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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:33:46 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Man Kann Nie Wissen, by George Bernard Shaw
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+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
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+Title: Man Kann Nie Wissen
+
+Author: George Bernard Shaw
+
+Release Date: February, 2006 [EBook #9810]
+[This file was first posted on October 19, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MAN KANN NIE WISSEN ***
+
+
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+
+E-text prepared by Michalina Makowska
+
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+
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+
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 7-bit version.
+
+
+
+
+Man Kann Nie Wissen
+
+(Komoedie in vier Akten)
+
+George Bernard Shaw
+
+Uebersetzung von Siegfried Trabisch
+
+
+
+
+Die erste deutsche Ausgabe dieser Komoedie fuehrte den Titel "Der
+verlorene Vater".--Die Hauptperson heisst im Original nicht Fergu
+McNaughtan, sondern Fergus Crampton. Shaw, der Hauptmann sehr verehrt,
+wollte die festumrissene Vorstellung, die wir mit dem Namen Crampton
+verbinden, nicht stoeren und aenderte ihn in McNaughtan um, womit
+zugleich die Uebertragung eines Wortwitzes moeglich wurde, der im
+Original eine Rolle spielt.
+
+Anmerkung des Uebersetzers.
+
+
+
+
+PERSONEN
+
+Frau Clandon
+Gloria }
+Dolly } ihre Kinder
+Philip }
+Dr. Valentine, Zahnarzt
+Fergus McNaughtan
+McComas, Rechtsanwalt
+Justizrat Bohun
+Ein Kellner
+Ein Stubenmaedchen
+Ein Kellnerjunge
+Ein Koch
+
+Ort: Ein englisches Seebad.
+Zeit: 1896.
+
+
+
+ERSTER AKT
+
+(An einem schoenen Augustmorgen des Jahres 1896 im Operationszimmer
+eines Zahnarztes. Es ist nicht das uebliche winzige Londoner Loch,
+sondern das beste Zimmer einer moeblierten Wohnung an der
+Strandpromenade in einem vornehmen Seebad. Der Operationsstuhl mit
+Gasschlauch und Zylinder steht zwischen der Mitte des Zimmers und
+einer der Ecken. Wenn man durch das dem Stuhl gegenueberliegende
+Fenster in das Zimmer hineinsieht, erblickt man den Kamin in der Mitte
+der dem Beschauer gegenueberstehenden Wand. Links eine Tuer. Ueber
+dem Kaminsims befindet sich ein Diplom in einem Rahmen. Vor dem Kamin
+steht ein breiter schwarzlederner Sessel, rechts in der Ecke ein
+sauberer Schemel und eine Bank mit Schraubstock, Werkzeugen, einem
+Moerser und einem Stoessel darauf. In der Naehe dieser Bank befindet sich
+ein duennes peitschenartiges Geraet, das mit einem Staender, einem Pedal
+und einer uebertrieben grossen Kurbel versehen ist. Da man dieses
+Marterwerkzeug als Zahnbohrer erkennt, blickt man schaudernd nach
+links, wo man ein anderes Fenster, darunter einen Schreibtisch mit
+Loescher und Mappe sieht. Vor dem Schreibtisch ein Stuhl. In seiner
+Naehe, gegen die Tuere zu, ein lederueberzogenes Sofa. Die
+gegenueberliegende rechtsseitige Wand wird hauptsaechlich von einem
+langen Buechergestell eingenommen. Der Operationsstuhl steht dem
+Beschauer dicht gegenueber; in handlicher Naehe links davon befindet
+sich der Instrumentenschrank. Man bemerkt, dass die zahnaerztliche
+Einrichtung samt Apparaten neu ist. Die mit einem Muster von
+Girlanden und Urnen geschmueckten Tapeten im Geschmack eines
+Leichenbestatters, der Teppich mit seiner symmetrischen Zeichnung von
+reichen, kohlkopfartigen Blumenstraeussen, der glaeserne Gaskronleuchter
+mit Prismen, die ebenfalls prismengeschmueckten, vergoldeten, blauen
+Armleuchter in den Ecken des Kaminsimses und die Goldbronzeuhr unter
+einem Glassturz zwischen ihnen, deren Nutzlosigkeit durch eine billige
+amerikanische Uhr betont wird, die respektlos daneben gestellt ist und
+jetzt auf zwoelf Uhr mittags zeigt: alles das vereinigt sich mit dem
+schwarzen Marmor, der dem Kamin das Ansehen einer Familiengruft en
+miniature gibt, um Kaufmannsanstaendigkeit im Anfang der Regierung der
+Koenigin Viktoria, den Glauben ans Geld, Bibelfetischismus, Furcht vor
+der Hoelle, die immer im Kampf mit der Furcht vor der Armut liegt,
+instinktives Entsetzen vor dem leidenschaftlichen Charakter der Kunst,
+der Liebe und der roemisch-katholischen Kirche, und im allgemeinen die
+ersten Fruechte der Geldherrschaft in den Anfaengen der industriellen
+Revolution anzudeuten.)
+
+(Nicht das Leiseste von diesen Traditionen liegt ueber den zwei
+Personen, die jetzt gerade im Zimmer sind. Die eine davon, eine sehr
+huebsche, sehr kleine Dame, deren winzige Figur mit der elegantesten
+Lebhaftigkeit gekleidet ist, gehoert einer spaeteren Generation an: sie
+ist kaum achtzehn Jahre alt. Dieses liebe kleine Geschoepf gehoert
+offenbar weder zu dem Zimmer, noch auch zu dem Lande; denn seine
+Gesichtsfarbe, obgleich sehr zart, ist von einer heisseren Sonne als
+der Englands gebraeunt worden; aber trotzdem besteht fuer einen sehr
+feinen Beobachter ein Zusammenhang zwischen der jungen Dame und
+England. Sie haelt naemlich ein Wasserglas in der Hand, und auf ihrem
+winzigen, energisch geschnittenen Mund wie auf ihren eigentuemlich
+geschweiften Augenbrauen bemerkt man eine sich rasch verziehende Wolke
+spartanischer Hartnaeckigkeit. Wenn man die kleinste Gewissenslinie
+zwischen ihren Augenbrauen entdecken koennte, wuerde ein Pietist wohl
+die schwache Hoffnung hegen, in ihr ein Schaf im Wolfspelz zu
+finden--ihr Kleid ist naemlich verwuenscht huebsch--aber sowie die Wolke
+flieht, ist ihre Stirnlinie so vollkommen frei von jedem
+Suendenbewusstsein wie die eines Kaetzchens.)
+
+(Der Zahnarzt, der sie mit der Selbstzufriedenbeit des erfolgreichen
+Operateurs betrachtet, ist ein junger Mann von ungefaehr dreissig Jahren.
+Er macht nicht sehr den Eindruck eines Arbeitsmenschen: unter der
+geschaeftsmaessigen Art und Weise des neuetablierten Zahnarztes, der auf
+der Suche nach Patienten ist, bemerkt man die leichtsinnige
+Liebenswuerdigkeit des noch unverheirateten, auf der Suche nach
+lustigen Abenteuern befindlichen jungen Mannes von Welt. Er ist nicht
+ohne Ernst im Benehmen, aber seine straff gespannten Nasenfluegel
+stempeln diesen zum Ernste eines Humoristen. Seine Augen sind klar,
+flink, von skeptisch maessiger Groesse und doch ein wenig wagelustig;
+seine Stirn ist praechtig, hinter ihr ist viel Raum; seine Nase und
+sein Kinn sind kavaliermaessig huebsch. Im ganzen ein anziehender,
+beachtenswerter Anfaenger, dessen Aussichten ein Geschaeftsmann ziemlich
+guenstig einschaetzen wuerde.)
+
+
+(Die junge Dame ihm das Glas reichend:) Danke schoen. (Trotz ihrer
+mattgelben Hautfarbe spricht sie ohne den geringsten fremden Akzent.)
+
+(Der Zahnarzt setzt es auf den Rand des Instrumentenschrankes:) Das
+war mein erster Zahn!
+
+(Die junge Dame entsetzt:) Ihr erster?!... Wollen Sie damit sagen,
+dass Sie an mir angefangen haben, zu praktizieren?
+
+(Der Zahnarzt.) Jeder Zahnarzt muss einmal mit jemandem den Anfang
+machen.
+
+(Die junge Dame.) Jawohl, mit jemandem im Spital--aber nicht mit
+Leuten, die bezahlen.
+
+(Der Zahnarzt lachend:) Oh, das Spital zaehlt natuerlich nicht!... Ich
+meinte nur: mein erster Zahn in meiner Privatpraxis.--Warum wollten
+Sie kein Lachgas haben?
+
+(Die junge Dame.) Weil Sie mir sagten, dass das noch fuenf Schilling
+extra kostete.
+
+(Der Zahnarzt unangenehm beruehrt:) Oh, sagen Sie das nicht! Da hab'
+ich das Gefuehl, als haette ich Ihnen wegen der fuenf Schillinge weh
+getan.
+
+(Die junge Dame mit kuehler Dreistigkeit:) Nun, das haben Sie auch.
+(Sie steht auf:) Warum auch nicht?... Es ist Ihr Beruf, den Leuten
+weh zu tun. (Es macht ihm Spass, in dieser Weise behandelt zu werden,
+und er kichert heimlich, waehrend er fortfaehrt, seine Instrumente zu
+reinigen und wieder wegzulegen. Sie schuettelt ihr Kleid zurecht,
+blickt sich neugierig um und gebt an das Fenster.) Sie haben aber
+wirklich eine schoene Aussicht auf das Meer von diesen Zimmern aus!
+--Sind sie teuer?
+
+(Der Zahnarzt.) Ja.
+
+(Die junge Dame.) Ihnen gehoert aber nicht das ganze Haus?
+
+(Der Zahnarzt.) Nein.
+
+(Die junge Dame kippt den Stuhl, der vor dem Schreibtisch steht, um
+und betrachtet ihn kritisch, waehrend sie ihn auf einem Fuss
+herumwirbelt:) Ihre Einrichtung ist aber nicht die allermodernste;
+nicht wahr?
+
+(Der Zahnarzt.) Sie gehoert dem Hausherrn.
+
+(Die junge Dame.) Gehoert ihm dieser huebsche bequeme Rollstuhl auch?
+(Sie zeigt auf den Operationsstuhl.)
+
+(Der Zahnarzt.) Nein, den habe ich gemietet.
+
+(Die junge Dame geringschaetzig:) Das habe ich mir gedacht! (Sie
+blickt umher, um noch mehr Schluesse ziehen zu koennen:) Sie sind wohl
+noch nicht lange hier?
+
+(Der Zahnarzt.) Seit sechs Wochen.--Wuenschen Sie sonst noch etwas zu
+wissen?
+
+(Die junge Dame, an der die Anspielung verloren gebt:) Haben Sie
+Familie?
+
+(Der Zahnarzt.) Ich bin unverheiratet.
+
+(Die junge Dame.) Selbstverstaendlich. Das sieht man.--Ich meine
+Schwestern... eine Mutter... und sowas.
+
+(Der Zahnarzt.) Nicht hier am Ort.
+
+(Die junge Dame.) Hm... Wenn Sie sechs Wochen hier sind und mein Zahn
+der erste war, dann kann Ihre Praxis nicht sehr gross sein?
+
+(Der Zahnarzt.) Bis jetzt nicht. (Er schliesst den Schrank, nachdem er
+alles in Ordnung gebracht hat.)
+
+(Die junge Dame.) Nun denn, Glueck auf! (Sie nimmt ihre Boerse aus der
+Tasche:) Fuenf Schillinge macht es, sagten Sie, nicht wahr?
+
+(Der Zahnarzt.) Fuenf Schillinge.
+
+(Die junge Dame nimmt ein Fuenf-Schilling-Stueck heraus:) Rechnen Sie
+fuer jede Operation fuenf Schillinge?
+
+(Der Zahnarzt.) Ja.
+
+(Die junge Dame.) Warum?
+
+(Der Zahnarzt.) Das ist mein System. Ich bin eben, was man einen
+Fuenf-Schilling-Zahnarzt nennt.
+
+(Die junge Dame.) Wie nett!--Hier! (Sie haelt das Silberstueck in die
+Hoehe:) Ein huebsches neues Fuenf-Schilling-Stueck--Ihre erste Einnahme!
+Machen Sie mit dem Instrument, mit dem Sie den Leuten die Zaehne
+anbohren, da ein Loch hinein und tragen Sie's an Ihrer Uhrkette.
+
+(Der Zahnarzt.) Danke sehr.
+
+(Das Stubenmaedchen erscheint an der Tuer:) Der Bruder der jungen Dame.
+
+(Die huebsche Miniaturausgabe eines Mannes, augenscheinlich der
+Zwillingsbruder der jungen Dame, tritt lebhaft ein. Er traegt einen
+terrakottfarbenen Kaschmiranzug; der elegant geschnittene Rock ist mit
+brauner Seide gefuettert. In der Hand haelt er einen braunen Zylinder
+und dazu passende, loh*braune Handschuhe. Er hat die mattgelbe
+Gesichtsfarbe seiner Schwester und ist nach demselben kleinen Massstabe
+gebaut wie sie. Aber er ist elastisch, muskuloes und von
+entschlossenen Bewegungen und hat eine unerwartet tiefe und schneidige
+Sprechwiese. Er besitzt vollendete Manieren und einen vollendeten
+persoenlichen Stil, um den ihn ein doppelt so alter Mann beneiden
+koennte. Anmut und Selbstbeherrschung sind ihm Ehrensache, und
+obgleich dies, richtig betrachtet, nur die moderne Art knabenhafter
+Verlegenheit ist, so ist doch die Wirkung seines Wesens auf aeltere
+Leute verblueffend und waere bei einem weniger fuer sich einnehmenden
+jungen Menschen unertraeglich. Er ist die Schlagfertigkeit selbst und
+hat im Augenblick seines Eintretens eine Frage bereit:)
+
+(Der junge Mann.) Komme ich noch zu rechter Zeit?
+
+(Die junge Dame.) Nein, es ist schon alles vorueber.
+
+(Der junge Mann.) Hast du geheult?
+
+(Die junge Dame.) Oh, fuerchterlich! Herr Doktor Valentine--mein
+Bruder Phil. Phil: das ist Herr Dr. Valentine, unser neuer Zahnarzt.
+(Dr. Valentine und Philip verneigen sich voreinander. Sie faehrt in
+einem Atem fort:) Er ist erst seit sechs Wochen hier und ist
+Junggeselle. Das Haus gehoert ihm nicht, und die Einrichtung gehoert
+seinem Hausherrn, aber die noetigen Gegenstaende fuer seinen Beruf hat er
+gemietet. Er hat meinen Zahn wundervoll auf den ersten Ruck
+herausgekriegt. Und wir sind sehr gute Freunde.
+
+(Philip.) Du hast wohl eine Menge Fragen gestellt, was?
+
+(Die junge Dame als ob sie unfaehig waere, das zu tun:) O nein!
+
+(Philip.) Das freut mich. (Zu Dr. Valentine:) Sehr liebenswuerdig von
+Ihnen, nichts gegen uns zu haben, Herr Doktor. Wir sind naemlich noch
+nie in England gewesen, und unsere Mutter hat uns darauf vorbereitet,
+dass die Leute uns hier einfach nicht ertragen wuerden.--Kommen Sie,
+fruehstuecken Sie mit uns.
+
+(Dr. Valentine erschreckt ueber das Tempo, in dem ihre Bekanntschaft
+fortschreitet, ringt nach Atem, aber er hat keine Gelegenheit zu
+sprechen, da die Unterhaltung der Zwillinge reissend und andauernd ist.)
+
+(Die junge Dame.) O ja, sagen Sie zu, Herr Doktor!
+
+(Philip.) Im Marine-Hotel um halb zwei.
+
+(Die junge Dame.) Wir werden dann Mama erzaehlen koennen, dass ein
+achtbarer Englaender versprochen hat, mit uns zu fruehstuecken.
+
+(Philip.) Kein Wort mehr, Herr Doktor; Sie werden kommen!
+
+(Dr. Valentine.) Kein Wort mehr?... Ich habe ueberhaupt noch kein Wort
+gesagt... Darf ich fragen, mit wem ich eigentlich die Ehre habe?...
+Es ist mir wirklich ganz unmoeglich, mit zwei mir vollstaendig
+Unbekannten im Marine-Hotel zu fruehstuecken.
+
+(Die junge Dame vorlaut:) Ach, was fuer ein Unsinn!... Ein Patient in
+sechs Wochen! Kann Ihnen doch ganz einerlei sein?
+
+(Philip gesetzt:) Nein, Dolly: meine Menschenkenntnis bestaetigt Herrn
+Doktor Valentines Ansicht; er hat recht.--Erlauben Sie, dass ich Ihnen
+Fraeulein Dorothea Clandon, gewoehnlich Dolly genannt; vorstelle. (Dr.
+Valentine verneigt sich vor Dolly. Sie nickt ihm zu.) Ich bin Philip
+Clandon--wir sind aus Madeira--aber trotzdem bis jetzt ganz achtbare
+Leute.
+
+(Dr. Valentine.) Clandon?... Sind Sie verwandt mit--
+
+(Dolly mit einem unerwarteten Verzweiflungsschrei:) ja, wir sind's!
+
+(Dr. Valentine erstaunt:) Verzeihen Sie--
+
+(Dolly.) Ja, ja, wir sind es!... Alles ist zu Ende, Phil! Man weiss
+alles ueber uns in England! (Zu Dr. Valentine:) Oh, Sie koennen sich
+nicht vorstellen, wie entsetzlich es ist, mit einer beruehmten
+Persoenlichkeit verwandt zu sein und nirgends um seiner selbst willen
+geschaetzt zu werden.
+
+(Dr. Valentine.) Aber entschuldigen Sie: der Herr, an den ich dachte,
+ist durchaus nicht beruehmt.
+
+(Dolly ihn anstarrend:) Der Herr?...
+
+(Philip ist auch erstaunt.)
+
+(Dr. Valentine.) Ja. Ich wollte Sie fragen, ob Sie zufaellig die
+Tochter des Herrn Densmore Clandon aus Newbury Hall sind.
+
+(Dolly ausdruckslos:) Nein.
+
+(Philip.) Na, Dolly, woher weisst du das?
+
+(Dolly aufgeheitert:) Oh, ich vergass, natuerlich--vielleicht bin ich's!
+
+(Dr. Valentine.) Wissen Sie das nicht?
+
+(Philip.) Ganz und gar nicht.
+
+(Dolly.) Ein kluges Kind--
+
+(Philip sie kurz unterbrechend:) Sch! (Dr. Valentine faehrt bei diesem
+Laut aengstlich zusammen. Obwohl er kurz ist, klingt er doch so, als
+ob ein Stueck Seidenzeug durch einen Blitz entzweigeschnitten wuerde.
+Er ist das Resultat langer Uebung und soll Dollys Indiskretion
+verhindern.) Die Sache ist die, Herr Doktor: wir sind die Kinder der
+beruehmten Frau Lanfrey Clandon, einer Schriftstellerin von grossem
+Ruf--in Madeira. Kein Haushalt ist vollkommen ohne ihre Werke. Wir
+sind nach England gekommen, um diese Werke los zu werden. Sie heissen
+"Abhandlungen fuer das zwanzigste Jahrhundert".
+
+(Dolly.) Die Kueche des zwanzigsten Jahrhunderts!--
+
+(Philip.) Das Glaubensbekenntnis des zwanzigsten Jahrhunderts--
+
+(Dolly.) Die Kleidung des zwanzigsten Jahrhunderts--
+
+(Philip.) Das Betragen des zwanzigsten Jahrhunderts--
+
+(Dolly.) Die Kinder des zwanzigsten Jahrhunderts--
+
+(Philip.) Die Eltern des zwanzigsten Jahrhunderts--
+
+(Dolly.) Geheftet einen halben Dollar--
+
+(Philip.) Oder auf Leinwand aufgezogen, zum haeufigen Familiengebrauch,
+zwei Dollar. In keinem Hause sollten diese Werke fehlen.--Lesen Sie
+sie, Herr Doktor; sie werden Ihre Seele veredeln.
+
+(Dolly.) Aber nicht, solange wir hier sind, wenn ich bitten darf.
+
+(Philip.) Richtig! Wir ziehen Leute mit unveredelten Seelen vor.
+Unsere eigene Seele befindet sich naemlich in dieser frischen und
+unverdorbenen Verfassung.
+
+(Dr. Valentine zweifelhaft:) Hm!
+
+(Dolly ahmt ihn fragend nach:) Hm...?--Phil, er zieht Leute vor, deren
+Seelen veredelt sind.
+
+(Philip.) Wenn das der Fall ist, muessen wir ihn mit dem andern
+Familienglied bekannt machen, mit der "Frau des zwanzigsten
+Jahrhunderts", unserer Schwester Gloria!
+
+(Dolly dithyrambisch:) Dem Meisterwerk der Schoepfung!
+
+(Philip.) Der Tochter der Wissenschaft!
+
+(Dolly.) Dem Stolz Madeiras!
+
+(Philip.) Dem Inbegriff der Schoenheit!
+
+(Dolly wird ploetzlich prosaisch:) Unsinn, keinen Teint!
+
+(Dr. Valentine verzweifelt:) Darf ich endlich auch ein Wort sagen?
+
+(Philip hoeflich:) Entschuldigen Sie--bitte.
+
+(Dolly sehr liebenswuerdig:) Verzeihen Sie.
+
+(Dr. Valentine versucht, vaeterlich zu ihnen zu sein:) Ich muss euch
+jungen Leuten wirklich einen Wink geben.
+
+(Dolly bricht wieder aus:) Na, das ist wirklich gut! Wie alt sind Sie?
+
+(Philip.) Ueber dreissig.
+
+(Dolly.) Nein.
+
+(Philip zuversichtlich:) Doch!
+
+(Dolly emphatisch:) Siebenundzwanzig!
+
+(Philip unerschuetterlich:) Dreiunddreissig!
+
+(Dolly.) Unsinn!
+
+(Philip zu Dr. Valentine:) Ich wende mich an Sie, Herr Doktor!
+
+(Dr. Valentine sich verwahrend:) Nein wirklich--(Er ergibt sich:)
+Einunddreissig.
+
+(Philip zu Dolly:) Du hast also unrecht gehabt!
+
+(Dolly.) Du auch!
+
+(Philip ploetzlich gewissenhaft:) Wir vergessen unsere gute Erziehung,
+Dolly.
+
+(Dolly reuig:) Ja, das tun wir.
+
+(Philip sich entschuldigend:) Wir haben Sie unterbrochen, Herr Doktor.
+
+(Dolly.) Ich glaube, Sie waren eben im Begriff, unsere Seele zu
+veredeln.
+
+(Dr. Valentine.) Tatsache ist, dass Ihr--
+
+(Philip ihm zuvorkommend:) Unser Aussehen?...
+
+(Dolly.) Unsere Manieren?...
+
+(Dr. Valentine ad misericordiam:) Ich beschwoere Sie, lassen Sie mich
+sprechen!
+
+(Dolly.) Die alte Geschichte--wir reden zu viel!
+
+(Philip.) Das tun wir. Schweigen wir alle beide! (Er setzt sich auf
+den Arm des Operationsstuhles.)
+
+(Dolly.) Mm! (Sie setzt sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und
+haelt ihre Lippen mit den Fingerspitzen zu.)
+
+(Dr. Valentine.) Danke. (Er holt den Schemel von der Bank in der Ecke,
+stellt ihn zwischen sie und setzt sich mit einer richterlichen Miene.
+Sie beobachten ihn mit groesstem Ernst. Er wendet sich zuerst an Dolly:
+) Darf ich Sie vor allem fragen, ob Sie schon jemals in einem
+englischen Seebad gewesen sind? (Sie schuettelt langsam und feierlich
+den Kopf. Er wendet sich zu Phil, der auch rasch und ausdrucksvoll
+seinen Kopf schuettelt.) Das habe ich mir gedacht!... Nun, Herr
+Clandon, unsere Bekanntschaft ist erst von kurzer Dauer, aber von
+grosser Redseligkeit gewesen, und ich habe genug beobachtet, um
+ueberzeugt zu sein, dass Sie beide keine Ahnung haben, was das Leben in
+einem englischen Seebade bedeutet. Glauben Sie mir, es kommt weder
+auf die Manieren noch auf das Aussehen an... was das betrifft,
+geniessen wir eine in Madeira unbekannte Freiheit. (Dolly schuettelt
+heftig den Kopf.) O ja, das duerfen Sie mir glauben. Lord de Crescis
+Schwester radelt in Kniehosen, und die Pastorsfrau tritt fuer
+Reformkleider ein und traegt hygienische Schuhe. (Dolly blickt
+verstohlen nach ihren eigenen Schuhen. Dr. Valentine bemerkt das und
+fuegt flink hinzu:) Nein, das ist nicht die Art Schuh, die ich meine.
+(Dollys Schuh verschwindet.) Wir machen uns nicht viel aus Kleidern
+und Manieren in England, weil wir, als Volk, weder gut gekleidet sind
+noch Manieren haben. Aber--und nun frage ich Sie: Nehmen Sie's mir
+nicht uebel, wenn ich aufrichtig bin? (Sie nicken.) Ich danke.--Nun,
+eins muessen Sie in einem englischen, Seebad haben, bevor irgend jemand
+sich mit Ihnen sehen lassen darf--und das ist ein Vater... ein
+lebendiger oder ein toter. (Er sieht sie abwechselnd mit Nachdruck an.
+Sie begegnen seinen Blicken wie Maertyrer.) Muss ich annehmen, dass Sie
+diesen unumgaenglich noetigen Bestandteil Ihrer gesellschaftlichen
+Ausruestung ausser acht gelassen haben? (Sie stimmen ihm durch
+melancholisches Kopfnicken zu.) Dann muss ich Ihnen leider sagen, falls
+Sie die Absicht haben, laengere Zeit hierzubleiben, dass es mir
+unmoeglich sein wird, Ihre liebenswuerdige Einladung zum Fruehstueck
+anzunehmen. (Er erheht sich, als ob er nun Schluss machen wollte, und
+setzt den Schemel wieder an die Wand.)
+
+(Philip erheht sich mit ernster Hoeflichkeit:) Komm, Dolly! (Er reicht
+ihr den Arm.)
+
+(Dolly.) Adieu. (Sie gehen zusammen mit vollendeter Wuerde zur Tuer.)
+
+(Dr. Valentine von Gewissensbissen ueberwaeltigt:) O bleiben
+Sie--bleiben Sie! (Sie bleiben stehen und wenden sich Arm in Arm um.)
+Ich komme mir wirklich wie ein vollkommener Toelpel vor.
+
+(Dolly.) Daran ist Ihr Gewissen schuld, nicht wir.
+
+(Dr. Valentine energisch, laesst allen Anspruch auf berufsmaessige
+Manieren beiseite:) Mein Gewissen?... Mein Gewissen hat mich zugrunde
+gerichtet.--Hoeren Sie mich an!... Ich habe mich schon zweimal in
+verschiedenen Teilen Englands als achtbarer praktischer Arzt
+niedergelassen. Beide Male bin ich gewissenhaft gewesen und habe
+meinen Patienten statt dessen, was sie hoeren wollten, immer die nackte
+Wahrheit gesagt. Die Folge davon war mein Ruin.--Nun habe ich mich
+hier als Zahnarzt niedergelassen--als Fuenf-Schilling-Zahnarzt, und
+habe ein fuer allemal mit dem Gewissen abgeschlossen; dies hier ist
+meine letzte Hoffnung. Ich habe mein letztes Goldstueck fuer den Umzug
+ausgegeben und habe noch keinen Schilling Miete bezahlt. Ich esse und
+trinke auf Kredit, mein Hausherr ist reich wie ein Jude und hart wie
+Stahl. In sechs Wochen habe ich fuenf Schillinge verdient. Wenn ich
+um Haaresbreite vom geraden Wege der strengsten Achtbarkeit abweiche,
+so bin ich verloren.--Ist es unter solchen Umstaenden recht und billig,
+mich zum Fruehstueck einzuladen, wenn Sie ihren eigenen Vater nicht
+kennen?
+
+(Dolly.) Na, schliesslich ist unser Grossvater Stiftsherr der
+Lincoln-Kathedrale.--
+
+(Dr. Valentine wie ein Schiffbruechiger, der ein Segel am Horizont
+sieht:) Was? Sie haben einen Grossvater?
+
+(Dolly.) Nur einen.
+
+(Dr. Valentine.) Meine lieben guten jungen Freunde, um des Himmels
+willen, ja warum habt ihr mir das denn nicht gleich gesagt?... Ein
+Stiftsherr der Lincoln-Kathedrale! Das bringt natuerlich alles in
+Ordnung!--Entschuldigen Sie mich einen Augenblick; ich will nur meinen
+Rock wechseln. (Er ist mit einem Satz an der Tuere und verschwindet.
+Dolly und Philip starren ihm erst nach, dann starren sie einander an.
+Da sie ohne Publikum sind, sinken sie sofort in sich zusammen und
+werden Alltagsmenschen.)
+
+(Philip stoesst Dollys Arm fort und gebt uebellaunig zum Operationsstuhl:
+) Dieser elende bankerotte Zahnschlosser tut so, als ob es fuer uns
+eine Ehre waere, ihm ein Fruehstueck zu bezahlen! Wahrscheinlich seit
+Monaten sein erstes anstaendiges Essen! (Er gibt dem Stuhl einen Stoss,
+als ob der Dr. Valentine waere.)
+
+(Dolly.) Das ist doch zu stark! Ich kann das nicht laenger ertragen,
+Phil! Hier in England fragt einen jeder Mensch sofort, ob man einen
+Vater hat oder nicht.
+
+(Philip.) Ich will es auch nicht laenger ertragen. Mama muss uns sagen,
+wer er war!
+
+(Dolly.) Oder wer er ist! Vielleicht lebt er noch.
+
+(Philip.) Das will ich nicht hoffen. Kein lebender Mensch soll sich
+mir als Vater aufspielen!
+
+(Dolly.) Vielleicht hat er aber eine Menge Geld?!
+
+(Philip.) Das bezweifle ich. Meine Menschenkenntnis sagt mir, dass er
+seine liebe volle Familie nicht so leicht los geworden waere, wenn er
+eine Menge Geld besessen haette... Immerhin, trachten wir, die Dinge
+im guenstigsten Licht zu sehn. Verlass dich darauf, er ist tot! (Er
+geht an den Kamin, bleibt mit dem Ruecken gegen das Feuer stehen und
+streckt sich. Das Stubenmaedchen erscheint. Die Zwillinge strahlen
+gleich wieder in ihrem frueheren Glanz, als sie sich beobachtet wissen.)
+
+(Das Stuebenmadchen.) Zwei Damen fragen nach Ihnen, gnaediges Fraeulein.
+Ich glaube, die Frau Mutter und das Fraeulein Schwester.
+
+(Frau Clandon und Gloria treten ein. Frau Clandon ist eine Dame
+zwischen vierzig und fuenfzig, mit einer leichten Neigung zu sanftem,
+sesshaftem Fett und einem ansehnlichen Rest von Schoenheit--letzterem
+nicht um so weniger darum, als sie offenbar der alten Frauensitte
+gefolgt ist, d.h. nach der ehelichen Verbindung keine Ansprueche in
+dieser Beziehung mehr erhoben hat. Man koennte sie fast verdaechtigen,
+zu Hause eine Haube zu tragen. Sie traegt sich mit Kunst und gut, wie
+es Frauen als ein Teil guter Manieren von Tanz- und Anstandslehrern
+gelehrt wurde, bevor diese durch den modernen kuenstlerischen Kultus
+von Schoenheit und Gesundheit verdraengt wurden. Ihr flachsblondes, von
+Silberfaeden durchzogenes Haar ist gewellt, in der Mitte gescheitelt,
+geflochten und hinten zu einem Knoten gewunden. Gute Beobachter eines
+gewissen Alters koennen daraus schliessen, dass Frau Clandon in ihrer
+Maedchenzeit genuegend Individualitaet und guten Geschmack besessen hat,
+um sich der seither vergessenen Mode des Chignons energisch zu
+widersetzen. In Kuerze: sie ist in Kleidern und Manieren fuer ihr Alter
+auffallend unmodern, aber sie gehoert in das Vordertreffen ihrer
+eigenen Zeit (etwa 1860-80), in einer eifersuechtig betonenden Haltung
+des Charakters und Verstandes und darin, dass sie eher eine Frau mit
+kultivierten Interessen als mit leidenschaftlich entwickelten
+persoenlichen Neigungen ist. Ihre Stimme und die Art, sich zu geben,
+sind durchaus freundlich und menschlich. Sie gibt sich gewissenhaft
+den gelegentlichen Liebkosungen hin, durch die ihre Kinder ihr ihre
+Achtung bezeugen, jedoch machen Kundgebungen persoenlichen Gefuehls sie
+heimlich verlegen. In ihr lebt mehr menschenfreundliches als
+menschliches Gefuehl; sie begt starke Gefuehle, was soziale Fragen und
+Grundsaetze, nicht aber was Menschen betrifft; nur kann man beobachten,
+dass diese ihre Verstaendigkeit und ausserordentliche Zurueckhaltung im
+Persoenlichen, die ihre Beziehungen zu Gloria und Phil nicht anders
+erscheinen lassen, als es die zwischen ihr und den Kindern irgendeiner
+anderen Frau sein koennten, in Dollys Fall nicht standhaelt;--obgleich
+fast jedes Wort, das sie an diese richtet, notwendig ein Protest gegen
+irgendeinen Bruch des Dekorums ist, so ist doch die Zaertlichkeit in
+ihrer Stimme hier unverkennbar, und es ist nicht ueberraschend, dass
+eine jahrelang so geartete Kundgebung Dolly rettungslos verzogen hat.)
+
+(Gloria hat die Zwanzig kaum ueberschritten, ist aber eine viel
+furchterregendere Dame als ihre Mutter. Sie ist die Verkoerperung
+geistigen Hochmuts. Ihrem heftigen, unduldsamen, berrschsuechtigen
+Charakter haelt bloss die Unerfahrenheit ihrer Jugend die Wage, und
+gegen ihren Willen wird er in Zucht gehalten durch die fortgesetzte
+Gefahr, von ihren juengeren leichtlebigeren Geschwistern laecherlich
+gemacht zu werden. Im Gegensatz zu ihrer Mutter ist sie ganz
+Leidenschaft, und der Kampf zwischen ihrer Leidenschaft, ihrem
+hartnaeckigen Stolz und ihrer uebertriebenen Feinheit hat eine eisige
+Kaelte des Betragens zur Folge. Bei einer haesslichen Frau wuerde das
+alles abstossend wirken; aber Gloria ist eine anziehende Frau. Ihr
+tief kastanienbraunes Haar, ihre olivenfarbene Haut, ihre langen
+Wimpern, die grauen beschatteten Augen, die oft wie Sterne glaenzen,
+zart geschweifte, volle Lippen und eine volle, geschmeidige, jedoch
+muskelkraeftige Gestalt sprechen in hochmuetiger Freimuetigkeit zu
+Einbildungskraft und Sinnen. Man koennte sie fuer ein sehr gefaehrliches
+Maedchen halten, wenn Glorias sittlicher Eifer nicht auch in einer sehr
+edlen Stirn zum Ausdruck kaeme. Ihr tailor-made Kleid aus
+safranbraunem Tuch erscheint von rueckwaerts gesehen konventionell, aber
+eine Bluse von meergruener Seide hebt das Konventionelle der Kleidung
+mit einem Schlage auf und unterscheidet sie sofort--so wie die
+Zwillinge--von den gewoehnlichen modernen Strandmenschen.)
+
+(Frau Clandon macht ein paar Schritte vorwaerts und blickt umher, um zu
+sehen, wer da ist. Gloria, die es absichtlich vermeidet, den
+Zwillingen irgendein Interesse fuer sie zu zeigen, geht an das Fenster
+und blickt, in Gedanken versunken, ins Weite.--Das Stubenmaedchen,
+anstatt sich zurueckzuziehen, schliesst die Tuer und wartet davor.)
+
+(Frau Clandon.) Na, Kinder!... Hast du noch Zahnschmerzen, Dolly?
+
+(Dolly.) Geheilt! Gott sei Dank. Ich hab' ihn mir herausziehen
+lassen. (Sie setzt sich auf die Stufe des Operationsstuhls. Frau
+Clandon nimmt den Sessel, der vor dem Schreibtisch steht.)
+
+(Philip mischt sich vom Kamin aus gravitaetisch ins Gespraech:) Und der
+Zahnarzt, ein erstklassiger Fachmann von groesstem Ruf, wird mit uns
+fruehstuecken.
+
+(Frau Clandon sieht sich aengstlich nach dem Stubenmaedchen um:) Phil!
+
+(Das Stubenmaedchen.) Verzeihen Sie, gnaedige Frau, ich warte auf den
+Herrn Doktor. Ich habe ihm etwas auszurichten.
+
+(Dolly.) Von wem?
+
+(Frau Clandon verdriesslich:) Dolly!
+
+(Dolly fasst ihre Lippen mit den Fingerspitzen und unterdrueckt einen
+kleinen Heiterkeitsausbruch.)
+
+(Das Stubenmaedchen.) Bloss vom Hausherrn, gnaediges Fraeulein.
+
+(Dr. Valentine kommt in einem blauen Serge-Anzug, mit einem Strohhut
+in der Hand, in bester Laune zurueck, ganz atemlos infolge der Eile,
+mit der er sich umgezogen hat. Gloria wendet sich vom Fenster ab und
+mustert ihn mit kalter Aufmerksamkeit.)
+
+(Philip.) Erlauben Sie, dass ich Sie bekannt mache, Herr Doktor.--Meine
+Mutter, Frau Lanfrey Clandon.
+
+(Frau Clandon verneigt sich, Dr. Valentine verneigt sich, selbstbewusst
+und der Situation gewachsen.) Meine Schwester Gloria. (Gloria
+verneigt sich mit kalter Wuerde und setzt sich auf das Sofa. Dr.
+Valentine verliebt sich auf den ersten Blick und ist entsetzlich
+verwirrt. Er dreht seinen Hut nervoes zwischen den Fingern und macht
+Gloria eine schuechterne Verbeugung.)
+
+(Frau Clandon.) Ich hoere, dass wir das Vergnuegen haben werden, Sie
+heute zum Fruehstueck bei uns zu sehen, Herr Doktor?
+
+(Dr. Valentine.) Ich danke--ich--wenn Sie gestatten--ich meine, wenn
+Sie so liebenswuerdig sein wollen--(Zum Stubenmaedchen verdrossen:) Was
+ist los?
+
+(Das Stubenmaedchen.) Der Hausherr wuenscht Sie zu sprechen, bevor Sie
+ausgehen, Herr Doktor.
+
+(Dr. Valentine.) Sagen Sie ihm, dass ich mit vier Patienten beschaeftigt
+bin. (Die Clandons sehen ueberrascht aus, mit Ausnahme von Philip, der
+unerschuetterlich ruhig bleibt.) Aber wenn er etwa zwei Minuten warten
+wollte, so wuerde ich hinunterkommen und ihn einen Augenblick sprechen.
+(Er verlaesst sich darauf, dass sie die Situation begreift.) Sagen Sie
+ihm, dass ich zu tun habe, aber dass ich mit ihm zu sprechen wuensche.
+
+(Das Stubenmaedchen bestaetigend:) Jawohl, Herr Doktor. (Sie gebt ab.)
+
+(Frau Clandon im Begriff aufzustehen:) Ich fuerchte, wir halten Sie auf.
+
+(Dr. Valentine.) Durchaus nicht, durchaus nicht! Ihre Anwesenheit
+wird hier von groesstem Vorteil fuer mich sein. Ich bin naemlich seit
+sechs Wochen die Miete schuldig und habe bis zum heutigen Tage keinen
+einzigen Patienten gehabt. Meine Unterredung mit dem Hausherrn wird
+nun infolge des sichtlichen Aufschwungs meines Geschaeftes viel besser
+ablaufen.
+
+(Dolly aergerlich:) O wie graesslich langweilig von Ihnen, das alles
+auszuplaudern! Und wir haben gerade eben behauptet, dass Sie ein
+hochangesehener Fachmann allerersten Ranges sind.
+
+(Frau Clandon entsetzt:) O Dolly! Dolly! wie kannst du so grob sein!
+(Zu Dr. Valentine:) Bitte, entschuldigen Sie meine Kinder, diese
+Barbaren, Herr Doktor!
+
+(Dr. Valentine.) O bitte, bitte, ich bin schon an sie gewoehnt.--Waere
+es unbescheiden, wenn ich Sie bitten wuerde, fuenf Minuten zu warten,
+waehrend ich unten meinen Hausherrn abfertige?
+
+(Dolly.) Aber beeilen Sie sich, wir sind hungrig!
+
+(Frau Clandon wieder protestierend:) Aber liebe Dolly!
+
+(Dr. Valentine zu Dolly:) Gut, gut! (Zu Frau Clandon:) Besten Dank.
+Sie sind sehr guetig--ich werde nicht lange ausbleiben. (Waehrend er
+abgeht, wirft er einen raschen Blick auf Gloria. Sie betrachtet ihn
+sehr ernst. Er wird sehr verlegen.) Ich--aeh--aeh--ja--ich danke--ich
+danke Ihnen... (Es gelingt ihm endlich, sich aus dem Zimmer zu
+druecken, aber sein Abgang ist bemitleidenswert.)
+
+(Philip.) Habt ihr gesehen? (Auf Gloria zeigend:) Liebe auf den
+ersten Blick. Du kannst seinen Skalp deiner Sammlung einreihen,
+Gloria.
+
+(Frau Clandon.) Scht! scht... ich bitte dich, Phil! Er kann es gehoert
+haben!
+
+(Philip.) Ach, der nicht--! (sich zu einer Szene vorbereitend:) Und
+nun gib acht, Mama. (Er nimmt den Schemel, der neben der)
+
+(Bank steht, und setzt sich majestaetisch in die Mitte des Zimmers, die
+vorhergegangene Demonstration Valentines kopierend.)
+
+(Dolly fuehlt, dass ihr Platz auf der Stufe des Operationsstuhles nicht
+der Wuerde dieses Anlasses entspricht; sie erhebt sich und schaut
+wichtig und entschlossen drein. Sie geht an das Fenster und lehnt
+sich mit dem Ruecken gegen die Kante des Schreibtisches, ihre Haende
+hinter sich auf den Tisch legend.)
+
+(Frau Clandon betrachtet beide, verwundert, was da kommen wird.)
+
+(Gloria wird aufmerksam.)
+
+(Philip streckt sich, legt die Handknoechel symmetrisch auf die Knie
+und traegt seinen Fall vor:) Dolly und ich, wir haben letzthin
+mancherlei besprochen, und infolge meiner Menschenkenntnis glaube ich
+nicht, glauben wir nicht, dass du... (er spricht sehr pointiert, mit
+Pausen zwischen den Worten:) die Tatsache in ihrer ganzen Tragweite
+erfasst hast...
+
+(Dolly setzt sich mit einem Satz auf den Tisch:)... dass wir erwachsen
+sind!
+
+(Frau Clandon.) Wirklich?... In welcher Beziehung habe ich euch Anlass
+zu Klagen gegeben?
+
+(Philip.) Nun, wir fangen an zu fuehlen, dass es gewisse Dinge gibt,
+ueber die du uns etwas mehr ins Vertrauen ziehen koenntest.
+
+(Frau Clandon erhebt sich.) Die ganze Sanftmut ihres Alters ist
+ploetzlich fort, und eine merkwuerdig harte, wuerdevolle, aber verbissene,
+vornehme, jedoch unerschuetterliche Aufregung, die Art der alten
+Vorkaempferin der Frauenbewegung, ueberkommt sie:) Phil, nimm dich in
+acht! Vergiss nicht, was ich dich immer gelehrt habe! Es gibt zwei
+Arten des Familienlebens, Phil, und deine Menschenkenntnis erstreckt
+sich vorlaeufig nur auf die eine. (Rhetorisch:) Die Art, die du kennst,
+ist auf gegenseitige Achtung gegruendet, auf der Anerkennung des
+Rechtes eines jeden Mitglieds des Hauses, auf Unabhaengigkeit und
+Selbstbestimmung (ihre Betonung des Wortes "Selbstbestimmung" ist
+bedeutsam:) in seinen persoenlichen Angelegenheiten. Und weil du
+dieses Recht immer genossen hast, scheint es dir so selbstverstaendlich,
+dass du es nicht mehr schaetzest;--aber (mit beissender Schaerfe:) es
+gibt noch eine andere Art des Familienlebens. Ein Leben, in dem
+Ehemaenner die Briefe ihrer Frauen oeffnen und von ihnen Rechenschaft
+fuer jeden Pfennig ihrer Ausgaben und jeden Augenblick ihrer Zeit
+verlangen, ein Familienleben, in welchem Frauen dasselbe von ihren
+Kindern fordern! Ein Familienleben, in welchem kein Zimmer
+abgeschlossen und keine Stunde heilig ist, in welchem Pflicht,
+Gehorsam, Liebe, Heim, Sittlichkeit und Religion verabscheuenswerte
+Tyrannen sind und das Dasein eine vulgaere Kette von Strafen und Luegen
+bedeutet, von Zwang und Unterdrueckung, Eifersucht, Argwohn und
+gegenseitigem Beschuldigen--oh! Ich kann es dir nicht beschreiben: zu
+deinem Glueck weisst du nichts davon. (Sie setzt sich und holt Atem.
+
+(Gloria hat mit glaenzenden Augen zugehoert und teilt den ganzen
+Unwillen ihrer Mutter.)
+
+(Dolly ganz unempfaenglich fuer Rhetorik:) Siehe "Die Eltern des
+zwanzigsten Jahrhunderts", Kapitel ueber Freiheit, passim.
+
+(Frau Clandon beruehrt liebevoll ihre Schulter, selbst durch ein
+Spottwort von ihr besaenftigt:) Meine liebe Dolly, wenn du nur
+wuesstest, wie froh ich bin, dass dir das alles nur einen Scherz
+bedeutet, so bitter ernst es mir auch ist. (Wendet sich etwas
+entschlossener zu Philip:) Phil, ich frage dich niemals nach deinen
+Privatangelegenheiten; du wirst dir doch nicht einfallen lassen, mich
+nach den meinigen zu fragen--wie?
+
+(Philip.) Ich glaube, wir sind es uns selbst schuldig, zu erklaeren,
+dass die Frage, die wir an dich richten wollen, ebensosehr unsere
+Angelegenheit wie die deine ist.
+
+(Dolly.) Ueberdies kann's nicht gut sein, dass jemand eine Menge Fragen
+in seinem Innern verschlossen herumtragen soll. Das hast du getan,
+Mama! Aber schau, wie entsetzlich es dafuer aus mir hervorbricht.
+
+(Frau Clandon.) Ich sehe, ihr muesst eure Frage stellen. Also tut es.
+
+(Dolly) und (Philip gleichzeitig:) Wer--(Sie halten inne.)
+
+(Philip.) Nun aber, Dolly! Soll ich diese Angelegenheit fuehren oder
+du?
+
+(Dolly.) Du.
+
+(Philip.) Dann halte deinen Mund. (Dolly tut das in des Wortes
+buchstaeblicher Bedeutung:) Der Fall ist einfach folgender: Als der
+Zahnschlosser--
+
+(Frau Clandon protestierend:) Phil!
+
+(Philip.) Zahnarzt ist ein haessliches Wort. Der Mann des Goldes und
+des Elfenbeins fragte uns also, ob wir die Kinder des Herrn Densmore
+Clandon aus Newbury Hall waeren. Gemaess deinen, in der Abhandlung ueber
+das Betragen im zwanzigsten Jahrhundert, ausgesprochenen Lehren und
+deinen uns wiederholt persoenlich erteilten Ermahnungen, die Zahl
+unserer unnoetigen Luegen zu beschraenken, haben wir wahrheitsgetreu
+geantwortet, dass wir es nicht wuessten.
+
+(Dolly.) Das wussten wir auch nicht!
+
+(Philip.) Sch! Die Folge davon war, dass der Gummiarchitekt bezueglich
+der Annahme unserer Einladung grosse Schwierigkeiten machte, obgleich
+ich bezweifle, dass er in den letzten vierzehn Tagen etwas anderes
+genossen hat als Tee und Butterbrot.--Nun bin ich aber dank meiner
+Menschenkenntnis zu der Ueberzeugung gelangt, dass wir einen Vater
+gehabt haben muessen und dass du wahrscheinlich weisst, wer das war.
+
+(Frau Clandon, deren Erregung wiederkehrt:) Halt, Phil! Dein Vater
+bedeutet weder etwas fuer dich noch fuer mich. (Heftig:) Das genuegt!
+(Die Zwillinge schweigen, sind aber nicht befriedigt. Sie machen
+lange Gesichter.)
+
+(Gloria, die dem Streit aufmerksam zugehoert hat, mengt sich ploetzlich
+ein. Vortretend:) Mutter, wir haben ein Recht zu wissen, wer unser
+Vater ist!
+
+(Frau Clandon erhebt sich und wendet sich zu ihr:) Gloria! "Wir?" Wer
+ist "wir"?
+
+(Gloria, entschlossen:) Wir drei. (Ihr Ton ist nicht misszuverstehen,
+sie setzt zum ersten Male ihre Entschlossenheit der ihrer Mutter
+feindlich entgegen. Die Zwillinge treten sofort zum Feinde ueber.)
+
+(Frau Clandon verletzt:) "Wir" pflegte sonst in deinem Munde "du und
+ich" zu bedeuten, Gloria.
+
+(Philip erhebt sich entschlossen und setzt den Schemel beiseite:) Wir
+tun dir weh--also lassen wir's sein. Wir dachten nicht, dass es dich
+so unangenehm beruehren koennte. Ich will es nicht wissen.
+
+(Dolly den Tisch verlassend:) Ich schon gar nicht.--Oh, schau nicht
+so traurig drein, Mama! (Sie blickt aergerlich auf Gloria.)
+
+(Frau Clandon fuehrt ihr Taschentuch rasch an die Augen und setzt sich
+wieder:) Ich danke dir, Liebling. Ich danke dir, Phil.
+
+(Gloria unerbittlich:) Es ist unser gutes Recht, das zu erfahren,
+Mutter!
+
+(Frau Clandon entruestet:) Ah! Du bestehst also darauf!
+
+(Gloria.) Sollen wir es nie erfahren?
+
+(Dolly.) O Gloria--nicht doch! Das ist unmenschlich!
+
+(Gloria mit ruhigem Hohn:) Was hat man davon, wenn man schwach ist?
+Du hoerst, was hier mit diesem Herrn geschehen ist, Mutter. Ganz
+dasselbe ist auch mir widerfahren.
+
+/*
+(Frau Clandon) Was meinst du?
+(Dolly) }(alle zusammen:) O erzaehle!
+(Philip) Was ist dir passiert?
+*/
+
+(Gloria.) Oh, nichts von Belang! (Sie wendet sich ab und geht an den
+Armstuhl vor dem Kamin, in den sie sich, fast mit dem Ruecken gegen die
+andern, niederlaesst. Da alle erwartungsvoll schweigen, fuegt sie, ueber
+die Schulter sprechend, mit gemachter Gleichgueltigkeit hinzu:) An Bord
+des Schiffes hat mir der erste Offizier die Ehre erwiesen, um meine
+Hand anzuhalten.
+
+(Dolly.) Nein, um meine Hand!
+
+(Frau Clandon.) Der erste Offizier?... Ist das dein Ernst,
+Gloria?--Was hast du ihm geantwortet? (Sich verbessernd:)
+Entschuldige, ich bin nicht berechtigt, danach zu fragen.
+
+(Gloria.) Die Antwort war ziemlich einfach: ein Maedchen, das nicht
+einmal weiss, wer sein Vater ist, kann einen solchen Antrag nicht
+annehmen.
+
+(Frau Clandon.) Du wolltest ihn doch sicherlich auch nicht annehmen?
+
+(Gloria wendet sich ein wenig um und erhebt ihre Stimme:) Nein. Aber
+gesetzt den Fall, ich haette Lust gehabt--
+
+(Philip.) Hat diese Schwierigkeit dich auch abgehalten, Dolly?
+
+(Dolly.) Nein. Ich habe seinen Antrag angenommen.
+
+/*
+(Gloria) Was?
+(Frau Clandon) }(alle zugleich rufen:) Dolly!
+(Philip) Na, ich muss sagen!
+*/
+
+(Dolly naiv:) Er sah so bloedsinnig aus!
+
+(Frau Clandon.) Aber warum hast du das getan, Dolly?
+
+(Dolly.) Aus Spass wahrscheinlich. Er musste meinem Finger fuer den
+Ehering Mass nehmen. Du haettest das auch getan.
+
+(Frau Clandon.) Nein, Dolly, das haette ich nicht! Tatsaechlich hat mir
+der erste Offizier einen Heiratsantrag gemacht; aber ich habe ihm
+gesagt, er moege sich derlei Scherze fuer Frauen aufheben, die jung
+genug waeren, daran Spass zu haben... Er scheint meinen Rat befolgt zu
+haben. (Sie erhebt sich und geht an den Kamin:) Gloria, ich bedauere,
+dass du mich fuer schwach haeltst. Aber ich kann dir nicht sagen, was du
+verlangst. Ihr seid alle zu jung.
+
+(Philip.) Das ist ein ueberraschendes Ausserachtlassen der Prinzipien
+des zwanzigsten Jahrhunderts.
+
+(Dolly zitierend:) "Beantworte alle Fragen deiner Kinder und
+beantworte sie aufrichtig, sobald sie alt genug sind, sie zu stellen.
+"--Siehe "Die Mutterpflichten im zwanzigsten Jahrhundert"--
+
+(Philip.) Seite eins--
+
+(Dolly.) Kapitel eins
+
+(Philip.) Satz eins.
+
+(Frau Clandon.) Liebe Kinder, ich habe nicht gesagt, dass ihr zu jung
+seid, um es zu erfahren--ich sagte, ihr waeret zu jung, um von mir ins
+Vertrauen gezogen zu werden.--Ihr seid sehr begabte Kinder--alle--
+aber es freut mich um euretwillen, dass ihr noch sehr unerfahren seid
+und daher auch sehr teilnahmslos. Ich aber habe Erfahrungen gesammelt,
+ueber die ich nur mit Leuten sprechen koennte, die durchgemacht haben,
+was ich durchgemacht habe. Ich hoffe, dass ihr euch fuer solche
+Mitteilungen nie eignen werdet. Aber ich will dafuer sorgen, dass ihr
+alles, was ihr wissen moechtet, erfahren sollt.--Genuegt euch das?
+
+(Philip.) Ein neuer Vorwurf, Dolly!
+
+(Dolly:) Wir sind teilnahmslos!
+
+(Gloria lehnt sich in ihrem Stuhl vor und sieht ernst zu ihrer Mutter
+auf:) Mutter, so hab' ich's nicht gemeint; teilnahmslos wollt' ich
+nicht sein.
+
+(Frau Clandon zaertlich:) Gewiss nicht, mein Herz.--Glaubst du, dass ich
+dich nicht verstehe?
+
+(Gloria sich erhebend:) Aber Mutter--
+
+(Frau Clandon etwas zurueckweichend:) Ja?...
+
+(Gloria hartnaeckig:) Es ist Unsinn, zu behaupten, dass unser Vater uns
+nichts angehe.
+
+(Frau Clandon zu ploetzlichem Entschluss herausgefordert:) Erinnerst du
+dich an deinen Vater?
+
+(Gloria nachdenklich, als wenn die Erinnerung eine zaertliche waere:)
+Ich weiss es nicht bestimmt... ich glaube.
+
+(Frau Clandon grimmig:) Du weisst es nicht bestimmt?
+
+(Gloria.) Nein.
+
+(Frau Clandon mit ruhiger Festigkeit:) Gloria, wenn ich dich jemals
+geschlagen haette, (Gloria weicht zurueck, Philip und Dolly sind
+unangenehm beruehrt; alle drei starren sie empoert an, waehrend sie
+schonungslos fortfaehrt:)--absichtlich geschlagen--ganz klar
+bewusst--in der Absicht, dir weh zu tun--mit einer eigens fuer diesen
+Zweck gekauften Peitsche... glaubst du, dass du dich daran erinnern
+wuerdest?
+
+(Gloria stoesst einen Ruf beleidigter Abwehr aus:) Oh!
+
+(Frau Clandon:) Das wuerde deine letzte Erinnerung an deinen Vater
+gewesen sein, wenn ich euch nicht von ihm fortgenommen haette. Ich
+habe ihn eurem Leben ferngehalten: haltet ihr ihn nun dem meinen fern,
+indem ihr nie wieder in meiner Gegenwart von ihm redet.
+
+(Gloria bedeckt einen Augenblick schaudernd ihr Gesicht mit den Haenden.
+Da sie jemanden vor der Tuer hoert, wendet sie sich ab und tut so, als
+waere sie damit beschaeftigt, die Namen der Buecher im Buecherschrank zu
+besehen.)
+
+(Frau Clandon setzt sich auf das Sofa.)
+
+(Dr. Valentine kehrt zurueck:) Ich hoffe, ich habe Sie nicht allzu
+lange warten lassen. Mein Hausherr ist wirklich ein aussergewoehnlicher
+Kerl!
+
+(Dolly lebhaft:) Oh, erzaehlen Sie uns das!--Auf wie lange hat er Ihnen
+die Zahlungsfrist verlaengert?
+
+(Frau Clandon ausser sich ueber ihres Kindes Manieren:) Dolly! Dolly!
+Liebe Dolly! Gewoehne dir doch das Fragen ab!
+
+(Dolly verstellt demuetig:) O bitte, verzeihen Sie... Aber Sie werden
+es uns erzaehlen--nicht wahr, Herr Doktor?
+
+(Dr. Valentine.) Die Miete will er gar nicht haben. Er hat sich an
+einer brasilianischen Nuss einen Zahn gebrochen und mich gebeten, ihn
+zu untersuchen und dann mit ihm zu fruehstuecken.
+
+(Dolly.) So rufen Sie ihn herein und ziehen Sie ihm den Zahn gleich
+aus; dann wollen wir ihn auch zum Fruehstueck mitnehmen! Sagen Sie dem
+Maedchen, sie soll ihn heraufholen. (Sie laeuft zur Glocke und klingelt
+energisch. Dann wendet sie sich mit ploetzlichem Bedenken zu Dr.
+Valentine und fuegt hinzu:) Ich nehme an, dass er ein angesehener Mann
+ist... wirklich angesehen?
+
+(Dr. Valentine.) Sicherlich! Nicht wie ich.
+
+(Dolly.) Ganz gewiss?
+
+(Frau Clandon ringt schwach nach Atem, aber ihre Kraft zum
+Protestieren ist erschoepft.)
+
+(Dr. Valentine.) Ganz gewiss!
+
+(Dolly.) Dann los--bringen Sie ihn herauf!
+
+(Dr. Valentine blickt zoegernd auf Frau Clandon:) Ohne Zweifel wuerde er
+entzueckt sein, wenn--wenn--
+
+(Frau Clandon erhebt sich und sieht auf die Uhr:) Ich wuerde mich sehr
+freuen, Ihren Freund kennen zu lernen, wenn Sie ihn zum Kommen bewegen
+koennen. Aber ich kann jetzt nicht auf ihn warten; ich habe um
+dreiviertel eins im Hotel eine Verabredung mit einem alten Freund, den
+ich achtzehn Jahre lang--seit ich England verliess--nicht gesehen habe.
+--Wollen Sie mich also entschuldigen, bitte?
+
+(Dr. Valentine.) Gewiss, Frau Clandon.
+
+(Gloria.) Soll ich mitkommen?
+
+(Frau Clandon.) Nein, mein Kind. Ich will allein sein.
+
+(Sie geht ab, sichtlich noch ziemlich erregt. Dr. Valentine oeffnet
+ihr die Tuer und folgt ihr.)
+
+(Philip bedeutungsvoll zu Dolly:) Hm hm...
+
+(Dolly bedeutungsvoll zu Philip:) Aha! (Das Stubenmaedchen hat dem
+Glockenzeichen Folge geleistet:) Fuehren Sie den alten Herrn herauf.
+
+(Das Stubenmaedchen verbluefft:) Gnaediges Fraeulein?
+
+(Dolly.) Den alten Herrn mit den Zahnschmerzen.
+
+(Philip.) Den Hausherrn!
+
+(Das Stubenmaedchen.) Herrn McNaughtan?
+
+(Philip.) Heisst er McNaughtan?
+
+(Dolly zu Philip:) Das klingt rheumatisch, nicht wahr?
+
+(Philip.) Wahrscheinlich hat er Gichtknoten.
+
+(Dolly ueber die Schulter zum Stubenmaedchen:) Fuehren Sie Herrn
+Gichtknoten herauf.
+
+(Das Stubenmaedchen verbessernd:) Herrn McNaughtan, gnaediges Fraeulein.
+(Ab.)
+
+(Dolly wiederholt den Namen wie eine Lektion:)
+McNaughtan--McNaughtan--McNaughtan--McNaughtan... (Sie setzt sich
+nachdenklich an den Schreibtisch:) Ich muss diesen Namen lernen, oder
+der Himmel weiss, wie ich ihn nennen werde.
+
+(Gloria.) Phil, kannst du an diese entsetzliche Mitteilung glauben,
+die uns die Mutter eben ueber unsern Vater gemacht hat?
+
+(Philip.) Oh, es gibt viele Menschen solchen Schlages. Der alte
+Chamico pflegte seine Frau und seine Toechter mit einer Pferdepeitsche
+durchzubleuen.
+
+(Dolly verachtungvoll:) Ja, ein Portugiese!
+
+(Philip.) Menschen, die Tiere sind, haben immer viel Aehnlichkeit, ob
+es nun Portugiesen oder Englaender sind, Dolly. Verlass dich auf meine
+Menschenkenntnis. (Er nimmt seine Stellung auf dem Kaminteppich mit
+einem verantwortlichen altklugen Aussehen wieder ein.)
+
+(Gloria mit bekuemmertem Gewissen:) Ich glaube nicht, dass wir jemals
+unser altes Raetselspiel "wer mag unser Vater sein" wieder spielen
+werden.--Dolly, tut's dir um deinen Vater leid--den Vater mit dem
+vielen Geld?
+
+(Dolly.) Und du, wie steht es mit deinem Vater, dem einsamen alten
+Mann, mit dem zaertlichen kummervollen Herzen? Der ist dir nun auch
+durch die Binsen gegangen, wie es scheint.
+
+(Philip.) Es steht ausser Zweifel, dass der alte Herr ein zerplatzter
+Aberglauben ist. (Man hoert Dr. Valentine vor der Tuer mit jemandem
+sprechen:) Aber still--er kommt!
+
+(Gloria nervoes:) Wer?
+
+(Dolly.) Gichtknoten.
+
+(Philip.) Sch! Aufgepasst! (Sie nehmen ihre besten Manieren zusammen.)
+
+(Philip setzt mit leiser Stimme zu Gloria hinzu:) Wenn er fein
+genugist, dass man ihn zum Fruehstueck einladen kann, nick' ich Dolly zu;
+und wenn sie dir zunickt, lad ihn sofort ein.
+
+(Dr. Valentine kehrt mit seinem Hausherrn zurueck. Herr Fergus
+McNaughtan ist ein Mann von ungefaehr sechzig Jahren, gross, abgehaertet
+und sehnig, mit einem furchtbar hartnaeckigen, uebellaunigen,
+habgierigen Mund und einer gebieterisch streitsuechtigen Stimme. Dabei
+ist er ungemein nervoes und empfindlich, was man an seiner duennen,
+durchsichtigen Haut und an seinen schmalen Fingern erkennen kann.
+Seine daraus folgende Faehigkeit, unter der Unbeliebtheit, die sein
+Temperament und seine Halsstarrigkeit ueber ihn bringen, stark zu
+leiden, kommt in seinen ernsten, schmerzlichen Augen zum Ausdruck, in
+dem klagenden Ton seiner Stimme, einem schmerzlichen Mangel an
+Vertrauen auf das Willkommen, das man ihm bieten wird, und in einer
+fortgesetzten, aber nicht sehr erfolgreichen Bemuehung, seine angeboren
+unhoeflichen Manieren zu verbessern und seine Empfindlichkeit
+abzustreifen. Seine kuehn geschweiften Brauen und seine Stirn verraten
+deutlich einen befaehigten Menschen; ein Zeichen beschraenkter
+Geldmittel oder geschaeftlichen Misskredits ist an ihm nicht
+bemerkbar. Er ist gut gekleidet und koennte auf den ersten Blick
+fuer den wohlhabenden Chef einer von einer alten Familie der
+Geschaeftsaristokratie ererbten Firma gehalten werden. Sein
+marineblaue Rock ist nicht nach dem ueblichen modernen Muster; es ist
+nicht gerade ein Lotsenrock, aber der Zuschnitt seines Anzugs, die
+grossen Knoepfe und breiten Aufschlaege wuerden besser auf eine
+Schiffswerft als in ein Kontor passen. Er hat Gefallen an Dr.
+Valentine gefunden, der sich aus seiner Vierschroetigkeit nichts macht
+und ihn mit einer respektlosen Menschlichkeit behandelt, fuer die er Dr.
+Valentine heimlich dankbar ist.)
+
+(Dr. Valentine.) Darf ich die Herrschaften bekannt machen?--Herr
+McNaughtan--Fraeulein Dorothea Clandon--Herr Philip Clandon--Fraeulein
+Gloria Clandon. (McNaughtan steht da und verbeugt sich nervoes. Sie
+verbeugen sich alle:) Nehmen Sie Platz, Herr McNaughtan.
+
+(Dolly auf den Operationsstuhl zeigend:) Das ist der bequemste Stuhl,
+Herr--McNaughtan.
+
+(McNaughtan.) Ich danke. Aber will nicht das gnaedige Fraeulein da
+sitzen--? (Er zeigt auf Gloria, die neben dem Stuhl steht.)
+
+(Gloria.) Ich danke Ihnen, Herr McNaughtan. Wir wollen gerade gehn.
+
+(Dr. Valentine weist ihn mit gutmuetiger Entschiedenheit nach dem Stuhl:
+) Setzen Sie sich--setzen Sie sich. Sie sind muede.
+
+(McNaughtan.) Na, da ich weitaus der Aelteste unter den Anwesenden bin,
+darf ich vielleicht--(Er beendigt den Satz, indem er sich mit etwas
+gichtischer Gebaerde in den Operationsstuhl setzt. Inzwischen nickt
+Philip, der ihn waehrend seines Ganges durch das Zimmer kritisch
+studiert hat, Dolly zu, und Dolly nickt Gloria zu.)
+
+(Gloria.) Wenn wir recht verstanden haben, sind wir schuld, dass Herr
+Dr. Valentine nicht mit Ihnen fruehstueckt; da wir ihn mithaben wollen.
+Meine Mutter wird sich nur sehr freuen, wenn Sie auch mitkommen.
+
+(McNaughtan, nachdem er sie einen Augenblick ernst betrachtet hat,
+dankbar:) Ich danke Ihnen, ich werde mit Vergnuegen erscheinen.
+
+/* (Gloria) (murmeln:) Ich danke Ihnen sehr fuer... (Dolly) } (hoeflich:
+) Es freut uns ausserordentlich, dass... (Philip) Wir sind wirklich
+entzueckt, Ihre... */
+
+(Die Unterhaltung stockt. Gloria und Dolly blicken erst einander und
+dann Dr. Valentine und Philip an. Die beiden Maenner, der Lage nicht
+gewachsen, sehen von ihnen fort, einander in die Augen und sind
+augenscheinlich dadurch so verwirrt, dass sie wieder zurueckschauen und
+den Augen von Gloria und Dolly begegnen. So sucht einer das Auge des
+andern der Reihe nach, und sie sehen alle auf nichts und sind total
+verlegen. McNaughtan sieht sich um und wartet auf die andern, bevor
+er beginnt. Das Stillschweigen faengt an, unertraeglich zu werden.)
+
+(Dolly ploetzlich, um die Unterhaltung aufrechtzuerhalten:) Wie alt
+sind Sie, Herr McNaughtan?
+
+(Gloria schnell:) Ich fuerchte, wir muessen eilen, Herr Doktor.--Es
+bleibt also dabei, dass wir uns um halb zwei Uhr im Marinehotel treffen.
+(Sie geht zur Tuer, Philip folgt ihr, Dr. Valentine geht an den
+Glockenzug.)
+
+(Dr. Valentine.) Punkt halb zwei. (Er klingelt:) Vielen Dank. (Er
+begleitet Gloria und Philip zur Tuer und geht mit ihnen hinaus.)
+
+(Dolly, die sich inzwischen zu McNaughtan hingeschlichen hat:) Lassen
+Sie sich Lachgas geben--das kostet noch fuenf Schillinge extra, aber
+die Sache ist es wert.
+
+(McNaughtan belustigt:) Ausgezeichnet! (Sie ernster betrachtend:) Sie
+wollen also wissen, wie alt ich bin--wirklich? Ich bin
+siebenundfuenfzig.
+
+(Dolly mit Ueberzeugung:) Sie sehen auch so alt aus.
+
+(McNaughtan grimmig:) Jawohl, das ist wahrscheinlich der Fall.
+
+(Dolly.) Warum sehen Sie mich so forschend an? Ist etwas an mir nicht
+in Ordnung? (Sie befuehlt ihren Hut, ob er in Ordnung ist.)
+
+(McNaughtan.) Sie erinnern mich an wen.
+
+(Dolly.) An wen?
+
+(McNaughtan.) Nun--Sie haben eine merkwuerdige Aehnlichkeit mit meiner
+Mutter.
+
+(Dolly unglaeubig:) Mit Ihrer Mutter?!... Meinen Sie nicht vielleicht
+mit Ihrer Tochter?
+
+(McNaughtan bricht ploetzlich hasserfuellt aus:) Nein--verlassen Sie sich
+darauf, dass ich nicht meine Tochter meine!
+
+(Dolly teilnahmsvoll:) Tut Ihnen der Zahn sehr weh? (McNaughtan.)
+Nein, nein--es ist nichts. Ein Anfall von Erinnerungen, nicht von
+Zahnschmerzen, Fraeulein Clandon.
+
+(Dolly.) Heraus damit! "Wurzelnden Gram ausreuten dem
+Gedaechtnis"[*]--mit Lachgas, fuenf Schillinge extra.
+
+[Footnote *: MacBeth, 5. Akt, 3. Szene (Schlegel und Tieck).]
+
+(McNaughtan rachsuechtig:) Nein, kein Schmerz. Eine Beleidigung, die
+mir einst zugefuegt wurde! Ich kann Beleidigungen nicht vergessen--und
+ich will sie nicht vergessen! (Sein Gesicht legt sich in
+unversoehnliche Falten.)
+
+(Dolly McNaughtans Ausdruck kritisch betrachtend:) Ich glaube nicht,
+dass wir Sie werden leiden moegen, wenn Sie ueber erlittenem Unrecht
+brueten.
+
+(Philip der unbeobachtet wieder eingetreten ist und sich hinter Dolly
+geschlichen hat:) Meine Schwester meint es ehrlich, Herr McNaughtan,
+aber sie ist indiskret.--Nun, Dolly, fort! (Er geht mit ihr zur Tuer.)
+
+(Dolly in einem vollkommen hoerbaren Fluesterton:) Er behauptet, dass er
+erst siebenundfuenfzig ist--er haelt mich fuer das Ebenbild seiner
+Mutter--er hasst seine Tochter--und... (Sie wird durch die Rueckkehr Dr.
+Valentines unterbrochen.)
+
+(Dr. Valentine.) Fraeulein Clandon ist schon voraus.
+
+(Philip.) Vergessen Sie nicht--Punkt halb zwei.
+
+(Dolly.) Bitte, lassen Sie Herrn McNaughtan so viel Zaehne uebrig, dass
+er mit uns essen kann. (Sie gehen ab.)
+
+(Dr. Valentine kommt herab zu seiner Instrumentenlade und oeffnet sie.)
+
+(McNaughtan.) Das ist ein verzogenes Kind, Herr Doktor! Das richtige
+Fruechtchen der modernen Erziehung! Als ich im Alter dieser jungen
+Dame war, hatte ich immer die letzte Tracht Pruegel frisch in der
+Erinnerung, um mich gute Manieren zu lehren.
+
+(Dr. Valentine nimmt Zahnspiegel und Sonde von der seiner Lade
+gegenueber befestigten Platte:) Wie gefiel Ihnen ihre Schwester?
+(McNaughtan.) Die war Ihnen lieber, nicht wahr!
+
+* * * * *
+
+(Dr. Valentine ueberschwenglich:) Sie hat mich ergriffen, als ein
+Wesen--(Er besinnt sich und fuegt prosaisch hinzu:) Doch das hat nichts
+mit dem Geschaeft zu tun. (Er stellt sich hinter McNaugthans rechte
+Schulter und nimmt seinen berufsmaessigen Ton an:) Aufmachen, bitte.
+
+(McNaughtan oeffnet den Mund.)
+
+(Dr. Valentine steckt den Spiegel hinein und untersucht seine Zaehne:)
+Hm!... Na, den haben Sie nett abgebrochen--wie schade! So ein
+praechtiges Gebiss zu ruinieren!--Warum knacken Sie damit Nuesse auf?
+(Er zieht den Spiegel zurueck und tritt vor, um mit McNaugthan zu
+sprechen.)
+
+(McNaughtan.) Ich habe immer mit den Zaehnen Nuesse geknackt--wozu hat
+man sie denn? (Entschieden:) Das richtige Mittel, seine Zaehne in
+gutem Zustand zu erhalten, besteht darin, dass man sie an Knochen und
+Nuessen genuegend abnuetzt und sie taeglich mit Seife putzt--mit
+gewoehnlicher Schmierseife!
+
+(Dr. Valentine.) Seife?... Warum mit Seife?
+
+(McNaughtan.) Als Junge fing ich damit an, weil man mich dazu anhielt,
+und seitdem hab' ich's immer getan. Und ich hab' in meinem ganzen
+Leben keine Zahnschmerzen gehabt!
+
+(Dr. Valentine.) Finden Sie das nicht ziemlich ekelhaft?
+
+(McNaughtan.) Ich habe gefunden, dass die meisten Dinge, die mir gut
+getan haben, ekelhaft waren; aber ich wurde angelernt, mich damit
+abzufinden, und man sorgte dafuer, dass ich mich damit abfand. Jetzt
+bin ich daran gewoehnt;--wahrhaftig, ich liebe den Geschmack, wenn die
+Seife wirklich gut ist.
+
+(Dr. Valentine macht gegen seine Absicht eine Grimasse:) Sie scheinen
+sehr sorgfaeltig erzogen worden zu sein, Herr McNaughtan.
+
+(McNaughtan grimmig:) Jedenfalls bin ich nicht verzogen worden!
+
+(Dr. Valentine laechelt vor sich hin:) Sind Sie dessen ganz sicher?
+
+(McNaughtan.) Wie meinen Sie das?
+
+(Dr. Valentine.) Nun, Ihre Zaehne sind gut--ich gebe es zu; aber ich
+habe in manchem Mund, der mit sich sehr nachsichtig umging, ebenso
+gute gesehn. (Er geht an den Rand der Lade und vertauscht die Sonde
+mit einer andern.)
+
+(McNaugthan.) Es kommt nicht auf die Zaehne an, sondern auf den
+Charakter.
+
+(Dr. Valentine versoehnlich:) Oh! Auf den Charakter--ich verstehe.
+(Er nimmt die Behandlung wieder auf:) Etwas weiter, bitte--hm!... Der
+da wird heraus muessen--er ist nicht mehr zu retten. (Er zieht die
+Sonde zurueck und tritt wieder seitwaerts an den Stuhl, um zu plaudern:)
+Fuerchten Sie sich nicht, Sie werden gar nichts fuehlen; ich werde Ihnen
+Lachgas geben.
+
+(McNaughtan.) Unsinn, Mensch! Ich brauche kein Lachgas! Heraus damit!
+Zu meiner Zeit hat man den Leuten beigebracht, notwendige Schmerzen
+zu ertragen.
+
+(Dr. Valentine.) Oh! Wenn Sie Schmerzen gern moegen--schoen. Ich werde
+Ihnen so weh tun, wie Sie nur wollen--ohne fuer den guenstigen Einfluss
+auf Ihren Charakter irgendeinen Preisaufschlag zu verlangen.
+
+(McNaughtan erhebt sich und starrt ihn an:) Junger Mann, Sie schulden
+mir sechs Wochen Miete!
+
+(Dr. Valentine.) Richtig.
+
+(McNaughtan.) Koennen Sie mich bezahlen?
+
+(Dr. Valentine.) Nein.
+
+(McNaughtan zufrieden mit seinem Vorteil:) Das habe ich mir gedacht.
+--Wann, glauben Sie, werden Sie zahlungsfaehig sein, da Sie nichts
+Besseres wissen, als sich ueber Ihre Patienten lustig zu machen? (Er
+setzt sich wieder.)
+
+(Dr. Valentine.) Mein lieber Herr McNaughtan. Meine Patienten haben
+nicht alle ihren Charakter an Schmierseife gebildet.
+
+(McNaughtan packt ihn ploetzlich am Arm, waehrend Dr. Valentine sich
+wieder nach der Lade wendet:) Desto schlimmer fuer sie! Ich sage Ihnen,
+Sie verstehen meinen Charakter nicht! Wenn ich all meine Zaehne
+entbehren koennte ich wuerde sie mir, einen nach dem andern, von Ihnen
+ziehen lassen, um Ihnen zu zeigen, was ein tuechtiger, abgehaerteter
+Mann aushalten kann, wenn er sich einmal dazu entschlossen hat. (Er
+nickt Dr. Valentine zu, um diese Erklaerung zu bekraeftigen, und laesst
+ihn los.)
+
+(Dr. Valentine, dessen sorglose Scherzhaftigkeit sich gar nicht stoeren
+laesst:) Und Sie wollen noch mehr abgehaertet werden, nicht wahr?
+
+(McNaughtan.) Ja.
+
+(Dr. Valentine schlendert fort zur Glocke:) Fuer mich sind Sie als
+Hausherr--schon abgehaertet genug.
+
+(McNaughtan quittiert diesen Scherz mit einem Brummen grimmigen Humors.)
+
+(Dr. Valentine klingelt und fragt in heiterer, beilaeufiger Weise,
+waehrend er auf die Antwort wartet:) Warum haben Sie nie geheiratet,
+Herr McNaughtan? Eine Frau und Kinder wuerden Ihnen Ihre Abhaertung
+schon ein wenig ausgetrieben haben.
+
+(McNaughtan mit unerwarteter Wildheit:) Was zum Teufel geht Sie das
+an?!
+
+(Das Stubenmaedchen erscheint an der Tuer.)
+
+(Dr. Valentine hoeflich:) Bitte, etwas warmes Wasser. (Sie zieht sich
+zurueck, und Dr. Valentine geht wieder an die Lade, durch McNaughtans
+Grobheit durchaus nicht aus dem Konzept gebracht. Er setzt die
+Unterhaltung fort, waehrend er eine Zange aussucht und sie sich zur
+Hand legt, zusammen mit einem Sperrholz und einem Trinkglas:) Sie
+fragten eben, was zum Teufel mich das angeht... Nun, ich habe vor,
+mich selbst zu verheiraten.
+
+(McNaughtan mit brummiger Ironie:) Natuerlich, Mensch--natuerlich! Wenn
+ein junger Mann auf den letzten Heller heruntergekommen ist und in
+vierundzwanzig Stunden von seinem Hausherrn gepfaendet werden soll,
+dann heiratet er. Das habe ich schon oefter beobachtet.--Gut, heiraten
+Sie und werden Sie ungluecklich!
+
+(Dr. Valentine.) Oh, gehen Sie, was wissen Sie davon?
+
+(McNaughtan.) Ich bin kein Junggeselle!
+
+(Dr. Valentine.) Dann gibt es also eine Frau McNaughtan?
+
+(McNaughtan zusammenzuckend, mit einem Gefuehl des Unwillens:) Ja--der
+Teufel soll sie holen!
+
+(Dr. Valentine unerschuetterlich:) Hm!... Am Ende sind Sie auch Vater,
+nicht nur Ehemann, Herr McNaughtan?
+
+(McNaughtan.) Drei Kinder!
+
+(Dr. Valentine hoeflich:) Der Teufel soll sie holen--was?
+
+(McNaughtan eifersuechtig:) Nein, Herr: die Kinder gehoeren mir so gut
+wie ihr.
+
+(Das Stubenmaedchen bringt einen Krug heisses Wasser herein.)
+
+(Dr. Valentine.) Danke. (Er nimmt ihr den Krug ab und bringt ihn an
+den Stuhl; dann faehrt er in dem gleichen nachlaessigen Ton fort:) Ich
+moechte wirklich gern Ihre Familie kennen lernen, Herr McNaughtan. (Er
+giesst etwas warmes Wasser in das Trinkglas.)
+
+(Das Stubenmaedchen geht hinaus.)
+
+(McNaughtan.) Ich bedaure, Sie nicht vorstellen zu koennen. Ich bin so
+gluecklich, nicht zu wissen, wo sie alle sind, und ich bin's zufrieden,
+solange sie mir nicht in den Weg kommen.
+
+(Dr. Valentine tut mit einer Bewegung seiner Augenbrauen und Schultern
+die leise an den Glasrand klirrende Zange in das Glas heissen Wassers.)
+
+(McNaughtan.) Meinetwegen brauchen Sie das Dings da nicht zu waermen;
+ich habe keine Angst vor dem kalten Stahl. (Dr. Valentine beugt sich
+vor, um den Gasschlauch und den Zylinder neben dem Stuhl in Ordnung zu
+bringen:) Was ist das fuer ein schweres Ding?
+
+(Dr. Valentine.) O nichts! Ich setze bloss meinen Fuss darauf, wenn ich
+den noetigen Stuetzpunkt fuer einen kraeftigen Zug bekommen will.
+
+(McNaughtan sieht gegen seinen Willen beunruhigt aus.)
+
+(Dr. Valentine steht aufrecht neben ihm und setzt das Glas mit der
+Zange in Bereitschaft. Er faehrt fort mit herausfordernder
+Gleichgueltigkeit zu plaudern:) Sie raten mir also, mich nicht zu
+verheiraten, Herr McNaughtan? (Er bueckt sich, um die Kurbel an den
+Apparat zu befestigen, durch die der Stuhl gehoben und gesenkt werden
+kann.)
+
+(McNaughtan reizbar:) Ich rate Ihnen, mir den Zahn nun zu ziehen und
+endlich aufzuhoeren, mich an meine Frau zu erinnern! Vorwaerts, Herr!
+(Er klammert sich an lit Stuhllehnen und staehlt sich.)
+
+(Dr. Valentine setzt ab, die Hand auf der Kurbel, siebt ihn an und
+sagt:) Um wie viel wollen Sie wetten, dass ich den Zahn herauskriege,
+ohne dass Sie es spueren?
+
+(McNaughtan.) Um Ihre sechswoechige Miete, mein Junge! Mich foppen Sie
+nicht!
+
+(Dr. Valentine nimmt die Wette mit Freude an und dreht die Kurbel
+kraeftig hinauf, so dass der Sessel steigt:) Abgemacht! Sind Sie
+bereit? (McNaughtan, der beunruhigt ueber sein ploetzliches
+Gehobenwerden die Stuhllehnen losgelassen hat, kreuzt die Arme, setzt
+sich steif aufrecht und bereitet sich auf das Schlimmste vor. Dr.
+Valentine laesst den Ruecken des Stuhles ploetzlich zu einem stumpfen
+Winkel hinab.)
+
+(McNaughtan packt mit festem Griff die Stuhllehnen, waehrend er
+zurueckfaellt:) Au! Nehmen Sie sich in acht, Mensch! Ich bin ganz
+wehrlos in dieser La--
+
+(Dr. Valentine haelt ihm mit dem Sperrholz geschickt den Mund offen und
+erfasst das Mundstueck des Gasschlauchs:) Sie werden gleich noch
+wehrloser sein! (Er presst das Mundstueck ueber McNaughtans Mund und
+Nase und lehnt sich dabei ueber McNaugthans Brust so zurueck, dass er ihm
+Kopf und Schultern gut in den Stuhl niederhalten kann.)
+
+(McNaughtan stoesst einen unartikulierten Laut in das Mundstueck aus und
+versucht, Dr. Valentine zu packen, den er sich gegenueber glaubt. Nach
+einem Augenblick greifen seine Arme ins Leere, senken sich und fallen
+herab. Er ist vollstaendig bewusstlos.)
+
+(Dr. Valentine wirft mit einem Ausdruck nachdenklichen Triumphes das
+Mundstueck rasch beiseite, nimmt die Zange geschickt aus dem Glas und
+der Vorbang faellt.)
+
+
+
+
+ZWEITER AKT
+
+(Die Terrasse des Marinehotels--eine viereckige gepflasterte Planform,
+die in der Sonne funkelt und auf der Seeseite von einer Brustwehr aus
+schweren Stuetzpfeilern eingefasst ist, die wie schwerfaellige Oelkruege
+aussehen und eine breite steinerne Mauerkappe tragen.)
+
+(Der Oberkellner des Etablissements, der damit beschaeftigt ist, auf
+einem Fruehstueckstisch Servietten zu ordnen, wendet dem Meere den
+Ruecken zu und hat das Hotel zu seiner Rechten; zu seiner Linken, in
+der Ecke, befindet sich in der Naehe des Meeres die Flucht von Stufen,
+die hinunter zum Strand fuehren. Wenn er vor sich die Terrasse
+hinunterblickt, sieht er gegenueber, etwas zu seiner Linken, einen
+Herrn in mittleren Jahren, der auf einem eisengitternen Stuhle an
+einem kleinen eisernen Tische sitzt, auf dem sich eine von drei Wespen
+umschwirrte Zuckerdose befindet. Er liest den "Standard" und hat
+seinen Schirm aufgespannt, um sich gegen die Augustsonne zu schuetzen,
+die--es ist noch nicht ein Uhr nachmittag--seine ausgestreckten Beine
+roestet. Ihm gegenueber, auf der Hotelseite der Terrasse, steht eine
+Gartenbank von der gewoehnlichen Strandpromenadenform. Besucher treten
+durch einen Eingang in der Mitte der Fassade ins Hotel, wohin man ueber
+ein paar Stufen gelangt, die sich auf einem breiten, erhoehten,
+gepflasterten Viereck erheben. Naeher an der Bruestung ist ein geheimer
+Weg in die Kueche durch ein kleines Gitterportal maskiert. Der Tisch,
+an dem der Kellner sich beschaeftigt, ist sehr lang. Er steht quer
+ueber der Terrasse und ist mit fuenf Gedecken versehen; vor jedem Gedeck
+steht ein Stuhl, und zwar befinden sich zwei Stuehle auf jeder
+Laengsseite und ein Stuhl an der dem Hotel zugewandten Schmalseite.
+Gegen die Brustwehr lehnt ein zweiter, als Buefett eingerichteter Tisch,
+von dem aus serviert werden soll.)
+
+(Der Kellner ist in seiner Art ein bemerkenswerter Mensch. Ein zarter
+alter Mann mit weissen Haaren und sanften Augen, jedoch so freudig und
+zufrieden, dass in seiner ermutigenden Gegenwart Ehrgeiz sich als
+Gemeinheit geruegt fuehlt und Einbildungskraft als Verrat an dem
+ueberstroemenden Reichtum und Interesse der Wirklichkeit. Er hat jenen
+gewissen Ausdruck, der Menschen eigen ist, die in ihrem Beruf
+hervorragend sind und die, im Bewusstsein der Nichtigkeit des Erfolges,
+von Neid unberuehrt bleiben.)
+
+(Der Herr an dem eisernen Tischchen ist nicht fuer den Strand gekleidet.
+Er traegt seinen Londoner Gehrock und Handschuhe; sein hoher Zylinder
+steht auf dem Tisch neben der Zuckerdose. Die vortreffliche
+Verfassung und Qualitaet dieser Kleidung, der goldgeraenderte Zwicker,
+mit dem er den "Standard" liest und die "Times", die an seinem
+Ellbogen ueber der Ortszeitung liegt--alles weist auf seine Achtbarkeit
+hin. Er ist ungefaehr fuenfzig Jahre alt, glatt rasiert und
+kurzgeschoren. Seine Mundwinkel sind absichtlich herabgezogen, als
+haette er sie im Verdacht, hinaufschnellen zu wollen, und waere
+entschlossen, ihnen den Willen nicht zu lassen. Er hat grosse, weite
+Ohren, Augen von der Farbe des Stockfisches und eine energische Stirn,
+die er resolut offen traegt, als wenn er, wiederum, in seiner Jugend
+beschlossen haette, wahrheitsliebend, grossmuetig, unbestechlich zu
+bleiben, es ihm aber niemals gelungen waere, diese geistige Gewoehnung
+automatisch und unbewusst zu machen. Trotzdem macht er durchaus keinen
+laecherlichen Eindruck; kein Zeichen der Dummheit oder Willensschwaeche
+ist an ihm bemerkbar;--im Gegenteil, er wuerde dem Anblick nach ueberall
+fuer einen Menschen von mehr als durchschnittlichen geschaeftlichen
+Faehigkeiten und geschaeftlicher Verantwortung gehalten werden.
+Augenblicklich geniesst er das Wetter und das Meer zu sehr, um die
+Geduld zu verlieren; aber er hat alles Neue in seinen Zeitungen
+durchgelesen und ist gegenwaertig auf die Inserate angewiesen, die aber
+nicht interessant genug sind, ihn fuer die Dauer zu fesseln.)
+
+
+(Der Herr gaehnt und verzichtet auf die Zeitung als ungeniessbar:)
+Kellner!
+
+(Der Kellner.) Bitte? (Er naehert sich ihm.)
+
+(Der Herr.) Wissen Sie ganz bestimmt, dass Frau Clandon vor dem
+Fruehstueck zurueckkommt?
+
+(Der Kellner.) Ganz bestimmt. Sie erwartet den Herrn um dreiviertel
+auf Eins. (Der Herr, den des Kellners Stimme sofort besaenftigt, sieht
+ihn mit einem laessigen Laecheln an. Der Kellner hat eine ruhige,
+sanfte, melodische Stimme, die seinen alltaeglichsten Bemerkungen ein
+sympathisches Interesse verleiht; er spricht mit dem suessesten Anstand,
+ohne seine H's zu verschlucken oder sie zu verlegen, oder in
+irgendeine andere Vulgaritaet zu verfallen. Der Kellner sieht nach der
+Uhr und faehrt fort:) Es ist noch nicht so viel, nicht? Erst zwoelf Uhr
+dreiundvierzig... nur noch zwei Minuten muss sich der Herr gedulden.--
+Schoener Morgen, nicht wahr?
+
+(Der Herr.) Ja. Sehr frisch im Vergleich zu London.
+
+(Der Kellner.) Ja. Das sagen alle unsere Gaeste.--Eine sehr angenehme
+Familie, die von Frau Clandon.
+
+(Der Herr.) Sie moegen sie? (Der Kellner.) Ja. Sie haben ein sehr
+unbefangenes, einnehmendes Betragen--wahrhaftig, sehr einnehmend.
+Namentlich die junge Dame und der junge Herr.
+
+(Der Herr.) Fraeulein Dorothea und Herr Philip wahrscheinlich.
+
+(Der Kellner.) Jawohl. Die junge Dame sagt immer, wenn sie mir einen
+Befehl erteilt oder so etwas: "Sie wissen, William, dass wir Ihretwegen
+in dieses Hotel gekommen sind, weil wir gehoert haben, was fuer ein
+vollendeter Kellner Sie sind." Der junge Herr sagt mir immer, dass ich
+ihn sehr an seinen Herrn Vater erinnere, (der Herr faehrt auf bei
+diesen Worten:) und dass er von mir erwartet, dass ich mich gegen ihn
+auch wie ein Vater benehmen werde. (Mit beruhigendem sonnigem Tonfall:
+) Oh, so liebenswuerdig... wirklich, sehr hoeflich und freundlich sind
+sie!
+
+(Der Herr.) Sie sollen seinem Vater aehnlich sein! (Er lacht ueber
+diese Idee.)
+
+(Der Kellner.) Oh, wir duerfen nicht zu ernst nehmen, was die
+Herrschaften sagen. Wenn es wahr waere, so wuerde die junge Dame die
+Aehnlichkeit natuerlich auch bemerkt haben.
+
+(Der Herr.) Hat sie das nicht?
+
+(Der Kellner.) Nein. Sie fand, ich haette mit der Shakespear-Bueste in
+der Stratford-Kirche Aehnlichkeit; deshalb nennt sie mich auch
+"William"--mein richtiger Name ist Walter. (Er wendet sich um, will
+nach dem Tisch zurueckgeben und erblickt Frau Clandon, die ueber die
+Stufen vom Strand her die Terrasse heraufkommt.) Da ist Frau Clandon.
+(Zu Frau Clandon, in einem bescheiden vertraulichen Tone:) Ein Herr
+ist da, der Sie sprechen will, gnaedige Frau.
+
+(Frau Clandon.) Es werden noch zwei Herren mit uns fruehstuecken,
+William.
+
+(Der Kellner.) Sehr wohl, gnaedige Frau. Danke schoen, gnaedige Frau.
+(Er zieht sich in das Hotel zurueck.)
+
+(Frau Clandon kommt nach vorn und sieht sich nach ihrem Besucher um,
+geht aber an dem Herrn vorbei, ohne irgendein Zeichen des Erkennens zu
+geben.)
+
+(Der Herr sieht verschmitzt nach ihr unter dem Schirm hervor:)
+Erkennen Sie mich nicht?
+
+(Frau Clandon sieht ihn scharf und unglaeubig an:) Sind Sie Finch
+McComas?
+
+(McComas.) Koennen Sie das nicht raten? (Er schliesst den Schirm,
+stellt ihn zur Seite, pflanzt sich mit den Haenden in den Hueften lustig
+vor ihr auf und lasst sich betrachten.)
+
+(Frau Clandon.) Mir scheint, Sie sind es wirklich! (Sie reicht ihm
+die Hand. Der Haendedruck, der folgt, ist der alter Freunde nach einer
+Langen Trennung:) Wo ist Ihr Bart?
+
+(McComas komisch feierlich:) Wuerden Sie einen Anwalt mit einem Bart
+beschaeftigen?
+
+(Frau Clandon zeigt auf den Zylinder, der auf dem Tischchen steht:)
+Ist das Ihr Hut?
+
+(McComas.) Wuerden Sie einen Anwalt mit einem Sombrero beschaeftigen?
+
+(Frau Clandon.) Ich habe Sie waehrend der ganzen achtzehn Jahre in
+Gedanken mit einem Bart und einem grossen, runden Hut vor mir gesehen.
+(Sie setzt sich auf die Gartenbank. McComas nimmt seinen Platz wieder
+ein.) Gehen Sie noch immer zu den Versammlungen der philosophischen
+Gesellschaft?
+
+(McComas ernst:) Ich besuche keine Versammlungen mehr.
+
+(Frau Clandon.) Finch, ich merke, was mit Ihnen vorgegangen ist! Sie
+sind respektabel geworden!
+
+(McComas.) Und Sie nicht?
+
+(Frau Clandon.) Nicht im geringsten.
+
+(McComas.) Sie halten noch immer an Ihren alten Ansichten fest?
+
+(Frau Clandon.) Fester denn je.
+
+(McComas.) Was Sie sagen!... Und sind Sie noch immer bereit,
+oeffentlich zu sprechen, trotz Ihres Geschlechts? (Frau Clandon nickt.
+) Halten Sie sogar noch immer an der Ansicht fest, eine verheiratete
+Frau sei berechtigt, ihr eigenes Vermoegen von dem ihres Gatten zu
+trennen? (Frau Clandon nickt wieder.) Sind Sie noch immer
+Vorkaempferin fuer die Lehre Darwins von der Abstammung der Arten und
+fuer John Stuart Mills Schrift ueber die Freiheit? (Sie nickt.) Lesen
+Sie noch immer Huxley, Tyndall und George Eliot? (Sie nickt dreimal.)
+Und verlangen Sie noch immer fuer die Frauen so gut wie fuer die Maenner
+den Zutritt zur Universitaet, die Ausuebung aller Gewerbe und das
+parlamentarische Wahlrecht?
+
+(Frau Clandon energisch:) Jawohl. Ich bin nicht um Haares Breite
+davon abgewichen, und ich habe Gloria dazu erzogen, mein Werk dort
+fortzusetzen, wo ich es abgebrochen habe.--Das ist es auch, was mich
+nach England zurueckgefuehrt hat. Ich fuehlte, dass ich kein Recht hatte,
+meine Tochter lebend in Madeira zu begraben--mein Sankt Helena, Finch!
+--Sie wird wohl ausgezischt werden, wie ich es wurde--aber sie ist
+darauf vorbereitet.
+
+(McComas.) Ausgezischt?... Meine liebe gute Frau Clandon, heutzutage
+koennte Gloria mit allen diesen Ansichten sogar einen Erzbischof
+heiraten.--Sie haben mir eben vorgeworfen, dass ich respektabel
+geworden bin. Sie haben sich geirrt--ich halte an unsern alten
+Meinungen fest, ebenso wie damals--ich gehe nicht in die Kirche, und
+ich tue nicht so, als ob ich es taete. Ich bekenne, was ich bin: ein
+radikaler Philosoph, der fuer Freiheit und fuer die Rechte des
+Individuums eintritt, wie mein Meister Herbert Spencer es mich gelehrt
+hat. Werde ich ausgezischt?... Nein! Ich werde nachsichtig
+belaechelt, wie ein altmodischer Kauz! Ich bin vollstaendig erledigt,
+weil ich mich geweigert habe, das Knie vor dem Sozialismus zu beugen.
+
+(Frau Clandon entsetzt:) Sozialismus!
+
+(McComas.) Ja, Sozialismus--vor Ablauf eines Monats wird Fraeulein
+Gloria bis ueber die Ohren drin sein, wenn Sie sie hier loslassen.
+
+(Frau Clandon mit Emphase:) Aber ich kann ihr beweisen, dass der
+Sozialismus ein Trugschluss ist!
+
+(McComas pathetisch:) Dadurch, dass ich es bewies, habe ich alle meine
+Schueler verloren, Frau Clandon. Nehmen Sie sich in acht, lassen Sie
+Gloria ihren eigenen Weg gehen. (Etwas bitter:) Wir sind altmodisch
+geworden, die Welt denkt, wir seien hinter ihr zurueckgeblieben! Es
+gibt nur noch einen einzigen Ort in England, wo Ihre Anschauungen fuer
+vorgeschritten gelten wuerden.
+
+(Frau Clandon spoettisch und nicht ueberzeugt:) Die Kirche vielleicht?
+
+(McComas.) Nein, das Theater.--Und jetzt zur Sache. Warum haben Sie
+mich hierher kommen lassen?
+
+(Frau Clandon.) Nun, zum Teil, weil ich Sie wiedersehen wollte.
+
+(McComas mit gutmuetiger Ironie:) Danke!
+
+(Frau Clandon.) Und zum Teil, weil ich moechte, dass Sie den Kindern
+alles erklaeren. Sie wissen nichts. Und jetzt, wo wir nach England
+zurueckgekehrt sind, ist es unmoeglich, sie noch laenger im unklaren zu
+lassen. (Aufgeregt:) Finch, ich kann mich nicht dazu entschliessen, es
+ihnen zu sagen... ich--(Sie wird durch die Zwillinge und Gloria
+unterbrochen. Dolly kommt hastig die Stufen heraufgestuerzt, im
+Wettlauf mit Philip, der ein schreckliches Tempo mit einer ungestoerten
+Korrektheit des Betragens verbindet, die ihn jedoch das Rennen kostet.
+Dolly erreicht ihre Mutter zuerst und stoesst durch die Heftigkeit
+ihrer Ankunft die Gartenbank beinahe ueber den Haufen.)
+
+(Dolly atmenlos:) Es ist alles in Ordnung, Mama! Der Zahnarzt kommt,
+und seinen alten Hausherrn bringt er mit!
+
+(Frau Clandon.) Liebe Dolly, siehst du Herrn McComas nicht?
+
+(McComas erhebt sich laechelnd.)
+
+(Dolly mit langem Gesicht, das offensichtlich die groesste Enttaeuschung
+ausdrueckt:) Der?!... Wo sind die wallenden Locken?
+
+(Philip sekundiert ihr warm:) Und wo der Bart?!--Der Mantel?--Das
+poetische Aussehen?!
+
+(Dolly.) Oh, Herr McComas! Sie haben sich ganz und gar verdorben!
+Warum haben Sie nicht gewartet, bis wir Sie gesehen haben?!
+
+(McComas verdutzt, aber seinen Humor zusammennehmend, um sich der
+schwierigen Lage gewachsen zu zeigen:) Weil fuer einen Rechtsanwalt
+achtzehn Jahre eine zu lange Zeit ist, um sich da nicht die Haare
+schneiden zu lassen.
+
+(Gloria auf der andern Seite von McComas:) Guten Tag, Herr McComas.
+(Er wendet sich um, und sie ergreift seine Hand und drueckt sie, mit
+einem geraden, aufrichtigen Blick in seine Augen:) Wir freuen uns, Sie
+endlich zu sehen.
+
+(McComas.) Fraeulein Gloria, nicht wahr? (Gloria laechelt zustimmend
+und zieht ihre Hand mit einem letzten Druck zurueck. Sie tritt hinter
+die Gartenbank und neigt sich ueber die Lehne neben Frau Clandon:) Und
+dieser junge Herr?
+
+(Philip.) Ich wurde in einer verhaeltnismaessig prosaischen Laune getauft.
+Ich heisse--
+
+(Dolly ergaenzt sein Zitat fuer ihn, deklamatorisch:) "Ich heisse Norval,
+auf den Grampianhuegeln"...
+
+(Philip ernsthaft deklamierend:) "mein Vater weidet seine Herde, nur
+ein Schaefer"--[*]
+
+[Footnote *: Norval ist der Sohn eines alten Bauern im Trauerspiel
+"Douglas" von John Horne (1724-1808).]
+
+(Frau Clandon unterbrechend:) Meine lieben Kinder, seid nicht so
+albern!--Alles erscheint ihnen hier so neuartig, Finch, dass sie in der
+tollsten Laune sind. Sie halten jeden Englaender, dem sie begegnen,
+fuer einen Witz.
+
+(Dolly.) Ja, das ist er auch! Wir koennen nichts dafuer!
+
+(Philip.) Meine Menschenkenntnis ist recht ausgedehnt, Herr McComas;
+aber es ist mir unmoeglich, die Bewohner dieser Insel ernst zu nehmen.
+
+(McComas.) Ich vermute, Sie sind der junge Herr Philip? (Er bietet
+ihm die Hand.)
+
+(Philip nimmt McComas' Hand und betrachtet ihn feierlich:) Ich war der
+junge Philip--das war ich durch viele Jahre. Genau so wie Sie einmal
+der junge Finch gewesen sind. (Er schuettelt ihm einmal die Hand; dann
+laesst er sie fallen und ruft gedankenvoll aus:) Wie sonderbar ist es
+doch, so auf seine Knabenzeit zurueckzublicken!
+
+(McComas starrt ihn an, durchaus nicht erfreut.)*
+
+(Dolly zu Frau Clandon:) Hat Finch schon was zu trinken bekommen?
+
+(Frau Clandon abwehrend:) Liebes Kind, Herr McComas wird mit uns
+fruehstuecken.
+
+(Dolly.) Hast du sieben Gedecke bestellt? Vergiss nur nicht den alten
+Herrn!
+
+(Frau Clandon.) Ich habe ihn nicht vergessen, mein Kind. Wie heisst er?
+
+(Dolly.) Gichtknoten.--Er wird um halb zwei hier sein. (Zu McComas:)
+Sind wir so, wie Sie sich uns vorgestellt haben?
+
+(Frau Clandon ernst, sogar etwas gebieterisch:) Dolly, Herr McComas
+hat euch etwas Ernsteres mitzuteilen als das.--Kinder: ich habe meinen
+alten Freund gebeten, die Frage, die ihr heute morgen an mich
+gerichtet habt, zu beantworten. Er ist sowohl der Freund eures Vaters
+als auch der meine, und er wird euch die Geschichte meines Ehelebens
+besser erzaehlen, als ich es koennte.--Gloria, bist du nun zufrieden?
+
+(Gloria ernst und aufmerksam:) Herr McComas ist sehr guetig.
+
+(McComas nervoes:) Durchaus nicht, mein Fraeulein, durchaus nicht. Doch
+das kommt ziemlich ploetzlich... ich bin kaum darauf vorbereitet--
+
+(Dolly argwoehnisch:) Oh! wir wollen auch gar nichts Vorbereitetes
+hoeren.
+
+(Philip ihn ermunternd:) Sagen Sie uns die Wahrheit.
+
+(Dolly nachdruenklich:) Die nackte Wahrheit!
+
+(McComas gereizt:) Ich hoffe, Sie haben die Absicht, ernst zu nehmen,
+was ich zu sagen habe?
+
+(Philip mit tiefem Ernst:) Ich hoffe, dass es das verdient, Herr
+McComas. Meine Menschenkenntnis lehrt mich, niemals zuviel zu
+erwarten.
+
+(Frau Clandon abwehrend:) Phil--
+
+(Philip.) Ja Mutter, schon gut. Entschuldigen Sie, Herr McComas,
+stossen Sie sich nicht an uns.
+
+(Dolly versoehnlich:) Wir meinen es gut.
+
+(Philip.) Schweigen wir beide!
+
+(Dolly haelt ihre Lippen fest. McComas nimmt einen Stuhl vom
+Fruehstueckstisch, setzt ihn zwischen den kleinen Tisch und die
+Gartenbank, so dass Dolly zu seiner Rechten und Philip zu seiner Linken
+zu stehen kommt. Er setzt sich mit der Miene eines Mannes, der im
+Begrift steht, eine lange Auseinandersetzung zu beginnen. Die
+Clandons beobachten ihn erwartungsvoll.)
+
+(McComas.) Hm!--Ihr Vater--
+
+(Dolly.) Wie alt ist er?
+
+(Philip.) Sch!
+
+(Frau Clandon sanft:) Liebe Dolly, wir wollen Herrn McComas nicht
+unterbrechen.
+
+(McComas mit Nachdruck:) Ich danke Ihnen, Frau Clandon--ich danke!
+(Zu Dolly:) Ihr Vater ist siebenundfuenfzig Jahre alt.
+
+(Dolly mit einem Satz, ueberrascht und aufgeregt:) Siebenundfuenfzig?!...
+Wo lebt er?
+
+(Frau Clandon zurechtweisend:) Dolly! Dolly!
+
+(McComas sie unterbrechend:) Lassen Sie mich dies beantworten, Frau
+Clandon. Die Antwort wird Sie sehr ueberraschen.--Er lebt hier, an
+diesem Ort.
+
+(Frau Clandon erhebt sich sehr boese, setzt sich aber wieder sprachlos
+nieder. Gloria beobachtet sie ganz starr.)
+
+(Dolly mit Ueberzeugung:) Ich wusste es!... Phil--Gichtknoten ist unser
+Vater!
+
+(McComas.) Gichtknoten--?!
+
+(Dolly) Oder McNaughty... oder sonst wie--was weiss ich! Er sagte mir,
+ich saehe seiner Mutter aehnlich; ich wusste es ja, dass er seine Tochter
+meinte.
+
+(Philip sehr ernst:) Herr McComas: ich moechte Ihre Gefuehle auf jede
+moegliche Art beruecksichtigen--aber ich warne Sie! Wenn Sie den langen
+Arm des Zufalls derart verlaengern, dass Sie mir einreden wollen, der
+hier lebende Herr McNaughtan sei mein Vater, so weigere ich mich, auf
+Ihre Auskuenfte auch noch einen Augenblick weiter einzugehen.
+
+(McComas.) Und warum, wenn ich bitten darf?
+
+(Philip.) Weil ich diesen Herrn gesehen habe und er gaenzlich
+ungeeignet ist, mein Vater, oder Dollys Vater, oder Glorias Vater,
+oder der Mann meiner Mutter zu sein!
+
+(McComas.) Oh, wirklich?--So. Dann muss ich Ihnen sagen--ob Sie es nun
+gern hoeren oder nicht--: er ist tatsaechlich Ihr Vater und der Vater
+Ihrer Schwester und Frau Clandons Gatte.--Nun, was sagen Sie dazu?
+
+(Dolly weinerlich:) Sie brauchen nicht so boese zu sein! Gichtknoten
+ist ja nicht Ihr Vater!
+
+(Philip.) Herr McComas, Ihr Benehmen ist herzlos. Sie finden hier
+eine Familie, die den unsagbaren Frieden und die Annehmlichkeit
+geniesst, verwaist zu sein--wir haben niemals das Antlitz eines
+Verwandten gesehen--niemals ein Band anerkannt, mit Ausnahme des
+Bandes einer frei gewaehlten Freundschaft--und jetzt wollen Sie einen
+Mann in die intimste Verwandtschaft mit uns hineinstossen, den wir
+nicht kennen....
+
+(Dolly heftig:) Einen entsetzlichen alten Mann! (Vorwurfsvoll:) Und
+Sie fingen an, als ob Sie einen ganz netten Vater fuer uns haetten!
+
+(McComas aergerlich:) Woher wissen Sie, dass er nicht nett ist? Und
+welches Recht haben Sie, sich Ihren eigenen Vater zu waehlen? (Seine
+Stimme erhebend:) Ich muss Ihnen sagen, Fraeulein Clandon, dass Sie zu
+jung sind, um--
+
+(Dolly unterbricht ihn ploetzlich mit Heftigkeit:) Still! Das hab' ich
+ja ganz vergessen... hat er Geld?
+
+(McComas.) Er hat sehr viel Geld.
+
+(Dolly entzueckt:) Oh, was habe ich immer gesagt, Phil?
+
+(Philip.) Dolly, wir haben den alten Mann vielleicht zu schnell
+verurteilt.--Fahren Sie fort, Herr McComas.
+
+(McComas.) Ich werde nicht fortfahren, junger Herr. Ich bin zu empoert,
+zu verletzt dazu.
+
+(Frau Clandon kaempft mit ihrem Zorn:) Finch, koennen Sie die ganze
+Sachlage mit allen Folgen ueberblicken? Wissen Sie, dass meine Kinder
+diesen Mann zum Fruehstueck eingeladen haben und dass er in einigen
+Augenblicken hier sein wird? (McComas ganz ausser sich:) Was!...
+Meinen Sie--soll ich wirklich annehmen--ist es...
+
+(Philip nachdruecklich:) Ruhig Blut, Finch! Denken Sie darueber langsam
+und sorgfaeltig nach.--Er kommt--kommt zum Fruehstueck.
+
+(Gloria.) Wer von uns soll ihm die Wahrheit sagen? Habt ihr darueber
+nachgedacht?
+
+(Frau Clandon.) Finch, Sie muessen es ihm sagen!
+
+(Dolly.) Oh, Finch ist ganz unbrauchbar, um so was zu sagen! Schau
+doch, was er damit angerichtet hat, dass er es uns gesagt hat!
+
+(McComas.) Man hat mich nicht zu Worte kommen lassen. Ich protestiere.
+
+(Dolly ergreift schmeichlerisch seinen Arm:) Lieber Finch, nicht boese
+sein!
+
+(Frau Clandon.) Gloria, wir wollen hineingehen; er kann jeden
+Augenblick kommen!
+
+(Gloria stolz:) Ruehr' dich nicht vom Fleck, Mutter. Ich werde mich
+auch nicht ruehren. Wir duerfen nicht davonlaufen.
+
+(Frau Clandon sie zurechtweisend:) Mein Kind, so koennen wir nicht zu
+Tisch gehen. Wir kommen gleich wieder. Wir muessen kein Heldentum
+posieren. (Gloria zuckt zusammen und geht stumm ins Hotel:) Komm,
+Dolly! (Als sie sich der Hoteltuere naehert, kommt ihr der Kellner
+daraus entgegen. Er traegt ein Servierbrett, auf dem sich Teller fuer
+die zwei hinzugekommenen Gedecke befinden.)
+
+(Der Kellner.) Sind die Herren schon da, gnaedige Frau?
+
+(Frau Clandon.) Es kommen noch zwei. Sie werden gleich da sein. (Sie
+geht ins Hotel. Der Kellner geht mit seinem Geschirr an den
+Serviertisch.)
+
+(Philip.) Ich habe eine Idee--Herr McComas. Die Mitteilung, die Sie
+zu machen haben, erfordert doch einen Mann von unendlich viel Takt,
+nicht wahr?
+
+(McComas.) Es gehoert sicherlich Takt dazu.
+
+(Philip.) Dolly, wessen Takt ist dir erst heute morgen aufgefallen?
+
+(Dolly ergreift die Idee mit Begeisterung:) O ja! ich weiss, wen du
+meinst! William!
+
+(Philip.) Das ist der Mann! (Rufend:) William!
+
+(Der Kellner.) Zu Befehl, junger Herr.
+
+(McComas entsetzt:) Der Kellner?!... Nein! Nein! Das kann ich nicht
+zugeben, ich--
+
+(Der Kellner taucht zwischen Philip und McComas auf:) Ich stehe zu
+Diensten.
+
+(McComas setzt sich ausser Fassung. Sein Gesicht wird aschfahl, und
+seine Augen werden bewegungs--und ausdruckslos. Er setzt sich total
+verdutzt.)
+
+(Philip.) William, erinnern Sie sich an meine Bitte, mich als Ihren
+Sohn zu betrachten?
+
+(Der Kellner mit respektvoller Nachsicht:) Gewiss, junger Herr?--Alles,
+womit ich Ihnen dienen kann.
+
+(Philip.) William: Ihre Karriere als mein Vater hat kaum begonnen, und
+schon ist ein Rivale auf der Bildflaeche aufgetaucht.
+
+(Der Kellner.) Ihr wirklicher Vater, junger Herr? Nun, das war frueher
+oder spaeter zu erwarten, nicht wahr? (Er wendet sich mit einem
+gluecklichen Laecheln zu McComas:) Sind Sie es, gnaediger Herr?
+
+(McComas kommt durch seine Entruestung wieder zu Kraeften:) Nein, ganz
+gewiss nicht, Gott sei Dank! Meine Kinder wissen, wie sie sich zu
+benehmen haben!
+
+(Philip.) Nein, William, dieser Herr haette nur mein Vater werden
+koennen! Um ein Haar waere er's geworden. Er hat um meine Mutter
+angehalten, aber sie hat ihm einen Korb gegeben.
+
+(McComas beleidigt:) Ich muss doch bitten--Wahrhaftig, diese Frechheit--
+
+(Philip.) Sch!--Infolgedessen ist er nur unser Anwalt geworden.
+--Kennen Sie einen gewissen McNaughtan in dieser Stadt?
+
+(Der Kellner.) Der schielaeugige McNaughtan, junger Herr, vom krummen
+Knuettel--meinen Sie den?
+
+(Philip.) Das weiss ich nicht!--Finch, haelt er ein Wirtshaus?
+
+(McC omas erhebt sich empoert:) Nein, nein, nein! Ihr Vater, Herr, ist
+ein sehr bekannter Schiffsrheder, einer der angesehensten Maenner der
+Stadt!
+
+(Der Kellner, auf den das Eindruck gemacht hat:) Oh, verzeihen Sie,
+gnaediger Herr--ein Sohn des Herrn McNaughtan--meine Guete!
+
+(Philip.) Herr McNaughtan wird mit uns fruehstuecken.
+
+(Der Kellner verlegen:) Zu Befehl, junger Herr. (Diplomatisch:) Er
+fruehstueckt fuer gewoehnlich wohl nicht mit seiner Familie?
+
+(Philip nachdenklich:) William--er weiss nicht, dass wir seine Familie
+sind. Er hat uns seit achtzehn Jahren nicht gesehen--er wird uns
+nicht erkennen. (Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, setzt sich
+Philip mit einem Sprung auf den Eisentisch und beobachtet den Kellner
+mit zusammengekniffenen Lippen und baumelnden Beinen.)
+
+(Dolly.) Wir wollen, dass Sie ihm diese Neuigkeit mitteilen, William!
+
+(Der Kellner.) Aber ich sollte meinen, dass er's erraet, wenn er Ihre
+Mutter sieht, gnaediges Fraeulein?
+
+(Philip starrt den Kellner hingerissen an; seine Beine stellen ihre
+Bewegung ein.)
+
+(Dolly verwirrt:) Daran habe ich nicht gedacht!
+
+(Philip.) Ich auch nicht! (Er verlaesst den Tisch und wendet sich
+vorwurfsvoll zu McComas:) Sie auch nicht!
+
+(Dolly.) Und Sie wollen ein Anwalt sein?
+
+(Philip.) Finch, Ihre berufliche Unzulaenglichkeit ist erschreckend!
+--William, Ihr Scharfsinn beschaemt uns alle.
+
+(Dolly.) Sie sind wirklich Shakespear sehr aehnlich, William!
+
+(Der Kellner.) Aber nein! Es ist nicht der Rede wert, gnaediges
+Fraeulein... ich schaetze mich gluecklich, junger Herr. (Er gebt
+bescheiden zum Fruehstueckstisch zurueck und legt die beiden
+hinzugekommenen Gedecke auf, das eine an die Schmalseite in der Naehe
+der Stufen und das andere so, dass noch ein drittes hinzukommen kann an
+der von der Balustrade am weitesten entfernten Seite.)
+
+(Philip ergreift ploetzlich McComas' Arm und fuehrt ihn gegen das Hotel
+zu:) Finch, kommen Sie und waschen Sie sich die Haende.
+
+(McComas.) Ich bin ueberaus ungehalten und verletzt, Herr Clandon--
+
+(Philip ihn unterbrechend:) Sie werden sich schon an uns gewoehnen.
+Komm, Dolly!
+
+(McComas schuettelt ihn ab und geht ins Hotel. Philip folgt ihm mit
+unerschuetterlicher Gemuetsruhe.)
+
+(Dolly, die ihnen folgt, wendet sich einen Augenblick auf den Stufen
+um:) Halten Sie Ihre fuenf Sinne beisammen, William--es wird drunter
+und drueber gehen!
+
+(Der Kellner.) Zu Befehl, Sie koennen sich auf mich verlassen, gnaediges
+Fraeulein.
+
+(Dolly geht ins Hotel.)
+
+(Dr. Valentine kommt leichten Fusses die Stufen vom Strand herauf,
+McNaughtan folgt ihm stoerrisch. Dr. Valentine hat einen Spazierstock,
+McNaughtan traegt--entweder weil er alt ist und friert, oder um seinen
+unmodernen Seemannsanzug zu verbergen--einen leichten Ueberzieher. Er
+bleibt vor dem Stuhl, den McComas eben verlassen hat, in der Mitte der
+Terrasse stehen, stuetzt die Hand auf die Lehne und gibt sich so ein
+bisschen Kraft.)
+
+(McNaughtan.) Die vielen Stufen machen mich schwindlig. (Er faehrt
+sich mit der Hand ueber die Stirn:) Ich habe dieses hoellische Gas noch
+immer im Leibe. (Er setzt sich in den Eisenstuhl, so dass er seine
+Ellbogen auf den kleinen Tisch aufstuetzen und den Kopf in die Haende
+stuetzen kann. Er erholt sich bald und beginnt seinen Ueberrock
+aufzuknoepfen. Inzwischen fragt Dr. Valentine den Kellner aus.)
+
+(Dr. Valentine.) Kellner!
+
+(Der Kellner tritt vor zwischen die beiden Gaeste:) Zu Befehl?
+
+(Dr. Valentine.) Ist Frau Lanfrey Clandon zu Hause?
+
+(Der Kellner mit einem suessen Laecheln des Willkommens:) Zu dienen, Herr
+Doktor, wir erwarten Sie. Dies ist der bestellte Tisch. Frau Clandon
+wird gleich da sein.--Die junge Dame und der junge Herr haben soeben
+von ihrem Freunde gesprochen.
+
+(Dr. Valentine.) Wirklich?
+
+(Der Kellner sanft melodisch:) Zu Befehl. Die jungen Herrschaften
+sind sehr ausgelassen--eine spasshafte Ader sozusagen, gnaediger Herr.
+(Rasch zu McNaughtan, der sich erhoben hat, um seinen Ueberrock
+abzulegen:) Verzeihen Euer Gnaden--gestatten Sie... (Er hilft ihm den
+Ueberrock ausziehen und nimmt ihn an sich:) Ich danke sehr.
+(McNaughtan setzt sich wieder, und der Kellner nimmt die unterbrochene
+Melodie wieder auf:) Des jungen Herrn letzter Witz ist, dass Sie sein
+Vater sind, gnaediger Herr.
+
+(McNaughtan.) Was?!
+
+(Der Kellner.) Nur ein Spass, Euer Gnaden--sein Lieblingsspass. Gestern
+sollte ich sein Vater sein--heute, als er erfuhr, dass Sie kommen
+wuerden, gnaediger Herr, versuchte er sofort mir einzureden, dass Sie
+sein Vater waeren--sein lang verlorener Vater. Achtzehn Jahre lang hat
+er Sie nicht gesehen--sagt er.
+
+(McNaughtan verbluefft:) Achtzehn Jahre?...
+
+(Der Kellner.) Zu Befehl. (Mit sanfter Schlauheit:) Aber ich war
+seinen Spaessen gewachsen, gnaediger Herr. Ich sah, wie ihm die Idee kam,
+als er hier stand und ueber einen neuen Scherz nachdachte, den er sich
+mit mir machen koennte.--Ja, gnaediger Herr, das ist so seine Art. Sehr
+vergnuegt, liebenswuerdig, sehr frei und sehr umgaenglich--wahrhaftig,
+gnaediger Herr! (Veraendert wieder seinen Rhythmus, um zu Dr. Valentine,
+der seinen Stock in eine Ecke der Garunbank lehnt, zu sagen:) Darf
+ich so frei sein?... (Er nimmt Dr. Valentines Stock.) Danke schoen.
+
+(Dr. Valentine geht an den Tisch und studiert das Menue.)
+
+(Der Kellner wendet sich wieder zu McNaughtan und faehrt in seinem
+Liede fort:) Sogar der Herr Anwalt ist auf den Scherz eingegangen,
+obgleich ich sozusagen im Vertrauen mit ihm ueber den jungen Herrn
+gesprochen hatte... Ja, ich versichere Ihnen, Sie wuerden nicht
+glauben, wozu die ehrenwertesten Berufsmenschen Londons auf einem
+Ausflug, wenn die Meerluft sie anblaest, imstande sind!
+
+(McNaughtan.) Oh, sie haben also einen Anwalt bei sich?
+
+(Der Kellner.) Ja, der Familienanwalt, gnaediger Herr. Ein Herr
+McComas. (Er geht mit Rock und Stock zum Hoteleingang,
+gluecklicherweise ohne zu ahnen, welchen bombenartigen Eindruck er mit
+diesem Namen auf McNaughtan gemacht hat.)
+
+(McNaughtan erhebt sich in wuetender Erregung:) McComas! (Ruft:) Dr.
+Valentine! (Ruft grimmiger:) Dr. Valentine! (Dr. Valentine wendet
+sich um.) Das ist eine Falle, eine Verschwoerung! Das ist meine
+Familie--meine Kinder--mein Satan von Weib!
+
+(Dr. Valentine kalt:) Was Sie nicht sagen! Ein interessantes
+Zusammentreffen. (Er geht wieder daran, das Menue zu studieren.)
+
+(McNaughtan.) Zusammentreffen?... Es wird nicht stattfinden! Lassen
+Sie mich fort! (Ruft den Kellner an:) Geben Sie mir meinen Ueberzieher!
+
+(Der Kellner.) Ja, gnaediger Herr! (Er kehrt um, lehnt Dr. Valentines
+Stock vorsichtig an den Fruehstueckstisch, schuettelt den Ueberzieher
+behutsam und haelt ihn McNaughtan zum Anziehen hin.) Ich scheine dem
+jungen Herrn unrecht getan zu haben--ist es so, gnaediger Herr?
+
+(McNaughtan.) Rrrh! (Er haelt inne, im Begriff in die Armel au
+schluepfen, und wendet sich mit ploetzlichem Argwohn zu Dr. Valentine:)
+Doktor, Sie sind im Einverstaendnis! Das haben Sie angestiftet! Sie--
+
+(Dr. Valentine entschieden:) Unsinn! (Er wirft das Menue fort, geht um
+den Tisch herum an die Balustrade und sieht gleichgueltig hinaus.)
+
+(McNaughtan aergerlich:) Was zum Teufel--(McComas kommt aus dem Hotel,
+Philip und Dolly folgen ihm. Er wankt bei McNaughtans Anblick einen
+Moment zurueck.)
+
+(Der Kellner unterbricht McNaughtan sanft:) Fassung, gnaediger Herr!
+Hier kommen sie. (Er ergreift Dr. Valentines Stock und eilt, den Rock
+ueber seinen Arm werfend, ins Hotel.)
+
+(McComas zieht die Mundwinkel entschlossen herab, geht auf McNaughtan
+zu, der zurueckweicht und mit den Haenden auf dem Ruecken ihn boese
+anstarrt. McComas sieht mit offenerer Stirn denn je McNaughtan an,
+mit der Majestaet eines fleckenlosen Gewissens.)
+
+(Der Kellner fluestert Philip waehrend seines Abgangs zu:) Ich hab' es
+ihm beigebracht, junger Herr.
+
+
+(Philip.) Unschaetzbarer William! (Er tritt vor, an den Tisch.)
+
+(Dolly leise zum Kellner:) Wie hat er's aufgenommen?
+
+(Der Kellner leise zu ihr:) Erst war er erschrocken, gnaediges
+Fraeulein--dann aber in sein Schicksal ergeben... wirklich sehr ergeben.
+(Er geht mit Stock und Rock in das Hotel.)
+
+(McComas hat McNaughtan durch sein Anstarren aus der Fassung gebracht:
+) Da waeren Sie also, Herr McNaughtan!
+
+(McNaughtan.) Ja, da bin ich--in einer Falle gefangen--in einer ganz
+gemeinen Falle!--Sind das meine Kinder?
+
+(Philip mit toedlicher Hoeflichkeit:) Ist das unser Vater, Herr McComas?
+
+(McComas.) Ja--es--(Er verliert selbst die Fassung und haelt inne.)
+
+(Dolly foermlich:) Es freut mich sehr, Ihnen wieder zu begegnen. (Sie
+kommt nachlaessig hinter dem Tisch hervor und tauscht unterwegs mit Dr.
+Valentine ein Laecheln und ein Wort des Grusses.)
+
+(Philip.) Erlauben Sie mir, meine erste Pflicht dem Gaste gegenueber zu
+erfuellen und Ihren Wein zu bestellen. (Er nimmt die Weinkarte vom
+Tisch; seine hoefliche Aufmerksamkeit und Dollys achtlose
+Gleichgueltigkeit belassen McNaughtan auf dem Standpunkt der zufaelligen
+Bekanntschaft, die sie am Morgen beim Zahnarzt gemacht haben. Diese
+Erkenntnis beruehrt den Vater mit so heftiger Qual, dass er ueber und
+ueber zittert. Seine Stirn wird feucht, und er starrt seinen Sohn
+schweigend an. Dieser ist sich seiner eigenen Gefuehllosigkeit genug
+bewusst, um sich seines Humors und seiner Gewandtheit ausserordentlich
+zu freuen. Er faehrt freundlich fort.) Finch, darf ich fuer den alten
+respektablen Familienanwalt irgendeinen alten verstaubten Portwein
+bestellen?
+
+(McComas bestimmt:) Nur Apollinaris--ich will lieber nichts
+Erhitzendes nehmen. (Er wendet sich nach der andern Seite der
+Terrasse, wie ein Mann, der eine Versuchung von sich gewiesen hat.)
+
+(Philip.) Doktor--?
+
+(Dr. Valentine.) Wuerde Lagerbier zu gemein gefunden werden?
+
+(Philip.) Wahrscheinlich. Bestellen wir welches. Dolly trinkt es
+auch. (Wendet sich zu McNaughtan mit heiterer Hoeflichkeit:) Nun, Herr
+McNaughtan, was duerfen wir Ihnen bestellen?
+
+(McNaughtan.) Was soll das heissen, Junge?
+
+(Philip.) Junge?... (Sehr feierlich:) Wessen Schuld ist es, dass ich
+ein Junge bin? (McNaughtan reisst ihm die Weinkarte grob aus der Hand
+und tut unschluessig so, als ob er sie lese. Philip ueberlaesst sie ihm
+mit vollendeter Hoeflichkeit.)
+
+(Dolly ueber McNaughtans Schulter blickend:) Der Whisky steht auf der
+vorletzten Seite.
+
+(McNaughtan.) Lass mich zufrieden, Kind.
+
+(Dolly.) Kind?... Nein, nein, das geht nicht! Sie koennen mich
+"Dolly" nennen, wenn Sie wollen; aber Sie duerfen nicht "Kind" zu mir
+sagen! (Sie haengt sich in Philip ein, und die beiden stehen vor
+McNaughtan und betrachten ihn wie einen exzentrischen Fremden.)
+
+(McNaughtan wischt sich die Stirn in Schmerz und Wut und dennoch sogar
+durch ihr Spielen mit ihm erleichtert:) McComas, ha! Das wird
+ein--ein nettes Fruehstueck werden!
+
+(McComas kleinmuetig:) Ich sehe nicht ein, aus welchem Grunde es nicht
+nett werden sollte. (Er blickt aeusserst truebe drein.)
+
+(Philip.) Das Gesicht von Finch ist schon allein ein Festessen.
+
+(Frau Clandon und Gloria treten aus dem Hotel. Frau Clandon naehert
+sich mit mutiger Selbstbeherrschung und mit deutlich zur Schau
+getragenem wuerdigem Benehmen. Sie haelt auf der obersten Stufe inne,
+um Dr. Valentine anzureden, der ihr gerade in den Weg kommt; Gloria
+bleibt auch stehen und betrachtet McNaughtan mit einem gewissen
+Widerwillen.)
+
+(Frau Clandon.) Es freut mich, Sie wiederzusehen, Herr Doktor. (Er
+laechelt. Sie geht weiter und steht McNaughtan gegenueber in der
+Absicht, ihn mit vollstaendiger Selbstbeherrschung anzusprechen; aber
+sein Anblick erschuettert sie. Sie haelt ploetzlich inne und sagt
+aengstlich, mit einem Anflug von Gewissensnot in der Stimme:) Fergus,
+du hast dich sehr veraendert.
+
+(McNaughtan grimmig:) Das will ich meinen! Ein Mann veraendert sich in
+achtzehn Jahren.
+
+(Frau Clandon verwirrt:) So...so habe ich's nich gemeint. Ich hoffe,
+du bist gesund.
+
+(McNaughtan.) Ich danke.--Nein! nicht meine Gesundheit; mein Glueck, da
+steckt die Veraenderung, die du meinst, nicht wahr? (Ploetzlich
+ausbrechend:) Sehen Sie sie an, McComas--sehen Sie sie an und--(Halb
+lachend, halb schluchzend:) und sehen Sie mich an!
+
+(Philip.) Sch! (Er zeigt auf den Hoteleingang, wo der Kellner eben
+erschienen ist:) Still! Haltung vor William!
+
+(Dolly beruehrt McNaughtans Arm warnend:) Hm!
+
+(Der Kellner geht an den Serviertisch und winkt nach dem Kuecheneingang,
+aus dem ein Kellnerjunge mit Suppentellern beraustritt, ein Koch mit
+weisser Schuerze und Kappe folgt ihm mit der Suppenschuessel. Der
+Kellnerjunge bleibt und serviert, der Koch geht hinaus und kommt von
+Zeit zu Zeit, die Gaenge auftragend, wieder herein. Er tranchiert,
+aber er serviert nicht. Der Kellner tritt an das in der Naehe der
+Stufen gelegene Ende des Fruehstueckstisches.)
+
+(Frau Clandon, nachdem sich alle vor dem Tisch vereinigt haben:) Ich
+glaube, die Herrschaften sind einander heute alle schon begegnet...
+doch nein, entschuldigen Sie. (Vorstellend:) Herr Dr. Valentine--Herr
+Rechtsanwalt McComas. (Sie geht an das Ende des Tisches, das dem
+Hotel zunaechst ist.) Fergus, willst du dich obenan setzen--bitte.
+
+(McNaughtan) Ha! (bitter:) Obenan!
+
+(Der Kellner haelt ihm den Stuhl mit harmloser Ermutigung hin:) Hier,
+ich bitte.
+
+(McNaughtan fuegt sich und nimmt Platz.)
+
+(Der Kellner.) Danke schoen.
+
+(Frau Clandon.) Herr Doktor, wollen Sie hier Platz nehmen--(Sie weist
+auf den Stuhl in der Naehe der Balustrade:) neben Gloria. (Dr.
+Valentine und Gloria nehmen ihre Plaetze ein, Gloria neben McNaughtan
+und Dr. Valentine neben Frau Clandon.) Finch, Sie muss ich auf diese
+Seite setzen, zwischen Dolly und Phil. Wehren Sie sich, so gut Sie
+koennen. (Die drei nehmen die uebriggebliebene Seite des Tisches ein;
+Dolly sitzt neben ihrer Mutter, Philip neben seinem Vater und McComas
+zwischen ihnen. Die Suppe wird aufgetragen.)
+
+(Der Kellner zu McNaughtan:) Bouillon oder Suppe?
+
+(McNaughtan zu Frau Clandon:) Spricht in dieser Familie niemand ein
+Tischgebet?
+
+(Philip ihn schnell unterbrechend:) Sehen wir erst einmal zu, was wir
+zu essen und zu trinken bekommen werden.--William!
+
+(Der Kellner.) Zu Befehl? (er gleitet leise um den Tisch herum an
+Philips linke Seite; auf dem Wege fluestert er dem Kellnerjungen zu:)
+Suppe!
+
+(Philip.) Zwei kleine Lager fuer uns Kinder, wie gewoehnlich, und ein
+grosses fuer diesen Herrn (er zeigt auf Dr. Valentine), eine grosse
+Flasche Apollinaris fuer Herrn McComas.
+
+(Der Kellner.) Zu dienen.
+
+(Dolly.) Nehmen Sie etwas Whisky dazu, Finch?
+
+(McComas entruestet:) Nein, nein, ich danke!
+
+(Philip.) Nummer vierhundertdreizehn, wie immer fuer meine Mutter und
+Fraeulein Gloria, und--(wendet sich fragend zu McNaughtan:) was nehmen
+Sie?
+
+(McNaughtan muerrisch und im Begriff, beleidigend zu antworten:) Ich--
+
+(Der Kellner honigsuess dazwischentretend:) Es ist schon gut, junger
+Herr. Wir wissen hier, was Herr McNaughtan liebt. (Er geht ins Hotel.)
+
+(Philip seinen Vater ernst betrachtend:) Sie haben also die schlechte
+Gewohnheit, Wirtshaeuser zu besuchen!
+
+(Der Koch, dem ein Kellner mit uebereinandergetuermten heissen Tellern
+folgt, bringt den Fisch aus der Kueche und beginnt, ihn auf dem
+Serviertisch zu zerlegen.)
+
+(McNaughtan.) Du hast deine Lektion von deiner Mutter gut gelernt.
+
+(Frau Clandon.) Phil! bedenke gefaelligst, dass deine Scherze Leute, die
+nicht daran gewoehnt sind, auf-* zubringen imstande sind und dass dein
+Vater heute unser Gast ist.
+
+(McNaughtan bitter:) Ja, ein Gast an der Spitze meines eigenen Tisches!
+(Die Suppenteller werden weggenommen.)
+
+(Dolly teilnahmsvoll:) Ja, das ist peinlich, nicht wahr? Aber uns ist
+es ebenso peinlich.
+
+(Philip.) Sch! Wir sind beide taktlos. (Zu McNaughtan:) Wir meinen
+es gut, Herr McNaughtan, aber wir sind noch nicht sehr geuebt in
+unseren Rollen als Kinder. (Der Kellner kommt aus dem Hotel mit den
+Getraenken:) William, kommen Sie und stellen Sie das gute Einvernehmen
+wieder her.
+
+(Der Kellner ermunternd:) Mit groesstem Vergnuegen, junger Herr. (Setzt
+die Getraenke vor:) Ihr kleines Lager; (zu McNaughtan:) Ihr Whisky und
+Soda, (zu McComas:) Ihr Apollinaris; (zu Dolly:) ein kleines Lager,
+(zu Frau Clandon, Wein einschenkend.) vierhundertdreizehn, gnaedige
+Frau; (zu Dr. Valentine:) Ihr grosses Lager; (zu Gloria:)
+vierhundertdreizehn, gnaediges Fraeulein.
+
+(Dolly trinkend:) Auf das Wohl der Familie!
+
+(Philip trinkend:) Auf Heim und Herd! (Der Fisch wird herumgereicht.)
+
+(McComas mit einem sichtlich erzwungenen Versuch,
+Familiengemuetlichkeit anzuregen:) Na, nun geht's ja eigentlich doch
+ganz gut.
+
+(Dolly kritisierend:) Eigentlich...? Warum "eigentlich", Finch?
+
+(McNaughtan sarkastisch:) Er meint, dass es trotz eures Vaters
+Anwesenheit doch ganz gut geht.--Habe ich Sie richtig verstanden, Herr
+McComas?
+
+(McComas aus dem Text gebracht:) Nein, nein--ich habe nur "eigentlich"
+gesagt, um den Satz abzurunden. Ich--ich--
+
+(Der Kellner taktvoll:) Turbot?
+
+(McComas ueberaus dankbar fuer die Unterbrechung:) Bitte, Kellner, bitte.
+
+(Der Kellner halblaut:) Bitte, bitte. (Er geht an den Serviertisch
+zurueck.)
+
+(McNaughtan zu Philip:) Hast du schon an die Wahl einen Berufes
+gedacht?
+
+(Philip.) Ich sehe mich danach um.--William!
+
+(Der Kellner.) Zu Befehl?
+
+(Philip.) Was glauben Sie: wie lange muesste ich in die Lehre gehen, um
+ein wirklich tuechtiger Kellner zu werden?
+
+(Der Kellner.) Das kann nicht gelernt werden, junger Herr. Das liegt
+im Charakter. (Vertraulich zu Dr. Valentine, der etwas zu suchen
+scheint:) Brot fuer das gnaedige Fraeulein?... Hier, bitte. (Er reicht
+Gloria Brot und faehrt im bisherigen Tonfall wieder fort:) Sehr wenige
+sind dazu geboren, junger Herr!
+
+(Philip.) Sie haben wohl nicht selbst so etwas wie einen Sohn--was?
+
+(Der Kellner.) Jawohl, junger Herr. O ja. (Zu Gloria, seine Stimme
+wieder senkend:) Noch etwas Fisch, gnaediges Fraeulein? Sie duerften
+sich nicht viel aus Braten machen zum Fruehstueck.
+
+(Gloria.) Nein, ich danke. (Die Fischteller werden weggenommen.)
+
+(Dolly.) Ist Ihr Sohn ebenfalls Kellner, William?
+
+(Der Kellner bedient Gloria mit Gefluegel:) O nein, gnaediges Fraeulein.
+Dafuer ist er zu heftig. Er ist vor den Schranken taetig.
+
+(McComas goennerhaft:) Schenkkellner--was?
+
+(Der Kellner mit einem Anflug von Melancholie; als wenn er sich an
+eine durch die Zeit gelinderte Enttaeuschung erinnerte:) Nein, gnaediger
+Herr--andere Schranken, Gerichtsschranken. Ihr Gewerbe, Herr
+Rechtsanwalt. Koeniglicher Anwalt.
+
+(McComas verlegen:) Oh, entschuldigen Sie.
+
+(Der Kellner.) Es hat nichts zu bedeuten, gnaediger Herr. Ein sehr
+begreiflicher Irrtum!--Ich habe schon manchmal gewuenscht, es waere ein
+Schenkkellner aus ihm geworden! Dann haette er mir nicht halb so lange
+auf der Tasche gelegen. (Beiseite zu Dr. Valentine, der wieder etwas
+zu suchen scheint:) Hier ist das Salz, Herr Doktor.
+
+(Faehrt wieder fort:) Ja, ich musste ihn bis zu seinem
+siebenunddreissigsten Jahr erhalten. Aber jetzt geht es ihm gut--recht
+zufriedenstellend, wirklich! Er plaidiert nicht unter fuenfzig Guineen.
+
+(McComas.) Das ist die Demokratie, McNaughtan, die moderne Demokratie!
+
+(Der Kellner ruhig:) Nein, nicht die Demokratie, bloss Erziehung,
+gnaediger Herr--Stipendien, Cambridge, Sidney-Sussex Collegium,
+gnaediger Herr. (Dolly sieht ihn am Armel; er neigt sich zu ihr, und
+sie fluestert ihm etwas ins Ohr:) Ingwerbier im Steinkrug, gnaediges
+Fraeulein? Sofort! (Zu McComas:) Fuer ihn war es ein Glueck, er hatte
+nie Lust zu wirklicher Arbeit. (Er geht ins Hotel und laesst die
+Gesellschaft etwas uebermannt von dem vornehmen Stande seines Sohnes
+zurueck.)
+
+(Dr. Valentine.) Wer von uns darf es wagen, diesem Manne noch einen
+Befehl zu erteilen?
+
+(Dolly.) Ich hoffe, er nimmt es mir nicht uebel, dass ich ihn um
+Ingwerbier geschickt habe.
+
+(McNaughtan halsstarrig:) Solange er Kellner ist, ist Aufwarten sein
+Geschaeft! Wenn ihr ihn behandelt haettet, wie ein Kellner behandelt
+werden soll, so wuerde er geschwiegen haben.
+
+(Dolly.) Das waere jammerschade gewesen! Vielleicht gibt er uns eine
+Empfehlung an seinen Sohn, der koennte uns doch in die Londoner
+Gesellschaft einfuehren.
+
+(Der Kellner erscheint wieder mit dem Ingwerbier.)
+
+(McNaughtan brummt wuetend:) Londoner Gesellschaft,... Londoner
+Gesellschaft!... Du passest in gar keine Gesellschaft, Kind!
+
+(Dolly ihren Gleichmut verlierend:) Wissen Sie, Herr McNaughtan, wenn
+Sie glauben--
+
+(Der Kellner leise an ihrer Seite.) Ingwerbier, gnaediges Fraeulein.
+
+(Dolly abgelenkt, findet ihre gute Laune nach einem tiefen Atemzug
+wieder und entgegnet sanft:) Ich danke Ihnen, *lieber* William. Sie
+sind gerade im rechten Augenblick gekommen. (Sie trinkt.)
+
+(McComas, macht eine neuerliche Anstrengung, die Unterhaltung in
+leidenschaftslose Bahnen zu lenken:) Gestatten Sie, dass ich das Thema
+wechsle, Fraeulein Clandon: welches ist die Landesreligion Madeiras?
+
+(Gloria.) Ich glaube, die portugiesische Religion. Ich habe nie
+danach gefragt.
+
+(Dolly.) Zur Fastenzeit kommen die Diener und knien vor der Herrschaft
+nieder und beichten alles, was sie begangen haben, und die
+Herrschaften muessen so tun, als ob sie ihnen verziehen.--Geschieht das
+auch in England, William?
+
+(Der Kellner.) Fuer gewoehnlich nicht, gnaediges Fraeulein. Vielleicht in
+einigen Teilen Englands; aber ich habe noch nichts davon gehoert. (Er
+faengt einen Blick der Frau Clandon auf, als der Kellnerjunge ihr die
+Salatschuessel reicht.) Sie wollen ihn unangemacht, gnaedige Frau?--Ja,
+ja, ich habe welchen fuer Sie. (Zu seinem jungen Kollegen, ihn
+anweisend, Gloria zu bedienen:) Hier herueber, Joe. (Er nimmt eine
+Extraportion Salat vom Serviertisch und setzt sie neben Frau Clandons
+Teller. Waehrend er das tut, bemerkt er, dass Dolly ein saures Gesicht
+macht.) Nur etwas Brunnenkresse ist irrtuemlicherweise hineingekommen,
+gnaediges Fraeulein. (Er nimmt ihr den Salat fort:) Entschuldigen Sie.
+(Zum Kellnerjungen, ihn anweisend, Dolly noch einmal zu bedienen:) Joe!
+(nimmt das fruehere Thema wieder auf:) Die meisten sind Mitglieder der
+anglikanischen Kirche, gnaediges Fraeulein.
+
+(Dolly.) Mitglieder der anglikanischen Kirche? Wie hoch ist der
+Jahresbeitrag?
+
+(McNaughtan springt zum allgemeinen Entsetzen empoert auf:) Sie sehen,
+wie meine Kinder erzogen worden sind... da sehen Sie es... Sie hoeren
+es! Ich rufe Sie alle zu Zeugen auf--(Er wird unverstaendlich und ist
+im Begriff, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, ohne die Folgen
+zu beruecksichtigen, als der Kellner ihm ruecksichtsvoll den Teller
+fortnimmt.)
+
+(Frau Clandon fest:) Setze dich, Fergus. Es ist gar kein Anlass zu
+diesem Auftritt. Du musst bedenken, dass Dolly hier wie eine
+Auslaenderin ist.--Bitte, setze dich!
+
+(McNaughtan unwillig nachgebend:) Ich bin im Zweifel, ob ich mich noch
+an diesen Tisch setzen soll, wo ich all das mit anhoeren muss. Ich bin
+wirklich im Zweifel.
+
+(Der Kellner.) Kaese, gnaediger Herr?... Oder wuenschen Sie eine kalte
+suesse Speise?
+
+(McNaughtan verwirrt:) Was?... O Kaese--Kaese!
+
+(Dolly.) Bringen Sie Zigaretten, William.
+
+(Der Kellner.) Hier, gnaediges Fraeulein. (Er nimmt eine
+Zigarettenschachtel vom Serviertisch und setzt sie neben Dolly, die
+eine auswaehlt und sich zu rauchen anschickt. Dann gebt er an den
+Serviertisch zurueck, um Wachshoelzer zu holen.)
+
+(McNaughtan starrt Dolly entsetzt an:) Sie raucht?!...
+
+(Dolly am Ende ihrer Geduld:) Wahrhaftig, Herr McNaughtan, ich fuerchte,
+ich verderbe Ihnen das Essen; ich werde meine Zigarette am Strand
+rauchen. (Sie verlaesst ploetzlich den Tisch und laeuft aergerlich die
+Stufen hinunter. Der Kellner will ihr die Wachshoelzer geben, aber sie
+ist fort, bevor er sie erreichen kann.)
+
+(McNaughtan wuetend:) Margarete, rufe das Maedel zurueck!... rufe sie
+zurueck, sag' ich!
+
+(McComas versucht Frieden zu stiften:) Gehen Sie, McNaughtan, machen
+Sie sich nichts daraus! Sie ist die Tochter ihres Vaters, weiter
+nichts.
+
+(Frau Clandon mit tiefem Groll:) Das hoffe ich nicht, Finch. (Sie
+erhebt sich. Alle erheben sich ein wenig.) Herr Doktor, nicht wahr,
+Sie entschuldigen mich? Ich fuerchte, Dolly ist ueber diesen Vorfall
+ganz ausser sich, ich muss zu ihr gehen.
+
+(McNaughtan.) Um ihre Partei gegen mich zu ergreifen--was?!
+
+(Frau Clandon ihn ignorierend:) Gloria, willst du mich bei Tisch, so
+lange Ich fort bin, vertreten, liebes Kind? (Sie geht auf die Stufen
+zu. McNaughtans Augen folgen ihr mit bitterem Hass; die uebrigen
+beobachten sie in verlegenem Schweigen und fuehlen sich von dem
+Zwischenfall sehr peinlich beruehrt.)
+
+(Der Kellner haelt Frau Clandon am Rande der Stufen auf und bietet ihr
+eine Schachtel Wachsboelzer an:) Die junge Dame hat die Streichhoelzer
+vergessen, gnaedige Frau. Wenn Sie so guetig sein wollten, gnaedige
+Frau--
+
+(Frau Clandon nimmt, durch den Zauber seiner suessen und ermunternden
+Stimme ueberrascht, den Ton dankbarer Hoeflichkeit an:) Ich danke Ihnen
+sehr. (Sie nimmt die Wachshoelzer und geht hinab an den Strand.)
+
+(Der Kellner zieht seinen Gehilfen durch die Kuechentuer mit sich ins
+Hotel und ueberlaesst die Gesellschaft sich selbst.)
+
+(McNaughtan sich in seinen Stuhl zurueckwerfend:) Eine Mutter nach
+Ihrem Geschmack, McComas! Eine Mutter nach Ihrem Geschmack!
+
+(Gloria standhaft:) Ja--eine gute Mutter!
+
+(McNaughtan.) Und ein schlechter Vater--das meinst du doch, was?
+
+(Dr. Valentine erhebt sich entruestet und wendet sich zu Gloria:)
+Fraeulein Clandon, ich--
+
+(McNaughtan wendet sich zu ihm:) Dieses Maedchen heisst McNaughtan, Herr
+Doktor--nicht Clandon! Wollen Sie sich meiner Familie in den
+Beleidigungen meiner Person anschliessen?
+
+(Dr. Valentine ihn nicht beachtend:) Ich bin ausser mir, Fraeulein
+Clandon! Es ist meine Schuld--ich habe ihn hergebracht--ich bin fuer
+ihn verantwortlich, und ich schaeme mich fuer ihn!
+
+(McNaughtan.) Was meinen Sie damit?
+
+(Gloria erhebt sich; kalt:) Es ist nichts geschehen, Herr Doktor.--Ich
+fuerchte, wir sind alle ein bisschen kindisch gewesen; unsere
+Zusammenkunft ist missglueckt. Wir wollen sie abbrechen und Schluss
+machen. (Sie schiebt ihren Stuhl zur Seite und wendet sich den Stufen
+zu; als sie an McNaughtan vorbeikommt, fuegt sie mit nachlaessiger Ruhe
+hinzu:) Adieu, Vater. (Sie geht die Stufen mit kalter, verdriesslicher
+Gleichgueltigkeit hinab.)
+
+(Alle blicken ihr nach und bemerken daher die Rueckkehr des Kellners
+nicht, der, mit McNaughtans Rock und Dr. Valentines Stock, mit ein
+paar Schals, Sonnenschirmen und einem weissen Leinensonnenschirm und
+einigen Feldstuehlen beladen, aus dem Hotel kommt.)
+
+(McNaughtan fuer sich, Gloria mit verzerrtem Gesichtsausdruck
+nachblickend:) Vater--Vater!... (Er schlaegt mit der Faust heftig auf
+den Tisch:) Jetzt--
+
+(Der Kellner den Ueberzieher anbietend:) Ich glaube, das ist der Ihre,
+gnaediger Herr.
+
+(McNaughtan starrt ihn an, reisst dann den Ueberzieher grob an sich und
+geht laengs der Terrasse gegen die Gartenbank zu. Er kaempft mit seinem
+Rock bei seinen aergerlichen Bemuehungen, ihn anzuziehen. McComas
+erhebt sich und eilt ihm zu Hilfe. Dann nimmt er seinen Hut und
+Schirm von dem kleinen Eisentisch und wendet sich den Stufen zu.
+Inzwischen bietet der Kellner, nachdem er McNaughtan mit unveraenderter
+Suessigkeit fuer die Abnahme des Ueberziehers gedankt hat, etwas von
+seiner Last Philip an.)
+
+(Der Kellner.) Die Sonnenschirme fuer die Damen, junger Herr.--Das Meer
+blendet heute stark, das ist sehr schaedlich fuer den Teint... Ich
+werde die Strandstuehle selbst hinuntertragen.
+
+(Philip.) Sie sind alt, Vater William, aber Sie sind der aufmerksamste
+Mensch, den ich kenne.--Nein, behalten Sie die Sonnenschirme und geben
+Sie mir die Strandstuehle. (Er nimmt sie.)
+
+[Footnote: Zitat aus einem Gedicht von Southey.]
+
+(Der Kellner mit schmeichlerischer Dankbarkeit:) Zu guetig, junger Herr.
+
+(Philip.) Finch, teilen Sie mit mir. (Er gibt ihm welche.) Kommen Sie!
+(Sie gehen zusammen die Stufen hinunter.)
+
+(Dr. Valentine zum Kellner:) Lassen Sie mich auch etwas hinuntertragen.
+.. einen von diesen. (Er will ihm einen Sonnenschirm abnehmen.)
+
+(Der Kellner diskret:) Der gehoert der juengeren Dame, Herr Doktor. (Dr.
+Valentine ueberlaesst ihn dem Kellner.) Wenn Sie gestatten wollten, so
+glaube ich, Sie sollten lieber dies hier nehmen. (Er legt den
+Sonnenschirm auf McNaughtans Stuhl und zieht aus seiner hinteren
+Fracktasche ein Buch. Ein Damentaschentuch ist zwischen den Blaettern
+als Lesezeichen eingelegt.) Das ist das Buch, in dem die aeltere junge
+Dame jetzt gerade liest. (Dr. Valentine ergreift es eifrig.) Danke
+schoen. Schopenhauer, wie Sie sehen. (Er nimmt die Sonnenschirme
+wieder auf.) Ein sehr interessanter Autor, Herr Doktor, namentlich was
+die Damen betrifft. (Er geht die Stufen hinab.)
+
+(Dr. Valentine im Begriff, dem Kellner zu folgen, erinnert sich an
+McNaughtan und aendert seinen Entschluss. Er geht ziemlich aufgeregt zu
+McNaughtan:) Nein, wirklich, McNaughtan: schaemen Sie sich denn gar
+nicht?
+
+(Mc Naugthan streitsuechtig:) Mich schaemen?... Weshalb?
+
+(Dr. Valentine.) Weil Sie sich betragen haben wie ein Baer!... Was
+wird Ihre Tochter von mir denken, dass ich Sie hergebracht habe?
+
+(McNaughtan.) Ich habe noch keine Zeit gefunden, darueber nachzusinnen,
+was meine Tochter von Ihnen denkt.
+
+(Dr. Valentine.) Nein, Sie haben nur an sich gedacht! Sie sind ein
+krankhafter Egoist!
+
+(McNaughtan tiefbekuemmert:) Sie hat Ihnen ja gesagt, was ich bin--ein
+Vater--ein seiner Kinder beraubter Vater!--Was sind die Herzen dieser
+Generation?... Muss ich herkommen nach all den Jahren, um zum ersten
+Male zu sehen, was aus meinen Kindern geworden ist--ihre Stimmen zu
+hoeren!... und soll mich dabei wie ein richtiger Gast benehmen!...
+platze zufaellig in das Fruehstueck herein--heisse Herr McNaughtan!...
+Was fuer ein Recht haben meine Kinder, mit mir so zu sprechen?... Ich
+bin ihr Vater--leugnen sie es?... Ich bin ein Mann mit allgemein
+menschlichen Gefuehlen!... Habe ich keine Rechte, keine Ansprueche?...
+Was fuer Menschen habe ich in all den Jahren um mich gehabt?... Diener,
+Angestellte, Geschaeftsfreunde!... Aber ich habe ihre Achtung
+genossen--ja ihre Guete!... Wuerde einer von diesen Leuten so mit mir
+gesprochen haben, wie dieses Maedchen?... Wuerde einer von denen ueber
+mich gelacht haben, wie dieser Junge die ganze Zeit ueber mich gelacht
+hat? (Wild:) Meine eigenen Kinder--Herr McNaughtan! Meine--
+
+(Dr. Valentine.) Aber, aber!... Es sind ja nur Kinder! Das einzige
+von ihnen, das etwas wert ist, hat Sie "Vater" genannt.
+
+(McNaughtan.) Ja, "adieu, Vater"--adieu! O ja! Dies Kind hat sich an
+mein Herz gewendet--mit einem Dolchstoss.
+
+(Dr. Valentine nimmt das sehr uebel auf:) Hoeren Sie, McNaughtan, lassen
+Sie die in Ruh! Sie hat Sie sehr gut behandelt. Ich habe eine viel
+schlimmere Stunde beim Fruehstueck zugebracht als Sie.
+
+(McNaughtan.) Sie?...
+
+(Dr. Valentine mit wachsender Heftigkeit:) Ja--ich! Ich habe neben
+ihr gesessen und habe waehrend der ganzen Zeit nicht ein einziges Wort
+mit ihr gesprochen--nicht ein einziges Wort konnte ich finden--und
+nicht ein Wort hat sie fuer mich gehabt!
+
+(McNaughtan.) Nun?
+
+(Dr. Valentine.) Nun... nun?... (Spricht sehr ernst und immer
+schneller:) McNaughtan, wissen Sie, was heute mit mir vorgegangen ist?.
+.. Sie glauben doch nicht, dass ich die Gewohnheit habe, meinen
+Patienten so mitzuspielen, wie ich Ihnen heute mitgespielt habe?
+
+(McNaughtan.) Hoffentlich nicht.
+
+(Dr. Valentine.) Der Grund ist, dass ich entweder voellig verrueckt bin,
+oder vielmehr frueher nie wirklich im Besitze meines gesunden
+Menschenverstandes gewesen bin. Jetzt bin ich zu allem faehig--ich bin
+endlich erwachsen--ich bin ein Mann geworden--und Ihre Tochter ist es,
+die einen Mann aus mir gemacht hat!
+
+(McNaughtan unglaeubig:) Sind Sie in meine Tochter verliebt?
+
+(Dr. Valentine, seine Worte ergiessen sich nun in einem wahren Strom
+von seinen Lippen:) Verliebt?... Unsinn!... Es ist viel mehr und
+viel hoeher als Liebe... es ist Leben, Glaube, Kraft, Gewissheit,
+Paradies...
+
+(McNaughtan unterbricht ihn mit beissendem Hohn:) Unsinn, Mensch! Was
+haben (Sie), um eine Frau zu unterhalten?... Sie koennen sie nicht
+heiraten.
+
+(Dr. Valentine.) Wer will sie denn heiraten?... Ich will ihre Haende
+kuessen, ich will zu ihren Fuessen knien, ich will fuer sie leben, ich
+will fuer sie sterben... und das soll mir genuegen! Sehen Sie ihr Buch
+an--sehen Sie! (Er kuesst das Taschentuch:) Wenn Sie mir Ihr ganzes
+Geld anboeten fuer diese Gegenstaende, die mir als Ausrede dienen, an den
+Strand hinunterzugehen und mit ihr wieder zu sprechen,--ich wuerde
+Ihnen nur ins Gesicht lachen. (Er geht uebermuetig gegen die Stufen zu,
+wo er dem vom Strande heraufkommenden Kellner direkt in die Arme laeuft.
+Die beiden bewahren einander vor dem Umfallen, indem sie sich
+gegenseitig eng um den Leib fassen und sich umschlungen herumdrehen.)
+
+(Der Kellner zart:) Sachte, Herr Doktor--sachte!
+
+(Dr. Valentine ueber seine eigene Heftigkeit unangenehm beruehrt:)
+Entschuldigen Sie!
+
+(Der Kellner.) Bitte, Herr Doktor--bitte. Das ist ganz natuerlich in
+Ihrem Alter.--Das gnaedige Fraeulein hat mich um ihr Buch
+heraufgeschickt; duerfte ich mir erlauben, Sie zu bitten, es ihr sofort
+zu bringen?
+
+(Dr. Valentine.) Mit Vergnuegen!--Und wollen Sie mir erlauben, Sie mit
+der sechswoechentlichen Einnahme eines Zahnarztes zu beschenken... (Er
+bietet ihm Dollys Fuenf-Schilling-Stueck an.)
+
+(Der Kellner, als ob diese Summe seine hoechsten Erwartungen uebertraefe:
+) Danke vielmals, Herr Doktor--tausend Dank!
+
+(Dr. Valentine stuerzt die Stufen hinunter.) Ein sehr uebermuetiger
+junger Mann, sehr maennlich und gut gewachsen!
+
+(McNaughtan in brummiger Herabsetzung:) Und wird sehr schnell
+ein Vermoegen machen--zweifellos! Ich weiss, wieviel seine
+sechswoechentlichen Einnahmen betragen. (Er geht ueber die Terrasse an
+den eisernen Tisch und setzt sich.)
+
+(Der Kellner philosophisch:) Ja, gnaediger Herr, man kann nie wissen...
+Das ist mein Wahlspruch, wenn Sie guetigst verzeihen wollen, dass ich
+so ein Ding habe. (Der Philosoph wird einen Augenblick vom zart
+fuehlenden Kellner zurueckgedraengt:) Sie wissen vielleicht selbst nicht,
+dass Sie Ihr Getraenk noch nicht beruehrt hatten, als die Gesellschaft
+aufbrach. (Er nimmt das Glas vom Fruehstueckstisch und setzt es vor
+McNaughtan hin.) Ja, gnaediger Herr--man kann nie wissen... Sehen Sie
+nur meinen Sohn: wer haette je gedacht, dass er es dahin bringen wuerde,
+einen seidenen Talar zu tragen als koeniglicher Anwalt? Und dennoch
+verdient er heute nicht weniger als sechzig Pfund bei jedem Prozess,
+gnaediger Herr. Was fuer eine Lehre!
+
+(McNaughtan.) Nun, ich hoffe, er ist Ihnen dankbar und weiss, was er
+Ihnen schuldet.
+
+(Der Kellner.) Wir vertragen uns sehr gut--wahrhaftig, sehr gut in
+Anbetracht der Verschiedenheit unserer Stellungen. (Mit einem zweiten
+seiner unwiderstehlichen Uebergaenge:) Ein Stueckchen Zucker wird, ohne
+den Trank merklich zu suessen, die Fadheit des Sodawassers beseitigen.
+Erlauben Sie, gnaediger Herr. (Er wirft ein Stueckchen Zucker in das
+Glas:) Aber wie ich ihm sage: worin besteht schliesslich der
+Unterschied? Ich muss einen Frack anziehen, wenn ich zeigen will, was
+ich bin, und er muss eine Peruecke und einen Talar anlegen, wenn er
+zeigen will, was er ist. Wenn mein Einkommen vorwiegend aus
+Trinkgeldern besteht und ich doch so tun muss, als ob ich nicht darauf
+aus waere, so besteht sein Einkommen vorwiegend aus Gebuehren, und auch
+er muss, wie ich wohl verstehe, so tun, als waere er nicht darauf aus.
+--Wenn er Geselligkeit liebt und ihn sein Beruf in Beruehrung mit allen
+moeglichen Gesellschaftsklassen bringt, der meine tut das auch. Wenn
+es fuer einen Advokaten nicht guenstig ist, der Sohn eines Kellners zu
+sein, so ist es auch fuer einen Kellner nicht guenstig, der Vater eines
+Advokaten zu sein. Ich versichere Ihnen, es gibt Leute, die darin
+eine grosse Dreistigkeit sehen!--Kann ich Ihnen sonst noch etwas
+besorgen, gnaediger Herr?
+
+(McNaughtan.) Nein, danke. (Gedemuetigt und bitter:) Ich hoffe, man
+wird nichts dagegen einzuwenden haben, dass ich hier noch eine Weile
+sitzen bleibe. Hier stoer' ich jedenfalls nicht die Gesellschaft am
+Strande.
+
+(Der Kellner geruehrt:) Es ist sehr guetig von Ihnen, gnaediger Herr, dass
+Sie tun, als ob Sie nicht wuessten, dass Ihre Anwesenheit hier eine
+Auszeichnung und eine Ehre fuer uns alle ist... wirklich sehr guetig!
+--Je mehr Sie sich hier zu Hause fuehlen, desto gluecklicher werden wir
+sein.
+
+(McNaughtan mit scharfer Ironie:) Zu Hause!
+
+(Der Kellner nachdenklich:) Nun ja, gnaediger Herr, das ist auch
+Ansichtssache. Ich behaupte immer, der grosse Vorzug eines Hotels
+besteht darin, dass es Schutz bietet vor dem Familienleben.
+
+(McNaughtan.) Ich habe diesen Segen heute nicht gehabt.
+
+(Der Kellner.) Ja, das haben Sie auch nicht--jawohl, weiss Gott! Immer
+geschieht das, was man nicht erwartet hat, nicht wahr? (Er schuettelt
+den Kopf:) Man kann nie wissen, gnaediger Herr--man kann nie wissen!
+(Er geht ins Hotel.)
+
+(McNaughtan stuetzt sein abgehetztes, jammervolles Gesicht mit den
+hartblickenden Augen in die Haende:) Familie--Familie! (Er legt seine
+Arme auf den Tisch und neigt den Kopf darauf; aber da er eben jemanden
+kommen hoert, setzt er sich wieder kerzengerade auf. Es ist Gloria,
+die allein die Stufen heraufkommt, ihren Sonnenschirm und ihr Buch in
+Haenden. McNaughtan sieht sie trotzig an. Die brutale Hartnaeckigkeit
+seines Mundes und die sehnsuechtigen Augen stehen zueinander in
+pathetischem Widerspruch. Sie geht an das eine Ende der Gartenbank
+und lehnt sich mit dem Ruecken dagegen und sieht auf McNaughtan herab,
+wie erstaunt ueber seine Schwaeche. Sie ist zu neugierig auf ihn, um
+kalt zu bleiben, aber das Verwandtschaftverhaeltniss ist ihr hoechst
+gleichgueltig:) Nun?...
+
+(Gloria.) Ich moechte Sie einen Augenblick sprechen.
+
+(McNaughtan sie fest anblickend:) Wirklich? Das ist ueberraschend! Du
+begegnest deinem Vater nach achtzehn Jahren und du hast wahrhaftig den
+Wunsch, ihn "einen Augenblick" zu sprechen!--Das ist ruehrend--
+wahrhaftig! (Er bleibt sitzen, den Kopf in die Hand gestuetzt, und
+blickt, in duesteres Nachdenken versunken, hinunter und von ihr fort.)*
+
+(Gloria.) Was Sie da sagen, scheint mir alles so unsinnig, so
+unberechtigt. Was fuer Gefuehle haben Sie von uns erwartet? Was sollen
+wir fuer Sie tun? Warum sind Sie gegen uns weniger hoeflich als andere
+Leute?... Sie koennen uns augenscheinlich nicht recht leiden--warum
+sollten Sie auch?--aber trotzdem sollten wir einander doch begegnen
+koennen, ohne zu streiten.
+
+(McNaughtan, ueber dessen Antlitz ein schwerer grauer Schatten streicht:
+) Machst du dir klar, dass ich dein Vater bin?
+
+(Gloria.) Vollkommen.
+
+(McNaughtan.) Begreifst du, was mir als deinem Vater gebuehrt?
+
+(Gloria.) Zum Beispiel--?
+
+(McNaughtan erbebt sich, als ob er ein Ungeheuer zu bekaempfen haette:)
+Zum Beispiel--... zum Beispiel--?...
+Pflicht--Liebe--Achtung--Gehorsam!
+
+(Gloria gibt ihre sorglose Stellung auf und stellt sich ihm schnell
+und stolz gegenueber:) Ich gehorche nur meinem Sinn fuer das Rechte; ich
+achte nichts, was nicht edel ist! Das ist meine Pflicht. (Sie fuegt
+weniger fest hinzu:) Was Liebe anbelangt, so liegt die nicht in meiner
+Macht--ich glaube nicht, dass ich genau weiss, was Liebe eigentlich ist.
+(Sie wendet sich, mit sichtlichem Widerwillen gegen dieses Thema, ab
+und geht an den Fruehstueckstisch, zu einem bequemen Stuhl hin, wo sie
+ihr Buch und ihren Sonnenschirm niederlegt.)
+
+(McNaughtan folgt ihr mit den Augen:) Meinst du wirklich, was du sagst?
+
+(Gloria wendet sich um; rasch und streng:) Entschuldigen Sie: aber das
+ist eine unhoefliche Frage. Ich spreche ernst mit Ihnen und ich
+erwarte auch, dass Sie mich ernst nehmen. (Sie nimmt einen der Stuehle,
+wendet ihn fort vom Tisch und setzt sich etwas muede nieder.) Koennen
+Sie diese Dinge nicht kuehl und vernuenftig besprechen?
+
+(McNaughtan.) Kuehl und vernuenftig?... Nein, das kann ich nicht!
+Verstehst du? Das kann ich nicht!
+
+(Gloria mit Nachdruck:) Nein--das kann ich nicht verstehen. Ich habe
+keine Sympathie fuer--
+
+(McNaughtan faehrt nervoes zusammen:) Halt, sprich nicht weiter! Du
+weisst nicht, was du tust! Willst du mich toll machen? (Sie runzelt
+die Stirn, denn sie findet eine solche Laune unertraeglich. Er setzt
+rasch hinzu:) Nein, ich bin nicht zornig--wirklich nicht! Warte,
+warte--lass mir nur etwas Zeit, mich zu besinnen. (Er steht einen
+Augenblick da und runzelt die Stirn und ballt die Haende in seiner
+Aufregung. Dann nimmt er den Stuhl vom Ende des Fruehstueckstisches und
+setzt sich neben Gloria. Mit einer ruehrenden Anstrengung, sanft und
+geduldig zu sein, sagt er:) Ich glaube, jetzt bin ich so weit.
+Jedenfalls will ich es versuchen.
+
+(Gloria fest:) Sehn Sie: alles geht, wenn man es nur energisch zu Ende
+denkt.
+
+(McNaughtan mit ploetzlichem Schreck:) Nein, das tu nicht! Denke
+nichts--ich will, du sollst fuehlen! Das ist das einzige, was uns
+helfen kann. Hoere! Weisst du--aber vor allem--ich vergass: wie heisst
+du eigentlich? Ich meine deinen Kosenamen. Sie koennen dich nicht gut
+Sophronia nennen.
+
+(Gloria mit erstauntem Widerwillen:) Sophronia?...Mein Name ist Gloria.
+Ich werde immer so genannt.
+
+(McNaughtan, dessen Zorn zurueckkehrt:) Dein Name ist Sophronia,
+Maedchen! Du wurdest nach deiner Tante, meiner Schwester, Sophronia
+getauft! Sie hat dir deine erst Bibel mit deinem Namen darin
+geschenkt.
+
+(Gloria.) Dann hat mir meine Mutter einen neuen Namen gegeben.
+
+(McNaughtan aergerlich:) Sie hatte kein Recht dazu! Ich werde das
+nicht zugeben!
+
+(Gloria.) Sie hatten kein Recht, mir den Namen Ihrer Schwester zu
+geben. Ich kenne sie nicht einmal.
+
+(McNaughtan.) Unsinn! Alles lasse ich mir nicht bieten: das hat seine
+Grenzen! Ich will das nicht haben--verstehst du?
+
+(Gloria erhebt sich; warnend:) Sind Sie entschlossen, in diesem
+zaenkischen Ton fortzufahren?
+
+(McNaughtan entsetzt, bittend:) Nein, nein--setze dich! Willst du?
+(Sie sieht ihn an und laesst ihn in Ungewissheit. Er zwingt sich, den
+verhassten Namen auszusprechen:) Gloria!
+
+(Sie gibt ihrer Befriedigung mit einer leichten Bewegung der Lippen
+Ausdruck und setzt sich:) Nun also--du siehst, ich habe nur den Wunsch,
+dir zu zeigen, dass ich dein Vater bin, mein--mein liebes Kind. (Die
+Zaertlichkeit ist so klaeglich unbeholfen, dass Gloria gegen ihren Willen
+laechelt und sich vornimmt, ein wenig nachsichtig zu sein.) Hoere mich
+an. Was ich dich fragen will, ist folgendes; Entsinnst du dich meiner
+nicht? Du warst ein ganz kleines Kind, als man dich von mir nahm,
+aber du konntest schon alles recht gut verstehen. Kannst du dich
+wirklich an niemanden erinnern, den du geliebt hast, oder--
+(schuechtern:) wenigstens auf Kinderart leiden mochtest? Besinnst du
+dich nicht auf jemanden, in dessen Arbeitszimmer du sein und seine
+kleinen Schiffe ansehn durftest, die du fuer Spielzeug hieltest? (Er
+sieht ihr aengstlich in die Augen, als suchte er nach irgendeiner
+Antwort. Dann faehrt er dringender und weniger hoffnungsvoll fort:)
+Auf jemanden, der dich tun liess, was du nur wolltest, und dir nie ein
+boeses Wort gab, dir hoechstens sagte, du solltest still sein und nicht
+sprechen? Auf jemanden, der dir etwas war, was dir sonst niemand
+gewesen ist--der dein Vater war!
+
+(Gloria ungeruehrt:) Wenn Sie mir das alles noch lange so schildern,
+dann werde ich mir zweifellos bald einbilden, dass ich mich daran
+erinnere. Aber tatsaechlich erinnere ich mich an gar nichts.
+
+(McNaughtan sehnsuechtig:) Hat deine Mutter dir nie von mir erzaehlt?
+
+(Gloria.) Sie hat Ihren Namen mir gegenueber nie erwaehnt. (Er stoehnt
+unwillkuerlich auf. Sie blickt ihn ziemlich verachtungsvoll an und
+faehrt fort:) Doch! Ein einziges Mal--und da geschah es, um mich an
+etwas zu erinnern, was ich auch vergessen hatte.
+
+(McNaughtan blickt hoffnungsvoll auf:) An was?
+
+(Gloria erbarmungslos:) An die Peitsche, die Sie eigens gekauft hatten,
+um mich zu schlagen.
+
+(McNaughtan mit den Zaehnen knirschend:) Oh! Das aufzutischen, um dich
+mir zu entfremden, wo du es nie zu wissen brauchtest! (Mit pfeifendem,
+schmerzhaftem Atem:) Fluch ihr!
+
+(Gloria aufspringend:) Sie Elender! (Mit heftigem Nachdruck:) Sie
+Elender--Sie wagen es, meine Mutter zu verfluchen!
+
+(McNaughtan.) Hoer' auf, oder du wirst es noch einmal bereuen! Ich bin
+dein Vater!
+
+(Gloria.) Wie ich dieses Wort hasse! Wie ich das Wort "Mutter" liebe!
+Es waere besser, Sie gingen.
+
+(McNaughtan.) Ich--ich ersticke--du willst mich toeten!
+Etwas--ich--(Seine Stimme erstickt, er ist einer Ohnmacht nahe.)
+
+(Gloria gebt zur Balustrade; kuehl und nicht verlegen um ein
+Auskunftsmittel, ruft sie zum Strand hinunter:) Doktor Valentine!
+
+(Valentine antwortet von unten:) Bitte!
+
+(Gloria.) Kommen Sie doch einen Augenblick herauf! Herr McNaughtan
+braucht Sie. (Sie geht an den Tisch zurueck und schenkt ein Glas
+Wasser ein.)
+
+(McNaughtan seine Sprache wiedererlangend:) Nein! lass mich in Ruhe!
+Ich brauche ihn nicht. Ich fuehle mich vollkommen wohl! Ich brauche
+seine Hilfe nicht und deine auch nicht! (Er erhebt sich und rafft
+sich zusammen.) Du hast recht, es ist besser, wenn ich gehe. (Er
+setzt seinen Hut auf.) Ist das dein letztes Wort?
+
+(Gloria.) Ich hoffe. (Er starrt sie einen Augenblick an, nickt
+grimmig, als wenn er damit einverstanden waere, und geht ins Hotel.
+Sie sieht ihm mit gleicher Festigkeit nach, bis er verschwindet. Dann
+macht sie eine Bewegung der Befreiung und wendet sich zu Dr. Valentine,
+der die Stufen heraufgelaufen kommt.)
+
+(Dr. Va1entine keuchend:) Was ist los? (Er siebt sich um:) Wo ist
+McNaughtan?
+
+(Gloria.) Fort. (Dr. Valentines Gesicht drueckt ploetzliche Freude,
+Furcht und Durchtriebenheit aus. Er hat eben bemerkt, dass er mit
+Gloria allein ist. Sie faehrt gleichgueltig fort:) Ich glaubte, er
+fuehle sich nicht wohl; aber er hat sich wieder erholt. Er wollte
+nicht auf Sie warten--es tut mir leid. (Sie geht ihr Buch und den
+Sonnenschlrm holen.)
+
+(Dr. Valentine.) Um so besser! Er geht mir ohnedies auf die Nerven
+nach einer Weile. (Tut so, als ob er sich vergaesse:) Wie kommt dieser
+Mann nur zu so einer wundervollen Tochter?
+
+(Gloria stutzt einen Augenblick und antwortet ihm dann mit hoeflicher,
+aber absichtlicher Verachtung:) Das scheint der Versuch zu einem
+Kompliment zu sein. Erlauben Sie mir, Sie gleich darauf aufmerksam zu
+machen, Doktor, dass Komplimente eine sehr oede Unterhaltung abgeben.
+Bitte, lassen Sie uns auf eine vernuenftige und gesunde Weise Freunde
+sein, falls wir Freunde werden sollen. Ich habe nicht die Absicht,
+mich zu verheiraten; und wenn Sie diese Lage der Dinge nicht annehmen
+wollen, so waere vorzuziehen, unsere gegenseitige Bekanntschaft nicht
+fortzusetzen.
+
+(Dr. Valentine vorsichtig:) Ich verstehe. Gestatten Sie mir nur eine
+einzige Frage?--Sind Sie gegen die Ehe als gesellschaftliche
+Einrichtung im allgemeinen, oder haben Sie nur etwas dagegen, mich
+persoenlich zu heiraten?
+
+(Gloria.) Ich kenne Sie viel zu wenig, Herr Doktor, um ueber Ihre
+persoenlichen Vorzuege irgendeine Meinung zu haben. (Sie wendet sich
+mit unendlicher Gleichgueltigkeit von ihm fort und setzt sich mit ihrem
+Buch auf die Gartenbank:) Ich halte die Bedingungen einer heutigen Ehe
+nicht fuer solche, die irgendein Weib annehmen koennte, das sich selbst
+achtet.
+
+(Dr. Valentine schlaegt sofort in den Ton herzlicher Aufrichtigkeit um,
+als ob er Glorias Bedingungen ehrlich annaehme und von ihren
+Grundsaetzen entzueckt und beruhigt waere:) Oh, da haben wir denn schon
+einen Punkt gemeinsamer Sympathie! Ich bin ganz Ihrer Ansicht: die
+heutigen Eheeinrichtungen sind hoechst ungerecht. (Er nimmt seinen Hut
+ab und wirft ihn froehlich auf den eisernen Tisch.) Nein! ich fuer mein
+Teil moechte all diesen Unsinn loswerden. (Er setzt sich so unbefangen
+neben sie, dass sie nicht daran denkt, etwas dagegen einzuwenden, und
+fuehrt mit Enthusiasmus fort:) Finden Sie es nicht auch entsetzlich,
+dass ein Mann und eine Frau einander nur zu kennen brauchen, um
+verdaechtigt zu werden, dass sie Heiratsabsichten haben? Als ob es
+keine andern Interessen gaebe--keine andern Unterhaltungsmoeglichkeiten--
+als wenn die Frauen zu nichts Besserem faehig waeren!
+
+(Gloria interessiert:) Ah, nun fangen Sie endlich an, menschlich und
+vernuenftig zu sprechen, Herr Doktor!
+
+(Dr. Valentine mit einem Aufleuchten seiner Augen ueber den Erfolg
+seiner Jaegerlist:) Selbstverstaendlich! Zwei intelligente Menschen wie
+wir...! Ist es nicht erfreulich in dieser dummen, von Konventionen
+gefesselten Welt, einmal mit jemandem auf demselben Boden
+zusammenzutreffen?... mit einem vorurteilsfreien, aufgeklaerten, hellen
+Geist?
+
+(Gloria ernst:) Ich hoffe, in England vielen solchen Menschen zu
+begegnen.
+
+(Dr. Valentine zweifelbaft:) Hm... Es gibt eine Menge Menschen in
+England--nahezu vierzig Millionen--es sind nicht alles schwindsuechtige
+Mitglieder der hochgebildeten Klasse, wie die Leute in Madeira.
+
+(Gloria jetzt ganz von ihrem Gegenstand erfuellt:) Oh, in Madeira sind
+alle Leute dumm und vorurteilsvoll!--Es sind schwache, sentimentale
+Geschoepfe! Ich hasse Schwaeche; und ich hasse Sentimentalitaet!
+
+(Dr. Valentine.) Das ist der Grund, warum Sie so begeistern koennen!
+
+(Gloria mit einem leichten Lachen:) Kann ich begeistern?
+
+(Dr. Valentine.) Ja. Staerke ist ansteckend.
+
+(Gloria.) Schwaeche ist es--das weiss ich.
+
+(Dr. Valentine mit Ueberzeugung:) Sie sind stark! Wissen Sie, dass Sie
+mir heute morgen die Welt ganz umgewandelt haben? Ich war schwermuetig
+und machte mir Gedanken wegen meiner unbezahlten Miete, beunruhigte
+mich ueber die Zukunft... da traten Sie ein: ich war geblendet! (Ihre
+Stirn bewoelkt sich ein wenig. Er faehrt rasch fort:) Das war natuerlich
+albern--aber wahr und wahrhaftig, es geschah etwas mit mir! Erklaeren
+Sie es, wie Sie wollen--mein Blut wurde--(er zoegert und sucht nach
+einem genuegend leidenschaftslosen Wort)--mit Sauerstoff vermengt,
+meine Muskeln spannten sich, mein Geist klaerte sich, mein Mut wuchs.
+--Das ist sonderbar, nicht wahr? Wenn man bedenkt, dass ich durchaus
+kein sentimentaler Mensch bin.
+
+(Gloria unbehaglich, erhebt sich:) Gehen wir zurueck an den Strand.
+
+(Dr. Valentine zu ihr aufblickend, duester:) Wie? Sie haben das auch?
+
+(Gloria.) Was?
+
+(Dr. Valentine.) Angst.
+
+(Gloria.) Angst?...
+
+(Dr. Valentine.) Ja, dass irgend etwas geschehen koennte. Es kam
+ploetzlich ueber mich, gerade ehe Sie vorschlugen, dass wir weglaufen
+sollten zu den andern.
+
+(Gloria erstaunt:) Das ist sonderbar--sehr sonderbar! Ich hatte
+dasselbe Gefuehl.
+
+(Dr. Valentine.) Wie merkwuerdig! (Er erhebt sich:) Nun, sollen wir
+fliehen?
+
+(Gloria.) Fliehen?... O nein, das waere kindisch! (Sie setzt sich
+wieder. Er setzt sich neben sie und beobachtet sie mit ernster
+Sympathie. Nachdenklich und etwas verwirrt fuegt sie hinzu:) Ich wuesste
+aber zuweilen gern die wissenschaftliche Erklaerung fuer solche
+gelegentlichen Einbildungen.
+
+(Dr. Valentine.) Ja, die moechte ich zuweilen auch gern wissen. Es ist
+ein merkwuerdig hilfloses Gefuehl--nicht wahr?
+
+(Gloria lehnt sich gegen das Wort auf:) Hilflos?...
+
+(Dr. Valentine.) Ja. Ist es nicht, als ob die Natur--nachdem sie uns
+jahrelang erlaubt hat, uns selbst anzugehoeren und zu tun, was wir fuer
+richtig und vernuenftig halten--ploetzlich ihre grosse Hand erhoebe und
+uns, ihre zwei kleinen Kinder, am Kragen packte, um uns, gegen unsern
+Willen, auf ihre eigene Weise fuer ihre eigenen Zwecke dienstbar zu
+machen?
+
+(Gloria.) Ist das nicht etwas phantastisch?
+
+(Dr. Valentine mit einem neuen und erstaunlichen Uebergang zu einem Ton
+aeusserster Sorglosigkeit:) Das weiss ich nicht--ich frage nicht danach!
+(Vorwurfsvoll losbrechend:) O Fraeulein Clandon--Fraeulein Clandon--wie
+konnten Sie nur!
+
+(Gloria.) Was hab' ich getan?
+
+(Dr. Valentine.) Diese Verzueckung in meine Seele schleudern!--Ich
+bemuehe mich aufrichtig, vernuenftig zu sein--ja wissenschaftlich--wie
+immer Sie mich wuenschen... aber... aber--Oh, sehen Sie nicht, womit
+Sie meine Phantasie erfuellt haben?!
+
+(Gloria mit empoerter verachtungsvoller Haerte:) Ich hoffe, dass Sie
+nicht so albern und nicht so gemein sein werden--von... "Liebe" zu
+sprechen!
+
+(Dr. Valentine mit ironischer Eile, eine solche Schwaeche in Abrede zu
+stellen:) Nein, nein, nein, nicht Liebe! Wir sind zu gescheit, an so
+was zu denken! Wir wollen es Chemie nennen! Sie koennen nicht leugnen,
+dass es so etwas wie eine chemische Taetigkeit, eine chemische
+Wahlverwandtschaft, eine chemische Verbindung gibt. Sie ist die
+unwiderstehlichste aller Naturkraefte... Nun, Sie ziehen mich
+unwiderstehlich an--chemisch.
+
+(Gloria verachtungsvoll:) Unsinn!
+
+(Dr. Valentine.) Natuerlich ist das Unsinn, dummes Maedel! (Gloria
+weicht mit empoerter Ueberraschung zurueck.) Ja, ein dummes Maedel sind
+Sie!--Das ist eine wissenschaftliche Tatsache! Sie sind ein
+eingebildeter Philister--ein weiblicher Philister! Das sind Sie! (Er
+erhebt sich:) Jetzt sind Sie wahrscheinlich fertig mit mir--fuer immer!
+(Er geht an den eisernen Tisch und nimmt seinen Hut.)
+
+(Gloria setzt sich mit vollendeter Ruhe, wie eine Lehrerin in einer
+Hochschule, die dem Photograpben sitzt:) Das beweist mir nur, wie
+wenig Sie meinen wirklichen Charakter verstehen--ich bin nicht im
+geringsten beleidigt. (Er schweigt und setzt seinen Hut wieder hin.)
+Ich bin immer bereit, mich von meinen Freunden auf meine Fehler
+aufmerksam machen zu lassen, Herr Doktor--selbst wenn diese Freunde
+mich so ungeheuerlich missverstehen wie Sie! Ich habe viele
+Fehler--sehr grosse Fehler sogar, aber wenn ich etwas nicht bin, so ist
+es das, was Sie einen Philister nennen.
+
+(Sie presst ihre Lippen fest zusammen und blickt ihn standhaft und
+herausfordernd an, waehrend sie gefasster ist denn je.)
+
+(Dr. Valentine kehrt an das Ende der Gartenbank zurueck, um Gloria mit
+mehr Nachdruck gegenueber zutreten:) O doch, das sind Sie! Mein
+Verstand sagt es mir--meine Kenntnisse sagen es mir--meine Erfahrung
+sagt es mir.
+
+(Gloria.) Entschuldigen Sie, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache, dass
+Ihr Verstand und Ihr Gefuehl und Ihre Erfahrung nicht unfehlbar
+sind--ich hoffe es wenigstens.
+
+(Dr. Valentine.) Ich muss diesen aber glauben. Es sei denn, Sie
+wollten, dass ich meinen Augen, meinem Herzen, meinen Instinkten und
+meiner Einbildungskraft glaube, die mir alle ueber Ihre Person die
+ungeheuerlichsten Luegen erzaehlen.
+
+(Gloria, deren Fassung anfaengt nachzulassen:) Luegen?...
+
+(Dr. Valentine hartnaeckig:) Ja, Luegen. (Er setzt sich wieder neben
+sie.) Oder soll ich vielleicht glauben, dass Sie das schoenste Weib der
+Erde sind? Erwarten Sie das von mir?
+
+(Gloria.) Das ist laecherlich und etwas persoenlich noch dazu.
+
+(Dr. Valentine.) Natuerlich ist es laecherlich!--Aber es ist das, was mir
+meine Augen sagen. (Gloria protestiert mit einer verachtungsvollen
+Bewegung:) Nein, ich schmeichle Ihnen nicht--ich sage Ihnen doch, dass
+ich meinen Augen nicht traue. (Sie schaemt sich darueber, dass ihr
+das auch nicht ganz recht ist.) Erwarten Sie, dass ich hier sitzen und
+wie ein Kind heulen werde, wenn Sie aus Widerwillen gegen meine
+Schwaeche nichts von mir wissen wollen?
+
+(Gloria beginnt einzusehen, dass sie, um standhaft zu bleiben, kurz und
+buendig sprechen muss:) Warum sollten Sie das wohl, bitte?
+
+(Dr. Valentine laesst absichtlich eine Gefuehlsbewegung in seiner Stimme
+zittern:) Natuerlich werde ich das nicht! Ich bin kein solcher Esel!
+--Und doch sagt mir mein Herz, dass ich heulen wuerde--mein naerrisches
+Herz. Aber ich will ein ernstes Wort mit meinem Herzen reden und es
+zur Vernunft bringen. Und liebte ich Sie tausendmal, so will ich der
+Wahrheit dennoch standhaft ins Antlitz sehen... Ist ja doch auch ganz
+leicht, vernuenftig zu sein... Tatsachen sind Tatsachen. Wo sind wir
+hier? Nicht im Himmel, sondern im Marine-Hotel! Die Zeit ist nicht
+die Ewigkeit, sondern halb zwei Uhr nachmittags. Was bin ich? Ein
+Zahnarzt--ein Fuenf-Schilling-Zahnarzt!
+
+(Gloria.) Und ich bin ein weiblicher Philister.
+
+(Dr. Valentine leidenschaftlich;) Nein, nein, das kann ich nicht
+ertragen! Eine Illusion muss mir bleiben--die Illusion ueber Sie! Ich
+liebe Sie. (Er wendet sich zu ihr, als ob er der Lust, sie zu
+beruehren, nicht laenger widerstehen koennte. Sie erhebt sich zornig und
+ist auf der Hut. Er springt ungeduldig auf und tritt einen Schritt
+zurueck.) Oh, was bin ich fuer ein Narr--was fuer ein Idiot! Sie
+verstehen mich nicht... Ich koennte ebensogut zu den Steinen am Strand
+sprechen! (Er wendet sich entmutigt ab.)
+
+(Gloria beruhigter infolge seines Rueckzuges und etwas reuig:) Es tut
+mir leid. Ich moechte nicht teilnahmslos sein, Herr Doktor,--aber was
+soll ich sagen?
+
+(Dr. Valentine kehrt zu ihr zurueck, und an die Stelle seines
+Sichgehenlassens tritt ein verbindlicher und ritterlicher Respekt:)
+Sie koennen nichts sagen, Fraeulein Clandon. Verzeihen Sie mir. Ich
+allein trage alle Schuld--oder richtiger, ich habe eben Pech gehabt.
+Sehen Sie, es hing alles davon ab, ob Sie mich gern moechten. (Sie ist
+im Begriff zu sprechen, er unterbricht sie aber mit bittenden Gebaerden:
+) Oh, ich weiss--Sie duerfen mir nicht sagen, ob Sie mich gern moegen
+oder nicht; aber--
+
+(Gloria wappnet sich sofort mit ihren Grundsaetzen:) Ich darf nicht?...
+Warum nicht?... Ich bin ein freies Weib! Warum soll ich es Ihnen
+nicht sagen duerfen?
+
+(Dr. Valentine weicht aengstlich zurueck; bittend:) Nicht! Ich koennte
+es nicht ertragen!
+
+(Gloria nicht laenger verachtungsvoll:) Sie brauchen sich nicht zu
+fuerchten. Ich halte Sie fuer sentimental und fuer ein wenig
+ueberspannt--aber ich habe Sie gern.
+
+(Dr. Valentine faellt wie zermalmt in den Eisenstubl:) Dann ist alles
+vorueber! (Er ist ein Bild der Verzweiflung.)
+
+(Gloria naehert sich ihm; verwirrt:) Aber warum denn?
+
+(Dr. Valentine.) Weil gernhaben nicht genuegt! Jetzt, wo ich ernstlich
+darueber nachdenke, weiss ich selbst nicht, ob ich Sie gern habe oder
+nicht.
+
+(Gloria blickt mit erstauntem Interesse auf ihn herab:) Das tut mir
+leid.
+
+(Dr. Valentine. Im Schmerz zurueckgehaltener Leidenschaft:) Oh,
+bemitleiden Sie mich nicht! Ihre Stimme zerreisst mir das Herz!
+Lassen Sie mich allein, Gloria. Sie wuehlen mich in meinen tiefsten
+Tiefen auf, Sie verwirren und beleben mich zugleich!--Ich kann den
+Kampf dagegen nicht aufnehmen--ich kann es Ihnen nicht sagen--
+
+(Gloria bricht ploetzlich nieder:) Oh, hoeren Sie auf mir zu sagen, was
+Sie fuehlen: ich kann es nicht ertragen!
+
+(Dr. Valentine springt triumphierend auf, seine ersterbende Stimme
+klingt jetzt stark und jubelnd:) Ah! Er ist endlich gekommen--der
+Augenblick meines Mutes!--(Er ergreift ihre Haende; sie blickt ihn
+entsetzt an.) Der Augenblick *unseres* Mutes! (Er ziebt sie an sich,
+kuesst sie mit ungestuemer Kraft und lacht knabenhaft.) Es ist geschehen,
+Gloria--es ist alles vorueber--wir sind ineinander verliebt! (Sie kann
+nur nach Luft ringen.) Aber was fuer ein Ungeheuer waren Sie, und was
+fuer ein Hasenfuss bin ich gewesen!
+
+(Philips Stimme vom Strande rufend:) Doktor Valentine!
+
+(Dollys Stimme.) Doktor Valentine!
+
+(Dr. Valentine.) Leben Sie wohl... vergeben Sie mir. (Er kuesst ihr
+rasch die Haende und laeuft zu den Stufen, wo er der heraufkommenden
+Frau Clandon begegnet. Gloria, ganz verloren, kann ihm nur
+nachstarren.)
+
+(Frau Clandon.) Die Kinder suchen Sie, Herr Doktor. (Sie siebt sich
+aengstlich um:) Ist er fort?
+
+(Dr. Valentine verwirrt:) Er?... (Sich erinnernd:) Oh, McNaughtan!
+--Der ist schon laengst fort, Frau Clandon. (Er laeuft in gehobener
+Stimmung die Stiegen hinunter.)
+
+(Gloria auf die Bank sinkend:) Mutter!
+
+(Frau Clandon stuerzt aengstlich auf sie zu:) Was ist geschehen, mein
+Kind?
+
+(Gloria mit tief bekuemmertem, anklagendem Vorwurf:) Warum hast du mich
+nicht ordentlich erzogen, Mutter?
+
+(Frau Clandon erstaunt:) Kind, ich habe mein moglichstes getan!
+
+(Gloria.) Oh, du hast mich nichts gelehrt--gar nichts!
+
+(Frau Clandon.) Was ist mit dir?
+
+(Gloria mit dem groessten Nachdruck:) Ich schaeme mich--schaeme
+mich--schaeme mich--(Da sie unertraeglich erroetet, bedeckt sie ihr
+Gesicht mit den Haenden und wendet sich von ihrer Mutter ab.)
+
+(Vorhang)
+
+
+
+
+DRITTER AKT
+
+(Der Salon der teuern ebenerdigen Wohnung, welche die Clandons im
+Marinehotel gemietet haben. Eine bis auf den Fussboden reichende
+zweifluegelige Fenstertuer fuehrt in den Garten. In der Mitte des
+Zimmers steht ein massiver, von Stuehlen umgebener Tisch, der mit einer
+kastanienbraunen Decke bedeckt ist. Kostspielig eingebundene Hotel-
+und Eisenbahnfuehrer liegen darauf. Ein Besucher, der durch die
+Fenstertuer kaeme und zu diesem Mitteltisch ginge, wuerde den Kamin zu
+seiner Linken haben und einen Schreibtisch an der Wand zu seiner
+Rechten, in der Naehe die Tuer, die weiter hinten ist. Er wuerde, wenn
+dies seiner Geschmacksrichtung entspraeche, die pflaumen- und
+bronzelackfarbigen Mauerverzierungen von Lincrusta Walton mit Sockel
+und Kranzgesims und die Goldbronze-Konsolen in den Ecken bewundern
+koennen. Zu beiden Seiten des Fensters sieben Vasen auf
+Pfeilerpiedestalen aus gesprenkeltem Marmor mit Untersaetzen aus
+poliertem schwarzem Holz. Zunaechst der Vase, in der naechsten Naehe des
+Kamins, steht ein verzierter Schrank, dessen Mittelfach eine Tuer aus
+Holzmosai[*or i?]k verschliesst und dessen durch gewoelbte Glasscheiben
+abgerundete Kanten Gestelle mit billigem blauem und weissem
+Steingutgeschirr schuetzen. Ein Teetisch aus Bambusrohr mit
+zusammenklappbaren Seitenbrettern steht gegenueber auf der andern Seite
+des Fensters.--An den Waenden haengen Bilder, gemalte Ozeandampfer und
+Hunde von Landseer. In einer Linie mit der Tuere, aber auf der andern
+Seite des Zimmers befindet sich eine Ottomane; auf dem Kaminteppich
+stehen zwei bequeme dazu passende Stuehle. Ueber dem Fenster ist
+eine massive Messingstange angebracht, an der ein Paar rotbraune
+Ripsvorhaenge mit mattgruenen Zierborten haengen. Kurzum, ein Zimmer,
+das danach eingerichtet ist, den Gefuehlen des Bewohners von seiner
+eigenen Wichtigkeit zu schmeicheln und ihn mit der taeglichen Ausgabe
+eines ganzen Pfundes fuer die Benuetzung auszusoehnen.)
+
+(Frau Clandon sitzt am Schreibtisch und liest Korrekturen. Gloria
+lehnt am Fenster und starrt in gequaelter Traeumerei ins Weite. Die Uhr
+auf dem Kaminsims schlaegt Fuenf mit schwachem Klirren, da die Glocke
+gegen das marmorne schwarze Ehrengrab, in das sie eingemauert ist,
+nicht aufkommen kann.)
+
+
+(Frau Clandon.) Fuenf! Ich glaube, wir brauchen nicht laenger auf die
+Kinder zu warten; sie trinken gewiss ausser Haus Tee.
+
+(Gloria muede:) Soll ich klingeln?
+
+(Frau Clandon.) Ja, mein Kind.
+
+(Gloria geht an den Kamin und klingelt.)
+
+(Frau Clandon.) Endlich bin ich mit den Korrekturen fertig. Gott sei
+Dank!
+
+(Gloria durchschreitet das Zimmer unaufmerksam und tritt hinter den
+Stuhl ihrer Mutter:) Was fuer Korrekturen?
+
+(Frau Clandon.) Die neue Auflage der "Frauen des zwanzigsten
+Jahrhunderts".
+
+(Gloria mit einem bittern Laecheln:) Es fehlt noch ein Kapitel.
+
+(Frau Clandon beginnt ihre Korrekturen zu durchstoebern:) Glaubst du?...
+doch nicht.
+
+(Gloria.) Ich meine ein ungeschriebenes. Vielleicht werde ich es fuer
+dich schreiben--sobald ich erst den Schluss weiss. (Sie geht an das
+Fenster zurueck.)
+
+(Frau Clandon.) Gloria! ein neues Raetsel?
+
+(Gloria.) O nein! das alte Raetsel.
+
+(Frau Clandon verlegen und ziemlich verwirrt, nachdem sie ihre Tochter
+einen Augenblick beobachtet hat:) Mein Kind--
+
+(Gloria zurueckkommend:) Ja?
+
+(Frau Clandon>) Du weisst, dass ich niemals Fragen stelle.
+
+(Gloria neben ihrem Stuhl kniend:) Ich weiss, ich weiss! (Sie wirft
+ploetzlich ihren Arm um den Hals ihrer Mutter und umarmt sie beinahe
+leidenschaftlich.)
+
+(Frau Clandon sanft Laechelnd, aber verlegen:) Aber mein Kind, du wirst
+ganz sentimental!
+
+(Gloria zurueckfahrend:) Nein, nein--o sage das nicht--oh! (Sie erhebt
+sich und wendet sich mit einer Bewegung von Frau Clandon ab, als ob
+sie sich losrisse.)
+
+(Frau Clandon sanft:) Liebes Kind, was ist geschehen? Was--(Der
+Kellner kommt mit dem Teebrett herein.)
+
+(Der Kellner sanft:) Danach haben Sie wohl geklingelt, gnaedige Frau?
+
+(Frau Clandon.) Ja, ich danke. (Sie wendet ihren Stuhl vom
+Schreibtisch fort und setzt sich wieder.)
+
+(Gloria geht an den Kamin und kauert sich dort mit abgewandtem Gesicht
+in einen Stuhl.)
+
+(Der Kellner setzt das Brett einstweilen auf den Mitteltisch:) Das
+habe ich mir gedacht, gnaedige Frau. Sonderbar, wie die Nerven
+nachmittags ohne Tee nachzulassen beginnen. (Er holt den Teetisch und
+setzt ihn vor Frau Clandon bin und spricht dabei:) Der junge Herr und
+das gnaedige Fraeulein sind eben zurueckgekommen, gnaedige Frau. Sie
+waren in einem Boote auf dem Meer. Sehr angenehm an einem schoenen
+Nachmittag wie heute, sehr kraeftigend. (Er nimmt nun das Teebrett vom
+Mitteltisch fort und setzt es auf den Teetisch.) Herr McComas kommt
+nicht zum Tee, gnaedige Frau. Er ist fortgegangen, Herrn McNaughtan zu
+besuchen. (Er nimmt zwei Stuehle und setzt sie rechts und links vom
+Teetisch hin.)
+
+(Gloria blickt auf und fragt entsetzt:) Und der andere Herr?...
+
+(Der Kellner verfaellt unbewusst einen Augenblick in die Tonart eines
+Liedes, das er als Knabe gesungen, beruhigend:) Oh, der kommt,
+gnaediges Fraeulein--oh, der kommt. Er hat gerudert und ist eben in die
+Apotheke gelaufen, sich etwas fuer seine wunden Handflaechen geben zu
+lassen. Aber er muss gleich hier sein, gnaediges Fraeulein!
+
+(Gloria erhebt sich in unbezwingbarer Angst und laeuft zur Tuer.)
+
+(Frau Clandon sich halb erhebend:) Glo--(Gloria geht hinaus; Frau
+Clandon starrt den Kellner an, dessen Haltung unbeweglich bleibt.)
+
+(Der Kellner heiter:) Sonst noch etwas gefaellig, gnaedige Frau?
+
+(Frau Clandon.) Nein, danke.
+
+(Der Kellner.) Ich habe zu danken, gnaedige Frau.
+
+(Als er sich zurueckziehen will, kommen Philip und Dolly in
+froehlichster Laune bereingestuermt; er haelt ihnen die Tuer auf, geht
+dann hinaus und schliesst sie.)
+
+(Dolly gierig:) Oh, gib mir schnell etwas Tee! (Frau Clandon schenkt
+ihr eine Tasse ein.) Wir sind in einem Boot auf dem Meer gewesen. Dr.
+Valentine wird gleich da sein.
+
+(Philip.) Er ist nicht an Seefahrten gewoehnt.--Wo ist Gloria?
+
+(Frau Clandon aengstlich, waehrend sie ihm Tee eingiesst:) Phil, mit
+Gloria ist etwas los. Ist etwas passiert? (Philip und Dolly sehen
+einander mit unterdruecktem Lachen an.) Was ist es?
+
+(Philip setzt sich an ihre linke Seite:) Romeo--
+
+(Dolly setzt sich an ihre rechte Seite:)--und Julia!
+
+(Philip nimmt seine Teetasse Frau Clandon ab:) Ja, liebe Mama: die
+alte, alte Geschichte--Dolly, nimm nicht die ganze Milch. (Er reisst
+ihr die Kanne geschickt fort.) Ja, im Fruehling--
+
+(Dolly)--kann eines Juenglings Phantasie--
+
+(Philip)--leicht Liebesblueten treiben... Ich danke. (Zu Frau Clandon,
+die ihm die Biskuits gereicht hat:) Das kommt uebrigens auch im Herbst
+vor. Diesmal ist der Juengling--
+
+(Dolly.) Doktor Valentine.
+
+(Philip.) Und seine Phantasie hat Gloria in einem Masse gehuldigt, dass
+er sie--
+
+(Dolly)--gekuesst hat--
+
+(Philip.)--auf der Terrasse--
+
+(Dolly ihn verbessernd:)--auf die Lippen--vor allen Leuten!
+
+(Frau Clandon unglaeubig:) Phil--Dolly--spasst ihr? (Sie schuetteln den
+Kopf.) Hat sie es geduldet?
+
+(Philip.) Wir haben erwartet, ihn vom Blitze ihrer Verachtung zu Boden
+geschmettert zu sehen--
+
+(Dolly.)--aber es geschah nichts dergleichen--
+
+(Philip.) Es schien ihr ganz recht zu sein.
+
+(Dolly.) Soweit wir es beurteilen konnten... (Sie faellt Philip, der
+im Begriff ist, sich noch eine Tasse einzugiessen, in den Arm:) Nein,
+du hast die zweite Tasse abgeschworen!
+
+(Frau Clandon sehr beunruhigt:) Kinder, ihr duerft nicht hier sein,
+wenn Doktor Valentine kommt. Ich muss darueber sehr ernst mit ihm
+sprechen.
+
+(Philip.) Um ihn nach seinen Absichten zu fragen?... Was fuer eine
+Verletzung der "Grundsaetze des zwanzigsten Jahrhunderts"!
+
+(Dolly.) Du hast ganz recht, Mama! Stelle ihn zur Rede. Schlage
+soviel du nur kannst aus dem neunzehnten Jahrhundert heraus, so lange
+es dauert.
+
+(Philip.) Sch! er kommt!
+
+(Dr. Valentine tritt ein:) Ich bedaure sehr, mich verspaetet zu haben,
+Frau Clandon. (Sie ergreift die Teekanne:) Nein, ich danke, ich
+trinke niemals Tee. Fraeulein Dolly und Phil haben Ihnen wohl schon
+erzaehlt, was mir passiert ist.
+
+(Philip erhebt sich; wichtig:) Ja, Doktor, wir haben es Mama erzaehlt.
+
+(Dolly erhebt sich gleichfalls; bedeutungsvoll:) Wir haben es Mama
+sehr genau erzaehlt.
+
+(Philip.) Es war unsere Pflicht. (Sehr ernst:) Komm, Dolly! (Er
+bietet Dolly seinen Arm, die sich einhaengt. Sie sehen Dr. Valentine
+mitleidig an und gehen Arm in Arm ernst hinaus. Dr. Valentine sieht
+ihnen verwirrt nach, dann blickt er Frau Clandon fragend, wie um eine
+Erklaerung bittend an.)
+
+(Frau Clandon erhebt sich und verlaesst den Teetisch:) Wollen Sie
+gefaelligst Platz nehmen, Herr Doktor. Ich moechte etwas mit Ihnen
+besprechen, wenn Sie erlauben. (Dr. Valentine setzt sich langsam auf
+die Ottamane nieder. Sein Gewissen prophezeit ihm eine schlimme
+Viertelstunde. Frau Clandon nimmt Philips Stuhl und setzt sich
+bedaechtig in gemessener Entfernung.) Ich muss zunaechst ein wenig
+Nachsicht fuer mich erbitten. Ich bin im Begriff, ueber einen
+Gegenstand zu sprechen, von dem ich sehr wenig, vielleicht gar nichts
+verstehe. Ich meine--Liebe.
+
+(Dr. Valentine.) Liebe!
+
+(Frau Clandon.) Ja, Liebe.--Oh, Sie brauchen nicht so beunruhigt
+dreinzuschauen, Herr Doktor--ich bin nicht in Sie verliebt.
+
+(Dr. Valentine ueberwaeltigt:) Wahrhaftig, Frau--(Sich erholend:) Es
+wuerde mich mehr als stolz machen, wenn Sie es waeren.
+
+(Frau Clandon.) Ich danke Ihnen, Herr Doktor; aber ich bin zu alt,
+jetzt nach damit anzufangen.
+
+(Dr. Valentine.) Anzufangen?!... Haben Sie nie--?
+
+(Frau Clandon.) Niemals. Mein Schicksal ist sehr alltaeglich gewesen.
+Ich habe geheiratet, bevor ich alt genug war, zu wissen, was ich
+eigentlich tat. Wie Sie sich selbst ueberzeugt haben, war die Folge
+davon eine bittere Enttaeuschung fuer uns beide, fuer meinen Mann und fuer
+mich. So kommt es, dass ich, trotzdem ich verheiratet bin, niemals
+verliebt war... ich habe in meinem ganzen Leben keine einzige
+Liebesangelegenheit gehabt. Und um ganz aufrichtig zu sein, Herr
+Doktor, was ich von den Liebesangelegenheiten anderer gesehen habe,
+hat nicht dazu beigetragen, mich diesen Mangel bedauern zu lassen.
+(Dr. Valentine, der sehr verdriesslich dreinschaut, blinzelt skeptisch
+nach ihr hin und sagt nichts. Sie erroetet ein wenig und fuegt mit
+unterdruecktem Aerger hinzu:) Sie glauben mir nicht.
+
+(Dr. Valentine bestuerzt, da er seine Gedanken erraten sieht:) Aber,
+warum denn nicht... warum nicht?
+
+(Frau Clandon.) Lassen Sie sich sagen, Herr Doktor, dass ein der
+Menschheit gewidmetes Leben Begeisterungen bietet und Leidenschaften
+kennt, die bei weitem die selbstsuechtigen Verblendungen und
+Sentimentalitaeten eines Liebesromanes uebersteigen. Ihre
+Begeisterungen und Leidenschaften--sind das nicht, nicht wahr? (Dr.
+Valentine weiss wohl, dass Frau Clandon ihn deswegen geringschaetzt, und
+antwortet negativ mit melancholischem Kopfschuetteln.) Ich dachte mir's.
+--Nun, dafuer bin ich im Nachteil, wenn ich diese sogenannten
+Herzensangelegenheiten besprechen muss, in denen Sie ein Fachmann zu
+sein scheinen.
+
+(Dr. Valentine unruhig:) Worauf spielen Sie an, Frau Clandon?
+
+(Frau Clandon.) Ich glaube, Sie wissen es.
+
+(Dr. Valentine.) Gloria?
+
+(Frau Clandon.) Ja, Gloria.
+
+(Dr. Valentine streckt die Waffen:) Nun ja, ich bin verliebt in Gloria.
+(Er unterbricht sie, da sie im Begriff ist zu antworten:) Ich weiss
+schon, was Sie sagen wollen: Ich habe kein Geld.
+
+(Frau Clandon.) Ich frage sehr wenig nach Geld, Herr Doktor.
+
+(Dr. Valentine.) Dann sind Sie aber ganz anders als alle andern Muetter,
+die mit mir gesprochen haben.
+
+(Frau Clandon.) Ah, nun kommen wir zur Hauptsache, Herr Doktor! Sie
+sind ein alter Praktikus! (Er oeffnet die Lippen, um zu widersprechen.
+Sie unterbricht ihn mit einiger Entruestung:) Oh, glauben Sie doch
+nicht, dass ich nicht genug gesunden Menschenverstand besitze, um zu
+wissen--so wenig ich von solchen Dingen verstehe--dass ein Mann, der
+bei einer einzigen Begegnung, mit einer Frau wie meine Tochter so weit
+kommen konnte, kaum ein Neuling sein kann!
+
+(Dr. Valentine.) Ich versichere Ihnen--
+
+(Frau Clandon unterbricht ihn:) Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, Herr
+Doktor. Es war Glorias Sache, sich selbst zu schuetzen, und Sie haben
+das Recht, sich nach Gefallen zu unterhalten.
+
+(Dr. Valentine protestierend:) Mich unterhalten?... Oh, Frau Clandon!
+
+(Frau Clandon unnachgiebig;) Bei Ihrer Ehre, Herr Doktor, meinen Sie
+es ernst?
+
+(Dr. Valentine verzweifelt:) Bei meiner Ehre, ich meine es ernst!
+(Sie sieht ihn forschend an. Sein Sinn fuer Humor bricht bei ihm durch,
+und er fuegt verschmitzt hinzu:) Allerdings habe ich es immer ernst
+gemeint; und dennoch--bin ich hier, wie Sie sehen!
+
+(Frau Clandon.) Das ist es gerade, was ich ahnte. (Streng:) Herr
+Doktor, Sie sind einer von den Maennern, die mit den Gefuehlen der
+Frauen spielen.
+
+(Dr. Valentine.) Warum auch nicht, da doch nur die Sache der
+Menschheit es verdient, ernst genommen zu werden? Aber ich verstehe.
+(Er erhebt sich und nimmt seinen Hut; mit foermlicher Hoeflichkeit:) Sie
+wuenschen, dass ich meine Besuche in Ihrem Hause einstelle.
+
+(Frau Clandon.) Nein. Ich bin klug genug zu wissen, dass fuer Gloria
+die beste Moeglichkeit, Ihnen zu entkommen, die ist, Sie nur besser
+kennen zu lernen.
+
+(Dr. Valentine wirklich beunruhigt:) Oh, sagen Sie das nicht, Frau
+Clandon! Das glauben Sie doch nicht--nicht wahr, nein?
+
+(Frau Clandon.) Ich habe grosses Vertrauen zu der gesunden Schule, die
+Glorias Geist seit ihrer Kindheit durchgemacht hat.
+
+(Dr. Valentine erstaunlich erleichtert:) Oh--oh! oh! dann ist's recht!
+(Er setzt sich wieder und wirft seinen Hut uebermuetig beiseite, mit
+der Miene eines Menschen, der nun nichts mehr zu fuerchten hat.)
+
+(Frau Clandon empoert ueber seine Sicherheit:) Wie meinen Sie das?
+
+(Dr. Valentine wendet sich ihr vertraulich zu:) Soll ich Sie auch
+etwas lehren, Frau Clandon?
+
+(Frau Clandon steif:) Ich bin immer gern bereit zu lernen.
+
+(Dr. Valentine.) Haben Sie jemals das Thema Geschuetzkunst--Artillerie,
+Kanonen, Kriegsschiffe und so weiter--studiert, Frau Clandon?
+
+(Frau Clandon.) Hat die Geschuetzkunst irgendwas mit Gloria zu schaffen?
+
+(Dr. Valentine.) Sehr viel!--Zur Erlaeuterung naemlich.--Waehrend dieses
+ganzen Jahrhunderts war der Fortschritt der Artillerie ein Zweikampf
+zwischen dem Fabrikanten von Kanonen und dem Fabrikanten von
+kugelsichern Panzerplatten. Man baut ein Schiff, das gegen die besten
+Geschosse der bekannten Kanonen undurchdringlich ist--da erfindet
+jemand ein besseres Geschoss und bringt das Schiff zum Sinken. Sofort
+baut man ein schwereres, gegen die Geschosse der neuen Kanone
+undurchdringliches Schiff--da erfindet wieder jemand ein noch besseres
+Geschoss und bringt das Schiff wieder zum Sinken. Und so weiter.--Nun,
+der Zweikampf der Geschlechter vollzieht sich auf dieselbe Weise.
+
+(Frau Clandon.) Der Zweikampf der Geschlechter?...
+
+(Dr. Valentine.) Ja. Sie haben doch vom Zweikampf der Geschlechter
+gehoert, nicht wahr?--Oh, daran habe ich nicht gedacht! Sie sind lange
+in Madeira gewesen, der Ausdruck ist nach Ihrer Zeit aufgekommen.
+Brauche ich ihn zu erklaeren?
+
+(Frau Clandon verachtungsvoll:) Nein.
+
+(Dr. Valentine.) Natuerlich nicht.--Was geschieht denn nun in diesem
+Geschlechterzweikampf?... Die altmodische Mutter bekam eine
+altmodische Erziehung, um gegen die Raenke des Mannes geruestet zu sein.
+Gut. Sie kennen das Resultat. Der altmodische Mann hat sie
+herumgekriegt. Die altmodische Frau entschloss sich nun, ihre Tochter
+wirksamer zu wappnen--irgendeine Waffe zu finden, gegen die der
+altmodische Mann nicht aufkommen koennte. Sie gab ihrer Tochter
+deshalb eine wissenschaftliche Erziehung--Ihr System! Diese neue
+Ausruestung hat den altmodischen Mann mattgesetzt: er jammerte, das sei
+nicht gerecht, unweiblich und weiss Gott was alles. Aber das half ihm
+nichts, und so musste er seinen altmodischen Angriffsplan aufgeben--Sie
+wissen ja Bescheid--auf die Knie fallen und Liebe und Gehorsam
+schwoeren--und so weiter.
+
+(Frau Clandon.) Entschuldigen Sie: das hat das Weib geschworen.
+
+(Dr. Valentine.) Wirklich?--Sie haben vielleicht recht--ja natuerlich,
+es war das Weib!--Nun gut. Was hat der Mann getan? Genau dasselbe,
+was der Kanonengiesser tat--er ging einen Schritt weiter als die Frau,
+bildete sich wissenschaftlich und schlug sie auf dieser Linie genau
+so, wie er sie auf der alten Linie geschlagen hatte. Ich war
+noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt und hatte schon gelernt, die
+frauenrechtlerische Frau herumzukriegen; es ist schon lange her, dass
+man das herausgefunden hat. Sie sehen, meine Methoden sind gruendlich
+modern.
+
+(Frau Clandon mit ruhigem Widerwillen:) Zweifellos.
+
+(Dr. Valentine.) Aber gerade deswegen gibt es eine Maedchensorte, gegen
+die diese Methode nutzlos ist.
+
+(Frau Clandon.) Bitte, welche Sorte ist das?
+
+(Dr. Valentine.) Das gruendlich altmodische Maedchen. Wenn Sie Gloria
+in der ehemals ueblichen Weise erzogen haetten, so wuerde ich achtzehn
+Monate gebraucht haben, um so weit zu kommen, wie ich heute nachmittag
+in achtzehn Minuten gekommen bin.--Ja, Frau Clandon: die
+Frauenemanzipation hat Gloria in meine Haende geliefert, und Sie waren
+es, die sie den Glauben an die Frauenemanzipation gelehrt hat.
+
+(Frau Clandon erhebt sich:) Herr Doktor, Sie sind sehr gescheit.
+
+(Dr. Valentine erhebt sich gleichfalls:) Oh, Frau Clandon!
+
+(Frau Clandon.) Aber Sie haben mich nichts Neues gelehrt. Adieu.
+
+(Dr. Valentine erschrocken:) Adieu?!--Oh, darf ich sie nicht sehen,
+bevor ich gehe?
+
+(Frau Clandon.) Ich fuerchte, sie wird erst zurueckkommen, wenn Sie
+gegangen sind, Herr Doktor. Sie hat das Zimmer eigens verlassen, um
+Ihnen auszuweichen.
+
+(Dr. Valentine gedankenvoll:) Das ist ein gutes Zeichen. Adieu. (Er
+verneigt sich und wendet sich offenbar sehr befriedigt zur Tuer.)
+
+(Frau Clandon beunruhigt:) Warum halten Sie das fuer ein gutes Zeichen?
+
+(Dr. Valentine dreht sich in der Naehe der Tuer um:) Weil ich eine
+Todesangst vor ihr habe; und es scheint, dass sie eine Todesangst vor
+mir hat. (Er will nun gehen, steht aber an der Tuerschwelle ploetzlich
+Gloria gegenueber, die eben eingetreten ist. Sie sieht ihm standhaft
+ins Auge. Er starrt sie hilflos an, dann suchen seine Blicke Frau
+Clandon, dann wieder Gloria; er ist vollkommen ausser Fassung.)
+
+(Gloria bleich und sich nur muehsam beherrschend:) Mutter, ist es wahr,
+was Dolly mir gesagt hat?
+
+(Frau Clandon.) Was hat sie dir gesagt, mein Kind?
+
+(Gloria.) Dass du mit diesem Herrn ueber meine Angelegenheiten
+gesprochen hast?
+
+(Dr. Valentine murmelnd:) Mit diesem Herrn--oh!
+
+(Frau Clandon scharf:) Herr Doktor--koennen Sie einen Augenblick
+schweigen? (Er blickt sie klaeglich an, dann geht er mit einem
+verzweifelten Achselzucken an die Ottomane zurueck und wirft seinen Hut
+darauf.)
+
+(Gloria betrachtet ihre Mutter vorwurfsvoll:) Mutter, was hattest du
+fuer ein Recht dazu?
+
+(Frau Clandon.) Ich glaube, ich habe nichts gesagt, wozu ich nicht ein
+Recht gehabt haette, Gloria.
+
+(Dr. Valentine bestaetigt das dienstfertig:) Nichts... nicht das
+geringste. (Gloria sieht ihn mit sprachloser Entruestung an.)
+Verzeihen Sie. (Er setzt sich beschaemt auf die Ottomane.)
+
+(Gloria.) Ich glaube nicht, dass irgend jemand das Recht hat, ueber
+Dinge auch nur nachzudenken, die mich allein angehen. (Sie wendet
+sich ab, einen schmerzlichen Kampf mit ihrer Erregung zu verbergen.)
+
+(Frau Clandon.) Liebe Gloria, wenn ich deinen Stolz verletzt haben
+sollte--
+
+(Gloria wendet sieb um:) Mein Stolz--mein Stolz--oh, er ist fort!
+Ich weiss jetzt, dass ich keine Kraft besitze, auf die ich stolz sein
+koennte. (Wendet sich wieder ab.) Aber eine Frau, die sich nicht
+selbst zu beschuetzen weiss, die kann niemand beschuetzen. Niemand ist
+auch nur berechtigt, es zu versuchen... nicht einmal ihre Mutter! Ich
+weiss, dass ich dein Vertrauen verloren habe, genau so wie ich die
+Achtung dieses Mannes verloren habe--(Sie haelt inne, um einen Seufzer
+zu unterdruecken.)
+
+(Dr. Valentine stoehnend:) Dieses Mannes--! (Er murmelt wieder:) Oh!...
+
+(Frau Clandon mit gedaempfter Stimme:) Bitte, schweigen Sie, Herr
+Doktor.
+
+(Gloria faehrt fort:)--aber ich bin wenigstens berechtigt, mit meiner
+Schande allein zu bleiben. Ich bin eins von jenen schwachen
+Geschoepfen, die geboren sind, um von dem erstbesten Mann, der ein Auge
+auf sie wirft, gemeistert zu werden, und ich muss mein Schicksal
+erfuellen. Erspare mir wenigstens die Demuetigung deiner
+Rettungsversuche. (Sie setzt sich, das Taschentuch an den Augen, an
+das entferntere Ende des Tisches.)
+
+(Dr. Valentine aufspringend:) Hoeren Sie mal--
+
+(Frau Clandon.) Herr Dokt--
+
+(Dr. Valentine unbekuemmert:) Nein! Ich will sprechen! Ich habe
+nahezu dreissig Sekunden geschwiegen. (Er geht zu Gloria hin:)
+Fraeulein Clandon--
+
+(Gloria bitter:) Oh--nicht Fraeulein Clandon--Sie wissen ja, dass man es
+sich ganz gut gestatten darf, mich Gloria zu nennen.
+
+(Dr. Valentine.) Nein, ich will das nicht. Sie werden mir es nachher
+vorwerfen und mich der Missachtung beschuldigen. Es ist eine
+herzzerreissende Luege, dass ich Sie nicht achte. Es ist wahr, dass ich
+Ihren frueheren Stolz nicht geachtet habe. Warum sollte ich es auch?
+Er war nichts als Feigheit. Ich habe Ihren Verstand nicht
+geachtet--davon besitze ich selbst etwas mehr; er ist eine maennliche
+Spezialitaet. Aber als Sie mich in meinen Tiefen aufgewuehlt hatten!
+--als mein grosser Augenblick gekommen war!--als Sie mich tapfer
+machten!--ah, da, da, da!
+
+(Gloria.) Da achteten Sie mich, meinen Sie.
+
+(Dr. Valentine.) Nein, das nicht:--da betete ich Sie an! (Sie erhebt
+sich rasch und wendet ihm den Ruecken zu.) Und diesen Augenblick werden
+Sie mir niemals nehmen koennen. So--nun ist mir einerlei, was
+geschieht! (Er geht auf und ab und stoesst einen frohen Ausruf aus, mit
+dem er sich an niemand besonders wendet:) Ich weiss sehr gut, dass ich
+Unsinn rede--aber ich kann nicht anders. (Zu Frau Clandon:) Ich liebe
+Gloria--und damit basta!
+
+(Frau Clandon mit Nachdruck:) Herr Doktor, Sie sind ein sehr
+gefaehrlicher Mensch. Gloria, komm her.(Gloria wundert sich ein wenig
+ueber diesen Befehl, gehorcht aber und bleibt mit gesenktem Kopf rechts
+von ihrer Mutter stehen; Dr. Valentine steht auf der andern Seite.
+Frau Clandon spricht nun mit nachdruecklichem Hohn:) Frage diesen Mann,
+den du begeistert und tapfer gemacht hast, wie viele Frauen das vor
+dir getan haben. (Gloria sieht ploetzlich mit einem Aufflammen
+eifersuechtigen Aergers und Staunens auf.) Wie oft er die Falle gestellt
+hat, in die du ihm gegangen bist; wie oft er sie mit ganz denselben
+Redensarten gekoedert hat; wieviel Uebung er als Duellant im Zweikampf
+der Geschlechter hat, der seinen eigentlichen Lebensberuf ausmacht.
+
+(Dr. Valentine.) Das ist nicht recht, Frau Clandon! Sie. nuetzen mein
+Vertrauen aus!
+
+(Frau Clandon.) Frage ihn, Gloria!
+
+(Gloria gebt in einem Wutausbruch mit geballten Faeusten auf ihn los:)
+Ist das wahr?!
+
+(Dr. Valentine.) Bitte, seien Sie nicht boese--
+
+(Gloria unterbricht ihn; unerbittlich:) Ist das wahr?! Haben Sie das
+alles jemals schon gesagt?... haben Sie das alles jemals schon
+empfunden?... fuer eine andere Frau?
+
+(Dr. Valentine geradeheraus:) Ja.
+
+(Gloria erbebt ihre geballten Haende.)
+
+(Flau Clandon springt entsetzt an ihre Seite und haelt ihre erhobenen
+Arme auf:) Gloria, liebes Kind--du vergisst dich!
+
+(Gloria gibt mit einem tiefen Seufzer ihre drohende Stellung langsam
+auf:)
+
+(Dr. Valentine.) Bedenken Sie: eines Mannes Faehigkeit zur Liebe und
+zur Bewunderung ist wie jede andere seiner Faehigkeiten: er muss sie oft
+weggeworfen haben, bevor er wissen kann, was ihrer wirklich wert ist.
+
+(Frau Clandon.) Das ist auch eine seiner eingelernten Redensarten.
+Gloria, nimm dich in acht!
+
+(Dr. Valentine sich verwahrend:) Oh!
+
+(Gloria zu Frau Clandon, mit verachtungsvoller Selbstbeherrschung:)
+Glaubst du, dass ich jetzt noch gewarnt zu werden brauche? (Zu Dr.
+Valentine:) Sie haben versucht, mich dahin zu bringen, Sie zu lieben!
+
+(Dr. Valentine.) Jawohl.
+
+(Gloria.) Nun, Sie haben damit nur erreicht, dass ich Sie
+hasse--leidenschaftlich hasse!
+
+(Dr. Valentine philosophisch:) Es ist ueberraschend, wie klein doch der
+Unterschied zwischen Hass und Liebe ist. (Gloria wendet sich entruestet
+von ihm ab. Er faehrt zu Frau Clandon gewendet fort:) Ich kenne Frauen,
+die ihre Maenner lieben und sich dabei genau so gegen sie benehmen.
+
+(Frau Clandon.) Entschuldigen Sie, Herr Doktor, aber waere es nicht
+besser, Sie gingen?
+
+(Gloria.) Meinetwegen brauchst du ihn nicht fortzuschicken! Er ist
+mir jetzt nichts mehr und er wird Phil und Dolly amuesieren. (Sie
+setzt sich mit geringschaetziger Gleichgueltigkeit an den Tisch, in die
+Naehe des Fensters.)
+
+(Dr. Valentine lustig:) So ist's recht! Das ist die vernuenftige Art,
+es aufzufassen. Gehen Sie, Frau Clandon Sie koennen einem blossen
+Schmetterling, wie ich es bin, nicht ernstlich boese sein.
+
+(Frau Clandon.) Ich habe gar kein Vertrauen zu Ihnen, Herr Doktor;
+aber ich will nicht annehmen, dass Ihre beklagenswert leichtsinnige
+Veranlagung einzig schamlos und nichtswuerdig ist--
+
+(Gloria fuer sich, aber laut:) Ja, schamlos und nichtswuerdig!
+
+(Frau Clandon.)--Deshalb ist es vielleicht besser, wenn wir Phil und
+Dolly rufen lassen und Ihnen gestatten, Ihren Besuch auf die uebliche
+Weise zu beenden.
+
+(Dr. Valentine, als wenn sie ihm das groesste Kompliment gemacht haette:)
+Sie sind zu liebenswuerdig, Frau Clandon--ich danke Ihnen!
+
+(Der Kellner tritt ein:) Herr McComas, gnaedige Frau.
+
+(Frau Clandon.) O gewiss! ich lasse bitten.
+
+(Der Kellner.) Er laesst fragen, ob er Sie nicht im Lesezimmer sprechen
+duerfte, gnaedige Frau.
+
+(Frau Clandon.) Warum nicht hier?
+
+(Der Kellner.) Nun, wenn ich es sagen darf, gnaedige Frau: ich glaube,
+Herr McComas fuehlt, er haette leichteres Spiel, wenn er mit Ihnen in
+Abwesenheit der juengeren Mitglieder Ihrer Familie sprechen koennte,
+gnaedige Frau.
+
+(Frau Clandon.) Sagen Sie ihm, dass die Kinder nicht hier sind.
+
+(Der Kellner.) Sie behalten die Tuer im Auge, gnaedige Frau, und passen
+scharf auf aus irgendeinem Grunde.
+
+(Frau Clandon geht:) Nun gut, so will ich zu ihm gehen.
+
+(Der Kellner haelt ihr die Tuer auf:) Ich danke, gnaedige Frau. (Sie
+geht hinaus. Er kommt ins Zimmer zurueck und begegnet dem Auge Dr.
+Valentines, der wuenscht, dass er sich entferne.) Sofort, Herr
+Doktor--nur das Teegeschirr. (Er nimmt das Teebrett:) Entschuldigen
+Sie, Herr Doktor--ich danke sehr. (Er gebt hinaus.)
+
+(Dr. Valentine zu Gloria:) Hoeren Sie! Frueher oder spaeter werden Sie
+mir verzeihen... verzeihen Sie mir gleich.
+
+(Gloria erbebt sich, um ihre Erklaerung an ihn intensiver zu machen:)
+Niemals! so lange Gras waechst und Wasser fliesst--nie--nie--nie!
+
+(Dr. Valentine unerschrocken:) Auch gut. Mich kann nichts ungluecklich
+machen--ich werde nie wieder ungluecklich sein, nie, nie, nie, so lange
+Gras waechst und Wasser fliesst!! Der Gedanke an Sie wird mich immer
+mit jauchzender Freude erfuellen. (Ein hoehnisches Wort ist auf ihren
+Lippen. Er unterbricht sie rasch:) Nein, das habe ich noch zu keiner
+gesagt... Das ist das erstemal!
+
+(Gloria.) Wenn Sie es der naechsten Frau sagen, wird es nicht zum
+ersten Male sein!
+
+(Dr. Valentine.) O nicht, Gloria, nicht! (Er kniet vor ihr nieder.)
+
+(Gloria.) Stehen Sie auf--stehen Sie auf! Wie koennen Sie es wagen?
+
+(Philip und Dolly stuerzen, wie gewohnlich um die Wette laufend, ins
+Zimmer. Sie prallen zurueck, als sie sehen, was vorgeht. Dr.
+Valentine springt auf.)
+
+(Philip diskret:) O entschuldigen Sie.--Komm, Dolly. (Er wendet sich
+um und will geben.)
+
+(Gloria geaergert:) Die Mutter wird gleich wieder da sein, Phil.
+(Streng:) Bitte, wartet hier auf sie. (Sie geht an das Fenster und
+sieht, mit dem Ruecken gegen die andern, hinaus.)
+
+(Philip bedeutungsvoll:) O wirklich--hm hm...
+
+(Dolly.) Aha!
+
+(Philip.) Sie scheinen sehr gut aufgelegt zu sein, Doktor?
+
+(Dr. Valentine.) Das bin ich auch. (Er tritt zwischen sie:) Nun so
+hoeren Sie: Sie beide wissen doch, was hier vorgefallen ist, nicht
+wahr? (Gloria wendet sich rasch um, als ahnte sie eine neue
+Beleidigung.)
+
+(Dolly.) Alles.
+
+(Dr. Valentine.) Nun, es ist alles vorbei. Ich wurde
+abgewiesen--verachtet. Ich werde hier nur noch geduldet. Sie
+verstehen doch?... es ist alles vorbei. Ihre Schwester will von
+meinen Huldigungen absolut nichts wissen, sie will nicht einmal
+geruhen, auch nur das kleinste Interesse fuer mich zu haben. (Gloria
+ist zufrieden und wendet sich verachtungsvoll wieder zum Fenster.) Ist
+das klar?
+
+(Dolly.) Es geschieht Ihnen recht--Sie haben es gar zu eilig gehabt.
+
+(Philip ihm auf die Schultern klopfend:) Machen Sie sich nichts
+daraus--nicht einmal Ihre Seele waere Ihr Eigentum geblieben, wenn
+Gloria Sie geheiratet haette. Sie koennen jetzt ein neues Kapitel Ihres
+Lebens beginnen.
+
+(Dolly.) Kapitel siebzehn ungefaehr, nicht wahr?
+
+(Dr. Valentine durch diesen Scherz aus dem Text gebracht:) Nein--sagen
+Sie nicht solche Sachen! Gerade gedankenlose Bemerkungen dieser Art
+richten das groesste Unglueck an.
+
+(Dolly.) O wirklich? Hm hm!
+
+(Philip.) Aha! (Er geht an den Kamin und pflanzt sich dort in seiner
+gesuchtesten Stellung als Haupt der Familie auf.)
+
+(McComas, der sehr ernst aussieht, tritt rasch mit Frau Clandon ein,
+deren erste Sorge Gloria ist. Sie blickt suchend umher und ist im
+Begriff, zu ihr ans Fenster zu eilen, da kommt ihr Gloria mit
+deutlichen Zeichen des Vertrauens und der Liebe entgegen. Endlich
+setzt sich Frau Clandon, Gloria stellt sich hinter ihren Stuhl.
+McComas wird auf seinem Wege nach der Ottomane von Dolly angerufen.)
+
+(Dolly.) Nun, was bringen Sie Gutes... Finch?
+
+(McComas duester:) Sehr ernste Nachrichten von Ihrem
+
+Vater. Fraeulein Clandon,--sehr ernste Nachrichten. (Er gebt zur
+Ottomane und setzt sich.)
+
+(Dolly, auf die das tiefen Eindruck macht, folgt ihm und setzt sich
+rechts neben ihn.)
+
+(Dr. Valentine.) Vielleicht ist es besser, wenn ich gehe.
+
+(Mc Contas.) Um keinen Preis, Herr Doktor! Sie geht die Sache sehr an.
+(Dr. Valentine nimmt einen Stuhl vom Tisch fort und setzt sich
+rittlings, ueber den Ruecken gelehnt, in die Naehe der Ottomane.) Frau
+Clandon, Ihr Mann beansprucht die Aufsicht ueber seine zwei juengeren
+Kinder, die nicht majorenn sind, fuer sich.
+
+(Frau Clandon erschrickt und blickt sich instinktiv sofort nach Dolly
+um, um zu sehen, ob sie in Sicherheit ist.)
+
+(Dolly ergriffen:) Oh, wie nett von ihm! Er hat uns lieb, Mama!
+
+(McComas.) Es tut mir leid, Sie darueber eines Besseren belehren zu
+muessen, Fraeulein Dorothea.
+
+(Dolly in Ekstase; girrend:) Dorothee-ee-ee-a! (Lehnt sich ganz
+ueberwaeltigt an seine Brust:) O Finch!
+
+(McComas nervoes wegrueckend:) Nein! nein--nein! nein!
+
+(Frau Clandon zurechtweisend:) Liebste Dolly! (Zu Mc Comas:) Laut
+unserer Trennungsurkunde faellt mir die Aufsicht ueber die Kinder zu.
+
+(McComas.) Sie enthaelt auch die Verpflichtung, dass Sie sich ihm weder
+naehern noch ihn in irgendeiner Weise belaestigen duerfen.
+
+(Frau Clandon.) Nun, habe ich das etwa getan?
+
+(McComas.) Ob das Benehmen Ihrer juengeren Kinder dem Gesetze nach eine
+Belaestigung ist, das ist eine Frage, die vielleicht ein Advokat
+entscheiden muesste. Jedenfalls beklagt sich Herr McNaughtan, nicht nur
+belaestigt worden zu sein, sondern er behauptet auch, dass er planmaessig
+hergelockt wurde und dass Herr Dr. Valentine dabei als Ihr Vertreter
+die Hand im Spiel gehabt hat.
+
+(Dr. Valentine.) Was?... wie??...
+
+(McComas.) Er behauptet, dass Sie ihn betaeubt haben, Herr Doktor.
+
+(Dr. Valentine.) Das habe ich allerdings getan. (Sie sind erstaunt.)
+
+(McComas.) Aber zu welchem Zweck?
+
+(Dolly.) Um fuenf Schillinge extra zu verdienen!
+
+(McComas zu Dolly kurz angebunden:) Ich muss Sie wirklich bitten,
+Fraeulein Clandon, unsere sehr ernste Unterredung nicht durch
+ungehoerige Unterbrechungen zu stoeren. (Heftig:) Ich bestehe darauf,
+dass ernste Angelegenheiten ernst und wuerdig besprochen werden!
+(Diesem Ausbruch folgt eine um Entschuldigung bittende Stille, die
+selbst Herrn McComas aus dem Text bringt. Er hustet und beginnt von
+neuem, sich an Gloria wendend:) Fraeulein Clandon: ich habe ferner die
+Pflicht, Ihnen zu sagen, dass Ihr Vater auch die Ueberzeugung gewonnen
+hat, dass Dr. Valentine Sie zu heiraten wuenscht.
+
+(Dr. Valentine geschickt unterbrechend:) Ja, das wuensche ich auch.
+
+(McComas beleidigt:) Dann duerfen Sie nicht erstaunt sein, Herr Doktor,
+wenn der Vater der jungen Dame Sie fuer einen Mitgiftjaeger haelt.
+
+(Dr. Valentine.) Das bin ich auch! Glauben Sie, dass eine Frau von
+meinen Einkuenften leben kann? Einen Schilling pro Woche?
+
+(McComas empoert:) Ich habe nichts mehr hinzuzufuegen, Herr Doktor. Ich
+werde zu Herrn McNaughtan zurueckkehren und ihm sagen, dass diese
+Familie kein Ort fuer einen Vater ist. (Er gebt zur Tuer.)
+
+(Frau Clandon mit ruhiger Wuerde:) Finch! (Er bleibt stehen:) Wenn der
+Herr Doktor nicht ernst sein kann--Sie koennen es. Setzen Sie sich.
+(Nach einem kurzen Kampf zwischen seiner Wuerde und seiner Freundschaft
+unterliegt McComas und setzt sich, diesmal zwischen Dolly und Frau
+Clandon.) Sie wissen so gut wie ich, dass all dies eine Komoedie ist und
+dass Fergus diese Dinge ebensowenig glaubt wie Sie. Geben Sie mir
+jetzt einen wirklichen Rat--Ihren aufrichtigen freundschaftlichen Rat.
+Sie wissen, ich habe Ihrem Urteil immer vertraut. Ich verspreche
+Ihnen, dass die Kinder sich ruhig verhalten werden.
+
+(McComas fuegt sich:) Nun, nun.--Was ich sagen moechte, ist dies. Nach
+der alten Uebereinkunft zwischen Ihnen und ihm, Frau Clandon, war Ihr
+Mann furchtbar benachteiligt.
+
+(Frau Clandon.) Wieso, wenn ich bitten darf?
+
+(McComas.) Nun Sie, eine emanzipierte Frau, waren gewoehnt, die
+oeffentliche Meinung zu verachten und auf das, was die Welt ueber Sie
+sagen koennte, keinerlei Ruecksicht zu nehmen.
+
+(Frau Clandon stolz darauf:) Ja, das ist richtig! (Gloria beugt sich
+vor und kuesst ihre Mutter auf die Haare--eine Zustimmung, die sie
+aeusserst verwirrt.)
+
+(McComas.) Andererseits hatte Ihr Mann, Frau Clandon, einen grossen
+Abscheu vor allem, was ihn in die Zeitungen bringen konnte. Er musste
+Ruecksicht auf sein Geschaeft sowohl wie auf die Vorurteile seiner
+altmodischen Familie nehmen.
+
+(Frau Clandon.) Seine eigenen Vorurteile nicht zu erwaehnen.
+
+(McComas.) Er hat sich ja ohne Zweifel schlecht benommen, Frau Clandon.
+
+(Frau Clandon verachtungwoll:) Zweifellos.
+
+(McComas.) War es aber ausschliesslich seine Schuld?
+
+(Frau Clandon.) War es die meine?
+
+(McComas rasch:) Nein, selbstverstaendlich nicht.
+
+(Gloria ihn aufmerksam betrachtend:) Das glauben Sie nicht wirklich,
+Herr McComas.
+
+(McComas.) Mein liebes Fraeulein, Sie setzen mir sehr scharf zu, aber
+ich will Ihnen nur so viel sagen: Wenn ein Mann eine unpassende Ehe
+eingeht--dafuer kann niemand, wie Sie wissen, das ist oft nur zufaellige
+Unvereinbarkeit der Geschmacksrichtungen--wenn er durch dieses Unglueck
+der haeuslichen Liebe beraubt wird, die--wie ich glaube--der Grund ist,
+warum ein Mann heiratet,--wenn, kurz gesagt, seine Frau schlimmer ist
+als gar keine Frau--woran sie natuerlich unschuldig sein kann--ist es
+da gar so erstaunlich, dass er die Dinge zuerst verschlimmert, indem er
+ihr Vorwuerfe macht und dann in seiner Verzweiflung sogar gelegentlich
+zu viel trinkt oder anderweitig Sympathie sucht?
+
+(Frau Clandon.) Ich habe ihm keine Vorwuerfe gemacht, ich habe einfach
+mich und die Kinder von ihm befreit.
+
+(McComas.) Ja. Aber Sie haben harte Bedingungen gestellt, Frau
+Clandon. Sie hatten ihn in Ihrer Gewalt--Sie haben ihn in die Knie
+gedrueckt, als Sie damit drohten, die Sache zu veroeffentlichen, indem
+Sie die Gerichte um eine gesetzliche Scheidung anriefen. Nehmen Sie
+an, er haette diese Macht ueber Sie gehabt und dazu benuetzt, Ihre Kinder
+von Ihnen fortzunehmen und sie so zu erziehen, dass Sie bis auf Ihren
+Namen vergessen waeren... was wuerden Sie dabei fuehlen?... Was wuerden
+Sie tun?... Wollen Sie nicht auch seinen Gefuehlen etwas Nachsicht
+zeigen--? aus reiner Menschlichkeit?
+
+(Frau Clandon.) Ich habe nie Gefuehle bei ihm entdeckt. Ich habe sein
+heftiges Temperament entdeckt und seine--(sie schaudert:) alles uebrige
+seiner gewoehnlichen Menschlichkeit.
+
+(McComas gedankenvoll:) Frauen koennen sehr hart sein, Frau Clandon.
+
+(Dr. Valentine.) Das ist wahr!
+
+(Gloria zornig:) Schweigen Sie! (Er fuegt sich.)
+
+(McComas nimmt seine ganze Kraft zusammen:) Lassen Sie mich eine
+letzte Bitte aussprechen, Frau Clandon. Glauben Sie mir, es gibt
+Maenner, die sehr viel Gefuehl, ja Guete haben, die aber unfaehig sind,
+sie auszudruecken. Was Sie an McNaughtan vermissen, ist jener bloss
+aeussere Anstrich von Zivilisation, die Kunst, wertlose Aufmerksamkeiten
+zu erweisen und auf reizende liebenswuerdige Art unaufrichtige
+Komplimente zu machen. Wenn Sie in London lebten, wo die ganze
+Gesellschaftsordnung auf falscher Kameradschaftlichkeit aufgebaut ist
+und Sie mit einem Menschen zwanzig Jahre zusammen sein koennen, ohne
+herausgefunden zu haben, dass er Sie hasst wie Gift, dann wuerden Ihnen
+die Augen bald aufgehen. Dort tut man unfreundliche Dinge auf
+freundliche Art; man sagt Bitterkeiten mit suesser Stimme; man gibt
+seinen Freunden immer Chloroform, wenn man sie in Stuecke reisst. Aber
+denken Sie an die Kehrseite der Medaille! Denken Sie an die Leute,
+die auf unfreundliche Weise Gutes tun--an Leute, deren Beruehrung
+schmerzt, deren Stimme schneidet, deren Temperament zuweilen mit ihnen
+durchgeht--die es fertig bringen, Menschen, die sie lieben, zu
+verletzen und zu quaelen, selbst dann noch, wenn sie sie versoehnen
+wollen--und die trotzdem ebensoviel Liebe brauchen wie wir andern...
+McNaughtan hat ein entsetzliches Temperament, ich gebe es zu; er hat
+keine Manieren, keinen Takt, keine Anmut--er wird nie imstande sein,
+irgend jemandes Neigung zu gewinnen, wenn dieser nicht seine Sehnsucht
+danach auf Treu und Glauben hinnimmt. Soll er gar keine Liebe haben,
+nicht einmal Mitleid?... auch nicht von seinem eigenen Fleisch und
+Blut?
+
+(Dolly ganz geruehrt:) Oh, wie wundervoll, Finch!... wie lieb von Ihnen!
+
+(Philip mit Ueberzeugung:) Finch, das nenne ich
+Beredsamkeit--wahrhaftig Beredsamkeit!
+
+(Dolly.) O Mama, geben wir ihm noch eine Chance! Behalten wir ihn zum
+Essen!
+
+(Frau Clandon unbewegt:) Nein, Dolly: ich habe kaum etwas vom Lunch
+gehabt.--Mein lieber Finch, es ist ganz zwecklos, mit mir ueber Fergus
+zu sprechen. Sie sind nicht mit ihm verheiratet gewesen--aber ich.
+
+(McComas zu Gloria:) Fraeulein Clandon, ich habe bis jetzt davon
+abgesehen, mich an Sie zu wenden, weil Sie sogar noch unbarmherziger
+als Ihre Mutter gewesen sind, wenn das wahr ist, was mir McNaughtan
+gesagt hat.
+
+(Gloria trotzig:) Sie wenden sich von der Staerke der Mutter an die
+Schwaeche der Tochter!
+
+(McComas.) Nicht an Ihre Schwaeche, Fraeulein Clandon--ich wende mich
+vom Verstande der Mutter an das Herz der Tochter.
+
+(Gloria.) Ich habe gelernt, meinem Herzen zu misstrauen. (Mit einem
+zornigen Blick auf Dr. Valentine:) Wenn ich koennte, ich wuerde mir das
+Herz aus dem Leibe reissen und es fortwerfen. Meine Antwort ist die
+Antwort meiner Mutter! (Sie tritt zu Frau Clandon und umarmt sie.
+Aber Frau Clandon, unfaebig, diese Art zur Schau gestellter Neigung zu
+ertragen, befreit sich, so rasch sie, ohne Glorias Gefuehle zu
+verletzen, nur kann.)
+
+(McComas besiegt:) Nun, das tut mir leid--sehr leid. Ich habe mein
+Moeglichstes getan. (Er erbebt sich und ist im Begriff, in tiefster
+Unzufriedenheit fortzugehen.)
+
+(Frau Clandon.) Aber was haben Sie denn erwartet, Finch? Was
+verlangen Sie?... Was sollen wir tun?
+
+(McComas.) Vor allem sollten Sie beide, Sie und McNaughtan, das
+Gutachten eines Advokaten einholen, um zu erfahren, inwieweit
+McNaughtan durch die Trennungsurkunde gebunden ist. Warum nun nicht
+dieses Gutachten gelegentlich einer freundschaftlichen (ihr Gesicht
+wird hart)--oder sagen wir neutralen--Zusammenkunft mit McNaughtan
+einholen, und zwar am besten sofort? Der Einfachheit und
+Bequemlichkeit halber schlage ich dieses Hotel vor... Gleich heute
+abend--was meinen Sie dazu?
+
+(Frau Clandon.) Aber woher sollen wir dieses Gutachten so schnell
+bekommen?
+
+(McComas.) Es ist beinahe aus den Wolken auf uns herabgefallen. Auf
+meinem Rueckwege von McNaughtan hierher begegnete ich einem
+hervorragenden Rechtsanwalt, einem Manne, dem ich eine Sache vor
+Gericht anvertraut habe, die ihn zuerst beruehmt gemacht hat. Er
+bleibt von Samstag bis Montag hier, um Seeluft zu atmen und einen
+Verwandten, der hier wohnt, zu besuchen. Er war so freundlich, mir
+sein Erscheinen fuer den Fall zuzusagen, dass es mir gelaenge, eine
+Zusammenkunft der Parteien zustande zu bringen. Er wird uns mit
+seinem gewiegten Rat zur Seite stehen.--Lassen Sie uns doch diese
+Gelegenheit zu einer ruhigen, freundlichen Familienzusammenkunft
+benuetzen; gestatten Sie mir, meinen Freund herzubringen, und ich will
+versuchen, auch McNaughtan zum Kommen zu bewegen. Bitte, stimmen Sie
+zu! Einverstanden?
+
+(Frau Clandon nach einem Augenblick der Ueberlegung, bedeutungsvoll:)
+Finch! ich brauche kein Rechtsgutachten, weil ich die Absicht habe,
+mich von meinem eigenen Gutachten leiten zu lassen. Ich wuensche nicht,
+Fergus wieder zu begegnen, weil ich ihn nicht mag und weil ich nicht
+glaube, dass eine Zusammenkunft irgendwie nuetzen koennte. (Sie erhebt
+sich:) Aber da Sie die Kinder ueberzeugt haben, dass er nicht ganz
+hoffnungslos ist, tun Sie, was Ihnen beliebt.
+
+(McComas nimmt ihre Hand und schuettelt sie:) Ich danke Ihnen, Frau
+Clandon.--Passt Ihnen neun Uhr?
+
+(Frau Clandon.) Vollkommen.--Phil, klingle, bitte.
+
+(Philip klingelt.) Wenn ich aber angeklagt werden soll, mich mit Herrn
+Dr. Valentine verschworen zu haben, dann wuerde es, glaube ich, besser
+sein, er waere zugegen.
+
+(Dr. Valentine sich erhebend:) Ich bin ganz Ihrer Ansicht. Ich halte
+meine Anwesenheit fuer aeusserst wichtig.
+
+(McComas.) Ich glaube, dagegen ist nichts einzuwenden. Ich hege die
+groessten Hoffnungen auf eine glueckliche Loesung. Inzwischen leben Sie
+wohl. (Er gebt hinaus und begegnet dem Kellner, der die Tuer fuer ihn
+offen haelt.)
+
+(Frau Clandon.) Wir erwarten um neun Uhr Besuch, William. Koennten wir
+nicht schon um sieben Uhr statt um halb acht dinieren?
+
+(Der Kellner an der Tuer:) Um sieben, gnaedige Frau? Gewiss, gnaedige
+Frau. Es wird sogar eine Erleichterung fuer uns sein heut abend, wo so
+viel zu tun ist. Wir haben Konzert, und die Illumination ist zu
+arrangieren und sonst noch allerlei, gnaedige Frau.
+
+(Dolly.) Illumination!
+
+(Philip.) Konzert!--William: was ist denn los?
+
+(Der Kellner.) Heute ist Maskenball, gnaediges Fraeulein.
+
+(Dolly und Philip stuerzen gleichzeitig auf ihn zu:) Maskenball?!
+
+(Der Kellner.) Jawohl, junger Herr. Der Regatta-Klub gibt das Fest
+zum Besten des Rettungsbootes. (Zu Frau Clandon:) Wir haben oft
+solche Abende, gnaedige Frau; Lampions im Garten, sehr huebsch, sehr
+lustig und harmlos--wirklich! (Zu Philip:) Eintrittskarten zu fuenf
+Schilling bekommt man unten im Bureau, junger Herr. Damen in
+Herrenbegleitung zahlen die Haelfte.
+
+(Philip erfasst seinen Arm, um ihn fortzuziehen:) Fort ins Bureau,
+William!
+
+(Dolly ergreift atemlos seinen andern Arm:) Schnell, bevor alle Karten
+weg sind! (Sie zerren ihn mit sich weg aus dem Zimmer.)
+
+(Frau Clandon.) Um des Himmels willen, was haben sie vor? (Abgehnd:)
+Ich muss wirklich nachsehen und sie zurueckrufen. (Sie folgt ihnen und
+spricht im Abgeben weiter.)
+
+(Gloria starrt Dr. Valentine kuehl an und sieht dann bedaechtig auf ihre
+Taschenuhr.)
+
+(Dr. Valentine.) Ich begreife, ich bin schon zu lange dageblieben.
+Ich gehe.
+
+(Gloria mit berablassender Foermlichkeit:) Ich muss mich bei Ihnen
+entschuldigen. Ich bin mir bewusst, etwas scharf... vielleicht grob
+gegen Sie gewesen zu sein.
+
+(Dr. Valentine.) Durchaus nicht.
+
+(Gloria.) Meine einzige Entschuldigung ist, dass es sehr schwer faellt,
+jemandem Respekt und Achtung zu bezeugen, dessen wuerdeloser Charakter
+weder Respekt noch Achtung fordert.
+
+(Dr. Valentine prosaisch:) Wie kann ein Mann wuerdevoll auftreten, wenn
+er verliebt ist?
+
+(Gloria durch Valentines Redensart von ihrem bochtrabenden Stil
+abgebracht:) Ich verbiete Ihnen, mir solche Dinge zu sagen. Es sind
+Beleidigungen.
+
+(Dr. Valentine.) Nein--es sind Torheiten. Aber ich kann nichts dafuer,
+ich muss sie begehen.
+
+(Gloria.) Wenn Sie wirklich verliebt waeren, wuerden Sie nicht toericht
+sein. Liebe verleiht Wuerde, Ernst, ja sogar Schoenheit.
+
+(Dr. Valentine.) Glauben Sie wirklich, dass ich davon schoen werden
+wuerde? (Sie wendet ihm mit kaeltester Verachtung den Ruecken.) Ah, Sie
+sehen, dass Sie es nicht ernstlich meinen! Die Liebe kann dem Manne
+keine neuen Gaben schenken; sie kann nur die Gaben, mit denen er
+geboren wurde, entwickeln und erhoehen.
+
+(Gloria geht wieder zu ihm hin:) Mit welchen Gaben sind Sie geboren,
+wenn ich bitten darf?
+
+(Dr. Valentine.) Mit Leichtigkeit des Herzens.
+
+(Gloria.) Und Leichtigkeit des Verstandes--und Leichtigkeit des
+Glaubens und Leichtigkeit alles dessen, was einen ganzen Mann ausmacht.
+
+(Dr. Valentine.) Ja, die ganze Welt gleicht jetzt einer Feder, die im
+Lichte tanzt--und Gloria ist die Sonne. (Sie erbebt aergerlich den
+Kopf.) Entschuldigen Sie--ich gehe. Um neun bin ich wieder da. Adieu.
+(Er laeuft lustig hinaus und laesst sie in der Mitte des Zimmers zurueck.
+Sie starrt ihm nach.)
+
+(Vorhang)
+
+
+
+
+VIERTER AKT
+
+(Das gleiche Zimmer. Neun Uhr. Niemand ist da. Die Lampen sind
+angezuendet, aber die Vorhaenge sind nicht zugezogen. Das Fenster steht
+weit offen, und die Girlanden der Lampions leuchten an den Zweigen der
+Baeume, darueber ein sternbesaeter Himmel. Das Orchester im Garten
+spielt Tanzmusik, die die Meeresbrandung uebertoent.)
+
+(Der Kellner tritt ein und fuehrt McNaughtan und McComas in das Zimmer.
+McNaughtan sieht aengstlich und gedrueckt aus. Er setzt sich muede und
+mutlos auf die Ottomane.)
+
+
+(Der Kellner.) Die Damen sind in den Garten gegangen und sehen sich
+die Masken an. Wenn Sie einstweilen guetigst Platz nehmen wollten--ich
+werde sie rufen. (Er ist im Begriff, durch die Fenstertuer in den
+Garten zu gehen, als ihn McComas aufhaelt.)
+
+(McComas.) Halt, einen Augenblick.--Wenn noch ein Herr kommt, fuehren
+Sie ihn unverzueglich herein. Wir warten auf ihn.
+
+(Der Kellner.) Zu Befehl. Darf ich um seinen Namen bitten?
+
+(McComas.) Er heisst Boon. Frau Clandon kennt ihn nicht, er wird Ihnen
+also vielleicht seine Karte geben. Wenn er es tut, so vergessen Sie
+nicht, dass sein Name B. O. H. U. N.[*] geschrieben wird.
+
+[Footnote *: Der Name Bohun wird Boon (spr. Bun) ausgesprochen. Es
+ist ein hocharistokratischer Name, der auf die Abstammung von den
+normannischen Eroberern hinweist, die im Jahre 1066 nach England
+gekommen sind. Der Name Boon ist alltaeglicher. McComas sagt dem
+Kellner, dass er einen Herrn Bohun erwartet. Da faellt ihm ein, dass der
+Herr dem Kellner wahrscheinlich seine Karte fuer Frau Clandon geben
+wird, und da er annimmt, dass William nicht wissen duerfte, dass der Name
+Bohun auf der Karte "Boon" bedeutet, so macht er ihn aufmerksam, wie
+der Name buchstabiert wird. (Anm. des Uebers.)]
+
+(Der Kellner laechelnd:) Da koennen Sie sich vollkommen auf mich
+verlassen, gnaediger Herr. Ich heisse selbst Boon, obgleich ich hier
+fast nur unter dem Namen Balmy Walters bekannt bin. Eigentlich sollte
+ich auch ein H. U. einfuegen; aber es ist besser, wenn ich mir diese
+Freiheit nicht herausnehme. Meine Name wuerde dann auf Normannenblut
+hindeuten, gnaediger Herr--und Normannenblut ist keine Empfehlung fuer
+einen Kellner.
+
+(McComas.) Gut, gut. "Treue Herzen sind mehr wert als Adelskronen,
+und schlichte Ehrlichkeit mehr als Normannenblut."[*]
+
+(Der Kellner.) Das haengt zum grossen Teil von der Stellung ab, die man
+im Leben einnimmt. Wenn Sie Kellner waeren, wuerden Sie bald finden,
+dass Ehrlichkeit und Treue Ihnen ebensowenig helfen koennen wie
+Normannenblut. Ich finde es am zweckmaessigsten, wenn ich meinen Namen
+B. OO. N. schreibe und meinen Verstand moeglichst zusammennehme.--Aber
+ich halte Sie auf; verzeihen Sie mir--Ihre Leutseligkeit ist selbst
+schuld daran. Ich werde den Damen sagen, dass Sie hier sind, gnaediger
+Herr. (Er geht durch die Fenstertuer in des Garten hinaus.)
+
+(McComas.) McNaughtan, ich kann mich auf Sie verlassen, nicht wahr?
+
+(McNaughtan.) Ja, ja; ich werde ruhig bleiben; ich werde geduldig sein;
+ich werde mein Moeglichstes tun.
+
+(McComas.) Bedenken Sie, ich habe Sie nicht preisgegeben. Ich habe
+Ihrer Familie gesagt, dass sie ganz allein Schuld an allem truege.
+
+(McNaughtan.) Mir haben Sie gesagt, dass ich einzig und allein der
+Schuldige waere.
+
+(McComas.) Ihnen habe ich die Wahrheit gesagt.
+
+(McNaughtan klagend:) Wenn die Kinder nur gerecht gegen mich sein
+werden!
+
+(McComas.) Mein lieber McNaughtan, sie werden nicht gerecht gegen Sie
+sein--in ihrem Alter ist das von ihnen gar nicht zu verlangen. Wenn
+Sie fortfahren, solche unmoegliche Bedingungen zu stellen, dann koennen
+wir nur ebensogut gleich wieder nach Hause gehen.
+
+(McNaughtan.) Aber ich habe doch sicher das Recht--
+
+[Footnote *: Ein Zitat aus Tennysons "Lady Clara Vere de Vere."]
+
+(McComas ungeduldig:) Sie werden Ihr Recht nicht durchsetzen.--Jetzt
+frage ich Sie aber ein fuer allemal, McNaughtan: sollte Ihr Versprechen,
+sich gut zu benehmen, nur bedeuten, dass Sie nicht ohne Anlass
+aufbrausen wuerden? In diesem Falle... (Er bewegt sich, als ob er
+geben wolle.)
+
+(McNaughtan jaemmerlich:) Nein nein, lassen Sie mich doch! Ich bin
+genug herumgestossen und gequaelt worden--ich verspreche Ihnen, mein
+Moeglichstes zu tun. Aber wenn dieses Maedchen sich wieder erlauben
+wird, mit mir so zu sprechen und mich so anzusehen--(Er bricht ab und
+vergraebt den Kopf in die Haende.)
+
+(McComas beschwichtigend:) Na na, es wird schon alles gut werden, wenn
+Sie nur dulden und sich gedulden wollen. Nehmen Sie sich zusammen, es
+kommt jemand.
+
+(McNaughtan ist zu sehr entmutigt und niedergeschlagen, sich viel
+daraus zu machen, er veraendert seine Stellung kaum.)
+
+(Gloria kommt aus dem Garten. McComas geht ihr bis an die Fenstertuer
+entgegen, so dass er zu ihr sprechen kann, ohne von McNaughtan gehoert
+zu werden.)
+
+(McComas.) Hier ist Ihr Vater, Fraeulein Clandon. Seien Sie gut zu ihm.
+Ich will Sie einen Augenblick mit ihm allein lassen. (Er geht in
+den Garten.)
+
+(Gloria tritt ein und geht kuehl bis in die Mitte des Zimmers.)
+
+(McNaughtan blickt sich betroffen um:) Wo ist McComas?
+
+(Gloria gleichgueltig, aber nicht unliebenswuerdig:) Hinausgegangen, um
+uns allein zu lassen. Wahrscheinlich aus Zartgefuehl. (Sie bleibt
+neben ihm stehen und siebt ihn sonderbar an:) Nun, Vater?
+
+(McNaughtan eine Art Galgenhumor durchbricht seine Hilflosigkeit:) Nun,
+Tochter? (Sie betrachten einander einen Augenblick mit
+melancholischem Humor.
+
+(Gloria.) Reichen wir uns die Haende. (Sie reichen einander die Haende.)
+
+(McNaughtan ihre Hand haltend:) Mein liebes Kind, ich habe mich heute
+nachmittag leider zu sehr ungehoerigen Worten ueber deine Mutter
+hinreissen lassen.
+
+(Gloria.) O bitte, entschuldigen Sie sich nicht. Ich bin heute selbst
+sehr hochmuetig und eingebildet gewesen; ich bin seitdem zur Vernunft
+gekommen--o ja, ich bin zur Vernunft gebracht worden! (Sie setzt sich
+neben seinen Stuhl auf den Boden.)
+
+(McNaughtan.) Was ist dir zugestossen, mein Kind?
+
+(Gloria.) O sprechen wir nicht davon! Ich habe mich als die Tochter
+meiner Mutter aufgespielt, aber das bin ich nicht. Ich bin die
+Tochter meines Vaters. (Sieht ihn an; scherzend:) Das ist ein tiefer
+Sturz--nicht wahr?
+
+(McNaughtan aergerlich:) Was! (Sie behaelt ihren wunderlichen Ausdruck
+bei. Er streckt die Waffen:) Nun ja, liebes Kind, ich nehme an, dass
+du recht hast... es wird wohl so sein. (Sie nickt liebenswuerdig.) Ich
+fuerchte, ich bin manchmal etwas reizbar, aber ich weiss immer, was
+recht und billig ist, selbst wenn ich nicht danach handle... Kannst
+du das glauben?
+
+(Gloria.) Das glauben?... Das ist doch ganz mein Fall--auf ein Haar!
+Ich weiss auch stets, was recht ist und meiner wuerdig und stark und
+edel--genau so gut, wie sie es weiss. Aber, ach! ich tue Dinge... und
+ich gestatte anderen Leuten, Dinge zu tun--!
+
+(McNaughtan etwas muerrisch, gegen seinen Willen:) "So gut, wie sie es
+weiss"... du meinst deine Mutter!...
+
+(Gloria rasch:) Ja, meine Mutter. (Sie wendet sich auf den Knien zu
+ihm hin und ergreift seine Haende.) Nun hoeren Sie mich an: keinen
+Verrat an ihr--kein Wort--keinen Gedanken gegen sie! Sie steht ueber
+uns--ueber Ihnen und mir--himmelhoch ueber uns!--Sind Sie damit
+einverstanden?
+
+(McNaughtan.) Ja ja, ganz wie du willst, mein liebes Kind.
+
+(Gloria ist nicht befriedigt, laesst seine Haende los und zieht sich von
+ihm zurueck:) Sie moegen sie nicht?
+
+(McNaughtan.) Mein Kind, du bist nicht mit ihr verheiratet
+gewesen--aber ich! (Sie steht langsam auf und betrachtet ihn mit
+wachsender Kaelte.) Sie hat mir ein grosses Unrecht zugefuegt, indem sie
+mich heiratete, ohne mich wirklich zu lieben.--Aber nachher war alles
+Unrecht auf meiner Seite, das glaube ich selbst. (Er reicht ihr
+wieder die Hand.)
+
+(Gloria ergreift sie; fest und warnend:) Nehmen Sie sich in acht--das
+ist ein gefaehrliches Thema. Mit meinen Gefuehlen, meinen elenden,
+feigen, weiblichen Gefuehlen--kann ich auf Ihrer Seite stehen; aber mit
+meinem Gewissen stehe ich auf der Seite meiner Mutter.
+
+(McNaughtan.) Ich bin mit dieser Teilung sehr zufrieden, liebes Kind.
+Ich danke dir.
+
+(Dr. Valentine tritt ein, Gloria wird sofort vorsaetzlich hochmuetig.)
+
+(Dr. Valentine.) Entschuldigen Sie, aber es ist mir nicht gelungen,
+einen Diener zu finden, mich anzumelden. Selbst der unfehlbare
+William scheint auf dem Maskenball zu sein. Ich waere auch gern
+hingegangen, mir fehlen aber die fuenf Schillinge fuer eine
+Eintrittskarte.--Wie geht es Ihnen, McNaughtan? Besser--was?
+
+(McNaughtan.) Ja, ich bin wieder Herr meiner Sinne, Doktor, ohne Ihnen
+dafuer Dank schuldig zu sein.
+
+(Dr. Valentine.) Was sagen Sie zu Ihrem undankbaren Vater, Fraeulein
+Clandon? Ich habe ihn von einem qualvollen Schmerz befreit, und er
+beschimpft mich dafuer.
+
+(Gloria kalt:) Ich bedaure, dass meine Mutter nicht da ist, Sie zu
+empfangen; es fehlen noch ein paar Minuten an neun, und der Herr, von
+dem Herr McComas sprach, der Rechtsanwalt, ist noch nicht gekommen.
+
+(Dr. Valentine.) Doch, doch--ich bin ihm begegnet und habe ihn
+gesprochen. (Mit lustiger Bosheit:) Der wird Ihnen gefallen, Fraeulein
+Clandon--er ist der Verstand in Person; man kann sein Gehirn foermlich
+arbeiten hoeren.
+
+(Gloria ignoriert die Stichelei:) Wo ist er?
+
+(Dr. Valentine.) Er hat sich eine falsche Nase besorgt und ist auf den
+Maskenball gegangen.
+
+(McNaughtan knurrig, sieht auf seine Uhr:) Es scheint, dass alle auf
+diesen Maskenball gegangen sind, statt die festgesetzte Stunde unserer
+Zusammenkunft einzuhalten.
+
+(Dr. Valentine.) Oh, er wird puenktlich erscheinen--ich traf ihn schon
+vor einer halben Stunde. Ich mochte ihn nicht um fuenf Schillinge
+anpumpen und ihn begleiten, deshalb schloss ich mich dem Volke an und
+habe vor dem Gitter so lange zugesehen, bis Fraeulein Clandon durch
+diese Glastuer ins Hotel getreten war.
+
+(Gloria.) So weit ist es also gekommen: Sie folgen mir oeffentlich, um
+mich anzustarren?
+
+(Dr. Valentine.) Ja. Man sollte mich anketten. (Gloria wendet ihm
+den Ruecken zu und geht an den Kamin. Er begegnet dieser
+verachtungsvollen Behandlung mit Gleichgueltigkeit und begibt sich auf
+die entgegengesetzte Seite des Zimmers.)
+
+(Der Kellner erscheint an der Fenstertuer und fuehrt Frau Clandon und
+McComas herein.)
+
+(Frau Clandon hereineilend:) Ich bedaure unendlich, dass ich Sie alle
+habe warten lassen!
+
+(Ein majestaetischer Fremder, dem ein Domino, eine falsche Nase und
+eine Schielbrille ein groteskes Aussehen verleihen, erscheint in der
+Glastuer.)
+
+(Der Kellner zu dem Fremden:) Verzeihen Sie, Herr--aber das ist eine
+Privatwohnung. Wenn Sie erlauben, will ich Ihnen die American-Bar und
+die Speisesaele zeigen. Hier, wenn ich bitten darf!
+
+(Er tritt in den Garten zurueck und zeigt den Weg in der Ueberzeugung,
+dass der Fremde ihm folgen werde. Der Riese geht jedoch direkt bis an
+das Ende des Tisches vor, wo er mit ausdrucksvoller Gemaechlichkeit
+zuerst die falsche Nase und dann den Domino ablegt, die Nase in diesen
+einrollt und das Buendel auf den Tisch wirft, etwa wie ein Preisboxer
+seinen Handschuh fortschleudert. Man erkennt jetzt einen starken
+grossen Mann, zwischen Vierzig und Fuenfzig. Er ist glattrasiert und
+von einer Blaesse, die durch naechtliches Studium verursacht ist und die
+durch das steife schwarze Haar, das kurzgeschoren und geoelt ist, noch
+verstaerkt wird. Seine Augenbrauen gleichen den Rosshaarmoebeln des
+frueheren Viktorianischen Zeitalters. Er ist ein physisch und geistig
+grobkoerniger, schlauer und mit allen Hunden gehetzter Mensch. Sein
+Auftreten ist recht imponierend und beunruhigend. Wenn er spricht, so
+erhoeht seine maechtige, drohende Stimme, seine eindrucksvolle Redeweise,
+seine kraeftige unerbittliche Manier und die unterjochende Macht
+seiner aeusserst kritischen Art zuzuhoeren noch den Eindruck, den er
+hervorruft, bis zum Furchterregenden.)
+
+(Der Fremde.) Mein Name ist Bohun. (Allgemeine Ehrfurcht.) Habe ich
+die Ehre, mit Frau Clandon zu sprechen? (Frau Clandon verbeugt sich,
+Bohun verbeugt sich.) Fraeulein Clandon? (Gloria verbeugt sich, Bohun
+verbeugt sich.) Herr Clandon?
+
+(McNaughtan besteht so aergerlich, als er es nur immer wagt, auf seinem
+wahren Namen:) Ich heisse McNaughtan!
+
+(Bohun.) O wirklich? (Ohne weiter von ihm Notiz zu nehmen, wendet er
+sich zu Dr. Valentine:) Sind Sie Herr Clandon?
+
+(Dr. Valentine, der sich etwas darauf zugute tut, sich nicht
+imponieren zu lassen:) Sehe ich danach aus?--Ich heisse Valentine. Ich
+bin der, der ihn betaeubt hat.
+
+(Bohun.) Ach so. Dann ist Herr Clandon noch nicht anwesend?
+
+(Der Kellner kommt aengstlich durch die Fenstertuer herein:) Verzeihen
+Sie, gnaedige Frau, aber koennen Sie mir vielleicht sagen, was aus
+diesem--(Er erkennt Bohun und verliert seine ganze Selbstbeherrschung.
+Bohun wartet unbeweglich, bis sich der Kellner wieder gefasst hat.
+Nachdem er eine ruehrende Verwirrung nur Schau getragen hat, rafft er
+sich soweit auf, Bohun mit schwacher, aber zusammenhaengender Stimme
+anzusprechen:) Entschuldige... warst... warst du das?
+
+(Bohun ohne Gewissensbisse:) Ich war es.
+
+(Der Kellner gebrochen:) Ja. (Unfaehig seine Traenen zurueckzuhalten:)
+*Du* mit einer falschen Nase, Walter! (Er sinkt fast ohnmaechtig vor
+dem Tisch in einen Stuhl.) Verzeihen Sie, gnaedige Frau--ein kleiner
+Schwindelanfall.
+
+(Bohun befehlend:) Sie werden ihm verzeihen, Frau Clandon, wenn ich
+Ihnen sage, dass er mein Vater ist.
+
+(Der Kellner mit gebrochenem Herzen:) O nein, nein, Walter--dein Vater
+ein Kellner... und dazu noch die falsche Nase... was werden sie von
+dir denken!
+
+(Frau Clandon geht zu William hin; dann in der liebenswuerdigsten Weise:
+) Ich bin entzueckt, das zu hoeren, Herr Justizrat. Ihr Vater ist uns
+waehrend der ganzen Zeit unseres Hierseins ein sehr guter Freund
+gewesen. (Bohun verneigt sich ernst.)
+
+(Der Kellner den Kopf schuettelnd:) O nein, gnaedige Frau! Sie sind zu
+guetig--sehr vornehm und gnaedig, wahrhaftig! Aber ich fuehle mich sehr
+verlegen, sobald ich nicht in meinem eigenen Tun und Lassen bin...
+Entschuldigen Sie, dass ich der Vater dieses Herrn bin. Es ist doch
+schliesslich nur der Zufall der Geburt--nicht wahr, gnaedige Frau? (Er
+erhebt sich, schwach:) Bitte, verzeihen Sie, dass ich Sie gestoert habe.
+(Mit nach der Tuer gerichteten Augen schleicht er von Stuhl zu Stuhl
+am Tisch entlang.)
+
+(Bohun.) Einen Augenblick! (Der Kellner haelt inne, sein Mut sinkt.)
+Nicht wahr, Frau Clandon, mein Vater war Zeuge dessen, was sich heute
+zugetragen hat?
+
+(Frau Clandon.) Ich glaube, ja, groesstenteils.
+
+(Bohun.) Dann werden wir ihn brauchen.
+
+(Der Kellner bittend:) Ich hoffe, es wird nicht noetig sein. Ich habe
+heute abend infolge des Maskenballes sehr viel zu tun--wirklich sehr
+viel zu tun!
+
+(Bohun unerschuetterlich:) Wir werden dich brauchen!
+
+(Frau Clandon hoeflich:) Bitte, nehmen Sie Platz.
+
+(Der Kellner ernst:) Oh--bitte, bitte, gnaedige Frau! Ich darf mich
+nicht setzen, ich muss eine Grenze ziehen; ich duerfte nicht gesehen
+werden, wenn ich so etwas taete, gnaedige Frau. Ich danke Ihnen
+trotzdem. (Er blickt mit einem verstoerten Gesicht, das ein Herz von
+Stein ruehren muesste, alle Anwesenden der Reibe nach an.)
+
+(Gloria.) Verlieren wir unsere Zeit nicht. William wuenscht nur, uns
+weiter gut bedienen zu duerfen. Ich haette gern eine Tasse Kaffee.
+
+(Der Kellner wird sichtlich heiterer:) Kaffee, gnaediges Fraeulein? (Er
+stoesst einen kleinen Seufzer der Hoffnung aus.) Zu Befehl, gnaediges
+Fraeulein. Das ist sehr zeitgemaess und richtig. (Zu Frau Clandon,
+furchtsam, aber erwartungsvoll:) Womit kann ich Ihnen dienen, gnaedige
+Frau?
+
+(Frau Clandon.) O ja--es ist hier sehr heiss. Ich glaube, wir koennten
+eine Rotweinbowle trinken.
+
+(Der Kellner strahlend:) Rotweinbowle, gnaedige Frau? Gewiss, gnaedige
+Frau!
+
+(Gloria.) Oh, dann will ich auch lieber Rotweinbowle statt Kaffee.
+Geben Sie etwas Gurke hinein.
+
+(Der Kellner entzueckt:) Gurke, gnaediges Fraeulein--ja! (Zu Bohun:)
+Haben Sie einen besonderen Wunsch, Herr? Sie moegen keine Gurke.
+
+(Bohun.) Wenn Frau Clandon mir gestattet, so nehme ich einen
+schottischen Whisky mit Soda.
+
+(Der Kellner.) Sehr wohl! (Zu McNaughtan:) Irischen Whisky fuer
+Sie--nicht wahr, Herr McNaughtan? (McNaughtan stimmt mit einem
+Grunzen zu. Der Kellner sieht Dr. Valentine fragend an.)
+
+(Dr. Valentine.) Ich mag gern Weinbowle mit Gurke.
+
+(Der Kellner.) Zu Befehl. (Zusammenzaehlend:) Weinbowle--einen
+schottigen Whisky mit Soda--und einen irischen.
+
+(Frau Clandon.) Ich glaube, das ist alles.
+
+(Der Kellner wieder er selbst:) Zu Befehl, gnaedige Frau--sofort! (Er
+tummelt sich durch die Fenstertuer hinaus und hat die ganze
+Stufenleiter der menschlichen Glueckseligkeit in wenig mehr als zwei
+Minuten durchlebt.)
+
+(McComas.) Ich glaube, jetzt koennen wir anfangen.
+
+(Bohun.) Es waere besser, wir warteten noch auf Frau Clandons Mann!
+
+(McNaughtan.) Wen meinen Sie? Ich bin ihr Mann!
+
+(Bohun schlaegt sofort seine Krallen in den Widerspruch, zwischen
+dieser und der frueheren Behauptung:) Sie haben doch eben behauptet,
+dass Sie McNaughtan heissen!
+
+(McNaughtan.) So heisse ich auch.
+
+/*
+(Frau Clandon) ) (alle vier) ( Ich--
+(Gloria) ) (sprechen) ( Meine--
+(McComas) ) (gleichzeitig:) ( Frau--
+(Dr. Valentine)) ( Sie--
+*/
+
+(Bohun bringt mit zwei Donnerworten alle zum Schweigen:) Einen
+Augenblick! (Toedliches Schweigen.) Bitte, erlauben Sie mir. Setzen
+Sie sich alle! (Sie gehorchen demuetig. Gloria nimmt den
+Satteltaschenstubl vom Kamin. Dr. Valentine schleicht nach der dem
+Fenster gegenueberstehenden Ottomane, von der aus er Gloria sehen kann.
+McNaughtan setzt sich mit dem Ruecken gegen Dr. Valentine auch auf die
+Ottomane. Frau Clandon, die sich die ganze Zeit moeglichst auf der
+entgegengesetzten Seite des Zimmers zu schaffen gemacht hat, um
+McNaughtan auszuweichen, setzt sich in die Naehe der Tuer. Links von
+ihr sitzt McComas. Bohun setzt sich wie ein Richter an die Ecke des
+Tisches auf der selben Seite wie Frau Clandon. Als sie alle sitzen,
+fixiert er McNaughtan und beginnt:) Wie es scheint, heisst in dieser
+Familie der Vater McNaughtan und die Mutter Clandon--wir haben also
+schon auf der Schwelle unseres Falles ein Element der Verwirrung.
+
+(Dr. Valentine steht auf und spricht zu ihm hinueber, mit einem Knie
+auf der Ottomane:) Aber das ist doch furchtbar einfach--
+
+(Bohun vernichtet ihn mit seiner Donnerstimme:) Jawohl! Frau Clandon
+hat einen anderen Namen angenommen--das ist die einleuchtende
+Erklaerung, die selbst herauszufinden Sie mir nicht zutrauen. Sie
+unterschaetzen meinen Verstand, Herr Doktor Valentine!
+
+(Dr. Valentine will protestieren, aber Bobun laesst ihn nicht zu Worte
+kommen.) Nein: ich will nicht, dass Sie darauf antworten; ich will, dass
+Sie nachdenken, wenn Sie wieder glauben, mich unterbrechen zu muessen.
+
+(Dr. Valentine niedergedrueckt:) Das heisst wirklich, einen
+Schmetterling aufs Rad flechten! Was ist denn da weiter dabei?
+(Ersetzt sich wieder.)
+
+(Bohun.) Ich will Ihnen sagen, was dabei ist! Es ist dabei, dass--wenn
+diese Familienzwistigkeit ausgeglichen werden soll, wie wir es alle
+hoffen--Frau Clandon den Namen ihres Mannes wieder wird annehmen
+muessen, wie es sich gehoert und gesellschaftlich ueblich ist.
+
+(Frau Clandons Gesicht nimmt den Ausdruck aeusserst entschlossenen
+Widerstandes an.) Oder Herr McNaughtan wird sich ent-* schliessen
+muessen, sich "Clandon" zu nennen. (McNaughtan sieht fest entschlossen
+drein, nichts dergleichen zu tun.) Sie halten das zweifellos fuer eine
+ganz einfache Angelegenheit, Herr Doktor. (Er sieht erst Frau Clandon
+und dann McNaughtan scharf an.) Ich bin anderer Ansicht! (Er wirft
+sich in seinen Stuhl zurueck und runzelt heftig die Stirn.)
+
+(McComas furchtsam:) Ich glaube, wir sollten vielleicht lieber erst
+damit anfangen, die wichtigsten Fragen zur Sprache zu bringen.
+
+(Bohun.) McComas, die wichtigsten Fragen werden uns keinerlei
+Schwierigkeiten machen--das tun sie niemals. Die Kleinigkeiten sind
+es, die den Schiffbruch noch im Hafen verursachen. (McComas sieht
+drein, als ob er dies fuer ein Paradoxon hielte.) Sie sind nicht meiner
+Ansicht--was?
+
+(McComas schmeichelnd:) Wenn ich es waere--
+
+(Bohun ihn unterbrechend:) Wenn Sie es waeren, so wuerden Sie sein, was
+ich bin, anstatt das zu sein, was Sie sind.
+
+(McComas unterwuerfig:) Gewiss, lieber Justizrat, Ihre Spezialitaet--
+
+(Bohun unterbricht ihn wieder:) Meine Spezialitaet ist es, recht zu
+haben, wenn andere Leute unrecht haben. Wenn Sie meiner Ansicht waeren,
+dann wuerde ich hier unnuetz sein. (Er nickt ihm zu, wie um die Sache
+abzufertigen, und wendet sich dann ploetzlich und heftig an McNaughtan:
+) Nun, und Sie, Herr McNaughtan? Welcher Punkt dieser Angelegenheit
+liegt Ihnen am meisten am Herzen?
+
+(McNaughtan beginnt langsam:) Ich moechte in dieser Sache allen
+Egoismus beiseite lassen--
+
+(Bohun unterbricht ihn:) Das tun wir alle, Herr McNaughtan. (Zu Frau
+Clandon:) Sie wollen doch auch allen Egoismus beiseite lassen, Frau
+Clandon?
+
+(Frau Clandon.) Ja. Schon mein Hiersein zeigt, dass ich mich nicht an
+meine eigenen Gefuellte kehre.
+
+(Bohun.) Das tun Sie wohl ebensowenig, Fraeulein Clandon--nicht wahr?
+
+(Gloria.) Gewiss nicht.
+
+(Bohun.) Ich dacht' es mir. Das tun wir alle nicht.
+
+(Dr. Valentine.) Mich ausgenommen. Meine Absichten sind egoistisch.
+
+(Bohun.) Das sagen Sie, weil Sie glauben, dass eine Pose der
+Aufrichtigkeit auf Fraeulein Clandon einen besseren Eindruck machen
+wird, als eine Pose der Interesselosigkeit. (Dr. Valentine ist durch
+diese treffende Bemerkung vollkommen entdeckt und vernichtet. Er
+nimmt seine Zuflucht zu einem schwachen, wortlosen Laecheln. Bobun,
+zufrieden, jetzt alle Auflehnung vollstaendig unterjocht zu haben,
+wirft sich mit einer Miene in seinen Stuhl zurueck, als waere er nun
+bereit, alle Wuensche der Parteien geduldig anzuhoeren.) Nun, Herr
+McNaughtan, beginnen Sie. Es ist abgemacht: aller Egoismus wird
+beiseite gelassen! Die Menschen beginnen immer damit, das
+vorauszuschicken.
+
+(McNaughtan.) Aber ich meine es wirklich so, Herr Justizrat.
+
+(Bohun..) Gewiss. Jetzt zu Ihrer Sache!
+
+(McNaughtan.) Es handelt sich um die Kinder. Jeder vernuenftige Mensch
+wird zugeben, dass das selbstlos ist.
+
+(Bohun.) Nun, was ist's mit den Kindern?
+
+(McNaughtan mit Ergriffenheit:) Sie haben--
+
+(Bohun faellt wieder ueber ihn her:) Halt! Sie sind im Begriff, von
+Ihren Gefuehlen zu sprechen--tun Sie das nicht! Ich sympathisiere mit
+Ihren Gefuehlen, aber sie haben nichts mit meinem Geschaeft zu tun.
+--Sagen Sie uns genau, was Sie verlangen. Das ist es, was wir wissen
+muessen.
+
+(McNaughtan unbehaglich:) Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten,
+Herr Justizrat.
+
+(Bohun.) Gut, ich will Ihnen helfen. Was haben Sie gegen die
+gegenwaertige Lage Ihrer Kinder einzuwenden?
+
+(McNaughtan.) Ich verwahre mich gegen die Erziehung, die sie genossen
+haben! (Frau Clandons Stirn legt sich in bedrohliche Falten.)
+
+(Bohun.) Und was schlagen Sie vor--das geschehen soll, um das jetzt zu
+aendern?
+
+(McNaughtan.) Ich meine, dass sie sich ruhiger, einfacher kleiden
+sollten.
+
+(Dr. Valentine.) Unsinn!
+
+(Bohun wirft sich, durch diese Unterbrechung empoert, sofort in seinen
+Stuhl zurueck:) Ich warte. Wenn Sie fertig sind... Herr Doktor. Wenn
+Sie ganz fertig sind!
+
+(Dr. Valentine.) Was haben Sie gegen Fraeulein Clandons Kleidung
+einzuwenden?
+
+(McNaughtan hitzig zu Dr. Valentine:) Meine Ansicht ist ebenso wichtig
+wie die Ihre!
+
+(Gloria warnend:) Vater!
+
+(McNaughtan gibt klaeglich nach:) Dich hab' ich ja nicht gemeint, meine
+Liebe! (Er wendet sich mit ernster Dringlichkeit zu Bohun:) Aber die
+beiden juengeren Geschwister! Sie haben sie nicht gesehen, Herr
+Justizrat... wahrhaftig, ich bin ueberzeugt, Sie waeren auch der Ansicht,
+dass in der Art, wie die sich kleiden, etwas sehr Auffallendes,
+beinahe Herausforderndes und Frivoles liegt.
+
+(Frau Clandon ungeduldig:) Glaubst du, dass ich ihnen ihre Kleider
+aussuche? Das ist wirklich kindisch!
+
+(McNaughtan erhebt sich wuetend:) Kindisch!...
+
+(Frau Clandon steht entruestet auf.)
+
+/*
+(McComas) ) (McNaughtan, Sie
+ ) (alle erbeben sich (haben versprochen--
+(Dr. Valentine) ) und sprechen (Laecherlich, sie
+ ) gleichzeitig:) (kleiden sich reizend!
+(Gloria) ) (Bitte, wollen wir uns
+ (nicht vernuenftig
+ (benehmen?
+*/
+
+(Laerm. Ploetzlich hoeren sie ein warnendes Glaeserklirren aus dem hinter
+ihnen gelegenen Zimmer. Sie wenden sich schuldbewusst um und sehen,
+dass der Kellner eben aus dem Gartenschank zurueckgekehrt ist und sein
+Servierbrett erklingen laesst. Waehrend er damit behutsam an den Tisch
+kommt, wird es totenstill.)
+
+(Der Kellner zu McNaughtan, ein hohes Glas beiseite auf den Tisch
+stellend:) Ihr irischer Whisky, gnaediger Herr. (McNaughtan setzt sich
+ein wenig beschaemt. Der Kellner stellt einen anderen Kelch und ein
+Siphon auf den Tisch beiseite und sagt zu Bohun:) Schottischer Whisky
+mit Soda fuer den Herrn Rechtsanwalt. (Bohun winkt ungeduldig mit der
+Hand. Der Kellner setzt eine grosse Bowle in die Mitte des Tisches.)
+Die Weinbowle.
+
+(Alle nehmen ihre Plaetze wieder ein. Es herrscht Frieden.)
+
+(Frau Clandon demuetig zu Bohun:) Ich fuerchte, wir haben Sie
+unterbrochen, Herr Justizrat.
+
+(Bohun ruhig:) Das haben Sie. (Zum Kellner, der binausgeht:) Warten
+Sie einen Augenblick.
+
+(Der Kellner.) Gern. Womit kann ich dienen? (Er stellt sich hinter
+Bohuns Stuhl.)
+
+(Frau Clandon zum Kellner:) Entschuldigen Sie, dass wir Sie aufhalten.
+Der Herr Justizrat wuenscht es.
+
+(Der Kellner, der sich jetzt ganz wohl fuehlt:) Aber, gnaedige
+Frau--durchaus nicht, es ist mir ein Vergnuegen, der Gedankenarbeit
+seines geuebten und maechtigen Geistes folgen zu duerfen--das ist sehr
+anregend, sehr unterhaltend und lehrreich--wahrhaftig, gnaedige Frau!
+
+(Bohun nimmt den Gang der Ferhandlung wieder auf:) Nun, Herr
+McNaughtan, wir warten auf Sie! Ziehen Sie Ihren Einwand gegen die
+Kleidung Ihrer Kinder zurueck oder beharren Sie dabei?
+
+(McNaughtan eroerternd:) Herr Justizrat, versetzen Sie sich einen
+Augenblick in meine Lage: ich habe nicht nur an mich allein zu
+denken--da ist meine Schwester Sophronia und mein Schwager--und ihr
+ganzer Kreis. Sie haben einen grossen Abscheu vor allem, was nur
+irgendwie--nur irgendwie--nun...
+
+(Bohun.) Na, heraus damit!... Ausgelassen?--laut? bunt?
+
+(McNaughtan.) Ja. Ich meine das natuerlich in keinem ruchlosen
+Sinne--aber--aber (verzweifelt damit herausplatzend:) die beiden
+Kinder wuerden meine Leute durch ihr Auftreten abstossen! Sie passen
+nicht zu ihren eigenen Verwandten. Das ist es, worueber ich mich
+beklage!
+
+(Frau Clandon mit unterdruecktem Zorn:) Herr Dr. Valentine, haben Sie
+irgend etwas Ausgelassenes oder Vorlautes an Phil und Dolly bemerkt?
+
+(Dr. Valentine.) Ganz gewiss nicht! Das ist der reinste Unsinn.
+Nichts kann geschmackvoller sein.
+
+(McNaughtan.) Ja, Sie finden das natuerlich geschmackvoll!
+
+(Frau Clandon.) William, Sie sehen eine Menge Menschen aus der guten
+englischen Gesellschaft: sind meine Kinder auffallend und ueberladen
+gekleidet?
+
+(Der Kellner versichernd:) O durchaus nicht, gnaedige Frau!
+(Ueberzeugend:) O nein, gnaediger Herr, durchaus nicht! Huebsch und
+geschmackvoll, ohne Zweifel--aber dabei sehr gewaehlt und nobel--sehr
+fein und hochklassig! Wahrhaftig, es koennten Sohn und Tochter eines
+Dechanten sein, gnaediger Herr. Man braucht sie nur anzusehen, nur
+zu--(In diesem Augenblick wirbeln ein Harlekin und eine Kolombine ins
+Zimmer, die zu der Musik im Garten, die eben den Schluss eines Walzers
+spielt, tanzen. Das Kleid des Harlekin besteht aus abwechselnden
+Vierecken (I Zoll im Quadrat) von tuerkisblauer und goldfarbener Seide,
+seine Pritsche ist vergoldet und seine Maske aufgeschlagen. Der Rock
+der Kolombine gleicht einem Feld im Herbst, orangegolden und
+mohnblumenrot; eine winzige Samtjacke stellt die Staubfaeden der
+Mohnblume vor.--Sie schwirren zwischen McComas und Bohun herein, ein
+erlesenes, blendendes Paar, und dann zurueck in einem Kreis bis an das
+Ende des Tisches hin, wo sie, da der letzte Walzertakt eben verklingt,
+in der Mitte der Gesellschaft ein lebendes Bild stellen: Harlekin
+beugt sein linkes Knie und Kolombine steht auf seinem rechten Knie mit
+ueber den Kopf gebogenen Armen. Im Gegensatz zu ihrem Tanz, der
+reizend grazioes war, ist diese Pose keine sehr glueckliche und droht
+mit einer Katastrophe zu enden.)
+
+(Die Kolombine schreiend:) Hebt mich herunter! Ich werde gleich
+fallen! Papa, heben Sie mich herunter!
+
+(McNaughtan laeuft aengstlich zu ihr hin und ergreift sie an den Haenden:
+) Mein Kind!
+
+(Dolly springt mit seiner Hilfe herunter:) Danke schoen, das war lieb
+von Ihnen. (Philip schiebt seine Pritsche in seinen Guertel, setzt
+sich auf den Rand des Tisches und schenkt etwas Weinbowle ein.)
+
+(McNaughtan geht sehr verbluefft an die Ottomane zurueck.) Oh, war das
+lustig! O Gott! (Sie setzt sich mit einem Satz auf die Tischkante;
+keuchend:) Oh, Weinbowle! (Sie trinkt.)
+
+(Bohun mit maechtiger Stimme:) Das ist die juengere Dame, nicht wahr?
+
+(Dolly gleitet vom Tische herunter; geaengstigt von Bohuns maechtiger
+Stimme und seinem Benehmen:) Ja. Bitte, wer sind Sie?
+
+(Frau Clandon.) Das ist Herr Justizrat Bohun, Dolly. Er war so
+freundlich, heute abend zu uns zu kommen, um uns zu helfen.
+
+(Dolly.) Oh, dann wollen wir seinen Eintritt segnen--
+
+(Philip.) Sch!
+
+(McNaughtan.) Herr Justizrat--McComas! ich wende mich an euch! Ist
+das in Ordnung? Wuerden Sie die Familie meiner Schwester tadeln, wenn
+sie sich dagegen verwahrte?
+
+(Dolly erroetet; drohend:) Fangen Sie also schon wieder an?
+
+(McNaughtan versoehnlich:) Nein, nein--es ist in deinem Alter
+vielleicht selbstverstaendlich.
+
+(Dolly hartnaeckig:) Lassen Sie mein Alter aus dem Spiel!--Ob mein
+Kleid huebsch ist, will ich wissen!
+
+(McNaughtan.) Ja, liebes Kind--ja--(Er setzt sich mit Zeichen der
+Unterwerfung.)
+
+(Dolly nachdruecklich:) Gefaellt es Ihnen?
+
+(McNaughtan.) Mein Kind, wie kannst du nur glauben, dass mir das
+gefaellt oder dass ich damit einverstanden bin?
+
+(Dolly entschlossen ihn nicht auszulassen:) Wie koennen Sie es huebsch
+finden und es dann nicht leiden moegen?
+
+(McComas erhebt sich aergerlich und entruestet:) Wahrhaftig, ich muss
+sagen--
+
+(Bohun, der Dolly mit der groessten Zustimmung angehoert hat, macht sich
+sofort ueber ihn her:) Still, unterbrechen Sie nicht, McComas! Die
+Methode der jungen Dame ist vollkommen richtig! (Zu Dolly mit
+furchtbarem Nachdruck:) Fahren Sie fort zu fragen, Fraeulein Clandon,...
+fahren Sie fort, rasch!
+
+(Dolly.) Aber Sie sind ein regelrechter Gewaltmensch! Gehen Sie immer
+so vor?
+
+(Bohun erhebt sich:) Jawohl. Versuchen Sie nicht, mich aus dem Text
+zu bringen, mein Fraeulein! Sie sind zu jung dazu. (Er nimmt den
+Stuhl des McComas, der neben Frau Clandons Stuhl siebt, und stellt ihn
+neben seinen eigenen.) Setzen Sie sich! (Dolly gehorcht wie bezaubert,
+und Bohun setzt sich wieder. McComas, seines Stuhles beraubt, holt
+sich einen anderen, der zwischen dem Tisch und der ottomane steht:)
+Nun, Herr McNaughtan, die Tatsachen stehen vor Ihnen--alle beide. Sie
+glauben zwar, dass Sie Ihre beiden juengsten Kinder gern bei sich haetten,
+aber das wuerde Ihnen gar nicht gefallen--(McNaughtan versucht zu
+protestieren, aber Bohun gibt das unter keinen Umstaenden zu:) Nein,
+das gefiele Ihnen gar nicht. Sie glauben zwar, dass Sie das gern
+haetten, aber ich weiss das besser als Sie. Sie verlangen, dass diese
+junge Dame aufhoert, sich des Abends wie eine Buehnen-Kolombine und des
+Morgens wie eine moderne Kolombine zu kleiden... nun, sie wird das nie
+tun--niemals! Sie glaubt, sie wird es einmal tun, aber--
+
+(Dolly ihn unterbrechend:) Nein, das glaube ich auch nicht!
+(Entschlossen:) Ich werde es niemals aufgeben, mich huebsch zu
+kleiden--niemals! Wie Gloria zu jenem Mann in Madeira gesagt hat:
+nie--nie--nie, so lange Gras waechst und Wasser fliesst!
+
+(Dr. Valentine erhebt sich in furchtbarer Aufregung:) Was?... was?!...
+(Er beginnt sehr rasch zu sprechen:) Wann hat sie das gesagt?... Zu
+wem hat sie das gesagt?
+
+(Bohun wirft sich in einen Stuhl, mit intensivem, mitleidigem Protest:
+) Herr Doktor Valentine--
+
+(Dr. Valentine hitzig:) Unterbrechen Sie mich nicht! Dies ist etwas
+sehr Ernstes! Ich muss wissen, zu wem Fraeulein Clandon das gesagt
+hat--ich bestehe darauf!
+
+(Dolly.) Vielleicht erinnert sich Phil. Welche Nummer war es? Numero
+drei oder Numero fuenf?
+
+(Dr. Valentine.) Numero fuenf!!!!
+
+(Philip.) Mut, Doktor, es war noch nicht Numero fuenf. Es war nur ein
+zahmer Seeoffizier, der immer bei der Hand war--der geduldigste und
+harmloseste Mensch von der Welt.
+
+(Gloria kalt:) Was wird jetzt eroertert, wenn ich fragen darf?
+
+(Dr. Valentine mit rotem Kopf:) Entschuldigen Sie... ich bedaure,
+gestoert zu haben. Ich will Sie nicht laenger belaestigen, Frau Clandon.
+(Er verneigt sich vor Frau Clandon und geht, kochend vor
+unterdrueckter Wut, rasch durch die Fenstertuer in den Garten.)
+
+(Dolly.) Hm hm...
+
+(Philip.) Aha!
+
+(Gloria.) Bitte, fahren Sie fort, Herr Justizrat.
+
+(Dolly dazwischenfahrend, als Bohun die Stirn furchtbar runzelt und
+sich zusammenrafft, zu einem neuerlichen Ringen mit dem Fall:) Sie
+wollen uns einschuechtern, Herr Justizrat.
+
+(Bohun.) Ich--
+
+(Dolly ihn unterbrechend:) O ja, das wollen Sie! Sie glauben, dass es
+nicht so ist--aber es ist so. Ich sehe es an Ihrem Stirnrunzeln.
+
+(Bohun nachgebend:) Frau Clandon, ich erkenne aus freien Stuecken an,
+dass Sie kluge, hellkoepfige, gut erzogene Kinder haben... wollen Sie
+mir dafuer das Mittel angeben, das sie dazu bringen kann, den Mund zu
+halten?
+
+(Frau Clandon.) Dolly! liebste Dolly--!
+
+(Philip.) Unsere alte Unart, Dolly! Ruhe! (Dolly haelt sich den Mund.)
+
+(Frau Clandon.) Nun, Herr Justizrat, bevor Sie wieder anfangen...
+
+(Der Kellner leise:) Beeilen Sie sich--rasch!
+
+(Dolly ihm zublinzelnd:) Lieber William!
+
+(Philip.) Sch!
+
+(Bohun platzt gegen Dolly ploetzlich ganz unerwartet mit einer Frage
+los:) Haben Sie die Absicht, sich zu verheiraten?
+
+(Dolly.) Ich!... Nun, Finch nennt mich mit meinem Vornamen...
+
+(McComas.) Was soll das heissen?--Herr Justizrat, natuerlich spreche ich
+die junge Dame als alter Freund ihrer Mutter bei ihrem Vornamen an.
+
+(Dolly.) Ja. Sie nennen mich als alter Freund meiner Mutter "Dolly".
+Aber warum nennen Sie mich "Dorothee-ee-a?" (Mc Comos erhebt sich
+entruestet.)
+
+(McNaughtan erhebt sich aengstlich, um ihn zurueckzuhalten:) Beherrschen
+Sie sich, McComas. Wir wollen nicht heftig werden--haben Sie Geduld.
+
+(McComas.) Ich will keine Geduld haben! Sie tragen die
+beklagenswerteste Charakterschwaeche zur Schau, mein lieber McNaughtan!
+Ich finde das einfach unerhoert!
+
+(Dolly.) Herr Justizrat, bitte, schuechtern Sie Finch ein wenig fuer uns
+ein.
+
+(Bohun.) Das will ich.--McComas, Sie machen sich laecherlich. Setzen
+Sie sich!
+
+(McComas.) Ich--
+
+(Bohun winkt ihm gebieterisch, sich zu setzen:) Nein, setzen Sie
+sich--setzen Sie sich! (McComas setzt sich verdriesslich nieder, und
+McNaughtan folgt sehr erleichtert seinem Beispiel.)
+
+(Dolly zu Bohun demuetig:) Ich danke Ihnen.
+
+(Bohun.) Nun hoeren Sie mich alle an. Ich enthalte mich jeder Meinung
+darueber, McComas, wie weit Sie sich in der durch die junge Dame
+angegebenen Richtung eingelassen oder nicht eingelassen haben.
+(McComas ist im Begriff zu protestieren.) Nein, unterbrechen Sie mich
+nicht!--Wenn sie Sie nicht heiratet, heiratet sie einen andern; das
+ist die beste Loesung der Schwierigkeit, die dadurch entsteht, dass sie
+nicht den Namen ihres Vaters traegt.--Die andere Dame hat die Absicht,
+sich zu verheiraten.
+
+(Gloria erroetend:) Herr Justizrat!
+
+(Bohun.) Doch, Sie haben die Absicht. Sie wissen es nicht, aber es
+ist so.
+
+(Gloria erhebt sich:) Halt! Hueten Sie sich davor, Herr Justizrat, fuer
+meine Absichten einzustehen.
+
+(Bohun erhebt sich:) Es hat keinen Zweck, Fraeulein Clandon. Sie
+werden mich nicht unterkriegen. Ich sage Ihnen, dass Ihr Name bald
+weder Clandon noch McNaughtan lauten wird. Und wenn ich wollte,
+koennte ich Ihnen sagen, wie er lauten wird. (Er geht an das andere
+Ende des Tisches, rollt seinen Domino auf und legt die falsche Nase
+auf den Tisch. Da er sich erhebt, erheben sich alle, und Philip geht
+an das Fenster. Bohun gibt dem Kellner durch eine Bewegung zu
+verstehen, dass er ihm beim Anziehen des Dominos helfen soll.) Herr
+McNaughtan, Ihre Absicht, die Gesetze anzurufen, ist Unsinn. Ihre
+Kinder werden alle majorenn sein, bevor Sie eine Entscheidung
+erreichen koennen.
+
+(Indem er dem Kellner erlaubt, den Domino um seine Schultern zu legen:
+) Ich kann Ihnen nur raten, ein freundschaftliches Uebereinkommen zu
+treffen. Wenn Sie Ihre Familie noetiger haben als Ihre Familie Sie,
+dann werden Sie bei diesem Uebereinkommen allerdings schlecht wegkommen;
+--wenn Ihre Familie Sie aber noetiger hat als umgekehrt, dann werden
+Sie schon besser wegkommen. (Er schuettelt den Domino, so dass er in
+Falten faellt, und ergreift die falsche Nase. Dolly starrt ihn
+bewundernd an.) Die Sache liegt fuer Ihre Angehoerigen insoweit guenstig,
+als sie alle persoenlich sehr angenehme Menschen sind. Und Ihre Staerke,
+Herr McNaughtan, liegt in Ihrem Einkommen. (Er stuelpt die falsche
+Nase auf und ist wieder in grotesker Weise verwandelt.)
+
+(Dolly auf ihn zulaufend:) Oh, jetzt sehen Sie ganz menschlich aus!
+Ich moechte mit Ihnen tanzen--ein einzigesmal! Koennen Sie tanzen?
+(Philip nimmt seine Harlekinrolle wieder auf und bewegt seine Pritsche,
+als wenn er Bohun und Dolly bezaubern wollte.)
+
+(Bohun mit Donnerstimme:) Ja, Sie glauben, dass ich nicht tanzen
+kann--aber ich kann es. Kommen Sie! (Er packt sie und tanzt mit ihr
+durch die Fenstertuer in gewaltsamer Weise, aber mit beflissener
+Sicherheit und Anmut hinaus. Inzwischen stellt der Kellner geschaeftig
+die Stuehle an ihre gewoehnlichen Plaetze zurueck.)
+
+(Philip.) "Auf! Bis zum Morgen tanzt und trink und minnt"[*]--William!
+
+[Footnote *: Byrons "Childe Harold" Canto III Strophe 22. (Anm. des
+Uebers.)]
+
+(Der Kellner.) Zu dienen, junger Herr?
+
+(Philip.) Koennen Sie meinem Vater und Herrn McComas zwei Dominos und
+zwei falsche Nasen verschaffen?
+
+(McComas.) Was faellt Ihnen ein--ich verwahre mich dagegen--
+
+(McNaughtan.) Nicht doch! Was ist denn da weiter dabei? Nur einmal,
+McComas! Wir wollen doch keine Spielverderber sein.
+
+(McComas.) McNaughtan, Sie sind nicht der Mann, fuer den ich Sie
+gehalten habe. (Scharf:) Tyrannen sind immer Feiglinge. (Er geht
+angewidert zur Fenstertuer.)
+
+(McNaughtan folgt ihm:) Na, nichts fuer ungut! Wir muessen ihnen etwas
+zugute halten.--Koennen Sie uns irgendeinen Umhang verschaffen, Kellner?
+
+(Der Kellner.) Gewiss, gnaediger Herr. (Er folgt ihnen an die
+Fenstertuer und bleibt dort stehen, um die Herren vorausgehen zu lassen.
+) Hier bitte--Sie wuenschen Dominos und Nasen?
+
+(McComas aergerlich im Abgehen:) Ich werde meine eigene Nase tragen.
+
+(Der Kellner schmelzend:) Selbstverstaendlich, gnaediger Herr: die
+falsche Nase wird ganz leicht darueber gehen. Es ist viel Platz dafuer,
+gnaediger Herr--viel Platz! (Er geht hinter McComas hinaus.)
+
+(McNaughtan wendet sich an der Fenstertuer nach Phil um mit einem
+Versuch zu gemuetlicher Vaeterlichkeit:) Komm, mein Junge, komm! (Er
+geht.)
+
+(Philip folgt ihm heiter:) Ich komme schon, Papachen, ich komme schon!
+(An der Schwelle der Fenstertuer haelt er inne, blickt McNaughtan nach,
+wendet sich dann phantastisch mit seiner um seinen Kopf wie einen
+Heiligenschein gebogenen Pritsche um und sagt mit gedaempfter Stimme zu
+Frau Clandon und Gloria:) Habt ihr das Ergreifende dieser Worte
+empfunden? (Er verschwindet.)
+
+(Frau Clandon mit Gloria allein:) Warum ist Doktor Valentine so
+ploetzlich fortgegangen? Das verstehe ich nicht.
+
+(Gloria verdriesslich:) Ich weiss nicht.--Doch--ich weiss es. Komm,
+sehen wir ein wenig dem Tanz zu. (Sie gehen nach der Fenstertuer zu
+und begegnen Dr. Valentine, der vom Garten mit raschen Schritten
+hereinkommt, mit muerrischem Gesicht und bewoelkter Stirn.)
+
+(Dr. Valentine steif:) Entschuldigen Sie. Ich dachte, die
+Gesellschaft waere schon auseinandergegangen.
+
+(Gloria noergelnd:) Warum sind Sie dann zurueckgekommen?
+
+(Dr. Valentine.) Ich bin zurueckgekommen, weil ich kein Geld bei mir
+habe und dort ohne ein Fuenf-Schilling-Billett nicht hinausgelassen
+werde.
+
+(Frau Clandon.) Hat Sie hier irgend etwas verletzt, Herr Doktor?
+
+(Gloria.) Kuemmere dich nicht um ihn, Mutter. Das soll eine neue
+Beleidigung fuer mich sein--weiter nichts.
+
+(Frau Clandon kaum faehig, sich vorzustellen, dass Gloria wohlueberlegt
+einen Wortwechsel heraufbeschwoeren koennte:) Gloria!
+
+(Dr. Valentine.) Frau Clandon, habe ich irgend etwas Beleidigendes
+gesagt?... Habe ich irgend etwas Beleidigendes getan?
+
+(Gloria.) Sie haben stillschweigend zu verstehen gegeben, dass meine
+Vergangenheit der Ihrigen gleicht--das ist die allerschwerste
+Beleidigung.
+
+(Dr. Valentine.) Ich habe nichts dergleichen zu verstehen gegeben.
+Ich behaupte, dass meine Vergangenheit, mit der Ihren verglichen,
+tadellos gewesen ist.
+
+(Frau Clandon aeusserst entruestet:) Herr Doktor!
+
+(Dr. Valentine.) Na, was soll ich mir dabei denken, wenn ich erfahren
+muss, dass Fraeulein Clandon andern Maennern genau dieselben Reden
+gehalten hat wie mir--wenn ich von mindestens fuenf frueheren Liebhabern
+hoeren muss und einem zahmen Seeoffizier noch dazu! Oh, das ist zu arg!
+
+(Frau Clandon.) Aber Sie glauben doch sicher nicht, dass diese Dinge
+ernst gewesen sind--harmlose Scherze von Kindern--Herr Doktor?
+
+(Dr. Valentine.) Ihnen sind es vielleicht Scherze--vielleicht auch
+ihr. Aber ich weiss, was die Betroffenen dabei gelitten haben. (Mit
+possierlich echtem Ernst:) Haben Sie jemals an die vernichteten
+Existenzen gedacht--an die Ehen, die in der Ruecksichtslosigkeit der
+Verzweiflung geschlossen wurden--an die Selbstmorde--die--die--die--
+
+(Gloria unterbricht ihn verachtungsvoll:) Mutter, dieser Mensch ist
+ein sentimentaler Esel! (Sie rauscht fort an den Kamin.)
+
+(Frau Clandon empoert:) Oh, meine teuerste Gloria! Der Herr Doktor
+wird das grob finden.
+
+(Dr. Valentine.) Ich bin kein sentimentaler Esel mehr! Ich bin fuer
+immer von jeder Sentimentalitaet geheilt. (Er setzt sich zornig.)
+
+(Frau Clandon.) Sie muessen uns allen verzeihen, Herr Doktor. Die
+Frauen muessen die falschen guten Manieren ihres Sklaventums erst
+verlernen, bevor sie sich die echten guten Manieren ihrer Freiheit
+aneignen koennen.--Halten Sie Gloria nicht fuer gemein. (Gloria wendet
+sich erstaunt um.) Sie ist es wirklich nicht.
+
+(Gloria.) Mutter, du entschuldigst mich bei *ihm*!
+
+(Frau Clandon.) Mein Kind, du hast manchen Fehler der Jugend und auch
+manchen ihrer Vorzuege, und Herr Doktor Valentine hat wohl zu
+altmodische Ideen ueber sein eigenes Geschlecht, als dass er sich gern
+einen Esel nennen liesse.--Aber wollen wir jetzt nicht lieber nachsehen,
+was Dolly anstellen mag? (Sie gebt an die Fenstertuer. Dr. Valentine
+erhebt sich.)
+
+(Gloria.) Geh du ohne mich, Mutter. Ich habe mit Herrn Doktor
+Valentine ein Wort allein zu sprechen.
+
+(Frau Clandon ueberrascht, will sich dagegen verwahren:) Meine liebe
+Gloria... (Sich besinnend:) Entschuldige--selbstverstaendlich, wenn du
+es wuenschest. (Sie verneigt sich gegen Dr. Valentine und geht hinaus.)
+
+(Dr. Valentine.) Oh, warum ist Ihre Mutter nicht Witwe--sie ist
+sechsmal so viel wert als Sie!
+
+(Gloria.) Nun hoere ich endlich das erste Wort aus Ihrem Munde, das
+Ihnen Ehre macht.
+
+(Dr. Valentine.) Unsinn! Nun--sagen Sie mir, was Sie mir zu sagen
+haben, und lassen Sie mich gehen.
+
+(Gloria.) Ich habe Ihnen nur das eine zu sagen: Sie haben mich heute
+nachmittag einen Augenblick auf Ihr Niveau herabgedrueckt. Glauben Sie,
+dass ich nicht auf meiner Hut gewesen sein wuerde, wenn mir das schon
+einmal passiert waere, dass ich nicht gewusst haette, was kommen wuerde,
+und meine eigene elende Schwaeche gekannt haette?
+
+(Dr. Valentine sie leidenschaftlich auszankend:) Sprechen Sie nicht in
+dieser Weise darueber! Was liegt mir an Ihren inneren Eigenschaften
+mit Ausnahme von Ihrer Schwaeche, wie Sie das nennen? Sie haben sich
+fuer sehr sicher gehalten--nicht wahr?--Verschanzt hinter Ihren
+fortschrittlichen Ideen! Es hat mir Spass gemacht, die ziemlich leicht
+ueber den Haufen zu werfen.
+
+(Gloria dreist, da sie fuehlt, dass sie jetzt mit ihm machen kann, was
+sie will:) Wirklich?
+
+(Dr. Valentine.) Aber aus welchen Gruenden habe ich das getan?--Weil es
+mich gereizt hat, Ihr Herz zu wecken, die Tiefen in Ihnen aufzuwuehlen.
+--Und warum hat mich das gereizt? Weil meine Natur es bitter ernst
+mit mir gemeint hat, als ich mit ihr nur zu scherzen meinte... Wer
+von uns beiden ist erwacht, wie dann der grosse Augenblick gekommen
+war--wer wurde aufgewuehlt in seinen tiefsten Tiefen?... Ich! Ich!
+--Ich wurde hingerissen. Sie waren nur beleidigt... empoert! Sie sind
+nur eine ganz alltaegliche junge Dame--zu alltaeglich, um zahmen
+Seeoffizieren zu erlauben, so weit zu gehen, wie ich heute ging...
+weiter nichts. Ich will Sie nicht mit den ueblichen Entschuldigungen
+behelligen.--Leben Sie wohl. (Er geht entschlossen zur Tuer.)
+
+(Gloria.) Bleiben Sie! (Er zoegert.) Aber wollen Sie auch verstehen,
+dass ich Ihnen durchaus nicht entgegenkomme, wenn ich Ihnen jetzt die
+Wahrheit sage?
+
+(Dr. Valentine.) Pah! Ich weiss, was Sie mir jetzt sagen wollen. Sie
+glauben, dass Sie nicht alltaeglich sind--dass ich recht hatte--dass jene
+Tiefen in Ihrer Natur dennoch vorhanden sind... Es schmeichelt Ihnen,
+das zu glauben. (Sie weicht zurueck.) Nun, ich gebe zu, dass Sie in
+einer Hinsicht nicht alltaeglich sind: Sie sind ein gescheites Maedchen.
+(Gloria unterdrueckt einen Wutschrei und gebt ihm drohend einen
+Schritt entgegen.) Aber Sie sind noch nicht erweckt worden. Ich war
+Ihnen gleichgueltig... ich bin Ihnen gleichgueltig... meine Tragoedie ist
+es gewesen, nicht die Ihre. Leben Sie wohl! (Er wendet sich nach der
+Tuer; sie beobachtet ihn, entsetzt darueber, dass er ihrer Macht
+entschluepft. Die Tuerklinke in der Hand, haelt er inne, wendet sich
+dann wieder Gloria zu und reicht ihr die Hand.) Wir wollen als Freunde
+auseinandergehen.
+
+(Gloria ausserordentlich erleichtert, kehrt ihm mit groesster
+Absichtlichkeit den Ruecken:) Adieu.--Ich hoffe, Sie werden von Ihrer
+Wunde bald genesen.
+
+(Dr. Valentine mit Freude, da er erkennt, dass er doch schliesslich Herr
+der Situation ist:) Gewiss werde ich das--solche Wunden heilen, ohne zu
+schmerzen. Schliesslich kann mir meine Gloria doch niemand rauben.
+
+(Gloria sieht ihm rasch ins Gesicht:) Was meinen Sie?
+
+(Dr. Valentine.) Die Gloria meiner Einbildung.
+
+(Gloria stolz:) Behalten Sie diese Gloria--die Gloria Ihrer Einbildung.
+(Ihre Erregung beginnt staerker durch ihren Stolz hindurchzubrechen.)
+Die wirkliche Gloria, die empoerte...die beleidigte...die
+entsetzte--jawohl!--die vor Scham fast zum Wahnsinn gebrachte, als sie
+erfuhr, dass all ihre Selbstbeherrschung niederbrechen konnte bei der
+ersten Begegnung mit--mit--(Ihr Gesicht erroetet wieder ueber und ueber,
+sie bedeckt es mit ihrer linken Hand und ihre Rechte legt sie auf Dr.
+Valentines linken Arm, um sich zu stuetzen.)
+
+(Dr. Valentine.) Nehmen Sie sich in acht--ich bin schon wieder nahe
+dran, den Verstand zu verlieren! (Sie nimmt allen ihren Mut zusammen
+und laesst die Hand, die ihr Gesicht bedeckt, auf Dr. Valentines rechte
+Schulter fallen, wobei sie sich ihm zuwendet und ihm gerade in die
+Augen schaut. Er beginnt auf-*) *(geregt zu protestieren:) Gloria,
+seien Sie vernuenftig--es hat ja keinen Zweck--ich habe keinen Heller!
+
+(Gloria.) Koennen Sie denn keinen verdienen? Andere Leute koennen es
+doch.
+
+(Dr. Valentine halb entzueckt, halb erschrocken:) O niemals! Ich wuerde
+Sie ungluecklich machen--Teuerste, Geliebte--ich muesste ein erbaermlicher
+Mitgiftjaeger und Abenteurer sein--(Sie umschlingt ihn fester und kuesst
+ihn:) O Gott! (Atemlos:) Oh... ich--(Er keucht:) Ich kenne die Frauen
+noch immer nicht... keine Ahnung habe ich... die Erfahrungen von zwoelf
+Jahren genuegen nicht!
+
+(In einer Aufwallung von Eifersucht stoesst sie ihn von sich fort, und
+er taumelt zurueck in den Stuhl wie ein vom Wind verwehtes Blatt. Da
+tanzt Dolly mit dem Kellner ins Zimmer, Frau Clandon und McComas
+folgen ihr, auch tanzend, und Philip pirouettiert auf eigene Faust
+herein.)
+
+(Dolly sinkt atemlos auf den Stuhl vor den Schreibtisch:) Oh, ich bin
+atemlos! Sie tanzen wundervoll Walzer, William!
+
+(Frau Clandon sinkt in den Lederfauteuil vor dem Kamin:) Oh, wie
+konnten Sie mich nur zu einer solchen Torheit verleiten, Finch! Ich
+habe seit der Soiree in South Place vor zwanzig Jahren nicht getanzt.
+
+(Gloria bestimmt, zu Dr. Valentine:) Stehen Sie auf! (Dr. Valentine
+erhebt sich unterwuerfig.) Lassen wir jetzt alles falsche Zartgefuehl
+beiseite. Sagen Sie meiner Mutter, dass wir entschlossen sind, uns zu
+heiraten.
+
+(Ein Schweigen sprachlosen Erstaunens. Dr. Valentine, sprachlos vor
+panischem Schrecken, starrt alle an. Er will sichtlich davonlaufen.)
+
+(Dolly bricht das Stillschweigen:) Nummer sechs!
+
+(Philip.) Sch!
+
+(Dolly ausgelassen:) Oh, meine Gefuehle! Ich kann sie kaum beherrschen!
+Ich moechte jemanden kuessen,--und in der Familie ist das verboten!
+Wo ist Finch?
+
+(McComas heftig losbrechend:) Nein! zum Donnerwetter!
+
+(McNaughtan erscheint an der Fenstertuer.)
+
+(Dolly zu McNaughtan laufend:) Oh, Sie kommen gerade recht! (Sie kuesst
+ihn.) Nun--(zieht ihn vor, zu Dr. Valentine und Gloria:) segnen Sie
+sie!
+
+(Gloria.) Nein! nichts davon--nicht einmal im Scherz. Wenn ich einen
+Segen brauche, so werde ich meine Mutter darum bitten.
+
+(McNaughtan zu Gloria, schmerzlich enttaeuscht:) Soll das heissen, dass
+du dich mit diesem Herrn verlobt hast?
+
+(Gloria entschlossen:) Ja.--Haben Sie die Absicht, unser Freund zu
+sein, oder--
+
+(Dolly unterbrechend:)--oder unser Vater?
+
+(McNaughtan.) Ich wuerde gern beides sein, mein Kind, aber--!... Herr
+Doktor Valentine, ich wende mich an Ihr Ehrgefuehl--
+
+(Dr. Valentine.) Sie haben ganz recht. Es ist einfach Wahnsinn. Wenn
+wir zusammen auf einen Ball gehen wollen, werde ich Sie um fuenf
+Schillinge anpumpen muessen, um mir die Eintrittskarte zu loesen.
+--Gloria, uebereilen Sie nichts--Sie werfen sich fort! Es ist das
+beste, wenn ich alledem ein Ende mache und niemals irgendeinem aus
+Ihrer Familie wieder begegne. Ich werde keinen Selbstmord begehen,
+ich werde nicht einmal ungluecklich sein: es wird eine Befreiung fuer
+mich sein--ich--ich fuerchte mich--ich fuerchte mich wahrhaftig--es ist
+die reine Wahrheit.
+
+(Gloria entschlossen:) Ich verbiete Ihnen zu gehen!
+
+(Dr. Valentine verzagt:) Nein, Liebste, selbstverstaendlich nicht, aber
+... Oh, wenn doch nur jemand einen Augenblick vernuenftig sprechen und
+uns alle zur Vernunft bringen wollte! Ich kann's nicht... Wo ist
+Bohun?... Bohun ist der Mann! Phil, gehen Sie und beschwoeren Sie
+Bohun.
+
+(Philip.) Aus der ungeheuren Tiefe. Ich gehe. (Er laesst seine
+Pritsche durch die Luft sausen und schiesst durch die Fenstertuer fort.)
+
+(Der Kellner harmonisch zu Dr. Valentine:) Wenn Sie gestatten, dass ich
+mir ein Wort zu sagen erlaube, Herr Doktor: Opfern Sie wegen fuenf
+Schillinge nicht Ihr Lebensglueck. Wir werden uns nur zu sehr freuen,
+Ihnen das Billett auf Kredit zu besorgen, und Sie koennen die Sache
+ordnen, wann es Ihnen beliebt,--wann immer es Ihnen passen wird. Es
+wird mich nur sehr freuen, es wird mir ein Vergnuegen und eine Ehre
+sein, Herr Doktor.
+
+(Philip erscheint wieder:) Er kommt! (Er schwingt seine Pritsche vor
+dem Fenster. Bohun tritt ein, nimmt seine falsche Nase ab und wirft
+sie auf den Tisch, waehrend er an Philip voruebergeht und zwischen
+Gloria und Dr. Valentine tritt.)
+
+(Dr. Valentine.) Es handelt sich darum, Herr Justizrat--
+
+(McComas unterbricht, vom Kamin aus:) Entschuldigen Sie, Herr Doktor,
+die Sache muss von einem Anwalt vorgetragen werden.--Es handelt sich um
+eine Verlobung zwischen diesen beiden jungen Leuten. Sie hat etwas
+Vermoegen und (sieht McNaughtan an:) wird wahrscheinlich einmal noch
+viel mehr haben.
+
+(McNaughtan.) Moeglich. Ich hoffe es.
+
+(Dr. Valentine.) Und er hat keinen Heller.
+
+(Bohun nagelt Dr. Valentine sofort auf diesen Punkt fest:) Dann
+bestehen Sie auf einem Ehevertrag.--Das verletzt Ihr Zartgefuehl?...
+Das tun die meisten vernuenftigen Vorsichtsmassregeln. Aber Sie bitten
+mich um meinen Rat. Das ist er. Machen Sie einen Ehevertrag!
+
+(Gloria stolz:) Er soll einen Ehevertrag bekommen.
+
+(Dr. Valentine.) Mein lieber Herr Justizrat, ich, fuer meine Person,
+brauche Ihren Rat nicht--geben Sie ihr einen guten Rat.
+
+(Bohun.) Sie wuerde ihn nicht befolgen. Wenn Sie ihr Mann sein werden,
+wird sie auch Ihren Rat nicht befolgen... (Wendet sich ploetzlich an
+Gloria:) Nein, das werden Sie nicht--Sie glauben, dass Sie es werden,
+aber Sie werden es nicht. Er wird an die Arbeit gehen und seinen
+Unterhalt verdienen... (Wendet sich ploetzlich an Dr. Valentine:) O ja,
+das werden Sie--Sie glauben es nicht, aber Sie werden es! Sie wird
+Sie schon dazu anhalten.
+
+(McNaughtan nur halb ueberzeugt:) Dann, Herr Justizrat, halten Sie
+diese Verbindung also nicht fuer unklug?
+
+(Bohun.) O doch! Alle Verbindungen sind unklug. Es ist unklug,
+geboren zu werden--es ist unklug, zu heiraten--es ist unklug, zu
+leben--und es ist klug, zu sterben.
+
+(Der Kellner draengt sich unauffaellig zwischen McNaughtan und Dr.
+Valentine:) Wenn ich mir hoeflichst erlauben darf, fortzusetzen: Dann
+ist es etwas Trauriges um die Weisheit. (Zu Dr. Valentine:) Glueck auf,
+Herr Doktor, Glueck auf! Jeder Mensch fuerchtet die Ehe, wenn es dazu
+kommt--aber sie geht oft ganz angenehm aus, sehr froehlich und selbst
+gluecklich--von Zeit zu Zeit. Ich war niemals Herr in meinem eigenen
+Hause. Meine Frau war wie Ihre Braut, befehlshaberisch und
+herrschsuechtig veranlagt. Mein Sohn hat diese Eigenschaften von ihr
+geerbt. Aber wenn ich mein Leben zum zweitenmal zu leben haette, ich
+wuerde es wieder so leben!... ich wuerde es genau wieder so
+leben--wahrhaftig!--Man kann nie wissen, Herr Doktor... man kann nie
+wissen.
+
+(Philip.) Erlauben Sie mir zu bemerken, dass, wenn Gloria sich wirklich
+entschlossen hat--
+
+(Dolly)--die Sache besiegelt und Doktor Valentine erledigt ist. Wir
+verpassen bloss alle Taenze.
+
+(Dr. Valentine zu Gloria, galant, sich so gut er kann, aus der Affaere
+ziehend:) Darf ich um einen Walzer bitten?--
+
+(Bohun widerspricht in seiner tiefsten Oktave:) Entschuldigen
+Sie--diesen Vorzug beanspruche ich als Rechtsbeistandshonorar! Darf
+ich um die Ehre bitten?--Ich danke. (Er tanzt mit Gloria fort und
+verschwindet unter den Lampions, und laesst Dr. Valentine nach Luft
+schnappend zurueck.)
+
+(Dr. Valentine wieder zu sich kommend:) Dolly: darf ich
+bitten--(Fordert sie zum Tanze auf.)
+
+(Dolly.) Unsinn! (Weicht ihm geschickt aus und laeuft um den Tisch
+herum an den Kamin:) Finch! Mein Finch! (Sie faellt ueber McComas her
+und zwingt ihn zu tanzen.)
+
+(McComas protestierend:) Ich bitte, halten Sie ein--wahrhaftig--(Er
+wird durch die Fenstertuer davongerissen.)
+
+(Dr. Valentine macht eins letzte Anstrengung:) Frau Clandon, darf ich
+bitten--
+
+(Philip ihm zuvorkommend:) Komm, Muetter! (Er ergreift seine Mutter
+und wirbelt mit ihr fort.)
+
+(Frau Clandon zurechtweisend:) Phil--Phil--(Sie teilt McComas'
+Schicksal.)
+
+(McNaughtan folgt ihnen mit greisenhafter Heiterkeit:) Ho! ho! ho! ho!
+ho! (Er gebt in den Garten und kichert ueber den spass.)
+
+(Dr. Valentine sinkt auf die Ottomane und starrt den Kellner an:) Als
+ob ich schon verheiratet waere!...
+
+(Der Kellner betrachtet den im Zweikampf der Geschlechter Gefallenen
+mit liebenswuerdiger Teilnahme und schuettelt langsam den Kopf.)
+
+(Vorhang)
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Mann Kann Nie Wissen, von George
+Bernard Shaw.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MAN KANN NIE WISSEN ***
+
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+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
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+Most people start at our Web sites at:
+http://gutenberg.net or
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+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
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+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
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+Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92,
+91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
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+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
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+Donations by check or money order may be sent to:
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+ 809 North 1500 West
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+tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising
+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
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+We need your donations more than ever!
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+You can get up to date donation information online at:
+
+http://www.gutenberg.net/donation.html
+
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+If you can't reach Project Gutenberg,
+you can always email directly to:
+
+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
+
+Prof. Hart will answer or forward your message.
+
+We would prefer to send you information by email.
+
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+**The Legal Small Print**
+
+
+(Three Pages)
+
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index 0000000..0ee9420
--- /dev/null
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Binary files differ
diff --git a/old/8mknw10.txt b/old/8mknw10.txt
new file mode 100644
index 0000000..3b6102d
--- /dev/null
+++ b/old/8mknw10.txt
@@ -0,0 +1,6066 @@
+The Project Gutenberg EBook of Man Kann Nie Wissen, by George Bernard Shaw
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
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+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Man Kann Nie Wissen
+
+Author: George Bernard Shaw
+
+Release Date: February, 2006 [EBook #9810]
+[This file was first posted on October 19, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MAN KANN NIE WISSEN ***
+
+
+
+
+E-text prepared by Michalina Makowska
+
+
+
+
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 8-bit version.
+
+
+
+
+Man Kann Nie Wissen
+
+(Komödie in vier Akten)
+
+George Bernard Shaw
+
+Übersetzung von Siegfried Trabisch
+
+
+
+
+Die erste deutsche Ausgabe dieser Komödie führte den Titel "Der
+verlorene Vater".--Die Hauptperson heißt im Original nicht Fergu
+McNaughtan, sondern Fergus Crampton. Shaw, der Hauptmann sehr verehrt,
+wollte die festumrissene Vorstellung, die wir mit dem Namen Crampton
+verbinden, nicht stören und änderte ihn in McNaughtan um, womit
+zugleich die Übertragung eines Wortwitzes möglich wurde, der im
+Original eine Rolle spielt.
+
+Anmerkung des Übersetzers.
+
+
+
+
+PERSONEN
+
+Frau Clandon
+Gloria }
+Dolly } ihre Kinder
+Philip }
+Dr. Valentine, Zahnarzt
+Fergus McNaughtan
+McComas, Rechtsanwalt
+Justizrat Bohun
+Ein Kellner
+Ein Stubenmädchen
+Ein Kellnerjunge
+Ein Koch
+
+Ort: Ein englisches Seebad.
+Zeit: 1896.
+
+
+
+ERSTER AKT
+
+(An einem schönen Augustmorgen des Jahres 1896 im Operationszimmer
+eines Zahnarztes. Es ist nicht das übliche winzige Londoner Loch,
+sondern das beste Zimmer einer möblierten Wohnung an der
+Strandpromenade in einem vornehmen Seebad. Der Operationsstuhl mit
+Gasschlauch und Zylinder steht zwischen der Mitte des Zimmers und
+einer der Ecken. Wenn man durch das dem Stuhl gegenüberliegende
+Fenster in das Zimmer hineinsieht, erblickt man den Kamin in der Mitte
+der dem Beschauer gegenüberstehenden Wand. Links eine Tür. Über
+dem Kaminsims befindet sich ein Diplom in einem Rahmen. Vor dem Kamin
+steht ein breiter schwarzlederner Sessel, rechts in der Ecke ein
+sauberer Schemel und eine Bank mit Schraubstock, Werkzeugen, einem
+Mörser und einem Stößel darauf. In der Nähe dieser Bank befindet sich
+ein dünnes peitschenartiges Gerät, das mit einem Ständer, einem Pedal
+und einer übertrieben großen Kurbel versehen ist. Da man dieses
+Marterwerkzeug als Zahnbohrer erkennt, blickt man schaudernd nach
+links, wo man ein anderes Fenster, darunter einen Schreibtisch mit
+Löscher und Mappe sieht. Vor dem Schreibtisch ein Stuhl. In seiner
+Nähe, gegen die Türe zu, ein lederüberzogenes Sofa. Die
+gegenüberliegende rechtsseitige Wand wird hauptsächlich von einem
+langen Büchergestell eingenommen. Der Operationsstuhl steht dem
+Beschauer dicht gegenüber; in handlicher Nähe links davon befindet
+sich der Instrumentenschrank. Man bemerkt, daß die zahnärztliche
+Einrichtung samt Apparaten neu ist. Die mit einem Muster von
+Girlanden und Urnen geschmückten Tapeten im Geschmack eines
+Leichenbestatters, der Teppich mit seiner symmetrischen Zeichnung von
+reichen, kohlkopfartigen Blumensträußen, der gläserne Gaskronleuchter
+mit Prismen, die ebenfalls prismengeschmückten, vergoldeten, blauen
+Armleuchter in den Ecken des Kaminsimses und die Goldbronzeuhr unter
+einem Glassturz zwischen ihnen, deren Nutzlosigkeit durch eine billige
+amerikanische Uhr betont wird, die respektlos daneben gestellt ist und
+jetzt auf zwölf Uhr mittags zeigt: alles das vereinigt sich mit dem
+schwarzen Marmor, der dem Kamin das Ansehen einer Familiengruft en
+miniature gibt, um Kaufmannsanständigkeit im Anfang der Regierung der
+Königin Viktoria, den Glauben ans Geld, Bibelfetischismus, Furcht vor
+der Hölle, die immer im Kampf mit der Furcht vor der Armut liegt,
+instinktives Entsetzen vor dem leidenschaftlichen Charakter der Kunst,
+der Liebe und der römisch-katholischen Kirche, und im allgemeinen die
+ersten Früchte der Geldherrschaft in den Anfängen der industriellen
+Revolution anzudeuten.)
+
+(Nicht das Leiseste von diesen Traditionen liegt über den zwei
+Personen, die jetzt gerade im Zimmer sind. Die eine davon, eine sehr
+hübsche, sehr kleine Dame, deren winzige Figur mit der elegantesten
+Lebhaftigkeit gekleidet ist, gehört einer späteren Generation an: sie
+ist kaum achtzehn Jahre alt. Dieses liebe kleine Geschöpf gehört
+offenbar weder zu dem Zimmer, noch auch zu dem Lande; denn seine
+Gesichtsfarbe, obgleich sehr zart, ist von einer heißeren Sonne als
+der Englands gebräunt worden; aber trotzdem besteht für einen sehr
+feinen Beobachter ein Zusammenhang zwischen der jungen Dame und
+England. Sie hält nämlich ein Wasserglas in der Hand, und auf ihrem
+winzigen, energisch geschnittenen Mund wie auf ihren eigentümlich
+geschweiften Augenbrauen bemerkt man eine sich rasch verziehende Wolke
+spartanischer Hartnäckigkeit. Wenn man die kleinste Gewissenslinie
+zwischen ihren Augenbrauen entdecken könnte, würde ein Pietist wohl
+die schwache Hoffnung hegen, in ihr ein Schaf im Wolfspelz zu
+finden--ihr Kleid ist nämlich verwünscht hübsch--aber sowie die Wolke
+flieht, ist ihre Stirnlinie so vollkommen frei von jedem
+Sündenbewußtsein wie die eines Kätzchens.)
+
+(Der Zahnarzt, der sie mit der Selbstzufriedenbeit des erfolgreichen
+Operateurs betrachtet, ist ein junger Mann von ungefähr dreißig Jahren.
+Er macht nicht sehr den Eindruck eines Arbeitsmenschen: unter der
+geschäftsmäßigen Art und Weise des neuetablierten Zahnarztes, der auf
+der Suche nach Patienten ist, bemerkt man die leichtsinnige
+Liebenswürdigkeit des noch unverheirateten, auf der Suche nach
+lustigen Abenteuern befindlichen jungen Mannes von Welt. Er ist nicht
+ohne Ernst im Benehmen, aber seine straff gespannten Nasenflügel
+stempeln diesen zum Ernste eines Humoristen. Seine Augen sind klar,
+flink, von skeptisch mäßiger Größe und doch ein wenig wagelustig;
+seine Stirn ist prächtig, hinter ihr ist viel Raum; seine Nase und
+sein Kinn sind kavaliermäßig hübsch. Im ganzen ein anziehender,
+beachtenswerter Anfänger, dessen Aussichten ein Geschäftsmann ziemlich
+günstig einschätzen würde.)
+
+
+(Die junge Dame ihm das Glas reichend:) Danke schön. (Trotz ihrer
+mattgelben Hautfarbe spricht sie ohne den geringsten fremden Akzent.)
+
+(Der Zahnarzt setzt es auf den Rand des Instrumentenschrankes:) Das
+war mein erster Zahn!
+
+(Die junge Dame entsetzt:) Ihr erster?!... Wollen Sie damit sagen,
+daß Sie an mir angefangen haben, zu praktizieren?
+
+(Der Zahnarzt.) Jeder Zahnarzt muß einmal mit jemandem den Anfang
+machen.
+
+(Die junge Dame.) Jawohl, mit jemandem im Spital--aber nicht mit
+Leuten, die bezahlen.
+
+(Der Zahnarzt lachend:) Oh, das Spital zählt natürlich nicht!... Ich
+meinte nur: mein erster Zahn in meiner Privatpraxis.--Warum wollten
+Sie kein Lachgas haben?
+
+(Die junge Dame.) Weil Sie mir sagten, daß das noch fünf Schilling
+extra kostete.
+
+(Der Zahnarzt unangenehm berührt:) Oh, sagen Sie das nicht! Da hab'
+ich das Gefühl, als hätte ich Ihnen wegen der fünf Schillinge weh
+getan.
+
+(Die junge Dame mit kühler Dreistigkeit:) Nun, das haben Sie auch.
+(Sie steht auf:) Warum auch nicht?... Es ist Ihr Beruf, den Leuten
+weh zu tun. (Es macht ihm Spaß, in dieser Weise behandelt zu werden,
+und er kichert heimlich, während er fortfährt, seine Instrumente zu
+reinigen und wieder wegzulegen. Sie schüttelt ihr Kleid zurecht,
+blickt sich neugierig um und gebt an das Fenster.) Sie haben aber
+wirklich eine schöne Aussicht auf das Meer von diesen Zimmern aus!
+--Sind sie teuer?
+
+(Der Zahnarzt.) Ja.
+
+(Die junge Dame.) Ihnen gehört aber nicht das ganze Haus?
+
+(Der Zahnarzt.) Nein.
+
+(Die junge Dame kippt den Stuhl, der vor dem Schreibtisch steht, um
+und betrachtet ihn kritisch, während sie ihn auf einem Fuß
+herumwirbelt:) Ihre Einrichtung ist aber nicht die allermodernste;
+nicht wahr?
+
+(Der Zahnarzt.) Sie gehört dem Hausherrn.
+
+(Die junge Dame.) Gehört ihm dieser hübsche bequeme Rollstuhl auch?
+(Sie zeigt auf den Operationsstuhl.)
+
+(Der Zahnarzt.) Nein, den habe ich gemietet.
+
+(Die junge Dame geringschätzig:) Das habe ich mir gedacht! (Sie
+blickt umher, um noch mehr Schlüsse ziehen zu können:) Sie sind wohl
+noch nicht lange hier?
+
+(Der Zahnarzt.) Seit sechs Wochen.--Wünschen Sie sonst noch etwas zu
+wissen?
+
+(Die junge Dame, an der die Anspielung verloren gebt:) Haben Sie
+Familie?
+
+(Der Zahnarzt.) Ich bin unverheiratet.
+
+(Die junge Dame.) Selbstverständlich. Das sieht man.--Ich meine
+Schwestern... eine Mutter... und sowas.
+
+(Der Zahnarzt.) Nicht hier am Ort.
+
+(Die junge Dame.) Hm... Wenn Sie sechs Wochen hier sind und mein Zahn
+der erste war, dann kann Ihre Praxis nicht sehr groß sein?
+
+(Der Zahnarzt.) Bis jetzt nicht. (Er schließt den Schrank, nachdem er
+alles in Ordnung gebracht hat.)
+
+(Die junge Dame.) Nun denn, Glück auf! (Sie nimmt ihre Börse aus der
+Tasche:) Fünf Schillinge macht es, sagten Sie, nicht wahr?
+
+(Der Zahnarzt.) Fünf Schillinge.
+
+(Die junge Dame nimmt ein Fünf-Schilling-Stück heraus:) Rechnen Sie
+für jede Operation fünf Schillinge?
+
+(Der Zahnarzt.) Ja.
+
+(Die junge Dame.) Warum?
+
+(Der Zahnarzt.) Das ist mein System. Ich bin eben, was man einen
+Fünf-Schilling-Zahnarzt nennt.
+
+(Die junge Dame.) Wie nett!--Hier! (Sie hält das Silberstück in die
+Höhe:) Ein hübsches neues Fünf-Schilling-Stück--Ihre erste Einnahme!
+Machen Sie mit dem Instrument, mit dem Sie den Leuten die Zähne
+anbohren, da ein Loch hinein und tragen Sie's an Ihrer Uhrkette.
+
+(Der Zahnarzt.) Danke sehr.
+
+(Das Stubenmädchen erscheint an der Tür:) Der Bruder der jungen Dame.
+
+(Die hübsche Miniaturausgabe eines Mannes, augenscheinlich der
+Zwillingsbruder der jungen Dame, tritt lebhaft ein. Er trägt einen
+terrakottfarbenen Kaschmiranzug; der elegant geschnittene Rock ist mit
+brauner Seide gefüttert. In der Hand hält er einen braunen Zylinder
+und dazu passende, loh*braune Handschuhe. Er hat die mattgelbe
+Gesichtsfarbe seiner Schwester und ist nach demselben kleinen Maßstabe
+gebaut wie sie. Aber er ist elastisch, muskulös und von
+entschlossenen Bewegungen und hat eine unerwartet tiefe und schneidige
+Sprechwiese. Er besitzt vollendete Manieren und einen vollendeten
+persönlichen Stil, um den ihn ein doppelt so alter Mann beneiden
+könnte. Anmut und Selbstbeherrschung sind ihm Ehrensache, und
+obgleich dies, richtig betrachtet, nur die moderne Art knabenhafter
+Verlegenheit ist, so ist doch die Wirkung seines Wesens auf ältere
+Leute verblüffend und wäre bei einem weniger für sich einnehmenden
+jungen Menschen unerträglich. Er ist die Schlagfertigkeit selbst und
+hat im Augenblick seines Eintretens eine Frage bereit:)
+
+(Der junge Mann.) Komme ich noch zu rechter Zeit?
+
+(Die junge Dame.) Nein, es ist schon alles vorüber.
+
+(Der junge Mann.) Hast du geheult?
+
+(Die junge Dame.) Oh, fürchterlich! Herr Doktor Valentine--mein
+Bruder Phil. Phil: das ist Herr Dr. Valentine, unser neuer Zahnarzt.
+(Dr. Valentine und Philip verneigen sich voreinander. Sie fährt in
+einem Atem fort:) Er ist erst seit sechs Wochen hier und ist
+Junggeselle. Das Haus gehört ihm nicht, und die Einrichtung gehört
+seinem Hausherrn, aber die nötigen Gegenstände für seinen Beruf hat er
+gemietet. Er hat meinen Zahn wundervoll auf den ersten Ruck
+herausgekriegt. Und wir sind sehr gute Freunde.
+
+(Philip.) Du hast wohl eine Menge Fragen gestellt, was?
+
+(Die junge Dame als ob sie unfähig wäre, das zu tun:) O nein!
+
+(Philip.) Das freut mich. (Zu Dr. Valentine:) Sehr liebenswürdig von
+Ihnen, nichts gegen uns zu haben, Herr Doktor. Wir sind nämlich noch
+nie in England gewesen, und unsere Mutter hat uns darauf vorbereitet,
+daß die Leute uns hier einfach nicht ertragen würden.--Kommen Sie,
+frühstücken Sie mit uns.
+
+(Dr. Valentine erschreckt über das Tempo, in dem ihre Bekanntschaft
+fortschreitet, ringt nach Atem, aber er hat keine Gelegenheit zu
+sprechen, da die Unterhaltung der Zwillinge reißend und andauernd ist.)
+
+(Die junge Dame.) O ja, sagen Sie zu, Herr Doktor!
+
+(Philip.) Im Marine-Hotel um halb zwei.
+
+(Die junge Dame.) Wir werden dann Mama erzählen können, daß ein
+achtbarer Engländer versprochen hat, mit uns zu frühstücken.
+
+(Philip.) Kein Wort mehr, Herr Doktor; Sie werden kommen!
+
+(Dr. Valentine.) Kein Wort mehr?... Ich habe überhaupt noch kein Wort
+gesagt... Darf ich fragen, mit wem ich eigentlich die Ehre habe?...
+Es ist mir wirklich ganz unmöglich, mit zwei mir vollständig
+Unbekannten im Marine-Hotel zu frühstücken.
+
+(Die junge Dame vorlaut:) Ach, was für ein Unsinn!... Ein Patient in
+sechs Wochen! Kann Ihnen doch ganz einerlei sein?
+
+(Philip gesetzt:) Nein, Dolly: meine Menschenkenntnis bestätigt Herrn
+Doktor Valentines Ansicht; er hat recht.--Erlauben Sie, daß ich Ihnen
+Fräulein Dorothea Clandon, gewöhnlich Dolly genannt; vorstelle. (Dr.
+Valentine verneigt sich vor Dolly. Sie nickt ihm zu.) Ich bin Philip
+Clandon--wir sind aus Madeira--aber trotzdem bis jetzt ganz achtbare
+Leute.
+
+(Dr. Valentine.) Clandon?... Sind Sie verwandt mit--
+
+(Dolly mit einem unerwarteten Verzweiflungsschrei:) ja, wir sind's!
+
+(Dr. Valentine erstaunt:) Verzeihen Sie--
+
+(Dolly.) Ja, ja, wir sind es!... Alles ist zu Ende, Phil! Man weiß
+alles über uns in England! (Zu Dr. Valentine:) Oh, Sie können sich
+nicht vorstellen, wie entsetzlich es ist, mit einer berühmten
+Persönlichkeit verwandt zu sein und nirgends um seiner selbst willen
+geschätzt zu werden.
+
+(Dr. Valentine.) Aber entschuldigen Sie: der Herr, an den ich dachte,
+ist durchaus nicht berühmt.
+
+(Dolly ihn anstarrend:) Der Herr?...
+
+(Philip ist auch erstaunt.)
+
+(Dr. Valentine.) Ja. Ich wollte Sie fragen, ob Sie zufällig die
+Tochter des Herrn Densmore Clandon aus Newbury Hall sind.
+
+(Dolly ausdruckslos:) Nein.
+
+(Philip.) Na, Dolly, woher weißt du das?
+
+(Dolly aufgeheitert:) Oh, ich vergaß, natürlich--vielleicht bin ich's!
+
+(Dr. Valentine.) Wissen Sie das nicht?
+
+(Philip.) Ganz und gar nicht.
+
+(Dolly.) Ein kluges Kind--
+
+(Philip sie kurz unterbrechend:) Sch! (Dr. Valentine fährt bei diesem
+Laut ängstlich zusammen. Obwohl er kurz ist, klingt er doch so, als
+ob ein Stück Seidenzeug durch einen Blitz entzweigeschnitten würde.
+Er ist das Resultat langer Übung und soll Dollys Indiskretion
+verhindern.) Die Sache ist die, Herr Doktor: wir sind die Kinder der
+berühmten Frau Lanfrey Clandon, einer Schriftstellerin von großem
+Ruf--in Madeira. Kein Haushalt ist vollkommen ohne ihre Werke. Wir
+sind nach England gekommen, um diese Werke los zu werden. Sie heißen
+"Abhandlungen für das zwanzigste Jahrhundert".
+
+(Dolly.) Die Küche des zwanzigsten Jahrhunderts!--
+
+(Philip.) Das Glaubensbekenntnis des zwanzigsten Jahrhunderts--
+
+(Dolly.) Die Kleidung des zwanzigsten Jahrhunderts--
+
+(Philip.) Das Betragen des zwanzigsten Jahrhunderts--
+
+(Dolly.) Die Kinder des zwanzigsten Jahrhunderts--
+
+(Philip.) Die Eltern des zwanzigsten Jahrhunderts--
+
+(Dolly.) Geheftet einen halben Dollar--
+
+(Philip.) Oder auf Leinwand aufgezogen, zum häufigen Familiengebrauch,
+zwei Dollar. In keinem Hause sollten diese Werke fehlen.--Lesen Sie
+sie, Herr Doktor; sie werden Ihre Seele veredeln.
+
+(Dolly.) Aber nicht, solange wir hier sind, wenn ich bitten darf.
+
+(Philip.) Richtig! Wir ziehen Leute mit unveredelten Seelen vor.
+Unsere eigene Seele befindet sich nämlich in dieser frischen und
+unverdorbenen Verfassung.
+
+(Dr. Valentine zweifelhaft:) Hm!
+
+(Dolly ahmt ihn fragend nach:) Hm...?--Phil, er zieht Leute vor, deren
+Seelen veredelt sind.
+
+(Philip.) Wenn das der Fall ist, müssen wir ihn mit dem andern
+Familienglied bekannt machen, mit der "Frau des zwanzigsten
+Jahrhunderts", unserer Schwester Gloria!
+
+(Dolly dithyrambisch:) Dem Meisterwerk der Schöpfung!
+
+(Philip.) Der Tochter der Wissenschaft!
+
+(Dolly.) Dem Stolz Madeiras!
+
+(Philip.) Dem Inbegriff der Schönheit!
+
+(Dolly wird plötzlich prosaisch:) Unsinn, keinen Teint!
+
+(Dr. Valentine verzweifelt:) Darf ich endlich auch ein Wort sagen?
+
+(Philip höflich:) Entschuldigen Sie--bitte.
+
+(Dolly sehr liebenswürdig:) Verzeihen Sie.
+
+(Dr. Valentine versucht, väterlich zu ihnen zu sein:) Ich muß euch
+jungen Leuten wirklich einen Wink geben.
+
+(Dolly bricht wieder aus:) Na, das ist wirklich gut! Wie alt sind Sie?
+
+(Philip.) Über dreißig.
+
+(Dolly.) Nein.
+
+(Philip zuversichtlich:) Doch!
+
+(Dolly emphatisch:) Siebenundzwanzig!
+
+(Philip unerschütterlich:) Dreiunddreißig!
+
+(Dolly.) Unsinn!
+
+(Philip zu Dr. Valentine:) Ich wende mich an Sie, Herr Doktor!
+
+(Dr. Valentine sich verwahrend:) Nein wirklich--(Er ergibt sich:)
+Einunddreißig.
+
+(Philip zu Dolly:) Du hast also unrecht gehabt!
+
+(Dolly.) Du auch!
+
+(Philip plötzlich gewissenhaft:) Wir vergessen unsere gute Erziehung,
+Dolly.
+
+(Dolly reuig:) Ja, das tun wir.
+
+(Philip sich entschuldigend:) Wir haben Sie unterbrochen, Herr Doktor.
+
+(Dolly.) Ich glaube, Sie waren eben im Begriff, unsere Seele zu
+veredeln.
+
+(Dr. Valentine.) Tatsache ist, daß Ihr--
+
+(Philip ihm zuvorkommend:) Unser Aussehen?...
+
+(Dolly.) Unsere Manieren?...
+
+(Dr. Valentine ad misericordiam:) Ich beschwöre Sie, lassen Sie mich
+sprechen!
+
+(Dolly.) Die alte Geschichte--wir reden zu viel!
+
+(Philip.) Das tun wir. Schweigen wir alle beide! (Er setzt sich auf
+den Arm des Operationsstuhles.)
+
+(Dolly.) Mm! (Sie setzt sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und
+hält ihre Lippen mit den Fingerspitzen zu.)
+
+(Dr. Valentine.) Danke. (Er holt den Schemel von der Bank in der Ecke,
+stellt ihn zwischen sie und setzt sich mit einer richterlichen Miene.
+Sie beobachten ihn mit größtem Ernst. Er wendet sich zuerst an Dolly:
+) Darf ich Sie vor allem fragen, ob Sie schon jemals in einem
+englischen Seebad gewesen sind? (Sie schüttelt langsam und feierlich
+den Kopf. Er wendet sich zu Phil, der auch rasch und ausdrucksvoll
+seinen Kopf schüttelt.) Das habe ich mir gedacht!... Nun, Herr
+Clandon, unsere Bekanntschaft ist erst von kurzer Dauer, aber von
+großer Redseligkeit gewesen, und ich habe genug beobachtet, um
+überzeugt zu sein, daß Sie beide keine Ahnung haben, was das Leben in
+einem englischen Seebade bedeutet. Glauben Sie mir, es kommt weder
+auf die Manieren noch auf das Aussehen an... was das betrifft,
+genießen wir eine in Madeira unbekannte Freiheit. (Dolly schüttelt
+heftig den Kopf.) O ja, das dürfen Sie mir glauben. Lord de Crescis
+Schwester radelt in Kniehosen, und die Pastorsfrau tritt für
+Reformkleider ein und trägt hygienische Schuhe. (Dolly blickt
+verstohlen nach ihren eigenen Schuhen. Dr. Valentine bemerkt das und
+fügt flink hinzu:) Nein, das ist nicht die Art Schuh, die ich meine.
+(Dollys Schuh verschwindet.) Wir machen uns nicht viel aus Kleidern
+und Manieren in England, weil wir, als Volk, weder gut gekleidet sind
+noch Manieren haben. Aber--und nun frage ich Sie: Nehmen Sie's mir
+nicht übel, wenn ich aufrichtig bin? (Sie nicken.) Ich danke.--Nun,
+eins müssen Sie in einem englischen, Seebad haben, bevor irgend jemand
+sich mit Ihnen sehen lassen darf--und das ist ein Vater... ein
+lebendiger oder ein toter. (Er sieht sie abwechselnd mit Nachdruck an.
+Sie begegnen seinen Blicken wie Märtyrer.) Muß ich annehmen, daß Sie
+diesen unumgänglich nötigen Bestandteil Ihrer gesellschaftlichen
+Ausrüstung außer acht gelassen haben? (Sie stimmen ihm durch
+melancholisches Kopfnicken zu.) Dann muß ich Ihnen leider sagen, falls
+Sie die Absicht haben, längere Zeit hierzubleiben, daß es mir
+unmöglich sein wird, Ihre liebenswürdige Einladung zum Frühstück
+anzunehmen. (Er erheht sich, als ob er nun Schluß machen wollte, und
+setzt den Schemel wieder an die Wand.)
+
+(Philip erheht sich mit ernster Höflichkeit:) Komm, Dolly! (Er reicht
+ihr den Arm.)
+
+(Dolly.) Adieu. (Sie gehen zusammen mit vollendeter Würde zur Tür.)
+
+(Dr. Valentine von Gewissensbissen überwältigt:) O bleiben
+Sie--bleiben Sie! (Sie bleiben stehen und wenden sich Arm in Arm um.)
+Ich komme mir wirklich wie ein vollkommener Tölpel vor.
+
+(Dolly.) Daran ist Ihr Gewissen schuld, nicht wir.
+
+(Dr. Valentine energisch, läßt allen Anspruch auf berufsmäßige
+Manieren beiseite:) Mein Gewissen?... Mein Gewissen hat mich zugrunde
+gerichtet.--Hören Sie mich an!... Ich habe mich schon zweimal in
+verschiedenen Teilen Englands als achtbarer praktischer Arzt
+niedergelassen. Beide Male bin ich gewissenhaft gewesen und habe
+meinen Patienten statt dessen, was sie hören wollten, immer die nackte
+Wahrheit gesagt. Die Folge davon war mein Ruin.--Nun habe ich mich
+hier als Zahnarzt niedergelassen--als Fünf-Schilling-Zahnarzt, und
+habe ein für allemal mit dem Gewissen abgeschlossen; dies hier ist
+meine letzte Hoffnung. Ich habe mein letztes Goldstück für den Umzug
+ausgegeben und habe noch keinen Schilling Miete bezahlt. Ich esse und
+trinke auf Kredit, mein Hausherr ist reich wie ein Jude und hart wie
+Stahl. In sechs Wochen habe ich fünf Schillinge verdient. Wenn ich
+um Haaresbreite vom geraden Wege der strengsten Achtbarkeit abweiche,
+so bin ich verloren.--Ist es unter solchen Umständen recht und billig,
+mich zum Frühstück einzuladen, wenn Sie ihren eigenen Vater nicht
+kennen?
+
+(Dolly.) Na, schließlich ist unser Großvater Stiftsherr der
+Lincoln-Kathedrale.--
+
+(Dr. Valentine wie ein Schiffbrüchiger, der ein Segel am Horizont
+sieht:) Was? Sie haben einen Großvater?
+
+(Dolly.) Nur einen.
+
+(Dr. Valentine.) Meine lieben guten jungen Freunde, um des Himmels
+willen, ja warum habt ihr mir das denn nicht gleich gesagt?... Ein
+Stiftsherr der Lincoln-Kathedrale! Das bringt natürlich alles in
+Ordnung!--Entschuldigen Sie mich einen Augenblick; ich will nur meinen
+Rock wechseln. (Er ist mit einem Satz an der Türe und verschwindet.
+Dolly und Philip starren ihm erst nach, dann starren sie einander an.
+Da sie ohne Publikum sind, sinken sie sofort in sich zusammen und
+werden Alltagsmenschen.)
+
+(Philip stößt Dollys Arm fort und gebt übellaunig zum Operationsstuhl:
+) Dieser elende bankerotte Zahnschlosser tut so, als ob es für uns
+eine Ehre wäre, ihm ein Frühstück zu bezahlen! Wahrscheinlich seit
+Monaten sein erstes anständiges Essen! (Er gibt dem Stuhl einen Stoß,
+als ob der Dr. Valentine wäre.)
+
+(Dolly.) Das ist doch zu stark! Ich kann das nicht länger ertragen,
+Phil! Hier in England fragt einen jeder Mensch sofort, ob man einen
+Vater hat oder nicht.
+
+(Philip.) Ich will es auch nicht länger ertragen. Mama muß uns sagen,
+wer er war!
+
+(Dolly.) Oder wer er ist! Vielleicht lebt er noch.
+
+(Philip.) Das will ich nicht hoffen. Kein lebender Mensch soll sich
+mir als Vater aufspielen!
+
+(Dolly.) Vielleicht hat er aber eine Menge Geld?!
+
+(Philip.) Das bezweifle ich. Meine Menschenkenntnis sagt mir, daß er
+seine liebe volle Familie nicht so leicht los geworden wäre, wenn er
+eine Menge Geld besessen hätte... Immerhin, trachten wir, die Dinge
+im günstigsten Licht zu sehn. Verlaß dich darauf, er ist tot! (Er
+geht an den Kamin, bleibt mit dem Rücken gegen das Feuer stehen und
+streckt sich. Das Stubenmädchen erscheint. Die Zwillinge strahlen
+gleich wieder in ihrem früheren Glanz, als sie sich beobachtet wissen.)
+
+(Das Stübenmadchen.) Zwei Damen fragen nach Ihnen, gnädiges Fräulein.
+Ich glaube, die Frau Mutter und das Fräulein Schwester.
+
+(Frau Clandon und Gloria treten ein. Frau Clandon ist eine Dame
+zwischen vierzig und fünfzig, mit einer leichten Neigung zu sanftem,
+seßhaftem Fett und einem ansehnlichen Rest von Schönheit--letzterem
+nicht um so weniger darum, als sie offenbar der alten Frauensitte
+gefolgt ist, d.h. nach der ehelichen Verbindung keine Ansprüche in
+dieser Beziehung mehr erhoben hat. Man könnte sie fast verdächtigen,
+zu Hause eine Haube zu tragen. Sie trägt sich mit Kunst und gut, wie
+es Frauen als ein Teil guter Manieren von Tanz- und Anstandslehrern
+gelehrt wurde, bevor diese durch den modernen künstlerischen Kultus
+von Schönheit und Gesundheit verdrängt wurden. Ihr flachsblondes, von
+Silberfäden durchzogenes Haar ist gewellt, in der Mitte gescheitelt,
+geflochten und hinten zu einem Knoten gewunden. Gute Beobachter eines
+gewissen Alters können daraus schließen, daß Frau Clandon in ihrer
+Mädchenzeit genügend Individualität und guten Geschmack besessen hat,
+um sich der seither vergessenen Mode des Chignons energisch zu
+widersetzen. In Kürze: sie ist in Kleidern und Manieren für ihr Alter
+auffallend unmodern, aber sie gehört in das Vordertreffen ihrer
+eigenen Zeit (etwa 1860-80), in einer eifersüchtig betonenden Haltung
+des Charakters und Verstandes und darin, daß sie eher eine Frau mit
+kultivierten Interessen als mit leidenschaftlich entwickelten
+persönlichen Neigungen ist. Ihre Stimme und die Art, sich zu geben,
+sind durchaus freundlich und menschlich. Sie gibt sich gewissenhaft
+den gelegentlichen Liebkosungen hin, durch die ihre Kinder ihr ihre
+Achtung bezeugen, jedoch machen Kundgebungen persönlichen Gefühls sie
+heimlich verlegen. In ihr lebt mehr menschenfreundliches als
+menschliches Gefühl; sie begt starke Gefühle, was soziale Fragen und
+Grundsätze, nicht aber was Menschen betrifft; nur kann man beobachten,
+daß diese ihre Verständigkeit und außerordentliche Zurückhaltung im
+Persönlichen, die ihre Beziehungen zu Gloria und Phil nicht anders
+erscheinen lassen, als es die zwischen ihr und den Kindern irgendeiner
+anderen Frau sein könnten, in Dollys Fall nicht standhält;--obgleich
+fast jedes Wort, das sie an diese richtet, notwendig ein Protest gegen
+irgendeinen Bruch des Dekorums ist, so ist doch die Zärtlichkeit in
+ihrer Stimme hier unverkennbar, und es ist nicht überraschend, daß
+eine jahrelang so geartete Kundgebung Dolly rettungslos verzogen hat.)
+
+(Gloria hat die Zwanzig kaum überschritten, ist aber eine viel
+furchterregendere Dame als ihre Mutter. Sie ist die Verkörperung
+geistigen Hochmuts. Ihrem heftigen, unduldsamen, berrschsüchtigen
+Charakter hält bloß die Unerfahrenheit ihrer Jugend die Wage, und
+gegen ihren Willen wird er in Zucht gehalten durch die fortgesetzte
+Gefahr, von ihren jüngeren leichtlebigeren Geschwistern lächerlich
+gemacht zu werden. Im Gegensatz zu ihrer Mutter ist sie ganz
+Leidenschaft, und der Kampf zwischen ihrer Leidenschaft, ihrem
+hartnäckigen Stolz und ihrer übertriebenen Feinheit hat eine eisige
+Kälte des Betragens zur Folge. Bei einer häßlichen Frau würde das
+alles abstoßend wirken; aber Gloria ist eine anziehende Frau. Ihr
+tief kastanienbraunes Haar, ihre olivenfarbene Haut, ihre langen
+Wimpern, die grauen beschatteten Augen, die oft wie Sterne glänzen,
+zart geschweifte, volle Lippen und eine volle, geschmeidige, jedoch
+muskelkräftige Gestalt sprechen in hochmütiger Freimütigkeit zu
+Einbildungskraft und Sinnen. Man könnte sie für ein sehr gefährliches
+Mädchen halten, wenn Glorias sittlicher Eifer nicht auch in einer sehr
+edlen Stirn zum Ausdruck käme. Ihr tailor-made Kleid aus
+safranbraunem Tuch erscheint von rückwärts gesehen konventionell, aber
+eine Bluse von meergrüner Seide hebt das Konventionelle der Kleidung
+mit einem Schlage auf und unterscheidet sie sofort--so wie die
+Zwillinge--von den gewöhnlichen modernen Strandmenschen.)
+
+(Frau Clandon macht ein paar Schritte vorwärts und blickt umher, um zu
+sehen, wer da ist. Gloria, die es absichtlich vermeidet, den
+Zwillingen irgendein Interesse für sie zu zeigen, geht an das Fenster
+und blickt, in Gedanken versunken, ins Weite.--Das Stubenmädchen,
+anstatt sich zurückzuziehen, schließt die Tür und wartet davor.)
+
+(Frau Clandon.) Na, Kinder!... Hast du noch Zahnschmerzen, Dolly?
+
+(Dolly.) Geheilt! Gott sei Dank. Ich hab' ihn mir herausziehen
+lassen. (Sie setzt sich auf die Stufe des Operationsstuhls. Frau
+Clandon nimmt den Sessel, der vor dem Schreibtisch steht.)
+
+(Philip mischt sich vom Kamin aus gravitätisch ins Gespräch:) Und der
+Zahnarzt, ein erstklassiger Fachmann von größtem Ruf, wird mit uns
+frühstücken.
+
+(Frau Clandon sieht sich ängstlich nach dem Stubenmädchen um:) Phil!
+
+(Das Stubenmädchen.) Verzeihen Sie, gnädige Frau, ich warte auf den
+Herrn Doktor. Ich habe ihm etwas auszurichten.
+
+(Dolly.) Von wem?
+
+(Frau Clandon verdrießlich:) Dolly!
+
+(Dolly faßt ihre Lippen mit den Fingerspitzen und unterdrückt einen
+kleinen Heiterkeitsausbruch.)
+
+(Das Stubenmädchen.) Bloß vom Hausherrn, gnädiges Fräulein.
+
+(Dr. Valentine kommt in einem blauen Serge-Anzug, mit einem Strohhut
+in der Hand, in bester Laune zurück, ganz atemlos infolge der Eile,
+mit der er sich umgezogen hat. Gloria wendet sich vom Fenster ab und
+mustert ihn mit kalter Aufmerksamkeit.)
+
+(Philip.) Erlauben Sie, daß ich Sie bekannt mache, Herr Doktor.--Meine
+Mutter, Frau Lanfrey Clandon.
+
+(Frau Clandon verneigt sich, Dr. Valentine verneigt sich, selbstbewußt
+und der Situation gewachsen.) Meine Schwester Gloria. (Gloria
+verneigt sich mit kalter Würde und setzt sich auf das Sofa. Dr.
+Valentine verliebt sich auf den ersten Blick und ist entsetzlich
+verwirrt. Er dreht seinen Hut nervös zwischen den Fingern und macht
+Gloria eine schüchterne Verbeugung.)
+
+(Frau Clandon.) Ich höre, daß wir das Vergnügen haben werden, Sie
+heute zum Frühstück bei uns zu sehen, Herr Doktor?
+
+(Dr. Valentine.) Ich danke--ich--wenn Sie gestatten--ich meine, wenn
+Sie so liebenswürdig sein wollen--(Zum Stubenmädchen verdrossen:) Was
+ist los?
+
+(Das Stubenmädchen.) Der Hausherr wünscht Sie zu sprechen, bevor Sie
+ausgehen, Herr Doktor.
+
+(Dr. Valentine.) Sagen Sie ihm, daß ich mit vier Patienten beschäftigt
+bin. (Die Clandons sehen überrascht aus, mit Ausnahme von Philip, der
+unerschütterlich ruhig bleibt.) Aber wenn er etwa zwei Minuten warten
+wollte, so würde ich hinunterkommen und ihn einen Augenblick sprechen.
+(Er verläßt sich darauf, daß sie die Situation begreift.) Sagen Sie
+ihm, daß ich zu tun habe, aber daß ich mit ihm zu sprechen wünsche.
+
+(Das Stubenmädchen bestätigend:) Jawohl, Herr Doktor. (Sie gebt ab.)
+
+(Frau Clandon im Begriff aufzustehen:) Ich fürchte, wir halten Sie auf.
+
+(Dr. Valentine.) Durchaus nicht, durchaus nicht! Ihre Anwesenheit
+wird hier von größtem Vorteil für mich sein. Ich bin nämlich seit
+sechs Wochen die Miete schuldig und habe bis zum heutigen Tage keinen
+einzigen Patienten gehabt. Meine Unterredung mit dem Hausherrn wird
+nun infolge des sichtlichen Aufschwungs meines Geschäftes viel besser
+ablaufen.
+
+(Dolly ärgerlich:) O wie gräßlich langweilig von Ihnen, das alles
+auszuplaudern! Und wir haben gerade eben behauptet, daß Sie ein
+hochangesehener Fachmann allerersten Ranges sind.
+
+(Frau Clandon entsetzt:) O Dolly! Dolly! wie kannst du so grob sein!
+(Zu Dr. Valentine:) Bitte, entschuldigen Sie meine Kinder, diese
+Barbaren, Herr Doktor!
+
+(Dr. Valentine.) O bitte, bitte, ich bin schon an sie gewöhnt.--Wäre
+es unbescheiden, wenn ich Sie bitten würde, fünf Minuten zu warten,
+während ich unten meinen Hausherrn abfertige?
+
+(Dolly.) Aber beeilen Sie sich, wir sind hungrig!
+
+(Frau Clandon wieder protestierend:) Aber liebe Dolly!
+
+(Dr. Valentine zu Dolly:) Gut, gut! (Zu Frau Clandon:) Besten Dank.
+Sie sind sehr gütig--ich werde nicht lange ausbleiben. (Während er
+abgeht, wirft er einen raschen Blick auf Gloria. Sie betrachtet ihn
+sehr ernst. Er wird sehr verlegen.) Ich--äh--äh--ja--ich danke--ich
+danke Ihnen... (Es gelingt ihm endlich, sich aus dem Zimmer zu
+drücken, aber sein Abgang ist bemitleidenswert.)
+
+(Philip.) Habt ihr gesehen? (Auf Gloria zeigend:) Liebe auf den
+ersten Blick. Du kannst seinen Skalp deiner Sammlung einreihen,
+Gloria.
+
+(Frau Clandon.) Scht! scht... ich bitte dich, Phil! Er kann es gehört
+haben!
+
+(Philip.) Ach, der nicht--! (sich zu einer Szene vorbereitend:) Und
+nun gib acht, Mama. (Er nimmt den Schemel, der neben der)
+
+(Bank steht, und setzt sich majestätisch in die Mitte des Zimmers, die
+vorhergegangene Demonstration Valentines kopierend.)
+
+(Dolly fühlt, daß ihr Platz auf der Stufe des Operationsstuhles nicht
+der Würde dieses Anlasses entspricht; sie erhebt sich und schaut
+wichtig und entschlossen drein. Sie geht an das Fenster und lehnt
+sich mit dem Rücken gegen die Kante des Schreibtisches, ihre Hände
+hinter sich auf den Tisch legend.)
+
+(Frau Clandon betrachtet beide, verwundert, was da kommen wird.)
+
+(Gloria wird aufmerksam.)
+
+(Philip streckt sich, legt die Handknöchel symmetrisch auf die Knie
+und trägt seinen Fall vor:) Dolly und ich, wir haben letzthin
+mancherlei besprochen, und infolge meiner Menschenkenntnis glaube ich
+nicht, glauben wir nicht, daß du... (er spricht sehr pointiert, mit
+Pausen zwischen den Worten:) die Tatsache in ihrer ganzen Tragweite
+erfaßt hast...
+
+(Dolly setzt sich mit einem Satz auf den Tisch:)... daß wir erwachsen
+sind!
+
+(Frau Clandon.) Wirklich?... In welcher Beziehung habe ich euch Anlaß
+zu Klagen gegeben?
+
+(Philip.) Nun, wir fangen an zu fühlen, daß es gewisse Dinge gibt,
+über die du uns etwas mehr ins Vertrauen ziehen könntest.
+
+(Frau Clandon erhebt sich.) Die ganze Sanftmut ihres Alters ist
+plötzlich fort, und eine merkwürdig harte, würdevolle, aber verbissene,
+vornehme, jedoch unerschütterliche Aufregung, die Art der alten
+Vorkämpferin der Frauenbewegung, überkommt sie:) Phil, nimm dich in
+acht! Vergiß nicht, was ich dich immer gelehrt habe! Es gibt zwei
+Arten des Familienlebens, Phil, und deine Menschenkenntnis erstreckt
+sich vorläufig nur auf die eine. (Rhetorisch:) Die Art, die du kennst,
+ist auf gegenseitige Achtung gegründet, auf der Anerkennung des
+Rechtes eines jeden Mitglieds des Hauses, auf Unabhängigkeit und
+Selbstbestimmung (ihre Betonung des Wortes "Selbstbestimmung" ist
+bedeutsam:) in seinen persönlichen Angelegenheiten. Und weil du
+dieses Recht immer genossen hast, scheint es dir so selbstverständlich,
+daß du es nicht mehr schätzest;--aber (mit beißender Schärfe:) es
+gibt noch eine andere Art des Familienlebens. Ein Leben, in dem
+Ehemänner die Briefe ihrer Frauen öffnen und von ihnen Rechenschaft
+für jeden Pfennig ihrer Ausgaben und jeden Augenblick ihrer Zeit
+verlangen, ein Familienleben, in welchem Frauen dasselbe von ihren
+Kindern fordern! Ein Familienleben, in welchem kein Zimmer
+abgeschlossen und keine Stunde heilig ist, in welchem Pflicht,
+Gehorsam, Liebe, Heim, Sittlichkeit und Religion verabscheuenswerte
+Tyrannen sind und das Dasein eine vulgäre Kette von Strafen und Lügen
+bedeutet, von Zwang und Unterdrückung, Eifersucht, Argwohn und
+gegenseitigem Beschuldigen--oh! Ich kann es dir nicht beschreiben: zu
+deinem Glück weißt du nichts davon. (Sie setzt sich und holt Atem.
+
+(Gloria hat mit glänzenden Augen zugehört und teilt den ganzen
+Unwillen ihrer Mutter.)
+
+(Dolly ganz unempfänglich für Rhetorik:) Siehe "Die Eltern des
+zwanzigsten Jahrhunderts", Kapitel über Freiheit, passim.
+
+(Frau Clandon berührt liebevoll ihre Schulter, selbst durch ein
+Spottwort von ihr besänftigt:) Meine liebe Dolly, wenn du nur
+wüßtest, wie froh ich bin, daß dir das alles nur einen Scherz
+bedeutet, so bitter ernst es mir auch ist. (Wendet sich etwas
+entschlossener zu Philip:) Phil, ich frage dich niemals nach deinen
+Privatangelegenheiten; du wirst dir doch nicht einfallen lassen, mich
+nach den meinigen zu fragen--wie?
+
+(Philip.) Ich glaube, wir sind es uns selbst schuldig, zu erklären,
+daß die Frage, die wir an dich richten wollen, ebensosehr unsere
+Angelegenheit wie die deine ist.
+
+(Dolly.) Überdies kann's nicht gut sein, daß jemand eine Menge Fragen
+in seinem Innern verschlossen herumtragen soll. Das hast du getan,
+Mama! Aber schau, wie entsetzlich es dafür aus mir hervorbricht.
+
+(Frau Clandon.) Ich sehe, ihr müßt eure Frage stellen. Also tut es.
+
+(Dolly) und (Philip gleichzeitig:) Wer--(Sie halten inne.)
+
+(Philip.) Nun aber, Dolly! Soll ich diese Angelegenheit führen oder
+du?
+
+(Dolly.) Du.
+
+(Philip.) Dann halte deinen Mund. (Dolly tut das in des Wortes
+buchstäblicher Bedeutung:) Der Fall ist einfach folgender: Als der
+Zahnschlosser--
+
+(Frau Clandon protestierend:) Phil!
+
+(Philip.) Zahnarzt ist ein häßliches Wort. Der Mann des Goldes und
+des Elfenbeins fragte uns also, ob wir die Kinder des Herrn Densmore
+Clandon aus Newbury Hall wären. Gemäß deinen, in der Abhandlung über
+das Betragen im zwanzigsten Jahrhundert, ausgesprochenen Lehren und
+deinen uns wiederholt persönlich erteilten Ermahnungen, die Zahl
+unserer unnötigen Lügen zu beschränken, haben wir wahrheitsgetreu
+geantwortet, daß wir es nicht wüßten.
+
+(Dolly.) Das wußten wir auch nicht!
+
+(Philip.) Sch! Die Folge davon war, daß der Gummiarchitekt bezüglich
+der Annahme unserer Einladung große Schwierigkeiten machte, obgleich
+ich bezweifle, daß er in den letzten vierzehn Tagen etwas anderes
+genossen hat als Tee und Butterbrot.--Nun bin ich aber dank meiner
+Menschenkenntnis zu der Überzeugung gelangt, daß wir einen Vater
+gehabt haben müssen und daß du wahrscheinlich weißt, wer das war.
+
+(Frau Clandon, deren Erregung wiederkehrt:) Halt, Phil! Dein Vater
+bedeutet weder etwas für dich noch für mich. (Heftig:) Das genügt!
+(Die Zwillinge schweigen, sind aber nicht befriedigt. Sie machen
+lange Gesichter.)
+
+(Gloria, die dem Streit aufmerksam zugehört hat, mengt sich plötzlich
+ein. Vortretend:) Mutter, wir haben ein Recht zu wissen, wer unser
+Vater ist!
+
+(Frau Clandon erhebt sich und wendet sich zu ihr:) Gloria! "Wir?" Wer
+ist "wir"?
+
+(Gloria, entschlossen:) Wir drei. (Ihr Ton ist nicht mißzuverstehen,
+sie setzt zum ersten Male ihre Entschlossenheit der ihrer Mutter
+feindlich entgegen. Die Zwillinge treten sofort zum Feinde über.)
+
+(Frau Clandon verletzt:) "Wir" pflegte sonst in deinem Munde "du und
+ich" zu bedeuten, Gloria.
+
+(Philip erhebt sich entschlossen und setzt den Schemel beiseite:) Wir
+tun dir weh--also lassen wir's sein. Wir dachten nicht, daß es dich
+so unangenehm berühren könnte. Ich will es nicht wissen.
+
+(Dolly den Tisch verlassend:) Ich schon gar nicht.--Oh, schau nicht
+so traurig drein, Mama! (Sie blickt ärgerlich auf Gloria.)
+
+(Frau Clandon führt ihr Taschentuch rasch an die Augen und setzt sich
+wieder:) Ich danke dir, Liebling. Ich danke dir, Phil.
+
+(Gloria unerbittlich:) Es ist unser gutes Recht, das zu erfahren,
+Mutter!
+
+(Frau Clandon entrüstet:) Ah! Du bestehst also darauf!
+
+(Gloria.) Sollen wir es nie erfahren?
+
+(Dolly.) O Gloria--nicht doch! Das ist unmenschlich!
+
+(Gloria mit ruhigem Hohn:) Was hat man davon, wenn man schwach ist?
+Du hörst, was hier mit diesem Herrn geschehen ist, Mutter. Ganz
+dasselbe ist auch mir widerfahren.
+
+/*
+(Frau Clandon) Was meinst du?
+(Dolly) }(alle zusammen:) O erzähle!
+(Philip) Was ist dir passiert?
+*/
+
+(Gloria.) Oh, nichts von Belang! (Sie wendet sich ab und geht an den
+Armstuhl vor dem Kamin, in den sie sich, fast mit dem Rücken gegen die
+andern, niederläßt. Da alle erwartungsvoll schweigen, fügt sie, über
+die Schulter sprechend, mit gemachter Gleichgültigkeit hinzu:) An Bord
+des Schiffes hat mir der erste Offizier die Ehre erwiesen, um meine
+Hand anzuhalten.
+
+(Dolly.) Nein, um meine Hand!
+
+(Frau Clandon.) Der erste Offizier?... Ist das dein Ernst,
+Gloria?--Was hast du ihm geantwortet? (Sich verbessernd:)
+Entschuldige, ich bin nicht berechtigt, danach zu fragen.
+
+(Gloria.) Die Antwort war ziemlich einfach: ein Mädchen, das nicht
+einmal weiß, wer sein Vater ist, kann einen solchen Antrag nicht
+annehmen.
+
+(Frau Clandon.) Du wolltest ihn doch sicherlich auch nicht annehmen?
+
+(Gloria wendet sich ein wenig um und erhebt ihre Stimme:) Nein. Aber
+gesetzt den Fall, ich hätte Lust gehabt--
+
+(Philip.) Hat diese Schwierigkeit dich auch abgehalten, Dolly?
+
+(Dolly.) Nein. Ich habe seinen Antrag angenommen.
+
+/*
+(Gloria) Was?
+(Frau Clandon) }(alle zugleich rufen:) Dolly!
+(Philip) Na, ich muß sagen!
+*/
+
+(Dolly naiv:) Er sah so blödsinnig aus!
+
+(Frau Clandon.) Aber warum hast du das getan, Dolly?
+
+(Dolly.) Aus Spaß wahrscheinlich. Er mußte meinem Finger für den
+Ehering Maß nehmen. Du hättest das auch getan.
+
+(Frau Clandon.) Nein, Dolly, das hätte ich nicht! Tatsächlich hat mir
+der erste Offizier einen Heiratsantrag gemacht; aber ich habe ihm
+gesagt, er möge sich derlei Scherze für Frauen aufheben, die jung
+genug wären, daran Spaß zu haben... Er scheint meinen Rat befolgt zu
+haben. (Sie erhebt sich und geht an den Kamin:) Gloria, ich bedauere,
+daß du mich für schwach hältst. Aber ich kann dir nicht sagen, was du
+verlangst. Ihr seid alle zu jung.
+
+(Philip.) Das ist ein überraschendes Außerachtlassen der Prinzipien
+des zwanzigsten Jahrhunderts.
+
+(Dolly zitierend:) "Beantworte alle Fragen deiner Kinder und
+beantworte sie aufrichtig, sobald sie alt genug sind, sie zu stellen.
+"--Siehe "Die Mutterpflichten im zwanzigsten Jahrhundert"--
+
+(Philip.) Seite eins--
+
+(Dolly.) Kapitel eins
+
+(Philip.) Satz eins.
+
+(Frau Clandon.) Liebe Kinder, ich habe nicht gesagt, daß ihr zu jung
+seid, um es zu erfahren--ich sagte, ihr wäret zu jung, um von mir ins
+Vertrauen gezogen zu werden.--Ihr seid sehr begabte Kinder--alle--
+aber es freut mich um euretwillen, daß ihr noch sehr unerfahren seid
+und daher auch sehr teilnahmslos. Ich aber habe Erfahrungen gesammelt,
+über die ich nur mit Leuten sprechen könnte, die durchgemacht haben,
+was ich durchgemacht habe. Ich hoffe, daß ihr euch für solche
+Mitteilungen nie eignen werdet. Aber ich will dafür sorgen, daß ihr
+alles, was ihr wissen möchtet, erfahren sollt.--Genügt euch das?
+
+(Philip.) Ein neuer Vorwurf, Dolly!
+
+(Dolly:) Wir sind teilnahmslos!
+
+(Gloria lehnt sich in ihrem Stuhl vor und sieht ernst zu ihrer Mutter
+auf:) Mutter, so hab' ich's nicht gemeint; teilnahmslos wollt' ich
+nicht sein.
+
+(Frau Clandon zärtlich:) Gewiß nicht, mein Herz.--Glaubst du, daß ich
+dich nicht verstehe?
+
+(Gloria sich erhebend:) Aber Mutter--
+
+(Frau Clandon etwas zurückweichend:) Ja?...
+
+(Gloria hartnäckig:) Es ist Unsinn, zu behaupten, daß unser Vater uns
+nichts angehe.
+
+(Frau Clandon zu plötzlichem Entschluß herausgefordert:) Erinnerst du
+dich an deinen Vater?
+
+(Gloria nachdenklich, als wenn die Erinnerung eine zärtliche wäre:)
+Ich weiß es nicht bestimmt... ich glaube.
+
+(Frau Clandon grimmig:) Du weißt es nicht bestimmt?
+
+(Gloria.) Nein.
+
+(Frau Clandon mit ruhiger Festigkeit:) Gloria, wenn ich dich jemals
+geschlagen hätte, (Gloria weicht zurück, Philip und Dolly sind
+unangenehm berührt; alle drei starren sie empört an, während sie
+schonungslos fortfährt:)--absichtlich geschlagen--ganz klar
+bewußt--in der Absicht, dir weh zu tun--mit einer eigens für diesen
+Zweck gekauften Peitsche... glaubst du, daß du dich daran erinnern
+würdest?
+
+(Gloria stößt einen Ruf beleidigter Abwehr aus:) Oh!
+
+(Frau Clandon:) Das würde deine letzte Erinnerung an deinen Vater
+gewesen sein, wenn ich euch nicht von ihm fortgenommen hätte. Ich
+habe ihn eurem Leben ferngehalten: haltet ihr ihn nun dem meinen fern,
+indem ihr nie wieder in meiner Gegenwart von ihm redet.
+
+(Gloria bedeckt einen Augenblick schaudernd ihr Gesicht mit den Händen.
+Da sie jemanden vor der Tür hört, wendet sie sich ab und tut so, als
+wäre sie damit beschäftigt, die Namen der Bücher im Bücherschrank zu
+besehen.)
+
+(Frau Clandon setzt sich auf das Sofa.)
+
+(Dr. Valentine kehrt zurück:) Ich hoffe, ich habe Sie nicht allzu
+lange warten lassen. Mein Hausherr ist wirklich ein außergewöhnlicher
+Kerl!
+
+(Dolly lebhaft:) Oh, erzählen Sie uns das!--Auf wie lange hat er Ihnen
+die Zahlungsfrist verlängert?
+
+(Frau Clandon außer sich über ihres Kindes Manieren:) Dolly! Dolly!
+Liebe Dolly! Gewöhne dir doch das Fragen ab!
+
+(Dolly verstellt demütig:) O bitte, verzeihen Sie... Aber Sie werden
+es uns erzählen--nicht wahr, Herr Doktor?
+
+(Dr. Valentine.) Die Miete will er gar nicht haben. Er hat sich an
+einer brasilianischen Nuß einen Zahn gebrochen und mich gebeten, ihn
+zu untersuchen und dann mit ihm zu frühstücken.
+
+(Dolly.) So rufen Sie ihn herein und ziehen Sie ihm den Zahn gleich
+aus; dann wollen wir ihn auch zum Frühstück mitnehmen! Sagen Sie dem
+Mädchen, sie soll ihn heraufholen. (Sie läuft zur Glocke und klingelt
+energisch. Dann wendet sie sich mit plötzlichem Bedenken zu Dr.
+Valentine und fügt hinzu:) Ich nehme an, daß er ein angesehener Mann
+ist... wirklich angesehen?
+
+(Dr. Valentine.) Sicherlich! Nicht wie ich.
+
+(Dolly.) Ganz gewiß?
+
+(Frau Clandon ringt schwach nach Atem, aber ihre Kraft zum
+Protestieren ist erschöpft.)
+
+(Dr. Valentine.) Ganz gewiß!
+
+(Dolly.) Dann los--bringen Sie ihn herauf!
+
+(Dr. Valentine blickt zögernd auf Frau Clandon:) Ohne Zweifel würde er
+entzückt sein, wenn--wenn--
+
+(Frau Clandon erhebt sich und sieht auf die Uhr:) Ich würde mich sehr
+freuen, Ihren Freund kennen zu lernen, wenn Sie ihn zum Kommen bewegen
+können. Aber ich kann jetzt nicht auf ihn warten; ich habe um
+dreiviertel eins im Hotel eine Verabredung mit einem alten Freund, den
+ich achtzehn Jahre lang--seit ich England verließ--nicht gesehen habe.
+--Wollen Sie mich also entschuldigen, bitte?
+
+(Dr. Valentine.) Gewiß, Frau Clandon.
+
+(Gloria.) Soll ich mitkommen?
+
+(Frau Clandon.) Nein, mein Kind. Ich will allein sein.
+
+(Sie geht ab, sichtlich noch ziemlich erregt. Dr. Valentine öffnet
+ihr die Tür und folgt ihr.)
+
+(Philip bedeutungsvoll zu Dolly:) Hm hm...
+
+(Dolly bedeutungsvoll zu Philip:) Aha! (Das Stubenmädchen hat dem
+Glockenzeichen Folge geleistet:) Führen Sie den alten Herrn herauf.
+
+(Das Stubenmädchen verblüfft:) Gnädiges Fräulein?
+
+(Dolly.) Den alten Herrn mit den Zahnschmerzen.
+
+(Philip.) Den Hausherrn!
+
+(Das Stubenmädchen.) Herrn McNaughtan?
+
+(Philip.) Heißt er McNaughtan?
+
+(Dolly zu Philip:) Das klingt rheumatisch, nicht wahr?
+
+(Philip.) Wahrscheinlich hat er Gichtknoten.
+
+(Dolly über die Schulter zum Stubenmädchen:) Führen Sie Herrn
+Gichtknoten herauf.
+
+(Das Stubenmädchen verbessernd:) Herrn McNaughtan, gnädiges Fräulein.
+(Ab.)
+
+(Dolly wiederholt den Namen wie eine Lektion:)
+McNaughtan--McNaughtan--McNaughtan--McNaughtan... (Sie setzt sich
+nachdenklich an den Schreibtisch:) Ich muß diesen Namen lernen, oder
+der Himmel weiß, wie ich ihn nennen werde.
+
+(Gloria.) Phil, kannst du an diese entsetzliche Mitteilung glauben,
+die uns die Mutter eben über unsern Vater gemacht hat?
+
+(Philip.) Oh, es gibt viele Menschen solchen Schlages. Der alte
+Chamico pflegte seine Frau und seine Töchter mit einer Pferdepeitsche
+durchzubleuen.
+
+(Dolly verachtungvoll:) Ja, ein Portugiese!
+
+(Philip.) Menschen, die Tiere sind, haben immer viel Ähnlichkeit, ob
+es nun Portugiesen oder Engländer sind, Dolly. Verlaß dich auf meine
+Menschenkenntnis. (Er nimmt seine Stellung auf dem Kaminteppich mit
+einem verantwortlichen altklugen Aussehen wieder ein.)
+
+(Gloria mit bekümmertem Gewissen:) Ich glaube nicht, daß wir jemals
+unser altes Rätselspiel "wer mag unser Vater sein" wieder spielen
+werden.--Dolly, tut's dir um deinen Vater leid--den Vater mit dem
+vielen Geld?
+
+(Dolly.) Und du, wie steht es mit deinem Vater, dem einsamen alten
+Mann, mit dem zärtlichen kummervollen Herzen? Der ist dir nun auch
+durch die Binsen gegangen, wie es scheint.
+
+(Philip.) Es steht außer Zweifel, daß der alte Herr ein zerplatzter
+Aberglauben ist. (Man hört Dr. Valentine vor der Tür mit jemandem
+sprechen:) Aber still--er kommt!
+
+(Gloria nervös:) Wer?
+
+(Dolly.) Gichtknoten.
+
+(Philip.) Sch! Aufgepaßt! (Sie nehmen ihre besten Manieren zusammen.)
+
+(Philip setzt mit leiser Stimme zu Gloria hinzu:) Wenn er fein
+genugist, daß man ihn zum Frühstück einladen kann, nick' ich Dolly zu;
+und wenn sie dir zunickt, lad ihn sofort ein.
+
+(Dr. Valentine kehrt mit seinem Hausherrn zurück. Herr Fergus
+McNaughtan ist ein Mann von ungefähr sechzig Jahren, groß, abgehärtet
+und sehnig, mit einem furchtbar hartnäckigen, übellaunigen,
+habgierigen Mund und einer gebieterisch streitsüchtigen Stimme. Dabei
+ist er ungemein nervös und empfindlich, was man an seiner dünnen,
+durchsichtigen Haut und an seinen schmalen Fingern erkennen kann.
+Seine daraus folgende Fähigkeit, unter der Unbeliebtheit, die sein
+Temperament und seine Halsstarrigkeit über ihn bringen, stark zu
+leiden, kommt in seinen ernsten, schmerzlichen Augen zum Ausdruck, in
+dem klagenden Ton seiner Stimme, einem schmerzlichen Mangel an
+Vertrauen auf das Willkommen, das man ihm bieten wird, und in einer
+fortgesetzten, aber nicht sehr erfolgreichen Bemühung, seine angeboren
+unhöflichen Manieren zu verbessern und seine Empfindlichkeit
+abzustreifen. Seine kühn geschweiften Brauen und seine Stirn
+verraten deutlich einen befähigten Menschen; ein Zeichen
+beschränkter Geldmittel oder geschäftlichen Mißkredits ist an ihm
+nicht bemerkbar. Er ist gut gekleidet und könnte auf den ersten
+Blick für den wohlhabenden Chef einer von einer alten Familie der
+Geschäftsaristokratie ererbten Firma gehalten werden. Sein
+marineblaue Rock ist nicht nach dem üblichen modernen Muster; es ist
+nicht gerade ein Lotsenrock, aber der Zuschnitt seines Anzugs, die
+großen Knöpfe und breiten Aufschläge würden besser auf eine
+Schiffswerft als in ein Kontor passen. Er hat Gefallen an Dr.
+Valentine gefunden, der sich aus seiner Vierschrötigkeit nichts macht
+und ihn mit einer respektlosen Menschlichkeit behandelt, für die er Dr.
+Valentine heimlich dankbar ist.)
+
+(Dr. Valentine.) Darf ich die Herrschaften bekannt machen?--Herr
+McNaughtan--Fräulein Dorothea Clandon--Herr Philip Clandon--Fräulein
+Gloria Clandon. (McNaughtan steht da und verbeugt sich nervös. Sie
+verbeugen sich alle:) Nehmen Sie Platz, Herr McNaughtan.
+
+(Dolly auf den Operationsstuhl zeigend:) Das ist der bequemste Stuhl,
+Herr--McNaughtan.
+
+(McNaughtan.) Ich danke. Aber will nicht das gnädige Fräulein da
+sitzen--? (Er zeigt auf Gloria, die neben dem Stuhl steht.)
+
+(Gloria.) Ich danke Ihnen, Herr McNaughtan. Wir wollen gerade gehn.
+
+(Dr. Valentine weist ihn mit gutmütiger Entschiedenheit nach dem Stuhl:
+) Setzen Sie sich--setzen Sie sich. Sie sind müde.
+
+(McNaughtan.) Na, da ich weitaus der Älteste unter den Anwesenden bin,
+darf ich vielleicht--(Er beendigt den Satz, indem er sich mit etwas
+gichtischer Gebärde in den Operationsstuhl setzt. Inzwischen nickt
+Philip, der ihn während seines Ganges durch das Zimmer kritisch
+studiert hat, Dolly zu, und Dolly nickt Gloria zu.)
+
+(Gloria.) Wenn wir recht verstanden haben, sind wir schuld, daß Herr
+Dr. Valentine nicht mit Ihnen frühstückt; da wir ihn mithaben wollen.
+Meine Mutter wird sich nur sehr freuen, wenn Sie auch mitkommen.
+
+(McNaughtan, nachdem er sie einen Augenblick ernst betrachtet hat,
+dankbar:) Ich danke Ihnen, ich werde mit Vergnügen erscheinen.
+
+/* (Gloria) (murmeln:) Ich danke Ihnen sehr für... (Dolly) } (höflich:
+) Es freut uns außerordentlich, daß... (Philip) Wir sind wirklich
+entzückt, Ihre... */
+
+(Die Unterhaltung stockt. Gloria und Dolly blicken erst einander und
+dann Dr. Valentine und Philip an. Die beiden Männer, der Lage nicht
+gewachsen, sehen von ihnen fort, einander in die Augen und sind
+augenscheinlich dadurch so verwirrt, daß sie wieder zurückschauen und
+den Augen von Gloria und Dolly begegnen. So sucht einer das Auge des
+andern der Reihe nach, und sie sehen alle auf nichts und sind total
+verlegen. McNaughtan sieht sich um und wartet auf die andern, bevor
+er beginnt. Das Stillschweigen fängt an, unerträglich zu werden.)
+
+(Dolly plötzlich, um die Unterhaltung aufrechtzuerhalten:) Wie alt
+sind Sie, Herr McNaughtan?
+
+(Gloria schnell:) Ich fürchte, wir müssen eilen, Herr Doktor.--Es
+bleibt also dabei, daß wir uns um halb zwei Uhr im Marinehotel treffen.
+(Sie geht zur Tür, Philip folgt ihr, Dr. Valentine geht an den
+Glockenzug.)
+
+(Dr. Valentine.) Punkt halb zwei. (Er klingelt:) Vielen Dank. (Er
+begleitet Gloria und Philip zur Tür und geht mit ihnen hinaus.)
+
+(Dolly, die sich inzwischen zu McNaughtan hingeschlichen hat:) Lassen
+Sie sich Lachgas geben--das kostet noch fünf Schillinge extra, aber
+die Sache ist es wert.
+
+(McNaughtan belustigt:) Ausgezeichnet! (Sie ernster betrachtend:) Sie
+wollen also wissen, wie alt ich bin--wirklich? Ich bin
+siebenundfünfzig.
+
+(Dolly mit Überzeugung:) Sie sehen auch so alt aus.
+
+(McNaughtan grimmig:) Jawohl, das ist wahrscheinlich der Fall.
+
+(Dolly.) Warum sehen Sie mich so forschend an? Ist etwas an mir nicht
+in Ordnung? (Sie befühlt ihren Hut, ob er in Ordnung ist.)
+
+(McNaughtan.) Sie erinnern mich an wen.
+
+(Dolly.) An wen?
+
+(McNaughtan.) Nun--Sie haben eine merkwürdige Ähnlichkeit mit meiner
+Mutter.
+
+(Dolly ungläubig:) Mit Ihrer Mutter?!... Meinen Sie nicht vielleicht
+mit Ihrer Tochter?
+
+(McNaughtan bricht plötzlich haßerfüllt aus:) Nein--verlassen Sie sich
+darauf, daß ich nicht meine Tochter meine!
+
+(Dolly teilnahmsvoll:) Tut Ihnen der Zahn sehr weh? (McNaughtan.)
+Nein, nein--es ist nichts. Ein Anfall von Erinnerungen, nicht von
+Zahnschmerzen, Fräulein Clandon.
+
+(Dolly.) Heraus damit! "Wurzelnden Gram ausreuten dem
+Gedächtnis"[*]--mit Lachgas, fünf Schillinge extra.
+
+[Footnote *: MacBeth, 5. Akt, 3. Szene (Schlegel und Tieck).]
+
+(McNaughtan rachsüchtig:) Nein, kein Schmerz. Eine Beleidigung, die
+mir einst zugefügt wurde! Ich kann Beleidigungen nicht vergessen--und
+ich will sie nicht vergessen! (Sein Gesicht legt sich in
+unversöhnliche Falten.)
+
+(Dolly McNaughtans Ausdruck kritisch betrachtend:) Ich glaube nicht,
+daß wir Sie werden leiden mögen, wenn Sie über erlittenem Unrecht
+brüten.
+
+(Philip der unbeobachtet wieder eingetreten ist und sich hinter Dolly
+geschlichen hat:) Meine Schwester meint es ehrlich, Herr McNaughtan,
+aber sie ist indiskret.--Nun, Dolly, fort! (Er geht mit ihr zur Tür.)
+
+(Dolly in einem vollkommen hörbaren Flüsterton:) Er behauptet, daß er
+erst siebenundfünfzig ist--er hält mich für das Ebenbild seiner
+Mutter--er haßt seine Tochter--und... (Sie wird durch die Rückkehr Dr.
+Valentines unterbrochen.)
+
+(Dr. Valentine.) Fräulein Clandon ist schon voraus.
+
+(Philip.) Vergessen Sie nicht--Punkt halb zwei.
+
+(Dolly.) Bitte, lassen Sie Herrn McNaughtan so viel Zähne übrig, daß
+er mit uns essen kann. (Sie gehen ab.)
+
+(Dr. Valentine kommt herab zu seiner Instrumentenlade und öffnet sie.)
+
+(McNaughtan.) Das ist ein verzogenes Kind, Herr Doktor! Das richtige
+Früchtchen der modernen Erziehung! Als ich im Alter dieser jungen
+Dame war, hatte ich immer die letzte Tracht Prügel frisch in der
+Erinnerung, um mich gute Manieren zu lehren.
+
+(Dr. Valentine nimmt Zahnspiegel und Sonde von der seiner Lade
+gegenüber befestigten Platte:) Wie gefiel Ihnen ihre Schwester?
+(McNaughtan.) Die war Ihnen lieber, nicht wahr!
+
+* * * * *
+
+(Dr. Valentine überschwenglich:) Sie hat mich ergriffen, als ein
+Wesen--(Er besinnt sich und fügt prosaisch hinzu:) Doch das hat nichts
+mit dem Geschäft zu tun. (Er stellt sich hinter McNaugthans rechte
+Schulter und nimmt seinen berufsmäßigen Ton an:) Aufmachen, bitte.
+
+(McNaughtan öffnet den Mund.)
+
+(Dr. Valentine steckt den Spiegel hinein und untersucht seine Zähne:)
+Hm!... Na, den haben Sie nett abgebrochen--wie schade! So ein
+prächtiges Gebiß zu ruinieren!--Warum knacken Sie damit Nüsse auf?
+(Er zieht den Spiegel zurück und tritt vor, um mit McNaugthan zu
+sprechen.)
+
+(McNaughtan.) Ich habe immer mit den Zähnen Nüsse geknackt--wozu hat
+man sie denn? (Entschieden:) Das richtige Mittel, seine Zähne in
+gutem Zustand zu erhalten, besteht darin, daß man sie an Knochen und
+Nüssen genügend abnützt und sie täglich mit Seife putzt--mit
+gewöhnlicher Schmierseife!
+
+(Dr. Valentine.) Seife?... Warum mit Seife?
+
+(McNaughtan.) Als Junge fing ich damit an, weil man mich dazu anhielt,
+und seitdem hab' ich's immer getan. Und ich hab' in meinem ganzen
+Leben keine Zahnschmerzen gehabt!
+
+(Dr. Valentine.) Finden Sie das nicht ziemlich ekelhaft?
+
+(McNaughtan.) Ich habe gefunden, daß die meisten Dinge, die mir gut
+getan haben, ekelhaft waren; aber ich wurde angelernt, mich damit
+abzufinden, und man sorgte dafür, daß ich mich damit abfand. Jetzt
+bin ich daran gewöhnt;--wahrhaftig, ich liebe den Geschmack, wenn die
+Seife wirklich gut ist.
+
+(Dr. Valentine macht gegen seine Absicht eine Grimasse:) Sie scheinen
+sehr sorgfältig erzogen worden zu sein, Herr McNaughtan.
+
+(McNaughtan grimmig:) Jedenfalls bin ich nicht verzogen worden!
+
+(Dr. Valentine lächelt vor sich hin:) Sind Sie dessen ganz sicher?
+
+(McNaughtan.) Wie meinen Sie das?
+
+(Dr. Valentine.) Nun, Ihre Zähne sind gut--ich gebe es zu; aber ich
+habe in manchem Mund, der mit sich sehr nachsichtig umging, ebenso
+gute gesehn. (Er geht an den Rand der Lade und vertauscht die Sonde
+mit einer andern.)
+
+(McNaugthan.) Es kommt nicht auf die Zähne an, sondern auf den
+Charakter.
+
+(Dr. Valentine versöhnlich:) Oh! Auf den Charakter--ich verstehe.
+(Er nimmt die Behandlung wieder auf:) Etwas weiter, bitte--hm!... Der
+da wird heraus müssen--er ist nicht mehr zu retten. (Er zieht die
+Sonde zurück und tritt wieder seitwärts an den Stuhl, um zu plaudern:)
+Fürchten Sie sich nicht, Sie werden gar nichts fühlen; ich werde Ihnen
+Lachgas geben.
+
+(McNaughtan.) Unsinn, Mensch! Ich brauche kein Lachgas! Heraus damit!
+Zu meiner Zeit hat man den Leuten beigebracht, notwendige Schmerzen
+zu ertragen.
+
+(Dr. Valentine.) Oh! Wenn Sie Schmerzen gern mögen--schön. Ich werde
+Ihnen so weh tun, wie Sie nur wollen--ohne für den günstigen Einfluß
+auf Ihren Charakter irgendeinen Preisaufschlag zu verlangen.
+
+(McNaughtan erhebt sich und starrt ihn an:) Junger Mann, Sie schulden
+mir sechs Wochen Miete!
+
+(Dr. Valentine.) Richtig.
+
+(McNaughtan.) Können Sie mich bezahlen?
+
+(Dr. Valentine.) Nein.
+
+(McNaughtan zufrieden mit seinem Vorteil:) Das habe ich mir gedacht.
+--Wann, glauben Sie, werden Sie zahlungsfähig sein, da Sie nichts
+Besseres wissen, als sich über Ihre Patienten lustig zu machen? (Er
+setzt sich wieder.)
+
+(Dr. Valentine.) Mein lieber Herr McNaughtan. Meine Patienten haben
+nicht alle ihren Charakter an Schmierseife gebildet.
+
+(McNaughtan packt ihn plötzlich am Arm, während Dr. Valentine sich
+wieder nach der Lade wendet:) Desto schlimmer für sie! Ich sage Ihnen,
+Sie verstehen meinen Charakter nicht! Wenn ich all meine Zähne
+entbehren könnte ich würde sie mir, einen nach dem andern, von Ihnen
+ziehen lassen, um Ihnen zu zeigen, was ein tüchtiger, abgehärteter
+Mann aushalten kann, wenn er sich einmal dazu entschlossen hat. (Er
+nickt Dr. Valentine zu, um diese Erklärung zu bekräftigen, und läßt
+ihn los.)
+
+(Dr. Valentine, dessen sorglose Scherzhaftigkeit sich gar nicht stören
+läßt:) Und Sie wollen noch mehr abgehärtet werden, nicht wahr?
+
+(McNaughtan.) Ja.
+
+(Dr. Valentine schlendert fort zur Glocke:) Für mich sind Sie als
+Hausherr--schon abgehärtet genug.
+
+(McNaughtan quittiert diesen Scherz mit einem Brummen grimmigen Humors.)
+
+(Dr. Valentine klingelt und fragt in heiterer, beiläufiger Weise,
+während er auf die Antwort wartet:) Warum haben Sie nie geheiratet,
+Herr McNaughtan? Eine Frau und Kinder würden Ihnen Ihre Abhärtung
+schon ein wenig ausgetrieben haben.
+
+(McNaughtan mit unerwarteter Wildheit:) Was zum Teufel geht Sie das
+an?!
+
+(Das Stubenmädchen erscheint an der Tür.)
+
+(Dr. Valentine höflich:) Bitte, etwas warmes Wasser. (Sie zieht sich
+zurück, und Dr. Valentine geht wieder an die Lade, durch McNaughtans
+Grobheit durchaus nicht aus dem Konzept gebracht. Er setzt die
+Unterhaltung fort, während er eine Zange aussucht und sie sich zur
+Hand legt, zusammen mit einem Sperrholz und einem Trinkglas:) Sie
+fragten eben, was zum Teufel mich das angeht... Nun, ich habe vor,
+mich selbst zu verheiraten.
+
+(McNaughtan mit brummiger Ironie:) Natürlich, Mensch--natürlich! Wenn
+ein junger Mann auf den letzten Heller heruntergekommen ist und in
+vierundzwanzig Stunden von seinem Hausherrn gepfändet werden soll,
+dann heiratet er. Das habe ich schon öfter beobachtet.--Gut, heiraten
+Sie und werden Sie unglücklich!
+
+(Dr. Valentine.) Oh, gehen Sie, was wissen Sie davon?
+
+(McNaughtan.) Ich bin kein Junggeselle!
+
+(Dr. Valentine.) Dann gibt es also eine Frau McNaughtan?
+
+(McNaughtan zusammenzuckend, mit einem Gefühl des Unwillens:) Ja--der
+Teufel soll sie holen!
+
+(Dr. Valentine unerschütterlich:) Hm!... Am Ende sind Sie auch Vater,
+nicht nur Ehemann, Herr McNaughtan?
+
+(McNaughtan.) Drei Kinder!
+
+(Dr. Valentine höflich:) Der Teufel soll sie holen--was?
+
+(McNaughtan eifersüchtig:) Nein, Herr: die Kinder gehören mir so gut
+wie ihr.
+
+(Das Stubenmädchen bringt einen Krug heißes Wasser herein.)
+
+(Dr. Valentine.) Danke. (Er nimmt ihr den Krug ab und bringt ihn an
+den Stuhl; dann fährt er in dem gleichen nachlässigen Ton fort:) Ich
+möchte wirklich gern Ihre Familie kennen lernen, Herr McNaughtan. (Er
+gießt etwas warmes Wasser in das Trinkglas.)
+
+(Das Stubenmädchen geht hinaus.)
+
+(McNaughtan.) Ich bedaure, Sie nicht vorstellen zu können. Ich bin so
+glücklich, nicht zu wissen, wo sie alle sind, und ich bin's zufrieden,
+solange sie mir nicht in den Weg kommen.
+
+(Dr. Valentine tut mit einer Bewegung seiner Augenbrauen und Schultern
+die leise an den Glasrand klirrende Zange in das Glas heißen Wassers.)
+
+(McNaughtan.) Meinetwegen brauchen Sie das Dings da nicht zu wärmen;
+ich habe keine Angst vor dem kalten Stahl. (Dr. Valentine beugt sich
+vor, um den Gasschlauch und den Zylinder neben dem Stuhl in Ordnung zu
+bringen:) Was ist das für ein schweres Ding?
+
+(Dr. Valentine.) O nichts! Ich setze bloß meinen Fuß darauf, wenn ich
+den nötigen Stützpunkt für einen kräftigen Zug bekommen will.
+
+(McNaughtan sieht gegen seinen Willen beunruhigt aus.)
+
+(Dr. Valentine steht aufrecht neben ihm und setzt das Glas mit der
+Zange in Bereitschaft. Er fährt fort mit herausfordernder
+Gleichgültigkeit zu plaudern:) Sie raten mir also, mich nicht zu
+verheiraten, Herr McNaughtan? (Er bückt sich, um die Kurbel an den
+Apparat zu befestigen, durch die der Stuhl gehoben und gesenkt werden
+kann.)
+
+(McNaughtan reizbar:) Ich rate Ihnen, mir den Zahn nun zu ziehen und
+endlich aufzuhören, mich an meine Frau zu erinnern! Vorwärts, Herr!
+(Er klammert sich an lit Stuhllehnen und stählt sich.)
+
+(Dr. Valentine setzt ab, die Hand auf der Kurbel, siebt ihn an und
+sagt:) Um wie viel wollen Sie wetten, daß ich den Zahn herauskriege,
+ohne daß Sie es spüren?
+
+(McNaughtan.) Um Ihre sechswöchige Miete, mein Junge! Mich foppen Sie
+nicht!
+
+(Dr. Valentine nimmt die Wette mit Freude an und dreht die Kurbel
+kräftig hinauf, so daß der Sessel steigt:) Abgemacht! Sind Sie
+bereit? (McNaughtan, der beunruhigt über sein plötzliches
+Gehobenwerden die Stuhllehnen losgelassen hat, kreuzt die Arme, setzt
+sich steif aufrecht und bereitet sich auf das Schlimmste vor. Dr.
+Valentine läßt den Rücken des Stuhles plötzlich zu einem stumpfen
+Winkel hinab.)
+
+(McNaughtan packt mit festem Griff die Stuhllehnen, während er
+zurückfällt:) Au! Nehmen Sie sich in acht, Mensch! Ich bin ganz
+wehrlos in dieser La--
+
+(Dr. Valentine hält ihm mit dem Sperrholz geschickt den Mund offen und
+erfaßt das Mundstück des Gasschlauchs:) Sie werden gleich noch
+wehrloser sein! (Er preßt das Mundstück über McNaughtans Mund und
+Nase und lehnt sich dabei über McNaugthans Brust so zurück, daß er ihm
+Kopf und Schultern gut in den Stuhl niederhalten kann.)
+
+(McNaughtan stößt einen unartikulierten Laut in das Mundstück aus und
+versucht, Dr. Valentine zu packen, den er sich gegenüber glaubt. Nach
+einem Augenblick greifen seine Arme ins Leere, senken sich und fallen
+herab. Er ist vollständig bewußtlos.)
+
+(Dr. Valentine wirft mit einem Ausdruck nachdenklichen Triumphes das
+Mundstück rasch beiseite, nimmt die Zange geschickt aus dem Glas und
+der Vorbang fällt.)
+
+
+
+
+ZWEITER AKT
+
+(Die Terrasse des Marinehotels--eine viereckige gepflasterte Planform,
+die in der Sonne funkelt und auf der Seeseite von einer Brustwehr aus
+schweren Stützpfeilern eingefaßt ist, die wie schwerfällige Ölkrüge
+aussehen und eine breite steinerne Mauerkappe tragen.)
+
+(Der Oberkellner des Etablissements, der damit beschäftigt ist, auf
+einem Frühstückstisch Servietten zu ordnen, wendet dem Meere den
+Rücken zu und hat das Hotel zu seiner Rechten; zu seiner Linken, in
+der Ecke, befindet sich in der Nähe des Meeres die Flucht von Stufen,
+die hinunter zum Strand führen. Wenn er vor sich die Terrasse
+hinunterblickt, sieht er gegenüber, etwas zu seiner Linken, einen
+Herrn in mittleren Jahren, der auf einem eisengitternen Stuhle an
+einem kleinen eisernen Tische sitzt, auf dem sich eine von drei Wespen
+umschwirrte Zuckerdose befindet. Er liest den "Standard" und hat
+seinen Schirm aufgespannt, um sich gegen die Augustsonne zu schützen,
+die--es ist noch nicht ein Uhr nachmittag--seine ausgestreckten Beine
+röstet. Ihm gegenüber, auf der Hotelseite der Terrasse, steht eine
+Gartenbank von der gewöhnlichen Strandpromenadenform. Besucher treten
+durch einen Eingang in der Mitte der Fassade ins Hotel, wohin man über
+ein paar Stufen gelangt, die sich auf einem breiten, erhöhten,
+gepflasterten Viereck erheben. Näher an der Brüstung ist ein geheimer
+Weg in die Küche durch ein kleines Gitterportal maskiert. Der Tisch,
+an dem der Kellner sich beschäftigt, ist sehr lang. Er steht quer
+über der Terrasse und ist mit fünf Gedecken versehen; vor jedem Gedeck
+steht ein Stuhl, und zwar befinden sich zwei Stühle auf jeder
+Längsseite und ein Stuhl an der dem Hotel zugewandten Schmalseite.
+Gegen die Brustwehr lehnt ein zweiter, als Büfett eingerichteter Tisch,
+von dem aus serviert werden soll.)
+
+(Der Kellner ist in seiner Art ein bemerkenswerter Mensch. Ein zarter
+alter Mann mit weißen Haaren und sanften Augen, jedoch so freudig und
+zufrieden, daß in seiner ermutigenden Gegenwart Ehrgeiz sich als
+Gemeinheit gerügt fühlt und Einbildungskraft als Verrat an dem
+überströmenden Reichtum und Interesse der Wirklichkeit. Er hat jenen
+gewissen Ausdruck, der Menschen eigen ist, die in ihrem Beruf
+hervorragend sind und die, im Bewußtsein der Nichtigkeit des Erfolges,
+von Neid unberührt bleiben.)
+
+(Der Herr an dem eisernen Tischchen ist nicht für den Strand gekleidet.
+Er trägt seinen Londoner Gehrock und Handschuhe; sein hoher Zylinder
+steht auf dem Tisch neben der Zuckerdose. Die vortreffliche
+Verfassung und Qualität dieser Kleidung, der goldgeränderte Zwicker,
+mit dem er den "Standard" liest und die "Times", die an seinem
+Ellbogen über der Ortszeitung liegt--alles weist auf seine Achtbarkeit
+hin. Er ist ungefähr fünfzig Jahre alt, glatt rasiert und
+kurzgeschoren. Seine Mundwinkel sind absichtlich herabgezogen, als
+hätte er sie im Verdacht, hinaufschnellen zu wollen, und wäre
+entschlossen, ihnen den Willen nicht zu lassen. Er hat große, weite
+Ohren, Augen von der Farbe des Stockfisches und eine energische Stirn,
+die er resolut offen trägt, als wenn er, wiederum, in seiner Jugend
+beschlossen hätte, wahrheitsliebend, großmütig, unbestechlich zu
+bleiben, es ihm aber niemals gelungen wäre, diese geistige Gewöhnung
+automatisch und unbewußt zu machen. Trotzdem macht er durchaus keinen
+lächerlichen Eindruck; kein Zeichen der Dummheit oder Willensschwäche
+ist an ihm bemerkbar;--im Gegenteil, er würde dem Anblick nach überall
+für einen Menschen von mehr als durchschnittlichen geschäftlichen
+Fähigkeiten und geschäftlicher Verantwortung gehalten werden.
+Augenblicklich genießt er das Wetter und das Meer zu sehr, um die
+Geduld zu verlieren; aber er hat alles Neue in seinen Zeitungen
+durchgelesen und ist gegenwärtig auf die Inserate angewiesen, die aber
+nicht interessant genug sind, ihn für die Dauer zu fesseln.)
+
+
+(Der Herr gähnt und verzichtet auf die Zeitung als ungenießbar:)
+Kellner!
+
+(Der Kellner.) Bitte? (Er nähert sich ihm.)
+
+(Der Herr.) Wissen Sie ganz bestimmt, daß Frau Clandon vor dem
+Frühstück zurückkommt?
+
+(Der Kellner.) Ganz bestimmt. Sie erwartet den Herrn um dreiviertel
+auf Eins. (Der Herr, den des Kellners Stimme sofort besänftigt, sieht
+ihn mit einem lässigen Lächeln an. Der Kellner hat eine ruhige,
+sanfte, melodische Stimme, die seinen alltäglichsten Bemerkungen ein
+sympathisches Interesse verleiht; er spricht mit dem süßesten Anstand,
+ohne seine H's zu verschlucken oder sie zu verlegen, oder in
+irgendeine andere Vulgarität zu verfallen. Der Kellner sieht nach der
+Uhr und fährt fort:) Es ist noch nicht so viel, nicht? Erst zwölf Uhr
+dreiundvierzig... nur noch zwei Minuten muß sich der Herr gedulden.--
+Schöner Morgen, nicht wahr?
+
+(Der Herr.) Ja. Sehr frisch im Vergleich zu London.
+
+(Der Kellner.) Ja. Das sagen alle unsere Gäste.--Eine sehr angenehme
+Familie, die von Frau Clandon.
+
+(Der Herr.) Sie mögen sie? (Der Kellner.) Ja. Sie haben ein sehr
+unbefangenes, einnehmendes Betragen--wahrhaftig, sehr einnehmend.
+Namentlich die junge Dame und der junge Herr.
+
+(Der Herr.) Fräulein Dorothea und Herr Philip wahrscheinlich.
+
+(Der Kellner.) Jawohl. Die junge Dame sagt immer, wenn sie mir einen
+Befehl erteilt oder so etwas: "Sie wissen, William, daß wir Ihretwegen
+in dieses Hotel gekommen sind, weil wir gehört haben, was für ein
+vollendeter Kellner Sie sind." Der junge Herr sagt mir immer, daß ich
+ihn sehr an seinen Herrn Vater erinnere, (der Herr fährt auf bei
+diesen Worten:) und daß er von mir erwartet, daß ich mich gegen ihn
+auch wie ein Vater benehmen werde. (Mit beruhigendem sonnigem Tonfall:
+) Oh, so liebenswürdig... wirklich, sehr höflich und freundlich sind
+sie!
+
+(Der Herr.) Sie sollen seinem Vater ähnlich sein! (Er lacht über
+diese Idee.)
+
+(Der Kellner.) Oh, wir dürfen nicht zu ernst nehmen, was die
+Herrschaften sagen. Wenn es wahr wäre, so würde die junge Dame die
+Ähnlichkeit natürlich auch bemerkt haben.
+
+(Der Herr.) Hat sie das nicht?
+
+(Der Kellner.) Nein. Sie fand, ich hätte mit der Shakespear-Büste in
+der Stratford-Kirche Ähnlichkeit; deshalb nennt sie mich auch
+"William"--mein richtiger Name ist Walter. (Er wendet sich um, will
+nach dem Tisch zurückgeben und erblickt Frau Clandon, die über die
+Stufen vom Strand her die Terrasse heraufkommt.) Da ist Frau Clandon.
+(Zu Frau Clandon, in einem bescheiden vertraulichen Tone:) Ein Herr
+ist da, der Sie sprechen will, gnädige Frau.
+
+(Frau Clandon.) Es werden noch zwei Herren mit uns frühstücken,
+William.
+
+(Der Kellner.) Sehr wohl, gnädige Frau. Danke schön, gnädige Frau.
+(Er zieht sich in das Hotel zurück.)
+
+(Frau Clandon kommt nach vorn und sieht sich nach ihrem Besucher um,
+geht aber an dem Herrn vorbei, ohne irgendein Zeichen des Erkennens zu
+geben.)
+
+(Der Herr sieht verschmitzt nach ihr unter dem Schirm hervor:)
+Erkennen Sie mich nicht?
+
+(Frau Clandon sieht ihn scharf und ungläubig an:) Sind Sie Finch
+McComas?
+
+(McComas.) Können Sie das nicht raten? (Er schließt den Schirm,
+stellt ihn zur Seite, pflanzt sich mit den Händen in den Hüften lustig
+vor ihr auf und laßt sich betrachten.)
+
+(Frau Clandon.) Mir scheint, Sie sind es wirklich! (Sie reicht ihm
+die Hand. Der Händedruck, der folgt, ist der alter Freunde nach einer
+Langen Trennung:) Wo ist Ihr Bart?
+
+(McComas komisch feierlich:) Würden Sie einen Anwalt mit einem Bart
+beschäftigen?
+
+(Frau Clandon zeigt auf den Zylinder, der auf dem Tischchen steht:)
+Ist das Ihr Hut?
+
+(McComas.) Würden Sie einen Anwalt mit einem Sombrero beschäftigen?
+
+(Frau Clandon.) Ich habe Sie während der ganzen achtzehn Jahre in
+Gedanken mit einem Bart und einem großen, runden Hut vor mir gesehen.
+(Sie setzt sich auf die Gartenbank. McComas nimmt seinen Platz wieder
+ein.) Gehen Sie noch immer zu den Versammlungen der philosophischen
+Gesellschaft?
+
+(McComas ernst:) Ich besuche keine Versammlungen mehr.
+
+(Frau Clandon.) Finch, ich merke, was mit Ihnen vorgegangen ist! Sie
+sind respektabel geworden!
+
+(McComas.) Und Sie nicht?
+
+(Frau Clandon.) Nicht im geringsten.
+
+(McComas.) Sie halten noch immer an Ihren alten Ansichten fest?
+
+(Frau Clandon.) Fester denn je.
+
+(McComas.) Was Sie sagen!... Und sind Sie noch immer bereit,
+öffentlich zu sprechen, trotz Ihres Geschlechts? (Frau Clandon nickt.
+) Halten Sie sogar noch immer an der Ansicht fest, eine verheiratete
+Frau sei berechtigt, ihr eigenes Vermögen von dem ihres Gatten zu
+trennen? (Frau Clandon nickt wieder.) Sind Sie noch immer
+Vorkämpferin für die Lehre Darwins von der Abstammung der Arten und
+für John Stuart Mills Schrift über die Freiheit? (Sie nickt.) Lesen
+Sie noch immer Huxley, Tyndall und George Eliot? (Sie nickt dreimal.)
+Und verlangen Sie noch immer für die Frauen so gut wie für die Männer
+den Zutritt zur Universität, die Ausübung aller Gewerbe und das
+parlamentarische Wahlrecht?
+
+(Frau Clandon energisch:) Jawohl. Ich bin nicht um Haares Breite
+davon abgewichen, und ich habe Gloria dazu erzogen, mein Werk dort
+fortzusetzen, wo ich es abgebrochen habe.--Das ist es auch, was mich
+nach England zurückgeführt hat. Ich fühlte, daß ich kein Recht hatte,
+meine Tochter lebend in Madeira zu begraben--mein Sankt Helena, Finch!
+--Sie wird wohl ausgezischt werden, wie ich es wurde--aber sie ist
+darauf vorbereitet.
+
+(McComas.) Ausgezischt?... Meine liebe gute Frau Clandon, heutzutage
+könnte Gloria mit allen diesen Ansichten sogar einen Erzbischof
+heiraten.--Sie haben mir eben vorgeworfen, daß ich respektabel
+geworden bin. Sie haben sich geirrt--ich halte an unsern alten
+Meinungen fest, ebenso wie damals--ich gehe nicht in die Kirche, und
+ich tue nicht so, als ob ich es täte. Ich bekenne, was ich bin: ein
+radikaler Philosoph, der für Freiheit und für die Rechte des
+Individuums eintritt, wie mein Meister Herbert Spencer es mich gelehrt
+hat. Werde ich ausgezischt?... Nein! Ich werde nachsichtig
+belächelt, wie ein altmodischer Kauz! Ich bin vollständig erledigt,
+weil ich mich geweigert habe, das Knie vor dem Sozialismus zu beugen.
+
+(Frau Clandon entsetzt:) Sozialismus!
+
+(McComas.) Ja, Sozialismus--vor Ablauf eines Monats wird Fräulein
+Gloria bis über die Ohren drin sein, wenn Sie sie hier loslassen.
+
+(Frau Clandon mit Emphase:) Aber ich kann ihr beweisen, daß der
+Sozialismus ein Trugschluß ist!
+
+(McComas pathetisch:) Dadurch, daß ich es bewies, habe ich alle meine
+Schüler verloren, Frau Clandon. Nehmen Sie sich in acht, lassen Sie
+Gloria ihren eigenen Weg gehen. (Etwas bitter:) Wir sind altmodisch
+geworden, die Welt denkt, wir seien hinter ihr zurückgeblieben! Es
+gibt nur noch einen einzigen Ort in England, wo Ihre Anschauungen für
+vorgeschritten gelten würden.
+
+(Frau Clandon spöttisch und nicht überzeugt:) Die Kirche vielleicht?
+
+(McComas.) Nein, das Theater.--Und jetzt zur Sache. Warum haben Sie
+mich hierher kommen lassen?
+
+(Frau Clandon.) Nun, zum Teil, weil ich Sie wiedersehen wollte.
+
+(McComas mit gutmütiger Ironie:) Danke!
+
+(Frau Clandon.) Und zum Teil, weil ich möchte, daß Sie den Kindern
+alles erklären. Sie wissen nichts. Und jetzt, wo wir nach England
+zurückgekehrt sind, ist es unmöglich, sie noch länger im unklaren zu
+lassen. (Aufgeregt:) Finch, ich kann mich nicht dazu entschließen, es
+ihnen zu sagen... ich--(Sie wird durch die Zwillinge und Gloria
+unterbrochen. Dolly kommt hastig die Stufen heraufgestürzt, im
+Wettlauf mit Philip, der ein schreckliches Tempo mit einer ungestörten
+Korrektheit des Betragens verbindet, die ihn jedoch das Rennen kostet.
+Dolly erreicht ihre Mutter zuerst und stößt durch die Heftigkeit
+ihrer Ankunft die Gartenbank beinahe über den Haufen.)
+
+(Dolly atmenlos:) Es ist alles in Ordnung, Mama! Der Zahnarzt kommt,
+und seinen alten Hausherrn bringt er mit!
+
+(Frau Clandon.) Liebe Dolly, siehst du Herrn McComas nicht?
+
+(McComas erhebt sich lächelnd.)
+
+(Dolly mit langem Gesicht, das offensichtlich die größte Enttäuschung
+ausdrückt:) Der?!... Wo sind die wallenden Locken?
+
+(Philip sekundiert ihr warm:) Und wo der Bart?!--Der Mantel?--Das
+poetische Aussehen?!
+
+(Dolly.) Oh, Herr McComas! Sie haben sich ganz und gar verdorben!
+Warum haben Sie nicht gewartet, bis wir Sie gesehen haben?!
+
+(McComas verdutzt, aber seinen Humor zusammennehmend, um sich der
+schwierigen Lage gewachsen zu zeigen:) Weil für einen Rechtsanwalt
+achtzehn Jahre eine zu lange Zeit ist, um sich da nicht die Haare
+schneiden zu lassen.
+
+(Gloria auf der andern Seite von McComas:) Guten Tag, Herr McComas.
+(Er wendet sich um, und sie ergreift seine Hand und drückt sie, mit
+einem geraden, aufrichtigen Blick in seine Augen:) Wir freuen uns, Sie
+endlich zu sehen.
+
+(McComas.) Fräulein Gloria, nicht wahr? (Gloria lächelt zustimmend
+und zieht ihre Hand mit einem letzten Druck zurück. Sie tritt hinter
+die Gartenbank und neigt sich über die Lehne neben Frau Clandon:) Und
+dieser junge Herr?
+
+(Philip.) Ich wurde in einer verhältnismäßig prosaischen Laune getauft.
+Ich heiße--
+
+(Dolly ergänzt sein Zitat für ihn, deklamatorisch:) "Ich heiße Norval,
+auf den Grampianhügeln"...
+
+(Philip ernsthaft deklamierend:) "mein Vater weidet seine Herde, nur
+ein Schäfer"--[*]
+
+[Footnote *: Norval ist der Sohn eines alten Bauern im Trauerspiel
+"Douglas" von John Horne (1724-1808).]
+
+(Frau Clandon unterbrechend:) Meine lieben Kinder, seid nicht so
+albern!--Alles erscheint ihnen hier so neuartig, Finch, daß sie in der
+tollsten Laune sind. Sie halten jeden Engländer, dem sie begegnen,
+für einen Witz.
+
+(Dolly.) Ja, das ist er auch! Wir können nichts dafür!
+
+(Philip.) Meine Menschenkenntnis ist recht ausgedehnt, Herr McComas;
+aber es ist mir unmöglich, die Bewohner dieser Insel ernst zu nehmen.
+
+(McComas.) Ich vermute, Sie sind der junge Herr Philip? (Er bietet
+ihm die Hand.)
+
+(Philip nimmt McComas' Hand und betrachtet ihn feierlich:) Ich war der
+junge Philip--das war ich durch viele Jahre. Genau so wie Sie einmal
+der junge Finch gewesen sind. (Er schüttelt ihm einmal die Hand; dann
+läßt er sie fallen und ruft gedankenvoll aus:) Wie sonderbar ist es
+doch, so auf seine Knabenzeit zurückzublicken!
+
+(McComas starrt ihn an, durchaus nicht erfreut.)*
+
+(Dolly zu Frau Clandon:) Hat Finch schon was zu trinken bekommen?
+
+(Frau Clandon abwehrend:) Liebes Kind, Herr McComas wird mit uns
+frühstücken.
+
+(Dolly.) Hast du sieben Gedecke bestellt? Vergiß nur nicht den alten
+Herrn!
+
+(Frau Clandon.) Ich habe ihn nicht vergessen, mein Kind. Wie heißt er?
+
+(Dolly.) Gichtknoten.--Er wird um halb zwei hier sein. (Zu McComas:)
+Sind wir so, wie Sie sich uns vorgestellt haben?
+
+(Frau Clandon ernst, sogar etwas gebieterisch:) Dolly, Herr McComas
+hat euch etwas Ernsteres mitzuteilen als das.--Kinder: ich habe meinen
+alten Freund gebeten, die Frage, die ihr heute morgen an mich
+gerichtet habt, zu beantworten. Er ist sowohl der Freund eures Vaters
+als auch der meine, und er wird euch die Geschichte meines Ehelebens
+besser erzählen, als ich es könnte.--Gloria, bist du nun zufrieden?
+
+(Gloria ernst und aufmerksam:) Herr McComas ist sehr gütig.
+
+(McComas nervös:) Durchaus nicht, mein Fräulein, durchaus nicht. Doch
+das kommt ziemlich plötzlich... ich bin kaum darauf vorbereitet--
+
+(Dolly argwöhnisch:) Oh! wir wollen auch gar nichts Vorbereitetes
+hören.
+
+(Philip ihn ermunternd:) Sagen Sie uns die Wahrheit.
+
+(Dolly nachdrünklich:) Die nackte Wahrheit!
+
+(McComas gereizt:) Ich hoffe, Sie haben die Absicht, ernst zu nehmen,
+was ich zu sagen habe?
+
+(Philip mit tiefem Ernst:) Ich hoffe, daß es das verdient, Herr
+McComas. Meine Menschenkenntnis lehrt mich, niemals zuviel zu
+erwarten.
+
+(Frau Clandon abwehrend:) Phil--
+
+(Philip.) Ja Mutter, schon gut. Entschuldigen Sie, Herr McComas,
+stoßen Sie sich nicht an uns.
+
+(Dolly versöhnlich:) Wir meinen es gut.
+
+(Philip.) Schweigen wir beide!
+
+(Dolly hält ihre Lippen fest. McComas nimmt einen Stuhl vom
+Frühstückstisch, setzt ihn zwischen den kleinen Tisch und die
+Gartenbank, so daß Dolly zu seiner Rechten und Philip zu seiner Linken
+zu stehen kommt. Er setzt sich mit der Miene eines Mannes, der im
+Begrift steht, eine lange Auseinandersetzung zu beginnen. Die
+Clandons beobachten ihn erwartungsvoll.)
+
+(McComas.) Hm!--Ihr Vater--
+
+(Dolly.) Wie alt ist er?
+
+(Philip.) Sch!
+
+(Frau Clandon sanft:) Liebe Dolly, wir wollen Herrn McComas nicht
+unterbrechen.
+
+(McComas mit Nachdruck:) Ich danke Ihnen, Frau Clandon--ich danke!
+(Zu Dolly:) Ihr Vater ist siebenundfünfzig Jahre alt.
+
+(Dolly mit einem Satz, überrascht und aufgeregt:) Siebenundfünfzig?!...
+Wo lebt er?
+
+(Frau Clandon zurechtweisend:) Dolly! Dolly!
+
+(McComas sie unterbrechend:) Lassen Sie mich dies beantworten, Frau
+Clandon. Die Antwort wird Sie sehr überraschen.--Er lebt hier, an
+diesem Ort.
+
+(Frau Clandon erhebt sich sehr böse, setzt sich aber wieder sprachlos
+nieder. Gloria beobachtet sie ganz starr.)
+
+(Dolly mit Überzeugung:) Ich wußte es!... Phil--Gichtknoten ist unser
+Vater!
+
+(McComas.) Gichtknoten--?!
+
+(Dolly) Oder McNaughty... oder sonst wie--was weiß ich! Er sagte mir,
+ich sähe seiner Mutter ähnlich; ich wußte es ja, daß er seine Tochter
+meinte.
+
+(Philip sehr ernst:) Herr McComas: ich möchte Ihre Gefühle auf jede
+mögliche Art berücksichtigen--aber ich warne Sie! Wenn Sie den langen
+Arm des Zufalls derart verlängern, daß Sie mir einreden wollen, der
+hier lebende Herr McNaughtan sei mein Vater, so weigere ich mich, auf
+Ihre Auskünfte auch noch einen Augenblick weiter einzugehen.
+
+(McComas.) Und warum, wenn ich bitten darf?
+
+(Philip.) Weil ich diesen Herrn gesehen habe und er gänzlich
+ungeeignet ist, mein Vater, oder Dollys Vater, oder Glorias Vater,
+oder der Mann meiner Mutter zu sein!
+
+(McComas.) Oh, wirklich?--So. Dann muß ich Ihnen sagen--ob Sie es nun
+gern hören oder nicht--: er ist tatsächlich Ihr Vater und der Vater
+Ihrer Schwester und Frau Clandons Gatte.--Nun, was sagen Sie dazu?
+
+(Dolly weinerlich:) Sie brauchen nicht so böse zu sein! Gichtknoten
+ist ja nicht Ihr Vater!
+
+(Philip.) Herr McComas, Ihr Benehmen ist herzlos. Sie finden hier
+eine Familie, die den unsagbaren Frieden und die Annehmlichkeit
+genießt, verwaist zu sein--wir haben niemals das Antlitz eines
+Verwandten gesehen--niemals ein Band anerkannt, mit Ausnahme des
+Bandes einer frei gewählten Freundschaft--und jetzt wollen Sie einen
+Mann in die intimste Verwandtschaft mit uns hineinstoßen, den wir
+nicht kennen....
+
+(Dolly heftig:) Einen entsetzlichen alten Mann! (Vorwurfsvoll:) Und
+Sie fingen an, als ob Sie einen ganz netten Vater für uns hätten!
+
+(McComas ärgerlich:) Woher wissen Sie, daß er nicht nett ist? Und
+welches Recht haben Sie, sich Ihren eigenen Vater zu wählen? (Seine
+Stimme erhebend:) Ich muß Ihnen sagen, Fräulein Clandon, daß Sie zu
+jung sind, um--
+
+(Dolly unterbricht ihn plötzlich mit Heftigkeit:) Still! Das hab' ich
+ja ganz vergessen... hat er Geld?
+
+(McComas.) Er hat sehr viel Geld.
+
+(Dolly entzückt:) Oh, was habe ich immer gesagt, Phil?
+
+(Philip.) Dolly, wir haben den alten Mann vielleicht zu schnell
+verurteilt.--Fahren Sie fort, Herr McComas.
+
+(McComas.) Ich werde nicht fortfahren, junger Herr. Ich bin zu empört,
+zu verletzt dazu.
+
+(Frau Clandon kämpft mit ihrem Zorn:) Finch, können Sie die ganze
+Sachlage mit allen Folgen überblicken? Wissen Sie, daß meine Kinder
+diesen Mann zum Frühstück eingeladen haben und daß er in einigen
+Augenblicken hier sein wird? (McComas ganz außer sich:) Was!...
+Meinen Sie--soll ich wirklich annehmen--ist es...
+
+(Philip nachdrücklich:) Ruhig Blut, Finch! Denken Sie darüber langsam
+und sorgfältig nach.--Er kommt--kommt zum Frühstück.
+
+(Gloria.) Wer von uns soll ihm die Wahrheit sagen? Habt ihr darüber
+nachgedacht?
+
+(Frau Clandon.) Finch, Sie müssen es ihm sagen!
+
+(Dolly.) Oh, Finch ist ganz unbrauchbar, um so was zu sagen! Schau
+doch, was er damit angerichtet hat, daß er es uns gesagt hat!
+
+(McComas.) Man hat mich nicht zu Worte kommen lassen. Ich protestiere.
+
+(Dolly ergreift schmeichlerisch seinen Arm:) Lieber Finch, nicht böse
+sein!
+
+(Frau Clandon.) Gloria, wir wollen hineingehen; er kann jeden
+Augenblick kommen!
+
+(Gloria stolz:) Rühr' dich nicht vom Fleck, Mutter. Ich werde mich
+auch nicht rühren. Wir dürfen nicht davonlaufen.
+
+(Frau Clandon sie zurechtweisend:) Mein Kind, so können wir nicht zu
+Tisch gehen. Wir kommen gleich wieder. Wir müssen kein Heldentum
+posieren. (Gloria zuckt zusammen und geht stumm ins Hotel:) Komm,
+Dolly! (Als sie sich der Hoteltüre nähert, kommt ihr der Kellner
+daraus entgegen. Er trägt ein Servierbrett, auf dem sich Teller für
+die zwei hinzugekommenen Gedecke befinden.)
+
+(Der Kellner.) Sind die Herren schon da, gnädige Frau?
+
+(Frau Clandon.) Es kommen noch zwei. Sie werden gleich da sein. (Sie
+geht ins Hotel. Der Kellner geht mit seinem Geschirr an den
+Serviertisch.)
+
+(Philip.) Ich habe eine Idee--Herr McComas. Die Mitteilung, die Sie
+zu machen haben, erfordert doch einen Mann von unendlich viel Takt,
+nicht wahr?
+
+(McComas.) Es gehört sicherlich Takt dazu.
+
+(Philip.) Dolly, wessen Takt ist dir erst heute morgen aufgefallen?
+
+(Dolly ergreift die Idee mit Begeisterung:) O ja! ich weiß, wen du
+meinst! William!
+
+(Philip.) Das ist der Mann! (Rufend:) William!
+
+(Der Kellner.) Zu Befehl, junger Herr.
+
+(McComas entsetzt:) Der Kellner?!... Nein! Nein! Das kann ich nicht
+zugeben, ich--
+
+(Der Kellner taucht zwischen Philip und McComas auf:) Ich stehe zu
+Diensten.
+
+(McComas setzt sich außer Fassung. Sein Gesicht wird aschfahl, und
+seine Augen werden bewegungs--und ausdruckslos. Er setzt sich total
+verdutzt.)
+
+(Philip.) William, erinnern Sie sich an meine Bitte, mich als Ihren
+Sohn zu betrachten?
+
+(Der Kellner mit respektvoller Nachsicht:) Gewiß, junger Herr?--Alles,
+womit ich Ihnen dienen kann.
+
+(Philip.) William: Ihre Karriere als mein Vater hat kaum begonnen, und
+schon ist ein Rivale auf der Bildfläche aufgetaucht.
+
+(Der Kellner.) Ihr wirklicher Vater, junger Herr? Nun, das war früher
+oder später zu erwarten, nicht wahr? (Er wendet sich mit einem
+glücklichen Lächeln zu McComas:) Sind Sie es, gnädiger Herr?
+
+(McComas kommt durch seine Entrüstung wieder zu Kräften:) Nein, ganz
+gewiß nicht, Gott sei Dank! Meine Kinder wissen, wie sie sich zu
+benehmen haben!
+
+(Philip.) Nein, William, dieser Herr hätte nur mein Vater werden
+können! Um ein Haar wäre er's geworden. Er hat um meine Mutter
+angehalten, aber sie hat ihm einen Korb gegeben.
+
+(McComas beleidigt:) Ich muß doch bitten--Wahrhaftig, diese Frechheit--
+
+(Philip.) Sch!--Infolgedessen ist er nur unser Anwalt geworden.
+--Kennen Sie einen gewissen McNaughtan in dieser Stadt?
+
+(Der Kellner.) Der schieläugige McNaughtan, junger Herr, vom krummen
+Knüttel--meinen Sie den?
+
+(Philip.) Das weiß ich nicht!--Finch, hält er ein Wirtshaus?
+
+(McC omas erhebt sich empört:) Nein, nein, nein! Ihr Vater, Herr, ist
+ein sehr bekannter Schiffsrheder, einer der angesehensten Männer der
+Stadt!
+
+(Der Kellner, auf den das Eindruck gemacht hat:) Oh, verzeihen Sie,
+gnädiger Herr--ein Sohn des Herrn McNaughtan--meine Güte!
+
+(Philip.) Herr McNaughtan wird mit uns frühstücken.
+
+(Der Kellner verlegen:) Zu Befehl, junger Herr. (Diplomatisch:) Er
+frühstückt für gewöhnlich wohl nicht mit seiner Familie?
+
+(Philip nachdenklich:) William--er weiß nicht, daß wir seine Familie
+sind. Er hat uns seit achtzehn Jahren nicht gesehen--er wird uns
+nicht erkennen. (Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, setzt sich
+Philip mit einem Sprung auf den Eisentisch und beobachtet den Kellner
+mit zusammengekniffenen Lippen und baumelnden Beinen.)
+
+(Dolly.) Wir wollen, daß Sie ihm diese Neuigkeit mitteilen, William!
+
+(Der Kellner.) Aber ich sollte meinen, daß er's errät, wenn er Ihre
+Mutter sieht, gnädiges Fräulein?
+
+(Philip starrt den Kellner hingerissen an; seine Beine stellen ihre
+Bewegung ein.)
+
+(Dolly verwirrt:) Daran habe ich nicht gedacht!
+
+(Philip.) Ich auch nicht! (Er verläßt den Tisch und wendet sich
+vorwurfsvoll zu McComas:) Sie auch nicht!
+
+(Dolly.) Und Sie wollen ein Anwalt sein?
+
+(Philip.) Finch, Ihre berufliche Unzulänglichkeit ist erschreckend!
+--William, Ihr Scharfsinn beschämt uns alle.
+
+(Dolly.) Sie sind wirklich Shakespear sehr ähnlich, William!
+
+(Der Kellner.) Aber nein! Es ist nicht der Rede wert, gnädiges
+Fräulein... ich schätze mich glücklich, junger Herr. (Er gebt
+bescheiden zum Frühstückstisch zurück und legt die beiden
+hinzugekommenen Gedecke auf, das eine an die Schmalseite in der Nähe
+der Stufen und das andere so, daß noch ein drittes hinzukommen kann an
+der von der Balustrade am weitesten entfernten Seite.)
+
+(Philip ergreift plötzlich McComas' Arm und führt ihn gegen das Hotel
+zu:) Finch, kommen Sie und waschen Sie sich die Hände.
+
+(McComas.) Ich bin überaus ungehalten und verletzt, Herr Clandon--
+
+(Philip ihn unterbrechend:) Sie werden sich schon an uns gewöhnen.
+Komm, Dolly!
+
+(McComas schüttelt ihn ab und geht ins Hotel. Philip folgt ihm mit
+unerschütterlicher Gemütsruhe.)
+
+(Dolly, die ihnen folgt, wendet sich einen Augenblick auf den Stufen
+um:) Halten Sie Ihre fünf Sinne beisammen, William--es wird drunter
+und drüber gehen!
+
+(Der Kellner.) Zu Befehl, Sie können sich auf mich verlassen, gnädiges
+Fräulein.
+
+(Dolly geht ins Hotel.)
+
+(Dr. Valentine kommt leichten Fußes die Stufen vom Strand herauf,
+McNaughtan folgt ihm störrisch. Dr. Valentine hat einen Spazierstock,
+McNaughtan trägt--entweder weil er alt ist und friert, oder um seinen
+unmodernen Seemannsanzug zu verbergen--einen leichten Überzieher. Er
+bleibt vor dem Stuhl, den McComas eben verlassen hat, in der Mitte der
+Terrasse stehen, stützt die Hand auf die Lehne und gibt sich so ein
+bißchen Kraft.)
+
+(McNaughtan.) Die vielen Stufen machen mich schwindlig. (Er fährt
+sich mit der Hand über die Stirn:) Ich habe dieses höllische Gas noch
+immer im Leibe. (Er setzt sich in den Eisenstuhl, so daß er seine
+Ellbogen auf den kleinen Tisch aufstützen und den Kopf in die Hände
+stützen kann. Er erholt sich bald und beginnt seinen Überrock
+aufzuknöpfen. Inzwischen fragt Dr. Valentine den Kellner aus.)
+
+(Dr. Valentine.) Kellner!
+
+(Der Kellner tritt vor zwischen die beiden Gäste:) Zu Befehl?
+
+(Dr. Valentine.) Ist Frau Lanfrey Clandon zu Hause?
+
+(Der Kellner mit einem süßen Lächeln des Willkommens:) Zu dienen, Herr
+Doktor, wir erwarten Sie. Dies ist der bestellte Tisch. Frau Clandon
+wird gleich da sein.--Die junge Dame und der junge Herr haben soeben
+von ihrem Freunde gesprochen.
+
+(Dr. Valentine.) Wirklich?
+
+(Der Kellner sanft melodisch:) Zu Befehl. Die jungen Herrschaften
+sind sehr ausgelassen--eine spaßhafte Ader sozusagen, gnädiger Herr.
+(Rasch zu McNaughtan, der sich erhoben hat, um seinen Überrock
+abzulegen:) Verzeihen Euer Gnaden--gestatten Sie... (Er hilft ihm den
+Überrock ausziehen und nimmt ihn an sich:) Ich danke sehr.
+(McNaughtan setzt sich wieder, und der Kellner nimmt die unterbrochene
+Melodie wieder auf:) Des jungen Herrn letzter Witz ist, daß Sie sein
+Vater sind, gnädiger Herr.
+
+(McNaughtan.) Was?!
+
+(Der Kellner.) Nur ein Spaß, Euer Gnaden--sein Lieblingsspaß. Gestern
+sollte ich sein Vater sein--heute, als er erfuhr, daß Sie kommen
+würden, gnädiger Herr, versuchte er sofort mir einzureden, daß Sie
+sein Vater wären--sein lang verlorener Vater. Achtzehn Jahre lang hat
+er Sie nicht gesehen--sagt er.
+
+(McNaughtan verblüfft:) Achtzehn Jahre?...
+
+(Der Kellner.) Zu Befehl. (Mit sanfter Schlauheit:) Aber ich war
+seinen Späßen gewachsen, gnädiger Herr. Ich sah, wie ihm die Idee kam,
+als er hier stand und über einen neuen Scherz nachdachte, den er sich
+mit mir machen könnte.--Ja, gnädiger Herr, das ist so seine Art. Sehr
+vergnügt, liebenswürdig, sehr frei und sehr umgänglich--wahrhaftig,
+gnädiger Herr! (Verändert wieder seinen Rhythmus, um zu Dr. Valentine,
+der seinen Stock in eine Ecke der Garunbank lehnt, zu sagen:) Darf
+ich so frei sein?... (Er nimmt Dr. Valentines Stock.) Danke schön.
+
+(Dr. Valentine geht an den Tisch und studiert das Menü.)
+
+(Der Kellner wendet sich wieder zu McNaughtan und fährt in seinem
+Liede fort:) Sogar der Herr Anwalt ist auf den Scherz eingegangen,
+obgleich ich sozusagen im Vertrauen mit ihm über den jungen Herrn
+gesprochen hatte... Ja, ich versichere Ihnen, Sie würden nicht
+glauben, wozu die ehrenwertesten Berufsmenschen Londons auf einem
+Ausflug, wenn die Meerluft sie anbläst, imstande sind!
+
+(McNaughtan.) Oh, sie haben also einen Anwalt bei sich?
+
+(Der Kellner.) Ja, der Familienanwalt, gnädiger Herr. Ein Herr
+McComas. (Er geht mit Rock und Stock zum Hoteleingang,
+glücklicherweise ohne zu ahnen, welchen bombenartigen Eindruck er mit
+diesem Namen auf McNaughtan gemacht hat.)
+
+(McNaughtan erhebt sich in wütender Erregung:) McComas! (Ruft:) Dr.
+Valentine! (Ruft grimmiger:) Dr. Valentine! (Dr. Valentine wendet
+sich um.) Das ist eine Falle, eine Verschwörung! Das ist meine
+Familie--meine Kinder--mein Satan von Weib!
+
+(Dr. Valentine kalt:) Was Sie nicht sagen! Ein interessantes
+Zusammentreffen. (Er geht wieder daran, das Menü zu studieren.)
+
+(McNaughtan.) Zusammentreffen?... Es wird nicht stattfinden! Lassen
+Sie mich fort! (Ruft den Kellner an:) Geben Sie mir meinen Überzieher!
+
+(Der Kellner.) Ja, gnädiger Herr! (Er kehrt um, lehnt Dr. Valentines
+Stock vorsichtig an den Frühstückstisch, schüttelt den Überzieher
+behutsam und hält ihn McNaughtan zum Anziehen hin.) Ich scheine dem
+jungen Herrn unrecht getan zu haben--ist es so, gnädiger Herr?
+
+(McNaughtan.) Rrrh! (Er hält inne, im Begriff in die Armel au
+schlüpfen, und wendet sich mit plötzlichem Argwohn zu Dr. Valentine:)
+Doktor, Sie sind im Einverständnis! Das haben Sie angestiftet! Sie--
+
+(Dr. Valentine entschieden:) Unsinn! (Er wirft das Menü fort, geht um
+den Tisch herum an die Balustrade und sieht gleichgültig hinaus.)
+
+(McNaughtan ärgerlich:) Was zum Teufel--(McComas kommt aus dem Hotel,
+Philip und Dolly folgen ihm. Er wankt bei McNaughtans Anblick einen
+Moment zurück.)
+
+(Der Kellner unterbricht McNaughtan sanft:) Fassung, gnädiger Herr!
+Hier kommen sie. (Er ergreift Dr. Valentines Stock und eilt, den Rock
+über seinen Arm werfend, ins Hotel.)
+
+(McComas zieht die Mundwinkel entschlossen herab, geht auf McNaughtan
+zu, der zurückweicht und mit den Händen auf dem Rücken ihn böse
+anstarrt. McComas sieht mit offenerer Stirn denn je McNaughtan an,
+mit der Majestät eines fleckenlosen Gewissens.)
+
+(Der Kellner flüstert Philip während seines Abgangs zu:) Ich hab' es
+ihm beigebracht, junger Herr.
+
+
+(Philip.) Unschätzbarer William! (Er tritt vor, an den Tisch.)
+
+(Dolly leise zum Kellner:) Wie hat er's aufgenommen?
+
+(Der Kellner leise zu ihr:) Erst war er erschrocken, gnädiges
+Fräulein--dann aber in sein Schicksal ergeben... wirklich sehr ergeben.
+(Er geht mit Stock und Rock in das Hotel.)
+
+(McComas hat McNaughtan durch sein Anstarren aus der Fassung gebracht:
+) Da wären Sie also, Herr McNaughtan!
+
+(McNaughtan.) Ja, da bin ich--in einer Falle gefangen--in einer ganz
+gemeinen Falle!--Sind das meine Kinder?
+
+(Philip mit tödlicher Höflichkeit:) Ist das unser Vater, Herr McComas?
+
+(McComas.) Ja--es--(Er verliert selbst die Fassung und hält inne.)
+
+(Dolly förmlich:) Es freut mich sehr, Ihnen wieder zu begegnen. (Sie
+kommt nachlässig hinter dem Tisch hervor und tauscht unterwegs mit Dr.
+Valentine ein Lächeln und ein Wort des Grußes.)
+
+(Philip.) Erlauben Sie mir, meine erste Pflicht dem Gaste gegenüber zu
+erfüllen und Ihren Wein zu bestellen. (Er nimmt die Weinkarte vom
+Tisch; seine höfliche Aufmerksamkeit und Dollys achtlose
+Gleichgültigkeit belassen McNaughtan auf dem Standpunkt der zufälligen
+Bekanntschaft, die sie am Morgen beim Zahnarzt gemacht haben. Diese
+Erkenntnis berührt den Vater mit so heftiger Qual, daß er über und
+über zittert. Seine Stirn wird feucht, und er starrt seinen Sohn
+schweigend an. Dieser ist sich seiner eigenen Gefühllosigkeit genug
+bewußt, um sich seines Humors und seiner Gewandtheit außerordentlich
+zu freuen. Er fährt freundlich fort.) Finch, darf ich für den alten
+respektablen Familienanwalt irgendeinen alten verstaubten Portwein
+bestellen?
+
+(McComas bestimmt:) Nur Apollinaris--ich will lieber nichts
+Erhitzendes nehmen. (Er wendet sich nach der andern Seite der
+Terrasse, wie ein Mann, der eine Versuchung von sich gewiesen hat.)
+
+(Philip.) Doktor--?
+
+(Dr. Valentine.) Würde Lagerbier zu gemein gefunden werden?
+
+(Philip.) Wahrscheinlich. Bestellen wir welches. Dolly trinkt es
+auch. (Wendet sich zu McNaughtan mit heiterer Höflichkeit:) Nun, Herr
+McNaughtan, was dürfen wir Ihnen bestellen?
+
+(McNaughtan.) Was soll das heißen, Junge?
+
+(Philip.) Junge?... (Sehr feierlich:) Wessen Schuld ist es, daß ich
+ein Junge bin? (McNaughtan reißt ihm die Weinkarte grob aus der Hand
+und tut unschlüssig so, als ob er sie lese. Philip überläßt sie ihm
+mit vollendeter Höflichkeit.)
+
+(Dolly über McNaughtans Schulter blickend:) Der Whisky steht auf der
+vorletzten Seite.
+
+(McNaughtan.) Laß mich zufrieden, Kind.
+
+(Dolly.) Kind?... Nein, nein, das geht nicht! Sie können mich
+"Dolly" nennen, wenn Sie wollen; aber Sie dürfen nicht "Kind" zu mir
+sagen! (Sie hängt sich in Philip ein, und die beiden stehen vor
+McNaughtan und betrachten ihn wie einen exzentrischen Fremden.)
+
+(McNaughtan wischt sich die Stirn in Schmerz und Wut und dennoch sogar
+durch ihr Spielen mit ihm erleichtert:) McComas, ha! Das wird
+ein--ein nettes Frühstück werden!
+
+(McComas kleinmütig:) Ich sehe nicht ein, aus welchem Grunde es nicht
+nett werden sollte. (Er blickt äußerst trübe drein.)
+
+(Philip.) Das Gesicht von Finch ist schon allein ein Festessen.
+
+(Frau Clandon und Gloria treten aus dem Hotel. Frau Clandon nähert
+sich mit mutiger Selbstbeherrschung und mit deutlich zur Schau
+getragenem würdigem Benehmen. Sie hält auf der obersten Stufe inne,
+um Dr. Valentine anzureden, der ihr gerade in den Weg kommt; Gloria
+bleibt auch stehen und betrachtet McNaughtan mit einem gewissen
+Widerwillen.)
+
+(Frau Clandon.) Es freut mich, Sie wiederzusehen, Herr Doktor. (Er
+lächelt. Sie geht weiter und steht McNaughtan gegenüber in der
+Absicht, ihn mit vollständiger Selbstbeherrschung anzusprechen; aber
+sein Anblick erschüttert sie. Sie hält plötzlich inne und sagt
+ängstlich, mit einem Anflug von Gewissensnot in der Stimme:) Fergus,
+du hast dich sehr verändert.
+
+(McNaughtan grimmig:) Das will ich meinen! Ein Mann verändert sich in
+achtzehn Jahren.
+
+(Frau Clandon verwirrt:) So...so habe ich's nich gemeint. Ich hoffe,
+du bist gesund.
+
+(McNaughtan.) Ich danke.--Nein! nicht meine Gesundheit; mein Glück, da
+steckt die Veränderung, die du meinst, nicht wahr? (Plötzlich
+ausbrechend:) Sehen Sie sie an, McComas--sehen Sie sie an und--(Halb
+lachend, halb schluchzend:) und sehen Sie mich an!
+
+(Philip.) Sch! (Er zeigt auf den Hoteleingang, wo der Kellner eben
+erschienen ist:) Still! Haltung vor William!
+
+(Dolly berührt McNaughtans Arm warnend:) Hm!
+
+(Der Kellner geht an den Serviertisch und winkt nach dem Kücheneingang,
+aus dem ein Kellnerjunge mit Suppentellern beraustritt, ein Koch mit
+weißer Schürze und Kappe folgt ihm mit der Suppenschüssel. Der
+Kellnerjunge bleibt und serviert, der Koch geht hinaus und kommt von
+Zeit zu Zeit, die Gänge auftragend, wieder herein. Er tranchiert,
+aber er serviert nicht. Der Kellner tritt an das in der Nähe der
+Stufen gelegene Ende des Frühstückstisches.)
+
+(Frau Clandon, nachdem sich alle vor dem Tisch vereinigt haben:) Ich
+glaube, die Herrschaften sind einander heute alle schon begegnet...
+doch nein, entschuldigen Sie. (Vorstellend:) Herr Dr. Valentine--Herr
+Rechtsanwalt McComas. (Sie geht an das Ende des Tisches, das dem
+Hotel zunächst ist.) Fergus, willst du dich obenan setzen--bitte.
+
+(McNaughtan) Ha! (bitter:) Obenan!
+
+(Der Kellner hält ihm den Stuhl mit harmloser Ermutigung hin:) Hier,
+ich bitte.
+
+(McNaughtan fügt sich und nimmt Platz.)
+
+(Der Kellner.) Danke schön.
+
+(Frau Clandon.) Herr Doktor, wollen Sie hier Platz nehmen--(Sie weist
+auf den Stuhl in der Nähe der Balustrade:) neben Gloria. (Dr.
+Valentine und Gloria nehmen ihre Plätze ein, Gloria neben McNaughtan
+und Dr. Valentine neben Frau Clandon.) Finch, Sie muß ich auf diese
+Seite setzen, zwischen Dolly und Phil. Wehren Sie sich, so gut Sie
+können. (Die drei nehmen die übriggebliebene Seite des Tisches ein;
+Dolly sitzt neben ihrer Mutter, Philip neben seinem Vater und McComas
+zwischen ihnen. Die Suppe wird aufgetragen.)
+
+(Der Kellner zu McNaughtan:) Bouillon oder Suppe?
+
+(McNaughtan zu Frau Clandon:) Spricht in dieser Familie niemand ein
+Tischgebet?
+
+(Philip ihn schnell unterbrechend:) Sehen wir erst einmal zu, was wir
+zu essen und zu trinken bekommen werden.--William!
+
+(Der Kellner.) Zu Befehl? (er gleitet leise um den Tisch herum an
+Philips linke Seite; auf dem Wege flüstert er dem Kellnerjungen zu:)
+Suppe!
+
+(Philip.) Zwei kleine Lager für uns Kinder, wie gewöhnlich, und ein
+großes für diesen Herrn (er zeigt auf Dr. Valentine), eine große
+Flasche Apollinaris für Herrn McComas.
+
+(Der Kellner.) Zu dienen.
+
+(Dolly.) Nehmen Sie etwas Whisky dazu, Finch?
+
+(McComas entrüstet:) Nein, nein, ich danke!
+
+(Philip.) Nummer vierhundertdreizehn, wie immer für meine Mutter und
+Fräulein Gloria, und--(wendet sich fragend zu McNaughtan:) was nehmen
+Sie?
+
+(McNaughtan mürrisch und im Begriff, beleidigend zu antworten:) Ich--
+
+(Der Kellner honigsüß dazwischentretend:) Es ist schon gut, junger
+Herr. Wir wissen hier, was Herr McNaughtan liebt. (Er geht ins Hotel.)
+
+(Philip seinen Vater ernst betrachtend:) Sie haben also die schlechte
+Gewohnheit, Wirtshäuser zu besuchen!
+
+(Der Koch, dem ein Kellner mit übereinandergetürmten heißen Tellern
+folgt, bringt den Fisch aus der Küche und beginnt, ihn auf dem
+Serviertisch zu zerlegen.)
+
+(McNaughtan.) Du hast deine Lektion von deiner Mutter gut gelernt.
+
+(Frau Clandon.) Phil! bedenke gefälligst, daß deine Scherze Leute, die
+nicht daran gewöhnt sind, auf-* zubringen imstande sind und daß dein
+Vater heute unser Gast ist.
+
+(McNaughtan bitter:) Ja, ein Gast an der Spitze meines eigenen Tisches!
+(Die Suppenteller werden weggenommen.)
+
+(Dolly teilnahmsvoll:) Ja, das ist peinlich, nicht wahr? Aber uns ist
+es ebenso peinlich.
+
+(Philip.) Sch! Wir sind beide taktlos. (Zu McNaughtan:) Wir meinen
+es gut, Herr McNaughtan, aber wir sind noch nicht sehr geübt in
+unseren Rollen als Kinder. (Der Kellner kommt aus dem Hotel mit den
+Getränken:) William, kommen Sie und stellen Sie das gute Einvernehmen
+wieder her.
+
+(Der Kellner ermunternd:) Mit größtem Vergnügen, junger Herr. (Setzt
+die Getränke vor:) Ihr kleines Lager; (zu McNaughtan:) Ihr Whisky und
+Soda, (zu McComas:) Ihr Apollinaris; (zu Dolly:) ein kleines Lager,
+(zu Frau Clandon, Wein einschenkend.) vierhundertdreizehn, gnädige
+Frau; (zu Dr. Valentine:) Ihr großes Lager; (zu Gloria:)
+vierhundertdreizehn, gnädiges Fräulein.
+
+(Dolly trinkend:) Auf das Wohl der Familie!
+
+(Philip trinkend:) Auf Heim und Herd! (Der Fisch wird herumgereicht.)
+
+(McComas mit einem sichtlich erzwungenen Versuch,
+Familiengemütlichkeit anzuregen:) Na, nun geht's ja eigentlich doch
+ganz gut.
+
+(Dolly kritisierend:) Eigentlich...? Warum "eigentlich", Finch?
+
+(McNaughtan sarkastisch:) Er meint, daß es trotz eures Vaters
+Anwesenheit doch ganz gut geht.--Habe ich Sie richtig verstanden, Herr
+McComas?
+
+(McComas aus dem Text gebracht:) Nein, nein--ich habe nur "eigentlich"
+gesagt, um den Satz abzurunden. Ich--ich--
+
+(Der Kellner taktvoll:) Turbot?
+
+(McComas überaus dankbar für die Unterbrechung:) Bitte, Kellner, bitte.
+
+(Der Kellner halblaut:) Bitte, bitte. (Er geht an den Serviertisch
+zurück.)
+
+(McNaughtan zu Philip:) Hast du schon an die Wahl einen Berufes
+gedacht?
+
+(Philip.) Ich sehe mich danach um.--William!
+
+(Der Kellner.) Zu Befehl?
+
+(Philip.) Was glauben Sie: wie lange müßte ich in die Lehre gehen, um
+ein wirklich tüchtiger Kellner zu werden?
+
+(Der Kellner.) Das kann nicht gelernt werden, junger Herr. Das liegt
+im Charakter. (Vertraulich zu Dr. Valentine, der etwas zu suchen
+scheint:) Brot für das gnädige Fräulein?... Hier, bitte. (Er reicht
+Gloria Brot und fährt im bisherigen Tonfall wieder fort:) Sehr wenige
+sind dazu geboren, junger Herr!
+
+(Philip.) Sie haben wohl nicht selbst so etwas wie einen Sohn--was?
+
+(Der Kellner.) Jawohl, junger Herr. O ja. (Zu Gloria, seine Stimme
+wieder senkend:) Noch etwas Fisch, gnädiges Fräulein? Sie dürften
+sich nicht viel aus Braten machen zum Frühstück.
+
+(Gloria.) Nein, ich danke. (Die Fischteller werden weggenommen.)
+
+(Dolly.) Ist Ihr Sohn ebenfalls Kellner, William?
+
+(Der Kellner bedient Gloria mit Geflügel:) O nein, gnädiges Fräulein.
+Dafür ist er zu heftig. Er ist vor den Schranken tätig.
+
+(McComas gönnerhaft:) Schenkkellner--was?
+
+(Der Kellner mit einem Anflug von Melancholie; als wenn er sich an
+eine durch die Zeit gelinderte Enttäuschung erinnerte:) Nein, gnädiger
+Herr--andere Schranken, Gerichtsschranken. Ihr Gewerbe, Herr
+Rechtsanwalt. Königlicher Anwalt.
+
+(McComas verlegen:) Oh, entschuldigen Sie.
+
+(Der Kellner.) Es hat nichts zu bedeuten, gnädiger Herr. Ein sehr
+begreiflicher Irrtum!--Ich habe schon manchmal gewünscht, es wäre ein
+Schenkkellner aus ihm geworden! Dann hätte er mir nicht halb so lange
+auf der Tasche gelegen. (Beiseite zu Dr. Valentine, der wieder etwas
+zu suchen scheint:) Hier ist das Salz, Herr Doktor.
+
+(Fährt wieder fort:) Ja, ich mußte ihn bis zu seinem
+siebenunddreißigsten Jahr erhalten. Aber jetzt geht es ihm gut--recht
+zufriedenstellend, wirklich! Er plaidiert nicht unter fünfzig Guineen.
+
+(McComas.) Das ist die Demokratie, McNaughtan, die moderne Demokratie!
+
+(Der Kellner ruhig:) Nein, nicht die Demokratie, bloß Erziehung,
+gnädiger Herr--Stipendien, Cambridge, Sidney-Sussex Collegium,
+gnädiger Herr. (Dolly sieht ihn am Armel; er neigt sich zu ihr, und
+sie flüstert ihm etwas ins Ohr:) Ingwerbier im Steinkrug, gnädiges
+Fräulein? Sofort! (Zu McComas:) Für ihn war es ein Glück, er hatte
+nie Lust zu wirklicher Arbeit. (Er geht ins Hotel und läßt die
+Gesellschaft etwas übermannt von dem vornehmen Stande seines Sohnes
+zurück.)
+
+(Dr. Valentine.) Wer von uns darf es wagen, diesem Manne noch einen
+Befehl zu erteilen?
+
+(Dolly.) Ich hoffe, er nimmt es mir nicht übel, daß ich ihn um
+Ingwerbier geschickt habe.
+
+(McNaughtan halsstarrig:) Solange er Kellner ist, ist Aufwarten sein
+Geschäft! Wenn ihr ihn behandelt hättet, wie ein Kellner behandelt
+werden soll, so würde er geschwiegen haben.
+
+(Dolly.) Das wäre jammerschade gewesen! Vielleicht gibt er uns eine
+Empfehlung an seinen Sohn, der könnte uns doch in die Londoner
+Gesellschaft einführen.
+
+(Der Kellner erscheint wieder mit dem Ingwerbier.)
+
+(McNaughtan brummt wütend:) Londoner Gesellschaft,... Londoner
+Gesellschaft!... Du passest in gar keine Gesellschaft, Kind!
+
+(Dolly ihren Gleichmut verlierend:) Wissen Sie, Herr McNaughtan, wenn
+Sie glauben--
+
+(Der Kellner leise an ihrer Seite.) Ingwerbier, gnädiges Fräulein.
+
+(Dolly abgelenkt, findet ihre gute Laune nach einem tiefen Atemzug
+wieder und entgegnet sanft:) Ich danke Ihnen, *lieber* William. Sie
+sind gerade im rechten Augenblick gekommen. (Sie trinkt.)
+
+(McComas, macht eine neuerliche Anstrengung, die Unterhaltung in
+leidenschaftslose Bahnen zu lenken:) Gestatten Sie, daß ich das Thema
+wechsle, Fräulein Clandon: welches ist die Landesreligion Madeiras?
+
+(Gloria.) Ich glaube, die portugiesische Religion. Ich habe nie
+danach gefragt.
+
+(Dolly.) Zur Fastenzeit kommen die Diener und knien vor der Herrschaft
+nieder und beichten alles, was sie begangen haben, und die
+Herrschaften müssen so tun, als ob sie ihnen verziehen.--Geschieht das
+auch in England, William?
+
+(Der Kellner.) Für gewöhnlich nicht, gnädiges Fräulein. Vielleicht in
+einigen Teilen Englands; aber ich habe noch nichts davon gehört. (Er
+fängt einen Blick der Frau Clandon auf, als der Kellnerjunge ihr die
+Salatschüssel reicht.) Sie wollen ihn unangemacht, gnädige Frau?--Ja,
+ja, ich habe welchen für Sie. (Zu seinem jungen Kollegen, ihn
+anweisend, Gloria zu bedienen:) Hier herüber, Joe. (Er nimmt eine
+Extraportion Salat vom Serviertisch und setzt sie neben Frau Clandons
+Teller. Während er das tut, bemerkt er, daß Dolly ein saures Gesicht
+macht.) Nur etwas Brunnenkresse ist irrtümlicherweise hineingekommen,
+gnädiges Fräulein. (Er nimmt ihr den Salat fort:) Entschuldigen Sie.
+(Zum Kellnerjungen, ihn anweisend, Dolly noch einmal zu bedienen:) Joe!
+(nimmt das frühere Thema wieder auf:) Die meisten sind Mitglieder der
+anglikanischen Kirche, gnädiges Fräulein.
+
+(Dolly.) Mitglieder der anglikanischen Kirche? Wie hoch ist der
+Jahresbeitrag?
+
+(McNaughtan springt zum allgemeinen Entsetzen empört auf:) Sie sehen,
+wie meine Kinder erzogen worden sind... da sehen Sie es... Sie hören
+es! Ich rufe Sie alle zu Zeugen auf--(Er wird unverständlich und ist
+im Begriff, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, ohne die Folgen
+zu berücksichtigen, als der Kellner ihm rücksichtsvoll den Teller
+fortnimmt.)
+
+(Frau Clandon fest:) Setze dich, Fergus. Es ist gar kein Anlaß zu
+diesem Auftritt. Du mußt bedenken, daß Dolly hier wie eine
+Ausländerin ist.--Bitte, setze dich!
+
+(McNaughtan unwillig nachgebend:) Ich bin im Zweifel, ob ich mich noch
+an diesen Tisch setzen soll, wo ich all das mit anhören muß. Ich bin
+wirklich im Zweifel.
+
+(Der Kellner.) Käse, gnädiger Herr?... Oder wünschen Sie eine kalte
+süße Speise?
+
+(McNaughtan verwirrt:) Was?... O Käse--Käse!
+
+(Dolly.) Bringen Sie Zigaretten, William.
+
+(Der Kellner.) Hier, gnädiges Fräulein. (Er nimmt eine
+Zigarettenschachtel vom Serviertisch und setzt sie neben Dolly, die
+eine auswählt und sich zu rauchen anschickt. Dann gebt er an den
+Serviertisch zurück, um Wachshölzer zu holen.)
+
+(McNaughtan starrt Dolly entsetzt an:) Sie raucht?!...
+
+(Dolly am Ende ihrer Geduld:) Wahrhaftig, Herr McNaughtan, ich fürchte,
+ich verderbe Ihnen das Essen; ich werde meine Zigarette am Strand
+rauchen. (Sie verläßt plötzlich den Tisch und läuft ärgerlich die
+Stufen hinunter. Der Kellner will ihr die Wachshölzer geben, aber sie
+ist fort, bevor er sie erreichen kann.)
+
+(McNaughtan wütend:) Margarete, rufe das Mädel zurück!... rufe sie
+zurück, sag' ich!
+
+(McComas versucht Frieden zu stiften:) Gehen Sie, McNaughtan, machen
+Sie sich nichts daraus! Sie ist die Tochter ihres Vaters, weiter
+nichts.
+
+(Frau Clandon mit tiefem Groll:) Das hoffe ich nicht, Finch. (Sie
+erhebt sich. Alle erheben sich ein wenig.) Herr Doktor, nicht wahr,
+Sie entschuldigen mich? Ich fürchte, Dolly ist über diesen Vorfall
+ganz außer sich, ich muß zu ihr gehen.
+
+(McNaughtan.) Um ihre Partei gegen mich zu ergreifen--was?!
+
+(Frau Clandon ihn ignorierend:) Gloria, willst du mich bei Tisch, so
+lange Ich fort bin, vertreten, liebes Kind? (Sie geht auf die Stufen
+zu. McNaughtans Augen folgen ihr mit bitterem Haß; die übrigen
+beobachten sie in verlegenem Schweigen und fühlen sich von dem
+Zwischenfall sehr peinlich berührt.)
+
+(Der Kellner hält Frau Clandon am Rande der Stufen auf und bietet ihr
+eine Schachtel Wachsbölzer an:) Die junge Dame hat die Streichhölzer
+vergessen, gnädige Frau. Wenn Sie so gütig sein wollten, gnädige
+Frau--
+
+(Frau Clandon nimmt, durch den Zauber seiner süßen und ermunternden
+Stimme überrascht, den Ton dankbarer Höflichkeit an:) Ich danke Ihnen
+sehr. (Sie nimmt die Wachshölzer und geht hinab an den Strand.)
+
+(Der Kellner zieht seinen Gehilfen durch die Küchentür mit sich ins
+Hotel und überläßt die Gesellschaft sich selbst.)
+
+(McNaughtan sich in seinen Stuhl zurückwerfend:) Eine Mutter nach
+Ihrem Geschmack, McComas! Eine Mutter nach Ihrem Geschmack!
+
+(Gloria standhaft:) Ja--eine gute Mutter!
+
+(McNaughtan.) Und ein schlechter Vater--das meinst du doch, was?
+
+(Dr. Valentine erhebt sich entrüstet und wendet sich zu Gloria:)
+Fräulein Clandon, ich--
+
+(McNaughtan wendet sich zu ihm:) Dieses Mädchen heißt McNaughtan, Herr
+Doktor--nicht Clandon! Wollen Sie sich meiner Familie in den
+Beleidigungen meiner Person anschließen?
+
+(Dr. Valentine ihn nicht beachtend:) Ich bin außer mir, Fräulein
+Clandon! Es ist meine Schuld--ich habe ihn hergebracht--ich bin für
+ihn verantwortlich, und ich schäme mich für ihn!
+
+(McNaughtan.) Was meinen Sie damit?
+
+(Gloria erhebt sich; kalt:) Es ist nichts geschehen, Herr Doktor.--Ich
+fürchte, wir sind alle ein bißchen kindisch gewesen; unsere
+Zusammenkunft ist mißglückt. Wir wollen sie abbrechen und Schluß
+machen. (Sie schiebt ihren Stuhl zur Seite und wendet sich den Stufen
+zu; als sie an McNaughtan vorbeikommt, fügt sie mit nachlässiger Ruhe
+hinzu:) Adieu, Vater. (Sie geht die Stufen mit kalter, verdrießlicher
+Gleichgültigkeit hinab.)
+
+(Alle blicken ihr nach und bemerken daher die Rückkehr des Kellners
+nicht, der, mit McNaughtans Rock und Dr. Valentines Stock, mit ein
+paar Schals, Sonnenschirmen und einem weißen Leinensonnenschirm und
+einigen Feldstühlen beladen, aus dem Hotel kommt.)
+
+(McNaughtan für sich, Gloria mit verzerrtem Gesichtsausdruck
+nachblickend:) Vater--Vater!... (Er schlägt mit der Faust heftig auf
+den Tisch:) Jetzt--
+
+(Der Kellner den Überzieher anbietend:) Ich glaube, das ist der Ihre,
+gnädiger Herr.
+
+(McNaughtan starrt ihn an, reißt dann den Überzieher grob an sich und
+geht längs der Terrasse gegen die Gartenbank zu. Er kämpft mit seinem
+Rock bei seinen ärgerlichen Bemühungen, ihn anzuziehen. McComas
+erhebt sich und eilt ihm zu Hilfe. Dann nimmt er seinen Hut und
+Schirm von dem kleinen Eisentisch und wendet sich den Stufen zu.
+Inzwischen bietet der Kellner, nachdem er McNaughtan mit unveränderter
+Süßigkeit für die Abnahme des Überziehers gedankt hat, etwas von
+seiner Last Philip an.)
+
+(Der Kellner.) Die Sonnenschirme für die Damen, junger Herr.--Das Meer
+blendet heute stark, das ist sehr schädlich für den Teint... Ich
+werde die Strandstühle selbst hinuntertragen.
+
+(Philip.) Sie sind alt, Vater William, aber Sie sind der aufmerksamste
+Mensch, den ich kenne.--Nein, behalten Sie die Sonnenschirme und geben
+Sie mir die Strandstühle. (Er nimmt sie.)
+
+[Footnote: Zitat aus einem Gedicht von Southey.]
+
+(Der Kellner mit schmeichlerischer Dankbarkeit:) Zu gütig, junger Herr.
+
+(Philip.) Finch, teilen Sie mit mir. (Er gibt ihm welche.) Kommen Sie!
+(Sie gehen zusammen die Stufen hinunter.)
+
+(Dr. Valentine zum Kellner:) Lassen Sie mich auch etwas hinuntertragen.
+.. einen von diesen. (Er will ihm einen Sonnenschirm abnehmen.)
+
+(Der Kellner diskret:) Der gehört der jüngeren Dame, Herr Doktor. (Dr.
+Valentine überläßt ihn dem Kellner.) Wenn Sie gestatten wollten, so
+glaube ich, Sie sollten lieber dies hier nehmen. (Er legt den
+Sonnenschirm auf McNaughtans Stuhl und zieht aus seiner hinteren
+Fracktasche ein Buch. Ein Damentaschentuch ist zwischen den Blättern
+als Lesezeichen eingelegt.) Das ist das Buch, in dem die ältere junge
+Dame jetzt gerade liest. (Dr. Valentine ergreift es eifrig.) Danke
+schön. Schopenhauer, wie Sie sehen. (Er nimmt die Sonnenschirme
+wieder auf.) Ein sehr interessanter Autor, Herr Doktor, namentlich was
+die Damen betrifft. (Er geht die Stufen hinab.)
+
+(Dr. Valentine im Begriff, dem Kellner zu folgen, erinnert sich an
+McNaughtan und ändert seinen Entschluß. Er geht ziemlich aufgeregt zu
+McNaughtan:) Nein, wirklich, McNaughtan: schämen Sie sich denn gar
+nicht?
+
+(Mc Naugthan streitsüchtig:) Mich schämen?... Weshalb?
+
+(Dr. Valentine.) Weil Sie sich betragen haben wie ein Bär!... Was
+wird Ihre Tochter von mir denken, daß ich Sie hergebracht habe?
+
+(McNaughtan.) Ich habe noch keine Zeit gefunden, darüber nachzusinnen,
+was meine Tochter von Ihnen denkt.
+
+(Dr. Valentine.) Nein, Sie haben nur an sich gedacht! Sie sind ein
+krankhafter Egoist!
+
+(McNaughtan tiefbekümmert:) Sie hat Ihnen ja gesagt, was ich bin--ein
+Vater--ein seiner Kinder beraubter Vater!--Was sind die Herzen dieser
+Generation?... Muß ich herkommen nach all den Jahren, um zum ersten
+Male zu sehen, was aus meinen Kindern geworden ist--ihre Stimmen zu
+hören!... und soll mich dabei wie ein richtiger Gast benehmen!...
+platze zufällig in das Frühstück herein--heiße Herr McNaughtan!...
+Was für ein Recht haben meine Kinder, mit mir so zu sprechen?... Ich
+bin ihr Vater--leugnen sie es?... Ich bin ein Mann mit allgemein
+menschlichen Gefühlen!... Habe ich keine Rechte, keine Ansprüche?...
+Was für Menschen habe ich in all den Jahren um mich gehabt?... Diener,
+Angestellte, Geschäftsfreunde!... Aber ich habe ihre Achtung
+genossen--ja ihre Güte!... Würde einer von diesen Leuten so mit mir
+gesprochen haben, wie dieses Mädchen?... Würde einer von denen über
+mich gelacht haben, wie dieser Junge die ganze Zeit über mich gelacht
+hat? (Wild:) Meine eigenen Kinder--Herr McNaughtan! Meine--
+
+(Dr. Valentine.) Aber, aber!... Es sind ja nur Kinder! Das einzige
+von ihnen, das etwas wert ist, hat Sie "Vater" genannt.
+
+(McNaughtan.) Ja, "adieu, Vater"--adieu! O ja! Dies Kind hat sich an
+mein Herz gewendet--mit einem Dolchstoß.
+
+(Dr. Valentine nimmt das sehr übel auf:) Hören Sie, McNaughtan, lassen
+Sie die in Ruh! Sie hat Sie sehr gut behandelt. Ich habe eine viel
+schlimmere Stunde beim Frühstück zugebracht als Sie.
+
+(McNaughtan.) Sie?...
+
+(Dr. Valentine mit wachsender Heftigkeit:) Ja--ich! Ich habe neben
+ihr gesessen und habe während der ganzen Zeit nicht ein einziges Wort
+mit ihr gesprochen--nicht ein einziges Wort konnte ich finden--und
+nicht ein Wort hat sie für mich gehabt!
+
+(McNaughtan.) Nun?
+
+(Dr. Valentine.) Nun... nun?... (Spricht sehr ernst und immer
+schneller:) McNaughtan, wissen Sie, was heute mit mir vorgegangen ist?.
+.. Sie glauben doch nicht, daß ich die Gewohnheit habe, meinen
+Patienten so mitzuspielen, wie ich Ihnen heute mitgespielt habe?
+
+(McNaughtan.) Hoffentlich nicht.
+
+(Dr. Valentine.) Der Grund ist, daß ich entweder völlig verrückt bin,
+oder vielmehr früher nie wirklich im Besitze meines gesunden
+Menschenverstandes gewesen bin. Jetzt bin ich zu allem fähig--ich bin
+endlich erwachsen--ich bin ein Mann geworden--und Ihre Tochter ist es,
+die einen Mann aus mir gemacht hat!
+
+(McNaughtan ungläubig:) Sind Sie in meine Tochter verliebt?
+
+(Dr. Valentine, seine Worte ergießen sich nun in einem wahren Strom
+von seinen Lippen:) Verliebt?... Unsinn!... Es ist viel mehr und
+viel höher als Liebe... es ist Leben, Glaube, Kraft, Gewißheit,
+Paradies...
+
+(McNaughtan unterbricht ihn mit beißendem Hohn:) Unsinn, Mensch! Was
+haben (Sie), um eine Frau zu unterhalten?... Sie können sie nicht
+heiraten.
+
+(Dr. Valentine.) Wer will sie denn heiraten?... Ich will ihre Hände
+küssen, ich will zu ihren Füßen knien, ich will für sie leben, ich
+will für sie sterben... und das soll mir genügen! Sehen Sie ihr Buch
+an--sehen Sie! (Er küßt das Taschentuch:) Wenn Sie mir Ihr ganzes
+Geld anböten für diese Gegenstände, die mir als Ausrede dienen, an den
+Strand hinunterzugehen und mit ihr wieder zu sprechen,--ich würde
+Ihnen nur ins Gesicht lachen. (Er geht übermütig gegen die Stufen zu,
+wo er dem vom Strande heraufkommenden Kellner direkt in die Arme läuft.
+Die beiden bewahren einander vor dem Umfallen, indem sie sich
+gegenseitig eng um den Leib fassen und sich umschlungen herumdrehen.)
+
+(Der Kellner zart:) Sachte, Herr Doktor--sachte!
+
+(Dr. Valentine über seine eigene Heftigkeit unangenehm berührt:)
+Entschuldigen Sie!
+
+(Der Kellner.) Bitte, Herr Doktor--bitte. Das ist ganz natürlich in
+Ihrem Alter.--Das gnädige Fräulein hat mich um ihr Buch
+heraufgeschickt; dürfte ich mir erlauben, Sie zu bitten, es ihr sofort
+zu bringen?
+
+(Dr. Valentine.) Mit Vergnügen!--Und wollen Sie mir erlauben, Sie mit
+der sechswöchentlichen Einnahme eines Zahnarztes zu beschenken... (Er
+bietet ihm Dollys Fünf-Schilling-Stück an.)
+
+(Der Kellner, als ob diese Summe seine höchsten Erwartungen überträfe:
+) Danke vielmals, Herr Doktor--tausend Dank!
+
+(Dr. Valentine stürzt die Stufen hinunter.) Ein sehr übermütiger
+junger Mann, sehr männlich und gut gewachsen!
+
+(McNaughtan in brummiger Herabsetzung:) Und wird sehr schnell
+ein Vermögen machen--zweifellos! Ich weiß, wieviel seine
+sechswöchentlichen Einnahmen betragen. (Er geht über die Terrasse an
+den eisernen Tisch und setzt sich.)
+
+(Der Kellner philosophisch:) Ja, gnädiger Herr, man kann nie wissen...
+Das ist mein Wahlspruch, wenn Sie gütigst verzeihen wollen, daß ich
+so ein Ding habe. (Der Philosoph wird einen Augenblick vom zart
+fühlenden Kellner zurückgedrängt:) Sie wissen vielleicht selbst nicht,
+daß Sie Ihr Getränk noch nicht berührt hatten, als die Gesellschaft
+aufbrach. (Er nimmt das Glas vom Frühstückstisch und setzt es vor
+McNaughtan hin.) Ja, gnädiger Herr--man kann nie wissen... Sehen Sie
+nur meinen Sohn: wer hätte je gedacht, daß er es dahin bringen würde,
+einen seidenen Talar zu tragen als königlicher Anwalt? Und dennoch
+verdient er heute nicht weniger als sechzig Pfund bei jedem Prozeß,
+gnädiger Herr. Was für eine Lehre!
+
+(McNaughtan.) Nun, ich hoffe, er ist Ihnen dankbar und weiß, was er
+Ihnen schuldet.
+
+(Der Kellner.) Wir vertragen uns sehr gut--wahrhaftig, sehr gut in
+Anbetracht der Verschiedenheit unserer Stellungen. (Mit einem zweiten
+seiner unwiderstehlichen Übergänge:) Ein Stückchen Zucker wird, ohne
+den Trank merklich zu süßen, die Fadheit des Sodawassers beseitigen.
+Erlauben Sie, gnädiger Herr. (Er wirft ein Stückchen Zucker in das
+Glas:) Aber wie ich ihm sage: worin besteht schließlich der
+Unterschied? Ich muß einen Frack anziehen, wenn ich zeigen will, was
+ich bin, und er muß eine Perücke und einen Talar anlegen, wenn er
+zeigen will, was er ist. Wenn mein Einkommen vorwiegend aus
+Trinkgeldern besteht und ich doch so tun muß, als ob ich nicht darauf
+aus wäre, so besteht sein Einkommen vorwiegend aus Gebühren, und auch
+er muß, wie ich wohl verstehe, so tun, als wäre er nicht darauf aus.
+--Wenn er Geselligkeit liebt und ihn sein Beruf in Berührung mit allen
+möglichen Gesellschaftsklassen bringt, der meine tut das auch. Wenn
+es für einen Advokaten nicht günstig ist, der Sohn eines Kellners zu
+sein, so ist es auch für einen Kellner nicht günstig, der Vater eines
+Advokaten zu sein. Ich versichere Ihnen, es gibt Leute, die darin
+eine große Dreistigkeit sehen!--Kann ich Ihnen sonst noch etwas
+besorgen, gnädiger Herr?
+
+(McNaughtan.) Nein, danke. (Gedemütigt und bitter:) Ich hoffe, man
+wird nichts dagegen einzuwenden haben, daß ich hier noch eine Weile
+sitzen bleibe. Hier stör' ich jedenfalls nicht die Gesellschaft am
+Strande.
+
+(Der Kellner gerührt:) Es ist sehr gütig von Ihnen, gnädiger Herr, daß
+Sie tun, als ob Sie nicht wüßten, daß Ihre Anwesenheit hier eine
+Auszeichnung und eine Ehre für uns alle ist... wirklich sehr gütig!
+--Je mehr Sie sich hier zu Hause fühlen, desto glücklicher werden wir
+sein.
+
+(McNaughtan mit scharfer Ironie:) Zu Hause!
+
+(Der Kellner nachdenklich:) Nun ja, gnädiger Herr, das ist auch
+Ansichtssache. Ich behaupte immer, der große Vorzug eines Hotels
+besteht darin, daß es Schutz bietet vor dem Familienleben.
+
+(McNaughtan.) Ich habe diesen Segen heute nicht gehabt.
+
+(Der Kellner.) Ja, das haben Sie auch nicht--jawohl, weiß Gott! Immer
+geschieht das, was man nicht erwartet hat, nicht wahr? (Er schüttelt
+den Kopf:) Man kann nie wissen, gnädiger Herr--man kann nie wissen!
+(Er geht ins Hotel.)
+
+(McNaughtan stützt sein abgehetztes, jammervolles Gesicht mit den
+hartblickenden Augen in die Hände:) Familie--Familie! (Er legt seine
+Arme auf den Tisch und neigt den Kopf darauf; aber da er eben jemanden
+kommen hört, setzt er sich wieder kerzengerade auf. Es ist Gloria,
+die allein die Stufen heraufkommt, ihren Sonnenschirm und ihr Buch in
+Händen. McNaughtan sieht sie trotzig an. Die brutale Hartnäckigkeit
+seines Mundes und die sehnsüchtigen Augen stehen zueinander in
+pathetischem Widerspruch. Sie geht an das eine Ende der Gartenbank
+und lehnt sich mit dem Rücken dagegen und sieht auf McNaughtan herab,
+wie erstaunt über seine Schwäche. Sie ist zu neugierig auf ihn, um
+kalt zu bleiben, aber das Verwandtschaftverhältniß ist ihr höchst
+gleichgültig:) Nun?...
+
+(Gloria.) Ich möchte Sie einen Augenblick sprechen.
+
+(McNaughtan sie fest anblickend:) Wirklich? Das ist überraschend! Du
+begegnest deinem Vater nach achtzehn Jahren und du hast wahrhaftig den
+Wunsch, ihn "einen Augenblick" zu sprechen!--Das ist rührend--wahrhaftig!
+(Er bleibt sitzen, den Kopf in die Hand gestützt, und blickt, in
+düsteres Nachdenken versunken, hinunter und von ihr fort.)*
+
+(Gloria.) Was Sie da sagen, scheint mir alles so unsinnig, so
+unberechtigt. Was für Gefühle haben Sie von uns erwartet? Was sollen
+wir für Sie tun? Warum sind Sie gegen uns weniger höflich als andere
+Leute?... Sie können uns augenscheinlich nicht recht leiden--warum
+sollten Sie auch?--aber trotzdem sollten wir einander doch begegnen
+können, ohne zu streiten.
+
+(McNaughtan, über dessen Antlitz ein schwerer grauer Schatten streicht:
+) Machst du dir klar, daß ich dein Vater bin?
+
+(Gloria.) Vollkommen.
+
+(McNaughtan.) Begreifst du, was mir als deinem Vater gebührt?
+
+(Gloria.) Zum Beispiel--?
+
+(McNaughtan erbebt sich, als ob er ein Ungeheuer zu bekämpfen hätte:)
+Zum Beispiel--... zum Beispiel--?...
+Pflicht--Liebe--Achtung--Gehorsam!
+
+(Gloria gibt ihre sorglose Stellung auf und stellt sich ihm schnell
+und stolz gegenüber:) Ich gehorche nur meinem Sinn für das Rechte; ich
+achte nichts, was nicht edel ist! Das ist meine Pflicht. (Sie fügt
+weniger fest hinzu:) Was Liebe anbelangt, so liegt die nicht in meiner
+Macht--ich glaube nicht, daß ich genau weiß, was Liebe eigentlich ist.
+(Sie wendet sich, mit sichtlichem Widerwillen gegen dieses Thema, ab
+und geht an den Frühstückstisch, zu einem bequemen Stuhl hin, wo sie
+ihr Buch und ihren Sonnenschirm niederlegt.)
+
+(McNaughtan folgt ihr mit den Augen:) Meinst du wirklich, was du sagst?
+
+(Gloria wendet sich um; rasch und streng:) Entschuldigen Sie: aber das
+ist eine unhöfliche Frage. Ich spreche ernst mit Ihnen und ich
+erwarte auch, daß Sie mich ernst nehmen. (Sie nimmt einen der Stühle,
+wendet ihn fort vom Tisch und setzt sich etwas müde nieder.) Können
+Sie diese Dinge nicht kühl und vernünftig besprechen?
+
+(McNaughtan.) Kühl und vernünftig?... Nein, das kann ich nicht!
+Verstehst du? Das kann ich nicht!
+
+(Gloria mit Nachdruck:) Nein--das kann ich nicht verstehen. Ich habe
+keine Sympathie für--
+
+(McNaughtan fährt nervös zusammen:) Halt, sprich nicht weiter! Du
+weißt nicht, was du tust! Willst du mich toll machen? (Sie runzelt
+die Stirn, denn sie findet eine solche Laune unerträglich. Er setzt
+rasch hinzu:) Nein, ich bin nicht zornig--wirklich nicht! Warte,
+warte--laß mir nur etwas Zeit, mich zu besinnen. (Er steht einen
+Augenblick da und runzelt die Stirn und ballt die Hände in seiner
+Aufregung. Dann nimmt er den Stuhl vom Ende des Frühstückstisches und
+setzt sich neben Gloria. Mit einer rührenden Anstrengung, sanft und
+geduldig zu sein, sagt er:) Ich glaube, jetzt bin ich so weit.
+Jedenfalls will ich es versuchen.
+
+(Gloria fest:) Sehn Sie: alles geht, wenn man es nur energisch zu Ende
+denkt.
+
+(McNaughtan mit plötzlichem Schreck:) Nein, das tu nicht! Denke
+nichts--ich will, du sollst fühlen! Das ist das einzige, was uns
+helfen kann. Höre! Weißt du--aber vor allem--ich vergaß: wie heißt
+du eigentlich? Ich meine deinen Kosenamen. Sie können dich nicht gut
+Sophronia nennen.
+
+(Gloria mit erstauntem Widerwillen:) Sophronia?...Mein Name ist Gloria.
+Ich werde immer so genannt.
+
+(McNaughtan, dessen Zorn zurückkehrt:) Dein Name ist Sophronia,
+Mädchen! Du wurdest nach deiner Tante, meiner Schwester, Sophronia
+getauft! Sie hat dir deine erst Bibel mit deinem Namen darin
+geschenkt.
+
+(Gloria.) Dann hat mir meine Mutter einen neuen Namen gegeben.
+
+(McNaughtan ärgerlich:) Sie hatte kein Recht dazu! Ich werde das
+nicht zugeben!
+
+(Gloria.) Sie hatten kein Recht, mir den Namen Ihrer Schwester zu
+geben. Ich kenne sie nicht einmal.
+
+(McNaughtan.) Unsinn! Alles lasse ich mir nicht bieten: das hat seine
+Grenzen! Ich will das nicht haben--verstehst du?
+
+(Gloria erhebt sich; warnend:) Sind Sie entschlossen, in diesem
+zänkischen Ton fortzufahren?
+
+(McNaughtan entsetzt, bittend:) Nein, nein--setze dich! Willst du?
+(Sie sieht ihn an und läßt ihn in Ungewißheit. Er zwingt sich, den
+verhaßten Namen auszusprechen:) Gloria!
+
+(Sie gibt ihrer Befriedigung mit einer leichten Bewegung der Lippen
+Ausdruck und setzt sich:) Nun also--du siehst, ich habe nur den Wunsch,
+dir zu zeigen, daß ich dein Vater bin, mein--mein liebes Kind. (Die
+Zärtlichkeit ist so kläglich unbeholfen, daß Gloria gegen ihren Willen
+lächelt und sich vornimmt, ein wenig nachsichtig zu sein.) Höre mich
+an. Was ich dich fragen will, ist folgendes; Entsinnst du dich meiner
+nicht? Du warst ein ganz kleines Kind, als man dich von mir nahm,
+aber du konntest schon alles recht gut verstehen. Kannst du dich
+wirklich an niemanden erinnern, den du geliebt hast, oder--
+(schüchtern:) wenigstens auf Kinderart leiden mochtest? Besinnst du
+dich nicht auf jemanden, in dessen Arbeitszimmer du sein und seine
+kleinen Schiffe ansehn durftest, die du für Spielzeug hieltest? (Er
+sieht ihr ängstlich in die Augen, als suchte er nach irgendeiner
+Antwort. Dann fährt er dringender und weniger hoffnungsvoll fort:)
+Auf jemanden, der dich tun ließ, was du nur wolltest, und dir nie ein
+böses Wort gab, dir höchstens sagte, du solltest still sein und nicht
+sprechen? Auf jemanden, der dir etwas war, was dir sonst niemand
+gewesen ist--der dein Vater war!
+
+(Gloria ungerührt:) Wenn Sie mir das alles noch lange so schildern,
+dann werde ich mir zweifellos bald einbilden, daß ich mich daran
+erinnere. Aber tatsächlich erinnere ich mich an gar nichts.
+
+(McNaughtan sehnsüchtig:) Hat deine Mutter dir nie von mir erzählt?
+
+(Gloria.) Sie hat Ihren Namen mir gegenüber nie erwähnt. (Er stöhnt
+unwillkürlich auf. Sie blickt ihn ziemlich verachtungsvoll an und
+fährt fort:) Doch! Ein einziges Mal--und da geschah es, um mich an
+etwas zu erinnern, was ich auch vergessen hatte.
+
+(McNaughtan blickt hoffnungsvoll auf:) An was?
+
+(Gloria erbarmungslos:) An die Peitsche, die Sie eigens gekauft hatten,
+um mich zu schlagen.
+
+(McNaughtan mit den Zähnen knirschend:) Oh! Das aufzutischen, um dich
+mir zu entfremden, wo du es nie zu wissen brauchtest! (Mit pfeifendem,
+schmerzhaftem Atem:) Fluch ihr!
+
+(Gloria aufspringend:) Sie Elender! (Mit heftigem Nachdruck:) Sie
+Elender--Sie wagen es, meine Mutter zu verfluchen!
+
+(McNaughtan.) Hör' auf, oder du wirst es noch einmal bereuen! Ich bin
+dein Vater!
+
+(Gloria.) Wie ich dieses Wort hasse! Wie ich das Wort "Mutter" liebe!
+Es wäre besser, Sie gingen.
+
+(McNaughtan.) Ich--ich ersticke--du willst mich töten!
+Etwas--ich--(Seine Stimme erstickt, er ist einer Ohnmacht nahe.)
+
+(Gloria gebt zur Balustrade; kühl und nicht verlegen um ein
+Auskunftsmittel, ruft sie zum Strand hinunter:) Doktor Valentine!
+
+(Valentine antwortet von unten:) Bitte!
+
+(Gloria.) Kommen Sie doch einen Augenblick herauf! Herr McNaughtan
+braucht Sie. (Sie geht an den Tisch zurück und schenkt ein Glas
+Wasser ein.)
+
+(McNaughtan seine Sprache wiedererlangend:) Nein! laß mich in Ruhe!
+Ich brauche ihn nicht. Ich fühle mich vollkommen wohl! Ich brauche
+seine Hilfe nicht und deine auch nicht! (Er erhebt sich und rafft
+sich zusammen.) Du hast recht, es ist besser, wenn ich gehe. (Er
+setzt seinen Hut auf.) Ist das dein letztes Wort?
+
+(Gloria.) Ich hoffe. (Er starrt sie einen Augenblick an, nickt
+grimmig, als wenn er damit einverstanden wäre, und geht ins Hotel.
+Sie sieht ihm mit gleicher Festigkeit nach, bis er verschwindet. Dann
+macht sie eine Bewegung der Befreiung und wendet sich zu Dr. Valentine,
+der die Stufen heraufgelaufen kommt.)
+
+(Dr. Va1entine keuchend:) Was ist los? (Er siebt sich um:) Wo ist
+McNaughtan?
+
+(Gloria.) Fort. (Dr. Valentines Gesicht drückt plötzliche Freude,
+Furcht und Durchtriebenheit aus. Er hat eben bemerkt, daß er mit
+Gloria allein ist. Sie fährt gleichgültig fort:) Ich glaubte, er
+fühle sich nicht wohl; aber er hat sich wieder erholt. Er wollte
+nicht auf Sie warten--es tut mir leid. (Sie geht ihr Buch und den
+Sonnenschlrm holen.)
+
+(Dr. Valentine.) Um so besser! Er geht mir ohnedies auf die Nerven
+nach einer Weile. (Tut so, als ob er sich vergäße:) Wie kommt dieser
+Mann nur zu so einer wundervollen Tochter?
+
+(Gloria stutzt einen Augenblick und antwortet ihm dann mit höflicher,
+aber absichtlicher Verachtung:) Das scheint der Versuch zu einem
+Kompliment zu sein. Erlauben Sie mir, Sie gleich darauf aufmerksam zu
+machen, Doktor, daß Komplimente eine sehr öde Unterhaltung abgeben.
+Bitte, lassen Sie uns auf eine vernünftige und gesunde Weise Freunde
+sein, falls wir Freunde werden sollen. Ich habe nicht die Absicht,
+mich zu verheiraten; und wenn Sie diese Lage der Dinge nicht annehmen
+wollen, so wäre vorzuziehen, unsere gegenseitige Bekanntschaft nicht
+fortzusetzen.
+
+(Dr. Valentine vorsichtig:) Ich verstehe. Gestatten Sie mir nur eine
+einzige Frage?--Sind Sie gegen die Ehe als gesellschaftliche
+Einrichtung im allgemeinen, oder haben Sie nur etwas dagegen, mich
+persönlich zu heiraten?
+
+(Gloria.) Ich kenne Sie viel zu wenig, Herr Doktor, um über Ihre
+persönlichen Vorzüge irgendeine Meinung zu haben. (Sie wendet sich
+mit unendlicher Gleichgültigkeit von ihm fort und setzt sich mit ihrem
+Buch auf die Gartenbank:) Ich halte die Bedingungen einer heutigen Ehe
+nicht für solche, die irgendein Weib annehmen könnte, das sich selbst
+achtet.
+
+(Dr. Valentine schlägt sofort in den Ton herzlicher Aufrichtigkeit um,
+als ob er Glorias Bedingungen ehrlich annähme und von ihren
+Grundsätzen entzückt und beruhigt wäre:) Oh, da haben wir denn schon
+einen Punkt gemeinsamer Sympathie! Ich bin ganz Ihrer Ansicht: die
+heutigen Eheeinrichtungen sind höchst ungerecht. (Er nimmt seinen Hut
+ab und wirft ihn fröhlich auf den eisernen Tisch.) Nein! ich für mein
+Teil möchte all diesen Unsinn loswerden. (Er setzt sich so unbefangen
+neben sie, daß sie nicht daran denkt, etwas dagegen einzuwenden, und
+führt mit Enthusiasmus fort:) Finden Sie es nicht auch entsetzlich,
+daß ein Mann und eine Frau einander nur zu kennen brauchen, um
+verdächtigt zu werden, daß sie Heiratsabsichten haben? Als ob es
+keine andern Interessen gäbe--keine andern Unterhaltungsmöglichkeiten--
+als wenn die Frauen zu nichts Besserem fähig wären!
+
+(Gloria interessiert:) Ah, nun fangen Sie endlich an, menschlich und
+vernünftig zu sprechen, Herr Doktor!
+
+(Dr. Valentine mit einem Aufleuchten seiner Augen über den Erfolg
+seiner Jägerlist:) Selbstverständlich! Zwei intelligente Menschen wie
+wir...! Ist es nicht erfreulich in dieser dummen, von Konventionen
+gefesselten Welt, einmal mit jemandem auf demselben Boden
+zusammenzutreffen?... mit einem vorurteilsfreien, aufgeklärten, hellen
+Geist?
+
+(Gloria ernst:) Ich hoffe, in England vielen solchen Menschen zu
+begegnen.
+
+(Dr. Valentine zweifelbaft:) Hm... Es gibt eine Menge Menschen in
+England--nahezu vierzig Millionen--es sind nicht alles schwindsüchtige
+Mitglieder der hochgebildeten Klasse, wie die Leute in Madeira.
+
+(Gloria jetzt ganz von ihrem Gegenstand erfüllt:) Oh, in Madeira sind
+alle Leute dumm und vorurteilsvoll!--Es sind schwache, sentimentale
+Geschöpfe! Ich hasse Schwäche; und ich hasse Sentimentalität!
+
+(Dr. Valentine.) Das ist der Grund, warum Sie so begeistern können!
+
+(Gloria mit einem leichten Lachen:) Kann ich begeistern?
+
+(Dr. Valentine.) Ja. Stärke ist ansteckend.
+
+(Gloria.) Schwäche ist es--das weiß ich.
+
+(Dr. Valentine mit Überzeugung:) Sie sind stark! Wissen Sie, daß Sie
+mir heute morgen die Welt ganz umgewandelt haben? Ich war schwermütig
+und machte mir Gedanken wegen meiner unbezahlten Miete, beunruhigte
+mich über die Zukunft... da traten Sie ein: ich war geblendet! (Ihre
+Stirn bewölkt sich ein wenig. Er fährt rasch fort:) Das war natürlich
+albern--aber wahr und wahrhaftig, es geschah etwas mit mir! Erklären
+Sie es, wie Sie wollen--mein Blut wurde--(er zögert und sucht nach
+einem genügend leidenschaftslosen Wort)--mit Sauerstoff vermengt,
+meine Muskeln spannten sich, mein Geist klärte sich, mein Mut wuchs.
+--Das ist sonderbar, nicht wahr? Wenn man bedenkt, daß ich durchaus
+kein sentimentaler Mensch bin.
+
+(Gloria unbehaglich, erhebt sich:) Gehen wir zurück an den Strand.
+
+(Dr. Valentine zu ihr aufblickend, düster:) Wie? Sie haben das auch?
+
+(Gloria.) Was?
+
+(Dr. Valentine.) Angst.
+
+(Gloria.) Angst?...
+
+(Dr. Valentine.) Ja, daß irgend etwas geschehen könnte. Es kam
+plötzlich über mich, gerade ehe Sie vorschlugen, daß wir weglaufen
+sollten zu den andern.
+
+(Gloria erstaunt:) Das ist sonderbar--sehr sonderbar! Ich hatte
+dasselbe Gefühl.
+
+(Dr. Valentine.) Wie merkwürdig! (Er erhebt sich:) Nun, sollen wir
+fliehen?
+
+(Gloria.) Fliehen?... O nein, das wäre kindisch! (Sie setzt sich
+wieder. Er setzt sich neben sie und beobachtet sie mit ernster
+Sympathie. Nachdenklich und etwas verwirrt fügt sie hinzu:) Ich wüßte
+aber zuweilen gern die wissenschaftliche Erklärung für solche
+gelegentlichen Einbildungen.
+
+(Dr. Valentine.) Ja, die möchte ich zuweilen auch gern wissen. Es ist
+ein merkwürdig hilfloses Gefühl--nicht wahr?
+
+(Gloria lehnt sich gegen das Wort auf:) Hilflos?...
+
+(Dr. Valentine.) Ja. Ist es nicht, als ob die Natur--nachdem sie uns
+jahrelang erlaubt hat, uns selbst anzugehören und zu tun, was wir für
+richtig und vernünftig halten--plötzlich ihre große Hand erhöbe und
+uns, ihre zwei kleinen Kinder, am Kragen packte, um uns, gegen unsern
+Willen, auf ihre eigene Weise für ihre eigenen Zwecke dienstbar zu
+machen?
+
+(Gloria.) Ist das nicht etwas phantastisch?
+
+(Dr. Valentine mit einem neuen und erstaunlichen Übergang zu einem Ton
+äußerster Sorglosigkeit:) Das weiß ich nicht--ich frage nicht danach!
+(Vorwurfsvoll losbrechend:) O Fräulein Clandon--Fräulein Clandon--wie
+konnten Sie nur!
+
+(Gloria.) Was hab' ich getan?
+
+(Dr. Valentine.) Diese Verzückung in meine Seele schleudern!--Ich
+bemühe mich aufrichtig, vernünftig zu sein--ja wissenschaftlich--wie
+immer Sie mich wünschen... aber... aber--Oh, sehen Sie nicht, womit
+Sie meine Phantasie erfüllt haben?!
+
+(Gloria mit empörter verachtungsvoller Härte:) Ich hoffe, daß Sie
+nicht so albern und nicht so gemein sein werden--von... "Liebe" zu
+sprechen!
+
+(Dr. Valentine mit ironischer Eile, eine solche Schwäche in Abrede zu
+stellen:) Nein, nein, nein, nicht Liebe! Wir sind zu gescheit, an so
+was zu denken! Wir wollen es Chemie nennen! Sie können nicht leugnen,
+daß es so etwas wie eine chemische Tätigkeit, eine chemische
+Wahlverwandtschaft, eine chemische Verbindung gibt. Sie ist die
+unwiderstehlichste aller Naturkräfte... Nun, Sie ziehen mich
+unwiderstehlich an--chemisch.
+
+(Gloria verachtungsvoll:) Unsinn!
+
+(Dr. Valentine.) Natürlich ist das Unsinn, dummes Mädel! (Gloria
+weicht mit empörter Überraschung zurück.) Ja, ein dummes Mädel sind
+Sie!--Das ist eine wissenschaftliche Tatsache! Sie sind ein
+eingebildeter Philister--ein weiblicher Philister! Das sind Sie! (Er
+erhebt sich:) Jetzt sind Sie wahrscheinlich fertig mit mir--für immer!
+(Er geht an den eisernen Tisch und nimmt seinen Hut.)
+
+(Gloria setzt sich mit vollendeter Ruhe, wie eine Lehrerin in einer
+Hochschule, die dem Photograpben sitzt:) Das beweist mir nur, wie
+wenig Sie meinen wirklichen Charakter verstehen--ich bin nicht im
+geringsten beleidigt. (Er schweigt und setzt seinen Hut wieder hin.)
+Ich bin immer bereit, mich von meinen Freunden auf meine Fehler
+aufmerksam machen zu lassen, Herr Doktor--selbst wenn diese Freunde
+mich so ungeheuerlich mißverstehen wie Sie! Ich habe viele
+Fehler--sehr große Fehler sogar, aber wenn ich etwas nicht bin, so ist
+es das, was Sie einen Philister nennen.
+
+(Sie preßt ihre Lippen fest zusammen und blickt ihn standhaft und
+herausfordernd an, während sie gefaßter ist denn je.)
+
+(Dr. Valentine kehrt an das Ende der Gartenbank zurück, um Gloria mit
+mehr Nachdruck gegenüber zutreten:) O doch, das sind Sie! Mein
+Verstand sagt es mir--meine Kenntnisse sagen es mir--meine Erfahrung
+sagt es mir.
+
+(Gloria.) Entschuldigen Sie, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache, daß
+Ihr Verstand und Ihr Gefühl und Ihre Erfahrung nicht unfehlbar
+sind--ich hoffe es wenigstens.
+
+(Dr. Valentine.) Ich muß diesen aber glauben. Es sei denn, Sie
+wollten, daß ich meinen Augen, meinem Herzen, meinen Instinkten und
+meiner Einbildungskraft glaube, die mir alle über Ihre Person die
+ungeheuerlichsten Lügen erzählen.
+
+(Gloria, deren Fassung anfängt nachzulassen:) Lügen?...
+
+(Dr. Valentine hartnäckig:) Ja, Lügen. (Er setzt sich wieder neben
+sie.) Oder soll ich vielleicht glauben, daß Sie das schönste Weib der
+Erde sind? Erwarten Sie das von mir?
+
+(Gloria.) Das ist lächerlich und etwas persönlich noch dazu.
+
+(Dr. Valentine.) Natürlich ist es lächerlich!--Aber es ist das, was mir
+meine Augen sagen. (Gloria protestiert mit einer verachtungsvollen
+Bewegung:) Nein, ich schmeichle Ihnen nicht--ich sage Ihnen doch,
+daß ich meinen Augen nicht traue. (Sie schämt sich darüber, daß ihr
+das auch nicht ganz recht ist.) Erwarten Sie, daß ich hier sitzen und
+wie ein Kind heulen werde, wenn Sie aus Widerwillen gegen meine
+Schwäche nichts von mir wissen wollen?
+
+(Gloria beginnt einzusehen, daß sie, um standhaft zu bleiben, kurz und
+bündig sprechen muß:) Warum sollten Sie das wohl, bitte?
+
+(Dr. Valentine läßt absichtlich eine Gefühlsbewegung in seiner Stimme
+zittern:) Natürlich werde ich das nicht! Ich bin kein solcher Esel!
+--Und doch sagt mir mein Herz, daß ich heulen würde--mein närrisches
+Herz. Aber ich will ein ernstes Wort mit meinem Herzen reden und es
+zur Vernunft bringen. Und liebte ich Sie tausendmal, so will ich der
+Wahrheit dennoch standhaft ins Antlitz sehen... Ist ja doch auch ganz
+leicht, vernünftig zu sein... Tatsachen sind Tatsachen. Wo sind wir
+hier? Nicht im Himmel, sondern im Marine-Hotel! Die Zeit ist nicht
+die Ewigkeit, sondern halb zwei Uhr nachmittags. Was bin ich? Ein
+Zahnarzt--ein Fünf-Schilling-Zahnarzt!
+
+(Gloria.) Und ich bin ein weiblicher Philister.
+
+(Dr. Valentine leidenschaftlich;) Nein, nein, das kann ich nicht
+ertragen! Eine Illusion muß mir bleiben--die Illusion über Sie! Ich
+liebe Sie. (Er wendet sich zu ihr, als ob er der Lust, sie zu
+berühren, nicht länger widerstehen könnte. Sie erhebt sich zornig und
+ist auf der Hut. Er springt ungeduldig auf und tritt einen Schritt
+zurück.) Oh, was bin ich für ein Narr--was für ein Idiot! Sie
+verstehen mich nicht... Ich könnte ebensogut zu den Steinen am Strand
+sprechen! (Er wendet sich entmutigt ab.)
+
+(Gloria beruhigter infolge seines Rückzuges und etwas reuig:) Es tut
+mir leid. Ich möchte nicht teilnahmslos sein, Herr Doktor,--aber was
+soll ich sagen?
+
+(Dr. Valentine kehrt zu ihr zurück, und an die Stelle seines
+Sichgehenlassens tritt ein verbindlicher und ritterlicher Respekt:)
+Sie können nichts sagen, Fräulein Clandon. Verzeihen Sie mir. Ich
+allein trage alle Schuld--oder richtiger, ich habe eben Pech gehabt.
+Sehen Sie, es hing alles davon ab, ob Sie mich gern möchten. (Sie ist
+im Begriff zu sprechen, er unterbricht sie aber mit bittenden Gebärden:
+) Oh, ich weiß--Sie dürfen mir nicht sagen, ob Sie mich gern mögen
+oder nicht; aber--
+
+(Gloria wappnet sich sofort mit ihren Grundsätzen:) Ich darf nicht?...
+Warum nicht?... Ich bin ein freies Weib! Warum soll ich es Ihnen
+nicht sagen dürfen?
+
+(Dr. Valentine weicht ängstlich zurück; bittend:) Nicht! Ich könnte
+es nicht ertragen!
+
+(Gloria nicht länger verachtungsvoll:) Sie brauchen sich nicht zu
+fürchten. Ich halte Sie für sentimental und für ein wenig
+überspannt--aber ich habe Sie gern.
+
+(Dr. Valentine fällt wie zermalmt in den Eisenstubl:) Dann ist alles
+vorüber! (Er ist ein Bild der Verzweiflung.)
+
+(Gloria nähert sich ihm; verwirrt:) Aber warum denn?
+
+(Dr. Valentine.) Weil gernhaben nicht genügt! Jetzt, wo ich ernstlich
+darüber nachdenke, weiß ich selbst nicht, ob ich Sie gern habe oder
+nicht.
+
+(Gloria blickt mit erstauntem Interesse auf ihn herab:) Das tut mir
+leid.
+
+(Dr. Valentine. Im Schmerz zurückgehaltener Leidenschaft:) Oh,
+bemitleiden Sie mich nicht! Ihre Stimme zerreißt mir das Herz!
+Lassen Sie mich allein, Gloria. Sie wühlen mich in meinen tiefsten
+Tiefen auf, Sie verwirren und beleben mich zugleich!--Ich kann den
+Kampf dagegen nicht aufnehmen--ich kann es Ihnen nicht sagen--
+
+(Gloria bricht plötzlich nieder:) Oh, hören Sie auf mir zu sagen, was
+Sie fühlen: ich kann es nicht ertragen!
+
+(Dr. Valentine springt triumphierend auf, seine ersterbende Stimme
+klingt jetzt stark und jubelnd:) Ah! Er ist endlich gekommen--der
+Augenblick meines Mutes!--(Er ergreift ihre Hände; sie blickt ihn
+entsetzt an.) Der Augenblick *unseres* Mutes! (Er ziebt sie an sich,
+küßt sie mit ungestümer Kraft und lacht knabenhaft.) Es ist geschehen,
+Gloria--es ist alles vorüber--wir sind ineinander verliebt! (Sie kann
+nur nach Luft ringen.) Aber was für ein Ungeheuer waren Sie, und was
+für ein Hasenfuß bin ich gewesen!
+
+(Philips Stimme vom Strande rufend:) Doktor Valentine!
+
+(Dollys Stimme.) Doktor Valentine!
+
+(Dr. Valentine.) Leben Sie wohl... vergeben Sie mir. (Er küßt ihr
+rasch die Hände und läuft zu den Stufen, wo er der heraufkommenden
+Frau Clandon begegnet. Gloria, ganz verloren, kann ihm nur
+nachstarren.)
+
+(Frau Clandon.) Die Kinder suchen Sie, Herr Doktor. (Sie siebt sich
+ängstlich um:) Ist er fort?
+
+(Dr. Valentine verwirrt:) Er?... (Sich erinnernd:) Oh, McNaughtan!
+--Der ist schon längst fort, Frau Clandon. (Er läuft in gehobener
+Stimmung die Stiegen hinunter.)
+
+(Gloria auf die Bank sinkend:) Mutter!
+
+(Frau Clandon stürzt ängstlich auf sie zu:) Was ist geschehen, mein
+Kind?
+
+(Gloria mit tief bekümmertem, anklagendem Vorwurf:) Warum hast du mich
+nicht ordentlich erzogen, Mutter?
+
+(Frau Clandon erstaunt:) Kind, ich habe mein môglichstes getan!
+
+(Gloria.) Oh, du hast mich nichts gelehrt--gar nichts!
+
+(Frau Clandon.) Was ist mit dir?
+
+(Gloria mit dem größten Nachdruck:) Ich schäme mich--schäme
+mich--schäme mich--(Da sie unerträglich errötet, bedeckt sie ihr
+Gesicht mit den Händen und wendet sich von ihrer Mutter ab.)
+
+(Vorhang)
+
+
+
+
+DRITTER AKT
+
+(Der Salon der teuern ebenerdigen Wohnung, welche die Clandons im
+Marinehotel gemietet haben. Eine bis auf den Fußboden reichende
+zweiflügelige Fenstertür führt in den Garten. In der Mitte des
+Zimmers steht ein massiver, von Stühlen umgebener Tisch, der mit einer
+kastanienbraunen Decke bedeckt ist. Kostspielig eingebundene Hotel-
+und Eisenbahnführer liegen darauf. Ein Besucher, der durch die
+Fenstertür käme und zu diesem Mitteltisch ginge, würde den Kamin zu
+seiner Linken haben und einen Schreibtisch an der Wand zu seiner
+Rechten, in der Nähe die Tür, die weiter hinten ist. Er würde, wenn
+dies seiner Geschmacksrichtung entspräche, die pflaumen- und
+bronzelackfarbigen Mauerverzierungen von Lincrusta Walton mit Sockel
+und Kranzgesims und die Goldbronze-Konsolen in den Ecken bewundern
+können. Zu beiden Seiten des Fensters sieben Vasen auf
+Pfeilerpiedestalen aus gesprenkeltem Marmor mit Untersätzen aus
+poliertem schwarzem Holz. Zunächst der Vase, in der nächsten Nähe des
+Kamins, steht ein verzierter Schrank, dessen Mittelfach eine Tür aus
+Holzmosaï[*or i?]k verschließt und dessen durch gewölbte Glasscheiben
+abgerundete Kanten Gestelle mit billigem blauem und weißem
+Steingutgeschirr schützen. Ein Teetisch aus Bambusrohr mit
+zusammenklappbaren Seitenbrettern steht gegenüber auf der andern Seite
+des Fensters.--An den Wänden hängen Bilder, gemalte Ozeandampfer und
+Hunde von Landseer. In einer Linie mit der Türe, aber auf der andern
+Seite des Zimmers befindet sich eine Ottomane; auf dem Kaminteppich
+stehen zwei bequeme dazu passende Stühle. Über dem Fenster ist
+eine massive Messingstange angebracht, an der ein Paar rotbraune
+Ripsvorhänge mit mattgrünen Zierborten hängen. Kurzum, ein Zimmer,
+das danach eingerichtet ist, den Gefühlen des Bewohners von seiner
+eigenen Wichtigkeit zu schmeicheln und ihn mit der täglichen Ausgabe
+eines ganzen Pfundes für die Benützung auszusöhnen.)
+
+(Frau Clandon sitzt am Schreibtisch und liest Korrekturen. Gloria
+lehnt am Fenster und starrt in gequälter Träumerei ins Weite. Die Uhr
+auf dem Kaminsims schlägt Fünf mit schwachem Klirren, da die Glocke
+gegen das marmorne schwarze Ehrengrab, in das sie eingemauert ist,
+nicht aufkommen kann.)
+
+
+(Frau Clandon.) Fünf! Ich glaube, wir brauchen nicht länger auf die
+Kinder zu warten; sie trinken gewiß außer Haus Tee.
+
+(Gloria müde:) Soll ich klingeln?
+
+(Frau Clandon.) Ja, mein Kind.
+
+(Gloria geht an den Kamin und klingelt.)
+
+(Frau Clandon.) Endlich bin ich mit den Korrekturen fertig. Gott sei
+Dank!
+
+(Gloria durchschreitet das Zimmer unaufmerksam und tritt hinter den
+Stuhl ihrer Mutter:) Was für Korrekturen?
+
+(Frau Clandon.) Die neue Auflage der "Frauen des zwanzigsten
+Jahrhunderts".
+
+(Gloria mit einem bittern Lächeln:) Es fehlt noch ein Kapitel.
+
+(Frau Clandon beginnt ihre Korrekturen zu durchstöbern:) Glaubst du?...
+doch nicht.
+
+(Gloria.) Ich meine ein ungeschriebenes. Vielleicht werde ich es für
+dich schreiben--sobald ich erst den Schluß weiß. (Sie geht an das
+Fenster zurück.)
+
+(Frau Clandon.) Gloria! ein neues Rätsel?
+
+(Gloria.) O nein! das alte Rätsel.
+
+(Frau Clandon verlegen und ziemlich verwirrt, nachdem sie ihre Tochter
+einen Augenblick beobachtet hat:) Mein Kind--
+
+(Gloria zurückkommend:) Ja?
+
+(Frau Clandon>) Du weißt, daß ich niemals Fragen stelle.
+
+(Gloria neben ihrem Stuhl kniend:) Ich weiß, ich weiß! (Sie wirft
+plötzlich ihren Arm um den Hals ihrer Mutter und umarmt sie beinahe
+leidenschaftlich.)
+
+(Frau Clandon sanft Lächelnd, aber verlegen:) Aber mein Kind, du wirst
+ganz sentimental!
+
+(Gloria zurückfahrend:) Nein, nein--o sage das nicht--oh! (Sie erhebt
+sich und wendet sich mit einer Bewegung von Frau Clandon ab, als ob
+sie sich losrisse.)
+
+(Frau Clandon sanft:) Liebes Kind, was ist geschehen? Was--(Der
+Kellner kommt mit dem Teebrett herein.)
+
+(Der Kellner sanft:) Danach haben Sie wohl geklingelt, gnädige Frau?
+
+(Frau Clandon.) Ja, ich danke. (Sie wendet ihren Stuhl vom
+Schreibtisch fort und setzt sich wieder.)
+
+(Gloria geht an den Kamin und kauert sich dort mit abgewandtem Gesicht
+in einen Stuhl.)
+
+(Der Kellner setzt das Brett einstweilen auf den Mitteltisch:) Das
+habe ich mir gedacht, gnädige Frau. Sonderbar, wie die Nerven
+nachmittags ohne Tee nachzulassen beginnen. (Er holt den Teetisch und
+setzt ihn vor Frau Clandon bin und spricht dabei:) Der junge Herr und
+das gnädige Fräulein sind eben zurückgekommen, gnädige Frau. Sie
+waren in einem Boote auf dem Meer. Sehr angenehm an einem schönen
+Nachmittag wie heute, sehr kräftigend. (Er nimmt nun das Teebrett vom
+Mitteltisch fort und setzt es auf den Teetisch.) Herr McComas kommt
+nicht zum Tee, gnädige Frau. Er ist fortgegangen, Herrn McNaughtan zu
+besuchen. (Er nimmt zwei Stühle und setzt sie rechts und links vom
+Teetisch hin.)
+
+(Gloria blickt auf und fragt entsetzt:) Und der andere Herr?...
+
+(Der Kellner verfällt unbewußt einen Augenblick in die Tonart eines
+Liedes, das er als Knabe gesungen, beruhigend:) Oh, der kommt,
+gnädiges Fräulein--oh, der kommt. Er hat gerudert und ist eben in die
+Apotheke gelaufen, sich etwas für seine wunden Handflächen geben zu
+lassen. Aber er muß gleich hier sein, gnädiges Fräulein!
+
+(Gloria erhebt sich in unbezwingbarer Angst und läuft zur Tür.)
+
+(Frau Clandon sich halb erhebend:) Glo--(Gloria geht hinaus; Frau
+Clandon starrt den Kellner an, dessen Haltung unbeweglich bleibt.)
+
+(Der Kellner heiter:) Sonst noch etwas gefällig, gnädige Frau?
+
+(Frau Clandon.) Nein, danke.
+
+(Der Kellner.) Ich habe zu danken, gnädige Frau.
+
+(Als er sich zurückziehen will, kommen Philip und Dolly in
+fröhlichster Laune bereingestürmt; er hält ihnen die Tür auf, geht
+dann hinaus und schließt sie.)
+
+(Dolly gierig:) Oh, gib mir schnell etwas Tee! (Frau Clandon schenkt
+ihr eine Tasse ein.) Wir sind in einem Boot auf dem Meer gewesen. Dr.
+Valentine wird gleich da sein.
+
+(Philip.) Er ist nicht an Seefahrten gewöhnt.--Wo ist Gloria?
+
+(Frau Clandon ängstlich, während sie ihm Tee eingießt:) Phil, mit
+Gloria ist etwas los. Ist etwas passiert? (Philip und Dolly sehen
+einander mit unterdrücktem Lachen an.) Was ist es?
+
+(Philip setzt sich an ihre linke Seite:) Romeo--
+
+(Dolly setzt sich an ihre rechte Seite:)--und Julia!
+
+(Philip nimmt seine Teetasse Frau Clandon ab:) Ja, liebe Mama: die
+alte, alte Geschichte--Dolly, nimm nicht die ganze Milch. (Er reißt
+ihr die Kanne geschickt fort.) Ja, im Frühling--
+
+(Dolly)--kann eines Jünglings Phantasie--
+
+(Philip)--leicht Liebesblüten treiben... Ich danke. (Zu Frau Clandon,
+die ihm die Biskuits gereicht hat:) Das kommt übrigens auch im Herbst
+vor. Diesmal ist der Jüngling--
+
+(Dolly.) Doktor Valentine.
+
+(Philip.) Und seine Phantasie hat Gloria in einem Maße gehuldigt, daß
+er sie--
+
+(Dolly)--geküßt hat--
+
+(Philip.)--auf der Terrasse--
+
+(Dolly ihn verbessernd:)--auf die Lippen--vor allen Leuten!
+
+(Frau Clandon ungläubig:) Phil--Dolly--spaßt ihr? (Sie schütteln den
+Kopf.) Hat sie es geduldet?
+
+(Philip.) Wir haben erwartet, ihn vom Blitze ihrer Verachtung zu Boden
+geschmettert zu sehen--
+
+(Dolly.)--aber es geschah nichts dergleichen--
+
+(Philip.) Es schien ihr ganz recht zu sein.
+
+(Dolly.) Soweit wir es beurteilen konnten... (Sie fällt Philip, der
+im Begriff ist, sich noch eine Tasse einzugießen, in den Arm:) Nein,
+du hast die zweite Tasse abgeschworen!
+
+(Frau Clandon sehr beunruhigt:) Kinder, ihr dürft nicht hier sein,
+wenn Doktor Valentine kommt. Ich muß darüber sehr ernst mit ihm
+sprechen.
+
+(Philip.) Um ihn nach seinen Absichten zu fragen?... Was für eine
+Verletzung der "Grundsätze des zwanzigsten Jahrhunderts"!
+
+(Dolly.) Du hast ganz recht, Mama! Stelle ihn zur Rede. Schlage
+soviel du nur kannst aus dem neunzehnten Jahrhundert heraus, so lange
+es dauert.
+
+(Philip.) Sch! er kommt!
+
+(Dr. Valentine tritt ein:) Ich bedaure sehr, mich verspätet zu haben,
+Frau Clandon. (Sie ergreift die Teekanne:) Nein, ich danke, ich
+trinke niemals Tee. Fräulein Dolly und Phil haben Ihnen wohl schon
+erzählt, was mir passiert ist.
+
+(Philip erhebt sich; wichtig:) Ja, Doktor, wir haben es Mama erzählt.
+
+(Dolly erhebt sich gleichfalls; bedeutungsvoll:) Wir haben es Mama
+sehr genau erzählt.
+
+(Philip.) Es war unsere Pflicht. (Sehr ernst:) Komm, Dolly! (Er
+bietet Dolly seinen Arm, die sich einhängt. Sie sehen Dr. Valentine
+mitleidig an und gehen Arm in Arm ernst hinaus. Dr. Valentine sieht
+ihnen verwirrt nach, dann blickt er Frau Clandon fragend, wie um eine
+Erklärung bittend an.)
+
+(Frau Clandon erhebt sich und verläßt den Teetisch:) Wollen Sie
+gefälligst Platz nehmen, Herr Doktor. Ich möchte etwas mit Ihnen
+besprechen, wenn Sie erlauben. (Dr. Valentine setzt sich langsam auf
+die Ottamane nieder. Sein Gewissen prophezeit ihm eine schlimme
+Viertelstunde. Frau Clandon nimmt Philips Stuhl und setzt sich
+bedächtig in gemessener Entfernung.) Ich muß zunächst ein wenig
+Nachsicht für mich erbitten. Ich bin im Begriff, über einen
+Gegenstand zu sprechen, von dem ich sehr wenig, vielleicht gar nichts
+verstehe. Ich meine--Liebe.
+
+(Dr. Valentine.) Liebe!
+
+(Frau Clandon.) Ja, Liebe.--Oh, Sie brauchen nicht so beunruhigt
+dreinzuschauen, Herr Doktor--ich bin nicht in Sie verliebt.
+
+(Dr. Valentine überwältigt:) Wahrhaftig, Frau--(Sich erholend:) Es
+würde mich mehr als stolz machen, wenn Sie es wären.
+
+(Frau Clandon.) Ich danke Ihnen, Herr Doktor; aber ich bin zu alt,
+jetzt nach damit anzufangen.
+
+(Dr. Valentine.) Anzufangen?!... Haben Sie nie--?
+
+(Frau Clandon.) Niemals. Mein Schicksal ist sehr alltäglich gewesen.
+Ich habe geheiratet, bevor ich alt genug war, zu wissen, was ich
+eigentlich tat. Wie Sie sich selbst überzeugt haben, war die Folge
+davon eine bittere Enttäuschung für uns beide, für meinen Mann und für
+mich. So kommt es, daß ich, trotzdem ich verheiratet bin, niemals
+verliebt war... ich habe in meinem ganzen Leben keine einzige
+Liebesangelegenheit gehabt. Und um ganz aufrichtig zu sein, Herr
+Doktor, was ich von den Liebesangelegenheiten anderer gesehen habe,
+hat nicht dazu beigetragen, mich diesen Mangel bedauern zu lassen.
+(Dr. Valentine, der sehr verdrießlich dreinschaut, blinzelt skeptisch
+nach ihr hin und sagt nichts. Sie errötet ein wenig und fügt mit
+unterdrücktem Ärger hinzu:) Sie glauben mir nicht.
+
+(Dr. Valentine bestürzt, da er seine Gedanken erraten sieht:) Aber,
+warum denn nicht... warum nicht?
+
+(Frau Clandon.) Lassen Sie sich sagen, Herr Doktor, daß ein der
+Menschheit gewidmetes Leben Begeisterungen bietet und Leidenschaften
+kennt, die bei weitem die selbstsüchtigen Verblendungen und
+Sentimentalitäten eines Liebesromanes übersteigen. Ihre
+Begeisterungen und Leidenschaften--sind das nicht, nicht wahr? (Dr.
+Valentine weiß wohl, daß Frau Clandon ihn deswegen geringschätzt, und
+antwortet negativ mit melancholischem Kopfschütteln.) Ich dachte mir's.
+--Nun, dafür bin ich im Nachteil, wenn ich diese sogenannten
+Herzensangelegenheiten besprechen muß, in denen Sie ein Fachmann zu
+sein scheinen.
+
+(Dr. Valentine unruhig:) Worauf spielen Sie an, Frau Clandon?
+
+(Frau Clandon.) Ich glaube, Sie wissen es.
+
+(Dr. Valentine.) Gloria?
+
+(Frau Clandon.) Ja, Gloria.
+
+(Dr. Valentine streckt die Waffen:) Nun ja, ich bin verliebt in Gloria.
+(Er unterbricht sie, da sie im Begriff ist zu antworten:) Ich weiß
+schon, was Sie sagen wollen: Ich habe kein Geld.
+
+(Frau Clandon.) Ich frage sehr wenig nach Geld, Herr Doktor.
+
+(Dr. Valentine.) Dann sind Sie aber ganz anders als alle andern Mütter,
+die mit mir gesprochen haben.
+
+(Frau Clandon.) Ah, nun kommen wir zur Hauptsache, Herr Doktor! Sie
+sind ein alter Praktikus! (Er öffnet die Lippen, um zu widersprechen.
+Sie unterbricht ihn mit einiger Entrüstung:) Oh, glauben Sie doch
+nicht, daß ich nicht genug gesunden Menschenverstand besitze, um zu
+wissen--so wenig ich von solchen Dingen verstehe--daß ein Mann, der
+bei einer einzigen Begegnung, mit einer Frau wie meine Tochter so weit
+kommen konnte, kaum ein Neuling sein kann!
+
+(Dr. Valentine.) Ich versichere Ihnen--
+
+(Frau Clandon unterbricht ihn:) Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, Herr
+Doktor. Es war Glorias Sache, sich selbst zu schützen, und Sie haben
+das Recht, sich nach Gefallen zu unterhalten.
+
+(Dr. Valentine protestierend:) Mich unterhalten?... Oh, Frau Clandon!
+
+(Frau Clandon unnachgiebig;) Bei Ihrer Ehre, Herr Doktor, meinen Sie
+es ernst?
+
+(Dr. Valentine verzweifelt:) Bei meiner Ehre, ich meine es ernst!
+(Sie sieht ihn forschend an. Sein Sinn für Humor bricht bei ihm durch,
+und er fügt verschmitzt hinzu:) Allerdings habe ich es immer ernst
+gemeint; und dennoch--bin ich hier, wie Sie sehen!
+
+(Frau Clandon.) Das ist es gerade, was ich ahnte. (Streng:) Herr
+Doktor, Sie sind einer von den Männern, die mit den Gefühlen der
+Frauen spielen.
+
+(Dr. Valentine.) Warum auch nicht, da doch nur die Sache der
+Menschheit es verdient, ernst genommen zu werden? Aber ich verstehe.
+(Er erhebt sich und nimmt seinen Hut; mit förmlicher Höflichkeit:) Sie
+wünschen, daß ich meine Besuche in Ihrem Hause einstelle.
+
+(Frau Clandon.) Nein. Ich bin klug genug zu wissen, daß für Gloria
+die beste Möglichkeit, Ihnen zu entkommen, die ist, Sie nur besser
+kennen zu lernen.
+
+(Dr. Valentine wirklich beunruhigt:) Oh, sagen Sie das nicht, Frau
+Clandon! Das glauben Sie doch nicht--nicht wahr, nein?
+
+(Frau Clandon.) Ich habe großes Vertrauen zu der gesunden Schule, die
+Glorias Geist seit ihrer Kindheit durchgemacht hat.
+
+(Dr. Valentine erstaunlich erleichtert:) Oh--oh! oh! dann ist's recht!
+(Er setzt sich wieder und wirft seinen Hut übermütig beiseite, mit
+der Miene eines Menschen, der nun nichts mehr zu fürchten hat.)
+
+(Frau Clandon empört über seine Sicherheit:) Wie meinen Sie das?
+
+(Dr. Valentine wendet sich ihr vertraulich zu:) Soll ich Sie auch
+etwas lehren, Frau Clandon?
+
+(Frau Clandon steif:) Ich bin immer gern bereit zu lernen.
+
+(Dr. Valentine.) Haben Sie jemals das Thema Geschützkunst--Artillerie,
+Kanonen, Kriegsschiffe und so weiter--studiert, Frau Clandon?
+
+(Frau Clandon.) Hat die Geschützkunst irgendwas mit Gloria zu schaffen?
+
+(Dr. Valentine.) Sehr viel!--Zur Erläuterung nämlich.--Während dieses
+ganzen Jahrhunderts war der Fortschritt der Artillerie ein Zweikampf
+zwischen dem Fabrikanten von Kanonen und dem Fabrikanten von
+kugelsichern Panzerplatten. Man baut ein Schiff, das gegen die besten
+Geschosse der bekannten Kanonen undurchdringlich ist--da erfindet
+jemand ein besseres Geschoß und bringt das Schiff zum Sinken. Sofort
+baut man ein schwereres, gegen die Geschosse der neuen Kanone
+undurchdringliches Schiff--da erfindet wieder jemand ein noch besseres
+Geschoß und bringt das Schiff wieder zum Sinken. Und so weiter.--Nun,
+der Zweikampf der Geschlechter vollzieht sich auf dieselbe Weise.
+
+(Frau Clandon.) Der Zweikampf der Geschlechter?...
+
+(Dr. Valentine.) Ja. Sie haben doch vom Zweikampf der Geschlechter
+gehört, nicht wahr?--Oh, daran habe ich nicht gedacht! Sie sind lange
+in Madeira gewesen, der Ausdruck ist nach Ihrer Zeit aufgekommen.
+Brauche ich ihn zu erklären?
+
+(Frau Clandon verachtungsvoll:) Nein.
+
+(Dr. Valentine.) Natürlich nicht.--Was geschieht denn nun in diesem
+Geschlechterzweikampf?... Die altmodische Mutter bekam eine
+altmodische Erziehung, um gegen die Ränke des Mannes gerüstet zu sein.
+Gut. Sie kennen das Resultat. Der altmodische Mann hat sie
+herumgekriegt. Die altmodische Frau entschloß sich nun, ihre Tochter
+wirksamer zu wappnen--irgendeine Waffe zu finden, gegen die der
+altmodische Mann nicht aufkommen könnte. Sie gab ihrer Tochter
+deshalb eine wissenschaftliche Erziehung--Ihr System! Diese neue
+Ausrüstung hat den altmodischen Mann mattgesetzt: er jammerte, das sei
+nicht gerecht, unweiblich und weiß Gott was alles. Aber das half ihm
+nichts, und so mußte er seinen altmodischen Angriffsplan aufgeben--Sie
+wissen ja Bescheid--auf die Knie fallen und Liebe und Gehorsam
+schwören--und so weiter.
+
+(Frau Clandon.) Entschuldigen Sie: das hat das Weib geschworen.
+
+(Dr. Valentine.) Wirklich?--Sie haben vielleicht recht--ja natürlich,
+es war das Weib!--Nun gut. Was hat der Mann getan? Genau dasselbe,
+was der Kanonengießer tat--er ging einen Schritt weiter als die Frau,
+bildete sich wissenschaftlich und schlug sie auf dieser Linie genau
+so, wie er sie auf der alten Linie geschlagen hatte. Ich war
+noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt und hatte schon gelernt, die
+frauenrechtlerische Frau herumzukriegen; es ist schon lange her, daß
+man das herausgefunden hat. Sie sehen, meine Methoden sind gründlich
+modern.
+
+(Frau Clandon mit ruhigem Widerwillen:) Zweifellos.
+
+(Dr. Valentine.) Aber gerade deswegen gibt es eine Mädchensorte, gegen
+die diese Methode nutzlos ist.
+
+(Frau Clandon.) Bitte, welche Sorte ist das?
+
+(Dr. Valentine.) Das gründlich altmodische Mädchen. Wenn Sie Gloria
+in der ehemals üblichen Weise erzogen hätten, so würde ich achtzehn
+Monate gebraucht haben, um so weit zu kommen, wie ich heute nachmittag
+in achtzehn Minuten gekommen bin.--Ja, Frau Clandon: die
+Frauenemanzipation hat Gloria in meine Hände geliefert, und Sie waren
+es, die sie den Glauben an die Frauenemanzipation gelehrt hat.
+
+(Frau Clandon erhebt sich:) Herr Doktor, Sie sind sehr gescheit.
+
+(Dr. Valentine erhebt sich gleichfalls:) Oh, Frau Clandon!
+
+(Frau Clandon.) Aber Sie haben mich nichts Neues gelehrt. Adieu.
+
+(Dr. Valentine erschrocken:) Adieu?!--Oh, darf ich sie nicht sehen,
+bevor ich gehe?
+
+(Frau Clandon.) Ich fürchte, sie wird erst zurückkommen, wenn Sie
+gegangen sind, Herr Doktor. Sie hat das Zimmer eigens verlassen, um
+Ihnen auszuweichen.
+
+(Dr. Valentine gedankenvoll:) Das ist ein gutes Zeichen. Adieu. (Er
+verneigt sich und wendet sich offenbar sehr befriedigt zur Tür.)
+
+(Frau Clandon beunruhigt:) Warum halten Sie das für ein gutes Zeichen?
+
+(Dr. Valentine dreht sich in der Nähe der Tür um:) Weil ich eine
+Todesangst vor ihr habe; und es scheint, daß sie eine Todesangst vor
+mir hat. (Er will nun gehen, steht aber an der Türschwelle plötzlich
+Gloria gegenüber, die eben eingetreten ist. Sie sieht ihm standhaft
+ins Auge. Er starrt sie hilflos an, dann suchen seine Blicke Frau
+Clandon, dann wieder Gloria; er ist vollkommen außer Fassung.)
+
+(Gloria bleich und sich nur mühsam beherrschend:) Mutter, ist es wahr,
+was Dolly mir gesagt hat?
+
+(Frau Clandon.) Was hat sie dir gesagt, mein Kind?
+
+(Gloria.) Daß du mit diesem Herrn über meine Angelegenheiten
+gesprochen hast?
+
+(Dr. Valentine murmelnd:) Mit diesem Herrn--oh!
+
+(Frau Clandon scharf:) Herr Doktor--können Sie einen Augenblick
+schweigen? (Er blickt sie kläglich an, dann geht er mit einem
+verzweifelten Achselzucken an die Ottomane zurück und wirft seinen Hut
+darauf.)
+
+(Gloria betrachtet ihre Mutter vorwurfsvoll:) Mutter, was hattest du
+für ein Recht dazu?
+
+(Frau Clandon.) Ich glaube, ich habe nichts gesagt, wozu ich nicht ein
+Recht gehabt hätte, Gloria.
+
+(Dr. Valentine bestätigt das dienstfertig:) Nichts... nicht das
+geringste. (Gloria sieht ihn mit sprachloser Entrüstung an.)
+Verzeihen Sie. (Er setzt sich beschämt auf die Ottomane.)
+
+(Gloria.) Ich glaube nicht, daß irgend jemand das Recht hat, über
+Dinge auch nur nachzudenken, die mich allein angehen. (Sie wendet
+sich ab, einen schmerzlichen Kampf mit ihrer Erregung zu verbergen.)
+
+(Frau Clandon.) Liebe Gloria, wenn ich deinen Stolz verletzt haben
+sollte--
+
+(Gloria wendet sieb um:) Mein Stolz--mein Stolz--oh, er ist fort!
+Ich weiß jetzt, daß ich keine Kraft besitze, auf die ich stolz sein
+könnte. (Wendet sich wieder ab.) Aber eine Frau, die sich nicht
+selbst zu beschützen weiß, die kann niemand beschützen. Niemand ist
+auch nur berechtigt, es zu versuchen... nicht einmal ihre Mutter! Ich
+weiß, daß ich dein Vertrauen verloren habe, genau so wie ich die
+Achtung dieses Mannes verloren habe--(Sie hält inne, um einen Seufzer
+zu unterdrücken.)
+
+(Dr. Valentine stöhnend:) Dieses Mannes--! (Er murmelt wieder:) Oh!...
+
+(Frau Clandon mit gedämpfter Stimme:) Bitte, schweigen Sie, Herr
+Doktor.
+
+(Gloria fährt fort:)--aber ich bin wenigstens berechtigt, mit meiner
+Schande allein zu bleiben. Ich bin eins von jenen schwachen
+Geschöpfen, die geboren sind, um von dem erstbesten Mann, der ein Auge
+auf sie wirft, gemeistert zu werden, und ich muß mein Schicksal
+erfüllen. Erspare mir wenigstens die Demütigung deiner
+Rettungsversuche. (Sie setzt sich, das Taschentuch an den Augen, an
+das entferntere Ende des Tisches.)
+
+(Dr. Valentine aufspringend:) Hören Sie mal--
+
+(Frau Clandon.) Herr Dokt--
+
+(Dr. Valentine unbekümmert:) Nein! Ich will sprechen! Ich habe
+nahezu dreißig Sekunden geschwiegen. (Er geht zu Gloria hin:)
+Fräulein Clandon--
+
+(Gloria bitter:) Oh--nicht Fräulein Clandon--Sie wissen ja, daß man es
+sich ganz gut gestatten darf, mich Gloria zu nennen.
+
+(Dr. Valentine.) Nein, ich will das nicht. Sie werden mir es nachher
+vorwerfen und mich der Mißachtung beschuldigen. Es ist eine
+herzzerreißende Lüge, daß ich Sie nicht achte. Es ist wahr, daß ich
+Ihren früheren Stolz nicht geachtet habe. Warum sollte ich es auch?
+Er war nichts als Feigheit. Ich habe Ihren Verstand nicht
+geachtet--davon besitze ich selbst etwas mehr; er ist eine männliche
+Spezialität. Aber als Sie mich in meinen Tiefen aufgewühlt hatten!
+--als mein großer Augenblick gekommen war!--als Sie mich tapfer
+machten!--ah, da, da, da!
+
+(Gloria.) Da achteten Sie mich, meinen Sie.
+
+(Dr. Valentine.) Nein, das nicht:--da betete ich Sie an! (Sie erhebt
+sich rasch und wendet ihm den Rücken zu.) Und diesen Augenblick werden
+Sie mir niemals nehmen können. So--nun ist mir einerlei, was
+geschieht! (Er geht auf und ab und stößt einen frohen Ausruf aus, mit
+dem er sich an niemand besonders wendet:) Ich weiß sehr gut, daß ich
+Unsinn rede--aber ich kann nicht anders. (Zu Frau Clandon:) Ich liebe
+Gloria--und damit basta!
+
+(Frau Clandon mit Nachdruck:) Herr Doktor, Sie sind ein sehr
+gefährlicher Mensch. Gloria, komm her.(Gloria wundert sich ein wenig
+über diesen Befehl, gehorcht aber und bleibt mit gesenktem Kopf rechts
+von ihrer Mutter stehen; Dr. Valentine steht auf der andern Seite.
+Frau Clandon spricht nun mit nachdrücklichem Hohn:) Frage diesen Mann,
+den du begeistert und tapfer gemacht hast, wie viele Frauen das vor
+dir getan haben. (Gloria sieht plötzlich mit einem Aufflammen
+eifersüchtigen Ärgers und Staunens auf.) Wie oft er die Falle gestellt
+hat, in die du ihm gegangen bist; wie oft er sie mit ganz denselben
+Redensarten geködert hat; wieviel Übung er als Duellant im Zweikampf
+der Geschlechter hat, der seinen eigentlichen Lebensberuf ausmacht.
+
+(Dr. Valentine.) Das ist nicht recht, Frau Clandon! Sie. nützen mein
+Vertrauen aus!
+
+(Frau Clandon.) Frage ihn, Gloria!
+
+(Gloria gebt in einem Wutausbruch mit geballten Fäusten auf ihn los:)
+Ist das wahr?!
+
+(Dr. Valentine.) Bitte, seien Sie nicht böse--
+
+(Gloria unterbricht ihn; unerbittlich:) Ist das wahr?! Haben Sie das
+alles jemals schon gesagt?... haben Sie das alles jemals schon
+empfunden?... für eine andere Frau?
+
+(Dr. Valentine geradeheraus:) Ja.
+
+(Gloria erbebt ihre geballten Hände.)
+
+(Flau Clandon springt entsetzt an ihre Seite und hält ihre erhobenen
+Arme auf:) Gloria, liebes Kind--du vergißt dich!
+
+(Gloria gibt mit einem tiefen Seufzer ihre drohende Stellung langsam
+auf:)
+
+(Dr. Valentine.) Bedenken Sie: eines Mannes Fähigkeit zur Liebe und
+zur Bewunderung ist wie jede andere seiner Fähigkeiten: er muß sie oft
+weggeworfen haben, bevor er wissen kann, was ihrer wirklich wert ist.
+
+(Frau Clandon.) Das ist auch eine seiner eingelernten Redensarten.
+Gloria, nimm dich in acht!
+
+(Dr. Valentine sich verwahrend:) Oh!
+
+(Gloria zu Frau Clandon, mit verachtungsvoller Selbstbeherrschung:)
+Glaubst du, daß ich jetzt noch gewarnt zu werden brauche? (Zu Dr.
+Valentine:) Sie haben versucht, mich dahin zu bringen, Sie zu lieben!
+
+(Dr. Valentine.) Jawohl.
+
+(Gloria.) Nun, Sie haben damit nur erreicht, daß ich Sie
+hasse--leidenschaftlich hasse!
+
+(Dr. Valentine philosophisch:) Es ist überraschend, wie klein doch der
+Unterschied zwischen Haß und Liebe ist. (Gloria wendet sich entrüstet
+von ihm ab. Er fährt zu Frau Clandon gewendet fort:) Ich kenne Frauen,
+die ihre Männer lieben und sich dabei genau so gegen sie benehmen.
+
+(Frau Clandon.) Entschuldigen Sie, Herr Doktor, aber wäre es nicht
+besser, Sie gingen?
+
+(Gloria.) Meinetwegen brauchst du ihn nicht fortzuschicken! Er ist
+mir jetzt nichts mehr und er wird Phil und Dolly amüsieren. (Sie
+setzt sich mit geringschätziger Gleichgültigkeit an den Tisch, in die
+Nähe des Fensters.)
+
+(Dr. Valentine lustig:) So ist's recht! Das ist die vernünftige Art,
+es aufzufassen. Gehen Sie, Frau Clandon Sie können einem bloßen
+Schmetterling, wie ich es bin, nicht ernstlich böse sein.
+
+(Frau Clandon.) Ich habe gar kein Vertrauen zu Ihnen, Herr Doktor;
+aber ich will nicht annehmen, daß Ihre beklagenswert leichtsinnige
+Veranlagung einzig schamlos und nichtswürdig ist--
+
+(Gloria für sich, aber laut:) Ja, schamlos und nichtswürdig!
+
+(Frau Clandon.)--Deshalb ist es vielleicht besser, wenn wir Phil und
+Dolly rufen lassen und Ihnen gestatten, Ihren Besuch auf die übliche
+Weise zu beenden.
+
+(Dr. Valentine, als wenn sie ihm das größte Kompliment gemacht hätte:)
+Sie sind zu liebenswürdig, Frau Clandon--ich danke Ihnen!
+
+(Der Kellner tritt ein:) Herr McComas, gnädige Frau.
+
+(Frau Clandon.) O gewiß! ich lasse bitten.
+
+(Der Kellner.) Er läßt fragen, ob er Sie nicht im Lesezimmer sprechen
+dürfte, gnädige Frau.
+
+(Frau Clandon.) Warum nicht hier?
+
+(Der Kellner.) Nun, wenn ich es sagen darf, gnädige Frau: ich glaube,
+Herr McComas fühlt, er hätte leichteres Spiel, wenn er mit Ihnen in
+Abwesenheit der jüngeren Mitglieder Ihrer Familie sprechen könnte,
+gnädige Frau.
+
+(Frau Clandon.) Sagen Sie ihm, daß die Kinder nicht hier sind.
+
+(Der Kellner.) Sie behalten die Tür im Auge, gnädige Frau, und passen
+scharf auf aus irgendeinem Grunde.
+
+(Frau Clandon geht:) Nun gut, so will ich zu ihm gehen.
+
+(Der Kellner hält ihr die Tür auf:) Ich danke, gnädige Frau. (Sie
+geht hinaus. Er kommt ins Zimmer zurück und begegnet dem Auge Dr.
+Valentines, der wünscht, daß er sich entferne.) Sofort, Herr
+Doktor--nur das Teegeschirr. (Er nimmt das Teebrett:) Entschuldigen
+Sie, Herr Doktor--ich danke sehr. (Er gebt hinaus.)
+
+(Dr. Valentine zu Gloria:) Hören Sie! Früher oder später werden Sie
+mir verzeihen... verzeihen Sie mir gleich.
+
+(Gloria erbebt sich, um ihre Erklärung an ihn intensiver zu machen:)
+Niemals! so lange Gras wächst und Wasser fließt--nie--nie--nie!
+
+(Dr. Valentine unerschrocken:) Auch gut. Mich kann nichts unglücklich
+machen--ich werde nie wieder unglücklich sein, nie, nie, nie, so lange
+Gras wächst und Wasser fließt!! Der Gedanke an Sie wird mich immer
+mit jauchzender Freude erfüllen. (Ein höhnisches Wort ist auf ihren
+Lippen. Er unterbricht sie rasch:) Nein, das habe ich noch zu keiner
+gesagt... Das ist das erstemal!
+
+(Gloria.) Wenn Sie es der nächsten Frau sagen, wird es nicht zum
+ersten Male sein!
+
+(Dr. Valentine.) O nicht, Gloria, nicht! (Er kniet vor ihr nieder.)
+
+(Gloria.) Stehen Sie auf--stehen Sie auf! Wie können Sie es wagen?
+
+(Philip und Dolly stürzen, wie gewôhnlich um die Wette laufend, ins
+Zimmer. Sie prallen zurück, als sie sehen, was vorgeht. Dr.
+Valentine springt auf.)
+
+(Philip diskret:) O entschuldigen Sie.--Komm, Dolly. (Er wendet sich
+um und will geben.)
+
+(Gloria geärgert:) Die Mutter wird gleich wieder da sein, Phil.
+(Streng:) Bitte, wartet hier auf sie. (Sie geht an das Fenster und
+sieht, mit dem Rücken gegen die andern, hinaus.)
+
+(Philip bedeutungsvoll:) O wirklich--hm hm...
+
+(Dolly.) Aha!
+
+(Philip.) Sie scheinen sehr gut aufgelegt zu sein, Doktor?
+
+(Dr. Valentine.) Das bin ich auch. (Er tritt zwischen sie:) Nun so
+hören Sie: Sie beide wissen doch, was hier vorgefallen ist, nicht
+wahr? (Gloria wendet sich rasch um, als ahnte sie eine neue
+Beleidigung.)
+
+(Dolly.) Alles.
+
+(Dr. Valentine.) Nun, es ist alles vorbei. Ich wurde
+abgewiesen--verachtet. Ich werde hier nur noch geduldet. Sie
+verstehen doch?... es ist alles vorbei. Ihre Schwester will von
+meinen Huldigungen absolut nichts wissen, sie will nicht einmal
+geruhen, auch nur das kleinste Interesse für mich zu haben. (Gloria
+ist zufrieden und wendet sich verachtungsvoll wieder zum Fenster.) Ist
+das klar?
+
+(Dolly.) Es geschieht Ihnen recht--Sie haben es gar zu eilig gehabt.
+
+(Philip ihm auf die Schultern klopfend:) Machen Sie sich nichts
+daraus--nicht einmal Ihre Seele wäre Ihr Eigentum geblieben, wenn
+Gloria Sie geheiratet hätte. Sie können jetzt ein neues Kapitel Ihres
+Lebens beginnen.
+
+(Dolly.) Kapitel siebzehn ungefähr, nicht wahr?
+
+(Dr. Valentine durch diesen Scherz aus dem Text gebracht:) Nein--sagen
+Sie nicht solche Sachen! Gerade gedankenlose Bemerkungen dieser Art
+richten das größte Unglück an.
+
+(Dolly.) O wirklich? Hm hm!
+
+(Philip.) Aha! (Er geht an den Kamin und pflanzt sich dort in seiner
+gesuchtesten Stellung als Haupt der Familie auf.)
+
+(McComas, der sehr ernst aussieht, tritt rasch mit Frau Clandon ein,
+deren erste Sorge Gloria ist. Sie blickt suchend umher und ist im
+Begriff, zu ihr ans Fenster zu eilen, da kommt ihr Gloria mit
+deutlichen Zeichen des Vertrauens und der Liebe entgegen. Endlich
+setzt sich Frau Clandon, Gloria stellt sich hinter ihren Stuhl.
+McComas wird auf seinem Wege nach der Ottomane von Dolly angerufen.)
+
+(Dolly.) Nun, was bringen Sie Gutes... Finch?
+
+(McComas düster:) Sehr ernste Nachrichten von Ihrem
+
+Vater. Fräulein Clandon,--sehr ernste Nachrichten. (Er gebt zur
+Ottomane und setzt sich.)
+
+(Dolly, auf die das tiefen Eindruck macht, folgt ihm und setzt sich
+rechts neben ihn.)
+
+(Dr. Valentine.) Vielleicht ist es besser, wenn ich gehe.
+
+(Mc Contas.) Um keinen Preis, Herr Doktor! Sie geht die Sache sehr an.
+(Dr. Valentine nimmt einen Stuhl vom Tisch fort und setzt sich
+rittlings, über den Rücken gelehnt, in die Nähe der Ottomane.) Frau
+Clandon, Ihr Mann beansprucht die Aufsicht über seine zwei jüngeren
+Kinder, die nicht majorenn sind, für sich.
+
+(Frau Clandon erschrickt und blickt sich instinktiv sofort nach Dolly
+um, um zu sehen, ob sie in Sicherheit ist.)
+
+(Dolly ergriffen:) Oh, wie nett von ihm! Er hat uns lieb, Mama!
+
+(McComas.) Es tut mir leid, Sie darüber eines Besseren belehren zu
+müssen, Fräulein Dorothea.
+
+(Dolly in Ekstase; girrend:) Dorothee-ee-ee-a! (Lehnt sich ganz
+überwältigt an seine Brust:) O Finch!
+
+(McComas nervös wegrückend:) Nein! nein--nein! nein!
+
+(Frau Clandon zurechtweisend:) Liebste Dolly! (Zu Mc Comas:) Laut
+unserer Trennungsurkunde fällt mir die Aufsicht über die Kinder zu.
+
+(McComas.) Sie enthält auch die Verpflichtung, daß Sie sich ihm weder
+nähern noch ihn in irgendeiner Weise belästigen dürfen.
+
+(Frau Clandon.) Nun, habe ich das etwa getan?
+
+(McComas.) Ob das Benehmen Ihrer jüngeren Kinder dem Gesetze nach eine
+Belästigung ist, das ist eine Frage, die vielleicht ein Advokat
+entscheiden müßte. Jedenfalls beklagt sich Herr McNaughtan, nicht nur
+belästigt worden zu sein, sondern er behauptet auch, daß er planmäßig
+hergelockt wurde und daß Herr Dr. Valentine dabei als Ihr Vertreter
+die Hand im Spiel gehabt hat.
+
+(Dr. Valentine.) Was?... wie??...
+
+(McComas.) Er behauptet, daß Sie ihn betäubt haben, Herr Doktor.
+
+(Dr. Valentine.) Das habe ich allerdings getan. (Sie sind erstaunt.)
+
+(McComas.) Aber zu welchem Zweck?
+
+(Dolly.) Um fünf Schillinge extra zu verdienen!
+
+(McComas zu Dolly kurz angebunden:) Ich muß Sie wirklich bitten,
+Fräulein Clandon, unsere sehr ernste Unterredung nicht durch
+ungehörige Unterbrechungen zu stören. (Heftig:) Ich bestehe darauf,
+daß ernste Angelegenheiten ernst und würdig besprochen werden!
+(Diesem Ausbruch folgt eine um Entschuldigung bittende Stille, die
+selbst Herrn McComas aus dem Text bringt. Er hustet und beginnt von
+neuem, sich an Gloria wendend:) Fräulein Clandon: ich habe ferner die
+Pflicht, Ihnen zu sagen, daß Ihr Vater auch die Überzeugung gewonnen
+hat, daß Dr. Valentine Sie zu heiraten wünscht.
+
+(Dr. Valentine geschickt unterbrechend:) Ja, das wünsche ich auch.
+
+(McComas beleidigt:) Dann dürfen Sie nicht erstaunt sein, Herr Doktor,
+wenn der Vater der jungen Dame Sie für einen Mitgiftjäger hält.
+
+(Dr. Valentine.) Das bin ich auch! Glauben Sie, daß eine Frau von
+meinen Einkünften leben kann? Einen Schilling pro Woche?
+
+(McComas empört:) Ich habe nichts mehr hinzuzufügen, Herr Doktor. Ich
+werde zu Herrn McNaughtan zurückkehren und ihm sagen, daß diese
+Familie kein Ort für einen Vater ist. (Er gebt zur Tür.)
+
+(Frau Clandon mit ruhiger Würde:) Finch! (Er bleibt stehen:) Wenn der
+Herr Doktor nicht ernst sein kann--Sie können es. Setzen Sie sich.
+(Nach einem kurzen Kampf zwischen seiner Würde und seiner Freundschaft
+unterliegt McComas und setzt sich, diesmal zwischen Dolly und Frau
+Clandon.) Sie wissen so gut wie ich, daß all dies eine Komödie ist und
+daß Fergus diese Dinge ebensowenig glaubt wie Sie. Geben Sie mir
+jetzt einen wirklichen Rat--Ihren aufrichtigen freundschaftlichen Rat.
+Sie wissen, ich habe Ihrem Urteil immer vertraut. Ich verspreche
+Ihnen, daß die Kinder sich ruhig verhalten werden.
+
+(McComas fügt sich:) Nun, nun.--Was ich sagen möchte, ist dies. Nach
+der alten Übereinkunft zwischen Ihnen und ihm, Frau Clandon, war Ihr
+Mann furchtbar benachteiligt.
+
+(Frau Clandon.) Wieso, wenn ich bitten darf?
+
+(McComas.) Nun Sie, eine emanzipierte Frau, waren gewöhnt, die
+öffentliche Meinung zu verachten und auf das, was die Welt über Sie
+sagen könnte, keinerlei Rücksicht zu nehmen.
+
+(Frau Clandon stolz darauf:) Ja, das ist richtig! (Gloria beugt sich
+vor und küßt ihre Mutter auf die Haare--eine Zustimmung, die sie
+äußerst verwirrt.)
+
+(McComas.) Andererseits hatte Ihr Mann, Frau Clandon, einen großen
+Abscheu vor allem, was ihn in die Zeitungen bringen konnte. Er mußte
+Rücksicht auf sein Geschäft sowohl wie auf die Vorurteile seiner
+altmodischen Familie nehmen.
+
+(Frau Clandon.) Seine eigenen Vorurteile nicht zu erwähnen.
+
+(McComas.) Er hat sich ja ohne Zweifel schlecht benommen, Frau Clandon.
+
+(Frau Clandon verachtungwoll:) Zweifellos.
+
+(McComas.) War es aber ausschließlich seine Schuld?
+
+(Frau Clandon.) War es die meine?
+
+(McComas rasch:) Nein, selbstverständlich nicht.
+
+(Gloria ihn aufmerksam betrachtend:) Das glauben Sie nicht wirklich,
+Herr McComas.
+
+(McComas.) Mein liebes Fräulein, Sie setzen mir sehr scharf zu, aber
+ich will Ihnen nur so viel sagen: Wenn ein Mann eine unpassende Ehe
+eingeht--dafür kann niemand, wie Sie wissen, das ist oft nur zufällige
+Unvereinbarkeit der Geschmacksrichtungen--wenn er durch dieses Unglück
+der häuslichen Liebe beraubt wird, die--wie ich glaube--der Grund ist,
+warum ein Mann heiratet,--wenn, kurz gesagt, seine Frau schlimmer ist
+als gar keine Frau--woran sie natürlich unschuldig sein kann--ist es
+da gar so erstaunlich, daß er die Dinge zuerst verschlimmert, indem er
+ihr Vorwürfe macht und dann in seiner Verzweiflung sogar gelegentlich
+zu viel trinkt oder anderweitig Sympathie sucht?
+
+(Frau Clandon.) Ich habe ihm keine Vorwürfe gemacht, ich habe einfach
+mich und die Kinder von ihm befreit.
+
+(McComas.) Ja. Aber Sie haben harte Bedingungen gestellt, Frau
+Clandon. Sie hatten ihn in Ihrer Gewalt--Sie haben ihn in die Knie
+gedrückt, als Sie damit drohten, die Sache zu veröffentlichen, indem
+Sie die Gerichte um eine gesetzliche Scheidung anriefen. Nehmen Sie
+an, er hätte diese Macht über Sie gehabt und dazu benützt, Ihre Kinder
+von Ihnen fortzunehmen und sie so zu erziehen, daß Sie bis auf Ihren
+Namen vergessen wären... was würden Sie dabei fühlen?... Was würden
+Sie tun?... Wollen Sie nicht auch seinen Gefühlen etwas Nachsicht
+zeigen--? aus reiner Menschlichkeit?
+
+(Frau Clandon.) Ich habe nie Gefühle bei ihm entdeckt. Ich habe sein
+heftiges Temperament entdeckt und seine--(sie schaudert:) alles übrige
+seiner gewöhnlichen Menschlichkeit.
+
+(McComas gedankenvoll:) Frauen können sehr hart sein, Frau Clandon.
+
+(Dr. Valentine.) Das ist wahr!
+
+(Gloria zornig:) Schweigen Sie! (Er fügt sich.)
+
+(McComas nimmt seine ganze Kraft zusammen:) Lassen Sie mich eine
+letzte Bitte aussprechen, Frau Clandon. Glauben Sie mir, es gibt
+Männer, die sehr viel Gefühl, ja Güte haben, die aber unfähig sind,
+sie auszudrücken. Was Sie an McNaughtan vermissen, ist jener bloß
+äußere Anstrich von Zivilisation, die Kunst, wertlose Aufmerksamkeiten
+zu erweisen und auf reizende liebenswürdige Art unaufrichtige
+Komplimente zu machen. Wenn Sie in London lebten, wo die ganze
+Gesellschaftsordnung auf falscher Kameradschaftlichkeit aufgebaut ist
+und Sie mit einem Menschen zwanzig Jahre zusammen sein können, ohne
+herausgefunden zu haben, daß er Sie haßt wie Gift, dann würden Ihnen
+die Augen bald aufgehen. Dort tut man unfreundliche Dinge auf
+freundliche Art; man sagt Bitterkeiten mit süßer Stimme; man gibt
+seinen Freunden immer Chloroform, wenn man sie in Stücke reißt. Aber
+denken Sie an die Kehrseite der Medaille! Denken Sie an die Leute,
+die auf unfreundliche Weise Gutes tun--an Leute, deren Berührung
+schmerzt, deren Stimme schneidet, deren Temperament zuweilen mit ihnen
+durchgeht--die es fertig bringen, Menschen, die sie lieben, zu
+verletzen und zu quälen, selbst dann noch, wenn sie sie versöhnen
+wollen--und die trotzdem ebensoviel Liebe brauchen wie wir andern...
+McNaughtan hat ein entsetzliches Temperament, ich gebe es zu; er hat
+keine Manieren, keinen Takt, keine Anmut--er wird nie imstande sein,
+irgend jemandes Neigung zu gewinnen, wenn dieser nicht seine Sehnsucht
+danach auf Treu und Glauben hinnimmt. Soll er gar keine Liebe haben,
+nicht einmal Mitleid?... auch nicht von seinem eigenen Fleisch und
+Blut?
+
+(Dolly ganz gerührt:) Oh, wie wundervoll, Finch!... wie lieb von Ihnen!
+
+(Philip mit Überzeugung:) Finch, das nenne ich
+Beredsamkeit--wahrhaftig Beredsamkeit!
+
+(Dolly.) O Mama, geben wir ihm noch eine Chance! Behalten wir ihn zum
+Essen!
+
+(Frau Clandon unbewegt:) Nein, Dolly: ich habe kaum etwas vom Lunch
+gehabt.--Mein lieber Finch, es ist ganz zwecklos, mit mir über Fergus
+zu sprechen. Sie sind nicht mit ihm verheiratet gewesen--aber ich.
+
+(McComas zu Gloria:) Fräulein Clandon, ich habe bis jetzt davon
+abgesehen, mich an Sie zu wenden, weil Sie sogar noch unbarmherziger
+als Ihre Mutter gewesen sind, wenn das wahr ist, was mir McNaughtan
+gesagt hat.
+
+(Gloria trotzig:) Sie wenden sich von der Stärke der Mutter an die
+Schwäche der Tochter!
+
+(McComas.) Nicht an Ihre Schwäche, Fräulein Clandon--ich wende mich
+vom Verstande der Mutter an das Herz der Tochter.
+
+(Gloria.) Ich habe gelernt, meinem Herzen zu mißtrauen. (Mit einem
+zornigen Blick auf Dr. Valentine:) Wenn ich könnte, ich würde mir das
+Herz aus dem Leibe reißen und es fortwerfen. Meine Antwort ist die
+Antwort meiner Mutter! (Sie tritt zu Frau Clandon und umarmt sie.
+Aber Frau Clandon, unfäbig, diese Art zur Schau gestellter Neigung zu
+ertragen, befreit sich, so rasch sie, ohne Glorias Gefühle zu
+verletzen, nur kann.)
+
+(McComas besiegt:) Nun, das tut mir leid--sehr leid. Ich habe mein
+Möglichstes getan. (Er erbebt sich und ist im Begriff, in tiefster
+Unzufriedenheit fortzugehen.)
+
+(Frau Clandon.) Aber was haben Sie denn erwartet, Finch? Was
+verlangen Sie?... Was sollen wir tun?
+
+(McComas.) Vor allem sollten Sie beide, Sie und McNaughtan, das
+Gutachten eines Advokaten einholen, um zu erfahren, inwieweit
+McNaughtan durch die Trennungsurkunde gebunden ist. Warum nun nicht
+dieses Gutachten gelegentlich einer freundschaftlichen (ihr Gesicht
+wird hart)--oder sagen wir neutralen--Zusammenkunft mit McNaughtan
+einholen, und zwar am besten sofort? Der Einfachheit und
+Bequemlichkeit halber schlage ich dieses Hotel vor... Gleich heute
+abend--was meinen Sie dazu?
+
+(Frau Clandon.) Aber woher sollen wir dieses Gutachten so schnell
+bekommen?
+
+(McComas.) Es ist beinahe aus den Wolken auf uns herabgefallen. Auf
+meinem Rückwege von McNaughtan hierher begegnete ich einem
+hervorragenden Rechtsanwalt, einem Manne, dem ich eine Sache vor
+Gericht anvertraut habe, die ihn zuerst berühmt gemacht hat. Er
+bleibt von Samstag bis Montag hier, um Seeluft zu atmen und einen
+Verwandten, der hier wohnt, zu besuchen. Er war so freundlich, mir
+sein Erscheinen für den Fall zuzusagen, daß es mir gelänge, eine
+Zusammenkunft der Parteien zustande zu bringen. Er wird uns mit
+seinem gewiegten Rat zur Seite stehen.--Lassen Sie uns doch diese
+Gelegenheit zu einer ruhigen, freundlichen Familienzusammenkunft
+benützen; gestatten Sie mir, meinen Freund herzubringen, und ich will
+versuchen, auch McNaughtan zum Kommen zu bewegen. Bitte, stimmen Sie
+zu! Einverstanden?
+
+(Frau Clandon nach einem Augenblick der Überlegung, bedeutungsvoll:)
+Finch! ich brauche kein Rechtsgutachten, weil ich die Absicht habe,
+mich von meinem eigenen Gutachten leiten zu lassen. Ich wünsche nicht,
+Fergus wieder zu begegnen, weil ich ihn nicht mag und weil ich nicht
+glaube, daß eine Zusammenkunft irgendwie nützen könnte. (Sie erhebt
+sich:) Aber da Sie die Kinder überzeugt haben, daß er nicht ganz
+hoffnungslos ist, tun Sie, was Ihnen beliebt.
+
+(McComas nimmt ihre Hand und schüttelt sie:) Ich danke Ihnen, Frau
+Clandon.--Paßt Ihnen neun Uhr?
+
+(Frau Clandon.) Vollkommen.--Phil, klingle, bitte.
+
+(Philip klingelt.) Wenn ich aber angeklagt werden soll, mich mit Herrn
+Dr. Valentine verschworen zu haben, dann würde es, glaube ich, besser
+sein, er wäre zugegen.
+
+(Dr. Valentine sich erhebend:) Ich bin ganz Ihrer Ansicht. Ich halte
+meine Anwesenheit für äußerst wichtig.
+
+(McComas.) Ich glaube, dagegen ist nichts einzuwenden. Ich hege die
+größten Hoffnungen auf eine glückliche Lösung. Inzwischen leben Sie
+wohl. (Er gebt hinaus und begegnet dem Kellner, der die Tür für ihn
+offen hält.)
+
+(Frau Clandon.) Wir erwarten um neun Uhr Besuch, William. Könnten wir
+nicht schon um sieben Uhr statt um halb acht dinieren?
+
+(Der Kellner an der Tür:) Um sieben, gnädige Frau? Gewiß, gnädige
+Frau. Es wird sogar eine Erleichterung für uns sein heut abend, wo so
+viel zu tun ist. Wir haben Konzert, und die Illumination ist zu
+arrangieren und sonst noch allerlei, gnädige Frau.
+
+(Dolly.) Illumination!
+
+(Philip.) Konzert!--William: was ist denn los?
+
+(Der Kellner.) Heute ist Maskenball, gnädiges Fräulein.
+
+(Dolly und Philip stürzen gleichzeitig auf ihn zu:) Maskenball?!
+
+(Der Kellner.) Jawohl, junger Herr. Der Regatta-Klub gibt das Fest
+zum Besten des Rettungsbootes. (Zu Frau Clandon:) Wir haben oft
+solche Abende, gnädige Frau; Lampions im Garten, sehr hübsch, sehr
+lustig und harmlos--wirklich! (Zu Philip:) Eintrittskarten zu fünf
+Schilling bekommt man unten im Bureau, junger Herr. Damen in
+Herrenbegleitung zahlen die Hälfte.
+
+(Philip erfaßt seinen Arm, um ihn fortzuziehen:) Fort ins Bureau,
+William!
+
+(Dolly ergreift atemlos seinen andern Arm:) Schnell, bevor alle Karten
+weg sind! (Sie zerren ihn mit sich weg aus dem Zimmer.)
+
+(Frau Clandon.) Um des Himmels willen, was haben sie vor? (Abgehnd:)
+Ich muß wirklich nachsehen und sie zurückrufen. (Sie folgt ihnen und
+spricht im Abgeben weiter.)
+
+(Gloria starrt Dr. Valentine kühl an und sieht dann bedächtig auf ihre
+Taschenuhr.)
+
+(Dr. Valentine.) Ich begreife, ich bin schon zu lange dageblieben.
+Ich gehe.
+
+(Gloria mit berablassender Förmlichkeit:) Ich muß mich bei Ihnen
+entschuldigen. Ich bin mir bewußt, etwas scharf... vielleicht grob
+gegen Sie gewesen zu sein.
+
+(Dr. Valentine.) Durchaus nicht.
+
+(Gloria.) Meine einzige Entschuldigung ist, daß es sehr schwer fällt,
+jemandem Respekt und Achtung zu bezeugen, dessen würdeloser Charakter
+weder Respekt noch Achtung fordert.
+
+(Dr. Valentine prosaisch:) Wie kann ein Mann würdevoll auftreten, wenn
+er verliebt ist?
+
+(Gloria durch Valentines Redensart von ihrem bochtrabenden Stil
+abgebracht:) Ich verbiete Ihnen, mir solche Dinge zu sagen. Es sind
+Beleidigungen.
+
+(Dr. Valentine.) Nein--es sind Torheiten. Aber ich kann nichts dafür,
+ich muß sie begehen.
+
+(Gloria.) Wenn Sie wirklich verliebt wären, würden Sie nicht töricht
+sein. Liebe verleiht Würde, Ernst, ja sogar Schönheit.
+
+(Dr. Valentine.) Glauben Sie wirklich, daß ich davon schön werden
+würde? (Sie wendet ihm mit kältester Verachtung den Rücken.) Ah, Sie
+sehen, daß Sie es nicht ernstlich meinen! Die Liebe kann dem Manne
+keine neuen Gaben schenken; sie kann nur die Gaben, mit denen er
+geboren wurde, entwickeln und erhöhen.
+
+(Gloria geht wieder zu ihm hin:) Mit welchen Gaben sind Sie geboren,
+wenn ich bitten darf?
+
+(Dr. Valentine.) Mit Leichtigkeit des Herzens.
+
+(Gloria.) Und Leichtigkeit des Verstandes--und Leichtigkeit des
+Glaubens und Leichtigkeit alles dessen, was einen ganzen Mann ausmacht.
+
+(Dr. Valentine.) Ja, die ganze Welt gleicht jetzt einer Feder, die im
+Lichte tanzt--und Gloria ist die Sonne. (Sie erbebt ärgerlich den
+Kopf.) Entschuldigen Sie--ich gehe. Um neun bin ich wieder da. Adieu.
+(Er läuft lustig hinaus und läßt sie in der Mitte des Zimmers zurück.
+Sie starrt ihm nach.)
+
+(Vorhang)
+
+
+
+
+VIERTER AKT
+
+(Das gleiche Zimmer. Neun Uhr. Niemand ist da. Die Lampen sind
+angezündet, aber die Vorhänge sind nicht zugezogen. Das Fenster steht
+weit offen, und die Girlanden der Lampions leuchten an den Zweigen der
+Bäume, darüber ein sternbesäter Himmel. Das Orchester im Garten
+spielt Tanzmusik, die die Meeresbrandung übertönt.)
+
+(Der Kellner tritt ein und führt McNaughtan und McComas in das Zimmer.
+McNaughtan sieht ängstlich und gedrückt aus. Er setzt sich müde und
+mutlos auf die Ottomane.)
+
+
+(Der Kellner.) Die Damen sind in den Garten gegangen und sehen sich
+die Masken an. Wenn Sie einstweilen gütigst Platz nehmen wollten--ich
+werde sie rufen. (Er ist im Begriff, durch die Fenstertür in den
+Garten zu gehen, als ihn McComas aufhält.)
+
+(McComas.) Halt, einen Augenblick.--Wenn noch ein Herr kommt, führen
+Sie ihn unverzüglich herein. Wir warten auf ihn.
+
+(Der Kellner.) Zu Befehl. Darf ich um seinen Namen bitten?
+
+(McComas.) Er heißt Boon. Frau Clandon kennt ihn nicht, er wird Ihnen
+also vielleicht seine Karte geben. Wenn er es tut, so vergessen Sie
+nicht, daß sein Name B. O. H. U. N.[*] geschrieben wird.
+
+[Footnote *: Der Name Bohun wird Boon (spr. Bun) ausgesprochen. Es
+ist ein hocharistokratischer Name, der auf die Abstammung von den
+normannischen Eroberern hinweist, die im Jahre 1066 nach England
+gekommen sind. Der Name Boon ist alltäglicher. McComas sagt dem
+Kellner, daß er einen Herrn Bohun erwartet. Da fällt ihm ein, daß der
+Herr dem Kellner wahrscheinlich seine Karte für Frau Clandon geben
+wird, und da er annimmt, daß William nicht wissen dürfte, daß der Name
+Bohun auf der Karte "Boon" bedeutet, so macht er ihn aufmerksam, wie
+der Name buchstabiert wird. (Anm. des Übers.)]
+
+(Der Kellner lächelnd:) Da können Sie sich vollkommen auf mich
+verlassen, gnädiger Herr. Ich heiße selbst Boon, obgleich ich hier
+fast nur unter dem Namen Balmy Walters bekannt bin. Eigentlich sollte
+ich auch ein H. U. einfügen; aber es ist besser, wenn ich mir diese
+Freiheit nicht herausnehme. Meine Name würde dann auf Normannenblut
+hindeuten, gnädiger Herr--und Normannenblut ist keine Empfehlung für
+einen Kellner.
+
+(McComas.) Gut, gut. "Treue Herzen sind mehr wert als Adelskronen,
+und schlichte Ehrlichkeit mehr als Normannenblut."[*]
+
+(Der Kellner.) Das hängt zum großen Teil von der Stellung ab, die man
+im Leben einnimmt. Wenn Sie Kellner wären, würden Sie bald finden,
+daß Ehrlichkeit und Treue Ihnen ebensowenig helfen können wie
+Normannenblut. Ich finde es am zweckmäßigsten, wenn ich meinen Namen
+B. OO. N. schreibe und meinen Verstand möglichst zusammennehme.--Aber
+ich halte Sie auf; verzeihen Sie mir--Ihre Leutseligkeit ist selbst
+schuld daran. Ich werde den Damen sagen, daß Sie hier sind, gnädiger
+Herr. (Er geht durch die Fenstertür in des Garten hinaus.)
+
+(McComas.) McNaughtan, ich kann mich auf Sie verlassen, nicht wahr?
+
+(McNaughtan.) Ja, ja; ich werde ruhig bleiben; ich werde geduldig sein;
+ich werde mein Möglichstes tun.
+
+(McComas.) Bedenken Sie, ich habe Sie nicht preisgegeben. Ich habe
+Ihrer Familie gesagt, daß sie ganz allein Schuld an allem trüge.
+
+(McNaughtan.) Mir haben Sie gesagt, daß ich einzig und allein der
+Schuldige wäre.
+
+(McComas.) Ihnen habe ich die Wahrheit gesagt.
+
+(McNaughtan klagend:) Wenn die Kinder nur gerecht gegen mich sein
+werden!
+
+(McComas.) Mein lieber McNaughtan, sie werden nicht gerecht gegen Sie
+sein--in ihrem Alter ist das von ihnen gar nicht zu verlangen. Wenn
+Sie fortfahren, solche unmögliche Bedingungen zu stellen, dann können
+wir nur ebensogut gleich wieder nach Hause gehen.
+
+(McNaughtan.) Aber ich habe doch sicher das Recht--
+
+[Footnote *: Ein Zitat aus Tennysons "Lady Clara Vere de Vere."]
+
+(McComas ungeduldig:) Sie werden Ihr Recht nicht durchsetzen.--Jetzt
+frage ich Sie aber ein für allemal, McNaughtan: sollte Ihr Versprechen,
+sich gut zu benehmen, nur bedeuten, daß Sie nicht ohne Anlaß
+aufbrausen würden? In diesem Falle... (Er bewegt sich, als ob er
+geben wolle.)
+
+(McNaughtan jämmerlich:) Nein nein, lassen Sie mich doch! Ich bin
+genug herumgestoßen und gequält worden--ich verspreche Ihnen, mein
+Möglichstes zu tun. Aber wenn dieses Mädchen sich wieder erlauben
+wird, mit mir so zu sprechen und mich so anzusehen--(Er bricht ab und
+vergräbt den Kopf in die Hände.)
+
+(McComas beschwichtigend:) Na na, es wird schon alles gut werden, wenn
+Sie nur dulden und sich gedulden wollen. Nehmen Sie sich zusammen, es
+kommt jemand.
+
+(McNaughtan ist zu sehr entmutigt und niedergeschlagen, sich viel
+daraus zu machen, er verändert seine Stellung kaum.)
+
+(Gloria kommt aus dem Garten. McComas geht ihr bis an die Fenstertür
+entgegen, so daß er zu ihr sprechen kann, ohne von McNaughtan gehört
+zu werden.)
+
+(McComas.) Hier ist Ihr Vater, Fräulein Clandon. Seien Sie gut zu ihm.
+Ich will Sie einen Augenblick mit ihm allein lassen. (Er geht in
+den Garten.)
+
+(Gloria tritt ein und geht kühl bis in die Mitte des Zimmers.)
+
+(McNaughtan blickt sich betroffen um:) Wo ist McComas?
+
+(Gloria gleichgültig, aber nicht unliebenswürdig:) Hinausgegangen, um
+uns allein zu lassen. Wahrscheinlich aus Zartgefühl. (Sie bleibt
+neben ihm stehen und siebt ihn sonderbar an:) Nun, Vater?
+
+(McNaughtan eine Art Galgenhumor durchbricht seine Hilflosigkeit:) Nun,
+Tochter? (Sie betrachten einander einen Augenblick mit
+melancholischem Humor.
+
+(Gloria.) Reichen wir uns die Hände. (Sie reichen einander die Hände.)
+
+(McNaughtan ihre Hand haltend:) Mein liebes Kind, ich habe mich heute
+nachmittag leider zu sehr ungehörigen Worten über deine Mutter
+hinreißen lassen.
+
+(Gloria.) O bitte, entschuldigen Sie sich nicht. Ich bin heute selbst
+sehr hochmütig und eingebildet gewesen; ich bin seitdem zur Vernunft
+gekommen--o ja, ich bin zur Vernunft gebracht worden! (Sie setzt sich
+neben seinen Stuhl auf den Boden.)
+
+(McNaughtan.) Was ist dir zugestoßen, mein Kind?
+
+(Gloria.) O sprechen wir nicht davon! Ich habe mich als die Tochter
+meiner Mutter aufgespielt, aber das bin ich nicht. Ich bin die
+Tochter meines Vaters. (Sieht ihn an; scherzend:) Das ist ein tiefer
+Sturz--nicht wahr?
+
+(McNaughtan ärgerlich:) Was! (Sie behält ihren wunderlichen Ausdruck
+bei. Er streckt die Waffen:) Nun ja, liebes Kind, ich nehme an, daß
+du recht hast... es wird wohl so sein. (Sie nickt liebenswürdig.) Ich
+fürchte, ich bin manchmal etwas reizbar, aber ich weiß immer, was
+recht und billig ist, selbst wenn ich nicht danach handle... Kannst
+du das glauben?
+
+(Gloria.) Das glauben?... Das ist doch ganz mein Fall--auf ein Haar!
+Ich weiß auch stets, was recht ist und meiner würdig und stark und
+edel--genau so gut, wie sie es weiß. Aber, ach! ich tue Dinge... und
+ich gestatte anderen Leuten, Dinge zu tun--!
+
+(McNaughtan etwas mürrisch, gegen seinen Willen:) "So gut, wie sie es
+weiß"... du meinst deine Mutter!...
+
+(Gloria rasch:) Ja, meine Mutter. (Sie wendet sich auf den Knien zu
+ihm hin und ergreift seine Hände.) Nun hören Sie mich an: keinen
+Verrat an ihr--kein Wort--keinen Gedanken gegen sie! Sie steht über
+uns--über Ihnen und mir--himmelhoch über uns!--Sind Sie damit
+einverstanden?
+
+(McNaughtan.) Ja ja, ganz wie du willst, mein liebes Kind.
+
+(Gloria ist nicht befriedigt, läßt seine Hände los und zieht sich von
+ihm zurück:) Sie mögen sie nicht?
+
+(McNaughtan.) Mein Kind, du bist nicht mit ihr verheiratet
+gewesen--aber ich! (Sie steht langsam auf und betrachtet ihn mit
+wachsender Kälte.) Sie hat mir ein großes Unrecht zugefügt, indem sie
+mich heiratete, ohne mich wirklich zu lieben.--Aber nachher war alles
+Unrecht auf meiner Seite, das glaube ich selbst. (Er reicht ihr
+wieder die Hand.)
+
+(Gloria ergreift sie; fest und warnend:) Nehmen Sie sich in acht--das
+ist ein gefährliches Thema. Mit meinen Gefühlen, meinen elenden,
+feigen, weiblichen Gefühlen--kann ich auf Ihrer Seite stehen; aber mit
+meinem Gewissen stehe ich auf der Seite meiner Mutter.
+
+(McNaughtan.) Ich bin mit dieser Teilung sehr zufrieden, liebes Kind.
+Ich danke dir.
+
+(Dr. Valentine tritt ein, Gloria wird sofort vorsätzlich hochmütig.)
+
+(Dr. Valentine.) Entschuldigen Sie, aber es ist mir nicht gelungen,
+einen Diener zu finden, mich anzumelden. Selbst der unfehlbare
+William scheint auf dem Maskenball zu sein. Ich wäre auch gern
+hingegangen, mir fehlen aber die fünf Schillinge für eine
+Eintrittskarte.--Wie geht es Ihnen, McNaughtan? Besser--was?
+
+(McNaughtan.) Ja, ich bin wieder Herr meiner Sinne, Doktor, ohne Ihnen
+dafür Dank schuldig zu sein.
+
+(Dr. Valentine.) Was sagen Sie zu Ihrem undankbaren Vater, Fräulein
+Clandon? Ich habe ihn von einem qualvollen Schmerz befreit, und er
+beschimpft mich dafür.
+
+(Gloria kalt:) Ich bedaure, daß meine Mutter nicht da ist, Sie zu
+empfangen; es fehlen noch ein paar Minuten an neun, und der Herr, von
+dem Herr McComas sprach, der Rechtsanwalt, ist noch nicht gekommen.
+
+(Dr. Valentine.) Doch, doch--ich bin ihm begegnet und habe ihn
+gesprochen. (Mit lustiger Bosheit:) Der wird Ihnen gefallen, Fräulein
+Clandon--er ist der Verstand in Person; man kann sein Gehirn förmlich
+arbeiten hören.
+
+(Gloria ignoriert die Stichelei:) Wo ist er?
+
+(Dr. Valentine.) Er hat sich eine falsche Nase besorgt und ist auf den
+Maskenball gegangen.
+
+(McNaughtan knurrig, sieht auf seine Uhr:) Es scheint, daß alle auf
+diesen Maskenball gegangen sind, statt die festgesetzte Stunde unserer
+Zusammenkunft einzuhalten.
+
+(Dr. Valentine.) Oh, er wird pünktlich erscheinen--ich traf ihn schon
+vor einer halben Stunde. Ich mochte ihn nicht um fünf Schillinge
+anpumpen und ihn begleiten, deshalb schloß ich mich dem Volke an und
+habe vor dem Gitter so lange zugesehen, bis Fräulein Clandon durch
+diese Glastür ins Hotel getreten war.
+
+(Gloria.) So weit ist es also gekommen: Sie folgen mir öffentlich, um
+mich anzustarren?
+
+(Dr. Valentine.) Ja. Man sollte mich anketten. (Gloria wendet ihm
+den Rücken zu und geht an den Kamin. Er begegnet dieser
+verachtungsvollen Behandlung mit Gleichgültigkeit und begibt sich auf
+die entgegengesetzte Seite des Zimmers.)
+
+(Der Kellner erscheint an der Fenstertür und führt Frau Clandon und
+McComas herein.)
+
+(Frau Clandon hereineilend:) Ich bedaure unendlich, daß ich Sie alle
+habe warten lassen!
+
+(Ein majestätischer Fremder, dem ein Domino, eine falsche Nase und
+eine Schielbrille ein groteskes Aussehen verleihen, erscheint in der
+Glastür.)
+
+(Der Kellner zu dem Fremden:) Verzeihen Sie, Herr--aber das ist eine
+Privatwohnung. Wenn Sie erlauben, will ich Ihnen die American-Bar und
+die Speisesäle zeigen. Hier, wenn ich bitten darf!
+
+(Er tritt in den Garten zurück und zeigt den Weg in der Überzeugung,
+daß der Fremde ihm folgen werde. Der Riese geht jedoch direkt bis an
+das Ende des Tisches vor, wo er mit ausdrucksvoller Gemächlichkeit
+zuerst die falsche Nase und dann den Domino ablegt, die Nase in diesen
+einrollt und das Bündel auf den Tisch wirft, etwa wie ein Preisboxer
+seinen Handschuh fortschleudert. Man erkennt jetzt einen starken
+großen Mann, zwischen Vierzig und Fünfzig. Er ist glattrasiert und
+von einer Blässe, die durch nächtliches Studium verursacht ist und die
+durch das steife schwarze Haar, das kurzgeschoren und geölt ist, noch
+verstärkt wird. Seine Augenbrauen gleichen den Roßhaarmöbeln des
+früheren Viktorianischen Zeitalters. Er ist ein physisch und geistig
+grobkörniger, schlauer und mit allen Hunden gehetzter Mensch. Sein
+Auftreten ist recht imponierend und beunruhigend. Wenn er spricht, so
+erhöht seine mächtige, drohende Stimme, seine eindrucksvolle Redeweise,
+seine kräftige unerbittliche Manier und die unterjochende Macht
+seiner äußerst kritischen Art zuzuhören noch den Eindruck, den er
+hervorruft, bis zum Furchterregenden.)
+
+(Der Fremde.) Mein Name ist Bohun. (Allgemeine Ehrfurcht.) Habe ich
+die Ehre, mit Frau Clandon zu sprechen? (Frau Clandon verbeugt sich,
+Bohun verbeugt sich.) Fräulein Clandon? (Gloria verbeugt sich, Bohun
+verbeugt sich.) Herr Clandon?
+
+(McNaughtan besteht so ärgerlich, als er es nur immer wagt, auf seinem
+wahren Namen:) Ich heiße McNaughtan!
+
+(Bohun.) O wirklich? (Ohne weiter von ihm Notiz zu nehmen, wendet er
+sich zu Dr. Valentine:) Sind Sie Herr Clandon?
+
+(Dr. Valentine, der sich etwas darauf zugute tut, sich nicht
+imponieren zu lassen:) Sehe ich danach aus?--Ich heiße Valentine. Ich
+bin der, der ihn betäubt hat.
+
+(Bohun.) Ach so. Dann ist Herr Clandon noch nicht anwesend?
+
+(Der Kellner kommt ängstlich durch die Fenstertür herein:) Verzeihen
+Sie, gnädige Frau, aber können Sie mir vielleicht sagen, was aus
+diesem--(Er erkennt Bohun und verliert seine ganze Selbstbeherrschung.
+Bohun wartet unbeweglich, bis sich der Kellner wieder gefaßt hat.
+Nachdem er eine rührende Verwirrung nur Schau getragen hat, rafft er
+sich soweit auf, Bohun mit schwacher, aber zusammenhängender Stimme
+anzusprechen:) Entschuldige... warst... warst du das?
+
+(Bohun ohne Gewissensbisse:) Ich war es.
+
+(Der Kellner gebrochen:) Ja. (Unfähig seine Tränen zurückzuhalten:)
+*Du* mit einer falschen Nase, Walter! (Er sinkt fast ohnmächtig vor
+dem Tisch in einen Stuhl.) Verzeihen Sie, gnädige Frau--ein kleiner
+Schwindelanfall.
+
+(Bohun befehlend:) Sie werden ihm verzeihen, Frau Clandon, wenn ich
+Ihnen sage, daß er mein Vater ist.
+
+(Der Kellner mit gebrochenem Herzen:) O nein, nein, Walter--dein Vater
+ein Kellner... und dazu noch die falsche Nase... was werden sie von
+dir denken!
+
+(Frau Clandon geht zu William hin; dann in der liebenswürdigsten Weise:
+) Ich bin entzückt, das zu hören, Herr Justizrat. Ihr Vater ist uns
+während der ganzen Zeit unseres Hierseins ein sehr guter Freund
+gewesen. (Bohun verneigt sich ernst.)
+
+(Der Kellner den Kopf schüttelnd:) O nein, gnädige Frau! Sie sind zu
+gütig--sehr vornehm und gnädig, wahrhaftig! Aber ich fühle mich sehr
+verlegen, sobald ich nicht in meinem eigenen Tun und Lassen bin...
+Entschuldigen Sie, daß ich der Vater dieses Herrn bin. Es ist doch
+schließlich nur der Zufall der Geburt--nicht wahr, gnädige Frau? (Er
+erhebt sich, schwach:) Bitte, verzeihen Sie, daß ich Sie gestört habe.
+(Mit nach der Tür gerichteten Augen schleicht er von Stuhl zu Stuhl
+am Tisch entlang.)
+
+(Bohun.) Einen Augenblick! (Der Kellner hält inne, sein Mut sinkt.)
+Nicht wahr, Frau Clandon, mein Vater war Zeuge dessen, was sich heute
+zugetragen hat?
+
+(Frau Clandon.) Ich glaube, ja, größtenteils.
+
+(Bohun.) Dann werden wir ihn brauchen.
+
+(Der Kellner bittend:) Ich hoffe, es wird nicht nötig sein. Ich habe
+heute abend infolge des Maskenballes sehr viel zu tun--wirklich sehr
+viel zu tun!
+
+(Bohun unerschütterlich:) Wir werden dich brauchen!
+
+(Frau Clandon höflich:) Bitte, nehmen Sie Platz.
+
+(Der Kellner ernst:) Oh--bitte, bitte, gnädige Frau! Ich darf mich
+nicht setzen, ich muß eine Grenze ziehen; ich dürfte nicht gesehen
+werden, wenn ich so etwas täte, gnädige Frau. Ich danke Ihnen
+trotzdem. (Er blickt mit einem verstörten Gesicht, das ein Herz von
+Stein rühren müßte, alle Anwesenden der Reibe nach an.)
+
+(Gloria.) Verlieren wir unsere Zeit nicht. William wünscht nur, uns
+weiter gut bedienen zu dürfen. Ich hätte gern eine Tasse Kaffee.
+
+(Der Kellner wird sichtlich heiterer:) Kaffee, gnädiges Fräulein? (Er
+stößt einen kleinen Seufzer der Hoffnung aus.) Zu Befehl, gnädiges
+Fräulein. Das ist sehr zeitgemäß und richtig. (Zu Frau Clandon,
+furchtsam, aber erwartungsvoll:) Womit kann ich Ihnen dienen, gnädige
+Frau?
+
+(Frau Clandon.) O ja--es ist hier sehr heiß. Ich glaube, wir könnten
+eine Rotweinbowle trinken.
+
+(Der Kellner strahlend:) Rotweinbowle, gnädige Frau? Gewiß, gnädige
+Frau!
+
+(Gloria.) Oh, dann will ich auch lieber Rotweinbowle statt Kaffee.
+Geben Sie etwas Gurke hinein.
+
+(Der Kellner entzückt:) Gurke, gnädiges Fräulein--ja! (Zu Bohun:)
+Haben Sie einen besonderen Wunsch, Herr? Sie mögen keine Gurke.
+
+(Bohun.) Wenn Frau Clandon mir gestattet, so nehme ich einen
+schottischen Whisky mit Soda.
+
+(Der Kellner.) Sehr wohl! (Zu McNaughtan:) Irischen Whisky für
+Sie--nicht wahr, Herr McNaughtan? (McNaughtan stimmt mit einem
+Grunzen zu. Der Kellner sieht Dr. Valentine fragend an.)
+
+(Dr. Valentine.) Ich mag gern Weinbowle mit Gurke.
+
+(Der Kellner.) Zu Befehl. (Zusammenzählend:) Weinbowle--einen
+schottigen Whisky mit Soda--und einen irischen.
+
+(Frau Clandon.) Ich glaube, das ist alles.
+
+(Der Kellner wieder er selbst:) Zu Befehl, gnädige Frau--sofort! (Er
+tummelt sich durch die Fenstertür hinaus und hat die ganze
+Stufenleiter der menschlichen Glückseligkeit in wenig mehr als zwei
+Minuten durchlebt.)
+
+(McComas.) Ich glaube, jetzt können wir anfangen.
+
+(Bohun.) Es wäre besser, wir warteten noch auf Frau Clandons Mann!
+
+(McNaughtan.) Wen meinen Sie? Ich bin ihr Mann!
+
+(Bohun schlägt sofort seine Krallen in den Widerspruch, zwischen
+dieser und der früheren Behauptung:) Sie haben doch eben behauptet,
+daß Sie McNaughtan heißen!
+
+(McNaughtan.) So heiße ich auch.
+
+/*
+(Frau Clandon) ) (alle vier) ( Ich--
+(Gloria) ) (sprechen) ( Meine--
+(McComas) ) (gleichzeitig:) ( Frau--
+(Dr. Valentine)) ( Sie--
+*/
+
+(Bohun bringt mit zwei Donnerworten alle zum Schweigen:) Einen
+Augenblick! (Tödliches Schweigen.) Bitte, erlauben Sie mir. Setzen
+Sie sich alle! (Sie gehorchen demütig. Gloria nimmt den
+Satteltaschenstubl vom Kamin. Dr. Valentine schleicht nach der dem
+Fenster gegenüberstehenden Ottomane, von der aus er Gloria sehen kann.
+McNaughtan setzt sich mit dem Rücken gegen Dr. Valentine auch auf die
+Ottomane. Frau Clandon, die sich die ganze Zeit möglichst auf der
+entgegengesetzten Seite des Zimmers zu schaffen gemacht hat, um
+McNaughtan auszuweichen, setzt sich in die Nähe der Tür. Links von
+ihr sitzt McComas. Bohun setzt sich wie ein Richter an die Ecke des
+Tisches auf der selben Seite wie Frau Clandon. Als sie alle sitzen,
+fixiert er McNaughtan und beginnt:) Wie es scheint, heißt in dieser
+Familie der Vater McNaughtan und die Mutter Clandon--wir haben also
+schon auf der Schwelle unseres Falles ein Element der Verwirrung.
+
+(Dr. Valentine steht auf und spricht zu ihm hinüber, mit einem Knie
+auf der Ottomane:) Aber das ist doch furchtbar einfach--
+
+(Bohun vernichtet ihn mit seiner Donnerstimme:) Jawohl! Frau Clandon
+hat einen anderen Namen angenommen--das ist die einleuchtende
+Erklärung, die selbst herauszufinden Sie mir nicht zutrauen. Sie
+unterschätzen meinen Verstand, Herr Doktor Valentine!
+
+(Dr. Valentine will protestieren, aber Bobun läßt ihn nicht zu Worte
+kommen.) Nein: ich will nicht, daß Sie darauf antworten; ich will, daß
+Sie nachdenken, wenn Sie wieder glauben, mich unterbrechen zu müssen.
+
+(Dr. Valentine niedergedrückt:) Das heißt wirklich, einen
+Schmetterling aufs Rad flechten! Was ist denn da weiter dabei?
+(Ersetzt sich wieder.)
+
+(Bohun.) Ich will Ihnen sagen, was dabei ist! Es ist dabei, daß--wenn
+diese Familienzwistigkeit ausgeglichen werden soll, wie wir es alle
+hoffen--Frau Clandon den Namen ihres Mannes wieder wird annehmen
+müssen, wie es sich gehört und gesellschaftlich üblich ist.
+
+(Frau Clandons Gesicht nimmt den Ausdruck äußerst entschlossenen
+Widerstandes an.) Oder Herr McNaughtan wird sich ent-* schließen
+müssen, sich "Clandon" zu nennen. (McNaughtan sieht fest entschlossen
+drein, nichts dergleichen zu tun.) Sie halten das zweifellos für eine
+ganz einfache Angelegenheit, Herr Doktor. (Er sieht erst Frau Clandon
+und dann McNaughtan scharf an.) Ich bin anderer Ansicht! (Er wirft
+sich in seinen Stuhl zurück und runzelt heftig die Stirn.)
+
+(McComas furchtsam:) Ich glaube, wir sollten vielleicht lieber erst
+damit anfangen, die wichtigsten Fragen zur Sprache zu bringen.
+
+(Bohun.) McComas, die wichtigsten Fragen werden uns keinerlei
+Schwierigkeiten machen--das tun sie niemals. Die Kleinigkeiten sind
+es, die den Schiffbruch noch im Hafen verursachen. (McComas sieht
+drein, als ob er dies für ein Paradoxon hielte.) Sie sind nicht meiner
+Ansicht--was?
+
+(McComas schmeichelnd:) Wenn ich es wäre--
+
+(Bohun ihn unterbrechend:) Wenn Sie es wären, so würden Sie sein, was
+ich bin, anstatt das zu sein, was Sie sind.
+
+(McComas unterwürfig:) Gewiß, lieber Justizrat, Ihre Spezialität--
+
+(Bohun unterbricht ihn wieder:) Meine Spezialität ist es, recht zu
+haben, wenn andere Leute unrecht haben. Wenn Sie meiner Ansicht wären,
+dann würde ich hier unnütz sein. (Er nickt ihm zu, wie um die Sache
+abzufertigen, und wendet sich dann plötzlich und heftig an McNaughtan:
+) Nun, und Sie, Herr McNaughtan? Welcher Punkt dieser Angelegenheit
+liegt Ihnen am meisten am Herzen?
+
+(McNaughtan beginnt langsam:) Ich möchte in dieser Sache allen
+Egoismus beiseite lassen--
+
+(Bohun unterbricht ihn:) Das tun wir alle, Herr McNaughtan. (Zu Frau
+Clandon:) Sie wollen doch auch allen Egoismus beiseite lassen, Frau
+Clandon?
+
+(Frau Clandon.) Ja. Schon mein Hiersein zeigt, daß ich mich nicht an
+meine eigenen Gefüllte kehre.
+
+(Bohun.) Das tun Sie wohl ebensowenig, Fräulein Clandon--nicht wahr?
+
+(Gloria.) Gewiß nicht.
+
+(Bohun.) Ich dacht' es mir. Das tun wir alle nicht.
+
+(Dr. Valentine.) Mich ausgenommen. Meine Absichten sind egoistisch.
+
+(Bohun.) Das sagen Sie, weil Sie glauben, daß eine Pose der
+Aufrichtigkeit auf Fräulein Clandon einen besseren Eindruck machen
+wird, als eine Pose der Interesselosigkeit. (Dr. Valentine ist durch
+diese treffende Bemerkung vollkommen entdeckt und vernichtet. Er
+nimmt seine Zuflucht zu einem schwachen, wortlosen Lächeln. Bobun,
+zufrieden, jetzt alle Auflehnung vollständig unterjocht zu haben,
+wirft sich mit einer Miene in seinen Stuhl zurück, als wäre er nun
+bereit, alle Wünsche der Parteien geduldig anzuhören.) Nun, Herr
+McNaughtan, beginnen Sie. Es ist abgemacht: aller Egoismus wird
+beiseite gelassen! Die Menschen beginnen immer damit, das
+vorauszuschicken.
+
+(McNaughtan.) Aber ich meine es wirklich so, Herr Justizrat.
+
+(Bohun..) Gewiß. Jetzt zu Ihrer Sache!
+
+(McNaughtan.) Es handelt sich um die Kinder. Jeder vernünftige Mensch
+wird zugeben, daß das selbstlos ist.
+
+(Bohun.) Nun, was ist's mit den Kindern?
+
+(McNaughtan mit Ergriffenheit:) Sie haben--
+
+(Bohun fällt wieder über ihn her:) Halt! Sie sind im Begriff, von
+Ihren Gefühlen zu sprechen--tun Sie das nicht! Ich sympathisiere mit
+Ihren Gefühlen, aber sie haben nichts mit meinem Geschäft zu tun.
+--Sagen Sie uns genau, was Sie verlangen. Das ist es, was wir wissen
+müssen.
+
+(McNaughtan unbehaglich:) Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten,
+Herr Justizrat.
+
+(Bohun.) Gut, ich will Ihnen helfen. Was haben Sie gegen die
+gegenwärtige Lage Ihrer Kinder einzuwenden?
+
+(McNaughtan.) Ich verwahre mich gegen die Erziehung, die sie genossen
+haben! (Frau Clandons Stirn legt sich in bedrohliche Falten.)
+
+(Bohun.) Und was schlagen Sie vor--das geschehen soll, um das jetzt zu
+ändern?
+
+(McNaughtan.) Ich meine, daß sie sich ruhiger, einfacher kleiden
+sollten.
+
+(Dr. Valentine.) Unsinn!
+
+(Bohun wirft sich, durch diese Unterbrechung empört, sofort in seinen
+Stuhl zurück:) Ich warte. Wenn Sie fertig sind... Herr Doktor. Wenn
+Sie ganz fertig sind!
+
+(Dr. Valentine.) Was haben Sie gegen Fräulein Clandons Kleidung
+einzuwenden?
+
+(McNaughtan hitzig zu Dr. Valentine:) Meine Ansicht ist ebenso wichtig
+wie die Ihre!
+
+(Gloria warnend:) Vater!
+
+(McNaughtan gibt kläglich nach:) Dich hab' ich ja nicht gemeint, meine
+Liebe! (Er wendet sich mit ernster Dringlichkeit zu Bohun:) Aber die
+beiden jüngeren Geschwister! Sie haben sie nicht gesehen, Herr
+Justizrat... wahrhaftig, ich bin überzeugt, Sie wären auch der Ansicht,
+daß in der Art, wie die sich kleiden, etwas sehr Auffallendes,
+beinahe Herausforderndes und Frivoles liegt.
+
+(Frau Clandon ungeduldig:) Glaubst du, daß ich ihnen ihre Kleider
+aussuche? Das ist wirklich kindisch!
+
+(McNaughtan erhebt sich wütend:) Kindisch!...
+
+(Frau Clandon steht entrüstet auf.)
+
+/*
+(McComas) ) (McNaughtan, Sie
+ ) (alle erbeben sich (haben versprochen--
+(Dr. Valentine) ) und sprechen (Lächerlich, sie
+ ) gleichzeitig:) (kleiden sich reizend!
+(Gloria) ) (Bitte, wollen wir uns
+ (nicht vernünftig
+ (benehmen?
+*/
+
+(Lärm. Plötzlich hören sie ein warnendes Gläserklirren aus dem hinter
+ihnen gelegenen Zimmer. Sie wenden sich schuldbewußt um und sehen,
+daß der Kellner eben aus dem Gartenschank zurückgekehrt ist und sein
+Servierbrett erklingen läßt. Während er damit behutsam an den Tisch
+kommt, wird es totenstill.)
+
+(Der Kellner zu McNaughtan, ein hohes Glas beiseite auf den Tisch
+stellend:) Ihr irischer Whisky, gnädiger Herr. (McNaughtan setzt sich
+ein wenig beschämt. Der Kellner stellt einen anderen Kelch und ein
+Siphon auf den Tisch beiseite und sagt zu Bohun:) Schottischer Whisky
+mit Soda für den Herrn Rechtsanwalt. (Bohun winkt ungeduldig mit der
+Hand. Der Kellner setzt eine große Bowle in die Mitte des Tisches.)
+Die Weinbowle.
+
+(Alle nehmen ihre Plätze wieder ein. Es herrscht Frieden.)
+
+(Frau Clandon demütig zu Bohun:) Ich fürchte, wir haben Sie
+unterbrochen, Herr Justizrat.
+
+(Bohun ruhig:) Das haben Sie. (Zum Kellner, der binausgeht:) Warten
+Sie einen Augenblick.
+
+(Der Kellner.) Gern. Womit kann ich dienen? (Er stellt sich hinter
+Bohuns Stuhl.)
+
+(Frau Clandon zum Kellner:) Entschuldigen Sie, daß wir Sie aufhalten.
+Der Herr Justizrat wünscht es.
+
+(Der Kellner, der sich jetzt ganz wohl fühlt:) Aber, gnädige
+Frau--durchaus nicht, es ist mir ein Vergnügen, der Gedankenarbeit
+seines geübten und mächtigen Geistes folgen zu dürfen--das ist sehr
+anregend, sehr unterhaltend und lehrreich--wahrhaftig, gnädige Frau!
+
+(Bohun nimmt den Gang der Ferhandlung wieder auf:) Nun, Herr
+McNaughtan, wir warten auf Sie! Ziehen Sie Ihren Einwand gegen die
+Kleidung Ihrer Kinder zurück oder beharren Sie dabei?
+
+(McNaughtan erörternd:) Herr Justizrat, versetzen Sie sich einen
+Augenblick in meine Lage: ich habe nicht nur an mich allein zu
+denken--da ist meine Schwester Sophronia und mein Schwager--und ihr
+ganzer Kreis. Sie haben einen großen Abscheu vor allem, was nur
+irgendwie--nur irgendwie--nun...
+
+(Bohun.) Na, heraus damit!... Ausgelassen?--laut? bunt?
+
+(McNaughtan.) Ja. Ich meine das natürlich in keinem ruchlosen
+Sinne--aber--aber (verzweifelt damit herausplatzend:) die beiden
+Kinder würden meine Leute durch ihr Auftreten abstoßen! Sie passen
+nicht zu ihren eigenen Verwandten. Das ist es, worüber ich mich
+beklage!
+
+(Frau Clandon mit unterdrücktem Zorn:) Herr Dr. Valentine, haben Sie
+irgend etwas Ausgelassenes oder Vorlautes an Phil und Dolly bemerkt?
+
+(Dr. Valentine.) Ganz gewiß nicht! Das ist der reinste Unsinn.
+Nichts kann geschmackvoller sein.
+
+(McNaughtan.) Ja, Sie finden das natürlich geschmackvoll!
+
+(Frau Clandon.) William, Sie sehen eine Menge Menschen aus der guten
+englischen Gesellschaft: sind meine Kinder auffallend und überladen
+gekleidet?
+
+(Der Kellner versichernd:) O durchaus nicht, gnädige Frau!
+(Überzeugend:) O nein, gnädiger Herr, durchaus nicht! Hübsch und
+geschmackvoll, ohne Zweifel--aber dabei sehr gewählt und nobel--sehr
+fein und hochklassig! Wahrhaftig, es könnten Sohn und Tochter eines
+Dechanten sein, gnädiger Herr. Man braucht sie nur anzusehen, nur
+zu--(In diesem Augenblick wirbeln ein Harlekin und eine Kolombine ins
+Zimmer, die zu der Musik im Garten, die eben den Schluß eines Walzers
+spielt, tanzen. Das Kleid des Harlekin besteht aus abwechselnden
+Vierecken (I Zoll im Quadrat) von türkisblauer und goldfarbener Seide,
+seine Pritsche ist vergoldet und seine Maske aufgeschlagen. Der Rock
+der Kolombine gleicht einem Feld im Herbst, orangegolden und
+mohnblumenrot; eine winzige Samtjacke stellt die Staubfäden der
+Mohnblume vor.--Sie schwirren zwischen McComas und Bohun herein, ein
+erlesenes, blendendes Paar, und dann zurück in einem Kreis bis an das
+Ende des Tisches hin, wo sie, da der letzte Walzertakt eben verklingt,
+in der Mitte der Gesellschaft ein lebendes Bild stellen: Harlekin
+beugt sein linkes Knie und Kolombine steht auf seinem rechten Knie mit
+über den Kopf gebogenen Armen. Im Gegensatz zu ihrem Tanz, der
+reizend graziös war, ist diese Pose keine sehr glückliche und droht
+mit einer Katastrophe zu enden.)
+
+(Die Kolombine schreiend:) Hebt mich herunter! Ich werde gleich
+fallen! Papa, heben Sie mich herunter!
+
+(McNaughtan läuft ängstlich zu ihr hin und ergreift sie an den Händen:
+) Mein Kind!
+
+(Dolly springt mit seiner Hilfe herunter:) Danke schön, das war lieb
+von Ihnen. (Philip schiebt seine Pritsche in seinen Gürtel, setzt
+sich auf den Rand des Tisches und schenkt etwas Weinbowle ein.)
+
+(McNaughtan geht sehr verblüfft an die Ottomane zurück.) Oh, war das
+lustig! O Gott! (Sie setzt sich mit einem Satz auf die Tischkante;
+keuchend:) Oh, Weinbowle! (Sie trinkt.)
+
+(Bohun mit mächtiger Stimme:) Das ist die jüngere Dame, nicht wahr?
+
+(Dolly gleitet vom Tische herunter; geängstigt von Bohuns mächtiger
+Stimme und seinem Benehmen:) Ja. Bitte, wer sind Sie?
+
+(Frau Clandon.) Das ist Herr Justizrat Bohun, Dolly. Er war so
+freundlich, heute abend zu uns zu kommen, um uns zu helfen.
+
+(Dolly.) Oh, dann wollen wir seinen Eintritt segnen--
+
+(Philip.) Sch!
+
+(McNaughtan.) Herr Justizrat--McComas! ich wende mich an euch! Ist
+das in Ordnung? Würden Sie die Familie meiner Schwester tadeln, wenn
+sie sich dagegen verwahrte?
+
+(Dolly errötet; drohend:) Fangen Sie also schon wieder an?
+
+(McNaughtan versöhnlich:) Nein, nein--es ist in deinem Alter
+vielleicht selbstverständlich.
+
+(Dolly hartnäckig:) Lassen Sie mein Alter aus dem Spiel!--Ob mein
+Kleid hübsch ist, will ich wissen!
+
+(McNaughtan.) Ja, liebes Kind--ja--(Er setzt sich mit Zeichen der
+Unterwerfung.)
+
+(Dolly nachdrücklich:) Gefällt es Ihnen?
+
+(McNaughtan.) Mein Kind, wie kannst du nur glauben, daß mir das
+gefällt oder daß ich damit einverstanden bin?
+
+(Dolly entschlossen ihn nicht auszulassen:) Wie können Sie es hübsch
+finden und es dann nicht leiden mögen?
+
+(McComas erhebt sich ärgerlich und entrüstet:) Wahrhaftig, ich muß
+sagen--
+
+(Bohun, der Dolly mit der größten Zustimmung angehört hat, macht sich
+sofort über ihn her:) Still, unterbrechen Sie nicht, McComas! Die
+Methode der jungen Dame ist vollkommen richtig! (Zu Dolly mit
+furchtbarem Nachdruck:) Fahren Sie fort zu fragen, Fräulein Clandon,...
+fahren Sie fort, rasch!
+
+(Dolly.) Aber Sie sind ein regelrechter Gewaltmensch! Gehen Sie immer
+so vor?
+
+(Bohun erhebt sich:) Jawohl. Versuchen Sie nicht, mich aus dem Text
+zu bringen, mein Fräulein! Sie sind zu jung dazu. (Er nimmt den
+Stuhl des McComas, der neben Frau Clandons Stuhl siebt, und stellt ihn
+neben seinen eigenen.) Setzen Sie sich! (Dolly gehorcht wie bezaubert,
+und Bohun setzt sich wieder. McComas, seines Stuhles beraubt, holt
+sich einen anderen, der zwischen dem Tisch und der ottomane steht:)
+Nun, Herr McNaughtan, die Tatsachen stehen vor Ihnen--alle beide. Sie
+glauben zwar, daß Sie Ihre beiden jüngsten Kinder gern bei sich hätten,
+aber das würde Ihnen gar nicht gefallen--(McNaughtan versucht zu
+protestieren, aber Bohun gibt das unter keinen Umständen zu:) Nein,
+das gefiele Ihnen gar nicht. Sie glauben zwar, daß Sie das gern
+hätten, aber ich weiß das besser als Sie. Sie verlangen, daß diese
+junge Dame aufhört, sich des Abends wie eine Bühnen-Kolombine und des
+Morgens wie eine moderne Kolombine zu kleiden... nun, sie wird das nie
+tun--niemals! Sie glaubt, sie wird es einmal tun, aber--
+
+(Dolly ihn unterbrechend:) Nein, das glaube ich auch nicht!
+(Entschlossen:) Ich werde es niemals aufgeben, mich hübsch zu
+kleiden--niemals! Wie Gloria zu jenem Mann in Madeira gesagt hat:
+nie--nie--nie, so lange Gras wächst und Wasser fließt!
+
+(Dr. Valentine erhebt sich in furchtbarer Aufregung:) Was?... was?!...
+(Er beginnt sehr rasch zu sprechen:) Wann hat sie das gesagt?... Zu
+wem hat sie das gesagt?
+
+(Bohun wirft sich in einen Stuhl, mit intensivem, mitleidigem Protest:
+) Herr Doktor Valentine--
+
+(Dr. Valentine hitzig:) Unterbrechen Sie mich nicht! Dies ist etwas
+sehr Ernstes! Ich muß wissen, zu wem Fräulein Clandon das gesagt
+hat--ich bestehe darauf!
+
+(Dolly.) Vielleicht erinnert sich Phil. Welche Nummer war es? Numero
+drei oder Numero fünf?
+
+(Dr. Valentine.) Numero fünf!!!!
+
+(Philip.) Mut, Doktor, es war noch nicht Numero fünf. Es war nur ein
+zahmer Seeoffizier, der immer bei der Hand war--der geduldigste und
+harmloseste Mensch von der Welt.
+
+(Gloria kalt:) Was wird jetzt erörtert, wenn ich fragen darf?
+
+(Dr. Valentine mit rotem Kopf:) Entschuldigen Sie... ich bedaure,
+gestört zu haben. Ich will Sie nicht länger belästigen, Frau Clandon.
+(Er verneigt sich vor Frau Clandon und geht, kochend vor
+unterdrückter Wut, rasch durch die Fenstertür in den Garten.)
+
+(Dolly.) Hm hm...
+
+(Philip.) Aha!
+
+(Gloria.) Bitte, fahren Sie fort, Herr Justizrat.
+
+(Dolly dazwischenfahrend, als Bohun die Stirn furchtbar runzelt und
+sich zusammenrafft, zu einem neuerlichen Ringen mit dem Fall:) Sie
+wollen uns einschüchtern, Herr Justizrat.
+
+(Bohun.) Ich--
+
+(Dolly ihn unterbrechend:) O ja, das wollen Sie! Sie glauben, daß es
+nicht so ist--aber es ist so. Ich sehe es an Ihrem Stirnrunzeln.
+
+(Bohun nachgebend:) Frau Clandon, ich erkenne aus freien Stücken an,
+daß Sie kluge, hellköpfige, gut erzogene Kinder haben... wollen Sie
+mir dafür das Mittel angeben, das sie dazu bringen kann, den Mund zu
+halten?
+
+(Frau Clandon.) Dolly! liebste Dolly--!
+
+(Philip.) Unsere alte Unart, Dolly! Ruhe! (Dolly hält sich den Mund.)
+
+(Frau Clandon.) Nun, Herr Justizrat, bevor Sie wieder anfangen...
+
+(Der Kellner leise:) Beeilen Sie sich--rasch!
+
+(Dolly ihm zublinzelnd:) Lieber William!
+
+(Philip.) Sch!
+
+(Bohun platzt gegen Dolly plötzlich ganz unerwartet mit einer Frage
+los:) Haben Sie die Absicht, sich zu verheiraten?
+
+(Dolly.) Ich!... Nun, Finch nennt mich mit meinem Vornamen...
+
+(McComas.) Was soll das heißen?--Herr Justizrat, natürlich spreche ich
+die junge Dame als alter Freund ihrer Mutter bei ihrem Vornamen an.
+
+(Dolly.) Ja. Sie nennen mich als alter Freund meiner Mutter "Dolly".
+Aber warum nennen Sie mich "Dorothee-ee-a?" (Mc Comos erhebt sich
+entrüstet.)
+
+(McNaughtan erhebt sich ängstlich, um ihn zurückzuhalten:) Beherrschen
+Sie sich, McComas. Wir wollen nicht heftig werden--haben Sie Geduld.
+
+(McComas.) Ich will keine Geduld haben! Sie tragen die
+beklagenswerteste Charakterschwäche zur Schau, mein lieber McNaughtan!
+Ich finde das einfach unerhört!
+
+(Dolly.) Herr Justizrat, bitte, schüchtern Sie Finch ein wenig für uns
+ein.
+
+(Bohun.) Das will ich.--McComas, Sie machen sich lächerlich. Setzen
+Sie sich!
+
+(McComas.) Ich--
+
+(Bohun winkt ihm gebieterisch, sich zu setzen:) Nein, setzen Sie
+sich--setzen Sie sich! (McComas setzt sich verdrießlich nieder, und
+McNaughtan folgt sehr erleichtert seinem Beispiel.)
+
+(Dolly zu Bohun demütig:) Ich danke Ihnen.
+
+(Bohun.) Nun hören Sie mich alle an. Ich enthalte mich jeder Meinung
+darüber, McComas, wie weit Sie sich in der durch die junge Dame
+angegebenen Richtung eingelassen oder nicht eingelassen haben.
+(McComas ist im Begriff zu protestieren.) Nein, unterbrechen Sie mich
+nicht!--Wenn sie Sie nicht heiratet, heiratet sie einen andern; das
+ist die beste Lösung der Schwierigkeit, die dadurch entsteht, daß sie
+nicht den Namen ihres Vaters trägt.--Die andere Dame hat die Absicht,
+sich zu verheiraten.
+
+(Gloria errötend:) Herr Justizrat!
+
+(Bohun.) Doch, Sie haben die Absicht. Sie wissen es nicht, aber es
+ist so.
+
+(Gloria erhebt sich:) Halt! Hüten Sie sich davor, Herr Justizrat, für
+meine Absichten einzustehen.
+
+(Bohun erhebt sich:) Es hat keinen Zweck, Fräulein Clandon. Sie
+werden mich nicht unterkriegen. Ich sage Ihnen, daß Ihr Name bald
+weder Clandon noch McNaughtan lauten wird. Und wenn ich wollte,
+könnte ich Ihnen sagen, wie er lauten wird. (Er geht an das andere
+Ende des Tisches, rollt seinen Domino auf und legt die falsche Nase
+auf den Tisch. Da er sich erhebt, erheben sich alle, und Philip geht
+an das Fenster. Bohun gibt dem Kellner durch eine Bewegung zu
+verstehen, daß er ihm beim Anziehen des Dominos helfen soll.) Herr
+McNaughtan, Ihre Absicht, die Gesetze anzurufen, ist Unsinn. Ihre
+Kinder werden alle majorenn sein, bevor Sie eine Entscheidung
+erreichen können.
+
+(Indem er dem Kellner erlaubt, den Domino um seine Schultern zu legen:
+) Ich kann Ihnen nur raten, ein freundschaftliches Übereinkommen zu
+treffen. Wenn Sie Ihre Familie nötiger haben als Ihre Familie Sie,
+dann werden Sie bei diesem Übereinkommen allerdings schlecht wegkommen;
+--wenn Ihre Familie Sie aber nötiger hat als umgekehrt, dann werden
+Sie schon besser wegkommen. (Er schüttelt den Domino, so daß er in
+Falten fällt, und ergreift die falsche Nase. Dolly starrt ihn
+bewundernd an.) Die Sache liegt für Ihre Angehörigen insoweit günstig,
+als sie alle persönlich sehr angenehme Menschen sind. Und Ihre Stärke,
+Herr McNaughtan, liegt in Ihrem Einkommen. (Er stülpt die falsche
+Nase auf und ist wieder in grotesker Weise verwandelt.)
+
+(Dolly auf ihn zulaufend:) Oh, jetzt sehen Sie ganz menschlich aus!
+Ich möchte mit Ihnen tanzen--ein einzigesmal! Können Sie tanzen?
+(Philip nimmt seine Harlekinrolle wieder auf und bewegt seine Pritsche,
+als wenn er Bohun und Dolly bezaubern wollte.)
+
+(Bohun mit Donnerstimme:) Ja, Sie glauben, daß ich nicht tanzen
+kann--aber ich kann es. Kommen Sie! (Er packt sie und tanzt mit ihr
+durch die Fenstertür in gewaltsamer Weise, aber mit beflissener
+Sicherheit und Anmut hinaus. Inzwischen stellt der Kellner geschäftig
+die Stühle an ihre gewöhnlichen Plätze zurück.)
+
+(Philip.) "Auf! Bis zum Morgen tanzt und trink und minnt"[*]--William!
+
+[Footnote *: Byrons "Childe Harold" Canto III Strophe 22. (Anm. des
+Übers.)]
+
+(Der Kellner.) Zu dienen, junger Herr?
+
+(Philip.) Können Sie meinem Vater und Herrn McComas zwei Dominos und
+zwei falsche Nasen verschaffen?
+
+(McComas.) Was fällt Ihnen ein--ich verwahre mich dagegen--
+
+(McNaughtan.) Nicht doch! Was ist denn da weiter dabei? Nur einmal,
+McComas! Wir wollen doch keine Spielverderber sein.
+
+(McComas.) McNaughtan, Sie sind nicht der Mann, für den ich Sie
+gehalten habe. (Scharf:) Tyrannen sind immer Feiglinge. (Er geht
+angewidert zur Fenstertür.)
+
+(McNaughtan folgt ihm:) Na, nichts für ungut! Wir müssen ihnen etwas
+zugute halten.--Können Sie uns irgendeinen Umhang verschaffen, Kellner?
+
+(Der Kellner.) Gewiß, gnädiger Herr. (Er folgt ihnen an die
+Fenstertür und bleibt dort stehen, um die Herren vorausgehen zu lassen.
+) Hier bitte--Sie wünschen Dominos und Nasen?
+
+(McComas ärgerlich im Abgehen:) Ich werde meine eigene Nase tragen.
+
+(Der Kellner schmelzend:) Selbstverständlich, gnädiger Herr: die
+falsche Nase wird ganz leicht darüber gehen. Es ist viel Platz dafür,
+gnädiger Herr--viel Platz! (Er geht hinter McComas hinaus.)
+
+(McNaughtan wendet sich an der Fenstertür nach Phil um mit einem
+Versuch zu gemütlicher Väterlichkeit:) Komm, mein Junge, komm! (Er
+geht.)
+
+(Philip folgt ihm heiter:) Ich komme schon, Papachen, ich komme schon!
+(An der Schwelle der Fenstertür hält er inne, blickt McNaughtan nach,
+wendet sich dann phantastisch mit seiner um seinen Kopf wie einen
+Heiligenschein gebogenen Pritsche um und sagt mit gedämpfter Stimme zu
+Frau Clandon und Gloria:) Habt ihr das Ergreifende dieser Worte
+empfunden? (Er verschwindet.)
+
+(Frau Clandon mit Gloria allein:) Warum ist Doktor Valentine so
+plötzlich fortgegangen? Das verstehe ich nicht.
+
+(Gloria verdrießlich:) Ich weiß nicht.--Doch--ich weiß es. Komm,
+sehen wir ein wenig dem Tanz zu. (Sie gehen nach der Fenstertür zu
+und begegnen Dr. Valentine, der vom Garten mit raschen Schritten
+hereinkommt, mit mürrischem Gesicht und bewölkter Stirn.)
+
+(Dr. Valentine steif:) Entschuldigen Sie. Ich dachte, die
+Gesellschaft wäre schon auseinandergegangen.
+
+(Gloria nörgelnd:) Warum sind Sie dann zurückgekommen?
+
+(Dr. Valentine.) Ich bin zurückgekommen, weil ich kein Geld bei mir
+habe und dort ohne ein Fünf-Schilling-Billett nicht hinausgelassen
+werde.
+
+(Frau Clandon.) Hat Sie hier irgend etwas verletzt, Herr Doktor?
+
+(Gloria.) Kümmere dich nicht um ihn, Mutter. Das soll eine neue
+Beleidigung für mich sein--weiter nichts.
+
+(Frau Clandon kaum fähig, sich vorzustellen, daß Gloria wohlüberlegt
+einen Wortwechsel heraufbeschwören könnte:) Gloria!
+
+(Dr. Valentine.) Frau Clandon, habe ich irgend etwas Beleidigendes
+gesagt?... Habe ich irgend etwas Beleidigendes getan?
+
+(Gloria.) Sie haben stillschweigend zu verstehen gegeben, daß meine
+Vergangenheit der Ihrigen gleicht--das ist die allerschwerste
+Beleidigung.
+
+(Dr. Valentine.) Ich habe nichts dergleichen zu verstehen gegeben.
+Ich behaupte, daß meine Vergangenheit, mit der Ihren verglichen,
+tadellos gewesen ist.
+
+(Frau Clandon äußerst entrüstet:) Herr Doktor!
+
+(Dr. Valentine.) Na, was soll ich mir dabei denken, wenn ich erfahren
+muß, daß Fräulein Clandon andern Männern genau dieselben Reden
+gehalten hat wie mir--wenn ich von mindestens fünf früheren Liebhabern
+hören muß und einem zahmen Seeoffizier noch dazu! Oh, das ist zu arg!
+
+(Frau Clandon.) Aber Sie glauben doch sicher nicht, daß diese Dinge
+ernst gewesen sind--harmlose Scherze von Kindern--Herr Doktor?
+
+(Dr. Valentine.) Ihnen sind es vielleicht Scherze--vielleicht auch
+ihr. Aber ich weiß, was die Betroffenen dabei gelitten haben. (Mit
+possierlich echtem Ernst:) Haben Sie jemals an die vernichteten
+Existenzen gedacht--an die Ehen, die in der Rücksichtslosigkeit der
+Verzweiflung geschlossen wurden--an die Selbstmorde--die--die--die--
+
+(Gloria unterbricht ihn verachtungsvoll:) Mutter, dieser Mensch ist
+ein sentimentaler Esel! (Sie rauscht fort an den Kamin.)
+
+(Frau Clandon empört:) Oh, meine teuerste Gloria! Der Herr Doktor
+wird das grob finden.
+
+(Dr. Valentine.) Ich bin kein sentimentaler Esel mehr! Ich bin für
+immer von jeder Sentimentalität geheilt. (Er setzt sich zornig.)
+
+(Frau Clandon.) Sie müssen uns allen verzeihen, Herr Doktor. Die
+Frauen müssen die falschen guten Manieren ihres Sklaventums erst
+verlernen, bevor sie sich die echten guten Manieren ihrer Freiheit
+aneignen können.--Halten Sie Gloria nicht für gemein. (Gloria wendet
+sich erstaunt um.) Sie ist es wirklich nicht.
+
+(Gloria.) Mutter, du entschuldigst mich bei *ihm*!
+
+(Frau Clandon.) Mein Kind, du hast manchen Fehler der Jugend und auch
+manchen ihrer Vorzüge, und Herr Doktor Valentine hat wohl zu
+altmodische Ideen über sein eigenes Geschlecht, als daß er sich gern
+einen Esel nennen ließe.--Aber wollen wir jetzt nicht lieber nachsehen,
+was Dolly anstellen mag? (Sie gebt an die Fenstertür. Dr. Valentine
+erhebt sich.)
+
+(Gloria.) Geh du ohne mich, Mutter. Ich habe mit Herrn Doktor
+Valentine ein Wort allein zu sprechen.
+
+(Frau Clandon überrascht, will sich dagegen verwahren:) Meine liebe
+Gloria... (Sich besinnend:) Entschuldige--selbstverständlich, wenn du
+es wünschest. (Sie verneigt sich gegen Dr. Valentine und geht hinaus.)
+
+(Dr. Valentine.) Oh, warum ist Ihre Mutter nicht Witwe--sie ist
+sechsmal so viel wert als Sie!
+
+(Gloria.) Nun höre ich endlich das erste Wort aus Ihrem Munde, das
+Ihnen Ehre macht.
+
+(Dr. Valentine.) Unsinn! Nun--sagen Sie mir, was Sie mir zu sagen
+haben, und lassen Sie mich gehen.
+
+(Gloria.) Ich habe Ihnen nur das eine zu sagen: Sie haben mich heute
+nachmittag einen Augenblick auf Ihr Niveau herabgedrückt. Glauben Sie,
+daß ich nicht auf meiner Hut gewesen sein würde, wenn mir das schon
+einmal passiert wäre, daß ich nicht gewußt hätte, was kommen würde,
+und meine eigene elende Schwäche gekannt hätte?
+
+(Dr. Valentine sie leidenschaftlich auszankend:) Sprechen Sie nicht in
+dieser Weise darüber! Was liegt mir an Ihren inneren Eigenschaften
+mit Ausnahme von Ihrer Schwäche, wie Sie das nennen? Sie haben sich
+für sehr sicher gehalten--nicht wahr?--Verschanzt hinter Ihren
+fortschrittlichen Ideen! Es hat mir Spaß gemacht, die ziemlich leicht
+über den Haufen zu werfen.
+
+(Gloria dreist, da sie fühlt, daß sie jetzt mit ihm machen kann, was
+sie will:) Wirklich?
+
+(Dr. Valentine.) Aber aus welchen Gründen habe ich das getan?--Weil es
+mich gereizt hat, Ihr Herz zu wecken, die Tiefen in Ihnen aufzuwühlen.
+--Und warum hat mich das gereizt? Weil meine Natur es bitter ernst
+mit mir gemeint hat, als ich mit ihr nur zu scherzen meinte... Wer
+von uns beiden ist erwacht, wie dann der große Augenblick gekommen
+war--wer wurde aufgewühlt in seinen tiefsten Tiefen?... Ich! Ich!
+--Ich wurde hingerissen. Sie waren nur beleidigt... empört! Sie sind
+nur eine ganz alltägliche junge Dame--zu alltäglich, um zahmen
+Seeoffizieren zu erlauben, so weit zu gehen, wie ich heute ging...
+weiter nichts. Ich will Sie nicht mit den üblichen Entschuldigungen
+behelligen.--Leben Sie wohl. (Er geht entschlossen zur Tür.)
+
+(Gloria.) Bleiben Sie! (Er zögert.) Aber wollen Sie auch verstehen,
+daß ich Ihnen durchaus nicht entgegenkomme, wenn ich Ihnen jetzt die
+Wahrheit sage?
+
+(Dr. Valentine.) Pah! Ich weiß, was Sie mir jetzt sagen wollen. Sie
+glauben, daß Sie nicht alltäglich sind--daß ich recht hatte--daß jene
+Tiefen in Ihrer Natur dennoch vorhanden sind... Es schmeichelt Ihnen,
+das zu glauben. (Sie weicht zurück.) Nun, ich gebe zu, daß Sie in
+einer Hinsicht nicht alltäglich sind: Sie sind ein gescheites Mädchen.
+(Gloria unterdrückt einen Wutschrei und gebt ihm drohend einen
+Schritt entgegen.) Aber Sie sind noch nicht erweckt worden. Ich war
+Ihnen gleichgültig... ich bin Ihnen gleichgültig... meine Tragödie ist
+es gewesen, nicht die Ihre. Leben Sie wohl! (Er wendet sich nach der
+Tür; sie beobachtet ihn, entsetzt darüber, daß er ihrer Macht
+entschlüpft. Die Türklinke in der Hand, hält er inne, wendet sich
+dann wieder Gloria zu und reicht ihr die Hand.) Wir wollen als Freunde
+auseinandergehen.
+
+(Gloria außerordentlich erleichtert, kehrt ihm mit größter
+Absichtlichkeit den Rücken:) Adieu.--Ich hoffe, Sie werden von Ihrer
+Wunde bald genesen.
+
+(Dr. Valentine mit Freude, da er erkennt, daß er doch schließlich Herr
+der Situation ist:) Gewiß werde ich das--solche Wunden heilen, ohne zu
+schmerzen. Schließlich kann mir meine Gloria doch niemand rauben.
+
+(Gloria sieht ihm rasch ins Gesicht:) Was meinen Sie?
+
+(Dr. Valentine.) Die Gloria meiner Einbildung.
+
+(Gloria stolz:) Behalten Sie diese Gloria--die Gloria Ihrer Einbildung.
+(Ihre Erregung beginnt stärker durch ihren Stolz hindurchzubrechen.)
+Die wirkliche Gloria, die empörte...die beleidigte...die
+entsetzte--jawohl!--die vor Scham fast zum Wahnsinn gebrachte, als sie
+erfuhr, daß all ihre Selbstbeherrschung niederbrechen konnte bei der
+ersten Begegnung mit--mit--(Ihr Gesicht errötet wieder über und über,
+sie bedeckt es mit ihrer linken Hand und ihre Rechte legt sie auf Dr.
+Valentines linken Arm, um sich zu stützen.)
+
+(Dr. Valentine.) Nehmen Sie sich in acht--ich bin schon wieder nahe
+dran, den Verstand zu verlieren! (Sie nimmt allen ihren Mut zusammen
+und läßt die Hand, die ihr Gesicht bedeckt, auf Dr. Valentines rechte
+Schulter fallen, wobei sie sich ihm zuwendet und ihm gerade in die
+Augen schaut. Er beginnt auf-*) *(geregt zu protestieren:) Gloria,
+seien Sie vernünftig--es hat ja keinen Zweck--ich habe keinen Heller!
+
+(Gloria.) Können Sie denn keinen verdienen? Andere Leute können es
+doch.
+
+(Dr. Valentine halb entzückt, halb erschrocken:) O niemals! Ich würde
+Sie unglücklich machen--Teuerste, Geliebte--ich müßte ein erbärmlicher
+Mitgiftjäger und Abenteurer sein--(Sie umschlingt ihn fester und küßt
+ihn:) O Gott! (Atemlos:) Oh... ich--(Er keucht:) Ich kenne die Frauen
+noch immer nicht... keine Ahnung habe ich... die Erfahrungen von zwölf
+Jahren genügen nicht!
+
+(In einer Aufwallung von Eifersucht stößt sie ihn von sich fort, und
+er taumelt zurück in den Stuhl wie ein vom Wind verwehtes Blatt. Da
+tanzt Dolly mit dem Kellner ins Zimmer, Frau Clandon und McComas
+folgen ihr, auch tanzend, und Philip pirouettiert auf eigene Faust
+herein.)
+
+(Dolly sinkt atemlos auf den Stuhl vor den Schreibtisch:) Oh, ich bin
+atemlos! Sie tanzen wundervoll Walzer, William!
+
+(Frau Clandon sinkt in den Lederfauteuil vor dem Kamin:) Oh, wie
+konnten Sie mich nur zu einer solchen Torheit verleiten, Finch! Ich
+habe seit der Soiree in South Place vor zwanzig Jahren nicht getanzt.
+
+(Gloria bestimmt, zu Dr. Valentine:) Stehen Sie auf! (Dr. Valentine
+erhebt sich unterwürfig.) Lassen wir jetzt alles falsche Zartgefühl
+beiseite. Sagen Sie meiner Mutter, daß wir entschlossen sind, uns zu
+heiraten.
+
+(Ein Schweigen sprachlosen Erstaunens. Dr. Valentine, sprachlos vor
+panischem Schrecken, starrt alle an. Er will sichtlich davonlaufen.)
+
+(Dolly bricht das Stillschweigen:) Nummer sechs!
+
+(Philip.) Sch!
+
+(Dolly ausgelassen:) Oh, meine Gefühle! Ich kann sie kaum beherrschen!
+Ich möchte jemanden küssen,--und in der Familie ist das verboten!
+Wo ist Finch?
+
+(McComas heftig losbrechend:) Nein! zum Donnerwetter!
+
+(McNaughtan erscheint an der Fenstertür.)
+
+(Dolly zu McNaughtan laufend:) Oh, Sie kommen gerade recht! (Sie küßt
+ihn.) Nun--(zieht ihn vor, zu Dr. Valentine und Gloria:) segnen Sie
+sie!
+
+(Gloria.) Nein! nichts davon--nicht einmal im Scherz. Wenn ich einen
+Segen brauche, so werde ich meine Mutter darum bitten.
+
+(McNaughtan zu Gloria, schmerzlich enttäuscht:) Soll das heißen, daß
+du dich mit diesem Herrn verlobt hast?
+
+(Gloria entschlossen:) Ja.--Haben Sie die Absicht, unser Freund zu
+sein, oder--
+
+(Dolly unterbrechend:)--oder unser Vater?
+
+(McNaughtan.) Ich würde gern beides sein, mein Kind, aber--!... Herr
+Doktor Valentine, ich wende mich an Ihr Ehrgefühl--
+
+(Dr. Valentine.) Sie haben ganz recht. Es ist einfach Wahnsinn. Wenn
+wir zusammen auf einen Ball gehen wollen, werde ich Sie um fünf
+Schillinge anpumpen müssen, um mir die Eintrittskarte zu lösen.
+--Gloria, übereilen Sie nichts--Sie werfen sich fort! Es ist das
+beste, wenn ich alledem ein Ende mache und niemals irgendeinem aus
+Ihrer Familie wieder begegne. Ich werde keinen Selbstmord begehen,
+ich werde nicht einmal unglücklich sein: es wird eine Befreiung für
+mich sein--ich--ich fürchte mich--ich fürchte mich wahrhaftig--es ist
+die reine Wahrheit.
+
+(Gloria entschlossen:) Ich verbiete Ihnen zu gehen!
+
+(Dr. Valentine verzagt:) Nein, Liebste, selbstverständlich nicht, aber
+... Oh, wenn doch nur jemand einen Augenblick vernünftig sprechen und
+uns alle zur Vernunft bringen wollte! Ich kann's nicht... Wo ist
+Bohun?... Bohun ist der Mann! Phil, gehen Sie und beschwören Sie
+Bohun.
+
+(Philip.) Aus der ungeheuren Tiefe. Ich gehe. (Er läßt seine
+Pritsche durch die Luft sausen und schießt durch die Fenstertür fort.)
+
+(Der Kellner harmonisch zu Dr. Valentine:) Wenn Sie gestatten, daß ich
+mir ein Wort zu sagen erlaube, Herr Doktor: Opfern Sie wegen fünf
+Schillinge nicht Ihr Lebensglück. Wir werden uns nur zu sehr freuen,
+Ihnen das Billett auf Kredit zu besorgen, und Sie können die Sache
+ordnen, wann es Ihnen beliebt,--wann immer es Ihnen passen wird. Es
+wird mich nur sehr freuen, es wird mir ein Vergnügen und eine Ehre
+sein, Herr Doktor.
+
+(Philip erscheint wieder:) Er kommt! (Er schwingt seine Pritsche vor
+dem Fenster. Bohun tritt ein, nimmt seine falsche Nase ab und wirft
+sie auf den Tisch, während er an Philip vorübergeht und zwischen
+Gloria und Dr. Valentine tritt.)
+
+(Dr. Valentine.) Es handelt sich darum, Herr Justizrat--
+
+(McComas unterbricht, vom Kamin aus:) Entschuldigen Sie, Herr Doktor,
+die Sache muß von einem Anwalt vorgetragen werden.--Es handelt sich um
+eine Verlobung zwischen diesen beiden jungen Leuten. Sie hat etwas
+Vermögen und (sieht McNaughtan an:) wird wahrscheinlich einmal noch
+viel mehr haben.
+
+(McNaughtan.) Möglich. Ich hoffe es.
+
+(Dr. Valentine.) Und er hat keinen Heller.
+
+(Bohun nagelt Dr. Valentine sofort auf diesen Punkt fest:) Dann
+bestehen Sie auf einem Ehevertrag.--Das verletzt Ihr Zartgefühl?...
+Das tun die meisten vernünftigen Vorsichtsmaßregeln. Aber Sie bitten
+mich um meinen Rat. Das ist er. Machen Sie einen Ehevertrag!
+
+(Gloria stolz:) Er soll einen Ehevertrag bekommen.
+
+(Dr. Valentine.) Mein lieber Herr Justizrat, ich, für meine Person,
+brauche Ihren Rat nicht--geben Sie ihr einen guten Rat.
+
+(Bohun.) Sie würde ihn nicht befolgen. Wenn Sie ihr Mann sein werden,
+wird sie auch Ihren Rat nicht befolgen... (Wendet sich plötzlich an
+Gloria:) Nein, das werden Sie nicht--Sie glauben, daß Sie es werden,
+aber Sie werden es nicht. Er wird an die Arbeit gehen und seinen
+Unterhalt verdienen... (Wendet sich plötzlich an Dr. Valentine:) O ja,
+das werden Sie--Sie glauben es nicht, aber Sie werden es! Sie wird
+Sie schon dazu anhalten.
+
+(McNaughtan nur halb überzeugt:) Dann, Herr Justizrat, halten Sie
+diese Verbindung also nicht für unklug?
+
+(Bohun.) O doch! Alle Verbindungen sind unklug. Es ist unklug,
+geboren zu werden--es ist unklug, zu heiraten--es ist unklug, zu
+leben--und es ist klug, zu sterben.
+
+(Der Kellner drängt sich unauffällig zwischen McNaughtan und Dr.
+Valentine:) Wenn ich mir höflichst erlauben darf, fortzusetzen: Dann
+ist es etwas Trauriges um die Weisheit. (Zu Dr. Valentine:) Glück auf,
+Herr Doktor, Glück auf! Jeder Mensch fürchtet die Ehe, wenn es dazu
+kommt--aber sie geht oft ganz angenehm aus, sehr fröhlich und selbst
+glücklich--von Zeit zu Zeit. Ich war niemals Herr in meinem eigenen
+Hause. Meine Frau war wie Ihre Braut, befehlshaberisch und
+herrschsüchtig veranlagt. Mein Sohn hat diese Eigenschaften von ihr
+geerbt. Aber wenn ich mein Leben zum zweitenmal zu leben hätte, ich
+würde es wieder so leben!... ich würde es genau wieder so
+leben--wahrhaftig!--Man kann nie wissen, Herr Doktor... man kann nie
+wissen.
+
+(Philip.) Erlauben Sie mir zu bemerken, daß, wenn Gloria sich wirklich
+entschlossen hat--
+
+(Dolly)--die Sache besiegelt und Doktor Valentine erledigt ist. Wir
+verpassen bloß alle Tänze.
+
+(Dr. Valentine zu Gloria, galant, sich so gut er kann, aus der Affäre
+ziehend:) Darf ich um einen Walzer bitten?--
+
+(Bohun widerspricht in seiner tiefsten Oktave:) Entschuldigen
+Sie--diesen Vorzug beanspruche ich als Rechtsbeistandshonorar! Darf
+ich um die Ehre bitten?--Ich danke. (Er tanzt mit Gloria fort und
+verschwindet unter den Lampions, und läßt Dr. Valentine nach Luft
+schnappend zurück.)
+
+(Dr. Valentine wieder zu sich kommend:) Dolly: darf ich
+bitten--(Fordert sie zum Tanze auf.)
+
+(Dolly.) Unsinn! (Weicht ihm geschickt aus und läuft um den Tisch
+herum an den Kamin:) Finch! Mein Finch! (Sie fällt über McComas her
+und zwingt ihn zu tanzen.)
+
+(McComas protestierend:) Ich bitte, halten Sie ein--wahrhaftig--(Er
+wird durch die Fenstertür davongerissen.)
+
+(Dr. Valentine macht eins letzte Anstrengung:) Frau Clandon, darf ich
+bitten--
+
+(Philip ihm zuvorkommend:) Komm, Mütter! (Er ergreift seine Mutter
+und wirbelt mit ihr fort.)
+
+(Frau Clandon zurechtweisend:) Phil--Phil--(Sie teilt McComas'
+Schicksal.)
+
+(McNaughtan folgt ihnen mit greisenhafter Heiterkeit:) Ho! ho! ho! ho!
+ho! (Er gebt in den Garten und kichert über den spaß.)
+
+(Dr. Valentine sinkt auf die Ottomane und starrt den Kellner an:) Als
+ob ich schon verheiratet wäre!...
+
+(Der Kellner betrachtet den im Zweikampf der Geschlechter Gefallenen
+mit liebenswürdiger Teilnahme und schüttelt langsam den Kopf.)
+
+(Vorhang)
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Mann Kann Nie Wissen, von George
+Bernard Shaw.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MAN KANN NIE WISSEN ***
+
+This file should be named 8mknw10.txt or 8mknw10.zip
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+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our Web sites at:
+http://gutenberg.net or
+http://promo.net/pg
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+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
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+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
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+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05
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+Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92,
+91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
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+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
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+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
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+In answer to various questions we have received on this:
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+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
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+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
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