freundlichen Einladung nach London konnte ich natürlich unter + den oben geschilderten Umständen nicht nachkommen; ich möchte gerne + einmal hinüber nach Old-England, aber vorläufig ist nicht daran zu + denken. Vielleicht muß ich nächstes Jahr nach dem Rheinland, eventuell + nach Holland in Geschäften, und dann ist der Weg zu Ihnen nicht mehr + allzuweit. + + Wie ich gehört, ist Marx in Karlsbad, wahrscheinlich werde ich ihn + aber nicht zu sehen bekommen; wie mir Liebknecht sagte, will er durch + Bayern zurück. In ungefähr 14 Tagen werde ich nach Karlsbad kommen, + ich will eine Geschäftstour nach Böhmen machen, dann wird er aber + nicht mehr dort sein. Grüßen Sie Marx, wenn er zurückkehrt. Wollen Sie + denn nicht Deutschland mal heimsuchen? Sie sitzen in England wie + eingerostet. + + Freundschaftlichst grüßt Ihr ergebener + + Bebel." + +Die Antwort, die ich von Engels erhielt, bewies, daß er und Marx meinen +Brief in einem Sinne aufgefaßt hatten, der mit dem Inhalt desselben +nicht recht in Einklang zu bringen war. Engels schrieb: + + "London, 12. Oktober 1875. + + Lieber Bebel! + + Ihr Brief bestätigt ganz unsere Ansicht, daß die Einigung unsererseits + überstürzt ist und den Keim künftigen Zwiespalts in sich trägt. Wenn + es gelingt, diesen Zwiespalt bis über die nächsten Reichstagswahlen + hinauszuschieben, wäre es schon gut.... + + Das Programm, wie es jetzt ist, besteht aus drei Teilen: + + 1. Den Lassalleschen Sätzen und Stichworten, die aufgenommen zu haben + eine Schmach unserer Partei bleibt. Wenn zwei Fraktionen sich über ein + gemeinsames Programm einigen, so setzen sie das hinein, worüber sie + einig und berühren nicht das, worüber sie uneinig sind. Die + Lassallesche Staatshilfe stand zwar im Eisenacher Programm, aber als + eine aus vielen _Uebergangsmaßregeln,_ und nach allem, was ich gehört + habe, war sie, ohne die Einigung, ziemlich sicher, im diesjährigen + Kongreß auf Brackes Antrag an die Luft gesetzt zu werden. Jetzt + figuriert sie als das eine unfehlbare und ausschließliche Heilmittel + für alle sozialen Gebrechen. Das "eherne Lohngesetz" und andere + Lassallesche Phrasen sich aufoktroyieren zu lassen, war für unsere + Partei eine kolossale moralische Niederlage. Sie bekehrte sich zum + Lassalleschen Glaubensbekenntnis. Das ist nun einmal nicht + wegzuleugnen. Dieser Teil des Programms ist das kaudinische Joch, + unter dem unsere Partei zum größeren Ruhm des heiligen Lassalle + durchgekrochen ist; + + 2. aus demokratischen Forderungen, die ganz im Sinn und im Stil der + Volkspartei ausgesetzt sind; + + 3. aus Forderungen an den "_heutigen_ Staat" (wobei man nicht weiß, an + wen denn die übrigen "Forderungen" gestellt werden), die sehr konfus + und unlogisch sind; + + 4. aus allgemeinen Sätzen, meist dem Kommunistischen Manifeste und den + Statuten der Internationale entlehnt, die aber so umredigiert sind, + daß sie entweder total _Falsches_ enthalten oder aber _reinen + Blödsinn_, wie Marx das in dem Ihnen bekannten Aufsatz im einzelnen + nachgewiesen. + + Das Ganze ist im höchsten Grad unordentlich, konfus, + unzusammenhängend, unlogisch und blamabel. Wenn unter der + Bourgeoispresse ein einziger kritischer Kopf wäre, er hätte dies + Programm Satz für Satz durchgenommen, jeden Satz auf seinen wirklichen + Inhalt hin untersucht, den Unsinn recht handgreiflich + auseinandergelegt, die Widersprüche und ökonomischen Schnitzer (zum + Beispiel: daß die Arbeitsmittel heute "Monopol der Kapitalistenklasse" + sind, als ob es keine Grundbesitzer gäbe, das Gerede von "Befreiung + der _Arbeit_" statt der Arbeiterklasse, die Arbeit selbst ist + heutzutage ja gerade _viel zu frei_!) entwickelt und unsere ganze + Partei greulich lächerlich gemacht. Statt dessen haben die Esel von + Bourgeoisblättern dies Programm ganz ernsthaft genommen, + hineingelesen, was nicht darin steht und es kommunistisch gedeutet. + Die Arbeiter scheinen dasselbe zu tun. Es ist _dieser Umstand allein_, + der es Marx und mir möglich gemacht hat, uns nicht öffentlich von + einem solchen Programm loszusagen. Solange unsere Gegner und ebenso + die Arbeiter diesem Programm unsere Ansichten unterschieben, ist es + uns erlaubt, darüber zu schweigen. + + Wenn Sie mit dem Resultat in der Personenfrage zufrieden sind, so + müssen die Ansprüche auf unserer Seite ziemlich tief gesunken sein. + Zwei von den Unseren und drei Lassalleaner! Also auch hier die Unseren + nicht gleichberechtigte Alliierte, sondern Besiegte und von vornherein + überstimmt. Die Aktion des Ausschusses, soweit wir sie kennen, ist + auch nicht erbaulich: 1. Beschluß, Brackes und B. Beckers zwei + Schriften über Lassallesches nicht auf die Parteischriftenliste zu + setzen; wenn dies zurückgenommen, so ist es nicht die Schuld des + Ausschusses und auch nicht Liebknechts; 2. Verbot an Vahlteich, die + ihm von Sonnemann angetragene Korrespondenz für die Frankfurter + Zeitung anzunehmen. Dies hat Sonnemann dem durchreisenden Marx selbst + erzählt. Was mich noch mehr dabei wundert als die Arroganz des + Ausschusses und die Bereitwilligkeit, womit Vahlteich sich gefügt hat, + statt dem Ausschuß etwas zu pfeifen, ist die kolossale Dummheit dieses + Beschlusses. Der Ausschuß sollte doch lieber dafür sorgen, daß ein + Blatt, wie die Frankfurter, von allen Orten aus _nur_ durch unsere + Leute bedient wird.-- + + ... Daß die ganze Sache ein Erziehungsexperiment ist, das auch unter + diesen Umständen einen sehr günstigen Erfolg verspricht, darin haben + Sie ganz recht. Die Einigung als solche ist ein großer Erfolg, wenn + sie sich zwei Jahre hält. Aber sie war unzweifelhaft weit billiger zu + haben." + +Man sieht, es war kein leichtes Stück, mit den beiden Alten in London +sich zu verständigen. Was bei uns kluge Berechnung, geschickte Taktik +war, das sahen sie als Schwäche und unverantwortliche Nachgiebigkeit an, +schließlich war doch die Tatsache der Einigung die Hauptsache. Diese +trug logisch die Weiterentwicklung in sich selbst, dafür sorgten auch +nach wie vor unsere Freunde, die Feinde. Daran konnten auch +Beschränktheiten und Engherzigkeiten, wie sie der Parteivorstand in den +von Engels gerügten Fällen sich zuschulden kommen ließ, nichts ändern. +Erwähnt muß werden, daß damals die "Frankfurter Zeitung" der von uns +vertretenen Richtung freundlich gegenüberstand, dagegen hatte der +Allgemeine Deutsche Arbeiterverein mit Sonnemann manchen Span +auszufechten gehabt. Daher war auf dieser Seite die Animosität gegen ihn +und seine Zeitung erklärlicherweise eine sehr starke. + + + + +Nachwehen. + + +So glatt, wie ich in meinem Briefe an Engels die Sachlage dargestellt +hatte, verlief indes die Einigung nicht überall. Namentlich platzten in +Hamburg, wo Hasselmann und Richter-Wandsbeck und ihr Anhang schürten, +die Geister oft heftig aufeinander. Auer, der als Parteisekretär in +Hamburg wohnte, sah diese Vorgänge als ziemlich bedenklich an. So +schrieb er mir am 15. September 1875: In der Parteimitgliedschaft sei +nach wie vor große Uneinigkeit, es sei fraglich, ob aus all dem +Teufelsquark nicht noch eine Spaltung hervorgehe. Und in einem Briefe +vom 25. September an mich wiederholte er seine Klagen. Auf dem +Parteikongreß 1876 wurde dann Richter-Wandsbeck wegen seines +parteischädigenden Treibens aus der Partei ausgestoßen. + + * * * * * + +In Leipzig hatte der zum Reichstag gewählte Abgeordnete Dr. Stephani im +Frühjahr 1875 sein Mandat niedergelegt. Es kam zu einer Nachwahl, bei +der ich wieder als Kandidat der Partei aufgestellt worden war. Bei der +Wahl am 11. Mai erhielt ich 4018 Stimmen, 367 mehr als das Jahr zuvor +bei den allgemeinen Wahlen, mein nationalliberaler Gegner erhielt über +1000 Stimmen weniger, die auf einen Konservativen fielen. Ich war auch +als Landtagskandidat für den sächsischen Landtagswahlkreis +Meerane-Hohenstein-Ernstthal aufgestellt worden. Ich unterlag hier +gleichfalls, und zwar mit 694 gegen 899 Stimmen, die mein +nationalliberaler Gegner erhielt. Ich war über diese Niederlage, wie ich +in meinem oben abgedruckten Briefe an Engels bereits andeutete, sehr +zufrieden. Die Partei hatte sich um jene Zeit noch wenig mit den +Landtagswahlen befaßt. Das Wahlgesetz war zwar im Vergleich zu dem heute +bestehenden ein sehr günstiges, es forderte für den Wähler einen Zensus +von 3 Mark direkter Staatssteuer, die sächsische Staatsangehörigkeit und +ein Alter von 25 Jahren. Für das Recht, als Abgeordneter gewählt zu +werden, das sogenannte passive Wahlrecht, wurde ein Zensus direkter +Staatssteuer von mindestens 30 Mark, ein Alter von 30 Jahren und +dreijährige Staatsangehörigkeit verlangt. Trotzdem war die Zahl unserer +Wähler gering, da zu jener Zeit viele Arbeiter die Staatssteuer von 3 +Mark, die mit einem Jahreseinkommen von 600 Mark verknüpft war, nicht +bezahlten. Erst mit der Einführung eines neuen Einkommensteuergesetzes +im Jahre 1876 änderte sich dieses zu unseren Gunsten infolge der höheren +Einkommeneinschätzung. Von jetzt ab begannen wir mit Erfolg uns an den +Wahlen zum Landtag zu beteiligen. + +Um die stattgehabte Vereinigung immer mehr in Fleisch und Blut der +früher feindlichen Brüder überzuleiten, kamen wir überein, daß die +bekanntesten Persönlichkeiten aus den ehemaligen beiden Lagern +hauptsächlich in den Bezirken Versammlungen abhalten sollten, die ihnen +früher mehr oder weniger unzugänglich waren. So gingen Liebknecht und +Motteler nach Norden und Westen, Hasenclever, Dreesbach und andere nach +dem Süden und nach Sachsen, ich nach Altona-Hamburg, woselbst meine +Versammlungen ungemein stark besucht wurden, ebenso in Berlin, woselbst +ich im Tivoli eine Riesenversammlung abhielt. In Hamburg, Altona und +Umgegend erhielt die Bewegung einen neuen Stützpunkt in der Gründung des +"Hamburg-Altonaer Volksblattes", das mit dem 1. Oktober 1875 ins Leben +trat. Hasenclever zog es jetzt vor, aus dem Vorstand aus-und in die +Redaktion des "Hamburg-Altonaer Volksblattes" einzutreten. + + * * * * * + +Für mich persönlich war damals die Situation keine angenehme. Unter dem +Widerspruch der Interessen zwischen Geschäft und Partei litt ich schwer, +darüber klagte auch Bracke in einem Briefe an mich Ende August. Es sei +schrecklich, Sklave eines Geschäftes zu sein. Aber wie loskommen? Er +trage sich mit dem Gedanken, sein Druck- und Verlagsgeschäft an die +Leipziger Genossenschaftsdruckerei zu verkaufen, aber andererseits habe +er wieder Bedenken. Er habe erdrückende Arbeit und ein schweres Defizit +zu tragen, das ihm Verlag und Druckerei verursache. Ich bewunderte bei +ihm die Heiterkeit des Gemüts, die er trotz aller Sorgen behielt. Da ich +um jene Zeit meinen späteren Associé gewonnen hatte, eine Verbindung, +die erst im nächsten Herbste durchgeführt werden konnte, wovon aber +Nachricht sich blitzschnell in Leipzig verbreitet hatte, entstand das +von den Gegnern genährte Gerücht, ich werde mich alsdann aus dem +Parteileben zurückziehen. Die erste Nachricht von diesem Geschwätz +erhielt ich durch einen Altenburger Genossen, der mir am 30. August +schrieb: Er habe bei seiner kürzlichen Anwesenheit in Leipzig von +verschiedenen Seiten gehört, daß ich einen Kompagnon erhielte, +Großindustrieller würde und dann mich langsam aus der Partei +zurückziehen wolle. Das habe er bei einem Arbeiterfest in Schmölln auch +Meeraner und Gößnitzer Genossen mitgeteilt und ihnen gesagt, sie müßten +diesen schmerzlichen Schlag, den sie von mir erhielten, überwinden. Da +sei es aber rührend gewesen, mit welch felsenfestem Vertrauen die +betreffenden Genossen geantwortet, das glaubten sie nicht, das hielten +sie für unmöglich. Mittlerweile habe er auch vernommen, daß es nicht +wahr sei. Er habe ihnen aber versprechen müssen, an mich wegen der Sache +zu schreiben, er bitte wegen seiner Zudringlichkeit um Verzeihung, ich +möchte aber dem Gerücht _öffentlich_ entgegentreten, ein Verlangen, das +zu erfüllen ich meiner unwürdig hielt. + +Um diese Zeit--September 1875--befand sich Most noch immer im Gefängnis +zu Plötzensee. Ich schrieb ihm zur Tröstung einen längeren Brief und +erkundigte mich, wie es ihm gehe. Daß seine Behandlung gegen früher eine +anständigere geworden war, hatte ich vernommen. Darauf schrieb er mir am +27. September: + + "Lieber Bebel! Wenn ich Dir sage, daß ich oft monatelang weder von der + Partei noch von Parteigenossen ein Sterbenswörtchen höre, so kannst Du + Dir denken, daß mich Dein Brief freute. Du mußt Dir meinethalben keine + Sorge machen, es steht zwar (_lediglich_ wegen meiner kärglichen + Lebensweise) faul genug mit mir, aber flöten gehe ich deshalb doch + nicht. Mir geht es von Kindheit an, namentlich aber seit den letzten + sieben Jahren, so nichtswürdig, daß ich immerhin ungemein viel + aushalten kann.... Alle Nachrichten, die Du mir betreffend unsere + Partei übermittelst, beweisen mir aufs neue, daß alle gegen uns + inszenierten Verfolgungen fruchtlos waren und sind. Komme ich erst + heraus, hoffe ich meine Freude zu haben. Und was meine Stimmbänder + betrifft, so werden sie wohl noch ein Weilchen aushalten.... Was ich + tue? Nun, ich ochse! Erstens schreibe ich für Geib, zweitens büffle + ich französische Uebersetzungen und drittens löffle ich tüchtig + Materialismus.... Man muß ja heutzutage entsetzlich viel gelesen + haben, will man nicht als Schafskopf gelten.... Die Zeit vergeht mir + verhältnismäßig sehr rasch. Geib meint, ich solle beantragen, daß man + mich vorläufig entlasse, aber dieses habe ich nun schon dreimal + abgelehnt, da solche Betteleien prinzip- und zwecklos sind." + + + + +Reichstagsarbeit. + + +Ende Oktober 1875 wurde die neue Session des Reichstags eröffnet. Nach +einer Pause von fast dreieinhalb Jahren nahm ich zum erstenmal wieder an +dessen Beratungen teil. Es war auch die erste Session, in der die +Vertretung der Partei als die der geeinigten Partei vor die +Oeffentlichkeit trat. Das Auftreten der Fraktion war denn auch sofort +lebhafter, selbstbewußter und energischer als in irgend einer früheren +Session. Die Natur des Beratungsstoffs trug ebenfalls zu einem +lebhafteren Eingreifen bei. + +Dem Reichstag war ein Gesetzentwurf zugegangen betreffend die Abänderung +des Titels 8 der Gewerbeordnung in Verbindung mit einem Gesetzentwurf +über die gegenseitigen Hilfskassen. Die Debatte über den Gesetzentwurf +in den verschiedenen Stadien seiner Beratung wurde von uns mit allem +Nachdruck geführt. Fast die gesamten Mitglieder der Fraktion beteiligten +sich zum Teil wiederholt an den Debatten und begründeten auch eine +größere Zahl Anträge zu den verschiedenen Paragraphen. In der +Arbeiterwelt hatte der Entwurf lebhafte Mißstimmung erzeugt und eine +Anzahl Petitionen hervorgerufen, unter denen namentlich die Petition der +Kommission der Krankenkassenvorstände _Berlins_ sehr ausführlich auf die +einzelnen Bestimmungen des Gesetzentwurfes einging. + +Seitens der Fraktion war ich zum Redner in der Generaldebatte bestimmt +worden. Die Verhandlungen begannen am 6. November und wurden noch an +demselben Tage zu Ende geführt. Die Mehrheit liebte es, möglichst wenig +zu diskutieren und raschen Schluß zu machen. Ich nahm gegen den Entwurf +in der vorliegenden Fassung entschieden Stellung. Fraktion und Partei +standen damals auf dem Standpunkt, daß die Krankenkassen +_ausschließlich_ den Arbeitern gehörten, daß sie allein die Beiträge +zahlen und die _volle_ Selbstverwaltung besitzen sollten. Die +Haftpflicht beziehungsweise Unfallpflicht in allen ihren Konsequenzen +sei _ausschließlich_ den Unternehmern zu übertragen. Die Invaliditäts- +und Altersversicherung sei auf die Beiträge _beider_ Teile zu begründen. +Ich führte aus: Der Entwurf stelle die Arbeiter unter die Vormundschaft +der Behörden und der Unternehmer. Er verweigere den Arbeitern das Recht, +das jede andere Klasse für die Verwaltung ihres eigenen Vermögens +besitze, das Recht der unumschränkten Selbstverwaltung. Was +würde der Reichstag sagen, machten wir in einem Aktien- oder +Genossenschaftsgesetz solche bevormundende Vorschriften! Statt von +großen des Reiches würdigen Gesichtspunkten sei man von kleinlichen und +kleinlichsten Gesichtspunkten ausgegangen. Namentlich in Verbindung mit +dem § 4 des Haftpflichtgesetzes sei der Entwurf sehr bedenklich, da er +den Arbeitern in den Hilfskassen Lasten auferlege, die die +Haftpflichtversicherung der Unternehmer zu tragen habe. Behalte der +Gesetzentwurf im wesentlichen seinen jetzigen Charakter, werde er statt +Zufriedenheit große Unzufriedenheit in der Arbeiterwelt hervorrufen, +also das Gegenteil von dem, was er bezwecken solle. Der Entwurf wurde an +eine Kommission von 21 Mitgliedern verwiesen. Nachdem dieser Beschluß +gefaßt war, trat der Abgeordnete Miguel an mich heran und stellte die +Frage, ob ich bereit wäre, Mitglied der Kommission zu werden. Nach +erfolgter Umfrage bei den Fraktionsgenossen erklärte ich mich dazu +bereit. Als aber die Wahl erfolgen sollte, kam Miguel abermals zu mir: +er müsse zu seinem Bedauern mir mitteilen, daß die große Mehrheit seiner +Fraktion meine Wahl nicht wünsche. Er riet mir, mich mit dem Zentrum zu +verständigen. Ich lehnte dieses ab; es sei unserer unwürdig, bei einer +anderen Fraktion um einen Sitz in einer Kommission zu petitionieren. Der +Seniorenkonvent bestand damals schon, der die Verteilung der Mitglieder +der Kommissionen nach der Stärke der Fraktionen vornahm. Wir mit unseren +neun Mitgliedern wurden aber als Fraktion nicht anerkannt, dazu waren +mindestens fünfzehn erforderlich. So unterblieb meine Teilnahme an der +Kommission. Wir stimmten schließlich gegen das Gesetz, da wir mit +unseren Verbesserungsanträgen kein Glück hatten; sie wurden sämtlich +abgelehnt. + +Eine zweite Vorlage, die unsere Beteiligung an den Verhandlungen +herausforderte, war die Strafgesetznovelle, durch die nicht weniger als +53 Paragraphen des Strafgesetzes, das erst fünf Jahre in Wirksamkeit +war, geändert oder neu eingeführt werden sollten. Die verbündeten +Regierungen wollten mit der Vorlage 14 neuen Vergehen die +strafrechtliche Verfolgung sichern. Bismarck war allezeit ein +Gewaltmensch; jede ihm unbequeme oder unangenehme Zeitströmung glaubte +er durch Anwendung von staatlichen Gewaltmitteln aus der Welt schaffen +zu können. So die katholische, die Polen-, die sozialistische Bewegung. +Und er ist von dieser Auffassung auch nicht bekehrt worden, obgleich am +Ende seines Lebens das gründliche Fiasko dieser Politik auf der flachen +Hand lag und er der Besiegte und nicht der Sieger war. Die +Strafgesetznovelle sollte im großen zuwege bringen, was bisher durch +Polizei und Richter mißlungen war. Es waren also insbesondere die +sogenannten politischen Paragraphen des Strafgesetzbuches, zum Beispiel +die §§ 95, 103, 110, 111, 113, 114, 117, 128, 130, 130a, 131 usw., die +entsprechend verschärft werden sollten. So sollte der § 130 folgende +Fassung erhalten: Wer in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden +Weise verschiedene Klassen der Bevölkerung gegen einander öffentlich +aufreizt, oder wer in gleicher Weise die Institute der Ehe, der Familie, +des Eigentums öffentlich durch Rede oder Schrift angreift, wird mit +Gefängnis bestraft. Aehnlich erweitert wurde der § 131. Es wurde an +seine Stelle etwas modifiziert der berüchtigte ehemalige preußische Haß- +und Verachtungsparagraph vorgeschlagen. Wir beobachteten die Taktik, uns +zunächst zurückzuhalten und den Liberalen, die mit dem Regierungsentwurf +sehr unzufrieden waren, den Vortritt zu lassen. Diese Taktik erwies sich +als richtig. Nicht nur Dr. _Hänel_ von der Fortschrittspartei, sondern +selbst die Nationalliberalen _Bamberger_ und _Lasker_ entwickelten +Anschauungen über die Freiheit der öffentlichen Meinung, denen wir +nichts hinzuzusetzen brauchten, die aber sehr abstachen +gegen die Haltung, die sie einige Jahre später dem zweiten +Sozialistengesetzentwurf gegenüber einnahmen. Ein Teil der Vorlage ging +an eine Kommission, der andere sollte im Plenum beraten werden. Unsere +eigentliche Beteiligung begann mit der Beratung des § 130, der am 27. +Januar 1876 auf der Tagesordnung stand. Graf Eulenburg, der Minister des +Innern für Preußen, begann seine Rede mit den Worten: Meine Herren, der +§ 130 ist gegen die Sozialdemokratie gerichtet. Der übrige Inhalt seiner +Rede bestand vorzugsweise in langen Zitaten aus dem "Sozialdemokrat" und +"Volksstaat" und aus einer Lassalleschen Rede aus dem Jahre 1863, +wodurch er unsere Staatsgefährlichkeit nachzuweisen suchte. Schließlich +bat er, den verbündeten Regierungen die geforderten Machtmittel gegen +uns zu bewilligen, sonst müsse man sich mit den jetzigen unzulänglichen +Gesetzesparagraphen begnügen, "_bis die Flinte schießt und der Säbel +haut_". Die Rede verlief vollständig eindruckslos, und so hatte es +_Hasselmann_, der nach Eulenburg sprach, leicht, ihn zu widerlegen. Die +Regierung stehe verständnislos der sozialdemokratischen Bewegung +gegenüber, die doch nur die naturgemäße Frucht der bestehenden +wirtschaftlichen Mißstände sei. Die Forderungen im sozialdemokratischen +Programm seien die Heilmittel, die wir gegen die vorhandenen Uebel in +Vorschlag brächten. Auf die Anklage, wir reizten die Arbeiter in den +Volksversammlungen auf, stellte er die Frage, warum man nicht in diese +Versammlungen komme, um uns zu widerlegen? Den Klassenkampf hätten die +Gegner begonnen, und wie grausam und blutig sie ihn eventuell führten, +habe die Pariser Kommune gezeigt. Er erklärte schließlich, wir würden +den Kampf auf gesetzlichem Boden weiterführen, möge er noch so schwere +Opfer kosten. Das Ende der Debatte war, daß, nachdem ein Amendement der +Konservativen abgelehnt worden war, sich _keine_ Stimme für den Antrag +der Regierung erklärte, was große Heiterkeit hervorrief. + +Die Parteipresse beantwortete die Rede Eulenburgs durch Abstattung ihres +Dankes für die agitatorische Wirkung derselben zugunsten der Partei, und +der Parteivorstand beschloß ihre Massenverbreitung. Auch der § 131 fand +in der neuen vorgeschlagenen Fassung im Reichstag keine Gegenliebe und +flog ebenfalls sang- und klanglos in den Orkus. Zum sogenannten +Arnimparagraph (§ 353a) hielt _Liebknecht_ eine kurze, aber sehr +wirkungsvolle Rede, die den lebhaften Widerspruch der Mehrheit des +Reichstags hervorrief. + +Bei der dritten Lesung der Novelle empfand Bismarck das Bedürfnis, noch +einmal zum § 130 der Vorlage zu sprechen. Da dieser aber nicht mehr +existierte, nahm der Abgeordnete Freiherr von Nordeck zur Rabenau den +Antrag wieder auf. Bismarck ging darauf sofort aufs schärfste gegen uns +los. Er verlange, daß man den sozialistischen Agitationen auch im +Reichstag gebührend entgegentrete. Spreche im Hause ein sozialistischer +Abgeordneter, so sei es hergebracht, ihm zuzuhören, als spreche er aus +einer anderen Welt, mit der sich der Reichstag nicht zu befassen habe. +Man müsse den Gegengründen gegen den utopistischen Unsinn der +Sozialisten die weiteste Verbreitung geben; sei es doch so weit +gekommen, daß die Mörder und Mordbrenner der Pariser Kommune hier im +Reichstag eine öffentliche Lobeserhebung bekommen hätten, ohne daß eine +entgegengesetzte Ansicht ausgesprochen worden sei. Es seien das Gebilde, +die von den Verführten nur im Dunkel der Blendlaterne der Verführer +gesehen würden; wenn sie aber hinreichend an die Luft und Sonne gebracht +würden, so müßten sie in ihrer Unausführbarkeit und verbrecherischen +Torheit erkannt werden. + +Diese Bismarckschen Anklagen richteten sich zweifellos gegen meine Rede +in der Session von 1871 zur Verteidigung der Kommune, denn seitdem waren +Reden über die Kommune im Reichstag nicht gehalten worden, und so +meldete ich mich zum Wort. Nachdem dann Windthorst und Bismarck noch +einmal gesprochen, zog der Freiherr v. Nordeck zur Rabenau seinen Antrag +mit der Motivierung zurück, Fürst Bismarck, der bei der zweiten Lesung +habe fehlen müssen, sei jetzt zum Worte gekommen, damit sei der Zweck +seines Antrags erreicht. Als Windthorst auf der Fortsetzung der Debatte +bestand, bestritt Simson, der kurze Zeit als Präsident den verhinderten +Forckenbeck vertrat, daß dieses möglich sei, und als nunmehr Sonnemann, +um mich zu Worte kommen zu lassen, den Antrag v. Nordecks zur Rabenau +wieder aufnahm, erklärte Simson, alsdann habe der Abgeordnete Valentin +den Schluß der Debatte beantragt. Ein Schlußantrag Valentins lag also +bereits wieder einmal auf dem Bureau zu geeigneter Verwendung vorrätig +vor. So schnitt man mir das Wort zur Entgegnung auf die Angriffe +Bismarcks ab. Ich versuchte nunmehr, in einer persönlichen Bemerkung +mich zu verteidigen. Ich tadelte, daß man mir nach den heftigen +Angriffen des Reichskanzlers auf meine Person das Wort zur Entgegnung +verweigert habe. (Wiederholte Zwischenrufe.) Es sei kein Zweifel, daß +die Angriffe des Reichskanzlers sich gegen mich persönlich richteten, +wie ich das mit Hinweis auf meine Reden im Jahre 1871 nachwies. Der +Reichskanzler habe sich über die häufigen Beleidigungen seiner Person +beschwert, da hätte er den guten Rat, den er dem Hause gab, zunächst mir +und meiner Partei gegenüber befolgen sollen. Seine Anklage, ich hätte +Mörder und Mordbrenner verteidigt, wies ich als eine mir zugefügte +Beleidigung zurück. Ich hätte die Männer der Kommune verteidigt, weil +sie nicht als Mörder und Mordbrenner angesehen werden könnten, sondern +als Männer, denen man bitter unrecht getan habe. Daß sie keine Mörder +und Mordbrenner gewesen seien, dafür spreche, daß drei hochangesehene +Regierungen, der Schweizer Bundesrat, die belgische und die englische +Regierung, verweigert hätten, die Flüchtlinge der Pariser Kommune, weil +sie keine Verbrecher seien, auszuliefern. Hier unterbrach mich der +Präsident: Meine Ausführungen seien nicht mehr persönlich, ich machte +sachliche Ausführungen, und da stünde Ansicht gegen Ansicht, das gehe +aber nicht innerhalb des Rahmens einer persönlichen Bemerkung. So mußte +ich auf weitere Ausführungen verzichten. Ich revanchierte mich aber in +einer Versammlung in Leipzig, in der ich meinem Herzen Luft machte. + +Auch die Verhaftungsfrage der Abgeordneten kam durch einen +fortschrittlichen Antrag wieder zur Verhandlung, dem wir, da er eine +Halbheit war, einen weitergehenden korrekten Antrag gegenüberstellten. +Unser Antrag, den ich motivierte, fiel, aber auch der fortschrittliche +Antrag wurde mit 142 gegen 127 Stimmen abgelehnt. _Lasker_, der nach +seiner Haltung in der vorigen Session für den Antrag hätte stimmen +_müssen_, enthielt sich der Abstimmung, _v. Bennigsen_ fehlte als +entschuldigt. + +Ein Vorgang, der auf dem nächsten Parteikongreß zur Sprache kam und +angegriffen wurde, betraf unsere Abstimmung über den Antrag von +Schulze-Delitzsch und Genossen, betreffend Zahlung von Diäten. +Liebknecht und ich hatten uns bei der zweiten Lesung über diesen Antrag +der Abstimmung enthalten, Hasenclever hatte dafür gestimmt und die +übrigen Kollegen, von denen Most in Hast war, waren bei der Abstimmung +nicht anwesend. Bei der dritten Lesung nahm ich im Namen der +_Gesamtheit_ das Wort und erklärte, daß wir uns sämtlich der Abstimmung +enthalten würden. Wir hätten es satt, beständig für den Papierkorb des +Bundesrats zu arbeiten, der Reichstag nehme jede Session mit stets +steigender Mehrheit den Antrag auf Diätenzahlung an, der Bundesrat werfe +ihn ebenso regelmäßig in den Papierkorb. Meine es der Reichstag ernst +mit der Diätenzahlung, dann solle er auch die ihm zu Gebote stehenden +Machtmittel anwenden, um sie zu erlangen. Er solle alsdann zunächst dem +Reichskanzler das Gehalt verweigern. Es sei eine Schande, dem Reichstag +zu verweigern, was alle anderen Parlamente in Deutschland erhielten. Wir +wollten dieses Spiel nicht weiter mitmachen und würden uns der +Abstimmung enthalten, da wir gegen den Antrag nicht stimmen könnten. Die +kurze Rede brachte mir zwei Ordnungsrufe ein. Den 10. Februar wurde die +Session geschlossen. + + + + +Meine Stellung zur Kommune. + + +Am 10. März 1876 hatte ich in Leipzig eine Disputation mit Bruno Sparig, +einem Hauptagitator der Leipziger Nationalliberalen, der in seiner Rede +über meine Stellung zur Kommune alle die Angriffe vorbrachte, die man +damals gegen die Kommune machte. Jene Versammlung war von beiden +Parteien gemeinsam einberufen, jede Partei bekam gleichviel +Eintrittskarten zur Verteilung, jede Partei wählte auch einen +Vorsitzenden, der den Vorsitz führte, während der Gegner redete. Von +unserer Seite war Julius Motteler dieser Vorsitzende, von seiten der +Gegner ein Direktor Peucker. + +Ich erweise manchem meiner Leser einen Dienst, wenn ich meine damalige +Leipziger Rede, wenn auch gekürzt, hier zum Abdruck bringe: + + Direktor _Peucker_: Herr Bebel hat jetzt das Wort. (Der Redner wird + beim Betreten der Tribüne mit stürmischem Beifall empfangen.) + + _Bebel_: Ich knüpfe an die letzten Worte des Herrn Sparig an. + (Unruhe.) Herr Sparig erklärte, er habe noch so viel Tatsachen gegen + die Kommune anzuführen, daß er noch zehn Abende damit zubringen + könnte. (Unruhe.) Meine Herren, ich habe Herrn Sparig gleich anfangs + die Offerte gemacht, daß, wenn die Disputation an einem Abende nicht + beendigt sei, sie am nächsten oder an einem späteren Tage fortgesetzt + werden solle. Wir könnten also morgen oder nächsten Montag die Debatte + fortsetzen, wozu ich bereit bin. (Große Unruhe, Zischen.) Herr Sparig + hat aber erklärt, es sei an einem Abende genug, die Sache würde dabei + zum Austrag gebracht werden. (Bravo! Zischen.) + + Meine Herren, zunächst eine persönliche Erklärung meinen + Parteigenossen gegenüber, die mir zum Teil heftige Vorwürfe gemacht + haben, daß ich auf die Bedingung eingegangen bin, daß zu dieser + Versammlung Karten ausgegeben wurden, weil dies gegen das Prinzip der + Volksversammlungen verstößt. Meine Herren, ich würde nimmer auf diesen + Vorschlag eingegangen sein, wenn ich nicht überzeugt gewesen wäre, daß + im anderen Falle die Versammlung gar nicht stattgefunden hätte. Ich + bin einzig und allein aus diesem Grunde darauf eingegangen, ich werde + aber ein zweites Mal nicht darauf eingehen, weil, obgleich bei unserer + Abmachung Herr Sparig sagte, man wolle, um nicht "unanständig" zu + erscheinen, bei dem Eingang nicht sammeln, um kein Geldgeschäft daraus + werden zu lassen, dennoch von seiten des Herrn Sparig das Versprechen + nicht gehalten, sondern der Vertrag verletzt und die Karten gegen Geld + ausgeboten wurden. (Große Unruhe. Rufe: Das ist nicht wahr!) _Bebel_: + Wie können Sie da rufen, das ist nicht wahr? (Bravo! Zurufe.) + + Meine Herren! Zunächst bitte ich vor allem meine Parteigenossen, mich + nicht durch Beifallsbezeigungen zu unterbrechen, aus dem einfachen + Grunde, weil mir diese zu viel Zeit wegnehmen. Ich habe nur anderthalb + Stunden Zeit. (Unterbrechung, Zischen.) + + Vorsitzender Direktor _Peucker_: Meine Herren, ich muß Sie ersuchen, + alle derartigen Ausrufe wie "Das ist nicht wahr" usw. zu unterlassen. + Herr Bebel hat laut eingegangenem Kontrakt das Wort. Ich ersuche beide + Parteien, Herrn Bebel ruhig reden zu lassen. + + _Bebel_: Meine Parteigenossen haben Herrn Sparig mit der größten Ruhe + angehört, obgleich sie häufig Ursache gehabt hatten, ihr Mißfallen + kund zu geben. (Fortgesetzte Unruhe seitens der Liberalen.) + + Ich glaube, meine Herren, wir haben der liberalen Partei heute den + Beweis geliefert, daß ihre Behauptung unwahr ist, daß ein Gegner in + einer sozialdemokratischen Versammlung nicht sprechen könne; Herr + Sparig hat im Gegenteil ganz ruhig sprechen können, während + Sie--(Große Unruhe. Rufe: Raus! Lärm seitens der Liberalen.) + + _Bebel_: Meine Herren! Ich hoffe, daß die Herren Gegner nicht + provozieren wollen, daß die Versammlung polizeilich aufgelöst werde. + Fast komme ich zu dieser Ueberzeugung. Herr Sparig hat ausgeführt, daß + wir uns über die Mundtotmachung im Reichstag beschwert hätten, und er + hat weiter erklärt, er nähme es den Reichsboten nicht übel, wenn sie + nicht immer wieder die sozialdemokratischen Phrasen anhören wollten. + + Wir sind im Reichstage Volksvertreter so gut wie jeder andere, der + dort sitzt, und wir haben nicht bloß das Recht, sondern auch die + Pflicht, unsere Parteianschauungen dort zu vertreten, wo sich die + Gelegenheit bietet. Sind wir einmal in einer Sitzung des Reichstags + nicht zugegen, dann führt die liberale Presse und besonders das + "Leipziger Tageblatt" gewissenhaft Buch und man liest am nächsten + Tage: Bei der und der Abstimmung haben die und die + sozialdemokratischen Abgeordneten gefehlt. Reden die + sozialdemokratischen Abgeordneten, dann heißt es: Sie sind + unverschämt! Und schneidet man uns das Wort ab, auch wenn wir zum + Reden herausgefordert wurden, so heißt die liberale Presse und Herr + Sparig ein solch nichtswürdiges Verfahren gut.... + + Herr Sparig ist dann auf die Verhandlungen des deutschen Reichstags im + Jahre 1871 eingegangen und erwähnte dabei zuerst die Sitzung vom 25. + Mai, in der es sich um die Annexion von Elsaß und Lothringen handelte. + Hier hat nun Herr Sparig einen chronologischen Schnitzer begangen: er + läßt meine Rede vom 10. April hinter der Rede vom 25. Mai kommen. In + der Rede vom 10. April war es, wo ich erklärte, daß ich die Handlungen + der Kommune zwar nicht in allen Stücken billige, und zwar aus + Zweckmäßigkeitsgründen, daß ich aber nichtsdestoweniger die Kommune + verteidige, und daß ich mich dazu um so mehr für verpflichtet halte, + als selbst die liberale Presse, nachdem sie zuvor gewisse Handlungen + der Kommune als Gewalttaten gebrandmarkt harte, nach wenig Tagen ihre + Beschuldigungen als unwahr zurücknehmen mußte.... + + ... Herr Sparig hat die Tätigkeit der Kommune als eine lange, + ununterbrochene Kette von Verbrechen und Scheußlichkeiten hinzustellen + versucht. Als Hauptschandtaten führte Herr Sparig die Erschießung der + Generale Klement Thomas und Lecomte an, ferner die Erschießung der + Geiseln und den Befehl zur Inbrandsetzung des Finanzministeriums, den + er Ferré imputiert. Sonstige "Schandtaten" hat er nicht anzugeben + vermocht. + + Wie steht es aber nun mit diesen angeblichen Schandtaten? Am 18. März, + dem Tag der Erschießung der Generale Klement Thomas und Lecomte, hat + die Kommune, nach dem eigenen Geständnis des Herrn Sparig, noch nicht + bestanden. Man kann sie also dafür unmöglich verantwortlich machen. + + An dem Tage, an dem die Geiseln erschossen worden sind--als welchen + Tag Herr Sparig selbst den 24. Mai angibt--, hat die Kommune offiziell + nicht mehr bestanden; der Kommunerat hat am 22. Mai die letzte sehr + schwach besuchte Versammlung abgehalten, was Herr Sparig gleichfalls + bestätigte. Wenn wirklich, wie Herr Sparig behauptet, was aber nicht + erwiesen ist, Ferré und Raoul Rigault am 24. den Befehl zur + Erschießung der Geiseln gegeben hätten, so würde es sich also nur um + zwei Personen von 90 handeln, welche den Kommunerat bildeten, und + diese zwei, nicht aber die Kommune, könnten verantwortlich gemacht + werden. + + (Redner gibt hierauf einen kurzen geschichtlichen Abriß des Entstehens + der Kommune, der Belagerung von Paris, des Mißtrauens der Bevölkerung + gegen Trochu, der Uebergabe von Paris, des Ausschreibens der Wahlen + zur Nationalversammlung, welche den Frieden ratifizieren sollte.) + + Die Wahlen wurden ausgeschrieben in einem Moment, wo zwei Drittel von + Frankreich von den Deutschen besetzt waren, wo ein großer Teil des + Landes im Belagerungszustand war, wo bei der Kürze der Frist von einer + Verständigung über die zu Wählenden keine Rede sein konnte, wo endlich + der größte Teil der bonapartistischen Präfekten und Beamten, die + mehrere Jahrzehnte die niederträchtigste Wahlkorruption betrieben + hatten und darauf eingeübt waren, noch im Amte saß. Unter solchen + Umständen konnte unmöglich von freien Wahlen die Rede sein. + + Die Wahlen fielen auch danach aus. War auch die Majorität nicht + bonapartistisch gesinnt, so war sie doch royalistisch und der Republik + feindlich. Die Folge war, daß Gambetta zurücktrat und Herr Thiers an + die Spitze der Regierung kam. Die Nationalversammlung, die damals + bekanntlich in Bordeaux tagte und die ausdrücklich nur zu dem Zweck + gewählt worden war, über die Friedensbedingungen zu beschließen, maßte + sich jetzt an, über das Geschick Frankreichs zu entscheiden, und + beging damit eine schwere Verletzung ihres Mandats. Die Regierung war + jämmerlich genug, auf solche Anmaßungen einzugehen. Ja es kam in + kurzer Zeit so weit, daß selbst die blauen Republikaner wie Jules + Favre und Konsorten gänzlich aus der Regierung verdrängt wurden. + + Mit dieser Haltung der Versammlung in Bordeaux gingen weitere Schritte + der Regierung gegen Paris Hand in Hand. Die Regierung verlangte von + der Pariser Nationalgarde, und zwar im Widerspruch mit den + Stipulationen des Friedensvertrags, daß sie die Waffen ausliefere. Der + Belagerungszustand, der seit der Revolution vom 4. September in Paris + aufgehoben war, wurde wieder eingeführt. Der als ein Feind der + Republik bekannte Jesuiten-General d'Aurelles de Paladine wurde zum + Oberkommandanten der Nationalgarde, der verhaßte bonapartistische + General Vinoy zum Gouverneur von Paris ernannt. Diesen gegen Paris + feindseligen Schritten schlossen sich eine Reihe anderer an. Infolge + der Belagerung von Paris und des vollständigen Daniederliegens von + Geschäften und Verkehr war früher eine Aufschiebung der fälligen + Wechselzahlungen ausgesprochen worden. Die Regierung, die mittlerweile + von Bordeaux nach Versailles übergesiedelt war, bestimmte jetzt, daß, + obgleich Handel und Wandel noch gleich sehr daniederlagen, alle + fälligen Wechselzahlungen sofort bezahlt werden müßten. Es wurde + ferner befohlen, daß die fälligen Mieten--die bis dahin ebenfalls + gestundet worden waren--sofort bezahlt werden müßten. Gleichzeitig + wurde eine Stempelsteuer von 2 Centimes auf jedes Zeitungsblatt + eingeführt. Die Folge von allem diesem war, daß nicht nur die + Sozialisten, sondern daß der größte Teil der Pariser Bevölkerung, die + kleinen Kaufleute, die Krämer, die Handwerker mit den revolutionären + Elementen gemeinsame Sache machten. Sie erklärten, unter keinen + Umständen auf die Bedingungen und Zumutungen eingehen zu können, + welche die gegenwärtige Regierung stelle. Als die Regierung die + Stimmung in Paris sah, wurde ein Handstreich von ihr versucht. Man + wollte sich Paris mit Gewalt bemächtigen. In der Nacht vom 17. auf den + 18. März rückte der General Lecomte auf Befehl des Generals d'Aurelles + de Paladine mit einer Anzahl Linienbataillone gegen den Montmartre, um + sich der dorthin gebrachten mehreren hundert Geschütze, welche sich + die Nationalgarde aus eigenen Mitteln während der Belagerung beschafft + hatte, zu bemächtigen. Die Nationalgarde hatte tags zuvor von diesem + Plane Kunde erhalten, sie war infolgedessen auf dem Posten. Als die + Truppen heranrückten, fanden sie alle Zugänge sorgfältig besetzt. + Lecomte sah die Unmöglichkeit ein, die Kanonen, wie er gehofft, ohne + Schwertstreich wegzunehmen; er kommandierte Feuer. Wie es bei solchen + Gelegenheiten geht, hatten sich neben der Nationalgarde auch eine + Menge Volks, Männer, Frauen und Kinder, eingefunden, die bei dem + Feuern notwendig wären mitgetroffen worden. Da erklärte die Linie: Wir + schießen nicht. Statt das Gewehr auf die Nationalgarde zu richten, + wandte sie die Gewehrkolben nach oben und fraternisierte mit dem Volk. + Viermal forderte der General zum Feuern auf und viermal verweigerten + die Soldaten den Gehorsam. + + Jetzt begann der General wütend zu schimpfen. Dies erbitterte seine + Soldaten, und darauf wurde er von seinen eigenen Leuten verhaftet und + im Laufe des Nachmittags erschossen. Dabei war kein Mitglied des + Zentralkomitees der Nationalgarde zugegen, und die Kommune wurde erst + wenige Tage später proklamiert. + + In diese Affäre mengte sich nun der General Klement Thomas, der in + Zivilkleidern als Spion sich unter das Volk gemischt hatte und, als er + auf das Benehmen der Soldaten schimpfte, erkannt wurde. Herr Sparig + sagt, Klement Thomas sei ein Republikaner gewesen. + + Meine Herren! Es gibt in Frankreich eine Menge Leute, die sich + Republikaner nennen, im Grunde aber nichts anderes sind wie bei uns + die Nationalliberalen. Klement Thomas war einer von dieser + verwässerten republikanischen Richtung. Früher Offizier, der den + Dienst quittiert hatte, war er anfangs 1848 bei dem Journal "National" + als Sitzredakteur beschäftigt, dem zugleich die Stelle des Duellanten + bei den Streitigkeiten mit den Redakteuren anderer Blätter zufiel. Von + der Februarregierung wieder in die Armee eingereiht und zum General + erhoben, spielte er vor und während der Junischlacht 1848 die infamste + Henkerrolle und setzte sich durch seine Barbarei gegen die Arbeiter + ein trauriges Denkmal. + + Dieser selbe General wurde von Trochu zum Kommandanten der Pariser + Nationalgarde ernannt, als der General Tamisier im November 1870 wegen + des nicht gehaltenen Versprechens, daß Paris seine Kommuneregierung + wählen solle, das Kommando niederlegte. Das war eine direkte + Provokation. Klement Thomas hatte nach Antritt seines Kommandos nichts + Eiligeres zu tun, als in allen seinen Handlungen die offenbarste + Feindschaft gegen die Nationalgarden aus den Arbeiterquartieren zu + zeigen. Und in dem Moment, wo die Aufregung über das Benehmen des + Generals Lecomte aufs Höchste gestiegen war, erschien der verhaßte + Mann auf der Bühne und nahm für Lecomte Partei. Er wurde festgenommen + und gleich Lecomte von den ergrimmten Soldaten erschossen. + + Meine Herren! Das war eine Gewalttat, und ich bin weit entfernt, sie + gut zu heißen; aber man muß sich die Lage vergegenwärtigen, und wenn + man dies tut, wird man diese Handlungen entschieden entschuldigen + müssen. Es sind von seiten der Reaktion ganz andere und größere + Grausamkeiten begangen worden, und zwar nicht in einer Zeit der + Aufregung und Leidenschaft, unter welcher die Kommune existierte, + sondern man hat sie in ruhiger Zeit und mit kaltem Blute begangen. Man + denke nur an die entsetzliche Behandlung der Kommunedeportierten in + Neukaledonien, welche alles bisher Dagewesene an Grausamkeit + übertrifft, und Jahre lang nach dem Kampfe fortgesetzt wurde. Solche + Greuel fordern die Empörung und Verurteilung jedes Menschenfreundes + heraus. + + Als die in Paris anwesenden Regierungsbehörden am 18. März sahen, wie + die Stimmung der Stadt und der Soldaten war, fanden sie es für gut, + sich eiligst aus dem Staube zu machen. Das Zentralkomitee der + Nationalgarde nahm jetzt die Leitung der Verwaltung in die Hand. + + Herr Sparig glaubt der Versailler Regierung den Vorwurf machen zu + müssen, daß sie am 18. März nicht zuverlässige Truppen nach Paris + gesandt. Es gab aber für die Regierung überhaupt keine zuverlässigen + Truppen. Die ganze französische Armee, soweit sie im Lande war, war + empört über die Haltung der Regierung und sympathisierte mit dem Volk. + Die einzig zuverlässigen Truppen: die Garden Napoleons, die Zuaven und + Turkos und die ultramontanen bretonischen Regimenter, befanden sich in + der deutschen Gefangenschaft. Und erst als Herr Thiers und Herr von + Bismarck sich verständigt hatten, erwies der letztere dem ersteren die + Gefälligkeit, ihm mehr als 80000 Mann der bezeichneten Truppen zur + Verfügung zu stellen, welche jetzt wie Bestien und als wollten sie die + Niederlage, die sie von den Deutschen erlitten, an ihren Landsleuten + rächen, über Paris herfielen und in ihrer schauerlichen Blutarbeit + über 30000 Menschen niedermetzelten. Diese Truppen haben sich für ewig + gebrandmarkt, und sie haben später von ihren Kameraden in der Armee + häufig es anhören müssen, daß es eine Schande und eine Schmach für sie + sei, sich zu Würgern und Henkern des Pariser Volks hergegeben zu + haben. + + Veranlaßt durch das Zentralwahlkomitee der Nationalgarde, wählte das + Pariser Volk am 25. März die Kommune. Herr Sparig erklärte, es habe + dabei eine große Wahlenthaltung stattgefunden, und scheint daraus + schließen zu dürfen, daß alle, die nicht gewählt, Gegner der Kommune + gewesen seien. + + In bezug auf die Wahl der Kommune kann ich mich auf einen Gewährsmann + berufen, der ein wütender Sozialistenfeind ist, nämlich auf Herrn + Johannes Scherr, der gegenwärtig in der "Gartenlaube" eine Reihe von + Artikeln veröffentlicht, die an Schimpfereien gegen die Kommune + wahrhaftig nichts zu wünschen übrig lassen. + + Nun, in diesen Artikeln teilt Herr Scherr mit, daß von 490000 Wählern + am 25. März 277300 zur Urne kamen und für die Kommune stimmten. Das + sind 57 Prozent. Haben wir etwa eine solche Wahlbeteiligung in Leipzig + einmal bei der Reichstagswahl oder gar bei der Stadtverordnetenwahl + gehabt? Bei der letzteren haben bei der neuesten Wahl kaum 33 Prozent + gewählt. Und was würde Herr Sparig sagen, wenn wir seine Logik + akzeptieren wollten und erklärten, die übrigen 67 Prozent, die sich + der Wahl enthielten, sind Sozialdemokraten? Er würde uns auslachen und + mit vollem Recht. Dasselbe aber gebührt ihm mit seinem Urteil über die + Kommune. + + Es ist eine Tatsache, daß die große Mehrheit der Bevölkerung von Paris + sich für die Kommune erklärt hat; ja Herr Scherr geht sogar so weit, + zu erklären, daß die Kommunewahl am 25. März mit einer Einmütigkeit, + mit einer Freudigkeit ohne gleichen seitens der Bevölkerung begangen + wurde, daß der Tag zu den schönsten gerechnet werden müsse, die Paris + gesehen. Das Volk von Paris habe sich an diesem Tage in seinem vollen + Glanze und von seiner besten Seite gezeigt, wie kaum bei einem anderen + historischen Ereignis. So muß ein Gegner der Sozialdemokratie über die + Kommune urteilen! + + Herr Sparig hat weiterhin die "Gesetzesmacherei" der Kommune + kritisiert. Er sagte, daß ein Dekret das andere gejagt, das eine das + andere wieder aufgehoben oder verschärft habe. + + Aber war denn das anders möglich, wenn man einen solchen Augiasstall + auszumisten hatte, wie es das kaiserliche Paris war? (Heiterkeit.) Da + hatte man allerdings sehr viel zu dekretieren. Und es versteht sich + von selbst, daß in einer solchen Situation nicht alles wie am + Schnürchen geht. Der Krieg von 1870 war seitens der Deutschen sicher + sehr gut vorbereitet, fragen Sie aber einmal den Generalstäbler + Moltke, ob alles so glatt gegangen ist, und er wird Ihnen sagen, daß + es da und dort gehapert hat. Wie viel mehr muß dies der Fall sein, + wenn es sich um eine revolutionäre Bewegung handelt, wenn an Stelle + des alten ein neuer Staat geschaffen werden soll, inmitten von + Hunderttausenden von Feinden--der deutschen Armee und der Versailler, + die mit aller Kraft und all ihren Mitteln darauf hinarbeiteten, der + neuen Institution den Garaus zu machen. + + Die Dekrete aber, die Herr Sparig anführte, war er selber nicht + imstande, als solche zu qualifizieren, die geeignet wären, die Kommune + zu kompromittieren. Wenn er beispielsweise bezüglich des Dekrets der + Kommune, betreffend die Nachtarbeit der Bäcker, sagt: er glaube nicht, + daß auch die Sozialisten geneigt wären, morgens zum Kaffee mit einem + altbackenen Dreierbrötchen vorlieb zu nehmen, so ist das ein so + flacher Witz, daß ich es unterlasse, näher darauf einzugehen. Es + handelte sich bei dieser Maßregel nicht darum, ob der verwöhnte Gaumen + der Bourgeoisie ein Bedürfnis befriedigen konnte oder nicht, sondern + darum, ob eine zahlreiche Klasse von Arbeitern permanent der + aufreibenden und ruinierenden Nachtarbeit ausgesetzt sein sollte oder + nicht. Jeder, der sich mit diesen Dingen einigermaßen beschäftigt hat, + weiß, daß die Bäckergesellen infolge der Nachtarbeit und der ungemein + langen Arbeitszeit überhaupt, die häufig 16, ja 18 Stunden beträgt, + meist einem frühen Tode entgegengehen. + + Die Kommune hat nun allerdings auf solche Zustände ihr Augenmerk + gerichtet, und das gereicht ihr zur Ehre. (Zustimmung.) + + Weiter führt Herr Sparig an, daß die Kommune zwar die Todesstrafe + abgeschafft habe, aber das Erschießen eingeführt, und er bezog sich + dabei auf ein Dekret, welches die Strafe des Erschießens allen denen + androhte, die sich dem Dienste in der Nationalgarde, also der + Verteidigung der Stadt entzögen. + + Die Kommune, von der Anschauung ausgehend, daß jedes stehende Heer ein + Werkzeug in den Händen der Regierung sei, um das Volk zu unterdrücken, + verlangte die Abschaffung des stehenden Heeres und führte die + allgemeine Volksbewaffnung ein. Es war demgemäß jeder waffenfähige + Mann verpflichtet zur Verteidigung der Stadt. + + Das benachteiligte keinen und war für alle gerecht, was von unserem + Wehrsystem, das trotz der Phrasen von allgemeiner Wehrpflicht nur + einen Teil des Volkes bewaffnet, allerdings nicht gesagt werden kann. + Nun gab es freilich einen Teil, der für die Kommune nicht eintreten + wollte, obgleich sie ringsum von Feinden umgeben war, die mit allen + ihr zu Gebote stehenden Mitteln sie vernichten wollten. + + Die Kommune, von allen Seiten angegriffen und zum Kriegführen + gezwungen, mußte in dieser Lage diejenigen Mittel anwenden, die in + einem solchen Falle jeder kriegführenden Partei zu Gebote stehen und + stehen müssen. Sie bedrohte jeden mit dem Tod durch Erschießen, der + sich weigerte, die Waffen zur Verteidigung zu tragen. + + Es hat Tausende meiner Parteigenossen 1870 gegeben, die mit dem Kriege + nicht einverstanden waren und die man nicht frug, ob sie mitgehen + wollten. Sie mußten mitgehen und sie würden, im Falle der Weigerung, + vor ein Kriegsgericht gestellt und ohne Gnade erschossen worden sein. + + Herr Sparig verwechselt also die Abschaffung der Todesstrafe in + Zivilstrafrechtsfällen mit der militärischen Todesstrafe im Falle + eines Krieges, was doch ein himmelweiter Unterschied ist. Die + Todesstrafe zur Aufrechterhaltung der Disziplin im Kriege wird es + geben, solange es Krieg gibt. + + Herr Sparig hat weiter ein Kommunedekret hervorgehoben, wonach + diejenigen Werkstätten und Fabriken, die seitens der Arbeitgeber + verlassen worden waren, von der Kommune in Beschlag genommen und + denjenigen Arbeitern, welche bisher darin gearbeitet, zum Betrieb + übergeben werden sollten. Ferner, daß eine Kommission gewählt werden + sollte, um die Werkstätten abzuschätzen, damit die früheren Besitzer + entschädigt werden könnten. Er hat sehr richtig hervorgehoben, daß die + Kommune dies allgemein durchgesetzt haben würde, wenn sie die Macht + dazu gehabt hätte. Ja, er hat auch recht, wenn er vermutet, daß wir + allerwärts ähnlich vorgehen würden, wenn wir könnten. Wir wollen den + Gegensatz zwischen Arbeitern und Arbeitgebern ausgleichen, da die + Interessen von Arbeitern und Arbeitgebern sich heute feindlich + gegenüberstehen. Die Arbeitgeber wollen möglichst geringen Lohn zahlen + und möglichst lange arbeiten lassen; der Arbeiter will möglichst hohen + Lohn bei möglichst geringer Arbeitszeit. Mit jeder Maschine, die + erfunden wird, mit jeder neuen Fabrik wird dieser Klassengegensatz + schärfer. Jede Bahn, die gebaut, jeder Telegraphendraht, der gelegt + wird, trägt die Erkenntnis in weitere Kreise, verschafft uns neue + Anhänger. Jeder Schritt zur Konzentration des Kapitals, zur + Vernichtung der kleinen Unternehmer vermehrt die Spaltung und drängt + zur Lösung, indem Produktion und Distribution assoziativ betrieben + werden, das heißt alle Werkstätten, alle Fabriken, alle Arbeitsmittel + müssen in den Händen der Gesellschaft sein und von dieser im Interesse + und bei Gleichberechtigung aller Staatsbürger verwaltet werden. Jeder + muß arbeiten und jeder hat seinen vollen Anteil am Gewinn, wie + selbstverständlich auch am Verlust. An Stelle der Privatindustrie, an + Stelle der wilden, unorganisierten Produktionsweise--die uns die + gegenwärtige Krise auf den Hals gebracht hat--soll eine sozialistisch, + das heißt gesellschaftlich organisierte Produktionsweise treten, wo + einer für alle und alle für einen einstehen. Dazu hat die Kommune den + ersten Schritt getan, und er war ein solcher, wobei die in Frage + kommenden Arbeitgeber durchaus reinen Nachteil hatten, denn sie + sollten den vollen Wert für ihre Werkstätten und Fabriken vergütet + erhalten. + + Nach unserer Auffassung hat die Gesellschaft die Pflicht, sich so zu + organisieren, daß für das Wohl aller ihrer Mitglieder gleichmäßig + gesorgt ist, daß jedes ihrer Mitglieder in immer höherem Grade an den + Errungenschaften der Kultur und Zivilisation auf allen Gebieten des + menschlichen Lebens teilnehmen kann. Die Gegner behaupten zwar, dem + Fortschritt zu huldigen, aber sobald es sich um eine Besserstellung + der Gesamtheit handelt, schreien die, die im Fette sitzen und die + Macht in Händen haben: Wir leben in der besten der Welten, es ist ein + Verbrechen, wenn diese umgestaltet werden soll. + + Mit allen Mitteln verteidigen sie die Vorrechtsstellung, die sie inne + haben, und dies geht so weit, daß Männer, die bei einem ganz + untergeordneten Gesetz, das mit dem Sozialismus gar nichts zu tun hat, + wie zum Beispiel das Hilfskassengesetz, sich herausnehmen zu sagen, + daß das Gesetz gegen die Arbeitgeber ein Unrecht sei, und wer dafür + ist, sich den Vorwurf entgegenschleudern lassen muß--denn als Vorwurf + betrachtet man es--, du bist Sozialist. Wir haben das erst heute im + "Tageblatt" gelesen. Damit wird aufs deutlichste ausgesprochen: Wir + sind nicht geneigt, den Unterdrückten auch nur die geringsten + Konzessionen zu machen. + + Wenn überall, im kleinen wie im großen, in der Gesetzgebung wie im + sozialen Leben dieser Klassengegensatz hervortritt, so versteht es + sich von selbst, daß Revolutionen entstehen, wie in Paris. Und es ist + meine feste Ueberzeugung--wie ich dieses auch in der hier angezogenen + Reichstagsrede ausgesprochen habe--, daß, ehe wenig Jahrzehnte + vergehen, alles was in Paris geschah, sich in ganz Europa wiederholt. + An der Gesellschaft ist es, zur Einsicht zu kommen und sich zu + bemühen, auf dem Wege der Gesetzgebung die vorhandenen + Klassengegensätze auszugleichen. + + Was hat nun die Kommune weiter getan? Sie hat eine alte liberale + Forderung, die seit Jahrzehnten im Programm der liberalen Partei + gestanden, aber seitdem sie zur Herrschaft gelangt ist, in die + Rumpelkammer geworfen wurde, verwirklicht. Die Kommune hat die + Trennung der Kirche von Schule und Staat beschlossen und + durchgeführt, und sie hat weiter beschlossen, das Kircheneigentum zu + konfiszieren. + + Mich wundert nur, daß Herr Sparig dieses nicht erwähnt und eine + Anklage auf Verletzung des Eigentums erhoben hat. Zum Vorwurf hat man + es der Kommune vielfach gemacht. Da es Herr Sparig nicht erwähnte, so + erwähne ich's, um ihn zu ergänzen. (Heiterkeit.) + + Schade nur, daß das, was die Kommune getan, andere längst vor ihr + getan haben. Wenn in der Reformation, die 1517 begann, viele Fürsten + auf die Seite Luthers traten, so geschah das nicht aus idealem + Interesse, sondern weil sie sich mit dem reichen Kircheneigentum ihre + großen Taschen füllen konnten. (Heiterkeit, Beifall.) + + Und als in den Vereinigten Staaten von Nordamerika vor 15 Jahren der + große Krieg zwischen dem Süden und dem Norden ausbrach und schließlich + der Norden die Sklaverei abschaffte, so war das ein solcher Eingriff + in das Eigentum der Sklavenhalter, wie man sich ihn ärger nicht denken + kann. Unsere Gegner finden, das, was ihnen nützt, sei recht und + billig; tut es aber das Volk zu seinen Gunsten, dann ist es Verbrechen + und Diebstahl. + + Dieselbe Partei, welche gegen die Kommune wegen Antastung des + Eigentums die Anklage erhebt, hat noch zu Anfang der 60er Jahre, als + sie auf Oesterreich noch gut zu sprechen war, ihm den Rat gegeben, die + Kirchengüter zu konfiszieren, um seine kolossale Schuldenlast zu + decken, und sie hat jubelnd Beifall geklatscht, als Italien in dieser + Richtung vorging. Nun, die kirchlichen Korporationen haben ihr + Eigentum auf Grund derselben Rechtstitel erworben, wie irgend ein + Bourgeois sein Haus oder sein Grundstück. Wo bleibt da die Konsequenz? + Nachdem die Kommune die Trennung der Kirche vom Staat und von der + Schule ausgesprochen, dekretierte sie den obligatorischen und + unentgeltlichen Unterricht, und nicht bloß in bezug auf das Schulgeld, + sondern auch in bezug auf die Lehrmittel. Arme und Reiche sollten + gleiche Erziehung genießen, und dadurch, daß der Staat für alle in + gleicher Weise eintrat, sollte vermieden werden, daß der Neid und der + Haß zwischen arm und reich schon in die jugendlichen Herzen gepflanzt + werde. Zeigen Sie mir doch einen liberalen Staat, der auch nur + entfernt etwas Aehnliches geleistet. (Beifall.) + + Herr Sparig hat sich weiter hämische Bemerkungen darüber erlaubt, daß + die Kommune erklärt, ihre Politik und ihre Bestrebungen beruhten auf + Wissenschaft. Die Kommune hat damit sagen wollen, daß sie alle + Errungenschaften der modernen Wissenschaft in bezug auf + Nationalökonomie, in bezug auf Rechtspflege und Volkswohlfahrt + überhaupt für die Gesetzgebung möglichst allgemein nützlich zu + verwenden gedenke und sich nicht an bestimmte Theorien und Axiome + binde. Sie hat sich damit allerdings auf den Standpunkt der modernen + Wissenschaft gestellt, auf jenen Standpunkt, der nicht von bestimmten + Voraussetzungen und vorgefaßten Meinungen ausgeht, sondern an der Hand + der Prüfung und Erfahrung das Beste ausfindig zu machen sucht. + + Wenn die Kommune nur Stückwerk geleistet hat, so erklärt sich das aus + der Lage und aus den Verhältnissen, in denen sie sich befand. Bedenken + Sie, daß die Kommune während ihrer ganzen Dauer nicht einen ruhigen + Augenblick gehabt, daß sie fortwährend im Kriegszustand und Kampf sich + befand--wie konnte es anders sein? + + Herr Sparig hat der Kommune einen besonderen Vorwurf daraus gemacht, + daß sie, die angeblich die vollste Preßfreiheit gewollt habe, die + Preßfreiheit aufhob, indem sie gegnerische Journale unterdrückte. Auch + diese Handlungsweise erklärt sich sehr leicht aus der Zwangslage, in + welcher sich die Kommune befand. Von allen Seiten angegriffen, mitten + im Kampfe und in der Revolution, gebot ihr die Not, neben dem vor den + Toren stehenden Feind nicht auch noch den Feind in den eigenen Mauern + zu dulden. Sie mußte Journale unterdrücken, die Tag für Tag die + heftigsten Angriffe und Verleumdungen gegen sie schleuderten, die mit + dem vor den Toren stehenden Feind in Verbindung standen und auf ihren + Sturz hinarbeiteten. + + Als 1870 der Krieg ausbrach, wurde in Deutschland in allen Provinzen, + die man für gefährdet hielt, der Kriegszustand proklamiert. Die + oppositionellen Blätter wurden unterdrückt und alle Persönlichkeiten, + von denen man glaubte, daß sie dem Kriege feindlich seien, gefangen + gesetzt. Wohlan, dasselbe Recht nehmen wir auch für die Kommune in + Anspruch. + + Auch findet es Herr Sparig absurd, daß sich die Kommune über die + Wegnahme des Oktrois seitens des Herrn Thiers beschwerte, sie, die + doch eine Feindin der indirekten Steuern hätte sein wollen. Zu dieser + Beschwerde hatte sie ein Recht. Das Oktroi gehörte der Stadt, und die + Kommune war nicht in der Lage, mitten im Kampf ein neues Steuersystem + einzuführen. Das Oktroi bildete die einzige regelmäßig fließende + Steuerquelle, und sie mußte diese benutzen, wenn sie die Verteidigung + und die Verwaltung im Gang erhalten wollte. + + Da Herr Thiers der Kommune die Steuern wegnahm, mußte sie zu Anleihen + bei der Bank von Frankreich und bei Rothschild ihre Zuflucht nehmen, + um ihre Bedürfnisse zu decken, und diese Anleihen wurden + unbeanstandet, und zwar mit Zustimmung des Herrn Thiers, gewährt. Eins + aber ist bei der Finanzverwaltung der Kommune zutage getreten, was + auch Herr Sparig nicht anzugreifen vermochte. Das ist die große + Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit der Kommune, der selbst aus + gegnerischem Munde die größte Anerkennung gezollt worden ist. + + Mit vollem Recht konnte der Finanzminister der Kommune, Jourde, vor + seinen Versailler Richtern sagen. "Ich habe ärmer das + Finanzministerium verlassen, als ich es betreten habe!" (Hört!) Man + zeige mir doch die monarchischen Finanzminister, die gleiches von sich + sagen können! (Heiterkeit, Zustimmung.) Herr Thiers, der 1830 als + armer Advokat und Schriftsteller unter Louis Philippe ins Ministerium + trat, verließ es 1836 als Millionär. + + Der erste Schritt der Kommune war, die hohen Gehälter abzuschaffen, + ihre Mitglieder sollten für gute Arbeitslöhne arbeiten. Der erste + Beamte sollte nicht mehr als jährlich 6000 Franken, das sind 4800 + Mark, erhalten. Der erste Bürgermeister von Leipzig bekommt jährlich + 15000 Mark. (Heiterkeit, hört!) Der erste General der Kommune erhielt + ebenfalls nur 6000 Franken, aber als Herr Thiers kaum Präsident + geworden war, hatte er nichts Eiligeres zu tun, als sich eine + Zivilliste von 3 Millionen Franken auswerfen zu lassen. (Hört!) + + Die Kommune hat ein Beispiel von Sparsamkeit gegeben, das allen + Regierungen als Muster dienen könnte. Das hat sogar der + Sozialistenfeind Herr Scherr anerkannt. Herr Sparig hat das freilich + nicht erwähnt, drum erwähne ich's. (Heiterkeit.) + + Ich komme nun auf die Erschießung der Geiseln und die Brandstiftungen. + Herr Sparig bemerkte in bezug auf letztere, er sei vierzehn Tage nach + dem Fall der Kommune in Paris gewesen und habe die Verwüstungen mit + eigenen Augen gesehen. Er hat uns sogar von einem Privathaus erzählt, + das man habe anzünden wollen und das nicht in der Verteidigungslinie + gelegen. Er hat uns nun freilich nicht gesagt, daß man das Haus + wirklich angezündet hat. Und wie kann er, der während des Kampfes + nicht dort war, überhaupt beurteilen, was zur Verteidigung nötig war + oder nicht? Er beruft sich auf mündliche Versicherungen, die ihm + geworden. Diese gelten in meinen Augen gar nichts. Die Verfolgungswut + der Versailler und ihr bestialisches Wüten war so groß, daß nicht + bloß Wochen, sondern noch Monate und Jahre lang nach dem Fall der + Kommune jeder verfolgt wurde, der ein Wort der Sympathie für sie + hatte. Die Furcht war so groß, daß nicht nur niemand sie in Schutz zu + nehmen wagte, sondern viele auf sie schimpften, um jeden Verdacht von + sich abzulenken. Und dabei zeigte sich die Erbärmlichkeit der + Bourgeoisie im vollsten Lichte. Binnen wenig Tagen nach dem Fall der + Kommune sind bei den Versaillern nicht weniger als 370000 + Denunziationen eingereicht worden. Die Pariser Bourgeoisie hat sich + damals gerade so nichtswürdig benommen, wie 1866 die Leipziger + Bourgeoisie, die damals bei dem preußischen General so viele + Denunziationen vorbrachte, daß dieser voll Ekel erklärte, er wolle + davon nichts mehr wissen. + + Und wenn Herr Sparig hier nun kommt mit einem angeblich von Ferré + unterzeichneten Brandbriefe, der das Siegel des Kriegsministers trägt, + das ebensogut der Kriegsminister des Herrn Thiers darauf gesetzt haben + kann, so ist dies in meinen Augen ein Wisch, der verdient, daß ich ihn + zerreiße. (Redner zerreißt das Papier. Bravo. Unruhe.) Meine Herren, + es sind eine Menge von Aktenstücken, betreffend die Brandstiftungen, + die Erschießung von Geiseln, die angebliche Wegnahme von Eigentum usw. + als Fälschungen vor Gericht konstatiert worden. + + Ferré, der Inbrandlegung des Finanzministeriums auf Grund des hier + vorgezeigten Aktenstücks angeklagt, hat die Echtheit desselben bis zum + letzten Augenblick bestritten; er hat an gewissen Buchstaben + nachzuweisen gesucht, daß dasselbe gefälscht sei; aber da der seitens + der Versailler angestellte Handschriftenvergleicher die Echtheit + behauptete, wurde Ferré verurteilt. Ebenso wurde Ferré der Erschießung + der Geiseln angeklagt. Er selbst sagt aus, daß er nicht den Befehl zu + deren Erschießung, sondern zu deren _Freilassung_ gegeben habe. Damit + stimmen auch andere Berichte, namentlich der eines englischen Arztes, + überein, und ebenso ist festgestellt, daß Geistliche, die als Geiseln + verhaftet waren, später vor Gericht zeugten, also nicht erschossen + sein konnten. Wohl ist ein Teil der 60 Geiseln erschossen worden, aber + es wird behauptet, erst in dem Moment, wo dieselben das Gefängnis + verließen und, von den Barrikadenmännern zur Unterstützung der + Verteidigung aufgefordert, sich dessen weigerten. Da habe man sie mit + Flintenschüssen verfolgt. Auch Raoul Rigault ist der Erschießung der + Geiseln angeklagt worden. Nun, Raoul Rigault ist tot, er hat wie ein + Mann gekämpft und ist mitten im Kampfe wie ein Mann gestorben; ihn + kann man leicht anklagen, er ist tot und kann nicht antworten. + + Was haben die Geiseln für einen Zweck? Die Deutschen haben 1870 in + Frankreich viele Geiseln genommen, und zwar weil die Franktireurs oder + sonstige Bewohner Frankreichs den Deutschen auf Weg und Steg Abbruch + zu tun bestrebt waren, indem sie die Proviantkolonnen überfielen, die + Eisenbahnen, Brücken und Straßen zerstörten, einzelne Posten + überfielen und niedermachten, kurz, schadeten, wo sie konnten. Die + Franktireurs taten damit, was 1813 der preußische Landsturm gegenüber + den Franzosen tat, und zwar bin ich in der Lage, Ihnen die damaligen + Landsturmverordnungen vorlesen zu können, die vorschrieben, dem Feinde + zu schaden und ihn zu vernichten, wie und wo sich die Gelegenheit + biete. + + Die Deutschen wollten diese Kriegführung nicht als kriegsrechtlich + anerkennen und alle Offiziere bekamen den Befehl, wo Soldaten auf die + bezeichnete Weise geschädigt würden, Geiseln zu nehmen und diese ohne + Gnade zu erschießen, wenn man die Schuldigen nicht ausfindig machen + könne. Es sollten ferner von den Bewohnern der Dorfschaften + Kontributionen erhoben, die Häuser oder die Dörfer, aus denen Schüsse + auf die Gruppen gefallen, ohne Rücksicht auf Schuldige oder + Unschuldige niedergebrannt werden. Diese Befehle sind oft vollzogen + worden. Hunderte und aber Hunderte sind so ums Leben gekommen, Häuser + und ganze Ortschaften wurden angezündet, ich habe darüber in der + liberalen Presse keinen Tadel, sondern nur Billigung gefunden. + + Die Kommune befand sich den Versaillern gegenüber in einer ähnlichen + Lage, und mindestens ebenso im Recht, wie die Deutschen gegenüber der + irregulären Kriegführung der Franktireurs. Die Versailler haben + während des wochenlangen Kampfes gegen Paris die ihnen in die Hände + fallenden Gefangenen wider alles Kriegsrecht niedergemetzelt. Auf + solche Weise sind die Kommune-Generale Duval und Flourens und viele + andere Offiziere ums Leben gekommen. Ja, die Versailler haben sich + nicht entblödet, auf die Verbandplätze zu schießen und die gefangenen + Krankenpflegerinnen, nachdem sie dieselben geschändet, zu füsilieren. + Das konnten nur Bestien tun, wie sie Herrn Thiers durch die Hilfe der + Deutschen in den gefangenen Soldaten zur Verfügung gestellt wurden. + + Auf diese Schandtaten hin beschloß die Kommune, Geiseln zu nehmen und + für jeden Nationalgardisten, der niedergemacht würde, drei Geiseln zu + erschießen. Aber es blieb bei dem Beschluß, und als die Geiseln zum + Teil schließlich erschossen wurden, da bestand, wie Herr Sparig selber + zugegeben hat, die Kommune nicht mehr, sie kann also dafür auch nicht + verantwortlich sein. + + Als nun die Versailler durch die Unterstützung der Deutschen, die + ihnen den Weg dazu frei gaben, in Paris eindrangen--was ihnen ohne + diese Hilfe kaum gelungen wäre--, da begannen sie in den Straßen der + Stadt ein Gemetzel und ein Blutbad, wie es in der Geschichte fast + unerhört ist. Alles, was den Versaillern in die Hände fiel, Männer, + Weiber und Kinder, wurde niedergemacht, die Gefangenen wurden zu + Hunderten, wie auf dem Kirchhof Père Lachaise, in Reihen aufgestellt, + mit Mitrailleusen niederschmettert und die noch zuckenden Leichname, + mit Kalk und Petroleum begossen, in die Gruben geworfen. + + Wie die Versailler gewütet, beweist die Tatsache, daß keine + Verwundeten vorhanden waren. So kamen in wenig Tagen nach + übereinstimmenden Aussagen 15-20000 Menschen ums Leben. + + In einer solchen Lage gab es für die Kommune kein Mittel, als sich auf + jede mögliche Art ihrer Haut zu wehren; daß man durchaus berechtigte + Handlungen der Besiegten als Schandtaten hinstellt, daran sind wir + gewöhnt. Lesen Sie einmal das Buch Röckels über seine Gefangenschaft + in Waldheim, worin er auch den Dresdener Maiaufstand von 1849 + schildert, dort werden Sie finden, daß man den Maikämpfern genau + dieselben Verleumdungen seitens der Reaktion nachsagte, die man heute + der Kommune nachsagt, nur war die Mairevolution in Dresden eine + _bürgerliche_ Revolution. Und lesen Sie weiter die Geschichte des + Wiener Oktoberaufstands von 1848, nach dessen Niederwerfung Robert + Blum erschossen wurde; die Proklamation, die damals Fürst + Windischgrätz über die Zustände in Wien in die Welt sandte, sie + gleicht auf ein Haar jener, welche die Versailler über die Zustände in + Paris während der Kommune der Welt vekündeten. + + Ich habe hier aus Blums Feder einen Aufsatz, worin er sich in der + entschiedensten Weise über jene Proklamation des Windischgrätz + ausspricht und entrüstet ausruft. "Was muß die Welt über Wien denken, + von dem sie nichts erfahren kann, wenn man uns, die wir die Dinge + kennen, solches zu sagen wagt!" + + Hierbei will ich aber auch erwähnen, wie Blum zu jener Zeit die + Revolution auffaßte und wie er in einer Rede in der Aula erklärte: + "Bleiben wir nicht auf halbem Wege stehen, führen wir den Kampf gegen + unsere Gegner bis zu Ende und ohne Erbarmen." Und heute noch wird das + Andenken Robert Blums von den Liberalen gefeiert, und mit Recht. + + Ganz wie damals in Wien Bürgertum und Reaktion, so standen sich in + Paris die Kommune und die Versailler gegenüber. Die Kommune mußte bis + zum letzten Atemzuge kämpfen, und sie hat heldenmütig gekämpft. Das + können ihre grimmigsten Gegner nicht bestreiten. Und wie man 1848 und + 49 unsere besten Männer in Wien, Rastatt und Mannheim standrechtlich + erschossen hat, so fielen auch die Männer der Kommune, die meisten mit + dem Rufe: "Es lebe die Republik! Es lebe die Kommune!" + + Jetzt komme ich zu den Brandlegungen. + + Die Versailler haben den Kampf gegen Paris viele Wochen lang geführt + und sie haben nicht mit Zuckererbsen geschossen; daß es dabei + Verwüstungen absetzt, ist selbstverständlich. Aber während der letzten + 8 Tage, als sie mit Hilfe der Deutschen den Montmartre mit 50 schweren + Geschützen besetzen konnten, haben sie mit glühenden Kugeln und selbst + mit Petroleumbomben auf die Häuser geschossen und, wie nicht anders zu + erwarten, viele davon in Brand gesteckt. So sind die meisten Brände + durch die Versailler entstanden, die sie der Kommune in die Schuhe + schieben. Als nun der Kampf in den Straßen entbrannte und seitens der + Versailler mit wilder Grausamkeit geführt wurde, war die Kommune + genötigt, einzelne Gebäude zu Verteidigungszwecken anzuzünden, um die + Versailler für eine Weile zurückzuhalten. Ist denn diese + Handlungsweise so ungerecht und unerhört, daß man sie als + Mordbrennerei bezeichnen darf? Die Deutschen haben bei der Belagerung + von Straßburg 500 bis 600 Häuser demoliert, nur um die Stadt zur + Uebergabe zu zwingen, obgleich sie mit der Zivilbevölkerung keinen + Krieg führten. Als die Festung Soissons übergeben wurde, betätigten + die verschiedensten Berichterstatter, daß fast kein Haus in der Stadt + unversehrt sei, daß ganze Straßen vernichtet, fast alle Dächer + zerschossen, aber die Wälle der Festung intakt seien. Man beschoß die + Privathäuser und verwundete und tötete die Bevölkerung, damit diese in + ihrer Not die Offiziere zur Uebergabe zwang. Ich habe nicht gelesen, + daß die liberale Presse diese Art der Kriegführung mißbilligt hätte. + Und wie die Deutschen gegen die Festungen, so handelte Thiers gegen + Paris, und da will man es der Kommune als Verbrechen anrechnen, wenn + sie sich, so gut es ging, wehrte! Bei dem Aufstand 1849 in Dresden + verlangte Herr von Beust von den zu Hilfe gerufenen Preußen, sie + sollten die Stadt in Brand schießen, und das wäre geschehen, wenn + nicht der kommandierende Graf von Waldersee erklärte, er hoffe auch + ohne das mit den Insurgenten fertig zu werden. Allerdings hat man es + aber dann an anderen Barbareien nicht fehlen lassen. So hat man zum + Beispiel eine Anzahl Gefangene von der großen Elbbrücke in das Wasser + gestürzt, und wenn sie versuchten, sich an dem Geländer festzuhalten, + hackte man ihnen mit Säbeln die Finger ab. Aehnliche und schlimmere + Grausamkeiten begingen die Versailler Ordnungsbanditen wochenlang in + Paris. + + Der größte Teil der Brände entstand also durch die Beschießung von + Paris seitens der Versailler, wie das auch ein Augenzeuge, der eben in + jener Zeit in Paris war und sich schon seit 20 Jahren dort aufhielt, + der italienische Abgeordnete Patrucelli della Gattinea, in der + "Gazetta d'Italia" öffentlich erklärt hat. Derselbe schrieb, man müsse + annehmen, daß von zehn in Brand geratenen Häusern sicher neun durch + die Versailler Bomben in Brand geschossen worden seien. Die + Brandstiftungen der Kommune seien zu Verteidigungszwecken geschehen. + Da nun die Zahl der angezündeten und niedergebrannten Häuser sich auf + zirka zweihundert belief, so träfe hiernach die Kommune ein + verhältnismäßig geringer Teil. + + Meine Herren, die Zeit, die mir gewährt ist, ist bereits weit + vorgeschritten, ich habe nur noch wenige Minuten, ich werde aber die + Belege für das von mir Angeführte entweder in der Duplik oder in einer + zweiten Versammlung, die abzuhalten nötig sein wird, beibringen. Ich + kann alles, was ich gesagt, durch gegnerische Aussagen als wahr + beweisen.... + +Ich kam dann nochmals auf die Erschießung der Geiseln, die angeblich +Ferré veranlaßt habe, zu sprechen und fuhr fort: + + Die Kommune hat gehandelt, wie sie nach Lage der Dinge handeln mußte, + und wer ihr Verfahren nicht billigt, wird es wenigstens erklärlich + finden und entschuldigen. + + Mit der Anklage gegen Ferré schloß Herr Sparig, ich muß jetzt + ebenfalls schließen. Sicher steht fest, daß die Kommune nichts getan + hat--und ich hoffe, noch Gelegenheit zu haben, dies weiter zu + beweisen--, dessen sie sich zu schämen brauchte, und daß sie an + Gewalttaten nichts begangen hat, was nicht in Europa die monarchischen + Regierungen in ähnlichen Momenten hundert- und tausendmal ärger getan + haben. (Stürmischer, lang anhaltender Beifall.) + + Vorsitzender _Motteler:_ Meine Herren, wir müssen die Sache kurz + machen; soeben hat mir der Herr Polizeidirektor mitgeteilt, daß er nur + bis 12 Uhr die Versammlung tagen lassen könne. + +Nachdem dann Sparig kurz, aber völlig belanglos geantwortet, nahm ich +nochmals das Wort: + + Meine Herren, Herr Sparig hat auf meine Rede nicht geantwortet, er hat + sich auch nicht bereit erklärt, eine zweite Versammlung abzuhalten, + obgleich wir bei der vorgeschrittenen Zeit heute nicht fertig werden + können. Ich bin nun genötigt, auf einige der letzten Bemerkungen des + Herrn Sparig kurz einzugehen. Herr Sparig hat seinen eigenen Mut + gepriesen, daß er uns entgegen getreten ist. Ob ein großer Mut + dazugehört, einer Partei entgegenzutreten, von der man behauptet, daß + sie nur aus einem Häuflein phantastischer Köpfe besteht, will ich + dahingestellt sein lassen. + + Herr Sparig hat dann die Hoffnung ausgesprochen, daß die heutige + Versammlung zu einer lebhafteren Beteiligung bei den Wahlen beitragen + werde; das hoffen auch wir. (Heiterkeit.) Wir werden dabei keinen + Schaden haben. (Zustimmung.) Bisher hat jeder Wahlkampf gezeigt, daß + wir einige hundert Stimmen mehr erhielten als vorher, und ich hoffe, + die heutige Versammlung hat dazu beigetragen, daß dies bei der + nächsten Reichstagswahl erst recht der Fall sein wird. (Heiterkeit, + Bravo!) + + Herr Sparig hat sich auch für verpflichtet erachtet, im Namen der + Nachkommen Blums dagegen zu protestieren, daß ich denselben in + Verbindung mit der Kommune gebracht. Ich weiß nicht, woher Herr Sparig + die Vollmacht hat, gegen etwas zu protestieren, was nicht geschehen + ist. (Heiterkeit.) Ich weiß so gut wie irgend jemand, daß Robert Blum + kein Sozialist war, aber er war ein guter Demokrat und ein echter + Republikaner, und das ist mehr, als Herr Sparig ist. (Beifall. Herr + Sparig verneigt sich. Stürmische Heiterkeit.) Ich habe nur erklärt, + daß die Kommune sich in einer ähnlichen Lage befand, wie 1848 in den + Oktobertagen Wien. Und daß Robert Blum, der damals in Wien war, sich + mit einer Entschiedenheit für die Fortsetzung der Revolution + ausgesprochen, wie das seitens der Kommune nicht entschiedener + geschehen konnte. Und da ich vorhin auf eine Rede von Robert Blum aus + jenen Tagen Bezug nahm, so will ich hier bemerken, daß dieselbe sich + in einem Buche befindet, das ein Herr Artur Frey zu Ehren Blums + herausgegeben hat und in welchem er sich bemüht, Robert Blum als + Mensch, Schriftsteller und Politiker darzustellen. Die betreffende + Stelle der Rede lautet: + + "Keine halbe Revolution! Fortschreiten, wenn auch blutiges, auf der + eingeschlagenen Bahn, vor allem--keine Schonung gegen die Anhänger des + alten Systems, die Ruhe aus selbstsüchtigen Absichten begehren; gegen + diese werde ein Vernichtungskrieg geführt." + + Kann der entschiedenste Sozialist sich entschiedener ausdrücken, als + es hier von Robert Blum gegen die Gegner der Revolution geschah? + (Beifall.) + + Und nun hören Sie auch eine Stelle aus der Proklamation, welche + Windischgrätz an die Wiener erließ: + + "Die Stadt ist befleckt worden durch Greueltaten, welche die Brust + jedes Ehrenmannes mit Entsetzen erfüllen! ... Wien befindet sich in + der Gewalt einer kleinen, aber verwegenen, vor keiner Schandtat + zurückschaudernden Faktion; Leben und Eigentum sind einer Handvoll + Verbrecher preisgegeben!" + +Stimmt das nicht bis aufs Wort mit den Erklärungen überein, die Herr +Thiers über Paris und die Kommune erließ? (Zustimmung) + +Herr Sparig hat weiter gesagt: solange die Sozialdemokratie der +Phantasie des Internationalismus huldige, könne sie seitens seiner +Partei keine Beachtung finden. Auf das letztere verzichten wir. +(Heiterkeit.) Aber ist denn die Idee der Internationalität wirklich +etwas Phantastisches? Aus der Familie wurde der Stamm, aus mehreren +Stämmmen der Staat und die Nation, und schließlich entwickelt sich aus +der engen Verbindung der Nationen die Internationalität. Das ist der +historische Verlauf. Und indem der Sozialismus sich auf den Standpunkt +der allgemeinen Menschenliebe und Brüderlichkeit stellt, indem er dafür +kämpft, daß die nationalen Kriege und Verhetzungen aufhören, daß die +Nationen in friedlicher Arbeit und Kulturförderung zusammengehen, +vertritt die Sozialdemokratie die höchste Kulturidee, die überhaupt +denkbar ist. (Beifall.) + +Indem man nun unsere Partei, weil sie den engherzigen nationalen +Standpunkt bekämpft, weil sie gegen die Rassenkämpfe Front macht und die +Idee der Völkerverbrüderung vertritt, beschimpft, verleumdet und +verfolgt, geschieht ihr nur, was zu allen Zeiten den Vorankämpfenden +geschah. Meine Herren! Gehen Sie beispielsweise heute noch in ein gut +katholisches Land und hören Sie einmal, mit welcher Unkenntnis über +Luther geurteilt wird! So ist es allen Parteien in der Welt gegangen, +die den Fortschritt vertraten, und so erging es auch der liberalen. +Heute, wo die liberale Partei am Ruder ist und die Herrschaft hat, +betrachtet sie ihre Welt für die beste der Welten, und wir, die wir dies +nicht anerkennen wollen, wir werden von ihr heute behandelt, wie sie +selbst von der feudalen Partei vor kaum zwanzig Jahren behandelt wurde. +Ganz natürlich das! + +Wir lassen uns durch solche Anschuldigungen nicht beirren, wir wissen, +daß unsere Zeit kommt, daß die Verhältnisse uns in die Hände arbeiten, +daß mit der Zunahme des Klassengegensatzes, mit dem Verschwinden der +Mittelschicht, des Kleinbürgertums, das in die Reihen der Lohnarbeiter +geschleudert wird, die Sozialdemokratie immer stärker wird, bis sie +endlich die Macht in Händen hat. (Lebhafter Beifall.) + +Herr Sparig hat sich gefreut, daß bei der letzten Landtagswahl in +Chemnitz kein Sozialdemokrat in den Landtag gekommen ist. Die Freude +dürfte ihm bald zu Wasser werden. (Heiterkeit.) Es ist aber bezeichnend +für ihn, daß er damit sein Wohlgefallen an einem Wahlgesetz kundgibt, +das nur durch seine reaktionären Bestimmungen eine Volkswahl verhindert. +(Beifall.) Indes der Sozialdemokrat wird doch in den Landtag kommen, +wenn auch dieses Jahr nicht, so im nächsten Jahre gewiß (Bravo, +Heiterkeit), und hätte der Chemnitzer Stadtrat die Wahlliste ebenso +geführt, wie er die Steuerliste führt--zwei Dinge, die bekanntlich auch +in Leipzig nicht harmonieren--, so wäre er schon drinnen. (Große +Heiterkeit und Beifall.) + +Endlich hat Herr Sparig, indem er sich an die hier anwesenden Vertreter +der konservativen Presse wandte, gemeint, die konservative Presse werde +jetzt wohl einsehen, daß die Nationalliberalen mit der Sozialdemokratie +nichts zu schaffen haben. Das hat sicherlich noch kein Mensch wirklich +geglaubt, und die, welche es geschrieben haben, am allerwenigsten. +(Heiterkeit.) + +Tatsache ist, daß der Streit zwischen Konservativen und +Nationalliberalen nur als ein Streit wie zwischen zwei unzufriedenen +Eheleuten betrachtet werden kann. Mischt sich ein dritter hinein, so +sind sie einig. (Heiterkeit.) ... Vor einigen Wochen stand im "Leipziger +Tageblatt" ein Artikel, in dem allen Gegnern der Sozialdemokratie +zugerufen wurde: "Bilden wir allesamt eine einzige große +Ordnungspartei." Nun, wir gratulieren Ihnen dazu, Sie werden's nötig +haben. (Heiterkeit.) Wir haben es auch kürzlich in Chemnitz gesehen. +Anfangs lagen sich dort Konservative und Nationalliberale in den Haaren +und beide Parteien wollten einen Kandidaten aufstellen, weil keine der +anderen das Feld gönnte, doch als es hieß, ein Sozialist würde +aufgestellt, da hörte der Streit auf, da hieß es. "Alle gegen Bebel." +(Große Heiterkeit und Beifall.) + +Mit meinen Ausführungen schloß die glänzend verlaufene Versammlung. + + + + +Neue Verfolgungen. + + +Anfang Januar 1876 hielten die sächsischen Parteigenossen eine sehr gut +besuchte Landesversammlung in Chemnitz ab, in der man sich bereits mit +der Aufstellung der Kandidaten für die nächste Reichstagswahl +beschäftigte, die man Januar 1877 erwartete. Die Stimmung war trotz +aller Verfolgungen vorzüglich. Mit Beginn des Jahres hatten die Berliner +Genossen in der "Berliner freien Presse" sich ein Lokalblatt geschaffen, +das sich allmählich eine bei Freund und Feind angesehene Stellung +eroberte. Jetzt wurden auch die ersten Zeichen einer Wandlung der +gesamten Politik des Reiches bemerkbar. Mit der Entlassung des +Präsidenten des Reichskanzleramtes Delbrück, die Ende April erfolgte, +wurde die offizielle Schwenkung nach der schutzzöllnerischen Seite +eingeleitet. Der preußische Handelsminister v. Camphausen, der noch kurz +zuvor im Reichstag die Lohnherabsetzungen durch die Unternehmer als +Mittel, aus der Krise herauszukommen, gerechtfertigt hatte und dafür von +Eugen Richter das Lob erntete: Alle Hochachtung vor einem Minister, der +es wagt, so unpopuläre Wahrheiten auszusprechen, folgte ihm später in +die Wüste nach. Unterdessen nahmen die Verfolgungen gegen die +Parteigenossen ununterbrochen ihren Fortgang, ganz besonders wegen +Beleidigungen des Reichskanzlers. Bismarck hatte die Gewohnheit +angenommen, daß er seine Strafanträge _en masse_ hektographieren ließ +und denjenigen Staatsanwälten zur Anklageerhebung zusandte, die ihm +einen Beleidiger namhaft gemacht hatten. + +Diese Strafanträge wurden von ihm unausgesetzt bis zum Ende seines +Amtes--Februar 1890--gestellt. Dieselben gingen in die Tausende, und die +Verurteilten halfen die Gefängnisse bevölkern. Von Charaktergröße legte +dieses Verfahren kein Zeugnis ab, es wurde selbst von vielen seiner +Verehrer mißbilligt. + +Getreu den Intentionen Bismarcks setzte ferner Tessendorf seine +Verfolgungen der Arbeiterorganisationen fort. Hatte er bei seiner +Anklage gegen die Leiter des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins wegen +Vergehens gegen das preußische Vereinsgesetz März 1875 den Antrag auf +dessen Unterdrückung mit den Worten begründet: "Zerstören wir die +sozialistische Organisation, und es existiert keine sozialistische +Partei mehr", Worte, die sein ganzes Unverständnis der Bewegung +bewiesen, so sah er sich jetzt zu weiteren ähnlichen Maßregeln +veranlaßt. Die Unterdrückung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins +war durch die Gründung der Sozialistischen Arbeiterpartei in Gotha +wettgemacht worden. Diese sollte jetzt an die Reihe kommen. Es gelang +ihm auch, bei der Ratskammer des Berliner Stadtgerichtes einen Beschluß +zu erlangen, wonach sowohl die Berliner Mitgliedschaft der Partei wie +die Partei selbst für ganz Preußen für vorläufig geschlossen erklärt +wurden. Der Parteivorstand antwortete auf diesen Beschluß mit einer +Ansprache an die Parteigenossen, sie sollten unbekümmert um denselben in +die Agitation für die nächsten Reichstagswahlen eintreten. Die Partei +solle zeigen, daß sie sich durch Beschlüsse, wie jenen der Ratskammer +des Berliner Stadtgerichtes, nicht einschüchtern lasse. Es sei nunmehr +erst recht notwendig, daß jeder einzelne Genosse seine volle +Schuldigkeit für die Partei tue. Dem Trumpf Tessendorfs "Vernichtung der +Sozialdemokratie" müsse durch den Gegentrumpf "Es lebe die +Sozialdemokratie" geantwortet werden. Nunmehr wurden überall in Preußen +an Stelle der aufgelösten Parteiorganisation lokale Organisationen ins +Leben gerufen, die allerdings jeden Schein einer Verbindung mit der für +das übrige Deutschland fortbestehenden Zentralorganisation vermeiden +mußten. Das Vorgehen Tessendorfs erwies sich buchstäblich als ein Schlag +ins Wasser, denn für die Anwerbung von Parteigenossen, die Verbreitung +der Parteipresse und die Sammlung von Geldmitteln leisteten diese +Lokalorganisationen mindestens so viel wie die aufgelöste +Zentralorganisation. + +Freilich war unter diesen Verhältnissen ein Parteikongreß im früheren +Sinne nicht mehr möglich. Da wir aber einen solchen nicht entbehren +wollten und konnten, traten Reichstagsfraktion und Parteivorstand +zusammen, um zu beraten, was geschehen solle. Man einigte sich sehr +rasch auf den von mir gemachten Vorschlag, daß die Reichstagsfraktion +einen allgemeinen Sozialistenkongreß einberufen solle, und zwar für die +Tage vom 20. bis 23. August nach Gotha, wozu die Delegierten in +öffentlichen Versammlungen gewählt werden sollten. Um andererseits den +preußischen Parteigenossen die Leistung von Parteibeiträgen in +unanfechtbarer Form zu ermöglichen, wurde beschlossen, monatlich ein +ungefähr handgroßes Blättchen unter dem Titel "Der Wähler" +herauszugeben, das zum Preise von 20 Pfennig sich eines guten Absatzes +erfreute. + +Tessendorfs Verfolgungseifer begnügte sich aber nicht mit der Auflösung +der Parteiorganisation in Preußen. Er ging alsbald auch gegen eine +Anzahl Zentralverbände der Gewerkschaften vor, um diesen als +"politischen Organisationen" das Schicksal der Partei zu bereiten. Das +gelang ihm auch bei vier derselben. Die aufgelösten Zentralleitungen +siedelten nunmehr nach Hamburg über, dessen Vereinsgesetz ein +Verbindungsverbot für politische Vereine nicht kannte. + + * * * * * + +Am 28. Juni war Most endlich nach 26 Monaten Haft aus Plötzensee +entlassen worden. An demselben Tage kündigte Bracke öffentlich das +Erscheinen einer von Most verfaßten Broschüre an, betitelt: "Die +Bastille am Plötzensee", in der er seine Erlebnisse erzählte und die Art +und Weise schilderte, wie er und andere hinter dem Rücken der Beamten +sich allerlei Vorteile beschafft und die Beamten hinter das Licht +geführt hatten. Diese Veröffentlichung war eine Unklugheit. Kaum war die +Schrift erschienen, so verlangte der Minister des Innern von dem nichts +ahnenden Direktor des Gefängnisses Plötzensee Auskunft über die +geschilderten Vorgänge. Das Resultat war, daß mehrere Beamte bestraft +und entlassen wurden und von jetzt ab eine weit strengere Handhabung der +Gefängnisordnung Platz griff. Auch wurden von jetzt ab--mit mir machte +man, als ich ebenfalls in Plötzensee Quartier beziehen mußte, worüber +weiter unten mehr, noch eine Ausnahme--die meisten politischen +Gefangenen im sogenannten Maskenflügel interniert. Als Most im Jahre +1878 abermals auf sechs Monate in Plötzensee seinen Einzug halten mußte, +vergalt man ihm seine Indiskretionen. Er wurde jetzt in strenge +Isolierhaft genommen, und so oft er die Zelle verließ, mußte er, wie +die anderen Insassen des Zellenhauses, eine schwarze Maske vorlegen, +damit ihn niemand erkenne. + +Entsprechend den um jene Zeit einen immer aggressiveren Charakter +annehmenden Verfolgungen der Partei wurden auch die verhängten Strafen +bemessen. Wo man vordem Wochen oder wenige Monate verhängte, erhielt +jetzt der Verurteilte eine drei- und vierfach höhere Strafe zuerkannt. +Urteile, die zwölf, fünfzehn, achtzehn und mehr Monate diktierten, +wurden Regel. Einzelne Parteiblätter, wie der "Vorwärts" und die +"Berliner Freie Presse", hatten ständig mehrere Redakteure in Haft. So +erhielt zum Beispiel Saeweke-Chemnitz wegen Majestätsbeleidigung und was +man als Gotteslästerung ansah zwei Jahre Gefängnis; vom Augsburger +Schwurgericht wurden wegen verschiedener Preßvergehen R. Franz zu drei, +E. Rottmanner und E. Köber zu je zwei Jahren Gefängnis verurteilt, eine +Verurteilung, die in der ganzen Partei einen Sturm der Entrüstung +hervorrief. In anderen Prozessen wurde Thomas-Augsburg zu zwei Jahren, +Loof-Chemnitz zu einem Jahre vier Monaten verurteilt. Vahlteich erhielt +im folgenden Jahre wegen verschiedener Preßvergehen achtzehn Monate +Gefängnis, und zu der gleichen Strafe wurde im nächstfolgenden Jahre +G.v.Vollmar, der Redakteur der "Dresdener Volkszeitung" war, verurteilt. +Diese Verurteilungen erregten schließlich in der Partei kaum noch +Aufsehen; wer Redakteur oder Agitator war, mußte mit dem Gefängnis als +einem unumgänglichen Attribut seiner Stellung rechnen. Mit Vollmar war +ich infolge seiner Stellung als Redakteur der "Dresdener Volkszeitung" +in lebhafteren brieflichen Verkehr gekommen. Die verschiedenen +Preßvergehen, in die er verwickelt war, legten ihm die Frage nahe, ob +bei einer Verurteilung ihm die Pension, die er als schwer verwundeter +Teilnehmer im Deutsch-Französischen Kriege bezog, nicht entzogen werden +könne, und er ersuchte mich darüber um meine Meinung. Darauf antwortete +ich ihm unter dem 17. Juni 1877 unter anderem: + + "...Bezüglich Ihrer Pensionsangelegenheit habe ich mit Freytag noch + nicht sprechen können, glaube auch kaum, daß er Ihnen mehr als ich + wird sagen können. + + Ich habe mir die Reichstagsverhandlungen angesehen. § 32 des + Gesetzes, die Pensionierung und Versorgung der Militärpersonen, + bestimmt unter b), daß durch rechtskräftige gerichtliche Verurteilung + der Pensionsverlust herbeigeführt werden könne, und bestimmt dann + weiter: + + Die Pensionserhöhungen können jedoch durch gerichtliches Erkenntnis + nicht entzogen werden. + + Aus den Verhandlungen ergibt sich nun mit keinem Wort, in welchem + Falle ein solches Aberkenntnis eintreten dürfe. Es wurde bei der + Beratung darauf aufmerksam gemacht, daß im Reichsstrafgesetzbuch, das + ja auch für Bayern gilt, alle Bestimmungen gestrichen wurden, wonach + die Pension aberkannt werden könne. Im Gegensatz hierzu besteht aber + das alte preußische Militärstrafgesetzbuch aus dem Jahre 1845, das + solche Bestimmungen enthält. Da dieses aber meines Wissens für Bayern + nicht gilt, so fragt es sich, welche bezüglichen Bestimmungen das + bayerische Militärstrafgesetz enthält, diese kommen alsdann in + Betracht und dieses Gesetz werden Sie sich wohl leicht verschaffen + können. + + Ich empfehle Ihnen äußerste Vorsicht in der Schreibweise, ich fürchte, + man läßt Sie tüchtig hereinfallen. Da aber die Verurteilung auf keinen + Fall den Verlust der Ehrenrechte nach sich ziehen kann, so fragt es + sich, ob diese Entziehung nicht eine Bedingung für die Aberkennung der + Pension ist, in welchem Falle Sie gedeckt wären. Daß gegen Sie als + einen "Apostaten" die herrschende Gewalt eine besondere Animosität + besitzt, ist sicher..." + +Große Genugtuung rief es hervor, als um jene Zeit in der Partei bekannt +wurde, daß der oberste Gerichtshof im Herzogtum Braunschweig den General +Vogel v. Falckenstein wegen der Lötzener Affäre verurteilt habe, an die +Herbst 1870 von ihm gefangen gesetzten Genossen Entschädigung zu zahlen, +und zwar an Bracke 2100 Mark, an Gralle 108 Mark, an Bonhorst 105 Mark, +an Ehlers als selbständigen Gewerbetreibenden pro Tag 7,50 Mark, an Kühn +als Arbeiter pro Tag 3 Mark. + + + + +Der Parteikongreß in Gotha 1876. + + +Für den Parteikongreß in Gotha--19. bis 23. August--hatten wir als +Tagesordnung festgesetzt: + + "1. Die Tätigkeit der sozialistischen Abgeordneten; 2. Gang und Stand + der sozialistischen Organisation in Deutschland; 3. die + bevorstehenden Reichstagswahlen; 4. Feststellung der sozialistischen + Kandidaturen; 5. die sozialistische Organisation in Deutschland; 6. + die Parteipresse." + +Die offiziöse "Norddeutsche Allgemeine Zeitung" lärmte gewaltig über +diese Veranstaltung und drohte, man werde festzustellen suchen, ob +dieser Kongreß nicht eine Gesetzesumgehung mit Hinblick auf die +erfolgten Schließungen und Auflösungen sei. Indes an diese Drohungen +kehrten wir uns nicht. Wir mußten zeigen, daß wir uns nicht +einschüchtern ließen und entschlossen waren, jedes Mittel zu benutzen, +das die Umstände uns zu ergreifen ermöglichten, um die gegen uns +gerichteten Schläge zu parieren. + +_Geib_ und _Hasenclever_ führten auf dem Kongreß wieder den Vorsitz. +Anwesend waren 98 Delegierte, die aus 291 Orten 38254 Mandanten zu +vertreten hatten. Liebknecht und ich konnten aus privaten Gründen erst +am zweiten Tage der Verhandlungen erscheinen. Aus dem von _Auer_ +vorgetragenen Bericht ging hervor, daß die Einnahmen der Parteileitung +vom 8. Juni 1875 bis 19. August 1876 sich auf 53973 Mark beliefen, denen +eine Ausgabe von 54432 Mark gegenüberstand. Es war also ein kleines +Defizit vorhanden, das durch den Ueberschuß des "Wähler" in Höhe von +4330 Mark gedeckt wurde. Die Partei besaß zu jener Zeit 23 politische +Organe und das neu gegründete Unterhaltungsblatt "Die Neue Welt". Von +den Organen erschienen acht sechsmal, acht drei-, vier zwei- und drei +einmal wöchentlich. Zum erstenmal liefen auf einem deutschen +Parteikongreß eine Reihe Zuschriften von sozialistischen Organisationen +des Auslandes ein, in denen die Partei wegen ihrer tapferen Haltung +beglückwünscht wurde. Ich war in der Lage, die Grüße einer +internationalen Konferenz in Bern zu überbringen, der ich gelegentlich +einer Geschäftsreise in der Schweiz beigewohnt hatte. Zum Zeichen +brüderlicher internationaler Solidarität wurde beschlossen, für die in +großer Not befindlichen Kommunards in geeigneter Weise Geld +aufzubringen. Karl Hirsch erschien als Delegierter Pariser Arbeiter auf +dem Kongreß. Ueber die Tätigkeit der Fraktion im Reichstag berichtete +_Hasenclever_. Ich ergriff die Gelegenheit, um unsere Stimmenthaltung +in der Diätenfrage zu rechtfertigen, die mehrfach angegriffen worden +war. _Molkenbuhr_, der namens der Gegner unserer Abstimmung das Wort +ergriff, behauptete, die Abstimmung habe uns in der Agitation geschadet, +diese Taktik habe bei den Parteigenossen befremdend gewirkt. Die +Fraktion müsse stets klare Stellung nehmen für oder gegen eine Vorlage +und geschlossen stimmen. Nach längerer Debatte brachten A. Kapell und +Dreesbach einen Antrag ein, wonach unsere Abstimmung in der Diätenfrage +als unpraktisch erklärt werden sollte. Dieser Antrag wurde abgelehnt. +Dagegen wurde ein Antrag Löwenstein angenommen, der vorschlug, über die +Frage zur Tagesordnung überzugehen, denn es sei selbstverständlich, daß +die sozialistischen Abgeordneten für Diätenzahlung seien und in +vorliegendem Falle mit der Stimmenthaltung nur der Schwindel hätte +konstatiert werden sollen, dessen sich ein Teil der liberalen +Abgeordneten schuldig machte. + +Die weiteren Verhandlungen zeigten, daß noch starke persönliche und +sachliche Gegensätze in der neu geeinten Partei vorhanden waren, die +jetzt zum Ausbruch kamen. So rief Frohme dadurch eine heftige Diskussion +hervor, daß er die Anschuldigung erhob, verschiedene Parteiblätter und +ebenso Liebknecht und ich hätten von Sonnemann-Frankfurt +Geldunterstützungen bezogen. Es wurde festgestellt, daß kein Blatt +genannt werden konnte, das von Sonnemann Geldunterstützung erhalten +hatte, das gleiche galt von Liebknecht. Ich teilte mit, daß Sonnemann, +der während meiner Haft sich wiederholt bereit erklärt habe, mir mit +einem Darlehen zu helfen, falls ich solches für die Rehabilitierung +meines Geschäfts nach meiner Haftentlassung bedürfe, mir ein solches in +Höhe von 600 Taler gewährt habe, das ich mit 5 Prozent verzinste und in +Raten zurückzahlte. Das sei um so unbedenklicher, da ich seit 1865 mit +Sonnemann befreundet und die ganze Angelegenheit eine rein private sei. +Sonnemann selbst hatte durch eine Indiskretion gegen einen Frankfurter +Genossen den Fall in weitere Kreise getragen. Das Endresultat der +Debatte war, daß ein Antrag von Bracke--der zum erstenmal seit Jahren +wieder einen Kongreß besuchte--mit allen gegen sieben Stimmen angenommen +wurde, der das gegen mich beliebte Vorgehen tadelte. Ich nahm +Veranlassung, noch im Laufe des Jahres das Darlehen an Sonnemann +zurückzuzahlen. + +Eine weitere Debatte, die zeitweilig ebenfalls einen heftigen Charakter +annahm, wurde durch die Frage herbeigeführt, ob fernerweit zwei +offizielle Organe ("Der Neue Sozialdemokrat" in Berlin und "Der +Volksstaat" in Leipzig) bestehen sollten oder eines und welches dazu +ernannt werden sollte. Schließlich wurden 49 Stimmen für Leipzig und 38 +Stimmen für Berlin abgegeben, 6 Delegierte enthielten sich der +Abstimmung. Darauf wurde weiter beschlossen, das Zentralorgan solle vom +1. Oktober ab unter dem Namen "Vorwärts" erscheinen, und zwar dreimal +wöchentlich. Lebhafte Erörterung rief alsdann die Wahl der beiden +Redakteure hervor. _Hasselmann_, der der Vereinigung nie grün war, +erklärte, unter keinen Umständen nach Leipzig überzusiedeln und +verzichtete auf eine Redakteurstelle. Auf Vorschlag _Geibs_ erklärte +sich _Hasenclever_ bereit, neben _Liebknecht_ die Redaktion zu +übernehmen. Des weiteren kam man überein, nachdem die Partei in Preußen +aufgelöst war, an Stelle des Parteivorstandes in Hamburg ein +Zentralkomitee zu setzen, in das _Auer, Brasch, Derossi, Geib_ und +_Hartmann_ eintraten. Auf meinen Antrag wurde das Gehalt des Sekretärs +auf 150 Mark, des Kassiers auf 105 Mark und der beiden Beisitzer auf je +45 Mark monatlich festgesetzt. + +Im weiteren beschäftigte sich zum erstenmal ein Parteikongreß mit der +Stellungnahme zu wirtschaftlichen Tagesfragen. Die industrielle Krise, +die mit dem Jahre 1874 einsetzte und sich mit jedem Jahre mehr +verschärfte, hatte einen vollständigen Umschwung in den Kreisen der +Industriellen über die Frage: Schutzzoll oder Freihandel? herbeigeführt +und schließlich auch in den landwirtschaftlichen Kreisen, die seit +Jahrzehnten die Hauptstützen des Freihandelssystems bildeten, Anhang +gefunden. In erster Linie waren es die Eisenindustriellen, die über die +beschlossene Aufhebung der Eisenzölle, die vom 1. Januar 1877 ab +eintreten sollte, schon Jahre zuvor in Aufregung gerieten und dagegen +kämpften. Ihnen schlossen sich andere Industrielle, namentlich die +Baumwollindustriellen an. Und da durch die jetzt sich immer bemerkbarer +machende amerikanische Getreidekonkurrenz auch die Getreidepreise nicht +die erwünschte Höhe behielten, sondern sanken, schwenkten die +ostelbischen Getreideproduzenten, die ihren Absatz nach dem Ausland +unter der amerikanischen Konkurrenz immer mehr einbüßten und diese +Konkurrenz selbst im eigenen Lande verspürten, ins schutzzöllnerische +Lager ab. Diese Umwandlung in den Anschauungen weiter Kreise über +Freihandel und Schutzzoll mußte notwendig auch in den Parteikreisen +Beachtung finden. So erklärten sich im Laufe der Jahre namentlich +_Auer_, _Fritzsche_ und _Max Kayser_ für eine mehr oder weniger +ausgeprägte Schutzzollpolitik. Der Kongreß konnte also nicht umhin, zu +der veränderten Strömung Stellung zu nehmen; er tat dies allerdings in +einer Weise, die unbefriedigend war und eine gewisse Unklarheit verriet. +Auf Antrag von Bracke, Frick, Fritzsche, Grillenberger, Hasselmann, +Liebknecht und Most nahm der Kongreß ohne jede Debatte eine Resolution +an, in der es hieß: Die Sozialisten Deutschlands stehen dem innerhalb +der besitzenden Klassen ausgebrochenen Kampfe zwischen Schutzzoll und +Freihandel _fremd gegenüber_; die Frage, ob Schutzzoll oder nicht, ist +nur eine praktische Frage, die in jedem einzelnen Falle entschieden +werden muß; die Not der arbeitenden Klassen wurzelt in den allgemeinen +wirtschaftlichen Zuständen, doch sind die bestehenden Handelsverträge +seitens der Reichsregierung ungünstig für die deutsche Industrie +abgeschlossen und erheischen eine Aenderung. Die Parteipresse wurde +aufgefordert, die Arbeiter davor zu warnen, für die unter dem Verlangen +nach Schutzzoll eine Staatshilfe erstrebende Bourgeoisie die Kastanien +aus dem Feuer zu holen. Und da zu jener Zeit auch die Frage aufgetaucht +war, ob Privat- oder Staatseisenbahnen, und Bismarck die Monopolisierung +der Bahnen durch das Reich erstrebte, nahmen die beantragten +Resolutionen auch zu dieser Frage Stellung. Der Kongreß sprach sich für +die Verstaatlichung der Eisenbahnen aus, aber _gegen_ das +Reichseisenbahnprojekt, weil dieses letztere bestimmt sei, die +Interessen des Klassen- und Militärstaats zu fördern, und die Einnahmen +zu unproduktiven Zwecken verwendet werden sollten, wodurch das Reich +ein neues Gewicht im volksfeindlichen Sinne erlangte und den +Börsenjobbern große Summen vom Volkseigentum zugespielt würden. + +Ueber den Verlauf des Kongresses schrieb der weiche und gemütvolle +_Bracke_, der die mancherlei Unbill, die man ihm nach seinem Austritt +aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein von jener Seite hatte +angetan, noch nicht vergessen konnte, in einem Briefe vom 31. August an +Friedrich Engels: + + "Die Verhandlungen waren famos, die Angelegenheit Frohme-Sonnemann, + dann die Abstimmung über die Diäten, dann die Frage, ob das + Zentralorgan nach Berlin oder Leipzig kommen solle, das waren die drei + Hauptpositionen; die Lassalleaner hatten ernstlich geglaubt, die + Bewegung in ihre Hände zu bekommen, jedenfalls waren sie ihres Sieges + in der Organisation sicher. Und dazu hatten sie allen Grund. Auf einer + in Berlin stattgehabten Konferenz hatte _Ramm_-Leipzig (der Leiter der + Leipziger Parteibuchdruckerei. A.B.) der Verlegung nach Berlin + zugestimmt, und _Geib_, der sich allein sah, machte dann keine + Opposition mehr. _Bebel_ aber und ich, sowie _Auer_ erklärten die + Verlegung für ganz unmöglich, wir fanden auch viele Zustimmung und + erweckten _Liebknecht_ und _Geib_ und andere zu neuem Leben. Die + Schlacht wurde dann auch glorreich geschlagen. Nachdem in der + Angelegenheit Sonnemann und in der bezüglich der Diäten der Sieg auf + unserer Seite gewesen, setzten die Lassalleaner, denen nun doch das + wirtschaftliche Interesse des Berliner Unternehmens zu Hilfe kam, + alles daran. Die Erregung auf beiden Seiten war groß; es wurde eine + regelmäßige parlamentarische Schlacht geschlagen. Zuerst waren 42 + Redner eingezeichnet, voran außer Bebel lauter Berliner. Wir brachten + durch passende Anträge diese Liste zu Fall, kamen, da die Gegner das + nicht erwartet, dann unsererseits zuerst auf die Liste und konnten nun + großmütig sein, wobei uns schließlich Richter-Wandsbeck noch einen + großen Dienst leistete. Die Erregung war außerordentlich, jedes Mittel + wurde von beiden Seiten benutzt. Die Gegner aber ließen sich von ihrer + Erregung hinreißen, polterten hitzig hervor, um die fünfminutige + Redezeit auszunutzen, während wir ruhig blieben und durchweg langsam + und gemessen sprachen. Das Resultat ist Ihnen begannt. Liebknecht und + Bebel waren famos. + + Daß Hasenclever sich schließlich von Geib breitschlagen ließ, ans + Zentralblatt nach Leipzig zu gehen, vollendete den Sieg, da man sonst + mit Frick-Bremen gesagt habe würde: Das neue Blatt ist nur das Organ + der Herren Bebel und Liebknecht. Damit ist die Einheit besiegelt...." + +_Hasselmann_ gab zum 1. Oktober 1876 seine Stellung an der "Berliner +Freien Presse" auf und zog sich nach Barmen-Elberfeld zurück, woselbst +er die Redaktion der "Bergischen Volksstimme" übernahm und ein neues +Organ, "Die rote Fahne", das angeblich nur als Flugblatt erscheinen +sollte, ins Leben rief. Es zeigte sich aber bald, daß _Hasselmann_ mit +der Gründung dieses Blattes separatistische Ziele verfolgte, was ihn in +eine schiefe Stellung zur Partei und zum Zentralwahlkomitee brachte und +auf dem nächstjährigen Parteikongreß wieder zu unerquicklichen Debatten +führte. + + + + +Der Wahlkampf 1876 bis 1877 + + +Mit einem Aufruf, datiert vom 12. Oktober 1876, eröffnete das +Zentralwahlkomitee den Wahlkampf. Auf seinen und vieler Genossen Wunsch +hatte ich wiederum eine Broschüre, betitelt: "Die parlamentarische +Tätigkeit des deutschen Reichstags und der Landtage von 1874 bis 1876", +verfaßt. Die Schrift erschien diesmal unter meinem Namen in der +Genossenschaftsbuchdruckerei zu Berlin, also unter den Augen +Tessendorfs, der diesen Umstand, wie ich bald genug zu meinem Schaden +erfuhr, gebührend ausnützte. + +Am 30. Oktober trat der Reichstag zu seiner letzten Session zusammen. +Diese konnte aber nur kurz sein, und da Gesetzentwürfe von besonderem +Interesse für uns nicht vorlagen, befaßten wir uns mit den +parlamentarischen Verhandlungen nur wenig, aber um so mehr mit der +Wahlagitation, die mich in jenen Wochen von Leipzig nach Köln, von dort +nach Königsberg i.Pr. und von hier nach Breslau usw. führte. In +Königsberg mußte ich an zwei Abenden in überfüllten Versammlungen +sprechen, weil die Diskussion, die mein Vortrag hervorgerufen hatte, +erst am zweiten Abend zu Ende geführt werden konnte. In der ersten +Versammlung war auch Johann Jacoby anwesend, den man zum +Ehrenvorsitzenden der Versammlung ernannt hatte. Ich lernte erst jetzt +Jacoby persönlich kennen. Der kaum mittelgroße Mann, der offensichtlich +in seinem ganzen Wesen zurückhaltender Natur war und nur durch die +Verhältnisse gezwungen sich zu einem demonstrativen Eingreifen in die +öffentlichen Angelegenheiten herbeiließ, machte auf mich einen ungemein +günstigen Eindruck. Ich hatte ihn vor der ersten Versammlung in seiner +Wohnung besucht, wobei er mich in seinem sehr geräumigen Arbeitszimmer +empfing, dessen Regale und Schränke bis an die Decke mit Büchern +vollgepfropft waren. Ich beneidete ihn um diesen ideal ausgestatteten +Raum, der in seiner behaglichen Einrichtung zum Arbeiten geradezu +einlud. Jacoby starb im nächsten Frühjahr infolge einer Steinoperation; +im Oktober des vorhergehenden Jahres war ihm Franz Ziegler im Tode +vorausgegangen. + + * * * * * + +Nach Leipzig zurückgekehrt, ließ ich eine Volksversammlung einberufen +mit der Tagesordnung: "Die Stellung der Frau im heutigen Staat und zum +Sozialismus." Obgleich wir den größten Saal Leipzigs zur Verfügung +hatten, faßte er nicht die Masse der herbeiströmenden Zuhörer, von denen +viele wieder wegen Mangel an Raum umkehren mußten. Die Frauen waren sehr +zahlreich vertreten. Ich setzte ihnen unter anderem auseinander, welch +lebhaftes Interesse auch sie an den bevorstehenden Reichstagswahlen +nehmen müßten; da sie aber vorläufig kein Wahlrecht besäßen, sei es ihre +Aufgabe, agitatorisch in den Wahlkampf einzugreifen und ihre Männer und +wahlberechtigten männlichen Verwandten für die Beteiligung an der Wahl +anzutreiben, und zwar zugunsten der Sozialdemokratie, die für ihre volle +politische und soziale Gleichberechtigung eintrete. Die Versammlung +verlief nach Wunsch; es war die erste Versammlung, in der die Frauen zur +politischen Beteiligung bei einer Wahl aufgefordert wurden. + +Von Leipzig eilte ich nach Dresden zur Agitation, woselbst ich als +Kandidat der Partei aufgestellt worden war. Die organisierten Genossen +im 17. sächsischen Wahlkreis Glauchau-Meerane, in dem ich ebenfalls +wieder kandidierte, hatten bereits im voraus erklärt, sollte ich auch in +einem zweiten Wahlkreis gewählt werden, so seien sie zu einer Neuwahl +an meiner Stelle bereit, denn daß sie im 17. Wahlkreis wieder siegen +würden, sah alle Welt als selbstverständlich an. Und so geschah es. + +In Dresden erhielt ich zunächst die relative Mehrheit unter den +aufgestellten drei Kandidaten. Ich kam mit dem Kandidaten der Liberalen, +Professor Maihoff, in engere Wahl und siegte über diesen mit 10837 gegen +9920 Stimmen. Als mir am Tage nach der Wahl die Depesche, die meinen +Sieg meldete, zuging--ich hatte gebeten, am Wahltagabend mir das +Wahlresultat nicht zu telegraphieren--, fragte ich meine Frau, ob wir +noch eine Flasche Wein im Keller hätten, und als sie dies bejahte, +äußerte ich: Gut, dann wollen wir sie heute mittag auf das Wohl meiner +Dresdener Wähler trinken. Darauf meinte mein Töchterchen, das dieser +Unterhaltung beigewohnt hatte: Papa, wird Herr Professor Maihoff heute +mittag auch eine Flasche Wein trinken? Ich gab lachend zur Antwort: Das +wüßte ich nicht, ich kennte nicht den Geschmack des Herrn Professors. An +meine Stelle im 17. Wahlkreis wurde nunmehr Wilhelm Bracke gewählt. + +Der Ausfall der Wahlen war für uns ein sehr günstiger. _Hasselmann_ war +zwar in Barmen-Elberfeld mit 14245 gegen 14485 Stimmen unterlegen, aber +der benachbarte Solinger Kreis schickte _Rittinghausen_ mit 10636 gegen +7453 Stimmen in den Reichstag, und beinahe wäre auch _Grillenberger_ in +Nürnberg gewählt worden, der mit 12089 gegen 12625 Stimmen seinem Gegner +unterlag. Die Partei war bei 24 Stichwahlen beteiligt. Gewählt wurden 12 +Abgeordnete: Auer, Blos, Bracke, der Hofbaurat Demmler-Schwerin im 13. +sächsischen Wahlkreis Leipzig-Land, Fritzsche, Hasenclever, A. Kapell, +Liebknecht, Most, Motteler, Rittinghausen und ich. + +Wie der alte Demmler uns gelegentlich erzählte, hatte er die +Gepflogenheit, wenn er auf längere Zeit Schwerin verließ, sich bei dem +Großherzog von Mecklenburg, als dessen ehemaliger Hofbaumeister er das +prachtvolle Schweriner Schloß gebaut hatte, zu verabschieden. So auch +dieses Mal, als er die Reise nach Berlin zum Reichstag antrat. Bei +dieser Gelegenheit hatte der Großherzog geäußert: "Ich wünsche Ihnen +glückliche Reise, aber lieber Demmler--und dabei erhob er lächelnd +drohend den Finger--, machen Sie es in Berlin nur nicht zu arg." Hier +sei bemerkt: Demmler hatte den Schweriner Schloßbau ohne Meister allein +durch Vertrag mit den Arbeitern gebaut und war mit dem erzielten +Resultat sehr zufrieden. + +Am 2. Februar schrieb ich an den Parteigenossen Schlüter in Dresden, der +Expedient unseres dortigen Parteiorgans war, daß ich dem Wahlkommissar +die Annahme der Dresdener Wahl mitgeteilt hätte, und bemerkte dazu: + + "Es amüsiert mich, daß es gerade neunzehn Jahre waren, seitdem ich als + Handwerksbursche in die Fremde ging, natürlich ohne eine Ahnung, daß + ich neunzehn Jahre später auf denselben Tag an einen Wahlkommissar + meine Erklärung für die Annahme des Reichstagsmandats für die + sächsische Residenz abschicken würde. Der alte Napoleon äußerte + einmal, jeder Soldat hat den Marschallstab im Tornister, heute könnte + man sagen: jeder Handwerksbursche trägt ein Reichstagsmandat im + Berliner. Es geht vorwärts. Unsere Freunde, die Feinde, sollen leben." + +Und die letzteren machten zu dem Wahlausfall böse Gesichter, denn weit +mehr als die paar gewonnenen Mandate lag ihnen das starke Wachstum der +gewonnenen Stimmen in den Gliedern. Die Stimmenzahl der Partei war von +351670 im Jahre 1874 auf 493447 gestiegen, die wir jetzt im Januar 1877 +auf unsere Kandidaten vereinigten. Das war ein Mehr von 141777 Stimmen +gleich 36 Prozent. In Sachsen hatten wir die relative Mehrheit der +Stimmen erhalten, 124600 von 318740. + +Das System Tessendorf, das allmählich über die Grenzen Preußens hinaus +in den meisten Mittel- und Kleinstaaten Schule gemacht hatte, war also, +wie der Wahlausfall zeigte, elend zusammengebrochen. Und wenn nunmehr +auch das Wüten gegen die sozialdemokratische Presse und die +sozialdemokratischen Organisationen von neuem losging und gegen die +Vertreter der Partei Urteile gefällt wurden eins drakonischer als das +andere, auch das half nicht. Es half auch nichts, als Bismarck, vom +Glück begünstigt, endlich erhielt, wonach er lange gelechzt, ein +schneidiges Ausnahmegesetz gegen die ihm verhaßte und doch so +gefürchtete Partei. + + + + +Der Reichstag 1877. + + +In der am 22. Februar eröffneten Reichstagssession spielten die sozialen +Fragen eine hervorragende Rolle. Das ständige Steigen der +sozialdemokratischen Stimmen hatte namentlich das Zentrum beunruhigt, +das jetzt zum ersten Male unter der Firma des Grafen Galen und Genossen +einen Gesetzentwurf einbrachte, der ganz dem sozialpolitischen Eiertanz +entsprach, dem von jetzt ab das Zentrum in immer stärkerem Maße +huldigte. _Bisher hatte sich das Zentrum den sozialen Fragen gegenüber +durchaus zurückhaltend benommen._ Der Gesetzentwurf sollte sowohl den +Kleingewerbetreibenden wie den Arbeitern eine Verbesserung ihrer Lage +bringen. Fritzsche und ich hatten diesem gegenüber einen Gesetzentwurf +ausgearbeitet, der eine Aenderung wichtiger Bestimmungen in den Titeln +1, 2, 7, 9 und 10 der Gewerbeordnung zugunsten der Arbeiter verlangte, +dem die Fraktion ihre Zustimmung erteilte. Der Gesetzentwurf forderte +eine Regelung der Gefängnisarbeit, wonach diese auf Arbeiten für den +Staat beschränkt werden sollte. Weiter wurde gefordert: Verbot der +industriellen Sonntagsarbeit; wo ein solches Verbot unmöglich sei, +sollte dem Arbeitspersonal ein freier Tag in der Woche gewährt werden +müssen; ein Normalarbeitstag von neun Stunden; für Arbeiterinnen, +Arbeiter unter achtzehn Jahren und Lehrlinge ein solcher von acht +Stunden; Verbot der Nachtarbeit; wo solches durch die Natur des Betriebs +unmöglich sei, solle ein achtstündiger Schichtwechsel eingeführt werden. +Die Schonzeit der Schwangeren und der Wöchnerinnen sollte entsprechend +verlängert werden. Für jede Arbeitsstätte sollte eine Arbeitsordnung +eingeführt werden, deren Bestimmungen zwischen Unternehmern und +Arbeitern zu vereinbaren seien. Ferner wurde gefordert: die Aufhebung +der Arbeitsbücher auch für die Bergarbeiter; die Ausfüllung von +Zeugnissen sollte nur auf Verlangen des Arbeiters erfolgen können; +Festsetzung gleicher Kündigungsfristen für beide Teile, Truckverbot, +strengere Schutzmaßregeln für Arbeiterinnen und Lehrlinge; die +Einführung von Gewerbekammern und Gewerbegerichten; eine +Reichsarbeitsinspektion sollte unter Leitung und Kontrolle des +Reichsgesundheitsamts eingeführt werden. Endlich verlangten wir +Sicherung und Erweiterung des Koalitionsrechts. + +Die Debatte über die gleichzeitig zur Beratung gestellten Gesetzentwürfe +des Zentrums und unserer Partei leitete von seiten der Fraktion +Fritzsche ein. Die Debatte wuchs sich zu einer Sozialistendebatte aus, +die mir Gelegenheit gab, die erhobenen Vorwürfe mit aller Schärfe +zurückzuweisen und die von den Zentrumsrednern vertretene sogenannte +christliche Weltanschauung gebührend zu kritisieren. Meine Rede machte +großen Eindruck. Der Leipziger Buchdruckergehilfenverein ließ mir in +einem besonderen Abdruck ein Exemplar derselben in einem feinen Einband +überreichen. + +Ein praktisches Resultat hatte die Beratung der Anträge nicht. + +In der Sitzung vom 24. April erklärte der Reichstag Hasenclevers Wahl im +sechsten Berliner Wahlkreis, die mit dreißig Stimmen Mehrheit erfolgt +war, für ungültig, weil seltsamerweise eine Wählerliste aus Versehen in +einem Wahlbezirk verheftet gewesen sei, so daß eine Anzahl Wähler nicht +hätten wählen können. Die Fortschrittspartei hoffte bei einer Nachwahl +den sechsten Wahlkreis wieder erobern zu können; sie täuschte sich. Wir +warfen uns mit aller Energie in die Wahlagitation, und so siegte jetzt +Hasenclever mit einem Mehr von über tausend Stimmen. + +Bei einer Verhandlung über die Eisenzollfrage hielt Bracke eine gute +Rede über Schutzzoll und Freihandel, als es aber zur Abstimmung kam, +stimmte die Fraktion geteilt, eine Minorität stimmte für den Zoll. + +Der Versuch, eine andere Fassung des § 46 der Geschäftsordnung +herbeizuführen, um der fortdauernden Willkür bei der Stellung von +Schlußanträgen ein Ende zu machen, mißlang. Der Antrag kam nicht mehr +zur Verhandlung. Dagegen genehmigte der Reichstag den Antrag auf +Einstellung _eines Strafverfahrens_ gegen mich. Tessendorf hatte bei dem +Berliner Stadtgericht wegen meiner Reichstagsbroschüre die Erhebung der +Anklage gegen mich beantragt, und zwar wegen mehrfacher Beleidigung des +Reichskanzlers und Verletzung des § 131 des Strafgesetzbuches. Dieser +Paragraph lautet: "Wer erdichtete oder entstellte Tatsachen, wissend, +daß sie erdichtet oder entstellt sind, öffentlich behauptet oder +verbreitet, um dadurch Staatseinrichtungen oder Anordnungen der +Obrigkeit verächtlich zu machen, wird mit Geldstrafe bis zu 600 Mark +oder mit Gefängnis bis zu zwei Jahren bestraft." Bei einer Haussuchung, +die auf Antrag Tessendorfs am 12. Januar in der Expedition der "Berliner +freien Presse" vorgenommen wurde, waren nur noch 12 Exemplare meiner +Schrift gefunden worden, die beschlagnahmt wurden. + + + + +Der Kongreß in Gotha 1877. + + +Wie schon im vorhergehenden Jahre, so berief auch für das Jahr 1877 die +Reichstagsfraktion einen allgemeinen deutschen Sozialistenkongreß für +den 27. bis 30. Mai nach Gotha. Auf der Tagesordnung stand: 1. Bericht +der Reichstagsabgeordneten über ihre Tätigkeit; 2. Bericht über Gang und +Stand der sozialistischen Bewegung in Deutschland; 3. Die sozialistische +Organisation in Deutschland; 4. Die Parteipresse; 5. Das Parteiprogramm. + +Aus dem wieder von Auer erstatteten Bericht ging hervor, daß die Partei +in 175 Wahlkreisen von 397 eigene Kandidaten aufgestellt hatte. Die Zahl +der Parteiblätter war auf 41 gestiegen. Es bestanden weiter vierzehn +Parteidruckereien. Die Parteieinnahmen ergaben 54217 Mark, die Ausgaben +betrugen 50635 Mark. + +Den Bericht über die Tätigkeit der Fraktion erstattete an Stelle von +Liebknecht, der wegen Krankheit in der Familie noch nicht eingetroffen +war, Fritzsche. Ich traf wegen geschäftlicher Behinderung mit Liebknecht +erst am 28. Mai in Gotha ein. + +Ueber die Organisationsfrage berichtete Tölcke, der im Namen der +gewählten Organisationskommission beantragte, folgender Resolution die +Zustimmung zu geben: + + "Mit Rücksicht auf die von preußischen Behörden mit unerhörter + Dreistigkeit förmlich proklamierte völlige Rechtlosigkeit + sozialistischer Vereine in Preußen nimmt der Kongreß von der + Herstellung einer Organisation der Partei Abstand, auf welche die in + Deutschland, besonders in Preußen bestehenden Vereinsgesetze + angewendet werden können; der Kongreß überläßt es den Parteigenossen + in den einzelnen Orten, sich je nach den örtlichen Verhältnissen und + Bedürfnissen zu organisieren." + +Diese Resolution wurde ohne Diskussion einstimmig angenommen. +Hervorgehoben zu werden verdient, daß damals fast die gesamte liberale +Presse, die fortschrittliche nicht ausgenommen, den Scherereien, +Plackereien und Gewalttätigkeiten der Behörden gegen die sozialistischen +Organisationen mit stoischem Gleichmut zusah und selten ein Wort der +Kritik hören ließ. Darin sahen natürlich die Behörden nur eine +Ermutigung ihres ungesetzlichen und gewalttätigen Vorgehens. + +Eine unerquickliche Debatte rief wieder das Verhalten _Hasselmanns_ +hervor. Hasselmann hatte das von ihm mit Zustimmung des +Zentralwahlkomitees Januar 1877 herausgegebene Blatt unter dem Titel +"Die Rote Fahne" nur als Flugblatt für die Unterstützung der Wahlen +erscheinen lassen wollen. Dagegen war nichts einzuwenden. Er hatte aber +dasselbe förmlich hinter dem Rücken des Zentralwahlkomitees als +regelrecht erscheinendes Wochenblatt behördlich angemeldet, und nun +benutzten seine Anhänger dasselbe überall, um den "Vorwärts" zu +verdrängen. Es konnte kein Zweifel bestehen, daß _Hasselmann_ auf +Spaltung der Partei hinarbeitete. Das kam auch in der Debatte durch die +Mehrzahl der Redner zum Ausdruck. Schließlich wurde ein Antrag von mir +gegen fünf Stimmen angenommen, dahin lautend: Der Kongreß ersucht den +Genossen Hasselmann, die "Rote Fahne" eingehen zu lassen, sobald die +"Bergisch-Märkische Volksstimme"--deren Redakteur er war--sich deckt. +Aber er mußte bereits Anfang Oktober das Eingehen der "Roten Fahne" +ankündigen. Das Blatt deckte nicht seine Kosten, und so war ihm seine +Fortführung unmöglich. + +Nicht minder unerquicklich wie die Debatte über Hasselmann war die +Debatte, die Most über Friedrich Engels' Artikelserie im "Vorwärts" über +Professor Dühring hervorrief. Dühring war es gelungen, fast die gesamten +Führer der Berliner Bewegung für seine Theorien einzunehmen. Auch ich +war der Ansicht, daß jede schriftstellerische Leistung, die, wie die +Dühringschen Arbeiten, dem bestehenden Sozialzustand scharf zu Leibe +ging und sich für den Kommunismus erklärte, aus agitatorischen Gründen +unterstützt und für uns ausgenutzt werden müsse. Von diesem Standpunkt +aus hatte ich schon 1874 von der Festung aus zwei Artikel unter der +Ueberschrift "Ein neuer Kommunist" im "Volksstaat" veröffentlicht, in +denen ich Dührings Arbeiten besprach. Die betreffenden Bücher hatte mir +Eduard Bernstein zugesandt, der damals mit Most, Fritzsche und anderen +zu Dührings begeisterten Anhängern gehörte. Daß Dühring bald darauf +wegen seiner Lehren mit den Staats- und Universitätsbehörden in Konflikt +kam, ein Konflikt, der im Juni 1877 zu seiner Maßregelung an der +Berliner Universität führte, erhöhte noch sein Ansehen in den Augen +seiner Anhänger. Das alles veranlaßte Most, auf dem Kongreß eine +Resolution einzubringen, lautend: + + "Der Kongreß erklärt, Artikel, wie beispielsweise die in den letzten + Monaten von Engels gegen Dühring veröffentlichten Kritiken, die für + die weitaus größte Mehrheit der Leser des 'Vorwärts' völlig ohne + Interesse oder gar höchst anstoßerregend sind, haben künftighin aus + dem Zentralorgan fernzubleiben." + +Das Ansehen Dührings erlitt allerdings nicht lange nachher in den Augen +seiner sozialistischen Anhänger gründlich Schiffbruch. Das Benehmen des +Mannes wurde so autokratisch und an Größenwahn grenzend, daß sich einer +nach dem anderen von ihm zurückzog. + +Auf demselben Kongreß wurde von Vollmar--der damals zum erstenmal auf +einem Parteikongreß erschien--der Antrag gestellt und angenommen: + + "Um der Solidarität der Sozialisten aller Länder Ausdruck zu geben, + beschließt der Kongreß, den diesjährigen internationalen + Sozialistenkongreß zu Gent durch einen Delegierten zu beschicken. Das + Zentral-Wahlkomitee bestimmt den Delegierten." + +Grillenberger unterstützte den Antrag, dagegen mahnte Liebknecht +zur Vorsicht im Hinblick auf die in Belgien vorhandene +bakunistisch-anarchistische Strömung, die versuchen werde, den Kongreß +zu beherrschen. + +Ob der Kongreß zustande kam, ist mir nicht erinnerlich, jedenfalls +wurde er von uns nicht beschickt; der Partei erwuchsen mittlerweile im +Innern ernstere und kostspieligere Aufgaben. + + + + +Landtagswahl in Sachsen.--"Die Zukunft." + + +Im September 1877 gelang es uns in einem der Landtagswahlkreise +Leipzig-Land--36. ländlicher Wahlkreis--, Liebknecht zum Abgeordneten zu +wählen. Die Parteigenossen hatten zunächst mir die Kandidatur angeboten, +ich lehnte aber ab, da ich unmöglich meinem Associé und meinem Geschäft +zumuten konnte, neben dem Reichstagsmandat auch ein Landtagsmandat zu +übernehmen. Bei der Prüfung der Wahl durch den Wahlkommissar stellte +sich heraus, daß Liebknecht noch nicht drei Jahre sächsischer +Staatsangehöriger war und somit zum Abgeordneten nicht gewählt werden +konnte. Die Wahl wurde für ungültig erklärt. Darauf stellten die +Parteigenossen des Wahlkreises den Parteigenossen Rechtsanwalt Otto +Freytag in Leipzig auf, der auch gewählt wurde.-- + +Den 1. September trat Vahlteich seine achtzehnmonatige Haft in Zwickau +an, dem im nächsten Jahre Vollmar folgte. Am 1. Oktober erschien in +Berlin eine Monatschrift unter dem Titel "Die Zukunft", zu deren +Erscheinen _Karl Höchberg_, der Sohn eines Frankfurter Bankiers, die +Mittel hergab. Höchberg hatte sich, ich möchte sagen aus +gefühlsphilosophischen Beweggründen der Bewegung angeschlossen; sein +Privatsekretär wurde Eduard Bernstein, der infolgedessen seine Stellung +in einem Berliner Bankgeschäft aufgab. Die unklare Stellung, die die +Zeitschrift sowohl in Anbetracht der Anschauungen ihres Gründers und des +Kreises ihrer Mitarbeiter, in dem alle Richtungen in der Bewegung +vertreten waren, zum wissenschaftlichen Sozialismus, wie ihn Marx und +Engels begründet hatten, einnahm, hatten von vornherein das Mißtrauen +der beiden Alten in London geweckt, ein Mißtrauen, das um so lebhafter +wurde, als der Gang der Ereignisse und die finanzielle Not, in die dabei +die Partei geriet, die finanzielle Opferwilligkeit Höchbergs nach +vermiedenen Richtungen in hohem Grade in Anspruch nahm. Marx und +Engels, die die Dinge nur aus der Ferne sahen, Personen und Verhältnisse +nicht näher kannten, sahen in dieser Opferwilligkeit Höchbergs schlaue +Berechnung, einen kaltblütig ausgeheckten Plan, die Partei auf Abwege zu +bringen, sie ihrer Aufgabe zu entfremden. + +Das war eine durchaus irrige Auffassung. Höchberg hat nie den Versuch +gemacht, seine finanziellen Mittel im Sinne der befürchteten +Bestrebungen anzuwenden oder die Unterstützung derselben zur Bedingung +seiner Hilfsleistungen zu machen. Er gab aus gutem Herzen und aus +Interesse für die Sache, und nie, ohne mich oder andere Freunde, Geib, +Liebknecht usw., zu Rate zu ziehen. Aber der Versuch, das Mißtrauen +gegen Höchberg bei den Londonern zu beseitigen, gelang erst, als ich +mich entschloß, mit Bernstein nachmals den in der Partei berühmt +gewordenen "Kanossagang" im Spätherbst 1880 anzutreten, um Marx und +Engels klaren Wein einzuschenken. Darüber im nächsten Bande. + +Ich selbst schrieb mehrere Artikel für die "Zukunft", so einen über das +Proportionalwahlrecht, eine Frage, die damals in der Partei noch wenig +erörtert worden war. Die für mich selbstverständliche Art, wie dieses +Wahlsystem ausgeführt werden müsse und tatsächlich auch nachher in der +Praxis angewendet wurde, fand anfangs bei dem Hauptvertreter dieses +Wahlsystems in der Schweiz, unserem altbewährten Genossen Karl Bürkli, +einigen Widerspruch. Aber als ich mich im Herbst 1901 nach einem +Mittagessen bei Professor Dodel in Zürich von ihm verabschiedete, +äußerte Bürkli: Bebel, wir werden uns nicht mehr wiedersehen--er ging +ins 79. Lebensjahr--, aber eins will ich Ihnen noch sagen, Ihr +Vorschlag, den Sie seinerzeit in der "Zukunft" machten über die +Ausführung des Proportionalwahlrechts, ist der richtige. Wenige Monate +später starb Bürkli; er hatte sein baldiges Ende richtig vorausgesehen. + + + + +Wieder reif fürs Gefängnis. + + +Am 12. Juni 1877 stand endlich auch ich vor der berüchtigten siebenten +Deputation des Stadtgerichts in Berlin als Angeklagter. Tessendorf hatte +in meiner Broschüre nicht weniger als drei Bismarckbeleidigungen +entdeckt, außerdem, wie ich schon erwähnte, eine Verletzung des § 131 +des Strafgesetzbuchs gefunden. Bismarck hatte bereitwillig den +Strafantrag gestellt. Es war richtig, ich hatte den Reichskanzler etwas +unsanft angefaßt. Als ich die Broschüre schrieb, wurmte mich noch immer +die beleidigende Rede, die er mir Anfang 1876 im Reichstag ins Gesicht +geschleudert hatte, auf die zu antworten mich die Mehrheit durch +Annahme eines Schlußantrags verhindert hatte. Wäre ich damals +ausführlich zum Wort gekommen, höchst wahrscheinlich wäre mir die +Reichskanzlerbeleidigung erspart geblieben, denn es waren die Vorgänge +im Reichstag, auf die ich in den Angriffen auf Bismarck in meiner +Broschüre Bezug nahm. Außerdem hatte ich in einem Angriff auf die +Nationalliberalen diese gehöhnt, daß sie sich vom Reichskanzler +hausknechtmäßig behandeln ließen, und dachte gar nicht daran, damit eine +Beleidigung Bismarcks begehen zu wollen. Es war eben die Zeit, in der +der Abgeordnete Bamberger in einem Augenblick anerkennenswerter +Selbsterkenntnis wegen seiner und seiner Freunde Behandlung durch den +Reichskanzler das Wort geprägt hatte: _Hunde sind wir ja doch_! + +Die Verletzung des § 131 des Strafgesetzbuchs wurde in der scharfen +Kritik gefunden, die ich dem Militarismus hatte angedeihen lassen, die +aber ganz den von uns vertretenen Anschauungen entsprach. Ich empfand es +als eine persönliche Beleidigung, daß man mich anklagte, erdichtete oder +entstellte Tatsachen, wissend, daß sie erdichtet oder entstellt sind, +öffentlich behauptet und verbreitet zu haben, um damit die Einrichtungen +des Militarismus verächtlich zu machen; denn was ich geschrieben hatte, +entsprach meinem Standpunkt und meiner Ueberzeugung. + +Tessendorf als öffentlicher Ankläger machte sich sein Amt sehr leicht, +er kannte ja genügend die siebente Deputation. Nonchalant, als pflege er +eine private Unterhaltung, stand er vor dem Gerichtshof, die eine Hand +in der Tasche einer hellgestreiften Sommerhose--die heute übliche +Amtskleidung wurde erst später eingeführt--, angetan mit einem schäbigen +schwarzen Frack, und beantragte nach einer kaum fünf Minuten langen Rede +9 Monate wegen Beleidigung des Reichskanzlers und 5 Monate wegen der +Verletzung des § 131 des Strafgesetzbuchs, also 14 Monate Gefängnis, die +er auf ein Jahr Gefängnis zusammenzuziehen vorschlug. + +Die Art, wie Tessendorf die Sache behandelte, brachte mich noch mehr in +Erregung, als es ohnedem schon der Fall war. Ich verteidigte mich +selbst. In anderthalbstündiger Rede suchte ich die Anklage Punkt für +Punkt zu widerlegen. Wolle man aus meiner Broschüre eine Beleidigung des +Reichskanzlers herauslesen, dann müßten die Umstände berücksichtigt +werden, unter denen ich zu meinen Ausführungen gekommen sei, und in +Anbetracht dieser sei das beantragte Strafmaß viel zu hoch. Eine +Verletzung des § 131 liege aber in allewege nicht vor. Ich betrachtete +es als unerhört, mich auf diesen Paragraphen hin anzuklagen, da es doch +gerichtsnotorisch sein müsse, daß die obendrein mit Tatsachen und +Zitaten wissenschaftlicher und militärischer Autoritäten begründeten +Ausführungen nur meinem Parteistandpunkt und meiner Ueberzeugung +entsprächen. + +Ich glaube, ich hielt eine sehr gute Rede, aber sie würde auch keinen +Eindruck auf die Richter gemacht haben, wenn deren Aufmerksamkeit nicht +durch ein ausgebrochenes Hagelwetter, dessen Körner gegen die +Fensterscheiben trommelten, in Anspruch genommen gewesen wäre. Die +Frage, in welchem Augenblick wohl die Fensterscheiben durch die +Hagelkörner zertrümmert würden, war den Richtern offenbar wichtiger als +meine schönen Ausführungen. Der Gerichtshof zog sich zurück, da +Tessendorf es nicht der Mühe wert fand, mir zu antworten, und verkündete +nach kurzer Beratung in allen Fällen meine Verurteilung zu neun Monaten +Gefängnis. + +Ich appellierte, und die Sache kam am 28. Oktober vor dem Kammergericht +zur Verhandlung. Hier führte Staatsanwalt Groschuff die Anklage. Im +Laufe seiner Rede machte er geltend, daß ich schon wegen meiner +Vorstrafen keine milde Verurteilung verdiente; er beantragte Bestätigung +des Urteils der ersten Instanz. + +Ich verteidigte mich wiederum selbst. In einstündiger Rede wendete ich +mich gegen die Ausführungen des Staatsanwalts. Seine Bemerkung, daß ich +quasi wegen Rückfälligkeit härter bestraft werden müßte, hatte mich +besonders gereizt. Ich protestierte, daß man einen Angeklagten, der im +Kampfe für seine Ueberzeugungen wiederholt mit dem Strafrichter +Bekanntschaft gemacht habe, mit einem gemeinen Verbrecher--einem Diebe +oder Betrüger im Rückfalle--auf gleiche Stufe stelle. Der gemeine +Verbrecher handle gegen das Gesetz, um einen persönlichen Vorteil zu +erlangen, also aus _Eigennutz_, der politische "Verbrecher", der, +geschehe es in Verteidigung oder Propagierung seiner Ansichten, gegen +das Gesetz verstoße, handle aus _Idealismus_. Ihm gebühre für die +unentwegte Vertretung seiner Anschauungen nicht verschärfte Strafe, +sondern Anerkennung. Kein politischer "Verbrecher" werde wegen der +Vertretung seiner Ueberzeugungen, die ihn mit dem Strafgesetz in +Konflikt brächten, gesellschaftlich mißachtet, wie das mit dem gemeinen +Verbrecher wohl die Regel sei. Der politische Verbrecher gewinne sogar +an Ansehen in den Augen seiner Gesinnungsgenossen. + +In meiner weiteren Rede legte ich den Schwerpunkt auf die Anklage wegen +Verletzung des § 131 des Strafgesetzbuchs. Ich erreichte damit, daß der +Vorsitzende des Gerichtshof sieben Seiten meiner Schrift, die Urteile +über den Militarismus enthielten, vorlesen ließ. Das Endresultat war: +ich wurde von der Anklage, den § 131 verletzt zu haben, freigesprochen, +aber wegen Beleidigung Bismarcks zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. + +Hinzufügen möchte ich hier, daß, als einige Monate später, im Dezember, +der konservative Sozialpolitiker Dr. Rudolf Meier ebenfalls wegen +Bismarckbeleidigung von dem Kammergericht zu einem Jahre Gefängnis +verurteilt wurde, derselbe Staatsanwalt Groschuff, der die Anklage auch +gegen mich geführt hatte, jetzt äußerte: _er hege den Wunsch, dieses +möge der letzte Bismarckbeleidigungsprozeß sein_. Diese hörten aber erst +auf, als Bismarck aufhörte, Reichskanzler zu sein, das heißt dreizehn +Jahre später. + +Da es mir sehr darum zu tun war, in Rücksicht auf meine Familie und mein +Geschäft, meine Haft in Leipzig zu verbüßen, hier aber nach den +ministeriellen Vorschriften nur Haftstrafen bis zum Höchstmaß von fünf +Monaten erledigt werden konnten, wandte ich mich an die zuständige +Stelle mit der Frage: ob ich eventuell für die Verbüßung einer +fünfmonatigen Haft im Leipziger Gefängnis zugelassen würde. Nachdem +dieses bejaht worden war, begab ich mich nach Berlin zu dem Vorsitzenden +der siebenten Deputation, Reich, und ersuchte diesen, zu gestatten, daß +ich nach Verbüßung einer einmonatigen Haft in Plötzensee die restlichen +fünf Monate im Leipziger Bezirksgerichtsgefängnis verbringen könne. Zu +meiner nicht geringen Verwunderung empfing er mich mit ausgesuchter +Höflichkeit und erklärte seine Zustimmung zu meinem Antrag. + +Darauf trat ich am 23. November meine Haft in Plötzensee an. Die +Prozedur der Aufnahme war eine sehr umständliche und widerwärtige. Als +ich dem Arbeitsinspektor vorgeführt wurde, empfing mich dieser mit den +Worten: Nun, Herr Bebel, wie es in der Bastille am Plötzensee aussieht, +werden Sie aus Mosts Schrift ersehen haben. Ich antwortete: Ich hätte +zwar die Schrift gelesen, aber das sei schon längere Zeit her, ich bäte +ihn, mich zu informieren. Nun brach bei ihm der offenbar schon lange +verhaltene Grimm gegen Most los. Er verstehe, daß der Gefangene in den +Beamten seine Feinde sehe und sich hinter deren Rücken an Vorteilen zu +verschaffen suche, was ihm möglich sei, aber dann sich nachher auf den +Markt zu stellen und auszuschreien, wie man die Beamten hintergangen +oder diese zu Konzessionen verleitet habe, sei eine Gemeinheit und eine +Dummheit. Er erzählte alsdann, welche Wirkung und welche Folgen die +Mostsche Schrift nach ihrer Veröffentlichung unter den Beamten in +Plötzensee hervorgerufen habe. Er schloß seine erregten +Auseinandersetzungen mit den Worten: Most soll uns nur mal wieder +zwischen die Finger kommen, dem wollen wir seine Indiskretionen +eintränken. + +Und er kam ihnen bald genug wieder zwischen die Finger, und sie habend +ihm tüchtig eingetränkt. Einen Vorgeschmack bekam Most von dem, was ihn +gegebenenfalls erwartete, daß, als er mir in Plötzensee einen Besuch +machen wollte, er kurzerhand abgewiesen wurde. + +Ich erlangte das Recht, mich literarisch beschäftigen zu dürfen und bis +abends 10 Uhr Licht zu brennen. Marx' "Kapital" und verschiedene andere +sozialistische Schriften wurden mir fortgenommen, als wenn an mir noch +etwas zu verderben gewesen wäre. Und da der Arbeitsinspektor absolut +verlangte, daß ich mich nicht bloß mit dem Studium von Büchern abgeben +dürfe, sondern auch irgendeine literarische Arbeit vorzeigen müsse, +setzte ich mich hin und schrieb ein kleines Broschürchen, das unter dem +Titel erschien: "Frankreich im achtzehnten Jahrhundert." + +Selbstbeköstigung gab es nicht, die war Börsenjobbern, die wegen +Gaunereien in Plötzensee Quartier bezogen hatten, gewährt worden, +politischen Gefangenen nicht. Was aber dem Gefangenen die magere Kost +noch besonders verleidete, um nicht zu sagen verekelte, war der +feststehende Küchenzettel, das heißt die in einer Woche morgens, mittags +und abends verabreichte Kost kehrte fast in derselben Reihenfolge Woche +für Woche, Tag für Tag wieder. Ich verlor in den nahezu zwei Monaten, +die ich in Plötzensee verbrachte, erheblich an Gewicht. Ich begriff +nicht, wie Anstaltsärzte eine solche Verpflegungsordnung zulassen +konnten. Auf meinen Antrag bewilligte mir der Arzt die sogenannte +Krankenkost. Danach erhielt ich dreimal in der Woche zu Mittag einen +Teller wirklich gute Fleischbrühsuppe, einen Sperling Fleisch, das auf +ein spitzes Holzstäbchen gespießt war, da man Messer und Gabel dem +Gefangenen nicht anvertraut, und Kartoffeln und Gemüse. Die Bezeichnung +Sperling rührte daher, daß das Stückchen Fleisch nach Form und Größe +einem gerupften Sperling ähnlich sah. + +Ich hatte darauf gerechnet, unmittelbar vor Weihnachten von Plötzensee +nach Leipzig übersiedeln und alsdann die Weihnachtsfeiertage bei meiner +Familie verbringen zu können. Von den acht Weihnachtsfesten, die bis +dahin mein Töchterchen erlebt hatte, hatte ich vier in den Gefängnissen +zugebracht. Ich hoffte, nicht das fünfte Mal die Weihnachtsfeier im +Gefängnis verbringen zu müssen. Es kam aber doch so. Auf meine +Anfrage bei der Leipziger Gefängnisverwaltung, ob ich nach den +Weihnachtsfeiertagen die Haft dort antreten könne, kam die Antwort, daß +dieses vorläufig nicht möglich sei, die Räume seien alle besetzt. Erst +am 18. Januar 1878 konnte ich nach Leipzig übersiedeln. + +Während meiner Haft in Plötzensee besuchte mich wiederholt der +Gefängnisgeistliche, um sich mit mir über die politischen Vorgänge zu +unterhalten. Mir war das Halten der "Vossischen Zeitung" bewilligt +worden, deren sämtliche Tagesnummern ich aber regelmäßig erst am Ende +der Woche, am Sonntag, zugestellt erhielt. Most hatte um jene Zeit mit +der ganzen Leidenschaftlichkeit seines Temperaments eine öffentliche +Agitation für den Austritt aus der Landeskirche begonnen. Die von +ihm veranlaßten Volksversammlungen waren überfüllt und von +leidenschaftlicher Erregung getragen. Diese wuchs, als jetzt die neu +erstandene christlich-soziale Partei unter Führung des Hofpredigers +_Stöcker_ ebenfalls Versammlungen abhielt und Redner dieser Partei auch +in den Mostschen Versammlungen erschienen, dort aber, wie vorauszusehen +war, unter dem Jubel der Massen den kürzeren zogen. Diese Agitation rief +bei den Frommen im Lande eine ungeheure Aufregung hervor, die auch den +Gefängnisgeistlichen ergriffen hatte. Selbst der alte Kaiser sah sich +veranlaßt, als ihm zu seinem Geburtstag im März 1878 das Präsidium des +Landtags gratulierte, in seiner Antwort zu betonen: Die Religion muß dem +_Volke_ erhalten werden. + + + + +Innere Vorgänge. + + +Während ich hinter den Gefängnismauern Zeit zu allerlei Betrachtungen +hatte, spielten sich in und außerhalb der Partei eine Reihe Vorgänge ab, +die von besonderer Bedeutung waren. Im November hatten die Berliner +Genossen an Stelle der aufgelösten Organisationen einen Verein zur +Wahrung der Interessen der werktätigen Bevölkerung gegründet. Die +christlich-konservativen Staatssozialisten gründeten eine Wochenschrift, +"Der Staatssozialist", an der als Mitarbeiter Professor Schäffle, +Professor v. Scheel, Bankier Samter, Professor Ad. Wagner, Pastor Tod, +Dr. Petermann-Dresden und andere tätig sein sollten. Die evangelischen +Sozialpolitiker wollten den katholischen nicht allein das Feld +überlassen, sondern unter den evangelischen Arbeitern vor der +Sozialdemokratie retten, was noch zu retten war. + +Auch in der großen Politik schienen Veränderungen bevorzustehen. Die +fortgesetzt steigenden Ausgaben des Reiches erforderten neue Einnahmen. +Die wachsenden Matrikularumlagen, durch die die Einzelstaaten das +Reichsdefizit zu decken hatten, wurde diesen angesichts des eigenen +steigenden Geldbedarfes für ihre innere Verwaltung immer lästiger. Die +gesteigerten Ausgaben aber auf dem Wege direkter Besteuerung zu decken, +davon wollte Bismarck am wenigsten wissen. Er haßte die direkten Steuern +und suchte sich persönlich nach Möglichkeit der Zahlung derselben zu +entziehen. Er hatte schon am 22. November 1876 im Reichstag sein +_Steuerideal_ entwickelt, wobei er ausführte: + + "Ich erkläre mich von Hause aus wesentlich für Aufbringung _aller_ + Mittel nach Möglichkeit für _indirekte_ Steuern, und halte die + direkten Steuern für einen harten und plumpen _Notbehelf_, nach + Aehnlichkeit der Matrikularumlagen, mit alleiniger Ausnahme, ich + möchte sagen einer _Anstandssteuer_, die ich von der direkten Steuer + immer aufrecht erhalten würde; das ist die Einkommensteuer der reichen + Leute ... wohlverstanden, der wirklich reichen Leute.... Ich kann die + Zeit kaum erwarten, daß der Tabak höhere Summen steuere, so sehr ich + jedem Raucher das Vergnügen gönne. Analog steht es auch mit dem Bier, + dem Branntwein, dem Zucker, dem Petroleum und allen diesen großen + Verzehrungsgegenständen, gewissermaßen den _Luxusgegenständen_ der + großen Masse." + +Ein großer Teil der Liberalen war geneigt, auf dem gleichen Wege die +Deckung der Mehrausgaben zu suchen. Da Bismarck um jene Zeit mit einem +Teil der konservativen Partei ein starkes Zerwürfnis hatte, andererseits +mit dem Zentrum noch immer in Fehde lebte, kam er auf den Gedanken, die +Nationalliberalen, die damals noch mit ihren nächsten Affiliierten die +stärkste Partei im Reichstag bildeten, dadurch an seine Politik zu +ketten, daß er mit ihrem Führer Herrn v. Bennigsen wegen dessen Eintritt +in das preußische Ministerium in Unterhandlungen trat. Bennigsen war +dazu geneigt, aber er hielt die Zustimmung der führenden Parteigenossen +zu diesem Schritt für notwendig. Unter dem Einfluß Laskers kam man +überein, dem Eintritt Bennigsens in das Ministerium nur zuzustimmen, +wenn neben Bennigsen auch der Bayer Freiherr v. Stauffenberg und Herr +v. Forckenbeck in das Ministerium Aufnahme fänden. Bennigsen allein +würde der wachsenden reaktionären und schutzzöllnerischen Strömung +gegenüber nicht gewachsen sein. Bismarck brachten diese Bedingungen +namentlich gegen Lasker in hellen Zorn, dem er vorwarf, ihm einmal +wieder in die Suppe gespuckt zu haben. Als dann der alte Kaiser von der +Kombination mit Bennigsen hörte, in dem er wegen seiner Haltung im Jahre +1866 gegen das hannoversche Herrscherhaus einen halben Hochverräter sah +und sich entschieden gegen Bennigsen als preußischen Minister erklärte, +fiel der ganze Plan ins Wasser. Bismarck vergaß den Nationalliberalen +nicht, was sie nach seiner Meinung gegen ihn gesündigt hatten, er nahm +bald darauf Rache an ihnen. + + * * * * * + +Ende des Jahres 1877 siedelte _Auer_ von Hamburg nach Berlin über, um +neben Most und anderen in die Redaktion der "Berliner Freien Presse" +einzutreten. August Geib bemühte sich, an Auers Stelle Julius _Motteler_ +zum Eintritt als Sekretär in das Zentralwahlkomitee zu gewinnen. +Motteler, der aus privaten Gründen 1876 aus der Leitung der Leipziger +Genossenschaftsbuchdruckerei ausgetreten war, lehnte aber ab. + +Bald darauf erlebte Berlin zwei Vorgänge, die die gesamte +Oeffentlichkeit in Spannung versetzten. Am 7. März 1878 starb der Faktor +der Berliner Assoziationsbuchdruckerei August Heinsch und wurde am 10. +März beerdigt. Heinsch war kein Redner, aber er war ein vorzüglicher +Organisator, in dessen Händen alle Fäden der Berliner Bewegung +zusammenliefen, und er hatte sich wegen seiner Unermüdlichkeit, trotz +seines leidenden Zustandes--er starb an der Schwindsucht--zu helfen und +zu raten, wo er konnte, die allgemeinste Sympathie der Berliner Arbeiter +erworben. Das Leichenbegängnis gestaltete sich zu einer großen +sozialdemokratischen Demonstration, wie sie bis dahin Berlin noch nicht +gesehen hatte. Der Polizeipräsident bewies sein Verständnis für die +Bewegung dadurch, daß er die Mitnahme von Fahnen im Zuge, auch wenn sie +verhüllt waren, verbot. + +Die Demonstration hatte durch die Ruhe und Ordnung, mit der sie +verlief, den Gegnern so imponiert, daß der "Kladderadatsch" sich zu +folgendem Gedicht verstieg. + + "_Für die Sozialdemokratie._ + Daß neulich Zucht und Ordnung sie gehalten + Bei ihrem Aufzug, laßt es uns gestehn. + Ein gleicher Geist der Ordnung möge walten + Bei uns, wenn wir in solchen Massen gehn! + Wir wollen gern den Beifall ihnen zollen, + Der ungerecht nur scheint den Toren. + Es sind verloren, + Die nicht vom Gegner lernen wollen." + +Wenige Wochen später sah Berlin ein zweites, womöglich noch größeres +Leichenbegängnis. Paul Dentler, der verantwortliche Redakteur der +"Berliner Freien Presse", war ebenfalls an der Schwindsucht, aber unter +so empörenden Umständen gestorben, daß ein Sturm der Entrüstung die +Partei in Berlin und in ganz Deutschland ergriff. Dentler war wie +Heinsch ein noch junger Mann, der mir in meiner Prozeßangelegenheit +bereitwilligst eine Reihe kleiner Dienste erwiesen hatte. Eine hoch +aufgeschossene schlanke Gestalt mit der bleichen Gesichtsfarbe und der +zarten durchsichtigen Haut, wie sie Schwindsüchtige öfter zu haben +pflegen, war er in seinem ganzen Wesen die personifizierte +Liebenswürdigkeit und Gefälligkeit. + +Dentler war am 18. Januar unter der Anklage, mehrere +Majestätsbeleidigungen und sonstige Vergehen in der "Berliner Freien +Presse" begangen zu haben, in schwer krankem Zustand in +Untersuchungshaft genommen und am 7. Februar von der siebten Deputation +zu 21 Monaten Gefängnis verurteilt worden, wogegen er die Berufung +anmeldete. Dentler beantragte alsdann mit Hinweis auf seinen schwer +kranken Zustand seine Entlassung aus der Untersuchungshaft, die infolge +der Berufung fortdauerte. Das Gericht forderte den Gefängnisarzt zur +Begutachtung des Falles auf. Woche um Woche verging; Dr. Lewin, so hieß +der Ehrenmann, ließ sich ab und zu einmal in der Zelle sehen, fragte +Dentler, wie es ihm gehe, und verschwand wieder. Alles, was Dentler +schließlich erreichte, war, daß er kurz vor seinem Tode aus der +Stadtvogtei in die Gefangenenabteilung der Charité gebracht wurde. + +Von hier schrieb _Dentler_ der Redaktion der "Berliner Freien Presse": + + "Mein Zustand verschlimmert sich jeden Tag, nach Verlauf einer Woche + erinnere ich (an den Antrag auf Entlassung)--vergebens. Eine zweite + Woche bricht an, geht zu Ende und am letzten Tage derselben--vierzehn + Tage nach meinem Antrage--erscheint der Medizinalrat Wolff.... Nach + einer sehr sorgfältigen Untersuchung geht Herr Wolff, nachdem er sich + sehr bedenklich über meinen Zustand ausgesprochen hat.--Seit jener + Untersuchung sind wiederum volle acht Tage verflossen, ich bin nach + wie vor im unklaren über mein Schicksal, die siebte Deputation hat + seitdem drei Sitzungen gehalten und ich--nun ich habe heute nachmittag + in der Spazierstunde Blut gespien, nach meinen bisherigen Erfahrungen + ein Vorbote starker, in kurzer Zeit darauf folgender Lungenblutungen. + Daß ich jetzt eine Lungenblutung vom Schlage der beiden erlebten + überstehen würde, halte ich einfach für unmöglich." + +Und der vorausgesagte Blutsturz kam. Am 24. April war _Dentler_ eine +Leiche. Am 28. April fand seine Bestattung unter immenser Beteiligung +statt; sie war ein flammender Protest gegen die ihm widerfahrene +Behandlung. Wiederum war das Bürgertum erstaunt und erschreckt über die +Massen, die Dentler zu Grabe geleiteten. Dieser Ueberraschung gab jetzt +die "Magdeburger Zeitung" mit den Worten Ausdruck: + + "Wer spricht noch von Arbeiterbataillonen Berlins angesichts dieses + Leichenaufgebots? Das sind Regimenter, Brigaden, Divisionen, ja mehr, + das sind ganze Armeekorps, welche ihrem sicherlich um die Sache + hochverdienten Toten die letzte Ehre erwiesen." + +Seitdem hat Berlin noch manchen sozialdemokratischen Leichenzug gesehen, +größer als jenen der Heinsch und Dentler, die der bürgerlichen Welt ein +_mene tekel upharsin_ zuriefen. + + + + +Der Reichstag Frühjahr 1878. + + +Mittlerweile war der Reichstag zum 6. April 1878 einberufen worden. Ich +war durch meine Haft wieder von seinen Beratungen ausgeschlossen. Ein +Antrag auf meine Beurlaubung hatte wie früher einen negativen Erfolg. + +Die Fraktion war sehr fleißig in der Stellung von Anträgen. Sie +beantragte die Abänderung des Artikels 31 der Verfassung--Freilassung +der Abgeordneten auch aus der Strafhaft--, Aenderung des +Reichstagswahlgesetzes: Einführung der Kuverts, Wahltag am Sonntag, +gesetzliche Festlegung der Zahl und des Umfanges der Wahlkreise nach +jeder Volkszählung, Aenderung der Bestimmungen des Strafgesetzbuchs in +bezug auf Wahlbeeinflussungen; einen Gesetzentwurf betreffend das +Vereins- und Versammlungsrecht, Antrag auf Aenderung des +Freizügigkeitsgesetzes--Einschränkung der Ausweisungen--, Anträge zu dem +Bericht der Kommission über die Einführung der Gewerbegerichte, Anträge +zu dem von den Regierungen eingebrachten Gesetzentwurf betreffend +Aenderung der Gewerbeordnung. + +Bei einer der in jener Zeit öfter vorkommenden Sozialistendebatten +erlaubte sich Bismarck den Scherz: er wolle mir einen polnischen Bezirk +zum Musterversuch für sozialistische Experimente überlassen. Da ich +hinter Schloß und Riegel saß, konnte ich ihm auf diesen Scherz nicht +gebührend antworten. + +Als ich vernahm, daß Motteler zur Frage der Fabrikarbeit der Kinder +sprechen wolle, schrieb ich ihm am 12. Februar: + + "Gestern sagte mir Dr. Glattstern, daß Du ihn wegen Beschaffung von + Material in bezug auf Kindersterblichkeit angegangen habest. Wenn Du + dies in Rücksicht auf die Einschränkung der Kinderarbeit durch die + Gewerbeordnungsnovelle getan, dürfte es sich empfehlen, von + Zahlenmaterial, da es meines Wissens in brauchbarer Weise nicht + vorhanden ist, abzusehen. Die große Kindersterblichkeit ist notorisch, + auch in den späteren Jahren, aber es muß beachtet werden, daß neben + der Fabrikarbeit auch elende Wohnung, elende Nahrung und elende Pflege + während der Krankheiten sehr ins Gewicht fallende Faktoren sind. + Willst Du dagegen die große Kindersterblichkeit in den ersten + Lebensjahren auf die Beschäftigung der Mütter in den Fabriken mit + zurückführen, so ist das unzweifelhaft gut und hierfür kein besseres + Beispiel anzuführen als die Zeit der Baumwollenkrise in England, + während des amerikanischen Bürgerkriegs, in der die Kinder bedeutend + weniger starben, weil sie jetzt infolge der mangelnden Arbeit für die + Mütter die Mutterbrust erhalten konnten (siehe Marx' Kapital). + + Ich glaube, Du tust am besten, hier einfach auf die physischen und + moralischen Nachteile dieser Arbeit an und für sich und in Verbindung + damit auf die Zerrüttung des Familienlebens hinzuweisen, das die + Fabrikarbeit der Mütter hervorruft, und appellierst an das Gefühl der + Gegner, was sie sagen würden, wenn ihren Frauen und Kindern solche + Zumutungen gemacht würden. Daneben wäre die perfide Art, wie die + Reichsregierung im Interesse der Fabrikanten die größere Ausbeutung + ermöglicht, gebührend zu brandmarken. + + Hierbei wäre aber ein neuer guter Gedanke in aller Form zum Austrag zu + bringen. Mache das gänzliche Verbot der Kinder- und eine wesentliche + Einschränkung der Frauenarbeit den Fabrikanten die Konkurrenz des + Auslandes schwer, so solle das Mittel ergriffen werden, das die + Regierung auch schon auf anderen Gebieten mit Erfolg ergriffen hat, + _der Abschluß bezüglicher internationaler Verträge_. Sie würde hierbei + nicht nur die öffentliche Meinung Deutschlands wie in kaum einer + anderen Frage auf ihrer Seite haben, sondern auch die Sympathien der + arbeitenden Klassen des Auslandes. Der moralische Druck eines solchen + Vorgehens würde so groß, daß jede Regierung gezwungen würde, auf + solche Vorschläge einzugehen. + + Ich glaube, mit diesem Trumpf könnten wir sehr viel gewinnen. + + Ihr könntet zu dem Antrag von Schulze-Delitzsch, Nr. 11 der + Drucksachen, betreffend das Genossenschaftsgesetz, einige weitere + Anträge bringen, zum Beispiel auf Einführung der beschränkten + Haftpflicht, analog dem früheren sächsischen Genossenschaftsgesetz. + Auch müssen einige Schulzesche Anträge entschieden bekämpft werden. + Ich stelle mein Exemplar des Berichts zur Verfügung, worin ich zu den + Materien die Bemerkungen, die weiter ausgesponnen werden könnten, + angebracht habe. _Auer_ oder wer sonst Lust hat, könnte dieses Kapitel + übernehmen. + + Ich werde gelegentlich den Bericht (Aktenstück Nr. 11) hinausgeben, + bitte aber mir ihn aufzubewahren und zurückzugeben." + + + + +Im Leipziger Gefängnis und was währenddem geschah. + + +Die Muße im Gefängnis benutzte ich, um unter anderem im "Vorwärts" einen +Artikel für die Gründung einer allgemeinen Parteibibliothek (Archiv) +Stimmung zu machen. Die Ereignisse der nächsten Monate verhinderten, den +Plan weiter zu verfolgen. Ich habe dann den Gedanken später im Züricher +"Sozialdemokrat" aufs neue angeregt und jetzt nahm sich der +Parteigenosse Schlüter, der in der Buchhandlung des "Sozialdemokrat" +beschäftigt war, der Ausführung des Gedankens an. Die Gründung des +Parteiarchivs erfolgte. + +Des weiteren arbeitete ich an der Vollendung meines Buches "Die Frau und +der Sozialismus", das im folgenden Jahre in der ersten Auflage +erscheinen konnte. Auch schrieb ich ein Broschürchen "Das +Reichsgesundheitsamt und sein Programm", in dem ich die +sozialhygienischen Aufgaben erörterte, die nach meiner Ansicht das +Reichsgesundheitsamt lösen müsse, wolle es seinem Namen und seiner +Stellung gerecht werden. + +Meine diesmalige Leipziger Haft gab mir auch die Gelegenheit, einem Teil +meiner Mitgefangenen zu einer kleinen Verbesserung ihrer Lage zu +verhelfen. Zu jener Zeit hatte noch die Oberleitung im Gefängnis ein +alter Inspektor, von dem die Sage ging, daß er in seiner Stellung ein +reicher Mann geworden sei dadurch, daß er den Gefangenen, die im Besitz +von Geld waren, Eßwaren und Getränke zu einem Preise verkaufte, der ihm +einen hohen Nutzen abwarf. Weiter erfuhr ich in der Privatunterhaltung +mit meinem Aufseher, der froh war, wenn ich mit ihm eine Weile +plauderte, daß der Inspektor auch nach anderer Richtung sich an den +Gefangenen verging. So sparte er an Handtüchern und Seife, mit denen die +Gefangenen doppelt so lange aushalten mußten, als vorgeschrieben war. +Die Gefangenen erhielten ihr Mittagessen in Steinkrügen. Daß ab und zu +einer derselben zerbrach, war selbstverständlich. Der Inspektor sorgte +aber nicht für Ersatz, sondern ein Teil der Gefangenen mußte warten bis +der andere Teil gegessen hatte, und dann wurde die mittlerweile kalt +gewordene Speise in den unausgewaschenen Krügen dem anderen Teil +überreicht. + +Diese Mitteilungen erregten meinen Zorn. Ich faßte nunmehr einen Plan, +um dem Inspektor sein Treiben zu legen. Ich setzte mich hin und schrieb +eine Beschwerde an den Direktor des Gerichts, dem damals die +Oberaufsicht über das Gefängnis oblag, worin ich die ganzen ungehörigen +Vorgänge schilderte, aber in der Rolle eines Mannes, der eben als +Gefangener das Gefängnis verlassen und die Ungehörigkeiten des +Inspektors am eigenen Leibe zu spüren bekommen habe, denn ich wurde ja +davon nicht betroffen. Natürlich mußte dieses Schreiben anonym abgehen. + +Als meine Frau mir ihren nächsten Besuch machte, der nur in Gegenwart +des Inspektors stattfinden konnte, drückte ich ihr heimlich einen Zettel +in die Hand, in der ich sie bat, an einem bestimmten Abend Punkt 1/2-10 +Uhr durch die Straße zu gehen, nach der mein Zellenfenster mündete, ich +würde ihr alsdann einen Brief hinunterwerfen, den sie von unbekannter +Hand solle abschreiben lassen und an den Gerichtsdirektor senden. So +geschah es. Als meine Frau mit ihrem Töchterchen auf der Straße +erschien, warf ich ihr aus dem dritten Stock das ziemlich stark +gewordene Briefpaket hinunter, das bei der Stille in der Straße mit +großem Geräusch auf das Pflaster klatschte. Meine Frau hob eilig das +Paket auf und eilte fluchtartig mit ihrem Töchterchen von dannen, sie +glaubten einen Mann hinter sich kommen zu hören und befürchteten, sie +würden verfolgt. Einige Tage später stürzte der Aufseher in großer +Aufregung in meine Zelle und erzählte: den Vormittag habe es zwischen +dem Direktor und dem Inspektor einen heftigen Auftritt gegeben. Der +Alte--wie er den Inspektor bezeichnete--sei zum Direktor befohlen worden +und dieser habe ihm aus einem Briefe, den ein entlassener Gefangener +geschrieben habe, alle seine Sünden vorgerückt und ihm furchtbar den +Marsch geblasen. Der Alte sei ganz aufgeregt zu ihnen, den Aufsehern, +gekommen und habe sofort Order für Abstellung der Uebelstände gegeben. +Der Aufseher erzählte mir das mit großer Genugtuung, selbstverständlich +hütete ich mich, ihn merken zu lassen, wer der Briefschreiber gewesen +war. + + * * * * * + +Anfang Mai veröffentlichte das Zentralwahlkomitee einen Ausruf für die +Abhaltung eines Sozialistenkongresses, der in der Zeit vom 15. bis 18. +Juni abermals in Gotha stattfinden sollte. Unter den Punkten der +Tagesordnung befand sich als Punkt 3: Beratung über die Stellung der +Sozialdemokratie zum Staats- und Gemeindebetrieb, für den ich mit +Rittinghausen als Berichterstatter angemeldet wurde. Den Anstoß zu +diesem Beratungspunkt gab der Bismarcksche Plan, die Eisenbahnen in +Reichsbesitz zu bringen, ferner das Tabakmonopol einzuführen, ein Plan, +der damals zwar noch nicht öffentlich erörtert worden war, aber es war +durchgesickert, daß in den Verhandlungen Bismarcks mit Herrn v. +Bennigsen das Tabakmonopol eine Rolle gespielt habe. Auch hatte unser +Parteigenosse Rittinghausen sich für die Verstaatlichung des +Versicherungswesens öffentlich ausgesprochen und damit in der Partei +nicht überall Zustimmung gefunden. + +Der geplante Kongreß kam aber nicht mehr zur Ausführung, die +eintretenden Ereignisse machten ihn unmöglich. + + + + +Das Hödel-Attentat und seine Folgen. + + +Am 12. Mai wurde mir in meine Zelle die Nachricht, die mich im höchsten +Grad überraschte, überbracht, daß am Tage zuvor, nachmittags 3 Uhr, ein +gewisser Hödel aus Leipzig, der Sozialdemokrat wäre, ein Attentat auf +den alten Kaiser gemacht habe, der aber unverwundet geblieben sei. Mir +erschien der Vorgang zunächst unerklärlich. Der Name Hödel _alias_ +Lehmann war mir bekannt. Hödel war das Jahr zuvor in Leipzig in der +Partei aufgetaucht. Persönlich kannte ich ihn nicht. Da er keine Arbeit +hatte, vielleicht auch keine nehmen wollte--er hatte als Klempner +gelernt--, hatte er sich mit der Verbreitung unseres Leipziger +Lokalorgans, "Die Fackel", und mit dem Verkauf sozialistischer Schriften +beschäftigt. Aber er erwies sich bald als Schwindler. Er unterschlug die +eingenommenen Gelder, was die Expedition der "Fackel" schon am 5. April +veranlaßte, bekannt zu machen, daß Hödel der Vertrieb des Blattes +entzogen worden sei. Ferner hatte einige Tage später die Leipziger +Parteimitgliedschaft beschlossen, Hödels Ausschließung aus der Partei zu +beantragen, und in der Tat hatte das Zentralwahlkomitee den Ausschluß +Hödels aus der Partei am 9. Mai, also zwei Tage vor seinem Attentat, +öffentlich im "Vorwärts" bekannt gemacht. + +Hödel hatte sich alsdann, nachdem er bei uns unmöglich geworden war, an +den nationalliberalen Agitator Sparig und die Redaktion des +nationalliberalen "Leipziger Tageblatts" gewendet und lieferte diesen +für Geld eine Reihe unwahrer und übertriebener Anklagen gegen die +Partei, die das "Leipziger Tageblatt" gegen uns ausschlachten versuchte. +Nachdem er in Leipzig seine Mission gegen die Partei erfüllt hatte, +suchten ihn Sparig und Konsorten los zu werden; sie gaben ihm das Geld +zur Reise nach Berlin. Hier angekommen, hielt er es mit beiden Lagern. +Er trat in einen sozialdemokratischen Verein und gleichzeitig in die +christlichsoziale Partei des Hofpredigers Stöcker ein, um den sich +damals eine große Zahl katilinarischer Existenzen aus den +verschiedensten Schichten gesammelt hatte. So auch der Schneider +Grüneberg, der zwei Jahre zuvor in Stuttgart und München von der +sozialdemokratischen Partei wegen Betrügereien ausgeschlossen worden +war. Grüneberg, der später auch von Stöcker gegangen wurde, verriet, daß +neben Hödel auch Dr. Nobiling, der spätere zweite Attentäter auf den +Kaiser, Mitglied der christlichsozialen Partei gewesen war. Er, +Grüneberg, habe auf Geheiß des Hofpredigers eine neue Mitgliederliste +anfertigen müssen, in der der Name Nobilings fehlte. In Berlin hatte +Hödel sowohl sozialdemokratische wie christlichsoziale Blätter und +Schriften, so den "Staatssozialist" und ein Flugblatt "Ueber die Liebe +zu König und Vaterland" verbreitet. Als er verhaftet wurde, fand man +auch Photographien von Liebknecht, Most und mir bei ihm, mit denen er +handelte. Ueber die moralische Qualifikation dieses Menschen konnte wohl +kein Zweifel bestehen. + +Sobald Bismarck die Nachricht von dem Hödelattentat in Friedrichsruh +erhielt, telegraphierte er nach Berlin: _Ausnahmegesetz gegen die +Sozialdemokratie_, woraus ersichtlich war, wie gierig er auf irgend eine +Gelegenheit wartete, der verhaßten Partei womöglich den Todesstoß zu +versetzen. Anfangs nahmen die Oeffentlichkeit und die Presse die +Nachricht von dem Attentat ziemlich kühl auf. Als einzelne Blätter den +Versuch machten, die Sozialdemokratie für das Attentat verantwortlich zu +machen, wies der offiziöse Hamburger Korrespondent in einem Artikel +nach, daß binnen 78 Jahren 35 Meuchelmorde und Meuchelmordversuche gegen +hervorragende politische Peinlichkeiten vorgekommen seien, und zwar von +Angehörigen der verschiedensten Parteien. Die Anklage, der politische +Meuchelmord sei am Holze der Sozialdemokratie gewachsen, sei unhaltbar. +Auch im Reichstag faßte man den Vorgang zunächst noch so kühl auf, daß +ein Antrag von uns auf Einstellung eines Strafverfahrens gegen Most am +14. Mai ohne jede Debatte angenommen wurde. + +Bei seiner ersten Vernehmung bestritt Hödel, daß er auf den Kaiser habe +schießen wollen, er habe vielmehr die Absicht gehabt, Selbstmord zu +begehen als Zeichen der Erbärmlichkeit unserer Zustände, die ihn dazu +genötigt hätten. Dafür sprach, daß, als er verhaftet wurde, er keinen +Pfennig in der Tasche hatte und daß der Revolver, den er benutzte, ein +elendes Ding war, der, wie der Büchsenmacher, der ihn untersuchte, +feststellte, auf wenige Schritte sein Ziel verfehlen mußte. Es wurde +weiter festgestellt, daß Hödel als uneheliches Kind seiner Mutter, die +einen Lehmann geheiratet hatte, weshalb er sich auch zeitweilig Lehmann +nannte, eine schlechte Erziehung genossen hatte. Man hatte ihm zwar das +Hirn mit Katechismus- und Bibelsprüchen vollgepfropft, aber er konnte +keinen Satz richtig schreiben. Außerdem wurde eine venerische +Verseuchung bei ihm festgestellt. Als er zur Gerichtsverhandlung geführt +wurde, betrat er blöde lachend den Gerichtssaal, und mit demselben +Lachen verließ er ihn nach seiner Verurteilung. Einen Brief, den er an +seine Eltern schrieb, unterzeichnete er: Max Hödel, Attentäter Sr. +Majestät des Deutschen Kaisers. Festgestellt war auch worden, daß er von +Jugend auf ein Lügner und Dieb war. Das ganze Benehmen des Mannes war, +wie der Gerichtshof, der ihn nichtsdestoweniger zum Tode verurteilte, +feststellte, das eines _geistig und körperlich zerrütteten Menschen_. +Und wegen der Tat eines solchen Menschen sollte die deutsche +Sozialdemokratie ans Kreuz geschlagen werden. + +Hödel hatte den Rechtsanwalt Otto Freitag in Leipzig als Verteidiger +gewünscht. Freitag erklärte sich auch bereit, die Verteidigung zu +übernehmen, er verlangte aber die Zusendung der Akten und eine +achttägige Frist zum Studium derselben und zur Vorbereitung der +Verteidigung. Bezeichnenderweise wurde ihm beides _abgeschlagen_. Man +hatte es sehr eilig mit Hödels Prozeß und Hinrichtung. Hödel erhielt +jetzt einen Offizialverteidiger, der nichts Besseres zu tun wußte, als +sich vor Gericht zu entschuldigen, daß ihn das Los getroffen habe, die +Verteidigung eines Hochverräters übernehmen zu müssen. Hödels Kopf fiel +unter dem Beil des Henkers. Als Professor Virchow bat, ihm den Kopf +Hödels zur anatomischen Untersuchung zu überlassen, _wurde ihm dieses +verweigert_. + +Die Hinrichtungsurkunde mußte der Kronprinz Friedrich unterzeichnen, der +die Stellvertretung des Kaisers übernommen hatte, nachdem dieser +mittlerweile durch das am 2. Juni erfolgte Nobilingsche Attentat schwer +verwundet worden war. Der Kronprinz hat dann während seiner Regentschaft +kein einziges Todesurteil mehr unterzeichnet, obgleich sich unter den +Verurteilten ein Doppelmörder befand. Auch noch andere Symptome sprachen +dafür, wie anders er die ganzen Vorgänge auffaßte. + + + + +Das erste Ausnahmegesetz. + + +Das Verlangen Bismarcks nach einem Ausnahmegesetzentwurf gegen die +Sozialdemokratie wurde bald erfüllt. Bereits am 12. Mai traf Bismarcks +_Entwurf_ für ein Ausnahmegesetz in Berlin ein, den 14. Mai war derselbe +von seiner Kanzlei fertig gestellt worden und fand seine Zustimmung. +Bereits am 16. wurde derselbe vom Bundesrat genehmigt--am eifrigsten +plädierte die sächsische Regierung dafür--und am 20. Mai kam er mit den +Motiven an den Reichstag, der ihn schon am 23. auf seine Tagesordnung +setzte. + +Den Nationalliberalen war bei diesen ganzen Vorgängen nicht wohl zumute; +sie fühlten instinktiv, daß Bismarck noch andere Pläne im Hintergrund +habe, die sich gegen sie selbst richteten. In der preußischen Regierung +waren Wandlungen vor sich gegangen, die nichts Gutes ahnen ließen. Statt +des Eintritts von Bennigsen und Forckenbeck in das Ministerium, waren +zwei Hochkonservative, der Graf Botho zu Eulenburg und der Graf Udo zu +Stolberg-Wernigerode, derselbe, der 1909 als Präsident des Reichstags +starb, berufen worden. Der freihändlerische liberale Finanzminister v. +Camphausen hatte ebenfalls seinen Abschied nehmen müssen und kam an +seine Stelle der charakterschwache nationalliberale Hobrecht. Ebenso +mußte der liberale Kultusminister Falk, der Verfasser der Maigesetze +gegen das Zentrum und des einzig liberalen Gesetzes aus dem Kulturkampf, +des Gesetzes über die Einführung der Zivilstandsregister, das Feld +räumen, was eine große Konzession an das Zentrum bedeutete. Die +Nationalliberalen hatten also alle Ursache zum Mißtrauen. + +Nach der sechs Paragraphen umfassenden Sozialistengesetzvorlage konnten +Drucksachen und Vereine, welche die Ziele der Sozialdemokratie +verfolgten, vom Bundesrat verboten werden. Dem Reichstag mußte, sobald +derselbe versammelt war, Mitteilung von den Verboten gemacht werden. Ein +Verbot mußte außer Kraft gesetzt werden, wenn der Reichstag dies +verlangte. Die Polizeibehörden konnten die Verbreitung von +Druckschriften auf öffentlichen Wegen, Straßen, Plätzen oder anderen +öffentlichen Orten vorläufig verbieten. Das Verbot sollte erlöschen, +wenn nicht innerhalb vier Wochen die Druckschrift seitens des Bundesrats +verboten wurde. Das Verbot und die Auflösung von Versammlungen war ganz +und gar in die Hände der Polizei gelegt. Berufung sollte es hiergegen +nicht geben. Die Zuwiderhandlungen gegen die Verbote sollten mit +Gefängnis bis zu fünf Jahren bestraft werden. Die Beschlagnahme einer +Druckschrift sollte ohne richterliche Anordnung vorgenommen werden +können. Vorsteher von verbotenen Vereinen, Unternehmer und Leiter von +verbotenen Versammlungen und diejenigen, die ein Lokal für einen +verbotenen Verein oder eine verbotene Versammlung hergaben, sollten mit +einer Mindeststrafe von nicht unter drei Monaten belegt werden. Das +Gesetz sollte für einen Zeitraum von drei Jahren Gültigkeit haben. + +In der Annahme, die Fraktion werde bei Beratung der Vorlage durch einen +ihrer Redner gegen dieselbe scharf ins Zeug gehen, schrieb ich Motteler +unter dem 20. Mai aus dem Gefängnis: + + "Da die Einbringung der Ausnahmemaßregel Tatsache ist, so mag + derjenige, der von unserer Seite dazu zum Wort kommt, nicht vergessen, + daß seine Rede in einigen hunderttausend Exemplaren verbreitet werden + muß. Auch ist zu beachten, daß im Falle der Ablehnung der Vorlage der + Reichstag ausgelöst wird, wir also vor einer Wahlkampagne stehen und + dann diese Rede ihre Dienste leisten muß. Also vor allen Dingen alles, + was auf den Täter Bezügliches in unseren Händen ist, Punkt für Punkt + erörtert. + + Das Sonntag-Morgenblatt der Frankfurter Zeitung bringt einen guten + Leitartikel, den ich Euch zur Beachtung empfehle. Der Gesetzentwurf + grenzt an Wahnsinn." + +Die Fraktion hatte aber nach längerer Beratung beschlossen, durch +Liebknecht eine Erklärung abgeben zu lassen und sich an den weiteren +Verhandlungen nicht zu beteiligen. + +Die Beratung im Reichstag wurde eingeleitet mit einer kurzen Rede des +Grafen zu Eulenburg. Dann erhielt Liebknecht das Wort zu folgender +Erklärung: + + "Der Versuch, die Tat eines Wahnwitzigen, noch ehe die gerichtliche + Untersuchung geschlossen ist, zur Ausführung eines lang vorbereiteten + Reaktionsstreichs zu benutzen und die "moralische Urheberschaft" des + noch unerwiesenen Mordattentats auf den deutschen Kaiser einer Partei + aufzuwalzen, welche den Mord in jeder Form verurteilt und die + wirtschaftliche und politische Entwicklung als von dem Willen + einzelner Personen ganz unabhängig auffaßt, richtet sich selbst so + vollständig in den Augen jedes vorurteilslosen Menschen, daß wir, die + Vertreter der sozialdemokratischen Wähler Deutschlands, uns zu der + Erklärung gedrungen fühlen: + + Wir erachten es mit unserer Würde nicht vereinbar, an der Diskussion + des dem Reichstage heute vorliegenden Ausnahmegesetzes teilzunehmen + und werden uns durch keine Provokationen, von welcher Seite sie auch + kommen mögen, in diesem Beschluß erschüttern lassen. Wohl aber werden + wir uns an der Abstimmung beteiligen, weil wir es für unsere Pflicht + halten, zur Verhütung eines beispiellosen Attentats auf die + Volksfreiheit das Unserige beizutragen, indem wir unsere Stimmen in + die Wagschale werfen. + + Falle die Entscheidung des Reichstags aus wie sie wolle--die deutsche + Sozialdemokratie, an Kampf und Verfolgungen gewöhnt, blickt weiteren + Kämpfen und Verfolgungen mit jener zuversichtlichen Ruhe entgegen, die + das Bewußtsein einer guten und unbesiegbaren Sache verleiht." + +Nach Liebknecht nahm Bennigsen das Wort. Er hielt eine Rede, die ich für +die beste ansehe, die er bis dahin gehalten hatte; sie zeigte, daß er +auch anders konnte und daß er vermochte, die Dinge auch von einem +höheren Standpunkt, als er bisher bei den nationalliberalen Rednern zur +Geltung kam, zu beurteilen. Es sei die Ansicht laut geworden, führte er +unter anderem aus, die Regierung habe die Vorlage eingebracht, obgleich +sie wisse, daß sie abgelehnt werde. Er erwarte, daß diese Ansicht +dementiert werde. Er wies auf die Unsicherheit und die schwankenden +Verhältnisse in der Regierung hin, die niemals so schlimm gewesen seien +wie jetzt. _In Preußen sei die Ministerkrise in Permanenz._ Wolle man +diktatorische Gewalt, müsse man vor allen Dingen wissen: wer übt sie +aus? Seine Partei könne kein Ausnahmegesetz wie das verlangte +bewilligen, die Geschichte zeige, wohin diese führten und daß sie nichts +nützten. Er machte darüber längere historische Betrachtungen. Weiter +sprach er sich im Laufe der Rede für das Aufhören des Kulturkampfes aus. +Das war der müde Mann, der einen Kampf beendigt zu sehen wünschte, bei +dem bisher die sogenannten Kulturkämpfer keine Seide gesponnen hatten, +obgleich einstmals er und seine Freunde diesen Kampf unter Führung +Bismarcks mit Jubel begrüßt und durchgefochten hatten. Schließlich erbot +er sich, auf dem Boden des gemeinen Rechtes im nächsten Jahre eine +Vorlage durchbringen zu helfen, die die bürgerliche Freiheit mit +gesetzlicher Ordnung und fester Autorität im öffentlichen Leben für alle +Klassen vereinige. + +Er erbot sich also jetzt zu dem, was er und seine Freunde zwei Jahre +früher mit guten Gründen abgelehnt hatten. Das war wieder ganz +nationalliberal. Aber die Ereignisse schritten über diese Vorsätze +hinweg und zwangen Bennigsen und seine Freunde, doch zu tun, was sie +augenblicklich ablehnten. + +Nach zweitägiger Verhandlung wurde § 1 der Vorlage mit 243 gegen 60 +Stimmen bei 6 Enthaltungen abgelehnt. Noch stimmte das Zentrum +geschlossen gegen die Vorlage; von den Nationalliberalen erklärten sich +die Professoren Beseler, Gneist und v. Treitschke dafür. Nach diesem +Resultat zog die Regierung die Vorlage zurück. + +War das Ausnahmegesetz einstweilen gefallen, so veranlaßte nunmehr Graf +zu Eulenburg durch einen Erlaß vom 1. Juni an die Polizeibehörden diese +zu scharfem Einschreiten gegen die Partei. "Es sei Pflicht, der +sozialdemokratischen Agitation entschieden entgegenzutreten und zu +diesem Zwecke von den zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln, unter +sorgfältiger Einhaltung der durch die Gesetze gezogenen Schranken, +innerhalb derselben aber bis an die Grenze des Zulässigen Gebrauch zu +machen." + +Einer solchen Aufforderung bedurfte es nicht erst. Die Polizei zeigte +überall den größten Eifer für ihre staatsretterische Tätigkeit und +Staatsanwälte und Richter nicht minder. + + + + +Das Nobiling-Attentat und seine Wirkung. + + +Ich war Ende Mai aus der Haft entlassen worden. Am 2. Juni, einem +Sonntag, machte ich mit Frau und Kind einen Spaziergang, von dem wir +nach 7 Uhr abends zurückkehrten. Kaum waren wir zu Hause angekommen, so +trat die Schwester des Rechtsanwalts Freytag in großer Eile in unsere +Wohnung und fragte aufgeregt, ob wir nicht wüßten, was passiert sei? Wir +wohnten in der äußeren Stadt, wohin Nachrichten, namentlich am Sonntag, +nicht rasch drangen. Ich verneinte die Frage. Darauf stellte Fräulein +Freytag weiter die Frage: "Kennen Sie einen Dr. Nobiling? Derselbe hat +heute nachmittag auf den Kaiser geschossen und ihn schwer verwundet." +Ich war sprachlos, wie vom Blitz getroffen. Ich antwortete, der Name +Nobiling sei mir nicht bekannt, ich hielt für ausgeschlossen, daß er zur +Partei gehöre. Beruhigt entfernte sich die junge Dame. + +Am nächsten Morgen eilte ich auf die Redaktion des "Vorwärts", um zu +hören, was man dort wisse und wie man den Fall beurteile. Ein öffentlich +angeschlagenes Telegramm enthielt kein Wort davon, daß Nobiling der +Sozialdemokratie angehöre. Erleichtert atmete ich auf und trat in die +Redaktion mit den Worten ein: "Na, den können sie uns nicht an die +Rockschöße hängen." Liebknecht, Hasenclever und alle übrigen Anwesenden +waren mit mir der gleichen Ansicht, niemand kannte den Attentäter, +keiner hatte vorher auch nur seinen Namen gehört. In beruhigter Stimmung +verließ ich die Redaktion, mußte aber nach wenigen Minuten wieder +umkehren, weil mittlerweile ein zweites Telegramm veröffentlicht worden +war, in dem es hieß: Nobiling habe in seiner ersten Vernehmung bekannt, +er sei Sozialdemokrat und habe Mitschuldige. Wir alle waren sprachlos. + +Diese Angaben des Wolffschen Telegraphenbureaus erwiesen sich nachher, +wie viele andere Nachrichten gleicher Art, die damals mit größter +Geflissentlichkeit verbreitet wurden, als grobe Unwahrheiten und +Fälschungen. Aber sie erreichten im vollsten Maße ihren Zweck. Die +öffentliche Meinung, die schon durch die am 1. Juni eingetroffene +Nachricht aufs höchste erregt worden war, daß der "Große Kurfürst", +eines der größten Schiffe der damaligen deutschen Flotte, bei hellem +Tage infolge einer Kollision mit einem anderen Schiffe mit fast +fünfhundert Köpfen Besatzung angesichts der englischen Küste +untergegangen sei, geriet über das zweite Attentat in Siedehitze. + +Als bei Bismarck die Nachricht eintraf, rief er frohlockend: Jetzt habe +ich die Kerle--die Nationalliberalen--, jetzt drücke ich sie an die +Wand, daß sie quietschen; dann erst erkundigte er sich nach dem Befinden +des durch die Nobilingsche Schrotflinte schwer verwundeten Kaisers. Die +Auflösung des Reichstags und infolgedessen Neuwahlen standen nunmehr in +sicherer Aussicht, durch die er eine Mehrheit zusammenzubekommen hoffen +durfte, die ihm sowohl ein Ausnahmegesetz gegen uns wie neue Einnahmen +durch die einzuführende Schutzzollpolitik gewährte. + +Nobiling hatte den Schuß auf den Kaiser aus dem Fenster eines Hauses +Unter den Linden, woselbst er sich eingemietet hatte, abgegeben. Er +selbst hatte danach durch zwei Fehlschüsse einen Selbstmordversuch +gemacht. Ein Offizier, der sich unter den Personen befand, die nach dem +Schuß auf den Kaiser in Nobilings Wohnung eindrangen, hatte ihm mit +einem Säbelhieb eine schwere Kopfwunde beigebracht. Nobiling war +zunächst besinnungslos und vollkommen vernehmungsunfähig. Festgestellt +wurde, daß er vor Jahren Landwirtschaft in Leipzig studiert hatte und +dort im Seminar des Professors Birnbaum, eines unserer schlimmsten +Gegner, sich bei den Debatten als heftiger Widersacher unserer Partei +gezeigt hatte. Von Leipzig war er nach Dresden gegangen, wo er das +Seminar des Professors Böhmert besuchte, der gleichfalls ein eifriger +Gegner der Sozialdemokratie war. In Dresden zeigte sich Nobiling +wiederholt in Versammlungen, in denen er als Gegner unserer Partei Reden +hielt, wodurch ihn unsere Parteigenossen dort, wie Vollmar, Schlüter, +Paschky usw., kennen lernten. Diese machten nachher in der Untersuchung +wider Nobiling Zeugenaussagen, nach denen er ein unbedeutender Mensch +und großer Wirrkopf war. Er hatte mit der Partei noch weniger zu tun +gehabt als Hödel. Mehrfach wurden Stimmen laut, die die Ansicht +vertraten, daß Nobiling zu seiner Tat erst angeregt worden sei durch die +Art, wie ein großer Teil der Presse sich mit der Person Hödels +beschäftigte, dessen Porträt zum Beispiel von einem Familienblatt in +einem Prachtholzschnitt dargestellt wurde. Die Meinung, daß man es auch +in Nobiling mit einem geistig kranken Menschen zu tun habe, war weit +verbreitet. So schrieb selbst die freikonservative "Post", allezeit eine +der gehässigsten Gegnerinnen der Sozialdemokratie: Bei allen Antworten, +die Nobiling gebe, umspiele ein eigentümliches Lächeln seine Lippen, das +auf Geistesstörung schließen ließe. Und dem Redakteur der "Germania", +Majunke, gegenüber hatte der Untersuchungsrichter Nobilings geäußert: +"Das Bild, das die Zeitungen über Nobiling ausmalen, ist ganz und gar +unzutreffend, er ist nichts weniger als intelligent, er ist noch dümmer +als Hödel." Als Nobiling am 10. September im Gefängnis starb, war nicht +der geringste Beweis erbracht, daß die Sozialdemokratie direkt oder +indirekt mit dem Attentäter in Verbindung gestanden oder sein Handeln +beeinflußt hatte. + +Für die Hetzer, die um jeden Preis die beiden Attentate für ein +Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie ausnutzen wollten, waren alle +diese Feststellungen nicht vorhanden. Bismarck mißbrauchte den +gewaltigen Einfluß, den er mit Hilfe des Reptilienfonds auf einen großen +Teil der Presse ausübte, um die Bevölkerung zum fanatischsten Hasse +gegen die Sozialdemokratie aufzupeitschen. Und dieser Presse schlossen +sich alle an, die an einer Niederlage der Sozialdemokratie ein Interesse +hatten, insbesondere ein großer Teil der Unternehmerschaft. Die Partei +hieß im gegnerischen Lager nur noch die Partei der Meuchelmörder, der +Allesruinierer, die der Masse den Glauben an Gott, Königtum, Familie, +Ehe und Eigentum raube. Diese Partei zu bekämpfen und sie, wenn möglich, +zu vernichten, erschien diesen Gegnern als die glorreichste Tat. +Tausende und aber Tausende von Arbeitern, die als Sozialdemokraten +bekannt waren, wurden auf die Straße geworfen. In den Annoncenteilen der +Zeitungen erschienen Erklärungen, wodurch die Arbeiter sich +verpflichteten, fernerweit weder einer sozialdemokratischen Organisation +anzugehören, noch sozialdemokratische Blätter zu halten und zu lesen, +noch Geld für sozialdemokratische Bestrebungen zu opfern. Dieser +Unternehmerterrorismus war so stark, daß unsere Parteizeitungen die +Anhänger der Partei aufforderten, sie sollten jede gewünschte Erklärung +unterzeichnen, sie könnten nachher doch tun, was sie wollten, einem +solchen Terrorismus gegenüber gebe es kein Worthalten. Der Terrorismus +und der damit verbundene Boykott gingen noch weiter: Patriotische +Hausherren kündigten ihren sozialdemokratischen Mietern, Wirte, die +jahrelang froh waren, Sozialdemokraten zu ihren Kunden zu zählen, +forderten jetzt diese auf, ihre Lokalitäten zu meiden. In Leipzig hatten +die Redakteure des "Vorwärts" und der "Neuen Welt"--Liebknecht, +Hasenclever, Geiser--die Gewohnheit, nach Schluß der Redaktion am +Nachmittag in einem bestimmten Lokal einen "Frühschoppen" zu trinken. +Der Wirt ließ ihnen nunmehr sagen, daß er auf ihren Besuch gern +verzichte. Aehnliche Vorgänge wiederholten sich auch gegenüber den +Redakteuren der "Berliner Freien Presse" und anderwärts. + +In Schwerin warf man dem alten Demmler an zwei Nächten hintereinander +die Fenster ein, was den vierundsiebzigjährigen Mann so aufregte, daß er +auf einige Zeit Schwerin verließ und die weitere Annahme einer +Kandidatur für den Reichstag ablehnte. Alle diese Ausbrüche fanatischer +Roheit und politischen Wahnsinns genügten aber den "Patrioten" noch +nicht, um ihre Verfolgungswut zu befriedigen. Es entstand eine +Sintflut von Denunziationen wegen wirklichen und angeblichen +Majestätsbeleidigungen. In zahlreichen Fällen wurde gerichtlich +konstatiert, daß gemeine Rachsucht wegen verletzter Privatinteressen die +Denunzianten zu ihrem Vorgehen leitete. Das hinderte aber nicht, daß die +härtesten Bestrafungen ausgesprochen wurden. Ein großer Teil der Richter +war ebenfalls vom Verfolgungsparoxysmus befallen, und so verkündeten sie +Strafen von ein, zwei, drei bis zu fünf Jahren Gefängnis, der +Maximalstrafe, die das Gesetz zuließ. Aeußerungen, die vordem keinen +Staatsanwalt auch nur einen Augenblick aus seiner Ruhe aufgescheucht +haben würden, wurden jetzt als Kardinalverbrechen angesehen und aufs +härteste bestraft. + +Anfang Juli schrieb die fortschrittliche "Vossische Zeitung": "Nachdem +wir über die auswärtigen Verurteilungen (wegen Majestätsbeleidigung) in +einer Gesamthöhe der erkannten Strafen von 500 bis 600 Jahren berichtet +haben, _widerstrebt es uns, die traurige Liste weiterzuführen_." Was +sollte man aber zu Richtern sagen, die ganz und gar vergessen hatten, +was sie ihrem Amte schuldig waren? _In zwei Monaten wurden 521 Personen +zu rund 812 Jahren Gefängnis verurteilt._ Nur ein kleiner Teil der +Verurteilten war sozialdemokratisch gesinnt. Auch die Polizeibehörden +waren, wie immer bei solchen Gelegenheiten, wie von Sinnen und +veranstalteten Haussuchungen und veranlaßten Verhaftungen auf jede vage +Vermutung hin. Die allermeisten der Verhafteten mußten nach kurzer Zeit +wieder entlassen werden. + +Hatte bereits im Mai der Senat zu Hamburg die Abhaltung eines +allgemeinen deutschen Gewerkschaftskongresses untersagt, so verbot +Anfang Juni der Stadtrat zu Gotha die Abhaltung des deutschen +Sozialistenkongresses, und ähnlich verfuhren die Behörden vielfach gegen +Vereine und Versammlungen. Wiederholt wurden uns Aeußerungen aus +maßgebenden Kreisen zugetragen, wie die: Die Sozialdemokratie müsse so +geknebelt und an die Wand gedrückt werden, daß sie aufmucke und man +schießen könne. Das veranlaßte die "Berliner Freie Presse" zu der +Ankündigung: "Seid vorsichtig und habt acht, man will schießen." Trotz +alledem kündigten eine Anzahl Parteiblätter ihre Vergrößerung mit dem 1. +Juli an. Die Zahl der Abonnenten der "Berliner Freien Presse" war seit +Neujahr von 10000 auf 14000 gewachsen. Ende September 1878 hatte aber +auch die "Berliner Freie Presse" sechs Redakteure hinter Schloß und +Riegel, darunter Richard Fischer, der als junges Kerlchen die Aufnahme +in den Bund der Geächteten mit sieben Monaten Gefängnis zu bezahlen +hatte. + + * * * * * + +Für mich und unser Geschäft hatte die allgemeine Hetze ganz besonders +mißliche Folgen. Ich war genötigt, nach meiner längeren Haft endlich +eine Geschäftsreise zu unternehmen. Dieselbe sollte nach +Nordwestdeutschland und dem Unterrhein vor sich gehen, Länderstrecken, +die ich bisher zum größten Teil geschäftlich noch nicht besucht hatte. +Das war im gewissen Sinne mein Glück. Ich war in jenen Gegenden +persönlich nur sehr wenig bekannt und konnte es so riskieren, in den +Hotels unter angenommenem Namen zu wohnen, da ich unter meinem eigenen +Namen _nirgends_ als Gast geduldet worden wäre. Tag für Tag war ich an +der Wirtstafel Augen- und Ohrenzeuge, wie die Gäste in Ausdrücken +grenzenlosen Hasses sich gegen die Partei und speziell auch gegen meine +Person ergingen. Wäre ich erkannt worden, es wäre zu den schlimmsten +Szenen gekommen. Aehnlich erging es mir aber auch bei dem Besuch der +Geschäftsleute, denen ich unsere Fabrikate zum Kauf anbot. Den ersten +Besuch machte ich bei einem Kaufmann in Halle a.S. Demselben gefielen +unsere Artikel und er gab mir einen namhaften Auftrag. Sobald ich ihm +aber unsere Geschäftskarte überreichte und er den Namen der Firma las, +erklärte er schroff: Mit dieser Firma arbeite ich nicht, annullieren Sie +meine Bestellung. Und so erging es mir häufig. Andere wieder lehnten, +ohne irgendeine Bemerkung zu machen, eine Bestellung zu geben ab. Ich +machte so schlechte Geschäfte, daß, als ich nach sechs Wochen nach Hause +zurückkehrte, froh war, das Erlebte hinter mir zu haben, da ich aus den +Verkäufen unserer Artikel nicht einmal die Reisespesen gedeckt hatte, +obgleich ich diese aufs niedrigste zu halten suchte und zu diesem Zwecke +in den einzelnen Orten selbst meinen neun Kilo schweren Musterkoffer +Straße auf, Straße ab bei Regen und glühendem Sonnenschein trug, um +keinen Trägerlohn ausgeben zu müssen. + + + + +Die Reichstagswahl von 1878. + + +Wieder nach Hause gekommen, stürzte ich mich in die Wahlagitation. +Bismarck, der es auch hier wieder verstand, das Eisen zu rechter Zeit zu +schmieden, und den die Attentate aus allerlei inneren Wirrnissen befreit +hatten, hatte im Bundesrat den Antrag auf Auflösung des Reichstags +gestellt, dem der Bundesrat am 12. Juni Folge leistete. Die Wahlen +wurden auf den 30. Juli 1878 angesetzt. + +Wenn es Bismarck nur um ein Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie zu +tun gewesen wäre, so hätte er dieses auch ohne Auflösung des Reichstags +bekommen. Nach dem Nobilingattentat versicherte die gesamte +nationalliberale Presse und bei den verschiedensten Gelegenheiten auch +die Abgeordneten der Partei, daß sie jetzt bereit seien, ein scharfes +Ausnahmegesetz gegen uns zu bewilligen. + +Damit war aber Bismarck allein nicht mehr gedient. Er war entschlossen, +die Macht der Nationalliberalen zu brechen; ihren Ansprüchen, erklärte +er, könne keine Regierung gerecht werden. Und wie bescheiden waren diese +Ansprüche doch immer gewesen. Er veranlaßte die Veröffentlichung einer +förmlichen Programmerklärung, in der er mit der herrschenden, angeblich +dem Freihandel dienenden Wirtschaftsordnung vollständig brach. Das +bisherige Vorherrschen von Juristen, Beamten und Gelehrten, von Leuten +ohne produktive Beschäftigung hätten dem Parlament eine unpraktische +Richtung gegeben. Der Parteihaß, der Machtstreit der Fraktionen, der +Ehrgeiz ihrer Führer veranlasse, daß die Zeit mit oratorischen +Schaustellungen vergeudet werde. Die Mehrzahl habe keinen produktiven +Beruf, sie treibe weder ein Gewerbe noch Handel, weder Industrie noch +Landwirtschaft. Die Vertretung der wirtschaftlichen Interessen läge in +den Händen solcher, die von Gehalt, Honorar, von Diäten (die damals der +Reichstag noch nicht erhielt. A.B.), vom Preßgewerbe oder von +zinstragenden Papieren lebe. Usw. + +Die Philippika ließ an Deutlichkeit, aber auch an Grobheit nichts zu +wünschen übrig. Die Beamten, die den Wahlkampf beeinflussen konnten, +wußten nun, woran sie waren, und handelten danach. + +Der Wahlkampf entbrannte mit einer bisher nicht gekannten Heftigkeit. +Die Bismarcksche Wahlparole verhinderte nicht, daß alle bürgerlichen +Parteien den Kampf gegen uns als ihre vornehmste Pflicht ansahen. "Die +Sozialdemokratie muß aus dem Reichstag hinaus. Kein Sozialdemokrat darf +mehr gewählt werden", wurde die Losung auch in der fortschrittlichen +Presse. Und obgleich für jeden sichtbar war, was Bismarck im Schilde +führte, und er nicht bloß unsere Vernichtung, sondern auch die +Schwächung der Liberalen erstrebte, brachte es der Führer der +Fortschrittspartei, _Eugen Richter_, fertig, als im Erfurter Wahlkreis +der sozialdemokratische mit dem konservativen Kandidaten in engerer Wahl +stand, seinen Parteigenossen die Wahlparole zu telegraphieren: Lieber +Lucius (konservativ) als Kapell (der Sozialdemokrat). Sein Haß gegen uns +machte ihn gegen die selbstverständlichsten Regeln der Wahltaktik blind, +denn der Sozialdemokrat war so gut wie die Liberalen Gegner der +Bismarckschen Wirtschaftspolitik, und der Zukunftsstaat stand nicht in +Frage. + +Ich kandidierte wieder in Dresden und in Leipzig. Mir gegenüber standen +in Dresden der Freiherr v. Friesen, Minister a.D., und ein +fortschrittlicher Kandidat. Ich erhielt im ersten Wahlgang 9855, v. +Friesen 7266, Walther (Fortschrittler) 5410 Stimmen. Es kam zur engeren +Wahl zwischen mir und v. Friesen, die der Wahlkommissär auf den 9. +August, an welchem v. Friesen seinen siebzigsten Geburtstag feierte, +ansetzte. Offenbar rechnete man mit meiner sicheren Niederlage. Aber ich +siegte, und zwar mit 11616 über 10702 Stimmen. In Leipzig erhielt ich +5822 Stimmen, 600 mehr als bei der vorhergehenden Wahl. Außer mir waren +schließlich von der Partei gewählt: Bracke-Glauchau-Meerane, +Fritzsche-Berlin, Hasselmann-Barmen-Elberfeld, Kayser-Oederan-Freiberg +(Sachsen), Liebknecht-Stollberg-Lugau, Reinders-Breslau, +Vahlteich-Mittweida-Limbach, Wiemer-Annaberg-Zschopau (Sachsen). Also +neun Abgeordnete, von denen nur zwei, Bracke und Liebknecht, in der +Hauptwahl gewählt worden waren. + +Mit dem Hinauswurf der Sozialdemokratie aus dem Reichstag war es also +nichts. Aber auch in bezug auf die Stimmenzahl schnitten wir günstiger +ab, als wir nach der furchtbaren Hetze gegen uns hoffen durften, denn in +einer Anzahl Wahlkreise war der gegnerische Terrorismus so stark, daß +wir keine Agitation betreiben konnten. Es wurden bei der Hauptwahl für +die Partei 437158 Stimmen abgegeben, gegen 493447 bei der Wahl im +Januar 1877. Das war ein Verlust von 56389 Stimmen und drei Mandaten. +Die Gegner waren sehr unzufrieden mit diesem Resultat. + +Das Gesamtresultat der Wahlen war, wie vorauszusehen, ein Sieg +Bismarcks. Die Nationalliberalen sanken von 137 auf 106 Mandate, die +Fortschrittspartei von 39 auf 26. Die Konservativen hatten ihre Mandate +entsprechend vermehrt, das Zentrum erhielt ebenfalls einige Mandate +mehr. + +Bismarck hatte jetzt für seine Politik zwei Mehrheiten zur Verfügung. +Eine nationalliberal-konservative Mehrheit für ein Ausnahmegesetz gegen +uns und eine Mehrheit aus Konservativen und Zentrum, der sich der rechte +Flügel der Nationalliberalen anschloß, für seine Zollpolitik. Die neue +Aera mit der politischen Entrechtung der klassenbewußten Arbeiter und +der Belastung der Massen durch die Zollpolitik konnte nunmehr in Szene +gesetzt werden. Der neue Reichstag wurde zur Beschlußfassung über das +Sozialistengesetz auf den 9. September nach Berlin berufen. + +Das Spiel konnte seinen Anfang nehmen. Es sollte eine Tragödie werden, +in der die Sozialdemokratie für die monarchisch-kapitalistischen +Interessen als Opferstier bestimmt war, um den todsicheren Keulenschlag +zu erhalten. Aber es kam auch diesmal, wie so oft schon, anders. Der +Herkules, der uns mit seiner Keule erschlagen sollte, fiel selbst nach +zwölf Jahren eines für ihn ruhmlosen Kampfes mit dem verhaßten Gegner +und deckte mit seiner Leiche das Blachfeld. + + + + + +End of Project Gutenberg's Aus meinem Leben - Zweiter Teil, by August Bebel + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM LEBEN - ZWEITER TEIL *** + +***** This file should be named 13690-8.txt or 13690-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/3/6/9/13690/ + +Produced by Distributed Proofreaders + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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