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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:39:27 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:39:27 -0700
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 12268 ***
+
+Hohe Sommertage
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+Neue Gedichte
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+von Gustav Falke
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+Hamburg — Alfred Janssen — 1902
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+Seinen lieben Freunden
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+Karl und Elisabeth Schütze
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+herzlichst zugeeignet.
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+Inhalt
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+Sommer
+Der Parkteich
+Trüber Tag
+Vergebliche Bitte
+Liebesgestammel
+Waldgang
+In tiefer Scham
+Aus tiefer Qual
+Im Entschlummern
+Bitte
+Erinnerung
+Besitz
+Ausklang
+Zu Hause
+Heimkehr
+Vor Schlafengehen
+Mondlicht
+Musik
+Es schneit
+Die Weihnachtsbäume
+Meinem Sohn zur Taufe
+Die Mutter
+Steernkiker
+Lengen
+Verbaden Leew
+An de Gorenport
+Go' Nach
+Lütt Ursel
+De Snurkers
+De lütt' Boom
+De Stormfloth
+Ritornelle
+Frühlingstrunken
+Ein silbernes Märchen
+Pfingstlied
+Wunsch
+Seele
+Irrende Seele
+Rosentod
+Auf meinen ausgestopften Falken
+Morgen zwischen Hecken
+Und gar nicht lange
+Die bunten Kühe
+Auf der Bleiche
+Wäsche im Wind
+Winterwald
+Winter
+Die Netzflickerinnen
+Das Mädchen mit den Rosen
+Das Nixchen
+Feierabend
+Das Mädel
+Im Schnellzug
+Reigen
+Der Backfisch
+Der seltene Vogel
+Idyll
+Pusteblumen
+Konsequenz
+Die Räuber
+Denkmalkantate
+Bescheidener Wunsch
+Zweimal ist vier
+Prolog zur Nietzsche-Gedenkfeier
+Prolog zur Böcklin-Gedenkfeier
+Der Trauermantel
+Tag und Nacht
+Das Birkenwäldchen
+Der Freier
+Der Frühlingsreiter
+Scherz
+Die Schnitterin
+Das Geisterschiff
+Die treue Schwester
+Sara Limbeck
+Thies und Ose
+Wie die Stakendorfer die Lübecker los wurden
+Das Opferkind
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+
+
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+Sommer
+
+
+Ihr singt von schönen Frühlingstagen,
+Von Blütenduft und Sonnenschein,
+Ich will nichts nach dem Frühling fragen,
+Nein Sommer, Sommer muss es sein.
+
+Wo alles drängt und sich bereitet
+Auf einen goldnen Erntetag,
+Wo jede Frucht sich schwellt und weitet
+Und schenkt, was Süßes in ihr lag.
+
+Auch ich bin eine herbe, harte,
+Bin eine Frucht, die langsam reift.
+O Glut des Sommers, komm! Ich warte,
+Dass mich dein heißer Atem streift.
+
+
+
+
+Der Parkteich
+
+
+Ein stiller Teich träumt im verlassnen Park,
+Von sonnendunklem Laub dicht überschattet.
+Nur manchmal, wenn der Wind heftiger rauscht,
+Huscht ein verlorner Lichtstrahl übers Wasser,
+Und zittert ein erschrockenes Wellchen auf
+Und hastet ängstlich in das Uferkraut.
+
+Einsamer Weg führt um den stillen Teich,
+Gleich ihm von hängenden Zweigen überdämmert.
+Halbausgelöschte Spuren sind im Weg
+Vom Regen halb verwaschen und vom Wind
+Sacht überstäubt. Von wem erzählen sie?
+
+Mir ist, als müsste diese große Stille
+Ein Mädchenlachen plötzlich unterbrechen,
+Aus ihrem grünen Traum aufstören. Wenn der Wind
+Das Laub ein wenig hebt, und in dem Spiegel
+Des dunklen Teichs ein Licht aufblitzt, gedenk ich
+Eines tieflieben, jungen Augenpaares,
+Das ich aus einem stillen Mädchentraum
+Manchmal aufleuchten sehe, und ich meine,
+Es hätte hier wohl einmal vor dem Bild
+Parkstillen Friedens lieblich sich erhellt.
+
+Ein sanftes Wellchen hebt sich an das Ufer.
+Will es den Platz mir zeigen, wo sie stand?
+Wo sie gesessen? Leise rauscht das Laub.
+Es ist ein Flüstern. Ach, was flüstert's doch?
+Nichts. Nur ein Laub im Wind. Doch in mir wacht
+Ein Holdes auf und sucht nach Worten, findet
+Nur einen lieben Namen, und der schwebt,
+Leise dem Wind vertraut, über den Teich.
+
+Bewahr den Namen, märchentiefe Stille,
+Bewahre ihn, dass er, ein süßer Laut
+Der lieblichen Natur, hier Heimat hat.
+Und kehrt sie wieder, wandelt einmal noch
+Durch diesen Frieden, der nun doppelt heilig,
+Mag sie, wie ich heut, lauschend stehn und fragen:
+Was flüstert doch das Laub? Und mag erröten
+Und lächeln, meint sie, übern Teich her ruft
+Ein andrer sie mit Namen.
+
+
+ Leise rauscht
+Das sommerdunkle Laub rings um den Teich.
+Ein Sonnenlächeln zittert auf dem Spiegel.
+Und horch! Ein Mädchenlachen? Nein, Herz, nein.
+Traumstille Einsamkeit nur atmete
+Einmal aus ihrem Frieden selig auf.
+
+
+
+
+Trüber Tag
+
+
+Ein feuchtes Wehen wühlt im Laub und streut
+Ins nasse Gras ringsum den Tropfenfall,
+Und wo noch gestern laute Lust, träumt heut
+Schwermütiges Schweigen überall.
+
+Die frühen Rosen frieren so im Wind.
+Gestern, als heißer Mittag darauf lag,
+Brach ich die schönste dir. Wo bist du, Kind?
+Wo ist die Rose? Wo der helle Tag?
+
+Auch morgen, wenn die Sonne wieder scheint,
+Und ganz voll Duft mein kleiner Garten ist,
+Ruft dich mein Herz und weint
+Und weiß nicht, wo du bist.
+
+
+
+
+Vergebliche Bitte
+
+
+Maiblumen, deinem Herzen nah,
+Blühten an deinem Kleide.
+Ich bat: „Schenk mir den Frühling da.“
+„Nein,“ riefst du mir zu Leide.
+„Es war nur Spiel, war nur zum Scherz,
+Dass ich mich damit schmückte.“
+Und wie ein Stich ging mir's durchs Herz,
+Als deine Hand die Blumen schnell
+Vom Busen riss und auf der Stell
+Zerpflückte, zerpflückte.
+
+Was gabst du mir die Blumen nicht,
+Mir, dem die Jugend schwindet,
+Und der auf deinem Angesicht
+Ihr letztes Glück noch findet?
+Mir war's, als so umsonst ich warb
+Um diese Frühlingsspenden,
+Als ob nun mit den Blumen starb
+Auch meiner Jugend goldner Tag,
+Und seine letzte Blüte lag
+Zerpflückt von deinen Händen.
+
+
+
+
+Liebesgestammel
+
+
+Es ist alles nicht auszusagen,
+Was ich um dich gelitten.
+Du musst meine schlaflosen Nächte fragen,
+Da ich mit Beten um dich gestritten,
+Mit Wünschen und Sehnen und Hoffen viel
+Trieb ein thörichtes Liebesspiel.
+
+Und wenn ich dann an deiner Seite
+Wunderseliges tief gespürt,
+Und, wie auf seinem Teppichgebreite
+Des Moslems Stirn die Erde berührt,
+Vor dir anbetend die Seele geneigt,
+Die sich so gern in Stolz versteigt,
+Da ist mir so recht in Wonnen und Bangen
+Das Wesen der Liebe aufgegangen.
+So willenlos, keusch, himmelsrein
+In eine Seele versunken sein,
+Holdeste Zweieinigkeit
+Ohne Sinnenwiderstreit.
+
+Aber getrennt, ging ich umher
+Eine einsame Seele, die keiner versteht.
+Sie bangt um ihren Himmel sehr
+Und weiß nicht, wo die Straße geht,
+Schlägt in rastlosem Sehnsuchtsspiel
+Tausend Brücken nach ihrem Ziel,
+Über die mit zitternden Knien
+All ihre weinenden Wünsche ziehn.
+
+Ich bin dein,
+O wärst du mein!
+Hülfe mir Beten, hülfe mir Bitten —
+Aber ich will mich des Hoffens entschlagen.
+Es ist alles nicht auszusagen,
+Was ich so lange um dich gelitten.
+
+
+
+
+Waldgang
+
+
+Heut bin ich durch den fremden Wald gegangen,
+Abseits von Dorf und Feld und Erntemühen.
+Den ganzen Tag trug ich ein Herzverlangen
+Nach diesem Gang. Nun stahl das erste Glühen
+Des Abends heimlich sich ins Dämmerreich
+Des Buchenschlages, und das Laub entbrannte
+In einem roten Gold ringsum, und gleich
+Glühwürmchen lag's auf Moos und Kraut. Ich kannte
+Nicht Weg und Steg und ließ dem Fuß den Willen,
+Der ziellos ging, indes die Augen schweifen.
+Hier stand ich still und sah, erschreckt vom schrillen
+Raubvogelruf, den Weih die Wipfel streifen.
+Dort lockte mich die schwarze Brombeerfrucht,
+Ein Schneckenpaar, das einen Pilz bestieg,
+Und eines späten Falters scheue Flucht.
+Und um mich war das Schweigen, das nicht schwieg,
+Das Laute spann, spinnwebenfeine Laute,
+Womit es sich dem alten Wald vertraute.
+
+Und als ich stand und so der Stille lauschte,
+Ganz hingegeben ihrem Raunen, lenkte
+Ein Buntspecht, der durchs niedere Laubdach rauschte,
+Meine Auge nach sich, und nun es sich senkte,
+Sah ich zwei Herzen in des Bäumchens Rinde,
+Verschränkte Herzen, heut erst eingeschnitten;
+Es tropfte noch das Blut der jungen Linde,
+Die fremder Liebe willen Schmerz gelitten.
+Und als ich weiter schritt, gab mir zur Seite
+Ein junges Angesicht traumhaft Geleite.
+
+Und Zwiesprach hielt ich mit dem Weggesellen
+Von kranken Nächten und vergrämten Tagen,
+Und ließ das rote Blut der Liebe quellen
+Und alle Wunden meines Herzens klagen.
+Und Tempelstille heiligte den Wald,
+Nur meiner Seele große Qual ward laut.
+Der holde Schatten ward zur Lichtgestalt,
+Und ihr zu Füßen sank ich in das Kraut
+Und flüsterte: „Geliebte“. Stammelte:
+„Geliebte. Liebstes. Seele. Hör mich an.
+Ich kann nicht mehr. Die Wege, die ich geh,
+Sind so voll Dornen. Sieh mein Blut; es kann
+Nicht still werden.“ —
+
+ — So lag ich, lag
+Am Wege so; und um mich starb der Tag.
+Da stand ich auf und war allein und ging
+Auf schmalem Pfad, der durchs Gestrüpp sich wand,
+Dem Ausgang zu. Dort überm Felde hing
+Der stille Mond und kleidete den Rand
+Des Waldes weit in Frieden und in Licht,
+Mir aber kam die selge Ruhe nicht.
+
+Am Waldrand stand, flimmernd im Mondenschein,
+Ein Eichbaum. Von der rissigen Rinde hub
+Ein eingekerbtes Kreuz sich ab. Allein
+Die Klinge, die dem Stamm die Wunde grub,
+War abgebrochen, und das rostige Stück
+Stak unterm Kreuz noch in dem alten Baum.
+Was redete das Kreuz? Von totem Glück?
+Von totem Leid? Von einem toten Traum?
+
+Ein leiser Wind kam übers reife Korn,
+Die Büsche rauschten, und in Schatten sank
+So Kreuz wie Klinge. Nur ein dürrer Dorn
+Am Fuß des alten Baums stand nackt und blank
+Im Licht des Mondes. Und es war einmal,
+Dass er im Grün die roten Blüten trug,
+Flammend, ein selig Frühlingsfeuer. — Qual
+Lag in dem Seufzer, den der Wind verschlug,
+Und ich ging heim und dachte in der Nacht
+Dem Leben nach, das alles sterben macht.
+
+
+
+
+In tiefer Scham
+
+
+Ich weinte auf mein Brot und würgte dran
+Und konnt's nicht würgen und stand auf vom Mahl
+Und ging hinaus ins kalte, kahle Feld
+Und bot dem Märzwind meine heiße Qual.
+
+An einem Dornbusch hing ein Fetzen Tuch.
+Wer warf es weg, wen wärmte es zuletzt?
+Vielleicht wie er bin ich ein Bettler nun,
+Und was so warm mich hielt, ist ganz zerfetzt.
+
+Wenn du dein Herz in deine Hände nimmst
+Und giebst es hin, da, nimm's, und ohn Entgelt,
+Man nimmt es, dankt und wirft dir's plötzlich hin:
+Ich mag's nicht mehr! dann stirbt dir eine Welt.
+
+Dann stehst du da, entblößt und bettelarm
+Und weißt nicht hin vor Scham, vor nackter Scham.
+
+
+
+
+Aus tiefer Qual
+
+
+Kind, sieh nicht deinen Vater an,
+Er hat sich gar so sehr geschämt,
+Sich eine lange, bange Nacht
+Um diese seine Scham gegrämt.
+
+Und geh zu deiner Mutter, Kind,
+Und spiel mit ihr im Sonnenschein
+Und sprich ihr auch vom Vater nicht,
+Scham will allein im Dunkeln sein.
+
+Geh, Kind, vor deinem großen Blick
+Erschrickt mein Herz und fasst sich nicht
+Und weint. Und war noch gestern, Kind,
+So rein wie deiner Augen Licht.
+
+
+
+
+Im Entschlummern
+
+
+Leise Füße gehn im Gras,
+Eine Stimme flüstert was.
+Ich hör es deutlich vom Garten her;
+Ein Halbschlaf drückt die Lieder schwer.
+
+Es spielt in meinen Traum hinein:
+Die Füße müssen meine sein,
+Sie wandeln her, sie wandeln hin,
+Vergangenes geht mir durch den Sinn:
+
+Viel süßer Duft und Sonnenlicht,
+Und eine Hand, die Rosen bricht.
+Vor ihrem Bilde glühten sie,
+Vor ihrem Bild verblühten sie.
+
+Der Schlaf drückt mir die Augen schwer.
+Ich höre die leise Stimme nicht mehr.
+— Vor ihrem Bilde glühten sie,
+— Vor ihrem Bild verblühten sie.
+
+
+
+
+Bitte
+
+
+Holder Frühling hauch mich an,
+Dass ich neu erstehe,
+Was ein Herz ertragen kann,
+Ich ertrug's an Wehe.
+
+Einst so blühend, diese Brust,
+Soll sie ganz erkalten?
+Ach, ich bin mir kaum bewusst,
+Lass den Tag so walten.
+
+Wem ein schönes Glück verging,
+Drauf er treulich baute,
+Wer sich an ein Hoffen hing,
+Das wie Märzschnee taute,
+
+Lieblos scheint ihm wohl die Welt
+Und so kalt zum Sterben;
+All was er in Händen hält,
+Sind nur tote Scherben.
+
+Holder Frühling hauch mich an
+In den neuen Tagen;
+Was ein Herz ertragen kann,
+Ach, ich hab's ertragen.
+
+Tausend Knospen schwellen dir,
+Duft weht auf und Lieder.
+Eine Blüte schenk auch mir,
+Eine einzige wieder!
+
+
+
+
+Erinnerung
+
+
+In meinen Versen weint und lacht,
+Was mir mein Leben reich gemacht.
+Wie mir das stille Tröstung giebt:
+Ich habe dich so sehr geliebt.
+
+Auch du blickst wohl darauf zurück;
+Und war's dir auch kein großes Glück,
+War's doch vielleicht, mag's wenig sein,
+Ein Wegestreckchen Sonnenschein.
+
+
+
+
+Besitz
+
+
+Die Sonne überstrahlt dein Bild,
+Mein Herz wird warm und freut sich.
+Dein liebes Bild.
+Alles Licht ferner Tage erneut sich.
+
+So recht in tiefstem dankbar sein,
+Dass ich dir durfte begegnen,
+Diese Frucht blieb mein.
+Kann Liebe ein Leben reicher segnen?
+
+Ich durfte dich nicht besitzen, es war
+Viel Schmerz meiner Liebe beschieden.
+Es war.
+Nun ist alles Freude und Frieden.
+
+
+
+
+Ausklang
+
+
+Immer bleibst du lieblich mir,
+Immer hold im Herzen,
+Immer brennen heilig hier
+Dir geweihte Kerzen.
+
+Breiten um dein Angesicht
+Einen frommen Schimmer,
+Und so bist du, reinstes Licht,
+Eigen mir für immer.
+
+
+
+
+Zu Hause
+
+
+Ich war, in tiefer Bitternis verwirrt,
+In Not und Nacht vom Wege abgeirrt.
+
+Ich blickte auf nach einem Trost und Schein,
+Und alle meine Sterne schliefen ein.
+
+Nur fernher klang ein leiser weher Laut,
+Dem hab ich meine Schritte anvertraut.
+
+Ich war gerettet. Schmerz fand sich zu Schmerz.
+Und weinend fiel ich wieder an dein Herz.
+
+
+
+
+Heimkehr
+
+
+Du weißt, ich hab dich lieb gehabt,
+Und immer gleich, an jedem Tag,
+Ob ich ein wenig Glück uns fing,
+Ob still in Sorgen abseits ging.
+
+Da kam ein Frühlingssonnenschein
+Und kam ein junger Rosentag,
+Ich stand in lauter Rausch und Traum
+An eines fremden Gartens Saum.
+
+Aus holder Morgenlieblichkeit
+Klang da ein Lied, so süß, so süß,
+Dass ich im Lauschen mich verlor
+Und hatt für deinen Ruf kein Ohr.
+
+Doch gab des Gartens Thür nicht nach,
+Ein zweifach Schlösslein lag davor,
+Das hat den Träumer aufgeweckt,
+Ihn auf sich selbst zurückgeschreckt.
+
+Er riss sich los und kehrt nun heim
+Und drängt sein Herz an deines hin.
+Trotz Rausch und Traum, du fühlst, es blieb
+Das alte Herz und hat dich lieb.
+
+
+
+
+Vor Schlafengehen
+
+
+Die Kinder schlummern in den Kissen,
+Weich, weichen Atems, nebenan,
+Ein Traum vom heutigen Tag, und wissen
+Nicht, was mit diesem Tag verrann.
+
+Wir aber fühlen jede Stunde,
+Die uns mit leisem Flügel streift,
+Und wissen, dass im Dämmergrunde
+Der Zeit uns schon die letzte reift.
+
+Wir sitzen enggeschmiegt im Dunkeln.
+So träumt sich's gut. Und keines spricht.
+Durchs Fenster fällt ein Sternenfunkeln,
+Vom Ofen her ein Streifchen Licht.
+
+Einmal, im Schlaf, lacht eins der Kleinen
+Ganz leis. Was es wohl haben mag?
+Springt es mit seinen kurzen Beinen
+Noch einmal fröhlich durch den Tag?
+
+Ein Mäuschen knabbert wo am Schrägen,
+Knisternd verkohlt ein letztes Scheit,
+Die alte Uhr hebt an zu schlagen —
+Da sprichst du leis: Komm, es ist Zeit.
+
+
+
+
+Mondlicht
+
+
+Das blasse Licht des vollen Mondes geistert
+Durchs schlechtverhängte Fenster uns ins Zimmer.
+Du schläfst. Die Kinder auch. Mir aber meistert
+Der Magier der Nacht den Schlaf wie immer,
+Und wachen Ohrs, das alles hört, ausfragt
+Und deutet, lieg ich. Unsre Ältste leiht
+Verworrnem Traum, der sie durch Schrecken trägt,
+Angstvollen Laut, richtet sich auf und schreit
+Entsetzt einmal den Namen ihrer Schwester.
+Ich ruf sie an: Schlaf! Still! dir träumt! Gleich weicht
+Der böse Alp von ihr. — O diese Nester
+Von Nachtgespenstern, die der Mond beschleicht
+Und aufstört, Nester, eingebaut
+In unsrer Seelen abgelegene Ecken
+Und Winkel, die uns zu betreten graut.
+Wie still, unschuldig, ruht auf unsern Decken
+Das Licht des Monds und ist doch voller Tücken.
+Es ruht! Nein, wandelt. Dieses breite Band
+Milchigen Lichtes seh ich weiterrücken,
+Langsam. So tastet leise eine Hand,
+Die Arges vorhat und behutsam gleitet,
+Nach ihrem Raub. Nun schiebt das kalte Licht
+Sich mählich auf dein Bett hinüber, breitet
+Sich über deine Kissen. Dein Gesicht,
+Fühlt es das Licht? Du rückst, weichst, kriegst
+Ganz weg vor diesem Licht. Könnt deinen Traum
+Ich jetzt belauschen. Mit der Stirne liegst
+Du eingewühlt in deines Kissens Flaum,
+Wie weggeduckt vor diesem bösen Licht,
+Das jetzt auf deinem schwarzen Scheitel lastet,
+Schwer lastet. Du, wie leblos, rührst dich nicht.
+So sitzt, vom Blick der Schlange schon betastet,
+Der Vogel wie erstarrt, noch eh der Schlund
+Des giftigen Wurms ihn wegschluckt. Langsam lässt
+Das Licht von dir. Und aus dem dunklen Grund
+Des Grauens tauchst du auf. Noch geht gepresst
+Dein Atem, stockend. Doch du wendest wieder
+Die Stirn nach oben. Dein Gesicht ist blass,
+Und einmal zucken deine feinen Lider,
+Als würdest du nun wach. Du murmelst was.
+Ich ruf. Ein Seufzer nur. „Annie!“ Kein Laut.
+— Mich fröstelt. Wenn nur erst der Morgen graut.
+
+
+
+
+Musik
+
+
+Eine Musik lieb ich mehr
+Als die schönste der größten Meister.
+Täglich klingt sie um mich her,
+Klingt täglich lauter und dreister.
+
+Ich liebe sie sehr, und doch, es giebt
+Stunden, da muss ich sie schelten,
+Dann ist für die, die das Herz so liebt,
+Ein Donnerwetter nicht selten.
+
+Da schweigt sie wohl erschrocken still,
+Doch dauert die Pause nicht lange,
+Und wenn ich der Ruhe mich freuen will,
+Ist sie wieder im besten Gange.
+
+Zuletzt geb ich mich doch darein
+Und lache: lass klingen, lass klingen!
+Und hör durch des Hauses Sonnenschein
+Vier Kinderfüße springen.
+
+
+
+
+Es schneit
+
+
+Der erste Schnee, weich und dicht,
+Die ersten wirbelnden Flocken.
+Die Kinder drängen ihr Gesicht
+Ans Fenster und frohlocken.
+
+Da wird nun das letzte bischen Grün
+Leise, leise begraben.
+Aber die jungen Wangen glühn,
+Sie wollen den Winter haben.
+
+Schlittenfahrt und Schellenklang
+Und Schneebälle um die Ohren!
+— Kinderglück, wo bist du? Lang,
+Lang verschneit und erfroren.
+
+Fallen die Flocken weich und dicht,
+Stehen wir wohl erschrocken,
+Aber die Kleinen begreifen's nicht,
+Glänzen vor Glück und frohlocken.
+
+
+
+
+Die Weihnachtsbäume
+
+
+Nun kommen die vielen Weihnachtsbäume
+Aus dem Wald in die Stadt herein.
+Träumen sie ihre Waldesträume
+Weiter beim Laternenschein?
+
+Könnten sie sprechen! Die holden Geschichten
+Von der Waldfrau, die Märchen webt,
+Was wir uns alles erst erdichten,
+Sie haben das alles wirklich erlebt.
+
+Da stehn sie nun an den Straßen und schauen
+Wunderlich und fremd darein,
+Als ob sie der Zukunft nicht recht trauen,
+Es muss da was im Werke sein.
+
+Freilich, wenn sie dann in den Stuben
+Im Schmuck der hellen Kerzen stehn
+Und den kleinen Mädchen und Buben
+In die glänzenden Augen sehn,
+
+Dann ist ihnen auf einmal, als hätte
+Ihnen das alles schon mal geträumt,
+Als sie noch im Wurzelbette
+Den stillen Waldweg eingesäumt.
+
+Dann stehen sie da, so still und selig,
+Als wäre ihr heimlichstes Wünschen erfüllt,
+Als hätte sich ihnen doch allmählich
+Ihres Lebens Sinn enthüllt;
+
+Als wären sie für Konfekt und Lichter
+Vorherbestimmt, und es müsste so sein.
+Und ihre spitzen Nadelgesichter
+Blicken ganz verklärt darein.
+
+
+
+
+Meinen Sohn zur Taufe
+
+
+Als wir deine Schwestern getauft,
+Hab ich die herrlichsten Rosen gekauft,
+Brauchte sich keine zu verstecken,
+War jede ein Schmuck fürs geweihte Becken.
+
+Inzwischen ist mir's bescheiden geglückt,
+Dass ein eigen Gärtchen das Haus mir schmückt;
+Und an der Seitenwand spinnt sich ein zartes
+Rosengerank. Das ist was Apartes.
+
+Eigene Rosen. Wie die doch gleich
+Anders leuchten. Mein Sohn, du bist reich.
+Kein besseres Omen kann dir blühen
+Als dieses helle Rosenglühen.
+
+Das Leben bietet der Blumen nicht viel,
+Giebt uns meist nur blattlosen Stiel,
+Alles, was wir von außen bekommen,
+Ist leicht in die hohle Hand genommen.
+
+Aber was von innen heraus
+Wächst und blüht, das machts aus;
+Aus Eigenem die Kränze binden,
+Die uns die Tage hold umwinden.
+
+Nennst du nichts im Leben dein
+Als einen vollen Herzensschrein,
+Wirst du nach äußerm Glanz nicht fragen
+Und fröhlich eigene Rosen tragen.
+
+Das ist nun kurz mein Taufgebet,
+Wie es mir durch die Seele geht,
+Während der Priester mit frommen Worten
+Dir öffnet der Kirche ehrwürdige Pforten.
+
+Frömmigkeit ist eine edle Frucht,
+Wächst draußen und in der Kirche Zucht.
+Sei fromm, mein Sohn, in Nehmen und Geben,
+Suche Gott und ehre das Leben.
+
+
+
+
+Die Mutter
+
+(Ein Traum)
+
+
+Es war im Garten. Fröhliche Gesellen
+Umgaben mich. Wir tranken. Und in hellen
+Plätschernden Bächen sprudelten die Worte
+Von jungen Lippen. Aber nah der Pforte,
+In einer einsamen, erhöhten Laube,
+Saß meine Mutter. Eine reife Traube
+Lag vor ihr auf dem Teller, und sie aß
+Und hörte nicht auf uns. Wie sie so saß,
+Wegbreit nur von uns und doch abgeschieden,
+Einsam in ihres Alters blassem Frieden,
+Zwang mir's den Blick magisch dahin, doch konnte
+Ich nicht vom Platz, den Jugend übersonnte
+Und laute Lust umklang. Auf einmal schwand
+Das alles, und es langte eine Hand,
+Alt, rührend welk und kühl, wie aus der Erde
+An meinem Bettrand auf mit Bittgebärde:
+Willst du mir deine Hand nicht geben? Ach,
+Kaum dass ich gab, und weinend wurd ich wach.
+
+
+
+
+Steernkiker
+
+
+O du leev Deern,
+Wahen mit di?
+Du schöttst as'n Steern
+An mi vorbi.
+
+Un wünsch ik mi wat
+Un steit mi dat fri,
+So wünsch ik mi dat:
+De Steern de hört mi.
+
+Denn keek ik di an
+Bi Dag un bi Nacht,
+Un so makst du den Mann
+To'n Steernkiker sacht.
+
+
+
+
+Lengen
+
+
+Ik kann nich slapen,
+All lang hev ik wacht,
+Dat Finster steit apen,
+Wa schön is de Nacht.
+
+Dar blinkt de Man,
+Wit achter dat Meer;
+Mi kümmt en Thran,
+Ik weet wull, waher.
+
+Ik hör in de Böm
+Den lisen Wind
+Flüstern un dröm
+Vun di, min Kind.
+
+Wa is dat nu wull,
+Slöppst du week un fast? —
+In'n Goren full
+En Appel vun'n Ast.
+
+En Steern blink un bev
+Un schött achtern Dik. —
+Keen hätt di so leev,
+Keen so, as ik.
+
+
+
+
+Verbaden Leev
+
+Un hev ik mi vergeten,
+Un hev ik mi verschull,
+Uns Herrgott möt dat weten,
+Min Hart weer gar to vull.
+
+Dree lange, lange Jahren
+Leeg dat as glönige Kahl'n,
+Ik wull min Leev bewahren,
+Un kost dat dusend Qual'n.
+
+Uns Herrgott möt dat weten,
+Dat ik dat swigen wull,
+Un hev mi doch vergeten,
+Min Hart weer gar to vull.
+
+
+
+
+An de Gorenport
+
+
+Aewer de Wischen weit de Wind
+So week as de Atem vun en Kind,
+Un kümmt doch vun dat grote Meer,
+Vun de wille Nordsee her.
+
+De liggt dar nu wull ganz so still
+As'n Kind, dat slapen will,
+So lising gluckt an'n Strand de Welln,
+As wull en wat in'n Drom vertelln.
+
+Ik dröm hier an de Gorenport
+Un bün en Kind up mine Ort,
+Un legg ganz sach de Handn tosam,
+Un sprek ganz sach 'n leeven Nam.
+
+
+
+
+Go' Nach
+
+
+Go' Nach, giv mi noch mol de Hand,
+De is so warm un week;
+Dörch't Finster schient de helle Man
+Uns up de witte Deek.
+
+Dit is'n Stunn, bevor de Slap
+Uns inlullt sach un söt,
+Wo ut'n reine Minschenbost
+De schönsten Blomen blöt.
+
+Min Hart was as en Sommerbeet,
+Un di, di blöht dit Flach.
+Giv mi noch mol din warme Hand,
+Un du versteist mi sach.
+
+
+
+
+Lütt Ursel
+
+ Lütt Ursel,
+ Lütt Snursel,
+Wat snökerst du 'rum?
+Di steit din lütt Näs wull
+Na Appel un Plumm'.
+
+ Lütt Ursel,
+ Lütt Snursel,
+Din Näs is man'n Spann,
+Doch is dat'n Näs all
+För Pött un för Pann.
+
+ Lütt Ursel,
+ Lütt Snursel,
+Dar hest'n Rosin,
+Dar sünd dre lütt Steen in,
+Un all' dre sünd din.
+
+
+
+
+De Snurkers
+
+
+De Klock sleit acht,
+Nu Kinners, go' Nacht.
+Man gau un man fixen
+Herut ut de Büxen,
+Man flink ut de Schoh
+Un rinne in't Stroh.
+
+De Klock sleit negen,
+De Oellsten, de sägen,
+De Lütt, mit sin Snuten,
+Kann ok all wat tuten.
+Dat is'n Konzert,
+Is wirkli wat wert.
+
+De Klock sleit tein,
+Nu, Olsch, ward dat fein,
+Nu legg di man slapen,
+Du hast dat schön drapen,
+Nu klingt dat erst recht,
+Ik snurk as'n Knecht.
+
+
+
+
+De lütt' Boom
+
+
+Ik bin de lütt' Boom
+De an de Landstrat steit,
+Plückt allens an mi' rüm,
+Wat weglangs geit.
+
+Een plückt sik'n Blatt,
+De anner en Blöt,
+De smitt se denn wag,
+Und de pedd denn de Föt.
+
+Doch hett in min' Aest
+Sik'n Vagel inwahnt,
+Un küßt mi de Sünn,
+Un strakt mi de Mand.
+
+Denn hev ik min Freud
+Und tröst mi ok meist:
+Wat helpt't, lütt' Boom,
+Du steist, wo du steist.
+
+
+
+
+De Stormfloth
+
+
+ Wat brüllt de Storm?
+ De Minsch is'n Worm!
+ Wat brüllt de See?
+ 'n Dreck is he!
+
+De Wind, de weiht, up springt de Floth
+Un sett up den Strand ern natten Fot,
+Reckt sik höger und leggt up't Land,
+Patsch, ere grote, natte Hand.
+
+De lütte Dik, dat lütte Dorp,
+De Floth is daraewer mit eenen Worp.
+Dar is keen Hus, dat nich wankt und bevt,
+Dar wähnt keen Minsch, de morgen noch levt.
+
+ Wat brüllt de Storm?
+ De Minsch is'n Worm!
+ Wat brüllt de See?
+ 'n Dreck is he!
+
+
+
+
+Ritornelle
+
+
+Weiße Syringen.
+Ein schlankes Mädchen weint im Frühlingsgarten,
+Ich kann das Bild nicht aus der Seele bringen.
+
+Gelbe Narzissen.
+Ein Feuerfalter ward vom jähen Winde
+Gleich einem Funken eurem Schoß entrissen.
+
+Rote Rosen.
+Das Dämchen nahm euch kühlen Danks entgegen;
+Ihr sterbt nun gleich Verirrten, Heimatlosen.
+
+Dunkle Cypressen.
+Ein schwarzer Schatten fällt auf meine Straße:
+Ich kann die goldnen Tage nicht vergessen.
+
+Apfelblüte.
+Ist es das Vorgefühl der künftigen Frucht schon,
+Das wie mit holder Scham dich überglühte?
+
+Lorbeerbäume.
+So ernst, so schweigend, wie im tiefsten Sinnen —
+Die schönsten Kränze schenken uns die Träume.
+
+Goldregen.
+Je mehr du protzst und prahlst mit deinem Glänze,
+Je schwüler duftet mir dein Gift entgegen.
+
+Immortellen.
+Unsterblich sein, das heißt doch nur, ihr Zähen,
+Langsamen Todes sterben, statt des schnellen.
+
+Weinrebe.
+Schlank, zartster Anmut, doch voll süßen Feuers,
+Und schmiegsam. Ganz so will ich jede Hebe.
+
+Blutrote Georginen.
+Der Bauerndirne, dem verschämten Schelme,
+Müsst, völlig täuschend, als Versteck ihr dienen.
+
+Weiße Winden.
+Um toten Dornbusch? Ach, ihr Schwachen müsst ja,
+So will's Natur, an irgend was euch binden.
+
+Stachelbeere.
+Reif lieb ich dich nicht mehr, doch hart und herbe
+Weckst du den Wunsch: wenn ich ein Kind noch wäre!
+
+
+
+
+Frühlingstrunken
+
+
+Heute hat es zum erstenmal
+Über die jungen Knospen gewittert,
+Heut hat im Garten zum erstenmal
+Um die Erdbeerblüten ein Falter gezittert.
+
+Ich laufe die Steige auf und ab,
+Wie von jungem Weine trunken.
+Über mir, blankflügelig,
+Schießen die Schwalben wie Sonnenfunken.
+
+Es ist eine Freude in mir erwacht,
+So muss es im Mark des Bäumchens glühen,
+Das dort, wie selig, im Winde sich wiegt
+Und will bald blühen, bald blühen!
+
+
+
+
+Ein silbernes Märchen
+
+
+Wie Spinneweben fein
+Hängt in den Bäumen der Mondenschein,
+Ist alles wie Silber: Baum, Beet und Steig,
+Und wie glitzernde Glöckchen die Blüten am Zweig.
+
+Klingt auch ein silbernes Stimmchen darein,
+Stimmt lieblich zu all dem silbernen Schein.
+Zücküt. — Wie sich der Flieder wiegt,
+Frau Nachtigall fliegt
+In den Mond hinein.
+
+
+
+
+Pfingstlied
+
+
+Pfingsten ist heut, und die Sonne scheint,
+Und die Kirschen blühn, und die Seele meint,
+Sie könne durch allen Rausch und Duft
+Aufsteigen in die goldene Luft.
+
+Jedes Herz in Freude steht,
+Von neuem Geist frisch angeweht,
+Und hoffnungsvoll aus Thür und Thor
+Steckt's einen grünen Zweig hervor.
+
+Es ist im Fernen und im Nah'n
+So ein himmlisches Weltbejah'n
+In all dem Lieder- und Glockenklang,
+Und die Kinder singen den Weg entlang.
+
+Wissen die Kindlein auch zumeist
+Noch nicht viel vom heiligen Geist,
+Die Hauptsach spüren sie fein und rein:
+Heut müssen wir fröhlichen Herzens sein.
+
+
+
+
+Wunsch
+
+
+Die alte Sehnsucht: auf den Gassen liegt
+Die Sonne eines ersten warmen Tags.
+Fern, fern ein Weg durch Wiese und durch Feld
+Und unterm Schatten jungen Buchenschlags.
+
+Der strebt nach einer tiefen Einsamkeit,
+Ein braunes Dach lugt zwischen Zweigen aus:
+Kommst du? Und wie die kleine Pforte klingt,
+Grüßt mich mein Glück. Hier bin ich ganz zu Haus.
+
+
+
+
+Seele
+
+
+Dämmerung löscht die letzten Lichter,
+Noch ein irrer Schall und Schein,
+Und die Nacht hüllt dicht und dichter
+Alles Leben ein.
+
+Und die Erde will nun schlafen;
+Aber ruhelos bist du,
+Steuerst aus dem stillen Hafen
+Deinen Sternen zu.
+
+
+
+
+Irrende Seele
+
+
+Meine arme, irrende Seele,
+Wirst du nach Hause finden?
+Welche Wege musst du noch gehen,
+Bis du ein Licht und Ziel wirst sehen.
+
+Lange bist du durch Unland gegangen,
+Und wolltest, wie oft, verzagen,
+Bist zitternd in die Knie gesunken
+Und hast aus bittern Quellen getrunken.
+
+Meine arme, irrende Seele,
+Noch immer hält dich ein letztes Hoffen:
+Es muss aus allen Dunkelheiten
+Doch ein Weg nach Hause leiten.
+
+
+
+
+Rosentod
+
+
+Was lässt mich zaudern, mir vom Rosenstrauch
+Des holden Kelches satte Lust zu brechen?
+Wirft doch vielleicht der nächste Morgenhauch
+Sie schon entblättert vor des Gärtners Rechen.
+
+Die Schwestern leuchten rings in junger Glut,
+Der grüne Busch in seiner Mutterfreude —
+Mir ist's, als ob ich heiliges Lebensblut
+Um eine eitle Augenlust vergeude.
+
+Im engen Glas ein kurzes Treibhausglück,
+Ein Leben siecht in einem toten Scherben
+Und sehnt sich aus der Kerkerhaft zurück,
+In Freiheit an der Mutter Brust zu sterben.
+
+Sahst du ein armes Herz zum letztenmal
+In einem hellen Hoffnungsfrühling blühen
+Und dann nach herber Täuschung kurzer Qual
+Nur um so schneller in sich selbst verglühen?
+
+So scheint noch einmal duft- und farbenfrisch
+Die Rose sich im Glase zu erneuen,
+Um plötzlich über deinen stillen Tisch
+Und dein Gedicht den blassen Tod zu streuen.
+
+
+
+
+Auf meinen ausgestopften Falken
+
+
+Nicht mehr über Wipfel gleitest du,
+Über meinen Schreibtisch breitest du,
+Ausgestopfter Balg, nun deine Schwingen,
+Äugst auf mich herab und auf mein Singen.
+
+Gleichen Namens, wunderliche Vettern,
+Umgetrieben beid in manchen Wettern,
+Du nun ruhend, ich noch in den Lüften
+Fröhlich flügelnd über Tod und Grüften.
+
+Von der Lampe stillem Licht umflutet,
+Wie dein Auge mir lebendig glutet!
+Und mir ist, ich seh in deine Schwingen
+Wieder warmes, rasches Leben dringen.
+
+Blendwerk! Phantasie! Gespenstisch Leben!
+Wirst dich nie mehr in die Lüfte heben.
+Aber mich, nach meinen Erdentagen,
+Welche Flügel werden mich noch tragen?
+
+
+
+
+Morgen zwischen Hecken
+
+
+Weit hinten liegt die große Stadt,
+Die graue Stadt in Dunst und Rauch.
+Hier spielt im Licht das grüne Blatt
+Und schaukelt sich im Morgenhauch.
+
+Hier ist das Leben hold verstummt,
+Träumt lieblich in sich selbst hinein;
+Nur eine frühe Biene summt
+Näschig um süße Becherlein.
+
+Und manchmal ein verwehter Laut,
+Wie fernen Meeres Wogenschlag.
+Was dort um Mauern braust und braut,
+Herr, fuhr's zu einem klaren Tag!
+
+
+
+
+Und gar nicht lange
+
+
+Es steht ein Bäumchen kahl im Feld
+Und friert in allen Winden.
+Und will sich aus der weiten Welt
+Kein Vogel zu ihm finden.
+
+Und gar nicht lange, über Nacht,
+Und tausend Blüten blinken,
+Und seine Krone überdacht
+Ein Nest verliebter Finken.
+
+
+
+
+Die bunten Kühe
+
+
+Drei bunte Kühe in guter Ruh
+Und des Nachbarn Hanne dazu
+Traf ich heute in der Früh,
+Junghanne und ihre bunten Kuh.
+
+Das gab einen guten, glücklichen Tag,
+Die Sonne auf allen Wiesen lag,
+Die ganze Welt war so bunt und blank.
+Der Hanne und ihren Kühen Dank!
+
+Was glaubt ihr, trifft man in der Früh,
+Statt der drei bunten drei schwarze Küh
+Und statt der Hanne die alte Gret?
+Der ganze Tag ist verwünscht und verweht.
+
+
+
+
+Auf der Bleiche
+
+
+Bringst du Leinen auf die Bleiche?
+Kommt dir nicht der Wind darüber?
+Über Dämme, über Deiche
+Wirbelt er vom Meer herüber.
+
+Willst mit Klammern, willst mit Steinen
+Dir den weißen Schatz erhalten?
+Einmal wird mit deinem Leinen
+Doch ein fremder Wille schalten.
+
+Kommt's in deiner Töchter Kästen,
+Kommt's in deiner Enkel Hände,
+Ist der Faden auch vom Besten,
+Das Gewebe nimmt ein Ende.
+
+Hier ein Flicken, dort ein Flicken.
+Soll man's kunterbunt besetzen?
+Weg damit! so will sich's schicken.
+Und der Wind spielt mit den Fetzen.
+
+
+
+
+Wäsche im Wind
+
+
+Tollt der Wind über Feld und Wiese,
+Hat seinen Spaß er überall,
+Aber am liebsten neckt er die Liese
+Mit einem tückischen Überfall.
+
+Will sie ihr Zeug auf die Leine bringen,
+Zerrt er: Liese, dies Hemd ist mein!
+Um jedes Laken muss Liese ringen,
+Jedes Stück will erobert sein.
+
+Giebt es der Sausewind endlich verloren,
+Schlägt er noch im Übermut
+Ihr das nasse Zeug um die Ohren:
+Da, liebe Liese, häng's auf und sei gut.
+
+
+
+
+Winterwald
+
+
+Wo ist der lustige Waldvogelsang
+Und das spielende Laub? Verweht,
+Was ist das für ein fremder Klang,
+Der im Wald umgeht?
+
+Das ist die Axt, die frisst am Holz
+Seit Wochen sich satt, o weh!
+Da liegt nun mancher grüne Stolz,
+Ein toter Held, im Schnee.
+
+Was in Lüften gelebt und mit Wetter und Wind
+Manch trotzigen Strauß bestand,
+Jetzt biegt es und knickt es ein hungernd Kind
+Und bindet's mit frierender Hand.
+
+Auf ärmlichem Herd ein Funkentanz
+Und ein Knistern. Verglüht, versprüht!
+Und war einmal ein grüner Kranz
+Und ein Glück. Wo blieb es? Verblüht.
+
+
+
+
+Winter
+
+
+Ein weißes Feld, ein stilles Feld.
+Aus veilchenblauer Wolkenwand
+Hob hinten, fern am Horizont,
+Sich sacht des Mondes roter Rand.
+
+Und hob sich ganz heraus und stand
+Bald eine runde Scheibe da,
+In düstrer Glut. Und durch das Feld
+Klang einer Krähe heisres Kräh.
+
+Gespenstisch durch die Winternacht
+Der große dunkle Vogel glitt,
+Und unten huschte durch den Schnee
+Sein schwarzer Schatten lautlos mit.
+
+
+
+
+Die Netzflickerinnen
+
+
+Schweigend an den Dünen hin
+Sitzen die Fischerfrauen und flicken
+Die schweren Netze. Guten Fang
+Mag der Himmel den Männern schicken.
+
+Guten Fang und gute See.
+Manches Netz ist schon draußen geblieben,
+Und manches Boot ohne Fischer und Fisch
+Irgendwo an den Strand getrieben.
+
+Die See macht still, und karg ist das Wort
+Der Frauen, die dort im Sande sitzen,
+Kurz wie der Schrei der Möwen, die
+Ruhelos über die Dünen flitzen.
+
+
+
+
+Das Mädchen mit den Rosen
+
+
+Zwei Rosen, die an einem Strauch
+Zusammen aufgeblüht,
+Von einem knospenhaften Hauch
+Noch lieblich überglüht,
+
+Ein Mädchen brach wohl über Tag
+Das schwesterliche Paar:
+Der Mutter, die im Sterben lag,
+Bracht sie die eine dar,
+
+Die andre aber legte dann
+Mit ihrem ersten Schmerz
+Sie weinend dem geliebten Mann,
+Trostheischend, an das Herz,
+
+Und glühte selig auf und stund,
+Noch halb den Tod im Sinn,
+Und bot den jungen Rosenmund
+Dem warmen Leben hin.
+
+
+
+
+Das Nixchen
+
+
+Ein Nixchen ist ans Land geschwommen,
+Steht unter einem Blütenbaum,
+Die warmen Sommerwinde kommen
+Und trocknen ihr den feuchten Saum.
+
+Mit großen Augen sieht die Kleine
+Stumm in die heiße Flimmerglut;
+Wie wird in all dem Sonnenscheine
+Dem Nixchen wunderlich zu Mut.
+
+In ihre kühle Mädchenkammer
+Fällt nur ein ganz gedämpftes Licht,
+Als wie durch einen langen Jammer
+Ein schwacher Strahl der Hoffnung bricht.
+
+Hier aber ist ein Gleiß und Glimmer,
+Ihr thun davon die Augen weh;
+Doch reglos steht sie, staunt nur immer,
+Die kleine blonde Wellenfee.
+
+Auf einmal fängt sie an zu weinen,
+Weiß nicht warum, weint leis sich aus,
+Und schlüpft dann auf behenden Beinen
+Zurück ins kühle Wasserhaus.
+
+
+
+
+Feierabend
+
+
+Über reifen Ähren liegt
+Stiller, goldner Abendschein.
+Eine junge Mutter wiegt
+Sacht ihr Kind und singt es ein.
+
+Letzter heller Sensenklang
+Zittert übers Feld hinaus,
+Und der Schnitter ruht am Hang
+Feiernd bei den Seinen aus.
+
+Sein gebräuntes Angesicht
+Leuchtet über seinem Sohn,
+Doch er stört den Schläfer nicht,
+Und die Hütte wartet schon.
+
+Leichter Herdrauch steigt und weht
+Über Wipfel her. Nicht fern
+Winkt das Dach. Und drüber steht
+Friedefromm der Abendstern.
+
+
+
+
+Das Mädel
+
+
+Ein Mädel sah ich gehen,
+Ich stand am Gartenthor,
+Mich konnte das Mädel nicht sehen,
+Goldregen hing davor.
+
+Ganz nah ging es vorüber,
+Hätt's mit der Hand erreicht,
+Und neigte ich mich hinüber,
+Die Lippen erhaschte ich leicht.
+
+Aber das Mädel schaute
+So kindlich in die Welt,
+Dass ich mir's nicht getraute.
+Dich küsst nur die Mutter, gelt?
+
+Nur ein Zweiglein brach ich
+Und warf's ihm auf den Hut,
+Grad auf den Hut. Es stach mich
+Schelmenübermut.
+
+Ei, das erschrockene Frätzchen!
+Und wie die Augen sahn!
+Geh weiter, Mutterschätzchen,
+Es hat's der Wind gethan.
+
+
+
+
+Im Schnellzug
+
+
+Der Schnellzug stürmt durchs Sommerland,
+Und draußen in den Winden,
+Da weht und winkt viel buntes Band,
+Zu binden mich, zu binden!
+
+Die Hütte dort in Heckenruh,
+Die Sonne in den Scheiben,
+Die Friedefülle ruft mir zu,
+Zu bleiben doch, zu bleiben!
+
+Und jetzt die Heide, blütenblau,
+Durchkarrter Weg ins Weite;
+Grad stapft die alte Botenfrau
+Im Torfmull. Nimm's Geleite!
+
+Und jetzt das Feld, goldgelber Flachs,
+Und fern ein Blitz von Sensen;
+Und dort der Knirps sonnt wie ein Dachs
+Sich faul bei seinen Gänsen.
+
+O Junge, hast du's gut! Ich wollt',
+Ich läg dort auf dem Bauche,
+Indes der Zug vorüberrollt,
+Und gaffte nach dem Rauche.
+
+
+
+
+Reigen
+
+
+Sind es bunte Schmetterlinge,
+Die um Blumenbeete weben?
+Sind es rosige Apfelblüten,
+Die im leichten Lenzhauch schweben?
+
+Ei, die kleinen Schmetterlinge,
+Wie sie so gesittet kreisen,
+Ei, die kleinen Apfelblüten,
+Wie sie sich als Tänzer weisen.
+
+Schmetterlinge? Apfelblüten?
+Jedes hat zwei Kinderfüße,
+Kinder sind's, ein Kinderreigen,
+Und getanzte Frühlingsgrüße.
+
+Jeder Schritt ein schämig Fragen,
+Jedes zierliche Verneigen
+Ein Bejahen; frühlingshafter
+Kann sich nicht der Frühling zeigen.
+
+Ja, das schönste Frühlingsliedchen,
+Ritornell, Sonette, Stanzen,
+Ach, kein Dichter kann's so singen,
+Wie es Kinderfüße tanzen.
+
+
+
+
+Der Backfisch
+
+
+Tanzen! Tanzen!
+Hab Herz und Kopf von vielem voll,
+Ach, das Leben ist sonnig!
+Aber wenn ich tanzen soll,
+Tanzen soll,
+Wonnig ist's, wonnig!
+
+Der Herr Lehrer am Klavier,
+Reizend ist er mitunter.
+Vierhändig spielten heute wir,
+Ging alles drüber und drunter.
+Sah er mich von oben an,
+Komisch an, der kluge Mann:
+Sie wollen wohl wieder tanzen?
+
+Malen, ach, es ist himmlisch süß!
+Besonders im Freien skizzieren.
+Holt man sich manchmal auch nasse Fuß,
+Was wird's die Kunst genieren?
+Öl, Aquarell,
+Kohle, Pastell,
+Ach, es geht nichts darüber,
+Nur tanzen ist mir lieber,
+So ein Walzer von Strauß
+Sticht alles aus.
+
+Radeln? All Heil!
+Auf dem Zweirad leist ich mein Teil.
+Frisch wie der Wind
+In die Wett mit dem Wind.
+Aber alle Räder der Erde sind
+Nichts gegen meine zwei Sohlen,
+Kommt einer zum Tanz mich holen;
+Wer es auch sei, ich sag nicht nein,
+Muss nur grad kein Ekel sein.
+Tanzen, ach tanzen! La la la la la la....
+Wäre nur erst das Ballfest da!
+
+
+
+
+Der seltene Vogel
+
+
+Geht ein kleiner Mann spazieren,
+Unterm Schirm spazieren.
+Kommt ein Sturmwind um die Ecken,
+Ei, wie that das Männlein erschrecken.
+Könnte sich verlieren.
+
+Macht der Wind kein Federlesen,
+Gar kein Federlesen,
+Und nun muss das Männlein fliegen,
+Hui, wie ist es aufgestiegen,
+Wie ein Flügelwesen.
+
+Fliegt das Männlein eine Stunde,
+Eine ganze Stunde,
+Kräht vor Angst wie eine Krähe,
+Liegt der Jäger auf der Spähe,
+Jäger mit dem Hunde.
+
+Puff! den Vogel muss er haben,
+Muss den Vogel haben.
+Und das Männlein, ohne Flügel,
+Saust in einen Maulwurfshügel,
+Denkt, es wird begraben.
+
+Blafft der Hund und scharrt und schnuppert,
+Hat es bald erschnuppert.
+Ist kein Tröpfchen Blut geflossen,
+Nur sein Höschen ist durchschossen,
+Und sein Herzchen bubbert.
+
+Klopft der Jäger ihm die Kleider,
+Klopft ihm ab die Kleider.
+That es links und rechts umdrehen
+Und den Vogel sich besehen,
+Ei, da war's ein Schneider!
+
+
+
+
+Idyll
+
+
+Unter zarten Birkenzweigen,
+Erster junger Frühlingsglanz,
+Bläst der Schäfer seinen Reigen,
+Doch kein Volk tritt an zum Tanz.
+
+Nur die Schafe gehn und grasen,
+Weiß und schwarz im Sonnenschein,
+Und zwei aufgescheuchte Hasen
+Springen quer ins Feld hinein.
+
+Aber um die Frühlingsblüten
+Tanzen bunte Falter hin,
+Um die Herde mit zu hüten,
+Kommt die junge Schäferin.
+
+Lockten sie die süßen Klänge,
+Lenkte sie die leichte Pflicht?
+Leuchtend wie die Frühlingshänge
+Lacht ihr liebliches Gesicht.
+
+Und verstummt ist das Getöne,
+Rings ein süßes Schweigen nun:
+Küsst der Schäfer seine Schöne,
+Müssen Pflicht und Flöte ruhn.
+
+
+
+
+Pusteblumen
+
+
+Ein Schaf und zwei Lämmlein
+Und all drei schneeweiß,
+Und grün ist die Wiese,
+Und heiß ist's, heiß.
+
+Am Heckchen, am Büschchen,
+Kühl schattet's herab,
+Sitzt Bübchen und rauft rings
+Die Pusteblumen ab.
+
+Die Flöckchen im Winde,
+Wie segeln sie fein,
+Die Lämmerchen hüpfen
+Auf alle vier Bein.
+
+Das Bübchen wird müde,
+Ihm träumt eins geschwind:
+Viel Lämmerchen tanzen
+Wie Flöckchen im Wind.
+
+Er pustet dazwischen,
+Die Backen gebläht,
+Hei, geht's umeinander,
+Und jed Lämmchen mäh — h — t.
+
+
+
+
+Konsequenz
+
+
+In meinem Gärtchen, zwei Fuß vom Weg,
+Hinter dem niedern Gittergeheg,
+Blüht mir ein blauer Syringenstrauch,
+Meine Freude, und meiner Kinder auch.
+Aber die Buben von den Gassen,
+Die Racker, können das Räubern nicht lassen.
+
+Wenn sie früh in die Schule gehn,
+Ein Kleinster bleibt begehrlich stehn,
+Ein zweiter stellt sich daneben auf
+Und schielt mit ihm zum Bäumchen hinauf,
+Möchten gerne von den Syringen
+Ein Zweiglein mit in die Klasse bringen.
+
+Kommt ein dritter, hops, wie er hupft,
+Hat sich ein paar Blätter gerupft,
+Aber der Grünkram genügt ihm nicht,
+Er ist mal auf Syringen erpicht.
+Noch einmal, hops! — Euch will ich kriegen.
+Ich klopf ans Fenster. Hei, wie sie fliegen.
+
+So ein Bubenvolk ist schlimm,
+Gefällt ihm was, gleich denkt es: nimm!
+Aber dass auch die Mädel — ich bitt,
+Kommen da welche gleich zu dritt,
+Recken die Hälschen, drehen die Köpfchen
+Ängstlich und schlenkern mit den Zöpfchen.
+
+Hebt sich die längste auf den Zeh'n,
+Einmal, zweimal, es will nicht gehn.
+Gehuschel, Getuschel. Mädel sind klug;
+Hat sie, bevor ich ans Fenster schlug,
+Das kleinste schnell auf den Arm genommen
+Und die allerschönsten Syringen bekommen.
+
+Ich drohe ihr, sie lacht mich an,
+Wie nur ein Mädel lachen kann,
+Spitzbübisch, schelmisch und doch ganz lieb.
+Es ist ein allerliebster Dieb,
+Und da — ich will recht finster blicken
+Und kann nur lachen und freundlich nicken.
+
+In Zukunft sind die Syringen frei,
+Ob Mädel, ob Buben, ist einerlei.
+Was ihr im Sprung erhäschen könnt,
+Ihr Diebsgelichter, sei euch gegönnt.
+Nur braucht ihr das selber nicht grade zu wissen,
+Mein Bäumchen würde mir arg zerrissen.
+
+
+
+
+Die Räuber
+
+
+Ich war, ein Knabe, in den Wald gegangen
+Mit meinen Brüdern. Wie die wilden Rangen
+Den Ferienmorgen durch die Büsche trieben,
+Dass er entfloh, als hätt er Hasenläufe.
+Und selber jagten sie sich umeinander,
+Hierhin, dorthin, wie steuerlose Brander.
+Und wirklich war bald nichts vom Wald geblieben,
+Als funkenüberstreute Aschenhäufe.
+
+Ein rechter Räuber, seines Werts durchdrungen,
+Und sei er auch der Schule just entsprungen,
+Kann nicht der Bürger glatte Wege wandeln,
+Wo Förster und Magister ihm begegnen.
+Er braucht das Dickicht, wo kein Hund ihn wittert,
+Braucht finstre Höhlen, buschwerkübergittert,
+Wo kein Gesetz ihm lahmt das kühne Handeln
+Und keine Prügel in sein Handwerk regnen,
+
+O Freiheit, deine roten Flammen schlugen
+So stürmisch nie, und keine Hände trugen
+So hochgemut die lodernden Fanale,
+Wir waren Räuber und dazu Indianer,
+Zum „Großen Adler“ wurde Hänschen Meier,
+Und Müllers Fritzchen zum „Gefleckten Geier“,
+Die Friedenspfeife ging zum dritten Male
+Von Hand zu Hand, und blass saß der Quartaner.
+
+Und schweigend qualmten um die dürren Reiser
+Die tapfern Krieger, jeder Held ein Weiser
+Im großen Rat: Und durch die Buchenrunde
+Zog sacht der Rauch des Feuers und der Pfeifen.
+Dann ging die Flasche mit dem Himbeersafte,
+Die der verwegene Häuptling sich verschaffte,
+„Der große Büffel“, still von Mund zu Munde.
+Ein Pfiff! Und nach dem Kriegsbeil galt's zu greifen.
+
+Ihr Knabenspiele unter Sommerbuchen,
+Wo soll ich köstlichere Freuden suchen,
+Als die aus eurem tollen Treiben sprossen,
+Wie helle Rosen aus den wilden Ranken.
+Doch Dornen hatten, weh! auch diese Rosen,
+Und sie zerrissen nicht allein die Hosen,
+Auch rotes Blut ist jämmerlich geflossen,
+Und dann, zu Haus, der Räubermutter Zanken.
+
+Und einmal mussten wir die Häuptlingsrücken,
+O Schmach für Helden, untern Stecken bücken.
+Den großen Büffel nahm man fest beim Horne,
+Der große Adler musste Federn lassen,
+Denn aus der Asche unsrer Höhlenscheite
+Erstand ein Kläger, der in alle Weite
+Die Klage rief. Die ward zum Todesdorne
+Für unsern Mut und ließ uns feig erblassen.
+
+Der Wald in Flammen! Weh, die Schreckenskunde!
+Wir zitterten. Nun ist die letzte Stunde
+Für euch gekommen, und die Messer blitzen,
+Kreisrund den Skalp von eurem Haupt zu trennen.
+Der Wald in Flammen! Förster, Polizisten,
+Kerker, Schafott, ringsum die Stadtgardisten —
+Doch nein, man wird euch schon die Haut nicht ritzen.
+Mut, großer Büffel! Nur die Weiber flennen.
+
+Die Zähne fest! Und Hiebe gab es, Hiebe!
+Und ist die Züchtigung ein Werk der Liebe,
+Kein Vater liebte heißer seine Knaben
+Und mehr als sie verdienten, wie ich meine:
+Zwei junge Buchen waren drauf gegangen,
+Und unsres Wigwams rauchgeschwärzte Stangen
+Schrien unsre Schandtat in das Ohr des Raben,
+Der Krumen las an unserm Opfersteine.
+
+
+
+
+Denkmalkantate
+
+
+Bimmbamm, Bimmbumm,
+Bitte, bitte, bettel, bettel,
+Klingelbeutel geht herum,
+Blankes Silber, blaue Zettel,
+Nickel ist und Gold willkommen,
+Alles wird mit Dank genommen,
+Bitte, bitte!
+
+Bimmbamm, bimmbumm,
+Große Leute soll man ehren,
+Klingelbeutel geht herum,
+Bitte, alle Taschen leeren,
+Bitte, bitte, bettel, bettel,
+Blankes Silber, blaue Zettel,
+Bettel, bettel!
+
+Bimmbamm, bimmbumm,
+Den wir feierlichst begraben,
+Klingelbeutel geht herum,
+Dass er kann ein Denkmal haben.
+Nickel ist und Gold willkommen,
+Alles wird mit Dank genommen,
+Bitte, bitte!
+
+Bimmbamm, bimmbumm,
+So ein Denkmal ist nicht billig,
+Klingelbeutel geht herum,
+Jeder sei nach Kräften willig,
+Bitte, bitte, bettel, bettel,
+Blankes Silber, blaue Zettel,
+Bettel, bettel!
+
+Bimmbamm, bimmbumm,
+Unsre Enkel soll es lehren,
+Klingelbeutel geht herum,
+Wie man das Genie muss ehren.
+Was es selber nie bekommen,
+Alles wird mit Dank genommen,
+Bitte, bitte!
+
+Bimmbamm, bimmbumm,
+Festkonzert und Denkmalfeier,
+Klingelbeutel geht herum,
+Fünfzig Mark giebt Minchen Meier,
+Bitte, bitte, bettel, bettel,
+Blankes Silber, blaue Zettel,
+Bettel, bettel!
+
+
+
+
+Bescheidener Wunsch.
+
+
+Wenn ihr uns nur wolltet lesen!
+Was haben wir von dem Denkmalwesen?
+Ach, wonach wir gedarbt im Leben,
+Jetzt könnt ihr es so leicht uns geben:
+Ein wenig Liebe. Der Tod macht uns billig.
+Kauft uns. Aufs Denkmal verzichten wir willig.
+Mehr freut uns, wenn ihr ein Lied von uns kennt,
+Als wenn unser Bild in der Sonne brennt.
+Eure Liebe sei unser Postament.
+
+
+
+
+Zweimal zwei ist vier
+
+
+Mit großen Gebärden und großen Worten
+Treibens viele Leute allerorten.
+Haben eine absonderliche Manier,
+Zu sagen: zweimal zwei ist vier.
+Orakeln im mystischen Tempelbass:
+Liebe Brüder, wenn's regnet, wird's nass!
+Je weniger sie zu sagen haben,
+Je toller gebärden sich die Knaben.
+Doch wie sie sich geben und wie sie beharren,
+Man merkt gleich, es sind Narren.
+Sind auch etliche „Dichter“ darunter,
+Die treiben's erst munter!
+
+
+
+
+Prolog zur Nietzsche-Gedenkfeier
+
+der Literarischen Gesellschaft in Hamburg
+
+
+Er fuhr vorüber, hellen Angesichtes,
+Der Tod, als ging's zu einer Hochzeitsfeier.
+Wohin? Wem neidest du das Glück des Lichtes,
+Du mit der Hast des beutefrohen Geiers?
+
+Ein kurzer Blick, er hemmte seinen Flug
+Und stand.
+ Hast? Immer hab ich Zeit genug.
+Ein Stündchen früher oder später zählt
+Dem Freier wohl, der sich die Braut erwählt;
+Der Schnitter, dem das Korn entgegendampft
+In satter Reife, nimmt sich Zeit zum Schärfen,
+Und, lässiger noch, der Müller, der's zerstampft,
+Er kann's auch morgen auf die Mühle werfen.
+Und ich, der Jäger über alles Wild,
+Dem kein Gesetz und keine Schonzeit gilt —
+
+Und doch, du fuhrst wie ein verliebter Knabe,
+Der nach des Mädchens süßem Munde schmachtet.
+Wer ist es? Wem bringst du die Hochzeitsgabe?
+Dem Genius, dessen Seele, halb umnachtet,
+Den Tag verträumt, der ihm sonst Ernten bot, Nietzsche.
+Und diesen Namen nannt der Tod
+Mit Ehrfurcht und mit Liebe. Und er wand
+Sich ab und schied. Ein Blitz fuhr übers Land.
+
+ * * * * *
+
+Die Trauerglocken, die in Weimar klangen,
+Klagten: Nietzsche ist heimgegangen.
+
+Ein kühner Flieger, Freund von allen Winden,
+Ein freier Vogel über höchste Wipfel,
+Ein Segler über Meere, über Gipfel,
+Nichts kann ihm seine stolzen Flügel binden.
+Da fährt ein Blitz dem Starken ins Gefieder
+Und stürzt ihn nieder.
+
+Die Kleinen, die der Großen Flug beneiden,
+Die kleine Heckenzunft — das gab ein Schwatzen.
+Er war gestraft. Das Recht blieb bei den Spatzen:
+Wir sind gesund, wir konnten uns bescheiden,
+Wir flogen nur um unsre Futterplätze,
+Wir klugen Mätze.
+
+Das schlimme Lied vom Genius und der Menge,
+Die Schritt vor Schritt mit tausend Füßen tastet,
+Indessen er auf stillen Bergen rastet,
+Einsam, hoch über Enge und Gedränge,
+Zu Flügen rastet, die auf Sehnsuchtsschwingen
+Zur Sonne dringen.
+
+Und nun hinaus, hinauf! Da hemmt kein Zagen.
+Der Himmel lockt mit seinen Wunderweiten.
+Das ist ein selig, stürmisch Flügelbreiten.
+Ihr Winde alle, Freunde, kommt, mich tragen!
+Vom Berg zur Wolke. Durch! Und dort, in Fernen,
+Lockt Stern zu Sternen.
+
+O Glück! O Lust! o Flug nach goldnen Küsten!
+Tief unten rauscht das Meer und türmt die Wogen.
+Du ungeberdige Flut, der ich entflogen,
+Will es nach Tod und Trümmern dich gelüsten?
+Das tiefe Grollen deines Zorns klingt schön
+In meinen Höhn.
+
+Du fängst mich nicht! Soll diese Kraft vergehen,
+So sei es an der Sonne Feuerherzen.
+Das war ein Sterben, wären Götterschmerzen:
+Fliegen und schon in Todesflammen stehen.
+— Da fährt ein Blitz dem Starken ins Gefieder
+Und stürzt ihn nieder.
+
+ * * * * *
+
+Die Trauerglocken, die in Weimar klangen,
+Klagten: Ein Held ist heimgegangen.
+
+Ein Held und ein Eroberer. Burgen sanken
+Auf seinem Weg in Trümmern, Tempel stürzten
+Und Opfersteine rings, wo die Gewohnheit
+In dumpfer Andacht kniete. Er war hart
+Und ging den Weg des Helden mitleidlos,
+Zerschlug Altäre, wo auch er geopfert,
+Zertrat die Gärten seiner Jugendspiele
+Und ging von seinen Freunden, die er liebte,
+Treulos, um nur in einem treu zu sein:
+Treu seinem Willen, der zur Wahrheit wollte.
+Und härter ward sein Schwert mit jedem Schlag.
+Wo ist die Härte, die ihm trotzen mag?
+Da zuckt ein Blitz. Der harte Stahl zerspellt,
+Und schwertlos fällt der todessieche Held.
+
+ * * * * *
+
+Weint nicht um ihn. Aus seinen Wunden
+Seht ihr die leuchtenden Rosen blühn?
+Kränze des jauchzenden Lebens gebunden
+Aus dem Frühlingsgeschenk seiner Wunden,
+Und ihr ehrt und feiert ihn.
+
+Licht war sein Herz und Licht seine Seele,
+Ja! war sein Wort zu Leben und Tod.
+Tapfer, den Tag und den Tanz in der Seele,
+Galt seine Liebe dem Morgenrot.
+
+Rausch der Kraft und jauchzendes Hoffen
+Lieh seinem Lied den Adlerflug,
+Der, bevor ihn der Blitz getroffen,
+Klingend ans Thor der Zukunft schlug.
+
+Seht, und die goldenen Angeln erklangen,
+Und ein Licht und ein Glanz ward frei.
+Die zu den Quellen des Lebens drangen,
+Zählen den Priestern des Lebens bei.
+
+Weint nicht um ihn. Aus seinen Wunden
+Seht die leuchtenden Rosen blühn.
+Kränze des jauchzenden Lebens gebunden
+Aus dem Frühlingsgeschenk seiner Wunden,
+Und ihr ehrt und feiert ihn.
+
+
+
+
+Prolog zur Böcklin-Gedenkfeier
+
+der Gesellschaft hamburgischer Kunstfreunde
+
+(Fräulein Minna Persoon gewidmet.)
+
+
+Ein Großer starb: _Böcklin_. Vor wenig Tagen
+Gab man der Erde ihren Anteil wieder —
+Und legte Rosen auf den Hügel nieder
+Und dunklen Lorbeer. Leises Flügelschlagen
+Der Stunden, die die stille Stätte streifen —
+Und jedem Flügelschlag entblättert sacht
+Sich eine Rose, die vielleicht am Strauch
+Des Lebens letzten roten Gruß gelacht
+Dem, dessen Tod auch ihr Tod ward. Ein Hauch
+Vergänglichkeit um dieses Grab geweht,
+Um das der dauerhafte Lorbeer steht.
+
+ * * * * *
+
+Zwei Freunde, die in Feierstunden,
+Sich in Florenz zu einander gefunden,
+Hatten die halbe Winternacht
+Dem toten Meister nachgedacht.
+Ein Maler war's und ein Poet,
+Fühlten sich eines Geistes durchweht,
+Gossen ihren roten Wein
+Glutvoll in seinen Ruhm hinein,
+Klirrten die leeren Gläser zusammen
+Und schössen wie zwei Feuerflammen
+Von ihrer Bank empor und gingen
+Des Meisters Grab einen Gruß zu bringen,
+Wollten unterm Sternenschein
+Seinem Genius eine Andacht weihn.
+
+Sprach der Maler: So ist's recht,
+Hat sich am Tage so mancher erfrecht
+Dem Meister sein Gloria zu schrein,
+Stimmte so mit den andern ein,
+Aber ist der Lärm verweht,
+Er wieder alte Wege geht,
+An denen, die noch malen und dichten,
+Seine Torturen zu verrichten.
+Wer die Marterschrauben überdauert,
+Der wird dann rühmlichst eingemauert
+In ein Pantheon von großen Leuten,
+Die man anfangs wollte häuten.
+Nun weiß man aus ihren Kleiderfetzen
+Sich selbst noch ein Wams zusammenzusetzen,
+Gebärdet sich als Apostel gar
+Und ist in den Flicken doch nur ein Narr.
+
+„Nicht schlecht gewettert,“ lacht der Poet,
+„Doch wird es, so lange die Welt besteht,
+Nicht anders, Freund. Und zuletzt, die Narren
+Schmücken des Großen Ruhmeskarren
+Als lustige Fratzen wider Willen;
+Muss jeder seinen Zweck erfüllen.
+Und wären am Ende die Teufel nicht,
+Ein Engel hätt kein besonder Gesicht.“
+
+„Du siehst wieder alles von oben an,“
+Grollt der erregte Pinselmann,
+„Aber steht man so mitten darinnen —“
+„Freund, man muss auch das Oben gewinnen
+Mit Kampf und blutenden Wunden viel.
+Wäre das Leben ein Tanz und Spiel,
+Wer möchte die Arme zum Himmel erheben,
+Dass er ihm einen Tag länger mög geben?
+Aber trotz der Widergewalten
+Gelassen am eigenen Ich sich halten:
+Zerrt nur, schraubt nur, Ihr reißt mir nichts los!
+So ward Böcklin groß.“
+
+So in Streit und Widerstreit
+Unter des Sternfriedens Herrlichkeit
+Zügelten sie das rasche Wort,
+Je mehr sie dem geweihten Ort
+Sich nahten, gingen schließlich nur
+Schweigend auf eines Gedankens Spur,
+Von einem tiefen Empfinden gewiegt,
+Das alles laute Wesen besiegt.
+Merkten, und merkten's auch wieder nicht:
+Heller wurde der Sterne Licht,
+War ein himmlischer Wunderschein,
+Der hüllte alles um sie ein.
+
+Und da stand des Meisters Gestalt,
+Wie man Gott Vater abgemalt,
+Der mit gelassener Gebärde
+Sich runden heißt den Kreis der Erde,
+Baum, Tier und Menschen stellt hinein
+Und freut sich: nun kann's Sonntag sein.
+Zur Seite hockt ihm gemächlich Gott Pan
+Und lässt die Flöte lieblich klingen.
+Bockfüßiger Faune Tanz zerstampft den Plan,
+Und um die Zottelbären schlingen
+Dryaden einen lustigen Reihn
+Und Flügelbuben springen drein. —
+Doch mählich ordnet sich das Spiel und drängt
+Dem Strand zu, wo Tritonen liegen
+Und Nixen, Arm in Arm gehängt,
+Sich leise auf den Wellen wiegen.
+Und von dem munteren Zug geleitet,
+Arm traut in Arm mit Pan, so schreitet
+Böcklin zum Strand hinab. Pans Flöte schweigt,
+Doch aus den Muscheln der Tritonen steigt
+Dröhnend ein Gruß, dass rings das Ufer bebt.
+Der Gruß verhallt. Still wird's. Vom Meere schwebt
+Ein Segel her, naht eine Barke sich,
+Drin steht der Tod mit seiner stummen Geigen
+Und bittet jenen, in das Boot zu steigen.
+Der grüßt und folgt. Leis schwankt der Barke Rand.
+Ein Edelbild, das nicht vom Steuer wich,
+Ein göttlich Weib bietet dem Gast die Hand.
+Dann ist, umspielt von jungen Nereiden,
+Das selige Schiff langsam vom Strand geschieden,
+Nur eine milde süße Geige klang
+Noch lang im Wind, bis es die Nacht verschlang.
+
+Und Pan? die Faune? die Dryaden? Nichts
+War da, als nur ein Schimmer stillen Lichts,
+Das von den Sternen um den Hügel wob. —
+Und als der Maler seine Stimme hob
+Und fragte: „Freund, was träumt dir? Lass uns gehn,
+Des Meisters Ruhestätte anzusehn,“
+Fährt jener auf aus seinem Traum und lacht:
+„Hab mit der Phantasie ein Spiel gemacht,
+Ich sah das ganze Bocksbeinvolk im Reigen
+Dem Meister Arnold Reverenz bezeigen.
+Doch komm und lass uns an den Hügel treten,
+Auch uns gehört der Böcklin, uns Poeten.“
+
+Still lag das Grab im Frieden dieser Nacht,
+Der Lorbeer glänzte im Licht der Sterne,
+Und aus der halbverwelkten Rosenpracht
+Verlor ein letzter Duft sich in die Ferne. —
+Die aber jetzt an diesem Hügel standen
+Und ihrer Weihe keine Worte fanden,
+Ob sie aus dieser andachtstrunknen Nacht
+Wohl eine Frucht mit in den Tag gebracht?
+Was kann dies Grab aus seiner Kammer geben?
+Dem Starken Höchstes: Lust und Kraft zum Leben.
+
+
+
+
+Der Trauermantel
+
+
+Einsamer Mohn glühte am Grabenrand,
+Ein Falter zog um ihn zitternde Ringe.
+Ein Trauermantel. Sonnig lag das Land,
+Der einzige Schatten war die schwarze Schwinge
+Des dunklen Gauklers dort, der um die Glut
+Des roten Mohns, ein traumhaft Wesen, flog.
+Und mählich schien es mir, als ob das Blut
+Der Blume aus den Wangen wich; sie zog
+Erblassend, welkend, sich in sich zusammen,
+Doch immer noch um die erloschnen Flammen
+Zuckten die schwarzen Flügel, bis ein Wind,
+Der übern Weg lief, sie ins Feld entführte.
+War ich vom Licht, vom Flügelflimmern blind?
+War es ein Schlaf, ein Traum, der mich berührte,
+Erzeugt in jenem Purpurkelch, der jetzt
+Wie vorher flammte, sommerheißer Glut?
+Ein Nichts. Ein Spuk. Blendwerk. Und doch, zuletzt,
+Es blieb ein leises Frösteln mir im Blut,
+Und als ich abends mit den Freunden trank,
+Die heiterm Tag ein heitres Ende machten,
+Sprach ich von Herbst und Tod; sie aber lachten
+Und stießen fröhlich an. Ein Glas zersprang.
+
+
+
+
+Tag und Nacht
+
+
+Einen dichtesten, dunkelsten Schleier trug
+Die Nacht. Quält alte Schuld und Not
+Sie immer noch? Auf ihrem Flug,
+Was sie mit leisem Flügel schlug,
+Stand alles starr und tot.
+
+Was kümmert es den jungen Tag,
+Was die schweigsame Schwester beschwert,
+Da er in holdem Schlummer lag;
+Er fragt der Weinenden nicht nach,
+Die seiner nie begehrt.
+
+Auf falterfarbigen Flügeln hebt
+Er freudejauchzend sich hinauf,
+Und wie er über den Wiesen schwebt,
+Ein jedes Blümchen, das da lebt,
+Lächelt zu ihm auf.
+
+Nur der trübe Bach klagt leis
+Zwischen Schilf und schwarzem Moor.
+Gab ihm die Nacht ihr Geheimnis preis?
+Er flüstert und wispert, als ob er was weiß,
+Und raschelt und raunt im Rohr.
+
+
+
+
+Das Birkenwäldchen
+
+
+Inmitten öder Heide träumt
+Ein Birkenwäldchen, sumpfumsäumt.
+Die stillen Wasser blinken,
+Daraus die Wurzeln trinken.
+
+Hier geht sobald kein Menschenfuß
+Und klingt kein Sommervogelgruß,
+Hier ist in ihrer Klause
+Die Einsamkeit zu Hause.
+
+Und nächtens stellt bei Mondenschein
+Ein Wispern sich und Flüstern ein,
+Und weiße Schatten heben
+Gespenstisch sich ins Leben.
+
+Und mittags, wenn die Sonne glüht,
+Dass fast die Heide Funken sprüht,
+Scheint dort in kühlen Schauern
+Ein Seltsames zu lauern.
+
+Ein Jäger, den die Heideglut
+Hintrieb, war einst dort eingeruht,
+Ihm träumt' — er konnt's nicht sagen,
+Er starb in wenig Tagen.
+
+
+
+
+Der Freier
+
+
+Es saß im hellen Sonnenschein
+Gevatter Tod am Grabenrand,
+Kreuzte gemächlich Bein und Bein
+Und hielt ein Blümchen in der Hand.
+
+Er trieb das alte Fragespiel
+Und fragte ehrlich Blatt für Blatt,
+Bis er den kahlgerupften Stiel
+In seinen harten Fingern hatt'.
+
+Ein melancholisch Lächeln glitt
+Leicht übers gelbe Kalkgesicht,
+Dann stand er langsam auf und schritt
+Durchs Stoppelfeld. Er eilte nicht.
+
+Das Dorf lag hinterm nächsten Hang,
+Und sicher war die Braut ihm auch,
+So war denn auch sein Freiersgang
+Gemächlicher als sonst der Brauch.
+
+Noch einmal, vor dem letzten Haus,
+Brach er ein Asterchen und riss
+Ihm alle seidenen Blättchen aus
+Und zählte nicht, des Spiels gewiss.
+
+Er warf den Stengel hinter sich
+Und trat ins niedere Häuschen ein:
+Schön Annemarie, ich liebe dich
+Und frage nicht ja und frage nicht nein.
+
+
+
+
+Der Frühlingsreiter
+
+
+Um Mitternacht
+Bin ich jäh erwacht.
+Hufschlag hallte, ein Horn erklang,
+Dass ich erschreckt ans Fenster sprang.
+
+Der Mond schien hell,
+Und da kam es zur Stell:
+Ein Schatten voraus, dann ein milchweiß Ross,
+Darüber des Mondes Silber floss,
+
+Und ein Reiter ganz jung, einen blauen Kranz
+Im Gelock. Hell blitzte des Hornes Glanz
+In der Faust, und er stieß in das Horn hinein,
+Als sollte und müsste geblasen sein.
+
+O war das ein Klang
+In dem Horngesang!
+Eine süße Kraft, eine blühende Kraft,
+Eine zitternde, quellende Leidenschaft,
+
+Ein Herz und ein Jubel, ein seliger Schrei!
+Ein Klingen, ein Leuchten — da war es vorbei.
+Hatte mich ein Traum bethört?
+Nicht einer hatte den Reiter gehört,
+
+Sie lachten mich alle am Morgen aus:
+Da kommt der Träumer, der Dichter heraus.
+Aber mein Töchterchen kam mit Hurra:
+Seht mal, die ersten Veilchen sind da!
+
+Und ich glaube, auch Krokus und Narzissen
+Kommen schon. — Was wollt ich noch wissen?
+Ich lächelte nur und sagte: Ja, ja,
+Ich weiß, die Veilchen sind wieder da.
+
+
+
+
+Scherz
+
+
+Als ich heute Nacht
+Das Fenster aufgemacht,
+Sah ich ein Bübchen mit zitternden Flügeln,
+Das stolperte zwischen weißen Hügeln;
+Bald auf dem linken, bald auf dem rechten Zeh,
+So stelzt es im Schnee.
+
+War's Amor, der ein Ständchen gebracht,
+Überrascht von der ersten Winternacht?
+Oder war es nur ein letzter
+Kleiner dicker untersetzter
+Blumengeist, der überrumpelt
+Durch den ersten Schnee hinhumpelt
+Und weiß nicht so schnell
+Wohin zur Stell,
+Und, so was kommt vor, im Schrecken vergisst,
+Dass er fliegen kann, geflügelt ist?
+
+Ich rief ihn an: Pst! Kleiner!
+Kriegt mich auf einmal von hinten einer
+Am Kragen und schilt: Schließ das Fenster doch,
+Du erkältst dich noch.
+
+Meine Frau, die verständige war's, sie hält meist
+Meine Märchenerfindungen für sehr dreist.
+So hab ich ihr auch, was ich sah, verschwiegen
+Und bin ganz still ins Bett gestiegen.
+
+
+
+
+Die Schnitterin
+
+
+War einst ein Knecht, einer Witwe Sohn, —
+Der hatte sich schwer vergangen.
+Da sprach sein Herr: Du bekommst deinen Lohn,'
+Morgen musst du hangen.
+
+Als das seiner Mutter kund gethan,
+Auf die Erde fiel sie mit Schreien:
+O lieber Herr Graf und hört mich an,
+Er ist der letzte von dreien.
+
+Den ersten schluckte die schwarze See,
+Seinen Vater schon musste sie haben,
+Den andern haben in Schonens Schnee
+Eure schwedischen Feinde begraben.
+
+Und lasst ihr mir den letzten nicht,
+Und hat er sich vergangen,
+Lasst meines Alters Trost und Licht
+Nicht schmählich am Galgen hangen.
+
+Die Sonne hell im Mittag stand,
+Der Graf saß hoch zu Pferde,
+Das jammernde Weib hielt sein Gewand
+Und schrie vor ihm auf der Erde.
+
+Da rief er: Gut, eh die Sonne geht,
+Kannst du drei Äcker mir schneiden,
+Drei Äcker Gerste, dein Sohn besteht,
+Den Tod soll er nicht leiden.
+
+So trieb er Spott, hart gelaunt,
+Und ist seines Wegs geritten.
+Am Abend aber, der Strenge staunt,
+Drei Äcker waren geschnitten.
+
+Was stolz im Halm stand über Tag,
+Sank hin, er musst es schon glauben.
+Und dort, was war's, was am Feldrand lag?
+Sein Schimmel stieg mit Schnauben.
+
+Drei Äcker Gerste, ums Abendrot,
+Lagen in breiten Schwaden,
+Daneben die Mutter, und die war tot.
+So kam der Knecht zu Gnaden.
+
+
+
+
+Das Geisterschiff
+
+
+Alle Schiffer kamen wieder,
+Kay kam nicht.
+Auf die Erde warf Meike sich nieder,
+In den Sand das Gesicht.
+
+Sie weinte und rang die weißen Arme:
+Kay, komm, Kay!
+Sie flehte und fluchte, dass Gott erbarme:
+Kay, komm, Kay!
+
+Da lief ein Schiff auf schwarzer Welle
+Nachts an den Strand,
+Da kam ihr toter Herzgeselle
+Und nahm sie bei der Hand.
+
+Sie fühlte es bis in die spitzen Zehen
+Und bis in ihr blondes Haar.
+Und Meike musste mit ihm gehen
+Und segeln immerdar.
+
+
+
+
+Die treue Schwester
+
+
+Vater und Mutter lagen im Grab,
+Und der Bruder wollt übers weite Meer.
+Wiebke hing an seinem Hals,
+Verzagt und weinte sehr.
+
+Meine Lampe will ich ans Fenster stelln,
+Kein Stern hat hellem Schein,
+Herzbruder, und wenn du wiederkehrst,
+Dein Schiff läuft sicher ein.
+
+Ans Fenster stellte die Lampe sie
+Und wartete an sieben Jahr,
+Alle Schiffer kannten ihr Licht,
+Das brannte hell und klar.
+
+Sieben Jahre und sieben noch.
+Lösch doch deine Lampe aus.
+Sie schüttelte ihren weißen Kopf:
+Er kommt doch einmal nach Haus.
+
+Und eines Nachts, und die See ging schwer,
+Und sie sahen, am Fenster brannte kein Licht;
+Da sprachen sie, er ist heimgekehrt,
+Ihr Glaube trog sie nicht.
+
+Und morgens, sie wollten den Bruder sehn,
+Im Hafen war kein Schiff, kein Boot,
+Und sie gingen und fanden die Lampe leer,
+Und Wiebke saß und war tot.
+
+
+
+
+Sara Limbeck
+
+
+Schön Sara, des Ritter Limbecks Weib,
+War jung und immer fidel,
+Der Ritter aber war krank an Leib
+Und alt an Herz und Seel!
+Und gab's im Schloss ein fröhlich Bankett
+Mit Saras lustigen Kumpanen,
+Der Ritter Limbeck lag im Bett,
+Bekam nichts von Kapaun und Fasanen.
+
+Und oftmals verdross es schön Sara zu Haus,
+Dann musste die Kutsche vor,
+Mit vier schwarzen Rappen fuhr sie aus,
+Laut knarrte das alte Thor.
+Der Ritter richtete sich auf,
+Die Knochen zusammengerissen;
+Das gibt wieder fröhlich Gejaid und Gesauf!
+Und er sank zurück in die Kissen.
+
+Schön Sara lebte in Saus und Braus,
+Ritter Limbeck starb allein.
+Sie drückte sich keine Thräne heraus,
+Jetzt wollt sie erst lustig sein!
+Ritter Limbeck lag in der kalten Gruft,
+Und oben klirrten die Becher,
+Und war mancher Schelm und war mancher Schuft,
+Der wurde verliebter und frecher.
+
+Und übers Jahr, und die gleiche Nacht
+Und der gleiche Stundenschlag,
+Da der Limbeck sein letztes Kreuz gemacht,
+Und im Schloss war ein lärmend Gelag,
+Da fuhr die große Kutsche vor,
+Von vier schwarzen Rappen gezogen,
+Und Sara fuhr durch das knarrende Thor,
+Und die schwarzen Rappen flogen.
+
+Frau Sara fuhr feldein, feldaus,
+Die Nacht war schwarz und schwer,
+Frau Sara kam nicht wieder nach Haus,
+Man sah sie niemals mehr.
+Nur nachts, wenn Wandrer irr und wirr
+Verlorenen Weg sich suchen,
+Erschreckt sie auf einmal ein schwarz Geschirr
+Und ein Schnauben und Peitschen und Fluchen.
+
+Das ist die lustige Sara, die nun
+Nächtlich kutschieren muss,
+Und könnte beim Ritter Limbeck ruhn
+Für einen letzten Kuss.
+Nun fährt sie hundert Jahre wohl noch
+Querfeld, trotz Zaun und trotz Hecken.
+Durch! Wie die Kutsche so groß gibt's ein Loch,
+Den Bauern zum höllischen Schrecken.
+
+
+
+
+Thies und Ose.
+
+
+In Wenningstedt bei Karten und Korn
+Erschlug einst ein Bauer in jähem Zorn
+Seinen Gast. Thies Thiessen war stark,
+Und der Hansen ein Stänker um jeden Quark.
+
+Nun lag er bleich und im Blut auf dem Stroh.
+Aber wo war Thies Thiessen? Wo?
+Sie suchten ihn und fanden ihn nicht,
+Und der Galgen machte ein langes Gesicht.
+
+Ose, des Mörders Weib, kam in Not.
+Vier Kinder wollten von ihr Brot.
+Ihr Kram ging zurück. Stück für Stück
+Ward verkauft, und sie suchte bei Fremden ihr Glück.
+
+Doch stand sie in Ehren bei jedermann
+Und that ihnen leid. Die Zeit verrann,
+Und Thies Thiessen war und blieb
+Weg, als wäre die Welt ein Sieb.
+
+So wurden es Jahre. Auf einmal fing's
+Zu tuscheln an, bis nach Rantum ging's:
+Habt ihr gesehn? Schon lange. Nanu!
+Meint ihr? Und sie nickten sich zu.
+
+Sie war doch sonst ein ehrlich Weib,
+Nun schreit ihre Schande das Kind im Leib.
+Mit wem sie's wohl hält? Das Mannsvolk ist toll!
+— Das war ein Geschwätz, alle Stuben voll.
+
+Die fromme Ose ertrug es in Scham,
+Kein Wort über ihre Lippen kam.
+Nur einem fraß es am Herzen und fraß,
+Bis ihm der Schmerz in den Fäusten saß.
+
+Und eh sich's die Lästermäuler versahn,
+Stand er auf: Ich hab's gethan!
+Und standen alle und glotzten sehr:
+Thies Thiessen? Gott sei bei uns! Woher?
+
+Nicht verrat ich das Dünenloch,
+Und ihr findet es nimmer. Sie aber fand's doch.
+Und geht's um den Hals, das Kind ist mein.
+Und verdammt, wer's nicht glaubt. Ich bläu's ihm ein.
+
+Und er sah elend aus und schwach,
+Und er hielt sie wie ein Gespenst in Schach,
+Bis ihnen allen allmählich klar,
+Dass der da wirklich Thies Thiessen war. —
+
+Der Hansen war tot, von keinem vermisst,
+Ein Säufer war er und schlechter Christ.
+Aber der Thiessen, ein Kerl ist er doch!
+Und die Ose, gibt's eine Bravere noch?
+
+Alle die Jahre in Elend und Not
+Teilte sie ihr Hungerbrot
+Treulich ihm mit. Und jetzt weinte sie da
+An seinem Hals. Es ging allen nah.
+
+Sie kauten und spuckten und sahen sich an
+Und schoben sich sacht an Thiessen heran
+Und brummten und schüttelten ihm die Hand.
+Das war ihr Gericht. Und so blieb er im Land.
+
+
+
+
+Wie die Stakendorfer die Lübecker los wurden
+
+
+Nach Stakendorf kamen die lübischen Herrn
+Vor Zeiten alljährlich und kamen gern,
+Zwangen die Bauern, den Zehnten zu zahlen,
+Und zogen nach Haus mit Protzen und Prahlen.
+
+Einst kamen sie wieder zur Fastnachtszeit
+Und säckelten ein und machten sich breit,
+Ließen im Gildehaus festlich sich ätzen
+Und saßen glorios auf den Ehrenplätzen.
+
+Die Bauern brauten ein gutes Bier.
+Knausern sie gern, sie knausern nicht hier,
+Sie lassen sich heute am wenigsten lumpen
+Und füllen den durstigen Gästen die Humpen.
+
+Bald glänzen die Backen, die Stirnen stehn
+In Schweiß, kaum können die Äuglein noch sehn.
+Hier sinkt ein Haupt, da lallt eine Zunge,
+Dort keucht eine fette lübische Lunge.
+
+Und immer werden die Humpen nicht leer,
+Die Lübecker trinken und können nicht mehr,
+Bald liegen sie alle, den Kopf auf den Armen
+Und schlafen und schnarchen zum Erbarmen.
+
+Da hat die Bauern der Teufel gezwickt,
+Da haben die Bauern gebohrt und gewrickt,
+Den Tisch und die nächsten Säulen durchlochten
+Die tückischen Schelme, so schnell sie vermochten.
+
+Die lübischen Bärte, wie hingen sie schlapp,
+Die bübischen Bauern, sie sagten nicht papp,
+Sie stopften sie all in die Löcher und schlugen
+Zur Sicherheit noch einen Pflock in die Fugen.
+
+Die Herren schlafen, kein Schlag weckt sie auf,
+Die Herren schnarchen, ein Ratsherrngeschnauf!
+Auf einmal da laufen die Bauern zusammen:
+Zeter und Mord! Das Haus steht in Flammen.
+
+Hei, kamen die Schläfer so schnell aus dem Traum,
+Ein Zerren, ein Reißen, und leer war der Raum.
+Nur die stattlichen Bärte alle
+Blieben zurück in der elenden Falle. —
+
+Seitdem, und wer verdenkt es den Herrn,
+Hielten sie sich weislich fern.
+Zwar haben sie fürchterlich Rache geschworen,
+Doch ließ man die Bauern ungeschoren.
+
+Frei vom Zehnten Stakendorf blieb,
+Den Lübeckern war ihr Bart zu lieb.
+
+
+
+
+Das Opferkind
+
+
+Bei Heiligenstedten, der Stördeich war's,
+Der Deich wollte nicht halten.
+Da war ein Loch, man krigt es nicht zu,
+Die Flut weiß zu spülen, zu spalten.
+So viel man auch stopft mit Erde und Stein,
+Das Meer stößt ein neues Loch hinein.
+
+Da war Not. Wich der Deich,
+Das Land musste ersaufen.
+Eine alte Frau wusste da Rat,
+Man könnt es dem Teufel abkaufen:
+Freiwillig muss ein Kind da hinab,
+Das hilft, freiwillig hinein da ins Grab.
+
+Ein Kind! Einer Mutter Kind!
+Hält jede ihrs fester am Herzen.
+Und wenn die ganze Marsch ersäuft,
+Kann eine ihr Kind verschmerzen?
+Da war Not. Das Loch muss zu.
+He, Tatersch, hör mal, bettelst du?
+
+Hier, tausend Thaler! Klimpert's nicht gut?
+Der Zigeunerin funkeln die Augen.
+Tausend Thaler! Da, nehmt den Balg!
+Kann doch nur zum Bettel taugen.
+So Schilling für Schilling erscharrt sich's schlecht.
+Gebt her! Wer ist gern Hungers Knecht.
+
+Sie legen ein Brett über das Loch
+Und ein weißes Brot in die Mitte.
+Der hungrige Knabe schwankt daher,
+Kleine, hastige Schritte.
+Jetzt langt er nach dem Brot. Da: das Brett
+Schlägt über und wirft ihn ins nasse Bett.
+
+Kein Schrei. Alles stiert
+Stumm aufs Quirlen und Quellen.
+Da taucht es auf, ein blass Gesicht,
+Aus den lehmigen Wellen,
+Taucht auf und spricht ein Wörtchen bloß:
+„Ist nichts so weich als Mutters Schoß.“
+
+Und taucht zum zweiten Mal auf und spricht:
+„Ist nichts so süß, als Mutters Liebe.“
+Wie das Wort alle packt und brennt.
+Wenn doch das Kind endlich unten bliebe!
+Da kommt es zum dritten und spricht aufs neu:
+„Ist nichts so fest als Mutters Treu.“
+
+Dann sinkt es weg. — Sie atmen auf,
+Nun muss das Werk geraten!
+Die Gäule keuchen, die Karren knarrn,
+Es ächzen und knirschen die Spaten.
+Erde und Stein hinein ins Loch!
+Ein teurer Deich, aber jetzt hält er doch.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Hohe Sommertage, by Gustav Falke
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 12268 ***
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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+The Project Gutenberg EBook of Hohe Sommertage, by Gustav Falke
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Hohe Sommertage
+ Neue Gedichte
+
+Author: Gustav Falke
+
+Release Date: May 5, 2004 [EBook #12268]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HOHE SOMMERTAGE ***
+
+
+
+
+Produced by Charles Franks and the DP Team
+
+
+
+
+Hohe Sommertage
+
+
+
+
+Neue Gedichte
+
+von Gustav Falke
+
+
+
+
+Hamburg — Alfred Janssen — 1902
+
+
+
+
+Seinen lieben Freunden
+
+Karl und Elisabeth Schütze
+
+herzlichst zugeeignet.
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+Sommer
+Der Parkteich
+Trüber Tag
+Vergebliche Bitte
+Liebesgestammel
+Waldgang
+In tiefer Scham
+Aus tiefer Qual
+Im Entschlummern
+Bitte
+Erinnerung
+Besitz
+Ausklang
+Zu Hause
+Heimkehr
+Vor Schlafengehen
+Mondlicht
+Musik
+Es schneit
+Die Weihnachtsbäume
+Meinem Sohn zur Taufe
+Die Mutter
+Steernkiker
+Lengen
+Verbaden Leew
+An de Gorenport
+Go' Nach
+Lütt Ursel
+De Snurkers
+De lütt' Boom
+De Stormfloth
+Ritornelle
+Frühlingstrunken
+Ein silbernes Märchen
+Pfingstlied
+Wunsch
+Seele
+Irrende Seele
+Rosentod
+Auf meinen ausgestopften Falken
+Morgen zwischen Hecken
+Und gar nicht lange
+Die bunten Kühe
+Auf der Bleiche
+Wäsche im Wind
+Winterwald
+Winter
+Die Netzflickerinnen
+Das Mädchen mit den Rosen
+Das Nixchen
+Feierabend
+Das Mädel
+Im Schnellzug
+Reigen
+Der Backfisch
+Der seltene Vogel
+Idyll
+Pusteblumen
+Konsequenz
+Die Räuber
+Denkmalkantate
+Bescheidener Wunsch
+Zweimal ist vier
+Prolog zur Nietzsche-Gedenkfeier
+Prolog zur Böcklin-Gedenkfeier
+Der Trauermantel
+Tag und Nacht
+Das Birkenwäldchen
+Der Freier
+Der Frühlingsreiter
+Scherz
+Die Schnitterin
+Das Geisterschiff
+Die treue Schwester
+Sara Limbeck
+Thies und Ose
+Wie die Stakendorfer die Lübecker los wurden
+Das Opferkind
+
+
+
+
+Sommer
+
+
+Ihr singt von schönen Frühlingstagen,
+Von Blütenduft und Sonnenschein,
+Ich will nichts nach dem Frühling fragen,
+Nein Sommer, Sommer muss es sein.
+
+Wo alles drängt und sich bereitet
+Auf einen goldnen Erntetag,
+Wo jede Frucht sich schwellt und weitet
+Und schenkt, was Süßes in ihr lag.
+
+Auch ich bin eine herbe, harte,
+Bin eine Frucht, die langsam reift.
+O Glut des Sommers, komm! Ich warte,
+Dass mich dein heißer Atem streift.
+
+
+
+
+Der Parkteich
+
+
+Ein stiller Teich träumt im verlassnen Park,
+Von sonnendunklem Laub dicht überschattet.
+Nur manchmal, wenn der Wind heftiger rauscht,
+Huscht ein verlorner Lichtstrahl übers Wasser,
+Und zittert ein erschrockenes Wellchen auf
+Und hastet ängstlich in das Uferkraut.
+
+Einsamer Weg führt um den stillen Teich,
+Gleich ihm von hängenden Zweigen überdämmert.
+Halbausgelöschte Spuren sind im Weg
+Vom Regen halb verwaschen und vom Wind
+Sacht überstäubt. Von wem erzählen sie?
+
+Mir ist, als müsste diese große Stille
+Ein Mädchenlachen plötzlich unterbrechen,
+Aus ihrem grünen Traum aufstören. Wenn der Wind
+Das Laub ein wenig hebt, und in dem Spiegel
+Des dunklen Teichs ein Licht aufblitzt, gedenk ich
+Eines tieflieben, jungen Augenpaares,
+Das ich aus einem stillen Mädchentraum
+Manchmal aufleuchten sehe, und ich meine,
+Es hätte hier wohl einmal vor dem Bild
+Parkstillen Friedens lieblich sich erhellt.
+
+Ein sanftes Wellchen hebt sich an das Ufer.
+Will es den Platz mir zeigen, wo sie stand?
+Wo sie gesessen? Leise rauscht das Laub.
+Es ist ein Flüstern. Ach, was flüstert's doch?
+Nichts. Nur ein Laub im Wind. Doch in mir wacht
+Ein Holdes auf und sucht nach Worten, findet
+Nur einen lieben Namen, und der schwebt,
+Leise dem Wind vertraut, über den Teich.
+
+Bewahr den Namen, märchentiefe Stille,
+Bewahre ihn, dass er, ein süßer Laut
+Der lieblichen Natur, hier Heimat hat.
+Und kehrt sie wieder, wandelt einmal noch
+Durch diesen Frieden, der nun doppelt heilig,
+Mag sie, wie ich heut, lauschend stehn und fragen:
+Was flüstert doch das Laub? Und mag erröten
+Und lächeln, meint sie, übern Teich her ruft
+Ein andrer sie mit Namen.
+
+
+ Leise rauscht
+Das sommerdunkle Laub rings um den Teich.
+Ein Sonnenlächeln zittert auf dem Spiegel.
+Und horch! Ein Mädchenlachen? Nein, Herz, nein.
+Traumstille Einsamkeit nur atmete
+Einmal aus ihrem Frieden selig auf.
+
+
+
+
+Trüber Tag
+
+
+Ein feuchtes Wehen wühlt im Laub und streut
+Ins nasse Gras ringsum den Tropfenfall,
+Und wo noch gestern laute Lust, träumt heut
+Schwermütiges Schweigen überall.
+
+Die frühen Rosen frieren so im Wind.
+Gestern, als heißer Mittag darauf lag,
+Brach ich die schönste dir. Wo bist du, Kind?
+Wo ist die Rose? Wo der helle Tag?
+
+Auch morgen, wenn die Sonne wieder scheint,
+Und ganz voll Duft mein kleiner Garten ist,
+Ruft dich mein Herz und weint
+Und weiß nicht, wo du bist.
+
+
+
+
+Vergebliche Bitte
+
+
+Maiblumen, deinem Herzen nah,
+Blühten an deinem Kleide.
+Ich bat: „Schenk mir den Frühling da.“
+„Nein,“ riefst du mir zu Leide.
+„Es war nur Spiel, war nur zum Scherz,
+Dass ich mich damit schmückte.“
+Und wie ein Stich ging mir's durchs Herz,
+Als deine Hand die Blumen schnell
+Vom Busen riss und auf der Stell
+Zerpflückte, zerpflückte.
+
+Was gabst du mir die Blumen nicht,
+Mir, dem die Jugend schwindet,
+Und der auf deinem Angesicht
+Ihr letztes Glück noch findet?
+Mir war's, als so umsonst ich warb
+Um diese Frühlingsspenden,
+Als ob nun mit den Blumen starb
+Auch meiner Jugend goldner Tag,
+Und seine letzte Blüte lag
+Zerpflückt von deinen Händen.
+
+
+
+
+Liebesgestammel
+
+
+Es ist alles nicht auszusagen,
+Was ich um dich gelitten.
+Du musst meine schlaflosen Nächte fragen,
+Da ich mit Beten um dich gestritten,
+Mit Wünschen und Sehnen und Hoffen viel
+Trieb ein thörichtes Liebesspiel.
+
+Und wenn ich dann an deiner Seite
+Wunderseliges tief gespürt,
+Und, wie auf seinem Teppichgebreite
+Des Moslems Stirn die Erde berührt,
+Vor dir anbetend die Seele geneigt,
+Die sich so gern in Stolz versteigt,
+Da ist mir so recht in Wonnen und Bangen
+Das Wesen der Liebe aufgegangen.
+So willenlos, keusch, himmelsrein
+In eine Seele versunken sein,
+Holdeste Zweieinigkeit
+Ohne Sinnenwiderstreit.
+
+Aber getrennt, ging ich umher
+Eine einsame Seele, die keiner versteht.
+Sie bangt um ihren Himmel sehr
+Und weiß nicht, wo die Straße geht,
+Schlägt in rastlosem Sehnsuchtsspiel
+Tausend Brücken nach ihrem Ziel,
+Über die mit zitternden Knien
+All ihre weinenden Wünsche ziehn.
+
+Ich bin dein,
+O wärst du mein!
+Hülfe mir Beten, hülfe mir Bitten —
+Aber ich will mich des Hoffens entschlagen.
+Es ist alles nicht auszusagen,
+Was ich so lange um dich gelitten.
+
+
+
+
+Waldgang
+
+
+Heut bin ich durch den fremden Wald gegangen,
+Abseits von Dorf und Feld und Erntemühen.
+Den ganzen Tag trug ich ein Herzverlangen
+Nach diesem Gang. Nun stahl das erste Glühen
+Des Abends heimlich sich ins Dämmerreich
+Des Buchenschlages, und das Laub entbrannte
+In einem roten Gold ringsum, und gleich
+Glühwürmchen lag's auf Moos und Kraut. Ich kannte
+Nicht Weg und Steg und ließ dem Fuß den Willen,
+Der ziellos ging, indes die Augen schweifen.
+Hier stand ich still und sah, erschreckt vom schrillen
+Raubvogelruf, den Weih die Wipfel streifen.
+Dort lockte mich die schwarze Brombeerfrucht,
+Ein Schneckenpaar, das einen Pilz bestieg,
+Und eines späten Falters scheue Flucht.
+Und um mich war das Schweigen, das nicht schwieg,
+Das Laute spann, spinnwebenfeine Laute,
+Womit es sich dem alten Wald vertraute.
+
+Und als ich stand und so der Stille lauschte,
+Ganz hingegeben ihrem Raunen, lenkte
+Ein Buntspecht, der durchs niedere Laubdach rauschte,
+Meine Auge nach sich, und nun es sich senkte,
+Sah ich zwei Herzen in des Bäumchens Rinde,
+Verschränkte Herzen, heut erst eingeschnitten;
+Es tropfte noch das Blut der jungen Linde,
+Die fremder Liebe willen Schmerz gelitten.
+Und als ich weiter schritt, gab mir zur Seite
+Ein junges Angesicht traumhaft Geleite.
+
+Und Zwiesprach hielt ich mit dem Weggesellen
+Von kranken Nächten und vergrämten Tagen,
+Und ließ das rote Blut der Liebe quellen
+Und alle Wunden meines Herzens klagen.
+Und Tempelstille heiligte den Wald,
+Nur meiner Seele große Qual ward laut.
+Der holde Schatten ward zur Lichtgestalt,
+Und ihr zu Füßen sank ich in das Kraut
+Und flüsterte: „Geliebte“. Stammelte:
+„Geliebte. Liebstes. Seele. Hör mich an.
+Ich kann nicht mehr. Die Wege, die ich geh,
+Sind so voll Dornen. Sieh mein Blut; es kann
+Nicht still werden.“ —
+
+ — So lag ich, lag
+Am Wege so; und um mich starb der Tag.
+Da stand ich auf und war allein und ging
+Auf schmalem Pfad, der durchs Gestrüpp sich wand,
+Dem Ausgang zu. Dort überm Felde hing
+Der stille Mond und kleidete den Rand
+Des Waldes weit in Frieden und in Licht,
+Mir aber kam die selge Ruhe nicht.
+
+Am Waldrand stand, flimmernd im Mondenschein,
+Ein Eichbaum. Von der rissigen Rinde hub
+Ein eingekerbtes Kreuz sich ab. Allein
+Die Klinge, die dem Stamm die Wunde grub,
+War abgebrochen, und das rostige Stück
+Stak unterm Kreuz noch in dem alten Baum.
+Was redete das Kreuz? Von totem Glück?
+Von totem Leid? Von einem toten Traum?
+
+Ein leiser Wind kam übers reife Korn,
+Die Büsche rauschten, und in Schatten sank
+So Kreuz wie Klinge. Nur ein dürrer Dorn
+Am Fuß des alten Baums stand nackt und blank
+Im Licht des Mondes. Und es war einmal,
+Dass er im Grün die roten Blüten trug,
+Flammend, ein selig Frühlingsfeuer. — Qual
+Lag in dem Seufzer, den der Wind verschlug,
+Und ich ging heim und dachte in der Nacht
+Dem Leben nach, das alles sterben macht.
+
+
+
+
+In tiefer Scham
+
+
+Ich weinte auf mein Brot und würgte dran
+Und konnt's nicht würgen und stand auf vom Mahl
+Und ging hinaus ins kalte, kahle Feld
+Und bot dem Märzwind meine heiße Qual.
+
+An einem Dornbusch hing ein Fetzen Tuch.
+Wer warf es weg, wen wärmte es zuletzt?
+Vielleicht wie er bin ich ein Bettler nun,
+Und was so warm mich hielt, ist ganz zerfetzt.
+
+Wenn du dein Herz in deine Hände nimmst
+Und giebst es hin, da, nimm's, und ohn Entgelt,
+Man nimmt es, dankt und wirft dir's plötzlich hin:
+Ich mag's nicht mehr! dann stirbt dir eine Welt.
+
+Dann stehst du da, entblößt und bettelarm
+Und weißt nicht hin vor Scham, vor nackter Scham.
+
+
+
+
+Aus tiefer Qual
+
+
+Kind, sieh nicht deinen Vater an,
+Er hat sich gar so sehr geschämt,
+Sich eine lange, bange Nacht
+Um diese seine Scham gegrämt.
+
+Und geh zu deiner Mutter, Kind,
+Und spiel mit ihr im Sonnenschein
+Und sprich ihr auch vom Vater nicht,
+Scham will allein im Dunkeln sein.
+
+Geh, Kind, vor deinem großen Blick
+Erschrickt mein Herz und fasst sich nicht
+Und weint. Und war noch gestern, Kind,
+So rein wie deiner Augen Licht.
+
+
+
+
+Im Entschlummern
+
+
+Leise Füße gehn im Gras,
+Eine Stimme flüstert was.
+Ich hör es deutlich vom Garten her;
+Ein Halbschlaf drückt die Lieder schwer.
+
+Es spielt in meinen Traum hinein:
+Die Füße müssen meine sein,
+Sie wandeln her, sie wandeln hin,
+Vergangenes geht mir durch den Sinn:
+
+Viel süßer Duft und Sonnenlicht,
+Und eine Hand, die Rosen bricht.
+Vor ihrem Bilde glühten sie,
+Vor ihrem Bild verblühten sie.
+
+Der Schlaf drückt mir die Augen schwer.
+Ich höre die leise Stimme nicht mehr.
+— Vor ihrem Bilde glühten sie,
+— Vor ihrem Bild verblühten sie.
+
+
+
+
+Bitte
+
+
+Holder Frühling hauch mich an,
+Dass ich neu erstehe,
+Was ein Herz ertragen kann,
+Ich ertrug's an Wehe.
+
+Einst so blühend, diese Brust,
+Soll sie ganz erkalten?
+Ach, ich bin mir kaum bewusst,
+Lass den Tag so walten.
+
+Wem ein schönes Glück verging,
+Drauf er treulich baute,
+Wer sich an ein Hoffen hing,
+Das wie Märzschnee taute,
+
+Lieblos scheint ihm wohl die Welt
+Und so kalt zum Sterben;
+All was er in Händen hält,
+Sind nur tote Scherben.
+
+Holder Frühling hauch mich an
+In den neuen Tagen;
+Was ein Herz ertragen kann,
+Ach, ich hab's ertragen.
+
+Tausend Knospen schwellen dir,
+Duft weht auf und Lieder.
+Eine Blüte schenk auch mir,
+Eine einzige wieder!
+
+
+
+
+Erinnerung
+
+
+In meinen Versen weint und lacht,
+Was mir mein Leben reich gemacht.
+Wie mir das stille Tröstung giebt:
+Ich habe dich so sehr geliebt.
+
+Auch du blickst wohl darauf zurück;
+Und war's dir auch kein großes Glück,
+War's doch vielleicht, mag's wenig sein,
+Ein Wegestreckchen Sonnenschein.
+
+
+
+
+Besitz
+
+
+Die Sonne überstrahlt dein Bild,
+Mein Herz wird warm und freut sich.
+Dein liebes Bild.
+Alles Licht ferner Tage erneut sich.
+
+So recht in tiefstem dankbar sein,
+Dass ich dir durfte begegnen,
+Diese Frucht blieb mein.
+Kann Liebe ein Leben reicher segnen?
+
+Ich durfte dich nicht besitzen, es war
+Viel Schmerz meiner Liebe beschieden.
+Es war.
+Nun ist alles Freude und Frieden.
+
+
+
+
+Ausklang
+
+
+Immer bleibst du lieblich mir,
+Immer hold im Herzen,
+Immer brennen heilig hier
+Dir geweihte Kerzen.
+
+Breiten um dein Angesicht
+Einen frommen Schimmer,
+Und so bist du, reinstes Licht,
+Eigen mir für immer.
+
+
+
+
+Zu Hause
+
+
+Ich war, in tiefer Bitternis verwirrt,
+In Not und Nacht vom Wege abgeirrt.
+
+Ich blickte auf nach einem Trost und Schein,
+Und alle meine Sterne schliefen ein.
+
+Nur fernher klang ein leiser weher Laut,
+Dem hab ich meine Schritte anvertraut.
+
+Ich war gerettet. Schmerz fand sich zu Schmerz.
+Und weinend fiel ich wieder an dein Herz.
+
+
+
+
+Heimkehr
+
+
+Du weißt, ich hab dich lieb gehabt,
+Und immer gleich, an jedem Tag,
+Ob ich ein wenig Glück uns fing,
+Ob still in Sorgen abseits ging.
+
+Da kam ein Frühlingssonnenschein
+Und kam ein junger Rosentag,
+Ich stand in lauter Rausch und Traum
+An eines fremden Gartens Saum.
+
+Aus holder Morgenlieblichkeit
+Klang da ein Lied, so süß, so süß,
+Dass ich im Lauschen mich verlor
+Und hatt für deinen Ruf kein Ohr.
+
+Doch gab des Gartens Thür nicht nach,
+Ein zweifach Schlösslein lag davor,
+Das hat den Träumer aufgeweckt,
+Ihn auf sich selbst zurückgeschreckt.
+
+Er riss sich los und kehrt nun heim
+Und drängt sein Herz an deines hin.
+Trotz Rausch und Traum, du fühlst, es blieb
+Das alte Herz und hat dich lieb.
+
+
+
+
+Vor Schlafengehen
+
+
+Die Kinder schlummern in den Kissen,
+Weich, weichen Atems, nebenan,
+Ein Traum vom heutigen Tag, und wissen
+Nicht, was mit diesem Tag verrann.
+
+Wir aber fühlen jede Stunde,
+Die uns mit leisem Flügel streift,
+Und wissen, dass im Dämmergrunde
+Der Zeit uns schon die letzte reift.
+
+Wir sitzen enggeschmiegt im Dunkeln.
+So träumt sich's gut. Und keines spricht.
+Durchs Fenster fällt ein Sternenfunkeln,
+Vom Ofen her ein Streifchen Licht.
+
+Einmal, im Schlaf, lacht eins der Kleinen
+Ganz leis. Was es wohl haben mag?
+Springt es mit seinen kurzen Beinen
+Noch einmal fröhlich durch den Tag?
+
+Ein Mäuschen knabbert wo am Schrägen,
+Knisternd verkohlt ein letztes Scheit,
+Die alte Uhr hebt an zu schlagen —
+Da sprichst du leis: Komm, es ist Zeit.
+
+
+
+
+Mondlicht
+
+
+Das blasse Licht des vollen Mondes geistert
+Durchs schlechtverhängte Fenster uns ins Zimmer.
+Du schläfst. Die Kinder auch. Mir aber meistert
+Der Magier der Nacht den Schlaf wie immer,
+Und wachen Ohrs, das alles hört, ausfragt
+Und deutet, lieg ich. Unsre Ältste leiht
+Verworrnem Traum, der sie durch Schrecken trägt,
+Angstvollen Laut, richtet sich auf und schreit
+Entsetzt einmal den Namen ihrer Schwester.
+Ich ruf sie an: Schlaf! Still! dir träumt! Gleich weicht
+Der böse Alp von ihr. — O diese Nester
+Von Nachtgespenstern, die der Mond beschleicht
+Und aufstört, Nester, eingebaut
+In unsrer Seelen abgelegene Ecken
+Und Winkel, die uns zu betreten graut.
+Wie still, unschuldig, ruht auf unsern Decken
+Das Licht des Monds und ist doch voller Tücken.
+Es ruht! Nein, wandelt. Dieses breite Band
+Milchigen Lichtes seh ich weiterrücken,
+Langsam. So tastet leise eine Hand,
+Die Arges vorhat und behutsam gleitet,
+Nach ihrem Raub. Nun schiebt das kalte Licht
+Sich mählich auf dein Bett hinüber, breitet
+Sich über deine Kissen. Dein Gesicht,
+Fühlt es das Licht? Du rückst, weichst, kriegst
+Ganz weg vor diesem Licht. Könnt deinen Traum
+Ich jetzt belauschen. Mit der Stirne liegst
+Du eingewühlt in deines Kissens Flaum,
+Wie weggeduckt vor diesem bösen Licht,
+Das jetzt auf deinem schwarzen Scheitel lastet,
+Schwer lastet. Du, wie leblos, rührst dich nicht.
+So sitzt, vom Blick der Schlange schon betastet,
+Der Vogel wie erstarrt, noch eh der Schlund
+Des giftigen Wurms ihn wegschluckt. Langsam lässt
+Das Licht von dir. Und aus dem dunklen Grund
+Des Grauens tauchst du auf. Noch geht gepresst
+Dein Atem, stockend. Doch du wendest wieder
+Die Stirn nach oben. Dein Gesicht ist blass,
+Und einmal zucken deine feinen Lider,
+Als würdest du nun wach. Du murmelst was.
+Ich ruf. Ein Seufzer nur. „Annie!“ Kein Laut.
+— Mich fröstelt. Wenn nur erst der Morgen graut.
+
+
+
+
+Musik
+
+
+Eine Musik lieb ich mehr
+Als die schönste der größten Meister.
+Täglich klingt sie um mich her,
+Klingt täglich lauter und dreister.
+
+Ich liebe sie sehr, und doch, es giebt
+Stunden, da muss ich sie schelten,
+Dann ist für die, die das Herz so liebt,
+Ein Donnerwetter nicht selten.
+
+Da schweigt sie wohl erschrocken still,
+Doch dauert die Pause nicht lange,
+Und wenn ich der Ruhe mich freuen will,
+Ist sie wieder im besten Gange.
+
+Zuletzt geb ich mich doch darein
+Und lache: lass klingen, lass klingen!
+Und hör durch des Hauses Sonnenschein
+Vier Kinderfüße springen.
+
+
+
+
+Es schneit
+
+
+Der erste Schnee, weich und dicht,
+Die ersten wirbelnden Flocken.
+Die Kinder drängen ihr Gesicht
+Ans Fenster und frohlocken.
+
+Da wird nun das letzte bischen Grün
+Leise, leise begraben.
+Aber die jungen Wangen glühn,
+Sie wollen den Winter haben.
+
+Schlittenfahrt und Schellenklang
+Und Schneebälle um die Ohren!
+— Kinderglück, wo bist du? Lang,
+Lang verschneit und erfroren.
+
+Fallen die Flocken weich und dicht,
+Stehen wir wohl erschrocken,
+Aber die Kleinen begreifen's nicht,
+Glänzen vor Glück und frohlocken.
+
+
+
+
+Die Weihnachtsbäume
+
+
+Nun kommen die vielen Weihnachtsbäume
+Aus dem Wald in die Stadt herein.
+Träumen sie ihre Waldesträume
+Weiter beim Laternenschein?
+
+Könnten sie sprechen! Die holden Geschichten
+Von der Waldfrau, die Märchen webt,
+Was wir uns alles erst erdichten,
+Sie haben das alles wirklich erlebt.
+
+Da stehn sie nun an den Straßen und schauen
+Wunderlich und fremd darein,
+Als ob sie der Zukunft nicht recht trauen,
+Es muss da was im Werke sein.
+
+Freilich, wenn sie dann in den Stuben
+Im Schmuck der hellen Kerzen stehn
+Und den kleinen Mädchen und Buben
+In die glänzenden Augen sehn,
+
+Dann ist ihnen auf einmal, als hätte
+Ihnen das alles schon mal geträumt,
+Als sie noch im Wurzelbette
+Den stillen Waldweg eingesäumt.
+
+Dann stehen sie da, so still und selig,
+Als wäre ihr heimlichstes Wünschen erfüllt,
+Als hätte sich ihnen doch allmählich
+Ihres Lebens Sinn enthüllt;
+
+Als wären sie für Konfekt und Lichter
+Vorherbestimmt, und es müsste so sein.
+Und ihre spitzen Nadelgesichter
+Blicken ganz verklärt darein.
+
+
+
+
+Meinen Sohn zur Taufe
+
+
+Als wir deine Schwestern getauft,
+Hab ich die herrlichsten Rosen gekauft,
+Brauchte sich keine zu verstecken,
+War jede ein Schmuck fürs geweihte Becken.
+
+Inzwischen ist mir's bescheiden geglückt,
+Dass ein eigen Gärtchen das Haus mir schmückt;
+Und an der Seitenwand spinnt sich ein zartes
+Rosengerank. Das ist was Apartes.
+
+Eigene Rosen. Wie die doch gleich
+Anders leuchten. Mein Sohn, du bist reich.
+Kein besseres Omen kann dir blühen
+Als dieses helle Rosenglühen.
+
+Das Leben bietet der Blumen nicht viel,
+Giebt uns meist nur blattlosen Stiel,
+Alles, was wir von außen bekommen,
+Ist leicht in die hohle Hand genommen.
+
+Aber was von innen heraus
+Wächst und blüht, das machts aus;
+Aus Eigenem die Kränze binden,
+Die uns die Tage hold umwinden.
+
+Nennst du nichts im Leben dein
+Als einen vollen Herzensschrein,
+Wirst du nach äußerm Glanz nicht fragen
+Und fröhlich eigene Rosen tragen.
+
+Das ist nun kurz mein Taufgebet,
+Wie es mir durch die Seele geht,
+Während der Priester mit frommen Worten
+Dir öffnet der Kirche ehrwürdige Pforten.
+
+Frömmigkeit ist eine edle Frucht,
+Wächst draußen und in der Kirche Zucht.
+Sei fromm, mein Sohn, in Nehmen und Geben,
+Suche Gott und ehre das Leben.
+
+
+
+
+Die Mutter
+
+(Ein Traum)
+
+
+Es war im Garten. Fröhliche Gesellen
+Umgaben mich. Wir tranken. Und in hellen
+Plätschernden Bächen sprudelten die Worte
+Von jungen Lippen. Aber nah der Pforte,
+In einer einsamen, erhöhten Laube,
+Saß meine Mutter. Eine reife Traube
+Lag vor ihr auf dem Teller, und sie aß
+Und hörte nicht auf uns. Wie sie so saß,
+Wegbreit nur von uns und doch abgeschieden,
+Einsam in ihres Alters blassem Frieden,
+Zwang mir's den Blick magisch dahin, doch konnte
+Ich nicht vom Platz, den Jugend übersonnte
+Und laute Lust umklang. Auf einmal schwand
+Das alles, und es langte eine Hand,
+Alt, rührend welk und kühl, wie aus der Erde
+An meinem Bettrand auf mit Bittgebärde:
+Willst du mir deine Hand nicht geben? Ach,
+Kaum dass ich gab, und weinend wurd ich wach.
+
+
+
+
+Steernkiker
+
+
+O du leev Deern,
+Wahen mit di?
+Du schöttst as'n Steern
+An mi vorbi.
+
+Un wünsch ik mi wat
+Un steit mi dat fri,
+So wünsch ik mi dat:
+De Steern de hört mi.
+
+Denn keek ik di an
+Bi Dag un bi Nacht,
+Un so makst du den Mann
+To'n Steernkiker sacht.
+
+
+
+
+Lengen
+
+
+Ik kann nich slapen,
+All lang hev ik wacht,
+Dat Finster steit apen,
+Wa schön is de Nacht.
+
+Dar blinkt de Man,
+Wit achter dat Meer;
+Mi kümmt en Thran,
+Ik weet wull, waher.
+
+Ik hör in de Böm
+Den lisen Wind
+Flüstern un dröm
+Vun di, min Kind.
+
+Wa is dat nu wull,
+Slöppst du week un fast? —
+In'n Goren full
+En Appel vun'n Ast.
+
+En Steern blink un bev
+Un schött achtern Dik. —
+Keen hätt di so leev,
+Keen so, as ik.
+
+
+
+
+Verbaden Leev
+
+Un hev ik mi vergeten,
+Un hev ik mi verschull,
+Uns Herrgott möt dat weten,
+Min Hart weer gar to vull.
+
+Dree lange, lange Jahren
+Leeg dat as glönige Kahl'n,
+Ik wull min Leev bewahren,
+Un kost dat dusend Qual'n.
+
+Uns Herrgott möt dat weten,
+Dat ik dat swigen wull,
+Un hev mi doch vergeten,
+Min Hart weer gar to vull.
+
+
+
+
+An de Gorenport
+
+
+Aewer de Wischen weit de Wind
+So week as de Atem vun en Kind,
+Un kümmt doch vun dat grote Meer,
+Vun de wille Nordsee her.
+
+De liggt dar nu wull ganz so still
+As'n Kind, dat slapen will,
+So lising gluckt an'n Strand de Welln,
+As wull en wat in'n Drom vertelln.
+
+Ik dröm hier an de Gorenport
+Un bün en Kind up mine Ort,
+Un legg ganz sach de Handn tosam,
+Un sprek ganz sach 'n leeven Nam.
+
+
+
+
+Go' Nach
+
+
+Go' Nach, giv mi noch mol de Hand,
+De is so warm un week;
+Dörch't Finster schient de helle Man
+Uns up de witte Deek.
+
+Dit is'n Stunn, bevor de Slap
+Uns inlullt sach un söt,
+Wo ut'n reine Minschenbost
+De schönsten Blomen blöt.
+
+Min Hart was as en Sommerbeet,
+Un di, di blöht dit Flach.
+Giv mi noch mol din warme Hand,
+Un du versteist mi sach.
+
+
+
+
+Lütt Ursel
+
+ Lütt Ursel,
+ Lütt Snursel,
+Wat snökerst du 'rum?
+Di steit din lütt Näs wull
+Na Appel un Plumm'.
+
+ Lütt Ursel,
+ Lütt Snursel,
+Din Näs is man'n Spann,
+Doch is dat'n Näs all
+För Pött un för Pann.
+
+ Lütt Ursel,
+ Lütt Snursel,
+Dar hest'n Rosin,
+Dar sünd dre lütt Steen in,
+Un all' dre sünd din.
+
+
+
+
+De Snurkers
+
+
+De Klock sleit acht,
+Nu Kinners, go' Nacht.
+Man gau un man fixen
+Herut ut de Büxen,
+Man flink ut de Schoh
+Un rinne in't Stroh.
+
+De Klock sleit negen,
+De Oellsten, de sägen,
+De Lütt, mit sin Snuten,
+Kann ok all wat tuten.
+Dat is'n Konzert,
+Is wirkli wat wert.
+
+De Klock sleit tein,
+Nu, Olsch, ward dat fein,
+Nu legg di man slapen,
+Du hast dat schön drapen,
+Nu klingt dat erst recht,
+Ik snurk as'n Knecht.
+
+
+
+
+De lütt' Boom
+
+
+Ik bin de lütt' Boom
+De an de Landstrat steit,
+Plückt allens an mi' rüm,
+Wat weglangs geit.
+
+Een plückt sik'n Blatt,
+De anner en Blöt,
+De smitt se denn wag,
+Und de pedd denn de Föt.
+
+Doch hett in min' Aest
+Sik'n Vagel inwahnt,
+Un küßt mi de Sünn,
+Un strakt mi de Mand.
+
+Denn hev ik min Freud
+Und tröst mi ok meist:
+Wat helpt't, lütt' Boom,
+Du steist, wo du steist.
+
+
+
+
+De Stormfloth
+
+
+ Wat brüllt de Storm?
+ De Minsch is'n Worm!
+ Wat brüllt de See?
+ 'n Dreck is he!
+
+De Wind, de weiht, up springt de Floth
+Un sett up den Strand ern natten Fot,
+Reckt sik höger und leggt up't Land,
+Patsch, ere grote, natte Hand.
+
+De lütte Dik, dat lütte Dorp,
+De Floth is daraewer mit eenen Worp.
+Dar is keen Hus, dat nich wankt und bevt,
+Dar wähnt keen Minsch, de morgen noch levt.
+
+ Wat brüllt de Storm?
+ De Minsch is'n Worm!
+ Wat brüllt de See?
+ 'n Dreck is he!
+
+
+
+
+Ritornelle
+
+
+Weiße Syringen.
+Ein schlankes Mädchen weint im Frühlingsgarten,
+Ich kann das Bild nicht aus der Seele bringen.
+
+Gelbe Narzissen.
+Ein Feuerfalter ward vom jähen Winde
+Gleich einem Funken eurem Schoß entrissen.
+
+Rote Rosen.
+Das Dämchen nahm euch kühlen Danks entgegen;
+Ihr sterbt nun gleich Verirrten, Heimatlosen.
+
+Dunkle Cypressen.
+Ein schwarzer Schatten fällt auf meine Straße:
+Ich kann die goldnen Tage nicht vergessen.
+
+Apfelblüte.
+Ist es das Vorgefühl der künftigen Frucht schon,
+Das wie mit holder Scham dich überglühte?
+
+Lorbeerbäume.
+So ernst, so schweigend, wie im tiefsten Sinnen —
+Die schönsten Kränze schenken uns die Träume.
+
+Goldregen.
+Je mehr du protzst und prahlst mit deinem Glänze,
+Je schwüler duftet mir dein Gift entgegen.
+
+Immortellen.
+Unsterblich sein, das heißt doch nur, ihr Zähen,
+Langsamen Todes sterben, statt des schnellen.
+
+Weinrebe.
+Schlank, zartster Anmut, doch voll süßen Feuers,
+Und schmiegsam. Ganz so will ich jede Hebe.
+
+Blutrote Georginen.
+Der Bauerndirne, dem verschämten Schelme,
+Müsst, völlig täuschend, als Versteck ihr dienen.
+
+Weiße Winden.
+Um toten Dornbusch? Ach, ihr Schwachen müsst ja,
+So will's Natur, an irgend was euch binden.
+
+Stachelbeere.
+Reif lieb ich dich nicht mehr, doch hart und herbe
+Weckst du den Wunsch: wenn ich ein Kind noch wäre!
+
+
+
+
+Frühlingstrunken
+
+
+Heute hat es zum erstenmal
+Über die jungen Knospen gewittert,
+Heut hat im Garten zum erstenmal
+Um die Erdbeerblüten ein Falter gezittert.
+
+Ich laufe die Steige auf und ab,
+Wie von jungem Weine trunken.
+Über mir, blankflügelig,
+Schießen die Schwalben wie Sonnenfunken.
+
+Es ist eine Freude in mir erwacht,
+So muss es im Mark des Bäumchens glühen,
+Das dort, wie selig, im Winde sich wiegt
+Und will bald blühen, bald blühen!
+
+
+
+
+Ein silbernes Märchen
+
+
+Wie Spinneweben fein
+Hängt in den Bäumen der Mondenschein,
+Ist alles wie Silber: Baum, Beet und Steig,
+Und wie glitzernde Glöckchen die Blüten am Zweig.
+
+Klingt auch ein silbernes Stimmchen darein,
+Stimmt lieblich zu all dem silbernen Schein.
+Zücküt. — Wie sich der Flieder wiegt,
+Frau Nachtigall fliegt
+In den Mond hinein.
+
+
+
+
+Pfingstlied
+
+
+Pfingsten ist heut, und die Sonne scheint,
+Und die Kirschen blühn, und die Seele meint,
+Sie könne durch allen Rausch und Duft
+Aufsteigen in die goldene Luft.
+
+Jedes Herz in Freude steht,
+Von neuem Geist frisch angeweht,
+Und hoffnungsvoll aus Thür und Thor
+Steckt's einen grünen Zweig hervor.
+
+Es ist im Fernen und im Nah'n
+So ein himmlisches Weltbejah'n
+In all dem Lieder- und Glockenklang,
+Und die Kinder singen den Weg entlang.
+
+Wissen die Kindlein auch zumeist
+Noch nicht viel vom heiligen Geist,
+Die Hauptsach spüren sie fein und rein:
+Heut müssen wir fröhlichen Herzens sein.
+
+
+
+
+Wunsch
+
+
+Die alte Sehnsucht: auf den Gassen liegt
+Die Sonne eines ersten warmen Tags.
+Fern, fern ein Weg durch Wiese und durch Feld
+Und unterm Schatten jungen Buchenschlags.
+
+Der strebt nach einer tiefen Einsamkeit,
+Ein braunes Dach lugt zwischen Zweigen aus:
+Kommst du? Und wie die kleine Pforte klingt,
+Grüßt mich mein Glück. Hier bin ich ganz zu Haus.
+
+
+
+
+Seele
+
+
+Dämmerung löscht die letzten Lichter,
+Noch ein irrer Schall und Schein,
+Und die Nacht hüllt dicht und dichter
+Alles Leben ein.
+
+Und die Erde will nun schlafen;
+Aber ruhelos bist du,
+Steuerst aus dem stillen Hafen
+Deinen Sternen zu.
+
+
+
+
+Irrende Seele
+
+
+Meine arme, irrende Seele,
+Wirst du nach Hause finden?
+Welche Wege musst du noch gehen,
+Bis du ein Licht und Ziel wirst sehen.
+
+Lange bist du durch Unland gegangen,
+Und wolltest, wie oft, verzagen,
+Bist zitternd in die Knie gesunken
+Und hast aus bittern Quellen getrunken.
+
+Meine arme, irrende Seele,
+Noch immer hält dich ein letztes Hoffen:
+Es muss aus allen Dunkelheiten
+Doch ein Weg nach Hause leiten.
+
+
+
+
+Rosentod
+
+
+Was lässt mich zaudern, mir vom Rosenstrauch
+Des holden Kelches satte Lust zu brechen?
+Wirft doch vielleicht der nächste Morgenhauch
+Sie schon entblättert vor des Gärtners Rechen.
+
+Die Schwestern leuchten rings in junger Glut,
+Der grüne Busch in seiner Mutterfreude —
+Mir ist's, als ob ich heiliges Lebensblut
+Um eine eitle Augenlust vergeude.
+
+Im engen Glas ein kurzes Treibhausglück,
+Ein Leben siecht in einem toten Scherben
+Und sehnt sich aus der Kerkerhaft zurück,
+In Freiheit an der Mutter Brust zu sterben.
+
+Sahst du ein armes Herz zum letztenmal
+In einem hellen Hoffnungsfrühling blühen
+Und dann nach herber Täuschung kurzer Qual
+Nur um so schneller in sich selbst verglühen?
+
+So scheint noch einmal duft- und farbenfrisch
+Die Rose sich im Glase zu erneuen,
+Um plötzlich über deinen stillen Tisch
+Und dein Gedicht den blassen Tod zu streuen.
+
+
+
+
+Auf meinen ausgestopften Falken
+
+
+Nicht mehr über Wipfel gleitest du,
+Über meinen Schreibtisch breitest du,
+Ausgestopfter Balg, nun deine Schwingen,
+Äugst auf mich herab und auf mein Singen.
+
+Gleichen Namens, wunderliche Vettern,
+Umgetrieben beid in manchen Wettern,
+Du nun ruhend, ich noch in den Lüften
+Fröhlich flügelnd über Tod und Grüften.
+
+Von der Lampe stillem Licht umflutet,
+Wie dein Auge mir lebendig glutet!
+Und mir ist, ich seh in deine Schwingen
+Wieder warmes, rasches Leben dringen.
+
+Blendwerk! Phantasie! Gespenstisch Leben!
+Wirst dich nie mehr in die Lüfte heben.
+Aber mich, nach meinen Erdentagen,
+Welche Flügel werden mich noch tragen?
+
+
+
+
+Morgen zwischen Hecken
+
+
+Weit hinten liegt die große Stadt,
+Die graue Stadt in Dunst und Rauch.
+Hier spielt im Licht das grüne Blatt
+Und schaukelt sich im Morgenhauch.
+
+Hier ist das Leben hold verstummt,
+Träumt lieblich in sich selbst hinein;
+Nur eine frühe Biene summt
+Näschig um süße Becherlein.
+
+Und manchmal ein verwehter Laut,
+Wie fernen Meeres Wogenschlag.
+Was dort um Mauern braust und braut,
+Herr, fuhr's zu einem klaren Tag!
+
+
+
+
+Und gar nicht lange
+
+
+Es steht ein Bäumchen kahl im Feld
+Und friert in allen Winden.
+Und will sich aus der weiten Welt
+Kein Vogel zu ihm finden.
+
+Und gar nicht lange, über Nacht,
+Und tausend Blüten blinken,
+Und seine Krone überdacht
+Ein Nest verliebter Finken.
+
+
+
+
+Die bunten Kühe
+
+
+Drei bunte Kühe in guter Ruh
+Und des Nachbarn Hanne dazu
+Traf ich heute in der Früh,
+Junghanne und ihre bunten Kuh.
+
+Das gab einen guten, glücklichen Tag,
+Die Sonne auf allen Wiesen lag,
+Die ganze Welt war so bunt und blank.
+Der Hanne und ihren Kühen Dank!
+
+Was glaubt ihr, trifft man in der Früh,
+Statt der drei bunten drei schwarze Küh
+Und statt der Hanne die alte Gret?
+Der ganze Tag ist verwünscht und verweht.
+
+
+
+
+Auf der Bleiche
+
+
+Bringst du Leinen auf die Bleiche?
+Kommt dir nicht der Wind darüber?
+Über Dämme, über Deiche
+Wirbelt er vom Meer herüber.
+
+Willst mit Klammern, willst mit Steinen
+Dir den weißen Schatz erhalten?
+Einmal wird mit deinem Leinen
+Doch ein fremder Wille schalten.
+
+Kommt's in deiner Töchter Kästen,
+Kommt's in deiner Enkel Hände,
+Ist der Faden auch vom Besten,
+Das Gewebe nimmt ein Ende.
+
+Hier ein Flicken, dort ein Flicken.
+Soll man's kunterbunt besetzen?
+Weg damit! so will sich's schicken.
+Und der Wind spielt mit den Fetzen.
+
+
+
+
+Wäsche im Wind
+
+
+Tollt der Wind über Feld und Wiese,
+Hat seinen Spaß er überall,
+Aber am liebsten neckt er die Liese
+Mit einem tückischen Überfall.
+
+Will sie ihr Zeug auf die Leine bringen,
+Zerrt er: Liese, dies Hemd ist mein!
+Um jedes Laken muss Liese ringen,
+Jedes Stück will erobert sein.
+
+Giebt es der Sausewind endlich verloren,
+Schlägt er noch im Übermut
+Ihr das nasse Zeug um die Ohren:
+Da, liebe Liese, häng's auf und sei gut.
+
+
+
+
+Winterwald
+
+
+Wo ist der lustige Waldvogelsang
+Und das spielende Laub? Verweht,
+Was ist das für ein fremder Klang,
+Der im Wald umgeht?
+
+Das ist die Axt, die frisst am Holz
+Seit Wochen sich satt, o weh!
+Da liegt nun mancher grüne Stolz,
+Ein toter Held, im Schnee.
+
+Was in Lüften gelebt und mit Wetter und Wind
+Manch trotzigen Strauß bestand,
+Jetzt biegt es und knickt es ein hungernd Kind
+Und bindet's mit frierender Hand.
+
+Auf ärmlichem Herd ein Funkentanz
+Und ein Knistern. Verglüht, versprüht!
+Und war einmal ein grüner Kranz
+Und ein Glück. Wo blieb es? Verblüht.
+
+
+
+
+Winter
+
+
+Ein weißes Feld, ein stilles Feld.
+Aus veilchenblauer Wolkenwand
+Hob hinten, fern am Horizont,
+Sich sacht des Mondes roter Rand.
+
+Und hob sich ganz heraus und stand
+Bald eine runde Scheibe da,
+In düstrer Glut. Und durch das Feld
+Klang einer Krähe heisres Kräh.
+
+Gespenstisch durch die Winternacht
+Der große dunkle Vogel glitt,
+Und unten huschte durch den Schnee
+Sein schwarzer Schatten lautlos mit.
+
+
+
+
+Die Netzflickerinnen
+
+
+Schweigend an den Dünen hin
+Sitzen die Fischerfrauen und flicken
+Die schweren Netze. Guten Fang
+Mag der Himmel den Männern schicken.
+
+Guten Fang und gute See.
+Manches Netz ist schon draußen geblieben,
+Und manches Boot ohne Fischer und Fisch
+Irgendwo an den Strand getrieben.
+
+Die See macht still, und karg ist das Wort
+Der Frauen, die dort im Sande sitzen,
+Kurz wie der Schrei der Möwen, die
+Ruhelos über die Dünen flitzen.
+
+
+
+
+Das Mädchen mit den Rosen
+
+
+Zwei Rosen, die an einem Strauch
+Zusammen aufgeblüht,
+Von einem knospenhaften Hauch
+Noch lieblich überglüht,
+
+Ein Mädchen brach wohl über Tag
+Das schwesterliche Paar:
+Der Mutter, die im Sterben lag,
+Bracht sie die eine dar,
+
+Die andre aber legte dann
+Mit ihrem ersten Schmerz
+Sie weinend dem geliebten Mann,
+Trostheischend, an das Herz,
+
+Und glühte selig auf und stund,
+Noch halb den Tod im Sinn,
+Und bot den jungen Rosenmund
+Dem warmen Leben hin.
+
+
+
+
+Das Nixchen
+
+
+Ein Nixchen ist ans Land geschwommen,
+Steht unter einem Blütenbaum,
+Die warmen Sommerwinde kommen
+Und trocknen ihr den feuchten Saum.
+
+Mit großen Augen sieht die Kleine
+Stumm in die heiße Flimmerglut;
+Wie wird in all dem Sonnenscheine
+Dem Nixchen wunderlich zu Mut.
+
+In ihre kühle Mädchenkammer
+Fällt nur ein ganz gedämpftes Licht,
+Als wie durch einen langen Jammer
+Ein schwacher Strahl der Hoffnung bricht.
+
+Hier aber ist ein Gleiß und Glimmer,
+Ihr thun davon die Augen weh;
+Doch reglos steht sie, staunt nur immer,
+Die kleine blonde Wellenfee.
+
+Auf einmal fängt sie an zu weinen,
+Weiß nicht warum, weint leis sich aus,
+Und schlüpft dann auf behenden Beinen
+Zurück ins kühle Wasserhaus.
+
+
+
+
+Feierabend
+
+
+Über reifen Ähren liegt
+Stiller, goldner Abendschein.
+Eine junge Mutter wiegt
+Sacht ihr Kind und singt es ein.
+
+Letzter heller Sensenklang
+Zittert übers Feld hinaus,
+Und der Schnitter ruht am Hang
+Feiernd bei den Seinen aus.
+
+Sein gebräuntes Angesicht
+Leuchtet über seinem Sohn,
+Doch er stört den Schläfer nicht,
+Und die Hütte wartet schon.
+
+Leichter Herdrauch steigt und weht
+Über Wipfel her. Nicht fern
+Winkt das Dach. Und drüber steht
+Friedefromm der Abendstern.
+
+
+
+
+Das Mädel
+
+
+Ein Mädel sah ich gehen,
+Ich stand am Gartenthor,
+Mich konnte das Mädel nicht sehen,
+Goldregen hing davor.
+
+Ganz nah ging es vorüber,
+Hätt's mit der Hand erreicht,
+Und neigte ich mich hinüber,
+Die Lippen erhaschte ich leicht.
+
+Aber das Mädel schaute
+So kindlich in die Welt,
+Dass ich mir's nicht getraute.
+Dich küsst nur die Mutter, gelt?
+
+Nur ein Zweiglein brach ich
+Und warf's ihm auf den Hut,
+Grad auf den Hut. Es stach mich
+Schelmenübermut.
+
+Ei, das erschrockene Frätzchen!
+Und wie die Augen sahn!
+Geh weiter, Mutterschätzchen,
+Es hat's der Wind gethan.
+
+
+
+
+Im Schnellzug
+
+
+Der Schnellzug stürmt durchs Sommerland,
+Und draußen in den Winden,
+Da weht und winkt viel buntes Band,
+Zu binden mich, zu binden!
+
+Die Hütte dort in Heckenruh,
+Die Sonne in den Scheiben,
+Die Friedefülle ruft mir zu,
+Zu bleiben doch, zu bleiben!
+
+Und jetzt die Heide, blütenblau,
+Durchkarrter Weg ins Weite;
+Grad stapft die alte Botenfrau
+Im Torfmull. Nimm's Geleite!
+
+Und jetzt das Feld, goldgelber Flachs,
+Und fern ein Blitz von Sensen;
+Und dort der Knirps sonnt wie ein Dachs
+Sich faul bei seinen Gänsen.
+
+O Junge, hast du's gut! Ich wollt',
+Ich läg dort auf dem Bauche,
+Indes der Zug vorüberrollt,
+Und gaffte nach dem Rauche.
+
+
+
+
+Reigen
+
+
+Sind es bunte Schmetterlinge,
+Die um Blumenbeete weben?
+Sind es rosige Apfelblüten,
+Die im leichten Lenzhauch schweben?
+
+Ei, die kleinen Schmetterlinge,
+Wie sie so gesittet kreisen,
+Ei, die kleinen Apfelblüten,
+Wie sie sich als Tänzer weisen.
+
+Schmetterlinge? Apfelblüten?
+Jedes hat zwei Kinderfüße,
+Kinder sind's, ein Kinderreigen,
+Und getanzte Frühlingsgrüße.
+
+Jeder Schritt ein schämig Fragen,
+Jedes zierliche Verneigen
+Ein Bejahen; frühlingshafter
+Kann sich nicht der Frühling zeigen.
+
+Ja, das schönste Frühlingsliedchen,
+Ritornell, Sonette, Stanzen,
+Ach, kein Dichter kann's so singen,
+Wie es Kinderfüße tanzen.
+
+
+
+
+Der Backfisch
+
+
+Tanzen! Tanzen!
+Hab Herz und Kopf von vielem voll,
+Ach, das Leben ist sonnig!
+Aber wenn ich tanzen soll,
+Tanzen soll,
+Wonnig ist's, wonnig!
+
+Der Herr Lehrer am Klavier,
+Reizend ist er mitunter.
+Vierhändig spielten heute wir,
+Ging alles drüber und drunter.
+Sah er mich von oben an,
+Komisch an, der kluge Mann:
+Sie wollen wohl wieder tanzen?
+
+Malen, ach, es ist himmlisch süß!
+Besonders im Freien skizzieren.
+Holt man sich manchmal auch nasse Fuß,
+Was wird's die Kunst genieren?
+Öl, Aquarell,
+Kohle, Pastell,
+Ach, es geht nichts darüber,
+Nur tanzen ist mir lieber,
+So ein Walzer von Strauß
+Sticht alles aus.
+
+Radeln? All Heil!
+Auf dem Zweirad leist ich mein Teil.
+Frisch wie der Wind
+In die Wett mit dem Wind.
+Aber alle Räder der Erde sind
+Nichts gegen meine zwei Sohlen,
+Kommt einer zum Tanz mich holen;
+Wer es auch sei, ich sag nicht nein,
+Muss nur grad kein Ekel sein.
+Tanzen, ach tanzen! La la la la la la....
+Wäre nur erst das Ballfest da!
+
+
+
+
+Der seltene Vogel
+
+
+Geht ein kleiner Mann spazieren,
+Unterm Schirm spazieren.
+Kommt ein Sturmwind um die Ecken,
+Ei, wie that das Männlein erschrecken.
+Könnte sich verlieren.
+
+Macht der Wind kein Federlesen,
+Gar kein Federlesen,
+Und nun muss das Männlein fliegen,
+Hui, wie ist es aufgestiegen,
+Wie ein Flügelwesen.
+
+Fliegt das Männlein eine Stunde,
+Eine ganze Stunde,
+Kräht vor Angst wie eine Krähe,
+Liegt der Jäger auf der Spähe,
+Jäger mit dem Hunde.
+
+Puff! den Vogel muss er haben,
+Muss den Vogel haben.
+Und das Männlein, ohne Flügel,
+Saust in einen Maulwurfshügel,
+Denkt, es wird begraben.
+
+Blafft der Hund und scharrt und schnuppert,
+Hat es bald erschnuppert.
+Ist kein Tröpfchen Blut geflossen,
+Nur sein Höschen ist durchschossen,
+Und sein Herzchen bubbert.
+
+Klopft der Jäger ihm die Kleider,
+Klopft ihm ab die Kleider.
+That es links und rechts umdrehen
+Und den Vogel sich besehen,
+Ei, da war's ein Schneider!
+
+
+
+
+Idyll
+
+
+Unter zarten Birkenzweigen,
+Erster junger Frühlingsglanz,
+Bläst der Schäfer seinen Reigen,
+Doch kein Volk tritt an zum Tanz.
+
+Nur die Schafe gehn und grasen,
+Weiß und schwarz im Sonnenschein,
+Und zwei aufgescheuchte Hasen
+Springen quer ins Feld hinein.
+
+Aber um die Frühlingsblüten
+Tanzen bunte Falter hin,
+Um die Herde mit zu hüten,
+Kommt die junge Schäferin.
+
+Lockten sie die süßen Klänge,
+Lenkte sie die leichte Pflicht?
+Leuchtend wie die Frühlingshänge
+Lacht ihr liebliches Gesicht.
+
+Und verstummt ist das Getöne,
+Rings ein süßes Schweigen nun:
+Küsst der Schäfer seine Schöne,
+Müssen Pflicht und Flöte ruhn.
+
+
+
+
+Pusteblumen
+
+
+Ein Schaf und zwei Lämmlein
+Und all drei schneeweiß,
+Und grün ist die Wiese,
+Und heiß ist's, heiß.
+
+Am Heckchen, am Büschchen,
+Kühl schattet's herab,
+Sitzt Bübchen und rauft rings
+Die Pusteblumen ab.
+
+Die Flöckchen im Winde,
+Wie segeln sie fein,
+Die Lämmerchen hüpfen
+Auf alle vier Bein.
+
+Das Bübchen wird müde,
+Ihm träumt eins geschwind:
+Viel Lämmerchen tanzen
+Wie Flöckchen im Wind.
+
+Er pustet dazwischen,
+Die Backen gebläht,
+Hei, geht's umeinander,
+Und jed Lämmchen mäh — h — t.
+
+
+
+
+Konsequenz
+
+
+In meinem Gärtchen, zwei Fuß vom Weg,
+Hinter dem niedern Gittergeheg,
+Blüht mir ein blauer Syringenstrauch,
+Meine Freude, und meiner Kinder auch.
+Aber die Buben von den Gassen,
+Die Racker, können das Räubern nicht lassen.
+
+Wenn sie früh in die Schule gehn,
+Ein Kleinster bleibt begehrlich stehn,
+Ein zweiter stellt sich daneben auf
+Und schielt mit ihm zum Bäumchen hinauf,
+Möchten gerne von den Syringen
+Ein Zweiglein mit in die Klasse bringen.
+
+Kommt ein dritter, hops, wie er hupft,
+Hat sich ein paar Blätter gerupft,
+Aber der Grünkram genügt ihm nicht,
+Er ist mal auf Syringen erpicht.
+Noch einmal, hops! — Euch will ich kriegen.
+Ich klopf ans Fenster. Hei, wie sie fliegen.
+
+So ein Bubenvolk ist schlimm,
+Gefällt ihm was, gleich denkt es: nimm!
+Aber dass auch die Mädel — ich bitt,
+Kommen da welche gleich zu dritt,
+Recken die Hälschen, drehen die Köpfchen
+Ängstlich und schlenkern mit den Zöpfchen.
+
+Hebt sich die längste auf den Zeh'n,
+Einmal, zweimal, es will nicht gehn.
+Gehuschel, Getuschel. Mädel sind klug;
+Hat sie, bevor ich ans Fenster schlug,
+Das kleinste schnell auf den Arm genommen
+Und die allerschönsten Syringen bekommen.
+
+Ich drohe ihr, sie lacht mich an,
+Wie nur ein Mädel lachen kann,
+Spitzbübisch, schelmisch und doch ganz lieb.
+Es ist ein allerliebster Dieb,
+Und da — ich will recht finster blicken
+Und kann nur lachen und freundlich nicken.
+
+In Zukunft sind die Syringen frei,
+Ob Mädel, ob Buben, ist einerlei.
+Was ihr im Sprung erhäschen könnt,
+Ihr Diebsgelichter, sei euch gegönnt.
+Nur braucht ihr das selber nicht grade zu wissen,
+Mein Bäumchen würde mir arg zerrissen.
+
+
+
+
+Die Räuber
+
+
+Ich war, ein Knabe, in den Wald gegangen
+Mit meinen Brüdern. Wie die wilden Rangen
+Den Ferienmorgen durch die Büsche trieben,
+Dass er entfloh, als hätt er Hasenläufe.
+Und selber jagten sie sich umeinander,
+Hierhin, dorthin, wie steuerlose Brander.
+Und wirklich war bald nichts vom Wald geblieben,
+Als funkenüberstreute Aschenhäufe.
+
+Ein rechter Räuber, seines Werts durchdrungen,
+Und sei er auch der Schule just entsprungen,
+Kann nicht der Bürger glatte Wege wandeln,
+Wo Förster und Magister ihm begegnen.
+Er braucht das Dickicht, wo kein Hund ihn wittert,
+Braucht finstre Höhlen, buschwerkübergittert,
+Wo kein Gesetz ihm lahmt das kühne Handeln
+Und keine Prügel in sein Handwerk regnen,
+
+O Freiheit, deine roten Flammen schlugen
+So stürmisch nie, und keine Hände trugen
+So hochgemut die lodernden Fanale,
+Wir waren Räuber und dazu Indianer,
+Zum „Großen Adler“ wurde Hänschen Meier,
+Und Müllers Fritzchen zum „Gefleckten Geier“,
+Die Friedenspfeife ging zum dritten Male
+Von Hand zu Hand, und blass saß der Quartaner.
+
+Und schweigend qualmten um die dürren Reiser
+Die tapfern Krieger, jeder Held ein Weiser
+Im großen Rat: Und durch die Buchenrunde
+Zog sacht der Rauch des Feuers und der Pfeifen.
+Dann ging die Flasche mit dem Himbeersafte,
+Die der verwegene Häuptling sich verschaffte,
+„Der große Büffel“, still von Mund zu Munde.
+Ein Pfiff! Und nach dem Kriegsbeil galt's zu greifen.
+
+Ihr Knabenspiele unter Sommerbuchen,
+Wo soll ich köstlichere Freuden suchen,
+Als die aus eurem tollen Treiben sprossen,
+Wie helle Rosen aus den wilden Ranken.
+Doch Dornen hatten, weh! auch diese Rosen,
+Und sie zerrissen nicht allein die Hosen,
+Auch rotes Blut ist jämmerlich geflossen,
+Und dann, zu Haus, der Räubermutter Zanken.
+
+Und einmal mussten wir die Häuptlingsrücken,
+O Schmach für Helden, untern Stecken bücken.
+Den großen Büffel nahm man fest beim Horne,
+Der große Adler musste Federn lassen,
+Denn aus der Asche unsrer Höhlenscheite
+Erstand ein Kläger, der in alle Weite
+Die Klage rief. Die ward zum Todesdorne
+Für unsern Mut und ließ uns feig erblassen.
+
+Der Wald in Flammen! Weh, die Schreckenskunde!
+Wir zitterten. Nun ist die letzte Stunde
+Für euch gekommen, und die Messer blitzen,
+Kreisrund den Skalp von eurem Haupt zu trennen.
+Der Wald in Flammen! Förster, Polizisten,
+Kerker, Schafott, ringsum die Stadtgardisten —
+Doch nein, man wird euch schon die Haut nicht ritzen.
+Mut, großer Büffel! Nur die Weiber flennen.
+
+Die Zähne fest! Und Hiebe gab es, Hiebe!
+Und ist die Züchtigung ein Werk der Liebe,
+Kein Vater liebte heißer seine Knaben
+Und mehr als sie verdienten, wie ich meine:
+Zwei junge Buchen waren drauf gegangen,
+Und unsres Wigwams rauchgeschwärzte Stangen
+Schrien unsre Schandtat in das Ohr des Raben,
+Der Krumen las an unserm Opfersteine.
+
+
+
+
+Denkmalkantate
+
+
+Bimmbamm, Bimmbumm,
+Bitte, bitte, bettel, bettel,
+Klingelbeutel geht herum,
+Blankes Silber, blaue Zettel,
+Nickel ist und Gold willkommen,
+Alles wird mit Dank genommen,
+Bitte, bitte!
+
+Bimmbamm, bimmbumm,
+Große Leute soll man ehren,
+Klingelbeutel geht herum,
+Bitte, alle Taschen leeren,
+Bitte, bitte, bettel, bettel,
+Blankes Silber, blaue Zettel,
+Bettel, bettel!
+
+Bimmbamm, bimmbumm,
+Den wir feierlichst begraben,
+Klingelbeutel geht herum,
+Dass er kann ein Denkmal haben.
+Nickel ist und Gold willkommen,
+Alles wird mit Dank genommen,
+Bitte, bitte!
+
+Bimmbamm, bimmbumm,
+So ein Denkmal ist nicht billig,
+Klingelbeutel geht herum,
+Jeder sei nach Kräften willig,
+Bitte, bitte, bettel, bettel,
+Blankes Silber, blaue Zettel,
+Bettel, bettel!
+
+Bimmbamm, bimmbumm,
+Unsre Enkel soll es lehren,
+Klingelbeutel geht herum,
+Wie man das Genie muss ehren.
+Was es selber nie bekommen,
+Alles wird mit Dank genommen,
+Bitte, bitte!
+
+Bimmbamm, bimmbumm,
+Festkonzert und Denkmalfeier,
+Klingelbeutel geht herum,
+Fünfzig Mark giebt Minchen Meier,
+Bitte, bitte, bettel, bettel,
+Blankes Silber, blaue Zettel,
+Bettel, bettel!
+
+
+
+
+Bescheidener Wunsch.
+
+
+Wenn ihr uns nur wolltet lesen!
+Was haben wir von dem Denkmalwesen?
+Ach, wonach wir gedarbt im Leben,
+Jetzt könnt ihr es so leicht uns geben:
+Ein wenig Liebe. Der Tod macht uns billig.
+Kauft uns. Aufs Denkmal verzichten wir willig.
+Mehr freut uns, wenn ihr ein Lied von uns kennt,
+Als wenn unser Bild in der Sonne brennt.
+Eure Liebe sei unser Postament.
+
+
+
+
+Zweimal zwei ist vier
+
+
+Mit großen Gebärden und großen Worten
+Treibens viele Leute allerorten.
+Haben eine absonderliche Manier,
+Zu sagen: zweimal zwei ist vier.
+Orakeln im mystischen Tempelbass:
+Liebe Brüder, wenn's regnet, wird's nass!
+Je weniger sie zu sagen haben,
+Je toller gebärden sich die Knaben.
+Doch wie sie sich geben und wie sie beharren,
+Man merkt gleich, es sind Narren.
+Sind auch etliche „Dichter“ darunter,
+Die treiben's erst munter!
+
+
+
+
+Prolog zur Nietzsche-Gedenkfeier
+
+der Literarischen Gesellschaft in Hamburg
+
+
+Er fuhr vorüber, hellen Angesichtes,
+Der Tod, als ging's zu einer Hochzeitsfeier.
+Wohin? Wem neidest du das Glück des Lichtes,
+Du mit der Hast des beutefrohen Geiers?
+
+Ein kurzer Blick, er hemmte seinen Flug
+Und stand.
+ Hast? Immer hab ich Zeit genug.
+Ein Stündchen früher oder später zählt
+Dem Freier wohl, der sich die Braut erwählt;
+Der Schnitter, dem das Korn entgegendampft
+In satter Reife, nimmt sich Zeit zum Schärfen,
+Und, lässiger noch, der Müller, der's zerstampft,
+Er kann's auch morgen auf die Mühle werfen.
+Und ich, der Jäger über alles Wild,
+Dem kein Gesetz und keine Schonzeit gilt —
+
+Und doch, du fuhrst wie ein verliebter Knabe,
+Der nach des Mädchens süßem Munde schmachtet.
+Wer ist es? Wem bringst du die Hochzeitsgabe?
+Dem Genius, dessen Seele, halb umnachtet,
+Den Tag verträumt, der ihm sonst Ernten bot, Nietzsche.
+Und diesen Namen nannt der Tod
+Mit Ehrfurcht und mit Liebe. Und er wand
+Sich ab und schied. Ein Blitz fuhr übers Land.
+
+ * * * * *
+
+Die Trauerglocken, die in Weimar klangen,
+Klagten: Nietzsche ist heimgegangen.
+
+Ein kühner Flieger, Freund von allen Winden,
+Ein freier Vogel über höchste Wipfel,
+Ein Segler über Meere, über Gipfel,
+Nichts kann ihm seine stolzen Flügel binden.
+Da fährt ein Blitz dem Starken ins Gefieder
+Und stürzt ihn nieder.
+
+Die Kleinen, die der Großen Flug beneiden,
+Die kleine Heckenzunft — das gab ein Schwatzen.
+Er war gestraft. Das Recht blieb bei den Spatzen:
+Wir sind gesund, wir konnten uns bescheiden,
+Wir flogen nur um unsre Futterplätze,
+Wir klugen Mätze.
+
+Das schlimme Lied vom Genius und der Menge,
+Die Schritt vor Schritt mit tausend Füßen tastet,
+Indessen er auf stillen Bergen rastet,
+Einsam, hoch über Enge und Gedränge,
+Zu Flügen rastet, die auf Sehnsuchtsschwingen
+Zur Sonne dringen.
+
+Und nun hinaus, hinauf! Da hemmt kein Zagen.
+Der Himmel lockt mit seinen Wunderweiten.
+Das ist ein selig, stürmisch Flügelbreiten.
+Ihr Winde alle, Freunde, kommt, mich tragen!
+Vom Berg zur Wolke. Durch! Und dort, in Fernen,
+Lockt Stern zu Sternen.
+
+O Glück! O Lust! o Flug nach goldnen Küsten!
+Tief unten rauscht das Meer und türmt die Wogen.
+Du ungeberdige Flut, der ich entflogen,
+Will es nach Tod und Trümmern dich gelüsten?
+Das tiefe Grollen deines Zorns klingt schön
+In meinen Höhn.
+
+Du fängst mich nicht! Soll diese Kraft vergehen,
+So sei es an der Sonne Feuerherzen.
+Das war ein Sterben, wären Götterschmerzen:
+Fliegen und schon in Todesflammen stehen.
+— Da fährt ein Blitz dem Starken ins Gefieder
+Und stürzt ihn nieder.
+
+ * * * * *
+
+Die Trauerglocken, die in Weimar klangen,
+Klagten: Ein Held ist heimgegangen.
+
+Ein Held und ein Eroberer. Burgen sanken
+Auf seinem Weg in Trümmern, Tempel stürzten
+Und Opfersteine rings, wo die Gewohnheit
+In dumpfer Andacht kniete. Er war hart
+Und ging den Weg des Helden mitleidlos,
+Zerschlug Altäre, wo auch er geopfert,
+Zertrat die Gärten seiner Jugendspiele
+Und ging von seinen Freunden, die er liebte,
+Treulos, um nur in einem treu zu sein:
+Treu seinem Willen, der zur Wahrheit wollte.
+Und härter ward sein Schwert mit jedem Schlag.
+Wo ist die Härte, die ihm trotzen mag?
+Da zuckt ein Blitz. Der harte Stahl zerspellt,
+Und schwertlos fällt der todessieche Held.
+
+ * * * * *
+
+Weint nicht um ihn. Aus seinen Wunden
+Seht ihr die leuchtenden Rosen blühn?
+Kränze des jauchzenden Lebens gebunden
+Aus dem Frühlingsgeschenk seiner Wunden,
+Und ihr ehrt und feiert ihn.
+
+Licht war sein Herz und Licht seine Seele,
+Ja! war sein Wort zu Leben und Tod.
+Tapfer, den Tag und den Tanz in der Seele,
+Galt seine Liebe dem Morgenrot.
+
+Rausch der Kraft und jauchzendes Hoffen
+Lieh seinem Lied den Adlerflug,
+Der, bevor ihn der Blitz getroffen,
+Klingend ans Thor der Zukunft schlug.
+
+Seht, und die goldenen Angeln erklangen,
+Und ein Licht und ein Glanz ward frei.
+Die zu den Quellen des Lebens drangen,
+Zählen den Priestern des Lebens bei.
+
+Weint nicht um ihn. Aus seinen Wunden
+Seht die leuchtenden Rosen blühn.
+Kränze des jauchzenden Lebens gebunden
+Aus dem Frühlingsgeschenk seiner Wunden,
+Und ihr ehrt und feiert ihn.
+
+
+
+
+Prolog zur Böcklin-Gedenkfeier
+
+der Gesellschaft hamburgischer Kunstfreunde
+
+(Fräulein Minna Persoon gewidmet.)
+
+
+Ein Großer starb: _Böcklin_. Vor wenig Tagen
+Gab man der Erde ihren Anteil wieder —
+Und legte Rosen auf den Hügel nieder
+Und dunklen Lorbeer. Leises Flügelschlagen
+Der Stunden, die die stille Stätte streifen —
+Und jedem Flügelschlag entblättert sacht
+Sich eine Rose, die vielleicht am Strauch
+Des Lebens letzten roten Gruß gelacht
+Dem, dessen Tod auch ihr Tod ward. Ein Hauch
+Vergänglichkeit um dieses Grab geweht,
+Um das der dauerhafte Lorbeer steht.
+
+ * * * * *
+
+Zwei Freunde, die in Feierstunden,
+Sich in Florenz zu einander gefunden,
+Hatten die halbe Winternacht
+Dem toten Meister nachgedacht.
+Ein Maler war's und ein Poet,
+Fühlten sich eines Geistes durchweht,
+Gossen ihren roten Wein
+Glutvoll in seinen Ruhm hinein,
+Klirrten die leeren Gläser zusammen
+Und schössen wie zwei Feuerflammen
+Von ihrer Bank empor und gingen
+Des Meisters Grab einen Gruß zu bringen,
+Wollten unterm Sternenschein
+Seinem Genius eine Andacht weihn.
+
+Sprach der Maler: So ist's recht,
+Hat sich am Tage so mancher erfrecht
+Dem Meister sein Gloria zu schrein,
+Stimmte so mit den andern ein,
+Aber ist der Lärm verweht,
+Er wieder alte Wege geht,
+An denen, die noch malen und dichten,
+Seine Torturen zu verrichten.
+Wer die Marterschrauben überdauert,
+Der wird dann rühmlichst eingemauert
+In ein Pantheon von großen Leuten,
+Die man anfangs wollte häuten.
+Nun weiß man aus ihren Kleiderfetzen
+Sich selbst noch ein Wams zusammenzusetzen,
+Gebärdet sich als Apostel gar
+Und ist in den Flicken doch nur ein Narr.
+
+„Nicht schlecht gewettert,“ lacht der Poet,
+„Doch wird es, so lange die Welt besteht,
+Nicht anders, Freund. Und zuletzt, die Narren
+Schmücken des Großen Ruhmeskarren
+Als lustige Fratzen wider Willen;
+Muss jeder seinen Zweck erfüllen.
+Und wären am Ende die Teufel nicht,
+Ein Engel hätt kein besonder Gesicht.“
+
+„Du siehst wieder alles von oben an,“
+Grollt der erregte Pinselmann,
+„Aber steht man so mitten darinnen —“
+„Freund, man muss auch das Oben gewinnen
+Mit Kampf und blutenden Wunden viel.
+Wäre das Leben ein Tanz und Spiel,
+Wer möchte die Arme zum Himmel erheben,
+Dass er ihm einen Tag länger mög geben?
+Aber trotz der Widergewalten
+Gelassen am eigenen Ich sich halten:
+Zerrt nur, schraubt nur, Ihr reißt mir nichts los!
+So ward Böcklin groß.“
+
+So in Streit und Widerstreit
+Unter des Sternfriedens Herrlichkeit
+Zügelten sie das rasche Wort,
+Je mehr sie dem geweihten Ort
+Sich nahten, gingen schließlich nur
+Schweigend auf eines Gedankens Spur,
+Von einem tiefen Empfinden gewiegt,
+Das alles laute Wesen besiegt.
+Merkten, und merkten's auch wieder nicht:
+Heller wurde der Sterne Licht,
+War ein himmlischer Wunderschein,
+Der hüllte alles um sie ein.
+
+Und da stand des Meisters Gestalt,
+Wie man Gott Vater abgemalt,
+Der mit gelassener Gebärde
+Sich runden heißt den Kreis der Erde,
+Baum, Tier und Menschen stellt hinein
+Und freut sich: nun kann's Sonntag sein.
+Zur Seite hockt ihm gemächlich Gott Pan
+Und lässt die Flöte lieblich klingen.
+Bockfüßiger Faune Tanz zerstampft den Plan,
+Und um die Zottelbären schlingen
+Dryaden einen lustigen Reihn
+Und Flügelbuben springen drein. —
+Doch mählich ordnet sich das Spiel und drängt
+Dem Strand zu, wo Tritonen liegen
+Und Nixen, Arm in Arm gehängt,
+Sich leise auf den Wellen wiegen.
+Und von dem munteren Zug geleitet,
+Arm traut in Arm mit Pan, so schreitet
+Böcklin zum Strand hinab. Pans Flöte schweigt,
+Doch aus den Muscheln der Tritonen steigt
+Dröhnend ein Gruß, dass rings das Ufer bebt.
+Der Gruß verhallt. Still wird's. Vom Meere schwebt
+Ein Segel her, naht eine Barke sich,
+Drin steht der Tod mit seiner stummen Geigen
+Und bittet jenen, in das Boot zu steigen.
+Der grüßt und folgt. Leis schwankt der Barke Rand.
+Ein Edelbild, das nicht vom Steuer wich,
+Ein göttlich Weib bietet dem Gast die Hand.
+Dann ist, umspielt von jungen Nereiden,
+Das selige Schiff langsam vom Strand geschieden,
+Nur eine milde süße Geige klang
+Noch lang im Wind, bis es die Nacht verschlang.
+
+Und Pan? die Faune? die Dryaden? Nichts
+War da, als nur ein Schimmer stillen Lichts,
+Das von den Sternen um den Hügel wob. —
+Und als der Maler seine Stimme hob
+Und fragte: „Freund, was träumt dir? Lass uns gehn,
+Des Meisters Ruhestätte anzusehn,“
+Fährt jener auf aus seinem Traum und lacht:
+„Hab mit der Phantasie ein Spiel gemacht,
+Ich sah das ganze Bocksbeinvolk im Reigen
+Dem Meister Arnold Reverenz bezeigen.
+Doch komm und lass uns an den Hügel treten,
+Auch uns gehört der Böcklin, uns Poeten.“
+
+Still lag das Grab im Frieden dieser Nacht,
+Der Lorbeer glänzte im Licht der Sterne,
+Und aus der halbverwelkten Rosenpracht
+Verlor ein letzter Duft sich in die Ferne. —
+Die aber jetzt an diesem Hügel standen
+Und ihrer Weihe keine Worte fanden,
+Ob sie aus dieser andachtstrunknen Nacht
+Wohl eine Frucht mit in den Tag gebracht?
+Was kann dies Grab aus seiner Kammer geben?
+Dem Starken Höchstes: Lust und Kraft zum Leben.
+
+
+
+
+Der Trauermantel
+
+
+Einsamer Mohn glühte am Grabenrand,
+Ein Falter zog um ihn zitternde Ringe.
+Ein Trauermantel. Sonnig lag das Land,
+Der einzige Schatten war die schwarze Schwinge
+Des dunklen Gauklers dort, der um die Glut
+Des roten Mohns, ein traumhaft Wesen, flog.
+Und mählich schien es mir, als ob das Blut
+Der Blume aus den Wangen wich; sie zog
+Erblassend, welkend, sich in sich zusammen,
+Doch immer noch um die erloschnen Flammen
+Zuckten die schwarzen Flügel, bis ein Wind,
+Der übern Weg lief, sie ins Feld entführte.
+War ich vom Licht, vom Flügelflimmern blind?
+War es ein Schlaf, ein Traum, der mich berührte,
+Erzeugt in jenem Purpurkelch, der jetzt
+Wie vorher flammte, sommerheißer Glut?
+Ein Nichts. Ein Spuk. Blendwerk. Und doch, zuletzt,
+Es blieb ein leises Frösteln mir im Blut,
+Und als ich abends mit den Freunden trank,
+Die heiterm Tag ein heitres Ende machten,
+Sprach ich von Herbst und Tod; sie aber lachten
+Und stießen fröhlich an. Ein Glas zersprang.
+
+
+
+
+Tag und Nacht
+
+
+Einen dichtesten, dunkelsten Schleier trug
+Die Nacht. Quält alte Schuld und Not
+Sie immer noch? Auf ihrem Flug,
+Was sie mit leisem Flügel schlug,
+Stand alles starr und tot.
+
+Was kümmert es den jungen Tag,
+Was die schweigsame Schwester beschwert,
+Da er in holdem Schlummer lag;
+Er fragt der Weinenden nicht nach,
+Die seiner nie begehrt.
+
+Auf falterfarbigen Flügeln hebt
+Er freudejauchzend sich hinauf,
+Und wie er über den Wiesen schwebt,
+Ein jedes Blümchen, das da lebt,
+Lächelt zu ihm auf.
+
+Nur der trübe Bach klagt leis
+Zwischen Schilf und schwarzem Moor.
+Gab ihm die Nacht ihr Geheimnis preis?
+Er flüstert und wispert, als ob er was weiß,
+Und raschelt und raunt im Rohr.
+
+
+
+
+Das Birkenwäldchen
+
+
+Inmitten öder Heide träumt
+Ein Birkenwäldchen, sumpfumsäumt.
+Die stillen Wasser blinken,
+Daraus die Wurzeln trinken.
+
+Hier geht sobald kein Menschenfuß
+Und klingt kein Sommervogelgruß,
+Hier ist in ihrer Klause
+Die Einsamkeit zu Hause.
+
+Und nächtens stellt bei Mondenschein
+Ein Wispern sich und Flüstern ein,
+Und weiße Schatten heben
+Gespenstisch sich ins Leben.
+
+Und mittags, wenn die Sonne glüht,
+Dass fast die Heide Funken sprüht,
+Scheint dort in kühlen Schauern
+Ein Seltsames zu lauern.
+
+Ein Jäger, den die Heideglut
+Hintrieb, war einst dort eingeruht,
+Ihm träumt' — er konnt's nicht sagen,
+Er starb in wenig Tagen.
+
+
+
+
+Der Freier
+
+
+Es saß im hellen Sonnenschein
+Gevatter Tod am Grabenrand,
+Kreuzte gemächlich Bein und Bein
+Und hielt ein Blümchen in der Hand.
+
+Er trieb das alte Fragespiel
+Und fragte ehrlich Blatt für Blatt,
+Bis er den kahlgerupften Stiel
+In seinen harten Fingern hatt'.
+
+Ein melancholisch Lächeln glitt
+Leicht übers gelbe Kalkgesicht,
+Dann stand er langsam auf und schritt
+Durchs Stoppelfeld. Er eilte nicht.
+
+Das Dorf lag hinterm nächsten Hang,
+Und sicher war die Braut ihm auch,
+So war denn auch sein Freiersgang
+Gemächlicher als sonst der Brauch.
+
+Noch einmal, vor dem letzten Haus,
+Brach er ein Asterchen und riss
+Ihm alle seidenen Blättchen aus
+Und zählte nicht, des Spiels gewiss.
+
+Er warf den Stengel hinter sich
+Und trat ins niedere Häuschen ein:
+Schön Annemarie, ich liebe dich
+Und frage nicht ja und frage nicht nein.
+
+
+
+
+Der Frühlingsreiter
+
+
+Um Mitternacht
+Bin ich jäh erwacht.
+Hufschlag hallte, ein Horn erklang,
+Dass ich erschreckt ans Fenster sprang.
+
+Der Mond schien hell,
+Und da kam es zur Stell:
+Ein Schatten voraus, dann ein milchweiß Ross,
+Darüber des Mondes Silber floss,
+
+Und ein Reiter ganz jung, einen blauen Kranz
+Im Gelock. Hell blitzte des Hornes Glanz
+In der Faust, und er stieß in das Horn hinein,
+Als sollte und müsste geblasen sein.
+
+O war das ein Klang
+In dem Horngesang!
+Eine süße Kraft, eine blühende Kraft,
+Eine zitternde, quellende Leidenschaft,
+
+Ein Herz und ein Jubel, ein seliger Schrei!
+Ein Klingen, ein Leuchten — da war es vorbei.
+Hatte mich ein Traum bethört?
+Nicht einer hatte den Reiter gehört,
+
+Sie lachten mich alle am Morgen aus:
+Da kommt der Träumer, der Dichter heraus.
+Aber mein Töchterchen kam mit Hurra:
+Seht mal, die ersten Veilchen sind da!
+
+Und ich glaube, auch Krokus und Narzissen
+Kommen schon. — Was wollt ich noch wissen?
+Ich lächelte nur und sagte: Ja, ja,
+Ich weiß, die Veilchen sind wieder da.
+
+
+
+
+Scherz
+
+
+Als ich heute Nacht
+Das Fenster aufgemacht,
+Sah ich ein Bübchen mit zitternden Flügeln,
+Das stolperte zwischen weißen Hügeln;
+Bald auf dem linken, bald auf dem rechten Zeh,
+So stelzt es im Schnee.
+
+War's Amor, der ein Ständchen gebracht,
+Überrascht von der ersten Winternacht?
+Oder war es nur ein letzter
+Kleiner dicker untersetzter
+Blumengeist, der überrumpelt
+Durch den ersten Schnee hinhumpelt
+Und weiß nicht so schnell
+Wohin zur Stell,
+Und, so was kommt vor, im Schrecken vergisst,
+Dass er fliegen kann, geflügelt ist?
+
+Ich rief ihn an: Pst! Kleiner!
+Kriegt mich auf einmal von hinten einer
+Am Kragen und schilt: Schließ das Fenster doch,
+Du erkältst dich noch.
+
+Meine Frau, die verständige war's, sie hält meist
+Meine Märchenerfindungen für sehr dreist.
+So hab ich ihr auch, was ich sah, verschwiegen
+Und bin ganz still ins Bett gestiegen.
+
+
+
+
+Die Schnitterin
+
+
+War einst ein Knecht, einer Witwe Sohn, —
+Der hatte sich schwer vergangen.
+Da sprach sein Herr: Du bekommst deinen Lohn,'
+Morgen musst du hangen.
+
+Als das seiner Mutter kund gethan,
+Auf die Erde fiel sie mit Schreien:
+O lieber Herr Graf und hört mich an,
+Er ist der letzte von dreien.
+
+Den ersten schluckte die schwarze See,
+Seinen Vater schon musste sie haben,
+Den andern haben in Schonens Schnee
+Eure schwedischen Feinde begraben.
+
+Und lasst ihr mir den letzten nicht,
+Und hat er sich vergangen,
+Lasst meines Alters Trost und Licht
+Nicht schmählich am Galgen hangen.
+
+Die Sonne hell im Mittag stand,
+Der Graf saß hoch zu Pferde,
+Das jammernde Weib hielt sein Gewand
+Und schrie vor ihm auf der Erde.
+
+Da rief er: Gut, eh die Sonne geht,
+Kannst du drei Äcker mir schneiden,
+Drei Äcker Gerste, dein Sohn besteht,
+Den Tod soll er nicht leiden.
+
+So trieb er Spott, hart gelaunt,
+Und ist seines Wegs geritten.
+Am Abend aber, der Strenge staunt,
+Drei Äcker waren geschnitten.
+
+Was stolz im Halm stand über Tag,
+Sank hin, er musst es schon glauben.
+Und dort, was war's, was am Feldrand lag?
+Sein Schimmel stieg mit Schnauben.
+
+Drei Äcker Gerste, ums Abendrot,
+Lagen in breiten Schwaden,
+Daneben die Mutter, und die war tot.
+So kam der Knecht zu Gnaden.
+
+
+
+
+Das Geisterschiff
+
+
+Alle Schiffer kamen wieder,
+Kay kam nicht.
+Auf die Erde warf Meike sich nieder,
+In den Sand das Gesicht.
+
+Sie weinte und rang die weißen Arme:
+Kay, komm, Kay!
+Sie flehte und fluchte, dass Gott erbarme:
+Kay, komm, Kay!
+
+Da lief ein Schiff auf schwarzer Welle
+Nachts an den Strand,
+Da kam ihr toter Herzgeselle
+Und nahm sie bei der Hand.
+
+Sie fühlte es bis in die spitzen Zehen
+Und bis in ihr blondes Haar.
+Und Meike musste mit ihm gehen
+Und segeln immerdar.
+
+
+
+
+Die treue Schwester
+
+
+Vater und Mutter lagen im Grab,
+Und der Bruder wollt übers weite Meer.
+Wiebke hing an seinem Hals,
+Verzagt und weinte sehr.
+
+Meine Lampe will ich ans Fenster stelln,
+Kein Stern hat hellem Schein,
+Herzbruder, und wenn du wiederkehrst,
+Dein Schiff läuft sicher ein.
+
+Ans Fenster stellte die Lampe sie
+Und wartete an sieben Jahr,
+Alle Schiffer kannten ihr Licht,
+Das brannte hell und klar.
+
+Sieben Jahre und sieben noch.
+Lösch doch deine Lampe aus.
+Sie schüttelte ihren weißen Kopf:
+Er kommt doch einmal nach Haus.
+
+Und eines Nachts, und die See ging schwer,
+Und sie sahen, am Fenster brannte kein Licht;
+Da sprachen sie, er ist heimgekehrt,
+Ihr Glaube trog sie nicht.
+
+Und morgens, sie wollten den Bruder sehn,
+Im Hafen war kein Schiff, kein Boot,
+Und sie gingen und fanden die Lampe leer,
+Und Wiebke saß und war tot.
+
+
+
+
+Sara Limbeck
+
+
+Schön Sara, des Ritter Limbecks Weib,
+War jung und immer fidel,
+Der Ritter aber war krank an Leib
+Und alt an Herz und Seel!
+Und gab's im Schloss ein fröhlich Bankett
+Mit Saras lustigen Kumpanen,
+Der Ritter Limbeck lag im Bett,
+Bekam nichts von Kapaun und Fasanen.
+
+Und oftmals verdross es schön Sara zu Haus,
+Dann musste die Kutsche vor,
+Mit vier schwarzen Rappen fuhr sie aus,
+Laut knarrte das alte Thor.
+Der Ritter richtete sich auf,
+Die Knochen zusammengerissen;
+Das gibt wieder fröhlich Gejaid und Gesauf!
+Und er sank zurück in die Kissen.
+
+Schön Sara lebte in Saus und Braus,
+Ritter Limbeck starb allein.
+Sie drückte sich keine Thräne heraus,
+Jetzt wollt sie erst lustig sein!
+Ritter Limbeck lag in der kalten Gruft,
+Und oben klirrten die Becher,
+Und war mancher Schelm und war mancher Schuft,
+Der wurde verliebter und frecher.
+
+Und übers Jahr, und die gleiche Nacht
+Und der gleiche Stundenschlag,
+Da der Limbeck sein letztes Kreuz gemacht,
+Und im Schloss war ein lärmend Gelag,
+Da fuhr die große Kutsche vor,
+Von vier schwarzen Rappen gezogen,
+Und Sara fuhr durch das knarrende Thor,
+Und die schwarzen Rappen flogen.
+
+Frau Sara fuhr feldein, feldaus,
+Die Nacht war schwarz und schwer,
+Frau Sara kam nicht wieder nach Haus,
+Man sah sie niemals mehr.
+Nur nachts, wenn Wandrer irr und wirr
+Verlorenen Weg sich suchen,
+Erschreckt sie auf einmal ein schwarz Geschirr
+Und ein Schnauben und Peitschen und Fluchen.
+
+Das ist die lustige Sara, die nun
+Nächtlich kutschieren muss,
+Und könnte beim Ritter Limbeck ruhn
+Für einen letzten Kuss.
+Nun fährt sie hundert Jahre wohl noch
+Querfeld, trotz Zaun und trotz Hecken.
+Durch! Wie die Kutsche so groß gibt's ein Loch,
+Den Bauern zum höllischen Schrecken.
+
+
+
+
+Thies und Ose.
+
+
+In Wenningstedt bei Karten und Korn
+Erschlug einst ein Bauer in jähem Zorn
+Seinen Gast. Thies Thiessen war stark,
+Und der Hansen ein Stänker um jeden Quark.
+
+Nun lag er bleich und im Blut auf dem Stroh.
+Aber wo war Thies Thiessen? Wo?
+Sie suchten ihn und fanden ihn nicht,
+Und der Galgen machte ein langes Gesicht.
+
+Ose, des Mörders Weib, kam in Not.
+Vier Kinder wollten von ihr Brot.
+Ihr Kram ging zurück. Stück für Stück
+Ward verkauft, und sie suchte bei Fremden ihr Glück.
+
+Doch stand sie in Ehren bei jedermann
+Und that ihnen leid. Die Zeit verrann,
+Und Thies Thiessen war und blieb
+Weg, als wäre die Welt ein Sieb.
+
+So wurden es Jahre. Auf einmal fing's
+Zu tuscheln an, bis nach Rantum ging's:
+Habt ihr gesehn? Schon lange. Nanu!
+Meint ihr? Und sie nickten sich zu.
+
+Sie war doch sonst ein ehrlich Weib,
+Nun schreit ihre Schande das Kind im Leib.
+Mit wem sie's wohl hält? Das Mannsvolk ist toll!
+— Das war ein Geschwätz, alle Stuben voll.
+
+Die fromme Ose ertrug es in Scham,
+Kein Wort über ihre Lippen kam.
+Nur einem fraß es am Herzen und fraß,
+Bis ihm der Schmerz in den Fäusten saß.
+
+Und eh sich's die Lästermäuler versahn,
+Stand er auf: Ich hab's gethan!
+Und standen alle und glotzten sehr:
+Thies Thiessen? Gott sei bei uns! Woher?
+
+Nicht verrat ich das Dünenloch,
+Und ihr findet es nimmer. Sie aber fand's doch.
+Und geht's um den Hals, das Kind ist mein.
+Und verdammt, wer's nicht glaubt. Ich bläu's ihm ein.
+
+Und er sah elend aus und schwach,
+Und er hielt sie wie ein Gespenst in Schach,
+Bis ihnen allen allmählich klar,
+Dass der da wirklich Thies Thiessen war. —
+
+Der Hansen war tot, von keinem vermisst,
+Ein Säufer war er und schlechter Christ.
+Aber der Thiessen, ein Kerl ist er doch!
+Und die Ose, gibt's eine Bravere noch?
+
+Alle die Jahre in Elend und Not
+Teilte sie ihr Hungerbrot
+Treulich ihm mit. Und jetzt weinte sie da
+An seinem Hals. Es ging allen nah.
+
+Sie kauten und spuckten und sahen sich an
+Und schoben sich sacht an Thiessen heran
+Und brummten und schüttelten ihm die Hand.
+Das war ihr Gericht. Und so blieb er im Land.
+
+
+
+
+Wie die Stakendorfer die Lübecker los wurden
+
+
+Nach Stakendorf kamen die lübischen Herrn
+Vor Zeiten alljährlich und kamen gern,
+Zwangen die Bauern, den Zehnten zu zahlen,
+Und zogen nach Haus mit Protzen und Prahlen.
+
+Einst kamen sie wieder zur Fastnachtszeit
+Und säckelten ein und machten sich breit,
+Ließen im Gildehaus festlich sich ätzen
+Und saßen glorios auf den Ehrenplätzen.
+
+Die Bauern brauten ein gutes Bier.
+Knausern sie gern, sie knausern nicht hier,
+Sie lassen sich heute am wenigsten lumpen
+Und füllen den durstigen Gästen die Humpen.
+
+Bald glänzen die Backen, die Stirnen stehn
+In Schweiß, kaum können die Äuglein noch sehn.
+Hier sinkt ein Haupt, da lallt eine Zunge,
+Dort keucht eine fette lübische Lunge.
+
+Und immer werden die Humpen nicht leer,
+Die Lübecker trinken und können nicht mehr,
+Bald liegen sie alle, den Kopf auf den Armen
+Und schlafen und schnarchen zum Erbarmen.
+
+Da hat die Bauern der Teufel gezwickt,
+Da haben die Bauern gebohrt und gewrickt,
+Den Tisch und die nächsten Säulen durchlochten
+Die tückischen Schelme, so schnell sie vermochten.
+
+Die lübischen Bärte, wie hingen sie schlapp,
+Die bübischen Bauern, sie sagten nicht papp,
+Sie stopften sie all in die Löcher und schlugen
+Zur Sicherheit noch einen Pflock in die Fugen.
+
+Die Herren schlafen, kein Schlag weckt sie auf,
+Die Herren schnarchen, ein Ratsherrngeschnauf!
+Auf einmal da laufen die Bauern zusammen:
+Zeter und Mord! Das Haus steht in Flammen.
+
+Hei, kamen die Schläfer so schnell aus dem Traum,
+Ein Zerren, ein Reißen, und leer war der Raum.
+Nur die stattlichen Bärte alle
+Blieben zurück in der elenden Falle. —
+
+Seitdem, und wer verdenkt es den Herrn,
+Hielten sie sich weislich fern.
+Zwar haben sie fürchterlich Rache geschworen,
+Doch ließ man die Bauern ungeschoren.
+
+Frei vom Zehnten Stakendorf blieb,
+Den Lübeckern war ihr Bart zu lieb.
+
+
+
+
+Das Opferkind
+
+
+Bei Heiligenstedten, der Stördeich war's,
+Der Deich wollte nicht halten.
+Da war ein Loch, man krigt es nicht zu,
+Die Flut weiß zu spülen, zu spalten.
+So viel man auch stopft mit Erde und Stein,
+Das Meer stößt ein neues Loch hinein.
+
+Da war Not. Wich der Deich,
+Das Land musste ersaufen.
+Eine alte Frau wusste da Rat,
+Man könnt es dem Teufel abkaufen:
+Freiwillig muss ein Kind da hinab,
+Das hilft, freiwillig hinein da ins Grab.
+
+Ein Kind! Einer Mutter Kind!
+Hält jede ihrs fester am Herzen.
+Und wenn die ganze Marsch ersäuft,
+Kann eine ihr Kind verschmerzen?
+Da war Not. Das Loch muss zu.
+He, Tatersch, hör mal, bettelst du?
+
+Hier, tausend Thaler! Klimpert's nicht gut?
+Der Zigeunerin funkeln die Augen.
+Tausend Thaler! Da, nehmt den Balg!
+Kann doch nur zum Bettel taugen.
+So Schilling für Schilling erscharrt sich's schlecht.
+Gebt her! Wer ist gern Hungers Knecht.
+
+Sie legen ein Brett über das Loch
+Und ein weißes Brot in die Mitte.
+Der hungrige Knabe schwankt daher,
+Kleine, hastige Schritte.
+Jetzt langt er nach dem Brot. Da: das Brett
+Schlägt über und wirft ihn ins nasse Bett.
+
+Kein Schrei. Alles stiert
+Stumm aufs Quirlen und Quellen.
+Da taucht es auf, ein blass Gesicht,
+Aus den lehmigen Wellen,
+Taucht auf und spricht ein Wörtchen bloß:
+„Ist nichts so weich als Mutters Schoß.“
+
+Und taucht zum zweiten Mal auf und spricht:
+„Ist nichts so süß, als Mutters Liebe.“
+Wie das Wort alle packt und brennt.
+Wenn doch das Kind endlich unten bliebe!
+Da kommt es zum dritten und spricht aufs neu:
+„Ist nichts so fest als Mutters Treu.“
+
+Dann sinkt es weg. — Sie atmen auf,
+Nun muss das Werk geraten!
+Die Gäule keuchen, die Karren knarrn,
+Es ächzen und knirschen die Spaten.
+Erde und Stein hinein ins Loch!
+Ein teurer Deich, aber jetzt hält er doch.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Hohe Sommertage, by Gustav Falke
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HOHE SOMMERTAGE ***
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+
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index 0000000..a60f331
--- /dev/null
+++ b/old/12268-0.zip
Binary files differ
diff --git a/old/12268-8.txt b/old/12268-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..a740dc0
--- /dev/null
+++ b/old/12268-8.txt
@@ -0,0 +1,3250 @@
+The Project Gutenberg EBook of Hohe Sommertage, by Gustav Falke
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Hohe Sommertage
+ Neue Gedichte
+
+Author: Gustav Falke
+
+Release Date: May 5, 2004 [EBook #12268]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HOHE SOMMERTAGE ***
+
+
+
+
+Produced by Charles Franks and the DP Team
+
+
+
+
+Hohe Sommertage
+
+
+
+
+Neue Gedichte
+
+von Gustav Falke
+
+
+
+
+Hamburg--Alfred Janssen--1902
+
+
+
+
+Seinen lieben Freunden
+
+Karl und Elisabeth Schütze
+
+herzlichst zugeeignet.
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+Sommer
+Der Parkteich
+Trüber Tag
+Vergebliche Bitte
+Liebesgestammel
+Waldgang
+In tiefer Scham
+Aus tiefer Qual
+Im Entschlummern
+Bitte
+Erinnerung
+Besitz
+Ausklang
+Zu Hause
+Heimkehr
+Vor Schlafengehen
+Mondlicht
+Musik
+Es schneit
+Die Weihnachtsbäume
+Meinem Sohn zur Taufe
+Die Mutter
+Steernkiker
+Lengen
+Verbaden Leew
+An de Gorenport
+Go' Nach
+Lütt Ursel
+De Snurkers
+De lütt' Boom
+De Stormfloth
+Ritornelle
+Frühlingstrunken
+Ein silbernes Märchen
+Pfingstlied
+Wunsch
+Seele
+Irrende Seele
+Rosentod
+Auf meinen ausgestopften Falken
+Morgen zwischen Hecken
+Und gar nicht lange
+Die bunten Kühe
+Auf der Bleiche
+Wäsche im Wind
+Winterwald
+Winter
+Die Netzflickerinnen
+Das Mädchen mit den Rosen
+Das Nixchen
+Feierabend
+Das Mädel
+Im Schnellzug
+Reigen
+Der Backfisch
+Der seltene Vogel
+Idyll
+Pusteblumen
+Konsequenz
+Die Räuber
+Denkmalkantate
+Bescheidener Wunsch
+Zweimal ist vier
+Prolog zur Nietzsche-Gedenkfeier
+Prolog zur Böcklin-Gedenkfeier
+Der Trauermantel
+Tag und Nacht
+Das Birkenwäldchen
+Der Freier
+Der Frühlingsreiter
+Scherz
+Die Schnitterin
+Das Geisterschiff
+Die treue Schwester
+Sara Limbeck
+Thies und Ose
+Wie die Stakendorfer die Lübecker los wurden
+Das Opferkind
+
+
+
+
+Sommer
+
+
+Ihr singt von schönen Frühlingstagen,
+Von Blütenduft und Sonnenschein,
+Ich will nichts nach dem Frühling fragen,
+Nein Sommer, Sommer muss es sein.
+
+Wo alles drängt und sich bereitet
+Auf einen goldnen Erntetag,
+Wo jede Frucht sich schwellt und weitet
+Und schenkt, was Süßes in ihr lag.
+
+Auch ich bin eine herbe, harte,
+Bin eine Frucht, die langsam reift.
+O Glut des Sommers, komm! Ich warte,
+Dass mich dein heißer Atem streift.
+
+
+
+
+Der Parkteich
+
+
+Ein stiller Teich träumt im verlassnen Park,
+Von sonnendunklem Laub dicht überschattet.
+Nur manchmal, wenn der Wind heftiger rauscht,
+Huscht ein verlorner Lichtstrahl übers Wasser,
+Und zittert ein erschrockenes Wellchen auf
+Und hastet ängstlich in das Uferkraut.
+
+Einsamer Weg führt um den stillen Teich,
+Gleich ihm von hängenden Zweigen überdämmert.
+Halbausgelöschte Spuren sind im Weg
+Vom Regen halb verwaschen und vom Wind
+Sacht überstäubt. Von wem erzählen sie?
+
+Mir ist, als müsste diese große Stille
+Ein Mädchenlachen plötzlich unterbrechen,
+Aus ihrem grünen Traum aufstören. Wenn der Wind
+Das Laub ein wenig hebt, und in dem Spiegel
+Des dunklen Teichs ein Licht aufblitzt, gedenk ich
+Eines tieflieben, jungen Augenpaares,
+Das ich aus einem stillen Mädchentraum
+Manchmal aufleuchten sehe, und ich meine,
+Es hätte hier wohl einmal vor dem Bild
+Parkstillen Friedens lieblich sich erhellt.
+
+Ein sanftes Wellchen hebt sich an das Ufer.
+Will es den Platz mir zeigen, wo sie stand?
+Wo sie gesessen? Leise rauscht das Laub.
+Es ist ein Flüstern. Ach, was flüstert's doch?
+Nichts. Nur ein Laub im Wind. Doch in mir wacht
+Ein Holdes auf und sucht nach Worten, findet
+Nur einen lieben Namen, und der schwebt,
+Leise dem Wind vertraut, über den Teich.
+
+Bewahr den Namen, märchentiefe Stille,
+Bewahre ihn, dass er, ein süßer Laut
+Der lieblichen Natur, hier Heimat hat.
+Und kehrt sie wieder, wandelt einmal noch
+Durch diesen Frieden, der nun doppelt heilig,
+Mag sie, wie ich heut, lauschend stehn und fragen:
+Was flüstert doch das Laub? Und mag erröten
+Und lächeln, meint sie, übern Teich her ruft
+Ein andrer sie mit Namen.
+
+
+ Leise rauscht
+Das sommerdunkle Laub rings um den Teich.
+Ein Sonnenlächeln zittert auf dem Spiegel.
+Und horch! Ein Mädchenlachen? Nein, Herz, nein.
+Traumstille Einsamkeit nur atmete
+Einmal aus ihrem Frieden selig auf.
+
+
+
+
+Trüber Tag
+
+
+Ein feuchtes Wehen wühlt im Laub und streut
+Ins nasse Gras ringsum den Tropfenfall,
+Und wo noch gestern laute Lust, träumt heut
+Schwermütiges Schweigen überall.
+
+Die frühen Rosen frieren so im Wind.
+Gestern, als heißer Mittag darauf lag,
+Brach ich die schönste dir. Wo bist du, Kind?
+Wo ist die Rose? Wo der helle Tag?
+
+Auch morgen, wenn die Sonne wieder scheint,
+Und ganz voll Duft mein kleiner Garten ist,
+Ruft dich mein Herz und weint
+Und weiß nicht, wo du bist.
+
+
+
+
+Vergebliche Bitte
+
+
+Maiblumen, deinem Herzen nah,
+Blühten an deinem Kleide.
+Ich bat: "Schenk mir den Frühling da."
+"Nein," riefst du mir zu Leide.
+"Es war nur Spiel, war nur zum Scherz,
+Dass ich mich damit schmückte."
+Und wie ein Stich ging mir's durchs Herz,
+Als deine Hand die Blumen schnell
+Vom Busen riss und auf der Stell
+Zerpflückte, zerpflückte.
+
+Was gabst du mir die Blumen nicht,
+Mir, dem die Jugend schwindet,
+Und der auf deinem Angesicht
+Ihr letztes Glück noch findet?
+Mir war's, als so umsonst ich warb
+Um diese Frühlingsspenden,
+Als ob nun mit den Blumen starb
+Auch meiner Jugend goldner Tag,
+Und seine letzte Blüte lag
+Zerpflückt von deinen Händen.
+
+
+
+
+Liebesgestammel
+
+
+Es ist alles nicht auszusagen,
+Was ich um dich gelitten.
+Du musst meine schlaflosen Nächte fragen,
+Da ich mit Beten um dich gestritten,
+Mit Wünschen und Sehnen und Hoffen viel
+Trieb ein thörichtes Liebesspiel.
+
+Und wenn ich dann an deiner Seite
+Wunderseliges tief gespürt,
+Und, wie auf seinem Teppichgebreite
+Des Moslems Stirn die Erde berührt,
+Vor dir anbetend die Seele geneigt,
+Die sich so gern in Stolz versteigt,
+Da ist mir so recht in Wonnen und Bangen
+Das Wesen der Liebe aufgegangen.
+So willenlos, keusch, himmelsrein
+In eine Seele versunken sein,
+Holdeste Zweieinigkeit
+Ohne Sinnenwiderstreit.
+
+Aber getrennt, ging ich umher
+Eine einsame Seele, die keiner versteht.
+Sie bangt um ihren Himmel sehr
+Und weiß nicht, wo die Straße geht,
+Schlägt in rastlosem Sehnsuchtsspiel
+Tausend Brücken nach ihrem Ziel,
+Über die mit zitternden Knien
+All ihre weinenden Wünsche ziehn.
+
+Ich bin dein,
+O wärst du mein!
+Hülfe mir Beten, hülfe mir Bitten--
+Aber ich will mich des Hoffens entschlagen.
+Es ist alles nicht auszusagen,
+Was ich so lange um dich gelitten.
+
+
+
+
+Waldgang
+
+
+Heut bin ich durch den fremden Wald gegangen,
+Abseits von Dorf und Feld und Erntemühen.
+Den ganzen Tag trug ich ein Herzverlangen
+Nach diesem Gang. Nun stahl das erste Glühen
+Des Abends heimlich sich ins Dämmerreich
+Des Buchenschlages, und das Laub entbrannte
+In einem roten Gold ringsum, und gleich
+Glühwürmchen lag's auf Moos und Kraut. Ich kannte
+Nicht Weg und Steg und ließ dem Fuß den Willen,
+Der ziellos ging, indes die Augen schweifen.
+Hier stand ich still und sah, erschreckt vom schrillen
+Raubvogelruf, den Weih die Wipfel streifen.
+Dort lockte mich die schwarze Brombeerfrucht,
+Ein Schneckenpaar, das einen Pilz bestieg,
+Und eines späten Falters scheue Flucht.
+Und um mich war das Schweigen, das nicht schwieg,
+Das Laute spann, spinnwebenfeine Laute,
+Womit es sich dem alten Wald vertraute.
+
+Und als ich stand und so der Stille lauschte,
+Ganz hingegeben ihrem Raunen, lenkte
+Ein Buntspecht, der durchs niedere Laubdach rauschte,
+Meine Auge nach sich, und nun es sich senkte,
+Sah ich zwei Herzen in des Bäumchens Rinde,
+Verschränkte Herzen, heut erst eingeschnitten;
+Es tropfte noch das Blut der jungen Linde,
+Die fremder Liebe willen Schmerz gelitten.
+Und als ich weiter schritt, gab mir zur Seite
+Ein junges Angesicht traumhaft Geleite.
+
+Und Zwiesprach hielt ich mit dem Weggesellen
+Von kranken Nächten und vergrämten Tagen,
+Und ließ das rote Blut der Liebe quellen
+Und alle Wunden meines Herzens klagen.
+Und Tempelstille heiligte den Wald,
+Nur meiner Seele große Qual ward laut.
+Der holde Schatten ward zur Lichtgestalt,
+Und ihr zu Füßen sank ich in das Kraut
+Und flüsterte: "Geliebte". Stammelte:
+"Geliebte. Liebstes. Seele. Hör mich an.
+Ich kann nicht mehr. Die Wege, die ich geh,
+Sind so voll Dornen. Sieh mein Blut; es kann
+Nicht still werden."--
+
+ --So lag ich, lag
+Am Wege so; und um mich starb der Tag.
+Da stand ich auf und war allein und ging
+Auf schmalem Pfad, der durchs Gestrüpp sich wand,
+Dem Ausgang zu. Dort überm Felde hing
+Der stille Mond und kleidete den Rand
+Des Waldes weit in Frieden und in Licht,
+Mir aber kam die selge Ruhe nicht.
+
+Am Waldrand stand, flimmernd im Mondenschein,
+Ein Eichbaum. Von der rissigen Rinde hub
+Ein eingekerbtes Kreuz sich ab. Allein
+Die Klinge, die dem Stamm die Wunde grub,
+War abgebrochen, und das rostige Stück
+Stak unterm Kreuz noch in dem alten Baum.
+Was redete das Kreuz? Von totem Glück?
+Von totem Leid? Von einem toten Traum?
+
+Ein leiser Wind kam übers reife Korn,
+Die Büsche rauschten, und in Schatten sank
+So Kreuz wie Klinge. Nur ein dürrer Dorn
+Am Fuß des alten Baums stand nackt und blank
+Im Licht des Mondes. Und es war einmal,
+Dass er im Grün die roten Blüten trug,
+Flammend, ein selig Frühlingsfeuer.--Qual
+Lag in dem Seufzer, den der Wind verschlug,
+Und ich ging heim und dachte in der Nacht
+Dem Leben nach, das alles sterben macht.
+
+
+
+
+In tiefer Scham
+
+
+Ich weinte auf mein Brot und würgte dran
+Und konnt's nicht würgen und stand auf vom Mahl
+Und ging hinaus ins kalte, kahle Feld
+Und bot dem Märzwind meine heiße Qual.
+
+An einem Dornbusch hing ein Fetzen Tuch.
+Wer warf es weg, wen wärmte es zuletzt?
+Vielleicht wie er bin ich ein Bettler nun,
+Und was so warm mich hielt, ist ganz zerfetzt.
+
+Wenn du dein Herz in deine Hände nimmst
+Und giebst es hin, da, nimm's, und ohn Entgelt,
+Man nimmt es, dankt und wirft dir's plötzlich hin:
+Ich mag's nicht mehr! dann stirbt dir eine Welt.
+
+Dann stehst du da, entblößt und bettelarm
+Und weißt nicht hin vor Scham, vor nackter Scham.
+
+
+
+
+Aus tiefer Qual
+
+
+Kind, sieh nicht deinen Vater an,
+Er hat sich gar so sehr geschämt,
+Sich eine lange, bange Nacht
+Um diese seine Scham gegrämt.
+
+Und geh zu deiner Mutter, Kind,
+Und spiel mit ihr im Sonnenschein
+Und sprich ihr auch vom Vater nicht,
+Scham will allein im Dunkeln sein.
+
+Geh, Kind, vor deinem großen Blick
+Erschrickt mein Herz und fasst sich nicht
+Und weint. Und war noch gestern, Kind,
+So rein wie deiner Augen Licht.
+
+
+
+
+Im Entschlummern
+
+
+Leise Füße gehn im Gras,
+Eine Stimme flüstert was.
+Ich hör es deutlich vom Garten her;
+Ein Halbschlaf drückt die Lieder schwer.
+
+Es spielt in meinen Traum hinein:
+Die Füße müssen meine sein,
+Sie wandeln her, sie wandeln hin,
+Vergangenes geht mir durch den Sinn:
+
+Viel süßer Duft und Sonnenlicht,
+Und eine Hand, die Rosen bricht.
+Vor ihrem Bilde glühten sie,
+Vor ihrem Bild verblühten sie.
+
+Der Schlaf drückt mir die Augen schwer.
+Ich höre die leise Stimme nicht mehr.
+--Vor ihrem Bilde glühten sie,
+--Vor ihrem Bild verblühten sie.
+
+
+
+
+Bitte
+
+
+Holder Frühling hauch mich an,
+Dass ich neu erstehe,
+Was ein Herz ertragen kann,
+Ich ertrug's an Wehe.
+
+Einst so blühend, diese Brust,
+Soll sie ganz erkalten?
+Ach, ich bin mir kaum bewusst,
+Lass den Tag so walten.
+
+Wem ein schönes Glück verging,
+Drauf er treulich baute,
+Wer sich an ein Hoffen hing,
+Das wie Märzschnee taute,
+
+Lieblos scheint ihm wohl die Welt
+Und so kalt zum Sterben;
+All was er in Händen hält,
+Sind nur tote Scherben.
+
+Holder Frühling hauch mich an
+In den neuen Tagen;
+Was ein Herz ertragen kann,
+Ach, ich hab's ertragen.
+
+Tausend Knospen schwellen dir,
+Duft weht auf und Lieder.
+Eine Blüte schenk auch mir,
+Eine einzige wieder!
+
+
+
+
+Erinnerung
+
+
+In meinen Versen weint und lacht,
+Was mir mein Leben reich gemacht.
+Wie mir das stille Tröstung giebt:
+Ich habe dich so sehr geliebt.
+
+Auch du blickst wohl darauf zurück;
+Und war's dir auch kein großes Glück,
+War's doch vielleicht, mag's wenig sein,
+Ein Wegestreckchen Sonnenschein.
+
+
+
+
+Besitz
+
+
+Die Sonne überstrahlt dein Bild,
+Mein Herz wird warm und freut sich.
+Dein liebes Bild.
+Alles Licht ferner Tage erneut sich.
+
+So recht in tiefstem dankbar sein,
+Dass ich dir durfte begegnen,
+Diese Frucht blieb mein.
+Kann Liebe ein Leben reicher segnen?
+
+Ich durfte dich nicht besitzen, es war
+Viel Schmerz meiner Liebe beschieden.
+Es war.
+Nun ist alles Freude und Frieden.
+
+
+
+
+Ausklang
+
+
+Immer bleibst du lieblich mir,
+Immer hold im Herzen,
+Immer brennen heilig hier
+Dir geweihte Kerzen.
+
+Breiten um dein Angesicht
+Einen frommen Schimmer,
+Und so bist du, reinstes Licht,
+Eigen mir für immer.
+
+
+
+
+Zu Hause
+
+
+Ich war, in tiefer Bitternis verwirrt,
+In Not und Nacht vom Wege abgeirrt.
+
+Ich blickte auf nach einem Trost und Schein,
+Und alle meine Sterne schliefen ein.
+
+Nur fernher klang ein leiser weher Laut,
+Dem hab ich meine Schritte anvertraut.
+
+Ich war gerettet. Schmerz fand sich zu Schmerz.
+Und weinend fiel ich wieder an dein Herz.
+
+
+
+
+Heimkehr
+
+
+Du weißt, ich hab dich lieb gehabt,
+Und immer gleich, an jedem Tag,
+Ob ich ein wenig Glück uns fing,
+Ob still in Sorgen abseits ging.
+
+Da kam ein Frühlingssonnenschein
+Und kam ein junger Rosentag,
+Ich stand in lauter Rausch und Traum
+An eines fremden Gartens Saum.
+
+Aus holder Morgenlieblichkeit
+Klang da ein Lied, so süß, so süß,
+Dass ich im Lauschen mich verlor
+Und hatt für deinen Ruf kein Ohr.
+
+Doch gab des Gartens Thür nicht nach,
+Ein zweifach Schlösslein lag davor,
+Das hat den Träumer aufgeweckt,
+Ihn auf sich selbst zurückgeschreckt.
+
+Er riss sich los und kehrt nun heim
+Und drängt sein Herz an deines hin.
+Trotz Rausch und Traum, du fühlst, es blieb
+Das alte Herz und hat dich lieb.
+
+
+
+
+Vor Schlafengehen
+
+
+Die Kinder schlummern in den Kissen,
+Weich, weichen Atems, nebenan,
+Ein Traum vom heutigen Tag, und wissen
+Nicht, was mit diesem Tag verrann.
+
+Wir aber fühlen jede Stunde,
+Die uns mit leisem Flügel streift,
+Und wissen, dass im Dämmergrunde
+Der Zeit uns schon die letzte reift.
+
+Wir sitzen enggeschmiegt im Dunkeln.
+So träumt sich's gut. Und keines spricht.
+Durchs Fenster fällt ein Sternenfunkeln,
+Vom Ofen her ein Streifchen Licht.
+
+Einmal, im Schlaf, lacht eins der Kleinen
+Ganz leis. Was es wohl haben mag?
+Springt es mit seinen kurzen Beinen
+Noch einmal fröhlich durch den Tag?
+
+Ein Mäuschen knabbert wo am Schrägen,
+Knisternd verkohlt ein letztes Scheit,
+Die alte Uhr hebt an zu schlagen--
+Da sprichst du leis: Komm, es ist Zeit.
+
+
+
+
+Mondlicht
+
+
+Das blasse Licht des vollen Mondes geistert
+Durchs schlechtverhängte Fenster uns ins Zimmer.
+Du schläfst. Die Kinder auch. Mir aber meistert
+Der Magier der Nacht den Schlaf wie immer,
+Und wachen Ohrs, das alles hört, ausfragt
+Und deutet, lieg ich. Unsre Ältste leiht
+Verworrnem Traum, der sie durch Schrecken trägt,
+Angstvollen Laut, richtet sich auf und schreit
+Entsetzt einmal den Namen ihrer Schwester.
+Ich ruf sie an: Schlaf! Still! dir träumt! Gleich weicht
+Der böse Alp von ihr.--O diese Nester
+Von Nachtgespenstern, die der Mond beschleicht
+Und aufstört, Nester, eingebaut
+In unsrer Seelen abgelegene Ecken
+Und Winkel, die uns zu betreten graut.
+Wie still, unschuldig, ruht auf unsern Decken
+Das Licht des Monds und ist doch voller Tücken.
+Es ruht! Nein, wandelt. Dieses breite Band
+Milchigen Lichtes seh ich weiterrücken,
+Langsam. So tastet leise eine Hand,
+Die Arges vorhat und behutsam gleitet,
+Nach ihrem Raub. Nun schiebt das kalte Licht
+Sich mählich auf dein Bett hinüber, breitet
+Sich über deine Kissen. Dein Gesicht,
+Fühlt es das Licht? Du rückst, weichst, kriegst
+Ganz weg vor diesem Licht. Könnt deinen Traum
+Ich jetzt belauschen. Mit der Stirne liegst
+Du eingewühlt in deines Kissens Flaum,
+Wie weggeduckt vor diesem bösen Licht,
+Das jetzt auf deinem schwarzen Scheitel lastet,
+Schwer lastet. Du, wie leblos, rührst dich nicht.
+So sitzt, vom Blick der Schlange schon betastet,
+Der Vogel wie erstarrt, noch eh der Schlund
+Des giftigen Wurms ihn wegschluckt. Langsam lässt
+Das Licht von dir. Und aus dem dunklen Grund
+Des Grauens tauchst du auf. Noch geht gepresst
+Dein Atem, stockend. Doch du wendest wieder
+Die Stirn nach oben. Dein Gesicht ist blass,
+Und einmal zucken deine feinen Lider,
+Als würdest du nun wach. Du murmelst was.
+Ich ruf. Ein Seufzer nur. "Annie!" Kein Laut.
+--Mich fröstelt. Wenn nur erst der Morgen graut.
+
+
+
+
+Musik
+
+
+Eine Musik lieb ich mehr
+Als die schönste der größten Meister.
+Täglich klingt sie um mich her,
+Klingt täglich lauter und dreister.
+
+Ich liebe sie sehr, und doch, es giebt
+Stunden, da muss ich sie schelten,
+Dann ist für die, die das Herz so liebt,
+Ein Donnerwetter nicht selten.
+
+Da schweigt sie wohl erschrocken still,
+Doch dauert die Pause nicht lange,
+Und wenn ich der Ruhe mich freuen will,
+Ist sie wieder im besten Gange.
+
+Zuletzt geb ich mich doch darein
+Und lache: lass klingen, lass klingen!
+Und hör durch des Hauses Sonnenschein
+Vier Kinderfüße springen.
+
+
+
+
+Es schneit
+
+
+Der erste Schnee, weich und dicht,
+Die ersten wirbelnden Flocken.
+Die Kinder drängen ihr Gesicht
+Ans Fenster und frohlocken.
+
+Da wird nun das letzte bischen Grün
+Leise, leise begraben.
+Aber die jungen Wangen glühn,
+Sie wollen den Winter haben.
+
+Schlittenfahrt und Schellenklang
+Und Schneebälle um die Ohren!
+--Kinderglück, wo bist du? Lang,
+Lang verschneit und erfroren.
+
+Fallen die Flocken weich und dicht,
+Stehen wir wohl erschrocken,
+Aber die Kleinen begreifen's nicht,
+Glänzen vor Glück und frohlocken.
+
+
+
+
+Die Weihnachtsbäume
+
+
+Nun kommen die vielen Weihnachtsbäume
+Aus dem Wald in die Stadt herein.
+Träumen sie ihre Waldesträume
+Weiter beim Laternenschein?
+
+Könnten sie sprechen! Die holden Geschichten
+Von der Waldfrau, die Märchen webt,
+Was wir uns alles erst erdichten,
+Sie haben das alles wirklich erlebt.
+
+Da stehn sie nun an den Straßen und schauen
+Wunderlich und fremd darein,
+Als ob sie der Zukunft nicht recht trauen,
+Es muss da was im Werke sein.
+
+Freilich, wenn sie dann in den Stuben
+Im Schmuck der hellen Kerzen stehn
+Und den kleinen Mädchen und Buben
+In die glänzenden Augen sehn,
+
+Dann ist ihnen auf einmal, als hätte
+Ihnen das alles schon mal geträumt,
+Als sie noch im Wurzelbette
+Den stillen Waldweg eingesäumt.
+
+Dann stehen sie da, so still und selig,
+Als wäre ihr heimlichstes Wünschen erfüllt,
+Als hätte sich ihnen doch allmählich
+Ihres Lebens Sinn enthüllt;
+
+Als wären sie für Konfekt und Lichter
+Vorherbestimmt, und es müsste so sein.
+Und ihre spitzen Nadelgesichter
+Blicken ganz verklärt darein.
+
+
+
+
+Meinen Sohn zur Taufe
+
+
+Als wir deine Schwestern getauft,
+Hab ich die herrlichsten Rosen gekauft,
+Brauchte sich keine zu verstecken,
+War jede ein Schmuck fürs geweihte Becken.
+
+Inzwischen ist mir's bescheiden geglückt,
+Dass ein eigen Gärtchen das Haus mir schmückt;
+Und an der Seitenwand spinnt sich ein zartes
+Rosengerank. Das ist was Apartes.
+
+Eigene Rosen. Wie die doch gleich
+Anders leuchten. Mein Sohn, du bist reich.
+Kein besseres Omen kann dir blühen
+Als dieses helle Rosenglühen.
+
+Das Leben bietet der Blumen nicht viel,
+Giebt uns meist nur blattlosen Stiel,
+Alles, was wir von außen bekommen,
+Ist leicht in die hohle Hand genommen.
+
+Aber was von innen heraus
+Wächst und blüht, das machts aus;
+Aus Eigenem die Kränze binden,
+Die uns die Tage hold umwinden.
+
+Nennst du nichts im Leben dein
+Als einen vollen Herzensschrein,
+Wirst du nach äußerm Glanz nicht fragen
+Und fröhlich eigene Rosen tragen.
+
+Das ist nun kurz mein Taufgebet,
+Wie es mir durch die Seele geht,
+Während der Priester mit frommen Worten
+Dir öffnet der Kirche ehrwürdige Pforten.
+
+Frömmigkeit ist eine edle Frucht,
+Wächst draußen und in der Kirche Zucht.
+Sei fromm, mein Sohn, in Nehmen und Geben,
+Suche Gott und ehre das Leben.
+
+
+
+
+Die Mutter
+
+(Ein Traum)
+
+
+Es war im Garten. Fröhliche Gesellen
+Umgaben mich. Wir tranken. Und in hellen
+Plätschernden Bächen sprudelten die Worte
+Von jungen Lippen. Aber nah der Pforte,
+In einer einsamen, erhöhten Laube,
+Saß meine Mutter. Eine reife Traube
+Lag vor ihr auf dem Teller, und sie aß
+Und hörte nicht auf uns. Wie sie so saß,
+Wegbreit nur von uns und doch abgeschieden,
+Einsam in ihres Alters blassem Frieden,
+Zwang mir's den Blick magisch dahin, doch konnte
+Ich nicht vom Platz, den Jugend übersonnte
+Und laute Lust umklang. Auf einmal schwand
+Das alles, und es langte eine Hand,
+Alt, rührend welk und kühl, wie aus der Erde
+An meinem Bettrand auf mit Bittgebärde:
+Willst du mir deine Hand nicht geben? Ach,
+Kaum dass ich gab, und weinend wurd ich wach.
+
+
+
+
+Steernkiker
+
+
+O du leev Deern,
+Wahen mit di?
+Du schöttst as'n Steern
+An mi vorbi.
+
+Un wünsch ik mi wat
+Un steit mi dat fri,
+So wünsch ik mi dat:
+De Steern de hört mi.
+
+Denn keek ik di an
+Bi Dag un bi Nacht,
+Un so makst du den Mann
+To'n Steernkiker sacht.
+
+
+
+
+Lengen
+
+
+Ik kann nich slapen,
+All lang hev ik wacht,
+Dat Finster steit apen,
+Wa schön is de Nacht.
+
+Dar blinkt de Man,
+Wit achter dat Meer;
+Mi kümmt en Thran,
+Ik weet wull, waher.
+
+Ik hör in de Böm
+Den lisen Wind
+Flüstern un dröm
+Vun di, min Kind.
+
+Wa is dat nu wull,
+Slöppst du week un fast?--
+In'n Goren full
+En Appel vun'n Ast.
+
+En Steern blink un bev
+Un schött achtern Dik.--
+Keen hätt di so leev,
+Keen so, as ik.
+
+
+
+
+Verbaden Leev
+
+Un hev ik mi vergeten,
+Un hev ik mi verschull,
+Uns Herrgott möt dat weten,
+Min Hart weer gar to vull.
+
+Dree lange, lange Jahren
+Leeg dat as glönige Kahl'n,
+Ik wull min Leev bewahren,
+Un kost dat dusend Qual'n.
+
+Uns Herrgott möt dat weten,
+Dat ik dat swigen wull,
+Un hev mi doch vergeten,
+Min Hart weer gar to vull.
+
+
+
+
+An de Gorenport
+
+
+Aewer de Wischen weit de Wind
+So week as de Atem vun en Kind,
+Un kümmt doch vun dat grote Meer,
+Vun de wille Nordsee her.
+
+De liggt dar nu wull ganz so still
+As'n Kind, dat slapen will,
+So lising gluckt an'n Strand de Welln,
+As wull en wat in'n Drom vertelln.
+
+Ik dröm hier an de Gorenport
+Un bün en Kind up mine Ort,
+Un legg ganz sach de Handn tosam,
+Un sprek ganz sach 'n leeven Nam.
+
+
+
+
+Go' Nach
+
+
+Go' Nach, giv mi noch mol de Hand,
+De is so warm un week;
+Dörch't Finster schient de helle Man
+Uns up de witte Deek.
+
+Dit is'n Stunn, bevor de Slap
+Uns inlullt sach un söt,
+Wo ut'n reine Minschenbost
+De schönsten Blomen blöt.
+
+Min Hart was as en Sommerbeet,
+Un di, di blöht dit Flach.
+Giv mi noch mol din warme Hand,
+Un du versteist mi sach.
+
+
+
+
+Lütt Ursel
+
+ Lütt Ursel,
+ Lütt Snursel,
+Wat snökerst du 'rum?
+Di steit din lütt Näs wull
+Na Appel un Plumm'.
+
+ Lütt Ursel,
+ Lütt Snursel,
+Din Näs is man'n Spann,
+Doch is dat'n Näs all
+För Pött un för Pann.
+
+ Lütt Ursel,
+ Lütt Snursel,
+Dar hest'n Rosin,
+Dar sünd dre lütt Steen in,
+Un all' dre sünd din.
+
+
+
+
+De Snurkers
+
+
+De Klock sleit acht,
+Nu Kinners, go' Nacht.
+Man gau un man fixen
+Herut ut de Büxen,
+Man flink ut de Schoh
+Un rinne in't Stroh.
+
+De Klock sleit negen,
+De Oellsten, de sägen,
+De Lütt, mit sin Snuten,
+Kann ok all wat tuten.
+Dat is'n Konzert,
+Is wirkli wat wert.
+
+De Klock sleit tein,
+Nu, Olsch, ward dat fein,
+Nu legg di man slapen,
+Du hast dat schön drapen,
+Nu klingt dat erst recht,
+Ik snurk as'n Knecht.
+
+
+
+
+De lütt' Boom
+
+
+Ik bin de lütt' Boom
+De an de Landstrat steit,
+Plückt allens an mi' rüm,
+Wat weglangs geit.
+
+Een plückt sik'n Blatt,
+De anner en Blöt,
+De smitt se denn wag,
+Und de pedd denn de Föt.
+
+Doch hett in min' Aest
+Sik'n Vagel inwahnt,
+Un küßt mi de Sünn,
+Un strakt mi de Mand.
+
+Denn hev ik min Freud
+Und tröst mi ok meist:
+Wat helpt't, lütt' Boom,
+Du steist, wo du steist.
+
+
+
+
+De Stormfloth
+
+
+ Wat brüllt de Storm?
+ De Minsch is'n Worm!
+ Wat brüllt de See?
+ 'n Dreck is he!
+
+De Wind, de weiht, up springt de Floth
+Un sett up den Strand ern natten Fot,
+Reckt sik höger und leggt up't Land,
+Patsch, ere grote, natte Hand.
+
+De lütte Dik, dat lütte Dorp,
+De Floth is daraewer mit eenen Worp.
+Dar is keen Hus, dat nich wankt und bevt,
+Dar wähnt keen Minsch, de morgen noch levt.
+
+ Wat brüllt de Storm?
+ De Minsch is'n Worm!
+ Wat brüllt de See?
+ 'n Dreck is he!
+
+
+
+
+Ritornelle
+
+
+Weiße Syringen.
+Ein schlankes Mädchen weint im Frühlingsgarten,
+Ich kann das Bild nicht aus der Seele bringen.
+
+Gelbe Narzissen.
+Ein Feuerfalter ward vom jähen Winde
+Gleich einem Funken eurem Schoß entrissen.
+
+Rote Rosen.
+Das Dämchen nahm euch kühlen Danks entgegen;
+Ihr sterbt nun gleich Verirrten, Heimatlosen.
+
+Dunkle Cypressen.
+Ein schwarzer Schatten fällt auf meine Straße:
+Ich kann die goldnen Tage nicht vergessen.
+
+Apfelblüte.
+Ist es das Vorgefühl der künftigen Frucht schon,
+Das wie mit holder Scham dich überglühte?
+
+Lorbeerbäume.
+So ernst, so schweigend, wie im tiefsten Sinnen--
+Die schönsten Kränze schenken uns die Träume.
+
+Goldregen.
+Je mehr du protzst und prahlst mit deinem Glänze,
+Je schwüler duftet mir dein Gift entgegen.
+
+Immortellen.
+Unsterblich sein, das heißt doch nur, ihr Zähen,
+Langsamen Todes sterben, statt des schnellen.
+
+Weinrebe.
+Schlank, zartster Anmut, doch voll süßen Feuers,
+Und schmiegsam. Ganz so will ich jede Hebe.
+
+Blutrote Georginen.
+Der Bauerndirne, dem verschämten Schelme,
+Müsst, völlig täuschend, als Versteck ihr dienen.
+
+Weiße Winden.
+Um toten Dornbusch? Ach, ihr Schwachen müsst ja,
+So will's Natur, an irgend was euch binden.
+
+Stachelbeere.
+Reif lieb ich dich nicht mehr, doch hart und herbe
+Weckst du den Wunsch: wenn ich ein Kind noch wäre!
+
+
+
+
+Frühlingstrunken
+
+
+Heute hat es zum erstenmal
+Über die jungen Knospen gewittert,
+Heut hat im Garten zum erstenmal
+Um die Erdbeerblüten ein Falter gezittert.
+
+Ich laufe die Steige auf und ab,
+Wie von jungem Weine trunken.
+Über mir, blankflügelig,
+Schießen die Schwalben wie Sonnenfunken.
+
+Es ist eine Freude in mir erwacht,
+So muss es im Mark des Bäumchens glühen,
+Das dort, wie selig, im Winde sich wiegt
+Und will bald blühen, bald blühen!
+
+
+
+
+Ein silbernes Märchen
+
+
+Wie Spinneweben fein
+Hängt in den Bäumen der Mondenschein,
+Ist alles wie Silber: Baum, Beet und Steig,
+Und wie glitzernde Glöckchen die Blüten am Zweig.
+
+Klingt auch ein silbernes Stimmchen darein,
+Stimmt lieblich zu all dem silbernen Schein.
+Zücküt.--Wie sich der Flieder wiegt,
+Frau Nachtigall fliegt
+In den Mond hinein.
+
+
+
+
+Pfingstlied
+
+
+Pfingsten ist heut, und die Sonne scheint,
+Und die Kirschen blühn, und die Seele meint,
+Sie könne durch allen Rausch und Duft
+Aufsteigen in die goldene Luft.
+
+Jedes Herz in Freude steht,
+Von neuem Geist frisch angeweht,
+Und hoffnungsvoll aus Thür und Thor
+Steckt's einen grünen Zweig hervor.
+
+Es ist im Fernen und im Nah'n
+So ein himmlisches Weltbejah'n
+In all dem Lieder- und Glockenklang,
+Und die Kinder singen den Weg entlang.
+
+Wissen die Kindlein auch zumeist
+Noch nicht viel vom heiligen Geist,
+Die Hauptsach spüren sie fein und rein:
+Heut müssen wir fröhlichen Herzens sein.
+
+
+
+
+Wunsch
+
+
+Die alte Sehnsucht: auf den Gassen liegt
+Die Sonne eines ersten warmen Tags.
+Fern, fern ein Weg durch Wiese und durch Feld
+Und unterm Schatten jungen Buchenschlags.
+
+Der strebt nach einer tiefen Einsamkeit,
+Ein braunes Dach lugt zwischen Zweigen aus:
+Kommst du? Und wie die kleine Pforte klingt,
+Grüßt mich mein Glück. Hier bin ich ganz zu Haus.
+
+
+
+
+Seele
+
+
+Dämmerung löscht die letzten Lichter,
+Noch ein irrer Schall und Schein,
+Und die Nacht hüllt dicht und dichter
+Alles Leben ein.
+
+Und die Erde will nun schlafen;
+Aber ruhelos bist du,
+Steuerst aus dem stillen Hafen
+Deinen Sternen zu.
+
+
+
+
+Irrende Seele
+
+
+Meine arme, irrende Seele,
+Wirst du nach Hause finden?
+Welche Wege musst du noch gehen,
+Bis du ein Licht und Ziel wirst sehen.
+
+Lange bist du durch Unland gegangen,
+Und wolltest, wie oft, verzagen,
+Bist zitternd in die Knie gesunken
+Und hast aus bittern Quellen getrunken.
+
+Meine arme, irrende Seele,
+Noch immer hält dich ein letztes Hoffen:
+Es muss aus allen Dunkelheiten
+Doch ein Weg nach Hause leiten.
+
+
+
+
+Rosentod
+
+
+Was lässt mich zaudern, mir vom Rosenstrauch
+Des holden Kelches satte Lust zu brechen?
+Wirft doch vielleicht der nächste Morgenhauch
+Sie schon entblättert vor des Gärtners Rechen.
+
+Die Schwestern leuchten rings in junger Glut,
+Der grüne Busch in seiner Mutterfreude--
+Mir ist's, als ob ich heiliges Lebensblut
+Um eine eitle Augenlust vergeude.
+
+Im engen Glas ein kurzes Treibhausglück,
+Ein Leben siecht in einem toten Scherben
+Und sehnt sich aus der Kerkerhaft zurück,
+In Freiheit an der Mutter Brust zu sterben.
+
+Sahst du ein armes Herz zum letztenmal
+In einem hellen Hoffnungsfrühling blühen
+Und dann nach herber Täuschung kurzer Qual
+Nur um so schneller in sich selbst verglühen?
+
+So scheint noch einmal duft- und farbenfrisch
+Die Rose sich im Glase zu erneuen,
+Um plötzlich über deinen stillen Tisch
+Und dein Gedicht den blassen Tod zu streuen.
+
+
+
+
+Auf meinen ausgestopften Falken
+
+
+Nicht mehr über Wipfel gleitest du,
+Über meinen Schreibtisch breitest du,
+Ausgestopfter Balg, nun deine Schwingen,
+Äugst auf mich herab und auf mein Singen.
+
+Gleichen Namens, wunderliche Vettern,
+Umgetrieben beid in manchen Wettern,
+Du nun ruhend, ich noch in den Lüften
+Fröhlich flügelnd über Tod und Grüften.
+
+Von der Lampe stillem Licht umflutet,
+Wie dein Auge mir lebendig glutet!
+Und mir ist, ich seh in deine Schwingen
+Wieder warmes, rasches Leben dringen.
+
+Blendwerk! Phantasie! Gespenstisch Leben!
+Wirst dich nie mehr in die Lüfte heben.
+Aber mich, nach meinen Erdentagen,
+Welche Flügel werden mich noch tragen?
+
+
+
+
+Morgen zwischen Hecken
+
+
+Weit hinten liegt die große Stadt,
+Die graue Stadt in Dunst und Rauch.
+Hier spielt im Licht das grüne Blatt
+Und schaukelt sich im Morgenhauch.
+
+Hier ist das Leben hold verstummt,
+Träumt lieblich in sich selbst hinein;
+Nur eine frühe Biene summt
+Näschig um süße Becherlein.
+
+Und manchmal ein verwehter Laut,
+Wie fernen Meeres Wogenschlag.
+Was dort um Mauern braust und braut,
+Herr, fuhr's zu einem klaren Tag!
+
+
+
+
+Und gar nicht lange
+
+
+Es steht ein Bäumchen kahl im Feld
+Und friert in allen Winden.
+Und will sich aus der weiten Welt
+Kein Vogel zu ihm finden.
+
+Und gar nicht lange, über Nacht,
+Und tausend Blüten blinken,
+Und seine Krone überdacht
+Ein Nest verliebter Finken.
+
+
+
+
+Die bunten Kühe
+
+
+Drei bunte Kühe in guter Ruh
+Und des Nachbarn Hanne dazu
+Traf ich heute in der Früh,
+Junghanne und ihre bunten Kuh.
+
+Das gab einen guten, glücklichen Tag,
+Die Sonne auf allen Wiesen lag,
+Die ganze Welt war so bunt und blank.
+Der Hanne und ihren Kühen Dank!
+
+Was glaubt ihr, trifft man in der Früh,
+Statt der drei bunten drei schwarze Küh
+Und statt der Hanne die alte Gret?
+Der ganze Tag ist verwünscht und verweht.
+
+
+
+
+Auf der Bleiche
+
+
+Bringst du Leinen auf die Bleiche?
+Kommt dir nicht der Wind darüber?
+Über Dämme, über Deiche
+Wirbelt er vom Meer herüber.
+
+Willst mit Klammern, willst mit Steinen
+Dir den weißen Schatz erhalten?
+Einmal wird mit deinem Leinen
+Doch ein fremder Wille schalten.
+
+Kommt's in deiner Töchter Kästen,
+Kommt's in deiner Enkel Hände,
+Ist der Faden auch vom Besten,
+Das Gewebe nimmt ein Ende.
+
+Hier ein Flicken, dort ein Flicken.
+Soll man's kunterbunt besetzen?
+Weg damit! so will sich's schicken.
+Und der Wind spielt mit den Fetzen.
+
+
+
+
+Wäsche im Wind
+
+
+Tollt der Wind über Feld und Wiese,
+Hat seinen Spaß er überall,
+Aber am liebsten neckt er die Liese
+Mit einem tückischen Überfall.
+
+Will sie ihr Zeug auf die Leine bringen,
+Zerrt er: Liese, dies Hemd ist mein!
+Um jedes Laken muss Liese ringen,
+Jedes Stück will erobert sein.
+
+Giebt es der Sausewind endlich verloren,
+Schlägt er noch im Übermut
+Ihr das nasse Zeug um die Ohren:
+Da, liebe Liese, häng's auf und sei gut.
+
+
+
+
+Winterwald
+
+
+Wo ist der lustige Waldvogelsang
+Und das spielende Laub? Verweht,
+Was ist das für ein fremder Klang,
+Der im Wald umgeht?
+
+Das ist die Axt, die frisst am Holz
+Seit Wochen sich satt, o weh!
+Da liegt nun mancher grüne Stolz,
+Ein toter Held, im Schnee.
+
+Was in Lüften gelebt und mit Wetter und Wind
+Manch trotzigen Strauß bestand,
+Jetzt biegt es und knickt es ein hungernd Kind
+Und bindet's mit frierender Hand.
+
+Auf ärmlichem Herd ein Funkentanz
+Und ein Knistern. Verglüht, versprüht!
+Und war einmal ein grüner Kranz
+Und ein Glück. Wo blieb es? Verblüht.
+
+
+
+
+Winter
+
+
+Ein weißes Feld, ein stilles Feld.
+Aus veilchenblauer Wolkenwand
+Hob hinten, fern am Horizont,
+Sich sacht des Mondes roter Rand.
+
+Und hob sich ganz heraus und stand
+Bald eine runde Scheibe da,
+In düstrer Glut. Und durch das Feld
+Klang einer Krähe heisres Kräh.
+
+Gespenstisch durch die Winternacht
+Der große dunkle Vogel glitt,
+Und unten huschte durch den Schnee
+Sein schwarzer Schatten lautlos mit.
+
+
+
+
+Die Netzflickerinnen
+
+
+Schweigend an den Dünen hin
+Sitzen die Fischerfrauen und flicken
+Die schweren Netze. Guten Fang
+Mag der Himmel den Männern schicken.
+
+Guten Fang und gute See.
+Manches Netz ist schon draußen geblieben,
+Und manches Boot ohne Fischer und Fisch
+Irgendwo an den Strand getrieben.
+
+Die See macht still, und karg ist das Wort
+Der Frauen, die dort im Sande sitzen,
+Kurz wie der Schrei der Möwen, die
+Ruhelos über die Dünen flitzen.
+
+
+
+
+Das Mädchen mit den Rosen
+
+
+Zwei Rosen, die an einem Strauch
+Zusammen aufgeblüht,
+Von einem knospenhaften Hauch
+Noch lieblich überglüht,
+
+Ein Mädchen brach wohl über Tag
+Das schwesterliche Paar:
+Der Mutter, die im Sterben lag,
+Bracht sie die eine dar,
+
+Die andre aber legte dann
+Mit ihrem ersten Schmerz
+Sie weinend dem geliebten Mann,
+Trostheischend, an das Herz,
+
+Und glühte selig auf und stund,
+Noch halb den Tod im Sinn,
+Und bot den jungen Rosenmund
+Dem warmen Leben hin.
+
+
+
+
+Das Nixchen
+
+
+Ein Nixchen ist ans Land geschwommen,
+Steht unter einem Blütenbaum,
+Die warmen Sommerwinde kommen
+Und trocknen ihr den feuchten Saum.
+
+Mit großen Augen sieht die Kleine
+Stumm in die heiße Flimmerglut;
+Wie wird in all dem Sonnenscheine
+Dem Nixchen wunderlich zu Mut.
+
+In ihre kühle Mädchenkammer
+Fällt nur ein ganz gedämpftes Licht,
+Als wie durch einen langen Jammer
+Ein schwacher Strahl der Hoffnung bricht.
+
+Hier aber ist ein Gleiß und Glimmer,
+Ihr thun davon die Augen weh;
+Doch reglos steht sie, staunt nur immer,
+Die kleine blonde Wellenfee.
+
+Auf einmal fängt sie an zu weinen,
+Weiß nicht warum, weint leis sich aus,
+Und schlüpft dann auf behenden Beinen
+Zurück ins kühle Wasserhaus.
+
+
+
+
+Feierabend
+
+
+Über reifen Ähren liegt
+Stiller, goldner Abendschein.
+Eine junge Mutter wiegt
+Sacht ihr Kind und singt es ein.
+
+Letzter heller Sensenklang
+Zittert übers Feld hinaus,
+Und der Schnitter ruht am Hang
+Feiernd bei den Seinen aus.
+
+Sein gebräuntes Angesicht
+Leuchtet über seinem Sohn,
+Doch er stört den Schläfer nicht,
+Und die Hütte wartet schon.
+
+Leichter Herdrauch steigt und weht
+Über Wipfel her. Nicht fern
+Winkt das Dach. Und drüber steht
+Friedefromm der Abendstern.
+
+
+
+
+Das Mädel
+
+
+Ein Mädel sah ich gehen,
+Ich stand am Gartenthor,
+Mich konnte das Mädel nicht sehen,
+Goldregen hing davor.
+
+Ganz nah ging es vorüber,
+Hätt's mit der Hand erreicht,
+Und neigte ich mich hinüber,
+Die Lippen erhaschte ich leicht.
+
+Aber das Mädel schaute
+So kindlich in die Welt,
+Dass ich mir's nicht getraute.
+Dich küsst nur die Mutter, gelt?
+
+Nur ein Zweiglein brach ich
+Und warf's ihm auf den Hut,
+Grad auf den Hut. Es stach mich
+Schelmenübermut.
+
+Ei, das erschrockene Frätzchen!
+Und wie die Augen sahn!
+Geh weiter, Mutterschätzchen,
+Es hat's der Wind gethan.
+
+
+
+
+Im Schnellzug
+
+
+Der Schnellzug stürmt durchs Sommerland,
+Und draußen in den Winden,
+Da weht und winkt viel buntes Band,
+Zu binden mich, zu binden!
+
+Die Hütte dort in Heckenruh,
+Die Sonne in den Scheiben,
+Die Friedefülle ruft mir zu,
+Zu bleiben doch, zu bleiben!
+
+Und jetzt die Heide, blütenblau,
+Durchkarrter Weg ins Weite;
+Grad stapft die alte Botenfrau
+Im Torfmull. Nimm's Geleite!
+
+Und jetzt das Feld, goldgelber Flachs,
+Und fern ein Blitz von Sensen;
+Und dort der Knirps sonnt wie ein Dachs
+Sich faul bei seinen Gänsen.
+
+O Junge, hast du's gut! Ich wollt',
+Ich läg dort auf dem Bauche,
+Indes der Zug vorüberrollt,
+Und gaffte nach dem Rauche.
+
+
+
+
+Reigen
+
+
+Sind es bunte Schmetterlinge,
+Die um Blumenbeete weben?
+Sind es rosige Apfelblüten,
+Die im leichten Lenzhauch schweben?
+
+Ei, die kleinen Schmetterlinge,
+Wie sie so gesittet kreisen,
+Ei, die kleinen Apfelblüten,
+Wie sie sich als Tänzer weisen.
+
+Schmetterlinge? Apfelblüten?
+Jedes hat zwei Kinderfüße,
+Kinder sind's, ein Kinderreigen,
+Und getanzte Frühlingsgrüße.
+
+Jeder Schritt ein schämig Fragen,
+Jedes zierliche Verneigen
+Ein Bejahen; frühlingshafter
+Kann sich nicht der Frühling zeigen.
+
+Ja, das schönste Frühlingsliedchen,
+Ritornell, Sonette, Stanzen,
+Ach, kein Dichter kann's so singen,
+Wie es Kinderfüße tanzen.
+
+
+
+
+Der Backfisch
+
+
+Tanzen! Tanzen!
+Hab Herz und Kopf von vielem voll,
+Ach, das Leben ist sonnig!
+Aber wenn ich tanzen soll,
+Tanzen soll,
+Wonnig ist's, wonnig!
+
+Der Herr Lehrer am Klavier,
+Reizend ist er mitunter.
+Vierhändig spielten heute wir,
+Ging alles drüber und drunter.
+Sah er mich von oben an,
+Komisch an, der kluge Mann:
+Sie wollen wohl wieder tanzen?
+
+Malen, ach, es ist himmlisch süß!
+Besonders im Freien skizzieren.
+Holt man sich manchmal auch nasse Fuß,
+Was wird's die Kunst genieren?
+Öl, Aquarell,
+Kohle, Pastell,
+Ach, es geht nichts darüber,
+Nur tanzen ist mir lieber,
+So ein Walzer von Strauß
+Sticht alles aus.
+
+Radeln? All Heil!
+Auf dem Zweirad leist ich mein Teil.
+Frisch wie der Wind
+In die Wett mit dem Wind.
+Aber alle Räder der Erde sind
+Nichts gegen meine zwei Sohlen,
+Kommt einer zum Tanz mich holen;
+Wer es auch sei, ich sag nicht nein,
+Muss nur grad kein Ekel sein.
+Tanzen, ach tanzen! La la la la la la....
+Wäre nur erst das Ballfest da!
+
+
+
+
+Der seltene Vogel
+
+
+Geht ein kleiner Mann spazieren,
+Unterm Schirm spazieren.
+Kommt ein Sturmwind um die Ecken,
+Ei, wie that das Männlein erschrecken.
+Könnte sich verlieren.
+
+Macht der Wind kein Federlesen,
+Gar kein Federlesen,
+Und nun muss das Männlein fliegen,
+Hui, wie ist es aufgestiegen,
+Wie ein Flügelwesen.
+
+Fliegt das Männlein eine Stunde,
+Eine ganze Stunde,
+Kräht vor Angst wie eine Krähe,
+Liegt der Jäger auf der Spähe,
+Jäger mit dem Hunde.
+
+Puff! den Vogel muss er haben,
+Muss den Vogel haben.
+Und das Männlein, ohne Flügel,
+Saust in einen Maulwurfshügel,
+Denkt, es wird begraben.
+
+Blafft der Hund und scharrt und schnuppert,
+Hat es bald erschnuppert.
+Ist kein Tröpfchen Blut geflossen,
+Nur sein Höschen ist durchschossen,
+Und sein Herzchen bubbert.
+
+Klopft der Jäger ihm die Kleider,
+Klopft ihm ab die Kleider.
+That es links und rechts umdrehen
+Und den Vogel sich besehen,
+Ei, da war's ein Schneider!
+
+
+
+
+Idyll
+
+
+Unter zarten Birkenzweigen,
+Erster junger Frühlingsglanz,
+Bläst der Schäfer seinen Reigen,
+Doch kein Volk tritt an zum Tanz.
+
+Nur die Schafe gehn und grasen,
+Weiß und schwarz im Sonnenschein,
+Und zwei aufgescheuchte Hasen
+Springen quer ins Feld hinein.
+
+Aber um die Frühlingsblüten
+Tanzen bunte Falter hin,
+Um die Herde mit zu hüten,
+Kommt die junge Schäferin.
+
+Lockten sie die süßen Klänge,
+Lenkte sie die leichte Pflicht?
+Leuchtend wie die Frühlingshänge
+Lacht ihr liebliches Gesicht.
+
+Und verstummt ist das Getöne,
+Rings ein süßes Schweigen nun:
+Küsst der Schäfer seine Schöne,
+Müssen Pflicht und Flöte ruhn.
+
+
+
+
+Pusteblumen
+
+
+Ein Schaf und zwei Lämmlein
+Und all drei schneeweiß,
+Und grün ist die Wiese,
+Und heiß ist's, heiß.
+
+Am Heckchen, am Büschchen,
+Kühl schattet's herab,
+Sitzt Bübchen und rauft rings
+Die Pusteblumen ab.
+
+Die Flöckchen im Winde,
+Wie segeln sie fein,
+Die Lämmerchen hüpfen
+Auf alle vier Bein.
+
+Das Bübchen wird müde,
+Ihm träumt eins geschwind:
+Viel Lämmerchen tanzen
+Wie Flöckchen im Wind.
+
+Er pustet dazwischen,
+Die Backen gebläht,
+Hei, geht's umeinander,
+Und jed Lämmchen mäh--h--t.
+
+
+
+
+Konsequenz
+
+
+In meinem Gärtchen, zwei Fuß vom Weg,
+Hinter dem niedern Gittergeheg,
+Blüht mir ein blauer Syringenstrauch,
+Meine Freude, und meiner Kinder auch.
+Aber die Buben von den Gassen,
+Die Racker, können das Räubern nicht lassen.
+
+Wenn sie früh in die Schule gehn,
+Ein Kleinster bleibt begehrlich stehn,
+Ein zweiter stellt sich daneben auf
+Und schielt mit ihm zum Bäumchen hinauf,
+Möchten gerne von den Syringen
+Ein Zweiglein mit in die Klasse bringen.
+
+Kommt ein dritter, hops, wie er hupft,
+Hat sich ein paar Blätter gerupft,
+Aber der Grünkram genügt ihm nicht,
+Er ist mal auf Syringen erpicht.
+Noch einmal, hops!--Euch will ich kriegen.
+Ich klopf ans Fenster. Hei, wie sie fliegen.
+
+So ein Bubenvolk ist schlimm,
+Gefällt ihm was, gleich denkt es: nimm!
+Aber dass auch die Mädel--ich bitt,
+Kommen da welche gleich zu dritt,
+Recken die Hälschen, drehen die Köpfchen
+Ängstlich und schlenkern mit den Zöpfchen.
+
+Hebt sich die längste auf den Zeh'n,
+Einmal, zweimal, es will nicht gehn.
+Gehuschel, Getuschel. Mädel sind klug;
+Hat sie, bevor ich ans Fenster schlug,
+Das kleinste schnell auf den Arm genommen
+Und die allerschönsten Syringen bekommen.
+
+Ich drohe ihr, sie lacht mich an,
+Wie nur ein Mädel lachen kann,
+Spitzbübisch, schelmisch und doch ganz lieb.
+Es ist ein allerliebster Dieb,
+Und da--ich will recht finster blicken
+Und kann nur lachen und freundlich nicken.
+
+In Zukunft sind die Syringen frei,
+Ob Mädel, ob Buben, ist einerlei.
+Was ihr im Sprung erhäschen könnt,
+Ihr Diebsgelichter, sei euch gegönnt.
+Nur braucht ihr das selber nicht grade zu wissen,
+Mein Bäumchen würde mir arg zerrissen.
+
+
+
+
+Die Räuber
+
+
+Ich war, ein Knabe, in den Wald gegangen
+Mit meinen Brüdern. Wie die wilden Rangen
+Den Ferienmorgen durch die Büsche trieben,
+Dass er entfloh, als hätt er Hasenläufe.
+Und selber jagten sie sich umeinander,
+Hierhin, dorthin, wie steuerlose Brander.
+Und wirklich war bald nichts vom Wald geblieben,
+Als funkenüberstreute Aschenhäufe.
+
+Ein rechter Räuber, seines Werts durchdrungen,
+Und sei er auch der Schule just entsprungen,
+Kann nicht der Bürger glatte Wege wandeln,
+Wo Förster und Magister ihm begegnen.
+Er braucht das Dickicht, wo kein Hund ihn wittert,
+Braucht finstre Höhlen, buschwerkübergittert,
+Wo kein Gesetz ihm lahmt das kühne Handeln
+Und keine Prügel in sein Handwerk regnen,
+
+O Freiheit, deine roten Flammen schlugen
+So stürmisch nie, und keine Hände trugen
+So hochgemut die lodernden Fanale,
+Wir waren Räuber und dazu Indianer,
+Zum "Großen Adler" wurde Hänschen Meier,
+Und Müllers Fritzchen zum "Gefleckten Geier",
+Die Friedenspfeife ging zum dritten Male
+Von Hand zu Hand, und blass saß der Quartaner.
+
+Und schweigend qualmten um die dürren Reiser
+Die tapfern Krieger, jeder Held ein Weiser
+Im großen Rat: Und durch die Buchenrunde
+Zog sacht der Rauch des Feuers und der Pfeifen.
+Dann ging die Flasche mit dem Himbeersafte,
+Die der verwegene Häuptling sich verschaffte,
+"Der große Büffel", still von Mund zu Munde.
+Ein Pfiff! Und nach dem Kriegsbeil galt's zu greifen.
+
+Ihr Knabenspiele unter Sommerbuchen,
+Wo soll ich köstlichere Freuden suchen,
+Als die aus eurem tollen Treiben sprossen,
+Wie helle Rosen aus den wilden Ranken.
+Doch Dornen hatten, weh! auch diese Rosen,
+Und sie zerrissen nicht allein die Hosen,
+Auch rotes Blut ist jämmerlich geflossen,
+Und dann, zu Haus, der Räubermutter Zanken.
+
+Und einmal mussten wir die Häuptlingsrücken,
+O Schmach für Helden, untern Stecken bücken.
+Den großen Büffel nahm man fest beim Horne,
+Der große Adler musste Federn lassen,
+Denn aus der Asche unsrer Höhlenscheite
+Erstand ein Kläger, der in alle Weite
+Die Klage rief. Die ward zum Todesdorne
+Für unsern Mut und ließ uns feig erblassen.
+
+Der Wald in Flammen! Weh, die Schreckenskunde!
+Wir zitterten. Nun ist die letzte Stunde
+Für euch gekommen, und die Messer blitzen,
+Kreisrund den Skalp von eurem Haupt zu trennen.
+Der Wald in Flammen! Förster, Polizisten,
+Kerker, Schafott, ringsum die Stadtgardisten--
+Doch nein, man wird euch schon die Haut nicht ritzen.
+Mut, großer Büffel! Nur die Weiber flennen.
+
+Die Zähne fest! Und Hiebe gab es, Hiebe!
+Und ist die Züchtigung ein Werk der Liebe,
+Kein Vater liebte heißer seine Knaben
+Und mehr als sie verdienten, wie ich meine:
+Zwei junge Buchen waren drauf gegangen,
+Und unsres Wigwams rauchgeschwärzte Stangen
+Schrien unsre Schandtat in das Ohr des Raben,
+Der Krumen las an unserm Opfersteine.
+
+
+
+
+Denkmalkantate
+
+
+Bimmbamm, Bimmbumm,
+Bitte, bitte, bettel, bettel,
+Klingelbeutel geht herum,
+Blankes Silber, blaue Zettel,
+Nickel ist und Gold willkommen,
+Alles wird mit Dank genommen,
+Bitte, bitte!
+
+Bimmbamm, bimmbumm,
+Große Leute soll man ehren,
+Klingelbeutel geht herum,
+Bitte, alle Taschen leeren,
+Bitte, bitte, bettel, bettel,
+Blankes Silber, blaue Zettel,
+Bettel, bettel!
+
+Bimmbamm, bimmbumm,
+Den wir feierlichst begraben,
+Klingelbeutel geht herum,
+Dass er kann ein Denkmal haben.
+Nickel ist und Gold willkommen,
+Alles wird mit Dank genommen,
+Bitte, bitte!
+
+Bimmbamm, bimmbumm,
+So ein Denkmal ist nicht billig,
+Klingelbeutel geht herum,
+Jeder sei nach Kräften willig,
+Bitte, bitte, bettel, bettel,
+Blankes Silber, blaue Zettel,
+Bettel, bettel!
+
+Bimmbamm, bimmbumm,
+Unsre Enkel soll es lehren,
+Klingelbeutel geht herum,
+Wie man das Genie muss ehren.
+Was es selber nie bekommen,
+Alles wird mit Dank genommen,
+Bitte, bitte!
+
+Bimmbamm, bimmbumm,
+Festkonzert und Denkmalfeier,
+Klingelbeutel geht herum,
+Fünfzig Mark giebt Minchen Meier,
+Bitte, bitte, bettel, bettel,
+Blankes Silber, blaue Zettel,
+Bettel, bettel!
+
+
+
+
+Bescheidener Wunsch.
+
+
+Wenn ihr uns nur wolltet lesen!
+Was haben wir von dem Denkmalwesen?
+Ach, wonach wir gedarbt im Leben,
+Jetzt könnt ihr es so leicht uns geben:
+Ein wenig Liebe. Der Tod macht uns billig.
+Kauft uns. Aufs Denkmal verzichten wir willig.
+Mehr freut uns, wenn ihr ein Lied von uns kennt,
+Als wenn unser Bild in der Sonne brennt.
+Eure Liebe sei unser Postament.
+
+
+
+
+Zweimal zwei ist vier
+
+
+Mit großen Gebärden und großen Worten
+Treibens viele Leute allerorten.
+Haben eine absonderliche Manier,
+Zu sagen: zweimal zwei ist vier.
+Orakeln im mystischen Tempelbass:
+Liebe Brüder, wenn's regnet, wird's nass!
+Je weniger sie zu sagen haben,
+Je toller gebärden sich die Knaben.
+Doch wie sie sich geben und wie sie beharren,
+Man merkt gleich, es sind Narren.
+Sind auch etliche "Dichter" darunter,
+Die treiben's erst munter!
+
+
+
+
+Prolog zur Nietzsche-Gedenkfeier
+
+der Literarischen Gesellschaft in Hamburg
+
+
+Er fuhr vorüber, hellen Angesichtes,
+Der Tod, als ging's zu einer Hochzeitsfeier.
+Wohin? Wem neidest du das Glück des Lichtes,
+Du mit der Hast des beutefrohen Geiers?
+
+Ein kurzer Blick, er hemmte seinen Flug
+Und stand.
+ Hast? Immer hab ich Zeit genug.
+Ein Stündchen früher oder später zählt
+Dem Freier wohl, der sich die Braut erwählt;
+Der Schnitter, dem das Korn entgegendampft
+In satter Reife, nimmt sich Zeit zum Schärfen,
+Und, lässiger noch, der Müller, der's zerstampft,
+Er kann's auch morgen auf die Mühle werfen.
+Und ich, der Jäger über alles Wild,
+Dem kein Gesetz und keine Schonzeit gilt--
+
+Und doch, du fuhrst wie ein verliebter Knabe,
+Der nach des Mädchens süßem Munde schmachtet.
+Wer ist es? Wem bringst du die Hochzeitsgabe?
+Dem Genius, dessen Seele, halb umnachtet,
+Den Tag verträumt, der ihm sonst Ernten bot, Nietzsche.
+Und diesen Namen nannt der Tod
+Mit Ehrfurcht und mit Liebe. Und er wand
+Sich ab und schied. Ein Blitz fuhr übers Land.
+
+ * * * * *
+
+Die Trauerglocken, die in Weimar klangen,
+Klagten: Nietzsche ist heimgegangen.
+
+Ein kühner Flieger, Freund von allen Winden,
+Ein freier Vogel über höchste Wipfel,
+Ein Segler über Meere, über Gipfel,
+Nichts kann ihm seine stolzen Flügel binden.
+Da fährt ein Blitz dem Starken ins Gefieder
+Und stürzt ihn nieder.
+
+Die Kleinen, die der Großen Flug beneiden,
+Die kleine Heckenzunft--das gab ein Schwatzen.
+Er war gestraft. Das Recht blieb bei den Spatzen:
+Wir sind gesund, wir konnten uns bescheiden,
+Wir flogen nur um unsre Futterplätze,
+Wir klugen Mätze.
+
+Das schlimme Lied vom Genius und der Menge,
+Die Schritt vor Schritt mit tausend Füßen tastet,
+Indessen er auf stillen Bergen rastet,
+Einsam, hoch über Enge und Gedränge,
+Zu Flügen rastet, die auf Sehnsuchtsschwingen
+Zur Sonne dringen.
+
+Und nun hinaus, hinauf! Da hemmt kein Zagen.
+Der Himmel lockt mit seinen Wunderweiten.
+Das ist ein selig, stürmisch Flügelbreiten.
+Ihr Winde alle, Freunde, kommt, mich tragen!
+Vom Berg zur Wolke. Durch! Und dort, in Fernen,
+Lockt Stern zu Sternen.
+
+O Glück! O Lust! o Flug nach goldnen Küsten!
+Tief unten rauscht das Meer und türmt die Wogen.
+Du ungeberdige Flut, der ich entflogen,
+Will es nach Tod und Trümmern dich gelüsten?
+Das tiefe Grollen deines Zorns klingt schön
+In meinen Höhn.
+
+Du fängst mich nicht! Soll diese Kraft vergehen,
+So sei es an der Sonne Feuerherzen.
+Das war ein Sterben, wären Götterschmerzen:
+Fliegen und schon in Todesflammen stehen.
+--Da fährt ein Blitz dem Starken ins Gefieder
+Und stürzt ihn nieder.
+
+ * * * * *
+
+Die Trauerglocken, die in Weimar klangen,
+Klagten: Ein Held ist heimgegangen.
+
+Ein Held und ein Eroberer. Burgen sanken
+Auf seinem Weg in Trümmern, Tempel stürzten
+Und Opfersteine rings, wo die Gewohnheit
+In dumpfer Andacht kniete. Er war hart
+Und ging den Weg des Helden mitleidlos,
+Zerschlug Altäre, wo auch er geopfert,
+Zertrat die Gärten seiner Jugendspiele
+Und ging von seinen Freunden, die er liebte,
+Treulos, um nur in einem treu zu sein:
+Treu seinem Willen, der zur Wahrheit wollte.
+Und härter ward sein Schwert mit jedem Schlag.
+Wo ist die Härte, die ihm trotzen mag?
+Da zuckt ein Blitz. Der harte Stahl zerspellt,
+Und schwertlos fällt der todessieche Held.
+
+ * * * * *
+
+Weint nicht um ihn. Aus seinen Wunden
+Seht ihr die leuchtenden Rosen blühn?
+Kränze des jauchzenden Lebens gebunden
+Aus dem Frühlingsgeschenk seiner Wunden,
+Und ihr ehrt und feiert ihn.
+
+Licht war sein Herz und Licht seine Seele,
+Ja! war sein Wort zu Leben und Tod.
+Tapfer, den Tag und den Tanz in der Seele,
+Galt seine Liebe dem Morgenrot.
+
+Rausch der Kraft und jauchzendes Hoffen
+Lieh seinem Lied den Adlerflug,
+Der, bevor ihn der Blitz getroffen,
+Klingend ans Thor der Zukunft schlug.
+
+Seht, und die goldenen Angeln erklangen,
+Und ein Licht und ein Glanz ward frei.
+Die zu den Quellen des Lebens drangen,
+Zählen den Priestern des Lebens bei.
+
+Weint nicht um ihn. Aus seinen Wunden
+Seht die leuchtenden Rosen blühn.
+Kränze des jauchzenden Lebens gebunden
+Aus dem Frühlingsgeschenk seiner Wunden,
+Und ihr ehrt und feiert ihn.
+
+
+
+
+Prolog zur Böcklin-Gedenkfeier
+
+der Gesellschaft hamburgischer Kunstfreunde
+
+(Fräulein Minna Persoon gewidmet.)
+
+
+Ein Großer starb: _Böcklin_. Vor wenig Tagen
+Gab man der Erde ihren Anteil wieder--
+Und legte Rosen auf den Hügel nieder
+Und dunklen Lorbeer. Leises Flügelschlagen
+Der Stunden, die die stille Stätte streifen--
+Und jedem Flügelschlag entblättert sacht
+Sich eine Rose, die vielleicht am Strauch
+Des Lebens letzten roten Gruß gelacht
+Dem, dessen Tod auch ihr Tod ward. Ein Hauch
+Vergänglichkeit um dieses Grab geweht,
+Um das der dauerhafte Lorbeer steht.
+
+ * * * * *
+
+Zwei Freunde, die in Feierstunden,
+Sich in Florenz zu einander gefunden,
+Hatten die halbe Winternacht
+Dem toten Meister nachgedacht.
+Ein Maler war's und ein Poet,
+Fühlten sich eines Geistes durchweht,
+Gossen ihren roten Wein
+Glutvoll in seinen Ruhm hinein,
+Klirrten die leeren Gläser zusammen
+Und schössen wie zwei Feuerflammen
+Von ihrer Bank empor und gingen
+Des Meisters Grab einen Gruß zu bringen,
+Wollten unterm Sternenschein
+Seinem Genius eine Andacht weihn.
+
+Sprach der Maler: So ist's recht,
+Hat sich am Tage so mancher erfrecht
+Dem Meister sein Gloria zu schrein,
+Stimmte so mit den andern ein,
+Aber ist der Lärm verweht,
+Er wieder alte Wege geht,
+An denen, die noch malen und dichten,
+Seine Torturen zu verrichten.
+Wer die Marterschrauben überdauert,
+Der wird dann rühmlichst eingemauert
+In ein Pantheon von großen Leuten,
+Die man anfangs wollte häuten.
+Nun weiß man aus ihren Kleiderfetzen
+Sich selbst noch ein Wams zusammenzusetzen,
+Gebärdet sich als Apostel gar
+Und ist in den Flicken doch nur ein Narr.
+
+"Nicht schlecht gewettert," lacht der Poet,
+"Doch wird es, so lange die Welt besteht,
+Nicht anders, Freund. Und zuletzt, die Narren
+Schmücken des Großen Ruhmeskarren
+Als lustige Fratzen wider Willen;
+Muss jeder seinen Zweck erfüllen.
+Und wären am Ende die Teufel nicht,
+Ein Engel hätt kein besonder Gesicht."
+
+"Du siehst wieder alles von oben an,"
+Grollt der erregte Pinselmann,
+"Aber steht man so mitten darinnen--"
+"Freund, man muss auch das Oben gewinnen
+Mit Kampf und blutenden Wunden viel.
+Wäre das Leben ein Tanz und Spiel,
+Wer möchte die Arme zum Himmel erheben,
+Dass er ihm einen Tag länger mög geben?
+Aber trotz der Widergewalten
+Gelassen am eigenen Ich sich halten:
+Zerrt nur, schraubt nur, Ihr reißt mir nichts los!
+So ward Böcklin groß."
+
+So in Streit und Widerstreit
+Unter des Sternfriedens Herrlichkeit
+Zügelten sie das rasche Wort,
+Je mehr sie dem geweihten Ort
+Sich nahten, gingen schließlich nur
+Schweigend auf eines Gedankens Spur,
+Von einem tiefen Empfinden gewiegt,
+Das alles laute Wesen besiegt.
+Merkten, und merkten's auch wieder nicht:
+Heller wurde der Sterne Licht,
+War ein himmlischer Wunderschein,
+Der hüllte alles um sie ein.
+
+Und da stand des Meisters Gestalt,
+Wie man Gott Vater abgemalt,
+Der mit gelassener Gebärde
+Sich runden heißt den Kreis der Erde,
+Baum, Tier und Menschen stellt hinein
+Und freut sich: nun kann's Sonntag sein.
+Zur Seite hockt ihm gemächlich Gott Pan
+Und lässt die Flöte lieblich klingen.
+Bockfüßiger Faune Tanz zerstampft den Plan,
+Und um die Zottelbären schlingen
+Dryaden einen lustigen Reihn
+Und Flügelbuben springen drein.--
+Doch mählich ordnet sich das Spiel und drängt
+Dem Strand zu, wo Tritonen liegen
+Und Nixen, Arm in Arm gehängt,
+Sich leise auf den Wellen wiegen.
+Und von dem munteren Zug geleitet,
+Arm traut in Arm mit Pan, so schreitet
+Böcklin zum Strand hinab. Pans Flöte schweigt,
+Doch aus den Muscheln der Tritonen steigt
+Dröhnend ein Gruß, dass rings das Ufer bebt.
+Der Gruß verhallt. Still wird's. Vom Meere schwebt
+Ein Segel her, naht eine Barke sich,
+Drin steht der Tod mit seiner stummen Geigen
+Und bittet jenen, in das Boot zu steigen.
+Der grüßt und folgt. Leis schwankt der Barke Rand.
+Ein Edelbild, das nicht vom Steuer wich,
+Ein göttlich Weib bietet dem Gast die Hand.
+Dann ist, umspielt von jungen Nereiden,
+Das selige Schiff langsam vom Strand geschieden,
+Nur eine milde süße Geige klang
+Noch lang im Wind, bis es die Nacht verschlang.
+
+Und Pan? die Faune? die Dryaden? Nichts
+War da, als nur ein Schimmer stillen Lichts,
+Das von den Sternen um den Hügel wob.--
+Und als der Maler seine Stimme hob
+Und fragte: "Freund, was träumt dir? Lass uns gehn,
+Des Meisters Ruhestätte anzusehn,"
+Fährt jener auf aus seinem Traum und lacht:
+"Hab mit der Phantasie ein Spiel gemacht,
+Ich sah das ganze Bocksbeinvolk im Reigen
+Dem Meister Arnold Reverenz bezeigen.
+Doch komm und lass uns an den Hügel treten,
+Auch uns gehört der Böcklin, uns Poeten."
+
+Still lag das Grab im Frieden dieser Nacht,
+Der Lorbeer glänzte im Licht der Sterne,
+Und aus der halbverwelkten Rosenpracht
+Verlor ein letzter Duft sich in die Ferne.--
+Die aber jetzt an diesem Hügel standen
+Und ihrer Weihe keine Worte fanden,
+Ob sie aus dieser andachtstrunknen Nacht
+Wohl eine Frucht mit in den Tag gebracht?
+Was kann dies Grab aus seiner Kammer geben?
+Dem Starken Höchstes: Lust und Kraft zum Leben.
+
+
+
+
+Der Trauermantel
+
+
+Einsamer Mohn glühte am Grabenrand,
+Ein Falter zog um ihn zitternde Ringe.
+Ein Trauermantel. Sonnig lag das Land,
+Der einzige Schatten war die schwarze Schwinge
+Des dunklen Gauklers dort, der um die Glut
+Des roten Mohns, ein traumhaft Wesen, flog.
+Und mählich schien es mir, als ob das Blut
+Der Blume aus den Wangen wich; sie zog
+Erblassend, welkend, sich in sich zusammen,
+Doch immer noch um die erloschnen Flammen
+Zuckten die schwarzen Flügel, bis ein Wind,
+Der übern Weg lief, sie ins Feld entführte.
+War ich vom Licht, vom Flügelflimmern blind?
+War es ein Schlaf, ein Traum, der mich berührte,
+Erzeugt in jenem Purpurkelch, der jetzt
+Wie vorher flammte, sommerheißer Glut?
+Ein Nichts. Ein Spuk. Blendwerk. Und doch, zuletzt,
+Es blieb ein leises Frösteln mir im Blut,
+Und als ich abends mit den Freunden trank,
+Die heiterm Tag ein heitres Ende machten,
+Sprach ich von Herbst und Tod; sie aber lachten
+Und stießen fröhlich an. Ein Glas zersprang.
+
+
+
+
+Tag und Nacht
+
+
+Einen dichtesten, dunkelsten Schleier trug
+Die Nacht. Quält alte Schuld und Not
+Sie immer noch? Auf ihrem Flug,
+Was sie mit leisem Flügel schlug,
+Stand alles starr und tot.
+
+Was kümmert es den jungen Tag,
+Was die schweigsame Schwester beschwert,
+Da er in holdem Schlummer lag;
+Er fragt der Weinenden nicht nach,
+Die seiner nie begehrt.
+
+Auf falterfarbigen Flügeln hebt
+Er freudejauchzend sich hinauf,
+Und wie er über den Wiesen schwebt,
+Ein jedes Blümchen, das da lebt,
+Lächelt zu ihm auf.
+
+Nur der trübe Bach klagt leis
+Zwischen Schilf und schwarzem Moor.
+Gab ihm die Nacht ihr Geheimnis preis?
+Er flüstert und wispert, als ob er was weiß,
+Und raschelt und raunt im Rohr.
+
+
+
+
+Das Birkenwäldchen
+
+
+Inmitten öder Heide träumt
+Ein Birkenwäldchen, sumpfumsäumt.
+Die stillen Wasser blinken,
+Daraus die Wurzeln trinken.
+
+Hier geht sobald kein Menschenfuß
+Und klingt kein Sommervogelgruß,
+Hier ist in ihrer Klause
+Die Einsamkeit zu Hause.
+
+Und nächtens stellt bei Mondenschein
+Ein Wispern sich und Flüstern ein,
+Und weiße Schatten heben
+Gespenstisch sich ins Leben.
+
+Und mittags, wenn die Sonne glüht,
+Dass fast die Heide Funken sprüht,
+Scheint dort in kühlen Schauern
+Ein Seltsames zu lauern.
+
+Ein Jäger, den die Heideglut
+Hintrieb, war einst dort eingeruht,
+Ihm träumt'--er konnt's nicht sagen,
+Er starb in wenig Tagen.
+
+
+
+
+Der Freier
+
+
+Es saß im hellen Sonnenschein
+Gevatter Tod am Grabenrand,
+Kreuzte gemächlich Bein und Bein
+Und hielt ein Blümchen in der Hand.
+
+Er trieb das alte Fragespiel
+Und fragte ehrlich Blatt für Blatt,
+Bis er den kahlgerupften Stiel
+In seinen harten Fingern hatt'.
+
+Ein melancholisch Lächeln glitt
+Leicht übers gelbe Kalkgesicht,
+Dann stand er langsam auf und schritt
+Durchs Stoppelfeld. Er eilte nicht.
+
+Das Dorf lag hinterm nächsten Hang,
+Und sicher war die Braut ihm auch,
+So war denn auch sein Freiersgang
+Gemächlicher als sonst der Brauch.
+
+Noch einmal, vor dem letzten Haus,
+Brach er ein Asterchen und riss
+Ihm alle seidenen Blättchen aus
+Und zählte nicht, des Spiels gewiss.
+
+Er warf den Stengel hinter sich
+Und trat ins niedere Häuschen ein:
+Schön Annemarie, ich liebe dich
+Und frage nicht ja und frage nicht nein.
+
+
+
+
+Der Frühlingsreiter
+
+
+Um Mitternacht
+Bin ich jäh erwacht.
+Hufschlag hallte, ein Horn erklang,
+Dass ich erschreckt ans Fenster sprang.
+
+Der Mond schien hell,
+Und da kam es zur Stell:
+Ein Schatten voraus, dann ein milchweiß Ross,
+Darüber des Mondes Silber floss,
+
+Und ein Reiter ganz jung, einen blauen Kranz
+Im Gelock. Hell blitzte des Hornes Glanz
+In der Faust, und er stieß in das Horn hinein,
+Als sollte und müsste geblasen sein.
+
+O war das ein Klang
+In dem Horngesang!
+Eine süße Kraft, eine blühende Kraft,
+Eine zitternde, quellende Leidenschaft,
+
+Ein Herz und ein Jubel, ein seliger Schrei!
+Ein Klingen, ein Leuchten--da war es vorbei.
+Hatte mich ein Traum bethört?
+Nicht einer hatte den Reiter gehört,
+
+Sie lachten mich alle am Morgen aus:
+Da kommt der Träumer, der Dichter heraus.
+Aber mein Töchterchen kam mit Hurra:
+Seht mal, die ersten Veilchen sind da!
+
+Und ich glaube, auch Krokus und Narzissen
+Kommen schon.--Was wollt ich noch wissen?
+Ich lächelte nur und sagte: Ja, ja,
+Ich weiß, die Veilchen sind wieder da.
+
+
+
+
+Scherz
+
+
+Als ich heute Nacht
+Das Fenster aufgemacht,
+Sah ich ein Bübchen mit zitternden Flügeln,
+Das stolperte zwischen weißen Hügeln;
+Bald auf dem linken, bald auf dem rechten Zeh,
+So stelzt es im Schnee.
+
+War's Amor, der ein Ständchen gebracht,
+Überrascht von der ersten Winternacht?
+Oder war es nur ein letzter
+Kleiner dicker untersetzter
+Blumengeist, der überrumpelt
+Durch den ersten Schnee hinhumpelt
+Und weiß nicht so schnell
+Wohin zur Stell,
+Und, so was kommt vor, im Schrecken vergisst,
+Dass er fliegen kann, geflügelt ist?
+
+Ich rief ihn an: Pst! Kleiner!
+Kriegt mich auf einmal von hinten einer
+Am Kragen und schilt: Schließ das Fenster doch,
+Du erkältst dich noch.
+
+Meine Frau, die verständige war's, sie hält meist
+Meine Märchenerfindungen für sehr dreist.
+So hab ich ihr auch, was ich sah, verschwiegen
+Und bin ganz still ins Bett gestiegen.
+
+
+
+
+Die Schnitterin
+
+
+War einst ein Knecht, einer Witwe Sohn,--
+Der hatte sich schwer vergangen.
+Da sprach sein Herr: Du bekommst deinen Lohn,'
+Morgen musst du hangen.
+
+Als das seiner Mutter kund gethan,
+Auf die Erde fiel sie mit Schreien:
+O lieber Herr Graf und hört mich an,
+Er ist der letzte von dreien.
+
+Den ersten schluckte die schwarze See,
+Seinen Vater schon musste sie haben,
+Den andern haben in Schonens Schnee
+Eure schwedischen Feinde begraben.
+
+Und lasst ihr mir den letzten nicht,
+Und hat er sich vergangen,
+Lasst meines Alters Trost und Licht
+Nicht schmählich am Galgen hangen.
+
+Die Sonne hell im Mittag stand,
+Der Graf saß hoch zu Pferde,
+Das jammernde Weib hielt sein Gewand
+Und schrie vor ihm auf der Erde.
+
+Da rief er: Gut, eh die Sonne geht,
+Kannst du drei Äcker mir schneiden,
+Drei Äcker Gerste, dein Sohn besteht,
+Den Tod soll er nicht leiden.
+
+So trieb er Spott, hart gelaunt,
+Und ist seines Wegs geritten.
+Am Abend aber, der Strenge staunt,
+Drei Äcker waren geschnitten.
+
+Was stolz im Halm stand über Tag,
+Sank hin, er musst es schon glauben.
+Und dort, was war's, was am Feldrand lag?
+Sein Schimmel stieg mit Schnauben.
+
+Drei Äcker Gerste, ums Abendrot,
+Lagen in breiten Schwaden,
+Daneben die Mutter, und die war tot.
+So kam der Knecht zu Gnaden.
+
+
+
+
+Das Geisterschiff
+
+
+Alle Schiffer kamen wieder,
+Kay kam nicht.
+Auf die Erde warf Meike sich nieder,
+In den Sand das Gesicht.
+
+Sie weinte und rang die weißen Arme:
+Kay, komm, Kay!
+Sie flehte und fluchte, dass Gott erbarme:
+Kay, komm, Kay!
+
+Da lief ein Schiff auf schwarzer Welle
+Nachts an den Strand,
+Da kam ihr toter Herzgeselle
+Und nahm sie bei der Hand.
+
+Sie fühlte es bis in die spitzen Zehen
+Und bis in ihr blondes Haar.
+Und Meike musste mit ihm gehen
+Und segeln immerdar.
+
+
+
+
+Die treue Schwester
+
+
+Vater und Mutter lagen im Grab,
+Und der Bruder wollt übers weite Meer.
+Wiebke hing an seinem Hals,
+Verzagt und weinte sehr.
+
+Meine Lampe will ich ans Fenster stelln,
+Kein Stern hat hellem Schein,
+Herzbruder, und wenn du wiederkehrst,
+Dein Schiff läuft sicher ein.
+
+Ans Fenster stellte die Lampe sie
+Und wartete an sieben Jahr,
+Alle Schiffer kannten ihr Licht,
+Das brannte hell und klar.
+
+Sieben Jahre und sieben noch.
+Lösch doch deine Lampe aus.
+Sie schüttelte ihren weißen Kopf:
+Er kommt doch einmal nach Haus.
+
+Und eines Nachts, und die See ging schwer,
+Und sie sahen, am Fenster brannte kein Licht;
+Da sprachen sie, er ist heimgekehrt,
+Ihr Glaube trog sie nicht.
+
+Und morgens, sie wollten den Bruder sehn,
+Im Hafen war kein Schiff, kein Boot,
+Und sie gingen und fanden die Lampe leer,
+Und Wiebke saß und war tot.
+
+
+
+
+Sara Limbeck
+
+
+Schön Sara, des Ritter Limbecks Weib,
+War jung und immer fidel,
+Der Ritter aber war krank an Leib
+Und alt an Herz und Seel!
+Und gab's im Schloss ein fröhlich Bankett
+Mit Saras lustigen Kumpanen,
+Der Ritter Limbeck lag im Bett,
+Bekam nichts von Kapaun und Fasanen.
+
+Und oftmals verdross es schön Sara zu Haus,
+Dann musste die Kutsche vor,
+Mit vier schwarzen Rappen fuhr sie aus,
+Laut knarrte das alte Thor.
+Der Ritter richtete sich auf,
+Die Knochen zusammengerissen;
+Das gibt wieder fröhlich Gejaid und Gesauf!
+Und er sank zurück in die Kissen.
+
+Schön Sara lebte in Saus und Braus,
+Ritter Limbeck starb allein.
+Sie drückte sich keine Thräne heraus,
+Jetzt wollt sie erst lustig sein!
+Ritter Limbeck lag in der kalten Gruft,
+Und oben klirrten die Becher,
+Und war mancher Schelm und war mancher Schuft,
+Der wurde verliebter und frecher.
+
+Und übers Jahr, und die gleiche Nacht
+Und der gleiche Stundenschlag,
+Da der Limbeck sein letztes Kreuz gemacht,
+Und im Schloss war ein lärmend Gelag,
+Da fuhr die große Kutsche vor,
+Von vier schwarzen Rappen gezogen,
+Und Sara fuhr durch das knarrende Thor,
+Und die schwarzen Rappen flogen.
+
+Frau Sara fuhr feldein, feldaus,
+Die Nacht war schwarz und schwer,
+Frau Sara kam nicht wieder nach Haus,
+Man sah sie niemals mehr.
+Nur nachts, wenn Wandrer irr und wirr
+Verlorenen Weg sich suchen,
+Erschreckt sie auf einmal ein schwarz Geschirr
+Und ein Schnauben und Peitschen und Fluchen.
+
+Das ist die lustige Sara, die nun
+Nächtlich kutschieren muss,
+Und könnte beim Ritter Limbeck ruhn
+Für einen letzten Kuss.
+Nun fährt sie hundert Jahre wohl noch
+Querfeld, trotz Zaun und trotz Hecken.
+Durch! Wie die Kutsche so groß gibt's ein Loch,
+Den Bauern zum höllischen Schrecken.
+
+
+
+
+Thies und Ose.
+
+
+In Wenningstedt bei Karten und Korn
+Erschlug einst ein Bauer in jähem Zorn
+Seinen Gast. Thies Thiessen war stark,
+Und der Hansen ein Stänker um jeden Quark.
+
+Nun lag er bleich und im Blut auf dem Stroh.
+Aber wo war Thies Thiessen? Wo?
+Sie suchten ihn und fanden ihn nicht,
+Und der Galgen machte ein langes Gesicht.
+
+Ose, des Mörders Weib, kam in Not.
+Vier Kinder wollten von ihr Brot.
+Ihr Kram ging zurück. Stück für Stück
+Ward verkauft, und sie suchte bei Fremden ihr Glück.
+
+Doch stand sie in Ehren bei jedermann
+Und that ihnen leid. Die Zeit verrann,
+Und Thies Thiessen war und blieb
+Weg, als wäre die Welt ein Sieb.
+
+So wurden es Jahre. Auf einmal fing's
+Zu tuscheln an, bis nach Rantum ging's:
+Habt ihr gesehn? Schon lange. Nanu!
+Meint ihr? Und sie nickten sich zu.
+
+Sie war doch sonst ein ehrlich Weib,
+Nun schreit ihre Schande das Kind im Leib.
+Mit wem sie's wohl hält? Das Mannsvolk ist toll!
+--Das war ein Geschwätz, alle Stuben voll.
+
+Die fromme Ose ertrug es in Scham,
+Kein Wort über ihre Lippen kam.
+Nur einem fraß es am Herzen und fraß,
+Bis ihm der Schmerz in den Fäusten saß.
+
+Und eh sich's die Lästermäuler versahn,
+Stand er auf: Ich hab's gethan!
+Und standen alle und glotzten sehr:
+Thies Thiessen? Gott sei bei uns! Woher?
+
+Nicht verrat ich das Dünenloch,
+Und ihr findet es nimmer. Sie aber fand's doch.
+Und geht's um den Hals, das Kind ist mein.
+Und verdammt, wer's nicht glaubt. Ich bläu's ihm ein.
+
+Und er sah elend aus und schwach,
+Und er hielt sie wie ein Gespenst in Schach,
+Bis ihnen allen allmählich klar,
+Dass der da wirklich Thies Thiessen war.--
+
+Der Hansen war tot, von keinem vermisst,
+Ein Säufer war er und schlechter Christ.
+Aber der Thiessen, ein Kerl ist er doch!
+Und die Ose, gibt's eine Bravere noch?
+
+Alle die Jahre in Elend und Not
+Teilte sie ihr Hungerbrot
+Treulich ihm mit. Und jetzt weinte sie da
+An seinem Hals. Es ging allen nah.
+
+Sie kauten und spuckten und sahen sich an
+Und schoben sich sacht an Thiessen heran
+Und brummten und schüttelten ihm die Hand.
+Das war ihr Gericht. Und so blieb er im Land.
+
+
+
+
+Wie die Stakendorfer die Lübecker los wurden
+
+
+Nach Stakendorf kamen die lübischen Herrn
+Vor Zeiten alljährlich und kamen gern,
+Zwangen die Bauern, den Zehnten zu zahlen,
+Und zogen nach Haus mit Protzen und Prahlen.
+
+Einst kamen sie wieder zur Fastnachtszeit
+Und säckelten ein und machten sich breit,
+Ließen im Gildehaus festlich sich ätzen
+Und saßen glorios auf den Ehrenplätzen.
+
+Die Bauern brauten ein gutes Bier.
+Knausern sie gern, sie knausern nicht hier,
+Sie lassen sich heute am wenigsten lumpen
+Und füllen den durstigen Gästen die Humpen.
+
+Bald glänzen die Backen, die Stirnen stehn
+In Schweiß, kaum können die Äuglein noch sehn.
+Hier sinkt ein Haupt, da lallt eine Zunge,
+Dort keucht eine fette lübische Lunge.
+
+Und immer werden die Humpen nicht leer,
+Die Lübecker trinken und können nicht mehr,
+Bald liegen sie alle, den Kopf auf den Armen
+Und schlafen und schnarchen zum Erbarmen.
+
+Da hat die Bauern der Teufel gezwickt,
+Da haben die Bauern gebohrt und gewrickt,
+Den Tisch und die nächsten Säulen durchlochten
+Die tückischen Schelme, so schnell sie vermochten.
+
+Die lübischen Bärte, wie hingen sie schlapp,
+Die bübischen Bauern, sie sagten nicht papp,
+Sie stopften sie all in die Löcher und schlugen
+Zur Sicherheit noch einen Pflock in die Fugen.
+
+Die Herren schlafen, kein Schlag weckt sie auf,
+Die Herren schnarchen, ein Ratsherrngeschnauf!
+Auf einmal da laufen die Bauern zusammen:
+Zeter und Mord! Das Haus steht in Flammen.
+
+Hei, kamen die Schläfer so schnell aus dem Traum,
+Ein Zerren, ein Reißen, und leer war der Raum.
+Nur die stattlichen Bärte alle
+Blieben zurück in der elenden Falle.--
+
+Seitdem, und wer verdenkt es den Herrn,
+Hielten sie sich weislich fern.
+Zwar haben sie fürchterlich Rache geschworen,
+Doch ließ man die Bauern ungeschoren.
+
+Frei vom Zehnten Stakendorf blieb,
+Den Lübeckern war ihr Bart zu lieb.
+
+
+
+
+Das Opferkind
+
+
+Bei Heiligenstedten, der Stördeich war's,
+Der Deich wollte nicht halten.
+Da war ein Loch, man krigt es nicht zu,
+Die Flut weiß zu spülen, zu spalten.
+So viel man auch stopft mit Erde und Stein,
+Das Meer stößt ein neues Loch hinein.
+
+Da war Not. Wich der Deich,
+Das Land musste ersaufen.
+Eine alte Frau wusste da Rat,
+Man könnt es dem Teufel abkaufen:
+Freiwillig muss ein Kind da hinab,
+Das hilft, freiwillig hinein da ins Grab.
+
+Ein Kind! Einer Mutter Kind!
+Hält jede ihrs fester am Herzen.
+Und wenn die ganze Marsch ersäuft,
+Kann eine ihr Kind verschmerzen?
+Da war Not. Das Loch muss zu.
+He, Tatersch, hör mal, bettelst du?
+
+Hier, tausend Thaler! Klimpert's nicht gut?
+Der Zigeunerin funkeln die Augen.
+Tausend Thaler! Da, nehmt den Balg!
+Kann doch nur zum Bettel taugen.
+So Schilling für Schilling erscharrt sich's schlecht.
+Gebt her! Wer ist gern Hungers Knecht.
+
+Sie legen ein Brett über das Loch
+Und ein weißes Brot in die Mitte.
+Der hungrige Knabe schwankt daher,
+Kleine, hastige Schritte.
+Jetzt langt er nach dem Brot. Da: das Brett
+Schlägt über und wirft ihn ins nasse Bett.
+
+Kein Schrei. Alles stiert
+Stumm aufs Quirlen und Quellen.
+Da taucht es auf, ein blass Gesicht,
+Aus den lehmigen Wellen,
+Taucht auf und spricht ein Wörtchen bloß:
+"Ist nichts so weich als Mutters Schoß."
+
+Und taucht zum zweiten Mal auf und spricht:
+"Ist nichts so süß, als Mutters Liebe."
+Wie das Wort alle packt und brennt.
+Wenn doch das Kind endlich unten bliebe!
+Da kommt es zum dritten und spricht aufs neu:
+"Ist nichts so fest als Mutters Treu."
+
+Dann sinkt es weg.--Sie atmen auf,
+Nun muss das Werk geraten!
+Die Gäule keuchen, die Karren knarrn,
+Es ächzen und knirschen die Spaten.
+Erde und Stein hinein ins Loch!
+Ein teurer Deich, aber jetzt hält er doch.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Hohe Sommertage, by Gustav Falke
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HOHE SOMMERTAGE ***
+
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
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+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
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+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+are filed in directories based on their release date. If you want to
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+search system you may utilize the following addresses and just
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+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+ https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
+ https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689
+
+An alternative method of locating eBooks:
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+
+
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Binary files differ