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diff --git a/old/13661-h/13661-h.htm b/old/13661-h/13661-h.htm new file mode 100644 index 0000000..cb23ab6 --- /dev/null +++ b/old/13661-h/13661-h.htm @@ -0,0 +1,6518 @@ +<!DOCTYPE HTML PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01 Transitional//EN"> +<html> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content= + "text/html; charset=iso-8859-1"> + <title> + The Project Gutenberg eBook of Der Bankerott, by Florian Müller. + </title> + <style type="text/css"> +/*<![CDATA[ XML blockout */ +<!-- + P { margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; + } + H1,H2,H3,H4,H5,H6 { + text-align: center; /* all headings centered */ + } + HR { width: 33%; + margin-top: 1em; + margin-bottom: 1em; + } + BODY{margin-left: 10%; + margin-right: 10%; + } + .linenum {position: absolute; top: auto; left: 4%;} /* poetry number */ + .note {margin-left: 2em; margin-right: 2em; margin-bottom: 1em;} /* footnote */ + .blkquot {margin-left: 4em; margin-right: 4em;} /* block indent */ + .pagenum {position: absolute; left: 92%; font-size: smaller; text-align: right;} /* page numbers */ + .sidenote {width: 20%; margin-bottom: 1em; margin-top: 1em; padding-left: 1em; font-size: smaller; float: right; clear: right;} + + .poem {margin-left:10%; margin-right:10%; text-align: left;} + .poem br {display: none;} + .poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} + .poem span {display: block; margin: 0; padding-left: 3em; text-indent: -3em;} + .poem span.i2 {display: block; margin-left: 2em;} + .poem span.i4 {display: block; margin-left: 4em;} + // --> + /* XML end ]]>*/ + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Der Bankerott, by Florian Müller + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Bankerott + Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten + +Author: Florian Müller + +Release Date: October 6, 2004 [EBook #13661] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT *** + + + + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + + + + + +</pre> + + + + + +<h1>Der Bankerott.</h1> +<br /> + +<h2>Eine gesellschaftliche Tragödie in fünf Akten</h2> + +<h2>von Florian Müller</h2> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<h5>Leipzig</h5> + +<h5>Theodor Thomas.</h5> + +<h5>1853.</h5> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<p>Der Verfasser schuf vorliegendes Drama aus bildnerischem +Triebe und keinem Sonderinteresse. Ob's zur Darstellung +durch unsere Bühnen würdig und geschickt ist, überläßt +er vertrauensvoll der Oeffentlichkeit. Mehr für seine Rechtfertigung +oder Erläuterung zu sagen, erscheint ihm überflüssig. +Wer die Gesellschaft in allen Regionen mit eigenen Augen +und als Menschenfreund sah, wird sie ähnlich auffassen und +in keiner Weise zweifeln, daß nicht Leute wie Albert, Marie, +Vater Ziemens, Klaus in ganz analogen Verhältnissen, und +von derselben Charactertiefe, existiren können.</p> + +<p>Neujahr 1853.</p> + +<p><b>Florian Müller.</b></p> + + + + +<i>Ah! quand verrai-je enfin ma stérile patrie,<br /> +Réformer de son goùt l'antique barbarie,<br /> +Offrir un doux asile aux beaux-arts négligés;<br /> +Réchauffer leur ardeur, dans son sein protégés,<br /> +Et, faisant refleurir l'esprit et le génie,<br /> +Rendre la gloire aux arts, et les arts à la vie?<br /> +<br /> +Frédéric II. (Epitre sur la liberté.)</i><br /> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<h2>Der Bankerott.</h2> + +<hr style='width: 65%;' /> +<h2>Inhalt</h2> + + <a href='#Personen'><b>Personen</b></a><br /> + <a href='#Erster_Akt'><b>Erster Akt.</b></a><br /> + <a href='#Abtheilung_1I'><b>Abtheilung I.</b></a><br /> + <a href='#Abtheilung_1II'><b>Abtheilung II.</b></a><br /> + <a href='#Zweiter_Akt'><b>Zweiter Akt.</b></a><br /> + <a href='#Abtheilung_2I'><b>Abtheilung I.</b></a><br /> + <a href='#Abtheilung_2II'><b>Abtheilung II.</b></a><br /> + <a href='#Dritter_Akt'><b>Dritter Akt</b></a><br /> + <a href='#Abtheilung_3I'><b>Abtheilung I.</b></a><br /> + <a href='#Abtheilung_3II'><b>Abtheilung II.</b></a><br /> + <a href='#Vierter_Akt'><b>Vierter Akt.</b></a><br /> + <a href='#Abtheilung_4I'><b>Abtheilung I.</b></a><br /> + <a href='#Abtheilung_4II'><b>Abtheilung II.</b></a><br /> + <a href='#Funfter_Akt'><b>Fünfter Akt.</b></a><br /> + <a href='#Abtheilung_5I'><b>Abtheilung I.</b></a><br /> + <a href='#Abtheilung_5II'><b>Abtheilung II.</b></a><br /> + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Personen'></a><h2>Personen</h2> + + +<b>Questenberg,</b> großer Zeugfabrikant.<br /> +<b>Doctor Questenberg,</b> sein Sohn.<br /> +<b>Blashammer,</b> Banquier und Waffenfabrikant.<br /> +<b>Adelgunde,</b> seine Tochter.<br /> +<b>v. Zitterwitz,</b> Regierungsrath.<br /> +<b>Johnson,</b> Capitalist.<br /> +<b>Albert,</b> }<br /> +<b>Klaus,</b> } Arbeiter Questenberg's.<br /> +<b>Vater Ziemens,</b> }<br /> +<b>Mutter Ziemens.</b><br /> +<b>Marie,</b> deren Tochter.<br /> +Ein Sänger, Herren und Damen als Gäste.<br /> +Bediente, Arbeiter, Volk. — <br /> + +<p>Zeit der Handlung im Jahre <b>1850</b>.</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Erster_Akt'></a><h2>Erster Akt.</h2> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Abtheilung_1I'></a><h3>Abtheilung I.</h3> + +<p>Comtoir Questenbergs. Im Hintergrunde Schränke mit Büchern, +Akten, Modellen. An den Wänden hängen Zeichnungen von Maschinen. +Ein Bureau links, auf dem ein geöffnetes Kontobuch liegt.</p> + +<p>Abend, Licht.</p> + +<br /> + +<h4>Erste Scene.</h4> + +<p><b>Questenberg; v. Zitterwitz.</b></p> +<br /> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (unruhig auf und ab gehend). Man sprach +von einem Deficit von 500,000 — ich sagte: Kinder streicht +eine Nulle weg, es sind höchstens 50,000, Questenberg war +ein zu honnetter Fabrikant — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich vertraute zu sehr meiner eigenen +Kraft! — Der Unglückliche gleicht einem Kranken, der immer +größere Hoffnungen an das Leben knüpft, je näher er dem +Tode rückt . . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Eine Million!</p> + +<p><b>Questenberg</b> (seufzend). In Damastroben <i>à la chinois</i>.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wie konnten Sie nur auf die Großen +und Reichen dieser Zeit speculiren!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich hoffte, daß die siegende Contrerevolution +sie herausfordern würde, den Luxus zu verzehn- oder +verzwanzigfachen.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Naiv, naiv!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ja ich hoffte, es würde wieder so gehen, +wie nach der Besiegung Napoleon's und der Stiftung +der heiligen Alliance. Eine brillante Epoche! Da schäumte +so manches Schweißtröpflein in den eifrigen Restaurationsküchen +über den Kessel, kam denjenigen von uns Geschäftsleuten +trefflich zu Statten, die mit dem Blend- und Gaukelwerk +ihrer Industrie danach zu haschen wußten.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wer's heut zu etwas bringen will, +muß ein geheimer Demagoge sein, muß auf die Eitelkeit, +die Vorurtheile, die Ueppigkeit, Genußsucht, Trägheit, den +Hochmuth, die Herrschsucht, mit einem Wort, auf die Confusion +und den ausschweifenden Geist des untern Bürgerstandes +und des gemeinen Mannes speculiren! Der geschickteste +Gauner macht sich in dieser Richtung zum Herrn der +Christenheit, wird Präsident, Kaiser und Papst.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Herr Regierungsrath, geben Sie mir +morgen noch 150,000 Thaler und Sie sollen über meine +Demagogie erstaunen.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (sich den Kopf haltend). Um Gottes +Willen!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich verfertige fortan die Damastrobe +<i>à la chinois</i> statt für zwanzig Thaler, für zwanzig Silbergroschen +die Elle. Das schimmernde Kleid der <i>„l'état c'est +nous“</i> wird seiner Billigkeit wegen den Beifall unserer +Kammernixen erhalten — es giebt ja für sie weder politische +noch sociale Bedenken! — Sie kaufen und ich bin gerettet!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Zu spät, zu spät!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Das Genie der Mechanik greift mir +unter die Arme. — </p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Mit einer Erfindung? Ach! lassen +Sie mal hören.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nach zwölf bis funfzehn Tagen habe +ich Webestühle — früher werden sie nicht fertig — die noch +einmal so schnell als meine alten arbeiten. . . . Niemand +weiß davon, es bleibt Geheimniß. — Mit diesen Webestühlen +überflügele ich alle Concurrenten, mache mich in kürzester +Zeit zum Millionär! — Morgen zeig' ich sie Ihnen und +stelle vor Ihren sehenden Augen Versuche an.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie hätten mir das vor einer Woche +anvertrauen sollen, die Börse würde verhindert worden sein, +Ihren guten Ruf anzukränkeln! — Das Bürgerthum mit +seiner Industrie und Maschinenkunst ist doch der Kern aller +Demagogie! Welche Propaganda macht's für den Auflösungsprozeß +unsrer veralteten Formen! Wer von jenen mittelalterlichen +Nebelrittern wirft ihm eine widerstandsfähige Barikade +entgegen! Es sind ja nicht mehr die Principien, die +Weltanschauungen, die philosophischen Doctrinen, welche auszureuten +und in Catholicismus zu verwandeln, sondern die +von elektrischen Telegraphen, Eisenbahnen und Dampfmaschinen +bedienten, im Körper der Zeit Fleisch und Blut gewordenen +Interessen! — O jeh, thu nur die Augen auf, großer +französischer Weltherrscher, du findest die Kunsttapeten, Teppiche +und Decken deines berühmten Versailles heute beim +mittelmäßigsten Werktagsmanne. Tritt in den Salon des +schlichtesten Kaufmannes oder Handwerkers, sieh die Tische +und Stühle, die Pendeluhren, Spiegel, Leuchter, Schränke +und Gestelle deines feinsten Rokoko! Erstaune ob der Malereien, +Zeichnungen, Schnitzwerke, Bildhauerarbeiten, die +den Boudoirs deiner capriciösesten Maitressen nie gefehlt +haben würden. Wohl rufst du betrübt: erhielt meine +Herrlichkeit sich nicht länger oben, bedurfte es nur zweier +Jahrhunderte der geistigen Regsamkeit, um den gemeinen +Mann zum Könige und den König zum gemeinen Manne +zu machen! — Ich gehöre dem besonnenen Fortschritt an +und schenke Ihrer Erfindung deßhalb die gebührende Aufmerksamkeit. +Bewährt sie sich, so — seien Sie verstchert . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ein Mann ein Wort!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Mein Gott, was thut man nicht um +das Seinige zu retten und einen guten lieben Freund dazu, +selbst ohne dem Fortschritt zu huldigen! . . . Apropos, wie +stünde es mit den Zinsen, im Falle . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Mir kommt's auf sechs Procente nicht an.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (scherzend). Wer auf eine bloße Erfindung, +so zu sagen, auf eine Idee sein schönes Geld verleiht, +könnte auch wohl zehn Procentlein verdienen?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich geize nicht und verspreche — </p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sagen Sie nur gleich funfzehn . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Weil Sie es sind, Herr Regierungsrath, +ich verspreche Ihnen . . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Zwanzig, zwanzig, ohne Scherz! . . . +das wird morgen schriftlich abgemacht.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nach Ihrem Wunsch.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Es ist schon spät, man erwartet mich +zum Nachtessen . . . (Er nimmt Stock und Hut und will gehen. +An der Thüre bleibt er sinnend stehn.) Der fatale Lärm an der +Börse! . . . Wüßte ich ein Mittel die Zweifel der Gläubiger +zu zerstreuen . . . Wir brauchen unbegrenzten Credit . . . +anders umschiffen wir die Klippe nicht. Meine +150,000 Thaler sind für Ihr Etablissement wie ein Wassertropfen +auf die Lippen eines Verschmachtenden . . . Verhält +es sich nicht so? Wie lange füttert mein Capitälchen Ihre +eisernen Riesen satt?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Etwa acht bis vierzehn Tage.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (ironisch). Ein großer Spielraum zur +Abkühlung der Köpfe unsrer Geldmänner.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Sieht man morgen, übermorgen und +nachübermorgen das Feuer meiner Maschinen lustig brennen, +so wird man sich in den Glauben ergeben, daß es nur brodneidische +Verläumdungen oder falsche Speculationen gewisser +Leute waren, die — </p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie kennen von der Art gewisse Leute?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Vorzüglich einen — er steht mir sehr +nahe und spielt den Scheinheiligen unübertrefflich.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ich halte Herrn Blashammer für einen +kalten, ruhigen, überlegenden, braven Banquier. Er war der +Einzige, welcher sich heute ganz still verhielt. Man bestürmte +ihn um seine Meinung, allein er wich der gewitztesten Zunge +aus. . . Blashammer verdiente nach meiner Ueberzeugung in +unserm Bunde der dritte zu werden.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich kann ihm meine Bücher nicht aufschlagen.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ich meine es anders . . . Der Banquier +hat eine heirathsfähige Tochter, Sie haben einen erwachsenen +Sohn. . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Der noch nichts ist. . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Aber etwas werden kann! Bestand +er doch das beste juristische Examen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich hege längst ein Project der Art, +nur weiß ich's nicht auszuführen. . . Stelle ich dem Banquier +jetzt einen Heirathsantrag, so fühlt er Absicht und weist +mich beleidigt zurück; ich verrathe ihm die Ohnmacht meiner +Lage — </p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ihnen kostet's keine Ueberwindung +einen Mann zu verdächtigen der Ihr Wohlergehn wünscht, +gegen den Sie unfähig sind, den schwächsten Beweis zu liefern!!. +Ich versprach Ihnen mein letztes Geld und bin bereit +noch mehr zu thun. Die Heirath muß zu Stande kommen. +Der Banquier darf uns nicht widerstehen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich lege Glück und Unglück in Ihre +Hand.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Schicken Sie durch den Telegraphen +eine Depesche über Paris nach London, mit dem Befehl +schleunigster Rückkehr an Ihren Herrn Sohn, und . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Er kam bereits gestern an.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Um so besser! Aber aus welcher Ursache? +es erstaunt mich . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Geld, Geld, Geld! Er kostete jährlich +fast so viel als ich morgen von Ihnen borge.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Die großen Städte sind das Verderben +unserer Jugend. Wehe dem Vater, der dort ein Kind +zum vornehmen Müssiggänger, Fantasten, Wollüstling oder +hochgespannten Weisen erzieht! . . Schlafen Sie wohl.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Noch ein Wort . . . Mir fällt ein +Mittel in den Sinn — 's ist durchaus nicht zu kühn . . . +Wenn ich übermorgen oder spätestens Sonntag ein recht +großartiges Fest arrangirte! etwa für zehn bis zwölf Tausend +Thaler — </p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (seinen Hut fallen lassend). Die Gläubiger +sollen kommen und beschämt sich fragen, woher der Luxus, +die Verschwendung, das üppige Leben? Will er uns damit +antworten? Wer bezahlt die einhundert und funfzig Musikanten — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Die sechzig Köche und Kellner — </p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Die sechs Tausend chinesischen Lampen? +Oder wer liefert auf Borg die Meerkrebse — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Die Fasanen — </p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Die Schildkröten — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Die Vogelnestern und Austern — </p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Die zweihundert Flaschen Champagner, +Muskatweine, das Porter Bier — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Die eingelegten Sardellen, die Artischokken, +den Mokka-Caffee — </p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Da wir ihm den Credit versagten — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wir großmächtigen Männer der Börse?!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wer wagt das brillante Feuerwerk +abzubrennen? — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wer engagirt das Pistolenschießen und +Kegelschieben, den Tanz im Garten und den Tanz im Salon, +und alle köstlichen Decorationen?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wer leiht seine Stimme zum Singen +schwärmerischer Lieder, zum Vortrag moralischer Schulreden, +zur Declamation launenvoller kindlicher Gedichte? — — Meiner +Seel', 's ist 'ne wahre Kriegslist! Daß sie mir nicht +einfiel! — Nur an's Werk! Arrangiren Sie das Fest. Ich +gehe für Ihren Sohn unterdessen auf die Frei, und es +müßten höllische Dinge uns entgegentreten, wenn wir nicht +Sonntag mit Fräulein Börse seine Verlobung feierten! — Man +soll dem Unglück Trotz bieten bis auf den letzten Moment +wo es der Ehre gilt. Verfechten wir sie! der Zweck +ist moralisch, er heiligt die Mittel — Auf morgen das Nähere, +will's Gott.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Empfehlen Sie mich Ihrer werthen +Familie.</p> + +<br /> + +<h4>Zweite Scene.</h4> +<br /> + +<p><b>Questenberg</b> (allein). Der alte Sünder! Ich zählte +auf ihn am wenigsten und er wird zum tugendhaften Manne +an mir! . . . Wäre doch jeder Gläubiger so geizig, liebte +die ganze Welt ihre irdischen Güter wie er, und ich hätte +keinen Grund zur Klage! . . . Aber brauche ich mir Gewissensscrupel +zu machen? Nein. Dank dem Schicksal, daß +kein edlerer Freund sich meiner erbarmt; mit diesem kann ich +den letzten verzweifelten Versuch ohne Herzklopfen wagen. . . +(Er setzt sich nieder zum Schreiben.)</p> + +<br /> + +<h4>Dritte Scene.</h4> + +<p><b>Questenberg. Sein Sohn.</b> (Derselbe in gelbem +Schlafrock von Seide mit reichem Besatz, in rothen Fantasiehosen +und einer blauen mit Silber brodirten griechischen Mütze.)</p> +<br /> + +<p><b>Der Doctor.</b> Verzeihung, Herr Papa, daß ich in +Ihr Heiligthum eindringe.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Was giebt's denn?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Nichts als Begehr Sie zu sehn.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich komme.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Mit Bestimmtheit?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Es dauert höchstens noch ein Viertelstündchen.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Unbegreifliche Geschäftigkeit! Keine +Minute Zeit! Wir waren seit Jahren getrennt, kaum hießen +Sie mich willkommen — 's ist hart! — Ich hoffte Ihre +alten Tage erheitern, Ihnen Unterhaltung gewähren zu +können — aber wenn das so fortgeht, muß ich mich vollkommen +unnütz in Ihrem Hause fühlen.</p> + +<p><b>Questenberg</b> (schreibend). Wisse nicht was Du hier +sollst, ich — dem Modelleur 5400 — ich hege kein Bedürfniß +nach einem — für rafinirtes Brennöhl 80 — nach einem +Gesellschafter von Deiner Art.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Nicht fein! — Warum zwangen Sie +mich denn London zu verlassen?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Weil ich nicht länger zahlen kann . . . +9000 Theertonnen — Fühlst Du keine Lust Dich zu verheirathen?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Du . . . 2 Schock Gerüstbretter — </p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Lust? nein.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Du möchtest wohl immer ledig bleiben, +und in der Welt umherschwärmen als Hans von Ohnesorgen?</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (mit Malice). Warum nicht! ich finde es +würdiger als hier unter vergitterten Thüren und Fenstern +den Judas von allem Schönen und Sittlichen zu spielen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Bravo . . . Der Einfuhrzoll der Baumwolle +11,000 — der Seide 20,000 — Es hilft Dir nichts, +Du wirst Dich wohl vermählen müssen . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Müssen?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> 11,000, — 20,000, — 5000, — und +1500 macht — macht 37,500 . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Das heißt also, Sie wünschen nicht +mehr für mich zu bezahlen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Du wurdest ja schon ein alter Kerl! +Warum sollte ich Dich noch lange bei mir auf der Bärenhaut +halten!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Schön.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nicht wahr?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> — — Ich werde mich denn vermählen . . . +Sie haben vielleicht eine recht vorteilhafte Partie in Vorschlag +zu bringen?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Fräulein Blashammer.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ah gratulire! (für sich schaudernd) +Brrr . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ein Mädchen von vielseitigster Bildung.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> (wiederholt sein Brrr).</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Sie spielt Beethoven und singt Schubert, +spricht fertig französisch, lies't englisch und italienisch, interessirt +sich für Architektur, Sculptur, Malerei, ja selbst für +Naturwissenschaft — dichtet Liebeslieder und Trinksprüche, +verfertigt Oden und Sonnette, steht mit bekannten Professoren +in brieflichem Verkehr und schreibt, wenn ich nicht irre, sogar +Kritiken für belletristische Journale . . . (Er steht auf und +tritt vor den Doctor.) Was ist Deine Meinung?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Darf ich eine äußern?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich bitte.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Vor einer gelehrten Frau flieh' ich +Meilen weit.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Du, ein Doctor, ein Philosoph?! — Ah, +thu' man den Schlimmen etwas Gutes! Ich dachte, +da kommen einmal zwei von einem Schlage zusammen und +freute mich wie ein Kind . . . Sapperment!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie hätten keine Rücksicht auf meinen +Charakter nehmen, sondern nach Ihrem innersten Geschmacke +wählen sollen, folglich ein Mädchen, welches Sinn für das +Häusliche hat, mit den Mägden in der Küche schaltet, +Strümpfe stopft, Hemden näht und über jeden Pfennig sorgsamst +Buch führt, ein Mädchen, welches besitzt was mir fehlt, +Unschuld, Heiterkeit, Liebe, Vertrauen und Leidenschaft! . . . +Ich bin bescheiden, Herr Papa — auf jedem Dorf prangt +in herrlichster Bluthe mein Glück!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Sprichst Du aus Verrücktheit so vernünftig +oder aus Vernunft so verrückt.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ein andermal die Fortsetzung. (Er +legt ein Buch, welches er in der Hand hielt, auf den Schreibtisch.) +Dieses Buch brachte ich für Sie aus Paris mit. 's ist die +berühmte Schutzzollrede Ihres Gesinnungsgenossen. Der +Autor hat sie selbst redigirt und herausgegeben. Möge die +Lectüre Ihnen den guten Humor wieder schenken, den Sie +seit meiner Ankunft gänzlich verloren zu haben scheinen. (ab.)</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Der Regierungsrath sagte mit Recht, +die großen Städte seien das Verderben unserer Jugend. +(ab nach einer andern Seite.)</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Abtheilung_1II'></a><h3>Abtheilung II.</h3> + +<p>Eine ärmliche Wohnung bei Vater Ziemens. Auf einem Tische im +Hintergrund steht ein Modell.</p> +<br /> + +<h4>Vierte Scene.</h4> + +<p><b>Albert</b> tritt auf mit einem Zeichenbrett unter dem Arm, gefolgt +von <b>Klaus.</b></p> +<br /> + +<p><b>Klaus.</b> Macht's nicht schon drei lange, lange Jahre, +daß er Dich mit einer Aussicht auf eine Anstellung vertröstet?</p> + +<p><b>Albert.</b> Es sind drei Jahre, daß er mir drei Stunden +täglich von der Arbeit schenkt . . .</p> + +<p><b>Klaus.</b> Welche Gnade!</p> + +<p><b>Albert.</b> Wo findest Du einen Fabrikherrn, der den +strebenden Geist des gemeinen Mannes großmüthiger unterstützt?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Hätte ich Deine Finger — ah, ich säß' längst +in Paris oder London und scharrte das Geld haufenweis, +ungezählt . . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Es klingt, als giebt's in Paris oder London +keine Leute die fähiger und geschickter sind als ich . . . Man +muß Deine Einfalt aufrichtig belachen! Wie weit sind Sie +in der Chemie? Was verstehen Sie von der Mathematik? +Welche Principien leiten Sie in der Constructionslehre? +Geben Sie mir Ihre Zeugnisse von der Akademie — Machten +Sie Reisen nach den größten Fabrikstädten Europa's? . . +Der Pariser oder Londoner Fabrikant würde Augen machen! . . . +Ich erwarte von Herrn Questenberg keine goldene Gerechtigkeit, +aber bin überzeugt, daß er mich besser stellen wird, sobald +ich ein Verdienst besitze.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Giebst Du mir fünfzig Thaler ab, wenn ich +Dir eine Stellung von hundert Thaler monatlichem Einkommen +verschaffe?</p> + +<p><b>Albert.</b> Hier?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Nein hier nicht. Wir wandern aus. In +London gehe ich mit Deinem Modell zu irgend einem großen +Lord. Ich explicire es ihm. Nach wenigen Bedenken leiht +er uns sein Capital. Eine neue Fabrik tritt in's Leben und +wir sind gemachte Leute! Gelingt's uns nicht in London, +so finden wir in Amerika einen Kompagnon auf der ersten +besten Straße.</p> + +<p><b>Albert.</b> Schade, daß Du kein reicher Mann bist, ich +würde gute Geschäfte mit Dir machen.</p> + +<p><b>Klaus.</b> So viel las ich aus Zeitungen und Büchern +zusammen, daß das Talent in jenen freien Ländern schneller +zu etwas kommt.</p> + +<p><b>Albert.</b> Da Du davon überzeugt bist, geh' mir voran.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Mit Dir läßt sich nichts Vernünftiges reden . . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Gönne mir die wenigen Stunden, welche ich +für mich habe.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Weißt Du, weshalb der Questenberg den +Mechanikern den Verfertiger der Skizzen und des Modelle +verschweigt? . . Er will ihn vor seinen eifersüchtigen Concurrenten +verbergen, in Abhängigkeit und Dummheit erhalten.</p> + +<p><b>Albert.</b> Du denkst schlecht von unserm Herrn.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Bauen wir schleunigst ein neues großes Modell — ich +helfe daran so gut ich kann — miethen in der +Stadt ein Lokal, stellen es dort auf und machen mit großer +Schrift durch die Zeitungen bekannt: höchst merkwürdig für +alle Zeugfabrikanten im In- und Ausland. Neue Erfindung +von unermeßlicher Tragweite. Construction eines Musterwebestuhl's, +der in halber Zeit das Doppelte des bisher gebräuchlichen +leistet. Zu sehen täglich und stündlich. Entrée +fünf Silbergroschen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Damit mache ich mir den Herrn zum Todfeinde.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Hole ihn doch der — Ehe wir das Modell +ausstellen, schicken wir's nebst Zeichnung an die Regierung +ab. Dieselbe läßt es von Sachverständigen prüfen. Wird +die Erfindung anerkannt, so erhalten wir ein Patent. Dann +darf niemand das Ding abgucken, ohne uns zu entschädigen. +An's Werk Albert! Ich zeige Dir den Weg einer Industrie, +die uns zu freien Leuten und in wenigen Jahren reich macht! +Du sollst sehen, wie die Fabrikanten von Nah und Fern +herbeiströmen und den großen Fortschritt des neuen Jaquard +begrüßen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Du blähst die Mücke zu einem Elephanten auf.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Es fördert unsern Zweck!</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich schätze die Erfindung gering. — Und +gehörte sie mir allein, so wollte ich mich Dir weniger widersetzen; +Herrn Questenberg und seinen gelehrten Technikern +gebührt das größere Verdienst . . .</p> + +<p><b>Klaus</b> (verzweifelt). Dafür, daß sie sie Dir wegstehlen.</p> + +<p><b>Albert.</b> . . .Es gereicht mir zur Beruhigung, meine +Idee benutzt zu sehen; ich fühle mich von keinem falschen +Wahn irre geleitet; was ich erstrebe ist meiner Begabung +gemäß; mit Recht darf ich ausharren und meinen Durst nach +Vervollkommnung löschen . . .</p> + +<p><b>Klaus.</b> Ha, Du willst essen und es fehlt Dir an +Brod; Du willst lustwandeln und bist an einen Felsen geschmiedet! — Wohin +Dich die falsche Bescheidenheit führt! — Elender +Sclav', richte Dich empor, erkenne wo Du bist und +zu welchem Zweck der Herr Dich inspirirt! Doch ich habe +zu viel getrunken, ich weiß nicht was ich rede, ich bin ein +Aufhetzer, ein wilder unzufriedener Gesell, dem's Vergnügen +macht, gute fromme Leute zum Schlechten zu verleiten. — </p> + +<p><b>Albert.</b> Theurer Klaus, Du denkst gut und herzlich, +aber lass' mich der Meister meines Geschickes bleiben.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Der warst Du noch nie, werde es erst! — Begreife +den allmächtigen Sinn, welcher die alte Welt +im innersten Wesen erschüttert und um und um geworfen +hat. Erst das Mittel und dann den Zweck. Erst freie Hände +und Füße und dann an das Werk gesetzmäßiger Bildung; +'s ist klar wie das Einmaleins! — Wetze Dein Schwert +und zerhaue den Knoten, folge meinem Rath! — O besäßest +Du Courage! Wir könnten uns wie der Blinde und der +Lahme helfen. In Betreff meines Speculationsgeistes darf +ich mich hinter Deinem Talente nicht verkriechen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich glaube selbst, daß in Dir ein großer +Banquier verloren ging.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Sage, ein zweiter Rothschild.</p> + +<p><b>Albert.</b> Geld und nur Geld ist Deine Losung.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Zunächst nichts weiter.</p> + +<p><b>Albert.</b> Was fingest Du wohl an, würdest Du Herr +einer Million?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Vor allem kaufte ich mir einen gelben Schlafrock, +eine blaue Mütze und ein paar rothe Hosen, so prachtvoll +als der junge Doctor aus der Fremde mitgebracht hat, — Du +sahst ihn doch schon in diesem Anzug?</p> + +<p><b>Albert.</b> Nein.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Mir schwamm's vor den Augen, so wurde ich +geblendet. — Ich begegnete ihn mit seinem neufundländischen +Hunde in der Allee. Nach Gebühr zog ich die Mütze, — indeß +der Dank wurde mir von dem Herrn wie von dem +unschuldigen Thiere versagt. Ich nahm's nicht übel . . .</p> + +<p><b>Marie</b> (singt draußen).</p> + +<p><b>Klaus.</b> Die Stimme Deiner Turteltaube . . . Ja, +ja, da sitzt der Haase im Pfeffer. Deshalb muß Sclaverei +süß schmecken und die Wahrheit verläugnet werden. Pah, +ich verstehe Dich längst, Albert — mag's mit heute aber +genug sein! . . . (Indem Marie eintritt, zieht er schnell ein Buch +aus der Tasche und lies't.) „Der erste Satz lautet so: Der +Mensch ist geboren um zu leben. Das Leben besteht in der +Befriedigung unserer Bedürfnisse“ . . .</p> + +<br /> + +<h4>Fünfte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Marie.</b></p> +<br /> + +<p><b>Albert.</b> Warum kommst Du nicht näher? . . . Grüß +Dich Gott!</p> + +<p><b>Marie.</b> Fürcht' Eure gelehrte Unterhaltung zu stören.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Bitte sehr, Jungfer — es handelt sich um +höchst einfältige Fragen.</p> + +<p><b>Marie.</b> Was mir wohl erlaubt ein Wörtchen mitzusprechen?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Wenn's Ihnen beliebt. — </p> + +<p><b>Albert</b> (mit leisem Lächeln). Es wird uns zur Erbauung +dienen.</p> + +<p><b>Marie.</b> Traun, dann hört! Ich halte für besser, +daß Ihr an Eure Arbeit denkt.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Aber Jungfer, ein bischen Licht sollt' uns +doch so viel nicht schaden.</p> + +<p><b>Marie.</b> Was Ihr Licht nennt! — Schweigen Sie +nur, Klaus! Wer ein ordentlicher Mann ist, sorgt zuerst +für einen guten Rock, dann meinetwegen für einen Ministerposten . . . +O, Sie wollen hoch hinaus! Glück zu!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Ihre Vorwürfe sind ungerecht.</p> + +<p><b>Albert.</b> Was bringt Dich so auf?!</p> + +<p><b>Marie.</b> 's ist nicht heut', wo ich erkenne, daß Du an +Klaus Geschmack findest — </p> + +<p><b>Klaus.</b> He, bin ich ein Missethäter? Warum soll er +nicht an mir Geschmack finden? Die Beweise, Jungfer, oder — Sturm +und Hagel! . . .</p> + +<p><b>Marie.</b> Daß ich Ihr Schuld- und Schuldenregister +nicht aufdecke!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Ah, nur zu! Doch vergessen Sie nicht, daß ich +Ihnen als Entgegnung einen Spiegel vorhalten könnte, der +Ihre liebreizende Jungfräulichkeit, besonders vor dem frommen +Albert, in keinem besonders günstigen Lichte darstellt.</p> + +<p><b>Marie.</b> Das wäre abscheuliche Verläumdung.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Wohl in gewisser Beziehung, — denn ein +Spiegel reflectirt alles verkehrt.</p> + +<p><b>Marie.</b> Was ließ ich mir denn zu Schulden kommen?</p> + +<p><b>Klaus.</b> So lange Sie mich schonen, schon' ich Sie.</p> + +<p><b>Marie.</b> Ueberflüssig! — Heraus damit.</p> + +<p><b>Klaus</b> (sarkastischen Lächelns auf Albert anspielend). Es +möchte Ihnen bei Jemand einen Meineid kosten — </p> + +<p><b>Marie.</b> Abscheulicher! — Du duldest das, Albert? +Weis' ihm doch gleich die Thür, schütze mich!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Ich gehe schon, Jungfer.</p> + +<p><b>Albert.</b> Konntest Du Dich nicht beherrschen! Dir ist +ja sein Lästermaul bekannt, warum reiztest Du ihn!? . . .</p> + +<p><b>Klaus.</b> Leb' wohl Kamerad! . . .</p> + +<p><b>Albert</b> wendet ihm den Rücken.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Hi, hi, hi, — könnt ich mich aus einer Kanone +dem Herrn Questenberg in's Herz schießen, so thät' +ich's. Für Dich bin ich im Stande alles, selbst mein Leben, +zu verwetten! — — Apropos! Ich vergaß der Jungfer +eine gar wichtige Neuigkeit zu melden — </p> + +<p><b>Marie.</b> Packen Sie sich nur, Elender.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Vor einigen Tagen kehrte der junge Doctor +Questenberg als ein sehr schmucker Herr aus der Fremde zurück. +Die Jungfer wird sich an ihm die Augen versehn!</p> + +<p><b>Marie.</b> Pfui.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Hi, hi, hi, hiermit Adieu.</p> +<br /> + +<p>Sechste Scene</p> + +<p><b>Die Vorigen</b> ohne <b>Klaus.</b></p> +<br /> + +<p><b>Marie</b> (nach einer Pause). — — Ihr bracht verlegen +das Gespräch ab als ich in die Stube trat, wovon war die +Rede?</p> + +<p><b>Albert.</b> Du kennst seine Absichten, er sang mir das +alte Lied.</p> + +<p><b>Marie.</b> Und mußte Dich tief erschüttern! . . . Ha, +Du schenkst seinem Rathe innerlich Beifall, Du hängst ihm +an! Der Wahrheit die Ehre! — Es steht alles auf Deinem +bleichen Gesicht. Längst ward mir klar, daß ich Dir ein +Hinderniß bin! Du schwankst zwischen zwei Neigungen, die +sich nicht vereinen lassen: es sind bereits fünf oder sechs +Jahr! Traun, 's ist Zeit, Dich zum Ziele zu führen. +Albert, ich bin bereit, mich Deinen Träumen zu opfern!</p> + +<p><b>Albert.</b> Meinen Träumen!?</p> + +<p><b>Marie.</b> Besäße Herr Questenberg von Deinem Talente +Ueberzeugung, beseelte ihn der Wunsch, etwas Gutes +aus Dir zu erziehen, so hätt' er schon für Dich gesorgt. +In seiner Macht steht viel, sein Ansehen ist groß. Wohl +kostete es ihm ein Wörtlein nur und die Regierung oder der +König nähme Dich in Schutz. Du würdest auf öffentliche +Kosten in den Akademieen ausgebildet, nach allen berühmten +Werkstätten der Industrie geschickt und nach überstandener +Prüfung in einem Etablissement des Staates untergebracht. . . +Wohin strebst Du hier in Deiner Ohnmacht? Allein auf +Dich selbst gestellt, ohne Hülfsquellen, ohne Unterweisung, +ohne Rath treibt Dich ein hohler Dünkel durch eine öde +Wüste unaussprechbarer Qual — Albert, Albert, das gelobte +Land ist weit, Du wirst sterben ohne es von ferne zu +sehen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Du kennst weder meine Kraft, meinen Willen, +noch Herrn Questenberg. Glaube mir, er unterstützt mich +aufrichtig — </p> + +<p><b>Marie.</b> Etwa in dem Sinne, daß Du vom Hochmuthsteufel +Dich selber kuriren sollest — </p> + +<p><b>Albert.</b> Niemand kann mich tiefer verachten, Du verneinst +den Glauben an meinen Beruf! 's ist das einzige +Band, welches mit der Gottheit mich verbindet, welches mir +sagt, daß ich ein höheres Wesen bin als das beschränkte +Thier.</p> + +<p><b>Marie.</b> So schwärmt Klaus.</p> + +<p><b>Albert.</b> O, Du fühlst die Flamme nicht, die mir im +Busen brennt.</p> + +<p><b>Marie.</b> Albert, lass' Dich von der Stimme des Guten +leiten. Liebe den Webestuhl, doch arbeite, statt für die +Vervollkommnung seines Mechanismus, für die Erhöhung +Deines Lohnes! Du wurdest nicht zum Techniker geboren. — Sieh, +unser Nachbar trat mit Dir zu gleicher Zeit in die +Fabrik ein. Wie überflügelte er Dich! Du stehst noch immer +auf der untersten Stufe und kannst Dir selber kaum +helfen, während er bereits Dreien hilft, und mit zufriedenem +Herzen. Welche glücklichere Thätigkeit begehrt der Bescheidene? +Wer nach Kleinem strebt, wird des Großen Herr . . . +Schwöre den Wahn ab! — Kannst du noch zweifeln?</p> + +<p><b>Albert.</b> Höre auf davon.</p> + +<p><b>Marie.</b> Ich will Dich weder mit List noch Gewalt +an mich fesseln! — Erfahre was meine Mutter beschloß: +Du sollst unser Haus räumen; die Umstände gebieten's! — Keine +entsetzte Miene! Zittre nicht! Schnüre das Bündel, +schleiche Dich heimlich weg! — Es dauert nicht lange und +die Gewohnheit an mich schwächt sich in Dir ab. — Schon +morgen wird ein Hoffnungsschimmer den Schmerz Deiner +Seele brechen; Du wirst das Truggebilde der Freiheit begrüßen +als Erlöserin, und im Dunkel der Zukunft die +flammende Siegerkrone Deines Strebens erblicken. Erwarte +nichts mehr von mir, ich gab Dir alles was die Armuth +besitzt! Geh' ohne Schaam! Bereu' meine gekränkte Jugend +nicht, eben so wenig meinen beleidigten guten Ruf. — Mir +geschieht recht! Oh, Du warst Gottes Engel und mein +Rächer! Warum verschloß ich meine Sinne jedem Rathe +der Erfahrenen, warum trotzte ich der eigenen Vernunft und +zehrte schonungslos das Leben der braven Eltern auf, warum +harrte ich von einem Monate, von einem Jahre zum andern +in sündhafter Geduld, Dir feige verschweigend meine Pein?!</p> + +<p><b>Albert.</b> Erbarmen!</p> + +<p><b>Marie.</b> — Du bist rein wie der Festglocke feierlicher +Ton! — Geh' nur hin, verhalle, mein Gebet folgt Dir +nach! (Sie will gehen.)</p> + +<p><b>Albert.</b> Bleib' Marie.</p> + +<p><b>Marie.</b> Was wünschest Du noch?</p> + +<p><b>Albert.</b> Herr Questenberg giebt heute ein großes Fest. +Es läßt sich voraussetzen, daß er außergewöhnlich guter +Laune ist. Wenn ich zu ihm ginge? Vielleicht will's der +Himmel — Sollte er nicht durch die Darstellung unserer +Lage zur Großmuth gestimmt werden? sollte das Gefühl +seiner Bedeutung ihn heute nicht schmeicheln und . . .</p> + +<p><b>Marie.</b> Versuch's.</p> + +<p><b>Albert.</b> Bis dahin, Marie . . . (Ihm versagt das +Wort. Er legt schnell einen Rock an).</p> + +<p><b>Marie.</b> Bis dahin, gut Albert, auch bis dahin! — Fahre +hin gekränkter Stolz, verschmähte Liebe vergiß! Bis +dahin! Nur bitt' ich Dich, eile! Kürze die schreckliche Zeit +der Ungewißheit! Sprich mit feurigen Zungen, male unser +Elend, daß es Steine zu Thränen rührt, stelle das Herz des +kalten Gebieters mehr auf die Probe als ich das Deine — O, +nicht alle Menschen sind unbezwingbar! Nur Muth, +Albert!</p> + +<p><b>Albert</b> (macht einen Wink nach oben und geht).</p> + +<p><b>Marie</b> (blickt ihm von tiefem Schmerz ergriffen nach).</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Zweiter_Akt'></a><h2>Zweiter Akt.</h2> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Abtheilung_2I'></a><h3>Abtheilung I.</h3> + +<p>Vorzimmer zum großen Festsaal.</p> + +<br /> + +<h4>Erste Scene.</h4> + +<p><b>Albert. Questenberg</b> mit vielen Orden auf der Brust, sitzt +nachdenklich in einem Lehnstuhl.</p> +<br /> + +<p><b>Questenberg</b> (nach einer Pause, zerstreut) . . . Geendet? — Du +sprachst von Deiner Braut als wäre sie Dir eine +Last. — </p> + +<p><b>Albert.</b> Um Entschuldigung — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Du thatst Aeußerungen, die darauf +schließen lassen. — Doch sei dem wie ihm wolle, sie ist es, +welche Dich hergetrieben hat? Ja, ja, ja! Und was bemerktest +Du, daß ihr zu Liebe Dein Wille sein würde, falls +ich die Bitte Dir versage? Nur nicht schüchtern — </p> + +<p><b>Albert.</b> Ich sähe mich genöthigt meine Uebungen einzustellen.</p> + +<p><b>Questenberg</b> (klingelt. Ein Bedienter.) Hol' mir aus +dem Cabinet das große Buch mit Zeichnungen von Leblanc. +(Bedienter ab.) Ich bestimme es Dir zur Vorschule im Aufreißen +der Maschinen. 's ist das populärste und beste unseres +Faches. Du wirst jedes Vorlegeblatt in versechsfachtem +Maaßstabe nachmachen und über jedes Detail der Construction +mir die klarste Rechenschaft ablegen. (Der Bediente bringt das +Buch und händigt es nach dem Winke Questenberg's dem Albert +ein, der's schüchtern aufschlägt.)</p> + +<p><b>Albert</b> (nach einer Pause). Wie unwissend blicke ich auf +alle diese Figuren. Eine neue Welt erschließt sich mir!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> 's ist ein reicher Schatz.</p> + +<p><b>Albert.</b> O Gott, könnte ich alles auf einmal verschlingen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nur mit Geduld erwirbt man sich das +lautere Gold dieses schweren Lehrers . . . Ich hoffe, Du +wirst darüber die thörichten Heirathsgedanken in den Hintergrund +schieben.</p> + +<p><b>Albert.</b> Wenn ich ein halbes Jahr, o nicht so viel, +drei Monate nur, das Buch durchübe — länger darf mir +sein Inhalt nicht fremd bleiben — werde ich's dann wagen +können zu bitten — </p> + +<p><b>Questenberg</b> (lächelnd). Nach einem Jahre wollen wir +untersuchen wie weit dasselbe Dein Eigen ward.</p> + +<p><b>Albert.</b> So fahre hin großer Meister, Dir zu folgen +bin ich zu schwach! — (Er macht eine Bewegung als wollte er's +wegwerfen.)</p> + +<p><b>Questenberg</b> (die Hände auf dem Rücken, vor ihn tretend). +Bedenk' Er Grobian, wo Er sich befindet und was seine +Schuldigkeit ist.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ach, mein Gebieter, es zerreißt mir das Herz!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> (Nach kleiner Pause.) Da nimmt ein +unreifer Bursche Schlafstelle wo 's 'ne verführerische Dirne +giebt. Ein bischen Scherzen und Küssen, denkt er, kann +nicht viel auf sich haben, nütze die billige Gelegenheit. Das +geht denn einige Wochen recht unschuldig von Statten und +er lacht sich schon schadenfroh in's Fäustchen. Aber sieh, +wie's nach einem Jahre steht. Ein Freund kommt, ihn an +ein altes Versprechen erinnernd; es handelt sich in die Fremde +zu gehen, die Welt kennen zu lernen, nützliche Erfahrungen +zu sammeln. — Mein Herr Springinsfeld zieht jetzt verlegen +das Gesicht: „ich hielte schon Wort, könnte man den Schatz +nur in's Tornister packen.“ — Ade Begeisterung zur tüchtigen +Erlernung des Handwerks, ade Wissenschaft und Kunst, ade +Talent, ade Vernunft und Moral! Alle schönen Entwürfe +des hoffnungsvollen Jünglings müssen vor dem Gestirn seiner +Liebe untergehn! — Wie alt bist Du?</p> + +<p><b>Albert.</b> Sieben und zwanzig Jahr.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ein erstaunliches Alter! „Mein Gott, +man ist so allein in der Welt, ohne herzliche Erbauung, ohne +Pflege, ohne Stütze und was das entmuthigendste, man quält +sich und weiß nicht wofür! Kannst Du's noch zu etwas +bringen, da 's Dir bisher so wenig glückte! Entsage den +täuschenden Hoffnungen und heirathe, schnell, um jeden Preis!“ +Diese Gefühle nahmen nach und nach Dein ausschweifendes +Herz gefangen. — O ich kenne das! 's ist zu beseligend auf +der untersten Stufe des Erwerbes stehen zu bleiben! Welche +Wonne nach wenigen Jahren, trittst Du von der erschöpfenden +Arbeit spät Abends in den dumpfen Raum der ungastlichen +Hütte! Die weiland rosenwangige schmucke Jungfrau, verwandelt +in ein blasses Weib, nachlässig mit Lumpen behängt, +in der unerbaulichen Haushaltung an Körper und Geist verkümmert, +kommt Dir mürrisch oder vorwurfsvoll entgegen. +Sie hält die zitternde Hand auf; es fehlt dieses und jenes +und vor allem Brod, denn die Kleinen schreien: „Mehr, +mehr, Du giebst nicht genug; wir müssen verhungern. Abscheulicher, +ich weiß wo das Geld bleibt“ . . . Sie schilt Dich +einen Säufer und untersucht Dir verzweifelt die Taschen. — Dieser +Zustand mag im Sommer noch golden sein, — aber +im Winter! Woher die warme Kleidung, das nöthige Holz +und auf Neujahr die Miethe?! Der angestrengteste Fleiß +ringt dem kurzen Tage kaum die Hälfte der Bedürfnisse ab. +Die Zukunft muß verpfändet werden. Schulden über Schulden +häufen sich; eine flaue Zeit tritt hinzu. Die Thätigkeit stockt, +die Löhne werden herabgesetzt. — Wie abbezahlen oder +womit sich helfen? Die Gläubiger werden ungeduldig, sie +stellen einen Termin, bis dahin und nicht weiter. — Ein +Gerichtsdiener! O Himmel! der elende Kram des Hausrath's +muß fort. „Seht wo ihr die Kinder bettet.“ „Was verschuldeten +doch die Aermsten, sie können auf faulem Stroh +in der Kälte nicht schlafen!“ Keine Gnade! — Die schlechte +Nahrung und das ungesunde Lager erzeugen Krankheiten. +Der Vater im Schuldthurm, die Mutter von Haus zu Haus +bettelnd, die leidenden unschuldigen Geschöpfe hilflos unter +verriegelter Pforte! — Dies ist das Paradies, welches Dich +anzieht. Nimm jetzt Dein Buch artig untern Arm und geh' +nach Hause.</p> + +<p><b>Albert.</b> Darf ich dem verzweifelnden Mädchen denn +keine tröstende Hoffnung überbringen!?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Verstockter Kopf, sagte ich noch nicht +genug! — Ich soll helfen, daß Dein schönes Talent sich im +Keime zerstöre? Da müßt' ich kein Mann von Gewissen sein! +(Ihm am Ohre zupfend) Laß Er die Dirne fahren, versteht Er, +Herr Pinsel?</p> + +<br /> + +<h4>Zweite Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. v. Zitterwitz.</b></p> +<br /> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wir stören doch nicht?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Durchaus nicht, Herr Regierungsrath. — Haben +Sie nur die Güte näher zu treten.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Es ging etwas laut her?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nehmen Sie Platz. (Der Regierungsrath +setzt sich, zieht seine Brille und betrachtet Albert von der Seite.)</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Mußte eine moralische Lection ausgetheilt +werden?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Leider! (heimlich) Was halten Sie von +dem Menschen?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Hum, ich bin durchaus kein Kenner +des gemeinen Mannes, aber ich würde mich an Ihrer Stelle +mit dem Subjekte keine fünf Minuten befassen . . . (Er +betrachtet Albert noch einmal.) Es kommt mir wenig hoffnungsvoll +vor . . . Fast möchte ich wetten, daß es zu den +Proudhonisten gehört, nämlich zu der Secte der allein ehrlichen +Leute, die Eigenthum für Diebstahl halten.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Er gehört zu den Socialisten.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Die träumerischen Augen und der schlaue +Zug um den Mund verrathen's. Ha, könnte ich wie ich +wollte! Man lies't es sprechend von seiner Stirne. Wehe +uns, erscheint der Tag wo diese Bestialität sich entfesselt!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Es kommt hoffentlich niemals dahin.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Man kann nicht wissen. — Die Staatsmänner +entwickeln noch zu wenig Energie, sie haben ein +feiges Herz, scheuen sich das Uebel mit der Wurzel auszureuten.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Was wird denn versäumt?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ich will die Meinung für mich behalten. — Stünd's +in meiner Macht, so müßte der famose +Kerl sogleich zum Chirurgus. Ein starker Aderlaß oder +etliche Schröpfköpfe würden ihm schon die Demagogenhitze +vertreiben.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> 's ist der Meister, auf den Sie Ihre +letzten Hunderttausend zu stellen, das liebe Vertrauen besaßen.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (ungläubig vom Stuhle aufspringend). — — Natur +deine Launen sind schrecklich! An welche Gestalten +verschwendest du deine höchsten Güter! — Was bemerkt doch +Göthe darüber — ich glaub' 's ist der alte Papa — oder +ist's Schiller? nein, nein Wieland! still 's ist Jean Paul! . . . +(Er greift sich hastig in die Tasche.) Habe ich nicht ein paar +Groschen bei mir — es drängt mich meine schiefe Meinung . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Bemühen Sie sich nicht, ich bitte.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Darf ich ihm dies Thälerchen, gleichsam +zur Ermunterung, schweigend in die Hand drücken? Ah +so, so, so — Sie waren ja mit ihm in Unfrieden, 's ist +unpassend . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Er hat's nicht verdient.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Entschuldigen Sie meine Verwirrung . . .</p> + +<p><b>Questenberg</b> (zu Albert). Du überhörtest wohl vorhin +meinen Befehl? (Albert zögert als wollte er noch etwas sagen +und geht dann ab.)</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Jaquard war auch nichts mehr als ein +Arbeiter! Jesus Christus, der Verkünder unserer erhabenen +Religion, wurde in einer Krippe geboren. — Fangen wir +mit Johannes Guttenberg und dem schlichten Bergmannssohne +von Eisleben an: welche lange Reihe unsterblicher Wohlthäter +entstiegen dem untersten Pfuhle des Volkes! Und sie +brachten die Welt in so kurzer Zeit auf eine Stufe der +Entwickelung, daß jeder ächt wissenschaftliche Anhänger der +Geschichte sich darob vor Erstaunen gleichsam mit einem +Hammer an die Stirn schlagen fühlt! Meiner Seel', ich +rückte schon mit etlichen ehrlichen Thalern alle Jahre heraus, +würde mir die winzige Ehre zu Theil dem Fortschritt einen +neuen Heiligen zuzuschanzen! . . . Aber das sociale Problem! +Ja, ja, ja! Giebt man dem Buben ein hübsches Taschengeld, +eine bequeme Wohnung, täglich einen guten Braten, so +schlägt sein Genie auf die schlechte Seite um. — Statt mit +seinem Talente nützen zu lernen, lernt er schaden; er wird +faul, eitel, wollüstig, überspannt und politisch! Bald stolzirt +er als Häuptling der Demokratie umher und dankt unsre +Wohlthaten mit Nackenschlägen! — — Doch was ich Ihnen +noch schnell mittheilen wollte — Ich sprach eben auf der +Börse mit Blashammer . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wird er kommen?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Zur angesagten Stunde. Er schenkt +Ihnen hohe Aufmerksamkeit, Sie glauben es kaum.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nun?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Er hat expreß den alten langen Rock +mit einem neuen vertauscht, noch mehr, er ließ sich die Haare +verschneiden und sogar brennen!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Dazu bequemte er sich nie, selbst wenn's +einer Audienz beim durchreisenden Finanzminister galt.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Und was ihm die Krone aufsetzt, er +wird eine Rede halten, die Ihnen Lob und Vertrauen spendet.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Unmöglich!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wenn die Stummen anfangen, müssen +die Schreihälse sich verkriechen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Begannen Sie die Propaganda schon +in Bezug . . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Einige Brocken streute ich aus. — Sein +Gesicht verzog sich süß-säuerlich und schien beistimmend lächeln +zu wollen . . . Nachdem wir heute einige Flaschen Champagner +ausgestochen, nehme ich ihn herzhaft in die Schmiede. — Meinen +Eid, die Verlobung soll noch vor Mitternacht zu +Stande kommen! — Ein verschwiegener Kupferstecher mußte +mir schon die schönsten Karten drucken — Sehen Sie da! +(Er zeigt ihm ein Päckchen Karten.)</p> + +<p><b>Questenberg</b> (lesend). Adelgunde Blashammer, Doctor +Questenberg, Verlobte.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Gefällt die feine Schrift?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> (Musik.) 's ist die geschmackvollste, welche +ich jemals sah. (<b>Zwei Diener</b> ziehen die Vorhänge der breiten +Mittelthür fort. Man blickt frei in den Festsaal, wo an einer +langen reich besetzten Tafel die Herren und Damen stehn.)</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Welche reiche Zahl!</p> + +<p><b>Questenberg</b> (den Regierungsrath unterfassend). Uns beiden +nur, so innig eins, geziemt's die lieben Gäste zu begrüßen.</p> + +<br /> + +<h4>Dritte Scene.</h4> + +<p><b>Die Gäste. v. Zitterwitz. Blashammer. Questenberg. +Der Doctor.</b></p> +<br /> + +<p><b>Questenberg</b> (einigen der Reihe nach die Hand drückend). +Willkommen von Herzensgrund. — Hab' ich einen Wunsch +noch zu dem Glück, daß Sie mir bereiten', so ist es der, +gefälligst fürlieb zu nehmen.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Willkommen schönes Fräulein Adelgunde. — Was +macht die traute Freundin Pipi?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich bedaure Frau Polizeiräthin, daß +der Herr Gemahl bettlägerig wurde — ach! der arme Mann +nimmt's mit seiner Amtspflicht zu scharf!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (stolz im Vorbeigehen). Genehmigen Sie +meine Reverenz, lieber Oberbürgermeister. (Der Oberbürgermeister +verbeugt sich tief).</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Und nun vergessen wir doch die warme +Suppe nicht . . . Willkommen, willkommen mein braver von +Gnadenbrod. — Noch immer lendenlahm aus dem schleswig-holsteinischen +Kriege? . . . Was macht der Fuß des braunen +Wallach's mein Graf von Halleluja? — Freut mich, freut +mich!</p> + +<br /> + +<h4>Vierte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Ein Sänger</b> in feiner Toilette.</p> +<br /> + +<p><b>Der Sänger.</b> Was ist des Deutschen beste Kunst? +(<b>Junge Leute</b> an der Tafel unten lachen und rufen: bravo, bravo!)</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Des Deutschen beste Kunst! Sonderbar, +was versteht man darunter?</p> + +<p><b>Blashammer</b> (ihm einen Teller reichend, der von Hand zu +Hand ging). Ich meines Theils denke, es ist die Eßkunst. — Stimmen +Sie mir gefälligst bei, ich bitte . . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Das sind ausländische Krebse? Ah ich +aß sie einst in Paris <i>en cabinet particulier</i> mit einer allerliebsten +<i>Etudiante du quartier latin</i> . . . Schein und Duft +wässern den Gaumen . . . . (Nachdem er sich bedient und den +Teller weiter gereicht zum Doctor): Den jungen Naseweisen da +unten scheint das Lied schon bekannt zu sein, Ihnen auch?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Freilich.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Und es enthält nichts Anstößiges, was +Männer von staatlichem Beruf in eine peinliche Lage bringen +kann?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich bürge Ihnen. — </p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (zu Blashammer). Was wollten Sie bemerken?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wir haben des Traurigen schon in +Hülle und Fülle. Ich würde für ein Lied stimmen, das die +Lachmuskeln gehörig in Bewegung setzt, als zum Beispiel: +(singend) Vetter Michel wohnt in der Lämmer, Lämmerstraß' . . . +oder (singend) Ich bin der Doctor Eisenbart, kurir die Leut' +nach meiner Art, trallallalalla . . . Ist des „Deutschen beste +Kunst“ von diesem Genre, lieber Doctor?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Hum, sie dient beiden Extremen unserer +Stimmung. — Der Traurige kann weinen, der Heitere lachen . . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> So werden wir vielleicht das Glück +haben, neutral zu bleiben, denn ich weiß nicht in welcher +Stimmung ich bin!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Meiner Seel', ich auch nicht . . .</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (heimlich zum Regierungsrath). Das Lied +fließt aus meiner Feder, hi, hi, hi . . . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (lachend). Eia, popeia!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Was säuselte er Ihnen in's Ohr?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Pst, pst! machen Sie kein Aufsehen.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wir müssen Partei ergreifen, Herr +Blashammer . . . Sie werden lachen, indessen ich Thränen +vergieße . . . Der junge Doctor ist auch ein Poet! hi, hi, +hi, hi . . . (Der <b>Doctor</b> giebt einen Wink zum Anfang).</p> + +<b>Der Sänger</b> (mit Orchesterbegleitung).<br /> +<br /> +Was ist des Deutschen beste Kunst?<br /> +Die, welche frei von Schwulst und Dunst,<br /> +In jedem Herzen wiedertönt,<br /> +Zur Einheit Jung und Alt versöhnt?<br /> +O halte ein!<br /> +Sie war's wohl einst, kann's nicht mehr sein.<br /> +<br /> +Was ist des Deutschen beste Kunst?<br /> +Die, welche frei von Schwulst und Dunst,<br /> +Den Schwachen schützt, den Starken wehrt,<br /> +Des Heilands Worte frömmig ehrt?<br /> +O halte ein!<br /> +Sie könnt' es wohl und darf's nicht sein.<br /> +<br /> +Was ist des Deutschen beste Kunst?<br /> +Die, welche frei von Schwulst und Dunst,<br /> +In Land und Stadt der Leute Fleiß<br /> +Zum Ziel des Heils zu lenken weiß?<br /> +O halte ein!<br /> +Sie sollt' es wohl und soll's nicht sein.<br /> +<br /> +Was ist des Deutschen beste Kunst?<br /> +Die, welche frei von Schwulst und Dunst<br /> +Das Recht verklärt, den Geist erhebt,<br /> +Die Menschheit zu vergöttern strebt?<br /> +O halte ein!<br /> +Sie mocht' es wohl und kann's nicht sein.<br /> +<br /> +Was ist des Deutschen beste Kunst?<br /> +Die, welche frei von Schwulst und Dunst<br /> +Die Sitte lenkt, das Leben führt<br /> +Und jede Handlung edel ziert?<br /> +O halte ein!<br /> +Sie kann es schon gewiß nicht sein.<br /> +<br /> +Was ist des Deutschen beste Kunst?<br /> +So nennt sie endlich mit Vergunst!<br /> +Es ist doch nicht die Niedertracht,<br /> +Wo feig der Schalk sich selbst belacht!<br /> +O halte ein!<br /> +Sie kann es nie von Herzen sein.<br /> +<br /> +Sie kann es nie von Herzen sein,<br /> +O Gott vom Himmel sieh' darein<br /> +Und stärk' uns bald mit heil'ger Kraft:<br /> +Es falle ihre Meisterschaft!<br /> +O stimmet ein,<br /> +So soll es und so wird es sein.<br /> + +<br /> + +<h4>Fünfte Scene.</h4> + +<p>Alles wie vorher, ohne den Sänger. Nach kleiner Pause allgemeinen +Schweigens, wo man nur das monotone Geräusch der +Essenden, die klappernden Heller, Messer und Gabeln hört, beginnt +<b>v. Zitterwitz</b> zum <b>Doctor</b>:</p> +<br /> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Das schöne Lied scheint gewirkt zu +haben! In welchem Verhältniß steht indessen sein tiefer ernster +Inhalt zu der werthen Persönlichkeit des jovialen, flotten, +koketten Ritters der modernen Galanterie?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> In keinem.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie nehmen mir die harmlose Frage +nicht übel. Ihr „leben und leben lassen“, Ihre geniale Lüderlichkeit +und ästhetische Bummelei, mit Permission gesagt — </p> + +<p><b>Der Doctor.</b> (lachend mit einer Verbeugung) Höchst +schmeichelhaft . . . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> — ist leutekundig. Nie hätte ich in Ihnen +einen Socialphilosophen und poetisirenden Moralisten gesucht.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Betrachten Sie alle großen Worthelden +unserer Zeit, zum Beispiel sich selbst, und Ihnen begegnet +dasselbe Problem. (<b>Blashammer</b> erhebt sich mit einem +Becher.)</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Soll's schon losgehen?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> . . .Meine Herrschaften, wer uns so +splendid bewirthet, hat gewiß kein falsches Spiel im Sinne, +nein! so wahr ich das Leben und Treiben unseres lieben +Gastgebers kenne, er zeigt nur wie haltlos die Gerüchte waren, +welche neidische Verläumder seit einigen Tagen gegen +ihn in Umlauf setzten. Meine Herrschaften, Untergang der +Lügenbrut! Heben wir uns im Vollgenuß des schönen Festes +über alle Gerüchte mit dem U E geschrieben hinweg und beweisen +dem edlen Verdächtigten durch die innigste Theilnahme +an seinen Gerichten mit dem einfachen I unsere ungeheuchelte +Hochachtung. . . Es lebe des Hausherrn Credit!</p> + +<p><b>Questenberg</b> setzte sich erblaßt nieder. Trompeten- und +Paukentusch, in den Niemand einstimmt. Verwirrtes Geräusch. Es +bilden sich Gruppen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Sie entschuldigen meine Ungeübtheit +im Toastausbringen; das Schicksal begünstigte meine Zunge +zu wenig, um . . . (Das Geräusch bringt ihn zum Schweigen. +Im Vordergrunde trifft er mit <b>Zitterwitz</b> zusammen.)</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sehen Sie, welch' ein Urtheil man +Ihnen fällt! Alle, ohne Ausnahme, beeilen sich, dem Verletzten +die Hand zu drücken.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Zum Schein.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (vertraulich). Sie geben den Unglücklichen +wirklich verloren?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ja . . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (erbleicht und klammert sich an ihn).</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Daß Sie ihm noch gestern in die +Falle liefen!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (mit bebender, schwacher Stimme). Ich +prüfte wohl, was ich that.</p> + +<p><b>Blashammer</b> (ironisch lächelnd). Zweifelsohne auf +Grund der großen Erfindung.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ihnen ist bekannt . . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Alles.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Durch Spione und Bestechungen . . . +Tod und Hölle!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Hi, hi, hi, er hat Ihnen doch gewiß +die glänzendsten Experimente vorgemacht? Er stellte wohl +auf der alten und neuen Maschine zu gleicher Zeit Versuche +an? . . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Da sah ich mit meinen beiden Augen — </p> + +<p><b>Blashammer.</b> Blendwerk, Taschenspiel!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie müssen falsch unterrichtet sein.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich besitze die Zeichnungen der Maschine — der +Erfinder selbst brachte sie mir in's Haus . . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> So!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> 's ist ein sehr gewöhnliches Subject, +ein gemeiner Arbeiter. Ich zog die ersten Sachkenner des +Orts in meinen Rath und sie alle verwarfen das Project +als gänzlich unpraktisch — Einige Versuche im kleinen Maaßstabe, +wie die, welche man Ihnen vorgaukelte, mögen passabel +ausfallen, indessen . . . Ach, was dieser Questenberg mir +das Leben verbittert!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Er ein Betrüger!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Der Mann weiß keinen andern Ausweg +mehr, 's ist wahr, 's ist wahr! man soll ihn eher bedauern +als verachten, allein — </p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wir können morgen in der nämlichen +Lage sein und durch eine Mahlzeit uns das Vertrauen der +kalten Welt erkaufen wollen!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Allerdings.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie werden meinen Questenberg nicht +verlassen, nein? — Ah, Sie machten mich nur zum Narren . . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> (bei Seite) Ich kann ihn vielleicht zu +etwas brauchen. (laut) Würden Sie mir verzeihen, wenn +ich's gethan hätte?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Warum nicht? — Schalk, Schalk, +heraus mit der Sprache . . . (<b>Blashammer</b> lacht) Sie wollten +meine Freundschaft zu Questenberg wohl nur erproben — </p> + +<p><b>Blashammer.</b> Und warnen, im Fall sie unächt ist.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Im nämlichen Sinne brachten Sie den +fatalen Toast aus?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> (vertraulich) Ich wünschte nicht, daß +man mir einst nachsagte, ich half die Leute täuschen, weil ich +dem jungen Doctor meine Tochter vermählt.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Aha!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Verstehen Sie?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Entweder sind Sie ein Ideal von Gewissenhaftigkeit +oder der größte Schlaukopf, welcher lebt.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich bin ein ganz schlichter Bürgersmann.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> will noch etwas sagen, doch unterbricht er +sich und eilt zu Questenberg, der ihm unwillig Gehör zu schenken +und zu folgen scheint.</p> + +<br /> + +<h4>Sechste Scene.</h4> + +<p><b>Blashammer. v. Zitterwitz. Questenberg.</b></p> + +<p>(Zwei Diener ziehen die Vorhänge zum Saal zu.)</p> +<br /> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (zu Questenberg bei Seite). — Gleichviel +welche Absicht ihn beseelt! Wer den schlechtesten Zug macht, +kommt in Schach!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> 's ist die letzte Partie!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Hier, mein Herr Blashammer, unser +Freund. Er fühlt sich überglücklich Ihren Entschluß zu vernehmen. — </p> + +<p><b>Blashammer.</b> — Du verstehst meinen Character, +Dir ist bekannt, daß ich alles rücksichtslos tadle, was . . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Betrachten wir die Sache als beigelegt.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich bin geneigt, Dir in allem zu willfahren; +verlange mein Geld, mein Gut und mein Blut, doch +schone meine Ehre!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Um von der Heirath zu sprechen — </p> + +<p><b>Blashammer.</b> Mit Gott, mit Gott! ich willige ein. +Der Doctor ist ein schöner junger Mann, gesellig, gelehrt, +erfahren und wie ich aus dem Liede höre, auch wohl ein +politisches Talent. Die Tonsaiten, welche er anzuschlagen +versteht, müssen im Volke Wiederhall finden. Geben wir ihm +große Mittel die Rolle eines wohlbegüterten, interesselosen, +unparteiischen Liebhabers der Freiheit <i>comme il faut</i> zu +spielen, so geht er in wenigen Jahren als Pair nach der +Hauptstadt . . . Was fehlt ihm dann für's Portefeuille eines +Ministers?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie hoffen mit Grund das Ansehn +und den Ruhm Ihres Hauses durch den interessanten jungen +Mann zu vollenden.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wohl that ich mir am üppigen Diner +zu gütlich — gehen wir ein bischen in's Freie.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Zu dienen. (Seitwärts zu Questenberg.) +Ich schicke Ihnen den Doctor — nur Muth! (v. Zitterwitz +mit Blashammer Arm in Arm ab).</p> + +<br /> + +<h4>Siebente Scene.</h4> +<br /> + +<p><b>Questenberg.</b> . . .Ich wette, daß Blashammer +hinter die neue Erfindung kam — anders wäre sein Betragen +räthselhaft. Er strebt mich heimlich zu entthronen, mich zu +seinem Commis zu machen, — wozu würde er sonst die +Börse in Schrecken setzen, die Gläubiger von mir abwenden +und dem Heirathsproject Beifall schenken?</p> + +<br /> + +<h4>Achte Scene.</h4> + +<p><b>Questenberg. Der Doctor.</b></p> +<br /> + +<p><b>Der Doctor.</b> Was giebt's Papa?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Setze Dich zu mir.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Verstimmt? (bei Seite) Ah ich merke, +die Heirath wurde glücklich zu Wasser.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Höre mich . . . (bei Seite) Wozu ich +ihn bestimme ist meine Schmach.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Wird's lange dauern, der Ball beginnt +gleich.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Welche Dame wirst Du engagiren?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Fräulein Blashammer. (bei Seite) Eine +schöne Gelegenheit ihn zu necken.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wirklich!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> <i>Parole d'honneur!</i></p> + +<p><b>Questenberg.</b> Endlich räumst Du Deinem Vater das +Feld!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> <i>Fiat mundus, pereat justitia!</i> Ergebe +man sich dem Teufel lieber heute als morgen, denn am +Ende behält er doch Recht! . . . Wie sehr wünschte ich nach +innerster Neigung zu handeln, um idealisch glücklich zu werden, +indessen — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wo giebt's etwas Vollkommenes auf +Erden!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> — Ehe man aus diesen reichen Hallen +des Glanzes und der Ueppigkeit in die Tonne des Diogenes +hinabsteigt, ist's besser für ein Fräulein Blashammer zu +schwärmen, ist's besser einem großen tiefen Beutel voll Geld +als einer großen tiefen Liebe sich zu opfern.</p> + +<p><b>Questenberg</b> (lachend). Das Lächerlichste der menschlichen +Komödie wär's in der That, müßte ein Lebemann +Deines Schlages plötzlich den grämlichen Staatshämorrhoidarius +spielen und für das sauerste Stücklein Brod sich bis +über die Ohren im Actenstaube begraben!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich stürbe aus Gram!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ach was geht darüber ein eigener +Meister zu sein, den Göttern der Fantasie und Laune stets +huldigen zu können!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> <i>Beati possedentes</i> sagt der practische +Römer; 's ist ein Satz, den ich nicht umsonst studirt haben +will. Dem Besitzenden dient die ganze Welt; Kunst und +Wissenschaft sind ihm unterwürfig! Strebe nach Besitz und +Du strebst nach dem höchsten Gut!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Die Vernunft erleuchtet Dich zur rechten +Zeit.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Machten Sie mit dem Banquier bereits +ab, wann die Hochzeit stattfindet?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Noch nicht.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Aber in Betreff der Mitgift wurden +Sie schon einig?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Auch noch nicht . . .</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (sich erstaunt stellend). Unmöglich!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Es bot sich noch keine schickliche Gelegenheit +über den wichtigen Punkt . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Eine fatale Geschichte das!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wir müssen es schon in guter Hoffnung +wagen . . .</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (leise). Wetter! seine Blindheit ist stark! +(laut) Herr Papa!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wie ich Dir sage.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> So lange das Ziel im Trüben — kann +sich der Doctor nicht verlieben.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ironischer Narr!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> 's ist wahr! Erst schwarz auf weiß +den süßen Preis!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Mein Gott der Mensch wird wieder +toll! (Musik.)</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Verlangen Sie von mir ein Stücklein +nach Gebühr. (Er will fort.) Was schwahnt? (<b>Questenberg</b> +hält ihn mit flehender Gebehrde fest.) Die Musik mahnt!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Mein Sohn, ich bitte nur für Dich!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Pah! denke Jedermann an sich.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Vielleicht gelingt es wider Dein Erwarten . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Das sind mir unprophetische Karten.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Vertrau', vertrau', o laß Dich beschwören!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich kenne den Banquier; Gold nennt +er nicht Chimären.</p> + +<p><b>Questenberg</b> (sarkastisch). So geh', verpasse die entscheidende +Stunde und klage einst, Dich ereilte das Verderben +ohne Schuld! (Er will geh'n.)</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Papa . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich sprach genug.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Unter einer Bedingung versuchte ich +das Heil.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nämlich?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Wenn Sie die feste Versicherung gäben, +daß Fräulein Blashammer mich nie mit Eifersucht plagt.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Auf die kommt's mir nicht an.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ihr Ehrenwort, besiegelt durch kräftigen +Handschlag.</p> + +<p><b>Questenberg</b> (ihm eine Ohrfeige gebend). Hier hast +Du's! (ab.)</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ah! . . verdiente ich das? . . . Geduld, +ich finde Mittel und Wege, die Ungerechtigkeit zu vergelten! +(ab.)</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Abtheilung_2II'></a><h3>Abtheilung II.</h3> + +<p>Die Hütte des Vater Ziemens. Einige Kasten und aus rohen +Brettern genagelte Schränke. Ein Tisch, etliche Bänke u. dgl.</p> + +<br /> + +<h4>Neunte Scene.</h4> + +<p><b>Frau Ziemens. Marie</b> (den Tisch zum Nachtessen servirend).</p> +<br /> + +<p><b>Marie.</b> — In acht Tagen, liebe Mutter.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Ich sehe seit drei Jahren klar was +er ist — ein Schlenderer, ein Träumer, der uns und Herrn +Questenberg nur das Vertrauen stiehlt.</p> + +<p><b>Marie.</b> In acht Tagen, sag' ich, wird alles entschieden +sein.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Pah, nicht in zehn Jahren! Wozu +soll ihn der Herr anstellen! Was versteht er!</p> + +<p><b>Marie.</b> Geduld!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Ich will's für alle goldnen Herzworte, +für alle Seligkeit des Himmels nicht: er muß aus +dem Haus! Die schiefen Gesichter der Nachbarn hab' ich +satt. Pfui doch, jeder ordentliche Mensch zieht sich vor uns +wie vor einer bösen Krankheit zurück. . . Du erlerntest alles +was zur nützlichen Hausfrau gehört und besitzest ein Gesicht, +das sich in der ganzen Vorstadt nicht schämen darf; wäre +der Bube nicht da, so hätten wir unsere Freude — Ach, ich +kenne wohl manchen guten Gesellen, der früher ein Auge +auf Dich warf.</p> + +<p><b>Marie.</b> Wiederhole mir nicht täglich denselben Sermon!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Mach noch diesmal das Gedeck, doch +wir essen zum letzten Mal mit ihm: wirst Du oder soll ich's +ihm sagen?</p> + +<p><b>Marie</b> (bei Seite). Ach Gott, ich that es leider schon!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> He? öffne den Mund.</p> + +<p><b>Marie.</b> Ich werd' es ihm sagen . . . Der Vater! (ab.)</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Die Gartenstiege fällt ihm mit jedem +Tage schwerer — Er macht's nicht mehr lange und dann, +welche Zukunft! (ab.)</p> + +<br /> + +<h4>Zehnte Scene.</h4> + +<p><b>Vater Ziemens. Marie.</b></p> +<br /> + +<p><b>Vater Ziemens</b> (auf einer Bank am Tische Platz nehmend). +Ich danke mein Kind . . . Es war wieder ein Tagewerk! . . . +Das Garnspinnen ist keine schwere Arbeit und +doch greift's an, am wenigsten die Arme, aber hier, hier! . . +Man dreht und dreht, die Spulen rauschen, die Fäden rollen, +nichts anderes sieht und hört man, es geht endlos! Erst +die Abendglocke, ha, tönet sie — 's ist als wenn ich zum +jüngsten Gericht soll; ein Hauch aus höhern Sphären weht +mich an, durchdringt die erstorbenen Beine mit neuem Leben +und halb träumend, halb erwacht eil' ich in Gottes frische +Luft! . . . (Glocken einer Viehheerde.) Jene Heerden ziehen +aber zufriedener heim, sie kommen aus blühenden Fluren; ich, +der Christgeborene — aus modrigem Grabgewölbe, tiefsten +Kummers voll! — Ein schnöder Rang über dem blöden Thier! . . +(<b>Frau Ziemens</b> trägt Essen auf.) . . Wo hast Du doch das +schöne Buch, welches der Klaus für den Albert herbrachte; +ich möchte die Fortsetzung hören.</p> + +<br /> + +<h4>Eilfte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Frau Ziemens.</b></p> +<br /> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Nach Tische ist dazu Zeit.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Mamachen!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Du bemerktest wohl nicht, daß ich +hier warte? Komm', ich trug schon die Suppe auf — (Sie +faßt ihn unter'n Arm) Hol' die Lampe, Marie. (Marie ab.)</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Wie geht's, schonten die Krämpfe +Dich? Du hattest heute früh ziemlich gute Mienen.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Ich kam leidlich fort . . .</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Mich folterten wieder die Stiche +grausam — Das Uebel heilt bei der sitzenden Lebensart nicht +mehr! . . .</p> + +<p><b>Marie</b> kommt mit der Lampe.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Das Kind hat rothe Augen?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Sie wird Dir etwas Erfreuliches +erzählen.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Ah, doch wohl nicht . . . . (Ein +Schmerz hindert ihn fortzufahren.)</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Der Albert schnürt morgen seinen +Bündel und räumt das Haus.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Endlich dazu entschlossen?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Mach' mit den Thränen ein Ende — schäme +Dich! — Gieb dem Alten einen Kuß und das Versprechen.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Komm', 's ist zu Deinem Wohl!</p> + +<p><b>Marie</b> giebt ihm einen Kuß.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Laß Dein junges Blut von uns +überwachen! Du wurdest nicht geboren für das Glück; nach +der Freiheit darfst Du Deine Wahl nicht treffen, — Dein +Stand heißt Entsagung! (Einige Schüsse in der Ferne.) Was +gibt's denn da?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Es sind die Böller von dem herrschaftlichen +Schloß — Wohl verkündigen sie den Beginn des +Feuerwerks.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Unser Herr giebt heute ein Fest?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Zu Deinen Ohren drang noch nichts +davon?</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Keine Sylbe, Mütterchen.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Ich erfuhr's auch nur zufällig durch +des Kuchenbäckers Frau. Nach ihrer Beschreibung sollen alle +Herrschaften aus Stadt und Umgegend versammelt und ein +Aufwand entwickelt sein, der an's Unbeschreibliche grenzt! +Da sind die Küchenmeister durch die Eisenbahn bis von Paris +geholt. Die Kellner müssen in schwarzem Frack und +weißer Atlasweste aufwarten. Sämmtliche Tafelgeschirre bestehen +theils aus Meißner und Sevre'schen Kunstporzellan, +theils aus gediegenem Silber und Golde. Die seltensten +Weine, Vögel, Fische, Schildkröten, Krebse, Gemüse und +Früchte der ganzen Welt lieferte ein Pariser Leckerbissenhändler. +Endlich, alle vorzüglichsten Trompeter, Geiger und +Schauspielsänger, von hier und den Nachbarstädten wurden +zu einem Chore vereinigt. Was sagst Du, he?</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> So ist's recht; wer viel hat, soll +viel draufgehen lassen; es kommt wohl den Armen hie und +da zu Gute.</p> + +<br /> + +<h4>Zwölfte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Albert.</b> (Er kommt gesenkten Hauptes mit +dem Buch unter'm Arm, welches er auf eine Bank wirft.)</p> +<br /> + +<p><b>Marie.</b> Weh!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Meide seinen Anblick, meine Tochter, +fasse Dich!</p> + +<p><b>Marie.</b> Du hast ihm nicht geholfen, Allmächtiger, +nun hilf mir für ihn! (ab.)</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Geh' ihr nach, Mütterchen!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Es wird sie tödten! (ab.)</p> + +<br /> + +<h4>Dreizehnte Scene.</h4> + +<p><b>Vater Ziemens. Albert.</b> (Er setzt sich an den Tisch, faltet +die Hände und sieht dumpf vor sich hin.)</p> +<br /> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> . . .Von wo kommst Du, Albert? . . +Sprich nur, wir sind allein.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich war bei unserm Brodherrn, verlangte +Verbesserung meiner Lage . . .</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Armer Albert! aber 's ist meine +Schuld, daß es jetzt so kommt, 's ist meine Schuld!</p> + +<p><b>Albert.</b> Inwiefern?</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Verzeih' mir, ich bin ein alter +schwacher Mann — verzeih'! oh, oh!</p> + +<p><b>Albert.</b> Nun, was wollen Sie denn damit? — Soll +ich etwa gleich das Bündel schnüren?</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Sei nicht aufbrausend, mein lieber +Sohn . . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Wetterwendische Welt! Wenn Dir die Weile +zu lang wird, brichst Du den Stab erbarmungslos! . . Was? +Drei Jahre schon vertändelt, noch immer kein Meister? 's ist +ein Träumer, Faullenzer, Lump! . . . Ha!</p> + +<p><b>Vater Ziemens</b> (feierlich aufstehend). Mein Sohn, das +Talent des Armen muß noch brache liegen, wie der Acker +einer wüsten Insel und Disteln zeugen, geiles Unkraut, statt +süßer Frucht und edlen Saamen. Hier in der erstorbenen +Brust wird er geboren erst, der große Held, der es erlösen +soll! — Ach, auch ich verfolgte ehemals Deine Spur! Da +stand vor der Thüre draußen ein alter Lindenbaum, der Urgroßahn +meines Vaters hatte ihn gepflanzt. Ein böses Wetter +zieht herauf und bricht ihm seinen morschen Fuß. Ich, +ein Jüngling schon von vier und zwanzig Jahren, komme +heim von Arbeit und seh's! Erlebtest nie, daß sich erfüllte, +was man unter dir geträumt; dein stolzes Dach beschattete +des Lebens Kummer nur, des Lebens Trauer: ich will ein +Bildniß fertigen aus deinem Holz, durch das die Menschen +sich erinnern mögen und mit gutem Vorsatz stärken. Gesprochen, +gethan! Es gelang mir wunderbar und zeugt von +meinem höheren Beruf! Wohl sahst Du's schon manchesmal, +wenn innige Andacht Deinen Blick nach Oben lenkte; dort +in unserer Kirche hängte, über der Altarnische am schwarzen +Kreuz, das Haupt mit Dornen gekrönt und sterbend gesenkt! . .</p> + +<p><b>Albert</b> (Nach einer Pause). — Der Verzagte erlebt des +Erlösers Auferstehung nie! (Er sucht seine Sachen.)</p> + +<p><b>Vater Ziemens</b> (gerührt, mit leiser Stimme). So lassen +wir Gott walten, edler Jüngling! Du bleibst bei Deinem +alten Freunde bis zur künftigen Scheidestunde — hörst Du?</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich darf nicht; Marie kündigte mir; 's ist +Euer wohlgeprüfter Wille, daß ich geh'.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Mein Herz widerruft was Schwäche +ihm eingab!</p> + +<p><b>Albert.</b> Die Vernunft war's, seine Stärke!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Kränkten wir Deinen Stolz? O +vergieb!</p> + +<p><b>Albert.</b> Schwacher Alter, Sie erschweren mir den +Abschied!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Bleib! Sei Erbe dieser dürftigen +Hütte! In ihr ruht die Hoffnung manches Jahrhunderts! +'s ist ein vergrabener Schatz.</p> + +<p><b>Albert.</b> Das Nothwend'ge muß gescheh'n!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> O, daß ich nicht denke, Du warst +ein leichtsinniger Verführer meines Kindes, bleib! . . Wenn +ich Dich verliere, verlier ich ja alles! Willst Du Deinen besten +Freund, willst Du Dein Theuerstes in die Grube werfen? +Albert, Albert!</p> + +<p><b>Albert.</b> (Sein Bündel auf dem Rücken.) Auf Wiederseh'n.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> O Du hast ein steinern Herz!</p> + +<p><b>Albert.</b> Bürger dieser Erde dürfen kein anderes +haben! . . (Der Greis schüttelt ihm feierlich die Hand. Albert, +von tiefem Schmerz ergriffen, bleibt eine kleine Pause unschlüssig +steh'n. Plötzlich, wie der Greis auf ihn zueilen und ihn festhalten +will, ermannt er sich und enteilt.)</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Albert bleib! — Fort ist er! 's +war sein Schatten, er selbst nicht, ich träumte nur! . . +(Kleine Pause. Aus der Ferne Jubelgeschrei und das Geräusch +eines Feuerwerks.) Herr, der Du Hülflosen nicht mehr auferlegst +als sie tragen können, ich vertraue Dir in Ewigkeit!</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Dritter_Akt'></a><h2>Dritter Akt</h2> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Abtheilung_3I'></a><h3>Abtheilung I.</h3> + +<p>Pavillon auf einer kleinen Terrasse, der einen Blick in einen brillant +erleuchteten Garten gewährt. Seitwärts das Schloß Questenberg's. +Musik abwechselnd aus ihm und dem Garten, jedoch nicht zu laut.</p> + +<br /> + +<h4>Erste Scene.</h4> + +<p><b>Blashammer</b> mit <b>Zitterwitz</b> am Arm, <b>Adelgunde</b> nachfolgend.</p> +<br /> + +<p><b>Blashammer.</b> Setze Dich auf jenen Stuhl, Tochter. +(<b>Adelgunde</b> setzt sich an's Fenster und die beiden treten bei Seite.)</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Vertrauen Sie meiner Menschenkenntniß; +ich studirte nicht umsonst Psychologie . . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Hätte er nur einmal mit ihr getanzt.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Er wird sich noch bezwingen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Es müßte bald gescheh'n. . . Was ist +die Uhr! Schon drei vorbei . . . gleich geht die Sonne +auf. . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Mit ihr das Licht seiner Liebe. . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Sagen Sie's mir ganz rund heraus, +was antwortete er auf Ihre Fragen?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Schüchterne Phrasen, würdig eines +Poeten. . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich muß der Sache auf den Grund +kommen, ich muß wissen, woran ich bin, ich habe nicht nöthig +im Finstern zu tappen — Nein wahrhaftig, mich lockt kein +Gewinn, indem ich die Tochter dem Sohne eines Bankerottirers +opfere! — Schnell auf die Beine, Herr Regierungsrath, zurück +zum Doctor — er soll auf der Stelle herkommen! Fort, +beschwingen Sie Ihre Füße!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ich will mir Flügel anlegen. — (Er +bleibt zaudernd stehen.)</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich lasse meine Tochter hier, ziehe +mich in den Hintergrund zurück und beobachte, wie er sich +gegen sie aufführt.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ah so! ah so!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Keine Zeit verloren.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (für sich). Die Sache wird höchst kritisch! — Viel +Vergnügen mein Fräulein.</p> + +<p><b>Blashammer</b> (ihm nachrufend). Nur den Finger auf +dem Munde!</p> + +<br /> + +<h4>Zweite Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen</b> ohne <b>v. Zitterwitz.</b></p> +<br /> + +<p><b>Blashammer</b> (zu Adelgunde in melancholischem Tone seufzend). +Wer kann sagen, ob man morgen noch am Leben ist! +(Er setzt sich zu ihr.)</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Was fehlt Dir mein Vater?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Die Freude und Seligkeit des Herzens! . . . +Wo andere singen, springen und scherzen, bin +ich zum Weinen aufgelegt.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Woher kommt das?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Gott weiß! . . Ich denke, Du wirst +Deinen Vater nicht mehr lange besitzen. . .</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Einbildungen, Väterchen, nichts als Einbildungen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Könnt' ich ihnen widerstehen! sie nehmen +aber meine ganze Seele gefangen! — fast alle Nächte träumt +mir von Hobelspänen, Kirchhöfen, Särgen, Priestern in +schwarzen Talaren — Wie Du weißt, ging ich in früheren +Jahren nur höchst selten zur Kirche, jetzt darf ich keinen +Sonntag versäumen und häufig drängt's mich noch Dienstag's +und Donnerstag's die Wochenpredigt dem wichtigen Geschäft +an der Börse vorzuziehen. — Alles das bedeutet nichts +Gutes! Aufgerieben ist meine Gesundheit, abgenutzt meine +Seele! Die geringste Aufregung wirkt schädlich auf die +Verdauung, der kleinste Schreck verursacht mir schlaflose +Nächte . . .</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Du mußt auf solche Kleinigkeiten nicht +achten.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> 's ist leicht gesagt! — Um jedoch von +einer wichtigeren Sache zu sprechen! Sieh', dieweil mich +solche traurige Ahnung erfüllt, wirst Du's natürlich finden, +daß ich mein Gewissen mit dem Himmel in Harmonie zu +bringen trachte. . . Schon vor einigen Tagen gab ich Dir +einige Winke in Betreff — Erräthst wohl schon mein Täubchen? +Schlag' Deine Augen nur auf, blicke mich nur liebreich an. +Das Heirathen ist keine schamhafte Angelegenheit, sondern +etwas ganz Gewöhnliches, 's ist von Gott eingesetzt und +unsere erste und oberste Pflicht vor allen andern Dingen . . . +Ich will Dich indessen schonen, wenn Du davon ungern hörst: +hi, hi, hi, im Augenblick wird Dein Ehekandidat erscheinen.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Hier?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ja.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Aber mein Vater.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> 's ist ein schmucker junger Mann. — Du +sah'st ihn wohl schon oft auf der Promenade in dem +schönen blauen Frack mit den goldenen Knöpfen. — Sicherlich +findet er Deinen Beifall.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Was soll ich dazu sagen!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Traun, schönen Dank, wie's sich ziemt. — Da, +küss' mir die Hand.</p> + +<p><b>Adelgunde</b> (die Hand küssend). Das Alter macht Dich +kindisch. . . Jesus, wie schnell geht das!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wundre Dich acht Tage! — Ich höre +Tritte. — Er wird's sein . . .</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Du jagst mir doch nur einen Schreck +ein, Papa.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> — Man darf mich nicht bei Dir +finden. . . Komm' ihm auf halbem Wege entgegen. — (Ihre +Stirne küssend.) Sei hübsch artig. . . (Er geht.)</p> + +<p><b>Adelgunde</b> (nachrufend). — Papa?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Meine Tochter?</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Wer ist denn der Herr Candidat?</p> + +<p><b>Blashammer</b> (lächelnd). Er heißt, mein Püppchen, er +heißt — Wozu aber! sogleich siehst Du ihn. . .</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Ich bleibe nicht hier. . . (Sie will fort.)</p> + +<p><b>Blashammer</b> (mit drohender Miene). Du kennst Deinen +Vater, Du weißt, was ihn erzürnt.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Grausamer! Wenn Du's mir befiehlst, +gut, so werd' ich gehorchen — Deine Tyrannei ist mir nachgerade +unerträglich — ich sehne mich sie abzuschütteln.</p> + +<p><b>Blashammer</b> ab.</p> + +<br /> + +<h4>Vierte Scene.</h4> + +<p>[Transkriptionsanmerkung: Auch im Original gibt es keine dritte Scene.]</p> + +<p><b>Adelgunde. v. Zitterwitz. Der Doctor.</b></p> +<br /> + +<p><b>Der Doctor.</b> Fräulein ist noch da! — also scheint's +der Himmel zu wollen. Lassen Sie mich denn allein.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ich bleibe hier in der Nähe.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ach, wie schlägt das Herz, ob aus +Verliebtheit oder Scham? ich weiß es nicht zu sagen! (Er +tritt in den Pavillon, einen großen Blumenstrauß nachlässig in der +Hand haltend, gesenkten Hauptes, ein Lied summend.) Ah, Fräulein +hier? Im Garten kam mir die Grille ein, dies +Sträußchen zu sammeln.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Sie bestimmten es der ersten besten Dame?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> <i>Au hasard</i></p> + +<p><b>Adelgunde</b> (annehmend). Ich danke.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> <i>Toutes les dames meritent également +notre adoration.</i></p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Das heißt, dieselben sind Ihnen sehr +gleichgültig.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> <i>Point du tout, Mademoiselle . . .</i> +oder wünschen Sie zu hören, worauf ich meinen Ausspruch +gründe?</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> <i>Avec plaisir.</i></p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Auf das Buch der Bücher.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> <i>Par exemple!</i></p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Mein Fräulein, es steht im neuen +Testament, daß wir uns nicht bevorzugen sollen, denn wir +seien alle Gotteskinder.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> <i>Vous êtes ridicule, Monsieur — parbleu! . . +Dites mois alors . . .</i></p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich bin Ihr ergebenster Diener.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> — <i>comment d'après ce princip, arriveriez +vous à une inclination individuelle?</i></p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Wie ich nach diesem Grundsatz zur +besonderen, zur individuellen Neigung gelange? . . (Bei Seite) +Sie scheint in mich verliebt — auf Befehl des Alten!</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> <i>Si, vous êtes un vrai docteur èsphilosophique, +vous aurez une reponse à toutes les +questions . . . .</i></p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie sprechen ein vortreffliches Französisch.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> <i>Cela vous deplait?</i></p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich stehe beschämt . . . .</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> <i>Mais vous n'êtes pas philosoph?</i></p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Wohl war ich's.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> <i>Eh bien?</i></p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Allein auch mich veränderten die Zeiten +wie manche brave Burschenseele.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> <i>Depuis quand? s'il vous plait.</i></p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Seit meiner Rückkehr in's väterliche +Haus.</p> + +<p><b>Adelgunde</b> <i>Et après?</i></p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Und ich wurde orthodox . . . Lachen +Sie nicht, 's ist sehr ernst.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Was ist denn orthodox? mit Erlaubniß.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Glaube Alles, was man will das Du +glaubest oder Du bleibst ohne Geld, Amt, Ehre oder — ohne +Frau.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Eine Doctrin des schamlosesten Jesuitismus.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Nicht zu leugnen — Da's aber in +unserm Jahrhundert keine gültigere giebt — </p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Ich hielt Sie für einen Anhänger der +Freiheit.</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (lächelnd). Mein Fräulein . . . .</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> — und zwar im Sinne jenes schönen +Spruches: „strebet, die Wahrheit wird euch erlösen.“</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Der Spruch wurde interpolirt und +paßt nicht in die Bibel.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Das ist mir neu.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> So ziemlich alle wohlbestallten Akademiker, +besternten Würdenträger, intelligenten Leute <i>comme +il faut</i> leugnen ihn.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Und glauben demzufolge an alles, was +man will das sie glauben?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sagte ihnen zum Beispiel der Fürst, +liebe Freunde, ich muß im Interesse des Staates eure +schönen Einkünfte um die Hälfte vermindern, murrt nicht, +sondern glaubet, es wird euch im himmlischen Jenseits tausendfach +vergolten — </p> + +<p><b>Adelgunde.</b> So murren Sie nicht?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Bei meiner Seele, nicht mehr als +Fräulein, zu dem der Papa sagte, theures Kind, ich gebiete +Dir zu glauben, Du liebest den jungen Herrn Doctor.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Sie sind barock.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Frivol, wenn's Ihnen gefällt, — allein +ich denke das Beste von den Menschen und habe den höchsten +Respect vor der christlichen Tugend, die nach unsern berühmtesten +Kirchenlehrern in der tiefsten Unterwürfigkeit, in der +tiefsten Demuth besteht.</p> + +<p><b>Adelgunde</b> setzt sich und seufzt.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Mein Fräulein, bitte, bitte, — nehmen +Sie sich meine Worte ja nicht zu Herzen — ich spreche +nur in Thorheit, gewiß und wahrhaftig, nur in Thorheit.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Weil's die einzige Art ist, mir zu bekennen, +daß Sie die Maske eines Heuchlers verabscheuen.</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (niederknieend). Schenken Sie dem Unglücklichen +Mitleid.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Ich achte Ihre Gesinnung; stehen Sie +auf . . . Ah, sieh' da!</p> + +<br /> + +<h4>Fünfte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Blashammer.</b></p> +<br /> + +<p><b>Blashammer.</b> Keine Störung, setzen Sie die Comödie +weiter fort.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Traun, Sie kommen ein wahrer <i>Deus +ex machina</i> uns zu Hülfe.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Meinen ergebensten Diener — gefällt's +den geehrten Herrschaften . . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Nur näher getreten.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> (Blashammern die Hand schüttelnd; mit +leiser Stimme.) Es ging ja ausgezeichnet gut.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie scheinen Versteck gespielt zu haben.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Wir promenirten im Garten, sahen +Sie mit Fräulein hier allein — </p> + +<p><b>Der Doctor.</b> — Was außerordentlich auffiel — </p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> — und uns verführte, der geistreichen +Unterhaltung zu lauschen.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sehr schmeichelhaft.</p> + +<br /> + +<h4>Sechste Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Questenberg.</b></p> +<br /> + +<p><b>Questenberg.</b> Man ließ mich rufen . . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Leider kommen Sie zu spät.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Was gab's?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ein äußerst interessantes Gespräch.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Es handelte sich?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Von nichts geringerem als . . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Erstaune!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> — als von Liebe!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Der alte Herr hatte ein feines Ohr.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Mein Sohn legt mir Ehre ein.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich wußte es schon gestern, daß er +für Adelgunde schwärmt.</p> +<br /> + +<p><b>Adelgunde.</b> <i>A la bonne heure!</i></p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Es wird erbaulich . . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Sie begegnete ihn auf der Promenade +und da warf er ihr einen Blick zu der mehr besagte, +als . . .</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Papa!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> — als in dieser Nacht das unaufhörliche +Tanzen mit ihr.</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (Adelgunden die Hand küssend). Sie verzeihen, +mein Fräulein!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> — Sind Sie der Ansicht, daß die +jungen Leute zusammenpassen, so machen Sie keine langen +Umstände, sondern — hören Sie?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Es ist wohl gerathen?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Im Namen des Vaters aller Väter! — Eure +Hände, Kinder, daß ich sie ineinanderlege.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Nur nicht hier im armseligen Pavillon — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Der Herr Regierungsrath hat Recht.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Gehen wir in den Saal!</p> + +<p><b>Questenberg</b> (Blashammer an den Arm nehmend). Auf!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (Adelgunden und den Doctor unterfassend). +Ich habe die Ehre das edle Brautpaar zu geleiten. (Alle ab.)</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Abtheilung_3II'></a><h3>Abtheilung II.</h3> + +<p>Zimmer des Doctors; Schränke mit Büchern, Antiquitäten, Naturaliensammlungen, +Sopha, Tische, Stühle und dergl. Die Flügelthüren +sind offen und gewähren einen Blick in den Garten.</p> + +<br /> + +<h4>Siebente Scene.</h4> +<br /> + +<p><b>Der Doctor</b> (tritt, eine Broschüre in der Hand, aus dem +Seitenzimmer und klingelt; ein Bedienter erscheint). Trage zu +Herrn Blashammer dies Tractätlein. Ich lasse innigst danken; +es hätte meinen Zweifel am Christenthum völlig besiegt. +Wenn er noch ein ähnliches besäße, sollte er mir's nur gleich +schicken; ich brennte aus Eifer mich zu bessern und zu bekehren. +Zugleich mache Fräulein Adelgunde mein Compliment +und bestelle bei unserm Koch ein Frühstück mit Austern und +Champagner — Apropos! Daß alles frisch und appetitlich +sei! (Bedienter ab.) Klopfte Jemand? Herein!</p> + +<br /> + +<h4>Achte Scene.</h4> + +<p><b>Der Doctor. Marie.</b></p> +<br /> + +<p><b>Marie.</b> Grüß' Gott!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Danke.</p> + +<p><b>Marie</b> (bei Seite). Er kennt mich nicht mehr. (Laut.) +Ich habe den Herrn Doctor dringend zu sprechen; erlaubt +es seine kostbare Zeit?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Unbedingt. Treten Sie gefälligst näher . . . +(Bei Seite.) Das Mädchen ist allerliebst! (Ihr einen +Stuhl anbietend.) Bitte ergebenst . . .</p> + +<p><b>Marie.</b> Ich kann steh'n.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie bereiten mir ein Vergnügen . . . +(Bei Seite.) Ein Stündchen, ach, an ihrer Brust entschädigte +mich für allen Verdruß, den ich habe! (Er setzt sich ihr gegenüber.)</p> + +<p><b>Marie.</b> Ich will kurz sein.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Zunächst mit wem wird mir die +Ehre — ?</p> + +<p><b>Marie.</b> Der Herr Doctor entsinnt sich meines Namens +vielleicht. Wir gingen zusammen beim Priester in die +Lehre, waren die vertrautesten Kinder, Gespielen, Freunde +und alles was man in jungen Jahren sein kann . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich ahne schon . . .</p> + +<p><b>Marie.</b> Wenn Sie Ihr Stammbuch aufschlagen, finden +Sie auch einen artigen Vers von mir.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie heißen — ?</p> + +<p><b>Marie.</b> Marie Ziemens.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Darf ich den Augen traun!</p> + +<p><b>Marie.</b> Die Zeit verwandelte mich wohl sehr.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ungeheuer! und zum höchsten Vortheil!</p> + +<p><b>Marie.</b> Kaum glaublich.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie wurden ein wahres Madonnenbild.</p> + +<p><b>Marie.</b> Ach!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Besaßen Sie diese Gestalt, dies Gesicht, +dies Auge als ich Ihnen den letzten zärtlichen Kuß auf +die Lippen drückte?</p> + +<p><b>Marie.</b> O sprechen Sie nicht so.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Meinst Du ich schmeichle? Reiche mir +gleich Dein Mündchen — gleich!</p> + +<p><b>Marie.</b> Pfui.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Bei jener seligen Vergangenheit, wo +kein Vorurtheil, keine Standesrücksicht die Reinheit unserer +Gefühle trübte!</p> + +<p><b>Marie.</b> Sie irren sich, wir waren nie so intim.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> So lassen Sie uns werden; nichts +steht im Wege.</p> + +<p><b>Marie.</b> Ich bin Braut.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> So? ah! . . . Wer ist der Beneidenswerthe?</p> + +<p><b>Marie.</b> Schwerlich tauschen Sie mit ihm; 's ist ein +armer Unglücklicher . . . Seinetwillen komme ich her.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Bedarf er meiner Hilfe?</p> + +<p><b>Marie.</b> Hätten Sie die Freundlichkeit, sich mit ihm +vertraut zu machen, seine Tugenden, Talente und Strebungen +zu mustern und bei Ihrem Herrn Vater eindringlich zu +bevorworten, falls er dessen würdig.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Es soll gescheh'n.</p> + +<p><b>Marie.</b> Ich verlange keine blinde Gunst für ihn — </p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Nur Lohn des Verdienst's.</p> + +<p><b>Marie.</b> Nichts mehr, nichts weniger! — Seit Jahren +arbeitet er in Ihrer Fabrik, erwarb sich das Lob aller +Werkführer, auch die Aufmerksamkeit Ihres Herrn Vaters — leider +aber nichts weiter! Unter die schlechtbesoldetsten unfähigsten +Handwerker blieb sein edel aufstrebender Geist gebannt!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich werde sogleich Untersuchungen anstellen +und — </p> + +<p><b>Marie.</b> Vor einigen Tagen, es war vorgestern, trieb +ich ihn an, Ihrem Herrn Vater seine verzweifelte Lage fußfällig +vorzustellen, — derselbe mogte jedoch von nichts hören, +schlug ihm jede Bitte kalt ab und aus Gründen, die +der Herr Doctor nimmer theilen . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Möglich! — Ich befehle ihn auf der +Stelle zu mir . . . (Er macht Miene die Glocke zu ziehen.) Doch +weshalb Weitläufigkeiten! Vertrau' ich denn nicht meiner +angebeteten Freundin?! Kann sie falsch geurtheilt, falsch +gewählt haben?! Der Mann ihrer Neigung muß ein guter +Mann sein! . . (Mit einer schalkhaften Wendung.) Ob er auch +ganz frei von Eifersucht ist?</p> + +<p><b>Marie.</b> Warum? (Lächelnd.) Auf mich? Daß ich nicht +wüßte!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> So können wir schnell fertig werden.</p> + +<p><b>Marie.</b> Nun? . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Der Monsieur empfängt eine zufriedene +Stellung und ich — darf's Ihnen nicht schenken — einen +Kuß.</p> + +<p><b>Marie.</b> O weh, ein schlechter Handel.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Nicht für mich.</p> + +<p><b>Marie.</b> Würde den Ihr Herr Vater billigen?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Mit Händeklatschen.</p> + +<p><b>Marie</b> (scherzend). Traun, ich gehe auf ihn ein. (Sie +reicht ihm die Hand.) Halten Sie Ihr Versprechen, ich halte +meins.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Im Augenblick! — (Er setzt sich an den +Schreibpult.) Der Papa soll binnen fünf Minuten nachfolgendes +Decret höchst eigenhändig unterzeichnen. . . .</p> + +<p><b>Marie.</b> Bin sehr gespannt, ob er's thun wird.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> — Eignete sich wohl der Monsieur +zum Werkführer?</p> + +<p><b>Marie.</b> (Auflachend.) Werkführer? Das läuft gar +hoch hinaus! (Verstellt.) O ja, ich denke — zum mindesten — sicher, +sicher! . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Also er eignet sich — schön! . . . +(Schreibt.) Der Endesunterzeichnete . . . Fabrikant Questenberg . . . +dem Weber Albert . . . Werkführer . . . Bedingungen +sind . . . Und erhält . . . Freie Wohnung . . Garten . . . +vierhundert Thaler . . .</p> + +<p><b>Marie.</b> Potztausend, so viel träumte man nie vom +Lande Utopien!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Das Leben, mein Schätzchen, ist ein +großes Mährchen voll unerklärlicher Wunder. Jede Minute +gebärt Millionen Ueberraschungen, Probleme, unentschuldbare +Thaten und sich selbst entschuldigende Thorheiten. Man übe +nur das Auge der Beobachtung, wie ich es übte und erfahre, +was ich erfuhr! — Die Romantik, obgleich so tief in Mißkredit +gerathen, ist kein blöder Wahn, wenigstens unter allen Wahnen +nicht der blödeste! Sie verwandelt die kalten, prosaischen +Gefilde der Welt in warme, farbenreiche, süß verschwimmende +Nebel, so daß wir in ihnen unsere Qualen und Gebrechen +unmerklich vergessen, gleichsam bei offen schlafendem Auge +versöhnt mit Gott und uns selbst die irdische Pilgerfahrt +vollenden und rein wie ein Engel gen Himmel steigen, in's +andere Reich, von Christus und seinen Aposteln uns feierlich +verheißen. (Er steht auf; in schäkerndem Tone zu ihr.) Sie +lebe, mein Schätzchen, sie lebe hoch!</p> + +<p><b>Marie.</b> Schonung, Herr Doctor! — </p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Die Romantik allein gewährt, was der +grämliche Philosoph, Politiker und Diplomat mit bleicher, +kalt schleichender Vernunft umsonst erstrebt! Sie lebe, mein +Schätzchen; sie lebe hoch! — Fort mit allem, was sinnlos +bethörte Nachbeter Moral, Gesetz, Nothwendigkeit, Beruf, +Recht, Wahrheit preisen! — Ein paar Gläschen Champagner, +mein Schätzchen, erschließen Ihnen den ernsten tiefen Gehalt +meiner Worte . . . Theilen Sie das Frühstück mit mir. — Kommen +Sie. — Die Schrift liegt fertig und wandert nach +Tische gleich zu Papa. (Marie folgt ihm erstaunt und verwirrt, +er entpfropft Champagner und schenkt ein.) Auf Ihr Wohlsein! +(Sie stoßen zusammen und trinken.) Wie schmeckt's?</p> + +<p><b>Marie.</b> Ziemlich gut.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Noch eins . . . Auf das was wir +hoffen! — — Ah' thut's einem schwachen Magen wohl! +Der Arzt verordnete mir's als Medicin . . . Noch eins.</p> + +<p><b>Marie.</b> Danke.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Der Herr Bräutigam soll leben! — Vivat! — —</p> + +<p><b>Marie.</b> Es war mein letzter Tropfen.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ah bah, wir gedachten unserer Freundschaft +noch nicht . . . Nur her das Glas.</p> + +<p><b>Marie.</b> Ich schlag's in Trümmer.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Das hieße mich verachten.</p> + +<p><b>Marie.</b> Immerhin! (Sie wirft das Glas auf die Erde, +steht schnell auf und will fort.) Sie sind abscheulich!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> (Sie festhaltend.) Was verbrach ich?</p> + +<p><b>Marie.</b> Sie wissen's.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Jungferlein, das ist ein schlechter +Einfall!</p> + +<p><b>Marie.</b> Lassen Sie mich nur fort.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ein moralischer Einfall! (Eine Uhr +schlägt.)</p> + +<p><b>Marie.</b> Die Uhr schlägt; ich habe nicht länger Zeit.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ein unromantischer Einfall!</p> + +<p><b>Marie.</b> Meine Mutter denkt, daß ich im Garten Gemüse +für den Markt grabe — darf sie nicht erzürnen.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ziemt solche Arbeit meiner angebeteten +Freundin?! . . Ich entschädige die Versäumniß hundert und +tausendfach, bleiben Sie und leisten mir Gesellschaft. (Er +hält ihr einen Beutel mit Geld hin.) Da! Es sind alles Goldstücke.</p> + +<p><b>Marie.</b> Herr Doctor . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ihr Vater verdient in einem Jahre +nicht so viel. — Ich begegnete ihn kürzlich. Sein ergrautes +Haupt müde zur Erde neigend, schlich er langsam den Gewölben +der Fabrik zu. Welch' Schicksal für den alten Mann, +der an Herzensgüte und Characterwürde Seinesgleichen sucht! +Ich verglich ihn mit seinem ehemaligen Gefährten, dem reich +und angesehen gewordenen Blashammer. Ich stellte die +rührendsten Betrachtungen an, declamirte in den Wind wie +ein echter Demokrat, vergoß sogar Thränen. — Aber hoch +die Romantik! (Trinkt.) Was half's mir? Artig ging ich in +mein Speculirgemach, legte mich, ein türkisches Pfeifchen +rauchend, behaglich auf den Sopha, las und lachte! Wie +lös't die Demokratie das Problem der sozialen Probleme über +das Verdienst anders? (Trinkt.) Hoch die Romantik! — Mancher +König wäre ein Bettelmann, mancher Bettelmann +ein König, ich selbst vielleicht arbeitete an Ihres Albert Stelle, +wäre die Welt kein romantischer Dunst! Hoch, hoch die +Romantik! (Trinkt und drückt ihr das Geld in die Hand.) +Bereiten Sie dem ehrwürdigen Greise ein Fest damit, sei's +zur Ausstattung der Hochzeit, die ich mit meiner weiland vornehmen +Person zu ehren hoffe! (Trinkt.) Hoch die Romantik! . .</p> + +<p><b>Marie.</b> Ihr eigenthümliches Benehmen verwirrt mich +tief.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Das macht, ich führte Sie schon, wie +der Teufel den armen Doctor Faust, auf den Standpunkt der +Romantik.</p> + +<p><b>Marie.</b> Ich erblicke in Ihnen keine Vernunft mehr.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> (Ihr das Glas entgegenschwenkend.) Hoch +die Romantik! (Er fällt in einen Stuhl.)</p> + +<p><b>Marie.</b> Leben Sie wohl. (ab.)</p> + +<br /> + +<h4>Neunte Scene.</h4> +<br /> + +<p><b>Der Doctor.</b> — — — Der Versuch gelingt; ich +besteche den Arbeiter und das Mädchen ist mein. Dann +hab' ich Entschädigung für die Zwangsehe und Zeitvertreib +in Hülle und Fülle. Hoch die Romantik!</p> + +<br /> + +<h4>Zehnte Scene.</h4> + +<p><b>Der Doctor. Questenberg.</b></p> +<br /> + +<p><b>Questenberg.</b> Wie befindest Du Dich, mein Sohn?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> So so, la la!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Den ausgestochenen Bouteillen zufolge, +muß das Festübel schon gänzlich gehoben sein.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich fange an der Vernunft die Herrschaft +wieder einzuräumen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> (Ihm freudig die Hand schüttelnd.) Sehr +löblich.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ein elendes Bauwerk ist die Welt, +eine wüste Trödelbude, ohne Dach und Fach, aus Unrath +und vorsündfluthlichem Getrümmer zusammengestapelt! — In +ihr muß der Mensch schon kindlich zufrieden sein, wenn er +ein trockenes Stellchen findet, wo Wind und Wetter ihn +einigermaßen verschonen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> So kalkuliren brave aufgeklärte Leute +und wickeln, scheuern, bücken, schwindeln, ducken sich nach +Zeit und Umstand.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Apropos! Dann unterzeichnen Sie +mir wohl ein Blättchen ohne Stirngerunzel. (Er giebt ihm +das Papier, welches er schrieb und klingelt; ein Bedienter erscheint.) +Hole den Arbeiter Albert schleunigst aus der Fabrik.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Mein Sohn!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> An die Unterschrift knüpf' ich die +Heirathsfrage.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Verückte der Erbärmliche Deine Sinne +und — </p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ihm muß geholfen werden, er verdient's!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Du weißt aber nicht — </p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich mag von nichts wissen!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Welch' Wagestück!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Unsinn!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Es ist äußerst beleidigend in meine +Angelegenheiten Dich zu mischen.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Mischtest Du Dich nicht in mein Herz +und gabst mir eine Ohrfeige, als ich Widerstand versuchte?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich that's als Vater und aus wohlmeinendem +Interesse — </p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Das hört auf wohlmeinend zu sein, +wenn's die menschliche Würde ignorirt. — (Ihm die Feder +in die Hand steckend.) Wozu aber langath'mige Verhandlungen, +da!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Mein Sohn, es ruinirt uns.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Das Fest kostete zehntausend Thaler +und hier geizen Sie um eine Bagatelle?!</p> + +<p><b>Questenberg</b> (unterschreibend). Ich wurde Dein Sclave! . . +(Albert tritt schüchtern ein.)</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> . . .Verlassen Sie mich jetzt.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Vorsehung! Vorsehung! (ab.)</p> + +<br /> + +<h4>Eilfte Scene.</h4> + +<p><b>Der Doctor. Albert.</b></p> +<br /> + +<p><b>Der Doctor.</b> Tritt näher. (Stellt ihm einen Sessel +hin.) Erweise mir die Herablassung.</p> + +<p><b>Albert.</b> Wenn ich den schönen Bezug durch mein +unsauberes Kleid entweihe . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Bist Du kein Politiker?</p> + +<p><b>Albert.</b> Ein wenig.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Traun, es giebt viele Weber, die ihr +Brod gewinnen wollen, bedenke das und — </p> + +<p><b>Albert.</b> Das wäre eine Politik des Fluches!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> So sprechen Wölfe in der Lämmerhaut!</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich ein Wolf? o Herr Doctor!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Es lebe die Association!</p> + +<p><b>Albert</b> (ernst). Sie lebe!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Nieder mit den Rentnern!</p> + +<p><b>Albert.</b> Fort mit den Privilegien!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Es falle das Herrenthum!</p> + +<p><b>Albert.</b> Die Früchte des Fleißes Aller für Alle.</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (lacht ironisch).</p> + +<p><b>Albert.</b> Erscheinen Ihnen diese Wünsche ungerecht?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Der neue Arbeiterverein machte an +Dir eine tüchtige Eroberung . . . Du wirst ihm auf die +Beine helfen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Vielleicht! . .</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (lacht wieder).</p> + +<p><b>Albert.</b> Wurde ich hergerufen von Ihnen Schimpf +und Spott zu erleiden?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Keineswegs — ich lache, weil's meine +Manier ist das Ernste heiter, das Heitere ernst zu nehmen . . . +Doch setze Dich endlich.</p> + +<p><b>Albert</b> (wirft sich zornig in den Sessel).</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich weiß mir Deine Mißstimmung zu +erklären, Albert; mein Vater schlug Dir neulich eine Bitte +ab, die — </p> + +<p><b>Albert.</b> Er that wohl, vollkommen wohl.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Wirklich — ei, ich meine er that übel.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich ging tief in mich, ich prüfte seine weisen +Vorstellungen, fand, daß mein Verlangen unbillig war.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Albert!</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich heuchle nicht, Herr Doctor!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Du verdammtest demnach Dein Verhältniß +mit Marie und bist zufrieden, genöthigt worden zu +sein es — aufzugeben!?</p> + +<p><b>Albert.</b> Falls Herr Questenberg mir heute sagte, +Albert, hier hast Du alles was Du brauchst, heirathe, sei +glücklich — ich würde ihm danken.</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (lächelnd). Aus welchen Gründen, stolzer +Mann?</p> + +<p><b>Albert.</b> Herr Questenberg, vor zwei Tagen hätte mich +Ihre Gnade in den Himmel erhoben, jetzt, jetzt stürzt sie +mich in die Hölle, in die Hölle der Selbstverachtung; denn +es ist wider meiner Würde von Almosen zu leben und zu +Gunsten der Ungerechtigkeit über meine Leidensbrüder zu +triumphiren . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Wenn Dich mein Vater darauf versicherte, +Du verdientest was er Dir giebt.</p> + +<p><b>Albert.</b> So antwortete ich, Herr Questenberg das +können Sie nicht beurtheilen.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Aha, mithin erklärtest Du ihn einer +Vormundschaft bedürftig, die seiner moralischen Güte, seinem +individuellen Interesse stets Zaum und Gebiß anlegt, die, +wenn er sagt, ich finde, daß mir dieser Mensch vermöge +seiner Intelligenz näher steht und mehr nützt als jener, gebieterisch +entgegnet, mein Lieber es mag möglich sein; allein +Du hast den Maaßstab Deiner Handlungen nicht nach Deinem +Geschmack, nicht nach Deinem Herzen, nicht nach Deinem +Gewissen, sondern nach uns zu bilden und wir sind just +Deine Widersacher! Sieh' da, das Ideal der neuen Justiz, +Dein Ideal! — Denke Dir einen Künstler wie Raphael, +Phidias, Beethoven, einen Mann der Wissenschaft wie Galliläi, +Neyton, Leibnitz, einen Staatsmann wie Perikles, Joseph den +Zweiten, Freiherrn von Stein vor das größte Tribunal +seiner Zeit, vor das Volk gestellt . . . (ironisch lachend.) +Würde die Mehrheit sein Verdienst höher anschlagen und der +Ehre des Menschengeschlechtes angemessener lohnen, als der +Aufgeklärteste der kleinen Minderheit, der, von Natur und +Schicksal begünstigt, seine Urteilskraft am vollkommensten zu +entwickeln vermochte? Ah', laß Dich durch die Doctrinen +überhitzter Köpfe nicht vom Wege der Vernunft abführen! +Wenn Verdienst soviel als Abschätzung, Wiedervergeltung +und Dank einer meinem Mitbruder oder der ganzen Gesellschaft +geopferten That heißt, so fordere von niemandem mit +Gewalt, was niemand sich selber giebt, das höchste Geschenk +der Gnade Gottes, die überall gerechte, die innerliche Güte! +Mangelt sie meinem Vater, traun, Du bist nicht an ihn gefesselt, +Du bist persönlich frei gleich ihm, verlaß ihn, durchwandere +die Welt und forsche, ob Dich Jemand höher würdigt +als er! (Ihm ein Papier überreichend.)</p> + +<p><b>Albert</b> (lesend). Werkmeister der Fabrik? . . Vierhundert +Thaler? . . freie Wohnung und Garten? . . Wie, wie +hängt das zusammen?</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (lächelnd). Wahrscheinlich mit der Intelligenz, +dem Interesse, der innerlichen Güte meines Vaters.</p> + +<p><b>Albert.</b> 's ist seine Unterschrift . . . So viel wagte +ich mir nie, nie zuzumessen!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Mache an Dir selbst die Erfahrung, +wie schwer es ist Jemandes Verdienst richtig zu schätzen!</p> + +<p><b>Albert.</b> O Schöpfer des Himmels, Deine Liebe ist +grenzenlos! . . Doch still — — der Klaus hatte am Ende +recht — — welch' furchtbarer Gedanke durchschauert mich . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Was hast Du Albert?</p> + +<p><b>Albert</b> (nach einer kleinen Pause mit Kälte). Warum +überreichte mir Herr Questenberg nicht selbst das Papier?</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (verlegen). Ich weiß nicht Albert. (für +sich) Der Mensch droht schwierig zu werden.</p> + +<p><b>Albert.</b> So hatte er doch Furcht — </p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Inwiefern?</p> + +<p><b>Albert.</b> — mich zu verlieren? . . Ich durchschau's! +Sie sollten mit der Macht ihrer Zunge meine Ueberzeugung +verwirren, durch dieses Papier mich ködern, mich vom Sozialismus +losreißen . . . Dort in dem Vereine der Arbeiter +könnte ich zu aufgeklärt über den Nutzen einer gewissen Erfindung +werden, die er mir verdankt, mir, mir dem unglücklichsten, +blutärmsten Paria!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Du sprichst Unverständliches.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ha, daß die allwaltende Gottheit zwischen +ihm und mir entscheide! Flamme des Gerichts loh' empor! +Zerstörung dem Sodom und Gomorrha hier, blutigen Untergang +den Ruchlosen, die Liebe und Weisheit auf ihren Lippen, +Hoffahrt und Niedertracht in ihren Herzen nähren! . . Nehmen +Sie das schändliche Dokument und bestellen . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Argwöhnischer, ich fürchte für Deinen +Verstand.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich bitte nehmen Sie nur und bestellen — (Das +Papier an die Erde werfend.) Doch nein, ich will mich +stolz verhalten — ich will ihm alles schenken und mich heimlich +fortschleichen . . . Ich bin jung, habe lebendigen Trieb, +ausdauernden Muth und kann der Erfindungen noch viele +machen . . . Eben nannt' ich mich den blutärmsten Paria — gefehlt! +ich bin reich und kein Paria, wenigstens vor solchen +frostigen Klugrednern, denn ich besitze noch ein Herz! Ha, +ich fühl's! . . Ja schenke dem Armseligen das langjährige +Werk, weihtest Du ihm auch die heiligste Flamme der Begeisterung, +die höchste Liebe zum reinen Engel Deines Glück's, +so war's noch nicht das letzte des Ruhmes werth! Großmuth +gab dem Heiland Stärke sich dem Undank zu opfern +und am Kreuze zu sterben.</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (bei Seite). Was hab' ich gethan!</p> + +<p><b>Albert.</b> Weh, weh, 's ist eine Pest, die in meinen +Gliedern wüthet! — Steck' dem Elenden die Fabrik über +dem Haupte an, unterminire das Fundament seines Palastes +und spreng' ihn in die Luft! Deine Gefährten, es sind ja +ihrer über zweitausend und dem Leben noch gleichgiltigere +Gesellen als Du, — folgen dem Schrei Deiner Noth und +sühnen das gebeugte Recht! Eine mörderische Schlacht entspänne +sich, Soldknechte aus Nah' und Fern' zögen vor das Städtchen, +belagerten, bestürmten, bombardirten es, bis der letzte Held +unter dem letzten Steinwalle erlag! — Es wäre männlich +und ruhmvoll, allein unvernünftig! Schweig' und dulde! +Was nützt's, rottest Du das Unkraut an einer Stelle aus, +die ganze Erde ist davon überwuchert! Laß' es grünen, +knospen, blühen, reifen, die wenigen Weizenhalme verdrängen +und sich an seinem Uebel fortquälen bis an's Ende der +Welt! Laß' es so dicht und so sich selbst zur Last werden, +daß es die milde Sonne anfleht, hab' Erbarmen, gieß' die +ungeschwächte Kraft deines ewigen Feuers über uns aus; +wir möchten sterben und in Asche zerfallen! — O Gott, ich +kann's aber nicht ertragen! ein Schwert, ein Schwert, mich +zu durchbohren; an meiner Seele nagt unheilbarer Schmerz!</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (bei Seite). — Er trägt die Erfindung +zu unseren Concurrenten, — alles ist verloren! Schaffe +Rath! — Ich muß seinen Haß von meinem Vater auf mich +lenken — recht! dann fordere ich ihn, er schlägt sich — ein +unerhörtes Duell! allein was schadet's, ich bin in den Waffen +geübt und schaff' ihn sicher bei Seit'! . . Das erste Mal +im Leben, wo böse Mächte mich zu schwarzen Thaten zwingen! . . . +(laut) Albert, ich will's Dir sagen, weshalb Du +dies Document aus meiner Hand empfängst. Du wirst mir +zürnen, doch, da ich erkenne, daß Du der größte Biedermann +bist, welcher lebt, wirst Du — ich hoffe zuversichtlich — wirst +Du mir verzeih'n.</p> + +<p><b>Albert.</b> Zur Sache.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ach, 's ist ein bitterer Wermuthstrank! — Das +Dokument, Albert, Du empfängst das Dokument . . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Auf Grund? ich bin gespannt.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Hum, auf Grund Deines Lieblingssystems, +auf Grund der Gleichberechtigung, der Brüderlichkeit +und Assoziation . . . Hat Dir Marie nie gebeichtet von +mir?</p> + +<p><b>Albert.</b> Von Ihnen?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie hat nie bekannt, daß ich ihre +erste Liebe war?</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich erinnere mich nicht . . nein kein Wort.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Denkbar, erklärlich! Die Scham wehrte +es ihr . . . Du kennst jene Periode, wo die Geburt unseres +Charakters beginnt und wir nichts sind als fantastische leidenschaftliche +Wesen, unzurechnungsfähiger als Kinder, jene +Periode des leicht erhitzten Blutes und der Unbesonnenheit — </p> + +<p><b>Albert.</b> Nun wohl.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> In jener Periode lernte ich Marie +kennen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Bei welcher Gelegenheit?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Es war beim Geistlichen in den Confirmationsstunden.</p> + +<p><b>Albert.</b> Lassen Sie uns kurz sein. Das Verhältnis +dauerte?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Bis einige Monate nach der Einsegnung, +wo ich die Stadt verließ und zur Universität abging.</p> + +<p><b>Albert.</b> Seit jener langen Zeit sahen Sie wohl Marie +nicht wieder?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Es gereichte mir zum größesten Vorwurf +als die Himmlische mir gestern erschien!</p> + +<p><b>Albert.</b> Wo?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Von Ungefähr traf ich sie im Park. +Schwer läßt sich beschreiben wie mir zu Muthe ward! Der +frische, ideale Hauch der Jugend wehte mich an, ich fühlte +die Wucht der reiferen Jahre abgeschüttelt, ich fühlte mich +frei von den herben Erfahrungen, frei von den bitteren Enttäuschungen +des Lebens und wie von einer höheren Macht +getrieben, die keusch Widerstrebende in meine Arme einzuschließen, +sie mein, ewig mein zu nennen! . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich hörte genug, Herr Doctor.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Erkenne, was mich bewegte, Dir das +Papier zu überreichen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Sie hielten sich versichert, ich würde es annehmen.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Und hoffe noch Du besinnest Dich — ah, +mein Recht auf Marie ist nicht minder legitim als Deins!</p> + +<p><b>Albert.</b> O, Sie haben nie geliebt!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Du meinst!</p> + +<p><b>Albert.</b> Sie schlossen nie ein Wesen in Ihre Arme, +dem Ihr Herz jedes Opfer, selbst die Ehre und das Leben +darzubringen geneigt war.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Lass' es nicht auf die Probe ankommen!</p> + +<p><b>Albert.</b> 's ist klar wie das Licht des Himmels! ich +glaub' Ihnen deswegen kein Wort; Sie übertrieben, Sie +verkehrten die Wahrheit nur, um Ihren Irrthum, Ihre Schande +zu verhüllen.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Du hängst mir Schimpf an. Ha, gieb' +mir Genugthuung dafür!</p> + +<p><b>Albert</b> (lacht).</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (bei Seite). Warum verläßt mich Kraft +und Muth, jetzt könnte ich ihn ohne Umstände fordern . . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Herr Doctor, Ihnen ward noch keine Gelegenheit +mit Leuten meines Standes intim zu verkehren; der +Pfad von der Höhe Ihrer Geburt, Erziehung und Sitte +war zu steil, zu gefährlich, zu ungebahnt; Sie konnten dem +Bewohner des dumpfen Thales nie Besuche abstatten, Sie +konnten sich nie in seine Lage versetzen, nie empfinden, daß +er Ihresgleichen, ein Mensch, ein Bruder sei! — Die gute +Marie, eingedenk, sich einst des Herrn Doctors hohe Aufmerksamkeit +erworben zu haben, verleitet das verzweifelte +Geschick zu unerlaubter List; sie eilt in den Park, lauert den +Herrn Doctor auf, wirft sich dem Herrn Doctor zu Füßen, +fleht um des Herrn Doctors Beistand. Aber was geschieht! — gerechte +Strafe unbesonnenen Entschlusses! — ihr Hülferuf +erweckt Dämonen statt Engel. Des Herrn Doctors Herz +entflammt unchristliches Verlangen. Zu spät ist's vor ihm +zu fliehen; sein äußerst liebenswürdiges Betragen, seine +schmeichlerischen Vorspiegelungen, sein vornehmer Ton zwingen +sie eine Unmöglichkeit zu versprechen . . . ist's nicht so? . . +Ich müßte toll sein, machten Ihre Irrthümer mir böses Blut. +Verzeihung Ihnen, tausendmal Verzeihung!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Du bist ein Gott!</p> + +<p><b>Albert</b> (das Papier aufhebend und an seine Lippen drückend). +Es giebt keine heiligere Reliquie mehr!</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (bei Seite). Besser als ich dachte! es +geht ohne Duell ab. — (laut.) Wir plauderten schon zu lange; +der Stallmeister wartet, ich muß zu Pferde. (Nachdem er den +Hut aufgesetzt und die Reitpeitsche genommen.) — — Eile jetzt +zu Marie, thu' ihr Abbitte in meinem Namen und versichre, +daß ich aus ganzer Seele wünsche, es möge Gott gefallen, +Euch eine glückliche Zukunft zu schenken. (Ihm die welke +Hand schüttelnd.) Fortan giebt's keine Mißverständnisse mehr +zwischen uns . . . Hast Du noch etwas zu fragen?</p> + +<p><b>Albert.</b> Was sagte Herr Questenberg, als er Ihnen +das Papier unterzeichnete?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ah, das vergaß ich! . . Es regte den +alten Papa furchtbar auf, — er hätte sich mir widersetzt, +wenn nicht augenblicklich viel von meinem Willen abhinge — (bei +Seite.) Ich sehe mich genöthigt ihm alles zu sagen! . . +(laut.) Gelobe mir zu schweigen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Beim ewigen Heil!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Die Ehre unseres Hauses, der Fortbestand +der Fabrik, Euer Sein oder Nichtsein — schwebt in Frage.</p> + +<p><b>Albert.</b> Herr Questenberg befindet sich in einer Crisis?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Die ich durch eine mir mißliebige Heirath +beschwören soll . . . Wohl sah'st Du es dem stolz und +frei durch die schwülen Gewölbe schreitenden Gebieter nicht +an, daß er noch angestrengter mit der Existenz kämpfte als +Du! . . Nichts hinderte Dich zu weinen, wenn Dein Herz +blutete, wehe zu schreien wenn des Unglücks Last zu schwer +drückte, ein Mann von Ehre zu sein, wenn Versuchung Dich +anfocht, denn Du stand'st allein und stritt'st nur für das +nackte Leben! — er aber, Oberhaupt eines großen kühnen +Unternehmens, gewürdigt des Vertrauens der ganzen Welt, +verantwortlich für das Schicksal von Tausenden, er, durch +ungeahnten Umschwung der Zeiten, durch fehlgeschlagene +Spekulationen plötzlich in die rathloseste Lage getrieben, — Furien +der Schande hinter sich, unverschuldeten Untergang +vor sich sehend, — muß lachen, um sein blutendes Herz zu +verbergen, muß von Glück prahlen, glänzende Feste veranstalten, +seinen zweifelnden Freunden schmeichelnd die Hand +drücken, um nicht zu verrathen, daß Unglück ihn heimsucht, +muß Ränke spinnen, Unredlichkeiten und Trug begehen, um +ein Mann von Ehre zu bleiben! . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Mir wird es helle im Busen! — Ihr Bekenntniß +bringt mich dem armen Herren näher als je! . . Er +hatte ein zu gutes, zu ehrbares Gesicht — ah, es war unmöglich! +nein es giebt keine Teufel — wir Menschen sind +alle gleich gut und gleich schlecht, gleich wohlwollend und +gleich übel berathen, — nicht wahr, nur die Verhältnisse +stempeln uns zu Verbrechern!? O ich weiß, wie groß ihre +Macht ist! Dies Dokument bezeugt's zweifellos.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Personen im Nebensaal . . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Womit vergelt' ich's Dir Marie! . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Theurer Albert, wir müssen abbrechen, +es giebt Besuch.</p> + +<p><b>Albert.</b> Zu Befehl, Herr Doctor.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Morgen sehen wir uns wieder. Du +bist fortan mein bester Geselle. Lebe denn wohl.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ueberflüssiger Wunsch! — Das Leben ist ja +die Hölle. (Beide nach verschiedenen Seiten ab.)</p> +<br /> + +<h4>Neunte Scene.</h4> + +<p>[Transkriptionsanmerkung: Die merkwürdige Scenennummerierung ist 1:1 aus dem Original übernommen.]</p> + +<p><b>Blashammer</b> eine Zeitung haltend. <b>v. Zitterwitz</b>, beide +Hände gefaltet, das Haupt gesenkt. <b>Der Doctor</b> mit verwunderter +Miene. Einer hinter dem andern in gewissen Abständen. +Sie machen im Saal langsam die Runde.</p> +<br /> + +<p><b>Blashammer</b> (nach einer Pause). Das Schweißtuch +ging mir wohl in der Börse verloren . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Bedienen Sie sich des meinen. — </p> + +<p><b>Blashammer</b> (nimmt des Doctor's Tuch, reibt sein Gesicht +und wirft sich in einen Sessel.)</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> — Es muß etwas Erschreckliches vorgefallen +sein — indessen, wenn's nur nicht meine gute Adelgunde +betrifft . . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Das arme Herz! — Ich wünschte, +der Tod hätte sich Ihrer erbarmt! . . Welcher Zukunft geht +sie entgegen! oh, oh, oh! . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie flößen mir Angst ein.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Das Schicksal stellt jetzt eine große +Frage an Sie.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich werde hoffentlich Kraft genug besitzen, +sie zu lösen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wir wollen's erproben!</p> + +<br /> + +<h4>Zehnte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Questenberg.</b></p> +<br /> + +<p><b>Questenberg.</b> . .Ihr ließet mich auf eine erschütternde +Nachricht vorbereiten, — was giebt's, meine Freunde?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Lies hier unsere Zeitung unter dem +Datum von Neapel.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Krieg? Handelsstörungen? Schiffbrüche?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Lies, lies!</p> + +<p><b>Questenberg</b> (lesend). „Neapel, den siebenten Juni. +Vorgestern nahm unser Kriegsdampfer, König Ferdinand, +einen auf der Höhe von Palermo kreuzenden Dreimaster gefangen, +dessen volle Ladung von Kriegswaffen an die Revolutionäre +der Insel eingeschmuggelt zu werden bestimmt war, +was die beim Capitain vorgefundenen Papiere zum Ueberfluß +beweisen. Das Ereigniß macht großes Aufsehen, da Herr +Banquier B. zu N., welcher bisher des höchsten Vertrauens +der Königlichen Regierung genoß und erst kürzlich von ihr +mit einem Auftrage für ein und eine halbe Million beehrt +wurde, der Unternehmer dieser bedauernswürdigen Expedition +ist. — Es klingt wie eine Verleumdung.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Meine Gläubiger schieben den Artikel +neidischen Concurrenten in die Schuhe . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich möchte es auch thun.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Blashammer, summt's von Ohr zu +Ohr an der Börse, soll mit den Feinden der Ordnung im +geheimen Bunde stehen?! Er, ein Liebling und Rathgeber +von Ministern und Fürsten, liefert an Mazzini's, Garibaldi's +und allen Ausbund der Menschheit — Waffen?!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> 's ist unglaublich!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Für den Gewinn einiger rostigen +Heller verwagt der große Blashammer Ehre und Existenz!?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wer durfte es von ihm denken!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Niemand — wehe dem, der's that! +Und nun frag' ich, Questenberg, woher kommt's, daß es +wahr ist?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Der Mensch hat seine Mysterien!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Diese Briefe überbrachte mir die Post.</p> + +<p><b>Questenberg</b> (den größesten entfaltend). Vom neapolitanischen +Ministerium . . . Ich verstehe das Italienische nicht, +doch lese ich zwischen den Zeilen, daß man den Auftrag für +die anderthalb Millionen wieder abbestellt.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Der bereits ausgeführt und zur Absendung +fertig! — Es sind die kostbarsten Gewehre, Karabiner +und Pistolen . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wer von den Potentaten kauft sie Dir +jetzt ab!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich falle bei ihnen in gerechte Ungnade.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> <i>Eo ipso</i>, Herr Schwiegerpapa, fallen +Sie dem Umsturz in die Arme.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ja, gleich Ihrem Vater.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> — Ich an Ihrer Stelle besönne mich +nicht lange, sondern strebte den Schaden schnell wieder gut +zu machen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wodurch?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Pah, durch eine zweite Expedition nach +Sicilien.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich soll noch ein Schiff verwetten!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie besitzen ein ganzes Dutzend — da +kann's Ihnen auf ein oder zwei nicht ankommen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Danke bestens.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ein schlechter Spieler, den ein erster +Verlust entmuthigt.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ach, bestünde er nur in einem Schiff! +aber — öffne den andern Brief, Questenberg, 's ist das +Lebewohl des Capitains. — Der gute Mann mußte für mich +sterben! . .</p> + +<p><b>Questenberg</b> (den Brief entfaltend und schnell zurückgebend). +Leichtsinn, Leichtsinn!</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (lachend). Was besagt das, Herr Schwiegerpapa!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Sapperment, außerordentlich viel.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Hat ein Capitain höheren Werth für +Sie als ein Schifflein?!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ein Capitain ist doch ein Mensch . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ihr Ebenbild! hat Vernunft, Verstand, +Gewissen gleich Ihnen und alles was er thut, mit sich selber +auszumachen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich lass' es gelten.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Bringt ihm nun eine Fahrt nach Sicilien +den Tod, so ist's seine eigene Schuld.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Meinetwegen.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Warum gab er sich Ihnen als williges +Werkzeug hin?!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ja, für solche wahnsinnige Unternehmung!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Warum, sage ich?!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Er hätte es unterlassen können!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sehen Sie, eben weil er's hätte unterlassen +können, eben weil er sein eigener Herr und Meister +war, eben deshalb muß er Ihnen gleichgültiger sein als das +Schifflein sammt der Waare, welche Sie ihm anvertrauten.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wenn ich mich recht besinne, so ist er +mir auch gleichgültiger.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Bravo!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Da gab ich ihm doch ein Schreiben +mit, einen Talisman, der ihn vor jeder Gefahr schützen +sollte . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Weniger ihn, als Ihr Schifflein und +die Waare.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Laut desselben würde man die Waffen +als die für Neapel bestellten betrachtet und das Schiff als +verirrt oder verschlagen von Palermo ungehindert fortgelassen +haben.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie erschöpften den Born aller List!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Verlasse man sich auf fremde Menschen! +Wo's ihrem unbegrenzten Vortheil nicht gilt, wo sie +nicht ganz eigene Gebieter, da sind sie ohne Genie, ohne +Talent, ohne Vorsicht . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> — selbst bei Gefahr Ihres Lebens!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich machte die Erfahrung schon oft, +wollte es jedoch nie glauben!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie hätten nur sagen sollen, Capitain, +es geht auf halb Part, benehmt euch klug, seid pfiffig . . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ah, der Teufel ließ mich das nicht +sagen!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Nicht wahr?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ja, ja, hätte ich das gesagt, so +könnten wir Ihrem Vater morgen die Gläubiger vom Halse +schaffen!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> — — Für morgen können Sie die +Aussteuer nicht zahlen?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wohl that ich's schon kund.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Nicht für übermorgen denn?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Nicht für übermorgen über funfzig +Jahr.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Was? solche Wunden schlägt der Verlust +des winzigen Schiffleins Ihrem Vermögen, Ihrem Credit!?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ja mein Guter, nach dem gewissenhaftesten +Calcül. — Ich bin ein ruinirter Mann!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie verrechneten sich vielleicht.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich mich verrechnen?! ah, daß der +Himmel mir erspare dies Sie zu fragen!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Papa, was denken Sie?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nichts mein Sohn.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Wo suchen wir jetzt unser Heil!</p> + +<p><b>Questenberg</b> (deutet schweigend nach unten, als nach +dem Grabe, während der Vorhang fällt).</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Vierter_Akt'></a><h2>Vierter Akt.</h2> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Abtheilung_4I'></a><h3>Abtheilung I.</h3> + +<p>Vor der Hütte des Vater Ziemens.</p> + +<br /> + +<h4>Erste Scene.</h4> + +<p><b>Marie. Frau Ziemens.</b></p> +<br /> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Mein Kind, wohin eilst Du, — bleib' +in der Hütte.</p> + +<p><b>Marie.</b> Laß' mich nur, ich suche die schönen Blumen, +die ich verlor.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Welche schönen Blumen?</p> + +<p><b>Marie.</b> Am neustädter Garten auf der Wiese pflückten +wir sie ja — ich hatte die ganze Schürze voll.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Du träumst, Kind — — Entstiegst +Du nicht eben dem Federbett! — Komm' zurück, die Luft +weht kalt.</p> + +<p><b>Marie.</b> Bin ich denn krank?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Ein furchtbares Fieber ras't seit +Mitternacht in Deinem Blut.</p> + +<p><b>Marie.</b> Mütterchen, nie im Leben fühlt' ich mich so +gesund! Klarer als die freundlich strahlende Sonne ist mein +Geist, frischer als die thautrunkenen Zweige sind meine Glieder. +Ich wünschte Musikanten, fröhliche Gesellschaft, einen +vollbesetzten Tisch, um zu singen und zu springen wie bei der +Hochzeit.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Du erinnerst Dich nicht Deines +Wehs vor einer Stunde.</p> + +<p><b>Marie.</b> Wir gruben im Garten Gemüse und kamen +auf Albert — Du schaltst ihn einen charakterlosen Buben, +der feige den Rücken kehrte, nach dem er mich an den Abgrund +des Verderbens gebracht — Ich litt es nicht, fühlte +mich verletzt . . .</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Das geschah gestern.</p> + +<p><b>Marie</b> (erstaunt). Vor einer Stunde — </p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> — strittst Du mit der Hölle, nicht +mit mir. Ach, kein ehrbares Mädchen hegt Gedanken — </p> + +<p><b>Marie.</b> Welcher Art?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Schweigen wir davon.</p> + +<p><b>Marie.</b> Mütterchen, Du erschrickst mich.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Der Name des jungen Questenberg +lag bedeutungsschwer auf Deiner Zunge — Viel sprachst +Du von einem Brief, den er an Dich geschrieben — Wie +wird Dir — Mein Kind!</p> + +<p><b>Marie</b> erblaßt und droht umzusinken.</p> + +<p><b>Frau Ziemens</b> (nimmt sie in die Arme). — Was hast +Du auf Deinem Gewissen!</p> + +<p><b>Marie.</b> — 's ist überstanden; die schwache Natur +hilft mir — — Du bist auf alles vorbereitet — hier, lies +den verhängnißvollen Brief. — —</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> — Mir dunkelt's vor den Augen.</p> + +<p><b>Marie.</b> Albert erhielt die Stellung eines Werkmeisters +um — um meiner Ehre Preis! — — Keinen Laut +trübseligen Jammers; entscheide kurz, wodurch mein Verbrechen +zu sühnen.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Ich lasse den Himmel walten.</p> + +<p><b>Marie.</b> Uebe Gerechtigkeit, daß Du Antheil am Himmel +hast, er ist die Liebe des Guten.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Du richtetest Dich selber schon — </p> + +<p><b>Marie</b> (schnell einfallend). Ohne Ziel meiner Schuld — Ich +bedarf einer Autorität!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Die findest Du im Schooß der +Kirche.</p> + +<p><b>Marie</b> (mit stürmischer Leidenschaft). Mutter, Mutter, +niemandem vertrau' ich mehr als Dir! Nur Du, nur Du +verstehst mein Herz, schaust die labyrintischen Fäden meines +Schicksals, fühlst was mich in's Verderben trieb und kannst +allein — </p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Du verlorst den Glauben an des +Priesters erlösende Macht?</p> + +<p><b>Marie</b> (zärtlich). Weil ich Dich lieben und schätzen +lernte als meinen obersten Wohlthäter.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Lehnst Dich auf gegen unsere urheiligsten +Satzungen!</p> + +<p><b>Marie</b> (bitter). Sie helfen mir so wenig als dem +Blinden — die Brille.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Herr mein Gott! — Nun erst begreif' +ich, wie tief Du sankst — — Um die letzte Stütze der +Noth brachte sie der Jugend vernunftlose Leidenschaft! Kein +Sakrament, keine Messe, kein Spruch geweihter Priester erbaut +sie mehr!</p> + +<p><b>Marie.</b> Nur Thaten versöhnen, was das Herz verschuldet, +Thaten, denen des Schöpfers Lob vernehmbar tönt: +Friede sei mit Dir, Du bist gerettet! — Gieb mir eine +Religion, o Mutter, die Entschlüsse fassen lehrt, einen Priester, +der rathet, zeitliches Elend, der Zukunft Fluch vom +Haupte abwenden, einen Freund, dessen persönliche Würde +mich ungetheilt erfüllt, der mich erschüttert durch seiner +Gründe Aufrichtigkeit, erhebt und fortreißt durch den Zauber +seines Beispiels! — Ach, ich irrte in eine Wüste der Finsterniß, +und verschmacht' im dunklen Drang nach Entscheidung! +Dem stolzen Adler ähnlich, der, gelähmten Fittich's +im Staube sich windend, vergebens die Höhe erschaut, wo +seine Heimath ist, lieg' ich zu Deinen Füßen! Schütze mich! — Sogleich +erscheint Albert, o Mutter, willens in's Joch, +das die Schwäche der Menschheit, unsere Schmach, ihm aufbürdet, +sclavisch sich zu fügen — Muß ich ihm folgen?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Räthselhafte Kranke, unbegreifliche +Schwärmerin.</p> + +<p><b>Marie.</b> Muß ich — ?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Was wäre Dein Loos, wenn Du +nicht müßtest?!</p> + +<p><b>Marie.</b> . . .Der Tod.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Und unser, der armen Eltern Loos?! — — Verdienten +wir das um Dich!</p> + +<p><b>Marie</b> (stürzt mit einem Schrei in sich zusammen). — — Führ' +mich nach jenem Ruhesitz . . . Seh' ich recht, so naht +der Gefürchtete — Ersehnte! Er ist's! — Ich gleiche dem +bedrängten Piloten in Sicht des winkenden Ports — doch +vergebens bewegt er Ruder und Steuer: immer rückwärts +stürmt ihn das unerbittliche Meer.</p> + +<br /> + +<h4>Zweite Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Albert.</b></p> +<br /> + +<p><b>Albert.</b> Grüß' euch Gott, meine Theuren.</p> + +<p><b>Marie</b> (kehrt ihm entsetzt den Rücken).</p> + +<p><b>Frau Ziemens</b> (erwiedert seinen Gruß mit schüchterner +Verbeugung).</p> + +<p><b>Albert</b> (erschrocken stehen bleibend). Was ist das! — Frau +Mutter, dies Papier verkünde Ihnen, weshalb ich +komme . . .</p> + +<p><b>Frau Ziemens</b> (damit in die Hütte).</p> + +<p><b>Albert.</b> Stumm enteilend und betroffen, als wüßte +sie schon alles — War die Furcht prophetisch, welche mich +zögern ließ bis heute früh? Sag' an Mädchen, wie fass' +ich — </p> + +<p><b>Marie</b> (reicht ihm des Doctors Brief).</p> + +<p><b>Albert.</b> Willst Du schriftlich zu mir reden? — Ha! — Der +junge Herr ging schneller als ich . . . (Nachdem er flüchtig +gelesen, unwillig mit dem Füße stampfend). Ueberflüssige Diplomatie! — — Aber +wie fein! wie herablassend im vornehmen +Gewande des Stolzes! welche unsichtbar sichtbare +Reue! er will nicht kriechen, will seiner Stellung nichts vergeben +und doch den Erkenntlichen spielen . . . „Die trüben +Erfahrungen seines Lebens verleiteten ihn zur großen Täuschung; +bis jetzt hätte er unter Bettlern keine Menschen erblickt“ — Ei, +ei! . . . Zu viel überschwemmendes Lob — zu +viel, auf einen Elenden, der die Jungfrau des Himmels +eitlen Zwecken opfern, ihr feige, ehrlos Lebewohl sagen +konnte! — (Sich die Hand vor die Augen haltend.)</p> + +<br /> + +<h4>Dritte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Die alten Ziemens.</b></p> +<br /> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Mein guter, guter Albert.</p> + +<p><b>Albert.</b> Wer ruft mich? — Mein Vater!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Wo bist Du? Komm, komm. — Sag' +mir doch, wo er ist?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Dich macht die Freude blind — Da, +da hast Du ihn.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> In meine Arme, Himmelsbote — Noch +kommst Du zur rechten Zeit, noch findest Du sie bei +uns, noch — — Du bebst zurück? Welche finstere, verzweifelte +Mine?</p> + +<p><b>Albert.</b> Armer Vater!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Melancholische Seufzer — Bringst +Du meinem Töchterchen keinen Trost? Dies Papier verbrieft +und besiegelt — </p> + +<p><b>Albert.</b> Vergrößert ihre Pein.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Ei, ei, hatte sie Wahrsagergabe +vergangene Nacht? . . . Lass' mal sehn — Ist sie im Garten?</p> + +<p><b>Albert.</b> Hier sitzt sie — erstarrt von des Geschicks +Meduse.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Was, was! um Gotteswillen — Kinder, +Kinder, ihr werdet nichts Böses . . . Mütterchen, +Du scheinst alles schon zu wissen.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Die Kinder sind närrisch.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Durch welche Mittel erweichten +sie so schnell des Herren kaltes Herz?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> 's ist einfach.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Erzähle — sei so gut.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Erinnerst Dich noch wohl, daß +Marie früher, verstehe recht, bevor sie Albert kannte — </p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Ich versteh'.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> — ein wenig entzündet von dem +jungen Doctor ward — </p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Und der junge Doctor von ihr.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Dies nützte die Unglückliche in ihrer +Noth. — </p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Meine Ahnung!</p> + +<p><b>Frau Ziemens</b> (ihm den Brief gebend, welchen Albert in +seiner Hand hält). Lies aber den Brief hier, den der vom +braven Albert schrecklich Enttäuschte nun reumüthigst an sie +richtet. Aus ihm erhellt, daß Marie in seine thörichten Bedingungen +nur listig willigte und ihre Ehre rein blieb.</p> + +<p><b>Vater Ziemens</b> (sich weigernd den Brief zu nehmen). +Dessen — dessen bin ich gewiß.</p> + +<p><b>Frau Ziemens</b> (zudringlich). Erbaue Dich an der +herablassenden, schmeichelhaften Sprache.</p> + +<p><b>Vater Ziemens</b> (nimmt; nachdem er gelesen und die +Kinder mit schmerzhaften Blicken betrachtet). Ebenbürtig an Geist +und Gefühl steht Ihr Euch gegenüber; ein Gedanke, eine +Liebe paart Eure Herzen; Euch fehlt zur Glückseligkeit nichts! +und nun, was ist's, daß sich feindlich zwischen Euch stellt, +Eure Harmonieen mit rauher Hand verstimmt?! Der Menschheit +Jammer, des Wahnes Schreckgestalt? das klägliche Gebilde +alles Zeitlichen, in das Geburt und Grab Euch mit +verwebt?! Weh, seid Ihr verloren — Ihr seid — und +keine Zufluchtsstätte sehe ich mehr, kein Ziel für Eure +Wünsche?! Die Gottheit selbst versagt Euch Schutz?! +(Kleine Pause.) Hoch geht das wilde Meer, der Hoffnung +starker Kiel zerschellt und trostlos an die nächste Planke festgeklammert, +treibt Euch des Schicksals finstre Welle auseinander!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Unseliger, trankst Du noch nicht +genug den bittern Leidenskelch?!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Was wünschest Du, daß ich den +Edelmüth'gen rathe?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Sich den Verhältnissen zu fügen!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Der Schande und des Ekels? +Wider innere Würde? — Weib!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Hätt' ich es einst gethan, hätt' ich +der Zeit Gebieterstimme einst gehorcht, so ruhte ich die +matten Glieder jetzt in schimmernden Palästen, säugte an +des Reichthums voller Brust der Jugend unbefangene Freuden +und hegte ein Töchterchen im Schooß, der ersten Frühlingsblüthe +gleich, so frisch und schön! Der großen Blashammer, +von Zitterwitze und Questenberge waren viele, die mit wohlverbrieftesten +Verträgen um meine Freundschaft buhlten. +Eigensinnig aber pochte ich auf meinen guten Stern, der, +vom protestant'schen Schwärmergeist bereits verdunkelt, mir +die Wege ungekränkter Tugend leuchten sollte. Wahrlich, er +hat sie mir geleuchtet! Fantastisch ging's berg auf berg ab, +über Stock und Stein bald links, bald rechts. — Weit hinten +blieb der selige Tag! Und ob von oben, unten, kreuz und +quer des Geistes feur'ges Rächerantlitz warnend mir erschien — warst +Du nicht umzustimmen! Taub bliebst Du meiner +Liebe zärtlichstem Gebot, sangst: „Ein' feste Burg ist unser +Gott, ein' starke Wehr und Waffen“ . . . Ja, blicke nur +beschämt — er half uns frei aus aller Noth, setzte uns auf +einen weichen Pfuhl, regnete Himmelsmanna und läßt's uns +wohlbehagen . . . Daß diesem lügnerischen Streben der +Stab gebrochen werde, — in mir das letzte Opfer ihm gefallen! . . +Ein eitel, ein verwerflich Gut ist ja das Leben +und nicht der Mühe werth es zu erhalten! Glücklich alle, +die's leicht erfassen, die schlau, verwegen, kühn die wenigen +Körnlein lautern Goldes aus seinem Schacht zu stehlen +wissen! . . Ich bin müde sein morsches Kreuz noch länger +fortzutragen. Der Erfahrung langgesponnener Faden höre +auf der Wahrheit undankbare Spule zu bewegen; er reiße, +eine neue Zeit beginne unsern Kindern! Litten wir zu ihrem +Frommen, so bin ich ausgesöhnt, — vergebe den Gewissenlosen, +die als Spielball schnöden Eigennutzes, lachend von +Hand zu Hand uns warfen, bis wir verbraucht, in ihren +dumpfen Wölbungen, bei Lumpen einen Gnadenplatz erhielten.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> So hört' ich Dich noch nie! — Welchem +fürchterlichen Zweifel unterjochte das Elend Dein +Herz! — Hast Du kein Blut mehr in den Adern; zehrte die +heimliche Schlange das Lebensmark Dir aus und brichst nun +morsch zusammen, gleich dem Gerüst des stolzesten Tempels, +von der unsterblichen Himmelsflamme verglüht!?</p> + +<p><b>Albert.</b> Ehrwürd'ger Greis, vergebens ringen ewige +Gesetze die dunkle Macht des immer Wechselnden zu brechen, +vergebens, ihrer heißersehnten Wohlthat den schwachen Sterblichen +zu unterwerfen! Wie es gewesen seit fünftausend +Jahren wird es verbleiben alle Zeit. Der Gute wird gewinnen +und verlieren, wird, selber sich in's Böse kehrend, +aus edlem Eifer fort und fort sein ältres Werk dem jüngeren +zum Opfer bringen und nie erfahren, woran er ist, was er +zum Heil, zum Unheil eigentlich gestiftet. Ich tret' deshalb +auf der Verzagten Seite, die abgehärmt vom blassen Gram +des sittlichsten Entbehrens, um ihres Lebens schönsten Inhalt +sich betrogen fühlt und mir nun weise räth, die Welt zu +nehmen wie sie ist, nicht wie sie sollte sein, — dem Zufall +zu vertrau'n und dem Verstand, der reich an Kenntniß und +an List, das Netz nur auswirft wo's zu fischen giebt, im +Uebrigen Gott walten läßt, die Herzenskammern wohl verriegelt, +das Christliche, die allgemeine Brüderschaft, Freiheit +und Gleichheit blos als Mittel conservirt, (lächelnd) — als +Mittel zur Umschüttelung, wenn im spirituosen Zauberbecher +der süße Genius sich zu Boden senkte . . . Ich hätt's schon +lange wissen sollen und anders stünd' es jetzt! Die Nemesis, +des Irrthums strenge Rächerin, wär' nicht beschworen, ihr +flammendes Geschoß auf uns zu schleudern!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Beim Himmel, nein!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Erforscht' ich je Dein Herz, so +wird es schwer Dir fallen, sie zu versöhnen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich mach's getreu den klugen Füchsen nach, +die sich aus Eifer für das allgemeine Wohl in einen frommen +Schaafpelz hüllen, Gesangbuch, Katechismus, Bibel unterm +Arm, demüthigen bußfertigen Schritt's alltäglich nach dem +Kirchlein schleichen und dann, wo es auch sei, in lustiger +Gesellschaft, auf freiem Markt, im dunklen Börsenraum, ein +jedes Wörtlein ihres süßen Odems mit Priesterbalsam würzen +und gottgefälligen Sprüchen, als wie „unrecht Gut gedeiht +nicht; Jedem das Seine; ehrlich währt am längsten; selig +die reines Herzens sind“ — </p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Albert, Albert!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Lass' ihn!</p> + +<p><b>Albert.</b> Der Erfolg wird lehren, Vater. Ich hoff' +in wenigen Jahren ein Mann zu sein, dem die Ehrwürdigen +der Stadt und alle Freunde guter alter Ordnung ein +schmeichelhaftes Seitenblickchen zollen.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> O wär' mein Name dann bereits +vergessen!</p> + +<p><b>Albert.</b> Menschenhaß, Eigendünkel, Ehrgeiz, Selbstsucht, +Neid — unter dem Hute der Scheinheiligkeit geschickt +versteckt, bilden die kardinale Tugend der allgerechten christlichen +Liebe, welche Hirten zu Königen erhebt und die Pforten +des festesten Gewissens nach Willkühr öffnet und schließt. +Durchdenken Sie's nur tief, mein Vater; sie ruht auf sicherern +Säulen als Ihr Glaube an — an — ich weiß nicht woran!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Aus der Seele mir gesprochen.</p> + +<p><b>Vater Ziemens</b> (zu Marie). Erhebe Dich mein Kind.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Wer die Welt mit Deinen Augen +sieht, muß unsrer echt katholischen Kirche sich zu Füßen legen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Sie ist die einzige Brücke zum verlornen +Paradies.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Traun, ich halte Dich beim Wort.</p> + +<p><b>Albert</b> (ihre Hand schüttelnd). Was thu' ich nicht um +meines Engels Frieden!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Willst Du mit Deinem Vater in +die Hütte?</p> + +<p><b>Albert.</b> Weilt! auch dort ras't der Orkan; Ihr findet +keinen stillern Platz für sie als hier, an meiner Brust! — Ich +beschwöre Euch, weilt!</p> + +<p><b>Marie.</b> Fasse — halte — leite mich, Vater . . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Geht Dir der Athem aus auf halbem +Wege?! — Die Bagatelle, Vater, welche Euch erzürnt, bleibt +in unserm und in Questenberg's Interesse den Lauschern +fremd. — Wovor deswegen Anstand nehmen?! — Marie, +kannst Du für ein Fantom, das Deine kranken Nerven spannt, +den einz'gen Freund verachten, welchen die Natur, das +Schicksal Dir gesandt!</p> + +<br /> + +<h4>Vierte Scene.</h4> + +<p><b>Frau Ziemens. Albert.</b></p> +<br /> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Begieb Dich, Albert. — Gewalt +stürmt nicht die Schranken ihres Herzens.</p> + +<p><b>Albert.</b> Memme! Memme!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Geduld, mein theurer Freund.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ehrt sie die Tugend mit Verdammniß! — — Oder +denkst Du, ich bin ein Sclav' des Elends, nahm das +schnöde Geschenk ohne Bewußtsein von Verdienst? Auf zu +Questenberg, Memme; dort hör', welch' christlich Werk den +Bettelstolz der plumpen Welt durch mich erhöht?!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Begieb Dich. (Die Scene verdunkelt +sich etwas.)</p> + +<p><b>Albert.</b> Wo ist sie? — fort — sie ist fort?! — Ihr +war's möglich — sie konnte — Ich allein! grausam überliefert, +überlassen der Hölle?! — Das endet nimmer gut, +bleichsichtige Giftmischerin — (Ein Messer ziehend.) Teufel +und Engel tauschen ihre Masken — die sanftmüthige Taube +wird zur Hyäne . . .</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Wohin Albert?</p> + +<p><b>Albert.</b> Ihr die Schande kürzen!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Hülfe! Hülfe! Weh, mein Kind!</p> + +<p><b>Albert</b> (nachdem er sich losgerungen und bis an die Thüre +des Hauses geeilt, öffnet sich dieselbe plötzlich und in weißem Gewande +tritt ihm Marie entgegen). Gott — </p> + +<p><b>Marie</b> (feierlich). Hier hast Du mein Herz.</p> + +<p><b>Albert</b> (läßt zurückschaudernd das Messer fallen). Gott — entfloh'st +Du meiner Brust! . .</p> + +<p><b>Marie.</b> Albert, Albert, jede That hat ihr Gericht! +(verschwindet.)</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Besinne Dich, guter Sohn. (Sie +stützt ihn, und er steht geschloss'nen Auges von Schmerz erstarrt. +Pause. Die Scene erhellt sich wieder.)</p> + +<p><b>Albert.</b> — — Mildwärmend durchbricht die himmlische +Sonne den nächtigen Nebel, froh athme ich auf: — es +war nur ein Traum, ein fürchterlich geheimnißvoller +Traum . . . Vergeblich sänn' ich ihn zu deuten — drum +sei er schnell, schnell vergessen!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Vertrau' der Zeit, die uns mit +Klugheit rüsten wird und Mitteln, die Thorheit zu besiegen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Welch' Gesang — ? Der wilde Klaus!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Er kommt hierher — schon winkt +er uns. (Geschrei aus der Ferne.)</p> + +<p><b>Albert.</b> Immer derselbe sorglose lustige Bube! Und +wenn's schon sechs Tage nichts Warmes gab, die feuchtkalte +Nacht ihm ein schützend Dach versagte — </p> + +<br /> + +<h4>Fünfte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Klaus.</b></p> +<br /> + +<p><b>Klaus</b> (singend). So leben wir, so leben wir, so leben +wir alle Tage, so leben wir alle Tage, in — <i>Bon jour +monsieur, madame</i> — Wir nicht hatten <i>depuis long-temps</i> +die Vergnüken — <i>Reçevez mes compliments</i>.</p> + +<p><b>Albert.</b> Was bringst Du, altes Wrack? — </p> + +<p><b>Klaus.</b> Eine welterschütternde Nachricht . . . Es wird +über unser <i>passé</i> endlich Justiz gehalten.</p> + +<p><b>Albert.</b> Wie Du weißt, war ich noch nie in Frankreich; +sprich daher ordentlich deutsch.</p> + +<p><b>Klaus.</b> <i>Le plaisir de vous voir</i> mir haben verrückt +die Kopf und lassen <i>oublier notre belle langue allemande</i> . . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Du kommst mich zum Besten halten.</p> + +<p><b>Klaus.</b> <i>Patience, monsieur</i>.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich bin in der Stimmung Dich zu massakriren.</p> + +<p><b>Klaus.</b> <i>Mille pardons</i> — ich werde sprecken ßo kut +ik gann. Nückst Euk ßoll ßein verschw — w — wiegen! <i>Mon +Dieu! ces maudits mots me coupent la</i> Kurkel — <i>j'étouffe</i> . . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Wie groß des Schöpfers Güte an solchem +Ungeheuer!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Seine Fratzen sind unerträglich. +(Sie will gehen.)</p> + +<p><b>Klaus</b> (ruft ihr schalkhaft in's Ohr). Albert wurde eine +Million reich! — Eine Million! (Zu Albert.) Deine Erfindung +bewundert ein großer, großer Mann — Nicht unser Muckerländchen — das +freie göttliche Amerika erzeugte ihn. Schlekt +nur er barlen duht <i>notre langue</i> und ik in dieser Stadt +<i>de la sagesse chretienne</i> der Einzike <i>à trouver</i> welcher +mächtik der Sprak <i>du monde</i>.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Ihr sagt von einer Million — </p> + +<p><b>Klaus</b> (mit einer Verbeugung). Bereits zur ersten Hypothek +auf ein rentables Fabrikchen eingetragen — </p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Bei!?</p> + +<p><b>Klaus.</b> — Frau Hoffnung! — Hier die Verschreibung.</p> + +<p><b>Albert</b> (den Brief lesend). Ew. Wohlgeboren — ihrem +Besuch — schleunigst — erfreuen — Johnson — — Das +ist ein Possenspiel.</p> + +<p><b>Klaus</b> (hinzufügend). Den traurigen Albert wider Willen +zu erheitern.</p> + +<p><b>Albert.</b> Vergebliche Mühe — zu spät!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Weshalb dies wegwerfende Mißtrauen, he?</p> + +<p><b>Albert.</b> Warnt nicht die Welt vor Dir und nennt +Dich bei dem rechten Namen.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Hum, sie heißt mich einen Aussätzigen, nicht +weil ich an der Haut leide, sondern weil sie mich den himmlischen +Wirkungen ihres Lichts aussetzte. — Ziehe Dir das +zu Gemüthe, tiefdenkender, erhaben fühlender, großherzig +strebender Freund und stürze Dich nicht eines Mißverständnisses +wegen aus der beseligenden Wolke des Christenthums +auf die heidnische Erde. — Ich bin unschuldig wie das +Lamm Gottes, das die Sünde für uns alle trägt!</p> + +<p><b>Albert.</b> Ja, ich that Dir Leides — </p> + +<p><b>Klaus</b> (die Hand schüttelnd, welche Albert ihm reichte). Auf +daß mir einst vergeben werde! (schalkhaft mit frommer Miene) +Ach, es steht jetzt viel in Deiner Hand, Albert, viel, viel! +Mein Verdienst Dich zur Unsterblichkeit gefördert zu haben, +belohnte sich wohl durch etliche tausend Thälerlein . . Zweitausend +fünf hundert stopften mir schon die Kinnbacken — aber +dreitausend hülfen noch meinen unersättlichen Durst +löschen, — nach Ehren- und Ruhmesglanz! Das Doppelte +von dreitausend würde mich indeß so recht <i>tête-à-tête</i> bei +meinem Schöpfer zur Tafel laden. Ich moderirte sachte — sachte — leise — leise — nach +der reichen Tellerzahl mein +roth-politisches Heißhungerchen . . . (Er geht auf den Zehen +an eine Bank und setzt sich behutsam.) Säße dann, die Beinlein +aufgesperrt, das Bäuchel tüchtig angemäst', ein Tönnchen +Bairisch an der Seite und jagte schwer jappend der Klugheit +graue Nebel vor mir her. Bespräche hochgespannt des +Staates Güt' und Mängel und balancirte — balancirte die +Wahrheitslinie zwischen den Extasen, bis ich beruhigt mich +zu Boden neigte — zu Boden, ach! den vielgeliebten, wo +schon so mancher deutsche Ehrenbürger — bescheiden seiner +Heldenthaten übermächt'gen Rausch verschlief!</p> + +<p><b>Albert.</b> Ein frommer Wunsch.</p> + +<p><b>Klaus</b> (aufspringend). Erfüll' ihn mir.</p> + +<p><b>Albert.</b> Bist Du des blinden Zufalls gottgesandter +Bote, so sei gewiß, daß ich im heiligsten Gefühl der Dankbarkeit +mich eher selbst als Dich vergesse.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Hoppheisa juchhe! — Frau Mutter, werden +Sie noch die Jungen anhetzen, Steine nach mir zu werfen +und „wilder Klaus“ zu schreien, he? Oder passire ich jetzt +die Revue und bin ein anständiges Schöppschristel pfarrherrlicher +Ehrbarkeit?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Ich finde Ihr Benehmen mit Albert +des besten Freundes würdig und gestehe, daß Sie mich +außerordentlich beschämen.</p> + +<p><b>Klaus</b> (tanzt, klopft die Tasche und singt:)</p> + +Bei wem das Geld im Beutel klingt,<br /> +Die Seele aus dem Fegfeuer springt.<br /> + +<p><b>Albert.</b> Halt, halt! noch klingt es nicht.</p> + +<p><b>Klaus.</b> So sind aber die Menschen! Weil mich die Jugend +in einige verliebte dumme Streiche verwickelte, hatten +sie nichts eiliger zu ersinnen, als ein „kreuzige, kreuzige!“ +mir auf den Buckel zu kreiden. Und so kam's, daß der böse +Feind moralisirender Heuchelei und eitler Schwäche dies bei +jeder Gelegenheit als verderbliche Waffe gegen mich kehrte, +bis ich so tief in Mißkredit sank, daß das wärmste aller +christlichen Amphibien mir nicht mehr Herberge, Kost und +Arbeit geben mochte. Ich wäre gleich einem abgepeitschten +Klepper an der Landstraß' elend verschmachtet, wenn der +gute Genius des Rechts und der Billigkeit noch länger die +superkluge Theorie passiven Widerstandes gefeiert hätte. — 's +ist ein verkümmertes, feiges, gebrechliches Geschlecht, dem +der Teufel mit jedem Athemzuge aus dem Halse stinkt! +Brrr — fahr's nur ganz nieder zur Hölle! Thöricht, wer +sich ihm widmet und für Freiheit wahrhaft schwärmt! — Gut, +daß ich aus dem Gröbsten bin! . . Ich, ich werde den +Lumpen nun ein Konterfei mit Quark an die Wände malen +und in's Ohr raunen, seht, das ist euer Spiegel und eure +Hoffnung!</p> + +<p><b>Albert.</b> Hast Du solche Gesinnung, so zieh' ich mein +gegebenes Versprechen zurück.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Albert — verzeih', daß ich ein Herz besitze, +welches in Erwägung gewisser Dinge überschäumt . . 's ist +ein Krampf, der — der die Brust schnürt und Gedanken +mir eingiebt — Gedanken, Albert, ach! ich mag keine verrathen; +die alte Frau könnte schamroth werden.</p> + +<p><b>Albert</b> (ihn an seine Brust drückend). Steckt doch ein +guter, guter Kerl in ihm! — Ja, Du kommst ein gottgesandter +Bote, mich zu trösten und erheben, Du, Du — wer +hätt's gedacht! mein tief verstoßner Bruder!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Ich an Deiner Stelle, Albert, — benutzte +die Million <i>in spe</i> für Mörser und Bomben; würde Rekruten, +rüstete ein standfest Heer — für Geld ist Alles feil, +Pulver und Blei, Brandraketen und Feldmeister, Eid und +Treue! — und eröffnete dann eines schönen Morgens mit +dem Hause Questenberg den Krieg; zöge vor das Schloß, +verläse die christlichst angefertigten Artikel und fragte, ob +man unsers Glaubens werden wollte — Wenn Nein die +Antwort — bum, bum, pau, pau, piff, paff . . . Der Gedanke +elektrisirt mich, Albert. Möchte mich dabei in Glorie +zeigen; möchte als Herold im schwarzen Mantel mit rothem +Kreuz, weißprangenden Federhuts, staatsretterlich gekniffenen +Gesichts, dem feinsten Fuchs beweisen, daß seine Kunst +zu Ende . . . Kann Dich der Geldsack beglücken? Wozu +nützt Dir ein Capital, das sich in's Riesige von Jahr zu +Jahr vermehrt? Bist Du gewöhnt im Sündenpfuhl des Reichthums +vom Mark der Menschheit geistlos zu schmarotzen? +Ich rathe Dir, leg's an auf Deines Herzens sichre Rente!</p> + +<p><b>Albert.</b> Du giebst mir herrliche Ideen . . . Ich +werde Deinem Rath entsprechen, doch in meiner Weise.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Heil Brutus Dir!</p> + +<p><b>Albert</b> (den Brief nachlesend). Um zehn Uhr — 's ist +jetzt die Zeit. Mich drängt's dem fremden Gönner aufzuwarten. — Frau +Mutter, ein Wörtlein in Begleitung. +(Mit ihr am Arm ab.)</p> + +<p><b>Klaus</b> (mit burlesken Schritten des Stolzes und der Kraft, +persiflirt er singend hinter ihnen her).</p> + +<i>Allons, enfants de la patrie — hi, hi,<br /> +Le jour de gloire est arrivé: — he, he.<br /> +Contre nous, de la tyrannie — hi, hi,<br /> +L'etendard sanglant est levé — he, he . .</i><br /> + +<p>(Die Melodie des Liedes verhallt in der Ferne.)</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Abtheilung_4II'></a><h3>Abtheilung II.</h3> + +<p>Das Vorzimmer des großen Festsaales aus dem zweiten Akt.</p> + +<br /> + +<h4>Sechste Scene.</h4> + +<p><b>v. Zitterwitz. Blashammer.</b> (Im Gespräch.)</p> +<br /> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> — Ich glaube selbst, daß sich für den +Augenblick bei der <i>haute-finance</i> nichts ausrichten läßt — Aber +ich kenne Schneider, Schuster, Schlächter, Käthner, die +<i>petit à petit</i> hübsche Sümmchen in ihrer Bettlade anhäuften +und für gute Worte herumzubringen wären. — Wenn +Sie's versuchten? (Blashammer seufzt.) Ich will Ihnen nicht +zumuthen, in die enge Behausung der Leutchen hinabzusteigen — nein, +Sie schreiben vornehm einige Zeilen blos und — </p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich bin nicht Questenberg, dem's +gleichgiltig ist, wo und wie er zu Credit kommt.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Mit Ihrer Subtilität!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Sie werden mich in seine Fußstapfen +nicht drängen. — Ich — ich nehme von Niemandem Geld auf +blindes Vertrauen; verpfände Keinem mein Wort wenn ich +ohne Sicherheit bin.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (mit feinem Lächeln). Der Schlag von +Neapel lähmte Ihre Kühnheit und Sie zweifeln am Glück?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Am Glück des Lottospielers! — Treten +wir unter die Gläubiger.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie geben verloren den armen Mann?!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Für keinen Leichtsinnigen werf' ich die +Ehre in den Loostopf.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> O wie verschieden die menschlichen Herzen +sind! — Daß ich Sie beschäme, Herr Blashammer — (hält +ihn fest.)</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Herr Regierungsrath?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ich hol' Ihnen die Castanien aus +dem Feuer — </p> + +<p><b>Blashammer</b> (sieht ihn verwundert an).</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Eine alte Tante, die nicht mehr lange +zu leben hat und ohne leibliche Erben ist, stellt mir für den +alleräußersten Nothfall einen Theil ihres bedeutenden Vermögens +zur Verfügung — </p> + +<p><b>Blashammer.</b> Questenberg steckt zu tief in Schulden, +wurde von der Concurrenz zu weit überflügelt!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie meinen — ?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Er krankt an einem unheilbaren Krebs, +der uns ansteckt — sagen wir gut für ihn.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Aber die neuen Webestühle.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Versuche im Großen stellen zweifelhafte +Resultate heraus — Ich prophezeite es Ihnen schon.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Konnte mich Questenberg hinter's Licht +führen!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Der Schelm? hi, hi, hi — ich achte +Ihren guten Glauben und schweige.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Die Verzweiflung blendete ihn; er +täuschte mich absichtslos.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Es tröste Sie.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Bemitleiden wir ihn! — Als Sie +noch in den Windeln der Geschäfte steckten, erwies er Ihnen +manchen wichtigen Dienst, denken Sie daran.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Möchte ihm tausendfach vergelten, aber +aber, — — (nachdem er auf und nieder gegangen) Wenn wir +uns associirten, Herr Regierungsrath, — die Concursmasse +den Gläubigern abhandelten, so billig als möglich! — und +den Gaudieb als unsern Commis figuriren ließen, he?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (nach einer Pause des Erstaunens). Hm — ihm +und uns wäre damit geholfen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Sie geben das Geld Ihrer alten +Tante und ich meinen Kopf?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Kein übler Anschlag.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Lohnt's?</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Verfuhr er leichtsinnig mit uns, so +ist's das höchste Freundschaftsstück guter Christen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ueberlegen Sie.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Ein Schiffbrüchiger klammert sich an +alles, was ihn auf den Fluthen trägt! — Wir sind einig.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Sieh da, vor Thoresschluß.</p> + +<br /> + +<h4>Siebente Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Questenberg</b> (ein großes Buch unter'm Arm).</p> +<br /> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Fort!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wir sollten ihn schicklicherweise vorbereiten.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Nicht hier, sondern unter den Leuten, +wo seine Seufzer sich weniger Luft machen dürfen. (Beide ab.)</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Vieles könnte ich sagen, was mir +Mitleid erwirbt — nichts, was mich entschuldigt . . D'rum +ist's angemessener, ich schlage das Buch schweigend auf — O +Schande! (Er bleibt am Eingange in den Saal stehen.)</p> + +<br /> + +<h4>Achte Scene.</h4> + +<p><b>Questenberg. Albert. Klaus.</b></p> +<br /> + +<p><b>Albert.</b> Wir treffen ihn noch! — Kehr' schnell zurück, +dem Amerikaner es zu melden.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Der Schurke verdient's nicht! ungerührt, ungebessert +bleibt er und lacht über Deine Großmuth nur +frohlockend sich in's Fäustchen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Geh, eile.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Du verkennst die Welt und spottest der Früchte +Deines Genie's.</p> + +<p><b>Albert.</b> Willst Du mich erzürnen.</p> + +<p><b>Klaus.</b> — Der Schwärmergeist wird sich an Dir +rächen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Niemand entrinnt seinem Schicksale!</p> + +<br /> + +<h4>Neunte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen</b> ohne <b>Klaus.</b></p> +<br /> + +<p><b>Questenberg.</b> Wer hemmt mich an der Pforte des +Verderbens.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ihr treuer Diener.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Kannst Du keinen Credit schaffen, so +geh' mir aus dem Wege.</p> + +<p><b>Albert.</b> Vielleicht kann ich's, mein Gebieter — Verweilen +Sie nur einige Minuten.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Du kommst mich verhöhnen — ich les' +es in Deinem Gesicht . . . Dir geschah Unrecht? Wirf nur +ab die falsche Larve.</p> + +<p><b>Albert.</b> Mein Gebieter, Sie machten mich zum Werkmeister, +erwiesen mir so viel Lieb' und Güte, daß ich höchlichst +erstaune. — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Schlange!</p> + +<p><b>Albert.</b> Ihr Argwohn entsetzt mich . . .</p> + +<p><b>Questenberg</b> (nach kleiner Pause mit erkünstelter Ruhe). +Verkünde, was Dich herführt.</p> + +<p><b>Albert.</b> Im Augenblick erscheint vor Ihnen — </p> + +<p><b>Questenberg</b> (unterbrechend). Ich bilde mir ein, daß +Du mein Freund bist, Albert.</p> + +<p><b>Albert.</b> Sie besitzen keinen bessern auf der Welt.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nun denn, im Augenblick erscheint?</p> + +<p><b>Albert.</b> Ein großer Fabrikant aus den vereinigten +Staaten — </p> + +<p><b>Questenberg</b> (ungläubig). Ah!</p> + +<p><b>Albert.</b> Dem ich unsere neuen Webestühle zu zeigen +die — Kühnheit hatte.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> So! hm! — Und sie fanden seinen +Beifall?</p> + +<p><b>Albert.</b> In solchem Grade, daß er sich gleich erbot, +als er von Ihrem Unglück hörte — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wirklich — sieh! ah! der Zufall fügt +oft Wunderdinge — räthselhaft erscheint mir blos . . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Mein Gebieter, Ihr Benehmen ist das — eines +Mannes von bösem Gewissen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Du täuschest Dich wohl nicht.</p> + +<p><b>Albert.</b> Wenn ich aber ahnte, was Sie an mir verbrachen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Willst es wissen?</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich wünschte von Ihnen den besten Glauben +zu behalten.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Du wurdest betrogen, — </p> + +<p><b>Albert.</b> Sie scherzen!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> unterdrückt, — </p> + +<p><b>Albert.</b> Pfui.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> tyrannisirt!</p> + +<p><b>Albert.</b> Sollten Sie so schlecht sein?! — O mein +Gebieter!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Der bin ich nicht mehr. — Pack' Dich +fort.</p> + +<p><b>Albert.</b> Verdien' ich die Behandlung?! Bleiben +Sie — man kommt — Ihr Retter! — Glauben Sie mir +nun?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Du machst mich toll, Albert.</p> + +<br /> + +<h4>Zehnte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Klaus. Johnson.</b></p> +<br /> + +<p><b>Johnson.</b> Weshalb ick mir erlaub' die Freiheit, erfuhren +Sie pereits. — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich traute den Ohren nicht, mein +Herr . . . (Setzt ihm einen Stuhl vor). Haben Sie doch die +Güte . . .</p> + +<p><b>Johnson</b> (sich niederlassend). Ihre neuen Webestühl' +kehören zu ten vorzügliksten Leistungen unsres Jahrhunterts +und erwerpen dem Erfinder, ter, wie Herr Albert mir versichern +daht, Sie allein sind — </p> + +<p><b>Questenberg</b> (macht eine Verbeugung, indem er ängstlich +Albert ansieht).</p> + +<p><b>Johnson.</b> ten erhapensten Zoll der Pewunterung.</p> + +<p><b>Klaus</b> (murrt).</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ein zu schmeichelhaftes Kompliment.</p> + +<p><b>Johnson.</b> Ihr Name wird nepen den größesten Wohldähtern +der Menschheit klänzen, so lang' es eine Keschichte kiebt.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Mein Herr Sie — Sie . . . (bei Seite.) +Ich weiß nicht, was ich sagen soll! — (laut.) Muß ein +Fremder mir Trost und Hoffnung bieten — (bei Seite.) Mir +spuckt das wie'n Mährchen im Kopfe! (laut.) Trost und Hoffnung +bieten und das Urtheil meiner sachkundigsten Freunde +Lügen strafen!</p> + +<p><b>Johnson.</b> 's ist alde Erfahrung, mein Herr, taß unter +Freunden oft Eifersucht, Mißkunst, Neid die glare Quelle der +Erkenntniß trüben! (<b>Questenberg</b> seufzt.) Man sich wohl +beeifern dhat Ihr Werk pei der Welt zu mißcreditiren?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ja — ja wohl!</p> + +<p><b>Johnson.</b> Man Sie peschuldigte müßiger Spielereien, +verterblicher Exberimentesucht — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Man that's.</p> + +<p><b>Johnson.</b> — was Sie in den Ruf eines schlechten +Keschäftsmanns prachte.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Natürlich.</p> + +<p><b>Johnson.</b> Ah, Sie dheilen das Schicksal aller unsterblichen +Genien des Fortschritt's! — </p> + +<p><b>Questenberg</b> (springt vom Stuhl auf).</p> + +<p><b>Johnson.</b> Der Herr hat keine Zeit — Zur Sache, +wenn's kefällt.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich kann mir den Albert nicht erklären! +(setzt sich.)</p> + +<p><b>Johnson.</b> Auf die Erfintung pin ick eine Million zu +wagen pereit. — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> So — ah!</p> + +<p><b>Johnson</b> (bei Seite). Orischinelles Penehmen. (laut.) +Wenn tas kenügt, mein Herr, ßo steh' ick zu Tiensten.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Vollkommen genügt's, mein Herr — Schon +achtmalhunderttausend . . . Wie kann ich aber erwarten, +daß Sie mir solch' Vertrauen . . .</p> + +<p><b>Johnson</b> (aus einem Portefeuille Geld nehmend). Hier ist, +was Sie wünschen.</p> + +<p><b>Questenberg</b> (indem er den Albert verwundert ansieht). +Ich, ich weiß nicht . . .</p> + +<p><b>Johnson.</b> Sehen Sie nur hierher.</p> + +<p><b>Questenberg</b> (bei Seite). Er verzieht keine Miene . . .</p> + +<p><b>Johnson.</b> Ohne Umstände, mein Herr.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Sie bringen mich außer Fassung, mein +Herr.</p> + +<p><b>Johnson.</b> Nehmen Sie, mein Herr.</p> + +<p><b>Questenberg</b> (bei Seite.) Keine, keine Miene! . . +(laut.) Wie? gleich jetzt? ohne gerichtliche . . . Solche +Summe!?</p> + +<p><b>Johnson.</b> Sind Sie tenn kein ehrlicher Mann?!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nein, gütiger Herr, nein — 's ist hier +nicht Mode. — </p> + +<p><b>Albert.</b> Die Verlegenheit meinem Gebieter zu ersparen, +bestellte ich den Notar, der draußen wartet.</p> + +<p><b>Johnson.</b> Herr Albert tas war nicht prav von Ihnen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Um Verzeihung — sehr brav! sehr +brav! Ruf' ihn, braver Albert. (Sich freudig in die Hände +reibend; bei Seite.) Der Einfaltspinsel blieb unschuldig . . .</p> + +<p><b>Klaus</b> (dem Albert in den Weg tretend). Halt' an, +Bruder . . . Du willst ihn schamlos triumphiren lassen!?</p> + +<p><b>Albert.</b> Behindre mich nicht.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Keinen Schritt weiter.</p> + +<p><b>Albert.</b> Bei den Achttausend, die ich Dir versprach. . .</p> + +<p><b>Klaus.</b> Ich schenke sie Dir — Alles was menschlich!</p> + +<p><b>Johnson.</b> Meine Herrn . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Was — giebts — Kinder.</p> + +<p><b>Albert.</b> Der Bube kam von Sinnen . . . (zu Johnson.) +Ihnen theilte ich schon die Gründe mit, weshalb er den +Spleen nicht los wird, daß die Erfindung des Herrn Questenberg +mein Eigenthum sei.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Glauben Sie meinen Versicherungen, Herr +Johnson.</p> + +<p><b>Johnson.</b> Lieper Herr Klaus . . .</p> + +<p><b>Klaus.</b> Wenn's sich anders verhält, als ich Ihnen +auseinandersetzte, so straf' mich der Teufel.</p> + +<p><b>Johnson.</b> Können Sie sich stützen auf Peweise.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Es fällt schwer, denn der Treulose verleugnet +alles; dessenungeachtet . . .</p> + +<p><b>Johnson.</b> Aber er muß wohl am pesten wissen — </p> + +<p><b>Klaus.</b> Herr Johnson, sein Gemüth verkehrte sich in +Tollheit und er ist nicht Meister seiner Handlungen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Thun Sie mir eins zu Gefallen, mein Gebieter. +(Er sagt Questenberg etwas in's Ohr, worauf derselbe +klingelt. Ein Bedienter erscheint, empfängt Befehle und eilt wieder +ab.)</p> + +<p><b>Johnson</b> (zu Klaus.) Eines Vormunds scheinen Sie +pedürftiger als er.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Was!</p> + +<p><b>Johnson.</b> Reden Sie kein tummes Zeug weiter . . . +Schämen Sie sich was!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Ich bin ein ehrlicher Kerl, Herr Johnson.</p> + +<p><b>Johnson.</b> Wer läugnet's, allein — </p> + +<p><b>Klaus</b> (sich vor die Brust schlagend). Was Recht ist +muß Recht bleiben!</p> + +<p><b>Johnson.</b> Schon kut, toch — </p> + +<p><b>Klaus.</b> Und ich sag's dem blassen Spitzbub' da in's +Gesicht — </p> + +<p><b>Johnson.</b> Keine Injurien, Herr Klaus.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Pah, ich fürchte mich nicht vor ihm, — mit +mir ist die heilige Macht der Wahrheit.</p> + +<p><b>Johnson.</b> Ihr Petragen wird kanz abscheulich.</p> + +<p><b>Questenberg</b> (zu herbeieilenden Bedienten). Führt den +Menschen in die frische Luft und macht ihm Umschläge . . .</p> + +<p><b>Klaus.</b> Die mach' ich Euch, Schurken — wagt mich +anzutasten!</p> + +<p><b>Questenberg</b> (zu Johnson). Ich handle doch mit Ihrer +Erlaubniß?</p> + +<p><b>Johnson.</b> Uepen Sie nur Hausrecht — er ist ein +unkezogener Pupe.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Packt ihn! erzittert vor seiner Stimme +nicht.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Gemach, Sclaven! Ich weiche Eurer Ueberlegenheit. +(Man knebelt ihn.) Sieh' her, Albert, so dankst +Du des Freundes Müh'! Hätte ich das gewußt — doch +Gott befohlen!</p> + +<br /> + +<h4>Eilfte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen</b> ohne <b>Klaus.</b></p> +<br /> + +<p><b>Albert.</b> Verzeihen Sie dem armen Sünder, mein +gütiger Gebieter.</p> + +<p><b>Johnson.</b> Er wußte nicht, was er dhat, — dragen +Sie's ihm nicht nach.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Schuldigermaaßen sollte ich ihn auf +der Polizei durchprügeln lassen.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ihre Ehre blieb in unsern Augen ungekränkt.</p> + +<p><b>Johnson.</b> Was meinen Sie, taß solch' unansehnliker +verkommener Keselle Ihnen schaden könnte — </p> + +<p><b>Questenberg.</b> Es ist gut, mein Herr — Ruf' den +Notar, Albert.</p> + +<p><b>Johnson.</b> Lassen Sie, lassen Sie — Ick habe für +heut' keine Zeit mehr und porge Ihnen das Geld bis morgen +auf's planke Angesicht.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich weiß Ihr Vertrauen nicht hoch +genug zu schätzen.</p> + +<p><b>Johnson</b> (das Geld ihm gebend). Zählen Sie die +Summe kefälligst nach.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Es wäre wohl überflüssige Mühe.</p> + +<p><b>Johnson</b> (den Hut nehmend). Möchten wir ein paar +klückliche Keschäftsfreunde werten und viel Heil und Segen +zusammen ernten.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich habe keinen schönern Wunsch.</p> + +<p><b>Johnson.</b> Auf Wiedersehen — Ihr erkepenster Tiener.</p> + +<br /> + +<h4>Zwölfte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen</b> ohne <b>Johnson.</b></p> +<br /> + +<p><b>Questenberg.</b> Mein guter Albert, welchen Dienst +leistetest Du mir! — nicht unbelohnt darfst Du von hinnen; +erbitte Dir eine Gunst.</p> + +<p><b>Albert.</b> Sie beschämen mich.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Fordre die Hälfte der Fabrik — fordre +sie ganz! — Erweise mir die Freundschaft!</p> + +<p><b>Albert.</b> Sie wissen, daß ich von Ihren Anerbietungen +keinen Gebrauch mache — </p> + +<p><b>Questenberg</b> (unterbrechend). Frei von Verstellung bin +ich — glaub's mir, Albert . . . Willst Du den Reingewinn +der neuen Webestühle im ersten Jahr?</p> + +<p><b>Albert.</b> Wie kann ich so viel wollen!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Morgen empfängst Du's schriftlich . . . +Ach, wär's mir vergönnt, Dich glücklich zu machen!</p> + +<p><b>Albert.</b> Diese Gunst versagt Ihnen das Schicksal.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Scherz bei Seite.</p> + +<p><b>Albert.</b> 's ist zu spät!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Was hast Du?</p> + +<p><b>Albert.</b> Eine Wunde im Herzen, welche nicht mehr +heilt.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nahmst Du Schaden in der Liebe?</p> + +<p><b>Albert.</b> Sie ging mir verloren! . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Deine Braut — zufolge?</p> + +<p><b>Albert.</b> Der Schmach von Ihnen mir aufgebürdet! . . +Erbleichen Sie nicht mehr, Gott hat gerichtet!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nimm — diese Summe gehört Dir!</p> + +<p><b>Albert.</b> . . . Das heilige Evangelium lehrt uns die +Missethat hassen — nicht ihre botmäßige Hand, die ein blindes +Glied am Körper unserer Menschheit ist — Ich verzeihe +Ihnen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Du! Du!</p> + +<p><b>Albert.</b> So wahr ich Ihr schwacher Bruder bin, der +mit dem Apostel sich eitel rühmt: seht, alles duldete ich zur +Erlösung aus der Sünde, ich ließ mich von Euch übervortheilen, +verleumden, entehren, mit Füßen treten, in Ketten +schlagen und nun stehe ich da, abgetödtet in meiner Leidenschaft, +gleichgiltig für irdische Freuden, gebrochenen Herzens — ein +verklärter Geist, zu dessen Füßen ihr Euch im Staube +krümmt!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Das sprichst Du ironisch nur. — Entlaste +mich dieses Judasgeldes, lass' mir ernten, was ich gesä't: +Qualen der Hölle!</p> + +<p><b>Albert.</b> Denken Sie an die tausend nothleidenden +Familien, die ihnen Arbeit, Gesundheit und Leben zum +Opfer brachten und unverantwortlich sind für die Schuld, +in welche Ihr Fall sie stürzt!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Geh', bezahl' die Gläubiger in meinem +Namen — mir fehlt die Kraft.</p> + +<p><b>Albert.</b> Auch das noch? — Traun, ich bin kein +Pharisäer und Schriftgelehrter, der das Christenthum nur +mit der Zunge übt!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Lass', lass' — ist's eine Strafe für +mich, so muß ich's thun.</p> + +<p><b>Albert.</b> Scheiden wir denn, um uns nie wiederzusehen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wohin gehst Du?</p> + +<p><b>Albert</b> (zeigt nach Oben).</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Oh!</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich vollendete und trage mein Kreuz auf +den Golgatha! . . War's Ihnen Ernst eine Gunst mir zu +erweisen, so sorgen Sie für mein Begräbniß; ich wünschte +an keinem unanständigen Orte unseres Kirchhofs zu ruh'n. +(Er will geh'n.)</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wahnsinniger, ich lasse Dich nicht +fort — Hülfe!</p> + +<p><b>Albert</b> (ein Pistol aus der Tasche ziehend, das er sich auf +die Brust setzt). Versuchen Sie nichts, oder ich ende sogleich.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> O das ist entsetzlich!</p> + +<p><b>Albert.</b> Gemeine Seelen, vom Wermuthskelch der +Feigheit berauscht, zittern vor dem Tode; Männer voll Freiheitssinn +und Rechtlichkeit eilen ihm freudig entgegen! (ab.)</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Bring' ich den Gläubigern das Geld +und verfolge seine Spur!</p> + +<br /> + +<h4>Dreizehnte Scene.</h4> + +<p>Die Vorhänge zum Saal thun sich auf; man erblickt an einer +langen Tafel die Gläubiger.</p> +<br /> + +<p><b>Questenberg.</b> Wohlan, liebe Herren, ein Wunder. +(Er wirft das Geld auf den Tisch.)</p> + +<p><b>Alle.</b> Geld . . . ah! ah!</p> + +<p><b>Questenberg</b> (mit zitternder Stimme). All' meine Schulden, +all' meine Verpflichtungen, alles was Sie verlangen . . . +Meinen herzlichsten, unaussprechlichsten . . . Ich bin krank, +liebe Herren — vertheilen Sie unter sich die Summe und +gestatten, daß ich mich wieder zurückziehe.</p> + +<p><b>Erster Gläubiger.</b> Ihr edles Gemüth fühlt sich +durch unsre Maaßnahme verletzt.</p> + +<p><b>Zweiter Gläubiger.</b> Sie zürnen uns.</p> + +<p><b>Erster Gläubiger.</b> Hätten wir gewußt oder geahnt . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Bleiben Sie ruhig — Was mein +Inneres bewegt gilt Ihnen nicht — doch ich baue auf Ihre +Nachsicht — meinen unterthänigsten Diener.</p> + +<br /> + +<h4>Vierzehnte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen</b> ohne <b>Questenberg.</b></p> +<br /> + +<p><b>Erster Gläubiger.</b> Ein kurioses Benehmen!</p> + +<p><b>Zweiter Gläubiger.</b> Fein überlegt, fein studirt! +Er hängt uns einen dicken Zopf an.</p> + +<p><b>Erster Gläubiger.</b> Teufel, wir waren zu leichtgläubig.</p> + +<p><b>Zweiter Gläubiger.</b> Einen Mann von seinem Ruf, +von seiner Bedeutung zufolge einiger Börsengerüchte mir +nichts dir nichts zur Erklärung zu drängen!</p> + +<p><b>Erster Gläubiger.</b> Den dummen Streich brockte uns +Blashammer ein.</p> + +<p><b>Zweiter Gläubiger.</b> Suchen wir eine schickliche Gelegenheit +ihm das Geld zurückzugeben, denn er wird es wohl +nöthig haben. (Einige bemächtigen sich der Summe und fangen +an nach dem Schuldbuche auszutheilen.)</p> + +<br /> + +<h4>Funfzehnte Scene.</h4> + +<p><b>v. Zitterwitz. Blashammer.</b></p> +<br /> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Beten wir: Herr führe uns nicht mehr +in Versuchung! . . Mir schwimmt's schwarz und weiß vor +Augen, denke ich — (kopfschüttelnd) Der infernalische Plan +hätte mich doch, hätte mich doch — Oh, was ist der Mensch +in einer unglücklichen Lage! . . . Als Politiker, als Staatsmann +bekenne ich mich fortan zur philantropischen Ansicht, +daß die Noth die Mutter aller Laster sei.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Von wo er nur das Geld hat!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Die Frage regt mir das Herz nicht +auf, wohl aber eine andere! Was fange ich nun mit dem +Capitälchen an? Wo bringe ich's unter; wer nimmt's mir +ab?! — Die alte Sorge wurde man los und gleich folgt +ihr die neue!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich bin bereit sie auf mich zu laden.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (erschrocken bei Seite). Daß ich meine +Zunge nicht bewachte! (laut.) So meinte ich's nicht, Herr +Blashammer.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich kann das Capitälchen gut brauchen. . .</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Zu viel Güte.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ohne Federlesen, Herr Regierungsrath.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie wollen sich unnöthig belästigen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wenn ich Ihnen sage, daß ich's gut +brauchen kann!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Sie verstellen Sich blos aus Freundschaft — Ich +seh's Ihnen an.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich geb' Ihnen zehn Prozent.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Zu viel für einen guten Christen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich geb' Ihnen zwölf Prozent.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Danke, danke.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich geb' Ihnen funfzehn Prozent.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Bemühen Sie sich nicht weiter.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Zwanzig Prozent.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Mäßigung.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Fünf und zwanzig Prozent.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (sich die Ohren zuhaltend, mit weinerlicher +Stimme). Da hab ich nun den Teufel auf dem Nacken.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> He, nahmen Sie nicht noch mehr ohne +Erröthen? Ist das Geld des Schwarzkünstlers besser als +meins? (für sich) Wem er's nur abjagte!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Mein Kapitälchen erwischt kein Kaufmann, +kein Spekulant und Fabrikant mehr; lieber vergrab' +ich's, lieber werf' ich's in einen Brunnen! Ach, ehe man +sich solcher Marter aussetzt! Ertrug ich nicht mehr Schmerz +als die drei Männer im feurigen Ofen!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Sie beschimpfen meinen Stand.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (zurückbebend). Durchaus nicht . . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Sie halten mich für einen Gauner.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Keineswegs . . . (bei Seite.) Gut, daß +hier Leute sind.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Für einen Betrüger.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Um Vergebung . . . (bei Seite.) Wie +werde ich den Aufdringling los.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Erklären Sie sich gemessener.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz.</b> Nein, Herr Blashammer, ich, ich, ich +halte Kaufleute bl — bl — blos für unsich — chere Menschen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Eines einzigen Schurken wegen.</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (für sich). Courage! (laut.) Ei, ei, es +giebt keinen ehrlichern Mann auf der Welt als Questenberg.</p> + +<p><b>Blashammer</b> (mit einer Grimasse). Weil er bezahlte! +ah!</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (die Fäuste geballt). Wegen der Verleumdung +sollten Sie sich gerichtlich verantworten . . .</p> + +<p><b>Blashammer</b> (stampft wüthend mit dem Fuß).</p> + +<p><b>v. Zitterwitz</b> (dadurch in die Flucht getrieben). — Unsauberer! +wer mehr Schurke ist, ob er oder Sie, steht in +Frage! . . . (ab.)</p> + +<p><b>Blashammer.</b> — — Von wo er nur das Geld +hat! — Gescheitert in Neapel, gescheitert hier! Meine +Verluste sind unersetzbar; der Gram tödtet mich!</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Funfter_Akt'></a><h2>Fünfter Akt.</h2> + +<br /> + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Abtheilung_5I'></a><h3>Abtheilung I.</h3> + +<p>Zimmer im Hause Blashammers.</p> + +<br /> + +<h4>Erste Scene.</h4> + +<p><b>Adelgunde</b> am Klavier; nach einer Pause tritt der <b>Doctor</b> auf.</p> +<br /> + +<p><b>Adelgunde</b> (im Spiel ungestört fortfahrend). <i>Bon jour</i>, +treten Sie nur näher.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Mit Ihrer gütigsten Erlaubniß.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Setzen Sie sich.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Fräulein spielt eine himmlische Symphonie.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Wie geht's bei Ihnen zu Hause?</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Da schwoll die Sündfluth der Gläubiger +meines Herrn Papa plötzlich so stark an, daß ich für +gut hielt, das Haasenpanier zu ergreifen, um in Ihrer freundlichen +Arche Schutz zu suchen. (Adelgunde endet das Spiel.) +Unterbrechen Sie sich nicht.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Mein Vater wird hoffentlich Alles zum +Besten wenden.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Wäre seine Kraft noch so gesund als +sein guter Wille!</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Ich erstaune — was soll ich hören?</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (bei Seite). Das Terrain ist mir günstig — Ich +werde mich in der Position halten! (laut.) Weihte +er Sie in seine Mysterien nicht ein?</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Ich bin ganz unwissend — Seit dem +Tage unserer Verlobung hört' ich kein Wort von ihm; verdrießlich +war er und in hartem Kampf mit sich selbst.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Wer kann's ihm übel nehmen! Ach, +daß ich's Ihnen berichten muß! — Auch sein Schifflein +Fortunens gerieth auf den Strand!</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Sie erfüllen mich mit Schrecken.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich hab's aus seinem Munde . . . +Die hohen Potentaten brachen mit ihm — und Sie ahnen, +was das heißt! — weil er das Feuer der Revolution heimlich +schüren half.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Weh!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Zum Umsturz der Ordnung bewaffnete +er die Banditen Europa's.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> O Grauen!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ich fürchte, es kostet ihm nicht blos +das Vermögen, sondern auch die Freiheit.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Mein Vater in den Thurm!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Vielleicht mit Ketten an Händen und +Füßen! Sein Versehen ist politischerseits unverzeihlich . . . +Und welche Zukunft erwächst daraus für uns! Wir treten +in eine harte Ehe . . . Ach!</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Unter diesen traurigen Umständen haben +Sie noch Lust — Nimmermehr!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ein Ehrenmann hält Wort.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Verdoppeln Sie Ihr Unglück nicht. Ich +gebe Ihnen den Ring zurück.</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (drohend). Fräulein!</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Die Erwerbung Ihres eigenen Unterhalts +wird Ihnen schon sauer genug fallen.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Sie hegen eine geringe Meinung von +mir.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Unsere Zeit ist in allen Bethätigungen +mit überflüssigen Kräften erfüllt und bei dem Mangel großer +volksthümlicher Unternehmungen, einer sittlich entnervenden +Concurrenz verfallen, die dem an Anstrengungen von Jugend +auf Gewöhntesten, fast aller Orten das Leben zur Plage +macht.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Pah, ward ich unter einem glücklichen +Sterne geboren, so kann die Zeit gut oder schlecht sein — Uebrigens +bau' ich auf eine heil'ge Sache!</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Ihre Redekunst.</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (bei Seite.) Getroffen! (laut.) Nein, +o Theure, auf die Liebe, von der man sagt, daß sie dem +Menschen das bitterste Geschick angenehm versüßt.</p> + +<p><b>Adelgunde</b> (betroffen). Ich bezweifle Ihre Aufrichtigkeit.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Ein echtes Kind unseres Volks scheint +selten was es ist! . . Kalt, gleichgültig, spöttisch, verschämt +stellt es sich, wenn's in seinem Busen gährt und brennt — </p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Sie bilden mir Unsinn ein.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Zu welchem Zweck! Traun, da naht +Ihr armer Vater — urtheile er selbst, ob mich ein anderes +Interesse für Sie begeistert, als das rein menschliche . . . +Doch horch!</p> + +<br /> + +<h4>Zweite Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Blashammer.</b></p> +<br /> + +<p><b>Blashammer</b> (zu sich selbst). O Himmel, wie geht's +Berg ab!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Verstehen Sie? — Still!</p> + +<p><b>Blashammer</b> (für sich). Vergoß ich meinen Schweiß +umsonst! Bleibt mir für alle Plage kein Brosämchen!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Spiele ich noch falsch mit Ihnen?</p> + +<p><b>Blashammer</b> (für sich). Der dumme Streich kostet +viel! Schon seh' ich mich aus dem hohen Rath verstoßen, +unter die Kleinkrämer der Vorstadt versetzt!</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Tröste Dich, Vater!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> O Tochter, an mir ist Hopfen und +Malz verloren.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Ich werde Dir die Bibel lesen — Soll +ich?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Vergebne Müh' — sie ersetzt mir +meine Schäden nicht . . . Was macht der hier? . . Ich +dachte, unsere Freundschaft lös'te sich gemüthlich auf.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Gott lenkt oft anders als der Mensch +denkt.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Meiner Seel', wir waren nicht wenig +erstaunt, als Ihr Vater heute in unsere Versammlung trat, +mit gebrochener Stimme, gleich einem tief Gekränkten stammelnd, +„hier, Alles was ich schulde bis zum letzten Heller, +vertheilt's unter Euch“ — und die Summe von achtmalhunderttausend +Thaler (indem er eine Handvoll Tresorscheine aus +der Tasche zieht und auf den Tisch wirft) wie eine Hand voll +Pfeffernüsse auf den Tisch warf . . .</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Mein Vater bezahlte? (bei Seite). Ach, +wär's doch der Fall!</p> + +<p><b>Blashammer</b> (rafft das Geld vom Tisch und hält's ihm +vor). Sehen Sie da, er hat mich nicht mehr nöthig.</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (bei Seite). Mit List will er mich aus +dem Felde schlagen — Gefehlt! (laut). Schon mehr als einmal +versuchten Sie mich unwürdigen Mißtrauens voll, auf +entehrende Proben zu stellen. Schätzte ich in Ihnen einen +minder achtbaren Mann und wäre meine Leidenschaft für +Fräulein Adelgunde nicht die heißeste, welche je eines Menschen +Brust gehegt, so würde ich verzagt zurückweichen und — </p> + +<p><b>Blashammer.</b> Pfui, Sie erfrechen Sich Hokuspokus — (Adelgunde +an die rechte Hand nehmend.) Ziehen wir +uns von dem Hanswurst zurück.</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (dieselbe an die linke Hand nehmend). Ich +empfing Ihr Wort und Fräulein meinen Ring.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wir sind quitt! — Was zauderst +Du, Tochter.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Fräulein bleibt . . .</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Gnade!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Noch gehört mir der Titel dieses +Hauses — Sogleich will ich ihm mein Recht beweisen . . . +He, Bediente.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Papa'chen, bring' uns nicht in's öffentliche +Gerede . . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Er kam her, mich zu verhöhnen.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Du irrst.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Woher weißt Du's?</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Mir sagt's das Herz.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ei, Du spielst einen warmen Anwalt.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Papa'chen (etwas leise) er liebt mich.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Er!</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Ja.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Kind, das setzt meinen Ueberraschungen +die Krone auf.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Glaub's mir.</p> + +<p><b>Blashammer</b> (lachend). Die Welt kehrte sich um — nur +ich allein blieb unverändert.</p> + +<p><b>Adelgunde.</b> Welches andere Interesse dürfte ihn noch +für mich begeistern, als das reinmenschliche?</p> + +<p><b>Blashammer.</b> 's ist wahr, ich ward ja zum Bettler! +(bei Seite.) O wie rächt sich die Lüge!</p> + +<br /> + +<h4>Dritte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Questenberg.</b></p> +<br /> + +<p><b>Questenberg.</b> Ah, ich suche Dich nicht hier, mein +Sohn.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Verzeih', hast Du bezahlt?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Der Himmel wurde mein Gläubiger.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> O weh! (bei Seite.) Meine Ehre ist +dahin — rette ich nun ihren Schein!</p> + +<p><b>Questenberg</b> (zu Blashammer). Mein Freund, ich hatte +nicht Ruhe im Bett; das Gewissen trieb mich zu Dir.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Nimm gütigst Platz; das Stehen +greift Dich an.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> 's ist nicht viel, das wir zu verhandeln +haben.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wohl betrifft's nur das Verheirathungsproject.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nur das, . . . Sieh' mein Freund, +bei dem plötzlichen Umschwunge der Verhältnisse, gebietet's +die Vernunft, Religion, Sitte . . . .</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Nicht weiter.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Du bist einsichtsvoll genug — </p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich begreife Alles.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Es beleidigt Dich in keiner Weise, +daß — </p> + +<p><b>Blashammer.</b> Sei unbesorgt.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Unsere Freundschaft wird — </p> + +<p><b>Blashammer.</b> Du hättest deswegen ruhig im Bette +bleiben können — Falls Du Dich erkältetest, messe mir keine +Schuld bei.</p> + +<p><b>Questenberg</b> (sich vom Sessel erhebend). Will's denn +Gott.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wir sind ganz im Reinen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ein andermal erzähle ich Dir, auf +welche wunderbare Art der Allmächtige mich aus den Fallnetzen +neidischer, habsüchtiger, arglistiger Menschen erlös'te.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Unter der Sonne findest Du Keinen, +der Dich teilnehmender anhören wird.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Söhnchen, Du begleitest Deinen kranken +Vater.</p> + +<p><b>Blashammer</b> (zum Doctor). Beliebe es Ihnen mit +Adelgunden zuvor die Ringe auszutauschen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Erfülle des Freundes Bitte, Söhnchen.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Wahrscheinlich kostet's ihm Anstrengung, +denn wie mich die Tochter versichert, soll sich bei ihm +Scherz in Ernst verwandelt haben.</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (die Hand Adelgundens auf sein Herz legend). +Schau', Papa, und verstumme.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Mein Sohn!</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Du zwangst mich zu dieser Wahl und +nun fügte es mein Schicksal, daß ich in Fräulein eine mir +würdige Lebensgefährtin entdeckte.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Steht es so!</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Der verschlagendste Speculant täuscht +sich in jugendlichen Herzen.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Reichen wir uns denn brüderlich die +Hand und segnen das junge Paar.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ich kenne das Leben nicht mehr! . . +(Zum Doctor). Treten wir in den Prunksaal, die Gäste zu +erwarten, welche ich zur Feier unserer Versöhnung sogleich +laden lasse . . .</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Nicht heute — ein andermal.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Ist Deine Krankheit unerbittlich.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Ich leide grenzenlos und habe noch +ein Geschäft, zu dem ich die Hülfe des Sohnes beanspruchen +muß.</p> + +<p><b>Der Doctor.</b> Bin dabei.</p> + +<p><b>Questenberg</b> (vorwurfsvoll). Dir wird's schwer fallen! — Ich +wünsche denn beiderseits Lebewohl.</p> + +<p><b>Blashammer.</b> Glückliche Besserung.</p> + +<p><b>Der Doctor</b> (Adelgunden die Hand küssend). Theures +Fräulein, einen Kuß für tausend . . . Adieu . . . Auf baldiges +Wiedersehen . . . Adieu! (Die beiden Partieen mit Complimenten +nach verschiedenen Seiten ab.)</p> + + + +<hr style='width: 65%;' /> +<a name='Abtheilung_5II'></a><h3>Abtheilung II.</h3> + +<p>Aermlicher Garten an der Hütte des Vater Ziemens. Seitwärts +eine Straße.</p> + +<br /> + +<h4>Vierte Scene.</h4> + +<p><b>Frau Ziemens. Vater Ziemens.</b></p> +<br /> + +<p><b>Frau Ziemens</b> (hastig von der Straße). Väterchen, +Väterchen! Bist Du da? Schnell heraus, eine schreckliche +Mähr!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Pst, leise — Marie schläft.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Im Park soll sich ein Arbeiter erschossen +haben. — Sieh'st Du wie lebendig die Straße wird? +Alle Welt geräth in schaudernde Bewegung. Such' hurtig +Stock, Hut, Wams, wir schließen den Leuten uns an.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Geh' nur allein, ich hüte die +Kranke. — Wußte man des Unglücklichen Namen?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Wohl ist's ein Familienvater, den +der Bankerott des Herren verzweifeln ließ.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Sanft ruhe seine Asche.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Wir allesammt könnten dem Beispiele +folgen. (ab.)</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Des Städtchens schwacher Gemeinde +wär's ein Dienst! — Gott, Gott, arbeiteten wir achtzig +lange Jahre um fremden Menschen jetzt zur Last zu fallen! — Ach, +hätt' ich doch kein Kind! . . . Horch, die Gartenpforte +knarrt — Wer kommt? — Waren Sie im Park?</p> + +<br /> + +<h4>Fünfte Scene.</h4> + +<p><b>Vater Ziemens. Klaus.</b></p> +<br /> + +<p><b>Klaus.</b> Nein, aber dichtbei — hatte eine Scene, ach, +eine Scene, guter Alter, die ihres gleichen sucht!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Ich merke! — (mitleidig lächelnd.) +Wohl ging's mit der Erfindung schlecht, wohl ließ der Amerikaner +euch hart abfallen? — </p> + +<p><b>Klaus.</b> Denken Sie das nicht! Albert reüssirte, viel +Geld gab's, viel, viel Geld, achtmalhunderttausend Thaler, +baar auf der Hand, schönste Banknoten, vollgültigste Papiere — </p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Aber — ?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Haben Sie ein paar Heller bei sich?</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Nein — wozu?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Krambambuli zu kaufen.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Schaffte das Wirthshaus den Kerbstock +ab?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Seit Questenbergs Krisis! Jedes Gläschen +Bittern verlangt's blank vorausbezahlt!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Diese Unbarmherzigkeit! Wie wird +das in Zukunft werden! — Nun, ich will mal' die Haushaltung +revidiren — </p> + +<p><b>Klaus.</b> Thun Sie das, eilen Sie! Je größer die +Flasche, desto angenehmer, und wenn's ein Faß ist, wie das +Heidelberger, so rollen Sie's nur heraus! ich leere es im +Bewußtsein — nicht zu den schwächsten Gliedern unsers +starken Volkes zu gehören! (Will ihn in die Hütte schieben.)</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Halt, nichts gewaltsam! — Wenn +der Albert soviel Geld erhielt, weshalb gab er Ihnen denn +keinen Deut?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Sie sollen's erfahren — erst Krambambuli +herbei!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Schalksnarr, Sie beeulenspiegeln +mich — ?!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Versuchte ich das schon einmal.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Ei, ei, Ihnen ist schlimm zu trauen; +die Welt kennt Ihr Treiben!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Pfui, auch Sie öffneten gewissenlosen Nachreden +das Ohr?!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> So weit Freund Albert damit einverstanden.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Freund Albert! — Alterchen, einen Menschen, +der sich vom gemeinsten Gauner gängeln, aussaugen, betrügen, +unterdrücken läßt, erkläre ich unzurechnungsfähig über +mich zu urtheilen.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Sie werden abscheulich, Klaus.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Was ich nicht blos gestern, sondern schon +lange behauptet, behaupte ich heute erst recht!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Kennen Sie den Spruch, was Du +nicht willst, daß Dir die Leute thun, das thue ihnen auch +nicht?</p> + +<p><b>Klaus</b> (keck). Ja wohl!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Traun, so rechtfertigen Sie die +schreiende Anklage.</p> + +<p><b>Klaus</b> (nachdem er sich verlegen in den Haaren gewühlt, +mit erkünsteltem Lächeln.) Daß Sie's noch immer nicht glauben! — Nun +denn, wir brachten's zu Tage, wir entlarvten den Elenden, +heute — eben — — ich komme vom Schloß! (bei Seite +mit ironischem Lächeln.) Muß lügen, um wahr zu sein!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Wirklich, Klaus.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Ja, wirklich!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Albert entlarvte — ward wirklich +betrogen!?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Betrogen, wirklich betrogen!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Jesus, was erlebt man alles!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Ah, und wie rächte sich dafür Albert!</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Sagen Sie doch.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Er betrog den saubern Patron wieder, indem +er sich vom saubern Patron wieder betrügen ließ.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Das heißt — </p> + +<p><b>Klaus.</b> Ah, 's ist ein feines Stückchen wie Sie seh'n.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Fürwahr, denn ich begreife noch +nichts davon.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Albert verleugnete seine Meisterschaft, führte +zum saubern Patron den Amerikaner, ließ es sich gefallen, +daß derselbe 800,000 Thaler, sage 800,000 Thaler für die +Erfindung — </p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Unmöglich!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Ja, es geschah! es konnte gescheh'n! — Ich +gerieth außer mir, protestirte mit Löwengebrüll, bat, drohte, +beschwor die Geister des Himmels und der Erde, umsonst! +Kalten Lächelns stand der Wahnwitzige da, gab treulos mich +dem Spotte, der brutalen Gewalt des frechen Schurken preis, +duldete, daß man mir — </p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Genug! — Wo weilt Albert, führen +Sie mich zu ihm!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Noch ist er wohl auf dem Schloß.</p> + +<p><b>Vater Ziemens.</b> Kommen Sie, kommen Sie, unter +meinen Augen erfand er den Webestuhl, ich bezeug's vor +Gott und den Menschen, mir soll er's nicht leugnen!</p> + +<p><b>Klaus</b> (im Abgehen). Wahrheit du siegst!</p> + +<br /> + +<h4>Sechste Scene.</h4> +<br /> + +<p><b>Marie</b> (sauber gekleidet, — wild erregt geht sie einige Male +auf und nieder). — Wolltest ihn besitzen und entsagtest ihm — seine +Zukunft retten und kränktest seine Hoffnungen — sein +Glück und stießest ihn in's Verderben! Was thatst Du, +Unglückselige! Und noch zur Kirche, noch beten willst gehen! +Wer thront über deinem Haupte, wer lenket, führet dich! +Ist's ein Wesen der Vernunft, ein Geist des Guten, ein +himmlischer, versöhnender Geist! — O keinen Schritt, kehre +um, bleibe heim! Hinweg, thörichtes Buch! Als sorgloses +Kind fand ich Trost in dir, doch jetzt schlägst die Wunde nur +tiefer, an der ich blute! . . (Volksgetöse.) Was bedeutet das? +Welch' ein Haufe Volks wälzt sich die Straße herauf! Auch +Mütterchen dabei?</p> + +<br /> + +<h4>Siebente Scene.</h4> + +<p><b>Marie. Frau Ziemens. Albert</b> (in einem Korbe getragen).</p> +<br /> + +<p><b>Marie.</b> Was geschah! — Wen bringest Du?</p> + +<p><b>Frau Ziemens</b> (zu den Trägern). Setzt hier die Bürde +nieder und habt tausend Dank, wackre Männer! — Ach +Tochter, Du wardst für eine schwere Zeit geboren! — Doch +erschrick nicht — bleib' standhaft — </p> + +<p><b>Marie.</b> Ist's der alte Vater?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Nein, Tochter — (das Tuch abhebend.) +Albert — Dein Albert! Still, halte Dich still — er lebt +noch — wins'le, klage nicht — schone ihn — er bedarf +zärtlichster Pflege — schone, schone ihn! — Ha, bereits regt +er sich — </p> + +<p><b>Marie.</b> Wie geht's Dir, mein Theuerster? — —</p> + +<p><b>Albert.</b> Welche Stimme?</p> + +<p><b>Marie.</b> — Kennst Du sie nicht mehr — Traun, +schlag' Dein Auge auf! Ich bin — bin Marie — die +Gottverlassene, welche heuchlerisch, grausam, unnatürlich — blos +um Dich zur Verzweiflung zu treiben — blos um Dich +zu zermalmen — ja, blos, blos deshalb, Albert — den +braven Eltern sich — als Verbrecherin sich — — — Albert, +dem Doctor, — ich vergab ihm nichts! — Seine Versuchungen — ich +wies sie ab — wies sie ab, Albert, wie es +Deine — wie es meine Ehre gebot!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Tochter, o Tochter!</p> + +<p><b>Marie.</b> Ach, wie blind, wie blind war ich!</p> + +<p><b>Albert.</b> Sei's jetzt nicht, Mädchen!</p> + +<p><b>Marie.</b> Jetzt, Albert, jetzt sehe ich klar — Du bist +der Edelste der Edlen!</p> + +<p><b>Albert.</b> Was — was versichert Dich dessen? — Sage +nicht Dein Herz! das richtete über mich! — Sage nicht +Dein Herz! — Wer Jahre lang die köstliche Zeit müßigen +Spiels verträumte, nichts, nichts unternahm, die Hoffnungen +zu erfüllen, die ein theures Mädchen in ihn setzte — plötzlich +das Bündel packte und ging — dann wiederkehrte — wieder — auf +Grund eines — o die Scham erstickt mir das +Wort! — Wer so handelte, war ein entnervter Sclave des +Elends, ein schnöder Kuppler des Lasters und mußte, mußte +verdammt werden! — Keine Reue, kein Mitleid mir! Wohl +erkannte ich meine Schuld!</p> + +<p><b>Marie.</b> Eben, — sühntest Du sie nicht!</p> + +<p><b>Albert.</b> Ach ich wollte es! griff zur Waffe, eilte in +den Park — </p> + +<p><b>Marie.</b> O Gott!</p> + +<p><b>Albert.</b> Aber nicht zu sterben wußte — nicht zu +sterben der Feige! Häkeliche Zweifel lähmten seine Hand +und er — er verfehlte — verfehlte sich! . .</p> + +<p><b>Marie.</b> Das fügte der Allmächtige zu unserm Heil! — O +richte Dich männlich auf, komm' unverzagt an meine +Brust, vergiß in Liebe die Schmerzen, welche wir unter der +Herrschaft einer verderbten, mißgünstigen Welt uns widerwillig, +gezwungen bereiteten!</p> + +<p><b>Albert.</b> Mädchen, was sprichst Du! Wanken die +Grundfesten Deiner Tugend; zehrt des Irrthums Schlange +Dir am Lebensmark! Hinweg, schüttle sie ab; entfliehe meiner +unheiligen Nähe! — — — O Frau Mutter, wohin brachten +Sie mich! — </p> + +<p><b>Marie.</b> Ha, das — das ist Rache! — </p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Er besinnt sich, Tochter; es wird +noch alles gut!</p> + +<p><b>Marie.</b> Noch alles gut!? Mütterchen, seine Worte +sind tief erwogen! — Ach, er hat mich nie — nie geliebt!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Reich' ihr die Hand der Versöhnung, +treib's nicht weiter! — O thu's für die alten Freunde, die +in ihrem Leben noch keine, keine Freudenthränen geweint! — </p> + +<p><b>Marie.</b> Laß ihn — der Stab ist gebrochen — frohlocke +er nur!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Albert, bist Du taub!</p> + +<p><b>Marie.</b> Ich sage, laß ihn. — Erweise mir's zu Gefallen! — Ach, +begreifst Du denn noch nichts?</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Sein Geist erkrankte gleich dem +Deinen!</p> + +<p><b>Marie.</b> Mütterchen, er verstellt sich, wie ich mich +verstellte!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Er? — O Tochter!</p> + +<p><b>Marie.</b> Welches häkelichen Zweifels wegen verfehlte +er sich wohl! (lächelnd) Darüber frage ihn aus, ich bitte!</p> + +<p><b>Frau Ziemens</b> (sich vor die Stirne schlagend, als würde +ihr plötzlich ein Räthsel gelöst). ... Sollte das möglich — Aber +nicht doch, Tochter, Du schwärmst!</p> + +<p><b>Marie.</b> Untersuche seine Wunde! Du findest keine — das +Blut da an seinem Kleide ist falsches Blut! — Wollen +wir wetten? — — O glaub' mir, ich durchschaue alles, die +ganze Comödie! — — Gefehlt! gefehlt! — Mit dieser Kunst, +armseliger Gaukler, bestichst — gewinnst Du mich nicht! — Nimm +Deinen Korb nur untern Arm und ziehe, wohin Du +gehörst, ins Reich der Finsterniß! — — (Sie stößt mit dem +Fuße an das Gebetbuch, welches sie vorher wegwarf). Was ist +das? — Wie kommt das — das hierher. . . Ha, woran's +mich erinnert! — Albert, Albert, ich rase! — Weh, hab' +ich keine Vernunft, kein Gedächtniß mehr! — Schütze, o +Mutter, schütze mich vor mir selbst! . . . (Fällt der Mutter +betäubt in die Arme.)</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Himmlische Mächte, giebt's keinen +Frieden für sie! — — — O nur herbei, wackerer Klaus, +hier stieg die Noth auf's Höchste!</p> + +<br /> + +<h4>Achte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Klaus.</b></p> +<br /> + +<p><b>Klaus.</b> Mich sendet kein guter Engel! Erwarten Sie +von mir weder Hülfe noch Trost! Die Botschaft, welche ich +bringe — doch zuvor geleiten wir die Jungfer in die Hütte — es +wird für sie zu viel!</p> + +<p><b>Marie.</b> Was mich noch treffen kann, ist nicht das +Schlimmste mehr! Berichten Sie nur, Klaus!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Nun denn, die Geschichte mit dem Amerikaner +hatte den wundersamsten Erfolg — es klänge uns, so wahr +ich Klaus heiße, ein Milliönchen in der Tasche, ja, ja, ein +Milliönchen — </p> + +<p><b>Marie.</b> Ich verstehe nichts! . . . Wer ist der Amerikaner? +welches die Geschichte?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Frau Mutter weiß bereits davon. . .</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Ihr's zu erzählen hielt ich für Narrheit, +denn ich konnte nicht glauben, Klaus, nicht glauben — </p> + +<p><b>Klaus.</b> Es war keine, keine, Frau Mutter! Alles +ging nach Wunsch und wider Erwarten . . .</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Alles nach Wunsch!?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Bis auf zwei Todte leider!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Zwei To — wie?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Den einen haben Sie schon, der andere ist +unterwegs.</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> Wer? — O sagen Sie!</p> + +<p><b>Marie.</b> Hastigen Schrittes, ich sah's durch's Fenster, +entfernten Sie sich mit dem Vater — </p> + +<p><b>Klaus.</b> Zu dienen.</p> + +<p><b>Marie.</b> Wo blieb er!?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Beim Herrn im Schloß, zu seinem — unserm +unseligsten Verhängniß!</p> + +<p><b>Frau Ziemens.</b> O mein Kind!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Beten Sie für ihn!</p> + +<p><b>Marie.</b> Sein Leben war ehrenvoll, dessen bedarf's nicht!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Wahrlich, könnte man gleich ihm sich rühmen, +so athmete leichter das Herz! Er war ein frommer Dulder, +hatte stets große Gefühle, schöne Gedanken, krümmte sich +nicht wie unsereins, dem schwachen Wurme gleich im Pfuhle +der Verdammniß und hungerte nach Staub! — Doch schirmt +mich Geister!</p> + +<br /> + +<h4>Neunte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen ohne Frau Ziemens.</b></p> +<br /> + +<p><b>Marie.</b> Hörtest Du, Albert?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Er! oder nur sein Gespenst?!</p> + +<p><b>Marie.</b> Er selbst, Klaus! Die Kugel tödtete ihn nicht.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Und so starb der Alte denn umsonst!</p> + +<p><b>Albert.</b> Wirklich, ist's wirklich wahr!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Wie Dein Verdienst am neuen Webestuhl! — Der +edle Greis, dasselbe mir vor Questenberg bezeugend, +wie's meine Ehre fordert, wird von der Kunde Deines +Frevels überrascht, taumelt schwindelnden Haupts, erseufzet +beklemmt: „verloren mein Kind!“ und liegt entseelt mir +im Arm.</p> + +<p><b>Albert.</b> O schauder — schaudervoll!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Höchst schaudervoll!</p> + +<p><b>Marie.</b> Gemach, Klaus! Keine Vorwürfe, keinen +Zorn! — Ihre Hand, braver Mann! — Gönnen wir dem +Schicksal den schrecklichen Triumph, preisen die Vorsehung, +welche nicht anders es fügte!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Immerhin! sagt der Beklagenswerthe dazu Amen.</p> + +<p><b>Marie.</b> Was bleibt ihm übrig in seiner Ohnmacht!</p> + +<p><b>Albert</b> (wirft sich ihr zu Füßen).</p> + +<p><b>Marie.</b> Nicht also! Stehe auf! Alles ist gut! — Welcher +Gewinn, trotzten wir ferner unerforschlichem Rathschluß!</p> + +<p><b>Klaus</b> (ihn aufhebend). Folge ihrem Wunsch; Du sühnst +nicht anders das Geschehene!</p> + +<p><b>Albert.</b> Weh, wehe mir! — Ach, es straft mich härter +als der Tod — bricht meine Seele in tiefster — tiefster +Brust! — Marie, Marie, unsere Sonne — dort ging +sie unter!</p> + +<p><b>Marie.</b> Blicke dorthin, Theurer, dort erscheint ihr +feurig Antlitz Dir von neuem, herrlicher als je zuvor! Vertrau' +dem Schöpfer nur und seinen himmlischen Gesetzen, die +er geheimnisvoll vor Deinem Auge birgt!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Ein trefflich, ein erhaben Wort! Die einzige +Wahrheit, welche feststeht! Wie auf Kälte Hitze, Winter +Sommer, folgt nach Trauer auch die Freude wieder! Ewigem +Wechsel ist alles unterworfen, Himmel und Erde, Thron und +Scepter, Rechte und Knechte! Heute ein kümmerlicher Lazarus, +nach einem Jahr vielleicht ein vornehmer Herr, mit prächtigen +Rossen stolz umherkutschirend und gleich dem duftigsten Dandy, +bei den ersten Damen unserer Stadt in Schwung! Gesetzt +nur, Du spanntest jetzt die Segel straff, steuertest als echter +Römer, kühn von Entschluß und That, in Frau Fortuna's +Hafen, hieltest dann mir Dein gegebenes Versprechen, daß +ich am Lottospiel der Börse mich betheiligen könnte — He, +sollte zum Ergötzen Lucifers nicht bald mein hageres Gesicht +in einen Vollmond sich verwandeln, der durch seines Glanzes +schnell erborgter Fülle, aller Weisheit feigen Schneckengang, +aller Tugend unfruchtbares Darben, aller Priester wirkungslose +Predigt, geringschätzig belächelt! — Was meinest Du! +Wenn wir sogleich uns auf die Füße machten und retteten +was noch zu retten! Wie? Gieb einen Laut von Dir! — Darf's +nicht um meinetwillen sein, so thu' es für Marie und +ihre Mutter, der Du den sicheren Ernährer raubtest! — Komm'! — Leih'n +Sie ihm den Arm nur, Jungfer.</p> + +<p><b>Marie.</b> Wohin? errieth ich Ihre Absicht.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Nachher davon.</p> + +<p><b>Albert.</b> Klaus, Klaus, es ist zu spät.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Das Mögliche niemals! Und wer da weiß, +daß alles möglich, achtet keine Stunde! Hurtig, Jungfer; +folgt er in Güte nicht, so üben wir Gewalt!</p> + +<p><b>Albert.</b> Wie ich Dir sage, Klaus.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Bring' mich nicht auf! Komm', sei gehorsam! +Ohne Genugthuung für die mir zugefügte Schmach entrinnst +Du meinen Händen nicht! Ich schwör's bei einem Buckel +Schläge Dir! Ja, ja, das merke!</p> + +<p><b>Albert.</b> Ließe sich Geschehenes noch ändern!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Bube, ich handle nach Gewissen!</p> + +<p><b>Marie.</b> Welch ein Erkühnen!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Hindern Sie mich nicht, Recht und Gerechtigkeit +zu üben!</p> + +<p><b>Marie.</b> Ich respectire die Freiheit Ihrer Person und +fordere ein Gleiches für ihn!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Das darf nicht geschehn.</p> + +<p><b>Marie.</b> Sie sind ein Tyrann!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Ich würde mich zum Verbrecher an mir selber +machen, erduldete ich schweigend, daß Jemand — und wär's +mein Feind — schnödester Spitzbüberei, wie der, zum +Opfer fiele!</p> + +<p><b>Marie.</b> Ihre Verblendung ist groß!</p> + +<p><b>Klaus.</b> So klein Ihre Erkenntniß!</p> + +<p><b>Albert.</b> Gebiete Deiner Hitze, ehrenwerth'ster Freund, +und vermittle Dich mit uns'rer Ansicht!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Strotzend voll Bibel- und Magisterweisheit! +Habe Dank, ich bin ein Heide, unempfänglich für solchen Tand!</p> + +<p><b>Albert.</b> Traun, so erwäge, daß die Achtmalhunderttausend +bereits verschlungen wurden von den Gläubigern!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Bereits!</p> + +<p><b>Albert.</b> Sie waren just versammelt, als wir das Geld +dem Herrn brachten. . . Das weißt Du nicht?!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Wohl, wohl! Schon erinnere ich mich! Ja, +verlor'ne Müh' wär's, gingen wir die Schenkung widerrufen! +Hin ist hin! Sinke Hoffnung; ihr luftigen Schlösser brechet +zusammen, Klaus baute auf Sumpf! — Man sollte es aber +nicht denken! Ein Mensch, so viel erfahren, so reich begabt, +nennt edelmüthig unter Schurken — christlich! Entsagung +persönlichen Vortheils, irdischer Freude — gottgefällig! Selbstmord — höchstes +Rechtthun! vernünftig denken, bedeutsam +wirken — ruchlos, verbrecherisch! das kalte Grab allein — Erlösung +aus Sünde und Elend! — O hätte doch ein Kind, +das schmeichelnd seiner Mutter Brust begehrt, ihm lehren +können, wie hohl und nichtig er berathen! Ach, ach, ist es +ein Fluch der menschlichen Natur, daß sie, je reifer, desto +sinnbethörter wird! — Traun, Du warst Dir consequent bis +in den Park; doch weil die Kugel Dich verfehlte, was weiter +nun!? Durch welch' ein Mittel, gleich dem großen Märtyrer +hinab zur Hölle, dann gen Himmel fahren! — Bist Du von +Gott gesandt, die Welt frisch zu entsühnen, so sprich! wenn +nicht, verschreib' dem Teufel Deine Haut und ducke unter in +den Schlamm, dem Du entkrochst!</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich that es Freund, mit einem Herzen aber, +das es leugnet! — Halb Thier, halb Engel, ein Zwitter von +Licht und Nacht, schlepp' ich mein Leben unter Schmerzenskrämpfen +weiter, ringe mit Himmel und Erde um ein unerkanntes +Ziel, verschwinde dann, wie ein Gebilde flücht'ger +Fantasie, im dunkeln Strom der Zeit! — Was hast Du . . .</p> + +<p><b>Klaus.</b> Kehre Dich um und sieh!</p> + +<p><b>Albert.</b> Gott, Gott! — Wie findest Du das?</p> + +<p><b>Klaus.</b> Erst wissen, was er bringt. . .</p> + +<p><b>Albert.</b> Vielleicht Befried'gung Dir, wonach gewaltsam +Du vergeblich rangst!</p> + +<br /> + +<h4>Zehnte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen. Frau Ziemens. Questenberg u. Sohn.</b></p> +<br /> + +<p><b>Questenberg.</b> Wo ist der brave Mensch! — Ach +liebster, bester Albert, ich feiere den hundertjährigen Geburtstag, +werde nun kahlköpfig und in Krücken gehn.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich handelte zu grausam, mein Gebieter.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Fast möchte ich's behaupten.</p> + +<p><b>Albert.</b> Es reuete mich gleich — woher denn wohl +zur Reue über diese Reue, der böse Geist mir hindernd in +den Weg trat!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Hörst Du, Sohn? Bin ich kein Seelenkenner! . . . +Nein, nein, der sanfte Albert konnte sich nicht +tödten! — Ich erwog es reiflich; säumte deshalb Lärm zu +schlagen, hielt mich hübsch zu Hause, hübsch, hübsch, hübsch! — Ach +mein Jesus, wär' ich aber nur gleich einem Rasenden +durch Straßen, Feld und Wald nach ihm hübsch suchend +umgeirrt und ausgewichen hübsch dem finstern Zufall! Ach, +ach, warum doch sind wir Menschen immer hübsch gescheidt!</p> + +<p><b>Albert.</b> Es leiht den Dünkel uns, daß mehr wir +seien als wir sind!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Zu ew'ger Täuschung! — Weh, +o weh! — Dieser alte würdige Mann! — Woher die +Kraft mir kam, das zu bestehn!</p> + +<p><b>Albert.</b> Des Unglücks Schauder wachsen in die Ferne; +unmittelbar ergreifen sie uns wenig!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wenn das der Fall ist, zittre ich und +bebe! Mein armer Kopf will jetzt bereits — ein Stündchen +erst nach dem Ereigniß — in wilder Fiebergluth aus allen +Fugen gehn!</p> + +<p><b>Albert.</b> Vernehm' ich dies von Ihnen; welche Sprache +bleibet mir noch übrig?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Wie das, mein Goldfisch.</p> + +<p><b>Albert.</b> Ruht nicht auf mir die größte Schuld!?</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Auf Ihnen!</p> + +<p><b>Albert.</b> Ja oder nein — gleichviel! ich messe sie mir +zu, da ich so gut als Sie und alle wir geborne Heuchler sind.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Albert, Albert, ich ward ein Anderer! +Hier den Beweis! (Er zieht ein Portefeuille mit Geld aus der +Tasche und reicht's ihm). Ein Theil der Gläubiger, bereuend +ihres Mißtrau'ns Ungestüm, gab mir das Geld zurück.</p> + +<p><b>Albert</b> (bei Seite). Verletzte Eitelkeit scheinheil'gen +Herrenstolzes — nichts — nichts weiter! Ach, schaute ich +den Grund von keiner That!</p> + +<p><b>Questenberg</b> (zudringlich, da Albert das Geld zu nehmen +zögert). Demüthigen Sie mich nicht tiefer!</p> + +<p><b>Albert.</b> Ich lehnte es schon einmal ab.</p> + +<p><b>Klaus</b> (ironisch). Hast Du ein Herz von Stein!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Entledigen Sie mich der Sündenlast!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Sei christlich!</p> + +<p><b>Albert</b> (nimmt das Geld und reicht es Klaus, der erschrocken +zurückbebt). Da! für Dich!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Alles!</p> + +<p><b>Albert.</b> 's ist Dir noch lange nicht genug! Geh' hin +und häufe mehrend es bis in den Himmel!</p> + +<p><b>Klaus.</b> Bruder, Bruder, ich wurde schwach geboren! . . . +(Mit tiefer Verbeugung nehmend). Hab' besten Dank! . . . +(Umhüpfend und das Geld zählend). Lauter giltige Papiere — fünf — zehn — zwanzigtau — Kinder, +helft! führt zu den +Nachbarn mich, die nicht mehr borgten, daß ich den Mammon +ihnen zeige, wie mit der Meduse Schlangenhaupt, sie wandele +zu Stein! Ach Gott, mit einmal reich! Nie lernte ich +an etwas glauben und nun, nun bin ich dieser Lumpen +Gläubiger! — Wie abgegriffen und welch' Inbegriff! — Gift +für den Staat und Medicin für mich! — Adieu, mein +Bruder! Der Augenblick zu großen Unternehmungen ist +günstig; ich reise morgen nach Paris und spekulire auf das +Kaiserreich! Kommt es zu Stande, was der Himmel fügen +möge, so zahl' ich von Napoleon's Gnaden alles Dir zurück +und trage Sorge, daß Du bald den Herrn Questenberg +hier spielst!</p> + +<p><b>Albert.</b> Leb' wohl und bleibe der Du warst.</p> + +<p><b>Klaus.</b> Dein Freund auf ewig!</p> + +<br /> + +<h4>Eilfte Scene.</h4> + +<p><b>Die Vorigen ohne Klaus. Abenddämmerung.</b></p> +<br /> + +<p><b>Questenberg.</b> Ob Sie des Mitleids würdig oder +der Bewunderung, ob Weisheit oder Wahnsinn Sie beherrschet, +zag' ich zu entscheiden.</p> + +<p><b>Albert.</b> Im Geben, nicht im Nehmen, theurer Herr, +bestehen meine Freuden.</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Gedächten Sie auch meiner dann in +Großmuth!</p> + +<p><b>Albert</b> (ihm gerührt die Hand schüttelnd). Verzeihung, +ach, was wäre das! ein leerer Schall! Nein, dienen wir +fortan der Zeit als echte Menschen, streben ihrer kranken +Glieder große Noth durch gutes Beispiel, Rath und That +zu mildern, und schnell verwandeln die gewalt'gen Schmerzen, +welche unser Herz entzwei'n, in Achtung sich und Bruderliebe!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Amen! Amen! Sie braver, wackerer +Mann! Auf solch' ein bibelfestes Wort, komm her und reich' +auch Du die Hand ihm! — So! so! so! Und nun, senke +dich, o Nacht; der Friede ward geschlossen! — </p> + +<p><b>Albert.</b> Träumen Sie von Paradiesesengeln!</p> + +<p><b>Questenberg.</b> Geleit' mich, Sohn; ich bin ein wenig +schwach zu Fuß . . . Doch still, etwas vergaß ich noch . . . +Hier, der Erstling unsres neuen Webestuhls! — Die Welt +wird sich darin entzückt im Spiegel schau'n!</p> + +<p>(Albert nimmt das Stück Zeug, welches Questenberg vor ihm +entfaltet, wischt seine Thränen damit und tritt zu Marie, die in +des Doctors Nähe steht.)</p> + +<p><b>Albert.</b> Mädchen! — Sieh, sieh her! — Der Stoff +zum Kleide für die Hochzeit und — zur Todtenfeier Deines +Vaters! . . .</p> + +<p>(Dumpfe Stimmen im Hintergrunde. Man ruft: „Platz da, +macht Platz!“ — Aus weiter Ferne kündigt sich ein Gewitter +an. — Die Leiche des Vater Ziemens, auf einem goldenen Stuhle +sitzend, wird von Questenberg's Dienern unter Fackelschein hinten +über die Scene getragen.)</p> + + + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Bankerott, by Florian Müller + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER BANKEROTT *** + +***** This file should be named 13661-h.htm or 13661-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/1/3/6/6/13661/ + +Produced by PG Distributed Proofreaders. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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