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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + + + + +Title: Der Mann im Nebel + +Author: Gustav Falke + +Release Date: February 13, 2004 [eBook #11075] + +Language: German + +Character set encoding: US-ASCII + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MANN IM NEBEL*** + + +E-text prepared by Project Gutenberg Distributed Proofreaders + + + +Der Mann im Nebel + +Roman + +von + +Gustav Falke + +Hamburg 1916 + + + + + +Seinen lieben Freunden +Karl Ernst Knodt +und +Frau Kaethe +herzlichst zugeeignet + + + + +Erstes Buch + + + + +1. + + +Liebster Doktor! + +Wie vermisse ich Sie, Sie Ausreisser. Nach wie vor fuehrt mich mein +Berufsweg zweimal in der Woche an Ihrem alten Heim vorueber, und ich +werfe betruebte Blicke nach dem Eckfenster hinauf. Wie schoen war's da +oben: ich auf Ihrem breiten etwas eingesessenen Sofa, Sie mir gegenueber +auf dem Stuhl, zwischen uns auf dem buecherbeladenen Tisch eine Tasse +Kaffee, ein Glas Bier oder ein Aquavit. Und dann ging's los, ueber +Literatur, Kunst und tausend Sachen. + +Und Ihre alte Wirtin, die Frau Obersteuerkontrolleurswitwe, der man +diesen imponierenden Titel nicht ansah, mit ihrem roten Gesicht, ihrer +etwas waschfrauenmaessigen Hausuniform und ihrer hastigen, stossenden +Sprechweise. + +Und das einzige Likoerglas, das kleine blaue Henkelglas, worin sie einer +ganzen Korona Aquavit kredenzte, von Mund zu Mund: + +"Is nich'n huebsches Glas? Is aus Travemuende. Hab ich selbst mitgebracht. +Huebsches Glas. Ist es nich? Aus Travemuende. Hab'n Schwester da, wissen +Sie. Ja, 'n Schwester." + +Sie laesst bestens gruessen. Sie hat jetzt ihre beiden Zimmer an einen +Zoellner vermietet, einen jungen "soliden" Menschen. Sie wissen, die Frau +Kontrolleur gibt viel auf das Solide. + +Na, in Punkto Soliditaet. Unsolide waren wir nicht. Aber der Zoellner wird +uns ueber sein. + +Ich vegetiere nun schon eine ganze Zeit lang so hin. Kein Vers, keine +Zeile. Lyrisch alles tot. Was Sie ueber meinen letzten Roman schrieben, +hat mich sehr erfreut. Ja, es steckt viel Beobachtung darin. Aber es ist +doch nichts mit diesem nuechternen Realismus. Ich moechte nun endlich mal +schreiben, was Sie meinen Pan-Roman nennen. + +Mich auch mal lyrisch ausgeben. Stimmung. Psychologie. Alles moegliche. +Solche Dreiecksnatur, Sie brauchten den Ausdruck einmal, so ein Portraet +von Ihnen, Liebwertester, ein Individuum, das sich zwischen den drei +Punkten Weib, Kunst und Natur aufreibt, seine Ringkaempfe mit sich +auffuehrt. Ihre gefaehrlichen Anlagen potenziert, so dass ein Ungeheuer +daraus wird. + +Aber geben Sie mir einen freundschaftlichen Stoss, dass ich kopfueber in +die Tinte schiesse, sonst wird's doch wieder nichts damit, und es +bleibt alles beim guten--Willen darf ich's gar nicht mal nennen, denn +wie gesagt, es sind tote Tage bei mir, Nebeldruck, Muedigkeit, +Stumpfsinn, wie immer, wenn ich eine Arbeit hinter mir habe und eine +neue sich erst heimlich vorbereitet wie das Saatkorn unter der +Wintererde. + +Pan, ja Pan! Sie sitzen nun mitten drin, haben alles, was ich ersehne, +liegen auf dem Ruecken und hoeren die Mittagsmusik des bocksbeinigen +Gottes, waehrend ich hier Staub schlucke, Federn kaue und Kindergeschrei +anhoere. + +Hier etwas, was ich aus dem Papierkorb fuer Sie wieder ausgrub, weil es +gerade hierherpasst. Etwas Boecklin-Nietzsche mit einem Stich ins +Scheerbartsche. Nichts Urgeborenes, also der Vernichtung gehoerig. + +Herzlichst + +Ihr Gerd Gerdsen. + + * * * * * + + +Tanz. + +Pan blaest. Lass uns tanzen, du und ich. Auf der Sommerwiese, in der +Morgensonne lass uns tanzen, wo die weichen Winde sich deines wehenden +Blondhaares freuen werden. + +Komm auf die Wiese! + +Blumen werden sich unter unsere Fuesse draengen und aufgescheuchte +Schmetterlinge unsern Tanz umtanzen, weisse und gelbe Schmetterlinge, +leuchtend in der Helligkeit des wachsenden Lichtes. Pan lockt. + +Wir wollen tanzen zu diesen Toenen. Und die Wiese tanzt, und der Wald +tanzt, die schwarzen Fichten mit dem roten Morgenkleid aus Sonne und die +braeutlichen Birken mit den jungfraeulichen Gewaendern aus Silberseide. + +Und die weissen Laemmer auf der blauen Himmelswiese werden huepfen, +umeinander huepfen, leichtwolliges Sommervolk, zu der Floete des Hirten. + +Und die Sonne wird tanzen, die lachende Sonne, dass ihre Strahlen +auseinander wirbeln, uns umwirbeln, ein flimmernder, blitzender, +glitzernder Schleier, in dem wir uns im Kreise drehen, du und ich in +unserer nackten Schoenheit und in unserer nackten Freude. + +Komm, komm! Pan blaest. + +Die Bocksfuesse uebereinandergeschlagen, hockt er im Fichtenschatten, +Zottelbart, Waldschreck den Furchtsamen. + +Wir aber tanzen vor ihm, nackt, ueber Blumen, zwei weisse Schmetterlinge, +trunken in Lust, trunken in nackter Lust. + + + + +2. + + +Lieber Gerdsen! + +Herzlichen Dank fuer Ihren liebenswuerdigen Brief. Ja, schreiben Sie, Ihr +Plan ist vorzueglich. Ich stelle mich Ihnen ganz zur Verfuegung, +Eigentlich Pan-Roman, wie ich es meinte, wird es vielleicht nicht. Aber +einerlei. Sie haben recht: ab von dem Realismus Ihres letzten Romans. +Sie wissen, wie sehr ich ihn schaetze, hochwerte, diesen Realismus: +kuenstlerisch, aufrichtig, schlicht, ohne weitere Absichten als die des +treuen Bildners und Darstellers. Und dann der Humor, den Sie haben, und +ohne den es nicht gehen wuerde. Aber selbst dieser Humor macht diese +misera plebs, diese Kellerleute, Kaesekraemer und Ladenmaedchen nicht auf +die Dauer geniessbar. Lassen Sie diese Nullen, die kein Genie zu Zahlen +machen kann. Natur! Natur! Aristokratie!! Hoehenmenschen. Was wollen Sie +Duenger karren, statt uns Edelgewaechse zu ziehen. + +Koennt ich's nur, wie Sie. Aber bei mir ist alles nur Wollen, +ohnmaechtiges Wollen. So muss ich mich denn mit der Natur begnuegen, dem +einzigen, was Ersatz fuer mangelnde Produktivitaet gibt, die Natur, die +uns erhebt, indem sie uns vernichtet. Die grosse Natur, die Herrscherin, +die Zerstoererin, die am groessten ist, wenn sie toetet. Das ist es, was +ich an der Natur so liebe: ihre Grausamkeit! Oder besser ihre +Gleichgueltigkeit! ihre voellige Verachtung des Menschen! + +Das Meer! Nordsee! Sylt! Skagen! Nach Skagen muessen wir mal zusammen. + +Hier ist es mir zu friedlich. Diese ewigen Wald- und Kornlandschaften, +diese sanften Huegel. Alles riecht hier nach Arbeit, nach Schweiss. Unser +taeglich Brot gib uns heute. Amen. + +Ich will die Natur gross, frei, und den freien Menschen darin, nicht den +Sklaven. Brot, Speck und Gotteswort. Und ueber allem der Gendarm. + +Und doch kann ich hier nicht wegfinden, liege hier so in einer Art +Halbschlaf, der alle Energie lahmt und keine Entschluesse aufkommen +laesst, Hans der Traeumer! + +Nette, liebe, einfache Leute hier, fromm und bieder. _Landvolk_! Nicht +dieser ekelhafte Stadtpoebel, keine oede Sozialdemokraterei, diese +Weltanschauung aus Frechheit, Hunger, Halbbildung und Borniertheit +zusammengeschweisst. Eine Weltanschauung, die riecht. + +Ich gehe mit dem Plan um, Einsiedler zu werden. Ich brauche nicht viel; +was ich von meiner Grosstante geerbt habe, reicht aus fuer zehn, zwanzig +Jahre; so lange wird die Maschine wohl aushalten. Haelt sie laenger vor +als das Oel, so muss man sie zerschlagen. Das ist das beste am Leben, +dass wir's wegwerfen koennen. + +Sie kennen mein Ideal: einige Jahre Blockhauseinsamkeit am Meer, +zwischen den Schaeren Norwegens, am Amazonas oder irgendwo insulares +Suedseeparadies. Und ein Weib, das Chopin spielt und Saint Saens. Danse +macabre. Und draussen orgelt der Sturm und die Moeven schreien, oder die +Affen. + +Schreiben sie bald, meine Adresse ist bis auf weiteres die hiesige. + +Ihr Randers. + + + + +3. + + +Acht Tage war Randers schon in diesem Waldwinkel, statt an die See zu +gehen, wie es seine Absicht war. Wenn ihm jemand vorhergesagt haette, er +wuerde eine ganze Woche zwischen Feld und Wald in einem einsamen +Schulhause leben, wuerde er ihn ausgelacht haben. Er war kein Idylliker. +Er liebte weite Horizonte, Groesse, Erhabenheit in der Natur. Er liebte +das Meer. + +Was hielt ihn nur hier fest unter dem langgestreckten Ziegeldach des +niedrigen Schulhauses mit dem kleinen baeuerischen Vorgarten voll greller +Astern und plumper Georginen? Das sah ja von der Landstrasse aus ganz +traulich und anheimelnd aus. Aber auf die Dauer war doch alles so eng, +kleinlich, so muffig. Dazu die zwei langen Blitzableiter auf dem Dach, +die dem ganzen so einen offiziellen Anstrich gaben: Dies ist eine +Schule. + +Und dann die Familie des Lehrers! + +Doch die gefiel ihm, er hatte wirklich nichts gegen sie. Gute, brave, +einfache Leute, und voller Aufmerksamkeit gegen ihren Sommergast. Sie +hatten einen solchen gesucht. Er hatte es unterwegs im Provinzboten +gelesen. Dann war er ihnen gleich vor die Tuer gefahren. Auf ein paar +Tage. Sie hatten ihn erst auf so kurze Zeit nicht aufnehmen wollen. Aber +er versprach zu raeumen, wenn sie das Quartier besser vermieten koennten. + +Mit weicher Neugier hatten sie ihn ausgefragt. Nicht auf einmal, aber so +nach und nach. Sie mussten doch wissen, was er eigentlich war. + +Ja, was war er? Eigentlich nichts. + +Aber das haetten sie nicht verstanden, er fuehlte instinktiv, dass diese +Leute von seiner Jugend irgend eine nuetzliche Taetigkeit verlangen +wuerden. Freilich, er war ihnen ja keine Rechenschaft schuldig. Aber es +genierte ihn doch. Und so wollte er sich denn als Journalist vorstellen, +besann sich aber und sagte Schriftsteller. + +"Sie schreiben wohl fuer Blaetter?" + +"Ja, fuer Blaetter." + +Alle sahn ihn mit unverhohlener Neugier an, nicht ohne Misstrauen. Und +der Lehrer sagte nochmal: + +"So, f--ff--fuer die Blaetter." + +Er hatte eine ungelenke Zunge. Er umging das Stottern, indem er die +widerspenstigen Laute vorsichtig anfasste und bedaechtig zoegernd wieder +entliess. + +Randers hatte schon am dritten Tag den Koffer wieder packen wollen, +hatte es einen Tag aufgeschoben, weil es gerade regnete, einen andern, +weil es zu heiss war und er sich muede und unlustig fuehlte. Und nun war +er immer noch hier, hatte sich unmerklich eingewoehnt und liess es gehen, +wie es ging. + +Tagsueber lag er auf dem Ruecken im Waldmoos, eingelullt von dem leisen +Rauschen des Buchenlaubes, dem einzigen Geraeusch, das ihm einigermassen +den eintoenigen Gesang des Meeres ersetzen konnte, oder er draengte sich +mit seiner langen, hageren Figur durch das dichte Unterholz, auf +schmalen, verwilderten Fusssteigen, wo es ihm besser gefiel als unter +den hohen Buchen, die er freilich nirgends so praechtig gefunden hatte +wie hier, ausgenommen natuerlich in Daenemark, seinem geliebten Daenemark. +Aber das niedere Dickicht hatte es ihm angetan. So ganz eingeschlossen +in der gruenen Wildnis, die ihn in Kopfhoehe ueberdachte, in unmittelbarer +Beruehrung mit diesem Gewirr von Zweigen und Blattwerk, so ganz in dieser +gruenen Enge eingeschlossen war es ihm erst wohl. + +Einmal in diesen acht Tagen hatte ihn seine Sehnsucht an die Ostsee +gefuehrt, die ein paar Stunden von hier ihre schlaefrigen Wellen auf den +Sand des flachen, langweiligen Strandes warf. + +Da hatte er ein Bad genommen und hatte dann fast zwei Stunden lang auf +dem Ruecken im warmen Sand gelegen, die kuehle Seeluft geatmet, Verse +gemacht und an ein kleines Maedchen in rotem Wollkleid gedacht. Gedanken, +die nicht tief herkamen, die aber hartnaeckig waren. + +Es war eigentlich nur das rote Wollkleid gewesen, das ihn beschaeftigt +hatte. Diese grelle, rote Farbe, die wie ein Fleck auf allem lag, wohin +er sah, auf dem Wasser, auf dem gelben Sand, und in der hellen +zitternden Luft tanzte. + +Ja, ja, das kam noch auf das bewusste Konto. Hallucinationen. Er hatte +auch gar zu wuest gelebt, den ganzen Winter. Aber er sollte ja auch nur +darueber hinweg kommen. So ein Abschied fuer immer ist keine Kleinigkeit. +Und es hatte doch tiefer bei ihm gesessen. Schliesslich geht's auf die +Nerven. Erst dies Verhaeltnis, dann der Alkohol, Kopfschmerz, +Schlaflosigkeit, Gespenster. Es war nicht mehr zum aushalten gewesen. Er +hatte zuletzt mit dem Arzt sprechen muessen. Der untersuchte ihn +gruendlich; kerngesund. Aber hier oben, mein Lieber, diese Knoten auf dem +Kopf da. Sehen sie sich vor. Etwas weniger Spirituosen. Es ist weiter +nichts als das. Gehen Sie ein paar Wochen an die See. Immer draussen. +Oder machen Sie eine Fusstour. Aber wie gesagt: hoechstens zwei Glas! + +Das war's, was ihn seinen Koffer hatte packen lassen. Der Arzt hatte +recht, es ging wirklich nicht so weiter, wollte er noch ein paar Jahre +leben. Und das wollte er. Sein Leben lag doch noch vor ihm, das Leben, +das seiner Natur gemaess waere. Und das war ja sein einziges Streben, sich +mal ausleben zu koennen, ein paar Jahre nur, ganz souveraen, keinem willig +und gehorsam als nur den Geboten seiner Natur. Und dazu bedurfte er der +Gesundheit. Es kaeme ja sonst nicht darauf an, ein paar Jahre frueher oder +spaeter abzutreten. Aber nur jetzt noch nicht, jetzt, wo er endlich die +Mittel hatte, sich sein Leben nach seinen Wuenschen einzurichten. Zehn +Jahre wuerde sein kleines Kapital ausreichen, zehn Jahre ungebundenen +Sichauslebens. Die wollte er geniessen. Und dann? Er war nicht der Mann +sich mit dem zu beschaeftigen, was nach zehn Jahren sein koennte. + + + + +4. + + +Randers sass in halbliegender Stellung auf der Bank unter den alten +Buchen, die dem Schulhause gegenueber ihre hohen teilweise abgestorbenen +Kronen allen Winden aussetzten. Diese Buchen, einen geraeumigen Rundplatz +einfassend, bildeten gleichsam das Portal zu dem Unterholz, das sich an +dem ausgefahrenen Landweg hinzog und sich in einer Tiefe von einer +Viertelstunde Wegs vor dem huegeligen Hochwald lagerte. + +Die Moosdecke dieses Platzes war schadhaft und zeigte Spuren von +Kinderspielen. Um die Bank herum war jede Vegetation von den Fuessen +niedergetreten. Das nackte Erdreich bildete eine harte Tenne. Da lagen +Papierfetzen und allerlei Abfall umher, der anzeigte, dass die +weiblichen Mitglieder der Lehrerfamilie hier oft ihren Aufenthalt nahmen +und einen Teil der haeuslichen Taetigkeit hierherverlegten. + +Randers aergerte sich ueber diese Verunzierung des huebschen Waldplatzes, +diese "Besudelung der Natur" mit menschlichem Krimskram. Einen +grellbunten Fetzen eines schottischen Kleiderstoffes, der ihn besonders +erboste, hatte er wuetend mit der Spitze seines Spazierstockes hinter +sich geschleudert. Er wehte lustig, ein bunter Wimpel, in den Zweigen +eines jungen weissstaemmigen Birkenbaeumchens. Randers haette das Faehnlein +gerne da heruntergeholt, aber es war ihm zu muehsam, darum aufzustehen. + +Er hatte gelesen, oder vielmehr zu lesen versucht: Storms "Waldwinkel". +Aber die unruhigen Schatten des leicht bewegten Laubes, die auf den +Blaettern des Buches einen Zittertanz auffuehrten und die Buchstaben mit +hineinrissen, und das leise Laubgelispel um ihn her stoerten ihn. Auch +das Schwaermen der Bienen belaestigte ihn. Es war ein ununterbrochenes +Summen um ihn. Aus den Stoecken des Lehrers kamen sie, ueber die Blumen +des Gartens und die Honigtraeger am Grabenrand der Landstrasse her, nach +dem breiten Waldsteig, wo Bienensaug, Brombeerbluete und hundert andere +suesse Schuesseln lockten. + +Und dann war noch ein andres, was ihn ablenkte. Seine Gedanken kehrten +immer wieder zu Gerd Gerdsens Brief zurueck, den er heute morgen +beantwortet hatte. + +Ja das koennte etwas werden! Das wuerde ihm Spass machen. Spass? Nein, +durchaus ernst wollte er es nehmen. Was gab es da nicht alles zu +berichten und zu--beichten. Er geriet in ein Gruebeln ueber sich und sein +Schicksal, und ging hier einen Weg zurueck und da einen anderen, um auf +die Anfaenge dieser und jener Richtung in seinem Charakter zu stossen. +Und die Wege fuehrten ihn zurueck in die Kindheit, in das kleine +Fischerdorf an der Ostsee. Er sah das vaeterliche Pfarrhaus vor sich, mit +den wilden Rosen um Tuer und Fenster, mit dem kleinen Blumengarten vorn +und dem grossen Kuechengarten hinten, der an den Deich stiess. Er sah das +bunte, rote Laub der Weinlaube, die weissen und lila Sterne der Astern, +den ganzen farbigen Herbstgarten. + +Warum er nur die Heimat immer im Herbstschmuck sah? Weil da die Aepfel +reif waren? Oder waren es nicht die Aepfel, sondern nur die Aussicht auf +die See, die er auf dem luftigen Sitz im Apfelbaum genoss, was ihm diese +Erinnerung so wert machte? + +Die Kronen der alten krummaestigen Baeume ragten ueber den niedrigen Deich +hinueber, und es war lustig, da oben zu sitzen und mit den Blicken den +Segeln draussen zu folgen. Aber lustiger noch war es auf der alten +Pappel, lustiger und hoeher. Wie er das erstemal da hinauf geklettert war +und so hoch ueber der Erde, ganz den Blicken entzogen, auf die weite See +hinaussah, war ihm zum ersten Mal das Gefuehl romantischer Einsamkeit mit +suessen Schauern aufgegangen. + +Wie oft hatte er da oben gesessen und sich seinen Traeumen ueberlassen, +Traeumen, die ihn hinaustrugen auf das weite Meer, in fremde Laender, auf +einsame Inseln, durch Sturm und Gefahren. + +Ja, da oben war er zu dem geworden, was er war, da oben hatte er diese +Liebe zur Freiheit eingesogen, den Drang, sich abzusondern, immer in +Pappelhoehe ueber der Menge. Was konnte er von da oben nicht alles +uebersehen! Den kleinen Fischerhafen, die kleine Flotte der +Fischerkutter. Er kannte jedes Fahrzeug, jedes Segel. Da lag auch des +alten Joenksen Boot, des alten Schweden, von dem er den ersten Schluck +Branntwein bekam, und da lag, wenn er sich auf seinem hohen Sitz +umdrehte, die Huette des alten Joenksen, nur durch zwei andere Huetten vom +Pastorat getrennt. Man konnte von dem hinteren Pfarrgarten ueber die +kleinen Nachbargaerten hinweg in Joenksens Garten sehen, wo immer Waesche +hing, Waesche, fuer die Randers ein besonderes Interesse hatte, denn sie +war von Inge Joenksen da hingehaengt. Inge, die fuenfzehnjaehrige Inge +Joenksen! Das war seine erste Liebe gewesen. + +Ach, die Romantik dieser ersten Liebe, die ihre junge Brust dem Meerwind +bot, und sich auf den Wellen schaukelte, oder klopfenden Herzens hinter +dem Zaun des vaeterlichen Gartens stand und hinueberlugte, wo Inges +blonder Zopf schwankte und ihre braunen Arme sich hoben und senkten und +grobe blaue Wollhemden, dicke graue Struempfe, und verwaschene Schuerzen, +alles vielfach gepflickt und gestopft, ueber die Waescheleine klammerten. + +Aber am schoensten war es doch, wenn sie zusammen in ihres Vaters Boot +hinausfuhren und sich unter das braune Segel duckten, wenn der Alte den +Kurs aenderte und das breite Tuch klatschend herumschlug. Wie lustig das +war! Wie die Inge lachen konnte! Und wobei gibt es wohl mehr zu lachen, +als wenn zwei junge Menschenkinder, die sich gerne haben, gezwungen +werden, schnell die Koepfe zusammenzustecken. "Achtung! Kopf weg!" + +O, was konnte er Gerd Gerdsen alles von Inge und dieser schoenen Zeit +erzaehlen. Daraus konnte der allein einen rechtschaffenen Roman zimmern. +Wie lebendig stand alles vor ihm, die ganze Idylle seiner gluecklichen +Jugend in dem kleinen Fischerhafen. Er wollte das festhalten fuer Gerd +Gerdsen, heute nachmittag noch. Und er wollte alles unterstreichen fuer +den Chronisten seines Lebens, was einen Keim trug zu seiner spaeteren +Entwickelung. Die See mit ihrem Einfluss, das fromme, aber nicht strenge +Leben im Elternhaus, das ungebundene Treiben mit den Dorfkindern, die +Pappel; ja die vor allem! Merkwuerdig, er sah immer diese Pappel vor +sich, als waere sie der Mittelpunkt seiner ganzen Jugendzeit, der Mast, +um den sich dieses ganze lustige Karussell drehte. + +Und dann die Schnapsflasche des alten Joenksen. Brrr! Er erinnerte sich +noch des ersten Schluckes und seiner hoellischen Wirkung. Auch diese +Schnapsflasche durfte er seinem Chronisten nicht unterschlagen, sie +gehoerte mit zu den "Quellen". Und darauf kam es ja an, alle Quellen +bloss zu legen, aus denen sein Leben sich speiste, alle Baeche und +Baechlein, die zusammenflossen zu dem einen raetselhaften Gewaesser voller +Klippen und Untiefen, das sich der Charakter des Doktors der Philosophie +Henning Randers nannte. + +Ja, es sollte dem Freund nicht an Daten und Dokumenten fehlen. Er wollte +ihm sitzen geduldig und nackt, ohne Schleier. Und dann wuerde es etwas +werden, wovor jeder die Augen aufreissen wuerde, und er selbst wollte mit +einer wehmuetigen Lust vor seinem Bilde stehn, und mit einer diabolischen +Freude ueber diese Selbstprostituierung. + +Dieser Gedanke machte ihn mit einmal lebendig. Er steckte das Buch zu +sich und ging mit dem Ausdruck eines Menschen, der in einer wichtigen +Sache einen guten Entschluss gefasst hat, leicht und schnell den Waldweg +hinauf. Einen Augenblick zoegerte er beim ersten Jaegersteig, der in das +Buschwerk abbog und dessen dunkle Oeffnung ihn so einladend ansah, aber +er blieb diesmal auf dem breiten Weg, dem Holz, und Wildfuhren tiefe +Furchen eingegraben hatten. + +Der Weg war sonnig. Das niedre Seitenholz warf seinen Schatten um diese +vorgerueckte Morgenstunde kaum einen Fuss breit. Da gab es Bienensaug und +gelben Loewenzahn, und roten und weissen Klee, und Maennertreu und wilde +Stiefmuetterchen. Hin und wieder an feuchten Grabenstellen +Vergissmeinnicht, in grossen Mengen bei einander. Und ueberall am +Waldrand hin Farren und Feldschachtelhalm. Und ueberall Bienen und +Schmetterlinge. + +Um einen Brombeerstrauch, der an seinem schattigen Platz etwas +zurueckgeblieben war und fast noch ganz in Bluete stand, gaukelte ein +Schwarm Kohlweisslinge, darunter zwei himmelblaue Zwergfalter. Randers +blieb stehen und sah eine Weile diesen leuchtenden, flimmernden, +lautlosen Schmetterlingsspielen zu. Es unterhielt ihn, belustigte ihn, +wie sich Schmetterlinge und Bienen die suessen Tropfen streitig machten. +Es war ein aehnliches Behagen, wie das, womit er zusah, wenn sich zwei +Jungen balgten. Wer ist der staerkere? Ha! Bravo! Der sitzt! Recht so, +zeig's ihm! + +So stand er und sah laechelnd in diese Fluegelschlacht. + +Es war ein bestaendiges Kommen und Fliehen und das Gezitter und Gefaechel +aller dieser weissen Fluegel ueber den weissen Blueten in der hellen +weissen Sonne blendete ihn zuletzt. + +Es war ganz still. Man hoerte nichts als das anheimelnde Summen der +Bienen. Hin und wieder das Geraeusch knackender Zweige, wenn ein +Tannenzapfen zu Boden fiel, oder ein Taubengurren, und von den +entfernten Weiden her das gedaempfte Bruellen der Rinder. + + + + +5. + + +Am Lohteich traf Randers auf Claus Mumm, den Holzfaeller. + +Der Lohteich war ein kleiner Waldsee, ganz von hohen Buchen umgeben, +deren weitueberhaengende Zweige sich nach den weissen Wasserrosen zu +sehnen schienen, die in ihrem Schatten auf dem stillen Wasserspiegel +schwammen. Im Schilfguertel standen ein paar hohe gelbe Schwertlilien, +leuchtend in dem saftigen Gruen um sie her. + +Randers kaempfte mit der Lust eine besonders praechtige Lilie zu pfluecken, +als Claus Mumm heranschluerfte und seine Aufmerksamkeit ablenkte. + +Der Alte ging gebueckt unter einer Last duerren Zweigholzes und gestuetzt +auf einem derben Knueppel, den er irgendwo aufgelesen haben mochte. Er +rueckte mit der Hand etwas an seiner grauen Wollmuetze und sah mit scheuem +Blick aus den kleinen, trueben, rotumraenderten Augen zu Randers auf. Ein +stummer unterwuerfiger Gruss, in dem viel Druck lag. Der Alte seufzte +unter mehr als unter der Last des seinem muerben Ruecken aufgeladenen +Holzes. + +"Dag Mumm, wo geit?" + +Der Alte blieb stehen. + +"Na, woans is dat? hebben Se noch nix huert?" + +"Ne Herr! He sitt ja nu erst." + +Er sah kaum auf beim Sprechen, seine Stimme klang engbruestig, pfeifend. +Eine traurige, gedrueckte Stimme, die zu den scheuen, traurigen, kranken +Augen passte. + +"Hebben Se denn Hoffnung?" fragte Randers + +Ein kurzer Aufblick der mueden Augen war die ganze Antwort. Dann setzten +sich die alten Beine in schluerfende Bewegung. Es lag etwas +Hoffnungsloses in diesem stummen Abbrechen. + +"Adjues Mumm," rief Randers ihm nach. "Laten Se man den Mood nicht +sinken." + +Petersen, der Lehrer, hatte ihm von dem Alten erzaehlt, dessen einziger +Sohn wegen Mordes in Untersuchungshaft sass. Es war nur eine halbe +Erzaehlung geworden, durch Dazwischenkunft anderer gestoert. Nachher waren +sie nicht wieder darauf zurueckgekommen. Jetzt war Randersens Neugier +durch diese Begegnung wieder rege geworden. Den Alten selbst hatte er +nicht ausfragen moegen. + +Es war ein Maedchenmord, an der eigenen Geliebten begangen, die +unverstaendliche Tat eines ueberall beliebten, unbescholtenen Burschen. +Ein Raetsel. Um eine aeltere Verpflichtung gegen eine andere, die ein Kind +von ihm trug, erfuellen zu koennen, hatte er den Mord begangen. Warum +toetete er nicht die ungeliebte, unbequeme Mahnerin? + +Randers dachte sich in die Seele dieses einfachen Knechtes hinein. Der +Fall interessierte ihn. Es war etwas fuer seinen psychologischen +Spuersinn. Und nun kombinierte er sich so eine Bauernpsyche nach seinem +Bilde, und es lag ihm alles so klar auf der Hand, und er wollte eine +Novelle daraus machen, er oder Gerd Gerdsen. So eine moderne +Bauernnovelle fuer die Feinschmecker. + +Er lachte bitter auf bei dem Gedanken. Da wollte er mal wieder etwas. +Was wollte er nicht alles. Er wuerde auch diesmal nicht ueber den Plan +hinauskommen, er der grosse Woller und Nichtskoenner. Aber einerlei, +vielleicht glueckte es diesmal. Hier war ein bestimmter Fall, hier lagen +Tatsachen vor, Dokumente. Petersen musste noch mal heran. Der erzaehlte +so nett umstaendlich, mit allem Drum und Dran, was einen andern zur +Verzweiflung bringen musste, aber fuer den Psychologen gerade das rechte +war, weil es ihm Faeden in die Hand gab. + +Auf huegeligen Wegen hatte Randers allmaehlich auch den Hochwald +durchquert. Der schmale Waldstieg muendete durch einen Wallausschnitt in +einen sanftabfallenden Landweg. Reifender Roggen dehnte sich weit aus, +ein gelbes, unbewegtes Feld, dahinter ein Schlag noch graugruenen Hafers, +dann, aus einer Talmulde heraus, Strohdaecher, ein ganzes Dorf. Ganz +hinten Wald, lang ausgestreckt. + +Randers erkletterte den buschigen Wall, um besser Rundschau halten zu +koennen. + +"Ob man weiter geht?" sagte er laut. + +Eine heisse Luft lag ueber den Feldern, ein flimmernder Dunst. Der Himmel +spannte sich wolkenlos darueber. + +Randers stand regungslos und sah in die sonnige Landschaft hinein, wie +hypnotisiert von dem Meer von Licht da draussen. + +"Die Sonne bei der Arbeit," sprach er halblaut. "Die Sonne beim +Brutgeschaeft. Diese grosse Muttertaetigkeit." Es lag ein leiser +Widerwille im Ton. + +"Diese ewige Zeugung, dieses unendliche Gebaeren. Sinnlos, zwecklos. +Wozu? Diese ekelhafte Geilheit der Natur." + +Nein, er wollte da nicht hinein in diese Bruthitze. Er wollte zurueck in +den Wald. Da draussen war ein Schweissduft ueber der ueppigen +Kornlandschaft. Muehseliges Sichabrackern ums taegliche Brot. + +Im Wald roch er wenigstens den Menschen nicht. + +Er wandte sich ab und sprang mit geschlossenen Beinen, etwas steif von +dem Wall herunter, dass das trockene Bodenlaub unter seinen Fuessen +aufraschelte und die duerren Zweigabfaelle knackten. + +Er ging ziellos durchs Unterholz und traf auf einen Himbeerstand. + +Er erinnerte sich, dass Schullehrers Christine ihm von einem solchen +gesprochen hatte. In der Naehe des Lohteiches sollte er sein. + +Es war ein ganzes Himbeerfeld, mehr ein kleiner Himbeerwald. Busch an +Busch, voller roter, reifer Fruechte. Er naschte. Er gab nicht viel um +dergleichen Schmaus. Aber er konnte die Dinger doch nicht haengen sehen, +ohne zu pfluecken, wahllos, wie sie ihm am naechsten hingen. + +Dann bekam er es satt und legte sich auf den Ruecken. Der Boden war +stellenweise glatt und sauber, zum Ruhelager wohl geeignet. Es standen +nur wenige grosse Baeume hier, und er hatte einen freien Blick auf ein +grosses Stueck Himmel. Es hing nur ein einziges Woelkchen da oben, wie +vergessen. Eine weisse, duftige Feder, zierlich geschweift, ein Flaum. + + + + +6. + + +Randers lag im Schatten, die Arme unter dem Genick verschraenkt, und +starrte in die Sonne hinaus. Und da waren gleich wieder die roten +Flocken, tanzten vor seinen Augen. Das rote Roeckchen von Schullehrers +Christine. + +Sie hatte gestern hier Himbeeren geholt. Ob sie heute wieder pfluecken +wuerde? Und er sah sie vor sich, in ihrem roten, etwas kurzen Kleid, aus +dem die Fuenfzehnjaehrige herausgewachsen war, mit ihren zwei schweren, +schwarzen Zoepfen, und der adretten, etwas kecken Haltung, frisch, +kernig, gesund. + +Sie war ihm gleich aufgefallen, und er mochte das huebsche Ding leiden. +Das Kind! Und er hatte es sie unverhohlen merken lassen, indem er sie +mit etwas onkelhafter Guete behandelte. + +Aber neulich, vor drei Tagen, als sie in spaeter Abendstunde neben ihm +vor der Haustuer stand, ein Gewitter hatte sie laenger wach gehalten, da +hatte sie so eigen mit ihren grossen schwarzbraunen Augen zu ihm +aufgesehn und auf seine Reden immer nur verschaemte wortkarge Gegenrede +gewusst. + +Auch jetzt sah er diese grossen, dunklen Kinderaugen mit diesem +wunderlichen halb scheuen halb fragenden Ausdruck so aus dem Leeren auf +sich gerichtet. Dann schoss das andere so zusammen, und zuletzt haette er +sie zeichnen koennen, so deutlich sah er sie vor sich: das rote Roeckchen +mit dem verschaemten Flicken unten am Saum, die etwas grossen Fuesse in +den Holzpantoffeln, die grauen, groben Struempfe um die vollen festen +Waden. + +Als er so an sie dachte, kam sie, kam wie gerufen. Er erstaunte nicht +mal darueber. Nur ein fluechtiges Laecheln, ein leises vergnuegtes +Schmunzeln ging ueber sein Gesicht, und den Kopf ein wenig erhoben, um +besser sehen zu koennen, nickte er wie zur Bestaetigung eines +unausgesprochenen Gedankens. + +Sie war ohne Hut, ganz wie sie im Hause, in der Wirtschaft ging, aber in +Stiefeln, statt in Pantoffeln. Sie trug einen grossen, braunen +Henkelkrug, aus dem sie naschte. Sie mochte schon unterwegs Beeren +gepflueckt haben, sie standen ueberall reichlich, freilich nirgend so wie +hier. + +Sie sah ihn nicht und fing gleich an zu pfluecken. + +Ob er sie anrief? Es machte ihm Spass, sie so heimlich zu beobachten. +Alle Augenblicke warf sie eine der vollen Flechten ueber die Schulter +zurueck. Immer, wenn sie sich tiefer bueckte, fiel wieder eine nach vorne. +Zuletzt liess sie sie haengen, wie sie wollten. + +Er lag ganz still und freute sich des Augenblicks, wo sie ihn gewahr +wuerde und einen Schrecken bekaeme. Aber seine Geduld wurde auf eine harte +Probe gestellt. Die Kleine suchte gruendlich Busch fuer Busch ab und +entfernte sich dabei immer mehr von ihm. Zuletzt hielt er's nicht mehr +aus und klatschte laut in die Haende. + +Erschrocken fuhr sie mit dem Kopf herum, sah nach allen Seiten, mit +grossen neugierigen Augen, aber durchaus nicht aengstlich. Sie war +augenscheinlich das einsame Umherstreifen gewohnt und kannte keine +Furcht. + +Wenn nun ein andrer hier laege? + +Sie war doch schon in dem Alter. + +Und dann gingen ihm fluechtig allerlei Gedanken an Mord und Verbrechen +durch den Kopf und die Geschichte mit dem jungen Mumm. + +Er klatschte noch einmal, richtete sich halb auf und lachte ihr hell ins +Gesicht. + +"Nein, aber Gott doch, was haben Sie mich erschreckt," rief sie, lachte +aber vergnuegt ueber den Spass und kam gleich zu ihm hin. + +"Sehen Sie mal, so viele." + +Sie hielt ihm mit kindlicher Freude den schon halbgefuellten Topf hin. Er +fuhr mit der Hand hinein, so dass sie mit einem kleinen Aufschrei das +Gefaess zurueckzog. + +"Die gehn ja alle kaputt," schalt sie. + +Dann liess sie sich ungeniert vor ihm aufs Knie nieder und hielt ihm den +Topf bequem, leicht schuettelnd, dass ihm die losen Beeren in die +geoeffneten Haende rollten. + +"Noch'n paar," draengte sie, aber er wollte nicht mehr. + +"Nun setz dich erst mal'n bisschen hierher," sagte er. + +Sie war gerade aufgestanden und sah ihn etwas verschaemt an. Aber sie +lachte dabei, und ihre Augen verrieten, dass sie wohl Lust haette. Er +rueckte ein wenig beiseite, und diese stumme Aufforderung genuegte. Sie +setzte sich zu ihm in schrittweiter Entfernung, fing auch frischweg an +zu plaudern, kindlich ungeniert: wie heiss es heute waere, und ob er +schon lange hier laege, und ob er ueber den Fuchsberg gekommen waere oder +am Lohteich laengs. + +Als sie den Fuchsberg nannte, wollte er fragen, wo der sei, er hatte ihn +neulich vergeblich gesucht. Aber die Erwaehnung des Lohteichs brachte ihn +wieder davon ab und auf den alten Mumm. + +"Sag mal," fragte er, "was ist das eigentlich mit dem Mumm fuer eine +Mordgeschichte?" + +"Nicht wahr, wie schrecklich?" sagte sie. + +"Der hat seine Braut ermordet, was?" + +"Ja, die eine." + +"Die eine?" fragte er. + +Er musste lachen. + +"Hat er denn mehr gehabt?" + +Sie wurde ganz rot, halb aus Verlegenheit, weil sie aus seinem Lachen +entnahm, dass sie wohl eine Dummheit gesagt hatte, halb aus Scham, der +Sache wegen. + +"Ist das hier passiert, in diesem Holz?" fragte er. + +"Etwas weiter laengs." + +Sie zeigte mit der Hand nach links: + +"Im Schreiberholz; wissen Sie?" + +Er wusste. + +"Ob sie ihm nun wohl was tun?" meinte sie. + +"Wenn er es getan hat." + +"Moechten Sie das wohl sehen?" + +"Moechtest du das?" + +Sie besann sich einen Augenblick, waehrend ihre Augen sich vergroesserten. + +"Gitt e gitt," rief sie affektiert und wandte sich wie vor etwas +Entsetzlichem ab. Aber ihre Augen straften sie Luegen. Er merkte es wohl. +Aber das "Gitt e gitt" kam so komisch heraus, dass er lachen musste. + +Sie lachte ganz lustig mit, aus Lust am Lachen. Das war ihm gerade +recht. Was sprach er auch mit ihr von Mord und Hinrichtung. War das eine +Unterhaltung fuer sie? + +Er waelzte sich mit einer Schwenkung naeher und lag jetzt auf dem Bauche, +die Ellenbogen aufgestuetzt und, die Haende gefaltet. + +Sie hatte einen Himbeerfleck auf der Schuerze, und er machte sie darauf +aufmerksam. + +Sie verzog den Mund etwas. + +"Das macht nichts." + +"Und genascht hast du auch," fuhr er fort. "Da sieht man's." + +Er zeigte mit dem Finger nach einem Fruchtfleck auf ihrer linken Backe. +Sie bog sich zurueck und schlug nach seiner Hand. + +"Wo?" fragte sie und machte einen vergeblichen Schielversuch nach dem +Fleck. Er tupfte nochmal mit dem Finger nach ihrem Gesicht, und da sie +es nicht dulden wollte, fing er ihre Haende ein, hielt sie mit einer Hand +umklammert, richtete sich halb auf und beruehrte etwas unsanft mit dem +Zeigefinger die Stelle auf ihrer runden, weichen Wange. + +Sie kreischte auf und rang mit ihm. + +"Du Racker." + +Er hatte wirklich Muehe sie zu halten. Er lag auf den Knieen vor ihr. Auf +einmal riss er sie fest an sich und kuesste sie. + +Sie schrie auf und schnellte zurueck, als er sie los liess. Sie war mehr +erschrocken als gekraenkt, und sah mit einem etwas duemmlichen Lachen auf +ihre Schuerze. + +Ihre Schulmaedchenhaftigkeit machte ihn vor sich selbst laecherlich. Wie +kam er dazu, dieses Kind zu kuessen. Er fuehlte das Beduerfnis, sich vor +sich selbst zu entschuldigen. + +"Siehst du, das ist die Strafe," sagte er aufstehend. + +"Wofuer?" fragte sie patzig. + +"Fuer das Naschen." + +"Ach Sie!" + +Sie machte eine eigensinnige Schulterbewegung und rieb mit dem +Schuerzenzipfel, den sie unbedenklich mit der Zunge befeuchtete, den +Fruchtflecken auf ihrer Backe. + +"Na, adieu Kind," sagte er und reichte ihr die Hand. "Nun pflueck auch +fleissig." + +"Wollen Sie schon gehen?" + +Er sah in ihren Blicken, dass sie gerne gesehen haette, wenn er noch bei +ihr bliebe. Aber er nickte ihr freundlich zu und ging. + +Verdutzt sah sie ihm nach. Enttaeuschung malte sich auf dem huebschen +Kindergesicht, Unmut und Uebellaunigkeit. Und die Spitze des rechten +Daumens zwischen die festen weissen Zaehne geklemmt, stand sie noch eine +ganze Weile fast regungslos und sah mit grossen Augen in die Richtung, +wo er verschwand. + + + + +7. + + +Mutter Petersen stand vor der Haustuer und trieb Randers mit +Haendeklatschen zur Eile an. Er hatte sich verspaetet, sie warteten schon +auf ihn, die Suppe stand auf dem Tisch. + +Waehrend des Tischgebetes, das jeder leise vor sich hinsprach, sah er in +seinen Teller. Er hatte schon lange kein Tischgebet mehr gesprochen. Es +war ihm schon im Elternhause, wo es die Reihe herumging, zu einer leeren +Form geworden. + + "Liebster Jesu! sei unser Gast + Und segne, was du bescheret hast + Amen!" + +Gesegnete Mahlzeit! Auch so eine Redensart. + +Spaeter war es ihm geradezu gegen den Geschmack. Es war ihm wuerdelos, +unanstaendig, der unpassendste Augenblick, Gottes Wort oder nur seinen +Namen in den Mund zu nehmen, wenn in diesem Mund schon das Wasser +zusammenlief nach dem Braten, und der dampfende Kohl die Nase kitzelte. + +Aber anfangs hatte es ihn doch angeheimelt, das erste Mal und einige +Tage lang, als sie hier alle die Koepfe senkten und andachtsvoll auf die +gefalteten Haende in den Schoss sahen, bevor sie mit dem Loeffel in die +Suppe fuhren. Das war so patriarchalisch, schlicht und einfaeltig. Er +tauchte in diese einfaeltige Froemmigkeit mit unter, es kam ein Gefuehl des +Geborgenseins und des Vertrauens ueber ihn, wie im Elternhaus, und er +empfand einen grossen Respekt vor diesen einfachen Leuten. Aber zuletzt +war es ihm doch wieder komisch vorgekommen, dieses beinahe +marionettenhafte stumme Beten. + +Er hatte verstohlen beobachtet. Der Schullehrer machte es einfach, +still, fast demuetig. Es lag eine gewisse Wuerde in seinem Tun. Aber +Mutter Petersen machte es mit einer gewissen Ostentation, ruckweise, mit +strammen, kurzen Bewegungen, gleichsam taktmaessig, im Paradeschritt vor +ihrem Herrn und Heiland. War sie fertig, griff sie sofort munter zum +Loeffel, waehrend ihr Eheherr auch darin eine gemessene Wuerde bewahrte, +langsam, zoegernd nach dem Loeffel langte, als schaeme er sich, Profanes +und Heiliges so unvermittelt an einander zu koppeln. + +Christine machte es nach Kinderart, gruendlich, als sagte sie alle Gebete +her, die sie wusste. Aber ihre Augen gingen dabei verstohlen von einem +zum andern, und nie hoerte sie vor den Eltern zu beten auf. + +Heute sass sie verlegen vor ihrem Teller. + +Randers wusste warum. + +"Es war sehr jungshaft von dir," dachte er. "Wie konntest du dieses +Gaenschen da kuessen." Er schaemte sich. + +Nach Tisch lag er wieder auf der Bank unter den Buchen. Da lag er +lange, erst im Halbschlaf, die Stimmen der Schulkinder hoerend und das +Geklapper ihrer Holzpantoffeln. Der Lehrer klatschte in die Haende, das +Signal, womit er den Anfang der Schulstunde verkuendete und die Saeumigen +von der Landstrasse und dem Spielplatz hinter dem Schulhause in die +Klasse rief. Randers versuchte etwas zu lesen, fiel aber wieder in den +dumpfen Zustand zwischen Wachen und Traeumen zurueck, bis er sich +gewaltsam aufraffte und die Muedigkeit abschuettelte. + +Er steckte sich eine Cigarre an und begann in sein Notizbuch zu +kritzeln, Verse, die er den ganzen Morgen mit sich herumgetragen: + + Umzwitschert rings von muntern Vogelscharen, + Steht mir vor Augen einer Laube Bluehen, + Und vor dem Tische unter goldnen Haaren + Seh flutentief ein Auge ich ergluehen. + Was trieb es mich, mit Glueck und Stern zu sparen + Und mich zu weihen toerichtem Bemuehen? + Nun schuere ich in Aschen, die vor Jahren + Geglueht, und seh sie in die Winde spruehen. + +Er hatte wieder die Sicilianenwut. Eine ganze Reihe von diesen Dingern +hatte er in der letzten Woche hingekritzelt, mit Blei, in kaum lesbarer +Schrift. Es stand alles bunt durcheinander! Einfaelle ueber Kunst und +Literatur, Schuldenberechnungen, Waeschenotizen, und allerlei +gleichgueltige Aufzeichnungen fuer den Tag. Manchmal war ein kraeftiges +Urteil quer darueber geschrieben, wie: Unsinn! Bloedsinn! Gewaesch! + +Randers hatte eigentlich Notizen fuer Gerd Gerdsen machen wollen an +diesem Nachmittag. Aufzeichnungen aus seiner Jugendzeit. Aber er wollte +es nun lieber bis morgen lassen. Es traeumte sich so nett hier. + +Vom SchuelhauseSchulhauselangen abgerissene Toene eines Kirchenliedes, +helle Kinderstimmen, und ab und an der harte, heisere Bass des Lehrers. + + + + +8. + + +Abends kam ein Gewitter. Es war schnell heraufgezogen. Aus der alten +Wetterecke hinter dem Schulhause und dem Lehreracker, wo die Wildkoppel +und das Fuerstenholz in einem stumpfen Winkel zusammenstiessen, kam es +her, eine schwarze Wand, die sich gleichmaessig vorschob. Eben hatte noch +die Sonne hinter dem Fuerstenberg ein rotes Feuer angezuendet, und jetzt +war alles finster. Eine unheimliche Stille. Kein Blatt ruehrte sich. +Alles war wie verstummt und erstarrt vor Angst. Dann ein dumpfes +Grollen, einmal, langhinrollend, dann Tropfen, zoegernd, schwer +auffallend, gleichsam versuchsweise. + +Randers lag in seinem Zimmer auf dem Sofa und sah durch das offene +Fenster auf die dunkle Landstrasse. Draussen zerrte der Schullehrer +seine beiden Kuehe hinter sich her. Die Ketten klirrten und die schweren +Holzpfloecke schleiften ueber den Kies des Gartens. + +Dann kam der erste Blitz und ein heller, knatternder Donner. Und die +Holunderbuesche im Garten legten sich fast ganz auf die Seite und die +Fensterfluegel ruettelten in den Angeln und eine Tuer schlug zu. + +Und dann rauschte der Regen herab. War das ein Platschen und Klatschen, +und Spritzen und Tropfen, von allen Zweigen, von der Dachrinne, vom +Gesimse. Drueben warf der Wind die Kronen der hohen Buchen hin und her. + +"Wie ein Schiff im Sturm," sagte Randers. Und er sah dieses Schiff, sah +es ganz deutlich. Es war ein grosser Dampfer. Die Wellen stuerzten aufs +Deck. Die Masten krachten, er sah die entsetzten Passagiere, hoerte ihr +Schreien. Und er sah den Kampf um die Rettungsguertel. + +Aber das alles verlor sich, verwirrte sich ihm in ein undeutliches +Gewimmel. Klar sah er nur den Kapitaen auf der Bruecke. Der ist blass bis +unter die Muetze, die mit dem Sturmband unterm Kinn befestigt ist. Aber +wie aus Erz steht der Mann da, festgeklammert mit der Eisenfaust an dem +Gelaender der Kommandobruecke. Jetzt beugt er sich nieder. Er kritzelt +etwas auf ein Blatt Papier, reicht es dem Lotsen. Der winkt ihm mit +heftigen, ueberredenden Gebaerden. Er schuettelt den Kopf, er will nicht +weichen. Nicht vom Platz! + +"Der Held! Der Held der!" + +Randers rief es ganz laut. Er gluehte vor Aufregung. Koennte er da oben +stehen. Sein Leben dafuer! + +Bis zum letzten Atemzuge da oben, einen letzten Gruss an Weib und Kind, +und hinein in den bruellenden, schaeumenden, herrlichen Mannestod. + +Randers sass aufrecht auf dem Sofa und starrte wie geistesabwesend in +die Blitze und auf die sturmgepeitschten Baeume, als Mutter Petersen ins +Zimmer stuerzte und um Christine jammerte. Sie sei nach Schoenfelde +gegangen, um etwas vom Kraemer zu holen. Nun sei sie gewiss bei dem +Unwetter unterwegs. + +"So'n Goer is ja zu dumm!" + +Randers sprang auf, er wollte der Kleinen entgegen. Mutter Petersen +wollte das nicht dulden. + +"Nein, mein Mann soll. Aber wo is er nur? Er wird bei's Vieh sein!" + +Aber Randers war schon draussen. Sie lief ihm nach, ob er denn keinen +Schirm mitnehmen wolle. Aber er hoerte nicht, er lief nur immer darauf +los. + +Was hatte er auch da auf dem Sofa zu liegen. Warum war er nicht gleich +hinausgelaufen? + +Er atmete in tiefen Zuegen die feuchte Luft, liess sich den Regen auf die +feuchten Wangen klatschen und den Wind um die Ohren sausen. + +Welch ein, Aechzen und Knarren und Sausen und Donnern in den alten Buchen +und Eichen, Ja, das war Musik, die er liebte. Er vergass vor lauter +Lustgefuehl beinah, weshalb er eigentlich hier bei dem Unwetter die +Landstrasse entlang lief, beinahe wirklich lief, als gaelte es ein +Unglueck zu verhueten. Er stuermte nur immer gerade aus und dachte nichts +anderes als: wie koestlich, wie ganz koestlich! + +Bis er auf Christine traf. Na, ja, das war's ja! Die Kleine war also +doch unterwegs. Aber sie hatte sich unter ein Nussgebuesch gefluechtet. +Sie hatte den roten Rock von hinten ueber den Kopf genommen, und vorne +aufgehoben und ihre Kraemerpakete hineingewickelt, um sie vor dem Regen +zu schuetzen. So machte sie eine wunderliche Figur in dem groben, grauen +Wollunterroeckchen, Ihr erhitztes Gesicht lugte nur eben aus der +kuenstlichen Kapuze hervor, so sehr hatte sie sich eingemummelt. + +Ihre grossen schwarzen Augen blitzten auf, als sie Randers gewahrte. + +"Nein, aber, wo wollen Sie denn hin in diesem Wetter? Sie werden ja +ganz nass!" + +"Ich will dich holen, sie aengstigen sich schon um dich." + +"Was 'n Unsinn!" + +Er stand neben ihr, triefend. + +Was nun? Er haette doch lieber einen Schirm mitnehmen sollen. Jetzt +wurden zwei nass. Aber sie hatte doch Begleitung, Schutz. Wovor? Sie sah +nicht aus, als ob sie sich fuerchtete. + +Sie sagte nichts weiter, sie schien noch immer in der Erinnerung an die +kleine Geschichte vom Vormittag verlegen zu sein. + +"Wir koennen hier doch nicht stehen bleiben," meinte er. + +"Aber es regnet ja noch so." + +Da fiel ihm ein, dass er sie mit unter seinen Regenrock nehmen koennte; +sie reichte ihm gerade bis zur Achselhoehle. Das kam ihm so lustig vor. +Er sagte es ihr. Sie wollte nicht, sie zierte sich, obwohl sie Lust dazu +hatte. Das sah er ihr an. + +"Dummes Zeug! komm! Du wirst ja bis auf die Haut nass. So. Nimm meinen +Arm." + +Sie wehrte auch nicht laenger ab, sondern lachte herzlich ueber diesen +Spass. + +"Aber Sie machen so lange Schritte," sagte sie, bemueht, mit ihm Takt zu +halten. + +Er passte sich ihren Trippelschritten an, und so stapften sie etwas +unsicher unter einem Mantel auf der nassen Landstrasse hin. Sie sprach +vom Wetter, wie schrecklich es regnete, wie schoen die Blitze seien, und +wenn ein besonders lauter, krachender Donner folgte, meinte sie: das hat +gewiss eingeschlagen. + +Ihm war es wunderlich zu Mut mit dem jungen Ding allein auf der +stuermischen Landstrasse. Er hatte der Bequemlichkeit wegen seinen +rechten Arm um ihren Nacken gelegt. Er fuehlte jede Bewegung des jungen, +lebenswarmen Koerpers. Eine keusche Zaertlichkeit ueberkam ihn. Er war +jetzt ihr Beschuetzer. + +"Geht's so? Gehst du auch trocken?" + +"Wunderschoen!" + +Er fuehrte sie vorsichtig um jede Pfuetze herum, so dass sie ueber seine +aengstliche Vorsorge lachte. + +"Ich hab doch schon nasse Fuesse." + +"Das geht aber nicht." + +"Das macht mir nichts." + +Ihr huebsches Gesichtchen lachte aus seinem schwarzen Gummimantel heraus. + +"Kiek! Seh ich nicht gelungen aus?" + +Ob sie gar nicht mehr an den Kuss dachte? + +So brachte er sie leidlich trocken nach Haus. + +Nachher konnte er nicht einschlafen, trotzdem die Fenster offen standen +und die kuehle, nach dem Gewitter erquicklich erfrischte Luft ins Zimmer +Hessen. + +Ihm war sonderbar schwuel zu Mute. + +Als er endlich einschlief, aengsteten ihn wirre Traeume. + +Er sieht immer Christinens schwarze Augen mit einem seltsamen Ausdruck +auf sich gerichtet. Immer starren sie ihn an, zum Verruecktwerden! Er +schlaegt danach, er stuerzt sich auf sie. Er packt sie am Hals, sie +laechelt, er wuergt sie wie wahnsinnig und empfindet dabei eine namenlose +Angst. + +Und dann ist es nicht Christine, die er gewuergt hat, sondern die graue +Dame vom Steg, sein Gespenst! Sie liegt ganz blass vor ihm, mit +geschlossenen Augen, wie eine Wachspuppe. Er dreht sie um wie einen +leblosen Gegenstand; sie hat lederne Beine und lederne Arme. Es ist die +Puppe seiner Schwester. + +Und dazu blitzt es unaufhoerlich. + +Und dann tritt jemand zu ihm und sagt ihm, er muesse jetzt nach oben +kommen, es waere hoechste Zeit, das Schiff wuerde gleich sinken. Und er +stuerzt nach oben, stoesst die Knie an den harten messingbeschlagenen +Stufen der schmalen Kajuetentreppe. Und oben steht der Kapitaen auf der +Kommandobruecke und schreit ihm etwas zu, schreit wie wild und zeigt +immer mit hastigen Stoessen nach seinen Haenden. Randers sieht seine +Haende an, die sind ganz rot, ganz rot von Blut. Er erschrickt. Nun +stecken sie dich ein. + +Und das alte bloede Gesicht Vater Mumms taucht vor ihm auf und sieht ihn +mit den halberloschenen Augen so traurig und vorwurfsvoll an. + +Und eine entsetzliche Angst packt ihn, eine wahnsinnige Angst. Er will +fliehen und kann nicht. Jemand haelt seine Beine umklammert. + +In Schweiss gebadet wachte Randers auf, Der Mond stand noch fast auf +derselben Stelle ueber dem Buchenportal. Randers konnte nicht lange +geschlafen haben, keine Viertelstunde. + +Diese wuesten Traeume. Wie sich das alles durcheinanderwirrte! + +Und nun gar dieser Mord! Welche wahnsinnige, boshafte Freude hatte er +dabei empfunden, als er diesen weissen Hals wuergte, dass diese dummen, +glotzenden schwarzen Augen weit aus ihren Hoehlen traten. + +Ihm schauderte. Lag das wirklich in ihm? Koennen Traeume etwas in uns +hineintragen, holen sie nicht nur aus uns heraus? + +War es nur die Mummsche Geschichte, die diesen Traum ausloeste? + +Ausloeste? + +Also mussten Mordgelueste in ihm verborgen sein! + +Er meinte nicht ausloesen, er meinte es anders. Es war natuerlich nichts +als ein Erinnerungsbild. Aber er hatte doch etwas empfunden dabei, und +so intensiv wie kaum je beim Wachen. + +Es liegt in uns allen, wir haben alle diese Mordgelueste in uns. Und er +glaubte jetzt auch zu verstehen, warum der junge Mumm seine Geliebte +ermordet hatte. Wenigstens verstand er die Moeglichkeit, wenn auch noch +nicht das Motiv. + +Und er lag und gruebelte weiter nach, verbohrte sich hartnaeckig darin. + +Und zuletzt kam es ihm doch wieder zu raetselhaft vor. + +Oder konnte Liebe in ploetzliche Mordlust umschlagen? Ja, gewiss! Ein +ganz bestimmtes Gefuehl bejahte das in ihm. Aber die Faeden bloss legen, +wie sich das zusammenspinnt. Die allmaehlichen Uebergaenge. Es geschieht da +nichts sprungweise. + +Ein Weib aus Liebe zu Tode peinigen! + +Er schlief zuletzt wieder ein ueber diese Gruebeleien. + + + + +9. + + +Am folgenden Tage waren alle Wege aufgeweicht. Auf der Landstrasse +standen grosse Pfuetzen, und im Garten, gerade vor der Haustuer, hatte +sich ein kleiner See gebildet. + +Als Randers, halb angezogen, durchs offene Fenster die erquickende +Morgenluft einatmete, sah er Christine vor diesem See stehen und ihren +Holzpantoffel mit der Spitze des Fusses wie einen Kahn uebers Wasser +lenken. Sie war ganz vertieft in diese kindliche Unterhaltung, so dass +sie das Kommen der Mutter nicht hoerte. Auf einmal hatte sie eine +kraeftige Ohrfeige weg. Es war Randers, als haette er sie selbst bekommen. + +"Verdammte Deern, das sag ich aber Vater. Das is doch rein zu arg!" + +Randers trat bei diesen Scheltworten vom Fenster zurueck. Dann hoerte er +Weinen und das Klappern sich entfernender Holzpantoffel. + +Wie konnte man ein so grosses Maedchen noch schlagen. Er war erbost +darueber. + +Am Kaffeetisch war er wortkarg vor Aerger. Christine nahm nicht teil am +Fruehstueck, sie erhielt ihre Milch und ihr Brot wie immer in der Kueche. + +Nachher traf er sie auf dem Hofplatz. Sie stand hochaufgeschuerzt, mit +blossen Armen, und scheuerte die Milcheimer mit einem kurzen Reisbesen. +Sie war heiss von der Arbeit und ihre Backen gluehten. Sie gruesste ihn +sehr verlegen und sah kaum auf von ihrer Arbeit. + +Er hatte den wunderlichen Gedanken, auf welche Backe sie wohl den +Schlag empfangen haette. + +Ein richtiges Ohrfeigengesicht, dachte er. + +Sie kam ihm so "tumpig" vor, wie sie so verschaemt dastand. Und er +empfand gar nichts fuer sie. + +Den Vormittag benutzte er zum Briefschreiben. So sehr er das feuchte +Wetter liebte, diese Wege waren ihm doch zu kotig. Vielleicht war's am +Nachmittag besser, wenn die Sonne ihre Arbeit getan hatte. Sie stand +hell am Himmel und trank die Feuchtigkeit der Luft. Ein leichter Dampf +lag ueber dem Lehrersacker, ueber der Waldwiese, die mit einem Zipfel den +Landweg beruehrte, und ueber der feuchten, schwarzen Gartenerde, den +Reseda-, Astern- und Stiefmuetterchenbeeten. + + + + +10. + +(Tagebuchblaetter.) + + +Heute an Gerdsen geschrieben, wegen des Romans. Eigentlich eine +schnurrige Idee. + + * * * * * + +Mit Petersen beim Lehrer in Suessen gewesen. Unterwegs der jungen +Komtesse von Rixdorf begegnet. Lenkte selbst ihre Ponies. Sah leider +nur ihren Ruecken. + +Wer auch so fahren koennte! + +In Suessen Kaffee und Kuchen. Junge, leidlich huebsche Frau, sauber, +appetitlich. + +War auch ein "Gemeinderat" da, ein Ziegeleibesitzer und Hufner, ein +gutmuetiger Riese. Streit ueber das neue Gesangbuch. Die Lehrer waren +dafuer. + +Der Suessener war fuer die neuen, frischeren Melodieen. Er spielte ein +paar auf dem Klavier. Eine klang wie ein Jaegerlied. Der Koloss polterte +dagegen. Die Bauern wollten kein neues Gesangbuch, wollten sich das alte +nicht nehmen lassen. Es ist so lange gut gewesen, in Freud und Leid, ist +ein Stueck ihrer Seele geworden. Woraus ihre Eltern und Grosseltern und +Urgrosseltern Trost und Erbauung geholt, auf einmal sollte das nicht +mehr gelten? + +"Ne min Gesangbook lat ik mi nich nehmen. Ik lat mi nich voerschriewen, +wat ik singen und beeden schall. Doran lat ik mi nich roegen. Dat is min +Religion. Wat waer dat foer'n Religion, de man so quantswies alle fif Johr +mal aennert warden kuennt! Haew ik recht?" + +Ich hatte den Mann lieb in seinem beschraenkten Eifer. Ja, daran soll man +nicht ruehren, oder es faellt alles zusammen. So was muss alt sein, +ehrwuerdig, durch jahrhundertlange Tradition geheiligt. Das Neue ist den +Leuten nichts. Bibel und Gesangbuch muessen auch aeusserlich alt sein, +abgegriffen, blank von vielem Gebrauch, stockfleckig und gesaettigt mit +dem Parfuem von Familien- und Krankenstuben. + + * * * * * + +Bin ich nicht eigentlich ein Erzreaktionaer? Adel und Kirche. Obgleich +ich im tiefsten Grunde (luege nicht, Randers!) an diese frommen Dinge +nicht glaube. Aber man ist heute so huebsch isoliert damit, so huebsch in +der Minoritaet. Und Minoritaet ist vornehm, ist aristokratisch. Majoritaet +ist der Poebel. + +Ich koennte aus Opposition gegen den Poebel in das letzte Kloster gehen. + +In andern Zeiten wuerde ich wahrscheinlich Freigeist sein, aus +Opposition, aus angeborenem Beduerfnis, mich von der Masse abzusondern, +aus aristokratischen Instinkten. Ich koennte Demokrat werden aus +Aristokratismus. Unsinn! Na! + + * * * * * + +Heute Nacht von Berta getraeumt. Ich habe sie doch lieb gehabt. Es war +nicht nur, weil sie sich schick zu kleiden wusste und ein so damenhaftes +Benehmen hatte. Sie war so durch und durch anstaendig und so ruehrend in +ihrem tapfern Kampf. Eine junge, huebsche Direktrice mit kaerglichem +Gehalt, ohne Familienanschluss, in einer Stadt wie Hamburg. Man weiss, +was das sagen will. Und sie war in einem juedischen Geschaeft angestellt. +Nicht, dass sie jemals geklagt haette. Im Gegenteil. Aber ich habe nun +mal diese Animositaet gegen Israel. Sie lachte mich oft deswegen aus. + +Sie war eine vornehme Natur und ein Labsal nach all diesen Paulas und +Ellas und Friedas, bei denen ich meine Gefuehle fuer das Weib "an den Mann +zu bringen" suchte. + +Sie hatte sogar Maessigkeitseinfluss auf mich. Es war meine +Temperenzlerperiode. Aber da ich sie nicht heiraten konnte, verlangte +sie zuletzt Schluss. Entweder, oder! Und ich konnte sie nicht heiraten. +Es waere ein Hungerleben geworden. Eine der Ehen, die nichts sind, als +ein langsameres oder schnelleres, aber immer sicheres und qualvolles +Hinsiechen der Liebe. + +Sie sah das ein. Ohne Vorwurf, ohne Klage reiste sie ab. Ein Charakter, +eine vornehme Seele. Eine Aristokratin! + +Dieses Denkmal hast du verdient, Berta! + + * * * * * + +Wie wohl fuehl ich mich allmaehlich in diesen einfachen Verhaeltnissen +hier, und taeglich wird mir klar, was mir in der Stadt wie ein Strick um +den Hals lag und schnuerte und schnuerte. Es ist die ganze widerliche Luege +jenes Lebens und Treibens. + +Hier ist alles auf Wahrheit gegruendet, auf Natur. Nichts ohne Zweck, und +der Zweck ehrwuerdig, weil notwendig und natuerlich. Hier hat jeder noch +ein Verhaeltnis zu seiner Arbeit, ist mit ihr verwachsen. Was hat der +Kaufmann, der Kraemer, fuer ein Verhaeltnis zu seiner Ware? Sie ist ihm nur +Mittel Geld zu machen; bringt ihm die schlechte mehr ein, ist sie ihm +lieber als die gute. + +Und diese ganze Vermittlergesellschaft, die ihr Brot durch Laufen und +Schwatzen verdient. Diese ganze, hohle, windige Gesellschaft. Wie lob +ich mir den Handwerker, der mit seiner Arbeit, seinem Topf, seinem +Schmiedewerk, seinem Stuhl, ein Stueck seines Ichs hingibt, des +erhaltenen Lohnes wuerdig! Da haengt Schweiss daran, Liebe, Freude, Ehre. + +Und hier der Bauer! Welche Tuechtigkeit, welche Natuerlichkeit, welche +innere urheilige Notwendigkeit in all seinem Tun. Der Adel der Arbeit! + +Und dann sind hier keine Juden. + +Juden und Sozialdemokraten, die haben jetzt das grosse Wort. +Scheidewasser! Zersetzende Elemente. Ohne Produktivitaet. Waere Gott ein +Jude, waere die Welt nicht. Ein Jude kann kein Gott sein. Der Jude hat +Witz, ein Gott nie. Ein witziger Gott! Ein goettlicher Witz! Widerspruch +in sich. + + * * * * * + +Ihr verdreht dem Volk nur die Koepfe. Bildung in die Menge bringen! Eure +Art "Bildung". Die Menge kann immer nur halbgebildet sein, und +Halbbildung ist gar keine Bildung, ist schlimmer als Unbildung. Die +Halbbildung glaubt alles zu verstehen, ist duenkelhaft. Und sind wir +nicht ganz zerfressen von dieser "Bildung". Ueberall, in Literatur Kunst, +Gesellschaft? Jeder schwaetzt ueber jedes! Wo ist Ehrfurcht, Schweigen, +Bewunderung, Freude? + +Alles, das Hoechste und Groesste wird auf das Allerweltsniveau von Mueller +und Schultze herabgeschwaetzt, und der Ladenjuengling spricht von Darwin +und Ibsen mit derselben Zungengelaeufigkeit wie von der neuesten Mode und +dem grossen Preis von Hamburg. + +Wie kocht es in mir, hoer ich so ein Daemchen ueber die neueste Richtung +raesonieren, oder so einen Kraemerkommis ueber die moderne Malerei. Rede +einmal so dumm weg ueber ihre Ware, ihre Stiefel, ihre Seidenstruempfe, +gleich verklagen sie dich beim Staatsanwalt, dass du sie diskreditierst, +ihr Geschaeftchen schaedigst. Aber die Kunst, die Literatur, die sind +vogelfrei, da kann jeder Hans Narr seinen Mist darauf werfen, dem +Dichter, dem Maler, dem Musiker seinen guten Namen nehmen, seinen Ruf, +sein Brot. + +Und sie wagen sich an alles, diese "Gebildeten!" + +Es gibt ueberhaupt gar keine Bildung mehr. Es gibt nur Vielwisser, +Halbwisser und--Alleswisser natuerlich. Ausserdem die Dummheit. Und nur +unter den "Dummen" trifft man ab und an mal ein paar Gebildete. + + * * * * * + +Gestern rote Gruetze, heute rote Gruetze, morgen rote Gruetze, rote Gruetze +in alle Ewigkeit. Amen! + +Das Leben geht hier seinen hoellisch gleichmaessigen Gang. + + * * * * * + +"Wat schall all dat Lihren, Herr. Wenn se sik man foer't Fueer wohren und +sik man in acht naehmen, dat se nich int' Water lopen, wat brukt se mehr +to weten. All koent wie doch nich klook waren." + +Hest recht, oll Juers. Wat schall all dat Lihren. + + * * * * * + +Petersen bat mich, keine Pfennige wieder in die "Grabbel" zu werfen. + +"Das v--v--verdirbt die Kinder nur." + +Er hat recht. Aber ich hatte diabolisches Vergnuegen daran, wie sie sich +balgten, uebereinanderkollerten, Buben und Maedel im Staub der +Landstrasse. Wie die Hunde um einen Knochen. + +Vor zwei Jahren--ich warf mal Bonbons vom Wagen herab, unter die +Dorfjugend. Koestlich! Aus dem Staub, dem Schmutz in den Mund. Brrr! + +Muessen wir nicht alle unsere kleinen Freuden und Suessigkeiten aus dem +Schmutz klauben? Und die groesste Suessigkeit (?), die Liebe, ist sie +nicht eine Sumpfpflanze?-- + +Gott muss keinen Ekel kennen. + + * * * * * + +Petersen fragte mich heute zum drittenmal, ob ich noch nicht auf dem +Aussichtsturm gewesen sei, auf dem Fuerstenberg. Aber zum Teufel, ich +will da nicht hinauf. Ich hasse Aussichtstuerme und jede Art Kletterei, +um moeglichst viel auf einmal zu sehen. + +Wenn es noch ein Leuchtturm waere. Oder meine alte Pappel zu Hause. + +Aber da ist es nicht der Aussicht wegen, weshalb ich da hinaufsteige. +Die Poesie des Leuchtturms, wenn draussen der Sturm tobt und die Voegel +gegen die Laterne stossen. Was soll ich hier sehen? Wald und Feld und +wieder Wald und Feld, Kuehe, Schnitter, Erntewagen. Immer dasselbe. Von +einem Knick zum andern. Und das ganze laeuft nur darauf hinaus, dass man +so weit sehen kann, so weit, bis nach Luebeck hin. Und dann die Herzen +und Pfeile, und die Muellers und Lehmanns. Vielleicht noch gar ein +Fremdenbuch mit albernen Versen. + + * * * * * + +Ich sehne mich ein Bad zu nehmen, in der offenen See. Darueber geht doch +nichts. Nackt dem Element hingeben. Direktestes Naturgefuehl, Einsgefuehl +mit der Natur! + + * * * * * + +Diese dumme Kuesserei! Es kam so ueber mich. Und so tolpatschig, wie nur +ich bei solchen Sachen bin. Eine ganz unschuldige Regung der +Zaertlichkeit. + +Mancher kuesst im Vorbeigehen jedes Maedel, das ihm gerade gefaellt, und +sie lachen beide und denken sich weiter nichts dabei. Es ist alles so +naiv, harmlos, wie Blumenpfluecken. Bei mir wird immer eine Haupt- und +Staatsaktion daraus. Ich bin zu schwerfaellig, nicht leichtherzig, nicht +leichtsinnig genug. + +Meine onkelhaftesten Regungen und Handlungen unterliegen der +Missdeutung. + +Haette ich uebrigens geahnt, dass die Kleine auf einen Kuss so +reagierte--und ihr Platz auf der Schulbank ist noch warm. + + * * * * * + +Ich kann uebrigens jetzt an sie denken, ohne dass mir diese roten Flecken +vor den Augen schimmern. Sollte das doch tiefer gelegen haben? Eine +etwas umstaendliche Art, mich zum Kuss zu bringen. Die Natur waehlt sonst +kuerzere Wege, um zu ihrem Willen zu kommen. + + * * * * * + +Heute Nacht wieder diese wuesten Traeume. Es ruehrt doch daher. Naturam +expellas furca ... + +Ich habe zu lange gefastet! + +Uebrigens die Mummsche Geschichte--alles schon dagewesen! Er wollte sie +keinem andern mehr goennen. Es war genug, dass er mit der andern +ungluecklich war. Auch das noch ertragen, die Geliebte im Besitz eines +anderen zu wissen, eines Gluecklicheren, das ging ueber sein Vermoegen. + +Es ist doch etwas Herrliches um solche Kraft und Leidenschaft! Wir +zahmen, moralischen Schwaechlinge resignieren lieber, ehe wir auch nur +einen Tropfen Blutes vergiessen. + +O, nur einmal einer solchen Leidenschaft faehig sein: Aber das wird uns +nur einmal im Traum beschert. + +Meine graue Dame vom Steg habe ich hoffentlich fuer immer abgewuergt. +Diese Empfindung, als ich ihren Hals zwischen meinen Fingern hatte. Ein +Kuss ist nur ein Glas Wasser dagegen, und jede andere Art Wollust. + +Armer Mumm! + +Man muss den Gespenstern nur ueber den Hals kommen, allen Arten +Gespenstern. Sie sind schliesslich alle nur Puppen, mit Saegespaenen +ausgestopft, und wenn man sie um den Leib fasst, quietschen sie. + + * * * * * + +Uebrigens zur Notiz fuer Gerdsen: + +Ich sah bei einem Uebergang ueber einen schmalen Wassergraben eine Dame +auf dem Steg stehen. Ganz in Grau gekleidet. Sie starrte ins Wasser ohne +mich zu bemerken. Es war ein trueber, nebliger Novembernachmittag. Das +Bild praegte sich mir wunderlicher Weise so ein, dass es mich schlafend +und wachend verfolgte. Seltsamste Hallucination. Oft, in aufgeregtem +Zustand, oder in Traumstimmung, zur Daemmerzeit sah ich sie manchmal vor +mir, zum greifen; ich habe mich in das Gespenst verliebt, mit einer Art +Graeberliebe, Gruselliebe. + +Sie hatte mich uebrigens lange nicht besucht. Heute Nacht war sie wieder +da. + +Ob sie nun tot ist? + + + + +11. + + +Randers ging am Nachmittag mit dem Lehrer zum Aussichtsturm. Petersen +liess ihm keine Ruhe mit dem "verdammten" Turm. + +Der Waldhueter, der seine Wohnung am Fusse des alten runden Granitbaues +hatte, bewahrte die Schluessel. Der Mann stand vor der Tuer und klopfte +einer zierlichen schwarzen Stute schmeichelnd den schlanken Hals. Ein +hochbeiniger Fuchshengst legte seine Nase auf den Hals der Gefaehrtin und +schnupperte, als wuensche er an den Liebkosungen teilzunehmen. + +"Der Graf ist oben," sagte Petersen. + +"Darf man denn hinauf?" fragte Randers. + +"Ei gewiss!" + +Randers brannte vor Neugier, den Grafen kennen zu lernen. Der +Damensattel auf der Stute kuendigte auch die Anwesenheit der Komtesse an. + +Randers nahm unwillkuerlich eine strammere Haltung an, knoepfte seinen +Rock zu und rueckte nervoes an seinem Kneifer. + +"Wollen Sie mich bitte vorstellen," bat er. + +"Liebenswuerdiger Mann, gar nicht hoch--m--m--muetig," sagte Petersen. + +Oben trafen sie einen Herrn von ungefaehr fuenfzig Jahren, in leichtem +hellen Reitanzug. Er betrachtete durch einen kleinen Feldstecher die +Landschaft und wandte sich nur laessig, kaum das Glas von den Augen +absetzend, der Treppe zu, als Randers und sein Begleiter die Plattform +betraten. + +"Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle," dachte Randers und musterte die +schlanke, vornehme Gestalt des Grafen mit neugierigen und befriedigten +Blicken. + +Wo mochte aber die Dame sein? Die Stute trug doch einen Damensattel! + +Die letzte kuppelartige Kroenung des Turmes, zugleich die Bedachung der +Treppe, ueberragte die Plattform noch etwas und mochte die Komtesse +verdecken. Oder war sie ueberhaupt nicht mit hinaufgestiegen? + +Der Lehrer trat mit einem tiefen Bueckling an den Grafen heran. + +"Guten Tag, Herr Graf. Wundervoller Blick heute." + +Er kam ohne Anstoss ueber die Anrede hinweg. + +"Ah, Sie sind es, mein Lieber." + +Der Graf reichte ihm die Hand und machte Randers eine leichte +Verbeugung. + +"Die Aussicht ist keineswegs wundervoll heute," sagte er. "Die +Feuchtigkeit, der Dunst in der Luft." + +"Ja, ja, zu f--feucht, Herr Graf, zu dicke Luft," beeilte sich Petersen +zuzustimmen. + +"Mein Name ist Randers," schnarrte sein Begleiter und verbeugte sich +gegen den Grafen. + +"Herr Dr. Randers," wiederholte Petersen hastig, als haette er ein +wichtiges Versaeumnis gut zu machen. + +"Sehr angenehm. Zum Besuch hier in unserer Gegend? Ich meine gehoert zu +haben, Ihr Gast, lieber Petersen, nicht wahr?" + +"Sehr schoen, sehr schoen," fuhr er mit einer gewissen, gleichgueltigen +Lebhaftigkeit fort. + +"Wie gefaellt es Ihnen bei uns? Schoenes fruchtbares Land." + +Er zeigte mit einer ausholenden Armbewegung auf das Panorama. Er wartete +keine Antwort ab, sondern nahm das Glas wieder vor die Augen und sah den +Horizont ab. + +Diese kurze, zwar freundliche, aber doch abweisende Art gefiel Randers; +so war es recht, so war es aristokratisch, immer zehn Schritt vom Leibe, +immer reserviert. + +Aber wo blieb denn die Dame? + +Er blickte sich bestaendig um, ging einige Schritte weiter, aber umsonst. + +Wahrscheinlich ging sie immer vor ihm auf, in derselben Richtung. + +Am besten ist es, du bleibst stehen, dachte er. Ist sie hier oben, wird +sie schon zum Vorschein kommen. + +Aber Petersen zupfte ihn am Arm. + +"Sehen Sie dort die Ostsee dahinten?" + +"Ja," sagte Randers, sah aber nichts. + +"Und das ist Ploen, sehen Sie? Nein, hier, grad ueber meinen Stock." + +"Ja, ja, ich sehe," log Randers. + +Was war ihm Ploen! Er wollte die Komtesse sehen. Die Stute hatte doch +einen Damensattel. + +"Papa!" rief mit einmal eine volle, tiefe Maedchenstimme. Eine schlanke +Gestalt in enganliegendem schwarzen Reitkleid kam um den Kuppelaufsatz +herum, stutzte, als sie Randers sah, und machte Kehrt. + +"Die Komtesse," belehrte Petersen. + +Randers ging sogleich anders herum. Er wollte sie sehen. + +Was hatte dieses Maedchen fuer eine Stimme! + +Die Komtesse stand neben ihrem Vater und schien etwas sagen zu wollen, +aber durch Randers gestoert, sah sie auf, ihm gerad ins Gesicht. Ein +fluechtiger, musternder Blick. + +Randers zog den Hut sehr tief und sah fragend den Grafen an. + +Wirst du mich vorstellen? + +Aber der Graf stellte ihn nicht vor, die Komtesse trat einen Schritt +zurueck: bitte, wenn's beliebt, mein Herr. Die Passage ist frei. + +Er musste wirklich voruebergehen, musste wieder um den Turm herumgehen +und sich von Petersen die Luebecker Tuerme zeigen lassen. Nicht ein Wort +war ihm eingefallen, womit er eine Unterhaltung haette anknuepfen koennen. +Da er dem Grafen vorgestellt war, haette er es ungezwungen wagen duerfen. +Aber was sollte er diesen Augen gegenueber sagen? Augen, die zu dieser +Stimme passten, Augen mit demselben vollen, tiefen Klang. Augen wie ein +norwegisches Berglied. + +"Sie hat eine norwegische Stimme und norwegische Augen," sagte er zu +Petersen. + +Der Lehrer sah ihn verstaendnislos an und laechelte: + +"Norwegische Augen?" + +"Ja, Fjordaugen," erklaerte Randers. + +In diesem Augenblick ging die Komtesse mit den norwegischen Augen und +der norwegischen Stimme an ihnen vorueber. Der Graf folgte und nickte, +seinen Hut lueftend, freundlich Abschied. + +Und Randers hoerte die Schleppe des schwarzen Reitkleides die Steinstufen +hinabrauschen, hoerte von unten herauf noch einmal kurz ihre volle, +riefetiefeme, ein Lachen, und horchte angestrengt nach dem Hufschlag +der Pferde. Aber der weiche Waldboden verschlang den Laut. Nur einmal +klang ein kurzes, helles Hufgeklapper herauf. Es mussten da irgend wo +Steine liegen. + +Randers stand, weit ueber die Bruestung gelehnt, und sah hinab. Er konnte +nichts als das leise, schwankende Laubdach der hohen Buchen sehen. Er +konnte nicht mal den Weg verfolgen, den sie jetzt ritt. Er wusste nur, +da unten irgendwo unter diesem rauschenden, lispelnden, wogenden, gruenen +Zelt leuchten zwei schoene, tiefe klare Augen. + +Fjordaugen! + +Aber vier schnelle Fuesse fuehren sie in die Ferne. Dort hinten, weit +hinten, hinter den Huegeln lag Rixdorf. + +Aber nein, diese Augen blieben ja, blieben ja bei ihm. Ihre Augen liess +sie ihm. Er sah sie immer dicht vor sich. Grosse stahlblaue Augen. Von +einer fast schwarzen Tiefe, aber mit einem gruengoldigen Leuchten +darueber. + +Fjordaugen! + +Steil steigen die finstern Felsen auf, aber zu ihren Fuessen liegt das +Wasser in wundervoller Klarheit und Tiefe. Der Himmel mischt sein Blau +mit dem Schwarz der Felsenschatten. Eine Moewenschwinge zuckt hell +darueber hin. + +Und eine so wundervolle Stille in dieser versteckten Bucht! + +Ein maerchenhaftes Grauen ueberfaellt ihn. + +Das kleine Boot gleitet ganz langsam durch die klare Flut, durch den +Himmel. Es war wie ein Schweben zwischen Meer und Himmel, oder wie +zwischen zwei Himmeln. Oben, unten dieselbe Tiefe, dieselbe Hoehe, +unergruendlich, aber klar, ruhig, ganz friedlich, als gaebe es keine +Stuerme. + +Und jetzt ploetzlich von oben herab, sanft herunterschwebend, ein Lied. +Der Gesang einer Hirtin, einer Sennerin. Tiefe feierliche Klaenge, tief +und feierlich wie das ruhige Meer. + +"Es w--w--wird w--wohl Zeit," meinte Petersen. + +Randers schreckte auf. + +"Ja, ja," sagte er hastig. + +Unten musste Randers durchaus etwas trinken. + +Er hatte Durst. Der Waldhueter hatte Schenkrecht. Es gab freilich nur +Schnaps und Bier. + +Randers bestellte beides, fuer drei Personen. Sie stiessen an. Randers +trank hastig. + +"Suend woll lang nich hier wesen," fragte Petersen den Waldhueter. + +"Ne, dat is't erste Mal in duessen Sommer. Suess koemen se oefter mal." + +"Ist es weit bis Rixdorf?" fragte Randers. + +"Anderthalb Stunden," sagte Petersen. + +"Zu Pferde?" + +"Ne, zu Fuss, wenn der Herr stramm geht," sagte der Waldhueter. + +Randers wollte noch ein Glas trinken, und die andern mussten ihm +Bescheid tun. + +Nach dem dritten Glas sagte er: + +"Verdammt huebsches Frauenzimmer! Noch jung, was?" + +"Na, wo olt mag se sin?" fragte der Waldhueter den Lehrer. "So negentein, +twintig." + +"Ne, wo wull du hen? Dre und twintig is se gewiss all." + +"Ach, noch 'n Glas, Herr Wirt," bat Randers. Petersen lachte ihn an, und +Randers lachte Petersen an. Er war ganz rot, ganz erhitzt. + +"Das ist doch das Wahre," sagte er, das frische, schaeumende Glas pruefend +gegen das Licht haltend. "Vornehm, souveraen, aristokratisch." + +Er nahm eine hochmuetige Miene an und naeselte wie ein Gardeleutnant. + +"Aeh, ich lach auf die Welt!" + +Der Waldhueter sah ihn belustigt an: Wat buest du foer een? + +"Nein, im Ernst, meinen Sie nicht auch, Herr Lehrer," eiferte Randers. +"Da ist doch noch Rasse, Edelzucht von Geschlechtern her." + +"Ja, es hat was f--f--f--fuer sich," stotterte Petersen. + +Randers sah tiefsinnig ins Glas, und der Waldhueter sah ihn an, wie +einen, dem nicht zu trauen ist. + +"Sagen Sie selbst, meine Herren," rief Randers wieder aufschnellend, +"hab ich nicht recht?" + +"Ach wat," brummte der Waldhueter aergerlich. "So'n Luee moeten sin, un +anner Luee moeten ok sin. Vor uns Herrgott sind wie all gliek." + +"Ja, lieber Herr, das ist ja ganz recht," rief Randers. "Das ist ja aber +eine Sache fuer sich." + +"Ja Mau, du v--v--versteihst den Herrn f--f--f--falsch," legte sich der +Lehrer ins Mittel. + +"Dat mag sin, ik meen aber man. Ik buen man 'n schlichten eenfachen Kirl, +dat heet, min Geschaeft haew ik ook liert, da kann mi nuems nich watt in +seggen. Aber dat meen ik man, so 'n Luee--na ja, du versteihst mi, +Petersen." + +Randers sah finster vor sich nieder, nahm seinen Kneifer ab und putzte +an ihm herum. + +"Zweimalhundertausend Mark jaehrlich zu verzehren," stiess er nach einer +Pause heraus. "So viel muss man haben, um anstaendig leben zu koennen." + +Nun lachte der Waldhueter aus vollem Hals. + +"Tweemalhunnertdusend Mark! Das is nich veel, dat is man grad, um de +Botter dorbi to hebben." + +Randers lachte mit, und Petersen machte vergebliche Versuche, zu Wort +zu kommen. + +"Herr Doktor!" rief er, "Herr Doktor! W--w--wissen Sie--Herr +Doktor--w--w--w--". Aber er kam nicht zustande damit. + +Als aber das Gelaechter sich etwas gelegt hatte, fing er noch einmal an: + +"Herr Doktor, wissen Sie, was ich m--m--mir dann kaufte? Die W--w--welt +kaufte ich m--mir! Die W--welt, Herr Doktor!" + + * * * * * + + + + +Zweites Buch + + + + +1. + + +Randers war eines Tages in Rosenhagen aufgetaucht. Rosenhagen gehoerte zu +Rixdorf, beide bildeten eigentlich ein Dorf, waren nur fuenf Minuten von +einander entfernt. + +Rosenhagen bestand nur aus dem Krug und einigen Tageloehnerkaten. In +Rixdorf gab es kein Wirtshaus. So hatte Randers im Krug Quartier +genommen. Der Wirt war nicht auf Logierbesuch eingerichtet und hatte +sich gestraeubt. Aber Randers hatte ihn ueberredet, mit Worten und mit +Geld. + +Die Rosenhagener wunderten sich und die Rixdorfer wunderten sich. Was +wollte er hier bei ihnen? + +Seeluft geniessen und baden, sagte Randers. + +Das konnte er hier ja haben, aus erster Hand, reine unverfaelschte +Seeluft. Baden muesse er freilich so, von freiem Strand aus. Badekarren +gaebe es hier nicht. Nur die eine herrschaftliche. + +Bisher war noch kein Mensch auf den Einfall gekommen, die Seeluft gerade +in Rosenhagen geniessen zu wollen. Dazu waren doch die vielen Baeder da, +laengs der ganzen Kueste. + +Von Rosenhagen fuehrte ein schmaler Feldweg bis hart ans hochgelegene +Ufer, schlaengelte sich eine Strecke daran hin und fuehrte dann allmaehlich +zum flachen Strand hinab. Randers benutzte diesen Weg nicht oft, er +machte gewoehnlich den Umweg ueber Rixdorf, ging durch den Park, wozu er +sich die Erlaubnis erbeten hatte, verfolgte den Fusssteig durch das +grosse, zum Schlossgut gehoerende Roggenfeld bis zum kleinen +Aussichtspavillon, den der Graf auf der hier steil abfallenden Uferhoehe +erbaut hatte, und stieg dann eine bequeme Treppe zum Strand hinab. + +Jeden Morgen, mit Sonnenaufgang, nahm Randers ein Bad. Er hatte sich +eine schoene, steinfreie Stelle ausgesucht. Er musste freilich etwas weit +waten, bis ihm das Wasser zum Schwimmen reichte. Aber dann war es +herrlich! So ganz allein im weiten Umkreis, hoechstens in der Ferne ein +weisses Segel, das die See mit ihm teilte. Nur die Wellen entbehrte er, +die rollenden Nordseewellen, diese erfrischenden Sturzbaeder. Und dies +reine absolute Naturgefuehl, sich so den spielenden Wellen ueberlassen zu +koennen, Welle mit den Wellen sein, oder der staehlende Kampf mit ihnen. +Hier war es meistens ruhig und glatt, nur bei anhaltendem Ostwind gab +es einmal etwas Wellengang. Doch der Ostwind wollte sich nicht +einstellen. Aber erquicklich war es doch, dieses fruehe Morgenbad, wenn +die See in der ersten Sonne flimmerte und glitzerte. + +Tagsueber ging er viel spazieren, gewoehnlich in der Richtung durch den +Rixdorfer Park. Der Weg war so viel huebscher als nach der Rosenhagener +Seite hinaus; und er musste doch die Komtesse einmal sehen! + +"Uns Fraeulein" sagten die Leute und "uns Herr". Das beruehrte ihn so +patriarchalisch. + +Abends sass Randers mit den Tageloehnern im Krug. Er hatte gleich in den +ersten Tagen in alle Katen gesehen, kannte alle Frauen, alle Kinder und +hatte sein Vergnuegen daran, die Hunde zu necken. Alle Leute waren einig, +dass es mit ihm nicht ganz richtig sein koenne. + +"He is ja bi Verstand, sin richtigen Verstand haett he ja. Aber wat will +he hier?" sagten sie. Aber sie kamen gut mit ihm aus. Er war nicht +hochmuetig, er verstand sie, er trank mit ihnen und hatte mal ein +Zehnpfennigstueck fuer die Kinder uebrig. + +Randers hatte lange nicht so viel getrunken wie in Rosenhagen. Die Leute +hatten es gerne, wenn man sich mit ihnen abgab. Was sollte er da machen? +Er musste wohl trinken. Und sie merkten bald, dass er etwas vertragen +konnte. + +Eines Abends wurde es aber doch zu viel. Er hatte zum erstenmal Fides +im Park gesehen, sie ueber breite Maisrabatten hinweg ehrfurchtsvoll +begruesst und hatte einen verwunderten Gruss zurueckerhalten. + +Nachher hatten die Kinder und die Hunde einen guten Tag, diese liess er +in Frieden und jene beschenkte er reichlich. Und abends tat er den +Kaetnern im Krug mehr Bescheid als sonst und gab zwei Runden Schnaps aus; +ging auch nachher, statt ins Bett, in die Felder hinaus. + +Und da stand er mitten im Roggen, singend und mit beiden Armen +gestikulierend, so dass er sich von fern gespenstisch ausnahm in der +Dunkelheit, wie ein Vogel, der vergebliche Flugversuche macht, oder wie +eine Windmuehle, die in stossweisem Winde alle Augenblicke ein paar +Drehungen macht und dann wieder stillsteht. Ein paar Schritte torkelte +er vorwaerts, dann stand er wieder still, warf sich in die Brust und sang +mit lauter Stimme und tiefer Inbrunst eine heldenhafte Phrase aus einem +alten daenischen Liede. Immer dieselbe Phrase, unermuedlich und mit einer +tiefen knurrenden Kadenz auf der Schlussnote, gleich dem heiseren, +ingrimmigen Bruellen eines gereizten Stieres. Am Morgen hatte er +Kopfschmerzen. + +Aber das ging nicht, er sah das ein. Er durfte nicht soviel trinken, vor +allem keinen Schnaps. Wollte er wieder krank werden? Freilich lief er +ja den ganzen Tag da draussen herum, "verarbeitete" es wieder. Aber er +musste doch vorsichtig sein. + +Randers war acht Tage in Rosenhagen, hatte waehrend der Zeit Fides +zweimal gesehen, den Grafen aber noch nicht zu Gesicht bekommen. Er +hielt es jetzt an der Zeit und fuer seine Pflicht, seinen Besuch im +Schloss zu machen. Was muessen sie denken, dass du dich hier laengere Zeit +aufhaeltst, auf ihrem Grund und Boden, um Erlaubnis nachsuchst, den Park +betreten zu duerfen, und es nicht einmal fuer der Muehe wert haeltst, deine +Aufwartung zu machen. Und obendrein bist du dem Grafen schon mal +vorgestellt. Man wird dich fuer einen Flegel halten. + +Er schob aber den Besuch trotzdem noch etwas auf, von einem Tag zum +andern. Aber eines Vormittags zog er seine Handschuhe an, graue +Zwirnhandschuhe; der eine hatte eine geplatzte Daumennaht, und er nahm +ihn deshalb in die Hand. + +Sein wichtiges Vorhaben praegte sich in seiner ganzen Haltung aus. Die +Frauen in den Katentueren sahen ihm laenger nach als sonst, die Kinder +hoerten auf zu spielen, und die Hunde liefen nur ein paar Schritte hinter +ihm her und blafften. Er hatte heute keine Zeit fuer sie. + +Nachmittags sah man ihn mit dem Grafen durchs Dorf gehen, im eifrigen +Gespraech, mit einer haeufigen ehrfurchtsvollen Halbwendung nach seinem +Begleiter. Und er sprach sehr laut und etwas durch die Nase. + +Die Leute auf den Feldern sahen sie und die Melkmaedchen auf der Koppel. + +Abends im Krug wollte die Unterhaltung nicht so recht in Gang kommen. +Sie sprachen nicht so laut wie sonst, und Randers hatte das Gefuehl, als +ob er sie geniere. + + + + +2. + + +Randers an Gerdsen. + +Dank fuer Ihre lustige Postkarte. Aber bitte, bis auf weiteres nichts +mehr auf Karte. Wie Sie sehen, bin ich nicht mehr im Schulhaus zu +Grashof. Wie ich hierherkam? Durch Zufall und Frechheit! Naechstens +davon. + +Feudales Weib! Hocharistokratisch, Daenenblut! Die ganze Familie +_hocharistokratisch_, immens reich. + +Bruckner-Rixdorf, Seitenlinie in Daenemark verzweigt. + +Es ist nichts mit den Direktricen. Ueberhaupt alle anderen +Weiber--Imitation! Rasse, Vornehmheit, das ist es. Edelzucht, von +Geschlechtern her. + +Augen wie ein Maerchen. Nordseeaugen! Das macht das Daenische. + +Herrgott, was fuer ein betrunkener Brief! + +Naechstens mehr von Ihrem + +R. + + + + +3. + + +Gerd Gerdsen an Randers. + +Liebster Doktor! + +Hat Ihr Daemon Sie endlich in die Arme einer Aristokratin gefuehrt? Der +Mensch entgeht seinem Schicksal nicht, und Sie sind auf den Adel +zugeschnitten. Vielleicht auch auf den russischen Staatsrat. Alle Ihre +Talente weisen auf den Baron hin, den Lebemann--im feinsten Sinne. + +Sie fuehren doch Tagebuch in Rixdorf? Ich brauche Dokumente. Der Roman +des Herrn Dr. phil. Henning Randers wird geschrieben, ein Spiegel fuer +ihn, ein Kuriositaetenkabinett fuer den Leser und eine Kurzweil fuer seinen +Verfasser. Aber Dokumente, Dokumente! Meine Imagination, meine +Psychologie allein reicht Ihnen gegenueber nicht aus, Sie muessen mir +helfen, Sie zu greifen. Sie lasen mir mal Verse vor. Haben Sie noch +davon? Haben Sie sonst etwas Schriftliches? Confessions? + +Uebrigens, was den russischen Staatsrat anbelangt, erinnern Sie sich noch +unseres Gespraechs vor Ihrer Abreise? Sie wollten einen Artikel ueber +Alexander den Dritten schreiben und sahen in der Ferne einen Orden. Es +war ein klein wenig Ernst bei dem Scherz. Sie hatten Sympathieen fuer den +ungluecklichen Autokraten, und nicht nur fuer den Gemahl der daenischen +Dagmar. Wie eintraechtig stand auf Ihrem Schreibtisch die Photographie +der kaiserlichen Familie, Alexander an seinem Arbeitstisch, im +Vordergrund die Kaiserin und ihre Schwester, wie eintraechtig stand +dieses Bild neben dem Portraet der--Dolgorucki! + +Sie _muessen_ einen Tropfen Daenenblut in Ihren Adern beherbergen und auch +einmal etwas mit der Zunge eines Ihrer Urahnen sich an Talglichtern +delektiert haben. Daenischen Frauenzimmern und russischer Musik gegenueber +sind Sie Wachs. Und was das Russische anbelangt, Ihre Instinkte gehen +auf die Knute. Das heisst, Sie wuerden vor der Anwendung zurueckschrecken, +aber im Prinzip haben Sie nichts dagegen. So ein herzlicher +Patriarchismus mit dem Recht der Knute, da wo es noetig waere, und +sonntags abwechselnd Gottesdienst und--nihilistische Vorlesungen. + +Lachen Sie? Ich auch! Aber zu einem solchen Bilde kommt man, wenn man +versucht, sich eines von Ihnen zu machen. Es sind so viele Faeden, die +ich alle einzeln in der Hand habe. Aber es wird kein rechtes Gewebe +daraus. + +Also Dokumente, Dokumente! Sonst werden Sie am Ende in meinem Roman zu +einem Kirgisen oder Tataren. + +Mit der Liebe, die der Gelehrte fuer den Schmetterling hat, den er fuer +seine Sammlung aufspiesst, bin ich + +Ihr getreuer + +Gerd Gerdsen. + + + + +4. + + +Fides sass vor einem Stickrahmen in der offenen Verandatuer. Draussen +band der Gaertner einen Zweig praechtiger Marechal Niel, der sich unter +der Last der Blueten tief herabbeugte, an den Stock. Ein paar Tauben +liefen auf dem weissen Kiesplatz vor der dreistufigen Steintreppe, die +in den Garten hinabfuehrte, jagten sich, scharrten und warfen sich in die +Brust und gurrten. + +Alles lag in warmer, heller Sonne. Breit flutete ein Streifen goldenen +Lichtes durch die offene, weinumrankte Veranda ins Zimmer hinein, +machte die Silberschnallen auf Fides kleinen Bronzeschuhen blitzen und +funkeln, die Ringe an ihrer schlanken, etwas grossen Hand, und den +Silberpfeil, der den schweren Knoten des vollen blonden Haares hielt. +Auch dieses weiche seidenweiche Blondhaar leuchtete, und die kleinen +Ringel- und Kraeuselloeckchen ueber der Stirne sahen ganz goldig aus. Und +die bunte Seide in ihrem Koerbchen, die fast vollendete Stickerei im +Rahmen, leuchteten und schillerten in tausend Nuancen. + +Der suesse Duft der Rosen drang durch die offene Tuer und erfuellte den +ganzen Raum, bis zu Randers, der am Fluegel sass und phantasierte. + +Ganz in sich zusammengesunken, das Kinn auf die Brust gesenkt, mit +starrem Blick auf die Tasten, als wollte er sie auch mit den Blicken +baendigen, sass er da; die Haende waren in rastloser Bewegung, eine +eigenartige, steigende Bewegung, storchartig. + +Schon eine halbe Stunde sass er am Instrument. Monotone, chaotische +Phantasieen wie das endlose Auf- und Abwogen einer kochenden, gluehenden +Fluessigkeit. Eine dumpfe, verhaltene Leidenschaftlichkeit, die sich in +wirren Selbstgespraechen verzehrte. + +Fides wagte nicht, ihn zu unterbrechen, Sie konnte diesem Spiel nicht +mehr folgen. Ihre Aufmerksamkeit war in ein verwundertes Staunen +uebergegangen, dann hatte sie leise gelaechelt. Ihr verwoehntes, geschultes +Ohr konnte wohl eine Zeitlang an diesem Sturm und Drang einer +naturalistischen Musikbegabung ein erstauntes Gefallen finden, dann aber +ermuedete sie. Die Formlosigkeit dieser wild durch einandertaumelnden, +schluepfenden und kriechenden Tonfiguren, und das gleichmaessige Forte +heftiger, boeser Akkorde, die grollten und schalten und um sich bissen, +tat ihr weh. Aber sie mochte ihn nicht stoeren, ihn nicht kraenken. Es war +das erste Mal, dass er sich unaufgefordert an den Fluegel gesetzt hatte +und seine Versicherung, er koenne nicht spielen, Luegen strafte. Er hatte +sich bisher immer nur begnuegt, ihr zuzuhoeren, im Schaukelstuhl liegend, +die Beine lang von sich gestreckt, und mit geschlossenen Augen sich +gegen die Aussenwelt absperrend. + +Fides stand jetzt leise auf, stellte den Stickrahmen beiseite und trat +in die Veranda hinaus. Sofort hoerte er auf. Er hatte ihren Schatten +durchs Zimmer gleiten sehen. Er fuehlte es, dass sie ging, fuehlte es +koerperlich. + +Fides wollte die Stufen in den Garten hinuntergehen, als sie ihn hinter +sich hoerte. Sie wandte sich um, mit laechelndem, fragenden Blick. + +"Sie spotten," sagte er, "ich habe Sie gequaelt mit meinem Unsinn." + +"Sie spielen also doch," sagte sie ausweichend. Er lachte gutmuetig, +etwas verlegen. + +"Nicht der Rede wert, gnaedigste Komtesse. Was haben Sie nur von mir +gedacht. Aber ich finde nie ein Ende, verliere mich so leicht." + +"In alle Tiefen," scherzte sie. + +Sie gingen in den Garten hinab. Sie standen vor den Rosen, und Fides bog +einen vollen Zweig zu sich herab und sog den suessen Duft ein. Die Zweige +schmiegten sich ihr an Stirn und Wangen, legten sich mit ueppigen gelben +Kelchen und zarten schimmernden Knospen auf das helle Gold ihres blonden +Scheitels, das in der Sonne einen roetlichen Glanz annahm und ihn an das +Familienportraet im Speisesaal erinnerte. Dasselbe rote Goldblond, +derselbe weisse durchsichtige Teint, der doch nichts Krankhaftes hatte. +Nur ernster, stolzer war das Gesicht der Mutter; etwas nordisch Strenges +war in den Zuegen der daenischen Baronin, die dem Grafen eine Tochter +schenkte und starb. + +In dieser schlanken Maedchengestalt vor ihm war das Strenge und Stolze +durch die Anmut der Jugend gemildert. Wie entzueckend sah sie in dem +leichten, hellblauen Kleid aus. Der Aermel war leicht zurueckgefallen, als +sie die Hand nach den Rosen ausstreckte, und der weisse Sammet ihres bei +aller Fuelle doch schlanken Armes leuchtete mit warmem, matten Glanz. + +Fides bat ihn, ihren Gartenhut zu holen. Ob sie nicht einen Spaziergang +machen wollten. + +Er ging, den Hut zu holen, der auf dem Esstisch lag. Er zoegerte drinnen +einen Augenblick und verschlang vom Fenster aus ihre Gestalt mit den +Blicken. + +In der Veranda fand er seine Muetze, eine schon etwas mitgenommene, einst +weisse Strandmuetze. Er befestigte das schmale lederne Sturmband unterm +Kinn, obgleich das schoenste Wetter war und nur ein ganz schwaches +Lueftchen wehte. + +"Warum tragen Sie eigentlich immer dieses Sturmband?" fragte sie. "Ich +finde es haesslich." + +"O," sagte er leicht erroetend. "Moegen Sie es nicht? Ich finde, es sieht +so--maennlich aus." + +Er fand nicht gleich einen andern Ausdruck. + +Sie lachte. + +"Was ist denn da maennliches dabei?" + +"Das hat mir als Kind schon immer so imponiert," erklaerte er. "Bei den +Kapitaenen und nachher bei den Militaers. Ich denke dabei immer an einen +Mann im Sturm. Es ist gleichsam, als saesse nun mit der Muetze auch der +Kopf fester. So, nun kommt her, ich biete euch die Stirn!" + +Sie lachte wieder. + +"Fuerchten Sie, so leicht den Kopf zu verlieren?" "Aber im Sturm." + +"Aber es weht ja gar nicht." + +"Das macht ja nichts." + +"Aber es sieht so komisch aus, jetzt bei Sonnenschein und ruhigem +Wetter. Und ich mag nichts am Manne, was nach Affektation aussieht." + +"So duerfen Sie es nicht nennen," verteidigte er sich, obgleich er sich +getroffen fuehlte. + +Es war wirklich ein wenig der Wunsch gewesen, ihr zu imponieren, der ihm +das Band unters Kinn gezogen hatte. + +"Sehen Sie, es steckt ein Seemann in mir, und der macht sich in so +kleinen Aeusserlichkeiten Luft. Der unterdrueckte Seemann in mir." + +Sie sah ihn von der Seite an. Er hatte wirklich nichts Seemaennisches, +wie er so neben ihr herstieg; diese eckige, hagere, hohe Figur, und das +Pincenez! + +Aber er erzaehlte ihr, dass es sein groesster Wunsch gewesen waere, zur See +zu gehen, Kapitaen zu werden, aber dass ihn die Umstaende, vor allem seine +Kurzsichtigkeit, auf eine andere Bahn gedraengt haetten. + +"Ein bebrillter Seemann, wie laecherlich!" rief er aus. + +Aber dann entwarf er ein glaenzendes Bild von dem Leben eines Seemannes, +von seiner Freiheit, seinem Mut, seinem Heldentum, und er berauschte +sich an seinen grossen Worten. + +"Sie, als Aristokratin, muessen mir das nachempfinden koennen, Komtesse," +eiferte er. "Gibt es einen aristokratischeren Beruf als den des +Kapitaens." + +Ihre Augen leuchteten ihn an. War das in ihm? Er hatte bisher keinen +heldenhaften Eindruck auf sie gemacht. Jetzt sprach er wie ein alter +Wikinger von Sturm und Kampf, und sie hoerte aus dem Klang seiner Stimme +den Ton echter Leidenschaft und Sehnsucht. + +Er hatte das Sturmband nicht geloest. Sie freute sich darueber. Er war +wenigstens nicht eitel. Und er hatte Charakter, liess sich seine kleinen +Eigenheiten und Liebhabereien nicht einfach von einer absprechenden +Kritik wegblasen. + +Und wie er so neben ihr ging, das scharfe Profil mit der etwas langen, +geraden Nase und dem runden festen Kinn halb von dem Muetzenschirm +beschattet, die breiten knochigen Schultern etwas hinaufgezogen, als +stemmten sie sich gegen eine unsichtbare Last, fand sie auf einmal, dass +er doch maennlicher aussehe, als wie er ihr bisher vorgekommen war. Sie +konnte sich ihn trotz der Brille recht gut auf der Kommandobruecke +denken, den Suedwester auf, oder die goldbordierte Muetze des Kommandeurs, +natuerlich mit dem Sturmband unterm Kinn. + +Aber was daran so aristokratisch waere, fragte sie. + +"Vor allem die Exklusivitaet seiner Stellung, seine absolute +Souveraenitaet. Er ist Herr ueber Leben und Tod. Alle Verantwortung traegt +er allein. Welch ein Gefuehl fuer einen Mann! Welch ein Kraft- und +Machtbewusstsein, welch ein Lebensbewusstsein! Und nehmen Sie dazu das +Meer. Im Sturm! Der Kampf der Elemente! Er zittert nicht, er beherrscht +das Meer, er fuerchtet es nicht. Und wenn er unterliegt in diesem Kampf, +wie weiss er zu sterben. Ein Held. Bis zum letzten Atemzug auf seinem +Posten. Sehen Sie, das ist der Mann in seiner ganzen Maennlichkeit, in +seiner Groesse, der heldische Mann, die aristokratische Natur!" + +Sie laechelte ueber seinen Eifer, aber sie hoerte ihm aufmerksam zu und +streifte ihn wieder mit einem bewundernden Blick. + +Aber er hatte ihr Laecheln bemerkt und lachte nun auch, lachte laut und +gutmuetig. + +Da war er mal wieder in Feuer gekommen! Aber er hatte doch recht, und er +wollte es von ihr bestaetigt haben. Und sie sagte: "Ja, ja. Sie wissen +das so wunderhuebsch zu sagen. Man wird ganz warm dabei. Es ist wie ein +Gedicht. Es ist wirklich schade, dass Sie kein Seemann geworden sind." + +Sie hatten den Park verlassen und gingen auf dem schmalen Fusssteig +durchs Roggenfeld. Die See wurde sichtbar. Ein Segel schien an dem +Horizont festgeklebt. Die See glitzerte und flimmerte, das Segel +leuchtete. Ein Paar Moewen kreisten bis uebers Feld. + +Randers, der jetzt hinter Fides ging, rupfte eine Aehre nach der andern +und zerpflueckte sie. + +Und dann fing er wieder von der See an, von der Nordsee. + +"Was meinen Sie zu einem Blockhaus an der See, in den Duenen, oder oben +in den norwegischen Schaeren?" + +"Was Sie fuer Einfaelle haben. Warum gerade ein Blockhaus?" + +"Weil es sich der Natur anschmiegen muss. Einsam, versteckt, grau in +grauer Wildnis. Aber innen muss es natuerlich behaglich sein." + +"Kienruss und Tran, und gedoerrte Fische an den Waenden," spottete sie. + +Er lachte. + +"Warum nicht auch so? Aber ich dachte es mir doch anders. Comfortable. +Mit Teppichen. Und ein Bechstein darf nicht fehlen. Und Sie spielen +Chopin." + +"Ich?" + +"Ja, waere das nicht schoen? So ganz weltfern, nur die Einsamkeit, die +Natur. Musik, Buecher--" + +"Sie sind ja der reinste Romantiker," unterbrach sie ihn. + +"Aber denken Sie sich mal da hinein. Diese wundersamen Spaziergaenge in +den Duenen, am Abendstrand." + +"Und wenn wir heimkommen, schaelen wir gemeinschaftlich Kartoffel, roesten +einen Seehund am Spiess und kochen Tee." + +"Sie spotten wieder." + +Er war wirklich etwas gereizt. + +Sie lachte hell heraus. + +"Das empfinden Sie nun als Spott, wenn ich praktisch an das Noetigste +denke. Sie waeren imstande, ein Haus ohne Speisekammer zu bauen." + +"Die soll ja auch da sein." + +"Dann hoert sich's schon anders an. Also nicht nur Musik und Sentiments. +Ja, ich will es mir doch ueberlegen. Es waere mal etwas anderes. Am Ende +faenden sich noch welche, die sich anschloessen." + +"Um Gottes Willen! Keinen dritten! Das ist ja gerade die Hauptsache, nur +zu zweien." + +"Nur wir beide?" + +Er sagte nicht ja. Er lachte nur. Welcher Einfall, ihr das alles zu +sagen. Und empfindlich zu sein, dass sie es nicht ernst nahm! + + + + +5. + + +Randers ueberlegte, ob es nicht besser waere, er reiste ab. Wollte er +warten, bis er sich wirklich in sie verliebt hatte? Heiraten konnte er +sie doch nicht. + +Er wuerde sie auch nicht heiraten, selbst wenn er sicher waere, keinen +Korb zu bekommen. Er hatte seinen Stolz, und er hatte seine ganz +besonderen Ansichten ueber Mesalliancen. Er hatte Grundsaetze, die eine +Ehe mit ihr ausschlossen. + +Also nur ihr nachlaufen, wie ein verliebter Gymnasiast? Er dankte. + +Vorlaeufig war das ja auch noch keine Liebe, nur aesthetisches Gefallen, +Hochachtung und alles andere. Aber die Gefahr hatte um die Ecke gesehen. + +Gestern, zwischen den Aehren, als sie vor ihm herging, ganz in Sonne +getaucht, von Zeit zu Zeit den Kopf nach ihm wendend, dass er den +warmen, leuchtenden Sammet ihrer weichen Wangen sah, die grazioese +Biegung des Halses--er hatte eine Aehre nach der andern gerupft und die +Koerner durch die Finger gleiten lassen, um die Regung zu unterdruecken. + +Ja, er wollte weg. Die ganze Geschichte hatte keinen Zweck. + +Aber in ein paar Tagen sollte die Jagd eroeffnet werden, der Graf hatte +ihn dazu eingeladen, und er hatte sich so darauf gefreut. + +"Kindisch," wie er zu Fides gesagt hatte. Wenn er nun so ploetzlich +abreiste, welchen Grund sollte er angeben? Nun, hundert Gruende. Da gab +es allerlei, was ihn abrufen konnte. Aber vielleicht sah es doch nach +Flucht aus, oder nach Gleichgueltigkeit. Also noch ein paar Tage, ein +paar Jagdtage. Dann aber weg von hier! + +Er hatte nun doch ernstlich Sehnsucht nach der Nordsee. Dies alles lag +ja so gar nicht in seinem Plan. Ein paar Wochen hatte er schon in +Grashof verloren. + +Und schliesslich musste sie doch denken, es sei nur ihretwegen. Denn war +es nicht Wahnsinn, sich ohne vernuenftigen Grund in diesen Krug +einzupferchen? + + + + +6. + + +Im Schloss war Besuch angekommen. Randers hoerte es unterwegs von den +Leuten auf dem Felde. Besuch in einem Segelboot. + +Ob er hinginge? Er war doch neugierig. Besuch, der in einem Segelboot +kam. Das war doch interessant. Er interessierte sich so fuer das Segeln. +Und wer mag das sein, der hier ein Segelboot hat. + +Er traf nur Fides im Salon und eine fremde Dame, eine kleine, lebhafte, +unscheinbare Person mit vollen Formen, ganz huebschen, braunen Augen und +einem etwas groben und lebhaften Teint. + +"Sieht die gesund aus," dachte er. + +"Fraeulein Krueger," stellte Fides vor. + +Also nichts Adeliges. + +Eine leise Enttaeuschung. + +Das Fraeulein sah ihn mit unverhohlener Neugier an. Er las deutlich aus +ihren Blicken: "Also das ist er?" + +"Ich habe Fraeulein Krueger von Ihnen erzaehlt," sagte Fides gleich. + +Randers verbeugte sich. + +"Sie halten sich zu Ihrer Gesundheit hier auf, Herr Doktor?" fragte das +Fraeulein. + +"Das nicht gerade." + +"Ich meinte das." + +Sie sah Fides fragend an. + +"Allerdings," sagte er schnell. Wenn Fides so gesagt hatte, wollte er +nicht anders sagen. "Ich reise ueberhaupt zu meiner Erholung oder +Zerstreuung, was ja oft dasselbe ist." + +"Der Herr Doktor schwaermt fuer die See," sagte Fides. + +"Die haben Sie ja erster Hand hier," meinte das Fraeulein. + +Wie gewoehnlich sie sich ausdrueckt, dachte Randers. Und ihre Stimme +klingt wie eine verrostete Schiffsglocke. + +"Sie sind mit dem Segelboot gekommen, gnaediges Fraeulein?" + +"Ja, haben Sie es gesehen?" + +"Ich hoerte es von den Leuten. Mit Ihrem Herrn Gemahl?" + +"Mein Bruder." + +Beide Damen unterdrueckten muehsam ein Laecheln. Er nannte sie Fraeulein +und fragte nach ihrem Herrn Gemahl. + +"Ach so! Pardon," entschuldigte er sich und wurde ueber und ueber rot. + +"Der Herr Doktor ist ein grosser Seemann," sagte Fides. "Es ist ein +Kapitaen an ihm verloren gegangen." + +War das Spott? + +Er laechelte etwas gezwungen. + +"Da werden Sie sich gewiss unsre Jacht ansehen; sie ist ganz neu, ein +ausgezeichnetes Seeboot," sagte die Schiffsglocke. + +"Wenn Sie erlauben, es wuerde mich sehr interessieren." + +"Vielleicht machen Sie mal eine Fahrt mit Herrn Krueger?" fragte Fides. +"Er wuerde sich gewiss freuen, er ist so stolz auf seine Jacht und hoert +sie gerne loben." + +"Ja, das ist seine schwache Seite," bekraeftigte das Fraeulein. + +"Ich wollte eigentlich morgen abreisen," sagte Randers. Er war durchaus +noch nicht entschlossen, aber es kam ploetzlich ueber ihn, er musste es +sagen, er wollte sehen, wie sie es aufnaehme. "So ploetzlich?" rief Fides. +Sie schien ernstlich ueberrascht. + +"Aber warum so schnell? Gefaellt es Ihnen nicht mehr bei uns? Ich meinte, +Sie wollten die Jagd mitmachen?" + +"Ja so, daran dachte ich nicht," sagte er. + +"Sehen Sie," rief sie triumphierend. + +Es lag ihr also an seinem Bleiben. Und sie machte daraus kein Hehl, +selbst in der Gegenwart der Fremden. + +"Papa hat uebrigens Ihr Wort," sagte Fides. + +"Dann freilich." + +Nachher besahen sie alle zusammen die Jacht. Randers bewunderte den +jungen Gutsbesitzer, einen grossen schoenen Mann, schlank, muskuloes, mit +gutmuetigem, wettergebraeunten Gesicht. Er sah ganz aus wie ein Seemann. +Ein buschiger, dunkelblonder Schnurrbart verdeckte etwas das einzig +Unschoene in diesem Gesicht, den grossen Mund. Der junge Mann lachte oft +und laut, wie seine Schwester, und dann zeigte er zwei praechtige Reihen +weisser, fester Zaehne. + +Der kann ein Segeltau durchbeissen, dachte Randers. Jedesmal, wenn der +junge Mann lachte, kam ihm die Vorstellung: + +"Er kann ein Segeltau durchbeissen." + +"Was meinen Sie?" fragte Fides. + +Randers erschrak und wurde rot. + +Hatte er es denn laut gesagt? + +"Ich meine, ob man wohl ein Segeltau durchbeissen kann." + +Sie sah ihn erstaunt an, lachte kurz auf und sagte: + +"Was Sie fuer sonderbare Einfaelle haben." + +Die Jacht war wirklich sehr huebsch. Sie war ganz weiss angestrichen, +hatte eine kleine Kajuete an Bord, trug am Mast einen langen, rotseidenen +Wimpel. Am Spiegel stand mit goldenen Buchstaben: Seeschwalbe. + +"Ein huebscher Name," sagte Randers. + +"Es ist das schnellste Boot hier herum," erklaerte Herr Krueger. "Es laeuft +seine zwoelf bis dreizehn Meilen in der Stunde." + +Er sprach hauptsaechlich zu Randers und schien ihn fuer einen grossen +Kenner zu halten. Randers musste sehr vorsichtig sein, wenn er sich +nicht blossstellen wollte. + +Einmal wollte er sagen: "Ich verstehe so viel nicht davon." Und er haette +es auch gesagt, wenn Fides nicht dabei gewesen. Aber jetzt sagte er es +nicht, sondern nickte nur immer mit dem Kopf, wenn der andre wieder +einen technischen Ausdruck gebrauchte, den er nicht verstand. + +Sie hatten beide gleiche Muetzen auf, weisse Schirmmuetzen, und sie hatten +beide das Sturmband unterm Kinn. + +Ob Fides darauf achtete? + +Der Graf fragte Randers, was er in den letzten beiden Tagen getrieben +haette, er haette sich ja gar nicht sehen lassen. Ja, was hatte er +getrieben? Er hatte einige Stunden am Strand gelegen und auf die See +hinausgetraeumt, und war ein paar Stunden spazieren gelaufen. + +"Bis nach Grossenbrode." + +"Da haetten Sie ja gleich zu uns herueber kommen koennen," meinte Fraeulein +Krueger. "Waren Sie schon auf Fehmarn?" + +"Nein." + +"Aber kommen Sie doch mal," lud der junge Mann ein. "Ich bringe Sie mit +dem Boot zurueck. Ich hole Sie auch ab." + +"Sie sollten das tun," redete der Graf zu. "Sie lernen zugleich im +Sassnitzer Gut eine Musterwirtschaft kennen." + +Herr Krueger lachte gutmuetig, halb geschmeichelt, halb bescheiden +abweisend. + +"Lassen Sie gut sein, lieber Krueger. Alles was recht ist. Durchaus +musterhaft," sagte der Graf. + +Also ein Mustermensch, dachte Randers, und ein huebscher Kerl. Was hat +er fuer Zaehne! Und obendrein hat er eine Jacht! + +Randers bekam mit einmal Lust, ihm ein Schiffstau zwischen die Zaehne zu +schieben. Was er wohl fuer ein Gesicht machen wuerde? + +Randers musste lachen. + +Der Einfall war zu albern, aber er konnte ihn nicht wieder los werden. +Er musste immer an das Gesicht des jungen Mannes denken, wenn er ihm ein +Schiffstau zwischen die Zaehne schieben wuerde. Er durfte ihn zuletzt gar +nicht mehr ansehen. + +Als die Gesellschaft sich wieder ins Schloss begab, empfahl Randers +sich. Die Geschwister lachten ihm zu viel. Und er mochte keine +Mustermenschen leiden. + +Niemand bat ihn zu bleiben, auch Fides nicht. Er war also ueberfluessig. +Mochten sie unter sich bleiben! + + + + +7. + + +Als die Jacht zwei Stunden spaeter gegen den Wind weit in die See +hinauslief, lag Randers am Strand und sah ihr nach. + +Es war eine stramme Nordostbrise, die auf das Segel drueckte. Wie ein +Pfeil schoss das weisse Fahrzeug durch die Wellen. Es leuchtete auf dem +tiefen Blau des Wassers. Wenn Randers die Augen zusammenkniff, machte es +ihm den Eindruck eines grossen, weissen Vogels, der dicht ueber die +Wellen hin pfeilte. Die Jacht lag ganz nach rechts. + +Wenn sie umschluege? + +Ob sie schwimmen koennten? + +Bei diesem Wellengang wuerde es ihnen nichts nuetzen und in dieser +Entfernung. Der junge Mann war sicher ein guter Schwimmer, aber es wuerde +ihm nichts nuetzen, er wuerde hinunter muessen. + +"Dann kann er Fides nicht heiraten." + +Randers sagte das ganz laut. + +Er verfolgte jede Bewegung der Jacht. + +Jetzt legten sie um. + +"Brillant!" rief er und richtete sich halb auf. + +Wie ein Pfeil schoss die Seeschwalbe wieder auf die Rosenhagener Ufer +zu. + +Da sass er nun am Steuerruder, lachte und zeigte die grossen, weissen +Zaehne. Lachte vielleicht ueber ihn, ueber eine Bemerkung der rostigen +Schiffsglocke ueber ihn. Vielleicht sprachen sie auch ueber Fides. Sie +waren sehr vertraut mit Fides gewesen, kamen gewiss oft von Sassnitz +herueber. Uebrigens kein uebler Geschmack von dem jungen Mann. + +Aber zum Teufel! Was waren das fuer Gedanken? War er denn eifersuechtig? +Wollte er, Henning Randers, denn Fides Bruckner heiraten? + +Und dann, wie laecherlich! Die schoenen Zaehne und die Musterwirtschaft +machten den jungen Mann noch nicht ebenbuertig. + +Komtesse Fides Bruckner und Herr Krueger, Gutsbesitzer auf Fehmarn. + +Die Jacht lief jetzt wieder seewaerts. Randers kletterte die steile +Uferhoehe hinan. Er wollte dem Musterwirt nicht laenger nachgaffen. + +"Morgen gehst du. Das ist ja alles Unsinn!" sagte er laut. + +Er war an ein grosses Brachfeld gekommen, ging quer hinueber, kletterte +ueber ein Hecktor und verfolgte einen schmalen Fusssteig laengs einer +Weide, wo ein paar Kaetnerkuehe lagen und wiederkaeuten. Wie dumm die Tiere +glotzten. + +Er stellte sich vor sie, glotzte sie wieder an und ahmte ihr Kauen nach. + +Sie liessen sich nicht irre machen, kauten und bewegten die Ohren. + +"Glueckliches Rind," sagte Randers laut. "Ewiger Gleichmut, satte +Zufriedenheit." + +Aus dem Knick sprang ein kleiner, barfuessiger Bengel, den das laute +Sprechen anlockte. + +"Sind dat din Koeh?" fragte Randers. + +"Nee." + +"Hoert de to 'n Haf?" + +"Nee." + +"Wen hoert se denn?" + +"Peemoeller sin." + +"Wat deihst du hier denn?" + +Der Junge wandte sich verlegen ab. + +"Muggst du woll gern 'n Groschen hebben?" + +Das Gesicht des Kleinen strahlte, aber er schwieg. + +Randers schenkte ihm ein Zehnpfennigstueck und ging weiter. + +Als er auf die Landstrasse hinaus kam, zoegerte er. + +Das Dach des Rixdorfer Herrenhauses leuchtete in der Abendsonne zwischen +den hohen Parkbaeumen herueber. + +Er fuehlte ein Verlangen nach Fides, ein eifersuechtiges Verlangen, mit +ihr ueber die Sassnitzer zu sprechen. + +Aber es gab keinen Vorwand, der einen zweiten Besuch an diesem Tage +entschuldigt haette. + +Er ging in den Krug, trank einen Schnaps und setzte sich in die kleine +Laube hinter dem Hause. + +Es roch hier nach dem Schweinestall, und die Huehner kamen und bettelten. + +Sch, sch, jagte er sie. + +Sie blieben in einiger Entfernung stehen, auf einem Bein, drehten die +Haelse und blinzelten ihn an. + +Aber er hatte nichts fuer sie uebrig. Er kritzelte in sein Tagebuch. + + + + +8. + + +Ein paar warme, weiche Regentage kamen, und Randers war in bester Laune. +Es war, als haette ihm nur dieser Regen gefehlt. + +Der Himmel war gleichmaessig bewoelkt, alles Laub feucht und glaenzend. +Bestaendig troepfelte es von den Baeumen, von den Hecken, hing in tausend +blitzenden Perlen an den Graesern, an den Aehren, die noch ungeschnitten +auf den Feldern standen, und an den Aehren, die schon in Garben +zusammengehockt waren. Und die Rosen im Park wussten nicht, wohin mit +all dem Nass, neigten sich und liessen es in grossen, schweren Tropfen +auf die schwarzen Beete fallen. Und von dem vorspringenden Dach der +Veranda troepfelte es in ungleichem Rhythmus auf die Steinstufen der +Gartentreppe, gluckste in der Regentraufe und plaetscherte aus der Traufe +in die grosse Tonne. + +Randers hatte seinen Stuhl dicht an die Treppe gerueckt, sass vornueber +gebeugt, die Haende zwischen den Knieen gefaltet, und trank diese weiche +Regenmusik mit entzuecktem Ohr. Er war ganz gluecklich in einer sanften, +zufriedenen, dankbaren Stimmung. + +Er war nun schon zwei Tage im Schloss. Sie hatten ihn bei diesem Wetter +durchaus nicht in seiner armseligen Behausung lassen wollen. Er hatte +endlich die Einladung wenigstens fuer einen Tag angenommen und war dann +doch fuer die Nacht geblieben. Und welch eine Nacht. + +Er hatte sie halb am offenen Fenster vertraeumt, voll von den Gespraechen +des Abends, voll von den Glockenlauten ihrer Stimme und erhellt von dem +Lichte ihrer Augen. + +Sie hatten ueber die Kruegers gesprochen, ueber den Segelsport, und er war +wieder in seine nautische Schwaermerei verfallen und war wieder auf seine +Kapitaensaristokratie im besonderen und auf den Adel im allgemeinen +gekommen. Er hatte eine Lanze gebrochen fuer die Geschlechter gegen die +plebejische Masse, gegen diesen Mischmasch der Allzuvielen, ohne +Tradition, ohne Erziehung, ohne Kultur. Er war heftig und ungerecht +geworden, so dass sie ihm wiedersprachen. Warum er aristokratischer als +sie selbst sein wolle? + +Der Graf hatte dem Geistesadel seine Reverenz gemacht. Nur der Geldadel +kam bei ihnen allen gleich schlecht weg. Randers aber kam hartnaeckig +immer wieder auf den Geburtsadel zurueck. + +"Da ist die lange Tradition, die Zucht von Geschlechtern her, da sind +die feinsten, hoechsten Kraefte der Familie, des Stammes, der Rasse bis +zur Bluete getrieben." + +"Bis zur Ueberkultur!" warf der Graf ironisch ein. + +Aber Randers liess sich nicht irre machen. + +"Da ist Harmonie nach innen und aussen," fuhr er fort. "Die Ruhe, die +vornehme Sicherheit, die Standesbewusstsein, Machtbewusstsein und Besitz +verleihen. Mit einem Wort Kultur. Und der Adel sollte diese seine +hoechsten Gueter nicht preisgeben, seine Exklusivitaet bewahren. Da darf +sich nichts eindraengen, was nicht hineingehoert, nichts Fremdes, +Zerstoerendes, Nivellierendes." + +"Sie plaidieren fuer standesgemaesse Verbindung," warf Fides etwas +spoettisch ein. + +Ihr Spott kraenkte und reizte ihn. + +"Ja," sagte er. + +"Auch bis zur letzten Konsequenz?" + +"Ja, wie so?" + +"Sie wuerden selbst unter keinen Umstaenden eine Aristokratin heiraten?" + +"Nein." + +Randers erinnerte sich nicht genau mehr aller Worte, aber es war sehr +beredt gewesen, schroff und unerbittlich. Es war ihm jetzt ganz leicht +ums Herz. Er hatte nun einen Schutzwall aufgerichtet zwischen sich und +ihr; sie wusste jetzt, wie sie mit ihm daran war, dass er sich durchaus +nicht mit laecherlichen Absichten und ueberhebenden Hoffnungen trug. Jetzt +konnte er ihr auch ruhig sagen, dass sie Fjordaugen habe und die Stimme +einer norwegischen Hirtin. + +Und er sagte es ihr, sich halb nach ihr umwendend, ganz unvermittelt. + +"Ich habe alle diese Zeit darueber nachgedacht. Sie haben Fjordaugen, +Komtesse." + +Fides sass mit ihrer Handarbeit neben ihm, ein wenig zurueck, um von den +Tropfen, die von dem Verandadach fielen, nicht bespritzt zu werden. + +"Fjordaugen?" fragte sie und lachte. "Was ist nun das wieder?" + +"Sie waren nie in Norwegen?" + +"Nein." + +"Dann kennen Sie auch nicht diesen wunderbaren Wasserspiegel zwischen +den Schaeren. Klar und blank, und blau, als laege der Himmel zu ihren +Fuessen, und doch von einer Tiefe, von einer dunklen, schwarzen Tiefe, +die wundersame, beaengstigende Geheimnisse zu bergen scheint. Und ueber +dieser Tiefe das goldige, gruengoldige Flimmern der Sonne, und in diesem +Spiegel die Felsen, die Waelder, die Wolken. Und mitten dazwischen ein +kleines Boot, das sich wiegt, wie zwischen zwei Himmeln. Und dann die +Stille, die grosse feierliche Stille umher. Ich kann es Ihnen nicht so +sagen, wie es ist." + +"Und das alles finden Sie in meines Augen?" + +Sie laechelte und sie erroetete. + +"Und in Ihrer Stimme," sagte er. + +"Das wird immer wunderlicher. Was Sie fuer Einfalle haben." + +Randers lachte. Sein gutmuetiges, ueberlegenes Lachen. + +Dann nach einer Pause: + +"Ich habe einmal aehnliche Augen gesehen." + +Also doch, dachte Fides. + +"Die erinnerten mich an die Kirche von Drontheim." + +"Also Kirchenaugen," lachte sie. + +"Ja, Kirchenaugen." + +Der Ausdruck gefiel ihm. + +"Haben Sie die Dolgorucki gehoert?" fragte er. + +"Die Dolgorucki? Die--(sie suchte nach einem Ausdruck) die Musikantin? +Nein, ich hatte nicht die Ehre." + +"Warum sprechen Sie so veraechtlich von ihr?" + +"Nun, ich bitte!" + +Er runzelte die Stirn und sah auf seine Stiefelspitzen. + +"Warum verurteilen Sie sie? Hat es nicht etwas Imponierendes, dieses +stolze Sichhinwegsetzen ueber Familie und Gesellschaft, ueber alle +Vorurteile ihres Standes und ihrer Geburt? Nur der Kunst zu Liebe. Liegt +darin nicht auch wieder etwas echt Aristokratisches?" + +"Sie scheinen diesen Begriff sehr weit zu dehnen," sagte sie. + +"Sie vergessen die Kuenstlerin." + +"Wenn es nur das waere." + +"Etwas Trotz, abenteuerlicher Sinn--" + +"Also." + +Eine lange Pause entstand. Er fuehlte, dass sich das alles nicht so ganz +mit seinen gestrigen Auseinandersetzungen vereinigte. + +"Sie vergessen die Kuenstlerin," wiederholte er. + +Sie laechelte ueber seine Hartnaeckigkeit. + +"Und diese Kuenstlerin hatte die Kirchenaugen?" fragte sie. + +"Ich konnte diese Augen nicht sehen, ohne an die Kirche von Drontheim zu +denken. Das heisst, nur wenn die Fuerstin spielte. Dann war ein +wunderbares, geniales Feuer in diesen Augen; sie waren ganz leuchtend +blau, und ich hatte denselben Eindruck wie bei meinem ersten Eintritt in +diese Kirche, die ganz aus blaeulichem Stein erbaut ist. Die blauen +Pfeiler, die blaue Woelbung, es ist, als ob Sie den Himmel sehen." + +"Mir scheint, es steckt ein Dichter in Ihnen. Ich habe Sie in Verdacht, +Verse zu machen," sagte Fides. + + + + +9. + + +Es war der dritte Regentag. Aber es regnete nicht mehr so anhaltend. Nur +hin und wieder fielen kurze Regenschauer. Aber es war kuehl und windig, +und zerrissene Wolkenfetzen jagten am Himmel hin, wie Fluechtlinge eines +zersprengten Heeres. + +"Was ist das Leben? All dieses Leben nach aussen hin, welche +Befriedigung gewaehrt es zuletzt?" sagte Randers. "Ist nicht alles so +verzweifelt farblos, oede, wenn wir nicht etwas Farbe hinzutun--aus +unsern innern Farbtoepfen, etwas Goldschaum dran wenden, einen bunten +Schleier darueber decken?" + +Fides sass am Fluegel, die Haende in dem Schoss, mit dem Ruecken gegen das +Instrument. + +"Die Philosophie eines Traeumers, die nur Traumfruechte pfluecken wird. Wie +wollen Sie sich ein Leben zimmern, ein Haus bauen? In Luftschloessern +kann man doch nicht wohnen." + +"Oho, gewiss kann man das! Leben wir nicht alle in Luftschloessern? Unser +eigenstes, hoechstes und feinstes Leben--" + +"Ich bin praktischer," unterbrach sie ihn lachend, "ich halte es mit +der Wirklichkeit. Ich lobe mir die Realitaeten. Wuensche und Traeume haben +wir ja alle. Aber wir suchen und wollen doch ihre Verwirklichung." + +"Wenn sie sich aber nicht verwirklichen lassen?" + +"Dann resigniert man eben." + +"Oder begnuegt sich mit dem Traum der Erfuellung." + +"Das versteh ich nicht." + +"Was Sie nicht in der Wirklichkeit besitzen koennen Sie doch im Traum +besitzen, in der Einbildung." + +"Um nachher doppelt enttaeuscht zu werden?" + +Er zuckte die Achseln. + +"Man muss Philosoph oder Dichter sein, um leben zu koennen," sagte er. + +"Oder Eroberer." + +Er sah sie gross an. + +"Wenn einem aber hierzu die Kraft fehlt?" + +"Dann muss man nicht auf Eroberungen ausgehen und sich an der +Philosophie genuegen lassen." + +"Also." + +Eine Pause, die sie mit ein paar Laeufen ausfuellte. + +"Im Besitz liegt das Glueck doch nicht," stiess er hervor. + +"Aber man will doch schliesslich besitzen." + +"Glueck ist Sehnsucht, Erfuellung ist Tod." + +"Ist das von Ihnen?" + +"Wie so?" + +"Das klingt wie aus einem Gedicht." + +"Wie ist es zum Beispiel mit der Liebe?" rief er, warm geworden und auf +ihre Bemerkung nicht eingehend. + +"Sie meinen, die hoert mit dem Besitz auf?" fragte sie. + +"Ja." + +"Sprechen Sie aus Erfahrung?" + +Sie lachte ein wenig spoettisch und ueberlegen, als wuesste sie das besser. +Und er lachte auch. Was sollte er darauf antworten? + +"Ausnahmen gebe ich ja zu," sagte er. + +"Also doch." + +"Die Liebe kennt ueberhaupt keine Regeln, sie kennt nur Ausnahmen." + +"Also Streit um des Kaisers Bart." + +"Sie haben recht. Spielen Sie mir lieber noch etwas Chopin. Oder den +Totentanz." + +"Ihr ewiger Totentanz." + +Sie praeludierte ein paar kurze Takte und spielte Webers "Aufforderung +zum Tanz". + +Er schuettelte missbilligend den Kopf. + +Er liebte diese Musik nicht. Er erhob sich leise und trat in die offene +Verandatuer und sah in den windbewegten Park hinaus. + +Ob sie es gemerkt hatte? + +Sie hielt mitten im Stueck auf. + +"Es ist nichts," sagte sie. "Ich mag heute nicht spielen." + + + + +10. + + +Der naechste Tag war ein Sonntag. + +Ob er mit in die Kirche wolle? + +Ja. + +Er sah, dass seine Bereitwilligkeit sie etwas in Erstaunen setzte, +obgleich sie kein Wort darueber verlor. + +Sie musste ihn natuerlich fuer einen Freigeist halten, fuer einen +Religionsveraechter. Darueber musste er sie doch gelegentlich aufklaeren. +Da machte sie sich ein ganz falsches Bild von ihm. Glaubte sie, er waere +aus so grobem Stoff, wie diese "aufgeklaerten" Leute, die an dem +Einmaleins und der Entdeckung der Bazillen genug haben, und glauben, sie +haetten jetzt den lieben Gott aus der Welt hinausgerechnet und +hinausexperimentiert? + +Den Weg zum Christentum freilich faende er wohl nicht wieder zurueck. Aber +das Goettliche vermochte er doch nicht zu leugnen. Was ihm, dem Doktor +Philosophiae Henning Randers, ausreichte, genuegte deshalb noch lange +nicht fuer Claus Piepenbrink. Claus musste etwas Greifbares in die Hand +bekommen, ein Seil, woran er sich laengs tasten konnte. Und dieses Seil +war die christliche Religion, dieses Seil drehte ihm die Kirche. Und nun +gar ein Weib ohne Religion! Natuerlich liebte er nicht die Betschwestern. +Aber er hasste diese "aufgeklaerten," wissenschaftlichen, bebrillten +Blaustruempfe. + +Und das war seine innerste Ansicht von der Sache und seine +festgegruendete Ueberzeugung, nicht etwa eine augenblickliche, +sentimentale Wallung, veranlasst durch die Tatsache, dass Fides die +Kirche besuchte. + +Er war durchaus unabhaengig von Fides, wenn er auch die Wahrheit seiner +Ansichten nie so empfunden hatte, wie jetzt, wo sie neben ihm im +Kirchenstuhl sass, mit gleichmaessiger, stiller Aufmerksamkeit der +Predigt folgte und unbekuemmert um seine Anwesenheit laut und innig die +Choraele mitsang. + +Sie schob ihm dabei ihr Gesangbuch etwas zu, und er mischte schuechtern +seine harte, modulationslose Stimme in ihre tiefen Glocken. Und es war +ihm, als truege sie ihn, wie ihre Stimme seine Stimme trug. Als haette sie +ihn an der Hand gefasst, als fuehlte er eine treue, sichere Hand, die ihn +einen ruhigen, sonntaeglich schoenen Weg fuehrte, dorthin, wo Friede war +und Glueck und Wunschlosigkeit und Dankbarkeit, das kindliche Gefuehl der +Geborgenheit. Und er sang zuletzt ganz laut und tapfer die schlichten, +innigen Verse des alten Paul Fleming mit. + + Lass dich nur ja nichts dauern + Mit Trauern! + Sei stille! + Wie Gott es fuegt, + So sei vergnuegt, + Mein Wille. + + Was willst du heute sorgen + Auf morgen? + Der Eine + Steht allem fuer; + Der gibt auch dir + Das deine. + + Sei nur in allem Handeln + Ohn Wandeln, + Steh feste! + Was Gott beschleusst, + Das ist und heisst + Das Beste. + +Und als sie aufsahen und ihre Blicke sich trafen, wunderte er sich, dass +diese junge Dame neben ihm die Komtesse Fides Bruckner war. Ihm war, als +haette er sie schon jahrelang gekannt, so nah waren sie sich durch diesen +gemeinsamen Gesang gekommen. Es war ein ruhiges Gefuehl der +Zugehoerigkeit, wie zwischen Bruder und Schwester. + +Dies war der schoenste Tag, der ihm seit Jahren geschenkt worden war. Er +trug nachher ihr Gesangbuch und behielt es auch waehrend der ganzen +Rueckfahrt, und er hielt es zaertlich wie einen geliebten Gegenstand. + +Das war der schoenste Tag! + + + + +11. + + +Randers wollte abreisen und blieb, wollte wieder abreisen und blieb, bis +es ihm eines Tages schwer aufs Herz fiel: Wie wirst du dich von all +diesem trennen koennen? + +Das ist es, was du dir unter einer Ehe denkst, dies harmonische +Nebeneinander, Miteinander, ohne Verpflichtungen. Aber auf die Dauer +geht so etwas nicht ohne Standesamt. Und das ist eine Unmoeglichkeit! + +Es kamen Briefe aus Hamburg, die ihn neckten und welche, die ihn +beneideten. Und er antwortete mit ernsthaften und langen +Auseinandersetzungen ueber die Ehe, eine Ehe, auf die sich nur ein ganz +vorurteilsloses, aristokratisches Weib einlassen wuerde. Er glaube dieses +Weib in Fides gefunden zu haben, aber er daechte zu aristokratisch, um +ihr eine Mesalliance zuzumuten. Und so wie sich eine wirkliche Gefahr +zeige, wuerde er abreisen. + +Und Gerdsen schrieb: + +"Die Ehe, die Sie wollen, ist keine Ehe, liebster Doktor. Ich wuerde noch +mehr Worte darueber verlieren, wenn mir irgendwie ueber den Ausgang Ihrer +jetzigen kleinen 'Episode' bange waere. Uebrigens wissen Sie, dass ich +Ihre Aristokratismen nicht teile. Ein bisschen buergerliche Auffrischung +kann dem Adel nur gut sein. Aber ob Sie der sind, von dem eine +Auffrischung zu erwarten ist, daran darf ich wohl in aller Freundschaft +zweifeln. + +"Ich wuensche Ihnen ein gesundes Verhaeltnis mit einem Bauernmaedel. Ich +wuerde Sie gerne auf lange Zeit in irgend eine laendliche, urbaeuerliche +Einsamkeit verbannen, oder meinetwegen zwischen Ihre geliebten +norwegischen Schaeren, damit die Natur Sie einmal derb beim Wickel naehme +und Ihre ganze platonische Phantasieerotik mit kraeftigem Besen +auskehrte. + +"Nichts fuer ungut. Aber ich musste es mal sagen, obgleich es nichts +nuetzt. Sie muessen nun so verbraucht werden." + +"Sie haben recht," schrieb Randers zurueck, "Es ist alles Unsinn! Ich +werde ueberhaupt nicht heiraten." + + + + +12. + + +"Was haben Sie denn da?" fragte Fides, als Randers mit einigen +beschriebenen Blaettern in der Hand eintrat, froh, Fides allein zu +finden. + +"Sie haben mich neulich mit meinem Blockhaus ausgelacht," sagte er. +"Hier ist es." + +"Das da?" + +"Ja, ich habe es heute Nacht aufgezimmert, und ich bin neugierig, wie es +Ihnen gefallen wird." + +"Da bin ich doch auch neugierig." + +"Ich finde es uebrigens gar nicht huebsch von Ihnen," setzte sie scherzend +hinzu, "dass Sie immer noch an Ihrem Blockhaus festhalten. Es gefaellt +Ihnen hier bei uns also nicht so gut, dass Sie es vergessen koennten." + +"Oh," sagte er betroffen. "Doch! ich bitte! Es ist so schoen bei Ihnen. +Und dann ist es ja nur eine Idee, eine fixe Idee. Es wird ja nie etwas +daraus werden." + +"Ich goennte es Ihnen schon, damit Sie gruendlich von Ihrer Romantik +geheilt wuerden." + +Er lachte. + +Und dann bat er sie, in sein Blockhaus einzutreten, und sie legte sich +mit einem gespannten Ausdruck, halb neugierig, halb belustigt, in ihren +Stuhl zurueck und hoerte ihm zu. + +"Ein Blockhaus, halb vergraben unter den Sandwehen des Novembersturmes, +in dem wilden Lister Duenengebirge." + +Der Grossstadt entronnen, fallen mit mir drei phantastisch wilde +Gesellen in die hellerleuchtete Huette ein, und wir richten uns bei +ueberfliessendem Nord-Nordgrog in der Winterwildnis ein. + +Und ich bin der Herr im Hause! + +Und schliesslich werfe ich sie alle hinaus. Denn ich erwarte andern +Besuch. Eine Kuenstlerin, nicht dem Beruf nach, sondern in ihrer +eigensten, inneren Natur. + +Der aeusseren Konvenienz fragt sie nicht nach; aber die trennende +Schranke schafft sie sich durch die eigenstolze Natur. + +Der Bechsteinsche Fluegel steht schon bereit; unsere drei Zimmer sind mit +dichten Damastdecken ausgelegt; kein Schritt ist auf den dunklen +Teppichen hoerbar. Mattes Ampellicht. Ich habe einen Samowar besorgt; die +Behaglichkeit des dampfenden Kessels soll uns nicht fehlen. + +Was werden wir lesen? Ich habe Turgenjeff verschrieben: sie erinnert in +ihrer stolzen Selbstherrlichkeit an russische Frauengestalten! Und dann +spielen und singen wir! Keine Miniaturlieder. Sentimentalitaeten sind +verbannt! Franz Schubert, einiges wenige von Schumann, die Norweger, +Grieg vor allem, und dann Loewes unvergleichliche Balladen "Herr Olaf" +und "Edward". Wie das wohl ueber die Heide klingen wird: + + Dein Schwert wie ist's von Blut so rot, + Dein Schwert wie ist's von Blut so rot, + Edward! Edward! + +Und dazu die messerscharfen, schneidenden Akkorde der Verzweiflung, die +jagende Sechzehntelfigur der Begleitung, die sich schliesslich immer +mehr verdichtet, bis sie wie zu einem hoellischen Furientanze +zusammenwaechst. + +Das sind Lieder, wie sie der novembersturmgepeitschten Nordseewelle +gemaess sind. + +Wir lesen, wir spielen, wir wandern, wir schweigen auch viel, schweigen, +und ich greife hin und wieder einen halbverlorenen phantastischen +Akkord. + +Der Sturmwind heult und ruettelt an den verschlossenen Laeden. + +Jeweilig ist das Schweigen so sonderbar zwischen uns, so beredt, zu +beredt fast, so dass wir zu reden beginnen. + +Wie denken Sie ueber Rebekka West? So hat sie ihr langes Zusammenleben +mit Rosmer doch zur Liebe gefuehrt! + +Ihre Lippen zucken veraechtlich. + +Dass Rebekka liebt, dass sie zu lieben vermeint, ist nichts weiter, wie +das Gefuehl der Schuld, das Rosmer gegenueber auf ihr lastet! Von dem +Gefuehl der frueheren Gewissenlosigkeit gepeinigt, taeuscht sie sich ueber +sich selbst. Ein Glueck, dass sie in den Muehlgraben gehen kann. Sonst +wuerde sie bald erkennen, dass sie ihre eigenste, bessere Natur verloren! +Und dann ginge sie auch in den Muehlgraben. + +Ihre Lippen haben wieder den strengen, sibyllinischen Zug! Ich schweige +lange! + +Und ihr Lieblingsschriftsteller Jens Peter Jakobsen! + +Was sagen Sie zu Edele Lyhne? + +Ich habe sie einmal mit Edele verglichen. Sie liebt die Anspielung +nicht. + +Sie wissen, dass ich mir Anzueglichkeiten verbitte. Dass der Dichter +schliesslich von Edele nichts besseres weiss, als eine Backfischliebe, +die sie schweigend mit sich herumgetragen, dafuer kann nicht Edele, dafuer +kann nur der Dichter, nur die Maenner, jaemmerliche, sentimentale +Schwaechlinge, die ihr seid! Und nun Sie! Was reden Sie hier von Liebe! + +Und ihre Lippen begannen herbe und spoettisch zu laecheln. + +Und Sie wollen der Schoenheit des Meeres als einem Fluch anheim gefallen +sein! Hat Sie das Meer noch nicht gelehrt, schwachmuetige +Sentimentalitaeten als das zu betrachten, was sie sind? Sie Aermster Sie! + +Und sie reicht mir halb bedauernd die Hand, und ich Tor schlage ein. + +Und lassen Sie Ihre albernen Gedanken und kommen Sie rasch zur Duene +herauf. + +Wir klimmen mit Muehe gegen den Sturmwind, um uns stieben +schneesturmgleich die Sandwehen. Finster leuchtet das Schwarz der +ungefuegen Wolkengebilde, ein mattfahler Schwefelstreifen leckt an ihnen +empor; geisterhaft verschaeumt die tobende Brandung. Ein verlorner +Moewenschrei! + +Der Sturmwind presst uns nahe aneinander; ich fuehle ihre Schulter an +meiner Brust. Ihre Zuege sind schoener als je, aber unbeweglich, und +geisterhaft weiss wie Marmorstein! + +Und ihre Zaehne pressen leise die Unterlippe. + +Weltverschollen, in engster Naehe, und doch kluefteweit getrennt! + +Und dann schreiten wir stumm hernieder. + +Und das Licht brennt noch lange bei mir, waehrend das Dunkel schon +stundenlang in ihrem Zimmer wob! + +Heute ist ihr Geburtstag! ich habe Rosen bestellt! Dunkelblutrot und +schneeweiss. Zwei Koerbe duften vor mir. Wahllos streue ich aus dem einen +Korb hierhin und dorthin. Sie liebt diese verschwenderische Fuelle. Den +andern Korb schicke ich ihr hinauf. + +Eine halbe Stunde spaeter ist sie unten. + +Sie Boeser, wie gut Sie sind. + +Und ihre wunderbaren Augen sprechen, und sie reicht mir beide Haende. + +Wie gut Sie sind! + +Und wir sitzen am Kaffeetisch. Sie sorgt mit hausmuetterlichem Eifer. Sie +spricht dieses und jenes und fast, als ob sie ein Gefuehl der Schuld +bedruecke. + +Und schliesslich stuetzt sie ihren Kopf in die Hand und sieht mich an! +und nickt mir leise zu, und dann liegt ihre Hand einen Augenblick weich +auf der meinen. + +Und nun, Lieber, wollen wir hinaus! + +Ich habe uebrigens noch eine Neuigkeit fuer Sie. Mein Freund kommt zu +Besuch. Sie wissen, dessen Gedichte ich Ihnen neulich vorlas. Sie +wollten ihn gerne kennen lernen, Jolanthe. + +Sie schweigt! + +Nun, was sagen Sie? + +Warum ein dritter in unserm Beisammensein? + +Und ihre Augen leuchten weich. + +Nun, wie Sie wollen! + +Und ihre Stimme klingt ploetzlich hart. + +Und sie wendet sich und geht, um sich zum Spaziergang fertig zu machen. + +Ich weiss nicht, was sie will! + +Aber naechstes Jahr ueberlasse ich ihr mein Haus. Mag sie mit einem +andern Freunde hausen; sie hat recht, das Meer soll mich nicht lieben +lehren! Ich gehe nach Fanoe! Mag sie sehen! Und ich stampfe entschlossen +mit dem Fusse und greife nach der Rose, die ihrer Hand entfallen." + +"Die arme Jolanthe," sagte Fides mit einem Ton spoettischen Bedauerns, +als Randers schloss. + +Er lachte und zuckte die Achseln. + +"Hoffentlich nimmt sie Ihr Blockhaus fuer das naechste Jahr nicht an," +sagte Fides. "Sie wird an dieser Erfahrung genug haben." + +"Ja, aber er will ja eben nicht heiraten, sich nicht sentimental +binden." + +"Er ist eben ein Phantast," erwiderte sie mit besonderer Betonung, "der +sich unmoegliche Verhaeltnisse ertraeumt." + +"Sagen Sie das nicht." + +"Aber ich bitte Sie! Uebrigens wissen Sie das wunderschoen auszumalen." + +"Ist es nicht schoen?" + +"Sie sind ein Dichter." + +"Nicht doch!" + +"Sie koennen einem ordentlich den Mund waessern machen." + +"Sehen Sie!" + + + + +13. + + +Randers hatte Rosen auf seinem Zimmer gefunden. + +Er lief durch die Felder und dachte an diese Rosen. Wie kommt sie dazu, +dir Rosen zu schicken? Hat sie dich denn nicht verstanden? Glaubt sie, +du meinst es nicht ernst? Du wuerdest nicht nach Fanoe gehen und Jolanthe +einem andern ueberlassen? + +Ganz gewiss, meine Gnaedigste, ich will Jolanthe nicht heiraten, und Sie +nicht, und keine andere! Oder wollten Sie mir mit den Rosen Ihre +Anerkennung fuer meine Standhaftigkeit bezeigen? + +Eine Tugendrose? + +Er pflueckte einen grossen Feldstrauss, allerlei Graeser und letzte +Sommerblumen, reifende Haselnuesse und einen Zweig fast schon schwarzer +Brombeeren und brachte ihn Fides. + +"Fuer die Rosen," sagte er. + +"Wie schoen! Ich danke Ihnen." + + + + +14. + +(Tagebuchblaetter.) + + +Der Doktor hat recht gehabt. Es waren nur die paar ueberzaehligen Cognacs +und Pschorrs und Kaffees. Ich fuehle mich jetzt ganz wohl. In Grashof +kam es noch hin und wieder, dieser Druck auf dem Kopf, als truege man +einen Stein mit sich herum. Und die Hallucinationen und wuesten Traeume. + +Etwas macht auch ihre Naehe. Etwas? Vielleicht alles? + +Es ist ein ganz eigenartiger Zustand, ein ganz eigenartiges Verhaeltnis. +So ohne jede Aufregung und Abspannung und jedes quaelende Begehren. In +der Abwesenheit ein Gefuehl stiller Freude, dass sie in der Naehe ist, in +erreichbarer Naehe, eine sanfte Sehnsucht, durchaus nichts Heftiges, +Treibendes. Wie man an etwas denkt, das man sicher besitzt. Und in ihrer +Gegenwart ein ganz ruhiges Geniessen ihrer Wohlgestalt, ihres +harmonischen Wesens, ihrer vornehmen Einfachheit. Keine Spur von Liebe. +Eine Art herzlichen Freundschaftsgefuehls. Freude. + +Sie ist Musik fuer mich. + + * * * * * + +Eine Ehe auf solcher Basis. Das waere etwas fuer mich. Aber es wuerde +schliesslich gar keine rechte Ehe sein. Ich finde kein sinnliches +Verhaeltnis zu ihr. Der Gedanke allein an diese Dinge erniedrigt sie mir +schon. Ich bin zu aesthetisch fuer diese Art Liebe. Also auch fuer die Ehe. + + * * * * * + +Wenn sie spielt, ist es nicht die Musik allein, sondern das +Bewusstsein, dass sie es ist, die spielt. Ich habe eigentlich gar kein +Urteil ueber ihre Musik. Ich hoere alles hinein. + +Sie kann gar nicht Schumann spielen, sie ist durchaus keine +Schumannnatur. Und doch bilde ich mir ein, Schumann nie so schoen gehoert +zu haben. + +Aber ich darf sie nicht ansehen dabei, ich muss die Augen schliessen. +Sehe ich sie an, merke ich gleich, dass sie Schumann nur spielt. + +Bei Chopin darf ich ihr schon zusehen. Da ist diese vornehme Grazie des +aristokratischen Salons, die zu ihr gehoert. Und nun gar Weber oder +Liszt. Da sitzt sie im Sattel. Und wie reitet sie! + + * * * * * + +Es ist eigentlich beleidigend, dieses Vertrauen, das der Graf mir +schenkt. Aber nach meiner neulichen grossen Pauke fuer die Aristokratie +und meiner kategorischen Erklaerung, dass eine Mesalliance gegen meine +Grundsaetze waere, muss er mich natuerlich fuer ungefaehrlich halten. + +Sie koennen ruhig schlafen, Herr Graf. + + * * * * * + +Ein Zeichen, dass ich nicht verliebt bin: ich habe mit ihr ueber die +Liebe philosophiert. Sie benahm sich eigen dabei. Etwas spoettisch. Sie +ist zu gesund fuer meine Philosophie. + +(Bedenkliches Postskriptum: Du machst dir klar, dass du nicht verliebt +bist. Hm!) + +(PS. II. Du machst bedenkliche Bemerkungen, folglich bist du nicht +verliebt. + +Der Beweis ist geglueckt, was mir sehr lieb ist, denn ich will mich nicht +in sie verlieben.) + + * * * * * + +Dass auch ich gerade diesen aristokratischen Tick haben muss, ich, der +vielmehr zu den Bauern, zu den Fischern gehoert. Ob wirklich etwas dran +ist, dass mein Urgrossvater muetterlicherseits von Adel war, alter +kurlaendischer Adel? Die Sache ist sehr zweifelhaft, eine alte +Familiensage. Ohne Dokumente. Aber vielleicht bin ich der lebendige +Beweis, vielleicht rollt ein versprengter Tropfen Adelsblut in meinen +Adern. + +Dickes Bauernblut, von irgendwoher ein paar Tropfen Kuenstlerblut, +Zigeunerblut, und in dieser trueben Mischung, mitgeschwemmt, dies eine +aristokratische Blutkuegelchen. + +Das ganze etwas mit Alkohol versetzt. Ein famoser Lebenssaft. Ich haette +wohl Lust, mich einmal gruendlich zur Ader zu lassen. + + * * * * * + + Traum, Schaum. + Traeume sind Schaeume, hier wie dort + Hoert man solch ueberkluges Wort, + Aber dem Leben farbleuchtenden Saum + Leiht nur goldener Traum wie Schaum. + + Traeume sind Schaeume! + O jugendlich Schaeumen. + Schaeume sind Traeume! + O jugendlich Traeumen. + Schaeumendes Kraefteueberfliessen, + Traeumendes Seele in Seele sich giessen. + + Traeume sind Schaeume, + Wen sie verlassen, + Dem muesste das Leben farblos erblassen. + Nur, wem das Leben wie Schaum und Traum, + Bricht sich goldene Frucht vom Baum. + + * * * * * + +Ob ich nicht doch besser in meiner Krugkammer geblieben waere? Nicht aus +irgend welchen besonderen Gruenden, sondern einzig, weil ich nicht zur +Dankbarkeit verpflichtet sein mag. Und dies ist schon mehr Nassauerei! + +Aber warum reise ich nicht ab? + +Ueber den Musterwirt bin ich ja beruhigt, der ist schon halbwegs verlobt, +mit einer Buergerlichen. Ich haette es ihr auch nie vergeben. Frau Krueger +oder gar Madam Krueger.-- + +Ich will es nur eingestehen, ich war ganz regelrecht eifersuechtig, ohne +verliebt zu sein. Wie muss einem Liebenden erst zu Mute sein, der +eifersuechtig ist. + + * * * * * + +Als sie sich die Rose in den Guertel steckte und auf den Stuhl stieg, um +sich besser im Spiegel sehen zu koennen. + +Diese ganz entzueckende Naivitaet, diese natuerlichste, kindlichste, +unschuldigste Eitelkeit! + +Welche Dame steigt in der Gegenwart eines Herrn auf einen Stuhl. Sie +darf es, eine wirklich vornehme Dame darf alles.-- + +Ich hielt ihre Hand laenger als schicklich in meiner, als ich ihr +herunter half. Sie wurde weder verlegen noch abweisend, sie uebersah es +einfach. + + * * * * * + +La rose d'amour. + + An ihrem Kleid blueht eine dunkle Rose, + Entschuerzt den Schoss zu wundersamem Duft, + Dass taumelnd so ihr Leben sie verkose, + Die weisse Maedchenbrust zur weichen Gruft. + O sei ihr Bild zum Bilde meinem Lose, + Dass ich, wenn gartentief der Sprosser ruft, + Von Mund zu Mund, fern jeglichem Getose, + Verkuessen moege Leben, Licht und Luft. + +(Waere ich verliebt, wuerde ich dieses Gedicht nicht haben machen koennen. +Obgleich es schlecht genug ist und eigentlich nur mit Liebe notduerftig +entschuldigt werden koennte.) + + * * * * * + +Gehoert nicht eine gewisse Kaelte des Herzens dazu, um Dichter sein zu +koennen? + +Unsinn! + +Ob Leute von grosser Phantasie nicht eine gewisse mittlere Temperatur +des Herzens haben, nur soviel Feuer als noetig, um der Phantasie warme +Fuesse zu machen? + +Gibt es eine Phantasie des Herzens? + +Warum nicht, wenn es eine Liebe des Kopfes gibt. Kommt auch beides +zusammen vor, wie bei einem gewissen Herrn. + + * * * * * + +Ich muss Gerdsen wieder einige "Dokumente" schicken. Ich habe ja schon +wieder genug zusammengekritzelt. Wenn er nicht schliesslich doch noch +abschnappt. Zu unsinnige Idee, meinen Roman von einem andern schreiben +zu lassen. Wie der arme Kerl sich wohl abrackert. Aber er kriegt es +fertig, das heisst, er kriegt einen Roman fertig, aber einen +Surrogatroman. Was weiss er am Ende von Henning Randers, und was koennen +ihm die paar Zettel sagen, die ich ihm als Materialien liefere. Es wird +ihm doch alles nur nebelhaft bleiben, Schattenspuk. + +Uebrigens, was ist das ganze Leben anders als Schattenspiel. Oder ein +Suchen im Nebel. Blindekuh! Nur dass einem die Binde nie abgenommen +wird. Oder doch mal? Da drueben? + +Wenn man dann sehend wird, zurueckblicken kann--Herrgott! Alle diese +Irrgaenge im dicken Erdennebel. Und dann sehen, da haettest du den Weg +gehen sollen, und sieh, der Graben da, und der Baum, an dem du dir den +Kopf zerbeultest--ein paar Zoll breit weiter links, und du waerst heil +durchs Leben gekommen. + + * * * * * + +Da bin ich nun wirklich in der Kirche gewesen, fein fromm und andaechtig. + +Sie sass neben mir, ihr Buch lag zwischen uns, und unsere Augen nahmen +denselben Weg, von Vers zu Vers, trafen sich auf den frommen Worten. + +Kuessten sich. + +Wir selbst sassen ganz ehrbar und zuechtiglich neben einander, und ich +meckerte in ihren schoenen Alt hinein. + +Sie hatte die Fuehrung, ich folgte wie ein Laemmlein der Hirtin. + +Die Orgel. Die "liebe Gemeinde" (es war eine wirklich huebsche +Sopranstimme da, die ueber diesem misstoenigen Gemecker, Gebrumm und +Gepfeife schwebte, wie eine weisse Moewe ueber ein schmutziges +missfarbiges Stoppelfeld), die weissen schmucklosen Waende, die Sonne +draussen und die Sonne drinnen, in langen, breiten Streifen ueber diesen +alten und jungen Koepfen. Das schwarze Brett mit den grossen weissen +Nummern der Choraele. Die kleine, schwarze Kanzel mit dem kleinen, +weisshaarigen Pastor Weidenbusch.-- + +Mir wurde ganz heimatlich. Wie lange bin ich nicht in einer Dorfkirche +gewesen. + + * * * * * + +Man sage nicht, dass in unserer protestantischen Kirche die Poesie +keinen Platz hat. In den kalten grossen Stadtkirchen mit ihrem +nuechternen Prunk, ja, da ist sie erfroren, elendiglich erfroren. Aber +unsere Dorfkirchen. Selbst diese kahlen, getuenchten Waende atmen Poesie, +diese alten rohen Balken, von Schwalbenschmutz gefleckt und mit einem +vergessenen Spinngewebe in irgend einem Winkel. + +Was ist Poesie? Sie geht nicht von den Dingen aus, sie geht von den +Menschen aus. Und welche Poesie sollte von dem staedtischen +Kirchenpublikum (ja Publikum!) ausgehen? + +Aber hier, diese schlichten einfachen Ackerbuerger, diese abgerackerten +Tageloehner, Maenner und Weiber, die ihres Herzens Einfalt und Beduerfnis +hierher fuehrt, Sonntag fuer Sonntag; diese ganze Atmosphaere von Arbeit, +Genuegsamkeit, Einfalt und Himmelshoffnung, das ist es, das teilt sich +diesen schmucklosen Waenden mit und leiht ihnen einen ruehrenden Glanz. +Die Poesie kommt mit den Leuten in die Kirche, fuehlt sich wohl hier und +bleibt, auch wenn der Kuester abschliesst. + + * * * * * + +Auf dem Lande verstehe ich, wie man fromm sein kann, es wieder werden +kann. Auch auf dem Meere verstehe ich es. Auch im Kriege. Aber da ist +die Zeit oft zu kurz dazu. + +Und auf dem Sterbebett. + + * * * * * + +So hoch stehen, dass man religioes wird! + +Auf Erden ist keiner, vor dem man sich zu beugen noetig hat. Da beugt man +sich vor Gott. Um sein Gewissen zu beruhigen, um sich zu salvieren. + +Oder Einsamkeitsgefuehl? Grauen vor der Einsamkeit? + + * * * * * + +Ich liebe sie doch! Jeg elsker dig! + + * * * * * + +Es war kuehn, ihr meine Blockhausphantasie vorzulesen. Aber sie weiss +nun, wie ich es meine. Es waere Wahnsinn, zu glauben, sie koenne sich auf +so was einlassen. Die Kuenstlernatur ist sie nicht. Zu wenig Bohemienne. +Und das gehoert dazu. Aber sie ist schon das Weib, mit dem ich es +aushalten wuerde. + + * * * * * + +Jetzt weiss ich, wie ich mit ihr daran bin. Es war unvorsichtig von ihr, +mir die Rosen aufs Zimmer zu stellen, am selben Tag noch. Und +unvorsichtig war es von dir, zu erroeten, als da ihr den Feldstrauss +brachtest! + +Aber ich will nicht! + + + + +15. + + +Eines Vormittags spazierten Randers und Fides nach dem Seepavillon. Es +war ein letzter Septembertag mit Wind und Wolken. Aber die Sonne war +auch da und sie waermte noch. + +Der Wind kam von der See und trieb die Wolken ins Land. Grosse Schatten +segelten ueber das Stoppelfeld. Der Roggen, der hier gestanden hatte, war +laengst im Speicher. Ein paar Kraehen huepften auf den kahlen Schollen, +flogen auf und liessen sich in Steinwurfweite wieder nieder. + +Sie konnten bequem nebeneinander gehen, brauchten sich nicht auf dem +schmalen Fusssteig zu halten. Randers musste sich ein paar Mal buecken, +ihr Kleid von den Stoppeln zu befreien, bis sie es lachend aufraffte. Er +hatte seinen Rock zugeknoepft und das Sturmband unters Kinn gezogen, so +scharf wehte hier der Wind. Manchmal blieben sie stehen und drehten den +Ruecken gegen den Wind, um sich besser verstehen zu koennen. + +Fides froestelte ein wenig, wie sie sagte; wenn sich die Schatten ueber +das Feld legten, war schon ein herbstlicher Ton in der Luft. + +Beim Pavillon war es sehr zugig, und sie gingen hinein. Sie waren lange +nicht dort gewesen. Eine warme, etwas stickige Luft herrschte in dem +Raum, aber des Windes wegen mussten sie die Tuer schliessen. Zwei +vertrocknete Waldmeisterkraenze hingen an einem Nagel, und der welke Duft +machte die Atmosphaere noch schwerer und beklemmender. Die bunten Fenster +liessen nur ein gedaempftes Licht herein und verstaerkten das Gefuehl der +Abgeschlossenheit. + +Fides hatte ein Vergnuegen daran, von Fenster zu Fenster zu gehen und die +See einmal blutrot, einmal ockergelb und einmal ganz gruen zu sehen. Sie +wollte das alles noch einmal geniessen, denn es war das letzte Mal, +dass sie es in diesem Jahre sah. Der Herbst war da und mit ihm der Umzug +in die Stadt. + +Sie freue sich gar nicht so darauf wie sonst, sagte sie. So gerne waere +sie noch nie auf dem Lande gewesen, wie in diesem Sommer. + +"Warum bleiben Sie nicht einmal einen Winter ueber?" meinte Randers. "Ich +denke mir das so schoen." + +"Meinen Sie? Ich habe es einmal getan. Es ist gar zu einsam." + +"Das ist doch schoen." + +"Aber auf die Dauer? Wenn noch Besuch kaeme. Aber es ist ja gar nichts +Gescheites in der Naehe, kein Umgang, der einem zusagte." + +"Sie sollten mit nach Sylt kommen." + +"Ja, das waere was. Aber Papa tut's nicht." + +"Auf ein paar Wochen nur." + +"Kommen Sie doch mit in die Stadt," sagte sie. "Aber Sie haben ja solche +Sehnsucht nach dem Meere," setzte sie schnell hinzu. "Ich kann mir +denken, wie Sie sich wegsehnen von hier." + +Er erwiderte nicht gleich etwas darauf. Allerlei Gedanken und Bilder +gingen ihm durch den Kopf. Er besuchte mit ihr die Museen, die Konzerte, +die Kirchen, sah sich von ihr in eine hoehere Geselligkeit eingefuehrt, in +die Gesellschaft; tausend verlockende Aussichten eroeffneten sich ihm, +wenn er mit ihr in die Stadt ginge. Und dass sie es wuenschte! Dass sie +es wuenschte und aussprach! Das machte ihn ganz gluecklich. + +"Wie gerne wuerde ich mit in die Stadt gehen," sagte er. + +"Aber?" fragte sie, da er zoegerte. + +"Diese Idee kommt zu ploetzlich, so ueberraschend," sagte er langsam und +unsicher, und vermied dabei, sie anzusehen. + +"Nein, es geht nicht," sagte er mit einem ploetzlichen Entschluss. "Das +ist ja alles--aber nein, es darf nicht sein!" + +Und er fing an, hin und herzugehen, unruhig und nervoes, und verzweifelte +Blicke nach den Fenstern werfend, als waere es ihm zu schwuel hier. + +Fides sass auf dem roten Plueschkissen, auf der einzigen langen, +lehnelosen Bank, und trommelte ganz sachte mit den Fingern auf dem +kleinen Borkentisch. + +"Ich hatte mir das so schoen gedacht," sagte sie. "Aber wenn es nicht +sein kann--" Es klang weich, fast wie ein Seufzer. + +Sie hatte das gedacht? Schon frueher daran gedacht? Hatte es sich +ausgemalt? Es war nicht nur ein augenblicklicher Einfall? + +"Ja, aber meine liebe gnaedigste Komtesse, ich taete es so gerne, schon +allein, da Sie es wuenschen--" + +"Aber ich bitte Sie, meine Wuensche! Sie sollen durchaus nicht das +geringste Opfer bringen. Sie haben sich alle diese Wochen nach Sylt +gesehnt--" + +"Aber ich bitte, von Opfer kann ja gar keine Rede sein. Wenn Sie +wuessten, wie schwer--es waren so--ich werde diese Wochen nie vergessen, +die ich hier verlebte." + +"Ja, es war recht huebsch. Aber es wird doch jetzt schon recht +unfreundlich hier. Ich freue mich doch auf die Stadt." + +Sie sagte das in einem ganz andern Ton. Ein ploetzliches Umschlagen der +Stimmung. + +"Ihr ewiges Hin- und Herlaufen macht mich ganz nervoes," sagte sie und +stand auf. "Was haben Sie fuer eine Unruhe! Sie koennen gewiss die Zeit +nicht erwarten, wo es auf und davon geht, Sie alter Meermensch." + +Es sollte scherzhaft klingen, aber es war eine leise Gereiztheit im Ton. + +"Sie missverstehen mich, Komtesse," sagte Randers. + +"Wie so?" + +Die Frage klang wirklich naiv und machte ihn einen Augenblick irre, +verwirrte ihn. Er versuchte sich mit einem Laecheln herauszuhelfen, aber +es misslang. + +"Ich brauche ja das Meer, die Einsamkeit--es ist ja nur eine Flucht--vor +mir selbst--vor all diesen--diesen Unmoeglichkeiten." + +Er rannte wieder auf und ab, waehrend sie angelegentlich durch das rote +Fenster auf die See sah, die Augen mit der Hand beschattend, dicht an +die Scheibe gedraengt. + +Er wartete, dass sie etwas erwidern sollte. + +"Aber ich habe Ihnen das ja alles schon gesagt," fuhr er fort, als sie +schwieg, und es klang fast verzweifelt. + +Er sah sie an, aber sie ruehrte sich immer noch nicht. + +Als sie sich jedoch nach einer peinlichen Pause umwandte, erschrak er +ueber die Blaesse ihres Gesichts und den fast harten Ausdruck der Augen. + +Und ploetzlich--war es unter seinen besorgten, fragenden Blicken?--eine +tiefe Roete ueberflutete sie, ihre Blicke wurden unsicher, hilflos; sie +schlug die Haende vors Gesicht, und mit gepresster Stimme sagte sie +leise: + +"Warum quaelen Sie mich so?" + +"Fides!" rief er. + +Aber sie eilte an ihm vorueber, liess sich auf die Bank fallen, legte den +Kopf auf den Tisch, und das Gesicht in beide Haende drueckend, weinte sie +krampfhaft. + +"Fides!" + +Er kniete neben ihr, zitternd, bebend vor Erregung, suchte ihre Hand, +erhob sich wieder und sprach, ueber sie hingebeugt, auf sie ein. + +"Nein, nein, o nicht," stammelte er. "Was ist dies alles--Komtesse. +Aber nein--Fides, liebe, liebe Fides." + +Und wieder lag er vor ihr auf den Knien. + + + + +16. + + +Es regnete, regnete immer staerker, der ganze Himmel schien sich aufloesen +zu wollen. Das angewelkte Laub konnte sich unter diesem bestaendigen +Angriff der Wassermassen nicht halten, loeste sich und fiel auf die +aufgeweichte Erde, in den Kot der Wege und in die hundert kleinen und +grossen Pfuetzen. + +Es war, als wollte dieser Tag die letzten Reste des Sommers +wegschwemmen. + +Randers lief immer gerade aus, eine Stunde lang, zwei Stunden. Das Nass +rann in Stroemen und kleinen Baechen von seinem Regenrock, sammelte sich +auf seiner weissen, durchweichten Muetze, rieselte ueber deren schwarzen +Schirm, spritzte von unten bei jedem Schritt an ihm hinauf, dass Stiefel +und Beinkleider ganz kotig waren. + +Aber er lief immer drauf los. + +War das nicht der Weg nach Suessen? + +Aber es war ja gleichgueltig. Er wollte ja nur seinem "Glueck" entlaufen, +diesem wunderlichen Glueck, das ihn quaelte, ihn aengstigte, sich wie eine +eiserne Klammer um sein Herz legte, wie ein gluehender Nagel sich ihm ins +Hirn bohrte. O, wie er gluecklich war! + +Warum jauchzte er nicht laut auf? Hatte er nicht eine reizende Braut? +Und eine koestliche Zukunft? + +Schwiegersohn des Grafen Bruckner! + +Was wuerden sie alle fuer Augen machen. Also doch eine Adelige. Ja, ja der +Randers! + +Nein, und tausendmal nein! Er konnte dieses Opfer nicht von ihr +annehmen. Frau Doktor Randers! Was konnte er ihr dafuer bieten? Aus +eigenem? Eine grosse, dauernde Leidenschaft, eine bestaendige, alles +wettmachende Liebe? + +Wuerde er nicht nur ihr Geliebter sein, von ihrer Liebe leben? Der +Geheiratete sein? Sie hatte sich mal diesen Luxus erlauben koennen, einen +simpeln Buergerlichen ohne Stellung und Vermoegen zu nehmen, weil er ihr +gefiel. + +Sie wuerde ihn lieb haben und fuettern! + +Hatte er denn gar keinen Stolz mehr? + +Aber wie es ihr sagen? Wie es ihr sagen? Er war ihr ja so gut, er koennte +es nicht uebers Herz bringen, ihr weh zu tun. Aber es musste sein, ohne +Aufschub, bevor die Anzeige dieser Verlobung in alle Welt ging. Dann war +er gebunden, dann durfte er sie nicht kompromittieren. + +In der Theorie wusste er ja mit all diesen verzwickten Dingen leicht +fertig zu werden. Man lebt nebeneinander hin, und nachher trennt man +sich, gutwillig. Oder richtet sich ein. Aber in der Praxis ist es denn +doch etwas anders. Da spricht das gute Herz mit, Ehrgefuehl, Anstand, +Dankbarkeit, tausend Stimmen reden auf einen ein und verderben das +theoretische Konzept. + +Und nun gar eine Verlobung eingehen mit der Absicht, sie wieder zu +loesen. Pfui Teufel, wie gemein! + +Also es ihr sagen, noch hier, heute noch! + +Der Wagen stand sozusagen schon vor der Tuer, morgen wollten sie zusammen +abfahren, sich in Hamburg trennen, wo er einige Tage verweilen wollte, +um seine Angelegenheiten zu ordnen, um ihnen dann nach Berlin zu folgen. + +So in der letzten Stunde, den Koffer in der Hand--nein das ging nicht! +Warum kam das alles auch im letzten Augenblick! Acht Wochen waren sie +nun zusammen gewesen. + +Am besten waere es, er schriebe es ihr von Hamburg aus. + +Und so lange sollte er schauspielern? Luegen? + +Muede und abgespannt, durchnaesst und beschmutzt kam er wieder im Schloss +an. + +Fides war in ihrem Zimmer, beschaeftigt, mit der Zofe die letzten Koffer +und Schachteln zu packen, der Graf in seinem Arbeitskabinett zu einer +letzten geschaeftlichen Unterredung mit dem Verwalter. + +Randers ging, von niemand gesehen, auf sein Zimmer. Am liebsten haette +er sich aufs Bett gelegt, zu einem langen, langen Schlaf. Aber es war +noch frueh, kaum sechs Uhr. + +In den nassen Kleidern konnte er auch nicht bleiben. Er zog sich um und +ging in den Salon hinunter. + +Ein graues, truebes DaemmeDaemmerlichtschte darin. + +Der Regen schlug gegen die Fenster. Ein paar welke Ahornblaetter klebten +an den nassem Scheiben. + +Vom Tisch waren alle Mappen und Buecher abgeraeumt, die schweren +Silberleuchter unterm Wandspiegel waren schon weggeschlossen. Es lag +schon ein Hauch von Unwohnlichkeit ueber dem halbdunklen Raum. Nur die +grosse japanesische Vase, die der Gaertner erst gestern mit frischen +Chrysanthemen gefuellt hatte, stand noch auf ihrer Ebenholzsaeule, und die +grossen gefiederten gelben und weissen und lila Blumensterne standen wie +verbannte Schoenheiten auf einer einsamen oeden Insel. + +Der Bluethner war geoeffnet. + +Ob Fides gespielt hatte? + +Richtig, da lag noch ihr Armband auf dem Leuchterbrett, ein schmaler +Silberreif, den sie der vielen Anhaengsel wegen beim Spielen ablegte. + +Er nahm ihn mechanisch in die Hand, legte ihn aber schnell wieder hin. + +Mechanisch suchte seine Hand die Tasten. Er erschrak beinah, als sie +nachgaben und ein paar leise Diskanttoene wie klagend durchs Zimmer +klangen. + +Er laechelte, musste laecheln. + +Wie nervoes er war! + +Aber er musste sich beherrschen, heute noch, morgen noch. + +Er rueckte sich den Sessel zurecht und fing an zu spielen. Ganz unten im +Bass, leise, unrhythmisch. Die Toene rannen, krochen durcheinander, wie +brauender Nebel. Diese dunklen, dumpfen Toene taten ihm wohl. Er konnte +sich nicht genug tun, da unten herumzuwuehlen. Aber allmaehlich loeste sich +ein Thema ab, eine Melodie. Takte aus Chopins C-moll-Polonaise kamen ihm +unter die Finger, und wieder biss er sich in diesem Gedanken fest, +hetzte ihn, peitschte ihn durch alle Oktaven, ueberrollte ihn mit +stuermischen Passagenwogen, dass er elendiglich darin zu ertrinken +schien, aber er tauchte immer wieder auf, und schrie, schrie foermlich: +lass mich los, lass mich los! + +Ploetzlich legte sich eine weiche Hand auf Randers' Schulter. Er schrak +zusammen, fuhr wie aus einem Traum auf. + +Fides? + +Er starrte sie an, wie eine Erscheinung. + +Sie lachte laut auf. + +"Der arme Fluegel. Ist das dein Abschied von ihm?" + +Er lachte gezwungen. + +"Es war wohl wuest?" + +"Aber sehr. Alle Waende zittern vor Angst." + +Er stand etwas beschaemt auf, und sie schloss schnell das Instrument. + +"Der hat genug fuer dieses Jahr," scherzte sie. + +"Armes Tierchen, hat er dir wieder wehe getan?" + +Wie gut gelaunt sie war, wie drollig. Und wie reizend sie aussah. Ihre +Wangen gluehten noch infolge der eifrigen Reisevorbereitungen. + +"Wie ungemuetlich ist es hier schon," sagte sie. + +"Und dieses Wetter heute. Waeren wir nur erst weg. Ich habe jetzt gar +keine Ruhe mehr." + +Und sie zog ihn mit sich ins kleine Nebenzimmer, wo es noch einen +gemuetlichen Eckplatz gab, und erzaehlte ihm von ihren Kasten und Koffern, +und wie ungeschickt sich die Zofe beim Einpacken benommen haette, und +plauderte von Berlin, und was sie alles in diesem Winter unternehmen +wollten. Ob er sich auch so darauf freue. + +"Ja," sagte er und hielt ihre Hand und drueckte sie ganz leise. + +Es war so dunkel jetzt, dass sie sich kaum erkennen konnten. + +Aber er wuenschte, es waere noch dunkler. Er hatte gelogen, hatte sie +belogen! Es war ihm ploetzlich, als ob etwas in ihm kalt wuerde. Eine +Leere. Es war nicht Scham, nicht Reue, oder Schmerz. Nur ein +wunderliches Gefuehl der Starre, wie ein eisiger Hauch. + +Es war etwas in ihm tot, er hatte es selbst getoetet. + +Es war aus. Er fuehlte es. + +Leise liess er ihre Hand los. + +Es war aus. + + + + +17. + + +Es war fuenf Uhr morgens. Randers oeffnete das Fenster. Es war noch alles +dunkel draussen, die Sonne noch nicht aufgegangen. Aber von den +Wirtschaftsgebaeuden her kuendigten verschiedene Geraeusche an, dass die +Leute schon an die Arbeit gingen. Er sah Licht im Kuhstall, und ein +Knecht ging mit einer Laterne ueber den Hof. + +Es war ein kuehler, nebliger Morgen. Der Regen hatte schon waehrend der +Nacht aufgehoert. Aber von den Baeumen und Bueschen tropfte es noch in +schweren grossen Tropfen, und ein feuchter, modriger Dunst stieg von dem +durchweichten Erdreich auf. + +Randers war blass und ueberwacht. Er hatte die ganze Nacht hindurch +geschrieben. Er brauchte sich nicht anzukleiden, er war nicht aus den +Kleidern gekommen. Er kuehlte sich Stirn und Augen mit einem nassen +Schwamm, trank hastig ein paar Glaeser Wasser und stand dann mitten im +Zimmer, regungslos, die Hand im Nacken, und starrte auf den Fussboden. + +Mit einem Ruck ermannte er sich. + +"Es geht nicht anders. Es ist das Beste so. Bei Nacht und Nebel." + +Er lachte. Ein bitteres, haessliches Lachen. Er nahm Hut und Stock und +den kleinen Koffer und ging leise die Treppe hinunter. + +Ein Hausmaedchen sah ihm verwundert nach. Sie waren gewohnt, dass er frueh +aufstand, mit Sonnenaufgang schon in die Felder lief oder an die See +hinunter. + +Aber heute war es doch reichlich frueh. + +Er fand die Hintertuer geoeffnet und kam ungesehen ins Freie. + +Fides' Fenster lagen nach vorne hinaus. + +Er konnte sie nicht sehen. + +Ob sie wohl schon wachte? + +Ungesehen kam er vom Hof auf die Landstrasse. Er ging nicht durchs Dorf, +sondern auf einem Wiesenweg hinten herum. + +Aber in Rosenhagen sprach er im Krug vor, trank zwei Schnaepse, um sich +zu erwaermen, und gab einen Brief fuers Schloss ab, mit dem Befehl, ihn in +einer Stunde, sowie es hell wuerde, abzuliefern. + +Auf die verwunderten Fragen des Wirtes antwortete er ausweichend. + +Dann ging er nach Suessen, wo er elend ankam. Er bestellte einen Cognac +und ein Glas Wasser, goss das Wasser hastig hinab und liess den Cognac +stehen. Es ekelte ihn davor. Er erkundigte sich, wann das Dampfboot von +Heiligenhafen nach Kiel fuehre, und nahm einen Wagen. Er konnte das Boot +gerade noch erreichen. + + * * * * * + + + + +Drittes Buch + + + + +1. + + +Randers an Gerdsen. + +Ich halte es nicht mehr aus, lieber Freund! Sie werden verstehen, dass +ich nach dem Rixdorfer Erlebnis der Zerstreuung bedarf, eines +Gegengewichtes. Wie tief es noch bei mir sitzt, koennen Sie daraus +ersehen, dass die Zerstreuungen und Erholungen der Kunst nicht +ausreichten. Es mussten _Betaeubungen_ sein. Alkohol! + +Ich entfliehe der Gefahr. Es gibt nur eins, was mich befreit, mich +reinigt: Die Natur. Die See. + +Sie empfehlen mir die Arbeit. Aber was kann sie mir anders sein, als ein +Betaeubungsmittel? Meine Art Arbeit, die nicht produktiv sein kann. +Foerdert mich diese Arbeit, bringt sie mich eine Stufe hoeher, eine Stufe +hinaus aus meinem Gefaengnis? Ist sie nicht nur Gefaengnisarbeit eines +Sklaven, der sich nuetzlich erweisen soll und zugleich an seiner Pflicht +ein Betaeubungsmittel hat? + +Aber ich will mich nicht betaeuben. Das ist so feige, so philistroes, so +dumm, so unwuerdig. Warum denn nicht gleich die Pistole? Die betaeubt +alles und auf das vortrefflichste. Soll ich Mittel brauchen, die mir das +Leben ertraeglich machen, so muessen es Rauschmittel sein. Sie kennen +diese meine Mittel, die das Leben steigern, es aufreizen, verdoppeln! +Musik, Poesie, jede Art Kunst, das Weib und vor allem die Natur. + +Sie geben in Ihrer Arbeit Ihr Ich. Bei Ihnen ist Arbeiten erhoehtes +Leben, bei mir Bekaempfung des Lebens. Warum denn nicht mit der Pistole? +Puff, weg damit! Aber koennen Sie mir ernstlich empfehlen, das Leben +taeglich zu foltern, es auf Hungerration zu setzen, ihm die Kehle bis auf +das allernotwendigste Quentchen Luft zuzuschnueren, ihm einen Stein auf +den Kopf zu legen, damit es die Stirne nicht zu hoch traegt und nicht zu +sehr waechst, ihm die Fuesse zu binden, damit es nicht auf den Einfall +kommt, zu tanzen? Pfui Teufel, wie gemein! Quaelt man so sein Leben? + +Nein, lassen Sie mich meine Wege gehen, Weg und Ziel sind mir ganz klar. +Es gibt fuer mich nichts mehr als ein paar Jahre Einsamkeit, die, +langsamer oder schneller, in die letzte grosse Einsamkeit einmuenden. + +Ich habe allerlei fuer Sie niedergeschrieben, lasse Ihnen ein +versiegeltes Paket zurueck. Suchen Sie sich damit abzufinden, wenn Sie +ueberhaupt noch an dem Roman festhalten. Ich fuer meine Person entbinde +Sie davon. Wir muessten eigentlich taeglich zusammen arbeiten, und das +widerstrebt mir. Ich mag nicht so darin wuehlen, es bringt doch auch so +seine Schmerzen mit sich. Macht man's selbst, allein, so ist schon die +mechanische Arbeit des Schreibens eine Art Medizin, ein beruhigendes +Pulver. Aber muendlich, wo man einmal zu intim wird, ein andermal wieder +vor Scham das Wichtigste nur eben beruehrt, das ist, als sollte man sich +in Gegenwart eines andern nackt ausziehen. + +Legen Sie bei Ihrem Helden besonders Gewicht auf den aristokratischen +Tick. Und auf die Natur! Erklaeren Sie beides aus seinem aesthetischen +Genusstrieb heraus. Die Kunst erst in dritter Linie, es fehlt ihm dazu +an innerer Berufung. Er ist nur aesthetischer Genuessling. Der Natur +gegenueber reicht das ja aus, daher fuehlt er sich bei ihr am wohlsten. +Beim Weibe ist es damit nicht getan, das Weib verlangt "produktive +Talente" vom Manne. Daher sein Fiasko beim Weibe, beim vornehmen Weibe, +das ihn allein aesthetisch reizt, allein fuer ihn in Betracht kommt. Na, +Sie werden es schon machen. + +Ich gehe morgen nach Sylt. Meine dortige Adresse wissen Sie noch von +frueher. Es braucht sonst niemand zu wissen, wo ich bin! Also Diskretion! + +Adieu, bester Freund! Ich halt es einfach nicht mehr aus. + +Ihr Randers. + +P.S. Ich lege Ihnen hier noch ein paar Verse bei, die meine +augenblickliche Seelenverfassung spiegeln, und ein aelteres +Stimmungsstueck, das ich unter meinen Papieren fand, eine Stiluebung, +die Sie vielleicht als Beweisstueck fuer meine unzureichende +Produktionsbegabung und als ein Charakteristikum nach der sentimentalen +Seite hin brauchen koennen. Uebrigens meine Verse! Ich wollte Sie immer +bitten, ihnen etwas auf die Beine zu helfen, sie sind gar zu +dilettantisch unbeholfen. Aber ich hab's mir jetzt ueberlegt, aendern +lassen Sie nichts daran; so wie sie sind, haben sie ja allein Wert als +"Dokumente", als Belege fuer mein Halb- oder Garnichtskoennen. Wenn Sie +sie nicht lieber ganz weglassen. Mir auch recht! + + * * * * * + + Was fuer ein Traum doch war's, der sich mir spann bei Nacht, + Dass ich in meinen Traenen bin erwacht? + Was fuer ein Traum doch war's? + Ist's nicht dein Bild, das sich mir hat gestellt, + Das Haupt von lichten Locken dicht umwellt? + Ist's nicht dein Bild? + Und blicktest du nicht kalt an mir vorbei, die Hand + Zur Abwehr streng entgegen mir gewandt? + Und blicktest du nicht kalt an mir vorbei? + Zerriss es denn auf ewig, jenes Band, + Das dich und mich zu schoenstem Bund umwand? + Zerriss es ganz? + So bleibt mir nichts von dir als heisse Glut, + Ein einsam Kissen, feucht von meiner Traenenflut? + So bleibt mir nichts? + + * * * * * + +Friedenstraum. + + In stillen, tagesabgeschiednen Naechten, + Wenn Stern an Stern zu goldnem Kranz sich flicht, + Und wenn, wo Ginster sich und Weissdorn flechten, + Gespenstisch Fluestern ob der Heide spricht, + Dann hoer ich auf, zu hadern und zu rechten, + Wenn goldner Friede sternhernieder bricht, + Dann blinkt in meines Herzens dunklen Schaechten + Endlich ein trautes, stilles Daemmerlicht. + + * * * * * + +Vogelkoenigtum. + + Vogel, du bist der Koenig der Welt, + Fern bleibt kein Platz dir, der dir gefaellt. + Fliegst in die freien Luefte, + Fliegst ueber Berg, ueber Meer, ueber Feld, + Vogel du freier, du Herrscher der Welt. + + Ueberall darf der Himmel dir blauen, + Ueberall darfst du die Welt erschauen, + Ueberall laesst du die Woge dich gruessen, + Himmelentstuerzt dir die Brust von ihr kuessen; + Taeglich eroberst du neu dir, ein Held, + Vogel, du freier, zu eigen die Welt. + + * * * * * + +Wie es sein sollte! + + Was ist das Glueck? Ein niedres kleines Haus, + Weit ab der Welt und ihrem argen Treiben; + Zum Fenster lehnt ein liebes Haupt heraus, + Und Haende winken, lassen mich nicht bleiben; + Vom Strande toent der Nordsee dumpf Gebraus, + Die Sonne blinkert golden in den Scheiben, + Wir sind im Zimmer einsam und zu zwein, + Wir sind mit unsrem goldnen Glueck allein. + + * * * * * + +Einsame Weihnachten. + + +Gestern ueberkam mich die Weihnachtsstimmung mit uebermaechtiger Gewalt. +"Stille Nacht, heilige Nacht," so klang es von der Strasse herauf; +Strassenmusikanten. Was machte mir heute ihr sonst so graessliches Getute +ertraeglich? War es nur diese unverwuestliche Melodie, dieses schoenste +aller Weihnachtslieder? Und das, was unter dem Zauber dieses Liedes +erwachte? Ich war selbst wieder Kind geworden, meiner Mutter am Klavier +geschmiegt, und "Stille Nacht, heilige Nacht" klang es von meinen +Lippen. + +Nun will heute der heilige Abend kommen. Die weihnaechtige Stimmung ist +mir getreu geblieben, und ich muss mir schon an ihr genuegen lassen, denn +ich wuerde einsame Weihnachten feiern; ich lebe, ein Fremder, in der +fremden Stadt, einsam inmitten des hastenden Getriebes. Heute bin ich +ihm entflohen; ich bin weit hinausgewandert in die schweigende, +glitzernde Einsamkeit der laendlichen Umgegend. + +Um mich das Spiel der weissen Flocken! Nicht in dichten Wolken wallt es +hernieder; in glitzernden Sternen staeubt es fein, so fein herab. Will +sich ein Geheimnis, beglueckend, beseligend, auf die Erde betten? Leise +Klaenge klingen mit. Oder ist's Taeuschung? Klingt der Schnee in +herniederrieselnden Toenen unhoerbar fast und doch so deutlich, weich, so +wunderweich dem Ohr, wie sich auf die Stirne eine maerchenweisse, schmale +Frauenhand herniederlastet? + +Der Himmel will sich verstecken und sendet doch seine Botschaft. +Zwischen den langausgesponnenen Schneefaeden dringt es wie von +schimmernder Klarheit, fast als ob in jedem Augenblick der feine +Nebelflor aufwehen und ein holdes Geheimnis enthuellen moechte. + +Es ist drei Uhr nachmittags. Die Daemmerung hat begonnen. Ich bin weit +hinausgeschritten, fern, so fern der Stadt. Nicht wie sonst am +verduesterten Fluss. Was soll mir die rollende Welle? Was soll mir am +Weihnachtsabend truebe und ewig novemberhaft der dunkle Strom? + +Wenige Schritte noch und ich bin im Walde! Breit dehnt sich die +Fahrstrasse, einem gefrorenen, schneeblitzenden Flusse gleich, den, aus +Tannen aufgebaut, jaeh stuerzendes Steilufer dunkel von beiden Seiten +umengt. Eine Viertelstunde hinaus kann ich die schnurgerade +verlaufenden, dunkelgruenen Waende ueberblicken. Stille, lautlose Stille, +umfaengt mich. Nur leisestes Wehen der Wipfel; einmal ein heiserer +Kraehenschrei! Die Wagenspuren die einzigen Zeichen menschlichen Lebens, +aber auch sie fast hinweggewischt durch den fallenden Schnee. + +Aber da saust es ploetzlich zwischen den Staemmen heran! Ein schwaches +Klingelgelaeute! Staerker und staerker! Zwei Pferde! Scharf gezeichnet +steigt aus ihren Nuestern der Atem in die Winterluft empor. Eine grosse, +kraeftige Maennergestalt im Vordersitze; hinter ihr der peitschenknallende +Kutscher. Ein verwunderter Blick auf den einsamen Wanderer! Sausendes +Schlittendroehnen! + +Vorbei! + +Wohin wohl? Vielleicht auf ein benachbartes Gut zum Besuch auf den +heiligen Abend? Der Schlitten mit Geschenken vollgepackt. + +Wie wohl die Kinder warten werden. Bei jedem Haustuerklingeln eine +stuerzende Schar, und immer wieder die Enttaeuschung. Aber endlich ist er +angekommen! Ein Stampfen auf der Treppe; das Fusseisen klingt an den +scharrenden Absaetzen; in der geoeffneten Tuer heisst eine schoene Frau den +Schwager willkommen; die Kinder umdraengen den Onkel mit freudigem Laerm, +und das Jubeln will kein Ende nehmen. + +Und wieder laeutende Glocken! Aber nicht aus der Ferne! "Aus des Herzens +tiefem, tiefem Grunde" laeutet die Vergangenheit empor. Immer maechtiger +fluten und ueberschwemmen mich die Klaenge. Und da wandelt sie mir nah +zur Seite und nickt mir mit vertrautem Auge, die Jugend, die froehliche, +selige Kinderzeit. + +Die Weihnachtsferien sind da! Meine Eltern wohnen auf einem grossen +Kirchdorf, kaum eine halbe Meile von der Stadt, deren Gymnasium wir drei +Brueder besuchen. Schon sitzen wir im Schlitten. Bald gruesst uns aus der +Ferne das elterliche Heim, ein freundliches Pfarrhaus, um das im Sommer +ein dichter Garten seine gruenen Kraenze schlingt. Endlich sind wir daheim +bei Vater und Mutter. Es weihnachtet ueberall. Von Kuchen und Marzipan, +von Pfeffernuessen, Tannennadeln und Weihnachtskerzen stroemt ein wuerziger +Weihrauch durch das ganze Haus. Vor den leichtueberfrorenen Fenstern +hasten die Maedchen mit grossen eisernen Kuchenplatten vorbei. + +Aber lange duldet es uns Kinder nicht an einer Stelle. Die Backen +brennen vor ungeduldiger Erwartung. Schneckengleich schleicht die Zeit. +Wollen denn die Grosseltern gar nicht kommen? Endlich haelt das Gefaehrt. +Wir Kinder alle draussen; die Kleinsten patschen mit ihren Haendchen an +den Grosseltern empor. + +Schliesslich ist auch die letzte Stunde der Erwartung dahingegangen. +Meine Mutter sitzt am Klavier und spielt den Weihnachtschoral. Auch das +Stimmchen meiner kleinsten Schwester tippt schuechtern mit im Chor. Und +dann tun sich die Tueren weit auf, und vor uns flutet und flimmert der +schimmernde Kerzenglanz! O du selige, o du froehliche Weihnachtszeit; +froehlich und selig, wenn man ein Kind ist, bei Vater und Mutter daheim! + +Ich habe mich in lichte Traeume verloren; aber ich wehre ihnen, denn ich +weiss nur zu wohl, dass sie sich trueber und trueber spinnen werden. +Wollen nicht schon einsame, schweigende Graeber aus der Ferne +herueberwinken? Ich reisse mich los; ich bin zur Gegenwart erwacht. + +Es schneit nicht mehr, aber der Wald ist noch immer mein Begleiter: +dunkler draeuen die Tannen, geisterhafter glitzert zwischen Staemmen der +Schnee, denn die Daemmerung ist vollends gewichen, und die Nacht hat +ihren sternenbesteckten Mantel ueber die stille Erde ausgebreitet. Und +doch kein Dunkel. Sternenglanz und flimmernder Schnee weben ihre +geheimen Strahlen ineinander; und mit ihnen fuehrt noch etwas anderes, +Unsagbares, heute in der Weihnacht geheime Zwiesprache. Was ist's? Ist +es ausser oder in uns? Und wir legen es nur in die Natur hinein? Ist es +der Klang der Weihnachtsglocken? In einem fernen Dorfe laeuten sie den +heiligen Abend ein, der Wind verweht mit leisem Schwellen den Schall und +traegt ihn ueber den schweigenden Wald. Und ich vermag mein Ohr gegen +diese Toene nicht zu verschliessen; zu gewaltig ist ihr Weiheklang. +Alles grueblerische Denken erlischt; nur ein begluecktes Empfinden, nur +der heimliche Zauber des Waldes und der gestirnten Weihnacht besteht. + +Hat ihn je ein Dichter voll auszuschoepfen vermocht, so dass allein sein +Wort den maechtigen Zauber ans Licht beschwor? + +Das Weihnachtsevangelium faellt mir bei; nicht der Bericht des Lucas, von +der Geburt des Kindleins selbst; zu real, so wundersam ruehrend auch die +herzenseinfaeltigen Worte lauten. Aber die herrlichste Poesie folgt: "Und +es waren Hirten beisammen auf dem Felde, die hueteten ihre Herde bei +Nacht. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn +umleuchtete sie." + +Die schweigende Einsamkeit des Feldes, die einfachen Hirten, die Nacht, +die himmlische Klarheit, das ist's! In diesen Worten steckt der ganze +Zauber der Weihnacht, an sie reicht nichts heran als Haendels ebenso +einfache wie grossartige Musik. Die Worte wollen mich nicht mehr +loslassen, ich spreche sie immer und immer wieder, ich summe sie in +Toenen, indes ein leisester Windhauch den Tannen an ihre Wipfel ruehrt, +und aus der Hoehe herniedersaeuselt, wie eine Botschaft des Friedens, wie +der Friede selbst, der nicht von dieser Welt ist, der sich nur einmal +im Jahre in der stillen, in der heiligen Nacht auf die Erde +herniedersenkt. Und die Tannen erbeben und streuen Weihrauch auf und +knistern--von Gold? Und schimmernd entbrennen viel tausend heimliche +Kerzen, und unter ihnen liegt das Christkind gebettet, mit golden +blickenden Augen--ein Weihnachtsmaerchen in der Weihenacht unter den +Tannen--und die Klarheit des Herrn umleuchtet sie. + +Und mir--mir rinnen die Traenen von den Wangen herab--aber himmlische, +heimliche Klarheit umleuchtet auch mich--die Klarheit des Herrn in der +Weihnacht. + + + + +2. + + +Auf der Wattenseite, auf halbem Wege zwischen Rantum und Hoernum lag im +Schutz des maechtigen Duenenwalles ein kleines einstoeckiges Blockhaus. Ein +leidenschaftlicher Seehundsjaeger hatte es sich dahinbauen lassen. Seit +Jahren stand es unbenutzt. + +Das war etwas fuer Randers. Er erhielt das Haeuschen fuer einen Spottpreis. +Es war auch aermlich genug fuer einen laengeren Aufenthalt, nur fuer einen +anspruchslosen Jaeger auf einige Wochen ein Unterschlupf. Unten war ein +grosser Raum mit einer kleinen Kammer daneben, oben, auf einer schmalen +Holzstiege erreichbar, noch eine geraeumige Kammer unter dem spitzen +Giebel und etwas, anscheinend nie benutzter Bodenraum. Aber es befand +sich doch eine Kochstelle im Erdgeschoss, ein primitiver Herd, worauf +der alte "Seehund" sich seinen Grog gebraut haben mochte. + +Randers liess alles instandsetzen, liess sich aus Westerland einen +Tischler kommen und richtete sich ein. Das untere Hauptgelass war +geraeumig genug. Da fand ein grosser Schreibtisch aus Tannenholz Platz, +vor dem Fenster, das auf die Watten hinaussah. Ein Chaiselongue, vier +Stuehle, ein kleiner runder Tisch, was brauchte er mehr? Ihm fiel zuerst +nichts weiter ein. In die Kammer kam ein Bett und ein Waschgestell aus +Draht. Auch ein paar neue Fensterscheiben waren noetig. Die alten waren +ganz erblindet und rissig. + +In die Giebelkammer liess er ein zweites Bett stellen. Er verwandte fast +mehr Sorgfalt auf dieses "Fremdenzimmer" als auf seinen eigenen +Wohnraum. Es kam ein solider Waschtisch herein, eine Kommode, eine +Garderobe und nachtraeglich noch ein Spiegel. Er liess den ganzen +Fussboden mit einem weichen Teppich belegen und das Fenster mit +Vorhaengen versehen. + +Als er seinen Einzug hielt, hatte er einen Augenblick den Gedanken, die +erste Nacht unter seinem Dache dort oben zu schlafen. Aber er +unterdrueckte diese Anwandlung. Doch ging er noch einmal mit einem Licht +hinauf und stellte ein paar Herbstblumen, die er sich aus Westerland vom +Gaertner geholt, in ein Wasserglas auf den kleinen dreibeinigen +Wandtisch, den er in der Wirtschaft des Rantumer Strandvogts fuer ein +geringes erstanden hatte. + +Er dachte lange, bis er endlich einschlief, an die einsamen Astern oben +im Giebelzimmer und belebte den Raum mit allerlei Traumgestalten. Am +Morgen aber lachte er ueber die Blumen und warf sie zum Fenster hinaus. + + + + +3. + + +Randers fuehlte sich geborgen. Vorlaeufig, vielleicht, dass es mit der +Zeit ihm auch hier nicht mehr einsam genug waere. Nun, dann war ja +Norwegen da, die Schaeren und Fjords. Und immer so weiter, bis in die +letzte grosse Einsamkeit. Auf diesem Rueckzug war er ja doch. + +Das mit Fides hatte ihm doch den Rest gegeben. Er bereute es nicht, er +wuerde es zum zweitenmal wieder so machen. Und das gerade war es, was +ihn so aus dem Geleise wart. Seine eigenste Natur hatte ihm diesen +Streich gespielt. Er hatte das Glueck in Haenden gehabt und hatte es von +sich geworfen, weil es ihm in diesem Augenblick kein Glueck mehr war. + +Seine Natur war auf das Unmoegliche gestellt. Er trug sich mit Idealen, +die verwirklicht, ihn ungluecklich machen muessten. Weil er halb war, +grossmaeulich im Wollen, kleinmuetig im Ausfuehren. + +Ach ja, seine schoenen Theorieen! + +Dass alles Halbe ausgerottet werden muesste, dass die Halben mit Gewalt +expediert werden muessten, wenn sie sich nicht selbst aus der Welt +bringen wollten. Das war auch so eine von seinen Theorieen, aber eine, +die sich verwirklichen liess. Und da wuerde er seinen Mann stellen. Ja, +es war geradezu das Ziel, worauf er jetzt lossteuerte. Und da er ganz +sicher wusste, dass er einmal dort anlangte, warum sollte er sich +beeilen? Warum nicht in aller Ruhe und Gleichmuetigkeit diesen Todesgang +gehen? + +Das war ja gerade das Koestliche, gab ja gerade dem Leben diesen +seltenen, schaurigen Reiz: dieses Tanzen ueber dem Grabe, dieses letzte +Geniessen, mit dem Bewusstsein, es ist das letzte; mit jedem Tropfen, +den du schluerfst, kommst du dem Nichts naeher. + +Aber ausleben, nicht absterben! + +Randers war den Rantumern schon von frueher bekannt. Er war oft auf Sylt +gewesen. Auf der ganzen Insel, von Hoernum bis List hinauf, kannte man +den "langen Doktor". + +Die Leute freuten sich seiner Anhaenglichkeit an ihre Insel und freuten +sich, dass er jetzt ganz bei ihnen bleiben wollte. Freilich lachten sie +auch ueber ihn. Er war doch noch immer der alte verrueckte Kerl. Und +Randers lachte mit. Er wusste, die Leute waren im Grunde einem gesunden +"Sparren" nicht gram, wussten ihn zu schaetzen. Und dass er anders war +als andere, das machte ihm ja selbst den groessten Spass, das war ja sein +Stolz. Er war ja ueberall der Andere gewesen. Ueberall "deplaciert". Hier +war jeder der Andere, der Eigene, Sonderliche. Jeder ein Original. Aus +der Natur herausgewachsen, ohne Drill und Schliff. Das waren die Leute, +die ihm gefielen. Er fuhr mit ihnen aufs Meer, lernte wieder das Segel +handhaben. Er freute sich kindisch, als er den ersten Seehund geschossen +hatte. Auch eine Moewe holte er herunter, nur um den Leuten zu zeigen, +dass er's konnte. Nachher tat er's nie wieder. Er liebte die Moewen. + +Auch von den Seehundjagden kam er oft ohne Beute zurueck. Dann waren ihm +die guten dummen Tiere leid gewesen, und er hatte nur darueber +weggeknallt und sich an ihrem Erstaunen belustigt. + +Er sah braun aus, wie der aelteste Rantumer, schon nach drei Wochen; war +er doch stuendlich draussen, im feuchten Salzwind, das Sturmband unterm +Kinn. Bald hier, bald da tauchte seine weisse Muetze wie eine +aufgescheuchte Moewe aus den Duenen auf. Von Hoernum bis List hatte er alte +Bekanntschaft erneuert und "begossen." Und der Salzwind liess keine +"Gespenster" aufkommen, wehte sie weg, schneller als den Nebel, der +ploetzlich aus Watt und See aufstieg und alles in einen geheimnisvollen +Schleier huellte. + + + + +4. + + +So war es Winter geworden und war wieder Fruehling geworden. Das einsame +Fremdenzimmer hatte nie wieder Blumen gesehen. Hatten die Stuerme, die +ueber die Insel gebraust, die "Eulennester in seinem Schaedel", wie +Randers sagte, weggeblasen? Hatte der taegliche Verkehr mit den gesunden +Insulanern, denen er sich in der langen Winteroede immer mehr +angeschlossen hatte, wohltuend auf ihn gewirkt? Oder war es Moiken, die +flachsblonde Kellnerin beim Rantumer Wirt und Strandvogt Brork Hansen, +die ihn vernuenftig gemacht hatte? + +Abend fuer Abend hatte er waehrend des langen Winters in der Rantumer +Wirtsstube gesessen und sich gut und schlecht von Moiken behandeln +lassen, wie ihr gerade der Sinn stand. Er machte ihr den Hof, machte ihr +kleine Geschenke, gab reichlich Trinkgeld, und sie liess sich, wenn sie +allein waren, dafuer mal von ihm kuessen. Weiter ging's nicht. Er hatte +seinen Spass daran, und ihr brachte es etwas ein. + +Um die Weihnachtszeit war er wieder melancholisch geworden, wie immer, +wenn andere Leute den Christbaum anzuenden. Und er hatte sich ein +Baeumchen verschafft, hatte es mit ein paar Lichtern geschmueckt und ins +Fremdenzimmer gestellt. Das sollte ihm nun Abend fuer Abend bis in die +Neujahrsnacht leuchten. + +Moiken war gekommen und hatte seinen Baum bewundert. Sie hatte sich auf +den Bettrand gesetzt, ihm zwischen die Kerzen hindurch in die Augen +geblitzt. Aber er hatte sie ploetzlich weggejagt, sie versaeume gewiss was +in der Wirtschaft. + +"Durchaus nicht." + +"Ja, doch! Geh." + +Und er schob sie fast zur Tuer hinaus. + +Nein, das waere doch. Unterm Tannenbaum! + +Er strich das Bett glatt, wo sie gesessen hatte, loeschte die Lichter +und ging in sein Zimmer hinunter. + +Nachts traeumte er von Moiken. + + + + +5. + + +Randers hatte sich seit Monaten nicht nach Briefen umgesehen. Die +Weihnachtsstimmung weckte ihm das Beduerfnis danach. Er war etwas +enttaeuscht, beim Leuchtturmwaerter nur zwei Briefe vorzufinden, beide von +Gerdsen. Aber wer sollte ihm auch schreiben. Er hatte sich ja von allen +zurueckgezogen, er wollte es ja so. + + + + +6. + + +Gerdsen an Randers. + +Sie sind also doch auf und davon, lieber Freund. Haetten Sie doch noch +drei Tage gewartet. Ich kam frueher zurueck, als ich dachte. Schade! Nun +folg ich einstweilen Ihren Anweisungen, adressiere diesen Brief nach +List und warte neugierig, was Sie mir aus Ihrer Einsamkeit melden +werden. Wenn Sie Ihr Blockhaus unter Dach haben, versaeumen Sie nicht, +mir rechtzeitig Bescheid zu geben, damit ich an der Richtfeier mit einem +stillen Trunk teilnehmen kann. Die Seltenheit des Falles duerfte Sekt +rechtfertigen. + +Ihr Gerdsen. + + +Gerdsen an Randers. + +Acht Wochen haben Sie mich ohne Nachricht gelassen. Ich bin unruhig. Wo +stecken Sie? An oder in der See? Unter den Truemmern Ihres Blockhauses? +Als zappelnder Fisch in den Netzen einer blonden Keitumerin? Ich hoffe, +Sie leben noch und arbeiten auf irgend eine Weise an unserm Roman. Es +waere mir doch sehr lieb, wenn ich an dem Faden ihrer Erlebnisse mich +weitertasten koennte und nicht mit dem Schluss ganz auf meine Phantasie +angewiesen waere. Als "Fachmann" muesste mir nun freilich schon klar sein, +wie das Gebaeude zu kroenen ist. Aus dem, was ich habe, muesste ich schon +als guter Psychologe, wenn auch unbewusster, wie es der Dichter meistens +ist, die Konsequenzen ziehen koennen. Ja, ich muesste jetzt Ihnen Ihre +kuenftigen Wege zeigen koennen. Aber ich will's Ihnen allein ueberlassen +und aus der Rolle des getreuen, nachtappenden Chronisten nicht +heraustreten. + +Die Wirklichkeit straft ja so oft alle Berechnung und Psychologie +Luegen. Also leben Sie fleissig a la Randers und fuehren Ihr Tagebuch fuer +mich weiter. + +Neugierig bin ich, welche Friesenmaid die weiblichen Figuren des Romans +vermehren wird. Mich wuerd's schon freuen, wenn Ihre Liebe nun zur +Abwechselung einmal aus den aristokratischen Kalbsledernen in die +friesischen Holzpantoffeln fuehre. + +Adieu! Melden Sie mir wenigstens den Empfang dieses Briefes, wenn Sie +sonst auch keinen Stoff zu einem Brief haben. Habe ich in vier Wochen +keine Antwort, rechne ich Sie zu den Verschollenen und beende den Roman +ohne Sie und verheirate Sie zur Strafe zuletzt mit einer aeltlichen +Gouvernante, die Sie jeden Sonntag in die Kirche fuehrt. Also! + +Ihr Gerdsen. + + + +7. + + +Randers an Gerdsen. + +Dank fuer Ihre beiden Briefe. Mein Blockhaus ist fertig, ich auch: mit +der Welt. Hier ist's gut. Keine Weiber. Nur Moiken, die Kellnerin oder +"Stuetze" im Rantumer Krug, die ich "poussiere". Aber das ist des +Zeitvertreibs wegen und um dem Maedel einen Spass zu machen. Genuegt Ihnen +das fuer den letzten Teil des Romans, meinetwegen! Lassen Sie Ihren +"Helden" irgendwo verbauern, sich um eine Dorfdirne die Knochen +zerschlagen, oder--es ist mir wirklich so gleichgueltig geworden. Taeten +Sie mir nicht leid um Ihrer undankbaren Arbeit willen, ich wuerde Sie +bitten, das ganze Manuskript in den Ofen zu stecken. Aber so weit wie es +jetzt gediehen ist, hab ich kein Recht mehr daran. Sie haben freie Hand. +Und damit viel Glueck! Moecht's Ihnen Ruhm und Geld eintragen. + +Vor einem Vierteljahr bekommen Sie keinen Brief wieder. Trotzdem immer + +Ihr getreuer + +Randers. + + + + +8. + +(Tagebuchblaetter.) + + +Dass Beethoven das Meer nicht kennen gelernt hat. Sein Atem ist wie der +des Ozeans. Dieser grosszuegige Wellengang seiner Melodie. Der haette uns +eine Ozeansymphonie schenken muessen. + +Dass alle unsere Groessten dem Meer so fremd waren! Goethe, Schiller, +Beethoven. + +Byron, der kannte das Meer! + +Und Boecklin kennt es! + + * * * * * + +Wie organisch die Phantasiegebilde Boecklins sind, sehe ich an Thoma, +diesem lieben, stillen, deutschen Meister. Dem gelingen seine Bockfuesser +nicht immer, Menschen mit Ziegenbeinen. Aber ein Boecklinscher Faun, der +ist echt. + + * * * * * + +Ich sehe die Natur boecklinisch, d.h. in vielen guten Augenblicken. Das +macht, Boecklin ist so wahr wie die Natur selbst, er hat sie erfasst, hat +sie in ihren Muttertiefen belauscht. Die Natur ist boecklinisch. Nie +erinnert sie mich an Klinger, so gross der ist, so sehr ich ihn verehre. +Aber Boecklin liebe ich. Und es ist nicht nur das Meer, die Naehe des +Meeres. Neulich auf der Dorfstrasse, die dunklen Lindenwipfeln gegen den +Abendhimmel--Farbe, Stimmung, Musik: alles Boecklin. Oder die kleinen +schwarzen Steine, die aus den Watten herausgucken, wenn die Flut leise +heranspuelt, eine Moewe ruhte sich auf dem groessten Stein: Klinger +zeichnet so was auch, ganz koestlich. Aber die Natur erinnert mich nie +an ihn. Das macht, er ist viel zu sehr Klinger. + +Boecklin: Monolog! Klinger: Dialog! + +Bei dem einen redet nur die Natur, dem Zauberstab des grossen Kuenstlers +gehorsam. Beim andern wird eine Unterhaltung draus, ein Zwiegespraech. +Der Kuenstler hat geistreiche Antworten, Einwaende, auch mal einen Witz. +Er ist nicht--rein. Wohlverstanden! + + * * * * * + +Welcher Bloedsinn: Moderne Kunst! Echte Kunst steht ueber allen Zeiten, +ist _immer_ und _nie_ modern. + + * * * * * + +Nordsee. + + Ein frischer Nordnordwest mit wilden Rufen, + Er packt das Meer und zerrt es an den Maehnen. + Da schirrt es sich; da stampft's von tausend Hufen, + Viel tausend Rosse blecken mit den Zaehnen; + und lauter klatscht von seinen Wolkenstufen + Der Gott hernieder seine Peitschenstraehnen; + Drauf seh, als Sporn und Stacheln Eile schufen, + Den Griesbart greinend ich hintueberlehnen. + + * * * * * + +Non est. + + In dieser grenzenlosen Einsamkeit + Blueht neu in mir ein reineres Gefuehl, + Und aus dem Zwang der innern Qual befreit, + Lausch ich der Wellen plaetscherndem Gespuehl; + Und vor mir fliegt ein weisses Maedchenkleid, + Es draengt der Locken wirrendes Gewuehl, + Und wie das Sternenlicht im Schaum versprueht, + Seh ich ein Augenpaar, das mir erglueht. + + * * * * * + +Ob Gerdsen sich noch mit dem Roman quaelt? Mir ist diese ganze Idee mit +dem Roman schon albern geworden. Er soll sich nicht weiter bemuehen, oder +es deichseln, wie er will. Wenn er seinen Helden (sic!) mit der Komtesse +Bruckner kopuliert, werden es ihm die Leserinnen danken und der Verleger +auch. + + * * * * * + +Moiken. Aber nein! + +Moiken hat so was dummes, so was--sachliches. Ein Stueck Mensch. Isst, +trinkt, schlaeft und ist da. Sag ich komm! kommt sie, geh! so geht sie. +Daran koennte sich eigentlich der Mann genuegen lassen. Aber da hapert's. +Der "Nichts als Mann", ja! Aber wenn man sich Blockhaeuser baut, Blumen +in ein leeres Zimmer stellt und Verse macht--ist man da eigentlich noch +Mann? + + * * * * * + +Ein Kork, der den tiefen Drang in sich spuert, sich zu ersaeufen! Ich kann +mich selbst manchmal nur ironisch nehmen. Diese verdammte Neigung ueber +sich selbst zu gruebeln. Nicht Neigung, sondern Zwang, Verhaengnis! + + * * * * * + +Des Leuchtturmwaerters Frau mit ihrem Heimweh. Sie verbittert ihm die +Einsamkeit, die ihm Lebensbeduerfnis ist. Er war frueher Musiker bei der +Matrosenkapelle. Ein Sonderling, verrueckt! Natuerlich! Ich aber verstehe +ihn. Die Frau versteh ich freilich auch. Er wird ihr eines Tags +nachgeben und seinen Posten quittieren, wieder unter die Leute gehen. Es +ist immer die Frau, die den Mann sich nicht ausleben laesst, so oder so. +Sie tut mir uebrigens leid. + + * * * * * + +Die Musik, vor allem die nordische, kann einen so weit bringen, +Leuchtturmwaechter zu werden. Musik, diese Allerweltssprache, die jeder +versteht; sie sollte also verbinden, ausgleichen. Mich aber isoliert +sie. Ein Beethovensches Adagio isoliert mich, fuehrt mich ganz auf mich +selbst zurueck. Ich moechte nach jeder Musik, die mich voellig ergriffen +hat, in die Einsamkeit. + + * * * * * + +Das Schauspiel der intelligenten, geistvollen Schriftsteller, die gerne +Dichter sein wollen. Aber das ist ihnen versagt. So ein reines einfaches +Gemuet, das an intellektuellem Besitz nicht den zehnten Teil in die +Wagschale zu werfen hat, findet Toene, die einen den ganzen Geistreichtum +der andren vergessen lassen, als etwas von dieser Welt. Jene Toene aber +stammen aus einer Welt, fuer deren Seligkeiten alle Paepste und Koenige +dieser Welt ihre Kronen und Throne geben wuerden. + + * * * * * + +Dichter und Propheten, ihnen ist der Himmel offen. + + * * * * * + +Schaffenslust und Schaffensqualen. Ja, aber so aus dem Vollen schaffen +koennen, diese goettliche Freude, diese froehliche Goettlichkeit, wiegt das +nicht alle Qualen auf? Aber dagegen die Qualen der Halben, die nur ein +versprengter Tropfen des heiligen Oels traf. Wollen, wollen und nicht +koennen. Gluehen, aber es wollen keine Flammen werden. + + * * * * * + +Das denk ich mir die groesste Vaterfreude: einen Sohn haben, in dem das, +was in einem gluehte, Flamme ward. In dem hellen leuchtenden Tag seine +Naechte und Traeume wiedererkennen, seine gebaerenden, schmerzlichen +Naechte. + + * * * * * + +Wenn ich von Fides traeume, ist es immer dieselbe Situation. Wir gehen +zusammen durch ein reifes Kornfeld. Der Himmel glueht in einem sanften +Abendrot. Wir sprechen nicht, gehen nur stumm nebeneinander, bis sie +allmaehlich wie ein Schatten vor mir entschwebt, nach der Seite hin +wegrueckt. Wie die Entfernung waechst, ihre Gestalt undeutlicher wird, +waechst eine seltsame Angst in mir; ich will ihr zurufen, aber die Stimme +versagt. Schon drei- oder viermal hatte ich diesen Traum. Nur einmal +vermischte sie sich mit Moikens Bild, und ich trank ihre Kuesse von +Moikens Lippen. + + + + +9. + + +Im Rantumer Krug waren Gaeste eingekehrt. Moiken hatte alle Haende voll zu +tun, als auch Randers nach einer langen Duenenwanderung etwas ermuedet +eintrat. Im Gastzimmer sassen ein paar Maenner von Rantum beim +Kaffeepunsch; im Hinterzimmer, der guten Stube mit den weichen +Polstermoebeln, sass eine Dame vor einem Teller mit Spiegeleiern. + +Randersens erster Gedanke war: Spiegeleier? Sieh, darauf haettest du auch +Appetit. + +Aber dann nahm ihn natuerlich die Dame ganz in Anspruch. Eine Fremde? Um +diese Zeit? + +Er stand ein paar Sekunden unschluessig in der Tuer, zwischen den beiden +Zimmern. Er sah sich nach den Kaffeepunschtrinkern um. + +Das war ja Jens Petersen Dirks. + +"Tag, Herr Dirks!" + +Er sagte das so laut, dass die Dame, die nach einem fluechtigen Blick auf +ihn ihre ganze Aufmerksamkeit wieder den Eiern zugewandt hatte, ihn +verwundert ansah. + +Moiken kam aus der Kueche mit einem Teller voll Butterbrot fuer die +Rantumer. + +"Sagen Sie mal, kann man Spiegeleier bekommen?" fragte er, lauter als +notwendig war. + +Er ging haendereibend auf sie zu und trat auf, als ob er kalte Fuesse +haette. + +Er setzte sich an einen freien Tisch, stand aber gleich wieder auf. + +"Wollen Sie mir's da hineinbringen, Moiken?" + +Er ging ins andere Zimmer. + +"Gnaediges Fraeulein erlauben?" + +Er schnarrte wie ein Leutnant, machte zwei kurze schnelle Verbeugungen +und liess sich an einem Nebentisch nieder. + +Die Dame sagte nichts, warf nur einen kurzen, forschenden Blick zu ihm +hinueber. + +"Warm heute draussen, gnaediges Fraeulein." + +Es klang beinah hastig. + +Sie hatte gerad ein Stueckchen Brot in den Mund geschoben und konnte +nicht gleich antworten, als Moiken hereintrat und ihm etwas ins Ohr +sagte. + +Randers sprang sofort auf. + +"Ach, ich bitte um Entschuldigung. Das wusste ich nicht," schnarrte er. + +"Bitte sehr, ich habe kein Recht, Sie hier zu vertreiben," sagte die +Fremde. + +Aber Randers zog sich mit einer Verbeugung ins andere Zimmer zurueck. + +"Wer ist denn das?" fragte er Moiken. + +Moiken setzte sich einen Augenblick ihm gegenueber. + +Sie zuckte mit den Achseln. + +"Von Wenningstedt. Sie sagte, ob wir nicht ein Zimmer haetten, wo sie +allein essen koennte." + +"Schon lange hier?" + +"Halbe Stunde vielleicht." + +"Will sie noch weiter?" + +Moiken wusste das nicht. + +Randers ass seine Eier und horchte auf jedes Geraeusch im Nebenzimmer. +Jetzt legte sie die Gabel hin. Jetzt klirrte etwas an ihr Glas. Sie +schenkte sich ein.-- + +Ich habe nicht das Recht, Sie zu vertreiben. Eine Stimme hatte das +Frauenzimmer. Er war ein Narr, dass er nicht geblieben war. + +Wenn er sich den Ton ihrer Worte zurueckrief, so schien ihm etwas von +einer versteckten Aufforderung zum Bleiben darin zu liegen. + +Er winkte Moiken heran. + +"Wo wohnt sie in Wenningstedt?" + +Moiken wusste von nichts. + +"Koennen Sie nicht mal fragen?" + +Moiken antwortete nicht darauf. + +Randers begann eine laute Unterhaltung mit den Rantumern. Sie schrieen +sich an, als saessen sie weit getrennt. + +Nach fuenf Minuten wurde vom andern Zimmer aus die Tuer zugemacht. Die +Rantumer achteten nicht darauf, aber Randers lief rot an. Es war ihm die +ganze Zeit schon selbst aufgefallen, wie laut er sich benahm, aber ein +gewisser Trotz, oder war es Nervositaet, hatte ihn dabei beharren lassen. + +Jetzt aergerte er sich. Was wird sie von dir denken? + +Aber dann laechelte er. + +Was liegt dir daran? Wer ist sie? Hatte sie ein graues Kleid an oder ein +braunes? Hatte sie eigentlich einen Hut auf? Du weisst gar nichts von +ihr, nicht einmal ob sie huebsche Augen hat. Nur die Tatsache, dass sie +Dame ist, eine Fremde, etwas in einem Sinne also Geheimnisvolles, +genuegt, dich so aufzuregen. + +"Moiken, soll ich eine Zigarre haben," schrie er von seinem Sitze aus in +die Kueche hinein, deren Tuer Moiken immer offen liess. + +"Ja, gleich, nehmen Sie man," klang es zurueck. + +Er ging an das Bueffet, nahm eine Zigarre aus dem Kistchen, von den +leichten; er brauchte drei Streichhoelzchen, bis sie endlich brannte. + +Die Rantumer erhoben sich geraeuschvoll und gingen. + +Gott sei Dank! Nun war er allein. Ob sie auch bald gehen wuerde? Das +wollte er abwarten, auf jeden Fall, und wenn er eine Stunde warten +sollte. + +Auf einmal hatte er einen Einfall. Er ging mit der brennenden Zigarre +ins Nebenzimmer. + +"Gnaediges Fraeulein gestatten?" + +Sie war ein klein wenig verwirrt in die Hoehe gefahren. Vielleicht hatte +sie geruht; in der Sofaecke? Gelesen? Geschlummert? + +Sie hatte grosse dunkle Augen und war blond. + +Das sah Randers fluechtig, als er an die grosse Wandkarte vom alten Sylt, +die hier aufgehaengt war, herantrat. Er tat, als suche er etwas auf der +Karte, waehrend hinter ihm mit dem Zeitungsblatt geknittert wurde; +ungeduldig, nervoes, wie es ihm schien. + +Er hatte Zeit. Aber er konnte doch nicht eine Viertelstunde vor der +Karte stehen bleiben. + +"Die Unterhaltung wurde Ihnen wohl zu laermend, gnaediges Fraeulein," sagte +er, sich umwendend. "Die Leute sind es hier nicht anders gewohnt. Man +spricht sehr laut hier." + +"Ja, das merkte ich schon." + +"Gnaediges Fraeulein sind schon lange auf der Insel?" + +"Seit ein paar Tagen." + +"Gnaediges Fraeulein gestatten?" + +Er zog einen Stuhl heran. + +Sie sagte nicht ja und nicht nein, und er setzte sich. + +"Sie wohnen in Westerland?" + +"Westerland? Nein." + +Sie war verdammt einsilbig, und ihre Blicke gingen wiederholt nach der +Tuer. Jetzt schlug sie gar mit der Gabel laut ans Glas. + +"Sie befehlen?" + +Er sprang auf. Aber Moiken trat schon ein. + +"Was bin ich schuldig?" fragte die Fremde. + +Randers war taktvoll genug, sich wieder an die Wandkarte +zurueckzuziehen. + +Er war blutrot und aergerte sich. + +Er war gehoerig abgeblitzt. + +Was jetzt? + +Er musste bleiben, bis sie ging. Er konnte doch nicht jetzt aus dem +Zimmer gehen. Er setzte sich an den Nebentisch und sah in die Zeitung. + +Die Fremde hatte sich erhoben und liess sich von Moiken den Regenmantel +umlegen. + +"Famose Figur," dachte Randers, ueber die Zeitung hinwegsehend. +"Donnerwetter! Und diese stolze Anmut, diese Sicherheit." + +Moiken, die ihm gerade bis an die Schulter reichte, reichte der Fremden +eben bis an die Nasenspitze. + +Randers stand auf. + +Mit diesem koeniglichen Wuchs musste er sich messen. + +Er ging hart hinter ihr vorbei ans Fenster. Sie war fast so gross wie +er. Ein ganz leichter Blumenduft ging von ihr aus. War es Veilchen oder +Maiblume? + +Ihr Haar, im Nacken leicht gekraeuselt, war ganz goldig, da gerade die +Sonne drauf fiel. + +Draussen auf dem Holzhaufen im Hof spielten ein paar junge Kaetzchen. +Immer lag das weisse nach kurzem Kampfe auf dem Ruecken. Das gefleckte +kugelte es mit einem Schlag seines kleinen Pfoetchens in den Sand. Dem +konnte Randers sonst lange zusehen. Auch jetzt amuesierten ihn die +Kaetzchen, trotzdem er mit seinen Gedanken nur bei der schoenen Fremden +war, deren Regenmantel hinter seinem Ruecken rauschte. + +Als die Fremde ging, mit einer stummen, kaum merklichen Neigung des +Kopfes, folgte er ihr nicht gleich vor die Tuer. Er sah ihr einen +Augenblick aus dem Fenster des Gastzimmers nach, wie sie langsam den +Wiesenweg an die Watten herunterging und rechts um das Haus hin +verschwand. + +Dann erst trat er vor die Haustuere, ging denselben Weg, blieb stehen, +sah ihr nach, kehrte langsam wieder um und schlug den Weg in die Duenen +ein. + + + + +10. + + +Randers ging am Aussenstrand. + +Ob sie nach der Bake will? Dann triffst du sie. + +Oder auch nicht. + +Eigentlich haette er ihr nachgehen sollen. Sie hatte doch nicht allein +das Recht, an der Wattenseite zu gehen. + +Warum war er ihr nicht nachgegangen? Er war doch sonst nicht aenglichst +in solchen Sachen. Warum gerade jetzt? + +Er kletterte zweimal auf die Duenen hinauf und hielt Rundschau. Aber +keine Spur von einer Dame. Ein paar Duenenschafe jagte er auf, das war +alles. + +Du bist ein Narr! + +Vielleicht ist sie laengst wieder auf dem Rueckweg. + +Aber er lief doch bis Hoernum Odde, ganz bis an die aeusserste Spitze. Er +war tatsaechlich schon im Laufen. Der glatte Strandsand bot waehrend der +Ebbe dem Fussgaenger keine Schwierigkeit. Aber Randers wurde doch warm. +Er nahm seine Muetze ab und sah dabei, dass sie schon recht schmutzig +war; sie war so schoen weiss gewesen, leuchtend. + +"Das geht doch nicht," sagte er laut. Er setzte die Muetze wieder auf, +schob sie ganz in den Nacken und stapfte weiter. + +Der Sand ward tiefer, und Randers musste "storchen", dabei schlenkerte +er mit seinen langen Armen, als waere er besonders unternehmungslustig. +Er dachte aber nur, ob er sich nicht heute Nachmittag schon in +Westerland eine neue Muetze kaufen solle. Ja, das wollte er! + +Der Entschluss schien ihn zu beruhigen. Er schlenkerte nicht mehr so +heftig mit den Armen. Und dann begann er zu singen. + +"Winterstuerme wichen dem Wonnemond." + +Als er nach Rantum zurueckkehrte, hoerte er, die Dame sei nach einer +halben Stunde wieder vorbei gekommen, in die Duenen hineingegangen und +waere wahrscheinlich am Strand nach Wenningstedt zurueckgegangen. + +Randers laechelte kaum merklich. Dumm, dachte er. Aber er war doch nicht +so sehr aergerlich. Nur etwas muede war er geworden und beschloss +infolgedessen, die Muetze erst morgen zu kaufen. + +Er betrachtete die alte noch einmal, zeigte sie Moiken und meinte: + +"Was sagen Sie zu der Muetze?" + +Moiken wusste nicht, was er wollte. + +"Ist sie nicht schon recht schmutzig?" fragte er. + +"Die ist noch lange gut," meinte Moiken. + +Randers setzte die Muetze auf, zog das Sturmband unters Kinn und trat vor +den kleinen Wandspiegel. Er drehte den Kopf wie ein eitles Frauenzimmer. + +"Ach nee," sagte er, "das geht nicht!" + +Er warf die Muetze auf den Tisch und setzte sich vor die Suppe, die +Moiken ihm aufgetragen hatte. Er ass in der Regel im Krug zu Mittag. + +Moiken setzte sich zu ihm. Sie roch nach Kaffeepunsch, den ihr ein Gast +gespendet hatte. + +Randers war heute empfindlich, mochte diesen Kaffeepunschatem nicht. Ihr +breites, gutes Gesicht mit den vollen, sinnlichen Lippen kam ihm +gewoehnlicher als sonst vor: + +"Willst du dich nicht 'n bisschen schlafen legen?" fragte er. + +Er duzte sie oft. + +"Schlafen?" fragte sie verwundert. + +"Du hast ja Punsch getrunken." + +Sie lachte laut auf. + +"Ach, das tut mir nichts." + +"Du trinkst wohl oft mal so einen heimlichen?" + +"Sie glauben auch wohl." + +"Na, na!" + +"Aber was ich sage!" + +Sie war wirklich entruestet. + +Er lachte gutmuetig. + +"Lass gut sein. Ich scherz ja nur." + +Nach dem Essen konnte er sich nicht enthalten, ihr rundes Gesicht, das +wirklich ein wenig gluehte, zwischen beide Haende zu nehmen. + +Sie wehrte sich, aber es half ihr nichts, ihr Kopf sass wie zwischen dem +Schraubstock. + +"Wie 'n Backofen," sagte er und bog ihr den widerstrebenden Kopf nach +hinten. + +"Jetzt bekommst du einen Kuss, Moiken," sagte er. + +Aber es wurden zwei. + + + + +11. + + +Ausleben, nicht absterben! + +Randers kaufte beim Gaertner in Westerland ein paar rote Astern und +stellte sie wieder oben hinauf, ins Fremdenzimmer. Er laechelte dabei, +ein wenig spoettisch: + +"Ob sie wohl kommen wird?" + +Aber es ward aus dem Laecheln doch zuletzt ein befriedigtes Schmunzeln. + +Es war ja auch auf seinem Programm. Das Bauer war fertig, den Vogel +musste er noch fangen. Aber einen Wildvogel. Ein verstecktes Duenennest, +und der Sturm darueber hin. Und ab und zu ein Ausflug zu zweien. + +Auf seinen einsamen Wanderungen durch die Duenenwildnis ging sie neben +ihm, das Weib seiner Sehnsucht. Im Sand des umschaeumten Strandes lag sie +an seiner Seite, und ihre Gedanken waren seine Gedanken. Und wenn er +sich abends muede in das Dunkel seines Blockhauses hineintappte, und dann +die Lampe aufflammte, ward er wieder munter in der Stille dieser vier +einsamen Waende, die ihm mit der Eindringlichkeit stummen Fragens immer +auf das eine zurueckwiesen: Wo bleibt sie? + +War es denn wirklich nur Freiheitsdrang, Einsamkeitsliebe, was ihn in +die Wildnis getrieben hatte? War es nicht vielleicht eine besondere Art +Verruecktheit von Erotomanie, die ihn dieses ganze Phantasiegebaeude von +Duenen- und Blockhausromantik um das "Weib" hatte aufbauen lassen, das +Weib, wie er es traeumte, und wie es nicht da war auf dieser Welt? + + + + +12. + + +Der Himmel war wolkenlos, nur am Horizont war eine leichte, milchige +Truebung. Das Meer war stahlblau und nur schwach bewegt. Es war voellige +Windstille. Ruhig, in breiten, schaumlosen Wellen hob sich die Flut. +Erst dicht vor dem Strand setzten die Wellen ihre weissen Muetzen auf, +ohne die sie ihm nie einen Besuch machten. + +Es war gegen Mittag, Randers lag auf der Terrasse des roten Kliffs und +war aergerlich, trotz der schoenen neuen weissen Muetze. Etwas auch gerade +infolge dieser Muetze. Er log sich nie auf die Dauer etwas vor, gestand +sich mit der Zeit alle seine Schwaechen ein. Er wusste auch jetzt ganz +gut, dass er ohne jene spiegeleieressende Fremde noch heute mit der +alten schmutzigen Muetze herumliefe. + +Und nun hatte er wieder dieser Fremden wegen einen weiten Weg vergeblich +gemacht. + +Nein, das konnte er nicht sagen. Ganz vergeblich nicht. Er hatte in +Wenningstedt erfahren, wo sie wohnte, wie sie hiess, woher sie war, und +wohin sie heute morgen gegangen war. + +Und vor allem--sie hatte auf unbestimmte Zeit Wohnung genommen und +durchblicken lassen, dass sich ihr Aufenthalt moeglicherweise bis Mai +oder gar Juni verlaengern koenne. Sie wolle nach ihrem Gefallen leben und +frei sein. Daher war sie vor der Saison gekommen. Auf vier Wochen hatte +sie erst einmal fest gemietet. + +So viel Grund hatte Randers, zufrieden zu sein, aber der eine Umstand, +dass er ihr nach Kaempen, bis zum Leuchtturm, nachgelaufen war und sie +wieder verfehlt hatte, stimmte ihn augenblicklich aergerlich. Die Insel +war doch verdammt gross, wenn es galt, jemand "zufaellig" zu treffen. Es +koennte ganz gut ein Vierteljahr vergehen, waehrend dessen sie immer +zwischen den Duenen hinter einander herliefen, um einander herum, nur +durch einen Sandhuegel getrennt, ohne sich zu treffen. Beide stoerten +vielleicht dieselbe Schafherde aus ihrer Verdauungsruhe. Der Hase, den +er aufscheuchte, jagte ihr vielleicht hinter der naechsten Duene einen +Schrecken ein. Ja, das war alles moeglich. + +Der Gedanke machte ihn ganz nervoes. Er wuerde sie nie treffen, wenn er +nicht heute in Wenningstedt bliebe, in ihrem Hotel uebernachtete und sich +ihr morgen beim Fruehstueckskaffee vorstellte. + +Fraeulein Lorenzen aus Toenning. Randers war in Toenning bekannt. Da war +der reiche Weinhaendler Lorenzen. Aber der hatte nur verheiratete +Toechter. Vielleicht eine Nichte von ihm. Der Weinhaendler hatte einen +Bruder in Hamburg, einen Reeder. + +Randers war geneigt, die Dame fuer Fraeulein Lorenzen aus Hamburg zu +halten. Jedenfalls reiche Reederstochter, Senatorstochter. +Patrizierblut. Alter Hanseatenadel. + +Randers lag in der Sonne und aergerte sich. Er lag auf dem Ruecken, die +Muetze uebers Gesicht gezogen, so dass er nur eben unter dem Schirm auf +den roetlich flammenden Sand blinzeln konnte. Alle Augenblicke nahm er +eine Handvoll Sand und warf sie ueber den Rand der Terrasse in die Luft. +Dann waelzte er sich auf die Seite, liess den feinen blitzenden Sand +durch die hohle Rechte auf den Ruecken der linken Hand rieseln, mit +unendlicher Ausdauer und finsteren Mienen. Ploetzlich nahm er ganze +Haende voll Sand und warf sie ueber die Terrasse in die Tiefe, immer mehr, +immer schneller, der grosse Junge, der er war. + + + + +13. + + +Randers hatte im Hotel zu Mittag gegessen und schluerfte seinen Kaffee +auf der Veranda, als er hinter sich im Speisesaal ihre Stimme hoerte. Sie +beklagte sich beim Wirt halb aergerlich, halb belustigt, dass sie sich +umkleiden muesse. Irgend jemand haette sie vom rotem Kliff herab mit Sand +foermlich ueberschuettet. + +Randers war betruebt, entsetzt. Er unterdrueckte einen Fluch. + +Er horchte, aber er verstand nichts weiter. Gut. Sie ging wenigstens. + +Er wollte den Wirt rufen und zahlen. Aber der wuerde ihm natuerlich die +grosse Neuigkeit erzaehlen. Fraeulein Lorenzen mit Sand bombardiert! Was +sollte er dazu sagen, fuer ein Gesicht machen? Er wuerde sich verraten, +sie erfuehre es, und es waere aus, alles aus! Adieu! + +Er schwang sich ueber die niedere Bruestung der Veranda und lief in die +Heide hinaus. + + + + +14. + + +Randers hatte nach Wenningstedt wollen. Er musste die Sache mit dem Wirt +ordnen. So davon zu laufen, ohne zu zahlen. Aber Randers konnte an +diesem Nachmittag nicht nach Wenningstedt. Der Nebel wollte es nicht, +der leichte, ziehende Nebel, der sich ganz ploetzlich erhoben hatte! Der +Himmel war noch klar, aber Strand, Watten, See, alles war in diesem +weisslichen Nebelmeer ertrunken. + +Dumm! sagte Randers laut. + +Ob er in den Krug ginge? Dahin faende er auch durch den Nebel. + +Am Ende war es ein ganz netter Schreib- und Leseabend. Er koennte auch zu +Hause bleiben. Die neuen Maeterlincks lagen noch unaufgeschnitten da und +der letzte d'Annunzio, "Triumph des Todes." + +Er warf einen Blick in den Roman, schlug achtlos eine Seite auf: + +"Sein Herz schwoll vor verworrener Sehnsucht nach physischer Kraft, nach +siegreicher Gesundheit, nach einem Leben voll fast wilden Genusses, nach +einfacher unverbildeter Liebe, nach der grossen, urspruenglichen +Freiheit. Er empfand wie ein augenblickliches Beduerfnis, die alte Huelle, +die ihn bedrueckte, zu zerbrechen und ihr als ein gaenzlich neuer Mensch +zu entsteigen, frei von allen Nebeln, die ihn betruebt, von allen +Gebrechen, die ihn behindert hatten. Er hatte die verfuehrerische Vision +eines zukuenftigen Daseins, in dem er, erloest von allen verhaengnisvollen +Eigenschaften, von aller aeusseren Tyrannei, von jedem traurigen Irrtum, +die Dinge sah, als ob er sie zum erstenmale saehe und vor sich das ganze +weite Weltall hatte, offen wie ein menschliches Angesicht. Konnte denn +das Wunder nicht von diesem jungen Weibe kommen, das an dem Steintisch +unter der stillen Eiche das neue Brot gebrochen und mit ihm geteilt +hatte? konnte es denn nicht an diesem Tage beginnen, das neue Leben?" + +Das hielt ihn. + +Randers steckte die Lampe an. Er wollte lesen. + +Das neue Leben von diesem Weibe? + +Er wollte gerade die Fensterlaeden schliessen als es draussen klopfte. +Der wackelige Tuergriff klirrte, und die Tuer knarrte, als wuerde sie +zoegernd geoeffnet. + +Randers trat mit der Lampe in der Hand auf den Flur hinaus und sah +erstaunt in das ebenso erstaunte Gesicht Fraeulein Lorenzens. + +"Verzeihen Sie," sagte sie, "ich sah hier ploetzlich ein Licht +aufleuchten. Man sieht keine Hand vor Augen draussen. Ich finde mich +nicht zurecht." + +"Sie sind dicht vor Rantum," sagte er, immer noch verwirrt. + +Sie lachte. + +"Hoechst erfreulich. Aber ich sehe es nicht." + +Sie war seiner Einladung ins Zimmer gefolgt. Sie war ganz durchnaesst vom +Nebel, und er sah an ihrem Kleid Spuren von feuchtem Sand. Sie musste +gefallen sein. + +"Sie entschuldigen diesen Aufzug," sagte sie, "ich bin wohl sechsmal +gestolpert." + +"Sie haben sich doch nicht verletzt?" + +Sie besah ihre Haende, die ohne Handschuhe waren. + +"Ein paar Schrammen," lachte sie. + +"Ich hole Ihnen Wasser. Darf ich Ihnen irgend etwas geben? Sie koennen in +dem Nebel nicht weiter." + +"O danke, bemuehen Sie sich nicht. Wenn ich nur bis Rantum komme." + +"Es klaert sich gewiss noch auf. Aber ich bringe Sie noch hin." + +"Wenn es sich noch aufklaert, und Sie erlauben, dass ich verweile?" + +Sie liess sich auf dem angebotenen Sofaplatz nieder. + +Er sah, dass sie verwundert war, eine solche Behausung hier zu treffen. + +"Mein Blockhaus," sagte er. + +"Das ist ja maerchenhaft. Sie wohnen hier?" + +"Seit dem Herbst." + +"Das muss koestlich sein." + +"Wenn man Einsamkeit liebt." + +Sie sah ihn forschend an. Er wurde rot unter diesen Blicken. Seine Suende +vom roten Kliff fiel ihm ploetzlich ein. + +"Ich bin auch hierhergekommen, um die Einsamkeit zu suchen," sagte sie, +"ich habe sie ja auch in Wenningstedt, jetzt noch, so lange keine +Badegaeste kommen." + +"Ja, die Badegaeste!" + +"Aber dies ist wirklich beneidenswert. Und Sie werden laenger hier +hausen?" + +"So lange es mir gefaellt." + +"Und ganz allein?" + +Er zuckte die Achseln. + +"Was soll man machen? Die schoenste Einsamkeit ist freilich die zu +zweien." + +"Meinen Sie?" + +Er laechelte etwas verlegen. + +"Einsamkeit will sprechen," sagte er. + +Sie hatte gedankenlos mit dem Roman gespielt und warf jetzt einen +fluechtigen Blick auf den Titel. + +"Moegen Sie den?" fragte sie. + +"Sie nicht?" + +"Nein. Er quaelt mich. Er fuettert einem zu Tode. Zu masslos. Man schenkt +eine Rose, einen Strauss, aber man schuettet einem nicht einen Waschkorb +voll Rosen ueber den Kopf, wenn man nicht die Absicht hat, einen +angenehm zu ersticken." + +Er lachte. + +"Sie haben nicht unrecht." + +Sie wurde wieder unruhig, sah nach der Uhr und warf einen Blick nach dem +Fenster. + +"Wie soll ich nach Wenningstedt kommen, wenn der Nebel nicht nachlaesst?" + +"Uebernachten Sie in Rantum." + +"Kann man denn das?" + +"Gewiss!" + +Er stiess den Laden auf. Sie sahen beide ins Graue; ein dicker, +undurchdringlicher Nebel. + +"Er ist staerker geworden," sagte er. + +Sie schwieg und sah ratlos in die graue Dunstmasse. + +"Es ist nicht weit bis Rantum?" + +"Eine halbe Stunde. Freilich, in diesem Nebel geht's nicht so schnell." + +"Entsetzlich!" + +Es kam aus tiefstem Herzen, aber sie lachte doch dabei. + +"Wollen Sie durchaus nach Rantum, bringe ich sie hin," sagte er, "aber +wenn ich Ihnen dienen darf, ich habe oben ein freies Zimmer, ein +Fremdenzimmer, ganz komfortable." + +Er war ganz rot. + +"Aber nein," rief sie unglaeubig aus. + +"Aber doch! Es hat's noch niemand benutzt. Wenn Sie ihm die die Weihe +geben wollen. Es ist alles vorhanden, dessen Sie beduerfen koennten, +wenigstens fuer eine Nacht." + +Sie wurde etwas verlegen. Aber dann sagte sie nach kurzem Besinnen "ja". + +"Welch ein Abenteuer!" + +"Eine Nacht in Nebelheim," scherzte er. + + + + +15. + +(Tagebuchblaetter.) + + +Der Strandvogt, dieser Huene, scheint mir ein wenig unter dem Pantoffel +seiner Frau zu stehen. Wenigstens ueberlaesst er ihr das Regiment. Die +schwerfaellige Kraft raeumt der ruehrigen, feineren Intelligenz freiwillig +das Feld. Aber sie muss ihn zu nehmen wissen und ihn sanft leiten. Bei +einem ernsten Zusammenstoss zieht sie trotz allem den kuerzeren, denn +seinen Kopf hat er auch und nicht nur die Faeuste ihn durchzusetzen. +Eigentlich ein sehr glueckliches Verhaeltnis. + + * * * * * + +War das ein Sturm gestern Abend. Der Schwede mit seiner Schieferladung +sitzt da gut. Ordentlich eingerammt in den Sand! Muss doch mal wieder +nachsehen, was noch zusammenhaelt von dem Kasten. Wie die Saecke rutschten +die Kerle an dem Rettungstau durch die Brandung. Der eine hatte sich +alle Finger bis auf die Knochen durchgeschnitten. Der Schiffsjunge war +halb tot. Armer Bengel! Es war seine erste Reise von Muttern weg. + +Da muss man den Strandvogt sehen. Ruhig, umsichtig, den staerksten Sturm +mit der Gewalt seiner Lungen ueberbruellend. Es ist doch etwas herrliches +um die physische Manneskraft, wenn sie mit Mut und Unerschrockenheit +verbunden ist. Nur kein Athletenkram, keine Krafthuberei. Der staerkste +Mann der Welt! Preisochse! + + * * * * * + +Die See geht noch immer hoch. Aber es ist ein praechtiger, himmelblauer +Tag. Die See gleisst. Ganz koestlicher Anblick, diese gleissende See, ein +fluessiges Metall. Von Hoernum Odde aus die Brandung gesehen, weit hinten +in der See, wie sie ueber die Sandbank schaeumt. + +Boecklinsche Meerweiber natuerlich darin, weisse Leiber, in der Sonne +leuchtend, triefende Arme, Gelaechter, wie wenn Wellen ueber Muscheln +spielen. An den feuchten Haaren reissen sie sich einander zurueck, balgen +sich, toll ausgelassen. + +O hinein, hinein unter diese brandenden Leiber, ein tollender Triton, +urfrische Sinnesfreude. + + * * * * * + +Famoses Weib. Muss doch aufspueren, wo sie sich eingenistet hat. Diese +Figur, diese imponierende Zurueckhaltung. Einfach abgewimmelt. Nach allen +Regeln. + + * * * * * + +Ganzen Tag auf der Suche. Bin ich in Hoernum, sitzt sie natuerlich in +List. Muss sie direkt in Wenningstedt abwarten. + + * * * * * + +Fraeulein Lorenzen aus Toenning. Sie will bleiben, so lange es ihr +gefaellt, will Einsamkeit. Fraeulein Lorenzen aus Toenning, ich suche Sie, +wir gehoeren zusammen. + + * * * * * + +Natuerlich, so muss es sein. Sie sitzt da unten, und ich bombardiere sie +nichtsahnend mit Sand. Und diese alberne Flucht aus dem Hotel, wie ein +Dieb uebern Zaun.-- + +Ich schlafe nicht, ich wache nicht, ich traeume nur, und nur von ihr. Es +ist auch zu einsam hier, man muss etwas haben, was einen beschaeftigt, +einen ausfuellt. Der Mensch muss immer hinter etwas her sein, soll er +das Leben ertragen, hinter einem Weib, einem Ideal, einem Orden, einem +Lotteriegewinn. + + * * * * * + +Wenn man so im Duenensand liegt, der Wind geht ueber einen weg, und um +einen herum rieselt's, rieselt's, rieselt's so ganz sachte, alle die +tausend feinen Koernchen in Bewegung. Und man liegt und liegt und denkt +nichts, als dass man so liegt und nichts denkt, und dass der Himmel so +blau ist, und dass das die Brandung ist, was so monoton ins Ohr schlaegt. +Und ploetzlich faengt der Magen an zu knurren, will nicht laenger so +liegen, hat Hunger. Aber man haelt's eine Weile aus, man liegt gerade so +schoen, und dann steht man endlich doch auf, weil der Hunger gar zu gross +wird--das ist eine sehr gesunde Art, den Tag hinzubringen. + + * * * * * + +Da bauen sie Buhnen ins Meer, das ganze Jahr hindurch flicken sie daran +herum. Immer der Reihe nach wieder von vorn an. Der blanke Hans schlaegt +die Zaehne hinein, hat immer Hunger. Da schieben sie ihm so eine Buhne in +den Rachen, da, knabbere dran. Inzwischen schwemmt's an, weht's an, der +Strandhafer haelt's fest, das Land waechst, die Duenen wachsen, und der +Hans knurrt dazu. Knurr nur. Hilft dir nichts. Aber dann wird er mal +wild, bruellt, springt ans Land, fuchtelt mit den Armen, und sein langer +weisser Bart weht ueber den Duenenkamm. + +Trutz blanker Hans! + + * * * * * + +Also doch! klopft bei mir an, mein Gast. Ich waelze mich schlaflos, steh +auf, wandere umher, horche hinauf. Und oben schlaeft Fraeulein Helga +Lorenzen aus Toenning. Und draussen kichern die Sterne, ein richtiges +Kichern. + +Bis neun Uhr hielt der Nebel an, der gesegnete Nebel. Da war's zu spaet +fuer Wenningstedt. Gott sei Dank! + +Sie machte den Abendtee, kochte den Morgenkaffee, und war so ganz +unbefangen. Diese schoenen Haende. Helle Holstenaugen, klar und klug. Aber +manchmal zittert's so eigen darin, als wollte was aus der Tiefe der +Seele aufsteigen. + +Also nicht Toenning, sondern aus Bremen. Nur Verwandte in Toenning. Reiche +Zigarrenfabrikantentochter aus Bremen. Heirat mit einem schneidigen +Assessor aus dem Weg gegangen. Gouvernante, Schauspielerin, jetzt +berufslos. Sie muss also Geld haben. Gage erspart. Uebrigens ist sie +muendig und wird ueber Vermoegen zu verfuegen haben. Gefaellt mir +ausnehmend, dieser Bruch mit der Tabaksfamilie. Dem Assessor +davongegangen. Auf eigenen Fuessen, Ibsenweib. + + * * * * * + +Fraeulein Helga gesehen. Wir sehen uns jetzt taeglich. Ist das ein +Maedchen! Sie hat Vermoegen und will vorlaeufig "ohne Engagement" leben; +Freiheit, die auch ich meine. Reisen, Einsamkeit, Reisen. Naechstes Jahr +will sie nach Schottland. Wenn sie will, geh ich mit. + + + + +16. + + +Randers sass auf dem Schwedenwrack, und Helga lag zu seinen Fuessen im +Sand. Ueberall lagen die Scherben der gestrandeten Schieferplatten umher. + +Helga hatte mit einem Stueckchen Muschelkalk Randers Profil auf ein +groesseres Schieferstueck mehr gekratzt als gezeichnet. + +"Getroffen?" + +Sie hielt's ihm hin, und er beugte sich zu ihr hinab. + +Er lachte. + +"Aber nein!" + +Sie lachte mit und schleuderte den Schieferscherben mit kraeftigem Wurf +nach den Wellen. Er kam freilich nur halb hin. + +"Warum zeichnen Sie garnicht mehr?" fragte er. "Sie haben mir Ihr +Skizzenbuch noch nicht wieder gezeigt." + +"Ich bin dieser Dilettanterei satt. Was soll ich hier zeichnen? Das +Meer? Man schaemt sich hier seiner Unzulaenglichkeiten mehr als anderswo." + +"Es ist so," sagte Randers und dachte an die Verse, die er gestern +gemacht hatte und die er gerne vorgelesen haette. Jetzt verging ihm der +Mut dazu. + +"Wollen Sie nie wieder zum Theater zurueck?" fragte er. + +"Nein, es ist nicht mein Beruf." + +"Sollten Sie sich nicht taeuschen? Ihre Hedda Gabler gestern--" + +"Die habe ich gespielt, mich ganz hineingespielt, und so las ich sie +Ihnen gestern ueberzeugend. Die liegt mir auch, Ibsen ueberhaupt. Aber +sehen Sie, es treibt mich nicht, haelt mich nicht. Ich habe mir selbst +den Beweis geben wollen, dass ich etwas koenne, etwas war es auch Trotz +gegen meine Familie. Aber ich habe kein Theaterblut. Und der Kunst muss +man ganz gehoeren, mit allen Fasern, wenn man ihr dienen und sich nicht +dabei verlieren will." + +Er schwieg einen Augenblick. + +"Aber Sie sind doch eine Kuenstlernatur," sagte er dann. + +"Weil ich eine Seele habe?" + +"Sie haben doch auch Talent." + +"Ja, ein paar Talente. Ich singe, schauspielere. Und weil ich eine +lebendige Seele habe, kommt auch etwas dabei heraus. Andere wuerden +zufrieden damit sein und sich ein bescheidenes Haeuschen mit allerlei +Ruhmesflitter daraus aufbauen. Ich aber will kein Haeuschen, ich will ein +Haus mit einem stolzen Turm darauf. Und dazu reicht's nicht." + +"Sie sind zu bescheiden." + +"Ich kenne mich und richte mich ein.--Und dann hab ich's ja nicht +noetig," setzte sie leiser hinzu. + +"Aber Naturen wie Sie muessen doch einen Beruf haben, eine Aufgabe!" + +"Das sagen Sie?" + +Es klang wie Spott. + +Er erroetete. + +"Ach ich. Ich bin verfehlt, verpfuscht." + +"Und wer traegt die Schuld?" + +"Ich selbst natuerlich." + +Sie sagte nichts und malte mit der Hand Kreise in den Sand. + +"Etwas natuerlich auch die Verhaeltnisse," setzte er hinzu. + +"Die muss man meistern." + +"Das geht nicht immer." + +"Man muss wissen, was man will und was man kann. + +"Und wenn man was will, was man nicht kann?" + +"Das ist ja ein grosses Unglueck." + +"Man kann nichts dafuer." + +"Na--" + +Sie brach kurz ab. + +"Sie meinen doch?" fragte er. + +"Ja, mit der Zeit muss man doch zur Erkenntnis kommen. Einsehen, was man +ist, wer man ist. Und dann heisst's, seinen Pflock einschlagen, so, hier +wirkst du, hier ist dein Land." + +"Wenn aber diese Erkenntnis zu spaet kommt?" + +"Was nennen Sie zu spaet?" + +"Nun, so in meinen Jahren." + +"Freilich, im Greisenalter." + +Sie lachte spoettisch, und er stimmte herzlich ein. + +"Also zur Erkenntnis sind Sie doch schon gekommen?" sagte sie etwas +boshaft. + +"Dass ich nicht kann, was ich moechte? Ja." + +"Was moechten Sie denn?" + +Er besann sich einen Augenblick und sagte dann wie im Scherz: + +"Heiraten." + +Sie lachte laut auf. + +"Und warum koennen Sie es nicht?" + +"Weil ich keine Frau finde." + +"Die Ihrer wert ist?" + +"Die zu mir passt." + +"Und, wie muss dies begnadete Wesen geschaffen sein?" + +"Ja wenn ich das nur wuesste." + + + + +17. + + +Randers an Gerdsen. + +Lieber Freund, wie steht's mit unserm Roman? Fuer heute nur diese +Anfrage. Ein neues Kapitel faengt an!! + + + + +18. + + +Gerd Gerdsen an Randers. + +Lassen Sie endlich von sich hoeren? Ihr Schweigen war mir raetselhaft. + +Also wieder im Netz? Ich glaube, Sie leben ein wenig unserm Roman +zuliebe und stuerzen sich deswegen in Unkosten. Wie soll ich Aermster das +alles bewaeltigen! Kaum glaube ich, Sie gefasst zu haben, verwandeln Sie +sich proteusartig; oder vielmehr lassen sich verwandeln von irgend einer +Circe. Oder sind Sie konsequent in der Entwickelung? Ist es die +Kuenstlerin, die Ihnen nach der Aristokratin noch fehlte? Nur dann wuerde +ich mir weitere Materialien erbitten. + +Ich hatte mir schon vorgenommen, Sie im November zu besuchen, +"studienhalber". Sie sollten mir wenigstens die Stelle zeigen, wo Sie +Ihr Blockhaus bauen wuerden, und ich wollte wenigstens die aufgebrachten +Wellen sehen, die zuletzt ihre Leiche dem erschuetterten Leser vor die +Fuesse werfen sollen. Eine Blockhausgefaehrtin aus Fleisch und Bein zu +sehen, darauf hatte ich schon Verzicht geleistet. Und nun ist sie doch +Wirklichkeit geworden. + +Lassen Sie mich jetzt aber auch mehr hoeren. Der Roman stockt. Ich +brauche Dampf. Lassen Sie mich im Stich, muss ich's auf meine Weise +deichseln. Und ob Sie dann zufrieden sein werden? + +Kraus genug wird das Ding. Mehr Materialien zu einem Lebensbild als +Roman. Aber Warum muss es denn gerade ein Roman sein? Es wird ein buntes +Buch, und wir wollen zufrieden sein, wenn der Leser gestehen muss, dass +er schon schlechtere Buecher gelesen hat. In Zukunft bin ich uebrigens +vorsichtiger in der Wahl meiner Modelle. Ihr Fall waere etwas fuer das +Genie eines Cervantes oder fuer die Psychologie eines Dostojewsky. + +Mit Herz und Hirn Ihr + +G. Gerdsen. + + + + +19. + + +Randers an Gerdsen. + +Nur ein paar Dankeszeilen fuer Ihren Brief, lieber Freund, der meine +wunderliche Stimmung noch bunter macht. + +Alle Erklaerungen naechstens. Halten Sie mich nicht fuer den +oberflaechlichen Don Juan, als der ich Ihnen erscheinen muss. Es sieht +wunderlich in mir aus. Den Don Quijote will ich Ihnen zugeben! Sie +spielten mit dem Cervantes so freundschaftlich darauf an. Aber vergessen +Sie nicht, dass der edle Ritter sich selbst verzweifelt ernst nahm. Die +Tragik eines solchen Charakters! + +Was ist ueberhaupt das Leben anders, als ein bestaendiger Kampf gegen +Windmuehlen. + +Uebrigens, sie kam im Nebel zu mir, verirrt. Mein Blockhaus wurde ihre +Rettung. Soll man nicht an hoehere Lenkung glauben? Diese "verrueckte" +Blockhausidee (wie oft werden Sie sie so gescholten haben) rettete ihr +das Leben. Kennen Sie den Nebel? Ein Irrgang im Wattennebel? + +Adieu! Ich muss Helga treffen. Helga heisst sie, ich heisse Henning. +Klingt das nicht huebsch zusammen, was? + +Herzlichst + +Ihr Randers. + + + + +20. + + +Das ganze Blockhaus duftete nach Veilchen. Randers hatte zu Helgas +Geburtstag aus Hamburg Veilchen bestellt. Zwei grosse Koerbe voll. Er +hatte den einen auf ihr Zimmer gestellt, den Inhalt, des anderen unten +in der Wohnstube verstreut, ueber alle Moebel, und ueber den Fussboden. + +Helga teilte seit ein paar Tagen das Blockhaus mit ihm. Warum nicht? Der +Leute wegen? der Rantumer? + +"Wir wollen gute Kameraden sein." Damit hatte sie seine Einladung +angenommen. + +Als sie zum Morgenkaffee herunterkam, auch hier Veilchen sah, zu ihren +Fuessen, nicht zutreten mochte und dann, als er sie erwartungsvoll ansah, +mit einem gluecklichen, geruehrten Laecheln auf ihn zukam, der Veilchen +nicht achtend--da sagte Randers zum erstenmal leise: + +"Wie lieb habe ich Sie." + +Ein flammendes Rot ueberflog sie, verging aber schnell. + +Sie laechelte. + +"Wie gut Sie sind." + +"Weil ich Sie so liebe?" + +Sie legte den Finger auf den Mund. + +"Seien Sie nicht toericht," sagte sie. "Wir wollen gute Kameraden sein." + +Er kuesste ihr die Hand. + +Nachher gingen sie auf die Duenen hinauf. + +Es wehte stark. Helgas Kleid klatschte im Wind. Sie atmete tief und +musste auf dem Duenenkamm einen Augenblick stehen bleiben. So wehte es. + +Da gab er ihr seinen Arm. + +Sie standen und sahen auf die unruhige See, die ganz stahlblau aussah. + +Die Moewen pfeilten vorm Wind, kreisten furchtlos in ihrer Naehe. + +"Da drueben liegt Schottland," sagte Helga. + +"Lassen Sie Schottland jetzt," sagte er. + +Sein Herz war voll. Er spuerte den Veilchenduft, der von ihrem Guertel +aufstieg, von dem Straeusschen, das sie dort befestigt hatte. + +Er haette sie an sich reissen moegen. + +Drueben liegt Schottland. + +Er verstand sie wohl. + +"Wir wollen gute Kameraden sein." + +Am Abend las er Helga seine Blockhausphantasie vor. + +"Wie denken Sie ueber Jolanthe?" fragte er. + +"Die Aermste," sagte Helga. + +"Er kann sie doch nicht heiraten," meinte Randers. + +"Nein. Er ist ein Phantast. Er bleibt auch besser davon," sagte sie +leichthin. + + + + +21. + + +Es war der Jahrestag von Helgas erstem Auftreten als Hedda Gabler. +Randers stiess mit ihr an. + +"In Schoenheit sterben," sagte er. + +"In Schoenheit leben," antwortete sie. + +"Aber dann in Schoenheit sterben," beharrte er. + +"Wie's kommt." + +"Das sagen Sie, Hedda Gabler?" + +"Ich bin keine Hedda Gabler." + +"Aber moechten Sie denn nicht--" + +"In Schoenheit sterben?" + +Sie lachte. + +"Wissen Sie, was Hedda dem Eilert so hoch anrechnet, dass er den Mut +gehabt hat, sein Leben nach seinem eigenen Sinn zu leben und dann die +Kraft, den Willen hatte, vom Gastmahl des Lebens aufzubrechen--es kommt +doch immer auf das Leben an, das geendet wird. Ein verpfuschtes Leben +mit der Pistole abzuschliessen, was ist da Schoenes dabei? Kraft und +Willen zu neuem Leben haben, das waere schoen. Das andere ist am Ende nur +ein billiger Ausweg aus der Klemme, eine Tat der Ohnmacht, der +Verzweiflung." + +"Unter Umstaenden--" + +"Ach lassen wir das. Warum vom Sterben reden. Ich halt's mit dem Willen +zum Leben und mit der Kraft, aus sich herauszukommen, nicht einfach +sich wegzublasen." + +"Aber wenn die Kraft nicht mehr da ist." + +"Dann mag der Abgewirtschaftete sich aus dem Weg raeumen. Ich billige das +sogar. Aber wir wollen da nicht von Schoenheit reden. Er erleichtert +sich, und Sie wollen sich hinstellen und ihn bewundern, den Mut +bewundern, der sich eines unbequem gewordenen Rockes entledigt." + +"Ich glaube, Sie sind denn doch nicht ganz gerecht." + +Sie zuckte die Achseln. + +"Ich denke nun einmal so. Aber lassen wir das. Nichts vom Sterben." + +Es war ein koestlicher, sonniger Tag, und sie liessen das Thema vom +Sterben ruhen. Sie gingen in die Duenen und waren still und froh +miteinander. + +Und wenn Randers sie ansah, dachte er immer: "In Schoenheit leben!" Ja, +mit ihr, an ihrer Seite. Und er sagte es ihr, und sie laechelte. Sie +liebte jede Art Tapferkeit, und er sagte es so tapfer, so ganz +ueberzeugt, dass es ihm moeglich sei. Und er lachte so laut und froehlich +und warf die Arme und trug den Kopf hoch und schob die Muetze in den +Nacken, dass die ganze, hohe, gebraeunte Stirn frei wurde. + +Im Sand lagen sie und sprachen wieder von Hedda Gabler, und dann kamen +sie auf Nora. + +"Sie wollten mir noch tanzen," bat Randers. + +"Wollt ich?" + +"Sie versprachen's. Ich bin so begierig, Sie tanzen zu sehen. Wie werden +Sie als Nora tanzen, diesen Tanz mit der Verzweiflung im Herzen. Und +hier ist die Heide so glatt und hart. Die reinste Tenne. Und der Wind +wird Ihren Schal fangen, und die Moewen werden Ihren Pas folgen, der Tanz +ueber dem Tanz. Und ich werde klatschen und dankbar sein." + +So bat er, beredt und von ihrer Schoenheit in einen Rausch versetzt, der +ihn zum Dichter machte. + +Und Helga erhob sich zum Tanz. + +"Nun spiel mir auf. Nun will ich tanzen," rief sie mit Nora. + +Aber das war keine Nora, die da tanzte, kein gequaeltes Weib, das +Betaeubung suchte. Es war ein wirbelndes, leidenschaftliches Kreisen und +Gleiten und Auf- und Niederschnellen. + +Sie ist zu gross fuer Nora, dachte Randers. + +"Mir fehlt ein Tambourin," rief Helga. + +"Es geht doch nicht auf dem Heideboden," entschuldigte Randers. + +"O doch, es liegt an mir. Ich bin nicht Nora heute. Aber was ich Ihnen +tanzen moechte. Haben Sie die Sorma als Salome gesehen? Das moechte ich +Ihnen tanzen koennen." + +Und sie versuchte es, machte ein paar Schritte ueber die Heide, kam in +Feuer, ward geschmeidig, verjuengte sich vor seinen Augen, tanzte um den +Kopf des Taeufers. Und ein Wolkenschatten huellte sie ein. Und der Wind +wehte frischer und rang mit ihr und loeste eine ihrer schweren blonden +Flechten. + +Und Randers starrte sie, halb aufgerichtet, an. + +Und die Wolke zog vorueber, und die Sonne liess Helgas Schatten ueber die +Heide tanzen. Und eine Moewe wiegte sich, leuchtend, ueber Salome, +umkreiste sie und schoss ploetzlich wie ein zuckender Blitz davon. + +"Bravo! Bravo!" rief Randers, klatschte in die Haende, sprang auf und auf +die ihm entgegen Taumelnde zu. + +Helga gluehte, laechelte, und wehrte ab. Sie sank ins weiche Duenenbett und +faechelte sich Kuehlung zu. + +"Es ist nichts, ich kann's nicht," stiess sie hervor. "Aber ich moecht's +koennen. Mit Genie tanzen." + +"Sie koennen's," rief er warm. + +"Nein, nein. Es ist nichts." + +"Vielleicht, wenn ich um einen Kopf tanzte," setzte sie laechelnd hinzu. + +"Meiner steht Ihnen zur Verfuegung," sagte Randers. + +"Sie sind kein Johannis." + +Er lachte, aber er suchte einen Hintergedanken darin, fuehlte sich +verwundet. + +"Was wollten Sie mit Johannis?" meinte er. + +"Was wollte Salome mit ihm?" + +"Sie liebte ihn." + +"Nun also. Aber ich muesste diese Liebe empfinden, nicht nur +schauspielern. Die Liebe ist das einzige, was bei uns Frauen das Genie +ersetzt." + +"Und waren Sie nie--" + +"Genial?" fiel sie ihm ins Wort. "Nein, lieber Freund." + +Er sah sie forschend an. + +Sprach sie die Wahrheit? + +"Und wie muesste der Mann sein, um dessen Kopf Sie--" + +"Maennlich!" + +"Ja, wie?" + +"Stark, klug, klar und tapfer. Mit Willen zum Leben. Fest auf den Fuessen +und Herr ueber sich." + +Randers wurde rot, gluehte vor Scham. + +"Der ideale Mann," sagte er. + +Sie sah sein Erroeten, und ein warmes Gefuehl fuer ihn stieg in ihr auf. + +"Ideal?" sagte sie. "Solche Maenner gibt es genug. In allen Staenden, Gott +sei Dank!" + +"Aber Sie wollen doch auch etwas hoeheres, geistigeres. Der brave Mann an +sich--" + +"Der brave Mann an sich!" fiel sie ihm lachend ins Wort. "Koestlich! +Nein, Liebster, der brave Mann allein tut's natuerlich nicht. Sonst +koennte man sich unter zehn braven Maennern nicht gerade in den einen +verlieben." + +"Da ist's also doch noch etwas anderes." + +"Nun ja, freilich. Und vielleicht ist's gerade der Duemmste von den zehn. + +"Nun werden Sie flach." + +"Liebe ist blind." + +"Auch eine Flachheit." + +"Liebe hat tausend Augen, wenn Sie's so lieber wollen." + +"Sie sagten ja vorhin selbst, Liebe waere Genie." + +"Nun ja, schlafwandelnd auf Spinnenfaeden, wach im Traum und immer +naerrisch." + + + + +22. + + +Randers an Gerdsen. + +Lieber Freund! + +Nun ist wieder alles aus. Alle Gespenster wachen wieder auf. + +Mir ist es, wie die Witterung eines Verhaengnisses. Und hier, wo ich +gesunden wollte! + +Ja, ich liebe sie, das ist ohne Zweifel! Aber gerade darum. Keine Ehe! +Kein Mord dieser Liebe. + +Sie _muessen_ sie kennen lernen. + +Dieses wunderbare Weib, ganz Weib! Und doch von einer Groesse, +einer Strenge. Ruehr mich nicht an! Geist und Verstand. Guete. +Schoenheitsbeduerfnis. Einsame Natur, also Stolz und Menschenverachtung. + +Sie hat wunderbar schoene Haende, gross und voll, aber weich, und hat +einen so warmen festen Druck. Haende zum Festhalten: Du bist mein! + +Ihre Altstimme. Sie spricht ruhig, still hin, ueberlegt, aber es zittert +immer so ein tiefer Seelenton mit. Sie spricht, wie sie blickt; diese +klaren, klugen Augen, in denen aber auch etwas Verhaltenes, Tiefes +zittert. + +Sie teilt sans gene mein Blockhaus, als guter Kamerad. Alle meine Traeume +haben sich erfuellt. + +O, diese Stunden am Strand, in den Duenen. Und zu Hause, wenn wir lesen. +Sie liest, na, eben als Kuenstlerin, geborene Ibsendolmetscherin. Hedda +Gabler, Rebekka West, Nora. Sie wuerde keine unwahre Ehe ertragen. +Einfach davongehen, wie sie dem Assessor davonging, den man ihr +aufzwingen wollte. + +Und eine Ehe mit diesem Weibe! Raten Sie mir! + +Ich habe ein Klavier aus Hamburg bestellt. Sie muessen sie Grieg singen +hoeren. Jeder Ton Leidenschaft. + +Ihr Randers. + + + + +23. + +(Tagebuchblaetter.) + + +Strandbegehren. + + In stiller, milder Dueneneinsamkeit + Bin spaet am Abend ich dahingegangen, + Vom Duft berauscht aus deinem Haar und Kleid, + Und suess im Herzen brannte das Verlangen. + Und wie der Hirsch nach frischem Wasser schreit, + So rief ich dich, nur dich, ohn Tand und Spangen. + Da fand ich dich. Da ward in Ewigkeit + Ich dir, in Ewigkeit du mir gefangen. + + * * * * * + + Es flammt mein Blut zu dir die Sehnsuchtsklage, + Und Antwort gibt dein Mund mit heissen Kuessen. + + * * * * * + +So hat Desdemona zu den Fuessen des Mohren gesessen und seinen Abenteuern +gelauscht. Meine Seehundsjagdgeschichten, meine Wikingerfahrten zwischen +Sylt und Amrum und meine Wattenwaghalsigkeiten. Kann ihr das wirklich +imponieren? Ihr, die aussieht, als wuerde sie das Kuehnste mit mir teilen? + +Desdemona ist in jedem Weibe. Das Heldische imponiert ihnen, sie suchen +es und nehmen schliesslich ihre Phantasie zu Hilfe, Und so wird man zum +Mohren von Venedig. + + * * * * * + +Moiken ist doch eine ganz schlampige Person. Und ich hatte Kuesse fuer +sie. Und nun nach Moiken Helga? Diese stolzen, strengen Lippen. Ob sie +es versteht, diese Keuschheit der wahren, tiefsten Liebe, die die +Geliebte wie etwas Heiliges scheut, zurueckgeschreckt vor jeder unreinen +Beruehrung, jedem Gedanken daran. Und wenn sie sich einmal vergisst, sich +quaelt, in Reue quaelt und etwas in sich zerstoert fuehlt--ob sie es +versteht? Ob einem Weibe mit solcher Liebe gedient ist? + + * * * * * + +Ob sie mich liebt? Wer wird aus den Weibern klug. Sie sind uns darin +ueberlegen. Sie interessiert sich fuer mich. Vielleicht, wenn ich auch +noch schwarz waere wie Desdemonas Mohr-- + + * * * * * + +Weder Hansen, noch seine Frau, noch Moiken haben irgend eine Bemerkung +ueber unser Zusammenleben gemacht. Denken moegen sie ihr Teil und unter +sich reden. Aber sie haben Respekt vor ihr und lassen sich nichts +merken. Nur er "griente" einmal so kurz auf, als Mutter Hansen meinte: +"ist sie denn garnicht aengstlich, so allein in dem alten Haus? Es ist +doch so ganz einsam und weit weg." + +Ob er Hintergedanken hatte? + +Mannsleute haben immer Hintergedanken. + + * * * * * + +Ach, luege dir nichts vor. Mit allen Sinnen begehrst du sie. Gerade weil +sie so gar nicht hingebend ist, so abweisend, so ganz erobert, erkaempft +sein will. + +Ich werde nicht klug aus ihr. Diese Klarheit, ja Nuechternheit des +Verstandes. Ohne Phantasterei, ohne Sentimentalitaet. Und doch dies +Kuenstlerblut in ihr. Wenn sie spricht, sollte man manchmal glauben, sie +wuerde sich in einem Kreis moralfester Predigerstoechter wohl fuehlen +koennen. Und dann tanzt sie Salome. Es war nicht Salome, wie es nicht +Nora war, es war Helga, es war das Wunderbare in ihr, was sie von irgend +woher hat, das zurueckgedaemmt, gefangen gehalten wird von der +Tabaksfabrikantennuechternheit vaeterlicherseits in ihr. + + + + +24. + + +Das Klavier aus Hamburg war gekommen. Den ganzen Tag hatten sie +musiziert. Abends musste Helga noch einmal singen, Griegs "Ich liebe +dich!" Er konnte dieses Lied immer und immer wieder hoeren. + +Ihm klang noch diese leidenschaftliche Melodie im Ohr, als sie Seite an +Seite durch die Abendduenen gingen, um noch einen letzten Blick auf die +See zu werfen. + +Und hier bat er sie, es noch einmal zu singen. + +"Bitte! Hier in den Duenen, von den Duenen herab. Da oben, aufs Meer +hinaus. Sehen Sie, wie die Sterne funkeln. Die See hat sich vom Mond +einen silbernen Guertel geliehen." + +"Es ist schoen." + +Sie stiegen langsam auf den hoechsten Kamm. + +"Hier," bat er. + +Helga laechelte. + +Sie stand im vollen Mondlicht und sang. Er hatte sich zu ihren Fuessen +geworfen und sah aufs Meer hinaus. + +Wie das klang. Wie sie sang. Diese Sehnsucht, dieses heisse, heisse +Herzblut: + +Ich liebe dich! + +Er hatte ihre Kniee umschlungen, richtete sich auf. + +Sie stand zitternd, wollte wehren. + +Aber er umschlang sie, riss sie an sich, kuesste sie. Seine ganze +Leidenschaft wachte auf. Und sie, ueberrascht, ueberwaeltigt, unter der +Glut seiner Kuesse, ward schwach, widerstandslos. War doch auch ihre +Seele bewegt, unter dem Einfluss des Liedes, noch im Wellengang der +Griegschen Rhythmen. Zwei fremde Kreise trafen sich, zitterten +aneinander, einten sich. + +Und sie kuessten sich, umschlangen sich in einem seltsamen Rausch, der +wie eine grosse, meerestiefe Musik ihr Blut und ihre Seele in Wallung +brachte. + +Angesichts der keuschen, silbernen Mondnacht ergluehten sie aneinander +und kuessten sich. + +Die Wellen rauschten leise an den Strand, breiteten die weissen Arme aus +und betteten sich zum Schlaf, zum Sterben; kamen, kuessten den Strand und +starben, kuessten und starben. + + + + +25. + + +Randers stuermte nach einer schlaflosen Nacht in den kalten Morgen +hinaus. + +Er hatte hinaufgehorcht, ob sie schon wach sei, wach wie er. Konnte sie +schlafen nach diesem Abend? + +Aber es war oben alles still gewesen. + +Saee schlief, schlief noch. + +Schlief doch. + +Aber ihn trieb es hinaus. + +Diese Unruhe. Sie wiederzusehen nach diesem ersten Liebesrausch, sie, +die jetzt sein war, die er nicht lassen wuerde, nicht wieder von sich +lassen. Endlich das Glueck, das grosse Glueck! + +Er dachte nicht an die Zukunft, hatte kein Bedenken und keine Gedanken. +Nur das eine selige Gefuehl, sie ist dein, sie liebt dich, dein Glueck, +deine Rettung, dein Hafen, dein Grund, auf dem du bauen musst. + +In Schoenheit leben! + +Ja, mit ihr in Schoenheit! + +Und herrliche Traumbilder gaukelten vor ihm, ein Wandelpanorama +erhabener Natur, starre, schweigende Bergoede, Palmenwaelder, rauschende +Meere, ach, die ganze herrliche Welt. Und sie beide unter allen Menschen +allein, Seite an Seite, Hand in Hand, Herz mit Herz und Seele mit Seele. +Geniessend, verstehend. Es war alles wie ein Schaum in ihm. Bunte, +schillernde Blasen. Aufleuchtend, zerplatzend. Darueber, alles +umspannend, der glaenzende Regenbogen eines unbestimmten weichen Gefuehls, +traenenfeucht, wie die Luft nach dem Regen weich und feucht ist. Das war +alles das Glueck, das endliche grosse Glueck. + +Randers war mitten in den Watten. Er war nur so geradeausgestuermt. Diese +koestliche Salzluft. Diese erwachende Lust, aus all den kleinen feuchten +Rillen mit glaenzenden Augen aufschauend. Diese kleinen zitternden +Wellen in den flachen Rillen, wie erschauernd in der Morgenkuehle, aber +doch glaenzend in Erwartung des Tages. + +Wie wohl das alles tat, diese herbe, frische, schauernde +Morgenschoenheit. Es kam eine Kraft ueber ihn, eine Froehlichkeit und ein +Stolz. + +Und er lief dem Meer entgegen, das dort hinten seine Wellen ueber die +Sandbank schaeumte, lief mit ausgebreiteten Armen, den frischen Hauch des +Meeres in seinen offenen Kleidern auffangend. + +Es zwang ihn etwas, dem er nicht widerstehen konnte. Er musste dahin, wo +die Wellen jauchzten, sein Glueck ans Meer tragen, es hinausrufen, dem +dicken Tritonen zu, der da auf dem Muschelhorn den Tag eintutet, und den +hundert Meermaedchen, die sich da lachend ihre naechtlichen Meertraeume +erzaehlten und mit den weissen Armen nach den Moewen griffen, die mit +ihren raschen Schwingen durch ihren Morgentanz huschten. + +Und nun flogen sie auf, eine ganze Schar, dieser stillen, grauen +weichflugigen Seevoegel, kamen ihm entgegen, liessen sich vor ihm nieder, +flogen auf vor seinem eiligen Fuss und sanken hinter ihm wieder +geraeuschlos auf den Sand. + +Und nun kam auch das Meer ihm entgegen, legte seine Wellen ihm vor die +Fuesse, rauschte, rollte. Und war alles Schaum, weisser glaenzender Schaum +laengs des ganzen Wattenrandes. + +Und die Sonne kam. + +Und es wurden tausend Farben, jedes einzelne Blaeschen schillernd und +spruehend und dann zerplatzend. Und Randers riss sich die Muetze vom Kopf +und bot die Stirn dem Wind, der sich erhob. + +Und dann fing er an zu singen, jenes alte daenische Heldenlied, das er +damals auf den naechtlichen Feldern von Rixdorf gesungen hatte. Und +singend wich er vor den Wellen zurueck, sang und freute sich der +heranrollenden Flut und sang und wich vor ihr zurueck. Bis es ihn +ploetzlich ueberfiel--die Flut, und er sich wandte, und er die Moewen sah, +die unruhig wurden und ins Watt zurueckzogen. Und er erschrak. + +Und im ersten Schrecken fing er sofort an zu laufen. Und da war auch +schon ein Priel im Wege, das sich mit Wasser gefuellt hatte, ganz rot +gluehte es in der Sonne, und die Wellchen zitterten wie in grosser +Erregung. Er wandte sich seitwaerts. Er musste auf dem naechsten Weg den +Strand erreichen. Aber er kannte das Terrain nicht genau. Und an der +heranrollenden Flut laengs laufen? Nein, er musste vor ihr her. Es half +nichts. + +Er zog Schuh und Struempfe aus, zog die Beinkleider ueber die Knie hinauf +und watete durchs Priel; das Wasser ging ihm bis ueber die Knoechel. Es +war eiskalt. Randers lief nicht, um nicht ausser Atem zu kommen. +Vielleicht musste er nachher noch laufen. + +Es war jetzt ganz ruhig, ganz klar. Er kannte die Gefahr und wusste, +dass nur groesste Kaltbluetigkeit und Umsicht ihn retten wuerde. Und es war +ja Tag. Kein Nebel zeigte sich. Man wuerde vom Strand aus ihn sehen. Und +zuletzt, er war ein guter Schwimmer. + +Um ihn gluckste, quirlte und rieselte es, alle kleinen Rillen fuellten +sich mit Wasser, das wie aus dem Boden gedrungen auf einmal da war. + +Hinter ihm war ein dumpfes murrendes Getoen. Das Meer kam, um wieder +Besitz von seinem Eigentum zu nehmen: ihm gehoerte das Watt. Es drang in +die Priele, griff mit blanken, gierigen Armen nach den Sandbaenken, +umklammerte sie, und legte sich auf sie mit seinem maechtigen, +schillernden Leib. + +Randers lief an einem breiten Priel laengs und konnte keine Furt finden. +Er lief zurueck, nach der andern Seite. Ein tiefer breiter Strom waelzte +sich vor ihm. Er sah sich um, sah die weisse Brandung, sah dem blanken +Hans in die gierigen Zaehne. + +Er warf den Rock ab, entkleidete sich und durchwatete das Priel. Bis +ueber die Hueften ging ihm das Wasser, und der Strom warf ihn beinah. + +Drueben lief er weiter, nackt, um erst einen gehoerigen Vorsprung zu +gewinnen. Er schaetzte die Entfernung bis zum Ufer. + +Eine Viertelstunde noch. + +"Du holst es," sagte er laut, atmete schnell und ruhte einen Augenblick +aus. Der Strand lag nah und deutlich vor ihm, in heller Sonne. + +Alles sah so froehlich und friedlich aus. Die blanken Watten, das +rieselnde blitzende Wasser, die funkelnden kleinen Rillen. + +Aber er lief hier ums Leben, floh durch all die Sonne vor der schwarzen +Nacht, die nicht endet. + +Und doch, diese Sonne milderte die Schrecken, nahm dem Watt das +Unheimliche. + +Aber das Wasser konnte sie nicht aufhalten. Das stroemte von allen Seiten +zusammen, ueberholte den Laufenden, schloss ihn auf einer Sandbank ein, +warf sich zwischen ihn und den Strand und blitzte ihm in dem hellen +Glanz des wachsenden Tages triumphierend entgegen. + +Randers blieb ruhig. Das Terrain laengs der Kueste kannte er. Es war da +noch einmal tief. Das Wasser wuerde ihm vielleicht bis an den Hals gehen, +er wuerde schwimmen muessen. + +Schwimmen bei der Flut? + +Einerlei, sich ihr anvertrauen. Es wird ihn ein bisschen herumwirbeln +und werfen. Aber seine Arme waren geuebt, und irgendwo wuerde er festen +Fuss fassen. + +Aber er getraute sich's nachher doch nicht, lief an dem reissenden, +rollenden Strom hin, suchte eine seichtere Stelle. Und zuletzt musste +er's wagen. + +Alles ab! Ganz nackt, die Zaehne zusammen, jede Muskel krampfhaft +gespannt, warf er sich in die Wellen, tauchte auf, wurde fortgerissen, +strandlaengs, und wieder zurueck, wieder abseits, sah die Entfernung +zwischen sich und dem Strand wachsen. + +Er warf sich auf den Ruecken, schoepfte Atem, warf sich wieder herum und +begann den Kampf aufs neue. + +Und es gelang ihm. Er fuehlte festen Boden unter den Fuessen, taumelte +mechanisch weiter, fuehlte sich ohnmaechtig werden und fiel kraftlos +vornueber. + +Eine blaugruene, schaumgekroente, wogende See rollte ueber dem Watt. Die +Moewen kreisten darueber und leuchteten in der Sonne, schossen herab, +neigten ihre grossen Schwingen und stiegen mit einem leisen, pfeifenden +Laut wieder auf. + +Moiken fand Randers im Schlick. Er lag auf der Seite, der Kopf hing +schlaff herab, und mit den Fuessen spielte noch die Flut und warf sie hin +und her. + +Moiken zog ihn vollends aufs Trockene. Er atmete noch. Schreiend lief +sie nach Huelfe. + + + + +26. + + +Randers war noch sehr elend nach den Fiebernaechten, mit denen er Helga +erschreckt hatte. Es war ein kraftloser Druck, mit dem er ihre Hand +umschloss. Sie liess ihm diese kalte Hand; sie war so kalt, dass es ihn +bis ans Herz fror. + +"Sie duerfen nicht gehen," sagte er. + +"Ich muss. Sie wissen es. Ihr Herz ist nicht frei, ist an die +Vergangenheit gebunden. Ich will nicht, dass Sie einst bereuen." + +"Fiebertraeume," rief er. + +"Quaelen Sie mich nicht so," sagte sie leise. + +Da liess er ihre Hand los. + +"Ich habe Sie so sehr, sehr lieb, Helga," sagte er vom Fenster her. + +Eine heisse Welle ueberflutete fuer einen Augenblick ihr Gesicht. + +"Sie hatten auch Fides sehr lieb. Und Sie werden noch manche sehr lieb +haben." + +"Nie." + +"Kennen Sie sich so schlecht?" + +"Helga, nun quaelen Sie mich." + +"Es ist so oft das Los der Liebe, dass sie quaelen muss, wo sie begluecken +moechte." + +"Helga." + +Er lag zu ihren Fuessen. + +"Henning. Nicht. Stehen Sie auf." + +Er umklammerte ihre beiden Haende und kuesste sie. + +"So lieb hab ich dich, so lieb," stammelte er. + +Sie loeste sich von ihm, strich mit der Linken sanft, wie troestend ueber +seinen Scheitel. + +Dann beugte sie sich zu ihm und kuesste seine Stirne. + +"Und nun stehen Sie auf, Henning, seien Sie Mann." + +"Es ist Ihr letztes?" + +"Nach Ihrer gestrigen Beichte, ja. Es kann nicht sein. Ich habe diese +ganze Nacht damit gerungen. Es ist besser so. Wir duerfen nicht einem +Rausch folgen. Waren Sie stark genug, Fides aufzugeben, lassen Sie uns +jetzt auch stark sein." + +Er erhob sich, schwankte zu seinem Fenstersitz zurueck und begrub das +Gesicht in die Haende. + +Leise ging Helga hinaus. + + + + +27. + + +Gerd Gerdsen an Randers. + +Lieber Freund! + +Ein Gestaendnis aus melancholischem Herzen. Waehrend ich an Ihrem Roman +arbeite und mich mit Ihren Amouren abquaele, stecke ich selbst darin, +bin selbst verliebt. Verliebt--armseliges Wort. Eine wunderliche, +verspaetete Leidenschaft, so tief und keusch, wie ich vordem nie +empfunden habe. Ein Kind, eine Schuelerin, mir in ein paar Jahren +heimlich ans Herz gewachsen, ins Herz gewachsen, Saiten in meiner Seele +zum Klingen bringend, die bisher ruhten. + +Diese Verse geben Ihnen meine Stimmung. Bewahren Sie dies Gestaendnis in +treuem Herzen. + + +Maerchen. + + In deiner lieben Naehe + Bin ich so gluecklich. Ich mein, + Ich muesste wieder der wilde + Selige Knabe sein. + + Das macht deiner suessen Jugend + Sonniger Fruehlingshauch, + Ich hab dich so lieb, und draussen + Bluehen die Rosen ja auch. + + O Traum der goldenen Tage. + Herz, es war einmal.-- + Abendwolken wandern + Ueber mein Jugendtal. + + * * * * * + +Fromm. + + Der Mond scheint auf mein Lager, + Ich schlafe nicht, + Meine gefalteten Haende ruhen + In seinem Licht. + Meine Seele ist still. Sie kehrte + Von Gott zurueck. + Und mein Herz hat nur einen Gedanken: + Dich und dein Glueck. + + * * * * * + +Ja, mein taegliches Gebet geht dahin: alle Rosen des Gluecks auf den +blonden Scheitel dieses lieben siebzehnjaehrigen Kindes! Und das +Koestlichste: + + * * * * * + + Ein treues Herz, + Das ihr nur schlaegt, + Und dem auch sie, + Herz an Herz, + Entgegenglueht, + In Liebe entgegen: + Mein! + Mein Glueck! + +Sie wissen, wie ich Frau und Kinder lieb habe. Sie verstehen aber auch, +wie man trotzdem--es ist Schicksal, man kann nichts dagegen machen. +Dulden und ueberwinden. + +Ihnen aber, der Sie frei sind, wuensche ich von Herzen, dass Sie einmal +die Ruhe in der Liebe finden, das ueber alle Leidenschaft herausgehobene +Glueck: Du bist mein und ich bin dein! Vielleicht sind Sie ja schon auf +dem Weg, und das letzte Kapitel unseres Romans wird ein froehlicher +Festgesang. + +Inzwischen erhebe uns Gobinaus Wort, nach dem die Groesse der Seele darin +besteht, dass sie nicht zerbricht. + +Und so tapfer durch den Tag bis ans Ende. Jede Schuld vergroessere und +staerke unsere Sehnsucht nach Licht und Guete. Jede Niederlage werde uns +eine Stufe zum Sieg. + +Ihr Gerd Gerdsen. + + + + +28. + + +"Ueberwinden." + +Randers laechelte muede. + +Wenn man seine Kunst hat, wie Gerdsen, Frau und Kinder hat. + +Und doch, du hast recht, alter Freund. Ueberwinden. + +Er schrieb einen Brief an Gerdsen und zerriss ihn wieder. + +Auf der Fensterbank lag der Revolver. Er nahm ihn, fast mechanisch. Er +presste den kalten Stahl ein paarmal gegen die Stirne. Das tat ihm wohl. + +Dann ging er hinauf, die Waffe in der Hand, und stand unschluessig vor +Helgas Zimmer, die Hand auf dem Tuergriff. + +"Leer," sagte er leise, "alles leer.--Nein, ich will nicht--das +nicht.--" + +Er ging wieder hinunter, lief ins Watt hinaus, kehrte um und ging in die +Duenen. + +Es war kalt und feucht. Der Nebel stieg aus der See und kroch an den +Strand, stieg aus den feuchten Duenentaelern, wallte wie ein leichter +Rauch ueber die dunkle Heide, verschleierte die kleinen Lachen und +Tuempel. + +Randers achtete nicht darauf. Ihn froestelte, ein Fieberschauer +schuettelte ihn. Aber er ging weiter. + +Wohin? + +Der Nebel wuchs. Von oben fiel ein bleiches Licht in diesen weisslichen, +wehenden Dunst, in dem Randers ziellos umherirrte. Sein Schatten +begleitete ihn, ein Gespenst, wuchs ploetzlich wie aus der Erde neben ihm +auf, dehnte sich auf einer Nebelwand zu grotesker Grosse hinauf, fuhr +ploetzlich zusammen, als erschrecke er vor etwas und wollte sich in sich +selbst verkriechen. + +"Schatten! Gespenster!" + +Randers sagte es ganz laut. + +"Das bist du. Dein eigentliches Ich, das dich hoehnt. Ein Nichts. Ein +Spuk. Ein Nebel." + +Was war das? + +Gesang? + +Deutlich hoerte er es. Tiefe, orgelartige Toene. + +Die Brandung. Der Wind. + +Es wuchs. + +Das waren nicht Wind und Wellen. + +Er steckte sich die Finger in beide Ohren. + +Es sang, sauste und brauste. + +"Du bist krank." + +Er sagte es laut, ruhig. + +Das Wort befreite ihn. + +Krank! + +Er lachte, lachte laut und hart auf. + +"Krank! Warst du je gesund?" + +Und dann fiel er, schlug lang hin, war ueber irgend etwas gestolpert. + +Wie nass die Heide war. Es quatschte und quirlte ordentlich, als er +aufschlug. Er legte die nasse Hand auf die Stirn. Wie kuehl. Wie koestlich +kuehl. + +Helgas Hand. + +Ihr Kuss. + +Wie kalt ihre Hand war; eiskalt. + +"Was quaelen Sie mich so." + +Das hatte auch Fides gesagt. Seltsam. Nein, nicht seltsam. Er war eine +Qual fuer andere. + +Ach, er war ein elender Mensch, ein armer, elender Mensch. Quaelend und +gequaelt. + +Er erhob sich, taumelte weiter und waere beinahe wieder hingestolpert. + +Der Nebel war so dicht, ganz dicht, ganz verfilzt. + +Randers stand still. Er wusste nicht mehr wohin. Er getraute sich nicht +weiter zu gehen. Es waren hier sumpfige Stellen, tiefere Tuempel, in +denen er schon ersticken konnte, wenn er so hineinschlug, mit dem +Gesicht, wie vorhin ins Kraut. So mit dem Gesicht in das schmutzige, +schlammige Wasser. + +Dann wuerde er ersticken. + +Elendig zu Grunde gehen. + +Er erinnerte sich mit einmal eines Tuempels hier in den Duenen, worauf er +eine kranke Wildente schwimmen gefunden hatte. Er scheuchte sie damals +mit dem Stock, aber sie hielt sich aengstlich in der Mitte des Tuempels, +er konnte sie nicht erreichen. + +Zu Hause der Ententeich, im Heimatsdorf. Der grosse graue Erpel, den er +als Kind immer so geneckt hatte. Er hatte immer gerne die Tiere geneckt. +Vor allem die Hunde. + +Inge Joenksen, wie kam er ploetzlich auf Inge Joenksen? + +Er sah sie die Waesche aufhaengen, in dem kleinen Garten hinter dem Haus. +Und die Pappel. Die hohe Pappel, von der aus er so lustige Rundschau +hielt. + +Und jetzt ward alles lebendig, jagte alles in rasendem Tanz an ihm +vorueber. Eine wilde Jagd von Bildern und Erinnerungen. + +Sein ganzes, verpfuschtes Leben. + +Fides, seine Flucht aus Rixdorf. + +Warum quaelen Sie mich so.-- + +Sie, sie haette ihn gerettet. + +Verworfen, gerichtet. Wie du mir, so ich dir. + +Stark sein, Mann sein, in Schoenheit leben. + +Zu leicht befunden. Nicht einmal in Schoenheit sterben. Nein, erbaermlich, +jaemmerlich davonlaufen. + +Fides! + +Er sah sie vor sich, deutlich, wie sie schluchzend ueber dem kleinen +Tisch des Pavillons lag. + +Und er fiel nieder, kniete in das nasse Heidekraut, lag zu ihren Fuessen, +umklammerte ihre Kniee, fasste ihre Haende, ihre beiden Haende. + +Wie kalt sie waren. + +Eiskalt. + + * * * * * + +Randers lag mit dem Gesicht in dem nassen Duenenkraut. Aus der rechten +Schlaefe sickerte Blut. + +Der Nebel, von dem Schuss in Bewegung gesetzt, legte sich wieder ueber +ihn. Ein gespenstisches Leben war in diesen Dunstmassen. + +Weisse Arme streckten sich langsam aus, tasteten an den Duenen hinauf +und zogen sich langsam wieder zurueck. Lange, feuchte Haare flatterten. +Todblasse Gesichter oeffneten grosse traurige Augen, erzitterten, +verzerrten sich zu Fratzen und zerrannen in Nichts. + +Aber ueber dem Nebel war der Himmel klar, und Stern stand an Stern. + +Ende. + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MANN IM NEBEL*** + + +******* This file should be named 11075.txt or 11075.zip ******* + + +This and all associated files of various formats will be found in: +https://www.gutenberg.org/1/1/0/7/11075 + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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