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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:33:05 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Der junge Gelehrte, by Gotthold Ephraim Lessing
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+Title: Der junge Gelehrte
+
+Author: Gotthold Ephraim Lessing
+
+Release Date: November, 2005 [EBook #9369]
+[This file was first posted on September 25, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER JUNGE GELEHRTE ***
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+E-text prepared by Delphine Lettau and Mike Pullen
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+This Etext is in German.
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+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
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+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+Der junge Gelehrte
+
+Ein Lustspiel in drei Aufzuegen
+
+Gotthold Ephraim Lessing
+
+Verfertigt im Jahre 1747
+
+
+
+Personen:
+
+Chrysander, ein alter Kaufmann Damis, der junge Gelehrte, Chrysanders
+Sohn Valer Juliane Anton, Bedienter des Damis Lisette
+
+Der Schauplatz ist die Studierstube des Damis.
+
+
+
+
+Erster Aufzug
+
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Damis (am Tische unter Buechern). Anton.
+
+
+Damis. Die Post also ist noch nicht da?
+
+Anton. Nein.
+
+Damis. Noch nicht? Hast du auch nach der rechten gefragt? Die Post
+von Berlin--
+
+Anton. Nun ja doch; die Post von Berlin; sie ist noch nicht da! Wenn
+sie aber nicht bald koemmt, so habe ich mir die Beine abgelaufen. Tun
+Sie doch, als ob sie Ihnen, wer weiss was, mitbringen wuerde! Und ich
+wette, wenn's hoch koemmt, so ist es eine neue Scharteke oder eine
+Zeitung oder sonst ein Wisch.--
+
+Damis. Nein, mein guter Anton; dasmal moechte es etwas mehr sein. Ah!
+wann du es wuesstest--
+
+Anton. Will ich's denn wissen? Es wuerde mir weiter doch nichts
+helfen, als dass ich einmal wieder ueber Sie lachen koennte. Das ist mir
+gewiss etwas Seltnes?--Haben Sie mich sonst noch wohin zu schicken?
+Ich habe ohnedem auf dem Ratskeller eine kleine Verrichtung;
+vielleicht ist's ein Gang? Nu?
+
+Damis (erzuernt). Nein, Schurke!
+
+Anton. Da haben wir's! Er hat alles gelesen, nur kein
+Komplimentierbuch.--Aber besinnen Sie sich. Etwa in den Buchladen?
+
+Damis. Nein, Schurke!
+
+Anton. Ich muss das Schurke so oft hoeren, dass ich endlich selbst
+glauben werde, es sei mein Taufname.--Aber zum Buchbinder?
+
+Damis. Schweig, oder--
+
+Anton. Oder zum Buchdrucker? Zu diesen dreien, Gott sei Dank! weiss
+ich mich, wie das Faerbepferd um die Rolle.
+
+Damis. Sieht denn der Schlingel nicht, dass ich lese? Will er mich
+noch laenger stoeren?
+
+Anton (beiseite). St! Er ist im Ernste boese geworden. Lenk ein,
+Anton.--Aber, sagen Sie mir nur, was lesen Sie denn da fuer ein Buch?
+Potz Stern, was das fuer Zeug ist! Das verstehen Sie? Solche
+Krakelfuesse, solche fuerchterliche Zickzacke, die kann ein Mensch lesen?
+Wann das nicht wenigstens Fausts Hoellenzwang ist--Ach, man weiss es ja
+wohl, wie's den Leuten geht, die alles lernen wollen. Endlich
+verfuehrt sie der boese Geist, dass sie auch hexen lernen.--
+
+Damis (nimmt sein muntres Wesen wieder an). Du guter Anton! Das ist
+ein Buch in hebraeischer Sprache.--Des Ben Maimon Jad chasaka.
+
+Anton. Ja doch; wer's nur glauben wollte! Was Hebraeisch ist, weiss
+ich endlich auch. Ist es nicht mit der Grundsprache, mit der
+Textsprache, mit der heiligen Sprache einerlei? Die warf unser Pfarr,
+als ich noch in die Schule ging, mehr als einmal von der Kanzel. Aber
+so ein Buch, wahrhaftig! hatte er nicht; ich habe alle seine Buecher
+beguckt; ich musste sie ihm einmal von einem Boden auf den andern
+raeumen helfen.
+
+Damis. Ha! ha! ha! das kann wohl sein. Es ist Wunders genug, wenn
+ein Geistlicher auf dem Lande nur den Namen davon weiss. Zwar, im
+Vertrauen, mein lieber Anton, die Geistlichen ueberhaupt sind schlechte
+Helden in der Gelehrsamkeit.
+
+Anton. Nu, nu, bei allen trifft das wohl nicht ein. Der Magister in
+meinem Dorfe wenigstens gehoert unter die Ausnahme. Versichert! der
+Schulmeister selber hat mir es mehr als einmal gesagt, dass er ein sehr
+gelehrter Mann waere. Und dem Schulmeister muss ich das glauben; denn
+wie mir der Herr Pfarr oft gesagt hat, so ist er keiner von den
+schlechten Schulmeistern; er versteht ein Wort Latein und kann davon
+urteilen.
+
+Damis. Das ist lustig! Der Schulmeister also lobt den Pfarr, und der
+Pfarr, nicht unerkenntlich zu sein, lobt den Schulmeister. Wenn mein
+Vater zugegen waere, so wuerde er gewiss sagen: Manus manum lavat. Hast
+du ihm die alberne Gewohnheit nicht angemerkt, dass er bei aller
+Gelegenheit ein lateinisches Spruechelchen mit einflickt? Der alte
+Idiote denkt, weil er so einen gelehrten Sohn hat, muesse er doch auch
+zeigen, dass er einmal durch die Schule gelaufen sei.
+
+Anton. Hab ich's doch gedacht, dass es etwas Albernes sein muesse; denn
+manchmal mitten in der Rede murmelt er etwas her, wovon ich kein Wort
+verstehe.
+
+Damis. Doch schliesse nur nicht daraus, dass alles albern sei, was du
+nicht verstehst. Ich wuerde sonst viel albernes Zeug wissen.--Aber, o
+himmlische Gelehrsamkeit, wieviel ist dir ein Sterblicher schuldig,
+der dich besitzt! Und wie bejammernswuerdig ist es, dass dich die
+wenigsten in deinem Umfange kennen! Der Theolog glaubt dich bei einer
+Menge heiliger Sprueche, fuerchterlicher Erzaehlungen und einiger uebel
+angebrachten Figuren zu besitzen. Der Rechtsgelehrte bei einer
+unseligen Geschicklichkeit, unbrauchbare Gesetze abgestorbner Staaten,
+zum Nachteile der Billigkeit und Vernunft, zu verdrehen und die
+fuerchterlichsten Urtel in einer noch fuerchterlichern Sprache
+vorzutragen. Der Arzt endlich glaubt sich wirklich deiner bemaechtiget
+zu haben, wann er durch eine Legion barbarischer Woerter die Gesunden
+krank und die Kranken noch kraenker machen kann. Aber, o betrogene
+Toren! die Wahrheit laesst euch nicht lange in diesem sie schimpfenden
+Irrtume. Es kommen Gelegenheiten, wo ihr selbst erkennet, wie
+mangelhaft euer Wissen sei; voll tollen Hochmuts beurteilet ihr
+alsdann alle menschliche Erkenntnis nach der eurigen und ruft wohl gar
+in einem Tone, welcher alle Sterbliche zu bejammern scheinet, aus:
+Unser Wissen ist Stueckwerk! Nein, glaube mir, mein lieber Anton: der
+Mensch ist allerdings einer allgemeinen Erkenntnis faehig. Es leugnen,
+heisst ein Bekenntnis seiner Faulheit oder seines maessigen Genies
+ablegen. Wenn ich erwaege, wieviel ich schon nach meinen wenigen
+Jahren verstehe, so werde ich von dieser Wahrheit noch mehr ueberzeugt.
+Lateinisch, Griechisch, Hebraeisch, Franzoesisch, Englisch,
+Italienisch--das sind sechs Sprachen, die ich alle vollkommen besitze:
+und bin erst zwanzig Jahr alt!
+
+Anton. Sachte! Sie haben eine vergessen; die deutsche--
+
+Damis. Es ist wahr, mein lieber Anton; das sind also sieben Sprachen;
+und ich bin erst zwanzig Jahr alt!
+
+Anton. Pfui doch, Herr! Sie haben mich oder sich selbst zum besten.
+Sie werden doch das, dass Sie Deutsch koennen, nicht zu Ihrer
+Gelehrsamkeit rechnen? Es war ja mein Ernst nicht.--
+
+Damis. Und also denkst du wohl selber Deutsch zu koennen?
+
+Anton. Ich? ich? nicht Deutsch! Es waere ein verdammter Streich, wenn
+ich Kalmuckisch redete und wuesste es nicht.
+
+Damis. Unter koennen und koennen ist ein Unterschied. Du kannst
+Deutsch, das ist: du kannst deine Gedanken mit Toenen ausdruecken, die
+einem Deutschen verstaendlich sind; das ist, die ebendie Gedanken in
+ihm erwecken, die du bei dir hast. Du kannst aber nicht Deutsch, das
+ist: du weisst nicht, was in dieser Sprache gemein oder niedrig, rauh
+oder annehmlich, undeutlich oder verstaendlich, alt oder gebraeuchlich
+ist; du weisst ihre Regeln nicht; du hast keine gelehrte Kenntnis von
+ihr.
+
+Anton. Was einem die Gelehrten nicht weismachen wollen! Wenn es nur
+auf Ihr "das ist" ankaeme, ich glaube, Sie stritten mir wohl gar noch
+ab, dass ich essen koennte.
+
+Damis. Essen? Je nun wahrhaftig, wenn ich es genau nehmen will, so
+kannst du es auch nicht.
+
+Anton. Ich? ich nicht essen? Und trinken wohl auch nicht?
+
+Damis. Du kannst essen, das ist: du kannst die Speisen zerschneiden,
+in Mund stecken, kauen, herunterschlucken und so weiter. Du kannst
+nicht essen, das ist: du weisst die mechanischen Gesetze nicht, nach
+welchen es geschiehet; du weisst nicht, welches das Amt einer jeden
+dabei taetigen Muskel ist; ob der Digastrikus oder der Masseter, ob der
+Pterygoideus internus oder externus, ob der Zygomatikus oder der
+Platysmamyodes, ob--
+
+Anton. Ach ob, ob! Das einzige Ob, worauf ich sehe, ist das, ob mein
+Magen etwas davon erhaelt und ob mir's bekoemmt.--Aber wieder auf die
+Sprache zu kommen. Glauben Sie wohl, dass ich eine verstehe, die Sie
+nicht verstehen?
+
+Damis. Du, eine Sprache, die ich nicht verstuende?
+
+Anton. Ja; raten Sie einmal.
+
+Damis. Kannst du etwa Koptisch?
+
+Anton. Foptisch? Nein, das kann ich nicht.
+
+Damis. Chinesisch? Malabarisch? Ich wuesste nicht woher.
+
+Anton. Wie Sie herumraten. Haben Sie meinen Vetter nicht gesehn? Er
+besuchte mich vor vierzehn Tagen. Der redete nichts als diese Sprache.
+
+Damis. Der Rabbi, der vor kurzen zu mir kam, war doch wohl nicht dein
+Vetter?
+
+Anton. Dass ich nicht gar ein Jude waere! Mein Vetter war ein Wende;
+ich kann Wendisch; und das koennen Sie nicht.
+
+Damis (nachsinnend). Er hat recht.--Mein Bedienter soll eine Sprache
+verstehen, die ich nicht verstehe? Und noch dazu eine Hauptsprache?
+Ich erinnere mich, dass ihre Verwandtschaft mit der hebraeischen sehr
+gross sein soll. Wer weiss, wieviel Stammwoerter, die in dieser verloren
+sind, ich in jener entdecken koennte!--Das Ding faengt mir an, im Kopfe
+herumzugehen!
+
+Anton. Sehen Sie!--Doch wissen Sie was? Wenn Sie mir meinen Lohn
+verdoppeln, so sollen Sie bald so viel davon verstehen als ich selbst.
+Wir wollen fleissig miteinander wendisch parlieren, und--Kurz,
+ueberlegen Sie es. Ich vergesse ueber dem verdammten Plaudern meinen
+Gang auf den Ratskeller ganz und gar. Ich bin gleich wieder zu Ihren
+Diensten.
+
+Damis. Bleib itzt hier; bleib hier.
+
+Anton. Aber Ihr Herr Vater koemmt. Hoeren Sie? Wir koennten doch nicht
+weiterreden. (Geht ab.)
+
+Damis. Wenn mich doch mein Vater ungestoert lassen wollte. Glaubt er
+denn, dass ich so ein Muessiggaenger bin wie er?
+
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Damis. Chrysander.
+
+
+Chrysander. Immer ueber den verdammten Buechern! Mein Sohn, zuviel ist
+zuviel. Das Vergnuegen ist so noetig als die Arbeit.
+
+Damis. O Herr Vater, das Studieren ist mir Vergnuegens genug. Wer
+neben den Wissenschaften noch andere Ergoetzungen sucht, muss die wahre
+Suessigkeit derselben noch nicht geschmeckt haben.
+
+Chrysander. Das sage nicht! Ich habe in meiner Jugend auch studiert;
+ich bin bis auf das Mark der Gelehrsamkeit gekommen. Aber dass ich
+bestaendig ueber den Buechern gelegen haette, das ist nicht wahr. Ich
+ging spazieren; ich spielte; ich besuchte Gesellschaften; ich machte
+Bekanntschaft mit Frauenzimmern. Was der Vater in der Jugend getan
+hat, kann der Sohn auch tun; soll der Sohn auch tun. A bove majori
+discat arare minor! wie wir Lateiner reden. Besonders das
+Frauenzimmer lass dir, wie wir Lateiner reden, de meliori empfohlen
+sein! Das sind Narren, die einen jungen Menschen vor das Frauenzimmer
+aerger als vor Skorpionen warnen; die es ihm, wie wir Lateiner reden,
+cautius sanguine viperino zu fliehen befehlen.--
+
+Damis. Cautius sanguine viperino? Ja, das ist noch Latein! Aber wie
+heisst die ganze Stelle?
+
+Cur timet flavum Tiberim tangere? cur olivum Sanguine viperino Cautius
+vitat?--
+
+Oh, ich hoere schon, Herr Vater, Sie haben auch nicht aus der Quelle
+geschoepft! Denn sonst wuerden Sie wissen, dass Horaz in ebender Ode die
+Liebe als eine sehr nachteilige Leidenschaft beschreibt, und das
+Frauenzimmer--
+
+Chrysander. Horaz! Horaz! Horaz war ein Italiener und meinet das
+italienische Frauenzimmer. Ja vor dem italienischen warne ich dich
+auch! das ist gefaehrlich! Ich habe einen guten Freund, der in seiner
+Jugend--Doch still! man muss kein Aergernis geben.--Das deutsche
+Frauenzimmer hingegen, o das deutsche! mit dem ist es ganz anders
+beschaffen.--Ich wuerde der Mann nicht geworden sein, der ich doch bin,
+wenn mich das Frauenzimmer nicht vollends zugestutzt haette. Ich
+daechte, man saehe mir's an. Du hast tote Buecher genug gelesen; guck
+einmal in ein lebendiges!
+
+Damis. Ich erstaune--
+
+Chrysander. O du wirst noch mehr erstaunen, wenn du erst tiefer
+hineingehen wirst. Das Frauenzimmer, musst du wissen, ist fuer einen
+jungen Menschen eine neue Welt, wo man so viel anzugaffen, so viel zu
+bewundern findet--
+
+Damis. Hoeren Sie mich doch! Ich erstaune, will ich sagen, Sie eine
+Sprache fuehren zu hoeren, in der wahrhaftig diejenigen Vorschriften
+nicht ausgedruckt waren, die Sie mir mit auf die hohe Schule gaben.
+
+Chrysander. Quae, qualis, quanta! Jetzt und damals! Tempora
+mutantur! wie wir Lateiner sagen.
+
+Damis. Tempora mutantur? Ich bitte Sie, legen Sie doch die
+Vorurteile des Poebels ab. Die Zeiten aendern sich nicht. Denn lassen
+Sie uns einmal sehen: was ist die Zeit?--
+
+Chrysander. Schweig! die Zeit ist ein Ding, das ich mir mit deinem
+unnuetzen Geplaudre nicht will verderben lassen. Meine damaligen
+Vorschriften waren nach dem damaligen Masse deiner Erfahrung und deines
+Verstandes eingerichtet. Nun aber traue ich dir von beiden so viel zu,
+dass du Ergoetzlichkeiten nicht zu Beschaeftigungen machen wirst. Aus
+diesem Grunde rate ich dir also--
+
+Damis. Ihre Reden haben einigen Schein der Wahrheit. Allein ich
+dringe tiefer. Sie werden es gleich sehen. Der Status Controversiae
+ist--
+
+Chrysander. Ei, der Status Controversiae mag meinetwegen in Barbara
+oder in Celarent sein. Ich bin nicht hergekommen mit dir zu
+disputieren, sondern--
+
+Damis. Die Kunstwoerter des Disputierens zu lernen? Wohl! Sie muessen
+also wissen, dass weder Barbara noch Celarent den Statum--
+
+Chrysander. Ich moechte toll werden! Bleib Er mir, Herr Informator,
+mit den Possen weg, oder--
+
+Damis. Possen? diese seltsamen Benennungen sind zwar Ueberbleibsel der
+scholastischen Philosophie, das ist wahr; aber doch solche
+Ueberbleibsel--
+
+Chrysander. Ueber die ich die Geduld verlieren werde, wann du mich
+nicht bald anhoerst. Ich komme in der ernsthaftesten Sache von der
+Welt zu dir,--denn was ist ernsthafter als heiraten?--und du--
+
+Damis. Heiraten? Des Heiratens wegen zu mir? zu mir?
+
+Chrysander. Ha! ha! Macht dich das aufmerksam? Also ausculta et
+perpende!
+
+Damis. Ausculta et perpende? ausculta et perpende? Ein gluecklicher
+Einfall--
+
+Chrysander. Oh, ich habe Einfaelle--
+
+Damis. Den ich da bekomme!
+
+Chrysander. Du?
+
+Damis. Ja, ich. Wissen Sie, wo sich dieses ausculta et perpende
+herschreibt? Eben mache ich die Entdeckung; aus dem Homer. O was
+finde ich nicht alles in meinem Homer?
+
+Chrysander. Du und dein Homer, ihr seid ein paar Narren!
+
+Damis. Ich und Homer? Homer und ich? wir beide? Hi! hi! hi! Gewiss,
+Herr Vater? O ich danke, ich danke. Ich und Homer! Homer und ich!
+--Aber hoeren Sie nur: sooft Homer--er war wirklich kein Narr, so wenig
+wie ich--sooft er, sag ich, seine Helden den Soldaten zur Tapferkeit
+ermuntern oder in dem Kriegsrate eine Beratschlagung anheben laesst;
+sooft ist auch der Anfang ihrer Rede: Hoeret, was ich vortragen werde,
+und ueberlegt es! Zum Exempel in der Odyssee:
+
+"Keklute dae nun meu, Ithakhsioi, oti ken eipo." [Greek]
+
+Und darauf folgt denn auch oft:
+
+"Oy eiath' oi d' ara tau mala men chluon, aed' epithonto," [Greek]
+
+das ist: so sprach er, und sie gehorchten dem, was sie gehoeret hatten.
+
+Chrysander. Gehorchten sie ihm? Nu, das ist vernuenftig! Homer mag
+doch wohl kein Narr sein. Sieh zu, dass ich von dir auch widerrufen
+kann. Denn wieder zur Sache: ich kenne, mein Sohn--
+
+Damis. Einen kleinen Augenblick Geduld, Herr Vater. Ich will mich
+nur hinsetzen und diese Anmerkung aufschreiben.
+
+Chrysander. Aufschreiben? was ist hier aufzuschreiben? Wem liegt
+daran, ob das Spruechelchen aus dem Homer oder aus dem Gesangbuche ist?
+
+Damis. Der gelehrten Welt liegt daran; meiner und Homers Ehre lieget
+daran! Denn ein Halbhundert solche Anmerkungen machen einen
+Philologen. Und sie ist neu, muss ich Ihnen sagen, sie ist ganz neu.
+
+Chrysander. So schreib sie ein andermal auf.
+
+Damis. Wenn sie mir aber wieder entfiele? Ich wuerde untroestlich sein.
+Haben Sie wenigstens die Guetigkeit, mich wieder daran zu erinnern.
+
+Chrysander. Gut, das will ich tun; hoere mir nur jetzt zu. Ich kenne,
+mein Sohn, ein recht allerliebstes Frauenzimmer; und ich weiss, du
+kennst es auch. Haettest du wohl Lust--
+
+Damis. Ich soll ein Frauenzimmer, ein liebenswuerdiges Frauenzimmer
+kennen? Oh, Herr Vater, wenn das jemand hoerte, was wuerde er von
+meiner Gelehrsamkeit denken?--Ich ein liebenswuerdiges Frauenzimmer?--
+
+Chrysander. Nun wahrhaftig; ich glaube nicht, dass ein Gastwirt so
+erschrecken kann, wenn man ihm schuld gibt, er kenne den oder jenen
+Spitzbuben, als du erschrickst, weil du ein Frauenzimmer kennen sollst.
+Ist denn das ein Schimpf?
+
+Damis. Wenigstens ist es keine Ehre, besonders fuer einen Gelehrten.
+Mit wem man umgeht, dessen Sitten nimmt man nach und nach an. Jedes
+Frauenzimmer ist eitel, hoffaertig, geschwaetzig, zaenkisch und
+zeitlebens kindisch, es mag so alt werden, als es will. Jedes
+Frauenzimmer weiss kaum, dass es eine Seele hat, um die es unendlich
+mehr besorgt sein sollte als um den Koerper. Sich ankleiden,
+auskleiden und wieder anders ankleiden; vor dem Spiegel sitzen, seinen
+eignen Reiz bewundern; auf ausgekuenstelte Mienen sinnen; mit
+neugierigen Augen muessig an dem Fenster liegen: unsinnige Romane lesen
+und aufs hoechste zum Zeitvertreibe die Nadel zur Hand nehmen: das sind
+seine Beschaeftigungen; das ist sein Leben. Und Sie glauben, dass ein
+Gelehrter, ohne Nachteil seines guten Namens, solche naerrische
+Geschoepfe weiter als ihrer aeusserlichen Gestalt nach kennen duerfe?
+
+Chrysander. Mensch, Mensch! deine Mutter kehrt sich im Grabe um.
+Bedenke doch, dass sie auch ein Frauenzimmer war! Bedenke doch, dass
+die Dinger von Natur nun einmal nicht anders sind! Obschon, wie wir
+Lateiner zu reden pflegen, nulla regula sine exceptione. Und so eine
+Exzeption ist sicherlich das Maedchen, das ich jetzt im Kopfe habe und
+das du kennst.--
+
+Damis. Nein, nein! ich schwoere es Ihnen zu; unsere Muhmen ausgenommen
+und Julianen--
+
+Chrysander. Und Julianen? bene!--
+
+Damis. Und ihr Maedchen ausgenommen, kenne ich kein einziges Weibsbild.
+Ja, der Himmel soll mich strafen, wenn ich mir jemals in den Sinn
+kommen lasse, mehrere kennenzulernen!
+
+Chrysander. Je nun, auch das! wie du willst! Genug, Julianen, die
+kennst du.
+
+Damis. Leider!
+
+Chrysander. Und eben Juliane ist es, ueber die ich deine Gedanken
+vernehmen moechte.--
+
+Damis. Ueber Julianen? meine Gedanken ueber Julianen? O Herr Vater,
+wenn Sie noch meine Gedanken ueber Erinnen oder Korinnen, ueber
+Telesillen oder Praxillen verlangten--
+
+Chrysander. Schocktausend! was sind das fuer Illen? Den Augenblick
+schwur er, er kenne kein Frauenzimmer, und nun nennt er ein halb
+Dutzend Menscher.--
+
+Damis. Menscher? Herr Vater!
+
+Chrysander. Ja, Herr Sohn, Menscher! Die Endung gibt's gewiss nicht?
+Netrix, Lotrix, Meretrix.--
+
+Damis. Himmel, Menscher! griechische beruehmte Dichterinnen Menscher
+zu nennen!--
+
+Chrysander. Ja, ja, Dichterinnen! das sind mir eben die rechten.
+Lotrix, Meretrix, Poetrix--
+
+Damis. Poetrix? O wehe, meine Ohren! Poetria muessten Sie sagen: oder
+Poetris--
+
+Chrysander. Is oder ix, Herr Buchstabenkraemer!
+
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Chrysander. Damis. Lisette.
+
+
+Lisette. Hurtig herunter in die Wohnstube, Herr Chrysander! Man will
+Sie sprechen.
+
+Chrysander. Nun, was fuer ein Narr muss mich jetzo stoeren? Wer ist es
+denn?
+
+Lisette. Soll ich alle Narren kennen?
+
+Chrysander. Was sagst du? Du hast ein unglueckliches Maul, Lisette.
+Einen ehrlichen Mann einen Narren zu schimpfen? Denn ein ehrlicher
+Mann muss es doch sein; was wollte er sonst bei mir?
+
+Lisette. Nu, nu; verzeihen Sie immer meinem Maule den Fehler des
+Ihrigen.
+
+Chrysander. Den Fehler des meinigen?
+
+Lisette. O gehen Sie doch! der ehrliche Mann wartet.
+
+Chrysander. Lass ihn warten. Habe ich doch den Narren nicht kommen
+heissen.--Ich werde gleich wieder da sein, mein Sohn.
+
+Lisette (beiseite). Ich muss doch sehen, ob ich aus dem wunderlichen
+Einfall meiner Jungfer etwas machen kann.
+
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Lisette. Damis.
+
+
+Damis. Nun? geht Lisette nicht mit?
+
+Lisette. Ich bin Ihre gehorsamste Dienerin. Wenn Sie befehlen, so
+werde ich gehorchen. Aber nur eines moechte ich erst wissen. Sagen
+Sie mir, um des Himmels willen, wie koennen Sie bestaendig so allein
+sein? Was machen Sie denn den ganzen Tag auf Ihrer Studierstube?
+Werden Ihnen denn nicht alle Augenblicke zu Stunden?
+
+Damis. Ach, was nutzen die Fragen? Fort! fort!
+
+Lisette. Ueber den Buechern koennen Sie doch unmoeglich die ganze Zeit
+liegen. Die Buecher, die toten Gesellschafter! Nein, ich lobe mir das
+Lebendige; und das ist auch Mamsell Julianens Geschmack. Zwar dann
+und wann lesen wir auch; einen irrenden Ritter, eine Banise, und so
+etwas Gutes; aber laenger als eine Stunde halten wir es hintereinander
+nicht aus. Ganze Tage damit zuzubringen wie Sie, hilf Himmel! in den
+ersten dreien waeren wir tot. Und vollends nicht ein Wort dabei zu
+reden wie Sie; das waere unsre Hoelle. Ein Vorzug des ganzen maennlichen
+Geschlechts kann es nicht sein, weil ich Mannspersonen kenne, die so
+fluechtig und noch fluechtiger sind als wir. Es muessen nur sehr wenig
+grosse Geister diese besondere Gaben besitzen.--
+
+Damis. Lisette spricht so albern eben nicht. Es ist schade, dass ein
+so guter Mutterwitz nicht durch die Wissenschaften ausgebessert wird.
+
+Lisette. Sie machen mich schamrot. Bald duerfte ich mich dafuer raechen
+und Ihnen die Lobeserhebungen nacheinander erzaehlen, die Ihnen von der
+gestrigen Gartengesellschaft gemacht wurden. Doch ich will Ihre
+Bescheidenheit nicht beleidigen. Ich weiss, die Gelehrten halten auf
+diese Tugend allzuviel.
+
+Damis. Meine Lobeserhebungen? meine?
+
+Lisette. Ja, ja, die Ihrigen.
+
+Damis. O besorge Sie nichts, meine liebe Lisette. Ich will sie als
+die Lobeserhebungen eines andern betrachten, und so kann meine
+Bescheidenheit zufrieden sein. Erzaehle Sie mir sie nur. Bloss wegen
+Ihrer lebhaften und ungekuenstelten Art, sich auszudruecken, wuensche ich
+sie zu hoeren.
+
+Lisette. O meine Art ist wohl keine von den besten. Es hat mir ein
+Lehrmeister wie Sie gefehlt. Doch ich will Ihrem Befehle gehorchen.
+Sie wissen doch wohl, wer die Herren waren, die gestern bei Ihrem
+Herrn Vater im Garten schmauseten?
+
+Damis. Nein, wahrhaftig nicht. Weil ich nicht dabeisein wollte, so
+habe ich mich auch nicht darum bekuemmert. Hoffentlich aber werden es
+Leute gewesen sein, die selbst lobenswuerdig sind, dass man sich also
+auf ihr Lob etwas einbilden kann.
+
+Lisette. Das sind sie so ziemlich. Was wuerde es Ihnen aber
+verschlagen, wenn sie es auch nicht waeren? Sie wollen ja Ihre
+Lobeserhebungen aus Bescheidenheit als fremde betrachten. Und haengt
+denn die Wahrheit von dem Munde desjenigen ab, der sie vortraegt?
+Hoeren Sie nur--
+
+Damis. Himmel! ich hoere meinen Vater wiederkommen. Um Gottes willen,
+liebe Lisette, dass er nicht merkt, dass Sie sich so lange bei mir
+aufgehalten hat. Geh Sie hurtig unterdessen in das Kabinett.
+
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+
+Damis. Chrysander.
+
+
+Chrysander. Der verzweifelte Valer! er haette mir zu keiner
+ungelegnern Zeit kommen koennen. Muss ihn denn der Henker eben heute
+von Berlin zurueckfuehren? Und muss er sich denn eben gleich bei mir
+anmelden lassen? Hui dass--Nein, Herr Valer, damit kommen Sie zu spaet.
+--Nun mein Sohn--(Damis steht zerstreut, als in tiefen Gedanken.)
+Hoerst du, mein Sohn?
+
+Damis. Ich hoere; ich hoere alles.
+
+Chrysander. Kurz, du merkst doch, wo ich vorhin hinauswollte? Einem
+Klugen sind drei Worte genug. Sapienti sat! sagen wir Lateiner.
+--Antworte doch--
+
+Damis (noch immer als in Gedanken). Was ist da zu antworten?--
+
+Chrysander. Was da zu antworten ist?--Das will ich dir sagen.
+--Antworte, dass du mich verstanden; dass dir mein Antrag lieb ist; dass
+dir Juliane gefaellt; dass du mir in allem gehorchen willst.--Nun,
+antwortest du das?--
+
+Damis. Ich will gleich sehn--(Indem er in der angenommenen
+Zerstreuung nach einem Buche greift.)
+
+Chrysander. Was kann in dem Buche davon stehen?--Antworte aus dem
+Herzen und nicht aus dem Buche.--Ex libro doctus quilibet esse potest;
+sagen wir Lateiner.--
+
+Damis (als ob er in dem Buche laese). Vollkommen recht! Aber nun wie
+weiter?--
+
+Chrysander. Das weitere gibt sich, wie 's Griechische. Du sagst ja;
+sie sagt ja; damit wird Verloebnis; und bald darauf wird Hochzeit; und
+alsdenn--Du wirst schon sehen, wie's alsdenn weitergeht.--
+
+Damis. Wenn nun aber diese Voraussetzung--(Immer noch als ob er laese.)
+
+Chrysander. Ei, ich setze nichts voraus, was im geringsten
+zweifelhaft waere. Juliane ist eine Waise; ich bin ihr Vormund; ich
+bin dein Vater; was muss mir angelegner sein, als euch beide gluecklich
+zu machen? Ihr Vater war mein Freund und war ein ehrlicher Mann,
+obgleich ein Narr. Er haette einen honetten Bankerott machen koennen;
+seine Glaeubiger wuerden aufs Drittel mit sich haben akkordieren lassen;
+und er war so einfaeltig und bezahlte bis auf den letzten Heller. Wie
+ist mir denn? hast du ihn nicht gekannt?
+
+Damis. Von Person nicht. Aber seine Lebensumstaende sind mir ganz
+wohl bewusst. Ich habe sie, ich weiss nicht in welcher Biographie,
+gelesen'
+
+Chrysander. Gelesen? gedruckt gelesen?
+
+Damis. Ja, ja; gelesen. Er ward gegen die Mitte des vorigen
+Jahrhunderts geboren und ist, etwa vor zwanzig Jahren, als
+Generalsuperintendent in Pommern gestorben. In orientalischen
+Sprachen war seine vornehmste Staerke. Allein seine Buecher sind nicht
+alle gleich gut. Dieses ist noch eines von den besten. Eine
+besondere Gewohnheit soll der Mann an sich gehabt haben--
+
+Chrysander. Von wem sprichst denn du?
+
+Damis. Sie fragen mich ja, ob mir der Verfasser dieses Buchs bekannt
+waere?
+
+Chrysander. Ich glaube, du traeumest; oder es geht gar noch etwas
+Aergers in deinem Gehirne vor. Ich frage dich, ob du Julianens Vater
+noch gekannt hast?
+
+Damis. Verzeihen Sie mir, wann ich ein wenig zerstreut geantwortet
+habe! Ich dachte eben nach,--warum wohl die Rabbinen--das Schurek
+M'lo Pum heissen.
+
+Chrysander. Mit dem verdammten Schurek! Gib doch auf das acht, was
+der Vater mit dir spricht!--(Er nimmt ihm das Buch aus der Hand.) Du
+hast ihn also nicht gekannt? Ich besinne mich; es ist auch nicht wohl
+moeglich. Als er starb, war Juliane noch sehr jung. Ich nahm sie
+gleich nach seinem Tode in mein Haus, und Gott sei Dank! sie hat viel
+Wohltaten hier genossen. Sie ist schoen, sie ist tugendhaft; wem
+sollte ich sie also lieber goennen als dir? Was meinst du?--Antworte
+doch! Stehst du nicht da, als wenn du schliefest!--
+
+Damis. Ja, ja, Herr Vater. Nur eins ist noch dabei zu erwaegen.--
+
+Chrysander. Du hast recht; freilich ist noch eins dabei zu erwaegen:
+ob du dich naemlich geschickt befindest, bald ein oeffentliches Amt
+anzunehmen, weil doch--
+
+Damis. Wie? geschickt? geschickt? Sie zweifeln also an meiner
+Geschicklichkeit?--Wie ungluecklich bin ich, dass ich Ihnen nicht
+sogleich die unwidersprechlichsten Beweise geben kann! Doch es soll
+noch diesen Abend geschehen. Glauben Sie mir, noch diesen Abend.--Die
+verdammte Post! Ich weiss auch nicht, wo sie bleibt.
+
+Chrysander. Beruhige dich nur, mein Sohn. Die Frage geschahe eben
+aus keinem Misstrauen, sondern bloss weil ich glaube, es schicke sich
+nicht, eher zu heiraten, als bis man ein Amt hat; so wie es sich,
+sollte ich meinen, auch nicht wohl schickt, eher ein Amt anzunehmen,
+als bis man weiss, woher man die Frau bekommen will.
+
+Damis. Ach, was heiraten? was Frau? Erlauben Sie mir, dass ich Sie
+allein lasse. Ich muss ihn gleich wieder auf die Post schicken. Anton!
+Anton! Doch es ist mit dem Schlingel nichts anzufangen; ich muss nur
+selbst gehen.
+
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Anton. Chrysander.
+
+
+Anton. Rufte mich nicht Herr Damis? Wo ist er? was soll ich?
+
+Chrysander. Ich weiss nicht, was ihm im Kopfe steckt. Er ruft dich;
+er will dich auf die Post schicken; er besinnt sich, dass mit dir
+Schlingel nichts anzufangen ist, und geht selber. Sage mir nur,
+willst du zeitlebens ein Esel bleiben?
+
+Anton. Gemach, Herr Chrysander! ich nehme an den Torheiten Ihres
+Sohnes keinen Teil. Mehr als zwoelfmal habe ich ihm heute schon auf
+die Post laufen muessen. Er verlangt Briefe von Berlin. Ist es meine
+Schuld, dass sie nicht kommen?
+
+Chrysander. Der wunderliche Heilige! Du bist aber nun schon so lange
+um ihn; solltest du nicht sein Gemuet, seine Art zu denken ein wenig
+kennen?
+
+Anton. Ha! ha! das koemmt darauf hinaus, was wir Gelehrten die
+Kenntnis der Gemueter nennen? Darin bin ich Meister; bei meiner Ehre!
+Ich darf nur ein Wort mit einem reden; ich darf ihn nur ansehen: husch,
+habe ich den ganzen Menschen weg! Ich weiss sogleich, ob er
+vernuenftig oder eigensinnig, ob er freigebig oder ein Knicker--
+
+Chrysander. Ich glaube gar, du zeigst auf mich?
+
+Anton. O kehren Sie sich an meine Haende nicht!--Ob er--
+
+Chrysander. Du sollst deine Kunst gleich zeigen! Ich habe meinem
+Sohne eine Heirat vorgeschlagen: nun sage einmal, wenn du ihn kennst,
+was wird er tun?
+
+Anton. Ihr Herr Sohn? Herr Damis? Verzeihen Sie mir, bei dem geht
+meine Kunst, meine sonst so wohl versuchte Kunst, betteln.
+
+Chrysander. Nu, Schurke, so geh mit und prahle nicht!
+
+Anton. Die Gemuetsart eines jungen Gelehrten kennen wollen und etwas
+daraus schliessen wollen, ist unmoeglich; und was unmoeglich ist, Herr
+Chrysander--das ist unmoeglich.
+
+Chrysander. Und wieso?
+
+Anton. Weil er gar keine hat.
+
+Chrysander. Gar keine?
+
+Anton. Nein, nicht gar keine; sondern alle Augenblicke eine andre.
+Die Buecher und die Exempel, die er liest, sind die Winde, nach welchen
+sich der Wetterhahn seiner Gedanken richtet. Nur bei dem Kapitel vom
+Heiraten stehenzubleiben, weil das einmal auf dem Tapete ist, so
+besinne ich mich, dass--Denn vor allen Dingen muessen Sie wissen, dass
+Herr Damis nie etwas vor mir verborgen hat. Ich bin von jeher sein
+Vertrauter gewesen und von jeher der, mit dem er sich immer am
+liebsten abgegeben hat. Ganze Tage, ganze Naechte haben wir manchmal
+auf der Universitaet miteinander disputiert. Und ich weiss nicht, er
+muss doch so etwas an mir finden; etwa eine Eigenschaft, die er an
+andern nicht findet--
+
+Chrysander. Ich will dir sagen, was das fuer eine Eigenschaft ist:
+deine Dummheit! Es ergoetzt ihn, wenn er sieht, dass er gelehrter ist
+als du. Bist du nun vollends ein Schalk und widersprichst ihm nicht
+und lobst ihn ins Gesicht und bewunderst ihn--
+
+Anton. Je verflucht! da verraten Sie mir ja meine ganze Politik! Wie
+schlau ein alter Kaufmann nicht ist!
+
+Chrysander. Aber vergiss das Hauptwerk nicht! Vom Heiraten--
+
+Anton. Ja darueber hat er schon Teufelsgrillen im Kopfe gehabt. Zum
+Exempel: ich weiss die Zeit, da er gar nicht heiraten wollte.
+
+Chrysander. Gar nicht? so muss ich noch heiraten. Ich werde doch
+meinen Namen nicht untergehen lassen? Der Boesewicht! Aber warum denn
+nicht?
+
+Anton. Darum: weil es einmal Gelehrte gegeben hat, die geglaubt haben,
+der ehelose Stand sei fuer einen Gelehrten der schicklichste. Gott
+weiss, ob diese Herren allzu geistlich oder allzu fleischlich sind
+gesinnt gewesen! Als ein kuenftiger Hagestolz hatte er sich schon auf
+verschiedene sinnreiche Entschuldigungen gefasst gemacht.--
+
+Chrysander. Auf Entschuldigungen? kann sich so ein ruchloser Mensch,
+der dieses heilige Sakrament--Denn im Vorbeigehen zu sagen, ich bin
+mit unsern Theologen gar nicht zufrieden, dass sie den Ehestand fuer
+kein Sakrament wollen gelten lassen--der, sage ich, dieses heilige
+Sakrament verachtet, kann der sich noch unterstehen, seine
+Gottlosigkeit zu entschuldigen? Aber, Kerl, ich glaube, du machst mir
+etwas weis; denn nur vorhin schien er ja meinen Vorschlag zu billigen.
+
+Anton. Das ist unmoeglich richtig zugegangen. Wie stellte er sich
+dabei an? Lassen Sie sehen; stand er etwa da, als wenn er vor den
+Kopf geschlagen waere? sahe er etwa steif auf die Erde? legte er etwa
+die Hand an die Stirne? griff er etwa nach einem Buche, als wenn er
+darin lesen wollte? liess er Sie etwa ungestoert fortreden?
+
+Chrysander. Getroffen! du malst ihn, als ob du ihn gesehen haettest.
+
+Anton. O da sieht es windig aus! Wann er es so macht, will er haben,
+dass man ihn fuer zerstreut halten soll. Ich kenne seine Mucken. Er
+hoert alsdenn alles, was man ihm sagt; allein die Leute sollen glauben,
+er habe es vor vielem Nachsinnen nicht gehoert. Er antwortet zuweilen
+auch; wenn man ihm aber seine Antwort wieder vorlegt, so wird er
+nimmermehr zugestehen, dass sie auf das gegangen sei, was man von ihm
+hat wissen wollen.
+
+Chrysander. Nun, wer noch nicht gestehen will, dass zu viel
+Gelehrsamkeit den Kopf verwirre, der verdient es selber zu erfahren.
+Gott sei Dank, dass ich in meiner Jugend gleich das rechte Mass zu
+treffen wusste! Omne nimium vertitur in vitulum: sagen wir Lateiner
+sehr spasshaft.--Aber Gott sei dem Boesewichte gnaedig, wann er auf dem
+Vorsatze verharret! Wann er behauptet, es sei nicht noetig, zu
+heiraten und Kinder zu zeugen, will er mir damit nicht zu verstehn
+geben, es sei auch nicht noetig gewesen, dass ich ihn gezeugt habe? Der
+undankbare Sohn!
+
+Anton. Es ist wahr, kein groesster Undank kann unter der Sonne sein,
+als wenn ein Sohn die viele Muehe nicht erkennen will, die sein Vater
+hat ueber sich nehmen muessen, um ihn in die Welt zu setzen.
+
+Chrysander. Nein; gewiss, an mir soll der heilige Ehestand seinen
+Verteidiger finden!
+
+Anton. Der Wille ist gut; aber lauter solche Verteidiger wuerden die
+Konsumtionsakzise ziemlich geringe machen.
+
+Chrysander. Wieso?
+
+Anton. Bedenken Sie es selbst! drei Weiber, und von der dritten kaum
+einen Sohn.
+
+Chrysander. Kaum? was willst du mit dem, kaum' sagen, Schlingel?
+
+Anton. Hui, dass Sie etwas Schlimmers darunter verstehn als ich.
+
+Chrysander. Zwar im Vertrauen, Anton: wenn die Weiber vor zwanzig
+Jahren so gewesen waeren, wie die Weiber jetzo sind, ich wuerde auf
+wunderbare Gedanken geraten. Er hat gar zu wenig von mir! Doch die
+Weiber vor zwanzig Jahren waren so frech noch nicht wie die jetzigen;
+so treulos noch nicht, wie sie heutzutage sind; so luestern noch nicht--
+
+Anton. Ist das gewiss? Nun wahrhaftig, so hat man meiner Mutter
+unrecht getan, die vor 33 Jahren von ihrem Manne, der mein Vater nicht
+sein wollte, geschieden wurde! Doch das ist ein Punkt, woran ich
+nicht gern denke. Die Grillen Ihres Herrn Sohns sind lustiger.
+
+Chrysander. Aergerlicher, sprich! Aber sage mir, was waren denn
+seine Entschuldigungen?
+
+Anton. Seine Entschuldigungen waren Einfaelle, die auf seinem Miste
+nicht gewachsen waren. Er sagte zum Exempel, solange er unter vierzig
+Jahren sei und ihn jemand um die Ursache fragen wuerde, warum er nicht
+heirate, wolle er antworten, er sei zum Heiraten noch zu jung. Waere
+er aber ueber vierzig Jahr, so wolle er sprechen, nunmehr sei er zum
+Heiraten zu alt. Ich weiss nicht, wie der Gelehrte hiess, der auch so
+soll gesagt haben.--Ein anderer Vorwand war der: er heiratete deswegen
+nicht, weil er alle Tage willens waere, ein Moench zu werden; und wuerde
+deswegen kein Moench, weil er alle Tage gedaechte zu heiraten.
+
+Chrysander. Was? nun will er auch gar ein Moench werden? Da sieht man,
+wohin so ein boeses Gemuet, das keine Ehrfurcht fuer den heiligen
+Ehestand hat, verfallen kann! Das haette ich nimmermehr in meinem
+Sohne gesucht!
+
+Anton. Sorgen Sie nicht! bei Ihrem Sohne ist alles nur ein Uebergang.
+Er hatte den Einfall in der Lebensbeschreibung eines Gelehrten gelesen;
+er hatte Geschmack daran gefunden und sogleich beschlossen, ihn bei
+Gelegenheit als den seinen anzubringen. Bald aber ward die Grille von
+einer andern verjagt, so wie etwann, so wie etwann--Schade, dass ich
+kein Gleichnis dazu finden kann! Kurz, sie ward verjagt. Er wollte
+nunmehr heiraten, und zwar einen rechten Teufel von einer Frau.
+
+Chrysander. Wenn doch den Einfall mehr Narren haben wollten, damit
+andre ehrliche Maenner mit boesen Weibern verschont blieben.
+
+Anton. Ja, meinte er: es wuerde doch huebsch klingen, wenn es einmal
+von ihm heissen koennte: unter die Zahl der Gelehrten, welche der Himmel
+mit boesen Weibern gestraft hat, gehoeret auch der beruehmte Damis;
+gleichwohl kann sich die gelehrte Welt nicht ueber ihn beklagen, dass
+ihn dieses Hauskreuz nur im geringsten abgehalten haette, ihr mit
+unzaehlbaren gelehrten Schriften zu dienen.
+
+Chrysander. Mit Schriften! ja, die mir am teuersten zu stehen kommen.
+Was fuer Rechnungen habe ich nicht schon an die Buchdrucker bezahlen
+muessen! Der Boesewicht!
+
+Anton. Geduld! er hat auch erst angefangen zu schreiben! Es wird
+schon besser kommen.
+
+Chrysander. Besser? vielleicht damit man ihn endlich einmal auch
+unter die zaehlen kann, die ihren Vater arm geschrieben haben!
+
+Anton. Warum nicht? wenn es ihm Ehre braechte--
+
+Chrysander. Die verdammte Ehre!
+
+Anton. Um die tut ein junger Gelehrter alles! Wann es auch nach
+seinem Tode heissen sollte: unter diejenigen Gelehrten, die zum Teufel
+gefahren sind, gehoert auch der beruehmte Damis! was schadet das? Genug,
+er heisst gelehrt; er heisst beruehmt--
+
+Chrysander. Kerl, du erschreckst mich! Aber du, der du weit aelter
+bist als er, kannst du ihn nicht dann und wann zurechte weisen?--
+
+Anton. Oh, Herr Chrysander! Sie wissen wohl, dass ich keinen Gehalt
+als Hofmeister bekomme. Und dazu meine Dummheit--
+
+Chrysander. Ja, die du annimmst, um ihn desto duemmer zu machen.
+
+Anton (beiseite). St! der kennt mich.--Aber glauben Sie, dass ihm mit
+der boesen Frau ein Ernst war? Nichts weniger! Eine Stunde darauf
+wollte er sich eine gelehrte Frau aussuchen.
+
+Chrysander. Nun, das waere doch noch etwas Kluges!
+
+Anton. Etwas Kluges? Nach meiner unvorgreiflichen Meinung ist es
+gleich der duemmste Einfall, den er hat haben koennen. Eine gelehrte
+Frau! bedenken Sie doch! eine gelehrte Frau; eine Frau wie Ihr Herr
+Sohn! Zittern und Entsetzen moechte einem ehrlichen Kerl ankommen.
+Wahrhaftig! ehe ich mir eine Gelehrte aufhaengen liess'--
+
+Chrysander. Narre, Narre! sie gehen unter andern Leuten, als du bist,
+reissend weg. Wann ihrer nur viel waeren, wer weiss, ob ich mir nicht
+selbst eine waehlte.
+
+Anton. Kennen Sie Karlinen?
+
+Chrysander. Karlinen? Nein.
+
+Anton. Meinen ehemaligen Kameraden? meinen guten Freund? kennen Sie
+den nicht?
+
+Chrysander. Nein doch, nein.
+
+Anton. Er trug ein hechtgraues Kleid mit roten Aufschlaegen und auf
+seiner Sonntagsmontur rote und blaue Achselbaender. Sie muessen ihn bei
+mir gesehen haben. Er hatte eine etwas lange Nase. Sie war ein
+Erbstueck; denn er wollte aus der Geschichte wissen, dass schon sein
+Ururaeltervater, der ehedem einem gewissen Turnier als Stallknecht
+beigewohnt, eine ebenso lange gehabt habe. Sein einziger Fehler war,
+dass er etwas krumme Beine hatte. Besinnen Sie sich nun?
+
+Chrysander. Soll ich denn alle das Lumpengesindel kennen, das du
+kennst? Und was willst du denn mit ihm?
+
+Anton. Sie kennen ihn also im Ernste nicht? Oh! da kennen Sie einen
+sehr grossen Geist weniger. Ich will Sie zu seiner Bekanntschaft
+verhelfen; ich gelte etwas bei ihm.
+
+Chrysander. Ich glaube, du schwaermst manchmal so gut als mein Sohn.
+Wie koemmst du denn auf die Possen?
+
+Anton. Eben der Karlin, will ich sagen--Oh! es ist aergerlich, dass Sie
+ihn nicht kennen.--Eben der Karlin, sage ich, hat einmal bei einem
+Herrn gedient, der eine gelehrte Frau hatte. Der verzweifelte
+Vogel--er sah gut aus, und wie nun der Appetit sich nach dem Stande
+nicht richtet--kurz, er musste sie naeher gekannt haben. Wo haette er
+sonst so viel Verstand her? Endlich merkte es auch sein Herr, dass er
+bei der Frau in die Schule ging. Er bekam seinen Abschied, ehe er
+sich's versah. Die arme Frau!
+
+Chrysander. Ach schweig! ich mag weder deine noch meines Sohnes
+Grillen laenger mit anhoeren.
+
+Anton. Noch eine hoeren Sie; und zwar die, welche zuletzt seine
+Leibgrille ward: er wollte mehr als eine Frau heiraten.
+
+Chrysander. Aber eine nach der andern.
+
+Anton. Nein, wenigstens ein halb Dutzend auf einmal. Der Bibel, der
+Obrigkeit und dem Gebrauche zum Trutze! Er las damals gleich ein
+Buch--
+
+Chrysander. Die verdammten Buecher! Kurz, ich will nicht weiter hoeren.
+Es soll ihm schon vergehen, mehr als eine zu nehmen, wenn er nur
+erst die genommen hat, die ich jetzt fuer ihn im Kopfe habe. Und was
+meinest du wohl, Anton? quid putas? wie wir Lateiner reden; wird er's
+tun?
+
+Anton. Vielleicht; vielleicht nicht. Wenn ich wuesste, was er fuer ein
+Buch zuletzt gelesen haette, und wenn ich dieses Buch selbst lesen
+koennte, und wenn--
+
+Chrysander. Ich sehe schon, ich werde deine Hilfe noetig haben. Du
+bist zwar ein Gauner, aber ich weiss auch, man koemmt jetzt mit
+Betruegern weiter als mit ehrlichen Leuten.
+
+Anton. Ei, Herr Chrysander, fuer was halten Sie mich?
+
+Chrysander. Ohne Komplimente, Herr Anton! ich verspreche dir eine
+Belohnung, die deinen Verdiensten gemaess sein soll, wenn du meinen Sohn
+quovis modo, wie wir Lateiner reden, durch Wahrheiten oder durch Luegen,
+durch Ernst oder durch Schraubereien, vel sic vel aliter, wie wir
+Lateiner reden, Julianen zu heiraten bereden kannst.
+
+Anton. Wen? Julianen?
+
+Chrysander. Julianen; illam ipsam.
+
+Anton. Unsere Mamsell Juliane? Ihr Muendel? Ihre Pflegetochter?
+
+Chrysander. Kennst du eine andre?
+
+Anton. Das ist unmoeglich, oder das, was ich von ihr gehoert habe, muss
+nicht wahr sein.
+
+Chrysander. Gehoert? so? hast du etwas von ihr gehoert? doch wohl
+nichts Boeses.
+
+Anton. Nichts Gutes war es freilich nicht.
+
+Chrysander. Ei! ich habe auf das Maedchen so grosse Stuecken gehalten.
+Sie wird doch nicht etwa mit einem jungen Kerl--he?
+
+Anton. Wann es nichts mehr waere! so ein klein Fehlerchen entschuldigt
+die Mode. Aber, es ist noch etwas weit Aergers fuer eine gute Jungfer,
+die gerne nicht laenger Jungfer sein moechte.
+
+Chrysander. Noch etwas weit Aergers? ich versteh dich nicht.
+
+Anton. Und Sie sind gleichwohl ein Kaufmann?
+
+Chrysander. Noch etwas weit Aergers? Ich habe immer geglaubt,
+Eingezogenheit und gute Sitten waeren das Vornehmste--
+
+Anton. Nicht mehr! nicht mehr! vor zwanzig Jahren wohl, wie Sie
+vorher selbst weislich erinnerten.
+
+Chrysander. Nun so erklaere dich deutlicher. Ich habe nicht Lust,
+deine naerrischen Gedanken zu erraten.
+
+Anton. Und nichts ist doch leichter. Mit einem Worte: sie soll kein
+Geld haben. Man hat mir gesagt, in Ansehung ihres Vaters, der Ihr
+guter Freund gewesen waere, haetten Sie Julianen, von ihrem neunten
+Jahre an, zu sich genommen und aus Barmherzigkeit erzogen.
+
+Chrysander. Da hat man dir nun wohl keine Luegen gesagt; gleichwohl
+aber soll sie doch kein andrer haben als mein Sohn, wann nur er--Denn
+sieh, Anton, ich muss dir das ganze Raetsel erklaeren.--Es liegt nur an
+mir, Julianen in kurzer Zeit reich zu machen.
+
+Anton. Ja, durch Ihr eigen Geld; und auf diese Art koennten Sie auch
+mich wohl reich machen. Wollen Sie so gut sein?
+
+Chrysander. Nein, nicht durch mein eigen Geld.--Kannst du schweigen?
+
+Anton. Versuchen Sie es.
+
+Chrysander. Hoere also; mit Julianens Vermoegen steht es so: ihr Vater
+kam durch einen Prozess, den er endlich doch musste liegenlassen, kurz
+vor seinem Tode um alle das Seine. Jetzt nun ist mir ein gewisses
+Dokument in die Haende gefallen, das er lange vergebens suchte und das
+dem ganzen Handel ein ander Ansehen gibt. Es koemmt nur darauf an, dass
+ich so viel Geld hergebe, den Prozess wieder anzufangen. Das Dokument
+selbst habe ich bereits an meinen Advokaten nach Dresden geschickt.--
+
+Anton. Gott sei Dank! dass Sie wieder zum Kaufmanne werden! Vorhin
+haette ich bald nicht gewusst, was ich aus Ihnen machen sollte.--Aber
+Julianens Einwilligung haben Sie doch schon?
+
+Chrysander. Oh! das gute Kind will mir, wie es spricht, in allem
+gehorchen. Unterdessen hat sich doch schon Valer auf sie gespitzt.
+Er hat mir vor einiger Zeit auch seine Gedanken deshalb eroeffnet. Ehe
+ich das Dokument bekam--
+
+Anton. Ja, da war uns an Julianen so viel nicht gelegen. Sie machten
+ihm also Hoffnung?
+
+Chrysander. Freilich! Er ist heute von Berlin wieder zurueckgekommen
+und hat sich auch schon bei mir melden lassen. Ich besorge, ich
+besorge--Doch wenn mein Sohn nur will--Und diesen, Anton, du
+verstehest mich--Ein Narr ist auf viel Seiten zu fassen; und ein Mann
+wie du kann auf viel Seiten fassen.--Du wirst sehen, dass ich
+erkenntlich bin.
+
+Anton. Und Sie, dass ich ganz zu Ihren Diensten bin, zumal wenn mich
+die Erkenntlichkeit zuerst herausfordert und--
+
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Anton. Chrysander. Juliane.
+
+
+Juliane. Kommen Sie doch, Herr Chrysander, kommen Sie doch hurtig
+herunter. Herr Valer ist schon da, Ihnen seine Aufwartung zu machen.
+
+Chrysander. Tut Sie doch ganz froehlich, mein Jungferchen!
+
+Anton (sachte zu Chrysandern). Hui! dass Valer schon den Vogel
+gefangen hat.
+
+Chrysander. Das waere mir gelegen.
+
+
+(Anton und Chrysander gehen ab.)
+
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Juliane. Lisette.
+
+
+Lisette (guckt aus dem Kabinett). Bst! bst! bst!
+
+Juliane. Nun, wem gilt das? Lisette? bist du's? Was machst du denn
+hier?
+
+Lisette. Ja, das werden Sie wohl nimmermehr glauben, dass ich und
+Damis schon so weit miteinander gekommen sind, dass er mich verstecken
+muss. Schon kann ich ihn um einen Finger wickeln! Noch eine
+Unterredung wie vorhin, so habe ich ihn im Sacke.
+
+Juliane. Und also haette ich wohl, in allem Scherze, einen recht guten
+Einfall gehabt? Wollte doch der Himmel, dass die Verbindung, die sein
+Vater zwischen uns--
+
+Lisette. Ach, sein Vater! der Schalk, der Geizhals! Jetzt habe ich
+ihn kennenlernen.
+
+Juliane. Was gibst du ihm fuer Titel? Seine Guetigkeit ist nur gar zu
+gross. Seine Wohltaten vollkommen zu machen, traegt er mir die Hand
+seines Sohnes und mit ihr sein ganzes Vermoegen an. Aber wie
+ungluecklich bin ich dabei!--Dankbarkeit und Liebe, Liebe gegen den
+Valer, und Dankbarkeit--
+
+Lisette. Noch vor einer Minute, war ich in ebendem Irrtume. Aber
+glauben Sie mir nur, ich weiss es nunmehr aus seinem Munde: nicht aus
+Freundschaft fuer Sie, sondern aus Freundschaft fuer Ihr Vermoegen will
+er diese Verbindung treffen.
+
+Juliane. Fuer mein Vermoegen? du schwaermst. Was habe ich denn, das ich
+nicht von ihm haette?
+
+Lisette. Kommen Sie, kommen Sie. Hier ist der Ort nicht, viel zu
+schwatzen. Ich will Ihnen alles erzaehlen, was ich gehoert habe.
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug
+
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Lisette. Valer. Juliane.
+
+
+Lisette (noch innerhalb der Szene). Nur hier herein; Herr Damis ist
+ausgegangen. Sie koennen hier schon ein Woertchen miteinander im
+Vertrauen reden.
+
+Juliane. Ja, Valer, mein Entschluss ist gefasst. Ich bin ihm zu viel
+schuldig; er hat durch seine Wohltaten das groesste Recht ueber mich
+erhalten. Es koste mir, was es wolle; ich muss die Heirat eingehen,
+weil es Chrysander verlangt. Oder soll ich etwa die Dankbarkeit der
+Liebe aufopfern? Sie sind selbst tugendhaft, Valer, und Ihr Umgang
+hat mich edler denken gelehrt. Mich Ihrer wert zu zeigen, muss ich
+meine Pflicht, auch mit dem Verluste meines Glueckes, erfuellen.
+
+Lisette. Eine wunderbare Moral! wahrhaftig!
+
+Valer. Aber wo bleiben Versprechung, Schwur, Treue? Ist es erlaubt,
+um eine eingebildete Pflicht zu erfuellen, einer andern, die uns
+wirklich verbindet, entgegen zu handeln?
+
+Juliane. Ach, Valer, Sie wissen es besser, was zu solchen
+Versprechungen gehoert. Missbrauchen Sie meine Schwaeche nicht. Die
+Einwilligung meines Vaters war nicht dabei.
+
+Valer. Was fuer eines Vaters?--
+
+Juliane. Desjenigen, dem ich fuer seine Wohltaten diese Benennung
+schuldig bin. Oder halten Sie es fuer keine Wohltaten, der Armut und
+allen ihren unseligen Folgen entrissen zu werden? Ach, Valer, ich
+wuerde Ihr Herz nicht besitzen, haette nicht Chrysanders Sorgfalt mich
+zur Tugend und Anstaendigkeit bilden lassen.
+
+Valer. Wohltaten hoeren auf, Wohltaten zu sein, wenn man sucht, sich
+fuer sie bezahlt zu machen. Und was tut Chrysander anders, da er Sie,
+allzu gewissenhafte Juliane, nur deswegen mit seinem Sohne verbinden
+will, weil er ein Mittel sieht, Ihnen wieder zu dem groessten Teile
+Ihres vaeterlichen Vermoegens zu verhelfen?
+
+Juliane. Fussen Sie doch auf eine so wunderbare Nachricht nicht. Wer
+weiss, was Lisette gehoert hat?
+
+Lisette. Nichts, als was sich vollkommen mit seiner uebrigen
+Auffuehrung reimt. Ein Mann, der seine Wohltaten schon ausposaunet,
+der sie einem jeden auf den Fingern vorzurechnen weiss, sucht etwas
+mehr als das blosse Gotteslohn. Und waere es etwa die erste Traene, die
+Ihnen aus Verdruss, von einem so eigennuetzig freigebigen Manne
+abzuhaengen, entfahren ist?
+
+Valer. Lisette hat recht!--Aber ich empfinde es leider; Juliane liebt
+mich nicht mehr.
+
+Juliane. Sie liebt Sie nicht mehr? Dieser Verdacht fehlte noch,
+ihren Kummer vollkommen zu machen. Wann Sie wuessten, wieviel es ihr,
+gegen die Ratschlaege der Liebe taub zu sein, koste; wann Sie wuessten,
+Valer--ach, die misstrauischen Mannspersonen!
+
+Valer. Legen Sie die Furcht eines Liebhabers, dessen ganzes Glueck auf
+dem Spiele steht, nicht falsch aus. Sie lieben mich also noch? und
+wollen sich einem andern ueberlassen?
+
+Juliane. Ich will? Koennten Sie mich empfindlicher martern? Ich
+will?--Sagen Sie: ich muss.
+
+Valer. Sie muessen?--Noch ist nie ein Herz gezwungen worden als
+dasjenige, dem es lieb ist, den Zwang zu seiner Entschuldigung machen
+zu koennen--
+
+Juliane. Ihre Vorwuerfe sind so fein, so fein! dass ich Sie vor Verdruss
+verlassen werde.
+
+Valer. Bleiben Sie, Juliane; und sagen Sie mir wenigstens, was ich
+dabei tun soll?
+
+Juliane. Was ich tue; dem Schicksale nachgeben.
+
+Valer. Ach, lassen Sie das unschuldige Schicksal aus dem Spiele!
+
+Juliane. Das unschuldige? und ich werde also wohl die Schuldige sein?
+Halten Sie mich nicht laenger--
+
+Lisette. Wann ich mich nun nicht bald dazwischenlege, so werden sie
+sich vor lauter Liebe zanken.--Was Sie tun sollen, Herr Valer? eine
+grosse Frage! Himmel und Hoelle rege machen, damit die gute Jungfer
+nicht muss! Den Vater auf andre Gedanken bringen; den Sohn auf Ihre
+Seite ziehen.--Mit dem Sohne zwar hat es gute Wege; den ueberlassen Sie
+nur mir. Der gute Damis! Ich bin ohne Zweifel das erste Maedchen, das
+ihm schmeichelt, und hoffe dadurch auch das erste zu werden, das von
+ihm geschmeichelt wird. Wahrhaftig; er ist so eitel, und ich bin so
+geschickt, dass ich mich wohl noch zu seiner Frau an ihm loben wollte,
+wenn der verzweifelte Vater nicht waere!--Sehen Sie, Herr Valer, der
+Einfall ist von Mamsell Julianen! Erfinden Sie nun eine Schlinge fuer
+den Vater--
+
+Juliane. Was sagst du, Lisette? von mir? O Valer, glauben Sie solch
+rasendes Zeug nicht! Habe ich dir etwas anders befohlen, als ihm
+einen schlechten Begriff von mir beizubringen?
+
+Lisette. Ja, recht; einen schlechten von Ihnen--und wenn es moeglich
+waere, einen desto bessern von mir.
+
+Juliane. Nein, es ist mit euch nicht auszuhalten--
+
+Valer. Erklaeren Sie wenigstens, liebste Juliane--
+
+Juliane. Erklaeren? und was? Vielleicht, dass ich Ihnen in die Arme
+rennen will und wann ich auch alle Tugenden beleidigen sollte? dass ich
+mich mit einer Begierde, mit einem Eifer die Ihrige zu werden bemuehen
+will, die mich in Ihren Augen notwendig einmal veraechtlich machen
+muessen? Nein, Valer--
+
+Lisette. Hoeren Sie denn nicht, dass sie uns gern freie Hand lassen
+will? Sie macht es wie die schoene Aspasia--oder wie hiess die
+Prinzessin in dem dicken Romane? Zwei Ritter machten auf sie Anspruch.
+Schlagt euch miteinander, sagte die schoene Aspasia; wer den andern
+ueberwindet, soll mich haben. Gleichwohl aber war sie dem Ritter in
+der blauen Ruestung guenstiger als dem andern--
+
+Juliane. Ach, die Naerrin, mit ihrem blauen Ritter--(Reisst sich los
+und geht ab.)
+
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Lisette. Valer.
+
+
+Lisette. Ha! ha! ha!
+
+Valer. Mir ist nicht laecherlich, Lisette.
+
+Lisette. Nicht? Ha! ha! ha!
+
+Valer. Ich glaube, du lachst mich aus.
+
+Lisette. Oh, so lachen Sie mit! Oder ich muss noch einmal darueber
+lachen, dass Sie nicht lachen wollen. Ha! ha! ha!
+
+Valer. Ich moechte verzweifeln! In der Ungewissheit, ob sie mich noch
+liebt--
+
+Lisette. Ungewissheit? Sind denn alle Mannspersonen so schwer zu
+ueberreden? Werden sie denn alle zu solchen aengstlichen Zweiflern,
+sobald sie die Liebe ein wenig erhitzt? Lassen Sie Ihre Grillen
+fahren, Herr Valer, oder ich lache aufs neue. Spannen Sie vielmehr
+Ihren Verstand an, etwas auszusinnen, um den alten Chrysander--
+
+Valer. Chrysander traut mir nicht und kann mir nicht trauen. Er
+kennt meine Neigung zu Julianen. Alle mein Zureden wuerde umsonst sein;
+er wuerde den Eigennutz, die Quelle davon, gar bald entdecken. Und
+wenn ich auch eine voellige Anwerbung tun wollte; was wuerde es helfen?
+Er ist deutsch genug, mir gerade ins Gesicht zu sagen, dass ich seinem
+Sohne hier nachstehen muesse, welcher wegen der Wohltaten des Vaters
+das groesste Recht auf Julianen habe.--Was soll ich also anfangen?
+
+Lisette. Mit den wunderlichen Leuten, die nur ueberall den ebenen Weg
+gehen wollen! Hoeren Sie, was mir eingefallen ist. Das Dokument, oder
+wie der Quark heisst, ist das einzige, was Chrysandern zu dieser Heirat
+Lust macht, so dass er es schon an seinen Advokaten geschickt hat. Wie
+wenn man von diesem Advokaten einen Brief unterschieben koennte, in
+welchem--in welchem--
+
+Valer. In welchem er ihm die Gueltigkeit des Dokuments verdaechtig
+macht; willst du sagen? Der Einfall ist so unrecht nicht! Aber--wenn
+ihm nun einmal der Advokate ganz das Gegenteil schreibt, so ist ja
+unser Betrug am Tage.
+
+Lisette. Was fuer ein Einwurf! Freilich muessen Sie ihn stimmen. Es
+ist von jeher gebraeuchlich gewesen, dass es sich ein Liebhaber etwas
+muss kosten lassen.
+
+Valer. Wenn nun aber der Advokat ehrlich ist?
+
+Lisette. Tun Sie doch, als ob Sie seit vier Wochen erst in der Welt
+waeren. Wie die Geschenke so ist der Advokat. Kommen gar keine, so
+ist der niedertraechtigste Betrueger der redlichste Mann. Kommen welche,
+aber nur kleine, so haelt das Gewissen noch so ziemlich das
+Gleichgewicht. Es steigen alsdenn wohl Versuchungen bei ihm auf;
+allein die kleinste Betrachtung schlaegt sie wieder nieder. Kommen
+aber nur recht ansehnliche, so ist gar bald der ehrlichste Advokat
+nicht mehr der ehrlichste. Er legt die Ehrlichkeit mit den
+geschenkten Goldstuecken in den Schatz, wo jene eher zu rosten anfaengt
+als diese. Ich kenne die Herren!
+
+Valer. Dein Urteil ist zu allgemein. Nicht alle Personen von
+einerlei Stande sind auf einerlei Art gesinnet. Ich kenne
+verschiedene alte rechtschaffene Sachwalter--
+
+Lisette. Was wollen Sie mit Ihren alten? Es ist eben, als wenn Sie
+sagten, die grossen runden Aufschlaege, die kleinen spitzen Knoepfe, die
+erschrecklichen Halskrausen, aus welchen man Schiffssegel machen
+koennte, die viereckigten breiten Schuhe, die tiefen Taschen, kurz, die
+ganze Tracht, wie sich etwa Ihre Paten an Ehrentagen moegen
+ausstaffiert haben, waeren noch jetzt Mode, weil man noch manchmal hier
+und da einige gebueckte zitternde Maennerchen ueber die Gassen so
+schleichen sieht. Lassen Sie nur noch die und Ihr paar alte
+rechtschaffene Advokaten sterben; die Mode und die Redlichkeit werden
+einen Weg nehmen.
+
+Valer. Man hoert doch gleich, wenn das Frauenzimmer am beredtesten ist!
+
+Lisette. Sie meinen etwa, wenn es ans Laestern geht? O wahrhaftig!
+des blossen Laesterns wegen habe ich so viel nicht geplaudert. Meine
+vornehmste Absicht war, Ihnen beizubringen, wieviel ueberall das Geld
+tun koenne und was fuer ein vortreffliches Spiel ein Liebhaber in den
+Haenden hat, wenn er gegen alle freigebig ist, gegen die Gebieterin,
+gegen den Advokaten und--Dero Dienerin. (Sie macht eine Verbeugung.)
+
+Valer. Verlass dich auf meine Erkenntlichkeit. Ich verspreche dir
+eine recht ansehnliche Ausstattung, wenn wir gluecklich sind--
+
+Lisette. Ei, wie fein! Eine Ausstattung? Sie hoffen doch wohl nicht,
+dass ich uebrigbleiben werde?
+
+Valer. Wann du das befuerchtest, so verspreche ich dir den Mann darzu.
+--Doch komm nur; Juliane wird ohne Zweifel auf uns warten. Wir wollen
+gemeinschaftlich unsre Sachen weiter ueberlegen.
+
+Lisette. Gehen Sie nur voran; ich muss noch hier verziehen, um meinem
+jungen Gelehrten--
+
+Valer. Er wird vielleicht schon unten bei dem Vater sein.
+
+Lisette. Wir muessen uns alleine sprechen. Gehen Sie nur! Sie haben
+ihn doch wohl noch nicht gesprochen?
+
+Valer. Was wollte ich nicht darum geben, wenn ich es ganz und gar
+ueberhoben sein koennte! Seinetwegen wuerde ich dieses Haus fliehen,
+aerger als ein Tollhaus, wenn nicht ein angenehmerer Gegenstand--
+
+Lisette. So gehen Sie doch, und lassen Sie den angenehmern Gegenstand
+nicht laenger auf sich warten.
+
+(Valer geht ab.)
+
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Anton. Lisette.
+
+
+Anton. Nu? was will die! in meines Herrn Studierstube? Jetzt ging
+Valer heraus; vor einer Weile Juliane; und du bist noch da? Ich
+glaube gar, ihr habt eure Zusammenkuenfte hier. Warte, Lisette! das
+will ich meinem Herrn sagen. Ich will mich schon raechen; noch fuer das
+Gestrige; besinnst du dich?
+
+Lisette. Ich glaube, du keifst? Was willst du mit deinem Gestrigen?
+
+Anton. Eine Maulschelle vergisst sich wohl bei dem leicht, der sie
+gibt, aber der, dem die Zaehne davon gewackelt haben, der denkt eine
+Zeitlang daran. Warte nur! warte!
+
+Lisette. Wer heisst dich, mich kuessen?
+
+Anton. Potz Stern, wie gemein wuerden die Maulschellen sein; wenn alle
+die welche bekommen sollten, die euch kuessen wollen.--Jetzt soll dich
+mein Herr dafuer wacker--
+
+Lisette. Dein Herr? der wird mir nicht viel tun.
+
+Anton. Nicht? Wievielmal hat er es nicht gesagt, dass so ein heiliger
+Ort, als eine Studierstube ist, von euch unreinen Geschoepfen nicht
+muesse entheiliget werden? Der Gott der Gelehrsamkeit--warte, wie
+nennt er ihn?--Apollo--koenne kein Weibsbild leiden. Schon der Geruch
+davon waere ihm zuwider. Er fliehe davor wie der Stoesser vor den Tauben.
+--Und du denkst, mein Herr wuerde es so mit ansehen, dass du ihm den
+lieben Gott von der Stube treibest?
+
+Lisette. Ich glaube gar, du Narre denkst, der liebe Gott sei nur bei
+euch Mannspersonen? Schweig, oder--
+
+Anton. Ja, so eine wie gestern vielleicht?
+
+Lisette. Noch eine bessre! der Pinsel haette gestern mehr als eine
+verdient. Er koemmt zu mir; es ist finster; er will mich kuessen; ich
+stosse ihn zurueck, er koemmt wieder; ich schlage ihn aufs Maul, es tut
+ihm weh; er laesst nach; er schimpft; er geht fort--Ich moechte dir
+gleich noch eine geben, wenn ich daran gedenke.
+
+Anton. Ich haette es also wohl abwarten sollen, wie oft du deine
+Karesse haettest wiederholen wollen?
+
+Lisette. Gesetzt, es waeren noch einige gefolgt, so wuerden sie doch
+immer schwaecher und schwaecher geworden sein. Vielleicht haetten sich
+die letztern gar--doch so ein dummer Teufel verdient nichts.
+
+Anton. Was hoer ich? ist das dein Ernst, Lisette? Bald haette ich Lust,
+die Maulschelle zu vergessen und mich wieder mit dir zu vertragen.
+
+Lisette. Halte es, wie du willst. Was ist mir jetzt an deiner Gunst
+gelegen? Ich habe ganz ein ander Wildbret auf der Spur.
+
+Anton. Ein anders? au weh, Lisette! Das war wieder eine Ohrfeige,
+die ich so bald nicht vergessen werde! Ein anders? Ich daechte, du
+haettest an einem genug, das dir selbst ins Netz gelaufen ist.
+
+Lisette. Und drum eben ist nichts dran.--Aber sage mir, wo bleibt
+dein Herr?
+
+Anton. Danke du Gott, dass er so lange bleibt; und mache, dass du hier
+fortkoemmst. Wann er dich trifft, so bist du in Gefahr,
+herausgepruegelt zu werden.
+
+Lisette. Dafuer lass mich sorgen! Wo ist er denn? ist er von der Post
+noch nicht wieder zurueck?
+
+Anton. Woher weisst du denn, dass er auf die Post gegangen ist?
+
+Lisette. Genug, ich weiss es. Er wollte dich erst schicken. Aber wie
+kam es denn, dass er selbst ging? Ha! ha! ha! "Es ist mit dem
+Schlingel nichts anzufangen." Wahrhaftig, das Lob macht mich ganz
+verliebt in dich.
+
+Anton. Wer Henker muss dir das gesagt haben?
+
+Lisette. O niemand; sage mir nur, ist er wieder da?
+
+Anton. Schon laengst; unten ist er bei seinem Vater.
+
+Lisette. Und was machen sie miteinander?
+
+Anton. Was sie machen? sie zanken sich.
+
+Lisette. Der Sohn will gewiss den Vater von seiner Geschicklichkeit
+ueberfuehren?
+
+Anton. Ohne Zweifel muss es so etwas sein. Damis ist ganz ausser sich:
+er laesst den Alten kein Wort aufbringen: er rechnet ihm tausend Buecher
+her, die er gesehen; tausend, die er gelesen hat; andere tausend, die
+er schreiben will, und hundert kleine Buecherchen, die er schon
+geschrieben hat. Bald nennt er ein Dutzend Professores, die ihm sein
+Lob schriftlich, mit untergedrucktem Siegel, nicht umsonst, gegeben
+haetten; bald ein Dutzend Zeitungsschreiber, die eine vortreffliche
+Posaune fuer einen jungen Gelehrten sind, wenn man ein silbernes
+Mundstueck darauf steckt; bald ein Dutzend Journalisten, die ihn alle
+zu ihrem Mitarbeiter flehentlich erbeten haben. Der Vater sieht ganz
+erstaunt; er ist um die Gesundheit seines Sohnes besorgt; er ruft
+einmal ueber das andre: Sohn, erhitze dich doch nicht so! schone deine
+Lunge! ja doch, ich glaub es! gib dich zufrieden! es war so nicht
+gemeint!
+
+Lisette. Und Damis?--
+
+Anton. Und Damis laesst nicht nach. Endlich greift sich der Vater an;
+er ueberschreit ihn mit Gewalt und besaenftiget ihn mit einer Menge
+solcher Lobsprueche, die in der Welt niemand verdient hat, verdient,
+noch verdienen wird. Nun wird der Sohn wieder vernuenftig, und nun--ja
+nun schreiten sie zu einem andern Punkte, zu einer andern Sache,--zu--
+
+Lisette. Wozu denn?
+
+Anton. Gott sei Dank, mein Maul kann schweigen!
+
+Lisette. Du willst mir es nicht sagen?
+
+Anton. Nimmermehr! ich bin zwar sonst ein schlechter Kerl; aber wenn
+es auf die Verschwiegenheit ankoemmt--
+
+Lisette. Lerne ich dich so kennen?
+
+Anton. Ich daechte, das sollte dir lieb sein, dass ich schweigen kann;
+und besonders von Heiratssachen oder was dem anhaengig ist--
+
+Lisette. Weisst du nichts mehr? O das habe ich laengst gewusst.
+
+Anton. Wie schoen sie mich ueber den Toelpel stossen will. Also waere es
+ja nicht noetig, dass ich dir es sagte?--
+
+Lisette. Freilich nicht! aber mich fuer dein schelmisches Misstrauen zu
+raechen, weiss ich schon, was ich tun will. Du sollst es gewiss nicht
+mehr wagen, gegen ein Maedchen von meiner Profession verschwiegen zu
+sein! Besinnst du dich, wie du von deinem Herrn vor kurzem gesprochen
+hast?
+
+Anton. Besinnen? ein Mann, der in Geschaeften sitzt, der einen Tag
+lang so viel zu reden hat wie ich, soll sich der auf allen Bettel
+besinnen?
+
+Lisette. Seinen Herrn verleumden, ist etwas mehr, sollte ich meinen.
+
+Anton. Was? verleumden?
+
+Lisette. Ha, ha! Herr Mann, der in Geschaeften sitzt, besinnen Sie
+sich nun? Was haben Sie vorhin gegen seinen Vater von ihm geredt?
+
+Anton. Das Maedel muss den Teufel haben, oder der verzweifelten Alte
+hat geplaudert. Aber hoere, Lisette, weisst du es gewiss, was ich gesagt
+habe? Was war es denn? Lass einmal hoeren.
+
+Lisette. Du sollst alles hoeren, wenn ich es deinem Herrn erzaehlen
+werde.
+
+Anton. O wahrhaftig, ich glaube, du machst Ernst daraus. Du wirst
+mir doch meinen Kredit bei meinem Herrn nicht verderben wollen? Wenn
+du wirklich etwas weisst, so sei keine Naerrin!--Dass ihr Weibsvolk doch
+niemals Spass versteht! Ich habe dir eine Ohrfeige vergeben, und du
+willst dich, einer kleinen Neckerei wegen, raechen? Ich will dir ja
+alles sagen.
+
+Lisette. Nun so sage--
+
+Anton. Aber du sagst doch nichts?--
+
+Lisette. Je mehr du sagen wirst, je weniger werde ich sagen.
+
+Anton. Was wird es sonst viel sein, als dass der Vater dem Sohne
+nochmals die Heirat mit Julianen vorschlug? Damis schien ganz
+aufmerksam zu sein, und--weiter kann ich dir nichts sagen.
+
+Lisette. Weiter nichts? Gut, gut, dein Herr soll alles erfahren.
+
+Anton. Um des Himmels willen, Lisette; ich will dir es nur gestehn.
+
+Lisette. Nun so gesteh!
+
+Anton. Ich will dir es nur gestehen, dass ich wahrhaftig nichts mehr
+gehoert habe. Ich wurde eben weggeschickt. Nun weisst du wohl, wenn
+man nicht zugegen ist, so kann man nicht viel hoeren--
+
+Lisette. Das versteht sich. Aber was meinst du, wird Damis sich dazu
+entschlossen haben?
+
+Anton. Wenn er sich noch nicht dazu entschlossen hat, so will ich
+mein Aeusserstes anwenden, dass er es noch tut. Ich soll fuer meine Muehe
+bezahlt werden, Lisette; und du weisst wohl, wenn ich bezahlt werde,
+dass alsdenn auch du--
+
+Lisette. Ja, ja, auch ich verspreche dir's; du sollst redlich bezahlt
+werden!--Unterstehe dich!--
+
+Anton. Wie?
+
+Lisette. Habe einmal das Herz!--
+
+Anton. Was?
+
+Lisette. Dummkopf! meine Jungfer will deinen Damis nicht haben--
+
+Anton. Was tut das?--
+
+Lisette. Folglich ist mein Wille, dass er sie auch nicht bekommen soll.
+
+Anton. Folglich, wenn sie mein Herr wird haben wollen, so wird mein
+Wille sein muessen, dass er sie bekommen soll.
+
+Lisette. Hoere doch! du willst mein Mann werden und einen Willen fuer
+dich haben? Buerschchen, das lass dir nicht einkommen! Dein Wille muss
+mein Wille sein, oder--
+
+Anton. St! potz Element! er koemmt; hoerst du? er koemmt! Nun sieh ja,
+wo der Zimmermann das Loch gelassen hat. Verstecke dich wenigstens;
+verstecke dich! Er bringt sonst mich und dich um.
+
+Lisette (beiseite). Halt, ich will beide betruegen!--Wo denn aber hin?
+wohin? in das Kabinett?
+
+Anton. Ja, ja, nur unterdessen hinein. Vielleicht geht er bald
+wieder fort.--Und ich, ich will mich geschwind hieher setzen--(Er
+setzt sich an den Tisch, nimmt ein Buch in die Hand und tut, als ob er
+den Damis nicht gewahr wuerde.)
+
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Anton. Damis.
+
+
+Anton (vor sich). Ja, die Gelehrten--wie gluecklich sind die Leute
+nicht!--Ist mein Vater nicht ein Esel gewesen, dass er mich nicht auch
+auf ihre Profession getan hat! Zum Henker, was muss es fuer eine Lust
+sein, wenn man alles in der Welt weiss, so wie mein Herr!--Potz Stern,
+die Buecher alle zu verstehn!--Wenn man nur darunter sitzt, man mag
+darin lesen oder nicht, so ist man schon ein ganz andrer Mensch!--Ich
+fuehl's, wahrhaftig ich fuehl's, der Verstand duftet mir recht daraus
+entgegen.--Gewiss, er hat recht; ohne die Gelehrsamkeit ist man nichts
+als eine Bestie.--Ich dumme Bestie!--(Beiseite.) Nun, wie lange wird
+er mich noch schimpfen lassen?--Wir sind doch naerrisch gepaaret, ich
+und mein Herr!--Er gibt dem Gelehrtesten und ich dem Ungelehrtesten
+nichts nach.--Ich will auch noch heute anfangen zu lesen.--Wenn ich
+ein Loch von achtzig Jahren in die Welt lebe, so kann ich schon noch
+ein ganzer Kerl werden.--Nur frisch angefangen! Da sind Buecher genug!
+--Ich will mir das kleinste aussuchen; denn anfangs muss man sich nicht
+uebernehmen.--Ha! da finde ich ein allerliebstes Buechelchen.--In so
+einem muss es sich mit Lust studieren lassen.--Nur frisch angefangen,
+Anton!--Es wird doch gleichviel sein, ob hinten oder vorne?--Wahrhaftig,
+es waere eine Schande fuer meinen so erstaunlich, so erschrecklich, so
+abscheulich gelehrten Herrn, wenn er laenger einen so dummen Bedienten
+haben sollte--
+
+Damis (indem er sich ihm vollends naehert). Ja freilich waere es eine
+Schande fuer ihn.
+
+Anton. Hilf Himmel! mein Herr--
+
+Damis. Erschrick nur nicht! Ich habe alles gehoert--
+
+Anton. Sie haben alles gehoert?--ich bitte tausendmal um Verzeihung,
+wenn ich etwas Unrechtes gesprochen habe.--Ich war so eingenommen, so
+eingenommen von der Schoenheit der Gelehrsamkeit--verzeihen Sie mir
+meinen dummen Streich--, dass ich selbst noch gelehrt werden wollte.
+
+Damis. Schimpfe doch nicht selbst den kluegsten Einfall, den du
+zeitlebens gehabt hast.
+
+Anton. Vor zwanzig Jahren moechte er klug genug gewesen sein.
+
+Damis. Glaube mir, noch bist du zu den Wissenschaften nicht zu alt.
+Wir koennen in unsrer Republik schon mehrere aufweisen, die sich
+gleichfalls den Musen nicht eher in die Arme geworfen haben.
+
+Anton. Nicht in die Arme allein, ich will mich ihnen in den Schoss
+werfen.--Aber in welcher Stadt sind die Leute?
+
+Damis. In welcher Stadt?
+
+Anton. Ja; ich muss hin, sie kennenzulernen. Sie muessen mir sagen,
+wie sie es angefangen haben.--
+
+Damis. Was willst du mit der Stadt?
+
+Anton. Sie denken etwa, ich weiss nicht, was eine Republik
+ist?--Sachsen, zum Exempel--Und eine Republik hat ja mehr wie eine
+Stadt? nicht?
+
+Damis. Was fuer ein Idiote! Ich rede von der Republik der Gelehrten.
+Was geht uns Gelehrten Sachsen, was Deutschland, was Europa an? Ein
+Gelehrter, wie ich bin, ist fuer die ganze Welt; er ist ein Kosmopolit:
+er ist eine Sonne, die den ganzen Erdball erleuchten muss--
+
+Anton. Aber sie muss doch wo liegen, die Republik der Gelehrten.
+
+Damis. Wo liegen? dummer Teufel! die gelehrte Republik ist ueberall.
+
+Anton. Ueberall? und also ist sie mit der Republik der Narren an
+einem Orte? Die, hat man mir gesagt, ist auch ueberall.
+
+Damis. Ja freilich sind die Narren und die Klugen, die Gelehrten und
+die Ungelehrten ueberall untermengt, und zwar so, dass die letztern
+immer den groessten Teil ausmachen. Du kannst es an unserm Hause sehen.
+Mit wieviel Toren und Unwissenden findest du mich nicht hier umgeben?
+Einige davon wissen nichts, und wissen es, dass sie nichts wissen.
+Unter diese gehoerst du. Sie wollten aber doch gern etwas lernen, und
+deswegen sind sie noch die ertraeglichsten. Andre wissen nichts und
+wollen auch nichts wissen; sie halten sich bei ihrer Unwissenheit fuer
+gluecklich; sie scheuen das Licht der Gelehrsamkeit--
+
+Anton. Das Eulengeschlecht!
+
+Damis. Noch andre aber wissen nichts und glauben doch etwas zu wissen;
+sie haben nichts, gar nichts gelernt, und wollen doch den Schein
+haben, als haetten sie etwas gelernt. Und diese sind die
+allerunertraeglichsten Narren, worunter, die Wahrheit zu bekennen, auch
+mein Vater gehoert.
+
+Anton. Sie werden doch Ihren Vater, bedenken Sie doch, Ihren Vater,
+nicht zu einem Erznarren machen?
+
+Damis. Lerne distinguieren! Ich schimpfe meinen Vater nicht,
+insofern er mein Vater ist, sondern insofern ich ihn als einen
+betrachten kann, der den Schein der Gelehrsamkeit unverdienterweise an
+sich reissen will. Insofern verdient er meinen Unwillen. Ich habe es
+ihm schon oft zu verstehen gegeben, wie aergerlich er mir ist, wenn er,
+als ein Kaufmann, als ein Mann, der nichts mehr als gute und schlechte
+Waren, gutes und falsches Geld kennen darf und hoechstens das letzte
+fuer das erste wegzugeben wissen soll; wenn der, sage ich, mit seinen
+Schulbrocken, bei welchen ich doch noch immer etwas erinnern muss, so
+prahlen will. In dieser Absicht ist er ein Narr, er mag mein Vater
+sein, oder nicht.
+
+Anton. Schade! ewig schade! dass ich das insofern und in Absicht nicht
+als ein Junge gewusst habe. Mein Vater haette mir gewiss nicht so viel
+Pruegel umsonst geben sollen. Er haette sie alle richtig wiederbekommen;
+nicht insofern als mein Vater, sondern insofern als einer, der mich
+zuerst geschlagen haette. Es lebe die Gelehrsamkeit!--
+
+Damis. Halt! ich besinne mich auf einen Grundsatz des natuerlichen
+Rechts, der diesem Gedanken vortrefflich zustatten koemmt. Ich muss
+doch den Hobbes nachsehen!--Geduld! daraus will ich gewiss eine schoene
+Schrift machen!
+
+Anton. Um zu beweisen, dass man seinen Vater wiederpruegeln duerfe?--
+
+Damis. Certo respectu allerdings. Nur muss man sich wohl in acht
+nehmen, dass man, wenn man ihn schlaegt, nicht den Vater, sondern den
+Aggressor zu schlagen sich einbildet; denn sonst--
+
+Anton. Aggressor? Was ist das fuer ein Ding?
+
+Damis. So heisst der, welcher ausschlaegt--
+
+Anton. Ha, ha! nun versteh ich's. Zum Exempel; Ihnen, mein Herr,
+stiesse wieder einmal eine kleine gelehrte Raserei zu, die sich meinem
+Buckel durch eine Tracht Schlaege empfindlich machte: so waeren Sie--wie
+heisst es?--der Aggressor; und ich, ich wuerde berechtiget sein, mich
+ueber den Aggressor zu erbarmen, und ihm--
+
+Damis. Kerl, du bist toll!--
+
+Anton. Sorgen Sie nicht; ich wollte meine Gedanken schon so zu
+richten wissen, dass der Herr unterdessen beiseite geschafft wuerde--
+
+Damis. Nun wahrhaftig, das waere ein merkwuerdiges Exempel, in was fuer
+verderbliche Irrtuemer man verfallen kann, wenn man nicht weiss, aus
+welcher Disziplin diese oder jene Wahrheit zu entscheiden ist. Die
+Pruegel, die ein Bedienter von seinem Herrn bekommt, gehoeren nicht in
+das Recht der Natur, sondern in das buergerliche Recht. Wenn sich ein
+Bedienter vermietet, so vermietet er auch seinen Buckel mit. Diesen
+Grundsatz merke dir.
+
+Anton. Aus dem buergerlichen Rechte ist er? O das muss ein garstiges
+Recht sein. Aber ich sehe es nun schon! die verzweifelte
+Gelehrsamkeit, sie kann ebenso leicht zu Pruegeln verhelfen als dafuer
+schuetzen. Was wollte ich nicht darum geben, wenn ich mich auf alle
+ihre waechserne Nasen so gut verstuende als Sie--O Herr Damis, erbarmen
+Sie sich meiner Dummheit!
+
+Damis. Nun wohl, wenn es dein Ernst ist, so greife das Werk an. Es
+erfreut mich, der Gelehrsamkeit durch mein Exempel einen Proselyten
+gemacht zu haben. Ich will dich redlich mit meinem Rate und meinen
+Lehren unterstuetzen. Bringst du es zu etwas, so verspreche ich dir,
+dich in die gelehrte Welt selbst einzufuehren und mit einem besondern
+Werke dich ihr anzukuendigen. Vielleicht ergreife ich die Gelegenheit,
+etwas de Eruditis sero ad literas admissis oder de Opsimathia oder
+auch de studio senili zu schreiben, und so wirst du auf einmal beruehmt.
+--Doch lass einmal sehen, ob ich mir von deiner Lehrbegierde viel zu
+versprechen habe? Welch Buch hattest du vorhin in Haenden?
+
+Anton. Es war ein ganz kleines--
+
+Damis. Welches denn?--
+
+Anton. Es war so allerliebst eingebunden, mit Golde auf dem Ruecken
+und auf dem Schnitte. Wo legte ich's doch hin? Da! da!
+
+Damis. Das hattest du? das?
+
+Anton. Ja, das!
+
+Damis. Das?
+
+Anton. Bin ich an das unrechte gekommen? weil es so huebsch klein war--
+
+Damis. Ich haette dir selbst kein bessres vorschlagen koennen.
+
+Anton. Das dacht' ich wohl, dass es ein schoen Buch sein muesse. Wuerde
+es wohl sonst einen so schoenen Rock haben?
+
+Damis. Es ist ein Buch, das seinesgleichen nicht hat. Ich habe es
+selbst geschrieben. Siehst du?--Auctore Damide!
+
+Anton. Sie selbst? Nu, nu, habe ich's doch immer gehoert, dass man die
+leiblichen Kinder besser in Kleidung haelt als die Stiefkinder. Das
+zeugt von der vaeterlichen Liebe.
+
+Damis. Ich habe mich in diesem Buche, so zu reden, selbst uebertroffen.
+Sooft ich es wieder lese, sooft lerne ich auch etwas Neues daraus.
+
+Anton. Aus Ihrem eignen Buche?
+
+Damis. Wundert dich das?--Ach verdammt! nun erinnere ich mich erst:
+mein Gott, das arme Maedchen! Sie wird doch nicht noch in dem
+Kabinette stecken (Er geht darauf los.)
+
+Anton. Um Gottes willen, wo wollen Sie hin?
+
+Damis. Was fehlt dir? ins Kabinett. Hast du Lisetten gesehen?
+
+Anton. Nun bin ich verloren!--Nein, Herr Damis, nein; so wahr ich
+lebe, sie ist nicht drinne.
+
+Damis. Du hast sie also sehen herausgehen? Ist sie schon lange fort?
+
+Anton. Ich habe sie, so wahr ich ehrlich bin, nicht sehen hereingehen.
+Sie ist nicht drinne; glauben Sie mir nur, sie ist nicht drinne--
+
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+
+Lisette. Damis. Anton.
+
+
+Lisette. Allerdings ist sie noch drinne--
+
+Anton. O das Rabenaas!
+
+Damis. So lange hat Sie sich hier versteckt gehalten? Arme Lisette!
+das war mein Wille gar nicht. Sobald mein Vater aus der Stube gewesen
+waere, haette Sie immer wieder herausgehen koennen.
+
+Lisette. Ich wusste doch nicht, ob ich recht taete. Ich wollte also
+lieber warten, bis mich der, der mich versteckt hatte, selbst wieder
+hervorkommen hiess--
+
+Anton. Zum Henker, von was fuer einem Verstecken reden die? (Sachte
+zu Lisetten.) So, du feines Tierchen? hat dich mein Herr selbst schon
+einmal versteckt? Nun weiss ich doch, wie ich die gestrige Ohrfeige
+auslegen soll. Du Falsche!
+
+Lisette. Schweig; sage nicht ein Wort, dass ich zuvor bei dir gewesen
+bin, oder--du weisst schon--
+
+Damis. Was schwatzt ihr denn beide da zusammen? Darf ich es nicht
+hoeren?
+
+Lisette. Es war nichts; ich sagte ihm bloss, er solle heruntergehen,
+dass, wenn meine Jungfer nach mir fragte, er unterdessen sagen koennte,
+ich sei ausgegangen. Juliane ist misstrauisch; sie suchte mich doch
+wohl hier, wenn sie mich brauchte.
+
+Damis. Das ist vernuenftig. Gleich, Anton, geh!
+
+Anton. Das verlangst du im Ernste, Lisette?
+
+Lisette. Freilich; fort, lass uns allein.
+
+Damis. Wirst du bald gehen?
+
+Anton. Bedenken Sie doch selbst, Herr Damis; wann Sie nun ihr
+Geplaudre werden ueberdruessig sein, und das wird gar bald geschehen,
+wer soll sie Ihnen denn aus der Stube jagen helfen, wenn ich nicht
+dabei bin?
+
+Lisette. Warte, ich will dein Laestermaul--
+
+Damis. Lass dich unbekuemmert! Wann sie mir beschwerlich faellt, wird
+sie schon selbst so vernuenftig sein und gehen.
+
+Anton. Aber betrachten Sie nur: ein Weibsbild in Ihrer Studierstube!
+Was wird Ihr Gott sagen? Er kann ja das Ungeziefer nicht leiden.
+
+Lisette. Endlich werde ich dich wohl zur Stube hinausschmeissen muessen?
+
+Anton. Das waere mir gelegen.--Die verdammten Maedel! auch bei dem
+Teufel koennen sie sich einschmeicheln. (Geht ab.)
+
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Lisette. Damis
+
+
+Damis. Und wo blieben wir denn vorhin?
+
+Lisette. Wo blieben wir? bei dem, was ich allezeit am liebsten hoere
+und wovon ich allezeit am liebsten rede, bei Ihrem Lobe. Wenn es nur
+nicht eine so gar kitzliche Sache waere, einen ins Gesicht zu loben!
+--Ich kann Ihnen unmoeglich die Marter antun.
+
+Damis. Aber ich beteure Ihr nochmals, Lisette: es ist mir nicht um
+mein Lob zu tun! Ich moechte nur gern hoeren, auf was fuer verschiedene
+Art verschiedene Personen einerlei Gegenstand betrachtet haben.
+
+Lisette. Jeder lobte dasjenige an Ihnen, was er an sich
+Lobenswuerdiges zu finden glaubte. Zum Exempel, der kleine dicke Mann
+mit der ernsthaften Miene, der so selten lacht, der aber, wenn er
+einmal zu lachen anfaengt, mit dem erschuetterten Bauche den ganzen
+Tisch ueber den Haufen wirft--
+
+Damis. Und wer ist das? Aus Ihrer Beschreibung, Lisette, kann ich es
+nicht erraten--O es ist mit den Beschreibungen eine kitzliche Sache!
+Es gehoert nicht wenig dazu, sie so einzurichten, dass man, gleich bei
+dem ersten Anblicke, das Beschriebene erkennen kann. Ueber nichts
+aber muss ich mehr lachen, als wenn ich bei diesem und jenem grossen
+Philosophen, wahrhaftig bei Maennern, die schon einer ganzen Sekte
+ihren Namen gegeben haben, oefters Beschreibungen anstatt Erklaerungen
+antreffe. Das macht, die guten Herren haben mehr Einbildungskraft als
+Beurteilung. Bei der Erklaerung muss der Verstand in das Innere der
+Dinge eindringen; bei der Beschreibung aber darf man bloss auf die
+aeusserlichen Merkmale, auf das--
+
+Lisette. Wir kommen von unsrer Sache, Herr Damis. Ihr Lob--
+
+Damis. Jawohl; fahr Sie nur fort, Lisette. Von wem wollte Sie vorhin
+reden?
+
+Lisette. Je, sollten Sie denn den kleinen Mann nicht kennen? Er
+blaeset immer die Backen auf--
+
+Damis. Sie meint vielleicht den alten Ratsherrn?
+
+Lisette. Ganz recht, aber seinen Namen--
+
+Damis. Was liegt an dem?--
+
+Lisette. "Ja, Herr Chrysander", sagte also der Ratsherr, an dessen
+Namen nichts gelegen ist, "Ihr Herr Sohn kann einmal der beste
+Ratsherr von der Welt werden, wenn er sich nur darauf applizieren will."
+Es gehoert ein aufgeweckter Geist dazu; den hat er: eine fixe Zunge;
+die hat er: eine tiefe Einsicht in die Staatskunst; die hat er: eine
+Geschicklichkeit, seine Gedanken zierlich auf das Papier zu bringen;
+die hat er: eine verschlagne Aufmerksamkeit auf die geringsten
+Bewegungen unruhiger Buerger; die hat er: und wenn er sie nicht hat--o
+die Uebung--die Uebung! Ich weiss ja, wie mir es anfangs ging. Freilich
+kann man die Geschicklichkeit zu einem so schweren Amte nicht gleich
+mit auf die Welt bringen--
+
+Damis. Der Narr! es ist zwar wahr, dass ich alle diese
+Geschicklichkeiten besitze; allein mit der Haelfte derselben koennte ich
+Geheimter Rat werden, und nicht bloss--
+
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Anton. Lisette. Damis.
+
+
+Damis. Nun, was willst du schon wieder?
+
+Anton. Mamsell Juliane weiss es nun, dass Lisette ausgegangen ist.
+Fuerchten Sie sich nur nicht; sie wird uns nicht ueberraschen--
+
+Damis. Wer hiess dich denn wiederkommen?
+
+Anton. Sollte ich wohl meinen Herrn allein lassen? Und dazu, es
+ueberfiel mich auf einmal so eine Angst, so eine Bangigkeit; die Ohren
+fingen mir an zu klingen und besonders das linke--Lisette! Lisette!
+
+Lisette. Was willst du denn?
+
+Anton (sachte zu Lisetten). Was habt ihr denn beide allein gemacht?
+Was gilt's, es ging auf meine Unkosten!
+
+Lisette. O pack dich--Ich weiss nicht, was der Narre will.
+
+Damis. Fort, Anton! es ist die hoechste Zeit; du musst wieder auf die
+Post sehen. Ich weiss auch gar nicht, wo sie so lange bleibt.--Wird's
+bald?
+
+Anton. Lisette, komm mit!
+
+Damis. Was soll denn Lisette mit?
+
+Anton. Und was soll sie denn bei Ihnen?
+
+Damis. Unwissender!
+
+Anton. Ja freilich ist es mein Unglueck, dass ich es nicht weiss.
+(Sachte zu Lisetten.) Rede nur wenigstens ein wenig laut, damit ich
+hoere, was unter euch vorgeht--Ich werde horchen--(Gehet ab.)
+
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Lisette. Damis.
+
+
+Lisette. Lassen Sie uns ein wenig sachte reden. Sie wissen wohl, man
+ist vor dem Horcher nicht sicher.
+
+Damis. Jawohl; fahr Sie also nur sachte fort.
+
+Lisette. Sie kennen doch wohl des Herrn Chrysanders Beichtvater?
+
+Damis. Beichtvater? soll ich denn alle solche Handwerksgelehrte
+kennen?
+
+Lisette. Wenigstens schien er Sie sehr wohl zu kennen. "Ein guter
+Prediger", fiel er der dicken Rechtsgelehrsamkeit ins Wort, "sollte
+Herr Damis gewiss auch werden. Eine schoene Statur; eine starke
+deutliche Stimme; ein gutes Gedaechtnis; ein feiner Vortrag; eine
+anstaendige Dreistigkeit; ein reifer Verstand, der ueber seine Meinungen
+tuerkenmaessig zu halten weiss: alle diese Eigenschaften glaube ich, in
+einem ziemlich hohen Grade, bei ihm bemerkt zu haben. Nur um einen
+Punkt ist mir bange. Ich fuerchte, ich fuerchte, er ist auch ein wenig
+von der Freigeisterei angesteckt."--"Ei, was Freigeisterei?" schrie
+der schon halb trunkene Medikus. "Die Freigeister sind brave Leute!
+Wird er deswegen keinen Kranken kurieren koennen? Wenn es nach mir
+geht, so muss er ein Medikus werden. Griechisch kann er, und
+Griechisch ist die halbe Medizin. (Indem sie allmaehlich wieder lauter
+spricht.) Freilich das Herz, das dazu gehoert, kann sich niemand geben.
+Doch das koemmt von sich selbst, wenn man erst eine Weile praktiziert
+hat."--"Nu", fiel ihm ein alter Kaufmann in die Rede, "so muss es mit
+den Herrn Medizinern wohl sein wie mit den Scharfrichtern. Wenn die
+zum ersten Male koepfen, so zittern und beben sie; je oefter sie aber
+den Versuch wiederholen, desto frischer geht es."--Und auf diesen
+Einfall ward eine ganze Viertelstunde gelacht; in einem fort, in einem
+fort; sogar das Trinken ward darueber vergessen.
+
+
+
+
+Neunter Auftritt
+
+Lisette. Damis. Anton.
+
+
+Anton. Herr, die Post wird heute vor neun Uhr nicht kommen. Ich habe
+gefragt; Sie koennen sieh darauf verlassen.
+
+Damis. Musst du uns aber denn schon wieder stoeren, Idiote?
+
+Anton. Es soll mir recht lieb sein, wann ich Sie nur noch zur rechten
+Zeit gestoert habe.
+
+Damis. Was willst du mit deiner rechten Zeit?
+
+Anton. Ich will mich gegen Lisetten schon deutlicher erklaeren. Darf
+ich ihr etwas ins Ohr sagen?
+
+Lisette. Was wirst du mir ins Ohr zu sagen haben?
+
+Anton. Nur ein Wort. (Sachte.) Du denkst, ich habe nicht gehorcht?
+Sagtest du nicht: du haettest nicht Herz genug dazu? doch wenn du nur
+erst das Ding eine Weile wuerdest praktizierst haben--O ich habe alles
+gehoert--Kurz, wir sind geschiedne Leute! Du Unverschaemte, Garstige--
+
+Lisette. Sage nur, was du willst?
+
+Damis. Gleich, geh mir wieder aus den Augen! Und komme mir nicht
+wieder vors Gesicht, bis ich dich rufen werde oder bis du mir Briefe
+von Berlin bringst!--Ich kann sie kaum erwarten. So macht es die
+uebermaessige Freude! Zwar sollte ich Hoffnung sagen, weil jene nur auf
+das Gegenwaertige und diese auf das Zukuenftige geht. Doch hier ist das
+Zukuenftige schon so gewiss als das Gegenwaertige. Ich brauche die
+Sprache der Propheten, die ihrer Sachen doch unmoeglich so gewiss sein
+konnten.--Die ganze Akademie muesste blind sein.--Nun, was stehst du
+noch da? Wirst du gehen?
+
+
+
+
+Zehnter Auftritt
+
+Lisette. Damis.
+
+
+Lisette. Da sehen Sie! so lobten Sie die Leute.
+
+Damis. Ah, wann die Leute nicht besser loben koennen, so moechten sie
+es nur gar bleiben lassen. Ich will mich nicht ruehmen, aber doch so
+viel kann ich mir ohne Hochmut zutrauen: ich will meiner Braut die
+Wahl lassen, ob sie lieber einen Doktor der Gottesgelahrtheit oder der
+Rechte oder der Arzneikunst zu ihrem Manne haben will. In allen drei
+Fakultaeten habe ich disputiert; in allen dreien habe ich--
+
+Lisette. Sie sprechen von einer Braut? heiraten Sie denn wirklich?
+
+Damis. Hat Sie denn auch schon davon gehoert, Lisette?
+
+Lisette. Koemmt denn wohl ohn' unsereiner irgend in einem Hause eine
+Heirat zustande? Aber eingebildet haette ich mir es nimmermehr, dass
+Sie sich fuer Julianen entschliessen wuerden! fuer Julianen!
+
+Damis. Groesstenteils tue ich es dem Vater zu Gefallen, der auf die
+ausserordentlichste Weise deswegen in mich dringt. Ich weiss wohl, dass
+Juliane meiner nicht wert ist. Allein soll ich einer solchen
+Kleinigkeit wegen, als eine Heirat ist, den Vater vor den Kopf stossen?
+Und dazu habe ich sonst einen Einfall, der mir ganz wohl lassen wird.
+
+Lisette. Freilich ist Juliane Ihrer nicht wert; und wenn nur alle
+Leute die gute Mamsell so kennten als ich--
+
+
+
+
+Eilfter Auftritt
+
+Anton. Damis. Lisette.
+
+
+Anton (vor sich). Ich kann die Leute unmoeglich so alleine lassen.
+--Herr Valer fragt, ob Sie in Ihrer Stube sind? Sind Sie noch da,
+Herr Damis?
+
+Damis. Sage mir nur, Unwissender, hast du dir es denn heute recht
+vorgesetzt, mir beschwerlich zu fallen?
+
+Lisette. So lassen Sie ihn nur da, Herr Damis. Er bleibt doch nicht
+weg--
+
+Anton. Ja, jetzt soll ich dableiben; jetzt, da es schon vielleicht
+vorbei ist, was ich nicht hoeren und sehen sollte.
+
+Damis. Was soll denn vorbei sein?
+
+Anton. Das werden Sie wohl wissen.
+
+Lisette (sachte). Jetzt, Anton, hilf mir, Julianen bei deinem Herrn
+recht schwarz machen. Willst du?
+
+Anton. Ei ja doch! zum Danke vielleicht--
+
+Lisette. So schweig wenigstens.--Notwendig, Herr Damis, muessen Sie
+mit Julianen uebel fahren. Ich bedaure Sie im voraus. Der ganze
+Erdboden traegt kein aergeres Frauenzimmer--
+
+Anton. Glauben Sie es nicht, Herr Damis; Juliane ist ein recht gut
+Kind. Sie koennen mit keiner in der Welt besser fahren. Ich wuensche
+Ihnen im voraus Glueck.
+
+Lisette. Wahrhaftig! du musst gegen deinen Herrn sehr redlich gesinnt
+sein, dass du ihm eine so unertraegliche Plage an den Hals schwatzen
+willst.
+
+Anton. Noch weit redlicher musst du gegen deine Mamsell sein, dass du
+ihr einen so guten Ehemann, als Herr Damis werden wird, missgoennest.
+
+Lisette. Einen guten Ehemann? Nun wahrhaftig, ein guter Ehemann, das
+ist auch alles, was sie sich wuenscht. Ein Mann, der alles gut sein
+laesst--
+
+Anton. Ho! ho! alles? Hoeren Sie, Herr Damis, fuer was Sie Lisette
+ansieht? Aus der Ursache moechtest du wohl selbst gern seine Frau
+sein? Alles? ei! unter das alles, gehoert wohl auch--? du verstehst
+mich doch?
+
+Damis. Aber im Ernste, Lisette; glaubt Sie wirklich, dass Ihre Jungfer
+eine recht boese Frau werden wird? Hat sie in der Tat viel schlimme
+Eigenschaften?
+
+Lisette. Viel? Sie hat sie alle, die man haben kann; auch nicht die
+ausgenommen, die einander widersprechen.
+
+Damis. Will Sie mir nicht ein Verzeichnis davon geben?
+
+Lisette. Wo soll ich anfangen?--Sie ist albern--
+
+Damis. Kleinigkeit!
+
+Anton. Und ich sage: Luegen!
+
+Lisette. Sie ist zaenkisch--
+
+Damis. Kleinigkeit!
+
+Anton. Und ich sage: Luegen!
+
+Lisette. Sie ist eitel--
+
+Damis. Kleinigkeit!
+
+Anton. Luegen! sag ich.
+
+Lisette. Sie ist keine Wirtin--
+
+Damis. Kleinigkeit!
+
+Anton. Luegen!
+
+Lisette. Sie wird Sie durch uebertriebenen Staat, durch bestaendige
+Ergoetzlichkeiten und Schmausereien, um alle das Ihrige bringen--
+
+Damis. Kleinigkeit!
+
+Anton. Luegen!
+
+Lisette. Sie wird Ihnen die Sorge um eine Herde Kinder auf den Hals
+laden--
+
+Damis. Kleinigkeit!
+
+Anton. Das tun die besten Weiber am ersten!
+
+Lisette. Aber um Kinder, die aus der rechten Quelle nicht geholt sind.
+
+Damis. Kleinigkeit!
+
+Anton. Und zwar Kleinigkeit nach der Mode!
+
+Lisette. Kleinigkeit? aber was denken Sie denn, Herr Damis?
+
+Damis. Ich denke, dass Juliane nicht arg genug sein kann. Ist sie
+albern? ich bin desto klueger; ist sie zaenkisch? ich bin desto
+gelassener; ist sie eitel? ich bin desto philosophischer gesinnt;
+vertut sie? sie wird aufhoeren, wenn sie nichts mehr hat; ist sie
+fruchtbar? so mag sie sehen, was sie vermag, wann sie es mit mir um
+die Wette sein will. Ein jedes mache sich ewig, womit es kann; das
+Weib durch Kinder, der Mann durch Buecher.
+
+Anton. Aber merken Sie denn nicht, dass Lisette ihre Ursachen haben
+muss, Julianen so zu verleumden?
+
+Damis. Ach freilich merk ich es. Sie goennt mich ihr und beschreibt
+sie mir also vollkommen nach meinem Geschmacke. Sie hat es ohne
+Zweifel geschlossen, dass ich ihre Mamsell nur eben deswegen, weil sie
+das unertraeglichste Frauenzimmer ist, heiraten will.
+
+Lisette. Nur deswegen? nur deswegen? und das haette ich geschlossen?
+Ich muesste Sie fuer irre im Kopfe gehalten haben. Ueberlegen Sie doch
+nur--
+
+Damis. Das geht zu weit, Lisette! Traut Sie mir keine Ueberlegung zu?
+Was ich gesagt habe, ist die Frucht einer nur allzu scharfen
+Ueberlegung. Ja, es ist beschlossen: ich will die Zahl der ungluecklich
+scheinenden Gelehrten, die sich mit boesen Weibern vermaehlt haben,
+vermehren. Dieser Vorsatz ist nicht von heute.
+
+Anton. Nein, wahrhaftig!--Was aber der Teufel nicht tun kann! Wer
+haette es sich jetzt sollen traeumen lassen, jetzt da es Ernst werden
+soll? Ich muss lachen; Lisette wollte ihn von der Heirat abziehen und
+hat ihm nur mehr dazu beredt; und ich, ich wollte ihn dazu bereden und
+haette ihn bald davon abgezogen.
+
+Damis. Einmal soll geheiratet sein. Auf eine recht gute Frau darf
+ich mir nicht Rechnung machen; also waehle ich mir eine recht schlimme.
+Eine Frau von der gemeinen Art, die weder kalt noch warm, weder recht
+gut noch recht schlimm ist, taugt fuer einen Gelehrten nichts, ganz und
+gar nichts! Wer wird sich nach seinem Tode um sie bekuemmern?
+Gleichwohl verdient er es doch, dass sein ganzes Haus mit ihm
+unsterblich bleibe. Kann ich keine Frau haben, die einmal ihren Platz
+in einer Abhandlung de bonis Eruditorum uxoribus findet, so will ich
+wenigstens eine haben, mit welcher ein fleissiger Mann seine Sammlung
+de malis Eruditorum uxoribus vermehren kann. Ja, ja; ich bin es
+ohnehin meinem Vater, als der einzige Sohn, schuldig, auf die
+Erhaltung seines Namens mit der aeussersten Sorgfalt bedacht zu sein.
+
+Lisette. Kaum kann ich mich von meinem Erstaunen erholen--Ich habe
+Sie, Herr Damis, fuer einen so grossen Geist gehalten--
+
+Damis. Und das nicht mit Unrecht. Doch eben hierdurch glaube ich den
+staerksten Beweis davon zu geben.
+
+Lisette. Ich moechte platzen!--Ja, ja, den staerksten Beweis, dass
+niemand schwerer zu fangen ist als ein junger Gelehrter; nicht sowohl
+wegen seiner Einsicht und Verschlagenheit als wegen seiner Narrheit.
+
+Damis. Wie, so naseweis, Lisette? Ein junger Gelehrter?--ein junger
+Gelehrter?--
+
+Lisette. Ich will Ihnen die Verweise ersparen. Valer soll gleich von
+allem Nachricht bekommen. Ich bin Ihre Dienerin.
+
+
+
+
+Zwoelfter Auftritt
+
+Anton. Damis.
+
+
+Anton. Da sehen Sie! Nun laeuft sie fort, da Sie nach ihrer Pfeife
+nicht tanzen wollen.--
+
+Damis. Mulier non Homo! bald werde ich auch dieses Paradoxon fuer wahr
+halten. Wodurch zeigt man, dass man ein Mensch ist? Durch den
+Verstand. Wodurch zeigt man, dass man Verstand hat? Wann man die
+Gelehrten und die Gelehrsamkeit gehoerig zu schaetzen weiss. Dieses kann
+kein Weibsbild, und also hat es keinen Verstand, und also ist es kein
+Mensch. Ja, wahrhaftig ja; in diesem Paradoxo liegt mehr Wahrheit als
+in zwanzig Lehrbuechern.
+
+Anton. Wie ist mir denn? Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie Herr
+Valer gesucht hat? Wollen Sie nicht gehen und ihn sprechen?
+
+Damis. Valer? ich will ihn erwarten. Die Zeiten sind vorbei, da ich
+ihn hochschaetzte. Er hat seit einigen Jahren die Buecher beiseite
+gelegt; er hat sich das Vorurteil in den Kopf setzen lassen, dass man
+sich vollends durch den Umgang und durch die Kenntnis der Welt
+geschickt machen muesse, dem Staate nuetzliche Dienste zu leisten. Was
+kann ich mehr tun als ihn bedauern? Doch ja, endlich werde ich mich
+auch seiner schaemen muessen. Ich werde mich schaemen muessen, dass ich
+ihn ehemals meiner Freundschaft wert geschaetzt habe. O wie ekel muss
+man in der Freundschaft sein! Doch was hat geholfen, dass ich es bis
+auf den hoechsten Grad gewesen bin? Umsonst habe ich mich vor der
+Bekanntschaft aller mittelmaessigen Koepfe gehuetet; umsonst habe ich mich
+bestrebt, nur mit Genies, nur mit originellen Geistern umzugehen:
+dennoch musste mich Valer, unter der Larve eines solchen, hintergehen.
+O Valer! Valer!
+
+Anton. Laut genug, wenn er es hoeren soll.
+
+Damis. Ich haette ueber sein kaltsinniges Kompliment bersten moegen!
+Von was unterhielt er mich? von nichtswuerdigen Kleinigkeiten. Und
+gleichwohl kam er von Berlin, und gleichwohl haette er mir die
+allerangenehmste Neuigkeit zuerst berichten koennen. O Valer! Valer!
+
+Anton. St! wahrhaftig er koemmt. Sehen Sie, dass er sich nicht dreimal
+rufen laesst?
+
+
+
+
+Dreizehnter Auftritt
+
+Damis. Valer. Anton.
+
+
+Valer. Verzeihen Sie, liebster Freund, dass ich Sie in Ihrer gelehrten
+Ruhe stoere--
+
+Anton. Wenn er doch gleich sagte, Faulheit.
+
+Damis. Stoeren? Ich sollte glauben, dass Sie mich zu stoeren kaemen?
+Nein, Valer, ich kenne Sie zu wohl; Sie kommen, mir die angenehmsten
+Neuigkeiten zu hinterbringen, die der Aufmerksamkeit eines Gelehrten,
+der seine Belohnung erwartet, wuerdig sind.--Einen Stuhl, Anton!
+--Setzen Sie sich.
+
+Valer. Sie irren sich, liebster Freund. Ich komme, Ihnen die
+Unbestaendigkeit Ihres Vaters zu klagen; ich komme, eine Erklaerung von
+Ihnen zu verlangen, von welcher mein ganzes Glueck abhaengen wird.--
+
+Damis. Oh! ich konnte es Ihnen gleich ansehen, dass Sie vorhin die
+Gegenwart meines Vaters abhielt, sich mit mir vertraulicher zu
+besprechen und mir Ihre Freude ueber die Ehre zu bezeigen, die mir der
+billige Ausspruch der Akademie--
+
+Valer. Nein, allzu gelehrter Freund; lassen Sie uns einen Augenblick
+von etwas minder Gleichgueltigem reden.
+
+Damis. Von etwas minder Gleichgueltigem? Also ist Ihnen meine Ehre
+gleichgueltig? Falscher Freund!--
+
+Valer. Ihnen wird diese Benennung zukommen, wann Sie mich laenger von
+dem, was fuer ein zaertliches Herz das wichtigste ist, abbringen werden.
+Ist es wahr, dass Sie Julianen heiraten wollen? dass Ihr Vater dieses
+allzu zaertliche Frauenzimmer durch Bande der Dankbarkeit binden will,
+in seiner Wahl minder frei zu handeln? Habe ich Ihnen jemals aus
+meiner Neigung gegen Julianen ein Geheimnis gemacht? Haben Sie mir
+nicht von jeher versprochen, meiner Liebe behilflich zu sein?
+
+Damis. Sie ereifern sich, Valer; und vergessen, dass ein Weibsbild die
+Ursache ist. Schlagen Sie sich diese Kleinigkeit aus dem Sinne--Sie
+muessen in Berlin gewesen sein, da die Akademie den Preis auf dieses
+Jahr ausgeteilet hat. Die Monaden sind die Aufgabe gewesen. Sollten
+Sie nicht etwa gehoert haben, dass die Devise--
+
+Valer. Wie grausam sind Sie, Damis! So antworten Sie mir doch!
+
+Damis. Und Sie wollen mir nicht antworten? Besinnen Sie sich; sollte
+nicht die Devise Unum est necessarium sein gekroent worden? Ich
+schmeichle mir wenigstens--
+
+Valer. Bald schmeichle ich mir nun mit nichts mehr, da ich Sie so
+ausschweifend sehe. Bald werde ich nun auch glauben muessen, dass die
+Nachricht, die ich fuer eine Spoetterei von Lisetten gehalten habe,
+gegruendet sei. Sie halten Julianen fuer Ihrer unwert, Sie halten sie
+fuer die Schande ihres Geschlechts, und eben deswegen wollen Sie sie
+heiraten? Was fuer ein ungeheurer Einfall!
+
+Damis. Ha! ha! ha!
+
+Valer. Ja, lachen Sie nur, Damis, lachen Sie nur! Ich bin ein Tor,
+dass ich einen Augenblick solchen Unsinn von Ihnen habe glauben koennen.
+Sie haben Lisetten zum besten gehabt oder Lisette mich. Nein, nur in
+ein zerruettetes Gehirn kann ein solcher Entschluss kommen! Ihn zu
+verabscheuen braucht man nur vernuenftig zu denken und lange nicht edel,
+wie Sie doch zu denken gewohnt sind. Aber loesen Sie mir, ich bitte
+Sie, dieses marternde Raetsel!
+
+Damis. Bald werden Sie mich, Valer, auf Ihr Geschwaetze aufmerksam
+gemacht haben. So verlangen Sie doch in der Tat, dass ich meinen Ruhm
+Ihrer toerichten Neigung nachsetzen soll? Meinen Ruhm!--Doch
+wahrhaftig, ich will vielmehr glauben, dass Sie scherzen. Sie wollen
+versuchen, ob ich in meinen Entschliessungen auch wankelhaft bin.
+
+Valer. Ich scherzen? der Scherz sei verflucht, der mir hier in den
+Sinn kommt!--
+
+Damis. Desto lieber ist mir es, wann Sie endlich ernsthaft reden
+wollen. Was ich Ihnen sage: die Schrift mit der Devise Unum est
+necessarium--
+
+
+
+
+Vierzehnter Auftritt
+
+Chrysander. Damis. Valer. Anton.
+
+
+Chrysander (mit einem Zeitungsblatte in der Hand). Nun, nicht wahr,
+Herr Valer? mein Sohn ist nicht von der Heirat abzubringen? Sehen Sie,
+dass nicht sowohl ich als er auf diese Heirat dringt?
+
+Damis. Ich? ich auf die Heirat dringen?
+
+Chrysander. St! st! st!
+
+Damis. Ei was st, st? Meine Ehre leidet hierunter. Koennte man nicht
+auf die Gedanken kommen, wer weiss was mir an einer Frau gelegen sei?
+
+Chrysander. St! st! st!
+
+Valer. Oh! brauchen Sie doch keine Umstaende. Ich sehe es ja wohl;
+Sie sind mir beide entgegen. Was fuer ein Unglueck hat mich in dieses
+Haus fuehren muessen! Ich muss eine liebenswuerdige Person antreffen; ich
+muss ihr gefallen und muss doch endlich, nach vieler Hoffnung, alle
+Hoffnung verlieren. Damis, wenn ich jemals einiges Recht auf Ihre
+Freundschaft gehabt habe--
+
+Damis. Aber, nicht wahr, Valer? einer Sache wegen muss man auf die
+Berlinische Akademie recht boese sein? Bedenken Sie doch, sie will
+kuenftig die Aufgaben zu dem Preise zwei Jahr vorher bekanntmachen.
+Warum denn zwei Jahr? war es nicht an einem genug? Haelt sie denn die
+Deutschen fuer so langsame Koepfe? Seit ihrer Erneuerung habe ich jedes
+Jahr meine Abhandlung mit eingeschickt; aber, ohne mich zu ruehmen,
+laenger als acht Tage habe ich ueber keine zugebracht.
+
+Chrysander. Wisst ihr denn aber auch, ihr lieben Leute, was in den
+Niederlanden vorgegangen ist? Ich habe hier eben die neuste Zeitung.
+Sie haben sich die Koepfe wacker gewaschen. Doch die Alliierten, ich
+bin in der Tat recht boese auf sie. Haben sie nicht wieder einen
+wunderbaren Streich gemacht!--
+
+Anton. Nun, da reden alle drei etwas anders! Der spricht von der
+Liebe; der von seinen Abhandlungen; der vom Kriege. Wenn ich auch
+etwas Besonders reden soll, so werde ich vom Abendessen reden. Vom
+Mittage an bis auf den Abend um sechs Uhr zu fasten sind keine
+Narrenspossen.
+
+Valer. Unglueckliche Liebe!
+
+Damis. Die unbesonnene Akademie!
+
+Chrysander. Die dummen Alliierten!
+
+Anton. Die vierte Stimme fehlt noch: die langsamen Bratenwender!
+
+
+
+
+Funfzehnter Auftritt
+
+Lisette. Damis. Valer. Chrysander. Anton.
+
+
+Lisette. Nun, Herr Chrysander? ich glaubte, Sie haetten die Herren zu
+Tische rufen wollen? Ich sehe aber, Sie wollen selbst gerufen sein.
+Es ist schon aufgetragen.
+
+Anton. Das war die hoechste Zeit! dem Himmel sei Dank!
+
+Chrysander. Es ist wahr; es ist wahr; ich haette es bald vergessen.
+Der Zeitungsmann hielt mich auf der Treppe auf. Kommen Sie, Herr
+Valer; wir wollen die jetzigen Staatsgeschaefte ein wenig miteinander
+bei einem Glaeschen ueberlegen. Schlagen Sie sich Julianen aus dem
+Kopfe. Und du, mein Sohn, du magst mit deiner Braut schwatzen. Du
+wirst gewiss eine wackre Frau an ihr haben; nicht so eine Xanthippe
+wie--
+
+Damis. Xanthippe? wie verstehen Sie das? Sind Sie etwa auch noch in
+dem poebelhaften Vorurteile, dass Xanthippe eine boese Frau gewesen sei?
+
+Chrysander. Willst du sie etwa fuer eine gute halten? Du wirst doch
+nicht die Xanthippe verteidigen? Pfui! das heisst einen Abc-Schnitzer
+machen. Ich glaube, ihr Gelehrten, je mehr ihr lernt, je mehr vergesst
+ihr.
+
+Damis. Ich behaupte aber, dass man kein einzig tuechtiges Zeugnis fuer
+Ihre Meinung anfuehren kann. Das ist das erste, was die ganze Sache
+verdaechtig macht; und zum andern--
+
+Lisette. Das ewige Geplaudre!
+
+Chrysander. Lisette hat recht! Mein Sohn, contra principia negantem,
+non est disputandum. Kommt! Kommt!
+
+(Chrysander, Damis und Anton gehen ab.)
+
+Valer. Nun ist alles fuer mich verloren, Lisette. Was soll ich
+anfangen?
+
+Lisette. Ich weiss keinen Rat; wann nicht der Brief--
+
+Valer. Dieser Betrug waere zu arg, und Juliane will ihn nicht zugeben.
+
+Lisette. Ei, was Betrug? Wenn der Betrug nuetzlich ist, so ist er
+auch erlaubt. Ich sehe es wohl, ich werde es selbst tun muessen.
+Kommen Sie nur fort, und fassen Sie wieder Mut.
+
+
+
+
+Dritter Aufzug
+
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Lisette. Anton.
+
+
+Lisette. So warte doch, Anton.
+
+Anton. Ei, lass mich zufrieden. Ich mag mit dir nichts zu tun haben.
+
+Lisette. Wollen wir uns also nicht wieder versoehnen? Willst du nicht
+tun, was ich dich gebeten habe?
+
+Anton. Dir sollte ich etwas zu Gefallen tun?
+
+Lisette. Anton, lieber Anton, goldner Anton, tu es immer. Wie leicht
+kannst du nicht dem Alten den Brief geben und ihm sagen, der
+Posttraeger habe ihn gebracht?
+
+Anton. Geh! du Schlange! Wie sie nun schmeicheln kann!--Halte mich
+nicht auf. Ich soll meinem Herrn ein Buch bringen. Lass mich gehen.
+
+Lisette. Deinem Herrn ein Buch? Was will er denn mit dem Buche bei
+Tische?
+
+Anton. Die Zeit wird ihm lang; und will er nicht muessige Weile haben,
+so muss er sich doch wohl etwas zu tun machen.
+
+Lisette. Die Zeit wird ihm lang? bei Tische? Wenn es noch in der
+Kirche waere. Reden sie denn nichts?
+
+Anton. Nicht ein Wort. Ich bin ein Schelm, wenn es auf einem
+Totenmahle so stille zugehen kann.
+
+Lisette. Wenigstens wird der Alte reden.
+
+Anton. Der redt, ohne zu reden. Er isst und redt zugleich; und ich
+glaube, er gaebe wer weiss was darum, wenn er noch dazu trinken koennte,
+und das alles dreies auf einmal. Das Zeitungsblatt liegt neben dem
+Teller; das eine Auge sieht auf den und das andre auf jenes. Mit dem
+einen Backen kaut er, und mit dem andern redt er. Da kann es freilich
+nun nicht anders sein, die Worte muessen auf dem Gekauten sitzenbleiben,
+sodass man ihn mit genauer Not noch murmeln hoert.
+
+Lisette. Was machen aber die uebrigen?
+
+Anton. Die uebrigen? Valer und Juliane sind wie halb tot. Sie essen
+nicht und reden nicht; sie sehen einander an; sie seufzen; sie
+schlagen die Augen nieder; sie schielen bald nach dem Vater, bald nach
+dem Sohne; sie werden weiss; sie werden rot. Der Zorn und die
+Verzweiflung sieht beiden aus den Augen.--Aber juchhe! so recht!
+Siehst du, dass es nicht nach deinem Kopfe gehen muss? Mein Herr soll
+Julianen haben, und wenn--
+
+Lisette. Ja, dein Herr! Was macht aber der?
+
+Anton. Lauter dumme Streiche. Er kritzelt mit der Gabel auf dem
+Teller; haengt den Kopf; bewegt das Maul, als ob er mit sich selbst
+redte; wackelt mit dem Stuhle; stoesst einmal ein Weinglas um; laesst es
+liegen; tut, als wenn er nichts merkte, bis ihm der Wein auf die
+Kleider laufen will; nun faehrt er auf und spricht wohl gar, ich haette
+es umgegossen.--Doch genug geplaudert; er wird auf mich fluchen, wo
+ich ihm das Buch nicht bald bringe. Ich muss es doch suchen. Auf dem
+Tische, zur rechten Hand, soll es liegen. Ja zur rechten Hand; welche
+rechte Hand meint er denn? Trete ich so, so ist das die rechte Hand;
+trete ich so, so ist sie das; trete ich so, so ist sie das; und das
+wird sie, wenn ich so trete. (Tritt an alle vier Seiten des Tisches.)
+Sage mir doch, Lisette, welches ist denn die rechte rechte Hand?
+
+Lisette. Das weiss ich so wenig als du. Schade auf das Buch; er mag
+es selbst holen. Aber Anton, wir vergessen das Wichtigste; den Brief--
+
+Anton. Koemmst du mir schon wieder mit deinem Briefe? Denkt doch;
+deinetwegen soll ich meinen Herrn betruegen?
+
+Lisette. Es soll aber dein Schade nicht sein.
+
+Anton. So? ist es mein Schade nicht, wann ich das, was mir Chrysander
+versprochen hat, muss sitzenlassen?
+
+Lisette. Dafuer aber verspricht dich Valer schadlos zu halten.
+
+Anton. Wo verspricht er mir es denn?
+
+Lisette. Wunderliche Haut! ich verspreche es dir an seiner Statt.
+
+Anton. Und wenn du es auch an seiner Statt halten sollst, so werde
+ich viel bekommen. Nein, nein; ein Sperling in der Hand ist besser
+als eine Taube auf dem Dache.
+
+Lisette. Wann du die Taube gewiss fangen kannst, so wird sie doch
+besser sein als der Sperling?
+
+Anton. Gewiss fangen! als wenn sich alles fangen liesse! Nicht wahr,
+wann ich die Taube haschen will, so muss ich den Sperling aus der Hand
+fliegen lassen?
+
+Lisette. So lass ihn fliegen.
+
+Anton. Gut! und wann sich nun die Taube auch davonmacht? Nein, nein,
+Jungfer, so dumm ist Anton nicht.
+
+Lisette. Was du fuer kindische Umstaende machst! Bedenke doch, wie
+gluecklich du sein kannst.
+
+Anton. Wie denn? lass doch hoeren.
+
+Lisette. Valer hat versprochen, mich auszustatten. Was sind so einem
+Kapitalisten tausend Taler?
+
+Anton. Auf die machst du dir Rechnung?
+
+Lisette. Wenigstens. Dich wuerde er auch nicht leer ausgehen lassen,
+wann du mir behilflich waerest. Ich haette alsdenn Geld; du haettest
+auch Geld: koennten wir nicht ein allerliebstes Paar werden?
+
+Anton. Wir? ein Paar? Wenn dich mein Herr nicht versteckt haette.
+
+Lisette. Tust du nicht recht albern! Ich habe dir ja alles erzaehlt,
+was unter uns vorgegangen ist. Dein Herr, das Buecherwuermchen!
+
+Anton. Ja, auch das sind verdammte Tiere, die Buecherwuermer. Es ist
+schon wahr, ein Maedel wie du, mit tausend Talern, die ist wenigstens
+tausend Taler wert; aber nur das Kabinett--das Kabinett--
+
+Lisette. Hoere doch einmal auf, Anton, und lass dich nicht so lange
+bitten.
+
+Anton. Warum willst du aber dem Alten den Brief nicht selbst geben?
+
+Lisette. Ich habe dir ja gesagt, was darin steht. Wie leicht koennte
+Chrysander nicht argwoehnen--
+
+Anton. Ja, ja, mein Aeffchen, ich merk es schon; du willst die
+Kastanien aus der Asche haben und brauchst Katzenpfoten dazu.
+
+Lisette. Je nun, mein liebes Katerchen, tu es immer!
+
+Anton. Wie sie es einem ans Herze legen kann! Liebes Katerchen! Gib
+nur her, den Brief; gib nur!
+
+Lisette. Da, mein unvergleichlicher Anton--
+
+Anton. Aber es hat doch mit der Ausstattung seine Richtigkeit?--
+
+Lisette. Verlass dich drauf--
+
+Anton. Und mit meiner Belohnung obendrein?--
+
+Lisette. Desgleichen.
+
+Anton. Nun wohl, der Brief ist uebergeben!
+
+Lisette. Aber so bald als moeglich--
+
+Anton. Wenn du willst, jetzt gleich. Komm!--Potz Stern! wer
+koemmt?--Zum Henker, es ist Damis.
+
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Damis. Anton. Lisette.
+
+
+Damis. Wo bleibt denn der Schlingel mit dem Buche?
+
+Anton. Ich wollte gleich, ich wollte--Lisette und--Kurz, ich kann es
+nicht finden, Herr Damis.
+
+Damis. Nicht finden? Ich habe dir ja gesagt, auf welcher Hand es
+liegt.
+
+Anton. Auf der rechten, haben Sie wohl gesagt; aber nicht auf welcher
+rechten? Und das wollte ich Sie gleich fragen kommen.
+
+Damis. Dummkopf, kannst du nicht so viel erraten, dass ich von der
+Seite rede, an welcher ich sitze?
+
+Anton. Es ist auch wahr, Lisette; und darueber haben wir uns den Kopf
+zerbrochen! Herr Damis ist doch immer klueger als wir! (Indem er ihm
+hinterwaerts einen Moench sticht.) Nun will ich es wohl finden. Weiss
+eingebunden, roten Schnitt, nicht? Gehen Sie nur, ich will es gleich
+bringen.
+
+Damis. Ja, nun ist es Zeit, da wir schon vom Tische aufgestanden sind.
+
+Anton. Schon aufgestanden? Zum Henker, ich bin noch nicht satt.
+Sind sie schon alle, alle aufgestanden?
+
+Damis. Mein Vater wird noch sitzen und die Zeitung auswendig lernen,
+damit er morgen in seinem Kraenzchen den Staatsmann spielen kann. Geh
+geschwind, wenn du glaubst, von seinen politischen Brocken satt zu
+werden. Was will aber Lisette hier?
+
+Lisette. Bin ich jetzt nicht ebensowohl zu leiden als vorhin?
+
+Damis. Nein, wahrhaftig nein. Vorhin glaubte ich, Lisette haette
+wenigstens so viel Verstand, dass ihr Plaudern auf eine Viertelstunde
+ertraeglich sein koennte; aber ich habe mich geirrt. Sie ist so dumm
+wie alle uebrige im Hause.
+
+Lisette. Ich habe die Ehre, mich im Namen aller uebrigen zu bedanken.
+
+Anton. Verzweifelt! das geht ja jetzt aus einem ganz andern Tone!
+Gott gebe, dass sie sich recht zanken! Aber zuhoeren mag ich
+nicht--Lisette, ich will immer gehen.
+
+Lisette (sachte). Den Brief vergiss nicht; geschwind!
+
+Damis. So! hast du Lisetten um Urlaub zu bitten? Ich befehle dir:
+bleib da. Ich wuesste nicht, wohin du zu gehen haettest.
+
+Anton. Auf die Post, Herr Damis; auf die Post!
+
+Damis. Doch, es ist wahr; nun so geh! geh!
+
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Damis. Lisette.
+
+
+Damis. Lisette kann sich nur auch gleich mit fortmachen. Will denn
+meine Stube heute gar nicht leer werden? Bald ist der da, bald jener;
+bald die, bald jene. Soll ich denn nicht einen Augenblick allein
+sein? (Setzt sich an seinen Tisch.) Die Musen verlangen Einsamkeit,
+und nichts verjagt sie eher als der Tumult. Ich habe so viele und
+wichtige Verrichtungen, dass ich nicht weiss, wo ich zuerst anfangen
+soll; und gleichwohl stoert man mich. Mit der Heirat, mit einer so
+nichtswuerdigen Sache, ist der groesste Teil des Nachmittags
+daraufgegangen; soll mir denn auch der Abend durch das ewige Hin- und
+Wiederlaufen entrissen werden? Ich glaube, dass in keinem Hause der
+Muessiggang so herrschen kann als in diesem.
+
+Lisette. Und besonders auf dieser Stube.
+
+Damis. Auf dieser Stube? Ungelehrte! Unwissende!
+
+Lisette. Ist das geschimpft oder gelobt?
+
+Damis. Was fuer eine niedertraechtige Seele! die Unwissenheit, die
+Ungelehrsamkeit fuer keinen Schimpf zu halten! fuer keinen Schimpf? So
+moechte ich doch die Begriffe wissen, die eine so unsinnige Schwaetzerin
+von Ehre und Schande hat. Vielleicht, dass bei ihr die Gelehrsamkeit
+ein Schimpf ist?
+
+Lisette. Wahrhaftig, wann sie durchgaengig von dem Schlage ist wie bei
+Ihnen--
+
+Damis. Nein, das ist sie nicht. Die wenigsten haben es so weit
+gebracht--
+
+Lisette. Dass man nicht unterscheiden kann, ob sie naerrisch oder
+gelehrt sind?--
+
+Damis. Ich moechte aus der Haut fahren--
+
+Lisette. Tun Sie das, und fahren Sie in eine kluegere.
+
+Damis. Wie lange soll ich noch den Beleidigungen der nichtswuerdigsten
+Kreatur ausgesetzt sein?--Tausend wuerden sich gluecklich preisen, wenn
+sie nur den zehnten Teil meiner Verdienste haetten. Ich bin erst
+zwanzig Jahr alt; und wie viele wollte ich finden, die dieses Alter
+beinahe dreimal auf sich haben und gleichwohl mit mir--Doch ich rede
+umsonst. Was kann es mir fuer Ehre bringen, eine Unsinnige von meiner
+Geschicklichkeit zu ueberfuehren? Ich verstehe sieben Sprachen
+vollkommen und bin erst zwanzig Jahr alt. In dem ganzen Umfange der
+Geschichte und in allen mit ihr verwandten Wissenschaften bin ich ohne
+gleichem--
+
+Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt!
+
+Damis. Wie stark ich in der Weltweisheit bin, bezeugt die hoechste
+Wuerde, die ich schon vor drei Jahren darin erhalten habe. Noch
+unwidersprechlicher wird es die Welt jetzt aus meiner Abhandlung von
+den Monaden erkennen.--Ach, die verwuenschte Post!--
+
+Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt!
+
+Damis. Von meiner mehr als demosthenischen Beredsamkeit kann meine
+satirische Lobrede auf den Nix der Nachwelt eine ewige Probe geben.
+
+Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt!
+
+Damis. Freilich! Auch in der Poesie darf ich meine Hand nach dem
+unvergaenglichsten Lorbeer ausstrecken. Gegen mich kriecht Milton, und
+Haller ist gegen mich ein Schwaetzer. Meine Freunde, welchen ich sonst
+zum oeftern meine Versuche, wie ich sie zu nennen belieben vorgelesen
+habe, wollen jetzt gar nichts mehr davon hoeren und versichern mich
+allezeit auf das aufrichtigste, dass sie schon genugsam von meiner mehr
+als goettlichen Ader ueberzeugt waeren.
+
+Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt!
+
+Damis. Kurz, ich bin ein Philolog, ein Geschichtskundiger, ein
+Weltweiser, ein Redner, ein Dichter--
+
+Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! Ein Weltweiser ohne
+Bart und ein Redner, der noch nicht muendig ist! schoene Raritaeten!
+
+Damis. Fort! den Augenblick aus meiner Stube!
+
+Lisette. Den Augenblick? Ich moechte gar zu gern die schoene Ausrufung:
+und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! noch einmal anbringen. Haben Sie
+nichts mehr an sich zu ruehmen? O noch etwas! Wollen Sie nicht? Nun
+so will ich es selbst tun. Hoeren Sie recht zu, Herr Damis: Sie sind
+noch nicht klug und sind schon zwanzig Jahr alt!
+
+Damis. Was? wie? (Steht zornig auf.)
+
+Lisette. Leben Sie wohl! Leben Sie wohl!
+
+Damis. Himmel! was muss man von den ungelehrten Bestien erdulden! Ist
+es moeglich von einem unwissenden Weibsbilde--
+
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Chrysander. Anton. Damis.
+
+
+Chrysander. Das ist ein verfluchter Brief, Anton! Ei! ei! mein Sohn,
+mein Sohn, post coenam stabis, vel passus mille meabis. Du wirst doch
+nicht schon wieder sitzen?
+
+Damis. Ein andrer, der nichts zu tun hat, mag sich um dergleichen
+barbarische Gesundheitsregeln bekuemmern. Wichtige Beschaeftigungen--
+
+Chrysander. Was willst du von wichtigen Beschaeftigungen reden?
+
+Damis. Ich nicht, Herr Vater? Die meisten von den Buechern, die Sie
+hier auf dem Tische sehen, warten teils auf meine Noten, teils auf
+meine Uebersetzung, teils auf meine Widerlegung, teils auf meine
+Verteidigung, teils auch auf mein blosses Urteil.
+
+Chrysander. Lass sie warten! Jetzt--
+
+Damis. Jetzt kann ich freilich nicht alles auf einmal verrichten.
+Wann ich nur erst mit dem Wichtigsten werde zustande sein. Sie
+glauben nicht, was mir hier eine gewisse Untersuchung fuer Nachschlagen
+und Kopfbrechen kostet. Noch eine einzige Kleinigkeit fehlt mir, so
+habe ich es bewiesen, dass sich Kleopatra die Schlangen an den Arm, und
+nicht an die Brust, gesetzt hat--
+
+Chrysander. Die Schlangen taugen nirgends viel. Mir waere beinahe
+jetzt auch eine in Busen gekrochen; aber noch ist es Zeit. Hoere
+einmal, mein Sohn; hier habe ich einen Brief bekommen, der mich--
+
+Damis. Wie? einen Brief? einen Brief? Ach, lieber Anton! einen
+Brief? Liebster Herr Vater, einen Brief? von Berlin? Lassen Sie mich
+nicht laenger warten; wo ist er? Nicht wahr, nunmehr werden Sie
+aufhoeren an meiner Geschicklichkeit zu zweifeln? Wie gluecklich bin
+ich! Anton, weisst du es auch schon, was darin steht?
+
+Chrysander. Was schwaermst du wieder? Der Brief ist nicht von Berlin;
+er ist von meinem Advokaten aus Dresden, und nach dem, was er schreibt,
+kann aus deiner Heirat mit Julianen nichts werden.
+
+Damis. Nichtswuerdiger Kerl! so bist du noch nicht wieder auf der Post
+gewesen?
+
+Anton. Ich habe es Ihnen ja gesagt, dass vor neun Uhr fuer mich auf der
+Post nichts zu tun ist.
+
+Damis. Ah, verberabilissime, non fur, sed trifur! Himmel! dass ich
+vor Zorn sogar des Plautus Schimpfwoerter brauchen muss. Wird dir denn
+ein vergebner Gang gleich den Hals kosten?
+
+Anton. Schimpften Sie mich? Weil ich es nicht verstanden habe, so
+mag es hingehen.
+
+Chrysander. Aber sage mir nur, Damis; nicht wahr, du hast doch einen
+kleinen Widerwillen gegen Julianen? Wenn das ist, so will ich dich
+nicht zwingen. Du musst wissen, dass ich keiner von den Vaetern bin--
+
+Damis. Ist die Heirat schon wieder auf dem Tapete? Wann Sie doch
+wegen meines Widerwillens unbesorgt sein wollten. Genug, ich heirate
+sie--
+
+Chrysander. Das heisst so viel, du wolltest dich meinetwegen zwingen?
+Das will ich durchaus nicht. Wenn du gleich mein Sohn bist, so bist
+du doch ein Mensch; und jeder Mensch wird frei geboren; er muss machen
+koennen, was er will; und--kurz--ich gebe dir dein Wort wieder zurueck.
+
+Damis. Wieder zurueck? und vor einigen Stunden konnte ich mich nicht
+hurtig genug entschliessen? Wie soll ich das verstehen?
+
+Chrysander. Das sollst du so verstehen, dass ich es ueberlegt habe und
+dass, weil dir Juliane nicht gefaellt, sie mir auch nicht ansteht; dass
+ich ihre wahren Umstaende in diesem Briefe wieder gefunden habe und
+dass--Du siehst es ja, dass ich den Brief nur jetzt gleich bekommen habe.
+Ich weiss zwar wahrhaftig nicht, was ich davon denken soll? Die Hand
+meines Advokaten ist es nicht--
+
+(Damis setzt sich wieder an den Tisch.)
+
+Anton. Nicht? oh! die Leutchen muessen mehr als eine Hand zu schreiben
+wissen.
+
+Chrysander. Zu geschwind ist es beinahe auch. Kaum sind es acht Tage,
+dass ich ihm geschrieben habe. Sollte er das Ding in der kurzen Zeit
+schon haben untersuchen koennen? Von wem hast du denn den Brief
+bekommen, Anton?
+
+Anton. Von Lisetten.
+
+Chrysander. Und Lisette?
+
+Anton. Von dem Brieftraeger, ohne Zweifel.
+
+Chrysander. Aber warum bringt denn der Kerl die Briefe nicht mir
+selbst?
+
+Anton. Sie werden sich doch in den Haenden, wodurch sie gehen, nicht
+veraendern koennen?
+
+Chrysander. Man weiss nicht--Gleichwohl aber lassen sich die Gruende,
+die er anfuehrt, hoeren. Ich muss also wohl den sichersten Weg nehmen
+und dir, mein Sohn--Aber, ich glaube gar, du hast dich wieder an den
+Tisch gesetzt und studierst?
+
+Damis. Mein Gott! ich habe zu tun, ich habe sogar viel zu tun.
+
+Chrysander. Drum mit einem Worte, damit ich dich nicht um die Zeit
+bringe: die Heirat mit Julianen war nichts als ein Gedanke, den du
+wieder vergessen kannst. Wann ich es recht ueberlege, so hat doch
+Valer das groesste Recht auf sie.
+
+Damis. Sie betruegen sich, wenn Sie glauben, dass ich nunmehr davon
+abgehen werde.--Ich habe alles wohl ueberleget, und ich muss es Ihnen
+nur mit ganz trocknen Worten sagen, dass eine boese Frau mir helfen soll,
+meinen Ruhm unsterblich zu machen; oder vielmehr, dass ich eine boese
+Frau, an die man nicht denken wuerde, wann sie keinen Gelehrten gehabt
+haette, mit mir zugleich unsterblich machen will. Der Charakter eines
+solchen Eheteufels wird auf den meinigen ein gewisses Licht werfen--
+
+Chrysander. Nun wohl, wohl; so nimm dir eine boese Frau; nur aber eine
+mit Gelde, weil an einer solchen die Bosheit noch ertraeglich ist. Von
+der Gattung war meine erste selige Frau. Um die zwanzigtausend Taler,
+die ich mit ihr bekam, haette ich des boesen Feindes Schwester heiraten
+wollen--Du musst mich nur recht verstehen: ich meine es nicht nach den
+Worten.--Wann sie aber boese sein soll, deine Frau, was willst du mit
+Julianen?--Hoere, ich kenne eine alte Witwe, die schon vier Maenner ins
+Grab gezankt hat; sie hat ihr feines Auskommen: ich daechte, das waere
+deine Sache; nimm die! Ich habe dir das Maul einmal waessrig gemacht,
+ich muss dir also doch etwas darein geben. Wann es einmal eine
+Xanthippe sein soll, so kannst du keine bessre finden.
+
+Damis. Mit Ihrer Xanthippe! ich habe es Ihnen ja schon mehr als
+einmal gesagt, dass Xanthippe keine boese Frau gewesen ist. Haben Sie
+meine Beweisgruende schon wieder vergessen?
+
+Chrysander. Ei was? mein Beweis ist das Abc-Buch. Wer so ein Buch
+hat schreiben koennen, das so allgemein geworden ist, der muss es gewiss
+besser verstanden haben als du. Und kurz, mir liegt daran, dass
+Xanthippe eine boese Frau gewesen ist. Ich koennte mich nicht
+zufriedengeben, wenn ich meine erste Frau so oft sollte gelobt haben.
+Schweig also mit deinen Narrenspossen; ich mag von dir nicht besser
+unterrichtet sein.
+
+Damis. So wird uns gedankt, wenn wir die Leute aus ihren Irrtuemern
+helfen wollen.
+
+Chrysander. Seit wenn ist denn das Ei klueger als die Henne? he? Herr
+Doktor, vergess Er nicht, dass ich Vater bin und dass es auf den Vater
+ankoemmt, wenn der Sohn heiraten soll. Ich will an Julianen nicht mehr
+gedacht wissen--
+
+Damis. Und warum nicht?
+
+Chrysander. Soll ich meinem einzigen Sohne ein armes Maedchen
+aufhaengen? Du bist nicht wert, dass ich fuer dich so besorgt bin. Du
+weisst ja, dass sie nichts im Vermoegen hat.
+
+Damis. Hatte sie vorhin, da ich sie heiraten sollte, mehr als jetzt?
+
+Chrysander. Das verstehst du nicht. Ich wusste wohl, was ich vorhin
+tat: aber ich weiss auch, was ich jetzt tue.
+
+Damis. Gut, desto besser ist es, wann sie kein Geld hat. Man wird
+mir also nicht nachreden koennen, die boese Frau des Geldes wegen
+genommen zu haben; man wird es zugestehen muessen, dass ich keine andere
+Absicht gehabt als die, mich in den Tugenden zu ueben, die bei
+Erduldung eines solchen Weibes noetig sind.
+
+Chrysander. Eines solchen Weibes! Wer hat dir denn gesagt, dass
+Juliane eine boese Frau werden wird?
+
+Damis. Wenn ich nicht, wie wir Gelehrten zu reden pflegen, a priori
+davon ueberfuehrt waere, so wuerde ich es schon daraus schliessen koennen,
+weil Sie daran zweifeln.
+
+Chrysander. Fein naseweis, mein Sohn! fein naseweis! Ich habe
+Julianen auferzogen; sie hat viel Wohltaten bei mir genossen; ich habe
+ihr alles Gute beigebracht: wer von ihr Uebels spricht, der spricht es
+zugleich von mir. Was? ich sollte nicht ein Frauenzimmer zu ziehen
+wissen? Ich sollte ein Maedchen, das unter meiner Aufsicht gross
+geworden ist, nicht so weit gebracht haben, dass es einmal eine
+rechtschaffne wackre Frau wuerde? Reich habe ich sie freilich nicht
+machen koennen; ich bin der Wohltat selbst noch benoetigt. Aber dass ich
+sie nicht tugendhaft, nicht verstaendig gemacht haette, das kann mir nur
+einer nachreden, der so dumm ist als du, mein Sohn. Nimm mir es nicht
+uebel, dass ich mit der Sprache herausruecke. Du bist so ein
+eingemachter Narre, so ein Stockfisch--nimm mir's nicht uebel, mein
+Sohn--so ein ueberstudierter Pickelhering--aber nimm mir's nicht uebel--
+
+Damis (beiseite). Bald sollte ich glauben, dass sein erster Handel mit
+eingesalznen Fischen gewesen sei.--Schon gut, Herr Vater; von
+Julianens Tugend will ich nichts sagen; die Tugend ist oft eine Art
+von Dummheit. Aber was ihren Verstand anbelangt, von dem werden Sie
+mir erlauben, dass ich ihn noch immer in Zweifel ziehe. Ich bin nun
+schon eine ziemliche Zeit wieder hier; ich habe mir auch manchmal die
+Muehe genommen, ein paar Worte mit ihr zu sprechen: hat sie aber wohl
+jemals an meine Gelehrsamkeit gedacht? Ich mag nicht gelobt sein; so
+eitel bin ich nicht; nur muss man den Leuten ihr Recht widerfahren
+lassen--
+
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+
+Chrysander. Damis. Valer.
+
+
+Chrysander. Gut, gut, Herr Valer, Sie kommen gleich zur rechten
+Stunde.
+
+Damis. Was will der unertraegliche Mensch wieder?
+
+Valer. Ich komme, Abschied von Ihnen beiden zu nehmen--
+
+Chrysander. Abschied? so zeitig? warum denn?
+
+Valer. Ich glaube nicht, dass Sie im Ernste fragen.
+
+Chrysander. Gott weiss es, Herr Valer; in dem allerernstlichstem
+Ernste. Ich lasse Sie wahrhaftig nicht.
+
+Valer. Um mich noch empfindlicher zu martern? Sie wissen, wie lieb
+mir die Person allezeit gewesen ist, die Sie mir heute entreissen.
+Doch das Unglueck waere klein, wenn es mich nur allein traefe. Sie
+wollen noch dazu diese geliebte Person mit einem verbinden, der sie
+ebenso sehr hasst, als ich sie verehre? Meine ganze Seele ist voller
+Verzweiflung, und von nun an werde ich weder hier noch irgendswo in
+der Welt wieder ruhig werden. Ich gehe, um mich--
+
+Chrysander. Nicht gehen, Herr Valer, nicht gehen! Dem Uebel ist
+vielleicht noch abzuhelfen.
+
+Valer. Abzuhelfen? Sie beschimpfen mich, wenn Sie glauben, dass ich
+jemals diesen Streich ueberwinden werde. Er wuerde fuer ein minder
+zaertliches Herz, als das meinige ist, toedlich sein.
+
+Damis. Was fuer ein Gewaesche! (Setzt sich an seinen Tisch.)
+
+Valer. Wie gluecklich sind Sie, Damis! Lernen Sie wenigstens Ihr
+Glueck erkennen; es ist der geringste Dank, den Sie dem Himmel schuldig
+sind. Juliane wird die Ihrige--
+
+Chrysander. Ei, wer sagt denn das? Sie soll noch zeitig genug die
+Ihrige werden, Herr Valer, nur Geduld!
+
+Valer. Halten Sie inne mit Ihren kalten Verspottungen--
+
+Chrysander. Verspottungen? Sie muessen mich schlecht kennen. Was ich
+sage, das sag ich. Ich habe die Sache nun besser ueberlegt; ich sehe,
+Juliane schickt sich fuer meinen Sohn nicht und er sich noch viel
+weniger fuer Julianen. Sie lieben sie; Sie haben laengst bei mir um sie
+angehalten; wer am ersten koemmt, der muss am ersten mahlen. Ich habe
+eben mit meinem Sohne davon geredt--Sie kennen ihn ja--
+
+Valer. Himmel, was hoer ich? Ist es moeglich? welche glueckliche
+Veraenderung! Erlauben Sie, dass ich Sie tausendmal umfange. Soll ich
+also doch noch gluecklich sein? O Chrysander! o Damis!
+
+Chrysander. Reden Sie mit ihm und setzen Sie ihm den Kopf ein wenig
+zurechte. Ich will zu Julianen gehen und ihr meinen veraenderten
+Entschluss hinterbringen. Sie wird mir es doch nicht uebelnehmen?
+
+Valer. Uebel? Sie werden ihr das Leben wiedergeben, so wie Sie es
+mir wiedergegeben haben.
+
+Chrysander. Ei, kann ich das? (Geht ab.)
+
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Damis. Valer. Anton.
+
+
+Valer. Und in welchem Tone soll ich nun mit Ihnen reden, liebster
+Freund? Das erneuerte Versprechen Ihres Vaters berechtigte mich, Sie
+ganz und gar zu uebergehen. Ich habe gewonnen, sobald Chrysander
+Julianen zu zwingen aufhoert. Doch wie angenehm soll es mir sein, wann
+ich ihren Besitz zum Teil auch Ihnen werde verdanken koennen.
+
+Damis. Anton!
+
+Anton (koemmt). Was soll der? ist Ihnen die Post wieder eingefallen?
+
+Damis. Gleich geh! sie muss notwendig da sein.
+
+Anton. Aber ich sage Ihnen, dass sie bei so uebeln Wetter vor zehn Uhr
+nicht kommen kann.
+
+Damis. Gibst du abermals eine Stunde zu? Kurz, geh! und koemmst du
+leer wieder, so sieh dich vor!
+
+Anton. Wenn ich diese Nacht nicht sanft schlafe, so glaube ich
+zeitlebens nicht mehr, dass die Muedigkeit etwas dazu helfen kann.
+(Gehet ab.)
+
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Damis. Valer.
+
+
+Valer. So? anstatt zu antworten, reden Sie mit dem Bedienten?
+
+Damis. Verzeihen Sie, Valer; Sie haben also mit mir gesprochen? Ich
+habe den Kopf so voll; es ist mir unmoeglich, auf alles zu hoeren.
+
+Valer. Und Sie wollen sich auch bei mir verstellen? Ich weiss die
+Zeit noch sehr wohl, da ich in ebendem wunderbaren Wahne stand, es
+liesse gelehrt, so zerstreut als moeglich und auf nichts als auf sein
+Buch aufmerksam zu tun. Doch glauben Sie nur, der muss sehr einfaeltig
+sein, den Sie mit diesen Gaukeleien hintergehen wollen.
+
+Damis. Und Sie muessen noch einfaeltiger sein, dass Sie glauben koennen,
+ein jeder Kopf sei so gedankenleer als der Ihrige. Und verdient denn
+Ihr Geschwaetz, dass ich darauf hoere? Sie haben ja gewonnen, sobald
+Chrysander Julianen zu zwingen aufhoert; Sie sind ja berechtiget, mich
+zu uebergehen--
+
+Valer. Das muss doch eine besondere Art der Zerstreuung sein, in
+welcher man des andern Reden gleichwohl so genau hoeret, dass man sie
+von Wort zu Wort wiederholen kann.
+
+Damis. Ihre Spoetterei ist sehr trocken. (Sieht wieder auf sein Buch.)
+
+Valer. Doch aber zu empfinden?--Was fuer eine Marter ist es, mit einem
+Menschen von Ihrer Art zu tun zu haben? Es gibt deren wenige--
+
+Damis. Das sollte ich selbst glauben.
+
+Valer. Es wuerden sich aber mehrere finden, wenn selbst--
+
+Damis. Ganz recht; wenn die wahre Gelehrsamkeit nicht so schwer zu
+erlangen, die natuerliche Faehigkeit dazu gemeiner und ein unermuedeter
+Fleiss nicht so etwas Beschwerliches waeren--
+
+Valer. Ha! ha! ha!
+
+Damis. Das Lachen eines wahren Idioten!
+
+Valer. Sie reden von Ihrer Gelehrsamkeit, und ich, mit Vergebung,
+wollte von Ihrer Torheit reden. Hierin, meinte ich, wuerden Sie
+mehrere Ihresgleichen finden, wenn selbst diese Torheit ihren Sklaven
+nicht zur Last werden muesste.
+
+Damis. Verdienen Sie also, dass ich Ihnen antworte? (Sieht wieder in
+sein Buch.)
+
+Valer. Und verdienen Sie wohl, dass ich noch Freundes genug bin, mit
+Ihnen ohne Verstellung zu reden? Glauben Sie mir, Sie werden Ihre
+Torheiten bei mehreren Verstande bereuen--
+
+Damis. Bei mehreren Verstande? (Spoettisch.)
+
+Valer. Werden Sie darueber ungehalten? Das ist wunderbar! Ihr Koerper
+kann, Ihren Jahren nach, noch nicht ausgewachsen haben, und Sie
+glauben, dass Ihre Seele gleichwohl schon zu ihrer moeglichen
+Vollkommenheit gelanget sei? Ich wuerde den fuer meinen Feind halten,
+welcher mir den Vorzug, taeglich zu mehrerm Verstande zu kommen,
+streitig machen wollte.
+
+Damis. Sie!
+
+Valer. Sie werden so spoettisch, mein Herr Nebenbuhler--Doch da ist
+sie selbst! (Laeuft ihr entgegen.) Ah, Juliane--
+
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Juliane. Damis. Valer.
+
+
+Juliane. Ach, Valer, welche glueckliche Veraenderung!--
+
+Damis (indem er sich auf dem Stuhle umwendet). Die Ehre, Sie hier zu
+sehen, Mademoiselle, habe ich ohne Zweifel einem Irrtume zu danken?
+Sie glauben vielleicht, in Ihr Schlafzimmer zu kommen--
+
+Juliane. Dieser Irrtum waere unvergeblich! Nein! mein Herr, es
+geschieht auf Befehl Ihres Herrn Vaters, dass ich diesen heiligen Ort
+betrete. Ich komme, Ihnen einen Kauf aufzusagen und mich bei Ihrer
+Muse zu entschuldigen, dass ich beinahe in die Gefahr gekommen waere,
+ihr einen so liebenswuerdigen Geist abspenstig zu machen.
+
+Valer. O wie entzueckt bin ich, schoenste Juliane, Sie auf einmal
+wieder in Ihrer Heiterkeit zu sehen.
+
+Damis. Wenn ich das Gewaesche eines Frauenzimmers recht verstehe, so
+kommen Sie, ein Paktum aufzuheben, welches doch alle Requisita hat,
+die zu einem unumstoesslichen Pakto erfordert werden.
+
+Juliane. Und wann ich das Galimathias eines jungen Gelehrten
+verstehen darf, so haben Sie es getroffen.
+
+Damis. Mein Vater ist ein Idiote. Koemmt es denn nur auf ihn oder auf
+Sie, Mademoiselle, an, einen Vertrag, der an meinem Teil fest bestehet,
+ungueltig zu machen?--Es wird sich alles zeigen; nur wollte ich bitten,
+mich jetzt ungestoert zu lassen--(Wendet sich wieder an den Tisch.)
+
+Valer. Was fuer ein Bezeigen! hat man jemals einem Frauenzimmer, auf
+dessen Besitz man Anspruch macht, so begegnet?
+
+Damis. Und ist man jemals einem beschaeftigten Gelehrten so ueberlaestig
+gewesen? Diese verdriessliche Gesellschaft loszuwerden, muss ich nur
+selbst meine vier Waende verlassen. (Geht ab.)
+
+
+
+
+Neunter Auftritt
+
+Valer. Juliane.
+
+
+Juliane. Und wir lachen ihm nicht nach?
+
+Valer. Nein, Juliane; eine bessere Freude mag uns jetzt erfuellen; und
+beinahe gehoert eine Art von Grausamkeit dazu, sich ueber einen so
+klaeglichen Toren lustig zu machen. Wie soll ich Ihnen die Regungen
+meines Herzens beschreiben, jetzt, da man ihm alle seine
+Glueckseligkeit wiedergegeben hat? Ich beschwoere Sie, Juliane, wann
+Sie mich lieben, so verlassen Sie noch heute mit mir dieses
+gefaehrliche Haus. Setzen Sie sich nicht laenger der Ungestuemigkeit
+eines veraenderlichen Alten, der Raserei eines jungen Pedanten und der
+Schwaeche Ihrer eignen allzu zaertlichen Denkungsart aus. Sie sind mir
+in einem Tage genommen und wiedergegeben worden; lassen Sie ihn den
+ersten und den letzten sein, der so grausam mit uns spielen darf!
+
+Juliane. Fassen Sie sich, Valer. Wir wollen lieber nichts tun, was
+uns einige Vorwuerfe von Chrysandern zuziehen koennte. Sie sehen, er
+ist auf dem besten Wege, und ich liebe ihn ebensosehr, als ich den
+Damis verachte. Durch das Misstrauen, wodurch ich mich auf einmal
+seiner Vorsorge entzoege, wuerde ich ihm fuer seine Wohltaten schlecht
+danken--
+
+Valer. Noch immer reden Sie von Wohltaten? Ich werde nicht eher
+ruhig, als bis ich Sie von diesen gefaehrlichen Banden befreiet habe.
+Erlauben Sie mir, dass ich sie sogleich gaenzlich vernichte und dem
+alten Eigennuetzigen--
+
+Juliane. Nennen Sie ihn anders, Valer; er ist das nicht; und schon
+seine Veraenderung zeigt es, dass Lisette falsch gehoert oder uns
+hintergangen hat. Zwar weiss ich nicht, wem ich diese Veraenderung
+zuschreiben soll--(Nachsinnend.)
+
+Valer. Warum auf einmal so in Gedanken? Die Ursache, die ihn bewogen
+hat, mag sein, welche es will; ich weiss doch gewiss, dass es eine Fuegung
+des Himmels ist.
+
+Juliane. Des Himmels oder Lisettens. Auf einmal faellt mir ein, was
+Sie mir von einem Briefe gesagt haben. Sollte wohl Lisettens allzu
+grosse Dienstfertigkeit--
+
+Valer. Welche Einbildung, liebste Juliane! Sie weiss es ja, dass Ihre
+Tugend in diesen kleinen Betrug nicht willigen wollen.
+
+Juliane. Gleichwohl, je mehr ich nachdenke--
+
+Valer. Wenn es nun auch waere, wollten Sie denn deswegen--
+
+Juliane. Wann es nun auch waere? wie?
+
+
+
+
+Zehnter Auftritt
+
+Lisette. Valer. Juliane.
+
+
+Juliane. Du koemmst als gerufen, Lisette.
+
+Lisette. Nun, gehen meine Sachen nicht vortrefflich? Wollen Sie es
+nicht unten mit anhoeren, wie sich Damis und Chrysander zanken? "Du
+sollst sie nicht bekommen; ich muss sie bekommen: ich bin Vater; Sie
+haben mir sie versprochen: ich habe mich anders besonnen; ich aber
+nicht: so muss es noch geschehen; das ist unmoeglich: unmoeglich oder
+nicht; kurz, ich geh nicht ab, ich will es Ihnen aus Buechern beweisen,
+dass Sie mir Wort halten muessen: du kannst mit deinen Buechern an den
+Galgen gehen."--Was wiederhole ich viel ihre naerrische Reden? Der
+Vater hat recht; er handelt klug: er wuerde aber gewiss nicht so klug
+handeln, wenn ich nicht vorher so klug gewesen waere.
+
+Juliane. Wie verstehst du das, Lisette?
+
+Lisette. Ich lobe mich nicht gerne selbst. Kurz, meine liebe Mamsell,
+Ihr Schutzengel, der bin ich!
+
+Juliane. Der bist du? und wie denn?
+
+Lisette. Dadurch, dass ich einen Betrueger mit seiner Muenze bezahlt
+habe. Der alte haessliche--
+
+Juliane. Und also hast du Chrysandern betrogen?
+
+Lisette. Ei, sagen Sie doch das nicht; einen Betrueger betruegt man
+nicht, sondern den hintergeht man nur. Hintergangen hab ich ihn.
+
+Valer. Und wie?
+
+Lisette. Schlecht genug, dass Sie es schon wieder vergessen haben.
+Ich sollte meinen, erkenntlich zu sein, brauche man ein besser
+Gedaechtnis.
+
+Juliane. Du hast ihm also wohl gar den falschen Brief untergeschoben?
+
+Lisette. Behuete Gott! ich habe ihn bloss durch einen erdichteten Brief
+auf andere Gedanken zu bringen gesucht; und das ist mir gelungen.
+
+Juliane. Das hast du getan? Und ich sollte mein Glueck einer
+Betruegerin zu danken haben? Es mag mir gehen, wie es will; Chrysander
+soll es den Augenblick erfahren--
+
+Lisette. Was soll denn das heissen? Ist das mein Dank?
+
+Valer. Besinnen Sie sich, Juliane; verziehen Sie!
+
+Juliane. Unmoeglich, Valer; lassen Sie mich. (Juliane geht ab.)
+
+
+
+
+Eilfter Auftritt
+
+Valer. Lisette.
+
+
+Valer. Himmel, nun ist alles wieder aus!
+
+Lisette. So mag sie es haben! Gift und Galle moechte ich speien, so
+toll bin ich! Fuer meinen guten Willen mich eine Betruegerin zu heissen?
+Ich hoffte, sie wuerde mir vor Freuden um den Hals fallen.--Wie wird
+der Alte auf mich losziehen! Er jagt mich und Sie zum Hause heraus.
+Was wollen Sie nun anfangen?
+
+Valer. Ja, was soll ich nun anfangen, Lisette?
+
+Lisette. Ich glaube, Sie antworten mir mit meiner eignen Frage? Das
+ist bequem. Mein guter Rat hat ein Ende. Ich will mich bald wieder
+in so etwas mengen!
+
+Valer. Zu was fuer einer ungelegnen Zeit kamst du aber auch, Lisette?
+Ich hatte dir es gesagt, dass Juliane in diesen Streich nicht willigen
+wollte. Haettest du nicht noch einige Zeit schweigen koennen?
+
+Lisette. Konnte ich denn vermuten, dass sie so uebertrieben eigensinnig
+sein wuerde? Sie koennen sich leicht einbilden, wie es mit unsereiner
+ist: ich haette nicht wieviel nehmen und es gegen sie laenger verbergen
+wollen, wem sie ihr Glueck zu danken habe. Die Freude ist schwatzhaft,
+und--Ach, ich moechte gleich--
+
+
+
+
+Zwoelfter Auftritt
+
+Anton. Valer. Lisette.
+
+
+Anton (mit Briefen in der Hand). Ha! ha! haltet ihr wieder Konferenz!
+Wenn es mein Herr wuesste, dass in seiner eignen Stube die schlimmsten
+Anschlaege wider ihn geschmiedet werden, er wuerde dich, Lisette--Aber,
+wie steht ihr denn da beisammen? Herr Valer scheint betruebt: du bist
+erhitzt, erhitzt wie ein Zinshahn. Habt ihr euch geschlagen, oder
+habt ihr euch sonst eine Motion gemacht? Ei, ei, Lisette!
+hoere--(sachte zu Lisetten) du hast dich doch der Ausstattung wegen mit
+ihm nicht ueberworfen? Hat er sein Wort etwa zurueckgezogen? Das waere
+ein verfluchter Streich. (Laut.) Nein, nein, Herr Valer, was man
+verspricht, das muss man halten. Sie hat Ihnen redlich gedienet und
+ich auch. Zum Henker! glauben Sie denn, dass es einmal einer ehrlichen
+Seele keine Gewissensbisse verursachen muss, wenn sie ihre Herrschaft
+fuer null und nichts betrogen hat? Ich lasse mich nicht vexieren; und
+meine Forderung wenigstens--Hol' mich dieser und jener! ich nehm einen
+Advokaten an, einen rechten Bullenbeisser von einem Advokaten, der
+Ihnen gewiss so viel soll zu schaffen machen--
+
+Lisette. Ach Narre, schweig!
+
+Valer. Was will er denn? Mit wem sprichst du denn?
+
+Anton. Potz Stern! mit unserm Schuldmanne sprech ich. Das koennen Sie
+ja wohl am Tone hoeren.
+
+Valer. Wer ist denn dein Schuldmann?
+
+Anton. Kommt es nun da heraus, dass Sie die Schuld leugnen wollen?
+Hoeren Sie: mein Advokat bringt Sie zum Schwur--
+
+Valer. Lisette, weisst denn du, was er will?
+
+Lisette. Der Schwaermer! ich brauchte ihn vorhin zu Ueberbringung des
+Briefes und versprach ihm, wenn die Sache gut ausfallen sollte, eine
+Belohnung von Ihnen.
+
+Valer. Weiter ist es nichts?
+
+Anton. Ich daechte doch, das waere genug. Und wie haelt es denn mit
+Lisettens Ausstattung? Ich muss mich um ihr Vermoegen so gut als um das
+meinige bekuemmern, weil es doch meine werden soll.
+
+Valer. Seid unbesorgt; wenn ich mein Glueck mache, so will ich das
+eurige gewiss nicht vergessen.
+
+Anton. Gesetzt aber, Sie machten es nicht? Und was versprochen ist,
+ist doch versprochen.
+
+Valer. Auch alsdenn will ich euern Eifer nicht unbelohnt lassen.
+
+Anton. Ach, das sind Komplimente, Komplimente!
+
+Lisette. So hoer einmal auf!
+
+Anton. Bist du nicht eine Naerrin; ich rede ja fuer dich mit.
+
+Lisette. Es ist aber ganz unnoetig.
+
+Anton. Unnoetig? habt ihr euch denn nicht gezankt?
+
+Lisette. Warum nicht gar?
+
+Anton. Hat er sein Versprechen nicht zurueckgezogen?
+
+Lisette. Nein doch.
+
+Anton. O so verzeihen Sie mir, Herr Valer. Die Galle kann einem
+ehrlichen Manne leicht ueberlaufen. Ich bin ein wenig hitzig, zumal in
+Geldsachen. Fuerchten Sie sich fuer den Advokaten nur nicht--
+
+Valer. Und ich kann in einer so marternden Ungewissheit hier noch
+verziehen? Ich muss sie sprechen; vielleicht hat sie es noch nicht
+getan--
+
+Lisette. Hat sie es aber getan, so kommen Sie dem Alten ja nicht zu
+nahe!
+
+Valer. Ich habe von dem ganzen Handel nichts gewusst.
+
+Lisette. Desto schlimmer alsdenn fuer mich. Gehen Sie nur.
+
+
+
+
+Dreizehnter Auftritt
+
+Anton. Lisette.
+
+
+Anton. Desto schlimmer fuer dich? Was ist denn desto schlimmer fuer
+dich? Warum soll er denn dem Alten nicht zu nahe kommen? Was habt
+ihr denn wieder!
+
+Lisette. Je, der verfluchte Brief!
+
+Anton. Was fuer ein Brief?
+
+Lisette. Den ich dir vorhin gab.
+
+Anton. Was ist denn mit dem?
+
+Lisette. Es ist alles umsonst; meine Muehe ist vergebens.
+
+Anton. Wie denn so? So wahr ich lebe, ich habe ihn richtig bestellt.
+Mache keine Possen und schiebe die Schuld etwa auf mich!
+
+Lisette. Richtig uebergeben ist er wohl; er tat auch schon seine
+Wirkung. Aber Juliane hat uns selbst einen Strich durch die Rechnung
+gemacht. Sie will es durchaus entdecken, dass es ein falscher Brief
+gewesen sei, und hat es vielleicht auch schon getan.
+
+Anton. Was zum Henker, sie selbst? Da werden wir ankommen! Siehst
+du; nun ist der Sperling und die Taube weg. Und was das schlimmste ist:
+da ich die Taube habe fangen wollen, so bin ich darueber mit der Nase
+ins Weiche gefallen. Oder deutlicher und ohne Gleichnis mit dir zu
+reden: die versprochene Belohnung bei dem Alten hab ich verloren, die
+eingebildete bei Valeren entgeht mir auch, und aller Profit, den ich
+dabei machen werde, ist, nebst einem gnaedigen Rippenstosse, ein Pack
+dich zum Teufel!--Will Sie mich alsdenn noch, Jungfer Lisette?--Oh,
+Sie muss mich. Ich will Sie die Leute lehren ungluecklich machen--
+
+Lisette. Es wird mir gewiss besser gehen? Wir wandern miteinander,
+und wenn wir nur einmal ein Paar sind, so magst du sehen, wie du mich
+ernaehrest.
+
+Anton. Ich dich ernaehren? bei der teuren Zeit? Wenn ich noch koennte
+mit dir herumziehen, wie der mit dem grossen Tiere, das ein Horn auf
+der Nase hat.
+
+Lisette. Sorge nicht, in ein Tier mit einem Horne will ich dich bald
+verwandeln. Es wird alsdenn doch wohl einerlei sein, ob du mit mir
+oder ich mit dir herumziehe.
+
+Anton. Nu wahrhaftig, mit dir weiss man doch noch, woran man ist.
+--Aber, damit wir nicht eins ins andre reden, wo ist denn nun mein
+Herr? Da sind endlich seine verdammten Briefe!
+
+Lisette. Siehst du ihn?
+
+Anton. Nein; aber wo mir recht ist, jetzt hoer ich ihn.
+
+Lisette. Lass ihn nur kommen; toll will ich ihn noch machen, zu guter
+Letzt.
+
+
+
+
+Vierzehnter Auftritt
+
+
+Anton. Lisette. Damis (koemmt ganz tiefsinnig; Lisette schleicht
+hinter ihm her und macht seine Grimassen nach).
+
+Anton. Halt! ich will ihn noch ein wenig zappeln lassen und ihm die
+Briefe nicht gleich geben. (Steckt sie ein.) Wie so tiefsinnig, Herr
+Damis? was steckt Ihnen wieder im Kopfe?
+
+Damis. Halt dein Maul!
+
+Anton. Kurz geantwortet! Aber soll sich denn ein Bedienter nicht um
+seinen Herrn bekuemmern? Es waere doch ganz billig, wann ich auch wuesste,
+worauf Sie daechten. Eine blinde Henne findet auch manchmal ein
+Koernchen, und vielleicht koennte ich Ihnen--
+
+Damis. Schweig!
+
+Anton. Die Antwort war noch kuerzer. Wenn sie stufenweise so abnimmt,
+so will ich einmal sehen, was uebrigbleiben wird.--Was zaehlen Sie denn
+an den Fingern? Was hat Ihnen denn der arme Nagel getan, dass Sie ihn
+so zerreissen? (Er wird Lisetten gewahr.)--Und, zum Henker, was ist
+denn das fuer ein Affe? Koemmst du von Sinnen?
+
+Lisette. Halt dein Maul!
+
+Anton. Um des Himmels willen geh! Wann mein Herr aus seinem Schlafe
+erwacht und dich sieht--
+
+Lisette. Schweig!
+
+Anton. Willst du mich oder meinen Herrn zum besten haben? So sehen
+Sie doch einmal hinter sich, Herr Damis!
+
+Damis (geht einigemal tiefsinnig auf und nieder; Lisette in gleichen
+Stellungen hinter ihm her; und wann er sich umwendet, schleicht sie
+sich hurtig herum, dass er sie nicht gewahr wird). Meiner
+Hochzeitfackel Brand Sei von mir jetzt selbst gesungen!
+
+
+Anton. Ho! ho! Sie machen Verse? Komm, Lisette, nun muessen wir ihn
+allein lassen. Bei solcher Gelegenheit hat er mich selbst schon, mehr
+als einmal, aus der Stube gestossen. Komm nur; er ruft uns gewiss
+selbst wieder, sobald er fertig ist, und vielleicht das ganze Haus
+dazu.
+
+Lisette (indem sich Damis umwendet, bleibt sie starr vor ihm stehen
+und nimmt seinen Ton an). Meiner Hochzeitfackel Brand Sei von mir
+jetzt selbst gesungen!
+
+
+(Damis tut, als ob er sie nicht gewahr wuerde, und stoesst auf sie.)
+
+Damis. Was ist das?
+
+Lisette. Was ist das?
+
+(Beide, als ob sie zu sich selbst kaemen.)
+
+Damis. Unwissender, niedertraechtiger Kerl! habe ich dir nicht oft
+genug gesagt, keine Seele in meine Stube zu lassen als aufs hoechste
+meinen Vater? Was will denn die hier?
+
+Lisette. Unwissender, niedertraechtiger Kerl! hast du mir es nicht oft
+genug gesagt, dass ich mich aus der Stube fortmachen soll? Kannst du
+dir denn aber nicht einbilden, dass die, welche im Kabinette hat sein
+duerfen, auch Erlaubnis haben werde, in der Stube zu sein? Unwissender,
+niedertraechtiger Kerl!
+
+Anton. Wem soll ich nun antworten?
+
+Damis. Gleich stosse sie zur Stube hinaus!
+
+Anton. Stossen? mit Gewalt?
+
+Damis. Wenn sie nicht in gutem gehen will--
+
+Anton. Lisette, geh immer in gutem--
+
+Lisette. Sobald es mir gelegen sein wird.
+
+Damis. Stoss sie heraus, sag ich!
+
+Anton. Komm, Lisette, gib mir die Hand; ich will dich ganz ehrbar
+herausfuehren.
+
+Lisette. Grobian, wer wird denn ein Frauenzimmer mit der blossen Hand
+fuehren wollen?
+
+Anton. O ich weiss auch zu leben!--In Ermanglung eines Handschuhs
+also--(er nimmt den Zipfel von der Weste)--werde ich die Ehre haben--
+
+Damis. Ich seh wohl, ich soll mich selbst ueber sie machen--(Geht auf
+sie los.)
+
+Lisette. Ha! ha! ha! so weit wollte ich Sie nur gern bringen. Adieu!
+
+
+
+
+Funfzehnter Auftritt
+
+Anton. Damis.
+
+
+Damis. Nun sind alle Gedanken wieder fort! Das Feuer ist verraucht;
+die Einbildungskraft ist zerstreut. Der Gott, der uns begeistern muss,
+hat mich verlassen--Verdammte Kreatur! was fuer Verdruss hat sie mir
+heute nicht schon gemacht! wie spoettisch ist sie mit mir umgegangen!
+Himmel! in meiner Tiefsinnigkeit mir alles so laecherlich nachzuaeffen.
+
+Anton. Sie sahen es ja aber nicht.
+
+Damis. Ich sah es nicht?
+
+Anton. Ja? ist's moeglich? und Sie stellten sich nur so?
+
+Damis. Schweig, Idiote!--Ich will sehen, ob ich mich wieder in die
+Entzueckung setzen kann--
+
+Anton. Tun Sie das lieber nicht; die Verse koennen unmoeglich geraten,
+wobei man so finster aussieht.--Darf man aber nicht wissen, was es
+werden wird? ein Abendlied oder ein Morgenlied?
+
+Damis. Dummkopf!
+
+Anton. Ein Busslied?
+
+Damis. Einfaltspinsel!
+
+Anton. Ein Tischlied? auch nicht?--Ein Sterbelied werden Sie doch
+nicht machen? So wahr ich ehrlich bin, wenn ich auch noch so ein
+grosser Poet waere, das bliebe von mir ungemacht. Sterben ist der
+abgeschmackteste Streich, den man sich selbst spielt. Er verdient
+nicht einen Vers, geschweige ein Lied.
+
+Damis. Ich muss Mitleiden mit deiner Unwissenheit haben. Du kennst
+keine andre Arten von Gedichten, als die du im Gesangbuche gefunden
+hast.
+
+Anton. Es wird gewiss noch andre geben? So lassen Sie doch hoeren, was
+Sie machen.
+
+Damis. Ich mache--ein Epithalamium--
+
+Anton. Ein Epithalamium? Potz Stern, das ist ein schwer Ding! Damit
+koennen Sie wirklich zurechte kommen? Da gehoert Kunst dazu--Aber, Herr
+Damis, im Vertrauen, was ist denn das ein Epith--pitha--thlamium?
+
+Damis. Wie kannst du es denn schwer nennen, wenn du noch nicht weisst,
+was es ist?
+
+Anton. Ei nun, das Wort ist ja schon schwer genug. Sagen Sie mir nur
+ein wenig mit einem andern Namen, was es ist.
+
+Damis. Ein Epithalamium ist ein Thalassio.
+
+Anton. So, so! nun versteh ich's; ein Epithalamium ist ein--wie hiess
+es?--
+
+Damis. Thalassio.
+
+Anton. Ein Thalassio; und das koennen Sie machen? Wenigstens werden
+Sie viel Zeit dazu brauchen--Aber, hoeren Sie doch, wenn mich nun
+jemand fragt, was ein Thalassio ist, was muss ich ihm wohl antworten?
+
+Damis. Auch das weisst du nicht, was ein Thalassio ist?
+
+Anton. Ich fuer mein Teil weiss es wohl. Ein Thalassio ist ein--wie
+hiess das vorige Wort?
+
+Damis. Epithalamium.
+
+Anton. Ist ein Epithalamium. Und ein Epithalamium ist ein Thalassio.
+Nicht wahr, ich habe es gut behalten? Aber das moechte nur andern
+Leuten nicht deutlich sein, welche beide Worte nicht verstehen.
+
+Damis. Je nun, so sage ihnen, Thalassio sei ein Hymenaeus.
+
+Anton. Zum Henker! das heisst Leute vexieren. Ein Epithalamium ist
+ein Thalassio, und ein Thalassio ist ein Hymenaeus. Und so umgekehrt,
+ein Hym--Hym--Die Namen mag sonst einer merken!
+
+Damis. Recht! recht! ich sehe doch, dass du anfaengst einen Begriff von
+Sachen zu bekommen.
+
+Anton. Ich einen Begriff hiervon? so wahr ich ehrlich bin! Sie irren
+sich. Der Kobold muesste mir's eingeblasen haben, wenn ich wuesste, was
+die kauderwelschen Worte heissen sollen. Sagen Sie mir doch ihren
+deutschen Namen; oder haben sie keinen?
+
+Damis. Sie haben zwar einen, allein er ist lange nicht von der
+Annehmlichkeit und dem Nachdrucke der griechischen oder lateinischen.
+Sage einmal selbst, ob ein Hochzeitgedichte nicht viel kahler klingt
+als ein Epithalamium, ein Hymenaeus, ein Thalassio.
+
+Anton. Mir nicht; wahrhaftig mir nicht! denn jenes versteh ich und
+dieses nicht. Ein Hochzeitgedichte haben Sie also machen wollen?
+Warum sagten Sie das nicht gleich?--Oh! in Hochzeitgedichten habe ich.
+eine Belesenheit, die erstaunend ist. Ich muss Ihnen nur sagen, wie
+ich dazu gekommen bin. Mein weiland seliger Vater hatte einen
+Vetter--und gewissermassen war es also auch mein Vetter--
+
+Damis. Was wird das fuer ein Gewaesche werden?
+
+Anton. Sie wollen es nicht abwarten? Gut! Der Schade ist Ihre.
+--Weiter also: Verse auf eine Hochzeit wollten Sie machen? aber auf
+was denn fuer eine?
+
+Damis. Welche Frage! auf meine eigne.
+
+Anton. Sie heiraten also Julianen noch? Der Alte will es ja nicht?--
+
+Damis. Ah der!
+
+Anton. Es ist schon wahr; was hat sich ein Sohn um den Vater zu
+bekuemmern? Aber sagen Sie mir doch: schickt es sich denn, dass man auf
+seine eigne Hochzeit Verse macht?
+
+Damis. Gewoehnlich ist es freilich nicht; aber desto besser! Geister
+wie ich lieben das Besondre.
+
+Anton (beiseite). St! jetzt will ich ihm einen Streich spielen!
+--(Laut.) Hoeren Sie nur, Herr Damis, ich werde es selbst gern sehen,
+wenn Sie Julianen heiraten.
+
+Damis. Wieso?
+
+Anton. Ich weiss nicht, ob ich mich unterstehen darf, es Ihnen zu
+sagen. Ich habe--ich habe selbst--
+
+Damis. Nur heraus mit der Sprache!
+
+Anton. Ich habe selbst versucht, Verse auf Ihre Hochzeit zu machen,
+und deswegen wollte ich nun nicht gern, dass meine Muehe verloren waere.
+
+Damis. Das wird etwas Schoenes sein!
+
+Anton. Freilich! denn das ist mein Fehler; ich mache entweder etwas
+Rechtes oder gar nichts.
+
+Damis. Gib doch her! vielleicht kann ich deine Reime verbessern, dass
+sie alsdenn mir und dir Ehre machen.
+
+Anton. Hoeren Sie nur, ich will sie Ihnen vorlesen. (Er sucht einen
+Zettel aus der Tasche.) Ganz bin ich noch nicht fertig, muss ich Ihnen
+sagen. Der Anfang aber, aus dem auch allenfalls das Ende werden kann,
+klingt so--Ruecken Sie mir doch das Licht ein wenig naeher!--Du, o edle
+Fertigkeit, Zu den vorgesetzten Zwecken Tuecht'ge Mittel--
+
+Damis. Halt! du bist ein elender Stuemper! Ha! ha! ha! Das du o
+steht ganz vergebens. Edle Fertigkeit sagt nichts weniger, und Du, o
+edle Fertigkeit nichts mehr. Deleatur ergo du o! Damit aber nicht
+zwei Silben fehlen, so verstaerke das Beiwort edel, nach Art der
+Griechen, und sage ueberedel. Ich weiss zwar wohl, ueberedel ist ein
+neues Wort; aber ich weiss auch, dass neue Woerter dasjenige sind, was
+die Poesie am meisten von der Prose unterscheiden muss. Solche
+Vorteilchen merke dir! Du musst dich durchaus bestreben, etwas
+Unerhoertes, etwas Ungesagtes zu sagen. Verstehst du mich, dummer
+Teufel?
+
+Anton. Ich will es hoffen.
+
+Damis. Also heisst dein erster Vers
+
+ueberedle Fertigkeit
+
+
+usw. Nun lies weiter!
+
+Anton. Zu den vorgesetzten Zwecken Tuecht'ge Mittel zu entdecken Und
+sich dann zur rechten Zeit Ihrer Kraefte zu bedienen, Wirst, so lange,
+bis die Welt In ihr erstes Cha- Cha- Chaos faellt, Wie die Pappelbaeume
+gruenen.
+
+
+Aber, Herr Damis, koennen Sie mir nicht sagen, was ich hier muss gedacht
+haben? Verflucht! das ist schoen; ich verstehe mich selbst nicht mehr.
+Das erste Cha--Chaos;--ich daechte, ich haette das Wort noch nie in
+meinen Mund genommen, so fuerchterlich klingt es mir.
+
+Damis. Zeige doch--
+
+Anton. Warten Sie, warten Sie! ich will es Ihnen noch einmal vorlesen.
+
+Damis. Nein, nein; weise mir nur den Zettel her.
+
+Anton. Sie koennen es unmoeglich lesen. Ich habe gar zu schlecht
+geschrieben; kein Buchstabe steht gerade; sie hocken einer auf den
+andern, als ob sie Junge hecken wollten.
+
+Damis. O so gib her!
+
+Anton (gibt ihm den Zettel mit Zittern). Zum Henker, es ist seine
+eigne Hand!
+
+Damis (betrachtet ihn einige Zeit). Was soll das heissen? (Steht
+zornig auf.) Verfluchter Verraeter, wo hast du dieses Blatt her?
+
+Anton. Nicht so zornig; nicht so zornig!
+
+Damis. Wo hast du es her?
+
+Anton. Wollen Sie mich denn erwuergen?
+
+Damis. Wo hast du das Blatt her, frag ich?
+
+Anton. Lassen Sie nur erst nach.
+
+Damis. Gesteh!
+
+Anton. Aus--aus Ihrer--Westentasche.
+
+Damis. Ungelehrte Bestie! ist das deine Treue? Das ist ein Diebstahl;
+ein Plagium.
+
+Anton. Zum Henker! des Quarks wegen mich zu einem Diebe zu machen?
+
+Damis. Des Quarks wegen? was? den Anfang eines philosophischen
+Lehrgedichts einen Quark zu nennen?
+
+Anton. Sie sagten ja selbst, es tauge nichts.
+
+Damis. Ja, insofern es ein Hochzeitkarmen vorstellen sollte und du
+der Verfasser davon waerest. Gleich schaffe die andern Manuskripte,
+die du mir sonst entwandt hast, auch herbei! Soll ich meine Arbeit in
+fremden Haenden sehen? Soll ich zugeben, dass sich eine haessliche Dohle
+mit meinen praechtigen Pfauenfedern ausschmuecke? Mach bald! oder ich
+werde andre Massregeln ergreifen.
+
+Anton. Was wollen Sie denn? Ich habe nicht einen Buchstaben mehr von
+Ihnen.
+
+Damis. Gleich wende alle Taschen um!
+
+Anton. Warum auch nicht? Wenn ich sie umwende, so faellt ja alles
+heraus, was ich darin habe.
+
+Damis. Mach und erzuerne mich nicht!
+
+Anton. Ich will ein Schelm sein, wenn Sie nur ein Staeubchen Papier
+bei mir finden. Damit Sie aber doch Ihren Willen haben;--hier ist die
+eine; da ist die andre--Was sehen Sie?--Da ist die dritte; die ist
+auch leer.--Nun kommt die vierte--(Indem er sie umwendet, fallen die
+Briefe heraus.)--Zum Henker, die verfluchten Briefe! die hatte ich
+ganz vergessen--(Er will sie geschwind wieder aufheben.)
+
+Damis. Gib her, gib her! was fiel da heraus? Ganz gewiss wird es
+wieder etwas von mir sein.
+
+Anton. So wahr ich lebe, es ist nichts von Ihnen. An Sie koennte es
+eher noch etwas sein.
+
+Damis. Halte mich nicht auf; ich habe mehr zu tun.
+
+Anton. Halten Sie mich nur nicht auf. Sie wissen ja, dass ich nun
+bald wieder auf die Post gehen muss. Ich weiss, es sind Briefe da.
+
+Damis. Nun so geh, so geh! Aber durchaus zeige mir erst, was du so
+eilfertig aufhobst. Ich muss es sehen.
+
+Anton. Zum Henker! wenn das ist, so brauche ich nicht auf die Post zu
+gehen.
+
+Damis. Wieso?
+
+Anton. Nu, nu! da haben Sie es. Ich will hurtig gehen. (Er gibt ihm
+den Brief und will fortlaufen.)
+
+Damis (indem er ihn besieht). Je, Anton, Anton! das ist ja eben der
+Brief aus Berlin, welchen ich erwarte. Ich kenn ihn an der Aufschrift.
+
+Anton. Es kann wohl sein, dass er es ist. Aber, Herr Damis, werden
+Sie nur--nur nicht ungehalten. Ich hatte es, bei meiner armen Seele!
+ganz vergessen--
+
+Damis. Was hast du denn vergessen?
+
+Anton. Dass ich den Brief, beinahe schon eine halbe Stunde, in der
+Tasche trage. Mit dem verdammten Plaudern!--
+
+Damis. Weil er nun da ist, so will ich dir den dummen Streich
+verzeihen.--Aber, allerliebster Anton, was muessen hierin fuer
+unvergleichliche, fuer unschaetzbare Nachrichten stehen! Wie wird sich
+mein Vater freuen! Was fuer Ehre, was fuer Lobsprueche!--O Anton!--ich
+will dir ihn gleich vorlesen--(Bricht ihn hastig auf.)
+
+Anton. Nur sachte, sonst zerreissen Sie ihn gar. Nun da! sagte ich's
+nicht?
+
+Damis. Es schadet nichts; er wird doch noch zu lesen sein.--Vor allen
+Dingen muss ich dir sagen, was er betrifft. Du weisst, oder vielmehr du
+weisst nicht, dass die Preussische Akademie auf die beste Untersuchung
+der Lehre von den Monaden einen Preis gesetzt hat. Es kam mir noch
+ganz spaet ein, unsern Philosophen diesen Preis vor dem Maule
+wegzufangen. Ich machte mich also geschwind darueber und schrieb eine
+Abhandlung, die noch gleich zur rechten Zeit muss gekommen sein.--Eine
+Abhandlung, Anton--ich weiss selbst nicht, wo ich sie hergenommen habe,
+so gelehrt ist sie. Nun hat die Akademie vor acht Tagen ihr Urteil
+ueber die eingeschickten Schriften bekanntgemacht, welches notwendig zu
+meiner Ehre muss ausgefallen sein. Ich, ich muss den Preis haben und
+kein andrer. Ich habe es einem von meinen Freunden daselbst heilig
+eingebunden, mir sogleich Nachricht davon zu geben. Hier ist sie; nun
+hoere zu.
+
+"Mein Herr,
+
+"Wie nahe koennen Sie einem Freunde das Antworten legen! Sie drohen mir
+mit dem Verluste Ihrer Liebe, wenn Sie nicht von mir die erste
+Nachricht erhielten, ob Sie oder ein anderer den akademischen Preis
+davongetragen haetten. Ich muss Ihnen also in aller Eil' melden, dass
+Sie ihn nicht--(stotternd) bekommen haben und auch--(immer
+furchtsamer) nicht haben--bekommen koennen.--"
+
+Was? ich nicht? und wer denn? und warum denn nicht?--
+
+"Erlauben Sie mir aber, dass ich als ein Freund mit Ihnen reden darf."
+
+So rede, Verraeter!
+
+"Ich habe Ihnen unmoeglich den schlimmen Dienst erweisen koennen, Ihre
+Abhandlung zu uebergeben.--"
+
+Du hast sie also nicht uebergeben, Treuloser? Himmel, was fuer ein
+Donnerschlag!--So soll mich deine Nachlaessigkeit, unwuerdiger Freund,
+um die verdienteste Belohnung bringen?--Wie wird er sich entschuldigen,
+der Nichtswuerdige?
+
+"Wenn ich es frei gestehen soll, so scheinen Sie etwas ganz anders
+getan zu haben, als die Akademie verlangt hat. Sie wollte nicht
+untersucht wissen, was das Wort Monas grammatikalisch bedeute? wer es
+zuerst gebraucht habe? was es bei dem Xenokrates anzeige? ob die
+Monaden des Pythagoras die Atomi des Moschus gewesen? usw. Was ist
+ihr an diesen kritischen Kleinigkeiten gelegen, und besonders alsdann,
+wann die Hauptsache dabei aus den Augen gesetzt wird? Wie leicht
+haette man Ihren Namen mutmassen koennen, und Sie wuerden vielleicht
+Spoettereien sein ausgesetzt worden, dergleichen ich nur vor wenig
+Tagen in einer gelehrten Zeitung ueber Sie gefunden habe.--"
+
+Was lese ich? kann ich meinen Augen trauen? Ah, verfluchtes Papier!
+verfluchte Hand, die dich schrieb! (Wirft den Brief auf die Erde und
+tritt mit den Fuessen darauf.)
+
+Anton. Der arme Brief! man muss ihn doch vollends auslesen! (Hebt ihn
+auf.) Das Beste koemmt vielleicht noch, Herr Damis. Wo blieben Sie?
+Da, da! hoeren Sie nur!
+
+"... gelehrten Zeitung gefunden habe.--Man nennt Sie ein junges
+Gelehrtchen, welches ueberall gern glaenzen moechte und dessen
+Schreibesucht--"
+
+Damis (reisst ihm den Brief aus der Hand). Verdammter Korrespondent!
+--Das ist der Lohn, den dein Brief verdient! (Er zerreisst ihn.) Du
+zerreissest mein Herz, und ich zerreisse deine unverschaemte Neuigkeiten.
+Wollte Gott, dass ich ein gleiches mit deinem Eingeweide tun koennte!
+Aber--(zu Anton) du nichtswuerdige, unwissende Bestie! An alledem bist
+du schuld!
+
+Anton. Ich, Herr Damis?
+
+Damis. Ja du! wie lange hast du nicht den Brief in der Tasche
+behalten?
+
+Anton. Herr, meine Tasche kann weder schreiben noch lesen: wenn Sie
+etwa denken, dass ihn die anders gemacht hat--
+
+Damis. Schweig! Und solche Beschimpfungen kann ich ueberleben?--O ihr
+dummen Deutschen! ja freilich, solche Werke, als die meinigen sind,
+gehoerig zu schaetzen, dazu werden andre Genies erfordert! Ihr werdet
+ewig in eurer barbarischen Finsternis bleiben und ein Spott eurer
+witzigen Nachbarn sein!--Ich aber will mich an euch raechen und von nun
+an aufhoeren, ein Deutscher zu heissen. Ich will mein undankbares
+Vaterland verlassen. Vater, Anverwandte und Freunde, alle, alle
+verdienen es nicht, dass ich sie laenger kenne, weil sie Deutsche sind;
+weil sie aus dem Volke sind, das ihre groessten Geister mit Gewalt von
+sich ausstoesst. Ich weiss gewiss, Frankreich und Engeland werden meine
+Verdienste erkennen--
+
+Anton. Herr Damis, Herr Damis, Sie fangen an zu rasen. Ich bin nicht
+sicher bei Ihnen; ich werde jemand rufen muessen.
+
+Damis. Sie werden es schon empfinden, die dummen Deutschen, was sie
+an mir verloren haben! Morgen will ich Anstalt machen, dieses
+unselige Land zu verlassen--
+
+
+
+
+Sechzehnter Auftritt
+
+Chrysander. Damis. Anton.
+
+
+Anton. Gott sei Dank, dass jemand koemmt!
+
+Chrysander. Das verzweifelte Maedel, die Lisette! Und (zu Anton) du,
+du Spitzbube! du sollst dein Brieftraegerlohn auch bekommen, Mich so zu
+hintergehen? schon gut!--Mein Sohn, ich habe mich besonnen; du hast
+recht; ich kann dir Julianen nun nicht wieder nehmen. Du sollst sie
+behalten.
+
+Damis. Schon wieder Juliane? Jetzt, da ich ganz andre Dinge zu
+beschliessen habe--Hoeren Sie nur auf damit; ich mag sie nicht.
+
+Chrysander. Es wuerde unrecht sein, wenn ich dir laenger widerstehen
+wollte. Ich lasse jedem seine Freiheit; und ich sehe wohl, Juliane
+gefaellt dir--
+
+Damis. Mir? eine dumme Deutsche?
+
+Chrysander. Sie ist ein huebsches, tugendhaftes, aufrichtiges Maedchen;
+sie wird dir tausend Vergnuegen machen.
+
+Damis. Sie moegen sie loben oder schelten; mir gilt alles gleich. Ich
+weiss mich nach Ihrem Willen zu richten, und dieser ist, nicht an sie
+zu gedenken.
+
+Chrysander. Nein, nein; du sollst dich ueber meine Haerte nicht
+beklagen duerfen.
+
+Damis. Und Sie sich noch weniger ueber meinen Ungehorsam.
+
+Chrysander. Ich will dir zeigen, dass du einen guetigen Vater hast, der
+sich mehr nach deinem als nach seinem eignen Willen richtet.
+
+Damis. Und ich will Ihnen zeigen, dass Sie einen Sohn haben, der Ihnen
+in allen die schuldige Untertaenigkeit leistet.
+
+Chrysander. Ja, ja; nimm Julianen! Ich gebe dir meinen Segen.
+
+Damis. Nein, nein; ich werde Sie nicht so erzuernen--
+
+Chrysander. Aber was soll denn das Widersprechen? Dadurch erzuernst
+du mich!
+
+Damis. Ich will doch nicht glauben, dass Sie sich im Ernste schon zum
+drittenmal anders besonnen haben?
+
+Chrysander. Und warum das nicht?
+
+Damis. Oh, dem sei nun, wie ihm wolle! Ich habe mich gleichfalls
+geaendert und fest entschlossen, ganz und gar nicht zu heiraten. Ich
+muss auf Reisen gehen, und ich werde mich, je eher, je lieber,
+davonmachen.
+
+Chrysander. Was? du willst ohne meine Erlaubnis in die Welt laufen?
+
+Anton. Das geht lustig! Der dritte Mann fehlt noch, und den will ich
+gleich holen. Damis will Julianen nicht, vielleicht fischt sie Valer.
+(Gehet ab.)
+
+
+
+
+Siebzehnter Auftritt
+
+Chrysander. Damis.
+
+
+Damis. Ja, ja; in zweimal vierundzwanzig Stunden muss ich schon
+unterwegens sein.
+
+Chrysander. Aber was ist dir denn in den Kopf gekommen?
+
+Damis. Ich bin es laengst ueberdruessig gewesen, laenger in Deutschland
+zu bleiben; in diesem nordischen Sitze der Grobheit und Dummheit; wo
+es alle Elemente verwehren, klug zu sein; wo kaum alle hundert Jahr
+ein Geist meinesgleichen geboren wird--
+
+Chrysander. Hast du vergessen, dass Deutschland dein Vaterland ist?
+
+Damis. Was Vaterland!
+
+Chrysander. Du Boesewicht, sprich doch lieber gar: was Vater! Aber
+ich will dir es zeigen: du musst Julianen nehmen; du hast ihr dein Wort
+gegeben und sie dir das ihrige.
+
+Damis. Sie hat das ihrige zurueckgenommen wie ich jetzt das meinige;
+also--
+
+Chrysander. Also!--also!--Kurz von der Sache zu reden, glaubst du,
+dass ich vermoegend bin, dich zu enterben, wann du mir nicht folgest?
+
+Damis. Tun Sie, was Sie wollen. Nur, wann ich bitten darf, lassen
+Sie mich jetzt allein. Ich muss vor meiner Abreise noch zwei Schriften
+zustande bringen, die ich meinen Landsleuten, aus Barmherzigkeit, noch
+zuruecklassen will. Ich bitte nochmals, lassen Sie mich--
+
+Chrysander. Willst du mich nicht lieber gar zur Tuer hinausstossen?
+
+
+
+
+Achtzehnter Auftritt
+
+Valer. Anton. Chrysander. Damis.
+
+
+Valer. Wie, Damis? ist es wahr, dass Sie wieder zu sich selbst
+gekommen sind?--dass Sie von Julianen abstehen?
+
+Chrysander. Ach, Herr Valer, Sie koennten mir nicht ungelegener kommen.
+Bestaerken Sie ihn fein in seinem Trotze. So? Sie verdienten es
+wohl, dass ich mich nach Ihrem Wunsche bequemte? Mich auf eine so
+gottlose Art hintergehen zu wollen?--Mein Sohn, widersprich mir nicht
+laenger, oder--
+
+Damis. Ihre Drohungen sind umsonst. Ich muss mich fremden Laendern
+zeigen, die sowohl ein Recht auf mich haben als das Vaterland. Und
+Sie verlangen doch nicht, dass ich eine Frau mit herumfuehren soll?
+
+Valer. Damis hat recht, dass er auf das Reisen dringt. Nichts kann
+ihm, in seinen Umstaenden, nuetzlicher sein. Lassen Sie ihm seinen
+Willen, und mir lassen Sie Julianen, die Sie mir so heilig versprochen
+haben.
+
+Chrysander. Was versprochen? Betruegern braucht man sein Wort nicht
+zu halten.
+
+Valer. Ich habe es Ihnen schon beschworen, dass einzig und allein
+Lisette diesen Betrug hat spielen wollen, ohne die wir von dem
+Dokumente gar nichts wissen wuerden.--Wie gluecklich, wann es nie zum
+Vorschein gekommen waere! Es ist das grausamste Glueck, das Julianen
+hat treffen koennen. Wie gern wuerde sie es aufopfern, wenn sie dadurch
+die Freiheit ueber ihr Herz erhalten koennte.
+
+Chrysander. Aufopfern? Herr Valer, bedenken Sie, was das sagen will.
+Wir Handelsleute fassen einander gern bei dem Worte.
+
+Valer. Oh, tun Sie es auch hier! Mit Freuden tritt Ihnen Juliane das
+Dokument ab. Fangen Sie den Prozess an, wenn Sie wollen; der Vorteil
+davon soll ganz Ihnen gehoeren. Juliane haelt dieses fuer das kleinste
+Zeichen ihrer Dankbarkeit. Sie glaubt Ihnen noch weit mehr schuldig
+zu sein.--
+
+Chrysander. Nu, nu, sie ist mir immer ganz erkenntlich
+vorgekommen--Aber was wuerden Sie denn, Valer, als ihr kuenft'ger Mann,
+zu dieser Dankbarkeit sagen?
+
+Valer. Denken Sie besser von mir. Ich habe Julianen geliebt, da sie
+zu nichts Hoffnung hatte. Ich liebe sie auch noch, ohne die geringste
+eigennuetzige Absicht. Und ich bitte Sie: was schenkt man denn einem
+ehrlichen Manne, wenn man ihm einen schweren Prozess schenkt?
+
+Chrysander. Valer, ist das Ihr Ernst?
+
+Valer. Fordern Sie noch mehr als das Dokument; mein halbes Vermoegen
+ist Ihre.
+
+Chrysander. Da sei Gott vor, dass ich von Ihrem Vermoegen einen Heller
+haben wollte! Sie muessen mich nicht fuer so eigennuetzig ansehen.--Wir
+sind gute Freunde, und es bleibt bei dem alten: Juliane ist Ihre! Und
+wenn das Dokument meine soll, so ist sie um so viel mehr Ihre.
+
+Valer. Kommen Sie, Herr Chrysander, bekraeftigen Sie ihr dieses selbst!
+Wie angenehm wird es ihr sein, uns beide vergnuegt machen zu koennen.
+
+Chrysander. Wenn das ist, Damis; so kannst du meinetwegen noch heute
+die Nacht fortreisen. Ich will Gott danken, wenn ich dich Narren
+wieder aus dem Hause los bin.
+
+Damis. Gehen Sie doch nur, und lassen Sie mich allein.
+
+Valer. Damis, und endlich muss ich Ihnen doch noch mein Glueck
+verdanken? Ich tue es mit der aufrichtigsten Zaertlichkeit, ob ich
+schon weiss, dass ich die Ursache Ihrer Veraenderung nicht bin.
+
+Damis. Aber die wahre Ursache?--(Zu Anton.) Verfluchter Kerl, hast du
+dein Maul nicht halten koennen?--Gehen Sie nur, Valer--
+
+(Indem Chrysander und Valer abgeben wollen, haelt Anton Valeren zurueck.)
+
+Anton (sachte). Nicht so geschwind! Wie steht es mit Lisettens
+Ausstattung, Herr Valer? und mit--
+
+Valer. Seid ohne Sorgen; ich werde mehr halten, als ich versprochen
+habe.
+
+Anton. Juchhe! nun war die Taube gefangen.
+
+
+
+
+Letzter Auftritt
+
+Damis (an seinem Tische). Anton.
+
+
+Anton. Noch ein Wort, Herr Damis, habe ich mit Ihnen zu reden.
+
+Damis. Und?--
+
+Anton. Sie wollen auf Reisen gehen?--
+
+Damis. Zur Sache! es ist schon mehr als ein Wort.
+
+Anton. Je nun! meinen Abschied.
+
+Damis. Deinen Abschied? Du denkst vielleicht, dass ich dich
+ungelehrten Esel mitnehmen wuerde?
+
+Anton. Nicht? und ich habe also meinen Abschied? Gott sei Dank!
+empfangen Sie nun auch den Ihrigen, welcher in einer kleinen Lehre
+bestehen soll. Ich habe Ihre Torheiten nun laenger als drei Jahr
+angesehen und selber alber genug dabei getan, weil ich weiss, dass ein
+Bedienter, wenn sein Herr auch noch so naerrisch ist--
+
+Damis. Unverschaemter Idiote, wirst du mir aus den Augen gehen?
+
+Anton. Je nun! wem nicht zu raten steht, dem steht auch nicht zu
+helfen. Bleiben Sie zeitlebens der gelehrte Herr Damis! (Gehet ab.)
+
+Damis. Geh, sag ich, oder!--
+
+(Er wirft ihm sein Buch nach, und das Theater faellt zu.)
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der junge Gelehrte, von Gotthold
+Ephraim Lessing.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER JUNGE GELEHRTE ***
+
+This file should be named 7jngg10.txt or 7jngg10.zip
+Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7jngg11.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7jngg10a.txt
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
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+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
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+Most people start at our Web sites at:
+http://gutenberg.net or
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+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
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+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
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+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05
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+Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92,
+91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
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+Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
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+express permission.]
+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
+
diff --git a/old/7jngg10.zip b/old/7jngg10.zip
new file mode 100644
index 0000000..d3d0e3d
--- /dev/null
+++ b/old/7jngg10.zip
Binary files differ
diff --git a/old/8jngg10.txt b/old/8jngg10.txt
new file mode 100644
index 0000000..f43de7c
--- /dev/null
+++ b/old/8jngg10.txt
@@ -0,0 +1,4649 @@
+The Project Gutenberg EBook of Der junge Gelehrte, by Gotthold Ephraim Lessing
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
+copyright laws for your country before downloading or redistributing
+this or any other Project Gutenberg eBook.
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+eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is
+important information about your specific rights and restrictions in
+how the file may be used. You can also find out about how to make a
+donation to Project Gutenberg, and how to get involved.
+
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+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Der junge Gelehrte
+
+Author: Gotthold Ephraim Lessing
+
+Release Date: November, 2005 [EBook #9369]
+[This file was first posted on September 25, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER JUNGE GELEHRTE ***
+
+
+
+
+E-text prepared by Delphine Lettau and Mike Pullen
+
+
+
+
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 8-bit version.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+Der junge Gelehrte
+
+Ein Lustspiel in drei Aufzügen
+
+Gotthold Ephraim Lessing
+
+Verfertigt im Jahre 1747
+
+
+
+Personen:
+
+Chrysander, ein alter Kaufmann Damis, der junge Gelehrte, Chrysanders
+Sohn Valer Juliane Anton, Bedienter des Damis Lisette
+
+Der Schauplatz ist die Studierstube des Damis.
+
+
+
+
+Erster Aufzug
+
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Damis (am Tische unter Büchern). Anton.
+
+
+Damis. Die Post also ist noch nicht da?
+
+Anton. Nein.
+
+Damis. Noch nicht? Hast du auch nach der rechten gefragt? Die Post
+von Berlin--
+
+Anton. Nun ja doch; die Post von Berlin; sie ist noch nicht da! Wenn
+sie aber nicht bald kömmt, so habe ich mir die Beine abgelaufen. Tun
+Sie doch, als ob sie Ihnen, wer weiß was, mitbringen würde! Und ich
+wette, wenn's hoch kömmt, so ist es eine neue Scharteke oder eine
+Zeitung oder sonst ein Wisch.--
+
+Damis. Nein, mein guter Anton; dasmal möchte es etwas mehr sein. Ah!
+wann du es wüßtest--
+
+Anton. Will ich's denn wissen? Es würde mir weiter doch nichts
+helfen, als daß ich einmal wieder über Sie lachen könnte. Das ist mir
+gewiß etwas Seltnes?--Haben Sie mich sonst noch wohin zu schicken?
+Ich habe ohnedem auf dem Ratskeller eine kleine Verrichtung;
+vielleicht ist's ein Gang? Nu?
+
+Damis (erzürnt). Nein, Schurke!
+
+Anton. Da haben wir's! Er hat alles gelesen, nur kein
+Komplimentierbuch.--Aber besinnen Sie sich. Etwa in den Buchladen?
+
+Damis. Nein, Schurke!
+
+Anton. Ich muß das Schurke so oft hören, daß ich endlich selbst
+glauben werde, es sei mein Taufname.--Aber zum Buchbinder?
+
+Damis. Schweig, oder--
+
+Anton. Oder zum Buchdrucker? Zu diesen dreien, Gott sei Dank! weiß
+ich mich, wie das Färbepferd um die Rolle.
+
+Damis. Sieht denn der Schlingel nicht, daß ich lese? Will er mich
+noch länger stören?
+
+Anton (beiseite). St! Er ist im Ernste böse geworden. Lenk ein,
+Anton.--Aber, sagen Sie mir nur, was lesen Sie denn da für ein Buch?
+Potz Stern, was das für Zeug ist! Das verstehen Sie? Solche
+Krakelfüße, solche fürchterliche Zickzacke, die kann ein Mensch lesen?
+Wann das nicht wenigstens Fausts Höllenzwang ist--Ach, man weiß es ja
+wohl, wie's den Leuten geht, die alles lernen wollen. Endlich
+verführt sie der böse Geist, daß sie auch hexen lernen.--
+
+Damis (nimmt sein muntres Wesen wieder an). Du guter Anton! Das ist
+ein Buch in hebräischer Sprache.--Des Ben Maimon Jad chasaka.
+
+Anton. Ja doch; wer's nur glauben wollte! Was Hebräisch ist, weiß
+ich endlich auch. Ist es nicht mit der Grundsprache, mit der
+Textsprache, mit der heiligen Sprache einerlei? Die warf unser Pfarr,
+als ich noch in die Schule ging, mehr als einmal von der Kanzel. Aber
+so ein Buch, wahrhaftig! hatte er nicht; ich habe alle seine Bücher
+beguckt; ich mußte sie ihm einmal von einem Boden auf den andern
+räumen helfen.
+
+Damis. Ha! ha! ha! das kann wohl sein. Es ist Wunders genug, wenn
+ein Geistlicher auf dem Lande nur den Namen davon weiß. Zwar, im
+Vertrauen, mein lieber Anton, die Geistlichen überhaupt sind schlechte
+Helden in der Gelehrsamkeit.
+
+Anton. Nu, nu, bei allen trifft das wohl nicht ein. Der Magister in
+meinem Dorfe wenigstens gehört unter die Ausnahme. Versichert! der
+Schulmeister selber hat mir es mehr als einmal gesagt, daß er ein sehr
+gelehrter Mann wäre. Und dem Schulmeister muß ich das glauben; denn
+wie mir der Herr Pfarr oft gesagt hat, so ist er keiner von den
+schlechten Schulmeistern; er versteht ein Wort Latein und kann davon
+urteilen.
+
+Damis. Das ist lustig! Der Schulmeister also lobt den Pfarr, und der
+Pfarr, nicht unerkenntlich zu sein, lobt den Schulmeister. Wenn mein
+Vater zugegen wäre, so würde er gewiß sagen: Manus manum lavat. Hast
+du ihm die alberne Gewohnheit nicht angemerkt, daß er bei aller
+Gelegenheit ein lateinisches Sprüchelchen mit einflickt? Der alte
+Idiote denkt, weil er so einen gelehrten Sohn hat, müsse er doch auch
+zeigen, daß er einmal durch die Schule gelaufen sei.
+
+Anton. Hab ich's doch gedacht, daß es etwas Albernes sein müsse; denn
+manchmal mitten in der Rede murmelt er etwas her, wovon ich kein Wort
+verstehe.
+
+Damis. Doch schließe nur nicht daraus, daß alles albern sei, was du
+nicht verstehst. Ich würde sonst viel albernes Zeug wissen.--Aber, o
+himmlische Gelehrsamkeit, wieviel ist dir ein Sterblicher schuldig,
+der dich besitzt! Und wie bejammernswürdig ist es, daß dich die
+wenigsten in deinem Umfange kennen! Der Theolog glaubt dich bei einer
+Menge heiliger Sprüche, fürchterlicher Erzählungen und einiger übel
+angebrachten Figuren zu besitzen. Der Rechtsgelehrte bei einer
+unseligen Geschicklichkeit, unbrauchbare Gesetze abgestorbner Staaten,
+zum Nachteile der Billigkeit und Vernunft, zu verdrehen und die
+fürchterlichsten Urtel in einer noch fürchterlichern Sprache
+vorzutragen. Der Arzt endlich glaubt sich wirklich deiner bemächtiget
+zu haben, wann er durch eine Legion barbarischer Wörter die Gesunden
+krank und die Kranken noch kränker machen kann. Aber, o betrogene
+Toren! die Wahrheit läßt euch nicht lange in diesem sie schimpfenden
+Irrtume. Es kommen Gelegenheiten, wo ihr selbst erkennet, wie
+mangelhaft euer Wissen sei; voll tollen Hochmuts beurteilet ihr
+alsdann alle menschliche Erkenntnis nach der eurigen und ruft wohl gar
+in einem Tone, welcher alle Sterbliche zu bejammern scheinet, aus:
+Unser Wissen ist Stückwerk! Nein, glaube mir, mein lieber Anton: der
+Mensch ist allerdings einer allgemeinen Erkenntnis fähig. Es leugnen,
+heißt ein Bekenntnis seiner Faulheit oder seines mäßigen Genies
+ablegen. Wenn ich erwäge, wieviel ich schon nach meinen wenigen
+Jahren verstehe, so werde ich von dieser Wahrheit noch mehr überzeugt.
+Lateinisch, Griechisch, Hebräisch, Französisch, Englisch,
+Italienisch--das sind sechs Sprachen, die ich alle vollkommen besitze:
+und bin erst zwanzig Jahr alt!
+
+Anton. Sachte! Sie haben eine vergessen; die deutsche--
+
+Damis. Es ist wahr, mein lieber Anton; das sind also sieben Sprachen;
+und ich bin erst zwanzig Jahr alt!
+
+Anton. Pfui doch, Herr! Sie haben mich oder sich selbst zum besten.
+Sie werden doch das, daß Sie Deutsch können, nicht zu Ihrer
+Gelehrsamkeit rechnen? Es war ja mein Ernst nicht.--
+
+Damis. Und also denkst du wohl selber Deutsch zu können?
+
+Anton. Ich? ich? nicht Deutsch! Es wäre ein verdammter Streich, wenn
+ich Kalmuckisch redete und wüßte es nicht.
+
+Damis. Unter können und können ist ein Unterschied. Du kannst
+Deutsch, das ist: du kannst deine Gedanken mit Tönen ausdrücken, die
+einem Deutschen verständlich sind; das ist, die ebendie Gedanken in
+ihm erwecken, die du bei dir hast. Du kannst aber nicht Deutsch, das
+ist: du weißt nicht, was in dieser Sprache gemein oder niedrig, rauh
+oder annehmlich, undeutlich oder verständlich, alt oder gebräuchlich
+ist; du weißt ihre Regeln nicht; du hast keine gelehrte Kenntnis von
+ihr.
+
+Anton. Was einem die Gelehrten nicht weismachen wollen! Wenn es nur
+auf Ihr "das ist" ankäme, ich glaube, Sie stritten mir wohl gar noch
+ab, daß ich essen könnte.
+
+Damis. Essen? Je nun wahrhaftig, wenn ich es genau nehmen will, so
+kannst du es auch nicht.
+
+Anton. Ich? ich nicht essen? Und trinken wohl auch nicht?
+
+Damis. Du kannst essen, das ist: du kannst die Speisen zerschneiden,
+in Mund stecken, kauen, herunterschlucken und so weiter. Du kannst
+nicht essen, das ist: du weißt die mechanischen Gesetze nicht, nach
+welchen es geschiehet; du weißt nicht, welches das Amt einer jeden
+dabei tätigen Muskel ist; ob der Digastrikus oder der Masseter, ob der
+Pterygoideus internus oder externus, ob der Zygomatikus oder der
+Platysmamyodes, ob--
+
+Anton. Ach ob, ob! Das einzige Ob, worauf ich sehe, ist das, ob mein
+Magen etwas davon erhält und ob mir's bekömmt.--Aber wieder auf die
+Sprache zu kommen. Glauben Sie wohl, daß ich eine verstehe, die Sie
+nicht verstehen?
+
+Damis. Du, eine Sprache, die ich nicht verstünde?
+
+Anton. Ja; raten Sie einmal.
+
+Damis. Kannst du etwa Koptisch?
+
+Anton. Foptisch? Nein, das kann ich nicht.
+
+Damis. Chinesisch? Malabarisch? Ich wüßte nicht woher.
+
+Anton. Wie Sie herumraten. Haben Sie meinen Vetter nicht gesehn? Er
+besuchte mich vor vierzehn Tagen. Der redete nichts als diese Sprache.
+
+Damis. Der Rabbi, der vor kurzen zu mir kam, war doch wohl nicht dein
+Vetter?
+
+Anton. Daß ich nicht gar ein Jude wäre! Mein Vetter war ein Wende;
+ich kann Wendisch; und das können Sie nicht.
+
+Damis (nachsinnend). Er hat recht.--Mein Bedienter soll eine Sprache
+verstehen, die ich nicht verstehe? Und noch dazu eine Hauptsprache?
+Ich erinnere mich, daß ihre Verwandtschaft mit der hebräischen sehr
+groß sein soll. Wer weiß, wieviel Stammwörter, die in dieser verloren
+sind, ich in jener entdecken könnte!--Das Ding fängt mir an, im Kopfe
+herumzugehen!
+
+Anton. Sehen Sie!--Doch wissen Sie was? Wenn Sie mir meinen Lohn
+verdoppeln, so sollen Sie bald so viel davon verstehen als ich selbst.
+Wir wollen fleißig miteinander wendisch parlieren, und--Kurz,
+überlegen Sie es. Ich vergesse über dem verdammten Plaudern meinen
+Gang auf den Ratskeller ganz und gar. Ich bin gleich wieder zu Ihren
+Diensten.
+
+Damis. Bleib itzt hier; bleib hier.
+
+Anton. Aber Ihr Herr Vater kömmt. Hören Sie? Wir könnten doch nicht
+weiterreden. (Geht ab.)
+
+Damis. Wenn mich doch mein Vater ungestört lassen wollte. Glaubt er
+denn, daß ich so ein Müßiggänger bin wie er?
+
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Damis. Chrysander.
+
+
+Chrysander. Immer über den verdammten Büchern! Mein Sohn, zuviel ist
+zuviel. Das Vergnügen ist so nötig als die Arbeit.
+
+Damis. O Herr Vater, das Studieren ist mir Vergnügens genug. Wer
+neben den Wissenschaften noch andere Ergötzungen sucht, muß die wahre
+Süßigkeit derselben noch nicht geschmeckt haben.
+
+Chrysander. Das sage nicht! Ich habe in meiner Jugend auch studiert;
+ich bin bis auf das Mark der Gelehrsamkeit gekommen. Aber daß ich
+beständig über den Büchern gelegen hätte, das ist nicht wahr. Ich
+ging spazieren; ich spielte; ich besuchte Gesellschaften; ich machte
+Bekanntschaft mit Frauenzimmern. Was der Vater in der Jugend getan
+hat, kann der Sohn auch tun; soll der Sohn auch tun. A bove majori
+discat arare minor! wie wir Lateiner reden. Besonders das
+Frauenzimmer laß dir, wie wir Lateiner reden, de meliori empfohlen
+sein! Das sind Narren, die einen jungen Menschen vor das Frauenzimmer
+ärger als vor Skorpionen warnen; die es ihm, wie wir Lateiner reden,
+cautius sanguine viperino zu fliehen befehlen.--
+
+Damis. Cautius sanguine viperino? Ja, das ist noch Latein! Aber wie
+heißt die ganze Stelle?
+
+Cur timet flavum Tiberim tangere? cur olivum Sanguine viperino Cautius
+vitat?--
+
+Oh, ich höre schon, Herr Vater, Sie haben auch nicht aus der Quelle
+geschöpft! Denn sonst würden Sie wissen, daß Horaz in ebender Ode die
+Liebe als eine sehr nachteilige Leidenschaft beschreibt, und das
+Frauenzimmer--
+
+Chrysander. Horaz! Horaz! Horaz war ein Italiener und meinet das
+italienische Frauenzimmer. Ja vor dem italienischen warne ich dich
+auch! das ist gefährlich! Ich habe einen guten Freund, der in seiner
+Jugend--Doch still! man muß kein Ärgernis geben.--Das deutsche
+Frauenzimmer hingegen, o das deutsche! mit dem ist es ganz anders
+beschaffen.--Ich würde der Mann nicht geworden sein, der ich doch bin,
+wenn mich das Frauenzimmer nicht vollends zugestutzt hätte. Ich
+dächte, man sähe mir's an. Du hast tote Bücher genug gelesen; guck
+einmal in ein lebendiges!
+
+Damis. Ich erstaune--
+
+Chrysander. O du wirst noch mehr erstaunen, wenn du erst tiefer
+hineingehen wirst. Das Frauenzimmer, mußt du wissen, ist für einen
+jungen Menschen eine neue Welt, wo man so viel anzugaffen, so viel zu
+bewundern findet--
+
+Damis. Hören Sie mich doch! Ich erstaune, will ich sagen, Sie eine
+Sprache führen zu hören, in der wahrhaftig diejenigen Vorschriften
+nicht ausgedruckt waren, die Sie mir mit auf die hohe Schule gaben.
+
+Chrysander. Quae, qualis, quanta! Jetzt und damals! Tempora
+mutantur! wie wir Lateiner sagen.
+
+Damis. Tempora mutantur? Ich bitte Sie, legen Sie doch die
+Vorurteile des Pöbels ab. Die Zeiten ändern sich nicht. Denn lassen
+Sie uns einmal sehen: was ist die Zeit?--
+
+Chrysander. Schweig! die Zeit ist ein Ding, das ich mir mit deinem
+unnützen Geplaudre nicht will verderben lassen. Meine damaligen
+Vorschriften waren nach dem damaligen Maße deiner Erfahrung und deines
+Verstandes eingerichtet. Nun aber traue ich dir von beiden so viel zu,
+daß du Ergötzlichkeiten nicht zu Beschäftigungen machen wirst. Aus
+diesem Grunde rate ich dir also--
+
+Damis. Ihre Reden haben einigen Schein der Wahrheit. Allein ich
+dringe tiefer. Sie werden es gleich sehen. Der Status Controversiä
+ist--
+
+Chrysander. Ei, der Status Controversiä mag meinetwegen in Barbara
+oder in Celarent sein. Ich bin nicht hergekommen mit dir zu
+disputieren, sondern--
+
+Damis. Die Kunstwörter des Disputierens zu lernen? Wohl! Sie müssen
+also wissen, daß weder Barbara noch Celarent den Statum--
+
+Chrysander. Ich möchte toll werden! Bleib Er mir, Herr Informator,
+mit den Possen weg, oder--
+
+Damis. Possen? diese seltsamen Benennungen sind zwar Überbleibsel der
+scholastischen Philosophie, das ist wahr; aber doch solche
+Überbleibsel--
+
+Chrysander. Über die ich die Geduld verlieren werde, wann du mich
+nicht bald anhörst. Ich komme in der ernsthaftesten Sache von der
+Welt zu dir,--denn was ist ernsthafter als heiraten?--und du--
+
+Damis. Heiraten? Des Heiratens wegen zu mir? zu mir?
+
+Chrysander. Ha! ha! Macht dich das aufmerksam? Also ausculta et
+perpende!
+
+Damis. Ausculta et perpende? ausculta et perpende? Ein glücklicher
+Einfall--
+
+Chrysander. Oh, ich habe Einfälle--
+
+Damis. Den ich da bekomme!
+
+Chrysander. Du?
+
+Damis. Ja, ich. Wissen Sie, wo sich dieses ausculta et perpende
+herschreibt? Eben mache ich die Entdeckung; aus dem Homer. O was
+finde ich nicht alles in meinem Homer?
+
+Chrysander. Du und dein Homer, ihr seid ein paar Narren!
+
+Damis. Ich und Homer? Homer und ich? wir beide? Hi! hi! hi! Gewiß,
+Herr Vater? O ich danke, ich danke. Ich und Homer! Homer und ich!
+--Aber hören Sie nur: sooft Homer--er war wirklich kein Narr, so wenig
+wie ich--sooft er, sag ich, seine Helden den Soldaten zur Tapferkeit
+ermuntern oder in dem Kriegsrate eine Beratschlagung anheben läßt;
+sooft ist auch der Anfang ihrer Rede: Höret, was ich vortragen werde,
+und überlegt es! Zum Exempel in der Odyssee:
+
+"Keklute dae nun meu, Ithakhsioi, oti ken eipo." [Greek]
+
+Und darauf folgt denn auch oft:
+
+"Oy eiath' oi d' ara tau mala men chluon, aed' epithonto," [Greek]
+
+das ist: so sprach er, und sie gehorchten dem, was sie gehöret hatten.
+
+Chrysander. Gehorchten sie ihm? Nu, das ist vernünftig! Homer mag
+doch wohl kein Narr sein. Sieh zu, daß ich von dir auch widerrufen
+kann. Denn wieder zur Sache: ich kenne, mein Sohn--
+
+Damis. Einen kleinen Augenblick Geduld, Herr Vater. Ich will mich
+nur hinsetzen und diese Anmerkung aufschreiben.
+
+Chrysander. Aufschreiben? was ist hier aufzuschreiben? Wem liegt
+daran, ob das Sprüchelchen aus dem Homer oder aus dem Gesangbuche ist?
+
+Damis. Der gelehrten Welt liegt daran; meiner und Homers Ehre lieget
+daran! Denn ein Halbhundert solche Anmerkungen machen einen
+Philologen. Und sie ist neu, muß ich Ihnen sagen, sie ist ganz neu.
+
+Chrysander. So schreib sie ein andermal auf.
+
+Damis. Wenn sie mir aber wieder entfiele? Ich würde untröstlich sein.
+Haben Sie wenigstens die Gütigkeit, mich wieder daran zu erinnern.
+
+Chrysander. Gut, das will ich tun; höre mir nur jetzt zu. Ich kenne,
+mein Sohn, ein recht allerliebstes Frauenzimmer; und ich weiß, du
+kennst es auch. Hättest du wohl Lust--
+
+Damis. Ich soll ein Frauenzimmer, ein liebenswürdiges Frauenzimmer
+kennen? Oh, Herr Vater, wenn das jemand hörte, was würde er von
+meiner Gelehrsamkeit denken?--Ich ein liebenswürdiges Frauenzimmer?--
+
+Chrysander. Nun wahrhaftig; ich glaube nicht, daß ein Gastwirt so
+erschrecken kann, wenn man ihm schuld gibt, er kenne den oder jenen
+Spitzbuben, als du erschrickst, weil du ein Frauenzimmer kennen sollst.
+Ist denn das ein Schimpf?
+
+Damis. Wenigstens ist es keine Ehre, besonders für einen Gelehrten.
+Mit wem man umgeht, dessen Sitten nimmt man nach und nach an. Jedes
+Frauenzimmer ist eitel, hoffärtig, geschwätzig, zänkisch und
+zeitlebens kindisch, es mag so alt werden, als es will. Jedes
+Frauenzimmer weiß kaum, daß es eine Seele hat, um die es unendlich
+mehr besorgt sein sollte als um den Körper. Sich ankleiden,
+auskleiden und wieder anders ankleiden; vor dem Spiegel sitzen, seinen
+eignen Reiz bewundern; auf ausgekünstelte Mienen sinnen; mit
+neugierigen Augen müßig an dem Fenster liegen: unsinnige Romane lesen
+und aufs höchste zum Zeitvertreibe die Nadel zur Hand nehmen: das sind
+seine Beschäftigungen; das ist sein Leben. Und Sie glauben, daß ein
+Gelehrter, ohne Nachteil seines guten Namens, solche närrische
+Geschöpfe weiter als ihrer äußerlichen Gestalt nach kennen dürfe?
+
+Chrysander. Mensch, Mensch! deine Mutter kehrt sich im Grabe um.
+Bedenke doch, daß sie auch ein Frauenzimmer war! Bedenke doch, daß
+die Dinger von Natur nun einmal nicht anders sind! Obschon, wie wir
+Lateiner zu reden pflegen, nulla regula sine exceptione. Und so eine
+Exzeption ist sicherlich das Mädchen, das ich jetzt im Kopfe habe und
+das du kennst.--
+
+Damis. Nein, nein! ich schwöre es Ihnen zu; unsere Muhmen ausgenommen
+und Julianen--
+
+Chrysander. Und Julianen? bene!--
+
+Damis. Und ihr Mädchen ausgenommen, kenne ich kein einziges Weibsbild.
+Ja, der Himmel soll mich strafen, wenn ich mir jemals in den Sinn
+kommen lasse, mehrere kennenzulernen!
+
+Chrysander. Je nun, auch das! wie du willst! Genug, Julianen, die
+kennst du.
+
+Damis. Leider!
+
+Chrysander. Und eben Juliane ist es, über die ich deine Gedanken
+vernehmen möchte.--
+
+Damis. Über Julianen? meine Gedanken über Julianen? O Herr Vater,
+wenn Sie noch meine Gedanken über Erinnen oder Korinnen, über
+Telesillen oder Praxillen verlangten--
+
+Chrysander. Schocktausend! was sind das für Illen? Den Augenblick
+schwur er, er kenne kein Frauenzimmer, und nun nennt er ein halb
+Dutzend Menscher.--
+
+Damis. Menscher? Herr Vater!
+
+Chrysander. Ja, Herr Sohn, Menscher! Die Endung gibt's gewiß nicht?
+Netrix, Lotrix, Meretrix.--
+
+Damis. Himmel, Menscher! griechische berühmte Dichterinnen Menscher
+zu nennen!--
+
+Chrysander. Ja, ja, Dichterinnen! das sind mir eben die rechten.
+Lotrix, Meretrix, Poetrix--
+
+Damis. Poetrix? O wehe, meine Ohren! Poetria müßten Sie sagen: oder
+Poetris--
+
+Chrysander. Is oder ix, Herr Buchstabenkrämer!
+
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Chrysander. Damis. Lisette.
+
+
+Lisette. Hurtig herunter in die Wohnstube, Herr Chrysander! Man will
+Sie sprechen.
+
+Chrysander. Nun, was für ein Narr muß mich jetzo stören? Wer ist es
+denn?
+
+Lisette. Soll ich alle Narren kennen?
+
+Chrysander. Was sagst du? Du hast ein unglückliches Maul, Lisette.
+Einen ehrlichen Mann einen Narren zu schimpfen? Denn ein ehrlicher
+Mann muß es doch sein; was wollte er sonst bei mir?
+
+Lisette. Nu, nu; verzeihen Sie immer meinem Maule den Fehler des
+Ihrigen.
+
+Chrysander. Den Fehler des meinigen?
+
+Lisette. O gehen Sie doch! der ehrliche Mann wartet.
+
+Chrysander. Laß ihn warten. Habe ich doch den Narren nicht kommen
+heißen.--Ich werde gleich wieder da sein, mein Sohn.
+
+Lisette (beiseite). Ich muß doch sehen, ob ich aus dem wunderlichen
+Einfall meiner Jungfer etwas machen kann.
+
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Lisette. Damis.
+
+
+Damis. Nun? geht Lisette nicht mit?
+
+Lisette. Ich bin Ihre gehorsamste Dienerin. Wenn Sie befehlen, so
+werde ich gehorchen. Aber nur eines möchte ich erst wissen. Sagen
+Sie mir, um des Himmels willen, wie können Sie beständig so allein
+sein? Was machen Sie denn den ganzen Tag auf Ihrer Studierstube?
+Werden Ihnen denn nicht alle Augenblicke zu Stunden?
+
+Damis. Ach, was nutzen die Fragen? Fort! fort!
+
+Lisette. Über den Büchern können Sie doch unmöglich die ganze Zeit
+liegen. Die Bücher, die toten Gesellschafter! Nein, ich lobe mir das
+Lebendige; und das ist auch Mamsell Julianens Geschmack. Zwar dann
+und wann lesen wir auch; einen irrenden Ritter, eine Banise, und so
+etwas Gutes; aber länger als eine Stunde halten wir es hintereinander
+nicht aus. Ganze Tage damit zuzubringen wie Sie, hilf Himmel! in den
+ersten dreien wären wir tot. Und vollends nicht ein Wort dabei zu
+reden wie Sie; das wäre unsre Hölle. Ein Vorzug des ganzen männlichen
+Geschlechts kann es nicht sein, weil ich Mannspersonen kenne, die so
+flüchtig und noch flüchtiger sind als wir. Es müssen nur sehr wenig
+große Geister diese besondere Gaben besitzen.--
+
+Damis. Lisette spricht so albern eben nicht. Es ist schade, daß ein
+so guter Mutterwitz nicht durch die Wissenschaften ausgebessert wird.
+
+Lisette. Sie machen mich schamrot. Bald dürfte ich mich dafür rächen
+und Ihnen die Lobeserhebungen nacheinander erzählen, die Ihnen von der
+gestrigen Gartengesellschaft gemacht wurden. Doch ich will Ihre
+Bescheidenheit nicht beleidigen. Ich weiß, die Gelehrten halten auf
+diese Tugend allzuviel.
+
+Damis. Meine Lobeserhebungen? meine?
+
+Lisette. Ja, ja, die Ihrigen.
+
+Damis. O besorge Sie nichts, meine liebe Lisette. Ich will sie als
+die Lobeserhebungen eines andern betrachten, und so kann meine
+Bescheidenheit zufrieden sein. Erzähle Sie mir sie nur. Bloß wegen
+Ihrer lebhaften und ungekünstelten Art, sich auszudrücken, wünsche ich
+sie zu hören.
+
+Lisette. O meine Art ist wohl keine von den besten. Es hat mir ein
+Lehrmeister wie Sie gefehlt. Doch ich will Ihrem Befehle gehorchen.
+Sie wissen doch wohl, wer die Herren waren, die gestern bei Ihrem
+Herrn Vater im Garten schmauseten?
+
+Damis. Nein, wahrhaftig nicht. Weil ich nicht dabeisein wollte, so
+habe ich mich auch nicht darum bekümmert. Hoffentlich aber werden es
+Leute gewesen sein, die selbst lobenswürdig sind, daß man sich also
+auf ihr Lob etwas einbilden kann.
+
+Lisette. Das sind sie so ziemlich. Was würde es Ihnen aber
+verschlagen, wenn sie es auch nicht wären? Sie wollen ja Ihre
+Lobeserhebungen aus Bescheidenheit als fremde betrachten. Und hängt
+denn die Wahrheit von dem Munde desjenigen ab, der sie vorträgt?
+Hören Sie nur--
+
+Damis. Himmel! ich höre meinen Vater wiederkommen. Um Gottes willen,
+liebe Lisette, daß er nicht merkt, daß Sie sich so lange bei mir
+aufgehalten hat. Geh Sie hurtig unterdessen in das Kabinett.
+
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+Damis. Chrysander.
+
+
+Chrysander. Der verzweifelte Valer! er hätte mir zu keiner
+ungelegnern Zeit kommen können. Muß ihn denn der Henker eben heute
+von Berlin zurückführen? Und muß er sich denn eben gleich bei mir
+anmelden lassen? Hui daß--Nein, Herr Valer, damit kommen Sie zu spät.
+--Nun mein Sohn--(Damis steht zerstreut, als in tiefen Gedanken.)
+Hörst du, mein Sohn?
+
+Damis. Ich höre; ich höre alles.
+
+Chrysander. Kurz, du merkst doch, wo ich vorhin hinauswollte? Einem
+Klugen sind drei Worte genug. Sapienti sat! sagen wir Lateiner.
+--Antworte doch--
+
+Damis (noch immer als in Gedanken). Was ist da zu antworten?--
+
+Chrysander. Was da zu antworten ist?--Das will ich dir sagen.
+--Antworte, daß du mich verstanden; daß dir mein Antrag lieb ist; daß
+dir Juliane gefällt; daß du mir in allem gehorchen willst.--Nun,
+antwortest du das?--
+
+Damis. Ich will gleich sehn--(Indem er in der angenommenen
+Zerstreuung nach einem Buche greift.)
+
+Chrysander. Was kann in dem Buche davon stehen?--Antworte aus dem
+Herzen und nicht aus dem Buche.--Ex libro doctus quilibet esse potest;
+sagen wir Lateiner.--
+
+Damis (als ob er in dem Buche läse). Vollkommen recht! Aber nun wie
+weiter?--
+
+Chrysander. Das weitere gibt sich, wie 's Griechische. Du sagst ja;
+sie sagt ja; damit wird Verlöbnis; und bald darauf wird Hochzeit; und
+alsdenn--Du wirst schon sehen, wie's alsdenn weitergeht.--
+
+Damis. Wenn nun aber diese Voraussetzung--(Immer noch als ob er läse.)
+
+Chrysander. Ei, ich setze nichts voraus, was im geringsten
+zweifelhaft wäre. Juliane ist eine Waise; ich bin ihr Vormund; ich
+bin dein Vater; was muß mir angelegner sein, als euch beide glücklich
+zu machen? Ihr Vater war mein Freund und war ein ehrlicher Mann,
+obgleich ein Narr. Er hätte einen honetten Bankerott machen können;
+seine Gläubiger würden aufs Drittel mit sich haben akkordieren lassen;
+und er war so einfältig und bezahlte bis auf den letzten Heller. Wie
+ist mir denn? hast du ihn nicht gekannt?
+
+Damis. Von Person nicht. Aber seine Lebensumstände sind mir ganz
+wohl bewußt. Ich habe sie, ich weiß nicht in welcher Biographie,
+gelesen'
+
+Chrysander. Gelesen? gedruckt gelesen?
+
+Damis. Ja, ja; gelesen. Er ward gegen die Mitte des vorigen
+Jahrhunderts geboren und ist, etwa vor zwanzig Jahren, als
+Generalsuperintendent in Pommern gestorben. In orientalischen
+Sprachen war seine vornehmste Stärke. Allein seine Bücher sind nicht
+alle gleich gut. Dieses ist noch eines von den besten. Eine
+besondere Gewohnheit soll der Mann an sich gehabt haben--
+
+Chrysander. Von wem sprichst denn du?
+
+Damis. Sie fragen mich ja, ob mir der Verfasser dieses Buchs bekannt
+wäre?
+
+Chrysander. Ich glaube, du träumest; oder es geht gar noch etwas
+Ärgers in deinem Gehirne vor. Ich frage dich, ob du Julianens Vater
+noch gekannt hast?
+
+Damis. Verzeihen Sie mir, wann ich ein wenig zerstreut geantwortet
+habe! Ich dachte eben nach,--warum wohl die Rabbinen--das Schurek
+M'lo Pum heißen.
+
+Chrysander. Mit dem verdammten Schurek! Gib doch auf das acht, was
+der Vater mit dir spricht!--(Er nimmt ihm das Buch aus der Hand.) Du
+hast ihn also nicht gekannt? Ich besinne mich; es ist auch nicht wohl
+möglich. Als er starb, war Juliane noch sehr jung. Ich nahm sie
+gleich nach seinem Tode in mein Haus, und Gott sei Dank! sie hat viel
+Wohltaten hier genossen. Sie ist schön, sie ist tugendhaft; wem
+sollte ich sie also lieber gönnen als dir? Was meinst du?--Antworte
+doch! Stehst du nicht da, als wenn du schliefest!--
+
+Damis. Ja, ja, Herr Vater. Nur eins ist noch dabei zu erwägen.--
+
+Chrysander. Du hast recht; freilich ist noch eins dabei zu erwägen:
+ob du dich nämlich geschickt befindest, bald ein öffentliches Amt
+anzunehmen, weil doch--
+
+Damis. Wie? geschickt? geschickt? Sie zweifeln also an meiner
+Geschicklichkeit?--Wie unglücklich bin ich, daß ich Ihnen nicht
+sogleich die unwidersprechlichsten Beweise geben kann! Doch es soll
+noch diesen Abend geschehen. Glauben Sie mir, noch diesen Abend.--Die
+verdammte Post! Ich weiß auch nicht, wo sie bleibt.
+
+Chrysander. Beruhige dich nur, mein Sohn. Die Frage geschahe eben
+aus keinem Mißtrauen, sondern bloß weil ich glaube, es schicke sich
+nicht, eher zu heiraten, als bis man ein Amt hat; so wie es sich,
+sollte ich meinen, auch nicht wohl schickt, eher ein Amt anzunehmen,
+als bis man weiß, woher man die Frau bekommen will.
+
+Damis. Ach, was heiraten? was Frau? Erlauben Sie mir, daß ich Sie
+allein lasse. Ich muß ihn gleich wieder auf die Post schicken. Anton!
+Anton! Doch es ist mit dem Schlingel nichts anzufangen; ich muß nur
+selbst gehen.
+
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Anton. Chrysander.
+
+
+Anton. Rufte mich nicht Herr Damis? Wo ist er? was soll ich?
+
+Chrysander. Ich weiß nicht, was ihm im Kopfe steckt. Er ruft dich;
+er will dich auf die Post schicken; er besinnt sich, daß mit dir
+Schlingel nichts anzufangen ist, und geht selber. Sage mir nur,
+willst du zeitlebens ein Esel bleiben?
+
+Anton. Gemach, Herr Chrysander! ich nehme an den Torheiten Ihres
+Sohnes keinen Teil. Mehr als zwölfmal habe ich ihm heute schon auf
+die Post laufen müssen. Er verlangt Briefe von Berlin. Ist es meine
+Schuld, daß sie nicht kommen?
+
+Chrysander. Der wunderliche Heilige! Du bist aber nun schon so lange
+um ihn; solltest du nicht sein Gemüt, seine Art zu denken ein wenig
+kennen?
+
+Anton. Ha! ha! das kömmt darauf hinaus, was wir Gelehrten die
+Kenntnis der Gemüter nennen? Darin bin ich Meister; bei meiner Ehre!
+Ich darf nur ein Wort mit einem reden; ich darf ihn nur ansehen: husch,
+habe ich den ganzen Menschen weg! Ich weiß sogleich, ob er
+vernünftig oder eigensinnig, ob er freigebig oder ein Knicker--
+
+Chrysander. Ich glaube gar, du zeigst auf mich?
+
+Anton. O kehren Sie sich an meine Hände nicht!--Ob er--
+
+Chrysander. Du sollst deine Kunst gleich zeigen! Ich habe meinem
+Sohne eine Heirat vorgeschlagen: nun sage einmal, wenn du ihn kennst,
+was wird er tun?
+
+Anton. Ihr Herr Sohn? Herr Damis? Verzeihen Sie mir, bei dem geht
+meine Kunst, meine sonst so wohl versuchte Kunst, betteln.
+
+Chrysander. Nu, Schurke, so geh mit und prahle nicht!
+
+Anton. Die Gemütsart eines jungen Gelehrten kennen wollen und etwas
+daraus schließen wollen, ist unmöglich; und was unmöglich ist, Herr
+Chrysander--das ist unmöglich.
+
+Chrysander. Und wieso?
+
+Anton. Weil er gar keine hat.
+
+Chrysander. Gar keine?
+
+Anton. Nein, nicht gar keine; sondern alle Augenblicke eine andre.
+Die Bücher und die Exempel, die er liest, sind die Winde, nach welchen
+sich der Wetterhahn seiner Gedanken richtet. Nur bei dem Kapitel vom
+Heiraten stehenzubleiben, weil das einmal auf dem Tapete ist, so
+besinne ich mich, daß--Denn vor allen Dingen müssen Sie wissen, daß
+Herr Damis nie etwas vor mir verborgen hat. Ich bin von jeher sein
+Vertrauter gewesen und von jeher der, mit dem er sich immer am
+liebsten abgegeben hat. Ganze Tage, ganze Nächte haben wir manchmal
+auf der Universität miteinander disputiert. Und ich weiß nicht, er
+muß doch so etwas an mir finden; etwa eine Eigenschaft, die er an
+andern nicht findet--
+
+Chrysander. Ich will dir sagen, was das für eine Eigenschaft ist:
+deine Dummheit! Es ergötzt ihn, wenn er sieht, daß er gelehrter ist
+als du. Bist du nun vollends ein Schalk und widersprichst ihm nicht
+und lobst ihn ins Gesicht und bewunderst ihn--
+
+Anton. Je verflucht! da verraten Sie mir ja meine ganze Politik! Wie
+schlau ein alter Kaufmann nicht ist!
+
+Chrysander. Aber vergiß das Hauptwerk nicht! Vom Heiraten--
+
+Anton. Ja darüber hat er schon Teufelsgrillen im Kopfe gehabt. Zum
+Exempel: ich weiß die Zeit, da er gar nicht heiraten wollte.
+
+Chrysander. Gar nicht? so muß ich noch heiraten. Ich werde doch
+meinen Namen nicht untergehen lassen? Der Bösewicht! Aber warum denn
+nicht?
+
+Anton. Darum: weil es einmal Gelehrte gegeben hat, die geglaubt haben,
+der ehelose Stand sei für einen Gelehrten der schicklichste. Gott
+weiß, ob diese Herren allzu geistlich oder allzu fleischlich sind
+gesinnt gewesen! Als ein künftiger Hagestolz hatte er sich schon auf
+verschiedene sinnreiche Entschuldigungen gefaßt gemacht.--
+
+Chrysander. Auf Entschuldigungen? kann sich so ein ruchloser Mensch,
+der dieses heilige Sakrament--Denn im Vorbeigehen zu sagen, ich bin
+mit unsern Theologen gar nicht zufrieden, daß sie den Ehestand für
+kein Sakrament wollen gelten lassen--der, sage ich, dieses heilige
+Sakrament verachtet, kann der sich noch unterstehen, seine
+Gottlosigkeit zu entschuldigen? Aber, Kerl, ich glaube, du machst mir
+etwas weis; denn nur vorhin schien er ja meinen Vorschlag zu billigen.
+
+Anton. Das ist unmöglich richtig zugegangen. Wie stellte er sich
+dabei an? Lassen Sie sehen; stand er etwa da, als wenn er vor den
+Kopf geschlagen wäre? sahe er etwa steif auf die Erde? legte er etwa
+die Hand an die Stirne? griff er etwa nach einem Buche, als wenn er
+darin lesen wollte? ließ er Sie etwa ungestört fortreden?
+
+Chrysander. Getroffen! du malst ihn, als ob du ihn gesehen hättest.
+
+Anton. O da sieht es windig aus! Wann er es so macht, will er haben,
+daß man ihn für zerstreut halten soll. Ich kenne seine Mucken. Er
+hört alsdenn alles, was man ihm sagt; allein die Leute sollen glauben,
+er habe es vor vielem Nachsinnen nicht gehört. Er antwortet zuweilen
+auch; wenn man ihm aber seine Antwort wieder vorlegt, so wird er
+nimmermehr zugestehen, daß sie auf das gegangen sei, was man von ihm
+hat wissen wollen.
+
+Chrysander. Nun, wer noch nicht gestehen will, daß zu viel
+Gelehrsamkeit den Kopf verwirre, der verdient es selber zu erfahren.
+Gott sei Dank, daß ich in meiner Jugend gleich das rechte Maß zu
+treffen wußte! Omne nimium vertitur in vitulum: sagen wir Lateiner
+sehr spaßhaft.--Aber Gott sei dem Bösewichte gnädig, wann er auf dem
+Vorsatze verharret! Wann er behauptet, es sei nicht nötig, zu
+heiraten und Kinder zu zeugen, will er mir damit nicht zu verstehn
+geben, es sei auch nicht nötig gewesen, daß ich ihn gezeugt habe? Der
+undankbare Sohn!
+
+Anton. Es ist wahr, kein größter Undank kann unter der Sonne sein,
+als wenn ein Sohn die viele Mühe nicht erkennen will, die sein Vater
+hat über sich nehmen müssen, um ihn in die Welt zu setzen.
+
+Chrysander. Nein; gewiß, an mir soll der heilige Ehestand seinen
+Verteidiger finden!
+
+Anton. Der Wille ist gut; aber lauter solche Verteidiger würden die
+Konsumtionsakzise ziemlich geringe machen.
+
+Chrysander. Wieso?
+
+Anton. Bedenken Sie es selbst! drei Weiber, und von der dritten kaum
+einen Sohn.
+
+Chrysander. Kaum? was willst du mit dem, kaum‘ sagen, Schlingel?
+
+Anton. Hui, daß Sie etwas Schlimmers darunter verstehn als ich.
+
+Chrysander. Zwar im Vertrauen, Anton: wenn die Weiber vor zwanzig
+Jahren so gewesen wären, wie die Weiber jetzo sind, ich würde auf
+wunderbare Gedanken geraten. Er hat gar zu wenig von mir! Doch die
+Weiber vor zwanzig Jahren waren so frech noch nicht wie die jetzigen;
+so treulos noch nicht, wie sie heutzutage sind; so lüstern noch nicht--
+
+Anton. Ist das gewiß? Nun wahrhaftig, so hat man meiner Mutter
+unrecht getan, die vor 33 Jahren von ihrem Manne, der mein Vater nicht
+sein wollte, geschieden wurde! Doch das ist ein Punkt, woran ich
+nicht gern denke. Die Grillen Ihres Herrn Sohns sind lustiger.
+
+Chrysander. Ärgerlicher, sprich! Aber sage mir, was waren denn
+seine Entschuldigungen?
+
+Anton. Seine Entschuldigungen waren Einfälle, die auf seinem Miste
+nicht gewachsen waren. Er sagte zum Exempel, solange er unter vierzig
+Jahren sei und ihn jemand um die Ursache fragen würde, warum er nicht
+heirate, wolle er antworten, er sei zum Heiraten noch zu jung. Wäre
+er aber über vierzig Jahr, so wolle er sprechen, nunmehr sei er zum
+Heiraten zu alt. Ich weiß nicht, wie der Gelehrte hieß, der auch so
+soll gesagt haben.--Ein anderer Vorwand war der: er heiratete deswegen
+nicht, weil er alle Tage willens wäre, ein Mönch zu werden; und würde
+deswegen kein Mönch, weil er alle Tage gedächte zu heiraten.
+
+Chrysander. Was? nun will er auch gar ein Mönch werden? Da sieht man,
+wohin so ein böses Gemüt, das keine Ehrfurcht für den heiligen
+Ehestand hat, verfallen kann! Das hätte ich nimmermehr in meinem
+Sohne gesucht!
+
+Anton. Sorgen Sie nicht! bei Ihrem Sohne ist alles nur ein Übergang.
+Er hatte den Einfall in der Lebensbeschreibung eines Gelehrten gelesen;
+er hatte Geschmack daran gefunden und sogleich beschlossen, ihn bei
+Gelegenheit als den seinen anzubringen. Bald aber ward die Grille von
+einer andern verjagt, so wie etwann, so wie etwann--Schade, daß ich
+kein Gleichnis dazu finden kann! Kurz, sie ward verjagt. Er wollte
+nunmehr heiraten, und zwar einen rechten Teufel von einer Frau.
+
+Chrysander. Wenn doch den Einfall mehr Narren haben wollten, damit
+andre ehrliche Männer mit bösen Weibern verschont blieben.
+
+Anton. Ja, meinte er: es würde doch hübsch klingen, wenn es einmal
+von ihm heißen könnte: unter die Zahl der Gelehrten, welche der Himmel
+mit bösen Weibern gestraft hat, gehöret auch der berühmte Damis;
+gleichwohl kann sich die gelehrte Welt nicht über ihn beklagen, daß
+ihn dieses Hauskreuz nur im geringsten abgehalten hätte, ihr mit
+unzählbaren gelehrten Schriften zu dienen.
+
+Chrysander. Mit Schriften! ja, die mir am teuersten zu stehen kommen.
+Was für Rechnungen habe ich nicht schon an die Buchdrucker bezahlen
+müssen! Der Bösewicht!
+
+Anton. Geduld! er hat auch erst angefangen zu schreiben! Es wird
+schon besser kommen.
+
+Chrysander. Besser? vielleicht damit man ihn endlich einmal auch
+unter die zählen kann, die ihren Vater arm geschrieben haben!
+
+Anton. Warum nicht? wenn es ihm Ehre brächte--
+
+Chrysander. Die verdammte Ehre!
+
+Anton. Um die tut ein junger Gelehrter alles! Wann es auch nach
+seinem Tode heißen sollte: unter diejenigen Gelehrten, die zum Teufel
+gefahren sind, gehört auch der berühmte Damis! was schadet das? Genug,
+er heißt gelehrt; er heißt berühmt--
+
+Chrysander. Kerl, du erschreckst mich! Aber du, der du weit älter
+bist als er, kannst du ihn nicht dann und wann zurechte weisen?--
+
+Anton. Oh, Herr Chrysander! Sie wissen wohl, daß ich keinen Gehalt
+als Hofmeister bekomme. Und dazu meine Dummheit--
+
+Chrysander. Ja, die du annimmst, um ihn desto dümmer zu machen.
+
+Anton (beiseite). St! der kennt mich.--Aber glauben Sie, daß ihm mit
+der bösen Frau ein Ernst war? Nichts weniger! Eine Stunde darauf
+wollte er sich eine gelehrte Frau aussuchen.
+
+Chrysander. Nun, das wäre doch noch etwas Kluges!
+
+Anton. Etwas Kluges? Nach meiner unvorgreiflichen Meinung ist es
+gleich der dümmste Einfall, den er hat haben können. Eine gelehrte
+Frau! bedenken Sie doch! eine gelehrte Frau; eine Frau wie Ihr Herr
+Sohn! Zittern und Entsetzen möchte einem ehrlichen Kerl ankommen.
+Wahrhaftig! ehe ich mir eine Gelehrte aufhängen ließ'--
+
+Chrysander. Narre, Narre! sie gehen unter andern Leuten, als du bist,
+reißend weg. Wann ihrer nur viel wären, wer weiß, ob ich mir nicht
+selbst eine wählte.
+
+Anton. Kennen Sie Karlinen?
+
+Chrysander. Karlinen? Nein.
+
+Anton. Meinen ehemaligen Kameraden? meinen guten Freund? kennen Sie
+den nicht?
+
+Chrysander. Nein doch, nein.
+
+Anton. Er trug ein hechtgraues Kleid mit roten Aufschlägen und auf
+seiner Sonntagsmontur rote und blaue Achselbänder. Sie müssen ihn bei
+mir gesehen haben. Er hatte eine etwas lange Nase. Sie war ein
+Erbstück; denn er wollte aus der Geschichte wissen, daß schon sein
+Ururältervater, der ehedem einem gewissen Turnier als Stallknecht
+beigewohnt, eine ebenso lange gehabt habe. Sein einziger Fehler war,
+daß er etwas krumme Beine hatte. Besinnen Sie sich nun?
+
+Chrysander. Soll ich denn alle das Lumpengesindel kennen, das du
+kennst? Und was willst du denn mit ihm?
+
+Anton. Sie kennen ihn also im Ernste nicht? Oh! da kennen Sie einen
+sehr großen Geist weniger. Ich will Sie zu seiner Bekanntschaft
+verhelfen; ich gelte etwas bei ihm.
+
+Chrysander. Ich glaube, du schwärmst manchmal so gut als mein Sohn.
+Wie kömmst du denn auf die Possen?
+
+Anton. Eben der Karlin, will ich sagen--Oh! es ist ärgerlich, daß Sie
+ihn nicht kennen.--Eben der Karlin, sage ich, hat einmal bei einem
+Herrn gedient, der eine gelehrte Frau hatte. Der verzweifelte
+Vogel--er sah gut aus, und wie nun der Appetit sich nach dem Stande
+nicht richtet--kurz, er mußte sie näher gekannt haben. Wo hätte er
+sonst so viel Verstand her? Endlich merkte es auch sein Herr, daß er
+bei der Frau in die Schule ging. Er bekam seinen Abschied, ehe er
+sich's versah. Die arme Frau!
+
+Chrysander. Ach schweig! ich mag weder deine noch meines Sohnes
+Grillen länger mit anhören.
+
+Anton. Noch eine hören Sie; und zwar die, welche zuletzt seine
+Leibgrille ward: er wollte mehr als eine Frau heiraten.
+
+Chrysander. Aber eine nach der andern.
+
+Anton. Nein, wenigstens ein halb Dutzend auf einmal. Der Bibel, der
+Obrigkeit und dem Gebrauche zum Trutze! Er las damals gleich ein
+Buch--
+
+Chrysander. Die verdammten Bücher! Kurz, ich will nicht weiter hören.
+Es soll ihm schon vergehen, mehr als eine zu nehmen, wenn er nur
+erst die genommen hat, die ich jetzt für ihn im Kopfe habe. Und was
+meinest du wohl, Anton? quid putas? wie wir Lateiner reden; wird er's
+tun?
+
+Anton. Vielleicht; vielleicht nicht. Wenn ich wüßte, was er für ein
+Buch zuletzt gelesen hätte, und wenn ich dieses Buch selbst lesen
+könnte, und wenn--
+
+Chrysander. Ich sehe schon, ich werde deine Hilfe nötig haben. Du
+bist zwar ein Gauner, aber ich weiß auch, man kömmt jetzt mit
+Betrügern weiter als mit ehrlichen Leuten.
+
+Anton. Ei, Herr Chrysander, für was halten Sie mich?
+
+Chrysander. Ohne Komplimente, Herr Anton! ich verspreche dir eine
+Belohnung, die deinen Verdiensten gemäß sein soll, wenn du meinen Sohn
+quovis modo, wie wir Lateiner reden, durch Wahrheiten oder durch Lügen,
+durch Ernst oder durch Schraubereien, vel sic vel aliter, wie wir
+Lateiner reden, Julianen zu heiraten bereden kannst.
+
+Anton. Wen? Julianen?
+
+Chrysander. Julianen; illam ipsam.
+
+Anton. Unsere Mamsell Juliane? Ihr Mündel? Ihre Pflegetochter?
+
+Chrysander. Kennst du eine andre?
+
+Anton. Das ist unmöglich, oder das, was ich von ihr gehört habe, muß
+nicht wahr sein.
+
+Chrysander. Gehört? so? hast du etwas von ihr gehört? doch wohl
+nichts Böses.
+
+Anton. Nichts Gutes war es freilich nicht.
+
+Chrysander. Ei! ich habe auf das Mädchen so große Stücken gehalten.
+Sie wird doch nicht etwa mit einem jungen Kerl--he?
+
+Anton. Wann es nichts mehr wäre! so ein klein Fehlerchen entschuldigt
+die Mode. Aber, es ist noch etwas weit Ärgers für eine gute Jungfer,
+die gerne nicht länger Jungfer sein möchte.
+
+Chrysander. Noch etwas weit Ärgers? ich versteh dich nicht.
+
+Anton. Und Sie sind gleichwohl ein Kaufmann?
+
+Chrysander. Noch etwas weit Ärgers? Ich habe immer geglaubt,
+Eingezogenheit und gute Sitten wären das Vornehmste--
+
+Anton. Nicht mehr! nicht mehr! vor zwanzig Jahren wohl, wie Sie
+vorher selbst weislich erinnerten.
+
+Chrysander. Nun so erkläre dich deutlicher. Ich habe nicht Lust,
+deine närrischen Gedanken zu erraten.
+
+Anton. Und nichts ist doch leichter. Mit einem Worte: sie soll kein
+Geld haben. Man hat mir gesagt, in Ansehung ihres Vaters, der Ihr
+guter Freund gewesen wäre, hätten Sie Julianen, von ihrem neunten
+Jahre an, zu sich genommen und aus Barmherzigkeit erzogen.
+
+Chrysander. Da hat man dir nun wohl keine Lügen gesagt; gleichwohl
+aber soll sie doch kein andrer haben als mein Sohn, wann nur er--Denn
+sieh, Anton, ich muß dir das ganze Rätsel erklären.--Es liegt nur an
+mir, Julianen in kurzer Zeit reich zu machen.
+
+Anton. Ja, durch Ihr eigen Geld; und auf diese Art könnten Sie auch
+mich wohl reich machen. Wollen Sie so gut sein?
+
+Chrysander. Nein, nicht durch mein eigen Geld.--Kannst du schweigen?
+
+Anton. Versuchen Sie es.
+
+Chrysander. Höre also; mit Julianens Vermögen steht es so: ihr Vater
+kam durch einen Prozeß, den er endlich doch mußte liegenlassen, kurz
+vor seinem Tode um alle das Seine. Jetzt nun ist mir ein gewisses
+Dokument in die Hände gefallen, das er lange vergebens suchte und das
+dem ganzen Handel ein ander Ansehen gibt. Es kömmt nur darauf an, daß
+ich so viel Geld hergebe, den Prozeß wieder anzufangen. Das Dokument
+selbst habe ich bereits an meinen Advokaten nach Dresden geschickt.--
+
+Anton. Gott sei Dank! daß Sie wieder zum Kaufmanne werden! Vorhin
+hätte ich bald nicht gewußt, was ich aus Ihnen machen sollte.--Aber
+Julianens Einwilligung haben Sie doch schon?
+
+Chrysander. Oh! das gute Kind will mir, wie es spricht, in allem
+gehorchen. Unterdessen hat sich doch schon Valer auf sie gespitzt.
+Er hat mir vor einiger Zeit auch seine Gedanken deshalb eröffnet. Ehe
+ich das Dokument bekam--
+
+Anton. Ja, da war uns an Julianen so viel nicht gelegen. Sie machten
+ihm also Hoffnung?
+
+Chrysander. Freilich! Er ist heute von Berlin wieder zurückgekommen
+und hat sich auch schon bei mir melden lassen. Ich besorge, ich
+besorge--Doch wenn mein Sohn nur will--Und diesen, Anton, du
+verstehest mich--Ein Narr ist auf viel Seiten zu fassen; und ein Mann
+wie du kann auf viel Seiten fassen.--Du wirst sehen, daß ich
+erkenntlich bin.
+
+Anton. Und Sie, daß ich ganz zu Ihren Diensten bin, zumal wenn mich
+die Erkenntlichkeit zuerst herausfordert und--
+
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Anton. Chrysander. Juliane.
+
+
+Juliane. Kommen Sie doch, Herr Chrysander, kommen Sie doch hurtig
+herunter. Herr Valer ist schon da, Ihnen seine Aufwartung zu machen.
+
+Chrysander. Tut Sie doch ganz fröhlich, mein Jungferchen!
+
+Anton (sachte zu Chrysandern). Hui! daß Valer schon den Vogel
+gefangen hat.
+
+Chrysander. Das wäre mir gelegen.
+
+
+(Anton und Chrysander gehen ab.)
+
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Juliane. Lisette.
+
+
+Lisette (guckt aus dem Kabinett). Bst! bst! bst!
+
+Juliane. Nun, wem gilt das? Lisette? bist du's? Was machst du denn
+hier?
+
+Lisette. Ja, das werden Sie wohl nimmermehr glauben, daß ich und
+Damis schon so weit miteinander gekommen sind, daß er mich verstecken
+muß. Schon kann ich ihn um einen Finger wickeln! Noch eine
+Unterredung wie vorhin, so habe ich ihn im Sacke.
+
+Juliane. Und also hätte ich wohl, in allem Scherze, einen recht guten
+Einfall gehabt? Wollte doch der Himmel, daß die Verbindung, die sein
+Vater zwischen uns--
+
+Lisette. Ach, sein Vater! der Schalk, der Geizhals! Jetzt habe ich
+ihn kennenlernen.
+
+Juliane. Was gibst du ihm für Titel? Seine Gütigkeit ist nur gar zu
+groß. Seine Wohltaten vollkommen zu machen, trägt er mir die Hand
+seines Sohnes und mit ihr sein ganzes Vermögen an. Aber wie
+unglücklich bin ich dabei!--Dankbarkeit und Liebe, Liebe gegen den
+Valer, und Dankbarkeit--
+
+Lisette. Noch vor einer Minute, war ich in ebendem Irrtume. Aber
+glauben Sie mir nur, ich weiß es nunmehr aus seinem Munde: nicht aus
+Freundschaft für Sie, sondern aus Freundschaft für Ihr Vermögen will
+er diese Verbindung treffen.
+
+Juliane. Für mein Vermögen? du schwärmst. Was habe ich denn, das ich
+nicht von ihm hätte?
+
+Lisette. Kommen Sie, kommen Sie. Hier ist der Ort nicht, viel zu
+schwatzen. Ich will Ihnen alles erzählen, was ich gehört habe.
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug
+
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Lisette. Valer. Juliane.
+
+
+Lisette (noch innerhalb der Szene). Nur hier herein; Herr Damis ist
+ausgegangen. Sie können hier schon ein Wörtchen miteinander im
+Vertrauen reden.
+
+Juliane. Ja, Valer, mein Entschluß ist gefaßt. Ich bin ihm zu viel
+schuldig; er hat durch seine Wohltaten das größte Recht über mich
+erhalten. Es koste mir, was es wolle; ich muß die Heirat eingehen,
+weil es Chrysander verlangt. Oder soll ich etwa die Dankbarkeit der
+Liebe aufopfern? Sie sind selbst tugendhaft, Valer, und Ihr Umgang
+hat mich edler denken gelehrt. Mich Ihrer wert zu zeigen, muß ich
+meine Pflicht, auch mit dem Verluste meines Glückes, erfüllen.
+
+Lisette. Eine wunderbare Moral! wahrhaftig!
+
+Valer. Aber wo bleiben Versprechung, Schwur, Treue? Ist es erlaubt,
+um eine eingebildete Pflicht zu erfüllen, einer andern, die uns
+wirklich verbindet, entgegen zu handeln?
+
+Juliane. Ach, Valer, Sie wissen es besser, was zu solchen
+Versprechungen gehört. Mißbrauchen Sie meine Schwäche nicht. Die
+Einwilligung meines Vaters war nicht dabei.
+
+Valer. Was für eines Vaters?--
+
+Juliane. Desjenigen, dem ich für seine Wohltaten diese Benennung
+schuldig bin. Oder halten Sie es für keine Wohltaten, der Armut und
+allen ihren unseligen Folgen entrissen zu werden? Ach, Valer, ich
+würde Ihr Herz nicht besitzen, hätte nicht Chrysanders Sorgfalt mich
+zur Tugend und Anständigkeit bilden lassen.
+
+Valer. Wohltaten hören auf, Wohltaten zu sein, wenn man sucht, sich
+für sie bezahlt zu machen. Und was tut Chrysander anders, da er Sie,
+allzu gewissenhafte Juliane, nur deswegen mit seinem Sohne verbinden
+will, weil er ein Mittel sieht, Ihnen wieder zu dem größten Teile
+Ihres väterlichen Vermögens zu verhelfen?
+
+Juliane. Fußen Sie doch auf eine so wunderbare Nachricht nicht. Wer
+weiß, was Lisette gehört hat?
+
+Lisette. Nichts, als was sich vollkommen mit seiner übrigen
+Aufführung reimt. Ein Mann, der seine Wohltaten schon ausposaunet,
+der sie einem jeden auf den Fingern vorzurechnen weiß, sucht etwas
+mehr als das bloße Gotteslohn. Und wäre es etwa die erste Träne, die
+Ihnen aus Verdruß, von einem so eigennützig freigebigen Manne
+abzuhängen, entfahren ist?
+
+Valer. Lisette hat recht!--Aber ich empfinde es leider; Juliane liebt
+mich nicht mehr.
+
+Juliane. Sie liebt Sie nicht mehr? Dieser Verdacht fehlte noch,
+ihren Kummer vollkommen zu machen. Wann Sie wüßten, wieviel es ihr,
+gegen die Ratschläge der Liebe taub zu sein, koste; wann Sie wüßten,
+Valer--ach, die mißtrauischen Mannspersonen!
+
+Valer. Legen Sie die Furcht eines Liebhabers, dessen ganzes Glück auf
+dem Spiele steht, nicht falsch aus. Sie lieben mich also noch? und
+wollen sich einem andern überlassen?
+
+Juliane. Ich will? Könnten Sie mich empfindlicher martern? Ich
+will?--Sagen Sie: ich muß.
+
+Valer. Sie müssen?--Noch ist nie ein Herz gezwungen worden als
+dasjenige, dem es lieb ist, den Zwang zu seiner Entschuldigung machen
+zu können--
+
+Juliane. Ihre Vorwürfe sind so fein, so fein! daß ich Sie vor Verdruß
+verlassen werde.
+
+Valer. Bleiben Sie, Juliane; und sagen Sie mir wenigstens, was ich
+dabei tun soll?
+
+Juliane. Was ich tue; dem Schicksale nachgeben.
+
+Valer. Ach, lassen Sie das unschuldige Schicksal aus dem Spiele!
+
+Juliane. Das unschuldige? und ich werde also wohl die Schuldige sein?
+Halten Sie mich nicht länger--
+
+Lisette. Wann ich mich nun nicht bald dazwischenlege, so werden sie
+sich vor lauter Liebe zanken.--Was Sie tun sollen, Herr Valer? eine
+große Frage! Himmel und Hölle rege machen, damit die gute Jungfer
+nicht muß! Den Vater auf andre Gedanken bringen; den Sohn auf Ihre
+Seite ziehen.--Mit dem Sohne zwar hat es gute Wege; den überlassen Sie
+nur mir. Der gute Damis! Ich bin ohne Zweifel das erste Mädchen, das
+ihm schmeichelt, und hoffe dadurch auch das erste zu werden, das von
+ihm geschmeichelt wird. Wahrhaftig; er ist so eitel, und ich bin so
+geschickt, daß ich mich wohl noch zu seiner Frau an ihm loben wollte,
+wenn der verzweifelte Vater nicht wäre!--Sehen Sie, Herr Valer, der
+Einfall ist von Mamsell Julianen! Erfinden Sie nun eine Schlinge für
+den Vater--
+
+Juliane. Was sagst du, Lisette? von mir? O Valer, glauben Sie solch
+rasendes Zeug nicht! Habe ich dir etwas anders befohlen, als ihm
+einen schlechten Begriff von mir beizubringen?
+
+Lisette. Ja, recht; einen schlechten von Ihnen--und wenn es möglich
+wäre, einen desto bessern von mir.
+
+Juliane. Nein, es ist mit euch nicht auszuhalten--
+
+Valer. Erklären Sie wenigstens, liebste Juliane--
+
+Juliane. Erklären? und was? Vielleicht, daß ich Ihnen in die Arme
+rennen will und wann ich auch alle Tugenden beleidigen sollte? daß ich
+mich mit einer Begierde, mit einem Eifer die Ihrige zu werden bemühen
+will, die mich in Ihren Augen notwendig einmal verächtlich machen
+müssen? Nein, Valer--
+
+Lisette. Hören Sie denn nicht, daß sie uns gern freie Hand lassen
+will? Sie macht es wie die schöne Aspasia--oder wie hieß die
+Prinzessin in dem dicken Romane? Zwei Ritter machten auf sie Anspruch.
+Schlagt euch miteinander, sagte die schöne Aspasia; wer den andern
+überwindet, soll mich haben. Gleichwohl aber war sie dem Ritter in
+der blauen Rüstung günstiger als dem andern--
+
+Juliane. Ach, die Närrin, mit ihrem blauen Ritter--(Reißt sich los
+und geht ab.)
+
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Lisette. Valer.
+
+
+Lisette. Ha! ha! ha!
+
+Valer. Mir ist nicht lächerlich, Lisette.
+
+Lisette. Nicht? Ha! ha! ha!
+
+Valer. Ich glaube, du lachst mich aus.
+
+Lisette. Oh, so lachen Sie mit! Oder ich muß noch einmal darüber
+lachen, daß Sie nicht lachen wollen. Ha! ha! ha!
+
+Valer. Ich möchte verzweifeln! In der Ungewißheit, ob sie mich noch
+liebt--
+
+Lisette. Ungewißheit? Sind denn alle Mannspersonen so schwer zu
+überreden? Werden sie denn alle zu solchen ängstlichen Zweiflern,
+sobald sie die Liebe ein wenig erhitzt? Lassen Sie Ihre Grillen
+fahren, Herr Valer, oder ich lache aufs neue. Spannen Sie vielmehr
+Ihren Verstand an, etwas auszusinnen, um den alten Chrysander--
+
+Valer. Chrysander traut mir nicht und kann mir nicht trauen. Er
+kennt meine Neigung zu Julianen. Alle mein Zureden würde umsonst sein;
+er würde den Eigennutz, die Quelle davon, gar bald entdecken. Und
+wenn ich auch eine völlige Anwerbung tun wollte; was würde es helfen?
+Er ist deutsch genug, mir gerade ins Gesicht zu sagen, daß ich seinem
+Sohne hier nachstehen müsse, welcher wegen der Wohltaten des Vaters
+das größte Recht auf Julianen habe.--Was soll ich also anfangen?
+
+Lisette. Mit den wunderlichen Leuten, die nur überall den ebenen Weg
+gehen wollen! Hören Sie, was mir eingefallen ist. Das Dokument, oder
+wie der Quark heißt, ist das einzige, was Chrysandern zu dieser Heirat
+Lust macht, so daß er es schon an seinen Advokaten geschickt hat. Wie
+wenn man von diesem Advokaten einen Brief unterschieben könnte, in
+welchem--in welchem--
+
+Valer. In welchem er ihm die Gültigkeit des Dokuments verdächtig
+macht; willst du sagen? Der Einfall ist so unrecht nicht! Aber--wenn
+ihm nun einmal der Advokate ganz das Gegenteil schreibt, so ist ja
+unser Betrug am Tage.
+
+Lisette. Was für ein Einwurf! Freilich müssen Sie ihn stimmen. Es
+ist von jeher gebräuchlich gewesen, daß es sich ein Liebhaber etwas
+muß kosten lassen.
+
+Valer. Wenn nun aber der Advokat ehrlich ist?
+
+Lisette. Tun Sie doch, als ob Sie seit vier Wochen erst in der Welt
+wären. Wie die Geschenke so ist der Advokat. Kommen gar keine, so
+ist der niederträchtigste Betrüger der redlichste Mann. Kommen welche,
+aber nur kleine, so hält das Gewissen noch so ziemlich das
+Gleichgewicht. Es steigen alsdenn wohl Versuchungen bei ihm auf;
+allein die kleinste Betrachtung schlägt sie wieder nieder. Kommen
+aber nur recht ansehnliche, so ist gar bald der ehrlichste Advokat
+nicht mehr der ehrlichste. Er legt die Ehrlichkeit mit den
+geschenkten Goldstücken in den Schatz, wo jene eher zu rosten anfängt
+als diese. Ich kenne die Herren!
+
+Valer. Dein Urteil ist zu allgemein. Nicht alle Personen von
+einerlei Stande sind auf einerlei Art gesinnet. Ich kenne
+verschiedene alte rechtschaffene Sachwalter--
+
+Lisette. Was wollen Sie mit Ihren alten? Es ist eben, als wenn Sie
+sagten, die großen runden Aufschläge, die kleinen spitzen Knöpfe, die
+erschrecklichen Halskrausen, aus welchen man Schiffssegel machen
+könnte, die viereckigten breiten Schuhe, die tiefen Taschen, kurz, die
+ganze Tracht, wie sich etwa Ihre Paten an Ehrentagen mögen
+ausstaffiert haben, wären noch jetzt Mode, weil man noch manchmal hier
+und da einige gebückte zitternde Männerchen über die Gassen so
+schleichen sieht. Lassen Sie nur noch die und Ihr paar alte
+rechtschaffene Advokaten sterben; die Mode und die Redlichkeit werden
+einen Weg nehmen.
+
+Valer. Man hört doch gleich, wenn das Frauenzimmer am beredtesten ist!
+
+Lisette. Sie meinen etwa, wenn es ans Lästern geht? O wahrhaftig!
+des bloßen Lästerns wegen habe ich so viel nicht geplaudert. Meine
+vornehmste Absicht war, Ihnen beizubringen, wieviel überall das Geld
+tun könne und was für ein vortreffliches Spiel ein Liebhaber in den
+Händen hat, wenn er gegen alle freigebig ist, gegen die Gebieterin,
+gegen den Advokaten und--Dero Dienerin. (Sie macht eine Verbeugung.)
+
+Valer. Verlaß dich auf meine Erkenntlichkeit. Ich verspreche dir
+eine recht ansehnliche Ausstattung, wenn wir glücklich sind--
+
+Lisette. Ei, wie fein! Eine Ausstattung? Sie hoffen doch wohl nicht,
+daß ich übrigbleiben werde?
+
+Valer. Wann du das befürchtest, so verspreche ich dir den Mann darzu.
+--Doch komm nur; Juliane wird ohne Zweifel auf uns warten. Wir wollen
+gemeinschaftlich unsre Sachen weiter überlegen.
+
+Lisette. Gehen Sie nur voran; ich muß noch hier verziehen, um meinem
+jungen Gelehrten--
+
+Valer. Er wird vielleicht schon unten bei dem Vater sein.
+
+Lisette. Wir müssen uns alleine sprechen. Gehen Sie nur! Sie haben
+ihn doch wohl noch nicht gesprochen?
+
+Valer. Was wollte ich nicht darum geben, wenn ich es ganz und gar
+überhoben sein könnte! Seinetwegen würde ich dieses Haus fliehen,
+ärger als ein Tollhaus, wenn nicht ein angenehmerer Gegenstand--
+
+Lisette. So gehen Sie doch, und lassen Sie den angenehmern Gegenstand
+nicht länger auf sich warten.
+
+(Valer geht ab.)
+
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Anton. Lisette.
+
+
+Anton. Nu? was will die! in meines Herrn Studierstube? Jetzt ging
+Valer heraus; vor einer Weile Juliane; und du bist noch da? Ich
+glaube gar, ihr habt eure Zusammenkünfte hier. Warte, Lisette! das
+will ich meinem Herrn sagen. Ich will mich schon rächen; noch für das
+Gestrige; besinnst du dich?
+
+Lisette. Ich glaube, du keifst? Was willst du mit deinem Gestrigen?
+
+Anton. Eine Maulschelle vergißt sich wohl bei dem leicht, der sie
+gibt, aber der, dem die Zähne davon gewackelt haben, der denkt eine
+Zeitlang daran. Warte nur! warte!
+
+Lisette. Wer heißt dich, mich küssen?
+
+Anton. Potz Stern, wie gemein würden die Maulschellen sein; wenn alle
+die welche bekommen sollten, die euch küssen wollen.--Jetzt soll dich
+mein Herr dafür wacker--
+
+Lisette. Dein Herr? der wird mir nicht viel tun.
+
+Anton. Nicht? Wievielmal hat er es nicht gesagt, daß so ein heiliger
+Ort, als eine Studierstube ist, von euch unreinen Geschöpfen nicht
+müsse entheiliget werden? Der Gott der Gelehrsamkeit--warte, wie
+nennt er ihn?--Apollo--könne kein Weibsbild leiden. Schon der Geruch
+davon wäre ihm zuwider. Er fliehe davor wie der Stößer vor den Tauben.
+--Und du denkst, mein Herr würde es so mit ansehen, daß du ihm den
+lieben Gott von der Stube treibest?
+
+Lisette. Ich glaube gar, du Narre denkst, der liebe Gott sei nur bei
+euch Mannspersonen? Schweig, oder--
+
+Anton. Ja, so eine wie gestern vielleicht?
+
+Lisette. Noch eine beßre! der Pinsel hätte gestern mehr als eine
+verdient. Er kömmt zu mir; es ist finster; er will mich küssen; ich
+stoße ihn zurück, er kömmt wieder; ich schlage ihn aufs Maul, es tut
+ihm weh; er läßt nach; er schimpft; er geht fort--Ich möchte dir
+gleich noch eine geben, wenn ich daran gedenke.
+
+Anton. Ich hätte es also wohl abwarten sollen, wie oft du deine
+Karesse hättest wiederholen wollen?
+
+Lisette. Gesetzt, es wären noch einige gefolgt, so würden sie doch
+immer schwächer und schwächer geworden sein. Vielleicht hätten sich
+die letztern gar--doch so ein dummer Teufel verdient nichts.
+
+Anton. Was hör ich? ist das dein Ernst, Lisette? Bald hätte ich Lust,
+die Maulschelle zu vergessen und mich wieder mit dir zu vertragen.
+
+Lisette. Halte es, wie du willst. Was ist mir jetzt an deiner Gunst
+gelegen? Ich habe ganz ein ander Wildbret auf der Spur.
+
+Anton. Ein anders? au weh, Lisette! Das war wieder eine Ohrfeige,
+die ich so bald nicht vergessen werde! Ein anders? Ich dächte, du
+hättest an einem genug, das dir selbst ins Netz gelaufen ist.
+
+Lisette. Und drum eben ist nichts dran.--Aber sage mir, wo bleibt
+dein Herr?
+
+Anton. Danke du Gott, daß er so lange bleibt; und mache, daß du hier
+fortkömmst. Wann er dich trifft, so bist du in Gefahr,
+herausgeprügelt zu werden.
+
+Lisette. Dafür laß mich sorgen! Wo ist er denn? ist er von der Post
+noch nicht wieder zurück?
+
+Anton. Woher weißt du denn, daß er auf die Post gegangen ist?
+
+Lisette. Genug, ich weiß es. Er wollte dich erst schicken. Aber wie
+kam es denn, daß er selbst ging? Ha! ha! ha! "Es ist mit dem
+Schlingel nichts anzufangen." Wahrhaftig, das Lob macht mich ganz
+verliebt in dich.
+
+Anton. Wer Henker muß dir das gesagt haben?
+
+Lisette. O niemand; sage mir nur, ist er wieder da?
+
+Anton. Schon längst; unten ist er bei seinem Vater.
+
+Lisette. Und was machen sie miteinander?
+
+Anton. Was sie machen? sie zanken sich.
+
+Lisette. Der Sohn will gewiß den Vater von seiner Geschicklichkeit
+überführen?
+
+Anton. Ohne Zweifel muß es so etwas sein. Damis ist ganz außer sich:
+er läßt den Alten kein Wort aufbringen: er rechnet ihm tausend Bücher
+her, die er gesehen; tausend, die er gelesen hat; andere tausend, die
+er schreiben will, und hundert kleine Bücherchen, die er schon
+geschrieben hat. Bald nennt er ein Dutzend Professores, die ihm sein
+Lob schriftlich, mit untergedrucktem Siegel, nicht umsonst, gegeben
+hätten; bald ein Dutzend Zeitungsschreiber, die eine vortreffliche
+Posaune für einen jungen Gelehrten sind, wenn man ein silbernes
+Mundstück darauf steckt; bald ein Dutzend Journalisten, die ihn alle
+zu ihrem Mitarbeiter flehentlich erbeten haben. Der Vater sieht ganz
+erstaunt; er ist um die Gesundheit seines Sohnes besorgt; er ruft
+einmal über das andre: Sohn, erhitze dich doch nicht so! schone deine
+Lunge! ja doch, ich glaub es! gib dich zufrieden! es war so nicht
+gemeint!
+
+Lisette. Und Damis?--
+
+Anton. Und Damis läßt nicht nach. Endlich greift sich der Vater an;
+er überschreit ihn mit Gewalt und besänftiget ihn mit einer Menge
+solcher Lobsprüche, die in der Welt niemand verdient hat, verdient,
+noch verdienen wird. Nun wird der Sohn wieder vernünftig, und nun--ja
+nun schreiten sie zu einem andern Punkte, zu einer andern Sache,--zu--
+
+Lisette. Wozu denn?
+
+Anton. Gott sei Dank, mein Maul kann schweigen!
+
+Lisette. Du willst mir es nicht sagen?
+
+Anton. Nimmermehr! ich bin zwar sonst ein schlechter Kerl; aber wenn
+es auf die Verschwiegenheit ankömmt--
+
+Lisette. Lerne ich dich so kennen?
+
+Anton. Ich dächte, das sollte dir lieb sein, daß ich schweigen kann;
+und besonders von Heiratssachen oder was dem anhängig ist--
+
+Lisette. Weißt du nichts mehr? O das habe ich längst gewußt.
+
+Anton. Wie schön sie mich über den Tölpel stoßen will. Also wäre es
+ja nicht nötig, daß ich dir es sagte?--
+
+Lisette. Freilich nicht! aber mich für dein schelmisches Mißtrauen zu
+rächen, weiß ich schon, was ich tun will. Du sollst es gewiß nicht
+mehr wagen, gegen ein Mädchen von meiner Profession verschwiegen zu
+sein! Besinnst du dich, wie du von deinem Herrn vor kurzem gesprochen
+hast?
+
+Anton. Besinnen? ein Mann, der in Geschäften sitzt, der einen Tag
+lang so viel zu reden hat wie ich, soll sich der auf allen Bettel
+besinnen?
+
+Lisette. Seinen Herrn verleumden, ist etwas mehr, sollte ich meinen.
+
+Anton. Was? verleumden?
+
+Lisette. Ha, ha! Herr Mann, der in Geschäften sitzt, besinnen Sie
+sich nun? Was haben Sie vorhin gegen seinen Vater von ihm geredt?
+
+Anton. Das Mädel muß den Teufel haben, oder der verzweifelten Alte
+hat geplaudert. Aber höre, Lisette, weißt du es gewiß, was ich gesagt
+habe? Was war es denn? Laß einmal hören.
+
+Lisette. Du sollst alles hören, wenn ich es deinem Herrn erzählen
+werde.
+
+Anton. O wahrhaftig, ich glaube, du machst Ernst daraus. Du wirst
+mir doch meinen Kredit bei meinem Herrn nicht verderben wollen? Wenn
+du wirklich etwas weißt, so sei keine Närrin!--Daß ihr Weibsvolk doch
+niemals Spaß versteht! Ich habe dir eine Ohrfeige vergeben, und du
+willst dich, einer kleinen Neckerei wegen, rächen? Ich will dir ja
+alles sagen.
+
+Lisette. Nun so sage--
+
+Anton. Aber du sagst doch nichts?--
+
+Lisette. Je mehr du sagen wirst, je weniger werde ich sagen.
+
+Anton. Was wird es sonst viel sein, als daß der Vater dem Sohne
+nochmals die Heirat mit Julianen vorschlug? Damis schien ganz
+aufmerksam zu sein, und--weiter kann ich dir nichts sagen.
+
+Lisette. Weiter nichts? Gut, gut, dein Herr soll alles erfahren.
+
+Anton. Um des Himmels willen, Lisette; ich will dir es nur gestehn.
+
+Lisette. Nun so gesteh!
+
+Anton. Ich will dir es nur gestehen, daß ich wahrhaftig nichts mehr
+gehört habe. Ich wurde eben weggeschickt. Nun weißt du wohl, wenn
+man nicht zugegen ist, so kann man nicht viel hören--
+
+Lisette. Das versteht sich. Aber was meinst du, wird Damis sich dazu
+entschlossen haben?
+
+Anton. Wenn er sich noch nicht dazu entschlossen hat, so will ich
+mein Äußerstes anwenden, daß er es noch tut. Ich soll für meine Mühe
+bezahlt werden, Lisette; und du weißt wohl, wenn ich bezahlt werde,
+daß alsdenn auch du--
+
+Lisette. Ja, ja, auch ich verspreche dir's; du sollst redlich bezahlt
+werden!--Unterstehe dich!--
+
+Anton. Wie?
+
+Lisette. Habe einmal das Herz!--
+
+Anton. Was?
+
+Lisette. Dummkopf! meine Jungfer will deinen Damis nicht haben--
+
+Anton. Was tut das?--
+
+Lisette. Folglich ist mein Wille, daß er sie auch nicht bekommen soll.
+
+Anton. Folglich, wenn sie mein Herr wird haben wollen, so wird mein
+Wille sein müssen, daß er sie bekommen soll.
+
+Lisette. Höre doch! du willst mein Mann werden und einen Willen für
+dich haben? Bürschchen, das laß dir nicht einkommen! Dein Wille muß
+mein Wille sein, oder--
+
+Anton. St! potz Element! er kömmt; hörst du? er kömmt! Nun sieh ja,
+wo der Zimmermann das Loch gelassen hat. Verstecke dich wenigstens;
+verstecke dich! Er bringt sonst mich und dich um.
+
+Lisette (beiseite). Halt, ich will beide betrügen!--Wo denn aber hin?
+wohin? in das Kabinett?
+
+Anton. Ja, ja, nur unterdessen hinein. Vielleicht geht er bald
+wieder fort.--Und ich, ich will mich geschwind hieher setzen--(Er
+setzt sich an den Tisch, nimmt ein Buch in die Hand und tut, als ob er
+den Damis nicht gewahr würde.)
+
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Anton. Damis.
+
+
+Anton (vor sich). Ja, die Gelehrten--wie glücklich sind die Leute
+nicht!--Ist mein Vater nicht ein Esel gewesen, daß er mich nicht auch
+auf ihre Profession getan hat! Zum Henker, was muß es für eine Lust
+sein, wenn man alles in der Welt weiß, so wie mein Herr!--Potz Stern,
+die Bücher alle zu verstehn!--Wenn man nur darunter sitzt, man mag
+darin lesen oder nicht, so ist man schon ein ganz andrer Mensch!--Ich
+fühl's, wahrhaftig ich fühl's, der Verstand duftet mir recht daraus
+entgegen.--Gewiß, er hat recht; ohne die Gelehrsamkeit ist man nichts
+als eine Bestie.--Ich dumme Bestie!--(Beiseite.) Nun, wie lange wird
+er mich noch schimpfen lassen?--Wir sind doch närrisch gepaaret, ich
+und mein Herr!--Er gibt dem Gelehrtesten und ich dem Ungelehrtesten
+nichts nach.--Ich will auch noch heute anfangen zu lesen.--Wenn ich
+ein Loch von achtzig Jahren in die Welt lebe, so kann ich schon noch
+ein ganzer Kerl werden.--Nur frisch angefangen! Da sind Bücher genug!
+--Ich will mir das kleinste aussuchen; denn anfangs muß man sich nicht
+übernehmen.--Ha! da finde ich ein allerliebstes Büchelchen.--In so
+einem muß es sich mit Lust studieren lassen.--Nur frisch angefangen,
+Anton!--Es wird doch gleichviel sein, ob hinten oder vorne?--Wahrhaftig,
+es wäre eine Schande für meinen so erstaunlich, so erschrecklich, so
+abscheulich gelehrten Herrn, wenn er länger einen so dummen Bedienten
+haben sollte--
+
+Damis (indem er sich ihm vollends nähert). Ja freilich wäre es eine
+Schande für ihn.
+
+Anton. Hilf Himmel! mein Herr--
+
+Damis. Erschrick nur nicht! Ich habe alles gehört--
+
+Anton. Sie haben alles gehört?--ich bitte tausendmal um Verzeihung,
+wenn ich etwas Unrechtes gesprochen habe.--Ich war so eingenommen, so
+eingenommen von der Schönheit der Gelehrsamkeit--verzeihen Sie mir
+meinen dummen Streich--, daß ich selbst noch gelehrt werden wollte.
+
+Damis. Schimpfe doch nicht selbst den klügsten Einfall, den du
+zeitlebens gehabt hast.
+
+Anton. Vor zwanzig Jahren möchte er klug genug gewesen sein.
+
+Damis. Glaube mir, noch bist du zu den Wissenschaften nicht zu alt.
+Wir können in unsrer Republik schon mehrere aufweisen, die sich
+gleichfalls den Musen nicht eher in die Arme geworfen haben.
+
+Anton. Nicht in die Arme allein, ich will mich ihnen in den Schoß
+werfen.--Aber in welcher Stadt sind die Leute?
+
+Damis. In welcher Stadt?
+
+Anton. Ja; ich muß hin, sie kennenzulernen. Sie müssen mir sagen,
+wie sie es angefangen haben.--
+
+Damis. Was willst du mit der Stadt?
+
+Anton. Sie denken etwa, ich weiß nicht, was eine Republik
+ist?--Sachsen, zum Exempel--Und eine Republik hat ja mehr wie eine
+Stadt? nicht?
+
+Damis. Was für ein Idiote! Ich rede von der Republik der Gelehrten.
+Was geht uns Gelehrten Sachsen, was Deutschland, was Europa an? Ein
+Gelehrter, wie ich bin, ist für die ganze Welt; er ist ein Kosmopolit:
+er ist eine Sonne, die den ganzen Erdball erleuchten muß--
+
+Anton. Aber sie muß doch wo liegen, die Republik der Gelehrten.
+
+Damis. Wo liegen? dummer Teufel! die gelehrte Republik ist überall.
+
+Anton. Überall? und also ist sie mit der Republik der Narren an
+einem Orte? Die, hat man mir gesagt, ist auch überall.
+
+Damis. Ja freilich sind die Narren und die Klugen, die Gelehrten und
+die Ungelehrten überall untermengt, und zwar so, daß die letztern
+immer den größten Teil ausmachen. Du kannst es an unserm Hause sehen.
+Mit wieviel Toren und Unwissenden findest du mich nicht hier umgeben?
+Einige davon wissen nichts, und wissen es, daß sie nichts wissen.
+Unter diese gehörst du. Sie wollten aber doch gern etwas lernen, und
+deswegen sind sie noch die erträglichsten. Andre wissen nichts und
+wollen auch nichts wissen; sie halten sich bei ihrer Unwissenheit für
+glücklich; sie scheuen das Licht der Gelehrsamkeit--
+
+Anton. Das Eulengeschlecht!
+
+Damis. Noch andre aber wissen nichts und glauben doch etwas zu wissen;
+sie haben nichts, gar nichts gelernt, und wollen doch den Schein
+haben, als hätten sie etwas gelernt. Und diese sind die
+allerunerträglichsten Narren, worunter, die Wahrheit zu bekennen, auch
+mein Vater gehört.
+
+Anton. Sie werden doch Ihren Vater, bedenken Sie doch, Ihren Vater,
+nicht zu einem Erznarren machen?
+
+Damis. Lerne distinguieren! Ich schimpfe meinen Vater nicht,
+insofern er mein Vater ist, sondern insofern ich ihn als einen
+betrachten kann, der den Schein der Gelehrsamkeit unverdienterweise an
+sich reißen will. Insofern verdient er meinen Unwillen. Ich habe es
+ihm schon oft zu verstehen gegeben, wie ärgerlich er mir ist, wenn er,
+als ein Kaufmann, als ein Mann, der nichts mehr als gute und schlechte
+Waren, gutes und falsches Geld kennen darf und höchstens das letzte
+für das erste wegzugeben wissen soll; wenn der, sage ich, mit seinen
+Schulbrocken, bei welchen ich doch noch immer etwas erinnern muß, so
+prahlen will. In dieser Absicht ist er ein Narr, er mag mein Vater
+sein, oder nicht.
+
+Anton. Schade! ewig schade! daß ich das insofern und in Absicht nicht
+als ein Junge gewußt habe. Mein Vater hätte mir gewiß nicht so viel
+Prügel umsonst geben sollen. Er hätte sie alle richtig wiederbekommen;
+nicht insofern als mein Vater, sondern insofern als einer, der mich
+zuerst geschlagen hätte. Es lebe die Gelehrsamkeit!--
+
+Damis. Halt! ich besinne mich auf einen Grundsatz des natürlichen
+Rechts, der diesem Gedanken vortrefflich zustatten kömmt. Ich muß
+doch den Hobbes nachsehen!--Geduld! daraus will ich gewiß eine schöne
+Schrift machen!
+
+Anton. Um zu beweisen, daß man seinen Vater wiederprügeln dürfe?--
+
+Damis. Certo respectu allerdings. Nur muß man sich wohl in acht
+nehmen, daß man, wenn man ihn schlägt, nicht den Vater, sondern den
+Aggressor zu schlagen sich einbildet; denn sonst--
+
+Anton. Aggressor? Was ist das für ein Ding?
+
+Damis. So heißt der, welcher ausschlägt--
+
+Anton. Ha, ha! nun versteh ich's. Zum Exempel; Ihnen, mein Herr,
+stieße wieder einmal eine kleine gelehrte Raserei zu, die sich meinem
+Buckel durch eine Tracht Schläge empfindlich machte: so wären Sie--wie
+heißt es?--der Aggressor; und ich, ich würde berechtiget sein, mich
+über den Aggressor zu erbarmen, und ihm--
+
+Damis. Kerl, du bist toll!--
+
+Anton. Sorgen Sie nicht; ich wollte meine Gedanken schon so zu
+richten wissen, daß der Herr unterdessen beiseite geschafft würde--
+
+Damis. Nun wahrhaftig, das wäre ein merkwürdiges Exempel, in was für
+verderbliche Irrtümer man verfallen kann, wenn man nicht weiß, aus
+welcher Disziplin diese oder jene Wahrheit zu entscheiden ist. Die
+Prügel, die ein Bedienter von seinem Herrn bekommt, gehören nicht in
+das Recht der Natur, sondern in das bürgerliche Recht. Wenn sich ein
+Bedienter vermietet, so vermietet er auch seinen Buckel mit. Diesen
+Grundsatz merke dir.
+
+Anton. Aus dem bürgerlichen Rechte ist er? O das muß ein garstiges
+Recht sein. Aber ich sehe es nun schon! die verzweifelte
+Gelehrsamkeit, sie kann ebenso leicht zu Prügeln verhelfen als dafür
+schützen. Was wollte ich nicht darum geben, wenn ich mich auf alle
+ihre wächserne Nasen so gut verstünde als Sie--O Herr Damis, erbarmen
+Sie sich meiner Dummheit!
+
+Damis. Nun wohl, wenn es dein Ernst ist, so greife das Werk an. Es
+erfreut mich, der Gelehrsamkeit durch mein Exempel einen Proselyten
+gemacht zu haben. Ich will dich redlich mit meinem Rate und meinen
+Lehren unterstützen. Bringst du es zu etwas, so verspreche ich dir,
+dich in die gelehrte Welt selbst einzuführen und mit einem besondern
+Werke dich ihr anzukündigen. Vielleicht ergreife ich die Gelegenheit,
+etwas de Eruditis sero ad literas admissis oder de Opsimathia oder
+auch de studio senili zu schreiben, und so wirst du auf einmal berühmt.
+--Doch laß einmal sehen, ob ich mir von deiner Lehrbegierde viel zu
+versprechen habe? Welch Buch hattest du vorhin in Händen?
+
+Anton. Es war ein ganz kleines--
+
+Damis. Welches denn?--
+
+Anton. Es war so allerliebst eingebunden, mit Golde auf dem Rücken
+und auf dem Schnitte. Wo legte ich's doch hin? Da! da!
+
+Damis. Das hattest du? das?
+
+Anton. Ja, das!
+
+Damis. Das?
+
+Anton. Bin ich an das unrechte gekommen? weil es so hübsch klein war--
+
+Damis. Ich hätte dir selbst kein beßres vorschlagen können.
+
+Anton. Das dacht' ich wohl, daß es ein schön Buch sein müsse. Würde
+es wohl sonst einen so schönen Rock haben?
+
+Damis. Es ist ein Buch, das seinesgleichen nicht hat. Ich habe es
+selbst geschrieben. Siehst du?--Auctore Damide!
+
+Anton. Sie selbst? Nu, nu, habe ich's doch immer gehört, daß man die
+leiblichen Kinder besser in Kleidung hält als die Stiefkinder. Das
+zeugt von der väterlichen Liebe.
+
+Damis. Ich habe mich in diesem Buche, so zu reden, selbst übertroffen.
+Sooft ich es wieder lese, sooft lerne ich auch etwas Neues daraus.
+
+Anton. Aus Ihrem eignen Buche?
+
+Damis. Wundert dich das?--Ach verdammt! nun erinnere ich mich erst:
+mein Gott, das arme Mädchen! Sie wird doch nicht noch in dem
+Kabinette stecken (Er geht darauf los.)
+
+Anton. Um Gottes willen, wo wollen Sie hin?
+
+Damis. Was fehlt dir? ins Kabinett. Hast du Lisetten gesehen?
+
+Anton. Nun bin ich verloren!--Nein, Herr Damis, nein; so wahr ich
+lebe, sie ist nicht drinne.
+
+Damis. Du hast sie also sehen herausgehen? Ist sie schon lange fort?
+
+Anton. Ich habe sie, so wahr ich ehrlich bin, nicht sehen hereingehen.
+Sie ist nicht drinne; glauben Sie mir nur, sie ist nicht drinne--
+
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+Lisette. Damis. Anton.
+
+
+Lisette. Allerdings ist sie noch drinne--
+
+Anton. O das Rabenaas!
+
+Damis. So lange hat Sie sich hier versteckt gehalten? Arme Lisette!
+das war mein Wille gar nicht. Sobald mein Vater aus der Stube gewesen
+wäre, hätte Sie immer wieder herausgehen können.
+
+Lisette. Ich wußte doch nicht, ob ich recht täte. Ich wollte also
+lieber warten, bis mich der, der mich versteckt hatte, selbst wieder
+hervorkommen hieß--
+
+Anton. Zum Henker, von was für einem Verstecken reden die? (Sachte
+zu Lisetten.) So, du feines Tierchen? hat dich mein Herr selbst schon
+einmal versteckt? Nun weiß ich doch, wie ich die gestrige Ohrfeige
+auslegen soll. Du Falsche!
+
+Lisette. Schweig; sage nicht ein Wort, daß ich zuvor bei dir gewesen
+bin, oder--du weißt schon--
+
+Damis. Was schwatzt ihr denn beide da zusammen? Darf ich es nicht
+hören?
+
+Lisette. Es war nichts; ich sagte ihm bloß, er solle heruntergehen,
+daß, wenn meine Jungfer nach mir fragte, er unterdessen sagen könnte,
+ich sei ausgegangen. Juliane ist mißtrauisch; sie suchte mich doch
+wohl hier, wenn sie mich brauchte.
+
+Damis. Das ist vernünftig. Gleich, Anton, geh!
+
+Anton. Das verlangst du im Ernste, Lisette?
+
+Lisette. Freilich; fort, laß uns allein.
+
+Damis. Wirst du bald gehen?
+
+Anton. Bedenken Sie doch selbst, Herr Damis; wann Sie nun ihr
+Geplaudre werden überdrüssig sein, und das wird gar bald geschehen,
+wer soll sie Ihnen denn aus der Stube jagen helfen, wenn ich nicht
+dabei bin?
+
+Lisette. Warte, ich will dein Lästermaul--
+
+Damis. Laß dich unbekümmert! Wann sie mir beschwerlich fällt, wird
+sie schon selbst so vernünftig sein und gehen.
+
+Anton. Aber betrachten Sie nur: ein Weibsbild in Ihrer Studierstube!
+Was wird Ihr Gott sagen? Er kann ja das Ungeziefer nicht leiden.
+
+Lisette. Endlich werde ich dich wohl zur Stube hinausschmeißen müssen?
+
+Anton. Das wäre mir gelegen.--Die verdammten Mädel! auch bei dem
+Teufel können sie sich einschmeicheln. (Geht ab.)
+
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Lisette. Damis
+
+
+Damis. Und wo blieben wir denn vorhin?
+
+Lisette. Wo blieben wir? bei dem, was ich allezeit am liebsten höre
+und wovon ich allezeit am liebsten rede, bei Ihrem Lobe. Wenn es nur
+nicht eine so gar kitzliche Sache wäre, einen ins Gesicht zu loben!
+--Ich kann Ihnen unmöglich die Marter antun.
+
+Damis. Aber ich beteure Ihr nochmals, Lisette: es ist mir nicht um
+mein Lob zu tun! Ich möchte nur gern hören, auf was für verschiedene
+Art verschiedene Personen einerlei Gegenstand betrachtet haben.
+
+Lisette. Jeder lobte dasjenige an Ihnen, was er an sich
+Lobenswürdiges zu finden glaubte. Zum Exempel, der kleine dicke Mann
+mit der ernsthaften Miene, der so selten lacht, der aber, wenn er
+einmal zu lachen anfängt, mit dem erschütterten Bauche den ganzen
+Tisch über den Haufen wirft--
+
+Damis. Und wer ist das? Aus Ihrer Beschreibung, Lisette, kann ich es
+nicht erraten--O es ist mit den Beschreibungen eine kitzliche Sache!
+Es gehört nicht wenig dazu, sie so einzurichten, daß man, gleich bei
+dem ersten Anblicke, das Beschriebene erkennen kann. Über nichts
+aber muß ich mehr lachen, als wenn ich bei diesem und jenem großen
+Philosophen, wahrhaftig bei Männern, die schon einer ganzen Sekte
+ihren Namen gegeben haben, öfters Beschreibungen anstatt Erklärungen
+antreffe. Das macht, die guten Herren haben mehr Einbildungskraft als
+Beurteilung. Bei der Erklärung muß der Verstand in das Innere der
+Dinge eindringen; bei der Beschreibung aber darf man bloß auf die
+äußerlichen Merkmale, auf das--
+
+Lisette. Wir kommen von unsrer Sache, Herr Damis. Ihr Lob--
+
+Damis. Jawohl; fahr Sie nur fort, Lisette. Von wem wollte Sie vorhin
+reden?
+
+Lisette. Je, sollten Sie denn den kleinen Mann nicht kennen? Er
+bläset immer die Backen auf--
+
+Damis. Sie meint vielleicht den alten Ratsherrn?
+
+Lisette. Ganz recht, aber seinen Namen--
+
+Damis. Was liegt an dem?--
+
+Lisette. "Ja, Herr Chrysander", sagte also der Ratsherr, an dessen
+Namen nichts gelegen ist, "Ihr Herr Sohn kann einmal der beste
+Ratsherr von der Welt werden, wenn er sich nur darauf applizieren will."
+Es gehört ein aufgeweckter Geist dazu; den hat er: eine fixe Zunge;
+die hat er: eine tiefe Einsicht in die Staatskunst; die hat er: eine
+Geschicklichkeit, seine Gedanken zierlich auf das Papier zu bringen;
+die hat er: eine verschlagne Aufmerksamkeit auf die geringsten
+Bewegungen unruhiger Bürger; die hat er: und wenn er sie nicht hat--o
+die Übung--die Übung! Ich weiß ja, wie mir es anfangs ging. Freilich
+kann man die Geschicklichkeit zu einem so schweren Amte nicht gleich
+mit auf die Welt bringen--
+
+Damis. Der Narr! es ist zwar wahr, daß ich alle diese
+Geschicklichkeiten besitze; allein mit der Hälfte derselben könnte ich
+Geheimter Rat werden, und nicht bloß--
+
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Anton. Lisette. Damis.
+
+
+Damis. Nun, was willst du schon wieder?
+
+Anton. Mamsell Juliane weiß es nun, daß Lisette ausgegangen ist.
+Fürchten Sie sich nur nicht; sie wird uns nicht überraschen--
+
+Damis. Wer hieß dich denn wiederkommen?
+
+Anton. Sollte ich wohl meinen Herrn allein lassen? Und dazu, es
+überfiel mich auf einmal so eine Angst, so eine Bangigkeit; die Ohren
+fingen mir an zu klingen und besonders das linke--Lisette! Lisette!
+
+Lisette. Was willst du denn?
+
+Anton (sachte zu Lisetten). Was habt ihr denn beide allein gemacht?
+Was gilt's, es ging auf meine Unkosten!
+
+Lisette. O pack dich--Ich weiß nicht, was der Narre will.
+
+Damis. Fort, Anton! es ist die höchste Zeit; du mußt wieder auf die
+Post sehen. Ich weiß auch gar nicht, wo sie so lange bleibt.--Wird's
+bald?
+
+Anton. Lisette, komm mit!
+
+Damis. Was soll denn Lisette mit?
+
+Anton. Und was soll sie denn bei Ihnen?
+
+Damis. Unwissender!
+
+Anton. Ja freilich ist es mein Unglück, daß ich es nicht weiß.
+(Sachte zu Lisetten.) Rede nur wenigstens ein wenig laut, damit ich
+höre, was unter euch vorgeht--Ich werde horchen--(Gehet ab.)
+
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Lisette. Damis.
+
+
+Lisette. Lassen Sie uns ein wenig sachte reden. Sie wissen wohl, man
+ist vor dem Horcher nicht sicher.
+
+Damis. Jawohl; fahr Sie also nur sachte fort.
+
+Lisette. Sie kennen doch wohl des Herrn Chrysanders Beichtvater?
+
+Damis. Beichtvater? soll ich denn alle solche Handwerksgelehrte
+kennen?
+
+Lisette. Wenigstens schien er Sie sehr wohl zu kennen. "Ein guter
+Prediger", fiel er der dicken Rechtsgelehrsamkeit ins Wort, "sollte
+Herr Damis gewiß auch werden. Eine schöne Statur; eine starke
+deutliche Stimme; ein gutes Gedächtnis; ein feiner Vortrag; eine
+anständige Dreistigkeit; ein reifer Verstand, der über seine Meinungen
+türkenmäßig zu halten weiß: alle diese Eigenschaften glaube ich, in
+einem ziemlich hohen Grade, bei ihm bemerkt zu haben. Nur um einen
+Punkt ist mir bange. Ich fürchte, ich fürchte, er ist auch ein wenig
+von der Freigeisterei angesteckt."--"Ei, was Freigeisterei?" schrie
+der schon halb trunkene Medikus. "Die Freigeister sind brave Leute!
+Wird er deswegen keinen Kranken kurieren können? Wenn es nach mir
+geht, so muß er ein Medikus werden. Griechisch kann er, und
+Griechisch ist die halbe Medizin. (Indem sie allmählich wieder lauter
+spricht.) Freilich das Herz, das dazu gehört, kann sich niemand geben.
+Doch das kömmt von sich selbst, wenn man erst eine Weile praktiziert
+hat."--"Nu", fiel ihm ein alter Kaufmann in die Rede, "so muß es mit
+den Herrn Medizinern wohl sein wie mit den Scharfrichtern. Wenn die
+zum ersten Male köpfen, so zittern und beben sie; je öfter sie aber
+den Versuch wiederholen, desto frischer geht es."--Und auf diesen
+Einfall ward eine ganze Viertelstunde gelacht; in einem fort, in einem
+fort; sogar das Trinken ward darüber vergessen.
+
+
+
+
+Neunter Auftritt
+
+Lisette. Damis. Anton.
+
+
+Anton. Herr, die Post wird heute vor neun Uhr nicht kommen. Ich habe
+gefragt; Sie können sieh darauf verlassen.
+
+Damis. Mußt du uns aber denn schon wieder stören, Idiote?
+
+Anton. Es soll mir recht lieb sein, wann ich Sie nur noch zur rechten
+Zeit gestört habe.
+
+Damis. Was willst du mit deiner rechten Zeit?
+
+Anton. Ich will mich gegen Lisetten schon deutlicher erklären. Darf
+ich ihr etwas ins Ohr sagen?
+
+Lisette. Was wirst du mir ins Ohr zu sagen haben?
+
+Anton. Nur ein Wort. (Sachte.) Du denkst, ich habe nicht gehorcht?
+Sagtest du nicht: du hättest nicht Herz genug dazu? doch wenn du nur
+erst das Ding eine Weile würdest praktizierst haben--O ich habe alles
+gehört--Kurz, wir sind geschiedne Leute! Du Unverschämte, Garstige--
+
+Lisette. Sage nur, was du willst?
+
+Damis. Gleich, geh mir wieder aus den Augen! Und komme mir nicht
+wieder vors Gesicht, bis ich dich rufen werde oder bis du mir Briefe
+von Berlin bringst!--Ich kann sie kaum erwarten. So macht es die
+übermäßige Freude! Zwar sollte ich Hoffnung sagen, weil jene nur auf
+das Gegenwärtige und diese auf das Zukünftige geht. Doch hier ist das
+Zukünftige schon so gewiß als das Gegenwärtige. Ich brauche die
+Sprache der Propheten, die ihrer Sachen doch unmöglich so gewiß sein
+konnten.--Die ganze Akademie müßte blind sein.--Nun, was stehst du
+noch da? Wirst du gehen?
+
+
+
+
+Zehnter Auftritt
+
+Lisette. Damis.
+
+
+Lisette. Da sehen Sie! so lobten Sie die Leute.
+
+Damis. Ah, wann die Leute nicht besser loben können, so möchten sie
+es nur gar bleiben lassen. Ich will mich nicht rühmen, aber doch so
+viel kann ich mir ohne Hochmut zutrauen: ich will meiner Braut die
+Wahl lassen, ob sie lieber einen Doktor der Gottesgelahrtheit oder der
+Rechte oder der Arzneikunst zu ihrem Manne haben will. In allen drei
+Fakultäten habe ich disputiert; in allen dreien habe ich--
+
+Lisette. Sie sprechen von einer Braut? heiraten Sie denn wirklich?
+
+Damis. Hat Sie denn auch schon davon gehört, Lisette?
+
+Lisette. Kömmt denn wohl ohn' unsereiner irgend in einem Hause eine
+Heirat zustande? Aber eingebildet hätte ich mir es nimmermehr, daß
+Sie sich für Julianen entschließen würden! für Julianen!
+
+Damis. Größtenteils tue ich es dem Vater zu Gefallen, der auf die
+außerordentlichste Weise deswegen in mich dringt. Ich weiß wohl, daß
+Juliane meiner nicht wert ist. Allein soll ich einer solchen
+Kleinigkeit wegen, als eine Heirat ist, den Vater vor den Kopf stoßen?
+Und dazu habe ich sonst einen Einfall, der mir ganz wohl lassen wird.
+
+Lisette. Freilich ist Juliane Ihrer nicht wert; und wenn nur alle
+Leute die gute Mamsell so kennten als ich--
+
+
+
+
+Eilfter Auftritt
+
+Anton. Damis. Lisette.
+
+
+Anton (vor sich). Ich kann die Leute unmöglich so alleine lassen.
+--Herr Valer fragt, ob Sie in Ihrer Stube sind? Sind Sie noch da,
+Herr Damis?
+
+Damis. Sage mir nur, Unwissender, hast du dir es denn heute recht
+vorgesetzt, mir beschwerlich zu fallen?
+
+Lisette. So lassen Sie ihn nur da, Herr Damis. Er bleibt doch nicht
+weg--
+
+Anton. Ja, jetzt soll ich dableiben; jetzt, da es schon vielleicht
+vorbei ist, was ich nicht hören und sehen sollte.
+
+Damis. Was soll denn vorbei sein?
+
+Anton. Das werden Sie wohl wissen.
+
+Lisette (sachte). Jetzt, Anton, hilf mir, Julianen bei deinem Herrn
+recht schwarz machen. Willst du?
+
+Anton. Ei ja doch! zum Danke vielleicht--
+
+Lisette. So schweig wenigstens.--Notwendig, Herr Damis, müssen Sie
+mit Julianen übel fahren. Ich bedaure Sie im voraus. Der ganze
+Erdboden trägt kein ärgeres Frauenzimmer--
+
+Anton. Glauben Sie es nicht, Herr Damis; Juliane ist ein recht gut
+Kind. Sie können mit keiner in der Welt besser fahren. Ich wünsche
+Ihnen im voraus Glück.
+
+Lisette. Wahrhaftig! du mußt gegen deinen Herrn sehr redlich gesinnt
+sein, daß du ihm eine so unerträgliche Plage an den Hals schwatzen
+willst.
+
+Anton. Noch weit redlicher mußt du gegen deine Mamsell sein, daß du
+ihr einen so guten Ehemann, als Herr Damis werden wird, mißgönnest.
+
+Lisette. Einen guten Ehemann? Nun wahrhaftig, ein guter Ehemann, das
+ist auch alles, was sie sich wünscht. Ein Mann, der alles gut sein
+läßt--
+
+Anton. Ho! ho! alles? Hören Sie, Herr Damis, für was Sie Lisette
+ansieht? Aus der Ursache möchtest du wohl selbst gern seine Frau
+sein? Alles? ei! unter das alles, gehört wohl auch--? du verstehst
+mich doch?
+
+Damis. Aber im Ernste, Lisette; glaubt Sie wirklich, daß Ihre Jungfer
+eine recht böse Frau werden wird? Hat sie in der Tat viel schlimme
+Eigenschaften?
+
+Lisette. Viel? Sie hat sie alle, die man haben kann; auch nicht die
+ausgenommen, die einander widersprechen.
+
+Damis. Will Sie mir nicht ein Verzeichnis davon geben?
+
+Lisette. Wo soll ich anfangen?--Sie ist albern--
+
+Damis. Kleinigkeit!
+
+Anton. Und ich sage: Lügen!
+
+Lisette. Sie ist zänkisch--
+
+Damis. Kleinigkeit!
+
+Anton. Und ich sage: Lügen!
+
+Lisette. Sie ist eitel--
+
+Damis. Kleinigkeit!
+
+Anton. Lügen! sag ich.
+
+Lisette. Sie ist keine Wirtin--
+
+Damis. Kleinigkeit!
+
+Anton. Lügen!
+
+Lisette. Sie wird Sie durch übertriebenen Staat, durch beständige
+Ergötzlichkeiten und Schmausereien, um alle das Ihrige bringen--
+
+Damis. Kleinigkeit!
+
+Anton. Lügen!
+
+Lisette. Sie wird Ihnen die Sorge um eine Herde Kinder auf den Hals
+laden--
+
+Damis. Kleinigkeit!
+
+Anton. Das tun die besten Weiber am ersten!
+
+Lisette. Aber um Kinder, die aus der rechten Quelle nicht geholt sind.
+
+Damis. Kleinigkeit!
+
+Anton. Und zwar Kleinigkeit nach der Mode!
+
+Lisette. Kleinigkeit? aber was denken Sie denn, Herr Damis?
+
+Damis. Ich denke, daß Juliane nicht arg genug sein kann. Ist sie
+albern? ich bin desto klüger; ist sie zänkisch? ich bin desto
+gelassener; ist sie eitel? ich bin desto philosophischer gesinnt;
+vertut sie? sie wird aufhören, wenn sie nichts mehr hat; ist sie
+fruchtbar? so mag sie sehen, was sie vermag, wann sie es mit mir um
+die Wette sein will. Ein jedes mache sich ewig, womit es kann; das
+Weib durch Kinder, der Mann durch Bücher.
+
+Anton. Aber merken Sie denn nicht, daß Lisette ihre Ursachen haben
+muß, Julianen so zu verleumden?
+
+Damis. Ach freilich merk ich es. Sie gönnt mich ihr und beschreibt
+sie mir also vollkommen nach meinem Geschmacke. Sie hat es ohne
+Zweifel geschlossen, daß ich ihre Mamsell nur eben deswegen, weil sie
+das unerträglichste Frauenzimmer ist, heiraten will.
+
+Lisette. Nur deswegen? nur deswegen? und das hätte ich geschlossen?
+Ich müßte Sie für irre im Kopfe gehalten haben. Überlegen Sie doch
+nur--
+
+Damis. Das geht zu weit, Lisette! Traut Sie mir keine Überlegung zu?
+Was ich gesagt habe, ist die Frucht einer nur allzu scharfen
+Überlegung. Ja, es ist beschlossen: ich will die Zahl der unglücklich
+scheinenden Gelehrten, die sich mit bösen Weibern vermählt haben,
+vermehren. Dieser Vorsatz ist nicht von heute.
+
+Anton. Nein, wahrhaftig!--Was aber der Teufel nicht tun kann! Wer
+hätte es sich jetzt sollen träumen lassen, jetzt da es Ernst werden
+soll? Ich muß lachen; Lisette wollte ihn von der Heirat abziehen und
+hat ihm nur mehr dazu beredt; und ich, ich wollte ihn dazu bereden und
+hätte ihn bald davon abgezogen.
+
+Damis. Einmal soll geheiratet sein. Auf eine recht gute Frau darf
+ich mir nicht Rechnung machen; also wähle ich mir eine recht schlimme.
+Eine Frau von der gemeinen Art, die weder kalt noch warm, weder recht
+gut noch recht schlimm ist, taugt für einen Gelehrten nichts, ganz und
+gar nichts! Wer wird sich nach seinem Tode um sie bekümmern?
+Gleichwohl verdient er es doch, daß sein ganzes Haus mit ihm
+unsterblich bleibe. Kann ich keine Frau haben, die einmal ihren Platz
+in einer Abhandlung de bonis Eruditorum uxoribus findet, so will ich
+wenigstens eine haben, mit welcher ein fleißiger Mann seine Sammlung
+de malis Eruditorum uxoribus vermehren kann. Ja, ja; ich bin es
+ohnehin meinem Vater, als der einzige Sohn, schuldig, auf die
+Erhaltung seines Namens mit der äußersten Sorgfalt bedacht zu sein.
+
+Lisette. Kaum kann ich mich von meinem Erstaunen erholen--Ich habe
+Sie, Herr Damis, für einen so großen Geist gehalten--
+
+Damis. Und das nicht mit Unrecht. Doch eben hierdurch glaube ich den
+stärksten Beweis davon zu geben.
+
+Lisette. Ich möchte platzen!--Ja, ja, den stärksten Beweis, daß
+niemand schwerer zu fangen ist als ein junger Gelehrter; nicht sowohl
+wegen seiner Einsicht und Verschlagenheit als wegen seiner Narrheit.
+
+Damis. Wie, so naseweis, Lisette? Ein junger Gelehrter?--ein junger
+Gelehrter?--
+
+Lisette. Ich will Ihnen die Verweise ersparen. Valer soll gleich von
+allem Nachricht bekommen. Ich bin Ihre Dienerin.
+
+
+
+
+Zwölfter Auftritt
+
+Anton. Damis.
+
+
+Anton. Da sehen Sie! Nun läuft sie fort, da Sie nach ihrer Pfeife
+nicht tanzen wollen.--
+
+Damis. Mulier non Homo! bald werde ich auch dieses Paradoxon für wahr
+halten. Wodurch zeigt man, daß man ein Mensch ist? Durch den
+Verstand. Wodurch zeigt man, daß man Verstand hat? Wann man die
+Gelehrten und die Gelehrsamkeit gehörig zu schätzen weiß. Dieses kann
+kein Weibsbild, und also hat es keinen Verstand, und also ist es kein
+Mensch. Ja, wahrhaftig ja; in diesem Paradoxo liegt mehr Wahrheit als
+in zwanzig Lehrbüchern.
+
+Anton. Wie ist mir denn? Ich habe Ihnen doch gesagt, daß Sie Herr
+Valer gesucht hat? Wollen Sie nicht gehen und ihn sprechen?
+
+Damis. Valer? ich will ihn erwarten. Die Zeiten sind vorbei, da ich
+ihn hochschätzte. Er hat seit einigen Jahren die Bücher beiseite
+gelegt; er hat sich das Vorurteil in den Kopf setzen lassen, daß man
+sich vollends durch den Umgang und durch die Kenntnis der Welt
+geschickt machen müsse, dem Staate nützliche Dienste zu leisten. Was
+kann ich mehr tun als ihn bedauern? Doch ja, endlich werde ich mich
+auch seiner schämen müssen. Ich werde mich schämen müssen, daß ich
+ihn ehemals meiner Freundschaft wert geschätzt habe. O wie ekel muß
+man in der Freundschaft sein! Doch was hat geholfen, daß ich es bis
+auf den höchsten Grad gewesen bin? Umsonst habe ich mich vor der
+Bekanntschaft aller mittelmäßigen Köpfe gehütet; umsonst habe ich mich
+bestrebt, nur mit Genies, nur mit originellen Geistern umzugehen:
+dennoch mußte mich Valer, unter der Larve eines solchen, hintergehen.
+O Valer! Valer!
+
+Anton. Laut genug, wenn er es hören soll.
+
+Damis. Ich hätte über sein kaltsinniges Kompliment bersten mögen!
+Von was unterhielt er mich? von nichtswürdigen Kleinigkeiten. Und
+gleichwohl kam er von Berlin, und gleichwohl hätte er mir die
+allerangenehmste Neuigkeit zuerst berichten können. O Valer! Valer!
+
+Anton. St! wahrhaftig er kömmt. Sehen Sie, daß er sich nicht dreimal
+rufen läßt?
+
+
+
+
+Dreizehnter Auftritt
+
+Damis. Valer. Anton.
+
+
+Valer. Verzeihen Sie, liebster Freund, daß ich Sie in Ihrer gelehrten
+Ruhe störe--
+
+Anton. Wenn er doch gleich sagte, Faulheit.
+
+Damis. Stören? Ich sollte glauben, daß Sie mich zu stören kämen?
+Nein, Valer, ich kenne Sie zu wohl; Sie kommen, mir die angenehmsten
+Neuigkeiten zu hinterbringen, die der Aufmerksamkeit eines Gelehrten,
+der seine Belohnung erwartet, würdig sind.--Einen Stuhl, Anton!
+--Setzen Sie sich.
+
+Valer. Sie irren sich, liebster Freund. Ich komme, Ihnen die
+Unbeständigkeit Ihres Vaters zu klagen; ich komme, eine Erklärung von
+Ihnen zu verlangen, von welcher mein ganzes Glück abhängen wird.--
+
+Damis. Oh! ich konnte es Ihnen gleich ansehen, daß Sie vorhin die
+Gegenwart meines Vaters abhielt, sich mit mir vertraulicher zu
+besprechen und mir Ihre Freude über die Ehre zu bezeigen, die mir der
+billige Ausspruch der Akademie--
+
+Valer. Nein, allzu gelehrter Freund; lassen Sie uns einen Augenblick
+von etwas minder Gleichgültigem reden.
+
+Damis. Von etwas minder Gleichgültigem? Also ist Ihnen meine Ehre
+gleichgültig? Falscher Freund!--
+
+Valer. Ihnen wird diese Benennung zukommen, wann Sie mich länger von
+dem, was für ein zärtliches Herz das wichtigste ist, abbringen werden.
+Ist es wahr, daß Sie Julianen heiraten wollen? daß Ihr Vater dieses
+allzu zärtliche Frauenzimmer durch Bande der Dankbarkeit binden will,
+in seiner Wahl minder frei zu handeln? Habe ich Ihnen jemals aus
+meiner Neigung gegen Julianen ein Geheimnis gemacht? Haben Sie mir
+nicht von jeher versprochen, meiner Liebe behilflich zu sein?
+
+Damis. Sie ereifern sich, Valer; und vergessen, daß ein Weibsbild die
+Ursache ist. Schlagen Sie sich diese Kleinigkeit aus dem Sinne--Sie
+müssen in Berlin gewesen sein, da die Akademie den Preis auf dieses
+Jahr ausgeteilet hat. Die Monaden sind die Aufgabe gewesen. Sollten
+Sie nicht etwa gehört haben, daß die Devise--
+
+Valer. Wie grausam sind Sie, Damis! So antworten Sie mir doch!
+
+Damis. Und Sie wollen mir nicht antworten? Besinnen Sie sich; sollte
+nicht die Devise Unum est necessarium sein gekrönt worden? Ich
+schmeichle mir wenigstens--
+
+Valer. Bald schmeichle ich mir nun mit nichts mehr, da ich Sie so
+ausschweifend sehe. Bald werde ich nun auch glauben müssen, daß die
+Nachricht, die ich für eine Spötterei von Lisetten gehalten habe,
+gegründet sei. Sie halten Julianen für Ihrer unwert, Sie halten sie
+für die Schande ihres Geschlechts, und eben deswegen wollen Sie sie
+heiraten? Was für ein ungeheurer Einfall!
+
+Damis. Ha! ha! ha!
+
+Valer. Ja, lachen Sie nur, Damis, lachen Sie nur! Ich bin ein Tor,
+daß ich einen Augenblick solchen Unsinn von Ihnen habe glauben können.
+Sie haben Lisetten zum besten gehabt oder Lisette mich. Nein, nur in
+ein zerrüttetes Gehirn kann ein solcher Entschluß kommen! Ihn zu
+verabscheuen braucht man nur vernünftig zu denken und lange nicht edel,
+wie Sie doch zu denken gewohnt sind. Aber lösen Sie mir, ich bitte
+Sie, dieses marternde Rätsel!
+
+Damis. Bald werden Sie mich, Valer, auf Ihr Geschwätze aufmerksam
+gemacht haben. So verlangen Sie doch in der Tat, daß ich meinen Ruhm
+Ihrer törichten Neigung nachsetzen soll? Meinen Ruhm!--Doch
+wahrhaftig, ich will vielmehr glauben, daß Sie scherzen. Sie wollen
+versuchen, ob ich in meinen Entschließungen auch wankelhaft bin.
+
+Valer. Ich scherzen? der Scherz sei verflucht, der mir hier in den
+Sinn kommt!--
+
+Damis. Desto lieber ist mir es, wann Sie endlich ernsthaft reden
+wollen. Was ich Ihnen sage: die Schrift mit der Devise Unum est
+necessarium--
+
+
+
+
+Vierzehnter Auftritt
+
+Chrysander. Damis. Valer. Anton.
+
+
+Chrysander (mit einem Zeitungsblatte in der Hand). Nun, nicht wahr,
+Herr Valer? mein Sohn ist nicht von der Heirat abzubringen? Sehen Sie,
+daß nicht sowohl ich als er auf diese Heirat dringt?
+
+Damis. Ich? ich auf die Heirat dringen?
+
+Chrysander. St! st! st!
+
+Damis. Ei was st, st? Meine Ehre leidet hierunter. Könnte man nicht
+auf die Gedanken kommen, wer weiß was mir an einer Frau gelegen sei?
+
+Chrysander. St! st! st!
+
+Valer. Oh! brauchen Sie doch keine Umstände. Ich sehe es ja wohl;
+Sie sind mir beide entgegen. Was für ein Unglück hat mich in dieses
+Haus führen müssen! Ich muß eine liebenswürdige Person antreffen; ich
+muß ihr gefallen und muß doch endlich, nach vieler Hoffnung, alle
+Hoffnung verlieren. Damis, wenn ich jemals einiges Recht auf Ihre
+Freundschaft gehabt habe--
+
+Damis. Aber, nicht wahr, Valer? einer Sache wegen muß man auf die
+Berlinische Akademie recht böse sein? Bedenken Sie doch, sie will
+künftig die Aufgaben zu dem Preise zwei Jahr vorher bekanntmachen.
+Warum denn zwei Jahr? war es nicht an einem genug? Hält sie denn die
+Deutschen für so langsame Köpfe? Seit ihrer Erneuerung habe ich jedes
+Jahr meine Abhandlung mit eingeschickt; aber, ohne mich zu rühmen,
+länger als acht Tage habe ich über keine zugebracht.
+
+Chrysander. Wißt ihr denn aber auch, ihr lieben Leute, was in den
+Niederlanden vorgegangen ist? Ich habe hier eben die neuste Zeitung.
+Sie haben sich die Köpfe wacker gewaschen. Doch die Alliierten, ich
+bin in der Tat recht böse auf sie. Haben sie nicht wieder einen
+wunderbaren Streich gemacht!--
+
+Anton. Nun, da reden alle drei etwas anders! Der spricht von der
+Liebe; der von seinen Abhandlungen; der vom Kriege. Wenn ich auch
+etwas Besonders reden soll, so werde ich vom Abendessen reden. Vom
+Mittage an bis auf den Abend um sechs Uhr zu fasten sind keine
+Narrenspossen.
+
+Valer. Unglückliche Liebe!
+
+Damis. Die unbesonnene Akademie!
+
+Chrysander. Die dummen Alliierten!
+
+Anton. Die vierte Stimme fehlt noch: die langsamen Bratenwender!
+
+
+
+
+Funfzehnter Auftritt
+
+Lisette. Damis. Valer. Chrysander. Anton.
+
+
+Lisette. Nun, Herr Chrysander? ich glaubte, Sie hätten die Herren zu
+Tische rufen wollen? Ich sehe aber, Sie wollen selbst gerufen sein.
+Es ist schon aufgetragen.
+
+Anton. Das war die höchste Zeit! dem Himmel sei Dank!
+
+Chrysander. Es ist wahr; es ist wahr; ich hätte es bald vergessen.
+Der Zeitungsmann hielt mich auf der Treppe auf. Kommen Sie, Herr
+Valer; wir wollen die jetzigen Staatsgeschäfte ein wenig miteinander
+bei einem Gläschen überlegen. Schlagen Sie sich Julianen aus dem
+Kopfe. Und du, mein Sohn, du magst mit deiner Braut schwatzen. Du
+wirst gewiß eine wackre Frau an ihr haben; nicht so eine Xanthippe
+wie--
+
+Damis. Xanthippe? wie verstehen Sie das? Sind Sie etwa auch noch in
+dem pöbelhaften Vorurteile, daß Xanthippe eine böse Frau gewesen sei?
+
+Chrysander. Willst du sie etwa für eine gute halten? Du wirst doch
+nicht die Xanthippe verteidigen? Pfui! das heißt einen Abc-Schnitzer
+machen. Ich glaube, ihr Gelehrten, je mehr ihr lernt, je mehr vergeßt
+ihr.
+
+Damis. Ich behaupte aber, daß man kein einzig tüchtiges Zeugnis für
+Ihre Meinung anführen kann. Das ist das erste, was die ganze Sache
+verdächtig macht; und zum andern--
+
+Lisette. Das ewige Geplaudre!
+
+Chrysander. Lisette hat recht! Mein Sohn, contra principia negantem,
+non est disputandum. Kommt! Kommt!
+
+(Chrysander, Damis und Anton gehen ab.)
+
+Valer. Nun ist alles für mich verloren, Lisette. Was soll ich
+anfangen?
+
+Lisette. Ich weiß keinen Rat; wann nicht der Brief--
+
+Valer. Dieser Betrug wäre zu arg, und Juliane will ihn nicht zugeben.
+
+Lisette. Ei, was Betrug? Wenn der Betrug nützlich ist, so ist er
+auch erlaubt. Ich sehe es wohl, ich werde es selbst tun müssen.
+Kommen Sie nur fort, und fassen Sie wieder Mut.
+
+
+
+
+Dritter Aufzug
+
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Lisette. Anton.
+
+
+Lisette. So warte doch, Anton.
+
+Anton. Ei, laß mich zufrieden. Ich mag mit dir nichts zu tun haben.
+
+Lisette. Wollen wir uns also nicht wieder versöhnen? Willst du nicht
+tun, was ich dich gebeten habe?
+
+Anton. Dir sollte ich etwas zu Gefallen tun?
+
+Lisette. Anton, lieber Anton, goldner Anton, tu es immer. Wie leicht
+kannst du nicht dem Alten den Brief geben und ihm sagen, der
+Postträger habe ihn gebracht?
+
+Anton. Geh! du Schlange! Wie sie nun schmeicheln kann!--Halte mich
+nicht auf. Ich soll meinem Herrn ein Buch bringen. Laß mich gehen.
+
+Lisette. Deinem Herrn ein Buch? Was will er denn mit dem Buche bei
+Tische?
+
+Anton. Die Zeit wird ihm lang; und will er nicht müßige Weile haben,
+so muß er sich doch wohl etwas zu tun machen.
+
+Lisette. Die Zeit wird ihm lang? bei Tische? Wenn es noch in der
+Kirche wäre. Reden sie denn nichts?
+
+Anton. Nicht ein Wort. Ich bin ein Schelm, wenn es auf einem
+Totenmahle so stille zugehen kann.
+
+Lisette. Wenigstens wird der Alte reden.
+
+Anton. Der redt, ohne zu reden. Er ißt und redt zugleich; und ich
+glaube, er gäbe wer weiß was darum, wenn er noch dazu trinken könnte,
+und das alles dreies auf einmal. Das Zeitungsblatt liegt neben dem
+Teller; das eine Auge sieht auf den und das andre auf jenes. Mit dem
+einen Backen kaut er, und mit dem andern redt er. Da kann es freilich
+nun nicht anders sein, die Worte müssen auf dem Gekauten sitzenbleiben,
+sodaß man ihn mit genauer Not noch murmeln hört.
+
+Lisette. Was machen aber die übrigen?
+
+Anton. Die übrigen? Valer und Juliane sind wie halb tot. Sie essen
+nicht und reden nicht; sie sehen einander an; sie seufzen; sie
+schlagen die Augen nieder; sie schielen bald nach dem Vater, bald nach
+dem Sohne; sie werden weiß; sie werden rot. Der Zorn und die
+Verzweiflung sieht beiden aus den Augen.--Aber juchhe! so recht!
+Siehst du, daß es nicht nach deinem Kopfe gehen muß? Mein Herr soll
+Julianen haben, und wenn--
+
+Lisette. Ja, dein Herr! Was macht aber der?
+
+Anton. Lauter dumme Streiche. Er kritzelt mit der Gabel auf dem
+Teller; hängt den Kopf; bewegt das Maul, als ob er mit sich selbst
+redte; wackelt mit dem Stuhle; stößt einmal ein Weinglas um; läßt es
+liegen; tut, als wenn er nichts merkte, bis ihm der Wein auf die
+Kleider laufen will; nun fährt er auf und spricht wohl gar, ich hätte
+es umgegossen.--Doch genug geplaudert; er wird auf mich fluchen, wo
+ich ihm das Buch nicht bald bringe. Ich muß es doch suchen. Auf dem
+Tische, zur rechten Hand, soll es liegen. Ja zur rechten Hand; welche
+rechte Hand meint er denn? Trete ich so, so ist das die rechte Hand;
+trete ich so, so ist sie das; trete ich so, so ist sie das; und das
+wird sie, wenn ich so trete. (Tritt an alle vier Seiten des Tisches.)
+Sage mir doch, Lisette, welches ist denn die rechte rechte Hand?
+
+Lisette. Das weiß ich so wenig als du. Schade auf das Buch; er mag
+es selbst holen. Aber Anton, wir vergessen das Wichtigste; den Brief--
+
+Anton. Kömmst du mir schon wieder mit deinem Briefe? Denkt doch;
+deinetwegen soll ich meinen Herrn betrügen?
+
+Lisette. Es soll aber dein Schade nicht sein.
+
+Anton. So? ist es mein Schade nicht, wann ich das, was mir Chrysander
+versprochen hat, muß sitzenlassen?
+
+Lisette. Dafür aber verspricht dich Valer schadlos zu halten.
+
+Anton. Wo verspricht er mir es denn?
+
+Lisette. Wunderliche Haut! ich verspreche es dir an seiner Statt.
+
+Anton. Und wenn du es auch an seiner Statt halten sollst, so werde
+ich viel bekommen. Nein, nein; ein Sperling in der Hand ist besser
+als eine Taube auf dem Dache.
+
+Lisette. Wann du die Taube gewiß fangen kannst, so wird sie doch
+besser sein als der Sperling?
+
+Anton. Gewiß fangen! als wenn sich alles fangen ließe! Nicht wahr,
+wann ich die Taube haschen will, so muß ich den Sperling aus der Hand
+fliegen lassen?
+
+Lisette. So laß ihn fliegen.
+
+Anton. Gut! und wann sich nun die Taube auch davonmacht? Nein, nein,
+Jungfer, so dumm ist Anton nicht.
+
+Lisette. Was du für kindische Umstände machst! Bedenke doch, wie
+glücklich du sein kannst.
+
+Anton. Wie denn? laß doch hören.
+
+Lisette. Valer hat versprochen, mich auszustatten. Was sind so einem
+Kapitalisten tausend Taler?
+
+Anton. Auf die machst du dir Rechnung?
+
+Lisette. Wenigstens. Dich würde er auch nicht leer ausgehen lassen,
+wann du mir behilflich wärest. Ich hätte alsdenn Geld; du hättest
+auch Geld: könnten wir nicht ein allerliebstes Paar werden?
+
+Anton. Wir? ein Paar? Wenn dich mein Herr nicht versteckt hätte.
+
+Lisette. Tust du nicht recht albern! Ich habe dir ja alles erzählt,
+was unter uns vorgegangen ist. Dein Herr, das Bücherwürmchen!
+
+Anton. Ja, auch das sind verdammte Tiere, die Bücherwürmer. Es ist
+schon wahr, ein Mädel wie du, mit tausend Talern, die ist wenigstens
+tausend Taler wert; aber nur das Kabinett--das Kabinett--
+
+Lisette. Höre doch einmal auf, Anton, und laß dich nicht so lange
+bitten.
+
+Anton. Warum willst du aber dem Alten den Brief nicht selbst geben?
+
+Lisette. Ich habe dir ja gesagt, was darin steht. Wie leicht könnte
+Chrysander nicht argwöhnen--
+
+Anton. Ja, ja, mein Äffchen, ich merk es schon; du willst die
+Kastanien aus der Asche haben und brauchst Katzenpfoten dazu.
+
+Lisette. Je nun, mein liebes Katerchen, tu es immer!
+
+Anton. Wie sie es einem ans Herze legen kann! Liebes Katerchen! Gib
+nur her, den Brief; gib nur!
+
+Lisette. Da, mein unvergleichlicher Anton--
+
+Anton. Aber es hat doch mit der Ausstattung seine Richtigkeit?--
+
+Lisette. Verlaß dich drauf--
+
+Anton. Und mit meiner Belohnung obendrein?--
+
+Lisette. Desgleichen.
+
+Anton. Nun wohl, der Brief ist übergeben!
+
+Lisette. Aber so bald als möglich--
+
+Anton. Wenn du willst, jetzt gleich. Komm!--Potz Stern! wer
+kömmt?--Zum Henker, es ist Damis.
+
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Damis. Anton. Lisette.
+
+
+Damis. Wo bleibt denn der Schlingel mit dem Buche?
+
+Anton. Ich wollte gleich, ich wollte--Lisette und--Kurz, ich kann es
+nicht finden, Herr Damis.
+
+Damis. Nicht finden? Ich habe dir ja gesagt, auf welcher Hand es
+liegt.
+
+Anton. Auf der rechten, haben Sie wohl gesagt; aber nicht auf welcher
+rechten? Und das wollte ich Sie gleich fragen kommen.
+
+Damis. Dummkopf, kannst du nicht so viel erraten, daß ich von der
+Seite rede, an welcher ich sitze?
+
+Anton. Es ist auch wahr, Lisette; und darüber haben wir uns den Kopf
+zerbrochen! Herr Damis ist doch immer klüger als wir! (Indem er ihm
+hinterwärts einen Mönch sticht.) Nun will ich es wohl finden. Weiß
+eingebunden, roten Schnitt, nicht? Gehen Sie nur, ich will es gleich
+bringen.
+
+Damis. Ja, nun ist es Zeit, da wir schon vom Tische aufgestanden sind.
+
+Anton. Schon aufgestanden? Zum Henker, ich bin noch nicht satt.
+Sind sie schon alle, alle aufgestanden?
+
+Damis. Mein Vater wird noch sitzen und die Zeitung auswendig lernen,
+damit er morgen in seinem Kränzchen den Staatsmann spielen kann. Geh
+geschwind, wenn du glaubst, von seinen politischen Brocken satt zu
+werden. Was will aber Lisette hier?
+
+Lisette. Bin ich jetzt nicht ebensowohl zu leiden als vorhin?
+
+Damis. Nein, wahrhaftig nein. Vorhin glaubte ich, Lisette hätte
+wenigstens so viel Verstand, daß ihr Plaudern auf eine Viertelstunde
+erträglich sein könnte; aber ich habe mich geirrt. Sie ist so dumm
+wie alle übrige im Hause.
+
+Lisette. Ich habe die Ehre, mich im Namen aller übrigen zu bedanken.
+
+Anton. Verzweifelt! das geht ja jetzt aus einem ganz andern Tone!
+Gott gebe, daß sie sich recht zanken! Aber zuhören mag ich
+nicht--Lisette, ich will immer gehen.
+
+Lisette (sachte). Den Brief vergiß nicht; geschwind!
+
+Damis. So! hast du Lisetten um Urlaub zu bitten? Ich befehle dir:
+bleib da. Ich wüßte nicht, wohin du zu gehen hättest.
+
+Anton. Auf die Post, Herr Damis; auf die Post!
+
+Damis. Doch, es ist wahr; nun so geh! geh!
+
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Damis. Lisette.
+
+
+Damis. Lisette kann sich nur auch gleich mit fortmachen. Will denn
+meine Stube heute gar nicht leer werden? Bald ist der da, bald jener;
+bald die, bald jene. Soll ich denn nicht einen Augenblick allein
+sein? (Setzt sich an seinen Tisch.) Die Musen verlangen Einsamkeit,
+und nichts verjagt sie eher als der Tumult. Ich habe so viele und
+wichtige Verrichtungen, daß ich nicht weiß, wo ich zuerst anfangen
+soll; und gleichwohl stört man mich. Mit der Heirat, mit einer so
+nichtswürdigen Sache, ist der größte Teil des Nachmittags
+daraufgegangen; soll mir denn auch der Abend durch das ewige Hin- und
+Wiederlaufen entrissen werden? Ich glaube, daß in keinem Hause der
+Müßiggang so herrschen kann als in diesem.
+
+Lisette. Und besonders auf dieser Stube.
+
+Damis. Auf dieser Stube? Ungelehrte! Unwissende!
+
+Lisette. Ist das geschimpft oder gelobt?
+
+Damis. Was für eine niederträchtige Seele! die Unwissenheit, die
+Ungelehrsamkeit für keinen Schimpf zu halten! für keinen Schimpf? So
+möchte ich doch die Begriffe wissen, die eine so unsinnige Schwätzerin
+von Ehre und Schande hat. Vielleicht, daß bei ihr die Gelehrsamkeit
+ein Schimpf ist?
+
+Lisette. Wahrhaftig, wann sie durchgängig von dem Schlage ist wie bei
+Ihnen--
+
+Damis. Nein, das ist sie nicht. Die wenigsten haben es so weit
+gebracht--
+
+Lisette. Daß man nicht unterscheiden kann, ob sie närrisch oder
+gelehrt sind?--
+
+Damis. Ich möchte aus der Haut fahren--
+
+Lisette. Tun Sie das, und fahren Sie in eine klügere.
+
+Damis. Wie lange soll ich noch den Beleidigungen der nichtswürdigsten
+Kreatur ausgesetzt sein?--Tausend würden sich glücklich preisen, wenn
+sie nur den zehnten Teil meiner Verdienste hätten. Ich bin erst
+zwanzig Jahr alt; und wie viele wollte ich finden, die dieses Alter
+beinahe dreimal auf sich haben und gleichwohl mit mir--Doch ich rede
+umsonst. Was kann es mir für Ehre bringen, eine Unsinnige von meiner
+Geschicklichkeit zu überführen? Ich verstehe sieben Sprachen
+vollkommen und bin erst zwanzig Jahr alt. In dem ganzen Umfange der
+Geschichte und in allen mit ihr verwandten Wissenschaften bin ich ohne
+gleichem--
+
+Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt!
+
+Damis. Wie stark ich in der Weltweisheit bin, bezeugt die höchste
+Würde, die ich schon vor drei Jahren darin erhalten habe. Noch
+unwidersprechlicher wird es die Welt jetzt aus meiner Abhandlung von
+den Monaden erkennen.--Ach, die verwünschte Post!--
+
+Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt!
+
+Damis. Von meiner mehr als demosthenischen Beredsamkeit kann meine
+satirische Lobrede auf den Nix der Nachwelt eine ewige Probe geben.
+
+Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt!
+
+Damis. Freilich! Auch in der Poesie darf ich meine Hand nach dem
+unvergänglichsten Lorbeer ausstrecken. Gegen mich kriecht Milton, und
+Haller ist gegen mich ein Schwätzer. Meine Freunde, welchen ich sonst
+zum öftern meine Versuche, wie ich sie zu nennen belieben vorgelesen
+habe, wollen jetzt gar nichts mehr davon hören und versichern mich
+allezeit auf das aufrichtigste, daß sie schon genugsam von meiner mehr
+als göttlichen Ader überzeugt wären.
+
+Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt!
+
+Damis. Kurz, ich bin ein Philolog, ein Geschichtskundiger, ein
+Weltweiser, ein Redner, ein Dichter--
+
+Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! Ein Weltweiser ohne
+Bart und ein Redner, der noch nicht mündig ist! schöne Raritäten!
+
+Damis. Fort! den Augenblick aus meiner Stube!
+
+Lisette. Den Augenblick? Ich möchte gar zu gern die schöne Ausrufung:
+und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! noch einmal anbringen. Haben Sie
+nichts mehr an sich zu rühmen? O noch etwas! Wollen Sie nicht? Nun
+so will ich es selbst tun. Hören Sie recht zu, Herr Damis: Sie sind
+noch nicht klug und sind schon zwanzig Jahr alt!
+
+Damis. Was? wie? (Steht zornig auf.)
+
+Lisette. Leben Sie wohl! Leben Sie wohl!
+
+Damis. Himmel! was muß man von den ungelehrten Bestien erdulden! Ist
+es möglich von einem unwissenden Weibsbilde--
+
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Chrysander. Anton. Damis.
+
+
+Chrysander. Das ist ein verfluchter Brief, Anton! Ei! ei! mein Sohn,
+mein Sohn, post coenam stabis, vel passus mille meabis. Du wirst doch
+nicht schon wieder sitzen?
+
+Damis. Ein andrer, der nichts zu tun hat, mag sich um dergleichen
+barbarische Gesundheitsregeln bekümmern. Wichtige Beschäftigungen--
+
+Chrysander. Was willst du von wichtigen Beschäftigungen reden?
+
+Damis. Ich nicht, Herr Vater? Die meisten von den Büchern, die Sie
+hier auf dem Tische sehen, warten teils auf meine Noten, teils auf
+meine Übersetzung, teils auf meine Widerlegung, teils auf meine
+Verteidigung, teils auch auf mein bloßes Urteil.
+
+Chrysander. Laß sie warten! Jetzt--
+
+Damis. Jetzt kann ich freilich nicht alles auf einmal verrichten.
+Wann ich nur erst mit dem Wichtigsten werde zustande sein. Sie
+glauben nicht, was mir hier eine gewisse Untersuchung für Nachschlagen
+und Kopfbrechen kostet. Noch eine einzige Kleinigkeit fehlt mir, so
+habe ich es bewiesen, daß sich Kleopatra die Schlangen an den Arm, und
+nicht an die Brust, gesetzt hat--
+
+Chrysander. Die Schlangen taugen nirgends viel. Mir wäre beinahe
+jetzt auch eine in Busen gekrochen; aber noch ist es Zeit. Höre
+einmal, mein Sohn; hier habe ich einen Brief bekommen, der mich--
+
+Damis. Wie? einen Brief? einen Brief? Ach, lieber Anton! einen
+Brief? Liebster Herr Vater, einen Brief? von Berlin? Lassen Sie mich
+nicht länger warten; wo ist er? Nicht wahr, nunmehr werden Sie
+aufhören an meiner Geschicklichkeit zu zweifeln? Wie glücklich bin
+ich! Anton, weißt du es auch schon, was darin steht?
+
+Chrysander. Was schwärmst du wieder? Der Brief ist nicht von Berlin;
+er ist von meinem Advokaten aus Dresden, und nach dem, was er schreibt,
+kann aus deiner Heirat mit Julianen nichts werden.
+
+Damis. Nichtswürdiger Kerl! so bist du noch nicht wieder auf der Post
+gewesen?
+
+Anton. Ich habe es Ihnen ja gesagt, daß vor neun Uhr für mich auf der
+Post nichts zu tun ist.
+
+Damis. Ah, verberabilissime, non fur, sed trifur! Himmel! daß ich
+vor Zorn sogar des Plautus Schimpfwörter brauchen muß. Wird dir denn
+ein vergebner Gang gleich den Hals kosten?
+
+Anton. Schimpften Sie mich? Weil ich es nicht verstanden habe, so
+mag es hingehen.
+
+Chrysander. Aber sage mir nur, Damis; nicht wahr, du hast doch einen
+kleinen Widerwillen gegen Julianen? Wenn das ist, so will ich dich
+nicht zwingen. Du mußt wissen, daß ich keiner von den Vätern bin--
+
+Damis. Ist die Heirat schon wieder auf dem Tapete? Wann Sie doch
+wegen meines Widerwillens unbesorgt sein wollten. Genug, ich heirate
+sie--
+
+Chrysander. Das heißt so viel, du wolltest dich meinetwegen zwingen?
+Das will ich durchaus nicht. Wenn du gleich mein Sohn bist, so bist
+du doch ein Mensch; und jeder Mensch wird frei geboren; er muß machen
+können, was er will; und--kurz--ich gebe dir dein Wort wieder zurück.
+
+Damis. Wieder zurück? und vor einigen Stunden konnte ich mich nicht
+hurtig genug entschließen? Wie soll ich das verstehen?
+
+Chrysander. Das sollst du so verstehen, daß ich es überlegt habe und
+daß, weil dir Juliane nicht gefällt, sie mir auch nicht ansteht; daß
+ich ihre wahren Umstände in diesem Briefe wieder gefunden habe und
+daß--Du siehst es ja, daß ich den Brief nur jetzt gleich bekommen habe.
+Ich weiß zwar wahrhaftig nicht, was ich davon denken soll? Die Hand
+meines Advokaten ist es nicht--
+
+(Damis setzt sich wieder an den Tisch.)
+
+Anton. Nicht? oh! die Leutchen müssen mehr als eine Hand zu schreiben
+wissen.
+
+Chrysander. Zu geschwind ist es beinahe auch. Kaum sind es acht Tage,
+daß ich ihm geschrieben habe. Sollte er das Ding in der kurzen Zeit
+schon haben untersuchen können? Von wem hast du denn den Brief
+bekommen, Anton?
+
+Anton. Von Lisetten.
+
+Chrysander. Und Lisette?
+
+Anton. Von dem Briefträger, ohne Zweifel.
+
+Chrysander. Aber warum bringt denn der Kerl die Briefe nicht mir
+selbst?
+
+Anton. Sie werden sich doch in den Händen, wodurch sie gehen, nicht
+verändern können?
+
+Chrysander. Man weiß nicht--Gleichwohl aber lassen sich die Gründe,
+die er anführt, hören. Ich muß also wohl den sichersten Weg nehmen
+und dir, mein Sohn--Aber, ich glaube gar, du hast dich wieder an den
+Tisch gesetzt und studierst?
+
+Damis. Mein Gott! ich habe zu tun, ich habe sogar viel zu tun.
+
+Chrysander. Drum mit einem Worte, damit ich dich nicht um die Zeit
+bringe: die Heirat mit Julianen war nichts als ein Gedanke, den du
+wieder vergessen kannst. Wann ich es recht überlege, so hat doch
+Valer das größte Recht auf sie.
+
+Damis. Sie betrügen sich, wenn Sie glauben, daß ich nunmehr davon
+abgehen werde.--Ich habe alles wohl überleget, und ich muß es Ihnen
+nur mit ganz trocknen Worten sagen, daß eine böse Frau mir helfen soll,
+meinen Ruhm unsterblich zu machen; oder vielmehr, daß ich eine böse
+Frau, an die man nicht denken würde, wann sie keinen Gelehrten gehabt
+hätte, mit mir zugleich unsterblich machen will. Der Charakter eines
+solchen Eheteufels wird auf den meinigen ein gewisses Licht werfen--
+
+Chrysander. Nun wohl, wohl; so nimm dir eine böse Frau; nur aber eine
+mit Gelde, weil an einer solchen die Bosheit noch erträglich ist. Von
+der Gattung war meine erste selige Frau. Um die zwanzigtausend Taler,
+die ich mit ihr bekam, hätte ich des bösen Feindes Schwester heiraten
+wollen--Du mußt mich nur recht verstehen: ich meine es nicht nach den
+Worten.--Wann sie aber böse sein soll, deine Frau, was willst du mit
+Julianen?--Höre, ich kenne eine alte Witwe, die schon vier Männer ins
+Grab gezankt hat; sie hat ihr feines Auskommen: ich dächte, das wäre
+deine Sache; nimm die! Ich habe dir das Maul einmal wäßrig gemacht,
+ich muß dir also doch etwas darein geben. Wann es einmal eine
+Xanthippe sein soll, so kannst du keine beßre finden.
+
+Damis. Mit Ihrer Xanthippe! ich habe es Ihnen ja schon mehr als
+einmal gesagt, daß Xanthippe keine böse Frau gewesen ist. Haben Sie
+meine Beweisgründe schon wieder vergessen?
+
+Chrysander. Ei was? mein Beweis ist das Abc-Buch. Wer so ein Buch
+hat schreiben können, das so allgemein geworden ist, der muß es gewiß
+besser verstanden haben als du. Und kurz, mir liegt daran, daß
+Xanthippe eine böse Frau gewesen ist. Ich könnte mich nicht
+zufriedengeben, wenn ich meine erste Frau so oft sollte gelobt haben.
+Schweig also mit deinen Narrenspossen; ich mag von dir nicht besser
+unterrichtet sein.
+
+Damis. So wird uns gedankt, wenn wir die Leute aus ihren Irrtümern
+helfen wollen.
+
+Chrysander. Seit wenn ist denn das Ei klüger als die Henne? he? Herr
+Doktor, vergeß Er nicht, daß ich Vater bin und daß es auf den Vater
+ankömmt, wenn der Sohn heiraten soll. Ich will an Julianen nicht mehr
+gedacht wissen--
+
+Damis. Und warum nicht?
+
+Chrysander. Soll ich meinem einzigen Sohne ein armes Mädchen
+aufhängen? Du bist nicht wert, daß ich für dich so besorgt bin. Du
+weißt ja, daß sie nichts im Vermögen hat.
+
+Damis. Hatte sie vorhin, da ich sie heiraten sollte, mehr als jetzt?
+
+Chrysander. Das verstehst du nicht. Ich wußte wohl, was ich vorhin
+tat: aber ich weiß auch, was ich jetzt tue.
+
+Damis. Gut, desto besser ist es, wann sie kein Geld hat. Man wird
+mir also nicht nachreden können, die böse Frau des Geldes wegen
+genommen zu haben; man wird es zugestehen müssen, daß ich keine andere
+Absicht gehabt als die, mich in den Tugenden zu üben, die bei
+Erduldung eines solchen Weibes nötig sind.
+
+Chrysander. Eines solchen Weibes! Wer hat dir denn gesagt, daß
+Juliane eine böse Frau werden wird?
+
+Damis. Wenn ich nicht, wie wir Gelehrten zu reden pflegen, a priori
+davon überführt wäre, so würde ich es schon daraus schließen können,
+weil Sie daran zweifeln.
+
+Chrysander. Fein naseweis, mein Sohn! fein naseweis! Ich habe
+Julianen auferzogen; sie hat viel Wohltaten bei mir genossen; ich habe
+ihr alles Gute beigebracht: wer von ihr Übels spricht, der spricht es
+zugleich von mir. Was? ich sollte nicht ein Frauenzimmer zu ziehen
+wissen? Ich sollte ein Mädchen, das unter meiner Aufsicht groß
+geworden ist, nicht so weit gebracht haben, daß es einmal eine
+rechtschaffne wackre Frau würde? Reich habe ich sie freilich nicht
+machen können; ich bin der Wohltat selbst noch benötigt. Aber daß ich
+sie nicht tugendhaft, nicht verständig gemacht hätte, das kann mir nur
+einer nachreden, der so dumm ist als du, mein Sohn. Nimm mir es nicht
+übel, daß ich mit der Sprache herausrücke. Du bist so ein
+eingemachter Narre, so ein Stockfisch--nimm mir's nicht übel, mein
+Sohn--so ein überstudierter Pickelhering--aber nimm mir's nicht übel--
+
+Damis (beiseite). Bald sollte ich glauben, daß sein erster Handel mit
+eingesalznen Fischen gewesen sei.--Schon gut, Herr Vater; von
+Julianens Tugend will ich nichts sagen; die Tugend ist oft eine Art
+von Dummheit. Aber was ihren Verstand anbelangt, von dem werden Sie
+mir erlauben, daß ich ihn noch immer in Zweifel ziehe. Ich bin nun
+schon eine ziemliche Zeit wieder hier; ich habe mir auch manchmal die
+Mühe genommen, ein paar Worte mit ihr zu sprechen: hat sie aber wohl
+jemals an meine Gelehrsamkeit gedacht? Ich mag nicht gelobt sein; so
+eitel bin ich nicht; nur muß man den Leuten ihr Recht widerfahren
+lassen--
+
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+Chrysander. Damis. Valer.
+
+
+Chrysander. Gut, gut, Herr Valer, Sie kommen gleich zur rechten
+Stunde.
+
+Damis. Was will der unerträgliche Mensch wieder?
+
+Valer. Ich komme, Abschied von Ihnen beiden zu nehmen--
+
+Chrysander. Abschied? so zeitig? warum denn?
+
+Valer. Ich glaube nicht, daß Sie im Ernste fragen.
+
+Chrysander. Gott weiß es, Herr Valer; in dem allerernstlichstem
+Ernste. Ich lasse Sie wahrhaftig nicht.
+
+Valer. Um mich noch empfindlicher zu martern? Sie wissen, wie lieb
+mir die Person allezeit gewesen ist, die Sie mir heute entreißen.
+Doch das Unglück wäre klein, wenn es mich nur allein träfe. Sie
+wollen noch dazu diese geliebte Person mit einem verbinden, der sie
+ebenso sehr haßt, als ich sie verehre? Meine ganze Seele ist voller
+Verzweiflung, und von nun an werde ich weder hier noch irgendswo in
+der Welt wieder ruhig werden. Ich gehe, um mich--
+
+Chrysander. Nicht gehen, Herr Valer, nicht gehen! Dem Übel ist
+vielleicht noch abzuhelfen.
+
+Valer. Abzuhelfen? Sie beschimpfen mich, wenn Sie glauben, daß ich
+jemals diesen Streich überwinden werde. Er würde für ein minder
+zärtliches Herz, als das meinige ist, tödlich sein.
+
+Damis. Was für ein Gewäsche! (Setzt sich an seinen Tisch.)
+
+Valer. Wie glücklich sind Sie, Damis! Lernen Sie wenigstens Ihr
+Glück erkennen; es ist der geringste Dank, den Sie dem Himmel schuldig
+sind. Juliane wird die Ihrige--
+
+Chrysander. Ei, wer sagt denn das? Sie soll noch zeitig genug die
+Ihrige werden, Herr Valer, nur Geduld!
+
+Valer. Halten Sie inne mit Ihren kalten Verspottungen--
+
+Chrysander. Verspottungen? Sie müssen mich schlecht kennen. Was ich
+sage, das sag ich. Ich habe die Sache nun besser überlegt; ich sehe,
+Juliane schickt sich für meinen Sohn nicht und er sich noch viel
+weniger für Julianen. Sie lieben sie; Sie haben längst bei mir um sie
+angehalten; wer am ersten kömmt, der muß am ersten mahlen. Ich habe
+eben mit meinem Sohne davon geredt--Sie kennen ihn ja--
+
+Valer. Himmel, was hör ich? Ist es möglich? welche glückliche
+Veränderung! Erlauben Sie, daß ich Sie tausendmal umfange. Soll ich
+also doch noch glücklich sein? O Chrysander! o Damis!
+
+Chrysander. Reden Sie mit ihm und setzen Sie ihm den Kopf ein wenig
+zurechte. Ich will zu Julianen gehen und ihr meinen veränderten
+Entschluß hinterbringen. Sie wird mir es doch nicht übelnehmen?
+
+Valer. Übel? Sie werden ihr das Leben wiedergeben, so wie Sie es
+mir wiedergegeben haben.
+
+Chrysander. Ei, kann ich das? (Geht ab.)
+
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Damis. Valer. Anton.
+
+
+Valer. Und in welchem Tone soll ich nun mit Ihnen reden, liebster
+Freund? Das erneuerte Versprechen Ihres Vaters berechtigte mich, Sie
+ganz und gar zu übergehen. Ich habe gewonnen, sobald Chrysander
+Julianen zu zwingen aufhört. Doch wie angenehm soll es mir sein, wann
+ich ihren Besitz zum Teil auch Ihnen werde verdanken können.
+
+Damis. Anton!
+
+Anton (kömmt). Was soll der? ist Ihnen die Post wieder eingefallen?
+
+Damis. Gleich geh! sie muß notwendig da sein.
+
+Anton. Aber ich sage Ihnen, daß sie bei so übeln Wetter vor zehn Uhr
+nicht kommen kann.
+
+Damis. Gibst du abermals eine Stunde zu? Kurz, geh! und kömmst du
+leer wieder, so sieh dich vor!
+
+Anton. Wenn ich diese Nacht nicht sanft schlafe, so glaube ich
+zeitlebens nicht mehr, daß die Müdigkeit etwas dazu helfen kann.
+(Gehet ab.)
+
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Damis. Valer.
+
+
+Valer. So? anstatt zu antworten, reden Sie mit dem Bedienten?
+
+Damis. Verzeihen Sie, Valer; Sie haben also mit mir gesprochen? Ich
+habe den Kopf so voll; es ist mir unmöglich, auf alles zu hören.
+
+Valer. Und Sie wollen sich auch bei mir verstellen? Ich weiß die
+Zeit noch sehr wohl, da ich in ebendem wunderbaren Wahne stand, es
+ließe gelehrt, so zerstreut als möglich und auf nichts als auf sein
+Buch aufmerksam zu tun. Doch glauben Sie nur, der muß sehr einfältig
+sein, den Sie mit diesen Gaukeleien hintergehen wollen.
+
+Damis. Und Sie müssen noch einfältiger sein, daß Sie glauben können,
+ein jeder Kopf sei so gedankenleer als der Ihrige. Und verdient denn
+Ihr Geschwätz, daß ich darauf höre? Sie haben ja gewonnen, sobald
+Chrysander Julianen zu zwingen aufhört; Sie sind ja berechtiget, mich
+zu übergehen--
+
+Valer. Das muß doch eine besondere Art der Zerstreuung sein, in
+welcher man des andern Reden gleichwohl so genau höret, daß man sie
+von Wort zu Wort wiederholen kann.
+
+Damis. Ihre Spötterei ist sehr trocken. (Sieht wieder auf sein Buch.)
+
+Valer. Doch aber zu empfinden?--Was für eine Marter ist es, mit einem
+Menschen von Ihrer Art zu tun zu haben? Es gibt deren wenige--
+
+Damis. Das sollte ich selbst glauben.
+
+Valer. Es würden sich aber mehrere finden, wenn selbst--
+
+Damis. Ganz recht; wenn die wahre Gelehrsamkeit nicht so schwer zu
+erlangen, die natürliche Fähigkeit dazu gemeiner und ein unermüdeter
+Fleiß nicht so etwas Beschwerliches wären--
+
+Valer. Ha! ha! ha!
+
+Damis. Das Lachen eines wahren Idioten!
+
+Valer. Sie reden von Ihrer Gelehrsamkeit, und ich, mit Vergebung,
+wollte von Ihrer Torheit reden. Hierin, meinte ich, würden Sie
+mehrere Ihresgleichen finden, wenn selbst diese Torheit ihren Sklaven
+nicht zur Last werden müßte.
+
+Damis. Verdienen Sie also, daß ich Ihnen antworte? (Sieht wieder in
+sein Buch.)
+
+Valer. Und verdienen Sie wohl, daß ich noch Freundes genug bin, mit
+Ihnen ohne Verstellung zu reden? Glauben Sie mir, Sie werden Ihre
+Torheiten bei mehreren Verstande bereuen--
+
+Damis. Bei mehreren Verstande? (Spöttisch.)
+
+Valer. Werden Sie darüber ungehalten? Das ist wunderbar! Ihr Körper
+kann, Ihren Jahren nach, noch nicht ausgewachsen haben, und Sie
+glauben, daß Ihre Seele gleichwohl schon zu ihrer möglichen
+Vollkommenheit gelanget sei? Ich würde den für meinen Feind halten,
+welcher mir den Vorzug, täglich zu mehrerm Verstande zu kommen,
+streitig machen wollte.
+
+Damis. Sie!
+
+Valer. Sie werden so spöttisch, mein Herr Nebenbuhler--Doch da ist
+sie selbst! (Läuft ihr entgegen.) Ah, Juliane--
+
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Juliane. Damis. Valer.
+
+
+Juliane. Ach, Valer, welche glückliche Veränderung!--
+
+Damis (indem er sich auf dem Stuhle umwendet). Die Ehre, Sie hier zu
+sehen, Mademoiselle, habe ich ohne Zweifel einem Irrtume zu danken?
+Sie glauben vielleicht, in Ihr Schlafzimmer zu kommen--
+
+Juliane. Dieser Irrtum wäre unvergeblich! Nein! mein Herr, es
+geschieht auf Befehl Ihres Herrn Vaters, daß ich diesen heiligen Ort
+betrete. Ich komme, Ihnen einen Kauf aufzusagen und mich bei Ihrer
+Muse zu entschuldigen, daß ich beinahe in die Gefahr gekommen wäre,
+ihr einen so liebenswürdigen Geist abspenstig zu machen.
+
+Valer. O wie entzückt bin ich, schönste Juliane, Sie auf einmal
+wieder in Ihrer Heiterkeit zu sehen.
+
+Damis. Wenn ich das Gewäsche eines Frauenzimmers recht verstehe, so
+kommen Sie, ein Paktum aufzuheben, welches doch alle Requisita hat,
+die zu einem unumstößlichen Pakto erfordert werden.
+
+Juliane. Und wann ich das Galimathias eines jungen Gelehrten
+verstehen darf, so haben Sie es getroffen.
+
+Damis. Mein Vater ist ein Idiote. Kömmt es denn nur auf ihn oder auf
+Sie, Mademoiselle, an, einen Vertrag, der an meinem Teil fest bestehet,
+ungültig zu machen?--Es wird sich alles zeigen; nur wollte ich bitten,
+mich jetzt ungestört zu lassen--(Wendet sich wieder an den Tisch.)
+
+Valer. Was für ein Bezeigen! hat man jemals einem Frauenzimmer, auf
+dessen Besitz man Anspruch macht, so begegnet?
+
+Damis. Und ist man jemals einem beschäftigten Gelehrten so überlästig
+gewesen? Diese verdrießliche Gesellschaft loszuwerden, muß ich nur
+selbst meine vier Wände verlassen. (Geht ab.)
+
+
+
+
+Neunter Auftritt
+
+Valer. Juliane.
+
+
+Juliane. Und wir lachen ihm nicht nach?
+
+Valer. Nein, Juliane; eine bessere Freude mag uns jetzt erfüllen; und
+beinahe gehört eine Art von Grausamkeit dazu, sich über einen so
+kläglichen Toren lustig zu machen. Wie soll ich Ihnen die Regungen
+meines Herzens beschreiben, jetzt, da man ihm alle seine
+Glückseligkeit wiedergegeben hat? Ich beschwöre Sie, Juliane, wann
+Sie mich lieben, so verlassen Sie noch heute mit mir dieses
+gefährliche Haus. Setzen Sie sich nicht länger der Ungestümigkeit
+eines veränderlichen Alten, der Raserei eines jungen Pedanten und der
+Schwäche Ihrer eignen allzu zärtlichen Denkungsart aus. Sie sind mir
+in einem Tage genommen und wiedergegeben worden; lassen Sie ihn den
+ersten und den letzten sein, der so grausam mit uns spielen darf!
+
+Juliane. Fassen Sie sich, Valer. Wir wollen lieber nichts tun, was
+uns einige Vorwürfe von Chrysandern zuziehen könnte. Sie sehen, er
+ist auf dem besten Wege, und ich liebe ihn ebensosehr, als ich den
+Damis verachte. Durch das Mißtrauen, wodurch ich mich auf einmal
+seiner Vorsorge entzöge, würde ich ihm für seine Wohltaten schlecht
+danken--
+
+Valer. Noch immer reden Sie von Wohltaten? Ich werde nicht eher
+ruhig, als bis ich Sie von diesen gefährlichen Banden befreiet habe.
+Erlauben Sie mir, daß ich sie sogleich gänzlich vernichte und dem
+alten Eigennützigen--
+
+Juliane. Nennen Sie ihn anders, Valer; er ist das nicht; und schon
+seine Veränderung zeigt es, daß Lisette falsch gehört oder uns
+hintergangen hat. Zwar weiß ich nicht, wem ich diese Veränderung
+zuschreiben soll--(Nachsinnend.)
+
+Valer. Warum auf einmal so in Gedanken? Die Ursache, die ihn bewogen
+hat, mag sein, welche es will; ich weiß doch gewiß, daß es eine Fügung
+des Himmels ist.
+
+Juliane. Des Himmels oder Lisettens. Auf einmal fällt mir ein, was
+Sie mir von einem Briefe gesagt haben. Sollte wohl Lisettens allzu
+große Dienstfertigkeit--
+
+Valer. Welche Einbildung, liebste Juliane! Sie weiß es ja, daß Ihre
+Tugend in diesen kleinen Betrug nicht willigen wollen.
+
+Juliane. Gleichwohl, je mehr ich nachdenke--
+
+Valer. Wenn es nun auch wäre, wollten Sie denn deswegen--
+
+Juliane. Wann es nun auch wäre? wie?
+
+
+
+
+Zehnter Auftritt
+
+Lisette. Valer. Juliane.
+
+
+Juliane. Du kömmst als gerufen, Lisette.
+
+Lisette. Nun, gehen meine Sachen nicht vortrefflich? Wollen Sie es
+nicht unten mit anhören, wie sich Damis und Chrysander zanken? "Du
+sollst sie nicht bekommen; ich muß sie bekommen: ich bin Vater; Sie
+haben mir sie versprochen: ich habe mich anders besonnen; ich aber
+nicht: so muß es noch geschehen; das ist unmöglich: unmöglich oder
+nicht; kurz, ich geh nicht ab, ich will es Ihnen aus Büchern beweisen,
+daß Sie mir Wort halten müssen: du kannst mit deinen Büchern an den
+Galgen gehen."--Was wiederhole ich viel ihre närrische Reden? Der
+Vater hat recht; er handelt klug: er würde aber gewiß nicht so klug
+handeln, wenn ich nicht vorher so klug gewesen wäre.
+
+Juliane. Wie verstehst du das, Lisette?
+
+Lisette. Ich lobe mich nicht gerne selbst. Kurz, meine liebe Mamsell,
+Ihr Schutzengel, der bin ich!
+
+Juliane. Der bist du? und wie denn?
+
+Lisette. Dadurch, daß ich einen Betrüger mit seiner Münze bezahlt
+habe. Der alte häßliche--
+
+Juliane. Und also hast du Chrysandern betrogen?
+
+Lisette. Ei, sagen Sie doch das nicht; einen Betrüger betrügt man
+nicht, sondern den hintergeht man nur. Hintergangen hab ich ihn.
+
+Valer. Und wie?
+
+Lisette. Schlecht genug, daß Sie es schon wieder vergessen haben.
+Ich sollte meinen, erkenntlich zu sein, brauche man ein besser
+Gedächtnis.
+
+Juliane. Du hast ihm also wohl gar den falschen Brief untergeschoben?
+
+Lisette. Behüte Gott! ich habe ihn bloß durch einen erdichteten Brief
+auf andere Gedanken zu bringen gesucht; und das ist mir gelungen.
+
+Juliane. Das hast du getan? Und ich sollte mein Glück einer
+Betrügerin zu danken haben? Es mag mir gehen, wie es will; Chrysander
+soll es den Augenblick erfahren--
+
+Lisette. Was soll denn das heißen? Ist das mein Dank?
+
+Valer. Besinnen Sie sich, Juliane; verziehen Sie!
+
+Juliane. Unmöglich, Valer; lassen Sie mich. (Juliane geht ab.)
+
+
+
+
+Eilfter Auftritt
+
+Valer. Lisette.
+
+
+Valer. Himmel, nun ist alles wieder aus!
+
+Lisette. So mag sie es haben! Gift und Galle möchte ich speien, so
+toll bin ich! Für meinen guten Willen mich eine Betrügerin zu heißen?
+Ich hoffte, sie würde mir vor Freuden um den Hals fallen.--Wie wird
+der Alte auf mich losziehen! Er jagt mich und Sie zum Hause heraus.
+Was wollen Sie nun anfangen?
+
+Valer. Ja, was soll ich nun anfangen, Lisette?
+
+Lisette. Ich glaube, Sie antworten mir mit meiner eignen Frage? Das
+ist bequem. Mein guter Rat hat ein Ende. Ich will mich bald wieder
+in so etwas mengen!
+
+Valer. Zu was für einer ungelegnen Zeit kamst du aber auch, Lisette?
+Ich hatte dir es gesagt, daß Juliane in diesen Streich nicht willigen
+wollte. Hättest du nicht noch einige Zeit schweigen können?
+
+Lisette. Konnte ich denn vermuten, daß sie so übertrieben eigensinnig
+sein würde? Sie können sich leicht einbilden, wie es mit unsereiner
+ist: ich hätte nicht wieviel nehmen und es gegen sie länger verbergen
+wollen, wem sie ihr Glück zu danken habe. Die Freude ist schwatzhaft,
+und--Ach, ich möchte gleich--
+
+
+
+
+Zwölfter Auftritt
+
+Anton. Valer. Lisette.
+
+
+Anton (mit Briefen in der Hand). Ha! ha! haltet ihr wieder Konferenz!
+Wenn es mein Herr wüßte, daß in seiner eignen Stube die schlimmsten
+Anschläge wider ihn geschmiedet werden, er würde dich, Lisette--Aber,
+wie steht ihr denn da beisammen? Herr Valer scheint betrübt: du bist
+erhitzt, erhitzt wie ein Zinshahn. Habt ihr euch geschlagen, oder
+habt ihr euch sonst eine Motion gemacht? Ei, ei, Lisette!
+höre--(sachte zu Lisetten) du hast dich doch der Ausstattung wegen mit
+ihm nicht überworfen? Hat er sein Wort etwa zurückgezogen? Das wäre
+ein verfluchter Streich. (Laut.) Nein, nein, Herr Valer, was man
+verspricht, das muß man halten. Sie hat Ihnen redlich gedienet und
+ich auch. Zum Henker! glauben Sie denn, daß es einmal einer ehrlichen
+Seele keine Gewissensbisse verursachen muß, wenn sie ihre Herrschaft
+für null und nichts betrogen hat? Ich lasse mich nicht vexieren; und
+meine Forderung wenigstens--Hol' mich dieser und jener! ich nehm einen
+Advokaten an, einen rechten Bullenbeißer von einem Advokaten, der
+Ihnen gewiß so viel soll zu schaffen machen--
+
+Lisette. Ach Narre, schweig!
+
+Valer. Was will er denn? Mit wem sprichst du denn?
+
+Anton. Potz Stern! mit unserm Schuldmanne sprech ich. Das können Sie
+ja wohl am Tone hören.
+
+Valer. Wer ist denn dein Schuldmann?
+
+Anton. Kommt es nun da heraus, daß Sie die Schuld leugnen wollen?
+Hören Sie: mein Advokat bringt Sie zum Schwur--
+
+Valer. Lisette, weißt denn du, was er will?
+
+Lisette. Der Schwärmer! ich brauchte ihn vorhin zu Überbringung des
+Briefes und versprach ihm, wenn die Sache gut ausfallen sollte, eine
+Belohnung von Ihnen.
+
+Valer. Weiter ist es nichts?
+
+Anton. Ich dächte doch, das wäre genug. Und wie hält es denn mit
+Lisettens Ausstattung? Ich muß mich um ihr Vermögen so gut als um das
+meinige bekümmern, weil es doch meine werden soll.
+
+Valer. Seid unbesorgt; wenn ich mein Glück mache, so will ich das
+eurige gewiß nicht vergessen.
+
+Anton. Gesetzt aber, Sie machten es nicht? Und was versprochen ist,
+ist doch versprochen.
+
+Valer. Auch alsdenn will ich euern Eifer nicht unbelohnt lassen.
+
+Anton. Ach, das sind Komplimente, Komplimente!
+
+Lisette. So hör einmal auf!
+
+Anton. Bist du nicht eine Närrin; ich rede ja für dich mit.
+
+Lisette. Es ist aber ganz unnötig.
+
+Anton. Unnötig? habt ihr euch denn nicht gezankt?
+
+Lisette. Warum nicht gar?
+
+Anton. Hat er sein Versprechen nicht zurückgezogen?
+
+Lisette. Nein doch.
+
+Anton. O so verzeihen Sie mir, Herr Valer. Die Galle kann einem
+ehrlichen Manne leicht überlaufen. Ich bin ein wenig hitzig, zumal in
+Geldsachen. Fürchten Sie sich für den Advokaten nur nicht--
+
+Valer. Und ich kann in einer so marternden Ungewißheit hier noch
+verziehen? Ich muß sie sprechen; vielleicht hat sie es noch nicht
+getan--
+
+Lisette. Hat sie es aber getan, so kommen Sie dem Alten ja nicht zu
+nahe!
+
+Valer. Ich habe von dem ganzen Handel nichts gewußt.
+
+Lisette. Desto schlimmer alsdenn für mich. Gehen Sie nur.
+
+
+
+
+Dreizehnter Auftritt
+
+Anton. Lisette.
+
+
+Anton. Desto schlimmer für dich? Was ist denn desto schlimmer für
+dich? Warum soll er denn dem Alten nicht zu nahe kommen? Was habt
+ihr denn wieder!
+
+Lisette. Je, der verfluchte Brief!
+
+Anton. Was für ein Brief?
+
+Lisette. Den ich dir vorhin gab.
+
+Anton. Was ist denn mit dem?
+
+Lisette. Es ist alles umsonst; meine Mühe ist vergebens.
+
+Anton. Wie denn so? So wahr ich lebe, ich habe ihn richtig bestellt.
+Mache keine Possen und schiebe die Schuld etwa auf mich!
+
+Lisette. Richtig übergeben ist er wohl; er tat auch schon seine
+Wirkung. Aber Juliane hat uns selbst einen Strich durch die Rechnung
+gemacht. Sie will es durchaus entdecken, daß es ein falscher Brief
+gewesen sei, und hat es vielleicht auch schon getan.
+
+Anton. Was zum Henker, sie selbst? Da werden wir ankommen! Siehst
+du; nun ist der Sperling und die Taube weg. Und was das schlimmste ist:
+da ich die Taube habe fangen wollen, so bin ich darüber mit der Nase
+ins Weiche gefallen. Oder deutlicher und ohne Gleichnis mit dir zu
+reden: die versprochene Belohnung bei dem Alten hab ich verloren, die
+eingebildete bei Valeren entgeht mir auch, und aller Profit, den ich
+dabei machen werde, ist, nebst einem gnädigen Rippenstoße, ein Pack
+dich zum Teufel!--Will Sie mich alsdenn noch, Jungfer Lisette?--Oh,
+Sie muß mich. Ich will Sie die Leute lehren unglücklich machen--
+
+Lisette. Es wird mir gewiß besser gehen? Wir wandern miteinander,
+und wenn wir nur einmal ein Paar sind, so magst du sehen, wie du mich
+ernährest.
+
+Anton. Ich dich ernähren? bei der teuren Zeit? Wenn ich noch könnte
+mit dir herumziehen, wie der mit dem großen Tiere, das ein Horn auf
+der Nase hat.
+
+Lisette. Sorge nicht, in ein Tier mit einem Horne will ich dich bald
+verwandeln. Es wird alsdenn doch wohl einerlei sein, ob du mit mir
+oder ich mit dir herumziehe.
+
+Anton. Nu wahrhaftig, mit dir weiß man doch noch, woran man ist.
+--Aber, damit wir nicht eins ins andre reden, wo ist denn nun mein
+Herr? Da sind endlich seine verdammten Briefe!
+
+Lisette. Siehst du ihn?
+
+Anton. Nein; aber wo mir recht ist, jetzt hör ich ihn.
+
+Lisette. Laß ihn nur kommen; toll will ich ihn noch machen, zu guter
+Letzt.
+
+
+
+
+Vierzehnter Auftritt
+
+
+Anton. Lisette. Damis (kömmt ganz tiefsinnig; Lisette schleicht
+hinter ihm her und macht seine Grimassen nach).
+
+Anton. Halt! ich will ihn noch ein wenig zappeln lassen und ihm die
+Briefe nicht gleich geben. (Steckt sie ein.) Wie so tiefsinnig, Herr
+Damis? was steckt Ihnen wieder im Kopfe?
+
+Damis. Halt dein Maul!
+
+Anton. Kurz geantwortet! Aber soll sich denn ein Bedienter nicht um
+seinen Herrn bekümmern? Es wäre doch ganz billig, wann ich auch wüßte,
+worauf Sie dächten. Eine blinde Henne findet auch manchmal ein
+Körnchen, und vielleicht könnte ich Ihnen--
+
+Damis. Schweig!
+
+Anton. Die Antwort war noch kürzer. Wenn sie stufenweise so abnimmt,
+so will ich einmal sehen, was übrigbleiben wird.--Was zählen Sie denn
+an den Fingern? Was hat Ihnen denn der arme Nagel getan, daß Sie ihn
+so zerreißen? (Er wird Lisetten gewahr.)--Und, zum Henker, was ist
+denn das für ein Affe? Kömmst du von Sinnen?
+
+Lisette. Halt dein Maul!
+
+Anton. Um des Himmels willen geh! Wann mein Herr aus seinem Schlafe
+erwacht und dich sieht--
+
+Lisette. Schweig!
+
+Anton. Willst du mich oder meinen Herrn zum besten haben? So sehen
+Sie doch einmal hinter sich, Herr Damis!
+
+Damis (geht einigemal tiefsinnig auf und nieder; Lisette in gleichen
+Stellungen hinter ihm her; und wann er sich umwendet, schleicht sie
+sich hurtig herum, daß er sie nicht gewahr wird). Meiner
+Hochzeitfackel Brand Sei von mir jetzt selbst gesungen!
+
+
+Anton. Ho! ho! Sie machen Verse? Komm, Lisette, nun müssen wir ihn
+allein lassen. Bei solcher Gelegenheit hat er mich selbst schon, mehr
+als einmal, aus der Stube gestoßen. Komm nur; er ruft uns gewiß
+selbst wieder, sobald er fertig ist, und vielleicht das ganze Haus
+dazu.
+
+Lisette (indem sich Damis umwendet, bleibt sie starr vor ihm stehen
+und nimmt seinen Ton an). Meiner Hochzeitfackel Brand Sei von mir
+jetzt selbst gesungen!
+
+
+(Damis tut, als ob er sie nicht gewahr würde, und stößt auf sie.)
+
+Damis. Was ist das?
+
+Lisette. Was ist das?
+
+(Beide, als ob sie zu sich selbst kämen.)
+
+Damis. Unwissender, niederträchtiger Kerl! habe ich dir nicht oft
+genug gesagt, keine Seele in meine Stube zu lassen als aufs höchste
+meinen Vater? Was will denn die hier?
+
+Lisette. Unwissender, niederträchtiger Kerl! hast du mir es nicht oft
+genug gesagt, daß ich mich aus der Stube fortmachen soll? Kannst du
+dir denn aber nicht einbilden, daß die, welche im Kabinette hat sein
+dürfen, auch Erlaubnis haben werde, in der Stube zu sein? Unwissender,
+niederträchtiger Kerl!
+
+Anton. Wem soll ich nun antworten?
+
+Damis. Gleich stoße sie zur Stube hinaus!
+
+Anton. Stoßen? mit Gewalt?
+
+Damis. Wenn sie nicht in gutem gehen will--
+
+Anton. Lisette, geh immer in gutem--
+
+Lisette. Sobald es mir gelegen sein wird.
+
+Damis. Stoß sie heraus, sag ich!
+
+Anton. Komm, Lisette, gib mir die Hand; ich will dich ganz ehrbar
+herausführen.
+
+Lisette. Grobian, wer wird denn ein Frauenzimmer mit der bloßen Hand
+führen wollen?
+
+Anton. O ich weiß auch zu leben!--In Ermanglung eines Handschuhs
+also--(er nimmt den Zipfel von der Weste)--werde ich die Ehre haben--
+
+Damis. Ich seh wohl, ich soll mich selbst über sie machen--(Geht auf
+sie los.)
+
+Lisette. Ha! ha! ha! so weit wollte ich Sie nur gern bringen. Adieu!
+
+
+
+
+Funfzehnter Auftritt
+
+Anton. Damis.
+
+
+Damis. Nun sind alle Gedanken wieder fort! Das Feuer ist verraucht;
+die Einbildungskraft ist zerstreut. Der Gott, der uns begeistern muß,
+hat mich verlassen--Verdammte Kreatur! was für Verdruß hat sie mir
+heute nicht schon gemacht! wie spöttisch ist sie mit mir umgegangen!
+Himmel! in meiner Tiefsinnigkeit mir alles so lächerlich nachzuäffen.
+
+Anton. Sie sahen es ja aber nicht.
+
+Damis. Ich sah es nicht?
+
+Anton. Ja? ist's möglich? und Sie stellten sich nur so?
+
+Damis. Schweig, Idiote!--Ich will sehen, ob ich mich wieder in die
+Entzückung setzen kann--
+
+Anton. Tun Sie das lieber nicht; die Verse können unmöglich geraten,
+wobei man so finster aussieht.--Darf man aber nicht wissen, was es
+werden wird? ein Abendlied oder ein Morgenlied?
+
+Damis. Dummkopf!
+
+Anton. Ein Bußlied?
+
+Damis. Einfaltspinsel!
+
+Anton. Ein Tischlied? auch nicht?--Ein Sterbelied werden Sie doch
+nicht machen? So wahr ich ehrlich bin, wenn ich auch noch so ein
+großer Poet wäre, das bliebe von mir ungemacht. Sterben ist der
+abgeschmackteste Streich, den man sich selbst spielt. Er verdient
+nicht einen Vers, geschweige ein Lied.
+
+Damis. Ich muß Mitleiden mit deiner Unwissenheit haben. Du kennst
+keine andre Arten von Gedichten, als die du im Gesangbuche gefunden
+hast.
+
+Anton. Es wird gewiß noch andre geben? So lassen Sie doch hören, was
+Sie machen.
+
+Damis. Ich mache--ein Epithalamium--
+
+Anton. Ein Epithalamium? Potz Stern, das ist ein schwer Ding! Damit
+können Sie wirklich zurechte kommen? Da gehört Kunst dazu--Aber, Herr
+Damis, im Vertrauen, was ist denn das ein Epith--pitha--thlamium?
+
+Damis. Wie kannst du es denn schwer nennen, wenn du noch nicht weißt,
+was es ist?
+
+Anton. Ei nun, das Wort ist ja schon schwer genug. Sagen Sie mir nur
+ein wenig mit einem andern Namen, was es ist.
+
+Damis. Ein Epithalamium ist ein Thalassio.
+
+Anton. So, so! nun versteh ich's; ein Epithalamium ist ein--wie hieß
+es?--
+
+Damis. Thalassio.
+
+Anton. Ein Thalassio; und das können Sie machen? Wenigstens werden
+Sie viel Zeit dazu brauchen--Aber, hören Sie doch, wenn mich nun
+jemand fragt, was ein Thalassio ist, was muß ich ihm wohl antworten?
+
+Damis. Auch das weißt du nicht, was ein Thalassio ist?
+
+Anton. Ich für mein Teil weiß es wohl. Ein Thalassio ist ein--wie
+hieß das vorige Wort?
+
+Damis. Epithalamium.
+
+Anton. Ist ein Epithalamium. Und ein Epithalamium ist ein Thalassio.
+Nicht wahr, ich habe es gut behalten? Aber das möchte nur andern
+Leuten nicht deutlich sein, welche beide Worte nicht verstehen.
+
+Damis. Je nun, so sage ihnen, Thalassio sei ein Hymenaeus.
+
+Anton. Zum Henker! das heißt Leute vexieren. Ein Epithalamium ist
+ein Thalassio, und ein Thalassio ist ein Hymenaeus. Und so umgekehrt,
+ein Hym--Hym--Die Namen mag sonst einer merken!
+
+Damis. Recht! recht! ich sehe doch, daß du anfängst einen Begriff von
+Sachen zu bekommen.
+
+Anton. Ich einen Begriff hiervon? so wahr ich ehrlich bin! Sie irren
+sich. Der Kobold müßte mir's eingeblasen haben, wenn ich wüßte, was
+die kauderwelschen Worte heißen sollen. Sagen Sie mir doch ihren
+deutschen Namen; oder haben sie keinen?
+
+Damis. Sie haben zwar einen, allein er ist lange nicht von der
+Annehmlichkeit und dem Nachdrucke der griechischen oder lateinischen.
+Sage einmal selbst, ob ein Hochzeitgedichte nicht viel kahler klingt
+als ein Epithalamium, ein Hymenaeus, ein Thalassio.
+
+Anton. Mir nicht; wahrhaftig mir nicht! denn jenes versteh ich und
+dieses nicht. Ein Hochzeitgedichte haben Sie also machen wollen?
+Warum sagten Sie das nicht gleich?--Oh! in Hochzeitgedichten habe ich.
+eine Belesenheit, die erstaunend ist. Ich muß Ihnen nur sagen, wie
+ich dazu gekommen bin. Mein weiland seliger Vater hatte einen
+Vetter--und gewissermaßen war es also auch mein Vetter--
+
+Damis. Was wird das für ein Gewäsche werden?
+
+Anton. Sie wollen es nicht abwarten? Gut! Der Schade ist Ihre.
+--Weiter also: Verse auf eine Hochzeit wollten Sie machen? aber auf
+was denn für eine?
+
+Damis. Welche Frage! auf meine eigne.
+
+Anton. Sie heiraten also Julianen noch? Der Alte will es ja nicht?--
+
+Damis. Ah der!
+
+Anton. Es ist schon wahr; was hat sich ein Sohn um den Vater zu
+bekümmern? Aber sagen Sie mir doch: schickt es sich denn, daß man auf
+seine eigne Hochzeit Verse macht?
+
+Damis. Gewöhnlich ist es freilich nicht; aber desto besser! Geister
+wie ich lieben das Besondre.
+
+Anton (beiseite). St! jetzt will ich ihm einen Streich spielen!
+--(Laut.) Hören Sie nur, Herr Damis, ich werde es selbst gern sehen,
+wenn Sie Julianen heiraten.
+
+Damis. Wieso?
+
+Anton. Ich weiß nicht, ob ich mich unterstehen darf, es Ihnen zu
+sagen. Ich habe--ich habe selbst--
+
+Damis. Nur heraus mit der Sprache!
+
+Anton. Ich habe selbst versucht, Verse auf Ihre Hochzeit zu machen,
+und deswegen wollte ich nun nicht gern, daß meine Mühe verloren wäre.
+
+Damis. Das wird etwas Schönes sein!
+
+Anton. Freilich! denn das ist mein Fehler; ich mache entweder etwas
+Rechtes oder gar nichts.
+
+Damis. Gib doch her! vielleicht kann ich deine Reime verbessern, daß
+sie alsdenn mir und dir Ehre machen.
+
+Anton. Hören Sie nur, ich will sie Ihnen vorlesen. (Er sucht einen
+Zettel aus der Tasche.) Ganz bin ich noch nicht fertig, muß ich Ihnen
+sagen. Der Anfang aber, aus dem auch allenfalls das Ende werden kann,
+klingt so--Rücken Sie mir doch das Licht ein wenig näher!--Du, o edle
+Fertigkeit, Zu den vorgesetzten Zwecken Tücht'ge Mittel--
+
+Damis. Halt! du bist ein elender Stümper! Ha! ha! ha! Das du o
+steht ganz vergebens. Edle Fertigkeit sagt nichts weniger, und Du, o
+edle Fertigkeit nichts mehr. Deleatur ergo du o! Damit aber nicht
+zwei Silben fehlen, so verstärke das Beiwort edel, nach Art der
+Griechen, und sage überedel. Ich weiß zwar wohl, überedel ist ein
+neues Wort; aber ich weiß auch, daß neue Wörter dasjenige sind, was
+die Poesie am meisten von der Prose unterscheiden muß. Solche
+Vorteilchen merke dir! Du mußt dich durchaus bestreben, etwas
+Unerhörtes, etwas Ungesagtes zu sagen. Verstehst du mich, dummer
+Teufel?
+
+Anton. Ich will es hoffen.
+
+Damis. Also heißt dein erster Vers
+
+überedle Fertigkeit
+
+
+usw. Nun lies weiter!
+
+Anton. Zu den vorgesetzten Zwecken Tücht'ge Mittel zu entdecken Und
+sich dann zur rechten Zeit Ihrer Kräfte zu bedienen, Wirst, so lange,
+bis die Welt In ihr erstes Cha- Cha- Chaos fällt, Wie die Pappelbäume
+grünen.
+
+
+Aber, Herr Damis, können Sie mir nicht sagen, was ich hier muß gedacht
+haben? Verflucht! das ist schön; ich verstehe mich selbst nicht mehr.
+Das erste Cha--Chaos;--ich dächte, ich hätte das Wort noch nie in
+meinen Mund genommen, so fürchterlich klingt es mir.
+
+Damis. Zeige doch--
+
+Anton. Warten Sie, warten Sie! ich will es Ihnen noch einmal vorlesen.
+
+Damis. Nein, nein; weise mir nur den Zettel her.
+
+Anton. Sie können es unmöglich lesen. Ich habe gar zu schlecht
+geschrieben; kein Buchstabe steht gerade; sie hocken einer auf den
+andern, als ob sie Junge hecken wollten.
+
+Damis. O so gib her!
+
+Anton (gibt ihm den Zettel mit Zittern). Zum Henker, es ist seine
+eigne Hand!
+
+Damis (betrachtet ihn einige Zeit). Was soll das heißen? (Steht
+zornig auf.) Verfluchter Verräter, wo hast du dieses Blatt her?
+
+Anton. Nicht so zornig; nicht so zornig!
+
+Damis. Wo hast du es her?
+
+Anton. Wollen Sie mich denn erwürgen?
+
+Damis. Wo hast du das Blatt her, frag ich?
+
+Anton. Lassen Sie nur erst nach.
+
+Damis. Gesteh!
+
+Anton. Aus--aus Ihrer--Westentasche.
+
+Damis. Ungelehrte Bestie! ist das deine Treue? Das ist ein Diebstahl;
+ein Plagium.
+
+Anton. Zum Henker! des Quarks wegen mich zu einem Diebe zu machen?
+
+Damis. Des Quarks wegen? was? den Anfang eines philosophischen
+Lehrgedichts einen Quark zu nennen?
+
+Anton. Sie sagten ja selbst, es tauge nichts.
+
+Damis. Ja, insofern es ein Hochzeitkarmen vorstellen sollte und du
+der Verfasser davon wärest. Gleich schaffe die andern Manuskripte,
+die du mir sonst entwandt hast, auch herbei! Soll ich meine Arbeit in
+fremden Händen sehen? Soll ich zugeben, daß sich eine häßliche Dohle
+mit meinen prächtigen Pfauenfedern ausschmücke? Mach bald! oder ich
+werde andre Maßregeln ergreifen.
+
+Anton. Was wollen Sie denn? Ich habe nicht einen Buchstaben mehr von
+Ihnen.
+
+Damis. Gleich wende alle Taschen um!
+
+Anton. Warum auch nicht? Wenn ich sie umwende, so fällt ja alles
+heraus, was ich darin habe.
+
+Damis. Mach und erzürne mich nicht!
+
+Anton. Ich will ein Schelm sein, wenn Sie nur ein Stäubchen Papier
+bei mir finden. Damit Sie aber doch Ihren Willen haben;--hier ist die
+eine; da ist die andre--Was sehen Sie?--Da ist die dritte; die ist
+auch leer.--Nun kommt die vierte--(Indem er sie umwendet, fallen die
+Briefe heraus.)--Zum Henker, die verfluchten Briefe! die hatte ich
+ganz vergessen--(Er will sie geschwind wieder aufheben.)
+
+Damis. Gib her, gib her! was fiel da heraus? Ganz gewiß wird es
+wieder etwas von mir sein.
+
+Anton. So wahr ich lebe, es ist nichts von Ihnen. An Sie könnte es
+eher noch etwas sein.
+
+Damis. Halte mich nicht auf; ich habe mehr zu tun.
+
+Anton. Halten Sie mich nur nicht auf. Sie wissen ja, daß ich nun
+bald wieder auf die Post gehen muß. Ich weiß, es sind Briefe da.
+
+Damis. Nun so geh, so geh! Aber durchaus zeige mir erst, was du so
+eilfertig aufhobst. Ich muß es sehen.
+
+Anton. Zum Henker! wenn das ist, so brauche ich nicht auf die Post zu
+gehen.
+
+Damis. Wieso?
+
+Anton. Nu, nu! da haben Sie es. Ich will hurtig gehen. (Er gibt ihm
+den Brief und will fortlaufen.)
+
+Damis (indem er ihn besieht). Je, Anton, Anton! das ist ja eben der
+Brief aus Berlin, welchen ich erwarte. Ich kenn ihn an der Aufschrift.
+
+Anton. Es kann wohl sein, daß er es ist. Aber, Herr Damis, werden
+Sie nur--nur nicht ungehalten. Ich hatte es, bei meiner armen Seele!
+ganz vergessen--
+
+Damis. Was hast du denn vergessen?
+
+Anton. Daß ich den Brief, beinahe schon eine halbe Stunde, in der
+Tasche trage. Mit dem verdammten Plaudern!--
+
+Damis. Weil er nun da ist, so will ich dir den dummen Streich
+verzeihen.--Aber, allerliebster Anton, was müssen hierin für
+unvergleichliche, für unschätzbare Nachrichten stehen! Wie wird sich
+mein Vater freuen! Was für Ehre, was für Lobsprüche!--O Anton!--ich
+will dir ihn gleich vorlesen--(Bricht ihn hastig auf.)
+
+Anton. Nur sachte, sonst zerreißen Sie ihn gar. Nun da! sagte ich's
+nicht?
+
+Damis. Es schadet nichts; er wird doch noch zu lesen sein.--Vor allen
+Dingen muß ich dir sagen, was er betrifft. Du weißt, oder vielmehr du
+weißt nicht, daß die Preußische Akademie auf die beste Untersuchung
+der Lehre von den Monaden einen Preis gesetzt hat. Es kam mir noch
+ganz spät ein, unsern Philosophen diesen Preis vor dem Maule
+wegzufangen. Ich machte mich also geschwind darüber und schrieb eine
+Abhandlung, die noch gleich zur rechten Zeit muß gekommen sein.--Eine
+Abhandlung, Anton--ich weiß selbst nicht, wo ich sie hergenommen habe,
+so gelehrt ist sie. Nun hat die Akademie vor acht Tagen ihr Urteil
+über die eingeschickten Schriften bekanntgemacht, welches notwendig zu
+meiner Ehre muß ausgefallen sein. Ich, ich muß den Preis haben und
+kein andrer. Ich habe es einem von meinen Freunden daselbst heilig
+eingebunden, mir sogleich Nachricht davon zu geben. Hier ist sie; nun
+höre zu.
+
+"Mein Herr,
+
+"Wie nahe können Sie einem Freunde das Antworten legen! Sie drohen mir
+mit dem Verluste Ihrer Liebe, wenn Sie nicht von mir die erste
+Nachricht erhielten, ob Sie oder ein anderer den akademischen Preis
+davongetragen hätten. Ich muß Ihnen also in aller Eil' melden, daß
+Sie ihn nicht--(stotternd) bekommen haben und auch--(immer
+furchtsamer) nicht haben--bekommen können.--"
+
+Was? ich nicht? und wer denn? und warum denn nicht?--
+
+"Erlauben Sie mir aber, daß ich als ein Freund mit Ihnen reden darf."
+
+So rede, Verräter!
+
+"Ich habe Ihnen unmöglich den schlimmen Dienst erweisen können, Ihre
+Abhandlung zu übergeben.--"
+
+Du hast sie also nicht übergeben, Treuloser? Himmel, was für ein
+Donnerschlag!--So soll mich deine Nachlässigkeit, unwürdiger Freund,
+um die verdienteste Belohnung bringen?--Wie wird er sich entschuldigen,
+der Nichtswürdige?
+
+"Wenn ich es frei gestehen soll, so scheinen Sie etwas ganz anders
+getan zu haben, als die Akademie verlangt hat. Sie wollte nicht
+untersucht wissen, was das Wort Monas grammatikalisch bedeute? wer es
+zuerst gebraucht habe? was es bei dem Xenokrates anzeige? ob die
+Monaden des Pythagoras die Atomi des Moschus gewesen? usw. Was ist
+ihr an diesen kritischen Kleinigkeiten gelegen, und besonders alsdann,
+wann die Hauptsache dabei aus den Augen gesetzt wird? Wie leicht
+hätte man Ihren Namen mutmaßen können, und Sie würden vielleicht
+Spöttereien sein ausgesetzt worden, dergleichen ich nur vor wenig
+Tagen in einer gelehrten Zeitung über Sie gefunden habe.--"
+
+Was lese ich? kann ich meinen Augen trauen? Ah, verfluchtes Papier!
+verfluchte Hand, die dich schrieb! (Wirft den Brief auf die Erde und
+tritt mit den Füßen darauf.)
+
+Anton. Der arme Brief! man muß ihn doch vollends auslesen! (Hebt ihn
+auf.) Das Beste kömmt vielleicht noch, Herr Damis. Wo blieben Sie?
+Da, da! hören Sie nur!
+
+"... gelehrten Zeitung gefunden habe.--Man nennt Sie ein junges
+Gelehrtchen, welches überall gern glänzen möchte und dessen
+Schreibesucht--"
+
+Damis (reißt ihm den Brief aus der Hand). Verdammter Korrespondent!
+--Das ist der Lohn, den dein Brief verdient! (Er zerreißt ihn.) Du
+zerreißest mein Herz, und ich zerreiße deine unverschämte Neuigkeiten.
+Wollte Gott, daß ich ein gleiches mit deinem Eingeweide tun könnte!
+Aber--(zu Anton) du nichtswürdige, unwissende Bestie! An alledem bist
+du schuld!
+
+Anton. Ich, Herr Damis?
+
+Damis. Ja du! wie lange hast du nicht den Brief in der Tasche
+behalten?
+
+Anton. Herr, meine Tasche kann weder schreiben noch lesen: wenn Sie
+etwa denken, daß ihn die anders gemacht hat--
+
+Damis. Schweig! Und solche Beschimpfungen kann ich überleben?--O ihr
+dummen Deutschen! ja freilich, solche Werke, als die meinigen sind,
+gehörig zu schätzen, dazu werden andre Genies erfordert! Ihr werdet
+ewig in eurer barbarischen Finsternis bleiben und ein Spott eurer
+witzigen Nachbarn sein!--Ich aber will mich an euch rächen und von nun
+an aufhören, ein Deutscher zu heißen. Ich will mein undankbares
+Vaterland verlassen. Vater, Anverwandte und Freunde, alle, alle
+verdienen es nicht, daß ich sie länger kenne, weil sie Deutsche sind;
+weil sie aus dem Volke sind, das ihre größten Geister mit Gewalt von
+sich ausstößt. Ich weiß gewiß, Frankreich und Engeland werden meine
+Verdienste erkennen--
+
+Anton. Herr Damis, Herr Damis, Sie fangen an zu rasen. Ich bin nicht
+sicher bei Ihnen; ich werde jemand rufen müssen.
+
+Damis. Sie werden es schon empfinden, die dummen Deutschen, was sie
+an mir verloren haben! Morgen will ich Anstalt machen, dieses
+unselige Land zu verlassen--
+
+
+
+
+Sechzehnter Auftritt
+
+Chrysander. Damis. Anton.
+
+
+Anton. Gott sei Dank, daß jemand kömmt!
+
+Chrysander. Das verzweifelte Mädel, die Lisette! Und (zu Anton) du,
+du Spitzbube! du sollst dein Briefträgerlohn auch bekommen, Mich so zu
+hintergehen? schon gut!--Mein Sohn, ich habe mich besonnen; du hast
+recht; ich kann dir Julianen nun nicht wieder nehmen. Du sollst sie
+behalten.
+
+Damis. Schon wieder Juliane? Jetzt, da ich ganz andre Dinge zu
+beschließen habe--Hören Sie nur auf damit; ich mag sie nicht.
+
+Chrysander. Es würde unrecht sein, wenn ich dir länger widerstehen
+wollte. Ich lasse jedem seine Freiheit; und ich sehe wohl, Juliane
+gefällt dir--
+
+Damis. Mir? eine dumme Deutsche?
+
+Chrysander. Sie ist ein hübsches, tugendhaftes, aufrichtiges Mädchen;
+sie wird dir tausend Vergnügen machen.
+
+Damis. Sie mögen sie loben oder schelten; mir gilt alles gleich. Ich
+weiß mich nach Ihrem Willen zu richten, und dieser ist, nicht an sie
+zu gedenken.
+
+Chrysander. Nein, nein; du sollst dich über meine Härte nicht
+beklagen dürfen.
+
+Damis. Und Sie sich noch weniger über meinen Ungehorsam.
+
+Chrysander. Ich will dir zeigen, daß du einen gütigen Vater hast, der
+sich mehr nach deinem als nach seinem eignen Willen richtet.
+
+Damis. Und ich will Ihnen zeigen, daß Sie einen Sohn haben, der Ihnen
+in allen die schuldige Untertänigkeit leistet.
+
+Chrysander. Ja, ja; nimm Julianen! Ich gebe dir meinen Segen.
+
+Damis. Nein, nein; ich werde Sie nicht so erzürnen--
+
+Chrysander. Aber was soll denn das Widersprechen? Dadurch erzürnst
+du mich!
+
+Damis. Ich will doch nicht glauben, daß Sie sich im Ernste schon zum
+drittenmal anders besonnen haben?
+
+Chrysander. Und warum das nicht?
+
+Damis. Oh, dem sei nun, wie ihm wolle! Ich habe mich gleichfalls
+geändert und fest entschlossen, ganz und gar nicht zu heiraten. Ich
+muß auf Reisen gehen, und ich werde mich, je eher, je lieber,
+davonmachen.
+
+Chrysander. Was? du willst ohne meine Erlaubnis in die Welt laufen?
+
+Anton. Das geht lustig! Der dritte Mann fehlt noch, und den will ich
+gleich holen. Damis will Julianen nicht, vielleicht fischt sie Valer.
+(Gehet ab.)
+
+
+
+
+Siebzehnter Auftritt
+
+Chrysander. Damis.
+
+
+Damis. Ja, ja; in zweimal vierundzwanzig Stunden muß ich schon
+unterwegens sein.
+
+Chrysander. Aber was ist dir denn in den Kopf gekommen?
+
+Damis. Ich bin es längst überdrüssig gewesen, länger in Deutschland
+zu bleiben; in diesem nordischen Sitze der Grobheit und Dummheit; wo
+es alle Elemente verwehren, klug zu sein; wo kaum alle hundert Jahr
+ein Geist meinesgleichen geboren wird--
+
+Chrysander. Hast du vergessen, daß Deutschland dein Vaterland ist?
+
+Damis. Was Vaterland!
+
+Chrysander. Du Bösewicht, sprich doch lieber gar: was Vater! Aber
+ich will dir es zeigen: du mußt Julianen nehmen; du hast ihr dein Wort
+gegeben und sie dir das ihrige.
+
+Damis. Sie hat das ihrige zurückgenommen wie ich jetzt das meinige;
+also--
+
+Chrysander. Also!--also!--Kurz von der Sache zu reden, glaubst du,
+daß ich vermögend bin, dich zu enterben, wann du mir nicht folgest?
+
+Damis. Tun Sie, was Sie wollen. Nur, wann ich bitten darf, lassen
+Sie mich jetzt allein. Ich muß vor meiner Abreise noch zwei Schriften
+zustande bringen, die ich meinen Landsleuten, aus Barmherzigkeit, noch
+zurücklassen will. Ich bitte nochmals, lassen Sie mich--
+
+Chrysander. Willst du mich nicht lieber gar zur Tür hinausstoßen?
+
+
+
+
+Achtzehnter Auftritt
+
+Valer. Anton. Chrysander. Damis.
+
+
+Valer. Wie, Damis? ist es wahr, daß Sie wieder zu sich selbst
+gekommen sind?--daß Sie von Julianen abstehen?
+
+Chrysander. Ach, Herr Valer, Sie könnten mir nicht ungelegener kommen.
+Bestärken Sie ihn fein in seinem Trotze. So? Sie verdienten es
+wohl, daß ich mich nach Ihrem Wunsche bequemte? Mich auf eine so
+gottlose Art hintergehen zu wollen?--Mein Sohn, widersprich mir nicht
+länger, oder--
+
+Damis. Ihre Drohungen sind umsonst. Ich muß mich fremden Ländern
+zeigen, die sowohl ein Recht auf mich haben als das Vaterland. Und
+Sie verlangen doch nicht, daß ich eine Frau mit herumführen soll?
+
+Valer. Damis hat recht, daß er auf das Reisen dringt. Nichts kann
+ihm, in seinen Umständen, nützlicher sein. Lassen Sie ihm seinen
+Willen, und mir lassen Sie Julianen, die Sie mir so heilig versprochen
+haben.
+
+Chrysander. Was versprochen? Betrügern braucht man sein Wort nicht
+zu halten.
+
+Valer. Ich habe es Ihnen schon beschworen, daß einzig und allein
+Lisette diesen Betrug hat spielen wollen, ohne die wir von dem
+Dokumente gar nichts wissen würden.--Wie glücklich, wann es nie zum
+Vorschein gekommen wäre! Es ist das grausamste Glück, das Julianen
+hat treffen können. Wie gern würde sie es aufopfern, wenn sie dadurch
+die Freiheit über ihr Herz erhalten könnte.
+
+Chrysander. Aufopfern? Herr Valer, bedenken Sie, was das sagen will.
+Wir Handelsleute fassen einander gern bei dem Worte.
+
+Valer. Oh, tun Sie es auch hier! Mit Freuden tritt Ihnen Juliane das
+Dokument ab. Fangen Sie den Prozeß an, wenn Sie wollen; der Vorteil
+davon soll ganz Ihnen gehören. Juliane hält dieses für das kleinste
+Zeichen ihrer Dankbarkeit. Sie glaubt Ihnen noch weit mehr schuldig
+zu sein.--
+
+Chrysander. Nu, nu, sie ist mir immer ganz erkenntlich
+vorgekommen--Aber was würden Sie denn, Valer, als ihr künft'ger Mann,
+zu dieser Dankbarkeit sagen?
+
+Valer. Denken Sie besser von mir. Ich habe Julianen geliebt, da sie
+zu nichts Hoffnung hatte. Ich liebe sie auch noch, ohne die geringste
+eigennützige Absicht. Und ich bitte Sie: was schenkt man denn einem
+ehrlichen Manne, wenn man ihm einen schweren Prozeß schenkt?
+
+Chrysander. Valer, ist das Ihr Ernst?
+
+Valer. Fordern Sie noch mehr als das Dokument; mein halbes Vermögen
+ist Ihre.
+
+Chrysander. Da sei Gott vor, daß ich von Ihrem Vermögen einen Heller
+haben wollte! Sie müssen mich nicht für so eigennützig ansehen.--Wir
+sind gute Freunde, und es bleibt bei dem alten: Juliane ist Ihre! Und
+wenn das Dokument meine soll, so ist sie um so viel mehr Ihre.
+
+Valer. Kommen Sie, Herr Chrysander, bekräftigen Sie ihr dieses selbst!
+Wie angenehm wird es ihr sein, uns beide vergnügt machen zu können.
+
+Chrysander. Wenn das ist, Damis; so kannst du meinetwegen noch heute
+die Nacht fortreisen. Ich will Gott danken, wenn ich dich Narren
+wieder aus dem Hause los bin.
+
+Damis. Gehen Sie doch nur, und lassen Sie mich allein.
+
+Valer. Damis, und endlich muß ich Ihnen doch noch mein Glück
+verdanken? Ich tue es mit der aufrichtigsten Zärtlichkeit, ob ich
+schon weiß, daß ich die Ursache Ihrer Veränderung nicht bin.
+
+Damis. Aber die wahre Ursache?--(Zu Anton.) Verfluchter Kerl, hast du
+dein Maul nicht halten können?--Gehen Sie nur, Valer--
+
+(Indem Chrysander und Valer abgeben wollen, hält Anton Valeren zurück.)
+
+Anton (sachte). Nicht so geschwind! Wie steht es mit Lisettens
+Ausstattung, Herr Valer? und mit--
+
+Valer. Seid ohne Sorgen; ich werde mehr halten, als ich versprochen
+habe.
+
+Anton. Juchhe! nun war die Taube gefangen.
+
+
+
+
+Letzter Auftritt
+
+Damis (an seinem Tische). Anton.
+
+
+Anton. Noch ein Wort, Herr Damis, habe ich mit Ihnen zu reden.
+
+Damis. Und?--
+
+Anton. Sie wollen auf Reisen gehen?--
+
+Damis. Zur Sache! es ist schon mehr als ein Wort.
+
+Anton. Je nun! meinen Abschied.
+
+Damis. Deinen Abschied? Du denkst vielleicht, daß ich dich
+ungelehrten Esel mitnehmen würde?
+
+Anton. Nicht? und ich habe also meinen Abschied? Gott sei Dank!
+empfangen Sie nun auch den Ihrigen, welcher in einer kleinen Lehre
+bestehen soll. Ich habe Ihre Torheiten nun länger als drei Jahr
+angesehen und selber alber genug dabei getan, weil ich weiß, daß ein
+Bedienter, wenn sein Herr auch noch so närrisch ist--
+
+Damis. Unverschämter Idiote, wirst du mir aus den Augen gehen?
+
+Anton. Je nun! wem nicht zu raten steht, dem steht auch nicht zu
+helfen. Bleiben Sie zeitlebens der gelehrte Herr Damis! (Gehet ab.)
+
+Damis. Geh, sag ich, oder!--
+
+(Er wirft ihm sein Buch nach, und das Theater fällt zu.)
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der junge Gelehrte, von Gotthold
+Ephraim Lessing.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER JUNGE GELEHRTE ***
+
+This file should be named 8jngg10.txt or 8jngg10.zip
+Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8jngg11.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8jngg10a.txt
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
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+midnight of the last day of the month of any such announcement.
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+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
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+and editing by those who wish to do so.
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+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
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+91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
+
+Donations by check or money order may be sent to:
+
+ PROJECT GUTENBERG LITERARY ARCHIVE FOUNDATION
+ 809 North 1500 West
+ Salt Lake City, UT 84116
+
+Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
+method other than by check or money order.
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
+the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
+[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are
+tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising
+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
+
+We need your donations more than ever!
+
+You can get up to date donation information online at:
+
+http://www.gutenberg.net/donation.html
+
+
+***
+
+If you can't reach Project Gutenberg,
+you can always email directly to:
+
+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
+
+Prof. Hart will answer or forward your message.
+
+We would prefer to send you information by email.
+
+
+**The Legal Small Print**
+
+
+(Three Pages)
+
+***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
+Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
+They tell us you might sue us if there is something wrong with
+your copy of this eBook, even if you got it for free from
+someone other than us, and even if what's wrong is not our
+fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
+disclaims most of our liability to you. It also tells you how
+you may distribute copies of this eBook if you want to.
+
+*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
+By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
+eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
+this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
+a refund of the money (if any) you paid for this eBook by
+sending a request within 30 days of receiving it to the person
+you got it from. If you received this eBook on a physical
+medium (such as a disk), you must return it with your request.
+
+ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS
+This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks,
+is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart
+through the Project Gutenberg Association (the "Project").
+Among other things, this means that no one owns a United States copyright
+on or for this work, so the Project (and you!) can copy and
+distribute it in the United States without permission and
+without paying copyright royalties. Special rules, set forth
+below, apply if you wish to copy and distribute this eBook
+under the "PROJECT GUTENBERG" trademark.
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+Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market
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+
+To create these eBooks, the Project expends considerable
+efforts to identify, transcribe and proofread public domain
+works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any
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+things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
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+codes that damage or cannot be read by your equipment.
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+receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims
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+legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR
+UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT,
+INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE
+OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE
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+
+If you discover a Defect in this eBook within 90 days of
+receiving it, you can receive a refund of the money (if any)
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+on a physical medium, you must return it with your note, and
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+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS
+TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
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+and its trustees and agents, and any volunteers associated
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+ processing or hypertext software, but only so long as
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+
+ [*] The eBook, when displayed, is clearly readable, and
+ does *not* contain characters other than those
+ intended by the author of the work, although tilde
+ (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
+ be used to convey punctuation intended by the
+ author, and additional characters may be used to
+ indicate hypertext links; OR
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+ [*] The eBook may be readily converted by the reader at
+ no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
+ form by the program that displays the eBook (as is
+ the case, for instance, with most word processors);
+ OR
+
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+ no additional cost, fee or expense, a copy of the
+ eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
+ or other equivalent proprietary form).
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+[2] Honor the eBook refund and replacement provisions of this
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+[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
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+ payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation"
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+ legally required to prepare) your annual (or equivalent
+ periodic) tax return. Please contact us beforehand to
+ let us know your plans and to work out the details.
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+WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
+Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
+public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form.
+
+The Project gratefully accepts contributions of money, time,
+public domain materials, or royalty free copyright licenses.
+Money should be paid to the:
+"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+If you are interested in contributing scanning equipment or
+software or other items, please contact Michael Hart at:
+hart@pobox.com
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+[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
+when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by
+Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
+used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be
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+express permission.]
+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
+
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Binary files differ