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diff --git a/old/7drct10.txt b/old/7drct10.txt new file mode 100644 index 0000000..097ac9b --- /dev/null +++ b/old/7drct10.txt @@ -0,0 +1,3312 @@ +The Project Gutenberg EBook of Die Richterin, by Conrad Ferdinand Meyer + +Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the +copyright laws for your country before downloading or redistributing +this or any other Project Gutenberg eBook. + +This header should be the first thing seen when viewing this Project +Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the +header without written permission. + +Please read the "legal small print," and other information about the +eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is +important information about your specific rights and restrictions in +how the file may be used. You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Die Richterin + +Author: Conrad Ferdinand Meyer + +Release Date: January, 2006 [EBook #9632] +[This file was first posted on October 11, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: US-ASCII + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DIE RICHTERIN *** + + + + +E-text prepared by Delphine Lettau and Mike Pullen + + + + + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 7-bit version. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Die Richterin + +Novelle + +Conrad Ferdinand Meyer + + + + + + + +Erstes Kapitel + + +"Precor sanctos apostolos Petrum er Paulum!" psalmodierten die Moenche +auf Ara Coeli, waehrend Karl der Grosse unter dem lichten Himmel eines +roemischen Maerztages die ziemlich schadhaften Stufen der auf das +Kapitol fuehrenden Treppe emporstieg. Er schritt feierlich unter der +Kaiserkrone, welche ihm unlaengst zu seinem herzlichen Erstaunen Papst +Leo in rascher Begeisterung auf das Haupt gesetzt. Der Empfang des +hoechsten Amtes der Welt hatte im Ernste seines Antlitzes eine tiefe +Spur gelassen. Heute, am Vorabend seiner Abreise, gedachte er einer +solennen Seelenmesse fuer das Heil seines Vaters, des Koenigs Pippin, +beizuwohnen. + +Zu seiner Linken ging der Abt Alcuin, waehrend ein Gefolge von +Hoeflingen, die aus allen Laendern der Christenheit zusammengewaehlte +Palastschule, sich in gemessener Entfernung hielt, halb aus +Ehrerbietung, halb mit dem Hintergedanken, in einem guenstigen +Augenblicke sich sachte zu verziehen und der Messe zu entkommen. Die +vom Wirbel zur Zehe in Eisen gehuellten Hoeflinge schlenderten mit +gleichgueltiger Miene und hochfahrender Gebaerde in den erlauchten +Stapfen, die Begruessung der umstellenden Menge mit einem kurzen +Kopfnicken erwidernd und sich ueber nichts verwundern wollend, was +ihnen die Ewige Stadt Grosses und Ehrwuerdiges vor das Auge stellte. + +Jetzt hielten sie vor der ersten Stufe, waehrend oben auf dem Platze +Karl mit Alcuin bei dem ehernen Reiterbilde stillestand. "Ich kann es +nicht lassen", sagte er zu dem gelehrten Haupte, "den Reiter zu +betrachten. Wie mild er ueber der Erde waltet! Seine Rechte segnet! +Diese Zuege muessen aehnlich sein." + +Da fluesterte der Abt, den der Hafer seiner Gelehrsamkeit stach: "Es +ist nicht Constantin. Das hab ich laengst heraus. Doch ist es gut, +dass er dafuer gelte, sonst waeren Reiter und Gaul in der Flamme +geschmolzen." Der kleine Abt hob sich auf die Zehen und wisperte dem +grossen Kaiser ins Ohr: "Es ist der Philosoph und Heide Marc Aurel." +"Wirklich?" laechelte Karl. + +Sie gingen der Pforte von Ara Coeli zu, durch welche sie verschwanden, +der Kaiser schon in Andacht vertieft, so dass er einen netten jungen +Menschen in raetischer Tracht nicht beachtete, der unferne stand und +durch die ehrfuerchtigsten Gruesse seine Aufmerksamkeit zu erregen suchte. + +"Halt, Herren", rief einer der inzwischen bei dem Reiterbilde +angelangten Hoeflinge und fing rechts und links die Haende der neben ihm +Wandelnden, "jetzt, da alles treibt und schwillt"--Erd- und Lenzgeruch +kam aus nahen Gaerten--, "will ich meinen Becher und was mir sonst lieb +ist mit Veilchen bekraenzen, aber keinen Weihrauch trinken, am +wenigsten den einer Totenmesse. Ich habe hier herum eine Schenke +entdeckt mit dem steinernen Zeichen einer saugenden Woelfin. Das hat +mir Durst gemacht. Sehen wir uns noch ein bisschen den Reiter an und +verduften dann in die Tabernen." + +"Wer ist's?" fragte einer. + +"Ein griechischer Kaiser" + +"Den setzen wir ab"-- + +"Wie er die Beine spreizt!"-- + +"Reitet der Kerl in die Schwemme?"-- + +"Holla, Stallknecht!"-- + +"Nettes Tier!"-- + +"Wuelste wie ein Mastschwein!" + +So ging es Schlag auf Schlag, und ein frecher Witz ueberblitzte den +andern. Das antike Ross wurde gruendlich und unbarmherzig kritisiert. + +Der artige Raeter hatte sich nach und nach dem Kreise der Spoetter +genaehert. Seine Absicht schien, zwischen zwei Gelaechtern in ihre +Gruppe zu gelangen und auf eine unverfaengliche Weise mit der Schule +anzuknuepfen. Aber die Hoeflinge achteten seiner nicht. Da fasste er +sich ein Herz und sprach in vernehmlichen Worten zu sich selbst: +"Erstaunliche Sache, diese Palastschule, und ein Guenstling des Gluecks, +wer ihr angehoeren darf!" + +Ueber eine gepanzerte Schulter wendete sich ein junger Rotbart und +sprach gelassen: "Wir schwaenzen sie meistenteils." Dann kehrte sich +der ganze Hoefling, ein baumlanger Mensch, und fragte den Raeter mit +einem spoettischen Gesichte: "Welcher Eltern ruehmst du dich, Knabe?" + +Dieser gab vergnuegten Bescheid. "Ich bin der Neffe des Bischofs Felix +in Chur und mit seinen Briefen an den Heiligen Stuhl geschickt." + +"Raeter", sprach der Lange ernsthaft, "du bist an den Quell der +Wahrheit gesendet. Hier stehst du auf den Schwellen der Apostel und +ueber den Grueften unzaehliger Bekenner. Lege wahrhaftes Zeugnis ab und +bekenne tapfer: Ich bin der Sohn des Bischofs." + +Eben intonierten die Moenche von Ara Coeli mit jungen und markigen +Stimmen die dunkle Klage und flehende Entschuldigung: "Concepit in +iniquitatibus me mater mea!" + +"Hoerst du", und der Hoefling deutete nach der Kirche, "die dort wissen +es!" Der ganze Haufe schlug eine schallende Lache auf. + +Der kluge Bischofsneffe huetete sich, in Zorn zu geraten. Mit einem +fluechtigen Erroeten und einer leichten Wendung des Kopfes sagte er. +"Bischof Felix, der im Schatten seiner Berge die aus eurer Schule +aufsteigende Sonne der Bildung mit frommem Jubel begruesst, hat mir den +Auftrag gegeben, fuer seine jung gebliebene Lernbegierde einige +Hauptschriften der erwachenden Wissenschaft und insbesondere das +unvergleichliche Buechlein der Disputationen des Abtes Alcuin zu +erwerben. Nun wird erzaehlt, dieser grosse und gute Lehrer habe jeden +von euch mit einem kostbaren Exemplare ausgeruestet, und ich meine nur, +einer dieser Herren haette vielleicht Lust, einen Handel zu schliessen." + +"Du sprichst wahr und weise, Bischofssohn", parodierte ihn der Hoefling, +"und waere mein Alcuin nicht laengst unter die Hebraeer gegangen, mochte +es geschehen, dass wir zweie zu dieser Stunde darum ein kurzweiliges +Wuerfelspielchen machten." + +"In unchristliche Haende! diese goettliche Weisheit!" wehklagte der +Raeter. + +"Weisheit!" spottete der Rotbart, "ich versichere dir: lauter dummes +Zeug. Uebrigens weiss ich es auswendig. Hoere nur, Bergbewohner!" Er +kruemmte den langen Ruecken wie ein verbogener Schulmeister, zog die +Brauen in die Hoehe und wendete sich an den juengsten der Bande, einen +Krauskopf, der, fast noch ein Knabe, aus suedlichen Augen lachend mit +Lust und Liebe auf das gottlose Spiel einging. + +"Juengling", predigte der falsche Alcuin, "du hast einen guten +Charakter und einen gelehrigen Geist. Ich werde dir eine ungeheuer +schwere Frage vorlegen. Siehe, ob du sie beantwortest. Was ist der +Mensch?" + +"Ein Licht zwischen sechs Waenden", antwortete der Knabe andaechtig. + +"Welche Waende?" + +"Das Links, das Rechts, das Vorn, das Nichtvorn, das Oben, das Unten." +Jeden dieser Raeume bezeichnete er mit einer Gebaerde: beim fuenften +starrte er in den leuchtenden Himmel hinauf, als bestaune er einen +Engelreigen, und bohrte schliesslich einen stieren Blick in den Boden, +als entdecke er die verschuettete Tarpeja. Jubelndes Klatschen +belohnte die Faxe. + +Die wachsende Lustigkeit der Palastschule begann den Bischofsneffen zu +aengstigen. Da trat im guten Augenblicke einer aus dem Kreise, ein +kuehner Krieger, dem an der rechten Seite des staemmigen Wuchses ein +seltsam gewundenes Hifthorn hing. "Sei getrost", sagte er und ergriff +die Hand des Raeters, "du sollst ein Pergament haben. Das meinige. Es +schleppt sich unter dem Gepaecke." Er fuehrte den Erloesten weg, die +Treppe des Kapitols hinunter, sich nicht weiter um seine Gefaehrten +bekuemmernd. + +Jetzt gingen sie freundlich nebeneinander, wenn auch nicht mehr Hand +in Hand. Die des Palastschuelers war auf das Hifthorn geglitten, das +der Bischofsneffe mit aufmerksamen Blicken betrachtete. "Das hier +kommt aus dem Gebirge", sagte er. + +"So", machte der Behelmte. "Aus welchem Gebirge?" + +"Aus unserm, Landsmann. Ich kenne dich an deiner Sprache, wie du mich +ebendaran erkannt haben wirst, da du mich, wofuer ich dir danke, den +Neckereien der Palastschule entzogest. Dass du es wissest, ich bin +Graciosus"--der kluge Raeter hatte diesen seinen huebschen Namen den +Spoettern am Reiterbilde weislich verschwiegen--"oder auf deutsch +Gnadenreich, und du bist Wulfrin, Sohn Wulfs, wenn dieses Hifthorn +dein Erbteil ist, wie ich vermute." + +Wulfrin runzelte die Stirn. Es mochte ihm nicht willkommen sein, von +der Heimat zu hoeren. Dann musterte er Gnadenreich und fand einen +anmutenden, wohlgebildeten Juengling, eine Gott und Menschen gefaellige +Erscheinung, nicht anders als der Name lautete. Er klopfte ihn auf +die runde Schulter, deren Schmiegsamkeit zu dieser beschuetzenden +Liebkosung einlud, und sagte. "Es macht warm." In der Tat strahlte +nicht nur die roemische Maerzsonne, sie brannte sogar. + +"Ja, es macht warm", wiederholte er, hob den Helm und wischte mit der +Hand einen Schweisstropfen. "Leeren wir einen Becher?", und ohne die +Antwort zu erwarten, bog er nach wenigen Schritten in den offenen +Hofraum eines kloesterlichen Gebaeudes und warf sich dort auf eine +Steinbank, wo Graciosus in Zuechten sich neben ihn setzte. "Ich darf +mich nicht weiter verziehen", sagte der Hoefling, "als das Horn reicht, +wann Herr Karl die Schule zusammenruft. Auch liebe ich dieses junge +Geschoepf", scherzte er und zeigte auf eine Palme, welche in geringer +Entfernung auf dem Vorsprunge eines Huegels, von leichten Windstoessen +bewegt, sich im blauen Himmel faecherte und etwa sechzehn Jahresringe +zaehlen mochte. "Hier heisst es ad palmam novellam, und Pfoertner Petrus +schenkt einen herben. He, Petrus!" Dieser, ein Alter mit struppigem +Bart, feurigen Augen und zwei riesigen Schluesseln am Gurte, brachte +Kanne und Becher. + +"Palma novella ist auch ein Frauenname", bemerkte Graciosus und netzte +den Mund. + +"Mag sein", versetzte Wulfrin. "In Hispanien, wenn mir recht ist, +laeuft derlei Getauftes oder Ungetauftes herum. Ich habe mich nicht +damit befasst. Ich mache mir nichts aus den Weibern." + +"Deine raetische Schwester heisst auch nicht anders", sagte Gnadenreich +unschuldig. + +"Meine--raetische--Schwester?" + +"Nun ja, Wulfrin, das Kind der Judicatrix, meiner Nachbarin auf +Malmort am Hinterrhein. Du hast sie nie von Angesicht gesehen, die +Frau Stemma, das zweite Weib deines Vaters?" + +"Das dritte", murrte Wulfrin. "Ich bin von der zweiten." + +"Das weisst du besser. Auch das jaehe Ende deines Vaters weisst du, bei +seinem Aufritt in Malmort. Palma ist nachgeboren." + +"Es sei", versetzte Wulfrin verdrossen. "Warum auch sollte es nicht +sein? Ruehrt mich aber nicht. Was mich kuemmern konnte, hat mir der +Knecht des Vaters, der Steinmetz Arbogast, umstaendlich berichtet. Ich +habe es mit ihm beredet und eroertert mehr als einmal und noch zuletzt +am Wachfeuer vor Pertusa, wenige Augenblicke bevor den treuen Kerl der +maurische Pfeil meuchelte. Das ist nun fertig und abgetan. Wisse: +als Siebenjaehriger bin ich daheim ausgerissen--der Vater hatte mir das +sieche Muetterlein ins Kloster gestossen--und ueber Stock und Stein zu +Koenig Karl gerannt. Dorthin hat mir der Arbogast mein Erbe gebracht, +das Wulfenhorn, dieses hier. Der Wulfenbecher, der dazu gehoert, +obschon er heidnisch ist--das Horn ist biblischen Ursprungs--, blieb +auf Malmort und mag dort bleiben, bis ich freie, und das hat Weile. +Sie werden ihn aufgehoben haben. Du hast ihn wohl gesehen, wenn du +dort ein und aus gehst." + +Graciosus nickte. + +"Verstehe: beide, Horn und Kelch, sind zwei Altertuemer, mit Tugenden +und Kraeften begabt. Den Becher gab einem Woelfling ein Elb oder eine +Elbin von denen im Hinterrhein. Solang eines Wolfes Weib ihn ihrem +Wolfe kredenzt und den dareingegrabenen Spruch ohne Anstoss hersagt, +einmal vorwaerts und einmal rueckwaerts, gefaellt und mundet sie dem Wolfe. +Ueber das Hifthorn sind die Meinungen geteilt. Nach den einen ist +es gleichfalls ein elbisches Geschenk, und vor dem Burgtor bei der +Rueckkehr geblasen, zwingt es die Woelfin zu bekennen, was immer sie in +Abwesenheit des Gatten gesuendigt hat. Andere dagegen behaupten, dass +ein Wolf im Gelobten Lande das Horn mit seinem Schwert aus dem +erstarrten Pech und Schwefel des Toten Meeres grub. So ist es ein im +Getuemmel zur Erde gestuerztes Harschhorn, von denen, welche die +himmlischen Haufen bliesen zum Gericht ueber Sodom und Gomorra." +Wulfrin blickte dem Raeter ins Gesicht, der ihm--Schlauheit oder +Einfalt--zwei glaeubige Augen entgegenhielt. + +Eben wurde vom Winde ein Bruchstueck der Seelenmesse aus Ara Coeli +hergetragen. Zornig und drohend sangen sie dort: "Dies irae, dies +illa, dies magna et amara valde!" + +"Schoene Baesse", lobte Wulfrin. "Um wieder auf den Becher zu kommen, +so glaube ich nicht an seine Kraft. Sicherlich hat die Mutter nicht +unterlassen, seinen Spruch herzubeten, vorwaerts und rueckwaerts. Es hat +nichts gefruchtet. Sie welkte, und der Vater verstiess sie." Er tat +einen Seufzer. + +"Und das Horn?" fragte Schelm Graciosus. + +Der Hoefling wog es in den Haenden und laechelte. Graciosus laechelte +gleichfalls. + +"Uebrigens ist es das beste Hifthorn im Heere. Das ruft! Hoere nur!" +und er setzte es an den Mund. + +"Um aller Heiligen willen, Wulfrin, lass ab!" schrie Graciosus +aengstlich. "Willst du die Stadt Rom in Aufruhr bringen?" + +"Du hast recht, ich dachte nicht daran." Wulfrin liess das Horn in die +tragende Kette zurueckfallen. + +"Dieses Hifthorn", sagte jetzt Graciosus bedaechtig, "wurde mir +beschrieben. Auch hat es der Knecht Arbogast in Stein gemeisselt auf +dem Grabmal im Hofe von Malmort, wo er den Comes, deinen Vater, +abbildete und die Wittib daneben." + +"So?" grollte Wulfrin. "Konnte der Vater nicht allein liegen?" + +Graciosus liess sich nicht einschuechtern. "An den Herrn des Hifthorns +habe ich einen Auftrag", sagte er. + +"Du bist voller Auftraege. Von wem hast du diesen?" + +"Von der Richterin." + +"Welche Richterin?" Entweder war Wulfrin von harten Begriffen oder +seine Laune verschlechterte sich zusehends. + +"Nun, die Judicatrix Stemma, deine Stiefmutter." + +"Was hab ich mit der Alten zu schaffen! Warum laechelst du, Maennchen?" + +"Weil du so mit ihr umgehst, die noch schoen und jung ist." + +"Ein altes Weib, sage ich dir." + +"Ich bitte dich, Wulfrin! Dein Vater freite sie als eine +Sechzehnjaehrige. Dein Geschwister ist nicht aelter. Zaehle zusammen! +Doch jung oder alt, sie gab mir den Auftrag, und ich darf ihn nicht +unausgerichtet heimbringen." + +Der Hoefling verschluckte einen Fluch. "Du verdirbst mir den Kraetzer, +er schmeckt wie Galle." Erbost stiess er den Becher von der Bank und +setzte den Fuss darauf. "So sprich!" + +"Frau Stemma", begann Gnadenreich in bildlicher Rede, "will sich vor +dir die Haende in ihrer Unschuld waschen." + +"Ein Becken her!" spottete Wulfrin, als riefe er in die Gasse hinaus +nach einem Bader. + +"Wulfrin, stuende sie vor dir, du straftest deine Lippen! Keine in +Raetien hat edlere Sitte. Was sie verlangt, ist gebuehrlich. Auf der +Schwelle ihres Kastells, vor ihrem Angesichte, jaehlings ist dein Vater +erblichen. Das ist schrecklich und fragwuerdig. Frau Stemma laesst dir +sagen, sie wundere sich, dass sie dich rufen muesse, sie habe dich +laengst, taeglich, stuendlich erwartet, seit du zu deinen muendigen Jahren +gekommen bist. Nur ein Sorgloser, ein Fahrlaessiger, ein +Pflichtvergessener--nicht meine Worte, die ihrigen--verschiebe und +versaeume es, sie zur Rechenschaft zu ziehen." + +Wulfrin blickte finster. "Das Weib tritt mir zu nahe", sagte er. +"Ich wusste, was man einem Vater schuldig ist. Er hat an meiner Mutter +gefrevelt, und sein Gedaechtnis--die Kriegstaten ausgenommen--ist mir +unlieb: dennoch habe ich mir seine Todesgebaerde vergegenwaertigt, den +Augenzeugen Arbogast, der das Luegen nicht kannte, habe ich scharf ins +Verhoer genommen. Jetzt will ich noch ein uebriges tun und dir die +gemeine Sache herbeten, vom Kredo bis zum Amen. Du bist aus dem Lande +und kennst die Geschichte. Mangelt etwas daran oder ist etwas zuviel, +so widersprich!" + +Der Vater kam aus Italien und naechtigte bei dem Judex auf Malmort. +Bei Wein und Wuerfeln wurden sie Freunde, und der Vater, der, meiner +Treu, kein Juengling mehr war--ich habe aus der Wiege seinen weissen +Bart gezupft--, warb um das Kind des Richters und erhielt es. Beim +Bischof in Chur wurde Beilager gehalten. Am dritten Tage setzte es +Haendel. Der Raezuenser, dessen Werbung der Judex abgewiesen haben +mochte, wurde zu spaet oder ungebuehrlich geladen oder an einen +unrechten Platz gesetzt oder nachlaessig bedient oder schlecht +beherbergt, oder es wurde sonst etwas versehen. Kurz, es gab Streit, +und der Raezuenser streckt den Judex. Der Vater hat den Schwieger zu +raechen, berennt Raezuens eine Woche lang und bricht es. Inzwischen +bestattet das Weib den Judex und reitet nach Hause. Dort sucht sie +der Vater, mit Beute beladen. Er stoesst ins Horn, der Sitte gemaess. +Sie tritt ins Tor, sagt den Spruch und kredenzt den Wulfenbecher, den +ihr der Vater in Chur nach woelfischer Sitte als Morgengabe gereicht +hatte. Kredenzt ihn mit drei Schluecken. Der Arbogast, der durstig +daneben stand, hat sie gezaehlt: drei herzhafte Schluecke. Der Vater +nimmt den Becher, leert ihn auf einen Zug und haucht die Seele aus. +War es so oder war es anders, Bischofsneffe?" + +"Woertlich und zum Beschwoeren so", bestaetigte Graciosus. "Von hundert +Zeugen, die den Burghof fuellten, zu beschwoeren! Soviel ihrer noch am +Leben sind. Und solches ist geschehen nicht im Zwielichte, nicht bei +flackernden Spaenen, sondern im Angesicht der Sonne zu klarer +Mittagszeit. Der Comes, dein Vater, war rasend geritten, hatte im +Buegel manchen Trunk getan"-- + +"Und mit fliegender Lunge ins Horn gestossen, vergiss nicht!" hoehnte +Wulfrin. + +"Er triefte und keuchte"-- + +"Er lechzte wie eine Bracke!" ueberbot ihn Wulfrin. + +"Er sehnte sich nach seinem Weibe", daempfte Graciosus. + +"Trunken und bruenstig! unter gebleichten Haaren! pfui! Ist das zum +Abmalen und an die Wand heften? Was will die Judicatrix? Mich +schwoeren lassen, dass wir Woelfe gemeinhin am Schlage sterben? Was +freilich auf die Wahrheit herausliefe." + +"Es ist ihr Wille so, und man gehorcht ihr in Raetien." + +"Seht einmal da! ihr Wille!" hohnlachte Wulfrin. "Mein Wille ist es +nicht, und meine Heimat ist nicht ein Bergwinkel, sondern die weite +Welt, wo der Kaiser seine Pfalz bezieht oder sein Zelt aufschlaegt. +Sage du deiner Richterin, Wulfrin sei kein Laurer noch Argwoehner! Sie +ruehre nicht an die Sache! Sie zerre den Vater nicht aus dem Grabe! +Ich lasse sie in Ruhe, kann sie mich nicht ruhig lassen?" Er drohte +mit der Hand, als stuende die Stiefmutter vor ihm. Dann spottete er: +"Hat das Weib den Narren gefressen an Spruch und Urteil? Hat es eine +kranke Lust an Schwur und Zeugnis? Kann es sich nicht ersaettigen an +Recht und Gericht?" + +"Es ist etwas Wahres daran", sagte Graciosus laechelnd. "Frau Stemma +liebt das Richtschwert und befasst sich gerne mit seltenen und +verwickelten Faellen. Sie hat einen grossen und stets beschaeftigten +Scharfsinn. Aus wenigen Punkten erraet sie den Umriss einer Tat, und +ihre feinen Finger enthuellen das Verborgene. Nicht dass auf ihrem +Gebiete kein Verbrechen begangen wuerde, aber geleugnet wird keines, +denn der Schuldige glaubt sie allwissend und fuehlt sich von ihr +durchschaut. Ihr Blick dringt durch Schutt und Mauern, und das +Vergrabene ist nicht sicher vor ihr. Sie hat sich einen Ruhm erworben, +dass fernher durch Briefe und Boten ihr Weistum gesucht wird." + +"Das Weib gefaellt mir immer weniger", grollte Wulfrin. "Der Richter +walte seines Amtes schlecht und recht, er lausche nicht unter die Erde +und schnueffle nicht nach verrauchtem Blute." + +Graciosus beguetigte. "Sie redet davon, ihr Haus zu bestellen, obwohl +sie noch in Bluete und Kraft steht. Vielleicht sorgt sie, wenn sie +nicht mehr da waere, koenntest du deine Schwester in Unglueck stuerzen"-- + +"In Unglueck?" + +"Ich meine, sie berauben und verjagen unter dem Vorwande einer +unaufgeklaerten und ungeschlichteten Sache. Darum, vermute ich, will +sie dich nach Malmort haben und sich mit dir vertragen." + +Wulfrin lachte. "Wirklich?" sagte er. "Sie hat einen schoenen Begriff +von mir. Meine Schwester pluendern? Das arme Ding! Im Grunde kann es +nicht dafuer, dass es auf die Welt gekommen ist. Doch auch von ihr will +ich nichts wissen." Waehrend er redete, zaehlte sein Blick die +Jahresringe der jungen Palme. "Fuenfzehn Ringe?" sagt er. + +"Fuenfzehn Jahre", berichtigte Graciosus. + +"Und wie schaut sie?" + +"Stark und warm", antwortete Gnadenreich mit einem unterdrueckten +Seufzer. "Sie ist gut, aber wild." + +"So ist es recht. Und dennoch will ich nichts von ihr wissen." + +"Sie aber weiss von nichts anderm als von dem fremden, reisigen, +fabelhaften Bruder, der sich mit den Sachsen balgt und mit den +Sarazenen rauft. 'Wann der Bruder kommt'--'Das gehoert dem +Bruder'--'Das muss man den Bruder fragen'--davon werden ihr die Lippen +nicht trocken. Jedes Hifthorn jagt sie auf, sie springt nach deinem +Becher und damit an den Brunnen. Sie waescht ihn, sie reibt ihn, sie +spuelt ihn." + +"Warum, Narr?" + +"Weil sie dir ihn kredenzen will und dein Vater sich daraus den Tod +getrunken hat." + +"Dummes Ding! Du also wirbst um sie?" + +Der ertappte Graciosus erroetete wie ein Maedchen. "Die Mutter +beguenstigt mich, aber an ihr selbst werde ich irre", gestand er. +"Kaemest du heim, ich baete dich, ein Wort mit ihr zu reden." + +Wieder musterte Wulfrin den netten Juengling und wieder klopfte er ihn +auf die Schulter. "Sie haelt dich zum besten?" sagte er. + +"Sie redet Raetsel. Da ich neulich auf mein Herz anspielte"-- + +"Schlug sie die Augen nieder?" + +"Nein, die schweiften. Dann zeigte sie mit dem Finger einen Punkt im +Himmel. Ich blinzte. Ein Geier, der ein Lamm davontrug. +Unverstaendlich." + +"Klar wie der Morgen. 'Raube mich.' Das Maedchen gefaellt mir." + +"Du willst sie sehen?" + +"Niemals." + +Jetzt trat ein Palastschueler mit suchenden Blicken in den Hofraum und +dann rasch auf Wulfrin zu. "Du", sagte er, "die Messe ist aus, der +Koenig verlaesst die Kirche." Der "Kaiser" wollte ihm noch nicht ueber die +Zunge. + +Wulfrin sprang auf. "Nimm mich mit!" bat Graciosus, "damit ich dem +Herrn der Erde nahe trete und ihn reden hoere." + +"Komm", willfahrte Wulfrin gutmuetig, und bald standen sie neben dem +Kaiser, vor welchem ein ehrwuerdiger, aber etwas verwilderter Graubart +das Knie bog. Gnadenreich erkannte Rudio, den Kastellan auf Malmort, +und wunderte sich, welche Botschaft der Raeter bringe, denn Karl hielt +ein Schreiben in der Hand. Er reichte es dem Abte, und Alcuin las vor: + +"Erhabener, da ich hoere, Du werdest von Rom nach dem Rheine ziehen, +flehe ich Dich an, dass Du Deinen Weg durch Raetia nehmest. Seit Jahren +haben sich in unsern verwickelten Taelern versprengte Lombarden +eingenistet unter einem Witigis, der sich Herzog nennt. Wir, die +Herrschenden im Lande, unter uns selbst uneins und ohne Haupt, werden +nicht mit ihnen fertig, ja einige von uns zahlen ihnen Tribut. Ein +unertraeglicher Zustand. Du bist der Kaiser. Wenn du kommst und +Ordnung schaffst, so tust Du, was Deines Amtes ist. Stemma, +Judicatrix." + +"Keine Schwaetzerin", sagte der Kaiser. "Meine Sendboten haben mir von +der Frau erzaehlt." Alcuin betrachtete die Handschrift. "Feste Zuege", +lobte er. + +"Alcuin, du Abgrund des Wissens", laechelte Karl, "was ist Raetien? +Welche Paesse fuehren dahin?" + +Der kleine Abt fuehlte sich durch Lob und Frage geschmeichelt, wendete +sich aber nicht an den Gebieter, sondern, als der Hoefling und der +Schulmeister, welcher er war, an die Palastschule, die schon zu einem +guten Drittel, den Blondbart inbegriffen, um den Kaiser versammelt +stand. + +"Juenglinge", lehrte er und zog die Brauen in die Hoehe, "wer seinen Weg +durch das raetische Gebirge nimmt, hat, ohne den harten, aber in Stuecke +zerrissenen Damm einer Roemerstrasse zu zaehlen, die Wahl zwischen +mehreren Steigen, die sich alle jenseits des Schnees am jungen Rheine +zusammenfinden. Diese Wege und Stapfen fuehren im Geisterlicht der +Firne durch ein beirrendes Netz verstrickter Taeler, das die Fabel mit +ihren zweifelhaften Gestalten und luftigen Schrecken bevoelkert. Hier +ringelt sich die Schlangenkoenigin, wie verlockt von einer Schale Milch, +einem blanken Wasser zu, gegenueber, aus einem finstern Borne, taucht +die Fei und wehklagt." + +"Lehrer, was hat sie fuer Gruende dazu?" fragte der Rotbart wissbegierig. + +"Sie ahnt das ewige Gut und kann nicht selig werden. Dahinter, +zwischen Schnee und Eis, in einem gruenen Winkel, weidet eine +glockenlose Herde, und ein kolossaler Hirte, halb Firn halb Wolke, +neigt sich ueber sie. Tiefer unten, bei den ersten Stapfen, verliert +die harmlose Fabel ihre Kraft, und menschliche Schuld findet ihre +Hoehlen und Schlupfwinkel. Hier raucht und schwelt eine gebrochene +Burg, dort starrt, von Raben umflattert, ein Moerder in den +zerschmetternden Abgrund." + +"Wen hat er hinuntergeworfen?" fragte der Rotbart spoettisch. + +"Eheu!" jammerte der Abt, "bist du es, Liebling meiner Seele, Peregrin, +mein bester Schueler, dessen Knochen in der raetischen Schlucht +bleichen?" Er trocknete sich eine Traene. Dann schloss er: "Gegen +beides, Fabel und Suende, haelt Bischof Felix in Chur beschwoerend seinen +Krummstab empor." + +"In schwachen Haenden", scherzte der Kaiser. + +"Er ist sehr schoen gearbeitet", rief Graciosus mit der schallenden +Stimme eines Chorknaben, "und in seiner Kruemmung neigt sich der +Verkuendigungsengel mit der Inschrift: Friede auf Erden und an den +Menschen ein Wohlgefallen." + +Karl goennte dem Bischofsneffen einen heitern Blick und wendete sich +gegen die Schule: "Stammt einer von euch aus Raetien?" + +Wulfrin trat vor. "Ich, Herr. Jung bin ich ausgewandert, doch kenne +ich Sprache und Steige." + +"So reite und berichte." + +"Dir zu Dienste, Herr", verabschiedete sich Wulfrin, wurde aber von +dem hartnaeckigen Gnadenreich gehalten, der sich seiner bemaechtigte und +ihn vor den Kaiser zurueckbrachte. "Durchlauchtigster", verklagte er +ihn, "er soll auf Malmort bei der Richterin, seiner Stiefmutter, +erscheinen, keiner andern als die dir den Brief geschrieben hat, und +er will nicht. Sie besteht darauf, sich vor ihm zu rechtfertigen ueber +das jaehe Sterben ihres Gemahles des Comes Wulf." + +"Jener?" besann sich der Kaiser. "Er hat mir und schon meinem Vater +gedient und verunglueckte im raetischen Gebirge." + +"Vor dem Kastell und zu den Fuessen seines Weibes Stemma, die ihm den +Willkomm kredenzt hatte", erinnerte Gnadenreich. + +Karl verfiel in ein Nachdenken. "Eben habe ich fuer die Seele meines +Vaters gebetet", sagte er. "Kindliche Bande reichen in das Grab. +Mich duenkt, Wulfrin, du darfst bei der Richterin nicht ausbleiben. Du +bist es deinem Vater schuldig." + +Wulfrin schwieg trotzig. Jetzt griff der Kaiser rechts nach dem +Hifthorn, um die ganze Schule zusammenzurufen und ihr seine Befehle zu +geben. Es mangelte. Er hatte es im Palaste vergessen oder +absichtlich zurueckgelassen, um der Messe als ein Friedfertiger +beizuwohnen. "Deines, Trotzkopf!" gebot er, und Wulfrin hob sich sein +Hifthorn ueber das Haupt. Karl betrachtete es eine Weile. "Es ist von +einem Elk", sagte er, hob es an den Mund und stiess darein. Da gab das +Horn einen so gewaltigen und grauenhaften Ton, dass nicht nur die +Hoeflinge aus allen Ecken und Enden des Kapitols hervorstuerzten, +sondern auch, was sich ringsum von roemischem Volke gehaeuft hatte, +erstaunt und erschreckt die Koepfe reckte, als nahe ein ploetzliches +Gericht. Karl aber stand wie ein Cherub. + +Im Gedraenge des Aufbruchs machte sich der Bischofsneffe noch einmal an +den Hoefling. "Auf Wiedersehen in Malmort: du gehorchst?" + +"Nein", antwortete Wulfrin. + + + + +Zweites Kapitel + + +Innerhalb der dicken Mauern eines wie aus dem Felsen gewachsenen +raetischen Kastells sprudelte ein Quell in kloesterlicher Stille. Durch +die Zacken bemooster Ahorne rauschte der Abendwind maechtig ueber den +Hof weg, und schon rueckte das Spaetrot hinauf an dem klotzigen Gemaeuer. +Am Brunnen aber stand ein junges Maedchen und liess den heftigen Strahl +in einen Becher springen, aus dessen von Alter geschwaerztem Silber er +schaeumend empor und ihr ueber die blossen Arme spritzte. + +"Berg und Wetter sind gut", murmelte sie. "Mir brannten die Sohlen +von frueh an, ihm entgegen zu rennen. Kommt er heute noch? oder erst +morgen? oder uebermorgen zum allerspaetesten! Graciosus verschwor sich, +der Bruder ziehe mit dem Kaiser--nein, er reite ihm weit voraus! Und +der Kaiser ist nahe, was fluechteten sonst die Lombarden Hals ueber +Kopf? Bum!" machte sie und ahmte den dumpfen Schlag einer Laue nach, +dem bald ein zweiter und noch der dritte folgte, denn im Gebirge, das +in Gestalt einer breiten blanken Firn ueber die Firste blickte, hatte +es heute in einem fort gerieselt und geschmolzen. + +"Die ihr auf weissen Stuerzen in den Abgrund schlittet, seid ihm hold, +baertige Zwerge! Verberget ihm nicht den Pfad, verschuettet ihm nicht +die Hufen des Rosses! Sprudle, Flut! Spuel aus den Hauch des Todes! +Lust und Leben trinke der Bruder!" und sie streckte den schlanken Arm. +Dann hob sie den gebadeten Becher in die Hoehe der Augen und +buchstabierte den Elbenspruch, welchen sie sich deutlicher in das Herz +schrieb, als er mit erblindeten Lettern in das Silber gegraben stand. +Der Spruch aber lautete folgendermassen: + +"Gesegnet seiest du! +Leg ab das Schwert und ruh! +Geniesse Heim und Rast +Als Herr und nicht als Gast! +Den Wulfenbecher hier +Dreimal kredenz ich dir! +Erfreue dich am Wein! +Willkomm..." + + +Hier schloss entweder der zaubertuechtige Spruch oder dann kam noch +etwas gaenzlich Unleserliches, wenn es nicht zufaellige Male der +Verwitterung waren. + +Eigentlich wusste sie ihn schon lange auswendig. Sie sagte ihn +vorwaerts, das ging, rueckwaerts, das ging auch. Dann sah sie ihn darauf +an--zum wievielten Male!--, ob er ihr mundgerecht sei und von der +Schwester dem Bruder sich sagen lasse, denn Graciosus hatte es erraten: +sie liebkoste den Wunsch, mit dem Wulfenbecher dazustehen und ihn +Wulfrin zu kredenzen. Ob es die Mutter erlaube? Diese machte sich +mit dem Becher nichts zu schaffen, sie liess ihn, wo er langeher seinen +Platz hatte. Der Spruch gefiel dem Maedchen, und es malte sich die +Ankunft. + +"Das Horn klingt! Oder waere es moeglich, dass er mich still beschliche? +mit heimlichen Schritten? Aber nein, er will ja nichts von mir +wissen--wenn Graciosus nicht seinen Scherz mit mir getrieben hat. Das +Horn droehnt! Ich ergreife den Becher, fliege der Mutter voran--oder +noch lieber, sie ist verritten, und ich bin Herrin im Hause--jetzt +naht er! jetzt kommt er!" Ihr Herz pochte. Sie begann zu zittern und +zu zagen. "Er ist da! er ist hinter mir!" Sie wendete sich zoegernd +erst, dann ploetzlich gegen das Burgtor. In der niedern Woelbung +desselben stand kein junger Held, aber lauernd drueckte sich dort ein +armseliger Pickelhering. + +Das Maedchen brach in ein enttaeuschtes Gelaechter aus und trat beherzt +der Fratze entgegen. Es war ein Lombarde, das erriet sie aus den +ziegelroten Nesteln seiner schmutzig-gelben Struempfe. In die +schreiendsten Farben gekleidet, wie sie Armut und Zufall +zusammenwuerfeln, trug der Kleine einen langausgedrehten pechschwarzen +Spitzbart, der mit den gezackten Brauen und dem verzerrten Gesichte +eine possierliche Maske schuf. + +"Wer bist du, und was willst du?" fragte das Maedchen. + +"Nur nicht gerufen, kleine Herrin oder vielmehr grosse Herrin, denn, +bei meiner katholischen Seele! du hast die Mutter dreimal handbreit +ueberwachsen. Wo ist sie?" Er schaute sich aengstlich um. Sein Blick +fiel auf etwas Graues. In der Mitte des Hofes und im Schatten der +Ahorne stand ein breiter Steinsarg, auf dessen Platte ein gewappneter +Mann neben einem Weibe lag, das die Haende ueber der Brust faltete. "Ei, +da haelt ja unsere liebe Frau neben ihrem Alten stille Andacht", +spasste der Lombarde, "und truebt kein Waesserchen, waehrend sie zugleich +in ihrer gruenen Kraft bergauf bergab reitet und haengen und koepfen +laesst." Er blickte bedenklich zu dem praechtig gebildeten +leuchterfoermigen Ast eines Ahorns empor. "Hier wuerde ich ungerne +prangen", sagte er. "In Kuerze: ich bin Rachis der Goldschmied und habe +ein Geschaeftchen mir dir. Liebst du deinen Bruder, junge Herrin?" + +Diese ploetzliche Frage setzte das Maedchen kaum in Erstaunen, das sich +heute und gestern mit nichts anderem als nur mit diesem selben +Gegenstande beschaeftigt hatte. "Wie mein Leben", sagte sie. + +"Das ist schoen von dir, aber wenig fehlt, so liebst du einen Toten. +Wulfrin der Hoefling ist in unsere Gewalt geraten." + +"Er lebt?" schrie das Maedchen angstvoll. + +"Zur Not. Herzog Witigis zielt auf sein Herz--aber wird uns die +Richterin nicht ueberraschen?" + +"Nein, nein, sie ist nach Chur verritten. Rede! schnell!" + +"Nun, ich habe ein feines Ohr und weiss auch ein Loch in der Mauer, +denn ich bin hier nicht unbekannter als der Marder im Huehnerhof. Also: +dein Bruder ist in einen Hinterhalt gefallen. Er schlug um sich wie +ein Rasender, und unser Sechse wichen vor ihm, die einen verwundet, +die andern, um es nicht zu werden. Doch sein Pferd rollte in den +Abgrund, und er selbst verirrte sich auf eine leere Felsplatte, wo wir +ein Treiben auf ihn anstellten und ihm hinterruecks ein langes Jagdnetz +ueber den Kopf warfen. Denn der Herzog wollte ihn lebendig fangen, um +ihn ueber die Wege des Franken, unsers Verderbers, auszufragen. Der +Trotzkopf aber verschwieg alles, auch den eigenen Namen. Da legte der +Herzog den Pfeil auf den Bogen und"--Rachis tat einen grausamen Pfiff. + +"Du luegst! er lebt!" rief das Maedchen mutig. + +"Vorlaeufig. Der Herzog drueckte nicht ab, denn--jetzt wird die +Geschichte lustig--das junge Weib eines der Unsrigen, eine +freigegebene Eigene der Richterin, wenig aelter als du"-- + +"Mein Gespiel Brunetta, das Kind Faustinens"-- + +"Gerade diese sprang dazwischen. 'Bei der durchloecherten Seite +Gottes', heulte sie, 'der arme Herr traegt das Wulfenhorn und ist kein +anderer als der Sohn des Comes, der im Steinbild auf Malmort liegt. +Seine leibliche Schwester, Herrin Palma, hat mir von ihm erzaehlt, von +klein an und in einem fort ohne Aufhoeren. Du darfst nicht sterben', +wendete sie sich an den Gebundenen, 'das waere ihr ein grosses Leid und +toetete ihr das Herzchen. Denn wisse, du bist ihr Herzkaefer, +wenngleich sie dich noch nie mit Augen gesehen hat. Sende hin, und +sie loest dich mit ihrem ganzen Geschmeide. Es sind koestliche Sachen. +All ihr Kleinod hat die Richterin dem Kinde, sobald es seinen Wuchs +hatte, gespendet und dahingegeben.'" + +"So erfuhr Herzog Witigis den Namen seines Gefangenen und die blonde +Rosmunde, die er um sich hat, das Dasein eines herrlichen Schatzes. +Sie umhalste den Herzog und erflehte sich das Geschmeide von Malmort. +Ihr Stirnband habe seine Perlen und ihr elfenbeinerner Kamm die Haelfte +seiner Zaehne verloren. Kurz, Goldschmied Rachis wurde an dich +geschickt und bietet dir den Tausch. Waehle: Schmuck oder Bruder!" + +Ehe noch der Lombarde geendigt hatte, stuerzte das Maedchen gegen die +Burg, die steile Treppe hinauf, verschwand in der Pforte und kam +atemlos wieder, Schimmerndes und Klingendes in dem zur Schuerze +gefassten hellen Oberkleide tragend. Dieses hielt sie mit der Linken, +waehrend die Rechte Stueck um Stueck wie aus einem Horte emporhob und den +gekruemmten Fingern des Goldschmieds ueberantwortete. Spangen, +Stirnbaender, Guertel, Perlschnuere verschwanden in dem Sacke, welchen +Rachis geoeffnet hatte, auch fuer die blonden Flechten Rosmundens ein +kunstvoller Kamm von Elfenbein mit dem Heiland und den Aposteln in +erhabener Arbeit. Jedes durch seine Haende wandernde Stueck begleitete +der Goldschmied mit dem Lobe des Kenners, nicht ohne ein bisschen +Bosheit, die dem begeisterten Maedchen seine Verluste fuehlbar machen +wollte. Sie zuckte nicht einmal mit dem Mund, sie leuchtete vor +Freude bei der Hingabe alles ihres Besitzes. + +Da kam ihr denn doch ein Zweifel. "Du bist redlich?" sagte sie. "Du +schickst mir den Bruder? Es ist besser, ich begleite dich!" und sie +machte sich wegfertig. + +"Unmoeglich, Herrin", widersprach der Lombarde, "das geht nicht! Du +entdecktest unsere Schlupfwinkel und gefaehrdetest mit dem Leben des +Bruders auch das deinige. Die Richterin aber wuerde dich von uns +geraubt glauben. Sei nicht unklug, und gib dich nicht in fremde +Gewalt!" Er belud sich mit dem Sacke. "Ein Schlummerchen, Fraeulein! +und wenn du die Augen wieder oeffnest, hast du den Bruder, der dich +Gold und Gut kostet. Das schwoere ich dir!" Er senkte die drei Finger +mit einem grimmigen Blicke gegen den Erdboden. "Bei dem da unten!" +gelobte er. + +"Ein glaubhafter Schwur!" sprach eine weibliche Stimme. Rachis +wendete sich erschrocken und bog das Knie vor einer behelmten Frau mit +strengen Zuegen, die den Speer, den sie in der Hand getragen, einem +bewaffneten Knechte reichte. Die Richterin mochte aus Schonung fuer +ihr ermuedetes Tier den steilen Burgweg zu Fuss erklommen haben. Sie +fasste Palma schuetzend am Arm und blickte geringschaetzig auf den +Lombarden. "Schwuerest du bei Gott und seinen Heiligen", sagte sie, +"so schwuerest du falsch; eher schwoerst du die Wahrheit bei dem Vater +der Luegen. Habet ihr euch nicht bei allem Goettlichen verpflichtet, +ihr Lombarden, nie mehr in Raetien zu rauben und zu brennen? Und jetzt, +da ihr, wie alles Boese, vor den Augen des Kaisers fluechtet, +schleudert ihr rechts und links verheerende Flammen! Ich komme von +Chur und weiss um eure Taten, Eidbruechige! Sage du deinem Witigis, die +Richterin wuerde ihm nachjagen und ihn zuechtigen, wenn nicht ein +Hoeherer kaeme, und er ist schon da, dessen Hand ihn erreicht, floehe er +an die Enden der Erde!" Jetzt fielen ihre Augen auf den Sack des +Goldschmieds. "Was traegst du da weg, Dieb?" fragte sie veraechtlich. + +"Ein ehrlicher Handel", beteuerte dieser und oeffnete den Sack, waehrend +das Maedchen die Mutter stuermisch umarmte. "Ich kaufe den Bruder!" +rief sie. "Er ist in die Gewalt des Witigis geraten, der auf ihn +zielt, bis ich der Frau Herzogin"--das unschuldige Kind erhob die +blonde Rosmunde in den Ehestand--"meinen Schmuck gegeben habe, und wie +gerne gebe ich ihn!" + +Die Richterin machte sich von ihr los und fragte Rachis: "Ist das +wahr?" + +"Bei meinem Halse, Herrin!" + +"Ich wuerde dir nicht glauben, wuesste ich nicht, dass der Hoefling Wulfrin +dem Kaiser voranreitet, und haette ich nicht selbst eben jetzt in Chur +gehoert, dass die Lombarden einen Hoefling gefangen haben. Dennoch kann +es eine Luege sein, denn es ist kaum glaublich, dass ein Tischgenosse +Karls dem Feinde seinen Namen nennt und zu einem Maedchen um Loesung +sendet." + +"Nein, nein, Mutter, so war es nicht!" rief Palma und erzaehlte den +Vorgang. + +"Ein eitles Weib, dem ein Leben feil ist fuer einen Schmuck, das hat +mehr Sinn", meinte die Richterin. Sie schien zu ueberlegen. Dann warf +sie einen Blick auf das Geschmeide. "Ich will den Hoefling mit +Byzantinern loesen", sagte sie. + +"Das steht nicht in meinem Auftrag und wuerde der Rosmunde schlecht +gefallen." + +"Dann tue ich es nicht." + +"Auch gut", grinste Rachis. "So laessest du eben den Wulfrin umkommen. +Du magst deine Gruende haben. Ganz wie du willst." + +"Das willst du nicht, Mutter!" jammerte Palma und stuerzte auf die Knie. + +"Nein, das will ich nicht", sprach die Richterin mit nachdenklichen +Brauen. "Warum auch? Nimm das Zeug!" und Rachis war weg. + +Das jubelnde Maedchen fiel der Mutter um den Hals und bedeckte den +strengen Mund mit dankbaren Kuessen. Dann raubte sie ihr den +kriegerischen Helm so ungestuem, dass die Flechten des schwarzen Haares +sich loesten und niederrollend dem entschlossenen Haupte der Richterin +einen jugendlichen und leidenden Ausdruck gaben. Die nicht enden +wollende Freude Palmas ermuedete endlich die Richterin. "Geh schlafen, +Kind", sagte sie, "es dunkelt." + +"Schlafen? Wer koennte das, bis Wulfrin ruft?" + +"So wirf dich, wie du bist, auf das Polster. Was gilt's, ich finde +dich schlummern? Zu Bette, Huehnchen! husch! husch!" und sie klatschte +in die Haende. + +Palma flog die Stiege hinauf, und die Richterin wendete sich zu Rudio, +ihrem Kastellan, der schon eine Weile ruhig harrend vor ihr stand. +"Was meldest du?" fragte sie. + +"Eine Albernheit, Herrin. Ich sah die Tuer zu unserm Kerker +sperrangelweit offen. Freilich hatte ich sie nicht verriegelt, da +gerade niemand sitzt. Ich steige hinab, und auf dem Stroh liegt ein +Geschoepf, das ich in der letzten Helle mir nur muehsam entraetsle. Es +war die Faustine, welche, wie du dich erinnerst, mit deiner Erlaubnis +ihr Kind, die Brunetta, einem Lombarden, einem leidlichen Manne, den +du auf mein Fuerwort unter deinem Gesinde duldetest, zum Weibe gegeben +hat. Jetzt, da das fremde Volk wandert, hat auch ihr Kind sein Buendel +geschnuert, und das muss sie irre gemacht haben. Sie hat sich eine Hand +in den Kettenring gezwaengt und ist uebrigens guten Mutes. 'Meister +Rudio', redete sie zu mir, 'wetze dein Beil am Schleifstein und tue +mir morgen nicht weher, als recht ist.' Ich schelte sie und will ihr +den Arm aus der Fessel ziehen. 'Welche Posse!' sage ich, 'du bist ja +die ehrliche Armut am Rocken und im Ruebenfeld, die ihr Kind +rechtschaffen grossgezogen hat. Hier ist nicht dein Ort. Mit +deinesgleichen habe ich nichts zu tun.' Sie sperrte sich und sagte: +'Das weisst du nicht, Rudio. Geh und rufe die Richterin. Die wird das +Garn schon abwickeln und mir armem Weibe geben, was mir gehoert.' +Sollte ich die Toerin zerren? Du steigst wohl hinab und bringst sie +zurecht." + +Die Richterin hiess Rudio eine Fackel anbrennen und ihr vorschreiten. +In dem tiefen Gelasse sass ein gefesseltes Weib, das der Kastellan +beleuchtete. Auf einen Wink der Herrin steckte er den brennenden Span +in den Eisenring und liess die Frauen allein. + +Stemma beugte sich ueber die freiwillig Eingekerkerte und befuehlte ihr +als geschickte Aerztin den Puls der freien Hand, welchen aber kein +Fieber beschleunigte. "Faustine", sagte sie, "was ficht dich an? Was +ist ueber dich gekommen? Dich verwirrt der Schmerz, dass du dich von +deinem Kinde trennen musstest. Willst du ihr folgen? Noch ist es Zeit. +Ich gebe dich frei. Du bist nicht laenger meine Eigene. Der Kaiser +wird den Lombarden feste Sitze weisen, und du behaeltst deine Brunetta." + +Faustine schuettelte das Haupt. "Das fehlte noch", sagte sie, "dass ich +mich an die Sohlen der Brunetta heftete und auch ihr zum Fluche wuerde! +Richterin Stemma, nimm mir das ab!" Sie wies auf ihren Kopf. "Du +weisst ja wohl und langeher, dass ich meinen Mann ermordete." + +Mit ruhigem Blicke pruefte Stemma das grellbeleuchtete knochige Gesicht +der gleichaltrigen Raeterin. Dann liess sie sich auf eine Treppenstufe +nieder, und Faustine kroch zu ihren Knien, ohne diese zu beruehren. +Ihre Augen waren gesund. "Herrin", sagte sie, "du weisst alles, und +wenn du mich ein Jahrzehnt und laenger gnaedig verschont und meine +Missetat bedeckt hast, so war es, weil du nicht wolltest, dass die +Brunetta, der unschuldige Wurm, zuschanden komme. Ich durfte sie +aufziehen, und diese Gunst hast du mir erwiesen, weil ich dein Gespiel +gewesen bin. Jetzt aber, da die Brunetta einem Manne folgt, ist kein +Grund, laenger zu troedeln und zu taendeln. Lass uns die Sache ins reine +bringen. Gib mir mein Urteil!" + +Die Richterin erkannte aus der ganzen Gebaerde Faustinens, dass diese +bei Sinnen sei, und sosehr sie das schlimme Gestaendnis ueberraschte, so +wenig gab sie den furchtbaren Ruf ihrer Allwissenheit preis. "Lege +Bekenntnis ab", sagte sie streng. "Das ist der Anfang der Reue." Und +Faustine begann: "Kurz ist die Geschichte. Der Schuetze Stenio umwarb +mich"-- + +"Den der Eber, welchen er gefehlt hatte, schleifte und zerriss"-- + +"Jener. Hernach gab mich der Judex seinem Reisigen Lupulus zur Ehe. +Ich bequemte mich und doch"--sie hielt inne, um das reine Ohr Stemmas +nicht zu beleidigen. Die Richterin half ihr und sagte ernst und +traurig: "Und doch warest du das Weib des Toten." + +Faustine nickte. "Dann, vor dem Altar, ploetzlich, zu meinem +Entsetzen"-- + +"Fuehltest du, dass du dem Toten gehoertest, du und ein Ungebornes", half +ihr die Richterin. + +Wieder nickte Faustine. "Das ist alles, Herrin", sagte sie. "Lupulus, +jaehzornig wie er war, haette mich umgebracht. Das Ungeborne aber +verhielt mir den Mund und fluesterte mir Feindseliges gegen den Mann zu." + +"Genug", schloss Stemma. "Nur eines noch: woher hattest du das Gift?" + +"Siehst du, Herrin", rief das Weib, dass du weisst, wie ich ihn toetete! +Das Gift hat mir Peregrin gezeigt." + +"Peregrin?" fragte die Richterin mit verhuellter Stimme. "Das ist +nicht moeglich", sagte sie. + +"Er zeigte es mir und warnte mich davor. Ich irrte verzweifelnd unter +den Kiefern von Silvretta. Da sehe ich ihn in seinem langen, dunkeln +Gewande, der sich bueckt und Wurzeln graebt. Blumen nickten mit braunen +Glocken. Er ruft mich herbei, und, eine dieser Blumen in der Hand, +sagt er zu mir: 'Frau, huete dich und die Kinder vor diesem Gewaechs! +Sein Saft toetet, ausser in den Haenden des Arztes.' Er meinte es gut mit +seinem warnenden Blick unter dem braunen Gelocke hervor und hauchte +mir doch einen grimmig boesen Gedanken an. Keine Schuld komme auf +seine Seele! Doch ich rede toericht. Er ist ja laengst ein Engel +Gottes, seit er nach der grossen Ebene wandernd im Gebirge unterging, +wie sie sagen, und das war nicht lange nach jener Stunde. Du +erinnerst dich noch, der Judex dein Vater, dem er die Wunde heilte, +hatte ihn abgelohnt, was dir unlieb war, da er dich als ein weiser +Kleriker noch vieles haette lehren koennen." + +"Schwatze nicht", gebot die Richterin, "und endige dein Bekenntnis. +Am folgenden Tage bist du aus deiner Huette nach Silvretta gegangen und +hast die Wurzeln gegraben?" + +"Ja. Du rittest vorueber, und ich duckte mich, damit du mich nicht +erkennen moechtest, aber du wendetest dich zweimal im Sattel. Und nun +sei barmherzig, Herrin, und gib mir mein Teil." Sie liess den Kopf auf +die Brust fallen, so dass ihr der ueppige schwarze Haarwuchs ueber das +Gesicht sank. + +Stemma sann, auf Faustinen niederblickend, und zog ihr mit zerstreuten +Fingern einen langen Strohhalm aus dem Haar. "Faustine, mein Gespiel", +sagte sie endlich, "ich kann dich nicht richten." + +Die ganze Faustine geriet in Aufruhr. "Warum nicht?" schrie sie +empoert, "du musst es, oder ich schreie, dass alle Mauern toenen: Sie hat +ihren Mann umgebracht!" + +Stemma verhielt ihr den Mund. "Lass das Totengebein!" schalt sie, als +drohe sie einem den verscharrten Knochen hervorkratzenden Hunde. + +"Sei barmherzig!" flehte Faustine, "lass mir das Haupt abschlagen, +nachdem es Gott gekostet und sein Kreuz gekuesst hat. Dann waechst es +mir im Himmel wieder an und, Stenio rechts, Lupulus links, sitzen wir +auf einer Bank und geben uns die Haende. Danach verlangt mich", und +sie streckte den Hals. + +"Ich kann dich nicht richten, Toerin", sagte Stemma sanfter. "Aus drei +Gruenden nicht. Merk auf!" + +Als du deine Tat begingest, lebte und regierte noch der Judex mein +Vater. Nach seinem Ende und dem des Comes, da ich das Richtschwert +erbte, habe ich laut verkuendigt: 'Ab ist alles Geschehene! Von nun an +suendige keiner mehr!' Aber auch wenn ich dieses nicht haette ausrufen +lassen, koennte ich dennoch dich nicht richten, und du gingest frei aus, +denn seit deiner Tat sind fuenfzehn voellige Jahre in das Land gegangen, +und hier ist uralter Brauch, dass Schuld verjaehrt in fuenfzehn Jahren." + +"Verjaehrt? was ist das?" fragte Faustine verbluefft. + +"Durch die Wirkung der Zeit ihre Kraft verliert." + +Ein hoehnisches Lachen lief blitzend ueber die weissen Zaehne der Raeterin. +"Also zum Beispiel", sagte sie, "wenn ich gestern noch meinen Mann +vergiftet hatte und ueber Nacht wird die Zeit voellig, so bin ich heute +keine Moerderin mehr. Diese Dummheit!" + +"Doch, du bleibst eine Moerderin", belehrte sie Stemma langmuetig, "aber +du hast mit dem irdischen Richter nichts mehr zu schaffen, sondern nur +noch mit dem himmlischen. Suehne durch gute Werke! Du hast den Anfang +gemacht: fuenfzehn muehselige und rechtschaffene Jahre wiegen." + +"Nichts wiegen sie!" zuernte Faustine. "Ich sehe schon, du willst +meiner schonen! Du heissest die Richterin, aber du bist die Ungerechte, +du machst Ausnahmen, du siehst die Person an!" + +"Schweige!" befahl die Richterin. "Ich bin denn doch klueger als du, +und ich sage dir: deine Sache ist nicht mehr richtbar. Noch aus einem +letzten Grunde. Ich kann dich nicht verdammen, auch wenn ich dir den +Gefallen tun wollte, denn es steht kein Zeuge gegen dich als deine +toerichte Zunge. Aber weisst du was: gehe nach Chur und beichte dem +Bischof. Er ist der Hirte, und du bist das Schaeflein. Er mag dir die +haerteste Busse auflegen: Fasten, schwere Dienste, haerenes Hemde, +blutige Geisselungen. Fordere sie, ist er dir zu milde! Dann aber gib +dich zufrieden! Unterwirf dich ganz der Kirche: sie vertritt dich, +und du hast eine sichere Sache!" Sie sagte das mit einem ueberzeugenden +Laecheln. + +"Ich weiss nicht", schluchzte Faustine, "Gott sei davor, dass eine +Missetaeterin wie ich seiner heiligen Kirche nicht gehorche. Aber +anders waere es einfacher gewesen. Geplagt habe ich mich schon und im +Schweisse meines Angesichtes zerarbeitet fuenfzehn Jahre lang mit dem +Trost und Vorsatz, sobald mein Kind in sein Alter und an den Mann +gekommen, stracks in den Himmel zu fahren. Jetzt verrueckst du mir die +kurze Leiter und vertrittst mir den Weg." + +"Der nach Chur ist kurz, und der an unser Ende ist nicht lang. +Gehorche, Faustine!" Sie ergriff die Fackel und schritt die Stufen +vorauf. Faustine folgte wie eine Seele in Pein. + +Unter dem Burgtor, das sich wie von selbst oeffnete, denn der Waertel +hatte die wandernde Helle wahrgenommen, blickte die Richterin in die +Nacht hinaus und sagte zu Faustinen: "Lege die Schuhe ab und lass die +scharfen Kiesel deine Sohlen zerreissen, denn du bist eine grosse +Suenderin!" Weinend trat Faustine ihren dunkeln Weg an. + + + +Frau Stemma hatte recht gesagt. Da sie die hochgelegene Burgkammer +betrat, schlief Palma. Neben ihren tiefen Atemzuegen glomm auf einem +Dreifuss eine huetende Flamme. Das Maedchen lag in ihrem ganzen Gewande +auf dem Polster, die Hand ueber das Herz gelegt. Sie hatte das freudig +pochende beruhigen wollen und war daran entschlummert. Die Mutter +betrachtete die Gebaerde und konnte sich der Erinnerung nicht erwehren. + +Nach dem Tode des Vaters und des Gatten und nach der Geburt Palmas +hatte die noch nicht zwanzigjaehrige Richterin die Regierung ihres +Erbes mit entschlossener Hand ergriffen. Die dem jungen und schoenen +Weibe unter einem verwilderten, begehrlichen Adel von selbst +entstehenden Freier und Feinde hatte sie mit einer ueber ihre Jahre +scharfsinnigen Politik veruneint und der Reihe nach mit den Waffen +ihrer Lehensleute gebaendigt. Helm und Schwert und die gerechte Sache +der mutigen Richterin wurden von dem friedseligen Bischof Felix in +seinem festen Hofe Chur mit weit ausgestreckten Haenden gesegnet. Nach +einigen stuermischen Jahren war Stemmas Herrschaft befestigt, und es +trat eine grosse Stille ein. Jetzt raechte sich die ueberhetzte Natur, +und Stemma verlor den Schlummer. Wenn sie nicht selbst ihn +verscheuchte mit brennenden Leuchtern und endlosen Schritten. Nicht +weit von dem Lager ihres Kindes, auf einer schmalen Bank in der tiefen +Fensterwoelbung sass sie damals oft mit verschlungenen Armen, oder dann +konnte sie lange, lange mit zwei Flaeschchen spielen, welche sie in der +Mauer verwahrte und die der arzneikundige junge Kleriker Peregrin auf +Malmort zurueckgelassen hatte, da er von dannen zog, um spurlos im +Gebirge zu verschwinden. Beide waren von starkem Kristall und hatten +ueber den glaesernen Zapfen goldene Deckel, auf deren einem das Wort +"Antidoton" mit griechischen Lettern eingekritzt war, waehrend auf dem +andern ein winziges Schlaenglein sich kruemmte. Mit diesen Flaeschchen +zu spielen, bis der Tag anbrach, wurde Stemma zu einem Beduerfnis. Da +geschah es einmal, dass sie darueber einnickte und, als das Fruehlicht +sie weckte, das eine Flaeschchen, das unbeschriebene, aus ihrer +halbgeoeffneten Hand verschwunden war. Sie geriet in entsetzliche +Angst und suchte und suchte. Endlich fand sie es in dem Haendchen +ihres Kindes. Die kleine Palma mochte, vor ihr erwacht, sie auf +nackten Sohlen beschlichen, ihr das schmucke Spielzeug entwendet und +mit ihm das Lager und den Schlummer wieder gefunden haben. Das Kind +hielt den Kristall an das kleine Herz gepresst und vorsichtig loeste +Frau Stemma Fingerchen um Fingerchen. + +Jetzt holte sie, verlockt von der fruehern Gewohnheit, die lange im +Verschluss gelegenen Kristalle hervor. Nachdem sie dieselben eine +Weile in den Haenden gehalten und mit den Flaeschchen, sie unablaessig +wechselnd, nach ihrer alten Weise gespielt hatte, legte sie das eine +unter ihren mit Gemsleder beschuhten Fuss und zertrat es auf der +steinernen Fliese mit einem kraeftigen Drucke zu Scherben. Die +ausstroemende Fluessigkeit verbreitete einen angenehmen Mandelgeruch. +Im Begriffe, den zweiten Kristall unter die Sohle zu legen, besah sie +noch seinen goldenen Deckel und erkannte, dass sie sich zwischen den +Flaeschchen geirrt hatte. Sie glaubte das inschriftlose zuerst +zermalmt zu haben und hielt es noch in der Hand. Kopfschuettelnd legte +sie das Schlaenglein unter die Ferse, doch das festere Glas widerstand +hartnaeckig. Sie ergriff es wieder, und schon hob sie den Arm, um es +an der Wand zu zerschmettern, da hielt sie inne, aus Furcht, mit dem +klirrenden Wurfe den Schlummer des Maedchens zu stoeren. Oder mit einem +andern Gedanken barg sie es sorgfaeltig in dem weiten Busen ihres +Gewandes. + +Frau Stemma wurden die Lider schwer, und sie liess sich betaeubt in +einen Sessel fallen. Da sah sie ein Ding hinter ihrem Stuhle +hervorkommen, das langsam dem Lager ihres schlummernden Kindes +zustrebte. Es floss wie ein duenner Nebel, durch welchen die +Gegenstaende der Kammer sichtbar blieben, waehrend das bluehende Maedchen +in fester Bildung und mit kraeftig atmendem Leibe dalag. Die +Erscheinung war die eines Juenglings, dem Gewande nach eines Klerikers, +mit vorhangenden Locken. Das ungewisse Wesen rutschte auf den Knien +oder watete, dem Steinboden zutrotz, in einem Flusse. Stemma +betrachtete es ohne Grauen und liess es gewaehren, bis es die Haelfte des +Weges zurueckgelegt hatte. Dann sagte sie freundlich: "Du, Peregrin! +Du bist lange weggeblieben. Ich dachte, du haettest Ruhe gefunden." +Ohne den Kopf zu wenden und sich wieder um einen Ruck vorwaerts +bringend, antwortete der Muede: "Ich danke dir, dass du mich leidest. +Es ist ohnehin das letzte Mal. Ich werde zunichte. Aber noch zieht +es mich zu meinem trauten Kindchen." + +"Seid ihr Toten denn nicht gestorben?" fragte die Richterin. + +"Wir sterben sachte, sachte," antwortete der Kleriker. "Wie denkst du? +Die"--er stotterte--"die Seele wird damit nicht frueher fertig als der +Leib vermodert ist. Inzwischen habe ich mir diesen aermlichen Mantel +geliehen." Der Schatten schuettelte seine Gestalt wie einen rinnenden +Regen. "Ei, was war der irdische Leib fuer ein heftiges und lustiges +Feuer! In diesem duennen Roecklein friert mich, und ich lasse es gerne +fallen." + +"Hernach?" fragte Stemma. + +"Hernach? Hernach, nach der Schrift"-- + +Stemma runzelte die Stirn. "Zurueck von dem Kinde!" gebot sie dem +Schatten, der Palma fast erreicht hatte. + +"Harte!" stoehnte dieser und wendete das bekuemmerte Haupt. Dann aber, +von dem warmen Atem Stemmas angezogen, schleppte er sich rascher gegen +ihre Knie, auf welche er die Ellbogen stuetzte, ohne dass sie nur die +leiseste Beruehrung empfunden haette. Dennoch belebte sich der Schatten, +die schoene Stirn woelbte sich, und ein sanftes Blau quoll in dem +gehobenen Auge. + +"Woher kommst du, Peregrin?" sagte die Richterin. + +"Vom traegen Schilf und von der unbewegten Flut. Wir kauern am Ufer. +Denke dir, Liebchen, neben welchem Nachbar ich zeither sitze, neben +dem"--er suchte. + +"Neben dem Comes Wulf?" fragte die Richterin neugierig. + +"Gerade. Kein kurzweiliger Gesell. Er lehnt an seinen Spiess und +brummt etwas, immer dasselbe, und kann nicht darueber wegkommen. Ob du +ihm ein Leid antatest oder nicht. Ich bin maeuschenstille"--Peregrin +kicherte, tat dann aber einen schweren Seufzer. Darauf schnueffelte er, +als rieche er den verschuetteten Saft, und suchte mit starrem Blicke +unter Stemmas Gewand, wo das andere Flaeschchen lag, so dass diese +schnell den Busen mit der Hand bedeckte. + +Da fuehlte sie eine unbaendige Lust, das kraftlose Wesen zu ihren Fuessen +zu ueberwaeltigen. "Peregrin", sagte sie, "du machst dir etwas vor, du +hast dir etwas zusammengefabelt. Palma geht dich nichts an, du hast +keinen Teil an ihr." + +Der Kleriker laechelte. + +"Du bildest dir etwas Naerrisches ein", spottete die Richterin. + +"Stemma, ich lasse mir mein Kindchen nicht ausreden." + +"Torheit! Wie waere solches moeglich? Was weisst du, Traum?" + +"Ich weiss"--der fluechtig Beseelte schien eine Suessigkeit zu empfinden, +in sein kurzes und grausames Los zurueckzukehren--"wie mich dein Vater +ueberfiel, da ich von meinem Lehrer dem Abte weg ueber das Gebirge zog. +Der Judex litt an einer Wunde und hatte von meiner Wissenschaft +vernommen. Da hob er mich auf und brachte mich dir mit. Du warest +noch sehr jung und o wie schoen! mit grausamen schwarzen Augen! Dabei +herzlich unwissend. Ich lehrte dich Buchstaben und Verse bilden, doch +diese da mochtest du nicht. Lieber regiertest du in den Doerfern, +schiedest Haendel und machtest die Aerztin bei deinen Eigenen. Ich +zeigte dir die Kraefte der Kraeuter, lehrte dich allerlei brauen, und du +brachtest mir aus dem Schmuckkaestchen zwei Kristalle"-- + +Die Richterin lauschte. + +"Stemma, du bist noch jung, und auch ich bin jung geblieben, wenig +aelter, als da wir uns liebten", schluchzte Peregrin zaertlich. + +"Wir liebten uns", sagte Stemma. + +"Du lagest in meinen Armen!" + +"Wo dich der Judex ueberraschte und erwuergte", sprach sie hart. +Peregrin aechzte, und Flecken wurden an seinem Halse sichtbar. "Er lud +mich auf ein Maultier, zog mit mir davon und warf mich in den Abgrund." + +"Peregrin, ich habe geweint! Aber besinne dich: dein ist die Schuld! +Bin ich nicht dreimal vor dich getreten, mein Buendel in der Hand? +Habe ich dich nicht drohend beschworen, mit mir zu fliehen? Wer +wollte Fuss neben Fuss in Armut und Elend wandern? Du aber erblasstest +und erbleichtest, denn du hast ein feiges Herz. Ich liebte dich, und, +bei meinem Leben!--warest du ein Mann--Vater, Heimat, alles haette ich +niedergetreten und waere dein eigen geworden." + +"Du wurdest es", fluesterte der Schatten. + +"Niemals!" sagte Stemma. "Sieh mich an: gleiche ich einer Suenderin? +Blicke ich wie eine Leidenschaftliche und Leichtfertige? Bin ich +nicht die Zucht und die Tugend? Und so war ich immer. Du hast mich +nicht beruehrt, kaum dass du mir mit furchtsamen Kuessen den Mund +streiftest. Wo haettest du auch den Mut hergenommen?" + +Da geriet der Schatten in Unruhe. "O ihr Gewalttaetigen beide, der +Vater und du! Er hat mich geraubt und erwuergt, du, Stemma, locktest +mit dem Blutstropfen! Gib den Finger, da sitzt das Naerbchen!" + +Stemma hob die Achseln. "Es war einmal", hoehnte sie. + +Da wiegte Peregrinus, der sich gleich wieder besaenftigte, die Locken +und sang mit gedaempfter Stimme: + +"Es war einmal, es war einmal +Ein Fuerst mit seinem Kinde, +Es war einmal ein junger Pfaff +In ihrem Burggesinde." + +Am Mahle sassen alle drei, +Da riefen den Herrn die Leute: +"Herr Judex, auf! Zu Ross! Zu Ross! +Im Tal zieht eine Beute!" + +Er guertet sich das breite Schwert +Und wirft mit einem Gelaechter +Den Hausdolch zwischen Maid und Pfaff +Als einen scharfen Waechter. + +Den Judex hat das schnelle Ross +Im Sturm davongetragen, +Zweie halten still und bang +Die Augen niedergeschlagen. + +Stemma hebt das Fingerlein, +Sie tut es ihm zuleide, +Und faehrt damit wohl auf und ab +Ueber die blanke Schneide. + +"Ein Troepflein warmen Blutes quoll"-- + + +"Stille, Schwaechling!" zuernte die Richterin. "Das hast du dir in +deinem Schlupfwinkel zusammengetraeumt. Solche Schmach kennt die Sonne +nicht! Stemma ist makellos! Und auch der Comes, er komme nur! ihm +will ich Rede stehen!" + +"Stemma, Stemma!" flehte Peregrin. + +"Hinweg, du Nichts!" Sie entzog sich ihm mit einer starken Gebaerde, +und seine Zuege begannen zu schwimmen. + +"Mein Weib, mein"--"Leben" wollte er sagen, doch das Wort war dem +Ohnmaechtigen entschwunden. "Hilf, Stemma", hauchte er, "Wie heisst es, +das Atmende, Bluehende? Hilf!" Die Richterin presste die Lippen, und +Peregrinus zerfloss. + +Erwacht stand sie vor dem Lager ihres Kindes. Sie kuesste ihm die +geschlossenen Augen. "Bleibet unwissend!" murmelte sie. Dann glitt +sie neben Palma auf das breite Lager und schlang den Arm um das +Maedchen, wie um eine erkaempfte Beute: "Du bist mein Eigentum! Ich +teile dich nicht mit dem verschollenen Knaben! Dich siedle ich an im +Licht und umschleiche dich wie eine huetende Loewin!" Der Traum hatte +ihr Peregrin gezeigt nicht anders, als sein Bild in ihr zu leben +aufgehoert hatte. Laengst war der Juengling, dem sie sich aus Trotz und +Auflehnung mehr noch als aus Liebe heimlich vermaehlt, an ihrem +kasteiten Herzen niedergeglitten und untergegangen, und der einst aus +ihrer Fingerbeere gespritzte Blutstropfen erschien der Gelaeuterten als +ein lockeres und aberwitziges Maerchen. Schon glaublicher deuchte ihr +der andere Bewohner der Unterwelt, und da sie sich auf dem Lager +umwendete und das Haupt in die Kissen begrub, ohne den Arm von der +Schulter ihres Kindes zu loesen, erblickte die Entschlummernde den +Comes, wie er an den Speer gelehnt verdriesslich im Schilfe sass und +etwas Feindseliges in den Bart murmelte. Ein Laecheln des Hohnes glitt +ueber ihr verdunkeltes Gesicht, denn Stemma kannte die Hilflosigkeit +der Abgeschiedenen. + +Im ersten Lichte weckte die zwei Schlafenden ein jaeher Hornstoss und +riss sie vom Lager empor. Der gewaltsame Tagruf beleidigte das feine +Ohr der Richterin. Sie erriet, wen er meldete, und mit schnellem +Entschluss und festem Schritte ging sie Wulfrin entgegen. Noch vor ihr, +den rasch ergriffenen Wulfenbecher in der Hand, war Palma durch die +Tuer gehuscht. + +In das von Rudio geoeffnete Tor tretend, stand Stemma vor dem Hoefling, +der sie mit verwunderten Augen betrachtete. Das Antlitz gebot ihm +Ehrfurcht. Er verschluckte ein unziemliches Scherzwort ueber sein +durch vier Weiber gerettetes Leben. Bewaeltigt von dem ruhig pruefenden +Blicke und der Hoheit der blassen Zuege sagte er nur: "Hier hast du +mich, Frau", worauf sie erwiderte: "Es hat Muehe gekostet, dich nach +Malmort zu bringen." + +"Wo ist die Schwester, dass ich sie kuesse?" fuhr er fort, und diese, +die inzwischen den Becher gefuellt hatte, eilte ihm mit klopfendem +Herzen und leuchtenden Augen zu, obwohl sie vorsichtig schritt und den +Wein nicht verschuetten durfte. Sie trat vor den Bruder und begann den +Spruch. Da aber Stemma den Kelch, der dem Comes den Tod gebracht, in +den Haenden ihres Kindes erblickte und den frischen Mund ueber seinem +Rand, empfand sie einen Ekel und einen tiefen Abscheu. Mit sicherm +Griffe bemaechtigte sie sich des Bechers, den das ueberraschte Maedchen +ohne Kampf und Widerstand fahren liess, fuehrte ihn kredenzend an den +eigenen Mund und bot ihn dem Hoefling mit den einfachen Worten: "Dir +und dieser zum Segen!" Wulfrin leerte den Becher ohne jegliche Furcht. + +Palma stand bestuerzt und beschaemt. Da hiess die Mutter sie die Glocke +ziehen, die hoch oben in einem offenen Tuermchen hing und das Gesinde +weither zum Angelus rief. Palma hatte als Kind Freude gehabt, das +leichtbewegliche Gloecklein erschallen zu lassen, und das Amt war dem +Maedchen geblieben. Sie fuegte sich zoegernd. + +"Frau, warum hast du ihr die Freude verdorben?" fragte Wulfrin. +Stemma wies ihm die Inschrift des Bechers. "Siehe, es ist der Spruch +eines Eheweibes", sagte sie. "Davon lese ich nichts", meinte er. + +"Erfreue dich am Wein! +Willkomm...!" + + +Der Finger der Richterin zeigte das Verwischte, aus welchem fuer ein +genauer pruefendes Auge noch drei Buchstaben leserlich hervortraten, +ein i, ein K, ein l. Wulfrin erriet ohne Muehe: + +"Willkomm im Kaemmerlein!" + + +"Du hast recht, Frau", lachte er. + +Sie nahm ihn an der Hand und fuehrte ihn vor das Grabmal. Da lag ihm +der Vater, die Linke am Schwert, die Rechte am Hifthorn, die +steinernen Fuesse ausgestreckt. Wulfrin betrachtete die rohen aber +treuherzigen Zuege nicht ohne kindliches Gefuehl. Das abgebildete +Hifthorn erblickend, hob er in einer ploetzlichen Anwandlung das +wirkliche, das er an der Seite trug, vor den Mund und tat einen +kraeftigen Stoss. "Froehliche Urstaend!" rief er dem in der Gruft zu. + +"Lass das!" verbot die Richterin, "es toent haesslich." + +Sie setzte sich auf den Rand des Steinsarges, neben ihr eigenes +liegendes Bild, das die betenden Haende gegeneinander hielt, und begann: +"Da du nun auf Malmort bist, verlaessest du es nicht, Wulfrin, ohne +mich--nach vernommenen Zeugen--angeklagt oder freigegeben zu haben von +dem Tode des Mannes hier." Der Hoefling machte eine widerwillige +Gebaerde. "Fuege dich", sagte sie. "Ist es dir keine Sache, so ist es +eine Form, die du mir erfuellen musst, denn ich bin eine genaue Frau." + +"Gnadenreich wird dir ausgerichtet haben", versetzte der Hoefling +aufgebracht, "dass ich dich nie beargwoehnte, weder ich noch Arbogast, +der mir das Zusammensinken des Vaters beschrieben hat. Ich bin kein +Zweifler und moechte nicht leben als ein solcher. Es gibt deren, die +in jedem Zufall einen Plan, und in jedem Unfall eine Schuld wittern, +doch das sind Betrogene oder selbst Betrueger. Der Himmel behuete mich +vor beiden! Haette ich aber Verdacht geschoepft und Feindseliges gegen +dich gesonnen, jetzt, da ich dein Antlitz sehe, stuende ich entwaffnet, +denn wahrlich du blickst nicht wie eine Moerderin. Waerest du eine Boese, +woher naehmest du das Recht und die Stirn, das Boese aufzudecken und zu +richten? Dawider empoert sich die Natur!" + +Ein Schweigen trat ein. "Aber was ist das fuer ein dumpfes Droehnen, +das den Boden schuettert?" + +"Das ist der Strom", sagte die Richterin, "der den Felsen benagt und +unter der Burg zu Tale stuerzt." + +"Wahr ist es, Frau", fuhr der Hoefling treuherzig fort, "dass ich dich +nie leiden mochte, und ich sage dir warum. Dieser Greis hier, mein +Vater, war ein roher und gewaltsamer Mann. Ich sage es ungern: er hat +an meinem Muetterlein missgetan, ich glaube, er schlug es. Ich mag +nicht daran denken. Ins Kloster hat er es gesperrt, sobald es +abwelkte. Da ist es nicht zu wundern, wie wir Menschen sind, dass ich +von dir nichts wissen wollte, die es von seinem Platze verstiess." + +"Nicht ich. Hier tust du mir unrecht. Da wir so zusammensitzen, +Wulfrin, warum soll ich es dir nicht erzaehlen? Ich habe deiner Mutter +nichts zuleide getan. Kaelter und lebloser als diese steinerne war +meine Hand, da sie gewaltsam in die deines Vaters gedrueckt wurde. Aus +dem Kerker hergeschleppt, zugeschleudert wurde ich ihm von dem Judex, +der mir einen zitternden und zagenden Liebling von niederer Geburt +erwuergt hatte. Nicht jedes Weib wuerde dir solches anvertrauen, +Wulfrin." + +"Ich glaube dir", sagte dieser. + +"Einer Gezwungenen und Entwuerdigten", betonte sie, "gab dein Vater +sterbend die Freiheit. Und ich wurde Herrin von Malmort. Du hast +Grund, Wulfrin, dir die Sache zu besehen. Sie ist dunkel und schwer. +Betrachte sie von allen Seiten! Denn, du raeumst mir ein, vernichtete +ich deinen Vater, so bin ich oder du bist zuviel auf der Erde." + +"Verhoehnst du mich?" fuhr er auf, "doch nein, du blickst ernst und +traurig. Siehe, Frau, das ewige Verhoeren und Richten hat dich quaelend +und peinlich gemacht und wahrhaftig, ich glaube"--seine Augen deuteten +auf den Stein--"auch eine Froemmlerin bist du." Er hatte rings um das +Frauenhaupt die Worte gelesen: "Orate pro magna peccatrice." "Das hier +ist grossgetan." + +"Ich bin eine kirchliche Frau", antwortete Stemma, "doch wahrlich, ich +bin keine Froemmlerin, denn ich glaube nur, was ich an dem eigenen +Herzen erfahren habe. Dein Knecht, der Steinmetz Arbogast, fragte +mich in seiner einfaeltigen Art, was er mir um das Haupt schreiben +duerfe. In seiner schwaebischen Heimat sei bei vornehmen Frauen die +Umschrift gebraeuchlich: Betet fuer eine Suenderin." "Schreibe mir," +sagte ich, "'Betet fuer die grosse Suenderin', denn, Wulfrin, du hast +recht gesagt, was ich tue, tue ich gross." + +"Huebsch!" rief der Hoefling, aber nicht als Antwort auf diesen +Selbstruhm, sondern das Haupt in die Hoehe richtend, wo Palma stand und +das helltoenige Gloecklein zog. Sie hatte sich lange auf der +Wendeltreppe gesaeumt und aus den Luken nach dem ihr vorenthaltenen +Bruder zurueckgeblickt. In der weiten Bogenoeffnung des von den ersten +Sonnenstrahlen vergoldeten Turmes wiegte sich ein lichtes Geschoepf auf +dem klingenden Morgenhimmel. Der Hoefling sah einen laeutenden Engel, +wie ihn etwa in der zierlichen Initiale eines kostbaren Psalters ein +farbenkundiger Moench abbildet. Eine Innigkeit, deren er sich schaemte, +ruehrte und fuellte sein Herz. Hatte ihn doch dieses lobpreisende Kind +vom Tode errettet. + +Inzwischen sammelte sich im Burghofe das Gesinde der Richterin, wohl +einhundert Koepfe stark, Maenner und Weiber, ein finsteres, sehniges, +sonneverbranntes Geschlecht, das den Behelmten eher feindlich als +neugierig musterte. Dieser, die wieder zur Erde gestiegene Palma +darunter erblickend, machte sich Bahn, und als wollte er sich fuer die +fluechtige Andacht raechen, welche er zu einem Geschoepf aus irdischem +Stoffe empfunden, legte er ihr die Hand auf die Achsel, und den +bluehenden Mund findend, kuesste er ihn kraeftig. Sie zitterte vor Freude +und wollte erwidern, doch schneller fasste die Richterin mit der Linken +ihre Hand, die Rechte Wulfrin bietend, und fuehrte die beiden in die +Mitte ihres Volkes. + +"Bruder und Schwester", verkuendigte sie und sich auf die andere Seite +wendend noch einmal: "Schwester und Bruder." + +So ungefaehr hatten es sich Knechte und Maegde schon zurechtgelegt, denn +die Aehnlichkeit Wulfrins mit dem steinernen Comes war unverkennbar, +nur dass sich der Vater in dem Sohne beseelt und veredelt hatte, des +Hifthorns an der Seite Wulfrins zu geschweigen, das anschauliches +Zeugnis gab von seiner Abstammung. + +Nur das runzlige, stocktaube Muetterchen, die Sibylle, hatte nichts +vernommen und nichts begriffen. Sie trippelte kichernd um das Maedchen, +zupfte und taetschelte es, grinste zutulich und sprudelte aus dem +zahnlosen Munde: "O du mein liebes Herrgoettchen! Was fuer einen hat +dir da die Frau Mutter gekramt! Zum Wiederjungwerden. Von Paris ist +er verschrieben, aus den Buben, die dem Grossmaechtigen dienen. Krause +Haare, praechtige Ware!" + +"Halt das Maul, Drud!" schrie dem Muetterchen der Knecht Dionys ins Ohr, +"es ist der Bruder!", und sie versetzte. "Das sage ich ja, Dionys: +der Gnadenreich ist ein troestlicher und auferbaulicher Herr, aber +der da ist ein gewaltiger, stuermender Krieger! O du glueckseliges +Paelmchen!", und so unziemlich schwatzte sie noch lange, wenn man sie +nicht zurueckgedraengt und ihr den frechen Mund verhalten haette. Denn +die Morgenandacht begann, und von einer entfernteren Gruppe wurde schon +die Litanei angestimmt. Wie von selbst ordnete sich der Fruehdienst, +einen Halbkreis bildend, in dessen Mitte die Richterin den +schleppenden Gesang leitete, der, dieselben Rhythmen und Saetze immer +dringender und leidenschaftlicher wiederholend, den Himmel ueber +Malmort anrief. + +Wulfrin, welcher, er wusste nicht wie, an das eine Ende des andaechtigen +Kreises geraten war, erblickte sich gegenueber die Schwester. Alles +hatte sich niedergeworfen, er und die Richterin ausgenommen. Seine +Blicke hingen an Palma. Auf beiden Knien liegend, die Haende im Schoss +gefaltet, sang sie eifrig mit den jungen raetischen Maegden. Aber das +Freudefest, das sie in der vollen Brust mit dem endlich erlangten +Bruder, dem neuen und guten Gesellen feierte, strahlte ihr aus den +Augen und jubelte ihr auf den Lippen, dass die Litanei darueber +verstummte. Die geoeffneten gaben durch die Luefte den Kuss des Bruders +zurueck. Und jetzt sich halb erhebend, streckte sie auch die Arme nach +ihm. Nur eine fluechtige Gebaerde, doch so viel Glut und Jugend +ausstroemend, dass Wulfrin unwillkuerlich eine abwehrende Bewegung machte, +als wuerde ihm Gewalt angetan. "Der Wildling!" lachte er heimlich. +"Aber die wird dem wackern Gnadenreich zu schaffen machen! Ich muss +ihm noch das wilde Fuellen zaehmen und schulen, dass es nicht ausschlage +gegen den frommen Juengling! Warte du nur!" + +Und um die Erziehung zu beginnen, wendete er sich, da die Richterin +das Amen sprach und Palma gegen ihn aufsprang, von ihr ab, geriet aber +an Frau Stemma, die seine Hand ergriff, ihn feierlich in die Mitte +fuehrte und mit eherner Stimme zu reden begann: "Meine Leute! Wer von +euch, Mann oder Weib, so alt ist, dass er vor jetzt sechzehn Jahren +hier stand, waehrend ich den Comes empfing, der davon herkam euren +erschlagenen Herrn, den Judex, zu raechen--wer so alt ist und dabei +gegenwaertig war, der bleibe! Ihr Juengern, lasset uns, auch du, Palma!" + +Sie gehorchten. Palma zog sich schmollend in den aeussersten Burgwinkel +zurueck, eine halbrunde Bastei, die, ein paar Stufen tiefer als der Hof, +ueber dem senkrechten Abgrunde ragte, durch welchen die Bergflut in +ungeheurem Sturze zu Tale fiel. Sie setzte sich auf die breite Platte +der Bruestung, blickte, den Arm vorgestuetzt, in den schneeweissen Gischt +hinein, der ihr mit seinem feinen Regen die Wange kuehlte, und hoerte in +dem Tumulte der Tiefe nur wieder den Jubel und die Ungeduld des +eigenen Herzens. + +Im Hofe hinter ihr ging inzwischen die rechtliche Handlung ihren +Schritt, und Rede und Gegenrede folgte sich, rasch und doch gemessen, +nach dem Winke der Richterin. + +"Hier steht der Sohn des Comes. Ihr seid ihm die Wahrheit schuldig. +Saget sie. Habet ihr das Bild jener Stunde?" + +"Als waere es heute"--"Ich sehe den Comes vom Rosse springen"--"Wir +alle"--"Dampfend und keuchend"--"Du kredenztest"--"Drei lange +Zuege"--"Mit einem leerte er den Becher"--"Er sank"--"Wortlos"--"Er lag." + +"Bei eurem Anteil am Kreuze?" fragte sie. + +"So und nicht anders. Bei unserm Anteil am Kreuze!" antwortete der +vielstimmige Schwur. + +"Wulfrin, ich bitte dich, du blickst zerstreut! Wo bist du? Nimm +dich zusammen!" + +Hastig und unwillig erhob er die Hand. + +Die Richterin fasste ihn am Arm. "Kein Leichtsinn!" warnte sie. "Frage, +untersuche, pruefe, ehe du mich freigibst! Du begehst eine ernste, +eine wichtige Tat!" + +Wulfrin machte sich von ihr los. "Ich gebe die Richterin frei von dem +Tode des Comes und will verdammt sein, wenn ich je daran ruehre!" +schwur er zornig. + +Der Burghof begann sich zu leeren. Wulfrin starrte vor sich hin und +vernahm, so ueberzeugt er von der Unschuld der Richterin war und so +erleichtert, mit einer haesslichen Sache fertig zu sein--dennoch vernahm +er aus seinem Innern einen Vorwurf, als haette er den Vater durch seine +Unmut und seine Hast preisgegeben und beleidigt. So stand er +regungslos, waehrend die Richterin langsam auf ihn zutrat, sich an +seiner Brust emporrichtete und ihm Kette und Hifthorn leicht ueber das +Haupt hob. "Als Pfand meiner Freigebung und unsers Friedens", sagte +sie freundlich. "Ich kann seinen Ton nicht leiden." Und sie schritt +durch den Hof die Stufen hinunter und hinaus auf die Bastei und +schleuderte das Hifthorn mit ausgestreckter Rechten in die donnernde +Tiefe. + +Jetzt kam Wulfrin zur Besinnung und eilte ihr nach, das vaeterliche +Erbe zurueckzufordern. Er kam zu spaet. In den betaeubenden Abgrund +blickend, der das Horn verschlungen hatte, hoerte er unten einen +feindlichen Triumph wie Tuben und Rossegewieher. Sein Ohr hatte sich +in den Ebenen der lauten Rede entwoehnt, welche die Bergstroeme fuehren. +Als er wieder aufschaute, war die Richterin verschwunden. Nur Palma +stand neben ihm, die ihn umhalste und herzlich auf den Mund kuesste. + +"Lass mich!" schrie er und stiess sie von sich. + + + + +Drittes Kapitel + + +An einem Fenster von Malmort, durch welches der Talgrund mit seinen +Tuermen und Weilern als duftige Ferne hereinschimmerte, stand die +Richterin mit Wulfrin und zeigte ihm die Groesse ihres Besitzes. "Das +beherrsche ich", sagte sie, "und Palma nach mir. Dich aber, Wulfrin, +habe ich schon ehevor dazu ausersehen--wie es auch deine bruederliche +Pflicht ist--, der Schwester, wenn ich stuerbe, dieses weite Erbe zu +sichern." + +"Planvoll, aber ferneliegend", sagte er. + +"Fern oder nahe. Du bist ihr natuerlicher Beschuetzer. Ich kann mein +Kind keinem Maechtigen dieses Landes vermaehlen, denn sie sind ein +zuchtloses und sich selbst zerstoerendes Geschlecht. Ich baende sie an +den Schweif eines gepeitschten Rosses! Ringsherum keine Burg, an der +nicht Mord klebte! Soll mir mein Kind in einem Hauszwist oder in +einer Blutrache untergehen? Ja, faende ich fuer sie einen Guten und +Starken wie du bist, dann waere ich ruhig und koennte dich freigeben, du +haettest weiter keine Pflicht an ihr zu erfuellen. Ich weiss ihr keinen +Gatten als allein Gnadenreich, und der besitzt das Land, nach der +Verheissung, als ein Sanftmuetiger, kann es aber gegen die Gewalttaetigen +nicht behaupten, deren Zahl hier Legion ist. Erst seine Soehne werden +kraft meines Blutes Maenner sein. Bis diese kommen und wachsen, wirst +du schon deine gepanzerte Hand ueber Gnadenreich und Palma halten und +die Herrschaft fuehren muessen. Denn ewig reitest du nicht mit dem +Kaiser. Vielleicht auch, wer weiss, erhebt er dich zum Grafen ueber +diesen Gau, oder dann erhaeltst du von mir eine Burg, jene"--sie wies +auf einen Turm am Horizonte--"oder eine andere, nach deinem Gefallen. +Oder du hausest hier auf meinem eigenen festen Malmort." Sie legte ihm +vertrauend die Hand auf die Schulter. + +"Aber, Frau", sagte er, "du lebst!", und sie erwiderte: "Solang ich +lebe, herrsche ich." + +"Dann hat es keine Eile", antwortete er. "Dass der Schwester nichts +geschehen darf, versteht sich und gelobe ich dir. Doch jetzt muss ich +reiten, heute! in einer Stunde!" + +"Zum Kaiser? Du hast ihm bereits meinen ortserfahrenen Rudio +geschickt mit der sichern Kundschaft, dass die Lombarden sich am Mons +Maurus befestigen und dort noch ein blutiger Sturm wird gegen sie +gefuehrt werden muessen. Herr Karl sitzt in Mediolanum, wie wir wissen. +So braucht es dir nicht zu eilen." + +"Ich lag schon zu lange hier, mich verlangt in den Buegel", sagte der +Hoefling, und die Richterin erwiderte nachgiebig: "Dann schenkst du mir +noch diesen Tag. Ich saehe es gerne, wenn du Palma verlobtest. Warum +Gnadenreich sich hier nicht blicken laesst? Er haelt sich wohl in seinem +Pratum eingeschlossen, der Lombarden halber, vorsichtig wie er ist, +obschon, wie ich glaube, diese hier verstoben sind. Weisst du was? +Geh und bring ihn. Oder wuesstest du deiner Schwester einen bessern +Mann?" + +"Nein, Frau, wenn sie ihn mag! Doch was habe ich dabei zu raten und +zu tun? Das ist deine Sache und die des Pfaffen, der sie zusammengibt. +Ich will den Rappen satteln gehen, den du mir geschenkt hast." + +Sie blickte ihn mit besorgten Augen an. "Was ist dir, Wulfrin? Du +siehst bleich! Ist dir nicht wohl hier? Und mit Palma gehst du um +wie mit einer Puppe, du stoessest sie weg, und dann haetschelst du sie +wieder. Du verdirbst mir das Maedchen. Wo hast du solche Sitte +gelernt?" + +"Sie ist aufdringlich", sagte er. "Ich liebe freie Ellbogen und kann +es nicht leiden, dass man sich an mich haengt. Sie laeuft mir nach, und +wenn ich sie schicke, weint sie. Dann muss ich sie wieder troesten. Es +ist unertraeglich! Ich habe die Gewohnheit breiter Ebenen und grosser +Raeume--auf diesem Felsstueck ist alles zusammengeschoben. Das Gebirge +drueckt, der Hof beengt, der Strom schuettert--an jeder Ecke, auf jeder +Treppe dieselben Gesichter! Verwuenschtes Malmort! Hier haeltst du +mich nicht. Hier lasse ich mich nicht einmauern. Mache dir keine +Rechnung, Frau." + +"Du tust mir wehe", sagte sie. + +Die harte Rede reute ihn. "Frau, lass mich ziehen!" bat er. "Und dass +du dich zufrieden gebest, hole ich dir heute noch den Gnadenreich, und +wir verloben die Schwester. Wo haust er?" + +"Ich danke dir, Wulfrin. Graciosus wohnt nicht ferne von hier, in +Pratum." Sie deutete nach einer zerrissenen Schlucht, ueber welcher +eine gruene Alp hoch emporstieg. "Ich gebe dir einen Fuehrer. Den +Knaben hier." Sie zeigte in den Hof hinunter, wo ein Hirtenbube sich +damit beschaeftigte, eine Sense zu wetzen. Palma stand neben ihm und +plauderte. + +"Gabriel", rief ihn die Richterin, "du fuehrst deinen Herrn Wulfrin +nach Pratum." + +"Den Hoefling? Mit Freuden!" jauchzte der Bube. + +"Er traeumt davon", erklaerte die Richterin, "hinter dem Kaiser zu +reiten. Besieh dir ihn." + +"Darf ich mit?" fragte Palma und hob das Haupt. + +"Nein", sagte die Richterin. + +"Bruder!" bat sie und streckte die Haende. + +"Schon wieder! Zum Teufel!" fluchte er. Ihre Augen fuellten sich mit +Traenen. "So komm, Naerrchen!" + +Da die dreie barhaupt und reisefertig in dem feuchten Tore standen, +waehrend ringsum die Sonne brannte, sagte die geleitende Richterin zu +Wulfrin: "Ich anvertraue dir Palma: huete sie!" + +"Halleluja! Voran, Engel Gabriel!" jubelte das Maedchen. + +Unten am Burgweg sagte der Hirtenbube: "Herr, es gibt zwei Wege nach +Pratum. Der eine steigt durch die Schlucht, der andere ueber die Alp." +Er wies mit der Hand. "Wenn es dir und der jungen Herrin beliebt, so +nehmen wir diesen. Oben schaut es sich weit und lustig, und es koennte +truebe werden gegen Abend. Es ist ein Gewitterchen in der Luft." + +"Ja, ueber die Alp, Wulfrin!" rief Palma. "Ich will dir dort meinen +See zeigen", und leichtgeschuerzt schlug sie sich ueber eine lichte +Matte, die bald zu steigen begann und immer steiler wurde. + +Leicht wie auf Fluegeln, mit frei atmender Brust ging das Maedchen +bergan und blieb unter der sengenden Sonne frisch und kuehl wie eine +springende Quelle. Der Berg hatte an dem Kinde seine Freude. +Glaenzende Falter umgaukelten ihr das Haupt, und der Wind spielte mit +ihrem Blondhaar. + +Wulfrin schaute um nach Malmort, das grau schimmernd kaum aus der +Morgenlandschaft hervortrat. "Wie geschah mir", fragte er sich, "in +jenem Gemaeuer dort? Wie konnte mich dieses unschuldige Geschoepf +beaengstigen, dieses froehliche Gespiel, diese behende Gems mit hellen +Augen und fluechtigen Fuessen?" Ihm wurde wohl, und er mochte es gerne, +dass der Knabe zu plaudern begann. + +Gabriel erzaehlte von den Lombarden, welche er als Spaeher der Richterin +beschlichen hatte. Sie seien ueberall und nirgends. Sie nisten in den +Paessen, belauern die Boten und pluendern die Saeumer. Sie berauschen +sich in dem geraubten heissen Weine von drueben, prahlen mit besiegten +Waffen, fabeln von der Herstellung der eisernen Krone und leugnen oder +laestern den Weltlauf. Sie beten den Teufel an, der das Regiment fuehre, +"und doch", endigte der Knabe, "sind sie glaeubige Christen, denn sie +stehlen aus unsern Kirchen alles heilige Gebein zusammen, soviel sie +davon erwischen koennen. Es ist Zeit, dass der Herr Kaiser zum Rechten +sehe und ihnen feste Bezirke und einen Richter gebe." + +Da nun Gabriel bei dem Kaiser angelangt war, dessen erneuerte Wuerde +ihren Schimmer bis in dieses wilde Gebirge warf, begeisterten sich +seine Augen und er rief: "Diesem und keinem andern will ich dienen! +Ich heisse Gabriel und schlage gerne mit Faeusten, lieber hiesse ich +Michael und hiebe mit dem Schwerte! Recht muss dabei sein, und der +Kaiser hat immer Recht, denn er ist eins mit Gott Vater, Sohn und +Geist. Er hat die Weltregierung uebernommen und huetet, ein blitzendes +Schwert in der Faust, den christlichen Frieden und das tausendjaehrige +Reich." + +Nun musste ihm Wulfrin den Kaiser beschreiben, die Spangen seiner Krone, +den blauen, langen Mantel, das tiefsinnige Antlitz, das +kurzgeschorene Haupt, den hangenden Schnurrbart, "den wir Hoeflinge ihm +nachahmen", sagte er lachend. + +"Wie blickt der Kaiser?" fragte Palma, und Wulfrin antwortete ohne +Besinnen: "Milde." + +Die Kinder lauschten andaechtig und bestaunten den Mann, der mit dem +Herrn der Welt Umgang pflog; sobald aber die Hoehe erreicht war, wo +sich der Rasen breitete, war es mit der Andacht vorbei. Gabriel +jauchzte gegen eine ernsthafte Felswand, die den Knabenjubel guetig +spielend erwiderte, und Palma lief, den Hoefling an der Hand, einem +gruendunkelklaren Gewaesser entgegen, das die Wand mit ihrem +Riesenschatten noch immer vor der schon hohen Sonne verbarg. Sie +umwandelten das mit Felsbloecken besaete Ufer bis zu einem bemoosten +Vorsprung, der weiche Sitze bot. Hier zog sie ihn nieder, und wie sie +so lagerten, sagte sie: "Nun ist das Maerchen erfuellt von dem Bruder +und der Schwester, die zusammen ueber Berg und Tal wandern. Alles ist +schoen in Erfuellung gegangen." + +"Haust hier unten auch eine?" neckte Wulfrin den Buben. Gabriel blieb +die Antwort schuldig, denn er mochte sich vor dem Hoefling nicht +blossstellen. + +"Dumme Geschichten", lachte dieser, "es gibt keine Elben." + +"Nein", sagte Gabriel bedenklich und kratzte sich das Ohr, "es gibt +keine, nur darf man sie nicht mit wuesten Worten rufen oder gar ihnen +Steine ins Wasser schmeissen. Aber, Herr, wo hast du dein Hifthorn? +Du trugest es an der Seite, da du nach Malmort kamst." + +"Es ist in den Strom gestuerzt", fertigte ihn der Hoefling ab. + +"Das ist nicht gut", meinte der Knabe. + +"Heho, Gabriel!" rief es aus der Ferne, und ein anderer Hirtenbube +wurde sichtbar. "Ein Fohlen hat sich nach Alp Grun verlaufen, +kohlschwarz mit einem weissen Blatt auf der Stirn. Ich wette, es +gehoert nach Malmort." + +Gabriel sprang mit einem Satz in die Hoehe. "Heilige Mutter Gottes", +rief er, "das ist unsere Magra, der muss ich nach! Lieber Herr, +entlasse mich. Du wirst dich schon zurechtfinden. Ein Mensch ist +vernuenftiger als ein Vieh. Dort", er deutete rechts, "Siehst du dort +den roten Grat? Den suche, dahinter ist Pratum. Auch weiss die kleine +Herrin Bescheid." Und weg war er, ohne sich um Antwort zu kuemmern. + +"Palma", lachte Wulfrin, "wenn da unten eine Elbin leuchtete?" + +"Mich wuerde es nicht wundern", sagte sie. "Oft, wenn ich hier liege, +erhebe ich mich, steige sachte ans Ufer nieder und versuche das Wasser +mit der Zehe. Und dann ist mir, als loese ich mich von mir selbst, und +ich schwimme und plaetschere in der Flut. Aber siehe!" + +Sie deutete auf ein majestaetisches Schneegebirge, das ihnen gegenueber +sich entwoelkte. Seine verklaerten Linien hoben sich auf dem lautern +Himmel rein und zierlich, doch ohne Schaerfe, als wollten sie ihn nicht +ritzen und verwunden, und waren beides, Ernst und Reiz, Kraft und +Lieblichkeit, als haetten sie sich gebildet, ehe die Schoepfung in Mann +und Weib, in Jugend und Alter auseinanderging. + +"Jetzt prangt und jubelt der Schneeberg", sagte Palma, "aber nachts, +wenn es mondhell ist, zieht er blaeulich Gewand an und redet heimlich +und sehnlich. Da ich mich juengst hier verspaetete, machte sich der +suesse Schein mit mir zu schaffen, lockte mir Traenen und zog mir das +Herz aus dem Leibe. Aber siehe!" wiederholte sie. + +Eine Wolke schwebte ueber den weissen Gipfeln, ohne sie zu beruehren, ein +himmlisches Fest mit langsam sich wandelnden Gestalten. Hier hob sich +ein Arm mit einem Becher, dort neigten Freunde oder Liebende sich +einander zu, und leise klang eine luftige Harfe. Palma legte den +Finger an den Mund. "Still", fluesterte sie, "das sind Selige!" +Schweigend betrachtete das Paar die hohe Fahrt, aber die von irdischen +Blicken belauschte himmlische Freude loeste sich auf und zerfloss. +"Bleibet! oder gehet nur!" rief Palma mit jubelnder Gebaerde, "Wir sind +selige wie ihr! Nicht wahr, Bruder?", und sie blickte mit trunkenen +Augen bis in den Grund der seinigen. + +Es kam die schwuele Mittagsstunde mit ihrem bestrickenden Zauber. +Palma umfing den Bruder in Liebe und Unschuld. Sie schmeichelte +seinem Gelocke wie die Luft und kuesste ihn traumhaft wie der See zu +ihren Fuessen das Gestade. Wulfrin aber ging unter in der Natur und +wurde eins mit dem Leben der Erde. Seine Brust schwoll. Sein Herz +klopfte zum Zerspringen. Feuer loderte vor seinen Augen... + +Da rief eine kindliche Stimme: "Sieh doch, Wulfrin, wie sie sich in +der Tiefe umarmen!" + +Sein Blick glitt hinunter in die schattendunkle Flut, die Felsen und +Ufer und das Geschwisterpaar verdoppelte. "Wer sind die zweie?" rief +er. + +"Wir, Bruder", sagte Palma schuechtern, und Wulfrin erschrak, dass er +die Schwester in den Armen hielt. Von einem Schauder geschuettelt +sprang er empor, und ohne sich nach Palma umzusehen, die ihm auf dem +Fusse folgte, eilte er in die Sonne und dem nahen Grate zu, wo jetzt +eine Figur mit einem breiten Hut und einem langen Stabe Wache zu +halten schien. + +"Gruess Gott! gruess Gott!" bewillkommte Gnadenreich die Geschwister, ohne +einen Schritt vom Platze zu tun. Er streckte ihnen nur die Haende +entgegen. "Ich habe es dem Ohm feierlich geloben muessen", erklaerte er, +"solange die Lombardengefahr dauert, die Grenze meiner Weiden huetend +zu umwandeln, aber nicht zu ueberschreiten, denn Pratum ist ein Lehen +des Bistums, und die Kirche haelt Frieden. Sei willkommen, Wulfrin, +und Palma nicht minder!" Seine Blicke liefen rasch zwischen dem +Hoefling und dem Maedchen: beide schienen ihm befangen. Er wurde es +auch, denn er glaubte die Ursache ihres Weges zu wissen, und da sie +schwiegen, begann er ein grosses Geplauder. + +"Sie haben dem guten Ohm boese mitgespielt", erzaehlte er. "Wir sassen +zu dreien in der Stube beim Nachtische, denn die Richterin war nach +Chur gekommen, um den Bischof gegen die Lombarden in die Waffen zu +treiben, was er ihr als ein Kind des Friedens verweigern musste. Frau +Stemma und der Ohm stritten sich bei den Nuessen, wie sie zuweilen tun, +ueber die Guete der Menschennatur. Nun hatten sich kuerzlich zwei arge +Geschichten ereignet. Jucunda, die junge Frau des Montafuners, welche +Bischof Felix gefirmelt hatte"-- + +"Mit mir. Sie war sein Liebling", rief Palma, die wieder dicht neben +dem Hoefling schritt. + +"Still!" sagte dieser ungebaerdig, und das Maedchen lief nach einer +Blume.--"wurde von ihrem Manne mit einem Edelknecht ertappt und durch +das Burgfenster geworfen. Wenige Tage spaeter schlug der Schamser +mitten im Stiftshofe dem Berguener nach kurzem Wortwechsel den Schaedel +ein, und doch hatten sie eben auf die priesterliche Zusprache des Ohms +sich gekuesst und miteinander den Leib des Herrn empfangen. Solches +hielt ihm Frau Stemma vor, doch der Ohm erwiderte: 'Das sind Wallungen +und augenblickliche Verfinsterungen der Vernunft, aber die Natur ist +gut und wird durch die Gnade noch besser.' Der Ohm ist ein bisschen +Pelagianer, hi, hi!" + +"Pelagianer?" fragte der Hoefling zerstreut, denn sein Blick rief Palma, +die ihm gleich wieder zusprang; "ist das nicht eine Gattung +griechischer Krieger?" + +"Nicht doch, Wulfrin, es ist eine Gattung Ketzer. Also: Frau Stemma +und der Ohm stritten ueber das Boese. Da sieht der Bischof, der +kurzsichtig ist, auf Felicitas--diesen Namen hat er der nahen Hoehe +gegeben, wo ihm ein Sommerhaus steht--eine Flamme. Wir feiern den +Abzug der Lombarden", laechelte er. Frau Stemma blickt hin und bemerkt +in ihrer ruhigen Weise: 'Ich meine, sie sind es selber', und richtig +tanzten sie auf dem Huegel wie Daemonen um den Brand. + +Da laermt es auf dem Platz. Ein Boesewicht faellt mit der Tuere ins Haus +und redet: 'Bischof, tue nach dem Evangelium und gib mir den Rock, +nachdem du seine Taschen mit Byzantinern gefuellt hast, denn deine +Maentel haben wir in der Sakristei drueben schon gestohlen!' Der Ohm +erstarrt. Jetzt tritt der Lombarde auf Stemma zu, welche im +Halbdunkel sass, 'Die Frau da', hoehnt er, 'hat einen Heiligenschein um +das Haupt, her mit dem Stirnband!' Da erhebt sich Frau Stemma und +durchbohrt den Menschen mit ihren fuerchterlichen Augen: 'Unterstehe +dich!' 'Ja so', sagt er, 'die Richterin!' und biegt das Knie. Da der +arme Ohm endlich aufatmete, nach erbrochenen Kisten und Kasten, rief +ihn der Hoellenkerl wieder vom Domplatze her ans Fenster. Er ritt mit +nackten Fersen den schoensten Stiftsgaul, dem er eine purpurne +Altardecke uebergelegt--sich selbst hatte er ein Messgewand umgehangen--, +und zog dem Kirchenschimmel mit dem entwendeten Krummstab von Chur +einen solchen ueber den blanken Hinterbacken, dass er bolzgerade stieg +und der Stab in Truemmer flog. 'Bischof, segne mich!' schrie der +Lombarde. Der Ohm in seiner Froemmigkeit besiegte sich. 'Ziehe hin in +Frieden, mein Sohn!' sprach er und hob die Haende. + +'Dich, Bischof', jauchzte der Lombarde, 'hole der Teufel!' + +'Und dich hole er gleichfalls!' gab der Ohm zurueck. "Ich haette es +eigentlich nicht erzaehlen sollen", endete Gnadenreich halb reuig, "es +hat den Ohm schrecklich erbost." + +Palma hatte gelacht, auch der Hoefling verzog den Mund, und Gnadenreich +wurde immer gespraechiger und zutulicher. + +"Wir haben uns eine Ewigkeit nicht gesehen, Wulfrin", sagte er. "Ich +verliess Rom bald nach dir, aber was habe ich nicht dort noch erlebt! +Welche Bekanntschaften habe ich gemacht! Ich ging dein Buechlein im +Palaste holen und traf ihn selbst, der es geschrieben. Welch ein Kopf! +Fast zu schwer fuer den kleinen Koerper! Was da alles drinnesteckt! +Kaum ein Viertelstuendchen kostete ich den beruehmten Mann, aber in +dieser winzigen Spanne Zeit hat er mich fuer mein Lebtag in allem Guten +befestigt. Dann pochte es ganz bescheiden und leise, und wer tritt +ein?--ich bitte dich, Wulfrin!--der Kaiser. Ich verging vor Ehrfurcht. +Er aber war gnaedig und ergoetzte sich, denke dir! an deiner +Geschichte, Wulfrin, die er sich von mir erzaehlen liess"-- + +Jetzt verstand Graciosus sein eigenes Wort nicht mehr, denn sie +gerieten zwischen die Herden und das gruene Pratum wurde voller Gebloeke +und Gebruelle. Einer der magern und wolfaehnlichen Berghunde +beschnoberte den Hoefling, sprang dann aber liebkosend an ihm auf und +beleckte ihn, wenn Graciosus dem Tiere seine Ungezogenheit nicht +verwiesen haette. Palma aber wurde von den Hirtenmaedchen umringt und +mit Verwunderung angestarrt. Die junge Herrin von Malmort war +leutselig und frug alle nach ihren Namen und Herden. + +"Ich bin gewiss kein Plauderer", sagte Graciosus, nachdem er Raum +geschafft hatte, "aber du begreifst, wenn der Kaiser befiehlt-- +haarklein musste ich berichten von Horn und Becher, und zumal +die erstaunliche Frau Stemma machte dem hohen Herrn zu schaffen." + +Der Hoefling blickte verdriesslich. + +"Welch ein Mann!" lobpries Gnadenreich. "Der Inhalt und die Hoehe des +Jahrhunderts! Wer bewundert ihn genug? Und doch, aber doch--Wulfrin, +ich habe von den Hoeflingen, deren Umgang ich nicht ganz meiden konnte, +etwas vernommen, das mich tief betruebt, etwas von einer gewissen +Regine... weisst du es?" + +"Das ist seine Kebsin", fuhr Wulfrin ehrlich heraus. + +"Schlimm, sehr schlimm! Ein Flecken in der Sonne! Kein vollkommenes +Beispiel! Und die Karlstoechter?" + +"Alle Wetter und Stuerme", brauste Wulfrin auf, "wer hat mich zum Hueter +der Karlstoechter bestellt?" + +"Die Karlstoechter!" rief mitten aus den Herden Palma, die in der +Entfernung die schallende Rede Wulfrins verstanden hatte. "Sie heissen: +Hiltrud, Rotrud, Rothaid, Gisella, Bertha, Adaltrud und Himiltrud. +Gnadenreich hat eine Tabelle davon verfertigt." Die raetischen Maedchen +wiederholten die ihnen fremd klingenden Namen und zogen unter +jubelndem Gelaechter die junge Herrin mit sich fort. + +Gnadenreich verlangsamte den Schritt. Traulich suchte er die Hand des +Hoeflings. "Die Ehe ist heilig", sagte er, "und das sollte der Kaiser +nicht vergessen, da er so hoch steht. Du hast erraten, Wulfrin, dass +ich ausser ihr geboren bin. Deshalb habe ich eine grosse Meinung von +ihr und eine wahre Leidenschaft, in der meinigen ein Muster von Tugend +zu sein. Ein gutes Maedchen fuehre nicht schlecht mit mir. Du kennst +meine Neigung, an der ich festhalte, wenn mir auch Palma zuweilen +Sorge macht. Jetzt sind wir allein--sie scheint heute lenksam--das +koennte die Stunde sein--wenn es dein Wille waere"-- + +"Sei nur getrost, Gnadenreich", ermutigte Wulfrin, "die Sache ist +abgemacht." + +Haette einer der Gewalttaetigen, welche auf den raetischen Felsen +nisteten, begehrlich nach Palma gegriffen, Wulfrin moechte ihm ins +Angesicht getrotzt und das Schwert aus der Scheide gerissen haben, +aber Graciosus war zu harmlos, als dass er ihm haette zuernen koennen. +Und er selbst fuehlte sich mit einem Male von einem dunkeln Schrecken +getrieben, die Schwester zu vermaehlen. + +"Abgemacht?" fragte Graciosus, "du willst sagen: zwischen dir und der +Richterin? Doch wie meinst du--ist Palma nicht am Ende zu wild und +gross fuer mich?" + +"Sei nicht bloede und fackle nicht laenger! Willst du sie?" + +Die Schreitenden hatten eine Huegelwelle ueberstiegen und erblickten +jetzt diejenige wieder, von der sie redeten. Sie hatte sich +von den Hirtinnen getrennt und stand vor einem der tiefen und +schnellstroemenden Baeche, welche die Hochmatten durchschneiden. Neben +ihr irrte ein bloekendes Laemmchen, das die Herde verloren hatte, und am +Uferrand sitzend, loeste sich eine kropfige Bettlerin blutige Lumpen +von ihrem wunden Fusse und wusch ihn mit dem frischen Wasser. Rasch +entledigte sich das Maedchen der Schuhe, stellte dieselben mit einem +mitleidigen Blick neben die Kretine, hob das Lamm in die Arme, watete +mit ihm durch die Stroemung und liess es seiner Herde nachlaufen. + +Da kam ueber Gnadenreich eine Erleuchtung. "Ich wage es! Ich nehme +sie!" rief er aus. "Sie ist gut und barmherzig mit jeglicher Kreatur!" + +"So gehe voraus und richte das Brautmahl! Ich werde fuer dich werben. +Das ist doch dein Kastell?" In einiger Entfernung stieg aus einem +Bezirke von Huerden und Staellen ein neugebauter Rundturm, ueber welchem +gerade der Foehn einen ungeheuerlichen Wolkendrachen emportrieb. +Gnadenreich bog seitwaerts, die Bruecke suchend, waehrend der Hoefling den +reissenden Bach in einem Satze uebersprang. + +Wulfrin erreichte die Schwester. "Du laeufst barfuss, Braeutchen?" + +"Ich bin kein Braeutchen, und was nuetzen mir die Schuhe, wenn ich nicht +mit dir durch die Welt laufen darf?" + +"Du bist nicht die Toerin, das im Ernste zu reden, und die Frau auf +Pratum darf nicht unbeschuht gehen." + +"Gnadenreich hat nicht den Mund gegen mich geoeffnet." + +"Er wirbt durch den meinigen. Nimm ihn, rat ich dir, wenn du keinen +andern liebst." + +Sie schuettelte den Kopf. "Nur dich, Wulfrin." + +"Das zaehlt nicht." + +Sie hob die klaren Augen zu ihm auf. "Geschieht dir damit ein so +grosser Gefallen?" + +Er nickte. + +"So tue ich es dir zuliebe." + +"Du bist ein gutes Kind." Er streichelte ihr die Wange. "Ich werde +euch schuetzen, dass euch nichts Feindliches widerfahre, und bei eurem +ersten Buben Gevatter stehen." + +Sie erroetete nicht, sondern die Augen fuellten sich mit Traenen. "Nun +denn", sagte sie, "aber wir wollen langsam gehen, dass es eine Stunde +dauert, bis wir Pratum erreichen." Der Turm stand vor ihnen. Dem +Hoefling aber wurde es offenbar, jetzt da er die Schwester weggab, dass +sie ihm das Liebste auf der Erde sei. + +"Hier thronen wir wie die Engel", sagte Graciosus, nachdem er seine +Gaeste die Wendeltreppe empor durch die Gelasse seines Turmes und auf +die Zinne gefuehrt hatte, wo das Mahl bereitet war. Der Tisch trug +neben den Broten eine Schuessel Milch mit dem geschnitzten Loeffel und +einen Krug voll schwarzdunkeln Weines, ein bischoefliches Geschirr, +denn es war mit der Mitra und den zwei Krummstaeben bezeichnet. Die +dreie sassen auf einer Bank, das Maedchen in der Mitte. Die ringsum +laufende Bruestung reichte so hoch, dass sich kaum darueber wegblicken +liess. Nur der Himmel war sichtbar, und an diesem haeuften sich +unheimliche schwefelgelbe Wolken. + +"Die Milch fuer mich, fuer dich der Wein, Wulfrin", sagte Graciosus. +"Der verreiste noch gluecklich aus dem bischoeflichen Keller, ehe ihn +die Lombarden leerten. Aber mit wem haelt es Fraeulein Palma?" + +"Mit dir", meinte der Hoefling. + +Graciosus sprach das Tischgebet. "Nun gleich auch den andern Spruch, +frisch heraus, Gnadenreich!" ermunterte Wulfrin. + +Da geschah es, dass der Bischofsneffe, so redegewandt er war, sich auf +nichts besinnen konnte von alle dem Zaertlichen und Verstaendigen, was +er sich fuer diesen entscheidenden Augenblick langeher ausgesonnen +hatte. Ratlos blickte er in die warmen braunen Augen. Jetzt gedachte +er des Laemmchens und der blossen Fuesse und kam in eine fromme Stimmung. +"Palma novella", bekannte er, "ich liebe dich von ganzem Herzen, von +ganzer Seele und von ganzem Gemuete." + +Das war huebsch. Das Maedchen wurde geruehrt und reichte ihm die Hand. +Auch Wulfrin missfiel diese Werbung nicht. "Nun aber wollen wir ein +bisschen lustig sein!" rief er aus. "Das bringe ich euch!" Er hob den +Krug und trank. Graciosus schoepfte einen Loeffel Milch und bot ihn dem +Munde seiner Braut. Es war nicht der einzige auf Pratum, aber +Gnadenreich wollte eine sinnbildliche Handlung begehen. + +Sie oeffnete schon die roten Lippen, da sagte sie: "Heute widersteht +mir die Milch. Gib du mir zu trinken, Wulfrin." Er reichte ihr den +Krug, und sie schluerfte so hastig, dass er ihr denselben wieder aus den +Haenden nahm. Darauf schien sie ermuedet, denn sie liess den Kopf auf +die Schulter und allmaehlich in die Arme sinken und nickte ein. Die +Foehnluft wurde zum Ersticken heiss. Wulfrin und Graciosus verstummten +ebenfalls, und dieser half sich, indem er seine Milch ausloeffelte und +nach laendlicher Sitte zuletzt die Schuessel mit beiden Haenden an den +Mund hob. Wulfrin betrachtete den jungen Nacken. Er enthielt sich +nicht und beruehrte ihn mit den Lippen. Sie erwachte. + +"Aber wir sitzen auf dem Turm wie die drei Verzauberten", sagte sie. +"Geh, Gnadenreich, hole uns das Buch, wo der Bruder abgebildet ist, +das aus dem Stifte--weisst du--, welches du bei deinem letzten Besuche +der Mutter, der ich ueber die Schulter blickte, gezeigt hast." +Gnadenreich willfahrte ihr, aber sichtlich ungerne. + +Palma suchte und fand das Blatt. Ueber dem lateinischen Texte war +mit saubern Strichen und hellen Farben abgebildet, wie ein Behelmter +den Arm abwehrend gegen ein Maedchen ausstreckt, das ihn zu verfolgen +schien. Mit dem Krieger deuchte er sich nichts gemein zu haben als +den Helm, doch je laenger er das gemalte Maedchen beschaute, desto mehr +begann es mit seinen braunen Augen und goldenen Haaren Palma zu +gleichen. Um die Figur aber stand geschrieben: "Byblis." + +"Erzaehle und deute, Gnadenreich", bat Palma. Graciosus blieb stumm. +"Nun, so will ich erklaeren. Das hier ist der Bruder auf Malmort, wie +er anfangs war und mich wegstoesst." + +"Das ist nichts fuer dich, Palma!" wehrte Graciosus aengstlich, "lass!", +und er entzog das Buch ihren Haenden. + +"Ihr seid beide langweilig!" schmollte sie. "Ich gehe lieber. Drueben +am Hange sah ich bluehende Rosen in dichten Bueschen stehen. Ich will +mir einen Kranz winden", und sie entsprang. + +Ein blendender Blitz fuhr ueber Pratum weg und dem Hoefling durch die +Adern. "Warum hast du ihr das Buch weggenommen?" fragte er gereizt. + +"Weil es fuer Maedchen nicht taugt", rechtfertigte sich Gnadenreich. + +"Warum nicht?" + +"Die Schwester im Buche liebt den Bruder." + +"Natuerlich liebt sie ihn. Was ist da zu suchen?" + +Graciosus antwortete mit einer Miene des Abscheus: "Sie liebt ihn +suendig! sie begehrt ihn." + +Wulfrin entfaerbte sich und wurde totenbleich. "Schweig, Schurke!" +schrie er mit entstellten Zuegen, "oder ich schleudere dich ueber die +Mauer!" + +"Um Gottes willen", stammelte Graciosus, "was ist dir? Bist du +verhext? Wirst du wahnsinnig?" Er war von Wulfrin und dem Buche +weggesprungen, in welches dieser mit entsetzten Blicken hineinstarrte. +"Ich beschwoere dich, Wulfrin, nimm Vernunft an und lass dir sagen: das +hat ein heidnischer Poet ersonnen, leichtfertig und luegnerisch hat er +erfunden, was nicht sein darf, was nicht sein kann, was unter Christen +und Heiden ein Greuel waere!" + +"Und du liesest so gemeine Buecher und ergoetzest dich an dem Boesen, +Schuft?" + +"Ich lese mit christlichen Augen", verteidigte sich Gnadenreich +beleidigt, "zu meiner Warnung und Bewahrung, dass ich den Versucher +kenne und nicht unversehens in die Suende gleite!" + +Die Haende des Hoeflings zitterten und krampften sich ueber dem Blatte. + +"Bei allen Heiligen, Wulfrin, zerstoere das Buch nicht! Es ist das +teuerste des Stiftes!" + +"Ins Feuer mit ihm!" schrie der Hoefling, und weil kein Herd da war als +der lodernde des offenen Himmels, riss er das Blatt in Fetzen und warf +sie hoch auf in den wirbelnden Sturm. + +Es trat eine Stille ein. Graciosus betrachtete stoehnend das +verstuemmelte Buch, waehrend Wulfrin mit verschlungenen Armen und +unheimlichen Augen bruetete. So beschlich ihn die zurueckkommende Palma +und setzte ihm den leichten von ihr gewundenen Kranz auf das belastete +Haupt. + +Er fuhr zusammen, da er das Geflechte spuerte, zerrte es sich ab, riss +es entzwei und warf es mit einem Fluche dem vom Laufe erhitzten +Maedchen zu Fuessen. + +Da flammten ihr die Augen und sie streckte sich in die Hoehe: "Du +Abscheulicher! Tust du mir so?" Zornige Traenen drangen ihr hervor. +"Nun nehme ich auch den Gnadenreich nicht, dir zuleide!" + +"Palma", befahl er, "gleich kehrst du nach Hause! Ueber die Alp! +Wende dich nicht um! Ich gehe durch die Schlucht! Laeufst du mir ueber +den Weg, so werfe ich dich in den Strom!" + +Sie sah ihn jammervoll an. Seine Todesblaesse, das gestraeubte Haar, +das unglueckliche Antlitz erfuellten sie mit Angst und Mitleid. Sie +machte eine Bewegung gegen ihn, als wollte sie ihm mit beiden Haenden +die pochenden Schlaefen halten. "Hinweg!" rief er und riss das Schwert +aus der Scheide. + +Da wandte sie sich. Er blickte ueber die Bruestung und sah, wie sie in +wildem Laufe durch die Alp eilte. Auch er verliess das Kastell und +schlug, von dem nahen Tosen des Stromes gefuehrt, den Weg gegen die +Schlucht ein, die furchtbarste in Raetien. Gnadenreich gab ihm kein +Geleit. + +Da er in den Schlund hinabstieg, wo der Strom wuetete, und er im +Gestrueppe den Pfad suchte, stoerte sein Fuss oder der ihm vorleuchtende +Wetterstrahl haessliches Nachtgevoegel auf, und eine pfeifende Fledermaus +verwirrte sich in seinem Haare. Er betrat eine Hoelle. Ueber der +rasenden Flut drehten und kruemmten sich ungeheure Gestalten, die der +flammende Himmel auseinanderriss und die sich in der Finsternis wieder +umarmten. Da war nichts mehr von den lichten Gesetzen und den schoenen +Massen der Erde. Das war eine Welt der Willkuer, des Trotzes, der +Auflehnung. Gestreckte Arme schleuderten Felsstuecke gegen den Himmel. +Hier wuchs ein drohendes Haupt aus der Wand, dort hing ein gewaltiger +Leib ueber dem Abgrund. Mitten im weissen Gischt lag ein Riese, liess +sich den ganzen Sturz und Stoss auf die Brust prallen und bruellte vor +Wonne. Wulfrin aber schritt ohne Furcht, denn er fuehlte sich wohl +unter diesen Gesetzlosen. Auch ihn ergriff die Lust der Empoerung, er +glitt auf eine wilde Platte, liess die Fuesse ueberhangen in die Tiefe, +die nach ihm rief und spritzte, und sang und jauchzte mit dem Abgrund. + +Da traf der starre Blick seines zurueckgeworfenen Hauptes auf ein Weib +in einer Kutte, das am Wege sag. "Nonne, was hast du gefrevelt?" +fragte er. Sie erwiderte: "Ich bin die Faustine und habe den Mann +vergiftet. Und du, Herr, was ist deine Tat?" + +Lachend antwortete er: "Ich begehre die Schwester!" + +Da entsetzte sich die Moerderin, schlug ein Kreuz ueber das andere und +lief so geschwind sie konnte. Auch er erstaunte und erschrak vor dem +lauten Worte seines Geheimnisses. Es jagte ihn auf, und er floh vor +sich selbst. Schweres Rollen erschuetterte den Grund, als oeffne er +sich, ihn zu verschlingen. Von senkrechter Wand herab schlug ein +maechtiger Block vor ihm nieder und sprang mit einem zweiten Satz in +die aufspritzende Flut. + +Der Himmel schwieg eine Weile, und Wulfrin tappte in dunkler Nacht. +Da erhellte sich wiederum die Schlucht, und auf einer ueber den Abgrund +gestuerzten Tanne sah er die Schwester mit nackten und sichern Fuessen +gegen sich wandeln, und jetzt lag sie vor ihm und beruehrte seine Knie. + +"Was habe ich dir getan", weinte sie, "warum fliehst, warum +verwuenschest du mich? Bruder, Bruder, was habe ich an dir gesuendigt? +Ich kann es nicht finden! Siehe, ich muss dir folgen, es ist staerker +als ich! Ich lief drueben, da sah ich den Steg. Toete mich lieber! Ich +kann nicht leben, wenn du mich hassest! Tue, wie du gedroht hast!" + +Er stiess einen Schrei aus, ergriff, schleuderte sie, sah sie im +Gewitterlicht gegen den Felsen fahren, taumeln, tasten und ihre Knie +unter ihr weichen. Er neigte sich ueber die Zusammengesunkene. Sie +regte sich nicht, und an der Stirn klebte Blut. Da hob er sie auf +maechtigen Armen an seine Brust und schritt, ohne zu wissen wohin, das +Liebe umfangend, dem Tale zu. + +Er hatte die Klus hinter sich, da sauste es an ihm vorueber, und er +erblickte einen Knaben, der ein scheues Ross zu baendigen suchte. "He, +Gabriel", rief er ihm nach, "sage der Richterin, sie rueste den Saal +und richte das Mahl! Tausend Fackeln entzuendet! Malmort strahle! +Ich halte Hochzeit mit der Schwester!" Der Sturm verschlang die +rasenden Worte. Malmort mit seinen Tuermen stand schwarz auf dem noch +wetterleuchtenden Nachthimmel. + +Mit seiner Last den Burgpfad emporsteigend, sah er oben Lichter hin- +und herrennen. Dann begegnete er der geaengstigten Mutter, die ihm +halben Weges entgegengeeilt war. "Wulfrin", flehte sie mit +ausgestreckten Armen, "wo hast du Palma?" "Da nimm sie", sagte er und +bot ihr die Leblose. + + + + +Viertes Kapitel + + +Da Wulfrin am folgenden Tage erwachte, lag er unter den +schwarzschattenden Buescheln einer gewaltigen Arve, waehrend die Matten +ringsum schon in der Mittagssonne schimmerten. Er hatte eben noch, +den wuerzigen Waldgeruch einatmend, heiter und gluecklich getraeumt von +dem Wettspiel in einer roemischen Arena und im Speerwurf einen +Lorbeerkranz davongetragen. Sein Blut floss ruhig, und seine Stirne +war hell. + +Nachdem er gestern Palma der Mutter in die Arme gelegt, war er ins +Dunkel zurueckgewichen. Mit irren Fuessen, in ruhelosem Laufe, kreuz und +quer, hatte er das Gebiet von Malmort durchjagt, bis weit ueber +Mitternacht hinaus, und war dann im Morgengrauen niedergestuerzt und in +einen bleiernen Schlaf versunken. + +Er fand sich auf einer von leichtgeschwungenen Huegeln umgebenen Wiese, +fernab von dem Gelaeute der Herdglocken, in tiefer Einsamkeit. Nur ein +Specht haemmerte, und zwei Eichhoerner tummelten und neckten sich in der +Mitte ihres gruenen Bezirkes. Wulfrin rieb sich den Schlummer aus den +Augen und schaute umher. Da entdeckte er ueber dem Huegelrande die +Giebel und Turmspitzen von Malmort. Er liess sich auf dem Hange +gleiten, und sie verschwanden. + +Allmaehlich schlich sich das Gestern an ihn heran, er wehrte es ab, er +misstraute ihm, er wollte, er konnte es nicht glauben. War er nicht +der Starke und Freie, der Froehliche und Zuversichtliche, der dem +Feinde ins Auge sah und das Irrsal mit dem Schwerte durchschnitt? Was +war denn geschehen? Eine raetselhafte Frau hatte ihn uebermocht, zu +beschwoeren, was er nicht bezweifelte. Ein Maedchen, das sich in der +Langenweile eines Bergschlosses den vollkommensten Bruder ausgesonnen, +war ihm zugesprungen und hatte sich naerrisch ihm an den Hals gehaengt. +Ein tueckischer Becher ungewohnten Weines oder das freche Bild einer +ausschweifenden Fabel oder der heisse Hauch des Foehnes oder was es +sonst gewesen sein mochte, hatte ihn betoert und verstoert. Und was er +an den Felsen geschleudert, war nicht die Schwester--wie haette sie den +gaehnenden Abgrund ueberschritten?--, sondern irgendein Blendwerk der +Gewitternacht. + +"Und war es die Schwester und habe ich sie zerschmettert, so bin ich +ihrer ledig", trotzte er, und zugleich ergriff ihn ein unendliches +Mitleid und die inbruenstigste Liebe zu dem jungen Leben, das er +misshandelt und vernichtet hatte. Er sah sie mit allen ihren Gebaerden, +jedes ihrer suessen und unschuldigen Worte nahm Gestalt an, er schaute +in ihre seligen Augen und in ihre wehklagenden. Jetzt fuehlte er sie, +die sich weinend und schmeichelnd mit ihm vereinigte, und wusste, dass +sie noch lebte und atmete. "Meine Seele! Blut meiner Adern!" rief er +und wieder: "Palma! Palma!" + +"--Palma!" wiederholte das Echo. + +"Palma mein Weib!" Das Echo entsetzte sich und verstummte. + +Ein toedlicher Schauer durchrieselte sein Mark. Sich auf die Rechte +stuetzend, hob er sich halb von der Erde und langte mit der Linken nach +der blutenden Brust wie auf dem Schlachtfelde. "Es sitzt!" aechzte er. +"ich bin der Schrankenlose, der Uebertreter, der Verdammte! Ich muss +sterben, damit die Schwester lebe! Doch womit habe ich den Himmel +beleidigt? wodurch habe ich die Hoelle gelockt?" Rasch uebersann er sein +Leben, er fand darin keinen Makel, nur laesslichen Fehl. "Nun, wen's +trifft, den trifft's! Ich habe eben das schlimme Los aus dem Helme +gezogen und verwundere mich nicht, kenne ich ja die Grausamkeiten der +Walstatt. Es geht vorueber!" Da schien ihm denn doch das Dasein ein +Gut, so leicht er es sonst wertete, jetzt da er, ob auch unter +grimmigen Schrecken, seinen tiefsten Reiz und seine geheimste +Lieblichkeit gekostet hatte. Er hob die starken Haende vor das +Angesicht und schluchzte... + +Maehlich verlaengerten sich die Schatten, und es wurde still ueber der +Wiese. Da legte sich ihm eine Hand auf die Schulter. Ohne das Haupt +zu wenden, sagte er: "Ich komme", und wollte sich erheben, denn er +wusste, es war der Tod, der zu ihm trat, um ihn an den jaehesten Abgrund +zu fuehren. + +"Bleibe, Wulfrin!" sprach weich die Stimme der Richterin, "ich setze +mich zu dir", und Frau Stemma liess sich neben ihn auf das Moos gleiten +in einem weiten langen Gewande, das selbst die Spitzen der Fuesse +verhuellte. + +"Beruehre mich nicht!" schrie er und warf sich zurueck. "Ich bin ein +Unseliger!" + +"Ich suchte dich lange", sagte sie. "Warum bliebest du ferne? Dir +ist bange fuer Palma? Die wurde nur leicht verwundet, hat aber in +tiefer Ohnmacht gelegen. Erwachend hat sie erzaehlt, wie euch gestern +das Gewitter in der Schlucht ueberraschte, wie sie glitt und die +Besinnung verlor. Auf deinen Armen hast du sie getragen." + +Wulfrin blieb stumm. + +"Oder redete sie unwahr, und du warfest sie an den Felsen, um sie zu +zerschmettern?" + +Er nickte. + +Sie schwieg eine Weile, dann hob sie die Hand und beruehrte wiederum +seine Schulter. "Wulfrin, du hassest deine Schwester oder--du liebst +sie!" Sie fuehlte, wie der Hoefling vom Wirbel zur Zehe zitterte. + +"Es ist entsetzlich", stoehnte er. + +"Es ist entsetzlich", sagte sie, "aber unerklaerlich ist es nicht. Ihr +seid ferne voneinander erwachsen, wurdet eurer Angesichter und +Gestalten nicht gewoehnt, und so waret ihr euch frisch und neu, da ihr +euch fandet, wie ein fremder Mann und ein fremdes Weib. Mutig! Rufe +und rufe es deinen Gedanken und Sinnen zu. Palma und Wulfrin sind +eines Blutes! Sie werden schaudern und erkalten und nicht laenger die +himmlische Flamme der Geschwisterliebe verwechseln mit dem +schoepferischen Feuer der Erde." + +Er antwortete nicht, kaum dass er ihre Worte gehoert hatte, sondern +murmelte zaertlich: "Warum hast du sie Palma novella getauft? Das ist +ein gar seltsamer und schoener Name!" + +Stemma erwiderte: "Ich habe sie die junge Palme genannt, weil sie aus +dem Schutte des Grabes frisch und freudig aufspriesst, und, bei meinem +Leben! wer an dem schlanken Stamme frevelt, den richte und toete ich! +Noch ist Palma unschuldig. Deine rasende Flamme hat ihr nicht ein +Haerchen der Wimper, nicht den aeussersten Saum des Kleides versengt. +Ungluecklicher, wie ist ein solches Leiden ueber dich gekommen?" + +"Wie eine Seuche, die aus dem Boden dampft! Aber mein Schutzengel +warnte mich vor Malmort. Da du mich riefest, verschloss ich das Ohr. +Ich bog ab und fiel in die Haende der Lombarden. Warum hast du den +Pfeil des Witigis gehemmt?" Er starrte vor sich nieder. Dann schrie +er verzweifelnd auf und ergriff und presste den Arm der Richterin, die +finstern Augen fest auf das ruhige Antlitz heftend: "Bei dem Haupte +Gottes--" + +"Bei dem Haupte Palmas", sagte sie. + +"Ist sie meine Schwester?" + +"Wie sonst? Ich weiss es nicht anders. Was denkst du dir?" + +"Dann ist mein Haupt verwirkt und jeder meiner Atemzuege eine Suende!" +Er sprang auf, waehrend sie ihn mit nervigen Armen umschlang, so dass er +sie mit sich emporzog. + +"Wohin, Wulfrin? In eine Tiefe? Nein, du darfst diesen starken Leib +und dieses tapfere Herz nicht zerstoeren! Nimm dein Ross und reite! +Reite zu deinem Kaiser! Mische dich unter deine Waffenbrueder! Ein +paar Tagritte, und du bist gesundet und blickst so frei wie die andern!" + +"Das geht nicht", sagte er jammervoll. "Wir leiden nicht den +geringsten Makel in unserer Schar, und ich sollte verraeterisch die +Schande unter uns verstecken?" + +"So stachle dein Ross, reite Tag und Nacht, ueber Berg und Flaeche, +springe in ein Schiff, bringe ein Meer und ein zweites zwischen sie +und dich, und wenn dich Delphin und Nixe umgaukelt, tauchen vor dir +aus der Blaeue Inseln und Vorgebirge, verwegenes Abenteuer und die +Schoenheit als Beute!" + +"Was huelfe es?" sagte er. "Sie zoege mit mir, die Nixe truege ihr +Angesicht, und ich umarmte sie in jedem Weibe! Denn ich bin mit ihr +vermaehlt ewiglich. Nein, ich kann nicht leben!" + +"Das ist Feigheit!" sprach sie leise. + +Der Schimpf trieb ihm wie ein Schlag das Blut ins Angesicht. Er +baeumte sich auf. "Du hast recht, Frau!" schrie er. "Ich darf nicht +als ein Feigling umkommen, du selbst sollst mich richten und +verurteilen. Am lichten Tag, unter allem Volke, will ich den Greuel +bekennen und die Suehne leisten!" So rief er in zorniger Empoerung, dann +aber besaenftigte sich sein Angesicht, denn er hatte die Loesung +gefunden, die ihm ziemte. + +"Unsinn!" sagte sie. "Solche verborgene Dinge bekennt man nicht dem +Tage, denn du bist ein Verbrecher nur in deinen Gedanken. Die Tat +aber und nur die Tat ist richtbar." + +"Frau, das wird sich offenbaren! Vernimm, was ich tue. Ich wandere +zu dem Kaiser und spreche zu ihm: Siehe, Wulfrin der Hoefling begehrt +das eigene Blut, das Kind seines Vaters! Es ist so, er kann nicht +anders. Schaffe den Suender aus der Welt! Und spricht der Kaiser: Die +Tat ist nicht vollbracht, so antwortet Wulfrin: Ich vollbringe sie mit +jedem Atemzuge!" + +"Auf suendiger Geschwisterliebe", drohte Frau Stemma, "steht das Feuer." + +Wulfrin lachte. + +"Und du willst vor dem ganzen Volke dastehen in deiner Bloesse?" + +"Ich will dastehen", sagte er, "als der, welcher ich bin." + +"So mangelt dir der Verstand und die Kraft, das Geheimnis der Suende zu +tragen?" + +"Das ist Weibes Art und Weibes Lust", sagte er veraechtlich. + +"Und du wirst mit dem Kaiser kommen, und ich soll dich richten?" + +"Du!" + +"Das werde ich!" sagte sie und entfernte sich langsam. + +Jetzt da Wulfrin sein Schicksal entschieden und vollendet glaubte, kam +die Ruhe des Abends ueber ihn. Er blieb unter seiner Arve, bis die +Sonne niederging und der Tag ihr folgte. Und wie sie mit gebrochenen +Speeren sich legte und ihr Blut am Himmel verstroemte, erlosch er mit +ihr und sah sich die Schwester, wie das Spaetlicht, im gruenen Gewande +und auf stillen Sohlen nachschreiten. Das aufgegebene Schwert reute +ihn nicht. "Sie werden drueben einen Krieger brauchen", sagte er sich +und wandelte schon unter den seligen Helden. + +Wie es Nacht war und der Mond leuchtete, ging er sachte bergab, denn +er gedachte ein Seitental zu gewinnen und seinen Kaiser zu erreichen, +ohne dass er Malmort und die Stapfen der Schwester beruehre. Beide +wollte er nur am Gerichtstage wiedersehen. Er gelangte an den Strom, +der hier ohne Gewalt und Sturz Klippen und Felsen breit ueberflutete. +Das Mondlicht verlockte ihn, sich auf ein Felsstueck zu lagern und +wunsch- und schmerzlos mit den Wellen dahinzufliessen. Er wurde sich +selbst zum Traume. + +Da sah er Elb oder Elbin tauchen. Es schwamm weiss im Strome, ein +Nacken schimmerte, und jetzt hob der blanke Arm ein Hifthorn in die +Hoehe, das der Mond versilberte. Er erkannte sein entwendetes Erbteil +und trat ohne Hast und Erstaunen dem freundlichen Wunder nahe. + +"Herr Wulfrin", jubelte eine Knabenstimme, "freue dich! Glueck ueber +dir! Ich halte dein Horn!", und Gabriel, der sein Hirtenhemde wieder +umgeworfen hatte, sprang zu ihm empor. + +"Schon heute mittag", erzaehlte er, "sah ich es beim Fischen auf dem +Grunde. Ich kannte es gleich, doch war ich nicht allein und musste die +Nacht erwarten. Hat es schon lange gelegen?" Er schuettelte das Horn +und liess das Wasser sorgfaeltig aus der Bauchung abtropfen. "Wenn es +nur nicht verdorben ist!" Er hob es an den Mund und stiess darein, dass +die Berge widerhallten. "Hier, Herr!" sagte er. "Wahrhaftig, es hat +ihm nichts getan. Ein wackeres Schlachthorn!" + +Wulfrin ergriff es und hing es sich um. Als er sich aber einen +Goldring--irgendein Beutestueck--von der Hand ziehen wollte, um den +Knaben abzulohnen, wehrte Gabriel. "Nein, Herr, lege lieber ein Wort +fuer mich ein, dass mich der Kaiser mitreiten laesst! Doch jetzt muss ich +heim! Ich habe noch in den Staellen zu tun. Kommst du mit? Ich weiss +Stapfen an dem Felsen empor, und wir gelangen durch ein +Hinterpfoertchen noch einmal so rasch in den Hof als auf dem Burgwege." + +Und Wulfrin folgte. Die Handlichkeit und Herzlichkeit des Buben hatte +seine Sinne und Geister erwaermt. Der Wiedergewinn seines Erbes weckte +das Bild des Vaters und die kindliche Gesinnung auf. Und obwohl aus +dem Elben ein Menschenknabe geworden war, zitterte doch ueber dem Strom +ein Schimmer von Geisterhilfe. "Am Ende ist es der Vater", sagte er +sich, "und er wird mir beistehen, wenn er kann. Wenn er noch irgend +da ist, laesst er mich nicht elend umkommen. Ich will ihn rufen. +Vielleicht antwortet er. Es ist ein Glaube, dass der Tote aus dem +Grabmal mit seinen Kindern redet. Ich wage es! Ich blase ihn wach! +Dann frage ich nichts als: Vater, ist Palma dein Kind? Redet er nicht, +so nickt er wohl oder schuettelt das Haupt." Obschon der Hoefling an +Stemma nicht zweifelte, deren Wesen ueber ihn Gewalt hatte, focht ihn +doch der Widerspruch zwischen dem Glauben an die Lebendige und der +Frage an den Toten wenig an. Er fuehlte einfach, dass er den +Vater--wenn dieser zu erreichen sei--befragen und beraten muesse, ehe +er sich anklage und sich richten lasse. Aber seine Ruhe war weg, sein +Geist gespannt, und er hoerte kein Wort von dem, was der Knabe +unterweges plauderte. + +Ebenso unruhig schritt Stemma hinter dem erhellten Fenster, das der +Emporklimmende ueber dem Burgfelsen aufsteigen sah. Aus der Ferne und +Tiefe war ein Ton zu ihr hergedrungen, den sie hasste und den sie +vernichtet zu haben glaubte. Waehrend ihr Kind auf dem Lager +schlummerte, ging sie rastlos auf und nieder. Sie vergegenwaertigte +sich Wulfrin, wie er vor Kaiser und Volk eines seltenen, ja +unglaublichen Frevels sich beschuldigte, und ihr wurde bange, dass sie +und wie sie ueber ihn richten werde. + +War es denkbar, dass sich die Natur so verirrte? dass ein so lauterer +Mensch in eine solche Suende verfiel? War es nicht wahrscheinlicher, +dass hier Irrtum oder Luege Bruder und Schwester gemacht hatte? So +haette die Richterin ohne Zweifel geforscht und untersucht, waere sie +nicht Stemma und Palma nicht ihr Kind gewesen. Aber sie durfte nicht +untersuchen, denn sie haette etwas Vergrabenes aufgedeckt, eine, +zerstoerte Tatsache hergestellt, ein Glied wieder einsetzen muessen, das +sie selbst aus der Kette des Geschehenen gerissen hatte. + +Jetzt begann es mit einem Male vor ihr aufzutauchen, die Suende des +Unschuldigen sei das gegen sie selbst heranschreitende Verhaengnis. +"Gilt es mir? Wird ein Plan gegen mich geschmiedet? Ist eine +Verschwoerung im Werke?" rief sie ins Dunkel hinein. + +Da hatte sie ein Gesicht. Sie erblickte mit den Augen des Geistes +durch die daemmernde Wand, weit in der Ferne und doch ganz nahe, ein +gewaltiges Weib von furchtbarer Schoenheit. Diese sass in langen, +blauen Gewanden, eine Tafel auf das uebergelegte Knie gestuetzt, einen +Griffel in der Hand, schreibend oder zaehlend, irgendeine Loesung +suchend. Nach einigem Sinnen ging ein stilles langsames Laecheln ueber +den strengen Mund und schien zu sagen: So ist es gut und siehe, es ist +so einfach! + +Da glaubte die Richterin eine Feindin sich gegenueber zu sehen und +trotzte ihr, Weib gegen Weib. "Das bringst du nicht heraus! Du +findest keine Zeugen!" Die Fremde aber hob die Tafel mit beiden Haenden +empor ueber die sonnenhellen Augen und verschwand. "Du hast keine +Zeugen!" rief ihr die Richterin nach. Ihr antwortete ein +erschuetternder Ruf, der aus allen Waenden, aus allen Mauern drang, als +werde die Posaune geblasen ueber Malmort. + +Stemma erbebte. Sie sprang an das Lager ihres Kindes, um es fest in +den Armen zu halten, wenn Malmort unterginge. Palma war nicht erwacht, +sie schlief ruhig fort. Die Richterin besann sich. Hatte der +grauenhafte Ton in Tat und Wahrheit diese Luft, diese Raeume, diese +Mauern erschuettert? Muesste Palma nicht aus dem tiefsten Schlummer +aufgefahren sein? Es war unmoeglich, dass der gewaltige Ruf sie nicht +geweckt haette. Frau Stemma war nicht unerfahren in solchen +unheimlichen Dingen: sie kannte die Schrecken der Einbildung und die +Sprache der ueberreizten Sinne. Sie hatte es erfahren an den +Schuldigen, die sie richtete, und an sich selbst. "Das Ohr hat mir +geklungen", sagte sie, die noch am ganzen Leibe zitterte. + +Haette sie durch Dielen und Mauern blicken koennen, so sah sie den +bleichen Wulfrin, der an der Gruft des Vaters kniete, ins Horn stiess, +ihn ruehrend beschwor, ihm herzlich zusprach, Rede zu stehen. Sie +haette gesehen, wie Wulfrin, da der Stein schwieg, das Horn zum andern +Male an den Mund setzte und endlich verzweifelnd ueber die Mauer sprang. + +Wieder schuetterte Malmort in seinen Tiefen, staerker noch als das +erstemal. Da war kein Zweifel mehr, es war das Wulfenhorn, das sie +mitten in Gischt und Sturz geschleudert und in unzugaengliche Tiefen +hatte versinken sehen. Sie sann an dem aengstlichen Raetsel und konnte +es nicht loesen. Sie sann, bis ihr die Stirnader schwoll und das Haupt +stuermte. + +Da fiel ihr zur boesen Stunde der Comes ein, wie er murmelnd im Schilfe +sitze und mit dem schweren Kopfe unablaessig daran herumarbeite, ob +Frau Stemma ihm ein Leides getan. "Er besucht sein Grabmal und stoesst +in sein Horn! Er stoert die Nacht! Er verwirrt Malmort! Er schreckt +das Land auf! Das leide ich nicht! Ich verbiete es ihm! Ich bringe +den Empoerer zum Schweigen!" Und der Wahn gewann Macht ueber diese Stirn. + +Ohne sich nach Palma umzusehen, stuerzte sie zornig die Wendeltreppe +hinab und betrat den Hof, wo der Comes und ihr eigenes Bild auf der +Gruft lagen. Darueber webte ein ungewisser Daemmer, da eine leichte +Wolke den Mond verschleierte. Der Comes liess sein Horn zurueckgleiten, +und die steinerne Stemma hob die Haende, als flehe sie: Huete das +Geheimnis! + +Aufgebracht stand die Richterin vor dem Ruhestoerer. "Arglistiger", +schalt sie, "was peinigst du mein Ohr und bringst mein Reich in +Aufruhr? Ich weiss, worueber du bruetest, und ich will dir Rede stehen! +Keine Maid hat dir der Judex gegeben! Ich trug das Kind eines andern! +Du durftest mich nie beruehren, Trunkenbold, und am siebenten Tage +begrub dich Malmort! Siehst du dieses Gift?" Sie hob das Flaeschchen +aus dem Busen. "Warum ich leben blieb, die dir den Tod kredenzte? +Dummkopf, mich schuetzte ein Gegengift! Jetzt weisst du es! Palma +novella unter meinem Herzen hat dich umgebracht! Und jetzt quaele mich +nicht mehr!" + +So grelle und freche Worte redete die Richterin. + +Durch ihr lautes Schelten zu sich selbst gebracht, betrachtete sie +wieder den Comes, der jetzt im klarsten Mondenlichte lag. Die +furchtbare Geschichte kuemmerte ihn nicht, er lag regungslos mit +gestreckten Fuessen. Jetzt sah sie, dass sie zum Steine gesprochen, und +schlug eine Lache auf. "Heute bin ich eine Naerrin!" sagte sie. "Ich +will zu Bette gehen." + +Sie wandte sich. Palma novella stand hinter ihr, weiss, mit +entgeisterten Augen, das Antlitz entstellt, starr vor Entsetzen. Der +zweite Hornstoss hatte sie geweckt, und sie war der Mutter auf +besorgten Zehen nachgeschlichen. + +Zwei Gespenster standen sich gegenueber. Dann packte Stemma den Arm +des Maedchens und schleppte es in die Burg zurueck. Sie selbst hatte +ihrem Geheimnisse einen Mund und einen Zeugen gegeben, und dieser +Zeuge war ihr Kind. + + + + +Fuenftes Kapitel + + +Seit der Hoefling aus Malmort verschwunden war, lastete auf den +schweren Mauern Schweigen und Kuemmernis. Das Gesinde munkelte +allerlei, und Knechte und Dirnen steckten die Koepfe zusammen. Die +junge Herrin sei krank. Es sei ihr angetan worden. Irgendein +Zauber--ob sie einer Drude begegnet oder ein giftiges Kraut +verschluckt oder aus einem schaedlichen Quell getrunken--habe die +Aermste der Vernunft beraubt. Ihr mangle der Schlummer, sie weine +unablaessig und lasse sich weder troesten noch auch nur beruehren. Ihr +widerstehe Speise und Trank und sie schwinde zum Gerippe. Die Laute +und Wilde sei gar still und zahm und ihr Lebensfaden zum Reissen duenn +geworden. Die bekuemmerte Richterin folge ihr auf Schritt und Tritt +und duerfe sie nicht aus den Augen lassen. + +Zwei Maegde standen am Brunnen zusammen und fluesterten. Benedicta war +der jungen Herrin unversehens im Flur begegnet und wollte ihr +gebuehrlich die Hand kuessen. Palma sei angstvoll zurueckgewichen und +habe aufgeschrien: "Ruehre mich nicht an!" Veronica hatte durch das +Schluesselloch gespaeht und was erblickt? etwas ganz Unglaubliches: die +stolze Frau Stemma vor ihrem Kinde niedergeworfen, ihm liebkosend die +Knie umfangend und um die Gnade flehend, dass es den Mund oeffne und +einen Bissen beruehre. + +Die Maegde verstummten, hoben sich die Kruege zu Haupte und drueckten +sich, eine hinter der andern, waehrend langsam die Richterin mit Palma +aus der Pforte trat und die Stufen herunterschritt. Frau Stemma +stuetzte das Maedchen, das, elend und zerstoert, sich selbst nicht mehr +gleichsah. Palma ging mit gebeugtem Ruecken und unsichern Knien. Gross, +doch ohne Strahl und Waerme, traten die Augen aus dem vermagerten +Antlitz. "Komm, Kindchen", sagte Frau Stemma, "du musst Luft schoepfen", +und sie oeffnete ein Gatter, das auf eine zirpende und summende Wiese +fuehrte, die einen weiten leicht geneigten Vorsprung der Burghoehe +bekleidete und ueber die Grenzlinie der unsichtbaren Tiefe hinweg in +eine lichte Ferne verlief. + +Sie setzten sich auf eine Bank, und Frau Stemma betrachtete ihr Kind. +Da ergrimmte sie und weinte zugleich in ihrem Herzen ueber die +Verwuestung des einzigen, was sie liebte. Aber sie blieb aufrecht und +guertete sich mit ihrer letzten Kraft. "Wie", sagte sie sich, "Mir +gelaenge es nicht, dieses Gehirnchen zu betoeren, dieses Herzchen zu +ueberwaeltigen?" + +"Mein Kind", begann sie, "hier sind wir allein. Lass uns noch einmal +recht klar und klug miteinander reden"-- + +"Wenn du willst, Mutter."--"miteinander reden von dem Wahne jener +Nacht. Ich wachte, du schliefest. Da laermt es im Hofe. Ich gehe +hinunter, es war nichts, und ich lache ueber meinen leeren Schrecken. +Ich wende mich. Du stehst vor mir nachtwandelnd, mit offenen stieren +Augen. Ich ergreife dich und fuehre dich in das Haus zurueck. Und du +erwachst aus dem abscheulichen Traume, der dich jetzt peinigt und +zugrunde richtet." + +"Ja und nein, Mutter. Mich weckte ein Ruf, ich sehe dich hinauseilen +und folge dir auf dem Fusse. Du standest im Hofe vor den Steinbildern +und schaltest den Vater und erzaehltest ihm"--sie hielt schaudernd inne. + +"Was erzaehlte ich?" fragte die Richterin. + +"Du sagtest"--Palma redete ganz leise--"dass ich nicht sein Kind bin. +Du sagtest, dass ich schon unter deinem Herzen lag. Du sagtest, dass du +und ich ihn getoetet haben." + +"Liebe Toerin", laechelte Frau Stemma, "nimm all dein Denken zusammen +und verliere keines meiner Worte. Ich haette mit einem Steine geredet? +als eine Aberglaeubische? oder eine Naerrin? Kennst du mich so? Und du +waerest nicht das Kind des Comes? Mit wem war ich denn sonst vermaehlt? +Habe ich dir nicht erzaehlt, dass ich eine Gefangene war auf Malmort, +bis mich der Comes freite? Und ich haette den Gatten getoetet? Ich, +die Richterin und die Aerztin des Landes, haette Gifte gemischt? Kannst +du das glauben? Haeltst du das fuer moeglich?" + +"Nein, Mutter, nein! Und doch, du hast es gesagt!" + +"Palma, Palma, misshandle mich nicht! Sonst muesste ich dich hassen!" + +Palma brach in trostlose Traenen aus und warf sich gegen die Brust der +Mutter, die das schluchzende Haupt an sich presste. "Du bringst mich +um mit deinem Weinen", sagte sie. "Glaube mir doch, Naerrchen!" + +Palma hob das Angesicht und blickte um sich. "Weidet hier am Rande +ein Zicklein, Mutter?" + +"Ja, Palma." + +"Laeutet dort Maria in valle?" Sie wies ein im Tale schimmerndes +Kloster. + +"Ja, Palma." + +"Ebenso wahr, als ich jetzt nicht traeume und das Zicklein weidet und +das Kirchlein laeutet, ebensowenig habe ich getraeumt, dass du vor +Wulfrins Vater gestanden und ihn angeredet hast. Es war so, es ist so. +Du spraechest immer die Wahrheit, Mutter." + +"Ich sage dir, Palma, es ist ein Traum. Und ich will, dass es ein +Traum sei." + +Palma erwiderte sanft: "Beluege mich nicht, Mutter! Habe ich doch +vorhin, da du mich an dich presstest, den scharfen Kristall empfunden, +welchen du aus dem Busen gezogen und dem Comes gezeigt hast." + +Die Richterin schnellte empor mit einem feindseligen Blicke gegen ihr +Kind, glitt aber langsam auf die Bank zurueck, und nachdem sie eine +Weile in den Boden gestarrt, sagte sie: "Waere es so und haette ich so +getan, so waere es deinetwegen." + +"Ich weiss", sagte Palma traurig. + +"Habe ich es getan", wiederholte Stemma, "so tat ich es dir zuliebe. +Ich toetete, damit mein Kind rein blieb." + +Palma zitterte. + +"Warum hast du dich in mein Geheimnis gedraengt, Unselige?" fluesterte +Stemma ingrimmig. "Ich huetete es. Ich verschonte dich. Du hast es +mir geraubt! Nun ist es auch das deinige, und du musst es mir tragen +helfen! Lerne heucheln, Kind, es ist nicht so schwer, wie du glaubst! +Aber wo sind deine Gedanken? Du bist abwesend! Wohin traeumst du?" + +"Was ist aus Wulfrin geworden?" fragte sie leise, und eine schwache +Roete glomm und verschwand auf den gehoehlten Wangen. + +"Ich weiss nicht", sagte die Richterin. + +"Jetzt verstehe ich, dass er mich verabscheut", jammerte Palma. "O ich +Elende! Er stoesst mich von sich, weil er Mord an mir wittert. Mir +graut vor meinem Leibe! Laege ich zerschmettert!" + +"Aengstige dich nicht! Wulfrin hat keinen Argwohn. Er ist glaeubig und +er traut." + +"Er traut!" schrie Palma empoert. "Dann eile ich zu ihm und sage ihm +alles wie es ist! Ich laufe, bis ich ihn finde!" Sie wollte +aufspringen, die Mutter musste sie nicht zurueckhalten, erschoepft und +entkraeftet sank sie ihr in den Schoss. + +"Ich verrate dich, Mutter!" + +"Das tust du nicht", sagte Stemma ruhig. "Mein Kind wird nicht als +Zeugin gegen mich stehen." + +"Nein, Mutter." + +Die Richterin streichelte Palma. Diese liess es geschehen. Darauf +sagte sie wieder: "Mutter, weisst du was? Wir wollen die Wahrheit +bekennen!" + +Frau Stemma bruetete mit finstern Blicken. Dann sprach sie: "Foltere +mich nicht! Auch wenn ich wollte, duerfte ich nicht. Dieser wegen!", +und sie deutete auf ihr Gebiet. "Wuerde laut und offenbar, dass hier +waehrend langer Jahre Suende Suende gerichtet hat, irre wuerden tausend +Gewissen und unterginge der Glaube an die Gerechtigkeit! Palma! Du +musst schweigen!" + +"So will ich schweigen!" + +"Du bist meine tapfere Palma!" und die Richterin schloss ihr den Mund +mit einem Kusse. "Aber Kind, Kind, wie wird dir?" Palmas Augen waren +brechend, und das Herz klopfte kaum unter der tastenden Hand der +Mutter. Diese bettete die Halbentseelte und eilte verzweifelnd in die +Burg zurueck. + +Sie kam wieder mit einer Schale Wein und einem Stuecklein Brot. Sie +kniete sich nieder, brach und tunkte den Bissen und bot ihn der +Entkraefteten. Diese wandte sich ab. + +Da bat und flehte die Richterin: "Nimm, Kind, deiner Mutter zuliebe!" +Jetzt wollte Palma gehorchen und oeffnete den entfaerbten Mund, doch er +versagte den Dienst. + +Stemma sah eine Sterbende. Da starb auch sie. Ihr Herz stand stille. +Ein Todeskrampf verzog ihr das Antlitz. Eine Weile kniete sie starr +und steinern. Dann verklaerte sich das Angesicht der Richterin, und +ein Schauer der Reinheit badete sie vom Haupt zur Sohle. + +"Palma", sagte sie zaertlich, und dieser warme Klang, hob die Lider des +Kindes, "Palma, was meinst du? Ich lade den Kaiser ein nach Malmort. +Wir treten vor ihn Hand in Hand, wir bekennen und er richtet." Da +freuten sich die Augen Palmas, und ihre Pulse schlugen. + +"Nimm den Bissen", sagte die Richterin und speiste und traenkte ihr +Kind. + +Sie fuehrte die Neubelebte in den Hof zurueck. In der Mitte desselben +stand Rudio, noch keuchend vom Ritte. "Heil und Ruhm dir, Herrin!" +frohlockte er. "Ich melde den Kaiser! Der Hoechste sucht dich heim! +Er naht! Er zieht maechtig heran und mit ihm ganz Raetien!" + +"Dafuer sei er gepriesen!" antwortete die Richterin. "Komm, Kind, wir +wollen uns schmuecken!" + +Da Kaiser Karl mit allem Volke den Burgweg erstiegen hatte, hiess er +Gesinde und Gefolge vor dem Tore zurueckbleiben und betrat allein den +Hof von Malmort. Stemma und Palma standen in weissen Gewaendern. Die +Richterin schritt dem Herrscher entgegen und bog das Knie. Palma +hinter ihr tat desgleichen. Karl hob die Richterin von der Erde und +sagte: "Du bist die Frau von Malmort. Ich habe deine Botschaft +empfangen und bin da, Ordnung zu schaffen, wie du gefordert hast. +Hier ist Freiheit in Frevel und Kraft in Willkuer entartet. Ich will +diesem Gebirge einen Grafen setzen. Weisst du mir den Mann?" + +"Ich weiss ihn", antwortete die Richterin. "Es ist Wulfrin, Sohn Wulfs, +dein Hoefling, ein treuer und tapferer Mann, zwar noch leichtglaeubig +und unerfahren, doch die Jahre reifen." + +"Ich fuehre ihn mit mir", sprach der Kaiser, "aber als einen, der sich +selbst anklagt und dein Gericht begehrt, sich so grossen Frevels +anklagt, dass ich nicht daran glauben mag. Frau, heute ist mir unter +diesem leuchtenden Berghimmel ein Zeichen begegnet. Vor deiner Burg +hat mein Ross an einer Toten gescheut, die mitten im Wege lag. Ich +liess sie aufheben. Es ist deine Eigene. Sie harrt vor der Schwelle." + +Er daempfte die Stimme: "Frau, was verbirgt Malmort? Waerest du eine +andere, als die du scheinest, und stuendest du ueber einem begrabenen +Frevel, so waere deine Waage falsch und dein Gericht eine +Ungerechtigkeit. Lange Jahre hast du hier ruehmlich gewaltet. Gib +dich in meine Haende. Mein ist die Gnade. Oder getraust du dich, +Wulfrin zu richten?" + +"Herr", antwortete sie, "ich werde ihn und mich richten unter deinen +Augen nach der Gerechtigkeit." Karl betrachtete sie erstaunt. Sie +leuchtete von Wahrheit. "So walte deines Amtes", sagte er. + +Dann ging er auf das kniende Maedchen zu. "Palma novella!" sagte er +und hob sie zu sich empor. Sie blickte ihn an mit flehenden und +vertrauenden Augen, und sein Herz wurde geruehrt. + +"Rudio", gebot die Richterin, "bringe Faustinen her!" Der Kastellan +gehorchte und trug die Buerde herbei, die er an den Grabstein lehnte. +"Jetzt tue auf das Tor und oeffne es weit! Alles Volk trete ein und +sehe und hoere!" + +Da waelzte sich der Strom durch die Pforte und fuellte den Raum. Die +Hoeflinge scharten sich um den Kaiser, Alcuin und Graciosus unter ihnen, +waehrend die Menge Kopf an Kopf stand und selbst Tor und Mauer erklomm, +ein dichter und schweigender Kreis, in dessen Mitte die Gestalt des +Kaisers ragte, in langem, blauem Mantel, mit strahlenden Augen. Neben +ihm Stemma und ihr Kind. Vor den dreien stand Wulfrin und sprach, den +Blick fest und ungeteilt auf Stemma geheftet: "Jetzt richte mich!" + +"Gedulde dich!" sagte sie. "Erst rede ich von dieser", und sie wies +auf die entseelte Faustine, die mit gebrochenen Augen und haengenden +Armen an der Gruft sass. + +"Raeter", sprach sie, und es wurde die tiefste Stille, "ihr kennet jene +dort! Sie hat unter euch gewandelt als eine Rechtschaffene, wofuer ihr +sie hieltet. Nun ist ihr Mund verschlossen, sonst riefe er: Ihr irret +euch in mir! Ich bin eine Suenderin. Ich, die das Kind eines andern +im Schosse barg, habe den Mann gemordet"-- + +"Frau", schrie Wulfrin ungeduldig, "was bedeutet die Magd! Mich lass +reden, meinen Frevel richte, damit ein Ende werde!" + +"Nun denn! Aber zuerst, Wulfrin--nicht wahr, wenn diese hier"--sie +zeigte Palma--"nicht das Kind deines Vaters, nicht deine Schwester, +sondern eine andere und Fremde waere, dein Frevel zerfiele in sich +selbst?" + +"Frau, Frau!" stammelte er. + +"Kaiser und Raeter", rief Stemma mit gewaltiger Stimme, "ich habe getan +wie Faustine. Auch ich war das Weib eines Toten! Auch ich habe den +Gatten ermordet! Die Herrin ist wie die Eigene. Hoert! Nicht ein +Tropfen Blutes ist diesen zweien gemeinsam!" Sie streckte den Arm +scheidend zwischen Wulfrin und Palma. "Hoert! hoert! Kein Tropfen +gleichen Blutes fliesst in diesem Mann und in diesem Weibe! Zweifelt +ihr? Ich stelle euch einen Zeugen. Palma novella, das Kind Stemmas +und Peregrins des Klerikers, hat das Geheimnis meiner Tat belauscht. +Sie glaubt daran und stirbt darauf, dass ich wahr rede. Gib Zeugnis, +Palma!" + +Aller Augen richteten sich auf das Maedchen, das mit gesenktem Haupte +dastand. Palma bewegte die Lippen. + +"Lauter!" befahl die Richterin. + +Jetzt sprach Palma hoerbar den Vers der Messe: "Concepit in +iniquitatibus me mater mea..." + +Da glaubte das Volk und entsetzte sich und stuerzte auf die Knie und +murmelte: "Miserere mei!" Wulfrin streckte die Arme und rief gen +Himmel: "Ich danke dir, dass ich nicht gefrevelt habe!" Karl aber trat +zu Palma und huellte sie in seinen Mantel. + +"Nun richte du, Kaiser!" sprach Stemma. + +"Richte dich selbst!" antwortete Karl. + +"Nicht ich", sagte sie, wendete sich zu dem Volke und rief: +"Gottesurteil! Wollt ihr Gottesurteil?" + +Es redete, es rief, es droehnte: "Gottesurteil!" + +Da sprach die Richterin feierlich: "Erstorbenes Gift, erstorbene Tat! +Lebendige Tat, lebendiges Gift!" und hatte den Kristall aus dem Busen +gehoben und geleert. + +Eine Weile stand sie, dann tat sie einen Schritt und einen zweiten +wankenden gegen Wulfrin. "Sei stark!" seufzte sie und brach zusammen. +Rudio neigte sich ueber die Tote, hob sie auf seine Arme und trug sie +zu Faustinen. Dort sass sie am Grabe, die Hoerige aber neigte sich und +legte das Antlitz in den Schoss der Herrin. + +Jetzt enthuellte der Kaiser das Maedchen, das einen jammervollen Blick +nach der Mutter warf, faltete die Haende und gebot. "Oremus pro magna +peccatrice!" Alles Volk betete. + +Dann sagte er mit milder Stimme: "Was wird aus diesem Kinde? Ich +ziehe nicht, bis ich es weiss. Wie raetst du, Alcuin?" + +"Sie tue die Geluebde!" rief der Abt. + +"Ehe sie gelebt hat?" schrie Wulfrin angstvoll. + +"Dann weiss ich ein anderes. Graciosus"--der Abt hielt ihn an der +Hand--"dieser hier, ein frommer Juengling, hat ein Wohlgefallen an der +Aermsten"-- + +"Herr Abt", unterbrach ihn der aufgeregte Gnadenreich, "das geht ueber +Menschenkraft. Mir graut vor dem Kinde der Moerderin. Alle guten +Geister loben Gott den Herrn!" + +Wulfrin sprang in die Mitte. "Kaiser und ihr alle", rief er, "mein +ist Palma novella!" + +Da redete Karl: "Sohn Wulfs, du freiest das Kind seiner Moerderin? +Ueberwindest du die Daemonen?" + +"Ich ersticke sie in meinen Armen! Hilf, Kaiser, dass ich sie +ueberwaeltige!" + +Karl hiess das Maedchen knien und legte ihr die Haende auf das Haupt. +"Waise! Ich bin dir an Vaters Statt! Begrabe, die deine Mutter war! +Dieser folge mir ins Feld! Gott entscheide! Kehrt er zurueck und +stoesst er ins Horn, so freue dich, Palma novella, fuelle den Becher und +vollende den Spruch! Dann entzuendet Rudio die Brautfackel und +schleudert sie in das Gebaelke von Malmort!" + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die Richterin, von Conrad +Ferdinand Meyer. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DIE RICHTERIN *** + +This file should be named 7drct10.txt or 7drct10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7drct11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7drct10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Die Richterin + +Novelle + +Conrad Ferdinand Meyer + + + + + + + +Erstes Kapitel + + +"Precor sanctos apostolos Petrum er Paulum!" psalmodierten die Mönche +auf Ara Cöli, während Karl der Große unter dem lichten Himmel eines +römischen Märztages die ziemlich schadhaften Stufen der auf das +Kapitol führenden Treppe emporstieg. Er schritt feierlich unter der +Kaiserkrone, welche ihm unlängst zu seinem herzlichen Erstaunen Papst +Leo in rascher Begeisterung auf das Haupt gesetzt. Der Empfang des +höchsten Amtes der Welt hatte im Ernste seines Antlitzes eine tiefe +Spur gelassen. Heute, am Vorabend seiner Abreise, gedachte er einer +solennen Seelenmesse für das Heil seines Vaters, des Königs Pippin, +beizuwohnen. + +Zu seiner Linken ging der Abt Alcuin, während ein Gefolge von +Höflingen, die aus allen Ländern der Christenheit zusammengewählte +Palastschule, sich in gemessener Entfernung hielt, halb aus +Ehrerbietung, halb mit dem Hintergedanken, in einem günstigen +Augenblicke sich sachte zu verziehen und der Messe zu entkommen. Die +vom Wirbel zur Zehe in Eisen gehüllten Höflinge schlenderten mit +gleichgültiger Miene und hochfahrender Gebärde in den erlauchten +Stapfen, die Begrüßung der umstellenden Menge mit einem kurzen +Kopfnicken erwidernd und sich über nichts verwundern wollend, was +ihnen die Ewige Stadt Großes und Ehrwürdiges vor das Auge stellte. + +Jetzt hielten sie vor der ersten Stufe, während oben auf dem Platze +Karl mit Alcuin bei dem ehernen Reiterbilde stillestand. "Ich kann es +nicht lassen", sagte er zu dem gelehrten Haupte, "den Reiter zu +betrachten. Wie mild er über der Erde waltet! Seine Rechte segnet! +Diese Züge müssen ähnlich sein." + +Da flüsterte der Abt, den der Hafer seiner Gelehrsamkeit stach: "Es +ist nicht Constantin. Das hab ich längst heraus. Doch ist es gut, +daß er dafür gelte, sonst wären Reiter und Gaul in der Flamme +geschmolzen." Der kleine Abt hob sich auf die Zehen und wisperte dem +großen Kaiser ins Ohr: "Es ist der Philosoph und Heide Marc Aurel." +"Wirklich?" lächelte Karl. + +Sie gingen der Pforte von Ara Cöli zu, durch welche sie verschwanden, +der Kaiser schon in Andacht vertieft, so daß er einen netten jungen +Menschen in rätischer Tracht nicht beachtete, der unferne stand und +durch die ehrfürchtigsten Grüße seine Aufmerksamkeit zu erregen suchte. + +"Halt, Herren", rief einer der inzwischen bei dem Reiterbilde +angelangten Höflinge und fing rechts und links die Hände der neben ihm +Wandelnden, "jetzt, da alles treibt und schwillt"--Erd- und Lenzgeruch +kam aus nahen Gärten--, "will ich meinen Becher und was mir sonst lieb +ist mit Veilchen bekränzen, aber keinen Weihrauch trinken, am +wenigsten den einer Totenmesse. Ich habe hier herum eine Schenke +entdeckt mit dem steinernen Zeichen einer saugenden Wölfin. Das hat +mir Durst gemacht. Sehen wir uns noch ein bißchen den Reiter an und +verduften dann in die Tabernen." + +"Wer ist's?" fragte einer. + +"Ein griechischer Kaiser" + +"Den setzen wir ab"-- + +"Wie er die Beine spreizt!"-- + +"Reitet der Kerl in die Schwemme?"-- + +"Holla, Stallknecht!"-- + +"Nettes Tier!"-- + +"Wülste wie ein Mastschwein!" + +So ging es Schlag auf Schlag, und ein frecher Witz überblitzte den +andern. Das antike Roß wurde gründlich und unbarmherzig kritisiert. + +Der artige Räter hatte sich nach und nach dem Kreise der Spötter +genähert. Seine Absicht schien, zwischen zwei Gelächtern in ihre +Gruppe zu gelangen und auf eine unverfängliche Weise mit der Schule +anzuknüpfen. Aber die Höflinge achteten seiner nicht. Da faßte er +sich ein Herz und sprach in vernehmlichen Worten zu sich selbst: +"Erstaunliche Sache, diese Palastschule, und ein Günstling des Glücks, +wer ihr angehören darf!" + +Über eine gepanzerte Schulter wendete sich ein junger Rotbart und +sprach gelassen: "Wir schwänzen sie meistenteils." Dann kehrte sich +der ganze Höfling, ein baumlanger Mensch, und fragte den Räter mit +einem spöttischen Gesichte: "Welcher Eltern rühmst du dich, Knabe?" + +Dieser gab vergnügten Bescheid. "Ich bin der Neffe des Bischofs Felix +in Chur und mit seinen Briefen an den Heiligen Stuhl geschickt." + +"Räter", sprach der Lange ernsthaft, "du bist an den Quell der +Wahrheit gesendet. Hier stehst du auf den Schwellen der Apostel und +über den Grüften unzähliger Bekenner. Lege wahrhaftes Zeugnis ab und +bekenne tapfer: Ich bin der Sohn des Bischofs." + +Eben intonierten die Mönche von Ara Cöli mit jungen und markigen +Stimmen die dunkle Klage und flehende Entschuldigung: "Concepit in +iniquitatibus me mater mea!" + +"Hörst du", und der Höfling deutete nach der Kirche, "die dort wissen +es!" Der ganze Haufe schlug eine schallende Lache auf. + +Der kluge Bischofsneffe hütete sich, in Zorn zu geraten. Mit einem +flüchtigen Erröten und einer leichten Wendung des Kopfes sagte er. +"Bischof Felix, der im Schatten seiner Berge die aus eurer Schule +aufsteigende Sonne der Bildung mit frommem Jubel begrüßt, hat mir den +Auftrag gegeben, für seine jung gebliebene Lernbegierde einige +Hauptschriften der erwachenden Wissenschaft und insbesondere das +unvergleichliche Büchlein der Disputationen des Abtes Alcuin zu +erwerben. Nun wird erzählt, dieser große und gute Lehrer habe jeden +von euch mit einem kostbaren Exemplare ausgerüstet, und ich meine nur, +einer dieser Herren hätte vielleicht Lust, einen Handel zu schließen." + +"Du sprichst wahr und weise, Bischofssohn", parodierte ihn der Höfling, +"und wäre mein Alcuin nicht längst unter die Hebräer gegangen, mochte +es geschehen, daß wir zweie zu dieser Stunde darum ein kurzweiliges +Würfelspielchen machten." + +"In unchristliche Hände! diese göttliche Weisheit!" wehklagte der +Räter. + +"Weisheit!" spottete der Rotbart, "ich versichere dir: lauter dummes +Zeug. Übrigens weiß ich es auswendig. Höre nur, Bergbewohner!" Er +krümmte den langen Rücken wie ein verbogener Schulmeister, zog die +Brauen in die Höhe und wendete sich an den jüngsten der Bande, einen +Krauskopf, der, fast noch ein Knabe, aus südlichen Augen lachend mit +Lust und Liebe auf das gottlose Spiel einging. + +"Jüngling", predigte der falsche Alcuin, "du hast einen guten +Charakter und einen gelehrigen Geist. Ich werde dir eine ungeheuer +schwere Frage vorlegen. Siehe, ob du sie beantwortest. Was ist der +Mensch?" + +"Ein Licht zwischen sechs Wänden", antwortete der Knabe andächtig. + +"Welche Wände?" + +"Das Links, das Rechts, das Vorn, das Nichtvorn, das Oben, das Unten." +Jeden dieser Räume bezeichnete er mit einer Gebärde: beim fünften +starrte er in den leuchtenden Himmel hinauf, als bestaune er einen +Engelreigen, und bohrte schließlich einen stieren Blick in den Boden, +als entdecke er die verschüttete Tarpeja. Jubelndes Klatschen +belohnte die Faxe. + +Die wachsende Lustigkeit der Palastschule begann den Bischofsneffen zu +ängstigen. Da trat im guten Augenblicke einer aus dem Kreise, ein +kühner Krieger, dem an der rechten Seite des stämmigen Wuchses ein +seltsam gewundenes Hifthorn hing. "Sei getrost", sagte er und ergriff +die Hand des Räters, "du sollst ein Pergament haben. Das meinige. Es +schleppt sich unter dem Gepäcke." Er führte den Erlösten weg, die +Treppe des Kapitols hinunter, sich nicht weiter um seine Gefährten +bekümmernd. + +Jetzt gingen sie freundlich nebeneinander, wenn auch nicht mehr Hand +in Hand. Die des Palastschülers war auf das Hifthorn geglitten, das +der Bischofsneffe mit aufmerksamen Blicken betrachtete. "Das hier +kommt aus dem Gebirge", sagte er. + +"So", machte der Behelmte. "Aus welchem Gebirge?" + +"Aus unserm, Landsmann. Ich kenne dich an deiner Sprache, wie du mich +ebendaran erkannt haben wirst, da du mich, wofür ich dir danke, den +Neckereien der Palastschule entzogest. Daß du es wissest, ich bin +Graciosus"--der kluge Räter hatte diesen seinen hübschen Namen den +Spöttern am Reiterbilde weislich verschwiegen--"oder auf deutsch +Gnadenreich, und du bist Wulfrin, Sohn Wulfs, wenn dieses Hifthorn +dein Erbteil ist, wie ich vermute." + +Wulfrin runzelte die Stirn. Es mochte ihm nicht willkommen sein, von +der Heimat zu hören. Dann musterte er Gnadenreich und fand einen +anmutenden, wohlgebildeten Jüngling, eine Gott und Menschen gefällige +Erscheinung, nicht anders als der Name lautete. Er klopfte ihn auf +die runde Schulter, deren Schmiegsamkeit zu dieser beschützenden +Liebkosung einlud, und sagte. "Es macht warm." In der Tat strahlte +nicht nur die römische Märzsonne, sie brannte sogar. + +"Ja, es macht warm", wiederholte er, hob den Helm und wischte mit der +Hand einen Schweißtropfen. "Leeren wir einen Becher?", und ohne die +Antwort zu erwarten, bog er nach wenigen Schritten in den offenen +Hofraum eines klösterlichen Gebäudes und warf sich dort auf eine +Steinbank, wo Graciosus in Züchten sich neben ihn setzte. "Ich darf +mich nicht weiter verziehen", sagte der Höfling, "als das Horn reicht, +wann Herr Karl die Schule zusammenruft. Auch liebe ich dieses junge +Geschöpf", scherzte er und zeigte auf eine Palme, welche in geringer +Entfernung auf dem Vorsprunge eines Hügels, von leichten Windstößen +bewegt, sich im blauen Himmel fächerte und etwa sechzehn Jahresringe +zählen mochte. "Hier heißt es ad palmam novellam, und Pförtner Petrus +schenkt einen herben. He, Petrus!" Dieser, ein Alter mit struppigem +Bart, feurigen Augen und zwei riesigen Schlüsseln am Gurte, brachte +Kanne und Becher. + +"Palma novella ist auch ein Frauenname", bemerkte Graciosus und netzte +den Mund. + +"Mag sein", versetzte Wulfrin. "In Hispanien, wenn mir recht ist, +läuft derlei Getauftes oder Ungetauftes herum. Ich habe mich nicht +damit befaßt. Ich mache mir nichts aus den Weibern." + +"Deine rätische Schwester heißt auch nicht anders", sagte Gnadenreich +unschuldig. + +"Meine--rätische--Schwester?" + +"Nun ja, Wulfrin, das Kind der Judicatrix, meiner Nachbarin auf +Malmort am Hinterrhein. Du hast sie nie von Angesicht gesehen, die +Frau Stemma, das zweite Weib deines Vaters?" + +"Das dritte", murrte Wulfrin. "Ich bin von der zweiten." + +"Das weißt du besser. Auch das jähe Ende deines Vaters weißt du, bei +seinem Aufritt in Malmort. Palma ist nachgeboren." + +"Es sei", versetzte Wulfrin verdrossen. "Warum auch sollte es nicht +sein? Rührt mich aber nicht. Was mich kümmern konnte, hat mir der +Knecht des Vaters, der Steinmetz Arbogast, umständlich berichtet. Ich +habe es mit ihm beredet und erörtert mehr als einmal und noch zuletzt +am Wachfeuer vor Pertusa, wenige Augenblicke bevor den treuen Kerl der +maurische Pfeil meuchelte. Das ist nun fertig und abgetan. Wisse: +als Siebenjähriger bin ich daheim ausgerissen--der Vater hatte mir das +sieche Mütterlein ins Kloster gestoßen--und über Stock und Stein zu +König Karl gerannt. Dorthin hat mir der Arbogast mein Erbe gebracht, +das Wulfenhorn, dieses hier. Der Wulfenbecher, der dazu gehört, +obschon er heidnisch ist--das Horn ist biblischen Ursprungs--, blieb +auf Malmort und mag dort bleiben, bis ich freie, und das hat Weile. +Sie werden ihn aufgehoben haben. Du hast ihn wohl gesehen, wenn du +dort ein und aus gehst." + +Graciosus nickte. + +"Verstehe: beide, Horn und Kelch, sind zwei Altertümer, mit Tugenden +und Kräften begabt. Den Becher gab einem Wölfling ein Elb oder eine +Elbin von denen im Hinterrhein. Solang eines Wolfes Weib ihn ihrem +Wolfe kredenzt und den dareingegrabenen Spruch ohne Anstoß hersagt, +einmal vorwärts und einmal rückwärts, gefällt und mundet sie dem Wolfe. +Über das Hifthorn sind die Meinungen geteilt. Nach den einen ist +es gleichfalls ein elbisches Geschenk, und vor dem Burgtor bei der +Rückkehr geblasen, zwingt es die Wölfin zu bekennen, was immer sie in +Abwesenheit des Gatten gesündigt hat. Andere dagegen behaupten, daß +ein Wolf im Gelobten Lande das Horn mit seinem Schwert aus dem +erstarrten Pech und Schwefel des Toten Meeres grub. So ist es ein im +Getümmel zur Erde gestürztes Harschhorn, von denen, welche die +himmlischen Haufen bliesen zum Gericht über Sodom und Gomorra." +Wulfrin blickte dem Räter ins Gesicht, der ihm--Schlauheit oder +Einfalt--zwei gläubige Augen entgegenhielt. + +Eben wurde vom Winde ein Bruchstück der Seelenmesse aus Ara Cöli +hergetragen. Zornig und drohend sangen sie dort: "Dies irae, dies +illa, dies magna et amara valde!" + +"Schöne Bässe", lobte Wulfrin. "Um wieder auf den Becher zu kommen, +so glaube ich nicht an seine Kraft. Sicherlich hat die Mutter nicht +unterlassen, seinen Spruch herzubeten, vorwärts und rückwärts. Es hat +nichts gefruchtet. Sie welkte, und der Vater verstieß sie." Er tat +einen Seufzer. + +"Und das Horn?" fragte Schelm Graciosus. + +Der Höfling wog es in den Händen und lächelte. Graciosus lächelte +gleichfalls. + +"Übrigens ist es das beste Hifthorn im Heere. Das ruft! Höre nur!" +und er setzte es an den Mund. + +"Um aller Heiligen willen, Wulfrin, laß ab!" schrie Graciosus +ängstlich. "Willst du die Stadt Rom in Aufruhr bringen?" + +"Du hast recht, ich dachte nicht daran." Wulfrin ließ das Horn in die +tragende Kette zurückfallen. + +"Dieses Hifthorn", sagte jetzt Graciosus bedächtig, "wurde mir +beschrieben. Auch hat es der Knecht Arbogast in Stein gemeißelt auf +dem Grabmal im Hofe von Malmort, wo er den Comes, deinen Vater, +abbildete und die Wittib daneben." + +"So?" grollte Wulfrin. "Konnte der Vater nicht allein liegen?" + +Graciosus ließ sich nicht einschüchtern. "An den Herrn des Hifthorns +habe ich einen Auftrag", sagte er. + +"Du bist voller Aufträge. Von wem hast du diesen?" + +"Von der Richterin." + +"Welche Richterin?" Entweder war Wulfrin von harten Begriffen oder +seine Laune verschlechterte sich zusehends. + +"Nun, die Judicatrix Stemma, deine Stiefmutter." + +"Was hab ich mit der Alten zu schaffen! Warum lächelst du, Männchen?" + +"Weil du so mit ihr umgehst, die noch schön und jung ist." + +"Ein altes Weib, sage ich dir." + +"Ich bitte dich, Wulfrin! Dein Vater freite sie als eine +Sechzehnjährige. Dein Geschwister ist nicht älter. Zähle zusammen! +Doch jung oder alt, sie gab mir den Auftrag, und ich darf ihn nicht +unausgerichtet heimbringen." + +Der Höfling verschluckte einen Fluch. "Du verdirbst mir den Krätzer, +er schmeckt wie Galle." Erbost stieß er den Becher von der Bank und +setzte den Fuß darauf. "So sprich!" + +"Frau Stemma", begann Gnadenreich in bildlicher Rede, "will sich vor +dir die Hände in ihrer Unschuld waschen." + +"Ein Becken her!" spottete Wulfrin, als riefe er in die Gasse hinaus +nach einem Bader. + +"Wulfrin, stünde sie vor dir, du straftest deine Lippen! Keine in +Rätien hat edlere Sitte. Was sie verlangt, ist gebührlich. Auf der +Schwelle ihres Kastells, vor ihrem Angesichte, jählings ist dein Vater +erblichen. Das ist schrecklich und fragwürdig. Frau Stemma läßt dir +sagen, sie wundere sich, daß sie dich rufen müsse, sie habe dich +längst, täglich, stündlich erwartet, seit du zu deinen mündigen Jahren +gekommen bist. Nur ein Sorgloser, ein Fahrlässiger, ein +Pflichtvergessener--nicht meine Worte, die ihrigen--verschiebe und +versäume es, sie zur Rechenschaft zu ziehen." + +Wulfrin blickte finster. "Das Weib tritt mir zu nahe", sagte er. +"Ich wußte, was man einem Vater schuldig ist. Er hat an meiner Mutter +gefrevelt, und sein Gedächtnis--die Kriegstaten ausgenommen--ist mir +unlieb: dennoch habe ich mir seine Todesgebärde vergegenwärtigt, den +Augenzeugen Arbogast, der das Lügen nicht kannte, habe ich scharf ins +Verhör genommen. Jetzt will ich noch ein übriges tun und dir die +gemeine Sache herbeten, vom Kredo bis zum Amen. Du bist aus dem Lande +und kennst die Geschichte. Mangelt etwas daran oder ist etwas zuviel, +so widersprich!" + +Der Vater kam aus Italien und nächtigte bei dem Judex auf Malmort. +Bei Wein und Würfeln wurden sie Freunde, und der Vater, der, meiner +Treu, kein Jüngling mehr war--ich habe aus der Wiege seinen weißen +Bart gezupft--, warb um das Kind des Richters und erhielt es. Beim +Bischof in Chur wurde Beilager gehalten. Am dritten Tage setzte es +Händel. Der Räzünser, dessen Werbung der Judex abgewiesen haben +mochte, wurde zu spät oder ungebührlich geladen oder an einen +unrechten Platz gesetzt oder nachlässig bedient oder schlecht +beherbergt, oder es wurde sonst etwas versehen. Kurz, es gab Streit, +und der Räzünser streckt den Judex. Der Vater hat den Schwieger zu +rächen, berennt Räzüns eine Woche lang und bricht es. Inzwischen +bestattet das Weib den Judex und reitet nach Hause. Dort sucht sie +der Vater, mit Beute beladen. Er stößt ins Horn, der Sitte gemäß. +Sie tritt ins Tor, sagt den Spruch und kredenzt den Wulfenbecher, den +ihr der Vater in Chur nach wölfischer Sitte als Morgengabe gereicht +hatte. Kredenzt ihn mit drei Schlücken. Der Arbogast, der durstig +daneben stand, hat sie gezählt: drei herzhafte Schlücke. Der Vater +nimmt den Becher, leert ihn auf einen Zug und haucht die Seele aus. +War es so oder war es anders, Bischofsneffe?" + +"Wörtlich und zum Beschwören so", bestätigte Graciosus. "Von hundert +Zeugen, die den Burghof füllten, zu beschwören! Soviel ihrer noch am +Leben sind. Und solches ist geschehen nicht im Zwielichte, nicht bei +flackernden Spänen, sondern im Angesicht der Sonne zu klarer +Mittagszeit. Der Comes, dein Vater, war rasend geritten, hatte im +Bügel manchen Trunk getan"-- + +"Und mit fliegender Lunge ins Horn gestoßen, vergiß nicht!" höhnte +Wulfrin. + +"Er triefte und keuchte"-- + +"Er lechzte wie eine Bracke!" überbot ihn Wulfrin. + +"Er sehnte sich nach seinem Weibe", dämpfte Graciosus. + +"Trunken und brünstig! unter gebleichten Haaren! pfui! Ist das zum +Abmalen und an die Wand heften? Was will die Judicatrix? Mich +schwören lassen, daß wir Wölfe gemeinhin am Schlage sterben? Was +freilich auf die Wahrheit herausliefe." + +"Es ist ihr Wille so, und man gehorcht ihr in Rätien." + +"Seht einmal da! ihr Wille!" hohnlachte Wulfrin. "Mein Wille ist es +nicht, und meine Heimat ist nicht ein Bergwinkel, sondern die weite +Welt, wo der Kaiser seine Pfalz bezieht oder sein Zelt aufschlägt. +Sage du deiner Richterin, Wulfrin sei kein Laurer noch Argwöhner! Sie +rühre nicht an die Sache! Sie zerre den Vater nicht aus dem Grabe! +Ich lasse sie in Ruhe, kann sie mich nicht ruhig lassen?" Er drohte +mit der Hand, als stünde die Stiefmutter vor ihm. Dann spottete er: +"Hat das Weib den Narren gefressen an Spruch und Urteil? Hat es eine +kranke Lust an Schwur und Zeugnis? Kann es sich nicht ersättigen an +Recht und Gericht?" + +"Es ist etwas Wahres daran", sagte Graciosus lächelnd. "Frau Stemma +liebt das Richtschwert und befaßt sich gerne mit seltenen und +verwickelten Fällen. Sie hat einen großen und stets beschäftigten +Scharfsinn. Aus wenigen Punkten errät sie den Umriß einer Tat, und +ihre feinen Finger enthüllen das Verborgene. Nicht daß auf ihrem +Gebiete kein Verbrechen begangen würde, aber geleugnet wird keines, +denn der Schuldige glaubt sie allwissend und fühlt sich von ihr +durchschaut. Ihr Blick dringt durch Schutt und Mauern, und das +Vergrabene ist nicht sicher vor ihr. Sie hat sich einen Ruhm erworben, +daß fernher durch Briefe und Boten ihr Weistum gesucht wird." + +"Das Weib gefällt mir immer weniger", grollte Wulfrin. "Der Richter +walte seines Amtes schlecht und recht, er lausche nicht unter die Erde +und schnüffle nicht nach verrauchtem Blute." + +Graciosus begütigte. "Sie redet davon, ihr Haus zu bestellen, obwohl +sie noch in Blüte und Kraft steht. Vielleicht sorgt sie, wenn sie +nicht mehr da wäre, könntest du deine Schwester in Unglück stürzen"-- + +"In Unglück?" + +"Ich meine, sie berauben und verjagen unter dem Vorwande einer +unaufgeklärten und ungeschlichteten Sache. Darum, vermute ich, will +sie dich nach Malmort haben und sich mit dir vertragen." + +Wulfrin lachte. "Wirklich?" sagte er. "Sie hat einen schönen Begriff +von mir. Meine Schwester plündern? Das arme Ding! Im Grunde kann es +nicht dafür, daß es auf die Welt gekommen ist. Doch auch von ihr will +ich nichts wissen." Während er redete, zählte sein Blick die +Jahresringe der jungen Palme. "Fünfzehn Ringe?" sagt er. + +"Fünfzehn Jahre", berichtigte Graciosus. + +"Und wie schaut sie?" + +"Stark und warm", antwortete Gnadenreich mit einem unterdrückten +Seufzer. "Sie ist gut, aber wild." + +"So ist es recht. Und dennoch will ich nichts von ihr wissen." + +"Sie aber weiß von nichts anderm als von dem fremden, reisigen, +fabelhaften Bruder, der sich mit den Sachsen balgt und mit den +Sarazenen rauft. 'Wann der Bruder kommt'--'Das gehört dem +Bruder'--'Das muß man den Bruder fragen'--davon werden ihr die Lippen +nicht trocken. Jedes Hifthorn jagt sie auf, sie springt nach deinem +Becher und damit an den Brunnen. Sie wäscht ihn, sie reibt ihn, sie +spült ihn." + +"Warum, Narr?" + +"Weil sie dir ihn kredenzen will und dein Vater sich daraus den Tod +getrunken hat." + +"Dummes Ding! Du also wirbst um sie?" + +Der ertappte Graciosus errötete wie ein Mädchen. "Die Mutter +begünstigt mich, aber an ihr selbst werde ich irre", gestand er. +"Kämest du heim, ich bäte dich, ein Wort mit ihr zu reden." + +Wieder musterte Wulfrin den netten Jüngling und wieder klopfte er ihn +auf die Schulter. "Sie hält dich zum besten?" sagte er. + +"Sie redet Rätsel. Da ich neulich auf mein Herz anspielte"-- + +"Schlug sie die Augen nieder?" + +"Nein, die schweiften. Dann zeigte sie mit dem Finger einen Punkt im +Himmel. Ich blinzte. Ein Geier, der ein Lamm davontrug. +Unverständlich." + +"Klar wie der Morgen. 'Raube mich.' Das Mädchen gefällt mir." + +"Du willst sie sehen?" + +"Niemals." + +Jetzt trat ein Palastschüler mit suchenden Blicken in den Hofraum und +dann rasch auf Wulfrin zu. "Du", sagte er, "die Messe ist aus, der +König verläßt die Kirche." Der "Kaiser" wollte ihm noch nicht über die +Zunge. + +Wulfrin sprang auf. "Nimm mich mit!" bat Graciosus, "damit ich dem +Herrn der Erde nahe trete und ihn reden höre." + +"Komm", willfahrte Wulfrin gutmütig, und bald standen sie neben dem +Kaiser, vor welchem ein ehrwürdiger, aber etwas verwilderter Graubart +das Knie bog. Gnadenreich erkannte Rudio, den Kastellan auf Malmort, +und wunderte sich, welche Botschaft der Räter bringe, denn Karl hielt +ein Schreiben in der Hand. Er reichte es dem Abte, und Alcuin las vor: + +"Erhabener, da ich höre, Du werdest von Rom nach dem Rheine ziehen, +flehe ich Dich an, daß Du Deinen Weg durch Rätia nehmest. Seit Jahren +haben sich in unsern verwickelten Tälern versprengte Lombarden +eingenistet unter einem Witigis, der sich Herzog nennt. Wir, die +Herrschenden im Lande, unter uns selbst uneins und ohne Haupt, werden +nicht mit ihnen fertig, ja einige von uns zahlen ihnen Tribut. Ein +unerträglicher Zustand. Du bist der Kaiser. Wenn du kommst und +Ordnung schaffst, so tust Du, was Deines Amtes ist. Stemma, +Judicatrix." + +"Keine Schwätzerin", sagte der Kaiser. "Meine Sendboten haben mir von +der Frau erzählt." Alcuin betrachtete die Handschrift. "Feste Züge", +lobte er. + +"Alcuin, du Abgrund des Wissens", lächelte Karl, "was ist Rätien? +Welche Pässe führen dahin?" + +Der kleine Abt fühlte sich durch Lob und Frage geschmeichelt, wendete +sich aber nicht an den Gebieter, sondern, als der Höfling und der +Schulmeister, welcher er war, an die Palastschule, die schon zu einem +guten Drittel, den Blondbart inbegriffen, um den Kaiser versammelt +stand. + +"Jünglinge", lehrte er und zog die Brauen in die Höhe, "wer seinen Weg +durch das rätische Gebirge nimmt, hat, ohne den harten, aber in Stücke +zerrissenen Damm einer Römerstraße zu zählen, die Wahl zwischen +mehreren Steigen, die sich alle jenseits des Schnees am jungen Rheine +zusammenfinden. Diese Wege und Stapfen führen im Geisterlicht der +Firne durch ein beirrendes Netz verstrickter Täler, das die Fabel mit +ihren zweifelhaften Gestalten und luftigen Schrecken bevölkert. Hier +ringelt sich die Schlangenkönigin, wie verlockt von einer Schale Milch, +einem blanken Wasser zu, gegenüber, aus einem finstern Borne, taucht +die Fei und wehklagt." + +"Lehrer, was hat sie für Gründe dazu?" fragte der Rotbart wißbegierig. + +"Sie ahnt das ewige Gut und kann nicht selig werden. Dahinter, +zwischen Schnee und Eis, in einem grünen Winkel, weidet eine +glockenlose Herde, und ein kolossaler Hirte, halb Firn halb Wolke, +neigt sich über sie. Tiefer unten, bei den ersten Stapfen, verliert +die harmlose Fabel ihre Kraft, und menschliche Schuld findet ihre +Höhlen und Schlupfwinkel. Hier raucht und schwelt eine gebrochene +Burg, dort starrt, von Raben umflattert, ein Mörder in den +zerschmetternden Abgrund." + +"Wen hat er hinuntergeworfen?" fragte der Rotbart spöttisch. + +"Eheu!" jammerte der Abt, "bist du es, Liebling meiner Seele, Peregrin, +mein bester Schüler, dessen Knochen in der rätischen Schlucht +bleichen?" Er trocknete sich eine Träne. Dann schloß er: "Gegen +beides, Fabel und Sünde, hält Bischof Felix in Chur beschwörend seinen +Krummstab empor." + +"In schwachen Händen", scherzte der Kaiser. + +"Er ist sehr schön gearbeitet", rief Graciosus mit der schallenden +Stimme eines Chorknaben, "und in seiner Krümmung neigt sich der +Verkündigungsengel mit der Inschrift: Friede auf Erden und an den +Menschen ein Wohlgefallen." + +Karl gönnte dem Bischofsneffen einen heitern Blick und wendete sich +gegen die Schule: "Stammt einer von euch aus Rätien?" + +Wulfrin trat vor. "Ich, Herr. Jung bin ich ausgewandert, doch kenne +ich Sprache und Steige." + +"So reite und berichte." + +"Dir zu Dienste, Herr", verabschiedete sich Wulfrin, wurde aber von +dem hartnäckigen Gnadenreich gehalten, der sich seiner bemächtigte und +ihn vor den Kaiser zurückbrachte. "Durchlauchtigster", verklagte er +ihn, "er soll auf Malmort bei der Richterin, seiner Stiefmutter, +erscheinen, keiner andern als die dir den Brief geschrieben hat, und +er will nicht. Sie besteht darauf, sich vor ihm zu rechtfertigen über +das jähe Sterben ihres Gemahles des Comes Wulf." + +"Jener?" besann sich der Kaiser. "Er hat mir und schon meinem Vater +gedient und verunglückte im rätischen Gebirge." + +"Vor dem Kastell und zu den Füßen seines Weibes Stemma, die ihm den +Willkomm kredenzt hatte", erinnerte Gnadenreich. + +Karl verfiel in ein Nachdenken. "Eben habe ich für die Seele meines +Vaters gebetet", sagte er. "Kindliche Bande reichen in das Grab. +Mich dünkt, Wulfrin, du darfst bei der Richterin nicht ausbleiben. Du +bist es deinem Vater schuldig." + +Wulfrin schwieg trotzig. Jetzt griff der Kaiser rechts nach dem +Hifthorn, um die ganze Schule zusammenzurufen und ihr seine Befehle zu +geben. Es mangelte. Er hatte es im Palaste vergessen oder +absichtlich zurückgelassen, um der Messe als ein Friedfertiger +beizuwohnen. "Deines, Trotzkopf!" gebot er, und Wulfrin hob sich sein +Hifthorn über das Haupt. Karl betrachtete es eine Weile. "Es ist von +einem Elk", sagte er, hob es an den Mund und stieß darein. Da gab das +Horn einen so gewaltigen und grauenhaften Ton, daß nicht nur die +Höflinge aus allen Ecken und Enden des Kapitols hervorstürzten, +sondern auch, was sich ringsum von römischem Volke gehäuft hatte, +erstaunt und erschreckt die Köpfe reckte, als nahe ein plötzliches +Gericht. Karl aber stand wie ein Cherub. + +Im Gedränge des Aufbruchs machte sich der Bischofsneffe noch einmal an +den Höfling. "Auf Wiedersehen in Malmort: du gehorchst?" + +"Nein", antwortete Wulfrin. + + + + +Zweites Kapitel + + +Innerhalb der dicken Mauern eines wie aus dem Felsen gewachsenen +rätischen Kastells sprudelte ein Quell in klösterlicher Stille. Durch +die Zacken bemooster Ahorne rauschte der Abendwind mächtig über den +Hof weg, und schon rückte das Spätrot hinauf an dem klotzigen Gemäuer. +Am Brunnen aber stand ein junges Mädchen und ließ den heftigen Strahl +in einen Becher springen, aus dessen von Alter geschwärztem Silber er +schäumend empor und ihr über die bloßen Arme spritzte. + +"Berg und Wetter sind gut", murmelte sie. "Mir brannten die Sohlen +von früh an, ihm entgegen zu rennen. Kommt er heute noch? oder erst +morgen? oder übermorgen zum allerspätesten! Graciosus verschwor sich, +der Bruder ziehe mit dem Kaiser--nein, er reite ihm weit voraus! Und +der Kaiser ist nahe, was flüchteten sonst die Lombarden Hals über +Kopf? Bum!" machte sie und ahmte den dumpfen Schlag einer Laue nach, +dem bald ein zweiter und noch der dritte folgte, denn im Gebirge, das +in Gestalt einer breiten blanken Firn über die Firste blickte, hatte +es heute in einem fort gerieselt und geschmolzen. + +"Die ihr auf weißen Stürzen in den Abgrund schlittet, seid ihm hold, +bärtige Zwerge! Verberget ihm nicht den Pfad, verschüttet ihm nicht +die Hufen des Rosses! Sprudle, Flut! Spül aus den Hauch des Todes! +Lust und Leben trinke der Bruder!" und sie streckte den schlanken Arm. +Dann hob sie den gebadeten Becher in die Höhe der Augen und +buchstabierte den Elbenspruch, welchen sie sich deutlicher in das Herz +schrieb, als er mit erblindeten Lettern in das Silber gegraben stand. +Der Spruch aber lautete folgendermaßen: + +"Gesegnet seiest du! +Leg ab das Schwert und ruh! +Genieße Heim und Rast +Als Herr und nicht als Gast! +Den Wulfenbecher hier +Dreimal kredenz ich dir! +Erfreue dich am Wein! +Willkomm..." + + +Hier schloß entweder der zaubertüchtige Spruch oder dann kam noch +etwas gänzlich Unleserliches, wenn es nicht zufällige Male der +Verwitterung waren. + +Eigentlich wußte sie ihn schon lange auswendig. Sie sagte ihn +vorwärts, das ging, rückwärts, das ging auch. Dann sah sie ihn darauf +an--zum wievielten Male!--, ob er ihr mundgerecht sei und von der +Schwester dem Bruder sich sagen lasse, denn Graciosus hatte es erraten: +sie liebkoste den Wunsch, mit dem Wulfenbecher dazustehen und ihn +Wulfrin zu kredenzen. Ob es die Mutter erlaube? Diese machte sich +mit dem Becher nichts zu schaffen, sie ließ ihn, wo er langeher seinen +Platz hatte. Der Spruch gefiel dem Mädchen, und es malte sich die +Ankunft. + +"Das Horn klingt! Oder wäre es möglich, daß er mich still beschliche? +mit heimlichen Schritten? Aber nein, er will ja nichts von mir +wissen--wenn Graciosus nicht seinen Scherz mit mir getrieben hat. Das +Horn dröhnt! Ich ergreife den Becher, fliege der Mutter voran--oder +noch lieber, sie ist verritten, und ich bin Herrin im Hause--jetzt +naht er! jetzt kommt er!" Ihr Herz pochte. Sie begann zu zittern und +zu zagen. "Er ist da! er ist hinter mir!" Sie wendete sich zögernd +erst, dann plötzlich gegen das Burgtor. In der niedern Wölbung +desselben stand kein junger Held, aber lauernd drückte sich dort ein +armseliger Pickelhering. + +Das Mädchen brach in ein enttäuschtes Gelächter aus und trat beherzt +der Fratze entgegen. Es war ein Lombarde, das erriet sie aus den +ziegelroten Nesteln seiner schmutzig-gelben Strümpfe. In die +schreiendsten Farben gekleidet, wie sie Armut und Zufall +zusammenwürfeln, trug der Kleine einen langausgedrehten pechschwarzen +Spitzbart, der mit den gezackten Brauen und dem verzerrten Gesichte +eine possierliche Maske schuf. + +"Wer bist du, und was willst du?" fragte das Mädchen. + +"Nur nicht gerufen, kleine Herrin oder vielmehr große Herrin, denn, +bei meiner katholischen Seele! du hast die Mutter dreimal handbreit +überwachsen. Wo ist sie?" Er schaute sich ängstlich um. Sein Blick +fiel auf etwas Graues. In der Mitte des Hofes und im Schatten der +Ahorne stand ein breiter Steinsarg, auf dessen Platte ein gewappneter +Mann neben einem Weibe lag, das die Hände über der Brust faltete. "Ei, +da hält ja unsere liebe Frau neben ihrem Alten stille Andacht", +spaßte der Lombarde, "und trübt kein Wässerchen, während sie zugleich +in ihrer grünen Kraft bergauf bergab reitet und hängen und köpfen läßt." +Er blickte bedenklich zu dem prächtig gebildeten leuchterförmigen +Ast eines Ahorns empor. "Hier würde ich ungerne prangen", sagte er. +"In Kürze: ich bin Rachis der Goldschmied und habe ein Geschäftchen mir +dir. Liebst du deinen Bruder, junge Herrin?" + +Diese plötzliche Frage setzte das Mädchen kaum in Erstaunen, das sich +heute und gestern mit nichts anderem als nur mit diesem selben +Gegenstande beschäftigt hatte. "Wie mein Leben", sagte sie. + +"Das ist schön von dir, aber wenig fehlt, so liebst du einen Toten. +Wulfrin der Höfling ist in unsere Gewalt geraten." + +"Er lebt?" schrie das Mädchen angstvoll. + +"Zur Not. Herzog Witigis zielt auf sein Herz--aber wird uns die +Richterin nicht überraschen?" + +"Nein, nein, sie ist nach Chur verritten. Rede! schnell!" + +"Nun, ich habe ein feines Ohr und weiß auch ein Loch in der Mauer, +denn ich bin hier nicht unbekannter als der Marder im Hühnerhof. Also: +dein Bruder ist in einen Hinterhalt gefallen. Er schlug um sich wie +ein Rasender, und unser Sechse wichen vor ihm, die einen verwundet, +die andern, um es nicht zu werden. Doch sein Pferd rollte in den +Abgrund, und er selbst verirrte sich auf eine leere Felsplatte, wo wir +ein Treiben auf ihn anstellten und ihm hinterrücks ein langes Jagdnetz +über den Kopf warfen. Denn der Herzog wollte ihn lebendig fangen, um +ihn über die Wege des Franken, unsers Verderbers, auszufragen. Der +Trotzkopf aber verschwieg alles, auch den eigenen Namen. Da legte der +Herzog den Pfeil auf den Bogen und"--Rachis tat einen grausamen Pfiff. + +"Du lügst! er lebt!" rief das Mädchen mutig. + +"Vorläufig. Der Herzog drückte nicht ab, denn--jetzt wird die +Geschichte lustig--das junge Weib eines der Unsrigen, eine +freigegebene Eigene der Richterin, wenig älter als du"-- + +"Mein Gespiel Brunetta, das Kind Faustinens"-- + +"Gerade diese sprang dazwischen. 'Bei der durchlöcherten Seite +Gottes', heulte sie, 'der arme Herr trägt das Wulfenhorn und ist kein +anderer als der Sohn des Comes, der im Steinbild auf Malmort liegt. +Seine leibliche Schwester, Herrin Palma, hat mir von ihm erzählt, von +klein an und in einem fort ohne Aufhören. Du darfst nicht sterben', +wendete sie sich an den Gebundenen, 'das wäre ihr ein großes Leid und +tötete ihr das Herzchen. Denn wisse, du bist ihr Herzkäfer, +wenngleich sie dich noch nie mit Augen gesehen hat. Sende hin, und +sie löst dich mit ihrem ganzen Geschmeide. Es sind köstliche Sachen. +All ihr Kleinod hat die Richterin dem Kinde, sobald es seinen Wuchs +hatte, gespendet und dahingegeben.'" + +"So erfuhr Herzog Witigis den Namen seines Gefangenen und die blonde +Rosmunde, die er um sich hat, das Dasein eines herrlichen Schatzes. +Sie umhalste den Herzog und erflehte sich das Geschmeide von Malmort. +Ihr Stirnband habe seine Perlen und ihr elfenbeinerner Kamm die Hälfte +seiner Zähne verloren. Kurz, Goldschmied Rachis wurde an dich +geschickt und bietet dir den Tausch. Wähle: Schmuck oder Bruder!" + +Ehe noch der Lombarde geendigt hatte, stürzte das Mädchen gegen die +Burg, die steile Treppe hinauf, verschwand in der Pforte und kam +atemlos wieder, Schimmerndes und Klingendes in dem zur Schürze +gefaßten hellen Oberkleide tragend. Dieses hielt sie mit der Linken, +während die Rechte Stück um Stück wie aus einem Horte emporhob und den +gekrümmten Fingern des Goldschmieds überantwortete. Spangen, +Stirnbänder, Gürtel, Perlschnüre verschwanden in dem Sacke, welchen +Rachis geöffnet hatte, auch für die blonden Flechten Rosmundens ein +kunstvoller Kamm von Elfenbein mit dem Heiland und den Aposteln in +erhabener Arbeit. Jedes durch seine Hände wandernde Stück begleitete +der Goldschmied mit dem Lobe des Kenners, nicht ohne ein bißchen +Bosheit, die dem begeisterten Mädchen seine Verluste fühlbar machen +wollte. Sie zuckte nicht einmal mit dem Mund, sie leuchtete vor +Freude bei der Hingabe alles ihres Besitzes. + +Da kam ihr denn doch ein Zweifel. "Du bist redlich?" sagte sie. "Du +schickst mir den Bruder? Es ist besser, ich begleite dich!" und sie +machte sich wegfertig. + +"Unmöglich, Herrin", widersprach der Lombarde, "das geht nicht! Du +entdecktest unsere Schlupfwinkel und gefährdetest mit dem Leben des +Bruders auch das deinige. Die Richterin aber würde dich von uns +geraubt glauben. Sei nicht unklug, und gib dich nicht in fremde +Gewalt!" Er belud sich mit dem Sacke. "Ein Schlummerchen, Fräulein! +und wenn du die Augen wieder öffnest, hast du den Bruder, der dich +Gold und Gut kostet. Das schwöre ich dir!" Er senkte die drei Finger +mit einem grimmigen Blicke gegen den Erdboden. "Bei dem da unten!" +gelobte er. + +"Ein glaubhafter Schwur!" sprach eine weibliche Stimme. Rachis +wendete sich erschrocken und bog das Knie vor einer behelmten Frau mit +strengen Zügen, die den Speer, den sie in der Hand getragen, einem +bewaffneten Knechte reichte. Die Richterin mochte aus Schonung für +ihr ermüdetes Tier den steilen Burgweg zu Fuß erklommen haben. Sie +faßte Palma schützend am Arm und blickte geringschätzig auf den +Lombarden. "Schwürest du bei Gott und seinen Heiligen", sagte sie, +"so schwürest du falsch; eher schwörst du die Wahrheit bei dem Vater +der Lügen. Habet ihr euch nicht bei allem Göttlichen verpflichtet, +ihr Lombarden, nie mehr in Rätien zu rauben und zu brennen? Und jetzt, +da ihr, wie alles Böse, vor den Augen des Kaisers flüchtet, +schleudert ihr rechts und links verheerende Flammen! Ich komme von +Chur und weiß um eure Taten, Eidbrüchige! Sage du deinem Witigis, die +Richterin würde ihm nachjagen und ihn züchtigen, wenn nicht ein +Höherer käme, und er ist schon da, dessen Hand ihn erreicht, flöhe er +an die Enden der Erde!" Jetzt fielen ihre Augen auf den Sack des +Goldschmieds. "Was trägst du da weg, Dieb?" fragte sie verächtlich. + +"Ein ehrlicher Handel", beteuerte dieser und öffnete den Sack, während +das Mädchen die Mutter stürmisch umarmte. "Ich kaufe den Bruder!" +rief sie. "Er ist in die Gewalt des Witigis geraten, der auf ihn +zielt, bis ich der Frau Herzogin"--das unschuldige Kind erhob die +blonde Rosmunde in den Ehestand--"meinen Schmuck gegeben habe, und wie +gerne gebe ich ihn!" + +Die Richterin machte sich von ihr los und fragte Rachis: "Ist das +wahr?" + +"Bei meinem Halse, Herrin!" + +"Ich würde dir nicht glauben, wüßte ich nicht, daß der Höfling Wulfrin +dem Kaiser voranreitet, und hätte ich nicht selbst eben jetzt in Chur +gehört, daß die Lombarden einen Höfling gefangen haben. Dennoch kann +es eine Lüge sein, denn es ist kaum glaublich, daß ein Tischgenosse +Karls dem Feinde seinen Namen nennt und zu einem Mädchen um Lösung +sendet." + +"Nein, nein, Mutter, so war es nicht!" rief Palma und erzählte den +Vorgang. + +"Ein eitles Weib, dem ein Leben feil ist für einen Schmuck, das hat +mehr Sinn", meinte die Richterin. Sie schien zu überlegen. Dann warf +sie einen Blick auf das Geschmeide. "Ich will den Höfling mit +Byzantinern lösen", sagte sie. + +"Das steht nicht in meinem Auftrag und würde der Rosmunde schlecht +gefallen." + +"Dann tue ich es nicht." + +"Auch gut", grinste Rachis. "So lässest du eben den Wulfrin umkommen. +Du magst deine Gründe haben. Ganz wie du willst." + +"Das willst du nicht, Mutter!" jammerte Palma und stürzte auf die Knie. + +"Nein, das will ich nicht", sprach die Richterin mit nachdenklichen +Brauen. "Warum auch? Nimm das Zeug!" und Rachis war weg. + +Das jubelnde Mädchen fiel der Mutter um den Hals und bedeckte den +strengen Mund mit dankbaren Küssen. Dann raubte sie ihr den +kriegerischen Helm so ungestüm, daß die Flechten des schwarzen Haares +sich lösten und niederrollend dem entschlossenen Haupte der Richterin +einen jugendlichen und leidenden Ausdruck gaben. Die nicht enden +wollende Freude Palmas ermüdete endlich die Richterin. "Geh schlafen, +Kind", sagte sie, "es dunkelt." + +"Schlafen? Wer könnte das, bis Wulfrin ruft?" + +"So wirf dich, wie du bist, auf das Polster. Was gilt's, ich finde +dich schlummern? Zu Bette, Hühnchen! husch! husch!" und sie klatschte +in die Hände. + +Palma flog die Stiege hinauf, und die Richterin wendete sich zu Rudio, +ihrem Kastellan, der schon eine Weile ruhig harrend vor ihr stand. +"Was meldest du?" fragte sie. + +"Eine Albernheit, Herrin. Ich sah die Tür zu unserm Kerker +sperrangelweit offen. Freilich hatte ich sie nicht verriegelt, da +gerade niemand sitzt. Ich steige hinab, und auf dem Stroh liegt ein +Geschöpf, das ich in der letzten Helle mir nur mühsam enträtsle. Es +war die Faustine, welche, wie du dich erinnerst, mit deiner Erlaubnis +ihr Kind, die Brunetta, einem Lombarden, einem leidlichen Manne, den +du auf mein Fürwort unter deinem Gesinde duldetest, zum Weibe gegeben +hat. Jetzt, da das fremde Volk wandert, hat auch ihr Kind sein Bündel +geschnürt, und das muß sie irre gemacht haben. Sie hat sich eine Hand +in den Kettenring gezwängt und ist übrigens guten Mutes. 'Meister +Rudio', redete sie zu mir, 'wetze dein Beil am Schleifstein und tue +mir morgen nicht weher, als recht ist.' Ich schelte sie und will ihr +den Arm aus der Fessel ziehen. 'Welche Posse!' sage ich, 'du bist ja +die ehrliche Armut am Rocken und im Rübenfeld, die ihr Kind +rechtschaffen großgezogen hat. Hier ist nicht dein Ort. Mit +deinesgleichen habe ich nichts zu tun.' Sie sperrte sich und sagte: +'Das weißt du nicht, Rudio. Geh und rufe die Richterin. Die wird das +Garn schon abwickeln und mir armem Weibe geben, was mir gehört.' +Sollte ich die Törin zerren? Du steigst wohl hinab und bringst sie +zurecht." + +Die Richterin hieß Rudio eine Fackel anbrennen und ihr vorschreiten. +In dem tiefen Gelasse saß ein gefesseltes Weib, das der Kastellan +beleuchtete. Auf einen Wink der Herrin steckte er den brennenden Span +in den Eisenring und ließ die Frauen allein. + +Stemma beugte sich über die freiwillig Eingekerkerte und befühlte ihr +als geschickte Ärztin den Puls der freien Hand, welchen aber kein +Fieber beschleunigte. "Faustine", sagte sie, "was ficht dich an? Was +ist über dich gekommen? Dich verwirrt der Schmerz, daß du dich von +deinem Kinde trennen mußtest. Willst du ihr folgen? Noch ist es Zeit. +Ich gebe dich frei. Du bist nicht länger meine Eigene. Der Kaiser +wird den Lombarden feste Sitze weisen, und du behältst deine Brunetta." + +Faustine schüttelte das Haupt. "Das fehlte noch", sagte sie, "daß ich +mich an die Sohlen der Brunetta heftete und auch ihr zum Fluche würde! +Richterin Stemma, nimm mir das ab!" Sie wies auf ihren Kopf. "Du +weißt ja wohl und langeher, daß ich meinen Mann ermordete." + +Mit ruhigem Blicke prüfte Stemma das grellbeleuchtete knochige Gesicht +der gleichaltrigen Räterin. Dann ließ sie sich auf eine Treppenstufe +nieder, und Faustine kroch zu ihren Knien, ohne diese zu berühren. +Ihre Augen waren gesund. "Herrin", sagte sie, "du weißt alles, und +wenn du mich ein Jahrzehnt und länger gnädig verschont und meine +Missetat bedeckt hast, so war es, weil du nicht wolltest, daß die +Brunetta, der unschuldige Wurm, zuschanden komme. Ich durfte sie +aufziehen, und diese Gunst hast du mir erwiesen, weil ich dein Gespiel +gewesen bin. Jetzt aber, da die Brunetta einem Manne folgt, ist kein +Grund, länger zu trödeln und zu tändeln. Laß uns die Sache ins reine +bringen. Gib mir mein Urteil!" + +Die Richterin erkannte aus der ganzen Gebärde Faustinens, daß diese +bei Sinnen sei, und sosehr sie das schlimme Geständnis überraschte, so +wenig gab sie den furchtbaren Ruf ihrer Allwissenheit preis. "Lege +Bekenntnis ab", sagte sie streng. "Das ist der Anfang der Reue." Und +Faustine begann: "Kurz ist die Geschichte. Der Schütze Stenio umwarb +mich"-- + +"Den der Eber, welchen er gefehlt hatte, schleifte und zerriß"-- + +"Jener. Hernach gab mich der Judex seinem Reisigen Lupulus zur Ehe. +Ich bequemte mich und doch"--sie hielt inne, um das reine Ohr Stemmas +nicht zu beleidigen. Die Richterin half ihr und sagte ernst und +traurig: "Und doch warest du das Weib des Toten." + +Faustine nickte. "Dann, vor dem Altar, plötzlich, zu meinem +Entsetzen"-- + +"Fühltest du, daß du dem Toten gehörtest, du und ein Ungebornes", half +ihr die Richterin. + +Wieder nickte Faustine. "Das ist alles, Herrin", sagte sie. "Lupulus, +jähzornig wie er war, hätte mich umgebracht. Das Ungeborne aber +verhielt mir den Mund und flüsterte mir Feindseliges gegen den Mann zu." + +"Genug", schloß Stemma. "Nur eines noch: woher hattest du das Gift?" + +"Siehst du, Herrin", rief das Weib, daß du weißt, wie ich ihn tötete! +Das Gift hat mir Peregrin gezeigt." + +"Peregrin?" fragte die Richterin mit verhüllter Stimme. "Das ist +nicht möglich", sagte sie. + +"Er zeigte es mir und warnte mich davor. Ich irrte verzweifelnd unter +den Kiefern von Silvretta. Da sehe ich ihn in seinem langen, dunkeln +Gewande, der sich bückt und Wurzeln gräbt. Blumen nickten mit braunen +Glocken. Er ruft mich herbei, und, eine dieser Blumen in der Hand, +sagt er zu mir: 'Frau, hüte dich und die Kinder vor diesem Gewächs! +Sein Saft tötet, außer in den Händen des Arztes.' Er meinte es gut mit +seinem warnenden Blick unter dem braunen Gelocke hervor und hauchte +mir doch einen grimmig bösen Gedanken an. Keine Schuld komme auf +seine Seele! Doch ich rede töricht. Er ist ja längst ein Engel +Gottes, seit er nach der großen Ebene wandernd im Gebirge unterging, +wie sie sagen, und das war nicht lange nach jener Stunde. Du +erinnerst dich noch, der Judex dein Vater, dem er die Wunde heilte, +hatte ihn abgelohnt, was dir unlieb war, da er dich als ein weiser +Kleriker noch vieles hätte lehren können." + +"Schwatze nicht", gebot die Richterin, "und endige dein Bekenntnis. +Am folgenden Tage bist du aus deiner Hütte nach Silvretta gegangen und +hast die Wurzeln gegraben?" + +"Ja. Du rittest vorüber, und ich duckte mich, damit du mich nicht +erkennen möchtest, aber du wendetest dich zweimal im Sattel. Und nun +sei barmherzig, Herrin, und gib mir mein Teil." Sie ließ den Kopf auf +die Brust fallen, so daß ihr der üppige schwarze Haarwuchs über das +Gesicht sank. + +Stemma sann, auf Faustinen niederblickend, und zog ihr mit zerstreuten +Fingern einen langen Strohhalm aus dem Haar. "Faustine, mein Gespiel", +sagte sie endlich, "ich kann dich nicht richten." + +Die ganze Faustine geriet in Aufruhr. "Warum nicht?" schrie sie +empört, "du mußt es, oder ich schreie, daß alle Mauern tönen: Sie hat +ihren Mann umgebracht!" + +Stemma verhielt ihr den Mund. "Laß das Totengebein!" schalt sie, als +drohe sie einem den verscharrten Knochen hervorkratzenden Hunde. + +"Sei barmherzig!" flehte Faustine, "laß mir das Haupt abschlagen, +nachdem es Gott gekostet und sein Kreuz geküßt hat. Dann wächst es +mir im Himmel wieder an und, Stenio rechts, Lupulus links, sitzen wir +auf einer Bank und geben uns die Hände. Danach verlangt mich", und +sie streckte den Hals. + +"Ich kann dich nicht richten, Törin", sagte Stemma sanfter. "Aus drei +Gründen nicht. Merk auf!" + +Als du deine Tat begingest, lebte und regierte noch der Judex mein +Vater. Nach seinem Ende und dem des Comes, da ich das Richtschwert +erbte, habe ich laut verkündigt: 'Ab ist alles Geschehene! Von nun an +sündige keiner mehr!' Aber auch wenn ich dieses nicht hätte ausrufen +lassen, könnte ich dennoch dich nicht richten, und du gingest frei aus, +denn seit deiner Tat sind fünfzehn völlige Jahre in das Land gegangen, +und hier ist uralter Brauch, daß Schuld verjährt in fünfzehn Jahren." + +"Verjährt? was ist das?" fragte Faustine verblüfft. + +"Durch die Wirkung der Zeit ihre Kraft verliert." + +Ein höhnisches Lachen lief blitzend über die weißen Zähne der Räterin. +"Also zum Beispiel", sagte sie, "wenn ich gestern noch meinen Mann +vergiftet hatte und über Nacht wird die Zeit völlig, so bin ich heute +keine Mörderin mehr. Diese Dummheit!" + +"Doch, du bleibst eine Mörderin", belehrte sie Stemma langmütig, "aber +du hast mit dem irdischen Richter nichts mehr zu schaffen, sondern nur +noch mit dem himmlischen. Sühne durch gute Werke! Du hast den Anfang +gemacht: fünfzehn mühselige und rechtschaffene Jahre wiegen." + +"Nichts wiegen sie!" zürnte Faustine. "Ich sehe schon, du willst +meiner schonen! Du heißest die Richterin, aber du bist die Ungerechte, +du machst Ausnahmen, du siehst die Person an!" + +"Schweige!" befahl die Richterin. "Ich bin denn doch klüger als du, +und ich sage dir: deine Sache ist nicht mehr richtbar. Noch aus einem +letzten Grunde. Ich kann dich nicht verdammen, auch wenn ich dir den +Gefallen tun wollte, denn es steht kein Zeuge gegen dich als deine +törichte Zunge. Aber weißt du was: gehe nach Chur und beichte dem +Bischof. Er ist der Hirte, und du bist das Schäflein. Er mag dir die +härteste Buße auflegen: Fasten, schwere Dienste, härenes Hemde, +blutige Geißelungen. Fordere sie, ist er dir zu milde! Dann aber gib +dich zufrieden! Unterwirf dich ganz der Kirche: sie vertritt dich, +und du hast eine sichere Sache!" Sie sagte das mit einem überzeugenden +Lächeln. + +"Ich weiß nicht", schluchzte Faustine, "Gott sei davor, daß eine +Missetäterin wie ich seiner heiligen Kirche nicht gehorche. Aber +anders wäre es einfacher gewesen. Geplagt habe ich mich schon und im +Schweiße meines Angesichtes zerarbeitet fünfzehn Jahre lang mit dem +Trost und Vorsatz, sobald mein Kind in sein Alter und an den Mann +gekommen, stracks in den Himmel zu fahren. Jetzt verrückst du mir die +kurze Leiter und vertrittst mir den Weg." + +"Der nach Chur ist kurz, und der an unser Ende ist nicht lang. +Gehorche, Faustine!" Sie ergriff die Fackel und schritt die Stufen +vorauf. Faustine folgte wie eine Seele in Pein. + +Unter dem Burgtor, das sich wie von selbst öffnete, denn der Wärtel +hatte die wandernde Helle wahrgenommen, blickte die Richterin in die +Nacht hinaus und sagte zu Faustinen: "Lege die Schuhe ab und laß die +scharfen Kiesel deine Sohlen zerreißen, denn du bist eine große +Sünderin!" Weinend trat Faustine ihren dunkeln Weg an. + + + +Frau Stemma hatte recht gesagt. Da sie die hochgelegene Burgkammer +betrat, schlief Palma. Neben ihren tiefen Atemzügen glomm auf einem +Dreifuß eine hütende Flamme. Das Mädchen lag in ihrem ganzen Gewande +auf dem Polster, die Hand über das Herz gelegt. Sie hatte das freudig +pochende beruhigen wollen und war daran entschlummert. Die Mutter +betrachtete die Gebärde und konnte sich der Erinnerung nicht erwehren. + +Nach dem Tode des Vaters und des Gatten und nach der Geburt Palmas +hatte die noch nicht zwanzigjährige Richterin die Regierung ihres +Erbes mit entschlossener Hand ergriffen. Die dem jungen und schönen +Weibe unter einem verwilderten, begehrlichen Adel von selbst +entstehenden Freier und Feinde hatte sie mit einer über ihre Jahre +scharfsinnigen Politik veruneint und der Reihe nach mit den Waffen +ihrer Lehensleute gebändigt. Helm und Schwert und die gerechte Sache +der mutigen Richterin wurden von dem friedseligen Bischof Felix in +seinem festen Hofe Chur mit weit ausgestreckten Händen gesegnet. Nach +einigen stürmischen Jahren war Stemmas Herrschaft befestigt, und es +trat eine große Stille ein. Jetzt rächte sich die überhetzte Natur, +und Stemma verlor den Schlummer. Wenn sie nicht selbst ihn +verscheuchte mit brennenden Leuchtern und endlosen Schritten. Nicht +weit von dem Lager ihres Kindes, auf einer schmalen Bank in der tiefen +Fensterwölbung saß sie damals oft mit verschlungenen Armen, oder dann +konnte sie lange, lange mit zwei Fläschchen spielen, welche sie in der +Mauer verwahrte und die der arzneikundige junge Kleriker Peregrin auf +Malmort zurückgelassen hatte, da er von dannen zog, um spurlos im +Gebirge zu verschwinden. Beide waren von starkem Kristall und hatten +über den gläsernen Zapfen goldene Deckel, auf deren einem das Wort +"Antidoton" mit griechischen Lettern eingekritzt war, während auf dem +andern ein winziges Schlänglein sich krümmte. Mit diesen Fläschchen +zu spielen, bis der Tag anbrach, wurde Stemma zu einem Bedürfnis. Da +geschah es einmal, daß sie darüber einnickte und, als das Frühlicht +sie weckte, das eine Fläschchen, das unbeschriebene, aus ihrer +halbgeöffneten Hand verschwunden war. Sie geriet in entsetzliche +Angst und suchte und suchte. Endlich fand sie es in dem Händchen +ihres Kindes. Die kleine Palma mochte, vor ihr erwacht, sie auf +nackten Sohlen beschlichen, ihr das schmucke Spielzeug entwendet und +mit ihm das Lager und den Schlummer wieder gefunden haben. Das Kind +hielt den Kristall an das kleine Herz gepreßt und vorsichtig löste +Frau Stemma Fingerchen um Fingerchen. + +Jetzt holte sie, verlockt von der frühern Gewohnheit, die lange im +Verschluß gelegenen Kristalle hervor. Nachdem sie dieselben eine +Weile in den Händen gehalten und mit den Fläschchen, sie unablässig +wechselnd, nach ihrer alten Weise gespielt hatte, legte sie das eine +unter ihren mit Gemsleder beschuhten Fuß und zertrat es auf der +steinernen Fliese mit einem kräftigen Drucke zu Scherben. Die +ausströmende Flüssigkeit verbreitete einen angenehmen Mandelgeruch. +Im Begriffe, den zweiten Kristall unter die Sohle zu legen, besah sie +noch seinen goldenen Deckel und erkannte, daß sie sich zwischen den +Fläschchen geirrt hatte. Sie glaubte das inschriftlose zuerst +zermalmt zu haben und hielt es noch in der Hand. Kopfschüttelnd legte +sie das Schlänglein unter die Ferse, doch das festere Glas widerstand +hartnäckig. Sie ergriff es wieder, und schon hob sie den Arm, um es +an der Wand zu zerschmettern, da hielt sie inne, aus Furcht, mit dem +klirrenden Wurfe den Schlummer des Mädchens zu stören. Oder mit einem +andern Gedanken barg sie es sorgfältig in dem weiten Busen ihres +Gewandes. + +Frau Stemma wurden die Lider schwer, und sie ließ sich betäubt in +einen Sessel fallen. Da sah sie ein Ding hinter ihrem Stuhle +hervorkommen, das langsam dem Lager ihres schlummernden Kindes +zustrebte. Es floß wie ein dünner Nebel, durch welchen die +Gegenstände der Kammer sichtbar blieben, während das blühende Mädchen +in fester Bildung und mit kräftig atmendem Leibe dalag. Die +Erscheinung war die eines Jünglings, dem Gewande nach eines Klerikers, +mit vorhangenden Locken. Das ungewisse Wesen rutschte auf den Knien +oder watete, dem Steinboden zutrotz, in einem Flusse. Stemma +betrachtete es ohne Grauen und ließ es gewähren, bis es die Hälfte des +Weges zurückgelegt hatte. Dann sagte sie freundlich: "Du, Peregrin! +Du bist lange weggeblieben. Ich dachte, du hättest Ruhe gefunden." +Ohne den Kopf zu wenden und sich wieder um einen Ruck vorwärts +bringend, antwortete der Müde: "Ich danke dir, daß du mich leidest. +Es ist ohnehin das letzte Mal. Ich werde zunichte. Aber noch zieht +es mich zu meinem trauten Kindchen." + +"Seid ihr Toten denn nicht gestorben?" fragte die Richterin. + +"Wir sterben sachte, sachte," antwortete der Kleriker. "Wie denkst du? +Die"--er stotterte--"die Seele wird damit nicht früher fertig als der +Leib vermodert ist. Inzwischen habe ich mir diesen ärmlichen Mantel +geliehen." Der Schatten schüttelte seine Gestalt wie einen rinnenden +Regen. "Ei, was war der irdische Leib für ein heftiges und lustiges +Feuer! In diesem dünnen Röcklein friert mich, und ich lasse es gerne +fallen." + +"Hernach?" fragte Stemma. + +"Hernach? Hernach, nach der Schrift"-- + +Stemma runzelte die Stirn. "Zurück von dem Kinde!" gebot sie dem +Schatten, der Palma fast erreicht hatte. + +"Harte!" stöhnte dieser und wendete das bekümmerte Haupt. Dann aber, +von dem warmen Atem Stemmas angezogen, schleppte er sich rascher gegen +ihre Knie, auf welche er die Ellbogen stützte, ohne daß sie nur die +leiseste Berührung empfunden hätte. Dennoch belebte sich der Schatten, +die schöne Stirn wölbte sich, und ein sanftes Blau quoll in dem +gehobenen Auge. + +"Woher kommst du, Peregrin?" sagte die Richterin. + +"Vom trägen Schilf und von der unbewegten Flut. Wir kauern am Ufer. +Denke dir, Liebchen, neben welchem Nachbar ich zeither sitze, neben +dem"--er suchte. + +"Neben dem Comes Wulf?" fragte die Richterin neugierig. + +"Gerade. Kein kurzweiliger Gesell. Er lehnt an seinen Spieß und +brummt etwas, immer dasselbe, und kann nicht darüber wegkommen. Ob du +ihm ein Leid antatest oder nicht. Ich bin mäuschenstille"--Peregrin +kicherte, tat dann aber einen schweren Seufzer. Darauf schnüffelte er, +als rieche er den verschütteten Saft, und suchte mit starrem Blicke +unter Stemmas Gewand, wo das andere Fläschchen lag, so daß diese +schnell den Busen mit der Hand bedeckte. + +Da fühlte sie eine unbändige Lust, das kraftlose Wesen zu ihren Füßen +zu überwältigen. "Peregrin", sagte sie, "du machst dir etwas vor, du +hast dir etwas zusammengefabelt. Palma geht dich nichts an, du hast +keinen Teil an ihr." + +Der Kleriker lächelte. + +"Du bildest dir etwas Närrisches ein", spottete die Richterin. + +"Stemma, ich lasse mir mein Kindchen nicht ausreden." + +"Torheit! Wie wäre solches möglich? Was weißt du, Traum?" + +"Ich weiß"--der flüchtig Beseelte schien eine Süßigkeit zu empfinden, +in sein kurzes und grausames Los zurückzukehren--"wie mich dein Vater +überfiel, da ich von meinem Lehrer dem Abte weg über das Gebirge zog. +Der Judex litt an einer Wunde und hatte von meiner Wissenschaft +vernommen. Da hob er mich auf und brachte mich dir mit. Du warest +noch sehr jung und o wie schön! mit grausamen schwarzen Augen! Dabei +herzlich unwissend. Ich lehrte dich Buchstaben und Verse bilden, doch +diese da mochtest du nicht. Lieber regiertest du in den Dörfern, +schiedest Händel und machtest die Ärztin bei deinen Eigenen. Ich +zeigte dir die Kräfte der Kräuter, lehrte dich allerlei brauen, und du +brachtest mir aus dem Schmuckkästchen zwei Kristalle"-- + +Die Richterin lauschte. + +"Stemma, du bist noch jung, und auch ich bin jung geblieben, wenig +älter, als da wir uns liebten", schluchzte Peregrin zärtlich. + +"Wir liebten uns", sagte Stemma. + +"Du lagest in meinen Armen!" + +"Wo dich der Judex überraschte und erwürgte", sprach sie hart. +Peregrin ächzte, und Flecken wurden an seinem Halse sichtbar. "Er lud +mich auf ein Maultier, zog mit mir davon und warf mich in den Abgrund." + +"Peregrin, ich habe geweint! Aber besinne dich: dein ist die Schuld! +Bin ich nicht dreimal vor dich getreten, mein Bündel in der Hand? +Habe ich dich nicht drohend beschworen, mit mir zu fliehen? Wer +wollte Fuß neben Fuß in Armut und Elend wandern? Du aber erblaßtest +und erbleichtest, denn du hast ein feiges Herz. Ich liebte dich, und, +bei meinem Leben!--warest du ein Mann--Vater, Heimat, alles hätte ich +niedergetreten und wäre dein eigen geworden." + +"Du wurdest es", flüsterte der Schatten. + +"Niemals!" sagte Stemma. "Sieh mich an: gleiche ich einer Sünderin? +Blicke ich wie eine Leidenschaftliche und Leichtfertige? Bin ich +nicht die Zucht und die Tugend? Und so war ich immer. Du hast mich +nicht berührt, kaum daß du mir mit furchtsamen Küssen den Mund +streiftest. Wo hättest du auch den Mut hergenommen?" + +Da geriet der Schatten in Unruhe. "O ihr Gewalttätigen beide, der +Vater und du! Er hat mich geraubt und erwürgt, du, Stemma, locktest +mit dem Blutstropfen! Gib den Finger, da sitzt das Närbchen!" + +Stemma hob die Achseln. "Es war einmal", höhnte sie. + +Da wiegte Peregrinus, der sich gleich wieder besänftigte, die Locken +und sang mit gedämpfter Stimme: + +"Es war einmal, es war einmal +Ein Fürst mit seinem Kinde, +Es war einmal ein junger Pfaff +In ihrem Burggesinde." + +Am Mahle saßen alle drei, +Da riefen den Herrn die Leute: +"Herr Judex, auf! Zu Roß! Zu Roß! +Im Tal zieht eine Beute!" + +Er gürtet sich das breite Schwert +Und wirft mit einem Gelächter +Den Hausdolch zwischen Maid und Pfaff +Als einen scharfen Wächter. + +Den Judex hat das schnelle Roß +Im Sturm davongetragen, +Zweie halten still und bang +Die Augen niedergeschlagen. + +Stemma hebt das Fingerlein, +Sie tut es ihm zuleide, +Und fährt damit wohl auf und ab +Über die blanke Schneide. + +"Ein Tröpflein warmen Blutes quoll"-- + + +"Stille, Schwächling!" zürnte die Richterin. "Das hast du dir in +deinem Schlupfwinkel zusammengeträumt. Solche Schmach kennt die Sonne +nicht! Stemma ist makellos! Und auch der Comes, er komme nur! ihm +will ich Rede stehen!" + +"Stemma, Stemma!" flehte Peregrin. + +"Hinweg, du Nichts!" Sie entzog sich ihm mit einer starken Gebärde, +und seine Züge begannen zu schwimmen. + +"Mein Weib, mein"--"Leben" wollte er sagen, doch das Wort war dem +Ohnmächtigen entschwunden. "Hilf, Stemma", hauchte er, "Wie heißt es, +das Atmende, Blühende? Hilf!" Die Richterin preßte die Lippen, und +Peregrinus zerfloß. + +Erwacht stand sie vor dem Lager ihres Kindes. Sie küßte ihm die +geschlossenen Augen. "Bleibet unwissend!" murmelte sie. Dann glitt +sie neben Palma auf das breite Lager und schlang den Arm um das +Mädchen, wie um eine erkämpfte Beute: "Du bist mein Eigentum! Ich +teile dich nicht mit dem verschollenen Knaben! Dich siedle ich an im +Licht und umschleiche dich wie eine hütende Löwin!" Der Traum hatte +ihr Peregrin gezeigt nicht anders, als sein Bild in ihr zu leben +aufgehört hatte. Längst war der Jüngling, dem sie sich aus Trotz und +Auflehnung mehr noch als aus Liebe heimlich vermählt, an ihrem +kasteiten Herzen niedergeglitten und untergegangen, und der einst aus +ihrer Fingerbeere gespritzte Blutstropfen erschien der Geläuterten als +ein lockeres und aberwitziges Märchen. Schon glaublicher deuchte ihr +der andere Bewohner der Unterwelt, und da sie sich auf dem Lager +umwendete und das Haupt in die Kissen begrub, ohne den Arm von der +Schulter ihres Kindes zu lösen, erblickte die Entschlummernde den +Comes, wie er an den Speer gelehnt verdrießlich im Schilfe saß und +etwas Feindseliges in den Bart murmelte. Ein Lächeln des Hohnes glitt +über ihr verdunkeltes Gesicht, denn Stemma kannte die Hilflosigkeit +der Abgeschiedenen. + +Im ersten Lichte weckte die zwei Schlafenden ein jäher Hornstoß und +riß sie vom Lager empor. Der gewaltsame Tagruf beleidigte das feine +Ohr der Richterin. Sie erriet, wen er meldete, und mit schnellem +Entschluß und festem Schritte ging sie Wulfrin entgegen. Noch vor ihr, +den rasch ergriffenen Wulfenbecher in der Hand, war Palma durch die +Tür gehuscht. + +In das von Rudio geöffnete Tor tretend, stand Stemma vor dem Höfling, +der sie mit verwunderten Augen betrachtete. Das Antlitz gebot ihm +Ehrfurcht. Er verschluckte ein unziemliches Scherzwort über sein +durch vier Weiber gerettetes Leben. Bewältigt von dem ruhig prüfenden +Blicke und der Hoheit der blassen Züge sagte er nur: "Hier hast du +mich, Frau", worauf sie erwiderte: "Es hat Mühe gekostet, dich nach +Malmort zu bringen." + +"Wo ist die Schwester, daß ich sie küsse?" fuhr er fort, und diese, +die inzwischen den Becher gefüllt hatte, eilte ihm mit klopfendem +Herzen und leuchtenden Augen zu, obwohl sie vorsichtig schritt und den +Wein nicht verschütten durfte. Sie trat vor den Bruder und begann den +Spruch. Da aber Stemma den Kelch, der dem Comes den Tod gebracht, in +den Händen ihres Kindes erblickte und den frischen Mund über seinem +Rand, empfand sie einen Ekel und einen tiefen Abscheu. Mit sicherm +Griffe bemächtigte sie sich des Bechers, den das überraschte Mädchen +ohne Kampf und Widerstand fahren ließ, führte ihn kredenzend an den +eigenen Mund und bot ihn dem Höfling mit den einfachen Worten: "Dir +und dieser zum Segen!" Wulfrin leerte den Becher ohne jegliche Furcht. + +Palma stand bestürzt und beschämt. Da hieß die Mutter sie die Glocke +ziehen, die hoch oben in einem offenen Türmchen hing und das Gesinde +weither zum Angelus rief. Palma hatte als Kind Freude gehabt, das +leichtbewegliche Glöcklein erschallen zu lassen, und das Amt war dem +Mädchen geblieben. Sie fügte sich zögernd. + +"Frau, warum hast du ihr die Freude verdorben?" fragte Wulfrin. +Stemma wies ihm die Inschrift des Bechers. "Siehe, es ist der Spruch +eines Eheweibes", sagte sie. "Davon lese ich nichts", meinte er. + +"Erfreue dich am Wein! +Willkomm...!" + + +Der Finger der Richterin zeigte das Verwischte, aus welchem für ein +genauer prüfendes Auge noch drei Buchstaben leserlich hervortraten, +ein i, ein K, ein l. Wulfrin erriet ohne Mühe: + +"Willkomm im Kämmerlein!" + + +"Du hast recht, Frau", lachte er. + +Sie nahm ihn an der Hand und führte ihn vor das Grabmal. Da lag ihm +der Vater, die Linke am Schwert, die Rechte am Hifthorn, die +steinernen Füße ausgestreckt. Wulfrin betrachtete die rohen aber +treuherzigen Züge nicht ohne kindliches Gefühl. Das abgebildete +Hifthorn erblickend, hob er in einer plötzlichen Anwandlung das +wirkliche, das er an der Seite trug, vor den Mund und tat einen +kräftigen Stoß. "Fröhliche Urständ!" rief er dem in der Gruft zu. + +"Laß das!" verbot die Richterin, "es tönt häßlich." + +Sie setzte sich auf den Rand des Steinsarges, neben ihr eigenes +liegendes Bild, das die betenden Hände gegeneinander hielt, und begann: +"Da du nun auf Malmort bist, verlässest du es nicht, Wulfrin, ohne +mich--nach vernommenen Zeugen--angeklagt oder freigegeben zu haben von +dem Tode des Mannes hier." Der Höfling machte eine widerwillige +Gebärde. "Füge dich", sagte sie. "Ist es dir keine Sache, so ist es +eine Form, die du mir erfüllen mußt, denn ich bin eine genaue Frau." + +"Gnadenreich wird dir ausgerichtet haben", versetzte der Höfling +aufgebracht, "daß ich dich nie beargwöhnte, weder ich noch Arbogast, +der mir das Zusammensinken des Vaters beschrieben hat. Ich bin kein +Zweifler und möchte nicht leben als ein solcher. Es gibt deren, die +in jedem Zufall einen Plan, und in jedem Unfall eine Schuld wittern, +doch das sind Betrogene oder selbst Betrüger. Der Himmel behüte mich +vor beiden! Hätte ich aber Verdacht geschöpft und Feindseliges gegen +dich gesonnen, jetzt, da ich dein Antlitz sehe, stünde ich entwaffnet, +denn wahrlich du blickst nicht wie eine Mörderin. Wärest du eine Böse, +woher nähmest du das Recht und die Stirn, das Böse aufzudecken und zu +richten? Dawider empört sich die Natur!" + +Ein Schweigen trat ein. "Aber was ist das für ein dumpfes Dröhnen, +das den Boden schüttert?" + +"Das ist der Strom", sagte die Richterin, "der den Felsen benagt und +unter der Burg zu Tale stürzt." + +"Wahr ist es, Frau", fuhr der Höfling treuherzig fort, "daß ich dich +nie leiden mochte, und ich sage dir warum. Dieser Greis hier, mein +Vater, war ein roher und gewaltsamer Mann. Ich sage es ungern: er hat +an meinem Mütterlein mißgetan, ich glaube, er schlug es. Ich mag +nicht daran denken. Ins Kloster hat er es gesperrt, sobald es +abwelkte. Da ist es nicht zu wundern, wie wir Menschen sind, daß ich +von dir nichts wissen wollte, die es von seinem Platze verstieß." + +"Nicht ich. Hier tust du mir unrecht. Da wir so zusammensitzen, +Wulfrin, warum soll ich es dir nicht erzählen? Ich habe deiner Mutter +nichts zuleide getan. Kälter und lebloser als diese steinerne war +meine Hand, da sie gewaltsam in die deines Vaters gedrückt wurde. Aus +dem Kerker hergeschleppt, zugeschleudert wurde ich ihm von dem Judex, +der mir einen zitternden und zagenden Liebling von niederer Geburt +erwürgt hatte. Nicht jedes Weib würde dir solches anvertrauen, +Wulfrin." + +"Ich glaube dir", sagte dieser. + +"Einer Gezwungenen und Entwürdigten", betonte sie, "gab dein Vater +sterbend die Freiheit. Und ich wurde Herrin von Malmort. Du hast +Grund, Wulfrin, dir die Sache zu besehen. Sie ist dunkel und schwer. +Betrachte sie von allen Seiten! Denn, du räumst mir ein, vernichtete +ich deinen Vater, so bin ich oder du bist zuviel auf der Erde." + +"Verhöhnst du mich?" fuhr er auf, "doch nein, du blickst ernst und +traurig. Siehe, Frau, das ewige Verhören und Richten hat dich quälend +und peinlich gemacht und wahrhaftig, ich glaube"--seine Augen deuteten +auf den Stein--"auch eine Frömmlerin bist du." Er hatte rings um das +Frauenhaupt die Worte gelesen: "Orate pro magna peccatrice." "Das hier +ist großgetan." + +"Ich bin eine kirchliche Frau", antwortete Stemma, "doch wahrlich, ich +bin keine Frömmlerin, denn ich glaube nur, was ich an dem eigenen +Herzen erfahren habe. Dein Knecht, der Steinmetz Arbogast, fragte +mich in seiner einfältigen Art, was er mir um das Haupt schreiben +dürfe. In seiner schwäbischen Heimat sei bei vornehmen Frauen die +Umschrift gebräuchlich: Betet für eine Sünderin." "Schreibe mir," +sagte ich, "'Betet für die große Sünderin', denn, Wulfrin, du hast +recht gesagt, was ich tue, tue ich groß." + +"Hübsch!" rief der Höfling, aber nicht als Antwort auf diesen +Selbstruhm, sondern das Haupt in die Höhe richtend, wo Palma stand und +das helltönige Glöcklein zog. Sie hatte sich lange auf der +Wendeltreppe gesäumt und aus den Luken nach dem ihr vorenthaltenen +Bruder zurückgeblickt. In der weiten Bogenöffnung des von den ersten +Sonnenstrahlen vergoldeten Turmes wiegte sich ein lichtes Geschöpf auf +dem klingenden Morgenhimmel. Der Höfling sah einen läutenden Engel, +wie ihn etwa in der zierlichen Initiale eines kostbaren Psalters ein +farbenkundiger Mönch abbildet. Eine Innigkeit, deren er sich schämte, +rührte und füllte sein Herz. Hatte ihn doch dieses lobpreisende Kind +vom Tode errettet. + +Inzwischen sammelte sich im Burghofe das Gesinde der Richterin, wohl +einhundert Köpfe stark, Männer und Weiber, ein finsteres, sehniges, +sonneverbranntes Geschlecht, das den Behelmten eher feindlich als +neugierig musterte. Dieser, die wieder zur Erde gestiegene Palma +darunter erblickend, machte sich Bahn, und als wollte er sich für die +flüchtige Andacht rächen, welche er zu einem Geschöpf aus irdischem +Stoffe empfunden, legte er ihr die Hand auf die Achsel, und den +blühenden Mund findend, küßte er ihn kräftig. Sie zitterte vor Freude +und wollte erwidern, doch schneller faßte die Richterin mit der Linken +ihre Hand, die Rechte Wulfrin bietend, und führte die beiden in die +Mitte ihres Volkes. + +"Bruder und Schwester", verkündigte sie und sich auf die andere Seite +wendend noch einmal: "Schwester und Bruder." + +So ungefähr hatten es sich Knechte und Mägde schon zurechtgelegt, denn +die Ähnlichkeit Wulfrins mit dem steinernen Comes war unverkennbar, +nur daß sich der Vater in dem Sohne beseelt und veredelt hatte, des +Hifthorns an der Seite Wulfrins zu geschweigen, das anschauliches +Zeugnis gab von seiner Abstammung. + +Nur das runzlige, stocktaube Mütterchen, die Sibylle, hatte nichts +vernommen und nichts begriffen. Sie trippelte kichernd um das Mädchen, +zupfte und tätschelte es, grinste zutulich und sprudelte aus dem +zahnlosen Munde: "O du mein liebes Herrgöttchen! Was für einen hat +dir da die Frau Mutter gekramt! Zum Wiederjungwerden. Von Paris ist +er verschrieben, aus den Buben, die dem Großmächtigen dienen. Krause +Haare, prächtige Ware!" + +"Halt das Maul, Drud!" schrie dem Mütterchen der Knecht Dionys ins Ohr, +"es ist der Bruder!", und sie versetzte. "Das sage ich ja, Dionys: +der Gnadenreich ist ein tröstlicher und auferbaulicher Herr, aber der +da ist ein gewaltiger, stürmender Krieger! O du glückseliges Pälmchen!", +und so unziemlich schwatzte sie noch lange, wenn man sie nicht +zurückgedrängt und ihr den frechen Mund verhalten hätte. Denn die +Morgenandacht begann, und von einer entfernteren Gruppe wurde schon +die Litanei angestimmt. Wie von selbst ordnete sich der Frühdienst, +einen Halbkreis bildend, in dessen Mitte die Richterin den +schleppenden Gesang leitete, der, dieselben Rhythmen und Sätze immer +dringender und leidenschaftlicher wiederholend, den Himmel über +Malmort anrief. + +Wulfrin, welcher, er wußte nicht wie, an das eine Ende des andächtigen +Kreises geraten war, erblickte sich gegenüber die Schwester. Alles +hatte sich niedergeworfen, er und die Richterin ausgenommen. Seine +Blicke hingen an Palma. Auf beiden Knien liegend, die Hände im Schoß +gefaltet, sang sie eifrig mit den jungen rätischen Mägden. Aber das +Freudefest, das sie in der vollen Brust mit dem endlich erlangten +Bruder, dem neuen und guten Gesellen feierte, strahlte ihr aus den +Augen und jubelte ihr auf den Lippen, daß die Litanei darüber +verstummte. Die geöffneten gaben durch die Lüfte den Kuß des Bruders +zurück. Und jetzt sich halb erhebend, streckte sie auch die Arme nach +ihm. Nur eine flüchtige Gebärde, doch so viel Glut und Jugend +ausströmend, daß Wulfrin unwillkürlich eine abwehrende Bewegung machte, +als würde ihm Gewalt angetan. "Der Wildling!" lachte er heimlich. +"Aber die wird dem wackern Gnadenreich zu schaffen machen! Ich muß +ihm noch das wilde Füllen zähmen und schulen, daß es nicht ausschlage +gegen den frommen Jüngling! Warte du nur!" + +Und um die Erziehung zu beginnen, wendete er sich, da die Richterin +das Amen sprach und Palma gegen ihn aufsprang, von ihr ab, geriet aber +an Frau Stemma, die seine Hand ergriff, ihn feierlich in die Mitte +führte und mit eherner Stimme zu reden begann: "Meine Leute! Wer von +euch, Mann oder Weib, so alt ist, daß er vor jetzt sechzehn Jahren +hier stand, während ich den Comes empfing, der davon herkam euren +erschlagenen Herrn, den Judex, zu rächen--wer so alt ist und dabei +gegenwärtig war, der bleibe! Ihr Jüngern, lasset uns, auch du, Palma!" + +Sie gehorchten. Palma zog sich schmollend in den äußersten Burgwinkel +zurück, eine halbrunde Bastei, die, ein paar Stufen tiefer als der Hof, +über dem senkrechten Abgrunde ragte, durch welchen die Bergflut in +ungeheurem Sturze zu Tale fiel. Sie setzte sich auf die breite Platte +der Brüstung, blickte, den Arm vorgestützt, in den schneeweißen Gischt +hinein, der ihr mit seinem feinen Regen die Wange kühlte, und hörte in +dem Tumulte der Tiefe nur wieder den Jubel und die Ungeduld des +eigenen Herzens. + +Im Hofe hinter ihr ging inzwischen die rechtliche Handlung ihren +Schritt, und Rede und Gegenrede folgte sich, rasch und doch gemessen, +nach dem Winke der Richterin. + +"Hier steht der Sohn des Comes. Ihr seid ihm die Wahrheit schuldig. +Saget sie. Habet ihr das Bild jener Stunde?" + +"Als wäre es heute"--"Ich sehe den Comes vom Rosse springen"--"Wir +alle"--"Dampfend und keuchend"--"Du kredenztest"--"Drei lange +Züge"--"Mit einem leerte er den Becher"--"Er sank"--"Wortlos"--"Er lag." + +"Bei eurem Anteil am Kreuze?" fragte sie. + +"So und nicht anders. Bei unserm Anteil am Kreuze!" antwortete der +vielstimmige Schwur. + +"Wulfrin, ich bitte dich, du blickst zerstreut! Wo bist du? Nimm +dich zusammen!" + +Hastig und unwillig erhob er die Hand. + +Die Richterin faßte ihn am Arm. "Kein Leichtsinn!" warnte sie. "Frage, +untersuche, prüfe, ehe du mich freigibst! Du begehst eine ernste, +eine wichtige Tat!" + +Wulfrin machte sich von ihr los. "Ich gebe die Richterin frei von dem +Tode des Comes und will verdammt sein, wenn ich je daran rühre!" +schwur er zornig. + +Der Burghof begann sich zu leeren. Wulfrin starrte vor sich hin und +vernahm, so überzeugt er von der Unschuld der Richterin war und so +erleichtert, mit einer häßlichen Sache fertig zu sein--dennoch vernahm +er aus seinem Innern einen Vorwurf, als hätte er den Vater durch seine +Unmut und seine Hast preisgegeben und beleidigt. So stand er +regungslos, während die Richterin langsam auf ihn zutrat, sich an +seiner Brust emporrichtete und ihm Kette und Hifthorn leicht über das +Haupt hob. "Als Pfand meiner Freigebung und unsers Friedens", sagte +sie freundlich. "Ich kann seinen Ton nicht leiden." Und sie schritt +durch den Hof die Stufen hinunter und hinaus auf die Bastei und +schleuderte das Hifthorn mit ausgestreckter Rechten in die donnernde +Tiefe. + +Jetzt kam Wulfrin zur Besinnung und eilte ihr nach, das väterliche +Erbe zurückzufordern. Er kam zu spät. In den betäubenden Abgrund +blickend, der das Horn verschlungen hatte, hörte er unten einen +feindlichen Triumph wie Tuben und Rossegewieher. Sein Ohr hatte sich +in den Ebenen der lauten Rede entwöhnt, welche die Bergströme führen. +Als er wieder aufschaute, war die Richterin verschwunden. Nur Palma +stand neben ihm, die ihn umhalste und herzlich auf den Mund küßte. + +"Laß mich!" schrie er und stieß sie von sich. + + + + +Drittes Kapitel + + +An einem Fenster von Malmort, durch welches der Talgrund mit seinen +Türmen und Weilern als duftige Ferne hereinschimmerte, stand die +Richterin mit Wulfrin und zeigte ihm die Größe ihres Besitzes. "Das +beherrsche ich", sagte sie, "und Palma nach mir. Dich aber, Wulfrin, +habe ich schon ehevor dazu ausersehen--wie es auch deine brüderliche +Pflicht ist--, der Schwester, wenn ich stürbe, dieses weite Erbe zu +sichern." + +"Planvoll, aber ferneliegend", sagte er. + +"Fern oder nahe. Du bist ihr natürlicher Beschützer. Ich kann mein +Kind keinem Mächtigen dieses Landes vermählen, denn sie sind ein +zuchtloses und sich selbst zerstörendes Geschlecht. Ich bände sie an +den Schweif eines gepeitschten Rosses! Ringsherum keine Burg, an der +nicht Mord klebte! Soll mir mein Kind in einem Hauszwist oder in +einer Blutrache untergehen? Ja, fände ich für sie einen Guten und +Starken wie du bist, dann wäre ich ruhig und könnte dich freigeben, du +hättest weiter keine Pflicht an ihr zu erfüllen. Ich weiß ihr keinen +Gatten als allein Gnadenreich, und der besitzt das Land, nach der +Verheißung, als ein Sanftmütiger, kann es aber gegen die Gewalttätigen +nicht behaupten, deren Zahl hier Legion ist. Erst seine Söhne werden +kraft meines Blutes Männer sein. Bis diese kommen und wachsen, wirst +du schon deine gepanzerte Hand über Gnadenreich und Palma halten und +die Herrschaft führen müssen. Denn ewig reitest du nicht mit dem +Kaiser. Vielleicht auch, wer weiß, erhebt er dich zum Grafen über +diesen Gau, oder dann erhältst du von mir eine Burg, jene"--sie wies +auf einen Turm am Horizonte--"oder eine andere, nach deinem Gefallen. +Oder du hausest hier auf meinem eigenen festen Malmort." Sie legte ihm +vertrauend die Hand auf die Schulter. + +"Aber, Frau", sagte er, "du lebst!", und sie erwiderte: "Solang ich +lebe, herrsche ich." + +"Dann hat es keine Eile", antwortete er. "Daß der Schwester nichts +geschehen darf, versteht sich und gelobe ich dir. Doch jetzt muß ich +reiten, heute! in einer Stunde!" + +"Zum Kaiser? Du hast ihm bereits meinen ortserfahrenen Rudio +geschickt mit der sichern Kundschaft, daß die Lombarden sich am Mons +Maurus befestigen und dort noch ein blutiger Sturm wird gegen sie +geführt werden müssen. Herr Karl sitzt in Mediolanum, wie wir wissen. +So braucht es dir nicht zu eilen." + +"Ich lag schon zu lange hier, mich verlangt in den Bügel", sagte der +Höfling, und die Richterin erwiderte nachgiebig: "Dann schenkst du mir +noch diesen Tag. Ich sähe es gerne, wenn du Palma verlobtest. Warum +Gnadenreich sich hier nicht blicken läßt? Er hält sich wohl in seinem +Pratum eingeschlossen, der Lombarden halber, vorsichtig wie er ist, +obschon, wie ich glaube, diese hier verstoben sind. Weißt du was? +Geh und bring ihn. Oder wüßtest du deiner Schwester einen bessern +Mann?" + +"Nein, Frau, wenn sie ihn mag! Doch was habe ich dabei zu raten und +zu tun? Das ist deine Sache und die des Pfaffen, der sie zusammengibt. +Ich will den Rappen satteln gehen, den du mir geschenkt hast." + +Sie blickte ihn mit besorgten Augen an. "Was ist dir, Wulfrin? Du +siehst bleich! Ist dir nicht wohl hier? Und mit Palma gehst du um +wie mit einer Puppe, du stößest sie weg, und dann hätschelst du sie +wieder. Du verdirbst mir das Mädchen. Wo hast du solche Sitte +gelernt?" + +"Sie ist aufdringlich", sagte er. "Ich liebe freie Ellbogen und kann +es nicht leiden, daß man sich an mich hängt. Sie läuft mir nach, und +wenn ich sie schicke, weint sie. Dann muß ich sie wieder trösten. Es +ist unerträglich! Ich habe die Gewohnheit breiter Ebenen und großer +Räume--auf diesem Felsstück ist alles zusammengeschoben. Das Gebirge +drückt, der Hof beengt, der Strom schüttert--an jeder Ecke, auf jeder +Treppe dieselben Gesichter! Verwünschtes Malmort! Hier hältst du +mich nicht. Hier lasse ich mich nicht einmauern. Mache dir keine +Rechnung, Frau." + +"Du tust mir wehe", sagte sie. + +Die harte Rede reute ihn. "Frau, laß mich ziehen!" bat er. "Und daß +du dich zufrieden gebest, hole ich dir heute noch den Gnadenreich, und +wir verloben die Schwester. Wo haust er?" + +"Ich danke dir, Wulfrin. Graciosus wohnt nicht ferne von hier, in +Pratum." Sie deutete nach einer zerrissenen Schlucht, über welcher +eine grüne Alp hoch emporstieg. "Ich gebe dir einen Führer. Den +Knaben hier." Sie zeigte in den Hof hinunter, wo ein Hirtenbube sich +damit beschäftigte, eine Sense zu wetzen. Palma stand neben ihm und +plauderte. + +"Gabriel", rief ihn die Richterin, "du führst deinen Herrn Wulfrin +nach Pratum." + +"Den Höfling? Mit Freuden!" jauchzte der Bube. + +"Er träumt davon", erklärte die Richterin, "hinter dem Kaiser zu +reiten. Besieh dir ihn." + +"Darf ich mit?" fragte Palma und hob das Haupt. + +"Nein", sagte die Richterin. + +"Bruder!" bat sie und streckte die Hände. + +"Schon wieder! Zum Teufel!" fluchte er. Ihre Augen füllten sich mit +Tränen. "So komm, Närrchen!" + +Da die dreie barhaupt und reisefertig in dem feuchten Tore standen, +während ringsum die Sonne brannte, sagte die geleitende Richterin zu +Wulfrin: "Ich anvertraue dir Palma: hüte sie!" + +"Halleluja! Voran, Engel Gabriel!" jubelte das Mädchen. + +Unten am Burgweg sagte der Hirtenbube: "Herr, es gibt zwei Wege nach +Pratum. Der eine steigt durch die Schlucht, der andere über die Alp." +Er wies mit der Hand. "Wenn es dir und der jungen Herrin beliebt, so +nehmen wir diesen. Oben schaut es sich weit und lustig, und es könnte +trübe werden gegen Abend. Es ist ein Gewitterchen in der Luft." + +"Ja, über die Alp, Wulfrin!" rief Palma. "Ich will dir dort meinen +See zeigen", und leichtgeschürzt schlug sie sich über eine lichte +Matte, die bald zu steigen begann und immer steiler wurde. + +Leicht wie auf Flügeln, mit frei atmender Brust ging das Mädchen +bergan und blieb unter der sengenden Sonne frisch und kühl wie eine +springende Quelle. Der Berg hatte an dem Kinde seine Freude. +Glänzende Falter umgaukelten ihr das Haupt, und der Wind spielte mit +ihrem Blondhaar. + +Wulfrin schaute um nach Malmort, das grau schimmernd kaum aus der +Morgenlandschaft hervortrat. "Wie geschah mir", fragte er sich, "in +jenem Gemäuer dort? Wie konnte mich dieses unschuldige Geschöpf +beängstigen, dieses fröhliche Gespiel, diese behende Gems mit hellen +Augen und flüchtigen Füßen?" Ihm wurde wohl, und er mochte es gerne, +daß der Knabe zu plaudern begann. + +Gabriel erzählte von den Lombarden, welche er als Späher der Richterin +beschlichen hatte. Sie seien überall und nirgends. Sie nisten in den +Pässen, belauern die Boten und plündern die Säumer. Sie berauschen +sich in dem geraubten heißen Weine von drüben, prahlen mit besiegten +Waffen, fabeln von der Herstellung der eisernen Krone und leugnen oder +lästern den Weltlauf. Sie beten den Teufel an, der das Regiment führe, +"und doch", endigte der Knabe, "sind sie gläubige Christen, denn sie +stehlen aus unsern Kirchen alles heilige Gebein zusammen, soviel sie +davon erwischen können. Es ist Zeit, daß der Herr Kaiser zum Rechten +sehe und ihnen feste Bezirke und einen Richter gebe." + +Da nun Gabriel bei dem Kaiser angelangt war, dessen erneuerte Würde +ihren Schimmer bis in dieses wilde Gebirge warf, begeisterten sich +seine Augen und er rief: "Diesem und keinem andern will ich dienen! +Ich heiße Gabriel und schlage gerne mit Fäusten, lieber hieße ich +Michael und hiebe mit dem Schwerte! Recht muß dabei sein, und der +Kaiser hat immer Recht, denn er ist eins mit Gott Vater, Sohn und +Geist. Er hat die Weltregierung übernommen und hütet, ein blitzendes +Schwert in der Faust, den christlichen Frieden und das tausendjährige +Reich." + +Nun mußte ihm Wulfrin den Kaiser beschreiben, die Spangen seiner Krone, +den blauen, langen Mantel, das tiefsinnige Antlitz, das +kurzgeschorene Haupt, den hangenden Schnurrbart, "den wir Höflinge ihm +nachahmen", sagte er lachend. + +"Wie blickt der Kaiser?" fragte Palma, und Wulfrin antwortete ohne +Besinnen: "Milde." + +Die Kinder lauschten andächtig und bestaunten den Mann, der mit dem +Herrn der Welt Umgang pflog; sobald aber die Höhe erreicht war, wo +sich der Rasen breitete, war es mit der Andacht vorbei. Gabriel +jauchzte gegen eine ernsthafte Felswand, die den Knabenjubel gütig +spielend erwiderte, und Palma lief, den Höfling an der Hand, einem +gründunkelklaren Gewässer entgegen, das die Wand mit ihrem +Riesenschatten noch immer vor der schon hohen Sonne verbarg. Sie +umwandelten das mit Felsblöcken besäte Ufer bis zu einem bemoosten +Vorsprung, der weiche Sitze bot. Hier zog sie ihn nieder, und wie sie +so lagerten, sagte sie: "Nun ist das Märchen erfüllt von dem Bruder +und der Schwester, die zusammen über Berg und Tal wandern. Alles ist +schön in Erfüllung gegangen." + +"Haust hier unten auch eine?" neckte Wulfrin den Buben. Gabriel blieb +die Antwort schuldig, denn er mochte sich vor dem Höfling nicht +bloßstellen. + +"Dumme Geschichten", lachte dieser, "es gibt keine Elben." + +"Nein", sagte Gabriel bedenklich und kratzte sich das Ohr, "es gibt +keine, nur darf man sie nicht mit wüsten Worten rufen oder gar ihnen +Steine ins Wasser schmeißen. Aber, Herr, wo hast du dein Hifthorn? +Du trugest es an der Seite, da du nach Malmort kamst." + +"Es ist in den Strom gestürzt", fertigte ihn der Höfling ab. + +"Das ist nicht gut", meinte der Knabe. + +"Heho, Gabriel!" rief es aus der Ferne, und ein anderer Hirtenbube +wurde sichtbar. "Ein Fohlen hat sich nach Alp Grun verlaufen, +kohlschwarz mit einem weißen Blatt auf der Stirn. Ich wette, es +gehört nach Malmort." + +Gabriel sprang mit einem Satz in die Höhe. "Heilige Mutter Gottes", +rief er, "das ist unsere Magra, der muß ich nach! Lieber Herr, +entlasse mich. Du wirst dich schon zurechtfinden. Ein Mensch ist +vernünftiger als ein Vieh. Dort", er deutete rechts, "Siehst du dort +den roten Grat? Den suche, dahinter ist Pratum. Auch weiß die kleine +Herrin Bescheid." Und weg war er, ohne sich um Antwort zu kümmern. + +"Palma", lachte Wulfrin, "wenn da unten eine Elbin leuchtete?" + +"Mich würde es nicht wundern", sagte sie. "Oft, wenn ich hier liege, +erhebe ich mich, steige sachte ans Ufer nieder und versuche das Wasser +mit der Zehe. Und dann ist mir, als löse ich mich von mir selbst, und +ich schwimme und plätschere in der Flut. Aber siehe!" + +Sie deutete auf ein majestätisches Schneegebirge, das ihnen gegenüber +sich entwölkte. Seine verklärten Linien hoben sich auf dem lautern +Himmel rein und zierlich, doch ohne Schärfe, als wollten sie ihn nicht +ritzen und verwunden, und waren beides, Ernst und Reiz, Kraft und +Lieblichkeit, als hätten sie sich gebildet, ehe die Schöpfung in Mann +und Weib, in Jugend und Alter auseinanderging. + +"Jetzt prangt und jubelt der Schneeberg", sagte Palma, "aber nachts, +wenn es mondhell ist, zieht er bläulich Gewand an und redet heimlich +und sehnlich. Da ich mich jüngst hier verspätete, machte sich der +süße Schein mit mir zu schaffen, lockte mir Tränen und zog mir das +Herz aus dem Leibe. Aber siehe!" wiederholte sie. + +Eine Wolke schwebte über den weißen Gipfeln, ohne sie zu berühren, ein +himmlisches Fest mit langsam sich wandelnden Gestalten. Hier hob sich +ein Arm mit einem Becher, dort neigten Freunde oder Liebende sich +einander zu, und leise klang eine luftige Harfe. Palma legte den +Finger an den Mund. "Still", flüsterte sie, "das sind Selige!" +Schweigend betrachtete das Paar die hohe Fahrt, aber die von irdischen +Blicken belauschte himmlische Freude löste sich auf und zerfloß. +"Bleibet! oder gehet nur!" rief Palma mit jubelnder Gebärde, "Wir sind +selige wie ihr! Nicht wahr, Bruder?", und sie blickte mit trunkenen +Augen bis in den Grund der seinigen. + +Es kam die schwüle Mittagsstunde mit ihrem bestrickenden Zauber. +Palma umfing den Bruder in Liebe und Unschuld. Sie schmeichelte +seinem Gelocke wie die Luft und küßte ihn traumhaft wie der See zu +ihren Füßen das Gestade. Wulfrin aber ging unter in der Natur und +wurde eins mit dem Leben der Erde. Seine Brust schwoll. Sein Herz +klopfte zum Zerspringen. Feuer loderte vor seinen Augen... + +Da rief eine kindliche Stimme: "Sieh doch, Wulfrin, wie sie sich in +der Tiefe umarmen!" + +Sein Blick glitt hinunter in die schattendunkle Flut, die Felsen und +Ufer und das Geschwisterpaar verdoppelte. "Wer sind die zweie?" rief +er. + +"Wir, Bruder", sagte Palma schüchtern, und Wulfrin erschrak, daß er +die Schwester in den Armen hielt. Von einem Schauder geschüttelt +sprang er empor, und ohne sich nach Palma umzusehen, die ihm auf dem +Fuße folgte, eilte er in die Sonne und dem nahen Grate zu, wo jetzt +eine Figur mit einem breiten Hut und einem langen Stabe Wache zu +halten schien. + +"Grüß Gott! grüß Gott!" bewillkommte Gnadenreich die Geschwister, ohne +einen Schritt vom Platze zu tun. Er streckte ihnen nur die Hände +entgegen. "Ich habe es dem Ohm feierlich geloben müssen", erklärte er, +"solange die Lombardengefahr dauert, die Grenze meiner Weiden hütend +zu umwandeln, aber nicht zu überschreiten, denn Pratum ist ein Lehen +des Bistums, und die Kirche hält Frieden. Sei willkommen, Wulfrin, +und Palma nicht minder!" Seine Blicke liefen rasch zwischen dem +Höfling und dem Mädchen: beide schienen ihm befangen. Er wurde es +auch, denn er glaubte die Ursache ihres Weges zu wissen, und da sie +schwiegen, begann er ein großes Geplauder. + +"Sie haben dem guten Ohm böse mitgespielt", erzählte er. "Wir saßen +zu dreien in der Stube beim Nachtische, denn die Richterin war nach +Chur gekommen, um den Bischof gegen die Lombarden in die Waffen zu +treiben, was er ihr als ein Kind des Friedens verweigern mußte. Frau +Stemma und der Ohm stritten sich bei den Nüssen, wie sie zuweilen tun, +über die Güte der Menschennatur. Nun hatten sich kürzlich zwei arge +Geschichten ereignet. Jucunda, die junge Frau des Montafuners, welche +Bischof Felix gefirmelt hatte"-- + +"Mit mir. Sie war sein Liebling", rief Palma, die wieder dicht neben +dem Höfling schritt. + +"Still!" sagte dieser ungebärdig, und das Mädchen lief nach einer +Blume.--"wurde von ihrem Manne mit einem Edelknecht ertappt und durch +das Burgfenster geworfen. Wenige Tage später schlug der Schamser +mitten im Stiftshofe dem Bergüner nach kurzem Wortwechsel den Schädel +ein, und doch hatten sie eben auf die priesterliche Zusprache des Ohms +sich geküßt und miteinander den Leib des Herrn empfangen. Solches +hielt ihm Frau Stemma vor, doch der Ohm erwiderte: 'Das sind Wallungen +und augenblickliche Verfinsterungen der Vernunft, aber die Natur ist +gut und wird durch die Gnade noch besser.' Der Ohm ist ein bißchen +Pelagianer, hi, hi!" + +"Pelagianer?" fragte der Höfling zerstreut, denn sein Blick rief Palma, +die ihm gleich wieder zusprang; "ist das nicht eine Gattung +griechischer Krieger?" + +"Nicht doch, Wulfrin, es ist eine Gattung Ketzer. Also: Frau Stemma +und der Ohm stritten über das Böse. Da sieht der Bischof, der +kurzsichtig ist, auf Felicitas--diesen Namen hat er der nahen Höhe +gegeben, wo ihm ein Sommerhaus steht--eine Flamme. Wir feiern den +Abzug der Lombarden", lächelte er. Frau Stemma blickt hin und bemerkt +in ihrer ruhigen Weise: 'Ich meine, sie sind es selber', und richtig +tanzten sie auf dem Hügel wie Dämonen um den Brand. + +Da lärmt es auf dem Platz. Ein Bösewicht fällt mit der Türe ins Haus +und redet: 'Bischof, tue nach dem Evangelium und gib mir den Rock, +nachdem du seine Taschen mit Byzantinern gefüllt hast, denn deine +Mäntel haben wir in der Sakristei drüben schon gestohlen!' Der Ohm +erstarrt. Jetzt tritt der Lombarde auf Stemma zu, welche im +Halbdunkel saß, 'Die Frau da', höhnt er, 'hat einen Heiligenschein um +das Haupt, her mit dem Stirnband!' Da erhebt sich Frau Stemma und +durchbohrt den Menschen mit ihren fürchterlichen Augen: 'Unterstehe +dich!' 'Ja so', sagt er, 'die Richterin!' und biegt das Knie. Da der +arme Ohm endlich aufatmete, nach erbrochenen Kisten und Kasten, rief +ihn der Höllenkerl wieder vom Domplatze her ans Fenster. Er ritt mit +nackten Fersen den schönsten Stiftsgaul, dem er eine purpurne +Altardecke übergelegt--sich selbst hatte er ein Meßgewand umgehangen--, +und zog dem Kirchenschimmel mit dem entwendeten Krummstab von Chur +einen solchen über den blanken Hinterbacken, daß er bolzgerade stieg +und der Stab in Trümmer flog. 'Bischof, segne mich!' schrie der +Lombarde. Der Ohm in seiner Frömmigkeit besiegte sich. 'Ziehe hin in +Frieden, mein Sohn!' sprach er und hob die Hände. + +'Dich, Bischof', jauchzte der Lombarde, 'hole der Teufel!' + +'Und dich hole er gleichfalls!' gab der Ohm zurück. "Ich hätte es +eigentlich nicht erzählen sollen", endete Gnadenreich halb reuig, "es +hat den Ohm schrecklich erbost." + +Palma hatte gelacht, auch der Höfling verzog den Mund, und Gnadenreich +wurde immer gesprächiger und zutulicher. + +"Wir haben uns eine Ewigkeit nicht gesehen, Wulfrin", sagte er. "Ich +verließ Rom bald nach dir, aber was habe ich nicht dort noch erlebt! +Welche Bekanntschaften habe ich gemacht! Ich ging dein Büchlein im +Palaste holen und traf ihn selbst, der es geschrieben. Welch ein Kopf! +Fast zu schwer für den kleinen Körper! Was da alles drinnesteckt! +Kaum ein Viertelstündchen kostete ich den berühmten Mann, aber in +dieser winzigen Spanne Zeit hat er mich für mein Lebtag in allem Guten +befestigt. Dann pochte es ganz bescheiden und leise, und wer tritt +ein?--ich bitte dich, Wulfrin!--der Kaiser. Ich verging vor Ehrfurcht. +Er aber war gnädig und ergötzte sich, denke dir! an deiner +Geschichte, Wulfrin, die er sich von mir erzählen ließ"-- + +Jetzt verstand Graciosus sein eigenes Wort nicht mehr, denn sie +gerieten zwischen die Herden und das grüne Pratum wurde voller Geblöke +und Gebrülle. Einer der magern und wolfähnlichen Berghunde +beschnoberte den Höfling, sprang dann aber liebkosend an ihm auf und +beleckte ihn, wenn Graciosus dem Tiere seine Ungezogenheit nicht +verwiesen hätte. Palma aber wurde von den Hirtenmädchen umringt und +mit Verwunderung angestarrt. Die junge Herrin von Malmort war +leutselig und frug alle nach ihren Namen und Herden. + +"Ich bin gewiß kein Plauderer", sagte Graciosus, nachdem er Raum +geschafft hatte, "aber du begreifst, wenn der Kaiser befiehlt-- +haarklein mußte ich berichten von Horn und Becher, und zumal +die erstaunliche Frau Stemma machte dem hohen Herrn zu schaffen." + +Der Höfling blickte verdrießlich. + +"Welch ein Mann!" lobpries Gnadenreich. "Der Inhalt und die Höhe des +Jahrhunderts! Wer bewundert ihn genug? Und doch, aber doch--Wulfrin, +ich habe von den Höflingen, deren Umgang ich nicht ganz meiden konnte, +etwas vernommen, das mich tief betrübt, etwas von einer gewissen +Regine... weißt du es?" + +"Das ist seine Kebsin", fuhr Wulfrin ehrlich heraus. + +"Schlimm, sehr schlimm! Ein Flecken in der Sonne! Kein vollkommenes +Beispiel! Und die Karlstöchter?" + +"Alle Wetter und Stürme", brauste Wulfrin auf, "wer hat mich zum Hüter +der Karlstöchter bestellt?" + +"Die Karlstöchter!" rief mitten aus den Herden Palma, die in der +Entfernung die schallende Rede Wulfrins verstanden hatte. "Sie heißen: +Hiltrud, Rotrud, Rothaid, Gisella, Bertha, Adaltrud und Himiltrud. +Gnadenreich hat eine Tabelle davon verfertigt." Die rätischen Mädchen +wiederholten die ihnen fremd klingenden Namen und zogen unter +jubelndem Gelächter die junge Herrin mit sich fort. + +Gnadenreich verlangsamte den Schritt. Traulich suchte er die Hand des +Höflings. "Die Ehe ist heilig", sagte er, "und das sollte der Kaiser +nicht vergessen, da er so hoch steht. Du hast erraten, Wulfrin, daß +ich außer ihr geboren bin. Deshalb habe ich eine große Meinung von +ihr und eine wahre Leidenschaft, in der meinigen ein Muster von Tugend +zu sein. Ein gutes Mädchen führe nicht schlecht mit mir. Du kennst +meine Neigung, an der ich festhalte, wenn mir auch Palma zuweilen +Sorge macht. Jetzt sind wir allein--sie scheint heute lenksam--das +könnte die Stunde sein--wenn es dein Wille wäre"-- + +"Sei nur getrost, Gnadenreich", ermutigte Wulfrin, "die Sache ist +abgemacht." + +Hätte einer der Gewalttätigen, welche auf den rätischen Felsen +nisteten, begehrlich nach Palma gegriffen, Wulfrin möchte ihm ins +Angesicht getrotzt und das Schwert aus der Scheide gerissen haben, +aber Graciosus war zu harmlos, als daß er ihm hätte zürnen können. +Und er selbst fühlte sich mit einem Male von einem dunkeln Schrecken +getrieben, die Schwester zu vermählen. + +"Abgemacht?" fragte Graciosus, "du willst sagen: zwischen dir und der +Richterin? Doch wie meinst du--ist Palma nicht am Ende zu wild und +groß für mich?" + +"Sei nicht blöde und fackle nicht länger! Willst du sie?" + +Die Schreitenden hatten eine Hügelwelle überstiegen und erblickten +jetzt diejenige wieder, von der sie redeten. Sie hatte sich +von den Hirtinnen getrennt und stand vor einem der tiefen und +schnellströmenden Bäche, welche die Hochmatten durchschneiden. Neben +ihr irrte ein blökendes Lämmchen, das die Herde verloren hatte, und am +Uferrand sitzend, löste sich eine kropfige Bettlerin blutige Lumpen +von ihrem wunden Fuße und wusch ihn mit dem frischen Wasser. Rasch +entledigte sich das Mädchen der Schuhe, stellte dieselben mit einem +mitleidigen Blick neben die Kretine, hob das Lamm in die Arme, watete +mit ihm durch die Strömung und ließ es seiner Herde nachlaufen. + +Da kam über Gnadenreich eine Erleuchtung. "Ich wage es! Ich nehme +sie!" rief er aus. "Sie ist gut und barmherzig mit jeglicher Kreatur!" + +"So gehe voraus und richte das Brautmahl! Ich werde für dich werben. +Das ist doch dein Kastell?" In einiger Entfernung stieg aus einem +Bezirke von Hürden und Ställen ein neugebauter Rundturm, über welchem +gerade der Föhn einen ungeheuerlichen Wolkendrachen emportrieb. +Gnadenreich bog seitwärts, die Brücke suchend, während der Höfling den +reißenden Bach in einem Satze übersprang. + +Wulfrin erreichte die Schwester. "Du läufst barfuß, Bräutchen?" + +"Ich bin kein Bräutchen, und was nützen mir die Schuhe, wenn ich nicht +mit dir durch die Welt laufen darf?" + +"Du bist nicht die Törin, das im Ernste zu reden, und die Frau auf +Pratum darf nicht unbeschuht gehen." + +"Gnadenreich hat nicht den Mund gegen mich geöffnet." + +"Er wirbt durch den meinigen. Nimm ihn, rat ich dir, wenn du keinen +andern liebst." + +Sie schüttelte den Kopf. "Nur dich, Wulfrin." + +"Das zählt nicht." + +Sie hob die klaren Augen zu ihm auf. "Geschieht dir damit ein so +großer Gefallen?" + +Er nickte. + +"So tue ich es dir zuliebe." + +"Du bist ein gutes Kind." Er streichelte ihr die Wange. "Ich werde +euch schützen, daß euch nichts Feindliches widerfahre, und bei eurem +ersten Buben Gevatter stehen." + +Sie errötete nicht, sondern die Augen füllten sich mit Tränen. "Nun +denn", sagte sie, "aber wir wollen langsam gehen, daß es eine Stunde +dauert, bis wir Pratum erreichen." Der Turm stand vor ihnen. Dem +Höfling aber wurde es offenbar, jetzt da er die Schwester weggab, daß +sie ihm das Liebste auf der Erde sei. + +"Hier thronen wir wie die Engel", sagte Graciosus, nachdem er seine +Gäste die Wendeltreppe empor durch die Gelasse seines Turmes und auf +die Zinne geführt hatte, wo das Mahl bereitet war. Der Tisch trug +neben den Broten eine Schüssel Milch mit dem geschnitzten Löffel und +einen Krug voll schwarzdunkeln Weines, ein bischöfliches Geschirr, +denn es war mit der Mitra und den zwei Krummstäben bezeichnet. Die +dreie saßen auf einer Bank, das Mädchen in der Mitte. Die ringsum +laufende Brüstung reichte so hoch, daß sich kaum darüber wegblicken +ließ. Nur der Himmel war sichtbar, und an diesem häuften sich +unheimliche schwefelgelbe Wolken. + +"Die Milch für mich, für dich der Wein, Wulfrin", sagte Graciosus. +"Der verreiste noch glücklich aus dem bischöflichen Keller, ehe ihn +die Lombarden leerten. Aber mit wem hält es Fräulein Palma?" + +"Mit dir", meinte der Höfling. + +Graciosus sprach das Tischgebet. "Nun gleich auch den andern Spruch, +frisch heraus, Gnadenreich!" ermunterte Wulfrin. + +Da geschah es, daß der Bischofsneffe, so redegewandt er war, sich auf +nichts besinnen konnte von alle dem Zärtlichen und Verständigen, was +er sich für diesen entscheidenden Augenblick langeher ausgesonnen +hatte. Ratlos blickte er in die warmen braunen Augen. Jetzt gedachte +er des Lämmchens und der bloßen Füße und kam in eine fromme Stimmung. +"Palma novella", bekannte er, "ich liebe dich von ganzem Herzen, von +ganzer Seele und von ganzem Gemüte." + +Das war hübsch. Das Mädchen wurde gerührt und reichte ihm die Hand. +Auch Wulfrin mißfiel diese Werbung nicht. "Nun aber wollen wir ein +bißchen lustig sein!" rief er aus. "Das bringe ich euch!" Er hob den +Krug und trank. Graciosus schöpfte einen Löffel Milch und bot ihn dem +Munde seiner Braut. Es war nicht der einzige auf Pratum, aber +Gnadenreich wollte eine sinnbildliche Handlung begehen. + +Sie öffnete schon die roten Lippen, da sagte sie: "Heute widersteht +mir die Milch. Gib du mir zu trinken, Wulfrin." Er reichte ihr den +Krug, und sie schlürfte so hastig, daß er ihr denselben wieder aus den +Händen nahm. Darauf schien sie ermüdet, denn sie ließ den Kopf auf +die Schulter und allmählich in die Arme sinken und nickte ein. Die +Föhnluft wurde zum Ersticken heiß. Wulfrin und Graciosus verstummten +ebenfalls, und dieser half sich, indem er seine Milch auslöffelte und +nach ländlicher Sitte zuletzt die Schüssel mit beiden Händen an den +Mund hob. Wulfrin betrachtete den jungen Nacken. Er enthielt sich +nicht und berührte ihn mit den Lippen. Sie erwachte. + +"Aber wir sitzen auf dem Turm wie die drei Verzauberten", sagte sie. +"Geh, Gnadenreich, hole uns das Buch, wo der Bruder abgebildet ist, +das aus dem Stifte--weißt du--, welches du bei deinem letzten Besuche +der Mutter, der ich über die Schulter blickte, gezeigt hast." +Gnadenreich willfahrte ihr, aber sichtlich ungerne. + +Palma suchte und fand das Blatt. Über dem lateinischen Texte war +mit saubern Strichen und hellen Farben abgebildet, wie ein Behelmter +den Arm abwehrend gegen ein Mädchen ausstreckt, das ihn zu verfolgen +schien. Mit dem Krieger deuchte er sich nichts gemein zu haben als +den Helm, doch je länger er das gemalte Mädchen beschaute, desto mehr +begann es mit seinen braunen Augen und goldenen Haaren Palma zu +gleichen. Um die Figur aber stand geschrieben: "Byblis." + +"Erzähle und deute, Gnadenreich", bat Palma. Graciosus blieb stumm. +"Nun, so will ich erklären. Das hier ist der Bruder auf Malmort, wie +er anfangs war und mich wegstößt." + +"Das ist nichts für dich, Palma!" wehrte Graciosus ängstlich, "laß!", +und er entzog das Buch ihren Händen. + +"Ihr seid beide langweilig!" schmollte sie. "Ich gehe lieber. Drüben +am Hange sah ich blühende Rosen in dichten Büschen stehen. Ich will +mir einen Kranz winden", und sie entsprang. + +Ein blendender Blitz fuhr über Pratum weg und dem Höfling durch die +Adern. "Warum hast du ihr das Buch weggenommen?" fragte er gereizt. + +"Weil es für Mädchen nicht taugt", rechtfertigte sich Gnadenreich. + +"Warum nicht?" + +"Die Schwester im Buche liebt den Bruder." + +"Natürlich liebt sie ihn. Was ist da zu suchen?" + +Graciosus antwortete mit einer Miene des Abscheus: "Sie liebt ihn +sündig! sie begehrt ihn." + +Wulfrin entfärbte sich und wurde totenbleich. "Schweig, Schurke!" +schrie er mit entstellten Zügen, "oder ich schleudere dich über die +Mauer!" + +"Um Gottes willen", stammelte Graciosus, "was ist dir? Bist du +verhext? Wirst du wahnsinnig?" Er war von Wulfrin und dem Buche +weggesprungen, in welches dieser mit entsetzten Blicken hineinstarrte. +"Ich beschwöre dich, Wulfrin, nimm Vernunft an und laß dir sagen: das +hat ein heidnischer Poet ersonnen, leichtfertig und lügnerisch hat er +erfunden, was nicht sein darf, was nicht sein kann, was unter Christen +und Heiden ein Greuel wäre!" + +"Und du liesest so gemeine Bücher und ergötzest dich an dem Bösen, +Schuft?" + +"Ich lese mit christlichen Augen", verteidigte sich Gnadenreich +beleidigt, "zu meiner Warnung und Bewahrung, daß ich den Versucher +kenne und nicht unversehens in die Sünde gleite!" + +Die Hände des Höflings zitterten und krampften sich über dem Blatte. + +"Bei allen Heiligen, Wulfrin, zerstöre das Buch nicht! Es ist das +teuerste des Stiftes!" + +"Ins Feuer mit ihm!" schrie der Höfling, und weil kein Herd da war als +der lodernde des offenen Himmels, riß er das Blatt in Fetzen und warf +sie hoch auf in den wirbelnden Sturm. + +Es trat eine Stille ein. Graciosus betrachtete stöhnend das +verstümmelte Buch, während Wulfrin mit verschlungenen Armen und +unheimlichen Augen brütete. So beschlich ihn die zurückkommende Palma +und setzte ihm den leichten von ihr gewundenen Kranz auf das belastete +Haupt. + +Er fuhr zusammen, da er das Geflechte spürte, zerrte es sich ab, riß +es entzwei und warf es mit einem Fluche dem vom Laufe erhitzten +Mädchen zu Füßen. + +Da flammten ihr die Augen und sie streckte sich in die Höhe: "Du +Abscheulicher! Tust du mir so?" Zornige Tränen drangen ihr hervor. +"Nun nehme ich auch den Gnadenreich nicht, dir zuleide!" + +"Palma", befahl er, "gleich kehrst du nach Hause! Über die Alp! +Wende dich nicht um! Ich gehe durch die Schlucht! Läufst du mir über +den Weg, so werfe ich dich in den Strom!" + +Sie sah ihn jammervoll an. Seine Todesblässe, das gesträubte Haar, +das unglückliche Antlitz erfüllten sie mit Angst und Mitleid. Sie +machte eine Bewegung gegen ihn, als wollte sie ihm mit beiden Händen +die pochenden Schläfen halten. "Hinweg!" rief er und riß das Schwert +aus der Scheide. + +Da wandte sie sich. Er blickte über die Brüstung und sah, wie sie in +wildem Laufe durch die Alp eilte. Auch er verließ das Kastell und +schlug, von dem nahen Tosen des Stromes geführt, den Weg gegen die +Schlucht ein, die furchtbarste in Rätien. Gnadenreich gab ihm kein +Geleit. + +Da er in den Schlund hinabstieg, wo der Strom wütete, und er im +Gestrüppe den Pfad suchte, störte sein Fuß oder der ihm vorleuchtende +Wetterstrahl häßliches Nachtgevögel auf, und eine pfeifende Fledermaus +verwirrte sich in seinem Haare. Er betrat eine Hölle. Über der +rasenden Flut drehten und krümmten sich ungeheure Gestalten, die der +flammende Himmel auseinanderriß und die sich in der Finsternis wieder +umarmten. Da war nichts mehr von den lichten Gesetzen und den schönen +Maßen der Erde. Das war eine Welt der Willkür, des Trotzes, der +Auflehnung. Gestreckte Arme schleuderten Felsstücke gegen den Himmel. +Hier wuchs ein drohendes Haupt aus der Wand, dort hing ein gewaltiger +Leib über dem Abgrund. Mitten im weißen Gischt lag ein Riese, ließ +sich den ganzen Sturz und Stoß auf die Brust prallen und brüllte vor +Wonne. Wulfrin aber schritt ohne Furcht, denn er fühlte sich wohl +unter diesen Gesetzlosen. Auch ihn ergriff die Lust der Empörung, er +glitt auf eine wilde Platte, ließ die Füße überhangen in die Tiefe, +die nach ihm rief und spritzte, und sang und jauchzte mit dem Abgrund. + +Da traf der starre Blick seines zurückgeworfenen Hauptes auf ein Weib +in einer Kutte, das am Wege sag. "Nonne, was hast du gefrevelt?" +fragte er. Sie erwiderte: "Ich bin die Faustine und habe den Mann +vergiftet. Und du, Herr, was ist deine Tat?" + +Lachend antwortete er: "Ich begehre die Schwester!" + +Da entsetzte sich die Mörderin, schlug ein Kreuz über das andere und +lief so geschwind sie konnte. Auch er erstaunte und erschrak vor dem +lauten Worte seines Geheimnisses. Es jagte ihn auf, und er floh vor +sich selbst. Schweres Rollen erschütterte den Grund, als öffne er +sich, ihn zu verschlingen. Von senkrechter Wand herab schlug ein +mächtiger Block vor ihm nieder und sprang mit einem zweiten Satz in +die aufspritzende Flut. + +Der Himmel schwieg eine Weile, und Wulfrin tappte in dunkler Nacht. +Da erhellte sich wiederum die Schlucht, und auf einer über den Abgrund +gestürzten Tanne sah er die Schwester mit nackten und sichern Füßen +gegen sich wandeln, und jetzt lag sie vor ihm und berührte seine Knie. + +"Was habe ich dir getan", weinte sie, "warum fliehst, warum +verwünschest du mich? Bruder, Bruder, was habe ich an dir gesündigt? +Ich kann es nicht finden! Siehe, ich muß dir folgen, es ist stärker +als ich! Ich lief drüben, da sah ich den Steg. Töte mich lieber! Ich +kann nicht leben, wenn du mich hassest! Tue, wie du gedroht hast!" + +Er stieß einen Schrei aus, ergriff, schleuderte sie, sah sie im +Gewitterlicht gegen den Felsen fahren, taumeln, tasten und ihre Knie +unter ihr weichen. Er neigte sich über die Zusammengesunkene. Sie +regte sich nicht, und an der Stirn klebte Blut. Da hob er sie auf +mächtigen Armen an seine Brust und schritt, ohne zu wissen wohin, das +Liebe umfangend, dem Tale zu. + +Er hatte die Klus hinter sich, da sauste es an ihm vorüber, und er +erblickte einen Knaben, der ein scheues Roß zu bändigen suchte. "He, +Gabriel", rief er ihm nach, "sage der Richterin, sie rüste den Saal +und richte das Mahl! Tausend Fackeln entzündet! Malmort strahle! +Ich halte Hochzeit mit der Schwester!" Der Sturm verschlang die +rasenden Worte. Malmort mit seinen Türmen stand schwarz auf dem noch +wetterleuchtenden Nachthimmel. + +Mit seiner Last den Burgpfad emporsteigend, sah er oben Lichter hin- +und herrennen. Dann begegnete er der geängstigten Mutter, die ihm +halben Weges entgegengeeilt war. "Wulfrin", flehte sie mit +ausgestreckten Armen, "wo hast du Palma?" "Da nimm sie", sagte er und +bot ihr die Leblose. + + + + +Viertes Kapitel + + +Da Wulfrin am folgenden Tage erwachte, lag er unter den +schwarzschattenden Büscheln einer gewaltigen Arve, während die Matten +ringsum schon in der Mittagssonne schimmerten. Er hatte eben noch, +den würzigen Waldgeruch einatmend, heiter und glücklich geträumt von +dem Wettspiel in einer römischen Arena und im Speerwurf einen +Lorbeerkranz davongetragen. Sein Blut floß ruhig, und seine Stirne +war hell. + +Nachdem er gestern Palma der Mutter in die Arme gelegt, war er ins +Dunkel zurückgewichen. Mit irren Füßen, in ruhelosem Laufe, kreuz und +quer, hatte er das Gebiet von Malmort durchjagt, bis weit über +Mitternacht hinaus, und war dann im Morgengrauen niedergestürzt und in +einen bleiernen Schlaf versunken. + +Er fand sich auf einer von leichtgeschwungenen Hügeln umgebenen Wiese, +fernab von dem Geläute der Herdglocken, in tiefer Einsamkeit. Nur ein +Specht hämmerte, und zwei Eichhörner tummelten und neckten sich in der +Mitte ihres grünen Bezirkes. Wulfrin rieb sich den Schlummer aus den +Augen und schaute umher. Da entdeckte er über dem Hügelrande die +Giebel und Turmspitzen von Malmort. Er ließ sich auf dem Hange +gleiten, und sie verschwanden. + +Allmählich schlich sich das Gestern an ihn heran, er wehrte es ab, er +mißtraute ihm, er wollte, er konnte es nicht glauben. War er nicht +der Starke und Freie, der Fröhliche und Zuversichtliche, der dem +Feinde ins Auge sah und das Irrsal mit dem Schwerte durchschnitt? Was +war denn geschehen? Eine rätselhafte Frau hatte ihn übermocht, zu +beschwören, was er nicht bezweifelte. Ein Mädchen, das sich in der +Langenweile eines Bergschlosses den vollkommensten Bruder ausgesonnen, +war ihm zugesprungen und hatte sich närrisch ihm an den Hals gehängt. +Ein tückischer Becher ungewohnten Weines oder das freche Bild einer +ausschweifenden Fabel oder der heiße Hauch des Föhnes oder was es +sonst gewesen sein mochte, hatte ihn betört und verstört. Und was er +an den Felsen geschleudert, war nicht die Schwester--wie hätte sie den +gähnenden Abgrund überschritten?--, sondern irgendein Blendwerk der +Gewitternacht. + +"Und war es die Schwester und habe ich sie zerschmettert, so bin ich +ihrer ledig", trotzte er, und zugleich ergriff ihn ein unendliches +Mitleid und die inbrünstigste Liebe zu dem jungen Leben, das er +mißhandelt und vernichtet hatte. Er sah sie mit allen ihren Gebärden, +jedes ihrer süßen und unschuldigen Worte nahm Gestalt an, er schaute +in ihre seligen Augen und in ihre wehklagenden. Jetzt fühlte er sie, +die sich weinend und schmeichelnd mit ihm vereinigte, und wußte, daß +sie noch lebte und atmete. "Meine Seele! Blut meiner Adern!" rief er +und wieder: "Palma! Palma!" + +"--Palma!" wiederholte das Echo. + +"Palma mein Weib!" Das Echo entsetzte sich und verstummte. + +Ein tödlicher Schauer durchrieselte sein Mark. Sich auf die Rechte +stützend, hob er sich halb von der Erde und langte mit der Linken nach +der blutenden Brust wie auf dem Schlachtfelde. "Es sitzt!" ächzte er. +"ich bin der Schrankenlose, der Übertreter, der Verdammte! Ich muß +sterben, damit die Schwester lebe! Doch womit habe ich den Himmel +beleidigt? wodurch habe ich die Hölle gelockt?" Rasch übersann er sein +Leben, er fand darin keinen Makel, nur läßlichen Fehl. "Nun, wen's +trifft, den trifft's! Ich habe eben das schlimme Los aus dem Helme +gezogen und verwundere mich nicht, kenne ich ja die Grausamkeiten der +Walstatt. Es geht vorüber!" Da schien ihm denn doch das Dasein ein +Gut, so leicht er es sonst wertete, jetzt da er, ob auch unter +grimmigen Schrecken, seinen tiefsten Reiz und seine geheimste +Lieblichkeit gekostet hatte. Er hob die starken Hände vor das +Angesicht und schluchzte... + +Mählich verlängerten sich die Schatten, und es wurde still über der +Wiese. Da legte sich ihm eine Hand auf die Schulter. Ohne das Haupt +zu wenden, sagte er: "Ich komme", und wollte sich erheben, denn er +wußte, es war der Tod, der zu ihm trat, um ihn an den jähesten Abgrund +zu führen. + +"Bleibe, Wulfrin!" sprach weich die Stimme der Richterin, "ich setze +mich zu dir", und Frau Stemma ließ sich neben ihn auf das Moos gleiten +in einem weiten langen Gewande, das selbst die Spitzen der Füße +verhüllte. + +"Berühre mich nicht!" schrie er und warf sich zurück. "Ich bin ein +Unseliger!" + +"Ich suchte dich lange", sagte sie. "Warum bliebest du ferne? Dir +ist bange für Palma? Die wurde nur leicht verwundet, hat aber in +tiefer Ohnmacht gelegen. Erwachend hat sie erzählt, wie euch gestern +das Gewitter in der Schlucht überraschte, wie sie glitt und die +Besinnung verlor. Auf deinen Armen hast du sie getragen." + +Wulfrin blieb stumm. + +"Oder redete sie unwahr, und du warfest sie an den Felsen, um sie zu +zerschmettern?" + +Er nickte. + +Sie schwieg eine Weile, dann hob sie die Hand und berührte wiederum +seine Schulter. "Wulfrin, du hassest deine Schwester oder--du liebst +sie!" Sie fühlte, wie der Höfling vom Wirbel zur Zehe zitterte. + +"Es ist entsetzlich", stöhnte er. + +"Es ist entsetzlich", sagte sie, "aber unerklärlich ist es nicht. Ihr +seid ferne voneinander erwachsen, wurdet eurer Angesichter und +Gestalten nicht gewöhnt, und so waret ihr euch frisch und neu, da ihr +euch fandet, wie ein fremder Mann und ein fremdes Weib. Mutig! Rufe +und rufe es deinen Gedanken und Sinnen zu. Palma und Wulfrin sind +eines Blutes! Sie werden schaudern und erkalten und nicht länger die +himmlische Flamme der Geschwisterliebe verwechseln mit dem +schöpferischen Feuer der Erde." + +Er antwortete nicht, kaum daß er ihre Worte gehört hatte, sondern +murmelte zärtlich: "Warum hast du sie Palma novella getauft? Das ist +ein gar seltsamer und schöner Name!" + +Stemma erwiderte: "Ich habe sie die junge Palme genannt, weil sie aus +dem Schutte des Grabes frisch und freudig aufsprießt, und, bei meinem +Leben! wer an dem schlanken Stamme frevelt, den richte und töte ich! +Noch ist Palma unschuldig. Deine rasende Flamme hat ihr nicht ein +Härchen der Wimper, nicht den äußersten Saum des Kleides versengt. +Unglücklicher, wie ist ein solches Leiden über dich gekommen?" + +"Wie eine Seuche, die aus dem Boden dampft! Aber mein Schutzengel +warnte mich vor Malmort. Da du mich riefest, verschloß ich das Ohr. +Ich bog ab und fiel in die Hände der Lombarden. Warum hast du den +Pfeil des Witigis gehemmt?" Er starrte vor sich nieder. Dann schrie +er verzweifelnd auf und ergriff und preßte den Arm der Richterin, die +finstern Augen fest auf das ruhige Antlitz heftend: "Bei dem Haupte +Gottes--" + +"Bei dem Haupte Palmas", sagte sie. + +"Ist sie meine Schwester?" + +"Wie sonst? Ich weiß es nicht anders. Was denkst du dir?" + +"Dann ist mein Haupt verwirkt und jeder meiner Atemzüge eine Sünde!" +Er sprang auf, während sie ihn mit nervigen Armen umschlang, so daß er +sie mit sich emporzog. + +"Wohin, Wulfrin? In eine Tiefe? Nein, du darfst diesen starken Leib +und dieses tapfere Herz nicht zerstören! Nimm dein Roß und reite! +Reite zu deinem Kaiser! Mische dich unter deine Waffenbrüder! Ein +paar Tagritte, und du bist gesundet und blickst so frei wie die andern!" + +"Das geht nicht", sagte er jammervoll. "Wir leiden nicht den +geringsten Makel in unserer Schar, und ich sollte verräterisch die +Schande unter uns verstecken?" + +"So stachle dein Roß, reite Tag und Nacht, über Berg und Fläche, +springe in ein Schiff, bringe ein Meer und ein zweites zwischen sie +und dich, und wenn dich Delphin und Nixe umgaukelt, tauchen vor dir +aus der Bläue Inseln und Vorgebirge, verwegenes Abenteuer und die +Schönheit als Beute!" + +"Was hülfe es?" sagte er. "Sie zöge mit mir, die Nixe trüge ihr +Angesicht, und ich umarmte sie in jedem Weibe! Denn ich bin mit ihr +vermählt ewiglich. Nein, ich kann nicht leben!" + +"Das ist Feigheit!" sprach sie leise. + +Der Schimpf trieb ihm wie ein Schlag das Blut ins Angesicht. Er +bäumte sich auf. "Du hast recht, Frau!" schrie er. "Ich darf nicht +als ein Feigling umkommen, du selbst sollst mich richten und +verurteilen. Am lichten Tag, unter allem Volke, will ich den Greuel +bekennen und die Sühne leisten!" So rief er in zorniger Empörung, dann +aber besänftigte sich sein Angesicht, denn er hatte die Lösung +gefunden, die ihm ziemte. + +"Unsinn!" sagte sie. "Solche verborgene Dinge bekennt man nicht dem +Tage, denn du bist ein Verbrecher nur in deinen Gedanken. Die Tat +aber und nur die Tat ist richtbar." + +"Frau, das wird sich offenbaren! Vernimm, was ich tue. Ich wandere +zu dem Kaiser und spreche zu ihm: Siehe, Wulfrin der Höfling begehrt +das eigene Blut, das Kind seines Vaters! Es ist so, er kann nicht +anders. Schaffe den Sünder aus der Welt! Und spricht der Kaiser: Die +Tat ist nicht vollbracht, so antwortet Wulfrin: Ich vollbringe sie mit +jedem Atemzuge!" + +"Auf sündiger Geschwisterliebe", drohte Frau Stemma, "steht das Feuer." + +Wulfrin lachte. + +"Und du willst vor dem ganzen Volke dastehen in deiner Blöße?" + +"Ich will dastehen", sagte er, "als der, welcher ich bin." + +"So mangelt dir der Verstand und die Kraft, das Geheimnis der Sünde zu +tragen?" + +"Das ist Weibes Art und Weibes Lust", sagte er verächtlich. + +"Und du wirst mit dem Kaiser kommen, und ich soll dich richten?" + +"Du!" + +"Das werde ich!" sagte sie und entfernte sich langsam. + +Jetzt da Wulfrin sein Schicksal entschieden und vollendet glaubte, kam +die Ruhe des Abends über ihn. Er blieb unter seiner Arve, bis die +Sonne niederging und der Tag ihr folgte. Und wie sie mit gebrochenen +Speeren sich legte und ihr Blut am Himmel verströmte, erlosch er mit +ihr und sah sich die Schwester, wie das Spätlicht, im grünen Gewande +und auf stillen Sohlen nachschreiten. Das aufgegebene Schwert reute +ihn nicht. "Sie werden drüben einen Krieger brauchen", sagte er sich +und wandelte schon unter den seligen Helden. + +Wie es Nacht war und der Mond leuchtete, ging er sachte bergab, denn +er gedachte ein Seitental zu gewinnen und seinen Kaiser zu erreichen, +ohne daß er Malmort und die Stapfen der Schwester berühre. Beide +wollte er nur am Gerichtstage wiedersehen. Er gelangte an den Strom, +der hier ohne Gewalt und Sturz Klippen und Felsen breit überflutete. +Das Mondlicht verlockte ihn, sich auf ein Felsstück zu lagern und +wunsch- und schmerzlos mit den Wellen dahinzufließen. Er wurde sich +selbst zum Traume. + +Da sah er Elb oder Elbin tauchen. Es schwamm weiß im Strome, ein +Nacken schimmerte, und jetzt hob der blanke Arm ein Hifthorn in die +Höhe, das der Mond versilberte. Er erkannte sein entwendetes Erbteil +und trat ohne Hast und Erstaunen dem freundlichen Wunder nahe. + +"Herr Wulfrin", jubelte eine Knabenstimme, "freue dich! Glück über +dir! Ich halte dein Horn!", und Gabriel, der sein Hirtenhemde wieder +umgeworfen hatte, sprang zu ihm empor. + +"Schon heute mittag", erzählte er, "sah ich es beim Fischen auf dem +Grunde. Ich kannte es gleich, doch war ich nicht allein und mußte die +Nacht erwarten. Hat es schon lange gelegen?" Er schüttelte das Horn +und ließ das Wasser sorgfältig aus der Bauchung abtropfen. "Wenn es +nur nicht verdorben ist!" Er hob es an den Mund und stieß darein, daß +die Berge widerhallten. "Hier, Herr!" sagte er. "Wahrhaftig, es hat +ihm nichts getan. Ein wackeres Schlachthorn!" + +Wulfrin ergriff es und hing es sich um. Als er sich aber einen +Goldring--irgendein Beutestück--von der Hand ziehen wollte, um den +Knaben abzulohnen, wehrte Gabriel. "Nein, Herr, lege lieber ein Wort +für mich ein, daß mich der Kaiser mitreiten läßt! Doch jetzt muß ich +heim! Ich habe noch in den Ställen zu tun. Kommst du mit? Ich weiß +Stapfen an dem Felsen empor, und wir gelangen durch ein +Hinterpförtchen noch einmal so rasch in den Hof als auf dem Burgwege." + +Und Wulfrin folgte. Die Handlichkeit und Herzlichkeit des Buben hatte +seine Sinne und Geister erwärmt. Der Wiedergewinn seines Erbes weckte +das Bild des Vaters und die kindliche Gesinnung auf. Und obwohl aus +dem Elben ein Menschenknabe geworden war, zitterte doch über dem Strom +ein Schimmer von Geisterhilfe. "Am Ende ist es der Vater", sagte er +sich, "und er wird mir beistehen, wenn er kann. Wenn er noch irgend +da ist, läßt er mich nicht elend umkommen. Ich will ihn rufen. +Vielleicht antwortet er. Es ist ein Glaube, daß der Tote aus dem +Grabmal mit seinen Kindern redet. Ich wage es! Ich blase ihn wach! +Dann frage ich nichts als: Vater, ist Palma dein Kind? Redet er nicht, +so nickt er wohl oder schüttelt das Haupt." Obschon der Höfling an +Stemma nicht zweifelte, deren Wesen über ihn Gewalt hatte, focht ihn +doch der Widerspruch zwischen dem Glauben an die Lebendige und der +Frage an den Toten wenig an. Er fühlte einfach, daß er den +Vater--wenn dieser zu erreichen sei--befragen und beraten müsse, ehe +er sich anklage und sich richten lasse. Aber seine Ruhe war weg, sein +Geist gespannt, und er hörte kein Wort von dem, was der Knabe +unterweges plauderte. + +Ebenso unruhig schritt Stemma hinter dem erhellten Fenster, das der +Emporklimmende über dem Burgfelsen aufsteigen sah. Aus der Ferne und +Tiefe war ein Ton zu ihr hergedrungen, den sie haßte und den sie +vernichtet zu haben glaubte. Während ihr Kind auf dem Lager +schlummerte, ging sie rastlos auf und nieder. Sie vergegenwärtigte +sich Wulfrin, wie er vor Kaiser und Volk eines seltenen, ja +unglaublichen Frevels sich beschuldigte, und ihr wurde bange, daß sie +und wie sie über ihn richten werde. + +War es denkbar, daß sich die Natur so verirrte? daß ein so lauterer +Mensch in eine solche Sünde verfiel? War es nicht wahrscheinlicher, +daß hier Irrtum oder Lüge Bruder und Schwester gemacht hatte? So +hätte die Richterin ohne Zweifel geforscht und untersucht, wäre sie +nicht Stemma und Palma nicht ihr Kind gewesen. Aber sie durfte nicht +untersuchen, denn sie hätte etwas Vergrabenes aufgedeckt, eine, +zerstörte Tatsache hergestellt, ein Glied wieder einsetzen müssen, das +sie selbst aus der Kette des Geschehenen gerissen hatte. + +Jetzt begann es mit einem Male vor ihr aufzutauchen, die Sünde des +Unschuldigen sei das gegen sie selbst heranschreitende Verhängnis. +"Gilt es mir? Wird ein Plan gegen mich geschmiedet? Ist eine +Verschwörung im Werke?" rief sie ins Dunkel hinein. + +Da hatte sie ein Gesicht. Sie erblickte mit den Augen des Geistes +durch die dämmernde Wand, weit in der Ferne und doch ganz nahe, ein +gewaltiges Weib von furchtbarer Schönheit. Diese saß in langen, +blauen Gewanden, eine Tafel auf das übergelegte Knie gestützt, einen +Griffel in der Hand, schreibend oder zählend, irgendeine Lösung +suchend. Nach einigem Sinnen ging ein stilles langsames Lächeln über +den strengen Mund und schien zu sagen: So ist es gut und siehe, es ist +so einfach! + +Da glaubte die Richterin eine Feindin sich gegenüber zu sehen und +trotzte ihr, Weib gegen Weib. "Das bringst du nicht heraus! Du +findest keine Zeugen!" Die Fremde aber hob die Tafel mit beiden Händen +empor über die sonnenhellen Augen und verschwand. "Du hast keine +Zeugen!" rief ihr die Richterin nach. Ihr antwortete ein +erschütternder Ruf, der aus allen Wänden, aus allen Mauern drang, als +werde die Posaune geblasen über Malmort. + +Stemma erbebte. Sie sprang an das Lager ihres Kindes, um es fest in +den Armen zu halten, wenn Malmort unterginge. Palma war nicht erwacht, +sie schlief ruhig fort. Die Richterin besann sich. Hatte der +grauenhafte Ton in Tat und Wahrheit diese Luft, diese Räume, diese +Mauern erschüttert? Müßte Palma nicht aus dem tiefsten Schlummer +aufgefahren sein? Es war unmöglich, daß der gewaltige Ruf sie nicht +geweckt hätte. Frau Stemma war nicht unerfahren in solchen +unheimlichen Dingen: sie kannte die Schrecken der Einbildung und die +Sprache der überreizten Sinne. Sie hatte es erfahren an den +Schuldigen, die sie richtete, und an sich selbst. "Das Ohr hat mir +geklungen", sagte sie, die noch am ganzen Leibe zitterte. + +Hätte sie durch Dielen und Mauern blicken können, so sah sie den +bleichen Wulfrin, der an der Gruft des Vaters kniete, ins Horn stieß, +ihn rührend beschwor, ihm herzlich zusprach, Rede zu stehen. Sie +hätte gesehen, wie Wulfrin, da der Stein schwieg, das Horn zum andern +Male an den Mund setzte und endlich verzweifelnd über die Mauer sprang. + +Wieder schütterte Malmort in seinen Tiefen, stärker noch als das +erstemal. Da war kein Zweifel mehr, es war das Wulfenhorn, das sie +mitten in Gischt und Sturz geschleudert und in unzugängliche Tiefen +hatte versinken sehen. Sie sann an dem ängstlichen Rätsel und konnte +es nicht lösen. Sie sann, bis ihr die Stirnader schwoll und das Haupt +stürmte. + +Da fiel ihr zur bösen Stunde der Comes ein, wie er murmelnd im Schilfe +sitze und mit dem schweren Kopfe unablässig daran herumarbeite, ob +Frau Stemma ihm ein Leides getan. "Er besucht sein Grabmal und stößt +in sein Horn! Er stört die Nacht! Er verwirrt Malmort! Er schreckt +das Land auf! Das leide ich nicht! Ich verbiete es ihm! Ich bringe +den Empörer zum Schweigen!" Und der Wahn gewann Macht über diese Stirn. + +Ohne sich nach Palma umzusehen, stürzte sie zornig die Wendeltreppe +hinab und betrat den Hof, wo der Comes und ihr eigenes Bild auf der +Gruft lagen. Darüber webte ein ungewisser Dämmer, da eine leichte +Wolke den Mond verschleierte. Der Comes ließ sein Horn zurückgleiten, +und die steinerne Stemma hob die Hände, als flehe sie: Hüte das +Geheimnis! + +Aufgebracht stand die Richterin vor dem Ruhestörer. "Arglistiger", +schalt sie, "was peinigst du mein Ohr und bringst mein Reich in +Aufruhr? Ich weiß, worüber du brütest, und ich will dir Rede stehen! +Keine Maid hat dir der Judex gegeben! Ich trug das Kind eines andern! +Du durftest mich nie berühren, Trunkenbold, und am siebenten Tage +begrub dich Malmort! Siehst du dieses Gift?" Sie hob das Fläschchen +aus dem Busen. "Warum ich leben blieb, die dir den Tod kredenzte? +Dummkopf, mich schützte ein Gegengift! Jetzt weißt du es! Palma +novella unter meinem Herzen hat dich umgebracht! Und jetzt quäle mich +nicht mehr!" + +So grelle und freche Worte redete die Richterin. + +Durch ihr lautes Schelten zu sich selbst gebracht, betrachtete sie +wieder den Comes, der jetzt im klarsten Mondenlichte lag. Die +furchtbare Geschichte kümmerte ihn nicht, er lag regungslos mit +gestreckten Füßen. Jetzt sah sie, daß sie zum Steine gesprochen, und +schlug eine Lache auf. "Heute bin ich eine Närrin!" sagte sie. "Ich +will zu Bette gehen." + +Sie wandte sich. Palma novella stand hinter ihr, weiß, mit +entgeisterten Augen, das Antlitz entstellt, starr vor Entsetzen. Der +zweite Hornstoß hatte sie geweckt, und sie war der Mutter auf +besorgten Zehen nachgeschlichen. + +Zwei Gespenster standen sich gegenüber. Dann packte Stemma den Arm +des Mädchens und schleppte es in die Burg zurück. Sie selbst hatte +ihrem Geheimnisse einen Mund und einen Zeugen gegeben, und dieser +Zeuge war ihr Kind. + + + + +Fünftes Kapitel + + +Seit der Höfling aus Malmort verschwunden war, lastete auf den +schweren Mauern Schweigen und Kümmernis. Das Gesinde munkelte +allerlei, und Knechte und Dirnen steckten die Köpfe zusammen. Die +junge Herrin sei krank. Es sei ihr angetan worden. Irgendein +Zauber--ob sie einer Drude begegnet oder ein giftiges Kraut +verschluckt oder aus einem schädlichen Quell getrunken--habe die +Ärmste der Vernunft beraubt. Ihr mangle der Schlummer, sie weine +unablässig und lasse sich weder trösten noch auch nur berühren. Ihr +widerstehe Speise und Trank und sie schwinde zum Gerippe. Die Laute +und Wilde sei gar still und zahm und ihr Lebensfaden zum Reißen dünn +geworden. Die bekümmerte Richterin folge ihr auf Schritt und Tritt +und dürfe sie nicht aus den Augen lassen. + +Zwei Mägde standen am Brunnen zusammen und flüsterten. Benedicta war +der jungen Herrin unversehens im Flur begegnet und wollte ihr +gebührlich die Hand küssen. Palma sei angstvoll zurückgewichen und +habe aufgeschrien: "Rühre mich nicht an!" Veronica hatte durch das +Schlüsselloch gespäht und was erblickt? etwas ganz Unglaubliches: die +stolze Frau Stemma vor ihrem Kinde niedergeworfen, ihm liebkosend die +Knie umfangend und um die Gnade flehend, daß es den Mund öffne und +einen Bissen berühre. + +Die Mägde verstummten, hoben sich die Krüge zu Haupte und drückten +sich, eine hinter der andern, während langsam die Richterin mit Palma +aus der Pforte trat und die Stufen herunterschritt. Frau Stemma +stützte das Mädchen, das, elend und zerstört, sich selbst nicht mehr +gleichsah. Palma ging mit gebeugtem Rücken und unsichern Knien. Groß, +doch ohne Strahl und Wärme, traten die Augen aus dem vermagerten +Antlitz. "Komm, Kindchen", sagte Frau Stemma, "du mußt Luft schöpfen", +und sie öffnete ein Gatter, das auf eine zirpende und summende Wiese +führte, die einen weiten leicht geneigten Vorsprung der Burghöhe +bekleidete und über die Grenzlinie der unsichtbaren Tiefe hinweg in +eine lichte Ferne verlief. + +Sie setzten sich auf eine Bank, und Frau Stemma betrachtete ihr Kind. +Da ergrimmte sie und weinte zugleich in ihrem Herzen über die +Verwüstung des einzigen, was sie liebte. Aber sie blieb aufrecht und +gürtete sich mit ihrer letzten Kraft. "Wie", sagte sie sich, "Mir +gelänge es nicht, dieses Gehirnchen zu betören, dieses Herzchen zu +überwältigen?" + +"Mein Kind", begann sie, "hier sind wir allein. Laß uns noch einmal +recht klar und klug miteinander reden"-- + +"Wenn du willst, Mutter."--"miteinander reden von dem Wahne jener +Nacht. Ich wachte, du schliefest. Da lärmt es im Hofe. Ich gehe +hinunter, es war nichts, und ich lache über meinen leeren Schrecken. +Ich wende mich. Du stehst vor mir nachtwandelnd, mit offenen stieren +Augen. Ich ergreife dich und führe dich in das Haus zurück. Und du +erwachst aus dem abscheulichen Traume, der dich jetzt peinigt und +zugrunde richtet." + +"Ja und nein, Mutter. Mich weckte ein Ruf, ich sehe dich hinauseilen +und folge dir auf dem Fuße. Du standest im Hofe vor den Steinbildern +und schaltest den Vater und erzähltest ihm"--sie hielt schaudernd inne. + +"Was erzählte ich?" fragte die Richterin. + +"Du sagtest"--Palma redete ganz leise--"daß ich nicht sein Kind bin. +Du sagtest, daß ich schon unter deinem Herzen lag. Du sagtest, daß du +und ich ihn getötet haben." + +"Liebe Törin", lächelte Frau Stemma, "nimm all dein Denken zusammen +und verliere keines meiner Worte. Ich hätte mit einem Steine geredet? +als eine Abergläubische? oder eine Närrin? Kennst du mich so? Und du +wärest nicht das Kind des Comes? Mit wem war ich denn sonst vermählt? +Habe ich dir nicht erzählt, daß ich eine Gefangene war auf Malmort, +bis mich der Comes freite? Und ich hätte den Gatten getötet? Ich, +die Richterin und die Ärztin des Landes, hätte Gifte gemischt? Kannst +du das glauben? Hältst du das für möglich?" + +"Nein, Mutter, nein! Und doch, du hast es gesagt!" + +"Palma, Palma, mißhandle mich nicht! Sonst müßte ich dich hassen!" + +Palma brach in trostlose Tränen aus und warf sich gegen die Brust der +Mutter, die das schluchzende Haupt an sich preßte. "Du bringst mich +um mit deinem Weinen", sagte sie. "Glaube mir doch, Närrchen!" + +Palma hob das Angesicht und blickte um sich. "Weidet hier am Rande +ein Zicklein, Mutter?" + +"Ja, Palma." + +"Läutet dort Maria in valle?" Sie wies ein im Tale schimmerndes +Kloster. + +"Ja, Palma." + +"Ebenso wahr, als ich jetzt nicht träume und das Zicklein weidet und +das Kirchlein läutet, ebensowenig habe ich geträumt, daß du vor +Wulfrins Vater gestanden und ihn angeredet hast. Es war so, es ist so. +Du sprächest immer die Wahrheit, Mutter." + +"Ich sage dir, Palma, es ist ein Traum. Und ich will, daß es ein +Traum sei." + +Palma erwiderte sanft: "Belüge mich nicht, Mutter! Habe ich doch +vorhin, da du mich an dich preßtest, den scharfen Kristall empfunden, +welchen du aus dem Busen gezogen und dem Comes gezeigt hast." + +Die Richterin schnellte empor mit einem feindseligen Blicke gegen ihr +Kind, glitt aber langsam auf die Bank zurück, und nachdem sie eine +Weile in den Boden gestarrt, sagte sie: "Wäre es so und hätte ich so +getan, so wäre es deinetwegen." + +"Ich weiß", sagte Palma traurig. + +"Habe ich es getan", wiederholte Stemma, "so tat ich es dir zuliebe. +Ich tötete, damit mein Kind rein blieb." + +Palma zitterte. + +"Warum hast du dich in mein Geheimnis gedrängt, Unselige?" flüsterte +Stemma ingrimmig. "Ich hütete es. Ich verschonte dich. Du hast es +mir geraubt! Nun ist es auch das deinige, und du mußt es mir tragen +helfen! Lerne heucheln, Kind, es ist nicht so schwer, wie du glaubst! +Aber wo sind deine Gedanken? Du bist abwesend! Wohin träumst du?" + +"Was ist aus Wulfrin geworden?" fragte sie leise, und eine schwache +Röte glomm und verschwand auf den gehöhlten Wangen. + +"Ich weiß nicht", sagte die Richterin. + +"Jetzt verstehe ich, daß er mich verabscheut", jammerte Palma. "O ich +Elende! Er stößt mich von sich, weil er Mord an mir wittert. Mir +graut vor meinem Leibe! Läge ich zerschmettert!" + +"Ängstige dich nicht! Wulfrin hat keinen Argwohn. Er ist gläubig und +er traut." + +"Er traut!" schrie Palma empört. "Dann eile ich zu ihm und sage ihm +alles wie es ist! Ich laufe, bis ich ihn finde!" Sie wollte +aufspringen, die Mutter mußte sie nicht zurückhalten, erschöpft und +entkräftet sank sie ihr in den Schoß. + +"Ich verrate dich, Mutter!" + +"Das tust du nicht", sagte Stemma ruhig. "Mein Kind wird nicht als +Zeugin gegen mich stehen." + +"Nein, Mutter." + +Die Richterin streichelte Palma. Diese ließ es geschehen. Darauf +sagte sie wieder: "Mutter, weißt du was? Wir wollen die Wahrheit +bekennen!" + +Frau Stemma brütete mit finstern Blicken. Dann sprach sie: "Foltere +mich nicht! Auch wenn ich wollte, dürfte ich nicht. Dieser wegen!", +und sie deutete auf ihr Gebiet. "Würde laut und offenbar, daß hier +während langer Jahre Sünde Sünde gerichtet hat, irre würden tausend +Gewissen und unterginge der Glaube an die Gerechtigkeit! Palma! Du +mußt schweigen!" + +"So will ich schweigen!" + +"Du bist meine tapfere Palma!" und die Richterin schloß ihr den Mund +mit einem Kusse. "Aber Kind, Kind, wie wird dir?" Palmas Augen waren +brechend, und das Herz klopfte kaum unter der tastenden Hand der +Mutter. Diese bettete die Halbentseelte und eilte verzweifelnd in die +Burg zurück. + +Sie kam wieder mit einer Schale Wein und einem Stücklein Brot. Sie +kniete sich nieder, brach und tunkte den Bissen und bot ihn der +Entkräfteten. Diese wandte sich ab. + +Da bat und flehte die Richterin: "Nimm, Kind, deiner Mutter zuliebe!" +Jetzt wollte Palma gehorchen und öffnete den entfärbten Mund, doch er +versagte den Dienst. + +Stemma sah eine Sterbende. Da starb auch sie. Ihr Herz stand stille. +Ein Todeskrampf verzog ihr das Antlitz. Eine Weile kniete sie starr +und steinern. Dann verklärte sich das Angesicht der Richterin, und +ein Schauer der Reinheit badete sie vom Haupt zur Sohle. + +"Palma", sagte sie zärtlich, und dieser warme Klang, hob die Lider des +Kindes, "Palma, was meinst du? Ich lade den Kaiser ein nach Malmort. +Wir treten vor ihn Hand in Hand, wir bekennen und er richtet." Da +freuten sich die Augen Palmas, und ihre Pulse schlugen. + +"Nimm den Bissen", sagte die Richterin und speiste und tränkte ihr +Kind. + +Sie führte die Neubelebte in den Hof zurück. In der Mitte desselben +stand Rudio, noch keuchend vom Ritte. "Heil und Ruhm dir, Herrin!" +frohlockte er. "Ich melde den Kaiser! Der Höchste sucht dich heim! +Er naht! Er zieht mächtig heran und mit ihm ganz Rätien!" + +"Dafür sei er gepriesen!" antwortete die Richterin. "Komm, Kind, wir +wollen uns schmücken!" + +Da Kaiser Karl mit allem Volke den Burgweg erstiegen hatte, hieß er +Gesinde und Gefolge vor dem Tore zurückbleiben und betrat allein den +Hof von Malmort. Stemma und Palma standen in weißen Gewändern. Die +Richterin schritt dem Herrscher entgegen und bog das Knie. Palma +hinter ihr tat desgleichen. Karl hob die Richterin von der Erde und +sagte: "Du bist die Frau von Malmort. Ich habe deine Botschaft +empfangen und bin da, Ordnung zu schaffen, wie du gefordert hast. +Hier ist Freiheit in Frevel und Kraft in Willkür entartet. Ich will +diesem Gebirge einen Grafen setzen. Weißt du mir den Mann?" + +"Ich weiß ihn", antwortete die Richterin. "Es ist Wulfrin, Sohn Wulfs, +dein Höfling, ein treuer und tapferer Mann, zwar noch leichtgläubig +und unerfahren, doch die Jahre reifen." + +"Ich führe ihn mit mir", sprach der Kaiser, "aber als einen, der sich +selbst anklagt und dein Gericht begehrt, sich so großen Frevels +anklagt, daß ich nicht daran glauben mag. Frau, heute ist mir unter +diesem leuchtenden Berghimmel ein Zeichen begegnet. Vor deiner Burg +hat mein Roß an einer Toten gescheut, die mitten im Wege lag. Ich +ließ sie aufheben. Es ist deine Eigene. Sie harrt vor der Schwelle." + +Er dämpfte die Stimme: "Frau, was verbirgt Malmort? Wärest du eine +andere, als die du scheinest, und stündest du über einem begrabenen +Frevel, so wäre deine Waage falsch und dein Gericht eine +Ungerechtigkeit. Lange Jahre hast du hier rühmlich gewaltet. Gib +dich in meine Hände. Mein ist die Gnade. Oder getraust du dich, +Wulfrin zu richten?" + +"Herr", antwortete sie, "ich werde ihn und mich richten unter deinen +Augen nach der Gerechtigkeit." Karl betrachtete sie erstaunt. Sie +leuchtete von Wahrheit. "So walte deines Amtes", sagte er. + +Dann ging er auf das kniende Mädchen zu. "Palma novella!" sagte er +und hob sie zu sich empor. Sie blickte ihn an mit flehenden und +vertrauenden Augen, und sein Herz wurde gerührt. + +"Rudio", gebot die Richterin, "bringe Faustinen her!" Der Kastellan +gehorchte und trug die Bürde herbei, die er an den Grabstein lehnte. +"Jetzt tue auf das Tor und öffne es weit! Alles Volk trete ein und +sehe und höre!" + +Da wälzte sich der Strom durch die Pforte und füllte den Raum. Die +Höflinge scharten sich um den Kaiser, Alcuin und Graciosus unter ihnen, +während die Menge Kopf an Kopf stand und selbst Tor und Mauer erklomm, +ein dichter und schweigender Kreis, in dessen Mitte die Gestalt des +Kaisers ragte, in langem, blauem Mantel, mit strahlenden Augen. Neben +ihm Stemma und ihr Kind. Vor den dreien stand Wulfrin und sprach, den +Blick fest und ungeteilt auf Stemma geheftet: "Jetzt richte mich!" + +"Gedulde dich!" sagte sie. "Erst rede ich von dieser", und sie wies +auf die entseelte Faustine, die mit gebrochenen Augen und hängenden +Armen an der Gruft saß. + +"Räter", sprach sie, und es wurde die tiefste Stille, "ihr kennet jene +dort! Sie hat unter euch gewandelt als eine Rechtschaffene, wofür ihr +sie hieltet. Nun ist ihr Mund verschlossen, sonst riefe er: Ihr irret +euch in mir! Ich bin eine Sünderin. Ich, die das Kind eines andern +im Schoße barg, habe den Mann gemordet"-- + +"Frau", schrie Wulfrin ungeduldig, "was bedeutet die Magd! Mich laß +reden, meinen Frevel richte, damit ein Ende werde!" + +"Nun denn! Aber zuerst, Wulfrin--nicht wahr, wenn diese hier"--sie +zeigte Palma--"nicht das Kind deines Vaters, nicht deine Schwester, +sondern eine andere und Fremde wäre, dein Frevel zerfiele in sich +selbst?" + +"Frau, Frau!" stammelte er. + +"Kaiser und Räter", rief Stemma mit gewaltiger Stimme, "ich habe getan +wie Faustine. Auch ich war das Weib eines Toten! Auch ich habe den +Gatten ermordet! Die Herrin ist wie die Eigene. Hört! Nicht ein +Tropfen Blutes ist diesen zweien gemeinsam!" Sie streckte den Arm +scheidend zwischen Wulfrin und Palma. "Hört! hört! Kein Tropfen +gleichen Blutes fließt in diesem Mann und in diesem Weibe! Zweifelt +ihr? Ich stelle euch einen Zeugen. Palma novella, das Kind Stemmas +und Peregrins des Klerikers, hat das Geheimnis meiner Tat belauscht. +Sie glaubt daran und stirbt darauf, daß ich wahr rede. Gib Zeugnis, +Palma!" + +Aller Augen richteten sich auf das Mädchen, das mit gesenktem Haupte +dastand. Palma bewegte die Lippen. + +"Lauter!" befahl die Richterin. + +Jetzt sprach Palma hörbar den Vers der Messe: "Concepit in +iniquitatibus me mater mea..." + +Da glaubte das Volk und entsetzte sich und stürzte auf die Knie und +murmelte: "Miserere mei!" Wulfrin streckte die Arme und rief gen +Himmel: "Ich danke dir, daß ich nicht gefrevelt habe!" Karl aber trat +zu Palma und hüllte sie in seinen Mantel. + +"Nun richte du, Kaiser!" sprach Stemma. + +"Richte dich selbst!" antwortete Karl. + +"Nicht ich", sagte sie, wendete sich zu dem Volke und rief: +"Gottesurteil! Wollt ihr Gottesurteil?" + +Es redete, es rief, es dröhnte: "Gottesurteil!" + +Da sprach die Richterin feierlich: "Erstorbenes Gift, erstorbene Tat! +Lebendige Tat, lebendiges Gift!" und hatte den Kristall aus dem Busen +gehoben und geleert. + +Eine Weile stand sie, dann tat sie einen Schritt und einen zweiten +wankenden gegen Wulfrin. "Sei stark!" seufzte sie und brach zusammen. +Rudio neigte sich über die Tote, hob sie auf seine Arme und trug sie +zu Faustinen. Dort saß sie am Grabe, die Hörige aber neigte sich und +legte das Antlitz in den Schoß der Herrin. + +Jetzt enthüllte der Kaiser das Mädchen, das einen jammervollen Blick +nach der Mutter warf, faltete die Hände und gebot. "Oremus pro magna +peccatrice!" Alles Volk betete. + +Dann sagte er mit milder Stimme: "Was wird aus diesem Kinde? Ich +ziehe nicht, bis ich es weiß. Wie rätst du, Alcuin?" + +"Sie tue die Gelübde!" rief der Abt. + +"Ehe sie gelebt hat?" schrie Wulfrin angstvoll. + +"Dann weiß ich ein anderes. Graciosus"--der Abt hielt ihn an der +Hand--"dieser hier, ein frommer Jüngling, hat ein Wohlgefallen an der +Ärmsten"-- + +"Herr Abt", unterbrach ihn der aufgeregte Gnadenreich, "das geht über +Menschenkraft. Mir graut vor dem Kinde der Mörderin. Alle guten +Geister loben Gott den Herrn!" + +Wulfrin sprang in die Mitte. "Kaiser und ihr alle", rief er, "mein +ist Palma novella!" + +Da redete Karl: "Sohn Wulfs, du freiest das Kind seiner Mörderin? +Überwindest du die Dämonen?" + +"Ich ersticke sie in meinen Armen! Hilf, Kaiser, daß ich sie +überwältige!" + +Karl hieß das Mädchen knien und legte ihr die Hände auf das Haupt. +"Waise! Ich bin dir an Vaters Statt! Begrabe, die deine Mutter war! +Dieser folge mir ins Feld! Gott entscheide! Kehrt er zurück und +stößt er ins Horn, so freue dich, Palma novella, fülle den Becher und +vollende den Spruch! Dann entzündet Rudio die Brautfackel und +schleudert sie in das Gebälke von Malmort!" + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die Richterin, von Conrad +Ferdinand Meyer. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DIE RICHTERIN *** + +This file should be named 8drct10.txt or 8drct10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8drct11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8drct10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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