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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 13690 ***
+
+Aus meinem Leben
+
+
+Von August Bebel
+
+
+Zweiter Teil
+
+
+
+
+Stuttgart 1911
+
+Verlag von J.H.W. Dietz Nachf. G.m.b.H.
+
+
+
+
+Inhaltsverzeichnis.
+
+
+Geleitwort
+Die Periode des Herrn v. Schweitzer in der proletarischen Arbeiterbewegung
+ Jean Baptist v. Schweitzer
+ „Der Sozialdemokrat“
+ Schweitzer und die Konservativen
+ Schweitzer im norddeutschen Reichstag
+ Schweitzers Diktatur
+ Die Generalversammlung in Barmen-Elberfeld
+ Die Rebellion im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
+ Der Eisenacher Kongreß
+ Die Gründung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei und die Auflösung
+ des Verbandes der deutschen Arbeitervereine
+ Nach Eisenach
+ Schweitzers Ende
+Beginn meiner parlamentarischen Tätigkeit
+ Im konstituierenden norddeutschen Reichstag
+ Im norddeutschen Reichstag und dem Zollparlament
+ Taktische Unstimmigkeiten
+Der Deutsch-Französische Krieg
+ Das Vorspiel zur Kriegserklärung
+ Meinungsdifferenzen
+ Erklärungen und Proklamationen
+ Die Verhaftung des Braunschweiger Ausschusses
+ Annexionen und Kaiserkrone
+ Unsere Verhaftung
+Meine weitere parlamentarische Tätigkeit, der Leipziger Hochverratsprozeß
+und anderes
+ Die erste Session des deutschen Reichstags
+ Der erste deutsche Webertag
+ Weiteres aus Sachsen
+ Der Dresdener Parteikongreß
+Die zweite Session des deutschen Reichstags
+ Der Leipziger Hochverratsprozeß
+ Die dritte Session des ersten deutschen Reichstags
+ Mein Majestätsbeleidigungsprozeß
+Unsere Festungshaft und was zwischendurch passierte
+ Hubertusburg
+ Königstein
+ Zwickau
+Von 1871 bis zum Vereinigungskongreß zu Gotha
+ Die Regierungen und die Sozialdemokratie
+ Die Einigungsfrage vor den beiden Fraktionen
+ Der Parteikongreß zu Eisenach 1873
+ Die erste Session des neuen Reichstags 1874
+ Tessendorf als Bahnbrecher der Einigung. Einigungsverhandlungen
+Vom Vereinigungskongreß zu Gotha bis zum Vorabend des Sozialistengesetzes
+ Das Einigungswerk
+ Nachwehen
+ Reichstagsarbeit
+ Meine Stellung zur Kommune
+ Neue Verfolgungen
+ Der Parteikongreß zu Gotha 1876
+ Der Wahlkampf 1876 bis 1877
+ Der Reichstag 1877
+ Der Kongreß zu Gotha 1877
+ Landtagswahl in Sachsen. „Die Zukunft“
+ Wieder reif fürs Gefängnis
+ Innere Vorgänge
+ Der Reichstag Frühjahr 1878
+ Im Leipziger Gefängnis und was währenddem geschah
+ Das Hödel-Attentat und seine Folgen
+ Das erste Ausnahmegesetz
+ Das Nobiling-Attentat und seine Wirkung
+ Die Reichstagswahl von 1878
+
+
+
+
+Geleitwort.
+
+
+Früher, als ich selbst gehofft, ist es mir ermöglicht worden, den
+vorliegenden zweiten Band „Aus meinem Leben“ fertigzustellen. Mein
+Gesundheitszustand hat sich in den letzten anderthalb Jahren erheblich
+gebessert und damit ist meine Leistungsfähigkeit gehoben worden. Leider
+fiel in diese Zeit die lange, schwere Erkrankung meiner teuren,
+unvergeßlichen Frau, mit deren Hinscheiden Ende November 1910 ihr Leiden
+seinen Abschluß fand.
+
+Der zweite Band ist weit stärker geworden, als ich anfangs geahnt; er
+wuchs mir unter den Händen zu einer Art Geschichte der Partei, was
+erklärlich ist bei der Stellung, die ich in der Partei erlangte. Auch
+kamen mir noch Briefe und Aktenmaterial in die Hände, das ich verloren
+glaubte. Während dem ruhelosen, überarbeiteten Leben, das ich länger als
+ein Menschenalter führte, war vorsichtshalber manches beseitigt und
+vergeben worden, das sich bei gründlichem Nachforschen wieder fand.
+Außerdem gelangten, da ich als Miterbe des Friedrich Engelsschen
+literarischen Nachlasses testamentarisch eingesetzt worden war, die
+meisten meiner Briefe wieder in meinen Besitz, die ich im Laufe mehrerer
+Jahrzehnte mit Friedrich Engels und Karl Marx gewechselt hatte. Den
+Hauptinhalt dieser Briefe, die wesentlich in die Zeit des
+Sozialistengesetzes fielen, werde ich im dritten Bande benutzen.
+
+Dieser letztere wird, vorausgesetzt, daß mir überhaupt das Leben und die
+nötigen Kräfte verbleiben, erst nach längerer Zeit erscheinen. Die
+Vorarbeiten befinden sich noch in den Anfängen. Möglicherweise muß ich
+diesen dritten Band in zwei Teile zerlegen. Sein Inhalt wird die zwölf
+Jahre Sozialistengesetz, die „Heroenzeit“ der Partei, wie diese Periode
+gern genannt wird, umfassen. Damit gedenke ich meine Veröffentlichungen
+größeren Umfangs abzuschließen.
+
+Dem Schlußband wird ein Namen- und Sachregister beigegeben werden.
+
+Zürich, den 2. September 1911.
+
+A. Bebel
+
+
+
+
+Die Periode des Herrn v. Schweitzer in der proletarischen
+Arbeiterbewegung.
+
+
+
+
+Jean Baptist v. Schweitzer
+
+
+Unter den Persönlichkeiten, die nach dem Tode Lassalles nacheinander die
+Führung des von ihm gegründeten Vereins übernahmen, steht J.B. v.
+Schweitzer allen weit voran. In Schweitzer erhielt der Verein einen
+Führer, der in hohem Grade eine Reihe Eigenschaften besaß, die für seine
+Stellung von großem Werte waren. Er besaß die nötige theoretische
+Vorbildung, einen weiten politischen Blick und eine kühle Ueberlegung.
+Als Journalist und Agitator hatte er die Fähigkeit, die schwierigsten
+Fragen und Themen dem einfachsten Arbeiter klar zu machen; er verstand
+es wie wenige, die Massen zu fanatisieren, ja zu faszinieren. Er
+veröffentlichte im Laufe seiner journalistischen Tätigkeit in seinem
+Blatte, dem „Sozialdemokrat“, eine Reihe populärwissenschaftlicher
+Abhandlungen, die mit zu dem Besten gehören, was die sozialistische
+Literatur besitzt. So beispielsweise seine Kritik des Marxschen
+„Kapital“ und die später als Broschüre veröffentlichte Abhandlung „Der
+tote Schulze gegen den lebenden Lassalle“, Arbeiten, die noch heute
+ihren vollen Wert haben. Auch als Parlamentarier erwies er sich als sehr
+geschickt und gewandt. Er erfaßte rasch eine gegebene Situation und
+verstand sie auszunutzen. Endlich war er auch ein guter Redner von
+großer Berechnung, der Eindruck auf die Massen und die Gegner machte.
+
+Aber neben diesen guten, zum Teil glänzenden Eigenschaften besaß
+Schweitzer eine Reihe Untugenden, die ihn als Führer einer
+_Arbeiterpartei_, die in den ersten Anfängen ihrer Entwicklung begriffen
+war, dieser gefährlich machten. Für ihn war die Bewegung, der er sich
+nach mancherlei Irrfahrten anschloß, nicht Selbstzweck, sondern Mittel
+zum Zweck. Er trat in die Bewegung ein, sobald er sah, daß ihm innerhalb
+des Bürgertums keine Zukunft blühte, daß für ihn, den durch seine
+Lebensweise früh Deklassierten, nur die Hoffnung bestand, in der
+Arbeiterbewegung die Rolle zu spielen, zu der sein Ehrgeiz wie seine
+Fähigkeiten ihn sozusagen prädestinierten. Er wollte auch nicht bloß der
+Führer der Bewegung, sondern ihr Beherrscher sein, und trachtete sie für
+seine egoistischen Zwecke auszunutzen. Während einer Reihe von Jahren in
+einem von Jesuiten geleiteten Institut in Aschaffenburg erzogen, später
+sich dem Studium der Jurisprudenz widmend, gewann er in der jesuitischen
+Kasuistik und juristischen Rabulistik das geistige Rüstzeug, das ihn,
+der von Natur schon listig und verschlagen war, zu einem Politiker
+machte, der skrupellos seinen Zweck zu erreichen suchte, Befriedigung
+seines Ehrgeizes um jeden Preis und Befriedigung seiner großen,
+lebemännischen Bedürfnisse, was ohne auskömmliche materielle Mittel, die
+er nicht besaß, nicht möglich war. Es ist aber eine alte geschichtliche
+Erfahrung, die in allen Volksbewegungen sich bestätigt hat, daß führende
+Persönlichkeiten, die sybaritische Gewohnheiten haben, aber wegen Mangel
+an Mitteln sie nicht zu befriedigen vermögen, leicht an sie
+herantretenden Versuchungen unterliegen, namentlich wenn sie dabei auch
+glauben, außer der Befriedigung ihres Ehrgeizes Scheinerfolge erringen
+zu können.
+
+Die diktatorische Stellung, welche die Organisation des Allgemeinen
+Deutschen Arbeitervereins dem Leiter des Vereins einräumte, begünstigte
+die Schweitzerschen Bestrebungen ungemein. Es war aber auch ebenso
+natürlich, daß gegen die Gelüste des Diktators ein ständiger Kampf der
+selbständiger denkenden Mitglieder im Verein entstand. Die Opposition,
+zeitweilig durch seine brutale Rücksichtslosigkeit scheinbar
+niedergeworfen und aus dem Verein hinausgedrängt, erhob sich in Kürze in
+anderen Personen und an anderen Orten wieder, und es begann der Kampf
+von neuem gegen ihn. Seine Herrschaftsbestrebungen wurden noch dadurch
+ungemein begünstigt, daß das einzige Blatt, das der Verein besaß — und
+ein zweites neben diesem duldete er nicht —, „Der Sozialdemokrat“, in
+seinen Händen war und von ihm geleitet wurde. Damit hatte er das Mittel
+in der Hand und wandte es ohne Skrupel an, die geistige Beherrschung
+der Mitglieder zu einer absoluten zu machen, wobei er jeden Widerspruch
+und jede ihm unbequeme Meinungsäußerung gewaltsam niederhielt. Die Art,
+wie dabei wieder Schweitzer den Massen zu schmeicheln verstand, obgleich
+er innerlich sie verachtete, ist mir nie mehr in ähnlichem Maße
+begegnet. Sich selbst stellte er als ihr Werkzeug hin, das nur dem
+Willen des „souveränen Volkes“ gehorche, dieses souveränen Volkes, das
+nur seine Zeitung las und dem er seinen Willen suggerierte. Wer aber
+wieder ihn zu lecken wagte, der wurde der niedersten Motive geziehen,
+als eine Viertels- oder Achtelsintelligenz gebrandmarkt, die sich über
+die braven, ehrlichen Arbeiter erheben wolle, um sie im Interesse ihrer
+Gegner zu mißbrauchen.
+
+Eine Rolle, wie Schweitzer sie allmählich spielte, war allerdings nur in
+den Jugendjahren der Bewegung möglich, und darin liegt die
+Entschuldigung für seine fanatisierten Anhänger. Wer heute die Rolle
+eines Schweitzer in der Bewegung spielen wollte, wäre in kurzer Zeit
+unmöglich, sei er wer er wolle.
+
+Schweitzer war ein Demagog großen Stils, der an der Spitze eines Staates
+sich als ein würdiger Schüler Machiavellis — für dessen grundsatzlose
+Theorien er schwärmte — erwiesen haben würde. Die absolute Herrschaft,
+die er durch die erwähnten Mittel sich auf Jahre in seinem Verein zu
+sichern wußte, läßt sich nur vergleichen mit gewissen Erscheinungen in
+der katholischen Kirche. Er hatte eben nicht umsonst bei den Jesuiten
+Unterricht genommen.
+
+Wessen wir — Liebknecht und ich — Schweitzer beschuldigten, war, daß er
+den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein — natürlich wider Wissen und
+Wollen des weitaus größten Teiles seiner Mitglieder — im Interesse der
+Bismarckschen Politik leite, _die wir nicht als eine deutsche, sondern
+als eine großpreußische Politik betrachteten,_ eine Politik, betrieben
+im Interesse der Hohenzollernschen Hausmacht, die bestrebt war, die
+Herrschaft über ganz Deutschland zu gewinnen und Deutschland mit
+preußischem Geist und preußischen Regierungsgrundsätzen — _die der
+Todfeind aller Demokratie sind_ — zu erfüllen.
+
+Wie damals die Dinge im allgemeinen lagen und bei dem schweren Kampfe,
+in dem sich Bismarck mit der liberalen Bourgeoisie befand, benutzte er
+jedes Mittel, auch das unscheinbarste, das seinen Zwecken dienen konnte.
+Ich habe bereits im ersten Teil dieser Arbeit dargelegt, wie Bismarck
+noch vor dem Auftreten Lassalles in dem Lackierer Eichler einen
+gewandten Agenten besaß, der für seine Politik in den Arbeiterkreisen
+Propaganda machte. Lassalle, der nicht als Dienender, sondern als
+Gleichberechtigter, als Macht zu Macht mit Bismarck in Unterhandlungen
+sich einließ, unterstützte mehr als er wohl selbst wollte diese
+Bismarckschen Bestrebungen. Seine Verhandlungen mit Bismarck wurden zwar
+offenbar mit dem Februar 1864 abgebrochen und bis zu seinem (Lassalles)
+Tode nicht wieder aufgenommen, aber das Streben, die Arbeiterbewegung
+der Bismarckschen Politik dienstbar zu machen, blieb bestehen und hatte
+einen gewissen Erfolg, woran die scharfe Absage, die Karl Marx dem alter
+ego Bismarcks, Lothar Bucher, gab, als dieser ihn zur Mitarbeit am
+preußischen „Staatsanzeiger“ einlud, nichts änderte.
+
+Helene v. Rakowicza (Helene v. Dönniges), die ehemalige Geliebte
+Lassalles, wegen der er in das Duell, das ihn das Leben kostete,
+verwickelt wurde, erzählt in ihrem Buche: „Von anderen und mir“, Berlin
+1909, daß sie in einer Nachtunterhaltung Lassalle die Frage vorgelegt:
+Ist's nun wahr? Hast du mit Bismarck allerlei Geheimes zu tun? Worauf
+dieser geantwortet habe: „Was Bismarck anbelangt und was er von mir
+gewollt hat und ich von ihm? — laß dir's genügen, daß es nicht zustande
+kam, nicht zustande kommen konnte. Wir waren beide zu schlau — wir sahen
+unsere beiderseitige Schlauheit und hätten nur damit enden können, uns
+(immer politisch gesprochen) ins Gesicht zu lachen. Dazu sind wir zu gut
+erzogen — also blieb es bei den Besuchen und geistreichen Gesprächen.“
+
+Diese Darstellung klingt wahrscheinlich. Es hieße Lassalles Scharfsinn
+und seine Einsicht beleidigen, sollte er anders gedacht haben, als hier
+seine ehemalige Geliebte erzählt. Ueberhaupt konnte kein scharfsinniger
+und einsichtiger Mensch, und das war auch Schweitzer, sich täuschen
+über das, was ein Sozialdemokrat von Bismarck erlangen konnte, was
+nicht, und daß, wenn Bismarck auf irgendwelche Beziehungen mit
+Sozialdemokraten sich einließ, es nur geschah, um sie in seinem
+Interesse zu verwenden und nachher wie ausgepreßte Zitronen beiseite zu
+werfen. Oder ein anderes, daß sie sich an ihn verkauften und ihm Dienste
+leisteten, was bei Lassalle nicht in Frage kommen konnte.
+
+Für meine Auffassung spricht zunächst die Tatsache, daß, als an des
+Präsidenten Bernhardt Beckers Stelle F.W. Fritzsche Vizepräsident des
+Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins wurde, Dr. Dammer, der frühere
+Vizepräsident des Vereins, Fritzsche empfahl, _er solle bei seinen
+Agitationen im Königreich Sachsen neben den sozialistischen Forderungen
+für die preußische Spitze eintreten und die über diese Versammlungen
+veröffentlichten Zeitungsberichte direkt an Bismarck senden, auch diesem
+über die abgehaltenen Versammlungen direkt berichten._ Fritzsche selbst
+hat mir diese Mitteilungen gemacht, als es sich im Herbst 1878 um die
+Bekämpfung des Entwurfs des Sozialistengesetzes handelte. Diese
+Mitteilungen habe ich damals im Reichstag in einer Rede gegen Bismarck
+auch verwendet.
+
+Die Versuche, den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein für die
+Bismarcksche großpreußische Politik nutzbar zu machen, waren also sehr
+frühzeitig vorhanden und dauernde. Es wird Sache meiner
+Auseinandersetzungen sein, zu beweisen, daß Schweitzer diesen
+Bestrebungen Bismarcks bewußt diente.
+
+Wäre Schweitzer ein Mann gewesen, der der Sache, die er äußerlich
+verfocht, innerlich ehrlich zugetan war, wäre er ein Mann gewesen, von
+dem jeder Parteigenosse überzeugt sein mußte, daß nur die Begeisterung
+und das reinste Streben, der Arbeiterklasse zu dienen, bei ihm vorhanden
+war, hätte er die sehr bedenklichen Zweideutigkeiten, die in seinem
+politischen Leben auftauchten, zu vermeiden gewußt, wäre mit einem Worte
+sein ganzes Tun Vertrauen fordernd gewesen, er wäre bis an sein
+Lebensende unbestritten der Führer der Partei geblieben. Jeder Versuch,
+ihn zu diskreditieren, wäre an ihm abgeprallt, mochten solche Angriffe
+ausgehen von welcher Seite immer. Statt dessen mußte er sein stetig
+sinkendes Ansehen verteidigen und erlebte schließlich, daß nach der
+Niederlegung seiner Präsidentschaft, als jeder wagen durfte, frei zu
+sprechen, ohne Gefahr, von einem Bannstrahl getroffen zu werden, gerade
+diejenigen die ehrenrührigsten Anklagen gegen ihn erhoben, die ihn
+einstmals gegen die Angriffe von unserer Seite fanatisch verteidigt
+hatten. So kam es, daß die Nachricht von seinem Tode jene kalt und
+gleichgültig ließ, die im anderen Falle ihn bis zur letzten Stunde als
+ihren Führer anerkannt und seinem Andenken alle Ehren erwiesen haben
+würden.
+
+ * * * * *
+
+Jean Baptist v. Schweitzer wurde am 12. Juli 1834 zu Frankfurt am Main
+geboren. Das Blut, das in seinen Adern floß, war, nach seinen Vorfahren
+zu urteilen, eine Mischung von italienisch-französischem mit deutschem
+Blute. Seine Familie, die im Jahre 1814 vom damaligen König von Bayern
+geadelt wurde, gehörte zu den sogenannten Patrizierfamilien
+Altfrankfurts.
+
+Was der junge Schweitzer in seiner Familie sah und hörte, war nicht sehr
+erhebend und von zweifelhaft erzieherischem Einfluß. Der Vater, einst
+Kammerjunker bei dem berüchtigten Herzog Karl von Braunschweig, der 1830
+eilig sein Land verlassen mußte, wollte er nicht der Volkswut zum Opfer
+fallen, war ein Lüdrian, der als Verschwender lebte. Die Mutter, die
+getrennt von ihrem Manne ein besonderes Haus führte, trieb es in der
+gleichen Weise. Kein Wunder, daß der junge Jean Baptist bei solcher
+Abstammung und bei solchem Vorbild in die elterlichen Fußtapfen trat,
+nur daß ihm die Mittel fehlten, welche die Eltern verjubelt hatten,
+worauf denn für ihn das Schuldenmachen die notwendige Konsequenz war.
+
+Gegen die Mitte der fünfziger Jahre führte ihn sein Studium auch nach
+Berlin, wo er unter anderem im Hause Krummachers, dessen Frau eine
+Verwandte seiner Großmutter war, verkehrte, und die führenden Männer der
+preußischen Reaktion, so zum Beispiel Friedrich Julius Stahl, kennen
+lernte. Die später in seinen Schriften hervortretende scharfe und
+treffende Kritik der Natur des preußischen Staates dürfte er bei seinem
+Aufenthalt in Berlin und im Verkehr mit den maßgebenden
+Gesellschaftskreisen gewonnen haben. Sein großdeutsch-österreichischer
+Standpunkt, der nicht nur der herrschende in seiner Familie, sondern
+auch in den Bürgerkreisen Altfrankfurts war, mochte seine
+Beobachtungsgabe besonders schärfen. Er lernte jetzt den Staat in seinem
+innersten Wesen kennen, der der Todfeind Oesterreichs war. Dieser sein
+großdeutsch-österreichischer Standpunkt kam auch in den politischen
+Schriften zum Ausdruck, deren erste Schweitzer 1859 veröffentlichte, und
+zwar in Frankfurt, wo er sich 1857 als Rechtsanwalt niedergelassen
+hatte, dem aber die Praxis fehlte. Diese Schrift, die während des
+österreichisch-italienisch-französischen Krieges veröffentlicht wurde,
+führte den bezeichnenden Titel „Oesterreichs Sache ist Deutschlands
+Sache“ und forderte das Eintreten von Gesamtdeutschland für Oesterreich.
+Die zweite Schrift mit gleicher Tendenz führte den Titel: „Widerlegung
+von Karl Vogts Studien zur gegenwärtigen Lage Europas“. Dieselbe
+schließt: Oesterreichs Sache ist die Sache des europäischen Rechtes und
+der europäischen Ordnung, die Sache der Kultur und Humanität und vor
+allem die _nationale Sache deutscher Ehre und deutscher Unabhängigkeit_.
+
+In einer dritten Schrift, die 1860 erschien, betitelt „Der einzige Weg
+zur nationalen Einheit“, rückt er erheblich nach links. Er bekennt sich
+als Republikaner und sieht nur in einer demokratischen Einheit
+Deutschlands, die durch eine Revolution von unten herbeizuführen sei,
+das Heil Deutschlands. Indes verfiel er später wieder in seine
+großdeutsch-österreichischen Sympathien, bis er endlich nach seiner
+persönlichen Bekanntschaft mit Lassalle ins kleindeutsche Lager
+abschwenkte und in der Politik eines Bismarck die einzige Möglichkeit
+zur Lösung der deutschen Frage sah.
+
+Der Beginn der Volksbewegung und die Gründung des Nationalvereins im
+Jahre 1859 mit seinen kleindeutschen Bestrebungen konnten Schweitzer
+nicht gleichgültig lassen. Er trat, entsprechend seinem damaligen
+Standpunkt, gegen den Nationalverein auf. Er meinte (Januar 1861), nur
+wenn der Nationalverein sich für die Republik, das hieß also für die
+Revolution erkläre, könne er auf die Hilfe der _Arbeiter_ rechnen.
+Preußen sei nicht besser als Oesterreich; _beide müßten zertrümmert
+werden_, sollte die deutsche Einheit möglich sein.
+
+Als dann im November 1861 in Frankfurt a.M. mit seiner Hilfe ein
+Arbeiterbildungsverein gegründet wurde, wählte man Schweitzer zu dessen
+Vorsitzenden. Hier vertrat er die gleichen radikalen Ideen. Anfang 1862
+erschien wiederum eine Schrift von ihm, „Zur deutschen Frage“, in der er
+sich abermals als unerbittlichen Gegner der hohenzollernschen
+Hauspolitik und der preußischen Führerschaft in Deutschland bekannte und
+die Jämmerlichkeit der Mittelparteien brandmarkte. Er trat jetzt als
+Vielgeschäftiger in der Politik hervor. So wurde er auch Vorsitzender
+des Frankfurter Turnvereins; Vereine, die damals samt und sonders eine
+eifrige politische Tätigkeit entfalteten, obgleich sie angeblich
+unpolitische Vereine sein sollten. Das gleiche war mit der
+Schützenvereinsbewegung der Fall. Auch in dieser trat Schweitzer aktiv
+hervor und wurde, als der deutsche Schützenbund gegründet wurde,
+Mitglied des engeren Ausschusses desselben. Als dann Juli 1862 das erste
+deutsche Schützenfest in Frankfurt abgehalten wurde, war Schweitzer
+Schriftführer des Zentralausschusses und Redakteur der Festzeitung. Der
+intime Umgang, den er damals mit dem Herzog von Koburg, dem
+„Schützenherzog“, pflog, an dessen Seite er sich häufig auf dem
+Festplatze zeigte, stand freilich in Widerspruch zu seinem bisherigen
+radikalen Verhalten und auch zu der radikalen Rede, die er am 22. Mai
+1862 auf dem Arbeitertag des Maingaus in durchaus sozialistischem Sinne
+gehalten hatte, wie ich das bereits im ersten Teil dieser meiner Arbeit
+erwähnte.
+
+Schweitzer hatte um diese Zeit gleichzeitig mehrere Eisen im Feuer. Aber
+da brach das Verhängnis über ihn herein. Er wurde kurz nach dem
+Frankfurter Schützenfest zweier Verfehlungen öffentlich beschuldigt, die
+einen schwarzen Schatten auf sein späteres Leben warfen und als Merkmale
+seines Charakters von Bedeutung sind.
+
+Zunächst wurde er beschuldigt, 2600 Gulden für die Kasse des
+Frankfurter Schützenfestes unterschlagen zu haben. Klage wurde von
+seiten des Ausschusses nicht erhoben, und das gab wohl Veranlassung, daß
+die Tat überhaupt bestritten wurde. Demgegenüber möchte ich feststellen,
+daß der Justizrat Sterzing in Gotha, der im Zentralausschuß des
+Schützenfestes saß, mit seiner Namensunterschrift eine Erklärung in der
+„Allgemeinen Deutschen Arbeiterzeitung“ in Koburg erließ, worin er die
+Unterschlagung als Tatsache bestätigte. Als dann einige Jahre später im
+Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein die Opposition gegen Schweitzer
+losbrach, schickte die Gothaer Mitgliedschaft einen ihrer Angehörigen zu
+Justizrat Sterzing, um ihn zu fragen, ob die gegen Schweitzer erhobene
+Beschuldigung der Unterschlagung wahr sei. Sterzing betätigte das.
+Darauf wandte sich die Gothaer Mitgliedschaft an Schweitzer, teilte ihm
+die Aeußerung Sterzings mit und ersuchte ihn, Sterzing zu verklagen.
+Schweitzer lehnte ab. Er erklärte: das falle ihm nicht ein, da habe er
+viel zu tun.
+
+Ein anderer noch unliebsamerer Vorgang trug sich im August 1862 im
+Schloßgarten zu Mannheim zu. Schweitzer wurde beschuldigt, am Vormittag
+des betreffenden Tages ein Sittenvergehen an einem Knaben begangen zu
+haben. Er wurde mit vierzehn Tagen Gefängnis bestraft. Die Handlung wäre
+viel schwerer bestraft worden, hätte man den betreffenden Knaben
+feststellen können. Dieses gelang nicht. Wohl aber wurden andere Knaben
+gefunden, denen Schweitzer das gleiche Ansinnen gemacht hatte. Daraufhin
+fand seine Verurteilung statt. Im Eifer, Schweitzer reinzuwaschen, hat
+man die Unschuld Schweitzers, die er natürlich selbst behauptete, zu
+beweisen versucht. Im Interesse der historischen Wahrheit sollten solche
+Versuche unterbleiben. Man mag über die gleichgeschlechtliche Liebe noch
+so frei denken, so war es unter allen Umständen eine Ehrlosigkeit, die
+Befriedigung derselben am hellen Tage in einem öffentlichen Park und an
+einem schulpflichtigen Knaben zu versuchen. Bemerkt sei auch, daß
+Schweitzer sich hütete, gegen das erstinstanzliche Urteil Berufung
+einzulegen, was sicher geschehen wäre, wenn er sich unschuldig gefühlt
+hätte.
+
+Diese beiden Vorkommnisse zwangen Schweitzer, auf einige Zeit Frankfurt
+zu verlassen. In den Arbeiterkreisen erweckten sie natürlich eine starke
+Animosität gegen ihn. Als daher im nächsten Jahre, nach Gründung des
+Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, Schweitzer die persönliche
+Bekanntschaft Lassalles gemacht hatte und Mitglied des Vereins geworden
+war, stellten die Frankfurter Mitglieder an Lassalle das Ersuchen, er
+solle Schweitzer angehen, den Versammlungen des Vereins nicht mehr
+beizuwohnen. Lassalle lehnte dieses Ersuchen als philiströs ab, das
+Schweitzer zugeschriebene Vergehen habe mit seinem politischen Charakter
+nichts zu tun. Die Knabenliebe sei in Griechenland allgemein
+herrschender Brauch gewesen, dem der Staatsmann und der Dichter
+gehuldigt habe. Im übrigen zollte er den Fähigkeiten Schweitzers hohes
+Lob. An Schweitzer selbst schrieb er, daß die gerügten Neigungen nicht
+nach seinem Geschmack seien. Einen Zweifel, daß Schweitzer diese nicht
+besitze, drückte er nicht aus; er wußte wohl warum.
+
+Anfang 1863 veröffentlichte Schweitzer eine neue Schrift bei Otto Wigand
+in Leipzig, betitelt „Die österreichische Spitze“. Die Schrift widmete
+er seinem Freunde Herrn v. Hofstetten, einem ehemaligen bayerischen
+Offizier, „in Verehrung und Freundschaft“; die Vorrede ist von einer
+schwülen Ueberschwenglichkeit, als rede Alkibiades zu einem seiner
+Lieblinge. Der Inhalt der Schrift ist in mehr als einer Beziehung
+interessant. Er schildert darin den Charakter des preußischen Staates
+durchaus richtig und erklärt Preußen für eine Einigung Deutschlands
+durchaus _ungeeignet_. Im weiteren tritt er trotz aller demokratischen
+Vorbehalte wieder für die _österreichische_ Spitze ein. Der preußische
+Staat stehe der Gesamtheit Deutschlands gegenüber, so führt er aus, auf
+Grund seiner historischen Entwicklung ..., die ihn zwinge, sich weiter
+in demselben Lande und durch dieselbe Bereicherungsart zu vergrößern,
+also auf Annexionen auszugehen. _Diese Mission Preußens sei aber keine
+deutsche, sondern eine preußische._ Preußen müsse nach seiner inneren
+Natur darauf sehen, _daß der alles einzelne mehr oder weniger
+durchdringende Geist, der althistorische, spezifisch preußische,
+wesentlich hohenzollernsche Charakter des Staates nicht verloren gehe_.
+
+Gegen dieses Preußen macht er energisch Front, das mit einem _wirklichen
+Gesamtdeutschland unverträglich sei_. Er spricht sich dabei in folgender
+programmatischer Weise aus, eine Auffassung, der wir später in einer
+anderen Situation wieder begegnen werden. Er sagt: „Wenn dem künftigen
+Deutschen Reiche — sei es eine Republick oder ein Kaisertum — auch nur ein
+einziges Dorf des jetzigen deutschen Bundesgebiets fehlt, _so ist dies
+ein nationaler Skandal_. Die kleinste Hütte im fernsten Dorfe, wo
+deutsche Zunge klingt, hat das heilige Recht auf den Schutz der
+Gesamtheit.“
+
+Diese feierliche Erklärung hielt ihn aber bald darauf nicht ab, die
+Politik zu unterstützen, die den _nationalen Skandal_ herbeiführte und
+herbeiführen wollte, und nach seiner eigenen Auffassung herbeiführen
+mußte. Und es handelte sich dabei nicht bloß um ein einzelnes Dorf oder
+eine Hütte, sondern um Ländergebiete mit zehn Millionen Deutscher, die
+Jahrhundertelang früher zum Reiche gehörten als die Provinz Preußen,
+deren Namen die Hohenzollern ihrem Königreich gaben. Schließlich
+forderte er die _österreichische Spitze_ und den Eintritt
+_Gesamtösterreichs_ in den Bund, wenn nicht anders, _so durch die
+Zertrümmerung Preußens_. Demgemäß verlangte er, daß die großdeutsche
+Partei _energisch für die österreichische Spitze_ eintrete und nicht der
+kleindeutschen Partei das Feld in der Agitation für die preußische
+Spitze überlasse.
+
+So Schweitzer als schwarzgelber Großdeutscher noch Anfang 1863. In
+wenigen Monaten war er ein anderer. Mittlerweile hatte er die
+persönliche Bekanntschaft Lassalles gemacht. Er begriff rasch, daß sich
+hier eine Gelegenheit zu einer Stellung für seine Zukunft bot, die
+seinem Ehrgeiz entsprach, die ihm in der bürgerlichen Welt nach den oben
+geschilderten Vorgängen für alle Zeit abgeschnitten war. In diesen
+Kreisen galt er als ein Mensch, vor dem man die Tür schließen müsse.
+
+Als im Frühjahr 1863 Lassalle nach Frankfurt kam, verständigten sich
+beide offenbar sehr bald. Gelegenheit dazu bot auch ein gemeinsamer
+Ausflug in die Rheinpfalz, auf dem sich ein amüsanter Vorgang mit
+Lassalle zutrug. Außer Lassalle und Schweitzer nahmen an der Partie die
+Gräfin Hatzfeldt, Hans v. Bülow und unser verstorbener Parteigenosse,
+der damals jugendliche Wendelin _Weißheimer_ teil. Die Reise ging nach
+Osthofen am Rhein, von wo aus der Ebernburg, bekanntlich einst der Sitz
+Sickingens, ein Besuch gemacht werden sollte. Auf Betreiben Weißheimers
+hatte sein Vater, der in Osthofen wohnte, die Gesellschaft zum
+Mittagstisch geladen. Lassalle saß an der Tafel neben Frau Weißheimer.
+Als diese im Laufe des Gesprächs, wißbegierig wie Frauen nun einmal
+sind, die Frage an Lassalle richtete: ob er glaube, daß seine Pläne
+durchführbar seien, umarmte Lassalle sie und drückte ihr mit den Worten:
+„Sie sind eine köstliche Frau“ einen Kuß auf die Lippen. Er schloß ihr
+also buchstäblich den Mund. Ueber diese Verhöhnung aller
+gesellschaftlichen Etikette geriet der alte Weißheimer dermaßen in
+Aufregung, daß er einige Sekunden nach Atem schnappte, wohingegen die
+übrige Gesellschaft aus vollem Halse lachte.
+
+Die Wandlung in der Gesinnung Schweitzers unter dem Einfluß Lassalles
+zeigte sich sofort deutlich in der Rede, die er am 13. Oktober 1863 in
+Leipzig unter dem Titel hielt: „Die Partei des Fortschritts als Trägerin
+des Stillstandes“. Diese Rede bezeichnet eine vollständige Umwandlung
+seiner bisherigen Stellung zu Preußen, zugleich war sie eine
+Rechtfertigung der Politik Lassalles und eine klare Stellungnahme gegen
+den Liberalismus, _was zu jener Zeit hieß_ eine Parteinahme für Bismarck
+und die Feudalen. In jener Rede führt er unter anderem aus:
+
+ „Allein, meine Herren, wenn Sie meinem Vortrag gefolgt sind, so werden
+ Sie erkannt haben, daß zwar der moderne Absolutismus samt seinen
+ Adels- und Priesterkoterien uns feindlich gegenübersteht, da er
+ überhaupt von Neuerung nichts wissen will; allein, Sie werden zugleich
+ erkannt haben, _daß unser eigentlicher, hartnäckiger und erbitterter
+ Feind wo ganz anders steckt — nämlich in der Bourgeoispartei und ihren
+ Vertretern_. Es muß durchaus einmal _offen und bestimmt ausgesprochen
+ werden,_ daß in der weitaus höchsten und wichtigsten Frage der Zeit
+ _der wahre Sitz des Stillstandes in der sogenannten liberalen Partei
+ liegt, daß also unser, der sozialdemokratischen Partei Kampf in erster
+ Linie gegen sie gerichtet sein muß_. Wenn Sie dies aber festhalten,
+ meine Herren, dann werden Sie sich selbst sagen: _Warum hätte Lassalle
+ sich nicht an Bismarck wenden sollen?“_
+
+Nach dieser Theorie waren also nicht die Feudalen, denen jeder
+politische und soziale Fortschritt ein Greuel war, die, um modern zu
+reden, die heftigsten Verteidiger der gottgewollten Abhängigkeiten sind,
+der Hauptfeind der Arbeiter, das waren vielmehr die Liberalen, von denen
+selbst der am weitesten rechtsstehende Anhänger doch immer noch ein
+Vertreter der modernen Entwicklung, ein Anhänger eines gewissen
+Kulturfortschrittes ist, ohne den die kapitalistische Ordnung nicht
+bestehen kann, die dem Proletarier erst die Möglichkeit schafft, sich
+zum freien Menschen emporzuarbeiten, die Unterdrückung des Menschen
+durch den Menschen zu beseitigen. Schweitzer _wußte_, daß die von ihm
+gepredigte Auffassung eine _grundreaktionäre_ war, ein Verrat an den
+Interessen des Arbeiters, aber er propagandierte sie, weil er glaubte,
+sich dadurch nach oben zu empfehlen.
+
+Es verstand sich von selbst, daß Bismarck und die Feudalen eine solche
+Hilfe von der äußersten Linken mit Vergnügen sich gefallen ließen und
+den Vertreter einer solchen Auffassung eventuell auch unterstützten. War
+doch dieses Spielen mit Sozialismus und Kommunismus — und kein
+vernünftiger Mensch konnte annehmen, daß es sich um mehr als um ein
+Spielen handle — ein vortreffliches Mittel, die liberale Bourgeoisie, die
+nie an einem Uebermaß von Mut und Einsicht litt, ins Bockshorn zu jagen
+und _sie dem Bismarckschen Zäsarismus ins Garn zu treiben_. Je radikaler
+dieser Sozialismus sich gegen die Bourgeoisie aufspielte, je mehr
+erfüllte er seinen Zweck. Daher auch die Aufforderung Buchers an
+Marx — man muß dieses immer wiederholen —, im „Staatsanzeiger“ selbst
+kommunistisch zu schreiben.
+
+Diese Politik war aber das gerade Gegenteil von Demokratie und
+Sozialismus, was ich nicht erst zu beweisen nötig habe.
+
+
+
+
+„Der Sozialdemokrat.“
+
+
+Schweitzer siedelte im Juli 1864 nach Berlin über und ließ sich dort
+naturalisieren. Sein Zweck war, die Herausgabe eines Parteiorgans „Der
+Sozialdemokrat“ zu betreiben, wozu sein Freund v. Hofstetten, der mit
+einer Gräfin Strachwitz verheiratet war und einiges Vermögen besaß, die
+Mittel hergab. Auffallend ist, daß Lassalle in seinem Testament keinen
+Pfennig für das von ihm gebilligte Unternehmen anwies.
+
+Schweitzer war es gelungen, trotz des Mißtrauens, das ein Teil der hier
+Genannten gegen ihn hegte, außer Liebknecht Karl Marx, Friedrich Engels,
+Oberst Rüstow, Georg Herwegh, Jean Philipp Becker, Fr. Reusche, Moritz
+Heß und Professor Wuttke als Mitarbeiter zu gewinnen, selbstverständlich
+auf ein radikales Programm, das Schweitzer entworfen hatte, das sich
+durch Klarheit, Bestimmtheit und Kürze auszeichnete. Dasselbe erschien
+an der Spitze der Probenummer des „Sozialdemokrat“ vom 15. Dezember 1864
+und lautete:
+
+ _Unser Programm._
+
+ Drei große Gesichtspunkte sind es, welche das Streben und die
+ Tätigkeit unserer Partei bestimmen:
+
+ Wir bekämpfen jene Gestaltungen des europäischen Staatensystems,
+ welche, unnatürlich die Völker trennend und verbindend, aus dem
+ feudalen Mittelalter in das neunzehnte Jahrhundert sich
+ herübergeschleppt haben — wir wollen fördern die Solidarität der
+ Völkerinteressen und der Volkssache durch die ganze Welt.
+
+ Wir wollen nicht ein ohnmächtiges und zerrissenes Vaterland, machtlos
+ nach außen und voll Willkür im Innern — _das ganze, gewaltige
+ Deutschland wollen wir, den einen, freien Volksstaat_.
+
+ Wir verwerfen die bisherige Beherrschung der Gesellschaft durch das
+ Kapital — wir hoffen zu erkämpfen, daß die Arbeit den Staat regiere.
+
+ Diese drei großen auf gemeinsamer Grundlage beruhenden Gesichtspunkte
+ _weisen uns in jeder möglichen Frage mit zwingender Notwendigkeit auf
+ die Bahnen, die wir zu wandeln haben_.
+
+ Unsere Prinzipien sind einfach und klar — _ihre Konsequenzen zu ziehen
+ werden wir uns niemals scheuen_.
+
+Kein Zweifel, wäre dieses durchaus unanfechtbare, von allen maßgebenden
+Personen in der Partei gebilligte Programm fortan die Richtschnur des
+Blattes geblieben, eine Spaltung wäre unmöglich gewesen, eine Aera
+gesunder Fortentwicklung wäre eingetreten und hätte eine ungeahnte
+Ausbreitung der Partei schon in jungen Jahren höchst wahrscheinlich
+gemacht.
+
+Aber Schweitzer wollte es anders. Von Herrn v. Hofstetten, seinem
+Associé und Miteigentümer des „Sozialdemokrat“, rede ich nicht.
+Hofstetten war ein schwacher Mann ohne tiefere Einsicht in das Wesen der
+Dinge, der sich von Schweitzer treiben und mißbrauchen ließ, und den
+dann Schweitzer wie eine ausgequetschte Zitrone nach einigen Jahren
+beiseite warf, nachdem Hofstetten sein Vermögen bis zum letzten Rest für
+den „Sozialdemokrat“ und für Schweitzer, der über Jahr und Tag auch an
+seinem Tische saß, geopfert hatte.
+
+Die korrekte Haltung des „Sozialdemokrat“ währte nicht lange.
+
+Bereits in Nr. 6 des „Sozialdemokrat“ waren in dem Artikel „Das
+Ministerium Bismarck und die Regierungen der Mittel- und Kleinstaaten“
+Wendungen enthalten, in denen Schweitzers Sympathie mit der Politik
+Bismarcks, wenn auch noch sehr vorsichtig, zum Ausdruck kam. Mit der Nr.
+14 des „Sozialdemokrat“ vom 27. Januar 1865 beginnt dann jene Serie
+Artikel „Das Ministerium Bismarck“, in denen er die demokratische Maske
+fallen läßt, was die öffentliche Absage der meisten der eben erst
+gewonnenen Mitarbeiter zur Folge hatte.
+
+In dem ersten dieser Artikel wurde ausgeführt:
+
+ „Parlamentarismus heißt Regiment der _Mittelmäßigkeit_, heißt
+ _machtloses Gerede_, während _Zäsarismus_ doch wenigstens _kühne
+ Initiative, doch wenigstens bewältigende Tat heißt_. ‚Schmach den
+ Renegaten, die jetzt der Reaktion dienen‘, rufe man. Sonderbar aber
+ doch, daß diese radikalen Renegaten (deren rasche Abwirtschaftung wir
+ erlebt haben. A.B.) nicht bei Pfordten und Beust (selbstverständlich
+ nicht. A.B.), daß diese radikalen Renegaten gerade bei Bismarck sind.“
+
+Die Renegaten, die er meinte, waren eben alles Leute, die keinen Beruf
+zu einem revolutionären Vorgehen in sich verspürten, die sich mit der
+kapitalistischen Ordnung der Dinge — vorausgesetzt, daß sie überhaupt je
+deren Gegner waren — abgefunden hatten und sich sagten, daß der
+Kapitalismus unter der Aegide des märkischen Junkers nicht zu kurz
+kommen werde, worin sie sich nicht täuschten.
+
+Im zweiten Artikel Schweitzers hieß es in Betrachtung der Entwicklung
+Preußens:
+
+ „Von dieser Grundlage aus (dem Kurfürstentum) hat sich sodann der
+ vergleichungsweise junge Staat, vorzugsweise durch _das mächtige Genie
+ eines großen Königs und gewaltigen Kriegshelden, eines in jeder
+ Beziehung bewunderungswürdigen Mannes_, zu einem ausgedehnten und
+ mächtigen Königreich erweitert.“
+
+Nach dieser Verherrlichung Friedrichs des Großen, die ein Sybel oder
+Treitschke tönender nicht betreiben konnte, spendet er auch der
+Volkserhebung von 1813 ein Lob, die eine glänzende Ausnahme von der
+Regel preußischer Geschichte sei. „Der Hauptsache nach und alles in
+allem genommen, ist Preußen das, was es ist, durch die an seiner Spitze
+stehende Dynastie geworden.“
+
+Alsdann charakterisiert er das Wesen des preußischen Royalismus.
+
+ „Während ein solcher Geist in den einen deutschen Staaten zwar nicht
+ ohne alle Begründung sein mag, jedenfalls aber alles höheren
+ politischen Ernstes und der tieferen Würde entbehrt, in den anderen
+ Staaten aber geradezu als Karikatur dessen erscheint, was man
+ Royalismus nennt, ist _der königliche Geist in Preußen eine
+ wohlbegründete politische Anschauungsweise und Richtung_. Denn die
+ Dynastie und in ihr _der jedesmalige Regent können mit innerer
+ Berechtigung als der Kulminationspunkt der aufsteigenden Skala_ der
+ herkömmlichen Elemente, als der Schwerpunkt der in hergebrachten
+ Bahnen rotierenden Kräfte, als Herz und Gehirn des Organismus
+ innerhalb eines Staatsganzen betrachtet werden, welches nur so und
+ unter solcher Voraussetzung seine eigentümliche Wesenheit und seine
+ dermalige Stellung erlangte und erlangen konnte.“
+
+Des weiteren meinte er noch, daß der preußische Staat in seinem
+dermaligen Zustand das offenbare Gepräge des Unfertigen, einer noch
+nicht abgeschlossenen geschichtlichen Entwicklung auf sich trage. Ein
+Zustand also, _der nach Annexionen schreie_. Diese Mission, die Preußen
+in Deutschland habe, sei aber keine deutsche, wie man uns glauben machen
+wolle, sondern eine _preußische_.
+
+Schweitzer kannte also die Natur des preußischen Staates, wie keiner sie
+besser kennen konnte, seine Schlüsse waren durchaus logisch. Aber um so
+mehr drängt sich die Frage auf, wie konnte er dann eine Politik
+unterstützen, die nach seinem eigenen Geständnis _undeutsch_, weil nur
+_großpreußisch_ war, und wenn siegreich, die _Niederlage der Demokratie
+bedeutete_? Eine solche Politik durfte vom demokratischen Standpunkt aus
+nicht unterstützt, _sie mußte vielmehr auf Leben und Tod bekämpft
+werden, denn es war der Todfeind der Demokratie, der diese Politik
+betrieb._
+
+Schweitzer schließt seinen zweiten Artikel also:
+
+ „Ein _wahrhaft preußisches_ Ministerium, ein solches, welches die aus
+ der Geschichte des preußischen Staates hervorgegangene Wesenheit
+ desselben zu befestigen und weiterzuentwickeln strebt, kann weder in
+ Gemäßheit bloßen Schablonenkonservatismus _lediglich die stupide
+ Aufrechterhaltung des gerade Vorhandenen beabsichtigen_, wie dies
+ konservative Ministerien in Preußen lange getan, noch auch kann es die
+ dem Staate von seiner Geschichte indizierte äußere Politik _unter
+ Aufhebung des inneren Charakters des Staates anstreben, wie dies die
+ liberale Partei unter Verleugnung des Machtschwerpunktes von der Krone
+ hinweg in das Abgeordnetenhaus beabsichtigte_.“
+
+Das heißt also in klares Deutsch übersetzt: Die Eigenart des preußischen
+Staates verbietet einer preußischen Regierung die Einführung eines
+parlamentarischen Regimes, und wenn ihr Liberalen dennoch danach strebt,
+so verlangt ihr etwas, was der Natur des preußischen Staates entgegen
+ist. Begnügt euch also, ein Ornament am Staatswagen zu sein. In der
+Situation, in der damals die Kammer sich der Regierung gegenüber befand,
+bedeuteten solche Auslassungen einfach ein _In-den-Rücken-fallen_ der
+Volksvertretung und eine _Unterstützung_ der Pläne Bismarcks.
+
+In seinem dritten Artikel führt er zunächst aus: Die Schlußfolgerungen
+seines zweiten Artikels und die Untersuchungen, die zu denselben
+führten, seien _mehrfach mißverstanden_ (!) worden. Er wird also jetzt
+noch deutlicher. Er sagt:
+
+ „Indem Preußen eine Politik verfolge, die zur Annexion der Herzogtümer
+ (Schleswig-Holstein) führen müsse, setze es, _die glorreichen
+ Traditionen preußischer Geschichte aus langem Schlummer weckend, an
+ den innersten Kern des preußischen Staatsgeistes seine Hebel an._
+
+ Es ist eine bedeutende Politik, die jetzt in Preußen gemacht wird! ...
+ Wer Annexion anfängt, muß sie durchsetzen. Mehr noch.
+
+ Eine preußische Regierung, die in der zweiten Hälfte des neunzehnten
+ Jahrhunderts deutsches Land zu annektieren beginnt, eine preußische
+ Regierung, die _angesichts der offenkundigen, von Kaiser, Königen und
+ Fürsten feierlich proklamierten Unhaltbarkeit der politischen
+ Verfassung Deutschlands die ‚friedericianische Politik‘_ (wie ein
+ großdeutsches Blatt sich ausdrückte) _wieder aufnimmt, kann nicht
+ stille stehen nach kleinem Sieg — weiter muß sie auf der betretenen
+ Bahn — vorwärts, wenn nötig mit ‚Blut und Eisen‘._
+
+ Denn anknüpfen an die stolzesten Traditionen eines historisch
+ erwachsenen Staates und dann feige zurückbeben vor entscheidender Tat,
+ hieße den innersten Lebensnerv eines solchen Staates ertöten.
+
+ Man kann solche Traditionen ruhen lassen — _aber man kann sie nicht
+ aufnehmen, um sie zu ruinieren!_
+
+ Ein preußischer Minister, der _solche_ Politik für Preußen machte — er
+ verfiele unrettbar _den zürnenden Manen des großen Friedrich und dem
+ Gelächter seiner Zeitgenossen._“
+
+Wie mußte bei dem Lesen solcher Artikel das Herz jedes guten Preußen
+schlagen; war doch danach Preußen quasi von der Vorsehung vorher
+bestimmt, der Beherrscher Deutschlands zu werden. Und wie mußten die
+Herzen der Feudalen einem Manne zugetan sein, der besser als sie alle
+die „historische Mission“ des preußischen Staates darzulegen und zu
+verherrlichen verstand. Und das sollte unbeachtet und unbelohnt bleiben?
+
+Was Schweitzer hier schrieb, war aber auch eine Verherrlichung der
+weiteren Bismarckschen Politik, es war eine förmliche Anpeitschung
+Bismarcks, auf dem betretenen Wege weiter zu gehen, wäre eine solche
+noch notwendig gewesen.
+
+Im vierten Artikel kam Schweitzer auf den Bundestag und Oesterreich zu
+sprechen. Hier hatte er mit seiner Kritik leichtes Spiel, denn dümmer
+und dem Zeitbedürfnis widersprechender konnte nicht gehandelt werden,
+als diese beiden Faktoren in der deutschen Frage gehandelt hatten. Im
+übrigen war die Haltung, die in diesem Artikel Schweitzer Oesterreich
+gegenüber einnahm, wie in seiner ganzen späteren Politik, das direkte
+Gegenteil von dem, was er noch im Jahre 1863 — also anderthalb Jahre
+zuvor — in seiner Broschüre „Die österreichische Spitze“ zur
+Verherrlichung Oesterreichs gesagt hatte, und was das Programm besagte,
+das angeblich der „Sozialdemokrat“ vertreten sollte.
+
+Der fünfte Artikel beschäftigte sich mit der Stellung der Nation und der
+deutschen Frage. Er kommt zu dem Resultat:
+
+ „_Aktionsfähig in Deutschland sind nur noch zwei Faktoren: Preußen und
+ die Nation, preußische Bajonette oder deutsche Proletarierfäuste_ — wir
+ sehen kein drittes.
+
+ ... _Das Preußentum ist der Feind des Deutschtums, aber es ist auch
+ der Feind der bestehenden Gewalten Deutschlands._
+
+ Die Nation steht fest auf ewigem Fundament — die Fürstenstühle
+ Deutschlands aber müssen wanken, _wenn Preußen sich erinnert, daß
+ Friedrich der Große sein König war._“
+
+Und wie stand's mit dem preußischen Thron?
+
+Der Leser wird zugeben, daß raffinierter, demagogischer nicht zu
+schreiben war. Wie ein Aal windet er sich vor einer klaren
+Stellungnahme. Er läßt nur ahnen, spricht aber nicht aus, was er will.
+Klar ist, daß das Lesepublikum, an das Schweitzer sich wandte, von
+seinem Plädoyer für Preußen gefangen genommen wurde, und das war sein
+Zweck. Dazu kam, daß der ganze politische Inhalt des „Sozialdemokrat“
+von der Tendenz durchtränkt war, welche die fünf Artikel erfüllte.
+Bismarck hatte in der ganzen deutschen Presse keine Feder, die
+geschickter für seine Politik Propaganda machte.
+
+Kein Zweifel, diese Bismarckartikel standen mit dem Programm des
+„Sozialdemokrat“ in seiner ersten Nummer im schneidendsten Widerspruch.
+Es ist auch ausgeschlossen, daß der äußerst scharfsinnige Schweitzer
+nicht vorausgesehen habe, daß er mit diesen Artikeln der großen Mehrzahl
+der eben erst gewonnenen Mitarbeiter in gröblichster Weise vor den Kopf
+schlug. Es war eine Brüskierung sondergleichen. Es war also
+selbstverständlich, daß darauf Karl Marx, Friedrich Engels, W.
+Liebknecht, Herwegh, Joh. Ph. Becker und Friedrich Reusche von dem
+Blatte sich lossagten.
+
+Schweitzer quittierte in einem Artikel in der Nr. 31 seines Blattes über
+die Rücktritte mit den Worten: Einige bornierte Köpfe hatten sich an
+unseren Leitartikeln „Das Ministerium Bismarck“ gestoßen. Mit Genugtuung
+konstatiere er, daß zwei Hauptorgane des österreichischen Liberalismus,
+die „Presse“ und die „Ostdeutsche Post“, sich auf seine Seite gestellt
+hätten und brachte längere Auszüge aus denselben. Weiter zitierte er die
+„Neue Frankfurter Zeitung“, das Blatt Sonnemanns, die ausgeführt hatte,
+daß die von Schweitzer befolgte Politik nichts als die Fortsetzung der
+Lassalleschen Politik sei.
+
+Das war richtig! Ohne Lassalles Verhalten wäre es Schweitzer sehr schwer
+geworden, die von ihm beliebte Politik im Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein zur Geltung zu bringen. Aber doch war zwischen Lassalle
+und ihm ein Unterschied. Lassalle, ökonomisch vollständig unabhängig,
+stand zu Bismarck wie Macht zu Macht, davon konnte bei Schweitzer, der
+tief in Schulden steckte und nach seiner sonstigen Qualität in alle Wege
+keine Rede sein. Er erschien in seinem Auftreten als ein Werkzeug der
+Bismarckschen Politik, als ein Mann, der den Vorteil des Lassalleschen
+Scheins für sich hatte und ihn geschickt ausnutzte.
+
+Im weiteren erklärte Schweitzer gegen Marx und Engels, daß sie sich vom
+„Sozialdemokrat“ zurückgezogen, sobald sie eingesehen hätten, daß sie
+nicht die erste Rolle bei der Partei spielen konnten. Im Gegensatz zu
+ihnen sei Lassalle nicht der Mann der unfruchtbaren Abstraktion,
+sondern ein Politiker im strengen Sinne des Wortes, nicht ein
+schriftstellerischer Doktrinär, sondern ein Mann der praktischen Tat
+gewesen.
+
+Wobei wieder nicht vergessen werden darf, daß später Schweitzer den
+Mann der „unfruchtbaren Abstraktion“, den „schriftstellerischen
+Doktrinär“ Karl Marx, umschmeichelte und für sich zu gewinnen suchte.
+
+Marx und Engels blieben die Antwort nicht schuldig. Unter dem 24.
+Februar 1865 veröffentlichten sie folgende Erklärung:
+
+ „Die Unterzeichneten versprachen ihre Mitarbeit am ‚Sozialdemokrat‘
+ und gestatteten ihre Nennung als Mitarbeiter unter dem ausdrücklichen
+ Vorbehalt, daß das Blatt im Geiste des ihnen _mitgeteilten_ kurzen
+ Programms redigiert werde. Sie verkannten keinen Augenblick die
+ schwierige Stellung des ‚Sozialdemokrat‘ und machten daher keine für
+ den Meridian Berlin unpassenden Ansprüche. Sie forderten aber
+ wiederholt, _daß dem Ministerium und der feudalabsolutistischen Partei
+ gegenüber eine wenigstens ebenso kühne Sprache geführt werde wie
+ gegenüber den Fortschrittlern._ Die von dem ‚Sozialdemokrat‘ befolgte
+ Taktik schließt unsere weitere Beteiligung an demselben aus. Die
+ Ansicht der Unterzeichneten _vom königlich preußischen
+ Regierungssozialismus_ und von der richtigen Stellung der
+ Arbeiterpartei zu solchem Blendwerk findet sich bereits ausführlich
+ entwickelt in Nr. 73 der ‚Deutschen Brüsseler Zeitung‘ vom 12.
+ September 1847, in Antwort auf Nr. 206 des damals in Köln
+ erscheinenden ‚Rheinischen Beobachters‘, worin die Allianz des
+ Proletariats und der Regierung gegen die liberale Bourgeosie
+ vorgeschlagen war. Jedes Wort unserer damaligen Erklärung
+ unterschreiben wir noch heute.“
+
+Die Erklärung in der „Deutschen Brüsseler Zeitung“, auf die hier Marx
+und Engels sich bezogen, lautete:
+
+ „Wenn eine gewisse Fraktion deutscher Sozialisten fortwährend gegen
+ die liberale Bourgeoisie gepoltert hat, und zwar in einer Weise, die
+ niemandem Vorteil brachte als den deutschen _Regierungen_, wenn jetzt
+ Regierungsblätter wie der ‚Rheinische Beobachter‘, auf die Phrasen
+ dieser Leute gestützt, behaupten, _nicht die liberale Bourgeoisie,
+ sondern die Regierung repräsentiere die Interessen des Proletariats,
+ so haben die Kommunisten weder mit der ersteren noch mit der letzteren
+ etwas gemein...._
+
+ Das Volk oder, um an die Stelle dieses weitsichtigen, schwankenden
+ Ausdrucks den bestimmten zu setzen, das Proletariat räsoniert ganz
+ anders, als man im geistlichen Ministerium sich träumen läßt. Das
+ Proletariat fragt nicht, ob den Bourgeois das Volkswohl Nebensache
+ oder Hauptsache sei, ob sie die Proletarier als Kanonenfutter
+ gebrauchen werden oder nicht. Das Proletariat fragt nicht, was die
+ Bourgeois bloß _wollen, sondern was sie müssen_. Es fragt, ob der
+ jetzige politische Zustand, die Herrschaft der Bureaukratie, _oder der
+ von den Liberalen erstrebte, die Herrschaft der Bourgeoisie, ihm mehr
+ Mittel bieten wird, seine eigenen Zwecke zu erreichen._ Dazu hat es
+ nur nötig, die politische Stellung des Proletariats in England,
+ Frankreich und Amerika mit der in Deutschland zu vergleichen, um zu
+ sehen, _daß die Herrschaft der Bourgeoisie dem Proletariat nicht nur
+ ganz neue Waffen zum Kampfe gegen die Bourgeoisie in die Hand gibt,
+ sondern ihm auch eine ganz andere Stellung, eine Stellung als
+ anerkannte Partei verschafft._“
+
+ Es heißt weiter: „Das Volk kann sich nicht für die _ständischen
+ Rechte_ interessieren. Aber ein Landtag, der Geschworenengerichte,
+ Gleichheit vor dem Gesetz, Aufhebung der Frondienste, Preßfreiheit,
+ Assoziationsfreiheit und eine wirkliche Repräsentation verlangt, _ein
+ Landtag, der ein für allemal mit der Vergangenheit gebrochen und seine
+ Forderungen nach den Bedürfnissen der Zeit eingerichtet hat statt nach
+ alten Gesetzen, solch ein Landtag kann auf die kräftigste
+ Unterstützung des Proletariats rechnen._“
+
+Am 4. März schlossen sich Georg Herwegh und Wilhelm Rüstow der Erklärung
+von Marx und Engels ausdrücklich an. Am 5. März erklärte Fr. Reusche in
+der „Rheinischen Zeitung“ seinen Rücktritt von der Mitarbeiterschaft am
+„Sozialdemokrat“, wobei er unter anderem bemerkte, er habe wiederholt
+die Redaktion aufgefordert, das Junkertum rücksichtslos zu bekämpfen.
+Rüstow habe Anfang Februar eine eingehende Kritik der Militärfrage an
+die Redaktion gesandt; aber trotz der wiederholten Anfragen von Rüstow
+und ihm erschienen weder diese noch ein von ihm eingesandter Artikel
+gegen den königlich preußischen Regierungssozialismus. Bald habe es
+geheißen, es sei kein Raum vorhanden, bald, man wolle warten, bis die
+Zeit geeignet wäre. Am 11. März erklärte Jean Philipp Becker in Genf im
+Hamburger „Nordstern“, dem Vorgehen von Marx und Engels sich
+anzuschließen. Liebknecht hatte sich gleichzeitig mit den letzteren von
+Schweitzer und dem „Sozialdemokrat“ losgesagt. Professor Wuttke in
+Leipzig gab zwar keine öffentliche Erklärung ab, stellte aber seine
+Mitarbeiterschaft am „Sozialdemokrat“ ein. Der einzige, der von dem
+ganzen Mitarbeiterstab einstweilen noch dem „Sozialdemokrat“ verblieb,
+war Moritz Heß in Paris. Er schied Ende 1866 aus. Eine zweite Erklärung
+von Marx und Engels, datiert London den 15. März und abgedruckt in der
+Berliner „Reform“ vom 19. März 1865, richtete sich gegen einen Artikel,
+den Schweitzer aus der „Neuen Frankfurter Zeitung“ im „Sozialdemokrat“
+abgedruckt hatte, in dem nachgewiesen werden sollte, „wie inkonsequent
+und innerlich haltlos das Verfahren der Herren Marx und Engels dem
+‚Sozialdemokrat‘ gegenüber ist“. Marx konstatiert: Schweitzer habe am
+11. November 1864 ihm das Erscheinen des „Sozialdemokrat“ angezeigt und
+habe bei dieser Gelegenheit geschrieben:
+
+ „Wir haben uns an etwa sechs bis acht bewährte Mitglieder der Partei
+ oder derselben wenigstens nahestehende Männer gewandt, um sie für die
+ Mitarbeiterschaft zu gewinnen.... Allein für ungleich wichtiger halten
+ wir es, daß _Sie, der Begründer der deutschen Arbeiterpartei und ihr
+ erster Verfechter_, uns Ihre Mitwirkung angedeihen lassen. Wir hegen
+ die Hoffnung, daß Sie einem Verein, der, wenn auch nur indirekt, auf
+ Ihre eigene Wirksamkeit zurückzuführen ist, nach dem großen Verlust,
+ der ihn betroffen, in seinem schweren Kampfe zur Seite stehen werden.“
+
+In dem Prospekt habe der Name Lassalle nirgends gestanden. Der Prospekt
+habe nur drei Punkte enthalten: „Solidarität der Völkerinteressen“, „Das
+ganze gewaltige Deutschland — ein freier Volksstaat“, „Abschaffung der
+Kapitalherrschaft“. Daraufhin hätten er und Engels ihre Mitarbeit
+zugesagt.... Am 28. November habe Schweitzer ihm geschrieben, daß seine
+und Engels' Zusage in der Partei, soweit sie überhaupt eingeweiht sei,
+die freudigste Sensation hervorgerufen.... Marx erzählt weiter, wie er
+im Laufe des Januar gegen die Taktik Schweitzers im „Sozialdemokrat“
+protestierte und daß, als trotz Schweitzers Beruhigungsschreiben die
+Taktik im Blatte dieselbe geblieben, er aufs neue protestiert habe,
+worauf Schweitzer ihm am 15. Februar folgendes geschrieben:
+
+ „Wenn Sie mir wie im letzten Schreiben über theoretische Fragen
+ Aufklärung geben wollen, so würde ich solche Belehrung von Ihrer Seite
+ dankbar entgegennehmen. Was aber die praktischen Fragen momentaner
+ Taktik betrifft, so bitte ich Sie, zu bedenken, daß, um diese Dinge zu
+ beurteilen, man im Mittelpunkt der Bewegung stehen muß. Sie tun uns
+ daher unrecht, _wenn Sie irgendwo und irgendwie Ihre Unzufriedenheit
+ mit unserer Taktik aussprechen_. Dies dürfen Sie nur dann tun, wenn
+ Sie die Verhältnisse genau kennen. Auch vergessen Sie nicht, daß der
+ Allgemeine Deutsche Arbeiterverein ein konsolidierter Körper ist und
+ bis zu einem gewissen Grade an seine Tradition gebunden bleibt. (Der
+ Verein war damals kaum 22 Monate alt und hatte nur einige tausend
+ Mitglieder. A.B.) Die Dinge in concreto schleppen eben immer irgend
+ ein Fußgewicht mit sich herum.“
+
+Es war also selbstverständlich, daß Marx, Engels und Genossen handeln
+mußten, wie sie gehandelt haben. Schweitzer scheint geglaubt zu haben,
+daß er seinen Mitarbeitern eine ähnliche Rolle zumuten dürfe, wie sie
+Lothar Bucher im Einverständnis mit Bismarck Marx im „Staatsanzeiger“
+zugemutet hatte. Sie sollten Mitarbeiter sein, aber kein Recht haben,
+über die Taktik mitzusprechen, die mit dem Programm, auf Grund dessen
+sie ihre Mitarbeiterschaft zugesagt hatten, im _schneidendsten
+Widerspruch stand_. Schreibt so radikal wie möglich für Sozialismus und
+Kommunismus, je radikaler, desto besser; ihr seid dann die Flagge, unter
+der ich meine Konterbande decke. So ungefähr mochte Schweitzer
+räsonnieren. Es war daher eine Unverschämtheit, wenn er auf die
+Beschwerde von Marx und Engels über die Haltung des Blattes erklärte:
+sie im Ausland könnten die Dinge in Deutschland nicht beurteilen. Diese
+konnten aber selbst Personen durchaus richtig beurteilen, die den Marx
+und Engels nicht das Wasser reichten. Eines konnte man damals Bismarck
+nicht vorwerfen, daß er seine Politik verschleierte und mit verdeckten
+Karten spielte.
+
+Bucher hat später, im Herbst 1878, als anläßlich des bevorstehenden
+Sozialistengesetzes seine Einladung von Marx, für den „Staatsanzeiger“
+zu schreiben, Gegenstand der öffentlichen Erörterung wurde, die Marxsche
+Darlegung dieser Einladung bestritten. Darauf antwortete Marx in der
+„Daily News“ unter anderem:
+
+ Der Brief, worin mich Herr Bucher für den „Staatsanzeiger“ zu kirren
+ suchte, datiert vom _8. Oktober 1865_. Es heißt darin unter anderem:
+ „In betreff des Inhaltes versteht es sich von selbst, daß Sie nur
+ Ihrer wissenschaftlichen Ueberzeugung folgen; jedoch wird die
+ Rücksicht auf den Leserkreis — haute finance —, nicht auf die
+ Redaktion, es ratsam machen, daß Sie den innersten Kern nur eben für
+ den Sachverständigen durchscheinen lassen.“ Dagegen besagt die
+ „Berichtigung“ des Herrn Bucher, daß er bei „Herrn Marx anfrug, ob er
+ die gewünschten Artikel liefern wolle, indem es auf eine objektive
+ Behandlung ankäme. Von des Herrn Marx ‚eigenem wissenschaftlichen
+ Standpunkt‘ steht nichts in meinem Briefe.“
+
+Ferner heißt's in dem Briefe Buchers:
+
+ „Der ‚Staatsanzeiger‘ wünscht monatlich einen Bericht über die
+ Bewegungen des Geldmarktes (und natürlich auch des Warenmarktes,
+ soweit beide nicht zu trennen). Ich wurde gefragt, ob ich nicht
+ jemanden empfehlen könnte, und erwiderte, niemand würde das besser
+ machen als Sie. Ich bin infolgedessen ersucht worden, mich an Sie zu
+ wenden.“
+
+Klassisch ist der Schluß der Bucherschen Einladung, die Marx in jener
+Erklärung ebenfalls abdruckt:
+
+ „Der Fortschritt (er meinte die liberale oder Fortschrittsbourgeoisie)
+ wird sich noch oft häuten, ehe er stirbt; wer also während seines
+ Lebens noch innerhalb des Staates wirken will, der muß sich ralliieren
+ um die Regierung.“
+
+Das war also der Grund, der Bucher Bismarck in die Arme trieb und der
+ihn veranlaßte, bei anderen das gleiche zu versuchen.
+
+Nach einer Erklärung, die Liebknecht am 24. März in der „Rheinischen
+Zeitung“ veröffentlichte, habe Schweitzer nach dem Tode Lassalles Marx
+zum Präsidenten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins vorgeschlagen.
+Marx habe abgelehnt, sich mit einer Bewegung zu identifizieren, deren
+Taktik er für grundverkehrt hielt, auch habe er keine Neigung gehabt,
+unter den obwaltenden politischen Zuständen nach Deutschland
+überzusiedeln. Schweitzer habe sich verpflichtet, daß das neue Blatt die
+Lassallesche Taktik nicht befolgen, jedes Kokettieren mit der Reaktion
+vermeiden sollte, unter dieser Bedingung, und nur unter dieser, habe er
+sich zur Mitarbeiterschaft bereit erklärt, vorausgesetzt, daß auch Marx
+und Engels sich beteiligen würden. Beide hätten sich schließlich nur mit
+dem größten Widerstreben dazu verstanden, und nur auf seine wiederholte
+Versicherung, daß er an die Loyalität Schweitzers — von dem er sehr
+schlimme Dinge gehört — glaube.
+
+Die Politik des „Sozialdemokrat“ trug rasch die gewünschten Früchte.
+Bereits Anfang Februar 1865 hielt ein Mitglied des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins, Peter Rex, in Köln eine Rede, worin er sagte: _ihm sei
+die jetzige Regierung lieber als ein Fortschrittsministerium_. Der
+„Sozialdemokrat“ druckte ohne ein Wort der Kritik diese Aeußerungen ab.
+Am 12. März erklärte der Rheinisch-Westfälische Arbeitertag zu Barmen
+sich mit der Haltung des „Sozialdemokrat“ einverstanden, auch sei es
+durchaus zu billigen, die Vorschläge der preußischen Regierung, die bei
+verschiedenen Gelegenheiten die Verbesserung der Lage der arbeitenden
+Klassen durch die Gesetzgebung _versprochen_ habe, abzuwarten, bevor man
+über dieselbe aburteile, indem es keineswegs unmöglich sei, _daß
+dieselbe das Dreiklassenwahlgesetz aufhebe und statt desselben das
+allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht_, wie es das von
+Lassalle, dem Begründer der deutschen Arbeiterpartei, vorgezeichnete
+nächste Ziel der jetzigen deutschen Arbeiterbewegung sei, _einführe_.
+
+Form und Inhalt dieser Resolution sprachen dafür, daß Schweitzer sie
+verfaßt hatte, auch empfahl der „Sozialdemokrat“, überall dieselbe zur
+Abstimmung zu bringen, ein Akt, der einem Vertrauensvotum für die
+preußische Regierung gleichkam.
+
+Bereits begann aber auch die Opposition im Verein sich bemerkbar zu
+machen. In seiner Nr. 38 polemisierte der „Sozialdemokrat“ gegen die
+offenen Feinde und falschen Freunde, die Zwietracht in die Partei zu
+säen suchten. Und da die Opposition auch begann, gegen die
+diktatorischen Organisationsbestimmungen im Vereinsstatut zu
+polemisieren, so mußte die Organisation als das ureigenste Werk
+Lassalles mit einer Art _Glorienschein_ umgeben werden. Der
+Lassallekultus wurde von jetzt ab systematisch gefördert und jeder als
+eine Art Schänder des Heiligsten gebrandmarkt, der andere Ansichten zu
+hegen wagte. Es waren namentlich die Worte im Lassalleschen Testament:
+„Dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein empfehle ich, den Frankfurter
+Bevollmächtigten, Bernhard Becker, zu meinem Nachfolger zu wählen. _Er
+soll an der Organisation festhalten; sie wird den Arbeiterstand zum
+Siege führen_“, die das Schibolet wurden, das den echten von dem
+falschen Lassalleaner unterschied. Und Schweitzer unterstützte diese
+allmählich ans Idiotenhafte grenzenden Anschauungen, die schließlich
+eine Art religiöser Glaubenssätze wurden. Kam es doch im Laufe der Jahre
+dahin, daß das Thema „Christus und Lassalle“ das Thema für die
+Tagesordnung zahlreicher Volksversammlungen wurde. F.W. Fritzsche
+erhielt sogar 1868 in Berlin eine Anklage wegen eines Vortrags über
+dieses Thema, in dem der Staatsanwalt eine Gotteslästerung erblickte.
+Fritzsche wurde nur freigesprochen, weil ihm der Dolus nicht
+nachgewiesen werden konnte.
+
+Wie Schweitzer innerlich über dieses von ihm geförderte Treiben dachte,
+bedarf keiner Auseinandersetzung.
+
+In einem merkwürdigen Gegensatz zu den Bismarckartikeln veröffentlichte
+der „Sozialdemokrat“ in seiner Nr. 43 vom 5. April 1865 eine
+Schlußbetrachtung über die österreichischen Staatsverhältnisse, worin es
+hieß:
+
+ „Die Deutsche Volkspartei ist, wie in allem, so auch in der deutschen
+ Einheitssache radikal, das heißt sie will die ganze und ausnahmslose
+ Verwirklichung der als gut und richtig erkannten Idee.
+
+ Die Deutsche Volkspartei also will das _ganze_ Deutschland zum freien
+ Volksstaat vereinen.
+
+ Das _ganze_ Deutschland! sagen wir. Nicht ein Dorf, nicht ein
+ Meierhof, nicht die kleinste Hütte im fernsten Winkel darf uns fehlen!
+
+ Der kleindeutsche Gedanke eines ‚einigen Deutschland‘ ohne die
+ deutsch-österreichischen Provinzen ist _ein Hochverrat an der Nation
+ und ihrer Zukunft_. (Auch im Text gesperrt gedruckt.)
+
+ Ein einiges Deutschland — _bedingungslos, ausnahmslos!_“
+
+Das war eine der Doppelzüngigkeiten, womit Schweitzer bezweckte, die
+Opposition zum Schweigen zu bringen, die sich anläßlich der
+Bismarckartikel innerhalb und außerhalb des Vereins geltend machte. Er
+sah, daß er sich zu weit vorgewagt hatte. Ein solches Manöver
+wiederholte er _regelmäßig_, sobald er wegen seines Verhaltens
+öffentlich Angriffen ausgesetzt war. Alsdann warf er sich wieder auf die
+linke Seite und schrieb mit einem Radikalismus, der nichts zu wünschen
+übrig ließ. Er konnte so, aber auch anders.
+
+Und er nicht allein, auch der eine und der andere seiner Anhänger. In
+derselben Nummer des „Sozialdemokrat“, in der der oben zitierte Artikel
+über Oesterreich stand, veröffentlichte Tölcke einen spaltenlangen
+Bericht über eine _Königsgeburtstagsfeier, welche die Mitglieder des
+Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in Iserlohn veranstaltet hatten
+und in der Tölcke ein Hoch auf den König von Preußen ausgebracht hatte_.
+In diesem Toast führte Tölcke aus, der Wille, den Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein vernichten zu wollen — wie das der Iserlohner
+Bürgermeister durch maßlos brutale Unterdrückungsmaßregeln versucht
+hatte — sei vergeblich.
+
+ „Das gelingt nimmermehr, weil das preußische Ministerium den
+ Bestrebungen des Vereins, mehr aus volkswirtschaftlichen als aus
+ politischen Beweggründen, augenscheinlich die große Aufmerksamkeit
+ schenkt — es gelingt endlich nimmermehr, weil Seine Majestät unser
+ allverehrter König der Freund der Arbeiter ist.“
+
+Auf Tölckes Betreiben hatte man sogar den König durch eine
+telegraphische Depesche zum Geburtstag beglückwünscht, worauf folgende
+Antwort eingegangen war:
+
+ „Dem Arbeiterverein Iserlohn. Seine Majestät dankt bestens für Ihre
+ Glückwünsche. Im allerhöchsten Auftrag: Strubberg, Oberstleutnant und
+ Flügeladjutant.“
+
+Die Verlesung dieser Depesche wurde, wie Tölcke weiter berichtete, mit
+einem gewaltigen Hoch auf Seine Majestät aufgenommen. Im Festsaal war
+ein Transparent angebracht: der preußische Adler stehend auf
+verschlungenen Eichen- und Lorbeerzweigen, und darüber die Inschrift:
+Heil dem Könige, dem Beschützer der Bedrängten!... Weithin schallten
+patriotische Lieder. Ein Kriegerverein konnte nicht patriotischer
+handeln.
+
+Schweitzer druckte den spaltenlangen Bericht Tölckes im „Sozialdemokrat“
+ab, ohne ein Wort des Tadels oder der Unzufriedenheit hinzuzufügen.
+Tölcke handelte eben in den Intentionen Schweitzers. Das hinderte ihn
+aber nicht, im „Sozialdemokrat“ vom 20. September 1865 bei Besprechung
+einer Depesche Lord Russells, worin dieser den Gasteiner Vertrag
+zwischen Preußen und Oesterreich aufs schärfste verurteilte, zu sagen:
+Was geht uns der Gasteiner Vertrag an?... Es ist nur eine Angelegenheit
+der preußischen Regierung, deren Politik im offensten und
+entschiedensten Widerspruch zum Willen des Volkes in Preußen steht. Und
+gegen die „Kreuzzeitung“ gewendet, die dem Volke mit dem Ausland drohte,
+das sich in deutsche Angelegenheiten mischen werde, antwortete er: Nicht
+in Frankreich, in Deutschland sitzen die Erbfeinde deutscher Nation. Wen
+er darunter meinte, das überließ er dem Leser, sich zurechtzulegen. Wie
+konnte der Arbeiter von damals in dieser Zweideutigkeit und
+Doppelzüngigkeit sich zurechtfinden? Er hatte nur das eine Gefühl, daß
+der Mann, der alles das schrieb, geistig turmhoch über ihm stand und er
+darum ihm folgen müsse.
+
+Die Verbreitung, die damals der „Sozialdemokrat“ besaß, war eine sehr
+geringe. Er hatte nur _einige hundert Abonnenten_. Das Blatt erforderte
+also _sehr erhebliche_ Zuschüsse, und es konnte gar keine Rede davon
+sein, daß es seinen Redakteuren auch nur einen Pfennig Gehalt abwarf,
+obgleich beide darauf angewiesen waren. Um so mehr mußte auffallen, daß
+bei einem solch elenden finanziellen Stand dasselbe vom 1. Juli 1865 ab
+sogar _täglich_ erschien, also sein Defizit fast verdoppelte, ohne jede
+Aussicht, in absehbarer Zeit einen Abonnentenzuwachs zu erlangen, der
+auch nur einen nennenswerten Teil der Kosten deckte. Die Frage war also
+sehr natürlich: wo kommt das Geld her? denn ohne daß erhebliche
+Zuschüsse von irgend einer Seite in Aussicht standen, war der Plan, das
+Blatt täglich erscheinen zu lassen, der Plan von Irrenhäuslern.
+
+Der Verein hatte kein Bedürfnis nach einer solchen Vergrößerung des
+Blattes, wohl aber die _konservative Presse_, welche die scharfen
+Angriffe, die der „Sozialdemokrat“ unausgesetzt gegen die
+Fortschrittspartei und ihre Politik führte, mit Behagen weiter
+verbreitete und die liberale Presse zwang, dem „Sozialdemokrat“
+ebenfalls größere Beachtung zu schenken. Auf diese Weise erlangte das
+Blatt eine Bedeutung, die ganz außer Verhältnis zu seiner Verbreitung
+stand. Die Frage: woher kommt das Geld? wurde auch für die liberale
+Presse aktuell, und so sahen sich Schweitzer und Hofstetten genötigt, in
+der Nr. 77 des „Sozialdemokrat“ vom 28. Juni 1865 eine Erklärung gegen
+die „Rheinische Zeitung“ zu veröffentlichen, die in ihrer Nr. 139
+erklärt hatte: _Der „Sozialdemokrat“ stehe in nahen Beziehungen zu
+Bismarck, und in ihrer Nr. 139 weiter die Beschuldigung aussprach, dem
+„Sozialdemokrat“ flössen aus hochkonservativen Kreisen die Mittel zu, um
+statt dreimal wöchentlich täglich zu erscheinen_. Die Erklärung
+Schweitzers und Hofstettens gegen die „Rheinische Zeitung“ lautete:
+
+ „In diesen beiden Stellen hat die Redaktion der ‚Rheinischen Zeitung‘,
+ obwohl mit einiger Vorsicht (? A.B.) und in etwas gewundenen Phrasen
+ (? A.B.), so doch im ganzen ziemlich unzweideutig uns, die Redakteure
+ des ‚Sozialdemokrat‘, der schmählichsten und erbärmlichsten Haltung
+ beschuldigt, die überhaupt in der Politik möglich ist: daß nämlich
+ wir, die berufen sind, die sozialdemokratische Partei in der Presse zu
+ vertreten, uns an eine entgegenstehende Partei oder politische Macht
+ verkauft hätten.
+
+ Wenn die Redaktion der ‚Rheinischen Zeitung‘ nicht _sofort nach
+ Kenntnisnahme dieser Erklärung ihre Verleumdung widerruft, werden wir
+ gegen dieselbe, weiteres uns übrigens vorbehaltend, bei dem
+ zuständigen Gericht Klage erheben._“
+
+Darauf antwortete die Redaktion der „Rheinischen Zeitung“ bereits am
+folgenden Tage, den 29. Juni:
+
+ _„An die Redaktion des ‚Sozialdemokrat‘, zu Händen des Herrn v.
+ Schweitzer, Berlin.
+
+ Die Redaktion der ‚Rheinischen Zeitung‘ sieht sich angesichts der ihr
+ zugesandten Erklärung nicht veranlaßt, irgend etwas zu widerrufen, und
+ überläßt es der Redaktion des ‚Sozialdemokrat‘, die angedrohte Klage
+ zu erheben.“_
+
+Darauf antwortete Schweitzer:
+
+ _„Demgemäß wird also die in Aussicht gestellte Klage stattfinden.“_
+
+Diese Klage fand aber nicht statt, Schweitzer ließ die schweren
+Beschuldigungen gleich anderen, die ihm schon gemacht worden waren, auf
+sich sitzen. Das besagt genug.
+
+Um diese Zeit und noch Jahre nachher machte sich ein Individuum in den
+Berliner Arbeiterkreisen sehr bemerklich, das im Verdacht stand, im
+Dienste der Regierung zu stehen. Es war dies der angebliche Arbeiter
+Preuß. Tatsächlich war dieser für ein Gehalt von 50 Taler monatlich
+angestellt, und zwar stand er im direkten Dienst des _Geheimen
+Regierungsrats Wagener_. Nebenher lieferte Preuß für eine Anzahl Blätter
+die Polizeinachrichten, die ihm eine Extraeinnahme brachten. Preuß war
+es auch, der Liebknechts Anwesenheit in Berlin, Herbst 1866, wegen
+Bannbruchs der Polizei denunzierte, worauf dieser, wie ich schon im
+ersten Teil dieser Arbeit erzählte, zu drei Monaten Gefängnis verurteilt
+wurde. Preuß besuchte mit Vorliebe die Versammlungen des Allgemeinen
+Deutschen Arbeitervereins, in denen er auch öfter sprach. Liebknecht und
+andere unserer damaligen Berliner Parteifreunde behaupteten mit
+Bestimmtheit, daß er den Mittelsmann zwischen Schweitzer und Wagener
+abgebe, doch hatte Schweitzer wohl direktere Beziehungen zu Wagener.
+
+Letzterer, der Geriebene, mit allen Wassern Gewaschene, war, wie
+allbekannt, die rechte Hand Bismarcks in allen sozialpolitischen
+Angelegenheiten, zugleich war er vortragender Rat und stand so in
+engster täglicher Beziehung zu Bismarck und dem König. Die Kette
+Schweitzer-Wagener-Bismarck war also ohne ein weiteres Verbindungsglied
+geschlossen, was für alle Teile sehr wichtig war. Daß Schweitzer je mit
+Bismarck persönlich verkehrte, betrachte ich als vollkommen
+ausgeschlossen. Schweitzer war kein Lassalle. Unvergeßlich bleibt mir,
+wie Bismarck eines Tages im Reichstag den Neugierigen spielte und mit
+der Lorgnette vor den Augen den auf die Tribüne zuschreitenden
+Schweitzer vom Scheitel bis zu den Zehen maß, als wollte er sagen: also
+du bist der, der mir an den Rockschößen hängt?
+
+Am Molkenmarkt mußte man die Beziehungen Schweitzers zu Wagener und
+höher hinauf kennen. Daher kam es wohl, daß, wenn der „Doktor“, wie
+Schweitzer dort kurz und vertraulich genannt wurde, seine öfteren
+Besuche auf dem Präsidium machte, die Beamten und Offiziere ihn sehr
+entgegenkommend behandelten, wie das der undankbare Tölcke nach einer
+Reihe Jahre, als er mit Schweitzer gebrochen hatte, zugestand. Das
+Berliner Polizeipräsidium hatte offenbar ein lebhaftes Interesse, auf
+Grund seiner wenig sagenden Akten Schweitzer zu rehabilitieren und damit
+auch Wagener und Bismarck weiß zu waschen. Aus diesem Grunde geschah es
+wohl, daß, als Dr. Gustav Mayer sein Werk „Johann Baptist v. Schweitzer
+und die Sozialdemokratie“ schrieb (bei Gustav Fischer in Jena
+erschienen), ihm das Berliner Polizeipräsidium bereitwilligst Einsicht
+in seine Geheimakten über Schweitzer nehmen ließ. Schon fünfzehn Jahre
+früher wurde Genosse Franz Mehring, als er seine Geschichte der
+deutschen Sozialdemokratie verfaßte, vom Polizeipräsidium dieselbe
+Offerte gemacht, die Mehring aber ablehnte.
+
+ * * * * *
+
+Die Gräfin Hatzfeldt, der die Unterstützung der Bismarckschen Politik
+durch Schweitzer noch nicht weit genug ging, hatte eine Rechtfertigung
+dieser Politik schon gegen Ende 1864 in einem Briefe an die Frau
+Herweghs versucht, in dem sie schrieb:
+
+ „Es liegt ein förmlicher Abîme (Abgrund) zwischen folgenden zwei
+ Sachen: sich an einen Gegner zu verkaufen, für ihn arbeiten, verdeckt
+ oder unverdeckt, oder wie ein großer Politiker den Augenblick zu
+ erfassen, um von den Fehlern des Gegners zu profitieren, einen Feind
+ durch den anderen aufreiben zu lassen, ihn auf eine abschüssige Bahn
+ zu drängen und die dem Zwecke günstige Konjunktur, sie möge
+ hervorgebracht werden von wem sie wolle, zu benutzen. Die _bloßen_
+ ehrlichen Gesinnungen, diejenigen, die sich immer nur auf den idealen,
+ in der Luft schwebenden Standpunkt der zukünftigen Dinge stellen und
+ darauf nur das momentane Handeln bestimmen, mögen privatim als recht
+ brave Menschen gelten, aber sie sind zu nichts zu brauchen, zu
+ Handlungen, die auf die Ereignisse wirklich einwirken, ganz unfähig,
+ kurz, sie können nur in der großen Masse dem Führer folgen, der besser
+ weiß.“
+
+Die Frau Gräfin hatte sich hier ein Programm zurechtgelegt, das selbst
+einen Lassalle zum Scheitern gebracht hätte, weil vor allen Dingen die
+Macht, die dazu gehörte, in der von ihr geschilderten Weise zu
+politisieren, fehlte. Lassalle wäre, das ist meine Ueberzeugung, wenn es
+zum Kirschenessen mit Bismarck gekommen wäre, gehörig hereingefallen;
+sein Spiel hätte mit einer gewaltigen Blamage geendet. Zu glauben, ein
+Bismarck konnte oder wollte der Sozialdemokratie, also dem Todfeind der
+bürgerlichen Gesellschaft, ernsthafte Konzessionen machen, er, dem doch
+allein daran liegen mußte, mit der modernen Macht des Kapitalismus sich
+zu verständigen und der zu diesem Zwecke die Sozialdemokratie allenfalls
+als _Mittel_ benutzte, hätte von einer Verblendung gezeugt, die alles
+andere, nur nicht Realpolitik gewesen wäre. Auch ist die
+Sozialdemokratie keine Schafherde, die gedankenlos hinter dem Führer
+trottet und sich beliebig führen und nasführen läßt. Das mochte die
+Gräfin Hatzfeldt zu ihrer Zeit und in der Atmosphäre, in der sie lebte,
+noch glauben, aber eine sozialdemokratische Politik ist auf die Dauer
+nicht ohne die bewußte Mitwirkung der Massen und das Betreten ehrlicher,
+gerader Wege möglich. Die Massen lassen sich auf diplomatische Finessen
+nicht ein; der Führer, der anders rechnet, wird bald erkennen, daß er
+sich verrechnet hat.
+
+Der Sommer 1865 bot Schweitzer Gelegenheit, sich wieder als Radikaler
+aufzuspielen, womit er die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen in den
+Hintergrund zu drängen hoffen durfte. Es war das ebenfalls schon von mir
+im ersten Bande erwähnte Abgeordnetenfest in Köln, dem gegenüber
+Bismarck den Gewaltmenschen spielte. Schweitzer mit seinem gewohnten
+großen Geschick wendete sich in einer Reihe Artikel im „Sozialdemokrat“
+gegen die Regierung. Und wenn er darin der Fortschrittspartei wegen
+ihres feigen Verhaltens in der Kölner Angelegenheit übel mitspielte, so
+forderte er auch mit Nachdruck ein völlig freies Vereins- und
+Versammlungsrecht für Preußen. Trotz seiner eminenten journalistischen
+Gewandtheit schrieb er jetzt mit einer Schärfe, daß der „Sozialdemokrat“
+eine längere Reihe von Tagen _täglich konfisziert_ wurde. Diese
+oppositionelle Haltung übertrug er auch auf die Kritik an der
+auswärtigen Politik, als Bismarck im Oktober zu Napoleon nach Biarritz
+reiste, um dessen Zustimmung zu seiner „nationalen“ Politik zu erlangen,
+Verhandlungen, bei denen, wie sich nach 1866 erwies, Napoleon der
+Geprellte war. Gegen Schweitzer erhob die Staatsanwaltschaft Anklage
+wegen verschiedener Preßvergehen. Auch reizte die Opposition des
+„Sozialdemokrat“ die Staatsanwaltschaft noch zu weiterer Verfolgung. So
+wurden durch Gerichtsbeschluß in Berlin und Magdeburg die
+Mitgliedschaften des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins unterdrückt,
+weil sie als selbständige politische Vereine anzusehen seien, die nach
+dem § 8 des preußischen Vereins- und Versammlungsgesetzes nicht
+miteinander in Verbindung stehen durften.
+
+Diese Verfolgungen verhinderten aber nicht, daß im Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein Schweitzer mit einer starken Opposition zu kämpfen hatte,
+wobei die Gräfin Hatzfeldt tapfer schürte, weil er dieser nicht den
+verlangten Einfluß auf den Verein und seine Politik einräumte. Es begann
+ein wahres Tohuwabohu im Verein, es war der Kampf um die Macht. Lassalle
+hatte kurz vor seinem Tode Schweitzer zum Vorstandsmitglied des
+Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins ernannt. Die Generalversammlung in
+Düsseldorf ließ ihn aber für diesen Posten durchfallen. Bernhard Becker
+war ebenfalls mit Schweitzer zerfallen und versuchte einen Haupttrumpf
+gegen ihn auszuspielen, indem er die Generalversammlung des Vereins nach
+Frankfurt a.M. einberief, den Ort, der Schweitzer nach seiner
+Vergangenheit der allerunangenehmste sein mußte. Indes war die
+Opposition auch gegen den unfähigen Becker so stark, daß dieser kurz
+vor der Frankfurter Generalversammlung sein Amt niederlegte, worauf
+Tölcke als sein Nachfolger gewählt wurde. Bis aber dessen Wahl durch die
+Urabstimmung in den Mitgliedschaften bestätigt war, sollte
+Hillmann-Elberfeld, der wieder Fritzsche als Vizepräsident ersetzt
+hatte, die Leitung des Vereins übernehmen. Hillmann, der zu den
+entschiedensten Gegnern Schweitzers gehörte, benutzte jetzt seine
+Stellung, um den zwischen Becker und Schweitzer abgeschlossenen Vertrag,
+wonach der „Sozialdemokrat“ offizielles Vereinsorgan war, für null und
+nichtig zu erklären und ihm das Recht, sich Vereinsorgan zu nennen, zu
+entziehen. Schweitzer und Hofstetten bezeichneten von da ab das Blatt
+als „Organ der sozialdemokratischen Partei“.
+
+Mittlerweile war Schweitzer ins Gefängnis gewandert. Er war am 24.
+November wegen verschiedener Preßvergehen, darunter Majestätsbeleidigung
+und Schmähung obrigkeitlicher Anordnungen, zu einem Jahre Gefängnis
+verurteilt worden. Später bekam er noch vier Monate dazu, auch wurden
+ihm jetzt die Ehrenrechte aberkannt. Seine Verhaftung erfolgte kurz nach
+seiner ersten Verurteilung. Schweitzers journalistische Tätigkeit wurde
+aber durch die Haft in keiner Weise unterbrochen, wie er denn im
+Gefängnis ein Maß von Freiheiten genoß, das weder bis dahin noch später
+einem in Berlin zu Gefängnis verurteilten politischen Gefangenen zuteil
+wurde. Er traf alle Anordnungen sowohl als Redakteur wie später als
+Präsident des Vereins aus dem Gefängnis. Seine Korrespondenz war
+unbeschränkt, Besuche empfing er häufig. Als er 1869 eine mehrmonatige
+Gefängnisstrafe in Rummelsburg verbüßte, konnte er sich sogar dem
+Vergnügen des Kahnfahrens auf dem Rummelsburger See widmen.
+Selbstbeköstigung war ihm ebenfalls gestattet, die in den Berliner
+Gefängnissen für politische Gefangene erst in sehr viel späterer Zeit,
+zu Ende des vorigen Jahrhunderts, erlangt wurde.
+
+Man hat geltend gemacht, daß die verschiedenen Gefängnisstrafen ein
+Beweis gegen die Anklage seien, Schweitzer wäre Bismarckscher Agent
+gewesen. Diese Auffassung ist durchaus _falsch_. Die Beziehungen, die
+eine Regierung zu ihren politischen Agenten zu haben pflegt, bindet sie
+nicht den Staatsanwälten und Richtern auf die Nase. Eine zeitweilige
+Verurteilung eines politischen Agenten wegen oppositioneller Handlungen
+ist auch sehr geeignet, Mißtrauen gegen den Betreffenden zu beseitigen
+und das Vertrauen in ihn zu stärken. Bekanntlich haben auch die Berliner
+Gerichte zu derselben Zeit, in der Lassalle mit Bismarck seine
+stundenlangen politischen Unterhaltungen als „angenehmer Gutsnachbar“
+hatte, sich nicht gescheut, ihn zu einer Reihe harter Gefängnisstrafen
+zu verurteilen, obgleich man damals in weiten Kreisen wußte, wie
+Bismarck und Lassalle zueinander standen. Lastete doch der Gedanke
+schwer auf Lassalle, wie er bei seinem Gesundheitszustand die langen
+Haftstrafen überstehen werde.
+
+In den Monaten, welche der Kriegsentscheidung im Juni 1866 vorausgingen,
+arbeitete der „Sozialdemokrat“ weiter zugunsten der Bismarckschen
+Politik, und zwar wie auch früher mit raffiniertem Geschick. Es mußten
+schon geübte Augen und ein scharfer Verstand sein, um aus all den
+Verklausulierungen und Widersprüchen herauszuschälen, daß er eine
+unehrliche Politik betrieb.
+
+Gegen Ende März 1866, also während er im Gefängnis sitzt, wird er im
+„Sozialdemokrat“ deutlicher: „Die Zerstörung der Bundesleiche zu
+Frankfurt sollte die Auflösung der Nation bedeuten. Die Geburt der
+Nation würde von diesem Tage an datieren.“ Einer seiner Hamburger
+Anhänger, Schallmeier, erklärte im „Sozialdemokrat“, die Arbeiter würden
+für den Krieg sein, gebe man denselben das allgemeine Wahlrecht.
+Gleichzeitig erhebt der „Sozialdemokrat“ unausgesetzt heftige
+Angriffe gegen die Fortschrittspartei, den Nationalverein, den
+Sechsunddreißiger-Ausschuß. Daneben erschienen wieder einige Artikel,
+worin ein Buch Rüstows über das Milizsystem günstig besprochen und das
+Milizheer als eine Einrichtung gepriesen wird, die am billigten die
+meisten Streiter liefere.
+
+Im März noch hatte der „Sozialdemokrat“ den preußischen
+Bundesreformentwurf mit Geringschätzung behandelt, er werde „schätzbares
+Material“ bleiben. In der zweiten Hälfte April tritt er entschieden für
+die preußische Bundesreform ein. Jetzt war keine Rede mehr von den
+früheren Versicherungen, dem neuen Deutschen Reiche dürfe kein Dorf,
+nicht der letzte Weiler fehlen. Er hatte auch vergessen, daß er noch in
+der zweiten Hälfte September 1865 geschrieben: Unser köstliches Kleinod
+ist, daß wir kein Oesterreich und kein Preußen, kein Bayern und kein
+Hessen-Homburg, daß wir nur ein Deutschland kennen, ein deutsches Volk
+und eine deutsche Sprache.
+
+In einer Artikelserie: Habsburg, Hohenzollern und die deutsche
+Demokratie, die Ende April erschien, spricht er sich schließlich für die
+Vernichtung Oesterreichs aus; es müsse reduziert werden auf die 12900000
+Einwohner, die zum Bunde gehörten. Dann sei Deutschland konstituiert,
+das heißt dann hat Preußen das Feld.
+
+Auf ein wiederholtes Gesuch wurde Schweitzer am 9. Mai 1866 angeblich
+wegen gefährdeter Gesundheit aus dem Gefängnis beurlaubt. Dagegen wäre
+nichts einzuwenden gewesen, entsprach der Grund des Urlaubs der
+_Wahrheit_. Dieser Grund erwies sich aber als eine Lüge. _Kaum aus dem
+Gefängnis beurlaubt, entwickelte Schweitzer eine umfassende politische
+Tätigkeit_, die nicht nur bewies, daß die Ruhe des Gefängnisses ihm
+wieder eine gute Gesundheit verschafft hatte, _sondern daß auch die
+maßgebenden Behörden gegen seine politische Tätigkeit nichts einzuwenden
+hatten, obgleich sonst die Behörden bei Beurlaubungen politischer
+Gefangener die selbstverständliche Forderung stellen, daß der Beurlaubte
+nicht eine Tätigkeit betreibe, wegen der er in Strafe genommen worden
+ist_.
+
+Am 21. Mai erscheint Schweitzer in Hamburg, um dort „Ordnung zu
+schaffen“, am 11. Juni in Erfurt und am 18. Juni in Leipzig, woselbst er
+in einer Rede für die Bismarcksche Bundesreform eintritt. Dieses
+Eintreten hatte aber nicht verhindert, daß am 18. Mai der
+„Sozialdemokrat“ in einem Leitartikel sagte: Von einem liberalen Preußen
+sprechen die Gothaer, das an die Spitze Deutschlands zu treten habe,
+aber das hieße in Wahrheit sprechen: _von einem Preußen, das nicht
+existiert und nicht existieren kann_.
+
+Und dieser positiven durchaus richtigen Auffassung über das Wesen
+Preußens gegenüber sagt Schweitzer am 16. Juni in Leipzig in einem
+Vortrag „Ueber die gegenwärtigen Aufgaben der sozialdemokratischen
+Partei Deutschlands“ am Schlusse:
+
+ „Wenn es aber gelingt, die preußische Regierung weiterzutreiben auf
+ dem _Wege der Konzessionen an uns_ (sic! A.B.)..., dann werden wir
+ soviel wir können das _Unsere tun_, daß der Sieg nicht bei den Fahnen
+ Oesterreichs, sondern bei den Fahnen Preußens, nicht bei den Fahnen
+ Benedeks, sondern bei den Fahnen Bismarcks und Garibaldis sei.“
+
+Kann man widerspruchsvoller handeln?
+
+Diese Auslassungen sind als Programmsätze Schweitzers sehr
+bemerkenswert, und sie fanden wohl an hoher Stelle in Berlin ihr Echo.
+Was aber das Antreiben der preußischen Regierung zu Konzessionen an uns
+(also an den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein) betraf, so war, ganz
+abgesehen von dem Utopismus, auf Bismarcksche Konzessionen zu
+hoffen — woran Schweitzer auch selbstverständlich nicht glaubte — das
+ganze Gerede eine _Aufschneiderei_, denn Schweitzer selbst hatte zuletzt
+noch am 3. Juni, vierzehn Tage vor seiner Leipziger Rede, im
+„Sozialdemokrat“ geschrieben: _daß die Wirren im Verein bis auf weiteres
+denselben unfähig machten, in sozialpolitischen Dingen irgend etwas zu
+leisten_.
+
+Diesem Gedanken hatte er auch schon wiederholt vor dem 3. Juni im
+„Sozialdemokrat“ Ausdruck gegeben, wie denn in der Tat die Wirren im
+Verein, an denen Schweitzer sein vollgerüttelt Maß der Schuld trug, bis
+in das Jahr 1867 hinein denselben in Zerrüttung hielten.
+
+In seltsamem Widerspruch zu diesen wiederholten Erklärungen Schweitzers
+steht es, wenn noch in unseren Tagen die Behauptung aufgestellt wurde,
+der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein habe zu jener Zeit einen
+merkbaren Einfluß auf die Neugestaltung der Dinge ausgeübt, zum Beispiel
+bei Erlangung des allgemeinen Wahlrechts. Bei dem Widerstand, den das
+Bismarcksche Reformprojekt in den weitesten Kreisen fand, mußte Bismarck
+allerdings jede Unterstützung, war sie auch noch so unbedeutend, für
+sein Projekt willkommen sein. Daß er das allgemeine Wahlrecht gewährte,
+geschah, weil er es gewähren mußte. Das war so selbstverständlich, daß
+es dazu keiner Einflüsterungen und Anfeuerungen bedurfte. Hatte er doch
+bereits Sommer 1863, also zu einer Zeit, in der der Allgemeine Deutsche
+Arbeiterverein eben erst gegründet worden war, gegenüber dem
+österreichischen Reformentwurf, der das deutsche Parlament aus
+Delegationen der einzelstaatlichen Landtage zusammensetzen wollte, ein
+Parlament gefordert, das auf Grund des in der Paulskirche 1849
+beschlossenen allgemeinen Wahlrechtes gewählt werden sollte. Bismarck
+hat die Gründe, weshalb er zu demselben griff und greifen mußte, nicht
+bloß später im norddeutschen Reichstag auseinandergesetzt; er schrieb
+auch in einer Zirkulardepesche am 24. März 1866, also drei Monate vor
+dem Krieg:
+
+ „Direkte Wahlen und allgemeines Stimmrecht halte ich für größere
+ Bürgschaften einer konservativen Haltung als irgend ein künstliches,
+ auf Erzielung gemachter Majoritäten berechnetes Wahlgesetz. Nach
+ unseren Erfahrungen sind die Massen ehrlicher bei der Erhaltung
+ staatlicher Ordnung interessiert als die Führer derjenigen Massen, die
+ man durch die Einführung irgendeines Zensus in der aktiven
+ Wahlberechtigung privilegieren möchte.“
+
+Und an den Grafen Bernsdorf in London schrieb Bismarck unter dem 19.
+April 1866:
+
+ „Ich darf es wohl als eine auf langer Erfahrung begründete
+ Ueberzeugung aussprechen, daß das künstliche System indirekter und
+ Klassenwahlen ein viel gefährlicheres ist, indem es die Berührung der
+ höchsten Gewalt mit den gesunden Elementen, die den Kern und die Masse
+ des Volkes bilden, verhindert.... Die Träger der Revolution sind die
+ Wahlmännerkollegien, die der Umsturzpartei ein über das Land
+ verbreitetes und leicht zu handhabendes Netz gewähren, wie dies 1789
+ die Pariser Elekteurs gezeigt haben. Ich stehe nicht an, indirekte
+ Wahlen für eines der wesentlichsten Hilfsmittel der Revolution zu
+ erklären, und ich glaube, in diesen Dingen praktisch einige
+ Erfahrungen gesammelt zu haben.“
+
+Zu diesen Gründen, die deutlich das Unbehagen verraten, das die
+bisherigen Resultate der Wahlen nach dem Dreiklassenwahlsystem in
+Preußen bei ihm erzeugten, kommen noch als besonders _entscheidende_,
+daß in dem Staatenkonglomerat, das der später neugebackene Norddeutsche
+Bund bildete, es keine gemeinsame Grundlage gab, auf der ein anderes
+Wahlrecht als das allgemeine möglich war. Ferner gebot die Rücksicht auf
+die Traditionen des ersten deutschen Parlaments in Frankfurt 1848/49,
+daß er das allgemeine Wahlrecht einführte, das allein die starken
+Antipathien, die gegen die Gründung des Norddeutschen Bundes selbst in
+weiten Kreisen der norddeutschen Bevölkerung vorhanden waren,
+einigermaßen überwinden konnte. Es muß weiter hinzugefügt und
+_wiederholt_ daran erinnert werden, daß in jenen Jahren der Gedanke, das
+allgemeine Wahlrecht einzuführen, selbst in konservativen Kreisen im
+Hinblick auf die Resultate des Dreiklassenwahlsystems sympathisch
+aufgenommen wurde und der Geheime Regierungsrat Wagener schon im
+Spätsommer 1862, also _ehe_ noch Lassalle öffentlich diese Forderung
+erhoben hatte, die Einführung des allgemeinen Wahlrechts befürwortete.
+Auch hatten schon zu Anfang 1862 die radikalen Leipziger Arbeiter diese
+Forderung gestellt, und seit 1865 war es eine Programmforderung _der
+gesamten deutschen Arbeiterklasse ohne Unterschied der Partei_. Im
+Winter 1865/66 wurde diese Forderung in unzähligen Volksversammlungen
+propagiert, noch ehe jemand an den Bismarckschen Reformentwurf denken
+konnte, weil er für die Oeffentlichkeit noch nicht existierte. Es war
+also nach Lage der Dinge unmöglich, daß der Allgemeine Deutsche
+Arbeiterverein als solcher merkbaren Einfluß auf die Gewährung des
+allgemeinen Stimmrechts ausgeübt hat.
+
+Bismarck hatte am 9. Mai den Landtag nach Hause geschickt, weil er
+fürchtete, daß er ihm, wie bei Gelegenheit der Schleswig-Holsteinschen
+Frage, die Mittel zum Kriegführen verweigern werde. Bismarck brauchte
+aber Geld, und so gab er auf dem Verordnungswege, also ohne alles
+gesetzliche Recht, 40 Millionen Taler Kassenscheine aus und ordnete die
+Errichtung von Darlehenskassen an. Die gesamte liberale und
+demokratische Presse spie mit Recht Feuer und Flamme über diese
+gesetzwidrige Handlung, aber _Schweitzer brachte es fertig, unter sehr
+deplacierten Angriffen auf die Fortschrittspartei die Handlung
+Bismarcks zu verteidigen_. Als dann Bismarck nach dem Kriege die
+Gründung eines Staatsschatzes, der mit 20 Millionen Taler dotiert werden
+sollte, verlangte, um ausgesprochenermaßen im Kriegsfall zunächst von
+einer Geldbewilligung der Kammer unabhängig zu sein, _führte Schweitzer
+wieder eine Menge Gründe zugunsten desselben an, wagte aber nicht_, sich
+rückhaltlos für den Plan auszusprechen.
+
+Der „Sozialdemokrat“ mußte mit dem 1. April 1866 sein sechsmaliges
+Erscheinen einstellen; er erschien wieder nur dreimal wöchentlich. Es
+mochte niemand mehr ein Bedürfnis haben, angesichts der kommenden
+kriegerischen Ereignisse weiter schwere Opfer für ein sechsmaliges
+Erscheinen zu tragen. _Denn er besaß noch keine 500 Abonnenten_. Am 17.
+Juni fand eine Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins in Leipzig statt, die nur von 12 Delegierten besucht
+war, was zeigt, wie gering damals die Leistungsfähigkeit des Vereins
+war. Angeblich sollten diese 12 Delegierten, unter denen sich auch
+Schweitzer befand, 9400 Mitglieder vertreten. Bei der Präsidentenwahl
+unterlag Hillmann-Elberfeld gegenüber Perl-Hamburg, das war ein
+indirekter Sieg Schweitzers. Im „Sozialdemokrat“ wiederholte sich jetzt
+das Spiel, das man nach seiner Leipziger Rede erwarten mußte. Als
+Oesterreich während der Waffenstillstandsverhandlungen Venetien an
+Napoleon übergab, um es nicht an das verhaßte Italien abtreten zu
+müssen, entdeckte Schweitzer hierin, gleich der liberalen Presse, einen
+_Verrat_ Oesterreichs an Deutschland, und ging nun, diesen Vorwand
+benutzend, mit fliegenden Fahnen in das Lager Preußens, dessen
+„staunenswerte organisatorische Kraft“ gezeigt, daß Deutschland zu ihm
+zu stehen habe. Von diesem seinem Standpunkt aus war es ihm
+außerordentlich peinlich, als Ende August Johann Jacoby anläßlich der
+Beratung einer Adresse an den König eine vorzügliche Rede im preußischen
+Landtag hielt, in der er sich entschieden gegen das neue Gebilde,
+den Norddeutschen Bund, aussprach, der die Ausschließung
+Deutsch-Oesterreichs und der süddeutschen Staaten zur Voraussetzung
+gehabt habe. Im weiteren erklärte sich Jacoby gegen die Indemnität, die
+jetzt die Regierung für ihre gesetzwidrigen Maßnahmen vor und während
+des Krieges von dem Landtag forderte. Schweitzer zollte zwar dem Mute
+und dem Idealismus Jacobys volles Lob, rechtfertigte aber durch
+gewundene Ausführungen den neuen Stand der Dinge. Als dann am 20.
+September die allgemeine Amnestie erschien, war niemand vorhanden, der
+dieselbe mehr verdient hätte als er für die Dienste, die er vom 9. Mai
+ab für die Regierung geleistet hatte; sie brachte ihm den Nachlaß von
+zehn Monaten seiner Haft.
+
+Ende August 1866 machte der „Sozialdemokrat“ in der Anwandlung einer
+melancholischen Stimmung das Geständnis: „So habe sich das deutsche Volk
+die deutsche Einheit nicht vorgestellt.“ Was damals über den Entwurf zur
+künftigen Nordbundsverfassung verlautete, war allerdings zum
+Melancholischwerden. Bismarck, der wirkliche Realpolitiker, der jetzt im
+Zenith seiner Macht stand, schmiedete das Eisen, solange es warm war,
+und schuf einen Verfassungsentwurf, der noch ein gut Stück hinter der
+preußischen Verfassung an konstitutionellen Rechten zurückstand. Es
+hieße den Scharfsinn Schweitzers beleidigen, wollte man annehmen, daß er
+ernstlich darüber enttäuscht war. Wer wie er das Wesen des jetzt alles
+beherrschenden preußischen Staates und auch das Wesen und den Charakter
+Bismarcks kannte, konnte nichts anderes erwarten. Aber wie wollte er
+seine großpreußische Politik dem Verein gegenüber rechtfertigen und
+mundgerecht machen? Jetzt zeigte sich, was es mit seiner Behauptung, der
+Verein sei eine Macht, so „daß er ihm (Bismarck) Konzessionen abnötigen
+könne“, auf sich hatte.
+
+Wir waren nicht enttäuscht, denn wir hatten uns keinen Illusionen
+hingegeben. Indes spann Schweitzer den alten Faden weiter. Vor allem
+setzte er auf der Generalversammlung in Erfurt, die für den 27. Dezember
+einberufen worden war, ein Wahlprogramm durch, dessen erster Punkt in
+Berlin an maßgebender Stelle notwendig freundlich aufgenommen werden
+mußte. Dieser Punkt lautete: „Gänzliche Beseitigung jeder Föderation,
+jedes Staatenbundes, unter welcher Form es auch sei. Vereinigung aller
+deutschen Stämme zu einer innerlich und organisch durchaus
+verschmolzenen Staatseinheit, durch welche allein das deutsche Volk
+einer glorreichen nationalen Zukunft fähig werden kann: durch Einheit
+zur Freiheit.“ Also auf dem Wege der Bismarckschen Politik zur Freiheit.
+Das war die _gleiche_ Parole, welche die nationalliberale Partei
+aufgestellt hatte, und bedeutete weitere Annexionen, die nicht ohne
+einen neuen Krieg ausführbar waren. Der zweite Punkt des Programms
+handelte von der Forderung des allgemeinen, gleichen Wahlrechtes mit
+Diätenzahlung für Reichstag und Landtage. Sicherung der Volksrechte. Die
+Forderung nach allgemeiner Volksbewaffnung, die in dem von der Gräfin
+Hatzfeldt herrührenden Programmentwurf stand, strich Schweitzer, denn
+nach dem „Sozialdemokrat“ hatte Preußen bewiesen, „daß es allein durch
+seine staunenerregende organisatorische Kraft zur Führung der deutschen
+Wehrkraft berufen sei“, und dem durfte man doch jetzt nicht mit der
+allgemeinen Volksbewaffnung kommen. Der vierte Punkt verlangte Anbahnung
+der Lösung der Arbeiterfrage durch freie Assoziationen mit Staatshilfe
+nach den Prinzipien Ferdinand Lassalles. Also von Bismarcks Gnaden. Für
+Moritz Heß gab das Erfurter Programm endlich den Anstoß, um als letzter
+von den ersten Mitarbeitern dem „Sozialdemokrat“ die Mitarbeiterschaft
+aufzusagen.
+
+Man vergleiche dieses Verhalten Schweitzers mit seinem Verhalten im
+Frühjahr 1865, als er, durch die Opposition in seinem Verein bedrängt,
+im „Sozialdemokrat“ vom 5. April 1865 erklärte:
+
+ „Die Deutsche Volkspartei _also will das ganze_ Deutschland zum freien
+ Volksstaat vereinen. Das ganze Deutschland sagen wir. Nicht ein Dorf,
+ nicht ein Meierhof, nicht die kleinste Hütte im entferntesten Winkel
+ darf uns fehlen. Der kleindeutsche Gedanke eines einigen Deutschland
+ _ohne die deutsch-österreichischen Provinzen ist ein Hochverrat an der
+ Zukunft der Nation_.“
+
+So hatte der Schweitzer von 1865 dem Schweitzer von 1866 das Urteil
+gesprochen. Aber was er 1865 geschrieben und beteuert hatte, hatten
+seine Anhänger vergessen. Blieb nach einer anderen seiner früheren
+Ausführungen nur die Wahl zwischen deutschen Proletarierfäusten und
+Preußen für die Lösung der deutschen Frage, und waren damals die
+deutschen Proletarierfäuste zu schwach, die deutsche Frage im
+demokratischen Sinne zu lösen, so war dies für den Führer einer
+Arbeiterpartei kein Grund, sich zum Werkzeug der Lösung im cäsarischen
+Sinne herzugeben. Einmal die Ehrlichkeit Schweitzers für einen
+Augenblick vorausgesetzt, so wäre selbst dann seine Taktik ein Verrat an
+der Demokratie gewesen, weil er die Politik ihres gewalttätigsten und
+grimmigsten Feindes unterstützte.
+
+
+
+
+Schweitzer und die Konservativen.
+
+
+Mit der Agitation für die Wahlen zum konstituierenden norddeutschen
+Reichstag, die auf den 12. Februar 1867 angesetzt waren, beginnt die
+zweite Periode der Tätigkeit Schweitzers. Die Haltung des
+„Sozialdemokrat“ ließ keinen Zweifel, daß Schweitzer es mit den
+_Konservativen_ nicht verderben wollte. Er rechnete offenbar auf
+Schachergeschäfte mit diesen gegen die Liberalen, was auch im Wunsche
+Bismarcks liegen mußte. Schweitzer ging also wieder gegen die
+Fortschrittspartei aufs schärfste ins Feuer, eine Taktik, die ihm der
+alte Moritz Heß als Verrat anrechnete. Dieser meinte, es handle sich vor
+allen Dingen doch darum, die _linke_ Seite des Parlamentes nach Kräften
+zu stärken, um eine leidliche Verfassung zustande zu bringen, was ein
+durchaus richtiger Standpunkt, aber nicht der Schweitzers war.
+
+Schweitzer hatte unter den verschiedenen Kandidaturen, die ihm von
+seinen Anhängern angeboten worden waren, sich für Barmen-Elberfeld
+entschieden, ein Wahlkreis, der ihm die meiste Aussicht auf Sieg bot.
+Die Leipziger Lassalleaner wollten in Leipzig Liebknecht aufstellen, den
+wir im neunzehnten sächsischen Wahlkreis aufgestellt hatten, wo wir
+hofften, ihn durchzubringen, was leider nicht gelang. Wir hatten in
+Leipzig, nachdem Professor Roßmäßler abgelehnt hatte, Professor Wuttke
+als Kandidat proklamiert. Schweitzer eiferte gegen Liebknechts
+Kandidatur. Dieselbe gehe von einer Seite aus, der das Werk Lassalles
+stets ein Dorn im Auge gewesen sei. Die Leute, die im Hintergrund von
+Liebknechts Kandidatur stünden, seien im Zusammenhang mit
+österreichischen reaktionären Kreisen. Liebknecht habe noch vor zwei
+Jahren Lassalle in öffentlichen Blättern geschmäht. Wer Liebknecht
+wähle, sage sich offen von Lassalle und seinem Werke los. So spekulierte
+er auf die blinde Voreingenommenheit seiner Anhänger für Lassalles Werk.
+Liebknecht zu wählen, war also ein Verbrechen an Lassalle. Wie
+Schweitzer überhaupt die Dinge ansah, zeigt ein Ausruf „An meine Freunde
+und Parteigenossen in Schlesien und im Rheinland“, in dem es pathetisch
+hieß: „_Eine mildere Zeit, eine weisere Regierung ist gekommen!_“ In
+Barmen-Elberfeld, woselbst Schweitzer Ende Januar wieder eine seiner
+geschickten Reden hielt, sprach er _mit keinem Worte über seine Stellung
+in der Politik und gegebenenfalls im Parlament_. Im „Sozialdemokrat“
+wurden ungeschickterweise maßlose Hoffnungen über den Ausfall der Wahlen
+genährt. So wurde zum Beispiel in der Nr. 15 vom 3. Februar angekündigt,
+die gewählten Vertreter würden in Berlin einen gemeinsamen Haushalt
+führen. Man sprach von Diätenkommunismus usw. Schweitzer wurde sogar im
+„Sozialdemokrat“ als Sieger angesungen, noch ehe er gewählt war. Er
+hatte als Gegenkandidaten in Barmen-Elberfeld von konservativer Seite
+Bismarck, von liberaler Herrn v. Forckenbeck. Der Wahltag brachte eine
+schwere Enttäuschung. Bismarck erhielt 6523, Forckenbeck 6123,
+Schweitzer nur 4688 Stimmen. Er war nicht einmal in die engere Wahl
+gekommen. Auch im übrigen Deutschland war der Wahlausfall für den
+Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein eine Enttäuschung. In der engeren
+Wahl in Barmen-Elberfeld hatten also die Sozialdemokraten den Ausschlag
+zu geben. In einer großen Wählerversammlung am 26. Februar nimmt
+Schweitzer zunächst das Wort, erklärt aber, keine Parole für die engere
+Wahl auszugeben, bevor er nicht die Meinung der Versammlung gehört.
+Schließlich ergreift er wieder das Wort, wobei er äußerte:
+
+ „Das vielfache Rufen des Namens Bismarck aus der Versammlung hätte ihn
+ erkennen lassen, _nach welcher Seite sich die Stimmung im allgemeinen
+ gelenkt habe. Er könne dem einzelnen keine Vorschriften machen, für
+ wessen Wahl sich derselbe entscheiden solle, ein jeder solle dem Zuge
+ seines Herzens folgen._“
+
+Damit wußte jeder, woran er war. Um aber das Komödienspiel zu vollenden,
+ließ er im Widerspruch mit seiner eigenen Rede eine Resolution annehmen,
+in der sich die Versammlung für _Stimmenthaltung_ aussprach. In der Tat
+erhielt Bismarck bei der engeren Wahl _fast die gesamten Schweitzerschen
+Stimmen. Er wurde mit 10196 gegen 6944, die Forckenbeck erhielt,
+gewählt._
+
+Schweitzer suchte in einer Erklärung diese Abstimmung damit zu
+rechtfertigen, daß er ausführte:
+
+ Man habe der liberalen Bourgeoisie eine Lehre geben wollen für die
+ gemeine Kampfweise, die sie im Wahlkampf geübt habe. „_Vielleicht
+ auch, Arbeiter_,“ fuhr er fort, „_war eure Abstimmung eine Huldigung
+ nicht zwar für den Kandidaten der konservativen Partei, wohl aber für
+ den Minister, der aus eigenem Antrieb ein Volksrecht euch
+ zurückgegeben, welch es die liberale Opposition für euch zu fordern so
+ hartnäckig vergessen hatte._“
+
+Der gute, volksfreundliche Bismarck!
+
+Wenige Tage nach jener Elberfelder Bismarckwahl stand ich in engerer
+Wahl im 17. sächsischen Wahlkreis (Glauchau, Meerane usw.) gegen einen
+nationalliberalen Kandidaten. Hier erklärte der Führer der
+Lassalleaner — den Bericht veröffentlichte der „Sozialdemokrat“ —, _ein
+reiner Lassalleaner dürfe Bebel nicht wählen, der nach dem Standpunkte,
+den sie, die Lassalleaner, einnähmen, ein Verräter an der Sache sei_.
+
+_Bismarck der Wohltäter der Arbeiter, Liebknecht und Bebel ihre
+Verräter._ Das war das Resultat der Schweitzerschen Erziehungsmethode.
+Wie schon früher gemeldet, wurde ich trotzdem gewählt, die wenigen
+hundert Stimmen der Lassalleaner gaben nicht den Ausschlag.
+
+In Barmen-Elberfeld mußte kurz darauf eine Neuwahl stattfinden, da
+Bismarck, der doppelt gewählt worden war, das Mandat für
+Barmen-Elberfeld niederlegte. Bei der darauf folgenden Neuwahl erhielt
+Schweitzer 4919, der liberale Professor Gneist 4291, der konservative
+von der Heidt 2594, Oberbürgermeister Bredt 1497 Stimmen. Es mußte also
+wieder engere Wahl stattfinden, und zwar diesmal zwischen Schweitzer und
+Gneist. Der „Sozialdemokrat“ buhlte jetzt offen um die Stimmen der
+konservative — Arbeiter. _Noch charakterloser und würdeloser trieb
+Schweitzer die Buhlerei in einer Versammlung am 17. März, in der er die
+Konservativen aufforderte, von zwei Uebeln das kleinere oder entferntere
+zu wählen, und das sei er. Auf dem sozialen Boden könnte sich die
+Arbeiterpartei mit den Konservativen über manches die Hände reichen._ Er
+bezieht sich dafür auf _Reden des Geheimen Oberregierungsrats Wagener,_
+auf Bischof Kettelers Buch, _auf Aeußerungen Bismarcks_.
+
+ _„Die Konservativen möchten mitwirken, damit die Arbeiter durch ihn im
+ Parlament zum Wort kämen. Als die Konservativen die Arbeiter
+ riefen — einerlei aus welchem Grunde —, kamen diese mit ihrer ganzen
+ Armee. Jetzt rufen die Arbeiter, und die Konservativen würden eine
+ moralische Verpflichtung nicht lösen, wenn nicht auch sie nun dem Rufe
+ folgten. Sie müßten kommen, wenn sie nicht die gerechtere Entrüstung
+ über sich heraufbeschwören wollten.“_
+
+Dann stößt er Drohungen gegen die Fortschrittspartei aus.
+
+Aber für diese Charakterlosigkeit und Würdelosigkeit sondergleichen
+blieb dennoch der Lohn aus. Schweitzer unterlag abermals, und zwar mit
+7923 gegen 8019 Stimmen, die auf Gneist fielen.
+
+
+
+
+Schweitzer im norddeutschen Reichstag.
+
+
+Nachdem der konstituierende norddeutsche Reichstag die Verfassung des
+Norddeutschen Bundes beraten hatte und diese verkündet worden war,
+wurden die Wahlen für die erste Legislaturperiode auf Ende August 1867
+angesetzt. Schweitzer kandidierte wieder in Barmen-Elberfeld, diesmal
+mit Erfolg. Schweitzer erhielt im ersten Wahlgang 6110, Dr. Löwe-Calbe
+(Fortschritt) 3588, Professor v. Sybel-Düsseldorf 3478 Stimmen, es war
+also engere Wahl zwischen Schweitzer und Löwe-Calbe nötig, in der
+Schweitzer mit 8915 Stimmen gegen 6690 Stimmen, die auf Löwe-Calbe
+fielen, siegte. _Diesmal hatte wieder der größte Teil der Konservativen
+für Schweitzer gestimmt._ Wie er in seiner Danksagung glaubte
+hervorheben zu müssen, waren es die konservativen Arbeiter, die in
+richtiger Erkenntnis der Sachlage dem Arbeiterkandidaten ihre Stimme
+gegeben hätten. Inwieweit das richtig war, zeigt die später bekannt
+gewordene Tatsache, _daß der Führer der Konservativen, Herr v. Kusserow,
+Schweitzer für seine Wahl 400 Taler eingehändigt hatte._ Auf der
+Berliner Generalversammlung stellte man, als diese Tatsache bekannt
+wurde, das grausame Verlangen, Schweitzer solle das Geld zurückgeben.
+Wie konnte man nur so naiv sein.
+
+Aber Schweitzer glaubte noch ein übriges tun zu müssen und den
+Konservativen Zusicherungen für sein Wohlverhalten im Reichstag geben zu
+sollen, und so äußerte er in seiner Erklärung vom 11. September weiter:
+
+ „Mein sozialer Standpunkt wird von niemand in Zweifel gezogen; ich
+ brauche daher in dieser Beziehung nichts zu sagen. In politischer
+ Beziehung bemerke ich, daß ich gemäß den Grundsätzen der Partei, der
+ ich angehöre und die mich zu ihrem Führer erkoren, in Fragen der
+ Freiheit und _des Volkswohls_ unwandelbar mit der äußersten Linken
+ (der Fortschrittspartei) stimmen werde. Sollten ernstliche Gefahren
+ vom Ausland her das deutsche Vaterland bedrohen, so werde ich den
+ König von Preußen, in dem jetzt die nationale Machtstellung
+ Deutschlands gipfelt, und seine Regierung mit aller Kraft, die einem
+ einzelnen zu Gebote stehen kann, in dem Parlament wie außerhalb
+ desselben zu unterstützen bestrebt sein.“
+
+Schweitzers Wahl hatte begreiflicherweise unter seinen Anhängern große
+Begeisterung hervorgerufen, und er nutzte diese nun aus, indem er in
+einem mit vier Schimmeln bespannten Wagen einen Triumphzug durch die
+beiden Städte Barmen-Elberfeld unternahm. Solche Triumphzüge, die,
+wollte sie heute ein Arbeiterführer arrangieren, ihn zum toten Manne
+machten, liebte er. Solche Triumphzüge, wobei stets die Schimmel eine
+Rolle spielten, kamen wiederholt auch später vor, so zum Beispiel in
+Hamburg-Altona, nochmals in Barmen-Elberfeld und in Kassel. Damit aber
+auch das nötige Volk auf der Straße war, unterbrach zum Beispiel
+Schweitzer seine Reise von Berlin nach Kassel in Minden und fuhr von
+dort mit einem Zug, der erst abends nach 7 Uhr in Kassel eintraf. Hier
+benutzte er die mit Schimmeln bespannte Equipage auch während der
+mehrtägigen Dauer der Generalversammlung des Arbeiterverbandes,
+verlangte aber, daß seine Anhänger die hohen Kosten dafür tragen
+sollten. Dessen weigerten sie sich. Die Kosten des Triumphzugs vom
+Bahnhof nach der Stadt wollten sie bezahlen, das andere müsse Schweitzer
+tragen. Dabei blieb es.
+
+Mit Schweitzers Eintritt in den norddeutschen Reichstag, dem außer mir
+nunmehr auch Liebknecht angehörte, kam es zeitweilig zwischen uns und
+Schweitzer zu Auseinandersetzungen. Eine solche von besonderem Interesse
+spielte sich in der Sitzung vom 17. Oktober 1867 ab, in der der
+Gesetzentwurf betreffend die Verpflichtung zum Kriegsdienst auf der
+Tagesordnung stand. Liebknecht sprach zunächst, und zwar in
+außerordentlich scharfer Form unter häufigen heftigen Unterbrechungen
+der Mehrheit und des Präsidenten. Namentlich griff er die Politik
+Bismarcks schonungslos an und schloß seine Rede mit den Worten: „Die
+Weltgeschichte wird hinwegschreiten über diesen norddeutschen Reichstag,
+der nichts ist als das Feigenblatt des Absolutismus.“ Nachher kam ich
+zum Wort. Ich begründete in aller Ruhe unseren Standpunkt als Vertreter
+des Milizsystems. Mittlerweile hatte sich auch Schweitzer gemeldet, um
+seinen entgegengesetzten Standpunkt zu markieren. Bei Einbringung eines
+Schlußantrags verlas der Präsident, wie es damals Vorschrift war, die
+Namen der eingeschriebenen Redner für und wider den Gesetzentwurf,
+darunter Schweitzer als Gegner. _Dieser erklärte darauf zur
+Geschäftsordnung, er habe sich nicht wider, sondern für den
+Gesetzentwurf einschreiben lassen._
+
+Schweitzer ergriff alsdann bei der Spezialdebatte das Wort und führte
+aus: Nach dem Standpunkt, den Herr Liebknecht einnehme, müßte auch die
+allgemeine Wehrpflicht verworfen werden. Dabei hatten wir beide eine
+Resolution einzubringen versucht, für die wir aber nicht die nötigen
+Unterschriften erhielten, in der die Einführung des Milizsystems, also
+die Verwirklichung der allgemeinen Wehrpflicht nach dem Muster
+Scharnhorsts und Gneisenaus gefordert wurde. Liebknecht wünsche, daß der
+Norddeutsche Bund überhaupt nicht existiere. Er und seine Freunde
+wollten den Norddeutschen Bund freiheitlich gestalten, darin ständen sie
+mit der _Fortschrittspartei_ auf einem Boden. Er berief sich also wieder
+auf dieselbe Partei, die er seit 1863 als Trägerin des Rückschritts
+bekämpft und fortgesetzt angegriffen hatte. Er, Schweitzer, wolle nicht
+mit Herrn Liebknecht und seinen Freunden, den depossedierten Fürsten und
+dem Ausland, dahin trachten, Preußen und den Norddeutschen Bund zu
+ruinieren und zu zerstören:
+
+ „Wir haben erkannt, daß der preußische Machtkern unser deutsches
+ Vaterland, das so lange mißachtet war, dem Ausland gegenüber endlich
+ zur Geltung und zu Ehren gebracht hat und dies auch künftig tun wird,
+ und es liegt uns fern, mit jenen selbst diejenigen Eigenschaften an
+ Preußen leugnen und bemäkeln zu wollen, die im vorigen Jahre eine
+ feindliche Welt bewundernd anerkennen mußte.“
+
+Sie stünden innerhalb, wir außerhalb des neu sich bildenden Vaterlandes,
+wollten außerhalb desselben stehen.
+
+Liebknecht antwortete in einer persönlichen Bemerkung:
+
+ „Der Abgeordnete v. Schweitzer hat mir einen großen Gefallen getan,
+ denn er hat mir die Gelegenheit gegeben, die ich bis jetzt vergebens
+ gesucht habe, zu erklären, _daß ich allerdings mit dem Doppelgänger
+ des Herrn Wagener nichts zu tun habe_.“
+
+Schweitzer schwieg und Wagener schwieg. Vor der Abstimmung über den
+entscheidenden § 1 verließ Schweitzer den Saal. Er wagte nicht dafür zu
+stimmen und wollte nicht dagegen stimmen.
+
+Diese Vorgänge im Reichstag beschäftigten kurz darauf zwei Versammlungen
+der Berliner Mitgliedschaft des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins.
+Schweitzer beantragte hier folgende Resolution:
+
+ „Die Versammlung erkennt an, daß die von Preußen geschaffene Macht die
+ Möglichkeit der Herstellung der deutschen Einheit in sich trägt;
+ zweitens ist sie _mit der Fortschrittspartei damit einverstanden_
+ (weiter nach links wagte Schweitzer nicht mehr zu gehen. A.B.), daß
+ mit äußerstem Nachdruck und ohne daß man sich um Drohungen der
+ preußischen Regierung kümmere, auf eine freiheitliche Gestaltung
+ Preußens und des Norddeutschen Bundes gedrungen werden muß, da nur
+ hierdurch eine ersprießliche endgültige Lösung der deutschen Sache
+ möglich ist; drittens erklärt sie es für verfehlt, in Gemeinschaft mit
+ der Auffassung des mißgünstigen Auslandes das Vorgehen Preußens im
+ vorigen Jahre zu beurteilen und demgemäß eine Zertrümmerung Preußens
+ und des Norddeutschen Bundes zu erstreben und zu erhoffen.“
+
+Rückhaltloser konnte man für die Bismarcksche Schöpfung nicht eintreten.
+Dieser Resolution gegenüber beantragten nun _Theodor Metzner_ und
+_Reimann_, zwei Opponenten von Schweitzer:
+
+ „Die Versammlung beschließt, daß Herr v. Schweitzer sowohl im
+ Reichstag als durch seine Verdächtigung der radikalen Partei in der
+ heutigen Versammlung _das wenige Vertrauen, das derselbe bisher bei
+ den Berliner Arbeitern genossen, vollständig verloren hat_.“
+
+Eine dritte Resolution brachte der fortschrittliche Maschinenbauer
+Andreack ein, die forderte:
+
+ _„Die Versammlung möge beschließen, daß sie in der deutschen Frage
+ sich nur mit dem Standpunkt der Deutschen Fortschrittspartei
+ einverstanden erklären kann.“_
+
+Und was geschah jetzt? Als Schweitzer merkte, daß die scharfe
+Opposition, die er fand, seine Resolution zu Fall bringen könnte, zog
+er, feig wie er immer war, wenn ihm eine Niederlage drohte, _dieselbe
+zurück und erklärte sich für die fortschrittliche Resolution, die
+dasselbe besage wie die seine_. Hofstetten, der den Vorsitz hatte, tat
+Schweitzer den Gefallen, über die Andreacksche Resolution zuerst
+abzustimmen und sie für angenommen zu erklären, was seitens der
+Opposition einen Sturm der Entrüstung hervorrief.
+
+
+
+
+Schweitzers Diktatur.
+
+
+Schweitzer hatte das dringendste Interesse, den Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein ganz in die Hand zu bekommen, also dessen Präsident zu
+werden. Dieses Sehnen verwirklichte sich, als Perl-Hamburg, der
+Präsidentschaft müde, erklärte, dieselbe niederlegen zu wollen. Es wurde
+eine außerordentliche Generalversammlung auf den 19. und 20. Mai 1867
+nach Braunschweig einberufen, die von 18 Delegierten, die 2500 Stimmen
+hinter sich hatten, besucht war. Schweitzer vertrat Apolda mit 22 und
+Limbach in Sachsen mit 30 Stimmen. Der Verein war sehr heruntergekommen.
+Die beständigen Zerwürfnisse, das Mißtrauen gegen Schweitzer wegen
+seiner Politik, der ungünstige Ausfall der Wahlen zum norddeutschen
+Reichstag, trotz aller großsprecherischen Worte Schweitzers, die Krise
+waren die Hauptursachen dieser Erscheinung. Die Eröffnungsrede Perls war
+der Ausdruck der vorhandenen Mutlosigkeit. Die Hoffnung, die man noch in
+Leipzig gehegt, Ordnung in den Verein zu bringen, hätte sich nicht
+erfüllt; die finanziellen Verhältnisse des Vereins seien sehr ungünstig,
+nur wenige Orte zahlten Beiträge usw. Im weiteren Verlauf der
+Verhandlungen bat Perl, von seiner Wiederwahl als Präsident abzustehen;
+er könne die Opfer nicht mehr tragen, die ihm diese Stellung auferlege.
+Schweitzer kritisierte Perls Geschäftsführung, doch wolle er, wie er
+sagte, ihm nicht persönlich zu nahe treten. Er erklärte, die
+Generalversammlung sei entscheidend für den Verein, nach Tölcke sollte
+er sogar die Präsidentschaft _gefordert_ und gedroht haben, falls er
+nicht gewählt werde, ließe er mit der nächsten Nummer den
+„Sozialdemokrat“ eingehen. Er versprach Garantien zu geben, daß die
+_Verwaltungsgeschäfte_ korrekt erledigt würden, da er wisse, daß man ihm
+mißtraue. Die Versammlung war unschlüssig, was sie tun sollte; so ließ
+man auf Vorschlag Brackes eine Pause eintreten, um sich zu verständigen.
+Nach dieser schlug Tölcke Schweitzer als Präsidenten vor. Es wurde
+darauf mehrseitig wieder geltend gemacht, daß gegen Schweitzer Mißtrauen
+vorhanden sei; auch sei es ein Unding, daß der Präsident des Vereins und
+der Redakteur des Vereinsorgans ein und dieselbe Person sei. Tölcke
+suchte die Bedenken zu beschwichtigen. Schweitzer erklärte, er wisse,
+daß man Mißtrauen gegen ihn habe; er werde das Amt nur annehmen, wenn
+man ihm Vertrauen entgegenbringe. Er beantragte eine zweite Pause zur
+Verständigung. Nach dieser erklärten mehrere Delegierte, ihr Mißtrauen
+gegen Schweitzer fallen zu lassen. Er wurde alsdann, nachdem er auf
+einen Vorhalt Tölckes noch mitgeteilt, _er werde sich selber wählen_,
+mit 2385 gegen 97 Stimmen und 41 Enthaltungen Präsident des Vereins. Er
+hatte, um sich Vertrauen zu erwerben, auf dieser Generalversammlung ein
+radikales Programm vorgelegt und annehmen lassen. Jetzt gab er auch die
+sogenannten Garantien für sein ferneres Wohlverhalten, indem er durch
+Handschlag sämtlichen Delegierten gegenüber sich feierlich
+verpflichtete, alles zu tun, was in seinen Kräften stehe, den Verein
+vorwärtszubringen. Umgekehrt verpflichteten sich die Delegierten
+ebenfalls durch Handschlag Schweitzer gegenüber, treu zur Organisation
+und zum Präsidenten zu stehen. Also eine Art Ballhausschwur, wie ihn die
+französische Nationalversammlung 1789 leistete, nur mit dem Unterschied,
+daß der Regisseur der Schwurszene in Braunschweig, Schweitzer, wußte,
+daß es sich um eine Posse handelte. —
+
+Auf der Generalversammlung des Vereins in Berlin — 23. bis 25. September
+1867 — wiederholte Schweitzer: _daß in politischen Fragen der Verein mit
+der Fortschrittspartei gehen könne_. Das verhinderte allerdings nicht,
+daß, als um dieselbe Zeit in Düsseldorf eine Nachwahl für den Reichstag
+stattzufinden hatte, bei der in der engeren Wahl der fortschrittliche
+Kandidat, Redakteur der „Rheinischen Zeitung“, Bürgers, und ein
+konservativ-nationalliberaler Kandidat sich gegenüberstanden, Schweitzer
+im „Sozialdemokrat“ die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins aufforderte, für den letzteren zu stimmen, worauf
+Bürgers durchfiel. Neben dem, daß er damit Bismarck einen Gefallen
+erwies, kühlte er seine Rache wegen der Anklage der „Rheinischen
+Zeitung“, er habe aus hochkonservativen Kreisen Geld für den
+„Sozialdemokrat“ genommen.
+
+Ein anderer für Schweitzer wenig ehrenvoller und seinen Charakter
+beleuchtender Vorgang war die Auseinandersetzung mit seinem bisherigen
+Freunde Hofstetten. Hofstetten hatte seine Mittel für die Gründung des
+„Sozialdemokrat“ hergegeben. Diese Mittel waren Mitte 1867 verbraucht
+und Hofstetten ein armer Mann. Anfang 1868 versuchte Schweitzer
+Hofstetten nach Wien zu schieben, woselbst er ein sozialdemokratisches
+Blatt gründen sollte. Hofstetten kam aber in Wien übel an und eilte nach
+Berlin zurück. Jetzt verschloß Schweitzer ihm den Wiedereintritt in die
+Redaktion des Blattes, er bestritt auch, daß Hofstetten noch
+irgendwelche Ansprüche habe, und setzte ihn vor die Tür, wobei er sich
+auf einen Vertrag stützte, den er dem gutmütigen und nicht gerade
+scharfsinnigen Hofstetten abgedrungen hatte. Als Hofstetten im Frühjahr
+1869 auf der Generalversammlung des Vereins in Barmen-Elberfeld eine
+lange Anklagerede gegen Schweitzers Verhalten ihm gegenüber hielt,
+entrüsteten die mitgeteilten Tatsachen den Delegierten Heinrich
+Vogel — der gegenwärtig noch in Charlottenburg lebt — so, daß er erklärte,
+Schweitzer habe Hofstetten gegenüber wie ein ordinärer Bourgeois
+gehandelt, eine Charakterisierung, die bei Schweitzers Anhängern einen
+Sturm der Entrüstung hervorrief und nachher Vogels Ausschluß aus dem
+Verein zur Folge hatte. Hofstetten klagte auch Schweitzer an, daß er das
+Geld mit vollen Händen zum Fenster hinausgeworfen habe; woher er es
+erhielt, wisse er nicht. Als er Schweitzer wegen seiner
+verschwenderischen Lebensweise Vorhalt gemacht, habe dieser geantwortet:
+Darüber sei er ihm keine Rechenschaft schuldig, er habe seine Schulden
+nicht zu bezahlen. Darin hatte Schweitzer sicher recht, aber die
+Tatsache an sich ist sehr beachtlich. Ende 1867 hatte das Blatt erst
+1200 Abonnenten, deckte also bei weitem noch immer nicht seine Kosten;
+es war also die Frage sehr wohl gerechtfertigt: Woher kommt das Geld für
+das Blatt und die verschwenderische Lebensweise Schweitzers? Das ewige
+Schuldenmachen hatte doch seine Grenze. Auch wollten die Gläubiger ab
+und zu Geld sehen. Eine Erbschaft, die er nach dem Tode seines Vaters
+Ende 1868 machte, war so geringfügig, daß sie einen Tropfen auf einen
+heißen Stein bedeutete. Dabei hielt Schweitzer sich während des
+Reichstags eine Equipage mit galonierten Dienern.
+
+Gustav Mayer, dessen Buch über Schweitzer ich oben erwähnte, hielt es
+für zweckdienlich, sich bei Paul Lindau, der nach Schweitzers Rücktritt
+häufigen Verkehr mit ihm hatte, zu befragen, ob er Extravaganzen
+Schweitzers wahrgenommen habe. Lindau habe das verneint. Mir ist Paul
+Lindaus Urteil nicht maßgebend. Die lebemännischen Gewohnheiten des
+alten, heute noch lebenden Herrn waren immer große und da legt er wohl
+einen anderen Maßstab an „Extravaganzen“ als andere Menschenkinder. Auch
+war Schweitzer, als er zu Lindau in Beziehungen trat, bereits krank und
+hatte geheiratet, zwei Umstände, die Extravaganzen erschwerten. Die
+Informationen, die wir seinerzeit in Berlin über Schweitzers Lebensweise
+einzogen, lauteten anders. Danach war er ein Lebemann ersten Ranges, der
+namentlich auch häufig bei Kroll und in den Berliner Nachtlokalen mit
+der Demimonde verkehrte, womit er wahrscheinlich die „Treue“ gegen seine
+langjährige Braut betätigte, die man ihm als Tugend nachrühmte. Auch
+veranstaltete er zeitweilig Champagnergelage mit seinen intimsten
+Anhängern. Schweitzer gehörte zu den Naturen, die stets mindestens
+doppelt so viel Geld verbrauchen als sie einnehmen, deren Parole ist:
+Die Bedürfnisse haben sich nicht nach den Einnahmen, sondern die
+Einnahmen haben sich nach den Bedürfnissen zu richten, was bedingt, daß
+sie dann skrupellos das Geld nehmen, wo sie es finden. Hatte Schweitzer
+1862 2600 Gulden aus der Schützenfestkasse entnommen, so unterschlug er
+später, als er Präsident des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins war
+und als solcher über die Kassengelder verfügte, von schlecht gelohnten
+Arbeitern gesammelte Groschen, um seine Gelüste zu befriedigen. Es
+handelte sich hier nicht um große Summen, aber das lag nicht an
+Schweitzer, sondern an dem mageren Inhalt der Kasse. Diese Mißwirtschaft
+ist ihm auf verschiedenen Generalversammlungen des Vereins vorgeworfen
+und nachgewiesen worden, und _Bracke_, der jahrelang Kassierer des
+Vereins war und auf Schweitzers Anweisung die Gelder auszahlen mußte,
+hat ihn öffentlich dieser Schandtat bezichtigt, ohne daß Schweitzer ein
+Wort der Verteidigung wagte. Wer aber dergleichen fähig ist, von dem
+soll man nicht behaupten, daß er unfähig gewesen sei, sich politisch zu
+verkaufen, was doch das einzige halbwegs lukrative Geschäft für ihn sein
+konnte. Den Nachweis, wieviel gezahlt wurde, kann niemand erbringen,
+denn dergleichen Geschäfte werden nicht auf offenem Markte
+abgeschlossen. Es kann sich hier nur um den Nachweis durch Indizien und
+zahlreiche Tatsachen handeln, die sich anders nicht erklären lassen.
+Hervorheben möchte ich hier, daß Bismarck nach 1866 die Zinsen aus dem
+48 Millionen Mark betragenden Privatvermögen des Königs von Hannover zur
+Verfügung standen, die er skrupellos für ihm gutdünkende politische
+Zwecke benutzte. Diesen Fonds, der unter dem Namen „Reptilienfonds“
+berüchtigt geworden ist, konnte Bismarck verwenden, ohne jemand darüber
+Rechenschaft abzulegen. Da ist's nun charakteristisch, daß, während die
+ganze Oppositionspresse gegen diesen Korruptionsfonds ankämpfte, der
+„Sozialdemokrat“ den Fonds niemals erwähnte.
+
+Charakteristisch für den Mann ist ferner, daß, als wir Anfang 1868 das
+„Demokratische Wochenblatt“ herausgaben, er systematisch den Namen
+desselben totschwieg und, wenn er nicht umhin konnte, gegen dasselbe zu
+polemisieren, er immer nur von dem Blatte des Herrn Liebknecht sprach.
+Er wollte mit dieser Taktik verhindern, daß einer seiner Anhänger durch
+Nennung des Namens des Blattes auf den Gedanken kommen könnte, das
+„Demokratische Wochenblatt“ zu abonnieren, wodurch der Leser vieles
+erfahren konnte, was ihm, Schweitzer, unangenehm war. Das war eine
+kleinliche und lächerliche Kampfesweise, aber er übte sie.
+
+ * * * * *
+
+Eine merkwürdige Wandlung stellte sich bei Schweitzer wieder im Frühjahr
+1868 ein. Gleich dem „Demokratischen Wochenblatt“ druckte jetzt der
+„Sozialdemokrat“, wenn er vom norddeutschen Reichstag sprach, diese
+Worte in Gänsefüßchen ab. Auch hielt er im Reichstag — Mitte Juni
+1868 — eine Rede, in der er in einer Polemik gegen v. Kirchmann eine ganz
+andere Auffassung als bisher vom Wert des allgemeinen Wahlrechts
+entwickelte. Bisher hatte er damit eine Art Kultus getrieben und die
+Wahl Bismarcks durch seine Anhänger in Barmen-Elberfeld bekanntlich
+damit zu rechtfertigen gesucht, daß sie dem Geber des allgemeinen
+Stimmrechts ihre Dankbarkeit beweisen wollten, als sie ihn wählten.
+Jetzt erklärte er:
+
+„Ich muß im Interesse derjenigen, die mich gewählt haben, und im
+Interesse der demokratischen Sache konstatieren, daß dieses Haus nur
+scheinbar und nicht in Wirklichkeit aus allgemeinen Wahlen
+hervorgegangen ist.“
+
+Er motivierte dieses damit, daß Preßfreiheit und volle Vereins-und
+Versammlungsfreiheit fehlten. Diese fehlten aber von Anfang an, und doch
+klang damals sein Urteil anders. Das Urteil, das er jetzt über das
+geltende Wahlrecht fällte, deckte sich mit dem, das das „Demokratische
+Wochenblatt“ längst und wiederholt abgegeben hatte. Diese plötzliche
+auffällige Meinungsänderung wurde offenbar wieder durch die zunehmende
+Opposition in seinem Verein verursacht.
+
+In Nr. 80 des „Sozialdemokrat“ vom 19. Juli kündigt Schweitzer an, daß
+er eine _dreiwöchige_ Haft in der Stadtvogtei antrete, die ihm wegen
+eines Flugblattes vom Landgericht Elberfeld zuerkannt worden war. Er
+ernannte W. Real in Düsseldorf zum Vizepräsidenten und Hasselmann zum
+Leiter des Vereinsorgans, mit dessen Eintritt die Rüpelhaftigkeit im Ton
+des Blattes einkehrte. Der pathetische Schluß der Ansprache lautete:
+
+„Indem ich meine Haft antrete, richte ich an alle Parteigenossen meinen
+herzlichsten Abschiedsgruß. Ich hoffe, den Verein in derselben Blüte, in
+der ich ihn verlasse, oder in noch gesteigertem Maße (nach ganzen _drei_
+Wochen) wiederzufinden.“
+
+Im Sommer 1868 hatte Johann Jacoby eine Rede über „Die soziale Frage“
+gehalten, in der er stark nach links und weit ab von der
+Fortschrittspartei rückte. Auf einem großen Volksfest, das auf der Asse
+bei Braunschweig abgehalten wurde, hatte sich Bracke über dieses
+Auftreten Jacobys sehr günstig ausgesprochen und es begrüßt. Bracke
+stellte hier über die Rede folgende Thesen auf: Erstens, das
+demokratische Programm von Johann Jacoby verdient im höchsten Maße die
+Beachtung des deutschen Volkes; zweitens, nach demselben gibt es in den
+Zielen keinen prinzipiellen Unterschied zwischen der entschiedenen
+demokratischen Partei und der eigentlichen Arbeiterpartei; drittens,
+beide Parteien müssen in dem von Jacoby aufgestellten Ziel: Umgestaltung
+der bestehenden staatlichen und gesellschaftlichen Zustände im Sinne der
+Freiheit, gegründet auf Gleichheit alles dessen was Menschengesicht
+trägt, übereinstimmen. Darauf antwortete der „Sozialdemokrat“ in einem
+„Verwirrung“ überschriebenen Artikel:
+
+„Der von Jacoby aufgestellte Satz einer gerechten Verteilung des
+Arbeitslohnes zwischen Kapital und Arbeit, die zu erstreben wäre, ist
+eine über alle Maßen verfehlte, alberne und hohle Phrase; es ist
+traurig, daß es Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
+gibt, die an diesen elenden Brocken herumkauen. ... Wenn einer
+behauptet, es seien beachtenswerte Gedanken in Jacobys Rede, wird es
+hoffentlich von allen Seiten tönen: Nein! es ist albernes, hohles
+Geschwätz eines wichtigtuenden Bourgeois.“
+
+Diese erregte, grobe Sprache zeigte, welche Aufregung es Schweitzer
+verursachte, sobald Mitglieder des Vereins den Anschein erweckten, als
+wollten sie mit Vertretern nahestehender Parteien Fühlung nehmen. Der
+Verein mußte nach außen mit einer Art chinesischer Mauer umgeben sein,
+damit er ihn absolut beherrschen und nach seinem Willen lenken konnte.
+
+Die nächste Generalversammlung des Vereins war auf den 22. bis 26.
+August nach Hamburg einberufen. Waren auf der Braunschweiger
+Generalversammlung nur 2508 Mitglieder vertreten, auf der Berliner 3102,
+so jetzt 8192 durch 36 Delegierte. Der Verein war also wesentlich
+stärker geworden. Man hat diese Entwicklung ausschließlich der Tätigkeit
+und der Leitung Schweitzers zugeschrieben. Mit Unrecht. Der Druck der
+Krise, die sich als Folge des sechsundsechziger Krieges eingestellt
+hatte, war gewichen, an deren Stelle brachte das Jahr 1868 eine
+Prosperitätsperiode. Damit hatte die Hoffnungsfreudigkeit und das
+politische Leben in den Arbeiterkreisen von neuem eingesetzt, wovon
+nicht nur der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein, sondern auch der
+Verband der Arbeitervereine profitierte, an dessen Spitze ich stand und
+der damals über 13000 Mitglieder zählte, die freilich keine
+programmatische Geschlossenheit wie der Allgemeine Deutsche
+Arbeiterverein besaßen. Schweitzer suchte jetzt Karl Marx für sich zu
+gewinnen. Er hatte Marx den Dank des Vorstandes für sein Werk „Das
+Kapital“ votieren lassen, auch hatte er ihn zur Generalversammlung nach
+Hamburg eingeladen, eine Einladung, die Marx wegen Ueberbürdung mit
+Arbeit ablehnte. Auch erlaubte er, daß Geib folgenden Antrag stellte:
+
+ „Die Generalversammlung erklärt, da der Druck des Kapitals und der
+ Reaktion in allen Kulturländern aus im wesentlichen gleichen Ursachen
+ auf der Arbeiterklasse lastet und da die Bestrebungen der Arbeiter nur
+ dann erfolgreich sein können, wenn sie einheitlich zusammenhängend in
+ allen Kulturländern auftreten, ist es die Pflicht der deutschen
+ Arbeiterpartei und der Arbeiterparteien aller Kulturländer, die von
+ denselben Prinzipien geleitet werden, gemeinsam vorzugehen.“
+
+Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. Aber wie radikal sich
+Schweitzer auch gebärdete, die Unzufriedenheit mit seiner Diktatur nahm
+zu. So beantragten die Erfurter Mitglieder: Schweitzer solle
+spezifizierte Rechnung ablegen über die Gelder, die er seit dem 1.
+Januar 1868 der Kasse entnommen habe. Der Vorstand solle die Abrechnung
+prüfen. Düsseldorf verlangte, daß Präsidium und Redaktion des
+Vereinsorgans getrennt würden, die Einrichtung könne leicht zu
+Despotismus führen; sie hätte bereits dazu geführt. Weiter waren
+lebhafte Klagen auf den vermiedenen Generalversammlungen laut geworden,
+daß die Redaktion des „Sozialdemokrat“ ihr mißfallende Korrespondenzen
+unterdrücke, andere willkürlich ändere, ja fälsche. Ein Antrag, das
+Organ von seiten des Vereins zu übernehmen, wurde auf der
+Generalversammlung für untunlich, die Trennung der Redaktion vom
+Präsidium als unzweckmäßig erklärt. Dagegen wurde beschlossen, daß der
+vierundzwanzigköpfige Vorstand des Vereins, der in vielen Orten verteilt
+wohnte, konzentriert werden solle. Er wurde nach Hamburg verlegt. Das
+war der erste harte Schlag, der die Diktatur Schweitzers traf. Bei den
+Erörterungen hierüber machte er eine Mitteilung, durch die er sich wider
+Willen denunzierte. Er äußerte: _„Dies wird unsere letzte
+Generalversammlung sein. Die Feindseligkeit der preußischen Regierung
+wird immer mehr hervortreten. Der Verein wird aufgelöst werden.“_ Und
+siehe da, kaum drei Wochen später löste die Leipziger Polizeibehörde, da
+der Verein in Leipzig seinen Sitz hatte, den Verein wegen der örtlichen
+Kassenverwaltungen auf, einer Einrichtung, die von Anfang an im Verein
+bestanden hatte.
+
+_Es ist ganz zweifellos, daß Schweitzer vorher von dieser Auflösung
+wußte, ja daß sie zwischen ihm und dem Berliner Polizeipräsidium
+verabredet war und die Leipziger Polizei auf Wunsch von Berlin den
+Verein auflöste._ Natürlich unterließ unter so bewandten Umständen
+Schweitzer jede Beschwerde gegen das Vorgehen der Leipziger Polizei bei
+Kreishauptmannschaft und Ministerium. Schweitzer schloß seinen
+bezüglichen Artikel, worin er die Auflösung besprach, mit den Worten:
+
+ „Wir fügen uns einfach darum, weil es nach Lage der Dinge das
+ Vernünftigste ist, was wir tun können. Daher erkläre auch ich andurch:
+
+ ‚Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein hat sich aufzulösen...‘
+ Arbeiter in ganz Deutschland! Wir stehen heute am Grabe des
+ Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins.
+
+ Aber der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein lebt unter uns fort.
+
+ _So stehen wir auch am Grabe Lassalles; er selbst aber weilt noch
+ unter uns._
+
+ Daß unser Verein aufgelöst wurde, gereicht ihm, gereicht uns zur Ehre.
+ Der Verein hat seine Schuldigkeit getan für die Arbeitersache — darum
+ wurde er aufgelöst.
+
+ Die alte Form ist gefallen — wir werden neue Formen für die Betätigung
+ unseres Strebens zu finden wissen.“
+
+Dann dankt er für das ihm geschenkte Vertrauen.
+
+ „Wir haben gemeinsam gekämpft und gelitten — wir werden auch in Zukunft
+ gemeinsam kämpfen und leiden.“
+
+So auf die Rührseligkeit spekulierend, rührte er die Mitglieder zu
+Tränen, und sie vertrauten ihm weiter.
+
+Wäre es die Feindseligkeit der preußischen Regierung gegen den Verein
+gewesen, wie Schweitzer _wider besseres Wissen_ schrieb, dann war es
+jetzt seine Pflicht und Schuldigkeit, den Verein dem Einfluß der
+preußischen Regierung nach Möglichkeit zu entziehen, zum Beispiel dessen
+Sitz nach Hamburg zu verlegen, dessen Vereins- und Versammlungsgesetz
+kein Verbindungsverbot kannte. Außerdem hatte der Verein in
+Hamburg-Altona seine stärkste Mitgliedschaft, die für die Finanzen des
+Vereins wie für das Blatt das eigentliche Rückgrat bildete. Auch fehlte
+es in Hamburg nicht an geistigen Kräften. Statt dessen gründete
+Schweitzer den neuen Verein _unter den Augen der Berliner Polizei_, und
+_Berlin wurde dessen Sitz. In Preußen bestand aber das Verbindungsverbot
+so gut wie in Sachsen, und außerdem verlangte das damalige preußische
+Vereins- und Versammlungsgesetz, daß die Mitgliederlisten des Vereins
+aus ganz Deutschland bei dem Polizeipräsidium eingereicht werden
+mußten._ Und wiederum verriet er seine Beziehungen zum Berliner
+Polizeipräsidium und sein Einverständnis mit der Auflösung, indem er in
+Nr. 119 des „Sozialdemokrat“ sagte:
+
+ _„Man habe Berlin als Sitz der Partei gewählt, damit die Polizei
+ fortwährend Gelegenheit habe, sich davon zu überzeugen, daß die Partei
+ ihre Agitation auf Grund und in Gemäßheit der bestehenden Gesetze
+ betreibe.“_
+
+Wie rührend folgsam gegen die liebe Polizei von der Leitung einer
+demokratischen Partei!
+
+_Wenn je die innige Verbindung zwischen Schweitzer und dem Berliner
+Polizeipräsidium nachgewiesen werden konnte, so jetzt._ Aber nicht
+allein, daß der Verein nunmehr unter die Kontrolle des Berliner
+Polizeipräsidiums kam, Schweitzer benutzte auch die Neugründung, _um die
+ihm unbequemen Beschlüsse der Hamburger Generalversammlung aus der Welt
+zu schaffen und durch die neue Organisation seine Diktatur
+unumschränkter denn je zuvor zu befestigen._ Er verkündete den neuen
+Plan mit den Worten:
+
+ „Jedenfalls wird dafür gesorgt werden, daß die Einheitlichkeit der
+ Partei durch ganz Deutschland gewahrt werde. Denn diese
+ Einheitlichkeit ist unser bestes Kleinod — sie ist der Grundgedanke der
+ Lassalleschen Organisation, und von dieser werden wir niemals
+ abgehen.“
+
+So mußte also die beständige Berufung auf Lassalle dazu dienen, seine
+Autorität aufrecht zu erhalten und den Mitgliedern Sand in die Augen zu
+streuen.
+
+Die neue Vereinsgründung fand _unter Ausschluß der Öffentlichkeit_ statt
+in einem kleinen Kreise Auserwählter, die mit ihm durch dick und dünn
+gingen. Das neue Statut enthielt geradezu _ungeheuerliche_ Bestimmungen.
+So sollte der Präsident _sechs Wochen vor der ordentlichen
+Generalversammlung in Urabstimmung durch die Mitglieder des Vereins
+gewählt werden_, also ehe noch die Generalversammlung gesprochen und
+dessen Geschäftsführung geprüft hatte. Ein Mißtrauensvotum auf der
+Generalversammlung war dann wirkungslos, ebenso eine unliebsame Kritik
+seiner Tätigkeit. Ferner besagte §5 der Statuten:
+
+ _„Wenn der Präsident es für dringlich hält, so kann er, vorbehaltlich
+ der in drei Monaten einzuholenden Genehmigung des Vorstandes, alle
+ Anordnungen treffen.“_
+
+Der Vorstand selbst sollte, im Gegensatz zu den Beschlüssen der
+Hamburger Generalversammlung, wieder über ganz Deutschland verteilt
+wohnen. Die Generalversammlung sollte eine Statutenänderung nur dann
+vornehmen können (§7), wenn ein solcher Antrag von 60 Mitgliedern
+unterzeichnet _und drei Monate vor der Generalversammlung beim Vorstand
+eingereicht worden war_. Wo und wie der Verein aufs neue gegründet
+wurde, darüber hat man nie Sicheres erfahren. Aber die Polizei mußte
+davon unterrichtet sein, sonst hätte sie den Verein nicht anerkannt. Der
+organisierte Arbeiter unserer Zeit wird sich bei dem Lesen solcher
+Vorgänge fragen, wie denn dergleichen möglich gewesen sei und ob denn
+nicht die ungeheure Mehrheit der Mitglieder des Vereins sich wie ein
+Mann erhob und gegen solche Ungeheuerlichkeiten protestierte, den
+Urheber derselben aber sofort von seinem Posten entfernte? Von alledem
+keine Spur. Mit seinem Blatte beherrschte Schweitzer absolut den Verein;
+jeder, der wagte aufzumucken, dessen Beschwerde flog in den Papierkorb,
+und wer in einer Versammlung austrat, der wurde als Verräter an dem
+Kleinod der Lassalleschen Organisation gebrandmarkt und mit dem Bann
+belegt. Im Verein war er tot. Ließ aber jemand sich merken, daß er mit
+Liebknecht und mir sympathisiere, so galt dieses selbst in den Augen der
+meisten Mitglieder als ein Verbrechen, womöglich größer als Blutschande
+oder Mord. Das war die Folge der systematisch von ihm betriebenen
+Verhetzung.
+
+Doch die Umwandlung in den Anschauungen vollzog sich bei einem Teil der
+Vereinsmitglieder rascher, als wir damals selbst für wahrscheinlich
+hielten.
+
+Unter dem 26. November 1868 veröffentlichte Schweitzer einen langen
+Aufruf in dem mittlerweile seit dem 10. Oktober vergrößerten
+„Sozialdemokrat“, der damals 3400 Abonnenten hatte, in welchem er seine
+Ansicht über die Finanzlage des Vereins darlegte, die durch das Wachstum
+desselben eine wesentlich günstigere geworden war. Zum Schluß kündigte
+er an, daß er auf drei Monate „in die Einsamkeit des Gefängnisses
+wandere“, die er wegen Veröffentlichung einer Broschüre, „Der
+Arbeitslohn und der Kapitalgewinn“, anzutreten hatte. Er schließt den
+Artikel mit den Worten:
+
+ „Lassalle sagt in betreff der Organisation, daß alle Einzelkräfte
+ zusammengeschmiedet werden müßten zu einem einzigen Hammer. Die Partei
+ war, als sie mich zu ihrem Führer erkor, der Meinung, daß mein Arm
+ kräftig genug sei, diesen Hammer zu schwingen. Ich will hoffen, daß
+ mir diese Kraft niemals erlahmt.“
+
+An Selbstgefühl ließen diese Ausführungen nichts zu wünschen übrig.
+
+Anfang Dezember trat er seine Haft an, er wurde aber bereits gegen Ende
+Dezember wieder aus dieser entlassen, weil sein Vater schwer erkrankte,
+der noch vor Ende des Jahres starb. Schweitzer erhielt darauf eine Woche
+Urlaub zur Ordnung von Familienangelegenheiten. Jetzt spielte sich aber
+dasselbe ab, was sich 1866 abgespielt hatte, als er auf Urlaub
+entlassen wurde. Aus der einen Woche wurden viele Wochen Urlaub, und nun
+begann _Schweitzer abermals eine umfassende politische Tätigkeit, als
+sei der Urlaub ihm nur zu diesem Zweck gewährt worden_.
+
+Am 1. Januar 1869 kündigte der „Sozialdemokrat“ an, _der Präsident sei
+noch auf Tage den Geschäften der Parteileitung entzogen. Am 14. Januar
+veröffentlichte Schweitzer unter den Augen der Polizei im
+„Sozialdemokrat“ eine lange Ansprache an die Mitglieder des Allgemeinen
+Deutschen Arbeitervereins und berief die Generalversammlung des Vereins
+auf den 27. bis 30. März nach Barmen-Elberfeld._
+
+Nach normalem Gang hätte Schweitzer dieser Generalversammlung gar nicht
+beiwohnen können, da um diese Zeit seine Haft noch nicht zu Ende war.
+_Aber er wußte bereits, daß er die Freiheit dazu haben würde._ Weiter
+ordnete er an, daß die Präsidentenwahl sechs Wochen vor der
+Generalversammlung, zwischen dem 24. Januar und dem 7. Februar
+stattzufinden habe, wie es die neue, von ihm oktroyierte Organisation
+vorschrieb.
+
+Ferner kündigte er die Einberufung einer Konferenz des Vorstandes in
+einer Stadt Mitteldeutschlands an, in der über die Agitation in
+Süddeutschland und Sachsen beschlossen werden sollte. Gegen uns nahm der
+„Sozialdemokrat“ jetzt eine noch schärfere Stellung ein, da wir bewußt
+oder unbewußt im Schlepptau der österreichischen Politik uns befänden.
+Bemerkt sei hier, daß um diese Zeit Liebknecht wiederholt im
+„Demokratischen Wochenblatt“ Oesterreich gegenüber eine Taktik
+eingeschlagen hatte, die ich für durchaus verfehlt hielt, was wiederholt
+zwischen uns zu Meinungsverschiedenheiten führte. Liebknecht war eben
+ein Mann des Extrems. Wie sein Haß gegen Bismarck und den Nordbund oft
+die Grenze überschritt, so auch wieder seine Zuneigung zu Oesterreich,
+dessen liberalem Bürgerministerium er übermäßige Leistungen zutraute. Es
+war nur natürlich, daß Schweitzer diese Schwäche Liebknechts ausnutzte,
+wobei ich bemerken will, daß es im Jahre 1867 auch für Schweitzer eine
+Periode gab, in der er dem Bürgerministerium seine Unterstützung in
+Aussicht stellte. Er wollte offenbar Hofstetten die Wege in Wien ebnen.
+
+Im Januar 1869 setzten wir unseren schon früher gegen Schweitzer im
+„Demokratischen Wochenblatt“ und in Volksversammlungen aufgenommenen
+Kampf mit aller Vehemenz und mit schwerstem Geschütz fort, dessen
+vorläufiger Abschluß war, daß wir zur Generalversammlung des Allgemeinen
+Deutschen Arbeitervereins nach Elberfeld-Barmen eingeladen wurden, um
+unsere Anklagen gegen Schweitzer zu erheben. Ich habe das Vorspiel zu
+diesem Ereignis bereits im ersten Teil dieser Arbeit ausführlicher
+geschildert.
+
+ * * * * *
+
+Sozusagen zwischenaktlich sei hier erwähnt, daß Hasenclever infolge
+einer Stichwahl in Duisburg Anfang 1869 ebenfalls in den Reichstag
+gewählt worden war. Da ich glaubte annehmen zu dürfen, daß Hasenclever
+das Treiben Schweitzers mißbillige und ehrlich eine Vereinigung wolle,
+hatte ich 12 Taler gesammelt, die ich ihm zur Unterstützung seiner Wahl
+schickte. Damals rechneten wir hüben und drüben bei Wahlen noch nicht
+mit Tausenden und Zehntausenden Mark wie heute. Jeder Taler galt als
+namhafter Beitrag. Ich machte darauf unter dem 13. Februar 1869 im
+„Demokratischen Wochenblatt“ bekannt, daß Hasenclever seine große Freude
+und Genugtuung über die Sympathie und Unterstützung, die ihm zuteil
+geworden, ausspreche. Er bedauere die Spaltung, die unter den
+verschiedenen Fraktionen der Arbeiterpartei ausgebrochen sei, und hoffe,
+daß die Differenzen, die wir mit anderen Führern seiner eigenen Partei
+hätten oder gehabt hätten, und die doch nur persönlichen Ursprunges
+seien, bald verschwinden würden. Er lebe der vollsten Ueberzeugung, daß
+die Zeit nicht fern sei, wo sämtliche Sozialdemokraten Deutschlands in
+festgeschlossenen Reihen unter einem Banner kämpften.
+
+An dieser Erklärung Hasenclevers ist bemerkenswert, daß er von uns als
+Sozialdemokraten spricht, ein Zugeständnis, das Schweitzer und der
+„Sozialdemokrat“ bis ans Ende der Wirksamkeit Schweitzers uns
+versagten. Freilich hat es nachher, als Hasenclever Nachfolger
+Schweitzers im Präsidium wurde, auch noch Jahre gedauert, ehe die
+Einigung sich vollzog. Es scheint, daß auch sozialdemokratische
+Kronprinzen, wo solche vorhanden, liberaler sind, denn später als
+regierende Herren.
+
+ * * * * *
+
+Am 14. Februar verkündete Schweitzer das Wahlresultat; er war wieder mit
+rund 5000 Stimmen gegen 54 zum Präsidenten gewählt. Die Wahl war ein
+moralisches Mißtrauensvotum, wenn man bedenkt, daß einige Wochen später
+auf der Generalversammlung in Barmen-Elberfeld 12000 Mitglieder
+vertreten waren; 40 Orte hatten gar keine Stimme abgegeben. Nachdem so
+der politische Urlaub Schweitzers seinen Zweck erreicht hatte, ging er
+am 18. Februar wieder ins Gefängnis, er wurde aber bereits am 4. März,
+_dem Tage vor dem Zusammentritt des Reichstags, aus der Haft entlassen._
+
+_Diese Haftentlassung bewies aufs neue die intimen Beziehungen
+Schweitzers zur Regierung._ Solange ein Reichstag besteht, also von 1867
+bis heute, ist es nie vorgekommen, daß ein Reichstagsabgeordneter, _auch
+kein bürgerlicher, während des Reichstags aus der Strafhaft entlassen
+wurde_, um an den Verhandlungen desselben teilzunehmen. Sogar mitten in
+der Session von 1909 bis 1910 mußte ein elsässischer Abgeordneter seine
+zweimonatige Strafhaft antreten. Die Regierungen, die preußische voran,
+wie die Mehrheit des Reichstags, haben stets die Ansicht vertreten, daß
+der Artikel 31 der Verfassung, der von der Immunität der Abgeordneten
+handelt, die _Strafhaft nicht umfaßt_. Im Gegensatz zu dieser
+jahrzehntelangen Uebung, die Preußen auch schon früher handhabte, _wurde
+jetzt Schweitzer aus der Strafhaft beurlaubt, was nicht ohne
+Einwilligung des zuständigen Ministers geschehen konnte, der dieses
+nicht ohne die Zustimmung Bismarcks gewagt hätte._
+
+Wie letzterer im übrigen in diesen Dingen dachte, zeigte plastisch die
+Verhandlung, die der Reichstag am 28. April — also wenige Wochen nach
+Schweitzers Beurlaubung aus der Strafhaft — hatte. Mende hatte in
+München-Gladbach eine Versammlung abgehalten, nach der es zu
+tumultuarischen Auftritten gekommen war, wobei er verhaftet wurde, weil
+er angeblich diese Auftritte verursacht habe, was nicht der Fall war.
+_Schweitzer_ stellte einen Antrag auf Haftentlassung Mendes. In der
+Debatte nahm auch Bismarck das Wort und erklärte sich in seiner
+peremptorischen Art _gegen_ die Haftentlassung. Der Reichstag mußte aber
+auf Grund der vorliegenden Tatsachen gegen Bismarck entscheiden. Darauf
+rächte sich dieser dadurch, daß er den Beamten, die die Verhaftung
+Mendes angeordnet und vorgenommen hatten, Ordensauszeichnungen
+zustellte. Und im Falle Mende handelte es sich um keine rechtskräftig
+gewordene Strafhaft wie im Falle Schweitzer, sondern um eine
+Untersuchungshaft.
+
+Kurze Zeit vor jenem Vorgang war ich unfreiwilliger Zeuge einer
+Begegnung zwischen Schweitzer und dem Prinzen Albrecht, Bruder des
+Königs, der Mitglied des Reichstags war. Ich kam einen Korridor entlang
+und sah am Ende desselben den Prinzen Albrecht in Gesellschaft einiger
+konservativer Abgeordneter stehen. Aus einem Seitenkorridor trat
+Schweitzer. Sobald der Prinz seiner ansichtig wurde, winkte er
+Schweitzer heran, reichte ihm die Hand, die er kräftig schüttelte und
+fragte sehr leutselig: Mein lieber Schweitzer, wie geht es Ihnen?
+Schweitzer: Danke, Königliche Hoheit! Der Prinz: Warum waren Sie gestern
+nicht in der Sitzung? Schweitzer: Doch, Königliche Hoheit, ich war
+zugegen! Der Prinz: Warum haben Sie denn nicht das Wort ergriffen? Man
+hatte dieses erwartet.... Ich trat rasch in den Sitzungssaal, um nicht
+als Horcher zu erscheinen. Die Unterhaltung zeigte, daß Schweitzer mit
+dem Prinzen schon öfter verkehrt hatte, und sie zeigte weiter, daß „man“
+auf der rechten Seite des Reichstags genau wußte, was selbst die
+radikalsten Reden Schweitzers bedeuteten.
+
+
+
+
+Die Generalversammlung in Barmen-Elberfeld.
+
+
+Als wir am 27. März gegen Abend in Barmen-Elberfeld ankamen, empfingen
+uns eine Anzahl Gesinnungsgenossen, die sämtlich der Internationale
+angehörten. Ueber unsere Verhandlungen an jenem Abend schrieb ich noch
+in der Nacht an Marx:
+
+ „Liebknecht und ich sitzen eben hier in Elberfeld in einem kleinen
+ Kreise von Gesinnungsgenossen, um den Feldzugsplan für die morgige
+ Schlacht vorzubereiten. Wir haben hier eine solche Fülle von
+ Schuftereien Schweitzers zu hören bekommen, daß uns die Haare zu Berge
+ stehen. Ebenso stellt sich zur Evidenz heraus, daß Schweitzer das
+ Programm der Internationale nur zu dem Zwecke vorschlägt, um einen
+ Hauptcoup gegen uns zu führen und ein gut Teil oppositioneller
+ Elemente niederzuschlagen respektive zu sich herüberzuziehen. Ich
+ bitte Sie deshalb, zugleich im Namen Liebknechts und sämtlicher
+ hiesiger Freunde, eine etwaige Ratifikation des betreffenden
+ Beschlusses der Generalversammlung durch Schweitzer vorläufig
+ unberücksichtigt zu lassen oder wenigstens nur sehr vorsichtig zu
+ beantworten.
+
+ Nähere Mitteilungen folgen bald nach.
+
+ Ueber den Ausgang der morgigen Disputation läßt sich noch gar nichts
+ sagen, nur das eine kann ich mitteilen, daß Schweitzer mit allen
+ Mitteln der Perfidie und Intrige gegen uns wühlt, auf einen
+ durchschlagenden Erfolg hoffen wir auf keinen Fall. Die Organisation,
+ um jede Opposition aus der Mitte seines eigenen Vereins totzuschlagen,
+ ist hier schon seit Wochen mit großem Geschick getroffen worden.
+ Gestern abend beispielsweise hat Schweitzer bei seiner Ankunft einen
+ wahren Triumphzug durch Elberfeld-Barmen gehabt. (In einer mit
+ Schimmeln bespannten Equipage.) Damit schließe ich für heute.“
+
+Schweitzer hatte im „Sozialdemokrat“ angekündigt, daß die Feinde schon
+bis in die Nähe des Präsidenten (also der allerhöchsten Person)
+gedrungen seien und die Generalversammlung wohl strenger und
+entschiedener als bisher alle Angriffe auf die Organisation, das heißt
+auf die von ihm oktroyierte, zurückweisen müsse.
+
+In der Vorversammlung war gegen die Ansicht Schweitzers — der die
+Begegnung mit uns hinausschieben, wenn nicht ganz verhindern wollte — mit
+30 gegen 27 Stimmen unsere sofortige Zulassung beschlossen worden. Am
+nächsten Nachmittag traten wir in den überfüllten Saal, von wütenden
+Blicken der fanatisierten Anhänger Schweitzers empfangen. Liebknecht
+sprach zuerst, etwa anderthalb Stunden, ich folgte und sprach wesentlich
+kürzer. Unsere Anklagen enthielten zusammengedrängt, was ich bisher
+hier gegen Schweitzer vorgebracht habe. Mehrere Male erfolgten heftige
+Unterbrechungen, namentlich als ich Schweitzer als Regierungsagent
+bezeichnete. Ich solle das Wort zurücknehmen. Dessen weigerte ich mich.
+Ich glaubte, das Recht zu haben, meine Meinung frei aussprechen zu
+dürfen, sie, die Zuhörer, brauchten mir ja nicht zu glauben.
+
+Der „Sozialdemokrat“ brachte einen sehr verstümmelten, zum Teil
+gefälschten Bericht unserer Reden, der irreführend wirkte. Liebknecht
+übertrieb die Loyalität. Er unterließ jede Berichterstattung und
+begnügte sich, im „Demokratischen Wochenblatt“ mitzuteilen, daß wir auf
+der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gewesen
+und unsere Anklagen gegen Schweitzer vorgebracht hätten. Schweitzer habe
+mit 6500 Stimmen gegen 4500, deren Vertreter sich der Abstimmung
+enthalten hätten, ein Vertrauensvotum erhalten. Doch da wir begründete
+Aussicht auf Verständigung, wenn auch nicht auf Vereinigung der
+vermiedenen sozialdemokratischen Fraktionen hätten, werde das
+„Demokratische Wochenblatt“ keine Angriffe auf Schweitzer mehr
+veröffentlichen, wobei wir voraussetzten, daß von der Gegenseite
+dieselbe Taktik innegehalten werde. Das geschah aber nicht, vielmehr
+setzte der „Sozialdemokrat“ seine Angriffe auf uns fort.
+
+Schweitzer, der während unserer Reden auf dem Podium hinter uns saß,
+erwiderte kein Wort. So verließen wir den Saal, wobei einige Delegierte
+vor und hinter uns gingen, um uns vor Tätlichkeiten der fanatisierten
+Anhänger Schweitzers zu schützen. Aber Schmeichelworte wie Schufte,
+Verräter, Lumpe, euch sollte man die Knochen im Leibe zerschlagen usw.,
+bekamen wir bei dem Gange durch das lebende Spalier in Menge zu hören.
+Auch machte einer der Anwesenden den Versuch, mich beim Heruntersteigen
+vom Podium durch einen Stoß in die Kniekehle zu Fall zu bringen. Vor der
+Tür nahmen uns unsere Freunde in Empfang, um uns als Schutzgarde nach
+unserem Hotel zu geleiten.
+
+Schweitzer verlangte von den Delegierten ein Vertrauensvotum. Nach
+erregter Debatte wurde ihm dasselbe mit der oben mitgeteilten
+Stimmenzahl erteilt. Die Delegierten, die sich der Abstimmung
+enthielten, waren: Bracke, Bräuer, Rudolph-Hannover, v. Daake, Geib,
+Hirsch, Perl, Raspe-Essen, Schrader, Louis Schumann-Berlin, Spier,
+Heinrich Vogel, Wilke und York.
+
+Die Genannten mußten schwer büßen, daß sie das Vertrauensvotum
+verweigert hatten; im „Sozialdemokrat“ fielen die Angriffe hageldicht
+auf sie nieder. Das beschlossene Vertrauensvotum lautete:
+
+„In Erwägung, daß in den Ausführungen der Herren Bebel und Liebknecht
+nichts Neues und Erhebliches enthalten ist, erklärt die
+Generalversammlung, daß der Vereinspräsident nach wie vor das volle
+Vertrauen der deutschen Arbeiterpartei besitzt.“
+
+Die Elberfelder Generalversammlung bedeutete für Schweitzer eine Reihe
+schwarzer Tage. Was er im Herbste nach der Auflösung des Vereins durch
+die Leipziger Polizei an diktatorischen Bestimmungen in die neue
+Organisation gebracht hatte, fiel jetzt den Beschlüssen der
+Generalversammlung zum Opfer. Zunächst wurde beschlossen, daß die
+Leitung des Vereins aus einem Vorstand von 15 Personen statt wie bisher
+von 25 bestehen solle. Außer dem Präsidenten, Kassierer und Sekretär
+mußten die übrigen 12 Mitglieder an einem Orte wohnen, damit sie in
+beständiger Fühlung miteinander waren und jeden Augenblick eine Sitzung
+einberufen konnten. Die Sitzungen des Vorstandes sollte dessen
+Vorsitzender berufen, nicht wie bisher der Präsident. Der letztere
+sollte auch nicht sechs Wochen _vor_ der Generalversammlung, sondern
+erst _nach_ derselben durch direkte Wahl seitens der Vereinsmitglieder
+gewählt werden, nachdem das Protokoll veröffentlicht worden sei, damit
+die Mitglieder wußten, was auf der Generalversammlung geschehen sei. Die
+Befugnis des Präsidenten, für von ihm getroffene Anordnungen erst binnen
+drei Monaten die Genehmigung des Vorstandes einzuholen, wurde auf acht
+Tage beschränkt, machte also die Befugnis gegenstandslos. Außerdem
+sollte der Vorstand mit einfacher Mehrheit über die innere Organisation,
+den Geschäftsgang, die Förderungsmittel des Vereins, das Schreib- und
+Kassenwesen beschließen. Ferner sollte der Vorstand auch das Recht
+haben, in Fällen einer _politischen Unredlichkeit oder grober
+Kassenvergehen ihn vom Amte zu suspendieren und die endgültige
+Entscheidung durch eine sofort zu berufende Generalversammlung oder
+durch Urabstimmung herbeiführen._ Durch diese und noch eine Reihe
+anderer Bestimmungen wurden die Machtbefugnisse Schweitzers sehr
+bedeutend eingeschränkt. Die Beschlüsse legten Zeugnis ab _von einem
+sehr intensiven Mißtrauen, das gegen ihn herrschte,_ und bemerkenswert
+ist, daß die wichtigsten Bestimmungen angenommen wurden, obgleich er
+opponierte. Weiter wurde eine Ueberwachungs- und Beschwerdekommission
+von drei Berliner Mitgliedern eingesetzt, die alle Beschwerden gegen die
+Redaktion entgegennehmen und darüber entscheiden sollte. Durch diese
+Beschlüsse war der Verein auf eine durchaus _demokratische Basis_
+gestellt. Schweitzer war durch die Einschränkung seiner Allmacht so
+deprimiert, daß er, nach Berlin zurückgekehrt, Annäherungsversuche an
+uns machte. Unter dem 8. April sandte ich meiner Frau einen Brief, in
+dem es hieß:
+
+„Schweitzer hatte, obgleich ich ihn anfangs ignorierte, sich an mich
+herangeschlängelt, als ich mit einem anderen Kollegen eine Unterhaltung
+hatte. Beim Schluß der Sitzung hat er mich eingeladen, mit ihm,
+Fritzsche und Hasenclever zu speisen. Diese Einladung auszuschlagen war
+unmöglich, ohne grob zu erscheinen. Schweitzer ließ darauf seine
+elegante Equipage mit Livreebedienten vorfahren und fuhr mit uns nach
+dem Lokal, in dem wir speisten. (Wir aßen bei Olbrich, damals ein
+bayerisches Bierlokal, auf der Leipzigerstraße in der Nähe der Linden.)
+Nach dem Essen ließ er es sich nicht nehmen, mich mit der Equipage nach
+dem Anhalter Bahnhof zu fahren, woselbst ich Liebknecht abholen wollte.“
+Nebenbei bemerkt, sein Essen zahlte jeder selbst.
+
+Während des Essens wurde über Waffenstillstandsbedingungen verhandelt.
+Ich erklärte mich zu solchen bereit, könnte mich aber auf nichts
+Bestimmtes einlassen, bevor nicht Liebknecht mit dabei sei. Mit dreien
+gegen mich allein zu verhandeln, war mir bedenklich. Die folgenden Tage
+setzten wir die Verhandlungen im Reichstag fort. Schweitzer verlangte,
+daß nicht nur die gegenseitigen Angriffe in den Blättern und
+Versammlungen eingestellt würden, sondern daß auch die Mitglieder der
+beiden Parteien nicht miteinander politisch verkehren oder gemeinsame
+Aktionen unternehmen dürften. Das letztere lehnten wir ab, wie wir denn
+überhaupt wiederholt sehr heftig aneinander gerieten und Schweitzer
+nichts schenkten. Es sei eine Beleidigung für uns und auch eine solche
+für die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, sich
+gegenseitig wie Feinde anzusehen. Daß weder die Personen noch die
+Organisationen gegenseitig angegriffen werden dürften, sei
+selbstverständlich. Auch kamen wir überein, künftig im Reichstag die von
+der einen oder anderen Partei gestellten Anträge gegenseitig zu
+unterstützen. Darauf veröffentlichte der „Sozialdemokrat“ in der Nummer
+45 vom 16. April die Ankündigung, wonach er von jetzt ab weder Angriffe
+gegen Liebknecht und mich, noch gegen unsere Partei bringen würde, und
+forderte die Vereinsmitglieder auf, im gleichen Sinne zu handeln.
+Umgekehrt veröffentlichten wir im „Demokratischen Wochenblatt“ eine
+ähnlich lautende Erklärung.
+
+So schien alles in schönster Harmonie zu sein. Aber Schweitzer konnte
+sich der neuen Ordnung nicht fügen; eine demokratische Organisation, wie
+sie die Barmen-Elberfelder Generalversammlung geschaffen hatte, war für
+ihn der politische Tod. Dieselbe legte ihm in einer Weise Fesseln an,
+daß die bisher geübte politische Zweideutigkeit für künftig unmöglich
+wurde. Außerordentlich bezeichnend für sein damaliges Verhalten ist
+auch, daß er das ausführliche Protokoll, das über die Elberfelder
+Verhandlungen erschienen war, unterschlug und verschwinden ließ, wie er
+das gleichfalls mit dem Protokoll der Hamburger Generalversammlung aus
+dem vorhergehenden Sommer getan hatte. Es sollte nichts, was ihn
+kompromittierte, den Vereinsmitgliedern bekannt werden und in die
+Oeffentlichkeit dringen.
+
+Da erschien wie ein Blitz aus heiterem Himmel eine Proklamation in
+Nummer 70 des „Sozialdemokrat“ vom 18. Juni, überschrieben:
+_Wiederherstellung der Einheit der Lassalleschen Partei_, und
+unterzeichnet von Schweitzer und Mende. Wiederholt sei hier, daß seit
+Anfang 1867 sich ein Teil der Mitglieder vom Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein unter dem Einfluß der Gräfin Hatzfeldt losgelöst und
+unter dem Namen „Lassallescher Allgemeiner Deutscher Arbeiterverein“
+organisiert hatte, dessen Präsident Mende war. Das Organ des letzteren
+Vereins war die „Freie Zeitung“. Die beiden Vereine lagen sich seitdem
+gegenseitig in den Haaren. Jetzt hatten sich die feindlichen Brüder,
+soweit ihre Präsidenten und die Gräfin Hatzfeldt in Frage kamen, auf
+einmal gefunden und traten Hand in Hand vor ihre Anhänger.
+
+Der veröffentlichte Aufruf war ein ungemein phrasenreiches Schriftstück,
+das mit einer Verherrlichung Lassalles begann. Wieder wurde das Wort
+Lassalles: „Ihr sollt die Organisation aufrechterhalten, sie wird euch
+zum Siege führen“, zitiert. Weiter hieß es in hochtrabenden Worten:
+
+ „Die erwählten Führer der beiden Vereine sind von dieser Erkenntnis
+ durchdrungen; mit gehobenem Gefühl treten sie heute vor die Mitglieder
+ der beiden Vereine und fordern sie auf, ein stolzes Werk ihnen bauen
+ zu helfen, ... einen wahrhaft Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein,
+ mächtig über ganz Deutschland.... Unseren Vorschlag unterbreiten wir
+ den gesamten Mitgliedschaften beider Vereine, das heißt dem
+ _souveränen Volk selbst unmittelbar zur sofortigen Entscheidung_.
+ (Auch im Original gesperrt.)
+
+ _Das alte Lassallesche Statut ist es_, unter dem wir dereinst einig
+ waren und zu dem wir zurückkehren müssen, _um diesmal in einheitlicher
+ Entwicklung_, von diesem Boden aus gemeinsam voranzuschreiten....“
+
+Dann wurde gefordert, daß bis zum 22. ds. Mts. — der Ausruf, vom 16.
+datiert, erschien am 18. Juni im „Sozialdemokrat“ und gelangte erst am
+19. oder 20. in die Hände der meisten Mitglieder — über ihren Vorschlag
+abgestimmt werden solle und am 23. _das Abstimmungsresultat in Berlin
+angelangt sein müsse_.
+
+Des weiteren wurde erklärt, daß, wenn die Abstimmung zugunsten des
+Mende-Schweitzerschen Vorschlags ausfalle — in berechnender
+Bescheidenheit trat Schweitzer hinter den stupiden Mende zurück —,
+sollten am 24. Juni beide Vereine _aufgelöst_ werden, worauf noch _an
+demselben Tage einige Parteifreunde zusammentreten und die
+Wiederherstellung des ursprünglichen Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins unter dem alten Lassalleschen Statut beschließen
+sollten_. Die Präsidentenwahl sollte am 30. Juni stattfinden und am 3.
+Juli das Resultat verkündet werden. Bis zur Wahl des Präsidenten sollte
+Mende als Präsident, Tölcke als Sekretär, Bracke als Kassierer
+fungieren. Der Aufruf schloß:
+
+ „Macht es möglich, Parteigenossen, daß, wenn der Todestag Lassalles
+ wiederkehrt, wir alle, alle über seinem Grabe uns die Hände reichen
+ und uns sagen können: _Wir haben uns des Meisters würdig gezeigt._“
+
+Dieses Vorgehen der beiden Präsidenten war der _Staatsstreich_. Damit
+war die demokratische Organisation, welche die Elberfelder
+Generalversammlung dem Schweitzerschen Verein gegeben hatte, mit einem
+Schlage vernichtet. Schweitzer hatte die ihm angelegten Fesseln mit
+einem Ruck zerrissen und war wieder unumschränkter Herr und Diktator. Um
+den befürchteten Widerstand des in Hamburg domizilierten Vorstandes zu
+brechen, schickte Schweitzer seinen Vertrauensmann Tölcke nach dort, dem
+die Ueberredung des Vorstandes gelang. Geib telegraphierte: „Vorstand
+befürwortet einstimmig nach Erwägung der ihm von Tölcke vorgetragenen
+Gründe Wiedervereinigung. Mitgliederversammlung stimmte zu.“
+
+Aber nun galt es auch die zwischen Schweitzer, Fritzsche, Hasenclever
+und uns getroffenen Vereinbarungen aufzuheben. Zu diesem Zwecke erklärte
+Schweitzer in der Nummer 72 des „Sozialdemokrat“ vom 22. Juni: Wir
+hätten diese Abmachungen gebrochen, _indem wir erneut wissentlich und in
+böswilliger Weise einen Eingriff in die von uns gehaßte Organisation des
+Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins versuchten_. Damit hätten wir die
+getroffenen Vereinbarungen gelöst, und nun hielten auch sie sich nicht
+mehr daran gebunden.
+
+Das begangene „Verbrechen“ fiel zunächst auf mein Haupt. Ich hatte im
+Laufe des Juni in zwölf thüringischen Städten Versammlungen abgehalten,
+darunter auch in Apolda, Erfurt und Gotha. Hier hatten die Mitglieder
+des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, indem sie mich dazu einluden,
+Versammlungen einberufen, und deren Bevollmächtigte führten darin den
+Vorsitz. Alle Versammlungen waren überfüllt und verliefen ausgezeichnet.
+In jenen Versammlungen war eine Resolution angenommen worden, dahin
+lautend, daß nur die sozialdemokratischen Prinzipien es seien, welche
+die Lage der arbeitenden Klassen verbessern könnten, und daß eine
+Einigung der sozialdemokratischen Arbeiterfraktionen herbeigeführt
+werden müsse.
+
+Den Schluß meiner Agitationsreise bildete eine Konferenz in Eisenach, an
+der außer unseren Anhängern auch Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins und Mitglieder der Demokratischen Partei teilnahmen. Es
+sei hier erläuternd bemerkt, daß zu jener Zeit eine Anzahl bürgerlicher
+Demokraten in Thüringen vorhanden waren, die sämtlich auf dem Standpunkt
+Jacobys standen, so Professor Abbe und sein Schwiegervater Professor
+Snell, weiter Dr. Sy in Jena, der später der Partei sich anschloß,
+Rechtsanwalt Creuznacher in Eisenach usw. Ferner zählte diese Partei
+Anhänger in Weimar, Gotha und Altenburg. In Eisenach war in einer
+Resolution erklärt worden:
+
+ „Zur gemeinsamen Arbeit für die Lösung der sozialen Frage ist es nicht
+ nur erforderlich, daß die Spaltung unter den verschiedenen Fraktionen
+ der Demokratischen Arbeiterpartei aufhört, sondern auch, daß die
+ demokratischen Arbeitervereine mit der gesamten demokratischen Partei
+ geeint seien, daß namentlich bei gemeinsamen politischen
+ Angelegenheiten, insbesondere bei Wahlen, die demokratische Partei und
+ die sozialdemokratischen Arbeitervereine zusammengehen.“
+
+Das war also das Verbrechen, das Schweitzer zu seinem Vorgehen gegen uns
+veranlaßte.
+
+Das Agitieren machte mir übrigens trotz aller Erfolge und
+Beifallsbezeigungen wenig Vergnügen. Am 7. Juni hatte ich meiner Frau
+von Ronneburg aus geschrieben: „Bei aller Liebe und Freundschaft, die
+einem die Leute erweisen, ist das Agitieren kein angenehmes Geschäft.“
+Und wie lange habe ich es nachher noch betrieben. Die Pflicht gebot es,
+das genügte.
+
+
+
+
+Die Rebellion im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein.
+
+
+Schweitzers und Mendes Staatsstreich machte in weiten Kreisen des
+Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins böses Blut. Ein Teil der
+intelligenteren Mitglieder sah ein, daß es kein Auskommen mehr mit
+Schweitzer gebe und er das Hindernis einer Einigung sei. Bracke ließ
+durch Vermittlung von Bremer-Magdeburg Liebknecht und mich wissen: sie
+wünschten eine Zusammenkunft mit uns. Auf diesen Wunsch gingen wir
+bereitwillig ein. Am 22. Juni abends trafen wir uns — Bracke, Bremer,
+Spier-Wolfenbüttel, York-Harburg, Liebknecht und ich — in einem Gasthaus
+dritter Güte in Magdeburg. Die Verhandlungen zogen sich in die Länge.
+Bracke und Bremer waren für sofortiges Losschlagen gegen Schweitzer und
+Austritt aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein. Spier und York
+hatten große Bedenken. Man müsse versuchen, den Verein von „innen
+heraus“ zu reformieren, meinten sie; worauf wir antworteten, daß gerade
+die Vorgänge von Barmen-Elberfeld zeigten, wie es mit einer Reformierung
+von innen heraus aussehe. Solange Schweitzer Präsident sei und den
+„Sozialdemokrat“ in der Hand habe, sei es unmöglich. Schließlich wurden
+wir einig. Es war Mitternacht, als der prächtige Bracke sich über das in
+der Wirtsstube stehende Billard streckte, um auf demselben den Aufruf
+niederzuschreiben, für den alsdann Unterschriften für die Einberufung
+eines Kongresses gesammelt werden sollten. Nachdem wir den Aufruf
+nochmals gründlich durchberaten, gingen wir gegen 3 Uhr zu Bette. Aber,
+o weh! Wir waren in ein Wanzennest geraten. Keiner von uns konnte
+schlafen. Bereits um 4 Uhr erhoben wir uns und fuhren mit den ersten
+Frühzügen nach unseren Heimatorten zurück. Beschlossen war worden, einen
+Kongreß nach einer mitteldeutschen Stadt — Gotha oder Eisenach — zu
+berufen und zur Beschickung desselben auch die deutsch-österreichischen
+und die deutschen Arbeitervereine der Schweiz einzuladen, ebenso die
+deutsche Abteilung der Internationale um eine Vertretung zu ersuchen.
+
+Wegen seiner historischen Bedeutung bringe ich den Aufruf von Bracke
+und Genossen wörtlich zum Abdruck:
+
+ _An die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins._
+
+ Parteigenossen! Unter einer Menge von heuchlerischen Redensarten hat
+ der Präsident unseres Vereins eine Maßregel getroffen, welche jedes
+ denkende Mitglied mit Entrüstung erfüllen muß. In derjenigen Eile,
+ welche diese Vorgänge geboten — weshalb denn auch niemand sich über
+ Zurücksetzung beklagen wolle —, sind die Unterzeichneten
+ zusammengetreten und haben sich über einen Schritt geeinigt, der von
+ den weittragendsten Folgen für die Partei sein wird. Wir bitten Euch,
+ Parteigenossen, aufmerksam und vorurteilsfrei unsere Meinung zu
+ prüfen.
+
+ Während noch vor kurzem die Herren Schweitzer und Mende, die sich in
+ der heftigsten Weise gegenseitig beschuldigten, Söldlinge der Reaktion
+ zu sein, von einer Verschmelzung der verschiedenen Fraktionen der
+ Arbeiterpartei nichts wissen wollten, treten sie plötzlich heute (im
+ Einverständnis mit der Gräfin Hatzfeldt) mit rührenden Worten vor die
+ Mitglieder ihrer Vereine, um dieselben aufzufordern, eine Einheit
+ lediglich dieser beiden Fraktionen der Partei herbeizuführen — wobei
+ denn von der Einigung der gesamten sozialdemokratischen Partei keine
+ Rede ist —, und dies alles unter Bedingungen, welche ein Hohn sind auf
+ die Rechte des sogenannten „souveränen Volkes“. Nicht allein ist die
+ Frist der Abstimmung so kurz, daß es unmöglich erscheinen muß, daß die
+ Mitglieder sich über die Frage wirklich ein Urteil bilden können, so
+ daß alles wie die reinste Ueberrumpelung erscheint; nicht allein ist
+ die Form der Abstimmung, bei der man den Mitgliedern einfach die
+ Pistole auf die Brust setzt mit der Aufforderung, ja oder nein zu
+ sagen, also entweder sich in die schmachvollsten Bedingungen zu fügen
+ oder auf die sehnlichst gewünschte, wenn auch nur stückweise Einigung
+ zu verzichten; nicht allein ist diese Form der Abstimmung eine
+ demokratisch gesinnter Männer unwürdige, sondern es ist auch der
+ Präsident so eigenmächtig bei dem allen vorgegangen, wie es fast ohne
+ Beispiel ist. Nie ist über amerikanische Sklaven in willkürlicherer
+ Weise verfügt worden, als hier über die Mitglieder des Allgemeinen
+ Deutschen Arbeitervereins. Wozu auch vorher, ehe man solche im
+ höchsten Grade wichtige Schritte tut, die Mitglieder oder den Vorstand
+ um ihre Meinung fragen?! Wenn die Tatsachen fertig sind, wird die
+ „freie“ Zustimmung der Mitglieder durch einige Redensarten erpreßt.
+ Wenn Herr v. Schweitzer diktiert, haben die Mitglieder einfach zu
+ gehorchen, und dann nennt man dieselben noch das „souveräne Volk“. Ein
+ größerer Hohn war nie einem Menschen geboten. Wenn Herr v. Schweitzer
+ es für gut hält, wird den Mitgliedern zugemutet, mit eigener Hand und
+ mit einem Schlage das mühsam in einer Reihe von Jahren aufgebaute
+ Reformwerk zu vernichten und ohne weiteres ein Statut anzunehmen, das
+ früher zu dem erbittertsten Zwiespalt Veranlassung gegeben hat; ein
+ Statut, nach welchem der Präsident die unumschränkteste Gewalt in
+ seinen Händen und der Vorstand nicht den allergeringsten Einfluß hat,
+ und das zu alledem dahin ausgelegt werden kann, daß auf volle drei
+ Jahre hinaus jede Aenderung an demselben unmöglich ist! Das Vorgehen
+ des Präsidenten in diesem Falle — ein Staatsstreich im kleinen — erhebt
+ den schon seit langer Zeit von vielen Mitgliedern des Vereins gehegten
+ Argwohn zur Gewißheit, daß Herr v. Schweitzer den Verein lediglich zur
+ Befriedigung seines Ehrgeizes benutzt und ihn zum Werkzeug einer
+ arbeiterfeindlichen reaktionären Politik herabwürdigen will; sonst
+ würde derselbe jetzt die Einigung der gesamten sozialdemokratischen
+ Arbeiter Deutschlands suchen. Wer die Einigung eines Teils der
+ sozialdemokratischen Arbeiter empfiehlt, ohne dabei mit aller Energie
+ auf die Einigung der gesamten Partei zu wirken, welche ihr allein
+ Macht und Einfluß verschaffen kann, wer durch Einigung eines Teiles in
+ diesen Formen die Einigung aller Teile unmöglich macht, und wer dies
+ tut mit rührenden, von Bruderliebe überfließenden Worten, der ist ein
+ elender Heuchler; und wer dann diejenigen, welche sich den gestellten
+ schmachvollen Bedingungen nicht fügen, sondern etwas Größeres, etwas
+ Erhabeneres erstreben, als Gegner der Einigung überhaupt brandmarken
+ will, ist ein Jesuit ohnegleichen.
+
+ Die Einigung der gesamten sozialdemokratischen Arbeiter Deutschlands
+ herbeizuführen, muß das Streben jedes ehrlichen Sozialdemokraten sein.
+ Angesichts der immer mächtiger sich ausbreitenden Wogen der Bewegung,
+ angesichts der Vorzeichen, welche in allen Kulturstaaten der Welt auf
+ eine baldige mächtige Umgestaltung der politischen und sozialen
+ Verhältnisse hindeuten, ist ein Verschleppen dieser Einigung Verrat.
+
+ Diese Einigung kann aber nur das Werk sein des wirklich souveränen
+ Volkes selbst, und Ihr, Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
+ Arbeitervereins, werdet Euch nicht verschachern lassen nach der Laune
+ einiger Führer wie eine Herde Schafe, sondern Ihr werdet wie Männer
+ Eures eigenen Geschickes Schmiede sein!
+
+ Wir haben eingesehen, daß eine Organisation, in welcher der Wille
+ eines Einzelnen sich hinwegsetzen kann über alle Errungenschaften des
+ Vereins, ja den Verein selber in jedem Augenblicke in Frage stellen,
+ denselben jeden Augenblick auflösen und in anderer ihm passenderer
+ Form wieder ins Leben rufen kann, in welcher dieser Einzelne die
+ Pfennige der Arbeiter gebraucht, um elende Lumpen zu bestechen, daß
+ eine solche Organisation keine Faser von demokratischem Geiste in sich
+ hat. In einer solchen Organisation ferner zu wirken, wäre schmähliche
+ Verschwendung unserer besten Kräfte; wir verzichten darauf!
+
+ Geleitet von dem Gedanken, daß nur von der Partei selbst über ihre
+ Organisation beschlossen werden kann, und ferner geleitet von dem
+ Gedanken, die Einigung der sozialdemokratischen Arbeiter Deutschlands,
+ auch was die Gewerkschaften betrifft, herbeizuführen, haben wir den
+ Entschluß gefaßt, in kürzester Zeit einen allgemeinen Kongreß der
+ gesamten sozialdemokratischen Arbeiter Deutschlands zu berufen, auf
+ welchem der Grund einer wirklich demokratischen Organisation der
+ Partei, im Anschluß an die internationale Bewegung, gelegt werden
+ kann. Parteigenossen, wir rechnen auf Eure Unterstützung! Die
+ sozialdemokratischen Arbeiter, welche nie anders als von einem
+ künstlich erregten Haß gegeneinander erfüllt gewesen sind, werden sich
+ zu einigen und sich eine Organisation zu geben wissen, welche den
+ Geist ihrer Prinzipien mit der Zusammenfassung aller ihrer Kräfte
+ vereint.
+
+ Parteigenossen, Ihr werdet Euch nicht verblenden lassen von den
+ heuchlerischen Redensarten von Leuten, denen die Einigung der Partei
+ nie am Herzen gelegen hat; Ihr werdet Euch eine Behandlung nicht
+ gefallen lassen, welche man nur ehrlosen oder gedankenlosen Menschen
+ zu bieten wagen kann; Ihr werdet Euch als das zeigen, was Ihr
+ seid — nicht als die willenlosen Sklaven eines launischen Herrschers —,
+ sondern als das wirklich und wahrhaft souveräne Volk, das allein über
+ die Gestaltung seiner Geschicke zu entscheiden hat. Wagt einmal im
+ Interesse unserer Prinzipien, im Interesse der Demokratie und des
+ Sozialismus eine kühne Tat! Laßt uns die Fahne, auf welcher die
+ Einigung der gesamten Partei geschrieben steht, nicht vergebens
+ erhoben haben! Einig nur sind die Arbeiter eine Macht! Zersplittert
+ sind wir ewig das Gespött unserer Gegner, aber einheitlich und
+ wahrhaft demokratisch organisiert sind wir unüberwindlich.
+
+ Wenn Ihr uns zustimmt — und wir hoffen sehr, daß Ihr dies tun
+ werdet —, so sendet Eure Zustimmung an einen der Unterzeichneten ein,
+ damit wir gemeinsam die Einberufung des Kongreß betreiben können.
+
+ Aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein werden wir — es ist uns
+ schwer geworden, den Entschluß zu fassen — austreten. Der Allgemeine
+ Deutsche Arbeiterverein war uns ans Herz gewachsen, aber im Interesse
+ der Sache muß man das schwerste Opfer zu bringen verstehen; und anders
+ ist keine Rettung!
+
+ Vorwärts denn, Parteigenossen, auf der neuen Bahn in heiligem Kampfe
+ für unsere große und erhabene Sache! Begeisterung und Ausdauer
+ verbürgen den Sieg.
+
+ Den 22. Juni 1869.
+
+ I. Bremer in Magdeburg. Hoffmann in Neustadt-Magdeburg. W. Klees in
+ Buckau bei Magdeburg. Th. Borck in Harburg. C. Müller, S. Spier und A.
+ Viewieg in Wolfenbüttel. W. Bracke junior, H. Ehlers, E. Lüdecke und
+ A. Schrader in Braunschweig. Friedrich Ellner in Frankfurt a.M.
+
+In derselben Nummer des „Demokratischen Wochenblatts“ vom 26. Juni, in
+der wir den vorstehenden Ausruf veröffentlichten, erschien auch eine
+Erklärung von uns an die Parteigenossen, in der die Beschuldigung
+Schweitzers, wir hätten die mit ihm getroffenen Abmachungen gebrochen,
+zurückgewiesen wurde. Alsdann unterzogen wir die Einigungskomödie der
+Mende-Hatzfeldt-Schweitzer einer scharfen Kritik. Wir erklärten: „Wir
+werden den Kampf aufnehmen und mit aller Kraft und Zuversicht ihn
+führen, Hand in Hand mit den klarblickenden Mitgliedern des Allgemeinen
+Deutschen Arbeitervereins.“ Wir schlossen:
+
+ „Es wird sich zeigen, ob die Korruption, die Gemeinheit, die
+ Bestechlichkeit auf jener Seite, oder die Ehrlichkeit und die Reinheit
+ der Absichten auf unserer den Sieg davonträgt.
+
+ Unsere Losung sei: Nieder mit der Sektiererei! Nieder mit dem
+ Personenkultus! Nieder mit den Jesuiten, die unser Prinzip in Worten
+ anerkennen, in Handlungen es verraten! Hoch lebe die Sozialdemokratie,
+ hoch die Internationale Arbeiterassoziation!“
+
+Daß wir in dieser Erklärung und später wiederholt die Ehrlichkeit
+unserer Absichten gegen die unehrlichen Schweitzers ins Feld führten,
+brachte nachher der neu gegründeten Partei von der Gegenseite den
+Spitznamen „Die Ehrlichen“ ein.
+
+Auf meinen Antrag beschloß der Vorortsvorstand einstimmig, sich dem
+Aufruf von Bracke und Genossen zur Einberufung eines allgemeinen
+deutschen sozialdemokratischen Arbeiterkongresses anzuschließen und die
+Vorstände der Arbeitervereine aufzufordern, ein gleiches zu tun. Ein am
+28. Juni von mir hinausgesandtes Zirkular verlangte Antwort bis
+spätestens den 1. Juli mittags, eventuell telegraphisch. Auch schrieb
+ich an Joh. Phil. Becker in Genf, der Zentralrat der deutschen Sektion
+der Internationale möge ebenfalls eine zustimmende Erklärung zu dem
+Einigungswerk einsenden. Ich hoffte, diesesmal gelinge uns ein
+Hauptschlag. Am 26. Juni hatten auch Geib, Praast und Ockelmann-Hamburg
+ihren Austritt aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein erklärt und
+sich Bracke und Genossen angeschlossen.
+
+Der „Sozialdemokrat“ beobachtete jetzt die Taktik, ständig zu verkünden,
+unser Anhang bestehe nicht aus Arbeitern, sondern aus Literaten,
+Schulmeistern und sonstigen Bourgeois.
+
+Schweitzer suchte weiter mit dem Geschick, das er besaß, die Mitglieder
+des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins an der von ihm systematisch
+gepflegten schwachen Seite zu fassen. In einem Artikel schrieb er mit
+Bezug auf die Opposition:
+
+ „Ein einziger Punkt entscheidet alles. Seid ihr Demokraten oder nicht?
+ Ihr behauptet: Ja? Wißt ihr oder wißt ihr nicht, daß der Demokrat sich
+ der Mehrheit zu fügen hat — doppelt zu fügen hat, wenn diese Mehrheit
+ an Einstimmigkeit grenzt? Nun denn! Der Allgemeine Deutsche
+ Arbeiterverein-beide bisherigen Vereine — habe nahezu einstimmig mit Ja
+ gestimmt. Unterwerft ihr euch jetzt dem Volkswillen? O nein! In eurer
+ Eitelkeit, ihr ‚Demokraten‘, erklärt ihr das Volk für eine Herde
+ Schafe und eure Meinung für unfehlbar. Geht doch, ihr aufgeblasenen
+ Heuchler, _die ihr euch weiser dünkt als das ganze Volk und als
+ Ferdinand Lassalle!_
+
+ Weiser als Ferdinand Lassalle, euer riesenhafter Lehrer und
+ Meister — ja ja. Denn der Stein des Anstoßes liegt euch darin, daß die
+ Lassallesche Organisation in ihrem ganzen Umfang wieder hergestellt
+ wurde ...“
+
+Das Spiel mit der Lassalleschen Organisation ging spaltenlang und fast
+Nummer um Nummer weiter.
+
+Auf der anderen Seite brachte das „Demokratische Wochenblatt“ Nummer für
+Nummer Erklärungen gegen Schweitzer aus der Mitte des Allgemeinen
+Deutschen Arbeitervereins. So aus Gotha, Hamburg, Hildesheim, Erfurt,
+Hannover, Solingen, Wiesbaden, Elberfeld, Chemnitz (letztere gegen
+Mende). Auch H. Roller, der bisherige Sekretär des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins, erklärte sich ebenfalls gegen Schweitzer.
+
+Von den Gewerkschaftsführern sagten sich Fritzsche, Präsident des
+Zigarren- und Tabakarbeitervereins, L. Schumann, Präsident des
+Allgemeinen Deutschen Schuhmachervereins, Th. Bork, Präsident des
+Gewerkvereins deutscher Holzarbeiter, und Schob, Präsident des
+Allgemeinen Deutschen Schneidervereins, von Schweitzer los.
+
+Unter dem 5. Juli teilte Mende im „Sozialdemokrat“ mit, daß Schweitzer
+mit absoluter Mehrheit zum Präsidenten gewählt sei. Eine starke
+Minorität sei auf ihn (Mende) gefallen, trotzdem er wiederholt erklärt
+habe, er nehme eine Wahl nicht an. Zahlen wurden nicht mitgeteilt. Die
+Beteiligung an der Wahl war weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben.
+In der schwülstigen Ansprache, mit der Mende die Wahl Schweitzers zum
+Präsidenten verkündete, hieß es:
+
+ „Wie Marat, der größte Revolutionär seiner Zeit, es so treffend
+ bezeichnet: Als Diktator mit der Kugel am Bein soll der Präsident den
+ Verein leiten, und diese Kugel soll sein: _Prinzip und Organisation_.“
+
+Bekanntlich erwies sich diese Kugel als Attrappe. Und wiederum zitierte
+Mende:
+
+ „Haltet treu und fest an der Organisation, sie muß uns zum Siege
+ führen“, und schloß: „Es lebe Ferdinand Lassalle! Es lebe der von ihm
+ gestiftete Allgemeine Deutsche Arbeiterverein! Es lebe die
+ Organisation!“
+
+Schweitzer dankte für seine Wahl in einer Ansprache, die ebenso
+schwülstig und emphatisch war wie jene Mendes. Der Schluß lautet:
+
+ „Wohlan denn! Namens des hingegangenen Meisters, der euch alle, ihr
+ Arbeiter, aus dem Schlummer geweckt — namens des _souveränen Volkes
+ unserer Partei_, das mich zum Führer erkoren — _namens_ eurer leidenden
+ _Brüder auf der ganzen Erde, entfalte ich die Fahne und trage sie
+ voran_. Festgeschlossen in Reih' und Glied, ihr Arbeiterbataillone,
+ folget dem erwählten Führer.
+
+ Hoch die Manen Lassalles! Hoch die sozialdemokratische Agitation!“
+
+So die beiden Auguren, beide, wie sich nachher sehr bald herausstellte,
+betrogene Betrüger. Darauf ordnete unter dem 10. Juli Schweitzer die
+Wahl der vierundzwanzig Vorstandsmitglieder an, für die er die
+Kandidatenliste vorschlug. Der Vorstand wurde wieder in früherer Weise,
+über Deutschland verteilt wohnend, gewählt.
+
+Im „Sozialdemokrat“ vom 14. Juli machte Schweitzer bekannt, der
+Allgemeine Deutsche Arbeiterverein werde sich auf dem von uns berufenen
+sozialdemokratischen Kongreß vertreten lassen und veröffentlichte eine
+Reihe von Resolutionen, die seine Anhänger auf dem Kongreß zur Annahme
+vorschlagen sollten. Hinter unserem Kongreß, hieß es in der betreffenden
+Nummer, stehe die ganze liberale Bourgeoisie in allen ihren
+Schattierungen. Von straffer, einheitlicher Organisation könne natürlich
+bei uns unter einem Regiment von Literaten, Schulmeistern, Kaufleuten
+usw. keine Rede sein. Jeder dieser Leute müsse Gelegenheit haben, sich
+recht wichtig zu machen. Die gesamte Bourgeoispresse stehe uns zu Gebot,
+log er weiter. Er werde dafür sorgen, daß eine entsprechende Anzahl
+Delegierter auf den Eisenacher Kongreß komme, aber keine Literaten und
+Bourgeois, sondern wirkliche Arbeiter.
+
+Von den Literaten, Schulmeistern, Kaufleuten usw., aus denen allein
+unsere Partei bestehen sollte, sprach er von jetzt ab nicht anders als
+von Achtels- und Viertelsintelligenzen.
+
+Unter dem 17. Juli forderte das _„Demokratische Wochenblatt“ Schweitzer
+auf, nicht nur seine Werkzeuge nach Eisenach zu schicken, sondern selbst
+zu kommen_. Ein Wort bei der Berliner Polizei, und der Urlaub werde ihm
+bewilligt, falls Herr v. Schweitzer sich überhaupt noch anstandshalber
+sollte einsperren lassen.
+
+Das letztere zog Schweitzer vor. Er veröffentlichte, datiert vom 17.
+Juli, einen langen Aufruf „An die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins“, worin er noch einmal einen Ueberblick über die
+vorhandenen Wirren gab und eine Anzahl Versprechungen machte, die er
+nach seiner Freilassung aus der Haft erfüllen wolle. Er schloß den
+Aufruf mit den Worten:
+
+„Behaltet mich in gutem Andenken, wie auch ich _inmitten meiner
+Kerkermauern eurer gern gedenken werde_. Ich scheide von euch mit dem
+Rufe: Auf frohes Wiedersehen bei der alten Fahne! Es lebe der Allgemeine
+Deutsche Arbeiterverein!“
+
+Der Rest der Haft, den er jetzt „hinter Kerkermauern“ verbüßen sollte,
+betrug noch acht Wochen, die er in Rummelsburg mit Kahnfahrten auf dem
+See und anderen Annehmlichkeiten verbrachte.
+
+Man vergegenwärtige sich jetzt folgendes. Ende November ging Schweitzer
+zur Verbüßung einer dreimonatigen Haft ins Gefängnis. Gegen Ende
+Dezember wird er wegen Ordnung von Familienverhältnissen infolge seines
+Vaters Tod auf acht Tage beurlaubt; er bleibt aber _sieben Wochen frei,
+betreibt in dieser Zeit unter den Augen der Polizei und der Behörden
+eine intensive politische Agitation und tritt erst am 18. Februar wieder
+die Haft an_. Am 4. März erweist ihm die Regierung abermals den Dienst,
+ihn wegen Eröffnung der Reichstagssession aus der Haft zu beurlauben.
+Die Session wird am 22. Juni geschlossen, aber Schweitzer bleibt wieder
+frei und betreibt abermals bis zum 19. Juli unter den Augen von Polizei
+und Behörden eine intensive politische Agitation. Alsdann beliebt es
+ihm, die Haft wieder anzutreten.
+
+Dergleichen war weder vor noch nach Schweitzer in Preußen je möglich.
+Als zum Beispiel 1868 Dr. _Guido Weiß_ wegen Preßvergehen zu 14 Tagen
+Gefängnis verurteilt wurde, überfielen ihn einige Polizisten morgens 6
+Uhr im Bett und transportierten ihn ins Gefängnis. Diese brutale
+Methode, politisch Verurteilte in frühester Stunde aus dem Bette zu
+holen und ins Gefängnis zu schleppen, war _jahrzehntelang Sitte bei der
+Berliner Polizei_. Es sind noch nicht viele Jahre her, daß diese Sitte
+verlassen wurde. Schweitzer hatte sich _nie_ über solche oder ähnliche
+Mißhandlungen zu beklagen. Er ging ins Gefängnis und verließ dasselbe,
+als wenn er ins Hotel ging und dasselbe verließ. Und jeden gewünschten
+Besuch konnte er empfangen. Das Mißtrauen gegen ihn war also zehnfach
+gerechtfertigt.
+
+ * * * * *
+
+Kurz vor dem Eisenacher Kongreß glaubte Tölcke mir eine Stinkbombe an
+den Kopf werfen zu müssen, in der Hoffnung, mir politisch zu schaden. Er
+erklärte in Nummer 87 des „Sozialdemokrat“ vom 28. Juli, ich beziehe vom
+Exkönig von Hannover eine jährliche Besoldung von 600 Talern. Die
+Beschuldigung war blöde, aber es gab Leute im Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein, die daran glaubten. So beschloß ich, Tölcke wegen
+verleumderischer Beleidigung zu verklagen. Ich bat den Parteigenossen
+Wilhelm Eichhoff in Berlin, mit Rechtsanwalt Hirsemenzel, damals der
+erste Rechtsanwalt Berlins, zu reden und ihn zu fragen, ob er den Prozeß
+annehmen werde. Hirsemenzel lehnte ab, und zwar weil bei dem Prozeß
+nichts herauskomme. Der Richter werde in der Behauptung, daß ich im
+Solde eines Fürsten stehen solle, nichts Ehrenkränkendes finden und eine
+Beweiserhebung darüber ablehnen. Tölcke würde also höchstens wegen
+Beleidigung verurteilt, womit mir nicht gedient sein könne. Weiter
+machte Hirsemenzel geltend, ließe ich den Grafen Platen, den
+Hausminister des Exkönigs von Hannover, als Zeugen darüber vernehmen, ob
+die Behauptung Tölckes wahr sei, so werde dieser _schon der Konsequenzen
+halber_ das Zeugnis verweigern und dadurch erhalte die Behauptung
+Tölckes einen Schein von Berechtigung. Eichhoff richtete darauf zweimal
+ein Schreiben an Tölcke mit der Aufforderung, im „Sozialdemokrat“ die
+Beweise zu veröffentlichen, da er behauptete, ich stünde
+„erwiesenermaßen“ im Dienste des Exkönigs. Tölcke schwieg; ich richtete
+darauf ebenfalls eine Aufforderung an ihn, die Beweise zu
+veröffentlichen. Statt dessen wiederholte er seine Beschuldigung und
+forderte mich auf, ihn zu verklagen. Ich nannte ihn darauf einen
+gemeinen Verleumder und ersuchte ihn, mich vor dem Leipziger Gericht zu
+belangen, da der Ausgang des Prozesses in Berlin kein Resultat
+verspreche. Die Sache ging aus wie das Hornberger Schießen. Bracke
+gegenüber erklärte Tölcke, er selbst habe keine Beweise für seine
+Behauptung, aber ein Regierungsrat(!) habe die Behauptung aufgestellt
+und den könne er nur bei einer gerichtlichen Klage meinerseits als
+Zeugen zum Beweis seiner Angaben zwingen. —
+
+
+
+
+Der Eisenacher Kongreß.
+
+
+
+
+Die Gründung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei und die Auflösung
+des Verbandes der deutschen Arbeitervereine.
+
+
+Nachdem wir uns verständigt hatten, den Kongreß auf den 7. August nach
+Eisenach einzuberufen, erschien im „Demokratischen Wochenblatt“ vom 17.
+Juli der Ausruf, der unterzeichnet war von 66 ehemaligen Mitgliedern des
+Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins aus verschiedenen Orten, 114
+Mitgliedern des Verbandes der deutschen Arbeitervereine — worunter
+ebenfalls eine Anzahl ehemaliger Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins waren —, einer Anzahl ehemaliger Mitglieder des
+Lassalleschen Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, vom Zentralkomitee
+der deutschen Arbeitervereine der Schweiz, vom Deutsch-Republikanischen
+Verein in Zürich; für die Arbeiter Oesterreichs von H. Oberwinder, H.
+Hartung, B. Beschan, A. Macher, A. Straßer-Graz, und für die deutsche
+Abteilung der Internationale in Genf von Joh. Phil. Becker. Der Ausruf
+lautete:
+
+ _An die deutschen Sozialdemokraten!_
+
+ Parteigenossen! In der jüngsten Zeit haben sich im Schoße unserer
+ Partei Ereignisse vollzogen, die jeden ehrlichen Sozialdemokraten mit
+ Freude erfüllen müssen. Der Bann, welcher bisher auf der
+ sozialdemokratischen Arbeiterbewegung lastete, ist gebrochen; die
+ Selbstsucht einzelner, welche sich wie ein spaltender Keil in das
+ Mark, in das Herz unserer Partei geschoben, ist entlarvt und
+ niedergeschmettert, und es gilt nun, rasch zu handeln, damit die
+ Früchte des Sieges uns nicht wieder entrissen werden und damit aus der
+ heilsamen Revolution, welche sich soeben vollzogen hat, die
+ Prinzipienreinheit und die einheitliche Organisation hervorgehen
+ mögen, ohne die unsere Partei den ihr gebührenden Einfluß nicht
+ ausüben, die ihr innewohnende Kraft nicht entfalten kann.
+
+ Lange, leider zu lange, war es dem Egoismus und der Bosheit einzelner
+ möglich, die Partei in sich zu verfeinden. Doch eine neue Zeit ist
+ angebrochen; mit ehernem Finger zeigt sie uns auf die Notwendigkeit
+ hin, die Partei der gesamten sozialdemokratischen Arbeiter
+ Deutschlands in sich zu einigen und dieselbe in die richtige, einzig
+ zum Siege führende Bahn der auf internationaler Grundlage beruhenden,
+ großen Arbeiterbewegung hinüberzuleiten.
+
+ Wer, der ein aufrichtig denkender Sozialdemokrat ist, sollte sich
+ dieser Notwendigkeit verschließen können? Wer sollte die
+ unberechenbaren Vorteile für unsere Partei nicht ahnen, die sich aus
+ einer derartigen Einigung auf Grund einer gemeinsamen Organisation,
+ eines gemeinsamen Programms, eines gemeinsamen Auftretens in der
+ politisch-sozialen Welt ergeben? — Wir zweifeln keinen Augenblick
+ daran, daß die große, die überwältigende Mehrheit unserer
+ Parteigenossen der besseren Erkenntnis huldigt, daß sie gern und
+ freudig die Hand zu dem stolzen Werke bietet, das endlich unsere
+ Partei zur großartigen und wirksamen Machtentfaltung befähigt!
+
+ Von dieser Ueberzeugung durchdrungen, haben wir uns auf einer in
+ Braunschweig am 6. Juli dieses Jahres stattgehabten Konferenz über die
+ hierzu zunächst erforderlichen Schritte völlig verständigt und berufen
+ hiermit in Gemäßheit des dort gefaßten Beschlusses einen _allgemeinen
+ deutschen sozialdemokratischen Arbeiterkongreß_ auf Sonnabend den 7.
+ August, Sonntag den 8. August und Montag den 9. August nach Eisenach.
+
+ Auf die Tagesordnung des Kongresses sind, unbeschadet weiterer
+ Anträge, folgende Punkte gesetzt: l. Die Organisation der Partei. 2.
+ Das Parteiprogramm. 3. Das Verhältnis zur Internationalen
+ Arbeiterassoziation. 4. Das Parteiorgan (Blatt). 5. Die Vereinigung
+ der Gewerkschaften (Gewerksgenossenschaften).
+
+ Die auf diese fünf Punkte der Tagesordnung sich beziehenden
+ spezielleren Anträge, zum Beispiel Vorlage betreffs der
+ Parteiorganisation usw., werden ihrem Wortlaut nach spätestens Ende
+ dieses Monats gedruckt versandt werden.
+
+ Die Delegierten (Abgeordneten) zum Arbeiterkongreß haben sich durch
+ ein Mandat (Vollmacht), worin der Ort, für den sie abgeordnet sind,
+ sowie die Zahl ihrer Wähler, die sie vertreten, angegeben sein muß, zu
+ legitimieren. Es kann solche Legitimation erfolgen entweder durch
+ Mandate, welche im Namen von Vereinen oder deren Mitgliedschaften,
+ oder welche auch im Auftrag von zum Zwecke der Beschickung des
+ Kongresses stattgehabten Volksversammlungen ausgestellt sind, oder
+ endlich auch Mandate, welche mit den Unterschriften der an einem Orte
+ anwesenden Parteigenossen versehen sind. Mehrere Orte, denen es zu
+ schwer wird, je einen Delegierten zu senden, mögen zusammentreten, um
+ mindestens gemeinsam einen Delegierten abzuordnen.
+
+ Es ist dringend notwendig, daß der Kongreß schon am Sonnabend den 7.
+ August, abends 8 Uhr, eröffnet wird, damit die Wahl des Bureaus und
+ die Feststellung der Geschäftsordnung erfolgen kann, weshalb denn auch
+ die Delegierten noch an diesem Tage (7. August) in Eisenach eintreffen
+ wollen.
+
+ Wir geben uns der frohen Hoffnung hin, daß von allen Orten des großen
+ Gesamtdeutschlands, wo die Arbeit im Kampfe mit der Kapitalmacht, wo
+ der Volkswille gegen die staatliche Reaktion tagtäglich im Ringen nach
+ Freiheit begriffen ist, Vertreter zum Kongreß abgeordnet werden — wir
+ hoffen es zum Wohle und Wachstum der Partei, welche die politischen
+ und sozialen Rechte des gedrückten Volkes mit Flammenschrift auf ihre
+ Fahne schrieb.
+
+ Auf, Parteigenossen, zu wirken für den allgemeinen deutschen
+ Arbeiterkongreß, zu wirken durch ihn für die Größe und Einheit der
+ Partei!
+
+Im weiteren berief ich im Auftrag des Vorortsvorstandes als Vorsitzender
+desselben für Montag den 9. August einen Vereinstag der deutschen
+Arbeitervereine nach Eisenach mit der Tagesordnung: 1. Bericht des
+Vorstandes. 2. Beratung über die Frage: Welche Stellung soll der Verband
+zu der neuen Organisation der sozialdemokratischen Partei einnehmen?
+Eventuell Auflösung des Verbandes.
+
+Von den Einberufern des Kongresses erhielt ich den Auftrag, die nötigen
+Vorkehrungen für den Kongreß in Eisenach zu treffen, ferner einen
+Programm- und einen Organisationsentwurf auszuarbeiten und zur
+gemeinsamen Beratung vorzulegen. Bracke und Geib meinten, es sei an uns,
+die für passend erachteten Vorschläge zu machen. Liebknecht war mit der
+Redaktion des „Demokratischen Wochenblattes“ und der Polemik gegen den
+„Sozialdemokrat“ beschäftigt, so fiel mir die erwähnte Arbeit zu.
+
+Ich betrachte noch heute mit einiger Heiterkeit die Schriftstücke, worin
+sowohl die königlich sächsische Staatsbahnverwaltung wie das Direktorium
+der damals privaten Thüringischen Eisenbahngesellschaft auf meine
+Gesuche mir anzeigten, daß sie die üblichen Fahrpreisermäßigungen für
+Besucher von Kongressen auch den Besuchern des in Eisenach
+stattfindenden sozialdemokratischen Kongresses gewährten. Heute geschähe
+dergleichen nicht mehr.
+
+ * * * * *
+
+In eine kleine Verlegenheit brachte mich ein Artikel, in dem Joh. Phil.
+Becker im „Vorboten“ seine Ansichten über die Organisation der neuen
+Partei entwickelte. Der alte Jean Philipp war ein prächtiger Kerl,
+opferbereit, hingebend, unermüdlich bei Tag und Nacht, ein Haudegen, der
+wie 1848 und 1849 in der badischen Revolution als Oberst eines
+Freischarenregiments jetzt wieder bereit gewesen wäre, zu Pferde zu
+steigen. Auch wußte er aus seinem sehr bewegten Leben eine Menge
+Geschichten, Schnurren und Anekdoten zu erzählen, die er in äußerst
+lebendiger Weise zum Vortrag brachte. Ich habe mich öfter stundenlang
+über seine Erzählungen amüsiert. Aber von einer Parteiorganisation
+verstand er nicht allzuviel, und seine lange Abwesenheit aus Deutschland
+hatten ihn den deutschen Verhältnissen entfremdet. Statt einer
+geschlossenen, möglichst zentralisierten, aber demokratisch
+organisierten Partei, die fähig zu kräftigem Handeln war, wollte Becker
+eine Verbindung, die wohl die Propagierung der sozialdemokratischen
+Grundsätze betreibe, aber keine feste Parteiorganisation habe; sie müsse
+sich, wie er es nannte, einen stets wandelbaren und entwicklungsfähigen
+Charakter bewahren, und diese Verbindung sollte von Genf abhängen. Einen
+bezüglichen Entwurf hatte er im „Vorboten“ veröffentlicht und hoffte,
+daß der Eisenacher Kongreß ihm zustimmen werde. Dieser Artikel Beckers
+veranlaßte Marx, mir zu schreiben, daß sie mit demselben nichts zu tun
+hätten und die Ansichten desselben nicht teilten. Darauf antwortete ich
+Marx unter dem 30. Juli:
+
+ „Ihr werter Brief, den ich soeben empfangen, hat mir viel Freude
+ gemacht. Ich habe die Vorschläge Beckers im ‚Vorboten‘ ebenfalls
+ gelesen und muß gestehen, daß sie mich etwas unbehaglich stimmten,
+ weil ich daraus zu ersehen glaubte, daß es Becker darum zu tun sei,
+ die Leitung für Deutschland in bezug auf die Internationale in die
+ Hände zu bekommen. Mein Entschluß war denn auch, auf dem Kongreß das
+ unpraktische, ja unausführbare, Zeit und Geld kostende Projekt zu
+ bekämpfen. Es freut mich nun, an dem Generalrat der Internationale
+ selbst eine Stütze gefunden zu haben. Fürchten Sie deshalb nicht, daß
+ ich Sie oder den Generalrat irgendwie nutzloser Weise in die Debatte
+ hereinziehen werde; ich werde sogar versuchen, wenn Becker selbst oder
+ ein anderer Vertreter aus Genf kommt, ihm privatim die Gründe
+ auseinanderzusetzen. Auch können Sie im voraus versichert sein, daß
+ Beckers Vorschlag weder von unserer Seite, noch von seiten der
+ Opposition des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, noch von den
+ schweizer oder österreichischen Vertretern unterstützt wird, ich müßte
+ denn die Stimmung sehr schlecht kennen. Wie wir uns unser Verhältnis
+ zur Internationale gedacht, werden Sie aus dem von mir entworfenen und
+ von Braunschweig und Hamburg mitberatenen Organisationsentwurf, den
+ das „Demokratische Wochenblatt“ diese Woche bringt, ersehen. Ich
+ glaube, es ist die einzig richtige und mögliche Form.“
+
+An I. Ph. Becker schrieb ich einen Brief im gleichen Sinne, in dem ich
+unter anderem auch ein Urteil über Schweitzer abgab, und zwar schrieb
+ich Becker mit Bezugnahme auf Schweitzers Plan, Delegierte zum
+Eisenacher Kongreß senden zu wollen:
+
+ „Es ist bei aller Pfiffigkeit Schweitzers doch eine große Dummheit,
+ daß er seinen Coup selber verrät. Ich habe überhaupt im Zusammensein
+ mit ihm, sowohl in Barmen-Elberfeld wie in Berlin, die Beobachtung
+ gemacht, daß er, namentlich wenn man ihm persönlich gegenübertritt,
+ sehr leicht den Kopf verliert und Dummheiten macht. Das böse Gewissen
+ ist's, das ihm jederzeit die Besinnung raubt, sobald ihn einer an der
+ Kehle packt.“
+
+Ich möchte hier auch einige Worte über Schweitzers Aeußere verlieren.
+Schweitzer war von hoher, schlanker Gestalt und hatte bleiche, verlebte
+Gesichtszüge. Das braune Haar war dünn, ebenso die Bartkoteletten und
+der verzwirbelte Schnurrbart. Die Nase war ziemlich lang und gegen ihr
+Ende gebogen und spitz; hinter der Brille sahen ein paar kalte,
+glitzernde Augen hervor. Wenn er stand oder ging, legte er stets die
+Hände auf den Rücken und zog den Kopf zwischen die Schultern. Er mußte
+sehr blutarm sein, denn als ich ihm nach der Barmen-Elberfelder Affäre
+einmal in Berlin die Hand reichte, schauerte ich ein wenig zusammen. Es
+war, als hätte ich die kalte, feuchte Hand einer Leiche erfaßt.
+
+ * * * * *
+
+Der Kongreß war von einer stattlichen Zahl von Delegierten besucht. Es
+waren 262 Abgeordnete anwesend, die 193 Orte vertraten. Darunter Johann
+Philipp Becker-Genf, Greulich und Dr. Ladendorf-Zürich, Oberwinder und
+Andreas Scheu-Wien, Hofstetten-Berlin. Sonnemann-Frankfurt war ebenfalls
+zugegen, er beteiligte sich auch einigemal an der Debatte. Von jetzt ab
+besuchte er aber keinen Arbeiterkongreß mehr; seine Hoffnungen, es könne
+noch zwischen der Arbeiterpartei und der Volkspartei zu einer
+Verständigung kommen, erfüllten sich nicht. Der Klassencharakter der
+Partei stieß ihn ab. Die „Schweitzerianer“, wie wir die Delegierten des
+Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins jetzt nannten, waren ganz
+bedeutend schwächer vertreten, nicht halb so stark. Dieselben
+versammelten sich im „Schiff“, unsere Delegierten im „Goldenen Bären“.
+Da von den verschiedensten Seiten Mitteilungen gemacht wurden, daß die
+Schweitzerianer den Kongreß mit Gewalt sprengen wollten, begab ich mich
+zum Oberbürgermeister und zur Polizei, um zu hören, wie diese die
+Situation betrachteten, denn es lag uns selbstverständlich alles daran,
+den Kongreß abhalten zu können, sollten nicht die enormen Opfer umsonst
+gebracht worden sein. Die Erklärung lautete, daß wir die Versammlungen
+ganz nach Belieben wo und wie abhalten könnten. In Sachsen-Weimar gebe
+es kein Vereins- und Versammlungsgesetz, die Versammlungsfreiheit war
+also eine absolute. Weiter wurde mir versichert, daß die Polizei, falls
+die von uns getroffenen Anordnungen mit Gewalt gestört werden sollten,
+bereit sei, einzugreifen. Eine Aufforderung an die Schweitzerianer im
+„Schiff“, ihre Mandate abzugeben und dieselben gegen rote
+Legitimationskarten einzutauschen, verweigerten sie. Abends gegen 7 Uhr
+rückten sie dann über hundert Mann stark, unter Führung des Riesen
+Tölcke, in den „Goldenen Bären“. Ueber seine damalige Mission schrieb
+Tölcke später in seiner Schrift „Zweck, Mittel und Organisation des
+Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins“:
+
+ „Es war überhaupt eine beliebte Manier des Herrn v. Schweitzer,
+ _überallhin, wo es galt, in heißem Kampfe einen Strauß anzufechten,
+ andere zu senden_ und diesen die Verantwortlichkeit der Partei
+ gegenüber für ein etwaiges Mißlingen aufzubürden.“
+
+Das war vollkommen zutreffend; Tapferkeit war nicht die Stärke
+Schweitzers, dagegen ließ sich damals Tölcke zu allem gebrauchen, wozu
+Schweitzer ihn benutzen wollte.
+
+Als die Schweitzerianer in den „Goldenen Bären“ einrückten, fanden sie
+die Treppe von uns so stark besetzt, daß sie es vorzogen, ihre Mandate
+abzugeben. Am Nachmittag waren in einer Vorversammlung Geib und ich zu
+Vorsitzenden, Oberwinder und Quick-Genf zu Stellvertretern in Aussicht
+genommen worden. Es war weiter auf meinen Vorschlag zwischen uns
+vereinbart worden, daß, falls die Versammlung am Abend tumultuarisch
+verlaufe, Geib den Kongreß schließen solle. Alsdann solle ein neuer
+Kongreß auf Sonntag vormittag einberufen werden, zu dem nur Delegierte
+mit gelben Eintrittskarten Zutritt hätten.
+
+Wie vorausgesehen, so kam es. Bei der Bureauwahl entstanden bereits die
+stürmischsten Szenen. Wir hatten, da die Beleuchtung eine elende war, am
+Bureautisch ein halbes Dutzend Flaschen, in deren Hälse wir
+Stearinlichter gesteckt, aufgestellt. Diese waren in beständiger Gefahr,
+umzufallen, und mußten mit den Händen gehalten werden. Schließlich nahm
+der Tumult so zu, daß Geib den Kongreß schloß und anzeigte, daß er einen
+neuen Kongreß für nächsten Vormittag 10 Uhr in den „Mohren“ berufe, an
+dem nur Delegierte mit gelben Legitimationskarten teilnehmen könnten.
+
+Unser Coup war gelungen. Während der Nacht sichteten wir (Bracke, Geib
+und ich) die Mandate, suchten die der Schweitzerianer heraus, und Geib
+übersandte sie am frühen Morgen an Tölcke mit dem Ersuchen, er möge sie
+den betreffenden Delegierten aushändigen. Der Kongreß verlief alsdann
+ohne jede Störung.
+
+Zu Berichterstattern über Programm und Organisation waren ich und Bracke
+bestimmt. J.Ph. Becker hatte es sich trotz all meiner Gegengründe nicht
+nehmen lassen, einen langen Antrag einzubringen, wonach die Partei sich
+„Allgemeiner deutscher sozialistisch-demokratischer Arbeiterverein,
+Bestandteil der internationalen Arbeiterassoziation“ nennen solle. Der
+Antrag fand keine Zustimmung. Programm und Organisation wurden mit
+geringen Aenderungen in der von den Einberufern vorgeschlagenen Fassung
+angenommen. Die neue Partei erhielt den Namen „_Sozialdemokratische
+Arbeiterpartei_“. Das angenommene Programm lautete:
+
+ _Programm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei._
+
+ I. Die sozialdemokratische Arbeiterpartei erstrebt die Errichtung des
+ freien Volksstaats.
+
+ II. Jedes Mitglied der sozialdemokratischen Arbeiterpartei
+ verpflichtet sich, mit ganzer Kraft einzutreten für folgende
+ Grundsätze:
+
+ 1. Die heutigen politischen und sozialen Zustände sind im höchsten
+ Grade ungerecht und daher mit der größten Energie zu bekämpfen.
+
+ 2. Der Kampf für die Befreiung der arbeitenden Klassen ist nicht ein
+ Kampf für Klassenprivilegien und Vorrechte, sondern für gleiche Rechte
+ und gleiche Pflichten und für die Abschaffung aller Klassenherrschaft.
+
+ 3. Die ökonomische Abhängigkeit des Arbeiters von dem Kapitalisten
+ bildet die Grundlage der Knechtschaft in jeder Form, und es erstrebt
+ deshalb die sozialdemokratische Partei unter Abschaffung der jetzigen
+ Produktionsweise (Lohnsystem) durch genossenschaftliche Arbeit den
+ vollen Arbeitsertrag für jeden Arbeiter.
+
+ 4. Die politische Freiheit ist die unentbehrliche Vorbedingung zur
+ ökonomischen Befreiung der arbeitenden Klassen. Die soziale Frage ist
+ mithin untrennbar von der politischen, ihre Lösung durch diese bedingt
+ und nur möglich im demokratischen Staat.
+
+ 5. In Erwägung, daß die politische und ökonomische Befreiung der
+ Arbeiterklasse nur möglich ist, wenn diese gemeinsam und einheitlich
+ den Kampf führt, gibt sich die sozialdemokratische Arbeiterpartei eine
+ einheitliche Organisation, welche es aber auch jedem einzelnen
+ ermöglicht, seinen Einfluß für das Wohl der Gesamtheit geltend zu
+ machen.
+
+ 6. In Erwägung, daß die Befreiung der Arbeit weder eine lokale noch
+ nationale, sondern eine soziale Aufgabe ist, welche alle Länder, in
+ denen es moderne Gesellschaft gibt, umfaßt, betrachtet sich die
+ sozialdemokratische Arbeiterpartei, soweit es die Vereinsgesetze
+ gestatten, als Zweig der Internationalen Arbeiterassoziation, sich
+ deren Bestrebungen anschließend.
+
+ III. Als die nächsten Forderungen in der Agitation der
+ sozialdemokratischen Arbeiterpartei sind geltend zu machen:
+
+ 1. Erteilung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen
+ Wahlrechtes an alle Männer vom 20. Lebensjahr an zur Wahl für das
+ Parlament, die Landtage der Einzelstaaten, die Provinzial- und
+ Gemeindevertretungen wie alle übrigen Vertretungskörper. Den gewählten
+ Vertretern sind genügende Diäten zu gewähren.
+
+ 2. Einführung der direkten Gesetzgebung (das heißt Vorschlags- und
+ Verwerfungsrecht) durch das Volk.
+
+ 3. Aufhebung aller Vorrechte des Standes, des Besitzes, der Geburt und
+ Konfession.
+
+ 4. Errichtung der Volkswehr an Stelle der stehenden Heere.
+
+ 5. Trennung der Kirche vom Staat und Trennung der Schule von der
+ Kirche.
+
+ 6. Obligatorischer Unterricht in Volksschulen und unentgeltlicher
+ Unterricht in allen öffentlichen Bildungsanstalten.
+
+ 7. Unabhängigkeit der Gerichte, Einführung der Geschworenen- und
+ Fachgewerbegerichte, Einführung des öffentlichen und mündlichen
+ Gerichtsverfahrens und unentgeltliche Rechtspflege.
+
+ 8. Abschaffung aller Preß-, Vereins- und Koalitionsgesetze; Einführung
+ des Normalarbeitstags; Einschränkung der Frauen- und Verbot der
+ Kinderarbeit.
+
+ 9. Abschaffung aller indirekten Steuern und Einführung einer einzigen
+ direkten progressiven Einkommensteuer und Erbschaftssteuer.
+
+ 10. Staatliche Förderung des Genossenschaftswesens und Staatskredit
+ für freie Produktivgenossenschaften unter demokratischen Garantien.
+
+ IV. Jedes Mitglied der Partei hat einen monatlichen Beitrag von 1
+ Groschen (3-1/2 Kreuzer süddeutsch, 5 Kreuzer österreichisch, 12
+ Centimes) für Parteizwecke zu entrichten. Die Parteigenossen, welche
+ auf das Parteiorgan abonnieren und dies glaubhaft nachweisen, sind
+ während der Dauer des Abonnements ihrer Beitragspflicht enthoben.
+ Sache des Ausschusses ist es, einzelnen Orten den Beitrag zu
+ ermäßigen.
+
+ V. Der Beitrag ist monatlich franko an den Parteiausschuß abzuliefern.
+
+ VI. Wer drei Monate lang seine Pflichten gegen die Partei nicht
+ erfüllt, wird als Parteimitglied nicht mehr betrachtet.
+
+ VII. Mindestens einmal im Jahre findet ein Parteikongreß statt, auf
+ dem über alle die Partei berührende Fragen beraten und beschlossen,
+ der Vorort der Partei sowie der Sitz der Kontrollkommission und der
+ Ort für den nächsten Parteikongreß bestimmt wird. — Die Entschädigung
+ für den Ausschuß respektive einzelne seiner Mitglieder setzt der
+ Kongreß fest.
+
+ VIII. Außerordentliche Kongresse finden statt, wenn der Ausschuß oder
+ die Kontrollkommission mit absoluter Majorität dies beschließt oder
+ wenn ein Sechstel sämtlicher Parteimitglieder darauf anträgt.
+
+ IX. Zu jedem Kongreß ist die vorläufige Tagesordnung mindestens sechs
+ Wochen vorher durch den Ausschuß im Parteiorgan bekanntzumachen. Die
+ innerhalb der nächsten zehn Tage nach erfolgter Bekanntmachung von
+ seiten der Parteigenossen einlaufenden Anträge sind alsdann mindestens
+ vierzehn Tage vor dem Kongreß als definitive Tagesordnung zu
+ veröffentlichen. Auf dem Kongreß gestellte selbständige Anträge kommen
+ nur dann zur Verhandlung, wenn sich mindestens ein Drittel der
+ Delegierten dafür erklärt.
+
+ X. Jeder Delegierte hat eine Stimme. Die Parteimitglieder, welche sich
+ an einem Orte an den Wahlen der Delegierten beteiligen, dürfen nicht
+ mehr als fünf stimmberechtigte Abgeordnete zum Kongreß senden.
+ Parteimitglieder, welche nicht Delegierte sind, haben nur beratende
+ Stimme.
+
+ XI. Spätestens drei Wochen nach dem Kongreß muß das Kongreßprotokoll
+ allen Mitgliedern zum Kostenpreise zugänglich gemacht werden. Alle
+ Kongreßbeschlüsse, welche eine Abänderung des Statuts, die Grundsätze
+ und die politische Stellung der Partei oder die Besteuerung derselben
+ betreffen, müssen innerhalb sechs Wochen nach dem Kongreß der
+ Urabstimmung aller Parteimitglieder unterbreitet werden. Einfache
+ Majorität der Abstimmenden entscheidet. Das Resultat der Abstimmung
+ wird im Parteiorgan veröffentlicht.
+
+ XII. Die Leitung der Parteigeschäfte ist einem Ausschuß von fünf
+ Personen, als einem Vorsitzenden und dessen Stellvertreter, einem
+ Schriftführer, einem Kassierer, der eine entsprechende Kaution zu
+ leisten hat, und einem Beisitzer übertragen. Sämtliche
+ Ausschußmitglieder müssen an _einem_ Orte oder in dessen einmeiligem
+ Umkreis wohnhaft sein und werden von den am Vorort der Partei
+ wohnhaften Parteimitgliedern in besonderen Wahlgängen durch
+ Stimmzettel mit absoluter Majorität gewählt. Weder ein Mitglied der
+ Redaktion noch der Expedition des Parteiorgans darf im Ausschuß sein.
+ Treten im Laufe des Jahres im Ausschuß Vakanzen ein, so hat der
+ Vorort — mit Ausnahme des in § VII erwähnten Falles — nach demselben
+ Wahlmodus die Ergänzungswahlen vorzunehmen.
+
+ XIII. Der Ausschuß muß innerhalb vierzehn Tagen nach stattgehabtem
+ Kongreß gewählt sein; bis zu dieser Wahl verbleibt dem bisherigen
+ Ausschuß, falls der Kongreß nicht anders verfügt, die
+ Geschäftsführung.
+
+ XIV. Der Ausschuß faßt alle Beschlüsse gemeinsam und ist nur dann
+ beschlußfähig, wenn in einer ordentlich einberufenen Sitzung
+ wenigstens drei Mitglieder anwesend sind; derselbe gibt sich, soweit
+ nicht der Kongreß darüber bestimmt, selbst eine Geschäftsordnung.
+
+ Der Ausschuß ist dem Parteikongreß für alle seine Handlungen
+ verantwortlich.
+
+ XV. Um Eigenmächtigkeiten des Ausschusses möglichst zu vermeiden,
+ konstituiert die Partei eine Kontrollkommission von elf Personen, an
+ die alle von dem Ausschuß unberücksichtigt gelassenen Beschwerden zu
+ richten sind, und die zugleich die Geschäftsführung des Ausschusses zu
+ kontrollieren hat.
+
+ XVI. Die Kontrollkommission wählen die Parteimitglieder desjenigen
+ Ortes und seines einmeiligen Umkreises, welcher von dem Parteikongreß
+ als Sitz der Kontrollkommission bestimmt worden ist. Die Wahl erfolgt
+ durch Stimmzettel und hat spätestens vierzehn Tage nach dem Kongreß
+ stattzufinden.
+
+ XVII. Die Kontrollkommission ist verpflichtet, die Geschäftsführung,
+ Akten, Bücher, Kasse usw. des Ausschusses mindestens einmal
+ vierteljährlich zu prüfen und zu untersuchen, und ist berechtigt,
+ falls sie begründete Ursache hat und der Ausschuß die Abhilfe der
+ Unregelmäßigkeiten verweigert, einzelne Mitglieder wie den gesamten
+ Ausschuß zu suspendieren sowie die nötigen Schritte für provisorische
+ Weiterführung der Geschäfte zu tun. Es müssen solche Beschlüsse mit
+ Zweidrittelmajorität der Kontrollkommission gefaßt werden und ist,
+ wenn mehr als die Hälfte der Ausschußmitglieder suspendiert wird,
+ innerhalb vier Wochen ein Parteikongreß einzuberufen, der endgültig in
+ der Sache entscheidet.
+
+ XVIII. Die Partei gründet eine Zeitung als Organ unter dem Namen „Der
+ Volksstaat“, Organ der sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Das Organ
+ erscheint in Leipzig und ist Eigentum der Partei. Personen und Gehalt
+ des Redaktions- und Expeditionspersonals, des Druckers, Preis des
+ Blattes wird durch den Ausschuß bestimmt. Streitigkeiten hierüber
+ entscheidet die Kontrollkommission, in letzter Instanz der
+ Parteikongreß. Die Haltung des Blattes ist streng dem Parteiprogramm
+ anzupassen. Einsendungen von Parteigenossen, welche demselben
+ entsprechen, sind — soweit der Raum des Blattes
+ ausreicht — unentgeltlich aufzunehmen. Beschwerden über Nichtaufnahme
+ oder tendenziöse Färbung der Einsendungen sind bei dem Ausschuß, in
+ zweiter Instanz bei der Kontrollkommission anzubringen, welcher die
+ endgültige Entscheidung zusteht.
+
+ XIX. Die Parteimitglieder verpflichten sich, überall auf Grund des
+ Parteiprogramms die Gründung sozialdemokratischer Arbeitervereine in
+ die Hand zu nehmen.
+
+Im Laufe der Verhandlungen teilte ich mit, daß mir aus dem
+Revolutionsfonds in Zürich von den Verwaltern desselben, Dr. Ladendorf
+und Genossen, 900 Taler zur Agitation bewilligt worden seien. Das sei
+die Geldquelle, die Tölcke und Genossen soviel Schmerzen verursachte,
+und die sie dem Hitzinger, dem König von Hannover, zuschrieben.
+
+Zum Parteiorgan wurde das „Demokratische Wochenblatt“ bestimmt, das
+nunmehr vom 1. Oktober ab wöchentlich zweimal unter dem Titel „Der
+Volksstaat“, Organ der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und der
+internationalen Gewerkschaftsgenossenschaften, erschien. Als Sitz des
+Ausschusses wurde _Braunschweig-Wolfenbüttel_, als Sitz der
+Kontrollkommission _Wien_ gewählt. Man hatte anfangs die Absicht,
+Leipzig zum Sitze des Ausschusses zu bestimmen. Ich riet entschieden ab.
+Unsere Propaganda im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein sei weit
+leichter, wenn ein Ort wie Braunschweig Sitz der Parteileitung werde,
+woselbst ausschließlich frühere Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins in Frage kämen. Unser Einfluß in der neuen Partei bleibe
+uns gesichert, wir würden uns mit dem Ausschuß zu stellen wissen. So
+geschah es. Als nächster Kongreßort wurde Stuttgart bestimmt. Die
+Vertretung auf dem Kongreß der Internationale, der Anfang September in
+Basel stattfand, wurde Liebknecht übertragen, dem sich später
+Spier-Wolfenbüttel als Delegierter des Ausschusses anschloß.
+
+Der glänzende Verlauf des Kongresses hatte im Schweitzerschen Lager
+einen sehr unangenehmen Eindruck erzeugt. Nachdem wir die nach Eisenach
+entsandten Delegierten Schweitzers von unserem Kongreß ausgeschlossen
+hatten, tagten diese im „Schiff“, woselbst sie eine Reihe Resolutionen
+gegen uns faßten. So lautete eine derselben, die sich gegen Liebknecht
+und mich persönlich richtete: „In Erwägung der gehörten Tatsachen
+beschließt der Kongreß, daß die Herren Liebknecht und Bebel unwürdig
+sind, daß der Kongreß sich weiter mit ihnen befaßt.“ Tölcke
+veröffentlichte im „Sozialdemokrat“ vom 15. August einen „Aufruf an die
+Parteigenossen“, der mit den Worten begann: „Der Kongreß zu Eisenach ist
+vorüber. Mit Stolz und mit voller Zuversicht auf die Zukunft der Partei
+können wir auf den Verlauf und das Resultat desselben zurückblicken.“
+
+ * * * * *
+
+Nach dem Schlusse des Kongresses hielt der Verband der deutschen
+Arbeitervereine seinen Vereinstag ab. Zum Vorsitzenden wurde ich,
+Bürger-Göppingen zum Stellvertreter, Motteler zum Schriftführer gewählt.
+Crimmitschau erhielt den Auftrag, die Geschäftsführung des Vorortes zu
+prüfen und im Parteiorgan Bericht zu erstatten. Aus dem von mir
+erstatteten Bericht ging hervor, daß infolge der Spaltung in Nürnberg
+der Verband auf 72 Vereine gesunken war, daß im Laufe des Jahres weitere
+5 ausschieden, aber 42 Vereine sich neu anschlossen, so daß schließlich
+zum Verband 109 Vereine mit rund 10000 Mitgliedern gehörten. Die
+Einnahmen betrugen 470 Taler, die Ausgaben 457 Taler, der
+Revolutionsfonds hatte 934 Taler gesteuert, von denen 800 Taler für
+Unterstützung des „Demokratischen Wochenblatts“ und für Agitation
+ausgegeben worden waren. Alsdann beschloß die Versammlung einstimmig die
+Auslösung des Verbandes nach sechsjährigem Bestehen und Anschluß an die
+Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Der vorhandene Kassenbestand wurde
+der letzteren überwiesen, das vorhandene Inventar (Akten, Briefe,
+Protokolle) wurde mir zur Aufbewahrung überlassen. Nach einem warmen
+Danke an den Vorortsvorstand für dessen Mühewaltung trennte man sich mit
+dem Wunsche auf Wiedersehen in Stuttgart.
+
+
+
+
+Nach Eisenach.
+
+
+Wie man sich leicht vorstellen kann, entbrannte nunmehr heftiger als je
+der Kampf zwischen den beiden sozialistischen Fraktionen. Erklärungen
+flogen herüber und hinüber, und die Szenen, die sich in zahlreichen
+Versammlungen abspielten, spotteten jeder Beschreibung. Insbesondere
+waren es die Gewerkschaften, die unter der gegenseitigen Zerfleischung
+schwer litten. So kam zum Beispiel in der Metallarbeiterschaft die Wahl
+eines Präsidenten nicht zustande, weil eine vollständige Zersplitterung
+der Stimmen eintrat, außerdem wurde die Wahl nur bei 23 Abstimmungen
+anerkannt, bei 17 wurde sie verworfen.
+
+Von jetzt ab schlug der „Sozialdemokrat“ einen Ton an, wie er bisher nur
+selten vorkam, und fälschte Tatsachen und Berichte in einer Weise, daß
+die Leser derselben ein vollständig falsches Bild von der Bewegung auf
+unserer Seite bekommen mußten.
+
+Am 10. September verließ Schweitzer das Gefängnis. Am 12. September
+kündigte er in einem längeren Ausruf eine Rundreise durch Deutschland
+an, wobei er hinter verschlossenen Türen vor seinen Anhängern erschien,
+„um überall Ordnung und strenges Recht zu schaffen“.... „Fürchten werden
+meine Gegenwart,“ hieß es in dem Ausruf, „alle diejenigen, welche sich
+einer bösen Absicht oder einer Verletzung der Arbeitersache schuldig
+wissen; mit Freuden begrüßen werden mich diejenigen, welche als
+Bevollmächtigte, Agitatoren oder in sonstiger Eigenschaft treu zur Fahne
+gehalten haben.“
+
+Glaubt man nicht einen gewissen Jesu zu hören, der ein Gericht über die
+Guten und die Bösen ankündigt, wobei die Böcke von den Schafen gesondert
+werden sollen?
+
+Auf dieser Tour beobachtete Schweitzer die alte Taktik, daß überall, wo
+er über die gegen ihn erhobenen Beschuldigungen interpelliert wurde, er
+entweder schwieg oder mit spöttischen Bemerkungen darüber hinwegging.
+
+Dem „Volksstaat“ gegenüber nahm er dieselbe Taktik ein wie gegenüber dem
+„Demokratischen Wochenblatt“. Niemals wurde der Name des „Volksstaat“
+genannt, und von der Partei sprach er nicht anders als von der
+Eisenacher Volkspartei.
+
+In Augsburg, wohin er ebenfalls auf seiner Rundreise kam, verlangte er
+von den dortigen Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
+das Eingehen des von ihnen gegründeten Wochenblatts „Der Proletarier“.
+Als diese sich weigerten, seinem Verlangen nachzukommen, drohte er, daß
+er alles aufbieten werde, das Blatt zugrunde zu richten, sollte darüber
+die Bewegung in Bayern um fünf Jahre zurückgeworfen werden. Ein kleines
+Blättchen, „Der Agitator“, den Schweitzer dann zu Neujahr 1871 ins Leben
+rief, das vierteljährlich nur 15 Pfennig kostete, sollte in erster Linie
+bestimmt sein, massenhaft in Bayern verbreitet zu werden, um dort die
+obstinaten Elemente im Zaume zu halten.
+
+Von seiner Rundreise zurückgekehrt, erklärte er, „daß die Partei niemals
+stärker, niemals einiger und zahlreicher gewesen sei als in diesem
+Augenblick“. Die Unwahrheit dieser Behauptung wurde dadurch bewiesen,
+daß zwischen ihm und Mende-Hatzfeldt von neuem der Zank ausbrach. Mende
+berief eine Generalversammlung nach Halle, die sich gegen Schweitzer
+erklärte, und veröffentlichte eine Broschüre, in der er Schweitzer aller
+möglichen Schandtaten zieh. Daß es so kommen würde, war vorauszusehen.
+Während aber Schweitzer ankündigte, daß mit dem 1. Januar 1870 der
+„Sozialdemokrat“ in vergrößertem Format erscheinen werde — es waren die
+Anstrengungen eines Schwindsüchtigen, der sich den Anschein von Kraft
+gibt —, mußte Mende ankündigen, daß, falls nicht bis zum 15. Januar für
+sein Organ, die „Freie Zeitung“, 1000 neue Abonnenten herbeigeschafft
+würden, er dasselbe werde eingehen lassen. Die größere Macht war also
+auf Schweitzers Seite. Die Generalversammlung seines Vereins berief
+Schweitzer auf den 5. Januar 1870 und die folgenden Tage nach Berlin.
+
+Vorher, am 7. November, war es in Berlin zu einer großen
+Auseinandersetzung zwischen der Fortschrittspartei und den Lassalleanern
+gekommen. Der Abgeordnete Professor Virchow hatte im preußischen
+Abgeordnetenhaus einen Abrüstungsantrag gestellt, der nachher von der
+Mehrheit des Abgeordnetenhauses verworfen worden war. Die
+Fortschrittspartei wollte diesen Antrag durch das moralische Gewicht
+einer Volksversammlung unterstützen lassen, die auf den erwähnten Tag
+einberufen worden war. Eine Verhandlung wurde aber unmöglich gemacht
+durch die Lassalleaner, die massenhaft erschienen waren und den Vorsitz
+in der Versammlung beanspruchten. Als nun ein großer Tumult ausbrach,
+schloß der Abgeordnete Löwe-Galbe die Versammlung. Darauf eröffnete
+Tölcke sofort dieselbe aufs neue. Er hatte in der Voraussicht, daß die
+fortschrittliche Versammlung gesprengt werde, eine zweite Versammlung in
+dasselbe Lokal polizeilich angemeldet, und die Polizei hatte diese
+gleichzeitige doppelte Anmeldung zu einer Versammlung in ein und
+dasselbe Lokal angenommen. Wider alle bisherige Gepflogenheit waren auch
+die Versammlungen polizeilich nicht überwacht. Tölcke präsidierte,
+Schweitzer sprach. In der vorgeschlagenen Resolution war kein Wort gegen
+die Regierung enthalten, dagegen wurde die Fortschrittspartei als
+Gegnerin des allgemeinen, gleichen Wahlrechts und Gegnerin des
+Normalarbeitstags verurteilt und die Abschaffung der stehenden Heere und
+die Einführung der Volkswehr, gegründet auf militärische
+Jugenderziehung, verlangt.
+
+Schweitzer suchte also wieder einmal den Standpunkt vergessen zu machen,
+den er in Militärfragen vorher wiederholt eingenommen hatte.
+
+Nebenbei bemerkt: In der sächsischen Zweiten Kammer wurde um jene Zeit
+ein Abrüstungsantrag mit 55 gegen 21 Stimmen angenommen.
+
+Auf dem am 9. September begonnenen _Internationalen Arbeiterkongreß in
+Basel_ bildete den Hauptpunkt der Verhandlungen die Haltung der
+Sozialisten zur Grund- und Bodenfrage. Die Debatte hierüber füllte
+mehrere Sitzungen. Schließlich stimmten von 75 Delegierten 54, darunter
+Liebknecht und Spier, für folgende Resolution:
+
+ „Der Kongreß erklärt, daß die Gesellschaft das Recht hat, das
+ individuelle Eigentum an Grund und Boden abzuschaffen und _den Grund
+ und Boden in Gemeineigentum zu verwandeln_.“
+
+Ebenso stimmten die beiden dem zweiten Teil der Resolution zu, der
+lautete:
+
+ „Der Kongreß erklärt auch, daß es _notwendig_ ist, den Grund und Boden
+ zum Kollektiveigentum zu machen.“
+
+Diese Beschlüsse riefen in Deutschland großes Aufsehen hervor,
+insbesondere fiel die volksparteilich-demokratische Presse über diese
+Beschlüsse her, die sie als eine Ungeheuerlichkeit bezeichnete. Statt
+daß nun Liebknecht den Beschluß des Kongresses gegen die Angriffe
+verteidigte, erklärte er in der letzten Nummer des „Demokratischen
+Wochenblatts“, die erschien:
+
+ „Man hat gefragt: Welche Stellung nimmt die Sozialdemokratische
+ Arbeiterpartei zu dem Beschluß über das Grundeigentum?
+
+ Antwort: Gar keine! Jedes einzelne Parteimitglied kann und soll
+ Stellung nehmen, der Partei als solcher steht das nicht zu, weil sie
+ nach keiner Seite an den Beschluß gebunden ist — ebensowenig _wie die
+ Internationale Arbeiterassoziation selbst_.“
+
+Dieses salomonische Urteil wurde in der Partei mit sehr gemischten
+Gefühlen aufgenommen. Es brachte der Partei keine Verbesserung, sondern
+eine Verschlimmerung ihrer Lage, denn nunmehr nutzte Schweitzer die
+Situation aus, indem er triumphierend auf die Halbheit der Eisenacher
+hinwies, die in einer Haupt- und Kardinalfrage des Sozialismus versagten
+und von Rücksichten auf die Bourgeois in ihren Reihen sich bestimmen
+ließen; das sei der beste Beweis, daß wir keine sozialdemokratische
+Partei seien. Unsere Stellung als Partei zu dem Baseler Beschluß wurde
+nicht klarer, als es in Nr. 4 des mittlerweile erschienenen
+„_Volksstaat_“ auf einmal hieß: „Ueber die Zweckmäßigkeit oder
+Unzweckmäßigkeit des Baseler Beschlusses, betreffend das Grundeigentum,
+mögen innerhalb unserer Partei verschiedene Meinungen obwalten. _Nachdem
+er aber einmal gefaßt ist, kann die Partei als solche ihn nicht
+verleugnen, ohne ihre Grundprinzipien zu verleugnen._“ Diese Erklärung
+war korrekter als die erste, sie stand aber im _Widerspruch_ zu jener.
+Es war deshalb notwendig, daß die Partei klare Stellung nahm, und so
+schlug ich vor, die Frage auf dem nächstjährigen Parteikongreß zu
+erörtern, ein Vorschlag, dem auch der Ausschuß zustimmte. Und da ich für
+Anfang November eine große Agitationsreise nach Süddeutschland geplant
+hatte, nahm ich mir vor, den Baseler Beschluß zu verteidigen, wo die
+Gelegenheit dieses notwendig mache. Ich trat meine Reise am 8. November
+an und beendete sie am 28. Ich hielt in dieser Zeit achtzehn
+Volksversammlungen und an zwei Orten, Erlangen und München, private
+Besprechungen ab. Ich besuchte nacheinander: Koburg, Bamberg, Nürnberg,
+Fürth, Erlangen, Regensburg, München, Augsburg, Ravensburg, Tuttlingen,
+Reutlingen, Metzingen, Stuttgart, Eßlingen, Göppingen, Aalen,
+Heidenheim, Giengen, Schwäbisch Hall und Heilbronn. Opposition fand ich
+in nur vier Versammlungen. Der Erfolg war in allen Versammlungen ein
+sehr zufriedenstellender.
+
+In Stuttgart, woselbst in der Versammlung der ganze Stab der Volkspartei
+und der Herausgeber der „Demokratischen Korrespondenz“, Julius Freese,
+anwesend waren, kam es zwischen mir und dem Mitglied der Volkspartei
+Hausmeister zu prinzipiellen Auseinandersetzungen, bei denen
+selbstverständlich mein Gegner den kürzeren zog. Den Abend vorher hatte
+ich in einer geselligen Zusammenkunft, bei welcher der damalige Führer
+der Volkspartei, Karl Maier, mich fragte, wie die Partei zu dem Baseler
+Beschluß stehe, erklärt: Die Partei werde auf dem nächsten Kongreß in
+Stuttgart Stellung nehmen und zweifellos sich im Sinne der Baseler
+Beschlüsse aussprechen. Tröstend hatte ich hinzugesetzt: Aber man
+brauche deshalb nicht aus der Haut zu fahren, denn die Ausführung des
+Beschlusses sei doch erst möglich, wenn die öffentliche Meinung dafür
+gewonnen sei. Mit dieser Verzuckerung schluckte man die Pille. In der
+Versammlung am nächsten Tage trat mir auch der Lassalleaner Leickhardt
+entgegen, der mich wegen unserer Stellung zu Schweitzer interpellierte,
+worauf ich gründlich antwortete. Alles in allem hatte ich an drei
+Stunden sprechen müssen.
+
+Freese und einem größeren Teil der Volkspartei waren aber meine
+Auseinandersetzungen in die Glieder gefahren, und so sah Freese sich
+veranlaßt, in vier Artikeln in der „Demokratischen Korrespondenz“ gegen
+mich zu polemisieren. Ich beantwortete dieselben durch eine Reihe
+Artikel im „Volksstaat“, die zusammengestellt als Broschüre unter dem
+Titel „Unsere Ziele“ bis heute erschienen sind. In diesen Aufsätzen
+verteidigte ich natürlich auch den Baseler Beschluß. Freese, dem, wie
+wohl allen Schwelgern (Sybariten), es keine allzu großen
+Gewissensskrupel bereitete, seine Grundsätze zu opfern, sobald er seine
+lebemännischen Bedürfnisse durch die Vertretung seiner Grundsätze nicht
+mehr befriedigen konnte, ging später in die Dienste des österreichischen
+Reichskanzlers, des Herrn v. Beust.
+
+Nach meiner Rückkehr aus Süddeutschland trat ich meine mittlerweile
+rechtskräftig gewordene dreiwöchige Gefängnisstrafe an, die, wie schon
+erwähnt, Liebknecht und mir wegen Verbreitung staatsgefährlicher Lehren
+aus Anlaß der Adresse „An das spanische Volk“ zuerkannt worden war.
+
+ * * * * *
+
+Wir mußten nunmehr dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein gegenüber
+große Anstrengungen machen, um neue Mitglieder zu gewinnen. Was immer an
+Kräften und Mitteln aufgebracht werden konnte, wurde für diesen Zweck
+benützt. In erster Linie kam hier York als Agitator in Frage. Der Erfolg
+seiner Reisen war nicht immer ein zufriedenstellender. So klagte er mir
+Ende 1869 über die Erfolglosigkeit einer Agitationsreise, die er nach
+dem Rheinland unternommen hatte. Er war darüber in recht pessimistischer
+Stimmung. Agitator zu sein, schrieb er mir, sei eine traurige Existenz,
+was um so richtiger war, als die finanzielle Entschädigung, die der
+Agitator zu jener Zeit erhielt, eine geradezu erbärmliche genannt
+werden mußte. Er denke wieder daran, als Arbeiter bei einem Meister
+Stellung zu nehmen. York war Tischler. Hätte er keine Familie, läge die
+Sache anders, allein könnte er sich durchschlagen. Indes war sein
+Opfermut und seine Hingabe an die Sache doch zu groß, als daß er die
+Drohung ausgeführt hätte.
+
+Liebknecht und ich benutzten unsere Anwesenheit während des Reichstags
+in Berlin, um dort immer mehr Anhänger zu gewinnen. Wir sprachen
+namentlich öfter in einer Reihe Branchenversammlungen mit bestem Erfolg.
+
+Eine beständige Klage des Braunschweiger Ausschusses war der schlechte
+Eingang der Mitgliederbeiträge. Diese Klage war vollauf berechtigt. An
+eine regelmäßige monatliche Zahlung an den Ausschuß nach Braunschweig
+gewöhnten sich namentlich schwer die ehemaligen Mitglieder des
+Arbeitervereinsverbandes, die das Hauptgewicht auf die Verwendung ihrer
+Mittel für die lokalen Bedürfnisse zu legen gewohnt waren.
+
+Zwischen dem Ausschuß in Braunschweig und uns in Leipzig entwickelte
+sich ein außerordentlich lebhafter Briefverkehr, in den auch August Geib
+in Hamburg, der dort als Buchhändler etabliert war, hereingezogen wurde,
+als die Kontrollkommission durch Beschluß des Stuttgarter Kongresses von
+Wien nach Hamburg verlegt worden war. Lebhafte Beschwerde führten Bracke
+und der Ausschuß über die Redaktion des „Volksstaat“, die zu viel
+Politik und zu wenig Sozialismus bringe. Eine Beschwerde, die vielfach
+in der Partei laut wurde.
+
+Sehr aufgebracht war ich darüber, daß wir in der Person Rüdts, der seine
+Universitätsstudien unterbrochen hatte und in die Partei als Agitator
+eingetreten war, durch den Beschluß des Eisenacher Kongresses einen
+Redakteur erhalten hatten, der seine Pflichten stark vernachlässigte,
+aber mit dem Honorar, das freilich nicht hoch war, beständig im Vorschuß
+sich befand. Das ging gegen meine Auffassung von Leistung und
+Gegenleistung. Ich habe es allezeit, und zwar bis auf den heutigen Tag,
+als schlimmste Schädigung der Partei und als eine unverzeihliche
+Gewissenlosigkeit angesehen, die in einer Arbeiterpartei doppelt gerügt
+werden müsse, wenn Personen ein Amt übernehmen, aber vergessen, die
+damit übernommenen Pflichten gewissenhaft zu erfüllen, das Gehalt
+einstreichen, aber nicht entsprechend dafür leisten. Ein Sozialdemokrat,
+der eine Brotstellung in der Partei annimmt, hat damit nach meiner
+Auffassung eine Art Ideal erreicht. Er kann nach seiner Ueberzeugung
+tätig sein, er hat Maßregelung nicht zu fürchten und findet die volle
+Anerkennung seiner Parteigenossen, wenn er seine Schuldigkeit tut.
+
+Als ich eines Tages mich bei Bracke bitter über Rüdt beschwerte — der
+betreffende Brief spielte nachher im Leipziger Hochverratsprozeß eine
+Rolle und ist im Bericht darüber abgedruckt —, antwortete mir Bracke
+unter dem 17. Oktober:
+
+ „Rüdt ist nicht schlecht, wenigstens glaube ich es nicht. Ich habe
+ einen intimen Freund, der ebenso ist wie Rüdt, und er ist ein braver
+ Kerl. Diese Art Menschen sind das Gegenteil eines Philisters, aber in
+ ihrer Einseitigkeit verfahren sie sich oft, bis sie durch längere,
+ meist bittere Erfahrungen klug werden. Je weniger ich selbst solchem
+ Charakter ähnele (ich komme mir oft selbst wie ein Philister vor, wenn
+ ich meinen ‚Lebenswandel‘ betrachte), um so mehr liebe ich diesen
+ Charakter bei anderen. Ich will allerdings gestehen, daß ich Rüdt zu
+ wenig kenne, um behaupten zu können, er sei so wie mein Freund. Aber
+ ich vermute es. Hast Du die Biographie von Lessing gelesen? Was war
+ der eine längere Zeit leichtsinnig! Ich habe oft Sehnsucht, auch
+ einmal leichtsinnig zu sein, aber werde es wohl schwerlich werden. Die
+ Verhältnisse fesseln mich an mein arbeitsames, ernstes, ja
+ philiströses Dasein! Von Natur heiteren Temperamentes, bin ich es in
+ Wirklichkeit so selten.“
+
+Ich weiß heute nicht mehr, was ich Bracke auf diesen Brief antwortete,
+aber eine Zustimmung zu seinem Urteil über Rüdt war die Antwort sicher
+nicht.
+
+Bracke, der einer wohlhabenden Familie angehörte und aus dem höchsten
+Idealismus sich der Partei der Enterbten angeschlossen hatte, war damals
+in großen Nöten. Er hatte sich durch Fritzsche bestimmen lassen, für die
+Produktivgenossenschaft der Tabak- und Zigarrenarbeiter Bürgschaften zu
+übernehmen, und kam nach dem Konkurs der Genossenschaft in die höchst
+fatale Lage, sehr erhebliche Summen bezahlen zu müssen. Bracke klagte
+mir in zahlreichen Briefen sein Leid, wie wir denn beide kurz nach
+unserer Bekanntschaft uns eng aneinandergeschlossen und keine
+Geheimnisse voreinander hatten. Der Aermste hat viele Jahre zu kämpfen
+gehabt, um aus den Verlegenheiten herauszukommen, in die er sich durch
+seine Gutherzigkeit und Opferwilligkeit gestürzt hatte. Als ihn der Tod
+ereilte — er starb allzu jung im Jahre 1879, kaum 38 Jahre alt —, wurde
+sein Verlust in der ganzen Partei als ein unersetzlicher angesehen.
+
+Im Oktober 1869 war Karl Marx mehrere Wochen bei seinem Freunde Dr.
+Kugelmann in Hannover auf Besuch. Bracke und Bonhorst, der Sekretär des
+Ausschusses, fuhren hinüber nach Hannover, um Marx kennen zu lernen und
+zu begrüßen. Bracke war von der Begegnung mit Marx aufs höchste
+entzückt; er sei, schrieb er mir, „ein lieber Mensch“, sie hätten sich
+beide sehr gut verständigt. Ich lernte Marx und zugleich auch Engels
+persönlich erst 1880 in London kennen anläßlich eines „Kanossaganges“,
+den ich mit Bernstein unternahm. Darüber später.
+
+Im Dezember 1869 spielte uns die österreichische Regierung einen
+unangenehmen Streich; sie entzog dem „Volksstaat“ den Postdebit. Der
+„Volksstaat“ stand damals so, daß er keinen Abonnenten entbehren konnte.
+Der Akt war aber der beste Beweis, was es mit der Verleumdung des
+„Sozialdemokrat“ auf sich hatte, Liebknecht stehe im Dienste der
+österreichischen Regierung.
+
+ * * * * *
+
+Gegen Ende des Jahres brach in Waldenburg in Schlesien ein großer
+Bergarbeiterstreik aus, der größte Streik, den Deutschland bis dahin
+gesehen hatte. Das Bemerkenswerteste an diesem war, daß er in einem
+Gebiet und unter Arbeitern ausbrach, die, soweit sie organisiert waren,
+den Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereinen angehörten, und zwar verlangten
+die Bergherren den Austritt der Arbeiter aus dem Gewerkverein. Die Lehre
+der Hirsch-Duncker von der Harmonie der Interessen zwischen Kapital und
+Arbeit erhielt damit einen argen Stoß. Beide sozialdemokratische
+Fraktionen traten energisch für die Bergarbeiter ein und unterstützten
+sie. Ich wollte in Leipzig ein Plakat anschlagen lassen, in dem ich zu
+Sammlungen für die Streikenden aufforderte, aber die Polizei verbot den
+Anschlag des Plakats und die Sammlung, die die Genehmigung der Polizei
+erfordere, weil auf Grund der Armenordnung von 1842 Sammlungen für
+„Notleidende“ dieser Genehmigung bedürften. Ich appellierte wegen dieser
+sonderbaren Auslegung der Armenordnung bis an das Ministerium, aber Herr
+v. Nostitz-Wallwitz, der damals bereits Minister des Innern war,
+billigte die Entscheidung der Leipziger Polizei.
+
+Mangels genügender Mittel ging der Waldenburger Streik verloren.
+
+ * * * * *
+
+Im Frühjahr 1870 fiel mir eine Aufgabe zu, die zu erfüllen Pflicht eines
+Fortschrittsmannes oder bürgerlichen Demokraten gewesen wäre. In Leipzig
+starb Rechtsanwalt Tzschirner, der während des Dresdener Maiaufstandes
+1849 mit Heubner und Tod Mitglied der provisorischen Regierung gewesen
+war. Nach Niederwerfung des Aufstandes floh Tzschirner nach der Schweiz,
+kehrte aber infolge der sächsischen Amnestie von 1865 als gebrochener
+Mann nach Leipzig zurück. Er mußte unterstützt werden, und ich selbst
+veranlagte eine Sammlung zu seinen Gunsten, deren Ertrag ich an
+Tzschirners Parteigenossen Rechtsanwalt Schaffrat in Dresden gelangen
+ließ.
+
+Als nun Tzschirner im Frühjahr 1870 in Leipzig starb, war kein einziger
+seiner alten Parteigenossen, auch Schaffrat nicht, bereit, dem Manne die
+Grabrede zu halten; man schämte oder scheute sich offenbar, öffentlich
+als ehemaliger Parteigenosse des Revolutionärs zu erscheinen. So mußte
+ich die Rede übernehmen, obgleich ich den Mann persönlich nicht gekannt
+hatte und von seiner Tätigkeit nur vom Hörensagen wußte. Die deutsche
+Demokratie hat frühzeitig aufgehört, Mannesmut zu zeigen.
+
+ * * * * *
+
+Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins für
+1870 begann am 5. Januar. Schweitzer war nicht in rosiger Stimmung.
+Nachdem man ihn darüber interpelliert, ob er seinerzeit einen geheimen
+Vertrag mit Mende bei der sogenannten Vereinigung abgeschlossen habe,
+was er bestritt, stellte man ihn wegen der Kassenführung zur Rede. Er
+habe Gelder des Vereins für den „Sozialdemokrat“ verwendet, wozu er kein
+Recht habe, da das Blatt sein Privateigentum sei. Es wurde sogar ein
+Beschluß herbeigeführt, wodurch ihm dieses ausdrücklich verboten wurde.
+Schweitzer war durch diesen Beschluß und die an der Redaktion des
+„Sozialdemokrat“ geübte Kritik sehr aufgebracht. Er antwortete: Was das
+Vertrauen anlange, _so müsse er nach den in der Generalversammlung
+gefallenen Aeußerungen annehmen, daß er das Vertrauen der
+Generalversammlung nicht besitze_; jedenfalls habe er großenteils das
+Vertrauen auf die Delegierten verloren.... Man scheine nicht zu wissen,
+was der „Sozialdemokrat“ sei. _Nicht die Partei habe den
+„Sozialdemokrat“ gemacht, sondern der „Sozialdemokrat“ die Partei._...
+Zu verlangen, daß ein Redakteur für den Inhalt des Blattes eintreten
+müsse, sei leicht, wenn man selbst den Rücken frei habe und nicht einmal
+die Strafgelder bewilligte. Er habe es satt, sich in dieser Weise erst
+mit den Vereinsgegnern und dann mit den Vereinsmitgliedern
+herumzuärgern. Gegenüber dem Verlangen, daß in Geldangelegenheiten der
+Vorstand beschließen solle und nicht wie bisher der Präsident, erklärte
+er, dann sei es gleich besser, einen Ausschuß zu wählen, aber keinen
+Präsidenten. Die Generalversammlung nahm alsdann eine genaue Prüfung der
+Kassenausgaben vor. Ein Antrag: Die Generalversammlung erklärt sich mit
+der diesjährigen Kassenabrechnung vollständig zufrieden und weist alle
+Angriffe der Gegner unserer Partei als ungerechtfertigt zurück und
+spricht den Wunsch aus, daß die Kassenangelegenheit für alle Zeiten so
+bleiben möge, wurde mit 5097 gegen 3409 Stimmen angenommen.
+
+Eine Aeußerung Schweitzers, daß es die Aristokratie des Vereins sei, die
+Agitatoren und Delegierten, von denen immer die Wirren im Verein
+ausgingen, führte zu gereizten Auseinandersetzungen. Ein Antrag
+Richter-Wandsbeck, dem Präsidenten die _Mißbilligung_ auszusprechen,
+weil er auf Antrag von Hamburger Mitgliedern wider alles Recht die
+Mitglieder, die gleichzeitig dem Allgemeinen Tabak- und
+Zigarrenarbeiterverein angehörten, bis zur Berliner Generalversammlung
+ihrer Mitgliedsrechte für verlustig erklärt hatte, wurde mit 24 gegen 12
+Stimmen bei zwei Enthaltungen abgelehnt. Diese Vorgänge ließen es
+Schweitzer wieder einmal geraten erscheinen, den radikalen Demokraten
+hervorzukehren. Am 9. Januar fand eine von 2000 Personen besuchte
+öffentliche Sitzung statt, in der das Thema „Der Militarismus“ auf der
+Tagesordnung stand. Hatte Schweitzer am 17. Oktober 1867 im deutschen
+Reichstag sich für die Militärgesetzvorlage einschreiben lassen und
+hatte er damals in seiner Rede ausgeführt, daß es ihm fernliege, jene
+Eigenschaften an Preußen leugnen und bemäkeln zu wollen, welche im
+vorigen Jahre eine feindliche Welt bewundernd anerkennen mußte, so ließ
+er jetzt folgende Resolution zur Annahme vorschlagen:
+
+ „Die Generalversammlung erklärt: Die stehenden Heere sind die
+ Hauptstützen der heutigen reaktionären Regierungen und zugleich der
+ gesellschaftlichen Ausbeutung; das demokratische Prinzip verlangt, daß
+ überall an Stelle der stehenden Heere die allgemeine Volksbewaffnung
+ trete.“
+
+Also ganz wie in unserem ehemaligen Chemnitzer und jetzt im Eisenacher
+Programm. Nach längerer Debatte, an der Schweitzer sich nicht
+beteiligte, wurde die Resolution einstimmig angenommen. Im weiteren
+erklärte sich die Generalversammlung für den Uebergang des Grund und
+Bodens in Gemeineigentum der Gesellschaft. Mit einer sehr radikalen Rede
+schloß Schweitzer diese Sitzung.
+
+Im weiteren Verlauf der Verhandlungen wurde ein Antrag, den
+„Sozialdemokrat“ als Parteieigentum zu erwerben, mit 6492 gegen 2585
+Stimmen abgelehnt. Schweitzer hatte im Laufe der Debatte geäußert: Der
+„Sozialdemokrat“ habe während der sieben Jahre seines Bestehens enorme
+Summen verschlungen _und erfordere auch jetzt noch Opfer_. Woher diese
+enormen Summen kamen, erfuhr man nicht. Er sei bereit, das
+Eigentumsrecht abzutreten, wenn die Partei einen geringen Teil der auf
+das Blatt verwendeten Summen zurückzahle. Ein Redner äußerte die
+Besorgnis, Schweitzer werde ein neues Blatt gründen, falls es zu
+Differenzen komme. Die Mehrheit sah nach dieser Erklärung die Uebernahme
+des Blattes als ein Danaergeschenk an. Schweitzer teilte weiter mit, daß
+vom 1. Januar ab Hasenclever neben Hasselmann in die Redaktion
+eingetreten sei. Eine ganze Reihe Mitgliedschaften beantragte
+ausführliche und _wahrheitsgemäße_ Abfassung der Protokolle der
+Generalversammlungen.
+
+Eine längere und heftige Debatte entspann sich über verschiedene
+Anträge; zum Beispiel der Präsident solle, wie es im Statut stehe, durch
+die Generalversammlung gewählt werden, wohingegen namentlich Schweitzer
+mit aller Entschiedenheit für die Wahl durch „das Volk“ eintrat, das er
+durch sein Blatt in der Hand hatte. Er drang mit seiner Ansicht durch.
+Das mehrfache Verlangen, die Redaktion durch eine Beschwerdekommission
+zu kontrollieren, wurde durch den Beschluß erledigt, daß alle
+Beschwerden über die Redaktion des Vereinsorgans an den Präsidenten zu
+richten seien. Die oberste Kontrolle über die Wirksamkeit der Redaktion
+und die des Präsidenten in seiner Eigenschaft als Kontrolleur habe der
+Vorstand zu vollführen und könne derselbe etwa nötige Anordnungen
+treffen. In der betreffenden Debatte äußerte Pfannkuch, daß durch die
+bisherige Handhabung der Redaktion viele brave Mitglieder aus dem Verein
+hinausgestoßen worden seien.
+
+Bei der Wahl zum Präsidenten, die am 12. Februar stattfand, wurde
+Schweitzer wieder mit 4744 gegen 249 Stimmen gewählt, eine Stimmenzahl,
+die man auch nicht als besonderes Vertrauensvotum gegenüber den 9000
+Mitgliedern, die auf der Berliner Generalversammlung vertreten waren,
+ansehen kann.
+
+ * * * * *
+
+Zu den drei vorhandenen sozialdemokratischen Organisationen trat Anfang
+1870 eine vierte, die allerdings nur unbedeutend war und eine kurze
+Lebensdauer hatte. Die hartnäckige Gegnerschaft, die Schweitzer dem in
+Augsburg erscheinenden „Proletarier“ und seinen Hintermännern erwies,
+erregte diese aufs äußerste. Und als nunmehr auch die Berliner
+Generalversammlung sich gegen die Bayern erklärte, beschlossen diese
+den Austritt aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und beriefen
+auf Ende Januar einen sozialdemokratischen Kongreß nach Augsburg. An der
+Spitze dieser Separatbildung standen Franz, Neff und Tauscher; alle drei
+Schriftsetzer. Franz hat später eine vorzügliche Broschüre geschrieben:
+„Herr Böhmert und seine Fälschungen der Wissenschaft. Von einem
+Arbeiter. 1873.“ Franz starb vor wenig Jahren in Amerika. Neff starb
+weit früher, Tauscher lebt noch heute als Parteigenosse in Stuttgart.
+Von seiten des Braunschweiger Ausschusses wurde ich nach Augsburg
+delegiert, um den Anschluß der bayerischen Genossen an unsere Partei
+herbeizuführen und die Gründung einer vierten Fraktion zu verhüten. Auf
+dem Kongreß waren nur neun Delegierte anwesend. Der Standpunkt, den ich
+vertrat, war folgender:
+
+ Die Bildung einer neuen Fraktion werde nur den Gegnern der
+ Arbeitersache nützen. Dieselben würden aufs neue über diese Spaltung
+ jubeln und darauf hinweisen, daß die Arbeiter zur Leitung ihrer
+ Angelegenheiten unfähig, als Partei ungefährlich seien, da sie trotz
+ aller prinzipiellen Uebereinstimmung sich nicht einigen könnten,
+ sondern rein formeller und persönlicher Bedenken wegen sich
+ gegenseitig zerfleischten. Ein weiterer zwingender Grund für die
+ Einigung sei die Verhütung der Zersplitterung der geistigen und
+ materiellen Kräfte der Arbeiter. An beiden litten die Arbeiter keinen
+ Ueberfluß. Je mehr Fraktionen, je mehr Verwaltungen müßten geschaffen
+ werden. Diese kosteten Geld, und so würden die sauer erworbenen
+ Groschen der Arbeiter allein durch diesen Verwaltungsapparat
+ aufgezehrt. Statt die Gelder zur Bekämpfung der Bourgeoisie und der
+ Reaktion zu verwenden, bekämpfe man sich gegenseitig, die nicht im
+ Ueberfluß vorhandenen geistigen Kräfte würden in diesem selben Kampfe
+ verbraucht und aufgerieben, ohne Nutzen für die Gesamtheit. Wohl sei
+ mir bewußt, daß man hauptsächlich zwei Bedenken gegen die
+ Verschmelzung habe. Das eine sei unser angebliches Bündnis, wohl gar
+ Verquickung mit der Volkspartei, das andere unsere Organisation, die
+ man als eine zu wenig einheitliche ansehe. Beide Einwände beruhten auf
+ Vorurteilen, durch diejenigen geschickt verbreitet und in die Massen
+ eingepflanzt, welche aus einer Berührung der Arbeiter mit dem
+ demokratischen Bürgertum für ihre eigene Stellung fürchteten
+ (Schweitzer, Mende) und unter der Firma: „Kampf gegen die radikale
+ Bourgeoisie“, ihr Einverständnis mit der Reaktion verbergen wollten.
+ Volkspartei und sozialdemokratische Arbeiterpartei seien zwei
+ vollständig getrennte Parteien, jede habe ihr eigenes Programm und
+ ihre eigene Organisation. Was das Programm unserer Partei betreffe, so
+ brauchte ich es nicht weiter zu entwickeln, da man es ja nahezu
+ wörtlich auch diesem Kongreß zugrunde gelegt, unser Programm gehe aber
+ in seinem ersten Teile noch weiter, indem es das internationale
+ Programm in schärfster Fassung enthalte und klar und scharf seine
+ Stellung auch zum bestehenden Staate formuliere. Die „Volkspartei“ sei
+ insofern mit uns einverstanden, als sie unsere politischen Forderungen
+ und auch einige unserer sozialen (Normalarbeitstag, Verbot der
+ Kinderarbeit) in ihrem Programm habe, also ein gewisses Stück Weg
+ neben uns hergehe. Sie in den Punkten zu bekämpfen, in denen sie
+ gleicher Meinung mit uns sei, sei Torheit; selbstverständlich würden
+ wir ihr aber überall da entgegentreten, wo Differenzen zwischen ihr
+ und uns beständen, also vorzugsweise auf dem sozialen Gebiet. Die
+ Volkspartei sei, das wüßten wir genauer als jeder andere, eine Partei,
+ die aus vermiedenen Elementen zusammengesetzt sei. Sie bestehe aus
+ großdeutschen konstitutionellen Monarchisten, bürgerlichen
+ Republikanern und einer kleinen Zahl von Leuten, welche im
+ wesentlichen auch unser soziales Programm anerkennten, letztere seien
+ indes sehr in der Minderheit. Einig sei die Volkspartei in dem Kampfe
+ gegen die großpreußischen Tendenzen, den Militarismus und Zäsarismus
+ und bekämpfe von diesem Standpunkt aus mit uns auch die uns feindlich
+ gesinnte Fortschritts- und nationalliberale Partei. Wir ständen also
+ zur Volkspartei in keinem anderen Verhältnis, als es sich aus der
+ Natur der beiderseitigen Standpunkte von selbst ergebe. Habe doch
+ Lassalle dasselbe der Arbeiterpartei gegenüber der Fortschrittspartei
+ im Jahre 1863 angeraten, ja Lassalle habe sogar an mehreren Stellen
+ seiner Schriften über „Verfassungswesen“ sich selbst als Mann der
+ Volkspartei bezeichnet. Ebenso haltlos wie die beständigen Vorwürfe
+ über unser Verhalten zur Volkspartei seien die Einwendungen gegen
+ unsere Organisation. Lebten wir in Deutschland in einem freien Staat,
+ dann verstünde sich von selbst, daß wir nur praktische Gründe bei
+ Entwerfung einer Organisation im Auge zu behalten hätten. Deutschland
+ sei aber kein Freistaat, sondern bestehe aus Staaten, die zum größten
+ Teil sehr reaktionär seien, und in denen die Macht der Gesetze sich
+ unliebsamen Volksorganisationen sehr fühlbar mache. Die Auflösung des
+ Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in Sachsen, die Schließung der
+ vielen Gemeinden in Preußen, der Beschluß des preußischen
+ Obertribunals gegen den schleswig-holsteinischen Wahlverein, der eine
+ ähnliche Organisation gehabt habe wie der Allgemeine Deutsche
+ Arbeiterverein, die neuesten Vorgänge in Bayern bewiesen, wie das
+ Gesetz jederzeit die Organisation vernichten könne. Hätte Schweitzer
+ die Urteile der Untergerichte über seinen Verein durch alle
+ Appellinstanzen verfolgt, das Obertribunal hätte zweifellos die
+ Organisation als ungesetzlich anerkannt und wäre damit das Verbot des
+ Vereins für Preußen ausgesprochen worden. Schweitzer habe sich davor
+ gehütet, und wenn sein Verein dennoch existiere, dann habe er dies
+ einzig und allein der Gunst zu verdanken, deren er sich notorisch von
+ seiten des Berliner Polizeipräsidiums und der Regierung zu erfreuen
+ habe. Wir müßten eine Organisation schaffen, die mit der
+ Einheitlichkeit zugleich die formelle Unabhängigkeit der
+ Parteimitglieder an den einzelnen Orten vor dem Gesetz möglich mache.
+ Die Einheitlichkeit der Partei sei gewahrt in dem von der Partei
+ gewählten und in seinen Machtbefugnissen scharf begrenzten und
+ zugleich kontrollierbaren Parteiausschuß, wodurch jede „Führerschaft“
+ beseitigt und der Herrschaft einer einzelnen Person ein für alle Mal
+ ein Ende gemacht sei; ferner in regelmäßigen Steuern, die monatlich
+ jedes Parteimitglied leistet; und endlich in dem Parteiorgan, das
+ Eigentum der Partei sei, zu Privatzwecken also nicht benutzt werden
+ könne. Durch diese Einrichtungen sei also die Möglichkeit einer
+ kräftigen Agitation zur Verbreitung der Partei und die Geltendmachung
+ des Parteiwillens in allen Fragen gegeben. In den Lokalvereinen
+ könnten die Parteigenossen die Parteiangelegenheiten in der
+ ungehindertsten Weise besprechen und die lokale Agitation betreiben,
+ ohne daß das Gesetz eingreifen könne. Daß die von uns angenommene
+ Organisation wirklich und nicht bloß in der Einbildung gut sei,
+ beweise, daß trotz aller Verfolgungen, welche die Partei vom ersten
+ Tage ihres Bestehens zu erdulden gehabt habe, die Organisation noch
+ nicht angetastet worden sei, weil man es einfach nicht könne. Mit
+ einer Organisation, wie sie der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein
+ habe, würden wir längst zugrunde gerichtet worden sein.
+
+ Habe die Polizei das Urteil des Obertribunals auf den Allgemeinen
+ Deutschen Arbeiterverein nicht angewandt, so kennzeichne das mehr als
+ alles andere das gute Einvernehmen des Chefs des Allgemeinen
+ Deutschen Arbeitervereins mit der preußischen Polizei. Wir hätten uns
+ einer solchen Gönnerschaft nicht zu erfreuen, wollten sie auch nicht
+ haben, müßten also unsere Organisation so einrichten, daß sie gegen
+ polizeiliche Uebergriffe sicher sei. Die Form sei übrigens für uns
+ Nebensache, die Hauptsache sei das Prinzip und seine Anwendung. Wir
+ gehörten nicht zu denen, die als Orthodoxe die äußere Form über die
+ Sache setzten, wir hielten die Organisation keineswegs für
+ unverbesserlich. Jedes Mitglied der Partei könne seinen Einfluß für
+ Aenderung derselben geltend machen, und gelänge es ihm, die Majorität
+ hierfür zu gewinnen, dann sei der Wille derselben entscheidend; die
+ ganze Verfassung der Partei sei mit einem Worte demokratisch.
+
+Ich hatte mit meinen Ausführungen kein Glück. Die Einberufer stießen
+sich an unserer Stellung zur Volkspartei, die man, gerade weil sie ein
+radikales Programm habe, als gefährlich am schärfsten bekämpfen müsse.
+Auch passe ihnen unsere Organisation nicht.
+
+In dem Bericht, den ich in Nr. 10 des „Volksstaat“ von 1870
+veröffentlichte, führte ich noch aus:
+
+ Ich ergriff wiederholt das Wort und widerlegte die aufgestellten
+ Bedenken, sah aber sehr bald ein, daß alles Reden unnütz sei, da man
+ einmal fest entschlossen war, eine vierte Arbeiterfraktion mit dem
+ ganzen bureaukratischen Apparat einer solchen zu konstituieren. Ich
+ erklärte darauf, daß ich mein Mandat als erledigt betrachte und an den
+ öffentlichen Verhandlungen nur insofern noch teilnehmen würde, um eine
+ Erklärung über meine Stellung zu dem Kongreß abzugeben.
+
+ Als kurz darauf die öffentliche Versammlung wieder aufgenommen wurde,
+ legte ich die Gründe dar, die mich verhinderten, weiter an den
+ Verhandlungen mich zu beteiligen. Zugleich benutzte ich diese
+ Gelegenheit, um nochmals öffentlich die Vorurteile entschieden
+ zurückzuweisen, die noch als Erbstück Schweitzerscher Erziehung gegen
+ unsere Partei in der Versammlung vorhanden sein möchten. Nachdem ich
+ geendet, zog ich mein Mandat zurück und verließ mit unseren
+ Parteigenossen den Saal.
+
+ War die mir offiziell übertragene Mission auch als gescheitert zu
+ betrachten, so habe ich dennoch die moralische Ueberzeugung von
+ Augsburg mitgenommen, daß die Masse der Arbeiter es müde ist, sich
+ kleinlicher persönlicher oder formeller Bedenken wegen gegenseitig in
+ die Haare zu geraten. Die Arbeiter begreifen, daß nur in festem
+ Zusammenhalten, in der Vereinigung aller Kräfte die Gewähr des Sieges
+ für sie liegt, und ich müßte mich sehr täuschen, wenn nicht trotz der
+ jetzt konstituierten vierten sozialdemokratischen Fraktion der
+ Zeitpunkt sehr nahe herangekommen wäre, wo der vollständige Eintritt
+ in die sozialdemokratische Arbeiterpartei stattfinden wird.
+
+Die hier ausgesprochene Hoffnung erfüllte sich rasch. Bereits im Juni
+fand auf dem Stuttgarter Kongreß eine Verständigung und der Uebertritt
+der bayerischen Fraktion in unsere Partei statt. Auf meiner Rückreise
+von Augsburg hielt ich in München eine Volksversammlung ab, in der als
+Zuhörer der damals zwanzigjährige Georg v. Vollmar anwesend war, wie er
+mir gelegentlich erzählte.
+
+Der Monat Januar 1870 war für mich noch insofern von besonderem
+Interesse, als der Rat der Stadt Leipzig beschloß, dem
+Arbeiterbildungsverein den Rest der städtischen Unterstützung von 200
+Taler jährlich zu entziehen, weil der Verein sich für das Eisenacher
+Programm erklärt hatte. Die Stadtverordneten beschlossen wenige Tage
+darauf nach einer heftigen Debatte mit 27 gegen 16 Stimmen, dem Beschluß
+des Rats beizutreten. An demselben Abend wählte mich der Verein wieder
+mit 121 gegen 20 Stimmen zu seinem Vorsitzenden.
+
+ * * * * *
+
+Die Agitation zur Ausbreitung der Partei wurde seit Eisenach von uns in
+ganz Deutschland mit allen Kräften betrieben. Unter den zahlreichen
+Versammlungen, die auch ich abhielt, waren zwei in Plauen im Vogtland
+gegen Dr. Max Hirsch dadurch von besonderem Interesse, daß der Inhalt
+meiner Reden zu einer neuen Anklage gegen mich wegen Verbreitung
+staatsgefährlicher Lehren Veranlassung gab. Als dann noch vor Erledigung
+dieser Anklage das Strafgesetzbuch für den Norddeutschen Bund Geltung
+erlangte, das diese Bestimmung des sächsischen Strafgesetzes nicht
+enthielt, wurde das Material in dem nachher eingeleiteten
+Hochverratsprozeß wider mich verwertet. Diese Versammlungen, die an zwei
+Abenden hintereinander stattfanden, weil in der ersten die Debatte nicht
+zu Ende kam, endeten mit einer vollständigen Niederlage Dr. Max
+Hirschs, der damals Vertreter für den Plauener Wahlkreis im
+norddeutschen Reichstag war. Zwei Jahre zuvor war ich Dr. Max Hirsch
+auch in seiner Vaterstadt Magdeburg entgegengetreten und hatte ihm hier
+ebenfalls eine große Niederlage beigebracht. In einer späteren
+Magdeburger Versammlung, in der ich Schweitzers Treiben scharf
+kritisierte, warf ein fanatischer Zimmerer ein Bierglas nach mir, das
+hart an meinem Kopf vorbeiflog und an der Wand zerschellte. Wäre ich
+getroffen worden, so würde ich höchst wahrscheinlich einen Schädelbruch
+davongetragen haben. Diese Zeilen wären dann wohl nicht geschrieben
+worden. Das waren eben Liebenswürdigkeiten, mit denen sich damals die
+feindlichen Brüder traktierten.
+
+ * * * * *
+
+Der Stuttgarter Kongreß der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei war von
+uns auf den 4. bis 7. Juni einberufen worden. Anwesend waren 74
+Delegierte. Unter den Gästen befand sich auch Eduard Vaillant mit seinem
+Freunde Dr. Mülberger, deren Bekanntschaft ich damals machte. Nach den
+Bestimmungen der norddeutschen Bundesverfassung mußten Ende August 1870
+die Neuwahlen zum Reichstag stattfinden — die nachher der Ausbruch des
+Deutsch-Französischen Krieges verhinderte — und so war die Frage der
+Taktik bei den Wahlen ein Hauptthema in den Verhandlungen. Liebknecht
+und ich, die wir über die praktische Beteiligung im Parlament in
+Meinungsverschiedenheiten geraten waren, worüber ich noch an anderer
+Stelle berichte, hatten uns auf folgende Resolution verständigt:
+
+ „Die sozialdemokratische Arbeiterpartei beteiligt sich an den Reichs-
+ und Zollparlamentswahlen lediglich aus agitatorischen Gründen. Die
+ Vertreter der Partei im Reichstag und Zollparlament haben, soweit es
+ möglich, im Interesse der arbeitenden Klasse zu wirken, im großen und
+ ganzen aber sich negierend zu verhalten und jede Gelegenheit zu
+ benutzen, die Verhandlungen beider Körperschaften in ihrer ganzen
+ Nichtigkeit zu zeigen und als Komödienspiel zu entlarven.
+
+ Die sozialdemokratische Arbeiterpartei geht mit keiner anderen Partei
+ Allianzen oder Kompromisse ein, dagegen empfiehlt der Kongreß bei den
+ Wahlen zum Reichstag und Zollparlament da, wo die Partei einen eigenen
+ Kandidaten nicht aufstellt, solchen Kandidaten ihre Stimmen zu geben,
+ die wenigstens in politischer Hinsicht wesentlich unseren Standpunkt
+ einnehmen. Namentlich empfiehlt der Kongreß in den Bezirken, wo die
+ Partei von Aufstellung eigener Kandidaten absieht, von anderen
+ Parteien aufgestellte wirkliche Arbeiterkandidaten zu unterstützen.“
+
+Werth-Barmen beantragte, die Nichtbeteiligung an den Wahlen
+auszusprechen; die Resolution sei inkonsequent. Dieser Antrag wurde
+abgelehnt und unsere Resolution angenommen.
+
+Darauf kam die Grund- und Bodenfrage zur Verhandlung, für die ich
+Berichterstatter war. Die von mir vorgeschlagene Resolution lautete:
+
+ „In Erwägung, daß die Erfordernisse der Produktion wie die Anwendung
+ der Gesetze der Agronomie — wissenschaftlichen Bewirtschaftung des
+ Bodens — den Großbetrieb beim Ackerbau erheischen und, ähnlich wie in
+ der modernen Industrie, die Einführung von Maschinen und die
+ Organisation der ländlichen Arbeitskraft notwendig machen, und daß im
+ allgemeinen die moderne ökonomische Entwicklung den Großbetrieb im
+ Ackerbau erstrebt; — in Erwägung, daß demgemäß bei dem Ackerbau wie bei
+ der Großindustrie die allmähliche Verdrängung der kleinen und
+ mittleren Eigentümer durch die Großbesitzer vor sich geht, das Elend
+ und das Abhängigkeitsverhältnis der weitaus größten Mehrzahl der
+ Ackerbaubevölkerung zugunsten einer kleinen Minorität stetig zunimmt
+ und dies den Gesetzen der Humanität und Gerechtigkeit
+ zuwiderläuft; — in Erwägung, daß die produktiven Eigenschaften des
+ Bodens, die keine Arbeit erheischen, das Material aller Produkte und
+ aller brauchbaren Dinge bilden: spricht der Kongreß die Ansicht aus,
+ daß die ökonomische Entwicklung der modernen Gesellschaft es zu einer
+ gesellschaftlichen Notwendigkeit machen wird, das Ackerland in
+ gemeinschaftliches Eigentum zu verwandeln und den Boden von Staats
+ wegen an Ackerbaugenossenschaften zu verpachten, welche verpflichtet
+ sind, das Land in wissenschaftlicher Weise auszubeuten und den Ertrag
+ der Arbeit nach kontraktlich geregelter Uebereinkunft unter die
+ Genossenschafter zu verteilen. Um die vernünftige und
+ wissenschaftliche Ausbeutung des Grund und Bodens zu ermöglichen, hat
+ der Staat die Pflicht, durch Einrichtung entsprechender
+ Bildungsanstalten die nötigen Kenntnisse unter der ackerbautreibenden
+ Bevölkerung zu verbreiten.
+
+ Als Uebergangsstadium von der Privatbewirtschaftung des Ackerlandes
+ zur genossenschaftlichen Bewirtschaftung fordert der Kongreß, mit den
+ Staatsdomänen, Schatullengütern, Fideikommissen, Kirchengütern,
+ Gemeindeländereien, Bergwerken, Eisenbahnen usw. zu beginnen, und
+ erklärt sich deshalb gegen jede Verwandlung des oben angeführten
+ Staats- und Gemeinbesitzes in Privatbesitz.“
+
+Der Schlußsatz der Resolution wurde mehrfach angefochten, man solle
+nicht ins Detail gehen. Schließlich aber wurde der Resolution
+zugestimmt.
+
+Da um jene Zeit in Wien der Hochverratsprozeß gegen die Führer der
+österreichischen Arbeiter, Oberwinder, Andreas Scheu, Johann Most usw.
+bevorstand, ferner die österreichische Regierung die Führer der
+Arbeiterbewegung mit fanatischem Haß verfolgte und der „Sozialdemokrat“
+fortfuhr, Liebknecht als Agenten der österreichischen Regierung
+anzugreifen, schlug folgende Resolution vor:
+
+ „Der Kongreß erklärt, daß die österreichische Regierung durch ihre
+ Haltung gegenüber der Arbeiterbewegung und durch die aller
+ Menschlichkeit hohnsprechende Behandlung der eingekerkerten Arbeiter
+ sich den Haß und die Verachtung der Arbeiter aller Nationen erworben
+ hat.“
+
+Die Resolution wurde unter stürmischem Beifall des Kongresses
+angenommen.
+
+Als Kongreßort für das Jahr 1871 wurde Dresden gewählt.
+
+
+
+
+Schweitzers Ende.
+
+
+Während die geschilderten Vorgänge sich zutrugen, setzte der
+„Sozialdemokrat“ seine Angriffe mit ungeschwächten Kräften und ohne
+Bedenken über die Wahl der Kampfmittel gegen uns fort. So war es zum
+Beispiel jetzt bei ihm Sitte geworden, daß er beständig Artikel aus dem
+nationalliberalen _„Frankfurter Journal“_, das ein Organ unserer Partei
+sei, abdruckte und gegen uns verwertete. Die Verlogenheit konnte kaum
+weitergetrieben werden. Aber es kam noch besser.
+
+Unter dem Datum des 3. Juli veröffentlichte der „Volksstaat“ einen
+Aufruf des Braunschweiger Ausschusses, worin dieser aufforderte, die
+Vorbereitungen zu den Reichstags- und Zollparlamentswahlen zu treffen,
+wobei er entsprechend den Beschlüssen des Stuttgarter Kongresses darauf
+hinwies, daß in Wahlkreisen, in denen wir selbst keinen Kandidaten
+aufstellten, zu erwägen sei, ob nicht dem Kandidaten einer anderen
+Arbeiterpartei mit unseren Stimmen zum Siege verholfen werden könne. Der
+Braunschweiger Ausschuß ahnte damals nicht, daß schon am Tage vorher,
+den 2. Juli, in einer Vorstandssitzung des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins in Hannover Schweitzer Anträge eingebracht hatte, denen
+der Vorstand seine Zustimmung erteilt hatte, die folgendermaßen
+lauteten:
+
+ „1. Bei der engeren Wahl zwischen einem Reaktionär (Konservativen) und
+ einem Liberalen: Stimmabgabe für den Liberalen.
+
+ 2. Bei der engeren Wahl zwischen einem Reaktionär und einem
+ Volksparteiler (Ehrlichen, womit er uns meinte): _Stimmenthaltung_.
+
+ 3. Bei der engeren Wahl zwischen zwei Liberalen: Stimmabgabe für den
+ weitergehenden Kandidaten.
+
+ 4. Bei der engeren Wahl zwischen einem Liberalen und einem
+ _Volksparteiler (Ehrlichen): Stimmabgabe für den Liberalen_.“
+
+Die ersten drei Punkte waren einstimmig, der vierte gegen vier Stimmen
+angenommen worden.
+
+Man kann sich die Empörung vorstellen, die uns ergriff, als wir diesen
+Beschluß lasen, den wir als eine _Infamie ersten Ranges_ ansahen. Es war
+klar, daß Schweitzer und Tölcke den fanatischen Haß der
+Vorstandsmitglieder gegen uns benutzt hatten, um diesen infamen
+Beschluß, der die der Bismarckschen Politik am feindlichsten
+gegenüberstehende Partei traf, durchzusetzen. Richter-Wandsbeck hat
+später erklärt, _er habe gegen den Antrag gestimmt, weil er gewußt, daß
+Schweitzer ihn im Auftrag der Regierung gestellt habe_. Ich lasse das
+dahingestellt sein. Zweifellos entsprach aber dieser Beschluß _den
+Wünschen Bismarcks_, und das genügte.
+
+Sobald der Beschluß in unseren Reihen bekannt wurde, erließ der
+Braunschweiger Parteiausschuß unterm 11. Juli einen Aufruf, in dem es
+hieß: „daß ungeachtet jenes Beschlusses unsere Parteigenossen, wo dies
+im Interesse der Arbeitersache liege, _den Kandidaten des Allgemeinen
+Deutschen Arbeitervereins unterstützen sollten, treu dem Gedanken, daß
+die Organisation dazu da sein solle, die Einigung aller
+sozialdemokratischen Arbeiter zu ermöglichen“._ Im weiteren hieß es
+alsdann:
+
+ „Dem Herrn v. Schweitzer aber, der in der gehässigsten und
+ verwerflichsten Weise Arbeiter gegen Arbeiter, Sozialdemokraten gegen
+ Sozialdemokraten zu hetzen sucht, sind wir um der Arbeitersache
+ verpflichtet, mit aller Energie entgegenzutreten. Daher fordern wir
+ die _Parteigenossen in Barmen-Elberfeld_, dem klassischen Boden für
+ diesen Kampf, auf, die nötigen Schritte in dieser Richtung ohne Säumen
+ zu tun; _die Partei ist schuldig und verbunden, die allgemeine
+ Bewegung von einem Menschen zu säubern, der, unter dem Deckmantel
+ einer radikalen Gesinnung, bisher im Interesse der preußischen
+ Staatsregierung alles getan hat, dieser Bewegung zu schaden._ Die
+ Partei wird den Genossen in Barmen-Elberfeld zur Seite stehen. Nun
+ kräftig vorwärts!“
+
+Am 13. Juli mußte der „Sozialdemokrat“ bekanntmachen, daß sein Format
+verkleinert werden müsse, weil die verlangten 500 neuen Abonnenten nicht
+gekommen seien. Das war die Antwort auf die prahlerische Ankündigung am
+Schlusse des Vorjahres, das Format des Blattes zu vergrößern. Die Zahl
+habe sich kaum um 100 vermehrt. Bald darauf mußte aber sowohl der
+„Sozialdemokrat“ wie der „Volksstaat“, der Ende März 1870 2000
+Abonnenten hatte, weitere Raumbeschränkungen eintreten lassen. Es brach
+plötzlich der Deutsch-Französische Krieg aus, der von beiden Fraktionen
+zahlreiche Parteigenossen unter die Waffen rief, andere durch
+hereinbrechende Arbeitslosigkeit brotlos machte.
+
+Auf die Ursachen und die Entwicklung dieses Krieges komme ich in anderem
+Zusammenhang zu sprechen. Liebknecht und ich betrachteten denselben als
+einen solchen, an dem Napoleon und Bismarck gleichmäßig schuldig seien,
+und enthielten uns bei der verlangten Kriegsanleihe der Abstimmung, was
+wir durch eine Erklärung zu den Akten des Reichstags motivierten. Anders
+Schweitzer und Genossen. Nach Schweitzer war der Krieg nicht nur ein
+Krieg gegen das deutsche Volk, _sondern gegen den Sozialismus._ Und
+jeder Deutsche, der sich dem Friedensbrecher entgegenwerfe, kämpfe nicht
+nur fürs Vaterland, _sondern auch gegen den Hauptfeind der Ideen der
+Zukunft, für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit._
+
+Den Sozialismus mit dem Kriege in Verbindung zu bringen, war zwar
+grandioser Blödsinn, aber in jener aufgeregten Zeit, in der der größte
+Unsinn geglaubt wurde, wenn er sich gegen uns richtete, lag Methode in
+diesem Verhalten.
+
+Mitten in die Kriegswirren traf die Nachricht aus Wien ein, daß
+Oberwinder, Andreas Scheu, Most und Papst wegen Hochverrats, ersterer zu
+sechs Jahren, die anderen zu fünf bis drei Jahren Zuchthaus, verschärft
+für jeden durch einen Fasttag im Monat, verurteilt worden seien.
+Außerdem wurde für Oberwinder und Most die Ausweisung aus den
+österreichischen Ländern nach verbüßter Strafe ausgesprochen. Die
+übrigen Angeklagten wurden zu geringeren Strafen verurteilt. Ein
+Hauptanklagepunkt war die Beteiligung am Eisenacher Kongreß (Oberwinder
+und Scheu) und die Anerkennung des Eisenacher Programms, das nur durch
+Gewalt durchgesetzt werden könne.
+
+An der Hatz, die jetzt gegen uns seitens fast der gesamten Presse wegen
+unseres Verhaltens im Reichstag inszeniert wurde, beteiligte sich der
+„Sozialdemokrat“ in hervorragendem Maße, der uns „Landesverräter“ und
+ähnliche schöne Titel anhängte. Damit nicht genug, sandte Schweitzer
+verschiedene seiner Agitatoren nach Leipzig, die dort die Massen gegen
+uns aufhetzen sollten. Zunächst kam Hasenclever, dessen Versammlung
+durch ein Plakat angekündigt wurde, in dem es hieß: „Sämtliche Arbeiter,
+Bürger und Bewohner der Stadt werden zu dieser Versammlung freundlichst
+eingeladen. Während unsere Truppen im Felde stehen, scheint eine
+öffentliche Kundgebung des echt deutschen Sinnes unserer Einwohnerschaft
+einzelnen undeutschen Elementen gegenüber, die sich auch hier bemerklich
+machen, dringend geboten. Der Bevollmächtigte des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins.“
+
+Hasenclever machte aber schlechte Geschäfte; wir hatten die Mehrheit in
+der Versammlung, und so wurde die von uns vorgeschlagene Resolution
+angenommen. Weit schlimmer ging es in der Versammlung zu, in der nach
+ihm Wolf-Hamburg und Armborst-Stettin sprechen sollten. Hier kam es
+sofort zu tumultuarischen Szenen, die bald in ein Handgemenge
+ausarteten, dem der erschreckte Wirt durch Ausdrehen der Gasflammen ein
+Ende bereitete. Als wir nach der Versammlung in unserem Vereinslokal uns
+zusammenfanden, kam die Kunde, die Schweitzerianer seien nach
+Liebknechts Wohnung gezogen, um diesem die Fenster einzuwerfen. Im
+Sturmschritt eilten wir auf dem kürzesten Wege nach Liebknechts Wohnung,
+kamen aber leider einige Minuten zu spät. In der Tat waren Liebknecht
+eine Anzahl Fensterscheiben eingeworfen worden, und war dadurch Frau
+Liebknecht, die ahnungslos in der Stube saß und ihrem ersten Sprößling
+die Brust reichte, aufs tiefste erschreckt worden. Voll Zorn eilten wir
+den Attentätern nach und erreichten sie in der Nähe der inneren Stadt,
+worauf sie regelrecht verprügelt wurden. Kurz darauf meldete der
+„Sozialdemokrat“ die Heldentat seiner Anhänger mit den Worten:
+
+ „Der Volkszorn gegen das landesverräterische Treiben der Volkspartei
+ hat einen Ausbruch gefunden. Liebknecht sind die Fenster eingeworfen
+ worden.“
+
+Einige Tage später hatten mir eine Anzahl Studenten eine ähnliche
+Ovation zugedacht. Zu dem Fenstereinwurf sollte noch eine Katzenmusik
+kommen. Zum Glück wohnte ich hinten im Hofe im Hause eines
+Großkaufmanns. Sobald der Hauswart erfuhr, was die eines Abends
+heranziehenden Studenten beabsichtigten, schloß er rasch das Tor; so
+mußten sie unverrichteter Sache abziehen.
+
+Alle diese Hetzereien, die weiter aufzuzählen sich nicht lohnt, erregten
+derart meine Wähler, daß diese, meist arme Teufel, sich veranlaßt sahen,
+mir einen silbernen Lorbeerkranz, begleitet von einem Uhlandschen
+Sinngedicht, zu überreichen. Würde ich von dieser Absicht eine Ahnung
+gehabt haben, ich hätte ihre Ausführung verhindert.
+
+Ende August 1870 machte Tölcke im „Iserlohner Kreisblatt“ bekannt, daß
+er vorläufig die Politik an den Nagel gehangen und sich als Volksanwalt
+niedergelassen habe. Damit war eine der festesten Säulen Schweitzers
+geborsten. Aber jetzt trat auch im „Sozialdemokrat“ plötzlich eine
+Schwenkung ein, der Draht nach oben war offenbar zerrissen. Der Krieg
+mit seinen ununterbrochenen Siegen der deutschen Waffen führte
+Süddeutschland und fast das gesamte Bürgertum Norddeutschlands zu den
+Füßen Bismarcks. Selbst in den Kreisen der süddeutschen Volkspartei
+feierte der Chauvinismus wahre Orgien. Jetzt konnte ein Schweitzer
+Bismarck mehr schaden als nützen; es hatte keinen Zweck mehr, ihn zu
+halten.
+
+Am 31. August wendete sich der „Sozialdemokrat“ gegen eine gewaltsame
+Annexion von Elsaß-Lothringen. Anfang September, nach der Gefangennahme
+Napoleons, sprach er sich für Abschluß eines Waffenstillstandes und
+gegen den Gedanken einer Wiedereinsetzung Napoleons aus. Genau also wie
+wir im „Volksstaat“. Am 14. September veröffentlichte der
+„Sozialdemokrat“ einen Leitartikel, in dem er sich gegen die stehenden
+Heere aussprach und sich dabei auf Gneisenau berief.
+
+Als er die Verhaftung August Geibs in Hamburg meldete, der das Schicksal
+des Braunschweiger Ausschusses teilte, dessen Mitglieder man mit Ketten
+gefesselt nach der Festung Lötzen geschleppt hatte, bemerkte er
+ingrimmig: Liebknecht und Bebel, die andere für sich die Kastanien aus
+dem Feuer holen ließen, befänden sich als Haupthetzer in Sicherheit. Er
+brauchte nicht allzulange zu warten, und seine Sehnsucht nach unserer
+Verhaftung wurde gestillt. Als dann auch Johann Jacoby und
+Herbig-Königsberg verhaftet und ebenfalls nach Lötzen geschleppt wurden,
+wendete sich jetzt der „Sozialdemokrat“ gegen diese Verhaftung. Anfang
+November 1870 meldete das Blatt, daß Petzold-Leipzig, einer seiner
+fanatischsten Anhänger, aus dem Vorstand des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins ausgetreten sei. Er wollte von Schweitzer nichts mehr
+wissen.
+
+Für den 24. November war der Reichstag wieder einberufen worden, um
+unter anderem über eine neue Geldbewilligung für Fortsetzung des Krieges
+zu beschließen. Jetzt kündigte der „Sozialdemokrat“ an, daß diesmal die
+Abgeordneten der Partei gegen die Geldbewilligung stimmen würden. Der
+Krieg, der anfangs ein Verteidigungskrieg gewesen, sei jetzt zu einem
+Eroberungskrieg geworden. Er war also nunmehr auch hierin auf unserem
+Standpunkt. Bei den außerordentlich heftigen Debatten, die Liebknecht
+und ich beständig im Reichstag provozierten, verhielten sich Schweitzer
+und Genossen vollkommen schweigsam, sie griffen mit keinem Worte in die
+Debatte ein. Nur als Liebknecht in einer Rede sich gegen die
+Unterstellung wandte, wir seien mehr die Freunde Frankreichs als
+Deutschlands, und bemerkte: Ich will lieber der gute Bruder des
+französischen Volkes als der gute Bruder des Schurken Napoleon sein,
+rief Schweitzer ein lautes Bravo! Bravo! dazwischen. Das war die einzige
+Aeußerung, die er in den Kriegsdebatten machte.
+
+Am 17. Dezember wurden Liebknecht, Hepner (der Mitredakteur des
+„Volksstaat“) und ich in unseren Wohnungen polizeilich überfallen, und
+nachdem eine Durchsuchung unserer Wohnungen stattgefunden hatte, wurden
+wir für verhaftet erklärt und in Untersuchungshaft abgeführt. Wir waren
+also, da die Untersuchungshaft bis Ende März 1871 dauerte, während des
+Wahlkampfes, der nach Neujahr einsetzte, vollständig lahmgelegt, das
+verhinderte aber Herrn v. Schweitzer nicht, am 8. Januar im
+„Sozialdemokrat“ nochmals die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins darauf hinzuweisen, daß der Beschluß des
+Vereinsvorstandes vom 2. Juli des verflossenen Jahres betreffend ihr
+Verhalten bei engeren Wahlen sich gegen uns, die Eisenacher Ehrlichen,
+richte. Das brachte dieser Mensch fertig, während wir in strengster
+Einzelhaft hinter Schloß und Riegel saßen und Staatsanwalt und Richter
+einen Hochverratsprozeß gegen uns zusammenbrauten.
+
+Aber die Leipziger Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
+besaßen zuviel Ehrgefühl und Klassenbewußtsein, um diesem Winke zu
+folgen; sie machten mit unseren Parteigenossen gemeinsame Sache, indem
+sie mich als Kandidaten für Leipzig aufstellten. Auch weigerte sich eine
+Anzahl Kandidaten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, eine
+Erklärung zu unterschreiben, worin sie sich in ihrer Taktik bei einer
+engeren Wahl gegen uns festlegen sollten. Herr v. Schweitzer hatte
+wieder einmal den Bogen überspannt.
+
+Am 3. März 1871, dem Tage des Friedensschlusses, der mit Berechnung als
+Wahltag gewählt worden war, veröffentlichte der „Sozialdemokrat“ einen
+Leitartikel, der die größte Siegeszuversicht atmete. Aber am Abend jenes
+Tages wurde gemeldet, daß nirgends ein Sieg erfochten worden war und
+Schweitzer in Barmen-Elberfeld mit dem Kandidaten der Konservativen,
+Herrn v. Kusserow, in engere Wahl komme. Es war dieses derselbe Herr v.
+Kusserow, der im Herbst 1867 an Schweitzer 400 Taler zahlte als
+Wahlkostenbeitrag der Konservativen für seine Wahl. In der engeren Wahl
+unterlag Schweitzer mit 8477 gegen 9540 Stimmen. _Diese Niederlage
+brachte bei ihm den Entschluß zur Reife, sich vom öffentlichen Leben
+zurückzuziehen,_ was wohl am deutlichsten für seinen Charakter spricht.
+In einer langen Ansprache im „Sozialdemokrat“ vom 26. März „An die
+Partei“ kündigt er an: _er könne die Leitung fortan nicht beibehalten,_
+sein Entschluß sei unwiderruflich. Indem er auf das Wahlergebnis
+hinweist, bemerkt er, daß dasselbe zwar nicht die Ursache seines
+Rücktritts sei, aber es gebe ihm allerdings Gelegenheit, den längst
+beabsichtigten Rücktritt zu verwirklichen. Zahlreiche Parteigenossen in
+seiner Umgebung könnten bezeugen, daß er schon seit einem Jahre hierzu
+entschlossen sei. Er werde sein Amt bis zur nächsten Generalversammlung
+beibehalten, und nachdem die Partei ihn von seiner Geschäftsgebarung
+entlastet habe, die Gewalt in die Hände der höchsten Behörde der Partei
+niederlegen.
+
+Der eigentliche Grund seines Rücktritts sei: er habe lange Jahre
+hindurch Zeit, Arbeitskraft, Seelenruhe und Geld für die Arbeiterpartei
+geopfert. Niemand könne ihm zumuten, diese Opfer weiter fortzusetzen....
+Er habe das Seinige getan, habe lange genug auf dem Posten gestanden, um
+verlangen zu dürfen, daß Ablösung stattfinde.
+
+Diese Ankündigung war für den Verein wie für die Gegner Schweitzers eine
+Ueberraschung. Bisher hatte sein Gebaren nicht gezeigt, daß er es satt
+habe, auf dem Posten weiter zu stehen, auf den der Verein ihn gestellt.
+Alle seine Maßnahmen bewiesen das Gegenteil. Es mag zugegeben werden,
+daß er sich seit einem Jahre mit dem Gedanken eines eventuellen
+Rücktritts trug und ihn auch diesem oder jenem aus seiner Umgebung
+gegenüber äußerte. Aber ernsthaft daran geglaubt hat wohl niemand. Was
+seinen Entschluß zunächst hervorgerufen haben mochte, waren wohl die
+Erfahrungen in Barmen-Elberfeld und der Verlauf der Berliner
+Generalversammlung im Januar 1870, die ihm beweisen mußten, daß es ihm
+nie gelingen werde, das volle Vertrauen des Vereins zu erwerben, ja daß
+im Gegenteil das Mißtrauen und die Unzufriedenheit mit seiner Leitung
+und seinem Verhalten wuchs. Er hatte doch zu viel Anklagematerial
+geliefert, zu sehr durch zahlreiche Handlungen Kopfschütteln und
+Mißfallen erregt, als daß man schließlich es noch fertig brachte, wegen
+der glänzenden Eigenschaften, die er als Parteiführer besaß, über das
+Vorgekommene hinwegzusehen, wie das bisher geschehen war. Diesen
+Eigenschaften zuliebe hatte man ihm vieles verziehen, was der Verein
+unter anderen Umständen sich niemals würde haben bieten lassen. Aber
+dieses Maß von Nachsicht ging auf die Neige. Andererseits erkannte er,
+_daß er auf die Dauer den Krieg gegen uns mit Aussicht auf Erfolg nicht
+fortführen konnte_. Trotz aller Mängel, die damals unsere Partei noch
+aufwies in ihrer Organisation und im festen Zusammenschluß ihrer
+Glieder, die Partei wuchs beständig, und ihr moralisches Ansehen war in
+den Augen ihrer Gegner unbestritten. Es konnte also bald der Tag für ihn
+kommen, an dem er einen Friedensschluß mit uns suchen mußte, was einer
+Verurteilung seines ganzen bisherigen Verhaltens gleichkam. Diesem Gang
+unter das kaudinische Joch, als das er ihm erschien, wollte er sich
+nicht unterwerfen. Dieser Möglichkeit zog er die Preisgabe seiner
+Stellung im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein vor, die auch nach oben
+hin haltlos geworden war.
+
+Schweitzer hatte auch bereits die Fühler für die Gewinnung einer
+bürgerlichen Stellung ausgestreckt. Im Januar 1871 war ein dreiaktiges
+Drama von ihm, betitelt „Kanossa“, über eine der Berliner Bühnen
+gegangen, wodurch er zeigte, daß bei ihm dramatisches Geschick vorhanden
+war. Auf diesem Gebiet arbeitete er nunmehr weiter.
+
+ * * * * *
+
+Am 30. April hatte ein Teil des _Lassalle_schen Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins seine Auflösung und seinen Uebertritt in unsere Partei
+beschlossen. Auch August Kühn, damals in Bremen, trat in einem „Offenen
+Brief“ für eine Einigung der verschiedenen Fraktionen ein, die
+namentlich hinsichtlich der gewerkschaftlichen Bewegung eine absolute
+Notwendigkeit sei.
+
+Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins war vom
+30. April auf den 19. Mai vertagt worden. Aber Ende April ließ
+Schweitzer den „Sozialdemokrat“ eingehen, so daß nunmehr der Verein ohne
+Organ war.
+
+Auf dieser Generalversammlung nahmen namentlich die Verhandlungen über
+die Kassenzustände einen sehr weiten Raum ein; sie endeten damit, daß
+ein Antrag Frohmes einstimmig angenommen wurde, lautend, „_dem
+Präsidenten eine Rüge zu erteilen_ wegen der teilweise höchst
+unzweckmäßigen Verwendung der Gelder für die Agitation“. Im Laufe der
+weiteren Verhandlungen setzte Schweitzer auseinander, daß finanzielle
+Gründe ihn gezwungen hätten, den „Sozialdemokrat“ Ende April eingehen zu
+lassen. Er hob dabei hervor, _daß der „Sozialdemokrat“ zu keiner Zeit
+seine Kosten gedeckt habe,_ also auch kein Redaktionsgehalt ihm
+einbringen konnte. Ein Delegierter gab an, daß vom 1. Oktober 1870 bis
+1. Januar 1871 der „Sozialdemokrat“ zirka 1700 Abonnenten verlor. Der
+„Volksstaat“ verlor in der gleichen Zeit 300. Die Generalversammlung
+beschloß, den „Sozialdemokrat“ in der alten Form wieder erscheinen zu
+lassen, und zwar als Vereinseigentum. Das Blatt erschien unter dem Titel
+„Neuer Sozialdemokrat“ vom 1. Juli ab. Ferner wurde beschlossen, eine
+Verwaltungs-und Beschwerdekommission von drei Mitgliedern einzusetzen.
+An Stelle Schweitzers wurde Hasenclever zum Vereinspräsidenten gewählt,
+Hasselmann wurde erster Redakteur, Derossi Sekretär. Der Präsident wurde
+von jetzt ab mit 50 Talern monatlich honoriert.
+
+Schließlich sprach die Generalversammlung _einstimmig Schweitzer ihren
+herzlichen Dank aus für seine tatkräftige Leitung der Partei und
+bedauerte, ihn nicht länger auf diesem Posten und an ihrer Spitze zu
+haben._ Offenbar wollte man ihm eine goldene Brücke bauen und die
+Genugtuung verbergen, die sein Rücktritt bei vielen seiner früheren
+Anhänger hervorrief.
+
+Zu diesem einstimmigen Vertrauensvotum standen die Verhandlungen im
+_grellen Widerspruch_, die im nächsten Jahr auf der Generalversammlung
+des Vereins zu Berlin vom 22. bis 25. Mai 1872 gepflogen wurden. Auf
+dieser wurde das Protokoll der Vorstandssitzung in Hannover vom 3. März
+1872 verlesen, auf der Tölcke, der frühere Vertrauensmann Schweitzers,
+ausgeführt hatte:
+
+ _„Wenn man die Geschichte des Vereins betrachte, so falle es einem in
+ die Augen, daß jedesmal, wenn derselbe in die Höhe ging, irgend ein
+ Experimentchen gemacht wurde, das ihn wieder herunterbrachte.“_
+
+Worauf ihm mit Recht geantwortet wurde, daß er diese Experimente
+mitgemacht, aber bisher geschwiegen habe. Weiter äußerte Tölcke:
+
+ „Schweitzer habe keine Vereinskarten drucken lassen, weil er das
+ einkommende Geld sofort selbst konsumierte. Er (Tölcke) habe den
+ Agitatoren das doch nicht schreiben können, dann wären immer neue
+ Risse in der Partei entstanden. Aurin habe damals gesagt, die
+ _Verbandskasse_ sei nicht in Ordnung; das sei richtig gewesen, _da
+ Schweitzer 500 Taler aus der Verbandskasse genommen_ und zu seinem
+ Bankier getragen habe. Man habe in Rücksicht auf die Partei darüber
+ geschwiegen.“
+
+Weiter erzählte Tölcke:
+
+ _„Schweitzer stehe mit dem Polizeipräsidium in Verbindung und
+ hinterbringe demselben alles, was passiere. Schweitzer habe ihm kurz
+ vor dem Antritt seiner Haft in Rummelsburg gesagt, daß er (Redner)
+ sich zu jeder Zeit, wenn etwas passiere, an das Polizeipräsidium
+ wenden könne; er sei auch mit ihm dorthin gegangen und habe ihn
+ daselbst vorgestellt, wobei Schweitzer eine große Kenntnis der
+ Räumlichkeiten dort entwickelte. Nachher sei er mit ihm um den ganzen
+ Hof herum gegangen, wo sämtliche Hauptleute usw. aufgepflanzt waren
+ und den Doktor freundlich grüßten. Dann sagte ihm Schweitzer auch, daß
+ er (Redner) jederzeit zum Minister des Innern kommen könne.“_
+
+Hierauf wurde Tölcke abermals mit Recht erwidert, _er_ habe die Partei
+immer im Dunkeln tappen lassen, noch auf der vorigen Generalversammlung
+habe er Schweitzer verteidigt. Ein anderer Redner meinte: Nach seinen
+eigenen Angaben sei Tölcke ein weit _schlimmerer Verräter_ als
+Schweitzer. Ein dritter Redner äußerte:
+
+ „_Er bemerke die Anwesenheit Doktor Schweitzers und frage an, ob auch
+ Nichtmitglieder anwesend sein dürfen. Könne sich Schweitzer weder als
+ Mitglied noch als überwachender Polizeibeamter ausweisen, so habe er
+ ohne weiteres das Lokal zu verlassen._“
+
+Es wird konstatiert, daß Schweitzer seit seinem Rücktritt vom Präsidium
+keine Beiträge mehr bezahlte, also kein Mitglied des Vereins mehr sei.
+Schweitzer verließ hierauf das Lokal.
+
+_Lingner beantragte alsdann, einen Beschluß zu fassen, daß Schweitzer
+nicht mehr in den Verein aufgenommen werden dürfe, er wolle ihn
+ausgeschlossen wissen._
+
+Bei der Abstimmung wurde der Antrag, _daß Schweitzer nicht mehr in den
+Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein aufgenommen werden könne, mit 5595
+gegen 1177 Stimmen bei 1209 Enthaltungen angenommen._
+
+So endete Schweitzers politische Laufbahn. Er war preisgegeben und
+verurteilt selbst von denen, die ihm viele Jahre ein fast unbegrenztes
+Vertrauen schenkten oder wie Tölcke seine Helfershelfer waren. Mayer
+meint in seinem von mir mehrfach zitierten Buche über Schweitzer, es
+wären die literarischen Gefälligkeiten gegen den konservativen
+Sozialpolitiker Rudolf Meyer gewesen, die Schweitzers Ausschluß aus dem
+Verein herbeigeführt hätten. Das ist ein Irrtum, _so_ empfindlich war
+man in jener Zeit im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein nicht. Auch
+hätte alsdann _Hasenclever_ ausgeschlossen werden müssen, der, wie
+_allbekannt_ war, damals ebenfalls mit Rudolf Meyer im Verkehr stand.
+Dieser Verkehr wäre aber auch kein Grund zu einem Ausschluß aus der
+Partei gewesen. Haben doch auch Fr. Engels und ich später zu Rudolf
+Meyer in persönlichen Beziehungen gestanden, der 1893 in Prag unser
+Führer durch die Stadt war. Ich meine, an den gewichtigsten Gründen für
+den betreffenden Beschluß gegen Schweitzer mangelte es dem Verein nicht,
+man brauchte nicht nach anderen zu suchen.
+
+Mit Schweitzer schied eine Persönlichkeit aus dem politischen Leben,
+die, wenn sie zu ihren sonstigen Eigenschaften auch die Eigenschaften
+gehabt hätte, _die der Führer einer Arbeiterpartei unbedingt haben muß,_
+Selbstlosigkeit, Ehrlichkeit und volle Hingabe an die zu vertretende
+Sache, unbestreitbar der erste Führer der Partei bis an sein Lebensende
+geblieben wäre, wie ich das schon hervorhob. Man mag diese großen Fehler
+seiner Persönlichkeit bedauern, übersehen durfte man sie nicht. Unter
+den damaligen Verhältnissen wäre er der gegebene Mann gewesen. Viele
+Jahre erbitterter Kämpfe, in denen Zeit, Kraft, Gesundheit und Geld zur
+Freude der gemeinsamen Gegner verschwendet und verpufft wurden, was
+wieder ungezählte Kräfte abhielt, sich der Bewegung anzuschließen, wären
+unmöglich gewesen. Die Saat, die Schweitzer gesät, trug auch weiter ihre
+Früchte. Wohl hatte er die Ideen des Sozialismus in seltener Klarheit
+und Lebendigkeit den Massen beizubringen verstanden — das war sein
+Verdienst, und diese Tätigkeit stand mit der zweideutigen politischen
+Rolle, die er spielte, durchaus nicht im Widerspruch —, aber politisch
+hatte er Unheil gesät, den Fanatismus großgezogen und durch den Apfel
+der Zwietracht eine dauernde Spaltung und damit die Schwächung der
+Arbeiterbewegung aufrecht zu erhalten versucht.
+
+Dieses war nach meiner Ueberzeugung seine eigentliche Aufgabe. Die
+Richtigkeit derselben wird bestätigt durch die bereits zitierte
+Aeußerung Tölckes auf der Berliner Generalversammlung, „daß bei einem
+Blick auf die Geschichte des Vereins es in die Augen falle, daß, sobald
+derselbe in die Höhe ging, irgend ein Experiment gemacht worden sei, das
+ihn wieder herunterbrachte“. Dafür liefert die Geschichte des Vereins
+zahlreiche Beispiele. Genau so ging es mit den Gewerkschaften. Nachdem
+ihre Gründung, weil im Zuge der Zeit liegend, unumgänglich war, mußte
+eine möglichst widersinnige Organisation ihre Entwicklung hemmen. Wenn
+hier Schweitzer seinen Zweck nicht erreichte, so, weil die Bewegung viel
+zu gesund war, um sich in spanische Stiefel schnüren zu lassen, sie
+wuchs ihm über den Kopf.
+
+Der eigentliche Zweck seiner Tätigkeit, und in Bismarcks Augen ihr
+Hauptzweck, war, _eine der Regierung politisch gefügige Arbeiterbewegung
+zu schaffen._ Darum wurde als Grenzlinie für ihre Opposition der
+Standpunkt der Fortschrittspartei festgehalten, jener Partei, die nach
+Schweitzers Diktum in sozialen Dingen die Partei des Rückschritts war.
+Daß Schweitzer nach alledem, was ich hier an Tatsachen zusammengestellt
+habe, im Dienste Bismarcks stand, kann nicht dem geringsten Zweifel mehr
+unterliegen. Daß man die Summen nicht kennt, die er für seine Rolle
+bezog, beweist nichts. Dergleichen wird nicht, wie ich wiederhole, auf
+offenem Markte abgemacht, und daß bei einem Manne wie Schweitzer auch
+nicht subalterne Beamte damit zu tun hatten, ist sicher. Nach meiner
+Ueberzeugung wußte nicht einmal der Berliner Polizeipräsident darüber
+Genaueres.
+
+Gegen seine Bestechung spricht auch nicht, daß er beständig und bis an
+sein Lebensende sich mit Gläubigern herumschlagen mußte. In der ersten
+Zeit des Bismarckschen Preußen waren die Summen nicht allzu hoch, die
+man für Dienste zahlte, wie Schweitzer sie leistete. Später stand
+Bismarck der Reptilienfonds zur absoluten Verfügung. Ueber diesen, der
+von der ganzen Oppositionspresse angegriffen wurde, schrieb und sprach
+bezeichnenderweise Schweitzer nie ein Wort. Er gehörte andererseits mit
+seinen sybaritischen Neigungen zu den Leuten, die selbst mit einem
+Bankdirektoreneinkommen leicht fertig werden. Möglich ist auch, daß er
+hoffte, und sein Ehrgeiz sprach dafür, zu gelegener Zeit mit einer
+entsprechenden Stellung in einem der Ministerien oder Reichsämter etwa
+als Geheimrat für Sozialpolitik angestellt zu werden, von der nach
+Bismarcks Geständnis seine damaligen Geheimräte nichts verstanden.
+
+Für die Rolle, die Schweitzer spielte, war aber auch unumgänglich
+notwendig, daß er frei und unabhängig nach eigenem Gutdünken mit dem
+Verein schalten und walten konnte, an dessen Spitze er stand. _Dazu
+gehörte die Diktatur._ Die Diktatur, die ihn jeder Kontrolle entzog, die
+ihm erlaubte, ganz nach eigenem Gutdünken zu handeln, ohne daß er nötig
+hatte, andere in seine Machenschaften einzuweihen oder gar ihre
+Zustimmung einholen zu müssen. Das wäre der Tod der Diktatur gewesen und
+hätte ihm seine Rolle _unmöglich_ gemacht. Daher die beständigen kleinen
+und großen Staatsstreiche, durch die er die Fesseln wieder abstreifte,
+die eben eine Generalversammlung ihm angelegt hatte. Und da Lassalle
+infolge seines eigenen Diktatorengelüstes eine Organisation geschaffen
+hatte, die dem Führer eine diktatorische Gewalt einräumte, mußte _diese
+Organisation zu einer Pflanze Rührmichnichtan gemacht und Angriffe auf
+sie zu einer Art Staatsverbrechen gestempelt werden. Die absolute Gewalt
+des Präsidenten mußte unangetastet bleiben._ Dazu mußte weiter der
+beständige Kultus mit Lassalle und der von ihm geschaffenen Organisation
+dienen, ein Kultus, über den der Zyniker heimlich lachte und seine
+Verachtung gegen diejenigen steigerte, die sich von ihm führen ließen.
+
+Schweitzer hat wie an anderer Stelle so auch Rudolf Meyer gegenüber
+geklagt über die „Undankbarkeit“ der Arbeiter. Diese Klage paßt ganz zu
+dem Bilde, das er uns zeigt. Er kam eben mit einer ganz falschen
+Auffassung von seiner Stellung in die Bewegung. Der Führer einer Partei
+wird wirklicher Führer nur durch das, was er nach seinen Kräften und
+Fähigkeiten der Partei als ehrlicher Mann leistet. Das Höchste zu
+leisten, was er vermag, ist die Pflicht und Schuldigkeit eines jeden,
+der in einer demokratischen Bewegung steht und zu ihr gehört. Durch
+seine Leistung erwirbt er sich das Vertrauen der Masse, und diese stellt
+ihn deshalb als Führer an ihre Spitze. Aber nur _als ihren ersten
+Vertrauensmann, nicht als ihren Herrn, dem sie blindlings zu gehorchen
+habe. Er ist der erwählte Verfechter ihrer Forderungen, der Dolmetsch
+ihrer Sehnsucht, ihrer Hoffnungen und Wünsche. Solange der Führer dieser
+Aufgabe gerecht wird, ist er der Vertrauensmann einer Partei; sieht
+diese aber, daß getäuscht und betrogen und auf Irrwege geführt werden
+soll, dann ist es nicht nur ihr Recht, sondern ihre Pflicht, dem Führer
+die Führerschaft zu entreißen und ihm ihr Vertrauen zu nehmen._ Eine
+Partei ist nicht der Führer wegen da, sondern die Führer der Partei
+wegen. _Und da jede Machtstellung in sich die Gefahr des Mißbrauchs
+enthält, hat die Partei die Pflicht, die Handlungen ihrer Führer unter
+scharfe Kontrolle zu nehmen._
+
+_Schweitzer sah aber die Dinge umgekehrt an, als er sie ansehen mußte._
+Er fühlte sich als eine Art _Wohltäter_, er sah in der Partei nur das
+Fußgestell, auf dem er emporstieg, das Mittel, seinen Ehrgeiz, und die
+Möglichkeit, seine Genußsucht zu befriedigen. Und als ihm dieses Spiel
+mißlang, klagte er über Undankbarkeit. Die Massen sind aber nie
+undankbar, vorausgesetzt, solange sie an die Ehrlichkeit ihrer Führer
+glauben. Und sie sind schwer zu überzeugen, daß sie betrogen werden,
+wenn sie erst jemand ihr Vertrauen schenkten. Dafür gibt es eine Menge
+Beispiele. Wer über Undankbarkeit der Massen klagt, klage sich selber
+an. Die Schuld liegt an ihm.
+
+Nachdem Schweitzer das Spiel verloren geben mußte, glaubte er auf einmal
+seinen Anhängern empfehlen zu sollen, was er, solange er im Besitz
+seiner Stellung war, aus Leibeskräften verhindert hatte. In einem
+Flugblatt, betitelt: „An meine persönlichen Freunde im Allgemeinen
+Deutschen Arbeiterverein“, das er unter dem 2. November 1872
+veröffentlichte, trat er mit aller Entschiedenheit _für eine Vereinigung
+der beiden Parteien_ ein. Natürlich konnte er dieses nicht, ohne zuvor
+zu versuchen, sein früheres Verhalten gegen uns zu rechtfertigen. Nach
+ihm war jetzt gar kein Zweifel mehr, daß wir eine sozialdemokratische
+Partei seien, wozu uns aber erst der Uebertritt zahlreicher rühriger
+Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gemacht, die er
+aber vordem mit uns in einen Topf geworfen und als Literaten,
+Schulmeister, Kaufleute, Viertels- und Achtelsintelligenzen bezeichnet
+hatte. Weiter wandte er sich gegen den Beschluß der letzten
+Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, wonach er
+nicht mehr Mitglied des Vereins werden dürfe, dessen gefeierter
+Präsident er jahrelang gewesen sei. Er sah in diesem Beschluß einen
+unlösbaren Widerspruch zu dem das Jahr vorher ihm von der
+Generalversammlung erteilten Vertrauensvotum. Er versicherte pathetisch
+seinen redlichen Willen, mit dem er der Partei gedient habe. Er setzte
+dann die Nachteile auseinander, die für beide Teile die Spaltung und
+gegenseitige Bekämpfung mit sich bringe, und forderte zu einem
+gemeinsamen Kongreß auf, der eine zentralistische Organisation, die nach
+seiner jetzigen Auffassung das eigentliche Wesen der Lassalleschen
+Organisation sei, zu schaffen habe. Er fordert, die Einigung zu schaffen
+„mit den Führern, wenn diese wollen, _ohne sie,_ wenn sie untätig
+bleiben, _trotz_ ihnen, wenn sie widerstreben“. Man sieht, er konnte
+auch so.
+
+Schweitzer hatte anfangs den Versuch gemacht, sein Flugblatt im
+„Volksstaat“ zu veröffentlichen. Dieses wurde abgelehnt, nicht weil der
+Gedanke der Einigung unseren Widerspruch fand, sondern weil namentlich
+Liebknecht Schweitzer nicht traute. Er sah in dem Flugblatt eine Falle.
+Mir machte der Vorschlag den Eindruck, daß Schweitzer seine Nachfolger
+damit ärgern und in Verlegenheit bringen wollte. Im Allgemeinen
+Deutschen Arbeiterverein versagte die Schweitzersche Aufforderung zur
+Vereinigung vollständig. Er bekam jetzt in gewissem Sinne am eigenen
+Leibe zu spüren, was er durch jahrelange Verhetzung gegen uns gesät. Es
+mußten erst weitere Jahre ins Land gehen, bis unter dem Zwange innerer
+und äußerer Umstände die Einigung der deutschen Sozialdemokratie
+verwirklicht wurde.
+
+Schließlich muß ich noch einige Handlungen Schweitzers erwähnen, die
+weiter dazu dienen, seinen Charakter in das richtige Licht zu stellen.
+Die Vorgänge, die sich auf der Generalversammlung des Allgemeinen
+Deutschen Arbeitervereins zugetragen, wurden natürlich auch der
+bürgerlichen Presse bekannt, und diese erging sich nunmehr in allerlei
+Glossen über die Schweitzer bewiesene Undankbarkeit. Darauf
+veröffentlichte er in der „Berliner Börsenzeitung“ eine Erklärung, an
+deren Schluß es hieß:
+
+ „Ich stimme Ihnen daher vollständig zu, wenn Sie sagen, daß der
+ Vorgang bezeichnend sei. Die Formfrage war diesen versammelten
+ ‚Führern‘ und ‚Agitatoren‘ nur Vorwand. Derartige immer wiederkehrende
+ Beweise von Undankbarkeit sind jedoch sehr erklärlich bei Leuten, von
+ denen leider nur ein sehr kleiner Teil durch die Begeisterung für eine
+ neue Idee bewegt wird, _während weitaus die meisten, wie ich zu meiner
+ Betrübnis beobachten mußte, nur durch den Neid gegen die höheren
+ Gesellschaftsklassen_ (den niemand heftiger als er geschürt hatte.
+ A.B.) _oder durch andere unschöne Motive angetrieben werden. Nimmt man
+ dazu den beschränkten Horizont und man wird sich über Erscheinungen
+ des Undankes oder des Blödsinnes nicht weiter wundern.“_
+
+Der „Berliner Volkszeitung“ schrieb er auf einen Artikel hin, daß er
+sich seit seinem Rücktritt von der Präsidentur des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins in keiner Weise aktiv um sozialdemokratische
+Angelegenheiten gekümmert habe und auch in Zukunft nichts damit zu
+schaffen haben wolle. Er habe es gründlich satt bekommen. Gründlicher
+konnte sich Schweitzer selbst nicht bloßstellen, als es durch solche
+Erklärungen geschah.
+
+Damit hatte er aber seiner Feindseligkeit gegen die Träger der von ihm
+so viele Jahre geleiteten Bewegung noch nicht genug getan. Fast zu der
+gleichen Zeit, in der er sein Flugblatt „An meine Freunde im Allgemeinen
+Deutschen Arbeiterverein“ veröffentlichte, erschien auf einer Berliner
+Bühne ein von ihm verfaßtes Stück, betitelt „Unser großer Mitbürger“,
+Originalposse mit Gesang in drei Akten und sieben Bildern. In diesem
+verhöhnte und verspottete er aufs blutigste die Agitatoren des
+Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, deren Erzieher doch er war.
+Selbst in der bürgerlichen Presse wurde diese Handlung als
+Charakterlosigkeit gerügt und verurteilt.
+
+Schweitzer litt jahrelang an Tuberkulose, schließlich suchte er in der
+Schweiz Heilung seines Leidens. Vergeblich. Am 28. Juli 1875 verschied
+er an einer Lungenentzündung im zweiundvierzigsten Lebensjahr. Am 7.
+Oktober desselben Jahres wurde seine Leiche, wie Gustav Mayer erzählt,
+in der Familiengruft in Frankfurt a.M. beigesetzt. Das Geleite bildeten
+ausschließlich seine Familienangehörigen und ein katholischer
+Geistlicher. Von seinen einstigen Anhängern und Bewunderern im
+Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein folgte keiner dem Sarge. Für die
+Sozialdemokratie war er tot, noch ehe er gestorben war. Eine Grabrede
+von ihrer Seite hätte keine Lobrede sein können. Auch war dazu die
+Leichengruft der Familie nicht der Ort. Auch kein Nachruf zeugt davon,
+daß man des ehemaligen Führers gedachte. So endete einer der
+bedeutendsten Führer der deutschen Arbeiterbewegung, der sein Schicksal
+selbst verschuldet hatte.
+
+
+
+
+Beginn meiner parlamentarischen Tätigkeit.
+
+
+
+
+Im konstituierenden norddeutschen Reichstag.
+
+
+Sobald ich die offizielle Anzeige meiner Wahl zum Reichstag in der
+Tasche hatte, reiste ich mit einigem Herzklopfen am 5. März 1867 nach
+Berlin. Der Reichstag war bereits am 24. Februar eröffnet worden. Ich
+ging einer ganz neuen politischen Tätigkeit entgegen. Bis jetzt war mir
+das parlamentarische Leben noch gänzlich fremd; jemand, der mich hätte
+über dasselbe unterrichten können, kannte ich nicht. Rechtsanwalt
+Schraps, der mit mir von der gleichen Partei gewählt worden war, wußte
+davon so viel wie ich. Doch hinein ins Wasser. Als ich eben die Tür zum
+alten Herrenhaus in der Leipzigerstraße, in dem der Reichstag tagte,
+öffnen wollte, wurde dieselbe von innen geöffnet und heraus trat der
+Prinz Friedrich Karl, der ebenfalls Mitglied des Reichstags war. Da
+begegnet der auf der sozialen Stufenleiter Höchste dem Niedersten,
+dachte ich. Nachdem ich mich auf dem Bureau angemeldet hatte, begab ich
+mich in die Wohnung von Rechtsanwalt Schaffrath und Professor Wigard, an
+die ich ein Empfehlungsschreiben Professor Roßmäßlers hatte, die ich
+aber beide persönlich noch nicht kannte, um zu hören, wie es im
+Reichstag stehe. Beide klagten über ihre preußischen Gesinnungsgenossen,
+die Fortschrittler, unter denen auch der Beste sich nicht auf einen
+wirklich freien, demokratischen Standpunkt erheben könne. Auch die
+partikularistischen Sachsen, Geheimrat v. Wächter und Genossen, hätten
+sich bereits durch Bismarck ins Bockshorn jagen lassen und wagten nicht
+mehr ihren konstitutionellen Standpunkt zu vertreten.
+
+Bemerken will ich, daß _damals_ die konservativen Sachsen, Hannoveraner
+usw., die schon ein weit längeres Verfassungsleben hinter sich hatten
+als die Preußen, konstitutionellen Anschauungen huldigten und in ihrem
+Lande verwirklicht hatten, die selbst liberale Preußen nicht zu
+vertreten wagten.
+
+Ich war der ersten Abteilung zugewiesen worden. Für Laien sei bemerkt,
+daß die Mitglieder des Reichstags durch das Los sieben Abteilungen
+zugewiesen werden, welche damals noch die Wahlprüfungen endgültig
+vorzunehmen hatten und wie heute die Fachkommissionen wählen. Aus diesem
+Grunde muß die Zahl der Kommissionsmitglieder stets durch sieben teilbar
+sein.
+
+Meiner Frau schrieb ich unter dem 8. März: Schraps und ich bildeten die
+äußerste Linke und wir säßen dementsprechend. Weiter nach links zu
+rücken, verhindere uns die Wand, die wollten wir aber doch nicht mit dem
+Kopfe einrennen.
+
+Unter den Abgeordneten befand sich damals die Elite der
+norddeutschen Politiker und parlamentarischen Koryphäen. Da sah ich
+wieder v. Bennigsen, der im Vorjahr dem Abgeordnetentag in
+Frankfurt a.M. präsidiert hatte; weiter Dr. Karl Braun-Wiesbaden, der
+Parlamentsspaßmacher wurde und die beste Weinzunge im Reichstag gehabt
+haben soll; den roten Becker, dessen Bekanntschaft aus dem Jahre 1863
+ich erneuerte; Max Duncker, der auf seine Löwenmähne stolz war; v.
+Forckenbeck, der später Nachfolger Simsons und der parteiischste
+Präsident wurde, den den Reichstag je hatte; Gustav Freytag, der
+bekannte Romanschriftsteller; Rudolf Gneist, dem nachher eines Tages der
+Kriegsminister v. Roon vor dem ganzen Hause das Kompliment machte, er
+sei ein Mann, der alles beweisen könnte; den kleinen Lasker, der mit
+seinen kurzen Beinchen wie ein Wiesel lief, wenn er zur Tribüne eilte,
+was häufig vorkam; das ehemalige Mitglied des Kommunistenbundes Miguel,
+ein feiner Kopf und Redner; Dr. Planck, nachmals Hauptmitarbeiter am
+Bürgerlichen Gesetzbuch und Kommentator desselben; Eugen Richter, der
+noch ebenso frostig dreinsah wie 1863, als ich ihn in Frankfurt a.M.
+kennen lernte; Dr. Simson, einst einer der Präsidenten des Frankfurter
+Parlaments, dem man jetzt dieses Amt im Reichstag übertragen hatte;
+wegen der würdevollen Art, mit der er präsidierte und die Glocke
+schwang, wurde er scherzweise Jupiter Tonans genannt; Schwerin-Putzar,
+früher Minister in der „liberalen Aera“, setzte später durch, daß der
+Reichstag für die Beratung der Initiativanträge seiner Mitglieder einen
+bestimmten Tag in der Woche, in der Regel den Mittwoch, bestimmte;
+daher werden diese Tage noch heute im Parlamentsjargon Schwerinstage
+genannt. Schulze-Delitzsch, Twesten, besonders bekannt geworden durch
+sein Duell mit Herrn v. Manteuffel; v. Unruh, ein liberaler Reaktionär;
+Waldeck, der eigentliche Führer der Fortschrittspartei; die beiden
+Mecklenburger Gebrüder Wiggers, beide ehemalige Revolutionäre, von denen
+der eine zu den Nationalliberalen, der andere zur Fortschrittspartei
+gehörte. In der bundesstaatlich-konstitutionellen Fraktion ragte vor
+allen neben Windthorst Malinckrodt hervor, der mit der feinste Kopf des
+späteren Zentrums war. In der Fraktion des Zentrums, das damals aus
+Altliberalen bestand, saß Georg v. Vincke, der Schrecken der
+Stenographen. Er war der schnellste Redner des Reichstags. Endlich
+befand sich auf der äußersten Rechten und als ihr eigentlicher Führer
+der Geheime Oberregierungsrat Hermann Wagener, eine hohe, hagere
+Bureaukratengestalt, mit einem knochigen, unsympathischen Gesicht und
+einem unangenehmen Organ.
+
+Eine gewichtige Person war Karl Mayer v. Rothschild, den das annektierte
+Frankfurt mit Unterstützung der „Frankfurter Zeitung“ in den Reichstag
+geschickt hatte. Rothschild war eine untersetzte, breitschulterige
+Persönlichkeit mit wohlgepflegtem pechschwarzen Haar und Bart; er trug
+eine schwere goldene Kette über dem ziemlich stattlichen Bauch und war
+immer höchst elegant gekleidet. Ich erkannte ihn auf den ersten Blick,
+ohne je ein Bild von ihm gesehen zu haben. Aehnlich erging es mir im
+nächsten Reichstag mit Schweitzer. Auch gehörten dem Reichstag die
+Generale Vogel v. Falckenstein und v. Steinmetz an; sie waren gewählt
+worden wegen ihrer Kriegstaten im vorhergehenden Jahre.
+
+Mehr aber als alle die Genannten interessierte mich Bismarck, den ich
+vordem noch nicht gesehen hatte. Er erschien damals im Reichstag fast
+immer im schwarzen Gehrock, schwarzer Weste und hoher schwarzer
+Geheimratskrawatte, aus der die weißen Spitzen der Vatermörder
+hervorfahen. Das Haar, soweit er solches noch besaß, war dunkel, ebenso
+der kurzgeschnittene Schnurrbart. Nach den drei Haaren, die nach Angabe
+aller seiner Karikaturenzeichner auf dem im übrigen kahlen Schädel
+stehen sollten, wie drei Pappeln auf weiter Flur, hielt ich vergebens
+Ausschau. Entweder waren sie nur in der Phantasie der Zeichner vorhanden
+gewesen, oder er hatte sie im Verfassungskampf als Trophäe in den Händen
+seiner Gegner lassen müssen. Ich war sehr begierig, ihn sprechen zu
+hören, aber nicht wenig enttäuscht, als der Hüne sich erhob und, statt
+mit einer Löwen- oder Stentorstimme, mit einer Diskantstimme zum Hause
+sprach. Er prägte lange, sehr verwickelte Sätze, stockte auch zeitweilig
+ein wenig, sprach aber stets interessant. Was er sagte, hatte Hand und
+Fuß.
+
+Bismarck hatte sich zwar mit der großen Mehrheit der Liberalen,
+namentlich den Nationalliberalen ausgesöhnt, aber er war immer noch
+mißtrauisch gegen sie und fürchtete, daß sie in die alten Fehler der
+Sucht nach parlamentarischer Macht verfallen und ihm das Leben wieder
+sauer machen möchten. Den Verfassungsentwurf hatte er deshalb auf seinen
+eigenen Leib zugeschnitten, aber diesen Entwurf konnten die Liberalen,
+so sehr sie auch sich zu bescheiden bereit waren, doch nicht ohne einige
+nicht unerhebliche Aenderungen akzeptieren. Schließlich machte er ihnen
+eine Anzahl Konzessionen, aber in zwei Hauptpunkten, dem eisernen
+Militäretat und der Verweigerung der Diäten, gaben sie ihm nach.
+Letztere hätte er sicher auch gewährt, wie er später einmal zugestand,
+wären die Liberalen, die in der ersten Abstimmung mit erheblichem Mehr
+die Diäten durchgesetzt hatten, festgeblieben. Aber schon damals wurde
+das Umfallen, namentlich den Nationalliberalen, zur süßen Gewohnheit. Es
+wäre undenkbar gewesen, daß Bismarck, wie er drohte, die Verfassung ins
+Wasser fallen ließ, falls die Diäten in derselben blieben. Diese Blamage
+konnte er sich vor der Welt nicht zufügen. Im konstituierenden Reichstag
+bezogen übrigens die Abgeordneten sämtlicher Staaten, mit Ausnahme jener
+von Preußen, Mecklenburg und Reuß jüngerer Linie, Diäten, so zum
+Beispiel wir sächsischen Abgeordneten vier Taler pro Tag, die aus der
+Landesstaatskasse gezahlt wurden.
+
+Dagegen mußte Bismarck in der Sitzung am 28. März, in der der Artikel
+über das künftige Wahlrecht für den Reichstag zur Beratung stand,
+dieses verteidigen. Die rechtsnationalliberalen Abgeordneten v. Sybel,
+Grumbrecht-Harburg und Dr. Meier-Thorn und verschiedene Redner der
+Rechten hatten Bedenken gegen dasselbe geäußert. Sybel sah in ihm „die
+Diktatur der Demokratie“. Darauf erklärte Bismarck: Das allgemeine
+Wahlrecht ist uns gewissermaßen als ein Erbteil der deutschen
+Einheitsbestrebungen überkommen; wir haben es in der Reichsverfassung
+gehabt, wie sie in Frankfurt entworfen wurde; wir haben es im Jahre 1863
+den damaligen Bestrebungen Oesterreichs in Frankfurt entgegengesetzt,
+und ich kann nur sagen: _Ich kenne wenigstens kein besseres Wahlgesetz._
+
+Er setzte dann auseinander, wie es ganz unmöglich gewesen sei, in dem zu
+gründenden Bunde von einundzwanzig Staaten eine andere gemeinsame
+Basis für ein Wahlrecht zu finden. Oder wolle man etwa das
+Dreiklassenwahlsystem? „Ja, wer dessen Wirkung und Konstellationen, die
+es im Lande schafft, etwas in der Nähe beobachtet hat, muß sagen, _ein
+elenderes, ein widersinnigeres Wahlgesetz ist nicht in irgend einem
+Staate ausgedacht worden_.“ Er warf diesem Gesetz Willkür und Härte vor.
+Der Erfinder desselben würde es nie gemacht haben, hätte er sich die
+praktische Wirkung desselben vergegenwärtigt. Er finde es natürlich,
+_daß jeder sich als Helot, als politisch tot ansehe, der durch dieses
+Gesetz in eine untere Wählerklasse gestellt werde._
+
+Meine erste parlamentarische Handlung bestand darin, daß ich den
+Reichstag zu einer Ungesetzlichkeit verleitete. Da diese Tat noch nicht
+in die Tafeln der Geschichte eingegraben worden ist, sei sie hier in
+Kürze erzählt. Als ich der ersten Abteilungssitzung beiwohnte, stand
+zufällig die Wahl des Abgeordneten Professor v. Wächter für Leipzig auf
+der Tagesordnung. Wächter war in engerer Wahl mit 5434 gegen 4403
+Stimmen gewählt worden. Der Leipziger Magistrat hatte aber den groben
+Fehler begangen, daß er nicht, wie §7 des Wahlreglements vorschreibt,
+den Wahlkreis in Wahlbezirke, von denen keiner über 3500 Einwohner haben
+darf, einteilte, sondern daß er die Namen der gesamten Wählerschaft der
+Stadt, nach dem _Alphabet geordnet_, auf acht Wahlorte verteilte, die
+im Mittelpunkt der Stadt lagen. Es entschied also nicht der Wahlbezirk,
+sondern die alphabetische Ordnung der Namen der Wähler, wo ein solcher
+zu wählen hatte. Der Berichterstatter Graf Bethusy-Hue trug den Fall
+vor, der nach seinem eigenen Geständnis sehr kritisch lag. In der
+Debatte, die über die Gültigkeit der Wahl entstand, ergriff auch ich das
+Wort und führte aus: Ich wohnte seit sechs Jahren in Leipzig, wäre mit
+den politischen Verhältnissen der Stadt genau bekannt und könnte danach
+bestimmt behaupten, wenn der Wahlkreis nach der gesetzlichen Vorschrift
+eingeteilt worden wäre, würde das Wahlresultat auch kein anderes gewesen
+sein. Diese Auffassung, nach der ich die gesetzliche Vorschrift
+vollständig ignorierte, schlug durch. Die Kommission beschloß mit 14
+gegen 11 Stimmen die Gültigkeit der Wahl, und das Plenum schloß sich dem
+Antrag _ohne Debatte_ einstimmig an.
+
+Ich hatte also den Leipziger Magistrat vor einer großen Blamage bewahrt,
+der er verfallen wäre, wenn die Wahl für ungültig erklärt worden wäre.
+Ich hatte aber auch der Stadt die Vertretung gerettet, denn da der
+Reichstag bereits am 17. April geschlossen wurde, hätte eine Nachwahl,
+für die eine neue Wählerliste aufgestellt werden mußte, nicht mehr
+rechtzeitig stattfinden können. Daß so beschlossen wurde, war allerdings
+nur in ungefestigten Verhältnissen möglich, wie sie in der ersten
+Session dieses neuen Reichstags vorhanden waren.
+
+Ich habe oben den Namen des Grafen Bethusy-Hue genannt. Dieser Herr war
+einer der oberflächlichen Vielredner jener Zeit und liebte es besonders,
+in gewagten Bildern zu sprechen. So äußerte er zum Beispiel eines Tages:
+„man müsse den Strom der Zeit an der Stirnlocke fassen“; ein andermal
+sagte er mit Beziehung auf die Abgeordneten: „sie seien von der
+Sehnsucht erfüllt, heimzukommen zu ihren väterlichen Ochsen“, ein Satz,
+der die stürmische Heiterkeit des ganzen Hauses hervorrief.
+
+Einmal Mitglied des Reichstags, hatte ich das Bedürfnis, eine größere
+Rede im Plenum zu halten. In meinem Wahlkreis wartete man sehnlichst
+darauf und richtete dementsprechende Anfragen an mich. Aber die
+Schlußanträge waren sehr häufig, und in der Generaldebatte über den
+Verfassungsentwurf war mir das Wort abgeschnitten worden. Endlich
+gelangte ich bei Artikel 14, Verhältnis der süddeutschen Staaten zum
+Norddeutschen Bund, zum Worte. Ich führte aus:
+
+ Ich sei überzeugt, daß es Preußen bei der Gründung des Norddeutschen
+ Bundes keineswegs um eine Einigung Deutschlands zu tun gewesen sei
+ (lebhafter Widerspruch rechts), man habe im Gegenteil ein spezifisch
+ preußisches Interesse, die Stärkung der hohenzollernschen Hausmacht,
+ im Auge gehabt. (Lebhafter Widerspruch rechts. Der Präsident forderte
+ zur Ruhe auf, man solle mich nachher widerlegen.) Betrachte man den
+ Bund näher, so ergebe sich ein ganz abnormes Verhältnis der übrigen
+ Staaten zu Preußen. Der Bund sei nur ein Groß-Preußen, umgeben von
+ Vasallenstaaten, deren Regierungen nichts weiter als
+ Generalgouverneure der Krone Preußen seien. (Lebhafter Widerspruch
+ rechts.)
+
+Ich führte weiter aus:
+
+ Wenn Preußen die süddeutschen Staaten in das Bundesbündnis hätte mit
+ aufnehmen wollen, hätte es das gekonnt. Die Behauptung, daß Frankreich
+ dem entgegengetreten sein würde, ließe ich nicht gelten, denn durch
+ die Militärkonventionen mit den süddeutschen Staaten sei die
+ militärische Macht Deutschlands im Falle eines Krieges in der Hand
+ Preußens vereinigt. Frankreich würde sich also gehütet haben, sich
+ gegen die Aufnahme Süddeutschlands in den Nordbund zu erklären. Eine
+ Einmischung von seiner Seite in die inneren Angelegenheiten
+ Deutschlands würde zur Folge gehabt haben, daß ganz Deutschland sich
+ wie Ein Mann gegen Frankreich erhoben hätte.
+
+ Wenn der Prager Friedensvertrag nur eine _international_ geregelte
+ Einigung zwischen Nord- und Süddeutschland zulasse, dann sei damit
+ bewiesen, wie Preußen in der Frage denke, denn Preußen habe den Prager
+ Friedensvertrag diktiert, und würde die preußische Regierung finden,
+ daß dieser Vertrag ihr schädlich sei, so werde sie nicht anstehen,
+ denselben zu zerreißen. (Oh! Oh! rechts.) Ich sei auch überzeugt, daß
+ Oesterreich dasselbe tun werde, sobald es die Niederlage und Blamage
+ des vorigen Jahres auswetzen könne. Die preußische Regierung wolle die
+ süddeutschen Staaten nicht in den Nordbund aufnehmen, weil alsdann
+ Preußen eine Majorisierung fürchten müsse. Preußen werde sich also
+ begnügen, daß es durch die Militärkonventionen die militärische
+ Gewalt in die Hände bekommen habe, im übrigen werde man durch
+ Zollverträge die vorhandene Kluft zu überbrücken trachten, aber
+ ausfüllen werde man sie nicht. Eine solche Politik unterstützten wir
+ nicht. Ich protestierte dagegen, daß man eine solche Politik eine
+ deutsche nenne, und ich protestierte gegen einen Bund, der nicht die
+ Einheit, sondern die _Zerreißung_ Deutschlands proklamiere, gegen
+ einen Bund, der Deutschland _zu einer großen Kaserne mache_ (lebhafter
+ Widerspruch) und den letzten Rest von Freiheit und Volksrecht
+ vernichte.
+
+Der nationalliberale Abgeordnete Weber-Stade fand, daß durch meine Rede
+ein Mißton in die Versammlung geworfen worden sei, er hoffe aber, daß
+mit dem Aussprechen solcher Mißtöne die Gelegenheit zur Auflösung
+derselben in Harmonie gegeben sei.
+
+Der Abgeordnete _Miquel_ polemisierte ebenfalls gegen mich. Ich hätte
+bedauert, daß der Norddeutsche Bund den Rechten der kleinen Fürsten
+einen _so_ gewaltigen Abbruch tue, daß sie sich in der beklagenswerten
+Stellung von Generalgouverneuren befänden. Das war eine Verdrehung
+meiner Worte, da ich mit dem Gleichnis nur dartun wollte, was für ein
+sonderbares Gebilde dieser Norddeutsche Bund sei. Wären damals sämtliche
+Klein- und Mittelstaaten annektiert worden, ich hätte keinen Finger
+dagegen gerührt. Ein weiteres Diktum von Miquel war: Der preußische
+Staat ist _kein_ Militärstaat, sondern ein Staat der Kultur.... Es sei
+wunderbar, welche Koalition von Gegnern dem neuen Staatsgebilde
+entgegentrete. Auf der einen Seite die _entschiedensten Demokraten,_
+deren Tendenzen doch nicht darauf hinausliefen, sich besonders für die
+Machtvollkommenheit der kleinen Fürsten zu interessieren, und verbunden
+mit ihnen sei die ultramontane Partei, die, wenn man offen sein wolle,
+unser Vaterland nirgends anderswo als in Rom sehe.
+
+Man sieht, daß vom ersten Augenblick unseres parlamentarischen Lebens
+bereits die Denunziation auftauchte, wir seien Verbündete der
+ultramontanen Partei, die damals im norddeutschen Reichstag noch keine
+organisierte Vertretung hatte. Miquel ist also der Vater dieser
+Denunziation, die bis heute von seinen Gesinnungsgenossen uns gegenüber
+praktiziert wird. Im weiteren sprach er die Hoffnung aus, der König von
+Preußen werde mit Gegnern wie Bebel fertig werden. Bis heute hat sich
+diese Hoffnung nicht erfüllt, so wenig wie die andere, die drei
+Jahrzehnte später geäußert wurde: die Sozialdemokratie sei nur eine
+vorübergehende Erscheinung.
+
+Natürlich konnte auch Lasker, die parlamentarische Anstandsdame, auf
+meine Rede nicht schweigen. Er sei nicht wenig erstaunt gewesen, daß der
+erste Redner (ich) mit so heftigen Angriffen gegen den Leiter unserer
+Politik auftrat. So viel er wüßte, gehörte ich zu einer Partei, die in
+Elberfeld-Barmen die Wahl des Herrn Ministerpräsidenten sehr kräftig
+unterstützt habe. (Er meinte die Wahl Bismarcks.) Im übrigen müsse er
+mir allerdings das Zugeständnis machen, daß ich die Gespräche, die man
+in Bierstuben zu führen pflege, hier klar abgespiegelt habe. Hier
+unterbrach ihn der Präsident mit dem Bemerken, daß es ihm (Lasker) nicht
+zustehe, eine solche Kritik an der Rede eines Kollegen zu üben. In einer
+persönlichen Bemerkung antwortete ich Lasker: Es sei mir sehr angenehm,
+durch seine Angriffe auf meine Parteistellung eine Erklärung abgeben zu
+können. Ich gehörte nicht zu der Partei, die in Barmen-Elberfeld
+geholfen habe, den Grafen v. Bismarck durchzubringen, das heiße der
+Lassalleschen Partei. Er (Lasker) hätte dies schon aus der Tatsache
+entnehmen können, daß ich hier gegen die Politik des Grafen v. Bismarck
+aufgetreten sei. Ich gehörte nicht der Lassalleschen, sondern der
+radikaldemokratischen, oder wenn man wolle, der Volkspartei an. Auf
+seine persönlichen Angriffe hätte ich keine Veranlassung mehr
+zurückzukommen, nachdem der Präsident ihm eine Rüge erteilt habe.
+
+Meine Rede hatte erhebliches Aufsehen auch außerhalb des Hauses und
+namentlich bei meinen Wählern große Befriedigung hervorgerufen. Dagegen
+gab das liberale „Glauchauer Tageblatt“ seinem Aerger dadurch Ausdruck,
+daß es schrieb: „Der jugendliche Drechslermeister Bebel aus Leipzig hat
+seine wohleinstudierte Jungfernrede glücklich vom Stapel gelassen,
+infolgedessen schlägt das Schweinefleisch um drei Pfennig ab.“ Darauf
+antwortete nächsten Tages eine Annonce im „Schönburger Anzeiger“, der
+ebenfalls in Glauchau erschien: „Der erwartete Abschlag des
+Schweinefleisches ist nicht erfolgt, wohl aber steht infolge großen
+Andranges von ostpreußischem Rindvieh (Anspielung auf den Verfasser) ein
+bedeutender Abschlag des Ochsenfleisches bevor.“
+
+Meine Jungfernrede hatte noch zwei weitere Nachspiele. Die „Gartenlaube“
+veröffentlichte zu jener Zeit eine Reihe Artikel, in der das Auftreten
+markanter Persönlichkeiten im Reichstag besprochen wurde. Mir wurde die
+Ehre zuteil, ebenfalls in diesen Artikeln genannt zu werden. Der
+Verfasser führte aus, als ich meine Rede gehalten, sei es gewesen, als
+rausche der Sturmvogel der Revolution durch das Haus. Das schien dem
+Verleger der „Gartenlaube“, Ernst Keil, mit dem ich früher persönlich
+wiederholt wegen politischer Dinge Verkehr gehabt hatte, ein zu großes
+Lob zu sein. Der Druck der betreffenden Nummer wurde unterbrochen und
+der Satz geändert.
+
+Einige Wochen später, als ich wieder zu Hause war, traten eines Tages
+zwei aristokratisch aussehende Herren in meine Werkstatt, in der ich
+eben am Schraubstock stand und Büffelhörner zersägte. Der eine der
+Herren fragte nach dem Drechslermeister Bebel. Der bin ich, gab ich zur
+Antwort. Darauf sah mich der Frager etwas betroffen an und äußerte: Ich
+meine den Reichstagsabgeordneten Bebel. Etwas pikiert antwortete ich: Ja
+ja, der bin ich! Erstaunt sah er an mir vom Kopf bis zu den Füßen
+herunter und stellte sich als Freiherr v. Friesen auf Rötha vor. Er war
+der Bruder des Ministers. Er habe meine Reichstagsrede gelesen und sich
+über eine Anzahl Stellen in derselben gefreut. Ich verneigte mich für
+das Kompliment. Dann fragte er, wer der Dr. Johann Jacoby sei, der im
+preußischen Landtag eine so gute Rede gegen die Annexionen und die von
+Bismarck geforderte Indemnität gehalten habe. Ich gab ihm die gewünschte
+Aufklärung. Dann entfernten sich die beiden.
+
+Unsere Partikularisten waren zu jener Zeit von einem unbändigen Haß
+gegen Bismarck beseelt; sie hätten mit dem Teufel ein Bündnis
+geschlossen, um ihn zu vernichten. Während des Reichstags saß der größte
+Teil der sächsischen Abgeordneten im Leipziger Garten, der vis-à-vis dem
+Herrenhaus sich befand. Wir hatten mit dem Wirt ein Abkommen getroffen,
+wonach er für uns jeden Tag nach Schluß der Sitzung ein gemeinsames
+Mittagessen bereit hielt. Eines Tages saß ich neben dem Abgeordneten
+Haberkorn, der Bürgermeister von Zittau und Präsident der Zweiten
+sächsischen Kammer war. Im Laufe der Unterhaltung kam das Gespräch auch
+auf Bismarck, der in der Sitzung am Vormittag wieder eine seiner
+heftigen Reden gehalten hatte. Haberkorn war darüber so erregt, daß er
+sich in den denkbar stärksten Ausdrücken wider ihn erging.
+
+Gegen Ende der Session hatte der König den gesamten Reichstag zu Tisch
+ins Schloß geladen. Ich und einige andere Abgeordnete nahmen an diesem
+Essen nicht teil. Am nächsten Vormittag nach jenem Tage stieß ich im
+Reichstag auf den roten Becker, mit dem ich gut Freund geworden war.
+Becker war noch in weinseliger Stimmung und trug auf dem breit
+ausgelegten Chemisette Spuren des genossenen Weines. Becker war damals
+Junggeselle. „Nun Becker,“ fragte ich ihn, „wie war es denn gestern bei
+Wilhelms?“ Darauf stellte er sich breit vor mich hin, legte beide Hände
+auf meine Schultern, schüttelte mich ein wenig und antwortete:
+„Bebelchen, es war großartig, Wilhelm hat deliziöse Weinchen,“ dabei
+schnalzte er mit der Zunge, „und hinter mir stand so'n Kerl, der immer
+einschenkte, wenn mein Glas leer war.“ Ich lachte und fragte: „Da werden
+Sie wohl auch künftigen Einladungen ins Schloß folgen?“ worauf er
+ebenfalls lachend erwiderte: „Mein Lieber, das können Sie sich denken.“
+
+In Becker und Miquel besaß der norddeutsche Reichstag zwei Mitglieder
+des ehemaligen Kommunistenbundes, von denen jeder in seiner Art Karriere
+machte. Becker wurde Oberbürgermeister von Dortmund und später von Köln,
+in welcher Eigenschaft er auch Mitglied des Herrenhauses wurde. Miquel
+stieg noch einige Stufen höher. Er wurde zunächst Oberbürgermeister von
+Osnabrück, dann von Frankfurt a.M. und starb bekanntlich als geadelter
+pensionierter preußischer Finanzminister und Liebling der Agrarier.
+
+Eine Anzahl Mitglieder des ehemaligen Kommunistenbundes hatte überhaupt
+eine besondere Entwicklung genommen. So neben Becker und Miquel der
+ehemalige Schriftsetzer Wallau, der als Oberbürgermeister von Mainz
+starb, ferner Bürgers, der längere Zeit Chefredakteur der „Rheinischen
+Zeitung“ war und während einer Legislaturperiode Mitglied des Deutschen
+Reichstags wurde. Er gehörte wie damals Becker zur Fortschrittspartei.
+
+Am 16. April fand die namentliche Abstimmung über die Verfassung des
+Norddeutschen Bundes statt. Von 283 anwesenden Mitgliedern — der
+Reichstag zählte 297 — stimmten 230 dafür und 53 dagegen. Außer Schraps
+und mir _die gesamte Fortschrittspartei,_ die Polen, Windthorst,
+Wächter, Haberkorn und mehrere Hannoveraner. Nach Ansicht der damaligen
+Fortschrittspartei war die norddeutsche Bundesverfassung ein Werk, das
+nicht die Rechte enthielt, auf deren Gewährung eine konstitutionelle
+Volksvertretung bestehen mußte. Keine Grundrechte, kein
+Steuerbewilligungsrecht, keine Ministerverantwortlichkeit, keine Diäten.
+Dafür den eisernen Militäretat und eine große Machtstellung des
+Bundeskanzlers. Reichskanzler heißt er von 1871 ab. Am 17. April wurde
+der Reichstag geschlossen; er hatte fünfunddreißig Sitzungen abgehalten.
+
+ * * * * *
+
+Ich hatte gegen Schluß der Session meine Frau nach Berlin kommen lassen,
+um ihr die Stadt zu zeigen. Das damalige Berlin kann sich mit dem
+heutigen in nichts vergleichen. Die schmucklosen Fassaden der Häuser an
+den langen geraden Straßen ließen es langweilig und eintönig erscheinen.
+Die Häuser standen gleichmäßig nebeneinander wie ein Regiment Soldaten,
+aber ohne anregende Farbe. Der Verkehr war im Vergleich zu heute gering.
+Ab und zu humpelte ein Omnibus mit zwei müden Gäulen über das Pflaster.
+Droschken sah man selten, deren Benutzung war dem Berliner jener Zeit zu
+teuer. Das einzige moderne Verkehrsmittel war die Pferdebahn, die vom
+Kupfergraben nach Charlottenburg führte. Mit den hygienischen Zuständen
+war es übel bestellt. Eine Kanalisation war noch nicht vorhanden. In den
+Rinnsteinen, die längs der Bürgersteige hinliefen, sammelten sich die
+Abwässer der Häuser und verbreiteten an warmen Tagen mephitische
+Gerüche. Bedürfnisanstalten auf den Straßen oder Plätzen gab es nicht.
+Fremde und namentlich Frauen gerieten in Verzweiflung, bedurften sie
+einer solchen. In den Häusern selbst waren diese Einrichtungen meist
+unglaublich primitiv. Eines Abends besuchte ich mit meiner Frau das
+Königliche Schauspielhaus. Ich war entsetzt, als ich in einem
+Zwischenakt in den Raum trat, der für die Befriedigung kleiner
+Bedürfnisse der Männer bestimmt war. Mitten in dem Raum stand ein
+Riesenbottich, längs den Wänden standen einige Dutzend Pots de Chambre,
+von denen man den benutzten höchst eigenhändig in den großen
+Kommunebottich zu entleeren hatte. Es war recht gemütlich und ganz
+demokratisch. Berlin als Großstadt ist wirklich erst nach dem Jahre 1870
+aus dem Zustand der Barbarei in den der Zivilisation getreten.
+
+ * * * * *
+
+Ich hatte die Gewohnheit angenommen, nach jeder Session des Reichstags
+in meinen Wahlkreis zu reisen und in den Hauptorten eine Anzahl
+Wählerversammlungen abzuhalten, in denen ich über die Verhandlungen des
+Reichstags und meine Tätigkeit Bericht erstattete. Da wir überall große
+Säle zur Verfügung hatten, konnte ich auf Massenbesuch rechnen, und es
+war mir besonders interessant, daß von Anfang meiner Agitation an die
+Frauen ein nicht unerhebliches Kontingent zu den Versammlungsbesuchern
+stellten, die nachher eifrige Agitatorinnen für uns wurden. Da wir keine
+Presse besaßen und die paar im Kreise verbreiteten Parteiblätter nur von
+wenigen gelesen wurden, die gegnerische Presse aber unausgesetzt sich
+namentlich mit mir beschäftigte, waren diese Versammlungen nötig. Es
+bildete sich allmählich zwischen mir und meinen Wählern ein
+Vertrauensverhältnis heraus, das nichts zu wünschen übrig ließ. Die
+Gegner machten bei den verschiedenen Wahlen vergebliche Anstrengungen,
+mich aus dem Sattel zu heben. Es fiel mir sehr schwer, als ich nach zehn
+Jahren (1877) doppelt gewählt wurde, den Wahlkreis aufzugeben;
+andernfalls wäre der neugewonnene Wahlkreis (Altstadt-Dresden) der
+Partei wieder verloren gegangen.
+
+
+
+
+Im norddeutschen Reichstag und dem Zollparlament.
+
+
+Die erste Session der ersten Legislaturperiode des norddeutschen
+Reichstags wurde am 10. September 1867 eröffnet. Unter den
+Abgeordneten, die neugewählt waren, ragten besonders hervor Freiherr
+v. Hoverbeck, Franz Ziegler und v. Kirchmann. Alle drei gehörten zur
+Fortschrittspartei! Kirchmann hatte wie Ziegler eine längere
+demokratische Vergangenheit hinter sich. So gehörte er in der
+preußischen Nationalversammlung im Jahre 1848 zu den Steuerverweigerern.
+Er war aber auch einer der am meisten verfolgten preußischen Richter,
+gegen den sich die Reaktion die nichtswürdigsten Mittel erlaubte.
+Schließlich wurde er seines Amtes als Vizepräsident des
+Appellationsgerichts in Ratibor ohne Pension entsetzt, weil er einen
+Vortrag gehalten hatte über den Kommunismus in der Natur, in dem er für
+eine Einschränkung der Bevölkerungsvermehrung eintrat, und zwar im
+Interesse einer höheren Kulturentwicklung und der Beseitigung der
+wirtschaftlichen Ungleichheit. Er hatte darin vor seinen Zuhörern
+ausgeführt: „Das Ideal einer fortschreitenden Gleichheit aller Menschen
+im Glück und Wohlbefinden liegt so tief in der Brust eines jeden, daß
+man nicht zu verzagen braucht. Die Bewegung, die Annäherung zu diesem
+Ziele wird vorschreiten, des seien Sie gewiß. Wenn viertausend Jahre
+dazu gehörten, um nur die Gleichheit des Rechts in einem hohen Grade zu
+gewinnen, so dürfen wir nicht den Mut verlieren, weil die Gleichheit der
+Glücksgüter, diese viel schwerere Aufgabe, innerhalb zweier Generationen
+nicht hat erreicht werden können.“ Dieser Vortrag sollte „unsittlich“
+sein und einen so unsittlichen höheren Richter konnte der allezeit so
+fromme und sittliche preußische Staat nicht gebrauchen. Kirchmann war
+wohl der philosophisch gebildetste Kopf im Reichstag, jedenfalls stand
+er an Bildung und Wissen hoch über den Mitgliedern des Gerichtshofs, die
+ihm seine Stellung aberkannten. Außer den drei Genannten war auch
+Feldmarschall v. Moltke Mitglied des Hauses geworden. Ferner gehörte dem
+Hause der später berüchtigt gewordene Strousberg an, der es meisterhaft
+verstand, zahlreiche Vertreter des preußischen Hochadels als Lockvögel
+für seine Gründungen zu gewinnen, deren Unterschriften denn auch unter
+seinen Prospekten prangten. Das schien um so unbegreiflicher, als
+Strousbergs Aeußeres schon den Eindruck eines höchst unsympathischen
+Emporkömmlings machte. Sein Auftreten war protzenhaft. Die Feste, die er
+veranstaltete, machten in dem Berlin jener Zeit großes Aufsehen. Die
+Berliner Presse veröffentlichte lange Berichte über dieselben. So
+verschwenderisch wie er hatte bis dahin in Berlin kein Privatmann
+gewirtschaftet. Es war die Aera des Großkapitalismus, die Strousberg
+einläutete. Aristokratie und Plutokratie verschwägerten sich.
+
+Meine erste Rede in der neuen Session hielt ich anläßlich einer
+Adreßdebatte am 24. September. Ich legte Verwahrung dagegen ein, daß in
+der Adresse an das Bundesoberhaupt — den König von Preußen — sich der
+Reichstag als die Vertretung der deutschen Nation bezeichne. Der
+Präsident unterbrach mich, es gebe keine andere Vertretung der Nation.
+Darauf antwortete ich, der Reichstag vertrete nur einen Teil der Nation.
+Man habe 18 Millionen Deutsche preisgegeben — 10 Millionen
+Deutsch-Oesterreicher, 8 Millionen Süddeutsche — und Luxemburg, das
+ebenfalls aus dem Bunde geschieden sei. Außerdem bestehe auf Grund
+Artikel 4 des Prager Friedensvertrags die Gefahr, daß wir eines Tages
+die nordschleswigschen Distrikte an Dänemark abtreten müßten. Das sei
+keine nationale Politik.
+
+Darauf nahm Bismarck das Wort. Er wolle mir nicht persönlich
+entgegnen — bemerkte er etwas maliziös —, sondern weil ich mich zum
+Mundstück eines weitverbreiteten Irrtums gemacht hätte. Luxemburg sei
+nicht preisgegeben, was er durch eine Reihe Sophismen zu beweisen
+versuchte. Oder ob ich etwa wünschte, daß man wegen Luxemburg habe einen
+Krieg machen sollen? Das fiel mir selbstverständlich nicht ein, ich
+wollte nur konstatieren, daß die alten Beziehungen des Landes zu
+Deutschland infolge Bismarcks „nationaler“ Politik gelöst werden mußten,
+und zwar auf Verlangen _Napoleons_. Luxemburg war vordem deutscher
+Bundesstaat, es hatte Sitz und Stimme im Bundestag in Frankfurt, und die
+Stadt Luxemburg war deutsche Bundesfestung, und da der Großherzog von
+Luxemburg der König von Holland war, so waren Hollands Interessen in
+hohem Grade an die Deutschlands gekettet, was bei internationalen
+Verwicklungen ein Vorteil war.
+
+Am 17. Oktober hielt ich meine zweite Rede bei der Beratung des
+Entwurfes betreffend die Wehrpflicht. Der Gesetzentwurf fordere nur
+scheinbar die allgemeine Wehrpflicht, denn alle Wehrfähigen
+wehrpflichtig zu machen, sei bei der langen Dienstzeit unmöglich. Alle
+Wehrfähigen militärisch auszubilden, sei aber ein Akt der Gerechtigkeit
+und eine Wohltat für das Land. Das sei nur bei einem Wehrsystem möglich,
+wie es infolge der Militärreorganisation von Scharnhorst und Gneisenau
+in Preußen von 1809 bis 1813 bestanden habe. Daß man mit kürzerer
+Dienstzeit ebenfalls kriegstüchtige Mannschaften liefern könne, habe
+1866 auch Sachsen gezeigt, dessen weitaus größte Zahl der Mannschaften
+nicht über neun Monate bei den Fahnen gewesen sei. Auch das in Preußen
+bestehende Einjährig-Freiwilligensystem beweise es.
+
+In großer Erregung trat mir Hans Blum entgegen, der sehr ausfallend
+gegen mich wurde. Woher ich die Stirne zu einer solchen Rede nehme?
+(Rüge des Präsidenten.) In persönlicher Bemerkung antwortete ich Blum,
+ich hätte die Stirne hergenommen, wo sein Vater sie 1848 hergenommen
+habe, als er für ähnliche Forderungen wie ich im Frankfurter Parlament
+eintrat. Liebknechts und meine Reden bei diesem Gesetzentwurf
+hatten nach außen Aufsehen erregt. Wir erhielten über dreißig
+Zustimmungsadressen, fast alle aus preußischen Städten. Die Leipziger
+Parteigenossen schickten uns als Anerkennung einen neun Pfund schweren
+Schinken, der uns als diätenlosen Abgeordneten, die wir jetzt waren,
+willkommen war.
+
+Bei der Beratung des Paßgesetzes stellten Liebknecht und ich einen
+Antrag, wonach die Polizei kein Recht zu Ausweisungen haben solle. Zum
+Freizügigkeitsgesetz stellten wir Anträge, wonach die Polizei niemand
+Aufenthaltsbeschränkungen unterwerfen dürfe, solche sollten nur infolge
+eines richterlichen Urteils ausgesprochen werden können. Alle bisher
+erfolgten Ausweisungen sollten mit Inkrafttreten des Gesetzes aufgehoben
+sein. In der Rede, mit der Liebknecht den Antrag begründete, kam er auf
+die Vorgänge zu sprechen, die 1865 zu seiner Ausweisung aus Preußen und
+Herbst 1866 zu seiner Verurteilung wegen Bannbruch führten. Natürlich
+wurden die Anträge abgelehnt.
+
+Die Session ging bereits am 26. November zu Ende.
+
+ * * * * *
+
+Im Frühjahr 1868 wurde die Session des Reichstags, die am 23. März
+eröffnet worden war, unterbrochen; es sollte nach den Osterferien das
+Zollparlament zusammentreten, das für den 27. April nach Berlin berufen
+worden war. Dessen Sitzungen wurden im Sitzungssaal des preußischen
+Landtags — damals am Dönhofsplatz — abgehalten, weil für die um rund
+hundert größere Abgeordnetenzahl der Saal des Herrenhauses nicht
+reichte. Die Arrangeure für die Verteilung der Plätze begingen dabei die
+kleine Bosheit, daß sie Rothschild neben Liebknecht placierten. Alles
+lachte. Der Frankfurter Weltbankier hielt es aber in der gefährlichen
+Nachbarschaft nicht lange aus, er ließ sich einen anderen Platz
+anweisen.
+
+Unter den süddeutschen Zollparlamentsmitgliedern befanden sich eine
+Anzahl, die bereits eine politische Rolle hinter sich hatten, so Ludwig
+Bamberger, der Staatsrechtslehrer Professor Bluntschli, der katholische
+Sozialpolitiker Jörg, der Statistiker Dr. Kolb, Fürst zu
+Hohenlohe-Schillingsfürst, der spätere Reichskanzler, Professor
+Marquardsen, Rechtsanwalt Metz-Darmstadt, Moritz v. Mohl, Rechtsanwalt
+Oesterlen-Stuttgart, der gewesene Minister v. Roggenbach, Professor
+Schäffle, Professor Sepp, Freiherr v. Stauffenberg, Dr. Tafel-Stuttgart,
+Minister v. Varnbühler, Rechtsanwalt Völck — die Frühlingslerche — und
+andere.
+
+Da ich bei der Eröffnungssitzung des Zollparlaments zugegen war, wurde
+ich neben den Abgeordneten Hans Blum, v. Watzdorf und Tobias
+Jugendschriftführer. Damals bestand noch in der Geschäftsordnung des
+Reichstags die Bestimmung, daß die bei der Eröffnungssitzung anwesenden
+vier jüngsten Mitglieder neben dem Alterspräsidenten das provisorische
+Bureau bildeten. Aus Aerger, daß auf diese Weise Sozialdemokraten in
+das Bureau kommen konnten, änderte man später die Geschäftsordnung.
+Jetzt wählt der Alterspräsident die vier Schriftführer des
+provisorischen Bureaus. An Kleinlichkeit der Auffassung der Opposition
+gegenüber hat es dem Reichstag nie gefehlt.
+
+Unter den süddeutschen Abgeordneten befanden sich eine Anzahl, mit denen
+Liebknecht und ich in nähere Beziehungen traten: Ammermüller,
+Freiesleben, Kolb, Oesterlen, Schäffle, Tafel usw. Mehrere derselben,
+wie Kolb und Tafel, gehörten zur Demokratie. Der größte Teil der
+süddeutschen Abgeordneten fand sich nur sehr schwer in die neue Ordnung
+der Dinge. Das Zollparlament war eine der Früchte des zwei Jahre vorher
+stattgehabten Bruderkriegs, dessen Wunden in Süddeutschland noch nicht
+vernarbt waren. Man fühlte sich immer noch als Besiegte. Zudem war das
+Zollparlament eine politische Zangengeburt, ein Verlegenheitsprodukt,
+nicht Fisch, noch Fleisch. Die Liberalen, als Vertreter der modernen
+kapitalistischen Entwicklung, wollten aus dem Zollparlament ein
+Vollparlament machen; dem widerstrebte nicht nur Bismarck, aus
+politischen Rücksichten auf Frankreich und die Stimmung in
+Süddeutschland, dem widerstrebten auch die Vertreter aller anderen
+Parteien in Süddeutschland, die in dem Nordbund, seiner Verfassung und
+seinen Einrichtungen kein politisches Ideal sahen. Nimmt man hinzu, daß
+zu jener Zeit noch ein besonders scharfer Gegensatz in der
+Volksgesinnung zwischen Süd und Nord bestand, auf Grund dessen man in
+Süddeutschland besser Wien und Paris als Berlin kannte, das Süddeutsche
+zu jener Zeit selten besuchten, so begreift man, daß die Geister scharf
+aufeinanderplatzten, wo immer sich eine Gelegenheit dazu bot. Doch
+zeigte sich auch hier, daß die Süddeutschen an Zähigkeit hinter den
+Norddeutschen zurückstanden. Liebknecht und ich hatten manchmal Mühe,
+dem uns näher stehenden Teil der süddeutschen Abgeordneten den Rücken zu
+steifen.
+
+Der Versuch der Nationalliberalen, eine Adresse an den König von Preußen
+durchzusetzen, fiel nach heftiger Debatte mit 186 gegen 150 Stimmen, ein
+Resultat, das die Antragsteller ganz perplex machte. Ich nahm in dieser
+Session zu zwei längeren Ausführungen das Wort. Das erstemal sprach ich
+gegen den Entwurf eines Gesetzes, wonach der Tabak besteuert werden
+sollte, das zweitemal zu dem Zollvertrag zwischen dem Zollverein und
+Oesterreich. Ich stieß bei dieser Debatte scharf mit dem Abgeordneten
+Lasker zusammen. Derselbe hatte sich wieder einmal allerlei
+schulmeisterliche Bemerkungen gegen uns erlaubt und die Zustände in den
+Kleinstaaten in übertriebenster Weise angegriffen. Ich wies seine
+schulmeisterlichen Bemerkungen energisch zurück und äußerte wegen seiner
+Angriffe auf die Kleinstaaten, daß mich diese aus seinem Munde um so
+mehr wunderten, da er einem Kleinstaat (Meiningen) sein Mandat verdanke,
+eine Bemerkung, durch die ich die Lacher auf meiner Seite hatte.
+
+ * * * * *
+
+Auf den 14. Mai war eine Volksversammlung von Berliner Demokraten und
+Parteigenossen nach dem Konzerthaus berufen worden, und zwar saßen unter
+anderem im Komitee: Buchhändler Jonas, der nachher wegen geschäftlicher
+Misere nach den Vereinigten Staaten auswanderte und dort die New Yorker
+Volkszeitung mitbegründete, deren Chefredakteur er wurde, Ludwig Löwe,
+Paul Singer, Fr. Stephani, Tölde usw. Von den süddeutschen Abgeordneten
+waren Freiesleben, Kolb, Oesterlen, Schäffle und Tafel, ferner
+Liebknecht, Dr. Reinke, der vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein in
+Lennep-Mettmann gewählt worden war, und ich anwesend. Liebknecht griff
+die Politik der Fortschrittspartei und speziell Waldeck und Genossen
+heftig an, auch sprach er so scharf gegen den Nordbund, daß es einem
+Teil der Komiteemitglieder angst und bange wurde. Ich führte aus: Was
+jetzt unter den Formen der deutschen Einheit vorgenommen werde, sei nie
+und nimmer das einige Deutschland. Wir hegten die Erwartung, daß in
+einem Deutschland, das durch den Gesamtwillen der Bevölkerung getragen
+werde und an dessen Spitze eine Regierung stehe, die aus dem freien
+Willen des Volkes hervorgegangen sei, allein das wirkliche Heil für die
+Bevölkerung, insbesondere für die arbeitende Bevölkerung zu erwarten
+sei. Ich kritisierte weiter die Zustände im Norddeutschen Bund mit Bezug
+auf die Entwicklung des Militarismus: nicht Verminderung, sondern
+Vergrößerung der Lasten werde die Folge sein.
+
+Dr. Max Hirsch, der mit seinem Anhang erschienen war, versuchte Lärm
+hervorzurufen; das Tischtuch sei zwischen uns zerschnitten. Das war es
+längst; sein lärmender Anhang wurde zur Ruhe verwiesen.
+
+ * * * * *
+
+An einem Maisonntag waren Liebknecht und ich zu einem Fest des Berliner
+Schneidervereins geladen. Wir nahmen auf ihren Wunsch die Abgeordneten
+Oesterlen, Schäffle und Tafel zu demselben mit. Bei dem Ball kam es zu
+einem sogenannten Damenengagement. Die Damen stürzten sich auf uns fünf.
+Jede wollte mit einem von uns tanzen. Die vier Kollegen erklärten aber,
+nicht tanzen zu können. Nun fielen die Damen über mich Unglücklichen
+her. Vier Engagements hatte ich glücklich hinter mir, beim fünften
+versagten mir Kopf und Magen. Mir wurde übel, ich mußte in den Garten
+flüchten. Nächsten Vormittag kam eine Damendeputation zu mir in meine
+Wohnung, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Ich konnte ihr die
+beruhigende Versicherung geben, daß ich die Strapazen glücklich
+überwunden hätte. Als wir in jener Nacht nach Hause gingen, äußerte sich
+Schäffle höchst überrascht über den guten Ton und die ganze Haltung der
+Ballgesellschaft, die nicht besser hätte sein können. Er glaube, in
+Süddeutschland sei dergleichen auf einem Ballfest der Arbeiter
+unmöglich, dort würde es zu Prügeleien kommen. Ich protestierte gegen
+diese Auffassung. Ich sei zwar noch auf keinem Ballfest süddeutscher
+Arbeiter gewesen, sei aber fest überzeugt, daß dergleichen auf einem
+Fest organisierter Arbeiter nicht vorkomme.
+
+Für den 20. Mai hatte die Berliner Kaufmannschaft die Mitglieder des
+Zollparlaments zu einem Festessen geladen, bei dem das Kuvert 25 Taler
+kostete. Ich nahm an demselben nicht teil. Kollegen, die daran
+teilgenommen hatten, versicherten mir nächsten Tages, die Arrangements
+seien so mangelhaft gewesen, daß eine Anzahl Gäste sich nicht einmal
+habe satt essen können.
+
+Die meisten Süddeutschen waren froh, als sie nach vierwöchiger
+diätenloser Anwesenheit in Berlin wieder zu ihren Penaten zurückkehren
+konnten. Im übrigen waren die Sitzungen meist so schlecht besucht, daß
+die Berliner den Witz machten: Zollparlament bedeutet Leerparlament. An
+den Schlußberatungen der unterbrochenen Reichstagssession beteiligte ich
+mich nicht.
+
+ * * * * *
+
+Die nächste Session des norddeutschen Reichstags begann den 4. März
+1869. Hauptgegenstand seiner Beratung war der Gesetzentwurf für eine
+Gewerbeordnung. Ich trat erst in der 10. Sitzung in das Haus und nahm
+gleich zur Generaldebatte über den Gesetzentwurf das Wort. Ich
+polemisierte unter anderem gegen den Geheimen Regierungsrat Wagener, den
+ich wegen seines Auftretens in der Debatte als königlich preußischen
+Hofsozialisten bezeichnete. Im weiteren wandte ich mich gegen den
+Freiherrn v. Stumm, der uns heftig angegriffen hatte. Ich rechtfertigte
+unsere Agitation und Organisation. Organisierten die Arbeiter sich
+international, was er ihnen zum Vorwurf gemacht hatte, so sei dieses die
+notwendige Konsequenz gegenüber der Internationalität des Kapitalismus.
+Gegen den Abgeordneten Miquel trat ich ebenfalls polemisch in die
+Schranken, der behauptet hatte, wir in Deutschland seien in sozialen
+Dingen weiter als England und Frankreich. Ich antwortete: Jedenfalls
+streite man sich in England und Frankreich nicht mehr wochenlang wie wir
+um Gewerbefreiheit und Freizügigkeit. Ich führte ferner aus: Der
+Abgeordnete Wagener habe dem Abgeordneten Schulze-Delitzsch gegenüber
+gesagt: was er (Schulze) fordere, sei ihm (Wagener) insofern angenehm,
+als es gelte, die letzten Konsequenzen des Wirtschaftssystems zu ziehen,
+das führe dann zur Reaktion. Ich sei der Meinung, er (Wagener) habe sich
+in der Schlußfolgerung geirrt, nicht die Reaktion, sondern die
+Revolution werde schließlich kommen und kommen müssen.
+
+Ich hatte mich in meiner Rede gegen eine Kommissionsberatung des
+Gesetzentwurfes erklärt, da das Haus doch keinen von uns in die
+Kommission wähle. Das hatte die Wirkung, daß man mich in die Kommission
+schickte.
+
+Ich möchte hier die Bemerkung einschalten, daß die Teilnahme an den
+Reichstags- und Zollparlamentsverhandlungen für Liebknecht und mich ein
+großes Opfer war. Zwar taten unsere Wahlkreise, und namentlich der
+meine, was sie konnten, um uns finanziell zu unterstützen. Es war aber
+doch ein peinliches Gefühl für uns beide, von einer Wählerschaft
+finanzielle Hilfe annehmen zu sollen, die mit zur ärmsten in Deutschland
+gehörte. Eine Parteiunterstützung gab es damals noch nicht, für Diäten
+war kein Geld vorhanden. Die Diätenzahlung durch die Partei trat erst
+vom Jahre 1874 ab ein, die mager genug ausfiel. Auch mußten wir die
+Reisen nach und von Berlin aus eigener Tasche bezahlen. So fehlten wir
+häufig in den Sitzungen, manchmal sogar, wenn unser Parteiinteresse
+gebot anwesend zu sein. Schweitzer und Genossen hatten es darin besser.
+Sie wohnten in Berlin, mit Ausnahme von Reinke, der aber bereits 1868
+sein Mandat niederlegte, worauf Fritzsche an seine Stelle trat; sie
+konnten ohne Mühe und größere Opfer jeder wichtigen Sitzung beiwohnen.
+Doch waren wir bei weitem nicht die einzigen, die schwänzten. Die große
+Mehrzahl der Gesetze wurde von beschlußunfähigen Häusern angenommen. So
+blieb es bekanntlich bis zur Einführung der Diäten im Frühjahr 1906.
+
+ * * * * *
+
+Bei der zweiten Beratung der Gewerbeordnung stellten wir eine Anzahl
+Anträge, mit denen wir aber nur vereinzelt Glück hatten. Wir beantragten
+Bestimmungen, nach denen die Streitigkeiten betreffend Kündigungsfristen
+usw. Gewerbegerichten überwiesen werden sollten; wir forderten ferner
+das Verbot des Trucksystems; obligatorische Fabrikordnungen für alle
+Betriebe mit mehr als zehn Arbeitern, wobei die Arbeiter gutachtlich zu
+hören seien; weiter beantragten wir Bestimmungen über den Lehrvertrag,
+Aufhebung der Arbeitsbücher, Verbot der Kinderarbeit für Kinder unter
+vierzehn Jahren in Fabriken. Weiter verlangten wir das Verbot der
+Sonntagsarbeit, einen zehnstündigen Normalarbeitstag für Betriebe mit
+mehr als zehn Lohnarbeitern, volle Vereinigungsfreiheit für die
+Gewerkschaftsorganisationen, Einführung von Fabrikinspektoren. Meist
+hatten Schweitzer und Genossen dasselbe beantragt.
+
+Einen unerwarteten Erfolg hatte ich mit meinem Antrag, die Arbeitsbücher
+abzuschaffen. Das kam so. Das Leipziger Polizeiamt hatte eine
+Verordnung erlassen, in der es hieß: Wirte, bei denen einwandernde
+Gewerbsgehilfen einkehrten, seien verbunden, ihnen sogleich nach ihrer
+Ankunft ihre Wanderlegitimationen abzufordern und solche an das
+Fremdenbureau abzugeben. Diejenigen Gesellen aber, welche eine
+Wanderlegitimation vorzuzeigen nicht vermöchten, ohne Verzug dem
+Fremdenbureau zuzuführen. Ueberdies sollten die Wirte darauf sehen, daß
+zugewanderte oder arbeitslos gewordene Gewerbsgehilfen ohne polizeiliche
+Erlaubnis nicht über vierundzwanzig Stunden in Leipzig verweilten.
+
+Diese Verordnung stand in schneidendem Widerspruch mit dem Paßgesetz,
+das den Legitimationszwang für das Inland aufgehoben hatte. Die
+bezüglichen Bestimmungen der sächsischen Gewerbeordnung, die die
+Arbeitsbücher vorschrieben, seien, so führte ich aus, durch das
+Paßgesetz gegenstandslos geworden. Lasker unterstützte meinen Antrag,
+und so wurde derselbe angenommen. Zehn Jahre später wurden bei einer
+Revision der Gewerbeordnung von der konservativ-ultramontanen Mehrheit
+die Arbeitsbücher für Personen unter 21 Jahren wieder eingeführt.
+
+Die Annahme meines Antrags auf Beseitigung der Arbeitsbücher
+verschnupfte in den Kreisen der selbständigen Handwerker. Das ganze
+Raffinement, mit dem ich bei Stellung dieses Antrags zu Werke gegangen
+sein sollte, beschrieb Dr. C. Roscher, der Sohn des bekannten
+verstorbenen Nationalökonomen W. Roscher — dem Marx und Lassalle übel
+mitspielten —, in einem Artikel überschrieben: Wie der deutsche
+Gewerbsstand die Arbeitsbücher verlor. Fragment aus einem sozialen
+Roman. Nach C. Roscher, der heute noch in einem hohen Amt in der
+sächsischen Regierung sitzt, hatte ich meinen schlau erdachten Plan
+meinem „Freund Tübicke“ — der Mann hat wohl nie gelebt — entwickelt, als
+er mich eines Abends „in meinem öden Zimmer“ aufsucht, wo ich eben
+meine — nebenbei bemerkt — sehr kurze Rede zu meinem Antrag entwarf. Ich
+lasse mich nun — immer nach Roscher — mit Tübicke in ein Gespräch ein,
+wobei ich ihm auseinandersetze, wie ich morgen den Reichstag düpieren
+würde, damit er für meinen Antrag stimme. Ich war nicht wenig stolz, zu
+lesen, welche Schlauheit mir Roscher zuschrieb, um meine verehrten
+Kollegen über den Löffel zu barbieren. Natürlich gelang der Streich
+genau so, wie ich den Plan entworfen haben sollte. Als der Präsident
+verkündete, der Antrag habe die Mehrheit, hörte man auf der Tribüne ein
+unterdrücktes Kichern. Es war mein Freund Tübicke, der sich über das
+Gelingen meines Planes diebisch freute. Ich bin überzeugt, mancher, der
+diese Schilderung las, nahm sie ernst und sagte sich: Der Bebel ist doch
+ein verfluchter Kerl! Aber geschichtliche Wahrheit enthielt die
+Schilderung nicht. So wird aber oft Geschichte gemacht.
+
+Ein zweiter, minder wertvoller Antrag, den ich durchsetzte, war, daß
+überall, wo es im Gesetz „Muße“ hieß, „Pause“ gesetzt wurde. Die
+Regierung sah selbst ein, daß das Wort „Muße“ unpassend sei, und
+akzeptierte meinen Vorschlag. Dagegen wurden alle unsere anderen Anträge
+abgelehnt.
+
+In derselben Session wurde auch das Wahlgesetz für den Reichstag
+festgestellt. Schweitzer und Hasenclever beantragten, statt
+fünfundzwanzig Jahre zwanzig zu setzen, und der Wahltag müsse ein
+Sonntag sein. Ich beantragte, daß die Wahlen am gleichen Tage im ganzen
+Bundesgebiet stattfinden und der Wahltag ein Sonn- oder Feiertag sein
+müsse. Ferner verlangte ich, die Bestimmung zu streichen, wonach
+Personen das Wahlrecht verlieren sollten, die eine Armenunterstützung
+aus öffentlichen oder Gemeindemitteln beziehen oder im letzten Jahre vor
+der Wahl bezogen haben.
+
+Es ist überflüssig zu sagen, daß trotz aller unserer Reden diese Anträge
+ebenfalls abgelehnt wurden. Auch verloren jetzt die _unter der Fahne
+stehenden Militärpersonen das aktive Wahlrecht_. Es waren die
+Nationalliberalen, die hierfür eifrig eintraten. Die Regierungen hatten
+diese Forderung _nicht_ gestellt.
+
+Bei der Debatte über den Haushaltsetat — 24. April — hatte sich der
+Abgeordnete v. Hoverbeck für eine Entwaffnung ausgesprochen. Darauf
+antwortete ich: Ich sei der Ansicht, daß, wie gegenwärtig die Dinge in
+Europa stünden, wo der Zäsarismus hüben und der Zäsarismus drüben das
+Ruder führe, ernstlich eine Entwaffnung für möglich zu halten eine
+Torheit sei. Ich hielte es für unmöglich, daß unsere Zäsaren, von denen
+jeder nach der Gelegenheit hasche, über den anderen herzufallen und ihn
+niederzuschlagen, sich einfallen ließen, eine noch so mäßige Entwaffnung
+eintreten zu lassen. Es geschehe eben hier, was von den beiden Löwen der
+Fabel erzählt werde, sie fielen über sich her und fraßen sich bis auf
+die Schwänze auf. Dabei könnten wir nur profitieren.
+
+Am 13. Mai hielt ich eine Rede gegen das Privileg der Portofreiheit der
+Fürsten. Ich wurde wiederholt heftig unterbrochen. Meine Ausführungen
+hatten die „loyalen Gefühle“ eines Teils der Mitglieder verletzt. Dafür
+erhielt ich aus der Wählerschaft viele Zustimmungen.
+
+Am 3. Juni wurde das Zollparlament wieder eröffnet, aber bereits am 22.
+Juni geschlossen. Ich beteiligte mich nicht an den Debatten, die für
+mich keine besondere Bedeutung hatten; außerdem erforderte mein Geschäft
+meine Anwesenheit in Leipzig.
+
+ * * * * *
+
+In der Frühjahrssession des norddeutschen Reichstags von 1870 war der
+Hauptberatungsgegenstand der Strafgesetzentwurf für den Norddeutschen
+Bund. Ich nahm bei dessen Beratung nur einmal das Wort, und zwar in
+dritter Lesung bei Beratung der Todesstrafe. Der Reichstag, der in der
+zweiten Lesung mit erheblicher Mehrheit sich gegen die Todesstrafe
+ausgesprochen hatte — das im Jahre 1868 erlassene sächsische
+Strafgesetzbuch hatte sie abgeschafft, ebenso war sie in Baden
+abgeschafft worden —, stimmte jetzt auf Drängen und Drohen Bismarcks
+_für_ dieselbe, und zwar mit 127 gegen 110 Stimmen. Der _einzige_
+sächsische Abgeordnete, der _für_ die Todesstrafe eintrat, war Dr. Hans
+Blum, der Sohn des im Herbst 1848 in der Brigittenau bei Wien
+erschossenen Robert Blum. Als Blum sein Ja für die Todesstrafe abgab,
+antworteten wir auf der äußersten Linken mit einem kräftigen Pfui!
+
+Hans Blum gehörte zu den schmutzigsten und perfidesten Gegnern der
+Sozialdemokratie; um uns zu bekämpfen, war ihm _jedes_ Mittel recht.
+Selbstverständlich war er ein begeisterter Verehrer Bismarcks, und
+dieser wollte ihm wohl. Aber er konnte ihn vor schimpflichem Untergang
+nicht retten. Blum wurde wegen ehrloser Handlungen die Advokatur
+entzogen. Er ging alsdann nach der Schweiz, woselbst er eine
+Zigarrenfabrik betrieb. Er starb 1909 als wohlhabender Mann.
+
+In einer zweiten Rede in der Frühjahrssession 1870 trat ich für einen
+Antrag Lasker ein, der eine Revision des Militärstrafrechtes verlangte.
+Der Antrag wurde mit 117 gegen 73 Stimmen angenommen.
+
+Die Zollparlamentssession von 1870 war wiederum sehr kurz, sie währte
+nur gegen drei Wochen. Vor Beginn derselben hatte der Abgeordnete Dr.
+Kolb-Bayern sein Mandat für das Zollparlament niedergelegt. Das
+Zollparlament sei ein Werk der Täuschung und des Truges, das nur für die
+Machtstellung Preußens zu arbeiten habe. Es ist bemerkenswert, wie
+kampfunlustig die bürgerliche Demokratie wurde. Damit erhält man aber
+keine Partei am Leben, geschweige, daß man sie stärker macht. Die
+Klügeren sahen eben schon damals, daß bei der Entwicklung, die die
+Sozialdemokratie nahm, die bürgerliche Demokratie keine Zukunft mehr
+habe. Die wachsenden Klassengegensätze schieden immer mehr die Geister.
+
+Die Frühjahrssession 1870 war die letzte des Zollparlaments, denn wenige
+Monate nachher begann die große Tragödie, die auch die politischen
+Verhältnisse Deutschlands sehr wesentlich änderte und das Zollparlament
+überflüssig machte.
+
+
+
+
+Taktische Unstimmigkeiten.
+
+
+Bevor ich auf die Tragödie des Deutsch-Französischen Krieges eingehe,
+muß ich in Kürze auf die taktischen Unstimmigkeiten zu sprechen kommen,
+die sich zwischen Liebknecht und mir wegen unserer parlamentarischen
+Stellung herausgebildet hatten.
+
+Liebknecht hatte schon zur Zeit, als der Bismarcksche Bundesreformantrag
+zur Diskussion stand — Frühjahr 1866 —, sich gegen das Wählen zu einem
+solchen Parlament ausgesprochen, und zwar im Mannheimer „Deutschen
+Wochenblatt“. Dieses wurde aber in unseren Kreisen fast nicht gelesen,
+und da Liebknecht, soweit ich mich dessen entsinne, weder im Leipziger
+Arbeiterbildungsverein, noch im Demokratischen Verein, noch in einer
+anderen Versammlung seinen negierenden Standpunkt zur Geltung zu
+bringen suchte, kam es infolgedessen zu keiner Diskussion. Als wir dann
+Weihnachten 1866 auf unserer Landesversammlung zu Glauchau ohne jeden
+Widerspruch die Wahlbeteiligung als selbstverständlich beschlossen und
+Liebknecht, der damals drei Monate Gefängnis in der Berliner
+Stadtpolizei verbüßte, mit als Kandidaten für den 19. sächsischen
+Wahlkreis aufstellten, akzeptierte er diese Aufstellung ohne jeden
+Vorbehalt. Bei seiner zweiten Kandidatur, Hochsommer 1867, wurde er auch
+gewählt. Anfangs stellte er selbst Anträge zu Gesetzentwürfen, aber bald
+kam die alte Abneigung gegen den Parlamentarismus wieder bei ihm zum
+Durchbruch und äußerte sich in lebhaften Auseinandersetzungen zwischen
+uns über die Taktik, die wir im Reichstag einnahmen sollten.
+
+Liebknecht sah in dem Norddeutschen Bunde ein Gebilde, das mit allen
+Mitteln bis zur Vernichtung bekämpft werden müsse. An dessen Parlament
+sich anders als negierend und protestierend zu beteiligen, war nach
+seiner Meinung eine Preisgabe des revolutionären Standpunktes. Daher
+kein Paktieren, kein Kompromisseln, das heißt kein Versuch, die
+Gesetzgebung in unserem Sinne zu beeinflussen.
+
+Zu dieser Auffassung unseres revolutionären Standpunktes konnte ich mich
+nicht bekennen. Protestieren und negieren, wo es am Platze war, also vor
+allen Dingen gegen alles Schlechte und Verderbliche, aber zugleich auch
+agitieren in positivem Sinne, indem wir überall unsere Anträge zu den
+einzelnen Gesetzentwürfen stellten und damit zeigten, wie wir uns die
+Gestaltung der Dinge dachten. Indem wir diese Anträge stellten und Reden
+zu ihren Gunsten hielten, die, wenn auch noch so verstümmelt, in den
+Berichten der Zeitungen von Millionen gelesen wurden, würden wir im
+höchsten Grade agitatorisch und propagandistisch wirken.
+
+Diese Meinungsverschiedenheiten kamen zwischen uns am lebhaftesten zum
+Ausdruck, als ich zahlreiche Anträge zur Gewerbeordnung und anderen
+Gesetzentwürfen stellte, zu denen Liebknecht seine Stimme nur ungern
+hergab. Er hielt es schließlich für zweckmäßig, seinen abweichenden
+Standpunkt in einem Vortrag darzulegen, den er am 31. Mai 1869 im
+Berliner Demokratischen Arbeiterverein hielt. Der Vortrag ist nachher in
+einer Broschüre erschienen, betitelt: Die politische Stellung der
+Sozialdemokratie, insbesondere mit bezug auf den Reichstag.
+
+Liebknecht äußerte darin: Die soziale Bewegung ist ein revolutionärer
+Umgestaltungsprozeß, der sich nicht über Nacht vollziehen kann ... Aber
+die neue Gesellschaft steht in unversöhnlichem Gegensatz mit dem alten
+Staat ... Was die neue Gesellschaft will, hat daher vor allem auf
+Vernichtung des alten Staates hinzuwirken ... Für die soziale Praxis muß
+sich die Sozialdemokratie erst den staatlichen Boden schaffen ... Der
+Kampf im Reichstag sei bloß ein Scheinkampf, bloß eine Komödie ...
+Verhandeln könne man nur, wo eine gemeinsame Grundlage bestehe ...
+Prinzipien seien unteilbar, man müsse sie ganz bewahren oder ganz opfern
+... Den im Reichstag fast ausschließlich vertretenen herrschenden
+Klassen gegenüber sei der Sozialismus keine Frage der Theorie mehr,
+sondern einfach eine Machtfrage, die in keinem Parlament, die nur auf
+der Straße, auf dem Schlachtfeld zu lösen sei, gleich jeder anderen
+Machtfrage ... Alles, was von dem Werte der Reden im Reichstag gesagt
+werde, sei hinfällig. Ob man glaube, den Reichstag durch Reden bekehren
+zu können? Dieses Reden sei zwecklos, und zwecklos zu reden, sei ein
+Vergnügen der Toren.
+
+Er wendete sich dann gegen die Ueberschätzung des Wahlrechts im
+absolutistischen Staat; losgelöst von staatsbürgerlicher Freiheit, ohne
+Preßfreiheit, ohne Vereinsrecht könne das allgemeine Stimmrecht nur
+Spiel und Werkzeug des Absolutismus sein.
+
+Der Reichstag habe auch keine Macht; eine Kompagnie Soldaten jage,
+selbst wenn wir die Mehrheit darin hätten, diese Mehrheit zum Tempel
+hinaus ... Revolutionen würden nicht mit hoher obrigkeitlicher
+Bewilligung gemacht; die sozialistische Idee könne nicht innerhalb des
+heutigen Staates verwirklicht werden; sie müsse ihn stürzen, um ins
+Leben treten zu können. „Kein Friede mit dem heutigen Staat.“
+
+Diese rein negierende Stellung Liebknechts ist für die Partei nie
+maßgebend geworden, so oft er auch dafür kämpfte. Als aber in den
+achtziger Jahren unter der Herrschaft des Sozialistengesetzes der
+Anarchismus in Deutschland hier und da Boden fand, benutzten
+selbstverständlich die Anarchisten die Broschüre Liebknechts, um gegen
+uns als „parlamentarische Partei“ zu kämpfen. Es war ein unhaltbarer
+Zustand, daß eine Rede des ersten Führers der Partei ständig gegen die
+Wirksamkeit der Partei ausgenutzt wurde. Darauf machte ich ihn in einer
+Fraktionssitzung Mitte der achtziger Jahre aufmerksam. Liebknecht gab
+die Berechtigung meiner Auffassung ohne weiteres zu, und so erschien die
+neue Auflage mit einem Vorwort, in dem er darauf hinwies, daß sein in
+der Broschüre vertretener Standpunkt sich nur auf die Periode vor
+Gründung des Reiches beziehe. Im weiteren hat dann auch Liebknecht auf
+dem St. Galler Kongreß — Oktober 1887 — offen und rückhaltlos erklärt, er
+sei nunmehr zu der Ansicht gekommen, daß die praktische Tätigkeit in den
+Parlamenten eine Notwendigkeit und von großem Vorteil für die Partei
+sei. Damit waren die Meinungsverschiedenheiten zwischen uns über die
+parlamentarische Taktik beseitigt.
+
+Die Liebknechtsche Rede hatte ein gerichtliches Nachspiel. Das Berliner
+Stadtgericht verurteilte ihn in contumaciam, da er auf Vorladung nicht
+erschienen war, wegen Schmähung obrigkeitlicher Anordnungen zu drei
+Monaten Gefängnis. Das Berliner Stadtgericht forderte darauf die
+Auslieferung Liebknechts — man halte fest, daß es damals noch kein
+gemeinsames Strafrecht und kein gemeinsames Prozeßverfahren gab — auf
+Grund des Gesetzes über die gegenseitige Rechtshilfe. Diese Auslieferung
+wurde von den sächsischen Gerichten _verweigert_, weil es nach dem neuen
+sächsischen Strafrecht kein Vergehen gab wie jenes, auf das hin
+Liebknecht in Berlin verurteilt worden war. Nun verlangte die preußische
+Regierung bei der sächsischen die Verfolgung Liebknechts wegen Schmähung
+von Bundesinstitutionen. Die sächsische Regierung machte auch Miene, dem
+Verlangen stattzugeben. Die Sache zog sich aber in die Länge, und
+schließlich erging es Liebknecht mit seiner Berliner wie mir mit meinen
+Plauener Reden, sie wanderten als schätzbares Anklagematerial in die
+Akten unseres kommenden Hochverratsprozesses.
+
+
+
+
+Der Deutsch-Französische Krieg.
+
+
+
+
+Das Vorspiel zur Kriegserklärung.
+
+
+Die Haltung, die Liebknecht und ich bei Ausbruch und während der Dauer
+jenes Krieges in und außerhalb des Reichstags einnahmen, ist
+jahrzehntelang Gegenstand der Erörterung und heftiger Angriffe gewesen.
+Anfangs auch in der Partei. Aber nur kurze Zeit, dann gab man uns recht.
+Ich bekenne, daß ich unsere damalige Haltung in keiner Weise bedaure und
+daß, wenn wir bei Ausbruch des Krieges bereits gewußt hätten, was wir im
+Laufe der nächsten Jahre auf Grund amtlicher und außeramtlicher
+Veröffentlichungen kennen lernten, unsere Haltung vom ersten Augenblick
+an eine noch schroffere gewesen sein würde. Wir hätten uns nicht, wie es
+geschah, bei der ersten Geldforderung für den Krieg der Abstimmung
+enthalten, wir hätten direkt gegen dieselbe stimmen müssen.
+
+Heute kann es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß der Krieg von 1870
+von _Bismarck gewollt_ und durch ihn von langer Hand vorbereitet worden
+ist. Wenn er mit seinen Versuchen, anläßlich der Kriege von 1864 und
+1866 sich als den Unschuldigen und dazu Gereizten hinzustellen, wenig
+Glück hatte, so ist ihm dieses in bezug auf den Krieg von 1870/71
+glänzend gelungen. Mit Ausnahme eines kleinen Kreises Eingeweihter, der
+wußte, daß Bismarck mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln auf den
+Krieg mit Frankreich hinarbeitete — zu dem der damalige König und spätere
+Kaiser Wilhelm I. nicht gehörte —, hat Bismarck alle Welt düpiert und
+den Glauben zu erwecken verstanden, daß Napoleon den Krieg provozierte
+und er, der friedliebende Bismarck, sich mit seiner Politik in der Rolle
+des Angegriffenen befand. Und die offizielle und offiziöse
+Geschichtschreibung hat diesen Glauben, wonach Frankreich der Angreifer,
+Deutschland der Angegriffene war, bis heute in der großen Masse der
+Bevölkerung aufrechtzuerhalten verstanden.
+
+Allerdings hat Napoleon formell den Krieg erklärt, aber das
+Bewundernswerte in der Bismarckschen Politik lag darin, daß er die
+Karten so geschickt gemischt hatte, daß Napoleon mit der Kriegserklärung
+austrumpfen _mußte_, er mochte wollen oder nicht, und so als der
+Friedensbrecher erschien.
+
+Haben doch kurze Zeit selbst Männer wie Marx und Engels die Anschauung
+gehabt und öffentlich zum Ausdruck gebracht, Napoleon sei der
+Friedensbrecher gewesen, obgleich die Warte, auf der sie standen, für
+die Beurteilung der europäischen Politik eine weit höhere war als die
+unsere. Die Vorgänge bis zur Kriegserklärung waren so irreführend und
+verblüffend, daß man ganz die Tatsache übersah, daß Frankreich, das den
+Krieg erklärte, mit seiner Armee auf keinen Krieg vorbereitet war,
+wohingegen in Deutschland, das als der zum Kriege provozierte Teil
+erschien, die Kriegsvorbereitungen _bis auf den letzten Lafettennagel
+fertig waren_ und die Mobilmachung wie am Schnürchen sich vollzog.
+
+Die öffentliche Anklage, daß Bismarck der Urheber des
+Deutsch-Französischen Krieges sei, habe ich meines Erinnerns in der
+Partei zuerst in zwei Artikeln des „Volksstaat“, und zwar in den Nummern
+73 und 74 vom Jahre 1873 erhoben, die die Ueberschrift trugen: „Zum
+zweiten September.“ Liebknecht, dem ich die beiden Artikel vorlegte, hat
+nur einige kleine formale Aenderungen daran vorgenommen und hat sie
+beide an der Spitze seiner später erschienenen Broschüre: „Die Emser
+Depesche oder wie Kriege gemacht werden“, abgedruckt.
+
+Der Krieg mit Frankreich lag lange in der Luft. Sobald die Lösung der
+deutschen Frage durch die Kabinette und nicht durch die Volksmassen in
+die Hand genommen wurde, war bei der Situation in Deutschland und
+Europa, die der Wiener Kongreß von 1815 geschaffen hatte, auch die
+Einmischung des Auslandes zu befürchten, in erster Linie die
+Frankreichs, dessen damaliger Herrscher Napoleon sich eine Art
+Schiedsrichterrolle in Europa anzumaßen verstanden hatte. Der
+Antagonismus zwischen Oesterreich und Preußen, wie das ganze Gebilde des
+damaligen deutschen Bundes, erleichterte ihm diese Rolle. Bismarck trug
+dieser Rolle ebenfalls Rechnung, indem er von 1864 bis 1866 sich auf
+allerlei bedenkliche Unterhandlungen mit Napoleon einließ, bei denen die
+Abtretung gewisser Teile Deutschlands als Kompensation für Annexionen
+deutscher Staaten durch Preußen in Frage kam. Ich habe schon im ersten
+Teil meiner Arbeit darauf Bezug genommen.
+
+Bismarck war es gelungen, sowohl 1864 wie 1866 Napoleon zu prellen; er
+ging bei der Umgestaltung der deutschen Verhältnisse zugunsten Preußens
+leer aus. Aber seine Einmischung in die Friedensverhandlungen des
+Krieges von 1866 hatte doch genügt, um Preußen die geplante Annexion
+Sachsens unmöglich zu machen; auch war Napoleons Einfluß die Bestimmung
+des Artikel 4 des Prager Friedensvertrags zu verdanken, wonach eine
+Abtretung des dänisch sprechenden Teiles Nordschleswigs an Dänemark in
+Aussicht genommen wurde; ferner mußte Preußen auf Annexionen südlich der
+Mainlinie verzichten. Napoleons Einfluß war weiter geschuldet die Lösung
+der Luxemburger Frage im folgenden Jahre zuungunsten Deutschlands.
+
+Es liegt auf der Hand, daß diese Störung von Bismarcks Zirkeln durch
+Napoleon bei Bismarck Rache- und Vergeltungsgedanken aufkommen ließen
+und er danach gierte, die überragende Stellung Napoleons und Frankreichs
+in Europa zu brechen. Einen Krieg gegen Frankreich zu beginnen, sobald
+eine günstige Gelegenheit sich dazu biete, war von 1866 ab das Ziel der
+neupreußisch-deutschen Politik. Auf dieses Ziel wurde die militärische
+Reorganisation und Armeeerweiterung mit fieberhafter Eile betrieben; es
+wurden alle Maßnahmen bis ins kleinste getroffen, um, wenn der Moment
+komme, mit Frankreich anbinden zu können.
+
+Daß der nächste Krieg ein Krieg mit Frankreich sein werde, war seit 1866
+die Ueberzeugung aller Politiker. Auch in der Armee sah man dieses als
+selbstverständlich an und sehnte sich nach demselben. Wir klagten
+deshalb die Bismarcksche Politik an, daß sie einen Zustand für
+Deutschland geschaffen hatte, wie er seit 1815 nicht vorhanden gewesen
+sei. Das gespannte Verhältnis zu Oesterreich, das der Ausgang des
+Krieges von 1866 zur Folge hatte, mache die Frage für Deutschland
+doppelt gefährlich, weil befürchtet werden müsse, daß Oesterreich zu
+einer Revanche für 1866 mit Frankreich im Bunde bereit sein werde.
+Tatsächlich wurden auch bezügliche Verhandlungen zwischen Frankreich und
+Oesterreich gepflogen, die aber keinen Erfolg hatten, weil der
+unerwartet rasche Ausbruch des Krieges und die siegreichen Schläge, mit
+der die französische Armee von der deutschen niedergeworfen wurde, es
+Oesterreich klüger erscheinen ließen, von einer Einmischung abzusehen.
+Aus dieser Situation heraus sah man im Volke einem Kriege zwischen
+Deutschland und Frankreich mit großem Unbehagen entgegen, um so mehr, da
+man in weiten Volkskreisen noch an eine Unbesiegbarkeit Frankreichs
+glaubte. Andererseits stand allerdings fest, daß der Mangel an positivem
+Gewinn, den Napoleon aus seiner Einmischungsrolle heimgebracht, sein
+Ansehen im eigenen Lande tief heruntergesetzt und der bürgerlichen
+Opposition großen Anhang verschafft hatte. Diese Stimmung kam deutlich
+zum Ausdruck bei den Wahlen im Mai 1869, bei welchen auf die Kandidaten
+der Regierung nur rund 4469000 Stimmen, auf die der Opposition 3259000
+Stimmen fielen. Ueber diesen Wahlausfall schrieb man damals der
+„Frankfurter Zeitung“ aus Paris: „Nicht allein die moralischen, auch die
+materiellen Interessen Europas lassen die republikanische Staatsform als
+unerläßlich für die Regeneration unserer Verhältnisse erscheinen.“
+
+Die Opposition in der Kammer war auf 116 Köpfe gestiegen. Das veranlaßte
+Napoleon Anfang Januar 1870, das Mitglied der Opposition, Olivier, zum
+Präsidenten eines gemäßigt liberalen Kabinetts zu ernennen und zur
+Unterstützung seiner Politik am 8. Mai ein sogenanntes Plebiszit
+(allgemeine Volksabstimmung) vorzunehmen, wobei er für sein Regiment
+zwar 7350000 Ja gegen 1500000 Nein erzielte, aber was sehr bedenklich
+war, die Armee und Marine hatten 50000 Nein in die Urne geworfen.
+Außerdem hatten zahlreiche Städte, voran Paris, ein erhebliches Mehr
+gegen ihn ergeben.
+
+Die feindselige Stimmung gegen Napoleon war in Paris schon im Januar
+zutage getreten bei der Beerdigung des Schriftstellers Victor Noir, den
+der Prinz Pierre Napoleon bei einem persönlichen Streit meuchlings
+niedergeschossen hatte. Eine ungeheure Menschenmenge begleitete
+demonstrativ die Leiche Victor Noirs. Es fehlte nicht viel, und es wäre
+dabei zu einem revolutionären Ausbruch gekommen.
+
+Alle diese Vorgänge wirkten niederdrückend auf Napoleon, der damals
+schon an einem schmerzhaften Blasensteinleiden litt, dem er schließlich
+auch erlag. Dieses Leiden raubte ihm Energie und Tatkraft.
+
+Aber auch die militärischen Verhältnisse Frankreichs waren solche, die
+einen Krieg mit einer starken Macht für gefährlich erscheinen ließen.
+Wenn Preußen-Deutschland seit 1866 mit aller Kraft und Energie an der
+Vermehrung und Ausbildung der Armee arbeitete, so geschah gleiches nicht
+in Frankreich. Napoleon harte zwar in dem Oberst Stoffel einen
+Militärattaché in Berlin, der offene Augen und Ohren hatte und
+fortgesetzt Berichte einschickte, worin er über die gewaltigen
+Fortschritte in der militärischen Entwicklung Preußens Bericht
+erstattete und zu ähnlichem Vorgehen antrieb, aber alles war vergebens.
+Oberst Stoffel predigte tauben Ohren. Einige Urteile Stoffels, weil von
+historischer Bedeutung, mögen hier Platz finden. So schrieb er unter dem
+22. Juli 1868: „Nach meiner Meinung lebt man in Frankreich in der
+tiefsten Unwissenheit von alledem, was Preußen angeht, sowohl die
+preußische Nation als die preußische Armee.“ Am 12. August 1869 schrieb
+er prophetisch: „Preußen hat Scharfblick genug, um zu erkennen, daß der
+Krieg, den es nicht wünscht, doch ausbrechen wird, und es hat alle
+Anstrengungen gemacht, um vorbereitet zu sein für diese Eventualität,
+daß irgend ein Zwischenfall den Krieg herbeiführt.“ Ein andermal bemerkt
+er: „Das ist der Hauptgegenstand meiner Befürchtung, dieser schlagende
+Kontrast zwischen der Voraussicht Preußens und der Verblendung
+Frankreichs.“ Wütend ist er über Thiers, der 1848 verhindert habe, daß
+die allgemeine Wehrpflicht in Frankreich eingeführt wurde. _„Dieser
+Mensch war für unser Land ein schlimmeres Verhängnis als zwanzig
+Niederlagen.“_ Und bei Ausbruch des Kriegs bezeichnet er denselben von
+französischer Seite als den Krieg der Voraussehungslosigkeit, der
+Unwissenheit und der Albernheit gegenüber der Voraussicht, Bildung und
+Intelligenz. Napoleon sei krank, _die Revolution stehe vor der Tür_, und
+dazu komme die Dummheit der Kaiserin.
+
+In Paris glaubte kein Mensch an einen Krieg mit Deutschland. _Noch
+Anfang Juli 1870, also vierzehn Tage vor Ausbruch des Kriegs, beschloß
+die französische Deputiertenkammer die Herabsetzung des
+Rekrutenkontingents von 100000 auf 90000 Mann._ Der Kriegsminister
+Leboeuf erklärte, daß, _wenn er der Herabsetzung zustimme, es geschehe,
+weil er einen Beweis der Friedfertigkeit des Ministeriums geben wolle_.
+Und der Ministerpräsident Olivier erklärte auf eine Anfrage des
+Abgeordneten Jules Favre, _daß zu keiner Zeit die Erhaltung des Friedens
+mehr gesichert sei als gegenwärtig. Nirgends gebe es eine aufregende
+Frage._
+
+Und doch kam über Nacht der Krieg.
+
+„Fern im Süd das schöne Spanien“ gab ungewollt die Gelegenheit dazu.
+Seit Herbst 1868 war Spanien Republik, aber die herrschenden Klassen
+sehnten sich nach der Monarchie. So gingen sie auf die Königsuche. Wie
+nachträglich bekannt geworden ist, wurde bereits im September 1869 der
+Fürst Karl Anton von Hohenzollern davon unterrichtet, daß man seinen
+Sohn Leopold, der damals als Leutnant in einem preußischen Garderegiment
+stand, zum König von Spanien wünsche. Der preußische Gesandte in
+München, Freiherr v. Werthern, hatte dabei seine Hand im Spiele. Ob mit
+oder ohne Wissen Bismarcks? Bismarck leugnete, daß er davon etwas gewußt
+habe, aber wer glaubt es ihm? Ein Hohenzollernprinz als Kandidat für den
+spanischen Königsthron war eine Sache von größter politischer Bedeutung,
+sowohl für die Hohenzollern wie für Napoleon. Napoleon und Frankreich
+fühlten sich in ihren Interessen aufs stärkste gefährdet, wenn neben dem
+Hohenzollern an der Ostgrenze ein Hohenzoller auf der Südgrenze als
+Regent eines großen Staates hinzukam. Im Fall eines Kriegs mit
+Deutschland mußte alsdann Frankreich sich gegen einen Ueberfall von
+Süden schützen, was eine starke militärische Schwächung bedeutete.
+
+König Wilhelm hatte bezeichnenderweise von einem ernsthaften Plan,
+einen Hohenzollernprinzen auf den spanischen Königsthron zu erheben,
+_keine Ahnung_. Er erhielt die Nachricht darüber erst Ende Februar 1870
+und schrieb darauf unter dem 26. an Bismarck:
+
+ „Die Einlage fällt mir wie ein Blitz aus heiterer Luft auf den Leib!
+ Wieder ein hohenzollerischer Thronkandidat, und zwar für Spanien. Ich
+ ahndete kein Wort und spaßte neulich mit dem Erbprinzen über die
+ frühere Nennung seines Namens und beide verwarfen die Idee unter
+ gleichem Spaß! Da Sie vom Fürsten Details erhalten haben, so müssen
+ wir konferieren, obgleich ich von Haus gegen die Sache bin. Ihr W.“
+
+Bismarck ließ sich aber durch diese Ansicht des Königs nicht irre
+machen, er verfolgte konsequent seinen Plan und erreichte schließlich
+doch, daß in einer Beratung unter dem Vorsitz des Königs, an welcher der
+Kronprinz, der Fürst von Hohenzollern, er und Moltke teilnahmen, der
+Kandidatur des Prinzen Leopold zugestimmt wurde.
+
+Napoleon soll anfangs die Nachricht von der Kandidatur des
+Hohenzollernprinzen ohne besonderen Widerspruch hingenommen haben, was
+für seine Apathie und sein Ruhebedürfnis spräche. Als aber Anfang Juli
+die provisorische Regierung Spaniens sich für die Kandidatur des
+Hohenzollern aussprach und dieser Beschluß in Frankreich bekannt wurde,
+begann der größte Teil der französischen Presse zu toben wegen der
+Gefahr, die ein Hohenzoller auf dem spanischen Königsthron für
+Frankreich bedeute. Jetzt mußte auch Napoleon sich rühren. Er sandte
+seinen Botschafter Benedetti um Aufklärung zu Bismarck. Dieser gab zur
+Antwort, das _Ministerium_ wisse nichts von der Sache. So stellt er
+selbst in „Gedanken und Erinnerungen“ die Sache dar. Dort erklärt er im
+zweiten Bande auf Seite 80: Politisch habe er der Frage ziemlich
+gleichgültig gegenüber gestanden. Auf der folgenden Seite aber äußert er
+bereits: „Wenn der Herzog von Gramont (in einer 1872 erschienenen
+Broschüre) sich bemüht, den Beweis zu führen, daß ich der spanischen
+Anregung gegenüber mich nicht ablehnend verhalten hätte, so finde ich
+keinen Grund, dem zu widersprechen.“
+
+Einer seiner Verehrer hat recht, wenn er schreibt: „Indem Bismarck
+Geschichte schreibt, macht er Geschichte“, das heißt er dreht die Dinge
+so, wie sie ihm passen.
+
+Dem Lärm in der französischen Presse folgte der Lärm in der deutschen.
+Aber zunächst nicht überall. Noch am 12. Juli sprach die „Kölnische
+Zeitung“ sich sehr entschieden gegen die Hohenzollern-Kandidatur aus im
+Interesse der Ruhe Europas. Und wie man in jenen Tagen in Bürgerkreisen
+über den Militarismus dachte, darüber legt Zeugnis ab ein Beschluß einer
+Vertrauensmännerversammlung der Fortschrittspartei für Rheinpreußen am
+10. Juli in Köln. Jene Versammlung resolvierte:
+
+ „Wir erwarten und fordern von den zu wählenden Abgeordneten zum
+ Reichstag, daß sie in der nächsten Session des Reichstags insbesondere
+ für die Verminderung der Militärlast durch Verminderung der
+ Friedensarmee und Verkürzung der Dienstzeit eintreten und für den
+ Fall, _daß diese Forderung abgelehnt wird, in Ausübung ihres
+ verfassungsmäßigen Rechtes jedwede Bewilligung von Geldmitteln für das
+ Militär dem Bundespräsidium verweigern_.“
+
+Wer denkt in den bürgerlichen Parteien heute noch an dergleichen
+Schritte, obgleich mittlerweile die militärischen Rüstungen zu Wasser
+und zu Lande einen Umfang angenommen haben, den zu jener Zeit _niemand
+für möglich_ hielt.
+
+Da kam der 13. Juli, der die Entscheidung brachte. Nach der offiziellen
+und offiziösen Darstellung der Begegnung des Grafen Benedetti mit König
+Wilhelm in Ems sollte Benedetti in brüsker Weise vom König gefordert
+haben, zu erklären, daß er nie wieder eine Hohenzollernkandidatur für
+den spanischen Thron zulassen werde, nachdem an demselben Tage auf
+Betreiben des Königs Wilhelm der Hohenzollernprinz seine Kandidatur
+_zurückgezogen_ hatte. Der König hatte durch einen Adjutanten an
+Benedetti diesem mitgeteilt, daß er die Verzichtleistung approbiert
+habe. Auf einen nochmaligen Wunsch Benedettis, den König zu sprechen,
+ließ dieser, wie sein Generaladjutant Prinz Radziwill nachher in einer
+Erklärung mitteilte, „dem Grafen Benedetti durch mich zum dritten Male
+nach Tisch, etwa um 6 Uhr, erwidern, Seine Majestät müsse es entschieden
+ablehnen, in betreff der bindenden Erklärungen für die Zukunft sich in
+weitere Diskussionen einzulassen. Was er heute morgen gesagt, wäre sein
+letztes Wort in dieser Sache, und er könne sich lediglich darauf
+berufen. Hierauf erklärte Benedetti, sich seinerseits bei dieser
+Erklärung beruhigen zu wollen.“ Damit war tatsächlich der Zwischenfall
+erledigt. Aber nicht für Bismarck, dessen Pläne auf einen Konflikt mit
+Frankreich durch die Erklärung des Königs durchkreuzt waren. Er erzählt
+selbst in „Gedanken und Erinnerungen“, daß, als er an jenem Tage mit
+Moltke und Roon gemeinsam speiste, diese über die Nachricht von der
+Verzichtleistung des Prinzen von Hohenzollern auf den spanischen Thron
+im höchsten Grade deprimiert waren. Bismarck selbst war so aufgebracht,
+daß er seine Demission geben wollte. Bald darauf lief aus Ems eine lange
+Depesche ein, in der Abeken im Auftrag des Königs den Verlauf der
+letzten Zusammenkunft desselben mit Benedetti schilderte, deren Inhalt
+die letzte Hoffnung auf einen Konflikt mit Frankreich zerstörte. Roon
+und Moltke legten tief betroffen Gabel und Messer hin, erzählt Bismarck;
+daß die Aussicht auf Krieg geschwunden war, hatte ihnen den Appetit
+verdorben. Darauf setzte sich Bismarck — immer nach seiner eigenen
+Darstellung — an einen Nebentisch, nahm den Stift und strich die Depesche
+so zusammen, daß dieselbe einen völlig veränderten Charakter bekam. Als
+er sie in seiner Fassung Moltke und Roon vorlas, leuchteten beider
+Augen, und Moltke, der Schweiger, rief: „So, das hat einen anderen
+Klang, vorher war es eine Schamade, jetzt ist es eine Fanfare.“ Alsdann
+setzten sich alle drei fröhlich zu Tisch und aßen mit bestem Appetit
+weiter. Der Krieg war gesichert.
+
+Die Depesche ging in die Welt und wurde offiziell an alle fremden
+Kabinette mit Ausnahme des Pariser verschickt, was die schwerste
+Beleidigung für die französische Regierung war. In der redigierten
+Fassung lautete die Depesche:
+
+ „Ems, 13. Juli 1870. Nachdem die Nachrichten von der Entsagung des
+ Erbprinzen von Hohenzollern der kaiserlich französischen Regierung von
+ der königlich spanischen amtlich mitgeteilt worden sind, hat der
+ französische Botschafter in Ems an Seine Majestät noch die Forderung
+ gestellt, ihn zu autorisieren, daß Seine Majestät der König für alle
+ Zukunft verpflichte, niemals wieder seine Zustimmung zu geben, wenn
+ die Hohenzollern auf ihre Kandidatur wieder zurückkommen sollten.
+ _Seine Majestät der König hat es darauf abgelehnt, den französischen
+ Botschafter zu empfangen und demselben durch den Adjutanten vom Dienst
+ sagen lassen, daß Seine Majestät dem Botschafter nichts weiter
+ mitzuteilen habe.“_
+
+Diese Bismarcksche Depesche hatte die gewünschte Wirkung. Sobald sie
+bekannt wurde, war die Aufregung in Frankreich und Deutschland und weit
+über diese Länder hinaus eine ungeheure. Ich bekam Kenntnis von
+derselben, als ich am Nachmittag des 14. Juli im Vorderhause bei meinem
+Friseur war und die damals von Professor Dr. Karl Biedermann redigierte
+„Allgemeine Deutsche Zeitung“ hereingebracht wurde, die jene Depesche
+enthielt. Als ich sie gelesen, warf ich das Blatt mit den Worten auf den
+Tisch: Da haben wir den Krieg! Der Friseur erschrak über diese Aeußerung
+aufs höchste, ich mußte ihm auseinandersetzen, warum die Depesche diese
+Bedeutung habe.
+
+Wie vorauszusehen, erfolgte am 19. Juli die Kriegserklärung Frankreichs
+an Deutschland, nachdem die französische Kammer bereits am 15. Juli eine
+Kriegsanleihe in Höhe von 700 Millionen Franken gegen eine kleine
+Minorität bewilligt hatte.
+
+
+
+
+Meinungsdifferenzen.
+
+
+Die geschilderten Vorgänge hatten zwischen Liebknecht und mir abermals
+eine Meinungsverschiedenheit hervorgerufen. Liebknecht hatte die
+Ansicht, Napoleon wolle den Krieg, Bismarck habe aber nicht den Mut, den
+hingeworfenen Fehdehandschuh aufzunehmen. So schrieb er am 13. Juli im
+„Volksstaat“: „Das Frankreich des Bonaparte hat dem Preußen des Bismarck
+die Kriegsfrage gestellt, und wenn letzteres sich nicht zu einem
+schimpflichen Rückzug entschließt, ist der Krieg unvermeidlich.“ Am 16.
+Juli schrieb er: „Der Mutige weicht zurück — vor dem Stärkeren. Die
+Hohenzollernkandidatur ist gegenüber der drohenden Haltung Bonapartes
+zurückgezogen worden; es bleibt Friede, und der großmächtige
+Norddeutsche Bund, der Deutschland Achtung im Ausland verschaffen
+sollte, hat mit derselben Demut, wie weiland in der Luxemburger Affäre,
+vor dem französischen Kaiserreich die Segel gestrichen.“
+
+Ich vertrat den entgegengesetzten Standpunkt. Wohl habe Napoleon den
+Krieg erklärt, aber er sei nach meinem Gefühl in eine Falle getappt, die
+Bismarck ihm gestellt; _letzterer_ wolle den Krieg, und er habe sein
+Ziel erreicht. Ich war über die Auffassung des „Volksstaat“ im höchsten
+Grade erregt, es kam zu lebhaften Erörterungen zwischen Liebknecht und
+mir, und erst auf eine Intervention Geibs kam es zu einer Verständigung
+zwischen uns. Vom 20. Juli ab vertrat der „Volksstaat“ eine Auffassung,
+die auch ich durchaus teilte.
+
+Ohne Ahnung, daß ein Krieg ausbrechen werde, hatten wir zum 17. Juli
+eine Landesversammlung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei nach
+Chemnitz einberufen. Natürlich mußten wir nunmehr zur Kriegsfrage
+Stellung nehmen. Dieses geschah durch folgende Resolution, die
+Liebknecht und ich vorschlugen und die einstimmig angenommen wurde.
+
+ „Die Landesversammlung protestiert gegen jeden nicht im Interesse der
+ Freiheit und Humanität geführten Krieg, als einen Hohn auf die moderne
+ Kultur. Die Landesversammlung protestiert gegen einen Krieg, der nur
+ im dynastischen Interesse geführt wird und das Leben von
+ Hunderttausenden, den Wohlstand von Millionen auf das Spiel setzt, um
+ den Ehrgeiz einiger Machthaber zu befriedigen. Die Versammlung begrüßt
+ mit Freuden die Haltung der französischen Demokratie und insbesondere
+ der sozialistischen Arbeiter, sie erklärt sich mit deren Bestrebungen
+ gegen den Krieg vollständig einverstanden und erwartet, daß auch die
+ deutsche Demokratie und die deutschen Arbeiter in diesem Sinne ihre
+ Stimme erheben.“
+
+Die Pariser Arbeiter hatten schon vor uns sich gegen den Krieg
+ausgesprochen. In ähnlichem Sinne wie wir erklärten sich die Arbeiter
+vieler Städte in öffentlichen Versammlungen, so unter anderen in Barmen,
+Berlin, Nürnberg, München, Königsberg, Fürth, Krefeld.
+
+Anders dachte der Braunschweiger Parteiausschuß, der zum 16. Juli eine
+Volksversammlung einberufen hatte, in der er eine Resolution annehmen
+ließ, in der die Versammelten sich auf den Standpunkt stellten, daß
+Napoleon und die Majorität der Volksvertreter Frankreichs die frivolen
+Friedensbrecher und Ruhestörer Europas seien. Die deutsche Nation
+dagegen sei die beschimpfte, die angegriffene, deshalb müsse die
+Versammlung den Verteidigungskrieg als unvermeidliches Uebel anerkennen,
+sie fordere jedoch das gesamte Volk auf, mit allen Mitteln dahin zu
+wirken, daß dem Volke selbst die Entscheidung zwischen Krieg und
+Frieden, wie überhaupt die vollste Selbstbestimmung werde. Dieser
+Auffassung des Parteiausschusses schlossen sich eine große Zahl
+Parteiorte, namentlich in Norddeutschland, an. Es war also eine starke
+Meinungsverschiedenheit in der Partei vorhanden.
+
+ * * * * *
+
+Der Reichstag war zum 19. Juli einberufen worden. Als Liebknecht und ich
+am 18. von Chemnitz abreisten, waren bereits die Bahnen durch die
+Militärtransporte so in Anspruch genommen, daß wir auf dem Gößnitzer
+Bahnhof mehrere Stunden warten mußten, ehe wir weiterfahren konnten.
+Hier besprachen wir unsere im Reichstag zu beobachtende Taktik.
+Liebknecht war der Ansicht, wir müßten die Geldforderung strikte
+ablehnen, da beide Teile am Kriege schuld seien und wir für keinen Teil
+Partei ergreifen dürften. Ich erklärte dieses für einen Fehler. Nach
+Lage der Sache könnten wir allerdings für keinen der streitenden Teile
+Partei ergreifen. Dieser Eindruck würde aber gerade dann, und zwar
+zugunsten Napoleons, hervorgerufen, wenn wir gegen die Anleihe stimmten;
+es bliebe uns kein anderer Weg, als uns der Abstimmung zu enthalten.
+Schließlich ersuchte mich Liebknecht, den Entwurf einer Erklärung
+auszuarbeiten und am nächsten Tage mit nach Berlin zu bringen. Dies
+geschah. Nach einigen kleinen Aenderungen stimmte Liebknecht meinem
+Entwurf zu, auch sollte ich die Erklärung im Reichstag abgeben. In der
+Sitzung vom 21. Juli nahm ich das Wort: „Da, wie wir vernommen, es der
+Wunsch ist, die Tagesordnung ohne Debatte zu erledigen, so sind wir
+übereingekommen, keine Debatte zu provozieren, obgleich wir mit der
+Ansicht des Hauses in keiner Weise einverstanden sind. Wir sind
+entschlossen, in der vorliegenden Frage uns der Abstimmung zu
+enthalten, und werden unsere Motive in einer schriftlichen Erklärung zu
+den Akten des Hauses niederlegen.“
+
+Simson als Präsident meinte: Das zu tun, könne er uns nicht hindern. Die
+Motivierung unseres Standpunktes lautete:
+
+ „Der gegenwärtige Krieg ist ein dynastischer Krieg, unternommen im
+ Interesse der Dynastie Bonaparte, wie der Krieg von 1866 im Interesse
+ der Dynastie Hohenzollern.
+
+ Die zur Führung des Krieges dem Reichstag abverlangten Geldmittel
+ können wir nicht bewilligen, weil dies ein Vertrauensvotum für die
+ preußische Regierung wäre, die durch ihr Vorgehen im Jahre 1866 den
+ gegenwärtigen Krieg vorbereitet hat.
+
+ Ebensowenig können wir die geforderten Geldmittel verweigern; denn es
+ könnte dies als Billigung der frevelhaften und verbrecherischen
+ Politik Bonapartes aufgefaßt werden.
+
+ Als prinzipielle Gegner jedes dynastischen Krieges, als
+ Sozialrepublikaner und Mitglieder der Internationalen
+ Arbeiterassoziation, die ohne Unterschied der Nationalität alle
+ Unterdrücker bekämpft, alle Unterdrückten zu einem großen Bruderbund
+ zu vereinigen sucht, können wir uns weder direkt noch indirekt für den
+ gegenwärtigen Krieg erklären und enthalten uns daher der Abstimmung,
+ indem wir die zuversichtliche Hoffnung aussprechen, daß die Völker
+ Europas, durch die jetzigen unheilvollen Ereignisse belehrt, alles
+ aufbieten werden, um sich ihr Selbstbestimmungsrecht zu erobern und
+ die heutige Säbel- und Klassenherrschaft, als die Ursache aller
+ staatlichen und gesellschaftlichen Uebel, zu beseitigen.“
+
+Die geforderten 120 Millionen Taler Kriegsanleihe wurden vom Reichstag
+bewilligt. Fritzsche, Hasenclever, Mende und Schweitzer stimmten dafür,
+Försterling hatte im Frühjahr sein Mandat für Chemnitz niedergelegt. In
+der Nachwahl war der Kreis den Hatzfeldtianern verloren gegangen. Als
+aber die Anleihe zur Zeichnung aufgelegt wurde, gab die deutsche
+Kapitalistenklasse der Welt ein trauriges Schauspiel. Obgleich das Geld
+mit 5 Prozent verzinst werden sollte und der Gläubiger für 100 Taler nur
+88 zu geben brauchte, für die er aber nachher 100 Taler erhielt, wurden
+nur 68 Millionen Taler gezeichnet. Das war eine ungeheure Blamage.
+Anders in Frankreich. Dort wurden die geforderten 700 Millionen Franken
+voll gezeichnet, und zwar zu dem gleichen Zins, den Deutschland bot.
+
+ * * * * *
+
+Unser Verhalten im Reichstag hatte die Differenzen zwischen uns und dem
+Parteiausschuß erweitert. Es kam zu sehr gereizten brieflichen
+Auseinandersetzungen, namentlich zwischen Liebknecht und dem Ausschuß,
+da Liebknecht nicht im Sinne des Ausschusses den „Volksstaat“ redigieren
+wollte. Vergebens mahnte Liebknecht zur Vernunft. Unter dem 26. Juli
+schrieb er an Bracke unter anderem: „Ich nehme Euch Euren patriotischen
+Eifer nicht übel. Aber seid auch Eurerseits tolerant. Wenn Ihr mit
+Bebels und meinem Verhalten auf dem Reichstag nicht einverstanden seid,
+so muß dieser Zwist jetzt um jeden Preis beigelegt oder wenigstens ein
+offener Ausbruch vermieden werden. Es darf in einem Moment, wie dem
+jetzigen, in der Partei nichts vorkommen, was wie Uneinigkeit aussähe,
+und ich beschwöre Euch, alles zu unterlassen, was die Differenzen
+verschärfen könnte.“
+
+Diese Bitte war vergeblich. Schließlich war Liebknecht so verärgert, daß
+er drohte auszuwandern, die Wirtschaft und der nationale Paroxismus ekle
+ihn an. Auch mir wurden die Nörgeleien der Braunschweiger zu arg. Am 13.
+August schrieb ich nach dort: „Wenn der Ausschuß gegen Liebknecht
+vorgeht, verzichten wir auf jede fernere Mitarbeit am ‚Volksstaat‘. Nach
+Eurem Briefe (der an Liebknecht gerichtet war und Drohungen gegen ihn
+enthielt) scheint Ihr in eine Art von nationalem Paroxismus verfallen zu
+sein, scheint Ihr den Skandal und den Bruch in der Partei um jeden Preis
+zu wollen. Einen Verstoß gegen die Parteiprinzipien könnt Ihr in unserem
+Verhalten auf dem Reichstag nicht nachweisen. Statt Euch damit zu
+begnügen, daß keine Verschärfung des Konflikts eintritt, verlangt Ihr
+von Leuten, die eine feste Meinung haben, die Aenderung, die Verleugnung
+dieser Ansicht. Der ‚Volksstaat‘ hat sich gerade in den letzten Wochen
+streng als Parteiorgan gezeigt. Beweis: das einstimmige Wutgeheul
+unserer Gegner. Wollt Ihr auch in dieses nationalliberale Geheul mit
+einstimmen? Ihr sprecht von sächsischem Partikularismus. Und doch sind
+wir gerade in Sachsen gut _sozialrepublikanisch_, und wir betrachten
+alle den Krieg als einen dynastischen. Marx hat sich auch für uns
+erklärt.“
+
+Am 1. September schrieb Liebknecht auf einen Brief von Bracke: „Nicht
+aus Furcht vor den Strebern habe ich Lust, wegzugehen, sondern aus Ekel
+vor dem patriotischen Dusel. Diese Krankheit muß ihren Verlauf nehmen,
+und während derselben bin ich hier sehr überflüssig, kann aber
+anderwärts sehr nützlich sein, zum Beispiel in Amerika. Doch es wird
+nicht so schlimm kommen, und ich werde nicht zu gehen brauchen.“
+
+August Geib-Hamburg suchte abermals zu vermitteln. Aber erfolgreicher
+als alle Vermittlung wirkte der Gang der Ereignisse, der uns bald wieder
+in die gleiche Schlachtlinie trieb.
+
+
+
+
+Erklärungen und Proklamationen.
+
+
+Am 17. Juli fand in Berlin ein großer Kriegsrat statt. Wie es mit den
+Kriegsaussichten für Preußen-Deutschland stand, zeigt eine Erklärung
+Moltkes, die dieser zugleich im Namen Roons abgab: „_Preußen sei noch
+nie in der Lage gewesen, hinsichtlich seiner Heeresverfassung,
+Ausrüstung, Hilfsmittel usw. mit solchen Aussichten auf Erfolg einen
+Krieg anzunehmen wie gegenwärtig_. Er sei _sehr genau_ über den
+Fortschritt (er hätte sagen können die Zurückgebliebenheit. A.B.) der
+französischen Rüstungen informiert, und _danach sei eine militärische
+Ueberrumpelung seitens Frankreichs nicht zu fürchten_.“ Die Richtigkeit
+dieser Ansicht bestätigte sich sofort. In Deutschland glaubte man
+allgemein, der Kriegserklärung Napoleons werde ohne Verzug ein Einbruch
+der französischen Armee in deutsches Gebiet folgen. Man wartete
+vergebens. In Frankreich hatte die Kriegserklärung ein vollständiges
+Durcheinander hervorgerufen, kein einziges Armeekorps war auf Kriegsfuß,
+die Kopflosigkeit herrschte von oben bis unten. Anfang August standen
+bereits 380000 Deutsche 250000 Franzosen gegenüber. Und wie man in
+deutschliberalen Kreisen die Situation ansah, bewies ein Toast des
+Professor Biedermann in Leipzig auf einem studentischen Fest, in dem er
+bereits _Ende Juli_ ausführte: Wir werden die französische Nation
+daniederwerfen, daß sie in einem Menschenalter nicht mehr an Krieg
+denken kann. Wir werden das tun, indem wir dafür Sorge tragen, _daß der
+Leib Frankreichs etwas schmäler wird_.
+
+Hier wurde also bereits auf eine Annexion angespielt, noch ehe eine
+Schlacht geschlagen war. Man rechnete also absolut sicher mit dem Siege.
+In den offiziellen Aktenstücken lautete es um diese Zeit ganz anders! So
+wurde in der Thronrede, mit der der Reichstag am 19. Juli eröffnet
+worden war, gesagt, „daß man die Volkskraft zum Schutze unserer
+Unabhängigkeit aufrufe“, „Deutschland trage in sich selbst den Willen
+und die Kraft der Abwehr erneuter französischer Gewalttat“, man wende
+sich getrosten Mutes „an die Vaterlandsliebe und Opferfreudigkeit des
+deutschen Volkes mit dem Aufruf _zur Verteidigung seiner Ehre und seiner
+Unabhängigkeit_“. „Wir werden nach dem Beispiel unserer Väter“ — so
+lautete der Schluß — „_für unsere Freiheit und für unser Recht gegen die
+Gewalttat fremder Eroberer kämpfen_, und in diesem Kampfe, _in dem wir
+kein anderes Ziel verfolgen, als den Frieden Europas dauernd zu sichern,
+wird Gott mit uns sein, wie er mit unseren Vätern war_.“
+
+Nach dieser feierlichen Erklärung — deren Verfasser Lothar Bucher
+war — handelte es sich also um einen _Verteidigungs-_, nicht um einen
+_Eroberungskrieg_, mit dem Zweck, für künftig den Frieden zu sichern.
+
+Einen interessanten Satz enthielt aber noch die Thronrede; der Satz
+lautete:
+
+ „Das deutsche wie das französische Volk, beide die Segnungen
+ christlicher Gesittung und steigenden Wohlstandes genießend und
+ begehrend, sind zu einem heilsameren Wettkampf berufen als zu dem
+ blutigen der Waffen.“
+
+Bezeichnend für die Stimmung in den offiziellen Kreisen war auch die
+Proklamation des Königs von Preußen vom 11. August 1870, worin er
+anzeigte, daß er in Frankreich eingerückt sei und den Oberbefehl
+übernommen habe: „Ich führe Krieg mit den französischen _Soldaten_ und
+nicht mit den _Bürgern Frankreichs_.“
+
+Eine sehr günstige Beurteilung in unseren Kreisen fand die Proklamation
+des Prinzen Friedrich Karl:
+
+ „An die Soldaten der zweiten Armee!
+
+ Ihr betretet französischen Boden. Der Kaiser Napoleon hat ohne allen
+ Grund an Deutschland den Krieg erklärt, er und seine Armee sind unsere
+ Feinde. Das französische Volk ist nicht gefragt worden, ob es mit
+ seinen deutschen Nachbarn einen blutigen Krieg führen wolle, ein Grund
+ zur Feindschaft ist nicht vorhanden. Seid dessen eingedenk den
+ friedlichen Bewohnern Frankreichs gegenüber, zeigt ihnen, daß in
+ unserem Jahrhundert zwei Kulturvölker selbst im Kriege untereinander
+ die Gebote der Menschlichkeit nicht vergessen, denkt stets daran, wie
+ eure Eltern in der Heimat es empfinden würden, wenn ein Feind, was
+ Gott verhüte, unsere Provinzen überschwemmte. Zeigt den Franzosen, daß
+ das deutsche Volk nicht nur groß und tapfer, sondern auch gesittet und
+ edelmütig dem Feinde gegenübersteht.“
+
+Und bereits am 25. Juli hatte der König auf die laut gewordenen
+Kundgebungen ein Dankschreiben veröffentlicht, in dem es hieß:
+
+ „Die Liebe zu dem gemeinsamen Vaterlande, die einmütige Erhebung der
+ deutschen Stämme und ihrer Fürsten hat alle Unterschiede und
+ Gegensätze in sich beschlossen und versöhnt, und einig, wie kaum
+ jemals zuvor, darf Deutschland in seiner Einmütigkeit, in seinem Recht
+ die Bürgschaft finden, daß der Krieg ihm den dauernden Frieden bringen
+ und daß aus der blutigen Saat eine von Gott gesegnete Ernte deutscher
+ Freiheit und Einheit sprießen werde.“
+
+Es ist zu beachten, wie in diesem Dankschreiben am Schluß die Freiheit
+vor die Einheit gesetzt ist. Das sollte mir später verhängnisvoll
+werden, als ich an dieses Versprechen in mehreren öffentlichen
+Versammlungen erinnerte.
+
+
+
+
+Die Verhaftung des Braunschweiger Ausschusses.
+
+
+Im „Volksstaat“ vom 30. Juli veröffentlichte der Parteiausschuß einen
+Aufruf, in dem der abweichende Standpunkt, der ihn damals von uns noch
+trennte, zum Ausdruck kam. Nachdem er die Partei zu energischer
+Tätigkeit aufgefordert, fuhr er fort: „Unsere Aufgabe ist es, bei der
+Geburt dieses, wie wir hoffen, ganz Deutschland umfassenden Staates
+_bestimmend mitzuwirken_, damit, wenn es möglich ist, _nicht der
+dynastische Staat_, sondern der _sozialdemokratische Volksstaat_ (!!!
+A.B.) ins Dasein tritt; unsere Aufgabe ist es — mag der gewordene neue
+Staat bei der Geburt noch dynastische Färbung tragen —, ihm in ernstem,
+schwerem Kampfe den Stempel _unserer_ Ideen aufzudrücken.“ Er hoffe, daß
+unsere Brüder mit Begeisterung und Mut uns bald zum Siege in Frankreich
+führten, doch solle man sich nicht vom Siegestaumel beherrschen lassen.
+Man müsse den Bruderkampf zwischen zwei Völkern bedauern, aber
+Deutschland sei unschuldig an dem Kriege; den Schuldigen werde die
+Strafe ereilen, dann aber gelte es, uns kräftig zu erhalten für den
+glorreicheren gemeinsamen Kampf aller Unterdrückten der Erde. Sei
+Napoleon besiegt, werde das französische Volk freier aufatmen, und wir
+hätten alsdann unsere Machthaber daran zu erinnern, was dem Volke von
+Gottes und Rechts wegen gebühre und was zu fordern die unendlichen Opfer
+und Qualen des Krieges es doppelt und dreifach berechtigten.
+
+Der Ausschuß ahnte in seinem Optimismus damals nicht, daß er das erste
+Opfer sein werde, das die Herrlichkeit des Sieges zu kosten bekommen
+werde. Die Armeen des Kaiserreichs wurden in rasch aufeinanderfolgenden
+Schlägen zu Boden geworfen, Deutschland sah ganze Armeen französischer
+Gefangener in seinen Gauen, deren Unterbringung und Verpflegung bald
+eine unbequeme Last wurde. Es kam die Schlacht bei Sedan, die Napoleon
+unter Umständen annahm, daß man fast glauben sollte, er habe absichtlich
+so manövriert, um als Gefangener nach Deutschland, nicht als
+geschlagener Kaiser nach Frankreich zu kommen. Als die Nachricht von
+seiner Gefangenschaft nach Deutschland kam, jubelte alles, wir mit. Alle
+Welt erhoffte das Ende des Krieges, dessen Schlachten mit ihren
+ungeheuren Verlusten an Menschenleben schon den Ueberdruß am Kriege
+erzeugt hatten. „Ich scheue mich, nach den Verlusten zu fragen“, schrieb
+der König von Preußen nach den Schlachten um Metz an die Königin. An den
+König von Württemberg telegraphierte er: „Die Verluste der letzten
+Schlacht (am 19. August) wie der vorhergehenden sind so bedeutend, daß
+die Siegesfreude sehr getrübt wird.“ Und die von Guido Weiß redigierte
+Berliner „Zukunft“ schrieb: „Vor dem bleichen Purpur des Todes beugen
+sich auch die im Purpur Geborenen. Eine Furcht überkommt selbst die
+Furchtlosen: Zu weit ausgegriffen hat die Sichel, zu reichlich gedüngt
+ist das Blachfeld.“
+
+Doch der Krieg wütete weiter. Die Gefangennahme Napoleons bei Sedan
+beantwortete Paris mit der Erklärung der Republik, ein Ereignis, das
+namentlich im deutschen Hauptquartier sehr unangenehm berührte. Um
+Frankreich zu einer Republik zu machen, dafür hatte man den Krieg nicht
+begonnen. Man fürchtete das böse Beispiel, wie sich gezeigt hat, ohne
+Grund. Als die Nachricht von der Verkündung der Republik nach
+Deutschland kam, stürzte Liebknecht in größter Aufregung und mit Tränen
+in den Augen zu mir in meine Werkstatt, um mir das Ereignis zu
+verkünden. Er war frappiert über die Kühle, mit der ich die Nachricht
+aufnahm. Aber auch im Braunschweiger Ausschuß hatte die Nachricht wie
+eine Bombe eingeschlagen und einen starken Gesinnungswechsel
+hervorgerufen. Jetzt waren mit einem Schlage alle Differenzen zwischen
+uns beseitigt. Sofortiger Friedensschluß mit der französischen Republik,
+Ersatz aller Kriegskosten, aber Verzicht auf jede Annexion waren die
+Forderungen, die wir jetzt gemeinsam erhoben. Aus dem Verteidigungskrieg
+war mittlerweile der Eroberungskrieg geworden. Was Biedermann schon Ende
+Juli angedeutet, wurde nach den vielen und raschen Siegen allgemeine
+Forderung der liberalen und konservativen Presse.
+
+In einem Manifest, das der Generalrat der Internationalen
+Arbeiterassoziation mit Bezug auf den Krieg erließ und der „Volksstaat“
+am 7. August veröffentlichte, hieß es: „Das Kriegskomplott vom Juli 1870
+ist nur eine verbesserte Auflage des Staatsstreichs vom Dezember 1851.“
+Der Krieg habe so aberwitzig geschienen, daß Frankreich nicht daran
+glauben wollte, selbst die bürgerliche Opposition habe die Geldmittel
+verweigert. Die der Internationale angehörenden französischen Arbeiter
+hätten den Krieg als einen _dynastischen_ Krieg verurteilt. „Welchen
+Verlauf auch immer der Krieg Louis Bonapartes mit Preußen nimmt, die
+Totenglocke des zweiten Kaiserreichs hat bereits in Paris geläutet. Es
+wird enden, wie es begonnen, mit einer Parodie.“ Auf deutscher Seite
+sei der Krieg ein Verteidigungskrieg, „aber welche Politik habe
+verschuldet, daß Deutschland in diese Lage komme?“ Die Kritik der
+Bismarckschen Politik, die hier folgte, mußte der „Volksstaat“
+unterdrücken. „Wenn die deutschen Arbeiter es erlauben, daß der
+gegenwärtige Krieg seinen streng defensiven Charakter verliert und in
+einen Krieg gegen das französische Volk ausartet, wird Sieg oder
+Niederlage sich gleich verhängnisvoll erweisen.“ Der Generalrat weist
+alsdann darauf hin, daß in einem solchen Falle Rußland den Vorteil habe.
+
+Im Sinne des Manifestes des Generalrats handelte jetzt der
+Braunschweiger Ausschuß, als er, datiert vom 5. September, einen Aufruf
+„An alle deutschen Arbeiter“ erließ. Mit Hinweis auf die neuesten
+Ereignisse in Frankreich erwarte er, daß die neue republikanische
+Regierung den Frieden mit Deutschland zu erreichen suche. Darin müßten
+die deutschen Arbeiter die Absichten der republikanischen Regierung
+unterstützen und einen ehrenvollen Frieden mit dem französischen Volke
+fordern, für den sie in Masse ihre Stimmen erheben sollten.
+
+Der Ausschuß zitiert dann aus einem Briefe von Karl Marx — dessen Name
+aber nicht genannt wurde —, was folgen werde und folgen müsse, wenn man
+auf der Annexion von Elsaß-Lothringen bestehen bleibe. Das Zitat lautet:
+
+ „Wer nicht ganz vom Geschrei des Augenblicks übertäubt ist oder ein
+ Interesse daran hat, das deutsche Volk zu übertäuben, muß einsehen,
+ daß der Krieg von 1870 ganz so notwendig einen Krieg zwischen
+ Deutschland und Rußland im Schoße trägt, wie der Krieg von 1866 den
+ von 1870.... Durch den Verlauf des jetzigen Krieges _sei der
+ Schwerpunkt der kontinentalen Arbeiterbewegung von Frankreich nach
+ Deutschland verlegt_. Damit hafte größere Verantwortlichkeit auf der
+ deutschen Arbeiterklasse.“
+
+Der Ausschuß akzeptierte diese Auffassung, forderte zu Kundgebungen auf
+gegen die Annexion von Elsaß-Lothringen und für einen ehrenvollen
+Frieden mit der französischen Republik. Der Aufruf schloß:
+
+ „Wenn wir jetzt sehen, wie wieder ein großes Volk seine Geschicke in
+ seine Hände genommen, wenn wir heute die Republik nicht allein mehr
+ sehen in der Schweiz und jenseits der Meere, sondern auch faktisch
+ Republik in Spanien, Republik in Frankreich, so lasset uns ausbrechen
+ in den Ruf, der, wenn es auch heute noch nicht sein kann, auch für
+ Deutschland einst die Morgenröte der Freiheit verkünden wird, in den
+ Jubelruf: Es lebe die Republik!“
+
+Am 11. September hatte der „Volksstaat“ den hier erwähnten Ausruf
+abgedruckt, in der nächsten Nummer am 14. mußten bereits Liebknecht und
+ich eine Ansprache an die Parteigenossen veröffentlichen, in der wir
+anzeigten, daß der General Vogel v. Falckenstein in Hannover — wie sich
+herausstellte wider Recht und Gesetz — Befehl gegeben hatte, den
+Parteiausschuß, und zwar Bracke, Bonhorst, Spier, Kühn und den
+Buchdruckereibesitzer Sievers, mit Ketten gefesselt und unter starker
+militärischer Bedeckung nach der Festung Lötzen in Ostpreußen zu
+transportieren und dort zu internieren. Die den Verhafteten widerfahrene
+Behandlung war eine höchst brutale, um nicht zu sagen grausame; sie
+brauchten allein 36 Stunden, um nach Königsberg zu gelangen. Auf der
+Reise hielt man sie überall von seiten des Publikums für gefangene
+Landesverräter und behandelte sie danach. Wir forderten auf, daß bis auf
+weitere Anordnung der Kontrollkommission Briefe und Gelder an
+Geib-Hamburg gesandt werden sollten. Der Schluß lautete:
+
+ „Parteigenossen! Es ist ein schwerer Schlag, der die Partei getroffen,
+ und es werden ihm vielleicht andere folgen.
+
+ Steht fest und unverzagt; in der Gefahr zeigt sich die echte
+ Ueberzeugung, bewährt sich der rechte Mann.
+
+ Arbeitet kräftig für die Ausbreitung der Partei und unserer
+ Prinzipien, aber seid vorsichtig im Reden, vorsichtig auch im
+ Schreiben — die uns feindliche Gewalt sucht alles gegen uns zu
+ benutzen.
+
+ Wirkt kräftig für Verbreitung des Parteiorgans, denn in ihm liegt in
+ diesem Moment des geistigen Kampfes unsere Macht und unsere Stärke.
+
+ Es lebe der internationale Kampf des Proletariats! Hoch die
+ sozialdemokratische Organisation!“
+
+Die Nennung von Geibs Namen in unserer Ansprache genügte für Vogel v.
+Falckenstein, um auch diesen nach Lötzen schaffen zu lassen. Dasselbe
+Schicksal traf Johann Jacoby wegen einer Rede in Königsberg gegen die
+Annexion, und Gutsbesitzer Herbig, der Vorsitzender jener Versammlung
+gewesen war. Vogel v. Falckenstein handelte als Oberstkommandierender in
+Norddeutschland, das er gegen eine eventuelle Landung der Franzosen an
+den Nordküsten verteidigen sollte. In Ermanglung kriegerischer Taten
+verfiel er auf Polizeimaßregeln.
+
+Die Verhaftung Jacobys und Herbigs machte in der liberalen Presse einen
+unangenehmen Eindruck. Ein linksliberales Blatt meinte: „Diese
+Handlungen paßten schlecht zu den großen Siegen und veranlaßten die
+Frage aufzuwerfen: _ob nicht dem deutschen Volk an innerer Freiheit
+verloren gehe, was es an äußerem Ruhm gewonnen.“_
+
+Wir sahen das Tun und Treiben der Machthaber als selbstverständlich an.
+Es war eben eine Illusion des Parteiausschusses, daß er an eine
+freiheitliche Gestaltung in der neuen Ordnung glaubte, die derselbe Mann
+gewähren sollte, der sich bis dahin als der größte Feind jeder
+freiheitlichen, ich sage nicht einmal demokratischen Entwicklung gezeigt
+hatte, und der jetzt als Sieger dem neuen Reich den Kürassierstiefel in
+den Nacken setzte.
+
+In Harburg wurden auch Bock und mehrere Genossen und in Halberstadt
+Naters verhaftet und ins Gefängnis gesetzt, um ihnen einen Prozeß wegen
+Verbreitung des Manifestes des Parteiausschusses zu machen. In Sachsen
+erließ das Generalgouvernement für das 12. Armeekorps Ende September
+eine Verordnung, wonach alle Volksversammlungen mit Rücksicht auf die
+Endziele des Kriegs verboten wurden. Ein Lichtblick in dieser Zeit war,
+daß in Kirchberg und in Mittweida (beide in Sachsen) die
+Stadtverordnetenwahlen für unsere Partei glänzend ausfielen. Auch war
+trotz des Krieges am 1. August in Crimmitschau ein täglich erscheinendes
+Parteiblatt, „Der Bürger- und Bauernfreund“, den Karl Hirsch redigierte,
+erschienen, und am nächsten 1. Februar folgte die „Chemnitzer Freie
+Presse“, die ebenfalls täglich herauskam. Der Unterschied zwischen uns
+und dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein bestand auch darin, daß wir
+Neugründungen von Parteiblättern kein Hindernis in den Weg legten.
+
+Anfang Oktober bedauerte die offiziöse „Norddeutsche Allgemeine
+Zeitung“, daß man Liebknecht und mich nicht ebenfalls in Haft genommen
+habe wie den Braunschweiger Ausschuß, Johann Jacoby usw. Ihr Wunsch fand
+bald Erfüllung.
+
+Die Kontrollkommission hatte den provisorischen neuen Ausschuß nach
+Dresden verlegt. Er wurde von den Genossen Knieling, Köhler und Otto
+Walster gebildet. Da wir wußten, daß bei der Verhaftung des
+Braunschweiger Ausschusses eine große Menge Briefschaften beschlagnahmt
+worden waren, schrieb ich an Walster, der Sekretär im neuen Ausschuß
+war, er möge sich den Braunschweiger Vorgang als Warnung dienen lassen
+und keinen der Briefe aufheben. Aber wer diesen guten Rat _nicht_
+befolgte, war Walster. Als später — wie vorauszusehen war — auch bei ihm
+Durchsuchung stattfand, fiel sogar mein Warnungsbrief der Polizei in die
+Hände, der dann in die Akten des bevorstehenden Hochverratsprozesses
+wanderte.
+
+ * * * * *
+
+Ein eigenartiges Intermezzo erlebten Liebknecht und ich Ende Oktober.
+Der 31. Oktober, der Reformationstag, an dem Luther seine 95 Thesen an
+die Tür der Wittenberger Schloßkirche schlug, ist in Sachsen ein
+Feiertag. Zwei Tage vor demselben erhielt ich einen eingeschriebenen
+Brief, worin Liebknecht und ich dringend ersucht wurden, in einer
+hochwichtigen Sache am 31. Oktober nach Mittweida zu kommen. Wir folgten
+der Einladung. Am Bahnhof wurden wir geheimnisvoll in Empfang genommen
+und um die halbe Stadt nach einer Restauration geführt, woselbst wir zu
+unserer Ueberraschung die gesamten Vertrauensmänner des oberen und
+unteren Erzgebirges versammelt fanden. Darauf wurde von einem Redner an
+uns die Frage gestellt, warum wir die Hände in den Schoß legten und
+nicht zum Losschlagen aufforderten, die Armee sei doch außerhalb des
+Landes, was im Lande sei, könne leicht überwältigt werden. Wir
+schüttelten über diese Naivität den Kopf. Ich nahm zunächst das Wort und
+bewies dem Redner das Unsinnige seines Verlangens. Liebknecht sprach
+sich selbstverständlich im gleichen Sinne aus. Es kostete uns keine
+Mühe, den Anwesenden die Richtigkeit unseres Standpunktes zu machen.
+Die Anwesenden waren gleich uns auf Einladung von zwei Parteigenossen
+nach Mittweida gekommen ohne Ahnung dessen, was man hier wollte.
+
+Um dieselbe Zeit hielten die Züricher Parteigenossen eine öffentliche
+Versammlung ab, in der der damalige _Staatsanwalt_ Parteigenosse
+_Forrer_ eine Rede hielt, in der er folgende Resolutionen begründete:
+
+ „1. Unsere Sympathien gehören der französischen Republik! Möge es
+ derselben gelingen, durch energischen Widerstand die Militärmacht
+ Hohenzollern so zu schwächen, daß ihr ein baldiger Friede angeboten
+ werden muß.
+
+ 2. Wir sprechen unseren Parteigenossen in Deutschland und England
+ (Marx und Engels) die wärmste Anerkennung aus.
+
+ Namentlich seid Ihr, Brüder in Deutschland, trotz Verfolgung und
+ Unterdrückung, trotz Kerker und Ketten als Männer für Eure Prinzipien
+ eingestanden, und wir haben das feste Vertrauen auf Euch, Ihr werdet
+ Eure Schuldigkeit tun und Euch der weltgeschichtlichen Aufgabe der
+ Sozialdemokratie würdig erzeigen.“
+
+Uns bereitete damals diese Anerkennung unserer Züricher Genossen eine
+große Genugtuung, und ich empfinde sie noch heute. Gegenwärtig ist der
+damalige Redner und Parteigenosse _Forrer_ Mitglied des schweizerischen
+Bundesrats in Bern und war zeitweilig dessen Präsident.
+Selbstverständlich konnte er zu dieser Würde nicht als Sozialdemokrat
+gelangen. So weit ist man auch in der Schweiz noch nicht. Er rückte eben
+mit der Zeit, wie so mancher andere, von links nach rechts und kam
+dadurch zu Würden und Ehren.
+
+
+
+
+Annexionen und Kaiserkrone.
+
+
+Der Krieg mit Frankreich wurde nach Sedan mit ungeschwächten Kräften
+weitergeführt. Die kaiserliche Armee war zwar vernichtet oder gefangen,
+aber jetzt hatte die Regierung der nationalen Verteidigung, an deren
+Spitze Gambetta und Freycinet standen, die Organisation neuer Armeen in
+die Hand genommen. Diese wurden mitten im Kriege sozusagen aus dem Boden
+gestampft. Ein interessantes Buch über diese großartige Leistung ist
+„Léon Gambetta und seine Armee“ von Freiherrn von der Goltz, Berlin
+1877. Das Hauptverdienst fiel aber nicht Gambetta, sondern Freycinet,
+dem ehemaligen Ingenieur, zu. Hatte der Krieg gegen das Kaiserreich
+keine sechs Wochen gedauert, so jetzt gegen die Republik noch nahezu
+sechs Monate. Die neue Regierung hatte zwar Versuche gemacht, Frieden zu
+schließen, allein diese scheiterten an dem Verlangen Bismarcks nach
+Annexionen. Auch erklärte Bismarck, der immer noch an die
+Wiedereinsetzung Napoleons dachte, die Regierung der Landesverteidigung
+sei keine stabile Regierung, mit der man unterhandeln könne. Schließlich
+mußte man aber dennoch mit dieser Frieden schließen.
+
+Ende Oktober übergab Bazaine Metz mit 150000 Mann Besatzung und enormen
+Kriegsvorräten, was ein Glück für die deutsche Armeeleitung war, die
+alle Kräfte gegen die neugebildete französische Loire- und Nordarmee
+brauchte.
+
+Am 26. Oktober wurden Jacoby, Bonhorst und Herbig aus Lötzen entlassen.
+Es standen die preußischen Landtagswahlen bevor, und da konnte man die
+wider Recht und Gesetz verhafteten Landesangehörigen nicht in Haft
+behalten. Einige Wochen später, am 14. November, wurden die Mitglieder
+des Braunschweiger Ausschusses wiederum in Ketten gefesselt von Lötzen
+nach Braunschweig zurücktransportiert. Es sollte hier ein
+Hochverratsprozeß gegen sie inszeniert werden. Endlich wurde Anfang
+Dezember auch Geib aus Lötzen entlassen, und zwar auf Betreiben des
+Hamburger Senats. Anklagematerial lag gegen ihn nicht vor.
+
+ * * * * *
+
+Auf den 24. November war der norddeutsche Reichstag zu einer
+außerordentlichen Session einberufen worden, die zwar kurz, aber sehr
+erregt war. Es handelte sich um eine weitere Bewilligung von Geldmitteln
+für die Fortführung des Krieges und um die Beratung der Versailler
+Verträge mit den süddeutschen Staaten und die neue Reichsverfassung.
+
+Was bis dahin über die Versailler Verträge bekannt geworden war, hatte
+in den liberalen Kreisen große Verstimmung hervorgerufen. Danach waren
+den süddeutschen Staaten, insbesondere Bayern, sogenannte Reservatrechte
+eingeräumt worden, die die Reichseinheit nur komplizierten. Die
+norddeutsche Bundesverfassung sollte mit den unumgänglich nötigen
+Aenderungen, die die Versailler Verträge bedingten, Reichsverfassung
+werden. Die Freiheit, die Ende Juli in seinem Dankschreiben der König in
+Aussicht gestellt hatte, blieb wo sie war, in der Kaserne. Nicht einmal
+die Diäten wurden bewilligt. War schon durch diese Vorgänge die Stimmung
+eine gedrückte, so noch mehr durch die Tatsache, daß der Krieg sich in
+die Länge zog, ungeheure Opfer aller Art kostete und sich ein Ende nicht
+absehen ließ. Anfang September hatte Moltke an seinen Bruder
+geschrieben, er hoffe Ende Oktober in Creisau (seinem Gute in Schlesien)
+zu sein und Hasen zu schießen. Diese blieben aber unbehelligt von der
+Moltkeschen Flinte.
+
+Im Reichstag herrschte über die Nachrichten vom Kriegsschauplatz eine
+sehr gedrückte Stimmung. So hatte man sich den Gang der Dinge nicht
+vorgestellt. Der Kriegsberichterstatter der „Kölnischen Zeitung“, ein
+Herr v. Wickede, schrieb noch Ende Dezember:
+
+ „Dieser entsetzliche Krieg, der mit Streitermassen geführt wird, wie
+ solche die Geschichte aller Zeiten und Völker noch niemals in dem
+ Umfang gehabt hat, spottet in der Tat aller und jeglicher Berechnung.
+ Man glaubte endlich am Ende desselben zu sein, und nun stellt sich
+ heraus, daß man am Ende des Monats genau so weit ist wie am Anfang
+ desselben. Wir schlagen fort und fort die Franzosen, töten und
+ verwunden ihnen Tausende von Soldaten ... und immer von neuem und
+ wieder von neuem sammeln sich ihre geschlagenen Scharen ... und werfen
+ sich uns sehr häufig mit dem wilden Mut der äußersten Verzweiflung
+ entgegen.... Es herrscht jetzt schon in manchen von unseren Gruppen
+ besonders ausgesogenen Gegenden eine entsetzliche Hungersnot, die
+ Leute fallen wie die Fliegen im Hochsommer zu Dutzenden um, und dieser
+ Zustand wird sich im Laufe des strengen Winters in noch furchtbarerer
+ Weise steigern.“
+
+Die Thronrede, mit welcher der Reichstag eröffnet wurde, verlas der
+Präsident des Bundeskanzleramts, Delbrück; es hieß darin, die jetzigen
+Machthaber Frankreichs zögen es vor, die Kräfte einer edlen Nation einem
+aussichtslosen Kampfe zu opfern. In einem gewissen Widerspruch hiermit
+wurde bemerkt: Frankreich habe keine Regierung, mit der man
+unterhandeln könne; es seien auch durch die Haltung der Bevölkerung die
+Hoffnungen auf dauernden Frieden vernichtet worden. Sobald Frankreich
+sich erholt oder durch Bündnisse sich stark genug fühle, sei eine
+Wiederaufnahme des Krieges zu erwarten. Man sah also ein, wohin das
+Verlangen nach Annexionen die künftige Entwicklung treiben werde.
+
+Am 26. November stand die Forderung der weiteren Geldbewilligung (100
+Millionen Taler) auf der Tagesordnung. Ich nahm zu dieser Forderung das
+Wort. Vor mir hatte der Abgeordnete Reichensperger sich für die
+Bewilligung ausgesprochen. Meine Rede war nicht lang, aber sie erweckte
+einen Sturm, wie ich ihn seitdem nie wieder mit einer Rede hervorrief.
+Ich führte aus: Ich glaubte ein so guter Deutscher zu sein wie der
+Vorredner, trotzdem käme ich bei Prüfung der Sache zu dem
+entgegengesetzten Resultat. Ich gab eine kurze historische Uebersicht
+bis zum Sturze des Kaiserreichs und wies nach, daß mit der Gefangennahme
+Napoleons die eigentliche Kriegsursache beseitigt sei. Dabei stützte ich
+mich auf die Thronrede vom 19. Juli und die Proklamation des Königs von
+Preußen vom 11. August. Meine Ausführungen riefen große Unruhe und
+heftigen Widerspruch hervor. Die Behauptung, Frankreich besitze keine
+Regierung, mit der man unterhandeln könne, sei falsch. Ich wies dieses
+in meinen Ausführungen nach. Was den Friedensschluß unmöglich mache, sei
+die Forderung der Annexionen. Ich verurteilte dann scharf, daß man uns
+verbiete, in öffentlichen Versammlungen unseren Standpunkt über die
+Annexionen darzulegen. Diesen unseren Standpunkt begründete ich näher.
+Wiederum regnete es Unterbrechungen. Als ich dann auf die traurige Rolle
+hinwies, die die deutsche Kapitalistenklasse bei der ersten
+Kriegsanleihe gespielt und wie ganz anders sich dagegen die französische
+Bourgeoisie im gleichen Falle benommen habe, brach vollends der Sturm
+los. Ein großer Teil des Hauses hatte einen förmlichen Tobsuchtsanfall;
+man überschüttete uns mit Schimpfworten der gröbsten Art, Dutzende von
+Mitgliedern drangen mit erhobenen Fäusten auf uns ein und drohten uns
+hinauszuwerfen. Viele Minuten lang konnte ich nicht zum Worte kommen;
+zum Schluß empfahl ich die Annahme des Antrags, den Liebknecht und ich
+gestellt hatten. Dieser Antrag lautete:
+
+ „Der Reichstag wolle beschließen:
+
+ Den Gesetzentwurf betreffend _den ferneren Geldbedarf für die
+ Kriegführung abzulehnen_ und folgendem Antrag seine Zustimmung zu
+ geben:
+
+ In Erwägung, daß der am 19. Juli von Louis Bonaparte, damals Kaiser
+ der Franzosen, erklärte Krieg durch die Gefangennahme Louis Bonapartes
+ und die Niederwerfung des französischen Kaiserreichs tatsächlich sein
+ Ende erreicht hat;
+
+ in Erwägung, daß nach den eigenen Erklärungen des Königs von Preußen
+ in der Thronrede am 19. Juli und der Proklamation an das französische
+ Volk vom 11. August der Krieg deutscherseits nur ein
+ Verteidigungskrieg und kein Krieg gegen das französische Volk sei;
+
+ in Erwägung, daß der Krieg, welcher trotzdem seit dem 4. September
+ geführt wird, in schroffstem Widerspruch mit dem königlichen Wort,
+ nicht ein Krieg gegen die kaiserliche Regierung und die kaiserliche
+ Armee, welche nicht mehr existieren, sondern ein Krieg gegen das
+ französische Volk ist, nicht ein Verteidigungskrieg, sondern ein
+ Eroberungskrieg, nicht ein Krieg für die Unabhängigkeit Deutschlands,
+ sondern ein Krieg für die Unterdrückung der edlen französischen
+ Nation, die nach den Worten der Thronrede vom 19. Juli berufen ist,
+ ‚die Segnungen christlicher Gesittung und steigenden Wohlstandes
+ gleichmäßig zu genießen und zu begehren und zu einem heilsameren
+ Wettkampf als zu dem blutigen der Waffen‘,
+
+ beschließt der Reichstag, die verlangte Geldbewilligung für die
+ Kriegführung _abzulehnen,_ und fordert den Bundeskanzler auf, dahin zu
+ wirken, _daß unter Verzichtleistung auf jede Annexion französischen
+ Gebiets mit der französischen Republik schleunigst Frieden geschlossen
+ werde_.“
+
+Nach mir kam der Abgeordnete Lasker zum Wort, der sich in den Tönen
+höchster sittlicher Entrüstung über uns und das französische Volk
+erging. Köstlich war, wie er die Finanzwelt gegen meine Vorwürfe in
+Schutz nahm. „Es ist wahr,“ führte er aus, „daß die große Finanzwelt
+sich nicht erheblich beteiligt hat; es stand kein Gewinn in Aussicht (im
+Falle des Sieges sogar ein recht großer. A.B.), und es ist die Weise
+der Geschäftsleute, wie dies in der Natur des Geschäftslebens liegt,
+sich nicht als Geschäftsleute zu beteiligen, wenn eben ein Gewinn nicht
+sichtbar ist. Nun, auch dort die Männer — auf uns zeigend —, die über den
+Gewinn und die Belohnung lachen, üben doch ihre ideale Tätigkeit gegen
+Entgelt aus (Heiterkeit), und ihre Leitungen, welche sie als
+apostolische bezeichnen, erfolgen gegen Diäten. (Heiterkeit. Sehr gut!)
+Welche Verwirrung der Begriffe, wenn diese Herren, welche nach der Natur
+ihrer Leistungen vielleicht mit geringeren Summen sich begnügen müssen
+(das Haus schüttelt sich vor Lachen), über die Lust am Gewinn die Nase
+rümpfen. Also, die höhere Finanzwelt hat die Gelegenheit nicht für
+geeignet gehalten, gewinnbringende Geschäfte zu machen.“
+
+Oeder und widerspruchsvoller konnte wirklich nicht die deutsche
+Kapitalistenklasse zu rechtfertigen versucht werden. (In einer zweiten
+Rede antwortete ich gebührend Lasker.) Nach Lasker folgte
+Braun-Wiesbaden, diesem Liebknecht. Dieser ging den liberalen Vorrednern
+kräftigst zu Leibe. Wiederum heftige Unterbrechungen, Ordnungsruf des
+Präsidenten.
+
+Liebknecht führte unter anderem aus:
+
+ „Die Regierung, die im Juli den Krieg erklärt hat, ist beseitigt und
+ ihr Führer sitzt auf Wilhelmshöhe und ist der gute Bruder des Königs
+ von Preußen; er schwelgt in kaiserlichem Luxus, während die deutschen
+ Krieger draußen ihr Blut vergießen und die furchtbarsten Strapazen
+ erdulden müssen im Kampfe gegen das französische Volk, welches unser
+ Brudervolk trotz alledem und alledem ist, und welches den Frieden mit
+ uns will. (Unruhe, Zurufe) Es ist wahrlich ehrenhafter, der Bruder des
+ französischen Volkes und der französischen Arbeiter zu sein, als der
+ liebe Bruder des Schurken auf Wilhelmshöhe. (Abgeordneter Dr. v.
+ Schweitzer: Bravo, bravo!)“
+
+Liebknecht schloß:
+
+ „Die Anleihe, die man von uns fordert, ist für die Durchführung der
+ Annexion bestimmt, wie das ja auch aus dem Wortlaut der Thronrede
+ hervorgeht. Die Annexion aber bringt uns nicht den Frieden, sondern
+ den Krieg. Indem sie auch nach dem Frieden eine beständige
+ Kriegsgefahr schafft, befestigt sie in Deutschland die
+ Militärdiktatur.... Aus diesen Gründen bin ich natürlich gegen die
+ Kriegsbeile und habe mit meinem Freunde Bebel den Antrag auf
+ Verweigerung derselben gestellt.“
+
+Dieser Antrag wurde gegen fünf Stimmen abgelehnt.
+
+In der Sitzung vom 28. November, in der die dritte Lesung der
+Kriegsanleihe auf der Tagesordnung stand, nahm der von unserer Partei
+gewählte Dr. Götz-Lindenau, der im März desselben Jahres noch die
+Kandidatur Johann Jacobys für den Reichstag befürwortet hatte, das Wort,
+um sich für die Kriegsanleihe auszusprechen, obgleich ihm dieses, wie er
+versicherte, „blutessigsauer“ werde, und obgleich er aus der Thronrede
+entnommen, daß der Krieg nicht den Frieden bringe und auch keine
+Verminderung der Militärlasten zu hoffen sei. Die Rede war ungemein
+konfus. Bezeichnend war, daß, als wir in dieser Sitzung gegen Angriffe
+durch Zwischenrufe uns wehrten, Lasker die Frage an den Präsidenten
+richtete, ob nicht durch sofortige Aenderung der Geschäftsordnung diesem
+„Unfug“ ein Ende gemacht werden könne. Liebknecht antwortete, indem er
+auf die beleidigenden Zurufe und Reden hinwies, die wir in der Sitzung
+am 26. November zu hören bekommen hatten. Als Liebknecht dann bei dem §1
+des Gesetzentwurfes über die Kriegsanleihe auf die gehörten Angriffe
+antworten wollte, unterbrach ihn der Präsident, er könne nicht auf die
+allgemeine Debatte zurückgreifen. Als Liebknecht mit vollem Recht diesen
+Standpunkt nicht anerkannte, denn der §1 enthielt die Geldforderung für
+Fortsetzung des Krieges, entzog ihm das Haus auf Anfrage des Präsidenten
+das Wort. Gegen die Kriegsanleihe stimmten in dritter Lesung Dr. Ewald
+(Hannoveraner), Fritzsche, Hasenclever, Liebknecht, Mende, Schraps,
+Schweitzer und ich.
+
+Einige Tage später stand eine Interpellation des Abgeordneten Duncker
+und Genossen, betreffend die Handhabung der Verfassungsbestimmungen
+während des Kriegszustandes, auf der Tagesordnung. Dieselbe richtete
+sich gegen die Maßnahmen des Generals Vogel v. Falckenstein. Uns war
+eine solche Interpellation einzubringen nicht möglich, weil wir nicht
+die nötigen dreißig Unterschriften bekamen. Wenn man in bürgerlichen
+Kreisen den Gewaltakt gegen unseren Parteiausschuß sich gefallen ließ,
+so hatte die Verhaftung Johann Jacobys viel böses Blut gemacht; sie
+paßte schlecht zu dem, was man von der neuen Reichsgründung erwartete.
+Jacoby harte sich nach seiner Verhaftung direkt beschwerdeführend an
+Bismarck im Versailler Hauptquartier gewandt und dessen Intervention für
+seine Freilassung verlangt, da seine Verhaftung ungesetzlicherweise
+erfolgt sei. Bismarck gab in seiner Antwort an Jacoby indirekt diesem
+recht, er tat aber nichts zu seiner Freilassung, offenbar wollte er es
+mit den Militärs im Hauptquartier, mit denen er auf sehr gespanntem Fuße
+stand, nicht noch mehr verderben. Aber nach der Niederschrift
+seines Leibjournalisten Moritz Busch, der über die Herd- und
+Tischunterhaltungen Bismarcks getreulich Bericht erstattete, äußerte er
+am 20. Oktober, als das Gespräch auf die Verhaftung Jacobys kam: „Ich
+freue mich darüber ganz und gar nicht; der Parteimann mag das tun, weil
+seine Rachegefühle dadurch befriedigt werden; der politische Mann, die
+Politik kennt solche Gefühle nicht; die fragt nur, ob es nützt, wenn
+politische Gegner mißhandelt werden.“ Und als am 24. November, also
+wenige Tage vor der Interpellation im Reichstag, das Gespräch wieder auf
+das Thema kam, äußerte Bismarck — nach derselben Quelle —, die Militärs
+befragten ihn zu selten um seine Meinung. „So war's auch mit der
+Ernennung Vogel v. Falckensteins, der jetzt den Jacoby gemaßregelt hat.
+Wenn ich mich vor dem Reichstag darüber aussprechen müßte, würde ich
+meine Hände in Unschuld waschen; man hätte mir nichts Unangenehmeres
+einbrocken können. Ich bin militärfromm in den Krieg gekommen, künftig
+gehe ich mit den Parlamentarischen, und wenn sie mich weiter ärgern,
+lasse ich mir einen Stuhl auf die äußerste Linke stellen.“
+
+Schade, daß er diese Drohung nicht wahr machte, ich würde mich sehr
+gefreut haben, wenn ich ihn in der nächsten Session, in der ich allein
+die äußerste Linke markierte, als Kampfgenossen an meiner Seite gehabt
+hätte.
+
+Die Verhandlung, die am 3. Dezember stattfand, war sehr erregt. Duncker
+wies nach, daß Jacoby und Herbig zu unrecht verhaftet worden seien,
+dasselbe gestand er auch unseren nach Lötzen geschleppten
+Braunschweiger Genossen zu. Er verlangte — da mittlerweile, wie schon
+bemerkt, die gefangenen preußischen Staatsangehörigen in Rücksicht auf
+die bevorstehenden preußischen Landtagswahlen freigekommen waren —, daß
+Aehnliches künftig unterbleibe. Der Präsident des Bundeskanzleramtes,
+Delbrück, nahm als Vertreter Bismarcks das Wort und versuchte die
+Maßregeln zu rechtfertigen. Ihm antwortete Windthorst, der ihm scharf zu
+Leibe ging und unter anderem bissig bemerkte, daß nach dem, was er heute
+vom Präsidenten des Bundeskanzleramtes gehört, er nicht recht daran
+glaube, daß es nunmehr gelingen werde, was zu Anfang des Krieges
+versprochen worden war, „daß der deutsche Staat ein Staat der
+Gottesfurcht, der guten Sitten und der wahren Freiheit werde“. Er
+empfahl höhnisch, in die Friedensbedingungen mit Frankreich die
+Bestimmung aufzunehmen, daß es uns auch Cayenne und Lambessa abtrete,
+damit man geeignete Orte habe, um unbequeme Persönlichkeiten
+unterzubringen. Im weiteren beschwerte sich Windthorst bitter über die
+Mißhandlungen, die Vogel v. Falckenstein gefangen gesetzten
+Hannoveranern habe zuteil werden lassen. Im Laufe der Debatte nahm auch
+ich das Wort, um die Behandlung zu schildern, die unseren gefangen
+gesetzten Genossen auf der Reise nach und von Lötzen und während ihrer
+Haft in Lötzen widerfahren sei. Auch beschwerte ich mich über das
+generelle Versammlungsverbot in Sachsen. Die Maßregeln seien ein Hohn
+auf Recht und Gesetz. Miquel billigte, wie nicht anders von ihm zu
+erwarten war, nicht nur die Maßregeln Vogel v. Falckensteins, er
+behauptete sogar, daß durch unsere Haltung in Deutschland Frankreich in
+seinem Widerstand bestärkt worden sei, eine Behauptung, deren Unwahrheit
+ich ihm sofort nachwies. Bekanntlich gehen in der Regel Interpellationen
+aus wie das berühmte Hornberger Schießen, so auch diesmal.
+
+In einer der folgenden Sitzungen standen die Verträge mit Baden, Hessen,
+Württemberg und Bayern zur Beratung. Ich erklärte mich sowohl gegen
+diese wie gegen die neue Verfassung überhaupt. Das Volk werde in Bälde
+zur Einsicht darüber kommen, wie es mit der deutschen Freiheit und
+Einheit aussehe. Die drei Kriege, die Deutschland seit zehn Jahren
+durchzuführen gehabt habe, hätten es in freiheitlicher Beziehung nur
+zurückgebracht. Doch das Volk werde einst sein Selbstbestimmungsrecht
+fordern und erlangen und dann eine Verfassung sich selber schaffen, die
+nur die Republik zum Ziele haben könne.
+
+Nach mir nahm der Geheime Regierungsrat Wagener das Wort und erzählte zu
+Liebknechts und meiner großen Ueberraschung, daß wir, wie er aus der ihm
+soeben übermittelten „Börsenzeitung“ ersehen habe, von dem
+_französischen Konsul_ in Wien, Lefaivre, den Dank der französischen
+Republik für unser Auftreten im Reichstag empfangen hätten. (Lebhafte
+Zurufe: Hört! Hört! und Pfui!) Ich konnte darauf in einer persönlichen
+Bemerkung nur antworten, daß bis zu diesem Augenblick weder Liebknecht
+noch mir ein solcher Brief zugegangen sei, was mir um so unbegreiflicher
+wäre, da, wie ich eben gehört, auch die „Norddeutsche Allgemeine
+Zeitung“ den Brief abgedruckt habe. Ich sei der Meinung, daß der Brief
+eine elende Modifikation sei, die vom preußischen Pressebureau ausgehe,
+um mich und Liebknecht zu diskreditieren. In der folgenden Sitzung hielt
+Wagener seine Behauptung aufrecht. Der Brief, der an meine Adresse
+geschickt worden, sei echt. Ich antwortete am Schlusse der Sitzung, daß
+ich bis zu diesem Augenblick den fraglichen Brief nicht erhalten habe,
+also bei meiner ersten _Erklärung verbleiben_ müsse. Schließlich erhielt
+ich ihn aber dennoch; er war an Liebknecht und mich gerichtet. Der Brief
+existierte also, er war vom 2. Dezember datiert und hatte sechs Tage
+gebraucht, bis er in meine Hände gelangte. Er lautete:
+
+ „Meine Herren! Im Namen der französischen Republik, deren Regierung
+ mich zu ihrem speziellen Vertreter bei der Demokratie Deutschlands
+ bestellt hat, erachte ich es für meine Pflicht, Ihnen für die edlen
+ Worte, die Sie im Berliner Parlament inmitten einer durch den Geist
+ der Eroberung und der Trunkenheit des Militarismus fanatisierten
+ Versammlung gesprochen haben, meinen Dank auszudrucken. Der Mut, den
+ Sie bei dieser Gelegenheit bewiesen, hat die Aufmerksamkeit von ganz
+ Europa auf Sie gelenkt und Ihnen einen ruhmvollen Platz in der Reihe
+ der Streiter für Freiheit erobert. Der freisinnige und humanitäre
+ Geist Deutschlands erleidet in diesem Augenblick, wie Sie, meine
+ Herren, es so beredt dargetan haben, eine jener Verfinsterungen, die
+ wir selbst während der Periode unseres ersten Kaiserreichs
+ durchgemacht haben, und geht denselben Enttäuschungen entgegen. Eine
+ Sucht nach brutaler Herrschaft hat sich der erleuchteten Geister
+ bemächtigt. Jene Denker, die noch vor kurzem solche Lichtstrahlen über
+ die Welt aussandten, sind heute unter der Eingebung des Herrn v.
+ Bismarck zu Aposteln des Mordes und der Vernichtung einer ganzen
+ Nation geworden. Sie, meine Herren, sind es und Ihre Partei, welche
+ bei diesem allgemeinen Abfall die große deutsche Tradition aufrecht
+ erhalten. — In unseren Augen sind Sie die großen Vertreter einer
+ deutschen Nation, die wir mit einer wahrhaft brüderlichen Liebe
+ umfassen und die wir zu lieben nicht aufgehört haben. Frankreich
+ begrüßt Sie, meine Herren, und dankt Ihnen, denn es erblickt in Ihnen
+ die Zukunft Deutschlands und die Hoffnung auf eine Versöhnung zwischen
+ den beiden Völkern.“
+
+Der Brief mochte gut gemeint sein, aber in jenem Augenblick bedeutete er
+eine große Taktlosigkeit. Wer ihn veröffentlichte, haben wir nie
+erfahren. Ich vermute, der Konsul wurde zu dem Briefe von einer Seite
+animiert, die ein Interesse daran hatte, uns zu schaden. —
+
+Während der Verfassungsberatung kam es zu einer heiteren Szene. Es war
+bekannt geworden, daß der König Ludwig II. von Bayern nach langem
+Drängen und Unterhandeln sich bereit erklärt hatte, die deutschen
+Bundesfürsten und freien Städte zu ersuchen, dem König von Preußen die
+deutsche Kaiserkrone anzutragen. Die Mitteilung dieses Ereignisses
+sollte mit einer gewissen feierlichen Ueberraschung im Reichstag
+erfolgen. In der betreffenden Sitzung erhob sich der Abgeordnete
+Friedenthal und stellte eine diesbezügliche Anfrage. Darauf erhob sich
+feierlich der Präsident des Bundeskanzleramtes, Delbrück, um das
+betreffende Schriftstück vorzulesen. Aber er wußte nicht, in welche
+Tasche er es gesteckt hatte. In höchster Aufregung durchsuchte er
+krampfhaft alle Taschen, ein Schauspiel, das im Hause ungeheure
+Heiterkeit hervorrief. Schließlich fand er den Brief, aber die Wirkung
+war verpufft. Delbrück war ein sehr tüchtiger Beamter, aber die
+trockenste Bureaukratennatur, die man sich vorstellen konnte. Eine
+feierliche Manifestation zu inszenieren, dazu war er ganz und gar nicht
+der Mann. Bismarck brauste auf, als er in Versailles von der
+mißlungenen Manifestation hörte.
+
+In dieser Debatte erregte eine Rede Liebknechts über die neue Verfassung
+und das neue Kaisertum Stürme der Entrüstung. Er warf einen Rückblick
+auf die deutschen Einheitsbestrebungen, die eine ganz andere Einheit
+Deutschlands als Ziel gehabt hätten, als jene, die jetzt geschaffen
+werde. Diese sei ein Gewaltwerk von oben, über die sich die Fürsten
+verständigt hätten und zu dem der Reichstag einfach Ja sagen solle und
+müsse. Die Verfassung zeige, daß sie im Heerlager zu Versailles ihren
+Ursprung habe. Die dort abgeschlossenen Verträge mit den süddeutschen
+Staaten zeigten aber auch, daß es sich nicht einmal um eine äußere
+Einheit handle. Das Hindernis einer wirklichen Einheit Deutschlands
+bilde das Haus Hohenzollern, dessen Interessen im Gegensatz zu denen des
+deutschen Volkes stünden. Die Krönung des neuen Kaisers solle man auf
+dem (Berliner) Gendarmenmarkt vornehmen, der das geeignete Symbol
+hierfür sei. Denn dieses Kaisertum könne nur durch den Gendarmen
+aufrecht erhalten werden. Mehrere Ordnungsrufe und eine Reihe von
+Zurechtweisungen durch den Präsidenten gaben der Rede die Weihe.
+
+Am 10. Dezember wurde eine Deputation gewählt, die dem König die
+beschlossene Adresse mit den Glückwünschen des Reichstags zur
+Kaiserwürde nach Versailles überbringen sollte. Die Fortschrittspartei,
+die mit uns zum größeren Teil gegen das Verfassungswerk stimmte, hatte
+dem Bureau mitgeteilt, daß sie auf Beteiligung an der Deputation
+verzichte. Die Mitglieder sollten durch das Los bestimmt werden. Wir
+schwiegen und ließen es darauf ankommen, ob einer von uns durch das Los
+für die Deputation bestimmt würde. Selbstverständlich hätte er nicht
+angenommen. Aber das Glück blieb uns fern. Als der Name Rothschilds aus
+der Urne gezogen wurde, ging Windthorst feierlich auf diesen zu,
+schüttelte ihm kräftig die Hand und gratulierte ihm zur Wahl. Das ganze
+Haus brach in stürmische Heiterkeit aus.
+
+Die Deputation war von ihrer von vielen Hindernissen begleiteten Reise
+und von dem Empfang im Versailler Hauptquartier nicht entzückt. Der
+Empfang stand so gar nicht im Einklang mit den Vorstellungen, die sich
+die Deputation von ihrer „hehren Mission“ gemacht hatte. Der König
+selbst stand der Kaisermache so gleichgültig gegenüber, daß er ganz
+überrascht war, als der Kronprinz ihm mitteilte, die anwesenden Fürsten
+und Generale hätten den Wunsch, bei Ueberreichung der Reichstagsadresse
+durch die Deputation anwesend zu sein. Die trockene Antwort des Königs
+lautete: Wenn wirklich jemand von den Genannten dabei zu sein Lust habe,
+habe er nichts dawider. Seine Stimmung wäre wohl eine der neuen Würde
+günstigere gewesen, hätte die Deputation ihm in Aussicht stellen können,
+daß im Falle der Annexion von Elsaß-Lothringen dieses Preußen
+angegliedert werden solle. Es war der erste große Krieg, den ein
+Hohenzoller siegreich führte, der ohne Landeserwerb für Preußen endete.
+Das konnte ein Hohenzoller nur schwer verwinden.
+
+Es ist also wie so vieles andere eine Geschichtslegende, zu behaupten,
+der damalige König habe die deutsche Kaiserwürde als das Ziel seines
+Sehnens angesehen. Daher entspricht auch die Darstellung, die der Kaiser
+Wilhelm II. am 26. Februar 1894 in einer Rede bei dem Festessen des
+Provinziallandtags der Provinz Brandenburg gab, nicht den gerichtlichen
+Tatsachen. Damals führte Wilhelm II. mit Hinweis auf die Einigung
+Deutschlands aus:
+
+ „Das alte Deutsche Reich wurde verfolgt von außen, von seinen
+ Nachbarn, und von innen, durch seine Parteiungen. Der einzige, dem es
+ gelang, gewissermaßen das Land einmal zusammenzufassen, das war der
+ Kaiser Friedrich Barbarossa. Ihm dankt das deutsche Volk noch heute
+ dafür. Seit der Zeit verfiel unser Vaterland, und es schien, als ob
+ niemals der Mann kommen sollte, der imstande wäre, dasselbe wieder
+ zusammenzufügen. Die Vorsehung schuf sich dieses Instrument und suchte
+ sich aus den Herrn, den wir als den ersten großen Kaiser des neuen
+ Deutschen Reiches begrüßen konnten. Wir können ihn verfolgen, wie er
+ langsam heranreifte von der schweren Zeit der Prüfung bis zu dem
+ Zeitpunkt, wo er als fertiger Mann, dem Greisenalter nahe, zur Arbeit
+ berufen wurde, sich jahrelang auf seinen Beruf vorbereitend, die
+ großen Gedanken bereits in seinem Haupte fertig, die es ihm
+ ermöglichen sollten, das Reich wieder erstehen zu lassen. Wir sehen,
+ wie er zuerst sein Heer stellt und aus dinghaften Bauernsöhnen seiner
+ Provinzen sie zusammenreiht zu einer kräftigen, waffenglänzenden
+ Schar; wir sehen, wie es ihm gelingt, mit dem Heer allmählich eine
+ Vormacht in Deutschland zu werden und Brandenburg-Preußen an die
+ führende Stelle zu setzen. Und als dies erreicht war, kam der Moment,
+ wo er das gesamte Vaterland aufrief und auf dem Schlachtfeld der
+ Gegner Einigung herbeiführte.“
+
+In Wahrheit lagen die Dinge so, daß nicht der alte Wilhelm, sondern sein
+Sohn, der Kronprinz — der spätere Kaiser Friedrich —, Sehnsucht nach der
+Kaiserwürde empfand und damals in Versailles alles aufbot, um dieselbe
+durchzusetzen. Sein Freund, der bekannte Schriftsteller Gustav Freitag,
+behauptete sogar, daß dem Kronprinzen allein die Erlangung der
+Kaiserwürde für die Hohenzollern zu danken sei. Sicher ist, daß neben
+dem Kronprinzen auch Bismarck alles aufbot, um die Kaiserwürde für die
+Hohenzollern zu erlangen. Bismarck, der sicher hier der kompetenteste
+Beurteiler ist, schreibt über die Stellung des Königs zur Kaiserwürde in
+seinen „Gedanken und Erinnerungen“:
+
+ Die Kaiserkrone erschien ihm im Lichte eines übertragenen modernen
+ Amtes, dessen Autorität von Friedrich dem Großen bekämpft war, den
+ großen Kurfürsten bedrückt hatte. Bei den ersten Erörterungen sagte
+ er: „Was soll mir der Charakter-Major?“ worauf ich unter anderem
+ erwiderte: „Euer Majestät wollen doch nicht ewig ein Neutrum
+ bleiben, ‚das Präsidium‘? In dem Ausdruck ‚Präsidium‘ liegt eine
+ Abstraktion, in dem Worte ‚Kaiser‘ eine große Schwungkraft.“
+
+Ausführlich und sehr lehrreich wird die Kaiserfrage in des Kronprinzen
+Friedrich Tagebuch erörtert, das der Geheimrat Geffken nach dem Tode
+Friedrichs in der „Deutschen Rundschau“, Oktoberheft 1888, zum größten
+Aerger Bismarcks veröffentlichte. Dort schreibt Friedrich unter dem 30.
+September 1870:
+
+ „Ich rede Seine Majestät auf die Kaiserfrage an, die im Anrücken
+ begriffen; er betrachtet sie als gar nicht in Aussicht stehend; beruft
+ sich auf du Bois-Reymonds Aeußerung, der Imperialismus liege zu Boden,
+ so daß es in Deutschland künftig nur einen König von Preußen, Herzog
+ der Deutschen, geben könne. Ich zeige dagegen, daß die drei Könige
+ uns nötigen, den Supremat durch den Kaiser zu ergreifen, daß die
+ tausendjährige Kaiser- oder Königskrone nichts mit dem modernen
+ Imperialismus zu tun habe, schließlich wird sein Widerspruch
+ schwächer.“
+
+Und am 17. Januar, dem Tage vor der Ausrufung des Königs zum deutschen
+Kaiser, schreibt Friedrich:
+
+ „Die Reichsfarben machen wenig Bedenken, _die, wie der König sagt,
+ sind nicht aus dem Straßenschmutz gestiegen; doch werde er die Kokarde
+ nur neben der preußischen dulden, er verbat sich die Zumutung, von
+ einem kaiserlichen Heere zu hören,_ die Marine aber möge kaiserlich
+ genannt werden; _man sah, wie schwer es ihm wurde, morgen von dem
+ alten Preußen, an dem er so festhält, Abschied nehmen zu müssen._ Als
+ ich auf die Hausgeschichte hinwies, wie wir vom Burggrafen zum
+ Kurfürsten und dann zum König gestiegen seien, wie auch Friedrich I.
+ ein Scheinkönigtum geübt und dasselbe doch so mächtig geworden, daß
+ uns jetzt die Kaiserwürde zufalle, erwiderte er: Mein Sohn ist mit
+ ganzer Seele bei dem neuen Stand der Dinge, während ich mir nicht ein
+ Haar breit daraus mache und nur zu Preußen halte.“
+
+Am 11. Dezember, nach Schluß des Reichstags, reisten Liebknecht und ich
+nach Leipzig zurück. Am 15. referierten wir in einer öffentlichen
+Versammlung des sozialdemokratischen Arbeitervereins über die
+Verhandlungen des Reichstags. Die Versammlung war so massenhaft besucht,
+daß sie zur Volksversammlung wurde. Unter den Zuhörern befanden sich
+eine Menge französischer Offiziere in Zivil, die als Kriegsgefangene in
+Leipzig interniert waren. Die Versammlung verlief ausgezeichnet;
+dieselbe nahm mit großer Begeisterung eine Resolution an, in der uns für
+unsere Haltung im Reichstag gedankt wurde. Zustimmungen zu unserer
+Haltung waren uns auch aus einer Reihe anderer Orte zugegangen. Es war
+auf längere Zeit die letzte Versammlung, die wir abhalten sollten. Am
+17. traf uns der Schlag, den wir längst erwartet hatten. Ich hatte
+bereits in einem Briefe vom 1. Dezember an den Parteigenossen F.A. Sorge
+in Hoboken geschrieben: Die Wut der „patriotischen“ Kreise gegen uns ist
+grenzenlos; wenn man uns nächstens packen kann, dann geschieht's sicher
+und fest.
+
+
+
+
+Unsere Verhaftung.
+
+
+An der Spitze des „Volksstaat“ vom 7. September hatten wir mitgeteilt,
+wir hätten aus sicherster Quelle in Erfahrung gebracht, daß auf
+entschiedenes Verlangen im deutschen Hauptquartier, speziell des Grafen
+v. Bismarck, die sächsische Regierung entschlossen sei, gegen unsere
+Partei mit allem Nachdruck vorzugehen. Haussuchungen und Verhaftungen
+sollten bevorstehen. Wie auf Kommando ging fast die gesamte Presse, die
+liberale voran, in Hetzartikeln gegen uns los. Man trieb die
+Unverschämtheit so weit, daß man uns des Landesverrats zugunsten
+Frankreichs bezichtigte. Als dann im Dezember die damals erscheinende
+offiziöse „Zeidlersche Korrespondenz“ aus den bei dem Braunschweiger
+Parteiausschuß beschlagnahmten Briefen von Liebknecht und mir tendenziös
+herausgerissene Bruchstücke veröffentlichte, um ihre Denunziationen
+gegen uns gerechtfertigt erscheinen zu lassen, schickte ich der Berliner
+„Zukunft“ folgende Erklärung zur Veröffentlichung:
+
+ „Die unter der Mitwirkung des Herrn Wagener auf Dummerwitz
+ erscheinende ‚Zeidlersche Korrespondenz‘ hat, wie ich aus hiesigen
+ Lokalblättern ersehe, Bruchstücke aus Briefen von Liebknecht und mir,
+ die bei Verhaftung des Braunschweiger Ausschusses gefunden wurden,
+ abgedruckt, um ihre Denunziantenmission daran zu üben. Obgleich ich
+ der Meinung bin, daß nur _durch Bruch des Amtseids eines Beamten_ die
+ ‚Zeidlersche Korrespondenz‘ in der Lage ist, jene Bruchstücke zu
+ veröffentlichen, muß ich dennoch den Wunsch aussprechen, daß sie statt
+ der Bruchstücke den ganzen Inhalt meiner Briefe der Öffentlichkeit
+ übergebe.
+
+ Ich habe alle Ursache zu glauben, daß durch eine _solche_
+ Veröffentlichung klar und zweifellos festgestellt wird, wie Herr
+ Zeidler und Konsorten die bruchstückweise Veröffentlichung von
+ Privatbriefen, die ihnen nur _von einem gewissenlosen Beamten_
+ zugesteckt sein können, deshalb betreiben, weil sie dadurch ihr
+ schwarzes Handwerk mit größerer Wirkung auf das leichtgläubige
+ Publikum ausüben können.
+
+ Mich wundert dieses Treiben nicht. Die offiziöse Preßmeute tut eben,
+ was Natur und Amt ihr vorschreiben.
+
+ Leipzig, den 16. Dezember 1870. A. Bebel.“
+
+Am 17. Dezember morgens arbeitete ich in meiner Werkstatt, als
+plötzlich meine Frau totenbleich hereinstürzte und mir mitteilte, daß
+oben in unserer Wohnung ein Polizeibeamter sei, der mich zu sprechen
+wünsche. Ich wußte woran ich war. Ich eile die Hintertreppe hinauf und
+treffe in unserer Wohnstube den mir bekannten Beamten, zugleich aber
+auch einen Soldaten in kriegsmäßiger Ausrüstung. Auf meine Frage, was
+das bedeute, antwortete mir meine Frau, der Mann sei soeben als
+Einquartierung eingetroffen. Alsdann teilte mir der Beamte mit, er habe
+Auftrag, meine Papiere zu beschlagnahmen. Das war rasch geschehen, ich
+hatte für reinen Tisch gesorgt. Der Beamte erklärte weiter, er habe auch
+Auftrag, mich zu verhaften. Ich kleidete mich rasch um, nahm Abschied
+von Frau und Kind, mit der Vertröstung, ich würde bald zurückkommen, und
+stieg in die vor dem Hause wartende Droschke, die mich zunächst nach dem
+Polizeiamt, von dort nach dem Bezirksgericht führte. Hier wurde mir im
+Bezirksgerichtsgefängnis eine Zelle angewiesen. Ich mache kein Hehl
+daraus, daß, nachdem der Beamte das große Schloß und die beiden eisernen
+Riegel, womit nach alter Väter Weise die Tür versehen war, hinter mir
+abgeschlossen hatte, ich wütend in der Zelle auf und ab lief und meinen
+Feinden fluchte. Aber was half es? Der Kluge gibt nach. Am
+nächsten Morgen (Sonntag) traten der Staatsanwalt und der
+Bezirksgerichtsdirektor, der die Oberaufsicht über das Gefängnis hatte,
+herein und fragten: ob ich Wünsche hätte. Ich bat, daß ich mir Bücher
+dürfe kommen lassen und um Licht bis abends 10 Uhr. Der Direktor sagte
+beides zu, Licht aber nur bis abends 8 Uhr. Der Staatsanwalt teilte mir
+mit, daß es sich bei der Untersuchung um meine gesamte agitatorische
+Tätigkeit handeln werde, die man als staatsgefährlich und
+hochverräterisch ansehe. Die Untersuchung werde längere Zeit währen, da
+auch Recherchen nach auswärts nötig seien. Ich würde morgen vor dem
+Untersuchungsrichter mein erstes Verhör haben. Meine Spannung war groß.
+Der Untersuchungsrichter, Landgerichtsrat Ahnert, dem ich vorgeführt
+wurde, empfing mich mit strenger Miene und großer Zurückhaltung. Es
+werde gegen mich, Liebknecht und Hepner, die beide ebenfalls verhaftet
+seien, was ich erst jetzt erfuhr, die Anklage auf Versuch und
+Vorbereitung zum Hochverrat erhoben werden. Daß Liebknecht mit mir
+gepackt war, fand ich natürlich, aber auch der Unglückswurm Hepner, der
+erst kurze Zeit zweiter Redakteur am „Volksstaat“ war? Der war doch so
+unschuldig wie ein neugeborenes Kind. Weiter teilte mir zu meiner nicht
+geringen Ueberraschung und Enttäuschung der Richter mit, daß er die
+Untersuchung noch nicht weiter führen könne, _weil der Hauptteil des
+Untersuchungsmaterials noch in Braunschweig sei_. Er hoffe aber, daß
+dasselbe noch vor Neujahr eintreffe, worauf er alsdann mit allem Fleiß
+an die Arbeit gehen werde. Man hatte uns also, streng genommen, ohne
+gesetzlichen Grund verhaftet, denn weder der Richter noch der
+Staatsanwalt kannten das Anklagematerial, auf Grund dessen wir angeklagt
+werden sollten. Es war also offenbar der Wunsch des Hauptquartiers, uns
+möglichst rasch unschädlich zu machen, für unsere Verhaftung maßgebend
+gewesen.
+
+Ich war sehr ärgerlich, als ich in meine Zelle zurückkehrte; ich hatte
+jetzt reichlich Zeit, mich zunächst mit dieser zu beschäftigen. Die
+Zelle hatte genügend Raum, denn sie war fast leer. In einer Ecke an der
+Tür stand ein großer, verdeckter hölzerner Kübel, über dessen Zweck ich
+kein Wort zu verlieren nötig habe. An der einen Wand war ein kleines
+Regal angebracht, auf dem ein Wasserkrug stand und ein Gesangbuch und
+das Neue Testament lagen. An der anderen Wand war eine drei Fuß lange
+schmale Bank befestigt, so daß man sie nicht wegrücken konnte, und vor
+derselben hatte man mir, als besondere Vergünstigung, ein kleines
+Tischchen aufgestellt, so groß, daß wenn ich einen Band Gartenlaube
+darauf ausbreitete, die Tischplatte bedeckt war; ein Bett war nicht
+vorhanden, die Matratze, die abends auf den Fußboden gelegt wurde,
+wanderte am nächsten Morgen auf den Korridor auf einen Berg anderer
+Matratzen. Unten vor meinem Fenster, das fest vergittert war und nur
+durch Besteigen des Tischchens erreicht werden konnte, hörte ich Tag und
+Nacht ein eigentümliches Geräusch. Als ich an das Fenster stieg, sah
+ich, daß unten in einem Garten sechs große Kaffeeröstmaschinen
+aufgestellt waren, in denen große Quantitäten Kaffee für die im Felde
+stehenden Truppen geröstet wurden. Der Winter 1870/71 war wohl der
+strengste, den wir in vielen Jahrzehnten hatten. Die armen Teufel im
+Felde — Deutsche wie Franzosen — litten fürchterlich unter Kälte, Eis und
+Schnee. Das Unwetter hatte früh eingesetzt und hörte erst spät auf. Aber
+auch in meiner Zelle war es scheußlich kalt. Der alte vorsintflutliche
+eiserne Ofen, der morgens um 5 Uhr mit einer Handvoll Kohlen geheizt
+wurde, gab keine besondere Wärme ab. Außerdem mußte ich doch frische
+Luft haben. Oeffnete ich also morgens die Fensterklappe, so war das
+bißchen Wärme im Nu verflogen. Ich fror hundemäßig. Um mich zu erwärmen,
+setzte ich mich auf das Tischchen, stützte die Füße auf die Bank und
+umwickelte die Beine mit einer weißen wollenen Decke, die ich als
+Bettdecke erhalten hatte. Trotzdem bekam ich einen Blasenkatarrh. Zum
+Unglück lag meine Zelle auch noch nach Norden. Liebknecht, als dem
+ältesten unter uns, hatte man ein Zimmer, das damals für sogenannte
+Wechselgefangene reserviert war, eingeräumt. Dies erfuhr ich bei einem
+Besuche meiner Frau, die wöchentlich einmal in Gegenwart des
+Untersuchungsrichters mich kurze Zeit sprechen durfte. Auch wurde mir
+die Korrespondenz mit ihr unter Kontrolle des Richters gestattet.
+
+Sehr rasch entdeckte ich aber zu meinem großen Unbehagen, daß ich die
+Zelle nicht allein bewohnte; dieselbe wimmelte von Ungeziefer. Nun, ich
+hatte Zeit zur Jagd, und ich war dabei erfolgreicher als Moltke mit
+seiner Hoffnung auf die Greisauer Hasen. Die weiße Wolldecke wurde zur
+Falle. Ich hatte bald eine Rekordziffer erreicht. Ich tötete an einem
+Tage, meine Leserinnen mögen nicht erschrecken, einundachtzig der
+braunen Kerle, die man Flöhe nennt. Allmählich brachte ich die Zelle
+rein, auch ohne Insektenpulver, das mir meine Frau auf mein Verlangen
+ein paarmal sandte, das ich aber nie erhielt, weil es die Aufseher für
+sich verbrauchten. Ich hatte auch durchgesetzt, daß meine Matratze in
+der Zelle blieb, die vordem jedesmal am Abend voll Ungeziefer wieder zu
+mir hereingebracht wurde. Kaum hatte ich aber mein „Heim“ rein, so wurde
+ich auf Anordnung des Arztes nach der Westseite umquartiert. Ich erhielt
+jetzt eine Zelle, in der vor mir eine Kindsmörderin zugebracht hatte,
+wie mir mein Aufseher in liebenswürdiger Weise mitteilte. Nun hatte ich
+die Arbeit des Reinigens von neuem vorzunehmen.
+
+Eine Untersuchungshaft wie die unsere ist die scheußlichste aller
+Haftarten. In strenger Einzelhaft hinter Schloß und Riegel sitzen
+müssen, ohne zu wissen, wie lange die Haft währt und welches
+Anklagematerial vorliegt, wirkt ungemein aufregend und nervenzerrüttend.
+Endlich wurde ich Anfang Januar wieder dem Untersuchungsrichter
+vorgeführt. Als ich in das Zimmer des Richters trat, fiel mein Blick auf
+ein stattliches Bündel blauer Papiere, die auf der breiten Fensterbank
+lagen. Es waren meine Briefe an den Parteiausschuß, die dieser mit den
+Briefen von Liebknecht, Marx und Engels ganz besonders sorgfältig und
+liebevoll aufbewahrt hatte. Ich weiß nicht, was ich getan, hätte ich in
+diesem Augenblick unseren Parteisekretär Bonhorst zwischen den Fingern
+gehabt. Bald ergab sich aber, daß ich keine Ursache hatte, mich über die
+beschlagnahmten Briefe zu ärgern. Der Untersuchungsrichter teilte mir
+mit, daß er erst vor ein paar Tagen das Anklagematerial erhalten habe,
+daß er aber gewillt sei, nach Möglichkeit die Untersuchung zu
+beschleunigen. Und er hielt Wort. Mit jedem neuen Verhör wurde der
+Richter zugänglicher. Selbstverständlich waren unsere Briefe das erste
+Material, was er durchstudierte. Und da nun diese fast alle streng
+vertraulicher Natur waren, so hatten wir darin uns gegenseitig nicht nur
+unsere Parteischmerzen, sondern auch unsere großen und kleinen
+Privatschmerzen mitgeteilt, und dabei stellte sich heraus, daß keiner
+von uns auf Rosen gebettet war. Wohl zu seiner eigenen Ueberraschung
+entdeckte der Untersuchungsrichter, daß wir keine Landesverräter und
+Königsmörder seien, sondern Menschen, die von den besten Absichten
+beseelt waren und warmes Herzblut in den Adern hatten. Ende Februar
+hatte der Untersuchungsrichter das Riesenmaterial, das quantativ sehr
+groß war — es waren allein gegen 2000 Briefe vorhanden —, durchgearbeitet
+und die Untersuchung geschlossen. Der Untersuchungsrichter hatte, und er
+war ein sehr intelligenter und gewissenhafter Mann, wie wir später durch
+unseren Rechtsanwalt Otto Freytag erfuhren, die Ueberzeugung gewonnen,
+daß wir nicht nur nicht wegen Versuchs, sondern auch nicht wegen
+Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt werden könnten. Er stellte
+demgemäß den Antrag auf unsere Haftentlassung, dem aber die
+Staatsanwaltschaft widersprach.
+
+Als Ende Februar 1871 in Oesterreich das Ministerium Graf
+Hohenwart-Schäffle ans Ruder kam und durch eine Amnestie die Wiener
+Hochverräter Oberwinder, A. Scheu, Most usw. aus dem Zuchthaus entlassen
+wurden, legte mir eines Abends gelegentlich eines Verhörs der
+Untersuchungsrichter schweigend die „Leipziger Zeitung“ vor, in der die
+Depesche über die Amnestie enthalten war. Ich konnte mich nicht
+enthalten zu bemerken, dergleichen würde uns nicht blühen; und ich
+behielt recht. Ich hatte die feste Ueberzeugung, daß wir verurteilt
+würden, nicht weil ich mich schuldig fühlte, sondern weil ich wegen der
+Hatz, die namentlich auch während unserer Haft gegen uns fortgesetzt
+betrieben wurde, der Stimmung der Geschworenen nicht traute. Außerdem
+sagte ich mir auch, daß die Regierung alles aufbieten werde, unsere
+Verurteilung herbeizuführen. Andernfalls wäre der Prozeß eine Blamage
+für sie geworden. Ich hatte sogar in einem Brief an einen Freund, den
+ich meiner Frau zur Uebermittlung schickte, ausgesprochen, wir würden
+wohl mit zwei Jahren Festung hängen bleiben. Darüber war namentlich Frau
+Liebknecht, der meine Frau meine Ansicht mitgeteilt hatte, ganz
+entsetzt. Aber meine Prophezeiung traf wieder einmal ein.
+
+ * * * * *
+
+Nachdem wir in Haft genommen waren, beriefen die Leipziger
+Parteigenossen Karl Hirsch, der damals Redakteur am „Crimmitschauer
+Bürger- und Bauernfreund“ war, nach Leipzig, um die Redaktion des
+„Volksstaat“ zu übernehmen. Karl Hirsch sprang bereitwillig ein und
+verdiente sich durch die Art, wie er das Blatt in schwerster Zeit
+redigierte, den Dank der Partei. In der Nummer 102 des „Volksstaat“ vom
+21. Dezember kündigte er an, daß er die Redaktion auf unseren Wunsch
+übernommen habe, und fuhr dann fort:
+
+ „Die gegen unsere Freunde eingeleitete Untersuchung wird, wie ich
+ hoffe, nicht von langer Dauer sein und, wie ich überzeugt bin, die
+ Schuldlosigkeit derselben zum Ergebnis haben. _Einstweilen werde ich
+ mir die edle, kühne und nicht ‚landesverräterische‘, sondern im
+ Gegenteil wahrhaft patriotische Haltung, die der ‚Volksstaat‘ unter
+ seiner bisherigen Leitung eingenommen hat, bei meiner Redaktion zum
+ Vorbild nehmen._
+
+ An der Tendenz und am Erscheinen des Blattes wird nichts geändert, die
+ gegnerischerseits gehegte Hoffnung, der Schlag, der unser Organ
+ betroffen, werde die Partei mundtot machen, wird zuschanden werden.“
+
+Kaum war Hirsch in die Redaktion des „Volksstaat“ eingetreten, so begann
+Professor Biedermann in der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ auch gegen
+ihn zu denunzieren. Im gleichen Sinne arbeitete die „Zeidlersche
+Korrespondenz“, die, wie sie von uns Briefe tendenziös stückweise
+veröffentlichte, dasselbe mit Briefen von Hirsch machte, die in
+Braunschweig beschlagnahmt worden waren. Hirsch schüttelte die
+Denunzianten kräftig ab. Weiter antwortete Hirsch damit, daß er an der
+Spitze des „Volksstaat“ vom 1. Januar 1871 Freiligraths Gedicht „Die
+Schlacht am Birkenbaum“ zum Abdruck brachte.
+
+Im Januar wurden die Wahlen zum Reichstag ausgeschrieben; sie sollten am
+3. März vorgenommen werden. Eine Landesversammlung der Partei hatte uns
+wieder in unseren alten Wahlkreisen aufgestellt. In Leipzig vereinigten
+sich die Lassalleaner mit unseren Genossen auf meine Kandidatur. Ich
+ließ das Komitee wissen, daß ich im Interesse der Konzentration der
+Mittel und Kräfte auf die aussichtsreichen Wahlkreise eine Kandidatur
+für Leipzig nicht annehmen könne. Es blieb aber dabei. In bürgerlichen
+Kreisen veranstaltete man Geldsammlungen, um Liebknechts und meine Wahl
+zu verhindern. In meinem Wahlkreis — Glauchau-Meerane-Hohenstein — hatten
+die Gegner sich auf die Kandidatur von _Schulze-Delitzsch_ gegen mich
+vereinigt. Schulze nahm die Kandidatur an, er weigerte sich aber,
+Wählerversammlungen abzuhalten, da ich an der Abhaltung solcher
+verhindert sei; dieselben wären ihm wahrscheinlich schlecht bekommen.
+Ende Januar legte der provisorische Parteiausschuß in Dresden sein
+Mandat nieder; es galt, die Kräfte zu konzentrieren, und so wurde auf
+Anordnung der Kontrollkommission in Hamburg Leipzig Sitz des
+provisorischen Ausschusses. Die Geldmittel waren natürlich sehr knapp.
+Die Parteigenossen von heute ahnen nicht, mit wie wenig Geld damals die
+Wahlen betrieben wurden. Ueber 500 bis 600 Mark gingen die Wahlkosten
+kaum irgendwo hinaus.
+
+Die Wahlen verliefen ungünstig; sie fanden statt unter Glockengeläute
+und Kanonendonner, da am 3. März der Präliminarfriede in Versailles
+unterzeichnet wurde. Die einzigen Sieger waren Schraps und ich im 17.
+und 18. sächsischen Wahlkreis. Ich hatte mit 7344 Stimmen gegen
+Schulze-Delitzsch mit 4679 Stimmen gesiegt. Schraps, der streng genommen
+nicht mehr zur Partei gehörte und an dessen Stelle von Rechts wegen
+Julius Motteler hätte aufgestellt werden sollen, siegte mit 5875 gegen
+5706 Stimmen. Liebknecht unterlag im 19. sächsischen Wahlkreis mit 3981
+gegen 5134 Stimmen. Spier war in Mittweida-Frankenberg in engere Wahl
+gekommen, er unterlag aber mit 4017 gegen 5430 Stimmen, die auf
+Professor Biedermann fielen. In Leipzig hatte ich 2576, mein
+Gegenkandidat Bürgermeister Dr. Stephani 7312 Stimmen erhalten. Das
+Resultat galt als sehr günstig; im Herbst 1867 erhielten wir nur 900
+Stimmen. In Leipzig-Land war Johann Jacoby aufgestellt worden, der mit
+2877 gegen 5718 Stimmen seinem Gegner unterlag. Bracke wurde in Chemnitz
+und im 22. sächsischen Wahlkreis aufgestellt und erhielt 2972 bezw. 3477
+Stimmen. Wir hatten in Sachsen über 39000 Stimmen auf unsere Kandidaten
+vereinigt. In manchen Wahlkreisen, wie Bielefeld, hatten unsere
+Parteigenossen den Kandidaten des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
+(Pfannkuch) unterstützt, in Mittel- und Süddeutschland hatten sie fast
+überall von der Aufstellung eigener Kandidaten abgesehen. Der Allgemeine
+Deutsche Arbeiterverein hatte im ganzen 63000 Stimmen auf seine
+Kandidaten vereinigt.
+
+Wie die angeführten Zahlen zeigen, war die Beteiligung an der Wahl eine
+schwache, nirgends herrschte Begeisterung für das neue Reich. Der
+schwere Druck, der auf Handel und Wandel lastete, die Arbeitslosigkeit,
+alles Folgen des Krieges, dazu der lange und harte Winter, der den
+Massen ebenfalls schwere Opfer auferlegte, schufen eine sehr gedrückte
+Stimmung.
+
+Sobald ich die offizielle Nachricht von meiner Wahl erhalten hatte,
+schickte ich aus dem Gefängnis meinem Wahlkomitee folgende Danksagung
+zur Veröffentlichung:
+
+ „An meine Wähler! Parteigenossen! Ihr habt mir aufs neue einen
+ glänzenden Beweis Eures Vertrauens gegeben, indem Ihr mich nunmehr zum
+ dritten Male zum Vertreter des 17. Wahlkreises in den Reichstag
+ erwähltet.
+
+ Ihr habt mir Euer Vertrauen erhalten, obgleich ich nicht in Eurer
+ Mitte erscheinen konnte, um meinen Standpunkt gegenüber der neuen
+ Sachlage der Dinge darzutun. Ebensowenig habt Ihr Euch auch beirren
+ lassen durch die heftige und niedrige Kampfweise, womit die Gegner den
+ Wahlkampf führten.
+
+ Dies, verbunden mit der Tatsache, daß der unterlegene Gegner als die
+ gefeiertste Größe des Liberalismus und Kapitalismus gilt, macht die
+ diesmalige Wahl für mich doppelt ehrenvoll. Nehmt dafür meinen
+ wärmsten und innigsten Dank entgegen und das Versprechen, daß ich tun
+ werde, was in meinen Kräften steht, Euer Vertrauen zu rechtfertigen.
+
+ Es lebe die Sozialdemokratie! Das sei der Ruf, mit dem wir neuen
+ Kämpfen entgegengehen.
+
+ Leipzig, Bezirksgerichtsgefängnis, den 13. März 1871.
+
+ Mit sozialdemokratischem Gruß
+
+ Euer A. Bebel.“
+
+Ich habe in meinem Leben oft das Glück gehabt, angesungen zu werden, und
+zwar im guten wie im schlimmen Sinne. Auch in dem jetzt verflossenen
+Wahlkampf spielte die Poesie eine, wenn auch zweifelhafte Rolle. So
+veröffentlichte der Bürgermeister Hohensteins, natürlich anonym,
+folgendes Gedicht:
+
+ _Napoleon und Bebel._
+
+ Er sitzt auf Wilhelmshöhe,
+ Er im Bezirksgericht.
+ Er hat sie in der Zehe
+ Und er im Kopf die Gicht.
+
+Im „Meeraner Wochenblatt“ höhnte ein anderer Anonymus über mich:
+
+ „_Der Wilhelmshöher an Bebel_.
+
+ Mein lieber Bebel!
+
+ Lassen Sie uns ein vernünftiges Wort miteinander reden! Sehen Sie, ich
+ bin ein alter Praktikus und habe das alles schon durchgemacht, was Sie
+ noch vor sich haben. Ach, Bebel, wenn mir auch der Schlummerkopf vom
+ „New-York-Herald“ neulich wieder einige Hoffnung gemacht hat — ich
+ fürcht', ich fürchte doch sehr, es wird mit mir nichts mehr werden.
+ Mir fehlen die Mittel, noch einmal von vorn wieder anzufangen.
+
+ Aber Sie, Bebel, Sie haben ohne Frage eine Zukunft. Sie sind noch
+ jung, haben ein gewinnendes Aeußeres, einen guten Appetit, eine edle
+ Dreistigkeit, eine formidable Sprache und ein harmloses Wesen. Kommt
+ dazu noch die Gunst der Weiber und die Freundschaft der Kirche, so
+ haben wir alle Eigenschaften beisammen, deren ein junger Mann bedarf,
+ um en gros sein Glück zu machen.
+
+ Jetzt, Bebel, will ich Ihnen ein wichtiges Wort über die Republik
+ sagen. Die Republik ist eine sehr gute Einrichtung, wenn
+ man — Präsident derselben ist. Ist man es nicht, so ist die Republik
+ eine ebenso mangelhafte Staatsform wie alle anderen, das Papsttum mit
+ einbegriffen. Wie man Präsident wird, Bebel, das will ich Ihnen einmal
+ unter vier Augen sagen. Das aber kann ich Ihnen gleich ganz offen
+ sagen, daß von der Präsidentschaft bis zur Kaiserkrone nur ein Schritt
+ ist.“ Und so weiter.
+
+In Leipzig hatte man, und das ist von einem gewissen kulturhistorischen
+Interesse, die Verhöhnung unserer Personen während unserer Haft noch
+weiter getrieben. So wurde in einem Tingeltangel eine Posse aufgeführt,
+betitelt: „Nebel und Piepknecht“; in einem anderen größeren Lokal der
+Stadt wurde eine Posse aufgeführt, betitelt: „Bebel oder der erleuchtete
+Schuster mit seinem Jungen.“ In dieser Weise machten die „Patrioten“
+ihrem Zorn wider uns Luft.
+
+Ein Teil der liberalen Presse war über meine Wahl höchlich aufgebracht
+und agitierte dafür, daß der Reichstag bei seinem Zusammentritt sich
+gegen meine Freilassung aus der Untersuchungshaft aussprechen sollte.
+Die „Magdeburger Zeitung“ war von Leipzig aus im gleichen Sinne
+inspiriert worden. Darauf veröffentlichte unser Anwalt Otto Freytag eine
+Erklärung, in der er ausführte, die Behauptung, wir würden wegen
+Landesverrat oder Vorbereitung zum Landesverrat angeklagt, sei eine
+Unwahrheit. Wir würden wegen _Vorbereitung zum Hochverrat_, begangen
+durch unsere Agitation, angeklagt. _Liebknechts und mein Verhalten in
+der Kriegsfrage spiele auch nicht einmal nebensächlich eine Rolle._ Es
+sei auch eine dreiste Unwahrheit, wenn behauptet werde, Staatsanwalt und
+Untersuchungsrichter würden sich einer Haftentlassung widersetzen. Im
+Gegenteil, ihm habe der Untersuchungsrichter erklärt, daß gegen eine
+Haftentlassung, nachdem die Untersuchung beendet sei, nicht das
+geringste Bedenken vorliege. Ebenso werde der Staatsanwalt _keine_
+Bedenken gegen die Freilassung erheben.
+
+Am 27. März stellte Schraps, unterstützt von den Mitgliedern der
+Fortschrittspartei, im Reichstag den Antrag auf meine Freilassung. Im
+Gegensatz hierzu beantragten die Abgeordneten Dr. Stephani-Leipzig und
+Professor Biedermann, den Reichskanzler um Auskunft über den Stand der
+Sache zu ersuchen. In ihrem blinden Haß fühlten sie nicht das Kleinliche
+und Verächtliche ihrer Handlungsweise. Am 29. März wollte der Präsident
+die beiden Anträge auf die Tagesordnung der Sitzung vom 30. März setzen.
+Darauf erklärte der Abgeordnete Schraps zur Geschäftsordnung: _Er habe
+die Nachricht erhalten, daß wir am gestrigen Tage aus der Haft entlassen
+worden seien._
+
+So war es in der Tat. Die sächsische Regierung wollte die Debatte im
+Reichstag umgehen, so ordnete sie unsere Freilassung an. Am Nachmittag
+des 28. März gegen 4 Uhr wurden plötzlich mit besonderer Hast Schloß und
+Riegel an meiner Tür geöffnet, und herein stürzte der Aufseher mit dem
+Ruf: Ich glaube, Sie kommen frei! Als ich aus der Zelle trat, standen
+Liebknecht und Hepner bereits auf dem Korridor. Ohne ein Wort zu sagen,
+stürzten wir uns alle drei in die Arme. Wir hatten uns seit jener
+ominösen Versammlung am 15. Dezember mit keinem Auge gesehen. Vor den
+Untersuchungsrichter geführt, erklärte dieser, wir seien aus der Haft
+entlassen, doch müßten wir durch Handschlag versichern, keinen
+Fluchtversuch zu unternehmen und den Bezirk, Stadt- und
+Amtshauptmannschaft Leipzig, nicht ohne seine Zustimmung zu
+überschreiten. Nachdem wir unsere Siebensachen zur Abholung bereit
+gestellt, eilten wir fort nach Hause, wo es ein frohes Wiedersehen gab.
+Mein Töchterchen sprang mir mit einem Freudenschrei an den Hals.
+
+Zwei Tage danach, am 30. März, wurde auch der Braunschweiger Ausschuß
+aus der Haft entlassen. Das Obergericht zu Wolfenbüttel hatte die
+Erhebung einer Anklage wegen _Hoch-und Landesverrat abgelehnt_. Die
+Braunschweiger hatten 200, wir 101 Tage in der Haft zugebracht.
+Optimisten nahmen an, daß nunmehr auch wider uns die Anklage auf
+Hochverrat fallen würde.
+
+Der Braunschweiger Ausschuß wurde darauf im Herbst 1871 von dem
+Kreisgericht in Braunschweig wegen einer Reihe Verstöße wider
+verschiedene Paragraphen des Strafgesetzes verurteilt, und zwar Bracke
+und Bonhorst zu 16 Monaten, Spier zu 14 Monaten, Kühn zu 5 Monaten
+Gefängnis. Auf erhobene Nichtigkeitsbeschwerde hob das Obergericht zu
+Wolfenbüttel das erste Urteil auf und verurteilte die Genannten wegen
+Verstoßes gegen das Vereinsgesetz: Bracke und Bonhorst zu 3 Monaten,
+Spier zu 2 Monaten Gefängnis und Kühn zu einer 6wöchigen Haft. Die
+Strafen wurden durch die Untersuchungshaft als verbüßt erachtet.
+
+
+
+
+Meine weitere parlamentarische Tätigkeit, der Leipziger
+Hochverratsprozeß und anderes.
+
+
+
+
+Die erste Session des deutschen Reichstags.
+
+
+Am 2. April 1871 fuhr ich zur Ausübung meines Mandats nach Berlin. Der
+Reichstag, der diesmal in besonders feierlicher Weise durch den Kaiser
+unter Anwesenheit der gesamten deutschen Fürsten und Vertreter der
+freien Städte am 23. März eröffnet worden war, tagte im preußischen
+Abgeordnetenhaus am Dönhofplatz.
+
+Zunächst besuchte ich meine frühere Wirtin, um zu hören, ob ich wieder
+Wohnung bei ihr bekommen könne. Sie erklärte, daß sie zu ihrem großen
+Bedauern mich nicht in Wohnung nehmen dürfe. Nachdem Liebknecht und ich
+im Dezember abgereist seien, _sei die Polizei zu ihr gekommen und habe
+ihr heftige Vorwürfe gemacht, daß sie uns Wohnung gegeben habe_. Wir
+waren in jener Session auf Schritt und Tritt durch Geheimpolizisten
+überwacht worden, als seien wir Verbrecher. Wie uns erging es den Polen.
+Kleinlichkeit und Gehässigkeit, mit einem Wort Unanständigkeit ist das
+Charakteristikum der politischen Polizei, sobald es sich um die
+Verfolgung von Gegnern der Staatsgewalt handelt. Das lernten wir später
+auch als sächsische Landtagsabgeordnete in Dresden kennen.
+
+Als ich in den Reichstag trat, waren die Plätze auf der Linken besetzt,
+nur auf der äußersten Rechten waren noch solche frei. Dorthin begab ich
+mich, obgleich mir die Nachbarschaft der ehrenwerten Herren der
+äußersten Rechten nicht sehr sympathisch war. Aber sie begriffen mein
+Unglück und ließen mich nicht entgelten, daß ich als Saul unter die
+Propheten geraten war. Sie benahmen sich durchaus als Gentlemen,
+obgleich auch ihnen meine Nachbarschaft sicher unangenehm war. Manchmal
+entstand im Hause Heiterkeit, wenn die Linke gegen die Rechte stimmte
+und ich auf der äußersten Rechten mich mit der Linken erhob. Unter
+Larven die einzig fühlende Brust.
+
+Die Generaldebatte über die Reichsverfassung, die nunmehr nach den
+nötigen redaktionellen Aenderungen auch der deutsche Reichstag
+gutzuheißen hatte, wurde bereits zu einer Kulturkampfdebatte. Die
+Unfehlbarkeitserklärung des Papstes auf dem vatikanischen Konzil zum Rom
+im Jahre 1870 hatte die Geister wach gerufen, und namentlich brannten
+die Liberalen darauf, das, was sie an bürgerlicher Freiheit preiszugeben
+bereit waren, durch hochtönende Kulturkampfpauken (die Bezeichnung
+Kulturkampf hatte der Abgeordnete Professor Virchow erfunden) vergessen
+zu machen. Die katholische Partei hatte sich als Zentrum konstituiert
+unter Führung von Windthorst und Malinckrodt. Unter den Kulturkämpfern
+ragte namentlich Kiefer-Baden hervor, der eine hohe Richterstelle
+bekleidete. Als ich am 3. April zum Wort kam, sprach ich meine
+Verwunderung aus über den religiösen Charakter, den die Debatten
+angenommen hätten. Es scheine, daß im neuen Deutschen Reich die
+religiösen Debatten alles andere verdrängen sollten. Jemanden, der wie
+ich in den zwei Sitzungen, denen ich bis jetzt beigewohnt, außer
+Religion kaum etwas anderes zu hören bekommen und mit den religiösen
+Dogmen vollständig gebrochen habe, koste es eine gewisse
+Selbstüberwindung, diesen Verhandlungen länger zuzuhören. (Heiterkeit.)
+Ich griff darauf die Nationalliberalen an, deren Redner, Professor v.
+Treitschke, erklärt hatte, Grundrechte für eine Verfassung zu fordern,
+gehöre in die Zeit der politischen Kinderjahre. Ich stimmte ihm zu, denn
+politische Kinderei sei es gewesen, wenn man 1849 dem König von Preußen
+zugemutet habe, eine Verfassung anzunehmen, die volle Preßfreiheit,
+volle Vereins- und Versammlungsfreiheit, Trennung der Kirche vom Staate,
+Gewährleistung der persönlichen Freiheit und andere schöne Dinge
+verlangte. Es sei allerdings kindlich, das einem Hohenzollern zuzumuten.
+Ich kritisierte weiter die Liberalen, die lieber alle Freiheiten
+preisgäben, als sich mit einer Partei, die als revolutionär gelte,
+einzulassen. Indessen hoffte ich, daß, ehe das neunzehnte Jahrhundert zu
+Ende gegangen sei, wir alle unsere Forderungen verwirklicht hätten.
+(Große Unruhe.) Diese Ansicht war, wie sich inzwischen gezeigt hat, sehr
+optimistisch.
+
+Nach mir sprach Miguel, der meinte, er werde nicht mit mir diskutieren,
+vorläufig sei mein Partei noch keine Gefahr. Das sei anders mit den
+Herren vor ihm (dem Zentrum), gegen die er losdonnerte. Zum Schluß der
+Sitzung nahm ich das Wort zu einer persönlichen Bemerkung gegen Miguel.
+Er habe sich etwas wegwerfend über meine Partei ausgelassen. Ich
+wunderte mich darüber nicht, ich wolle aber doch konstatieren, daß der
+Abgeordnete Miguel — allerdings zu einer Zeit, wo er weder Bankdirektor
+noch Oberbürgermeister gewesen sei — zu derselben Partei gehört hätte,
+die er heute bekämpfte, _nämlich zur kommunistischen_. Das Haus war über
+diese Enthüllung verdutzt. Miguel schwieg. Nach der Sitzung traten eine
+ganze Anzahl Abgeordnete an mich heran, um zu hören, inwiefern der
+erhobene Vorwurf wahr sei! Der Abgeordnete Miguel behandelte mich von
+jetzt ab mit einer gewissen Hochachtung.
+
+Kaum hatte man die Verfassungsberatung hinter sich, so kamen
+Schulze-Delitzsch und Genossen und beantragten die Aenderung des
+Artikels 32 der Verfassung zwecks Einführung der Diäten. Bei der
+Verfassungsberatung hatte man diesen Antrag nicht gestellt, obgleich er
+dort am Platze war. In einer Rede, die ich dazu hielt, führte ich aus,
+daß nur die Angst vor der Sozialdemokratie die Herren abhielt, die
+Diäten durchzusetzen, die in allen anderen Vertretungskörpern eingeführt
+seien. Bismarck verhöhnte die Antragsteller. Er wolle nicht mit voller
+Sicherheit entscheiden, ob die Versammlung in ihrer Zusammensetzung nach
+der Einführung der Diäten noch dieselbe sei. Aber er wolle den Versuch
+nicht machen, es wäre ihm zu schmerzlich, wenn er sich vergeblich nach
+der liebgewonnenen Versammlung zurücksehnen solle. (Große Heiterkeit.)
+Das Herrenhaus, das keine Diäten erhalte, habe immer die Neigung, die
+Sitzungen abzukürzen, bei dem Abgeordnetenhaus, das Diäten erhalte, sei
+das Gegenteil der Fall.
+
+Am 24. April stand die Beschaffung weiterer Geldmittel zur Bestreitung
+der durch den Krieg veranlaßten außerordentlichen Ausgaben auf der
+Tagesordnung. Die französische Nationalversammlung hatte zwar am 26.
+Februar dem Präliminar-Friedensvertrag ihre Zustimmung gegeben, aber die
+Frage der Kriegskostenzahlung war noch nicht endgültig erledigt. Man
+brauchte für die große Armee in Frankreich weiter Geld. Bismarck nahm
+zunächst das Wort, um die Notwendigkeit der Vorlage zu begründen. Bis
+jetzt habe Frankreich seine Zahlungsverpflichtungen nicht einhalten
+können. Man könne ja in die inneren Verhältnisse Frankreichs eingreifen,
+aber das wolle man nicht, es sei daher wünschbar, Frankreich Zeit zu
+lassen, sich zu rangieren. Ich nahm nach Bismarck das Wort. Seine
+Erklärung zeige, daß er mit seiner Politik in der Klemme sei. Ich legte
+dann noch einmal unseren Standpunkt in der Kriegsfrage dar. Hätte man
+nicht auf der Annexion bestanden, so wäre der Friede schon seit vielen
+Monaten geschlossen worden. Ungeheure Verluste an Menschen und Geld
+wären uns erspart geblieben, und die Lage Deutschlands wäre eine viel
+günstigere geworden, als sie jetzt sei. Zwei Milliarden damals seien
+mehr wert gewesen, als heute fünf. Außerdem werde keine Regierung in
+Frankreich, heiße sie wie sie wolle, den Verlust von Elsaß-Lothringen
+vergessen dürfen. Frankreich werde nach Bündnissen suchen, und Rußland
+werde künftig anders zu der Frage stehen. Daß es dem Reichskanzler
+gelingen werde, Rußland ebenso über den Löffel zu barbieren, wie ihm das
+mit Napoleon gelungen sei, bezweifelte ich sehr. (Stürmische
+Heiterkeit.) _Sicher sei, daß wir künftig ein viel höheres Militärbudget
+aufzubringen haben würden, als dieses bei einer vernünftigen
+Verständigung mit Frankreich unter Verzicht auf die Annexionen der Fall
+wäre._ Wie Napoleon in Frankreich, so werde der Reichskanzler in
+Deutschland in seiner Politik durch die Bourgeoisie unterstützt. Es
+seien nur die Arbeiter hüben und drüben gewesen, die allein für den
+Frieden eingetreten seien. Man sehe jetzt wieder, wie die so viel
+angegriffene und verleumdete Kommune mit der größten Mäßigung vorgehe.
+(Große, anhaltende Heiterkeit.) — Die Kommune war seit dem 18. März in
+Paris proklamiert worden. — Ich sei durchaus nicht mit allen Maßregeln,
+die die Kommune ergriffen, einverstanden, aber sie sei zum Beispiel der
+großen Finanz gegenüber mit einer Mäßigung verfahren, die wir vielleicht
+in einem ähnlichen Falle in Deutschland schwerlich anwenden würden.
+(Heiterkeit.) Herr v. Kardorff nahm mir gegenüber das Wort, um
+festzustellen, daß ganz Deutschland _ohne_ Annexion den Frieden nicht
+gewollt habe, was ich durch heftigen Widerspruch bestritt.
+
+In dieser Session wurde auch der Gesetzentwurf betreffend die
+Verpflichtung zum Schadenersatz (Haftpflichtgesetzentwurf) bei Unfällen
+beraten. Ich nahm bei der dritten Lesung das Wort und hob hervor, daß
+die Hoffnungen, die man in Arbeiterkreisen an das Gesetz geknüpft,
+einmal schon durch den Regierungsentwurf, nachher aber noch mehr durch
+die Beschlüsse des Reichstags zunichte gemacht worden seien. Ich wies
+dieses in längeren Ausführungen nach. Insbesondere kritisierte ich
+scharf den §4, den Lasker in den Entwurf gebracht hatte, wonach der
+ganze Betrag der Leitungen aus Versicherungsanstalten, Knappschafts-,
+Unterstützungs-, Kranken-oder ähnlichen Kassen, wenn zu der
+Versicherungssumme der Unternehmer mindestens ein Drittel zahle, auf die
+Gesamtentschädigung einzurechnen sei. Der Unternehmer, der den Nutzen
+aus der Arbeit des Arbeiters ziehe, sei auch allein verpflichtet, ihn im
+Falle des Unfalls voll zu entschädigen.
+
+Schließlich verlangte ich, daß bei Feststellung der Entschädigungen aus
+den Kreisen der beiden beteiligten Parteien Sachverständige in der Form
+von Geschworenen oder Schöffen hinzugezogen würden, und zwar Unternehmer
+und Arbeiter in gleicher Stärke. So wie der Gesetzentwurf jetzt
+vorliege, vermöchte ich nicht für denselben zu stimmen.
+
+Da ich im Reichstag allein stand, Schraps zählte ernsthaft nicht mit,
+war ich gezwungen, häufiger als sonst in Berlin zu sein, um den
+Sitzungen beizuwohnen. Nun verlangte aber auch mein Geschäft dringend
+meine Anwesenheit. Das Unbehagliche dieser Zwitterstellung lastete
+schwer auf mir und kam in einem Briefe vom 10. Mai an meine Frau zum
+Ausdruck, der ich schrieb:
+
+ „Es ist eine unsäglich langweilige Wirtschaft hier und meine Stellung
+ mir deshalb im höchsten Grade unangenehm. Dieser Widerspruch zwischen
+ meiner Stellung und der Notwendigkeit, im Geschäft auf dem Platze sein
+ zu müssen und zu wollen, ist es, was die schlimme Stimmung erzeugt,
+ die Du und andere an mir bemerkt haben.“
+
+Diejenigen, die mich damals wegen meiner Tätigkeit im Reichstag
+bejubelten, ahnten nicht, wie mir zumute war.
+
+Am 25. Mai mußte ich wieder ins Feuer. Auf der Tagesordnung stand der
+Gesetzentwurf betreffend die Vereinigung von Elsaß-Lothringen mit dem
+Reiche; zugleich sollte, zunächst bis zum 1. Januar 1873, die Diktatur
+in Elsaß-Lothringen aufrechterhalten werden. Wiederum ging ich auf den
+Verlauf des Krieges ein und auf die Versicherung des Königs von Preußen,
+daß der Krieg ein Verteidigungskrieg sei. Die Annexion widerspreche
+dieser Versicherung. Die Annexion bedeute nur eine Stärkung der
+Hohenzollernschen Hausmacht. In Elsaß-Lothringen werde nur so regiert
+werden, wie der Kaiser es wolle. Was aber die Diktatur bedeute, hätten
+wir seinerzeit nach der Annexion von Hannover erlebt, wie ich an
+Beispielen nachwies. Man habe hier von der französischen
+Präfektenwirtschaft gesprochen, von der angeblich die Elsaß-Lothringer
+erlöst werden sollten; die preußische Landratswirtschaft sei aber um
+kein Haar besser, eher schlimmer. Habe man doch kürzlich einem in
+Solingen zum Bürgermeister Gewählten die Betätigung versagt, weil er als
+Beamter die Aktenschwänze nicht in Ordnung gehalten habe. (Große
+Heiterkeit.) Der Reichskanzler habe neulich in einer Sitzung, der ich
+nicht beiwohnen konnte, davon gesprochen, man müsse Elsaß-Lothringen die
+preußische Städtefreiheit bringen. Ja, er habe sogar gesagt, daß die
+Bestrebungen der Kommune im Grunde darauf hinausliefen, die preußische
+Städteordnung in Paris einzuführen. Dafür aber zu kämpfen, lohnte nicht
+die Mühe, denn diese sei keinen Schuß Pulver wert. Habe aber der
+Reichskanzler recht, dann begriffe ich nicht, wie er in dem
+Friedensvertrag — der am 10. Mai in Frankfurt beiderseitig ratifiziert
+worden war — die Bestimmung aufnehmen konnte, wonach der französischen
+Regierung die gefangenen Armeen zur Niederwerfung der Kommune zur
+Verfügung gestellt werden sollten. Auch habe er in demselben
+Friedensvertrag festgesetzt, daß dreißig Tage nach dem Falle der Kommune
+Frankreich die ersten 500 Millionen Franken Kriegsentschädigung zu
+zahlen habe. Das sei doch eine seltsame Art, wie er die Kämpfer für die
+preußische Städteordnung in Paris behandle. Werde aber so von deutscher
+Seite die Kommune bekämpft, so wolle ich meinerseits erklären, daß das
+europäische Proletariat hoffnungsvoll auf Paris sehe. Der Kampf in Paris
+sei nur ein kleines Vorpostengefecht, und ehe wenige Jahrzehnte ins Land
+gegangen seien, werde der Schlachtruf des Pariser Proletariats: Krieg
+den Palästen, Friede den Hütten, Tod der Not und dem Müßiggang! der
+Schlachtruf des europäischen Proletariats sein. Ich schloß meine Rede,
+indem ich der Hoffnung Ausdruck gab, die elsaß-lothringische Bevölkerung
+werde, ihrer freiheitlichen Mission bewußt, den freiheitlichen Kampf mit
+uns in Deutschland aufnehmen, damit endlich die Zeit komme, wo die
+europäischen Bevölkerungen ihr volles Selbstbestimmungsrecht erlangten,
+das sie aber nur erreichen könnten, wenn die Völker Europas in der
+republikanischen Staatsform das Ziel ihrer Begebungen erblicken würden.
+(Unruhe.)
+
+Fürst Bismarck äußerte im Herbst 1878 bei der Beratung des
+Sozialistengesetzes, es sei diese meine Rede gewesen, die ihm die
+Gefährlichkeit des Sozialismus vor Augen führte. Davon war an jenem
+Tage, an dem ich diese Rede hielt, nichts zu bemerken. Fürst Bismarck
+nahm unmittelbar nach mir das Wort und begann: Befürchten Sie nicht, daß
+ich dem Herrn Vorredner antworte; Sie werden alle mit mir das Gefühl
+teilen, daß seine Rede in diesem Saale einer Antwort nicht bedarf.
+(Zustimmung.) Das war alles, was er gegen mich äußerte. Auch die
+folgenden Redner machten es sehr gnädig mit mir, sie erwähnten mich
+kaum. Dafür ging draußen in der Presse der Lärm um so ärger gegen mich
+los. Darauf erklärte Liebknecht im „Volksstaat“ kategorisch: Was Bebel
+gesagt, hat er sagen müssen; es war seine Pflicht, für die Kommune
+einzutreten! Mitten in dem Toben gegen mich erschien eine
+Sonntagsplauderei in der „Berliner Börsen-Zeitung“, die in einem ganz
+anderen, und zwar viel harmloseren Ton gehalten war. Offenbar rührte sie
+von Stettenheim her, der damals Redakteur der „Berliner Wespen“ war. Ich
+hatte Stettenheim im Verein „Berliner Presse“ kennen gelernt, den ich
+manchmal auf Einladung von Robert Schweichel besuchte. Dieses ist auch
+der Verein, von dem Stettenheim in der Plauderei spricht. Darin hieß es,
+soweit sie sich auf mich bezieht:
+
+ „Berlin ist ruhig!
+
+ Die Schüsse, welche man dann und wann hört, bedeuten nicht die
+ Hinrichtung von Insurgenten, es sind Aeußerungen des artilleristischen
+ Examens in Tegel, und der Qualm, welcher den Horizont einhüllt, ist
+ nicht der Rauch flammender Paläste, es ist der Kongreß der
+ verschiedenen Sorten Staubes, welcher aus allen Ecken unserer
+ geliebten Stadt aufsteigt und die Luft von Tauben, Spatzen und anderem
+ Gefieder reinigt.
+
+ Wir teilen dies in aller Eile und aus bester Quelle mit, um ängstliche
+ Gemüter, deren Berlin sehr viele zählt, zu beruhigen....
+
+ ... In der ‚Kreuzzeitung‘ taucht sogar eine Mutter von acht Söhnen
+ auf, welche alle Mitmütter Berlins auffordert, den Kaiser zu bitten,
+ zur Verhütung eines gleich schrecklichen Strafgerichts wie des Pariser
+ alles vernichten und zerstören zu lassen, was Berlin an Anstalten,
+ Aufführungen, Bildern, Büchern usw. besitzt, welche der Moralität
+ unserer Kinder schädlich sein könnten....
+
+ ... So hat die Rede Bebels gewirkt!
+
+ Wir halten es für unsere Pflicht, Oel in die aufgeregten Wogen der
+ Phantasie zu gießen, welche eine Mutter von acht Söhnen an die
+ Inseratengestade der ‚Kreuzzeitung‘ schleudert.
+
+ Die Rede Bebels war allerdings etwas heftiger Art. Sie unterscheidet
+ sich von gewöhnlichen Tischreden durch Drohungen und Betrachtungen,
+ welche furchtsame Ohren erzittern machen. ‚Krieg den Palästen!‘ klingt
+ etwas ungewöhnlich. Bei einem solchen Ausruf wird bekanntlich
+ vorzugsweise jeder unruhig, der kein Palais besitzt, sondern zur Miete
+ wohnt. Der Palastbewohner von Berlin pflegt sich auf seinen Portier zu
+ verlassen, der sich im Falle mit verdächtigen Besuchern herumbalgt,
+ bis der Schutzmann erscheint und die Uebelwollenden zur Wache führt.
+
+ Bebel rief: Krieg den Palästen! Er setzte allerdings hinzu: Friede den
+ Hütten! Das aber ist kein Balsam für das blutende Herz einer Mutter
+ von acht Söhnen.... Friede den Hütten! Was will das sagen?
+
+ Es gibt vor allen Dingen gar keine Hütten mehr. Man baut nur noch
+ drei-, vierstöckige Häuser. Wo steht in Berlin eine Hütte? Mit
+ Hüttenfrieden ist wenigen gedient, und Bebel kann ihn versprechen,
+ wie er auch allen, welche Sandalen tragen, Steuerfreiheit versprechen
+ könnte. Steuerfreiheit ist nicht übel, aber wer trägt heute Sandalen?
+
+ Mittags hatte Bebel seine Brandfackel zu Protokoll gegeben, abends
+ trafen wir ihn in einem Verein.
+
+ Dieser Verein treibt keine Politik, sondern anderen Unsinn. Man kürzt
+ sich die Zeit mit allerlei Gesprächen und Bieren.
+
+ Man denke sich einen robusten Mann mit rötlichem Haar und
+ energieträchtiger Nase — das ist Bebel nicht!
+
+ Bebel ist eine zierliche Erscheinung. Aus einem hübschen Gesicht
+ strahlen Augen, welche gewiß schon viele Frauenherzen auf dem Gewissen
+ haben. Aber Bebel ist kein Don Juan. Er ist solide, sogar philiströs,
+ am allerwenigsten kokett, hauptsächlich bescheiden. Wir haben bemerkt,
+ daß er das Feuerzeug weit wegschob, weil ihn der Schwefelgeruch
+ augenscheinlich belästigte.
+
+ Und nun fragen wir jede Mutter, ohne von jeder acht Söhne zu
+ beanspruchen, wir fragen jeden Berliner Junggesellen, Verlobte, Väter,
+ Großväter: Sieht Bebel, welchen man nach seiner Rede für den deutschen
+ Haus- und Gebäude-Nero halten möchte, wie seine Rede aus? Wir boten
+ Bebel eine Zigarre an.
+
+ Ich rauche nicht! sagte Bebel elegant abwehrend.
+
+ Sollen wir noch etwas zur Beruhigung der Haupt- und Residenzstadt
+ anführen? Bebel raucht nicht. Bebel zündet keine Zigarre an — und er
+ sollte Paläste anzünden?
+
+ Wir haben leider vergessen, ihn zu fragen, ob er abends Oel oder Gas
+ brennt. Wir sind überzeugt davon, daß Bebel kein Petroleum im Hause
+ hat. Und ein solcher Mann sollte — —?
+
+ Nein! Bebels Seele ist frei von Petroleum!
+
+ Zum Ueberfluß verwickelten wir ihn noch in ein Gespräch über die
+ Paläste und ähnliche Gebäude in Berlin, die er nicht einmal alle
+ kannte, und wiesen vorsichtshalber darauf hin, daß Berlin recht arm an
+ Palästen sei, so daß es gar nicht die Mühe lohnte, einen Krieg gegen
+ sie zu unternehmen. Bebel fiel es augenscheinlich nicht einmal ein,
+ daß wir mit Bezug auf seine Rede also sprachen, das ‚Krieg den
+ Palästen‘ war ihm ohne Zweifel nur so herausgefahren. ‚Was nun die
+ Berliner Hütten betrifft,‘ fuhren wir fort, ‚so ist in erster Linie
+ der Eisbock zu nennen, hinter welchem reichlich unschönen Bauwerk alle
+ anderen Hütten zurückstehen. Würde er verschwinden, so dürfte Berlin
+ kaum bestürzt sein.‘ Bebel hatte höflich zugehört, aber er begriff
+ kaum unsere Andeutung, daß ein ‚Krieg den Hütten‘ uns am Ende, und
+ zwar auf eine einzige beschränkt, viel willkommener wäre als irgend
+ eine andere Demolierung, worin er uns recht zu geben schien, denn ihm
+ gefiel der Eisbock ebensowenig wie irgend einem anderen Sterblichen.
+
+ So haben wir also Bebel von seiner Rede zu trennen. In unseren
+ Parlamenten wird manches gesprochen, was sich besser, respektive
+ schrecklicher liest, als es sich einfach ausgeführt denken läßt.
+ Erinnern sich unsere geehrten Leser gefälligst der Dreizackrede des
+ Abgeordneten Ziegler: ‚Der Kultusminister muß fort von seinem Platz!‘
+ Herr v. Mühler saß dabei und zuckte die Achsel. Heute noch sitzt er
+ ‚aufrecht auf der Matte‘.
+
+ Bebel ist der Ziegler der Paläste!
+
+ Ziegler ist der Bebel des Kultusministers.“
+
+Die Ausführungen, die ich in den hier von mir zitierten Reden über die
+Pariser Kommune machte, werden einem sehr erheblichen Teile meiner Leser
+unverständlich sein. Ein Teil derselben weiß überhaupt nicht, was die
+Kommune war, ein anderer Teil ist in Vorurteilen befangen durch das, was
+er gegen die Kommune las, nur der kleinste Teil kennt die Geschichte der
+Kommune. Unsere Stellung zu derselben spielte aber in den
+Kämpfen — insbesondere in den Wahlkämpfen der siebziger und achtziger
+Jahre — eine große Rolle. Ich mußte sogar noch in den neunziger Jahren
+unsere Stellung zur Kommune im Reichstag verteidigen.
+
+Im März 1876 hatte ich in Leipzig eine große Disputation mit dem
+Hauptagitator der Leipziger Nationalliberalen Bruno Sparig, auf die ich
+an geeigneter Stelle zurückkommen und meine damaligen Ausführungen über
+die Kommune zum Abdruck bringen werde.
+
+ * * * * *
+
+Der Reichstag wurde gegen Ende Mai 1871 geschlossen. Zu Hause
+angekommen, machte ich die Bekanntschaft von _Johann Most_, der nach
+seiner Amnestierung aus Oesterreich ausgewiesen worden und nach Leipzig
+gekommen war. Nach seiner Haftentlassung wurde sein Brief bekannt, den
+er an seinen Vater geschrieben hatte, der in Augsburg, irre ich nicht,
+Beamter bei einer Kirchenstiftung war. Der Vater hatte versucht, den
+Sohn von seinen „Irrwegen“ abzubringen.
+
+Most hatte darauf am 13. Januar 1871 unter anderem geantwortet:
+
+ „Ich versichere es Ihnen: Wenn Sie mir eine Stelle mit einem
+ Monatsgehalt von 1000 Gulden offerierten und ich einer mir
+ gesinnungsfeindlichen Partei dienen sollte, und wenn mir andererseits
+ von seiten meiner Parteigenossen nur trockenes Brot entgegengehalten
+ würde, so würde ich, ohne mich zu besinnen, nach dem trockenen Brote
+ greifen.“
+
+Dieser Brief spricht sehr zugunsten von Mosts Charakter. Was er schrieb,
+war seine ehrliche Ueberzeugung, denn Most war im Grunde eine
+vortrefflich angelegte Natur. Wenn er später unter dem Sozialistengesetz
+immer mehr auf Abwege geriet, Anarchist und Vertreter der Propaganda der
+Tat wurde, ja schließlich sogar, er, der immer ein Muster von
+Enthaltsamkeit war, als Trunkenbold in den Vereinigten Staaten
+endete, so legte den Grund zu dieser schlimmen Entwicklung das
+Sozialistengesetz, das ihn wie so viele andere außer Landes trieb. Wäre
+Most unter dem Einfluß von Männern geblieben, die ihn zu leiten und
+seine Leidenschaftlichkeit zu zügeln verbanden, die Partei hätte in ihm
+einen ihrer eifrigsten, opferwilligsten und unermüdlichen Kämpfer
+behalten. Er hat später als Redakteur der von ihm gegründeten
+„Freiheit“ — die erst in London, nachher in New York erschien — mich oft
+heftig angegriffen. Noch schlimmer als mich behandelte er Ignaz Auer und
+Liebknecht. Aber dennoch ist mir leid, daß er, der gut Veranlagte, so
+elend zugrunde ging.
+
+Most wurde in Leipzig nach wenigen Tagen seiner Anwesenheit ebenfalls
+ausgewiesen. Er ging nach Chemnitz, woselbst er Redakteur der
+„Chemnitzer Freie Presse“ wurde und den großen Metallarbeiterstreik
+leitete, der im Hochsommer 1871 zum Ausbruch kam.
+
+ * * * * *
+
+Die Partei hatte sich von den Wirkungen der Kriegszeit rasch erholt. Die
+glänzende industrielle Prosperitätsperiode, die jetzt begann, kam der
+Bewegung zustatten. Daß die deutsche Frage einen Abschluß erlangt hatte,
+der, wenn er auch uns nicht gefiel, zunächst keine Aussicht auf
+Aenderung bot, beseitigte verschiedene Differenzpunkte, die bisher
+zwischen den streitenden Arbeiterparteien bestanden. Das Schlachtfeld
+wurde übersichtlicher und vereinfachter. In der Eisenacher Partei, wie
+unsere Partei kurz genannt wurde, erschienen in Bälde eine Anzahl
+Parteiorgane. So neben den Blättern in Crimmitschau und Chemnitz solche
+in Braunschweig, wo der unermüdliche, immer opferbereite Bracke den
+„Volksfreund“ ins Leben rief und eine eigene Druckerei gründete, ferner
+in Hamburg-Altona, Dresden, Nürnberg, Hof, später in München und Mainz.
+Dagegen ging der „Proletarier“ in Augsburg Mitte Juni ein.
+
+
+
+
+Der erste deutsche Webertag.
+
+
+Die Prosperitätsepoche, die nach dem Deutsch-Französischen Krieg
+einsetzte, stimulierte die Arbeiterkreise zur Gründung neuer und
+Ausdehnung der vorhandenen gewerkschaftlichen Organisationen. Ein
+solches Bedürfnis machte sich auch unter der Weberbevölkerung geltend,
+deren Lage eine besonders gedrückte war. Aus meinem Wahlkreis wurde die
+Anregung zu einem deutschen Webertag gegeben, der vom 28. bis 30. Mai
+1871 in Glauchau tagte. Derselbe war von 147 Delegierten besucht, die
+134 Mandate aus 85 Orten zu vertreten hatten. Unter den Delegierten
+befand sich auch der spätere Reichstagsabgeordnete Harm-Elberfeld, der
+damals im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein stand. An Stelle von
+Motteler, der eine notwendige Geschäftsreise zu unternehmen hatte, war
+mir das Referat über die drei Fragen übertragen worden: 1. Wie ist es
+gekommen, daß in der Weberei die Löhne so gedrückt sind? 2. Wie sind sie
+zu heben? 3. Wie sind sie den Zeitverhältnissen entsprechend zu
+erhalten? Im Laufe des Vortrags wies ich darauf hin, daß durch die
+Annexion von Elsaß-Lothringen mit seiner hochentwickelten
+Baumwollspinnerei und -weberei den gleichen deutschen Industriezweigen
+eine gewaltige Konkurrenz erwachsen dürfte, die zweifellos auch eine
+revolutionierende Wirkung auf die Art der bisherigen Produktionsweise in
+Deutschland (weite Verbreitung der Hausweberei) ausüben werde.
+Glauchauer Kaufleute, die als Zuhörer anwesend waren und damals durch
+ihre Faktoren in der Hausweberei arbeiten ließen, hörten diese
+Ausführungen mit Kopfschütteln an. Als ich aber nach langer Haft im
+Jahre 1875 in meinen Wahlkreis zurückkehrte, wurde mir allseitig die
+Richtigkeit meiner Ausführungen bestätigt. Davon überzeugte mich auch
+der Anblick der Städte in meinem Wahlkreis, in denen in wenig Jahren die
+Fabriken wie Pilze aus dem Boden gewachsen waren. Ich empfahl, mit den
+elsaß-lothringischen Webereiarbeitern Fühlung zu nehmen. Weiter
+beantragte ich Resolutionen, die ein Verbot der Kinderarbeit in den
+Fabriken und die gesetzliche Einführung eines zehnstündigen
+Normalarbeitstags verlangten, die einstimmig angenommen wurden. Ferner
+wurde gegen zwei Stimmen die Abschaffung der Sonntagsarbeit zu fordern
+beschlossen. Eine andere von mir eingebrachte Resolution, die nach
+lebhaften Erörterungen ebenfalls Zustimmung fand, betraf die
+Arbeitseinstellungen, und lautete:
+
+ „Der allgemeine deutsche Webertag empfiehlt allen Fachgenossen, bei
+ Organisierung von Streiks mit der größten Vorsicht vorzugehen und
+ unter keinen Umständen eine Arbeitseinstellung vorzunehmen, wenn nicht
+ die Gewißheit vorhanden ist, daß durch genügende Mittel und
+ Unterstützung der Erfolg gesichert ist.“
+
+Bezüglich der Schiedsgerichte schlug ich folgende Resolution vor:
+
+ „Der erste allgemeine deutsche Webertag erachtet es für wünschenswert,
+ daß sich Schiedsgerichte bilden, die zu gleichen Teilen aus Arbeitern
+ und Arbeitgebern bestehen, um Differenzen, durch die ein Streik droht,
+ auf gütlichem Wege auszugleichen.“
+
+Schließlich wurde ein Komitee von fünf Personen niedergesetzt (Sitz
+Glauchau), das die Agitation und Organisation der Fachgenossen in die
+Hand nehmen und regelmäßig Zirkulare herausgeben sollte mit
+fachgenössischen Mitteilungen. Es fand auch ein zweiter Webertag in
+Berlin statt, und eine Anzahl Zirkulare wurden ebenfalls herausgegeben,
+dann aber brach die Bewegung wieder zusammen.
+
+
+
+
+Weiteres aus Sachsen.
+
+
+Zum 14. Juni 1871 hatten wir in Leipzig eine Volksversammlung einberufen
+mit der Tagesordnung: „Die hohen Kommunalsteuern und die städtische
+Verwaltung“. Leipzig hatte seit 1848 keine solche Beteiligung gesehen
+wie bei dieser Versammlung. Eine wahre Völkerwanderung begann nach dem
+Versammlungslokal, das, obgleich es 5000 Köpfe faßte, kaum den dritten
+Teil der Besucher aufnehmen konnte. Die Versammlung war eine Antwort auf
+die heftigen Angriffe, welche die Leipziger Presse gegen unsere Partei
+und speziell gegen mich wegen meines Auftretens im Reichstag inszeniert
+hatte. Ich ging mit der Stadtverwaltung streng ins Gericht. Die von mir
+vorgeschlagenen Resolutionen tadelten das _Steuersystem_, das die
+kleinen Leute zugunsten der Wohlhabenden ungerecht belaste, sie tadelten
+ferner die _Verwendung_ der Gemeindesteuern, die hauptsächlich im
+Interesse der besitzenden Klasse erfolge, und forderten, da diese
+Wirtschaftsweise nur durch das begehende Klassenwahlgesetz möglich sei,
+die Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten
+Wahlrechts. Die Versammlung nahm unter stürmischem Beifall meine
+Vorschläge gegen drei Stimmen an. Die liberale Presse tobte.
+
+Jetzt begann auch die Aera der Verfolgungen in Sachsen. Im Juli wurde
+Vahlteich, der als Stellvertreter für Hirsch am „Crimmitschauer Bürger-
+und Bauernfreund“ eingetreten war, als letzterer die Redaktion des
+„Volksstaat“ übernahm, wegen Majestätsbeleidigung durch die Presse zu
+drei Monaten Festungshaft verurteilt. Kurz darauf erhielt Karl Hirsch
+wegen desselben Deliktes vier Monate Festungshaft.
+
+Den 3. August eröffnete die Staatsanwaltschaft Liebknecht, Hepner und
+mir, daß sie gegen uns die Anklage auf Vorbereitung zum Hochverrat
+erheben werde, außerdem gegen Liebknecht wegen Majestätsbeleidigung. Am
+27. September beschloß die Anklagekammer, dem Antrag der
+Staatsanwaltschaft stattzugeben. Die von uns hiergegen eingelegte
+Nichtigkeitsbeschwerde bei dem Oberappellationsgericht in Dresden wurde
+am 10. November _verworfen_.
+
+
+
+
+Der Dresdener Parteikongreß.
+
+
+Derselbe war auf den 12. bis 14. August 1871 berufen worden. Er war von
+56 Delegierten besucht, die 6220 Parteigenossen aus 75 Orten zu
+vertreten hatten. Ich wurde erster, Bracke zweiter Vorsitzender. Die
+Tagesordnung war interessant und die Verhandlungen wurden sehr lebhafte.
+In der Eröffnungsrede konstatierte ich mit Genugtuung, daß der Kongreß
+in der Hauptstadt desjenigen Landes tage, in dem die Sozialdemokratie am
+heftigsten verfolgt würde, was ihr keinen Schaden tun werde. Die
+„Berliner Volkszeitung“, die zu jener Zeit unter ihrem Redakteur
+Bernstein der Partei besonders feindlich gesinnt war, führte Klage
+darüber, daß der Leipziger Untersuchungsrichter uns (Liebknecht, Hepner
+und mir) die Beteiligung am Kongreß nicht verboten habe, was er nicht
+konnte. Bork war Referent über den gesetzlichen Normalarbeitstag. Er
+hielt eine gute Rede und befürwortete eine Resolution, in der ein
+gesetzlicher Normalarbeitstag von höchstens zehn Stunden gefordert
+wurde. Ich referierte über die Forderung der Einführung des allgemeinen,
+gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts für die Landtags- und
+Gemeindewahlen, Bracke über das neue Haftpflichtgesetz. Er schlug eine
+Resolution vor, durch die der Reichstag getadelt wurde, der das Gesetz
+in durchaus unbefriedigender Weise verabschiedet habe. Ueber die
+politische Stellung der Sozialdemokratie referierte an Liebknechts
+Stelle, der vorläufig abgehalten war zu kommen, Most. Die Verhandlungen
+hierüber führten zu heftigen Szenen. Der überwachende Polizeikommissar
+verlangte im Namen seiner vorgesetzten Behörde, ich solle dem Referenten
+mitteilen, daß er sich aller und jeder Abschweifung auf die Pariser
+Kommune zu enthalten habe. Das lehnte ich ab. Für Most war dieser
+Zwischenfall Wasser auf die Mühle. Er sprach zwar kurz, dafür aber um so
+schärfer. Man mache den Versuch, äußerte er, ihm einen moralischen
+Maulkorb vorzuhängen. Dinge, die in der ganzen Welt, selbst bei den
+Chinesen, diskutiert würden, wolle man uns verbieten zu erörtern. Dabei
+seien wir fortgesetzt wegen unserer Haltung Gegenstand der heftigsten
+Angriffe und der niedrigsten Verleumdungen. Und nachdem wir so von allen
+Seiten mit Schmutz besudelt und mit Steinen beworfen würden, wolle man
+uns verwehren, unseren Standpunkt darzulegen. (Stürmischer Beifall.) Der
+Kommissar suchte geltend zu machen, daß sich das Verbot nur auf
+Aeußerungen über die Kommune beziehe. Das war aber für uns der Punkt,
+auf den es uns ankam, wir wollten unseren Standpunkt gegenüber der
+Kommune darlegen.
+
+Nach Most nahm ich das Wort. Mir scheine, daß die Art, wie die Behörden
+sich in unsere Verhandlungen einmischten und sie zu beeinflussen
+suchten, eines sozialdemokratischen Kongresses unwürdig sei.
+(Stürmischer, minutenlanger Beifall.) Mir sei nicht bewußt, daß Urteile
+über die Pariser Kommune abzugeben ungesetzlich sein sollte. Indes
+wüßten ja die Anwesenden alle, wie wir zur Kommune stünden. Wir seien
+leider dem Vorgehen der Behörden gegenüber machtlos, wir könnten nur
+dagegen protestieren. Ich schlage vor, da es unserer unwürdig sei, unter
+den uns auferlegten Beschränkungen zu debattieren, daß der Referent auf
+das Wort verzichte und wir ohne Debatte über die vorgelegte Resolution
+abstimmten. Es sei ein trauriges Zeichen der Zeit, daß jetzt, nachdem
+die offiziellen Aktenstücke über die Kommune bekannt geworden und
+festgestellt sei, daß das seit Monaten gegen die Kommune Gesagte Lüge,
+Verleumdung, Unwahrheit sei (Stürmischer Beifall), man uns verbieten
+wolle, diese Kampfweise an den Pranger zu stellen.
+
+Most erklärte, er wäre um so mehr mit meinem Vorschlag einverstanden, da
+die Zeit schon weit vorgeschritten sei. Er nehme an, daß alle mit ihm
+einverstanden seien, wenn er erkläre: _Wenn die Reaktion sich
+international verbindet, dann muß sich selbstverständlich die Revolution
+ebenfalls international verbinden_. (Stürmischer Beifall.) Er schloß:
+
+ „Seht wie von Osten hin nach West
+ So hell die Flamme loht;
+ Wir halten treu, wir halten fest,
+ Denn unsre Fahn' ist rot.“
+
+Stürmischer, langanhaltender Beifall folgte seinen Worten. Dann ließ ich
+über die Resolution abstimmen, die lautete:
+
+ „Der Kongreß erklärt seine volle Zustimmung zu der Haltung des
+ Parteiorgans ‚Volksstaat‘ gegenüber den politischen und sozialen
+ Fragen des vergangenen Jahres. Insbesondere billigt der Kongreß den
+ durch den ‚Volksstaat‘ unterhaltenen geistigen Zusammenhang der
+ deutschen Sozialdemokratie mit der Internationalen
+ Arbeiterassoziation.“
+
+Die Resolution fand einmütige Zustimmung. Die weiteren Verhandlungen des
+Kongresses beschäftigten sich mit den inneren Angelegenheiten der
+Partei: Bericht des provisorischen Parteiausschusses und der
+Kontrollkommission, Anträge über Statutenänderung usw. Der Bericht über
+den „Volksstaat“ ergab, daß derselbe 4020 Abonnenten und eine Schuld von
+1675 Taler hatte. Hierbei ist zu beachten, daß die Gründung der
+Lokalblätter an den Orten mit der besten Parteiorganisation notwendig
+der Verbreitung des „Volksstaat“ sehr hinderlich war. Von diesem
+Gesichtspunkt aus betrachtet war der Stand des Blattes ein erfreulicher.
+Heinrich Scheu, der in Stuttgart seinen Wohnsitz genommen hatte, dann
+aber aus ganz Württemberg ausgewiesen worden war, tadelte scharf die
+Liebäugelei unserer Parteigenossen in Württemberg mit der Volkspartei,
+was den schlechten Ausfall der Reichstagswahlen für unsere Partei dort
+verschuldet habe und überhaupt die Unklarheit in der Partei fördere. Es
+wurde ein Antrag der Ronsdorfer Parteigenossen angenommen, lautend: „Bei
+den Reichstagswahlen sind nur solche Kandidaten zu unterstützen, die als
+Mitglieder unserer Partei eventuell den anderen sozialdemokratischen
+Parteien angehören.“ Weiter wurde auf Antrag Metzner und Josewicz
+beschlossen: Der Pariser Kommune unsere Anerkennung ohne Debatte durch
+Erheben von den Plätzen auszusprechen. Schließlich beschäftigte man sich
+mit der Frage, wie am zweckmäßigsten die Agitation und Organisation
+unter den Landarbeitern betrieben werden könne. Auf meinen Antrag
+beschloß der Kongreß die Gründung einer Genossenschaftsdruckerei in
+Leipzig auf Grund des sächsischen Genossenschaftsgesetzes, das die
+beschränkte Hast zuließ. Als Sitz des Parteiausschusses wurde Hamburg,
+als Sitz der Kontrollkommission Berlin, als nächster Kongreßort Mainz
+gewählt. Nach einem Dank an das Bureau des Kongresses und das Dresdner
+Lokalkomitee wurde der in höchst befriedigender Weise verlaufene Kongreß
+geschlossen.
+
+Kurz nach dem Dresdener Kongreß wurden die ersten Frauenversammlungen
+in Leipzig, Chemnitz usw. abgehalten und bildete sich in Chemnitz die
+erste Frauenorganisation. In Berlin gingen Anhänger des Allgemeinen
+Deutschen Arbeitervereins in der gleichen Richtung vor.
+
+
+
+
+Die zweite Session des deutschen Reichstags.
+
+
+Die Session begann im Oktober 1871. Ende desselben stand die erste
+Lesung über den Etat für 1872 auf der Tagesordnung. Das Etatsjahr begann
+damals mit dem 1. Januar. Die Abgeordneten Lasker und Richter hatten vor
+mir gesprochen. Ich polemisierte gegen beide. Der Abgeordnete Lasker
+habe früher einmal gegen mich ausgeführt, eine starke Regierung brauche
+nicht notwendig reaktionär zu sein. Der Beweis dafür sei aber in
+Deutschland geliefert, wo die Regierung stark, das Parlament aber
+schwach sei. Alle Beschlüsse des Reichstags, die dem Reichskanzler nicht
+paßten, wanderten in den Papierkorb, und seien diese Beschlüsse auch
+noch so berechtigt. So werde es auch mit dem Verlangen des Abgeordneten
+Richter gehen, der die Abschaffung der Salzsteuer fordere, sobald
+Frankreich seine letzte halbe Milliarde Kriegskosten bezahlt habe. Das
+werde nach dem Friedensvertrag in zwei Jahren der Fall sein.
+Mittlerweile werde aber der Reichskanzler wieder aufs neue dilatorische
+Verhandlungen begonnen haben und wir stünden vor einem neuen
+Kriege. — Tatsächlich standen wir 1875 nahe vor einem solchen. — Die
+Salzsteuer werde nicht abgeschafft werden, weder jetzt noch in zwei
+Jahren. Auch werde die gewünschte Ermäßigung des Militäretats nicht
+eintreten. Der Abgeordnete Lasker habe unrecht, dem Abgeordneten Greil
+vorzuwerfen, es sei eine falsche Auffassung seinerseits, daß man im
+Volke geglaubt habe, nach der Gründung des Reiches würden die
+Militärlasten vermindert werden. Dieser Glaube sei allerdings vorhanden
+gewesen und er sei durch die Liberalen vertreten worden. Diesen
+Glauben hätte ich allerdings nie geteilt. Schon die wachsenden
+Klassengegensätze, die aus der zunehmenden kapitalistischen Entwicklung
+resultierten, würden es verhindern, die stehende Armee zu vermindern,
+und darüber hätten auch die Ausführungen des Abgeordneten Lasker keinen
+Zweifel gelassen. Es sei aber irrig, wenn Lasker glaube, die stehende
+Armee unter allen Umständen als Stütze der bestehenden Ordnung der Dinge
+ansehen zu können. Frankreich habe auch eine große Armee gehabt, aber
+die Entstehung der Kommune habe diese nicht verhindert. Außerdem
+vermehre sich das Proletariat weit rascher, als die stehende Armee
+vermehrt werden könne, und außerdem steige mit der Vermehrung der Armee
+auch das sozialistische Element in derselben, da das industrielle
+Proletariat einen immer größeren Bruchteil derselben bilde. Trotz
+alledem würden die Liberalen ihre Hoffnung auf die Armee setzen und jede
+Forderung für dieselbe bewilligen.
+
+Am 8. November wurde über einen Antrag Büsing in dritter Lesung
+verhandelt, der verlangte, daß in jedem Bundesstaat eine aus Wahlen
+hervorgegangene Volksvertretung bestehen müsse. Dieser Antrag war in
+zweiter Lesung angenommen worden. Ich erklärte zu demselben, daß ich
+heute mit den Konservativen und dem Zentrum gegen den Antrag stimmen
+würde, auf die Gefahr hin, daß man wieder von einer Kooperation der
+Schwarzen mit den Roten spreche. Früher hätten wir uns gegen
+Kompetenzerweiterungen des Bundes ausgesprochen, in der Hoffnung, in den
+Mittel- und Kleinstaaten werde man sich etwas freier bewegen können. Das
+sei eine Täuschung gewesen, was man zum Beispiel gegen uns in Sachsen
+leiste, könnte nicht leicht überboten werden. Wenn daher der
+Reichskanzler die gesamten Mittel- und Kleinstaaten in die Tasche
+stecken wollte, hätten wir nichts dagegen, mit dem einen würden wir
+nachher auch fertig. (Gelächter.) Ich stimmte gegen den Antrag, weil er
+inhaltlos sei. Was heiße das: in jedem Bundesstaat müsse eine aus Wahlen
+hervorgegangene Vertretung bestehen. Aus welchen Wahlen? Etwa nach dem
+Dreiklassenwahlsystem in Preußen? Von den heutigen einzelstaatlichen
+Vertretungen als _Volksvertretungen_ zu reden, sei Schwindel. (Gelächter
+und große Unruhe.) Man habe davon gesprochen, der Reichskanzler sei seit
+1866 konstitutioneller geworden. Das sei nicht wahr. Die liberalen
+Parteien seien _nachgiebiger_ geworden, das sei des Pudels Kern. (Große
+Unruhe.) Man habe eine Reichsverfassung geschaffen, wie sie reaktionärer
+nicht sein könne. (Gelächter.) Das sei Scheinkonstitutionalismus,
+nackter Cäsarismus. Der Präsident Simson, der schon lange nervös
+geworden war, unterbrach mich und drohte, wenn ich so fortfahren würde,
+sich vom Hause autorisieren zu lassen, daß er mir die Fortsetzung der
+Rede untersage. (Lebhafte Zustimmung.) Dazu hatte er nach der
+Geschäftsordnung keinen Funken Recht. Ich protestierte also gegen seine
+Drohung und fuhr fort, auszuführen, daß wenn die mecklenburgische
+Verfassung etwa ebenso schlecht sein sollte.... Abermalige Unterbrechung
+durch den Präsidenten. Er habe die Grenzen der Redefreiheit weit
+gezogen, aber gegen eine Verfassung, unter der wir lebten, so zu reden
+wie ich, überschreite alle Grenzen. Er drohte abermals mit der
+Wortentziehung. Ich protestierte aufs neue und berief mich darauf, daß
+die Opposition — zu der damals auch Simson gehörte — in der preußischen
+Konfliktszeit viel schärfer geredet habe als ich heute. Der Präsident
+erwiderte, was damals geschehen sei, gehe ihn nichts an, was jetzt
+gesagt werden dürfe, bestimme er.
+
+Abermaliger Protest von meiner Seite. Ich charakterisierte dann den
+Humbug des Scheinkonstitutionalismus, was eine solche Verfassung für
+einen Wert habe? Ich hätte keine Neigung, den paar Dutzend Verfassungen
+in Deutschland, die nicht das Papier wert wären, auf dem sie geschrieben
+ständen, noch eine neue hinzuzufügen.
+
+Der Präsident geriet abermals in Aufregung. Ob ich mit dieser
+Charakterisierung auch die Reichsverfassung gemeint habe? Ich hätte
+nicht nötig gehabt, auf diese Frage zu antworten, dennoch erklärte ich,
+daß ich allerdings auch die Reichsverfassung mit darunter verstanden
+habe. (Große Unruhe.) Darauf erbat sich der Präsident die Ermächtigung
+vom Hause, mir das Wort zu entziehen. Die Mehrheit stimmte zu.
+
+Nach mir kam die Parlamentsanstandsdame, der Abgeordnete Lasker, zum
+Worte. Ihm zufolge hatten wir im Reichstag und im Reiche das denkbar
+höchste Maß von Rede- und Preßfreiheit. Das sei uns alles nicht genug,
+wir wollten mit roher Gewalt alles durchsetzen und uns über die Gesetze
+stellen. (Ich unterbrach den Redner durch Zurufe, der Präsident verwies
+mich zur Ordnung.) Ich sollte nur nicht glauben, daß man eine Armee von
+400000 Mann hielte, um meine Bestrebungen zurückzuweisen. Das würden die
+Bürger allein besorgen. Er hatte hier hinzugefügt: indem sie uns mit
+Knüppeln totschlügen. Diesen Satz hatte er nachher im Stenogramm
+gestrichen. Der deutsche Bürger sei weit mutiger als der französische,
+ich sei ein Phantast, zu glauben, daß wir unser Ziel erreichen könnten.
+
+Ich nahm am Schlusse der Sitzung zu einer persönlichen Bemerkung das
+Wort, um darauf hinzuweisen, daß der Präsident die Beleidigung, ich sei
+ein Phantast, nicht gerügt habe. Ich glaubte, der Abgeordnete Lasker sei
+mehr Phantast als ich. Geprahlt hätte ich auch nicht, daß das deutsche
+Volk hinter uns stehe. Ich wüßte, daß wir noch eine kleine Minderheit
+seien, stünde das Volk hinter uns, dann säßen der Abgeordnete Lasker und
+seine Freunde nicht in diesem Hause. (Große Heiterkeit.) Des weiteren
+habe der Abgeordnete Lasker sich gegen meine Partei Denunziationen
+erlaubt. Was er über die Kommune gesagt, darüber würde ich mich mit ihm
+ein anderes Mal auseinandersetzen. Der Abgeordnete Wiggers hatte
+ebenfalls gegen mich polemisiert. Mit meiner Ablehnung ihres Antrags
+spräche ich mich für den bestehenden Zustand in Mecklenburg aus. Ich
+antwortete, das sei ein Irrtum, er habe überhört, daß ich mich für die
+Annexion von Mecklenburg an Preußen ausgesprochen habe, da sei doch ihm
+und seinen Mecklenburger Parteigenossen auf einmal geholfen.
+(Heiterkeit.)
+
+Am folgenden Tage nahm ich vor Eintritt in die Tagesordnung zu einer
+Erklärung das Wort. Das Haus habe mir gestern auf Verlangen des
+Präsidenten im Namen der Ordnung das Wort entzogen. Das Haus habe aber
+selbst die Ordnung aufs schwerste verletzt. Ich wies dieses an dem
+Wortlaut der Geschäftsordnung nach. Mir hätte nur das Wort entzogen
+werden können, nachdem der Präsident mich ausdrücklich zweimal zur
+Ordnung gerufen habe. Das sei nicht geschehen. Die vorgekommenen
+Unterbrechungen meiner Rede durch den Präsidenten seien keine
+Ordnungsrufe gewesen. Er hätte mir deutlich sagen müssen: Ich rufe Sie
+zur Ordnung! Nachdem der Präsident die vorgeschriebene Regel nicht
+beobachtet habe, sei auch der Beschluß des Hauses vollständig
+unberechtigt und deshalb nichtig.
+
+Den Präsidenten brachte mein Einspruch aus dem Gleichgewicht, er wußte
+genau, daß er und das Haus ein Unrecht an mir begangen hatten. Er
+spitzte jetzt die Frage darauf zu, ob er bei einem Ordnungsruf die
+Formel gebrauchen müsse: Ich rufe den Redner zur Ordnung. Er sei nicht
+dieser Meinung; sei ich anderer Ansicht, so wolle er den Fall der
+Geschäftsordnungskommission überweisen.
+
+Darauf erklärte ich, daß ich meine Auffassung über das Verfahren des
+Präsidenten und des Hauses aufrechterhalten müsse. Es läge kein
+Ordnungsruf vor, da eine bloße Unterbrechung des Redners durch den
+Präsidenten nie als Ordnungsruf gegolten habe. Er möchte die Frage der
+Geschäftsordnungskommission überweisen. Dazu erklärte sich Simson
+bereit.
+
+Diese Vorgänge hatten großes Aufsehen hervorgerufen und fast die gesamte
+Presse trat auf meine Seite. Der Präsident und der Reichstag hätten mir
+unrecht getan. Der Reichstag werde nervös und verliere die sachliche
+Urteilsfähigkeit, sobald ich spräche, äußerte ein liberales Blatt. Die
+„Elberfelder Zeitung“ hatte einige Tage vorher geschrieben: Der
+Vertretungskörper des deutschen Volks habe bei all seinen Vorzügen doch
+die Schwäche, den fremden Tropfen Blut in seinen Adern mit allzu wenig
+Geduld zu ertragen. Man solle die Spektakelsucht einzelner
+Reichstagsmitglieder durch die engsten gesetzlichen Schranken eindämmen,
+aber über die Grenzlinie des gesetzlich Erlaubten soll man nicht ein
+Haar breit gehen.... Am Mittwoch seien aber die gesetzlichen Formen ohne
+allen Zweifel vom Präsidenten und vom Hause selbst verletzt worden, und
+auch heute sei Lasker im Unrecht gewesen.
+
+Als dann der stenographische Bericht über die Sitzung vom 8. November
+vorlag, nahm ich abermals vor der Tagesordnung das Wort. Der Abgeordnete
+Lasker wollte laut stenographischem Bericht in jener Sitzung gesagt
+haben, so würde der redliche und besitzende Bürger mit eigener Macht
+sie (uns) niederschlagen. Diese Stelle sei eine Fälschung der Rede; er
+habe gesagt: _mit Knüppeln sie totschlagen._ Er, Lasker, werde sich zwar
+sehr hüten, an die Spitze der redlichen Bürger, mit einem Knüppel
+bewaffnet, sich zu stellen, aber die Aeußerung sei gerade für ihn
+interessant, der sich mir gegenüber stets, und auch wieder in der
+erwähnten Sitzung, als Vertreter von Anstand und Sitte hingestellt und
+im Namen der Zivilisation gegen mich gesprochen habe. Da der
+Vizepräsident, der Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst — der spätere
+Reichskanzler —, mich unterbrach und mich nicht weiterreden lassen
+wollte, kam ich auch mit diesem in Konflikt.
+
+Lasker nahm alsdann das Wort, um in einer Rede voll sittlicher
+Entrüstung mich als Ausbund alles Schlechten hinzustellen, gab aber zu,
+daß es ihm darum zu tun gewesen sei, seine Worte abzuschwächen. Ich
+antwortete, es komme nicht darauf an, was er (Lasker) habe sagen
+_wollen,_ sondern was er gesagt _habe,_ und das müsse unter allen
+Umständen in den stenographischen Bericht. Ich wandte mich dann gegen
+seine Ausführungen über die Kommune, auf die er wieder zu sprechen
+gekommen war. Ich verteidigte die Kommune und wies darauf hin, daß jetzt
+selbst die liberale Presse eine ganze Reihe angeblicher Schandtaten habe
+richtig stellen müssen, deren sie vorher die Kommune beschuldigt habe.
+Das Haus wurde wieder nervös, man unterbrach mich und gebrauchte die
+stärksten Schimpfworte gegen mich, ohne daß der Präsident ein Wort des
+Tadels hatte.
+
+Am 22. November war endlich der große Tag, an dem die Streitfrage
+zwischen dem Präsidenten und mir ihre Erledigung finden sollte. Die
+Geschäftsordnungskommission hatte sich ihre Aufgabe sehr leicht gemacht.
+Der Präsident hatte ihr die Frage unterbreitet, ob er bei einem
+Ordnungsruf sagen müsse: ich rufe den Redner zur Ordnung. Der Präsident
+hatte auch mich für diese Formel einfangen wollen, indem er mir seinen
+Antrag zur Mitunterschrift unterbreiten ließ. Ich verweigerte die
+Unterschrift. Die Fragestellung war eine total falsche und ebenso die
+Antwort der Kommission, denn der Präsident brauchte nicht gerade die
+erwähnte Formel zu gebrauchen, um einen Redner zur Ordnung zu rufen.
+Das Mitglied der Fortschrittspartei Klotz-Berlin war Berichterstatter
+der Kommission. Gegen die grundfalsche Stellung derselben nahm zunächst
+der Zentrumsabgeordnete Greil-Passau das Wort und stellte sich auf meine
+Seite. Nach ihm kam der sächsische Generalstaatsanwalt Dr. v. Schwarze
+und verteidigte den Beschluß der Kommission. Alsdann kam ich zum Wort.
+Ich zerpflückte unbarmherzig den Kommissionsbeschluß. Ich hätte nicht
+behauptet, der Präsident müsse unter allen Umständen bei einem
+Ordnungsruf die Worte gebrauchen: Ich rufe den Redner zur Ordnung! Er
+könne auch sagen: Ich sehe mich genötigt, den Abgeordneten Soundso zur
+Ordnung zu rufen! Und so gebe es noch viele Formen. Entscheidend sei,
+_daß der Redner und das Haus wisse,_ daß der Ordnungsruf erteilt wurde.
+Das sei bei mir nicht der Fall gewesen. Dann zitierte ich aus einer Rede
+Simsons vom 10. Februar 1866. Er habe damals geäußert: daß die Freiheit
+der Rede gemißbraucht werden könne und häufig gemißbraucht werde, _daß
+vielleicht nicht viele unter uns seien, die sich von einem solchen
+Vorwurf freisprechen könnten — was ändere das?_ Habe nicht Niebuhr die
+Wahrheit ausgesprochen: _Was nicht gemißbraucht werden kann, das taugt
+nichts?_ Simson habe in jener Rede die Regierung also angeklagt: _Die
+Regierung sei schlechterdings unverträglich mit allem, was der Freiheit
+auch nur entfernt ähnlich sehe; sie könnte nicht mit einer freien Presse
+regieren; sie könnte nicht regieren ohne Einfluß auf die Zusammensetzung
+der Gerichte und sollte dadurch das Ansehen der Justiz im Lande
+untergraben werden; sie könnte nicht regieren ohne Beeinflussung der
+Wahlen und sollte das Wahlresultat das Gegenteil von dem sein, was im
+Volke an Ueberzeugungen lebe; sie könnte nicht regieren mit einer freien
+Kommunalverwaltung; sie könnte schließlich nicht regieren mit einem
+Hause, in dem durch den Artikel 84 die Redefreiheit walte!_
+
+Ich fragte, wie der Präsident sein Verhalten mir gegenüber mit seiner
+Rede vom 10. Februar 1866 in Einklang bringen wolle. Bismarck habe
+einmal geäußert: Man muß den Parlamentarismus durch den Parlamentarismus
+tot machen. Das Haus sei auf dem besten Wege, durch sein Verhalten mir
+gegenüber dieses Wort wahr zu machen. Nach mir kam der Diplomat
+Windthorst zum Wort, der einen seiner berühmten Eiertänze aufführte. Die
+Geschäftsordnung sei angeblich nicht klar genug; schließlich beantragte
+er die Zurückweisung der Angelegenheit an die Kommission, um die
+betreffenden Vorschriften einer Revision zu unterziehen. Er schloß: Ich
+stimme weder für noch gegen Simson, noch für oder gegen Bebel. Auch die
+Redner der Fortschrittspartei, Freiherr v. Hoverbeck und Franz Duncker,
+waren weder warm noch kalt. Duncker sprach sich für den Windthorstschen
+Antrag aus, Hoverbeck dagegen; er glaubte nichts Besseres tun zu können,
+als Steine auf mich zu werfen. Der Antrag Windthorst wurde schließlich
+angenommen. Der alte Ziegler war tief ergrimmt über das Schauspiel, das
+der Reichstag und speziell seine Partei bot. Sobald der Beschluß gefaßt
+worden war, kam Ziegler bebend vor Zorn zu mir an meinen Platz und
+sagte: _„Hören Sie, Bebel, wir sind allesamt Sch——, bekommen Sie die
+Gewalt in die Hand, so hängen Sie uns samt und sonders an die Laterne.“_
+Ich versprach ihm mit lachendem Munde, gegebenen Falles seinen
+freundlichen Rat zu befolgen. Den Beschluß des Reichstags faßte Simson
+als ein Mißtrauensvotum auf. Er legte das Präsidium nieder. Natürlich
+wurde er wiedergewählt.
+
+Diese Vorgänge wie überhaupt mein Verhalten in den letzten drei
+Sessionen hatten mir eine große Popularität in den Arbeiter- und den
+demokratischen Bürgerkreisen verschafft. Letztere gab es damals noch. Es
+war zum Beispiel in Berlin eine ziemlich starke Gruppe meist gut
+gestellter Bürger, die in Johann Jacoby ihr Ideal sahen und mit uns
+sympathisierten. Sie gruppierten sich um Dr. Guido Weiß, den Redakteur
+der von ihm vorzüglich geleiteten „Zukunft“, eines großen demokratischen
+Tageblatts, das die vermögenden Jakobyten — wie wir die speziellen
+Anhänger Jacobys kurz nannten — im Jahre 1867 gegründet hatten, aber
+wegen zu großer Opfer, die das Blatt erforderte, im Frühjahr 1871
+eingehen lassen mußten. Zugehörige dieser Gruppe waren William
+Spindler, der Sohn des Gründers des großen Färbereigeschäfts W.
+Spindler, van der Leeden, Dr. G. Friedländer, Morten Levy, Dr.
+Meierstein, Boas, Dr. Stephani, später Chefredakteur der „Vossischen
+Zeitung“, und andere. Auch der damals noch sehr junge Franz Mehring, den
+ich durch Robert Schweichel hatte kennen gelernt, gehörte zu diesem
+Kreis. Blieben Liebknecht und ich über Sonntag in Berlin, so trafen wir
+in der Regel mit mehreren der Genannten, unter denen sich auch öfter
+Paul Singer befand, in einer Weinstube zusammen. Nach stillschweigender
+Uebereinkunft tranken alle einen billigen Moselwein, sogenannten
+Kutscher, den Schoppen zu 50 Pfennig. Nachher ging es nicht selten noch
+in ein Bierhaus. Meine Leistung im Trinken war allezeit eine minimale,
+aber Schweichel, Liebknecht, Guido Weiß, Mehring waren trinkfeste
+Mannen. Mehr als einmal gingen wir, doch stets aufrechten Hauptes, nach
+Hause, als schon die Sonne hell leuchtend am Himmel stand.
+
+Eine Folge meiner Popularität war, daß ich hofiert und fetiert wurde und
+öfter Einladungen zu solennen Mittag- oder Abendessen bei Familien der
+Bekannten erhielt. Aber ich war kein großer Freund solcher Einladungen
+und ging ihnen so viel als möglich aus dem Wege. So schrieb ich unter
+dem 19. November 1871 an meine Frau:
+
+ „Für heute Sonntag habe ich mir alle Einladungen vom Halse geschafft,
+ indem ich rund heraus erklärte, ich sei schon eingeladen, obgleich es
+ nicht wahr war. Man ist froh, ein paar Stunden wieder Mensch sein zu
+ können, indem man sich selbst angehört.... Uebrigens hoffe ich, hier
+ bald loskommen zu können, ich habe das Leben hier sehr satt und sehne
+ mich zu Euch und nach meiner Häuslichkeit.... Wenn vom Essen und
+ Trinken das menschliche Glück abhinge, müßte ich hier sehr glücklich
+ sein, aber ich bin es nicht.“ —
+
+Die Vorgänge im Reichstag schlugen noch längere Zeit in der Presse ihre
+Wellen. So veröffentlichte die „Augsburger Allgemeine Zeitung“
+Uebersichten über die Verhandlungen, in denen es in bezug auf meine
+Stellung zum Antrag Büsing sehr wohlwollend hieß:
+
+ „Bebel gab wieder Proben seines glänzenden Rednertalents und davon,
+ daß er ein ganzer Mann ist. Schon weil es wenig bekannt ist, verdient
+ hervorgehoben zu werden, daß der junge Drechslermeister von Leipzig
+ sich, obgleich er völlig allein steht, und seine weitgehenden
+ Ansichten fast einstimmig verdammt und bedauert werden, im Reichstag
+ eine ganz exzeptionelle Stellung, und bei der Mehrzahl, namentlich
+ auch bei den Hochkonservativen, achtungsvolle Anerkennung erworben
+ hat, welche dadurch, daß er seine Mußestunden in Berlin dazu benutzt,
+ durch Arbeit bei einem Handwerksgenossen den Unterhalt für seine
+ Familie zu verdienen, nur vermehrt und durch die teilweise ungerechten
+ Angriffe Laskers nicht beeinträchtigt werden konnte. Bebel bietet
+ zugleich ein Beispiel der wunderbaren Fügungen der Vorsehung. Wäre er
+ nicht als Knabe überaus schwächlich gewesen, so würde er als Sohn
+ eines preußischen Unteroffiziers unzweifelhaft in einem preußischen
+ Militärwaisenhause erzogen worden und jetzt voraussichtlich
+ wohldisziplinierter Wachtmeister sein. Nun aber erhielt er seine
+ Erziehung durch die Wincklersche Stiftung in Wetzlar, und seine
+ angeborene Begabung und eigener Fleiß machten ihn zum Führer einer,
+ trotz ihrer beschränkten Zahl nicht ungefährlichen Volkspartei und zu
+ einem hervorragenden Redner im deutschen Parlament.“
+
+Es war selbstverständlich eine _Legende,_ wenn der Berichterstatter mich
+in Berlin bei einem Handwerksgenossen den Unterhalt für meine Familie
+verdienen ließ. Das war denn doch ein Ding der Unmöglichkeit. Aber diese
+Legende machte Schule; ich begegnete ihr eine Reihe Jahre später wieder
+in einem Buche über die Sozialdemokratie. So wird oft Geschichte
+gemacht. Ich erhielt später noch ähnliche Proben.
+
+ * * * * *
+
+In der Partei ging in dieser Periode die Entwicklung ganz nach Wunsch.
+Die gegen die Partei inszenierten Verfolgungen, die schon kräftig
+eingesetzt hatten, schadeten ihr nicht, sie nützten ihr. Für jeden, der
+im Kampfe unfähig gemacht wurde, traten drei andere an seine Stelle. Zu
+den Wundern jener Zeit muß es gerechnet werden, daß die Leipziger
+Kreishauptmannschaft die Ausweisung Mosts durch die Leipziger Polizei
+aufhob, weil die Begründung für diese Maßregel nicht genüge. Keine
+angenehme Sache war es für mich, in den Versammlungen, die ich während
+meiner Anwesenheit in Berlin abhielt, in der Regel mich mit einer Anzahl
+Agitatoren des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins herumzuschlagen.
+Das Verhältnis zwischen uns war trotz des Rücktritts Schweitzers vom
+Präsidium unter dessen Nachfolger Hasenclever nicht besser geworden.
+Namentlich schlug Hasselmann im „Neuen Sozialdemokrat“ einen sehr rohen
+Ton an. Als ich im November im Streikverein der Sattler einen Vortrag
+hielt, wobei ich zum erstenmal Ignaz Auer kennen lernte, trat unter
+Führung Hasselmanns eine ganze Kolonne Redner gegen mich auf, um mich
+moralisch zu vernichten. Der Versuch bekam ihnen übel. Als ich dann nach
+Schluß der Versammlung mehreren meiner Gegner im Privatgespräch Vorwürfe
+machte wegen ihrer perfiden Kampfweise, gaben zwei derselben, Zielowsky
+und Finn, wie aus einem Munde zur Antwort: _Sie müßten uns bekämpfen;
+denn werde heute eine Einigung der Sozialdemokratie hergestellt,
+schreite morgen die Regierung mit aller Macht ein, um die Partei zu
+unterdrücken!_ Die beiden waren ahnungsvolle Engel, denn so ungefähr kam
+es nachher, als die Einigung verwirklicht wurde. Hasenclever gefiel sich
+anfangs als Präsident auch in der Pose Schweitzers. So ließ er sich in
+Altona in einer mit zwei Schimmeln bespannten Kutsche eine Ovation
+bringen. Er fand aber bald, daß er kein Schweitzer war und zu einer
+solchen Rolle nicht paßte.
+
+Im Dezember löste der Polizeidirektor Rüder den sozialdemokratischen
+Arbeiterverein in Leipzig wegen Verletzung des Verbindungsverbots auf.
+Das Verbot fand anderwärts Nachahmung. Um dieselbe Zeit veröffentlichten
+unsere Nürnberger Parteigenossen unter Führung Anton Memmingers einen
+Aufruf zur Unterstützung des Philosophen _Feuerbach_, der in großer
+Notlage in der Nähe Nürnbergs lebte. Memminger, der infolge lokaler
+Streitigkeiten in Nürnberg unmöglich wurde, ist später ganz nach rechts
+marschiert; er wurde eine Leuchte des bayerischen Bauernbundes und einer
+seiner fanatischsten und geschicktesten Vertreter in der Presse und im
+bayerischen Landtag. —
+
+In Sachsen hatten die polizeilichen und gerichtlichen Verfolgungen, die
+mit der Gründung bes Deutschen Reiches eine nie vorher gekannte Schärfe
+erlangte, eine ganz vortreffliche Stimmung in der Partei hervorgerufen.
+Als wir am 9. Januar 1872 in Chemnitz in einer Landesversammlung
+zusammentraten, musterten wir 120 Delegierte. Das ganze Land war bis in
+die letzten Bezirke vertreten. Ich führte den Vorsitz, Most war
+Schriftführer. Beschlossen wurde, für eine gründliche Umgestaltung des
+Vereins- und Versammlungsrechtes zu wirken; das allgemeine, gleiche,
+direkte und geheime Wahlrecht solle für die Landtags- und Gemeindewahlen
+gefordert werden; die Armenunterstützung solle reichsgesetzlich geordnet
+und die Kosten durch eine progressive Einkommensteuer aufgebracht
+werden. Den gemaßregelten Vereinen und Gewerkschaften wurde empfohlen,
+ihre Beschwerden bis in die letzte Instanz zu verfolgen und, falls diese
+resultatlos seien, Lokalvereine zu gründen. Ferner wurde die Aufhebung
+der Dienstbotenordnung verlangt und den Parteigenossen, die mit
+religiösen Ueberzeugungen gebrochen hätten, der Austritt aus der
+Landeskirche empfohlen. —
+
+Am 1. Februar 1872 trat Vahlteich seine Festungshaft in Hubertusburg an;
+später folgte ihm Karl Hirsch. Mittlerweile wurden aber auch die übrigen
+Gefängnisse mit verurteilten Sozialdemokraten besetzt. Einzelne Genossen
+waren mit sehr harten Gefängnisstrafen bedacht worden.
+
+
+
+
+Der Leipziger Hochverratsprozeß.
+
+
+Bei der Eröffnungsfeier des ersten deutschen Reichstags am 23. März 1871
+im sogenannten Weißen Saale des königlichen Schlosses zu Berlin trat
+Fürst Bismarck an den Abgeordneten v. Schwarze heran mit den Worten:
+„Nun, Herr Generalstaatsanwalt, was wird denn aus dem Prozeß Bebel und
+Genossen?“ Der Angeredete zuckte die Achseln und erwiderte: „Gar nichts
+wird.“, worauf Bismarck unwillig antwortete: „Dann hätte man die Leute
+auch nicht einstecken sollen; jetzt fällt das Odium des Prozesses auf
+uns.“ Wenige Augenblicke nach jenem Vorgang wandte sich der sächsische
+Finanzminister v. Friesen, der die Unterhaltung zwischen Bismarck und
+Schwarze angehört hatte, an den Abgeordneten Professor Birnbaum,
+Vertreter für Leipzig-Land, mit den Worten: „Da hat unser Schwarze eine
+große Dummheit gemacht!“
+
+Herr v. Schwarze hatte aber keine Dummheit gemacht, er hatte nur gesagt,
+was er als Jurist nach genauer Kenntnis des Inhaltes der Akten sagen
+mußte. Schwarze hielt ebenso wie unser Untersuchungsrichter eine
+Verurteilung für unmöglich, und Bismarck hatte ganz vergessen, daß
+unsere Verhaftung am 17. Dezember 1870 nicht erfolgt war, weil man
+irgendwelche Beweise für unsere angebliche Vorbereitung zum Hochverrat
+hatte, sondern weil man die Tatsache der Beschlagnahme unserer Briefe
+bei dem Braunschweiger Ausschuß benutzen wollte, uns hinter Schloß und
+Riegel zu bringen. Uns war sogar mitgeteilt worden, daß Bismarck selbst
+vom Hauptquartier aus die Anregung zu unserer Verhaftung gegeben habe.
+
+Die Frühjahrssession des Leipziger Schwurgerichtes war für unsere
+Aburteilung bestimmt worden. Der Prozeß sollte Montag den 11. März
+seinen Anfang nehmen. Die Aufregung in Leipzig war groß. Seitens der
+Behörden rechnete man mit Unruhen. Das veranlaßte uns, an der Spitze des
+„Volksstaat“ vom 6. und 9. März folgende Aufforderung zu
+veröffentlichen:
+
+ „_An unsere Parteigenossen!_
+
+ Wie Ihr wißt, beginnen Montag den 11. März die
+ Schwurgerichtsverhandlungen in dem Hochverratsprozeß gegen uns. Viele
+ von Euch werden denselben beiwohnen wollen. Dies veranlaßt uns, die
+ dringende Aufforderung an Euch zu richten, weder durch Zeichen des
+ Beifalls noch des Mißfallens die Verhandlungen zu unterbrechen.
+ Geschehe was da wolle, verhaltet Euch ruhig. Mag unsere Gegnerschaft
+ durch bübische Hetzartikel oder durch bezahlte Agents provocateurs
+ Euch zu reizen suchen, macht diese perfiden Machinationen zuschanden.
+ Die Abrechnung wird nicht ausbleiben.
+
+ Leipzig, den 3. März 1872.
+
+ Bebel, Liebknecht, Hepner.“
+
+Diese Mahnung war nicht überflüssig. In der Furcht, es werde unsere
+Verurteilung mißlingen, hielten es die Brockhaussche „Deutsche
+Allgemeine Zeitung“, das „Leipziger Tageblatt“ und die von Dr. Hans Blum
+redigierten „Grenzboten“ für ihre vornehmste Aufgabe, durch Hetzartikel,
+die man den Geschworenen zustellte, diese gegen uns einzunehmen. Ebenso
+wurde in den verschiedensten Formen persönlich auf diese eingewirkt.
+
+Es kann nicht meine Aufgabe sein, den Verlauf des Prozesses, der
+vierzehn Verhandlungstage in Anspruch nahm, in seinen Einzelheiten
+darzulegen. Das Anklagematerial bildete unsere gesamte agitatorische
+Tätigkeit in Vereinen, Versammlungen, Artikeln und Broschüren nebst
+einer Anzahl Briefe, die bei dem Braunschweiger Ausschuß gefunden worden
+waren. Außerdem wurde aber auch fast die ganze bis dahin in deutscher
+Sprache erschienene sozialistische Broschürenliteratur als belastend
+herangezogen, auch wenn wir an deren Verfasserschaft und Verbreitung gar
+nicht beteiligt waren, wie zum Beispiel bei dem Kommunistischen
+Manifest. Auch eine Broschüre des bürgerlichen Republikaners Karl
+Heinzen, betitelt: „Ein europäischer Soldat an seine Kameraden“, mußte
+als Belastungsmaterial dienen, obgleich bis zur Prozeßverhandlung keiner
+von uns von der Existenz der Broschüre etwas wußte. Dieselbe war im
+Archiv des Parteiausschusses in einem Exemplar gefunden worden. Das
+Belastungsmaterial ließ also an _Quantität_ nichts zu wünschen übrig, um
+so schlimmer stand es mit der _Qualität,_ wie wir das wiederholt während
+der Verhandlungen hervorhoben.
+
+Unsere Reichstagsreden konnten auf Grund der Verfassung nicht unter
+Anklage gestellt werden, es sorgte aber die Leipziger liberale Presse
+dafür, daß die schärfsten Stellen aus denselben den Geschworenen bekannt
+wurden.
+
+Als Belastungszeugen hatte die Staatsanwaltschaft eine Anzahl Herren aus
+Plauen im Vogtland geladen, die in den beiden Versammlungen anwesend
+gewesen waren, die ich Frühjahr 1870 dort gegen Dr. Max Hirsch
+abgehalten hatte. Der Inhalt jener Reden, die damals wegen Inkrafttreten
+des deutschen Strafgesetzbuchs nicht mehr verfolgt werden konnten, und
+ebenso die Liebknechtsche Rede „Ueber die politische Stellung der
+Sozialdemokratie“, wegen deren er 1869 in Berlin _in contumaciam_ zu
+mehreren Monaten Gefängnis verurteilt worden war, wurden jetzt ebenfalls
+als Material für den Hochverratsprozeß verwendet. Die Belastungszeugen
+waren der Obergendarm aus Plauen, der meine Versammlungen überwacht
+hatte, ferner der Vorsitzende einer derselben, Rechtsanwalt Kirbach, ein
+Redakteur, ein Oberlehrer und der Einberufer der Versammlungen. Als
+Entlastungszeugen hatten wir Bracke und Spier laden lassen, die alsdann
+dem Prozeß bis zu seinem Schlußakt beiwohnten.
+
+Präsident des Schwurgerichts war ein Herr v. Mücke,
+Bezirksgerichtsdirektor in Bautzen. Herr v. Mücke war im Gegensatz zu
+seinem Namen ein herkulisch gebauter Mann, der Hände wie ein Fleischer
+und eine so niedere Stirne besaß, daß man sich erstaunt fragte, wo in
+jenem Kopf das Gehirn sitze. Offenbar hatte der Justizminister Abeken
+sich als Präsident des Schwurgerichts den beschränktesten Kopf
+ausgesucht, den es unter den Gerichtsdirektoren in Sachsen gab. Will man
+in einem politischen Prozeß um jeden Preis eine Verurteilung
+herbeiführen, so empfiehlt sich, als Leiter eines solchen entweder einen
+gewissenlosen Streber — ein solcher scheint zu jener Zeit in Sachsen
+nicht vorhanden gewesen zu sein — oder einen beschränkten Kopf
+auszuwählen, der sich leicht beeinflussen läßt. Herr v. Mücke war seiner
+Aufgabe in keiner Weise gewachsen, weder beherrschte er das sehr
+umfängliche Aktenmaterial, noch besaß er das Maß von Unparteilichkeit
+und Ruhe, das erste Voraussetzung für den Leiter einer solchen
+Verhandlung ist. Auch war ihm bis dahin offenbar der Sozialismus ein mit
+sieben Siegeln verschlossenes Buch. Es stimmte oft sehr heiter und
+blamierte ihn gründlich, wenn er über unsere Ausführungen ganz aufgeregt
+wurde, Sinn und Tragweite derselben nicht verstehen konnte und dann in
+die Rolle fiel, uns widerlegen zu wollen, wozu er ganz und gar unfähig
+war und auch kein Recht hatte. Man konnte ihn naiv bis zur
+Bewußtlosigkeit nennen.
+
+Unsere Verteidigung hatten die Rechtsanwälte Otto und Bernhard Freytag
+übernommen, die bei ihnen in den besten Händen lag. Beide machten durch
+ihre Kreuz- und Querfragen dem Präsidenten, der diese Fragen oft nicht
+verstand oder ihre Tragweite nicht übersah, das Leben sauer.
+
+Unter den Geschworenen waren sechs Kaufleute, davon drei aus Leipzig,
+ein Rittergutsbesitzer, ein Oberförster und einige Gutsbesitzer. Die
+Verhandlungen waren für Leipzig eine Sensation. Tag für Tag war der
+geräumige Verhandlungssaal überfüllt mit Zuhörern aus allen Ständen.
+Mehrere Male waren auch der Justizminister und der Generalstaatsanwalt
+anwesend. Und da alle größeren Blätter Deutschlands ausführliche
+Berichte brachten und ihre Leser jetzt zum erstenmal zu hören bekamen,
+was der Sozialismus sei und was die Sozialisten erstrebten — soweit dies
+bei Zeitungsberichten möglich ist —, wirkten die Verhandlungen eminent
+agitatorisch. Dafür sorgten natürlich auch wir durch unsere Haltung,
+namentlich Liebknecht, der der eigentliche Führer des Prozesses wurde.
+An allerlei kleinen dramatischen Szenen fehlte es auch nicht. So wenn
+der Präsident durch ungeschickte Fragen und Bemerkungen von Liebknecht
+gehörig auf den Sand gesetzt wurde, oder ich bei der Frage, was ich zu
+dem Kommunistischen Manifest zu sagen habe, antwortete: ich sei damals,
+als dasselbe erschienen sei, kaum acht Jahre alt gewesen, oder Hepner
+wiederholt antworten mußte: er sei überhaupt noch nicht geboren gewesen,
+als dieses oder jenes Aktenstück erschien.
+
+Die Beeinflussung der Geschworenen wurde Tag für Tag von unseren Gegnern
+dadurch versucht, daß sie dieselben in der Restauration aufsuchten, in
+der die meisten von ihnen allabendlich zusammenkamen. Alsdann wurden die
+Vorgänge des Tages besprochen und entsprechend auszunutzen versucht. So
+äußerte zum Beispiel eines Abends ein Appellationsgerichtsrat Müller:
+„Denken Sie sich, meine Herren, mir träumte verflossene Nacht, Bebel sei
+freigesprochen worden, da habe ich mich aber geärgert.“ Er schien
+anzunehmen, man wolle nur Liebknecht verurteilen. Für die Qualität
+einzelner Geschworener war auch folgender Vorgang bezeichnend: Eines
+Tages trifft einer unserer Rechtsanwälte einen der Geschworenen auf der
+Straße und fragt ihn, ob er sich wohl ein klares Bild von dem Inhalt
+der vorgetragenen Aktenstücke machen könne? Worauf dieser antwortete:
+„Herr Advokat, offen gesagt, wenn ich nicht zeitweilig eine Prise nähm',
+schlief' ich ein.“ Nun wurden wir schließlich mit acht gegen vier
+Stimmen verurteilt, mehr als sieben Stimmen verlangte das Gesetz für
+einen Schuldigspruch, und es war die Stimme dieses Herrn, die das
+Schuldig bewirkte.
+
+Am dreizehnten Verhandlungstag begannen unter enormem Zudrang des
+Publikums die Plädoyers, nachdem die Fragen für die Geschworenen
+formuliert worden waren. Der öffentliche Ankläger schloß seine Rede mit
+den Worten: Wenn Sie die beiden Angeklagten nicht verurteilen — von
+Hepner sprach er nicht, er gab ihn preis —, dann sanktionieren Sie für
+immer den Hochverrat!
+
+Zunächst antwortete Rechtsanwalt Otto Freytag, der damit begann, zu
+erklären, er habe trotz einer dreiviertelstündigen Pause, die zwischen
+der Anklagerede des Staatsanwaltes und seiner Rede lag, sich noch immer
+nicht von dem Erstaunen erholt, das bei ihm die Begründung der Anklage
+hervorgerufen habe. Nach einer mehrstündigen vorzüglichen Rede, in der
+er die Anklage gründlich zerzauste, beantragte er unsere Freisprechung.
+Am nächsten Morgen nahm Rechtsanwalt Bernhard Freytag das Wort. Auch er
+blieb an oratorischer und juristischer Gewandtheit nicht hinter seinem
+Bruder zurück. Nach zirka drei Stunden schloß er mit den Worten an die
+Geschworenen: Bejahen Sie die Fragen, so schaffen und sanktionieren Sie
+in Sachsen einen rechtlosen Zustand. Wegen dieser Worte kam es zwischen
+ihm und dem Präsidenten zu einer heftigen Auseinandersetzung. Der
+Präsident hatte diese Worte gerügt.
+
+Nach dem Schlußwort des Staatsanwaltes nahm noch einmal Otto Freytag das
+Wort, dagegen erklärte sein Bruder, daß, nachdem der Staatsanwalt auf
+seine Frage: worin „das bestimmte Unternehmen“ bestehe, dessen er uns
+anklage, nicht geantwortet habe, er bei der eigentümlichen Disziplin,
+die in diesem Saale herrsche, auf weitere Auseinandersetzungen
+verzichte. Eine Erklärung, der wir uns anschlossen. So ging die
+Verhandlung einen Tag früher zu Ende, als erwartet worden war. Bei der
+„Rechtsbelehrung“ der Geschworenen durch den Präsidenten kam es
+abermals zwischen diesem und unseren Verteidigern zu lebhaften
+Auseinandersetzungen; sie wollten die „Rechtsbelehrung“ desselben, weil
+von falschen Voraussetzungen ausgehend, nicht gelten lassen. Beide
+meldeten schon im voraus die Nichtigkeitsbeschwerde an.
+
+Nach mehr als zweieinhalbstündiger Beratung verkündeten die
+Geschworenen, daß sie Liebknecht und mich der Vorbereitung zum
+Hochverrat schuldig befunden, Hepner freigesprochen hätten. Der
+Staatsanwalt beantragte hierauf gegen uns eine Höchststrafe von zwei
+Jahren Festung, weil die Vorbereitungshandlungen noch entfernte gewesen
+seien, gegen Hepner beantragte er Freisprechung. Der Gerichtshof
+erkannte demgemäß gegen Liebknecht und mich unter Anrechnung von zwei
+Monaten Untersuchungshaft.
+
+Unsere Parteigenossen waren über das Urteil höchst aufgebracht. Mich
+packte der Galgenhumor: „Wißt ihr was“, äußerte ich zu den Verteidigern
+und Mitangeklagten nach Schluß der Verhandlung, „wir gehen heute abend
+dem Urteil zum Trotz in Auerbachs Keller (berühmt geworden durch die
+Kellerszene in Goethes Faust) und trinken eine Flasche Wein.“ „Das tun
+wir“, erklärte Otto Freytag, „und wir (er und sein Bruder) bezahlen die
+Zeche.“
+
+Unsere Frauen, die uns mit lautem Weinen empfingen, waren freilich von
+diesem Vorschlag sehr wenig erbaut. Es sei eine Frivolität, dergleichen
+zu tun, wir seien schreckliche Männer. Aber sie waren tapfer und gingen
+schließlich mit. Auch Bracke mit seiner jungen, liebenswürdigen Frau,
+die ihn nach Leipzig begleitet hatte, und Spier waren bei der Partie.
+Meine Frau war noch vor der Verurteilung durch unseren Hausarzt in etwas
+eigentümlicher Weise getröstet worden. „Frau Bebel“, hatte er zu ihr
+gesagt, „wird Ihr Mann zu einem Jahre Festung verurteilt, so seien Sie
+froh, er braucht sehr dringend Ruhe.“
+
+Am 27. März, dem Tage, an dem wir die Entscheidungsgründe des
+Gerichtshofs erhalten hatten, erließen Liebknecht und ich im
+„Volksstaat“ eine kurze Ansprache „An die Parteigenossen“, in der wir
+sie aufforderten, tapfer zur Sache zu stehen und namentlich für die
+Verbreitung des „Volksstaat“ zu sorgen, der jetzt 5500 Abonnenten hatte.
+An demselben Tage veröffentlichten wir eine zweite Erklärung im
+„Volksstaat“ „Zu unserer Verurteilung“, in der es hieß:
+
+ „Der Wahrspruch der Herren Geschworenen ist _nicht wahr_. Was wir
+ gewollt und getan, haben wir ohne Hehl bekannt; ein hochverräterisches
+ Unternehmen im Sinne des Strafgesetzbuchs haben wir _nicht
+ vorbereitet_. Wenn wir schuldig sind, ist jede Partei schuldig, die
+ nicht gerade am Ruder ist. Indem man uns verurteilt, ächtet man die
+ freie Meinungsäußerung.
+
+ Durch Ihren Wahrspruch, meine Herren Geschworenen, haben Sie im Namen
+ der besitzenden Klasse die Gewalttat von Lötzen sanktioniert und der
+ Reaktion einen Freibrief in blanco ausgestellt. Uns persönlich ist das
+ Resultat gleichgültig. Dieser Prozeß hat so unendlich viel für die
+ Verbreitung unserer Prinzipien gewirkt, daß wir gern die paar Jahre
+ Gefängnis hinnehmen, die — falls Rechtskraft eintritt — über uns
+ verhängt werden können. _Die Sozialdemokratie steht über dem Bereich
+ eines Schwurgerichtes_. Unsere Partei wird leben, wachsen und siegen.
+ Wohl aber haben Sie, meine Herren Geschworenen, durch Ihr Verdikt das
+ Todesurteil gefällt über das Institut der heutigen Schwurgerichte,
+ die, ausschließlich aus der besitzenden Klasse gebildet, nichts sind
+ als Mittel der Klassenherrschaft und Klassenunterdrückung.“
+
+Die ganze demokratische und linksliberale Presse, die damals noch
+Bedeutung hatte, stand auf unserer Seite, mit Ausnahme der „Berliner
+Volkszeitung“. Diese folgerte: Das Schwurgericht ist Volkesstimme,
+Volkesstimme ist Gottesstimme, ergo, ... Auch der frühere
+Appellationsgerichtspräsident Temme, einer der aufrechtesten Männer, die
+der preußische Richterstand je gehabt hat, der aber der Reaktion im
+Anfang der fünfziger Jahre zum Opfer gefallen war, veröffentlichte in
+einem Wiener Blatte einen scharfen Artikel wegen unserer Verurteilung.
+Ich hatte das Glück, Temme noch kurz vor seinem Ableben 1882 in Zürich
+kennen zu lernen, wohin er sich zurückgezogen hatte; er war eine äußerst
+sympathische Persönlichkeit.
+
+Herr v. Mücke und der Staatsanwalt Hoffmann wurden für
+ihre staatsretterische Tätigkeit durch Orden belohnt.
+Der Generalstaatsanwalt v. Schwarze, der bei der Anklage
+Geburtshelferdienste geleistet hatte, war schon zuvor belohnt worden.
+Als Antwort auf das Urteil erklärte Johann Jacoby am 2. April seinen
+Beitritt zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Dem Vorgehen desselben
+schloß sich der Berliner Demokratische Verein — nicht zu verwechseln mit
+dem Demokratischen Arbeiterverein — insofern an, als er mit großer
+Mehrheit dem Eisenacher Programm zustimmte.
+
+Unsere Parteigenossen legten in der Parteipresse und in zahlreichen
+Volksversammlungen schärfsten Protest gegen das Urteil ein, was freilich
+zur Folge hatte, daß eine ganze Anzahl derselben gerichtlich verurteilt
+wurde.
+
+Kurz nach Schluß des Prozesses befiel mich eine sehr schmerzhafte
+Brustfellentzündung, die mich mehrere Wochen ans Bett fesselte. Auch
+hatten Agitation, parlamentarische Tätigkeit, Untersuchungshaft und
+Prozeß, wozu noch angestrengte Tätigkeit in meinem Geschäft kam, das
+meine Kräfte ebenfalls in hohem Grade in Anspruch nahm und mich zu
+Erweiterungen meines kleinen Betriebs nötigte, meine Nerven zerrüttet.
+Ich litt neben heftigen Schmerzen an großer Schlaflosigkeit. In den
+Nächten, in denen ich mich schlaflos im Bette wälzte, dachte ich öfter
+an Bismarck, der damals insofern mein Leidensgefährte war, als er nach
+den Berichten der Zeitungen ebenfalls an Schlaflosigkeit und
+neuralgischen Schmerzen litt. Geteilter Schmerz ist halber Schmerz.
+
+
+
+
+Die dritte Generation des ersten deutschen Reichstags.
+
+
+Ende April 1872 war der Reichstag wieder zusammengetreten. Eben genesen,
+reiste ich nach Berlin und hielt am 1. Mai eine Rede zu dem Antrag
+Hoverbeck und Genossen, betreffend die Abschaffung der Salzsteuer. Ich
+wendete mich in der Rede gegen die gesamten indirekten Steuern auf
+notwendige Lebensbedürfnisse. Die besitzenden Klassen suchten in ihrem
+Klasseninteresse dieses System aufrechtzuerhalten und weiter auszubauen;
+sie suchten sich den Staatslasten, wo sie könnten, zu entziehen, aber
+sie machten die direkten Steuern zum Maßstab der politischen Rechte. Ob
+das Haus glaube, daß solche Zustände die Versöhnung der verschiedenen
+Klassen herbeiführten? Das Gegenteil werde erreicht; da dürfe sich die
+Bourgeoisie nicht wundern, wenn ihr alsdann von uns gesagt werde, was
+Tell über Geßler sagte: Mach' deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt, fort
+mußt du, deine Uhr ist abgelaufen. (Stürmisches Gelächter.) Eugen
+Richter erklärte: Er wolle mir nicht antworten, das hieße meiner Person
+und meiner Doktrin eine Bedeutung beimessen, die sie nicht habe. Ich
+polemisierte darauf gegen Richter in einer persönlichen Bemerkung; seine
+geringschätzende Bemerkung gegen mich solle nur verdecken, daß ihm die
+Gründe zu meiner Widerlegung fehlten. Richter antwortete: Er hielt mich
+durchaus nicht für so unbedeutend, daß es sich nicht lohne, mir zu
+antworten, aber er hielt mich, wenigstens zurzeit noch nicht, für so
+bedeutend wie den Reichskanzler (Heiterkeit), darum habe er keine Zeit
+gehabt, mir zu antworten. —
+
+Im Jahre 1872 ging der „Kulturkampf“ seinem Höhepunkt entgegen, jener
+„Kulturkampf“, der der größte politische Fehler war, den Bismarck in der
+inneren Politik machte, und der der innerpolitischen Entwicklung
+Deutschlands eine höchst verderbliche Richtung gab. Bismarck hatte das
+Jesuitenausweisungsgesetz dem Reichstag vorgelegt, um das ein heftiger
+Kampf entbrannte. Bei der dritten Lesung am 19. Juni kam ich zum Worte.
+Ich führte aus: Der englische Kulturhistoriker Buckle bemesse den
+Kulturgrad eines Volkes nach der Bedeutung, die religiöse Streitigkeiten
+bei demselben fänden. An diesem Maßstab gemessen, müßten wir in
+Deutschland auf einem tiefen Kulturgrad stehen. Keiner Frage werde seit
+längerer Zeit so viel Aufmerksamkeit geschenkt als der religiösen Frage.
+Freilich, die religiösen Auffassungen stünden in inniger Verbindung mit
+dem sozialen und politischen Zustand eines Volkes. Sei das Zentrum im
+Hause so stark vertreten, so nicht etwa bloß seiner religiösen
+Anschauungen wegen, sondern namentlich auch wegen der sozialen und
+politischen Interessen, die es vertrete. Die rückständigen ökonomischen
+Schichten im katholischen Volke schlössen sich mit Vorliebe dem Zentrum
+an, die anderen kapitalistischen Schichten den Liberalen. Der
+Protestantismus, einfach, schlicht, hausbacken, gewissermaßen die
+Religion in Schlafrock und Pantoffeln, sei die Religion des modernen
+Bürgertums. Der ganze Kampf sei, soweit die Religion in Frage komme, nur
+ein Scheinkampf, in Wahrheit bedeute er den Kampf um die Herrschaft im
+Staate. Wolle die liberale Bourgeoisie ehrlich den Fortschritt, müsse
+sie mit der Kirche brechen, denn die Bourgeoisie habe in Wahrheit keine
+Religion. Für sie sei die Religion nur Mittel zum Zweck, um die
+Autorität zu stützen, die sie brauche, und um in den Arbeitern willige
+Ausbeutungsobjekte zu erziehen.
+
+Man sage, der Jesuitismus habe mit dem Katholizismus nichts zu tun. Das
+sei falsch. Der Jesuitismus sei die festeste Stütze des Katholizismus,
+und insofern habe das Zentrum recht, wenn es sage, der Kampf gegen den
+Jesuitismus sei ein Kampf gegen den Katholizismus. Die Verteidiger der
+Vorlage behaupteten, sie wollten durch dieselbe den Frieden herstellen;
+das Gegenteil werde erreicht; sie würden nicht den Frieden bekommen,
+sondern den Krieg.
+
+Man sage ferner, das Dogma von der Unfehlbarkeit sei staatsgefährlich.
+Das könnte ich nicht einsehen. Schließlich ständen alle Dogmen mit der
+Wissenschaft und der gesunden Vernunft in Widerspruch und seien von
+diesem Gesichtspunkt aus ebenfalls staatsgefährlich. (Heiterkeit.) Je
+ungeheuerlicher ein Dogma ist, und das sei das von der Unfehlbarkeit des
+Papstes, um so mehr Widerspruch finde es bei allen Denkenden. Man
+behaupte auch, der Jesuitismus sei unmoralisch. Der Staat habe aber
+allezeit verdammt wenig nach der Moral gefragt, und der Reichskanzler
+sei der letzte, dem diese Sorge mache. Was den Reichskanzler ärgere,
+sei, daß man ihn in seiner Politik nicht für unfehlbar halte.
+(Heiterkeit.) Würden die Jesuiten und die Herren im Zentrum sich bereit
+erklären, seine Politik zu unterstützen, so könnten sie auf kirchlichem
+Gebiete tun, was sie wollten. (Sehr richtig.) Je reaktionärer dann der
+Jesuitismus sei, um so lieber würde es dem Reichskanzler sein. Er wolle
+nichts weiter, als daß die ultramontane Partei sein Werkzeug werde. Daß
+man es wage, dem Reichstag einen solchen Gesetzentwurf vorzulegen, sei
+ein Zeichen dafür, wie tief man ihn einschätze. (Unruhe.) Die Liberalen
+suchten durch den Kampf gegen den Jesuitismus nur wieder zu gewinnen,
+was sie an Kredit bei dem Volk durch Preisgabe aller Volksrechte
+eingebüßt hätten. Man bekämpfe den Jesuitismus mit einem Ausnahmegesetz,
+_und die Folge werde sein, daß sein Anhang größer werde, als er je
+gewesen._ Die Masse der Menschen sympathisiere mit dem Verfolgten. Es
+gehe nicht an, ein Gesetz zu erlassen, wonach man einen Menschen
+heimatlos machen und wie ein wildes Tier von einem Orte zum andern jagen
+könne. Wir hätten Unterdrückungsgesetze in Deutschland genug, wofür ich
+Beispiele anführte; wir brauchten keine neuen. Wer habe denn den
+Jesuitismus gezüchtet? Der Staat. Statt jährlich viele hundert Millionen
+für Mordwerkzeuge auszugeben, verwende man diese Mittel _auf die Bildung
+des Volkes,_ das werde dem Jesuitismus mehr schaden als alle
+Ausnahmegesetze. Man errichte ein auf der Höhe der Zeit stehendes
+Bildungssystem, man trenne den Staat von der Kirche, man verweise die
+Kirche aus der Schule, und ehe zehn Jahre vergingen, würde es mit den
+pfäffischen Wühlereien zu Ende sein. Die Herren könnten dann in Gottes
+Namen in der Kirche predigen, hin gehe niemand mehr. (Heiterkeit.) Doch
+das wolle man nicht, sie alle brauchten Autoritäten, deren Hauptstütze
+die Kirche sei. Man wisse, höre die himmlische Autorität auf, dann falle
+auch die irdische. Man fürchte, es würde alsdann auf dem politischen
+Gebiet die Republik, auf dem sozialen der Sozialismus und auf dem
+religiösen der Atheismus zur Geltung kommen. Ich würde gegen das Gesetz
+stimmen, müßte aber die Behauptung, Ultramontanismus und Sozialismus
+seien Verbündete, als eine infame Verleumdung zurückweisen. Es würde dem
+Ultramontanismus und dem Liberalismus gleich schlecht gehen, wenn wir am
+Ruder wären. (Unruhe.)
+
+Im Verlauf der Debatte sprach auch Graf Ballestrem, der spätere
+Präsident des Reichstags. Mit Hinweis auf meine Ausführungen meinte er,
+wohin man mit Annahme des Gesetzentwurfes steuere, habe meine Rede
+gezeigt. Verliere das Volk erst den Glauben an das Paradies im Himmel,
+dann werde es das Paradies auf der Erde verlangen, und das verspreche
+ihm die Internationale. Ich unterstrich diese Worte, indem ich kräftig
+„sehr richtig“ rief.
+
+Kurze Zeit danach erzählte man sich im Reichstag einen amüsanten
+Vorgang. Einige Herren vom Zentrum unterhielten sich in einer
+Restauration über den katholischen Kirchengelehrten Döllinger und das
+neue Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes. Döllinger war heftiger
+Gegner der Unfehlbarkeitserklärung. Darauf äußerte ein geistlicher Herr,
+Abgeordneter für München: Glaubt der alte Esel an so viel Unsinn, konnte
+er auch an diesen glauben. Diese Aeußerung wurde im Reichstag bekannt
+und viel belacht.
+
+
+
+
+Mein Majestätsbeleidigungsprozeß.
+
+
+Die Anklage gegen Liebknecht auf Majestätsbeleidigung war auf Beschluß
+der Anklagekammer von der Anklage wegen Vorbereitung auf Hochverrat
+getrennt und vor das Leipziger Bezirksgericht verwiesen worden. Hier
+wurde Liebknecht Anfang April freigesprochen. Ende Mai 1872 verwarf das
+Oberappellationsgericht in Dresden unsere Nichtigkeitsbeschwerde, es war
+somit das Urteil des Schwurgerichtes rechtskräftig geworden. Liebknecht
+trat Mitte Juni seine Haft in Hubertusburg an. Ich hatte nach Schluß des
+Reichstags auch noch eine Anklage zu erledigen. Ich war ebenfalls auf
+Majestätsbeleidigung, begangen durch Reden in zwei Volksversammlungen im
+Bezirk der Leipziger Amtshauptmannschaft, angeklagt worden. Ich hatte
+anknüpfend an das Dankschreiben des Königs von Preußen vom 25. Juli
+1870, das mit den Worten schloß: er hoffe, daß die _Freiheit_ und
+Einheit Deutschlands das Ergebnis des Krieges sein werde, allerlei
+kritische Bemerkungen gemacht. Ich hatte ausgeführt, daß wir zwar die
+Einheit bekommen hätten, die Freiheit sei aber ausgeblieben; es sei in
+dieser Beziehung sogar schlimmer als früher, was ich durch Tatsachen
+bewies. Es sei eben die alte Geschichte. Seien die Könige in der
+Verlegenheit, so fehle es nicht an schönen Versprechungen, habe aber das
+Volk die Opfer gebracht und die Könige gerettet, dann würden die
+gemachten Versprechen vergessen und nicht eingelöst. In diesen
+Ausführungen sah die Staatsanwaltschaft eine Majestätsbeleidigung, und
+der Gerichtshof schloß sich ihr in der Verhandlung am 6. Juli 1872 an,
+in der ich mich selbst verteidigte. Der Staatsanwalt hatte eine
+Zusatzstrafe zu der bereits erkannten Festungshaft beantragt. Das
+Gericht ging über diesen Antrag hinaus und verurteilte mich zu _neun
+Monaten Gefängnis_. Da es sich um eine andere Strafart als die mir
+bereits zuerkannte handelte, fiel die Zusatzstrafe; sonst würden, wenn
+es bei neun Monaten Festung geblieben wäre, diese mit der schon
+erkannten Festungshaft wahrscheinlich auf achtundzwanzig Monate
+zusammengezogen worden sein. Außerdem ging der Gerichtshof noch in einem
+zweiten Punkte über den Antrag des Staatsanwaltes hinaus, _er erkannte
+mir das Reichstagsmandat ab_.
+
+Dieser letztere Beschluß war ein großer politischer Fehler von seiner
+Seite, denn da er mir nicht auch die Wählbarkeit aberkennen konnte,
+mußte er sich sagen, sein Beschluß werde wirkungslos bleiben, indem
+meine Parteigenossen mich in meinem bisherigen Wahlkreis wieder
+aufstellen und mich sicher wählen würden. So geschah es. Meine
+Wiederwahl wurde für den Gerichtshof eine schallende Ohrfeige. Darüber
+später.
+
+
+
+
+Unsere Festungshaft und was zwischenzeitlich passierte.
+
+
+
+
+Hubertusburg.
+
+
+Am 1. Juli 1872 schrieb mir Bracke einen Abschiedsbrief, dem er äußerte:
+„Wenn Eure Familien nicht wären, könnte ich fast triumphieren über die
+Einfalt unserer Feinde! Du zum Beispiel wirst Dich körperlich erholen
+und viel lernen; dann bist Du ein verdammt gefährlicher Kerl, und
+schließlich wird Deine liebe Frau auch, trotz des harten Loses der
+Trennung, zufrieden sein, wenn Du auf diese Weise eine Kurzeit
+durchmachst, die Dich wieder kräftigt fürs ganze Leben.“ Am 8. Juli, dem
+Tage meines Haftantritts, veröffentlichte ich folgende Erklärung:
+
+ „_An meine Wähler im 17. sächsischen Wahlkreis!_
+
+ Freunde und Gesinnungsgenossen! Das Königliche Bezirksgericht zu
+ Leipzig hat die Gewogenheit gehabt, mir wegen ‚Majestätsbeleidigung‘
+ neben einer neunmonatigen Gefängnisstrafe auch ‚den Verlust der
+ bekleideten öffentlichen Aemter sowie der aus Wahlen hervorgegangenen
+ Rechte‘ abzuerkennen.
+
+ Durch dieses Erkenntnis bin ich des mir von euch verliehenen Mandats
+ _verlustig_ geworden.
+
+ Freunde und Gesinnungsgenossen! Der Schlag soll nicht nur mich, er
+ soll auch euch, deren _Vertreter_ ich bisher war, er soll die _Partei_
+ treffen, der wir angehören. _Zeigen wir, daß der geführte Schlag ein
+ Schlag ins Wasser ist_. Ihr seid vor die Alternative einer Neuwahl
+ gestellt. _Ich biete mich euch für dieselbe aufs neue als Kandidat
+ an_. Habe ich nach eurer Meinung das in mich gesetzte Vertrauen
+ gerechtfertigt, _dann wählt mich wieder_.
+
+ Seid versichert, die erhaltenen ‚Strafen‘ machen mich nicht mürbe.
+ Festung und Gefängnis sind nicht die Mittel, mir bessere Begriffe über
+ unsere faulen Gesellschaftszustände beizubringen. Die Gesellschaft,
+ die zu solchen Mitteln der Belehrung greifen muß, verdient, daß sie
+ aufhört zu existieren.
+
+ Führen wir also den Krieg fort mit aller uns zu Gebote stehenden
+ Kraft und mit aller Fähigkeit; gebt mir durch die _Neuwahl_ das Mittel
+ in die Hand, daß ich auch für die nächsten Jahre mich an diesem Kampfe
+ beteiligen kann. Der Tag kommt, wo auch _unsere_ Stunde schlägt.
+
+ Lebt wohl! Auf Wiedersehen zu neuem Kampf und Sieg!“
+
+Am Nachmittag desselben Tages reiste ich nach Hubertusburg. Am Bahnhof
+hatten sich eine große Zahl Männer und Frauen eingefunden, um sich von
+mir zu verabschieden. Meine Frau hatte ich gebeten, mit unserem
+Töchterchen zu Hause zu bleiben. Unter dem Gepäck, das ich mitnahm,
+befand sich auch ein großer Vogelbauer mit einem prächtigen
+Kanarienhahn, den mir ein Dresdener Freund als Gesellschafter für meine
+Zelle geschickt hatte. Er wurde, nachdem ich ihm zu einem Weibchen
+verholfen, der Stammvater einer Kinder- und Enkelschar, die ich in
+Hubertusburg züchtete. An der Station Dahlen, an der ich ansteigen
+mußte, um von dort zu Wagen nach Hubertusburg zu fahren, brachte man mir
+eine eigenartige Ovation. Als ich ausstieg, standen sämtliche Schaffner
+an dem langen Personenzug vor ihren Wagen und salutierten, indem sie die
+Hand an die Mütze legten. Der Lokomotivführer schwenkte die Mütze,
+ebenso schwenkte ein großer Teil der Passagiere, der in den Fenstern
+lag, Hüte und Mützen und rief mir Lebewohl zu. Ich war sehr gerührt über
+diese Zeichen der Sympathie.
+
+Als ich in Hubertusburg ankam und mit Liebknecht zusammentraf, lachte er
+mich aus, daß ich mir noch neun Monate Gefängnis geholt. Da sei er doch
+klüger gewesen. Er hatte gut lachen. Er hat nachher für die Artikel, die
+er heimlich aus Hubertusburg an den „Volksstaat“ schrieb, weit mehr als
+neun Monate Gefängnis den verantwortlichen Redakteuren aufbrummen
+helfen. Und wie vorsichtig glaubte er zu sein. Hatte er einen solchen
+Artikel auf der Pfanne und hegte er Bedenken gegen seine Fassung, so zog
+er mich zu Rate. Er las mir alsdann die betreffende Stelle vor. Warnte
+ich ihn, eine mir bedenklich scheinende Stelle im Artikel zu lassen, so
+versuchte er mir nachzuweisen, daß und warum sie nicht gefährlich sei.
+Er erhielt alsdann regelmäßig von mir die Antwort: Du würdest recht
+haben, dächten Staatsanwalt und Richter so wie du. Er kaute alsdann an
+einem Fingernagel und überlegte sich die neue Fassung. Manchmal war
+diese aber noch schärfer als die frühere. Er trennte sich sehr ungern
+von einem Gedanken, mit dessen Veröffentlichung er den Gegner ärgern
+konnte.
+
+Außer Liebknecht war noch Karl Hirsch und ein Chemnitzer Parteigenosse
+in der Festungshaft. Vahlteichs Haft war bereits zu Ende, doch sorgten
+die Gerichte stets für Ersatz. Wir waren meist fünf bis sechs Genossen,
+darunter zeitweilig auch irgend ein Student, der wegen Duellgeschichten
+zu kurzer Festungshaft verurteilt worden war. Erst als meine Haft zu
+Ende ging, war ich der letzte der Mohikaner, den Hubertusburg beherbergt
+hatte.
+
+Es fiel uns auf, daß wir unsere Haft auf Hubertusburg statt auf der
+sächsischen Festung Königstein zu verbüßen hatten. Der Grund war, daß
+auf Königstein sich keine Räume für Zivilgefangene befanden, diese
+mußten erst erstellt werden.
+
+Hubertusburg ist weiteren Kreisen bekannt geworden durch den 1763 hier
+abgeschlossenen Friedensvertrag, der den siebenjährigen Krieg beendete.
+Das Schloß ist ein stattlicher Bau im Zopfstil. Vor demselben dehnt sich
+ein großer Hof aus, der durch pavillonartige ein- und zweistockige
+Gebäude eingeschlossen ist, die früher den Hofbeamten und Bediensteten
+zur Wohnung dienten. Zu unserer Zeit wohnten dort die Beamten der in
+Hubertusburg vereinigten Anstalten und hatten daselbst ihre Bureaus.
+Längere Zeit waren Teile der Gebäude als Landesgefängnis benutzt worden.
+Für uns Festungsgefangene war ein Flügel dieser Bauten reserviert, in
+dem man sieben oder acht Zellen eingerichtet hatte. Mit Hubertusburg
+verbunden war ein Siechenhaus und eine Irrenanstalt für Frauen, und eine
+Pflegeanstalt für blinde und blödsinnige Kinder. Die Insassen dieser
+Anstalten bekamen wir aber nicht zu sehen. Unsere Zellen besaßen hohe
+Fenster, die mit Eisenstäben versehen waren. Wir blickten aus den
+Fenstern in den großen Wirtschaftsgarten, in dem wir unsere Spaziergänge
+zu machen hatten, und über dessen Mauern hinaus auf Wald und Flur und
+das in der Ferne liegende kleine Städtchen Mutzschen.
+
+Die Reinigung unserer Zellen besorgte ein sogenannter Kalfakter. Für
+deren Reinigung und Miete — der Staat gibt auch den Gefängnisraum nicht
+umsonst — hatten wir monatlich fünf Taler zu zahlen. Unser Essen bezogen
+wir aus einem Gasthaus des an Hubertusburg grenzenden Wermsdorf. Unsere
+Tagesordnung war folgende: Morgens 7 Uhr mußten wir angekleidet sein,
+alsdann wurden die Zellen zwecks der Reinigung geöffnet. Während dieser
+Zeit frühstückten wir auf dem breiten Korridor, der vor den Zellen
+hinlief. Diese Pause benutzte Karl Hirsch, um mit einem Zivilgefangenen
+eine Partie Schach zu spielen, wobei sich die beiden zu unserem größten
+Ergötzen regelmäßig in die Haare gerieten. Um 8 Uhr wurden wir wieder
+eingeschlossen bis 10 Uhr, zu welcher Zeit wir unseren Spaziermarsch im
+Garten unternahmen. Um 12 Uhr wieder Einschließung bis 3 Uhr im Winter,
+4 Uhr im Sommer, dann zweiter Spaziergang, von 5 beziehungsweise 6 Uhr
+ab wieder Einschließung bis nächsten Morgen. Da wir das Recht hatten,
+bis 10 Uhr abends Licht brennen zu dürfen, waren diese Stunden meine
+Hauptarbeitszeit. Nach einigen Monaten erlangte ich, daß Liebknecht den
+Vormittag von 8 bis 10 Uhr in meine Zelle mit eingeschlossen wurde, um
+mir englischen und französischen Unterricht zu geben. Bei dieser
+Gelegenheit wurden dann auch die Interna der Partei und die politischen
+Vorgänge erörtert. Die Korrespondenz für mein Geschäft erledigte ich auf
+Grund der Unterlagen, die mir täglich meine Frau sandte.
+
+Liebknecht und ich waren passionierte Teetrinker. Tee konnten wir aber
+nicht erhalten, und das Selbstkochen war der Feuersgefahr wegen
+verboten. Aber Verbote sind da, um übertreten zu werden. Ich verschaffte
+mir also heimlich eine Teemaschine und die nötigen Ingredienzien. Sobald
+am Abend der Aufseher die Zelle abgeschlossen und sich entfernt hatte,
+begann ich Tee zu brauen. Um aber auch Liebknecht den Genuß desselben zu
+ermöglichen, hatte ich mir im Garten einen etwa zwei Meter langen Stock
+zurechtgeschnitten. An dessen Ende befestigte ich eine Schnur, die mit
+einem von mir geflochtenen Netz versehen war, in das ich das gefüllte
+Glas stellen konnte. War der Tee fertig, klopfte ich Liebknecht, dessen
+Zelle neben der meinen lag, damit er ans Fenster trete. Alsdann
+streckte ich den Stock mit dem Teeglas zum Fenster hinaus, beschrieb mit
+demselben einen Bogen nach Liebknechts Fenster, worauf dieser, sobald er
+das Glas in Händen hatte, mit einem: „Ich hab's, danke!“ den Empfang
+anzeigte. Aehnlich machten wir's mit dem Austausch der Zeitungen, die
+jeder sobald als möglich lesen wollte. Wir hatten vor den Fenstern der
+Zellen, längs der Eisenstäbe, eine Schnur ohne Ende angebracht. Wer mit
+dem Lesen seiner Zeitung fertig war, befestigte diese mit einem Haken an
+die Schnur, darauf klopfte er dem Nachbar, der alsdann ans Fenster trat
+und das Zeitungspäckchen zu sich heranlotste.
+
+Kaum hatte ich mich in meiner Zelle häuslich eingerichtet, als ich wie
+ein Taschenmesser zusammenklappte. Die großen Anstrengungen und
+Aufregungen der letzten Jahre hatten mir nicht zum Bewußtsein kommen
+lassen, wie sehr meine Kräfte heruntergekommen waren. Jetzt, wo ich
+gewaltsam zur Ruhe verwiesen worden war und die Spannung nachließ, brach
+ich zusammen. Die Erschöpfung war so groß, daß ich wochenlang keine
+ernste Arbeit vornehmen konnte. Aber absolute Ruhe und frische Luft
+brachten mich allmählich wieder auf die Füße. Mein Hausarzt hatte recht,
+als er meine Frau tröstete, ein Jahr Festung werde meiner Gesundheit
+nützlich sein. Später stellte sich bei einer genauen ärztlichen
+Untersuchung auch heraus, daß mein linker Lungenflügel stark tuberkulös
+angegriffen war und eine Kaverne aufwies, die auf der Festung ausheilte.
+Freunde, die das erfuhren, meinten lachend, da sei ich ja dem Staate
+Dank schuldig, daß er mich auf die Festung geschickt. Ich antwortete:
+Dank würde ich ihm schulden, hätte er mich zu meiner Gesundung zu
+Festung verurteilen lassen. Ich hatte wieder einmal, wie so oft im
+Leben, „Schwein“ gehabt. Was mein Verderben sein konnte, schlug zum
+Guten aus.
+
+Nachdem unabänderlich feststand, daß ich für einunddreißig Monate meine
+Freiheit eingebüßt hatte, entschloß ich mich, diese Zeit mit aller Kraft
+zu verwenden, um die Lücken meines Wissens einigermaßen auszufüllen.
+Sobald ich also wieder arbeitsfähig war, stürzte ich mich mit aller
+Energie in die Arbeit, das beste Mittel, über eine unangenehme Situation
+hinwegzukommen. Ich studierte hauptsächlich Nationalökonomie und
+Geschichte. Zum zweitenmal studierte ich Marx' „Kapital“, dessen erster
+Band damals nur vorlag, Engels' „Lage der arbeitenden Klassen in
+England“, Lassalles „System der erworbenen Rechte“, Stuart Mills
+„Politische Oekonomie“, Dührings und Careys Werke, Lavelayes
+„Ureigentum“, Lorenz Steins „Geschichte des französischen Sozialismus
+und Kommunismus“, Platos „Staat“, Aristoteles' „Politik“, Machiavellis
+„Der Fürst“, Thomas Morus' „Utopia“, v. Thünens „Der isolierte Staat“.
+Von den Geschichtswerken, die ich las, fesselten mich besonders Buckles
+„Geschichte der englischen Zivilisation“ und Wilhelm Zimmermanns
+„Geschichte des Deutschen Bauernkriegs“. Letztere gab mir die Anregung,
+eine populäre Abhandlung zu schreiben unter dem Titel „Der Deutsche
+Bauernkrieg mit Berücksichtigung der hauptsächlichsten sozialen
+Bewegungen des Mittelalters“. Das Buch erschien bei W. Bracke in
+Braunschweig; später, unter dem Sozialistengesetz, wurde seine
+Verbreitung verboten. Eine zweite Auflage, die eine Neubearbeitung
+erforderte, gab ich wegen Zeitmangel nicht mehr heraus. Auch die
+Naturwissenschaften vernachlässigte ich nicht. Ich las Darwins „Die
+Entstehung der Arten“, Häckels „Natürliche Schöpfungsgeschichte“, L.
+Büchners „Kraft und Stoff“ und „Die Stellung des Menschen in der Natur“,
+Liebigs „Chemische Briefe“ usw. Ebenso widmete ich dem Lesen der
+Klassiker einen Teil meiner Zeit. Ich war von einer wahren Lern- und
+Arbeitsgier befallen.
+
+Ferner übersetzte ich während der Haft _„Etude sur le doctrines sociales
+du Christianisme“_ von Ives Guyot und Sigismond Lacroix, eine
+Uebersetzung, die unter dem Titel „Die wahre Gestalt des Christentums“
+bis heute erscheint. Dazu verfaßte ich eine Gegenschrift unter dem Titel
+„Glossen zu Ives Guyots und Sigismond Lacroix' Die wahre Gestalt des
+Christentums, nebst einem Anhang über die gegenwärtige und zukünftige
+Stellung der Frau“. Der letztere Aufsatz war, glaube ich, die erste
+parteigenössische Abhandlung über die Stellung der Frau vom
+sozialistischen Standpunkt aus. Die Anregung zu dieser Abhandlung hatte
+mir das Studium der französischen sozialistischen und kommunistischen
+Utopisten gegeben. Auch machte ich während dieser Haft die Vorstudien zu
+meinem Buche „Die Frau“, das zuerst im Jahre 1879 unter dem Titel „Die
+Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ erschien und trotz des
+Verbreitungsverbots unter dem Sozialistengesetz acht Auflagen erlebte.
+Im Jahre 1910 erschien die 50. und 51. Auflage.
+
+Es war schön und nützlich, daß ich die Zeit meiner Gefangenschaft zu
+meinem eigenen Besten verwenden konnte, nichtsdestoweniger atmete ich
+auf und begrüßte den Tag, an dem ich meine Freiheit wieder erlangte. Da
+aber jeder Gefangene, der seiner baldigen Befreiung entgegensieht, von
+großer Unruhe und Ungeduld gepackt wird und Tage und Stunden zählt,
+suchte ich dieselbe dadurch zu meistern, daß ich mir vornahm, noch ein
+Pensum Arbeit zu erledigen, das nur unter äußerster Aufbietung der
+Kräfte bewältigt werden konnte. Nach dieser Methode verfuhr ich auch bei
+späteren Freiheitsentziehungen; ich fand sie probat.
+
+Unsere Familien besuchten uns alle drei bis vier Wochen einmal.
+Wir setzten schließlich durch, daß sie die Gültigkeit der
+Rückfahrkarten — drei Tage — ausnutzen durften. Sie wohnten während der
+Zeit im Dorfe. Jede der Frauen brachte ein Kind mit; Frau Liebknecht
+ihren Aeltesten, der etwas jünger war als meine Tochter. Die Reise war
+beschwerlich, namentlich in der ungünstigen Jahreszeit. Die Frauen und
+Kinder mußten schon früh vor 7 Uhr von Hause fort; Geld für eine
+Droschke auszugeben, hätte jede der Frauen als ein Verbrechen angesehen.
+Von vormittags ½10 bis abends 7 Uhr durften sie in unserer Zelle
+bleiben, auch den Spaziergang im Garten mitmachen. Das war für uns eine
+große Erleichterung der Haft.
+
+Ich hatte ein großes Bedürfnis zu körperlicher Arbeit. So kam ich auch
+auf den Gedanken, wir sollten uns zu diesem Zweck im Garten einige Beete
+anlegen. Unser Gesuch, uns dazu ein Stückchen Land zu überweisen, wurde
+abgelehnt, wir könnten aber von dem mehrere Meter breiten Rain, der sich
+längs der Gartenmauer hinziehe, in Betrieb nehmen, so viel wir wollten.
+So geschah es. Mit dem nötigen Werkzeug ausgerüstet, gingen wir an die
+Arbeit. Liebknecht, der damals seine Abhandlung über die Grund- und
+Bodenfrage schrieb, betrachtete sich als agrarischen Sachverständigen.
+Er versicherte, wir hätten an dem Rain einen vorzüglichen Humusboden zu
+bearbeiten. Als wir aber die Spaten in den Boden stießen, antwortete ein
+Mark und Bein durchdringendes Aechzen. Wir stießen bei jedem Spatenstich
+auf Steine. Liebknecht machte bei diesem Resultat ein langes Gesicht,
+wir lachten unbändig. Statt aus Humus bestand der Boden aus magerem
+Lehm, den wir, wie unser Aufseher versicherte, düngen müßten, wenn wir
+ernten wollten. Liebknecht und ich nahmen also einen großen Korb und
+zogen nach einem Komposthaufen, der in einer Ecke des Gartens angelegt
+war. Wer einen solchen Komposthaufen kennt, weiß, daß, wenn man ihn
+ansticht, ihm Düfte entströmen, die alle Wohlgerüche Indiens und
+Arabiens nicht überwinden können. Aber wir gingen mit wahrer
+Todesverachtung ans Werk, und nachdem wir den Korb gefüllt, steckten wir
+durch die Henkel zwei Stangen und trabten, Liebknecht vorn, ich hinten,
+nach unserem Beet. Die im Garten arbeitenden Frauen lachten aus vollem
+Halse, als sie unser Tun sahen. Ich habe damals und später öfter
+geäußert: Mutete der Staat uns eine solche Arbeit zu, wir hätten sie mit
+höchster Empörung zurückgewiesen. Das ist der Unterschied zwischen Zwang
+und freiem Willen.
+
+Wir hatten unser Beet mit Radieschensamen bestellt und warteten
+sehnsüchtig auf die Ernte. Der Same ging prachtvoll auf, das Kraut schoß
+mächtig in die Höhe, aber die ersehnten Radieschen zeigten sich nicht.
+Jeden Vormittag, sobald wir unseren Spaziergang antraten, veranstalteten
+wir ein Wettrennen nach dem Radieschenbeet, denn jeder wollte die ersten
+Früchte ernten. Vergebens. Als wir nun eines Tages kopfschüttelnd um
+unser Beet standen und tiefsinnige Betrachtungen über die
+fehlgeschlagene Ernte anstellten, lachte unser Aufseher, der in einiger
+Entfernung unserer Unterhaltung zugehört hatte, und sagte: „Warum Sie
+keine Radieschen bekommen, meine Herren, das will ich Ihnen sagen, Sie
+haben zu fett gedüngt.“ Tableau! So war also alle unsere Mühe vergeblich
+gewesen.
+
+ * * * * *
+
+In den ersten Monaten des Jahres 1873 sollte wieder der Reichstag
+zusammentreten, und so mußte die sächsische Regierung wohl oder übel
+eine Neuwahl für den von mir innegehabten Wahlkreis anordnen. Der
+Wahltag wurde auf den 20. Januar festgesetzt. Die ganze Partei
+betrachtete es als eine Ehrensache, nicht bloß das Mandat für mich
+wiederzuerobern, sondern auch mit höherer Stimmenzahl. Was an
+agitatorischen Kräften zur Verfügung stand, eilte in den Wahlkreis.
+Auer, Motteler, Vahlteich, Wilhelm Stolle, Walster, York usw.
+gingen an die Arbeit. Als Gegenkandidat hatten die Gegner den
+Bezirksgerichtsdirektor Petzoldt in Glauchau aufgestellt, ein wegen
+seines leutseligen Wesens im Wahlkreis sehr beliebter Herr. Aber das
+half ihnen nichts. Am Abend des Wahltags wurden für mich 10740, für
+meinen Gegner 4240 Stimmen gezählt. Ich brauche nicht zu versichern, daß
+dieses Wahlresultat im Wahlkreis wie in der ganzen Partei stürmischen
+Jubel hervorrief. Das Resultat war eine klatschende Ohrfeige für den
+Gerichtshof, der mir das Mandat aberkannt hatte. Ich hatte fast 4000
+Stimmen mehr erhalten als am 3. März 1871. Und damit nicht genug. Einige
+Tage nach der Wahl veröffentlichte mein besiegter Gegner in der Presse
+des Wahlkreises seinen Dank an die Partei, die den Wahlkampf gegen ihn
+in so anständiger Weise geführt habe.
+
+Auer und York kamen nach der Wahl, nachdem sie zuvor meine Frau in
+Leipzig besucht und sie beglückwünscht hatten, zu mir nach Hubertusburg,
+um mir ebenfalls zu gratulieren. Es war ein fröhliches Wiedersehen.
+
+Als dann die Session des Reichstags begann, machte ich den Versuch, von
+der sächsischen Regierung für die Teilnahme an dessen Sitzungen Urlaub
+zu erhalten. Wie ich vorausgesehen, ohne Erfolg. Nunmehr stellte
+Schraps, unterstützt von einer Anzahl liberaler Abgeordneter, den
+Antrag, mich für die Dauer der Session aus der Strafhaft zu entlassen.
+Dieser Antrag wurde mit großer Mehrheit abgelehnt. Der Abgeordnete v.
+Mallinckrodt erklärte, er bedauere, daß ich an den Sitzungen des
+Reichstags nicht teilnehmen könne, aber der § 31 der Reichsverfassung
+erstrecke die Immunität der Abgeordneten nicht auf die Strafhaft.
+
+Ich bekenne, daß ich diesen Beschluß nicht bedauerte. Wäre ich
+freigekommen, so mußte ich um die Urlaubszeit länger im Gefängnis
+zubringen. Und da mich dieses Schicksal während drei bis vier Sessionen
+getroffen haben würde, wäre statt im Frühjahr 1875 frühestens Sommer
+1876 meine Haft zu Ende gewesen.
+
+In einem konstitutionellen Staate sollte es eine selbstverständliche
+Sache sein, daß ein Abgeordneter, der in Strafhaft sich befindet, bei
+Beginn einer Session sofort aus der Haft entlassen wird, um seine
+Pflichten als Abgeordneter erfüllen zu können. Davon will man in
+Deutschland nichts wissen. Und doch ist für einen Abgeordneten, der wie
+ich mehrere Jahre Strafhaft zu verbüßen hatte, die regelmäßige
+Beurlaubung während einer Session keineswegs eine Annehmlichkeit, wie
+irrtümlicherweise allgemein angenommen wird. Ich wenigstens würde sie
+als eine _Verschärfung_ meiner Haft angesehen haben, weil sie vor allem
+meine wirtschaftliche Existenz noch schwerer geschädigt haben würde.
+
+Liebknecht und ich hatten selbstverständlich das Bedürfnis, wenigstens
+mit den führenden Genossen draußen in möglichster Fühlung zu bleiben.
+Das war allerdings nur in beschränktem Maße möglich. Konnten wir auch
+öfter Briefe heimlich hinausbringen, die Gefahr bestand, daß durch eine
+ungeschickte Antwort dieser Verkehr dem Anstaltsdirektor verraten wurde,
+und das hätte für uns unangenehme Folgen gehabt. Es galt also,
+vorsichtig zu sein. So schrieben wir nach Möglichkeit direkt, obgleich
+diese Korrespondenz der amtlichen Kontrolle unterlag. Ab und zu nahm
+dieselbe auch einen humoristischen Charakter an. Einen Brief, den ich
+von Most als Antwort auf einen solchen von mir aus dem Zwickauer
+Landesgefängnis erhielt, woselbst er wegen verschiedener Preß- und
+Redevergehen über ein Jahr zu verbüßen hatte, bringe ich hier zum
+Abdruck, weil er zugleich die Persönlichkeit Mosts am besten
+charakterisiert. Most antwortete mir:
+
+ Zwickau, den 21.4.73.
+
+ Mein lieber Bebel!
+
+ Aus Deinem Schreiben, das wie ein lichter Blitzstrahl aus düsterem
+ Himmel in meine Einsiedelei fuhr, ersehe ich und freue mich darüber,
+ daß es Euch ruchlosen Bösewichtern, die Ihr mittels Stahlfedern und
+ Tintentöpfen den Staat in Gefahr gebracht hattet, ganz vortrefflich
+ ergeht. — Ihr wollt nun auch wissen, wie es mit mir steht; glaub's
+ gern, da ich mir denken kann, daß es Euch gerade so ergehen wird, wie
+ es mir erging, ehe ich hier meinen Einzug hielt, daß Ihr nämlich bei
+ dem Namen Zwickau stets an ein Zwicken denkt und ein „Au“schreien zu
+ vernehmen wähnt. Ich muß gestehen, daß es mir trotz meiner zähen
+ Katzennatur und meines Galgenhumors — ohne mich gerade einer
+ Angstmichelei hinzugeben — nicht ganz so wohl war, wie den bekannten
+ 500 Säuen, wenn ich vor meiner Hieherkunft an dieselbe dachte, jetzt
+ aber, wo ich da bin, hat die Sache ein ganz anderes
+ Gesicht. — Natürlich solch ein Jagdschloßleben wie Ihr führe ich nicht,
+ sondern eher ein Karthäusermönchsdasein, allein Langeweile habe ich
+ desungeachtet auch nicht, da ich ja noch gar vieles nachzuholen habe
+ und jetzt daher die Gelegenheit zu fleißigem Studieren benütze. Zur
+ Zerstreuung dienen mir die Zeitungen, welche ich erhalte, und alle
+ meine leiblichen Bedürfnisse befriedige ich _in gewohnheitsmäßiger
+ Weise_ (Kost, Kleidung usw.). Ueberhaupt erdulde ich nur eine
+ Freiheits-, nicht aber auch eine Leibesstrafe, wofür ich alles halte,
+ was dem Gefangenen außer der Entziehung seiner Freiheit angetan wird.
+ Bequemlichkeiten habe ich, von einem zu schriftlichen Arbeiten
+ geeigneten Tische abgesehen, nicht. Nach einem eigenen Bette empfinde
+ ich kein Bedürfnis, während ich aber mein eigenes Kopfkissen benütze.
+ Die Zelle ist eben eine solche, wie sie Vahlteich schilderte (der
+ ebenfalls längere Zeit im Landesgefängnis zu Zwickau war); andere gibt
+ es hier nicht; man gewöhnt sich indes bald daran, zumal diese Zellen
+ trotz des hochgelegenen Fensters sehr hell sind. Spazieren gehe ich
+ pro Tag 2 Stunden in einem Raume, welcher ein Mittelding zwischen Hof
+ und Garten ist, und zwar allein. Besuche macht mir niemand, weshalb
+ ich natürlich auch keine annehmen kann. Dir wird es seinerzeit nicht
+ verwehrt werden, daß Du mit Deinen Familiengliedern verkehrst. Ebenso
+ wird man Dir so wenig wie mir den Bart abnehmen wollen. Licht brenne
+ ich bis 10 Uhr. So, das wäre das Wesentlichste, was ich Dir von meiner
+ Sozialistenklause aus berichten kann. Betreffs der Studien seid Ihr
+ freilich schön heraus, da Ihr gleich Euren Professor bei Euch habt.
+ Ich fühle es besonders bei Sprachstudien, wie sehr da ein Lehrer
+ mangelt, zumal ja die Konversation ohne einen solchen gar nicht
+ gepflogen werden kann. Apropos! Was für ein Lehrbuch benütztest Du
+ fürs Französische? Mir hat Vahlteich auf meinen Wunsch nach einer
+ französischen Grammatik einen ganz antiken, unbrauchbaren,
+ unausstehlich-umständlichen und verkehrten Schunken (Hirzel)
+ übermittelt, den ich schon manchmal vor Zorn am liebsten mitten
+ entzwei gerissen hätte. — Was Du von Thiers schreibst, ist klar. Dieser
+ Knirps ist der größte Intrigant Frankreichs, der lebendig gewordene
+ Geldsack und zugleich die einzige Person, welche die Sache der
+ Monarchie zu fördern verstand, freilich ohne Erfolg, allein der Plan
+ war wenigstens nicht schlecht angelegt: den Status quo so lange wie
+ möglich aufrecht zu erhalten und so schön langsam, gleichsam
+ unmerklich die Republik erblassen und die Monarchie erscheinen zu
+ lassen. Jeder andere Monarchist würde an seiner Stelle längst einen
+ Staatsstreich gemacht haben und — dabei das Genick gebrochen, wie
+ überhaupt der Monarchie den letzten Rest gegeben haben. In
+ Spanien — ist man zu glauben versucht — haben die regierenden
+ Tratschweiber vor lauter Schwätzen ihr bißchen Verstand verloren,
+ sonst könnte es doch wahrhaftig nicht möglich sein, daß sie mit der
+ Handvoll karlistischer Mordbrenner nicht fertig werden. Nun,
+ hoffentlich wird da, wie in Frankreich, bald energisch
+ ausgemistet. — Du staunst über die Fortschritte, die unsere Sache in
+ der jüngsten Zeit gemacht hat; nun, die Ursachen sind zahlreich genug,
+ um solche Wirkungen zu erzeugen. Ich sage Dir: nur 1000 Mann wie Du,
+ oder selbst nur wie ich (ohne Selbstüberhebung) — und Europa, nicht
+ bloß Deutschland, ist binnen 5 Jahren sozialistisch. Es erstehen zwar
+ neue Kräfte genug, und wenn die Feigheit nicht so groß wäre, zeigte
+ sich noch mancher, aber es sind viel zu wenig. Man sollte glauben, die
+ meisten Menschen fallen bei der Geburt auf den Kopf oder gar auf den
+ Mund, weil sie nicht imstande sind, den letzteren ordentlich
+ aufzumachen. Und wir brauchen weiter nichts, als bloß Leute, die Mund
+ und Herz am rechten Flecke haben. — Wenn ich mich schon in keinen
+ großen Hoffnungen wiege, so freue ich mich immerhin gewaltig auf die
+ nächste Wahlkampagne. Wenigstens wird agitatorisch gefletscht werden,
+ daß die Funken sprühen. Die Situation ist für uns wie geschaffen.
+ Fortschritts-Bankrott, Siegestaumel-Katzenjammer, Invalidenfrage,
+ Wohnungsfrage, Schulfrage, Milliardenfrage, Friedensfrage,
+ Gründerfrage, „Kulturkampf“-Angelegenheit, Fabrikantenbünde,
+ Maßregelungen, Verfolgungen, Schubsereien usw. werden ihr Schärflein
+ zu unsern Gunsten beitragen. Somit konserviere ich meine Lungenflügel
+ und wetze meinen Schnabel, um dereinst mit wahrer Wollust, wenn die
+ Wahlschlacht tobt, so manchen politischen Sumpfpiraten in den Grund
+ bohren zu können. — In Sachsen freilich werde ich direkt nicht
+ lospauken können, allein es gibt anderwärts auch viele Leute, denen
+ man die Bretter loslösen muß, welche vor ihre Hirnkästen genagelt
+ sind. Aus Sachsen wurde ich nämlich polizeilich ausgewiesen, wiewohl
+ sich die höheren Instanzen noch nicht darüber ausgelassen haben, ob
+ dieses Ding der gesetzlichen Unmöglichkeit auch durchgeführt werden
+ soll, allein ich erwarte nichts Gutes, es ist mir aber auch ganz
+ „schnuppe“, wie die Sache abläuft. Weniger „schnuppe“, ja geradezu
+ unbegreiflich ist es mir, daß zu diesem Akt ...[1] der sanfte
+ Julius[2] bisher nicht zu bewegen war, einen Kommentar zu liefern.
+ Richtig, das Schönste hätte ich bald vergeben: im Falle ich trotz
+ Ausweisung wieder in Sachsen mich zeigen sollte, wurde mir aktenmäßig
+ bedeutet, _steckt man mich in ein Korrektionshaus!!_ — Und auch darüber
+ wird geschwiegen. — Nun, wenn ich wieder frei bin, ist auch noch
+ Gelegenheit zum — — —.
+
+ Im allgemeinen befinde ich mich sehr wohl und bin bei ausgezeichnetem
+ Humor. Jetzt lebe wohl, grüße alle Insassen des Sozialistenseminars
+ und sei auch Du bestens gegrüßt von Deinem
+
+ Joh. Most.
+
+Einen anderen Charakter wie der Mostsche Brief hatte ein solcher von
+Kokosky an uns. Dieser, der 1871 in Königsberg die „Demokratischen
+Blätter“ herausgab, mußte diese bald eingehen lassen und trat Ende 1872
+auf Einladung von Bracke in die Redaktion des „Braunschweiger
+Volksfreund“. Kokosky hatte eine sehr humoristische Ader, wovon die
+Kneipabende der damaligen Parteitage zu erzählen wissen. Auch er verfiel
+dem Schicksal der Parteiredakteure jener Zeit. Es währte nicht lange,
+und er hatte so und so viele Monate Haft auf dem Rücken. Diese verdarben
+ihm aber nicht den Humor, wie folgender Brief zeigt:
+
+ Braunschweig, den 14. Mai 1873
+
+ Werte Freunde! Sie haben es gut; vorsorglich hat der väterliche Staat
+ Sie in sein Gewahrsam genommen, damit Sie in beschaulicher Stille die
+ Segnungen einer guten Regierung kennen lernen. Haben die drei Männer
+ im feurigen Ofen Loblieder singen können, warum sollt Ihr es nicht,
+ wenn es anders die Festungsordnung nicht verbietet, hinter den Mauern
+ von Hubertusburg können?
+
+ Auch mir hat eine gütige Vorsehung drei Monate Festungshaft gewährt,
+ damit ich wenigstens für einige Zeit den Schreckruf nicht zu hören
+ brauche: Herr Kokosky, es fehlt Manuskript! Schon der Gedanke hat
+ etwas Beruhigendes, daß etwaige Briefe, die man empfängt, erst vorher
+ die Zensur passieren müssen, so daß unangenehme und aufregende
+ Mitteilungen fern gehalten werden. So enthalte ich mich auch aller
+ revolutionären Mitteilungen, so gern ich Euch auch über den Stand der
+ Rüstungen, über die äußerst gelungene Anfertigung der Handgranaten und
+ Nitroglyzerinbomben, die wahrhaft Wunder verrichten, aufklären möchte.
+ Nur das eine:
+
+ Hamburg, 27. Mai. Petroleum fester; loco R.-M. 16,20-80, per Mai
+ 16,20, Aug.-Dez. 17 B., 16,90 G.
+
+ Die Bourgeoisie fängt bereits an, Sie zu beneiden. Als neulich in
+ einer Bourgeois-Gesellschaft auf die Sozialdemokraten losgezogen
+ wurde, meinte ein für sehr fein, ja für oberfein gehaltener Börsier:
+ „Bei den heutigen Börsennachrichten geht mir der Kopf so mit Grundeis,
+ daß ich Bebel beneiden möchte, daß er ruhig kann sitzen in
+ Hubertusburg und braucht sich nicht zu kümmern um die Schwankungen der
+ Kurse. Man gebe so einem Sozialdemokraten so für 30000 Taler
+ Wechslerbank zu 130 und lasse sie dann fallen auf 85, oder Louise
+ Tiefbau mit 15 Prozent über Pari, und ich kann Ihnen sagen, sie sind
+ gestraft genug.“ So, von dieser Seite müßt Ihr die Sache betrachten
+ lernen, dann wird das gärende Drachengift sich wieder in die Milch der
+ frommen Denkungsart verwandeln, mit welcher und mit den herzlichsten
+ Grüßen — ich schließe, da der Brief zur Post gebracht werden soll — ich
+ bleibe
+
+ Euer treuer Freund und Parteigenosse
+
+ S. Kokosky.
+
+ * * * * *
+
+Am 29. Oktober 1873 starb der König Johann von Sachsen, und sein Sohn
+Albert trat an seine Stelle. Da in der Regel ein solcher Thronwechsel
+mit einer Amnestie verbunden ist, hofften auch unsere Frauen auf eine
+solche. Man konnte ihnen das nicht verargen, denn sie litten am
+härtesten unter unserer Verurteilung und Haft, die wir als eine nicht zu
+vermeidende Konsequenz unserer Tätigkeit ansahen. Sobald wir aber von
+den erweckten Hoffnungen erfuhren, schrieben wir ihnen, sie möchten
+sich nicht mit falschen Hoffnungen tragen. Eine Amnestie werde kommen,
+aber nicht für uns. In dem Briefe an meine Frau bemerkte ich: der neue
+König werde eher alle Zuchthäusler Sachsens begnadigen als uns. Die
+Amnestie fiel sehr mäßig aus, von den zahlreichen gefangenen
+Parteigenossen in den verschiedenen sächsischen Gefängnissen wurde nach
+meiner Erinnerung nicht einer getroffen. Und das war gut so. Die
+allgemeinen Reichstagswahlen, die Anfang 1874 stattfanden, weil damals
+der Reichstag nur eine dreijährige Legislaturperiode hatte, zeigten eine
+Stimmung, die durch Amnestien nicht hätte verdorben werden dürfen.
+
+Mir kam der Gedanke, daß ich mich auch als Gefangener in sehr nützlicher
+Weise an der Wahlagitation beteiligen könnte durch Abfassung einer
+Broschüre über die bisherige Tätigkeit des Reichstags, die den
+Kandidaten und Agitatoren der Partei das nötige Material liefere.
+Gedacht, getan. Die Broschüre erschien rechtzeitig unter dem Titel: Die
+parlamentarische Tätigkeit des Reichstags und der Landtage und die
+Sozialdemokratie von 1871 bis 1873. Als Anhang hatte ich derselben
+die wichtigsten Bestimmungen des Reichswahlgesetzes, der
+Wahlgesetzverordnung, der einschlägigen Bestimmungen des
+Reichsstrafgesetzbuchs, der Vereinsgesetze und Winke für die Agitation
+angefügt. Die Broschüre, die anonym erscheinen mußte, wurde von der
+Partei mit großer Genugtuung begrüßt. Zwei Jahrzehnte später machte mir
+sogar der Abgeordnete Eugen Richter ein Kompliment darüber, als wir uns
+eines Tages auf einer Reise nach Hamburg in einem Wagenabteil
+begegneten. Wir hatten bis dahin, obgleich wir damals bereits über
+fünfundzwanzig Jahre Kollegen im Reichstag gewesen waren, nie
+miteinander eine Privatunterhaltung gepflogen. Diese kam jetzt in Fluß.
+Im Laufe der Unterhaltung erzählte mir Richter, er habe in den siebziger
+Jahren in einer thüringischen Stadt einen Vortrag in einer
+Volksversammlung gehalten, wobei in der darauf stattgefundenen Debatte
+ihm ein Parteigenosse von mir eine Reihe Sünden vorgehalten, die er zum
+Teil längst vergessen gehabt habe. Da er bemerkte, daß der Redner die
+Vorwürfe aus einer Broschüre zitierte, habe er einen seiner
+Parteigenossen gebeten, sich an den Redner heranzuschlängeln, um
+festzustellen, was für eine Broschüre es sei, aus der er zitiere. Er
+habe alsdann sich dieselbe beschafft und aus dem Inhalt ersehen, daß die
+der Broschüre zugrunde liegende Idee eine sehr gute sei. Darauf habe er
+sich entschlossen, den Gedanken, wenn auch in anderer Form, ebenfalls
+für seine Partei zur Durchführung zu bringen. So sei sein bekanntes
+politisches Abcbuch entstanden. Ich war in diesem Augenblick ein wenig
+stolz, meinem vielgerühmten politischen Gegner als Lehrmeister gegenüber
+zusitzen. Später haben bekanntlich auch die anderen Parteien, unserem
+Beispiel folgend, derartige politische Leitfäden herausgegeben.
+
+Eine andere Wirkung meiner Broschüre war, daß ein Kaplan Hohoff aus
+Hüffe in Westfalen sich veranlaßt sah, in mehreren Artikeln, die der
+„Volksstaat“ veröffentlichte, gegen meine Auffassung des Christentums
+und des Kulturkampfes zu polemisieren. Ich antwortete in einer Reihe
+Artikel, die nachher als Broschüre unter dem Titel „Christentum und
+Sozialismus“ erschienen sind und bis heute eine größere Zahl Auflagen
+erlebten.
+
+Die Wahlen waren auf den 10. Januar 1874 angesetzt worden. Das
+Wahlresultat war für uns sehr befriedigend. Wir hatten auf den
+ersten Hieb sechs Abgeordnete durchgebracht — Seib-Freiberg,
+Liebknecht-Stollberg-Schneeberg, Most-Chemnitz,
+Vahlteich-Mittweida-Burgstädt, Motteler-Crimmitschau-Zwickau und mich in
+meinem alten Kreise Glauchau-Meerane. Im 13. Wahlkreis Leipzig-Land war
+Johann Jacoby in Stichwahl gekommen. Der Allgemeine Deutsche
+Arbeiterverein hatte zwei seiner Kandidaten durchgebracht. Hasenclever
+in Altona und Reimer im schleswig-holsteinschen Wahlkreis Seegeberg.
+Hasselmann kam in Barmen-Elberfeld zur Stichwahl und siegte. Auch Johann
+Jacoby siegte mit 7577 gegen 6674 Stimmen, aber zur allgemeinen und
+unangenehmen Ueberraschung der Partei lehnte er das Mandat ab. Es war
+richtig, er hatte bei der Befragung, ob er eine Kandidatur annehme,
+nicht auch die Zusage gemacht, daß er eine Wahl annehmen werde. Er hatte
+in seinem Briefe ausgeführt: Den Parteigenossen sei seine Ansicht über
+das preußisch-deutsche Kaisertum bekannt; sie möchten hiernach
+ermessen, wie wenig Verlangen er trage, an den unersprießlichen
+Reichstagsverhandlungen sich zu beteiligen. Sollte — aus taktischen
+Gründen — die Partei für gut befinden, ihn als Kandidaten aufzustellen,
+so habe er nichts dagegen, er müsse jedoch im voraus bemerken, daß
+er — im Falle der Wahl — die freie Entscheidung über Annahme oder
+Ablehnung des Mandats sich vorbehalte. In dem Ablehnungsbrief bemerkte
+er, er habe seine Kandidatur nur als Protestkandidatur aufgefaßt, denn
+wie er über die neue Ordnung der Dinge in Deutschland denke, habe er
+schon am 6. Mai 1867 im preußischen Abgeordnetenhaus ausgesprochen. Er
+glaube nicht daran, daß man auf parlamentarischem Wege einen
+Militärstaat in einen Volksstaat verwandeln könne.
+
+Der Fehler lag beim Wahlkomitee, das auf seinen ersten Brief keine klipp
+und klare Antwort verlangte. Die Aufregung über den Schritt Jacobys
+wurde in der Partei noch größer, als bei der Nachwahl unser Kandidat
+Wilhelm Bracke mit 5676 gegen nahe an 8000 Stimmen, die auf den Gegner
+fielen, unterlag. Ich selbst war über den Vorgang so aufgebracht, daß
+ich einen heftigen Brief an Dr. Guido Weiß, den Freund Jacobys, schrieb,
+worin ich die Ablehnung der Wahl tadelte.
+
+Die beiden Fraktionen der Sozialdemokratie waren also nunmehr durch 9
+Abgeordnete im Reichstag vertreten. Die Stimmenzahl, die auf ihre
+Kandidaten fiel, betrug 351670, davon kamen auf die Kandidaten des
+Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins 180319, auf die Kandidaten der
+Sozialdemokratischen Arbeiterpartei 171351. Beide Fraktionen musterten
+also eine fast gleich starke Anhängerzahl; die Gesamtstimmenzahl war
+gegen 1871 um 200 Prozent, im ganzen um 236000 Stimmen gestiegen.
+
+Dieser glänzende Wahlausfall hatte in den höheren Regionen wie in den
+bürgerlichen Kreisen stark verschnupft. Ein solches Resultat hatte man
+nicht erwartet. Es zeigte sich, daß allen Verfolgungen und Schikanen zum
+Trotz die Partei ständig wuchs, und so verdichteten sich die schon
+vorhandenen Gedanken in den maßgebenden Kreisen mehr und mehr, der
+Partei mit Ausnahmemaßregeln auf den Leib zu rücken.
+
+ * * * * *
+
+Das tägliche Einerlei unserer Haft wurde Ende Februar 1874 durch einen
+Besuch von Gustav Rasch in amüsanter Weise unterbrochen. Rasch war ein
+wenig Sensationsschriftsteller, er liebte es, in seinen Arbeiten die
+Farben etwas dick aufzutragen. Er hatte sich dadurch einen Namen
+gemacht, daß er Ende der fünfziger und in der ersten Hälfte der
+sechziger Jahre in der „Gartenlaube“ und mehreren großen liberalen
+Zeitungen zahlreiche Artikel veröffentlichte über die Schandwirtschaft
+der Oesterreicher in Venetien und die „Tyrannenherrschaft“ der Dänen in
+Schleswig-Holstein, die großes Aufsehen erregten. Liebknecht und ich
+hatten ihn in Berlin kennen gelernt. Jetzt kam er hauptsächlich wohl zu
+einem Besuch, weil er hoffte, Material für einen Artikel zu erhalten.
+Solche Besuche fanden auf dem Bureau in Gegenwart eines Beamten statt
+und sollten nicht über eine Stunde währen. Das paßte aber Rasch nicht.
+Er verlangte vom Direktor, mit uns unter vier Augen sprechen zu dürfen,
+auch wünschte er unsere Zellen zu sehen. Der Direktor lehnte dieses
+Ansinnen mit den Worten ab: Er (Rasch) solle sich doch in seine Lage
+denken, um einzusehen, daß das nicht gehe; wäre er (Rasch) Direktor,
+könnte er auch nicht anders handeln, worauf Rasch mit seiner göttlichen
+Unverfrorenheit antwortete: O, wenn er Direktor wäre, er erlaubte es
+sicher! Eine Antwort, die uns alle zu schallendem Gelächter veranlaßte.
+
+
+FUSSNOTEN:
+
+[1] Die Stelle wurde durch den Kontrollbeamten gestrichen.
+
+[2] Vahlteich. Most beschuldigte Vahlteich, daß er seine Kandidatur für
+den Reichstag unmöglich zu machen suche und die Veröffentlichung
+verschiedener Mitteilungen für die „Chemnitzer Freie Presse“
+unterdrückte.
+
+
+
+
+Königstein.
+
+
+Im Laufe des März wurde uns offiziell mitgeteilt, wir würden am 1. April
+nach der Festung Königstein überführt werden. Die Nachricht war uns
+nicht angenehm. Liebknechts Haft ging Mitte April, die meine Mitte Mai
+zu Ende und da kam uns ein Umzug mit unseren Büchern und Skripturen und
+verschiedenen Möbelstücken sehr ungelegen. Im letzten Moment wurde aber
+die Uebersiedlung verschoben, und so konnte Liebknecht am 15. April von
+Hubertusburg nach Leipzig reisen. Ich aber mußte am 23. April 1874 die
+Reise nach dem Königstein in Begleitung eines Beamten in Zivil
+unternehmen. Als ich mich am Tage vor der Abreise vom Direktor
+verabschiedete und ihm für sein Entgegenkommen in so mancher
+Angelegenheit dankte, war er sehr gerührt. Er drückte mir zum Abschied
+warm die Hand und entließ mich mit den Worten: Gehen Sie mit Gott! Der
+beste Wunsch, den er von seinem Standpunkt aus wohl glaubte mir mitgeben
+zu können. Als ich dann am nächsten Morgen 5 Uhr die Reise antrat, war
+auch die ganze Familie des Aufsehers versammelt, um sich von mir zu
+verabschieden. Dieser wurde nunmehr nach dem Waldheimer Zuchthaus
+versetzt; ich glaube, die Zeit, in der er uns unter seiner Obhut hatte,
+war die schönste seines Lebens. Er starb bald nachher.
+
+Der 23. April war ein herrlicher Tag, das ganze Elbtal grünte und blühte
+in voller Frühlingspracht. Beim Aufstieg auf die Festung begegneten wir
+dem Gouverneur der Festung, Generalleutnant v. Leonhardti, dem ich durch
+meinen Begleiter vorgestellt wurde. Während wir nun selbander den Weg
+nach oben zurücklegten, ließ sich der General in eine Unterhaltung mit
+mir ein. Er wünschte zu wissen, wie die Tagesordnung und die Behandlung
+in Hubertusburg gewesen sei. Nachdem ich ihm die gewünschte Auskunft
+gegeben, meinte er: Na, schlechter sollen Sie es bei mir nicht haben.
+
+Als Aufenthalt wurde mir ein altes, nach früheren Begriffen bombenfestes
+Gebäude angewiesen, das vordem Zeughaus war. Auf dem Korridor standen
+zur Stütze des Daches Balken von einer Dicke, wie man sie nur noch auf
+den Böden alter Kirchendächer sieht. Die Stube war geräumig und hatte
+zwei schießschartenartige Fenster, die mit dicken Eisenstäben versehen
+waren, als gelte es, Mörder und Mordbrenner in Gewahrsam zu halten. An
+der einen Wand stand ein riesiger Kachelofen, in dem die fünf Pfund
+Kohlen, die mir als tägliches Deputat der Staat gewährte — denn es war
+trotz der vorgeschrittenen Jahreszeit und dem prächtigen Frühlingswetter
+in dem Raum bitter kalt —, verschwanden. Ich mußte mir auf eigene Kosten
+noch Feuerungsmaterial beschaffen, wollte ich nicht frieren. Hätten wir
+unsere ganze Haft dort oben verbringen müssen, wir hätten ein kleines
+Vermögen für Feuerungsmaterial zugesetzt.
+
+Eine interessante Persönlichkeit war mein Wärter. Dieser, ein
+siebzigjähriger Mann, leistete schon seit 36 Jahren auf der Festung
+Dienst und hatte 1849 zwei Mitglieder der provisorischen Regierung
+Sachsens, Tod und Heubner, ferner August Röckel und einen der Leiter des
+Dresdener Maiaufstandes, Michael Bakunin, den später nach den einen
+berühmt, nach den anderen berüchtigt gewordenen Führer der Anarchisten,
+in seiner Obhut. Die Genannten befanden sich auf der Festung in
+Untersuchungshaft.
+
+Sehr beschränkt war der Raum für meinen Spaziergang, der sich auf einen
+einzigen kurzen Weg in dem kleinen Park der Festung erstreckte und bei
+dem regelmäßig ein Posten Wache stand, um die zahlreichen Besucher des
+Königsteins mir fern zu halten. Das einzig Zufriedenstellende war die
+Kost, die ich aus einer kleinen Wirtschaft auf der Festung bezog. Der
+Wirt schien mich in sein Herz geschlossen zu haben; das Essen war nicht
+nur sehr gut und billig, sondern auch sehr reichlich. Ich war
+verwundert, als ich am ersten Tage die für mich bestimmte Portion sah,
+war aber höchlich überrascht, als ich sie ganz verzehrte. Die Höhenluft
+tat ihre Wirkung. Die Soldaten der kleinen Besatzung klagten, daß sie
+hier oben nie satt würden und froh seien, wenn sie abgelöst würden, was
+alle drei Monate geschah.
+
+Endlich kam der 14. Mai, der Tag der vorläufigen Befreiung. Unter denen,
+die mich zu Hause begrüßten, befand sich auch Eduard Bernstein, der
+extra zu diesem Zweck von Berlin nach Leipzig gekommen war. Ich hatte
+Bernstein bereits 1871 in Berlin kennen gelernt. Durch Vermittlung
+meines Rechtsanwalts Otto Freytag hatte sich das Ministerium
+herbeigelassen, mir bis zum Antritt der neunmonatigen Haft im
+Landesgefängnis in Zwickau eine sechswöchige Frist zu gewähren. Da in
+diese Pause Pfingsten fiel, machte ich mit meiner Frau und Tochter und
+einigen Freunden einen Ausflug nach der sächsischen Schweiz und dem
+Königstein. Hier machte es mir großes Vergnügen, daß die Zelle, in der
+ich drei Wochen kampiert hatte, mittlerweile zu den Sehenswürdigkeiten
+der Festung avanciert war. Der Fremdenführer machte auf die Fenster der
+Zelle, die mich damals beherbergte, aufmerksam. Später ist ihm das
+verboten worden. Für die Dresdener Parteigenossen hieß der Königstein
+längere Zeit scherzweise die Bebelburg.
+
+
+
+
+Zwickau.
+
+
+Nachdem ich vor meinem Haftantritt dem Direktor des Landesgefängnisses
+einen Besuch abgestattet, um zu erfahren, welche Erleichterungen er mir
+als politischer Gefangener während der Haft gewähren wollte, rückte ich
+am 1. Juli 1874 dort ein. Die Einrichtungen des Gefängnisses und die
+Erleichterungen, die den meisten politischen Gefangenen gewährt wurden,
+sind bereits in dem Mostschen Brief an mich erwähnt. Ich kann hier
+darauf Bezug nehmen. Den Besuch der Familie sollte ich monatlich einmal
+auf eine Stunde unter Aufsicht eines Beamten genießen können. Nachdem
+meine Frau einen solchen im dritten Monat meiner Haft gemacht hatte,
+verzichteten wir beiderseitig darauf, den Besuch zu erneuern. Zu den
+Kosten der Reise auch noch die Beamtenkontrolle über jedes Wort, das man
+miteinander sprach, in den Kauf nehmen zu sollen, das war ein zu großes
+Opfer. Anderweite Besuche empfing ich auch nur vereinzelt, ich sehnte
+mich nicht danach.
+
+Ich stürzte mich nunmehr wieder mit allem Eifer in die Arbeit. Sehr
+aufregend wirkte auf mich, als von meiner Frau Berichte einliefen über
+den schweren Stand, den wir geschäftlich hatten, denn mittlerweile war
+die große Industriekrise mit aller Wucht hereingebrochen und machte sich
+obendrein für uns die ruinöse Konkurrenz eines neu errichteten
+Fabrikbetriebs geltend. Wer eine solche Situation nie durchgemacht hat,
+ahnt nicht, wie niederdrückend das Bewußtsein vollständiger
+Hilflosigkeit auf den Gefangenen wirkt. Meine Hauptgefängnisarbeit war
+die schon erwähnte Geschichte des deutschen Bauernkriegs — die längst
+vergriffen ist —, die aber schon aus dem Grunde kein Meisterwerk werden
+konnte, weil mir die nötigen Hilfsmittel fehlten. Ich schrieb das Buch,
+weil mir der große deutsche Bauernkrieg von 1525 und die ihm unmittelbar
+vorhergehenden revolutionären Bauernaufstände mit das wichtigste
+Ereignis der neueren deutschen Geschichte zu sein dünkt, das die
+offizielle Geschichtschreibung zu schildern schmählich vernachlässigte.
+
+Am 1. Januar 1875 erhielt ich durch Motteler eine Depesche, daß am
+Vorabend York gestorben sei. York war ein knorriger und eigenwilliger
+Charakter, aber auch ein Mann von unermüdlicher Tätigkeit und höchster
+Opferwilligkeit. Dabei war er äußerst bescheiden. Er begnügte sich in
+den ersten Jahren als Parteisekretär mit einem Gehalt, das ihm nicht
+einmal erlaubte, wie er mir mal schrieb, sich eine neue Hose
+anzuschaffen. Er starb arm wie eine Kirchenmaus, die Partei dankte ihm
+dadurch, daß sie die Sorge für seine Frau und Kinder übernahm. An Yorks
+Stelle war schon den Herbst zuvor Auer als Parteisekretär eingetreten.
+
+Endlich waren auch die neun Monate Zwickau überstanden. Am 1. April
+1875 — dem 60. Geburtstag Bismarcks — wurde ich entlassen. Der Abschied
+zwischen dem Direktor und mir war auch hier ein warmer. Ich habe
+allezeit den Grundsatz befolgt, sich in Unvermeidliches, das man nicht
+zu ändern vermag, nach Möglichkeit zu fügen und den Dingen die beste
+Seite abzugewinnen. Von diesem Gesichtspunkt ausgehend, bin ich, ohne
+mir dabei das geringste zu vergeben, den Gefängnisbeamten bei Ausübung
+ihres schweren Amtes möglichst entgegengekommen, indem ich mich in die
+vorgeschriebene Ordnung fügte. Dafür waren sie stets dankbar. In den
+größeren Gefängnissen haben es die Beamten mit so viel sozial
+bedenklichen und verkommenen Elementen zu tun — den traurigen Produkten
+unserer famosen sozialen Ordnung —, daß ihr Dienst einer der schwersten
+ist, den es gibt; sie sind glücklich, wenn sie Leute unter ihre Obhut
+bekommen, mit denen sie menschlich verkehren können.
+
+Die Zwickauer Genossen hatten sich am Tage meiner Entlassung zu einer
+Ovation vereinigt; sie überreichten mir und meiner Frau ein paar feine,
+mit einer Widmung versehene Kaffeetassen. Wir sollten das sächsische
+Nationalgetränk künftig noch recht lange in voller Ruhe und Muße und
+ungetrennt genießen. Der Wunsch war gut gemeint, aber in Erfüllung ging
+er nicht.
+
+Unter den zahlreichen Gratulanten, die mir ihre Glückwünsche zu meiner
+Befreiung übermittelten, befand sich auch die damals noch demokratische
+„Frankfurter Zeitung“, die unter anderem mit Hinweis auf Bismarcks
+Geburtstag schrieb:
+
+ „... Unser Glückwunsch sucht an einem anderen Orte einen anderen Mann.
+ Er gilt dem schlichten Bürger und Arbeiter, der morgen nach fast
+ ununterbrochener dreijähriger Haft das Gefängnis verläßt mit demselben
+ fleckenlosen Rufe, mit dem er es nach einem Richterspruch, über den,
+ soweit es von der Mitwelt noch nicht geschehen ist, die Nachwelt
+ richten wird, betreten hat, geliebt von seinen Parteigenossen,
+ gefürchtet und geachtet von seinen Gegnern. Wir zählen nicht zu diesen
+ noch zu jenen, aber wir schätzen, wo wir sie finden,
+ Ueberzeugungstreue und ehrliches, uneigennütziges Streben, und es
+ erfüllt uns die stärkste Sympathie für jeden, der um ihrer willen
+ leiden muß.... Gruß und Glückwunsch darum dem Reichstagsabgeordneten
+ August Bebel.“
+
+Einige Monate zuvor hatte mir der Hauptbesitzer der „Frankfurter
+Zeitung“, Leopold Sonnemann, zwanzig Flaschen Wein ins Gefängnis
+geschickt; ich ließ sie nach Hause wandern, da im Gefängnis solche
+Genüsse nicht gestattet werden. Ich trank sie nachher in Gemeinschaft
+mit meiner Frau und Freunden. Zu meiner Freilassung am 1. April sandte
+mir dann Sonnemann noch einen brieflichen Glückwunsch, worin er
+bemerkte: „Ich hoffe, daß nunmehr Dein Martyrium auf längere Zeit ein
+Ende hat.“ Wir duzten uns seit 1866.
+
+ * * * * *
+
+Kurze Zeit nach meiner Entladung aus Zwickau erhielt ich einen Brief von
+Professor Schäffle aus Stuttgart. Schäffle hatte nach seinem Rücktritt
+aus dem Ministerium Hohenwart in Wien sich nach Stuttgart zurückgezogen,
+woselbst er seinen Studien lebte. 1874 war von ihm eine Broschüre,
+betitelt „Die Quintessenz des Sozialismus“, erschienen, die durch die
+objektive Beurteilung, die er darin dem Sozialismus zuteil werden ließ,
+großes Aufsehen machte. Jetzt sandte er mir den ersten Band seines
+dreibändigen Werkes „Bau und Leben des sozialen Körpers“ nebst einem
+Brief mit folgendem Inhalt:
+
+Er wisse nicht, ob ich mich seiner noch vom Zollparlament her erinnere.
+Gesehen hätten wir uns seitdem nicht mehr, aber wohl öfter voneinander
+gehört. Gingen wir auch in vielem in unseren Lebensauffassungen
+auseinander, so sei doch wohl das Interesse an den sozialen Fragen bei
+uns gleich stark geblieben. Er sei daher so frei, mir ein Exemplar
+seines neuen Buches, in dem mich wohl manche Ausführung interessieren
+dürfte, zu übersenden. Es würde ihn freuen, wenn ich das Buch, das ihm
+viel Gedankenarbeit verursacht habe, als ein Zeichen der Erinnerung
+entgegennehmen wolle.
+
+Ich antwortete entsprechend und dankte ihm nachträglich noch besonders
+dafür, daß er bei seinem Eintritt ins Ministerium Hohenwart die Amnestie
+für die verurteilten „Hochverräter“ Scheu, Most, Oberwinder usw. erlangt
+habe.
+
+Im Sommer 1877 besuchte mich Schäffle in Leipzig. Wir unterhielten uns
+längere Zeit. Hauptthema unserer Unterhaltung bildete die Entwicklung
+der sozialdemokratischen Partei und der Zeitpunkt, wann der Sozialismus
+zum Siege kommen werde. Ich als Optimist sah diesen Zeitpunkt sehr nahe,
+er dagegen meinte, das werde mindestens noch zweihundert Jahre dauern.
+Darüber stritten wir uns. 1880 machte ich ihm einen Gegenbesuch in
+Stuttgart, wo wir ebenfalls wieder eine längere Unterhaltung hatten, die
+zeigte, daß er uns nach wie vor freundlich gegenüberstand. In den
+nächsten Jahren vollzog sich aber bei ihm eine vollständige Wandlung.
+Nachdem Bismarck die soziale Versicherungsgesetzgebung inaugurierte, von
+der, wie er meinte, seine Geheimräte zu wenig verständen, wurde seine
+Aufmerksamkeit auf Schäffle gelenkt. Schäffle war geneigt, eine Stellung
+im deutschen Reichsdienst anzunehmen. Damit aber keinerlei ungünstiges
+Vorurteil gegen ihn bestehen bleibe, verfaßte er jetzt eine Schrift,
+betitelt „Die Aussichtslosigkeit der Sozialdemokratie“, die das
+Gegenteil von seinen früheren Auffassungen bekundete. Hermann Bahr, der
+in seinen jungen Jahren ebenfalls sozialistische Hosen trug wie so viele
+unserer Intellektuellen, verfaßte darauf eine Broschüre, betitelt „Die
+Einsichtslosigkeit des Herrn Schäffle“, in der er in geschickter und
+humoristischer Weise Schäffle und seine Schrift verspottete. Meine
+Beziehungen zu Schäffle hörten mit dem Jahre achtzig auf. Bekanntlich
+erfüllte sich seine Hoffnung, in den Reichsdienst gezogen zu werden,
+nicht.
+
+
+
+
+Von 1871 bis zum Vereinigungskongreß zu Gotha.
+
+
+
+
+Die Regierungen und die Sozialdemokratie.
+
+
+Die Pariser Kommune hatte in den regierenden Kreisen große Besorgnisse
+vor der sozialistischen Bewegung hervorgerufen. Die Sympathien, die die
+Kommune in allen Ländern mit sozialistischer Bewegung bei den Arbeitern
+fand, wurden auf das unangenehmste vermerkt und steigerten das
+Mißbehagen. Dazu kamen die übertriebenen, um nicht zu sagen lächerlichen
+Vorstellungen, die sich Bourgeoisie und Regierungen von der Macht der
+Internationale machten. So sollte zum Beispiel die Internationale der
+Pariser Kommune zwei Millionen Franken, viele tausend Gewehre, Munition
+usw. geliefert haben, obgleich der Kommune sowohl die Mittel der Bank
+von Frankreich zur Verfügung standen wie die Arsenale von Paris mit
+ihren Munitions- und Waffenvorräten. Ueberdies war die allgemeine
+Volksbewaffnung bereits seit Beginn September, seit der drohenden
+Einschließung von Paris durch die Deutschen, also noch unter der
+bürgerlichen Regierung, durchgeführt worden. In Deutschland wurden
+ebenfalls zahlreiche Stimmen laut, die ein scharfes Vorgehen gegen die
+sozialistische Bewegung forderten, ein Verlangen, dem Polizei,
+Staatsanwälte und Gerichte bereitwillig entgegenkamen. In dieser
+Situation benahm sich Garibaldi sehr anständig, der in einem Briefe an
+den Redakteur der „Romagnole“ — Caprera, August 1871 — schrieb: Die
+Internationale vertrete einen zahlreichen Teil der Gesellschaft, welcher
+um weniger Privilegierter willen leide. Folglich müßten sie für die
+Internationale sein, und wenn in ihren Einrichtungen Fehler seien, müßte
+man sie verbessern.
+
+Obgleich um diese Zeit die sozialistische Bewegung in Oesterreich von
+geringer Bedeutung war und das Ministerium Hohenwart-Schäffle nicht die
+geringste Neigung zu Verfolgungsmaßregeln zeigte, folgte dennoch der
+Reichskanzler Graf v. Beust einer Einladung Bismarcks zu einer Konferenz
+der beiden Kaiser und ihrer Kanzler in Gastein, um dort über Maßregeln
+gegen die Internationale zu beraten. Schäffle hatte von dieser Konferenz
+abgeraten, aber er und Beust standen auf gespanntem Fuße, auch mochte es
+Beust darum zu tun sein, mit seinem langjährigen intimen Feinde einmal
+zusammenzukommen, wohingegen Bismarck von einer Zusammenkunft mit seinem
+Gegner von 1866 eine Annäherung erhoffte für seine spätere äußere
+Politik. Soweit bekannt wurde, kam man bezüglich der Internationale
+überein, zunächst die soziale Lage zu „studieren“.
+
+Dagegen sah sich Anfang Februar 1872 die _spanische_ Regierung
+veranlaßt — Spanien hatte mittlerweile in der Person des Prinzen Amadeo
+von Italien einen König erhalten —, in einer Zirkulardepesche an die
+Mächte einen Notschrei über die Internationale auszustoßen, die mit
+ihren Bestrebungen allen Ueberlieferungen der Menschheit ins Gesicht
+schlage, Gott aus dem Geiste auslösche, Familie und Erbnachfolge aus dem
+Leben streiche und durch ihre furchtbare Organisation eine Gefahr bilde,
+deren Größe nicht überschätzt werden könne. Die spanische Regierung
+wünsche deshalb, daß eine der Großmächte die Angelegenheit gegen die
+Internationale in die Hand nehme. Mit diesem Verlangen kam sie bei der
+englischen Regierung übel an. Der Leiter der englischen auswärtigen
+Politik, Lord Granville, antwortete ihr in einer Note, die ihr jedes
+weitere Vorgehen verleidete. Er erklärte: obgleich die Internationale
+ein Mittelpunkt für die Verbindung von Arbeitern und Gewerkschaften in
+den verschiedenen Teilen der Welt geworden sei, beschränke sie sich in
+Großbritannien darauf, hauptsächlich Ratschläge in Sachen von
+Arbeitseinstellungen zu geben. _Auch habe sie sehr wenig Geld_. Nach den
+bestehenden Gesetzen Großbritanniens hätten alle Ausländer das
+unumschränkte Recht, dieses Land zu betreten und sich hier aufzuhalten,
+und während sie in diesem Lande seien, _ständen sie im gleichen Grade
+wie die britischen Untertanen unter dem Schutz der Gesetze. Auch könnten
+sie nicht anders bestraft werden als für einen Verstoß gegen das Gesetz
+und kraft des Urteilsspruchs der ordentlichen Gerichtstribunale nach
+einer öffentlichen Prozedur und nach einem Erkenntnis, das sich auf die
+in offenem Gerichtsverfahren beigebrachten Beweise stütze._ Kein
+Ausländer könne als solcher des Landes verwiesen werden, mit Ausnahme
+derer, die auf Verträge mit anderen Staaten hin behufs wechselseitiger
+Auslieferung von Kriminalverbrechern weggeschafft würden. Schließlich
+äußerte Granville, es liege bis jetzt kein Grund vor, Aenderungen der
+bestehenden Gesetzgebung über den Aufenthalt von Ausländern in
+Großbritannien vorzunehmen.
+
+Durch diese Haltung der englischen Regierung war jede Möglichkeit zu
+internationalen Vereinbarungen gegen die Internationale ausgeschlossen.
+Endlich zeigte auch der Ausgang des Kongresses der Internationale im
+Haag im September 1872, der mit einer Spaltung zwischen Sozialisten und
+Anarchisten — dort Marx, hier Bakunin — endete, auch der ängstlichsten
+Regierung, daß vorläufig die befürchteten Gefahren nicht eintreten
+würden. Und indem die Internationale den Sitz des Generalrats von London
+nach Newyork verlegte, war der Beweis geliefert, daß sie selbst ihre
+Reorganisation für eine Notwendigkeit hielt.
+
+War so die Aussicht auf eine internationale Verfolgung der Sozialisten
+geschwunden, so hielt Bismarck um so nachdrücklicher an der Verfolgung
+der Arbeiterbewegung durch Ausnahmemaßregeln in Deutschland fest. Dieses
+zeigte seine Rede, die er Ende April 1873 im Herrenhaus hielt, worin er
+die Notwendigkeit scharfer Gesetze gegen die Partei der
+Internationale — wie er uns nannte — für ebenso notwendig erklärte wie
+gegen die Partei der weltlichen Priesterherrschaft, das Zentrum.
+
+Dieser Ankündigung folgte die Tat auf dem Fuße. Anfang Juni 1873 ließ er
+dem Reichstag einen Preßgesetzentwurf zugehen, in dem der § 20 also
+lautete: Wer in einer Druckschrift die Familie, das Eigentum, die
+allgemeine Wehrpflicht oder sonstige Grundlagen der staatlichen Ordnung
+in einer die Sittlichkeit, den Rechtssinn oder die Vaterlandsliebe
+_untergrabenden_ Weise angreift, oder Handlungen, welche das Gesetz als
+strafbar bezeichnet, als nachahmungswert, verdienstlich oder
+pflichtmäßig darstellt, oder Verhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft
+in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise erörtert, wird mit
+Gefängnis oder Festungshaft bis zu zwei Jahren bestraft. Wer die im §
+166 des Strafgesetzbuchs für das Deutsche Reich (Vergehen wider die
+Religion) vorgesehenen Handlungen mittels der Presse verübt, wird mit
+Gefängnis nicht unter drei Monaten _bis vier Jahren_ bestraft. Nach § 21
+sollte der verantwortliche Redakteur einer periodischen Druckschrift mit
+der Strafe des Täters belegt werden.
+
+Diese diabolischen Bestimmungen, die eine Aenderung des Strafgesetzes in
+wichtigen Materien enthielten, die jede wissenschaftliche Erörterung der
+mit Strafe bedrohten Fragen unmöglich machten und außerdem gegen alle
+Parteien Anwendung finden konnten, waren denn doch nebst anderen
+Bestimmungen der Mehrheit des Reichstags zu bedenklich. Der Entwurf
+fiel.
+
+Mit seinem Preßgesetzentwurf hatte aber Bismarck nicht genug. Er
+beantragte in derselben Session auch eine Abänderung und Verschärfung
+des § 153 der Gewerbeordnung, wonach unter Umständen statt der
+bisherigen Maximalstrafe von drei Monaten Gefängnis eine solche bis zu
+sechs Monaten, eventuell bis zu einem Jahre erkannt werden konnte.
+Ferner schlug er eine Aenderung des § 108 der Gewerbeordnung vor, wonach
+die Streitigkeiten zwischen Unternehmern und den von ihnen beschäftigten
+Arbeitern durch Gewerbegerichte entschieden werden sollten, deren
+Vorsitzender von der obersten Justizaufsichtsbehörde des betreffenden
+Bundesstaats, deren Beisitzer durch die _Gemeindevertretungen_ gewählt
+werden sollten. Wegen Schluß der Session blieben die Gesetzentwürfe
+unerledigt.
+
+Im folgenden Jahre folgte der Entwurf eines Kontraktbruchgesetzes und
+ein neuer Preßgesetzentwurf, und in der Session von 1875/76 ein Entwurf
+für die Abänderung des Strafgesetzbuches, und endlich nach den
+Attentaten des Frühjahres 1878 das Ausnahmegesetz gegen die
+Sozialdemokratie. Da vom Jahre 1874 ab die Sozialdemokratie wieder durch
+ihre Vertreter im Reichstag zum Worte kam, komme ich noch auf die
+Behandlung dieser Vorlagen ausführlicher zu sprechen.
+
+
+
+
+Die Einigungsfrage vor den beiden Fraktionen.
+
+
+Der Charakter, den die Verfolgungen seit 1872 gegen beide Fraktionen der
+Sozialdemokratie annahmen, hätte bei ihnen das Bedürfnis nach festem
+Zusammenhalten und nach Vereinigung hervorrufen sollen. Davon war aber
+vorläufig wenig zu merken. In den Jahren 1872 und 1873 waren sogar die
+gegenseitigen Angriffe in der Presse der beiden Fraktionen heftiger als
+je zuvor, und der Ton in der Presse übertrug sich auf die Versammlungen.
+Da um jene Zeit _Auer_ neben York unser eifrigster und sehr wirksamer
+Agitator war, bekamen sie die Folgen dieser Kampfmethode besonders zu
+genießen, _Auer_ noch speziell in seiner Agitation in Berlin, worüber
+sich beide öfter in Briefen, die sie an mich nach Hubertusburg
+richteten, beschwerten. Auer sprach nur noch von den Schülern Tölckes
+und von Tölckianern. Aus diesen Vorgängen erklärt sich der bittere Ton,
+den Auer einige Male auf den Parteikongressen anschlug, sobald die
+Einigungsfrage zur Erörterung kam, und sein Verhalten auf dem
+Einigungskongreß in Gotha. Das schloß aber nicht aus, daß er ehrlich die
+Vereinigung wollte, und als sie endlich unter seiner Mithilfe kam,
+keiner mehr als er bemüht war, die mancherlei persönlichen Gegensätze,
+deren Vorhandensein nach jahrelanger erbitterter Bekämpfung nur
+natürlich war, auszugleichen.
+
+Die Frage der Vereinigung wurde zum ersten Male offiziell auf der
+Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins zu Berlin
+(22. bis 25. Mai 1872) erörtert, auf der das Mitglied Harm, der sich
+schon auf dem allgemeinen deutschen Webertag sehr versöhnlich gezeigt
+hatte, im Namen seiner Elberfelder Genossen den Antrag stellte: „Die
+Generalversammlung möge Mittel und Wege suchen, um die verschiedenen
+Fraktionen der deutschen Arbeiterpartei zu vereinigen.“ Dieser Antrag
+wurde heftig bekämpft unter starken Ausfällen gegen unsere Partei und
+schließlich Uebergang zur Tagesordnung beschlossen.
+
+ * * * * *
+
+Vom 7. bis 11. September 1872 hielt die sozialdemokratische
+Arbeiterpartei ihren vierten Kongreß in Mainz ab. Den Vorsitz führten
+Motteler und Vahlteich. Unter den Gästen befand sich Hartung-Wien, der
+jetzt die schweizer Gewerkschaften vertrat. Hartung war es 1869
+gelungen, sich der Verhaftung zur Einleitung des Wiener
+Hochverratsprozesses auch wider ihn durch die Flucht zu entziehen. Er
+war eine Reihe von Jahren in Zürich und der schweizer Bewegung tätig,
+zog sich aber dann zurück und wurde als Inhaber einer großen Schreinerei
+in Zürich ein wohlhabender Mann. Der mit Hartung eng befreundete
+Oberwinder verblieb in Oesterreich und war Redakteur des „Volkswille“.
+Die gegen ihn ausgesprochene Ausweisung war zurückgenommen worden. Die
+Rolle, die er aber jetzt in der österreichischen Arbeiterbewegung
+spielte, wurde immer mehr eine zweideutige und führte schließlich zur
+Spaltung. Aber auch seines Bleibens war auf die Dauer nicht in
+Oesterreich. In der Zeit des Sozialistengesetzes lebte er in Paris und
+kam hier bei unseren Parteigenossen in den Verdacht, im Dienste der
+preußischen Polizei zu stehen. Der Partei hatte er Valet gesagt. Später
+kehrte er nach Deutschland zurück und übernahm die Chefredaktion des
+„Dresdener Anzeigers“, eines magistratlichen Amtsblattes. Oberwinder
+setzte sich im Jahre 1911 in seiner Heimat Weilburg an der Lahn zur
+Ruhe.
+
+Ich erwähne dieses hier im Anschluß an meine Bemerkungen über Hartung,
+nachdem ich in dieser meiner Arbeit Oberwinders wiederholt gedachte.
+Andreas Scheu, auch einer der Führer der damaligen österreichischen
+Bewegung, der mit Oberwinder in Konflikt geriet, ging nach schweren
+Verfolgungen außer Landes, und zwar nach England.
+
+Unter den 51 Delegierten auf dem Mainzer Kongreß befand sich zum ersten
+Male der junge Karl Grillenberger, der sich um jene Zeit die ersten
+Sporen in der Nürnberger Arbeiterbewegung erworben hatte und deshalb in
+der Cramer-Klettschen Fabrik, in der er als Schlosser arbeitete,
+gemaßregelt worden war.
+
+In den Verhandlungen des Kongresses kam auch die Vereinigungsfrage zur
+Erörterung. Es lag zunächst ein langer Antrag von Bruno Geiser vor, der
+die Redaktion des „Volksstaat“ scharf tadelte wegen ihrer Polemik gegen
+den „Neuen Sozialdemokrat“. Er verlangte, daß die Redaktion des
+„Volksstaat“ unverzüglich die Polemik einstelle und eine solche nur
+dann aufnehme, wenn der Parteiausschuß eine solche billige. Dieser
+Antrag wurde abgelehnt. Es standen dann weiter drei Anträge zur
+Verhandlung, die sämtlich die Vereinigung befürworteten. Schließlich
+fand folgender Antrag Annahme, wodurch die anderen Anträge erledigt
+waren:
+
+ „Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein ist seinen sozialistischen
+ Prinzipien gemäß der einzige natürliche Bundesgenosse der
+ sozialdemokratischen Arbeiterpartei; der Kongreß beauftragt demgemäß
+ den Ausschuß, ein prinzipielles Zusammengehen mit dem Allgemeinen
+ Deutschen Arbeiterverein immer von neuem zu versuchen; ferner dafür
+ Sorge zu tragen, daß die Haltung aller dem Allgemeinen Deutschen
+ Arbeiterverein abgeneigten Mitgliedschaften eine versöhnliche werde
+ und die Redaktion des ‚Volksstaat‘ unverzüglich jede Polemik gegen den
+ Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und seine Leiter einzustellen,
+ sowie etwa neu eintretenden Anfeindungen von seiten des letzteren mit
+ Schweigen zu beantworten, falls der Ausschuß nicht ausnahmsweise eine
+ sachgemäße Erwiderung für unbedingt geboten erachtet.“
+
+Kurze Zeit darauf, am 20. September 1872, veröffentlichte der „Neue
+Sozialdemokrat“ einen Artikel mit der Ueberschrift: „Ein ernstes Wort an
+die Arbeiter der Eisenacher Partei“, eine Anrede, in der er seiner
+ständigen Taktik uns gegenüber den Namen der Partei verschwieg und einen
+Gegensatz zwischen den Arbeitern und Nichtarbeitern in der Partei
+konstruierte. In dieser Ansprache, die der „Volksstaat“ wörtlich
+abdruckte, führte er bittere Beschwerde über angebliche Angriffe, die
+der „Volksstaat“ und einzelne Mitglieder der Partei trotz jener in Mainz
+beschlossenen Resolution gegen den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
+richteten. Auf seiner Seite habe man stets nur in der Verteidigung
+gestanden, wohingegen der „Volksstaat“ der Angreifer gewesen sei.
+Daraufhin erwiderte der „Volksstaat“ unter dem 28. September in einem
+Artikel mit der Ueberschrift „Eine Antwort“ und unterzeichnet „Die
+Redaktion“, in der jene Angriffe zurückgewiesen wurden. Am Schlusse des
+Artikels, den Liebknecht und ich auf Hubertusburg verfaßt und der
+Redaktion zugesandt hatten, hieß es: „Wir wollen von nun an alle Polemik
+gegen den ‚Neuen Sozialdemokrat‘ einstellen unter der Bedingung, daß er
+1. unsere Partei ausdrücklich und unzweideutig als eine
+sozialdemokratische anerkennt und sie, wenn er von ihr spricht, stets
+bei ihrem richtigen Namen nennt, und 2. daß er die Angriffe gegen die
+Internationale Arbeiterassoziation unterläßt.
+
+Wir unsererseits erklären, wie wir das schon des öfteren getan haben, 1.
+daß wir die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins als
+unsere Parteigenossen ansehen, was nicht ausschließt, daß wir gegen
+gewisse Persönlichkeiten im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein so
+lange ein entschiedenes Mißtrauen hegen werden, bis die von unserer
+Seite geltend gemachten Verdachtsgründe konklusiv widerlegt sind; 2.
+erklären wir uns bereit, einen Vorschlag zu unterstützen, der dahin
+ginge, einen gemeinschaftlichen Kongreß der beiden Fraktionen
+einzuberufen, auf welchem die Differenzpunkte behufs einer Einigung
+besprochen werden. Sollte eine Einigung respektive Verschmelzung nicht
+möglich sein, dann müßte wenigstens ein gemeinsames Programm aufgestellt
+und die Formen festgesetzt werden, innerhalb denen eine gemeinsame
+Aktion (bei Wahlen, der Agitation usw.) sich zu bewegen hätte. Ein von
+beiden Teilen gleichmäßig zu wählender Ausschuß hätte die Ausführung der
+vereinbarten Punkte zu überwachen. Ferner möchten wir noch die
+Niedersetzung eines aus beiden Fraktionen gleichmäßig zu wählenden
+Schiedsgerichts befürworten, das die gegen verschiedene Mitglieder einer
+der beiden Fraktionen von der anderen Seite erhobenen Anklagen zu
+untersuchen und zu richten hat. Bemerken wollen wir, daß ähnliche
+Vorschläge, wie die soeben angedeuteten, privatim schon wiederholentlich
+Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins von uns
+unterbreitet und von diesen auch gebilligt worden sind.“
+
+Auf dem Mainzer Kongreß habe die sozialdemokratische Arbeiterpartei
+offiziell in feierlichster Form ihrer versöhnlichen Stimmung Ausdruck
+gegeben; am Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein sei es jetzt, die
+dargebotene Hand zu ergreifen und der deutschen Arbeiterwelt den Frieden
+zu geben.
+
+Auf diesen Vorschlag antwortete der „Neue Sozialdemokrat“ durch
+nichtssagende Ausflüchte. Als dann kurze Zeit darauf die Lassalleaner
+eine Versammlung unserer Parteigenossen in Berlin gewaltsam sprengten,
+veröffentlichte der „Volksstaat“ eine Art Kriegserklärung gegen den
+„Neuen Sozialdemokrat“, die mit den Worten schloß: „Die offenbaren
+Verräter der Arbeitersache müssen unschädlich gemacht werden.“
+
+Damit war der Kampf zwischen den beiden Fraktionen aufs neue entbrannt,
+man schoß in den beiden führenden Blättern herüber und hinüber und
+klagte sich gegenseitig mit einer Heftigkeit an, daß es schien, als
+stehe eine Vereinigung weiter denn je im Felde. Schließlich mußte es als
+ein Fortschritt in der Stellung der beiden Fraktionen zueinander
+angesehen werden, als der „Neue Sozialdemokrat“ anläßlich der Wahl am
+20. Januar 1873 im 17. sächsischen Wahlkreis seine Parteigenossen dort
+aufforderte, nichts gegen meine Wiederwahl zu unternehmen.
+
+Einen sehr unangenehmen Eindruck machte es auf unserer Seite, daß F.W.
+Fritzsche, der 1869 die sozialdemokratische Arbeiterpartei in Eisenach
+mit gegründet hatte, jetzt plötzlich wieder auf die andere Seite
+schwenkte und Stellung gegen uns nahm.
+
+In diesem gegenseitigen Kampfe glaubte die Kontrollkommission, die in
+Breslau ihren Sitz hatte, unter Führung Geisers einen Rüffel der
+Redaktion des „Volksstaat“ erteilen zu sollen, daß sie auf eigene Faust
+Versöhnungsvorschläge gemacht und dabei den Kampf wider den „Neuen
+Sozialdemokrat“ abermals aufgenommen habe.
+
+Die Antwort gab der Kontrollkommission die nächste Generalversammlung
+des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins.
+
+ * * * * *
+
+Bei den polizeilichen Verfolgungen, die in jener Zeit in Betracht kamen,
+suchte der Leipziger Polizeidirektor seine Kollegen im übrigen
+Deutschland in den Schatten zu stellen. Der Auflösungs- und
+Ausweisungswut fügte er ein Verbot des Besuchs des Internationalen
+Arbeiterkongresses im Haag hinzu mit Androhung von vier Wochen Gefängnis
+im Falle der Zuwiderhandlung. Ebenso verbot er die Mitgliedschaft, die
+Anwerbung von Mitgliedern und die Geldsammlung für die Internationale.
+Als dann Hepner trotz des Erlasses eines Verbots den Haager Kongreß
+besuchte, erreichte ihn das angedrohte Geschick. Er bekam seine vier
+Wochen Gefängnis und wurde im nächsten Frühjahr auf Grund dieser
+Bestrafung aus Leipzig ausgewiesen, eine Maßregelung, die ihm nachher in
+der Umgebung Leipzigs wiederholt widerfuhr. Da er aber auch mit dem
+Parteiausschuß in Konflikt gekommen war, entschloß er sich, nach Breslau
+zu übersiedeln und dort einen Buchverlag zu gründen.
+
+Die Animosität, die Hepner gegen den Parteiausschuß und speziell gegen
+York als Parteisekretär empfand, in dem er nur den verbissenen
+Lassalleaner, den bösen Geist in der Partei sah, veranlaßten ihn, an
+Marx und Engels Mitteilungen gelangen zu lassen, wonach es in der Partei
+sehr trübe aussehen sollte. Bei dem übertriebenen Mißtrauen, das Marx
+und Engels gegen alles Lassallesche empfanden, genügten diese
+Hepnerschen Schilderungen, um Engels zugleich im Namen von Marx zu einem
+Warnungsbrief an Liebknecht zu veranlassen. Da mir Liebknecht den Inhalt
+dieses Briefes mitteilte, nahm ich Veranlassung, an Marx folgendes zu
+schreiben:
+
+ „Hubertusburg, den 19. Mai 1873.
+
+ Geehrter Freund!
+
+ ... Es sind mehr als 5 Jahre, daß ich Ihnen zum letztenmal geschrieben
+ und jener Brief betraf Schweitzer. Dieser ist nun glücklich gestürzt
+ und vieles andere seit jener Zeit ebenfalls. Unsere Partei hingegen
+ hat einen mächtigen Aufschwung genommen und ich hoffe in weiteren 5
+ Jahren ist sie so weit, daß sie ein ernsthaftes Wörtchen mitreden
+ kann. Hepner hat allem Anschein nach Ihnen und Freund Engels unsere
+ Parteiverhältnisse sehr düster gemalt, sehr mit Unrecht. Ich habe
+ darüber Freund Engels ausführlicher geschrieben, der Ihnen Mitteilung
+ davon machen wird. Im großen und ganzen halte ich die
+ Parteiverhältnisse für durchaus zufriedenstellend; was noch mangelhaft
+ ist, wird in nicht allzulanger Zeit sich beseitigen lassen, allerdings
+ ist da auch notwendig, daß man sich leidlich verträglich hält und
+ nicht mit Gewalt Krakeel haben will. Was mich zu dieser
+ Verträglichkeit bestimmt, ist, daß ich genau weiß, daß der beste und
+ ehrlichste Wille für das Wohl der Partei auch bei den Andersmeinenden
+ vorhanden ist. In einem solchen Falle halte ich es für unrecht,
+ Meinungsverschiedenheiten schroff zu behandeln und zum Bruch zu
+ reizen. Glauben Sie aber nicht, daß wir deshalb die Verträglichkeit
+ zur Schwäche treiben, es gibt eine Grenze, wo sie aufhört; die Mittel
+ und die Macht fehlen dann auch nicht, um unseren Willen durchzusetzen
+ ...
+
+ Dem Wunsche Liebknechts, daß Sie Lassalles Schriften mal zum
+ Gegenstand einer kritischen Abhandlung machen möchten, schließe ich
+ mich vollkommen an. Eine solche ist durchaus notwendig, und damit sie
+ die nötige Wirkung erzielt, müßten Sie und kein anderer sie
+ veröffentlichen. Eine solche Kritik würde der Partei in Deutschland
+ nach verschiedenen Seiten hin den Boden ebnen.
+
+ Mit Liebknecht habe ich schon mehrere Male gesprochen wegen neuer
+ Herausgabe des Kommunistischen Manifestes; wir können es aber in
+ Rücksicht auf den Schluß nicht riskieren. Dieser würde uns sofort
+ einen Hochverratsprozeß auf den Hals laden. Das Manifest ist zwar in
+ einem Heft des Leipziger Hochverratsprozesses als Aktenstück
+ abgedruckt, es sind auch einige Separatabzüge gemacht worden, aber das
+ genügt nicht, es müßte nachdrücklich empfohlen und öffentlich verkauft
+ werden können. Diese Schrift, mit einem passenden Vorwort verbunden,
+ würde vielen die Augen öffnen, sie würde beweisen, wie unendlich
+ schwächlich die Lassalleschen Vorschläge sind. Ueberlegen Sie sich die
+ Sache einmal.
+
+ Mit freundlichem Gruß Ihr Bebel.“
+
+In meinem Brief an Engels lauteten die entscheidenden Stellen:
+
+ „Ihr Brief, den Sie am 17. v. M. an Liebknecht sandten und von dessen
+ Inhalt ich Kenntnis genommen, gibt mir Veranlassung, ebenfalls einige
+ Zeilen an Sie zu richten. Hepner hat augenscheinlich die Farben über
+ den Stand unserer Parteiverhältnisse sehr dick aufgetragen und
+ namentlich den Einfluß und die Absichten Yorks recht schwarz gemalt.
+ Wundern tut mich das von Hepner nicht, er ist ein durchaus braver und
+ treuer Genosse, aber leicht verbissen, und gegen den Ausschuß und
+ speziell gegen York hat er infolge einer ganzen Reihe von
+ Streitigkeiten einen solchen Zorn, daß er das Schlechteste von ihnen
+ glaubt und jedes Wort aufs strengste auslegt.“
+
+Ich setzte dann im Detail auseinander, warum Hepner und York verbissene
+Gegner seien, und fuhr fort:
+
+ „Neben den schlimmen hat York auch entschieden gute Eigenschaften,
+ dahin gehört, daß er mit großem Eifer die Agitation und regelmäßige
+ Steuerzahlung betreibt, zwei Dinge, die sehr notwendig sind und die
+ seit den Wirren des Jahres 1870 — Verhaftung des Braunschweiger
+ Ausschusses — im argen gelegen haben. Hier ist sein Feld und hier hat
+ er allerdings auch Verdienste aufzuweisen.
+
+ Ein zweiter Punkt ist unsere Stellung zu Lassalle und dem
+ Lassalleanismus. Da sind Sie wie Hepner entschieden im _Unrecht_, wenn
+ sie meinen, wir könnten rücksichtslos vorgehen, ohne erheblichen
+ Schaden in der Partei zu haben. Der Lassallekultus muß ausgerottet
+ werden, damit bin ich ganz einverstanden, auch die falschen Ansichten
+ Lassalles müssen bekämpft werden, aber mit Vorsicht. Sie können von
+ dort aus unmöglich unsere Verhältnisse genau beurteilen, und Hepner
+ ist zu wenig praktisch.
+
+ Sie dürfen nicht vergessen, daß die Lassalleschen Schriften
+ tatsächlich — das läßt sich nicht wegdiskutieren — durch ihre populäre
+ Sprache die Grundlage der sozialistischen Anschauung der Massen
+ bilden. Sie sind zehnfach, zwanzigfach mehr wie irgend eine andere
+ sozialistische Schrift in Deutschland verbreitet, Lassalle genießt so
+ eine bedeutende Popularität. Diese Popularität ist durch die Ihnen
+ hinlänglich bekannten Mittel der Gräfin Hatzfeldt, Schweitzers und
+ anderer zum _Kultus_ potenziert worden, und wenn letzterer auch, dank
+ dem gesunden Gefühl der Massen und unserer eigenen Tätigkeit, schon
+ _bedeutend_ abgenommen hat und täglich mehr abnimmt, so wäre es doch
+ unklug, durch rücksichtsloses Vorgehen diese Gefühle zu verletzen.
+
+ In unserer eigenen Partei ist der Lassallekultus so gut wie
+ verschwunden, aber immerhin gibt es einige Gegenden, wie das Rheinland
+ und Schlesien, in denen er Anhänger zählt, und, was uns namentlich
+ veranlassen muß, nicht allzu schroff vorzugehen, ist, daß sehr viele
+ Arbeiter im früheren Hatzfeldtschen Lager und im Allgemeinen Deutschen
+ Arbeiterverein sich mehr und mehr uns nähern und teilweise schon
+ angeschlossen haben. Daß je der Lassalleanismus in Deutschland wieder
+ Oberwasser bekommt, daran ist nicht entfernt zu denken; lassen wir
+ also den Dingen ruhig ihren Lauf und wo sich Gelegenheit bietet, dem
+ spezifischen Lassalleanismus einen Klaps zu versetzen, da wird es
+ geschehen. Das hat, glaube ich, auch der „Volksstaat“ bisher getan,
+ und wenn darüber York und einige andere sich ereifern, so läßt man sie
+ eben gewähren.
+
+ Ein vernichtender Schlag für den Lassallekultus würde es sein, wenn
+ Freund Marx dem Wunsche Liebknechts — den ich vollständig
+ teile — nachkäme und in einigen objektiv gehaltenen Artikeln im
+ „Volksstaat“ wissenschaftlich die Fehler und Mängel der Lassalleschen
+ Theorien nachwies. Marx' wissenschaftliche Autorität auf ökonomischem
+ Gebiet ist so unbestritten, daß die Wirkung einer solchen Arbeit eine
+ kolossale sein würde. Helfen Sie uns, daß Freund Marx diesen Dienst
+ der Partei leistet.
+
+ Das oben Gesagte kurz resumiert, steht die Sache also so: Yorks
+ Einfluß ist unbedeutend, er selbst nichts weniger als gefährlich, der
+ Lassalleanismus in der Partei ist ebenfalls wenig verbreitet, Schonung
+ nur in Rücksicht auf zahlreiche ehrliche, aber mißleitete Arbeiter,
+ die bei geschickter Behandlung uns sicher sind, geboten.
+
+ Ich hoffe, daß nach diesen Auseinandersetzungen Sie nicht anstehen
+ werden, Ihre Mitarbeiterschaft dem „Volksstaat“ zu erhalten. Eine
+ Zurückziehung (womit Engels gedroht) wäre das Allerverkehrteste, was
+ Sie tun könnten, dadurch würden Sie dem oppositionellen Element eine
+ Bedeutung beilegen, die es absolut nicht hat, und die Partei
+ schädigen....
+
+ Mit freundlichem Gruß Ihr Bebel.“
+
+An Hepners Stelle trat Wilhelm Blos als leitender Redakteur. Blos war
+zuvor an mehreren süddeutschen demokratischen Blättern Redakteur
+gewesen, dann wurde er Mitarbeiter an unserem Parteiblatt, dem „Fürther
+demokratischen Wochenblatt“, dessen Hauptleserkreis aber in Nürnberg
+war. Blos war 1872 der Partei wie der Internationale beigetreten und
+wurde an Stelle des verhafteten Kokosky Redakteur des „Braunschweiger
+Volksfreund“, alsdann des „Volksstaat“, den er, nachdem Liebknecht
+freigekommen war, Herbst 1874 verließ, um auf dessen Wunsch die
+Redaktion der Mainzer „Süddeutschen Volksstimme“ zu übernehmen.
+
+In jenen Jahren waren die gerichtlichen Verfolgungen gegen den
+„Volksstaat“ so nachdrücklich, daß beständig zwei, manchmal drei seiner
+verantwortlichen Redakteure im Gefängnis zubrachten. Aehnlich erging es
+den meisten anderen unserer Parteiorgane, zu denen damals außer dem
+„Volksstaat“ der „Braunschweiger Volksfreund“, der „Dresdener
+Volksbote“, die „Chemnitzer freie Presse“, der „Crimmitschauer Bürger-
+und Bauernfreund“, das „Fürther demokratische Wochenblatt“, der
+„Münchner Zeitgeist“, die „Hofer Zeitung“, die Mainzer „Süddeutsche
+Volksstimme“ und der „Thüringer Volksbote“ zählten.
+
+Die führenden Persönlichkeiten jener Zeit hatten mit wenigen Ausnahmen
+alle mehr oder weniger oft mit dem Gefängnis Bekanntschaft gemacht. In
+Sachsen fügte man hierzu noch die Ausweisungen aus Orten und ganzen
+Bezirken, von der neben Most und Hepner unter anderem Auer, Daschner,
+Lyser, Muth, Rüdt, Ufert, später auch Max Kayser betroffen wurden.
+
+
+
+
+Der Parteikongreß zu Eisenach 1873.
+
+
+Zu jener Zeit marschierte auch Bayern in den Reihen der Reaktion. Der
+Parteiausschuß hatte für den 24. August 1873 und die folgenden Tage den
+Parteikongreß nach Nürnberg einberufen. Am 31. Juli erfolgte durch den
+königlichen Kommissar der Stadt Nürnberg das Verbot des Kongresses
+mit Hinweis auf Artikel 17 des bayerischen Vereins- und
+Versammlungsgesetzes. Auch sei zu befürchten, daß die §§ 110, 130, 131
+und 360 Ziffer 11 des Reichsstrafgesetzbuches durch die Abhaltung des
+Kongresses verletzt würden. Eine Beschwerde gegen dieses merkwürdige
+Verbot wurde nicht erhoben, weil der Ausschuß sofort den Kongreß nach
+_Eisenach_ einberief. Nun glaubte der Leipziger Polizeidirektor Rüder
+hinter dem Nürnberger Kommissar nicht zurückgehen zu sollen. Er verbot
+nunmehr auch den Besuch des Eisenacher Kongresses bei Strafe von vier
+Wochen Gefängnis im Falle der Zuwiderhandlung. In der Tat blieb infolge
+dieses Verbots Leipzig auf dem Eisenacher Kongreß unvertreten.
+
+Auf diesem waren 71 Delegierte anwesend, die 9224 Mitglieder aus 132
+Orten hinter sich hatten. Demselben präsidierten Geib und Motteler. Im
+Laufe der Verhandlungen kam auch die leidige Angelegenheit _Memminger,_
+die schon jahrelang die Nürnberg-Fürther Parteigenossen zerklüftet
+hatte, zur Sprache. Auf der Seite Memmingers stand _Grillenberger,_
+gegen ihn _Auer_ und _Löwenstein_. Mit großem Mehr beschloß der Kongreß,
+daß Memminger sich ein parteischädigendes Verhalten habe zuschulden
+kommen lassen und durch eine Reihe von Handlungen sich _außerhalb_ der
+Partei gestellt habe.
+
+Die Verhandlungen über die Einigungsfrage, die ebenfalls auf der
+Tagesordnung stand, wurden sehr ungünstig beeinflußt durch die Haltung,
+die der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein auf seiner Generalversammlung
+im vorhergehenden Mai in Berlin eingenommen hatte. Auf dieser hatten
+sich Frohme, Hasenclever, Hasselmann und andere Redner sehr
+entschieden _gegen_ einen Antrag, der die Vereinigung forderte,
+ausgesprochen. Schließlich war mit allen gegen 3 Stimmen ein Antrag
+_Richter_-Wandsbeck, den _Tölcke,_ Harm-Elberfeld, Dasbach-Hanau usw.
+unterzeichnet hatten, angenommen worden, der lautete:
+
+ „In Erwägung: 1. daß die sogenannte ‚Sozialdemokratische
+ Arbeiterpartei‘ ursprünglich auf dem Verbandstag der
+ Schulze-Delitzschen Arbeiterbildungsvereine zu Nürnberg im Jahre 1868,
+ beziehentlich auf dem Kongreß zu Eisenach im Jahre 1869, _lediglich in
+ der Absicht gegründet worden ist, die Arbeiterbewegung in Deutschland
+ zu schädigen_ dadurch, daß neben dem _Allgemeinen Deutschen
+ Arbeiterverein eine zweite_ angeblich sozialdemokratische Fraktion
+ geschaffen wurde, welche nur deshalb ein anscheinend mehr
+ politisch-revolutionäres Programm aufstellte, um durch dasselbe die
+ Arbeiter anzuziehen und so die Spaltung der deutschen Arbeiter
+ herbeizuführen;
+
+ in Erwägung: 2. daß das jetzige _Zusammenwirken des Herrn v.
+ Schweitzer_ mit den Führern der sogenannten ‚Sozialdemokratischen
+ Arbeiterpartei‘ zum gemeinsamen Unterwühlen und zur Beseitigung der
+ Organisation des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins den
+ schlagendsten Beweis liefert, daß die Vernichtung des Allgemeinen
+ Deutschen Arbeitervereins der Hauptzweck der Führer der
+ Sozialdemokratischen Arbeiterpartei ist, die sich nicht scheuen, sich
+ zur Erreichung dieses Zweckes mit unstreitig reaktionären Elementen zu
+ verbinden;
+
+ in Erwägung: 3. daß das Programm, die Organisation und die Taktik der
+ Sozialdemokratischen Arbeiterpartei durchaus unvereinbar sind mit dem
+ Programm und der Organisation des Allgemeinen Deutschen
+ Arbeitervereins,
+
+ tritt die Generalversammlung dem Beschluß des Vorstandes des
+ Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins vom 5. Januar d.J. bei, welcher
+ also lautet:
+
+ In Erwägung, daß für die Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
+ Arbeitervereins in prinzipieller und formeller Beziehung durchaus
+ keine Veranlagung vorliegt, an der Organisation des Allgemeinen
+ Deutschen Arbeitervereins zum Zwecke einer Vereinigung mit der
+ Eisenacher Partei eine Aenderung vorzunehmen, in fernerer Erwägung,
+ daß es den Mitgliedern jener Partei freisteht, in Gemäßheit des
+ Statuts des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins in diesen
+ einzutreten, welcher eben durch seine starke Organisation sowie durch
+ seine viel bedeutendere Mitgliederzahl die beste Grundlage zur
+ Einigkeit der Arbeiter bietet,
+
+ geht der Vorstand über die sogenannten Einigungsvorschläge der
+ Eisenacher Partei zur Tagesordnung über.“
+
+Dem Kongreß lagen eine Anzahl Anträge, die Vereinigungsfrage betreffend,
+vor, die sich teils für, teils gegen eine solche aussprachen, teils
+unter bestimmten Bedingungen Kandidaten des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins bei den bevorstehenden Reichstagswahlen unterstützen
+wollten.
+
+In der Debatte nahm auch _Auer_ das Wort. Er führte aus: Nach den
+gemachten Erfahrungen wäre es unserer Partei unwürdig, noch Kompromisse
+mit dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein einzugehen. In demselben
+Sinne sprach sich _Blos_ aus, der weiter verlangte, daß man auch mit der
+Volkspartei sich auf kein Kompromiß einlassen solle, von der im
+umgekehrten Falle kein Mitglied für einen Arbeiterkandidaten stimme.
+Schließlich zog Auer einen Berliner Antrag zugunsten eines Antrags
+Albert-Glauchau zurück, der lautete:
+
+ „Die Sozialdemokratische Partei betrachtet die Reichstagswahl nur als
+ Agitationsmittel und als Prüfung für die Verbreitung ihrer Prinzipien,
+ jeden Kompromiß mit anderen Parteien ablehnend.“
+
+Dieser Antrag wurde nebst einem Antrag der Ronsdorfer Genossen
+angenommen, der aussprach:
+
+ „Da von seiten unserer Partei bereits Schritte zur Einigung der
+ gesamten deutschen Sozialdemokratie gemacht wurden, von der
+ diesjährigen Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen
+ Arbeitervereins aber fast einstimmig zurückgewiesen worden sind,
+ erklärt der Kongreß, jedweden Versuch mit obiger Fraktion, sei er auf
+ die Einigung der Partei oder auf Wahlen gerichtet, einzustellen.“
+
+Als dann infolge dieses Beschlusses unsere Parteigenossen mich in Altona
+gegenüber Hasenclever als Kandidat zur Reichstagswahl aufstellten und
+der „Neue Sozialdemokrat“ sich darüber beschwerte, verhöhnte ihn _Auer_
+in einer Korrespondenz aus Dresden in Nr. 123 des „Volksstaat“, die mit
+den Worten endete: „Ich schließe, indem ich dem Herrn Hasselmarat und
+Strohpuppe Hasenclever das Sprüchlein zu bedenken gebe: Vorgetan und
+nachbedacht, hat manchen in groß' Leid gebracht.“ Das ist zugleich eine
+Probe, wie damals zeitweilig polemisiert wurde.
+
+Ueber den Ausfall der Wahlen vom 10. Januar 1874 habe ich schon
+berichtet. Von Interesse dürfte sein, mit welch finanziellen Mitteln zu
+jener Zeit eine Reichstagswahl von unserer Seite gemacht wurde. Die
+Ausgaben der Parteikasse für ganz Deutschland betrugen 1300 Taler. Das
+sächsische Landeskomitee hatte für die 91000 Stimmen, die in Sachsen auf
+unsere Kandidaten fielen, eine Ausgabe von 780 Taler. Die Wahlen in
+Leipzig Stadt und Land, einschließlich der Nachwahl in Leipzig Land,
+erforderten 733 Taler, die Chemnitzer Wahl 345 Taler, Freiburg-Oederan
+(Geibs Wahlkreis) 165 Taler, Stollberg-Schneeberg (Liebknechts
+Wahlkreis) 350 Taler. Das sind Beträge, die im Vergleich zu den heutigen
+Ausgaben für die gleichen Zwecke winzig genannt werden müssen. Zwischen
+damals und jetzt besteht aber ein Unterschied. Jetzt opfern die
+Parteigenossen mehr Geld und bezahlen die Wahlarbeit. Damals opferten
+die Parteigenossen weniger Geld — weil sie weniger hatten und auch gegen
+heute gering an Zahl waren —, aber sie leisteten die Wahlarbeit meist
+umsonst. Der einzelne mußte damals durchschnittlich weit größere
+persönliche Opfer bringen als heute, sollten Resultate erzielt werden.
+Uebersehen darf allerdings nicht werden, daß gegenwärtig die
+Wahlagitation in Deutschland namentlich auch seitens der Gegner in ganz
+anderem Maße betrieben wird wie früher und schon deshalb unsererseits
+weit größere Anstrengungen und Aufwendungen erfordert.
+
+
+
+
+Die erste Session des neuen Reichstags 1874.
+
+
+Diese wurde im Februar 1874 eröffnet. Seitens unserer Vertreter wurde
+den Vertretern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins der Vorschlag
+gemacht, eine Fraktion zu bilden. Das lehnten diese ab. Dagegen kam man
+überein, sich gegenseitig bei Stellung von Anträgen zu unterstützen,
+auch wolle man dahin wirken, daß in der Presse und in den Versammlungen
+die gegenseitigen Angriffe unterblieben. Das war nicht viel, aber das
+andere mußte folgen. Eine große Anzahl Parteigenossen auf beiden Seiten
+hatte allmählich die gegenseitige Bekämpfung, die nur den Gegnern
+zustatten kam, satt und wünschte, wenn eine Vereinigung noch nicht
+möglich sein sollte, eine Verständigung zu gemeinsamem Vorgehen.
+
+In unserer Partei war man mit der Haltung der gewählten Vertreter
+unzufrieden. Man fand, daß sie zu selten das Wort ergriffen und dann
+nicht scharf genug geredet hatten. Der Unmut darüber kam auch mehrfach
+in der Parteipresse zum Ausdruck. Liebknecht wohnte keiner Sitzung mehr
+bei, da die Session kurz nach seiner Freilassung geschlossen wurde. Ich
+erhielt von den verschiedensten Seiten Zuschriften, worin die Verfasser
+sich über die Haltung der Parlamentsgenossen beklagten. So schrieb mir
+nach Schluß der Session Robert Schweichel, der seit seiner Uebersiedlung
+nach Berlin die Redaktion der „Romanzeitung“ übernommen hatte und daher
+öffentlich politisch nicht tätig sein konnte: die Haltung der
+sozialdemokratischen Abgeordneten habe allgemein enttäuscht. Nach dem
+glänzenden Ausfall der Wahlen habe man eine andere Haltung erwartet.
+Diese fördere die Partei nicht. Rübner, der Expedient der „Chemnitzer
+Freien Presse“, schrieb mir: „Die Vertreter des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins haben unseren Genossen im Reichstag geschickt den Rang
+abgelaufen. Darüber sind unsere Leute wütend.“ Die Abgeordneten selbst
+beschwerten sich lebhaft darüber, daß der Präsident bei Wortmeldungen
+die Vertreter des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bevorzugt habe.
+An dieser Behauptung war etwas Wahres. An Simsons Stelle war Forckenbeck
+getreten, der, wie ich schon einmal erwähnte, der parteiischste
+Präsident war, den der Reichstag je gehabt hat. Erleichtert wurde ihm
+diese Parteilichkeit durch die Abschaffung der Rednerliste, die erfolgt
+war, um die sozialdemokratischen Abgeordneten möglichst am Redenhalten
+hindern zu können. Die Abgeordneten mußten von jetzt ab durch ein
+Zeichen dem Präsidenten bekunden, daß sie das Wort zu haben wünschten,
+ungefähr so wie die Kinder in der Schule, wenn sie dem Lehrer
+bemerklich machen wollen, daß sie eine Antwort auf eine Frage geben
+können. Damit lag es in der Willkür des Präsidenten, ob er eine solche
+Wortmeldung sehen und ob und wann er sie berücksichtigen wollte. Und
+Forckenbeck machte von seiner Vollmacht rücksichtslos Gebrauch. Das
+veranlaßte später Windthorst und seine Freunde, den Antrag zu stellen,
+die Rednerliste wieder einzuführen. Der Antrag, zu dem von unserer Seite
+Vahlteich sprach, wurde abgelehnt. Darauf sah sich Most veranlaßt, noch
+kurz vor Schluß der Session die Parteilichkeit des Präsidenten
+öffentlich im Reichstag zu denunzieren. Er habe trotz zahlreicher
+Meldungen das Wort nur einmal erhalten. Ihm gegenüber lag allem Anschein
+nach ein Racheakt vor. Most hatte sich verleiten lassen, bei Beginn der
+Session, bevor er nach Berlin reiste, in der „Chemnitzer Freien Presse“,
+deren Redakteur er war, eine Art Kriegserklärung an den Reichstag zu
+veröffentlichen, in der er demselben den Kampf bis aufs Messer ansagte.
+Dafür mußte er offenbar jetzt büßen. Die einzige Rede, die er halten
+konnte, betraf den Entwurf zum Impfgesetz, und diese mißglückte ihm. Er
+schloß die kurze Rede mit den Worten: „Vorläufig verlangen wir die
+öffentlichen Badeanstalten, und wenn wir diese haben, werden wir auch
+mit dem Normalarbeitstag kommen.“ Kein Wunder, daß dieser Schluß in
+Mosts Munde die Heiterkeit der Gegner hervorrief.
+
+Aber es machte sich von dieser Session ab noch ein anderer Unfug mit
+Forckenbecks Unterstützung breit, der später immer schlimmer wurde. Es
+fand sich in einem Mitglied der nationalliberalen Partei, dem
+Abgeordneten für Hildburghausen, Valentin, der seines Zeichens
+Rechtsanwalt gewesen war, ein stets bereiter Schlußantragsteller. Sobald
+Forckenbeck den Schluß der Debatte wünschte, gab er Valentin das
+verabredete Zeichen, worauf dieser gehorsam den Schlußantrag stellte,
+dem alsdann wie auf Kommando die Mehrheit — Nationalliberale und
+Konservative — Folge leistete. Für diese Methode der Wortabschneidung
+bildete sich im Reichstag die Bezeichnung: der redenwollende Abgeordnete
+sei valentiniert, das heißt geistig guillotiniert worden. Dieser Unfug
+ging schließlich so weit, daß auf dem Bureau Valentinsche Schlußanträge
+_auf Vorrat_ lagen, deren sich der Präsident nach Belieben bediente.
+Valentin wurde für seine Tätigkeit von seiner Fraktion dadurch geehrt,
+daß diese ihm, wie im Reichstag erzählt wurde, zu seinem Geburtstag ein
+Kistchen mit gedruckten Schlußanträgen schenkte.
+
+Bezeichnend für die damalige Situation im Reichstag war auch, daß der
+Abgeordnete Bamberger es wagen konnte, die sozialistischen Abgeordneten
+als geduldete Gäste zu bezeichnen, denen man das Hausrecht verweigern
+könne. Kleinlich war auch, daß man Liebknecht und mich während unserer
+Haft bei namentlichen Abstimmungen stets als „unentschuldigt“ in den
+Listen geführt, ein Unfug, der erst auf eine energische Beschwerde
+Vahlteichs in öffentlicher Sitzung ein Ende nahm.
+
+Unter den Vorlagen, die den Reichstag beschäftigten, befanden sich
+mehrere von besonderer Wichtigkeit. So eine neue Militärvorlage, die
+eine erhebliche Erhöhung der Präsenzziffer, auf über 401000 Mann,
+ausschließlich der Einjährig-Freiwilligen, forderte, und zwar für die
+Dauer von sieben Jahren. Damals hatten die Liberalen einschließlich der
+Nationalliberalen noch konstitutionelle Bedenken gegen eine derartige
+Festlegung auf viele Jahre. Es kam zu scharfen Debatten, aber
+schließlich fügten sich die Nationalliberalen und nahmen an, nachdem
+Bismarck mit Niederlegung seines Amtes drohte. In der ersten Lesung nahm
+Hasenclever, in der Generaldebatte der dritten Lesung Motteler das Wort.
+Beide forderten die Miliz. In diesen Debatten äußerte Moltke zur
+Verteidigung der Vorlage die später oft zitierten Worte:
+
+ „Was wir in einem halben Jahre mit den Waffen in der Hand errungen
+ haben, das mögen wir ein halbes Jahrhundert mit den Waffen schützen,
+ damit es uns nicht wieder entrissen wird. Darüber, meine Herren,
+ dürfen wir uns keiner Täuschung hingeben: wir haben seit unseren
+ glücklichen Kriegen an Achtung überall, an Liebe nirgends gewonnen.“
+
+Damit wurde bestätigt, was wir wiederholt in den Jahren 1870/71
+vorausgesagt hatten. Nicht der Krieg an sich, aber seine Folgen, die
+Annexion von Elsaß-Lothringen, hatte in Europa eine Situation
+geschaffen, die die Lage immer gespannter machte, Rußland eine
+dominierende Stellung verschaffte und immer neue Rüstungen hervorrief.
+Zu unseren Milizvorschlägen äußerte Moltke: Meine Herren! Die Gewehre
+sind bald ausgeteilt, aber schwer wieder zurückzubekommen! (Heiterkeit.)
+
+Der Abgeordnete Malinckrodt hatte den Antrag auf zweijährige Dienstzeit
+gestellt, dafür stimmte Vahlteich, dagegen Geib, der Abstimmung
+enthielten sich Most und Motteler. Hasenclever, Hasselmann und Reimer
+hatten den Antrag gestellt, 540000 Mann für zwei Monate und 18000 Mann
+für die weiteren zehn Monate zu bewilligen, ferner sollte die
+militärische Jugenderziehung vom 14. bis 20. Jahre eingeführt werden.
+Für diesen Antrag stimmten nur die Antragsteller. Diese Abstimmungen
+gaben kein erhebendes Bild von der Tätigkeit der sozialdemokratischen
+Abgeordneten.
+
+Eine zweite für die Arbeiterklasse wichtige Vorlage war eine Novelle zur
+Gewerbeordnung, die in etwas abgeänderter Form die Vorlage aus der
+vorigen Session wiederbrachte. Man begnügte sich diesmal, den § 153
+dahin zu verschärfen, daß Verletzung desselben statt wie bisher mit
+höchstens drei Monaten künftig mit bis zu sechs Monaten Gefängnis
+bestraft werden sollte. Dagegen hatte man in einem neuen § 153a die
+Bestrafung des Kontraktbruchs vorgeschlagen, dieser sollte mit
+Geldstrafe bis zu 150 Mk. oder Haft geahndet werden. Die Streiks,
+die in den Gründerjahren häufig unter Kontraktbruch vorkamen
+und nach ausgebrochener Krise wegen Lohnherabsetzungen und
+Arbeitszeitverlängerungen Abwehrstreiks unter Nichtbeachtung der
+Kündigungsfristen hervorriefen, hatten das Unternehmertum in die höchste
+Aufregung versetzt. Es inszenierte einen Petitionssturm an die
+verbündeten Regierungen und den Reichstag, um die kriminelle Bestrafung
+des Kontraktbruchs zu erlangen. Diesem Verlangen waren die verbündeten
+Regierungen durch den Vorschlag des § 153a nachgekommen. Im weiteren
+wurden die früher schon vorgeschlagenen Bestimmungen betreffend die
+gewerblichen Schiedsgerichte wieder in Vorschlag gebracht mit der
+kleinen Abänderung, daß die höhere Verwaltungsbehörde bestimmen könne,
+ob eine Wahl der Beisitzer durch die beteiligten Arbeiter und
+Arbeitgeber erfolgen solle. Zu dem Gesetzentwurf hielt Hasselmann eine
+gute Rede. In die Kommission wurde von unserer Seite Motteler gesandt,
+der sich aber an den Verhandlungen nicht beteiligte, sondern stummer
+Zuhörer blieb, was ihm von verschiedenen Seiten verdacht wurde. Die
+Kommission strich den Kontraktbruchparagraphen, ebenso wurde die
+Verschärfung des § 153 abgelehnt; sie beschloß ferner, daß die Wahl der
+Beisitzer in den Gewerbegerichten nur durch allgemeine Wahlen der
+Interessenten zu erfolgen habe. Der Entwurf wurde indes im Plenum nicht
+zu Ende beraten. Man war vorläufig seitens der Mehrheit des Reichstags
+zu Ausnahmebestimmungen oder Verschärfung der bestehenden Gesetze noch
+nicht geneigt.
+
+Die dritte wichtige Vorlage war der Entwurf eines Preßgesetzes. In
+diesem hatte der vorjährige § 20 folgenden Wortlaut erhalten:
+
+ „Wer mittels der Presse den Ungehorsam gegen die Gesetze oder die
+ Verletzung von Gesetzen als etwas Erlaubtes oder Verdienstliches
+ darstellt, wird mit Gefängnis oder Festungshaft bis zu zwei Jahren
+ bestraft. Wer die im § 166 des Strafgesetzbuchs für das Deutsche Reich
+ vorgesehenen Handlungen mittels der Presse verübt, wird mit Gefängnis
+ nicht unter drei Monaten und bis zu vier Jahren bestraft.“
+
+Auch zu diesem Gesetzentwurf hielt _Hasselmann_ eine gute Rede, außer
+ihm sprach _Geib_. Der § 20 fiel in der Kommission und im Plenum. Im
+übrigen beseitigte das Gesetz die Kautionen und verbot die
+Zeitungsstempel und die Inseratenabgaben, wo solche noch bestanden.
+Wirkliche Verbesserungen gegen den bisherigen Zustand brachte das Gesetz
+nur Preußen, Braunschweig und den beiden Mecklenburg, für Sachsen, die
+mitteldeutschen und süddeutschen Staaten schuf es hingegen verschiedene
+zum Teil erhebliche Verschlechterungen, so daß seine Annahme anfangs
+zweifelhaft war. Es ging hier wie bei allen wichtigen Gesetzen des
+Reichs, den Verbesserungen standen _stets_ Verschlechterungen gegenüber;
+zu einem politischen Gesetz, das für alle eine wesentliche Besserung
+bedeutete, konnte sich der Reichstag nicht erheben, stets gab er dem
+Druck der Regierungen, das heißt Preußen nach, dem Stimmführer für alles
+Rückschrittliche.
+
+Erwähnt sei, daß bei Beginn der Session auch wieder der Antrag auf
+meine Freilassung für die Dauer der Session gestellt worden war, jedoch
+mit demselben negativen Erfolg wie früher. Redner für den Antrag waren
+Vahlteich und Hasenclever. Die Fortschrittspartei verweigerte die
+Unterstützung des Antrags, weil es zwecklos sei, ihn zu stellen.
+
+ * * * * *
+
+Die Tatsache, daß die Vertreter der beiden sozialdemokratischen
+Fraktionen im Reichstag genötigt wurden, öfter gemeinsame Sache bei den
+Beratungen zu machen, war für alle jene, die eine Vereinigung wünschten,
+ein neuer Anstoß zum Handeln. Der erste Schritt hierzu wurde auf der
+Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
+unternommen, die vom 26. Mai bis 5. Juni 1874 in Hannover tagte. F.W.
+Fritzsche, Hartmann-Hamburg, Meister-Hannover und andere stellten den
+Antrag, zu erklären: Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins hält die Vereinigung aller sozialdemokratischen Arbeiter
+Deutschlands für erforderlich, um die Endziele der Sozialdemokratie zu
+erreichen, und empfiehlt, um eine solche Vereinigung anzubahnen, daß
+dieselben in allen öffentlichen Versammlungen sowie in der Parteipresse
+sich nicht mehr bekämpfen und anfeinden. Bestimmte Vorschläge zur
+Vereinigung können nicht eher gemacht und diskutiert werden, bevor der
+Kongreß der Eisenacher konstatiert, daß auch er eine Einigung aufrichtig
+anstrebt.
+
+Der Antrag wurde zwar nach längerer Debatte mit 50 gegen 19 Stimmen
+_abgelehnt_, aber die Debatte wurde in einem merklich anderen Tone als
+bei früheren ähnlichen Gelegenheiten geführt.
+
+Die Sozialdemokratie Arbeiterpartei hielt ihren Kongreß im folgenden
+Monat, vom 18. bis 21. Juli, in Koburg ab, auf dem seit 1871 zum
+erstenmal Liebknecht wieder auf einem Parteikongreß erschien. Die
+Vereinigungsfrage kam hier ebenfalls zur Verhandlung, zu der
+verschiedene Anträge gestellt worden waren. In dem Bericht, den _Geib_
+im Namen des Ausschusses erstattete, hatte dieser bereits ausgeführt:
+„Wenn wir schließlich noch unsere Stellung zum Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein erwähnen, so geschieht es nur, um zu konstatieren, daß
+seit der Reichstagswahl der alte Hader im Wanken begriffen ist. Viel
+trägt dazu die Tatsache bei, daß der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein
+jetzt von oben herab mit gleichem Maße gemessen wird wie unsere Partei.
+Daß die Stellung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins tatsächlich
+doch noch eine zurückhaltende ist, geht aus der Abstimmung über den auf
+der Generalversammlung dieses Vereins gestellten Einigungsantrag, für
+welchen unter 69 Delegierten nur 19 stimmten, deutlich hervor. Wir haben
+uns demgemäß zu reservieren und vor allem auf die prinzipielle Haltung
+des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins zu achten, da hierin ein
+wesentliches, wenn nicht das wesentlichste Moment zur Richtschnur
+unserer Einigungstaktik zu suchen ist.“ In der später folgenden Debatte
+über die Einigungsanträge nahm auch _Auer_ das Wort, der noch immer der
+Frage kühl gegenüberstand und pessimistisch äußerte: Im großen und
+ganzen sind wir alle mit der Einigung einverstanden, aber solange auf
+beiden Seiten die prinzipiellen Unterschiede ins Gewicht fallen, kann an
+eine wirkliche Einigung nicht gedacht werden. Die Aussichten, die uns in
+dieser Hinsicht der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein eröffnet, sind
+gering, dies zeigt schon sein neuester Entschluß, sich sektenmäßig
+„_Lassalleaner_“ zu nennen. Unser Versöhnungsdusel hat bis jetzt wenig
+geholfen. Das einzige Mittel zur Einigung heißt: die Lassalleaner unsere
+Macht fühlen lassen und uns stärken. Stellen wir uns auf den Standpunkt
+der Einigungsvorschläge, die vor zwei Jahren im „Volksstaat“
+veröffentlicht wurden. (Siehe Seite 289 und 290.) Mag ein allgemeiner
+Kongreß zur Beratung der Einigungsfrage berufen werden. _Bernstein_
+stand der Frage optimistischer gegenüber als Auer. Im Allgemeinen
+Deutschen Arbeiterverein seien bereits viele Mitglieder für eine
+Vereinigung. Der Verlauf der Generalversammlung des Allgemeinen
+Deutschen Arbeitervereins bestätige seine Auffassung. Er erklärte sich
+ebenfalls für einen Kongreß behufs Verständigung. _Liebknecht_ sprach
+sich in längerer Rede dafür aus, daß, wenn zunächst die Vereinigung
+nicht möglich sei, die Einigung erstrebt werden müsse, die Vereinigung
+werde nachher von selbst kommen, dafür sorge Herr Tessendorf und die
+Logik der Tatsachen, wenn nicht mit, dann den Führern zum Trotz.
+_Motteler_ berichtete über Besprechungen, die in Berlin zwischen
+Hasenclever und Hasselmann auf der einen und unseren Vertretern auf der
+anderen Seite stattgefunden hatten. Hasenclever und Hasselmann hätten
+erklärt: _an eine Vereinigung sei nicht zu denken_, da der Allgemeine
+Deutsche Arbeiterverein unbedingt die bessere Organisation habe. Ein
+friedliches Nebeneinandergehen in Presse und Versammlungen sei ja
+vereinbart. Zum Schlusse wurde mit großer Mehrheit ein Antrag Geibs
+angenommen, lautend:
+
+ „Der Kongreß erklärt, der Einigung der beiden deutschen
+ Arbeiterfraktionen geneigt zu sein. Ueber den Modus einer solchen
+ Einigung werden zum nächsten Kongreß seitens des Ausschusses und den
+ der Partei angehörigen Reichstagsmitgliedern Vorschläge erwartet. Im
+ übrigen geht der Kongreß zur Tagesordnung über.“
+
+ * * * * *
+
+Auf dem Koburger Kongreß kam es auch zu lebhaften Debatten über den oft
+unzeitigen Eifer der Parteigenossen, in den größeren Orten Lokalblätter
+zu gründen, die ungenügend finanziell fundiert, alsdann der Partei große
+Verlegenheiten bereiteten, weil sie nunmehr um jeden Preis am Leben
+erhalten werden sollten. Klagen, die sich bekanntlich bis in die Neuzeit
+wiederholten. Nicht wenige dieser Blätter führten eine prekäre Existenz
+und machten der Parteileitung schwere Sorge. Es war fast für das eine
+und das andere eine Wohltat, unter dem Sozialistengesetz totgeschlagen
+zu werden; sie starben wenigstens auf dem Felde der Ehre, im Kampfe mit
+einem übermächtigen Gegner.
+
+Auch die Frage der Programmänderung beschäftigte den Koburger Kongreß.
+Es lagen für dieselbe, unter anderen auch von Bracke, eine Anzahl
+Anträge vor. Nach längerer Debatte fand alsdann ein Antrag
+Kokosky-Grillenberger und Genossen Annahme, wonach der Kongreß die
+Reformbedürftigkeit des Programms anerkannte, jedoch in der Erwägung,
+daß die Frage im Augenblick noch nicht spruchreif sei, die Aenderung
+des Programms bis zum nächsten Kongreß vertage. Die Programmänderung
+solle in der Presse zur Diskussion gestellt werden.
+
+Des weiteren wurden öffentliche Vorträge veranstaltet, wobei Liebknecht
+und Motteler über die politische Stellung der Sozialdemokratie, York und
+Grillenberger über die industrielle und ländliche Arbeiterfrage
+sprachen. Grillenberger, der über das letztere Thema sprach, hielt zu
+dieser Frage eine gute instruktive Rede.
+
+
+
+
+Tessendorf als Bahnbrecher der Einigung.
+
+
+
+
+Einigungsverhandlungen.
+
+
+Geib und Liebknecht hatten recht, als sie ausführten, die Neigung zu
+einer Vereinigung mit uns werde im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
+gefördert werden durch die Behandlung, die ihm jetzt gleich uns von oben
+zuteil wurde. Als vornehmster Träger dieser Verfolgungen erwies sich
+Staatsanwalt Tessendorf, der im Sommer 1873 von Magdeburg an das
+Berliner Stadtgericht berufen wurde. Er fand in der siebenten Deputation
+des Berliner Stadtgerichtes in den Herren Reich als Vorsitzender, v.
+Ossowsky und Giersch als Beisitzer drei kongeniale Geister, die seinen
+staatsretterischen Eifer nach jeder Richtung unterstützten und in einer
+längeren Reihe von Jahren in den Prozessen gegen eine große Anzahl
+Parteigenossen als wahre Blutrichter sich erwiesen.
+
+Tessendorf hatte sich seinen Ruf als Sozialistentöter schon in Magdeburg
+erworben, allerdings mit der Wirkung, daß die von ihm verfolgte und
+gehaßte Partei nach jedem Schlage, den er gegen sie führte, immer
+stärker und kräftiger wurde. Er war einer der schlimmsten Streber in
+unserer an Strebern so reichen Zeit. Tessendorf zeigte schon im Jahre
+1871, wie unglücklich er darüber war, daß er in unseren
+Hochverratsprozeß nichts hineinzureden hatte. Dafür zeugt folgender
+Vorfall, den ich etwas ausführlicher erwähne, weil er diesen
+fanatischsten aller Sozialistenfresser im rechten Lichte zeigt. Die
+„Magdeburger Zeitung“ hatte damals wiederholt in Leipziger
+Korrespondenzen uns, die wir hinter Schloß und Riegel saßen und uns
+nicht wehren konnten, in unqualifizierbarer Weise beschimpft. Als es
+dann in Zürich im März 1871 zu einem großen Krawall gekommen war
+anläßlich einer Siegesfeier, welche die in Zürich lebenden Deutschen in
+der dortigen Tonhalle veranstaltet hatten, sollten wir nach der
+Leipziger Korrespondenz in der „Magdeburger Zeitung“ die Urheber jenes
+Krawalls sein und unsere Züricher Parteigenossen die Täter. Nebenbei
+bemerkt, wurde später gerichtlich festgestellt, daß unsere Züricher
+Parteigenossen zu jenem Krawall in gar keiner Beziehung standen. Unser
+Anwalt Otto Freytag sah sich darauf veranlaßt, bei dem Magdeburger
+Stadt- und Kreisgericht einen Strafantrag gegen die „Magdeburger
+Zeitung“ zu stellen. Zu seiner nicht geringen Verwunderung meldete sich
+in einem langen Schreiben der Staatsanwalt Tessendorf, der es ablehnte,
+gegen die „Magdeburger Zeitung“ vom Amts wegen einzuschreiten. Dabei
+erging er sich in langen und gehässigen politischen Betrachtungen über
+unser Tun und Lassen. Freytag antwortete: es sei ihm nicht eingefallen,
+die Hilfe einer königlich preußischen Staatsanwaltschaft für uns
+anzurufen, wie der Wortlaut seines Strafantrags beweise. Im übrigen
+müsse er seine, Tessendorfs, Einmischung in politische Angelegenheiten,
+_die ihn nichts angingen_, als eine Anmaßung zurückweisen. Nach Verlauf
+eines Monats kam Tessendorf abermals in einem Schreiben an Freytag auf
+den Vorgang zurück, worin er das taktlose Geständnis machte, _daß er bis
+jetzt vergeblich auf die Veröffentlichung seines Schreibens im
+„Volksstaat“ gewartet habe. Sollte die Veröffentlichung in Rücksicht auf
+seine Person unterblieben sein, so wolle er mitteilen, daß man diese
+Rücksicht nicht zu nehmen brauche._ Freytag erteilte ihm unter dem 28.
+April eine gepfefferte Antwort, deren Schlußsätze lauteten:
+
+ „Ihr ganzes Verhalten in der vorliegenden Sache gibt mir den Beweis,
+ daß _Sie Ihre Karriere als königlich preußischer Staatsanwalt und
+ Polizeimann machen werden, auch wenn Ihr strammes Auftreten gegen die
+ Herren Bebel und Liebknecht nicht an die Glocke der Oeffentlichkeit
+ gehängt wird. Vielleicht finden Sie noch einen anderen Weg, Ihre
+ Zufertigung gedruckt zu sehen._“
+
+Und Tessendorf machte Karriere. Er wurde schließlich Oberreichsanwalt
+bei dem Reichsgericht zu Leipzig. Er starb aber, ohne seine Hoffnung und
+seine Sehnsucht, preußischer Justizminister zu werden, erfüllt zu sehen.
+Ein anderer streberischer Staatsanwalt lebte zu jener Zeit in Bielefeld,
+der unter dem 26. April 1871 sogar eine öffentliche Warnung an die
+Bevölkerung ergehen ließ, auf den „Volksstaat“ zu abonnieren. Eine
+Unverschämtheit sondergleichen.
+
+Tessendorf entsprach in vollem Maße den Erwartungen, die seine
+Vorgesetzten und speziell Bismarck auf ihn gesetzt hatten. Die Zahl der
+Verurteilungen, die in den nächsten Jahren in Berlin auf seinen Antrag
+durch die berüchtigte siebente Deputation vorkamen, ist Legion, und die
+Urteile wurden immer härter und grausamer. Aber mit der Verfolgung wuchs
+auch der Widerstand der Parteigenossen, und wenn Tessendorf und die
+Richter der siebenten Deputation am Ende ihres Lebens sich ehrlich
+Rechenschaft über ihr Tun und Treiben abgelegt haben, mußten sie sich
+sagen: _wir arbeiteten ohne Erfolg;_ wir haben viele Existenzen
+vernichtet, viel Familienglück zerstört und manchen durch harte
+Verurteilung in ein frühzeitiges Grab gebracht, aber die Bewegung, die
+wir meistern wollten, meisterte uns. Wir sind die Unterlegenen. Die wir
+vernichten wollten, blieben Sieger.
+
+Im Jahre 1874 wurde von der erwähnten Deputation Most in Berlin wegen
+einer Rede über die Pariser Kommune mit anderthalb Jahren Gefängnis
+bedacht. Der Schriftsetzer Genosse Heinsch, einer der besten
+Organisatoren Berlins, wurde wegen Abdrucks eines Gedichtes zu einem
+Jahre Gefängnis verurteilt. A. Kapell vom Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein erhielt neun Monate, die das Kammergericht auf drei
+Monate reduzierte, Frohme erhielt ebenfalls neun Monate, die das
+Kammergericht auf sechs herabsetzte. Eine ganze Reihe anderer
+Parteigenossen wurde mit gleich hohen und zum Teil noch höheren Strafen
+belegt, und in fast allen diesen Prozessen handelte es sich um
+Nichtigkeiten, die vor einem anderen Gericht mit wenigen Wochen
+Gefängnis oder einer Geldstrafe bedacht worden wären. Die Nervosität
+nahm in gewissen Kreisen immer mehr zu. In ganz Preußen wurden im Jahre
+1874 in 104 Prozessen 87 Lassalleaner zu 211 Monaten und 3 Wochen
+Gefängnis verurteilt. Aehnlich war es in Sachsen, in dem ebenfalls die
+Urteile immer härter wurden. Wo sonst Monate genügten, wurden jetzt
+Jahre verhängt. Das Hauptkontingent der Verurteilten stellte unsere
+Partei.
+
+Mit den gerichtlichen Verurteilungen gingen die polizeilichen
+Maßregelungen und Auflösungen Hand in Hand. In Berlin wurde Ende Juni
+der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein polizeilich geschlossen. Als dann
+Hasenclever, als Präsident des Vereins, den Sitz desselben nach Bremen
+verlegte, wurde er wegen Verletzung des Vereinsgesetzes zu zwei Monaten
+Gefängnis verurteilt. Weiter verfielen in Berlin der Auslösung die
+Mitgliedschaft der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, der
+Arbeitermädchen- und -frauenverein, der Allgemeine Deutsche
+Schuhmacherverein, der Allgemeine Deutsche Tischlerverein und der
+Allgemeine Deutsche Maurerverein. In Frankfurt a.M. folgte die Polizei
+ihrer Berliner Kollegin und löste gleichfalls die meisten der dort
+bestehenden Arbeiterorganisationen auf. Auch in Hannover, Königsberg i.
+Pr. und an anderen Orten verfielen sowohl der Allgemeine Deutsche
+Arbeiterverein wie die Mitgliedschaften der Sozialdemokratischen
+Arbeiterpartei der polizeilichen Auflösung. Sachsen und Bayern blieben
+hinter dem preußischen Beispiel nicht zurück. So fielen die
+Arbeiterorganisationen in München, Nürnberg, Erlangen, Hof. In München
+wurde gleichzeitig eine Reihe gewerkschaftlicher Organisationen
+aufgelöst, so der Allgemeine Deutsche Schneiderverein, die Gewerkschaft
+der Maler, Lackierer und Vergolder, der Allgemeine Deutsche
+Metallarbeiter- und der Allgemeine Deutsche Holzarbeiterverein.
+
+Alle diese Vorgänge trugen sehr wesentlich dazu bei, selbst den
+widerstrebendsten Elementen klarzumachen, daß diesen Gewaltmaßregeln
+gegenüber, die beide Fraktionen ohne Unterschied trafen, erhöhter
+Widerstand nur in der Vereinigung gefunden werden könne.
+
+Da, am 11. Oktober 1874, schrieb mir Liebknecht nach dem Zwickauer
+Landesgefängnis einen Brief, in dem es hieß:
+
+ „Gestern war Tölcke hier; er will Vereinigung mit uns. Im selben Sinne
+ schrieb mir heute Fritzsche. Auch Reimer und Hasselmann wollen, so
+ schreibt Fritzsche, mindestens Verbündung; Verschmelzung sei noch
+ unmöglich. Mehr mündlich — acht Tage vor Eröffnung des Reichstags
+ besuche ich Dich. Nur so viel! Feststeht, daß die Deutschen
+ Allgemeinen vollständig _en deroute_ (in Auflösung) sind; Tölcke — das
+ Zusammentreffen mit ihm war zum Malen — gab zerknirscht zu, daß die
+ heilige Organisation sich nicht bewährt habe.... Daß wir nicht gleich
+ einen Einigungskongreß auf den 15. November berufen wollten, war ihm
+ eine bittere Enttäuschung und noch mehr meine Erklärung, daß wir
+ unmöglich den Rückschritt zu dem Lassalleschen Programm, auch einem
+ reformierten, machen könnten. Tölcke meinte, man brauche ja Lassalle
+ gar nicht zu nennen, überhaupt sei der Lassallekultus rein aus
+ taktischen Gründen getrieben worden usw. usw. Tölcke kam im Auftrag
+ Hasenclevers — der in Zeitz sitzt — und im Einverständnis mit Wode. Das
+ ist die eine Clique — die andere ist Hasselmann-Reimer. Dazwischen als
+ _would be_ (sogenannter) Schiedsrichter Fritzsche. Tölcke hat eine
+ furchtbare Wut auf Hasselmann. Auf meine Frage, ob Hasselmann mit
+ seinem, Tölckes, Schritt einverstanden sei, erwiderte er: Nein, aber
+ er muß! Und auf meinen Einwurf: Wenn Ihr gegen Hasselmann, der den
+ ‚Neuen Sozialdemokrat‘ hat, vorgeht, werdet Ihr einfach in die Luft
+ gesprengt, ähnlich wie Schweitzer es seinerzeit mit der Opposition
+ tat, antwortete Tölcke: Hasselmann könne nichts machen, juristischer
+ Eigentümer des Blattes sei Hasenclever.“
+
+Liebknecht schrieb weiter, er habe Tölcke erklärt, Definitives könnten
+wir in Leipzig nicht abmachen, er solle zunächst nach Hamburg, dem Sitz
+des Parteivorstandes, reisen und dort mit Geib, Auer usw. Rücksprache
+nehmen. Vor Weihnachten sei ein Kongreß unmöglich, auch müsse vorher
+erst eine Konferenz stattfinden, doch müsse man vorsichtig sein. „An
+Verschmelzung ist nicht zu denken,“ schrieb Liebknecht zum Schlusse;
+aber einmal A gesagt, treiben die Dinge weiter.
+
+In Hamburg kam man überein, vorzuschlagen, zu gleichen Teilen eine
+Kommission aus beiden Fraktionen zusammenzusetzen, die die Bedingungen
+einer Einigung beraten und formulierte Vorschläge machen sollte. In
+unserer Partei wurden diese Einigungsversuche, sobald sie bekannt
+wurden, allgemein begrüßt. Als der Genosse Dotzauer-Zwickau mir am 15.
+Oktober ins Gefängnis schrieb, er habe gehört, es seien
+Vereinigungsverhandlungen im Gange, antwortete ich: Das sei mir bekannt.
+Es freue mich, daß jetzt die Leute vom Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein an uns herankämen und die Hand zur Versöhnung reichten.
+Er (Dotzauer) sei falsch unterrichtet, wenn er angebe, Liebknecht solle
+den Antrag „kurzerhand“ abgelehnt haben, seine Schritte in Hamburg
+bewiesen das Gegenteil. Dieses Friedensanerbieten hätten Liebknecht und
+ich mit Genugtuung begrüßt. „Der Kampf, der acht Jahre gedauert, hat
+mich ein gut Teil meiner besten Kräfte, sehr viel Zeit und andere Opfer
+gekostet. Gut, daß er ein für allemal und siegreich zu Ende ist.“
+
+Ueber die Treibereien von Hasselmann und Reimer schrieb Tölcke an das
+Vorstandsmitglied Wode — der während der Haft Hasenclevers Vizepräsident
+des Vereins war — unter dem 22. Oktober 1874 aus Iserlohn einen Brief, in
+dem es hieß:
+
+ „Nach Annoncen im ‚Volksstaat‘ gehen die ‚Eisenacher‘ mit der
+ Besprechung des Einigungsprojekts flott vorwärts. Wenn wir nicht von
+ ihnen überflügelt werden wollen, dann ist auch bei uns — zumal mit
+ Rücksicht _auf die Abneigung der Herren Hasselmann und Reimer_ — die
+ rastloseste Tätigkeit erforderlich. Ich mache Dich darauf besonders
+ aufmerksam, daß Hasselmann und Reimer durch ihre Ansprache in Nr. 119
+ des ‚Neuen Sozialdemokrat‘ offenbar die Absicht kundgeben, in betreff
+ der Agitation durchaus selbständig vorgehen zu wollen, ohne sich um
+ die Vereinsleitung irgendwie zu kümmern; für die Herren scheint der
+ Vizepräsident gar nicht zu existieren.
+
+ Es ist also nach allen Seiten hin ein rasches Handeln unerläßlich und
+ halte ich es deshalb für notwendig, daß wir in folgender Weise
+ vorgehen:
+
+ 1. Weil nach der Ansicht Hasenclevers weder von ihm, noch von Dir oder
+ von Vorstandsmitgliedern in der Angelegenheit _amtlich_ Schritte getan
+ werden können, und weil man allerwärts _von mir_ Benachrichtigung über
+ den Erfolg meiner Reise erwartet, wird es zweckmäßig sein, daß ich auf
+ unserer Seite die Korrespondenz wegen des Zusammentritts der
+ gemischten Kommission und bis zu deren Zusammenkunft führe....
+
+ 2. Um gewisse Gegenagitationen unschädlich zu machen, muß ich
+ schleunigst eine Konferenz sämtlicher Bevollmächtigter in Rheinland
+ und Westfalen ins Wuppertal einberufen....“
+
+Tölcke schlug dann eine solche auch für den Süden einschließlich Kassel
+vor und erbot sich, die Reisen nach Frankfurt, Offenbach, Hanau und
+Kassel zu übernehmen. Er fuhr dann fort in seinem Briefe:
+
+ „Mit dem Leitartikel in der gestrigen Nummer des ‚Neuen
+ Sozialdemokrat‘, besonders am Schluß desselben, hat Hasselmann seine
+ Agitation _gegen_ den Kongreß bereits begonnen.“
+
+Tölcke schloß seinen Brief mit dem Ersuchen um sofortiges und rastloses
+Handeln.
+
+Hasenclever war mit dem Vorgehen Tölckes einverstanden, doch wurde in
+einer Besprechung, die er mit Liebknecht und einigen anderen bei sich im
+Gefängnis zu Zeitz hatte, vereinbart, mit weiterem Vorgehen bis zu
+seiner Entlassung, die anfangs Dezember erfolgte, zu warten. Alsdann
+traten Vertreter der beiden Fraktionen in Berlin zusammen, um weitere
+Schritte zu beraten. Dort beschloß man, daß jede Fraktion eine gleiche
+Zahl Mitglieder wähle, und jede Fraktion ihrerseits einen Programm-und
+Organisationsvorschlag ausarbeiten sollte. Nachher sollten die Vertreter
+der beiden Fraktionen zusammentreten und auf Grund der beiden Entwürfe
+einen solchen ausarbeiten, der dann dem Kongreß als Grundlage der
+Beratung zu unterbreiten sei.
+
+Die erste Kunde von den im Gange befindlichen Vereinigungsbestrebungen
+erhielt die weitere Oeffentlichkeit durch eine Bekanntmachung
+Hasenclevers an die Mitglieder seines Vereins, die er unter dem 11.
+Dezember 1874 im „Neuen Sozialdemokrat“ veröffentlichte und die der
+„Volksstaat“ abdruckte. Er teilte darin mit, daß, nachdem er wisse, daß
+die große Mehrheit der Mitglieder des Allgemeinen Deutschen
+Arbeitervereins für die Vereinigung sei, die Unterhandlungen mit der
+Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, die ebenfalls den Wunsch einer
+Vereinigung hege, aufgenommen worden seien. Der Wunsch der Lassalleaner,
+daß die Anschauungen und Forderungen Lassalles in das gemeinsame
+Programm aufgenommen werden sollten und eine einheitliche straffe
+Organisation geschaffen werde, würden Berechtigung finden, doch solle
+keine Ueberstürzung der Beratungen stattfinden, darin seien die
+Vertreter der beiden Parteien einig.
+
+Die erste Massenkundgebung für die Vereinigung sah Berlin. In der
+betreffenden Versammlung waren die sieben auf freiem Fuße befindlichen
+Reichstagsabgeordneten anwesend. Eine Einigungsresolution wurde
+einstimmig angenommen, auch beschlossen, Most in Plötzensee und mich in
+Zwickau von dem Vorgang zu unterrichten.
+
+Zu einer zweiten Einigungsdemonstration wurde die Leichenfeier Borks in
+Hamburg, der, wie ich schon berichtete, in der Nacht auf den 1. Januar
+1875 gestorben war. Fünftausend Arbeiter beider Fraktionen folgten mit
+zwanzig Fahnen dem Sarge des Mannes, der sowohl einer der Gründer
+des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, wie später der
+Sozialdemokratischen Arbeiterpartei war und mit Leib und Seele der
+Bewegung gedient hatte.
+
+Am 19. Januar schrieb mir Eduard Bernstein einen Brief, worin er sich
+entschuldigte, daß er als Schriftführer der großen Volksversammlung, die
+in Berlin tagte und ihn beauftragte, Most und mir die herzlichste
+Sympathie der Versammlung zu übermitteln, erst jetzt nachkomme:
+
+ „Ich weiß nicht, wie Sie über die Einigung denken, doch glaube ich,
+ daß wir insoweit einverstanden sind, daß die Idee einer solchen so
+ lange als möglich festzuhalten ist. Illusionen mache ich mir gar
+ nicht, doch weiß ich, daß das Einigungsbedürfnis auch unter den
+ Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins groß ist. Leider
+ sind die Leute so verstockte Lassalleaner, daß wir in dieser Hinsicht
+ Konzessionen machen müssen.“
+
+Die niedergesetzte Kommission bestand aus je acht Mitgliedern jeder
+Fraktion. Die Lassalleaner hatten Hasenclever, Hasselmann, R. und O.
+Kapell, Wode, Reinders, Hartmann und Walther, die Eisenacher Auer,
+Bernstein, Bock-Gotha, Geib, Liebknecht, Motteler, Ramm und Vahlteich
+delegiert. Am 14. und 15. Februar 1875 trat alsdann die Kommission in
+Gotha zusammen, um aus den beiden stark abweichenden Programm- und
+Organisationsentwürfen einen einzigen zu schmieden. Die Arbeit war keine
+leichte, schließlich wurden Geib, Hasenclever, Hasselmann und Liebknecht
+als Redaktionskommission niedergesetzt. Die Kommission konnte alsdann
+verkünden, daß das Werk zur vollständigen Zufriedenheit der Teilnehmer
+ausgefallen sei. Das war in der Partei nicht überall der Fall. Als
+Liebknecht mir am 5. März den Programmentwurf ins Gefängnis sandte mit
+dem Bemerken, mehr sei nicht zu erreichen gewesen, war ich wie aus den
+Wolken gefallen. Bemerken muß ich, daß ich bereits wochenlang in großer
+Aufregung und ärgerlicher Stimmung darüber war, daß weder Liebknecht,
+wie er versprochen, sich bei mir hatte sehen lassen, noch weder er noch
+Motteler es der Mühe wert erachtet hatten, mir irgendwelche Mitteilungen
+über den Gang der Verhandlungen zu machen. Das glaubte ich erwarten zu
+dürfen. Ich setzte mich nunmehr hin, schrieb einen mehrere Bogen langen,
+sehr gereizten Brief, in dem ich das Programm scharf kritisierte und
+einen Gegenentwurf machte, der allerdings übermäßig lang und detailliert
+ausfiel. Ich hatte wieder einmal eine Probe geliefert, wie die
+Abgeschlossenheit von der Außenwelt das Spintisieren begünstigt.
+Liebknecht entschuldigte sich, daß er mich nicht besucht und Rücksprache
+mit mir genommen habe. Aber er sei mit Arbeit überlastet, außerdem habe
+er sich gesagt, daß eine Unterhaltung über heikle Dinge in Gegenwart
+eines Beamten keine angenehme Sache sei. Das war richtig. Aber der
+Gefangene, der weiß, daß draußen über Dinge verhandelt wird, die sein
+ganzes Denken und Fühlen umfassen, sehnt sich nach einer Aussprache und
+sei sie noch so beengt. Liebknecht hatte meinen Brief an den
+Parteiausschuß nach Hamburg gesandt, wo er natürlich ebenfalls eine
+ablehnende Aufnahme fand. Wenn ich schließlich meine eigenen Vorschläge
+preisgab, so war damit meine Unzufriedenheit mit dem Programmentwurf
+nicht beseitigt. Außer mir befand sich auch Bracke in heftiger
+Opposition gegen den Entwurf. Als er mich zu meiner endlichen Befreiung
+am 1. April beglückwünschte, sprach er sich in der erregtesten Weise
+gegen das Programm aus. Bracke war in den letzten Jahren gezwungen
+worden, sich eine gewisse Zurückhaltung aufzuerlegen. Er kränkelte
+unausgesetzt und mußte wiederholt Erholungsreisen unternehmen.
+Andererseits zwangen ihn geschäftliche Rücksichten — er war der Leiter
+des väterlichen Geschäfts und hatte mit der Gründung eines Druckerei-
+und Verlagsunternehmens sich so schwere finanzielle Lasten auferlegt,
+daß nur die umsichtigste Tätigkeit ihn vor schweren Verlusten schützen
+konnte —, manchem wichtigen Vorgang in der Partei fern zu bleiben. So
+war es gekommen, daß Bracke nicht zu der Vereinigungskommission gehörte,
+was lebhaft zu bedauern war. Er teilte mir mit, er habe unter anderem
+Geib geschrieben, das Programm sei in III geradezu unsinnig. Es sei ein
+Skandal, die Parteigenossen mit diesem Blödsinn zu infizieren, den
+Widerspruch dagegen aus den Parteikreisen zu verbannen und die
+Parteimitgliedschaft von der Zustimmung zu demselben abhängig zu machen
+usw. Es entspann sich zwischen uns eine Korrespondenz, in der Bracke mir
+am 19. April schrieb:
+
+ „Diesmal ist das Entschuldigen auf meiner Seite. Aber auch ich habe
+ eben so wenig Zeit und muß gestehen, daß dieser ... Entwurf mir alle
+ Freudigkeit genommen hat, für den Gegenstand einmal mit Gewalt eine
+ Stunde herauszureißen.
+
+ Ich bin ganz Deiner Meinung, daß dieser Entwurf gar nicht verbessert
+ werden kann, sondern ein ganz neuer Entwurf gemacht werden müßte; ich
+ bin nun gern bereit, mit Dir in Magdeburg zusammenzutreffen, werde
+ aber schwerlich einen Entwurf machen können, denn woher die Zeit
+ nehmen?“
+
+Schließlich meinte er, da wir keine Zeit zu gründlicher Beratung hätten
+und keiner auch die Zeit, einen Entwurf zu machen, es sich empfehle, den
+Kommissionsentwurf als provisorisches Programm anzunehmen, nachdem man
+durch Kritik denselben möglichst erschüttert habe. Mit der Detailmalerei
+in meinem Entwurf könne er sich auch nicht einverstanden erklären, das
+gehöre in eine Broschüre. Außer mit mir stand Bracke mit Marx und Engels
+wegen des Programm-Entwurfs in Korrespondenz und veranlaßte Marx, seine
+bekannte Kritik zu schreiben, die im Band IX, Seite 385 der „Neuen Zeit“
+veröffentlicht wurde.
+
+Ich hatte Veranlassung genommen, in einem Privatbrief an Engels unter
+dem 23. Februar 1875 zu fragen: Was sagen Sie und Marx zu der
+Einigungsfrage? Ich habe kein vollgültiges Urteil, denn ich bin außer
+aller Kenntnis, ich weiß nur, was die Zeitungen berichteten. Ich bin
+gespannt, zu hören und zu sehen, wie die Dinge liegen, wenn ich den 1.
+April frei komme. Darauf antwortete mir Engels folgendes:
+
+ „London, 18./28. März 1875.
+
+ Lieber Bebel!
+
+ Ich habe Ihren Brief vom 23. Februar erhalten und freue mich, daß es
+ Ihnen körperlich so gut geht.
+
+ Sie fragen mich, was wir von der Einigungsgeschichte halten? Leider
+ ist es uns ganz gegangen wie Ihnen. Weder Liebknecht noch sonst jemand
+ hat uns irgendwelche Mitteilung gemacht, und auch wir wissen daher
+ nur, was in den Blättern steht, und da stand nichts, bis vor zirka
+ acht Tagen der Programmentwurf kam. Der hat uns allerdings nicht wenig
+ in Erstaunen gesetzt.
+
+ Unsere Partei hatte so oft den Lassalleanern die Hand zur Versöhnung
+ oder doch wenigstens zum Kartell geboten und war von den Hasenclever,
+ Hasselmann und Tölckes so oft und so schnöde zurückgewiesen worden,
+ daß daraus jedes Kind den Schluß ziehen mußte: wenn diese Herren jetzt
+ selbst kommen und Versöhnung bieten, so müssen sie in einer verdammten
+ Klemme sein. Bei dem wohlbekannten Charakter dieser Leute ist es aber
+ unsere Schuldigkeit, diese Klemme zu benutzen, um uns alle und jede
+ mögliche Garantien auszubedingen, damit nicht jene Leute auf Kosten
+ unserer Partei in der öffentlichen Arbeitermeinung ihre erschütterte
+ Stellung wieder befestigen. Man mußte sie äußerst kühl und mißtrauisch
+ empfangen, die Vereinigung abhängig machen von dem Grade ihrer
+ Bereitwilligkeit, ihre Sektenstichworte und ihre Staatshilfe fallen zu
+ laufen und im wesentlichen das Eisenacher Programm von 1869 oder eine
+ für den heutigen Zeitpunkt angemessene verbesserte Ausgabe desselben
+ anzunehmen. Unsere Partei hätte von den Lassalleanern in theoretischer
+ Beziehung, also in dem, was fürs Programm entscheidend ist, _absolut
+ nichts zu lernen,_ die Lassalleaner aber wohl von ihr; die erste
+ Bedingung der Vereinigung war, daß sie aufhörten, Sektierer,
+ Lassalleaner zu sein, daß sie also vor allem das Allerweltsheilmittel
+ der Staatshilfe wo nicht ganz aufgaben, doch als eine untergeordnete
+ Uebergangsmaßregel unter und neben vielen möglichen anderen
+ anerkannten. Der Programmentwurf beweist, daß unsere Leute theoretisch
+ den Lassalleanerführern hundertmal überlegen — ihnen an politischer
+ Schlauheit ebensowenig gewachsen sind; die „Ehrlichen“ sind einmal
+ wieder von den Nichtehrlichen grausam über den Löffel barbiert.
+
+ Zuerst nimmt man die großtönende, aber historisch falsche Lassallesche
+ Phrase an: gegenüber der Arbeiterklasse seien alle anderen Klassen nur
+ eine reaktionäre Masse. Dieser Satz ist nur in einzelnen
+ Ausnahmefällen wahr, zum Beispiel in einer Revolution des
+ Proletariats, wie die Kommune, oder in einem Land, wo nicht nur die
+ Bourgeoisie Staat und Gesellschaft nach ihrem Bilde gestaltet hat,
+ sondern auch schon nach ihr das demokratische Kleinbürgertum diese
+ Umbildung bis auf ihre letzten Konsequenzen durchgeführt hat. Wenn zum
+ Beispiel in Deutschland das demokratische Kleinbürgertum zu dieser
+ reaktionären Masse gehörte, wie konnte da die sozialdemokratische
+ Arbeiterpartei jahrelang mit ihm, mit der Volkspartei Hand in Hand
+ gehen? Wie kann der „Volksstaat“ fast seinen ganzen politischen Inhalt
+ aus der kleinbürgerlich-demokratischen „Frankfurter Zeitung“ nehmen?
+ Und wie kann man nicht weniger als sieben Forderungen in dies selbe
+ Programm aufnehmen, die direkt und wörtlich übereinstimmen mit dem
+ Programm der Volkspartei und kleinbürgerlichen Demokratie? Ich meine,
+ die sieben politischen Forderungen 1 bis 5 und 1 bis 2, von denen
+ keine einzige, die nicht _bürgerlich_-demokratisch.
+
+ Zweitens wird das Prinzip der Internationalität der Arbeiterbewegung
+ praktisch für die Gegenwart vollständig verleugnet, und das von den
+ Leuten, die fünf Jahre lang und unter den schwierigsten Umständen dies
+ Prinzip auf die ruhmvollste Weise hochgehalten. Die Stellung der
+ deutschen Arbeiter an der Spitze der europäischen Bewegung beruht
+ _wesentlich_ auf ihrer echt internationalen Haltung während des
+ Kriegs; kein anderes Proletariat hätte sich so gut benommen. Und jetzt
+ soll dies Prinzip von ihnen verleugnet werden im Moment, wo überall im
+ Ausland die Arbeiter es in demselben Maß betonen, in dem die
+ Regierungen jeden Versuch seiner Betätigung in einer Organisation zu
+ unterdrücken streben. Und was bleibt allein von Internationalismus der
+ Arbeiterbewegung übrig? Die blasse Aussicht — nicht einmal auf ein
+ späteres Zusammenwirken der europäischen Arbeiter zu ihrer
+ Befreiung — nein, auf eine künftige „internationale
+ Völkerverbrüderung“ — auf die „Vereinigten Staaten von Europa“ der
+ Bourgeois von der Friedensliga!
+
+ Es war natürlich gar nicht nötig, von der Internationale als solche zu
+ sprechen. Aber das mindeste war doch, keinen Rückschritt gegen das
+ Programm von 1869 zu tun und etwa zu sagen: obgleich die deutsche
+ Arbeiterpartei _zunächst_ innerhalb der ihr gesetzten Staatsgrenzen
+ wirkt (sie hat kein Recht, im Namen des europäischen Proletariats zu
+ sprechen, besonders nicht etwas Falsches zu sagen), so ist sie sich
+ ihrer Solidarität bewußt mit den Arbeitern aller Länder, und wird
+ stets bereit sein, wie bisher auch fernerhin die ihr durch diese
+ Solidarität aufgelegten Verpflichtungen zu erfüllen. Derartige
+ Verpflichtungen bestehen auch ohne daß man gerade sich als Teil der
+ „Internationale“ proklamiert oder ansieht, zum Beispiel Hilfe,
+ Abhalten von Zuzug bei Streiks, Sorge dafür, daß die Parteiorgane die
+ deutschen Arbeiter von der ausländischen Bewegung unterrichtet halten,
+ Agitation gegen drohende oder ausbrechende Kabinettskriege, Verhalten
+ während solcher wie 1870 und 1871 mustergültig durchgeführt usw.
+
+ Drittens haben sich unsere Leute das Lassallesche „eherne Lohngesetz“
+ aufoktroyieren lassen, das auf einer ganz veralteten ökonomischen
+ Ansicht beruht, nämlich daß der Arbeiter im Durchschnitt nur das
+ _Minimum_ des Arbeitslohnes erhält, und zwar deshalb, weil nach
+ Malthusscher Bevölkerungstheorie immer zuviel Arbeiter da sind (dies
+ war Lassalles Beweisführung). Nun hat Marx im „Kapital“ ausführlich
+ nachgewiesen, daß die Gesetze, die den Arbeitslohn regulieren, sehr
+ kompliziert sind, daß je nach den Verhältnissen bald dieses, bald
+ jenes vorwiegt, daß sie also keineswegs ehern, sondern im Gegenteil
+ sehr elastisch sind, und daß die Sache gar nicht so mit ein paar
+ Worten abzumachen ist, wie Lassalle sich einbildete. Die Malthussche
+ Begründung des von Lassalle ihm und Ricardo (unter Verfälschung des
+ letzteren) abgeschriebenen Gesetzes, wie sie sich zum Beispiel
+ „Arbeiterlesebuch“ Seite 5 aus einer anderen Broschüre Lassalles
+ zitiert findet, ist von Marx in dem Abschnitt über
+ „Akkumulationsprozeß des Kapitals“ ausführlich widerlegt. Man bekennt
+ sich also durch Adoptierung des Lassalleschen „ehernen Gesetzes“ zu
+ einem falschen Satz und einer falschen Begründung desselben.
+
+ Viertens stellt das Programm als _einzige soziale_ Forderung auf — die
+ Lassallesche Staatshilfe in ihrer nacktesten Gestalt, wie Lassalle sie
+ von Buchez gestohlen hatte. Und das, nachdem Bracke diese Forderung
+ sehr gut in ihrer ganzen Nichtigkeit aufgewiesen; nachdem fast alle,
+ wo nicht alle Redner unserer Partei im Kampf mit den Lassalleanern
+ genötigt gewesen sind, gegen diese „Staatshilfe“ aufzutreten! Tiefer
+ konnte unsere Partei sich nicht demütigen. Der Internationalismus
+ heruntergekommen auf Amand Gögg, der Sozialismus auf den
+ Bourgeoisrepublikaner Buchez, der diese Forderung _gegenüber den
+ Sozialisten_ stellte, um sie auszustechen!
+
+ Im besten Fall aber ist die „Staatshilfe“ im Lassalleschen Sinne doch
+ nur eine einzige Maßregel unter vielen anderen, um das Ziel zu
+ erreichen, was hier mit den lahmen Worten bezeichnet wird: „um die
+ Lösung der sozialen Frage anzubahnen“, als ob es für uns noch eine
+ theoretisch _ungelöste_ soziale _Frage_ gäbe! Wenn man also sagt: Die
+ deutsche Arbeiterpartei erstrebt die Abschaffung der Lohnarbeit und
+ damit der Klassenunterschiede vermittels der Durchführung der
+ genossenschaftlichen Produktion in Industrie und Ackerbau und auf
+ nationalem Maßstab; sie tritt ein für jede Maßregel, welche geeignet
+ ist, dieses Ziel zu erreichen! — so kann kein Lassalleaner etwas
+ dagegen haben.
+
+ Fünftens ist von der Organisation der Arbeiterklasse als Klasse
+ vermittels der Gewerksgenossenschaften gar keine Rede. Und das ist ein
+ sehr wesentlicher Punkt, denn dies ist die eigentliche
+ Klassenorganisation des Proletariats, in der es seine täglichen Kämpfe
+ mit dem Kapital durchficht, in der es sich schult, und die heutzutage
+ bei der schlimmsten Reaktion (wie jetzt in Paris) platterdings nicht
+ mehr kaput zu machen ist. Bei der Wichtigkeit, die diese Organisation
+ auch in Deutschland erreicht, wäre es unserer Ansicht nach unbedingt
+ notwendig, ihrer im Programm zu gedenken und ihr womöglich einen Platz
+ in der Organisation der Partei offen zu lassen.
+
+ Das alles haben unsere Leute den Lassalleanern zu Gefallen getan. Und
+ was haben die anderen nachgegeben? Daß ein Haufen ziemlich verworrener
+ _rein demokratischer Forderungen_ im Programm figurieren, von denen
+ manche reine Modesache sind, wie zum Beispiel die „Gesetzgebung durch
+ das Volk“, die in der Schweiz besteht und mehr Schaden als Nutzen
+ anrichtet, wenn sie überhaupt was anrichtet. Verwaltung durch das
+ Volk, das wäre noch etwas. Ebenso fehlt die erste Bedingung aller
+ Freiheit: daß alle Beamte für alle ihre Amtshandlungen jedem Bürger
+ gegenüber vor den gewöhnlichen Gerichten und nach gemeinem Recht
+ verantwortlich sind. Davon, daß solche Forderungen wie: Freiheit der
+ Wissenschaft — Gewissensfreiheit, in jedem liberalen Bourgeoisprogramm
+ figurieren und sich hier etwas befremdend ausnehmen, davon will ich
+ weiter nicht sprechen.
+
+ Der freie Volksstaat ist in den freien Staat verwandelt.
+ Grammatikalisch genommen ist ein freier Staat ein solcher, wo der
+ Staat frei gegenüber seinen Bürgern ist, also ein Staat mit
+ despotischer Regierung. Man sollte das ganze Gerede vom Staat fallen
+ lassen, besonders seit der Kommune, die schon kein Staat im
+ eigentlichen Sinne mehr war. Der „_Volksstaat_“ ist uns von den
+ Anarchisten bis zum Ueberdruß in die Zähne geworfen worden, obwohl
+ schon die Schrift Marx' gegen Proudhon und nachher das Kommunistische
+ Manifest direkt sagen, daß mit Einführung der sozialistischen
+ Gesellschaftsordnung der Staat sich von selbst auflöst und
+ verschwindet. Da nun der Staat doch nur eine vorübergehende
+ Einrichtung ist, deren man sich im Kampf, in der Revolution bedient,
+ um seine Gegner gewaltsam niederzuhalten, so ist ist es purer Unsinn,
+ von freiem Volksstaat zu sprechen: solange das Proletariat den Staat
+ noch _gebraucht_, gebraucht es ihn nicht im Interesse der Freiheit,
+ sondern der Niederhaltung seiner Gegner, und sobald von Freiheit die
+ Rede sein kann, hört der Staat als solcher auf, zu bestehen. Wir
+ würden daher vorschlagen, überall statt _Staat_ „Gemeinwesen“ zu
+ setzen, ein gutes altes deutsches Wort, das das französische „Kommune“
+ sehr gut vertreten kann.
+
+ „Beseitigung aller sozialen und politischen Ungleichheit“ ist auch
+ eine sehr bedenkliche Phrase statt: „Aufhebung aller
+ Klassenunterschiede“. Von Land zu Land, von Provinz zu Provinz, von
+ Ort zu Ort sogar wird immer eine _gewisse_ Ungleichheit der
+ Lebensbedingungen bestehen, die man auf ein Minimum reduzieren, aber
+ nie ganz beseitigen können wird. Alpenbewohner werden immer andere
+ Lebensbedingungen haben als Leute des flachen Landes. Die Vorstellung
+ der sozialistischen Gesellschaft als des Reiches der _Gleichheit_ ist
+ eine einseitige französische Vorstellung, anlehnend an das alte
+ „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, eine Vorstellung, die _als
+ Entwicklungsstufe_ ihrer Zeit und ihres Ortes berechtigt war, die
+ aber, wie alle die Einseitigkeiten der früheren sozialistischen
+ Schulen, jetzt überwunden sein sollten, da sie nur Verwirrung in den
+ Köpfen anrichten, und präzisere Darstellungsweisen der Sache gefunden
+ sind.
+
+ Ich höre auf, obwohl fast jedes Wort in diesem dabei saft- und
+ kraftlos redigierten Programm zu kritisieren wäre. Es ist der Art,
+ daß, falls es angenommen wird, Marx und ich uns _nie_ zu der auf
+ dieser Grundlage errichteten _neuen_ Partei bekennen können und uns
+ sehr ernstlich werden überlegen müssen, welche Stellung wir — auch
+ öffentlich — ihr gegenüber zu nehmen haben. Bedenken Sie, daß man _uns_
+ im Auslande für alle und jede Aeußerungen und Handlungen der deutschen
+ sozialdemokratischen Arbeiterpartei verantwortlich macht. So Bakunin
+ in seiner Schrift „Politik und Anarchie“, wo wir einstehen müssen für
+ jedes unüberlegte Wort, das Liebknecht seit Stiftung des
+ „Demokratischen Wochenblattes“ gesagt und geschrieben. Die Leute
+ bilden sich eben ein, wir kommandierten von hier aus die ganze
+ Geschichte, während Sie so gut wie ich wissen, daß wir uns fast nie im
+ geringsten in die inneren Parteiangelegenheiten gemischt, und auch
+ dann nur, um Böcke, die nach unserer Ansicht geschossen worden, und
+ zwar _nur theoretische_, wieder nach Möglichkeit gutzumachen. Sie
+ werden aber selbst einsehen, daß dies Programm einen Wendepunkt
+ bildet, der uns sehr leicht zwingen könnte, alle und jede
+ Verantwortlichkeit mit der Partei, die es anerkennt, abzulehnen.
+
+ Im allgemeinen kommt es weniger auf das offizielle Programm einer
+ Partei an, als auf das, was sie tut. Aber ein _neues_ Programm ist
+ doch immer eine öffentlich aufgepflanzte Fahne, und die Außenwelt
+ beurteilt danach die Partei. Es sollte daher keinenfalls einen
+ Rückschritt enthalten, wie dies gegenüber dem Eisenacher. Man sollte
+ doch auch bedenken, was die Arbeiter anderer Länder zu diesem Programm
+ sagen werden; welchen Eindruck diese Kniebeugung des gesamten
+ deutschen sozialen Proletariats vor dem Lassalleanismus machen wird.
+
+ Dabei bin ich überzeugt, daß eine Einigung auf _dieser_ Basis kein
+ Jahr dauern wird. Die besten Köpfe unserer Partei sollten sich dazu
+ hergeben, auswendig gelernte Lassallesche Sätze vom ehernen Lohngesetz
+ und der Staatshilfe abzuleiern? Ich möchte zum Beispiel Sie dabei
+ sehen! Und täten sie es, ihre Zuhörer würden sie auszischen. Und ich
+ bin sicher, die Lassalleaner bestehen gerade auf _diesen_ Stücken des
+ Programms wie der Jude Shylock auf seinem Pfund Fleisch. Die Trennung
+ wird kommen; aber wir werden Hasselmann, Hasenclever und Tölcke und
+ Konsorten wieder „ehrlich gemacht“ haben; wir werden schwächer und die
+ Lassalleaner stärker aus der Trennung hervorgehen; unsere Partei wird
+ ihre politische Jungferschaft verloren haben und wird nie wieder gegen
+ Lassallephrasen, die sie eine Zeitlang selbst auf die Fahne
+ geschrieben, herzhaft auftreten können; und wenn die Lassalleaner dann
+ wieder sagen: sie seien die eigentlichste und einzige Arbeiterpartei,
+ unsere Leute seien Bourgeois, so ist das Programm da, um es zu
+ beweisen. Alle sozialistischen Maßregeln darin sind _ihre_, und
+ _unsere_ Partei hat nichts hineingesetzt als Forderungen der
+ kleinbürgerlichen Demokratie, die doch _auch von ihr_ in denselben
+ Programm als Teil der „reaktionären Masse“ bezeichnet ist!
+
+ Ich hatte diesen Brief liegen lassen, da Sie doch erst am 1. April zu
+ Ehren von Bismarcks Geburtstag frei kommen und ich ihn nicht der
+ Chance des Abfassens bei einem Schmuggelversuch aussetzen wollte. Da
+ kommt nun gerade ein Brief von Bracke, der auch wegen des Programms
+ seine schweren Bedenken hat und unsere Meinung wissen will. Ich
+ schicke ihn daher zur Beförderung an ihn, damit er ihn lese und ich
+ den ganzen Kram nicht noch einmal zu schreiben brauche. Uebrigens habe
+ ich Ramm ebenfalls klaren Wein eingeschenkt, an Liebknecht schrieb ich
+ nur kurz. Ich verzeihe ihm nicht, daß er uns von der ganzen Sache kein
+ Wort mitgeteilt (während Ramm und andere glaubten, er habe uns genau
+ unterrichtet), bis es sozusagen zu spät war. Das hat er zwar von jeher
+ so gemacht — und daher die viele unangenehme Korrespondenz, die wir,
+ Marx sowohl wie ich, mit ihm hatten — aber diesmal ist es doch zu arg,
+ und _wir gehen entschieden nicht mit_.
+
+ Sehen Sie, daß Sie es einrichten, im Sommer herzukommen, Sie wohnen
+ natürlich bei mir, und wenn das Wetter gut, können wir ein paar Tage
+ seebaden gehen, das wird Ihnen nach dem langen Brummen recht nützlich
+ sein.
+
+ Freundlichst Ihr
+
+ F.E.
+
+ Marx ist eben ausgezogen, er wohnt 41 Maitland Park Crescent NW,
+ London.“
+
+Unter dem 10. Mai schrieb alsdann Bracke an Marx mit Bezug auf meine
+nunmehrige Stellung:
+
+ „Ich hatte erst geglaubt, Bebel würde zu einem entschiedenen Vorgehen
+ geneigt sein, aber einesteils seine angegriffene Gesundheit und die
+ notwendige geschäftliche Rehabilitierungsarbeit, anderenteils
+ dringende Bitten von Liebknecht scheinen ihn abgehalten zu haben.“
+
+Es waren nicht allein Liebknechts Bitten, die mich veranlaßten, meiner
+Unzufriedenheit über den Programmentwurf keinen öffentlichen Ausdruck zu
+geben, es war das Drängen von allen Seiten: ich möge durch mein
+Auftreten es nicht zu einem Eklat treiben und damit vielleicht die
+Vereinigung unmöglich machen.
+
+Diesem Verlangen gab ich nach, denn die Vereinigung lag auch mir am
+Herzen. Ueberdies war das Drängen nach Vereinigung in der Partei so
+stark, daß alle Rücksichten auf programmatische Bedenken schweigen
+mußten. Schließlich konnten die gemachten Fehler später repariert
+werden.
+
+ * * * * *
+
+Die Einigungsbestrebungen unter der Führerschaft wurden wesentlich
+gefördert durch den Wiederzusammentritt des Reichstags, der die längere
+Anwesenheit der Abgeordneten in Berlin gebot. Die Session wurde am 29.
+Oktober 1874 eröffnet, aber schon am 30. Januar geschlossen. Die
+Beteiligung unserer Vertreter an den Verhandlungen war keine lebhafte.
+Die Verhandlungen über die Einigung der Partei nahmen das Interesse der
+Abgeordneten mehr in Anspruch als die Beratungen des Reichstags,
+obgleich denselben wichtige Vorlagen beschäftigten. So war unter anderen
+der Entwurf eines Gerichtsverfassungsgesetzes, einer Straf- und einer
+Zivilprozeßordnung vorgelegt worden und ein Gesetzentwurf über den
+Landsturm, zu dem später Liebknecht und Hasselmann das Wort nahmen.
+
+Selbstverständlich wurde wieder der Antrag auf unsere Beurlaubung aus
+der Haft während der Dauer der Session eingebracht, der diesmal
+Hasenclever, Most und mich umfaßte. Zu der Begründung des Antrags nahm
+Liebknecht das Wort, der sich die Gelegenheit nicht entgehen ließ, die
+Prozesse, die unsere Verurteilung herbeigeführt, unter die Lupe zu
+nehmen und die Urteile gründlich zu zerzausen. Besonders nachdrücklich
+sprach er sich über die unwürdige Behandlung aus, die damals Most in
+Plötzensee zuteil wurde.
+
+Nach Liebknecht nahm Windthorst das Wort, der sich ebenfalls lebhaft
+über die Behandlung politischer Gefangener aus dem Lager der
+Althannoveraner beklagte. Dem Antrag auf unsere Freilassung könne er
+aber in Rücksicht auf den Inhalt des Artikel 31 der Verfassung nicht
+zustimmen, er wünsche aber, daß, wenn ein in Gefangenschaft befindlicher
+Abgeordneter einen Antrag auf seine Beurlaubung stelle, die Regierungen
+auf einen solchen Antrag bereitwillig eingingen und der Herr
+Reichskanzler dafür eintrete. Bismarck nahm darauf das Wort und bemerkte
+spöttisch, der „Herr Reichskanzler“ werde im vorliegen den Falle dafür
+eintreten, daß der Verhaftete beurlaubt werde, wenn er darum bitte, denn
+Reden wie die der beiden Vorredner habe man lange nicht im Reichstag
+gehört, sie seien außerordentlich lehrreich und fehlten uns seit langem.
+(Heiterkeit.) Der Reichstag ahnte nicht, daß er auf Grund des
+ablehnenden Beschlusses, den er, ähnlich wie früher, faßte, in Bälde in
+eine unangenehme Situation gebracht wurde. Die Verhandlungen über den
+Antrag Liebknecht und Genossen waren am 21. November gewesen, aber
+bereits am 12. Dezember sah sich der Abgeordnete Lasker, unterstützt
+durch die Abgeordneten v. Bennigsen, Schenk v. Stauffenberg, v.
+Forckenbeck, Dr. Hänel, Windthorst, v. Denzin, Dr. Schwarze und Fürst
+Hohenlohe-Langenburg — also den Vertretern sämtlicher bürgerlichen
+Parteien —, genötigt, den Antrag zu stellen:
+
+ „Mit Rücksicht darauf, daß die am gestrigen Tage erfolgte Verhaftung
+ des Reichstagsmitglieds Herrn Majunke infolge eines rechtskräftigen
+ Strafurteils glaubhaft berichtet wird, die Geschäftsordnungskommission
+ mit schleuniger Berichterstattung darüber zu beauftragen: 1. Ob nach
+ Artikel 31 der deutschen Reichsverfassung die Verhaftung eines
+ Reichstagsmitglieds _während der Session des Reichstags ohne
+ Zustimmung_ des letzteren verfassungsmäßig zulässig ist; 2. ob und
+ welche Schritte zu veranlassen sind, um einer Verhaftung von
+ Mitgliedern des Reichstags infolge eines rechtskräftigen Strafurteils
+ _während der Session_ des Reichstags ohne Zustimmung desselben
+ vorzubeugen.“
+
+Der Antrag, in dessen Beratung das Haus sofort eintrat, war lächerlich.
+War, wie das Haus wiederholt und zuletzt erst am 21. November
+entschieden hatte, der Artikel 31 der Verfassung auf die _Strafhaft_ von
+Abgeordneten nicht anwendbar, dann hatten die zuständigen Behörden auch
+das unbestreitbare Recht, einen Abgeordneten _während der Session_ in
+Strafhaft zu nehmen. Nun hatte der Fall des Abgeordneten Majunke, der
+als Redakteur der „Germania“ zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden
+war, ungeheures Aufsehen erregt. Es war auch unzweifelhaft, daß seine
+Verhaftung kurz vor Beginn einer Reichstagssitzung nicht ohne Bismarcks
+Zustimmung erfolgte. Denn tatsächlich war das Urteil schon seit dem 23.
+September rechtskräftig, man konnte also mit der Verhaftung Majunkes
+ohne Schaden für die Rechtspflege auch bis zum Schluß der Session, Ende
+Januar, warten, nachdem man es unterlassen, ihn vor Beginn der Session
+in Haft zu nehmen. Aber das wollte Bismarck nicht. Er wollte offenbar
+dem Zentrum für die Debatte am 4. Dezember einen Denkzettel geben; daß
+damit auch der Reichstag moralisch geohrfeigt wurde, der sich diesen
+Streich auf Grund seiner eigenen Beschlüsse gefallen lassen mußte, war
+ihm sehr gleichgültig. Er fand es auch nicht einmal der Mühe wert, sich
+zur Verhandlung einzustellen. Der Antrag Lasker wurde also der
+Geschäftsordnungskommission überwiesen, die aber, wie vorauszusehen war,
+sich über keinen Antrag zu einigen vermochte und in einigen Tagen mit
+leeren Händen vor das Haus trat. Hier nahm die Debatte denselben
+kläglichen Verlauf. Eine Reihe Anträge, die gestellt wurden, lehnte
+stets irgend eine Mehrheit ab. Der Ausgang der Sache war für den
+Reichstag so blamabel wie möglich.
+
+Ich erwähnte die Debatte vom 4. Dezember als Grund für den Racheakt
+Bismarcks gegen Majunke. In jener Sitzung hielt der katholische
+Sozialpolitiker Jörg eine Rede über Bismarcks auswärtige Politik und die
+Nichteinberufung des Bundesratsausschusses für die Kontrolle dieser
+Politik. Bismarck, erbittert über einen Hirtenbrief der französischen
+Bischöfe, von denen mehrere zu jener Zeit auch elsaß-lothringische
+Reichsangehörige zu ihren Diözesanen zählten, worin die Bischöfe sich
+über die deutschen Kulturkampfmaßregeln mißbilligend äußerten, hatte
+eine Zirkulardepesche an die Gesandten des Reiches versendet, in der er
+ausführte: Sollte sich herausstellen, daß es für das Deutsche Reich
+nicht möglich sei, mit dem westlichen Nachbarn in einem dauernden
+Frieden zu leben, dann werde man nicht abwarten, bis die Franzosen
+vollkommen zum Losschlagen gerüstet seien, sondern werde den geeigneten
+Moment selbst wählen und die Initiative ergreifen. Das war eine Drohung
+mit Krieg, die große Beunruhigung hervorrief. Nach einem Bismarckschen
+Wort in der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung“ erhielt die Depesche die
+historische Bezeichnung: die Kaltwasserstrahldepesche. Jörg sah in
+diesem Vorgehen Bismarcks eine unverantwortliche Handlungsweise, die
+leichtherzig das Reich großen Gefahren aussetzte. Auch beschwerte er
+sich darüber, daß man das Zentrum für das Attentat Kullmanns, das dieser
+an Bismarck im verflossenen Sommer in Kissingen begangen hatte,
+verantwortlich mache. Jörg bezeichnete Kullmann als einen
+Halbverrückten, für den das Zentrum keine Verantwortung übernehme.
+Bismarck ging darauf in einer sehr aggressiven Rede gegen das Zentrum
+los. Mit Hinweis auf das Geständnis, das Kullmann ihm, Bismarck, im
+Gefängnis gemacht, daß er durch Lesen der Zentrumspresse zu dem Attentat
+bestimmt worden sei, erhob er die Beschuldigung, das Zentrum trage an
+dem Attentat die Mitschuld, Kullmann hänge ihm an den Rockschößen. Diese
+Worte riefen einen ungeheuren Lärm hervor, aus dem wiederholte
+Pfuis ertönten, die man aus der Mitte des Zentrums Bismarck
+entgegenschleuderte. Der Hauptrufer im Streit war der spätere Präsident
+des Reichstags, Graf Ballestrem.
+
+Diesen Vorgang hatte Bismarck nicht vergessen, denn eine
+Haupteigenschaft seiner Berserkernatur war, ein guter Hasser zu sein.
+Mit seinem Hasse hat er mir immer imponiert, dagegen mißfiel mir im
+höchsten Grade die kleinliche und gehässige Art, wie er seinem Hasse
+Befriedigung verschaffte. Hier war ihm jedes Mittel recht.
+
+In dieser Session trugen wir unerwartet einen Erfolg davon. Most hatte
+sich in einer Petition beschwerdeführend über seine Behandlung in
+Plötzensee an den Reichstag gewendet und eine gesetzliche Regelung der
+Strafhaft beantragt. Die Petitionskommission, die darüber Bericht zu
+erstatten hatte, konnte sich der Berechtigung der Mostschen Klagen nicht
+entziehen. Bei der Verhandlung im Plenum, in der Liebknecht ebenfalls
+das Wort nahm, wurde der folgende Antrag der Kommission mit großer
+Mehrheit angenommen:
+
+ „Die Petition dem Herrn Reichskanzler mit der Aufforderung zu
+ überweisen, dahin zu wirken, daß in denjenigen Bundesstaaten, in
+ welchen die Strafvollstreckung bislang nicht durch Gesetz geregelt
+ ist, insbesondere im Königreich Preußen, von den Bundesregierungen
+ schleunigst der Strafvollzug und das Gefängniswesen in einer Weise
+ geordnet wird, daß dadurch der Vollzug der Strafen, namentlich der
+ Gefängnisstrafen, im Sinne des Strafgesetzbuchs, insbesondere des § 16
+ desselben, sichergestellt wird;
+
+ den Herrn Reichskanzler ferner zu ersuchen, bei der königlich
+ preußischen Regierung dahin zu wirken, daß der § 23 der Instruktion
+ vom 24. Oktober 1837, der Justizministerialerlaß vom 24. November
+ 1851 (5c) und § 37 der Hausordnung für das Strafgefängnis bei Berlin,
+ als mit dem § 16, Alinea 2, des Strafgesetzbuchs in Widerspruch
+ stehend beseitigt werden.“
+
+Meine Freilassung am 1. April 1875 — dem Geburtstag Bismarcks — nach
+einunddreißigmonatiger Haft, war nicht nur ein Freudentag für meine
+Familie und mich. Es gingen mir von allen Seiten aus der Partei eine
+solche Menge Glückwünsche in Briefen und Depeschen zu, daß ich sagen
+darf, auch ein großer Teil der Partei betrachtete den Tag als einen
+Freudentag.
+
+Für den 11. April hatte mein Wahlkreis eine große Empfangsfeier in
+Glauchau veranstaltet, die ich mit meiner Familie besuchte. In der Rede,
+die ich hielt, sagte ich mit Bezug auf die bevorstehende Vereinigung:
+„Ich begrüße mit voller Freude die Mitglieder der anderen Fraktion, die
+uns oft von dieser Stelle aus als Gegner gegenüberstanden; wir gehen
+fortan nicht nur friedlich nebeneinander, wir kämpfen jetzt schon
+gemeinsam miteinander für das hohe Ziel, dem wir zustreben. In Bälde
+werden wir aber vereinigt sein in einem gemeinsamen Verband. So heftig
+wir uns früher bekämpft, nunmehr werden wir um so gestärkter, mutiger
+und furchtloser gegen den gemeinsamen Feind vorgehen. Der Erfolg wird
+nicht ausbleiben.“ Die Stimmung auf dem Feste war die denkbar beste,
+alle waren im Hinblick auf die stattgehabte Versöhnung wie von einem Alp
+befreit. Im Juli folgten die Meeraner Genossen ebenfalls mit einem
+großen Feste und später Hohenstein-Ernstthal.
+
+Moritz Heß erlebte die Vereinigung nicht mehr. Er starb im April in
+Paris. Karl Hirsch hielt die Leichenrede. In demselben Monat starb auch
+Georg Herwegh, der sich seit Lassalles Tod der Partei ferngehalten
+hatte, und zwar in Baden-Baden. In demselben Jahre sah sich die
+„Frankfurter Zeitung“ veranlaßt, eine Sammlung für den ehemaligen
+„Zuchthäusler“ August Röckel zu veranstalten, der in größter Not in Wien
+lebte.
+
+
+
+
+Vom Vereinigungskongreß zu Gotha bis zum Vorabend des
+Sozialistengesetzes.
+
+
+
+
+Das Einigungswerk
+
+
+Der Vereinigungskongreß war auf den 25. Mai 1875 und die folgenden Tage
+von dem vorberatenden Komitee einberufen worden. Nach jahrelangen
+gegenseitigen erbitterten Kämpfen standen sich jetzt die bisher
+feindlichen Brüder zu gemeinsamem Werke Auge in Auge gegenüber. Daß man
+sich nicht gleich brüderlich umarmte, sondern zum Teil noch immer
+mißtrauisch betrachtete, wer wird sich darüber wundern? Es bedurfte noch
+großer gegenseitiger Rücksichtnahme und gegenseitig einer Behandlung,
+als habe man es mit rohen Eiern zu tun, sollte es nicht zum
+Aufeinanderplatzen der noch vorhandenen persönlichen und sachlichen
+Gegensätze kommen. Neugierig und gespannt blickten unsere gemeinsamen
+Gegner in jenen Tagen nach Gotha, ob das Vereinigungswerk gelinge. Und
+es gelang nach einigen kleinen Reibereien über Erwarten und trug seine
+Früchte.
+
+Auf dem Kongreß waren 25659 Parteigenossen durch 127 Delegierte
+vertreten. Davon entfielen auf den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein
+16538 Mitglieder mit 71 Delegierten, auf die Sozialdemokratische
+Arbeiterpartei 9121 Mitglieder mit 56 Delegierten.
+
+Die Versammlung eröffnete W. Bock-Gotha im Namen des Lokalkomitees und
+begrüßte die Anwesenden. Bock war einer der Mitbegründer der
+Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Eisenach, und nun legte er zum
+zweiten Male mit Hand ans Werk zur Gründung der neuen, größeren Partei.
+
+Zu Vorsitzenden des Kongresses wurden Geib und Hasenclever gewählt. Bei
+der Mandatprüfung erklärte ich mich für die Zulassung einer kleinen
+Vereinigung von Lassalleanern in Leipzig, die sich vom Hauptverein
+abgesplittert hatte. Solle Vereinigung sein, so ganze. Auer
+widersprach. Mein Antrag fiel, doch ließ man den Vertreter der Sekte mit
+beratender Stimme zu. Ich hatte also halb gesiegt. Weiter war von
+Breslau der Antrag gestellt, die beiden Fraktionen sollten vor Eintritt
+des Gesamtkongresses in die Beratung ihre Separatkongresse abhalten, um
+ihre inneren Angelegenheiten zu ordnen. Dagegen erklärte sich Auer.
+Diese könnten ebensogut nach dem allgemeinen Kongreß abgehalten werden.
+Die Eisenacher brauchten dazu einen Tag. Deren Abrechnungen stimmten,
+wie die anwesenden Delegierten bezeugen würden. Der Kongreß finde nach
+getroffenen Vereinbarungen der Vertreter der beiden Parteien statt.
+Hintergedanken habe niemand gehabt. Bei den Eisenachern gelte die
+Parole: Wir sind arm, aber ehrlich. Wir könnten den Kongreß nicht in die
+Länge ziehen, daher seien wir gegen den Breslauer Antrag. Diese
+Ausführungen Auers verletzten erklärlicherweise die andere Seite, und so
+nahm _Fritzsche_ am folgenden Tage das Wort, um sich über die Aeußerung
+Auers: „Wir sind arm, aber ehrlich“, zu beschweren. Diese Worte
+erweckten den Verdacht, als gehe es im Allgemeinen Deutschen
+Arbeiterverein unehrlich zu. _Geib_ beruhigte Fritzsche. Auer erklärte:
+Er halte die Aeußerung unter den gegebenen Verhältnissen für
+gerechtfertigt. Die Lassalleaner hätten selbst solche Angriffe erhoben
+und dabei von „beiden Seiten“ gesprochen.
+
+Dieses war der einzige ernstliche Mißton, der in den Verhandlungen zum
+Vorschein kam.
+
+In der Programmfrage war _Liebknecht_ Referent. Im Programm war der Satz
+enthalten: Die Befreiung der Arbeiter muß das Werk der Arbeiterklasse
+sein, „der gegenüber alle anderen Klassen nur eine reaktionäre Masse
+sind“. Ich beantragte, an Stelle des letzten Satzes zu sagen: Der
+gegenüber alle anderen Klagen reaktionär sind. Vahlteich ging weiter und
+beantragte die Streichung des ganzen Abschnittes. Sein Antrag wurde mit
+12 gegen 111 Stimmen, der meine mit 58 gegen 50 Stimmen abgelehnt. Bei
+der Spezialberatung der nächsten Forderungen beantragte ich, das
+Wahlrecht für Staatsangehörige beiderlei Geschlechts zu fordern.
+_Hasselmann_ erklärte sich gegen, _Auer_ für meinen Antrag. Derselbe
+wurde mit 55 gegen 62 Stimmen abgelehnt. Nachträglich gab _Hasenclever_
+die Erklärung ab: Viele Delegierte hätten gegen meinen Antrag gestimmt,
+weil sie die Forderung durch den Ausdruck Staatsangehörigen gedeckt
+hielten; ähnlich äußerte sich Liebknecht, er habe aus stilistischen
+Gründen (beiderlei Geschlechts) gegen meinen Antrag gestimmt, in der
+Sache selbst sei er mit mir einverstanden. Es wurden alsdann noch eine
+Reihe kleinerer Verbesserungsanträge, die wir gestellt, angenommen. In
+der Endabstimmung fand das Programm einstimmig Annahme. In seinen
+prinzipiellen Sätzen lautete nunmehr dasselbe:
+
+ 1. Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur, und da
+ allgemein nutzbringende Arbeit nur durch die Gesellschaft möglich ist,
+ so gehört der Gesellschaft, das heißt allen ihren Gliedern, das
+ gesamte Arbeitsprodukt, bei allgemeiner Arbeitspflicht, nach gleichem
+ Recht, jedem nach seinen vernunftgemäßen Bedürfnissen.
+
+ In der heutigen Gesellschaft sind die Arbeitsmittel Monopol der
+ Kapitalistenklasse; die hierdurch bedingte Abhängigkeit der
+ Arbeiterklasse ist die Ursache des Elends und der Knechtschaft in
+ allen Formen.
+
+ Die Befreiung der Arbeit erfordert die Verwandlung der Arbeitsmittel
+ in Gemeingut der Gesellschaft und die genossenschaftliche Regelung der
+ Gesamtarbeit mit gemeinnütziger Verwendung und gerechter Verteilung
+ des Arbeitsertrags.
+
+ Die Befreiung der Arbeit muß das Werk der Arbeiterklasse sein, der
+ gegenüber alle anderen Klassen nur eine reaktionäre Masse sind.
+
+ 2. Von diesen Grundsätzen ausgehend, erstrebt die Sozialistische
+ Arbeiterpartei Deutschlands mit allen gesetzlichen Mitteln den freien
+ Staat und die sozialistische Gesellschaft, die Zerbrechung des ehernen
+ Lohngesetzes durch Abschaffung des Systems der Lohnarbeit, die
+ Aufhebung der Ausbeutung in jeder Gestalt, die Beseitigung aller
+ sozialen und politischen Ungleichheit.
+
+ Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, obgleich zunächst im
+ nationalen Rahmen wirkend, ist sich des internationalen Charakters der
+ Arbeiterbewegung bewußt und entschlossen, alle Pflichten, welche
+ dieselbe den Arbeitern auferlegt, zu erfüllen, um die Verbrüderung
+ aller Menschen zur Wahrheit zu machen.
+
+ 3. Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands fordert, um die
+ Lösung der sozialen Frage anzubahnen, die Errichtung von
+ sozialistischen Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe unter der
+ demokratischen Kontrolle des arbeitenden Volkes. Die
+ Produktivgenossenschaften sind für Industrie und Ackerbau in solchem
+ Umfang ins Leben zu rufen, daß aus ihnen die sozialistische
+ Organisation der Gesamtarbeit entsteht.
+Im weiteren folgten die Forderungen für die Demokratisierung des Staates
+und die nächsten sozialen Forderungen.
+
+Wie aus dem Programm hervorgeht, war der Name der vereinigten Partei:
+„Sozialistische Arbeiterpartei.“ Ueber die vorgeschlagene Organisation
+berichtete _Hasenclever_, die mit einigen Aenderungen ebenfalls nach der
+Vorlage einstimmig angenommen wurde. Danach stand an der Spitze der
+Partei ein Vorstand aus fünf Personen, die der Kongreß wählte. Für die
+Kontrolle der Geschäftsführung des Vorstandes wurde eine
+Kontrollkommission aus sieben Personen eingesetzt, deren Sitz der
+Kongreß bestimmte und deren Wahl durch die Mitglieder der Partei an dem
+Sitz der Kontrollkommission vorgenommen wurde. Außerdem wurde ein
+Ausschuß von achtzehn Personen, über Deutschland verteilt wohnend,
+gewählt, der als vorläufig richtende Instanz über den Parteivorstand zu
+entscheiden hatte und bei besonders wichtigen Vorgängen zur Beratung von
+seiten des Vorstandes eingeladen werden sollte. Die Leitung der
+örtlichen Geschäfte wurde einem Agenten übertragen, den auf Vorschlag
+der Mitglieder eines Ortes der Parteivorstand einsetzte. Man hoffte
+damit einer Anklage wegen gesetzwidriger Verbindung von Vereinen aus dem
+Wege zu gehen. Wie sich bald ergab, vergeblich.
+
+Als Sitz des Parteivorstandes wurde auf meinen Vorschlag Hamburg
+bestimmt. Weiter wurden die von mir vorgeschlagenen Gehälter für die
+fünf Vorstandsmitglieder angenommen, wonach der geschäftsführende
+Vorsitzende monatlich 65 Taler, sein Stellvertreter 15 Taler, die beiden
+Schriftführer je 50 Taler, der Kassierer 35 Taler erhalten sollten.
+Diese Sätze waren vorher unter uns vereinbart worden; ebenso schlug ich
+im Namen der Eisenacher vor, in den neuen Vorstand drei Lassalleaner und
+zwei Eisenacher zu wählen, was ebenfalls Annahme fand. Darauf wurden
+_Hasenclever_ als erster, _Hartmann_-Hamburg als zweiter Vorsitzender,
+_Auer_ und _Derossi_ als Schriftführer, _Geib_ als Kassierer gewählt.
+Sitz der Kontrollkommission wurde Leipzig und ich deren Vorsitzender.
+
+Offizielle Organe der Partei wurden der „Neue Sozialdemokrat“ in Berlin
+und der Leipziger „Volksstaat“. Beide Blätter gingen in Parteieigentum
+über.
+
+Am 27. Mai abends halb 12 Uhr waren die Beratungen zu Ende und wurde der
+Kongreß mit einem Hoch auf die Arbeiter aller Kulturstaaten und
+nachfolgendem Gesang der Arbeitermarseillaise geschlossen.
+
+ * * * * *
+
+Bracke, der dem Kongreß aus Gesundheitsrücksichten fernbleiben mußte,
+war am Schlusse desselben durch die erzielten Resultate in günstigerer
+Stimmung. So schrieb er am 27. Mai an Engels:
+
+ „Ich persönlich kann Ihnen noch keine Mitteilung sagen, da man das,
+ was beschlossen ist, erst vor sich haben muß, ehe man urteilt. Sind
+ diese Beschlüsse nicht unsinnig, werden wir auch keinen Unsinn machen.
+ (Anspielung auf einen Brief Liebknechts an Bracke.) Jedenfalls war bei
+ Liebknecht, Geib usw. der ernste Wille vorhanden, den begangenen
+ Fehler wieder gutzumachen. Der Verlauf des Kongresses hat gezeigt, daß
+ die Konzessionen des Entwurfes weit weniger wegen der Arbeiter nötig
+ waren als aus persönlicher Rücksicht gegen Hasenclever usw. _Soweit
+ bis jetzt ein Urteil möglich ist, bin ich mit dem Kongreß zufrieden,_
+ denn derselbe hat gezeigt, daß die Arbeiter tatsächlich viel weiter
+ sind als ich glaubte.“
+
+Ich kam erst im Herbst dazu, Engels auf seinen Brief von Ende März zu
+antworten. Ich schrieb:
+
+ „Leipzig, den 21. Sept. 1875.
+
+ Lieber Engels!
+
+ Ich muß recht sehr um Entschuldigung bitten, daß ich Sie auf Ihren
+ Brief von Ende März ohne alle Antwort gelassen. Ich kann Ihnen aber
+ versichern, daß ich in den ersten drei bis vier Monaten nach meiner
+ Freilassung keine ruhige Stunde gehabt, in der ich den Brief hätte
+ beantworten können, und selbst heute fällt es mir schwer, die nötige
+ Muße aufzutreiben.
+
+ Mit dem Urteil, das Sie über die Programmvorlage fällten, stimme ich,
+ wie das auch Briefe von mir an Bracke beweisen, vollkommen überein.
+ Ich habe auch Liebknecht über seine Nachgiebigkeit heftige Vorwürfe
+ gemacht, aber nachdem einmal das Malheur geschehen war, galt es, sich
+ so gut als möglich herauszuziehen. Was der Kongreß beschlossen, war
+ das Aeußerste, was zu erreichen war. Es zeigte sich auf der anderen
+ Seite eine entsetzliche Borniertheit und teilweise Verbissenheit, man
+ mußte mit den Leuten wie mit Porzellanpüppchen umgehen, wollte man
+ nicht, daß der mit soviel Lärm in Szene gesetzte Einigungskongreß zum
+ Jubel der Gegner und zur größten Blamage der Partei resultatlos
+ auseinanderging. Schließlich gelang es aber dennoch, namentlich in der
+ Personenfrage, derart zu operieren, daß _wir mit dem Resultat
+ zufrieden sein konnten._ Es wird allerdings noch manchen Kampf gegen
+ die Borniertheit und den persönlichen Egoismus zu kämpfen geben, aber
+ ich zweifle nicht, daß auch diese Kämpfe, wenn wir geschickt
+ operieren, ohne Schaden für das Ganze ausgefochten werden, und daß in
+ zwei Jahren ein ganz anderer Geist die jetzt teilweise noch
+ widerhaarigen Elemente durchdringt.
+
+ Das Ganze ist eine Erziehungsfrage. Nachdem die Leute acht bis neun
+ Jahre in Lassalle-Schweitzerschem Geiste erzogen worden sind, wollen
+ sie sich nicht _sofort_ an die andere Methode gewöhnen, hier gilt's,
+ Geduld haben.
+
+ Die von mir bezeichnete Erziehungsmethode würde sich vielleicht
+ erheblich abkürzen lassen, wenn wir hier den von allen Seiten
+ herbeiströmenden Einladungen zu Versammlungen und Festreden genügen
+ könnten. Im persönlichen Verkehr mit den Leuten ließen sich Vorurteile
+ und Voreingenommenheiten rascher beseitigen, aber wir können nicht
+ entfernt leisten, was verlangt wird.
+
+ Ich speziell bin durch mein Geschäft ganz bedeutend lahm gelegt, und
+ der Durchkrach bei der Landtagswahl hat niemand mehr gefreut als mich.
+ Liebknecht und Motteler geht es, trotzdem sie in der Partei ihre ganze
+ Stellung haben, nicht viel besser; denn ihre laufende Arbeit verträgt
+ sich schlecht mit dem vagabundierenden Agitatorenleben, und dann haben
+ wir in diesem Punkte auch schon zuviel geleistet, um noch große
+ Sehnsucht danach zu empfinden. Lunge und Stimmorgane sprechen ja auch
+ ein Wörtchen mit.
+
+ _Im allgemeinen können wir mit dem Gang der Partei sehr zufrieden
+ sein,_ jetzt sieht man erst, wie die frühere Bekämpfung die Kräfte
+ zersplitterte, die Partei ist jetzt finanziell so gestellt, wie nie
+ zuvor, und die Steuern gehen, trotz der schlechten Geschäftszeit, sehr
+ pünktlich und regelmäßig ein.
+
+ Ihrer freundlichen Einladung nach London konnte ich natürlich unter
+ den oben geschilderten Umständen nicht nachkommen; ich möchte gerne
+ einmal hinüber nach Old-England, aber vorläufig ist nicht daran zu
+ denken. Vielleicht muß ich nächstes Jahr nach dem Rheinland, eventuell
+ nach Holland in Geschäften, und dann ist der Weg zu Ihnen nicht mehr
+ allzuweit.
+
+ Wie ich gehört, ist Marx in Karlsbad, wahrscheinlich werde ich ihn
+ aber nicht zu sehen bekommen; wie mir Liebknecht sagte, will er durch
+ Bayern zurück. In ungefähr 14 Tagen werde ich nach Karlsbad kommen,
+ ich will eine Geschäftstour nach Böhmen machen, dann wird er aber
+ nicht mehr dort sein. Grüßen Sie Marx, wenn er zurückkehrt. Wollen Sie
+ denn nicht Deutschland mal heimsuchen? Sie sitzen in England wie
+ eingerostet.
+
+ Freundschaftlichst grüßt Ihr ergebener
+
+ Bebel.“
+
+Die Antwort, die ich von Engels erhielt, bewies, daß er und Marx meinen
+Brief in einem Sinne aufgefaßt hatten, der mit dem Inhalt desselben
+nicht recht in Einklang zu bringen war. Engels schrieb:
+
+ „London, 12. Oktober 1875.
+
+ Lieber Bebel!
+
+ Ihr Brief bestätigt ganz unsere Ansicht, daß die Einigung unsererseits
+ überstürzt ist und den Keim künftigen Zwiespalts in sich trägt. Wenn
+ es gelingt, diesen Zwiespalt bis über die nächsten Reichstagswahlen
+ hinauszuschieben, wäre es schon gut....
+
+ Das Programm, wie es jetzt ist, besteht aus drei Teilen:
+
+ 1. Den Lassalleschen Sätzen und Stichworten, die aufgenommen zu haben
+ eine Schmach unserer Partei bleibt. Wenn zwei Fraktionen sich über ein
+ gemeinsames Programm einigen, so setzen sie das hinein, worüber sie
+ einig und berühren nicht das, worüber sie uneinig sind. Die
+ Lassallesche Staatshilfe stand zwar im Eisenacher Programm, aber als
+ eine aus vielen _Uebergangsmaßregeln,_ und nach allem, was ich gehört
+ habe, war sie, ohne die Einigung, ziemlich sicher, im diesjährigen
+ Kongreß auf Brackes Antrag an die Luft gesetzt zu werden. Jetzt
+ figuriert sie als das eine unfehlbare und ausschließliche Heilmittel
+ für alle sozialen Gebrechen. Das „eherne Lohngesetz“ und andere
+ Lassallesche Phrasen sich aufoktroyieren zu lassen, war für unsere
+ Partei eine kolossale moralische Niederlage. Sie bekehrte sich zum
+ Lassalleschen Glaubensbekenntnis. Das ist nun einmal nicht
+ wegzuleugnen. Dieser Teil des Programms ist das kaudinische Joch,
+ unter dem unsere Partei zum größeren Ruhm des heiligen Lassalle
+ durchgekrochen ist;
+
+ 2. aus demokratischen Forderungen, die ganz im Sinn und im Stil der
+ Volkspartei ausgesetzt sind;
+
+ 3. aus Forderungen an den „_heutigen_ Staat“ (wobei man nicht weiß, an
+ wen denn die übrigen „Forderungen“ gestellt werden), die sehr konfus
+ und unlogisch sind;
+
+ 4. aus allgemeinen Sätzen, meist dem Kommunistischen Manifeste und den
+ Statuten der Internationale entlehnt, die aber so umredigiert sind,
+ daß sie entweder total _Falsches_ enthalten oder aber _reinen
+ Blödsinn_, wie Marx das in dem Ihnen bekannten Aufsatz im einzelnen
+ nachgewiesen.
+
+ Das Ganze ist im höchsten Grad unordentlich, konfus,
+ unzusammenhängend, unlogisch und blamabel. Wenn unter der
+ Bourgeoispresse ein einziger kritischer Kopf wäre, er hätte dies
+ Programm Satz für Satz durchgenommen, jeden Satz auf seinen wirklichen
+ Inhalt hin untersucht, den Unsinn recht handgreiflich
+ auseinandergelegt, die Widersprüche und ökonomischen Schnitzer (zum
+ Beispiel: daß die Arbeitsmittel heute „Monopol der Kapitalistenklasse“
+ sind, als ob es keine Grundbesitzer gäbe, das Gerede von „Befreiung
+ der _Arbeit_“ statt der Arbeiterklasse, die Arbeit selbst ist
+ heutzutage ja gerade _viel zu frei_!) entwickelt und unsere ganze
+ Partei greulich lächerlich gemacht. Statt dessen haben die Esel von
+ Bourgeoisblättern dies Programm ganz ernsthaft genommen,
+ hineingelesen, was nicht darin steht und es kommunistisch gedeutet.
+ Die Arbeiter scheinen dasselbe zu tun. Es ist _dieser Umstand allein_,
+ der es Marx und mir möglich gemacht hat, uns nicht öffentlich von
+ einem solchen Programm loszusagen. Solange unsere Gegner und ebenso
+ die Arbeiter diesem Programm unsere Ansichten unterschieben, ist es
+ uns erlaubt, darüber zu schweigen.
+
+ Wenn Sie mit dem Resultat in der Personenfrage zufrieden sind, so
+ müssen die Ansprüche auf unserer Seite ziemlich tief gesunken sein.
+ Zwei von den Unseren und drei Lassalleaner! Also auch hier die Unseren
+ nicht gleichberechtigte Alliierte, sondern Besiegte und von vornherein
+ überstimmt. Die Aktion des Ausschusses, soweit wir sie kennen, ist
+ auch nicht erbaulich: 1. Beschluß, Brackes und B. Beckers zwei
+ Schriften über Lassallesches nicht auf die Parteischriftenliste zu
+ setzen; wenn dies zurückgenommen, so ist es nicht die Schuld des
+ Ausschusses und auch nicht Liebknechts; 2. Verbot an Vahlteich, die
+ ihm von Sonnemann angetragene Korrespondenz für die Frankfurter
+ Zeitung anzunehmen. Dies hat Sonnemann dem durchreisenden Marx selbst
+ erzählt. Was mich noch mehr dabei wundert als die Arroganz des
+ Ausschusses und die Bereitwilligkeit, womit Vahlteich sich gefügt hat,
+ statt dem Ausschuß etwas zu pfeifen, ist die kolossale Dummheit dieses
+ Beschlusses. Der Ausschuß sollte doch lieber dafür sorgen, daß ein
+ Blatt, wie die Frankfurter, von allen Orten aus _nur_ durch unsere
+ Leute bedient wird. —
+
+ ... Daß die ganze Sache ein Erziehungsexperiment ist, das auch unter
+ diesen Umständen einen sehr günstigen Erfolg verspricht, darin haben
+ Sie ganz recht. Die Einigung als solche ist ein großer Erfolg, wenn
+ sie sich zwei Jahre hält. Aber sie war unzweifelhaft weit billiger zu
+ haben.“
+
+Man sieht, es war kein leichtes Stück, mit den beiden Alten in London
+sich zu verständigen. Was bei uns kluge Berechnung, geschickte Taktik
+war, das sahen sie als Schwäche und unverantwortliche Nachgiebigkeit an,
+schließlich war doch die Tatsache der Einigung die Hauptsache. Diese
+trug logisch die Weiterentwicklung in sich selbst, dafür sorgten auch
+nach wie vor unsere Freunde, die Feinde. Daran konnten auch
+Beschränktheiten und Engherzigkeiten, wie sie der Parteivorstand in den
+von Engels gerügten Fällen sich zuschulden kommen ließ, nichts ändern.
+Erwähnt muß werden, daß damals die „Frankfurter Zeitung“ der von uns
+vertretenen Richtung freundlich gegenüberstand, dagegen hatte der
+Allgemeine Deutsche Arbeiterverein mit Sonnemann manchen Span
+auszufechten gehabt. Daher war auf dieser Seite die Animosität gegen ihn
+und seine Zeitung erklärlicherweise eine sehr starke.
+
+
+
+
+Nachwehen.
+
+
+So glatt, wie ich in meinem Briefe an Engels die Sachlage dargestellt
+hatte, verlief indes die Einigung nicht überall. Namentlich platzten in
+Hamburg, wo Hasselmann und Richter-Wandsbeck und ihr Anhang schürten,
+die Geister oft heftig aufeinander. Auer, der als Parteisekretär in
+Hamburg wohnte, sah diese Vorgänge als ziemlich bedenklich an. So
+schrieb er mir am 15. September 1875: In der Parteimitgliedschaft sei
+nach wie vor große Uneinigkeit, es sei fraglich, ob aus all dem
+Teufelsquark nicht noch eine Spaltung hervorgehe. Und in einem Briefe
+vom 25. September an mich wiederholte er seine Klagen. Auf dem
+Parteikongreß 1876 wurde dann Richter-Wandsbeck wegen seines
+parteischädigenden Treibens aus der Partei ausgestoßen.
+
+ * * * * *
+
+In Leipzig hatte der zum Reichstag gewählte Abgeordnete Dr. Stephani im
+Frühjahr 1875 sein Mandat niedergelegt. Es kam zu einer Nachwahl, bei
+der ich wieder als Kandidat der Partei aufgestellt worden war. Bei der
+Wahl am 11. Mai erhielt ich 4018 Stimmen, 367 mehr als das Jahr zuvor
+bei den allgemeinen Wahlen, mein nationalliberaler Gegner erhielt über
+1000 Stimmen weniger, die auf einen Konservativen fielen. Ich war auch
+als Landtagskandidat für den sächsischen Landtagswahlkreis
+Meerane-Hohenstein-Ernstthal aufgestellt worden. Ich unterlag hier
+gleichfalls, und zwar mit 694 gegen 899 Stimmen, die mein
+nationalliberaler Gegner erhielt. Ich war über diese Niederlage, wie ich
+in meinem oben abgedruckten Briefe an Engels bereits andeutete, sehr
+zufrieden. Die Partei hatte sich um jene Zeit noch wenig mit den
+Landtagswahlen befaßt. Das Wahlgesetz war zwar im Vergleich zu dem heute
+bestehenden ein sehr günstiges, es forderte für den Wähler einen Zensus
+von 3 Mark direkter Staatssteuer, die sächsische Staatsangehörigkeit und
+ein Alter von 25 Jahren. Für das Recht, als Abgeordneter gewählt zu
+werden, das sogenannte passive Wahlrecht, wurde ein Zensus direkter
+Staatssteuer von mindestens 30 Mark, ein Alter von 30 Jahren und
+dreijährige Staatsangehörigkeit verlangt. Trotzdem war die Zahl unserer
+Wähler gering, da zu jener Zeit viele Arbeiter die Staatssteuer von 3
+Mark, die mit einem Jahreseinkommen von 600 Mark verknüpft war, nicht
+bezahlten. Erst mit der Einführung eines neuen Einkommensteuergesetzes
+im Jahre 1876 änderte sich dieses zu unseren Gunsten infolge der höheren
+Einkommeneinschätzung. Von jetzt ab begannen wir mit Erfolg uns an den
+Wahlen zum Landtag zu beteiligen.
+
+Um die stattgehabte Vereinigung immer mehr in Fleisch und Blut der
+früher feindlichen Brüder überzuleiten, kamen wir überein, daß die
+bekanntesten Persönlichkeiten aus den ehemaligen beiden Lagern
+hauptsächlich in den Bezirken Versammlungen abhalten sollten, die ihnen
+früher mehr oder weniger unzugänglich waren. So gingen Liebknecht und
+Motteler nach Norden und Westen, Hasenclever, Dreesbach und andere nach
+dem Süden und nach Sachsen, ich nach Altona-Hamburg, woselbst meine
+Versammlungen ungemein stark besucht wurden, ebenso in Berlin, woselbst
+ich im Tivoli eine Riesenversammlung abhielt. In Hamburg, Altona und
+Umgegend erhielt die Bewegung einen neuen Stützpunkt in der Gründung des
+„Hamburg-Altonaer Volksblattes“, das mit dem 1. Oktober 1875 ins Leben
+trat. Hasenclever zog es jetzt vor, aus dem Vorstand aus-und in die
+Redaktion des „Hamburg-Altonaer Volksblattes“ einzutreten.
+
+ * * * * *
+
+Für mich persönlich war damals die Situation keine angenehme. Unter dem
+Widerspruch der Interessen zwischen Geschäft und Partei litt ich schwer,
+darüber klagte auch Bracke in einem Briefe an mich Ende August. Es sei
+schrecklich, Sklave eines Geschäftes zu sein. Aber wie loskommen? Er
+trage sich mit dem Gedanken, sein Druck- und Verlagsgeschäft an die
+Leipziger Genossenschaftsdruckerei zu verkaufen, aber andererseits habe
+er wieder Bedenken. Er habe erdrückende Arbeit und ein schweres Defizit
+zu tragen, das ihm Verlag und Druckerei verursache. Ich bewunderte bei
+ihm die Heiterkeit des Gemüts, die er trotz aller Sorgen behielt. Da ich
+um jene Zeit meinen späteren Associé gewonnen hatte, eine Verbindung,
+die erst im nächsten Herbste durchgeführt werden konnte, wovon aber
+Nachricht sich blitzschnell in Leipzig verbreitet hatte, entstand das
+von den Gegnern genährte Gerücht, ich werde mich alsdann aus dem
+Parteileben zurückziehen. Die erste Nachricht von diesem Geschwätz
+erhielt ich durch einen Altenburger Genossen, der mir am 30. August
+schrieb: Er habe bei seiner kürzlichen Anwesenheit in Leipzig von
+verschiedenen Seiten gehört, daß ich einen Kompagnon erhielte,
+Großindustrieller würde und dann mich langsam aus der Partei
+zurückziehen wolle. Das habe er bei einem Arbeiterfest in Schmölln auch
+Meeraner und Gößnitzer Genossen mitgeteilt und ihnen gesagt, sie müßten
+diesen schmerzlichen Schlag, den sie von mir erhielten, überwinden. Da
+sei es aber rührend gewesen, mit welch felsenfestem Vertrauen die
+betreffenden Genossen geantwortet, das glaubten sie nicht, das hielten
+sie für unmöglich. Mittlerweile habe er auch vernommen, daß es nicht
+wahr sei. Er habe ihnen aber versprechen müssen, an mich wegen der Sache
+zu schreiben, er bitte wegen seiner Zudringlichkeit um Verzeihung, ich
+möchte aber dem Gerücht _öffentlich_ entgegentreten, ein Verlangen, das
+zu erfüllen ich meiner unwürdig hielt.
+
+Um diese Zeit — September 1875 — befand sich Most noch immer im Gefängnis
+zu Plötzensee. Ich schrieb ihm zur Tröstung einen längeren Brief und
+erkundigte mich, wie es ihm gehe. Daß seine Behandlung gegen früher eine
+anständigere geworden war, hatte ich vernommen. Darauf schrieb er mir am
+27. September:
+
+ „Lieber Bebel! Wenn ich Dir sage, daß ich oft monatelang weder von der
+ Partei noch von Parteigenossen ein Sterbenswörtchen höre, so kannst Du
+ Dir denken, daß mich Dein Brief freute. Du mußt Dir meinethalben keine
+ Sorge machen, es steht zwar (_lediglich_ wegen meiner kärglichen
+ Lebensweise) faul genug mit mir, aber flöten gehe ich deshalb doch
+ nicht. Mir geht es von Kindheit an, namentlich aber seit den letzten
+ sieben Jahren, so nichtswürdig, daß ich immerhin ungemein viel
+ aushalten kann.... Alle Nachrichten, die Du mir betreffend unsere
+ Partei übermittelst, beweisen mir aufs neue, daß alle gegen uns
+ inszenierten Verfolgungen fruchtlos waren und sind. Komme ich erst
+ heraus, hoffe ich meine Freude zu haben. Und was meine Stimmbänder
+ betrifft, so werden sie wohl noch ein Weilchen aushalten.... Was ich
+ tue? Nun, ich ochse! Erstens schreibe ich für Geib, zweitens büffle
+ ich französische Uebersetzungen und drittens löffle ich tüchtig
+ Materialismus.... Man muß ja heutzutage entsetzlich viel gelesen
+ haben, will man nicht als Schafskopf gelten.... Die Zeit vergeht mir
+ verhältnismäßig sehr rasch. Geib meint, ich solle beantragen, daß man
+ mich vorläufig entlasse, aber dieses habe ich nun schon dreimal
+ abgelehnt, da solche Betteleien prinzip- und zwecklos sind.“
+
+
+
+
+Reichstagsarbeit.
+
+
+Ende Oktober 1875 wurde die neue Session des Reichstags eröffnet. Nach
+einer Pause von fast dreieinhalb Jahren nahm ich zum erstenmal wieder an
+dessen Beratungen teil. Es war auch die erste Session, in der die
+Vertretung der Partei als die der geeinigten Partei vor die
+Oeffentlichkeit trat. Das Auftreten der Fraktion war denn auch sofort
+lebhafter, selbstbewußter und energischer als in irgend einer früheren
+Session. Die Natur des Beratungsstoffs trug ebenfalls zu einem
+lebhafteren Eingreifen bei.
+
+Dem Reichstag war ein Gesetzentwurf zugegangen betreffend die Abänderung
+des Titels 8 der Gewerbeordnung in Verbindung mit einem Gesetzentwurf
+über die gegenseitigen Hilfskassen. Die Debatte über den Gesetzentwurf
+in den verschiedenen Stadien seiner Beratung wurde von uns mit allem
+Nachdruck geführt. Fast die gesamten Mitglieder der Fraktion beteiligten
+sich zum Teil wiederholt an den Debatten und begründeten auch eine
+größere Zahl Anträge zu den verschiedenen Paragraphen. In der
+Arbeiterwelt hatte der Entwurf lebhafte Mißstimmung erzeugt und eine
+Anzahl Petitionen hervorgerufen, unter denen namentlich die Petition der
+Kommission der Krankenkassenvorstände _Berlins_ sehr ausführlich auf die
+einzelnen Bestimmungen des Gesetzentwurfes einging.
+
+Seitens der Fraktion war ich zum Redner in der Generaldebatte bestimmt
+worden. Die Verhandlungen begannen am 6. November und wurden noch an
+demselben Tage zu Ende geführt. Die Mehrheit liebte es, möglichst wenig
+zu diskutieren und raschen Schluß zu machen. Ich nahm gegen den Entwurf
+in der vorliegenden Fassung entschieden Stellung. Fraktion und Partei
+standen damals auf dem Standpunkt, daß die Krankenkassen
+_ausschließlich_ den Arbeitern gehörten, daß sie allein die Beiträge
+zahlen und die _volle_ Selbstverwaltung besitzen sollten. Die
+Haftpflicht beziehungsweise Unfallpflicht in allen ihren Konsequenzen
+sei _ausschließlich_ den Unternehmern zu übertragen. Die Invaliditäts-
+und Altersversicherung sei auf die Beiträge _beider_ Teile zu begründen.
+Ich führte aus: Der Entwurf stelle die Arbeiter unter die Vormundschaft
+der Behörden und der Unternehmer. Er verweigere den Arbeitern das Recht,
+das jede andere Klasse für die Verwaltung ihres eigenen Vermögens
+besitze, das Recht der unumschränkten Selbstverwaltung. Was
+würde der Reichstag sagen, machten wir in einem Aktien- oder
+Genossenschaftsgesetz solche bevormundende Vorschriften! Statt von
+großen des Reiches würdigen Gesichtspunkten sei man von kleinlichen und
+kleinlichsten Gesichtspunkten ausgegangen. Namentlich in Verbindung mit
+dem § 4 des Haftpflichtgesetzes sei der Entwurf sehr bedenklich, da er
+den Arbeitern in den Hilfskassen Lasten auferlege, die die
+Haftpflichtversicherung der Unternehmer zu tragen habe. Behalte der
+Gesetzentwurf im wesentlichen seinen jetzigen Charakter, werde er statt
+Zufriedenheit große Unzufriedenheit in der Arbeiterwelt hervorrufen,
+also das Gegenteil von dem, was er bezwecken solle. Der Entwurf wurde an
+eine Kommission von 21 Mitgliedern verwiesen. Nachdem dieser Beschluß
+gefaßt war, trat der Abgeordnete Miguel an mich heran und stellte die
+Frage, ob ich bereit wäre, Mitglied der Kommission zu werden. Nach
+erfolgter Umfrage bei den Fraktionsgenossen erklärte ich mich dazu
+bereit. Als aber die Wahl erfolgen sollte, kam Miguel abermals zu mir:
+er müsse zu seinem Bedauern mir mitteilen, daß die große Mehrheit seiner
+Fraktion meine Wahl nicht wünsche. Er riet mir, mich mit dem Zentrum zu
+verständigen. Ich lehnte dieses ab; es sei unserer unwürdig, bei einer
+anderen Fraktion um einen Sitz in einer Kommission zu petitionieren. Der
+Seniorenkonvent bestand damals schon, der die Verteilung der Mitglieder
+der Kommissionen nach der Stärke der Fraktionen vornahm. Wir mit unseren
+neun Mitgliedern wurden aber als Fraktion nicht anerkannt, dazu waren
+mindestens fünfzehn erforderlich. So unterblieb meine Teilnahme an der
+Kommission. Wir stimmten schließlich gegen das Gesetz, da wir mit
+unseren Verbesserungsanträgen kein Glück hatten; sie wurden sämtlich
+abgelehnt.
+
+Eine zweite Vorlage, die unsere Beteiligung an den Verhandlungen
+herausforderte, war die Strafgesetznovelle, durch die nicht weniger als
+53 Paragraphen des Strafgesetzes, das erst fünf Jahre in Wirksamkeit
+war, geändert oder neu eingeführt werden sollten. Die verbündeten
+Regierungen wollten mit der Vorlage 14 neuen Vergehen die
+strafrechtliche Verfolgung sichern. Bismarck war allezeit ein
+Gewaltmensch; jede ihm unbequeme oder unangenehme Zeitströmung glaubte
+er durch Anwendung von staatlichen Gewaltmitteln aus der Welt schaffen
+zu können. So die katholische, die Polen-, die sozialistische Bewegung.
+Und er ist von dieser Auffassung auch nicht bekehrt worden, obgleich am
+Ende seines Lebens das gründliche Fiasko dieser Politik auf der flachen
+Hand lag und er der Besiegte und nicht der Sieger war. Die
+Strafgesetznovelle sollte im großen zuwege bringen, was bisher durch
+Polizei und Richter mißlungen war. Es waren also insbesondere die
+sogenannten politischen Paragraphen des Strafgesetzbuches, zum Beispiel
+die §§ 95, 103, 110, 111, 113, 114, 117, 128, 130, 130a, 131 usw., die
+entsprechend verschärft werden sollten. So sollte der § 130 folgende
+Fassung erhalten: Wer in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden
+Weise verschiedene Klassen der Bevölkerung gegen einander öffentlich
+aufreizt, oder wer in gleicher Weise die Institute der Ehe, der Familie,
+des Eigentums öffentlich durch Rede oder Schrift angreift, wird mit
+Gefängnis bestraft. Aehnlich erweitert wurde der § 131. Es wurde an
+seine Stelle etwas modifiziert der berüchtigte ehemalige preußische Haß-
+und Verachtungsparagraph vorgeschlagen. Wir beobachteten die Taktik, uns
+zunächst zurückzuhalten und den Liberalen, die mit dem Regierungsentwurf
+sehr unzufrieden waren, den Vortritt zu lassen. Diese Taktik erwies sich
+als richtig. Nicht nur Dr. _Hänel_ von der Fortschrittspartei, sondern
+selbst die Nationalliberalen _Bamberger_ und _Lasker_ entwickelten
+Anschauungen über die Freiheit der öffentlichen Meinung, denen wir
+nichts hinzuzusetzen brauchten, die aber sehr abstachen
+gegen die Haltung, die sie einige Jahre später dem zweiten
+Sozialistengesetzentwurf gegenüber einnahmen. Ein Teil der Vorlage ging
+an eine Kommission, der andere sollte im Plenum beraten werden. Unsere
+eigentliche Beteiligung begann mit der Beratung des § 130, der am 27.
+Januar 1876 auf der Tagesordnung stand. Graf Eulenburg, der Minister des
+Innern für Preußen, begann seine Rede mit den Worten: Meine Herren, der
+§ 130 ist gegen die Sozialdemokratie gerichtet. Der übrige Inhalt seiner
+Rede bestand vorzugsweise in langen Zitaten aus dem „Sozialdemokrat“ und
+„Volksstaat“ und aus einer Lassalleschen Rede aus dem Jahre 1863,
+wodurch er unsere Staatsgefährlichkeit nachzuweisen suchte. Schließlich
+bat er, den verbündeten Regierungen die geforderten Machtmittel gegen
+uns zu bewilligen, sonst müsse man sich mit den jetzigen unzulänglichen
+Gesetzesparagraphen begnügen, „_bis die Flinte schießt und der Säbel
+haut_“. Die Rede verlief vollständig eindruckslos, und so hatte es
+_Hasselmann_, der nach Eulenburg sprach, leicht, ihn zu widerlegen. Die
+Regierung stehe verständnislos der sozialdemokratischen Bewegung
+gegenüber, die doch nur die naturgemäße Frucht der bestehenden
+wirtschaftlichen Mißstände sei. Die Forderungen im sozialdemokratischen
+Programm seien die Heilmittel, die wir gegen die vorhandenen Uebel in
+Vorschlag brächten. Auf die Anklage, wir reizten die Arbeiter in den
+Volksversammlungen auf, stellte er die Frage, warum man nicht in diese
+Versammlungen komme, um uns zu widerlegen? Den Klassenkampf hätten die
+Gegner begonnen, und wie grausam und blutig sie ihn eventuell führten,
+habe die Pariser Kommune gezeigt. Er erklärte schließlich, wir würden
+den Kampf auf gesetzlichem Boden weiterführen, möge er noch so schwere
+Opfer kosten. Das Ende der Debatte war, daß, nachdem ein Amendement der
+Konservativen abgelehnt worden war, sich _keine_ Stimme für den Antrag
+der Regierung erklärte, was große Heiterkeit hervorrief.
+
+Die Parteipresse beantwortete die Rede Eulenburgs durch Abstattung ihres
+Dankes für die agitatorische Wirkung derselben zugunsten der Partei, und
+der Parteivorstand beschloß ihre Massenverbreitung. Auch der § 131 fand
+in der neuen vorgeschlagenen Fassung im Reichstag keine Gegenliebe und
+flog ebenfalls sang- und klanglos in den Orkus. Zum sogenannten
+Arnimparagraph (§ 353a) hielt _Liebknecht_ eine kurze, aber sehr
+wirkungsvolle Rede, die den lebhaften Widerspruch der Mehrheit des
+Reichstags hervorrief.
+
+Bei der dritten Lesung der Novelle empfand Bismarck das Bedürfnis, noch
+einmal zum § 130 der Vorlage zu sprechen. Da dieser aber nicht mehr
+existierte, nahm der Abgeordnete Freiherr von Nordeck zur Rabenau den
+Antrag wieder auf. Bismarck ging darauf sofort aufs schärfste gegen uns
+los. Er verlange, daß man den sozialistischen Agitationen auch im
+Reichstag gebührend entgegentrete. Spreche im Hause ein sozialistischer
+Abgeordneter, so sei es hergebracht, ihm zuzuhören, als spreche er aus
+einer anderen Welt, mit der sich der Reichstag nicht zu befassen habe.
+Man müsse den Gegengründen gegen den utopistischen Unsinn der
+Sozialisten die weiteste Verbreitung geben; sei es doch so weit
+gekommen, daß die Mörder und Mordbrenner der Pariser Kommune hier im
+Reichstag eine öffentliche Lobeserhebung bekommen hätten, ohne daß eine
+entgegengesetzte Ansicht ausgesprochen worden sei. Es seien das Gebilde,
+die von den Verführten nur im Dunkel der Blendlaterne der Verführer
+gesehen würden; wenn sie aber hinreichend an die Luft und Sonne gebracht
+würden, so müßten sie in ihrer Unausführbarkeit und verbrecherischen
+Torheit erkannt werden.
+
+Diese Bismarckschen Anklagen richteten sich zweifellos gegen meine Rede
+in der Session von 1871 zur Verteidigung der Kommune, denn seitdem waren
+Reden über die Kommune im Reichstag nicht gehalten worden, und so
+meldete ich mich zum Wort. Nachdem dann Windthorst und Bismarck noch
+einmal gesprochen, zog der Freiherr v. Nordeck zur Rabenau seinen Antrag
+mit der Motivierung zurück, Fürst Bismarck, der bei der zweiten Lesung
+habe fehlen müssen, sei jetzt zum Worte gekommen, damit sei der Zweck
+seines Antrags erreicht. Als Windthorst auf der Fortsetzung der Debatte
+bestand, bestritt Simson, der kurze Zeit als Präsident den verhinderten
+Forckenbeck vertrat, daß dieses möglich sei, und als nunmehr Sonnemann,
+um mich zu Worte kommen zu lassen, den Antrag v. Nordecks zur Rabenau
+wieder aufnahm, erklärte Simson, alsdann habe der Abgeordnete Valentin
+den Schluß der Debatte beantragt. Ein Schlußantrag Valentins lag also
+bereits wieder einmal auf dem Bureau zu geeigneter Verwendung vorrätig
+vor. So schnitt man mir das Wort zur Entgegnung auf die Angriffe
+Bismarcks ab. Ich versuchte nunmehr, in einer persönlichen Bemerkung
+mich zu verteidigen. Ich tadelte, daß man mir nach den heftigen
+Angriffen des Reichskanzlers auf meine Person das Wort zur Entgegnung
+verweigert habe. (Wiederholte Zwischenrufe.) Es sei kein Zweifel, daß
+die Angriffe des Reichskanzlers sich gegen mich persönlich richteten,
+wie ich das mit Hinweis auf meine Reden im Jahre 1871 nachwies. Der
+Reichskanzler habe sich über die häufigen Beleidigungen seiner Person
+beschwert, da hätte er den guten Rat, den er dem Hause gab, zunächst mir
+und meiner Partei gegenüber befolgen sollen. Seine Anklage, ich hätte
+Mörder und Mordbrenner verteidigt, wies ich als eine mir zugefügte
+Beleidigung zurück. Ich hätte die Männer der Kommune verteidigt, weil
+sie nicht als Mörder und Mordbrenner angesehen werden könnten, sondern
+als Männer, denen man bitter unrecht getan habe. Daß sie keine Mörder
+und Mordbrenner gewesen seien, dafür spreche, daß drei hochangesehene
+Regierungen, der Schweizer Bundesrat, die belgische und die englische
+Regierung, verweigert hätten, die Flüchtlinge der Pariser Kommune, weil
+sie keine Verbrecher seien, auszuliefern. Hier unterbrach mich der
+Präsident: Meine Ausführungen seien nicht mehr persönlich, ich machte
+sachliche Ausführungen, und da stünde Ansicht gegen Ansicht, das gehe
+aber nicht innerhalb des Rahmens einer persönlichen Bemerkung. So mußte
+ich auf weitere Ausführungen verzichten. Ich revanchierte mich aber in
+einer Versammlung in Leipzig, in der ich meinem Herzen Luft machte.
+
+Auch die Verhaftungsfrage der Abgeordneten kam durch einen
+fortschrittlichen Antrag wieder zur Verhandlung, dem wir, da er eine
+Halbheit war, einen weitergehenden korrekten Antrag gegenüberstellten.
+Unser Antrag, den ich motivierte, fiel, aber auch der fortschrittliche
+Antrag wurde mit 142 gegen 127 Stimmen abgelehnt. _Lasker_, der nach
+seiner Haltung in der vorigen Session für den Antrag hätte stimmen
+_müssen_, enthielt sich der Abstimmung, _v. Bennigsen_ fehlte als
+entschuldigt.
+
+Ein Vorgang, der auf dem nächsten Parteikongreß zur Sprache kam und
+angegriffen wurde, betraf unsere Abstimmung über den Antrag von
+Schulze-Delitzsch und Genossen, betreffend Zahlung von Diäten.
+Liebknecht und ich hatten uns bei der zweiten Lesung über diesen Antrag
+der Abstimmung enthalten, Hasenclever hatte dafür gestimmt und die
+übrigen Kollegen, von denen Most in Hast war, waren bei der Abstimmung
+nicht anwesend. Bei der dritten Lesung nahm ich im Namen der
+_Gesamtheit_ das Wort und erklärte, daß wir uns sämtlich der Abstimmung
+enthalten würden. Wir hätten es satt, beständig für den Papierkorb des
+Bundesrats zu arbeiten, der Reichstag nehme jede Session mit stets
+steigender Mehrheit den Antrag auf Diätenzahlung an, der Bundesrat werfe
+ihn ebenso regelmäßig in den Papierkorb. Meine es der Reichstag ernst
+mit der Diätenzahlung, dann solle er auch die ihm zu Gebote stehenden
+Machtmittel anwenden, um sie zu erlangen. Er solle alsdann zunächst dem
+Reichskanzler das Gehalt verweigern. Es sei eine Schande, dem Reichstag
+zu verweigern, was alle anderen Parlamente in Deutschland erhielten. Wir
+wollten dieses Spiel nicht weiter mitmachen und würden uns der
+Abstimmung enthalten, da wir gegen den Antrag nicht stimmen könnten. Die
+kurze Rede brachte mir zwei Ordnungsrufe ein. Den 10. Februar wurde die
+Session geschlossen.
+
+
+
+
+Meine Stellung zur Kommune.
+
+
+Am 10. März 1876 hatte ich in Leipzig eine Disputation mit Bruno Sparig,
+einem Hauptagitator der Leipziger Nationalliberalen, der in seiner Rede
+über meine Stellung zur Kommune alle die Angriffe vorbrachte, die man
+damals gegen die Kommune machte. Jene Versammlung war von beiden
+Parteien gemeinsam einberufen, jede Partei bekam gleichviel
+Eintrittskarten zur Verteilung, jede Partei wählte auch einen
+Vorsitzenden, der den Vorsitz führte, während der Gegner redete. Von
+unserer Seite war Julius Motteler dieser Vorsitzende, von seiten der
+Gegner ein Direktor Peucker.
+
+Ich erweise manchem meiner Leser einen Dienst, wenn ich meine damalige
+Leipziger Rede, wenn auch gekürzt, hier zum Abdruck bringe:
+
+ Direktor _Peucker_: Herr Bebel hat jetzt das Wort. (Der Redner wird
+ beim Betreten der Tribüne mit stürmischem Beifall empfangen.)
+
+ _Bebel_: Ich knüpfe an die letzten Worte des Herrn Sparig an.
+ (Unruhe.) Herr Sparig erklärte, er habe noch so viel Tatsachen gegen
+ die Kommune anzuführen, daß er noch zehn Abende damit zubringen
+ könnte. (Unruhe.) Meine Herren, ich habe Herrn Sparig gleich anfangs
+ die Offerte gemacht, daß, wenn die Disputation an einem Abende nicht
+ beendigt sei, sie am nächsten oder an einem späteren Tage fortgesetzt
+ werden solle. Wir könnten also morgen oder nächsten Montag die Debatte
+ fortsetzen, wozu ich bereit bin. (Große Unruhe, Zischen.) Herr Sparig
+ hat aber erklärt, es sei an einem Abende genug, die Sache würde dabei
+ zum Austrag gebracht werden. (Bravo! Zischen.)
+
+ Meine Herren, zunächst eine persönliche Erklärung meinen
+ Parteigenossen gegenüber, die mir zum Teil heftige Vorwürfe gemacht
+ haben, daß ich auf die Bedingung eingegangen bin, daß zu dieser
+ Versammlung Karten ausgegeben wurden, weil dies gegen das Prinzip der
+ Volksversammlungen verstößt. Meine Herren, ich würde nimmer auf diesen
+ Vorschlag eingegangen sein, wenn ich nicht überzeugt gewesen wäre, daß
+ im anderen Falle die Versammlung gar nicht stattgefunden hätte. Ich
+ bin einzig und allein aus diesem Grunde darauf eingegangen, ich werde
+ aber ein zweites Mal nicht darauf eingehen, weil, obgleich bei unserer
+ Abmachung Herr Sparig sagte, man wolle, um nicht „unanständig“ zu
+ erscheinen, bei dem Eingang nicht sammeln, um kein Geldgeschäft daraus
+ werden zu lassen, dennoch von seiten des Herrn Sparig das Versprechen
+ nicht gehalten, sondern der Vertrag verletzt und die Karten gegen Geld
+ ausgeboten wurden. (Große Unruhe. Rufe: Das ist nicht wahr!) _Bebel_:
+ Wie können Sie da rufen, das ist nicht wahr? (Bravo! Zurufe.)
+
+ Meine Herren! Zunächst bitte ich vor allem meine Parteigenossen, mich
+ nicht durch Beifallsbezeigungen zu unterbrechen, aus dem einfachen
+ Grunde, weil mir diese zu viel Zeit wegnehmen. Ich habe nur anderthalb
+ Stunden Zeit. (Unterbrechung, Zischen.)
+
+ Vorsitzender Direktor _Peucker_: Meine Herren, ich muß Sie ersuchen,
+ alle derartigen Ausrufe wie „Das ist nicht wahr“ usw. zu unterlassen.
+ Herr Bebel hat laut eingegangenem Kontrakt das Wort. Ich ersuche beide
+ Parteien, Herrn Bebel ruhig reden zu lassen.
+
+ _Bebel_: Meine Parteigenossen haben Herrn Sparig mit der größten Ruhe
+ angehört, obgleich sie häufig Ursache gehabt hatten, ihr Mißfallen
+ kund zu geben. (Fortgesetzte Unruhe seitens der Liberalen.)
+
+ Ich glaube, meine Herren, wir haben der liberalen Partei heute den
+ Beweis geliefert, daß ihre Behauptung unwahr ist, daß ein Gegner in
+ einer sozialdemokratischen Versammlung nicht sprechen könne; Herr
+ Sparig hat im Gegenteil ganz ruhig sprechen können, während
+ Sie — (Große Unruhe. Rufe: Raus! Lärm seitens der Liberalen.)
+
+ _Bebel_: Meine Herren! Ich hoffe, daß die Herren Gegner nicht
+ provozieren wollen, daß die Versammlung polizeilich aufgelöst werde.
+ Fast komme ich zu dieser Ueberzeugung. Herr Sparig hat ausgeführt, daß
+ wir uns über die Mundtotmachung im Reichstag beschwert hätten, und er
+ hat weiter erklärt, er nähme es den Reichsboten nicht übel, wenn sie
+ nicht immer wieder die sozialdemokratischen Phrasen anhören wollten.
+
+ Wir sind im Reichstage Volksvertreter so gut wie jeder andere, der
+ dort sitzt, und wir haben nicht bloß das Recht, sondern auch die
+ Pflicht, unsere Parteianschauungen dort zu vertreten, wo sich die
+ Gelegenheit bietet. Sind wir einmal in einer Sitzung des Reichstags
+ nicht zugegen, dann führt die liberale Presse und besonders das
+ „Leipziger Tageblatt“ gewissenhaft Buch und man liest am nächsten
+ Tage: Bei der und der Abstimmung haben die und die
+ sozialdemokratischen Abgeordneten gefehlt. Reden die
+ sozialdemokratischen Abgeordneten, dann heißt es: Sie sind
+ unverschämt! Und schneidet man uns das Wort ab, auch wenn wir zum
+ Reden herausgefordert wurden, so heißt die liberale Presse und Herr
+ Sparig ein solch nichtswürdiges Verfahren gut....
+
+ Herr Sparig ist dann auf die Verhandlungen des deutschen Reichstags im
+ Jahre 1871 eingegangen und erwähnte dabei zuerst die Sitzung vom 25.
+ Mai, in der es sich um die Annexion von Elsaß und Lothringen handelte.
+ Hier hat nun Herr Sparig einen chronologischen Schnitzer begangen: er
+ läßt meine Rede vom 10. April hinter der Rede vom 25. Mai kommen. In
+ der Rede vom 10. April war es, wo ich erklärte, daß ich die Handlungen
+ der Kommune zwar nicht in allen Stücken billige, und zwar aus
+ Zweckmäßigkeitsgründen, daß ich aber nichtsdestoweniger die Kommune
+ verteidige, und daß ich mich dazu um so mehr für verpflichtet halte,
+ als selbst die liberale Presse, nachdem sie zuvor gewisse Handlungen
+ der Kommune als Gewalttaten gebrandmarkt harte, nach wenig Tagen ihre
+ Beschuldigungen als unwahr zurücknehmen mußte....
+
+ ... Herr Sparig hat die Tätigkeit der Kommune als eine lange,
+ ununterbrochene Kette von Verbrechen und Scheußlichkeiten hinzustellen
+ versucht. Als Hauptschandtaten führte Herr Sparig die Erschießung der
+ Generale Klement Thomas und Lecomte an, ferner die Erschießung der
+ Geiseln und den Befehl zur Inbrandsetzung des Finanzministeriums, den
+ er Ferré imputiert. Sonstige „Schandtaten“ hat er nicht anzugeben
+ vermocht.
+
+ Wie steht es aber nun mit diesen angeblichen Schandtaten? Am 18. März,
+ dem Tag der Erschießung der Generale Klement Thomas und Lecomte, hat
+ die Kommune, nach dem eigenen Geständnis des Herrn Sparig, noch nicht
+ bestanden. Man kann sie also dafür unmöglich verantwortlich machen.
+
+ An dem Tage, an dem die Geiseln erschossen worden sind — als welchen
+ Tag Herr Sparig selbst den 24. Mai angibt —, hat die Kommune offiziell
+ nicht mehr bestanden; der Kommunerat hat am 22. Mai die letzte sehr
+ schwach besuchte Versammlung abgehalten, was Herr Sparig gleichfalls
+ bestätigte. Wenn wirklich, wie Herr Sparig behauptet, was aber nicht
+ erwiesen ist, Ferré und Raoul Rigault am 24. den Befehl zur
+ Erschießung der Geiseln gegeben hätten, so würde es sich also nur um
+ zwei Personen von 90 handeln, welche den Kommunerat bildeten, und
+ diese zwei, nicht aber die Kommune, könnten verantwortlich gemacht
+ werden.
+
+ (Redner gibt hierauf einen kurzen geschichtlichen Abriß des Entstehens
+ der Kommune, der Belagerung von Paris, des Mißtrauens der Bevölkerung
+ gegen Trochu, der Uebergabe von Paris, des Ausschreibens der Wahlen
+ zur Nationalversammlung, welche den Frieden ratifizieren sollte.)
+
+ Die Wahlen wurden ausgeschrieben in einem Moment, wo zwei Drittel von
+ Frankreich von den Deutschen besetzt waren, wo ein großer Teil des
+ Landes im Belagerungszustand war, wo bei der Kürze der Frist von einer
+ Verständigung über die zu Wählenden keine Rede sein konnte, wo endlich
+ der größte Teil der bonapartistischen Präfekten und Beamten, die
+ mehrere Jahrzehnte die niederträchtigste Wahlkorruption betrieben
+ hatten und darauf eingeübt waren, noch im Amte saß. Unter solchen
+ Umständen konnte unmöglich von freien Wahlen die Rede sein.
+
+ Die Wahlen fielen auch danach aus. War auch die Majorität nicht
+ bonapartistisch gesinnt, so war sie doch royalistisch und der Republik
+ feindlich. Die Folge war, daß Gambetta zurücktrat und Herr Thiers an
+ die Spitze der Regierung kam. Die Nationalversammlung, die damals
+ bekanntlich in Bordeaux tagte und die ausdrücklich nur zu dem Zweck
+ gewählt worden war, über die Friedensbedingungen zu beschließen, maßte
+ sich jetzt an, über das Geschick Frankreichs zu entscheiden, und
+ beging damit eine schwere Verletzung ihres Mandats. Die Regierung war
+ jämmerlich genug, auf solche Anmaßungen einzugehen. Ja es kam in
+ kurzer Zeit so weit, daß selbst die blauen Republikaner wie Jules
+ Favre und Konsorten gänzlich aus der Regierung verdrängt wurden.
+
+ Mit dieser Haltung der Versammlung in Bordeaux gingen weitere Schritte
+ der Regierung gegen Paris Hand in Hand. Die Regierung verlangte von
+ der Pariser Nationalgarde, und zwar im Widerspruch mit den
+ Stipulationen des Friedensvertrags, daß sie die Waffen ausliefere. Der
+ Belagerungszustand, der seit der Revolution vom 4. September in Paris
+ aufgehoben war, wurde wieder eingeführt. Der als ein Feind der
+ Republik bekannte Jesuiten-General d'Aurelles de Paladine wurde zum
+ Oberkommandanten der Nationalgarde, der verhaßte bonapartistische
+ General Vinoy zum Gouverneur von Paris ernannt. Diesen gegen Paris
+ feindseligen Schritten schlossen sich eine Reihe anderer an. Infolge
+ der Belagerung von Paris und des vollständigen Daniederliegens von
+ Geschäften und Verkehr war früher eine Aufschiebung der fälligen
+ Wechselzahlungen ausgesprochen worden. Die Regierung, die mittlerweile
+ von Bordeaux nach Versailles übergesiedelt war, bestimmte jetzt, daß,
+ obgleich Handel und Wandel noch gleich sehr daniederlagen, alle
+ fälligen Wechselzahlungen sofort bezahlt werden müßten. Es wurde
+ ferner befohlen, daß die fälligen Mieten — die bis dahin ebenfalls
+ gestundet worden waren — sofort bezahlt werden müßten. Gleichzeitig
+ wurde eine Stempelsteuer von 2 Centimes auf jedes Zeitungsblatt
+ eingeführt. Die Folge von allem diesem war, daß nicht nur die
+ Sozialisten, sondern daß der größte Teil der Pariser Bevölkerung, die
+ kleinen Kaufleute, die Krämer, die Handwerker mit den revolutionären
+ Elementen gemeinsame Sache machten. Sie erklärten, unter keinen
+ Umständen auf die Bedingungen und Zumutungen eingehen zu können,
+ welche die gegenwärtige Regierung stelle. Als die Regierung die
+ Stimmung in Paris sah, wurde ein Handstreich von ihr versucht. Man
+ wollte sich Paris mit Gewalt bemächtigen. In der Nacht vom 17. auf den
+ 18. März rückte der General Lecomte auf Befehl des Generals d'Aurelles
+ de Paladine mit einer Anzahl Linienbataillone gegen den Montmartre, um
+ sich der dorthin gebrachten mehreren hundert Geschütze, welche sich
+ die Nationalgarde aus eigenen Mitteln während der Belagerung beschafft
+ hatte, zu bemächtigen. Die Nationalgarde hatte tags zuvor von diesem
+ Plane Kunde erhalten, sie war infolgedessen auf dem Posten. Als die
+ Truppen heranrückten, fanden sie alle Zugänge sorgfältig besetzt.
+ Lecomte sah die Unmöglichkeit ein, die Kanonen, wie er gehofft, ohne
+ Schwertstreich wegzunehmen; er kommandierte Feuer. Wie es bei solchen
+ Gelegenheiten geht, hatten sich neben der Nationalgarde auch eine
+ Menge Volks, Männer, Frauen und Kinder, eingefunden, die bei dem
+ Feuern notwendig wären mitgetroffen worden. Da erklärte die Linie: Wir
+ schießen nicht. Statt das Gewehr auf die Nationalgarde zu richten,
+ wandte sie die Gewehrkolben nach oben und fraternisierte mit dem Volk.
+ Viermal forderte der General zum Feuern auf und viermal verweigerten
+ die Soldaten den Gehorsam.
+
+ Jetzt begann der General wütend zu schimpfen. Dies erbitterte seine
+ Soldaten, und darauf wurde er von seinen eigenen Leuten verhaftet und
+ im Laufe des Nachmittags erschossen. Dabei war kein Mitglied des
+ Zentralkomitees der Nationalgarde zugegen, und die Kommune wurde erst
+ wenige Tage später proklamiert.
+
+ In diese Affäre mengte sich nun der General Klement Thomas, der in
+ Zivilkleidern als Spion sich unter das Volk gemischt hatte und, als er
+ auf das Benehmen der Soldaten schimpfte, erkannt wurde. Herr Sparig
+ sagt, Klement Thomas sei ein Republikaner gewesen.
+
+ Meine Herren! Es gibt in Frankreich eine Menge Leute, die sich
+ Republikaner nennen, im Grunde aber nichts anderes sind wie bei uns
+ die Nationalliberalen. Klement Thomas war einer von dieser
+ verwässerten republikanischen Richtung. Früher Offizier, der den
+ Dienst quittiert hatte, war er anfangs 1848 bei dem Journal „National“
+ als Sitzredakteur beschäftigt, dem zugleich die Stelle des Duellanten
+ bei den Streitigkeiten mit den Redakteuren anderer Blätter zufiel. Von
+ der Februarregierung wieder in die Armee eingereiht und zum General
+ erhoben, spielte er vor und während der Junischlacht 1848 die infamste
+ Henkerrolle und setzte sich durch seine Barbarei gegen die Arbeiter
+ ein trauriges Denkmal.
+
+ Dieser selbe General wurde von Trochu zum Kommandanten der Pariser
+ Nationalgarde ernannt, als der General Tamisier im November 1870 wegen
+ des nicht gehaltenen Versprechens, daß Paris seine Kommuneregierung
+ wählen solle, das Kommando niederlegte. Das war eine direkte
+ Provokation. Klement Thomas hatte nach Antritt seines Kommandos nichts
+ Eiligeres zu tun, als in allen seinen Handlungen die offenbarste
+ Feindschaft gegen die Nationalgarden aus den Arbeiterquartieren zu
+ zeigen. Und in dem Moment, wo die Aufregung über das Benehmen des
+ Generals Lecomte aufs Höchste gestiegen war, erschien der verhaßte
+ Mann auf der Bühne und nahm für Lecomte Partei. Er wurde festgenommen
+ und gleich Lecomte von den ergrimmten Soldaten erschossen.
+
+ Meine Herren! Das war eine Gewalttat, und ich bin weit entfernt, sie
+ gut zu heißen; aber man muß sich die Lage vergegenwärtigen, und wenn
+ man dies tut, wird man diese Handlungen entschieden entschuldigen
+ müssen. Es sind von seiten der Reaktion ganz andere und größere
+ Grausamkeiten begangen worden, und zwar nicht in einer Zeit der
+ Aufregung und Leidenschaft, unter welcher die Kommune existierte,
+ sondern man hat sie in ruhiger Zeit und mit kaltem Blute begangen. Man
+ denke nur an die entsetzliche Behandlung der Kommunedeportierten in
+ Neukaledonien, welche alles bisher Dagewesene an Grausamkeit
+ übertrifft, und Jahre lang nach dem Kampfe fortgesetzt wurde. Solche
+ Greuel fordern die Empörung und Verurteilung jedes Menschenfreundes
+ heraus.
+
+ Als die in Paris anwesenden Regierungsbehörden am 18. März sahen, wie
+ die Stimmung der Stadt und der Soldaten war, fanden sie es für gut,
+ sich eiligst aus dem Staube zu machen. Das Zentralkomitee der
+ Nationalgarde nahm jetzt die Leitung der Verwaltung in die Hand.
+
+ Herr Sparig glaubt der Versailler Regierung den Vorwurf machen zu
+ müssen, daß sie am 18. März nicht zuverlässige Truppen nach Paris
+ gesandt. Es gab aber für die Regierung überhaupt keine zuverlässigen
+ Truppen. Die ganze französische Armee, soweit sie im Lande war, war
+ empört über die Haltung der Regierung und sympathisierte mit dem Volk.
+ Die einzig zuverlässigen Truppen: die Garden Napoleons, die Zuaven und
+ Turkos und die ultramontanen bretonischen Regimenter, befanden sich in
+ der deutschen Gefangenschaft. Und erst als Herr Thiers und Herr von
+ Bismarck sich verständigt hatten, erwies der letztere dem ersteren die
+ Gefälligkeit, ihm mehr als 80000 Mann der bezeichneten Truppen zur
+ Verfügung zu stellen, welche jetzt wie Bestien und als wollten sie die
+ Niederlage, die sie von den Deutschen erlitten, an ihren Landsleuten
+ rächen, über Paris herfielen und in ihrer schauerlichen Blutarbeit
+ über 30000 Menschen niedermetzelten. Diese Truppen haben sich für ewig
+ gebrandmarkt, und sie haben später von ihren Kameraden in der Armee
+ häufig es anhören müssen, daß es eine Schande und eine Schmach für sie
+ sei, sich zu Würgern und Henkern des Pariser Volks hergegeben zu
+ haben.
+
+ Veranlaßt durch das Zentralwahlkomitee der Nationalgarde, wählte das
+ Pariser Volk am 25. März die Kommune. Herr Sparig erklärte, es habe
+ dabei eine große Wahlenthaltung stattgefunden, und scheint daraus
+ schließen zu dürfen, daß alle, die nicht gewählt, Gegner der Kommune
+ gewesen seien.
+
+ In bezug auf die Wahl der Kommune kann ich mich auf einen Gewährsmann
+ berufen, der ein wütender Sozialistenfeind ist, nämlich auf Herrn
+ Johannes Scherr, der gegenwärtig in der „Gartenlaube“ eine Reihe von
+ Artikeln veröffentlicht, die an Schimpfereien gegen die Kommune
+ wahrhaftig nichts zu wünschen übrig lassen.
+
+ Nun, in diesen Artikeln teilt Herr Scherr mit, daß von 490000 Wählern
+ am 25. März 277300 zur Urne kamen und für die Kommune stimmten. Das
+ sind 57 Prozent. Haben wir etwa eine solche Wahlbeteiligung in Leipzig
+ einmal bei der Reichstagswahl oder gar bei der Stadtverordnetenwahl
+ gehabt? Bei der letzteren haben bei der neuesten Wahl kaum 33 Prozent
+ gewählt. Und was würde Herr Sparig sagen, wenn wir seine Logik
+ akzeptieren wollten und erklärten, die übrigen 67 Prozent, die sich
+ der Wahl enthielten, sind Sozialdemokraten? Er würde uns auslachen und
+ mit vollem Recht. Dasselbe aber gebührt ihm mit seinem Urteil über die
+ Kommune.
+
+ Es ist eine Tatsache, daß die große Mehrheit der Bevölkerung von Paris
+ sich für die Kommune erklärt hat; ja Herr Scherr geht sogar so weit,
+ zu erklären, daß die Kommunewahl am 25. März mit einer Einmütigkeit,
+ mit einer Freudigkeit ohne gleichen seitens der Bevölkerung begangen
+ wurde, daß der Tag zu den schönsten gerechnet werden müsse, die Paris
+ gesehen. Das Volk von Paris habe sich an diesem Tage in seinem vollen
+ Glanze und von seiner besten Seite gezeigt, wie kaum bei einem anderen
+ historischen Ereignis. So muß ein Gegner der Sozialdemokratie über die
+ Kommune urteilen!
+
+ Herr Sparig hat weiterhin die „Gesetzesmacherei“ der Kommune
+ kritisiert. Er sagte, daß ein Dekret das andere gejagt, das eine das
+ andere wieder aufgehoben oder verschärft habe.
+
+ Aber war denn das anders möglich, wenn man einen solchen Augiasstall
+ auszumisten hatte, wie es das kaiserliche Paris war? (Heiterkeit.) Da
+ hatte man allerdings sehr viel zu dekretieren. Und es versteht sich
+ von selbst, daß in einer solchen Situation nicht alles wie am
+ Schnürchen geht. Der Krieg von 1870 war seitens der Deutschen sicher
+ sehr gut vorbereitet, fragen Sie aber einmal den Generalstäbler
+ Moltke, ob alles so glatt gegangen ist, und er wird Ihnen sagen, daß
+ es da und dort gehapert hat. Wie viel mehr muß dies der Fall sein,
+ wenn es sich um eine revolutionäre Bewegung handelt, wenn an Stelle
+ des alten ein neuer Staat geschaffen werden soll, inmitten von
+ Hunderttausenden von Feinden — der deutschen Armee und der Versailler,
+ die mit aller Kraft und all ihren Mitteln darauf hinarbeiteten, der
+ neuen Institution den Garaus zu machen.
+
+ Die Dekrete aber, die Herr Sparig anführte, war er selber nicht
+ imstande, als solche zu qualifizieren, die geeignet wären, die Kommune
+ zu kompromittieren. Wenn er beispielsweise bezüglich des Dekrets der
+ Kommune, betreffend die Nachtarbeit der Bäcker, sagt: er glaube nicht,
+ daß auch die Sozialisten geneigt wären, morgens zum Kaffee mit einem
+ altbackenen Dreierbrötchen vorlieb zu nehmen, so ist das ein so
+ flacher Witz, daß ich es unterlasse, näher darauf einzugehen. Es
+ handelte sich bei dieser Maßregel nicht darum, ob der verwöhnte Gaumen
+ der Bourgeoisie ein Bedürfnis befriedigen konnte oder nicht, sondern
+ darum, ob eine zahlreiche Klasse von Arbeitern permanent der
+ aufreibenden und ruinierenden Nachtarbeit ausgesetzt sein sollte oder
+ nicht. Jeder, der sich mit diesen Dingen einigermaßen beschäftigt hat,
+ weiß, daß die Bäckergesellen infolge der Nachtarbeit und der ungemein
+ langen Arbeitszeit überhaupt, die häufig 16, ja 18 Stunden beträgt,
+ meist einem frühen Tode entgegengehen.
+
+ Die Kommune hat nun allerdings auf solche Zustände ihr Augenmerk
+ gerichtet, und das gereicht ihr zur Ehre. (Zustimmung.)
+
+ Weiter führt Herr Sparig an, daß die Kommune zwar die Todesstrafe
+ abgeschafft habe, aber das Erschießen eingeführt, und er bezog sich
+ dabei auf ein Dekret, welches die Strafe des Erschießens allen denen
+ androhte, die sich dem Dienste in der Nationalgarde, also der
+ Verteidigung der Stadt entzögen.
+
+ Die Kommune, von der Anschauung ausgehend, daß jedes stehende Heer ein
+ Werkzeug in den Händen der Regierung sei, um das Volk zu unterdrücken,
+ verlangte die Abschaffung des stehenden Heeres und führte die
+ allgemeine Volksbewaffnung ein. Es war demgemäß jeder waffenfähige
+ Mann verpflichtet zur Verteidigung der Stadt.
+
+ Das benachteiligte keinen und war für alle gerecht, was von unserem
+ Wehrsystem, das trotz der Phrasen von allgemeiner Wehrpflicht nur
+ einen Teil des Volkes bewaffnet, allerdings nicht gesagt werden kann.
+ Nun gab es freilich einen Teil, der für die Kommune nicht eintreten
+ wollte, obgleich sie ringsum von Feinden umgeben war, die mit allen
+ ihr zu Gebote stehenden Mitteln sie vernichten wollten.
+
+ Die Kommune, von allen Seiten angegriffen und zum Kriegführen
+ gezwungen, mußte in dieser Lage diejenigen Mittel anwenden, die in
+ einem solchen Falle jeder kriegführenden Partei zu Gebote stehen und
+ stehen müssen. Sie bedrohte jeden mit dem Tod durch Erschießen, der
+ sich weigerte, die Waffen zur Verteidigung zu tragen.
+
+ Es hat Tausende meiner Parteigenossen 1870 gegeben, die mit dem Kriege
+ nicht einverstanden waren und die man nicht frug, ob sie mitgehen
+ wollten. Sie mußten mitgehen und sie würden, im Falle der Weigerung,
+ vor ein Kriegsgericht gestellt und ohne Gnade erschossen worden sein.
+
+ Herr Sparig verwechselt also die Abschaffung der Todesstrafe in
+ Zivilstrafrechtsfällen mit der militärischen Todesstrafe im Falle
+ eines Krieges, was doch ein himmelweiter Unterschied ist. Die
+ Todesstrafe zur Aufrechterhaltung der Disziplin im Kriege wird es
+ geben, solange es Krieg gibt.
+
+ Herr Sparig hat weiter ein Kommunedekret hervorgehoben, wonach
+ diejenigen Werkstätten und Fabriken, die seitens der Arbeitgeber
+ verlassen worden waren, von der Kommune in Beschlag genommen und
+ denjenigen Arbeitern, welche bisher darin gearbeitet, zum Betrieb
+ übergeben werden sollten. Ferner, daß eine Kommission gewählt werden
+ sollte, um die Werkstätten abzuschätzen, damit die früheren Besitzer
+ entschädigt werden könnten. Er hat sehr richtig hervorgehoben, daß die
+ Kommune dies allgemein durchgesetzt haben würde, wenn sie die Macht
+ dazu gehabt hätte. Ja, er hat auch recht, wenn er vermutet, daß wir
+ allerwärts ähnlich vorgehen würden, wenn wir könnten. Wir wollen den
+ Gegensatz zwischen Arbeitern und Arbeitgebern ausgleichen, da die
+ Interessen von Arbeitern und Arbeitgebern sich heute feindlich
+ gegenüberstehen. Die Arbeitgeber wollen möglichst geringen Lohn zahlen
+ und möglichst lange arbeiten lassen; der Arbeiter will möglichst hohen
+ Lohn bei möglichst geringer Arbeitszeit. Mit jeder Maschine, die
+ erfunden wird, mit jeder neuen Fabrik wird dieser Klassengegensatz
+ schärfer. Jede Bahn, die gebaut, jeder Telegraphendraht, der gelegt
+ wird, trägt die Erkenntnis in weitere Kreise, verschafft uns neue
+ Anhänger. Jeder Schritt zur Konzentration des Kapitals, zur
+ Vernichtung der kleinen Unternehmer vermehrt die Spaltung und drängt
+ zur Lösung, indem Produktion und Distribution assoziativ betrieben
+ werden, das heißt alle Werkstätten, alle Fabriken, alle Arbeitsmittel
+ müssen in den Händen der Gesellschaft sein und von dieser im Interesse
+ und bei Gleichberechtigung aller Staatsbürger verwaltet werden. Jeder
+ muß arbeiten und jeder hat seinen vollen Anteil am Gewinn, wie
+ selbstverständlich auch am Verlust. An Stelle der Privatindustrie, an
+ Stelle der wilden, unorganisierten Produktionsweise — die uns die
+ gegenwärtige Krise auf den Hals gebracht hat — soll eine sozialistisch,
+ das heißt gesellschaftlich organisierte Produktionsweise treten, wo
+ einer für alle und alle für einen einstehen. Dazu hat die Kommune den
+ ersten Schritt getan, und er war ein solcher, wobei die in Frage
+ kommenden Arbeitgeber durchaus reinen Nachteil hatten, denn sie
+ sollten den vollen Wert für ihre Werkstätten und Fabriken vergütet
+ erhalten.
+
+ Nach unserer Auffassung hat die Gesellschaft die Pflicht, sich so zu
+ organisieren, daß für das Wohl aller ihrer Mitglieder gleichmäßig
+ gesorgt ist, daß jedes ihrer Mitglieder in immer höherem Grade an den
+ Errungenschaften der Kultur und Zivilisation auf allen Gebieten des
+ menschlichen Lebens teilnehmen kann. Die Gegner behaupten zwar, dem
+ Fortschritt zu huldigen, aber sobald es sich um eine Besserstellung
+ der Gesamtheit handelt, schreien die, die im Fette sitzen und die
+ Macht in Händen haben: Wir leben in der besten der Welten, es ist ein
+ Verbrechen, wenn diese umgestaltet werden soll.
+
+ Mit allen Mitteln verteidigen sie die Vorrechtsstellung, die sie inne
+ haben, und dies geht so weit, daß Männer, die bei einem ganz
+ untergeordneten Gesetz, das mit dem Sozialismus gar nichts zu tun hat,
+ wie zum Beispiel das Hilfskassengesetz, sich herausnehmen zu sagen,
+ daß das Gesetz gegen die Arbeitgeber ein Unrecht sei, und wer dafür
+ ist, sich den Vorwurf entgegenschleudern lassen muß — denn als Vorwurf
+ betrachtet man es —, du bist Sozialist. Wir haben das erst heute im
+ „Tageblatt“ gelesen. Damit wird aufs deutlichste ausgesprochen: Wir
+ sind nicht geneigt, den Unterdrückten auch nur die geringsten
+ Konzessionen zu machen.
+
+ Wenn überall, im kleinen wie im großen, in der Gesetzgebung wie im
+ sozialen Leben dieser Klassengegensatz hervortritt, so versteht es
+ sich von selbst, daß Revolutionen entstehen, wie in Paris. Und es ist
+ meine feste Ueberzeugung — wie ich dieses auch in der hier angezogenen
+ Reichstagsrede ausgesprochen habe —, daß, ehe wenig Jahrzehnte
+ vergehen, alles was in Paris geschah, sich in ganz Europa wiederholt.
+ An der Gesellschaft ist es, zur Einsicht zu kommen und sich zu
+ bemühen, auf dem Wege der Gesetzgebung die vorhandenen
+ Klassengegensätze auszugleichen.
+
+ Was hat nun die Kommune weiter getan? Sie hat eine alte liberale
+ Forderung, die seit Jahrzehnten im Programm der liberalen Partei
+ gestanden, aber seitdem sie zur Herrschaft gelangt ist, in die
+ Rumpelkammer geworfen wurde, verwirklicht. Die Kommune hat die
+ Trennung der Kirche von Schule und Staat beschlossen und
+ durchgeführt, und sie hat weiter beschlossen, das Kircheneigentum zu
+ konfiszieren.
+
+ Mich wundert nur, daß Herr Sparig dieses nicht erwähnt und eine
+ Anklage auf Verletzung des Eigentums erhoben hat. Zum Vorwurf hat man
+ es der Kommune vielfach gemacht. Da es Herr Sparig nicht erwähnte, so
+ erwähne ich's, um ihn zu ergänzen. (Heiterkeit.)
+
+ Schade nur, daß das, was die Kommune getan, andere längst vor ihr
+ getan haben. Wenn in der Reformation, die 1517 begann, viele Fürsten
+ auf die Seite Luthers traten, so geschah das nicht aus idealem
+ Interesse, sondern weil sie sich mit dem reichen Kircheneigentum ihre
+ großen Taschen füllen konnten. (Heiterkeit, Beifall.)
+
+ Und als in den Vereinigten Staaten von Nordamerika vor 15 Jahren der
+ große Krieg zwischen dem Süden und dem Norden ausbrach und schließlich
+ der Norden die Sklaverei abschaffte, so war das ein solcher Eingriff
+ in das Eigentum der Sklavenhalter, wie man sich ihn ärger nicht denken
+ kann. Unsere Gegner finden, das, was ihnen nützt, sei recht und
+ billig; tut es aber das Volk zu seinen Gunsten, dann ist es Verbrechen
+ und Diebstahl.
+
+ Dieselbe Partei, welche gegen die Kommune wegen Antastung des
+ Eigentums die Anklage erhebt, hat noch zu Anfang der 60er Jahre, als
+ sie auf Oesterreich noch gut zu sprechen war, ihm den Rat gegeben, die
+ Kirchengüter zu konfiszieren, um seine kolossale Schuldenlast zu
+ decken, und sie hat jubelnd Beifall geklatscht, als Italien in dieser
+ Richtung vorging. Nun, die kirchlichen Korporationen haben ihr
+ Eigentum auf Grund derselben Rechtstitel erworben, wie irgend ein
+ Bourgeois sein Haus oder sein Grundstück. Wo bleibt da die Konsequenz?
+ Nachdem die Kommune die Trennung der Kirche vom Staat und von der
+ Schule ausgesprochen, dekretierte sie den obligatorischen und
+ unentgeltlichen Unterricht, und nicht bloß in bezug auf das Schulgeld,
+ sondern auch in bezug auf die Lehrmittel. Arme und Reiche sollten
+ gleiche Erziehung genießen, und dadurch, daß der Staat für alle in
+ gleicher Weise eintrat, sollte vermieden werden, daß der Neid und der
+ Haß zwischen arm und reich schon in die jugendlichen Herzen gepflanzt
+ werde. Zeigen Sie mir doch einen liberalen Staat, der auch nur
+ entfernt etwas Aehnliches geleistet. (Beifall.)
+
+ Herr Sparig hat sich weiter hämische Bemerkungen darüber erlaubt, daß
+ die Kommune erklärt, ihre Politik und ihre Bestrebungen beruhten auf
+ Wissenschaft. Die Kommune hat damit sagen wollen, daß sie alle
+ Errungenschaften der modernen Wissenschaft in bezug auf
+ Nationalökonomie, in bezug auf Rechtspflege und Volkswohlfahrt
+ überhaupt für die Gesetzgebung möglichst allgemein nützlich zu
+ verwenden gedenke und sich nicht an bestimmte Theorien und Axiome
+ binde. Sie hat sich damit allerdings auf den Standpunkt der modernen
+ Wissenschaft gestellt, auf jenen Standpunkt, der nicht von bestimmten
+ Voraussetzungen und vorgefaßten Meinungen ausgeht, sondern an der Hand
+ der Prüfung und Erfahrung das Beste ausfindig zu machen sucht.
+
+ Wenn die Kommune nur Stückwerk geleistet hat, so erklärt sich das aus
+ der Lage und aus den Verhältnissen, in denen sie sich befand. Bedenken
+ Sie, daß die Kommune während ihrer ganzen Dauer nicht einen ruhigen
+ Augenblick gehabt, daß sie fortwährend im Kriegszustand und Kampf sich
+ befand — wie konnte es anders sein?
+
+ Herr Sparig hat der Kommune einen besonderen Vorwurf daraus gemacht,
+ daß sie, die angeblich die vollste Preßfreiheit gewollt habe, die
+ Preßfreiheit aufhob, indem sie gegnerische Journale unterdrückte. Auch
+ diese Handlungsweise erklärt sich sehr leicht aus der Zwangslage, in
+ welcher sich die Kommune befand. Von allen Seiten angegriffen, mitten
+ im Kampfe und in der Revolution, gebot ihr die Not, neben dem vor den
+ Toren stehenden Feind nicht auch noch den Feind in den eigenen Mauern
+ zu dulden. Sie mußte Journale unterdrücken, die Tag für Tag die
+ heftigsten Angriffe und Verleumdungen gegen sie schleuderten, die mit
+ dem vor den Toren stehenden Feind in Verbindung standen und auf ihren
+ Sturz hinarbeiteten.
+
+ Als 1870 der Krieg ausbrach, wurde in Deutschland in allen Provinzen,
+ die man für gefährdet hielt, der Kriegszustand proklamiert. Die
+ oppositionellen Blätter wurden unterdrückt und alle Persönlichkeiten,
+ von denen man glaubte, daß sie dem Kriege feindlich seien, gefangen
+ gesetzt. Wohlan, dasselbe Recht nehmen wir auch für die Kommune in
+ Anspruch.
+
+ Auch findet es Herr Sparig absurd, daß sich die Kommune über die
+ Wegnahme des Oktrois seitens des Herrn Thiers beschwerte, sie, die
+ doch eine Feindin der indirekten Steuern hätte sein wollen. Zu dieser
+ Beschwerde hatte sie ein Recht. Das Oktroi gehörte der Stadt, und die
+ Kommune war nicht in der Lage, mitten im Kampf ein neues Steuersystem
+ einzuführen. Das Oktroi bildete die einzige regelmäßig fließende
+ Steuerquelle, und sie mußte diese benutzen, wenn sie die Verteidigung
+ und die Verwaltung im Gang erhalten wollte.
+
+ Da Herr Thiers der Kommune die Steuern wegnahm, mußte sie zu Anleihen
+ bei der Bank von Frankreich und bei Rothschild ihre Zuflucht nehmen,
+ um ihre Bedürfnisse zu decken, und diese Anleihen wurden
+ unbeanstandet, und zwar mit Zustimmung des Herrn Thiers, gewährt. Eins
+ aber ist bei der Finanzverwaltung der Kommune zutage getreten, was
+ auch Herr Sparig nicht anzugreifen vermochte. Das ist die große
+ Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit der Kommune, der selbst aus
+ gegnerischem Munde die größte Anerkennung gezollt worden ist.
+
+ Mit vollem Recht konnte der Finanzminister der Kommune, Jourde, vor
+ seinen Versailler Richtern sagen. „Ich habe ärmer das
+ Finanzministerium verlassen, als ich es betreten habe!“ (Hört!) Man
+ zeige mir doch die monarchischen Finanzminister, die gleiches von sich
+ sagen können! (Heiterkeit, Zustimmung.) Herr Thiers, der 1830 als
+ armer Advokat und Schriftsteller unter Louis Philippe ins Ministerium
+ trat, verließ es 1836 als Millionär.
+
+ Der erste Schritt der Kommune war, die hohen Gehälter abzuschaffen,
+ ihre Mitglieder sollten für gute Arbeitslöhne arbeiten. Der erste
+ Beamte sollte nicht mehr als jährlich 6000 Franken, das sind 4800
+ Mark, erhalten. Der erste Bürgermeister von Leipzig bekommt jährlich
+ 15000 Mark. (Heiterkeit, hört!) Der erste General der Kommune erhielt
+ ebenfalls nur 6000 Franken, aber als Herr Thiers kaum Präsident
+ geworden war, hatte er nichts Eiligeres zu tun, als sich eine
+ Zivilliste von 3 Millionen Franken auswerfen zu lassen. (Hört!)
+
+ Die Kommune hat ein Beispiel von Sparsamkeit gegeben, das allen
+ Regierungen als Muster dienen könnte. Das hat sogar der
+ Sozialistenfeind Herr Scherr anerkannt. Herr Sparig hat das freilich
+ nicht erwähnt, drum erwähne ich's. (Heiterkeit.)
+
+ Ich komme nun auf die Erschießung der Geiseln und die Brandstiftungen.
+ Herr Sparig bemerkte in bezug auf letztere, er sei vierzehn Tage nach
+ dem Fall der Kommune in Paris gewesen und habe die Verwüstungen mit
+ eigenen Augen gesehen. Er hat uns sogar von einem Privathaus erzählt,
+ das man habe anzünden wollen und das nicht in der Verteidigungslinie
+ gelegen. Er hat uns nun freilich nicht gesagt, daß man das Haus
+ wirklich angezündet hat. Und wie kann er, der während des Kampfes
+ nicht dort war, überhaupt beurteilen, was zur Verteidigung nötig war
+ oder nicht? Er beruft sich auf mündliche Versicherungen, die ihm
+ geworden. Diese gelten in meinen Augen gar nichts. Die Verfolgungswut
+ der Versailler und ihr bestialisches Wüten war so groß, daß nicht
+ bloß Wochen, sondern noch Monate und Jahre lang nach dem Fall der
+ Kommune jeder verfolgt wurde, der ein Wort der Sympathie für sie
+ hatte. Die Furcht war so groß, daß nicht nur niemand sie in Schutz zu
+ nehmen wagte, sondern viele auf sie schimpften, um jeden Verdacht von
+ sich abzulenken. Und dabei zeigte sich die Erbärmlichkeit der
+ Bourgeoisie im vollsten Lichte. Binnen wenig Tagen nach dem Fall der
+ Kommune sind bei den Versaillern nicht weniger als 370000
+ Denunziationen eingereicht worden. Die Pariser Bourgeoisie hat sich
+ damals gerade so nichtswürdig benommen, wie 1866 die Leipziger
+ Bourgeoisie, die damals bei dem preußischen General so viele
+ Denunziationen vorbrachte, daß dieser voll Ekel erklärte, er wolle
+ davon nichts mehr wissen.
+
+ Und wenn Herr Sparig hier nun kommt mit einem angeblich von Ferré
+ unterzeichneten Brandbriefe, der das Siegel des Kriegsministers trägt,
+ das ebensogut der Kriegsminister des Herrn Thiers darauf gesetzt haben
+ kann, so ist dies in meinen Augen ein Wisch, der verdient, daß ich ihn
+ zerreiße. (Redner zerreißt das Papier. Bravo. Unruhe.) Meine Herren,
+ es sind eine Menge von Aktenstücken, betreffend die Brandstiftungen,
+ die Erschießung von Geiseln, die angebliche Wegnahme von Eigentum usw.
+ als Fälschungen vor Gericht konstatiert worden.
+
+ Ferré, der Inbrandlegung des Finanzministeriums auf Grund des hier
+ vorgezeigten Aktenstücks angeklagt, hat die Echtheit desselben bis zum
+ letzten Augenblick bestritten; er hat an gewissen Buchstaben
+ nachzuweisen gesucht, daß dasselbe gefälscht sei; aber da der seitens
+ der Versailler angestellte Handschriftenvergleicher die Echtheit
+ behauptete, wurde Ferré verurteilt. Ebenso wurde Ferré der Erschießung
+ der Geiseln angeklagt. Er selbst sagt aus, daß er nicht den Befehl zu
+ deren Erschießung, sondern zu deren _Freilassung_ gegeben habe. Damit
+ stimmen auch andere Berichte, namentlich der eines englischen Arztes,
+ überein, und ebenso ist festgestellt, daß Geistliche, die als Geiseln
+ verhaftet waren, später vor Gericht zeugten, also nicht erschossen
+ sein konnten. Wohl ist ein Teil der 60 Geiseln erschossen worden, aber
+ es wird behauptet, erst in dem Moment, wo dieselben das Gefängnis
+ verließen und, von den Barrikadenmännern zur Unterstützung der
+ Verteidigung aufgefordert, sich dessen weigerten. Da habe man sie mit
+ Flintenschüssen verfolgt. Auch Raoul Rigault ist der Erschießung der
+ Geiseln angeklagt worden. Nun, Raoul Rigault ist tot, er hat wie ein
+ Mann gekämpft und ist mitten im Kampfe wie ein Mann gestorben; ihn
+ kann man leicht anklagen, er ist tot und kann nicht antworten.
+
+ Was haben die Geiseln für einen Zweck? Die Deutschen haben 1870 in
+ Frankreich viele Geiseln genommen, und zwar weil die Franktireurs oder
+ sonstige Bewohner Frankreichs den Deutschen auf Weg und Steg Abbruch
+ zu tun bestrebt waren, indem sie die Proviantkolonnen überfielen, die
+ Eisenbahnen, Brücken und Straßen zerstörten, einzelne Posten
+ überfielen und niedermachten, kurz, schadeten, wo sie konnten. Die
+ Franktireurs taten damit, was 1813 der preußische Landsturm gegenüber
+ den Franzosen tat, und zwar bin ich in der Lage, Ihnen die damaligen
+ Landsturmverordnungen vorlesen zu können, die vorschrieben, dem Feinde
+ zu schaden und ihn zu vernichten, wie und wo sich die Gelegenheit
+ biete.
+
+ Die Deutschen wollten diese Kriegführung nicht als kriegsrechtlich
+ anerkennen und alle Offiziere bekamen den Befehl, wo Soldaten auf die
+ bezeichnete Weise geschädigt würden, Geiseln zu nehmen und diese ohne
+ Gnade zu erschießen, wenn man die Schuldigen nicht ausfindig machen
+ könne. Es sollten ferner von den Bewohnern der Dorfschaften
+ Kontributionen erhoben, die Häuser oder die Dörfer, aus denen Schüsse
+ auf die Gruppen gefallen, ohne Rücksicht auf Schuldige oder
+ Unschuldige niedergebrannt werden. Diese Befehle sind oft vollzogen
+ worden. Hunderte und aber Hunderte sind so ums Leben gekommen, Häuser
+ und ganze Ortschaften wurden angezündet, ich habe darüber in der
+ liberalen Presse keinen Tadel, sondern nur Billigung gefunden.
+
+ Die Kommune befand sich den Versaillern gegenüber in einer ähnlichen
+ Lage, und mindestens ebenso im Recht, wie die Deutschen gegenüber der
+ irregulären Kriegführung der Franktireurs. Die Versailler haben
+ während des wochenlangen Kampfes gegen Paris die ihnen in die Hände
+ fallenden Gefangenen wider alles Kriegsrecht niedergemetzelt. Auf
+ solche Weise sind die Kommune-Generale Duval und Flourens und viele
+ andere Offiziere ums Leben gekommen. Ja, die Versailler haben sich
+ nicht entblödet, auf die Verbandplätze zu schießen und die gefangenen
+ Krankenpflegerinnen, nachdem sie dieselben geschändet, zu füsilieren.
+ Das konnten nur Bestien tun, wie sie Herrn Thiers durch die Hilfe der
+ Deutschen in den gefangenen Soldaten zur Verfügung gestellt wurden.
+
+ Auf diese Schandtaten hin beschloß die Kommune, Geiseln zu nehmen und
+ für jeden Nationalgardisten, der niedergemacht würde, drei Geiseln zu
+ erschießen. Aber es blieb bei dem Beschluß, und als die Geiseln zum
+ Teil schließlich erschossen wurden, da bestand, wie Herr Sparig selber
+ zugegeben hat, die Kommune nicht mehr, sie kann also dafür auch nicht
+ verantwortlich sein.
+
+ Als nun die Versailler durch die Unterstützung der Deutschen, die
+ ihnen den Weg dazu frei gaben, in Paris eindrangen — was ihnen ohne
+ diese Hilfe kaum gelungen wäre —, da begannen sie in den Straßen der
+ Stadt ein Gemetzel und ein Blutbad, wie es in der Geschichte fast
+ unerhört ist. Alles, was den Versaillern in die Hände fiel, Männer,
+ Weiber und Kinder, wurde niedergemacht, die Gefangenen wurden zu
+ Hunderten, wie auf dem Kirchhof Père Lachaise, in Reihen aufgestellt,
+ mit Mitrailleusen niederschmettert und die noch zuckenden Leichname,
+ mit Kalk und Petroleum begossen, in die Gruben geworfen.
+
+ Wie die Versailler gewütet, beweist die Tatsache, daß keine
+ Verwundeten vorhanden waren. So kamen in wenig Tagen nach
+ übereinstimmenden Aussagen 15-20000 Menschen ums Leben.
+
+ In einer solchen Lage gab es für die Kommune kein Mittel, als sich auf
+ jede mögliche Art ihrer Haut zu wehren; daß man durchaus berechtigte
+ Handlungen der Besiegten als Schandtaten hinstellt, daran sind wir
+ gewöhnt. Lesen Sie einmal das Buch Röckels über seine Gefangenschaft
+ in Waldheim, worin er auch den Dresdener Maiaufstand von 1849
+ schildert, dort werden Sie finden, daß man den Maikämpfern genau
+ dieselben Verleumdungen seitens der Reaktion nachsagte, die man heute
+ der Kommune nachsagt, nur war die Mairevolution in Dresden eine
+ _bürgerliche_ Revolution. Und lesen Sie weiter die Geschichte des
+ Wiener Oktoberaufstands von 1848, nach dessen Niederwerfung Robert
+ Blum erschossen wurde; die Proklamation, die damals Fürst
+ Windischgrätz über die Zustände in Wien in die Welt sandte, sie
+ gleicht auf ein Haar jener, welche die Versailler über die Zustände in
+ Paris während der Kommune der Welt vekündeten.
+
+ Ich habe hier aus Blums Feder einen Aufsatz, worin er sich in der
+ entschiedensten Weise über jene Proklamation des Windischgrätz
+ ausspricht und entrüstet ausruft. „Was muß die Welt über Wien denken,
+ von dem sie nichts erfahren kann, wenn man uns, die wir die Dinge
+ kennen, solches zu sagen wagt!“
+
+ Hierbei will ich aber auch erwähnen, wie Blum zu jener Zeit die
+ Revolution auffaßte und wie er in einer Rede in der Aula erklärte:
+ „Bleiben wir nicht auf halbem Wege stehen, führen wir den Kampf gegen
+ unsere Gegner bis zu Ende und ohne Erbarmen.“ Und heute noch wird das
+ Andenken Robert Blums von den Liberalen gefeiert, und mit Recht.
+
+ Ganz wie damals in Wien Bürgertum und Reaktion, so standen sich in
+ Paris die Kommune und die Versailler gegenüber. Die Kommune mußte bis
+ zum letzten Atemzuge kämpfen, und sie hat heldenmütig gekämpft. Das
+ können ihre grimmigsten Gegner nicht bestreiten. Und wie man 1848 und
+ 49 unsere besten Männer in Wien, Rastatt und Mannheim standrechtlich
+ erschossen hat, so fielen auch die Männer der Kommune, die meisten mit
+ dem Rufe: „Es lebe die Republik! Es lebe die Kommune!“
+
+ Jetzt komme ich zu den Brandlegungen.
+
+ Die Versailler haben den Kampf gegen Paris viele Wochen lang geführt
+ und sie haben nicht mit Zuckererbsen geschossen; daß es dabei
+ Verwüstungen absetzt, ist selbstverständlich. Aber während der letzten
+ 8 Tage, als sie mit Hilfe der Deutschen den Montmartre mit 50 schweren
+ Geschützen besetzen konnten, haben sie mit glühenden Kugeln und selbst
+ mit Petroleumbomben auf die Häuser geschossen und, wie nicht anders zu
+ erwarten, viele davon in Brand gesteckt. So sind die meisten Brände
+ durch die Versailler entstanden, die sie der Kommune in die Schuhe
+ schieben. Als nun der Kampf in den Straßen entbrannte und seitens der
+ Versailler mit wilder Grausamkeit geführt wurde, war die Kommune
+ genötigt, einzelne Gebäude zu Verteidigungszwecken anzuzünden, um die
+ Versailler für eine Weile zurückzuhalten. Ist denn diese
+ Handlungsweise so ungerecht und unerhört, daß man sie als
+ Mordbrennerei bezeichnen darf? Die Deutschen haben bei der Belagerung
+ von Straßburg 500 bis 600 Häuser demoliert, nur um die Stadt zur
+ Uebergabe zu zwingen, obgleich sie mit der Zivilbevölkerung keinen
+ Krieg führten. Als die Festung Soissons übergeben wurde, betätigten
+ die verschiedensten Berichterstatter, daß fast kein Haus in der Stadt
+ unversehrt sei, daß ganze Straßen vernichtet, fast alle Dächer
+ zerschossen, aber die Wälle der Festung intakt seien. Man beschoß die
+ Privathäuser und verwundete und tötete die Bevölkerung, damit diese in
+ ihrer Not die Offiziere zur Uebergabe zwang. Ich habe nicht gelesen,
+ daß die liberale Presse diese Art der Kriegführung mißbilligt hätte.
+ Und wie die Deutschen gegen die Festungen, so handelte Thiers gegen
+ Paris, und da will man es der Kommune als Verbrechen anrechnen, wenn
+ sie sich, so gut es ging, wehrte! Bei dem Aufstand 1849 in Dresden
+ verlangte Herr von Beust von den zu Hilfe gerufenen Preußen, sie
+ sollten die Stadt in Brand schießen, und das wäre geschehen, wenn
+ nicht der kommandierende Graf von Waldersee erklärte, er hoffe auch
+ ohne das mit den Insurgenten fertig zu werden. Allerdings hat man es
+ aber dann an anderen Barbareien nicht fehlen lassen. So hat man zum
+ Beispiel eine Anzahl Gefangene von der großen Elbbrücke in das Wasser
+ gestürzt, und wenn sie versuchten, sich an dem Geländer festzuhalten,
+ hackte man ihnen mit Säbeln die Finger ab. Aehnliche und schlimmere
+ Grausamkeiten begingen die Versailler Ordnungsbanditen wochenlang in
+ Paris.
+
+ Der größte Teil der Brände entstand also durch die Beschießung von
+ Paris seitens der Versailler, wie das auch ein Augenzeuge, der eben in
+ jener Zeit in Paris war und sich schon seit 20 Jahren dort aufhielt,
+ der italienische Abgeordnete Patrucelli della Gattinea, in der
+ „Gazetta d'Italia“ öffentlich erklärt hat. Derselbe schrieb, man müsse
+ annehmen, daß von zehn in Brand geratenen Häusern sicher neun durch
+ die Versailler Bomben in Brand geschossen worden seien. Die
+ Brandstiftungen der Kommune seien zu Verteidigungszwecken geschehen.
+ Da nun die Zahl der angezündeten und niedergebrannten Häuser sich auf
+ zirka zweihundert belief, so träfe hiernach die Kommune ein
+ verhältnismäßig geringer Teil.
+
+ Meine Herren, die Zeit, die mir gewährt ist, ist bereits weit
+ vorgeschritten, ich habe nur noch wenige Minuten, ich werde aber die
+ Belege für das von mir Angeführte entweder in der Duplik oder in einer
+ zweiten Versammlung, die abzuhalten nötig sein wird, beibringen. Ich
+ kann alles, was ich gesagt, durch gegnerische Aussagen als wahr
+ beweisen....
+
+Ich kam dann nochmals auf die Erschießung der Geiseln, die angeblich
+Ferré veranlaßt habe, zu sprechen und fuhr fort:
+
+ Die Kommune hat gehandelt, wie sie nach Lage der Dinge handeln mußte,
+ und wer ihr Verfahren nicht billigt, wird es wenigstens erklärlich
+ finden und entschuldigen.
+
+ Mit der Anklage gegen Ferré schloß Herr Sparig, ich muß jetzt
+ ebenfalls schließen. Sicher steht fest, daß die Kommune nichts getan
+ hat — und ich hoffe, noch Gelegenheit zu haben, dies weiter zu
+ beweisen —, dessen sie sich zu schämen brauchte, und daß sie an
+ Gewalttaten nichts begangen hat, was nicht in Europa die monarchischen
+ Regierungen in ähnlichen Momenten hundert- und tausendmal ärger getan
+ haben. (Stürmischer, lang anhaltender Beifall.)
+
+ Vorsitzender _Motteler:_ Meine Herren, wir müssen die Sache kurz
+ machen; soeben hat mir der Herr Polizeidirektor mitgeteilt, daß er nur
+ bis 12 Uhr die Versammlung tagen lassen könne.
+
+Nachdem dann Sparig kurz, aber völlig belanglos geantwortet, nahm ich
+nochmals das Wort:
+
+ Meine Herren, Herr Sparig hat auf meine Rede nicht geantwortet, er hat
+ sich auch nicht bereit erklärt, eine zweite Versammlung abzuhalten,
+ obgleich wir bei der vorgeschrittenen Zeit heute nicht fertig werden
+ können. Ich bin nun genötigt, auf einige der letzten Bemerkungen des
+ Herrn Sparig kurz einzugehen. Herr Sparig hat seinen eigenen Mut
+ gepriesen, daß er uns entgegen getreten ist. Ob ein großer Mut
+ dazugehört, einer Partei entgegenzutreten, von der man behauptet, daß
+ sie nur aus einem Häuflein phantastischer Köpfe besteht, will ich
+ dahingestellt sein lassen.
+
+ Herr Sparig hat dann die Hoffnung ausgesprochen, daß die heutige
+ Versammlung zu einer lebhafteren Beteiligung bei den Wahlen beitragen
+ werde; das hoffen auch wir. (Heiterkeit.) Wir werden dabei keinen
+ Schaden haben. (Zustimmung.) Bisher hat jeder Wahlkampf gezeigt, daß
+ wir einige hundert Stimmen mehr erhielten als vorher, und ich hoffe,
+ die heutige Versammlung hat dazu beigetragen, daß dies bei der
+ nächsten Reichstagswahl erst recht der Fall sein wird. (Heiterkeit,
+ Bravo!)
+
+ Herr Sparig hat sich auch für verpflichtet erachtet, im Namen der
+ Nachkommen Blums dagegen zu protestieren, daß ich denselben in
+ Verbindung mit der Kommune gebracht. Ich weiß nicht, woher Herr Sparig
+ die Vollmacht hat, gegen etwas zu protestieren, was nicht geschehen
+ ist. (Heiterkeit.) Ich weiß so gut wie irgend jemand, daß Robert Blum
+ kein Sozialist war, aber er war ein guter Demokrat und ein echter
+ Republikaner, und das ist mehr, als Herr Sparig ist. (Beifall. Herr
+ Sparig verneigt sich. Stürmische Heiterkeit.) Ich habe nur erklärt,
+ daß die Kommune sich in einer ähnlichen Lage befand, wie 1848 in den
+ Oktobertagen Wien. Und daß Robert Blum, der damals in Wien war, sich
+ mit einer Entschiedenheit für die Fortsetzung der Revolution
+ ausgesprochen, wie das seitens der Kommune nicht entschiedener
+ geschehen konnte. Und da ich vorhin auf eine Rede von Robert Blum aus
+ jenen Tagen Bezug nahm, so will ich hier bemerken, daß dieselbe sich
+ in einem Buche befindet, das ein Herr Artur Frey zu Ehren Blums
+ herausgegeben hat und in welchem er sich bemüht, Robert Blum als
+ Mensch, Schriftsteller und Politiker darzustellen. Die betreffende
+ Stelle der Rede lautet:
+
+ „Keine halbe Revolution! Fortschreiten, wenn auch blutiges, auf der
+ eingeschlagenen Bahn, vor allem — keine Schonung gegen die Anhänger des
+ alten Systems, die Ruhe aus selbstsüchtigen Absichten begehren; gegen
+ diese werde ein Vernichtungskrieg geführt.“
+
+ Kann der entschiedenste Sozialist sich entschiedener ausdrücken, als
+ es hier von Robert Blum gegen die Gegner der Revolution geschah?
+ (Beifall.)
+
+ Und nun hören Sie auch eine Stelle aus der Proklamation, welche
+ Windischgrätz an die Wiener erließ:
+
+ „Die Stadt ist befleckt worden durch Greueltaten, welche die Brust
+ jedes Ehrenmannes mit Entsetzen erfüllen! ... Wien befindet sich in
+ der Gewalt einer kleinen, aber verwegenen, vor keiner Schandtat
+ zurückschaudernden Faktion; Leben und Eigentum sind einer Handvoll
+ Verbrecher preisgegeben!“
+
+Stimmt das nicht bis aufs Wort mit den Erklärungen überein, die Herr
+Thiers über Paris und die Kommune erließ? (Zustimmung)
+
+Herr Sparig hat weiter gesagt: solange die Sozialdemokratie der
+Phantasie des Internationalismus huldige, könne sie seitens seiner
+Partei keine Beachtung finden. Auf das letztere verzichten wir.
+(Heiterkeit.) Aber ist denn die Idee der Internationalität wirklich
+etwas Phantastisches? Aus der Familie wurde der Stamm, aus mehreren
+Stämmmen der Staat und die Nation, und schließlich entwickelt sich aus
+der engen Verbindung der Nationen die Internationalität. Das ist der
+historische Verlauf. Und indem der Sozialismus sich auf den Standpunkt
+der allgemeinen Menschenliebe und Brüderlichkeit stellt, indem er dafür
+kämpft, daß die nationalen Kriege und Verhetzungen aufhören, daß die
+Nationen in friedlicher Arbeit und Kulturförderung zusammengehen,
+vertritt die Sozialdemokratie die höchste Kulturidee, die überhaupt
+denkbar ist. (Beifall.)
+
+Indem man nun unsere Partei, weil sie den engherzigen nationalen
+Standpunkt bekämpft, weil sie gegen die Rassenkämpfe Front macht und die
+Idee der Völkerverbrüderung vertritt, beschimpft, verleumdet und
+verfolgt, geschieht ihr nur, was zu allen Zeiten den Vorankämpfenden
+geschah. Meine Herren! Gehen Sie beispielsweise heute noch in ein gut
+katholisches Land und hören Sie einmal, mit welcher Unkenntnis über
+Luther geurteilt wird! So ist es allen Parteien in der Welt gegangen,
+die den Fortschritt vertraten, und so erging es auch der liberalen.
+Heute, wo die liberale Partei am Ruder ist und die Herrschaft hat,
+betrachtet sie ihre Welt für die beste der Welten, und wir, die wir dies
+nicht anerkennen wollen, wir werden von ihr heute behandelt, wie sie
+selbst von der feudalen Partei vor kaum zwanzig Jahren behandelt wurde.
+Ganz natürlich das!
+
+Wir lassen uns durch solche Anschuldigungen nicht beirren, wir wissen,
+daß unsere Zeit kommt, daß die Verhältnisse uns in die Hände arbeiten,
+daß mit der Zunahme des Klassengegensatzes, mit dem Verschwinden der
+Mittelschicht, des Kleinbürgertums, das in die Reihen der Lohnarbeiter
+geschleudert wird, die Sozialdemokratie immer stärker wird, bis sie
+endlich die Macht in Händen hat. (Lebhafter Beifall.)
+
+Herr Sparig hat sich gefreut, daß bei der letzten Landtagswahl in
+Chemnitz kein Sozialdemokrat in den Landtag gekommen ist. Die Freude
+dürfte ihm bald zu Wasser werden. (Heiterkeit.) Es ist aber bezeichnend
+für ihn, daß er damit sein Wohlgefallen an einem Wahlgesetz kundgibt,
+das nur durch seine reaktionären Bestimmungen eine Volkswahl verhindert.
+(Beifall.) Indes der Sozialdemokrat wird doch in den Landtag kommen,
+wenn auch dieses Jahr nicht, so im nächsten Jahre gewiß (Bravo,
+Heiterkeit), und hätte der Chemnitzer Stadtrat die Wahlliste ebenso
+geführt, wie er die Steuerliste führt — zwei Dinge, die bekanntlich auch
+in Leipzig nicht harmonieren —, so wäre er schon drinnen. (Große
+Heiterkeit und Beifall.)
+
+Endlich hat Herr Sparig, indem er sich an die hier anwesenden Vertreter
+der konservativen Presse wandte, gemeint, die konservative Presse werde
+jetzt wohl einsehen, daß die Nationalliberalen mit der Sozialdemokratie
+nichts zu schaffen haben. Das hat sicherlich noch kein Mensch wirklich
+geglaubt, und die, welche es geschrieben haben, am allerwenigsten.
+(Heiterkeit.)
+
+Tatsache ist, daß der Streit zwischen Konservativen und
+Nationalliberalen nur als ein Streit wie zwischen zwei unzufriedenen
+Eheleuten betrachtet werden kann. Mischt sich ein dritter hinein, so
+sind sie einig. (Heiterkeit.) ... Vor einigen Wochen stand im „Leipziger
+Tageblatt“ ein Artikel, in dem allen Gegnern der Sozialdemokratie
+zugerufen wurde: „Bilden wir allesamt eine einzige große
+Ordnungspartei.“ Nun, wir gratulieren Ihnen dazu, Sie werden's nötig
+haben. (Heiterkeit.) Wir haben es auch kürzlich in Chemnitz gesehen.
+Anfangs lagen sich dort Konservative und Nationalliberale in den Haaren
+und beide Parteien wollten einen Kandidaten aufstellen, weil keine der
+anderen das Feld gönnte, doch als es hieß, ein Sozialist würde
+aufgestellt, da hörte der Streit auf, da hieß es. „Alle gegen Bebel.“
+(Große Heiterkeit und Beifall.)
+
+Mit meinen Ausführungen schloß die glänzend verlaufene Versammlung.
+
+
+
+
+Neue Verfolgungen.
+
+
+Anfang Januar 1876 hielten die sächsischen Parteigenossen eine sehr gut
+besuchte Landesversammlung in Chemnitz ab, in der man sich bereits mit
+der Aufstellung der Kandidaten für die nächste Reichstagswahl
+beschäftigte, die man Januar 1877 erwartete. Die Stimmung war trotz
+aller Verfolgungen vorzüglich. Mit Beginn des Jahres hatten die Berliner
+Genossen in der „Berliner freien Presse“ sich ein Lokalblatt geschaffen,
+das sich allmählich eine bei Freund und Feind angesehene Stellung
+eroberte. Jetzt wurden auch die ersten Zeichen einer Wandlung der
+gesamten Politik des Reiches bemerkbar. Mit der Entlassung des
+Präsidenten des Reichskanzleramtes Delbrück, die Ende April erfolgte,
+wurde die offizielle Schwenkung nach der schutzzöllnerischen Seite
+eingeleitet. Der preußische Handelsminister v. Camphausen, der noch kurz
+zuvor im Reichstag die Lohnherabsetzungen durch die Unternehmer als
+Mittel, aus der Krise herauszukommen, gerechtfertigt hatte und dafür von
+Eugen Richter das Lob erntete: Alle Hochachtung vor einem Minister, der
+es wagt, so unpopuläre Wahrheiten auszusprechen, folgte ihm später in
+die Wüste nach. Unterdessen nahmen die Verfolgungen gegen die
+Parteigenossen ununterbrochen ihren Fortgang, ganz besonders wegen
+Beleidigungen des Reichskanzlers. Bismarck hatte die Gewohnheit
+angenommen, daß er seine Strafanträge _en masse_ hektographieren ließ
+und denjenigen Staatsanwälten zur Anklageerhebung zusandte, die ihm
+einen Beleidiger namhaft gemacht hatten.
+
+Diese Strafanträge wurden von ihm unausgesetzt bis zum Ende seines
+Amtes — Februar 1890 — gestellt. Dieselben gingen in die Tausende, und die
+Verurteilten halfen die Gefängnisse bevölkern. Von Charaktergröße legte
+dieses Verfahren kein Zeugnis ab, es wurde selbst von vielen seiner
+Verehrer mißbilligt.
+
+Getreu den Intentionen Bismarcks setzte ferner Tessendorf seine
+Verfolgungen der Arbeiterorganisationen fort. Hatte er bei seiner
+Anklage gegen die Leiter des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins wegen
+Vergehens gegen das preußische Vereinsgesetz März 1875 den Antrag auf
+dessen Unterdrückung mit den Worten begründet: „Zerstören wir die
+sozialistische Organisation, und es existiert keine sozialistische
+Partei mehr“, Worte, die sein ganzes Unverständnis der Bewegung
+bewiesen, so sah er sich jetzt zu weiteren ähnlichen Maßregeln
+veranlaßt. Die Unterdrückung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins
+war durch die Gründung der Sozialistischen Arbeiterpartei in Gotha
+wettgemacht worden. Diese sollte jetzt an die Reihe kommen. Es gelang
+ihm auch, bei der Ratskammer des Berliner Stadtgerichtes einen Beschluß
+zu erlangen, wonach sowohl die Berliner Mitgliedschaft der Partei wie
+die Partei selbst für ganz Preußen für vorläufig geschlossen erklärt
+wurden. Der Parteivorstand antwortete auf diesen Beschluß mit einer
+Ansprache an die Parteigenossen, sie sollten unbekümmert um denselben in
+die Agitation für die nächsten Reichstagswahlen eintreten. Die Partei
+solle zeigen, daß sie sich durch Beschlüsse, wie jenen der Ratskammer
+des Berliner Stadtgerichtes, nicht einschüchtern lasse. Es sei nunmehr
+erst recht notwendig, daß jeder einzelne Genosse seine volle
+Schuldigkeit für die Partei tue. Dem Trumpf Tessendorfs „Vernichtung der
+Sozialdemokratie“ müsse durch den Gegentrumpf „Es lebe die
+Sozialdemokratie“ geantwortet werden. Nunmehr wurden überall in Preußen
+an Stelle der aufgelösten Parteiorganisation lokale Organisationen ins
+Leben gerufen, die allerdings jeden Schein einer Verbindung mit der für
+das übrige Deutschland fortbestehenden Zentralorganisation vermeiden
+mußten. Das Vorgehen Tessendorfs erwies sich buchstäblich als ein Schlag
+ins Wasser, denn für die Anwerbung von Parteigenossen, die Verbreitung
+der Parteipresse und die Sammlung von Geldmitteln leisteten diese
+Lokalorganisationen mindestens so viel wie die aufgelöste
+Zentralorganisation.
+
+Freilich war unter diesen Verhältnissen ein Parteikongreß im früheren
+Sinne nicht mehr möglich. Da wir aber einen solchen nicht entbehren
+wollten und konnten, traten Reichstagsfraktion und Parteivorstand
+zusammen, um zu beraten, was geschehen solle. Man einigte sich sehr
+rasch auf den von mir gemachten Vorschlag, daß die Reichstagsfraktion
+einen allgemeinen Sozialistenkongreß einberufen solle, und zwar für die
+Tage vom 20. bis 23. August nach Gotha, wozu die Delegierten in
+öffentlichen Versammlungen gewählt werden sollten. Um andererseits den
+preußischen Parteigenossen die Leistung von Parteibeiträgen in
+unanfechtbarer Form zu ermöglichen, wurde beschlossen, monatlich ein
+ungefähr handgroßes Blättchen unter dem Titel „Der Wähler“
+herauszugeben, das zum Preise von 20 Pfennig sich eines guten Absatzes
+erfreute.
+
+Tessendorfs Verfolgungseifer begnügte sich aber nicht mit der Auflösung
+der Parteiorganisation in Preußen. Er ging alsbald auch gegen eine
+Anzahl Zentralverbände der Gewerkschaften vor, um diesen als
+„politischen Organisationen“ das Schicksal der Partei zu bereiten. Das
+gelang ihm auch bei vier derselben. Die aufgelösten Zentralleitungen
+siedelten nunmehr nach Hamburg über, dessen Vereinsgesetz ein
+Verbindungsverbot für politische Vereine nicht kannte.
+
+ * * * * *
+
+Am 28. Juni war Most endlich nach 26 Monaten Haft aus Plötzensee
+entlassen worden. An demselben Tage kündigte Bracke öffentlich das
+Erscheinen einer von Most verfaßten Broschüre an, betitelt: „Die
+Bastille am Plötzensee“, in der er seine Erlebnisse erzählte und die Art
+und Weise schilderte, wie er und andere hinter dem Rücken der Beamten
+sich allerlei Vorteile beschafft und die Beamten hinter das Licht
+geführt hatten. Diese Veröffentlichung war eine Unklugheit. Kaum war die
+Schrift erschienen, so verlangte der Minister des Innern von dem nichts
+ahnenden Direktor des Gefängnisses Plötzensee Auskunft über die
+geschilderten Vorgänge. Das Resultat war, daß mehrere Beamte bestraft
+und entlassen wurden und von jetzt ab eine weit strengere Handhabung der
+Gefängnisordnung Platz griff. Auch wurden von jetzt ab — mit mir machte
+man, als ich ebenfalls in Plötzensee Quartier beziehen mußte, worüber
+weiter unten mehr, noch eine Ausnahme — die meisten politischen
+Gefangenen im sogenannten Maskenflügel interniert. Als Most im Jahre
+1878 abermals auf sechs Monate in Plötzensee seinen Einzug halten mußte,
+vergalt man ihm seine Indiskretionen. Er wurde jetzt in strenge
+Isolierhaft genommen, und so oft er die Zelle verließ, mußte er, wie
+die anderen Insassen des Zellenhauses, eine schwarze Maske vorlegen,
+damit ihn niemand erkenne.
+
+Entsprechend den um jene Zeit einen immer aggressiveren Charakter
+annehmenden Verfolgungen der Partei wurden auch die verhängten Strafen
+bemessen. Wo man vordem Wochen oder wenige Monate verhängte, erhielt
+jetzt der Verurteilte eine drei- und vierfach höhere Strafe zuerkannt.
+Urteile, die zwölf, fünfzehn, achtzehn und mehr Monate diktierten,
+wurden Regel. Einzelne Parteiblätter, wie der „Vorwärts“ und die
+„Berliner Freie Presse“, hatten ständig mehrere Redakteure in Haft. So
+erhielt zum Beispiel Saeweke-Chemnitz wegen Majestätsbeleidigung und was
+man als Gotteslästerung ansah zwei Jahre Gefängnis; vom Augsburger
+Schwurgericht wurden wegen verschiedener Preßvergehen R. Franz zu drei,
+E. Rottmanner und E. Köber zu je zwei Jahren Gefängnis verurteilt, eine
+Verurteilung, die in der ganzen Partei einen Sturm der Entrüstung
+hervorrief. In anderen Prozessen wurde Thomas-Augsburg zu zwei Jahren,
+Loof-Chemnitz zu einem Jahre vier Monaten verurteilt. Vahlteich erhielt
+im folgenden Jahre wegen verschiedener Preßvergehen achtzehn Monate
+Gefängnis, und zu der gleichen Strafe wurde im nächstfolgenden Jahre
+G.v.Vollmar, der Redakteur der „Dresdener Volkszeitung“ war, verurteilt.
+Diese Verurteilungen erregten schließlich in der Partei kaum noch
+Aufsehen; wer Redakteur oder Agitator war, mußte mit dem Gefängnis als
+einem unumgänglichen Attribut seiner Stellung rechnen. Mit Vollmar war
+ich infolge seiner Stellung als Redakteur der „Dresdener Volkszeitung“
+in lebhafteren brieflichen Verkehr gekommen. Die verschiedenen
+Preßvergehen, in die er verwickelt war, legten ihm die Frage nahe, ob
+bei einer Verurteilung ihm die Pension, die er als schwer verwundeter
+Teilnehmer im Deutsch-Französischen Kriege bezog, nicht entzogen werden
+könne, und er ersuchte mich darüber um meine Meinung. Darauf antwortete
+ich ihm unter dem 17. Juni 1877 unter anderem:
+
+ „...Bezüglich Ihrer Pensionsangelegenheit habe ich mit Freytag noch
+ nicht sprechen können, glaube auch kaum, daß er Ihnen mehr als ich
+ wird sagen können.
+
+ Ich habe mir die Reichstagsverhandlungen angesehen. § 32 des
+ Gesetzes, die Pensionierung und Versorgung der Militärpersonen,
+ bestimmt unter b), daß durch rechtskräftige gerichtliche Verurteilung
+ der Pensionsverlust herbeigeführt werden könne, und bestimmt dann
+ weiter:
+
+ Die Pensionserhöhungen können jedoch durch gerichtliches Erkenntnis
+ nicht entzogen werden.
+
+ Aus den Verhandlungen ergibt sich nun mit keinem Wort, in welchem
+ Falle ein solches Aberkenntnis eintreten dürfe. Es wurde bei der
+ Beratung darauf aufmerksam gemacht, daß im Reichsstrafgesetzbuch, das
+ ja auch für Bayern gilt, alle Bestimmungen gestrichen wurden, wonach
+ die Pension aberkannt werden könne. Im Gegensatz hierzu besteht aber
+ das alte preußische Militärstrafgesetzbuch aus dem Jahre 1845, das
+ solche Bestimmungen enthält. Da dieses aber meines Wissens für Bayern
+ nicht gilt, so fragt es sich, welche bezüglichen Bestimmungen das
+ bayerische Militärstrafgesetz enthält, diese kommen alsdann in
+ Betracht und dieses Gesetz werden Sie sich wohl leicht verschaffen
+ können.
+
+ Ich empfehle Ihnen äußerste Vorsicht in der Schreibweise, ich fürchte,
+ man läßt Sie tüchtig hereinfallen. Da aber die Verurteilung auf keinen
+ Fall den Verlust der Ehrenrechte nach sich ziehen kann, so fragt es
+ sich, ob diese Entziehung nicht eine Bedingung für die Aberkennung der
+ Pension ist, in welchem Falle Sie gedeckt wären. Daß gegen Sie als
+ einen „Apostaten“ die herrschende Gewalt eine besondere Animosität
+ besitzt, ist sicher...“
+
+Große Genugtuung rief es hervor, als um jene Zeit in der Partei bekannt
+wurde, daß der oberste Gerichtshof im Herzogtum Braunschweig den General
+Vogel v. Falckenstein wegen der Lötzener Affäre verurteilt habe, an die
+Herbst 1870 von ihm gefangen gesetzten Genossen Entschädigung zu zahlen,
+und zwar an Bracke 2100 Mark, an Gralle 108 Mark, an Bonhorst 105 Mark,
+an Ehlers als selbständigen Gewerbetreibenden pro Tag 7,50 Mark, an Kühn
+als Arbeiter pro Tag 3 Mark.
+
+
+
+
+Der Parteikongreß in Gotha 1876.
+
+
+Für den Parteikongreß in Gotha — 19. bis 23. August — hatten wir als
+Tagesordnung festgesetzt:
+
+ „1. Die Tätigkeit der sozialistischen Abgeordneten; 2. Gang und Stand
+ der sozialistischen Organisation in Deutschland; 3. die
+ bevorstehenden Reichstagswahlen; 4. Feststellung der sozialistischen
+ Kandidaturen; 5. die sozialistische Organisation in Deutschland; 6.
+ die Parteipresse.“
+
+Die offiziöse „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ lärmte gewaltig über
+diese Veranstaltung und drohte, man werde festzustellen suchen, ob
+dieser Kongreß nicht eine Gesetzesumgehung mit Hinblick auf die
+erfolgten Schließungen und Auflösungen sei. Indes an diese Drohungen
+kehrten wir uns nicht. Wir mußten zeigen, daß wir uns nicht
+einschüchtern ließen und entschlossen waren, jedes Mittel zu benutzen,
+das die Umstände uns zu ergreifen ermöglichten, um die gegen uns
+gerichteten Schläge zu parieren.
+
+_Geib_ und _Hasenclever_ führten auf dem Kongreß wieder den Vorsitz.
+Anwesend waren 98 Delegierte, die aus 291 Orten 38254 Mandanten zu
+vertreten hatten. Liebknecht und ich konnten aus privaten Gründen erst
+am zweiten Tage der Verhandlungen erscheinen. Aus dem von _Auer_
+vorgetragenen Bericht ging hervor, daß die Einnahmen der Parteileitung
+vom 8. Juni 1875 bis 19. August 1876 sich auf 53973 Mark beliefen, denen
+eine Ausgabe von 54432 Mark gegenüberstand. Es war also ein kleines
+Defizit vorhanden, das durch den Ueberschuß des „Wähler“ in Höhe von
+4330 Mark gedeckt wurde. Die Partei besaß zu jener Zeit 23 politische
+Organe und das neu gegründete Unterhaltungsblatt „Die Neue Welt“. Von
+den Organen erschienen acht sechsmal, acht drei-, vier zwei- und drei
+einmal wöchentlich. Zum erstenmal liefen auf einem deutschen
+Parteikongreß eine Reihe Zuschriften von sozialistischen Organisationen
+des Auslandes ein, in denen die Partei wegen ihrer tapferen Haltung
+beglückwünscht wurde. Ich war in der Lage, die Grüße einer
+internationalen Konferenz in Bern zu überbringen, der ich gelegentlich
+einer Geschäftsreise in der Schweiz beigewohnt hatte. Zum Zeichen
+brüderlicher internationaler Solidarität wurde beschlossen, für die in
+großer Not befindlichen Kommunards in geeigneter Weise Geld
+aufzubringen. Karl Hirsch erschien als Delegierter Pariser Arbeiter auf
+dem Kongreß. Ueber die Tätigkeit der Fraktion im Reichstag berichtete
+_Hasenclever_. Ich ergriff die Gelegenheit, um unsere Stimmenthaltung
+in der Diätenfrage zu rechtfertigen, die mehrfach angegriffen worden
+war. _Molkenbuhr_, der namens der Gegner unserer Abstimmung das Wort
+ergriff, behauptete, die Abstimmung habe uns in der Agitation geschadet,
+diese Taktik habe bei den Parteigenossen befremdend gewirkt. Die
+Fraktion müsse stets klare Stellung nehmen für oder gegen eine Vorlage
+und geschlossen stimmen. Nach längerer Debatte brachten A. Kapell und
+Dreesbach einen Antrag ein, wonach unsere Abstimmung in der Diätenfrage
+als unpraktisch erklärt werden sollte. Dieser Antrag wurde abgelehnt.
+Dagegen wurde ein Antrag Löwenstein angenommen, der vorschlug, über die
+Frage zur Tagesordnung überzugehen, denn es sei selbstverständlich, daß
+die sozialistischen Abgeordneten für Diätenzahlung seien und in
+vorliegendem Falle mit der Stimmenthaltung nur der Schwindel hätte
+konstatiert werden sollen, dessen sich ein Teil der liberalen
+Abgeordneten schuldig machte.
+
+Die weiteren Verhandlungen zeigten, daß noch starke persönliche und
+sachliche Gegensätze in der neu geeinten Partei vorhanden waren, die
+jetzt zum Ausbruch kamen. So rief Frohme dadurch eine heftige Diskussion
+hervor, daß er die Anschuldigung erhob, verschiedene Parteiblätter und
+ebenso Liebknecht und ich hätten von Sonnemann-Frankfurt
+Geldunterstützungen bezogen. Es wurde festgestellt, daß kein Blatt
+genannt werden konnte, das von Sonnemann Geldunterstützung erhalten
+hatte, das gleiche galt von Liebknecht. Ich teilte mit, daß Sonnemann,
+der während meiner Haft sich wiederholt bereit erklärt habe, mir mit
+einem Darlehen zu helfen, falls ich solches für die Rehabilitierung
+meines Geschäfts nach meiner Haftentlassung bedürfe, mir ein solches in
+Höhe von 600 Taler gewährt habe, das ich mit 5 Prozent verzinste und in
+Raten zurückzahlte. Das sei um so unbedenklicher, da ich seit 1865 mit
+Sonnemann befreundet und die ganze Angelegenheit eine rein private sei.
+Sonnemann selbst hatte durch eine Indiskretion gegen einen Frankfurter
+Genossen den Fall in weitere Kreise getragen. Das Endresultat der
+Debatte war, daß ein Antrag von Bracke — der zum erstenmal seit Jahren
+wieder einen Kongreß besuchte — mit allen gegen sieben Stimmen angenommen
+wurde, der das gegen mich beliebte Vorgehen tadelte. Ich nahm
+Veranlassung, noch im Laufe des Jahres das Darlehen an Sonnemann
+zurückzuzahlen.
+
+Eine weitere Debatte, die zeitweilig ebenfalls einen heftigen Charakter
+annahm, wurde durch die Frage herbeigeführt, ob fernerweit zwei
+offizielle Organe („Der Neue Sozialdemokrat“ in Berlin und „Der
+Volksstaat“ in Leipzig) bestehen sollten oder eines und welches dazu
+ernannt werden sollte. Schließlich wurden 49 Stimmen für Leipzig und 38
+Stimmen für Berlin abgegeben, 6 Delegierte enthielten sich der
+Abstimmung. Darauf wurde weiter beschlossen, das Zentralorgan solle vom
+1. Oktober ab unter dem Namen „Vorwärts“ erscheinen, und zwar dreimal
+wöchentlich. Lebhafte Erörterung rief alsdann die Wahl der beiden
+Redakteure hervor. _Hasselmann_, der der Vereinigung nie grün war,
+erklärte, unter keinen Umständen nach Leipzig überzusiedeln und
+verzichtete auf eine Redakteurstelle. Auf Vorschlag _Geibs_ erklärte
+sich _Hasenclever_ bereit, neben _Liebknecht_ die Redaktion zu
+übernehmen. Des weiteren kam man überein, nachdem die Partei in Preußen
+aufgelöst war, an Stelle des Parteivorstandes in Hamburg ein
+Zentralkomitee zu setzen, in das _Auer, Brasch, Derossi, Geib_ und
+_Hartmann_ eintraten. Auf meinen Antrag wurde das Gehalt des Sekretärs
+auf 150 Mark, des Kassiers auf 105 Mark und der beiden Beisitzer auf je
+45 Mark monatlich festgesetzt.
+
+Im weiteren beschäftigte sich zum erstenmal ein Parteikongreß mit der
+Stellungnahme zu wirtschaftlichen Tagesfragen. Die industrielle Krise,
+die mit dem Jahre 1874 einsetzte und sich mit jedem Jahre mehr
+verschärfte, hatte einen vollständigen Umschwung in den Kreisen der
+Industriellen über die Frage: Schutzzoll oder Freihandel? herbeigeführt
+und schließlich auch in den landwirtschaftlichen Kreisen, die seit
+Jahrzehnten die Hauptstützen des Freihandelssystems bildeten, Anhang
+gefunden. In erster Linie waren es die Eisenindustriellen, die über die
+beschlossene Aufhebung der Eisenzölle, die vom 1. Januar 1877 ab
+eintreten sollte, schon Jahre zuvor in Aufregung gerieten und dagegen
+kämpften. Ihnen schlossen sich andere Industrielle, namentlich die
+Baumwollindustriellen an. Und da durch die jetzt sich immer bemerkbarer
+machende amerikanische Getreidekonkurrenz auch die Getreidepreise nicht
+die erwünschte Höhe behielten, sondern sanken, schwenkten die
+ostelbischen Getreideproduzenten, die ihren Absatz nach dem Ausland
+unter der amerikanischen Konkurrenz immer mehr einbüßten und diese
+Konkurrenz selbst im eigenen Lande verspürten, ins schutzzöllnerische
+Lager ab. Diese Umwandlung in den Anschauungen weiter Kreise über
+Freihandel und Schutzzoll mußte notwendig auch in den Parteikreisen
+Beachtung finden. So erklärten sich im Laufe der Jahre namentlich
+_Auer_, _Fritzsche_ und _Max Kayser_ für eine mehr oder weniger
+ausgeprägte Schutzzollpolitik. Der Kongreß konnte also nicht umhin, zu
+der veränderten Strömung Stellung zu nehmen; er tat dies allerdings in
+einer Weise, die unbefriedigend war und eine gewisse Unklarheit verriet.
+Auf Antrag von Bracke, Frick, Fritzsche, Grillenberger, Hasselmann,
+Liebknecht und Most nahm der Kongreß ohne jede Debatte eine Resolution
+an, in der es hieß: Die Sozialisten Deutschlands stehen dem innerhalb
+der besitzenden Klassen ausgebrochenen Kampfe zwischen Schutzzoll und
+Freihandel _fremd gegenüber_; die Frage, ob Schutzzoll oder nicht, ist
+nur eine praktische Frage, die in jedem einzelnen Falle entschieden
+werden muß; die Not der arbeitenden Klassen wurzelt in den allgemeinen
+wirtschaftlichen Zuständen, doch sind die bestehenden Handelsverträge
+seitens der Reichsregierung ungünstig für die deutsche Industrie
+abgeschlossen und erheischen eine Aenderung. Die Parteipresse wurde
+aufgefordert, die Arbeiter davor zu warnen, für die unter dem Verlangen
+nach Schutzzoll eine Staatshilfe erstrebende Bourgeoisie die Kastanien
+aus dem Feuer zu holen. Und da zu jener Zeit auch die Frage aufgetaucht
+war, ob Privat- oder Staatseisenbahnen, und Bismarck die Monopolisierung
+der Bahnen durch das Reich erstrebte, nahmen die beantragten
+Resolutionen auch zu dieser Frage Stellung. Der Kongreß sprach sich für
+die Verstaatlichung der Eisenbahnen aus, aber _gegen_ das
+Reichseisenbahnprojekt, weil dieses letztere bestimmt sei, die
+Interessen des Klassen- und Militärstaats zu fördern, und die Einnahmen
+zu unproduktiven Zwecken verwendet werden sollten, wodurch das Reich
+ein neues Gewicht im volksfeindlichen Sinne erlangte und den
+Börsenjobbern große Summen vom Volkseigentum zugespielt würden.
+
+Ueber den Verlauf des Kongresses schrieb der weiche und gemütvolle
+_Bracke_, der die mancherlei Unbill, die man ihm nach seinem Austritt
+aus dem Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein von jener Seite hatte
+angetan, noch nicht vergessen konnte, in einem Briefe vom 31. August an
+Friedrich Engels:
+
+ „Die Verhandlungen waren famos, die Angelegenheit Frohme-Sonnemann,
+ dann die Abstimmung über die Diäten, dann die Frage, ob das
+ Zentralorgan nach Berlin oder Leipzig kommen solle, das waren die drei
+ Hauptpositionen; die Lassalleaner hatten ernstlich geglaubt, die
+ Bewegung in ihre Hände zu bekommen, jedenfalls waren sie ihres Sieges
+ in der Organisation sicher. Und dazu hatten sie allen Grund. Auf einer
+ in Berlin stattgehabten Konferenz hatte _Ramm_-Leipzig (der Leiter der
+ Leipziger Parteibuchdruckerei. A.B.) der Verlegung nach Berlin
+ zugestimmt, und _Geib_, der sich allein sah, machte dann keine
+ Opposition mehr. _Bebel_ aber und ich, sowie _Auer_ erklärten die
+ Verlegung für ganz unmöglich, wir fanden auch viele Zustimmung und
+ erweckten _Liebknecht_ und _Geib_ und andere zu neuem Leben. Die
+ Schlacht wurde dann auch glorreich geschlagen. Nachdem in der
+ Angelegenheit Sonnemann und in der bezüglich der Diäten der Sieg auf
+ unserer Seite gewesen, setzten die Lassalleaner, denen nun doch das
+ wirtschaftliche Interesse des Berliner Unternehmens zu Hilfe kam,
+ alles daran. Die Erregung auf beiden Seiten war groß; es wurde eine
+ regelmäßige parlamentarische Schlacht geschlagen. Zuerst waren 42
+ Redner eingezeichnet, voran außer Bebel lauter Berliner. Wir brachten
+ durch passende Anträge diese Liste zu Fall, kamen, da die Gegner das
+ nicht erwartet, dann unsererseits zuerst auf die Liste und konnten nun
+ großmütig sein, wobei uns schließlich Richter-Wandsbeck noch einen
+ großen Dienst leistete. Die Erregung war außerordentlich, jedes Mittel
+ wurde von beiden Seiten benutzt. Die Gegner aber ließen sich von ihrer
+ Erregung hinreißen, polterten hitzig hervor, um die fünfminutige
+ Redezeit auszunutzen, während wir ruhig blieben und durchweg langsam
+ und gemessen sprachen. Das Resultat ist Ihnen begannt. Liebknecht und
+ Bebel waren famos.
+
+ Daß Hasenclever sich schließlich von Geib breitschlagen ließ, ans
+ Zentralblatt nach Leipzig zu gehen, vollendete den Sieg, da man sonst
+ mit Frick-Bremen gesagt habe würde: Das neue Blatt ist nur das Organ
+ der Herren Bebel und Liebknecht. Damit ist die Einheit besiegelt....“
+
+_Hasselmann_ gab zum 1. Oktober 1876 seine Stellung an der „Berliner
+Freien Presse“ auf und zog sich nach Barmen-Elberfeld zurück, woselbst
+er die Redaktion der „Bergischen Volksstimme“ übernahm und ein neues
+Organ, „Die rote Fahne“, das angeblich nur als Flugblatt erscheinen
+sollte, ins Leben rief. Es zeigte sich aber bald, daß _Hasselmann_ mit
+der Gründung dieses Blattes separatistische Ziele verfolgte, was ihn in
+eine schiefe Stellung zur Partei und zum Zentralwahlkomitee brachte und
+auf dem nächstjährigen Parteikongreß wieder zu unerquicklichen Debatten
+führte.
+
+
+
+
+Der Wahlkampf 1876 bis 1877
+
+
+Mit einem Aufruf, datiert vom 12. Oktober 1876, eröffnete das
+Zentralwahlkomitee den Wahlkampf. Auf seinen und vieler Genossen Wunsch
+hatte ich wiederum eine Broschüre, betitelt: „Die parlamentarische
+Tätigkeit des deutschen Reichstags und der Landtage von 1874 bis 1876“,
+verfaßt. Die Schrift erschien diesmal unter meinem Namen in der
+Genossenschaftsbuchdruckerei zu Berlin, also unter den Augen
+Tessendorfs, der diesen Umstand, wie ich bald genug zu meinem Schaden
+erfuhr, gebührend ausnützte.
+
+Am 30. Oktober trat der Reichstag zu seiner letzten Session zusammen.
+Diese konnte aber nur kurz sein, und da Gesetzentwürfe von besonderem
+Interesse für uns nicht vorlagen, befaßten wir uns mit den
+parlamentarischen Verhandlungen nur wenig, aber um so mehr mit der
+Wahlagitation, die mich in jenen Wochen von Leipzig nach Köln, von dort
+nach Königsberg i.Pr. und von hier nach Breslau usw. führte. In
+Königsberg mußte ich an zwei Abenden in überfüllten Versammlungen
+sprechen, weil die Diskussion, die mein Vortrag hervorgerufen hatte,
+erst am zweiten Abend zu Ende geführt werden konnte. In der ersten
+Versammlung war auch Johann Jacoby anwesend, den man zum
+Ehrenvorsitzenden der Versammlung ernannt hatte. Ich lernte erst jetzt
+Jacoby persönlich kennen. Der kaum mittelgroße Mann, der offensichtlich
+in seinem ganzen Wesen zurückhaltender Natur war und nur durch die
+Verhältnisse gezwungen sich zu einem demonstrativen Eingreifen in die
+öffentlichen Angelegenheiten herbeiließ, machte auf mich einen ungemein
+günstigen Eindruck. Ich hatte ihn vor der ersten Versammlung in seiner
+Wohnung besucht, wobei er mich in seinem sehr geräumigen Arbeitszimmer
+empfing, dessen Regale und Schränke bis an die Decke mit Büchern
+vollgepfropft waren. Ich beneidete ihn um diesen ideal ausgestatteten
+Raum, der in seiner behaglichen Einrichtung zum Arbeiten geradezu
+einlud. Jacoby starb im nächsten Frühjahr infolge einer Steinoperation;
+im Oktober des vorhergehenden Jahres war ihm Franz Ziegler im Tode
+vorausgegangen.
+
+ * * * * *
+
+Nach Leipzig zurückgekehrt, ließ ich eine Volksversammlung einberufen
+mit der Tagesordnung: „Die Stellung der Frau im heutigen Staat und zum
+Sozialismus.“ Obgleich wir den größten Saal Leipzigs zur Verfügung
+hatten, faßte er nicht die Masse der herbeiströmenden Zuhörer, von denen
+viele wieder wegen Mangel an Raum umkehren mußten. Die Frauen waren sehr
+zahlreich vertreten. Ich setzte ihnen unter anderem auseinander, welch
+lebhaftes Interesse auch sie an den bevorstehenden Reichstagswahlen
+nehmen müßten; da sie aber vorläufig kein Wahlrecht besäßen, sei es ihre
+Aufgabe, agitatorisch in den Wahlkampf einzugreifen und ihre Männer und
+wahlberechtigten männlichen Verwandten für die Beteiligung an der Wahl
+anzutreiben, und zwar zugunsten der Sozialdemokratie, die für ihre volle
+politische und soziale Gleichberechtigung eintrete. Die Versammlung
+verlief nach Wunsch; es war die erste Versammlung, in der die Frauen zur
+politischen Beteiligung bei einer Wahl aufgefordert wurden.
+
+Von Leipzig eilte ich nach Dresden zur Agitation, woselbst ich als
+Kandidat der Partei aufgestellt worden war. Die organisierten Genossen
+im 17. sächsischen Wahlkreis Glauchau-Meerane, in dem ich ebenfalls
+wieder kandidierte, hatten bereits im voraus erklärt, sollte ich auch in
+einem zweiten Wahlkreis gewählt werden, so seien sie zu einer Neuwahl
+an meiner Stelle bereit, denn daß sie im 17. Wahlkreis wieder siegen
+würden, sah alle Welt als selbstverständlich an. Und so geschah es.
+
+In Dresden erhielt ich zunächst die relative Mehrheit unter den
+aufgestellten drei Kandidaten. Ich kam mit dem Kandidaten der Liberalen,
+Professor Maihoff, in engere Wahl und siegte über diesen mit 10837 gegen
+9920 Stimmen. Als mir am Tage nach der Wahl die Depesche, die meinen
+Sieg meldete, zuging — ich hatte gebeten, am Wahltagabend mir das
+Wahlresultat nicht zu telegraphieren —, fragte ich meine Frau, ob wir
+noch eine Flasche Wein im Keller hätten, und als sie dies bejahte,
+äußerte ich: Gut, dann wollen wir sie heute mittag auf das Wohl meiner
+Dresdener Wähler trinken. Darauf meinte mein Töchterchen, das dieser
+Unterhaltung beigewohnt hatte: Papa, wird Herr Professor Maihoff heute
+mittag auch eine Flasche Wein trinken? Ich gab lachend zur Antwort: Das
+wüßte ich nicht, ich kennte nicht den Geschmack des Herrn Professors. An
+meine Stelle im 17. Wahlkreis wurde nunmehr Wilhelm Bracke gewählt.
+
+Der Ausfall der Wahlen war für uns ein sehr günstiger. _Hasselmann_ war
+zwar in Barmen-Elberfeld mit 14245 gegen 14485 Stimmen unterlegen, aber
+der benachbarte Solinger Kreis schickte _Rittinghausen_ mit 10636 gegen
+7453 Stimmen in den Reichstag, und beinahe wäre auch _Grillenberger_ in
+Nürnberg gewählt worden, der mit 12089 gegen 12625 Stimmen seinem Gegner
+unterlag. Die Partei war bei 24 Stichwahlen beteiligt. Gewählt wurden 12
+Abgeordnete: Auer, Blos, Bracke, der Hofbaurat Demmler-Schwerin im 13.
+sächsischen Wahlkreis Leipzig-Land, Fritzsche, Hasenclever, A. Kapell,
+Liebknecht, Most, Motteler, Rittinghausen und ich.
+
+Wie der alte Demmler uns gelegentlich erzählte, hatte er die
+Gepflogenheit, wenn er auf längere Zeit Schwerin verließ, sich bei dem
+Großherzog von Mecklenburg, als dessen ehemaliger Hofbaumeister er das
+prachtvolle Schweriner Schloß gebaut hatte, zu verabschieden. So auch
+dieses Mal, als er die Reise nach Berlin zum Reichstag antrat. Bei
+dieser Gelegenheit hatte der Großherzog geäußert: „Ich wünsche Ihnen
+glückliche Reise, aber lieber Demmler — und dabei erhob er lächelnd
+drohend den Finger —, machen Sie es in Berlin nur nicht zu arg.“ Hier
+sei bemerkt: Demmler hatte den Schweriner Schloßbau ohne Meister allein
+durch Vertrag mit den Arbeitern gebaut und war mit dem erzielten
+Resultat sehr zufrieden.
+
+Am 2. Februar schrieb ich an den Parteigenossen Schlüter in Dresden, der
+Expedient unseres dortigen Parteiorgans war, daß ich dem Wahlkommissar
+die Annahme der Dresdener Wahl mitgeteilt hätte, und bemerkte dazu:
+
+ „Es amüsiert mich, daß es gerade neunzehn Jahre waren, seitdem ich als
+ Handwerksbursche in die Fremde ging, natürlich ohne eine Ahnung, daß
+ ich neunzehn Jahre später auf denselben Tag an einen Wahlkommissar
+ meine Erklärung für die Annahme des Reichstagsmandats für die
+ sächsische Residenz abschicken würde. Der alte Napoleon äußerte
+ einmal, jeder Soldat hat den Marschallstab im Tornister, heute könnte
+ man sagen: jeder Handwerksbursche trägt ein Reichstagsmandat im
+ Berliner. Es geht vorwärts. Unsere Freunde, die Feinde, sollen leben.“
+
+Und die letzteren machten zu dem Wahlausfall böse Gesichter, denn weit
+mehr als die paar gewonnenen Mandate lag ihnen das starke Wachstum der
+gewonnenen Stimmen in den Gliedern. Die Stimmenzahl der Partei war von
+351670 im Jahre 1874 auf 493447 gestiegen, die wir jetzt im Januar 1877
+auf unsere Kandidaten vereinigten. Das war ein Mehr von 141777 Stimmen
+gleich 36 Prozent. In Sachsen hatten wir die relative Mehrheit der
+Stimmen erhalten, 124600 von 318740.
+
+Das System Tessendorf, das allmählich über die Grenzen Preußens hinaus
+in den meisten Mittel- und Kleinstaaten Schule gemacht hatte, war also,
+wie der Wahlausfall zeigte, elend zusammengebrochen. Und wenn nunmehr
+auch das Wüten gegen die sozialdemokratische Presse und die
+sozialdemokratischen Organisationen von neuem losging und gegen die
+Vertreter der Partei Urteile gefällt wurden eins drakonischer als das
+andere, auch das half nicht. Es half auch nichts, als Bismarck, vom
+Glück begünstigt, endlich erhielt, wonach er lange gelechzt, ein
+schneidiges Ausnahmegesetz gegen die ihm verhaßte und doch so
+gefürchtete Partei.
+
+
+
+
+Der Reichstag 1877.
+
+
+In der am 22. Februar eröffneten Reichstagssession spielten die sozialen
+Fragen eine hervorragende Rolle. Das ständige Steigen der
+sozialdemokratischen Stimmen hatte namentlich das Zentrum beunruhigt,
+das jetzt zum ersten Male unter der Firma des Grafen Galen und Genossen
+einen Gesetzentwurf einbrachte, der ganz dem sozialpolitischen Eiertanz
+entsprach, dem von jetzt ab das Zentrum in immer stärkerem Maße
+huldigte. _Bisher hatte sich das Zentrum den sozialen Fragen gegenüber
+durchaus zurückhaltend benommen._ Der Gesetzentwurf sollte sowohl den
+Kleingewerbetreibenden wie den Arbeitern eine Verbesserung ihrer Lage
+bringen. Fritzsche und ich hatten diesem gegenüber einen Gesetzentwurf
+ausgearbeitet, der eine Aenderung wichtiger Bestimmungen in den Titeln
+1, 2, 7, 9 und 10 der Gewerbeordnung zugunsten der Arbeiter verlangte,
+dem die Fraktion ihre Zustimmung erteilte. Der Gesetzentwurf forderte
+eine Regelung der Gefängnisarbeit, wonach diese auf Arbeiten für den
+Staat beschränkt werden sollte. Weiter wurde gefordert: Verbot der
+industriellen Sonntagsarbeit; wo ein solches Verbot unmöglich sei,
+sollte dem Arbeitspersonal ein freier Tag in der Woche gewährt werden
+müssen; ein Normalarbeitstag von neun Stunden; für Arbeiterinnen,
+Arbeiter unter achtzehn Jahren und Lehrlinge ein solcher von acht
+Stunden; Verbot der Nachtarbeit; wo solches durch die Natur des Betriebs
+unmöglich sei, solle ein achtstündiger Schichtwechsel eingeführt werden.
+Die Schonzeit der Schwangeren und der Wöchnerinnen sollte entsprechend
+verlängert werden. Für jede Arbeitsstätte sollte eine Arbeitsordnung
+eingeführt werden, deren Bestimmungen zwischen Unternehmern und
+Arbeitern zu vereinbaren seien. Ferner wurde gefordert: die Aufhebung
+der Arbeitsbücher auch für die Bergarbeiter; die Ausfüllung von
+Zeugnissen sollte nur auf Verlangen des Arbeiters erfolgen können;
+Festsetzung gleicher Kündigungsfristen für beide Teile, Truckverbot,
+strengere Schutzmaßregeln für Arbeiterinnen und Lehrlinge; die
+Einführung von Gewerbekammern und Gewerbegerichten; eine
+Reichsarbeitsinspektion sollte unter Leitung und Kontrolle des
+Reichsgesundheitsamts eingeführt werden. Endlich verlangten wir
+Sicherung und Erweiterung des Koalitionsrechts.
+
+Die Debatte über die gleichzeitig zur Beratung gestellten Gesetzentwürfe
+des Zentrums und unserer Partei leitete von seiten der Fraktion
+Fritzsche ein. Die Debatte wuchs sich zu einer Sozialistendebatte aus,
+die mir Gelegenheit gab, die erhobenen Vorwürfe mit aller Schärfe
+zurückzuweisen und die von den Zentrumsrednern vertretene sogenannte
+christliche Weltanschauung gebührend zu kritisieren. Meine Rede machte
+großen Eindruck. Der Leipziger Buchdruckergehilfenverein ließ mir in
+einem besonderen Abdruck ein Exemplar derselben in einem feinen Einband
+überreichen.
+
+Ein praktisches Resultat hatte die Beratung der Anträge nicht.
+
+In der Sitzung vom 24. April erklärte der Reichstag Hasenclevers Wahl im
+sechsten Berliner Wahlkreis, die mit dreißig Stimmen Mehrheit erfolgt
+war, für ungültig, weil seltsamerweise eine Wählerliste aus Versehen in
+einem Wahlbezirk verheftet gewesen sei, so daß eine Anzahl Wähler nicht
+hätten wählen können. Die Fortschrittspartei hoffte bei einer Nachwahl
+den sechsten Wahlkreis wieder erobern zu können; sie täuschte sich. Wir
+warfen uns mit aller Energie in die Wahlagitation, und so siegte jetzt
+Hasenclever mit einem Mehr von über tausend Stimmen.
+
+Bei einer Verhandlung über die Eisenzollfrage hielt Bracke eine gute
+Rede über Schutzzoll und Freihandel, als es aber zur Abstimmung kam,
+stimmte die Fraktion geteilt, eine Minorität stimmte für den Zoll.
+
+Der Versuch, eine andere Fassung des § 46 der Geschäftsordnung
+herbeizuführen, um der fortdauernden Willkür bei der Stellung von
+Schlußanträgen ein Ende zu machen, mißlang. Der Antrag kam nicht mehr
+zur Verhandlung. Dagegen genehmigte der Reichstag den Antrag auf
+Einstellung _eines Strafverfahrens_ gegen mich. Tessendorf hatte bei dem
+Berliner Stadtgericht wegen meiner Reichstagsbroschüre die Erhebung der
+Anklage gegen mich beantragt, und zwar wegen mehrfacher Beleidigung des
+Reichskanzlers und Verletzung des § 131 des Strafgesetzbuches. Dieser
+Paragraph lautet: „Wer erdichtete oder entstellte Tatsachen, wissend,
+daß sie erdichtet oder entstellt sind, öffentlich behauptet oder
+verbreitet, um dadurch Staatseinrichtungen oder Anordnungen der
+Obrigkeit verächtlich zu machen, wird mit Geldstrafe bis zu 600 Mark
+oder mit Gefängnis bis zu zwei Jahren bestraft.“ Bei einer Haussuchung,
+die auf Antrag Tessendorfs am 12. Januar in der Expedition der „Berliner
+freien Presse“ vorgenommen wurde, waren nur noch 12 Exemplare meiner
+Schrift gefunden worden, die beschlagnahmt wurden.
+
+
+
+
+Der Kongreß in Gotha 1877.
+
+
+Wie schon im vorhergehenden Jahre, so berief auch für das Jahr 1877 die
+Reichstagsfraktion einen allgemeinen deutschen Sozialistenkongreß für
+den 27. bis 30. Mai nach Gotha. Auf der Tagesordnung stand: 1. Bericht
+der Reichstagsabgeordneten über ihre Tätigkeit; 2. Bericht über Gang und
+Stand der sozialistischen Bewegung in Deutschland; 3. Die sozialistische
+Organisation in Deutschland; 4. Die Parteipresse; 5. Das Parteiprogramm.
+
+Aus dem wieder von Auer erstatteten Bericht ging hervor, daß die Partei
+in 175 Wahlkreisen von 397 eigene Kandidaten aufgestellt hatte. Die Zahl
+der Parteiblätter war auf 41 gestiegen. Es bestanden weiter vierzehn
+Parteidruckereien. Die Parteieinnahmen ergaben 54217 Mark, die Ausgaben
+betrugen 50635 Mark.
+
+Den Bericht über die Tätigkeit der Fraktion erstattete an Stelle von
+Liebknecht, der wegen Krankheit in der Familie noch nicht eingetroffen
+war, Fritzsche. Ich traf wegen geschäftlicher Behinderung mit Liebknecht
+erst am 28. Mai in Gotha ein.
+
+Ueber die Organisationsfrage berichtete Tölcke, der im Namen der
+gewählten Organisationskommission beantragte, folgender Resolution die
+Zustimmung zu geben:
+
+ „Mit Rücksicht auf die von preußischen Behörden mit unerhörter
+ Dreistigkeit förmlich proklamierte völlige Rechtlosigkeit
+ sozialistischer Vereine in Preußen nimmt der Kongreß von der
+ Herstellung einer Organisation der Partei Abstand, auf welche die in
+ Deutschland, besonders in Preußen bestehenden Vereinsgesetze
+ angewendet werden können; der Kongreß überläßt es den Parteigenossen
+ in den einzelnen Orten, sich je nach den örtlichen Verhältnissen und
+ Bedürfnissen zu organisieren.“
+
+Diese Resolution wurde ohne Diskussion einstimmig angenommen.
+Hervorgehoben zu werden verdient, daß damals fast die gesamte liberale
+Presse, die fortschrittliche nicht ausgenommen, den Scherereien,
+Plackereien und Gewalttätigkeiten der Behörden gegen die sozialistischen
+Organisationen mit stoischem Gleichmut zusah und selten ein Wort der
+Kritik hören ließ. Darin sahen natürlich die Behörden nur eine
+Ermutigung ihres ungesetzlichen und gewalttätigen Vorgehens.
+
+Eine unerquickliche Debatte rief wieder das Verhalten _Hasselmanns_
+hervor. Hasselmann hatte das von ihm mit Zustimmung des
+Zentralwahlkomitees Januar 1877 herausgegebene Blatt unter dem Titel
+„Die Rote Fahne“ nur als Flugblatt für die Unterstützung der Wahlen
+erscheinen lassen wollen. Dagegen war nichts einzuwenden. Er hatte aber
+dasselbe förmlich hinter dem Rücken des Zentralwahlkomitees als
+regelrecht erscheinendes Wochenblatt behördlich angemeldet, und nun
+benutzten seine Anhänger dasselbe überall, um den „Vorwärts“ zu
+verdrängen. Es konnte kein Zweifel bestehen, daß _Hasselmann_ auf
+Spaltung der Partei hinarbeitete. Das kam auch in der Debatte durch die
+Mehrzahl der Redner zum Ausdruck. Schließlich wurde ein Antrag von mir
+gegen fünf Stimmen angenommen, dahin lautend: Der Kongreß ersucht den
+Genossen Hasselmann, die „Rote Fahne“ eingehen zu lassen, sobald die
+„Bergisch-Märkische Volksstimme“ — deren Redakteur er war — sich deckt.
+Aber er mußte bereits Anfang Oktober das Eingehen der „Roten Fahne“
+ankündigen. Das Blatt deckte nicht seine Kosten, und so war ihm seine
+Fortführung unmöglich.
+
+Nicht minder unerquicklich wie die Debatte über Hasselmann war die
+Debatte, die Most über Friedrich Engels' Artikelserie im „Vorwärts“ über
+Professor Dühring hervorrief. Dühring war es gelungen, fast die gesamten
+Führer der Berliner Bewegung für seine Theorien einzunehmen. Auch ich
+war der Ansicht, daß jede schriftstellerische Leistung, die, wie die
+Dühringschen Arbeiten, dem bestehenden Sozialzustand scharf zu Leibe
+ging und sich für den Kommunismus erklärte, aus agitatorischen Gründen
+unterstützt und für uns ausgenutzt werden müsse. Von diesem Standpunkt
+aus hatte ich schon 1874 von der Festung aus zwei Artikel unter der
+Ueberschrift „Ein neuer Kommunist“ im „Volksstaat“ veröffentlicht, in
+denen ich Dührings Arbeiten besprach. Die betreffenden Bücher hatte mir
+Eduard Bernstein zugesandt, der damals mit Most, Fritzsche und anderen
+zu Dührings begeisterten Anhängern gehörte. Daß Dühring bald darauf
+wegen seiner Lehren mit den Staats- und Universitätsbehörden in Konflikt
+kam, ein Konflikt, der im Juni 1877 zu seiner Maßregelung an der
+Berliner Universität führte, erhöhte noch sein Ansehen in den Augen
+seiner Anhänger. Das alles veranlaßte Most, auf dem Kongreß eine
+Resolution einzubringen, lautend:
+
+ „Der Kongreß erklärt, Artikel, wie beispielsweise die in den letzten
+ Monaten von Engels gegen Dühring veröffentlichten Kritiken, die für
+ die weitaus größte Mehrheit der Leser des ‚Vorwärts‘ völlig ohne
+ Interesse oder gar höchst anstoßerregend sind, haben künftighin aus
+ dem Zentralorgan fernzubleiben.“
+
+Das Ansehen Dührings erlitt allerdings nicht lange nachher in den Augen
+seiner sozialistischen Anhänger gründlich Schiffbruch. Das Benehmen des
+Mannes wurde so autokratisch und an Größenwahn grenzend, daß sich einer
+nach dem anderen von ihm zurückzog.
+
+Auf demselben Kongreß wurde von Vollmar — der damals zum erstenmal auf
+einem Parteikongreß erschien — der Antrag gestellt und angenommen:
+
+ „Um der Solidarität der Sozialisten aller Länder Ausdruck zu geben,
+ beschließt der Kongreß, den diesjährigen internationalen
+ Sozialistenkongreß zu Gent durch einen Delegierten zu beschicken. Das
+ Zentral-Wahlkomitee bestimmt den Delegierten.“
+
+Grillenberger unterstützte den Antrag, dagegen mahnte Liebknecht
+zur Vorsicht im Hinblick auf die in Belgien vorhandene
+bakunistisch-anarchistische Strömung, die versuchen werde, den Kongreß
+zu beherrschen.
+
+Ob der Kongreß zustande kam, ist mir nicht erinnerlich, jedenfalls
+wurde er von uns nicht beschickt; der Partei erwuchsen mittlerweile im
+Innern ernstere und kostspieligere Aufgaben.
+
+
+
+
+Landtagswahl in Sachsen. — „Die Zukunft.“
+
+
+Im September 1877 gelang es uns in einem der Landtagswahlkreise
+Leipzig-Land — 36. ländlicher Wahlkreis —, Liebknecht zum Abgeordneten zu
+wählen. Die Parteigenossen hatten zunächst mir die Kandidatur angeboten,
+ich lehnte aber ab, da ich unmöglich meinem Associé und meinem Geschäft
+zumuten konnte, neben dem Reichstagsmandat auch ein Landtagsmandat zu
+übernehmen. Bei der Prüfung der Wahl durch den Wahlkommissar stellte
+sich heraus, daß Liebknecht noch nicht drei Jahre sächsischer
+Staatsangehöriger war und somit zum Abgeordneten nicht gewählt werden
+konnte. Die Wahl wurde für ungültig erklärt. Darauf stellten die
+Parteigenossen des Wahlkreises den Parteigenossen Rechtsanwalt Otto
+Freytag in Leipzig auf, der auch gewählt wurde. —
+
+Den 1. September trat Vahlteich seine achtzehnmonatige Haft in Zwickau
+an, dem im nächsten Jahre Vollmar folgte. Am 1. Oktober erschien in
+Berlin eine Monatschrift unter dem Titel „Die Zukunft“, zu deren
+Erscheinen _Karl Höchberg_, der Sohn eines Frankfurter Bankiers, die
+Mittel hergab. Höchberg hatte sich, ich möchte sagen aus
+gefühlsphilosophischen Beweggründen der Bewegung angeschlossen; sein
+Privatsekretär wurde Eduard Bernstein, der infolgedessen seine Stellung
+in einem Berliner Bankgeschäft aufgab. Die unklare Stellung, die die
+Zeitschrift sowohl in Anbetracht der Anschauungen ihres Gründers und des
+Kreises ihrer Mitarbeiter, in dem alle Richtungen in der Bewegung
+vertreten waren, zum wissenschaftlichen Sozialismus, wie ihn Marx und
+Engels begründet hatten, einnahm, hatten von vornherein das Mißtrauen
+der beiden Alten in London geweckt, ein Mißtrauen, das um so lebhafter
+wurde, als der Gang der Ereignisse und die finanzielle Not, in die dabei
+die Partei geriet, die finanzielle Opferwilligkeit Höchbergs nach
+vermiedenen Richtungen in hohem Grade in Anspruch nahm. Marx und
+Engels, die die Dinge nur aus der Ferne sahen, Personen und Verhältnisse
+nicht näher kannten, sahen in dieser Opferwilligkeit Höchbergs schlaue
+Berechnung, einen kaltblütig ausgeheckten Plan, die Partei auf Abwege zu
+bringen, sie ihrer Aufgabe zu entfremden.
+
+Das war eine durchaus irrige Auffassung. Höchberg hat nie den Versuch
+gemacht, seine finanziellen Mittel im Sinne der befürchteten
+Bestrebungen anzuwenden oder die Unterstützung derselben zur Bedingung
+seiner Hilfsleistungen zu machen. Er gab aus gutem Herzen und aus
+Interesse für die Sache, und nie, ohne mich oder andere Freunde, Geib,
+Liebknecht usw., zu Rate zu ziehen. Aber der Versuch, das Mißtrauen
+gegen Höchberg bei den Londonern zu beseitigen, gelang erst, als ich
+mich entschloß, mit Bernstein nachmals den in der Partei berühmt
+gewordenen „Kanossagang“ im Spätherbst 1880 anzutreten, um Marx und
+Engels klaren Wein einzuschenken. Darüber im nächsten Bande.
+
+Ich selbst schrieb mehrere Artikel für die „Zukunft“, so einen über das
+Proportionalwahlrecht, eine Frage, die damals in der Partei noch wenig
+erörtert worden war. Die für mich selbstverständliche Art, wie dieses
+Wahlsystem ausgeführt werden müsse und tatsächlich auch nachher in der
+Praxis angewendet wurde, fand anfangs bei dem Hauptvertreter dieses
+Wahlsystems in der Schweiz, unserem altbewährten Genossen Karl Bürkli,
+einigen Widerspruch. Aber als ich mich im Herbst 1901 nach einem
+Mittagessen bei Professor Dodel in Zürich von ihm verabschiedete,
+äußerte Bürkli: Bebel, wir werden uns nicht mehr wiedersehen — er ging
+ins 79. Lebensjahr —, aber eins will ich Ihnen noch sagen, Ihr
+Vorschlag, den Sie seinerzeit in der „Zukunft“ machten über die
+Ausführung des Proportionalwahlrechts, ist der richtige. Wenige Monate
+später starb Bürkli; er hatte sein baldiges Ende richtig vorausgesehen.
+
+
+
+
+Wieder reif fürs Gefängnis.
+
+
+Am 12. Juni 1877 stand endlich auch ich vor der berüchtigten siebenten
+Deputation des Stadtgerichts in Berlin als Angeklagter. Tessendorf hatte
+in meiner Broschüre nicht weniger als drei Bismarckbeleidigungen
+entdeckt, außerdem, wie ich schon erwähnte, eine Verletzung des § 131
+des Strafgesetzbuchs gefunden. Bismarck hatte bereitwillig den
+Strafantrag gestellt. Es war richtig, ich hatte den Reichskanzler etwas
+unsanft angefaßt. Als ich die Broschüre schrieb, wurmte mich noch immer
+die beleidigende Rede, die er mir Anfang 1876 im Reichstag ins Gesicht
+geschleudert hatte, auf die zu antworten mich die Mehrheit durch
+Annahme eines Schlußantrags verhindert hatte. Wäre ich damals
+ausführlich zum Wort gekommen, höchst wahrscheinlich wäre mir die
+Reichskanzlerbeleidigung erspart geblieben, denn es waren die Vorgänge
+im Reichstag, auf die ich in den Angriffen auf Bismarck in meiner
+Broschüre Bezug nahm. Außerdem hatte ich in einem Angriff auf die
+Nationalliberalen diese gehöhnt, daß sie sich vom Reichskanzler
+hausknechtmäßig behandeln ließen, und dachte gar nicht daran, damit eine
+Beleidigung Bismarcks begehen zu wollen. Es war eben die Zeit, in der
+der Abgeordnete Bamberger in einem Augenblick anerkennenswerter
+Selbsterkenntnis wegen seiner und seiner Freunde Behandlung durch den
+Reichskanzler das Wort geprägt hatte: _Hunde sind wir ja doch_!
+
+Die Verletzung des § 131 des Strafgesetzbuchs wurde in der scharfen
+Kritik gefunden, die ich dem Militarismus hatte angedeihen lassen, die
+aber ganz den von uns vertretenen Anschauungen entsprach. Ich empfand es
+als eine persönliche Beleidigung, daß man mich anklagte, erdichtete oder
+entstellte Tatsachen, wissend, daß sie erdichtet oder entstellt sind,
+öffentlich behauptet und verbreitet zu haben, um damit die Einrichtungen
+des Militarismus verächtlich zu machen; denn was ich geschrieben hatte,
+entsprach meinem Standpunkt und meiner Ueberzeugung.
+
+Tessendorf als öffentlicher Ankläger machte sich sein Amt sehr leicht,
+er kannte ja genügend die siebente Deputation. Nonchalant, als pflege er
+eine private Unterhaltung, stand er vor dem Gerichtshof, die eine Hand
+in der Tasche einer hellgestreiften Sommerhose — die heute übliche
+Amtskleidung wurde erst später eingeführt —, angetan mit einem schäbigen
+schwarzen Frack, und beantragte nach einer kaum fünf Minuten langen Rede
+9 Monate wegen Beleidigung des Reichskanzlers und 5 Monate wegen der
+Verletzung des § 131 des Strafgesetzbuchs, also 14 Monate Gefängnis, die
+er auf ein Jahr Gefängnis zusammenzuziehen vorschlug.
+
+Die Art, wie Tessendorf die Sache behandelte, brachte mich noch mehr in
+Erregung, als es ohnedem schon der Fall war. Ich verteidigte mich
+selbst. In anderthalbstündiger Rede suchte ich die Anklage Punkt für
+Punkt zu widerlegen. Wolle man aus meiner Broschüre eine Beleidigung des
+Reichskanzlers herauslesen, dann müßten die Umstände berücksichtigt
+werden, unter denen ich zu meinen Ausführungen gekommen sei, und in
+Anbetracht dieser sei das beantragte Strafmaß viel zu hoch. Eine
+Verletzung des § 131 liege aber in allewege nicht vor. Ich betrachtete
+es als unerhört, mich auf diesen Paragraphen hin anzuklagen, da es doch
+gerichtsnotorisch sein müsse, daß die obendrein mit Tatsachen und
+Zitaten wissenschaftlicher und militärischer Autoritäten begründeten
+Ausführungen nur meinem Parteistandpunkt und meiner Ueberzeugung
+entsprächen.
+
+Ich glaube, ich hielt eine sehr gute Rede, aber sie würde auch keinen
+Eindruck auf die Richter gemacht haben, wenn deren Aufmerksamkeit nicht
+durch ein ausgebrochenes Hagelwetter, dessen Körner gegen die
+Fensterscheiben trommelten, in Anspruch genommen gewesen wäre. Die
+Frage, in welchem Augenblick wohl die Fensterscheiben durch die
+Hagelkörner zertrümmert würden, war den Richtern offenbar wichtiger als
+meine schönen Ausführungen. Der Gerichtshof zog sich zurück, da
+Tessendorf es nicht der Mühe wert fand, mir zu antworten, und verkündete
+nach kurzer Beratung in allen Fällen meine Verurteilung zu neun Monaten
+Gefängnis.
+
+Ich appellierte, und die Sache kam am 28. Oktober vor dem Kammergericht
+zur Verhandlung. Hier führte Staatsanwalt Groschuff die Anklage. Im
+Laufe seiner Rede machte er geltend, daß ich schon wegen meiner
+Vorstrafen keine milde Verurteilung verdiente; er beantragte Bestätigung
+des Urteils der ersten Instanz.
+
+Ich verteidigte mich wiederum selbst. In einstündiger Rede wendete ich
+mich gegen die Ausführungen des Staatsanwalts. Seine Bemerkung, daß ich
+quasi wegen Rückfälligkeit härter bestraft werden müßte, hatte mich
+besonders gereizt. Ich protestierte, daß man einen Angeklagten, der im
+Kampfe für seine Ueberzeugungen wiederholt mit dem Strafrichter
+Bekanntschaft gemacht habe, mit einem gemeinen Verbrecher — einem Diebe
+oder Betrüger im Rückfalle — auf gleiche Stufe stelle. Der gemeine
+Verbrecher handle gegen das Gesetz, um einen persönlichen Vorteil zu
+erlangen, also aus _Eigennutz_, der politische „Verbrecher“, der,
+geschehe es in Verteidigung oder Propagierung seiner Ansichten, gegen
+das Gesetz verstoße, handle aus _Idealismus_. Ihm gebühre für die
+unentwegte Vertretung seiner Anschauungen nicht verschärfte Strafe,
+sondern Anerkennung. Kein politischer „Verbrecher“ werde wegen der
+Vertretung seiner Ueberzeugungen, die ihn mit dem Strafgesetz in
+Konflikt brächten, gesellschaftlich mißachtet, wie das mit dem gemeinen
+Verbrecher wohl die Regel sei. Der politische Verbrecher gewinne sogar
+an Ansehen in den Augen seiner Gesinnungsgenossen.
+
+In meiner weiteren Rede legte ich den Schwerpunkt auf die Anklage wegen
+Verletzung des § 131 des Strafgesetzbuchs. Ich erreichte damit, daß der
+Vorsitzende des Gerichtshof sieben Seiten meiner Schrift, die Urteile
+über den Militarismus enthielten, vorlesen ließ. Das Endresultat war:
+ich wurde von der Anklage, den § 131 verletzt zu haben, freigesprochen,
+aber wegen Beleidigung Bismarcks zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt.
+
+Hinzufügen möchte ich hier, daß, als einige Monate später, im Dezember,
+der konservative Sozialpolitiker Dr. Rudolf Meier ebenfalls wegen
+Bismarckbeleidigung von dem Kammergericht zu einem Jahre Gefängnis
+verurteilt wurde, derselbe Staatsanwalt Groschuff, der die Anklage auch
+gegen mich geführt hatte, jetzt äußerte: _er hege den Wunsch, dieses
+möge der letzte Bismarckbeleidigungsprozeß sein_. Diese hörten aber erst
+auf, als Bismarck aufhörte, Reichskanzler zu sein, das heißt dreizehn
+Jahre später.
+
+Da es mir sehr darum zu tun war, in Rücksicht auf meine Familie und mein
+Geschäft, meine Haft in Leipzig zu verbüßen, hier aber nach den
+ministeriellen Vorschriften nur Haftstrafen bis zum Höchstmaß von fünf
+Monaten erledigt werden konnten, wandte ich mich an die zuständige
+Stelle mit der Frage: ob ich eventuell für die Verbüßung einer
+fünfmonatigen Haft im Leipziger Gefängnis zugelassen würde. Nachdem
+dieses bejaht worden war, begab ich mich nach Berlin zu dem Vorsitzenden
+der siebenten Deputation, Reich, und ersuchte diesen, zu gestatten, daß
+ich nach Verbüßung einer einmonatigen Haft in Plötzensee die restlichen
+fünf Monate im Leipziger Bezirksgerichtsgefängnis verbringen könne. Zu
+meiner nicht geringen Verwunderung empfing er mich mit ausgesuchter
+Höflichkeit und erklärte seine Zustimmung zu meinem Antrag.
+
+Darauf trat ich am 23. November meine Haft in Plötzensee an. Die
+Prozedur der Aufnahme war eine sehr umständliche und widerwärtige. Als
+ich dem Arbeitsinspektor vorgeführt wurde, empfing mich dieser mit den
+Worten: Nun, Herr Bebel, wie es in der Bastille am Plötzensee aussieht,
+werden Sie aus Mosts Schrift ersehen haben. Ich antwortete: Ich hätte
+zwar die Schrift gelesen, aber das sei schon längere Zeit her, ich bäte
+ihn, mich zu informieren. Nun brach bei ihm der offenbar schon lange
+verhaltene Grimm gegen Most los. Er verstehe, daß der Gefangene in den
+Beamten seine Feinde sehe und sich hinter deren Rücken an Vorteilen zu
+verschaffen suche, was ihm möglich sei, aber dann sich nachher auf den
+Markt zu stellen und auszuschreien, wie man die Beamten hintergangen
+oder diese zu Konzessionen verleitet habe, sei eine Gemeinheit und eine
+Dummheit. Er erzählte alsdann, welche Wirkung und welche Folgen die
+Mostsche Schrift nach ihrer Veröffentlichung unter den Beamten in
+Plötzensee hervorgerufen habe. Er schloß seine erregten
+Auseinandersetzungen mit den Worten: Most soll uns nur mal wieder
+zwischen die Finger kommen, dem wollen wir seine Indiskretionen
+eintränken.
+
+Und er kam ihnen bald genug wieder zwischen die Finger, und sie habend
+ihm tüchtig eingetränkt. Einen Vorgeschmack bekam Most von dem, was ihn
+gegebenenfalls erwartete, daß, als er mir in Plötzensee einen Besuch
+machen wollte, er kurzerhand abgewiesen wurde.
+
+Ich erlangte das Recht, mich literarisch beschäftigen zu dürfen und bis
+abends 10 Uhr Licht zu brennen. Marx' „Kapital“ und verschiedene andere
+sozialistische Schriften wurden mir fortgenommen, als wenn an mir noch
+etwas zu verderben gewesen wäre. Und da der Arbeitsinspektor absolut
+verlangte, daß ich mich nicht bloß mit dem Studium von Büchern abgeben
+dürfe, sondern auch irgendeine literarische Arbeit vorzeigen müsse,
+setzte ich mich hin und schrieb ein kleines Broschürchen, das unter dem
+Titel erschien: „Frankreich im achtzehnten Jahrhundert.“
+
+Selbstbeköstigung gab es nicht, die war Börsenjobbern, die wegen
+Gaunereien in Plötzensee Quartier bezogen hatten, gewährt worden,
+politischen Gefangenen nicht. Was aber dem Gefangenen die magere Kost
+noch besonders verleidete, um nicht zu sagen verekelte, war der
+feststehende Küchenzettel, das heißt die in einer Woche morgens, mittags
+und abends verabreichte Kost kehrte fast in derselben Reihenfolge Woche
+für Woche, Tag für Tag wieder. Ich verlor in den nahezu zwei Monaten,
+die ich in Plötzensee verbrachte, erheblich an Gewicht. Ich begriff
+nicht, wie Anstaltsärzte eine solche Verpflegungsordnung zulassen
+konnten. Auf meinen Antrag bewilligte mir der Arzt die sogenannte
+Krankenkost. Danach erhielt ich dreimal in der Woche zu Mittag einen
+Teller wirklich gute Fleischbrühsuppe, einen Sperling Fleisch, das auf
+ein spitzes Holzstäbchen gespießt war, da man Messer und Gabel dem
+Gefangenen nicht anvertraut, und Kartoffeln und Gemüse. Die Bezeichnung
+Sperling rührte daher, daß das Stückchen Fleisch nach Form und Größe
+einem gerupften Sperling ähnlich sah.
+
+Ich hatte darauf gerechnet, unmittelbar vor Weihnachten von Plötzensee
+nach Leipzig übersiedeln und alsdann die Weihnachtsfeiertage bei meiner
+Familie verbringen zu können. Von den acht Weihnachtsfesten, die bis
+dahin mein Töchterchen erlebt hatte, hatte ich vier in den Gefängnissen
+zugebracht. Ich hoffte, nicht das fünfte Mal die Weihnachtsfeier im
+Gefängnis verbringen zu müssen. Es kam aber doch so. Auf meine
+Anfrage bei der Leipziger Gefängnisverwaltung, ob ich nach den
+Weihnachtsfeiertagen die Haft dort antreten könne, kam die Antwort, daß
+dieses vorläufig nicht möglich sei, die Räume seien alle besetzt. Erst
+am 18. Januar 1878 konnte ich nach Leipzig übersiedeln.
+
+Während meiner Haft in Plötzensee besuchte mich wiederholt der
+Gefängnisgeistliche, um sich mit mir über die politischen Vorgänge zu
+unterhalten. Mir war das Halten der „Vossischen Zeitung“ bewilligt
+worden, deren sämtliche Tagesnummern ich aber regelmäßig erst am Ende
+der Woche, am Sonntag, zugestellt erhielt. Most hatte um jene Zeit mit
+der ganzen Leidenschaftlichkeit seines Temperaments eine öffentliche
+Agitation für den Austritt aus der Landeskirche begonnen. Die von
+ihm veranlaßten Volksversammlungen waren überfüllt und von
+leidenschaftlicher Erregung getragen. Diese wuchs, als jetzt die neu
+erstandene christlich-soziale Partei unter Führung des Hofpredigers
+_Stöcker_ ebenfalls Versammlungen abhielt und Redner dieser Partei auch
+in den Mostschen Versammlungen erschienen, dort aber, wie vorauszusehen
+war, unter dem Jubel der Massen den kürzeren zogen. Diese Agitation rief
+bei den Frommen im Lande eine ungeheure Aufregung hervor, die auch den
+Gefängnisgeistlichen ergriffen hatte. Selbst der alte Kaiser sah sich
+veranlaßt, als ihm zu seinem Geburtstag im März 1878 das Präsidium des
+Landtags gratulierte, in seiner Antwort zu betonen: Die Religion muß dem
+_Volke_ erhalten werden.
+
+
+
+
+Innere Vorgänge.
+
+
+Während ich hinter den Gefängnismauern Zeit zu allerlei Betrachtungen
+hatte, spielten sich in und außerhalb der Partei eine Reihe Vorgänge ab,
+die von besonderer Bedeutung waren. Im November hatten die Berliner
+Genossen an Stelle der aufgelösten Organisationen einen Verein zur
+Wahrung der Interessen der werktätigen Bevölkerung gegründet. Die
+christlich-konservativen Staatssozialisten gründeten eine Wochenschrift,
+„Der Staatssozialist“, an der als Mitarbeiter Professor Schäffle,
+Professor v. Scheel, Bankier Samter, Professor Ad. Wagner, Pastor Tod,
+Dr. Petermann-Dresden und andere tätig sein sollten. Die evangelischen
+Sozialpolitiker wollten den katholischen nicht allein das Feld
+überlassen, sondern unter den evangelischen Arbeitern vor der
+Sozialdemokratie retten, was noch zu retten war.
+
+Auch in der großen Politik schienen Veränderungen bevorzustehen. Die
+fortgesetzt steigenden Ausgaben des Reiches erforderten neue Einnahmen.
+Die wachsenden Matrikularumlagen, durch die die Einzelstaaten das
+Reichsdefizit zu decken hatten, wurde diesen angesichts des eigenen
+steigenden Geldbedarfes für ihre innere Verwaltung immer lästiger. Die
+gesteigerten Ausgaben aber auf dem Wege direkter Besteuerung zu decken,
+davon wollte Bismarck am wenigsten wissen. Er haßte die direkten Steuern
+und suchte sich persönlich nach Möglichkeit der Zahlung derselben zu
+entziehen. Er hatte schon am 22. November 1876 im Reichstag sein
+_Steuerideal_ entwickelt, wobei er ausführte:
+
+ „Ich erkläre mich von Hause aus wesentlich für Aufbringung _aller_
+ Mittel nach Möglichkeit für _indirekte_ Steuern, und halte die
+ direkten Steuern für einen harten und plumpen _Notbehelf_, nach
+ Aehnlichkeit der Matrikularumlagen, mit alleiniger Ausnahme, ich
+ möchte sagen einer _Anstandssteuer_, die ich von der direkten Steuer
+ immer aufrecht erhalten würde; das ist die Einkommensteuer der reichen
+ Leute ... wohlverstanden, der wirklich reichen Leute.... Ich kann die
+ Zeit kaum erwarten, daß der Tabak höhere Summen steuere, so sehr ich
+ jedem Raucher das Vergnügen gönne. Analog steht es auch mit dem Bier,
+ dem Branntwein, dem Zucker, dem Petroleum und allen diesen großen
+ Verzehrungsgegenständen, gewissermaßen den _Luxusgegenständen_ der
+ großen Masse.“
+
+Ein großer Teil der Liberalen war geneigt, auf dem gleichen Wege die
+Deckung der Mehrausgaben zu suchen. Da Bismarck um jene Zeit mit einem
+Teil der konservativen Partei ein starkes Zerwürfnis hatte, andererseits
+mit dem Zentrum noch immer in Fehde lebte, kam er auf den Gedanken, die
+Nationalliberalen, die damals noch mit ihren nächsten Affiliierten die
+stärkste Partei im Reichstag bildeten, dadurch an seine Politik zu
+ketten, daß er mit ihrem Führer Herrn v. Bennigsen wegen dessen Eintritt
+in das preußische Ministerium in Unterhandlungen trat. Bennigsen war
+dazu geneigt, aber er hielt die Zustimmung der führenden Parteigenossen
+zu diesem Schritt für notwendig. Unter dem Einfluß Laskers kam man
+überein, dem Eintritt Bennigsens in das Ministerium nur zuzustimmen,
+wenn neben Bennigsen auch der Bayer Freiherr v. Stauffenberg und Herr
+v. Forckenbeck in das Ministerium Aufnahme fänden. Bennigsen allein
+würde der wachsenden reaktionären und schutzzöllnerischen Strömung
+gegenüber nicht gewachsen sein. Bismarck brachten diese Bedingungen
+namentlich gegen Lasker in hellen Zorn, dem er vorwarf, ihm einmal
+wieder in die Suppe gespuckt zu haben. Als dann der alte Kaiser von der
+Kombination mit Bennigsen hörte, in dem er wegen seiner Haltung im Jahre
+1866 gegen das hannoversche Herrscherhaus einen halben Hochverräter sah
+und sich entschieden gegen Bennigsen als preußischen Minister erklärte,
+fiel der ganze Plan ins Wasser. Bismarck vergaß den Nationalliberalen
+nicht, was sie nach seiner Meinung gegen ihn gesündigt hatten, er nahm
+bald darauf Rache an ihnen.
+
+ * * * * *
+
+Ende des Jahres 1877 siedelte _Auer_ von Hamburg nach Berlin über, um
+neben Most und anderen in die Redaktion der „Berliner Freien Presse“
+einzutreten. August Geib bemühte sich, an Auers Stelle Julius _Motteler_
+zum Eintritt als Sekretär in das Zentralwahlkomitee zu gewinnen.
+Motteler, der aus privaten Gründen 1876 aus der Leitung der Leipziger
+Genossenschaftsbuchdruckerei ausgetreten war, lehnte aber ab.
+
+Bald darauf erlebte Berlin zwei Vorgänge, die die gesamte
+Oeffentlichkeit in Spannung versetzten. Am 7. März 1878 starb der Faktor
+der Berliner Assoziationsbuchdruckerei August Heinsch und wurde am 10.
+März beerdigt. Heinsch war kein Redner, aber er war ein vorzüglicher
+Organisator, in dessen Händen alle Fäden der Berliner Bewegung
+zusammenliefen, und er hatte sich wegen seiner Unermüdlichkeit, trotz
+seines leidenden Zustandes — er starb an der Schwindsucht — zu helfen und
+zu raten, wo er konnte, die allgemeinste Sympathie der Berliner Arbeiter
+erworben. Das Leichenbegängnis gestaltete sich zu einer großen
+sozialdemokratischen Demonstration, wie sie bis dahin Berlin noch nicht
+gesehen hatte. Der Polizeipräsident bewies sein Verständnis für die
+Bewegung dadurch, daß er die Mitnahme von Fahnen im Zuge, auch wenn sie
+verhüllt waren, verbot.
+
+Die Demonstration hatte durch die Ruhe und Ordnung, mit der sie
+verlief, den Gegnern so imponiert, daß der „Kladderadatsch“ sich zu
+folgendem Gedicht verstieg.
+
+ „_Für die Sozialdemokratie._
+ Daß neulich Zucht und Ordnung sie gehalten
+ Bei ihrem Aufzug, laßt es uns gestehn.
+ Ein gleicher Geist der Ordnung möge walten
+ Bei uns, wenn wir in solchen Massen gehn!
+ Wir wollen gern den Beifall ihnen zollen,
+ Der ungerecht nur scheint den Toren.
+ Es sind verloren,
+ Die nicht vom Gegner lernen wollen.“
+
+Wenige Wochen später sah Berlin ein zweites, womöglich noch größeres
+Leichenbegängnis. Paul Dentler, der verantwortliche Redakteur der
+„Berliner Freien Presse“, war ebenfalls an der Schwindsucht, aber unter
+so empörenden Umständen gestorben, daß ein Sturm der Entrüstung die
+Partei in Berlin und in ganz Deutschland ergriff. Dentler war wie
+Heinsch ein noch junger Mann, der mir in meiner Prozeßangelegenheit
+bereitwilligst eine Reihe kleiner Dienste erwiesen hatte. Eine hoch
+aufgeschossene schlanke Gestalt mit der bleichen Gesichtsfarbe und der
+zarten durchsichtigen Haut, wie sie Schwindsüchtige öfter zu haben
+pflegen, war er in seinem ganzen Wesen die personifizierte
+Liebenswürdigkeit und Gefälligkeit.
+
+Dentler war am 18. Januar unter der Anklage, mehrere
+Majestätsbeleidigungen und sonstige Vergehen in der „Berliner Freien
+Presse“ begangen zu haben, in schwer krankem Zustand in
+Untersuchungshaft genommen und am 7. Februar von der siebten Deputation
+zu 21 Monaten Gefängnis verurteilt worden, wogegen er die Berufung
+anmeldete. Dentler beantragte alsdann mit Hinweis auf seinen schwer
+kranken Zustand seine Entlassung aus der Untersuchungshaft, die infolge
+der Berufung fortdauerte. Das Gericht forderte den Gefängnisarzt zur
+Begutachtung des Falles auf. Woche um Woche verging; Dr. Lewin, so hieß
+der Ehrenmann, ließ sich ab und zu einmal in der Zelle sehen, fragte
+Dentler, wie es ihm gehe, und verschwand wieder. Alles, was Dentler
+schließlich erreichte, war, daß er kurz vor seinem Tode aus der
+Stadtvogtei in die Gefangenenabteilung der Charité gebracht wurde.
+
+Von hier schrieb _Dentler_ der Redaktion der „Berliner Freien Presse“:
+
+ „Mein Zustand verschlimmert sich jeden Tag, nach Verlauf einer Woche
+ erinnere ich (an den Antrag auf Entlassung) — vergebens. Eine zweite
+ Woche bricht an, geht zu Ende und am letzten Tage derselben — vierzehn
+ Tage nach meinem Antrage — erscheint der Medizinalrat Wolff.... Nach
+ einer sehr sorgfältigen Untersuchung geht Herr Wolff, nachdem er sich
+ sehr bedenklich über meinen Zustand ausgesprochen hat. — Seit jener
+ Untersuchung sind wiederum volle acht Tage verflossen, ich bin nach
+ wie vor im unklaren über mein Schicksal, die siebte Deputation hat
+ seitdem drei Sitzungen gehalten und ich — nun ich habe heute nachmittag
+ in der Spazierstunde Blut gespien, nach meinen bisherigen Erfahrungen
+ ein Vorbote starker, in kurzer Zeit darauf folgender Lungenblutungen.
+ Daß ich jetzt eine Lungenblutung vom Schlage der beiden erlebten
+ überstehen würde, halte ich einfach für unmöglich.“
+
+Und der vorausgesagte Blutsturz kam. Am 24. April war _Dentler_ eine
+Leiche. Am 28. April fand seine Bestattung unter immenser Beteiligung
+statt; sie war ein flammender Protest gegen die ihm widerfahrene
+Behandlung. Wiederum war das Bürgertum erstaunt und erschreckt über die
+Massen, die Dentler zu Grabe geleiteten. Dieser Ueberraschung gab jetzt
+die „Magdeburger Zeitung“ mit den Worten Ausdruck:
+
+ „Wer spricht noch von Arbeiterbataillonen Berlins angesichts dieses
+ Leichenaufgebots? Das sind Regimenter, Brigaden, Divisionen, ja mehr,
+ das sind ganze Armeekorps, welche ihrem sicherlich um die Sache
+ hochverdienten Toten die letzte Ehre erwiesen.“
+
+Seitdem hat Berlin noch manchen sozialdemokratischen Leichenzug gesehen,
+größer als jenen der Heinsch und Dentler, die der bürgerlichen Welt ein
+_mene tekel upharsin_ zuriefen.
+
+
+
+
+Der Reichstag Frühjahr 1878.
+
+
+Mittlerweile war der Reichstag zum 6. April 1878 einberufen worden. Ich
+war durch meine Haft wieder von seinen Beratungen ausgeschlossen. Ein
+Antrag auf meine Beurlaubung hatte wie früher einen negativen Erfolg.
+
+Die Fraktion war sehr fleißig in der Stellung von Anträgen. Sie
+beantragte die Abänderung des Artikels 31 der Verfassung — Freilassung
+der Abgeordneten auch aus der Strafhaft —, Aenderung des
+Reichstagswahlgesetzes: Einführung der Kuverts, Wahltag am Sonntag,
+gesetzliche Festlegung der Zahl und des Umfanges der Wahlkreise nach
+jeder Volkszählung, Aenderung der Bestimmungen des Strafgesetzbuchs in
+bezug auf Wahlbeeinflussungen; einen Gesetzentwurf betreffend das
+Vereins- und Versammlungsrecht, Antrag auf Aenderung des
+Freizügigkeitsgesetzes — Einschränkung der Ausweisungen —, Anträge zu dem
+Bericht der Kommission über die Einführung der Gewerbegerichte, Anträge
+zu dem von den Regierungen eingebrachten Gesetzentwurf betreffend
+Aenderung der Gewerbeordnung.
+
+Bei einer der in jener Zeit öfter vorkommenden Sozialistendebatten
+erlaubte sich Bismarck den Scherz: er wolle mir einen polnischen Bezirk
+zum Musterversuch für sozialistische Experimente überlassen. Da ich
+hinter Schloß und Riegel saß, konnte ich ihm auf diesen Scherz nicht
+gebührend antworten.
+
+Als ich vernahm, daß Motteler zur Frage der Fabrikarbeit der Kinder
+sprechen wolle, schrieb ich ihm am 12. Februar:
+
+ „Gestern sagte mir Dr. Glattstern, daß Du ihn wegen Beschaffung von
+ Material in bezug auf Kindersterblichkeit angegangen habest. Wenn Du
+ dies in Rücksicht auf die Einschränkung der Kinderarbeit durch die
+ Gewerbeordnungsnovelle getan, dürfte es sich empfehlen, von
+ Zahlenmaterial, da es meines Wissens in brauchbarer Weise nicht
+ vorhanden ist, abzusehen. Die große Kindersterblichkeit ist notorisch,
+ auch in den späteren Jahren, aber es muß beachtet werden, daß neben
+ der Fabrikarbeit auch elende Wohnung, elende Nahrung und elende Pflege
+ während der Krankheiten sehr ins Gewicht fallende Faktoren sind.
+ Willst Du dagegen die große Kindersterblichkeit in den ersten
+ Lebensjahren auf die Beschäftigung der Mütter in den Fabriken mit
+ zurückführen, so ist das unzweifelhaft gut und hierfür kein besseres
+ Beispiel anzuführen als die Zeit der Baumwollenkrise in England,
+ während des amerikanischen Bürgerkriegs, in der die Kinder bedeutend
+ weniger starben, weil sie jetzt infolge der mangelnden Arbeit für die
+ Mütter die Mutterbrust erhalten konnten (siehe Marx' Kapital).
+
+ Ich glaube, Du tust am besten, hier einfach auf die physischen und
+ moralischen Nachteile dieser Arbeit an und für sich und in Verbindung
+ damit auf die Zerrüttung des Familienlebens hinzuweisen, das die
+ Fabrikarbeit der Mütter hervorruft, und appellierst an das Gefühl der
+ Gegner, was sie sagen würden, wenn ihren Frauen und Kindern solche
+ Zumutungen gemacht würden. Daneben wäre die perfide Art, wie die
+ Reichsregierung im Interesse der Fabrikanten die größere Ausbeutung
+ ermöglicht, gebührend zu brandmarken.
+
+ Hierbei wäre aber ein neuer guter Gedanke in aller Form zum Austrag zu
+ bringen. Mache das gänzliche Verbot der Kinder- und eine wesentliche
+ Einschränkung der Frauenarbeit den Fabrikanten die Konkurrenz des
+ Auslandes schwer, so solle das Mittel ergriffen werden, das die
+ Regierung auch schon auf anderen Gebieten mit Erfolg ergriffen hat,
+ _der Abschluß bezüglicher internationaler Verträge_. Sie würde hierbei
+ nicht nur die öffentliche Meinung Deutschlands wie in kaum einer
+ anderen Frage auf ihrer Seite haben, sondern auch die Sympathien der
+ arbeitenden Klassen des Auslandes. Der moralische Druck eines solchen
+ Vorgehens würde so groß, daß jede Regierung gezwungen würde, auf
+ solche Vorschläge einzugehen.
+
+ Ich glaube, mit diesem Trumpf könnten wir sehr viel gewinnen.
+
+ Ihr könntet zu dem Antrag von Schulze-Delitzsch, Nr. 11 der
+ Drucksachen, betreffend das Genossenschaftsgesetz, einige weitere
+ Anträge bringen, zum Beispiel auf Einführung der beschränkten
+ Haftpflicht, analog dem früheren sächsischen Genossenschaftsgesetz.
+ Auch müssen einige Schulzesche Anträge entschieden bekämpft werden.
+ Ich stelle mein Exemplar des Berichts zur Verfügung, worin ich zu den
+ Materien die Bemerkungen, die weiter ausgesponnen werden könnten,
+ angebracht habe. _Auer_ oder wer sonst Lust hat, könnte dieses Kapitel
+ übernehmen.
+
+ Ich werde gelegentlich den Bericht (Aktenstück Nr. 11) hinausgeben,
+ bitte aber mir ihn aufzubewahren und zurückzugeben.“
+
+
+
+
+Im Leipziger Gefängnis und was währenddem geschah.
+
+
+Die Muße im Gefängnis benutzte ich, um unter anderem im „Vorwärts“ einen
+Artikel für die Gründung einer allgemeinen Parteibibliothek (Archiv)
+Stimmung zu machen. Die Ereignisse der nächsten Monate verhinderten, den
+Plan weiter zu verfolgen. Ich habe dann den Gedanken später im Züricher
+„Sozialdemokrat“ aufs neue angeregt und jetzt nahm sich der
+Parteigenosse Schlüter, der in der Buchhandlung des „Sozialdemokrat“
+beschäftigt war, der Ausführung des Gedankens an. Die Gründung des
+Parteiarchivs erfolgte.
+
+Des weiteren arbeitete ich an der Vollendung meines Buches „Die Frau und
+der Sozialismus“, das im folgenden Jahre in der ersten Auflage
+erscheinen konnte. Auch schrieb ich ein Broschürchen „Das
+Reichsgesundheitsamt und sein Programm“, in dem ich die
+sozialhygienischen Aufgaben erörterte, die nach meiner Ansicht das
+Reichsgesundheitsamt lösen müsse, wolle es seinem Namen und seiner
+Stellung gerecht werden.
+
+Meine diesmalige Leipziger Haft gab mir auch die Gelegenheit, einem Teil
+meiner Mitgefangenen zu einer kleinen Verbesserung ihrer Lage zu
+verhelfen. Zu jener Zeit hatte noch die Oberleitung im Gefängnis ein
+alter Inspektor, von dem die Sage ging, daß er in seiner Stellung ein
+reicher Mann geworden sei dadurch, daß er den Gefangenen, die im Besitz
+von Geld waren, Eßwaren und Getränke zu einem Preise verkaufte, der ihm
+einen hohen Nutzen abwarf. Weiter erfuhr ich in der Privatunterhaltung
+mit meinem Aufseher, der froh war, wenn ich mit ihm eine Weile
+plauderte, daß der Inspektor auch nach anderer Richtung sich an den
+Gefangenen verging. So sparte er an Handtüchern und Seife, mit denen die
+Gefangenen doppelt so lange aushalten mußten, als vorgeschrieben war.
+Die Gefangenen erhielten ihr Mittagessen in Steinkrügen. Daß ab und zu
+einer derselben zerbrach, war selbstverständlich. Der Inspektor sorgte
+aber nicht für Ersatz, sondern ein Teil der Gefangenen mußte warten bis
+der andere Teil gegessen hatte, und dann wurde die mittlerweile kalt
+gewordene Speise in den unausgewaschenen Krügen dem anderen Teil
+überreicht.
+
+Diese Mitteilungen erregten meinen Zorn. Ich faßte nunmehr einen Plan,
+um dem Inspektor sein Treiben zu legen. Ich setzte mich hin und schrieb
+eine Beschwerde an den Direktor des Gerichts, dem damals die
+Oberaufsicht über das Gefängnis oblag, worin ich die ganzen ungehörigen
+Vorgänge schilderte, aber in der Rolle eines Mannes, der eben als
+Gefangener das Gefängnis verlassen und die Ungehörigkeiten des
+Inspektors am eigenen Leibe zu spüren bekommen habe, denn ich wurde ja
+davon nicht betroffen. Natürlich mußte dieses Schreiben anonym abgehen.
+
+Als meine Frau mir ihren nächsten Besuch machte, der nur in Gegenwart
+des Inspektors stattfinden konnte, drückte ich ihr heimlich einen Zettel
+in die Hand, in der ich sie bat, an einem bestimmten Abend Punkt 1/2-10
+Uhr durch die Straße zu gehen, nach der mein Zellenfenster mündete, ich
+würde ihr alsdann einen Brief hinunterwerfen, den sie von unbekannter
+Hand solle abschreiben lassen und an den Gerichtsdirektor senden. So
+geschah es. Als meine Frau mit ihrem Töchterchen auf der Straße
+erschien, warf ich ihr aus dem dritten Stock das ziemlich stark
+gewordene Briefpaket hinunter, das bei der Stille in der Straße mit
+großem Geräusch auf das Pflaster klatschte. Meine Frau hob eilig das
+Paket auf und eilte fluchtartig mit ihrem Töchterchen von dannen, sie
+glaubten einen Mann hinter sich kommen zu hören und befürchteten, sie
+würden verfolgt. Einige Tage später stürzte der Aufseher in großer
+Aufregung in meine Zelle und erzählte: den Vormittag habe es zwischen
+dem Direktor und dem Inspektor einen heftigen Auftritt gegeben. Der
+Alte — wie er den Inspektor bezeichnete — sei zum Direktor befohlen worden
+und dieser habe ihm aus einem Briefe, den ein entlassener Gefangener
+geschrieben habe, alle seine Sünden vorgerückt und ihm furchtbar den
+Marsch geblasen. Der Alte sei ganz aufgeregt zu ihnen, den Aufsehern,
+gekommen und habe sofort Order für Abstellung der Uebelstände gegeben.
+Der Aufseher erzählte mir das mit großer Genugtuung, selbstverständlich
+hütete ich mich, ihn merken zu lassen, wer der Briefschreiber gewesen
+war.
+
+ * * * * *
+
+Anfang Mai veröffentlichte das Zentralwahlkomitee einen Ausruf für die
+Abhaltung eines Sozialistenkongresses, der in der Zeit vom 15. bis 18.
+Juni abermals in Gotha stattfinden sollte. Unter den Punkten der
+Tagesordnung befand sich als Punkt 3: Beratung über die Stellung der
+Sozialdemokratie zum Staats- und Gemeindebetrieb, für den ich mit
+Rittinghausen als Berichterstatter angemeldet wurde. Den Anstoß zu
+diesem Beratungspunkt gab der Bismarcksche Plan, die Eisenbahnen in
+Reichsbesitz zu bringen, ferner das Tabakmonopol einzuführen, ein Plan,
+der damals zwar noch nicht öffentlich erörtert worden war, aber es war
+durchgesickert, daß in den Verhandlungen Bismarcks mit Herrn v.
+Bennigsen das Tabakmonopol eine Rolle gespielt habe. Auch hatte unser
+Parteigenosse Rittinghausen sich für die Verstaatlichung des
+Versicherungswesens öffentlich ausgesprochen und damit in der Partei
+nicht überall Zustimmung gefunden.
+
+Der geplante Kongreß kam aber nicht mehr zur Ausführung, die
+eintretenden Ereignisse machten ihn unmöglich.
+
+
+
+
+Das Hödel-Attentat und seine Folgen.
+
+
+Am 12. Mai wurde mir in meine Zelle die Nachricht, die mich im höchsten
+Grad überraschte, überbracht, daß am Tage zuvor, nachmittags 3 Uhr, ein
+gewisser Hödel aus Leipzig, der Sozialdemokrat wäre, ein Attentat auf
+den alten Kaiser gemacht habe, der aber unverwundet geblieben sei. Mir
+erschien der Vorgang zunächst unerklärlich. Der Name Hödel _alias_
+Lehmann war mir bekannt. Hödel war das Jahr zuvor in Leipzig in der
+Partei aufgetaucht. Persönlich kannte ich ihn nicht. Da er keine Arbeit
+hatte, vielleicht auch keine nehmen wollte — er hatte als Klempner
+gelernt —, hatte er sich mit der Verbreitung unseres Leipziger
+Lokalorgans, „Die Fackel“, und mit dem Verkauf sozialistischer Schriften
+beschäftigt. Aber er erwies sich bald als Schwindler. Er unterschlug die
+eingenommenen Gelder, was die Expedition der „Fackel“ schon am 5. April
+veranlaßte, bekannt zu machen, daß Hödel der Vertrieb des Blattes
+entzogen worden sei. Ferner hatte einige Tage später die Leipziger
+Parteimitgliedschaft beschlossen, Hödels Ausschließung aus der Partei zu
+beantragen, und in der Tat hatte das Zentralwahlkomitee den Ausschluß
+Hödels aus der Partei am 9. Mai, also zwei Tage vor seinem Attentat,
+öffentlich im „Vorwärts“ bekannt gemacht.
+
+Hödel hatte sich alsdann, nachdem er bei uns unmöglich geworden war, an
+den nationalliberalen Agitator Sparig und die Redaktion des
+nationalliberalen „Leipziger Tageblatts“ gewendet und lieferte diesen
+für Geld eine Reihe unwahrer und übertriebener Anklagen gegen die
+Partei, die das „Leipziger Tageblatt“ gegen uns ausschlachten versuchte.
+Nachdem er in Leipzig seine Mission gegen die Partei erfüllt hatte,
+suchten ihn Sparig und Konsorten los zu werden; sie gaben ihm das Geld
+zur Reise nach Berlin. Hier angekommen, hielt er es mit beiden Lagern.
+Er trat in einen sozialdemokratischen Verein und gleichzeitig in die
+christlichsoziale Partei des Hofpredigers Stöcker ein, um den sich
+damals eine große Zahl katilinarischer Existenzen aus den
+verschiedensten Schichten gesammelt hatte. So auch der Schneider
+Grüneberg, der zwei Jahre zuvor in Stuttgart und München von der
+sozialdemokratischen Partei wegen Betrügereien ausgeschlossen worden
+war. Grüneberg, der später auch von Stöcker gegangen wurde, verriet, daß
+neben Hödel auch Dr. Nobiling, der spätere zweite Attentäter auf den
+Kaiser, Mitglied der christlichsozialen Partei gewesen war. Er,
+Grüneberg, habe auf Geheiß des Hofpredigers eine neue Mitgliederliste
+anfertigen müssen, in der der Name Nobilings fehlte. In Berlin hatte
+Hödel sowohl sozialdemokratische wie christlichsoziale Blätter und
+Schriften, so den „Staatssozialist“ und ein Flugblatt „Ueber die Liebe
+zu König und Vaterland“ verbreitet. Als er verhaftet wurde, fand man
+auch Photographien von Liebknecht, Most und mir bei ihm, mit denen er
+handelte. Ueber die moralische Qualifikation dieses Menschen konnte wohl
+kein Zweifel bestehen.
+
+Sobald Bismarck die Nachricht von dem Hödelattentat in Friedrichsruh
+erhielt, telegraphierte er nach Berlin: _Ausnahmegesetz gegen die
+Sozialdemokratie_, woraus ersichtlich war, wie gierig er auf irgend eine
+Gelegenheit wartete, der verhaßten Partei womöglich den Todesstoß zu
+versetzen. Anfangs nahmen die Oeffentlichkeit und die Presse die
+Nachricht von dem Attentat ziemlich kühl auf. Als einzelne Blätter den
+Versuch machten, die Sozialdemokratie für das Attentat verantwortlich zu
+machen, wies der offiziöse Hamburger Korrespondent in einem Artikel
+nach, daß binnen 78 Jahren 35 Meuchelmorde und Meuchelmordversuche gegen
+hervorragende politische Peinlichkeiten vorgekommen seien, und zwar von
+Angehörigen der verschiedensten Parteien. Die Anklage, der politische
+Meuchelmord sei am Holze der Sozialdemokratie gewachsen, sei unhaltbar.
+Auch im Reichstag faßte man den Vorgang zunächst noch so kühl auf, daß
+ein Antrag von uns auf Einstellung eines Strafverfahrens gegen Most am
+14. Mai ohne jede Debatte angenommen wurde.
+
+Bei seiner ersten Vernehmung bestritt Hödel, daß er auf den Kaiser habe
+schießen wollen, er habe vielmehr die Absicht gehabt, Selbstmord zu
+begehen als Zeichen der Erbärmlichkeit unserer Zustände, die ihn dazu
+genötigt hätten. Dafür sprach, daß, als er verhaftet wurde, er keinen
+Pfennig in der Tasche hatte und daß der Revolver, den er benutzte, ein
+elendes Ding war, der, wie der Büchsenmacher, der ihn untersuchte,
+feststellte, auf wenige Schritte sein Ziel verfehlen mußte. Es wurde
+weiter festgestellt, daß Hödel als uneheliches Kind seiner Mutter, die
+einen Lehmann geheiratet hatte, weshalb er sich auch zeitweilig Lehmann
+nannte, eine schlechte Erziehung genossen hatte. Man hatte ihm zwar das
+Hirn mit Katechismus- und Bibelsprüchen vollgepfropft, aber er konnte
+keinen Satz richtig schreiben. Außerdem wurde eine venerische
+Verseuchung bei ihm festgestellt. Als er zur Gerichtsverhandlung geführt
+wurde, betrat er blöde lachend den Gerichtssaal, und mit demselben
+Lachen verließ er ihn nach seiner Verurteilung. Einen Brief, den er an
+seine Eltern schrieb, unterzeichnete er: Max Hödel, Attentäter Sr.
+Majestät des Deutschen Kaisers. Festgestellt war auch worden, daß er von
+Jugend auf ein Lügner und Dieb war. Das ganze Benehmen des Mannes war,
+wie der Gerichtshof, der ihn nichtsdestoweniger zum Tode verurteilte,
+feststellte, das eines _geistig und körperlich zerrütteten Menschen_.
+Und wegen der Tat eines solchen Menschen sollte die deutsche
+Sozialdemokratie ans Kreuz geschlagen werden.
+
+Hödel hatte den Rechtsanwalt Otto Freitag in Leipzig als Verteidiger
+gewünscht. Freitag erklärte sich auch bereit, die Verteidigung zu
+übernehmen, er verlangte aber die Zusendung der Akten und eine
+achttägige Frist zum Studium derselben und zur Vorbereitung der
+Verteidigung. Bezeichnenderweise wurde ihm beides _abgeschlagen_. Man
+hatte es sehr eilig mit Hödels Prozeß und Hinrichtung. Hödel erhielt
+jetzt einen Offizialverteidiger, der nichts Besseres zu tun wußte, als
+sich vor Gericht zu entschuldigen, daß ihn das Los getroffen habe, die
+Verteidigung eines Hochverräters übernehmen zu müssen. Hödels Kopf fiel
+unter dem Beil des Henkers. Als Professor Virchow bat, ihm den Kopf
+Hödels zur anatomischen Untersuchung zu überlassen, _wurde ihm dieses
+verweigert_.
+
+Die Hinrichtungsurkunde mußte der Kronprinz Friedrich unterzeichnen, der
+die Stellvertretung des Kaisers übernommen hatte, nachdem dieser
+mittlerweile durch das am 2. Juni erfolgte Nobilingsche Attentat schwer
+verwundet worden war. Der Kronprinz hat dann während seiner Regentschaft
+kein einziges Todesurteil mehr unterzeichnet, obgleich sich unter den
+Verurteilten ein Doppelmörder befand. Auch noch andere Symptome sprachen
+dafür, wie anders er die ganzen Vorgänge auffaßte.
+
+
+
+
+Das erste Ausnahmegesetz.
+
+
+Das Verlangen Bismarcks nach einem Ausnahmegesetzentwurf gegen die
+Sozialdemokratie wurde bald erfüllt. Bereits am 12. Mai traf Bismarcks
+_Entwurf_ für ein Ausnahmegesetz in Berlin ein, den 14. Mai war derselbe
+von seiner Kanzlei fertig gestellt worden und fand seine Zustimmung.
+Bereits am 16. wurde derselbe vom Bundesrat genehmigt — am eifrigsten
+plädierte die sächsische Regierung dafür — und am 20. Mai kam er mit den
+Motiven an den Reichstag, der ihn schon am 23. auf seine Tagesordnung
+setzte.
+
+Den Nationalliberalen war bei diesen ganzen Vorgängen nicht wohl zumute;
+sie fühlten instinktiv, daß Bismarck noch andere Pläne im Hintergrund
+habe, die sich gegen sie selbst richteten. In der preußischen Regierung
+waren Wandlungen vor sich gegangen, die nichts Gutes ahnen ließen. Statt
+des Eintritts von Bennigsen und Forckenbeck in das Ministerium, waren
+zwei Hochkonservative, der Graf Botho zu Eulenburg und der Graf Udo zu
+Stolberg-Wernigerode, derselbe, der 1909 als Präsident des Reichstags
+starb, berufen worden. Der freihändlerische liberale Finanzminister v.
+Camphausen hatte ebenfalls seinen Abschied nehmen müssen und kam an
+seine Stelle der charakterschwache nationalliberale Hobrecht. Ebenso
+mußte der liberale Kultusminister Falk, der Verfasser der Maigesetze
+gegen das Zentrum und des einzig liberalen Gesetzes aus dem Kulturkampf,
+des Gesetzes über die Einführung der Zivilstandsregister, das Feld
+räumen, was eine große Konzession an das Zentrum bedeutete. Die
+Nationalliberalen hatten also alle Ursache zum Mißtrauen.
+
+Nach der sechs Paragraphen umfassenden Sozialistengesetzvorlage konnten
+Drucksachen und Vereine, welche die Ziele der Sozialdemokratie
+verfolgten, vom Bundesrat verboten werden. Dem Reichstag mußte, sobald
+derselbe versammelt war, Mitteilung von den Verboten gemacht werden. Ein
+Verbot mußte außer Kraft gesetzt werden, wenn der Reichstag dies
+verlangte. Die Polizeibehörden konnten die Verbreitung von
+Druckschriften auf öffentlichen Wegen, Straßen, Plätzen oder anderen
+öffentlichen Orten vorläufig verbieten. Das Verbot sollte erlöschen,
+wenn nicht innerhalb vier Wochen die Druckschrift seitens des Bundesrats
+verboten wurde. Das Verbot und die Auflösung von Versammlungen war ganz
+und gar in die Hände der Polizei gelegt. Berufung sollte es hiergegen
+nicht geben. Die Zuwiderhandlungen gegen die Verbote sollten mit
+Gefängnis bis zu fünf Jahren bestraft werden. Die Beschlagnahme einer
+Druckschrift sollte ohne richterliche Anordnung vorgenommen werden
+können. Vorsteher von verbotenen Vereinen, Unternehmer und Leiter von
+verbotenen Versammlungen und diejenigen, die ein Lokal für einen
+verbotenen Verein oder eine verbotene Versammlung hergaben, sollten mit
+einer Mindeststrafe von nicht unter drei Monaten belegt werden. Das
+Gesetz sollte für einen Zeitraum von drei Jahren Gültigkeit haben.
+
+In der Annahme, die Fraktion werde bei Beratung der Vorlage durch einen
+ihrer Redner gegen dieselbe scharf ins Zeug gehen, schrieb ich Motteler
+unter dem 20. Mai aus dem Gefängnis:
+
+ „Da die Einbringung der Ausnahmemaßregel Tatsache ist, so mag
+ derjenige, der von unserer Seite dazu zum Wort kommt, nicht vergessen,
+ daß seine Rede in einigen hunderttausend Exemplaren verbreitet werden
+ muß. Auch ist zu beachten, daß im Falle der Ablehnung der Vorlage der
+ Reichstag ausgelöst wird, wir also vor einer Wahlkampagne stehen und
+ dann diese Rede ihre Dienste leisten muß. Also vor allen Dingen alles,
+ was auf den Täter Bezügliches in unseren Händen ist, Punkt für Punkt
+ erörtert.
+
+ Das Sonntag-Morgenblatt der Frankfurter Zeitung bringt einen guten
+ Leitartikel, den ich Euch zur Beachtung empfehle. Der Gesetzentwurf
+ grenzt an Wahnsinn.“
+
+Die Fraktion hatte aber nach längerer Beratung beschlossen, durch
+Liebknecht eine Erklärung abgeben zu lassen und sich an den weiteren
+Verhandlungen nicht zu beteiligen.
+
+Die Beratung im Reichstag wurde eingeleitet mit einer kurzen Rede des
+Grafen zu Eulenburg. Dann erhielt Liebknecht das Wort zu folgender
+Erklärung:
+
+ „Der Versuch, die Tat eines Wahnwitzigen, noch ehe die gerichtliche
+ Untersuchung geschlossen ist, zur Ausführung eines lang vorbereiteten
+ Reaktionsstreichs zu benutzen und die „moralische Urheberschaft“ des
+ noch unerwiesenen Mordattentats auf den deutschen Kaiser einer Partei
+ aufzuwalzen, welche den Mord in jeder Form verurteilt und die
+ wirtschaftliche und politische Entwicklung als von dem Willen
+ einzelner Personen ganz unabhängig auffaßt, richtet sich selbst so
+ vollständig in den Augen jedes vorurteilslosen Menschen, daß wir, die
+ Vertreter der sozialdemokratischen Wähler Deutschlands, uns zu der
+ Erklärung gedrungen fühlen:
+
+ Wir erachten es mit unserer Würde nicht vereinbar, an der Diskussion
+ des dem Reichstage heute vorliegenden Ausnahmegesetzes teilzunehmen
+ und werden uns durch keine Provokationen, von welcher Seite sie auch
+ kommen mögen, in diesem Beschluß erschüttern lassen. Wohl aber werden
+ wir uns an der Abstimmung beteiligen, weil wir es für unsere Pflicht
+ halten, zur Verhütung eines beispiellosen Attentats auf die
+ Volksfreiheit das Unserige beizutragen, indem wir unsere Stimmen in
+ die Wagschale werfen.
+
+ Falle die Entscheidung des Reichstags aus wie sie wolle — die deutsche
+ Sozialdemokratie, an Kampf und Verfolgungen gewöhnt, blickt weiteren
+ Kämpfen und Verfolgungen mit jener zuversichtlichen Ruhe entgegen, die
+ das Bewußtsein einer guten und unbesiegbaren Sache verleiht.“
+
+Nach Liebknecht nahm Bennigsen das Wort. Er hielt eine Rede, die ich für
+die beste ansehe, die er bis dahin gehalten hatte; sie zeigte, daß er
+auch anders konnte und daß er vermochte, die Dinge auch von einem
+höheren Standpunkt, als er bisher bei den nationalliberalen Rednern zur
+Geltung kam, zu beurteilen. Es sei die Ansicht laut geworden, führte er
+unter anderem aus, die Regierung habe die Vorlage eingebracht, obgleich
+sie wisse, daß sie abgelehnt werde. Er erwarte, daß diese Ansicht
+dementiert werde. Er wies auf die Unsicherheit und die schwankenden
+Verhältnisse in der Regierung hin, die niemals so schlimm gewesen seien
+wie jetzt. _In Preußen sei die Ministerkrise in Permanenz._ Wolle man
+diktatorische Gewalt, müsse man vor allen Dingen wissen: wer übt sie
+aus? Seine Partei könne kein Ausnahmegesetz wie das verlangte
+bewilligen, die Geschichte zeige, wohin diese führten und daß sie nichts
+nützten. Er machte darüber längere historische Betrachtungen. Weiter
+sprach er sich im Laufe der Rede für das Aufhören des Kulturkampfes aus.
+Das war der müde Mann, der einen Kampf beendigt zu sehen wünschte, bei
+dem bisher die sogenannten Kulturkämpfer keine Seide gesponnen hatten,
+obgleich einstmals er und seine Freunde diesen Kampf unter Führung
+Bismarcks mit Jubel begrüßt und durchgefochten hatten. Schließlich erbot
+er sich, auf dem Boden des gemeinen Rechtes im nächsten Jahre eine
+Vorlage durchbringen zu helfen, die die bürgerliche Freiheit mit
+gesetzlicher Ordnung und fester Autorität im öffentlichen Leben für alle
+Klassen vereinige.
+
+Er erbot sich also jetzt zu dem, was er und seine Freunde zwei Jahre
+früher mit guten Gründen abgelehnt hatten. Das war wieder ganz
+nationalliberal. Aber die Ereignisse schritten über diese Vorsätze
+hinweg und zwangen Bennigsen und seine Freunde, doch zu tun, was sie
+augenblicklich ablehnten.
+
+Nach zweitägiger Verhandlung wurde § 1 der Vorlage mit 243 gegen 60
+Stimmen bei 6 Enthaltungen abgelehnt. Noch stimmte das Zentrum
+geschlossen gegen die Vorlage; von den Nationalliberalen erklärten sich
+die Professoren Beseler, Gneist und v. Treitschke dafür. Nach diesem
+Resultat zog die Regierung die Vorlage zurück.
+
+War das Ausnahmegesetz einstweilen gefallen, so veranlaßte nunmehr Graf
+zu Eulenburg durch einen Erlaß vom 1. Juni an die Polizeibehörden diese
+zu scharfem Einschreiten gegen die Partei. „Es sei Pflicht, der
+sozialdemokratischen Agitation entschieden entgegenzutreten und zu
+diesem Zwecke von den zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln, unter
+sorgfältiger Einhaltung der durch die Gesetze gezogenen Schranken,
+innerhalb derselben aber bis an die Grenze des Zulässigen Gebrauch zu
+machen.“
+
+Einer solchen Aufforderung bedurfte es nicht erst. Die Polizei zeigte
+überall den größten Eifer für ihre staatsretterische Tätigkeit und
+Staatsanwälte und Richter nicht minder.
+
+
+
+
+Das Nobiling-Attentat und seine Wirkung.
+
+
+Ich war Ende Mai aus der Haft entlassen worden. Am 2. Juni, einem
+Sonntag, machte ich mit Frau und Kind einen Spaziergang, von dem wir
+nach 7 Uhr abends zurückkehrten. Kaum waren wir zu Hause angekommen, so
+trat die Schwester des Rechtsanwalts Freytag in großer Eile in unsere
+Wohnung und fragte aufgeregt, ob wir nicht wüßten, was passiert sei? Wir
+wohnten in der äußeren Stadt, wohin Nachrichten, namentlich am Sonntag,
+nicht rasch drangen. Ich verneinte die Frage. Darauf stellte Fräulein
+Freytag weiter die Frage: „Kennen Sie einen Dr. Nobiling? Derselbe hat
+heute nachmittag auf den Kaiser geschossen und ihn schwer verwundet.“
+Ich war sprachlos, wie vom Blitz getroffen. Ich antwortete, der Name
+Nobiling sei mir nicht bekannt, ich hielt für ausgeschlossen, daß er zur
+Partei gehöre. Beruhigt entfernte sich die junge Dame.
+
+Am nächsten Morgen eilte ich auf die Redaktion des „Vorwärts“, um zu
+hören, was man dort wisse und wie man den Fall beurteile. Ein öffentlich
+angeschlagenes Telegramm enthielt kein Wort davon, daß Nobiling der
+Sozialdemokratie angehöre. Erleichtert atmete ich auf und trat in die
+Redaktion mit den Worten ein: „Na, den können sie uns nicht an die
+Rockschöße hängen.“ Liebknecht, Hasenclever und alle übrigen Anwesenden
+waren mit mir der gleichen Ansicht, niemand kannte den Attentäter,
+keiner hatte vorher auch nur seinen Namen gehört. In beruhigter Stimmung
+verließ ich die Redaktion, mußte aber nach wenigen Minuten wieder
+umkehren, weil mittlerweile ein zweites Telegramm veröffentlicht worden
+war, in dem es hieß: Nobiling habe in seiner ersten Vernehmung bekannt,
+er sei Sozialdemokrat und habe Mitschuldige. Wir alle waren sprachlos.
+
+Diese Angaben des Wolffschen Telegraphenbureaus erwiesen sich nachher,
+wie viele andere Nachrichten gleicher Art, die damals mit größter
+Geflissentlichkeit verbreitet wurden, als grobe Unwahrheiten und
+Fälschungen. Aber sie erreichten im vollsten Maße ihren Zweck. Die
+öffentliche Meinung, die schon durch die am 1. Juni eingetroffene
+Nachricht aufs höchste erregt worden war, daß der „Große Kurfürst“,
+eines der größten Schiffe der damaligen deutschen Flotte, bei hellem
+Tage infolge einer Kollision mit einem anderen Schiffe mit fast
+fünfhundert Köpfen Besatzung angesichts der englischen Küste
+untergegangen sei, geriet über das zweite Attentat in Siedehitze.
+
+Als bei Bismarck die Nachricht eintraf, rief er frohlockend: Jetzt habe
+ich die Kerle — die Nationalliberalen —, jetzt drücke ich sie an die
+Wand, daß sie quietschen; dann erst erkundigte er sich nach dem Befinden
+des durch die Nobilingsche Schrotflinte schwer verwundeten Kaisers. Die
+Auflösung des Reichstags und infolgedessen Neuwahlen standen nunmehr in
+sicherer Aussicht, durch die er eine Mehrheit zusammenzubekommen hoffen
+durfte, die ihm sowohl ein Ausnahmegesetz gegen uns wie neue Einnahmen
+durch die einzuführende Schutzzollpolitik gewährte.
+
+Nobiling hatte den Schuß auf den Kaiser aus dem Fenster eines Hauses
+Unter den Linden, woselbst er sich eingemietet hatte, abgegeben. Er
+selbst hatte danach durch zwei Fehlschüsse einen Selbstmordversuch
+gemacht. Ein Offizier, der sich unter den Personen befand, die nach dem
+Schuß auf den Kaiser in Nobilings Wohnung eindrangen, hatte ihm mit
+einem Säbelhieb eine schwere Kopfwunde beigebracht. Nobiling war
+zunächst besinnungslos und vollkommen vernehmungsunfähig. Festgestellt
+wurde, daß er vor Jahren Landwirtschaft in Leipzig studiert hatte und
+dort im Seminar des Professors Birnbaum, eines unserer schlimmsten
+Gegner, sich bei den Debatten als heftiger Widersacher unserer Partei
+gezeigt hatte. Von Leipzig war er nach Dresden gegangen, wo er das
+Seminar des Professors Böhmert besuchte, der gleichfalls ein eifriger
+Gegner der Sozialdemokratie war. In Dresden zeigte sich Nobiling
+wiederholt in Versammlungen, in denen er als Gegner unserer Partei Reden
+hielt, wodurch ihn unsere Parteigenossen dort, wie Vollmar, Schlüter,
+Paschky usw., kennen lernten. Diese machten nachher in der Untersuchung
+wider Nobiling Zeugenaussagen, nach denen er ein unbedeutender Mensch
+und großer Wirrkopf war. Er hatte mit der Partei noch weniger zu tun
+gehabt als Hödel. Mehrfach wurden Stimmen laut, die die Ansicht
+vertraten, daß Nobiling zu seiner Tat erst angeregt worden sei durch die
+Art, wie ein großer Teil der Presse sich mit der Person Hödels
+beschäftigte, dessen Porträt zum Beispiel von einem Familienblatt in
+einem Prachtholzschnitt dargestellt wurde. Die Meinung, daß man es auch
+in Nobiling mit einem geistig kranken Menschen zu tun habe, war weit
+verbreitet. So schrieb selbst die freikonservative „Post“, allezeit eine
+der gehässigsten Gegnerinnen der Sozialdemokratie: Bei allen Antworten,
+die Nobiling gebe, umspiele ein eigentümliches Lächeln seine Lippen, das
+auf Geistesstörung schließen ließe. Und dem Redakteur der „Germania“,
+Majunke, gegenüber hatte der Untersuchungsrichter Nobilings geäußert:
+„Das Bild, das die Zeitungen über Nobiling ausmalen, ist ganz und gar
+unzutreffend, er ist nichts weniger als intelligent, er ist noch dümmer
+als Hödel.“ Als Nobiling am 10. September im Gefängnis starb, war nicht
+der geringste Beweis erbracht, daß die Sozialdemokratie direkt oder
+indirekt mit dem Attentäter in Verbindung gestanden oder sein Handeln
+beeinflußt hatte.
+
+Für die Hetzer, die um jeden Preis die beiden Attentate für ein
+Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie ausnutzen wollten, waren alle
+diese Feststellungen nicht vorhanden. Bismarck mißbrauchte den
+gewaltigen Einfluß, den er mit Hilfe des Reptilienfonds auf einen großen
+Teil der Presse ausübte, um die Bevölkerung zum fanatischsten Hasse
+gegen die Sozialdemokratie aufzupeitschen. Und dieser Presse schlossen
+sich alle an, die an einer Niederlage der Sozialdemokratie ein Interesse
+hatten, insbesondere ein großer Teil der Unternehmerschaft. Die Partei
+hieß im gegnerischen Lager nur noch die Partei der Meuchelmörder, der
+Allesruinierer, die der Masse den Glauben an Gott, Königtum, Familie,
+Ehe und Eigentum raube. Diese Partei zu bekämpfen und sie, wenn möglich,
+zu vernichten, erschien diesen Gegnern als die glorreichste Tat.
+Tausende und aber Tausende von Arbeitern, die als Sozialdemokraten
+bekannt waren, wurden auf die Straße geworfen. In den Annoncenteilen der
+Zeitungen erschienen Erklärungen, wodurch die Arbeiter sich
+verpflichteten, fernerweit weder einer sozialdemokratischen Organisation
+anzugehören, noch sozialdemokratische Blätter zu halten und zu lesen,
+noch Geld für sozialdemokratische Bestrebungen zu opfern. Dieser
+Unternehmerterrorismus war so stark, daß unsere Parteizeitungen die
+Anhänger der Partei aufforderten, sie sollten jede gewünschte Erklärung
+unterzeichnen, sie könnten nachher doch tun, was sie wollten, einem
+solchen Terrorismus gegenüber gebe es kein Worthalten. Der Terrorismus
+und der damit verbundene Boykott gingen noch weiter: Patriotische
+Hausherren kündigten ihren sozialdemokratischen Mietern, Wirte, die
+jahrelang froh waren, Sozialdemokraten zu ihren Kunden zu zählen,
+forderten jetzt diese auf, ihre Lokalitäten zu meiden. In Leipzig hatten
+die Redakteure des „Vorwärts“ und der „Neuen Welt“ — Liebknecht,
+Hasenclever, Geiser — die Gewohnheit, nach Schluß der Redaktion am
+Nachmittag in einem bestimmten Lokal einen „Frühschoppen“ zu trinken.
+Der Wirt ließ ihnen nunmehr sagen, daß er auf ihren Besuch gern
+verzichte. Aehnliche Vorgänge wiederholten sich auch gegenüber den
+Redakteuren der „Berliner Freien Presse“ und anderwärts.
+
+In Schwerin warf man dem alten Demmler an zwei Nächten hintereinander
+die Fenster ein, was den vierundsiebzigjährigen Mann so aufregte, daß er
+auf einige Zeit Schwerin verließ und die weitere Annahme einer
+Kandidatur für den Reichstag ablehnte. Alle diese Ausbrüche fanatischer
+Roheit und politischen Wahnsinns genügten aber den „Patrioten“ noch
+nicht, um ihre Verfolgungswut zu befriedigen. Es entstand eine
+Sintflut von Denunziationen wegen wirklichen und angeblichen
+Majestätsbeleidigungen. In zahlreichen Fällen wurde gerichtlich
+konstatiert, daß gemeine Rachsucht wegen verletzter Privatinteressen die
+Denunzianten zu ihrem Vorgehen leitete. Das hinderte aber nicht, daß die
+härtesten Bestrafungen ausgesprochen wurden. Ein großer Teil der Richter
+war ebenfalls vom Verfolgungsparoxysmus befallen, und so verkündeten sie
+Strafen von ein, zwei, drei bis zu fünf Jahren Gefängnis, der
+Maximalstrafe, die das Gesetz zuließ. Aeußerungen, die vordem keinen
+Staatsanwalt auch nur einen Augenblick aus seiner Ruhe aufgescheucht
+haben würden, wurden jetzt als Kardinalverbrechen angesehen und aufs
+härteste bestraft.
+
+Anfang Juli schrieb die fortschrittliche „Vossische Zeitung“: „Nachdem
+wir über die auswärtigen Verurteilungen (wegen Majestätsbeleidigung) in
+einer Gesamthöhe der erkannten Strafen von 500 bis 600 Jahren berichtet
+haben, _widerstrebt es uns, die traurige Liste weiterzuführen_.“ Was
+sollte man aber zu Richtern sagen, die ganz und gar vergessen hatten,
+was sie ihrem Amte schuldig waren? _In zwei Monaten wurden 521 Personen
+zu rund 812 Jahren Gefängnis verurteilt._ Nur ein kleiner Teil der
+Verurteilten war sozialdemokratisch gesinnt. Auch die Polizeibehörden
+waren, wie immer bei solchen Gelegenheiten, wie von Sinnen und
+veranstalteten Haussuchungen und veranlaßten Verhaftungen auf jede vage
+Vermutung hin. Die allermeisten der Verhafteten mußten nach kurzer Zeit
+wieder entlassen werden.
+
+Hatte bereits im Mai der Senat zu Hamburg die Abhaltung eines
+allgemeinen deutschen Gewerkschaftskongresses untersagt, so verbot
+Anfang Juni der Stadtrat zu Gotha die Abhaltung des deutschen
+Sozialistenkongresses, und ähnlich verfuhren die Behörden vielfach gegen
+Vereine und Versammlungen. Wiederholt wurden uns Aeußerungen aus
+maßgebenden Kreisen zugetragen, wie die: Die Sozialdemokratie müsse so
+geknebelt und an die Wand gedrückt werden, daß sie aufmucke und man
+schießen könne. Das veranlaßte die „Berliner Freie Presse“ zu der
+Ankündigung: „Seid vorsichtig und habt acht, man will schießen.“ Trotz
+alledem kündigten eine Anzahl Parteiblätter ihre Vergrößerung mit dem 1.
+Juli an. Die Zahl der Abonnenten der „Berliner Freien Presse“ war seit
+Neujahr von 10000 auf 14000 gewachsen. Ende September 1878 hatte aber
+auch die „Berliner Freie Presse“ sechs Redakteure hinter Schloß und
+Riegel, darunter Richard Fischer, der als junges Kerlchen die Aufnahme
+in den Bund der Geächteten mit sieben Monaten Gefängnis zu bezahlen
+hatte.
+
+ * * * * *
+
+Für mich und unser Geschäft hatte die allgemeine Hetze ganz besonders
+mißliche Folgen. Ich war genötigt, nach meiner längeren Haft endlich
+eine Geschäftsreise zu unternehmen. Dieselbe sollte nach
+Nordwestdeutschland und dem Unterrhein vor sich gehen, Länderstrecken,
+die ich bisher zum größten Teil geschäftlich noch nicht besucht hatte.
+Das war im gewissen Sinne mein Glück. Ich war in jenen Gegenden
+persönlich nur sehr wenig bekannt und konnte es so riskieren, in den
+Hotels unter angenommenem Namen zu wohnen, da ich unter meinem eigenen
+Namen _nirgends_ als Gast geduldet worden wäre. Tag für Tag war ich an
+der Wirtstafel Augen- und Ohrenzeuge, wie die Gäste in Ausdrücken
+grenzenlosen Hasses sich gegen die Partei und speziell auch gegen meine
+Person ergingen. Wäre ich erkannt worden, es wäre zu den schlimmsten
+Szenen gekommen. Aehnlich erging es mir aber auch bei dem Besuch der
+Geschäftsleute, denen ich unsere Fabrikate zum Kauf anbot. Den ersten
+Besuch machte ich bei einem Kaufmann in Halle a.S. Demselben gefielen
+unsere Artikel und er gab mir einen namhaften Auftrag. Sobald ich ihm
+aber unsere Geschäftskarte überreichte und er den Namen der Firma las,
+erklärte er schroff: Mit dieser Firma arbeite ich nicht, annullieren Sie
+meine Bestellung. Und so erging es mir häufig. Andere wieder lehnten,
+ohne irgendeine Bemerkung zu machen, eine Bestellung zu geben ab. Ich
+machte so schlechte Geschäfte, daß, als ich nach sechs Wochen nach Hause
+zurückkehrte, froh war, das Erlebte hinter mir zu haben, da ich aus den
+Verkäufen unserer Artikel nicht einmal die Reisespesen gedeckt hatte,
+obgleich ich diese aufs niedrigste zu halten suchte und zu diesem Zwecke
+in den einzelnen Orten selbst meinen neun Kilo schweren Musterkoffer
+Straße auf, Straße ab bei Regen und glühendem Sonnenschein trug, um
+keinen Trägerlohn ausgeben zu müssen.
+
+
+
+
+Die Reichstagswahl von 1878.
+
+
+Wieder nach Hause gekommen, stürzte ich mich in die Wahlagitation.
+Bismarck, der es auch hier wieder verstand, das Eisen zu rechter Zeit zu
+schmieden, und den die Attentate aus allerlei inneren Wirrnissen befreit
+hatten, hatte im Bundesrat den Antrag auf Auflösung des Reichstags
+gestellt, dem der Bundesrat am 12. Juni Folge leistete. Die Wahlen
+wurden auf den 30. Juli 1878 angesetzt.
+
+Wenn es Bismarck nur um ein Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie zu
+tun gewesen wäre, so hätte er dieses auch ohne Auflösung des Reichstags
+bekommen. Nach dem Nobilingattentat versicherte die gesamte
+nationalliberale Presse und bei den verschiedensten Gelegenheiten auch
+die Abgeordneten der Partei, daß sie jetzt bereit seien, ein scharfes
+Ausnahmegesetz gegen uns zu bewilligen.
+
+Damit war aber Bismarck allein nicht mehr gedient. Er war entschlossen,
+die Macht der Nationalliberalen zu brechen; ihren Ansprüchen, erklärte
+er, könne keine Regierung gerecht werden. Und wie bescheiden waren diese
+Ansprüche doch immer gewesen. Er veranlaßte die Veröffentlichung einer
+förmlichen Programmerklärung, in der er mit der herrschenden, angeblich
+dem Freihandel dienenden Wirtschaftsordnung vollständig brach. Das
+bisherige Vorherrschen von Juristen, Beamten und Gelehrten, von Leuten
+ohne produktive Beschäftigung hätten dem Parlament eine unpraktische
+Richtung gegeben. Der Parteihaß, der Machtstreit der Fraktionen, der
+Ehrgeiz ihrer Führer veranlasse, daß die Zeit mit oratorischen
+Schaustellungen vergeudet werde. Die Mehrzahl habe keinen produktiven
+Beruf, sie treibe weder ein Gewerbe noch Handel, weder Industrie noch
+Landwirtschaft. Die Vertretung der wirtschaftlichen Interessen läge in
+den Händen solcher, die von Gehalt, Honorar, von Diäten (die damals der
+Reichstag noch nicht erhielt. A.B.), vom Preßgewerbe oder von
+zinstragenden Papieren lebe. Usw.
+
+Die Philippika ließ an Deutlichkeit, aber auch an Grobheit nichts zu
+wünschen übrig. Die Beamten, die den Wahlkampf beeinflussen konnten,
+wußten nun, woran sie waren, und handelten danach.
+
+Der Wahlkampf entbrannte mit einer bisher nicht gekannten Heftigkeit.
+Die Bismarcksche Wahlparole verhinderte nicht, daß alle bürgerlichen
+Parteien den Kampf gegen uns als ihre vornehmste Pflicht ansahen. „Die
+Sozialdemokratie muß aus dem Reichstag hinaus. Kein Sozialdemokrat darf
+mehr gewählt werden“, wurde die Losung auch in der fortschrittlichen
+Presse. Und obgleich für jeden sichtbar war, was Bismarck im Schilde
+führte, und er nicht bloß unsere Vernichtung, sondern auch die
+Schwächung der Liberalen erstrebte, brachte es der Führer der
+Fortschrittspartei, _Eugen Richter_, fertig, als im Erfurter Wahlkreis
+der sozialdemokratische mit dem konservativen Kandidaten in engerer Wahl
+stand, seinen Parteigenossen die Wahlparole zu telegraphieren: Lieber
+Lucius (konservativ) als Kapell (der Sozialdemokrat). Sein Haß gegen uns
+machte ihn gegen die selbstverständlichsten Regeln der Wahltaktik blind,
+denn der Sozialdemokrat war so gut wie die Liberalen Gegner der
+Bismarckschen Wirtschaftspolitik, und der Zukunftsstaat stand nicht in
+Frage.
+
+Ich kandidierte wieder in Dresden und in Leipzig. Mir gegenüber standen
+in Dresden der Freiherr v. Friesen, Minister a.D., und ein
+fortschrittlicher Kandidat. Ich erhielt im ersten Wahlgang 9855, v.
+Friesen 7266, Walther (Fortschrittler) 5410 Stimmen. Es kam zur engeren
+Wahl zwischen mir und v. Friesen, die der Wahlkommissär auf den 9.
+August, an welchem v. Friesen seinen siebzigsten Geburtstag feierte,
+ansetzte. Offenbar rechnete man mit meiner sicheren Niederlage. Aber ich
+siegte, und zwar mit 11616 über 10702 Stimmen. In Leipzig erhielt ich
+5822 Stimmen, 600 mehr als bei der vorhergehenden Wahl. Außer mir waren
+schließlich von der Partei gewählt: Bracke-Glauchau-Meerane,
+Fritzsche-Berlin, Hasselmann-Barmen-Elberfeld, Kayser-Oederan-Freiberg
+(Sachsen), Liebknecht-Stollberg-Lugau, Reinders-Breslau,
+Vahlteich-Mittweida-Limbach, Wiemer-Annaberg-Zschopau (Sachsen). Also
+neun Abgeordnete, von denen nur zwei, Bracke und Liebknecht, in der
+Hauptwahl gewählt worden waren.
+
+Mit dem Hinauswurf der Sozialdemokratie aus dem Reichstag war es also
+nichts. Aber auch in bezug auf die Stimmenzahl schnitten wir günstiger
+ab, als wir nach der furchtbaren Hetze gegen uns hoffen durften, denn in
+einer Anzahl Wahlkreise war der gegnerische Terrorismus so stark, daß
+wir keine Agitation betreiben konnten. Es wurden bei der Hauptwahl für
+die Partei 437158 Stimmen abgegeben, gegen 493447 bei der Wahl im
+Januar 1877. Das war ein Verlust von 56389 Stimmen und drei Mandaten.
+Die Gegner waren sehr unzufrieden mit diesem Resultat.
+
+Das Gesamtresultat der Wahlen war, wie vorauszusehen, ein Sieg
+Bismarcks. Die Nationalliberalen sanken von 137 auf 106 Mandate, die
+Fortschrittspartei von 39 auf 26. Die Konservativen hatten ihre Mandate
+entsprechend vermehrt, das Zentrum erhielt ebenfalls einige Mandate
+mehr.
+
+Bismarck hatte jetzt für seine Politik zwei Mehrheiten zur Verfügung.
+Eine nationalliberal-konservative Mehrheit für ein Ausnahmegesetz gegen
+uns und eine Mehrheit aus Konservativen und Zentrum, der sich der rechte
+Flügel der Nationalliberalen anschloß, für seine Zollpolitik. Die neue
+Aera mit der politischen Entrechtung der klassenbewußten Arbeiter und
+der Belastung der Massen durch die Zollpolitik konnte nunmehr in Szene
+gesetzt werden. Der neue Reichstag wurde zur Beschlußfassung über das
+Sozialistengesetz auf den 9. September nach Berlin berufen.
+
+Das Spiel konnte seinen Anfang nehmen. Es sollte eine Tragödie werden,
+in der die Sozialdemokratie für die monarchisch-kapitalistischen
+Interessen als Opferstier bestimmt war, um den todsicheren Keulenschlag
+zu erhalten. Aber es kam auch diesmal, wie so oft schon, anders. Der
+Herkules, der uns mit seiner Keule erschlagen sollte, fiel selbst nach
+zwölf Jahren eines für ihn ruhmlosen Kampfes mit dem verhaßten Gegner
+und deckte mit seiner Leiche das Blachfeld.
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Aus meinem Leben - Zweiter Teil, by August Bebel
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 13690 ***