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diff --git a/12268-0.txt b/12268-0.txt new file mode 100644 index 0000000..18513b5 --- /dev/null +++ b/12268-0.txt @@ -0,0 +1,2833 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 12268 *** + +Hohe Sommertage + + + + +Neue Gedichte + +von Gustav Falke + + + + +Hamburg — Alfred Janssen — 1902 + + + + +Seinen lieben Freunden + +Karl und Elisabeth Schütze + +herzlichst zugeeignet. + + + + +Inhalt + + +Sommer +Der Parkteich +Trüber Tag +Vergebliche Bitte +Liebesgestammel +Waldgang +In tiefer Scham +Aus tiefer Qual +Im Entschlummern +Bitte +Erinnerung +Besitz +Ausklang +Zu Hause +Heimkehr +Vor Schlafengehen +Mondlicht +Musik +Es schneit +Die Weihnachtsbäume +Meinem Sohn zur Taufe +Die Mutter +Steernkiker +Lengen +Verbaden Leew +An de Gorenport +Go' Nach +Lütt Ursel +De Snurkers +De lütt' Boom +De Stormfloth +Ritornelle +Frühlingstrunken +Ein silbernes Märchen +Pfingstlied +Wunsch +Seele +Irrende Seele +Rosentod +Auf meinen ausgestopften Falken +Morgen zwischen Hecken +Und gar nicht lange +Die bunten Kühe +Auf der Bleiche +Wäsche im Wind +Winterwald +Winter +Die Netzflickerinnen +Das Mädchen mit den Rosen +Das Nixchen +Feierabend +Das Mädel +Im Schnellzug +Reigen +Der Backfisch +Der seltene Vogel +Idyll +Pusteblumen +Konsequenz +Die Räuber +Denkmalkantate +Bescheidener Wunsch +Zweimal ist vier +Prolog zur Nietzsche-Gedenkfeier +Prolog zur Böcklin-Gedenkfeier +Der Trauermantel +Tag und Nacht +Das Birkenwäldchen +Der Freier +Der Frühlingsreiter +Scherz +Die Schnitterin +Das Geisterschiff +Die treue Schwester +Sara Limbeck +Thies und Ose +Wie die Stakendorfer die Lübecker los wurden +Das Opferkind + + + + +Sommer + + +Ihr singt von schönen Frühlingstagen, +Von Blütenduft und Sonnenschein, +Ich will nichts nach dem Frühling fragen, +Nein Sommer, Sommer muss es sein. + +Wo alles drängt und sich bereitet +Auf einen goldnen Erntetag, +Wo jede Frucht sich schwellt und weitet +Und schenkt, was Süßes in ihr lag. + +Auch ich bin eine herbe, harte, +Bin eine Frucht, die langsam reift. +O Glut des Sommers, komm! Ich warte, +Dass mich dein heißer Atem streift. + + + + +Der Parkteich + + +Ein stiller Teich träumt im verlassnen Park, +Von sonnendunklem Laub dicht überschattet. +Nur manchmal, wenn der Wind heftiger rauscht, +Huscht ein verlorner Lichtstrahl übers Wasser, +Und zittert ein erschrockenes Wellchen auf +Und hastet ängstlich in das Uferkraut. + +Einsamer Weg führt um den stillen Teich, +Gleich ihm von hängenden Zweigen überdämmert. +Halbausgelöschte Spuren sind im Weg +Vom Regen halb verwaschen und vom Wind +Sacht überstäubt. Von wem erzählen sie? + +Mir ist, als müsste diese große Stille +Ein Mädchenlachen plötzlich unterbrechen, +Aus ihrem grünen Traum aufstören. Wenn der Wind +Das Laub ein wenig hebt, und in dem Spiegel +Des dunklen Teichs ein Licht aufblitzt, gedenk ich +Eines tieflieben, jungen Augenpaares, +Das ich aus einem stillen Mädchentraum +Manchmal aufleuchten sehe, und ich meine, +Es hätte hier wohl einmal vor dem Bild +Parkstillen Friedens lieblich sich erhellt. + +Ein sanftes Wellchen hebt sich an das Ufer. +Will es den Platz mir zeigen, wo sie stand? +Wo sie gesessen? Leise rauscht das Laub. +Es ist ein Flüstern. Ach, was flüstert's doch? +Nichts. Nur ein Laub im Wind. Doch in mir wacht +Ein Holdes auf und sucht nach Worten, findet +Nur einen lieben Namen, und der schwebt, +Leise dem Wind vertraut, über den Teich. + +Bewahr den Namen, märchentiefe Stille, +Bewahre ihn, dass er, ein süßer Laut +Der lieblichen Natur, hier Heimat hat. +Und kehrt sie wieder, wandelt einmal noch +Durch diesen Frieden, der nun doppelt heilig, +Mag sie, wie ich heut, lauschend stehn und fragen: +Was flüstert doch das Laub? Und mag erröten +Und lächeln, meint sie, übern Teich her ruft +Ein andrer sie mit Namen. + + + Leise rauscht +Das sommerdunkle Laub rings um den Teich. +Ein Sonnenlächeln zittert auf dem Spiegel. +Und horch! Ein Mädchenlachen? Nein, Herz, nein. +Traumstille Einsamkeit nur atmete +Einmal aus ihrem Frieden selig auf. + + + + +Trüber Tag + + +Ein feuchtes Wehen wühlt im Laub und streut +Ins nasse Gras ringsum den Tropfenfall, +Und wo noch gestern laute Lust, träumt heut +Schwermütiges Schweigen überall. + +Die frühen Rosen frieren so im Wind. +Gestern, als heißer Mittag darauf lag, +Brach ich die schönste dir. Wo bist du, Kind? +Wo ist die Rose? Wo der helle Tag? + +Auch morgen, wenn die Sonne wieder scheint, +Und ganz voll Duft mein kleiner Garten ist, +Ruft dich mein Herz und weint +Und weiß nicht, wo du bist. + + + + +Vergebliche Bitte + + +Maiblumen, deinem Herzen nah, +Blühten an deinem Kleide. +Ich bat: „Schenk mir den Frühling da.“ +„Nein,“ riefst du mir zu Leide. +„Es war nur Spiel, war nur zum Scherz, +Dass ich mich damit schmückte.“ +Und wie ein Stich ging mir's durchs Herz, +Als deine Hand die Blumen schnell +Vom Busen riss und auf der Stell +Zerpflückte, zerpflückte. + +Was gabst du mir die Blumen nicht, +Mir, dem die Jugend schwindet, +Und der auf deinem Angesicht +Ihr letztes Glück noch findet? +Mir war's, als so umsonst ich warb +Um diese Frühlingsspenden, +Als ob nun mit den Blumen starb +Auch meiner Jugend goldner Tag, +Und seine letzte Blüte lag +Zerpflückt von deinen Händen. + + + + +Liebesgestammel + + +Es ist alles nicht auszusagen, +Was ich um dich gelitten. +Du musst meine schlaflosen Nächte fragen, +Da ich mit Beten um dich gestritten, +Mit Wünschen und Sehnen und Hoffen viel +Trieb ein thörichtes Liebesspiel. + +Und wenn ich dann an deiner Seite +Wunderseliges tief gespürt, +Und, wie auf seinem Teppichgebreite +Des Moslems Stirn die Erde berührt, +Vor dir anbetend die Seele geneigt, +Die sich so gern in Stolz versteigt, +Da ist mir so recht in Wonnen und Bangen +Das Wesen der Liebe aufgegangen. +So willenlos, keusch, himmelsrein +In eine Seele versunken sein, +Holdeste Zweieinigkeit +Ohne Sinnenwiderstreit. + +Aber getrennt, ging ich umher +Eine einsame Seele, die keiner versteht. +Sie bangt um ihren Himmel sehr +Und weiß nicht, wo die Straße geht, +Schlägt in rastlosem Sehnsuchtsspiel +Tausend Brücken nach ihrem Ziel, +Über die mit zitternden Knien +All ihre weinenden Wünsche ziehn. + +Ich bin dein, +O wärst du mein! +Hülfe mir Beten, hülfe mir Bitten — +Aber ich will mich des Hoffens entschlagen. +Es ist alles nicht auszusagen, +Was ich so lange um dich gelitten. + + + + +Waldgang + + +Heut bin ich durch den fremden Wald gegangen, +Abseits von Dorf und Feld und Erntemühen. +Den ganzen Tag trug ich ein Herzverlangen +Nach diesem Gang. Nun stahl das erste Glühen +Des Abends heimlich sich ins Dämmerreich +Des Buchenschlages, und das Laub entbrannte +In einem roten Gold ringsum, und gleich +Glühwürmchen lag's auf Moos und Kraut. Ich kannte +Nicht Weg und Steg und ließ dem Fuß den Willen, +Der ziellos ging, indes die Augen schweifen. +Hier stand ich still und sah, erschreckt vom schrillen +Raubvogelruf, den Weih die Wipfel streifen. +Dort lockte mich die schwarze Brombeerfrucht, +Ein Schneckenpaar, das einen Pilz bestieg, +Und eines späten Falters scheue Flucht. +Und um mich war das Schweigen, das nicht schwieg, +Das Laute spann, spinnwebenfeine Laute, +Womit es sich dem alten Wald vertraute. + +Und als ich stand und so der Stille lauschte, +Ganz hingegeben ihrem Raunen, lenkte +Ein Buntspecht, der durchs niedere Laubdach rauschte, +Meine Auge nach sich, und nun es sich senkte, +Sah ich zwei Herzen in des Bäumchens Rinde, +Verschränkte Herzen, heut erst eingeschnitten; +Es tropfte noch das Blut der jungen Linde, +Die fremder Liebe willen Schmerz gelitten. +Und als ich weiter schritt, gab mir zur Seite +Ein junges Angesicht traumhaft Geleite. + +Und Zwiesprach hielt ich mit dem Weggesellen +Von kranken Nächten und vergrämten Tagen, +Und ließ das rote Blut der Liebe quellen +Und alle Wunden meines Herzens klagen. +Und Tempelstille heiligte den Wald, +Nur meiner Seele große Qual ward laut. +Der holde Schatten ward zur Lichtgestalt, +Und ihr zu Füßen sank ich in das Kraut +Und flüsterte: „Geliebte“. Stammelte: +„Geliebte. Liebstes. Seele. Hör mich an. +Ich kann nicht mehr. Die Wege, die ich geh, +Sind so voll Dornen. Sieh mein Blut; es kann +Nicht still werden.“ — + + — So lag ich, lag +Am Wege so; und um mich starb der Tag. +Da stand ich auf und war allein und ging +Auf schmalem Pfad, der durchs Gestrüpp sich wand, +Dem Ausgang zu. Dort überm Felde hing +Der stille Mond und kleidete den Rand +Des Waldes weit in Frieden und in Licht, +Mir aber kam die selge Ruhe nicht. + +Am Waldrand stand, flimmernd im Mondenschein, +Ein Eichbaum. Von der rissigen Rinde hub +Ein eingekerbtes Kreuz sich ab. Allein +Die Klinge, die dem Stamm die Wunde grub, +War abgebrochen, und das rostige Stück +Stak unterm Kreuz noch in dem alten Baum. +Was redete das Kreuz? Von totem Glück? +Von totem Leid? Von einem toten Traum? + +Ein leiser Wind kam übers reife Korn, +Die Büsche rauschten, und in Schatten sank +So Kreuz wie Klinge. Nur ein dürrer Dorn +Am Fuß des alten Baums stand nackt und blank +Im Licht des Mondes. Und es war einmal, +Dass er im Grün die roten Blüten trug, +Flammend, ein selig Frühlingsfeuer. — Qual +Lag in dem Seufzer, den der Wind verschlug, +Und ich ging heim und dachte in der Nacht +Dem Leben nach, das alles sterben macht. + + + + +In tiefer Scham + + +Ich weinte auf mein Brot und würgte dran +Und konnt's nicht würgen und stand auf vom Mahl +Und ging hinaus ins kalte, kahle Feld +Und bot dem Märzwind meine heiße Qual. + +An einem Dornbusch hing ein Fetzen Tuch. +Wer warf es weg, wen wärmte es zuletzt? +Vielleicht wie er bin ich ein Bettler nun, +Und was so warm mich hielt, ist ganz zerfetzt. + +Wenn du dein Herz in deine Hände nimmst +Und giebst es hin, da, nimm's, und ohn Entgelt, +Man nimmt es, dankt und wirft dir's plötzlich hin: +Ich mag's nicht mehr! dann stirbt dir eine Welt. + +Dann stehst du da, entblößt und bettelarm +Und weißt nicht hin vor Scham, vor nackter Scham. + + + + +Aus tiefer Qual + + +Kind, sieh nicht deinen Vater an, +Er hat sich gar so sehr geschämt, +Sich eine lange, bange Nacht +Um diese seine Scham gegrämt. + +Und geh zu deiner Mutter, Kind, +Und spiel mit ihr im Sonnenschein +Und sprich ihr auch vom Vater nicht, +Scham will allein im Dunkeln sein. + +Geh, Kind, vor deinem großen Blick +Erschrickt mein Herz und fasst sich nicht +Und weint. Und war noch gestern, Kind, +So rein wie deiner Augen Licht. + + + + +Im Entschlummern + + +Leise Füße gehn im Gras, +Eine Stimme flüstert was. +Ich hör es deutlich vom Garten her; +Ein Halbschlaf drückt die Lieder schwer. + +Es spielt in meinen Traum hinein: +Die Füße müssen meine sein, +Sie wandeln her, sie wandeln hin, +Vergangenes geht mir durch den Sinn: + +Viel süßer Duft und Sonnenlicht, +Und eine Hand, die Rosen bricht. +Vor ihrem Bilde glühten sie, +Vor ihrem Bild verblühten sie. + +Der Schlaf drückt mir die Augen schwer. +Ich höre die leise Stimme nicht mehr. +— Vor ihrem Bilde glühten sie, +— Vor ihrem Bild verblühten sie. + + + + +Bitte + + +Holder Frühling hauch mich an, +Dass ich neu erstehe, +Was ein Herz ertragen kann, +Ich ertrug's an Wehe. + +Einst so blühend, diese Brust, +Soll sie ganz erkalten? +Ach, ich bin mir kaum bewusst, +Lass den Tag so walten. + +Wem ein schönes Glück verging, +Drauf er treulich baute, +Wer sich an ein Hoffen hing, +Das wie Märzschnee taute, + +Lieblos scheint ihm wohl die Welt +Und so kalt zum Sterben; +All was er in Händen hält, +Sind nur tote Scherben. + +Holder Frühling hauch mich an +In den neuen Tagen; +Was ein Herz ertragen kann, +Ach, ich hab's ertragen. + +Tausend Knospen schwellen dir, +Duft weht auf und Lieder. +Eine Blüte schenk auch mir, +Eine einzige wieder! + + + + +Erinnerung + + +In meinen Versen weint und lacht, +Was mir mein Leben reich gemacht. +Wie mir das stille Tröstung giebt: +Ich habe dich so sehr geliebt. + +Auch du blickst wohl darauf zurück; +Und war's dir auch kein großes Glück, +War's doch vielleicht, mag's wenig sein, +Ein Wegestreckchen Sonnenschein. + + + + +Besitz + + +Die Sonne überstrahlt dein Bild, +Mein Herz wird warm und freut sich. +Dein liebes Bild. +Alles Licht ferner Tage erneut sich. + +So recht in tiefstem dankbar sein, +Dass ich dir durfte begegnen, +Diese Frucht blieb mein. +Kann Liebe ein Leben reicher segnen? + +Ich durfte dich nicht besitzen, es war +Viel Schmerz meiner Liebe beschieden. +Es war. +Nun ist alles Freude und Frieden. + + + + +Ausklang + + +Immer bleibst du lieblich mir, +Immer hold im Herzen, +Immer brennen heilig hier +Dir geweihte Kerzen. + +Breiten um dein Angesicht +Einen frommen Schimmer, +Und so bist du, reinstes Licht, +Eigen mir für immer. + + + + +Zu Hause + + +Ich war, in tiefer Bitternis verwirrt, +In Not und Nacht vom Wege abgeirrt. + +Ich blickte auf nach einem Trost und Schein, +Und alle meine Sterne schliefen ein. + +Nur fernher klang ein leiser weher Laut, +Dem hab ich meine Schritte anvertraut. + +Ich war gerettet. Schmerz fand sich zu Schmerz. +Und weinend fiel ich wieder an dein Herz. + + + + +Heimkehr + + +Du weißt, ich hab dich lieb gehabt, +Und immer gleich, an jedem Tag, +Ob ich ein wenig Glück uns fing, +Ob still in Sorgen abseits ging. + +Da kam ein Frühlingssonnenschein +Und kam ein junger Rosentag, +Ich stand in lauter Rausch und Traum +An eines fremden Gartens Saum. + +Aus holder Morgenlieblichkeit +Klang da ein Lied, so süß, so süß, +Dass ich im Lauschen mich verlor +Und hatt für deinen Ruf kein Ohr. + +Doch gab des Gartens Thür nicht nach, +Ein zweifach Schlösslein lag davor, +Das hat den Träumer aufgeweckt, +Ihn auf sich selbst zurückgeschreckt. + +Er riss sich los und kehrt nun heim +Und drängt sein Herz an deines hin. +Trotz Rausch und Traum, du fühlst, es blieb +Das alte Herz und hat dich lieb. + + + + +Vor Schlafengehen + + +Die Kinder schlummern in den Kissen, +Weich, weichen Atems, nebenan, +Ein Traum vom heutigen Tag, und wissen +Nicht, was mit diesem Tag verrann. + +Wir aber fühlen jede Stunde, +Die uns mit leisem Flügel streift, +Und wissen, dass im Dämmergrunde +Der Zeit uns schon die letzte reift. + +Wir sitzen enggeschmiegt im Dunkeln. +So träumt sich's gut. Und keines spricht. +Durchs Fenster fällt ein Sternenfunkeln, +Vom Ofen her ein Streifchen Licht. + +Einmal, im Schlaf, lacht eins der Kleinen +Ganz leis. Was es wohl haben mag? +Springt es mit seinen kurzen Beinen +Noch einmal fröhlich durch den Tag? + +Ein Mäuschen knabbert wo am Schrägen, +Knisternd verkohlt ein letztes Scheit, +Die alte Uhr hebt an zu schlagen — +Da sprichst du leis: Komm, es ist Zeit. + + + + +Mondlicht + + +Das blasse Licht des vollen Mondes geistert +Durchs schlechtverhängte Fenster uns ins Zimmer. +Du schläfst. Die Kinder auch. Mir aber meistert +Der Magier der Nacht den Schlaf wie immer, +Und wachen Ohrs, das alles hört, ausfragt +Und deutet, lieg ich. Unsre Ältste leiht +Verworrnem Traum, der sie durch Schrecken trägt, +Angstvollen Laut, richtet sich auf und schreit +Entsetzt einmal den Namen ihrer Schwester. +Ich ruf sie an: Schlaf! Still! dir träumt! Gleich weicht +Der böse Alp von ihr. — O diese Nester +Von Nachtgespenstern, die der Mond beschleicht +Und aufstört, Nester, eingebaut +In unsrer Seelen abgelegene Ecken +Und Winkel, die uns zu betreten graut. +Wie still, unschuldig, ruht auf unsern Decken +Das Licht des Monds und ist doch voller Tücken. +Es ruht! Nein, wandelt. Dieses breite Band +Milchigen Lichtes seh ich weiterrücken, +Langsam. So tastet leise eine Hand, +Die Arges vorhat und behutsam gleitet, +Nach ihrem Raub. Nun schiebt das kalte Licht +Sich mählich auf dein Bett hinüber, breitet +Sich über deine Kissen. Dein Gesicht, +Fühlt es das Licht? Du rückst, weichst, kriegst +Ganz weg vor diesem Licht. Könnt deinen Traum +Ich jetzt belauschen. Mit der Stirne liegst +Du eingewühlt in deines Kissens Flaum, +Wie weggeduckt vor diesem bösen Licht, +Das jetzt auf deinem schwarzen Scheitel lastet, +Schwer lastet. Du, wie leblos, rührst dich nicht. +So sitzt, vom Blick der Schlange schon betastet, +Der Vogel wie erstarrt, noch eh der Schlund +Des giftigen Wurms ihn wegschluckt. Langsam lässt +Das Licht von dir. Und aus dem dunklen Grund +Des Grauens tauchst du auf. Noch geht gepresst +Dein Atem, stockend. Doch du wendest wieder +Die Stirn nach oben. Dein Gesicht ist blass, +Und einmal zucken deine feinen Lider, +Als würdest du nun wach. Du murmelst was. +Ich ruf. Ein Seufzer nur. „Annie!“ Kein Laut. +— Mich fröstelt. Wenn nur erst der Morgen graut. + + + + +Musik + + +Eine Musik lieb ich mehr +Als die schönste der größten Meister. +Täglich klingt sie um mich her, +Klingt täglich lauter und dreister. + +Ich liebe sie sehr, und doch, es giebt +Stunden, da muss ich sie schelten, +Dann ist für die, die das Herz so liebt, +Ein Donnerwetter nicht selten. + +Da schweigt sie wohl erschrocken still, +Doch dauert die Pause nicht lange, +Und wenn ich der Ruhe mich freuen will, +Ist sie wieder im besten Gange. + +Zuletzt geb ich mich doch darein +Und lache: lass klingen, lass klingen! +Und hör durch des Hauses Sonnenschein +Vier Kinderfüße springen. + + + + +Es schneit + + +Der erste Schnee, weich und dicht, +Die ersten wirbelnden Flocken. +Die Kinder drängen ihr Gesicht +Ans Fenster und frohlocken. + +Da wird nun das letzte bischen Grün +Leise, leise begraben. +Aber die jungen Wangen glühn, +Sie wollen den Winter haben. + +Schlittenfahrt und Schellenklang +Und Schneebälle um die Ohren! +— Kinderglück, wo bist du? Lang, +Lang verschneit und erfroren. + +Fallen die Flocken weich und dicht, +Stehen wir wohl erschrocken, +Aber die Kleinen begreifen's nicht, +Glänzen vor Glück und frohlocken. + + + + +Die Weihnachtsbäume + + +Nun kommen die vielen Weihnachtsbäume +Aus dem Wald in die Stadt herein. +Träumen sie ihre Waldesträume +Weiter beim Laternenschein? + +Könnten sie sprechen! Die holden Geschichten +Von der Waldfrau, die Märchen webt, +Was wir uns alles erst erdichten, +Sie haben das alles wirklich erlebt. + +Da stehn sie nun an den Straßen und schauen +Wunderlich und fremd darein, +Als ob sie der Zukunft nicht recht trauen, +Es muss da was im Werke sein. + +Freilich, wenn sie dann in den Stuben +Im Schmuck der hellen Kerzen stehn +Und den kleinen Mädchen und Buben +In die glänzenden Augen sehn, + +Dann ist ihnen auf einmal, als hätte +Ihnen das alles schon mal geträumt, +Als sie noch im Wurzelbette +Den stillen Waldweg eingesäumt. + +Dann stehen sie da, so still und selig, +Als wäre ihr heimlichstes Wünschen erfüllt, +Als hätte sich ihnen doch allmählich +Ihres Lebens Sinn enthüllt; + +Als wären sie für Konfekt und Lichter +Vorherbestimmt, und es müsste so sein. +Und ihre spitzen Nadelgesichter +Blicken ganz verklärt darein. + + + + +Meinen Sohn zur Taufe + + +Als wir deine Schwestern getauft, +Hab ich die herrlichsten Rosen gekauft, +Brauchte sich keine zu verstecken, +War jede ein Schmuck fürs geweihte Becken. + +Inzwischen ist mir's bescheiden geglückt, +Dass ein eigen Gärtchen das Haus mir schmückt; +Und an der Seitenwand spinnt sich ein zartes +Rosengerank. Das ist was Apartes. + +Eigene Rosen. Wie die doch gleich +Anders leuchten. Mein Sohn, du bist reich. +Kein besseres Omen kann dir blühen +Als dieses helle Rosenglühen. + +Das Leben bietet der Blumen nicht viel, +Giebt uns meist nur blattlosen Stiel, +Alles, was wir von außen bekommen, +Ist leicht in die hohle Hand genommen. + +Aber was von innen heraus +Wächst und blüht, das machts aus; +Aus Eigenem die Kränze binden, +Die uns die Tage hold umwinden. + +Nennst du nichts im Leben dein +Als einen vollen Herzensschrein, +Wirst du nach äußerm Glanz nicht fragen +Und fröhlich eigene Rosen tragen. + +Das ist nun kurz mein Taufgebet, +Wie es mir durch die Seele geht, +Während der Priester mit frommen Worten +Dir öffnet der Kirche ehrwürdige Pforten. + +Frömmigkeit ist eine edle Frucht, +Wächst draußen und in der Kirche Zucht. +Sei fromm, mein Sohn, in Nehmen und Geben, +Suche Gott und ehre das Leben. + + + + +Die Mutter + +(Ein Traum) + + +Es war im Garten. Fröhliche Gesellen +Umgaben mich. Wir tranken. Und in hellen +Plätschernden Bächen sprudelten die Worte +Von jungen Lippen. Aber nah der Pforte, +In einer einsamen, erhöhten Laube, +Saß meine Mutter. Eine reife Traube +Lag vor ihr auf dem Teller, und sie aß +Und hörte nicht auf uns. Wie sie so saß, +Wegbreit nur von uns und doch abgeschieden, +Einsam in ihres Alters blassem Frieden, +Zwang mir's den Blick magisch dahin, doch konnte +Ich nicht vom Platz, den Jugend übersonnte +Und laute Lust umklang. Auf einmal schwand +Das alles, und es langte eine Hand, +Alt, rührend welk und kühl, wie aus der Erde +An meinem Bettrand auf mit Bittgebärde: +Willst du mir deine Hand nicht geben? Ach, +Kaum dass ich gab, und weinend wurd ich wach. + + + + +Steernkiker + + +O du leev Deern, +Wahen mit di? +Du schöttst as'n Steern +An mi vorbi. + +Un wünsch ik mi wat +Un steit mi dat fri, +So wünsch ik mi dat: +De Steern de hört mi. + +Denn keek ik di an +Bi Dag un bi Nacht, +Un so makst du den Mann +To'n Steernkiker sacht. + + + + +Lengen + + +Ik kann nich slapen, +All lang hev ik wacht, +Dat Finster steit apen, +Wa schön is de Nacht. + +Dar blinkt de Man, +Wit achter dat Meer; +Mi kümmt en Thran, +Ik weet wull, waher. + +Ik hör in de Böm +Den lisen Wind +Flüstern un dröm +Vun di, min Kind. + +Wa is dat nu wull, +Slöppst du week un fast? — +In'n Goren full +En Appel vun'n Ast. + +En Steern blink un bev +Un schött achtern Dik. — +Keen hätt di so leev, +Keen so, as ik. + + + + +Verbaden Leev + +Un hev ik mi vergeten, +Un hev ik mi verschull, +Uns Herrgott möt dat weten, +Min Hart weer gar to vull. + +Dree lange, lange Jahren +Leeg dat as glönige Kahl'n, +Ik wull min Leev bewahren, +Un kost dat dusend Qual'n. + +Uns Herrgott möt dat weten, +Dat ik dat swigen wull, +Un hev mi doch vergeten, +Min Hart weer gar to vull. + + + + +An de Gorenport + + +Aewer de Wischen weit de Wind +So week as de Atem vun en Kind, +Un kümmt doch vun dat grote Meer, +Vun de wille Nordsee her. + +De liggt dar nu wull ganz so still +As'n Kind, dat slapen will, +So lising gluckt an'n Strand de Welln, +As wull en wat in'n Drom vertelln. + +Ik dröm hier an de Gorenport +Un bün en Kind up mine Ort, +Un legg ganz sach de Handn tosam, +Un sprek ganz sach 'n leeven Nam. + + + + +Go' Nach + + +Go' Nach, giv mi noch mol de Hand, +De is so warm un week; +Dörch't Finster schient de helle Man +Uns up de witte Deek. + +Dit is'n Stunn, bevor de Slap +Uns inlullt sach un söt, +Wo ut'n reine Minschenbost +De schönsten Blomen blöt. + +Min Hart was as en Sommerbeet, +Un di, di blöht dit Flach. +Giv mi noch mol din warme Hand, +Un du versteist mi sach. + + + + +Lütt Ursel + + Lütt Ursel, + Lütt Snursel, +Wat snökerst du 'rum? +Di steit din lütt Näs wull +Na Appel un Plumm'. + + Lütt Ursel, + Lütt Snursel, +Din Näs is man'n Spann, +Doch is dat'n Näs all +För Pött un för Pann. + + Lütt Ursel, + Lütt Snursel, +Dar hest'n Rosin, +Dar sünd dre lütt Steen in, +Un all' dre sünd din. + + + + +De Snurkers + + +De Klock sleit acht, +Nu Kinners, go' Nacht. +Man gau un man fixen +Herut ut de Büxen, +Man flink ut de Schoh +Un rinne in't Stroh. + +De Klock sleit negen, +De Oellsten, de sägen, +De Lütt, mit sin Snuten, +Kann ok all wat tuten. +Dat is'n Konzert, +Is wirkli wat wert. + +De Klock sleit tein, +Nu, Olsch, ward dat fein, +Nu legg di man slapen, +Du hast dat schön drapen, +Nu klingt dat erst recht, +Ik snurk as'n Knecht. + + + + +De lütt' Boom + + +Ik bin de lütt' Boom +De an de Landstrat steit, +Plückt allens an mi' rüm, +Wat weglangs geit. + +Een plückt sik'n Blatt, +De anner en Blöt, +De smitt se denn wag, +Und de pedd denn de Föt. + +Doch hett in min' Aest +Sik'n Vagel inwahnt, +Un küßt mi de Sünn, +Un strakt mi de Mand. + +Denn hev ik min Freud +Und tröst mi ok meist: +Wat helpt't, lütt' Boom, +Du steist, wo du steist. + + + + +De Stormfloth + + + Wat brüllt de Storm? + De Minsch is'n Worm! + Wat brüllt de See? + 'n Dreck is he! + +De Wind, de weiht, up springt de Floth +Un sett up den Strand ern natten Fot, +Reckt sik höger und leggt up't Land, +Patsch, ere grote, natte Hand. + +De lütte Dik, dat lütte Dorp, +De Floth is daraewer mit eenen Worp. +Dar is keen Hus, dat nich wankt und bevt, +Dar wähnt keen Minsch, de morgen noch levt. + + Wat brüllt de Storm? + De Minsch is'n Worm! + Wat brüllt de See? + 'n Dreck is he! + + + + +Ritornelle + + +Weiße Syringen. +Ein schlankes Mädchen weint im Frühlingsgarten, +Ich kann das Bild nicht aus der Seele bringen. + +Gelbe Narzissen. +Ein Feuerfalter ward vom jähen Winde +Gleich einem Funken eurem Schoß entrissen. + +Rote Rosen. +Das Dämchen nahm euch kühlen Danks entgegen; +Ihr sterbt nun gleich Verirrten, Heimatlosen. + +Dunkle Cypressen. +Ein schwarzer Schatten fällt auf meine Straße: +Ich kann die goldnen Tage nicht vergessen. + +Apfelblüte. +Ist es das Vorgefühl der künftigen Frucht schon, +Das wie mit holder Scham dich überglühte? + +Lorbeerbäume. +So ernst, so schweigend, wie im tiefsten Sinnen — +Die schönsten Kränze schenken uns die Träume. + +Goldregen. +Je mehr du protzst und prahlst mit deinem Glänze, +Je schwüler duftet mir dein Gift entgegen. + +Immortellen. +Unsterblich sein, das heißt doch nur, ihr Zähen, +Langsamen Todes sterben, statt des schnellen. + +Weinrebe. +Schlank, zartster Anmut, doch voll süßen Feuers, +Und schmiegsam. Ganz so will ich jede Hebe. + +Blutrote Georginen. +Der Bauerndirne, dem verschämten Schelme, +Müsst, völlig täuschend, als Versteck ihr dienen. + +Weiße Winden. +Um toten Dornbusch? Ach, ihr Schwachen müsst ja, +So will's Natur, an irgend was euch binden. + +Stachelbeere. +Reif lieb ich dich nicht mehr, doch hart und herbe +Weckst du den Wunsch: wenn ich ein Kind noch wäre! + + + + +Frühlingstrunken + + +Heute hat es zum erstenmal +Über die jungen Knospen gewittert, +Heut hat im Garten zum erstenmal +Um die Erdbeerblüten ein Falter gezittert. + +Ich laufe die Steige auf und ab, +Wie von jungem Weine trunken. +Über mir, blankflügelig, +Schießen die Schwalben wie Sonnenfunken. + +Es ist eine Freude in mir erwacht, +So muss es im Mark des Bäumchens glühen, +Das dort, wie selig, im Winde sich wiegt +Und will bald blühen, bald blühen! + + + + +Ein silbernes Märchen + + +Wie Spinneweben fein +Hängt in den Bäumen der Mondenschein, +Ist alles wie Silber: Baum, Beet und Steig, +Und wie glitzernde Glöckchen die Blüten am Zweig. + +Klingt auch ein silbernes Stimmchen darein, +Stimmt lieblich zu all dem silbernen Schein. +Zücküt. — Wie sich der Flieder wiegt, +Frau Nachtigall fliegt +In den Mond hinein. + + + + +Pfingstlied + + +Pfingsten ist heut, und die Sonne scheint, +Und die Kirschen blühn, und die Seele meint, +Sie könne durch allen Rausch und Duft +Aufsteigen in die goldene Luft. + +Jedes Herz in Freude steht, +Von neuem Geist frisch angeweht, +Und hoffnungsvoll aus Thür und Thor +Steckt's einen grünen Zweig hervor. + +Es ist im Fernen und im Nah'n +So ein himmlisches Weltbejah'n +In all dem Lieder- und Glockenklang, +Und die Kinder singen den Weg entlang. + +Wissen die Kindlein auch zumeist +Noch nicht viel vom heiligen Geist, +Die Hauptsach spüren sie fein und rein: +Heut müssen wir fröhlichen Herzens sein. + + + + +Wunsch + + +Die alte Sehnsucht: auf den Gassen liegt +Die Sonne eines ersten warmen Tags. +Fern, fern ein Weg durch Wiese und durch Feld +Und unterm Schatten jungen Buchenschlags. + +Der strebt nach einer tiefen Einsamkeit, +Ein braunes Dach lugt zwischen Zweigen aus: +Kommst du? Und wie die kleine Pforte klingt, +Grüßt mich mein Glück. Hier bin ich ganz zu Haus. + + + + +Seele + + +Dämmerung löscht die letzten Lichter, +Noch ein irrer Schall und Schein, +Und die Nacht hüllt dicht und dichter +Alles Leben ein. + +Und die Erde will nun schlafen; +Aber ruhelos bist du, +Steuerst aus dem stillen Hafen +Deinen Sternen zu. + + + + +Irrende Seele + + +Meine arme, irrende Seele, +Wirst du nach Hause finden? +Welche Wege musst du noch gehen, +Bis du ein Licht und Ziel wirst sehen. + +Lange bist du durch Unland gegangen, +Und wolltest, wie oft, verzagen, +Bist zitternd in die Knie gesunken +Und hast aus bittern Quellen getrunken. + +Meine arme, irrende Seele, +Noch immer hält dich ein letztes Hoffen: +Es muss aus allen Dunkelheiten +Doch ein Weg nach Hause leiten. + + + + +Rosentod + + +Was lässt mich zaudern, mir vom Rosenstrauch +Des holden Kelches satte Lust zu brechen? +Wirft doch vielleicht der nächste Morgenhauch +Sie schon entblättert vor des Gärtners Rechen. + +Die Schwestern leuchten rings in junger Glut, +Der grüne Busch in seiner Mutterfreude — +Mir ist's, als ob ich heiliges Lebensblut +Um eine eitle Augenlust vergeude. + +Im engen Glas ein kurzes Treibhausglück, +Ein Leben siecht in einem toten Scherben +Und sehnt sich aus der Kerkerhaft zurück, +In Freiheit an der Mutter Brust zu sterben. + +Sahst du ein armes Herz zum letztenmal +In einem hellen Hoffnungsfrühling blühen +Und dann nach herber Täuschung kurzer Qual +Nur um so schneller in sich selbst verglühen? + +So scheint noch einmal duft- und farbenfrisch +Die Rose sich im Glase zu erneuen, +Um plötzlich über deinen stillen Tisch +Und dein Gedicht den blassen Tod zu streuen. + + + + +Auf meinen ausgestopften Falken + + +Nicht mehr über Wipfel gleitest du, +Über meinen Schreibtisch breitest du, +Ausgestopfter Balg, nun deine Schwingen, +Äugst auf mich herab und auf mein Singen. + +Gleichen Namens, wunderliche Vettern, +Umgetrieben beid in manchen Wettern, +Du nun ruhend, ich noch in den Lüften +Fröhlich flügelnd über Tod und Grüften. + +Von der Lampe stillem Licht umflutet, +Wie dein Auge mir lebendig glutet! +Und mir ist, ich seh in deine Schwingen +Wieder warmes, rasches Leben dringen. + +Blendwerk! Phantasie! Gespenstisch Leben! +Wirst dich nie mehr in die Lüfte heben. +Aber mich, nach meinen Erdentagen, +Welche Flügel werden mich noch tragen? + + + + +Morgen zwischen Hecken + + +Weit hinten liegt die große Stadt, +Die graue Stadt in Dunst und Rauch. +Hier spielt im Licht das grüne Blatt +Und schaukelt sich im Morgenhauch. + +Hier ist das Leben hold verstummt, +Träumt lieblich in sich selbst hinein; +Nur eine frühe Biene summt +Näschig um süße Becherlein. + +Und manchmal ein verwehter Laut, +Wie fernen Meeres Wogenschlag. +Was dort um Mauern braust und braut, +Herr, fuhr's zu einem klaren Tag! + + + + +Und gar nicht lange + + +Es steht ein Bäumchen kahl im Feld +Und friert in allen Winden. +Und will sich aus der weiten Welt +Kein Vogel zu ihm finden. + +Und gar nicht lange, über Nacht, +Und tausend Blüten blinken, +Und seine Krone überdacht +Ein Nest verliebter Finken. + + + + +Die bunten Kühe + + +Drei bunte Kühe in guter Ruh +Und des Nachbarn Hanne dazu +Traf ich heute in der Früh, +Junghanne und ihre bunten Kuh. + +Das gab einen guten, glücklichen Tag, +Die Sonne auf allen Wiesen lag, +Die ganze Welt war so bunt und blank. +Der Hanne und ihren Kühen Dank! + +Was glaubt ihr, trifft man in der Früh, +Statt der drei bunten drei schwarze Küh +Und statt der Hanne die alte Gret? +Der ganze Tag ist verwünscht und verweht. + + + + +Auf der Bleiche + + +Bringst du Leinen auf die Bleiche? +Kommt dir nicht der Wind darüber? +Über Dämme, über Deiche +Wirbelt er vom Meer herüber. + +Willst mit Klammern, willst mit Steinen +Dir den weißen Schatz erhalten? +Einmal wird mit deinem Leinen +Doch ein fremder Wille schalten. + +Kommt's in deiner Töchter Kästen, +Kommt's in deiner Enkel Hände, +Ist der Faden auch vom Besten, +Das Gewebe nimmt ein Ende. + +Hier ein Flicken, dort ein Flicken. +Soll man's kunterbunt besetzen? +Weg damit! so will sich's schicken. +Und der Wind spielt mit den Fetzen. + + + + +Wäsche im Wind + + +Tollt der Wind über Feld und Wiese, +Hat seinen Spaß er überall, +Aber am liebsten neckt er die Liese +Mit einem tückischen Überfall. + +Will sie ihr Zeug auf die Leine bringen, +Zerrt er: Liese, dies Hemd ist mein! +Um jedes Laken muss Liese ringen, +Jedes Stück will erobert sein. + +Giebt es der Sausewind endlich verloren, +Schlägt er noch im Übermut +Ihr das nasse Zeug um die Ohren: +Da, liebe Liese, häng's auf und sei gut. + + + + +Winterwald + + +Wo ist der lustige Waldvogelsang +Und das spielende Laub? Verweht, +Was ist das für ein fremder Klang, +Der im Wald umgeht? + +Das ist die Axt, die frisst am Holz +Seit Wochen sich satt, o weh! +Da liegt nun mancher grüne Stolz, +Ein toter Held, im Schnee. + +Was in Lüften gelebt und mit Wetter und Wind +Manch trotzigen Strauß bestand, +Jetzt biegt es und knickt es ein hungernd Kind +Und bindet's mit frierender Hand. + +Auf ärmlichem Herd ein Funkentanz +Und ein Knistern. Verglüht, versprüht! +Und war einmal ein grüner Kranz +Und ein Glück. Wo blieb es? Verblüht. + + + + +Winter + + +Ein weißes Feld, ein stilles Feld. +Aus veilchenblauer Wolkenwand +Hob hinten, fern am Horizont, +Sich sacht des Mondes roter Rand. + +Und hob sich ganz heraus und stand +Bald eine runde Scheibe da, +In düstrer Glut. Und durch das Feld +Klang einer Krähe heisres Kräh. + +Gespenstisch durch die Winternacht +Der große dunkle Vogel glitt, +Und unten huschte durch den Schnee +Sein schwarzer Schatten lautlos mit. + + + + +Die Netzflickerinnen + + +Schweigend an den Dünen hin +Sitzen die Fischerfrauen und flicken +Die schweren Netze. Guten Fang +Mag der Himmel den Männern schicken. + +Guten Fang und gute See. +Manches Netz ist schon draußen geblieben, +Und manches Boot ohne Fischer und Fisch +Irgendwo an den Strand getrieben. + +Die See macht still, und karg ist das Wort +Der Frauen, die dort im Sande sitzen, +Kurz wie der Schrei der Möwen, die +Ruhelos über die Dünen flitzen. + + + + +Das Mädchen mit den Rosen + + +Zwei Rosen, die an einem Strauch +Zusammen aufgeblüht, +Von einem knospenhaften Hauch +Noch lieblich überglüht, + +Ein Mädchen brach wohl über Tag +Das schwesterliche Paar: +Der Mutter, die im Sterben lag, +Bracht sie die eine dar, + +Die andre aber legte dann +Mit ihrem ersten Schmerz +Sie weinend dem geliebten Mann, +Trostheischend, an das Herz, + +Und glühte selig auf und stund, +Noch halb den Tod im Sinn, +Und bot den jungen Rosenmund +Dem warmen Leben hin. + + + + +Das Nixchen + + +Ein Nixchen ist ans Land geschwommen, +Steht unter einem Blütenbaum, +Die warmen Sommerwinde kommen +Und trocknen ihr den feuchten Saum. + +Mit großen Augen sieht die Kleine +Stumm in die heiße Flimmerglut; +Wie wird in all dem Sonnenscheine +Dem Nixchen wunderlich zu Mut. + +In ihre kühle Mädchenkammer +Fällt nur ein ganz gedämpftes Licht, +Als wie durch einen langen Jammer +Ein schwacher Strahl der Hoffnung bricht. + +Hier aber ist ein Gleiß und Glimmer, +Ihr thun davon die Augen weh; +Doch reglos steht sie, staunt nur immer, +Die kleine blonde Wellenfee. + +Auf einmal fängt sie an zu weinen, +Weiß nicht warum, weint leis sich aus, +Und schlüpft dann auf behenden Beinen +Zurück ins kühle Wasserhaus. + + + + +Feierabend + + +Über reifen Ähren liegt +Stiller, goldner Abendschein. +Eine junge Mutter wiegt +Sacht ihr Kind und singt es ein. + +Letzter heller Sensenklang +Zittert übers Feld hinaus, +Und der Schnitter ruht am Hang +Feiernd bei den Seinen aus. + +Sein gebräuntes Angesicht +Leuchtet über seinem Sohn, +Doch er stört den Schläfer nicht, +Und die Hütte wartet schon. + +Leichter Herdrauch steigt und weht +Über Wipfel her. Nicht fern +Winkt das Dach. Und drüber steht +Friedefromm der Abendstern. + + + + +Das Mädel + + +Ein Mädel sah ich gehen, +Ich stand am Gartenthor, +Mich konnte das Mädel nicht sehen, +Goldregen hing davor. + +Ganz nah ging es vorüber, +Hätt's mit der Hand erreicht, +Und neigte ich mich hinüber, +Die Lippen erhaschte ich leicht. + +Aber das Mädel schaute +So kindlich in die Welt, +Dass ich mir's nicht getraute. +Dich küsst nur die Mutter, gelt? + +Nur ein Zweiglein brach ich +Und warf's ihm auf den Hut, +Grad auf den Hut. Es stach mich +Schelmenübermut. + +Ei, das erschrockene Frätzchen! +Und wie die Augen sahn! +Geh weiter, Mutterschätzchen, +Es hat's der Wind gethan. + + + + +Im Schnellzug + + +Der Schnellzug stürmt durchs Sommerland, +Und draußen in den Winden, +Da weht und winkt viel buntes Band, +Zu binden mich, zu binden! + +Die Hütte dort in Heckenruh, +Die Sonne in den Scheiben, +Die Friedefülle ruft mir zu, +Zu bleiben doch, zu bleiben! + +Und jetzt die Heide, blütenblau, +Durchkarrter Weg ins Weite; +Grad stapft die alte Botenfrau +Im Torfmull. Nimm's Geleite! + +Und jetzt das Feld, goldgelber Flachs, +Und fern ein Blitz von Sensen; +Und dort der Knirps sonnt wie ein Dachs +Sich faul bei seinen Gänsen. + +O Junge, hast du's gut! Ich wollt', +Ich läg dort auf dem Bauche, +Indes der Zug vorüberrollt, +Und gaffte nach dem Rauche. + + + + +Reigen + + +Sind es bunte Schmetterlinge, +Die um Blumenbeete weben? +Sind es rosige Apfelblüten, +Die im leichten Lenzhauch schweben? + +Ei, die kleinen Schmetterlinge, +Wie sie so gesittet kreisen, +Ei, die kleinen Apfelblüten, +Wie sie sich als Tänzer weisen. + +Schmetterlinge? Apfelblüten? +Jedes hat zwei Kinderfüße, +Kinder sind's, ein Kinderreigen, +Und getanzte Frühlingsgrüße. + +Jeder Schritt ein schämig Fragen, +Jedes zierliche Verneigen +Ein Bejahen; frühlingshafter +Kann sich nicht der Frühling zeigen. + +Ja, das schönste Frühlingsliedchen, +Ritornell, Sonette, Stanzen, +Ach, kein Dichter kann's so singen, +Wie es Kinderfüße tanzen. + + + + +Der Backfisch + + +Tanzen! Tanzen! +Hab Herz und Kopf von vielem voll, +Ach, das Leben ist sonnig! +Aber wenn ich tanzen soll, +Tanzen soll, +Wonnig ist's, wonnig! + +Der Herr Lehrer am Klavier, +Reizend ist er mitunter. +Vierhändig spielten heute wir, +Ging alles drüber und drunter. +Sah er mich von oben an, +Komisch an, der kluge Mann: +Sie wollen wohl wieder tanzen? + +Malen, ach, es ist himmlisch süß! +Besonders im Freien skizzieren. +Holt man sich manchmal auch nasse Fuß, +Was wird's die Kunst genieren? +Öl, Aquarell, +Kohle, Pastell, +Ach, es geht nichts darüber, +Nur tanzen ist mir lieber, +So ein Walzer von Strauß +Sticht alles aus. + +Radeln? All Heil! +Auf dem Zweirad leist ich mein Teil. +Frisch wie der Wind +In die Wett mit dem Wind. +Aber alle Räder der Erde sind +Nichts gegen meine zwei Sohlen, +Kommt einer zum Tanz mich holen; +Wer es auch sei, ich sag nicht nein, +Muss nur grad kein Ekel sein. +Tanzen, ach tanzen! La la la la la la.... +Wäre nur erst das Ballfest da! + + + + +Der seltene Vogel + + +Geht ein kleiner Mann spazieren, +Unterm Schirm spazieren. +Kommt ein Sturmwind um die Ecken, +Ei, wie that das Männlein erschrecken. +Könnte sich verlieren. + +Macht der Wind kein Federlesen, +Gar kein Federlesen, +Und nun muss das Männlein fliegen, +Hui, wie ist es aufgestiegen, +Wie ein Flügelwesen. + +Fliegt das Männlein eine Stunde, +Eine ganze Stunde, +Kräht vor Angst wie eine Krähe, +Liegt der Jäger auf der Spähe, +Jäger mit dem Hunde. + +Puff! den Vogel muss er haben, +Muss den Vogel haben. +Und das Männlein, ohne Flügel, +Saust in einen Maulwurfshügel, +Denkt, es wird begraben. + +Blafft der Hund und scharrt und schnuppert, +Hat es bald erschnuppert. +Ist kein Tröpfchen Blut geflossen, +Nur sein Höschen ist durchschossen, +Und sein Herzchen bubbert. + +Klopft der Jäger ihm die Kleider, +Klopft ihm ab die Kleider. +That es links und rechts umdrehen +Und den Vogel sich besehen, +Ei, da war's ein Schneider! + + + + +Idyll + + +Unter zarten Birkenzweigen, +Erster junger Frühlingsglanz, +Bläst der Schäfer seinen Reigen, +Doch kein Volk tritt an zum Tanz. + +Nur die Schafe gehn und grasen, +Weiß und schwarz im Sonnenschein, +Und zwei aufgescheuchte Hasen +Springen quer ins Feld hinein. + +Aber um die Frühlingsblüten +Tanzen bunte Falter hin, +Um die Herde mit zu hüten, +Kommt die junge Schäferin. + +Lockten sie die süßen Klänge, +Lenkte sie die leichte Pflicht? +Leuchtend wie die Frühlingshänge +Lacht ihr liebliches Gesicht. + +Und verstummt ist das Getöne, +Rings ein süßes Schweigen nun: +Küsst der Schäfer seine Schöne, +Müssen Pflicht und Flöte ruhn. + + + + +Pusteblumen + + +Ein Schaf und zwei Lämmlein +Und all drei schneeweiß, +Und grün ist die Wiese, +Und heiß ist's, heiß. + +Am Heckchen, am Büschchen, +Kühl schattet's herab, +Sitzt Bübchen und rauft rings +Die Pusteblumen ab. + +Die Flöckchen im Winde, +Wie segeln sie fein, +Die Lämmerchen hüpfen +Auf alle vier Bein. + +Das Bübchen wird müde, +Ihm träumt eins geschwind: +Viel Lämmerchen tanzen +Wie Flöckchen im Wind. + +Er pustet dazwischen, +Die Backen gebläht, +Hei, geht's umeinander, +Und jed Lämmchen mäh — h — t. + + + + +Konsequenz + + +In meinem Gärtchen, zwei Fuß vom Weg, +Hinter dem niedern Gittergeheg, +Blüht mir ein blauer Syringenstrauch, +Meine Freude, und meiner Kinder auch. +Aber die Buben von den Gassen, +Die Racker, können das Räubern nicht lassen. + +Wenn sie früh in die Schule gehn, +Ein Kleinster bleibt begehrlich stehn, +Ein zweiter stellt sich daneben auf +Und schielt mit ihm zum Bäumchen hinauf, +Möchten gerne von den Syringen +Ein Zweiglein mit in die Klasse bringen. + +Kommt ein dritter, hops, wie er hupft, +Hat sich ein paar Blätter gerupft, +Aber der Grünkram genügt ihm nicht, +Er ist mal auf Syringen erpicht. +Noch einmal, hops! — Euch will ich kriegen. +Ich klopf ans Fenster. Hei, wie sie fliegen. + +So ein Bubenvolk ist schlimm, +Gefällt ihm was, gleich denkt es: nimm! +Aber dass auch die Mädel — ich bitt, +Kommen da welche gleich zu dritt, +Recken die Hälschen, drehen die Köpfchen +Ängstlich und schlenkern mit den Zöpfchen. + +Hebt sich die längste auf den Zeh'n, +Einmal, zweimal, es will nicht gehn. +Gehuschel, Getuschel. Mädel sind klug; +Hat sie, bevor ich ans Fenster schlug, +Das kleinste schnell auf den Arm genommen +Und die allerschönsten Syringen bekommen. + +Ich drohe ihr, sie lacht mich an, +Wie nur ein Mädel lachen kann, +Spitzbübisch, schelmisch und doch ganz lieb. +Es ist ein allerliebster Dieb, +Und da — ich will recht finster blicken +Und kann nur lachen und freundlich nicken. + +In Zukunft sind die Syringen frei, +Ob Mädel, ob Buben, ist einerlei. +Was ihr im Sprung erhäschen könnt, +Ihr Diebsgelichter, sei euch gegönnt. +Nur braucht ihr das selber nicht grade zu wissen, +Mein Bäumchen würde mir arg zerrissen. + + + + +Die Räuber + + +Ich war, ein Knabe, in den Wald gegangen +Mit meinen Brüdern. Wie die wilden Rangen +Den Ferienmorgen durch die Büsche trieben, +Dass er entfloh, als hätt er Hasenläufe. +Und selber jagten sie sich umeinander, +Hierhin, dorthin, wie steuerlose Brander. +Und wirklich war bald nichts vom Wald geblieben, +Als funkenüberstreute Aschenhäufe. + +Ein rechter Räuber, seines Werts durchdrungen, +Und sei er auch der Schule just entsprungen, +Kann nicht der Bürger glatte Wege wandeln, +Wo Förster und Magister ihm begegnen. +Er braucht das Dickicht, wo kein Hund ihn wittert, +Braucht finstre Höhlen, buschwerkübergittert, +Wo kein Gesetz ihm lahmt das kühne Handeln +Und keine Prügel in sein Handwerk regnen, + +O Freiheit, deine roten Flammen schlugen +So stürmisch nie, und keine Hände trugen +So hochgemut die lodernden Fanale, +Wir waren Räuber und dazu Indianer, +Zum „Großen Adler“ wurde Hänschen Meier, +Und Müllers Fritzchen zum „Gefleckten Geier“, +Die Friedenspfeife ging zum dritten Male +Von Hand zu Hand, und blass saß der Quartaner. + +Und schweigend qualmten um die dürren Reiser +Die tapfern Krieger, jeder Held ein Weiser +Im großen Rat: Und durch die Buchenrunde +Zog sacht der Rauch des Feuers und der Pfeifen. +Dann ging die Flasche mit dem Himbeersafte, +Die der verwegene Häuptling sich verschaffte, +„Der große Büffel“, still von Mund zu Munde. +Ein Pfiff! Und nach dem Kriegsbeil galt's zu greifen. + +Ihr Knabenspiele unter Sommerbuchen, +Wo soll ich köstlichere Freuden suchen, +Als die aus eurem tollen Treiben sprossen, +Wie helle Rosen aus den wilden Ranken. +Doch Dornen hatten, weh! auch diese Rosen, +Und sie zerrissen nicht allein die Hosen, +Auch rotes Blut ist jämmerlich geflossen, +Und dann, zu Haus, der Räubermutter Zanken. + +Und einmal mussten wir die Häuptlingsrücken, +O Schmach für Helden, untern Stecken bücken. +Den großen Büffel nahm man fest beim Horne, +Der große Adler musste Federn lassen, +Denn aus der Asche unsrer Höhlenscheite +Erstand ein Kläger, der in alle Weite +Die Klage rief. Die ward zum Todesdorne +Für unsern Mut und ließ uns feig erblassen. + +Der Wald in Flammen! Weh, die Schreckenskunde! +Wir zitterten. Nun ist die letzte Stunde +Für euch gekommen, und die Messer blitzen, +Kreisrund den Skalp von eurem Haupt zu trennen. +Der Wald in Flammen! Förster, Polizisten, +Kerker, Schafott, ringsum die Stadtgardisten — +Doch nein, man wird euch schon die Haut nicht ritzen. +Mut, großer Büffel! Nur die Weiber flennen. + +Die Zähne fest! Und Hiebe gab es, Hiebe! +Und ist die Züchtigung ein Werk der Liebe, +Kein Vater liebte heißer seine Knaben +Und mehr als sie verdienten, wie ich meine: +Zwei junge Buchen waren drauf gegangen, +Und unsres Wigwams rauchgeschwärzte Stangen +Schrien unsre Schandtat in das Ohr des Raben, +Der Krumen las an unserm Opfersteine. + + + + +Denkmalkantate + + +Bimmbamm, Bimmbumm, +Bitte, bitte, bettel, bettel, +Klingelbeutel geht herum, +Blankes Silber, blaue Zettel, +Nickel ist und Gold willkommen, +Alles wird mit Dank genommen, +Bitte, bitte! + +Bimmbamm, bimmbumm, +Große Leute soll man ehren, +Klingelbeutel geht herum, +Bitte, alle Taschen leeren, +Bitte, bitte, bettel, bettel, +Blankes Silber, blaue Zettel, +Bettel, bettel! + +Bimmbamm, bimmbumm, +Den wir feierlichst begraben, +Klingelbeutel geht herum, +Dass er kann ein Denkmal haben. +Nickel ist und Gold willkommen, +Alles wird mit Dank genommen, +Bitte, bitte! + +Bimmbamm, bimmbumm, +So ein Denkmal ist nicht billig, +Klingelbeutel geht herum, +Jeder sei nach Kräften willig, +Bitte, bitte, bettel, bettel, +Blankes Silber, blaue Zettel, +Bettel, bettel! + +Bimmbamm, bimmbumm, +Unsre Enkel soll es lehren, +Klingelbeutel geht herum, +Wie man das Genie muss ehren. +Was es selber nie bekommen, +Alles wird mit Dank genommen, +Bitte, bitte! + +Bimmbamm, bimmbumm, +Festkonzert und Denkmalfeier, +Klingelbeutel geht herum, +Fünfzig Mark giebt Minchen Meier, +Bitte, bitte, bettel, bettel, +Blankes Silber, blaue Zettel, +Bettel, bettel! + + + + +Bescheidener Wunsch. + + +Wenn ihr uns nur wolltet lesen! +Was haben wir von dem Denkmalwesen? +Ach, wonach wir gedarbt im Leben, +Jetzt könnt ihr es so leicht uns geben: +Ein wenig Liebe. Der Tod macht uns billig. +Kauft uns. Aufs Denkmal verzichten wir willig. +Mehr freut uns, wenn ihr ein Lied von uns kennt, +Als wenn unser Bild in der Sonne brennt. +Eure Liebe sei unser Postament. + + + + +Zweimal zwei ist vier + + +Mit großen Gebärden und großen Worten +Treibens viele Leute allerorten. +Haben eine absonderliche Manier, +Zu sagen: zweimal zwei ist vier. +Orakeln im mystischen Tempelbass: +Liebe Brüder, wenn's regnet, wird's nass! +Je weniger sie zu sagen haben, +Je toller gebärden sich die Knaben. +Doch wie sie sich geben und wie sie beharren, +Man merkt gleich, es sind Narren. +Sind auch etliche „Dichter“ darunter, +Die treiben's erst munter! + + + + +Prolog zur Nietzsche-Gedenkfeier + +der Literarischen Gesellschaft in Hamburg + + +Er fuhr vorüber, hellen Angesichtes, +Der Tod, als ging's zu einer Hochzeitsfeier. +Wohin? Wem neidest du das Glück des Lichtes, +Du mit der Hast des beutefrohen Geiers? + +Ein kurzer Blick, er hemmte seinen Flug +Und stand. + Hast? Immer hab ich Zeit genug. +Ein Stündchen früher oder später zählt +Dem Freier wohl, der sich die Braut erwählt; +Der Schnitter, dem das Korn entgegendampft +In satter Reife, nimmt sich Zeit zum Schärfen, +Und, lässiger noch, der Müller, der's zerstampft, +Er kann's auch morgen auf die Mühle werfen. +Und ich, der Jäger über alles Wild, +Dem kein Gesetz und keine Schonzeit gilt — + +Und doch, du fuhrst wie ein verliebter Knabe, +Der nach des Mädchens süßem Munde schmachtet. +Wer ist es? Wem bringst du die Hochzeitsgabe? +Dem Genius, dessen Seele, halb umnachtet, +Den Tag verträumt, der ihm sonst Ernten bot, Nietzsche. +Und diesen Namen nannt der Tod +Mit Ehrfurcht und mit Liebe. Und er wand +Sich ab und schied. Ein Blitz fuhr übers Land. + + * * * * * + +Die Trauerglocken, die in Weimar klangen, +Klagten: Nietzsche ist heimgegangen. + +Ein kühner Flieger, Freund von allen Winden, +Ein freier Vogel über höchste Wipfel, +Ein Segler über Meere, über Gipfel, +Nichts kann ihm seine stolzen Flügel binden. +Da fährt ein Blitz dem Starken ins Gefieder +Und stürzt ihn nieder. + +Die Kleinen, die der Großen Flug beneiden, +Die kleine Heckenzunft — das gab ein Schwatzen. +Er war gestraft. Das Recht blieb bei den Spatzen: +Wir sind gesund, wir konnten uns bescheiden, +Wir flogen nur um unsre Futterplätze, +Wir klugen Mätze. + +Das schlimme Lied vom Genius und der Menge, +Die Schritt vor Schritt mit tausend Füßen tastet, +Indessen er auf stillen Bergen rastet, +Einsam, hoch über Enge und Gedränge, +Zu Flügen rastet, die auf Sehnsuchtsschwingen +Zur Sonne dringen. + +Und nun hinaus, hinauf! Da hemmt kein Zagen. +Der Himmel lockt mit seinen Wunderweiten. +Das ist ein selig, stürmisch Flügelbreiten. +Ihr Winde alle, Freunde, kommt, mich tragen! +Vom Berg zur Wolke. Durch! Und dort, in Fernen, +Lockt Stern zu Sternen. + +O Glück! O Lust! o Flug nach goldnen Küsten! +Tief unten rauscht das Meer und türmt die Wogen. +Du ungeberdige Flut, der ich entflogen, +Will es nach Tod und Trümmern dich gelüsten? +Das tiefe Grollen deines Zorns klingt schön +In meinen Höhn. + +Du fängst mich nicht! Soll diese Kraft vergehen, +So sei es an der Sonne Feuerherzen. +Das war ein Sterben, wären Götterschmerzen: +Fliegen und schon in Todesflammen stehen. +— Da fährt ein Blitz dem Starken ins Gefieder +Und stürzt ihn nieder. + + * * * * * + +Die Trauerglocken, die in Weimar klangen, +Klagten: Ein Held ist heimgegangen. + +Ein Held und ein Eroberer. Burgen sanken +Auf seinem Weg in Trümmern, Tempel stürzten +Und Opfersteine rings, wo die Gewohnheit +In dumpfer Andacht kniete. Er war hart +Und ging den Weg des Helden mitleidlos, +Zerschlug Altäre, wo auch er geopfert, +Zertrat die Gärten seiner Jugendspiele +Und ging von seinen Freunden, die er liebte, +Treulos, um nur in einem treu zu sein: +Treu seinem Willen, der zur Wahrheit wollte. +Und härter ward sein Schwert mit jedem Schlag. +Wo ist die Härte, die ihm trotzen mag? +Da zuckt ein Blitz. Der harte Stahl zerspellt, +Und schwertlos fällt der todessieche Held. + + * * * * * + +Weint nicht um ihn. Aus seinen Wunden +Seht ihr die leuchtenden Rosen blühn? +Kränze des jauchzenden Lebens gebunden +Aus dem Frühlingsgeschenk seiner Wunden, +Und ihr ehrt und feiert ihn. + +Licht war sein Herz und Licht seine Seele, +Ja! war sein Wort zu Leben und Tod. +Tapfer, den Tag und den Tanz in der Seele, +Galt seine Liebe dem Morgenrot. + +Rausch der Kraft und jauchzendes Hoffen +Lieh seinem Lied den Adlerflug, +Der, bevor ihn der Blitz getroffen, +Klingend ans Thor der Zukunft schlug. + +Seht, und die goldenen Angeln erklangen, +Und ein Licht und ein Glanz ward frei. +Die zu den Quellen des Lebens drangen, +Zählen den Priestern des Lebens bei. + +Weint nicht um ihn. Aus seinen Wunden +Seht die leuchtenden Rosen blühn. +Kränze des jauchzenden Lebens gebunden +Aus dem Frühlingsgeschenk seiner Wunden, +Und ihr ehrt und feiert ihn. + + + + +Prolog zur Böcklin-Gedenkfeier + +der Gesellschaft hamburgischer Kunstfreunde + +(Fräulein Minna Persoon gewidmet.) + + +Ein Großer starb: _Böcklin_. Vor wenig Tagen +Gab man der Erde ihren Anteil wieder — +Und legte Rosen auf den Hügel nieder +Und dunklen Lorbeer. Leises Flügelschlagen +Der Stunden, die die stille Stätte streifen — +Und jedem Flügelschlag entblättert sacht +Sich eine Rose, die vielleicht am Strauch +Des Lebens letzten roten Gruß gelacht +Dem, dessen Tod auch ihr Tod ward. Ein Hauch +Vergänglichkeit um dieses Grab geweht, +Um das der dauerhafte Lorbeer steht. + + * * * * * + +Zwei Freunde, die in Feierstunden, +Sich in Florenz zu einander gefunden, +Hatten die halbe Winternacht +Dem toten Meister nachgedacht. +Ein Maler war's und ein Poet, +Fühlten sich eines Geistes durchweht, +Gossen ihren roten Wein +Glutvoll in seinen Ruhm hinein, +Klirrten die leeren Gläser zusammen +Und schössen wie zwei Feuerflammen +Von ihrer Bank empor und gingen +Des Meisters Grab einen Gruß zu bringen, +Wollten unterm Sternenschein +Seinem Genius eine Andacht weihn. + +Sprach der Maler: So ist's recht, +Hat sich am Tage so mancher erfrecht +Dem Meister sein Gloria zu schrein, +Stimmte so mit den andern ein, +Aber ist der Lärm verweht, +Er wieder alte Wege geht, +An denen, die noch malen und dichten, +Seine Torturen zu verrichten. +Wer die Marterschrauben überdauert, +Der wird dann rühmlichst eingemauert +In ein Pantheon von großen Leuten, +Die man anfangs wollte häuten. +Nun weiß man aus ihren Kleiderfetzen +Sich selbst noch ein Wams zusammenzusetzen, +Gebärdet sich als Apostel gar +Und ist in den Flicken doch nur ein Narr. + +„Nicht schlecht gewettert,“ lacht der Poet, +„Doch wird es, so lange die Welt besteht, +Nicht anders, Freund. Und zuletzt, die Narren +Schmücken des Großen Ruhmeskarren +Als lustige Fratzen wider Willen; +Muss jeder seinen Zweck erfüllen. +Und wären am Ende die Teufel nicht, +Ein Engel hätt kein besonder Gesicht.“ + +„Du siehst wieder alles von oben an,“ +Grollt der erregte Pinselmann, +„Aber steht man so mitten darinnen —“ +„Freund, man muss auch das Oben gewinnen +Mit Kampf und blutenden Wunden viel. +Wäre das Leben ein Tanz und Spiel, +Wer möchte die Arme zum Himmel erheben, +Dass er ihm einen Tag länger mög geben? +Aber trotz der Widergewalten +Gelassen am eigenen Ich sich halten: +Zerrt nur, schraubt nur, Ihr reißt mir nichts los! +So ward Böcklin groß.“ + +So in Streit und Widerstreit +Unter des Sternfriedens Herrlichkeit +Zügelten sie das rasche Wort, +Je mehr sie dem geweihten Ort +Sich nahten, gingen schließlich nur +Schweigend auf eines Gedankens Spur, +Von einem tiefen Empfinden gewiegt, +Das alles laute Wesen besiegt. +Merkten, und merkten's auch wieder nicht: +Heller wurde der Sterne Licht, +War ein himmlischer Wunderschein, +Der hüllte alles um sie ein. + +Und da stand des Meisters Gestalt, +Wie man Gott Vater abgemalt, +Der mit gelassener Gebärde +Sich runden heißt den Kreis der Erde, +Baum, Tier und Menschen stellt hinein +Und freut sich: nun kann's Sonntag sein. +Zur Seite hockt ihm gemächlich Gott Pan +Und lässt die Flöte lieblich klingen. +Bockfüßiger Faune Tanz zerstampft den Plan, +Und um die Zottelbären schlingen +Dryaden einen lustigen Reihn +Und Flügelbuben springen drein. — +Doch mählich ordnet sich das Spiel und drängt +Dem Strand zu, wo Tritonen liegen +Und Nixen, Arm in Arm gehängt, +Sich leise auf den Wellen wiegen. +Und von dem munteren Zug geleitet, +Arm traut in Arm mit Pan, so schreitet +Böcklin zum Strand hinab. Pans Flöte schweigt, +Doch aus den Muscheln der Tritonen steigt +Dröhnend ein Gruß, dass rings das Ufer bebt. +Der Gruß verhallt. Still wird's. Vom Meere schwebt +Ein Segel her, naht eine Barke sich, +Drin steht der Tod mit seiner stummen Geigen +Und bittet jenen, in das Boot zu steigen. +Der grüßt und folgt. Leis schwankt der Barke Rand. +Ein Edelbild, das nicht vom Steuer wich, +Ein göttlich Weib bietet dem Gast die Hand. +Dann ist, umspielt von jungen Nereiden, +Das selige Schiff langsam vom Strand geschieden, +Nur eine milde süße Geige klang +Noch lang im Wind, bis es die Nacht verschlang. + +Und Pan? die Faune? die Dryaden? Nichts +War da, als nur ein Schimmer stillen Lichts, +Das von den Sternen um den Hügel wob. — +Und als der Maler seine Stimme hob +Und fragte: „Freund, was träumt dir? Lass uns gehn, +Des Meisters Ruhestätte anzusehn,“ +Fährt jener auf aus seinem Traum und lacht: +„Hab mit der Phantasie ein Spiel gemacht, +Ich sah das ganze Bocksbeinvolk im Reigen +Dem Meister Arnold Reverenz bezeigen. +Doch komm und lass uns an den Hügel treten, +Auch uns gehört der Böcklin, uns Poeten.“ + +Still lag das Grab im Frieden dieser Nacht, +Der Lorbeer glänzte im Licht der Sterne, +Und aus der halbverwelkten Rosenpracht +Verlor ein letzter Duft sich in die Ferne. — +Die aber jetzt an diesem Hügel standen +Und ihrer Weihe keine Worte fanden, +Ob sie aus dieser andachtstrunknen Nacht +Wohl eine Frucht mit in den Tag gebracht? +Was kann dies Grab aus seiner Kammer geben? +Dem Starken Höchstes: Lust und Kraft zum Leben. + + + + +Der Trauermantel + + +Einsamer Mohn glühte am Grabenrand, +Ein Falter zog um ihn zitternde Ringe. +Ein Trauermantel. Sonnig lag das Land, +Der einzige Schatten war die schwarze Schwinge +Des dunklen Gauklers dort, der um die Glut +Des roten Mohns, ein traumhaft Wesen, flog. +Und mählich schien es mir, als ob das Blut +Der Blume aus den Wangen wich; sie zog +Erblassend, welkend, sich in sich zusammen, +Doch immer noch um die erloschnen Flammen +Zuckten die schwarzen Flügel, bis ein Wind, +Der übern Weg lief, sie ins Feld entführte. +War ich vom Licht, vom Flügelflimmern blind? +War es ein Schlaf, ein Traum, der mich berührte, +Erzeugt in jenem Purpurkelch, der jetzt +Wie vorher flammte, sommerheißer Glut? +Ein Nichts. Ein Spuk. Blendwerk. Und doch, zuletzt, +Es blieb ein leises Frösteln mir im Blut, +Und als ich abends mit den Freunden trank, +Die heiterm Tag ein heitres Ende machten, +Sprach ich von Herbst und Tod; sie aber lachten +Und stießen fröhlich an. Ein Glas zersprang. + + + + +Tag und Nacht + + +Einen dichtesten, dunkelsten Schleier trug +Die Nacht. Quält alte Schuld und Not +Sie immer noch? Auf ihrem Flug, +Was sie mit leisem Flügel schlug, +Stand alles starr und tot. + +Was kümmert es den jungen Tag, +Was die schweigsame Schwester beschwert, +Da er in holdem Schlummer lag; +Er fragt der Weinenden nicht nach, +Die seiner nie begehrt. + +Auf falterfarbigen Flügeln hebt +Er freudejauchzend sich hinauf, +Und wie er über den Wiesen schwebt, +Ein jedes Blümchen, das da lebt, +Lächelt zu ihm auf. + +Nur der trübe Bach klagt leis +Zwischen Schilf und schwarzem Moor. +Gab ihm die Nacht ihr Geheimnis preis? +Er flüstert und wispert, als ob er was weiß, +Und raschelt und raunt im Rohr. + + + + +Das Birkenwäldchen + + +Inmitten öder Heide träumt +Ein Birkenwäldchen, sumpfumsäumt. +Die stillen Wasser blinken, +Daraus die Wurzeln trinken. + +Hier geht sobald kein Menschenfuß +Und klingt kein Sommervogelgruß, +Hier ist in ihrer Klause +Die Einsamkeit zu Hause. + +Und nächtens stellt bei Mondenschein +Ein Wispern sich und Flüstern ein, +Und weiße Schatten heben +Gespenstisch sich ins Leben. + +Und mittags, wenn die Sonne glüht, +Dass fast die Heide Funken sprüht, +Scheint dort in kühlen Schauern +Ein Seltsames zu lauern. + +Ein Jäger, den die Heideglut +Hintrieb, war einst dort eingeruht, +Ihm träumt' — er konnt's nicht sagen, +Er starb in wenig Tagen. + + + + +Der Freier + + +Es saß im hellen Sonnenschein +Gevatter Tod am Grabenrand, +Kreuzte gemächlich Bein und Bein +Und hielt ein Blümchen in der Hand. + +Er trieb das alte Fragespiel +Und fragte ehrlich Blatt für Blatt, +Bis er den kahlgerupften Stiel +In seinen harten Fingern hatt'. + +Ein melancholisch Lächeln glitt +Leicht übers gelbe Kalkgesicht, +Dann stand er langsam auf und schritt +Durchs Stoppelfeld. Er eilte nicht. + +Das Dorf lag hinterm nächsten Hang, +Und sicher war die Braut ihm auch, +So war denn auch sein Freiersgang +Gemächlicher als sonst der Brauch. + +Noch einmal, vor dem letzten Haus, +Brach er ein Asterchen und riss +Ihm alle seidenen Blättchen aus +Und zählte nicht, des Spiels gewiss. + +Er warf den Stengel hinter sich +Und trat ins niedere Häuschen ein: +Schön Annemarie, ich liebe dich +Und frage nicht ja und frage nicht nein. + + + + +Der Frühlingsreiter + + +Um Mitternacht +Bin ich jäh erwacht. +Hufschlag hallte, ein Horn erklang, +Dass ich erschreckt ans Fenster sprang. + +Der Mond schien hell, +Und da kam es zur Stell: +Ein Schatten voraus, dann ein milchweiß Ross, +Darüber des Mondes Silber floss, + +Und ein Reiter ganz jung, einen blauen Kranz +Im Gelock. Hell blitzte des Hornes Glanz +In der Faust, und er stieß in das Horn hinein, +Als sollte und müsste geblasen sein. + +O war das ein Klang +In dem Horngesang! +Eine süße Kraft, eine blühende Kraft, +Eine zitternde, quellende Leidenschaft, + +Ein Herz und ein Jubel, ein seliger Schrei! +Ein Klingen, ein Leuchten — da war es vorbei. +Hatte mich ein Traum bethört? +Nicht einer hatte den Reiter gehört, + +Sie lachten mich alle am Morgen aus: +Da kommt der Träumer, der Dichter heraus. +Aber mein Töchterchen kam mit Hurra: +Seht mal, die ersten Veilchen sind da! + +Und ich glaube, auch Krokus und Narzissen +Kommen schon. — Was wollt ich noch wissen? +Ich lächelte nur und sagte: Ja, ja, +Ich weiß, die Veilchen sind wieder da. + + + + +Scherz + + +Als ich heute Nacht +Das Fenster aufgemacht, +Sah ich ein Bübchen mit zitternden Flügeln, +Das stolperte zwischen weißen Hügeln; +Bald auf dem linken, bald auf dem rechten Zeh, +So stelzt es im Schnee. + +War's Amor, der ein Ständchen gebracht, +Überrascht von der ersten Winternacht? +Oder war es nur ein letzter +Kleiner dicker untersetzter +Blumengeist, der überrumpelt +Durch den ersten Schnee hinhumpelt +Und weiß nicht so schnell +Wohin zur Stell, +Und, so was kommt vor, im Schrecken vergisst, +Dass er fliegen kann, geflügelt ist? + +Ich rief ihn an: Pst! Kleiner! +Kriegt mich auf einmal von hinten einer +Am Kragen und schilt: Schließ das Fenster doch, +Du erkältst dich noch. + +Meine Frau, die verständige war's, sie hält meist +Meine Märchenerfindungen für sehr dreist. +So hab ich ihr auch, was ich sah, verschwiegen +Und bin ganz still ins Bett gestiegen. + + + + +Die Schnitterin + + +War einst ein Knecht, einer Witwe Sohn, — +Der hatte sich schwer vergangen. +Da sprach sein Herr: Du bekommst deinen Lohn,' +Morgen musst du hangen. + +Als das seiner Mutter kund gethan, +Auf die Erde fiel sie mit Schreien: +O lieber Herr Graf und hört mich an, +Er ist der letzte von dreien. + +Den ersten schluckte die schwarze See, +Seinen Vater schon musste sie haben, +Den andern haben in Schonens Schnee +Eure schwedischen Feinde begraben. + +Und lasst ihr mir den letzten nicht, +Und hat er sich vergangen, +Lasst meines Alters Trost und Licht +Nicht schmählich am Galgen hangen. + +Die Sonne hell im Mittag stand, +Der Graf saß hoch zu Pferde, +Das jammernde Weib hielt sein Gewand +Und schrie vor ihm auf der Erde. + +Da rief er: Gut, eh die Sonne geht, +Kannst du drei Äcker mir schneiden, +Drei Äcker Gerste, dein Sohn besteht, +Den Tod soll er nicht leiden. + +So trieb er Spott, hart gelaunt, +Und ist seines Wegs geritten. +Am Abend aber, der Strenge staunt, +Drei Äcker waren geschnitten. + +Was stolz im Halm stand über Tag, +Sank hin, er musst es schon glauben. +Und dort, was war's, was am Feldrand lag? +Sein Schimmel stieg mit Schnauben. + +Drei Äcker Gerste, ums Abendrot, +Lagen in breiten Schwaden, +Daneben die Mutter, und die war tot. +So kam der Knecht zu Gnaden. + + + + +Das Geisterschiff + + +Alle Schiffer kamen wieder, +Kay kam nicht. +Auf die Erde warf Meike sich nieder, +In den Sand das Gesicht. + +Sie weinte und rang die weißen Arme: +Kay, komm, Kay! +Sie flehte und fluchte, dass Gott erbarme: +Kay, komm, Kay! + +Da lief ein Schiff auf schwarzer Welle +Nachts an den Strand, +Da kam ihr toter Herzgeselle +Und nahm sie bei der Hand. + +Sie fühlte es bis in die spitzen Zehen +Und bis in ihr blondes Haar. +Und Meike musste mit ihm gehen +Und segeln immerdar. + + + + +Die treue Schwester + + +Vater und Mutter lagen im Grab, +Und der Bruder wollt übers weite Meer. +Wiebke hing an seinem Hals, +Verzagt und weinte sehr. + +Meine Lampe will ich ans Fenster stelln, +Kein Stern hat hellem Schein, +Herzbruder, und wenn du wiederkehrst, +Dein Schiff läuft sicher ein. + +Ans Fenster stellte die Lampe sie +Und wartete an sieben Jahr, +Alle Schiffer kannten ihr Licht, +Das brannte hell und klar. + +Sieben Jahre und sieben noch. +Lösch doch deine Lampe aus. +Sie schüttelte ihren weißen Kopf: +Er kommt doch einmal nach Haus. + +Und eines Nachts, und die See ging schwer, +Und sie sahen, am Fenster brannte kein Licht; +Da sprachen sie, er ist heimgekehrt, +Ihr Glaube trog sie nicht. + +Und morgens, sie wollten den Bruder sehn, +Im Hafen war kein Schiff, kein Boot, +Und sie gingen und fanden die Lampe leer, +Und Wiebke saß und war tot. + + + + +Sara Limbeck + + +Schön Sara, des Ritter Limbecks Weib, +War jung und immer fidel, +Der Ritter aber war krank an Leib +Und alt an Herz und Seel! +Und gab's im Schloss ein fröhlich Bankett +Mit Saras lustigen Kumpanen, +Der Ritter Limbeck lag im Bett, +Bekam nichts von Kapaun und Fasanen. + +Und oftmals verdross es schön Sara zu Haus, +Dann musste die Kutsche vor, +Mit vier schwarzen Rappen fuhr sie aus, +Laut knarrte das alte Thor. +Der Ritter richtete sich auf, +Die Knochen zusammengerissen; +Das gibt wieder fröhlich Gejaid und Gesauf! +Und er sank zurück in die Kissen. + +Schön Sara lebte in Saus und Braus, +Ritter Limbeck starb allein. +Sie drückte sich keine Thräne heraus, +Jetzt wollt sie erst lustig sein! +Ritter Limbeck lag in der kalten Gruft, +Und oben klirrten die Becher, +Und war mancher Schelm und war mancher Schuft, +Der wurde verliebter und frecher. + +Und übers Jahr, und die gleiche Nacht +Und der gleiche Stundenschlag, +Da der Limbeck sein letztes Kreuz gemacht, +Und im Schloss war ein lärmend Gelag, +Da fuhr die große Kutsche vor, +Von vier schwarzen Rappen gezogen, +Und Sara fuhr durch das knarrende Thor, +Und die schwarzen Rappen flogen. + +Frau Sara fuhr feldein, feldaus, +Die Nacht war schwarz und schwer, +Frau Sara kam nicht wieder nach Haus, +Man sah sie niemals mehr. +Nur nachts, wenn Wandrer irr und wirr +Verlorenen Weg sich suchen, +Erschreckt sie auf einmal ein schwarz Geschirr +Und ein Schnauben und Peitschen und Fluchen. + +Das ist die lustige Sara, die nun +Nächtlich kutschieren muss, +Und könnte beim Ritter Limbeck ruhn +Für einen letzten Kuss. +Nun fährt sie hundert Jahre wohl noch +Querfeld, trotz Zaun und trotz Hecken. +Durch! Wie die Kutsche so groß gibt's ein Loch, +Den Bauern zum höllischen Schrecken. + + + + +Thies und Ose. + + +In Wenningstedt bei Karten und Korn +Erschlug einst ein Bauer in jähem Zorn +Seinen Gast. Thies Thiessen war stark, +Und der Hansen ein Stänker um jeden Quark. + +Nun lag er bleich und im Blut auf dem Stroh. +Aber wo war Thies Thiessen? Wo? +Sie suchten ihn und fanden ihn nicht, +Und der Galgen machte ein langes Gesicht. + +Ose, des Mörders Weib, kam in Not. +Vier Kinder wollten von ihr Brot. +Ihr Kram ging zurück. Stück für Stück +Ward verkauft, und sie suchte bei Fremden ihr Glück. + +Doch stand sie in Ehren bei jedermann +Und that ihnen leid. Die Zeit verrann, +Und Thies Thiessen war und blieb +Weg, als wäre die Welt ein Sieb. + +So wurden es Jahre. Auf einmal fing's +Zu tuscheln an, bis nach Rantum ging's: +Habt ihr gesehn? Schon lange. Nanu! +Meint ihr? Und sie nickten sich zu. + +Sie war doch sonst ein ehrlich Weib, +Nun schreit ihre Schande das Kind im Leib. +Mit wem sie's wohl hält? Das Mannsvolk ist toll! +— Das war ein Geschwätz, alle Stuben voll. + +Die fromme Ose ertrug es in Scham, +Kein Wort über ihre Lippen kam. +Nur einem fraß es am Herzen und fraß, +Bis ihm der Schmerz in den Fäusten saß. + +Und eh sich's die Lästermäuler versahn, +Stand er auf: Ich hab's gethan! +Und standen alle und glotzten sehr: +Thies Thiessen? Gott sei bei uns! Woher? + +Nicht verrat ich das Dünenloch, +Und ihr findet es nimmer. Sie aber fand's doch. +Und geht's um den Hals, das Kind ist mein. +Und verdammt, wer's nicht glaubt. Ich bläu's ihm ein. + +Und er sah elend aus und schwach, +Und er hielt sie wie ein Gespenst in Schach, +Bis ihnen allen allmählich klar, +Dass der da wirklich Thies Thiessen war. — + +Der Hansen war tot, von keinem vermisst, +Ein Säufer war er und schlechter Christ. +Aber der Thiessen, ein Kerl ist er doch! +Und die Ose, gibt's eine Bravere noch? + +Alle die Jahre in Elend und Not +Teilte sie ihr Hungerbrot +Treulich ihm mit. Und jetzt weinte sie da +An seinem Hals. Es ging allen nah. + +Sie kauten und spuckten und sahen sich an +Und schoben sich sacht an Thiessen heran +Und brummten und schüttelten ihm die Hand. +Das war ihr Gericht. Und so blieb er im Land. + + + + +Wie die Stakendorfer die Lübecker los wurden + + +Nach Stakendorf kamen die lübischen Herrn +Vor Zeiten alljährlich und kamen gern, +Zwangen die Bauern, den Zehnten zu zahlen, +Und zogen nach Haus mit Protzen und Prahlen. + +Einst kamen sie wieder zur Fastnachtszeit +Und säckelten ein und machten sich breit, +Ließen im Gildehaus festlich sich ätzen +Und saßen glorios auf den Ehrenplätzen. + +Die Bauern brauten ein gutes Bier. +Knausern sie gern, sie knausern nicht hier, +Sie lassen sich heute am wenigsten lumpen +Und füllen den durstigen Gästen die Humpen. + +Bald glänzen die Backen, die Stirnen stehn +In Schweiß, kaum können die Äuglein noch sehn. +Hier sinkt ein Haupt, da lallt eine Zunge, +Dort keucht eine fette lübische Lunge. + +Und immer werden die Humpen nicht leer, +Die Lübecker trinken und können nicht mehr, +Bald liegen sie alle, den Kopf auf den Armen +Und schlafen und schnarchen zum Erbarmen. + +Da hat die Bauern der Teufel gezwickt, +Da haben die Bauern gebohrt und gewrickt, +Den Tisch und die nächsten Säulen durchlochten +Die tückischen Schelme, so schnell sie vermochten. + +Die lübischen Bärte, wie hingen sie schlapp, +Die bübischen Bauern, sie sagten nicht papp, +Sie stopften sie all in die Löcher und schlugen +Zur Sicherheit noch einen Pflock in die Fugen. + +Die Herren schlafen, kein Schlag weckt sie auf, +Die Herren schnarchen, ein Ratsherrngeschnauf! +Auf einmal da laufen die Bauern zusammen: +Zeter und Mord! Das Haus steht in Flammen. + +Hei, kamen die Schläfer so schnell aus dem Traum, +Ein Zerren, ein Reißen, und leer war der Raum. +Nur die stattlichen Bärte alle +Blieben zurück in der elenden Falle. — + +Seitdem, und wer verdenkt es den Herrn, +Hielten sie sich weislich fern. +Zwar haben sie fürchterlich Rache geschworen, +Doch ließ man die Bauern ungeschoren. + +Frei vom Zehnten Stakendorf blieb, +Den Lübeckern war ihr Bart zu lieb. + + + + +Das Opferkind + + +Bei Heiligenstedten, der Stördeich war's, +Der Deich wollte nicht halten. +Da war ein Loch, man krigt es nicht zu, +Die Flut weiß zu spülen, zu spalten. +So viel man auch stopft mit Erde und Stein, +Das Meer stößt ein neues Loch hinein. + +Da war Not. Wich der Deich, +Das Land musste ersaufen. +Eine alte Frau wusste da Rat, +Man könnt es dem Teufel abkaufen: +Freiwillig muss ein Kind da hinab, +Das hilft, freiwillig hinein da ins Grab. + +Ein Kind! Einer Mutter Kind! +Hält jede ihrs fester am Herzen. +Und wenn die ganze Marsch ersäuft, +Kann eine ihr Kind verschmerzen? +Da war Not. Das Loch muss zu. +He, Tatersch, hör mal, bettelst du? + +Hier, tausend Thaler! Klimpert's nicht gut? +Der Zigeunerin funkeln die Augen. +Tausend Thaler! Da, nehmt den Balg! +Kann doch nur zum Bettel taugen. +So Schilling für Schilling erscharrt sich's schlecht. +Gebt her! Wer ist gern Hungers Knecht. + +Sie legen ein Brett über das Loch +Und ein weißes Brot in die Mitte. +Der hungrige Knabe schwankt daher, +Kleine, hastige Schritte. +Jetzt langt er nach dem Brot. Da: das Brett +Schlägt über und wirft ihn ins nasse Bett. + +Kein Schrei. Alles stiert +Stumm aufs Quirlen und Quellen. +Da taucht es auf, ein blass Gesicht, +Aus den lehmigen Wellen, +Taucht auf und spricht ein Wörtchen bloß: +„Ist nichts so weich als Mutters Schoß.“ + +Und taucht zum zweiten Mal auf und spricht: +„Ist nichts so süß, als Mutters Liebe.“ +Wie das Wort alle packt und brennt. +Wenn doch das Kind endlich unten bliebe! +Da kommt es zum dritten und spricht aufs neu: +„Ist nichts so fest als Mutters Treu.“ + +Dann sinkt es weg. — Sie atmen auf, +Nun muss das Werk geraten! +Die Gäule keuchen, die Karren knarrn, +Es ächzen und knirschen die Spaten. +Erde und Stein hinein ins Loch! +Ein teurer Deich, aber jetzt hält er doch. + + + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Hohe Sommertage, by Gustav Falke + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 12268 *** |
