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committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 04:34:18 -0700
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@@ -0,0 +1,960 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10353 ***
+
+Thanks to Andrew Sly.
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+"Satyros oder Der vergötterte Waldteufel" by Johann Wolfgang Goethe
+[in German]
+
+This text was originally produced in HTML for Projekt-Gutenberg-DE by
+belmekhira@hotmail.com from pages 188 to 202 of "Goethes Werke,
+Hamburger Ausgabe, Band 4 Dramen II", the fourth volume of an edition
+of Goethe's works published in 1982 by "C.H. Beck'sche
+Verlagshandlung, München", ISBN 3-406-08484-2.
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+Johann Wolfgang Goethe
+
+Satyros
+oder
+Der vergötterte Waldteufel
+
+Drama
+
+
+
+Erster Akt
+
+Einsiedler.
+Ihr denkt, ihr Herrn, ich bin allein,
+Weil ich nicht mag in Städten sein.
+Ihr irrt euch, liebe Herren mein!
+Ich hab' mich nicht hierher begeben,
+Weil sie in Städten so ruchlos leben
+Und alle wandeln nach ihrem Trieb,
+Der Schmeichler, Heuchler und der Dieb:
+Das hätt mich immerfort ergetzt,
+Wollten sie nur nicht sein hochgeschätzt,
+Bestehlen und bescheißen mich, wie die Raben,
+Und noch dazu Reverenzen haben!
+Ihrer langweiligen Narrheit satt,
+Bin herausgezogen in Gottes Stadt,
+Wo's freilich auch geht drüber und drunter
+Und geht demohngeacht nicht unter.
+Ich sah im Frühling ohne Zahl
+Blüten und Knospen durch Berg und Tal,
+Wie alles drängt und alles treibt,
+Kein Pläcklein ohne Keimlein bleibt.
+Da denkt nun gleich der steif Philister:
+Das ist für mich und meine Geschwister.
+Unser Herrgott ist so gnädig heuer;
+Hätt ich's doch schon in Fach und Scheuer!
+Unser Herrgott spricht: Aber mir nit so;
+Es sollen's ander auch werden froh.
+Da lockt uns denn der Sonnenschein
+Störch und Schwalb aus der Fremd herein,
+Den Schmetterling aus seinem Haus,
+Die Fliegen aus den Ritzen 'raus,
+Und brütet das Raupenvölklein aus.
+Das quillt all von Erzeugungskraft,
+Wie sich's hat aus dem Schlaf gerafft;
+Vögel und Frösch und Tier' und Mücken
+Begehn sich zu allen Augenblicken,
+Hinten und vorn, auf Bauch und Rücken,
+Daß man auf jeder Blüt und Blatt
+Ein Eh- und Wochenbettlein hat.
+Und sing ich denn im Herzen mein
+Lob Gott mit allen Würmelein.
+Das Volk will dann zu essen haben,
+Verzehren bescherte Gottesgaben.
+So frißt's Würmlein frisch Keimlein-Blatt,
+Das Würmlein macht das Lerchlein satt,
+Und weil ich auch bin zu essen hier,
+Mir das Lerchlein zu Gemüte führ.
+Ich bin denn auch ein häuslich Mann,
+Hab Haus und Stall und Garten dran.
+Mein Gärtlein, Früchtlein ich beschütz
+Vor Kält und Raupen und dürrer Hitz.
+Kommt aber herein der Kieselschlag
+Und furaschiert mir an einem Tag,
+So ärgert mich der Streich fürwahr;
+Doch leb ich noch am End vom Jahr,
+Wo mancher Werwolf ist schon tot
+Aus Ängsten vor der Hungersnot.
+
+[Man hört von ferne heulen:
+U! U! Au! Au! Weh! Weh! Ai! Ai!]
+
+Einsiedler.
+Welch ein erbärmlich Wehgeschrei!
+Muß eine verwundte Besti' sein.
+
+Satyros.
+O weh, mein Rücken! o weh, mein Bein!
+
+Einsiedler.
+Gut Freund, was ist Euch Leids geschehn?
+
+Satyros.
+Dumme Frag! Ihr könnt's ja sehn.
+Ich bin gestürzt - entzwei mein Bein!
+
+Einsiedler.
+Hockt auf! Hier in die Hütten 'rein.
+[Einsiedler hockt ihn auf, trägt ihn in die Hütte und legt ihn aufs
+Bett.]
+
+Einsiedler.
+Halt still, daß ich die Wund beseh!
+
+Satyros.
+Ihr seid ein Flegel! Ihr tut mir weh.
+
+Einsiedler.
+Ihr seid ein Fratz! so halt denn still!
+Wie Teufel ich Euch da schindeln will?
+[Verbindet ihn.]
+So bleibt nur wenigstens in Ruh!
+
+Satyros.
+Schafft mir Wein und Obst dazu.
+
+Einsiedler.
+Milch und Brot, sonst nichts auf der Welt.
+
+Satyros.
+Eure Wirtschaft ist schlecht bestellt.
+
+Einsiedler.
+Des vornehm Gasts mich nicht versah.
+Da kostet von dem Topfe da!
+
+Satyros.
+Pfui! was ist das ein ä Geschmack
+Und magrer als ein Bettelsack.
+Da droben im G'birg die wilden Ziegen,
+Wenn ich eine bei'n Hörnern tu kriegen,
+Faß mit dem Maul ihre vollen Zitzen,
+Tu mir mit Macht die Gurgel bespritzen,
+Das ist, bei Gott! ein ander Wesen.
+
+Einsiedler.
+Drum eilt Euch, wieder zu genesen.
+
+Satyros.
+Was blast Ihr da so in die Hand?
+
+Einsiedler.
+Seid Ihr nicht mit der Kunst bekannt?
+Ich hauch die Fingerspitzen warm.
+
+Satyros.
+Ihr seid doch auch verteufelt arm.
+
+Einsiedler.
+Nein, Herr! ich bin gewaltig reich:
+Meinem eignen Mangel helf ich gleich.
+Wollt Ihr von Supp und Kraut nicht was?
+
+Satyros.
+Das warm Geschlapp, was soll mir das?
+
+Einsiedler.
+So legt Euch denn einmal zur Ruh,
+Bringt ein paar Stund mit Schlafen zu.
+Will sehen, ob ich nicht etwan
+Für Euren Gaum was finden kann.
+
+Ende des ersten Akts.
+
+
+
+Zweiter Akt
+
+Satyros [erwachend].
+Das ist ein Hunde-Lagerstätt'!
+Ein's Missetäters Folterbett!
+Aufliegen hab' ich tan mein'n Rücken,
+Und die Unzahl verfluchte Mücken!
+Bin kommen in ein garstig Loch.
+In meiner Höhl, da lebt man doch;
+Hat Wein im wohlgeschnitzten Krug
+Und fette Milch und Käs' genug. -
+Kann doch wohl wieder den Fuß betreten? -
+Da ist dem Kerl sein Platz, zu beten.
+Es tut mir in den Augen weh,
+Wenn ich dem Narren seinen Herrgott seh'.
+Wollt' lieber eine Zwiebel anbeten,
+Bis mir die Trän in die Augen träten,
+Als öffnen meines Herzens Schrein
+Einem Schnitzbildlein, Querhölzelein.
+Mir geht in der Welt nichts über mich:
+Denn Gott ist Gott, und ich bin ich.
+Ich denk, ich schleiche so hinaus;
+Der Teufel hol den Herrn vom Haus!
+Könnt' ich nicht etwa brauchen was?
+Das Leinwand nu wär' so ein Spaß.
+Die Maidels laufen so vor mir;
+Ich denk, ich bind's so etwa für.
+Seinen Herrgott will ich runter reißen
+Und draußen in den Gießbach schmeißen.
+
+Ende des zweiten Akts.
+
+
+
+Dritter Akt
+
+Satyros.
+Ich bin doch müd; 's ist höllisch schwül.
+Der Brunn, der ist so schattenkühl.
+Hier hat mir einen Königsthron
+Der Rasen ja bereitet schon;
+Und die Lüftelein laden mich all
+Wie lose Buhlen ohne Zahl.
+Natur ist rings so liebebang;
+Ich will dich letzen mit Flöt und Sang.
+
+[Zwei Mägdlein mit Wasserkrügen.]
+
+Arsinoe.
+Hör, wie's daher so lieblich schallt!
+Es kömmt vom Brunn oder aus 'm Wald.
+
+Psyche.
+Es ist kein Knab von unsrer Flur;
+So singen Himmelsgötter nur.
+Komm, laß uns lauschen!
+
+Arsinoe.
+ Mir ist bang.
+
+Psyche.
+Mein Herz, ach! lechzt nach dem Gesang.
+
+Satyros [singt].
+Dein Leben, Herz, für wen erglüht's?
+Dein Adlerauge, was ersieht's?
+Dir huldigt ringsum die Natur,
+'s ist alles dein;
+Und bist allein,
+Bist elend nur!
+
+Arsinoe.
+Der singt wahrhaftig gar zu schön!
+
+Psyche.
+Mir will das Herz in meiner Brust vergehn.
+
+Satyros [singt].
+Hast Melodie vom Himmel geführt
+Und Fels und Wald und Fluß gerührt;
+Und wonnlicher war dein Lied der Flur
+Als Sonneschein;
+Und bist allein,
+Bist elend nur!
+
+Psyche.
+Welch göttlich hohes Angesicht!
+
+Arsinoe.
+Siehst denn seine langen Ohren nicht?
+
+Psyche.
+Wie glühend stark umher er schaut!
+
+Arsinoe.
+Möcht drum nicht sein des Wunders Braut.
+
+Satyros.
+O Mädchen hold, der Erde Zier!
+Ich bitt euch, fliehet nicht vor mir.
+
+Psyche.
+Wie kommst du an den Brunnen hier?
+
+Satyros.
+Woher ich komm, kann ich nicht sagen,
+Wohin ich geh, müßt ihr nicht fragen.
+Gebenedeit sind mir die Stunden,
+Da ich dich, liebes Paar! gefunden.
+
+Psyche.
+O lieber Fremdling! sag uns recht,
+Welch ist dein Nam und dein Geschlecht?
+
+Satyros.
+Meine Mutter hab ich nie gekannt,
+Hat niemand mir mein'n Vater genannt.
+Im fernen Land hoch Berg und Wald
+Ist mein beliebter Aufenthalt.
+Hab weit und breit meinen Weg genommen.
+
+Psyche.
+Sollt er wohl gar vom Himmel kommen?
+
+Arsinoe.
+Von was, o Fremdling, lebst du dann?
+
+Satyros.
+Vom Leben, wie ein andrer Mann.
+Mein ist die ganze weite Welt,
+Ich wohne, wo mir's wohlgefällt.
+Ich herrsch übers Wild und Vögelheer,
+Frücht auf der Erden und Fisch im Meer.
+Auch ist auf'm ganzen Erdenstrich
+Kein Mensch so weis und klug als ich.
+Ich kenn die Kräuter ohne Zahl,
+Der Sterne Namen allzumal,
+Und mein Gesang, der dringt ins Blut
+Wie Weines Geist und Sonnen Glut.
+
+Psyche.
+Ach Gott! ich weiß, wie's einem tut.
+
+Arsinoe.
+Hör, das wär meines Vaters Mann.
+
+Psyche.
+Ja freilich!
+
+Satyros.
+ Wer ist dein Vater dann?
+
+Arsinoe.
+Er ist der Priester und Ältest im Land,
+Hat viele Bücher und viel Verstand,
+Versteht sich auch auf Kräuter und Sternen;
+Ihr müßt ihn wahrhaftig kennen lernen.
+
+Psyche.
+So lauf und bring ihn schwind herbei!
+
+[Arsinoe ab.]
+
+Satyros.
+So sind wir denn allein und frei.
+O Engelskind! Dein himmlisch Bild
+Hat meine Seel mit Wonn erfüllt.
+
+Psyche.
+O Gott! seitdem ich dich gesehn,
+Kann kaum auf meinen Füßen stehn.
+
+Satyros.
+Von dir glänzt Tugend-Wahrheits-Licht
+Wie aus eines Engels Angesicht.
+
+Psyche.
+Ich bin ein armes Mägdelein,
+Dem du, Herr! wollest gnädig sein.
+
+[Er umfaßt sie.]
+
+Satyros.
+Hab alles Glück der Welt im Arm
+So Liebe-Himmels-Wonne warm!
+
+Psyche.
+Dies Herz mir schon viel Weh bereit't,
+Nun aber stirbt's in Seligkeit.
+
+Satyros.
+Du hast nie gewußt, wo mit hin?
+
+Psyche.
+Nie, - als seitdem ich bei dir bin.
+
+Satyros.
+Es war so ahnungsvoll und schwer,
+Dann wieder ängstlich arm und leer;
+Es trieb dich oft in Wald hinaus,
+Dort Bangigkeit zu atmen aus;
+Und wollustvolle Tränen flossen,
+Und heilge Schmerzen sich ergossen,
+Und um dich Himmel und Erd verging?
+
+Psyche.
+O Herr! Du weißest alle Ding.
+Und aller Seligkeit Wahntraumbild
+Fühl ich erbebend voll erfüllt.
+
+[Er küßt sie mächtig.]
+
+Psyche.
+Laß ab! - mich schaudert's - Wonn und Weh -
+O Gott im Himmel! ich vergeh -
+
+[Hermes und Arsinoe kommen.]
+
+Hermes.
+Willkommen, Fremdling, in unserm Land!
+
+Satyros.
+Ihr tragt ein verflucht weites Gewand.
+
+Hermes.
+Das ist nun so die Landesart.
+
+Satyros.
+Und einen lächerlich krausen Bart.
+
+Arsinoe [leise zu Psyche].
+Dem Fratzen da ist gar nichts recht.
+
+Psyche.
+O Kind! er ist von einem Göttergeschlecht.
+
+Hermes.
+Ihr scheint mir auch so wunderbar.
+
+Satyros.
+Siehst an mein ungekämmtes Haar,
+Meine nackte Schultern, Brust und Lenden,
+Meine lange Nägel an den Händen;
+Da ekelt dir's vielleicht dafür?
+
+Hermes.
+Mir nicht!
+
+Psyche.
+ Mir auch nicht.
+
+Arsinoe [für sich].
+ Aber mir!
+
+Satyros.
+Ich wollt sonst schnell von hinnen eilen
+Und in dem Wald mit den Wölfen heulen,
+Wenn ihr euer unselig Geschick
+Wolltet wähnen für Gut und Glück,
+Eure Kleider, die euch beschimpfen,
+Mir als Vorzug entgegenrümpfen.
+
+Hermes.
+Herr! es ist eine Notwendigkeit.
+
+Psyche.
+O, wie beschwert mich schon mein Kleid!
+
+Satyros.
+Was Not! Gewohnheitsposse nur,
+Fernt euch von Wahrheit und Natur,
+Drin doch alleine Seligkeit
+Besteht, und Lebens-Liebens-Freud;
+Seid all zur Sklaverei verdammt,
+Nichts Ganzes habt ihr allzusamt!
+
+[Es drängt sich allerlei Volks zusammen.]
+
+Einer aus dem Volk.
+Wer mag der mächtig Redner sein?
+
+Ein Anderer.
+Einem dringt das Wort durch Mark und Bein.
+
+Satyros.
+Habt eures Ursprungs vergessen,
+Euch zu Sklaven versessen,
+Euch in Häuser gemauert,
+Euch in Sitten vertrauert,
+Kennt die goldnen Zeiten
+Nur aus Märchen, von weiten.
+
+Das Volk.
+Weh uns! Weh!
+
+Satyros.
+Da eure Väter neugeboren
+Vom Boden aufsprangen,
+In Wonnetaumel verloren
+Willkommelied sangen,
+An mitgeborner Gattin Brust,
+Der rings aufkeimenden Natur,
+Ohne Neid gen Himmel blickten,
+Sich zu Göttern entzückten.
+Und ihr - wo ist sie hin, die Lust
+An sich selbst? Siechlinge, verbannet nur!
+
+Das Volk.
+Weh! Weh!
+
+Satyros.
+Selig, wer fühlen kann,
+Was sei :Gott sein! Mann!
+Seinem Busen vertraut,
+Entäußert bis auf die Haut
+Sich alles fremden Schmucks,
+Und nun ledig des Drucks
+Gehäufter Kleinigkeiten, frei
+Wie Wolken, fühlt was Leben sei!
+Stehn auf seinen Füßen,
+Der Erde genießen,
+Nicht kränklich erwählen,
+Mit Bereiten sich quälen;
+Der Baum wird zum Zelte,
+Zum Teppich das Gras,
+Und rohe Kastanien
+Ein herrlicher Fraß!
+
+Das Volk.
+Rohe Kastanien! O hätten wir's schon!
+
+Satyros.
+Was hält euch zurücke
+Vom himmlischen Glücke?
+Was hält euch davon?
+
+Das Volk.
+Rohe Kastanien! Jupiters Sohn!
+
+Satyros.
+Folgt mir, ihr Werten!
+Herren der Erden!
+Alle gesellt!
+
+Das Volk.
+Rohe Kastanien! Unser die Welt!
+
+Ende des dritten Aktes.
+
+
+
+Vierter Akt
+
+Im Wald
+
+[Satyros, Hermes, Psyche, Arsinoe, Das Volk sitzen in einem Kreise
+alle gekauert wie die Eichhörnchen, haben Kastanien in den Händen und
+nagen daran.]
+
+Hermes [für sich].
+Sackerment! ich habe schon
+Von der neuen Religion
+Eine verfluchte Indigestion!
+
+Satyros.
+Und bereitet zu dem tiefen Gang
+Aller Erkenntnis, horchet meinem Gesang!
+Vernehmet, wie im Unding
+Alles durcheinander ging;
+Im verschloßnen Haß die Elemente tosend,
+Und Kraft an Kräften widrig von sich stoßend,
+Ohne Feindsband, ohne Freundsband,
+Ohne Zerstören, ohne Vermehren.
+
+Das Volk.
+Lehr uns, wir hören!
+
+Satyros.
+Wie im Unding das Urding erquoll,
+Lichtsmacht durch die Nacht scholl,
+Durchdrang die Tiefen der Wesen all,
+Daß aufkeimte Begehrungsschwall
+Und die Elemente sich erschlossen,
+Mit Hunger ineinander ergossen,
+Alldurchdringend, alldurchdrungen.
+
+Hermes.
+Des Mannes Geist ist von Göttern entsprungen.
+
+Satyros.
+Wie sich Haß und Lieb gebar
+Und das All nun ein Ganzes war,
+Und das Ganze klang
+In lebend wirkendem Ebengesang,
+Sich täte Kraft in Kraft verzehren,
+Sich täte Kraft in Kraft vermehren,
+Und auf und ab sich rollend ging
+Das all und ein und ewig Ding,
+Immer verändert, immer beständig!
+
+Das Volk.
+Es ist ein Gott!
+
+Hermes.
+Wie wird die Seele lebendig
+Vom Feuer seiner Rede!
+
+Das Volk.
+Gott! Gott!
+
+Psyche.
+Heiliger Prophete!
+Gottheit! an deinen Worten, an deinen Blicken
+Ich sterbe für Entzücken!
+
+Das Volk.
+Sinkt nieder!
+Betet an!
+
+Einer.
+Sei uns gnädig!
+
+Ein Andrer.
+Wundertätig
+Und herrlich!
+
+Das Volk.
+Nimm dies Opfer an!
+
+Einer.
+Die Finsternis ist vergangen.
+
+Das Volk.
+Nimm dies Opfer an!
+
+Einer.
+Der Tag bricht herein.
+
+Das Volk.
+Wir sind dein!
+Gott, dein! ganz dein!
+
+[Der Einsiedler kommt durch den Wald gerade auf den Satyros zu.]
+
+Einsiedler.
+Ah, saubrer Gast! find' ich dich hier,
+Du ungezogen schändlich Tier!
+
+Satyros.
+Mit wem sprichst du?
+
+Einsiedler.
+ Mit dir!
+Wer hat bestohlen mich undankbar?
+Meines Gottes Bild geraubet gar?
+Du hinkender Teufel!
+
+Das Volk.
+ Höllenspott!
+Er lästert unsern herrlichen Gott!
+
+Einsiedler.
+Du wirst von keiner Schande rot.
+
+Das Volk.
+Der Lästrer hat verdient den Tod.
+Steinigt ihn!
+
+Satyros.
+ Haltet ein!
+Ich will nicht dabei zu gegen sein.
+
+Das Volk.
+Sein unrein Blut, du himmlisch Licht,
+Fließ fern von deinem Angesicht!
+
+Satyros.
+Ich gehe!
+
+Das Volk.
+ Doch verlaß uns nicht!
+
+[Satyros ab.]
+
+Einsiedler.
+Seid ihr toll?
+
+Hermes.
+ Unseliger, kein Wort!
+Bringt ihn an einen sichern Ort!
+Geht, verschließt ihn in meine Wohnung.
+
+[Sie führen den Einsiedler ab.]
+
+Das Volk.
+Sterben soll er!
+
+Hermes.
+Er verdient keine Schonung.
+Und zu versühnen den himmlischen Geist,
+Der uns sich so gnädig und liebreich erweist,
+Wollen wir ihm unsern Tempel weihn
+Und mit dem blutigen Opfer erfreun.
+
+Das Volk.
+Wohl! Wohl!
+
+Hermes.
+Zur Gottheit Füßen
+Den Frevel zu büßen.
+
+Das Volk.
+Das Verbrechen
+Zu rächen,
+Zu tilgen den Spott.
+
+Alle.
+Zernichtet die Lästrer,
+Verherrlichet Gott!
+
+Ende des vierten Akts.
+
+
+
+Fünfter Akt
+
+Wohnung des Hermes
+
+[Eudora, Hermes' Frau. Der Einsiedler.]
+
+Eudora.
+Nimm, guter Mann, dies Brot und Milch von mir,
+Es ist das Letzte.
+
+Einsiedler.
+ Weib! ich danke dir.
+Und weine nicht, laß mich in Ruhe scheiden;
+Dies Herz ist wohlgewöhnt, zu leiden,
+Allein zu leiden männiglich.
+Dein Mitleid überwältigt mich.
+
+Eudora.
+Ich bin betrübt, wie Blutdurst meinen Mann,
+Das ganze Volk der Schwindel fassen kann!
+
+Einsiedler.
+Sie glauben. Laß sie! Du wirst nichts gewinnen.
+Das Schicksal spielt
+Mit unserm armen Kopf und Sinnen.
+
+Eudora.
+Dich um des Tiers willen töten!
+
+Einsiedler.
+Tiers! Wer sein Herz bedürftig fühlt,
+Findt überall einen Propheten.
+Ich bin der erste Märtyrer nicht,
+Aber gewiß der harmlosen einer;
+Um keiner Meinungen, keiner
+Willkürlichen Grillen,
+Um eines armen Lappens willen,
+Eines Lappens, bei Gott! den ich brauchte.
+Mein Andachtsbild, den Schutzgott meiner Ruh,
+Raubt mir das Ungeheuer dazu.
+
+Eudora.
+O Freund! ich kenn sein Götterblut wie du.
+Mein Mann ward Knecht in seiner eignen Wohnung,
+Und Ihre borstge Majestät sah zur Belohnung
+Mich Hausfrau für einen arkadischen Schwan,
+Mein Ehbett für einen Rasen an,
+Sich drauf zu tummeln.
+
+Einsiedler.
+ Ich erkenn ihn dran.
+
+Eudora.
+Ich schickt ihn mit Verachtung weg. Er hing
+Sich fester an Psyche, das arme Ding,
+Um mich zu trotzen! Und seit der Zeit
+Sterb ich oder seh dich befreit.
+
+Einsiedler.
+Sie bereiten das Opfer heut.
+
+Eudora.
+Die Gefahr lehrt uns bereit sein.
+Ich geb nichts verloren;
+Mit einem Blicke lenk ich ein
+Bei dem kühnen eingebild'ten Toren.
+
+Einsiedler.
+Und dann?
+
+Eudora.
+Wann sie dich zum Opfer führen,
+Lock ich ihn an, sich zu verlieren
+In die innern heiligen Hallen,
+Aus Großmut-Sanftmut-Schein.
+Da dring auf das Volk ein,
+Uns zu überfallen.
+
+Einsiedler.
+Ich fürchte -
+
+Eudora.
+ Fürchte nicht!
+Einer, der um sein Leben spricht,
+Hat Gewalt. Ich wage, und du sollst reden.
+[Ab.]
+
+Einsiedler.
+Geht's nicht, so mögen sie mich töten.
+
+
+
+Der Tempel
+
+[Satyros sitzt ernst wild auf dem Altar. Das Volk vor ihm auf Knieen.
+Psyche an ihrer Spitze.]
+
+Das Volk. Chorus.
+Geist des Himmels, Sohn der Götter,
+Zürne nicht!
+Frevlern deiner Stirne Wetter,
+Uns ein gnädig Angesicht!
+Hat der Lästrer das verbrochen,
+Sieh herab, du wirst gerochen!
+Schröcklich nahet sein Gericht.
+
+[Hermes. Ihm folgt ein Trupp, den Einsiedler gebunden führend.]
+
+Das Volk.
+Höll und Tod dem Übertreter!
+Geist des Himmels, Sohn der Götter,
+Zürne deinen Kindern nicht!
+
+Satyros [herabsteigend].
+Ich hab ihm seine Missetat verziehn!
+Der Gerechtigkeit überlaß ich ihn.
+Mögt den Toren schlachten, befrein,
+Ich will nicht dawider sein.
+
+Das Volk.
+O Edelmut!
+Es fließe sein Blut!
+
+Satyros.
+Ich geh' ins Heiligtum hinein;
+Und keiner soll sich unterstehn,
+Bei Lebensstraf', mir nachzugehn!
+
+Einsiedler [für sich].
+Weh mir! Ihr Götter, wollet bei mir stehn!
+
+[Satyros ab.]
+
+Einsiedler.
+Mein Leben ist in euren Händen,
+Ich bin nicht unbereitet, es zu enden.
+Ich habe schon seit manchen langen Tagen
+Nicht genossen, nur das Leben so ausgetragen.
+Es mag! Mich hält der tränenvolle Blick
+Des Freundes, eines lieben Weibes Not
+Und unversorgter Kinder Elend nicht zurück.
+Mein Haus versinkt nach meinem Tod,
+Das dem Bedürfnis meines Lebens
+Allein gebaut war. Doch das schmerzt mich nur,
+Daß ich die tiefe Kenntnis der Natur
+Mit Müh geforscht und, leider! nun vergebens;
+Daß hohe Menschenwissenschaft,
+Manche geheimnisvolle Kraft,
+Mit diesem Geist der Erd entschwinden soll.
+
+Einer des Volks.
+Ich kenn ihn; er ist der Künste voll.
+
+Ein Andrer.
+Was Künste! Unser Gott weiß das all.
+
+Ein Dritter.
+Ob er sie sagt, das ist ein andrer Fall.
+
+Einsiedler.
+Ihr seid über hundert. Wenn's zwei-, dreihundert wären,
+Ich wollte jeden sein eigen Kunststück lehren,
+Einen jeden eins,
+Denn was alle wissen, ist keins.
+
+Das Volk.
+Er will uns beschwätzen. Fort! Fort!
+
+Einsiedler.
+Noch ein Wort!
+So erlaube, daß ich dir
+Ein Geheimnis eröffne, das für und für
+Dich glücklich machen soll.
+
+Hermes.
+Und wie soll's heißen?
+
+Einsiedler [leise].
+Nichts weniger als den Stein der Weisen.
+Komm von der Menge
+Nur einen Schritt in diese Gänge.
+
+[Sie wollen gehn.]
+
+Das Volk.
+Verwegner, keinen Schritt!
+
+Psyche.
+Ins Heiligtum! Und, Hermes, du gehst mit?
+Vergissest des Gottes Gebot?
+
+Das Volk.
+Auf! Auf! Des Frevlers Blut und Tod!
+
+[Sie reißen den Einsiedler zum Altare. Einer dringt dem Hermes das
+Messer auf.]
+
+Eudora [inwendig].
+Hülfe! Hülfe!
+
+Das Volk.
+Welche Stimme?
+
+Hermes.
+Das ist mein Weib!
+
+Einsiedler.
+Gebietet eurem Grimme
+Einen Augenblick!
+
+Eudora [inwendig].
+Hülfe, Hermes! Hülfe!
+
+Hermes.
+Mein Weib! Götter, mein Weib!
+
+[Er stößt die Türen des Heiligtums auf. Man sieht Eudora sich gegen des
+Satyros Umarmungen verteidigend.]
+
+Hermes.
+Es ist nicht möglich!
+
+[Satyros läßt Eudoren los.]
+
+Eudora.
+Da seht ihr euren Gott!
+
+Das Volk.
+Ein Tier! Ein Tier!
+
+Satyros.
+Von euch Schurken keinen Spott!
+Ich tät euch Eseln eine Ehr' an,
+Wie mein Vater Jupiter vor mir getan;
+Wollt' eure dumme Köpf' belehren
+Und euren Weibern die Mücken wehren,
+Die ihr nicht gedenkt ihnen zu vertreiben;
+So mögt ihr denn im Dreck bekleiben.
+Ich zieh meine Hand von euch ab,
+Lasse zu edleren Sterblichen mich herab.
+
+Hermes.
+Geh! wir begehren deiner nit.
+
+[Satyros ab.]
+
+Einsiedler.
+Es geht doch wohl eine Jungfrau mit.
+
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+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Satyros oder Der vergoetterte
+Waldteufel, by J.W. Goethe
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 10353 ***