summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/old/11075.txt
diff options
context:
space:
mode:
authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:35:56 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:35:56 -0700
commit5a9bfa9fe997d08c39271f395bff580bf7aa689f (patch)
tree51913f2cdeaf55d0767ff9ef0a658b52f7daf2d0 /old/11075.txt
initial commit of ebook 11075HEADmain
Diffstat (limited to 'old/11075.txt')
-rw-r--r--old/11075.txt7072
1 files changed, 7072 insertions, 0 deletions
diff --git a/old/11075.txt b/old/11075.txt
new file mode 100644
index 0000000..06486f9
--- /dev/null
+++ b/old/11075.txt
@@ -0,0 +1,7072 @@
+The Project Gutenberg eBook, Der Mann im Nebel, by Gustav Falke
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+
+
+
+Title: Der Mann im Nebel
+
+Author: Gustav Falke
+
+Release Date: February 13, 2004 [eBook #11075]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MANN IM NEBEL***
+
+
+E-text prepared by Project Gutenberg Distributed Proofreaders
+
+
+
+Der Mann im Nebel
+
+Roman
+
+von
+
+Gustav Falke
+
+Hamburg 1916
+
+
+
+
+
+Seinen lieben Freunden
+Karl Ernst Knodt
+und
+Frau Kaethe
+herzlichst zugeeignet
+
+
+
+
+Erstes Buch
+
+
+
+
+1.
+
+
+Liebster Doktor!
+
+Wie vermisse ich Sie, Sie Ausreisser. Nach wie vor fuehrt mich mein
+Berufsweg zweimal in der Woche an Ihrem alten Heim vorueber, und ich
+werfe betruebte Blicke nach dem Eckfenster hinauf. Wie schoen war's da
+oben: ich auf Ihrem breiten etwas eingesessenen Sofa, Sie mir gegenueber
+auf dem Stuhl, zwischen uns auf dem buecherbeladenen Tisch eine Tasse
+Kaffee, ein Glas Bier oder ein Aquavit. Und dann ging's los, ueber
+Literatur, Kunst und tausend Sachen.
+
+Und Ihre alte Wirtin, die Frau Obersteuerkontrolleurswitwe, der man
+diesen imponierenden Titel nicht ansah, mit ihrem roten Gesicht, ihrer
+etwas waschfrauenmaessigen Hausuniform und ihrer hastigen, stossenden
+Sprechweise.
+
+Und das einzige Likoerglas, das kleine blaue Henkelglas, worin sie einer
+ganzen Korona Aquavit kredenzte, von Mund zu Mund:
+
+"Is nich'n huebsches Glas? Is aus Travemuende. Hab ich selbst mitgebracht.
+Huebsches Glas. Ist es nich? Aus Travemuende. Hab'n Schwester da, wissen
+Sie. Ja, 'n Schwester."
+
+Sie laesst bestens gruessen. Sie hat jetzt ihre beiden Zimmer an einen
+Zoellner vermietet, einen jungen "soliden" Menschen. Sie wissen, die Frau
+Kontrolleur gibt viel auf das Solide.
+
+Na, in Punkto Soliditaet. Unsolide waren wir nicht. Aber der Zoellner wird
+uns ueber sein.
+
+Ich vegetiere nun schon eine ganze Zeit lang so hin. Kein Vers, keine
+Zeile. Lyrisch alles tot. Was Sie ueber meinen letzten Roman schrieben,
+hat mich sehr erfreut. Ja, es steckt viel Beobachtung darin. Aber es ist
+doch nichts mit diesem nuechternen Realismus. Ich moechte nun endlich mal
+schreiben, was Sie meinen Pan-Roman nennen.
+
+Mich auch mal lyrisch ausgeben. Stimmung. Psychologie. Alles moegliche.
+Solche Dreiecksnatur, Sie brauchten den Ausdruck einmal, so ein Portraet
+von Ihnen, Liebwertester, ein Individuum, das sich zwischen den drei
+Punkten Weib, Kunst und Natur aufreibt, seine Ringkaempfe mit sich
+auffuehrt. Ihre gefaehrlichen Anlagen potenziert, so dass ein Ungeheuer
+daraus wird.
+
+Aber geben Sie mir einen freundschaftlichen Stoss, dass ich kopfueber in
+die Tinte schiesse, sonst wird's doch wieder nichts damit, und es
+bleibt alles beim guten--Willen darf ich's gar nicht mal nennen, denn
+wie gesagt, es sind tote Tage bei mir, Nebeldruck, Muedigkeit,
+Stumpfsinn, wie immer, wenn ich eine Arbeit hinter mir habe und eine
+neue sich erst heimlich vorbereitet wie das Saatkorn unter der
+Wintererde.
+
+Pan, ja Pan! Sie sitzen nun mitten drin, haben alles, was ich ersehne,
+liegen auf dem Ruecken und hoeren die Mittagsmusik des bocksbeinigen
+Gottes, waehrend ich hier Staub schlucke, Federn kaue und Kindergeschrei
+anhoere.
+
+Hier etwas, was ich aus dem Papierkorb fuer Sie wieder ausgrub, weil es
+gerade hierherpasst. Etwas Boecklin-Nietzsche mit einem Stich ins
+Scheerbartsche. Nichts Urgeborenes, also der Vernichtung gehoerig.
+
+Herzlichst
+
+Ihr Gerd Gerdsen.
+
+ * * * * *
+
+
+Tanz.
+
+Pan blaest. Lass uns tanzen, du und ich. Auf der Sommerwiese, in der
+Morgensonne lass uns tanzen, wo die weichen Winde sich deines wehenden
+Blondhaares freuen werden.
+
+Komm auf die Wiese!
+
+Blumen werden sich unter unsere Fuesse draengen und aufgescheuchte
+Schmetterlinge unsern Tanz umtanzen, weisse und gelbe Schmetterlinge,
+leuchtend in der Helligkeit des wachsenden Lichtes. Pan lockt.
+
+Wir wollen tanzen zu diesen Toenen. Und die Wiese tanzt, und der Wald
+tanzt, die schwarzen Fichten mit dem roten Morgenkleid aus Sonne und die
+braeutlichen Birken mit den jungfraeulichen Gewaendern aus Silberseide.
+
+Und die weissen Laemmer auf der blauen Himmelswiese werden huepfen,
+umeinander huepfen, leichtwolliges Sommervolk, zu der Floete des Hirten.
+
+Und die Sonne wird tanzen, die lachende Sonne, dass ihre Strahlen
+auseinander wirbeln, uns umwirbeln, ein flimmernder, blitzender,
+glitzernder Schleier, in dem wir uns im Kreise drehen, du und ich in
+unserer nackten Schoenheit und in unserer nackten Freude.
+
+Komm, komm! Pan blaest.
+
+Die Bocksfuesse uebereinandergeschlagen, hockt er im Fichtenschatten,
+Zottelbart, Waldschreck den Furchtsamen.
+
+Wir aber tanzen vor ihm, nackt, ueber Blumen, zwei weisse Schmetterlinge,
+trunken in Lust, trunken in nackter Lust.
+
+
+
+
+2.
+
+
+Lieber Gerdsen!
+
+Herzlichen Dank fuer Ihren liebenswuerdigen Brief. Ja, schreiben Sie, Ihr
+Plan ist vorzueglich. Ich stelle mich Ihnen ganz zur Verfuegung,
+Eigentlich Pan-Roman, wie ich es meinte, wird es vielleicht nicht. Aber
+einerlei. Sie haben recht: ab von dem Realismus Ihres letzten Romans.
+Sie wissen, wie sehr ich ihn schaetze, hochwerte, diesen Realismus:
+kuenstlerisch, aufrichtig, schlicht, ohne weitere Absichten als die des
+treuen Bildners und Darstellers. Und dann der Humor, den Sie haben, und
+ohne den es nicht gehen wuerde. Aber selbst dieser Humor macht diese
+misera plebs, diese Kellerleute, Kaesekraemer und Ladenmaedchen nicht auf
+die Dauer geniessbar. Lassen Sie diese Nullen, die kein Genie zu Zahlen
+machen kann. Natur! Natur! Aristokratie!! Hoehenmenschen. Was wollen Sie
+Duenger karren, statt uns Edelgewaechse zu ziehen.
+
+Koennt ich's nur, wie Sie. Aber bei mir ist alles nur Wollen,
+ohnmaechtiges Wollen. So muss ich mich denn mit der Natur begnuegen, dem
+einzigen, was Ersatz fuer mangelnde Produktivitaet gibt, die Natur, die
+uns erhebt, indem sie uns vernichtet. Die grosse Natur, die Herrscherin,
+die Zerstoererin, die am groessten ist, wenn sie toetet. Das ist es, was
+ich an der Natur so liebe: ihre Grausamkeit! Oder besser ihre
+Gleichgueltigkeit! ihre voellige Verachtung des Menschen!
+
+Das Meer! Nordsee! Sylt! Skagen! Nach Skagen muessen wir mal zusammen.
+
+Hier ist es mir zu friedlich. Diese ewigen Wald- und Kornlandschaften,
+diese sanften Huegel. Alles riecht hier nach Arbeit, nach Schweiss. Unser
+taeglich Brot gib uns heute. Amen.
+
+Ich will die Natur gross, frei, und den freien Menschen darin, nicht den
+Sklaven. Brot, Speck und Gotteswort. Und ueber allem der Gendarm.
+
+Und doch kann ich hier nicht wegfinden, liege hier so in einer Art
+Halbschlaf, der alle Energie lahmt und keine Entschluesse aufkommen
+laesst, Hans der Traeumer!
+
+Nette, liebe, einfache Leute hier, fromm und bieder. _Landvolk_! Nicht
+dieser ekelhafte Stadtpoebel, keine oede Sozialdemokraterei, diese
+Weltanschauung aus Frechheit, Hunger, Halbbildung und Borniertheit
+zusammengeschweisst. Eine Weltanschauung, die riecht.
+
+Ich gehe mit dem Plan um, Einsiedler zu werden. Ich brauche nicht viel;
+was ich von meiner Grosstante geerbt habe, reicht aus fuer zehn, zwanzig
+Jahre; so lange wird die Maschine wohl aushalten. Haelt sie laenger vor
+als das Oel, so muss man sie zerschlagen. Das ist das beste am Leben,
+dass wir's wegwerfen koennen.
+
+Sie kennen mein Ideal: einige Jahre Blockhauseinsamkeit am Meer,
+zwischen den Schaeren Norwegens, am Amazonas oder irgendwo insulares
+Suedseeparadies. Und ein Weib, das Chopin spielt und Saint Saens. Danse
+macabre. Und draussen orgelt der Sturm und die Moeven schreien, oder die
+Affen.
+
+Schreiben sie bald, meine Adresse ist bis auf weiteres die hiesige.
+
+Ihr Randers.
+
+
+
+
+3.
+
+
+Acht Tage war Randers schon in diesem Waldwinkel, statt an die See zu
+gehen, wie es seine Absicht war. Wenn ihm jemand vorhergesagt haette, er
+wuerde eine ganze Woche zwischen Feld und Wald in einem einsamen
+Schulhause leben, wuerde er ihn ausgelacht haben. Er war kein Idylliker.
+Er liebte weite Horizonte, Groesse, Erhabenheit in der Natur. Er liebte
+das Meer.
+
+Was hielt ihn nur hier fest unter dem langgestreckten Ziegeldach des
+niedrigen Schulhauses mit dem kleinen baeuerischen Vorgarten voll greller
+Astern und plumper Georginen? Das sah ja von der Landstrasse aus ganz
+traulich und anheimelnd aus. Aber auf die Dauer war doch alles so eng,
+kleinlich, so muffig. Dazu die zwei langen Blitzableiter auf dem Dach,
+die dem ganzen so einen offiziellen Anstrich gaben: Dies ist eine
+Schule.
+
+Und dann die Familie des Lehrers!
+
+Doch die gefiel ihm, er hatte wirklich nichts gegen sie. Gute, brave,
+einfache Leute, und voller Aufmerksamkeit gegen ihren Sommergast. Sie
+hatten einen solchen gesucht. Er hatte es unterwegs im Provinzboten
+gelesen. Dann war er ihnen gleich vor die Tuer gefahren. Auf ein paar
+Tage. Sie hatten ihn erst auf so kurze Zeit nicht aufnehmen wollen. Aber
+er versprach zu raeumen, wenn sie das Quartier besser vermieten koennten.
+
+Mit weicher Neugier hatten sie ihn ausgefragt. Nicht auf einmal, aber so
+nach und nach. Sie mussten doch wissen, was er eigentlich war.
+
+Ja, was war er? Eigentlich nichts.
+
+Aber das haetten sie nicht verstanden, er fuehlte instinktiv, dass diese
+Leute von seiner Jugend irgend eine nuetzliche Taetigkeit verlangen
+wuerden. Freilich, er war ihnen ja keine Rechenschaft schuldig. Aber es
+genierte ihn doch. Und so wollte er sich denn als Journalist vorstellen,
+besann sich aber und sagte Schriftsteller.
+
+"Sie schreiben wohl fuer Blaetter?"
+
+"Ja, fuer Blaetter."
+
+Alle sahn ihn mit unverhohlener Neugier an, nicht ohne Misstrauen. Und
+der Lehrer sagte nochmal:
+
+"So, f--ff--fuer die Blaetter."
+
+Er hatte eine ungelenke Zunge. Er umging das Stottern, indem er die
+widerspenstigen Laute vorsichtig anfasste und bedaechtig zoegernd wieder
+entliess.
+
+Randers hatte schon am dritten Tag den Koffer wieder packen wollen,
+hatte es einen Tag aufgeschoben, weil es gerade regnete, einen andern,
+weil es zu heiss war und er sich muede und unlustig fuehlte. Und nun war
+er immer noch hier, hatte sich unmerklich eingewoehnt und liess es gehen,
+wie es ging.
+
+Tagsueber lag er auf dem Ruecken im Waldmoos, eingelullt von dem leisen
+Rauschen des Buchenlaubes, dem einzigen Geraeusch, das ihm einigermassen
+den eintoenigen Gesang des Meeres ersetzen konnte, oder er draengte sich
+mit seiner langen, hageren Figur durch das dichte Unterholz, auf
+schmalen, verwilderten Fusssteigen, wo es ihm besser gefiel als unter
+den hohen Buchen, die er freilich nirgends so praechtig gefunden hatte
+wie hier, ausgenommen natuerlich in Daenemark, seinem geliebten Daenemark.
+Aber das niedere Dickicht hatte es ihm angetan. So ganz eingeschlossen
+in der gruenen Wildnis, die ihn in Kopfhoehe ueberdachte, in unmittelbarer
+Beruehrung mit diesem Gewirr von Zweigen und Blattwerk, so ganz in dieser
+gruenen Enge eingeschlossen war es ihm erst wohl.
+
+Einmal in diesen acht Tagen hatte ihn seine Sehnsucht an die Ostsee
+gefuehrt, die ein paar Stunden von hier ihre schlaefrigen Wellen auf den
+Sand des flachen, langweiligen Strandes warf.
+
+Da hatte er ein Bad genommen und hatte dann fast zwei Stunden lang auf
+dem Ruecken im warmen Sand gelegen, die kuehle Seeluft geatmet, Verse
+gemacht und an ein kleines Maedchen in rotem Wollkleid gedacht. Gedanken,
+die nicht tief herkamen, die aber hartnaeckig waren.
+
+Es war eigentlich nur das rote Wollkleid gewesen, das ihn beschaeftigt
+hatte. Diese grelle, rote Farbe, die wie ein Fleck auf allem lag, wohin
+er sah, auf dem Wasser, auf dem gelben Sand, und in der hellen
+zitternden Luft tanzte.
+
+Ja, ja, das kam noch auf das bewusste Konto. Hallucinationen. Er hatte
+auch gar zu wuest gelebt, den ganzen Winter. Aber er sollte ja auch nur
+darueber hinweg kommen. So ein Abschied fuer immer ist keine Kleinigkeit.
+Und es hatte doch tiefer bei ihm gesessen. Schliesslich geht's auf die
+Nerven. Erst dies Verhaeltnis, dann der Alkohol, Kopfschmerz,
+Schlaflosigkeit, Gespenster. Es war nicht mehr zum aushalten gewesen. Er
+hatte zuletzt mit dem Arzt sprechen muessen. Der untersuchte ihn
+gruendlich; kerngesund. Aber hier oben, mein Lieber, diese Knoten auf dem
+Kopf da. Sehen sie sich vor. Etwas weniger Spirituosen. Es ist weiter
+nichts als das. Gehen Sie ein paar Wochen an die See. Immer draussen.
+Oder machen Sie eine Fusstour. Aber wie gesagt: hoechstens zwei Glas!
+
+Das war's, was ihn seinen Koffer hatte packen lassen. Der Arzt hatte
+recht, es ging wirklich nicht so weiter, wollte er noch ein paar Jahre
+leben. Und das wollte er. Sein Leben lag doch noch vor ihm, das Leben,
+das seiner Natur gemaess waere. Und das war ja sein einziges Streben, sich
+mal ausleben zu koennen, ein paar Jahre nur, ganz souveraen, keinem willig
+und gehorsam als nur den Geboten seiner Natur. Und dazu bedurfte er der
+Gesundheit. Es kaeme ja sonst nicht darauf an, ein paar Jahre frueher oder
+spaeter abzutreten. Aber nur jetzt noch nicht, jetzt, wo er endlich die
+Mittel hatte, sich sein Leben nach seinen Wuenschen einzurichten. Zehn
+Jahre wuerde sein kleines Kapital ausreichen, zehn Jahre ungebundenen
+Sichauslebens. Die wollte er geniessen. Und dann? Er war nicht der Mann
+sich mit dem zu beschaeftigen, was nach zehn Jahren sein koennte.
+
+
+
+
+4.
+
+
+Randers sass in halbliegender Stellung auf der Bank unter den alten
+Buchen, die dem Schulhause gegenueber ihre hohen teilweise abgestorbenen
+Kronen allen Winden aussetzten. Diese Buchen, einen geraeumigen Rundplatz
+einfassend, bildeten gleichsam das Portal zu dem Unterholz, das sich an
+dem ausgefahrenen Landweg hinzog und sich in einer Tiefe von einer
+Viertelstunde Wegs vor dem huegeligen Hochwald lagerte.
+
+Die Moosdecke dieses Platzes war schadhaft und zeigte Spuren von
+Kinderspielen. Um die Bank herum war jede Vegetation von den Fuessen
+niedergetreten. Das nackte Erdreich bildete eine harte Tenne. Da lagen
+Papierfetzen und allerlei Abfall umher, der anzeigte, dass die
+weiblichen Mitglieder der Lehrerfamilie hier oft ihren Aufenthalt nahmen
+und einen Teil der haeuslichen Taetigkeit hierherverlegten.
+
+Randers aergerte sich ueber diese Verunzierung des huebschen Waldplatzes,
+diese "Besudelung der Natur" mit menschlichem Krimskram. Einen
+grellbunten Fetzen eines schottischen Kleiderstoffes, der ihn besonders
+erboste, hatte er wuetend mit der Spitze seines Spazierstockes hinter
+sich geschleudert. Er wehte lustig, ein bunter Wimpel, in den Zweigen
+eines jungen weissstaemmigen Birkenbaeumchens. Randers haette das Faehnlein
+gerne da heruntergeholt, aber es war ihm zu muehsam, darum aufzustehen.
+
+Er hatte gelesen, oder vielmehr zu lesen versucht: Storms "Waldwinkel".
+Aber die unruhigen Schatten des leicht bewegten Laubes, die auf den
+Blaettern des Buches einen Zittertanz auffuehrten und die Buchstaben mit
+hineinrissen, und das leise Laubgelispel um ihn her stoerten ihn. Auch
+das Schwaermen der Bienen belaestigte ihn. Es war ein ununterbrochenes
+Summen um ihn. Aus den Stoecken des Lehrers kamen sie, ueber die Blumen
+des Gartens und die Honigtraeger am Grabenrand der Landstrasse her, nach
+dem breiten Waldsteig, wo Bienensaug, Brombeerbluete und hundert andere
+suesse Schuesseln lockten.
+
+Und dann war noch ein andres, was ihn ablenkte. Seine Gedanken kehrten
+immer wieder zu Gerd Gerdsens Brief zurueck, den er heute morgen
+beantwortet hatte.
+
+Ja das koennte etwas werden! Das wuerde ihm Spass machen. Spass? Nein,
+durchaus ernst wollte er es nehmen. Was gab es da nicht alles zu
+berichten und zu--beichten. Er geriet in ein Gruebeln ueber sich und sein
+Schicksal, und ging hier einen Weg zurueck und da einen anderen, um auf
+die Anfaenge dieser und jener Richtung in seinem Charakter zu stossen.
+Und die Wege fuehrten ihn zurueck in die Kindheit, in das kleine
+Fischerdorf an der Ostsee. Er sah das vaeterliche Pfarrhaus vor sich, mit
+den wilden Rosen um Tuer und Fenster, mit dem kleinen Blumengarten vorn
+und dem grossen Kuechengarten hinten, der an den Deich stiess. Er sah das
+bunte, rote Laub der Weinlaube, die weissen und lila Sterne der Astern,
+den ganzen farbigen Herbstgarten.
+
+Warum er nur die Heimat immer im Herbstschmuck sah? Weil da die Aepfel
+reif waren? Oder waren es nicht die Aepfel, sondern nur die Aussicht auf
+die See, die er auf dem luftigen Sitz im Apfelbaum genoss, was ihm diese
+Erinnerung so wert machte?
+
+Die Kronen der alten krummaestigen Baeume ragten ueber den niedrigen Deich
+hinueber, und es war lustig, da oben zu sitzen und mit den Blicken den
+Segeln draussen zu folgen. Aber lustiger noch war es auf der alten
+Pappel, lustiger und hoeher. Wie er das erstemal da hinauf geklettert war
+und so hoch ueber der Erde, ganz den Blicken entzogen, auf die weite See
+hinaussah, war ihm zum ersten Mal das Gefuehl romantischer Einsamkeit mit
+suessen Schauern aufgegangen.
+
+Wie oft hatte er da oben gesessen und sich seinen Traeumen ueberlassen,
+Traeumen, die ihn hinaustrugen auf das weite Meer, in fremde Laender, auf
+einsame Inseln, durch Sturm und Gefahren.
+
+Ja, da oben war er zu dem geworden, was er war, da oben hatte er diese
+Liebe zur Freiheit eingesogen, den Drang, sich abzusondern, immer in
+Pappelhoehe ueber der Menge. Was konnte er von da oben nicht alles
+uebersehen! Den kleinen Fischerhafen, die kleine Flotte der
+Fischerkutter. Er kannte jedes Fahrzeug, jedes Segel. Da lag auch des
+alten Joenksen Boot, des alten Schweden, von dem er den ersten Schluck
+Branntwein bekam, und da lag, wenn er sich auf seinem hohen Sitz
+umdrehte, die Huette des alten Joenksen, nur durch zwei andere Huetten vom
+Pastorat getrennt. Man konnte von dem hinteren Pfarrgarten ueber die
+kleinen Nachbargaerten hinweg in Joenksens Garten sehen, wo immer Waesche
+hing, Waesche, fuer die Randers ein besonderes Interesse hatte, denn sie
+war von Inge Joenksen da hingehaengt. Inge, die fuenfzehnjaehrige Inge
+Joenksen! Das war seine erste Liebe gewesen.
+
+Ach, die Romantik dieser ersten Liebe, die ihre junge Brust dem Meerwind
+bot, und sich auf den Wellen schaukelte, oder klopfenden Herzens hinter
+dem Zaun des vaeterlichen Gartens stand und hinueberlugte, wo Inges
+blonder Zopf schwankte und ihre braunen Arme sich hoben und senkten und
+grobe blaue Wollhemden, dicke graue Struempfe, und verwaschene Schuerzen,
+alles vielfach gepflickt und gestopft, ueber die Waescheleine klammerten.
+
+Aber am schoensten war es doch, wenn sie zusammen in ihres Vaters Boot
+hinausfuhren und sich unter das braune Segel duckten, wenn der Alte den
+Kurs aenderte und das breite Tuch klatschend herumschlug. Wie lustig das
+war! Wie die Inge lachen konnte! Und wobei gibt es wohl mehr zu lachen,
+als wenn zwei junge Menschenkinder, die sich gerne haben, gezwungen
+werden, schnell die Koepfe zusammenzustecken. "Achtung! Kopf weg!"
+
+O, was konnte er Gerd Gerdsen alles von Inge und dieser schoenen Zeit
+erzaehlen. Daraus konnte der allein einen rechtschaffenen Roman zimmern.
+Wie lebendig stand alles vor ihm, die ganze Idylle seiner gluecklichen
+Jugend in dem kleinen Fischerhafen. Er wollte das festhalten fuer Gerd
+Gerdsen, heute nachmittag noch. Und er wollte alles unterstreichen fuer
+den Chronisten seines Lebens, was einen Keim trug zu seiner spaeteren
+Entwickelung. Die See mit ihrem Einfluss, das fromme, aber nicht strenge
+Leben im Elternhaus, das ungebundene Treiben mit den Dorfkindern, die
+Pappel; ja die vor allem! Merkwuerdig, er sah immer diese Pappel vor
+sich, als waere sie der Mittelpunkt seiner ganzen Jugendzeit, der Mast,
+um den sich dieses ganze lustige Karussell drehte.
+
+Und dann die Schnapsflasche des alten Joenksen. Brrr! Er erinnerte sich
+noch des ersten Schluckes und seiner hoellischen Wirkung. Auch diese
+Schnapsflasche durfte er seinem Chronisten nicht unterschlagen, sie
+gehoerte mit zu den "Quellen". Und darauf kam es ja an, alle Quellen
+bloss zu legen, aus denen sein Leben sich speiste, alle Baeche und
+Baechlein, die zusammenflossen zu dem einen raetselhaften Gewaesser voller
+Klippen und Untiefen, das sich der Charakter des Doktors der Philosophie
+Henning Randers nannte.
+
+Ja, es sollte dem Freund nicht an Daten und Dokumenten fehlen. Er wollte
+ihm sitzen geduldig und nackt, ohne Schleier. Und dann wuerde es etwas
+werden, wovor jeder die Augen aufreissen wuerde, und er selbst wollte mit
+einer wehmuetigen Lust vor seinem Bilde stehn, und mit einer diabolischen
+Freude ueber diese Selbstprostituierung.
+
+Dieser Gedanke machte ihn mit einmal lebendig. Er steckte das Buch zu
+sich und ging mit dem Ausdruck eines Menschen, der in einer wichtigen
+Sache einen guten Entschluss gefasst hat, leicht und schnell den Waldweg
+hinauf. Einen Augenblick zoegerte er beim ersten Jaegersteig, der in das
+Buschwerk abbog und dessen dunkle Oeffnung ihn so einladend ansah, aber
+er blieb diesmal auf dem breiten Weg, dem Holz, und Wildfuhren tiefe
+Furchen eingegraben hatten.
+
+Der Weg war sonnig. Das niedre Seitenholz warf seinen Schatten um diese
+vorgerueckte Morgenstunde kaum einen Fuss breit. Da gab es Bienensaug und
+gelben Loewenzahn, und roten und weissen Klee, und Maennertreu und wilde
+Stiefmuetterchen. Hin und wieder an feuchten Grabenstellen
+Vergissmeinnicht, in grossen Mengen bei einander. Und ueberall am
+Waldrand hin Farren und Feldschachtelhalm. Und ueberall Bienen und
+Schmetterlinge.
+
+Um einen Brombeerstrauch, der an seinem schattigen Platz etwas
+zurueckgeblieben war und fast noch ganz in Bluete stand, gaukelte ein
+Schwarm Kohlweisslinge, darunter zwei himmelblaue Zwergfalter. Randers
+blieb stehen und sah eine Weile diesen leuchtenden, flimmernden,
+lautlosen Schmetterlingsspielen zu. Es unterhielt ihn, belustigte ihn,
+wie sich Schmetterlinge und Bienen die suessen Tropfen streitig machten.
+Es war ein aehnliches Behagen, wie das, womit er zusah, wenn sich zwei
+Jungen balgten. Wer ist der staerkere? Ha! Bravo! Der sitzt! Recht so,
+zeig's ihm!
+
+So stand er und sah laechelnd in diese Fluegelschlacht.
+
+Es war ein bestaendiges Kommen und Fliehen und das Gezitter und Gefaechel
+aller dieser weissen Fluegel ueber den weissen Blueten in der hellen
+weissen Sonne blendete ihn zuletzt.
+
+Es war ganz still. Man hoerte nichts als das anheimelnde Summen der
+Bienen. Hin und wieder das Geraeusch knackender Zweige, wenn ein
+Tannenzapfen zu Boden fiel, oder ein Taubengurren, und von den
+entfernten Weiden her das gedaempfte Bruellen der Rinder.
+
+
+
+
+5.
+
+
+Am Lohteich traf Randers auf Claus Mumm, den Holzfaeller.
+
+Der Lohteich war ein kleiner Waldsee, ganz von hohen Buchen umgeben,
+deren weitueberhaengende Zweige sich nach den weissen Wasserrosen zu
+sehnen schienen, die in ihrem Schatten auf dem stillen Wasserspiegel
+schwammen. Im Schilfguertel standen ein paar hohe gelbe Schwertlilien,
+leuchtend in dem saftigen Gruen um sie her.
+
+Randers kaempfte mit der Lust eine besonders praechtige Lilie zu pfluecken,
+als Claus Mumm heranschluerfte und seine Aufmerksamkeit ablenkte.
+
+Der Alte ging gebueckt unter einer Last duerren Zweigholzes und gestuetzt
+auf einem derben Knueppel, den er irgendwo aufgelesen haben mochte. Er
+rueckte mit der Hand etwas an seiner grauen Wollmuetze und sah mit scheuem
+Blick aus den kleinen, trueben, rotumraenderten Augen zu Randers auf. Ein
+stummer unterwuerfiger Gruss, in dem viel Druck lag. Der Alte seufzte
+unter mehr als unter der Last des seinem muerben Ruecken aufgeladenen
+Holzes.
+
+"Dag Mumm, wo geit?"
+
+Der Alte blieb stehen.
+
+"Na, woans is dat? hebben Se noch nix huert?"
+
+"Ne Herr! He sitt ja nu erst."
+
+Er sah kaum auf beim Sprechen, seine Stimme klang engbruestig, pfeifend.
+Eine traurige, gedrueckte Stimme, die zu den scheuen, traurigen, kranken
+Augen passte.
+
+"Hebben Se denn Hoffnung?" fragte Randers
+
+Ein kurzer Aufblick der mueden Augen war die ganze Antwort. Dann setzten
+sich die alten Beine in schluerfende Bewegung. Es lag etwas
+Hoffnungsloses in diesem stummen Abbrechen.
+
+"Adjues Mumm," rief Randers ihm nach. "Laten Se man den Mood nicht
+sinken."
+
+Petersen, der Lehrer, hatte ihm von dem Alten erzaehlt, dessen einziger
+Sohn wegen Mordes in Untersuchungshaft sass. Es war nur eine halbe
+Erzaehlung geworden, durch Dazwischenkunft anderer gestoert. Nachher waren
+sie nicht wieder darauf zurueckgekommen. Jetzt war Randersens Neugier
+durch diese Begegnung wieder rege geworden. Den Alten selbst hatte er
+nicht ausfragen moegen.
+
+Es war ein Maedchenmord, an der eigenen Geliebten begangen, die
+unverstaendliche Tat eines ueberall beliebten, unbescholtenen Burschen.
+Ein Raetsel. Um eine aeltere Verpflichtung gegen eine andere, die ein Kind
+von ihm trug, erfuellen zu koennen, hatte er den Mord begangen. Warum
+toetete er nicht die ungeliebte, unbequeme Mahnerin?
+
+Randers dachte sich in die Seele dieses einfachen Knechtes hinein. Der
+Fall interessierte ihn. Es war etwas fuer seinen psychologischen
+Spuersinn. Und nun kombinierte er sich so eine Bauernpsyche nach seinem
+Bilde, und es lag ihm alles so klar auf der Hand, und er wollte eine
+Novelle daraus machen, er oder Gerd Gerdsen. So eine moderne
+Bauernnovelle fuer die Feinschmecker.
+
+Er lachte bitter auf bei dem Gedanken. Da wollte er mal wieder etwas.
+Was wollte er nicht alles. Er wuerde auch diesmal nicht ueber den Plan
+hinauskommen, er der grosse Woller und Nichtskoenner. Aber einerlei,
+vielleicht glueckte es diesmal. Hier war ein bestimmter Fall, hier lagen
+Tatsachen vor, Dokumente. Petersen musste noch mal heran. Der erzaehlte
+so nett umstaendlich, mit allem Drum und Dran, was einen andern zur
+Verzweiflung bringen musste, aber fuer den Psychologen gerade das rechte
+war, weil es ihm Faeden in die Hand gab.
+
+Auf huegeligen Wegen hatte Randers allmaehlich auch den Hochwald
+durchquert. Der schmale Waldstieg muendete durch einen Wallausschnitt in
+einen sanftabfallenden Landweg. Reifender Roggen dehnte sich weit aus,
+ein gelbes, unbewegtes Feld, dahinter ein Schlag noch graugruenen Hafers,
+dann, aus einer Talmulde heraus, Strohdaecher, ein ganzes Dorf. Ganz
+hinten Wald, lang ausgestreckt.
+
+Randers erkletterte den buschigen Wall, um besser Rundschau halten zu
+koennen.
+
+"Ob man weiter geht?" sagte er laut.
+
+Eine heisse Luft lag ueber den Feldern, ein flimmernder Dunst. Der Himmel
+spannte sich wolkenlos darueber.
+
+Randers stand regungslos und sah in die sonnige Landschaft hinein, wie
+hypnotisiert von dem Meer von Licht da draussen.
+
+"Die Sonne bei der Arbeit," sprach er halblaut. "Die Sonne beim
+Brutgeschaeft. Diese grosse Muttertaetigkeit." Es lag ein leiser
+Widerwille im Ton.
+
+"Diese ewige Zeugung, dieses unendliche Gebaeren. Sinnlos, zwecklos.
+Wozu? Diese ekelhafte Geilheit der Natur."
+
+Nein, er wollte da nicht hinein in diese Bruthitze. Er wollte zurueck in
+den Wald. Da draussen war ein Schweissduft ueber der ueppigen
+Kornlandschaft. Muehseliges Sichabrackern ums taegliche Brot.
+
+Im Wald roch er wenigstens den Menschen nicht.
+
+Er wandte sich ab und sprang mit geschlossenen Beinen, etwas steif von
+dem Wall herunter, dass das trockene Bodenlaub unter seinen Fuessen
+aufraschelte und die duerren Zweigabfaelle knackten.
+
+Er ging ziellos durchs Unterholz und traf auf einen Himbeerstand.
+
+Er erinnerte sich, dass Schullehrers Christine ihm von einem solchen
+gesprochen hatte. In der Naehe des Lohteiches sollte er sein.
+
+Es war ein ganzes Himbeerfeld, mehr ein kleiner Himbeerwald. Busch an
+Busch, voller roter, reifer Fruechte. Er naschte. Er gab nicht viel um
+dergleichen Schmaus. Aber er konnte die Dinger doch nicht haengen sehen,
+ohne zu pfluecken, wahllos, wie sie ihm am naechsten hingen.
+
+Dann bekam er es satt und legte sich auf den Ruecken. Der Boden war
+stellenweise glatt und sauber, zum Ruhelager wohl geeignet. Es standen
+nur wenige grosse Baeume hier, und er hatte einen freien Blick auf ein
+grosses Stueck Himmel. Es hing nur ein einziges Woelkchen da oben, wie
+vergessen. Eine weisse, duftige Feder, zierlich geschweift, ein Flaum.
+
+
+
+
+6.
+
+
+Randers lag im Schatten, die Arme unter dem Genick verschraenkt, und
+starrte in die Sonne hinaus. Und da waren gleich wieder die roten
+Flocken, tanzten vor seinen Augen. Das rote Roeckchen von Schullehrers
+Christine.
+
+Sie hatte gestern hier Himbeeren geholt. Ob sie heute wieder pfluecken
+wuerde? Und er sah sie vor sich, in ihrem roten, etwas kurzen Kleid, aus
+dem die Fuenfzehnjaehrige herausgewachsen war, mit ihren zwei schweren,
+schwarzen Zoepfen, und der adretten, etwas kecken Haltung, frisch,
+kernig, gesund.
+
+Sie war ihm gleich aufgefallen, und er mochte das huebsche Ding leiden.
+Das Kind! Und er hatte es sie unverhohlen merken lassen, indem er sie
+mit etwas onkelhafter Guete behandelte.
+
+Aber neulich, vor drei Tagen, als sie in spaeter Abendstunde neben ihm
+vor der Haustuer stand, ein Gewitter hatte sie laenger wach gehalten, da
+hatte sie so eigen mit ihren grossen schwarzbraunen Augen zu ihm
+aufgesehn und auf seine Reden immer nur verschaemte wortkarge Gegenrede
+gewusst.
+
+Auch jetzt sah er diese grossen, dunklen Kinderaugen mit diesem
+wunderlichen halb scheuen halb fragenden Ausdruck so aus dem Leeren auf
+sich gerichtet. Dann schoss das andere so zusammen, und zuletzt haette er
+sie zeichnen koennen, so deutlich sah er sie vor sich: das rote Roeckchen
+mit dem verschaemten Flicken unten am Saum, die etwas grossen Fuesse in
+den Holzpantoffeln, die grauen, groben Struempfe um die vollen festen
+Waden.
+
+Als er so an sie dachte, kam sie, kam wie gerufen. Er erstaunte nicht
+mal darueber. Nur ein fluechtiges Laecheln, ein leises vergnuegtes
+Schmunzeln ging ueber sein Gesicht, und den Kopf ein wenig erhoben, um
+besser sehen zu koennen, nickte er wie zur Bestaetigung eines
+unausgesprochenen Gedankens.
+
+Sie war ohne Hut, ganz wie sie im Hause, in der Wirtschaft ging, aber in
+Stiefeln, statt in Pantoffeln. Sie trug einen grossen, braunen
+Henkelkrug, aus dem sie naschte. Sie mochte schon unterwegs Beeren
+gepflueckt haben, sie standen ueberall reichlich, freilich nirgend so wie
+hier.
+
+Sie sah ihn nicht und fing gleich an zu pfluecken.
+
+Ob er sie anrief? Es machte ihm Spass, sie so heimlich zu beobachten.
+Alle Augenblicke warf sie eine der vollen Flechten ueber die Schulter
+zurueck. Immer, wenn sie sich tiefer bueckte, fiel wieder eine nach vorne.
+Zuletzt liess sie sie haengen, wie sie wollten.
+
+Er lag ganz still und freute sich des Augenblicks, wo sie ihn gewahr
+wuerde und einen Schrecken bekaeme. Aber seine Geduld wurde auf eine harte
+Probe gestellt. Die Kleine suchte gruendlich Busch fuer Busch ab und
+entfernte sich dabei immer mehr von ihm. Zuletzt hielt er's nicht mehr
+aus und klatschte laut in die Haende.
+
+Erschrocken fuhr sie mit dem Kopf herum, sah nach allen Seiten, mit
+grossen neugierigen Augen, aber durchaus nicht aengstlich. Sie war
+augenscheinlich das einsame Umherstreifen gewohnt und kannte keine
+Furcht.
+
+Wenn nun ein andrer hier laege?
+
+Sie war doch schon in dem Alter.
+
+Und dann gingen ihm fluechtig allerlei Gedanken an Mord und Verbrechen
+durch den Kopf und die Geschichte mit dem jungen Mumm.
+
+Er klatschte noch einmal, richtete sich halb auf und lachte ihr hell ins
+Gesicht.
+
+"Nein, aber Gott doch, was haben Sie mich erschreckt," rief sie, lachte
+aber vergnuegt ueber den Spass und kam gleich zu ihm hin.
+
+"Sehen Sie mal, so viele."
+
+Sie hielt ihm mit kindlicher Freude den schon halbgefuellten Topf hin. Er
+fuhr mit der Hand hinein, so dass sie mit einem kleinen Aufschrei das
+Gefaess zurueckzog.
+
+"Die gehn ja alle kaputt," schalt sie.
+
+Dann liess sie sich ungeniert vor ihm aufs Knie nieder und hielt ihm den
+Topf bequem, leicht schuettelnd, dass ihm die losen Beeren in die
+geoeffneten Haende rollten.
+
+"Noch'n paar," draengte sie, aber er wollte nicht mehr.
+
+"Nun setz dich erst mal'n bisschen hierher," sagte er.
+
+Sie war gerade aufgestanden und sah ihn etwas verschaemt an. Aber sie
+lachte dabei, und ihre Augen verrieten, dass sie wohl Lust haette. Er
+rueckte ein wenig beiseite, und diese stumme Aufforderung genuegte. Sie
+setzte sich zu ihm in schrittweiter Entfernung, fing auch frischweg an
+zu plaudern, kindlich ungeniert: wie heiss es heute waere, und ob er
+schon lange hier laege, und ob er ueber den Fuchsberg gekommen waere oder
+am Lohteich laengs.
+
+Als sie den Fuchsberg nannte, wollte er fragen, wo der sei, er hatte ihn
+neulich vergeblich gesucht. Aber die Erwaehnung des Lohteichs brachte ihn
+wieder davon ab und auf den alten Mumm.
+
+"Sag mal," fragte er, "was ist das eigentlich mit dem Mumm fuer eine
+Mordgeschichte?"
+
+"Nicht wahr, wie schrecklich?" sagte sie.
+
+"Der hat seine Braut ermordet, was?"
+
+"Ja, die eine."
+
+"Die eine?" fragte er.
+
+Er musste lachen.
+
+"Hat er denn mehr gehabt?"
+
+Sie wurde ganz rot, halb aus Verlegenheit, weil sie aus seinem Lachen
+entnahm, dass sie wohl eine Dummheit gesagt hatte, halb aus Scham, der
+Sache wegen.
+
+"Ist das hier passiert, in diesem Holz?" fragte er.
+
+"Etwas weiter laengs."
+
+Sie zeigte mit der Hand nach links:
+
+"Im Schreiberholz; wissen Sie?"
+
+Er wusste.
+
+"Ob sie ihm nun wohl was tun?" meinte sie.
+
+"Wenn er es getan hat."
+
+"Moechten Sie das wohl sehen?"
+
+"Moechtest du das?"
+
+Sie besann sich einen Augenblick, waehrend ihre Augen sich vergroesserten.
+
+"Gitt e gitt," rief sie affektiert und wandte sich wie vor etwas
+Entsetzlichem ab. Aber ihre Augen straften sie Luegen. Er merkte es wohl.
+Aber das "Gitt e gitt" kam so komisch heraus, dass er lachen musste.
+
+Sie lachte ganz lustig mit, aus Lust am Lachen. Das war ihm gerade
+recht. Was sprach er auch mit ihr von Mord und Hinrichtung. War das eine
+Unterhaltung fuer sie?
+
+Er waelzte sich mit einer Schwenkung naeher und lag jetzt auf dem Bauche,
+die Ellenbogen aufgestuetzt und, die Haende gefaltet.
+
+Sie hatte einen Himbeerfleck auf der Schuerze, und er machte sie darauf
+aufmerksam.
+
+Sie verzog den Mund etwas.
+
+"Das macht nichts."
+
+"Und genascht hast du auch," fuhr er fort. "Da sieht man's."
+
+Er zeigte mit dem Finger nach einem Fruchtfleck auf ihrer linken Backe.
+Sie bog sich zurueck und schlug nach seiner Hand.
+
+"Wo?" fragte sie und machte einen vergeblichen Schielversuch nach dem
+Fleck. Er tupfte nochmal mit dem Finger nach ihrem Gesicht, und da sie
+es nicht dulden wollte, fing er ihre Haende ein, hielt sie mit einer Hand
+umklammert, richtete sich halb auf und beruehrte etwas unsanft mit dem
+Zeigefinger die Stelle auf ihrer runden, weichen Wange.
+
+Sie kreischte auf und rang mit ihm.
+
+"Du Racker."
+
+Er hatte wirklich Muehe sie zu halten. Er lag auf den Knieen vor ihr. Auf
+einmal riss er sie fest an sich und kuesste sie.
+
+Sie schrie auf und schnellte zurueck, als er sie los liess. Sie war mehr
+erschrocken als gekraenkt, und sah mit einem etwas duemmlichen Lachen auf
+ihre Schuerze.
+
+Ihre Schulmaedchenhaftigkeit machte ihn vor sich selbst laecherlich. Wie
+kam er dazu, dieses Kind zu kuessen. Er fuehlte das Beduerfnis, sich vor
+sich selbst zu entschuldigen.
+
+"Siehst du, das ist die Strafe," sagte er aufstehend.
+
+"Wofuer?" fragte sie patzig.
+
+"Fuer das Naschen."
+
+"Ach Sie!"
+
+Sie machte eine eigensinnige Schulterbewegung und rieb mit dem
+Schuerzenzipfel, den sie unbedenklich mit der Zunge befeuchtete, den
+Fruchtflecken auf ihrer Backe.
+
+"Na, adieu Kind," sagte er und reichte ihr die Hand. "Nun pflueck auch
+fleissig."
+
+"Wollen Sie schon gehen?"
+
+Er sah in ihren Blicken, dass sie gerne gesehen haette, wenn er noch bei
+ihr bliebe. Aber er nickte ihr freundlich zu und ging.
+
+Verdutzt sah sie ihm nach. Enttaeuschung malte sich auf dem huebschen
+Kindergesicht, Unmut und Uebellaunigkeit. Und die Spitze des rechten
+Daumens zwischen die festen weissen Zaehne geklemmt, stand sie noch eine
+ganze Weile fast regungslos und sah mit grossen Augen in die Richtung,
+wo er verschwand.
+
+
+
+
+7.
+
+
+Mutter Petersen stand vor der Haustuer und trieb Randers mit
+Haendeklatschen zur Eile an. Er hatte sich verspaetet, sie warteten schon
+auf ihn, die Suppe stand auf dem Tisch.
+
+Waehrend des Tischgebetes, das jeder leise vor sich hinsprach, sah er in
+seinen Teller. Er hatte schon lange kein Tischgebet mehr gesprochen. Es
+war ihm schon im Elternhause, wo es die Reihe herumging, zu einer leeren
+Form geworden.
+
+ "Liebster Jesu! sei unser Gast
+ Und segne, was du bescheret hast
+ Amen!"
+
+Gesegnete Mahlzeit! Auch so eine Redensart.
+
+Spaeter war es ihm geradezu gegen den Geschmack. Es war ihm wuerdelos,
+unanstaendig, der unpassendste Augenblick, Gottes Wort oder nur seinen
+Namen in den Mund zu nehmen, wenn in diesem Mund schon das Wasser
+zusammenlief nach dem Braten, und der dampfende Kohl die Nase kitzelte.
+
+Aber anfangs hatte es ihn doch angeheimelt, das erste Mal und einige
+Tage lang, als sie hier alle die Koepfe senkten und andachtsvoll auf die
+gefalteten Haende in den Schoss sahen, bevor sie mit dem Loeffel in die
+Suppe fuhren. Das war so patriarchalisch, schlicht und einfaeltig. Er
+tauchte in diese einfaeltige Froemmigkeit mit unter, es kam ein Gefuehl des
+Geborgenseins und des Vertrauens ueber ihn, wie im Elternhaus, und er
+empfand einen grossen Respekt vor diesen einfachen Leuten. Aber zuletzt
+war es ihm doch wieder komisch vorgekommen, dieses beinahe
+marionettenhafte stumme Beten.
+
+Er hatte verstohlen beobachtet. Der Schullehrer machte es einfach,
+still, fast demuetig. Es lag eine gewisse Wuerde in seinem Tun. Aber
+Mutter Petersen machte es mit einer gewissen Ostentation, ruckweise, mit
+strammen, kurzen Bewegungen, gleichsam taktmaessig, im Paradeschritt vor
+ihrem Herrn und Heiland. War sie fertig, griff sie sofort munter zum
+Loeffel, waehrend ihr Eheherr auch darin eine gemessene Wuerde bewahrte,
+langsam, zoegernd nach dem Loeffel langte, als schaeme er sich, Profanes
+und Heiliges so unvermittelt an einander zu koppeln.
+
+Christine machte es nach Kinderart, gruendlich, als sagte sie alle Gebete
+her, die sie wusste. Aber ihre Augen gingen dabei verstohlen von einem
+zum andern, und nie hoerte sie vor den Eltern zu beten auf.
+
+Heute sass sie verlegen vor ihrem Teller.
+
+Randers wusste warum.
+
+"Es war sehr jungshaft von dir," dachte er. "Wie konntest du dieses
+Gaenschen da kuessen." Er schaemte sich.
+
+Nach Tisch lag er wieder auf der Bank unter den Buchen. Da lag er
+lange, erst im Halbschlaf, die Stimmen der Schulkinder hoerend und das
+Geklapper ihrer Holzpantoffeln. Der Lehrer klatschte in die Haende, das
+Signal, womit er den Anfang der Schulstunde verkuendete und die Saeumigen
+von der Landstrasse und dem Spielplatz hinter dem Schulhause in die
+Klasse rief. Randers versuchte etwas zu lesen, fiel aber wieder in den
+dumpfen Zustand zwischen Wachen und Traeumen zurueck, bis er sich
+gewaltsam aufraffte und die Muedigkeit abschuettelte.
+
+Er steckte sich eine Cigarre an und begann in sein Notizbuch zu
+kritzeln, Verse, die er den ganzen Morgen mit sich herumgetragen:
+
+ Umzwitschert rings von muntern Vogelscharen,
+ Steht mir vor Augen einer Laube Bluehen,
+ Und vor dem Tische unter goldnen Haaren
+ Seh flutentief ein Auge ich ergluehen.
+ Was trieb es mich, mit Glueck und Stern zu sparen
+ Und mich zu weihen toerichtem Bemuehen?
+ Nun schuere ich in Aschen, die vor Jahren
+ Geglueht, und seh sie in die Winde spruehen.
+
+Er hatte wieder die Sicilianenwut. Eine ganze Reihe von diesen Dingern
+hatte er in der letzten Woche hingekritzelt, mit Blei, in kaum lesbarer
+Schrift. Es stand alles bunt durcheinander! Einfaelle ueber Kunst und
+Literatur, Schuldenberechnungen, Waeschenotizen, und allerlei
+gleichgueltige Aufzeichnungen fuer den Tag. Manchmal war ein kraeftiges
+Urteil quer darueber geschrieben, wie: Unsinn! Bloedsinn! Gewaesch!
+
+Randers hatte eigentlich Notizen fuer Gerd Gerdsen machen wollen an
+diesem Nachmittag. Aufzeichnungen aus seiner Jugendzeit. Aber er wollte
+es nun lieber bis morgen lassen. Es traeumte sich so nett hier.
+
+Vom SchuelhauseSchulhauselangen abgerissene Toene eines Kirchenliedes,
+helle Kinderstimmen, und ab und an der harte, heisere Bass des Lehrers.
+
+
+
+
+8.
+
+
+Abends kam ein Gewitter. Es war schnell heraufgezogen. Aus der alten
+Wetterecke hinter dem Schulhause und dem Lehreracker, wo die Wildkoppel
+und das Fuerstenholz in einem stumpfen Winkel zusammenstiessen, kam es
+her, eine schwarze Wand, die sich gleichmaessig vorschob. Eben hatte noch
+die Sonne hinter dem Fuerstenberg ein rotes Feuer angezuendet, und jetzt
+war alles finster. Eine unheimliche Stille. Kein Blatt ruehrte sich.
+Alles war wie verstummt und erstarrt vor Angst. Dann ein dumpfes
+Grollen, einmal, langhinrollend, dann Tropfen, zoegernd, schwer
+auffallend, gleichsam versuchsweise.
+
+Randers lag in seinem Zimmer auf dem Sofa und sah durch das offene
+Fenster auf die dunkle Landstrasse. Draussen zerrte der Schullehrer
+seine beiden Kuehe hinter sich her. Die Ketten klirrten und die schweren
+Holzpfloecke schleiften ueber den Kies des Gartens.
+
+Dann kam der erste Blitz und ein heller, knatternder Donner. Und die
+Holunderbuesche im Garten legten sich fast ganz auf die Seite und die
+Fensterfluegel ruettelten in den Angeln und eine Tuer schlug zu.
+
+Und dann rauschte der Regen herab. War das ein Platschen und Klatschen,
+und Spritzen und Tropfen, von allen Zweigen, von der Dachrinne, vom
+Gesimse. Drueben warf der Wind die Kronen der hohen Buchen hin und her.
+
+"Wie ein Schiff im Sturm," sagte Randers. Und er sah dieses Schiff, sah
+es ganz deutlich. Es war ein grosser Dampfer. Die Wellen stuerzten aufs
+Deck. Die Masten krachten, er sah die entsetzten Passagiere, hoerte ihr
+Schreien. Und er sah den Kampf um die Rettungsguertel.
+
+Aber das alles verlor sich, verwirrte sich ihm in ein undeutliches
+Gewimmel. Klar sah er nur den Kapitaen auf der Bruecke. Der ist blass bis
+unter die Muetze, die mit dem Sturmband unterm Kinn befestigt ist. Aber
+wie aus Erz steht der Mann da, festgeklammert mit der Eisenfaust an dem
+Gelaender der Kommandobruecke. Jetzt beugt er sich nieder. Er kritzelt
+etwas auf ein Blatt Papier, reicht es dem Lotsen. Der winkt ihm mit
+heftigen, ueberredenden Gebaerden. Er schuettelt den Kopf, er will nicht
+weichen. Nicht vom Platz!
+
+"Der Held! Der Held der!"
+
+Randers rief es ganz laut. Er gluehte vor Aufregung. Koennte er da oben
+stehen. Sein Leben dafuer!
+
+Bis zum letzten Atemzuge da oben, einen letzten Gruss an Weib und Kind,
+und hinein in den bruellenden, schaeumenden, herrlichen Mannestod.
+
+Randers sass aufrecht auf dem Sofa und starrte wie geistesabwesend in
+die Blitze und auf die sturmgepeitschten Baeume, als Mutter Petersen ins
+Zimmer stuerzte und um Christine jammerte. Sie sei nach Schoenfelde
+gegangen, um etwas vom Kraemer zu holen. Nun sei sie gewiss bei dem
+Unwetter unterwegs.
+
+"So'n Goer is ja zu dumm!"
+
+Randers sprang auf, er wollte der Kleinen entgegen. Mutter Petersen
+wollte das nicht dulden.
+
+"Nein, mein Mann soll. Aber wo is er nur? Er wird bei's Vieh sein!"
+
+Aber Randers war schon draussen. Sie lief ihm nach, ob er denn keinen
+Schirm mitnehmen wolle. Aber er hoerte nicht, er lief nur immer darauf
+los.
+
+Was hatte er auch da auf dem Sofa zu liegen. Warum war er nicht gleich
+hinausgelaufen?
+
+Er atmete in tiefen Zuegen die feuchte Luft, liess sich den Regen auf die
+feuchten Wangen klatschen und den Wind um die Ohren sausen.
+
+Welch ein, Aechzen und Knarren und Sausen und Donnern in den alten Buchen
+und Eichen, Ja, das war Musik, die er liebte. Er vergass vor lauter
+Lustgefuehl beinah, weshalb er eigentlich hier bei dem Unwetter die
+Landstrasse entlang lief, beinahe wirklich lief, als gaelte es ein
+Unglueck zu verhueten. Er stuermte nur immer gerade aus und dachte nichts
+anderes als: wie koestlich, wie ganz koestlich!
+
+Bis er auf Christine traf. Na, ja, das war's ja! Die Kleine war also
+doch unterwegs. Aber sie hatte sich unter ein Nussgebuesch gefluechtet.
+Sie hatte den roten Rock von hinten ueber den Kopf genommen, und vorne
+aufgehoben und ihre Kraemerpakete hineingewickelt, um sie vor dem Regen
+zu schuetzen. So machte sie eine wunderliche Figur in dem groben, grauen
+Wollunterroeckchen, Ihr erhitztes Gesicht lugte nur eben aus der
+kuenstlichen Kapuze hervor, so sehr hatte sie sich eingemummelt.
+
+Ihre grossen schwarzen Augen blitzten auf, als sie Randers gewahrte.
+
+"Nein, aber, wo wollen Sie denn hin in diesem Wetter? Sie werden ja
+ganz nass!"
+
+"Ich will dich holen, sie aengstigen sich schon um dich."
+
+"Was 'n Unsinn!"
+
+Er stand neben ihr, triefend.
+
+Was nun? Er haette doch lieber einen Schirm mitnehmen sollen. Jetzt
+wurden zwei nass. Aber sie hatte doch Begleitung, Schutz. Wovor? Sie sah
+nicht aus, als ob sie sich fuerchtete.
+
+Sie sagte nichts weiter, sie schien noch immer in der Erinnerung an die
+kleine Geschichte vom Vormittag verlegen zu sein.
+
+"Wir koennen hier doch nicht stehen bleiben," meinte er.
+
+"Aber es regnet ja noch so."
+
+Da fiel ihm ein, dass er sie mit unter seinen Regenrock nehmen koennte;
+sie reichte ihm gerade bis zur Achselhoehle. Das kam ihm so lustig vor.
+Er sagte es ihr. Sie wollte nicht, sie zierte sich, obwohl sie Lust dazu
+hatte. Das sah er ihr an.
+
+"Dummes Zeug! komm! Du wirst ja bis auf die Haut nass. So. Nimm meinen
+Arm."
+
+Sie wehrte auch nicht laenger ab, sondern lachte herzlich ueber diesen
+Spass.
+
+"Aber Sie machen so lange Schritte," sagte sie, bemueht, mit ihm Takt zu
+halten.
+
+Er passte sich ihren Trippelschritten an, und so stapften sie etwas
+unsicher unter einem Mantel auf der nassen Landstrasse hin. Sie sprach
+vom Wetter, wie schrecklich es regnete, wie schoen die Blitze seien, und
+wenn ein besonders lauter, krachender Donner folgte, meinte sie: das hat
+gewiss eingeschlagen.
+
+Ihm war es wunderlich zu Mut mit dem jungen Ding allein auf der
+stuermischen Landstrasse. Er hatte der Bequemlichkeit wegen seinen
+rechten Arm um ihren Nacken gelegt. Er fuehlte jede Bewegung des jungen,
+lebenswarmen Koerpers. Eine keusche Zaertlichkeit ueberkam ihn. Er war
+jetzt ihr Beschuetzer.
+
+"Geht's so? Gehst du auch trocken?"
+
+"Wunderschoen!"
+
+Er fuehrte sie vorsichtig um jede Pfuetze herum, so dass sie ueber seine
+aengstliche Vorsorge lachte.
+
+"Ich hab doch schon nasse Fuesse."
+
+"Das geht aber nicht."
+
+"Das macht mir nichts."
+
+Ihr huebsches Gesichtchen lachte aus seinem schwarzen Gummimantel heraus.
+
+"Kiek! Seh ich nicht gelungen aus?"
+
+Ob sie gar nicht mehr an den Kuss dachte?
+
+So brachte er sie leidlich trocken nach Haus.
+
+Nachher konnte er nicht einschlafen, trotzdem die Fenster offen standen
+und die kuehle, nach dem Gewitter erquicklich erfrischte Luft ins Zimmer
+Hessen.
+
+Ihm war sonderbar schwuel zu Mute.
+
+Als er endlich einschlief, aengsteten ihn wirre Traeume.
+
+Er sieht immer Christinens schwarze Augen mit einem seltsamen Ausdruck
+auf sich gerichtet. Immer starren sie ihn an, zum Verruecktwerden! Er
+schlaegt danach, er stuerzt sich auf sie. Er packt sie am Hals, sie
+laechelt, er wuergt sie wie wahnsinnig und empfindet dabei eine namenlose
+Angst.
+
+Und dann ist es nicht Christine, die er gewuergt hat, sondern die graue
+Dame vom Steg, sein Gespenst! Sie liegt ganz blass vor ihm, mit
+geschlossenen Augen, wie eine Wachspuppe. Er dreht sie um wie einen
+leblosen Gegenstand; sie hat lederne Beine und lederne Arme. Es ist die
+Puppe seiner Schwester.
+
+Und dazu blitzt es unaufhoerlich.
+
+Und dann tritt jemand zu ihm und sagt ihm, er muesse jetzt nach oben
+kommen, es waere hoechste Zeit, das Schiff wuerde gleich sinken. Und er
+stuerzt nach oben, stoesst die Knie an den harten messingbeschlagenen
+Stufen der schmalen Kajuetentreppe. Und oben steht der Kapitaen auf der
+Kommandobruecke und schreit ihm etwas zu, schreit wie wild und zeigt
+immer mit hastigen Stoessen nach seinen Haenden. Randers sieht seine
+Haende an, die sind ganz rot, ganz rot von Blut. Er erschrickt. Nun
+stecken sie dich ein.
+
+Und das alte bloede Gesicht Vater Mumms taucht vor ihm auf und sieht ihn
+mit den halberloschenen Augen so traurig und vorwurfsvoll an.
+
+Und eine entsetzliche Angst packt ihn, eine wahnsinnige Angst. Er will
+fliehen und kann nicht. Jemand haelt seine Beine umklammert.
+
+In Schweiss gebadet wachte Randers auf, Der Mond stand noch fast auf
+derselben Stelle ueber dem Buchenportal. Randers konnte nicht lange
+geschlafen haben, keine Viertelstunde.
+
+Diese wuesten Traeume. Wie sich das alles durcheinanderwirrte!
+
+Und nun gar dieser Mord! Welche wahnsinnige, boshafte Freude hatte er
+dabei empfunden, als er diesen weissen Hals wuergte, dass diese dummen,
+glotzenden schwarzen Augen weit aus ihren Hoehlen traten.
+
+Ihm schauderte. Lag das wirklich in ihm? Koennen Traeume etwas in uns
+hineintragen, holen sie nicht nur aus uns heraus?
+
+War es nur die Mummsche Geschichte, die diesen Traum ausloeste?
+
+Ausloeste?
+
+Also mussten Mordgelueste in ihm verborgen sein!
+
+Er meinte nicht ausloesen, er meinte es anders. Es war natuerlich nichts
+als ein Erinnerungsbild. Aber er hatte doch etwas empfunden dabei, und
+so intensiv wie kaum je beim Wachen.
+
+Es liegt in uns allen, wir haben alle diese Mordgelueste in uns. Und er
+glaubte jetzt auch zu verstehen, warum der junge Mumm seine Geliebte
+ermordet hatte. Wenigstens verstand er die Moeglichkeit, wenn auch noch
+nicht das Motiv.
+
+Und er lag und gruebelte weiter nach, verbohrte sich hartnaeckig darin.
+
+Und zuletzt kam es ihm doch wieder zu raetselhaft vor.
+
+Oder konnte Liebe in ploetzliche Mordlust umschlagen? Ja, gewiss! Ein
+ganz bestimmtes Gefuehl bejahte das in ihm. Aber die Faeden bloss legen,
+wie sich das zusammenspinnt. Die allmaehlichen Uebergaenge. Es geschieht da
+nichts sprungweise.
+
+Ein Weib aus Liebe zu Tode peinigen!
+
+Er schlief zuletzt wieder ein ueber diese Gruebeleien.
+
+
+
+
+9.
+
+
+Am folgenden Tage waren alle Wege aufgeweicht. Auf der Landstrasse
+standen grosse Pfuetzen, und im Garten, gerade vor der Haustuer, hatte
+sich ein kleiner See gebildet.
+
+Als Randers, halb angezogen, durchs offene Fenster die erquickende
+Morgenluft einatmete, sah er Christine vor diesem See stehen und ihren
+Holzpantoffel mit der Spitze des Fusses wie einen Kahn uebers Wasser
+lenken. Sie war ganz vertieft in diese kindliche Unterhaltung, so dass
+sie das Kommen der Mutter nicht hoerte. Auf einmal hatte sie eine
+kraeftige Ohrfeige weg. Es war Randers, als haette er sie selbst bekommen.
+
+"Verdammte Deern, das sag ich aber Vater. Das is doch rein zu arg!"
+
+Randers trat bei diesen Scheltworten vom Fenster zurueck. Dann hoerte er
+Weinen und das Klappern sich entfernender Holzpantoffel.
+
+Wie konnte man ein so grosses Maedchen noch schlagen. Er war erbost
+darueber.
+
+Am Kaffeetisch war er wortkarg vor Aerger. Christine nahm nicht teil am
+Fruehstueck, sie erhielt ihre Milch und ihr Brot wie immer in der Kueche.
+
+Nachher traf er sie auf dem Hofplatz. Sie stand hochaufgeschuerzt, mit
+blossen Armen, und scheuerte die Milcheimer mit einem kurzen Reisbesen.
+Sie war heiss von der Arbeit und ihre Backen gluehten. Sie gruesste ihn
+sehr verlegen und sah kaum auf von ihrer Arbeit.
+
+Er hatte den wunderlichen Gedanken, auf welche Backe sie wohl den
+Schlag empfangen haette.
+
+Ein richtiges Ohrfeigengesicht, dachte er.
+
+Sie kam ihm so "tumpig" vor, wie sie so verschaemt dastand. Und er
+empfand gar nichts fuer sie.
+
+Den Vormittag benutzte er zum Briefschreiben. So sehr er das feuchte
+Wetter liebte, diese Wege waren ihm doch zu kotig. Vielleicht war's am
+Nachmittag besser, wenn die Sonne ihre Arbeit getan hatte. Sie stand
+hell am Himmel und trank die Feuchtigkeit der Luft. Ein leichter Dampf
+lag ueber dem Lehrersacker, ueber der Waldwiese, die mit einem Zipfel den
+Landweg beruehrte, und ueber der feuchten, schwarzen Gartenerde, den
+Reseda-, Astern- und Stiefmuetterchenbeeten.
+
+
+
+
+10.
+
+(Tagebuchblaetter.)
+
+
+Heute an Gerdsen geschrieben, wegen des Romans. Eigentlich eine
+schnurrige Idee.
+
+ * * * * *
+
+Mit Petersen beim Lehrer in Suessen gewesen. Unterwegs der jungen
+Komtesse von Rixdorf begegnet. Lenkte selbst ihre Ponies. Sah leider
+nur ihren Ruecken.
+
+Wer auch so fahren koennte!
+
+In Suessen Kaffee und Kuchen. Junge, leidlich huebsche Frau, sauber,
+appetitlich.
+
+War auch ein "Gemeinderat" da, ein Ziegeleibesitzer und Hufner, ein
+gutmuetiger Riese. Streit ueber das neue Gesangbuch. Die Lehrer waren
+dafuer.
+
+Der Suessener war fuer die neuen, frischeren Melodieen. Er spielte ein
+paar auf dem Klavier. Eine klang wie ein Jaegerlied. Der Koloss polterte
+dagegen. Die Bauern wollten kein neues Gesangbuch, wollten sich das alte
+nicht nehmen lassen. Es ist so lange gut gewesen, in Freud und Leid, ist
+ein Stueck ihrer Seele geworden. Woraus ihre Eltern und Grosseltern und
+Urgrosseltern Trost und Erbauung geholt, auf einmal sollte das nicht
+mehr gelten?
+
+"Ne min Gesangbook lat ik mi nich nehmen. Ik lat mi nich voerschriewen,
+wat ik singen und beeden schall. Doran lat ik mi nich roegen. Dat is min
+Religion. Wat waer dat foer'n Religion, de man so quantswies alle fif Johr
+mal aennert warden kuennt! Haew ik recht?"
+
+Ich hatte den Mann lieb in seinem beschraenkten Eifer. Ja, daran soll man
+nicht ruehren, oder es faellt alles zusammen. So was muss alt sein,
+ehrwuerdig, durch jahrhundertlange Tradition geheiligt. Das Neue ist den
+Leuten nichts. Bibel und Gesangbuch muessen auch aeusserlich alt sein,
+abgegriffen, blank von vielem Gebrauch, stockfleckig und gesaettigt mit
+dem Parfuem von Familien- und Krankenstuben.
+
+ * * * * *
+
+Bin ich nicht eigentlich ein Erzreaktionaer? Adel und Kirche. Obgleich
+ich im tiefsten Grunde (luege nicht, Randers!) an diese frommen Dinge
+nicht glaube. Aber man ist heute so huebsch isoliert damit, so huebsch in
+der Minoritaet. Und Minoritaet ist vornehm, ist aristokratisch. Majoritaet
+ist der Poebel.
+
+Ich koennte aus Opposition gegen den Poebel in das letzte Kloster gehen.
+
+In andern Zeiten wuerde ich wahrscheinlich Freigeist sein, aus
+Opposition, aus angeborenem Beduerfnis, mich von der Masse abzusondern,
+aus aristokratischen Instinkten. Ich koennte Demokrat werden aus
+Aristokratismus. Unsinn! Na!
+
+ * * * * *
+
+Heute Nacht von Berta getraeumt. Ich habe sie doch lieb gehabt. Es war
+nicht nur, weil sie sich schick zu kleiden wusste und ein so damenhaftes
+Benehmen hatte. Sie war so durch und durch anstaendig und so ruehrend in
+ihrem tapfern Kampf. Eine junge, huebsche Direktrice mit kaerglichem
+Gehalt, ohne Familienanschluss, in einer Stadt wie Hamburg. Man weiss,
+was das sagen will. Und sie war in einem juedischen Geschaeft angestellt.
+Nicht, dass sie jemals geklagt haette. Im Gegenteil. Aber ich habe nun
+mal diese Animositaet gegen Israel. Sie lachte mich oft deswegen aus.
+
+Sie war eine vornehme Natur und ein Labsal nach all diesen Paulas und
+Ellas und Friedas, bei denen ich meine Gefuehle fuer das Weib "an den Mann
+zu bringen" suchte.
+
+Sie hatte sogar Maessigkeitseinfluss auf mich. Es war meine
+Temperenzlerperiode. Aber da ich sie nicht heiraten konnte, verlangte
+sie zuletzt Schluss. Entweder, oder! Und ich konnte sie nicht heiraten.
+Es waere ein Hungerleben geworden. Eine der Ehen, die nichts sind, als
+ein langsameres oder schnelleres, aber immer sicheres und qualvolles
+Hinsiechen der Liebe.
+
+Sie sah das ein. Ohne Vorwurf, ohne Klage reiste sie ab. Ein Charakter,
+eine vornehme Seele. Eine Aristokratin!
+
+Dieses Denkmal hast du verdient, Berta!
+
+ * * * * *
+
+Wie wohl fuehl ich mich allmaehlich in diesen einfachen Verhaeltnissen
+hier, und taeglich wird mir klar, was mir in der Stadt wie ein Strick um
+den Hals lag und schnuerte und schnuerte. Es ist die ganze widerliche Luege
+jenes Lebens und Treibens.
+
+Hier ist alles auf Wahrheit gegruendet, auf Natur. Nichts ohne Zweck, und
+der Zweck ehrwuerdig, weil notwendig und natuerlich. Hier hat jeder noch
+ein Verhaeltnis zu seiner Arbeit, ist mit ihr verwachsen. Was hat der
+Kaufmann, der Kraemer, fuer ein Verhaeltnis zu seiner Ware? Sie ist ihm nur
+Mittel Geld zu machen; bringt ihm die schlechte mehr ein, ist sie ihm
+lieber als die gute.
+
+Und diese ganze Vermittlergesellschaft, die ihr Brot durch Laufen und
+Schwatzen verdient. Diese ganze, hohle, windige Gesellschaft. Wie lob
+ich mir den Handwerker, der mit seiner Arbeit, seinem Topf, seinem
+Schmiedewerk, seinem Stuhl, ein Stueck seines Ichs hingibt, des
+erhaltenen Lohnes wuerdig! Da haengt Schweiss daran, Liebe, Freude, Ehre.
+
+Und hier der Bauer! Welche Tuechtigkeit, welche Natuerlichkeit, welche
+innere urheilige Notwendigkeit in all seinem Tun. Der Adel der Arbeit!
+
+Und dann sind hier keine Juden.
+
+Juden und Sozialdemokraten, die haben jetzt das grosse Wort.
+Scheidewasser! Zersetzende Elemente. Ohne Produktivitaet. Waere Gott ein
+Jude, waere die Welt nicht. Ein Jude kann kein Gott sein. Der Jude hat
+Witz, ein Gott nie. Ein witziger Gott! Ein goettlicher Witz! Widerspruch
+in sich.
+
+ * * * * *
+
+Ihr verdreht dem Volk nur die Koepfe. Bildung in die Menge bringen! Eure
+Art "Bildung". Die Menge kann immer nur halbgebildet sein, und
+Halbbildung ist gar keine Bildung, ist schlimmer als Unbildung. Die
+Halbbildung glaubt alles zu verstehen, ist duenkelhaft. Und sind wir
+nicht ganz zerfressen von dieser "Bildung". Ueberall, in Literatur Kunst,
+Gesellschaft? Jeder schwaetzt ueber jedes! Wo ist Ehrfurcht, Schweigen,
+Bewunderung, Freude?
+
+Alles, das Hoechste und Groesste wird auf das Allerweltsniveau von Mueller
+und Schultze herabgeschwaetzt, und der Ladenjuengling spricht von Darwin
+und Ibsen mit derselben Zungengelaeufigkeit wie von der neuesten Mode und
+dem grossen Preis von Hamburg.
+
+Wie kocht es in mir, hoer ich so ein Daemchen ueber die neueste Richtung
+raesonieren, oder so einen Kraemerkommis ueber die moderne Malerei. Rede
+einmal so dumm weg ueber ihre Ware, ihre Stiefel, ihre Seidenstruempfe,
+gleich verklagen sie dich beim Staatsanwalt, dass du sie diskreditierst,
+ihr Geschaeftchen schaedigst. Aber die Kunst, die Literatur, die sind
+vogelfrei, da kann jeder Hans Narr seinen Mist darauf werfen, dem
+Dichter, dem Maler, dem Musiker seinen guten Namen nehmen, seinen Ruf,
+sein Brot.
+
+Und sie wagen sich an alles, diese "Gebildeten!"
+
+Es gibt ueberhaupt gar keine Bildung mehr. Es gibt nur Vielwisser,
+Halbwisser und--Alleswisser natuerlich. Ausserdem die Dummheit. Und nur
+unter den "Dummen" trifft man ab und an mal ein paar Gebildete.
+
+ * * * * *
+
+Gestern rote Gruetze, heute rote Gruetze, morgen rote Gruetze, rote Gruetze
+in alle Ewigkeit. Amen!
+
+Das Leben geht hier seinen hoellisch gleichmaessigen Gang.
+
+ * * * * *
+
+"Wat schall all dat Lihren, Herr. Wenn se sik man foer't Fueer wohren und
+sik man in acht naehmen, dat se nich int' Water lopen, wat brukt se mehr
+to weten. All koent wie doch nich klook waren."
+
+Hest recht, oll Juers. Wat schall all dat Lihren.
+
+ * * * * *
+
+Petersen bat mich, keine Pfennige wieder in die "Grabbel" zu werfen.
+
+"Das v--v--verdirbt die Kinder nur."
+
+Er hat recht. Aber ich hatte diabolisches Vergnuegen daran, wie sie sich
+balgten, uebereinanderkollerten, Buben und Maedel im Staub der
+Landstrasse. Wie die Hunde um einen Knochen.
+
+Vor zwei Jahren--ich warf mal Bonbons vom Wagen herab, unter die
+Dorfjugend. Koestlich! Aus dem Staub, dem Schmutz in den Mund. Brrr!
+
+Muessen wir nicht alle unsere kleinen Freuden und Suessigkeiten aus dem
+Schmutz klauben? Und die groesste Suessigkeit (?), die Liebe, ist sie
+nicht eine Sumpfpflanze?--
+
+Gott muss keinen Ekel kennen.
+
+ * * * * *
+
+Petersen fragte mich heute zum drittenmal, ob ich noch nicht auf dem
+Aussichtsturm gewesen sei, auf dem Fuerstenberg. Aber zum Teufel, ich
+will da nicht hinauf. Ich hasse Aussichtstuerme und jede Art Kletterei,
+um moeglichst viel auf einmal zu sehen.
+
+Wenn es noch ein Leuchtturm waere. Oder meine alte Pappel zu Hause.
+
+Aber da ist es nicht der Aussicht wegen, weshalb ich da hinaufsteige.
+Die Poesie des Leuchtturms, wenn draussen der Sturm tobt und die Voegel
+gegen die Laterne stossen. Was soll ich hier sehen? Wald und Feld und
+wieder Wald und Feld, Kuehe, Schnitter, Erntewagen. Immer dasselbe. Von
+einem Knick zum andern. Und das ganze laeuft nur darauf hinaus, dass man
+so weit sehen kann, so weit, bis nach Luebeck hin. Und dann die Herzen
+und Pfeile, und die Muellers und Lehmanns. Vielleicht noch gar ein
+Fremdenbuch mit albernen Versen.
+
+ * * * * *
+
+Ich sehne mich ein Bad zu nehmen, in der offenen See. Darueber geht doch
+nichts. Nackt dem Element hingeben. Direktestes Naturgefuehl, Einsgefuehl
+mit der Natur!
+
+ * * * * *
+
+Diese dumme Kuesserei! Es kam so ueber mich. Und so tolpatschig, wie nur
+ich bei solchen Sachen bin. Eine ganz unschuldige Regung der
+Zaertlichkeit.
+
+Mancher kuesst im Vorbeigehen jedes Maedel, das ihm gerade gefaellt, und
+sie lachen beide und denken sich weiter nichts dabei. Es ist alles so
+naiv, harmlos, wie Blumenpfluecken. Bei mir wird immer eine Haupt- und
+Staatsaktion daraus. Ich bin zu schwerfaellig, nicht leichtherzig, nicht
+leichtsinnig genug.
+
+Meine onkelhaftesten Regungen und Handlungen unterliegen der
+Missdeutung.
+
+Haette ich uebrigens geahnt, dass die Kleine auf einen Kuss so
+reagierte--und ihr Platz auf der Schulbank ist noch warm.
+
+ * * * * *
+
+Ich kann uebrigens jetzt an sie denken, ohne dass mir diese roten Flecken
+vor den Augen schimmern. Sollte das doch tiefer gelegen haben? Eine
+etwas umstaendliche Art, mich zum Kuss zu bringen. Die Natur waehlt sonst
+kuerzere Wege, um zu ihrem Willen zu kommen.
+
+ * * * * *
+
+Heute Nacht wieder diese wuesten Traeume. Es ruehrt doch daher. Naturam
+expellas furca ...
+
+Ich habe zu lange gefastet!
+
+Uebrigens die Mummsche Geschichte--alles schon dagewesen! Er wollte sie
+keinem andern mehr goennen. Es war genug, dass er mit der andern
+ungluecklich war. Auch das noch ertragen, die Geliebte im Besitz eines
+anderen zu wissen, eines Gluecklicheren, das ging ueber sein Vermoegen.
+
+Es ist doch etwas Herrliches um solche Kraft und Leidenschaft! Wir
+zahmen, moralischen Schwaechlinge resignieren lieber, ehe wir auch nur
+einen Tropfen Blutes vergiessen.
+
+O, nur einmal einer solchen Leidenschaft faehig sein: Aber das wird uns
+nur einmal im Traum beschert.
+
+Meine graue Dame vom Steg habe ich hoffentlich fuer immer abgewuergt.
+Diese Empfindung, als ich ihren Hals zwischen meinen Fingern hatte. Ein
+Kuss ist nur ein Glas Wasser dagegen, und jede andere Art Wollust.
+
+Armer Mumm!
+
+Man muss den Gespenstern nur ueber den Hals kommen, allen Arten
+Gespenstern. Sie sind schliesslich alle nur Puppen, mit Saegespaenen
+ausgestopft, und wenn man sie um den Leib fasst, quietschen sie.
+
+ * * * * *
+
+Uebrigens zur Notiz fuer Gerdsen:
+
+Ich sah bei einem Uebergang ueber einen schmalen Wassergraben eine Dame
+auf dem Steg stehen. Ganz in Grau gekleidet. Sie starrte ins Wasser ohne
+mich zu bemerken. Es war ein trueber, nebliger Novembernachmittag. Das
+Bild praegte sich mir wunderlicher Weise so ein, dass es mich schlafend
+und wachend verfolgte. Seltsamste Hallucination. Oft, in aufgeregtem
+Zustand, oder in Traumstimmung, zur Daemmerzeit sah ich sie manchmal vor
+mir, zum greifen; ich habe mich in das Gespenst verliebt, mit einer Art
+Graeberliebe, Gruselliebe.
+
+Sie hatte mich uebrigens lange nicht besucht. Heute Nacht war sie wieder
+da.
+
+Ob sie nun tot ist?
+
+
+
+
+11.
+
+
+Randers ging am Nachmittag mit dem Lehrer zum Aussichtsturm. Petersen
+liess ihm keine Ruhe mit dem "verdammten" Turm.
+
+Der Waldhueter, der seine Wohnung am Fusse des alten runden Granitbaues
+hatte, bewahrte die Schluessel. Der Mann stand vor der Tuer und klopfte
+einer zierlichen schwarzen Stute schmeichelnd den schlanken Hals. Ein
+hochbeiniger Fuchshengst legte seine Nase auf den Hals der Gefaehrtin und
+schnupperte, als wuensche er an den Liebkosungen teilzunehmen.
+
+"Der Graf ist oben," sagte Petersen.
+
+"Darf man denn hinauf?" fragte Randers.
+
+"Ei gewiss!"
+
+Randers brannte vor Neugier, den Grafen kennen zu lernen. Der
+Damensattel auf der Stute kuendigte auch die Anwesenheit der Komtesse an.
+
+Randers nahm unwillkuerlich eine strammere Haltung an, knoepfte seinen
+Rock zu und rueckte nervoes an seinem Kneifer.
+
+"Wollen Sie mich bitte vorstellen," bat er.
+
+"Liebenswuerdiger Mann, gar nicht hoch--m--m--muetig," sagte Petersen.
+
+Oben trafen sie einen Herrn von ungefaehr fuenfzig Jahren, in leichtem
+hellen Reitanzug. Er betrachtete durch einen kleinen Feldstecher die
+Landschaft und wandte sich nur laessig, kaum das Glas von den Augen
+absetzend, der Treppe zu, als Randers und sein Begleiter die Plattform
+betraten.
+
+"Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle," dachte Randers und musterte die
+schlanke, vornehme Gestalt des Grafen mit neugierigen und befriedigten
+Blicken.
+
+Wo mochte aber die Dame sein? Die Stute trug doch einen Damensattel!
+
+Die letzte kuppelartige Kroenung des Turmes, zugleich die Bedachung der
+Treppe, ueberragte die Plattform noch etwas und mochte die Komtesse
+verdecken. Oder war sie ueberhaupt nicht mit hinaufgestiegen?
+
+Der Lehrer trat mit einem tiefen Bueckling an den Grafen heran.
+
+"Guten Tag, Herr Graf. Wundervoller Blick heute."
+
+Er kam ohne Anstoss ueber die Anrede hinweg.
+
+"Ah, Sie sind es, mein Lieber."
+
+Der Graf reichte ihm die Hand und machte Randers eine leichte
+Verbeugung.
+
+"Die Aussicht ist keineswegs wundervoll heute," sagte er. "Die
+Feuchtigkeit, der Dunst in der Luft."
+
+"Ja, ja, zu f--feucht, Herr Graf, zu dicke Luft," beeilte sich Petersen
+zuzustimmen.
+
+"Mein Name ist Randers," schnarrte sein Begleiter und verbeugte sich
+gegen den Grafen.
+
+"Herr Dr. Randers," wiederholte Petersen hastig, als haette er ein
+wichtiges Versaeumnis gut zu machen.
+
+"Sehr angenehm. Zum Besuch hier in unserer Gegend? Ich meine gehoert zu
+haben, Ihr Gast, lieber Petersen, nicht wahr?"
+
+"Sehr schoen, sehr schoen," fuhr er mit einer gewissen, gleichgueltigen
+Lebhaftigkeit fort.
+
+"Wie gefaellt es Ihnen bei uns? Schoenes fruchtbares Land."
+
+Er zeigte mit einer ausholenden Armbewegung auf das Panorama. Er wartete
+keine Antwort ab, sondern nahm das Glas wieder vor die Augen und sah den
+Horizont ab.
+
+Diese kurze, zwar freundliche, aber doch abweisende Art gefiel Randers;
+so war es recht, so war es aristokratisch, immer zehn Schritt vom Leibe,
+immer reserviert.
+
+Aber wo blieb denn die Dame?
+
+Er blickte sich bestaendig um, ging einige Schritte weiter, aber umsonst.
+
+Wahrscheinlich ging sie immer vor ihm auf, in derselben Richtung.
+
+Am besten ist es, du bleibst stehen, dachte er. Ist sie hier oben, wird
+sie schon zum Vorschein kommen.
+
+Aber Petersen zupfte ihn am Arm.
+
+"Sehen Sie dort die Ostsee dahinten?"
+
+"Ja," sagte Randers, sah aber nichts.
+
+"Und das ist Ploen, sehen Sie? Nein, hier, grad ueber meinen Stock."
+
+"Ja, ja, ich sehe," log Randers.
+
+Was war ihm Ploen! Er wollte die Komtesse sehen. Die Stute hatte doch
+einen Damensattel.
+
+"Papa!" rief mit einmal eine volle, tiefe Maedchenstimme. Eine schlanke
+Gestalt in enganliegendem schwarzen Reitkleid kam um den Kuppelaufsatz
+herum, stutzte, als sie Randers sah, und machte Kehrt.
+
+"Die Komtesse," belehrte Petersen.
+
+Randers ging sogleich anders herum. Er wollte sie sehen.
+
+Was hatte dieses Maedchen fuer eine Stimme!
+
+Die Komtesse stand neben ihrem Vater und schien etwas sagen zu wollen,
+aber durch Randers gestoert, sah sie auf, ihm gerad ins Gesicht. Ein
+fluechtiger, musternder Blick.
+
+Randers zog den Hut sehr tief und sah fragend den Grafen an.
+
+Wirst du mich vorstellen?
+
+Aber der Graf stellte ihn nicht vor, die Komtesse trat einen Schritt
+zurueck: bitte, wenn's beliebt, mein Herr. Die Passage ist frei.
+
+Er musste wirklich voruebergehen, musste wieder um den Turm herumgehen
+und sich von Petersen die Luebecker Tuerme zeigen lassen. Nicht ein Wort
+war ihm eingefallen, womit er eine Unterhaltung haette anknuepfen koennen.
+Da er dem Grafen vorgestellt war, haette er es ungezwungen wagen duerfen.
+Aber was sollte er diesen Augen gegenueber sagen? Augen, die zu dieser
+Stimme passten, Augen mit demselben vollen, tiefen Klang. Augen wie ein
+norwegisches Berglied.
+
+"Sie hat eine norwegische Stimme und norwegische Augen," sagte er zu
+Petersen.
+
+Der Lehrer sah ihn verstaendnislos an und laechelte:
+
+"Norwegische Augen?"
+
+"Ja, Fjordaugen," erklaerte Randers.
+
+In diesem Augenblick ging die Komtesse mit den norwegischen Augen und
+der norwegischen Stimme an ihnen vorueber. Der Graf folgte und nickte,
+seinen Hut lueftend, freundlich Abschied.
+
+Und Randers hoerte die Schleppe des schwarzen Reitkleides die Steinstufen
+hinabrauschen, hoerte von unten herauf noch einmal kurz ihre volle,
+riefetiefeme, ein Lachen, und horchte angestrengt nach dem Hufschlag
+der Pferde. Aber der weiche Waldboden verschlang den Laut. Nur einmal
+klang ein kurzes, helles Hufgeklapper herauf. Es mussten da irgend wo
+Steine liegen.
+
+Randers stand, weit ueber die Bruestung gelehnt, und sah hinab. Er konnte
+nichts als das leise, schwankende Laubdach der hohen Buchen sehen. Er
+konnte nicht mal den Weg verfolgen, den sie jetzt ritt. Er wusste nur,
+da unten irgendwo unter diesem rauschenden, lispelnden, wogenden, gruenen
+Zelt leuchten zwei schoene, tiefe klare Augen.
+
+Fjordaugen!
+
+Aber vier schnelle Fuesse fuehren sie in die Ferne. Dort hinten, weit
+hinten, hinter den Huegeln lag Rixdorf.
+
+Aber nein, diese Augen blieben ja, blieben ja bei ihm. Ihre Augen liess
+sie ihm. Er sah sie immer dicht vor sich. Grosse stahlblaue Augen. Von
+einer fast schwarzen Tiefe, aber mit einem gruengoldigen Leuchten
+darueber.
+
+Fjordaugen!
+
+Steil steigen die finstern Felsen auf, aber zu ihren Fuessen liegt das
+Wasser in wundervoller Klarheit und Tiefe. Der Himmel mischt sein Blau
+mit dem Schwarz der Felsenschatten. Eine Moewenschwinge zuckt hell
+darueber hin.
+
+Und eine so wundervolle Stille in dieser versteckten Bucht!
+
+Ein maerchenhaftes Grauen ueberfaellt ihn.
+
+Das kleine Boot gleitet ganz langsam durch die klare Flut, durch den
+Himmel. Es war wie ein Schweben zwischen Meer und Himmel, oder wie
+zwischen zwei Himmeln. Oben, unten dieselbe Tiefe, dieselbe Hoehe,
+unergruendlich, aber klar, ruhig, ganz friedlich, als gaebe es keine
+Stuerme.
+
+Und jetzt ploetzlich von oben herab, sanft herunterschwebend, ein Lied.
+Der Gesang einer Hirtin, einer Sennerin. Tiefe feierliche Klaenge, tief
+und feierlich wie das ruhige Meer.
+
+"Es w--w--wird w--wohl Zeit," meinte Petersen.
+
+Randers schreckte auf.
+
+"Ja, ja," sagte er hastig.
+
+Unten musste Randers durchaus etwas trinken.
+
+Er hatte Durst. Der Waldhueter hatte Schenkrecht. Es gab freilich nur
+Schnaps und Bier.
+
+Randers bestellte beides, fuer drei Personen. Sie stiessen an. Randers
+trank hastig.
+
+"Suend woll lang nich hier wesen," fragte Petersen den Waldhueter.
+
+"Ne, dat is't erste Mal in duessen Sommer. Suess koemen se oefter mal."
+
+"Ist es weit bis Rixdorf?" fragte Randers.
+
+"Anderthalb Stunden," sagte Petersen.
+
+"Zu Pferde?"
+
+"Ne, zu Fuss, wenn der Herr stramm geht," sagte der Waldhueter.
+
+Randers wollte noch ein Glas trinken, und die andern mussten ihm
+Bescheid tun.
+
+Nach dem dritten Glas sagte er:
+
+"Verdammt huebsches Frauenzimmer! Noch jung, was?"
+
+"Na, wo olt mag se sin?" fragte der Waldhueter den Lehrer. "So negentein,
+twintig."
+
+"Ne, wo wull du hen? Dre und twintig is se gewiss all."
+
+"Ach, noch 'n Glas, Herr Wirt," bat Randers. Petersen lachte ihn an, und
+Randers lachte Petersen an. Er war ganz rot, ganz erhitzt.
+
+"Das ist doch das Wahre," sagte er, das frische, schaeumende Glas pruefend
+gegen das Licht haltend. "Vornehm, souveraen, aristokratisch."
+
+Er nahm eine hochmuetige Miene an und naeselte wie ein Gardeleutnant.
+
+"Aeh, ich lach auf die Welt!"
+
+Der Waldhueter sah ihn belustigt an: Wat buest du foer een?
+
+"Nein, im Ernst, meinen Sie nicht auch, Herr Lehrer," eiferte Randers.
+"Da ist doch noch Rasse, Edelzucht von Geschlechtern her."
+
+"Ja, es hat was f--f--f--fuer sich," stotterte Petersen.
+
+Randers sah tiefsinnig ins Glas, und der Waldhueter sah ihn an, wie
+einen, dem nicht zu trauen ist.
+
+"Sagen Sie selbst, meine Herren," rief Randers wieder aufschnellend,
+"hab ich nicht recht?"
+
+"Ach wat," brummte der Waldhueter aergerlich. "So'n Luee moeten sin, un
+anner Luee moeten ok sin. Vor uns Herrgott sind wie all gliek."
+
+"Ja, lieber Herr, das ist ja ganz recht," rief Randers. "Das ist ja aber
+eine Sache fuer sich."
+
+"Ja Mau, du v--v--versteihst den Herrn f--f--f--falsch," legte sich der
+Lehrer ins Mittel.
+
+"Dat mag sin, ik meen aber man. Ik buen man 'n schlichten eenfachen Kirl,
+dat heet, min Geschaeft haew ik ook liert, da kann mi nuems nich watt in
+seggen. Aber dat meen ik man, so 'n Luee--na ja, du versteihst mi,
+Petersen."
+
+Randers sah finster vor sich nieder, nahm seinen Kneifer ab und putzte
+an ihm herum.
+
+"Zweimalhundertausend Mark jaehrlich zu verzehren," stiess er nach einer
+Pause heraus. "So viel muss man haben, um anstaendig leben zu koennen."
+
+Nun lachte der Waldhueter aus vollem Hals.
+
+"Tweemalhunnertdusend Mark! Das is nich veel, dat is man grad, um de
+Botter dorbi to hebben."
+
+Randers lachte mit, und Petersen machte vergebliche Versuche, zu Wort
+zu kommen.
+
+"Herr Doktor!" rief er, "Herr Doktor! W--w--wissen Sie--Herr
+Doktor--w--w--w--". Aber er kam nicht zustande damit.
+
+Als aber das Gelaechter sich etwas gelegt hatte, fing er noch einmal an:
+
+"Herr Doktor, wissen Sie, was ich m--m--mir dann kaufte? Die W--w--welt
+kaufte ich m--mir! Die W--welt, Herr Doktor!"
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Zweites Buch
+
+
+
+
+1.
+
+
+Randers war eines Tages in Rosenhagen aufgetaucht. Rosenhagen gehoerte zu
+Rixdorf, beide bildeten eigentlich ein Dorf, waren nur fuenf Minuten von
+einander entfernt.
+
+Rosenhagen bestand nur aus dem Krug und einigen Tageloehnerkaten. In
+Rixdorf gab es kein Wirtshaus. So hatte Randers im Krug Quartier
+genommen. Der Wirt war nicht auf Logierbesuch eingerichtet und hatte
+sich gestraeubt. Aber Randers hatte ihn ueberredet, mit Worten und mit
+Geld.
+
+Die Rosenhagener wunderten sich und die Rixdorfer wunderten sich. Was
+wollte er hier bei ihnen?
+
+Seeluft geniessen und baden, sagte Randers.
+
+Das konnte er hier ja haben, aus erster Hand, reine unverfaelschte
+Seeluft. Baden muesse er freilich so, von freiem Strand aus. Badekarren
+gaebe es hier nicht. Nur die eine herrschaftliche.
+
+Bisher war noch kein Mensch auf den Einfall gekommen, die Seeluft gerade
+in Rosenhagen geniessen zu wollen. Dazu waren doch die vielen Baeder da,
+laengs der ganzen Kueste.
+
+Von Rosenhagen fuehrte ein schmaler Feldweg bis hart ans hochgelegene
+Ufer, schlaengelte sich eine Strecke daran hin und fuehrte dann allmaehlich
+zum flachen Strand hinab. Randers benutzte diesen Weg nicht oft, er
+machte gewoehnlich den Umweg ueber Rixdorf, ging durch den Park, wozu er
+sich die Erlaubnis erbeten hatte, verfolgte den Fusssteig durch das
+grosse, zum Schlossgut gehoerende Roggenfeld bis zum kleinen
+Aussichtspavillon, den der Graf auf der hier steil abfallenden Uferhoehe
+erbaut hatte, und stieg dann eine bequeme Treppe zum Strand hinab.
+
+Jeden Morgen, mit Sonnenaufgang, nahm Randers ein Bad. Er hatte sich
+eine schoene, steinfreie Stelle ausgesucht. Er musste freilich etwas weit
+waten, bis ihm das Wasser zum Schwimmen reichte. Aber dann war es
+herrlich! So ganz allein im weiten Umkreis, hoechstens in der Ferne ein
+weisses Segel, das die See mit ihm teilte. Nur die Wellen entbehrte er,
+die rollenden Nordseewellen, diese erfrischenden Sturzbaeder. Und dies
+reine absolute Naturgefuehl, sich so den spielenden Wellen ueberlassen zu
+koennen, Welle mit den Wellen sein, oder der staehlende Kampf mit ihnen.
+Hier war es meistens ruhig und glatt, nur bei anhaltendem Ostwind gab
+es einmal etwas Wellengang. Doch der Ostwind wollte sich nicht
+einstellen. Aber erquicklich war es doch, dieses fruehe Morgenbad, wenn
+die See in der ersten Sonne flimmerte und glitzerte.
+
+Tagsueber ging er viel spazieren, gewoehnlich in der Richtung durch den
+Rixdorfer Park. Der Weg war so viel huebscher als nach der Rosenhagener
+Seite hinaus; und er musste doch die Komtesse einmal sehen!
+
+"Uns Fraeulein" sagten die Leute und "uns Herr". Das beruehrte ihn so
+patriarchalisch.
+
+Abends sass Randers mit den Tageloehnern im Krug. Er hatte gleich in den
+ersten Tagen in alle Katen gesehen, kannte alle Frauen, alle Kinder und
+hatte sein Vergnuegen daran, die Hunde zu necken. Alle Leute waren einig,
+dass es mit ihm nicht ganz richtig sein koenne.
+
+"He is ja bi Verstand, sin richtigen Verstand haett he ja. Aber wat will
+he hier?" sagten sie. Aber sie kamen gut mit ihm aus. Er war nicht
+hochmuetig, er verstand sie, er trank mit ihnen und hatte mal ein
+Zehnpfennigstueck fuer die Kinder uebrig.
+
+Randers hatte lange nicht so viel getrunken wie in Rosenhagen. Die Leute
+hatten es gerne, wenn man sich mit ihnen abgab. Was sollte er da machen?
+Er musste wohl trinken. Und sie merkten bald, dass er etwas vertragen
+konnte.
+
+Eines Abends wurde es aber doch zu viel. Er hatte zum erstenmal Fides
+im Park gesehen, sie ueber breite Maisrabatten hinweg ehrfurchtsvoll
+begruesst und hatte einen verwunderten Gruss zurueckerhalten.
+
+Nachher hatten die Kinder und die Hunde einen guten Tag, diese liess er
+in Frieden und jene beschenkte er reichlich. Und abends tat er den
+Kaetnern im Krug mehr Bescheid als sonst und gab zwei Runden Schnaps aus;
+ging auch nachher, statt ins Bett, in die Felder hinaus.
+
+Und da stand er mitten im Roggen, singend und mit beiden Armen
+gestikulierend, so dass er sich von fern gespenstisch ausnahm in der
+Dunkelheit, wie ein Vogel, der vergebliche Flugversuche macht, oder wie
+eine Windmuehle, die in stossweisem Winde alle Augenblicke ein paar
+Drehungen macht und dann wieder stillsteht. Ein paar Schritte torkelte
+er vorwaerts, dann stand er wieder still, warf sich in die Brust und sang
+mit lauter Stimme und tiefer Inbrunst eine heldenhafte Phrase aus einem
+alten daenischen Liede. Immer dieselbe Phrase, unermuedlich und mit einer
+tiefen knurrenden Kadenz auf der Schlussnote, gleich dem heiseren,
+ingrimmigen Bruellen eines gereizten Stieres. Am Morgen hatte er
+Kopfschmerzen.
+
+Aber das ging nicht, er sah das ein. Er durfte nicht soviel trinken, vor
+allem keinen Schnaps. Wollte er wieder krank werden? Freilich lief er
+ja den ganzen Tag da draussen herum, "verarbeitete" es wieder. Aber er
+musste doch vorsichtig sein.
+
+Randers war acht Tage in Rosenhagen, hatte waehrend der Zeit Fides
+zweimal gesehen, den Grafen aber noch nicht zu Gesicht bekommen. Er
+hielt es jetzt an der Zeit und fuer seine Pflicht, seinen Besuch im
+Schloss zu machen. Was muessen sie denken, dass du dich hier laengere Zeit
+aufhaeltst, auf ihrem Grund und Boden, um Erlaubnis nachsuchst, den Park
+betreten zu duerfen, und es nicht einmal fuer der Muehe wert haeltst, deine
+Aufwartung zu machen. Und obendrein bist du dem Grafen schon mal
+vorgestellt. Man wird dich fuer einen Flegel halten.
+
+Er schob aber den Besuch trotzdem noch etwas auf, von einem Tag zum
+andern. Aber eines Vormittags zog er seine Handschuhe an, graue
+Zwirnhandschuhe; der eine hatte eine geplatzte Daumennaht, und er nahm
+ihn deshalb in die Hand.
+
+Sein wichtiges Vorhaben praegte sich in seiner ganzen Haltung aus. Die
+Frauen in den Katentueren sahen ihm laenger nach als sonst, die Kinder
+hoerten auf zu spielen, und die Hunde liefen nur ein paar Schritte hinter
+ihm her und blafften. Er hatte heute keine Zeit fuer sie.
+
+Nachmittags sah man ihn mit dem Grafen durchs Dorf gehen, im eifrigen
+Gespraech, mit einer haeufigen ehrfurchtsvollen Halbwendung nach seinem
+Begleiter. Und er sprach sehr laut und etwas durch die Nase.
+
+Die Leute auf den Feldern sahen sie und die Melkmaedchen auf der Koppel.
+
+Abends im Krug wollte die Unterhaltung nicht so recht in Gang kommen.
+Sie sprachen nicht so laut wie sonst, und Randers hatte das Gefuehl, als
+ob er sie geniere.
+
+
+
+
+2.
+
+
+Randers an Gerdsen.
+
+Dank fuer Ihre lustige Postkarte. Aber bitte, bis auf weiteres nichts
+mehr auf Karte. Wie Sie sehen, bin ich nicht mehr im Schulhaus zu
+Grashof. Wie ich hierherkam? Durch Zufall und Frechheit! Naechstens
+davon.
+
+Feudales Weib! Hocharistokratisch, Daenenblut! Die ganze Familie
+_hocharistokratisch_, immens reich.
+
+Bruckner-Rixdorf, Seitenlinie in Daenemark verzweigt.
+
+Es ist nichts mit den Direktricen. Ueberhaupt alle anderen
+Weiber--Imitation! Rasse, Vornehmheit, das ist es. Edelzucht, von
+Geschlechtern her.
+
+Augen wie ein Maerchen. Nordseeaugen! Das macht das Daenische.
+
+Herrgott, was fuer ein betrunkener Brief!
+
+Naechstens mehr von Ihrem
+
+R.
+
+
+
+
+3.
+
+
+Gerd Gerdsen an Randers.
+
+Liebster Doktor!
+
+Hat Ihr Daemon Sie endlich in die Arme einer Aristokratin gefuehrt? Der
+Mensch entgeht seinem Schicksal nicht, und Sie sind auf den Adel
+zugeschnitten. Vielleicht auch auf den russischen Staatsrat. Alle Ihre
+Talente weisen auf den Baron hin, den Lebemann--im feinsten Sinne.
+
+Sie fuehren doch Tagebuch in Rixdorf? Ich brauche Dokumente. Der Roman
+des Herrn Dr. phil. Henning Randers wird geschrieben, ein Spiegel fuer
+ihn, ein Kuriositaetenkabinett fuer den Leser und eine Kurzweil fuer seinen
+Verfasser. Aber Dokumente, Dokumente! Meine Imagination, meine
+Psychologie allein reicht Ihnen gegenueber nicht aus, Sie muessen mir
+helfen, Sie zu greifen. Sie lasen mir mal Verse vor. Haben Sie noch
+davon? Haben Sie sonst etwas Schriftliches? Confessions?
+
+Uebrigens, was den russischen Staatsrat anbelangt, erinnern Sie sich noch
+unseres Gespraechs vor Ihrer Abreise? Sie wollten einen Artikel ueber
+Alexander den Dritten schreiben und sahen in der Ferne einen Orden. Es
+war ein klein wenig Ernst bei dem Scherz. Sie hatten Sympathieen fuer den
+ungluecklichen Autokraten, und nicht nur fuer den Gemahl der daenischen
+Dagmar. Wie eintraechtig stand auf Ihrem Schreibtisch die Photographie
+der kaiserlichen Familie, Alexander an seinem Arbeitstisch, im
+Vordergrund die Kaiserin und ihre Schwester, wie eintraechtig stand
+dieses Bild neben dem Portraet der--Dolgorucki!
+
+Sie _muessen_ einen Tropfen Daenenblut in Ihren Adern beherbergen und auch
+einmal etwas mit der Zunge eines Ihrer Urahnen sich an Talglichtern
+delektiert haben. Daenischen Frauenzimmern und russischer Musik gegenueber
+sind Sie Wachs. Und was das Russische anbelangt, Ihre Instinkte gehen
+auf die Knute. Das heisst, Sie wuerden vor der Anwendung zurueckschrecken,
+aber im Prinzip haben Sie nichts dagegen. So ein herzlicher
+Patriarchismus mit dem Recht der Knute, da wo es noetig waere, und
+sonntags abwechselnd Gottesdienst und--nihilistische Vorlesungen.
+
+Lachen Sie? Ich auch! Aber zu einem solchen Bilde kommt man, wenn man
+versucht, sich eines von Ihnen zu machen. Es sind so viele Faeden, die
+ich alle einzeln in der Hand habe. Aber es wird kein rechtes Gewebe
+daraus.
+
+Also Dokumente, Dokumente! Sonst werden Sie am Ende in meinem Roman zu
+einem Kirgisen oder Tataren.
+
+Mit der Liebe, die der Gelehrte fuer den Schmetterling hat, den er fuer
+seine Sammlung aufspiesst, bin ich
+
+Ihr getreuer
+
+Gerd Gerdsen.
+
+
+
+
+4.
+
+
+Fides sass vor einem Stickrahmen in der offenen Verandatuer. Draussen
+band der Gaertner einen Zweig praechtiger Marechal Niel, der sich unter
+der Last der Blueten tief herabbeugte, an den Stock. Ein paar Tauben
+liefen auf dem weissen Kiesplatz vor der dreistufigen Steintreppe, die
+in den Garten hinabfuehrte, jagten sich, scharrten und warfen sich in die
+Brust und gurrten.
+
+Alles lag in warmer, heller Sonne. Breit flutete ein Streifen goldenen
+Lichtes durch die offene, weinumrankte Veranda ins Zimmer hinein,
+machte die Silberschnallen auf Fides kleinen Bronzeschuhen blitzen und
+funkeln, die Ringe an ihrer schlanken, etwas grossen Hand, und den
+Silberpfeil, der den schweren Knoten des vollen blonden Haares hielt.
+Auch dieses weiche seidenweiche Blondhaar leuchtete, und die kleinen
+Ringel- und Kraeuselloeckchen ueber der Stirne sahen ganz goldig aus. Und
+die bunte Seide in ihrem Koerbchen, die fast vollendete Stickerei im
+Rahmen, leuchteten und schillerten in tausend Nuancen.
+
+Der suesse Duft der Rosen drang durch die offene Tuer und erfuellte den
+ganzen Raum, bis zu Randers, der am Fluegel sass und phantasierte.
+
+Ganz in sich zusammengesunken, das Kinn auf die Brust gesenkt, mit
+starrem Blick auf die Tasten, als wollte er sie auch mit den Blicken
+baendigen, sass er da; die Haende waren in rastloser Bewegung, eine
+eigenartige, steigende Bewegung, storchartig.
+
+Schon eine halbe Stunde sass er am Instrument. Monotone, chaotische
+Phantasieen wie das endlose Auf- und Abwogen einer kochenden, gluehenden
+Fluessigkeit. Eine dumpfe, verhaltene Leidenschaftlichkeit, die sich in
+wirren Selbstgespraechen verzehrte.
+
+Fides wagte nicht, ihn zu unterbrechen, Sie konnte diesem Spiel nicht
+mehr folgen. Ihre Aufmerksamkeit war in ein verwundertes Staunen
+uebergegangen, dann hatte sie leise gelaechelt. Ihr verwoehntes, geschultes
+Ohr konnte wohl eine Zeitlang an diesem Sturm und Drang einer
+naturalistischen Musikbegabung ein erstauntes Gefallen finden, dann aber
+ermuedete sie. Die Formlosigkeit dieser wild durch einandertaumelnden,
+schluepfenden und kriechenden Tonfiguren, und das gleichmaessige Forte
+heftiger, boeser Akkorde, die grollten und schalten und um sich bissen,
+tat ihr weh. Aber sie mochte ihn nicht stoeren, ihn nicht kraenken. Es war
+das erste Mal, dass er sich unaufgefordert an den Fluegel gesetzt hatte
+und seine Versicherung, er koenne nicht spielen, Luegen strafte. Er hatte
+sich bisher immer nur begnuegt, ihr zuzuhoeren, im Schaukelstuhl liegend,
+die Beine lang von sich gestreckt, und mit geschlossenen Augen sich
+gegen die Aussenwelt absperrend.
+
+Fides stand jetzt leise auf, stellte den Stickrahmen beiseite und trat
+in die Veranda hinaus. Sofort hoerte er auf. Er hatte ihren Schatten
+durchs Zimmer gleiten sehen. Er fuehlte es, dass sie ging, fuehlte es
+koerperlich.
+
+Fides wollte die Stufen in den Garten hinuntergehen, als sie ihn hinter
+sich hoerte. Sie wandte sich um, mit laechelndem, fragenden Blick.
+
+"Sie spotten," sagte er, "ich habe Sie gequaelt mit meinem Unsinn."
+
+"Sie spielen also doch," sagte sie ausweichend. Er lachte gutmuetig,
+etwas verlegen.
+
+"Nicht der Rede wert, gnaedigste Komtesse. Was haben Sie nur von mir
+gedacht. Aber ich finde nie ein Ende, verliere mich so leicht."
+
+"In alle Tiefen," scherzte sie.
+
+Sie gingen in den Garten hinab. Sie standen vor den Rosen, und Fides bog
+einen vollen Zweig zu sich herab und sog den suessen Duft ein. Die Zweige
+schmiegten sich ihr an Stirn und Wangen, legten sich mit ueppigen gelben
+Kelchen und zarten schimmernden Knospen auf das helle Gold ihres blonden
+Scheitels, das in der Sonne einen roetlichen Glanz annahm und ihn an das
+Familienportraet im Speisesaal erinnerte. Dasselbe rote Goldblond,
+derselbe weisse durchsichtige Teint, der doch nichts Krankhaftes hatte.
+Nur ernster, stolzer war das Gesicht der Mutter; etwas nordisch Strenges
+war in den Zuegen der daenischen Baronin, die dem Grafen eine Tochter
+schenkte und starb.
+
+In dieser schlanken Maedchengestalt vor ihm war das Strenge und Stolze
+durch die Anmut der Jugend gemildert. Wie entzueckend sah sie in dem
+leichten, hellblauen Kleid aus. Der Aermel war leicht zurueckgefallen, als
+sie die Hand nach den Rosen ausstreckte, und der weisse Sammet ihres bei
+aller Fuelle doch schlanken Armes leuchtete mit warmem, matten Glanz.
+
+Fides bat ihn, ihren Gartenhut zu holen. Ob sie nicht einen Spaziergang
+machen wollten.
+
+Er ging, den Hut zu holen, der auf dem Esstisch lag. Er zoegerte drinnen
+einen Augenblick und verschlang vom Fenster aus ihre Gestalt mit den
+Blicken.
+
+In der Veranda fand er seine Muetze, eine schon etwas mitgenommene, einst
+weisse Strandmuetze. Er befestigte das schmale lederne Sturmband unterm
+Kinn, obgleich das schoenste Wetter war und nur ein ganz schwaches
+Lueftchen wehte.
+
+"Warum tragen Sie eigentlich immer dieses Sturmband?" fragte sie. "Ich
+finde es haesslich."
+
+"O," sagte er leicht erroetend. "Moegen Sie es nicht? Ich finde, es sieht
+so--maennlich aus."
+
+Er fand nicht gleich einen andern Ausdruck.
+
+Sie lachte.
+
+"Was ist denn da maennliches dabei?"
+
+"Das hat mir als Kind schon immer so imponiert," erklaerte er. "Bei den
+Kapitaenen und nachher bei den Militaers. Ich denke dabei immer an einen
+Mann im Sturm. Es ist gleichsam, als saesse nun mit der Muetze auch der
+Kopf fester. So, nun kommt her, ich biete euch die Stirn!"
+
+Sie lachte wieder.
+
+"Fuerchten Sie, so leicht den Kopf zu verlieren?" "Aber im Sturm."
+
+"Aber es weht ja gar nicht."
+
+"Das macht ja nichts."
+
+"Aber es sieht so komisch aus, jetzt bei Sonnenschein und ruhigem
+Wetter. Und ich mag nichts am Manne, was nach Affektation aussieht."
+
+"So duerfen Sie es nicht nennen," verteidigte er sich, obgleich er sich
+getroffen fuehlte.
+
+Es war wirklich ein wenig der Wunsch gewesen, ihr zu imponieren, der ihm
+das Band unters Kinn gezogen hatte.
+
+"Sehen Sie, es steckt ein Seemann in mir, und der macht sich in so
+kleinen Aeusserlichkeiten Luft. Der unterdrueckte Seemann in mir."
+
+Sie sah ihn von der Seite an. Er hatte wirklich nichts Seemaennisches,
+wie er so neben ihr herstieg; diese eckige, hagere, hohe Figur, und das
+Pincenez!
+
+Aber er erzaehlte ihr, dass es sein groesster Wunsch gewesen waere, zur See
+zu gehen, Kapitaen zu werden, aber dass ihn die Umstaende, vor allem seine
+Kurzsichtigkeit, auf eine andere Bahn gedraengt haetten.
+
+"Ein bebrillter Seemann, wie laecherlich!" rief er aus.
+
+Aber dann entwarf er ein glaenzendes Bild von dem Leben eines Seemannes,
+von seiner Freiheit, seinem Mut, seinem Heldentum, und er berauschte
+sich an seinen grossen Worten.
+
+"Sie, als Aristokratin, muessen mir das nachempfinden koennen, Komtesse,"
+eiferte er. "Gibt es einen aristokratischeren Beruf als den des
+Kapitaens."
+
+Ihre Augen leuchteten ihn an. War das in ihm? Er hatte bisher keinen
+heldenhaften Eindruck auf sie gemacht. Jetzt sprach er wie ein alter
+Wikinger von Sturm und Kampf, und sie hoerte aus dem Klang seiner Stimme
+den Ton echter Leidenschaft und Sehnsucht.
+
+Er hatte das Sturmband nicht geloest. Sie freute sich darueber. Er war
+wenigstens nicht eitel. Und er hatte Charakter, liess sich seine kleinen
+Eigenheiten und Liebhabereien nicht einfach von einer absprechenden
+Kritik wegblasen.
+
+Und wie er so neben ihr ging, das scharfe Profil mit der etwas langen,
+geraden Nase und dem runden festen Kinn halb von dem Muetzenschirm
+beschattet, die breiten knochigen Schultern etwas hinaufgezogen, als
+stemmten sie sich gegen eine unsichtbare Last, fand sie auf einmal, dass
+er doch maennlicher aussehe, als wie er ihr bisher vorgekommen war. Sie
+konnte sich ihn trotz der Brille recht gut auf der Kommandobruecke
+denken, den Suedwester auf, oder die goldbordierte Muetze des Kommandeurs,
+natuerlich mit dem Sturmband unterm Kinn.
+
+Aber was daran so aristokratisch waere, fragte sie.
+
+"Vor allem die Exklusivitaet seiner Stellung, seine absolute
+Souveraenitaet. Er ist Herr ueber Leben und Tod. Alle Verantwortung traegt
+er allein. Welch ein Gefuehl fuer einen Mann! Welch ein Kraft- und
+Machtbewusstsein, welch ein Lebensbewusstsein! Und nehmen Sie dazu das
+Meer. Im Sturm! Der Kampf der Elemente! Er zittert nicht, er beherrscht
+das Meer, er fuerchtet es nicht. Und wenn er unterliegt in diesem Kampf,
+wie weiss er zu sterben. Ein Held. Bis zum letzten Atemzug auf seinem
+Posten. Sehen Sie, das ist der Mann in seiner ganzen Maennlichkeit, in
+seiner Groesse, der heldische Mann, die aristokratische Natur!"
+
+Sie laechelte ueber seinen Eifer, aber sie hoerte ihm aufmerksam zu und
+streifte ihn wieder mit einem bewundernden Blick.
+
+Aber er hatte ihr Laecheln bemerkt und lachte nun auch, lachte laut und
+gutmuetig.
+
+Da war er mal wieder in Feuer gekommen! Aber er hatte doch recht, und er
+wollte es von ihr bestaetigt haben. Und sie sagte: "Ja, ja. Sie wissen
+das so wunderhuebsch zu sagen. Man wird ganz warm dabei. Es ist wie ein
+Gedicht. Es ist wirklich schade, dass Sie kein Seemann geworden sind."
+
+Sie hatten den Park verlassen und gingen auf dem schmalen Fusssteig
+durchs Roggenfeld. Die See wurde sichtbar. Ein Segel schien an dem
+Horizont festgeklebt. Die See glitzerte und flimmerte, das Segel
+leuchtete. Ein Paar Moewen kreisten bis uebers Feld.
+
+Randers, der jetzt hinter Fides ging, rupfte eine Aehre nach der andern
+und zerpflueckte sie.
+
+Und dann fing er wieder von der See an, von der Nordsee.
+
+"Was meinen Sie zu einem Blockhaus an der See, in den Duenen, oder oben
+in den norwegischen Schaeren?"
+
+"Was Sie fuer Einfaelle haben. Warum gerade ein Blockhaus?"
+
+"Weil es sich der Natur anschmiegen muss. Einsam, versteckt, grau in
+grauer Wildnis. Aber innen muss es natuerlich behaglich sein."
+
+"Kienruss und Tran, und gedoerrte Fische an den Waenden," spottete sie.
+
+Er lachte.
+
+"Warum nicht auch so? Aber ich dachte es mir doch anders. Comfortable.
+Mit Teppichen. Und ein Bechstein darf nicht fehlen. Und Sie spielen
+Chopin."
+
+"Ich?"
+
+"Ja, waere das nicht schoen? So ganz weltfern, nur die Einsamkeit, die
+Natur. Musik, Buecher--"
+
+"Sie sind ja der reinste Romantiker," unterbrach sie ihn.
+
+"Aber denken Sie sich mal da hinein. Diese wundersamen Spaziergaenge in
+den Duenen, am Abendstrand."
+
+"Und wenn wir heimkommen, schaelen wir gemeinschaftlich Kartoffel, roesten
+einen Seehund am Spiess und kochen Tee."
+
+"Sie spotten wieder."
+
+Er war wirklich etwas gereizt.
+
+Sie lachte hell heraus.
+
+"Das empfinden Sie nun als Spott, wenn ich praktisch an das Noetigste
+denke. Sie waeren imstande, ein Haus ohne Speisekammer zu bauen."
+
+"Die soll ja auch da sein."
+
+"Dann hoert sich's schon anders an. Also nicht nur Musik und Sentiments.
+Ja, ich will es mir doch ueberlegen. Es waere mal etwas anderes. Am Ende
+faenden sich noch welche, die sich anschloessen."
+
+"Um Gottes Willen! Keinen dritten! Das ist ja gerade die Hauptsache, nur
+zu zweien."
+
+"Nur wir beide?"
+
+Er sagte nicht ja. Er lachte nur. Welcher Einfall, ihr das alles zu
+sagen. Und empfindlich zu sein, dass sie es nicht ernst nahm!
+
+
+
+
+5.
+
+
+Randers ueberlegte, ob es nicht besser waere, er reiste ab. Wollte er
+warten, bis er sich wirklich in sie verliebt hatte? Heiraten konnte er
+sie doch nicht.
+
+Er wuerde sie auch nicht heiraten, selbst wenn er sicher waere, keinen
+Korb zu bekommen. Er hatte seinen Stolz, und er hatte seine ganz
+besonderen Ansichten ueber Mesalliancen. Er hatte Grundsaetze, die eine
+Ehe mit ihr ausschlossen.
+
+Also nur ihr nachlaufen, wie ein verliebter Gymnasiast? Er dankte.
+
+Vorlaeufig war das ja auch noch keine Liebe, nur aesthetisches Gefallen,
+Hochachtung und alles andere. Aber die Gefahr hatte um die Ecke gesehen.
+
+Gestern, zwischen den Aehren, als sie vor ihm herging, ganz in Sonne
+getaucht, von Zeit zu Zeit den Kopf nach ihm wendend, dass er den
+warmen, leuchtenden Sammet ihrer weichen Wangen sah, die grazioese
+Biegung des Halses--er hatte eine Aehre nach der andern gerupft und die
+Koerner durch die Finger gleiten lassen, um die Regung zu unterdruecken.
+
+Ja, er wollte weg. Die ganze Geschichte hatte keinen Zweck.
+
+Aber in ein paar Tagen sollte die Jagd eroeffnet werden, der Graf hatte
+ihn dazu eingeladen, und er hatte sich so darauf gefreut.
+
+"Kindisch," wie er zu Fides gesagt hatte. Wenn er nun so ploetzlich
+abreiste, welchen Grund sollte er angeben? Nun, hundert Gruende. Da gab
+es allerlei, was ihn abrufen konnte. Aber vielleicht sah es doch nach
+Flucht aus, oder nach Gleichgueltigkeit. Also noch ein paar Tage, ein
+paar Jagdtage. Dann aber weg von hier!
+
+Er hatte nun doch ernstlich Sehnsucht nach der Nordsee. Dies alles lag
+ja so gar nicht in seinem Plan. Ein paar Wochen hatte er schon in
+Grashof verloren.
+
+Und schliesslich musste sie doch denken, es sei nur ihretwegen. Denn war
+es nicht Wahnsinn, sich ohne vernuenftigen Grund in diesen Krug
+einzupferchen?
+
+
+
+
+6.
+
+
+Im Schloss war Besuch angekommen. Randers hoerte es unterwegs von den
+Leuten auf dem Felde. Besuch in einem Segelboot.
+
+Ob er hinginge? Er war doch neugierig. Besuch, der in einem Segelboot
+kam. Das war doch interessant. Er interessierte sich so fuer das Segeln.
+Und wer mag das sein, der hier ein Segelboot hat.
+
+Er traf nur Fides im Salon und eine fremde Dame, eine kleine, lebhafte,
+unscheinbare Person mit vollen Formen, ganz huebschen, braunen Augen und
+einem etwas groben und lebhaften Teint.
+
+"Sieht die gesund aus," dachte er.
+
+"Fraeulein Krueger," stellte Fides vor.
+
+Also nichts Adeliges.
+
+Eine leise Enttaeuschung.
+
+Das Fraeulein sah ihn mit unverhohlener Neugier an. Er las deutlich aus
+ihren Blicken: "Also das ist er?"
+
+"Ich habe Fraeulein Krueger von Ihnen erzaehlt," sagte Fides gleich.
+
+Randers verbeugte sich.
+
+"Sie halten sich zu Ihrer Gesundheit hier auf, Herr Doktor?" fragte das
+Fraeulein.
+
+"Das nicht gerade."
+
+"Ich meinte das."
+
+Sie sah Fides fragend an.
+
+"Allerdings," sagte er schnell. Wenn Fides so gesagt hatte, wollte er
+nicht anders sagen. "Ich reise ueberhaupt zu meiner Erholung oder
+Zerstreuung, was ja oft dasselbe ist."
+
+"Der Herr Doktor schwaermt fuer die See," sagte Fides.
+
+"Die haben Sie ja erster Hand hier," meinte das Fraeulein.
+
+Wie gewoehnlich sie sich ausdrueckt, dachte Randers. Und ihre Stimme
+klingt wie eine verrostete Schiffsglocke.
+
+"Sie sind mit dem Segelboot gekommen, gnaediges Fraeulein?"
+
+"Ja, haben Sie es gesehen?"
+
+"Ich hoerte es von den Leuten. Mit Ihrem Herrn Gemahl?"
+
+"Mein Bruder."
+
+Beide Damen unterdrueckten muehsam ein Laecheln. Er nannte sie Fraeulein
+und fragte nach ihrem Herrn Gemahl.
+
+"Ach so! Pardon," entschuldigte er sich und wurde ueber und ueber rot.
+
+"Der Herr Doktor ist ein grosser Seemann," sagte Fides. "Es ist ein
+Kapitaen an ihm verloren gegangen."
+
+War das Spott?
+
+Er laechelte etwas gezwungen.
+
+"Da werden Sie sich gewiss unsre Jacht ansehen; sie ist ganz neu, ein
+ausgezeichnetes Seeboot," sagte die Schiffsglocke.
+
+"Wenn Sie erlauben, es wuerde mich sehr interessieren."
+
+"Vielleicht machen Sie mal eine Fahrt mit Herrn Krueger?" fragte Fides.
+"Er wuerde sich gewiss freuen, er ist so stolz auf seine Jacht und hoert
+sie gerne loben."
+
+"Ja, das ist seine schwache Seite," bekraeftigte das Fraeulein.
+
+"Ich wollte eigentlich morgen abreisen," sagte Randers. Er war durchaus
+noch nicht entschlossen, aber es kam ploetzlich ueber ihn, er musste es
+sagen, er wollte sehen, wie sie es aufnaehme. "So ploetzlich?" rief Fides.
+Sie schien ernstlich ueberrascht.
+
+"Aber warum so schnell? Gefaellt es Ihnen nicht mehr bei uns? Ich meinte,
+Sie wollten die Jagd mitmachen?"
+
+"Ja so, daran dachte ich nicht," sagte er.
+
+"Sehen Sie," rief sie triumphierend.
+
+Es lag ihr also an seinem Bleiben. Und sie machte daraus kein Hehl,
+selbst in der Gegenwart der Fremden.
+
+"Papa hat uebrigens Ihr Wort," sagte Fides.
+
+"Dann freilich."
+
+Nachher besahen sie alle zusammen die Jacht. Randers bewunderte den
+jungen Gutsbesitzer, einen grossen schoenen Mann, schlank, muskuloes, mit
+gutmuetigem, wettergebraeunten Gesicht. Er sah ganz aus wie ein Seemann.
+Ein buschiger, dunkelblonder Schnurrbart verdeckte etwas das einzig
+Unschoene in diesem Gesicht, den grossen Mund. Der junge Mann lachte oft
+und laut, wie seine Schwester, und dann zeigte er zwei praechtige Reihen
+weisser, fester Zaehne.
+
+Der kann ein Segeltau durchbeissen, dachte Randers. Jedesmal, wenn der
+junge Mann lachte, kam ihm die Vorstellung:
+
+"Er kann ein Segeltau durchbeissen."
+
+"Was meinen Sie?" fragte Fides.
+
+Randers erschrak und wurde rot.
+
+Hatte er es denn laut gesagt?
+
+"Ich meine, ob man wohl ein Segeltau durchbeissen kann."
+
+Sie sah ihn erstaunt an, lachte kurz auf und sagte:
+
+"Was Sie fuer sonderbare Einfaelle haben."
+
+Die Jacht war wirklich sehr huebsch. Sie war ganz weiss angestrichen,
+hatte eine kleine Kajuete an Bord, trug am Mast einen langen, rotseidenen
+Wimpel. Am Spiegel stand mit goldenen Buchstaben: Seeschwalbe.
+
+"Ein huebscher Name," sagte Randers.
+
+"Es ist das schnellste Boot hier herum," erklaerte Herr Krueger. "Es laeuft
+seine zwoelf bis dreizehn Meilen in der Stunde."
+
+Er sprach hauptsaechlich zu Randers und schien ihn fuer einen grossen
+Kenner zu halten. Randers musste sehr vorsichtig sein, wenn er sich
+nicht blossstellen wollte.
+
+Einmal wollte er sagen: "Ich verstehe so viel nicht davon." Und er haette
+es auch gesagt, wenn Fides nicht dabei gewesen. Aber jetzt sagte er es
+nicht, sondern nickte nur immer mit dem Kopf, wenn der andre wieder
+einen technischen Ausdruck gebrauchte, den er nicht verstand.
+
+Sie hatten beide gleiche Muetzen auf, weisse Schirmmuetzen, und sie hatten
+beide das Sturmband unterm Kinn.
+
+Ob Fides darauf achtete?
+
+Der Graf fragte Randers, was er in den letzten beiden Tagen getrieben
+haette, er haette sich ja gar nicht sehen lassen. Ja, was hatte er
+getrieben? Er hatte einige Stunden am Strand gelegen und auf die See
+hinausgetraeumt, und war ein paar Stunden spazieren gelaufen.
+
+"Bis nach Grossenbrode."
+
+"Da haetten Sie ja gleich zu uns herueber kommen koennen," meinte Fraeulein
+Krueger. "Waren Sie schon auf Fehmarn?"
+
+"Nein."
+
+"Aber kommen Sie doch mal," lud der junge Mann ein. "Ich bringe Sie mit
+dem Boot zurueck. Ich hole Sie auch ab."
+
+"Sie sollten das tun," redete der Graf zu. "Sie lernen zugleich im
+Sassnitzer Gut eine Musterwirtschaft kennen."
+
+Herr Krueger lachte gutmuetig, halb geschmeichelt, halb bescheiden
+abweisend.
+
+"Lassen Sie gut sein, lieber Krueger. Alles was recht ist. Durchaus
+musterhaft," sagte der Graf.
+
+Also ein Mustermensch, dachte Randers, und ein huebscher Kerl. Was hat
+er fuer Zaehne! Und obendrein hat er eine Jacht!
+
+Randers bekam mit einmal Lust, ihm ein Schiffstau zwischen die Zaehne zu
+schieben. Was er wohl fuer ein Gesicht machen wuerde?
+
+Randers musste lachen.
+
+Der Einfall war zu albern, aber er konnte ihn nicht wieder los werden.
+Er musste immer an das Gesicht des jungen Mannes denken, wenn er ihm ein
+Schiffstau zwischen die Zaehne schieben wuerde. Er durfte ihn zuletzt gar
+nicht mehr ansehen.
+
+Als die Gesellschaft sich wieder ins Schloss begab, empfahl Randers
+sich. Die Geschwister lachten ihm zu viel. Und er mochte keine
+Mustermenschen leiden.
+
+Niemand bat ihn zu bleiben, auch Fides nicht. Er war also ueberfluessig.
+Mochten sie unter sich bleiben!
+
+
+
+
+7.
+
+
+Als die Jacht zwei Stunden spaeter gegen den Wind weit in die See
+hinauslief, lag Randers am Strand und sah ihr nach.
+
+Es war eine stramme Nordostbrise, die auf das Segel drueckte. Wie ein
+Pfeil schoss das weisse Fahrzeug durch die Wellen. Es leuchtete auf dem
+tiefen Blau des Wassers. Wenn Randers die Augen zusammenkniff, machte es
+ihm den Eindruck eines grossen, weissen Vogels, der dicht ueber die
+Wellen hin pfeilte. Die Jacht lag ganz nach rechts.
+
+Wenn sie umschluege?
+
+Ob sie schwimmen koennten?
+
+Bei diesem Wellengang wuerde es ihnen nichts nuetzen und in dieser
+Entfernung. Der junge Mann war sicher ein guter Schwimmer, aber es wuerde
+ihm nichts nuetzen, er wuerde hinunter muessen.
+
+"Dann kann er Fides nicht heiraten."
+
+Randers sagte das ganz laut.
+
+Er verfolgte jede Bewegung der Jacht.
+
+Jetzt legten sie um.
+
+"Brillant!" rief er und richtete sich halb auf.
+
+Wie ein Pfeil schoss die Seeschwalbe wieder auf die Rosenhagener Ufer
+zu.
+
+Da sass er nun am Steuerruder, lachte und zeigte die grossen, weissen
+Zaehne. Lachte vielleicht ueber ihn, ueber eine Bemerkung der rostigen
+Schiffsglocke ueber ihn. Vielleicht sprachen sie auch ueber Fides. Sie
+waren sehr vertraut mit Fides gewesen, kamen gewiss oft von Sassnitz
+herueber. Uebrigens kein uebler Geschmack von dem jungen Mann.
+
+Aber zum Teufel! Was waren das fuer Gedanken? War er denn eifersuechtig?
+Wollte er, Henning Randers, denn Fides Bruckner heiraten?
+
+Und dann, wie laecherlich! Die schoenen Zaehne und die Musterwirtschaft
+machten den jungen Mann noch nicht ebenbuertig.
+
+Komtesse Fides Bruckner und Herr Krueger, Gutsbesitzer auf Fehmarn.
+
+Die Jacht lief jetzt wieder seewaerts. Randers kletterte die steile
+Uferhoehe hinan. Er wollte dem Musterwirt nicht laenger nachgaffen.
+
+"Morgen gehst du. Das ist ja alles Unsinn!" sagte er laut.
+
+Er war an ein grosses Brachfeld gekommen, ging quer hinueber, kletterte
+ueber ein Hecktor und verfolgte einen schmalen Fusssteig laengs einer
+Weide, wo ein paar Kaetnerkuehe lagen und wiederkaeuten. Wie dumm die Tiere
+glotzten.
+
+Er stellte sich vor sie, glotzte sie wieder an und ahmte ihr Kauen nach.
+
+Sie liessen sich nicht irre machen, kauten und bewegten die Ohren.
+
+"Glueckliches Rind," sagte Randers laut. "Ewiger Gleichmut, satte
+Zufriedenheit."
+
+Aus dem Knick sprang ein kleiner, barfuessiger Bengel, den das laute
+Sprechen anlockte.
+
+"Sind dat din Koeh?" fragte Randers.
+
+"Nee."
+
+"Hoert de to 'n Haf?"
+
+"Nee."
+
+"Wen hoert se denn?"
+
+"Peemoeller sin."
+
+"Wat deihst du hier denn?"
+
+Der Junge wandte sich verlegen ab.
+
+"Muggst du woll gern 'n Groschen hebben?"
+
+Das Gesicht des Kleinen strahlte, aber er schwieg.
+
+Randers schenkte ihm ein Zehnpfennigstueck und ging weiter.
+
+Als er auf die Landstrasse hinaus kam, zoegerte er.
+
+Das Dach des Rixdorfer Herrenhauses leuchtete in der Abendsonne zwischen
+den hohen Parkbaeumen herueber.
+
+Er fuehlte ein Verlangen nach Fides, ein eifersuechtiges Verlangen, mit
+ihr ueber die Sassnitzer zu sprechen.
+
+Aber es gab keinen Vorwand, der einen zweiten Besuch an diesem Tage
+entschuldigt haette.
+
+Er ging in den Krug, trank einen Schnaps und setzte sich in die kleine
+Laube hinter dem Hause.
+
+Es roch hier nach dem Schweinestall, und die Huehner kamen und bettelten.
+
+Sch, sch, jagte er sie.
+
+Sie blieben in einiger Entfernung stehen, auf einem Bein, drehten die
+Haelse und blinzelten ihn an.
+
+Aber er hatte nichts fuer sie uebrig. Er kritzelte in sein Tagebuch.
+
+
+
+
+8.
+
+
+Ein paar warme, weiche Regentage kamen, und Randers war in bester Laune.
+Es war, als haette ihm nur dieser Regen gefehlt.
+
+Der Himmel war gleichmaessig bewoelkt, alles Laub feucht und glaenzend.
+Bestaendig troepfelte es von den Baeumen, von den Hecken, hing in tausend
+blitzenden Perlen an den Graesern, an den Aehren, die noch ungeschnitten
+auf den Feldern standen, und an den Aehren, die schon in Garben
+zusammengehockt waren. Und die Rosen im Park wussten nicht, wohin mit
+all dem Nass, neigten sich und liessen es in grossen, schweren Tropfen
+auf die schwarzen Beete fallen. Und von dem vorspringenden Dach der
+Veranda troepfelte es in ungleichem Rhythmus auf die Steinstufen der
+Gartentreppe, gluckste in der Regentraufe und plaetscherte aus der Traufe
+in die grosse Tonne.
+
+Randers hatte seinen Stuhl dicht an die Treppe gerueckt, sass vornueber
+gebeugt, die Haende zwischen den Knieen gefaltet, und trank diese weiche
+Regenmusik mit entzuecktem Ohr. Er war ganz gluecklich in einer sanften,
+zufriedenen, dankbaren Stimmung.
+
+Er war nun schon zwei Tage im Schloss. Sie hatten ihn bei diesem Wetter
+durchaus nicht in seiner armseligen Behausung lassen wollen. Er hatte
+endlich die Einladung wenigstens fuer einen Tag angenommen und war dann
+doch fuer die Nacht geblieben. Und welch eine Nacht.
+
+Er hatte sie halb am offenen Fenster vertraeumt, voll von den Gespraechen
+des Abends, voll von den Glockenlauten ihrer Stimme und erhellt von dem
+Lichte ihrer Augen.
+
+Sie hatten ueber die Kruegers gesprochen, ueber den Segelsport, und er war
+wieder in seine nautische Schwaermerei verfallen und war wieder auf seine
+Kapitaensaristokratie im besonderen und auf den Adel im allgemeinen
+gekommen. Er hatte eine Lanze gebrochen fuer die Geschlechter gegen die
+plebejische Masse, gegen diesen Mischmasch der Allzuvielen, ohne
+Tradition, ohne Erziehung, ohne Kultur. Er war heftig und ungerecht
+geworden, so dass sie ihm wiedersprachen. Warum er aristokratischer als
+sie selbst sein wolle?
+
+Der Graf hatte dem Geistesadel seine Reverenz gemacht. Nur der Geldadel
+kam bei ihnen allen gleich schlecht weg. Randers aber kam hartnaeckig
+immer wieder auf den Geburtsadel zurueck.
+
+"Da ist die lange Tradition, die Zucht von Geschlechtern her, da sind
+die feinsten, hoechsten Kraefte der Familie, des Stammes, der Rasse bis
+zur Bluete getrieben."
+
+"Bis zur Ueberkultur!" warf der Graf ironisch ein.
+
+Aber Randers liess sich nicht irre machen.
+
+"Da ist Harmonie nach innen und aussen," fuhr er fort. "Die Ruhe, die
+vornehme Sicherheit, die Standesbewusstsein, Machtbewusstsein und Besitz
+verleihen. Mit einem Wort Kultur. Und der Adel sollte diese seine
+hoechsten Gueter nicht preisgeben, seine Exklusivitaet bewahren. Da darf
+sich nichts eindraengen, was nicht hineingehoert, nichts Fremdes,
+Zerstoerendes, Nivellierendes."
+
+"Sie plaidieren fuer standesgemaesse Verbindung," warf Fides etwas
+spoettisch ein.
+
+Ihr Spott kraenkte und reizte ihn.
+
+"Ja," sagte er.
+
+"Auch bis zur letzten Konsequenz?"
+
+"Ja, wie so?"
+
+"Sie wuerden selbst unter keinen Umstaenden eine Aristokratin heiraten?"
+
+"Nein."
+
+Randers erinnerte sich nicht genau mehr aller Worte, aber es war sehr
+beredt gewesen, schroff und unerbittlich. Es war ihm jetzt ganz leicht
+ums Herz. Er hatte nun einen Schutzwall aufgerichtet zwischen sich und
+ihr; sie wusste jetzt, wie sie mit ihm daran war, dass er sich durchaus
+nicht mit laecherlichen Absichten und ueberhebenden Hoffnungen trug. Jetzt
+konnte er ihr auch ruhig sagen, dass sie Fjordaugen habe und die Stimme
+einer norwegischen Hirtin.
+
+Und er sagte es ihr, sich halb nach ihr umwendend, ganz unvermittelt.
+
+"Ich habe alle diese Zeit darueber nachgedacht. Sie haben Fjordaugen,
+Komtesse."
+
+Fides sass mit ihrer Handarbeit neben ihm, ein wenig zurueck, um von den
+Tropfen, die von dem Verandadach fielen, nicht bespritzt zu werden.
+
+"Fjordaugen?" fragte sie und lachte. "Was ist nun das wieder?"
+
+"Sie waren nie in Norwegen?"
+
+"Nein."
+
+"Dann kennen Sie auch nicht diesen wunderbaren Wasserspiegel zwischen
+den Schaeren. Klar und blank, und blau, als laege der Himmel zu ihren
+Fuessen, und doch von einer Tiefe, von einer dunklen, schwarzen Tiefe,
+die wundersame, beaengstigende Geheimnisse zu bergen scheint. Und ueber
+dieser Tiefe das goldige, gruengoldige Flimmern der Sonne, und in diesem
+Spiegel die Felsen, die Waelder, die Wolken. Und mitten dazwischen ein
+kleines Boot, das sich wiegt, wie zwischen zwei Himmeln. Und dann die
+Stille, die grosse feierliche Stille umher. Ich kann es Ihnen nicht so
+sagen, wie es ist."
+
+"Und das alles finden Sie in meines Augen?"
+
+Sie laechelte und sie erroetete.
+
+"Und in Ihrer Stimme," sagte er.
+
+"Das wird immer wunderlicher. Was Sie fuer Einfalle haben."
+
+Randers lachte. Sein gutmuetiges, ueberlegenes Lachen.
+
+Dann nach einer Pause:
+
+"Ich habe einmal aehnliche Augen gesehen."
+
+Also doch, dachte Fides.
+
+"Die erinnerten mich an die Kirche von Drontheim."
+
+"Also Kirchenaugen," lachte sie.
+
+"Ja, Kirchenaugen."
+
+Der Ausdruck gefiel ihm.
+
+"Haben Sie die Dolgorucki gehoert?" fragte er.
+
+"Die Dolgorucki? Die--(sie suchte nach einem Ausdruck) die Musikantin?
+Nein, ich hatte nicht die Ehre."
+
+"Warum sprechen Sie so veraechtlich von ihr?"
+
+"Nun, ich bitte!"
+
+Er runzelte die Stirn und sah auf seine Stiefelspitzen.
+
+"Warum verurteilen Sie sie? Hat es nicht etwas Imponierendes, dieses
+stolze Sichhinwegsetzen ueber Familie und Gesellschaft, ueber alle
+Vorurteile ihres Standes und ihrer Geburt? Nur der Kunst zu Liebe. Liegt
+darin nicht auch wieder etwas echt Aristokratisches?"
+
+"Sie scheinen diesen Begriff sehr weit zu dehnen," sagte sie.
+
+"Sie vergessen die Kuenstlerin."
+
+"Wenn es nur das waere."
+
+"Etwas Trotz, abenteuerlicher Sinn--"
+
+"Also."
+
+Eine lange Pause entstand. Er fuehlte, dass sich das alles nicht so ganz
+mit seinen gestrigen Auseinandersetzungen vereinigte.
+
+"Sie vergessen die Kuenstlerin," wiederholte er.
+
+Sie laechelte ueber seine Hartnaeckigkeit.
+
+"Und diese Kuenstlerin hatte die Kirchenaugen?" fragte sie.
+
+"Ich konnte diese Augen nicht sehen, ohne an die Kirche von Drontheim zu
+denken. Das heisst, nur wenn die Fuerstin spielte. Dann war ein
+wunderbares, geniales Feuer in diesen Augen; sie waren ganz leuchtend
+blau, und ich hatte denselben Eindruck wie bei meinem ersten Eintritt in
+diese Kirche, die ganz aus blaeulichem Stein erbaut ist. Die blauen
+Pfeiler, die blaue Woelbung, es ist, als ob Sie den Himmel sehen."
+
+"Mir scheint, es steckt ein Dichter in Ihnen. Ich habe Sie in Verdacht,
+Verse zu machen," sagte Fides.
+
+
+
+
+9.
+
+
+Es war der dritte Regentag. Aber es regnete nicht mehr so anhaltend. Nur
+hin und wieder fielen kurze Regenschauer. Aber es war kuehl und windig,
+und zerrissene Wolkenfetzen jagten am Himmel hin, wie Fluechtlinge eines
+zersprengten Heeres.
+
+"Was ist das Leben? All dieses Leben nach aussen hin, welche
+Befriedigung gewaehrt es zuletzt?" sagte Randers. "Ist nicht alles so
+verzweifelt farblos, oede, wenn wir nicht etwas Farbe hinzutun--aus
+unsern innern Farbtoepfen, etwas Goldschaum dran wenden, einen bunten
+Schleier darueber decken?"
+
+Fides sass am Fluegel, die Haende in dem Schoss, mit dem Ruecken gegen das
+Instrument.
+
+"Die Philosophie eines Traeumers, die nur Traumfruechte pfluecken wird. Wie
+wollen Sie sich ein Leben zimmern, ein Haus bauen? In Luftschloessern
+kann man doch nicht wohnen."
+
+"Oho, gewiss kann man das! Leben wir nicht alle in Luftschloessern? Unser
+eigenstes, hoechstes und feinstes Leben--"
+
+"Ich bin praktischer," unterbrach sie ihn lachend, "ich halte es mit
+der Wirklichkeit. Ich lobe mir die Realitaeten. Wuensche und Traeume haben
+wir ja alle. Aber wir suchen und wollen doch ihre Verwirklichung."
+
+"Wenn sie sich aber nicht verwirklichen lassen?"
+
+"Dann resigniert man eben."
+
+"Oder begnuegt sich mit dem Traum der Erfuellung."
+
+"Das versteh ich nicht."
+
+"Was Sie nicht in der Wirklichkeit besitzen koennen Sie doch im Traum
+besitzen, in der Einbildung."
+
+"Um nachher doppelt enttaeuscht zu werden?"
+
+Er zuckte die Achseln.
+
+"Man muss Philosoph oder Dichter sein, um leben zu koennen," sagte er.
+
+"Oder Eroberer."
+
+Er sah sie gross an.
+
+"Wenn einem aber hierzu die Kraft fehlt?"
+
+"Dann muss man nicht auf Eroberungen ausgehen und sich an der
+Philosophie genuegen lassen."
+
+"Also."
+
+Eine Pause, die sie mit ein paar Laeufen ausfuellte.
+
+"Im Besitz liegt das Glueck doch nicht," stiess er hervor.
+
+"Aber man will doch schliesslich besitzen."
+
+"Glueck ist Sehnsucht, Erfuellung ist Tod."
+
+"Ist das von Ihnen?"
+
+"Wie so?"
+
+"Das klingt wie aus einem Gedicht."
+
+"Wie ist es zum Beispiel mit der Liebe?" rief er, warm geworden und auf
+ihre Bemerkung nicht eingehend.
+
+"Sie meinen, die hoert mit dem Besitz auf?" fragte sie.
+
+"Ja."
+
+"Sprechen Sie aus Erfahrung?"
+
+Sie lachte ein wenig spoettisch und ueberlegen, als wuesste sie das besser.
+Und er lachte auch. Was sollte er darauf antworten?
+
+"Ausnahmen gebe ich ja zu," sagte er.
+
+"Also doch."
+
+"Die Liebe kennt ueberhaupt keine Regeln, sie kennt nur Ausnahmen."
+
+"Also Streit um des Kaisers Bart."
+
+"Sie haben recht. Spielen Sie mir lieber noch etwas Chopin. Oder den
+Totentanz."
+
+"Ihr ewiger Totentanz."
+
+Sie praeludierte ein paar kurze Takte und spielte Webers "Aufforderung
+zum Tanz".
+
+Er schuettelte missbilligend den Kopf.
+
+Er liebte diese Musik nicht. Er erhob sich leise und trat in die offene
+Verandatuer und sah in den windbewegten Park hinaus.
+
+Ob sie es gemerkt hatte?
+
+Sie hielt mitten im Stueck auf.
+
+"Es ist nichts," sagte sie. "Ich mag heute nicht spielen."
+
+
+
+
+10.
+
+
+Der naechste Tag war ein Sonntag.
+
+Ob er mit in die Kirche wolle?
+
+Ja.
+
+Er sah, dass seine Bereitwilligkeit sie etwas in Erstaunen setzte,
+obgleich sie kein Wort darueber verlor.
+
+Sie musste ihn natuerlich fuer einen Freigeist halten, fuer einen
+Religionsveraechter. Darueber musste er sie doch gelegentlich aufklaeren.
+Da machte sie sich ein ganz falsches Bild von ihm. Glaubte sie, er waere
+aus so grobem Stoff, wie diese "aufgeklaerten" Leute, die an dem
+Einmaleins und der Entdeckung der Bazillen genug haben, und glauben, sie
+haetten jetzt den lieben Gott aus der Welt hinausgerechnet und
+hinausexperimentiert?
+
+Den Weg zum Christentum freilich faende er wohl nicht wieder zurueck. Aber
+das Goettliche vermochte er doch nicht zu leugnen. Was ihm, dem Doktor
+Philosophiae Henning Randers, ausreichte, genuegte deshalb noch lange
+nicht fuer Claus Piepenbrink. Claus musste etwas Greifbares in die Hand
+bekommen, ein Seil, woran er sich laengs tasten konnte. Und dieses Seil
+war die christliche Religion, dieses Seil drehte ihm die Kirche. Und nun
+gar ein Weib ohne Religion! Natuerlich liebte er nicht die Betschwestern.
+Aber er hasste diese "aufgeklaerten," wissenschaftlichen, bebrillten
+Blaustruempfe.
+
+Und das war seine innerste Ansicht von der Sache und seine
+festgegruendete Ueberzeugung, nicht etwa eine augenblickliche,
+sentimentale Wallung, veranlasst durch die Tatsache, dass Fides die
+Kirche besuchte.
+
+Er war durchaus unabhaengig von Fides, wenn er auch die Wahrheit seiner
+Ansichten nie so empfunden hatte, wie jetzt, wo sie neben ihm im
+Kirchenstuhl sass, mit gleichmaessiger, stiller Aufmerksamkeit der
+Predigt folgte und unbekuemmert um seine Anwesenheit laut und innig die
+Choraele mitsang.
+
+Sie schob ihm dabei ihr Gesangbuch etwas zu, und er mischte schuechtern
+seine harte, modulationslose Stimme in ihre tiefen Glocken. Und es war
+ihm, als truege sie ihn, wie ihre Stimme seine Stimme trug. Als haette sie
+ihn an der Hand gefasst, als fuehlte er eine treue, sichere Hand, die ihn
+einen ruhigen, sonntaeglich schoenen Weg fuehrte, dorthin, wo Friede war
+und Glueck und Wunschlosigkeit und Dankbarkeit, das kindliche Gefuehl der
+Geborgenheit. Und er sang zuletzt ganz laut und tapfer die schlichten,
+innigen Verse des alten Paul Fleming mit.
+
+ Lass dich nur ja nichts dauern
+ Mit Trauern!
+ Sei stille!
+ Wie Gott es fuegt,
+ So sei vergnuegt,
+ Mein Wille.
+
+ Was willst du heute sorgen
+ Auf morgen?
+ Der Eine
+ Steht allem fuer;
+ Der gibt auch dir
+ Das deine.
+
+ Sei nur in allem Handeln
+ Ohn Wandeln,
+ Steh feste!
+ Was Gott beschleusst,
+ Das ist und heisst
+ Das Beste.
+
+Und als sie aufsahen und ihre Blicke sich trafen, wunderte er sich, dass
+diese junge Dame neben ihm die Komtesse Fides Bruckner war. Ihm war, als
+haette er sie schon jahrelang gekannt, so nah waren sie sich durch diesen
+gemeinsamen Gesang gekommen. Es war ein ruhiges Gefuehl der
+Zugehoerigkeit, wie zwischen Bruder und Schwester.
+
+Dies war der schoenste Tag, der ihm seit Jahren geschenkt worden war. Er
+trug nachher ihr Gesangbuch und behielt es auch waehrend der ganzen
+Rueckfahrt, und er hielt es zaertlich wie einen geliebten Gegenstand.
+
+Das war der schoenste Tag!
+
+
+
+
+11.
+
+
+Randers wollte abreisen und blieb, wollte wieder abreisen und blieb, bis
+es ihm eines Tages schwer aufs Herz fiel: Wie wirst du dich von all
+diesem trennen koennen?
+
+Das ist es, was du dir unter einer Ehe denkst, dies harmonische
+Nebeneinander, Miteinander, ohne Verpflichtungen. Aber auf die Dauer
+geht so etwas nicht ohne Standesamt. Und das ist eine Unmoeglichkeit!
+
+Es kamen Briefe aus Hamburg, die ihn neckten und welche, die ihn
+beneideten. Und er antwortete mit ernsthaften und langen
+Auseinandersetzungen ueber die Ehe, eine Ehe, auf die sich nur ein ganz
+vorurteilsloses, aristokratisches Weib einlassen wuerde. Er glaube dieses
+Weib in Fides gefunden zu haben, aber er daechte zu aristokratisch, um
+ihr eine Mesalliance zuzumuten. Und so wie sich eine wirkliche Gefahr
+zeige, wuerde er abreisen.
+
+Und Gerdsen schrieb:
+
+"Die Ehe, die Sie wollen, ist keine Ehe, liebster Doktor. Ich wuerde noch
+mehr Worte darueber verlieren, wenn mir irgendwie ueber den Ausgang Ihrer
+jetzigen kleinen 'Episode' bange waere. Uebrigens wissen Sie, dass ich
+Ihre Aristokratismen nicht teile. Ein bisschen buergerliche Auffrischung
+kann dem Adel nur gut sein. Aber ob Sie der sind, von dem eine
+Auffrischung zu erwarten ist, daran darf ich wohl in aller Freundschaft
+zweifeln.
+
+"Ich wuensche Ihnen ein gesundes Verhaeltnis mit einem Bauernmaedel. Ich
+wuerde Sie gerne auf lange Zeit in irgend eine laendliche, urbaeuerliche
+Einsamkeit verbannen, oder meinetwegen zwischen Ihre geliebten
+norwegischen Schaeren, damit die Natur Sie einmal derb beim Wickel naehme
+und Ihre ganze platonische Phantasieerotik mit kraeftigem Besen
+auskehrte.
+
+"Nichts fuer ungut. Aber ich musste es mal sagen, obgleich es nichts
+nuetzt. Sie muessen nun so verbraucht werden."
+
+"Sie haben recht," schrieb Randers zurueck, "Es ist alles Unsinn! Ich
+werde ueberhaupt nicht heiraten."
+
+
+
+
+12.
+
+
+"Was haben Sie denn da?" fragte Fides, als Randers mit einigen
+beschriebenen Blaettern in der Hand eintrat, froh, Fides allein zu
+finden.
+
+"Sie haben mich neulich mit meinem Blockhaus ausgelacht," sagte er.
+"Hier ist es."
+
+"Das da?"
+
+"Ja, ich habe es heute Nacht aufgezimmert, und ich bin neugierig, wie es
+Ihnen gefallen wird."
+
+"Da bin ich doch auch neugierig."
+
+"Ich finde es uebrigens gar nicht huebsch von Ihnen," setzte sie scherzend
+hinzu, "dass Sie immer noch an Ihrem Blockhaus festhalten. Es gefaellt
+Ihnen hier bei uns also nicht so gut, dass Sie es vergessen koennten."
+
+"Oh," sagte er betroffen. "Doch! ich bitte! Es ist so schoen bei Ihnen.
+Und dann ist es ja nur eine Idee, eine fixe Idee. Es wird ja nie etwas
+daraus werden."
+
+"Ich goennte es Ihnen schon, damit Sie gruendlich von Ihrer Romantik
+geheilt wuerden."
+
+Er lachte.
+
+Und dann bat er sie, in sein Blockhaus einzutreten, und sie legte sich
+mit einem gespannten Ausdruck, halb neugierig, halb belustigt, in ihren
+Stuhl zurueck und hoerte ihm zu.
+
+"Ein Blockhaus, halb vergraben unter den Sandwehen des Novembersturmes,
+in dem wilden Lister Duenengebirge."
+
+Der Grossstadt entronnen, fallen mit mir drei phantastisch wilde
+Gesellen in die hellerleuchtete Huette ein, und wir richten uns bei
+ueberfliessendem Nord-Nordgrog in der Winterwildnis ein.
+
+Und ich bin der Herr im Hause!
+
+Und schliesslich werfe ich sie alle hinaus. Denn ich erwarte andern
+Besuch. Eine Kuenstlerin, nicht dem Beruf nach, sondern in ihrer
+eigensten, inneren Natur.
+
+Der aeusseren Konvenienz fragt sie nicht nach; aber die trennende
+Schranke schafft sie sich durch die eigenstolze Natur.
+
+Der Bechsteinsche Fluegel steht schon bereit; unsere drei Zimmer sind mit
+dichten Damastdecken ausgelegt; kein Schritt ist auf den dunklen
+Teppichen hoerbar. Mattes Ampellicht. Ich habe einen Samowar besorgt; die
+Behaglichkeit des dampfenden Kessels soll uns nicht fehlen.
+
+Was werden wir lesen? Ich habe Turgenjeff verschrieben: sie erinnert in
+ihrer stolzen Selbstherrlichkeit an russische Frauengestalten! Und dann
+spielen und singen wir! Keine Miniaturlieder. Sentimentalitaeten sind
+verbannt! Franz Schubert, einiges wenige von Schumann, die Norweger,
+Grieg vor allem, und dann Loewes unvergleichliche Balladen "Herr Olaf"
+und "Edward". Wie das wohl ueber die Heide klingen wird:
+
+ Dein Schwert wie ist's von Blut so rot,
+ Dein Schwert wie ist's von Blut so rot,
+ Edward! Edward!
+
+Und dazu die messerscharfen, schneidenden Akkorde der Verzweiflung, die
+jagende Sechzehntelfigur der Begleitung, die sich schliesslich immer
+mehr verdichtet, bis sie wie zu einem hoellischen Furientanze
+zusammenwaechst.
+
+Das sind Lieder, wie sie der novembersturmgepeitschten Nordseewelle
+gemaess sind.
+
+Wir lesen, wir spielen, wir wandern, wir schweigen auch viel, schweigen,
+und ich greife hin und wieder einen halbverlorenen phantastischen
+Akkord.
+
+Der Sturmwind heult und ruettelt an den verschlossenen Laeden.
+
+Jeweilig ist das Schweigen so sonderbar zwischen uns, so beredt, zu
+beredt fast, so dass wir zu reden beginnen.
+
+Wie denken Sie ueber Rebekka West? So hat sie ihr langes Zusammenleben
+mit Rosmer doch zur Liebe gefuehrt!
+
+Ihre Lippen zucken veraechtlich.
+
+Dass Rebekka liebt, dass sie zu lieben vermeint, ist nichts weiter, wie
+das Gefuehl der Schuld, das Rosmer gegenueber auf ihr lastet! Von dem
+Gefuehl der frueheren Gewissenlosigkeit gepeinigt, taeuscht sie sich ueber
+sich selbst. Ein Glueck, dass sie in den Muehlgraben gehen kann. Sonst
+wuerde sie bald erkennen, dass sie ihre eigenste, bessere Natur verloren!
+Und dann ginge sie auch in den Muehlgraben.
+
+Ihre Lippen haben wieder den strengen, sibyllinischen Zug! Ich schweige
+lange!
+
+Und ihr Lieblingsschriftsteller Jens Peter Jakobsen!
+
+Was sagen Sie zu Edele Lyhne?
+
+Ich habe sie einmal mit Edele verglichen. Sie liebt die Anspielung
+nicht.
+
+Sie wissen, dass ich mir Anzueglichkeiten verbitte. Dass der Dichter
+schliesslich von Edele nichts besseres weiss, als eine Backfischliebe,
+die sie schweigend mit sich herumgetragen, dafuer kann nicht Edele, dafuer
+kann nur der Dichter, nur die Maenner, jaemmerliche, sentimentale
+Schwaechlinge, die ihr seid! Und nun Sie! Was reden Sie hier von Liebe!
+
+Und ihre Lippen begannen herbe und spoettisch zu laecheln.
+
+Und Sie wollen der Schoenheit des Meeres als einem Fluch anheim gefallen
+sein! Hat Sie das Meer noch nicht gelehrt, schwachmuetige
+Sentimentalitaeten als das zu betrachten, was sie sind? Sie Aermster Sie!
+
+Und sie reicht mir halb bedauernd die Hand, und ich Tor schlage ein.
+
+Und lassen Sie Ihre albernen Gedanken und kommen Sie rasch zur Duene
+herauf.
+
+Wir klimmen mit Muehe gegen den Sturmwind, um uns stieben
+schneesturmgleich die Sandwehen. Finster leuchtet das Schwarz der
+ungefuegen Wolkengebilde, ein mattfahler Schwefelstreifen leckt an ihnen
+empor; geisterhaft verschaeumt die tobende Brandung. Ein verlorner
+Moewenschrei!
+
+Der Sturmwind presst uns nahe aneinander; ich fuehle ihre Schulter an
+meiner Brust. Ihre Zuege sind schoener als je, aber unbeweglich, und
+geisterhaft weiss wie Marmorstein!
+
+Und ihre Zaehne pressen leise die Unterlippe.
+
+Weltverschollen, in engster Naehe, und doch kluefteweit getrennt!
+
+Und dann schreiten wir stumm hernieder.
+
+Und das Licht brennt noch lange bei mir, waehrend das Dunkel schon
+stundenlang in ihrem Zimmer wob!
+
+Heute ist ihr Geburtstag! ich habe Rosen bestellt! Dunkelblutrot und
+schneeweiss. Zwei Koerbe duften vor mir. Wahllos streue ich aus dem einen
+Korb hierhin und dorthin. Sie liebt diese verschwenderische Fuelle. Den
+andern Korb schicke ich ihr hinauf.
+
+Eine halbe Stunde spaeter ist sie unten.
+
+Sie Boeser, wie gut Sie sind.
+
+Und ihre wunderbaren Augen sprechen, und sie reicht mir beide Haende.
+
+Wie gut Sie sind!
+
+Und wir sitzen am Kaffeetisch. Sie sorgt mit hausmuetterlichem Eifer. Sie
+spricht dieses und jenes und fast, als ob sie ein Gefuehl der Schuld
+bedruecke.
+
+Und schliesslich stuetzt sie ihren Kopf in die Hand und sieht mich an!
+und nickt mir leise zu, und dann liegt ihre Hand einen Augenblick weich
+auf der meinen.
+
+Und nun, Lieber, wollen wir hinaus!
+
+Ich habe uebrigens noch eine Neuigkeit fuer Sie. Mein Freund kommt zu
+Besuch. Sie wissen, dessen Gedichte ich Ihnen neulich vorlas. Sie
+wollten ihn gerne kennen lernen, Jolanthe.
+
+Sie schweigt!
+
+Nun, was sagen Sie?
+
+Warum ein dritter in unserm Beisammensein?
+
+Und ihre Augen leuchten weich.
+
+Nun, wie Sie wollen!
+
+Und ihre Stimme klingt ploetzlich hart.
+
+Und sie wendet sich und geht, um sich zum Spaziergang fertig zu machen.
+
+Ich weiss nicht, was sie will!
+
+Aber naechstes Jahr ueberlasse ich ihr mein Haus. Mag sie mit einem
+andern Freunde hausen; sie hat recht, das Meer soll mich nicht lieben
+lehren! Ich gehe nach Fanoe! Mag sie sehen! Und ich stampfe entschlossen
+mit dem Fusse und greife nach der Rose, die ihrer Hand entfallen."
+
+"Die arme Jolanthe," sagte Fides mit einem Ton spoettischen Bedauerns,
+als Randers schloss.
+
+Er lachte und zuckte die Achseln.
+
+"Hoffentlich nimmt sie Ihr Blockhaus fuer das naechste Jahr nicht an,"
+sagte Fides. "Sie wird an dieser Erfahrung genug haben."
+
+"Ja, aber er will ja eben nicht heiraten, sich nicht sentimental
+binden."
+
+"Er ist eben ein Phantast," erwiderte sie mit besonderer Betonung, "der
+sich unmoegliche Verhaeltnisse ertraeumt."
+
+"Sagen Sie das nicht."
+
+"Aber ich bitte Sie! Uebrigens wissen Sie das wunderschoen auszumalen."
+
+"Ist es nicht schoen?"
+
+"Sie sind ein Dichter."
+
+"Nicht doch!"
+
+"Sie koennen einem ordentlich den Mund waessern machen."
+
+"Sehen Sie!"
+
+
+
+
+13.
+
+
+Randers hatte Rosen auf seinem Zimmer gefunden.
+
+Er lief durch die Felder und dachte an diese Rosen. Wie kommt sie dazu,
+dir Rosen zu schicken? Hat sie dich denn nicht verstanden? Glaubt sie,
+du meinst es nicht ernst? Du wuerdest nicht nach Fanoe gehen und Jolanthe
+einem andern ueberlassen?
+
+Ganz gewiss, meine Gnaedigste, ich will Jolanthe nicht heiraten, und Sie
+nicht, und keine andere! Oder wollten Sie mir mit den Rosen Ihre
+Anerkennung fuer meine Standhaftigkeit bezeigen?
+
+Eine Tugendrose?
+
+Er pflueckte einen grossen Feldstrauss, allerlei Graeser und letzte
+Sommerblumen, reifende Haselnuesse und einen Zweig fast schon schwarzer
+Brombeeren und brachte ihn Fides.
+
+"Fuer die Rosen," sagte er.
+
+"Wie schoen! Ich danke Ihnen."
+
+
+
+
+14.
+
+(Tagebuchblaetter.)
+
+
+Der Doktor hat recht gehabt. Es waren nur die paar ueberzaehligen Cognacs
+und Pschorrs und Kaffees. Ich fuehle mich jetzt ganz wohl. In Grashof
+kam es noch hin und wieder, dieser Druck auf dem Kopf, als truege man
+einen Stein mit sich herum. Und die Hallucinationen und wuesten Traeume.
+
+Etwas macht auch ihre Naehe. Etwas? Vielleicht alles?
+
+Es ist ein ganz eigenartiger Zustand, ein ganz eigenartiges Verhaeltnis.
+So ohne jede Aufregung und Abspannung und jedes quaelende Begehren. In
+der Abwesenheit ein Gefuehl stiller Freude, dass sie in der Naehe ist, in
+erreichbarer Naehe, eine sanfte Sehnsucht, durchaus nichts Heftiges,
+Treibendes. Wie man an etwas denkt, das man sicher besitzt. Und in ihrer
+Gegenwart ein ganz ruhiges Geniessen ihrer Wohlgestalt, ihres
+harmonischen Wesens, ihrer vornehmen Einfachheit. Keine Spur von Liebe.
+Eine Art herzlichen Freundschaftsgefuehls. Freude.
+
+Sie ist Musik fuer mich.
+
+ * * * * *
+
+Eine Ehe auf solcher Basis. Das waere etwas fuer mich. Aber es wuerde
+schliesslich gar keine rechte Ehe sein. Ich finde kein sinnliches
+Verhaeltnis zu ihr. Der Gedanke allein an diese Dinge erniedrigt sie mir
+schon. Ich bin zu aesthetisch fuer diese Art Liebe. Also auch fuer die Ehe.
+
+ * * * * *
+
+Wenn sie spielt, ist es nicht die Musik allein, sondern das
+Bewusstsein, dass sie es ist, die spielt. Ich habe eigentlich gar kein
+Urteil ueber ihre Musik. Ich hoere alles hinein.
+
+Sie kann gar nicht Schumann spielen, sie ist durchaus keine
+Schumannnatur. Und doch bilde ich mir ein, Schumann nie so schoen gehoert
+zu haben.
+
+Aber ich darf sie nicht ansehen dabei, ich muss die Augen schliessen.
+Sehe ich sie an, merke ich gleich, dass sie Schumann nur spielt.
+
+Bei Chopin darf ich ihr schon zusehen. Da ist diese vornehme Grazie des
+aristokratischen Salons, die zu ihr gehoert. Und nun gar Weber oder
+Liszt. Da sitzt sie im Sattel. Und wie reitet sie!
+
+ * * * * *
+
+Es ist eigentlich beleidigend, dieses Vertrauen, das der Graf mir
+schenkt. Aber nach meiner neulichen grossen Pauke fuer die Aristokratie
+und meiner kategorischen Erklaerung, dass eine Mesalliance gegen meine
+Grundsaetze waere, muss er mich natuerlich fuer ungefaehrlich halten.
+
+Sie koennen ruhig schlafen, Herr Graf.
+
+ * * * * *
+
+Ein Zeichen, dass ich nicht verliebt bin: ich habe mit ihr ueber die
+Liebe philosophiert. Sie benahm sich eigen dabei. Etwas spoettisch. Sie
+ist zu gesund fuer meine Philosophie.
+
+(Bedenkliches Postskriptum: Du machst dir klar, dass du nicht verliebt
+bist. Hm!)
+
+(PS. II. Du machst bedenkliche Bemerkungen, folglich bist du nicht
+verliebt.
+
+Der Beweis ist geglueckt, was mir sehr lieb ist, denn ich will mich nicht
+in sie verlieben.)
+
+ * * * * *
+
+Dass auch ich gerade diesen aristokratischen Tick haben muss, ich, der
+vielmehr zu den Bauern, zu den Fischern gehoert. Ob wirklich etwas dran
+ist, dass mein Urgrossvater muetterlicherseits von Adel war, alter
+kurlaendischer Adel? Die Sache ist sehr zweifelhaft, eine alte
+Familiensage. Ohne Dokumente. Aber vielleicht bin ich der lebendige
+Beweis, vielleicht rollt ein versprengter Tropfen Adelsblut in meinen
+Adern.
+
+Dickes Bauernblut, von irgendwoher ein paar Tropfen Kuenstlerblut,
+Zigeunerblut, und in dieser trueben Mischung, mitgeschwemmt, dies eine
+aristokratische Blutkuegelchen.
+
+Das ganze etwas mit Alkohol versetzt. Ein famoser Lebenssaft. Ich haette
+wohl Lust, mich einmal gruendlich zur Ader zu lassen.
+
+ * * * * *
+
+ Traum, Schaum.
+ Traeume sind Schaeume, hier wie dort
+ Hoert man solch ueberkluges Wort,
+ Aber dem Leben farbleuchtenden Saum
+ Leiht nur goldener Traum wie Schaum.
+
+ Traeume sind Schaeume!
+ O jugendlich Schaeumen.
+ Schaeume sind Traeume!
+ O jugendlich Traeumen.
+ Schaeumendes Kraefteueberfliessen,
+ Traeumendes Seele in Seele sich giessen.
+
+ Traeume sind Schaeume,
+ Wen sie verlassen,
+ Dem muesste das Leben farblos erblassen.
+ Nur, wem das Leben wie Schaum und Traum,
+ Bricht sich goldene Frucht vom Baum.
+
+ * * * * *
+
+Ob ich nicht doch besser in meiner Krugkammer geblieben waere? Nicht aus
+irgend welchen besonderen Gruenden, sondern einzig, weil ich nicht zur
+Dankbarkeit verpflichtet sein mag. Und dies ist schon mehr Nassauerei!
+
+Aber warum reise ich nicht ab?
+
+Ueber den Musterwirt bin ich ja beruhigt, der ist schon halbwegs verlobt,
+mit einer Buergerlichen. Ich haette es ihr auch nie vergeben. Frau Krueger
+oder gar Madam Krueger.--
+
+Ich will es nur eingestehen, ich war ganz regelrecht eifersuechtig, ohne
+verliebt zu sein. Wie muss einem Liebenden erst zu Mute sein, der
+eifersuechtig ist.
+
+ * * * * *
+
+Als sie sich die Rose in den Guertel steckte und auf den Stuhl stieg, um
+sich besser im Spiegel sehen zu koennen.
+
+Diese ganz entzueckende Naivitaet, diese natuerlichste, kindlichste,
+unschuldigste Eitelkeit!
+
+Welche Dame steigt in der Gegenwart eines Herrn auf einen Stuhl. Sie
+darf es, eine wirklich vornehme Dame darf alles.--
+
+Ich hielt ihre Hand laenger als schicklich in meiner, als ich ihr
+herunter half. Sie wurde weder verlegen noch abweisend, sie uebersah es
+einfach.
+
+ * * * * *
+
+La rose d'amour.
+
+ An ihrem Kleid blueht eine dunkle Rose,
+ Entschuerzt den Schoss zu wundersamem Duft,
+ Dass taumelnd so ihr Leben sie verkose,
+ Die weisse Maedchenbrust zur weichen Gruft.
+ O sei ihr Bild zum Bilde meinem Lose,
+ Dass ich, wenn gartentief der Sprosser ruft,
+ Von Mund zu Mund, fern jeglichem Getose,
+ Verkuessen moege Leben, Licht und Luft.
+
+(Waere ich verliebt, wuerde ich dieses Gedicht nicht haben machen koennen.
+Obgleich es schlecht genug ist und eigentlich nur mit Liebe notduerftig
+entschuldigt werden koennte.)
+
+ * * * * *
+
+Gehoert nicht eine gewisse Kaelte des Herzens dazu, um Dichter sein zu
+koennen?
+
+Unsinn!
+
+Ob Leute von grosser Phantasie nicht eine gewisse mittlere Temperatur
+des Herzens haben, nur soviel Feuer als noetig, um der Phantasie warme
+Fuesse zu machen?
+
+Gibt es eine Phantasie des Herzens?
+
+Warum nicht, wenn es eine Liebe des Kopfes gibt. Kommt auch beides
+zusammen vor, wie bei einem gewissen Herrn.
+
+ * * * * *
+
+Ich muss Gerdsen wieder einige "Dokumente" schicken. Ich habe ja schon
+wieder genug zusammengekritzelt. Wenn er nicht schliesslich doch noch
+abschnappt. Zu unsinnige Idee, meinen Roman von einem andern schreiben
+zu lassen. Wie der arme Kerl sich wohl abrackert. Aber er kriegt es
+fertig, das heisst, er kriegt einen Roman fertig, aber einen
+Surrogatroman. Was weiss er am Ende von Henning Randers, und was koennen
+ihm die paar Zettel sagen, die ich ihm als Materialien liefere. Es wird
+ihm doch alles nur nebelhaft bleiben, Schattenspuk.
+
+Uebrigens, was ist das ganze Leben anders als Schattenspiel. Oder ein
+Suchen im Nebel. Blindekuh! Nur dass einem die Binde nie abgenommen
+wird. Oder doch mal? Da drueben?
+
+Wenn man dann sehend wird, zurueckblicken kann--Herrgott! Alle diese
+Irrgaenge im dicken Erdennebel. Und dann sehen, da haettest du den Weg
+gehen sollen, und sieh, der Graben da, und der Baum, an dem du dir den
+Kopf zerbeultest--ein paar Zoll breit weiter links, und du waerst heil
+durchs Leben gekommen.
+
+ * * * * *
+
+Da bin ich nun wirklich in der Kirche gewesen, fein fromm und andaechtig.
+
+Sie sass neben mir, ihr Buch lag zwischen uns, und unsere Augen nahmen
+denselben Weg, von Vers zu Vers, trafen sich auf den frommen Worten.
+
+Kuessten sich.
+
+Wir selbst sassen ganz ehrbar und zuechtiglich neben einander, und ich
+meckerte in ihren schoenen Alt hinein.
+
+Sie hatte die Fuehrung, ich folgte wie ein Laemmlein der Hirtin.
+
+Die Orgel. Die "liebe Gemeinde" (es war eine wirklich huebsche
+Sopranstimme da, die ueber diesem misstoenigen Gemecker, Gebrumm und
+Gepfeife schwebte, wie eine weisse Moewe ueber ein schmutziges
+missfarbiges Stoppelfeld), die weissen schmucklosen Waende, die Sonne
+draussen und die Sonne drinnen, in langen, breiten Streifen ueber diesen
+alten und jungen Koepfen. Das schwarze Brett mit den grossen weissen
+Nummern der Choraele. Die kleine, schwarze Kanzel mit dem kleinen,
+weisshaarigen Pastor Weidenbusch.--
+
+Mir wurde ganz heimatlich. Wie lange bin ich nicht in einer Dorfkirche
+gewesen.
+
+ * * * * *
+
+Man sage nicht, dass in unserer protestantischen Kirche die Poesie
+keinen Platz hat. In den kalten grossen Stadtkirchen mit ihrem
+nuechternen Prunk, ja, da ist sie erfroren, elendiglich erfroren. Aber
+unsere Dorfkirchen. Selbst diese kahlen, getuenchten Waende atmen Poesie,
+diese alten rohen Balken, von Schwalbenschmutz gefleckt und mit einem
+vergessenen Spinngewebe in irgend einem Winkel.
+
+Was ist Poesie? Sie geht nicht von den Dingen aus, sie geht von den
+Menschen aus. Und welche Poesie sollte von dem staedtischen
+Kirchenpublikum (ja Publikum!) ausgehen?
+
+Aber hier, diese schlichten einfachen Ackerbuerger, diese abgerackerten
+Tageloehner, Maenner und Weiber, die ihres Herzens Einfalt und Beduerfnis
+hierher fuehrt, Sonntag fuer Sonntag; diese ganze Atmosphaere von Arbeit,
+Genuegsamkeit, Einfalt und Himmelshoffnung, das ist es, das teilt sich
+diesen schmucklosen Waenden mit und leiht ihnen einen ruehrenden Glanz.
+Die Poesie kommt mit den Leuten in die Kirche, fuehlt sich wohl hier und
+bleibt, auch wenn der Kuester abschliesst.
+
+ * * * * *
+
+Auf dem Lande verstehe ich, wie man fromm sein kann, es wieder werden
+kann. Auch auf dem Meere verstehe ich es. Auch im Kriege. Aber da ist
+die Zeit oft zu kurz dazu.
+
+Und auf dem Sterbebett.
+
+ * * * * *
+
+So hoch stehen, dass man religioes wird!
+
+Auf Erden ist keiner, vor dem man sich zu beugen noetig hat. Da beugt man
+sich vor Gott. Um sein Gewissen zu beruhigen, um sich zu salvieren.
+
+Oder Einsamkeitsgefuehl? Grauen vor der Einsamkeit?
+
+ * * * * *
+
+Ich liebe sie doch! Jeg elsker dig!
+
+ * * * * *
+
+Es war kuehn, ihr meine Blockhausphantasie vorzulesen. Aber sie weiss
+nun, wie ich es meine. Es waere Wahnsinn, zu glauben, sie koenne sich auf
+so was einlassen. Die Kuenstlernatur ist sie nicht. Zu wenig Bohemienne.
+Und das gehoert dazu. Aber sie ist schon das Weib, mit dem ich es
+aushalten wuerde.
+
+ * * * * *
+
+Jetzt weiss ich, wie ich mit ihr daran bin. Es war unvorsichtig von ihr,
+mir die Rosen aufs Zimmer zu stellen, am selben Tag noch. Und
+unvorsichtig war es von dir, zu erroeten, als da ihr den Feldstrauss
+brachtest!
+
+Aber ich will nicht!
+
+
+
+
+15.
+
+
+Eines Vormittags spazierten Randers und Fides nach dem Seepavillon. Es
+war ein letzter Septembertag mit Wind und Wolken. Aber die Sonne war
+auch da und sie waermte noch.
+
+Der Wind kam von der See und trieb die Wolken ins Land. Grosse Schatten
+segelten ueber das Stoppelfeld. Der Roggen, der hier gestanden hatte, war
+laengst im Speicher. Ein paar Kraehen huepften auf den kahlen Schollen,
+flogen auf und liessen sich in Steinwurfweite wieder nieder.
+
+Sie konnten bequem nebeneinander gehen, brauchten sich nicht auf dem
+schmalen Fusssteig zu halten. Randers musste sich ein paar Mal buecken,
+ihr Kleid von den Stoppeln zu befreien, bis sie es lachend aufraffte. Er
+hatte seinen Rock zugeknoepft und das Sturmband unters Kinn gezogen, so
+scharf wehte hier der Wind. Manchmal blieben sie stehen und drehten den
+Ruecken gegen den Wind, um sich besser verstehen zu koennen.
+
+Fides froestelte ein wenig, wie sie sagte; wenn sich die Schatten ueber
+das Feld legten, war schon ein herbstlicher Ton in der Luft.
+
+Beim Pavillon war es sehr zugig, und sie gingen hinein. Sie waren lange
+nicht dort gewesen. Eine warme, etwas stickige Luft herrschte in dem
+Raum, aber des Windes wegen mussten sie die Tuer schliessen. Zwei
+vertrocknete Waldmeisterkraenze hingen an einem Nagel, und der welke Duft
+machte die Atmosphaere noch schwerer und beklemmender. Die bunten Fenster
+liessen nur ein gedaempftes Licht herein und verstaerkten das Gefuehl der
+Abgeschlossenheit.
+
+Fides hatte ein Vergnuegen daran, von Fenster zu Fenster zu gehen und die
+See einmal blutrot, einmal ockergelb und einmal ganz gruen zu sehen. Sie
+wollte das alles noch einmal geniessen, denn es war das letzte Mal,
+dass sie es in diesem Jahre sah. Der Herbst war da und mit ihm der Umzug
+in die Stadt.
+
+Sie freue sich gar nicht so darauf wie sonst, sagte sie. So gerne waere
+sie noch nie auf dem Lande gewesen, wie in diesem Sommer.
+
+"Warum bleiben Sie nicht einmal einen Winter ueber?" meinte Randers. "Ich
+denke mir das so schoen."
+
+"Meinen Sie? Ich habe es einmal getan. Es ist gar zu einsam."
+
+"Das ist doch schoen."
+
+"Aber auf die Dauer? Wenn noch Besuch kaeme. Aber es ist ja gar nichts
+Gescheites in der Naehe, kein Umgang, der einem zusagte."
+
+"Sie sollten mit nach Sylt kommen."
+
+"Ja, das waere was. Aber Papa tut's nicht."
+
+"Auf ein paar Wochen nur."
+
+"Kommen Sie doch mit in die Stadt," sagte sie. "Aber Sie haben ja solche
+Sehnsucht nach dem Meere," setzte sie schnell hinzu. "Ich kann mir
+denken, wie Sie sich wegsehnen von hier."
+
+Er erwiderte nicht gleich etwas darauf. Allerlei Gedanken und Bilder
+gingen ihm durch den Kopf. Er besuchte mit ihr die Museen, die Konzerte,
+die Kirchen, sah sich von ihr in eine hoehere Geselligkeit eingefuehrt, in
+die Gesellschaft; tausend verlockende Aussichten eroeffneten sich ihm,
+wenn er mit ihr in die Stadt ginge. Und dass sie es wuenschte! Dass sie
+es wuenschte und aussprach! Das machte ihn ganz gluecklich.
+
+"Wie gerne wuerde ich mit in die Stadt gehen," sagte er.
+
+"Aber?" fragte sie, da er zoegerte.
+
+"Diese Idee kommt zu ploetzlich, so ueberraschend," sagte er langsam und
+unsicher, und vermied dabei, sie anzusehen.
+
+"Nein, es geht nicht," sagte er mit einem ploetzlichen Entschluss. "Das
+ist ja alles--aber nein, es darf nicht sein!"
+
+Und er fing an, hin und herzugehen, unruhig und nervoes, und verzweifelte
+Blicke nach den Fenstern werfend, als waere es ihm zu schwuel hier.
+
+Fides sass auf dem roten Plueschkissen, auf der einzigen langen,
+lehnelosen Bank, und trommelte ganz sachte mit den Fingern auf dem
+kleinen Borkentisch.
+
+"Ich hatte mir das so schoen gedacht," sagte sie. "Aber wenn es nicht
+sein kann--" Es klang weich, fast wie ein Seufzer.
+
+Sie hatte das gedacht? Schon frueher daran gedacht? Hatte es sich
+ausgemalt? Es war nicht nur ein augenblicklicher Einfall?
+
+"Ja, aber meine liebe gnaedigste Komtesse, ich taete es so gerne, schon
+allein, da Sie es wuenschen--"
+
+"Aber ich bitte Sie, meine Wuensche! Sie sollen durchaus nicht das
+geringste Opfer bringen. Sie haben sich alle diese Wochen nach Sylt
+gesehnt--"
+
+"Aber ich bitte, von Opfer kann ja gar keine Rede sein. Wenn Sie
+wuessten, wie schwer--es waren so--ich werde diese Wochen nie vergessen,
+die ich hier verlebte."
+
+"Ja, es war recht huebsch. Aber es wird doch jetzt schon recht
+unfreundlich hier. Ich freue mich doch auf die Stadt."
+
+Sie sagte das in einem ganz andern Ton. Ein ploetzliches Umschlagen der
+Stimmung.
+
+"Ihr ewiges Hin- und Herlaufen macht mich ganz nervoes," sagte sie und
+stand auf. "Was haben Sie fuer eine Unruhe! Sie koennen gewiss die Zeit
+nicht erwarten, wo es auf und davon geht, Sie alter Meermensch."
+
+Es sollte scherzhaft klingen, aber es war eine leise Gereiztheit im Ton.
+
+"Sie missverstehen mich, Komtesse," sagte Randers.
+
+"Wie so?"
+
+Die Frage klang wirklich naiv und machte ihn einen Augenblick irre,
+verwirrte ihn. Er versuchte sich mit einem Laecheln herauszuhelfen, aber
+es misslang.
+
+"Ich brauche ja das Meer, die Einsamkeit--es ist ja nur eine Flucht--vor
+mir selbst--vor all diesen--diesen Unmoeglichkeiten."
+
+Er rannte wieder auf und ab, waehrend sie angelegentlich durch das rote
+Fenster auf die See sah, die Augen mit der Hand beschattend, dicht an
+die Scheibe gedraengt.
+
+Er wartete, dass sie etwas erwidern sollte.
+
+"Aber ich habe Ihnen das ja alles schon gesagt," fuhr er fort, als sie
+schwieg, und es klang fast verzweifelt.
+
+Er sah sie an, aber sie ruehrte sich immer noch nicht.
+
+Als sie sich jedoch nach einer peinlichen Pause umwandte, erschrak er
+ueber die Blaesse ihres Gesichts und den fast harten Ausdruck der Augen.
+
+Und ploetzlich--war es unter seinen besorgten, fragenden Blicken?--eine
+tiefe Roete ueberflutete sie, ihre Blicke wurden unsicher, hilflos; sie
+schlug die Haende vors Gesicht, und mit gepresster Stimme sagte sie
+leise:
+
+"Warum quaelen Sie mich so?"
+
+"Fides!" rief er.
+
+Aber sie eilte an ihm vorueber, liess sich auf die Bank fallen, legte den
+Kopf auf den Tisch, und das Gesicht in beide Haende drueckend, weinte sie
+krampfhaft.
+
+"Fides!"
+
+Er kniete neben ihr, zitternd, bebend vor Erregung, suchte ihre Hand,
+erhob sich wieder und sprach, ueber sie hingebeugt, auf sie ein.
+
+"Nein, nein, o nicht," stammelte er. "Was ist dies alles--Komtesse.
+Aber nein--Fides, liebe, liebe Fides."
+
+Und wieder lag er vor ihr auf den Knien.
+
+
+
+
+16.
+
+
+Es regnete, regnete immer staerker, der ganze Himmel schien sich aufloesen
+zu wollen. Das angewelkte Laub konnte sich unter diesem bestaendigen
+Angriff der Wassermassen nicht halten, loeste sich und fiel auf die
+aufgeweichte Erde, in den Kot der Wege und in die hundert kleinen und
+grossen Pfuetzen.
+
+Es war, als wollte dieser Tag die letzten Reste des Sommers
+wegschwemmen.
+
+Randers lief immer gerade aus, eine Stunde lang, zwei Stunden. Das Nass
+rann in Stroemen und kleinen Baechen von seinem Regenrock, sammelte sich
+auf seiner weissen, durchweichten Muetze, rieselte ueber deren schwarzen
+Schirm, spritzte von unten bei jedem Schritt an ihm hinauf, dass Stiefel
+und Beinkleider ganz kotig waren.
+
+Aber er lief immer drauf los.
+
+War das nicht der Weg nach Suessen?
+
+Aber es war ja gleichgueltig. Er wollte ja nur seinem "Glueck" entlaufen,
+diesem wunderlichen Glueck, das ihn quaelte, ihn aengstigte, sich wie eine
+eiserne Klammer um sein Herz legte, wie ein gluehender Nagel sich ihm ins
+Hirn bohrte. O, wie er gluecklich war!
+
+Warum jauchzte er nicht laut auf? Hatte er nicht eine reizende Braut?
+Und eine koestliche Zukunft?
+
+Schwiegersohn des Grafen Bruckner!
+
+Was wuerden sie alle fuer Augen machen. Also doch eine Adelige. Ja, ja der
+Randers!
+
+Nein, und tausendmal nein! Er konnte dieses Opfer nicht von ihr
+annehmen. Frau Doktor Randers! Was konnte er ihr dafuer bieten? Aus
+eigenem? Eine grosse, dauernde Leidenschaft, eine bestaendige, alles
+wettmachende Liebe?
+
+Wuerde er nicht nur ihr Geliebter sein, von ihrer Liebe leben? Der
+Geheiratete sein? Sie hatte sich mal diesen Luxus erlauben koennen, einen
+simpeln Buergerlichen ohne Stellung und Vermoegen zu nehmen, weil er ihr
+gefiel.
+
+Sie wuerde ihn lieb haben und fuettern!
+
+Hatte er denn gar keinen Stolz mehr?
+
+Aber wie es ihr sagen? Wie es ihr sagen? Er war ihr ja so gut, er koennte
+es nicht uebers Herz bringen, ihr weh zu tun. Aber es musste sein, ohne
+Aufschub, bevor die Anzeige dieser Verlobung in alle Welt ging. Dann war
+er gebunden, dann durfte er sie nicht kompromittieren.
+
+In der Theorie wusste er ja mit all diesen verzwickten Dingen leicht
+fertig zu werden. Man lebt nebeneinander hin, und nachher trennt man
+sich, gutwillig. Oder richtet sich ein. Aber in der Praxis ist es denn
+doch etwas anders. Da spricht das gute Herz mit, Ehrgefuehl, Anstand,
+Dankbarkeit, tausend Stimmen reden auf einen ein und verderben das
+theoretische Konzept.
+
+Und nun gar eine Verlobung eingehen mit der Absicht, sie wieder zu
+loesen. Pfui Teufel, wie gemein!
+
+Also es ihr sagen, noch hier, heute noch!
+
+Der Wagen stand sozusagen schon vor der Tuer, morgen wollten sie zusammen
+abfahren, sich in Hamburg trennen, wo er einige Tage verweilen wollte,
+um seine Angelegenheiten zu ordnen, um ihnen dann nach Berlin zu folgen.
+
+So in der letzten Stunde, den Koffer in der Hand--nein das ging nicht!
+Warum kam das alles auch im letzten Augenblick! Acht Wochen waren sie
+nun zusammen gewesen.
+
+Am besten waere es, er schriebe es ihr von Hamburg aus.
+
+Und so lange sollte er schauspielern? Luegen?
+
+Muede und abgespannt, durchnaesst und beschmutzt kam er wieder im Schloss
+an.
+
+Fides war in ihrem Zimmer, beschaeftigt, mit der Zofe die letzten Koffer
+und Schachteln zu packen, der Graf in seinem Arbeitskabinett zu einer
+letzten geschaeftlichen Unterredung mit dem Verwalter.
+
+Randers ging, von niemand gesehen, auf sein Zimmer. Am liebsten haette
+er sich aufs Bett gelegt, zu einem langen, langen Schlaf. Aber es war
+noch frueh, kaum sechs Uhr.
+
+In den nassen Kleidern konnte er auch nicht bleiben. Er zog sich um und
+ging in den Salon hinunter.
+
+Ein graues, truebes DaemmeDaemmerlichtschte darin.
+
+Der Regen schlug gegen die Fenster. Ein paar welke Ahornblaetter klebten
+an den nassem Scheiben.
+
+Vom Tisch waren alle Mappen und Buecher abgeraeumt, die schweren
+Silberleuchter unterm Wandspiegel waren schon weggeschlossen. Es lag
+schon ein Hauch von Unwohnlichkeit ueber dem halbdunklen Raum. Nur die
+grosse japanesische Vase, die der Gaertner erst gestern mit frischen
+Chrysanthemen gefuellt hatte, stand noch auf ihrer Ebenholzsaeule, und die
+grossen gefiederten gelben und weissen und lila Blumensterne standen wie
+verbannte Schoenheiten auf einer einsamen oeden Insel.
+
+Der Bluethner war geoeffnet.
+
+Ob Fides gespielt hatte?
+
+Richtig, da lag noch ihr Armband auf dem Leuchterbrett, ein schmaler
+Silberreif, den sie der vielen Anhaengsel wegen beim Spielen ablegte.
+
+Er nahm ihn mechanisch in die Hand, legte ihn aber schnell wieder hin.
+
+Mechanisch suchte seine Hand die Tasten. Er erschrak beinah, als sie
+nachgaben und ein paar leise Diskanttoene wie klagend durchs Zimmer
+klangen.
+
+Er laechelte, musste laecheln.
+
+Wie nervoes er war!
+
+Aber er musste sich beherrschen, heute noch, morgen noch.
+
+Er rueckte sich den Sessel zurecht und fing an zu spielen. Ganz unten im
+Bass, leise, unrhythmisch. Die Toene rannen, krochen durcheinander, wie
+brauender Nebel. Diese dunklen, dumpfen Toene taten ihm wohl. Er konnte
+sich nicht genug tun, da unten herumzuwuehlen. Aber allmaehlich loeste sich
+ein Thema ab, eine Melodie. Takte aus Chopins C-moll-Polonaise kamen ihm
+unter die Finger, und wieder biss er sich in diesem Gedanken fest,
+hetzte ihn, peitschte ihn durch alle Oktaven, ueberrollte ihn mit
+stuermischen Passagenwogen, dass er elendiglich darin zu ertrinken
+schien, aber er tauchte immer wieder auf, und schrie, schrie foermlich:
+lass mich los, lass mich los!
+
+Ploetzlich legte sich eine weiche Hand auf Randers' Schulter. Er schrak
+zusammen, fuhr wie aus einem Traum auf.
+
+Fides?
+
+Er starrte sie an, wie eine Erscheinung.
+
+Sie lachte laut auf.
+
+"Der arme Fluegel. Ist das dein Abschied von ihm?"
+
+Er lachte gezwungen.
+
+"Es war wohl wuest?"
+
+"Aber sehr. Alle Waende zittern vor Angst."
+
+Er stand etwas beschaemt auf, und sie schloss schnell das Instrument.
+
+"Der hat genug fuer dieses Jahr," scherzte sie.
+
+"Armes Tierchen, hat er dir wieder wehe getan?"
+
+Wie gut gelaunt sie war, wie drollig. Und wie reizend sie aussah. Ihre
+Wangen gluehten noch infolge der eifrigen Reisevorbereitungen.
+
+"Wie ungemuetlich ist es hier schon," sagte sie.
+
+"Und dieses Wetter heute. Waeren wir nur erst weg. Ich habe jetzt gar
+keine Ruhe mehr."
+
+Und sie zog ihn mit sich ins kleine Nebenzimmer, wo es noch einen
+gemuetlichen Eckplatz gab, und erzaehlte ihm von ihren Kasten und Koffern,
+und wie ungeschickt sich die Zofe beim Einpacken benommen haette, und
+plauderte von Berlin, und was sie alles in diesem Winter unternehmen
+wollten. Ob er sich auch so darauf freue.
+
+"Ja," sagte er und hielt ihre Hand und drueckte sie ganz leise.
+
+Es war so dunkel jetzt, dass sie sich kaum erkennen konnten.
+
+Aber er wuenschte, es waere noch dunkler. Er hatte gelogen, hatte sie
+belogen! Es war ihm ploetzlich, als ob etwas in ihm kalt wuerde. Eine
+Leere. Es war nicht Scham, nicht Reue, oder Schmerz. Nur ein
+wunderliches Gefuehl der Starre, wie ein eisiger Hauch.
+
+Es war etwas in ihm tot, er hatte es selbst getoetet.
+
+Es war aus. Er fuehlte es.
+
+Leise liess er ihre Hand los.
+
+Es war aus.
+
+
+
+
+17.
+
+
+Es war fuenf Uhr morgens. Randers oeffnete das Fenster. Es war noch alles
+dunkel draussen, die Sonne noch nicht aufgegangen. Aber von den
+Wirtschaftsgebaeuden her kuendigten verschiedene Geraeusche an, dass die
+Leute schon an die Arbeit gingen. Er sah Licht im Kuhstall, und ein
+Knecht ging mit einer Laterne ueber den Hof.
+
+Es war ein kuehler, nebliger Morgen. Der Regen hatte schon waehrend der
+Nacht aufgehoert. Aber von den Baeumen und Bueschen tropfte es noch in
+schweren grossen Tropfen, und ein feuchter, modriger Dunst stieg von dem
+durchweichten Erdreich auf.
+
+Randers war blass und ueberwacht. Er hatte die ganze Nacht hindurch
+geschrieben. Er brauchte sich nicht anzukleiden, er war nicht aus den
+Kleidern gekommen. Er kuehlte sich Stirn und Augen mit einem nassen
+Schwamm, trank hastig ein paar Glaeser Wasser und stand dann mitten im
+Zimmer, regungslos, die Hand im Nacken, und starrte auf den Fussboden.
+
+Mit einem Ruck ermannte er sich.
+
+"Es geht nicht anders. Es ist das Beste so. Bei Nacht und Nebel."
+
+Er lachte. Ein bitteres, haessliches Lachen. Er nahm Hut und Stock und
+den kleinen Koffer und ging leise die Treppe hinunter.
+
+Ein Hausmaedchen sah ihm verwundert nach. Sie waren gewohnt, dass er frueh
+aufstand, mit Sonnenaufgang schon in die Felder lief oder an die See
+hinunter.
+
+Aber heute war es doch reichlich frueh.
+
+Er fand die Hintertuer geoeffnet und kam ungesehen ins Freie.
+
+Fides' Fenster lagen nach vorne hinaus.
+
+Er konnte sie nicht sehen.
+
+Ob sie wohl schon wachte?
+
+Ungesehen kam er vom Hof auf die Landstrasse. Er ging nicht durchs Dorf,
+sondern auf einem Wiesenweg hinten herum.
+
+Aber in Rosenhagen sprach er im Krug vor, trank zwei Schnaepse, um sich
+zu erwaermen, und gab einen Brief fuers Schloss ab, mit dem Befehl, ihn in
+einer Stunde, sowie es hell wuerde, abzuliefern.
+
+Auf die verwunderten Fragen des Wirtes antwortete er ausweichend.
+
+Dann ging er nach Suessen, wo er elend ankam. Er bestellte einen Cognac
+und ein Glas Wasser, goss das Wasser hastig hinab und liess den Cognac
+stehen. Es ekelte ihn davor. Er erkundigte sich, wann das Dampfboot von
+Heiligenhafen nach Kiel fuehre, und nahm einen Wagen. Er konnte das Boot
+gerade noch erreichen.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Drittes Buch
+
+
+
+
+1.
+
+
+Randers an Gerdsen.
+
+Ich halte es nicht mehr aus, lieber Freund! Sie werden verstehen, dass
+ich nach dem Rixdorfer Erlebnis der Zerstreuung bedarf, eines
+Gegengewichtes. Wie tief es noch bei mir sitzt, koennen Sie daraus
+ersehen, dass die Zerstreuungen und Erholungen der Kunst nicht
+ausreichten. Es mussten _Betaeubungen_ sein. Alkohol!
+
+Ich entfliehe der Gefahr. Es gibt nur eins, was mich befreit, mich
+reinigt: Die Natur. Die See.
+
+Sie empfehlen mir die Arbeit. Aber was kann sie mir anders sein, als ein
+Betaeubungsmittel? Meine Art Arbeit, die nicht produktiv sein kann.
+Foerdert mich diese Arbeit, bringt sie mich eine Stufe hoeher, eine Stufe
+hinaus aus meinem Gefaengnis? Ist sie nicht nur Gefaengnisarbeit eines
+Sklaven, der sich nuetzlich erweisen soll und zugleich an seiner Pflicht
+ein Betaeubungsmittel hat?
+
+Aber ich will mich nicht betaeuben. Das ist so feige, so philistroes, so
+dumm, so unwuerdig. Warum denn nicht gleich die Pistole? Die betaeubt
+alles und auf das vortrefflichste. Soll ich Mittel brauchen, die mir das
+Leben ertraeglich machen, so muessen es Rauschmittel sein. Sie kennen
+diese meine Mittel, die das Leben steigern, es aufreizen, verdoppeln!
+Musik, Poesie, jede Art Kunst, das Weib und vor allem die Natur.
+
+Sie geben in Ihrer Arbeit Ihr Ich. Bei Ihnen ist Arbeiten erhoehtes
+Leben, bei mir Bekaempfung des Lebens. Warum denn nicht mit der Pistole?
+Puff, weg damit! Aber koennen Sie mir ernstlich empfehlen, das Leben
+taeglich zu foltern, es auf Hungerration zu setzen, ihm die Kehle bis auf
+das allernotwendigste Quentchen Luft zuzuschnueren, ihm einen Stein auf
+den Kopf zu legen, damit es die Stirne nicht zu hoch traegt und nicht zu
+sehr waechst, ihm die Fuesse zu binden, damit es nicht auf den Einfall
+kommt, zu tanzen? Pfui Teufel, wie gemein! Quaelt man so sein Leben?
+
+Nein, lassen Sie mich meine Wege gehen, Weg und Ziel sind mir ganz klar.
+Es gibt fuer mich nichts mehr als ein paar Jahre Einsamkeit, die,
+langsamer oder schneller, in die letzte grosse Einsamkeit einmuenden.
+
+Ich habe allerlei fuer Sie niedergeschrieben, lasse Ihnen ein
+versiegeltes Paket zurueck. Suchen Sie sich damit abzufinden, wenn Sie
+ueberhaupt noch an dem Roman festhalten. Ich fuer meine Person entbinde
+Sie davon. Wir muessten eigentlich taeglich zusammen arbeiten, und das
+widerstrebt mir. Ich mag nicht so darin wuehlen, es bringt doch auch so
+seine Schmerzen mit sich. Macht man's selbst, allein, so ist schon die
+mechanische Arbeit des Schreibens eine Art Medizin, ein beruhigendes
+Pulver. Aber muendlich, wo man einmal zu intim wird, ein andermal wieder
+vor Scham das Wichtigste nur eben beruehrt, das ist, als sollte man sich
+in Gegenwart eines andern nackt ausziehen.
+
+Legen Sie bei Ihrem Helden besonders Gewicht auf den aristokratischen
+Tick. Und auf die Natur! Erklaeren Sie beides aus seinem aesthetischen
+Genusstrieb heraus. Die Kunst erst in dritter Linie, es fehlt ihm dazu
+an innerer Berufung. Er ist nur aesthetischer Genuessling. Der Natur
+gegenueber reicht das ja aus, daher fuehlt er sich bei ihr am wohlsten.
+Beim Weibe ist es damit nicht getan, das Weib verlangt "produktive
+Talente" vom Manne. Daher sein Fiasko beim Weibe, beim vornehmen Weibe,
+das ihn allein aesthetisch reizt, allein fuer ihn in Betracht kommt. Na,
+Sie werden es schon machen.
+
+Ich gehe morgen nach Sylt. Meine dortige Adresse wissen Sie noch von
+frueher. Es braucht sonst niemand zu wissen, wo ich bin! Also Diskretion!
+
+Adieu, bester Freund! Ich halt es einfach nicht mehr aus.
+
+Ihr Randers.
+
+P.S. Ich lege Ihnen hier noch ein paar Verse bei, die meine
+augenblickliche Seelenverfassung spiegeln, und ein aelteres
+Stimmungsstueck, das ich unter meinen Papieren fand, eine Stiluebung,
+die Sie vielleicht als Beweisstueck fuer meine unzureichende
+Produktionsbegabung und als ein Charakteristikum nach der sentimentalen
+Seite hin brauchen koennen. Uebrigens meine Verse! Ich wollte Sie immer
+bitten, ihnen etwas auf die Beine zu helfen, sie sind gar zu
+dilettantisch unbeholfen. Aber ich hab's mir jetzt ueberlegt, aendern
+lassen Sie nichts daran; so wie sie sind, haben sie ja allein Wert als
+"Dokumente", als Belege fuer mein Halb- oder Garnichtskoennen. Wenn Sie
+sie nicht lieber ganz weglassen. Mir auch recht!
+
+ * * * * *
+
+ Was fuer ein Traum doch war's, der sich mir spann bei Nacht,
+ Dass ich in meinen Traenen bin erwacht?
+ Was fuer ein Traum doch war's?
+ Ist's nicht dein Bild, das sich mir hat gestellt,
+ Das Haupt von lichten Locken dicht umwellt?
+ Ist's nicht dein Bild?
+ Und blicktest du nicht kalt an mir vorbei, die Hand
+ Zur Abwehr streng entgegen mir gewandt?
+ Und blicktest du nicht kalt an mir vorbei?
+ Zerriss es denn auf ewig, jenes Band,
+ Das dich und mich zu schoenstem Bund umwand?
+ Zerriss es ganz?
+ So bleibt mir nichts von dir als heisse Glut,
+ Ein einsam Kissen, feucht von meiner Traenenflut?
+ So bleibt mir nichts?
+
+ * * * * *
+
+Friedenstraum.
+
+ In stillen, tagesabgeschiednen Naechten,
+ Wenn Stern an Stern zu goldnem Kranz sich flicht,
+ Und wenn, wo Ginster sich und Weissdorn flechten,
+ Gespenstisch Fluestern ob der Heide spricht,
+ Dann hoer ich auf, zu hadern und zu rechten,
+ Wenn goldner Friede sternhernieder bricht,
+ Dann blinkt in meines Herzens dunklen Schaechten
+ Endlich ein trautes, stilles Daemmerlicht.
+
+ * * * * *
+
+Vogelkoenigtum.
+
+ Vogel, du bist der Koenig der Welt,
+ Fern bleibt kein Platz dir, der dir gefaellt.
+ Fliegst in die freien Luefte,
+ Fliegst ueber Berg, ueber Meer, ueber Feld,
+ Vogel du freier, du Herrscher der Welt.
+
+ Ueberall darf der Himmel dir blauen,
+ Ueberall darfst du die Welt erschauen,
+ Ueberall laesst du die Woge dich gruessen,
+ Himmelentstuerzt dir die Brust von ihr kuessen;
+ Taeglich eroberst du neu dir, ein Held,
+ Vogel, du freier, zu eigen die Welt.
+
+ * * * * *
+
+Wie es sein sollte!
+
+ Was ist das Glueck? Ein niedres kleines Haus,
+ Weit ab der Welt und ihrem argen Treiben;
+ Zum Fenster lehnt ein liebes Haupt heraus,
+ Und Haende winken, lassen mich nicht bleiben;
+ Vom Strande toent der Nordsee dumpf Gebraus,
+ Die Sonne blinkert golden in den Scheiben,
+ Wir sind im Zimmer einsam und zu zwein,
+ Wir sind mit unsrem goldnen Glueck allein.
+
+ * * * * *
+
+Einsame Weihnachten.
+
+
+Gestern ueberkam mich die Weihnachtsstimmung mit uebermaechtiger Gewalt.
+"Stille Nacht, heilige Nacht," so klang es von der Strasse herauf;
+Strassenmusikanten. Was machte mir heute ihr sonst so graessliches Getute
+ertraeglich? War es nur diese unverwuestliche Melodie, dieses schoenste
+aller Weihnachtslieder? Und das, was unter dem Zauber dieses Liedes
+erwachte? Ich war selbst wieder Kind geworden, meiner Mutter am Klavier
+geschmiegt, und "Stille Nacht, heilige Nacht" klang es von meinen
+Lippen.
+
+Nun will heute der heilige Abend kommen. Die weihnaechtige Stimmung ist
+mir getreu geblieben, und ich muss mir schon an ihr genuegen lassen, denn
+ich wuerde einsame Weihnachten feiern; ich lebe, ein Fremder, in der
+fremden Stadt, einsam inmitten des hastenden Getriebes. Heute bin ich
+ihm entflohen; ich bin weit hinausgewandert in die schweigende,
+glitzernde Einsamkeit der laendlichen Umgegend.
+
+Um mich das Spiel der weissen Flocken! Nicht in dichten Wolken wallt es
+hernieder; in glitzernden Sternen staeubt es fein, so fein herab. Will
+sich ein Geheimnis, beglueckend, beseligend, auf die Erde betten? Leise
+Klaenge klingen mit. Oder ist's Taeuschung? Klingt der Schnee in
+herniederrieselnden Toenen unhoerbar fast und doch so deutlich, weich, so
+wunderweich dem Ohr, wie sich auf die Stirne eine maerchenweisse, schmale
+Frauenhand herniederlastet?
+
+Der Himmel will sich verstecken und sendet doch seine Botschaft.
+Zwischen den langausgesponnenen Schneefaeden dringt es wie von
+schimmernder Klarheit, fast als ob in jedem Augenblick der feine
+Nebelflor aufwehen und ein holdes Geheimnis enthuellen moechte.
+
+Es ist drei Uhr nachmittags. Die Daemmerung hat begonnen. Ich bin weit
+hinausgeschritten, fern, so fern der Stadt. Nicht wie sonst am
+verduesterten Fluss. Was soll mir die rollende Welle? Was soll mir am
+Weihnachtsabend truebe und ewig novemberhaft der dunkle Strom?
+
+Wenige Schritte noch und ich bin im Walde! Breit dehnt sich die
+Fahrstrasse, einem gefrorenen, schneeblitzenden Flusse gleich, den, aus
+Tannen aufgebaut, jaeh stuerzendes Steilufer dunkel von beiden Seiten
+umengt. Eine Viertelstunde hinaus kann ich die schnurgerade
+verlaufenden, dunkelgruenen Waende ueberblicken. Stille, lautlose Stille,
+umfaengt mich. Nur leisestes Wehen der Wipfel; einmal ein heiserer
+Kraehenschrei! Die Wagenspuren die einzigen Zeichen menschlichen Lebens,
+aber auch sie fast hinweggewischt durch den fallenden Schnee.
+
+Aber da saust es ploetzlich zwischen den Staemmen heran! Ein schwaches
+Klingelgelaeute! Staerker und staerker! Zwei Pferde! Scharf gezeichnet
+steigt aus ihren Nuestern der Atem in die Winterluft empor. Eine grosse,
+kraeftige Maennergestalt im Vordersitze; hinter ihr der peitschenknallende
+Kutscher. Ein verwunderter Blick auf den einsamen Wanderer! Sausendes
+Schlittendroehnen!
+
+Vorbei!
+
+Wohin wohl? Vielleicht auf ein benachbartes Gut zum Besuch auf den
+heiligen Abend? Der Schlitten mit Geschenken vollgepackt.
+
+Wie wohl die Kinder warten werden. Bei jedem Haustuerklingeln eine
+stuerzende Schar, und immer wieder die Enttaeuschung. Aber endlich ist er
+angekommen! Ein Stampfen auf der Treppe; das Fusseisen klingt an den
+scharrenden Absaetzen; in der geoeffneten Tuer heisst eine schoene Frau den
+Schwager willkommen; die Kinder umdraengen den Onkel mit freudigem Laerm,
+und das Jubeln will kein Ende nehmen.
+
+Und wieder laeutende Glocken! Aber nicht aus der Ferne! "Aus des Herzens
+tiefem, tiefem Grunde" laeutet die Vergangenheit empor. Immer maechtiger
+fluten und ueberschwemmen mich die Klaenge. Und da wandelt sie mir nah
+zur Seite und nickt mir mit vertrautem Auge, die Jugend, die froehliche,
+selige Kinderzeit.
+
+Die Weihnachtsferien sind da! Meine Eltern wohnen auf einem grossen
+Kirchdorf, kaum eine halbe Meile von der Stadt, deren Gymnasium wir drei
+Brueder besuchen. Schon sitzen wir im Schlitten. Bald gruesst uns aus der
+Ferne das elterliche Heim, ein freundliches Pfarrhaus, um das im Sommer
+ein dichter Garten seine gruenen Kraenze schlingt. Endlich sind wir daheim
+bei Vater und Mutter. Es weihnachtet ueberall. Von Kuchen und Marzipan,
+von Pfeffernuessen, Tannennadeln und Weihnachtskerzen stroemt ein wuerziger
+Weihrauch durch das ganze Haus. Vor den leichtueberfrorenen Fenstern
+hasten die Maedchen mit grossen eisernen Kuchenplatten vorbei.
+
+Aber lange duldet es uns Kinder nicht an einer Stelle. Die Backen
+brennen vor ungeduldiger Erwartung. Schneckengleich schleicht die Zeit.
+Wollen denn die Grosseltern gar nicht kommen? Endlich haelt das Gefaehrt.
+Wir Kinder alle draussen; die Kleinsten patschen mit ihren Haendchen an
+den Grosseltern empor.
+
+Schliesslich ist auch die letzte Stunde der Erwartung dahingegangen.
+Meine Mutter sitzt am Klavier und spielt den Weihnachtschoral. Auch das
+Stimmchen meiner kleinsten Schwester tippt schuechtern mit im Chor. Und
+dann tun sich die Tueren weit auf, und vor uns flutet und flimmert der
+schimmernde Kerzenglanz! O du selige, o du froehliche Weihnachtszeit;
+froehlich und selig, wenn man ein Kind ist, bei Vater und Mutter daheim!
+
+Ich habe mich in lichte Traeume verloren; aber ich wehre ihnen, denn ich
+weiss nur zu wohl, dass sie sich trueber und trueber spinnen werden.
+Wollen nicht schon einsame, schweigende Graeber aus der Ferne
+herueberwinken? Ich reisse mich los; ich bin zur Gegenwart erwacht.
+
+Es schneit nicht mehr, aber der Wald ist noch immer mein Begleiter:
+dunkler draeuen die Tannen, geisterhafter glitzert zwischen Staemmen der
+Schnee, denn die Daemmerung ist vollends gewichen, und die Nacht hat
+ihren sternenbesteckten Mantel ueber die stille Erde ausgebreitet. Und
+doch kein Dunkel. Sternenglanz und flimmernder Schnee weben ihre
+geheimen Strahlen ineinander; und mit ihnen fuehrt noch etwas anderes,
+Unsagbares, heute in der Weihnacht geheime Zwiesprache. Was ist's? Ist
+es ausser oder in uns? Und wir legen es nur in die Natur hinein? Ist es
+der Klang der Weihnachtsglocken? In einem fernen Dorfe laeuten sie den
+heiligen Abend ein, der Wind verweht mit leisem Schwellen den Schall und
+traegt ihn ueber den schweigenden Wald. Und ich vermag mein Ohr gegen
+diese Toene nicht zu verschliessen; zu gewaltig ist ihr Weiheklang.
+Alles grueblerische Denken erlischt; nur ein begluecktes Empfinden, nur
+der heimliche Zauber des Waldes und der gestirnten Weihnacht besteht.
+
+Hat ihn je ein Dichter voll auszuschoepfen vermocht, so dass allein sein
+Wort den maechtigen Zauber ans Licht beschwor?
+
+Das Weihnachtsevangelium faellt mir bei; nicht der Bericht des Lucas, von
+der Geburt des Kindleins selbst; zu real, so wundersam ruehrend auch die
+herzenseinfaeltigen Worte lauten. Aber die herrlichste Poesie folgt: "Und
+es waren Hirten beisammen auf dem Felde, die hueteten ihre Herde bei
+Nacht. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn
+umleuchtete sie."
+
+Die schweigende Einsamkeit des Feldes, die einfachen Hirten, die Nacht,
+die himmlische Klarheit, das ist's! In diesen Worten steckt der ganze
+Zauber der Weihnacht, an sie reicht nichts heran als Haendels ebenso
+einfache wie grossartige Musik. Die Worte wollen mich nicht mehr
+loslassen, ich spreche sie immer und immer wieder, ich summe sie in
+Toenen, indes ein leisester Windhauch den Tannen an ihre Wipfel ruehrt,
+und aus der Hoehe herniedersaeuselt, wie eine Botschaft des Friedens, wie
+der Friede selbst, der nicht von dieser Welt ist, der sich nur einmal
+im Jahre in der stillen, in der heiligen Nacht auf die Erde
+herniedersenkt. Und die Tannen erbeben und streuen Weihrauch auf und
+knistern--von Gold? Und schimmernd entbrennen viel tausend heimliche
+Kerzen, und unter ihnen liegt das Christkind gebettet, mit golden
+blickenden Augen--ein Weihnachtsmaerchen in der Weihenacht unter den
+Tannen--und die Klarheit des Herrn umleuchtet sie.
+
+Und mir--mir rinnen die Traenen von den Wangen herab--aber himmlische,
+heimliche Klarheit umleuchtet auch mich--die Klarheit des Herrn in der
+Weihnacht.
+
+
+
+
+2.
+
+
+Auf der Wattenseite, auf halbem Wege zwischen Rantum und Hoernum lag im
+Schutz des maechtigen Duenenwalles ein kleines einstoeckiges Blockhaus. Ein
+leidenschaftlicher Seehundsjaeger hatte es sich dahinbauen lassen. Seit
+Jahren stand es unbenutzt.
+
+Das war etwas fuer Randers. Er erhielt das Haeuschen fuer einen Spottpreis.
+Es war auch aermlich genug fuer einen laengeren Aufenthalt, nur fuer einen
+anspruchslosen Jaeger auf einige Wochen ein Unterschlupf. Unten war ein
+grosser Raum mit einer kleinen Kammer daneben, oben, auf einer schmalen
+Holzstiege erreichbar, noch eine geraeumige Kammer unter dem spitzen
+Giebel und etwas, anscheinend nie benutzter Bodenraum. Aber es befand
+sich doch eine Kochstelle im Erdgeschoss, ein primitiver Herd, worauf
+der alte "Seehund" sich seinen Grog gebraut haben mochte.
+
+Randers liess alles instandsetzen, liess sich aus Westerland einen
+Tischler kommen und richtete sich ein. Das untere Hauptgelass war
+geraeumig genug. Da fand ein grosser Schreibtisch aus Tannenholz Platz,
+vor dem Fenster, das auf die Watten hinaussah. Ein Chaiselongue, vier
+Stuehle, ein kleiner runder Tisch, was brauchte er mehr? Ihm fiel zuerst
+nichts weiter ein. In die Kammer kam ein Bett und ein Waschgestell aus
+Draht. Auch ein paar neue Fensterscheiben waren noetig. Die alten waren
+ganz erblindet und rissig.
+
+In die Giebelkammer liess er ein zweites Bett stellen. Er verwandte fast
+mehr Sorgfalt auf dieses "Fremdenzimmer" als auf seinen eigenen
+Wohnraum. Es kam ein solider Waschtisch herein, eine Kommode, eine
+Garderobe und nachtraeglich noch ein Spiegel. Er liess den ganzen
+Fussboden mit einem weichen Teppich belegen und das Fenster mit
+Vorhaengen versehen.
+
+Als er seinen Einzug hielt, hatte er einen Augenblick den Gedanken, die
+erste Nacht unter seinem Dache dort oben zu schlafen. Aber er
+unterdrueckte diese Anwandlung. Doch ging er noch einmal mit einem Licht
+hinauf und stellte ein paar Herbstblumen, die er sich aus Westerland vom
+Gaertner geholt, in ein Wasserglas auf den kleinen dreibeinigen
+Wandtisch, den er in der Wirtschaft des Rantumer Strandvogts fuer ein
+geringes erstanden hatte.
+
+Er dachte lange, bis er endlich einschlief, an die einsamen Astern oben
+im Giebelzimmer und belebte den Raum mit allerlei Traumgestalten. Am
+Morgen aber lachte er ueber die Blumen und warf sie zum Fenster hinaus.
+
+
+
+
+3.
+
+
+Randers fuehlte sich geborgen. Vorlaeufig, vielleicht, dass es mit der
+Zeit ihm auch hier nicht mehr einsam genug waere. Nun, dann war ja
+Norwegen da, die Schaeren und Fjords. Und immer so weiter, bis in die
+letzte grosse Einsamkeit. Auf diesem Rueckzug war er ja doch.
+
+Das mit Fides hatte ihm doch den Rest gegeben. Er bereute es nicht, er
+wuerde es zum zweitenmal wieder so machen. Und das gerade war es, was
+ihn so aus dem Geleise wart. Seine eigenste Natur hatte ihm diesen
+Streich gespielt. Er hatte das Glueck in Haenden gehabt und hatte es von
+sich geworfen, weil es ihm in diesem Augenblick kein Glueck mehr war.
+
+Seine Natur war auf das Unmoegliche gestellt. Er trug sich mit Idealen,
+die verwirklicht, ihn ungluecklich machen muessten. Weil er halb war,
+grossmaeulich im Wollen, kleinmuetig im Ausfuehren.
+
+Ach ja, seine schoenen Theorieen!
+
+Dass alles Halbe ausgerottet werden muesste, dass die Halben mit Gewalt
+expediert werden muessten, wenn sie sich nicht selbst aus der Welt
+bringen wollten. Das war auch so eine von seinen Theorieen, aber eine,
+die sich verwirklichen liess. Und da wuerde er seinen Mann stellen. Ja,
+es war geradezu das Ziel, worauf er jetzt lossteuerte. Und da er ganz
+sicher wusste, dass er einmal dort anlangte, warum sollte er sich
+beeilen? Warum nicht in aller Ruhe und Gleichmuetigkeit diesen Todesgang
+gehen?
+
+Das war ja gerade das Koestliche, gab ja gerade dem Leben diesen
+seltenen, schaurigen Reiz: dieses Tanzen ueber dem Grabe, dieses letzte
+Geniessen, mit dem Bewusstsein, es ist das letzte; mit jedem Tropfen,
+den du schluerfst, kommst du dem Nichts naeher.
+
+Aber ausleben, nicht absterben!
+
+Randers war den Rantumern schon von frueher bekannt. Er war oft auf Sylt
+gewesen. Auf der ganzen Insel, von Hoernum bis List hinauf, kannte man
+den "langen Doktor".
+
+Die Leute freuten sich seiner Anhaenglichkeit an ihre Insel und freuten
+sich, dass er jetzt ganz bei ihnen bleiben wollte. Freilich lachten sie
+auch ueber ihn. Er war doch noch immer der alte verrueckte Kerl. Und
+Randers lachte mit. Er wusste, die Leute waren im Grunde einem gesunden
+"Sparren" nicht gram, wussten ihn zu schaetzen. Und dass er anders war
+als andere, das machte ihm ja selbst den groessten Spass, das war ja sein
+Stolz. Er war ja ueberall der Andere gewesen. Ueberall "deplaciert". Hier
+war jeder der Andere, der Eigene, Sonderliche. Jeder ein Original. Aus
+der Natur herausgewachsen, ohne Drill und Schliff. Das waren die Leute,
+die ihm gefielen. Er fuhr mit ihnen aufs Meer, lernte wieder das Segel
+handhaben. Er freute sich kindisch, als er den ersten Seehund geschossen
+hatte. Auch eine Moewe holte er herunter, nur um den Leuten zu zeigen,
+dass er's konnte. Nachher tat er's nie wieder. Er liebte die Moewen.
+
+Auch von den Seehundjagden kam er oft ohne Beute zurueck. Dann waren ihm
+die guten dummen Tiere leid gewesen, und er hatte nur darueber
+weggeknallt und sich an ihrem Erstaunen belustigt.
+
+Er sah braun aus, wie der aelteste Rantumer, schon nach drei Wochen; war
+er doch stuendlich draussen, im feuchten Salzwind, das Sturmband unterm
+Kinn. Bald hier, bald da tauchte seine weisse Muetze wie eine
+aufgescheuchte Moewe aus den Duenen auf. Von Hoernum bis List hatte er alte
+Bekanntschaft erneuert und "begossen." Und der Salzwind liess keine
+"Gespenster" aufkommen, wehte sie weg, schneller als den Nebel, der
+ploetzlich aus Watt und See aufstieg und alles in einen geheimnisvollen
+Schleier huellte.
+
+
+
+
+4.
+
+
+So war es Winter geworden und war wieder Fruehling geworden. Das einsame
+Fremdenzimmer hatte nie wieder Blumen gesehen. Hatten die Stuerme, die
+ueber die Insel gebraust, die "Eulennester in seinem Schaedel", wie
+Randers sagte, weggeblasen? Hatte der taegliche Verkehr mit den gesunden
+Insulanern, denen er sich in der langen Winteroede immer mehr
+angeschlossen hatte, wohltuend auf ihn gewirkt? Oder war es Moiken, die
+flachsblonde Kellnerin beim Rantumer Wirt und Strandvogt Brork Hansen,
+die ihn vernuenftig gemacht hatte?
+
+Abend fuer Abend hatte er waehrend des langen Winters in der Rantumer
+Wirtsstube gesessen und sich gut und schlecht von Moiken behandeln
+lassen, wie ihr gerade der Sinn stand. Er machte ihr den Hof, machte ihr
+kleine Geschenke, gab reichlich Trinkgeld, und sie liess sich, wenn sie
+allein waren, dafuer mal von ihm kuessen. Weiter ging's nicht. Er hatte
+seinen Spass daran, und ihr brachte es etwas ein.
+
+Um die Weihnachtszeit war er wieder melancholisch geworden, wie immer,
+wenn andere Leute den Christbaum anzuenden. Und er hatte sich ein
+Baeumchen verschafft, hatte es mit ein paar Lichtern geschmueckt und ins
+Fremdenzimmer gestellt. Das sollte ihm nun Abend fuer Abend bis in die
+Neujahrsnacht leuchten.
+
+Moiken war gekommen und hatte seinen Baum bewundert. Sie hatte sich auf
+den Bettrand gesetzt, ihm zwischen die Kerzen hindurch in die Augen
+geblitzt. Aber er hatte sie ploetzlich weggejagt, sie versaeume gewiss was
+in der Wirtschaft.
+
+"Durchaus nicht."
+
+"Ja, doch! Geh."
+
+Und er schob sie fast zur Tuer hinaus.
+
+Nein, das waere doch. Unterm Tannenbaum!
+
+Er strich das Bett glatt, wo sie gesessen hatte, loeschte die Lichter
+und ging in sein Zimmer hinunter.
+
+Nachts traeumte er von Moiken.
+
+
+
+
+5.
+
+
+Randers hatte sich seit Monaten nicht nach Briefen umgesehen. Die
+Weihnachtsstimmung weckte ihm das Beduerfnis danach. Er war etwas
+enttaeuscht, beim Leuchtturmwaerter nur zwei Briefe vorzufinden, beide von
+Gerdsen. Aber wer sollte ihm auch schreiben. Er hatte sich ja von allen
+zurueckgezogen, er wollte es ja so.
+
+
+
+
+6.
+
+
+Gerdsen an Randers.
+
+Sie sind also doch auf und davon, lieber Freund. Haetten Sie doch noch
+drei Tage gewartet. Ich kam frueher zurueck, als ich dachte. Schade! Nun
+folg ich einstweilen Ihren Anweisungen, adressiere diesen Brief nach
+List und warte neugierig, was Sie mir aus Ihrer Einsamkeit melden
+werden. Wenn Sie Ihr Blockhaus unter Dach haben, versaeumen Sie nicht,
+mir rechtzeitig Bescheid zu geben, damit ich an der Richtfeier mit einem
+stillen Trunk teilnehmen kann. Die Seltenheit des Falles duerfte Sekt
+rechtfertigen.
+
+Ihr Gerdsen.
+
+
+Gerdsen an Randers.
+
+Acht Wochen haben Sie mich ohne Nachricht gelassen. Ich bin unruhig. Wo
+stecken Sie? An oder in der See? Unter den Truemmern Ihres Blockhauses?
+Als zappelnder Fisch in den Netzen einer blonden Keitumerin? Ich hoffe,
+Sie leben noch und arbeiten auf irgend eine Weise an unserm Roman. Es
+waere mir doch sehr lieb, wenn ich an dem Faden ihrer Erlebnisse mich
+weitertasten koennte und nicht mit dem Schluss ganz auf meine Phantasie
+angewiesen waere. Als "Fachmann" muesste mir nun freilich schon klar sein,
+wie das Gebaeude zu kroenen ist. Aus dem, was ich habe, muesste ich schon
+als guter Psychologe, wenn auch unbewusster, wie es der Dichter meistens
+ist, die Konsequenzen ziehen koennen. Ja, ich muesste jetzt Ihnen Ihre
+kuenftigen Wege zeigen koennen. Aber ich will's Ihnen allein ueberlassen
+und aus der Rolle des getreuen, nachtappenden Chronisten nicht
+heraustreten.
+
+Die Wirklichkeit straft ja so oft alle Berechnung und Psychologie
+Luegen. Also leben Sie fleissig a la Randers und fuehren Ihr Tagebuch fuer
+mich weiter.
+
+Neugierig bin ich, welche Friesenmaid die weiblichen Figuren des Romans
+vermehren wird. Mich wuerd's schon freuen, wenn Ihre Liebe nun zur
+Abwechselung einmal aus den aristokratischen Kalbsledernen in die
+friesischen Holzpantoffeln fuehre.
+
+Adieu! Melden Sie mir wenigstens den Empfang dieses Briefes, wenn Sie
+sonst auch keinen Stoff zu einem Brief haben. Habe ich in vier Wochen
+keine Antwort, rechne ich Sie zu den Verschollenen und beende den Roman
+ohne Sie und verheirate Sie zur Strafe zuletzt mit einer aeltlichen
+Gouvernante, die Sie jeden Sonntag in die Kirche fuehrt. Also!
+
+Ihr Gerdsen.
+
+
+
+7.
+
+
+Randers an Gerdsen.
+
+Dank fuer Ihre beiden Briefe. Mein Blockhaus ist fertig, ich auch: mit
+der Welt. Hier ist's gut. Keine Weiber. Nur Moiken, die Kellnerin oder
+"Stuetze" im Rantumer Krug, die ich "poussiere". Aber das ist des
+Zeitvertreibs wegen und um dem Maedel einen Spass zu machen. Genuegt Ihnen
+das fuer den letzten Teil des Romans, meinetwegen! Lassen Sie Ihren
+"Helden" irgendwo verbauern, sich um eine Dorfdirne die Knochen
+zerschlagen, oder--es ist mir wirklich so gleichgueltig geworden. Taeten
+Sie mir nicht leid um Ihrer undankbaren Arbeit willen, ich wuerde Sie
+bitten, das ganze Manuskript in den Ofen zu stecken. Aber so weit wie es
+jetzt gediehen ist, hab ich kein Recht mehr daran. Sie haben freie Hand.
+Und damit viel Glueck! Moecht's Ihnen Ruhm und Geld eintragen.
+
+Vor einem Vierteljahr bekommen Sie keinen Brief wieder. Trotzdem immer
+
+Ihr getreuer
+
+Randers.
+
+
+
+
+8.
+
+(Tagebuchblaetter.)
+
+
+Dass Beethoven das Meer nicht kennen gelernt hat. Sein Atem ist wie der
+des Ozeans. Dieser grosszuegige Wellengang seiner Melodie. Der haette uns
+eine Ozeansymphonie schenken muessen.
+
+Dass alle unsere Groessten dem Meer so fremd waren! Goethe, Schiller,
+Beethoven.
+
+Byron, der kannte das Meer!
+
+Und Boecklin kennt es!
+
+ * * * * *
+
+Wie organisch die Phantasiegebilde Boecklins sind, sehe ich an Thoma,
+diesem lieben, stillen, deutschen Meister. Dem gelingen seine Bockfuesser
+nicht immer, Menschen mit Ziegenbeinen. Aber ein Boecklinscher Faun, der
+ist echt.
+
+ * * * * *
+
+Ich sehe die Natur boecklinisch, d.h. in vielen guten Augenblicken. Das
+macht, Boecklin ist so wahr wie die Natur selbst, er hat sie erfasst, hat
+sie in ihren Muttertiefen belauscht. Die Natur ist boecklinisch. Nie
+erinnert sie mich an Klinger, so gross der ist, so sehr ich ihn verehre.
+Aber Boecklin liebe ich. Und es ist nicht nur das Meer, die Naehe des
+Meeres. Neulich auf der Dorfstrasse, die dunklen Lindenwipfeln gegen den
+Abendhimmel--Farbe, Stimmung, Musik: alles Boecklin. Oder die kleinen
+schwarzen Steine, die aus den Watten herausgucken, wenn die Flut leise
+heranspuelt, eine Moewe ruhte sich auf dem groessten Stein: Klinger
+zeichnet so was auch, ganz koestlich. Aber die Natur erinnert mich nie
+an ihn. Das macht, er ist viel zu sehr Klinger.
+
+Boecklin: Monolog! Klinger: Dialog!
+
+Bei dem einen redet nur die Natur, dem Zauberstab des grossen Kuenstlers
+gehorsam. Beim andern wird eine Unterhaltung draus, ein Zwiegespraech.
+Der Kuenstler hat geistreiche Antworten, Einwaende, auch mal einen Witz.
+Er ist nicht--rein. Wohlverstanden!
+
+ * * * * *
+
+Welcher Bloedsinn: Moderne Kunst! Echte Kunst steht ueber allen Zeiten,
+ist _immer_ und _nie_ modern.
+
+ * * * * *
+
+Nordsee.
+
+ Ein frischer Nordnordwest mit wilden Rufen,
+ Er packt das Meer und zerrt es an den Maehnen.
+ Da schirrt es sich; da stampft's von tausend Hufen,
+ Viel tausend Rosse blecken mit den Zaehnen;
+ und lauter klatscht von seinen Wolkenstufen
+ Der Gott hernieder seine Peitschenstraehnen;
+ Drauf seh, als Sporn und Stacheln Eile schufen,
+ Den Griesbart greinend ich hintueberlehnen.
+
+ * * * * *
+
+Non est.
+
+ In dieser grenzenlosen Einsamkeit
+ Blueht neu in mir ein reineres Gefuehl,
+ Und aus dem Zwang der innern Qual befreit,
+ Lausch ich der Wellen plaetscherndem Gespuehl;
+ Und vor mir fliegt ein weisses Maedchenkleid,
+ Es draengt der Locken wirrendes Gewuehl,
+ Und wie das Sternenlicht im Schaum versprueht,
+ Seh ich ein Augenpaar, das mir erglueht.
+
+ * * * * *
+
+Ob Gerdsen sich noch mit dem Roman quaelt? Mir ist diese ganze Idee mit
+dem Roman schon albern geworden. Er soll sich nicht weiter bemuehen, oder
+es deichseln, wie er will. Wenn er seinen Helden (sic!) mit der Komtesse
+Bruckner kopuliert, werden es ihm die Leserinnen danken und der Verleger
+auch.
+
+ * * * * *
+
+Moiken. Aber nein!
+
+Moiken hat so was dummes, so was--sachliches. Ein Stueck Mensch. Isst,
+trinkt, schlaeft und ist da. Sag ich komm! kommt sie, geh! so geht sie.
+Daran koennte sich eigentlich der Mann genuegen lassen. Aber da hapert's.
+Der "Nichts als Mann", ja! Aber wenn man sich Blockhaeuser baut, Blumen
+in ein leeres Zimmer stellt und Verse macht--ist man da eigentlich noch
+Mann?
+
+ * * * * *
+
+Ein Kork, der den tiefen Drang in sich spuert, sich zu ersaeufen! Ich kann
+mich selbst manchmal nur ironisch nehmen. Diese verdammte Neigung ueber
+sich selbst zu gruebeln. Nicht Neigung, sondern Zwang, Verhaengnis!
+
+ * * * * *
+
+Des Leuchtturmwaerters Frau mit ihrem Heimweh. Sie verbittert ihm die
+Einsamkeit, die ihm Lebensbeduerfnis ist. Er war frueher Musiker bei der
+Matrosenkapelle. Ein Sonderling, verrueckt! Natuerlich! Ich aber verstehe
+ihn. Die Frau versteh ich freilich auch. Er wird ihr eines Tags
+nachgeben und seinen Posten quittieren, wieder unter die Leute gehen. Es
+ist immer die Frau, die den Mann sich nicht ausleben laesst, so oder so.
+Sie tut mir uebrigens leid.
+
+ * * * * *
+
+Die Musik, vor allem die nordische, kann einen so weit bringen,
+Leuchtturmwaechter zu werden. Musik, diese Allerweltssprache, die jeder
+versteht; sie sollte also verbinden, ausgleichen. Mich aber isoliert
+sie. Ein Beethovensches Adagio isoliert mich, fuehrt mich ganz auf mich
+selbst zurueck. Ich moechte nach jeder Musik, die mich voellig ergriffen
+hat, in die Einsamkeit.
+
+ * * * * *
+
+Das Schauspiel der intelligenten, geistvollen Schriftsteller, die gerne
+Dichter sein wollen. Aber das ist ihnen versagt. So ein reines einfaches
+Gemuet, das an intellektuellem Besitz nicht den zehnten Teil in die
+Wagschale zu werfen hat, findet Toene, die einen den ganzen Geistreichtum
+der andren vergessen lassen, als etwas von dieser Welt. Jene Toene aber
+stammen aus einer Welt, fuer deren Seligkeiten alle Paepste und Koenige
+dieser Welt ihre Kronen und Throne geben wuerden.
+
+ * * * * *
+
+Dichter und Propheten, ihnen ist der Himmel offen.
+
+ * * * * *
+
+Schaffenslust und Schaffensqualen. Ja, aber so aus dem Vollen schaffen
+koennen, diese goettliche Freude, diese froehliche Goettlichkeit, wiegt das
+nicht alle Qualen auf? Aber dagegen die Qualen der Halben, die nur ein
+versprengter Tropfen des heiligen Oels traf. Wollen, wollen und nicht
+koennen. Gluehen, aber es wollen keine Flammen werden.
+
+ * * * * *
+
+Das denk ich mir die groesste Vaterfreude: einen Sohn haben, in dem das,
+was in einem gluehte, Flamme ward. In dem hellen leuchtenden Tag seine
+Naechte und Traeume wiedererkennen, seine gebaerenden, schmerzlichen
+Naechte.
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich von Fides traeume, ist es immer dieselbe Situation. Wir gehen
+zusammen durch ein reifes Kornfeld. Der Himmel glueht in einem sanften
+Abendrot. Wir sprechen nicht, gehen nur stumm nebeneinander, bis sie
+allmaehlich wie ein Schatten vor mir entschwebt, nach der Seite hin
+wegrueckt. Wie die Entfernung waechst, ihre Gestalt undeutlicher wird,
+waechst eine seltsame Angst in mir; ich will ihr zurufen, aber die Stimme
+versagt. Schon drei- oder viermal hatte ich diesen Traum. Nur einmal
+vermischte sie sich mit Moikens Bild, und ich trank ihre Kuesse von
+Moikens Lippen.
+
+
+
+
+9.
+
+
+Im Rantumer Krug waren Gaeste eingekehrt. Moiken hatte alle Haende voll zu
+tun, als auch Randers nach einer langen Duenenwanderung etwas ermuedet
+eintrat. Im Gastzimmer sassen ein paar Maenner von Rantum beim
+Kaffeepunsch; im Hinterzimmer, der guten Stube mit den weichen
+Polstermoebeln, sass eine Dame vor einem Teller mit Spiegeleiern.
+
+Randersens erster Gedanke war: Spiegeleier? Sieh, darauf haettest du auch
+Appetit.
+
+Aber dann nahm ihn natuerlich die Dame ganz in Anspruch. Eine Fremde? Um
+diese Zeit?
+
+Er stand ein paar Sekunden unschluessig in der Tuer, zwischen den beiden
+Zimmern. Er sah sich nach den Kaffeepunschtrinkern um.
+
+Das war ja Jens Petersen Dirks.
+
+"Tag, Herr Dirks!"
+
+Er sagte das so laut, dass die Dame, die nach einem fluechtigen Blick auf
+ihn ihre ganze Aufmerksamkeit wieder den Eiern zugewandt hatte, ihn
+verwundert ansah.
+
+Moiken kam aus der Kueche mit einem Teller voll Butterbrot fuer die
+Rantumer.
+
+"Sagen Sie mal, kann man Spiegeleier bekommen?" fragte er, lauter als
+notwendig war.
+
+Er ging haendereibend auf sie zu und trat auf, als ob er kalte Fuesse
+haette.
+
+Er setzte sich an einen freien Tisch, stand aber gleich wieder auf.
+
+"Wollen Sie mir's da hineinbringen, Moiken?"
+
+Er ging ins andere Zimmer.
+
+"Gnaediges Fraeulein erlauben?"
+
+Er schnarrte wie ein Leutnant, machte zwei kurze schnelle Verbeugungen
+und liess sich an einem Nebentisch nieder.
+
+Die Dame sagte nichts, warf nur einen kurzen, forschenden Blick zu ihm
+hinueber.
+
+"Warm heute draussen, gnaediges Fraeulein."
+
+Es klang beinah hastig.
+
+Sie hatte gerad ein Stueckchen Brot in den Mund geschoben und konnte
+nicht gleich antworten, als Moiken hereintrat und ihm etwas ins Ohr
+sagte.
+
+Randers sprang sofort auf.
+
+"Ach, ich bitte um Entschuldigung. Das wusste ich nicht," schnarrte er.
+
+"Bitte sehr, ich habe kein Recht, Sie hier zu vertreiben," sagte die
+Fremde.
+
+Aber Randers zog sich mit einer Verbeugung ins andere Zimmer zurueck.
+
+"Wer ist denn das?" fragte er Moiken.
+
+Moiken setzte sich einen Augenblick ihm gegenueber.
+
+Sie zuckte mit den Achseln.
+
+"Von Wenningstedt. Sie sagte, ob wir nicht ein Zimmer haetten, wo sie
+allein essen koennte."
+
+"Schon lange hier?"
+
+"Halbe Stunde vielleicht."
+
+"Will sie noch weiter?"
+
+Moiken wusste das nicht.
+
+Randers ass seine Eier und horchte auf jedes Geraeusch im Nebenzimmer.
+Jetzt legte sie die Gabel hin. Jetzt klirrte etwas an ihr Glas. Sie
+schenkte sich ein.--
+
+Ich habe nicht das Recht, Sie zu vertreiben. Eine Stimme hatte das
+Frauenzimmer. Er war ein Narr, dass er nicht geblieben war.
+
+Wenn er sich den Ton ihrer Worte zurueckrief, so schien ihm etwas von
+einer versteckten Aufforderung zum Bleiben darin zu liegen.
+
+Er winkte Moiken heran.
+
+"Wo wohnt sie in Wenningstedt?"
+
+Moiken wusste von nichts.
+
+"Koennen Sie nicht mal fragen?"
+
+Moiken antwortete nicht darauf.
+
+Randers begann eine laute Unterhaltung mit den Rantumern. Sie schrieen
+sich an, als saessen sie weit getrennt.
+
+Nach fuenf Minuten wurde vom andern Zimmer aus die Tuer zugemacht. Die
+Rantumer achteten nicht darauf, aber Randers lief rot an. Es war ihm die
+ganze Zeit schon selbst aufgefallen, wie laut er sich benahm, aber ein
+gewisser Trotz, oder war es Nervositaet, hatte ihn dabei beharren lassen.
+
+Jetzt aergerte er sich. Was wird sie von dir denken?
+
+Aber dann laechelte er.
+
+Was liegt dir daran? Wer ist sie? Hatte sie ein graues Kleid an oder ein
+braunes? Hatte sie eigentlich einen Hut auf? Du weisst gar nichts von
+ihr, nicht einmal ob sie huebsche Augen hat. Nur die Tatsache, dass sie
+Dame ist, eine Fremde, etwas in einem Sinne also Geheimnisvolles,
+genuegt, dich so aufzuregen.
+
+"Moiken, soll ich eine Zigarre haben," schrie er von seinem Sitze aus in
+die Kueche hinein, deren Tuer Moiken immer offen liess.
+
+"Ja, gleich, nehmen Sie man," klang es zurueck.
+
+Er ging an das Bueffet, nahm eine Zigarre aus dem Kistchen, von den
+leichten; er brauchte drei Streichhoelzchen, bis sie endlich brannte.
+
+Die Rantumer erhoben sich geraeuschvoll und gingen.
+
+Gott sei Dank! Nun war er allein. Ob sie auch bald gehen wuerde? Das
+wollte er abwarten, auf jeden Fall, und wenn er eine Stunde warten
+sollte.
+
+Auf einmal hatte er einen Einfall. Er ging mit der brennenden Zigarre
+ins Nebenzimmer.
+
+"Gnaediges Fraeulein gestatten?"
+
+Sie war ein klein wenig verwirrt in die Hoehe gefahren. Vielleicht hatte
+sie geruht; in der Sofaecke? Gelesen? Geschlummert?
+
+Sie hatte grosse dunkle Augen und war blond.
+
+Das sah Randers fluechtig, als er an die grosse Wandkarte vom alten Sylt,
+die hier aufgehaengt war, herantrat. Er tat, als suche er etwas auf der
+Karte, waehrend hinter ihm mit dem Zeitungsblatt geknittert wurde;
+ungeduldig, nervoes, wie es ihm schien.
+
+Er hatte Zeit. Aber er konnte doch nicht eine Viertelstunde vor der
+Karte stehen bleiben.
+
+"Die Unterhaltung wurde Ihnen wohl zu laermend, gnaediges Fraeulein," sagte
+er, sich umwendend. "Die Leute sind es hier nicht anders gewohnt. Man
+spricht sehr laut hier."
+
+"Ja, das merkte ich schon."
+
+"Gnaediges Fraeulein sind schon lange auf der Insel?"
+
+"Seit ein paar Tagen."
+
+"Gnaediges Fraeulein gestatten?"
+
+Er zog einen Stuhl heran.
+
+Sie sagte nicht ja und nicht nein, und er setzte sich.
+
+"Sie wohnen in Westerland?"
+
+"Westerland? Nein."
+
+Sie war verdammt einsilbig, und ihre Blicke gingen wiederholt nach der
+Tuer. Jetzt schlug sie gar mit der Gabel laut ans Glas.
+
+"Sie befehlen?"
+
+Er sprang auf. Aber Moiken trat schon ein.
+
+"Was bin ich schuldig?" fragte die Fremde.
+
+Randers war taktvoll genug, sich wieder an die Wandkarte
+zurueckzuziehen.
+
+Er war blutrot und aergerte sich.
+
+Er war gehoerig abgeblitzt.
+
+Was jetzt?
+
+Er musste bleiben, bis sie ging. Er konnte doch nicht jetzt aus dem
+Zimmer gehen. Er setzte sich an den Nebentisch und sah in die Zeitung.
+
+Die Fremde hatte sich erhoben und liess sich von Moiken den Regenmantel
+umlegen.
+
+"Famose Figur," dachte Randers, ueber die Zeitung hinwegsehend.
+"Donnerwetter! Und diese stolze Anmut, diese Sicherheit."
+
+Moiken, die ihm gerade bis an die Schulter reichte, reichte der Fremden
+eben bis an die Nasenspitze.
+
+Randers stand auf.
+
+Mit diesem koeniglichen Wuchs musste er sich messen.
+
+Er ging hart hinter ihr vorbei ans Fenster. Sie war fast so gross wie
+er. Ein ganz leichter Blumenduft ging von ihr aus. War es Veilchen oder
+Maiblume?
+
+Ihr Haar, im Nacken leicht gekraeuselt, war ganz goldig, da gerade die
+Sonne drauf fiel.
+
+Draussen auf dem Holzhaufen im Hof spielten ein paar junge Kaetzchen.
+Immer lag das weisse nach kurzem Kampfe auf dem Ruecken. Das gefleckte
+kugelte es mit einem Schlag seines kleinen Pfoetchens in den Sand. Dem
+konnte Randers sonst lange zusehen. Auch jetzt amuesierten ihn die
+Kaetzchen, trotzdem er mit seinen Gedanken nur bei der schoenen Fremden
+war, deren Regenmantel hinter seinem Ruecken rauschte.
+
+Als die Fremde ging, mit einer stummen, kaum merklichen Neigung des
+Kopfes, folgte er ihr nicht gleich vor die Tuer. Er sah ihr einen
+Augenblick aus dem Fenster des Gastzimmers nach, wie sie langsam den
+Wiesenweg an die Watten herunterging und rechts um das Haus hin
+verschwand.
+
+Dann erst trat er vor die Haustuere, ging denselben Weg, blieb stehen,
+sah ihr nach, kehrte langsam wieder um und schlug den Weg in die Duenen
+ein.
+
+
+
+
+10.
+
+
+Randers ging am Aussenstrand.
+
+Ob sie nach der Bake will? Dann triffst du sie.
+
+Oder auch nicht.
+
+Eigentlich haette er ihr nachgehen sollen. Sie hatte doch nicht allein
+das Recht, an der Wattenseite zu gehen.
+
+Warum war er ihr nicht nachgegangen? Er war doch sonst nicht aenglichst
+in solchen Sachen. Warum gerade jetzt?
+
+Er kletterte zweimal auf die Duenen hinauf und hielt Rundschau. Aber
+keine Spur von einer Dame. Ein paar Duenenschafe jagte er auf, das war
+alles.
+
+Du bist ein Narr!
+
+Vielleicht ist sie laengst wieder auf dem Rueckweg.
+
+Aber er lief doch bis Hoernum Odde, ganz bis an die aeusserste Spitze. Er
+war tatsaechlich schon im Laufen. Der glatte Strandsand bot waehrend der
+Ebbe dem Fussgaenger keine Schwierigkeit. Aber Randers wurde doch warm.
+Er nahm seine Muetze ab und sah dabei, dass sie schon recht schmutzig
+war; sie war so schoen weiss gewesen, leuchtend.
+
+"Das geht doch nicht," sagte er laut. Er setzte die Muetze wieder auf,
+schob sie ganz in den Nacken und stapfte weiter.
+
+Der Sand ward tiefer, und Randers musste "storchen", dabei schlenkerte
+er mit seinen langen Armen, als waere er besonders unternehmungslustig.
+Er dachte aber nur, ob er sich nicht heute Nachmittag schon in
+Westerland eine neue Muetze kaufen solle. Ja, das wollte er!
+
+Der Entschluss schien ihn zu beruhigen. Er schlenkerte nicht mehr so
+heftig mit den Armen. Und dann begann er zu singen.
+
+"Winterstuerme wichen dem Wonnemond."
+
+Als er nach Rantum zurueckkehrte, hoerte er, die Dame sei nach einer
+halben Stunde wieder vorbei gekommen, in die Duenen hineingegangen und
+waere wahrscheinlich am Strand nach Wenningstedt zurueckgegangen.
+
+Randers laechelte kaum merklich. Dumm, dachte er. Aber er war doch nicht
+so sehr aergerlich. Nur etwas muede war er geworden und beschloss
+infolgedessen, die Muetze erst morgen zu kaufen.
+
+Er betrachtete die alte noch einmal, zeigte sie Moiken und meinte:
+
+"Was sagen Sie zu der Muetze?"
+
+Moiken wusste nicht, was er wollte.
+
+"Ist sie nicht schon recht schmutzig?" fragte er.
+
+"Die ist noch lange gut," meinte Moiken.
+
+Randers setzte die Muetze auf, zog das Sturmband unters Kinn und trat vor
+den kleinen Wandspiegel. Er drehte den Kopf wie ein eitles Frauenzimmer.
+
+"Ach nee," sagte er, "das geht nicht!"
+
+Er warf die Muetze auf den Tisch und setzte sich vor die Suppe, die
+Moiken ihm aufgetragen hatte. Er ass in der Regel im Krug zu Mittag.
+
+Moiken setzte sich zu ihm. Sie roch nach Kaffeepunsch, den ihr ein Gast
+gespendet hatte.
+
+Randers war heute empfindlich, mochte diesen Kaffeepunschatem nicht. Ihr
+breites, gutes Gesicht mit den vollen, sinnlichen Lippen kam ihm
+gewoehnlicher als sonst vor:
+
+"Willst du dich nicht 'n bisschen schlafen legen?" fragte er.
+
+Er duzte sie oft.
+
+"Schlafen?" fragte sie verwundert.
+
+"Du hast ja Punsch getrunken."
+
+Sie lachte laut auf.
+
+"Ach, das tut mir nichts."
+
+"Du trinkst wohl oft mal so einen heimlichen?"
+
+"Sie glauben auch wohl."
+
+"Na, na!"
+
+"Aber was ich sage!"
+
+Sie war wirklich entruestet.
+
+Er lachte gutmuetig.
+
+"Lass gut sein. Ich scherz ja nur."
+
+Nach dem Essen konnte er sich nicht enthalten, ihr rundes Gesicht, das
+wirklich ein wenig gluehte, zwischen beide Haende zu nehmen.
+
+Sie wehrte sich, aber es half ihr nichts, ihr Kopf sass wie zwischen dem
+Schraubstock.
+
+"Wie 'n Backofen," sagte er und bog ihr den widerstrebenden Kopf nach
+hinten.
+
+"Jetzt bekommst du einen Kuss, Moiken," sagte er.
+
+Aber es wurden zwei.
+
+
+
+
+11.
+
+
+Ausleben, nicht absterben!
+
+Randers kaufte beim Gaertner in Westerland ein paar rote Astern und
+stellte sie wieder oben hinauf, ins Fremdenzimmer. Er laechelte dabei,
+ein wenig spoettisch:
+
+"Ob sie wohl kommen wird?"
+
+Aber es ward aus dem Laecheln doch zuletzt ein befriedigtes Schmunzeln.
+
+Es war ja auch auf seinem Programm. Das Bauer war fertig, den Vogel
+musste er noch fangen. Aber einen Wildvogel. Ein verstecktes Duenennest,
+und der Sturm darueber hin. Und ab und zu ein Ausflug zu zweien.
+
+Auf seinen einsamen Wanderungen durch die Duenenwildnis ging sie neben
+ihm, das Weib seiner Sehnsucht. Im Sand des umschaeumten Strandes lag sie
+an seiner Seite, und ihre Gedanken waren seine Gedanken. Und wenn er
+sich abends muede in das Dunkel seines Blockhauses hineintappte, und dann
+die Lampe aufflammte, ward er wieder munter in der Stille dieser vier
+einsamen Waende, die ihm mit der Eindringlichkeit stummen Fragens immer
+auf das eine zurueckwiesen: Wo bleibt sie?
+
+War es denn wirklich nur Freiheitsdrang, Einsamkeitsliebe, was ihn in
+die Wildnis getrieben hatte? War es nicht vielleicht eine besondere Art
+Verruecktheit von Erotomanie, die ihn dieses ganze Phantasiegebaeude von
+Duenen- und Blockhausromantik um das "Weib" hatte aufbauen lassen, das
+Weib, wie er es traeumte, und wie es nicht da war auf dieser Welt?
+
+
+
+
+12.
+
+
+Der Himmel war wolkenlos, nur am Horizont war eine leichte, milchige
+Truebung. Das Meer war stahlblau und nur schwach bewegt. Es war voellige
+Windstille. Ruhig, in breiten, schaumlosen Wellen hob sich die Flut.
+Erst dicht vor dem Strand setzten die Wellen ihre weissen Muetzen auf,
+ohne die sie ihm nie einen Besuch machten.
+
+Es war gegen Mittag, Randers lag auf der Terrasse des roten Kliffs und
+war aergerlich, trotz der schoenen neuen weissen Muetze. Etwas auch gerade
+infolge dieser Muetze. Er log sich nie auf die Dauer etwas vor, gestand
+sich mit der Zeit alle seine Schwaechen ein. Er wusste auch jetzt ganz
+gut, dass er ohne jene spiegeleieressende Fremde noch heute mit der
+alten schmutzigen Muetze herumliefe.
+
+Und nun hatte er wieder dieser Fremden wegen einen weiten Weg vergeblich
+gemacht.
+
+Nein, das konnte er nicht sagen. Ganz vergeblich nicht. Er hatte in
+Wenningstedt erfahren, wo sie wohnte, wie sie hiess, woher sie war, und
+wohin sie heute morgen gegangen war.
+
+Und vor allem--sie hatte auf unbestimmte Zeit Wohnung genommen und
+durchblicken lassen, dass sich ihr Aufenthalt moeglicherweise bis Mai
+oder gar Juni verlaengern koenne. Sie wolle nach ihrem Gefallen leben und
+frei sein. Daher war sie vor der Saison gekommen. Auf vier Wochen hatte
+sie erst einmal fest gemietet.
+
+So viel Grund hatte Randers, zufrieden zu sein, aber der eine Umstand,
+dass er ihr nach Kaempen, bis zum Leuchtturm, nachgelaufen war und sie
+wieder verfehlt hatte, stimmte ihn augenblicklich aergerlich. Die Insel
+war doch verdammt gross, wenn es galt, jemand "zufaellig" zu treffen. Es
+koennte ganz gut ein Vierteljahr vergehen, waehrend dessen sie immer
+zwischen den Duenen hinter einander herliefen, um einander herum, nur
+durch einen Sandhuegel getrennt, ohne sich zu treffen. Beide stoerten
+vielleicht dieselbe Schafherde aus ihrer Verdauungsruhe. Der Hase, den
+er aufscheuchte, jagte ihr vielleicht hinter der naechsten Duene einen
+Schrecken ein. Ja, das war alles moeglich.
+
+Der Gedanke machte ihn ganz nervoes. Er wuerde sie nie treffen, wenn er
+nicht heute in Wenningstedt bliebe, in ihrem Hotel uebernachtete und sich
+ihr morgen beim Fruehstueckskaffee vorstellte.
+
+Fraeulein Lorenzen aus Toenning. Randers war in Toenning bekannt. Da war
+der reiche Weinhaendler Lorenzen. Aber der hatte nur verheiratete
+Toechter. Vielleicht eine Nichte von ihm. Der Weinhaendler hatte einen
+Bruder in Hamburg, einen Reeder.
+
+Randers war geneigt, die Dame fuer Fraeulein Lorenzen aus Hamburg zu
+halten. Jedenfalls reiche Reederstochter, Senatorstochter.
+Patrizierblut. Alter Hanseatenadel.
+
+Randers lag in der Sonne und aergerte sich. Er lag auf dem Ruecken, die
+Muetze uebers Gesicht gezogen, so dass er nur eben unter dem Schirm auf
+den roetlich flammenden Sand blinzeln konnte. Alle Augenblicke nahm er
+eine Handvoll Sand und warf sie ueber den Rand der Terrasse in die Luft.
+Dann waelzte er sich auf die Seite, liess den feinen blitzenden Sand
+durch die hohle Rechte auf den Ruecken der linken Hand rieseln, mit
+unendlicher Ausdauer und finsteren Mienen. Ploetzlich nahm er ganze
+Haende voll Sand und warf sie ueber die Terrasse in die Tiefe, immer mehr,
+immer schneller, der grosse Junge, der er war.
+
+
+
+
+13.
+
+
+Randers hatte im Hotel zu Mittag gegessen und schluerfte seinen Kaffee
+auf der Veranda, als er hinter sich im Speisesaal ihre Stimme hoerte. Sie
+beklagte sich beim Wirt halb aergerlich, halb belustigt, dass sie sich
+umkleiden muesse. Irgend jemand haette sie vom rotem Kliff herab mit Sand
+foermlich ueberschuettet.
+
+Randers war betruebt, entsetzt. Er unterdrueckte einen Fluch.
+
+Er horchte, aber er verstand nichts weiter. Gut. Sie ging wenigstens.
+
+Er wollte den Wirt rufen und zahlen. Aber der wuerde ihm natuerlich die
+grosse Neuigkeit erzaehlen. Fraeulein Lorenzen mit Sand bombardiert! Was
+sollte er dazu sagen, fuer ein Gesicht machen? Er wuerde sich verraten,
+sie erfuehre es, und es waere aus, alles aus! Adieu!
+
+Er schwang sich ueber die niedere Bruestung der Veranda und lief in die
+Heide hinaus.
+
+
+
+
+14.
+
+
+Randers hatte nach Wenningstedt wollen. Er musste die Sache mit dem Wirt
+ordnen. So davon zu laufen, ohne zu zahlen. Aber Randers konnte an
+diesem Nachmittag nicht nach Wenningstedt. Der Nebel wollte es nicht,
+der leichte, ziehende Nebel, der sich ganz ploetzlich erhoben hatte! Der
+Himmel war noch klar, aber Strand, Watten, See, alles war in diesem
+weisslichen Nebelmeer ertrunken.
+
+Dumm! sagte Randers laut.
+
+Ob er in den Krug ginge? Dahin faende er auch durch den Nebel.
+
+Am Ende war es ein ganz netter Schreib- und Leseabend. Er koennte auch zu
+Hause bleiben. Die neuen Maeterlincks lagen noch unaufgeschnitten da und
+der letzte d'Annunzio, "Triumph des Todes."
+
+Er warf einen Blick in den Roman, schlug achtlos eine Seite auf:
+
+"Sein Herz schwoll vor verworrener Sehnsucht nach physischer Kraft, nach
+siegreicher Gesundheit, nach einem Leben voll fast wilden Genusses, nach
+einfacher unverbildeter Liebe, nach der grossen, urspruenglichen
+Freiheit. Er empfand wie ein augenblickliches Beduerfnis, die alte Huelle,
+die ihn bedrueckte, zu zerbrechen und ihr als ein gaenzlich neuer Mensch
+zu entsteigen, frei von allen Nebeln, die ihn betruebt, von allen
+Gebrechen, die ihn behindert hatten. Er hatte die verfuehrerische Vision
+eines zukuenftigen Daseins, in dem er, erloest von allen verhaengnisvollen
+Eigenschaften, von aller aeusseren Tyrannei, von jedem traurigen Irrtum,
+die Dinge sah, als ob er sie zum erstenmale saehe und vor sich das ganze
+weite Weltall hatte, offen wie ein menschliches Angesicht. Konnte denn
+das Wunder nicht von diesem jungen Weibe kommen, das an dem Steintisch
+unter der stillen Eiche das neue Brot gebrochen und mit ihm geteilt
+hatte? konnte es denn nicht an diesem Tage beginnen, das neue Leben?"
+
+Das hielt ihn.
+
+Randers steckte die Lampe an. Er wollte lesen.
+
+Das neue Leben von diesem Weibe?
+
+Er wollte gerade die Fensterlaeden schliessen als es draussen klopfte.
+Der wackelige Tuergriff klirrte, und die Tuer knarrte, als wuerde sie
+zoegernd geoeffnet.
+
+Randers trat mit der Lampe in der Hand auf den Flur hinaus und sah
+erstaunt in das ebenso erstaunte Gesicht Fraeulein Lorenzens.
+
+"Verzeihen Sie," sagte sie, "ich sah hier ploetzlich ein Licht
+aufleuchten. Man sieht keine Hand vor Augen draussen. Ich finde mich
+nicht zurecht."
+
+"Sie sind dicht vor Rantum," sagte er, immer noch verwirrt.
+
+Sie lachte.
+
+"Hoechst erfreulich. Aber ich sehe es nicht."
+
+Sie war seiner Einladung ins Zimmer gefolgt. Sie war ganz durchnaesst vom
+Nebel, und er sah an ihrem Kleid Spuren von feuchtem Sand. Sie musste
+gefallen sein.
+
+"Sie entschuldigen diesen Aufzug," sagte sie, "ich bin wohl sechsmal
+gestolpert."
+
+"Sie haben sich doch nicht verletzt?"
+
+Sie besah ihre Haende, die ohne Handschuhe waren.
+
+"Ein paar Schrammen," lachte sie.
+
+"Ich hole Ihnen Wasser. Darf ich Ihnen irgend etwas geben? Sie koennen in
+dem Nebel nicht weiter."
+
+"O danke, bemuehen Sie sich nicht. Wenn ich nur bis Rantum komme."
+
+"Es klaert sich gewiss noch auf. Aber ich bringe Sie noch hin."
+
+"Wenn es sich noch aufklaert, und Sie erlauben, dass ich verweile?"
+
+Sie liess sich auf dem angebotenen Sofaplatz nieder.
+
+Er sah, dass sie verwundert war, eine solche Behausung hier zu treffen.
+
+"Mein Blockhaus," sagte er.
+
+"Das ist ja maerchenhaft. Sie wohnen hier?"
+
+"Seit dem Herbst."
+
+"Das muss koestlich sein."
+
+"Wenn man Einsamkeit liebt."
+
+Sie sah ihn forschend an. Er wurde rot unter diesen Blicken. Seine Suende
+vom roten Kliff fiel ihm ploetzlich ein.
+
+"Ich bin auch hierhergekommen, um die Einsamkeit zu suchen," sagte sie,
+"ich habe sie ja auch in Wenningstedt, jetzt noch, so lange keine
+Badegaeste kommen."
+
+"Ja, die Badegaeste!"
+
+"Aber dies ist wirklich beneidenswert. Und Sie werden laenger hier
+hausen?"
+
+"So lange es mir gefaellt."
+
+"Und ganz allein?"
+
+Er zuckte die Achseln.
+
+"Was soll man machen? Die schoenste Einsamkeit ist freilich die zu
+zweien."
+
+"Meinen Sie?"
+
+Er laechelte etwas verlegen.
+
+"Einsamkeit will sprechen," sagte er.
+
+Sie hatte gedankenlos mit dem Roman gespielt und warf jetzt einen
+fluechtigen Blick auf den Titel.
+
+"Moegen Sie den?" fragte sie.
+
+"Sie nicht?"
+
+"Nein. Er quaelt mich. Er fuettert einem zu Tode. Zu masslos. Man schenkt
+eine Rose, einen Strauss, aber man schuettet einem nicht einen Waschkorb
+voll Rosen ueber den Kopf, wenn man nicht die Absicht hat, einen
+angenehm zu ersticken."
+
+Er lachte.
+
+"Sie haben nicht unrecht."
+
+Sie wurde wieder unruhig, sah nach der Uhr und warf einen Blick nach dem
+Fenster.
+
+"Wie soll ich nach Wenningstedt kommen, wenn der Nebel nicht nachlaesst?"
+
+"Uebernachten Sie in Rantum."
+
+"Kann man denn das?"
+
+"Gewiss!"
+
+Er stiess den Laden auf. Sie sahen beide ins Graue; ein dicker,
+undurchdringlicher Nebel.
+
+"Er ist staerker geworden," sagte er.
+
+Sie schwieg und sah ratlos in die graue Dunstmasse.
+
+"Es ist nicht weit bis Rantum?"
+
+"Eine halbe Stunde. Freilich, in diesem Nebel geht's nicht so schnell."
+
+"Entsetzlich!"
+
+Es kam aus tiefstem Herzen, aber sie lachte doch dabei.
+
+"Wollen Sie durchaus nach Rantum, bringe ich sie hin," sagte er, "aber
+wenn ich Ihnen dienen darf, ich habe oben ein freies Zimmer, ein
+Fremdenzimmer, ganz komfortable."
+
+Er war ganz rot.
+
+"Aber nein," rief sie unglaeubig aus.
+
+"Aber doch! Es hat's noch niemand benutzt. Wenn Sie ihm die die Weihe
+geben wollen. Es ist alles vorhanden, dessen Sie beduerfen koennten,
+wenigstens fuer eine Nacht."
+
+Sie wurde etwas verlegen. Aber dann sagte sie nach kurzem Besinnen "ja".
+
+"Welch ein Abenteuer!"
+
+"Eine Nacht in Nebelheim," scherzte er.
+
+
+
+
+15.
+
+(Tagebuchblaetter.)
+
+
+Der Strandvogt, dieser Huene, scheint mir ein wenig unter dem Pantoffel
+seiner Frau zu stehen. Wenigstens ueberlaesst er ihr das Regiment. Die
+schwerfaellige Kraft raeumt der ruehrigen, feineren Intelligenz freiwillig
+das Feld. Aber sie muss ihn zu nehmen wissen und ihn sanft leiten. Bei
+einem ernsten Zusammenstoss zieht sie trotz allem den kuerzeren, denn
+seinen Kopf hat er auch und nicht nur die Faeuste ihn durchzusetzen.
+Eigentlich ein sehr glueckliches Verhaeltnis.
+
+ * * * * *
+
+War das ein Sturm gestern Abend. Der Schwede mit seiner Schieferladung
+sitzt da gut. Ordentlich eingerammt in den Sand! Muss doch mal wieder
+nachsehen, was noch zusammenhaelt von dem Kasten. Wie die Saecke rutschten
+die Kerle an dem Rettungstau durch die Brandung. Der eine hatte sich
+alle Finger bis auf die Knochen durchgeschnitten. Der Schiffsjunge war
+halb tot. Armer Bengel! Es war seine erste Reise von Muttern weg.
+
+Da muss man den Strandvogt sehen. Ruhig, umsichtig, den staerksten Sturm
+mit der Gewalt seiner Lungen ueberbruellend. Es ist doch etwas herrliches
+um die physische Manneskraft, wenn sie mit Mut und Unerschrockenheit
+verbunden ist. Nur kein Athletenkram, keine Krafthuberei. Der staerkste
+Mann der Welt! Preisochse!
+
+ * * * * *
+
+Die See geht noch immer hoch. Aber es ist ein praechtiger, himmelblauer
+Tag. Die See gleisst. Ganz koestlicher Anblick, diese gleissende See, ein
+fluessiges Metall. Von Hoernum Odde aus die Brandung gesehen, weit hinten
+in der See, wie sie ueber die Sandbank schaeumt.
+
+Boecklinsche Meerweiber natuerlich darin, weisse Leiber, in der Sonne
+leuchtend, triefende Arme, Gelaechter, wie wenn Wellen ueber Muscheln
+spielen. An den feuchten Haaren reissen sie sich einander zurueck, balgen
+sich, toll ausgelassen.
+
+O hinein, hinein unter diese brandenden Leiber, ein tollender Triton,
+urfrische Sinnesfreude.
+
+ * * * * *
+
+Famoses Weib. Muss doch aufspueren, wo sie sich eingenistet hat. Diese
+Figur, diese imponierende Zurueckhaltung. Einfach abgewimmelt. Nach allen
+Regeln.
+
+ * * * * *
+
+Ganzen Tag auf der Suche. Bin ich in Hoernum, sitzt sie natuerlich in
+List. Muss sie direkt in Wenningstedt abwarten.
+
+ * * * * *
+
+Fraeulein Lorenzen aus Toenning. Sie will bleiben, so lange es ihr
+gefaellt, will Einsamkeit. Fraeulein Lorenzen aus Toenning, ich suche Sie,
+wir gehoeren zusammen.
+
+ * * * * *
+
+Natuerlich, so muss es sein. Sie sitzt da unten, und ich bombardiere sie
+nichtsahnend mit Sand. Und diese alberne Flucht aus dem Hotel, wie ein
+Dieb uebern Zaun.--
+
+Ich schlafe nicht, ich wache nicht, ich traeume nur, und nur von ihr. Es
+ist auch zu einsam hier, man muss etwas haben, was einen beschaeftigt,
+einen ausfuellt. Der Mensch muss immer hinter etwas her sein, soll er
+das Leben ertragen, hinter einem Weib, einem Ideal, einem Orden, einem
+Lotteriegewinn.
+
+ * * * * *
+
+Wenn man so im Duenensand liegt, der Wind geht ueber einen weg, und um
+einen herum rieselt's, rieselt's, rieselt's so ganz sachte, alle die
+tausend feinen Koernchen in Bewegung. Und man liegt und liegt und denkt
+nichts, als dass man so liegt und nichts denkt, und dass der Himmel so
+blau ist, und dass das die Brandung ist, was so monoton ins Ohr schlaegt.
+Und ploetzlich faengt der Magen an zu knurren, will nicht laenger so
+liegen, hat Hunger. Aber man haelt's eine Weile aus, man liegt gerade so
+schoen, und dann steht man endlich doch auf, weil der Hunger gar zu gross
+wird--das ist eine sehr gesunde Art, den Tag hinzubringen.
+
+ * * * * *
+
+Da bauen sie Buhnen ins Meer, das ganze Jahr hindurch flicken sie daran
+herum. Immer der Reihe nach wieder von vorn an. Der blanke Hans schlaegt
+die Zaehne hinein, hat immer Hunger. Da schieben sie ihm so eine Buhne in
+den Rachen, da, knabbere dran. Inzwischen schwemmt's an, weht's an, der
+Strandhafer haelt's fest, das Land waechst, die Duenen wachsen, und der
+Hans knurrt dazu. Knurr nur. Hilft dir nichts. Aber dann wird er mal
+wild, bruellt, springt ans Land, fuchtelt mit den Armen, und sein langer
+weisser Bart weht ueber den Duenenkamm.
+
+Trutz blanker Hans!
+
+ * * * * *
+
+Also doch! klopft bei mir an, mein Gast. Ich waelze mich schlaflos, steh
+auf, wandere umher, horche hinauf. Und oben schlaeft Fraeulein Helga
+Lorenzen aus Toenning. Und draussen kichern die Sterne, ein richtiges
+Kichern.
+
+Bis neun Uhr hielt der Nebel an, der gesegnete Nebel. Da war's zu spaet
+fuer Wenningstedt. Gott sei Dank!
+
+Sie machte den Abendtee, kochte den Morgenkaffee, und war so ganz
+unbefangen. Diese schoenen Haende. Helle Holstenaugen, klar und klug. Aber
+manchmal zittert's so eigen darin, als wollte was aus der Tiefe der
+Seele aufsteigen.
+
+Also nicht Toenning, sondern aus Bremen. Nur Verwandte in Toenning. Reiche
+Zigarrenfabrikantentochter aus Bremen. Heirat mit einem schneidigen
+Assessor aus dem Weg gegangen. Gouvernante, Schauspielerin, jetzt
+berufslos. Sie muss also Geld haben. Gage erspart. Uebrigens ist sie
+muendig und wird ueber Vermoegen zu verfuegen haben. Gefaellt mir
+ausnehmend, dieser Bruch mit der Tabaksfamilie. Dem Assessor
+davongegangen. Auf eigenen Fuessen, Ibsenweib.
+
+ * * * * *
+
+Fraeulein Helga gesehen. Wir sehen uns jetzt taeglich. Ist das ein
+Maedchen! Sie hat Vermoegen und will vorlaeufig "ohne Engagement" leben;
+Freiheit, die auch ich meine. Reisen, Einsamkeit, Reisen. Naechstes Jahr
+will sie nach Schottland. Wenn sie will, geh ich mit.
+
+
+
+
+16.
+
+
+Randers sass auf dem Schwedenwrack, und Helga lag zu seinen Fuessen im
+Sand. Ueberall lagen die Scherben der gestrandeten Schieferplatten umher.
+
+Helga hatte mit einem Stueckchen Muschelkalk Randers Profil auf ein
+groesseres Schieferstueck mehr gekratzt als gezeichnet.
+
+"Getroffen?"
+
+Sie hielt's ihm hin, und er beugte sich zu ihr hinab.
+
+Er lachte.
+
+"Aber nein!"
+
+Sie lachte mit und schleuderte den Schieferscherben mit kraeftigem Wurf
+nach den Wellen. Er kam freilich nur halb hin.
+
+"Warum zeichnen Sie garnicht mehr?" fragte er. "Sie haben mir Ihr
+Skizzenbuch noch nicht wieder gezeigt."
+
+"Ich bin dieser Dilettanterei satt. Was soll ich hier zeichnen? Das
+Meer? Man schaemt sich hier seiner Unzulaenglichkeiten mehr als anderswo."
+
+"Es ist so," sagte Randers und dachte an die Verse, die er gestern
+gemacht hatte und die er gerne vorgelesen haette. Jetzt verging ihm der
+Mut dazu.
+
+"Wollen Sie nie wieder zum Theater zurueck?" fragte er.
+
+"Nein, es ist nicht mein Beruf."
+
+"Sollten Sie sich nicht taeuschen? Ihre Hedda Gabler gestern--"
+
+"Die habe ich gespielt, mich ganz hineingespielt, und so las ich sie
+Ihnen gestern ueberzeugend. Die liegt mir auch, Ibsen ueberhaupt. Aber
+sehen Sie, es treibt mich nicht, haelt mich nicht. Ich habe mir selbst
+den Beweis geben wollen, dass ich etwas koenne, etwas war es auch Trotz
+gegen meine Familie. Aber ich habe kein Theaterblut. Und der Kunst muss
+man ganz gehoeren, mit allen Fasern, wenn man ihr dienen und sich nicht
+dabei verlieren will."
+
+Er schwieg einen Augenblick.
+
+"Aber Sie sind doch eine Kuenstlernatur," sagte er dann.
+
+"Weil ich eine Seele habe?"
+
+"Sie haben doch auch Talent."
+
+"Ja, ein paar Talente. Ich singe, schauspielere. Und weil ich eine
+lebendige Seele habe, kommt auch etwas dabei heraus. Andere wuerden
+zufrieden damit sein und sich ein bescheidenes Haeuschen mit allerlei
+Ruhmesflitter daraus aufbauen. Ich aber will kein Haeuschen, ich will ein
+Haus mit einem stolzen Turm darauf. Und dazu reicht's nicht."
+
+"Sie sind zu bescheiden."
+
+"Ich kenne mich und richte mich ein.--Und dann hab ich's ja nicht
+noetig," setzte sie leiser hinzu.
+
+"Aber Naturen wie Sie muessen doch einen Beruf haben, eine Aufgabe!"
+
+"Das sagen Sie?"
+
+Es klang wie Spott.
+
+Er erroetete.
+
+"Ach ich. Ich bin verfehlt, verpfuscht."
+
+"Und wer traegt die Schuld?"
+
+"Ich selbst natuerlich."
+
+Sie sagte nichts und malte mit der Hand Kreise in den Sand.
+
+"Etwas natuerlich auch die Verhaeltnisse," setzte er hinzu.
+
+"Die muss man meistern."
+
+"Das geht nicht immer."
+
+"Man muss wissen, was man will und was man kann.
+
+"Und wenn man was will, was man nicht kann?"
+
+"Das ist ja ein grosses Unglueck."
+
+"Man kann nichts dafuer."
+
+"Na--"
+
+Sie brach kurz ab.
+
+"Sie meinen doch?" fragte er.
+
+"Ja, mit der Zeit muss man doch zur Erkenntnis kommen. Einsehen, was man
+ist, wer man ist. Und dann heisst's, seinen Pflock einschlagen, so, hier
+wirkst du, hier ist dein Land."
+
+"Wenn aber diese Erkenntnis zu spaet kommt?"
+
+"Was nennen Sie zu spaet?"
+
+"Nun, so in meinen Jahren."
+
+"Freilich, im Greisenalter."
+
+Sie lachte spoettisch, und er stimmte herzlich ein.
+
+"Also zur Erkenntnis sind Sie doch schon gekommen?" sagte sie etwas
+boshaft.
+
+"Dass ich nicht kann, was ich moechte? Ja."
+
+"Was moechten Sie denn?"
+
+Er besann sich einen Augenblick und sagte dann wie im Scherz:
+
+"Heiraten."
+
+Sie lachte laut auf.
+
+"Und warum koennen Sie es nicht?"
+
+"Weil ich keine Frau finde."
+
+"Die Ihrer wert ist?"
+
+"Die zu mir passt."
+
+"Und, wie muss dies begnadete Wesen geschaffen sein?"
+
+"Ja wenn ich das nur wuesste."
+
+
+
+
+17.
+
+
+Randers an Gerdsen.
+
+Lieber Freund, wie steht's mit unserm Roman? Fuer heute nur diese
+Anfrage. Ein neues Kapitel faengt an!!
+
+
+
+
+18.
+
+
+Gerd Gerdsen an Randers.
+
+Lassen Sie endlich von sich hoeren? Ihr Schweigen war mir raetselhaft.
+
+Also wieder im Netz? Ich glaube, Sie leben ein wenig unserm Roman
+zuliebe und stuerzen sich deswegen in Unkosten. Wie soll ich Aermster das
+alles bewaeltigen! Kaum glaube ich, Sie gefasst zu haben, verwandeln Sie
+sich proteusartig; oder vielmehr lassen sich verwandeln von irgend einer
+Circe. Oder sind Sie konsequent in der Entwickelung? Ist es die
+Kuenstlerin, die Ihnen nach der Aristokratin noch fehlte? Nur dann wuerde
+ich mir weitere Materialien erbitten.
+
+Ich hatte mir schon vorgenommen, Sie im November zu besuchen,
+"studienhalber". Sie sollten mir wenigstens die Stelle zeigen, wo Sie
+Ihr Blockhaus bauen wuerden, und ich wollte wenigstens die aufgebrachten
+Wellen sehen, die zuletzt ihre Leiche dem erschuetterten Leser vor die
+Fuesse werfen sollen. Eine Blockhausgefaehrtin aus Fleisch und Bein zu
+sehen, darauf hatte ich schon Verzicht geleistet. Und nun ist sie doch
+Wirklichkeit geworden.
+
+Lassen Sie mich jetzt aber auch mehr hoeren. Der Roman stockt. Ich
+brauche Dampf. Lassen Sie mich im Stich, muss ich's auf meine Weise
+deichseln. Und ob Sie dann zufrieden sein werden?
+
+Kraus genug wird das Ding. Mehr Materialien zu einem Lebensbild als
+Roman. Aber Warum muss es denn gerade ein Roman sein? Es wird ein buntes
+Buch, und wir wollen zufrieden sein, wenn der Leser gestehen muss, dass
+er schon schlechtere Buecher gelesen hat. In Zukunft bin ich uebrigens
+vorsichtiger in der Wahl meiner Modelle. Ihr Fall waere etwas fuer das
+Genie eines Cervantes oder fuer die Psychologie eines Dostojewsky.
+
+Mit Herz und Hirn Ihr
+
+G. Gerdsen.
+
+
+
+
+19.
+
+
+Randers an Gerdsen.
+
+Nur ein paar Dankeszeilen fuer Ihren Brief, lieber Freund, der meine
+wunderliche Stimmung noch bunter macht.
+
+Alle Erklaerungen naechstens. Halten Sie mich nicht fuer den
+oberflaechlichen Don Juan, als der ich Ihnen erscheinen muss. Es sieht
+wunderlich in mir aus. Den Don Quijote will ich Ihnen zugeben! Sie
+spielten mit dem Cervantes so freundschaftlich darauf an. Aber vergessen
+Sie nicht, dass der edle Ritter sich selbst verzweifelt ernst nahm. Die
+Tragik eines solchen Charakters!
+
+Was ist ueberhaupt das Leben anders, als ein bestaendiger Kampf gegen
+Windmuehlen.
+
+Uebrigens, sie kam im Nebel zu mir, verirrt. Mein Blockhaus wurde ihre
+Rettung. Soll man nicht an hoehere Lenkung glauben? Diese "verrueckte"
+Blockhausidee (wie oft werden Sie sie so gescholten haben) rettete ihr
+das Leben. Kennen Sie den Nebel? Ein Irrgang im Wattennebel?
+
+Adieu! Ich muss Helga treffen. Helga heisst sie, ich heisse Henning.
+Klingt das nicht huebsch zusammen, was?
+
+Herzlichst
+
+Ihr Randers.
+
+
+
+
+20.
+
+
+Das ganze Blockhaus duftete nach Veilchen. Randers hatte zu Helgas
+Geburtstag aus Hamburg Veilchen bestellt. Zwei grosse Koerbe voll. Er
+hatte den einen auf ihr Zimmer gestellt, den Inhalt, des anderen unten
+in der Wohnstube verstreut, ueber alle Moebel, und ueber den Fussboden.
+
+Helga teilte seit ein paar Tagen das Blockhaus mit ihm. Warum nicht? Der
+Leute wegen? der Rantumer?
+
+"Wir wollen gute Kameraden sein." Damit hatte sie seine Einladung
+angenommen.
+
+Als sie zum Morgenkaffee herunterkam, auch hier Veilchen sah, zu ihren
+Fuessen, nicht zutreten mochte und dann, als er sie erwartungsvoll ansah,
+mit einem gluecklichen, geruehrten Laecheln auf ihn zukam, der Veilchen
+nicht achtend--da sagte Randers zum erstenmal leise:
+
+"Wie lieb habe ich Sie."
+
+Ein flammendes Rot ueberflog sie, verging aber schnell.
+
+Sie laechelte.
+
+"Wie gut Sie sind."
+
+"Weil ich Sie so liebe?"
+
+Sie legte den Finger auf den Mund.
+
+"Seien Sie nicht toericht," sagte sie. "Wir wollen gute Kameraden sein."
+
+Er kuesste ihr die Hand.
+
+Nachher gingen sie auf die Duenen hinauf.
+
+Es wehte stark. Helgas Kleid klatschte im Wind. Sie atmete tief und
+musste auf dem Duenenkamm einen Augenblick stehen bleiben. So wehte es.
+
+Da gab er ihr seinen Arm.
+
+Sie standen und sahen auf die unruhige See, die ganz stahlblau aussah.
+
+Die Moewen pfeilten vorm Wind, kreisten furchtlos in ihrer Naehe.
+
+"Da drueben liegt Schottland," sagte Helga.
+
+"Lassen Sie Schottland jetzt," sagte er.
+
+Sein Herz war voll. Er spuerte den Veilchenduft, der von ihrem Guertel
+aufstieg, von dem Straeusschen, das sie dort befestigt hatte.
+
+Er haette sie an sich reissen moegen.
+
+Drueben liegt Schottland.
+
+Er verstand sie wohl.
+
+"Wir wollen gute Kameraden sein."
+
+Am Abend las er Helga seine Blockhausphantasie vor.
+
+"Wie denken Sie ueber Jolanthe?" fragte er.
+
+"Die Aermste," sagte Helga.
+
+"Er kann sie doch nicht heiraten," meinte Randers.
+
+"Nein. Er ist ein Phantast. Er bleibt auch besser davon," sagte sie
+leichthin.
+
+
+
+
+21.
+
+
+Es war der Jahrestag von Helgas erstem Auftreten als Hedda Gabler.
+Randers stiess mit ihr an.
+
+"In Schoenheit sterben," sagte er.
+
+"In Schoenheit leben," antwortete sie.
+
+"Aber dann in Schoenheit sterben," beharrte er.
+
+"Wie's kommt."
+
+"Das sagen Sie, Hedda Gabler?"
+
+"Ich bin keine Hedda Gabler."
+
+"Aber moechten Sie denn nicht--"
+
+"In Schoenheit sterben?"
+
+Sie lachte.
+
+"Wissen Sie, was Hedda dem Eilert so hoch anrechnet, dass er den Mut
+gehabt hat, sein Leben nach seinem eigenen Sinn zu leben und dann die
+Kraft, den Willen hatte, vom Gastmahl des Lebens aufzubrechen--es kommt
+doch immer auf das Leben an, das geendet wird. Ein verpfuschtes Leben
+mit der Pistole abzuschliessen, was ist da Schoenes dabei? Kraft und
+Willen zu neuem Leben haben, das waere schoen. Das andere ist am Ende nur
+ein billiger Ausweg aus der Klemme, eine Tat der Ohnmacht, der
+Verzweiflung."
+
+"Unter Umstaenden--"
+
+"Ach lassen wir das. Warum vom Sterben reden. Ich halt's mit dem Willen
+zum Leben und mit der Kraft, aus sich herauszukommen, nicht einfach
+sich wegzublasen."
+
+"Aber wenn die Kraft nicht mehr da ist."
+
+"Dann mag der Abgewirtschaftete sich aus dem Weg raeumen. Ich billige das
+sogar. Aber wir wollen da nicht von Schoenheit reden. Er erleichtert
+sich, und Sie wollen sich hinstellen und ihn bewundern, den Mut
+bewundern, der sich eines unbequem gewordenen Rockes entledigt."
+
+"Ich glaube, Sie sind denn doch nicht ganz gerecht."
+
+Sie zuckte die Achseln.
+
+"Ich denke nun einmal so. Aber lassen wir das. Nichts vom Sterben."
+
+Es war ein koestlicher, sonniger Tag, und sie liessen das Thema vom
+Sterben ruhen. Sie gingen in die Duenen und waren still und froh
+miteinander.
+
+Und wenn Randers sie ansah, dachte er immer: "In Schoenheit leben!" Ja,
+mit ihr, an ihrer Seite. Und er sagte es ihr, und sie laechelte. Sie
+liebte jede Art Tapferkeit, und er sagte es so tapfer, so ganz
+ueberzeugt, dass es ihm moeglich sei. Und er lachte so laut und froehlich
+und warf die Arme und trug den Kopf hoch und schob die Muetze in den
+Nacken, dass die ganze, hohe, gebraeunte Stirn frei wurde.
+
+Im Sand lagen sie und sprachen wieder von Hedda Gabler, und dann kamen
+sie auf Nora.
+
+"Sie wollten mir noch tanzen," bat Randers.
+
+"Wollt ich?"
+
+"Sie versprachen's. Ich bin so begierig, Sie tanzen zu sehen. Wie werden
+Sie als Nora tanzen, diesen Tanz mit der Verzweiflung im Herzen. Und
+hier ist die Heide so glatt und hart. Die reinste Tenne. Und der Wind
+wird Ihren Schal fangen, und die Moewen werden Ihren Pas folgen, der Tanz
+ueber dem Tanz. Und ich werde klatschen und dankbar sein."
+
+So bat er, beredt und von ihrer Schoenheit in einen Rausch versetzt, der
+ihn zum Dichter machte.
+
+Und Helga erhob sich zum Tanz.
+
+"Nun spiel mir auf. Nun will ich tanzen," rief sie mit Nora.
+
+Aber das war keine Nora, die da tanzte, kein gequaeltes Weib, das
+Betaeubung suchte. Es war ein wirbelndes, leidenschaftliches Kreisen und
+Gleiten und Auf- und Niederschnellen.
+
+Sie ist zu gross fuer Nora, dachte Randers.
+
+"Mir fehlt ein Tambourin," rief Helga.
+
+"Es geht doch nicht auf dem Heideboden," entschuldigte Randers.
+
+"O doch, es liegt an mir. Ich bin nicht Nora heute. Aber was ich Ihnen
+tanzen moechte. Haben Sie die Sorma als Salome gesehen? Das moechte ich
+Ihnen tanzen koennen."
+
+Und sie versuchte es, machte ein paar Schritte ueber die Heide, kam in
+Feuer, ward geschmeidig, verjuengte sich vor seinen Augen, tanzte um den
+Kopf des Taeufers. Und ein Wolkenschatten huellte sie ein. Und der Wind
+wehte frischer und rang mit ihr und loeste eine ihrer schweren blonden
+Flechten.
+
+Und Randers starrte sie, halb aufgerichtet, an.
+
+Und die Wolke zog vorueber, und die Sonne liess Helgas Schatten ueber die
+Heide tanzen. Und eine Moewe wiegte sich, leuchtend, ueber Salome,
+umkreiste sie und schoss ploetzlich wie ein zuckender Blitz davon.
+
+"Bravo! Bravo!" rief Randers, klatschte in die Haende, sprang auf und auf
+die ihm entgegen Taumelnde zu.
+
+Helga gluehte, laechelte, und wehrte ab. Sie sank ins weiche Duenenbett und
+faechelte sich Kuehlung zu.
+
+"Es ist nichts, ich kann's nicht," stiess sie hervor. "Aber ich moecht's
+koennen. Mit Genie tanzen."
+
+"Sie koennen's," rief er warm.
+
+"Nein, nein. Es ist nichts."
+
+"Vielleicht, wenn ich um einen Kopf tanzte," setzte sie laechelnd hinzu.
+
+"Meiner steht Ihnen zur Verfuegung," sagte Randers.
+
+"Sie sind kein Johannis."
+
+Er lachte, aber er suchte einen Hintergedanken darin, fuehlte sich
+verwundet.
+
+"Was wollten Sie mit Johannis?" meinte er.
+
+"Was wollte Salome mit ihm?"
+
+"Sie liebte ihn."
+
+"Nun also. Aber ich muesste diese Liebe empfinden, nicht nur
+schauspielern. Die Liebe ist das einzige, was bei uns Frauen das Genie
+ersetzt."
+
+"Und waren Sie nie--"
+
+"Genial?" fiel sie ihm ins Wort. "Nein, lieber Freund."
+
+Er sah sie forschend an.
+
+Sprach sie die Wahrheit?
+
+"Und wie muesste der Mann sein, um dessen Kopf Sie--"
+
+"Maennlich!"
+
+"Ja, wie?"
+
+"Stark, klug, klar und tapfer. Mit Willen zum Leben. Fest auf den Fuessen
+und Herr ueber sich."
+
+Randers wurde rot, gluehte vor Scham.
+
+"Der ideale Mann," sagte er.
+
+Sie sah sein Erroeten, und ein warmes Gefuehl fuer ihn stieg in ihr auf.
+
+"Ideal?" sagte sie. "Solche Maenner gibt es genug. In allen Staenden, Gott
+sei Dank!"
+
+"Aber Sie wollen doch auch etwas hoeheres, geistigeres. Der brave Mann an
+sich--"
+
+"Der brave Mann an sich!" fiel sie ihm lachend ins Wort. "Koestlich!
+Nein, Liebster, der brave Mann allein tut's natuerlich nicht. Sonst
+koennte man sich unter zehn braven Maennern nicht gerade in den einen
+verlieben."
+
+"Da ist's also doch noch etwas anderes."
+
+"Nun ja, freilich. Und vielleicht ist's gerade der Duemmste von den zehn.
+
+"Nun werden Sie flach."
+
+"Liebe ist blind."
+
+"Auch eine Flachheit."
+
+"Liebe hat tausend Augen, wenn Sie's so lieber wollen."
+
+"Sie sagten ja vorhin selbst, Liebe waere Genie."
+
+"Nun ja, schlafwandelnd auf Spinnenfaeden, wach im Traum und immer
+naerrisch."
+
+
+
+
+22.
+
+
+Randers an Gerdsen.
+
+Lieber Freund!
+
+Nun ist wieder alles aus. Alle Gespenster wachen wieder auf.
+
+Mir ist es, wie die Witterung eines Verhaengnisses. Und hier, wo ich
+gesunden wollte!
+
+Ja, ich liebe sie, das ist ohne Zweifel! Aber gerade darum. Keine Ehe!
+Kein Mord dieser Liebe.
+
+Sie _muessen_ sie kennen lernen.
+
+Dieses wunderbare Weib, ganz Weib! Und doch von einer Groesse,
+einer Strenge. Ruehr mich nicht an! Geist und Verstand. Guete.
+Schoenheitsbeduerfnis. Einsame Natur, also Stolz und Menschenverachtung.
+
+Sie hat wunderbar schoene Haende, gross und voll, aber weich, und hat
+einen so warmen festen Druck. Haende zum Festhalten: Du bist mein!
+
+Ihre Altstimme. Sie spricht ruhig, still hin, ueberlegt, aber es zittert
+immer so ein tiefer Seelenton mit. Sie spricht, wie sie blickt; diese
+klaren, klugen Augen, in denen aber auch etwas Verhaltenes, Tiefes
+zittert.
+
+Sie teilt sans gene mein Blockhaus, als guter Kamerad. Alle meine Traeume
+haben sich erfuellt.
+
+O, diese Stunden am Strand, in den Duenen. Und zu Hause, wenn wir lesen.
+Sie liest, na, eben als Kuenstlerin, geborene Ibsendolmetscherin. Hedda
+Gabler, Rebekka West, Nora. Sie wuerde keine unwahre Ehe ertragen.
+Einfach davongehen, wie sie dem Assessor davonging, den man ihr
+aufzwingen wollte.
+
+Und eine Ehe mit diesem Weibe! Raten Sie mir!
+
+Ich habe ein Klavier aus Hamburg bestellt. Sie muessen sie Grieg singen
+hoeren. Jeder Ton Leidenschaft.
+
+Ihr Randers.
+
+
+
+
+23.
+
+(Tagebuchblaetter.)
+
+
+Strandbegehren.
+
+ In stiller, milder Dueneneinsamkeit
+ Bin spaet am Abend ich dahingegangen,
+ Vom Duft berauscht aus deinem Haar und Kleid,
+ Und suess im Herzen brannte das Verlangen.
+ Und wie der Hirsch nach frischem Wasser schreit,
+ So rief ich dich, nur dich, ohn Tand und Spangen.
+ Da fand ich dich. Da ward in Ewigkeit
+ Ich dir, in Ewigkeit du mir gefangen.
+
+ * * * * *
+
+ Es flammt mein Blut zu dir die Sehnsuchtsklage,
+ Und Antwort gibt dein Mund mit heissen Kuessen.
+
+ * * * * *
+
+So hat Desdemona zu den Fuessen des Mohren gesessen und seinen Abenteuern
+gelauscht. Meine Seehundsjagdgeschichten, meine Wikingerfahrten zwischen
+Sylt und Amrum und meine Wattenwaghalsigkeiten. Kann ihr das wirklich
+imponieren? Ihr, die aussieht, als wuerde sie das Kuehnste mit mir teilen?
+
+Desdemona ist in jedem Weibe. Das Heldische imponiert ihnen, sie suchen
+es und nehmen schliesslich ihre Phantasie zu Hilfe, Und so wird man zum
+Mohren von Venedig.
+
+ * * * * *
+
+Moiken ist doch eine ganz schlampige Person. Und ich hatte Kuesse fuer
+sie. Und nun nach Moiken Helga? Diese stolzen, strengen Lippen. Ob sie
+es versteht, diese Keuschheit der wahren, tiefsten Liebe, die die
+Geliebte wie etwas Heiliges scheut, zurueckgeschreckt vor jeder unreinen
+Beruehrung, jedem Gedanken daran. Und wenn sie sich einmal vergisst, sich
+quaelt, in Reue quaelt und etwas in sich zerstoert fuehlt--ob sie es
+versteht? Ob einem Weibe mit solcher Liebe gedient ist?
+
+ * * * * *
+
+Ob sie mich liebt? Wer wird aus den Weibern klug. Sie sind uns darin
+ueberlegen. Sie interessiert sich fuer mich. Vielleicht, wenn ich auch
+noch schwarz waere wie Desdemonas Mohr--
+
+ * * * * *
+
+Weder Hansen, noch seine Frau, noch Moiken haben irgend eine Bemerkung
+ueber unser Zusammenleben gemacht. Denken moegen sie ihr Teil und unter
+sich reden. Aber sie haben Respekt vor ihr und lassen sich nichts
+merken. Nur er "griente" einmal so kurz auf, als Mutter Hansen meinte:
+"ist sie denn garnicht aengstlich, so allein in dem alten Haus? Es ist
+doch so ganz einsam und weit weg."
+
+Ob er Hintergedanken hatte?
+
+Mannsleute haben immer Hintergedanken.
+
+ * * * * *
+
+Ach, luege dir nichts vor. Mit allen Sinnen begehrst du sie. Gerade weil
+sie so gar nicht hingebend ist, so abweisend, so ganz erobert, erkaempft
+sein will.
+
+Ich werde nicht klug aus ihr. Diese Klarheit, ja Nuechternheit des
+Verstandes. Ohne Phantasterei, ohne Sentimentalitaet. Und doch dies
+Kuenstlerblut in ihr. Wenn sie spricht, sollte man manchmal glauben, sie
+wuerde sich in einem Kreis moralfester Predigerstoechter wohl fuehlen
+koennen. Und dann tanzt sie Salome. Es war nicht Salome, wie es nicht
+Nora war, es war Helga, es war das Wunderbare in ihr, was sie von irgend
+woher hat, das zurueckgedaemmt, gefangen gehalten wird von der
+Tabaksfabrikantennuechternheit vaeterlicherseits in ihr.
+
+
+
+
+24.
+
+
+Das Klavier aus Hamburg war gekommen. Den ganzen Tag hatten sie
+musiziert. Abends musste Helga noch einmal singen, Griegs "Ich liebe
+dich!" Er konnte dieses Lied immer und immer wieder hoeren.
+
+Ihm klang noch diese leidenschaftliche Melodie im Ohr, als sie Seite an
+Seite durch die Abendduenen gingen, um noch einen letzten Blick auf die
+See zu werfen.
+
+Und hier bat er sie, es noch einmal zu singen.
+
+"Bitte! Hier in den Duenen, von den Duenen herab. Da oben, aufs Meer
+hinaus. Sehen Sie, wie die Sterne funkeln. Die See hat sich vom Mond
+einen silbernen Guertel geliehen."
+
+"Es ist schoen."
+
+Sie stiegen langsam auf den hoechsten Kamm.
+
+"Hier," bat er.
+
+Helga laechelte.
+
+Sie stand im vollen Mondlicht und sang. Er hatte sich zu ihren Fuessen
+geworfen und sah aufs Meer hinaus.
+
+Wie das klang. Wie sie sang. Diese Sehnsucht, dieses heisse, heisse
+Herzblut:
+
+Ich liebe dich!
+
+Er hatte ihre Kniee umschlungen, richtete sich auf.
+
+Sie stand zitternd, wollte wehren.
+
+Aber er umschlang sie, riss sie an sich, kuesste sie. Seine ganze
+Leidenschaft wachte auf. Und sie, ueberrascht, ueberwaeltigt, unter der
+Glut seiner Kuesse, ward schwach, widerstandslos. War doch auch ihre
+Seele bewegt, unter dem Einfluss des Liedes, noch im Wellengang der
+Griegschen Rhythmen. Zwei fremde Kreise trafen sich, zitterten
+aneinander, einten sich.
+
+Und sie kuessten sich, umschlangen sich in einem seltsamen Rausch, der
+wie eine grosse, meerestiefe Musik ihr Blut und ihre Seele in Wallung
+brachte.
+
+Angesichts der keuschen, silbernen Mondnacht ergluehten sie aneinander
+und kuessten sich.
+
+Die Wellen rauschten leise an den Strand, breiteten die weissen Arme aus
+und betteten sich zum Schlaf, zum Sterben; kamen, kuessten den Strand und
+starben, kuessten und starben.
+
+
+
+
+25.
+
+
+Randers stuermte nach einer schlaflosen Nacht in den kalten Morgen
+hinaus.
+
+Er hatte hinaufgehorcht, ob sie schon wach sei, wach wie er. Konnte sie
+schlafen nach diesem Abend?
+
+Aber es war oben alles still gewesen.
+
+Saee schlief, schlief noch.
+
+Schlief doch.
+
+Aber ihn trieb es hinaus.
+
+Diese Unruhe. Sie wiederzusehen nach diesem ersten Liebesrausch, sie,
+die jetzt sein war, die er nicht lassen wuerde, nicht wieder von sich
+lassen. Endlich das Glueck, das grosse Glueck!
+
+Er dachte nicht an die Zukunft, hatte kein Bedenken und keine Gedanken.
+Nur das eine selige Gefuehl, sie ist dein, sie liebt dich, dein Glueck,
+deine Rettung, dein Hafen, dein Grund, auf dem du bauen musst.
+
+In Schoenheit leben!
+
+Ja, mit ihr in Schoenheit!
+
+Und herrliche Traumbilder gaukelten vor ihm, ein Wandelpanorama
+erhabener Natur, starre, schweigende Bergoede, Palmenwaelder, rauschende
+Meere, ach, die ganze herrliche Welt. Und sie beide unter allen Menschen
+allein, Seite an Seite, Hand in Hand, Herz mit Herz und Seele mit Seele.
+Geniessend, verstehend. Es war alles wie ein Schaum in ihm. Bunte,
+schillernde Blasen. Aufleuchtend, zerplatzend. Darueber, alles
+umspannend, der glaenzende Regenbogen eines unbestimmten weichen Gefuehls,
+traenenfeucht, wie die Luft nach dem Regen weich und feucht ist. Das war
+alles das Glueck, das endliche grosse Glueck.
+
+Randers war mitten in den Watten. Er war nur so geradeausgestuermt. Diese
+koestliche Salzluft. Diese erwachende Lust, aus all den kleinen feuchten
+Rillen mit glaenzenden Augen aufschauend. Diese kleinen zitternden
+Wellen in den flachen Rillen, wie erschauernd in der Morgenkuehle, aber
+doch glaenzend in Erwartung des Tages.
+
+Wie wohl das alles tat, diese herbe, frische, schauernde
+Morgenschoenheit. Es kam eine Kraft ueber ihn, eine Froehlichkeit und ein
+Stolz.
+
+Und er lief dem Meer entgegen, das dort hinten seine Wellen ueber die
+Sandbank schaeumte, lief mit ausgebreiteten Armen, den frischen Hauch des
+Meeres in seinen offenen Kleidern auffangend.
+
+Es zwang ihn etwas, dem er nicht widerstehen konnte. Er musste dahin, wo
+die Wellen jauchzten, sein Glueck ans Meer tragen, es hinausrufen, dem
+dicken Tritonen zu, der da auf dem Muschelhorn den Tag eintutet, und den
+hundert Meermaedchen, die sich da lachend ihre naechtlichen Meertraeume
+erzaehlten und mit den weissen Armen nach den Moewen griffen, die mit
+ihren raschen Schwingen durch ihren Morgentanz huschten.
+
+Und nun flogen sie auf, eine ganze Schar, dieser stillen, grauen
+weichflugigen Seevoegel, kamen ihm entgegen, liessen sich vor ihm nieder,
+flogen auf vor seinem eiligen Fuss und sanken hinter ihm wieder
+geraeuschlos auf den Sand.
+
+Und nun kam auch das Meer ihm entgegen, legte seine Wellen ihm vor die
+Fuesse, rauschte, rollte. Und war alles Schaum, weisser glaenzender Schaum
+laengs des ganzen Wattenrandes.
+
+Und die Sonne kam.
+
+Und es wurden tausend Farben, jedes einzelne Blaeschen schillernd und
+spruehend und dann zerplatzend. Und Randers riss sich die Muetze vom Kopf
+und bot die Stirn dem Wind, der sich erhob.
+
+Und dann fing er an zu singen, jenes alte daenische Heldenlied, das er
+damals auf den naechtlichen Feldern von Rixdorf gesungen hatte. Und
+singend wich er vor den Wellen zurueck, sang und freute sich der
+heranrollenden Flut und sang und wich vor ihr zurueck. Bis es ihn
+ploetzlich ueberfiel--die Flut, und er sich wandte, und er die Moewen sah,
+die unruhig wurden und ins Watt zurueckzogen. Und er erschrak.
+
+Und im ersten Schrecken fing er sofort an zu laufen. Und da war auch
+schon ein Priel im Wege, das sich mit Wasser gefuellt hatte, ganz rot
+gluehte es in der Sonne, und die Wellchen zitterten wie in grosser
+Erregung. Er wandte sich seitwaerts. Er musste auf dem naechsten Weg den
+Strand erreichen. Aber er kannte das Terrain nicht genau. Und an der
+heranrollenden Flut laengs laufen? Nein, er musste vor ihr her. Es half
+nichts.
+
+Er zog Schuh und Struempfe aus, zog die Beinkleider ueber die Knie hinauf
+und watete durchs Priel; das Wasser ging ihm bis ueber die Knoechel. Es
+war eiskalt. Randers lief nicht, um nicht ausser Atem zu kommen.
+Vielleicht musste er nachher noch laufen.
+
+Es war jetzt ganz ruhig, ganz klar. Er kannte die Gefahr und wusste,
+dass nur groesste Kaltbluetigkeit und Umsicht ihn retten wuerde. Und es war
+ja Tag. Kein Nebel zeigte sich. Man wuerde vom Strand aus ihn sehen. Und
+zuletzt, er war ein guter Schwimmer.
+
+Um ihn gluckste, quirlte und rieselte es, alle kleinen Rillen fuellten
+sich mit Wasser, das wie aus dem Boden gedrungen auf einmal da war.
+
+Hinter ihm war ein dumpfes murrendes Getoen. Das Meer kam, um wieder
+Besitz von seinem Eigentum zu nehmen: ihm gehoerte das Watt. Es drang in
+die Priele, griff mit blanken, gierigen Armen nach den Sandbaenken,
+umklammerte sie, und legte sich auf sie mit seinem maechtigen,
+schillernden Leib.
+
+Randers lief an einem breiten Priel laengs und konnte keine Furt finden.
+Er lief zurueck, nach der andern Seite. Ein tiefer breiter Strom waelzte
+sich vor ihm. Er sah sich um, sah die weisse Brandung, sah dem blanken
+Hans in die gierigen Zaehne.
+
+Er warf den Rock ab, entkleidete sich und durchwatete das Priel. Bis
+ueber die Hueften ging ihm das Wasser, und der Strom warf ihn beinah.
+
+Drueben lief er weiter, nackt, um erst einen gehoerigen Vorsprung zu
+gewinnen. Er schaetzte die Entfernung bis zum Ufer.
+
+Eine Viertelstunde noch.
+
+"Du holst es," sagte er laut, atmete schnell und ruhte einen Augenblick
+aus. Der Strand lag nah und deutlich vor ihm, in heller Sonne.
+
+Alles sah so froehlich und friedlich aus. Die blanken Watten, das
+rieselnde blitzende Wasser, die funkelnden kleinen Rillen.
+
+Aber er lief hier ums Leben, floh durch all die Sonne vor der schwarzen
+Nacht, die nicht endet.
+
+Und doch, diese Sonne milderte die Schrecken, nahm dem Watt das
+Unheimliche.
+
+Aber das Wasser konnte sie nicht aufhalten. Das stroemte von allen Seiten
+zusammen, ueberholte den Laufenden, schloss ihn auf einer Sandbank ein,
+warf sich zwischen ihn und den Strand und blitzte ihm in dem hellen
+Glanz des wachsenden Tages triumphierend entgegen.
+
+Randers blieb ruhig. Das Terrain laengs der Kueste kannte er. Es war da
+noch einmal tief. Das Wasser wuerde ihm vielleicht bis an den Hals gehen,
+er wuerde schwimmen muessen.
+
+Schwimmen bei der Flut?
+
+Einerlei, sich ihr anvertrauen. Es wird ihn ein bisschen herumwirbeln
+und werfen. Aber seine Arme waren geuebt, und irgendwo wuerde er festen
+Fuss fassen.
+
+Aber er getraute sich's nachher doch nicht, lief an dem reissenden,
+rollenden Strom hin, suchte eine seichtere Stelle. Und zuletzt musste
+er's wagen.
+
+Alles ab! Ganz nackt, die Zaehne zusammen, jede Muskel krampfhaft
+gespannt, warf er sich in die Wellen, tauchte auf, wurde fortgerissen,
+strandlaengs, und wieder zurueck, wieder abseits, sah die Entfernung
+zwischen sich und dem Strand wachsen.
+
+Er warf sich auf den Ruecken, schoepfte Atem, warf sich wieder herum und
+begann den Kampf aufs neue.
+
+Und es gelang ihm. Er fuehlte festen Boden unter den Fuessen, taumelte
+mechanisch weiter, fuehlte sich ohnmaechtig werden und fiel kraftlos
+vornueber.
+
+Eine blaugruene, schaumgekroente, wogende See rollte ueber dem Watt. Die
+Moewen kreisten darueber und leuchteten in der Sonne, schossen herab,
+neigten ihre grossen Schwingen und stiegen mit einem leisen, pfeifenden
+Laut wieder auf.
+
+Moiken fand Randers im Schlick. Er lag auf der Seite, der Kopf hing
+schlaff herab, und mit den Fuessen spielte noch die Flut und warf sie hin
+und her.
+
+Moiken zog ihn vollends aufs Trockene. Er atmete noch. Schreiend lief
+sie nach Huelfe.
+
+
+
+
+26.
+
+
+Randers war noch sehr elend nach den Fiebernaechten, mit denen er Helga
+erschreckt hatte. Es war ein kraftloser Druck, mit dem er ihre Hand
+umschloss. Sie liess ihm diese kalte Hand; sie war so kalt, dass es ihn
+bis ans Herz fror.
+
+"Sie duerfen nicht gehen," sagte er.
+
+"Ich muss. Sie wissen es. Ihr Herz ist nicht frei, ist an die
+Vergangenheit gebunden. Ich will nicht, dass Sie einst bereuen."
+
+"Fiebertraeume," rief er.
+
+"Quaelen Sie mich nicht so," sagte sie leise.
+
+Da liess er ihre Hand los.
+
+"Ich habe Sie so sehr, sehr lieb, Helga," sagte er vom Fenster her.
+
+Eine heisse Welle ueberflutete fuer einen Augenblick ihr Gesicht.
+
+"Sie hatten auch Fides sehr lieb. Und Sie werden noch manche sehr lieb
+haben."
+
+"Nie."
+
+"Kennen Sie sich so schlecht?"
+
+"Helga, nun quaelen Sie mich."
+
+"Es ist so oft das Los der Liebe, dass sie quaelen muss, wo sie begluecken
+moechte."
+
+"Helga."
+
+Er lag zu ihren Fuessen.
+
+"Henning. Nicht. Stehen Sie auf."
+
+Er umklammerte ihre beiden Haende und kuesste sie.
+
+"So lieb hab ich dich, so lieb," stammelte er.
+
+Sie loeste sich von ihm, strich mit der Linken sanft, wie troestend ueber
+seinen Scheitel.
+
+Dann beugte sie sich zu ihm und kuesste seine Stirne.
+
+"Und nun stehen Sie auf, Henning, seien Sie Mann."
+
+"Es ist Ihr letztes?"
+
+"Nach Ihrer gestrigen Beichte, ja. Es kann nicht sein. Ich habe diese
+ganze Nacht damit gerungen. Es ist besser so. Wir duerfen nicht einem
+Rausch folgen. Waren Sie stark genug, Fides aufzugeben, lassen Sie uns
+jetzt auch stark sein."
+
+Er erhob sich, schwankte zu seinem Fenstersitz zurueck und begrub das
+Gesicht in die Haende.
+
+Leise ging Helga hinaus.
+
+
+
+
+27.
+
+
+Gerd Gerdsen an Randers.
+
+Lieber Freund!
+
+Ein Gestaendnis aus melancholischem Herzen. Waehrend ich an Ihrem Roman
+arbeite und mich mit Ihren Amouren abquaele, stecke ich selbst darin,
+bin selbst verliebt. Verliebt--armseliges Wort. Eine wunderliche,
+verspaetete Leidenschaft, so tief und keusch, wie ich vordem nie
+empfunden habe. Ein Kind, eine Schuelerin, mir in ein paar Jahren
+heimlich ans Herz gewachsen, ins Herz gewachsen, Saiten in meiner Seele
+zum Klingen bringend, die bisher ruhten.
+
+Diese Verse geben Ihnen meine Stimmung. Bewahren Sie dies Gestaendnis in
+treuem Herzen.
+
+
+Maerchen.
+
+ In deiner lieben Naehe
+ Bin ich so gluecklich. Ich mein,
+ Ich muesste wieder der wilde
+ Selige Knabe sein.
+
+ Das macht deiner suessen Jugend
+ Sonniger Fruehlingshauch,
+ Ich hab dich so lieb, und draussen
+ Bluehen die Rosen ja auch.
+
+ O Traum der goldenen Tage.
+ Herz, es war einmal.--
+ Abendwolken wandern
+ Ueber mein Jugendtal.
+
+ * * * * *
+
+Fromm.
+
+ Der Mond scheint auf mein Lager,
+ Ich schlafe nicht,
+ Meine gefalteten Haende ruhen
+ In seinem Licht.
+ Meine Seele ist still. Sie kehrte
+ Von Gott zurueck.
+ Und mein Herz hat nur einen Gedanken:
+ Dich und dein Glueck.
+
+ * * * * *
+
+Ja, mein taegliches Gebet geht dahin: alle Rosen des Gluecks auf den
+blonden Scheitel dieses lieben siebzehnjaehrigen Kindes! Und das
+Koestlichste:
+
+ * * * * *
+
+ Ein treues Herz,
+ Das ihr nur schlaegt,
+ Und dem auch sie,
+ Herz an Herz,
+ Entgegenglueht,
+ In Liebe entgegen:
+ Mein!
+ Mein Glueck!
+
+Sie wissen, wie ich Frau und Kinder lieb habe. Sie verstehen aber auch,
+wie man trotzdem--es ist Schicksal, man kann nichts dagegen machen.
+Dulden und ueberwinden.
+
+Ihnen aber, der Sie frei sind, wuensche ich von Herzen, dass Sie einmal
+die Ruhe in der Liebe finden, das ueber alle Leidenschaft herausgehobene
+Glueck: Du bist mein und ich bin dein! Vielleicht sind Sie ja schon auf
+dem Weg, und das letzte Kapitel unseres Romans wird ein froehlicher
+Festgesang.
+
+Inzwischen erhebe uns Gobinaus Wort, nach dem die Groesse der Seele darin
+besteht, dass sie nicht zerbricht.
+
+Und so tapfer durch den Tag bis ans Ende. Jede Schuld vergroessere und
+staerke unsere Sehnsucht nach Licht und Guete. Jede Niederlage werde uns
+eine Stufe zum Sieg.
+
+Ihr Gerd Gerdsen.
+
+
+
+
+28.
+
+
+"Ueberwinden."
+
+Randers laechelte muede.
+
+Wenn man seine Kunst hat, wie Gerdsen, Frau und Kinder hat.
+
+Und doch, du hast recht, alter Freund. Ueberwinden.
+
+Er schrieb einen Brief an Gerdsen und zerriss ihn wieder.
+
+Auf der Fensterbank lag der Revolver. Er nahm ihn, fast mechanisch. Er
+presste den kalten Stahl ein paarmal gegen die Stirne. Das tat ihm wohl.
+
+Dann ging er hinauf, die Waffe in der Hand, und stand unschluessig vor
+Helgas Zimmer, die Hand auf dem Tuergriff.
+
+"Leer," sagte er leise, "alles leer.--Nein, ich will nicht--das
+nicht.--"
+
+Er ging wieder hinunter, lief ins Watt hinaus, kehrte um und ging in die
+Duenen.
+
+Es war kalt und feucht. Der Nebel stieg aus der See und kroch an den
+Strand, stieg aus den feuchten Duenentaelern, wallte wie ein leichter
+Rauch ueber die dunkle Heide, verschleierte die kleinen Lachen und
+Tuempel.
+
+Randers achtete nicht darauf. Ihn froestelte, ein Fieberschauer
+schuettelte ihn. Aber er ging weiter.
+
+Wohin?
+
+Der Nebel wuchs. Von oben fiel ein bleiches Licht in diesen weisslichen,
+wehenden Dunst, in dem Randers ziellos umherirrte. Sein Schatten
+begleitete ihn, ein Gespenst, wuchs ploetzlich wie aus der Erde neben ihm
+auf, dehnte sich auf einer Nebelwand zu grotesker Grosse hinauf, fuhr
+ploetzlich zusammen, als erschrecke er vor etwas und wollte sich in sich
+selbst verkriechen.
+
+"Schatten! Gespenster!"
+
+Randers sagte es ganz laut.
+
+"Das bist du. Dein eigentliches Ich, das dich hoehnt. Ein Nichts. Ein
+Spuk. Ein Nebel."
+
+Was war das?
+
+Gesang?
+
+Deutlich hoerte er es. Tiefe, orgelartige Toene.
+
+Die Brandung. Der Wind.
+
+Es wuchs.
+
+Das waren nicht Wind und Wellen.
+
+Er steckte sich die Finger in beide Ohren.
+
+Es sang, sauste und brauste.
+
+"Du bist krank."
+
+Er sagte es laut, ruhig.
+
+Das Wort befreite ihn.
+
+Krank!
+
+Er lachte, lachte laut und hart auf.
+
+"Krank! Warst du je gesund?"
+
+Und dann fiel er, schlug lang hin, war ueber irgend etwas gestolpert.
+
+Wie nass die Heide war. Es quatschte und quirlte ordentlich, als er
+aufschlug. Er legte die nasse Hand auf die Stirn. Wie kuehl. Wie koestlich
+kuehl.
+
+Helgas Hand.
+
+Ihr Kuss.
+
+Wie kalt ihre Hand war; eiskalt.
+
+"Was quaelen Sie mich so."
+
+Das hatte auch Fides gesagt. Seltsam. Nein, nicht seltsam. Er war eine
+Qual fuer andere.
+
+Ach, er war ein elender Mensch, ein armer, elender Mensch. Quaelend und
+gequaelt.
+
+Er erhob sich, taumelte weiter und waere beinahe wieder hingestolpert.
+
+Der Nebel war so dicht, ganz dicht, ganz verfilzt.
+
+Randers stand still. Er wusste nicht mehr wohin. Er getraute sich nicht
+weiter zu gehen. Es waren hier sumpfige Stellen, tiefere Tuempel, in
+denen er schon ersticken konnte, wenn er so hineinschlug, mit dem
+Gesicht, wie vorhin ins Kraut. So mit dem Gesicht in das schmutzige,
+schlammige Wasser.
+
+Dann wuerde er ersticken.
+
+Elendig zu Grunde gehen.
+
+Er erinnerte sich mit einmal eines Tuempels hier in den Duenen, worauf er
+eine kranke Wildente schwimmen gefunden hatte. Er scheuchte sie damals
+mit dem Stock, aber sie hielt sich aengstlich in der Mitte des Tuempels,
+er konnte sie nicht erreichen.
+
+Zu Hause der Ententeich, im Heimatsdorf. Der grosse graue Erpel, den er
+als Kind immer so geneckt hatte. Er hatte immer gerne die Tiere geneckt.
+Vor allem die Hunde.
+
+Inge Joenksen, wie kam er ploetzlich auf Inge Joenksen?
+
+Er sah sie die Waesche aufhaengen, in dem kleinen Garten hinter dem Haus.
+Und die Pappel. Die hohe Pappel, von der aus er so lustige Rundschau
+hielt.
+
+Und jetzt ward alles lebendig, jagte alles in rasendem Tanz an ihm
+vorueber. Eine wilde Jagd von Bildern und Erinnerungen.
+
+Sein ganzes, verpfuschtes Leben.
+
+Fides, seine Flucht aus Rixdorf.
+
+Warum quaelen Sie mich so.--
+
+Sie, sie haette ihn gerettet.
+
+Verworfen, gerichtet. Wie du mir, so ich dir.
+
+Stark sein, Mann sein, in Schoenheit leben.
+
+Zu leicht befunden. Nicht einmal in Schoenheit sterben. Nein, erbaermlich,
+jaemmerlich davonlaufen.
+
+Fides!
+
+Er sah sie vor sich, deutlich, wie sie schluchzend ueber dem kleinen
+Tisch des Pavillons lag.
+
+Und er fiel nieder, kniete in das nasse Heidekraut, lag zu ihren Fuessen,
+umklammerte ihre Kniee, fasste ihre Haende, ihre beiden Haende.
+
+Wie kalt sie waren.
+
+Eiskalt.
+
+ * * * * *
+
+Randers lag mit dem Gesicht in dem nassen Duenenkraut. Aus der rechten
+Schlaefe sickerte Blut.
+
+Der Nebel, von dem Schuss in Bewegung gesetzt, legte sich wieder ueber
+ihn. Ein gespenstisches Leben war in diesen Dunstmassen.
+
+Weisse Arme streckten sich langsam aus, tasteten an den Duenen hinauf
+und zogen sich langsam wieder zurueck. Lange, feuchte Haare flatterten.
+Todblasse Gesichter oeffneten grosse traurige Augen, erzitterten,
+verzerrten sich zu Fratzen und zerrannen in Nichts.
+
+Aber ueber dem Nebel war der Himmel klar, und Stern stand an Stern.
+
+Ende.
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER MANN IM NEBEL***
+
+
+******* This file should be named 11075.txt or 11075.zip *******
+
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+https://www.gutenberg.org/1/1/0/7/11075
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+https://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's
+eBook number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+compressed (zipped), HTML and others.
+
+Corrected EDITIONS of our eBooks replace the old file and take over
+the old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+VERSIONS based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+EBooks posted prior to November 2003, with eBook numbers BELOW #10000,
+are filed in directories based on their release date. If you want to
+download any of these eBooks directly, rather than using the regular
+search system you may utilize the following addresses and just
+download by the etext year.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext06
+
+ (Or /etext 05, 04, 03, 02, 01, 00, 99,
+ 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90)
+
+EBooks posted since November 2003, with etext numbers OVER #10000, are
+filed in a different way. The year of a release date is no longer part
+of the directory path. The path is based on the etext number (which is
+identical to the filename). The path to the file is made up of single
+digits corresponding to all but the last digit in the filename. For
+example an eBook of filename 10234 would be found at:
+
+https://www.gutenberg.org/1/0/2/3/10234
+
+or filename 24689 would be found at:
+https://www.gutenberg.org/2/4/6/8/24689
+
+An alternative method of locating eBooks:
+https://www.gutenberg.org/GUTINDEX.ALL
+
+*** END: FULL LICENSE ***