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+The Project Gutenberg EBook of Der Freigeist, by Gotthold Ephraim Lessing
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+Title: Der Freigeist
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+Author: Gotthold Ephraim Lessing
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+Release Date: November, 2005 [EBook #9325]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on September 22, 2003]
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+Edition: 10
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+Language: German
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FREIGEIST ***
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+
+
+
+Der Freigeist
+
+Gotthold Ephraim Lessing
+
+Ein Lustspiel in fuenf Aufzuegen
+
+Verfertigt im Jahre 1749
+
+
+Personen:
+
+Adrast, der Freigeist
+Theophan, ein junger Geistlicher
+Lisidor
+Juliane und Henriette, Toechter des Lisidor
+Frau Philane
+Araspe, Theophans Vetter
+Johann
+Martin
+Lisette
+Ein Wechsler
+
+Die Szene ist ein Saal.
+
+
+
+
+
+Erster Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Adrast. Theophan.
+
+
+Theophan. Werden Sie es uebelnehmen, Adrast, wenn ich mich endlich
+ueber den stolzen Kaltsinn beklage, den Sie nicht aufhoeren, gegen mich
+zu aeussern? Schon seit Monaten sind wir in einem Hause, und warten auf
+einerlei Glueck. Zwei liebenswuerdige Schwestern sollen es uns machen.
+Bedenken Sie doch, Adrast! koennen wir noch dringender eingeladen
+werden, uns zu lieben, und eine Freundschaft unter uns zu stiften, wie
+sie unter Bruedern sein sollte? Wie oft bin ich nicht darauf
+bestanden?--
+
+Adrast. Ebenso oft haben Sie gesehen, dass ich mich nicht einlassen
+will. Freundschaft? Freundschaft unter uns?--Wissen Sie, muss ich
+fragen, was Freundschaft ist?
+
+Theophan. Ob ich es weiss?
+
+Adrast. Alle Fragen bestuerzen, deren wir nicht gewaertig sind. Gut,
+Sie wissen es. Aber meine Art zu denken, und die Ihrige, diese kennen
+Sie doch auch?
+
+Theophan. Ich verstehe Sie. Also sollen wir wohl Feinde sein?
+
+Adrast. Sie haben mich schoen verstanden! Feinde? Ist denn kein
+Mittel? Muss denn der Mensch eines von beiden, hassen, oder lieben?
+Gleichgueltig wollen wir einander bleiben. Und ich weiss, eigentlich
+wuenschen Sie dieses selbst. Lernen Sie wenigstens nur die
+Aufrichtigkeit von mir.
+
+Theophan. Ich bin bereit. Werden Sie mich aber diese Tugend in aller
+ihrer Lauterkeit lehren?
+
+Adrast. Erst fragen Sie sich selbst, ob sie Ihnen in aller ihrer
+Lauterkeit gefallen wuerde?
+
+Theophan. Gewiss. Und Ihnen zu zeigen, ob Ihr kuenftiger Schueler
+einige Faehigkeit dazu hat, wollen Sie mich wohl einen Versuch machen
+lassen?
+
+Adrast. Recht gern.
+
+Theophan. Wo nur mein Versuch nicht ein Meisterstueck wird. Hoeren Sie
+also, Adrast--Aber erlauben Sie mir, dass ich mit einer Schmeichelei
+gegen mich selbst anfange. Ich habe von jeher einigen Wert auf meine
+Freundschaft gelegt; ich bin vorsichtig, ich bin karg damit gewesen.
+Sie sind der erste, dem ich sie angeboten habe; und Sie sind der
+einzige, dem ich sie aufdringen will.--Umsonst sagt mir Ihr
+veraechtlicher Blick, dass es mir nicht gelingen solle. Gewiss, es soll
+mir gelingen. Ihr eigen Herz ist mir Buerge; Ihr eigen Herz, Adrast,
+welches unendlich besser ist, als es Ihr Witz, der sich in gewisse
+gross scheinende Meinungen verliebt hat, vielleicht wuenschet.
+
+Adrast. Ich hasse die Lobsprueche, Theophan, und besonders die, welche
+meinem Herzen auf Unkosten meines Verstandes gegeben werden. Ich weiss
+eigentlich nicht, was das fuer Schwachheiten sein muessen (Schwachheiten
+aber muessen es sein), derentwegen Ihnen mein Herz so wohlgefaellt; das
+aber weiss ich, dass ich nicht eher ruhen werde, als bis ich sie, durch
+Huelfe meines Verstandes, daraus verdrungen habe.
+
+Theophan. Ich habe die Probe meiner Aufrichtigkeit kaum angefangen,
+und Ihre Empfindlichkeit ist schon rege. Ich werde nicht weit kommen.
+
+Adrast. So weit als Sie wollen. Fahren Sie nur fort.
+
+Theophan. Wirklich?--Ihr Herz also ist das beste, das man finden kann.
+Es ist zu gut, Ihrem Geiste zu dienen, den das Neue, das Besondere
+geblendet hat, den ein Anschein von Gruendlichkeit zu glaenzenden
+Irrtuemern dahinreisst, und der, aus Begierde bemerkt zu werden, Sie mit
+aller Gewalt zu etwas machen will, was nur Feinde der Tugend, was nur
+Boesewichter sein sollten. Nennen Sie es, wie Sie wollen: Freidenker,
+starker Geist, Deist; ja, wenn Sie ehrwuerdige Benennungen missbrauchen
+wollen, nennen Sie es Philosoph: es ist ein Ungeheuer, es ist die
+Schande der Menschheit. Und Sie, Adrast, den die Natur zu einer
+Zierde derselben bestimmte, der nur seinen eignen Empfindungen folgen
+duerfte, um es zu sein; Sie, mit einer solchen Anlage zu allem, was
+edel und gross ist, Sie entehren sich vorsaetzlich. Sie stuerzen sich
+mit Bedacht aus Ihrer Hoehe herab, bei dem Poebel der Geister einen Ruhm
+zu erlangen, fuer den ich lieber aller Welt Schande waehlen wollte.
+
+Adrast. Sie vergessen sich, Theophan, und wenn ich Sie nicht
+unterbreche, so glauben Sie endlich gar, dass Sie sich an dem Platze
+befinden, auf welchem Ihresgleichen ganze Stunden ungestoert schwatzen
+duerfen.
+
+Theophan. Nein, Adrast, Sie unterbrechen keinen ueberlaestigen Prediger;
+besinnen Sie sich nur: Sie unterbrechen bloss einen Freund,--wider
+Ihren Willen nenne ich mich so,--der eine Probe seiner Freimuetigkeit
+ablegen sollte.
+
+Adrast. Und eine Probe seiner Schmeichelei abgeleget hat;--aber einer
+verdeckten Schmeichelei, einer Schmeichelei, die eine gewisse
+Bitterkeit annimmt, um destoweniger Schmeichelei zu scheinen.--Sie
+werden machen, dass ich Sie endlich auch verachte.--Wenn Sie die
+Freimuetigkeit kennten, so wuerden Sie mir alles unter die Augen gesagt
+haben, was Sie in Ihrem Herzen von mir denken. Ihr Mund wuerde mir
+keine gute Seite geliehen haben, die mir Ihre innere Ueberzeugung nicht
+zugestehet. Sie wuerden mich geradeweg einen Ruchlosen gescholten
+haben, der sich der Religion nur deswegen zu entziehen suche, damit er
+seinen Luesten desto sicherer nachhaengen koenne. Um sich pathetischer
+auszudruecken, wuerden Sie mich einen Hoellenbrand, einen eingefleischten
+Teufel genannt haben. Sie wuerden keine Verwuenschungen gespart, kurz,
+Sie wuerden sich so erwiesen haben, wie sich ein Theolog gegen die
+Veraechter seines Aberglaubens, und also auch seines Ansehens, erweisen
+muss.
+
+Theophan. Ich erstaune. Was fuer Begriffe!
+
+Adrast. Begriffe, die ich von tausend Beispielen abgesondert habe.--
+Doch wir kommen zu weit. Ich weiss, was ich weiss, und habe laengst
+gelernt, die Larve von dem Gesichte zu unterscheiden. Es ist eine
+Karnevalserfahrung: je schoener die erste, desto haesslicher das andere.
+
+Theophan. Sie wollen damit sagen--
+
+Adrast. Ich will nichts damit sagen, als dass ich noch zu wenig Grund
+habe, die Allgemeinheit meines Urteils von den Gliedern Ihres Standes,
+um Ihretwillen einzuschraenken. Ich habe mich nach den Ausnahmen zu
+lange vergebens umgesehen, als dass ich hoffen koennte, die erste an
+Ihnen zu finden. Ich muesste Sie laenger, ich muesste Sie unter
+verschiedenen Umstaenden gekannt haben, wenn--
+
+Theophan. Wenn Sie meinem Gesichte die Gerechtigkeit widerfahren
+lassen sollten, es fuer keine Larve zu halten. Wohl! Aber wie koennen
+Sie kuerzer dazu gelangen, als wenn Sie mich Ihres naehern Umganges
+wuerdigen? Machen Sie mich zu Ihrem Freunde, stellen Sie mich auf die
+Probe--
+
+Adrast. Sachte! die Probe kaeme zu spaet, wenn ich Sie bereits zu
+meinem Freunde angenommen haette. Ich habe geglaubt, sie muesse
+vorhergehen.
+
+Theophan. Es gibt Grade in der Freundschaft, Adrast; und ich verlange
+den vertrautesten noch nicht.
+
+Adrast. Kurz, auch zu dem niedrigsten koennen Sie nicht faehig sein.
+
+Theophan. Ich kann nicht dazu faehig sein? Wo liegt die Unmoeglichkeit?
+
+Adrast. Kennen Sie, Theophan, wohl ein Buch, welches das Buch aller
+Buecher sein soll; welches alle unsere Pflichten enthalten, welches uns
+zu allen Tugenden die sichersten Vorschriften erteilen soll, und
+welches der Freundschaft gleichwohl mit keinem Worte gedenkt? Kennen
+Sie dieses Buch?
+
+Theophan. Ich sehe Sie kommen, Adrast. Welchem Collin haben Sie
+diesen armseligen Einwurf abgeborgt?
+
+Adrast. Abgeborgt, oder selbst erfunden: es ist gleich viel. Es muss
+ein kleiner Geist sein, der sich Wahrheiten zu borgen schaemt.
+
+Theophan. Wahrheiten!--Sind Ihre uebrigen Wahrheiten von gleicher
+Guete? Koennen Sie mich einen Augenblick anhoeren?
+
+Adrast. Wieder predigen?
+
+Theophan. Zwingen Sie mich nicht darzu? Oder wollen Sie, dass man
+Ihre seichten Spoettereien unbeantwortet lassen soll, damit es scheine,
+als koenne man nicht darauf antworten?
+
+Adrast. Und was koennen Sie denn darauf antworten?
+
+Theophan. Dieses. Sagen Sie mir, ist die Liebe unter der
+Freundschaft, oder die Freundschaft unter der Liebe begriffen?
+Notwendig das letztere. Derjenige also, der die Liebe in ihrem
+allerweitesten Umfange gebietet, gebietet der nicht auch die
+Freundschaft? Ich sollte es glauben; und es ist so wenig wahr, dass
+unser Gesetzgeber die Freundschaft seines Gebotes nicht wuerdig
+geschaetzt habe, dass er vielmehr seine Lehre zu einer Freundschaft
+gegen die ganze Welt gemacht hat.
+
+Adrast. Sie buerden ihm Ungereimtheiten auf. Freundschaft gegen die
+ganze Welt? Was ist das? Mein Freund muss kein Freund der ganzen Welt
+sein.
+
+Theophan. Und also ist Ihnen wohl nichts Freundschaft als jene
+Uebereinstimmung der Temperamente, jene angeborne Harmonie der Gemueter,
+jener heimliche Zug gegeneinander, jene unsichtbare Kette, die zwei
+einerlei denkende, einerlei wollende Seelen verknuepfet?
+
+Adrast. Ja, nur dieses ist mir Freundschaft.
+
+Theophan. Nur dieses? Sie widersprechen sich also selbst.
+
+Adrast. Oh! dass ihr Leute doch ueberall Widersprueche findet, ausser
+nur da nicht, wo sie wirklich sind!
+
+Theophan. Ueberlegen Sie es. Wenn diese, ohne Zweifel nicht
+willkuerliche, Uebereinstimmung der Seelen, diese in uns liegende
+Harmonie mit einem andern einzelnen Wesen allein die wahre
+Freundschaft ausmacht: wie koennen Sie verlangen, dass sie der
+Gegenstand eines Gesetzes sein soll? Wo sie ist, darf sie nicht
+geboten werden; und wo sie nicht ist, da wird sie umsonst geboten.
+Und wie koennen Sie es unserm Lehrer zur Last legen, dass er die
+Freundschaft in diesem Verstande uebergangen hat? Er hat uns eine
+edlere Freundschaft befohlen, welche jenes blinden Hanges, den auch
+die unvernuenftigen Tiere nicht missen, entbehren kann: eine
+Freundschaft, die sich nach erkannten Vollkommenheiten mitteilet;
+welche sich nicht von der Natur lenken laesst, sondern welche die Natur
+selbst lenket.
+
+Adrast. O Geschwaetze!
+
+Theophan. Ich muss Ihnen dieses sagen, Adrast, ob Sie es gleich
+ebensowohl wissen koennten, als ich; und auch wissen sollten. Was
+wuerden Sie selbst von mir denken, wenn ich den Verdacht nicht mit
+aller Gewalt von mir abzulenken suchte, als mache mich die Religion zu
+einem Veraechter der Freundschaft, die Religion, die Sie nur allzugern
+aus einem wichtigen Grunde verachten moechten?--Sehen Sie mich nicht so
+geringschaetzig an; wenden Sie sich nicht auf eine so beleidigende Art
+von mir--
+
+Adrast (beiseite). Das Pfaffengeschmeiss!--
+
+Theophan. Ich sehe, Sie gebrauchen Zeit, den ersten Widerwillen zu
+unterdruecken, den eine widerlegte Lieblingsmeinung natuerlicherweise
+erregt.--Ich will Sie verlassen. Ich erfuhr itzt ohnedem, dass einer
+von meinen Anverwandten mit der Post angelangt sei. Ich gehe ihm
+entgegen, und werde die Ehre haben Ihnen denselben vorzustellen.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Adrast.--Dass ich ihn nimmermehr wiedersehen duerfte! Welcher von euch
+Schwarzroecken waere auch kein Heuchler?--Priestern habe ich mein
+Unglueck zu danken. Sie haben mich gedrueckt, verfolgt, so nahe sie
+auch das Blut mit mir verbunden hatte. Hassen will ich dich, Theophan
+und alle deines Ordens! Muss ich denn auch hier in die Verwandtschaft
+der Geistlichkeit geraten?--Er, dieser Schleicher, dieser bloede
+Verleugner seines Verstandes, soll mein Schwager werden?--Und mein
+Schwager durch Julianen?--Durch Julianen?--Welch grausames Geschick
+verfolgt mich doch ueberall! Ein alter Freund meines verstorbenen
+Vaters traegt mir eine von seinen Toechtern an. Ich eile herbei, und
+muss zu spaet kommen, und muss die, welche auf den ersten Anblick mein
+ganzes Herz hatte, die, mit der ich allein gluecklich leben konnte,
+schon versprochen finden. Ach Juliane! So warest du mir nicht
+bestimmt? du, die ich liebe? Und so soll ich mich mit einer
+Schwester begnuegen, die ich nicht liebe?--
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Lisidor. Adrast.
+
+
+Lisidor. Da haben wir's! Schon wieder allein, Adrast? Sagen Sie mir,
+muessen die Philosophen so zu Winkel kriechen? Ich wollte doch lieber
+sonst was sein--Und, wenn ich recht gehoert habe, so sprachen Sie ja
+wohl gar mit sich selber? Nu, nu! es ist schon wahr: ihr Herren
+Grillenfaenger koennt freilich mit niemand Kluegerm reden, als mit euch
+selber. Aber gleichwohl ist unsereiner auch kein Katzenkopf. Ich
+schwatze eins mit, es mag sein, von was es will.
+
+Adrast. Verzeihen Sie--
+
+Lisidor. Je, mit Seinem Verzeihen! Er hat mir ja noch nichts zuwider
+getan--Ich habe gern, wenn die Leute lustig sind. Und ich will kein
+ehrlicher Mann sein, wenn ich mir nicht eine rechte Freude darauf
+eingebildet habe, den Wildfang, wie sie Ihn sonst zu Hause nannten, zu
+meinem Schwiegersohne zu haben. Freilich ist Er seitdem gross
+gewachsen; Er ist auf Reisen gewesen; Er hat Land und Leute gesehen.
+Aber, dass Er so gar sehr veraendert wuerde wiedergekommen sein, das
+haette ich mir nicht traeumen lassen. Da geht Er nun, und spintisiert
+von dem, was ist--und was nicht ist,--von dem, was sein koennte, und
+wenn es sein koennte, warum es wieder nicht sein koennte;--von der
+Notwendigkeit, der halben und ganzen, der notwendigen Notwendigkeit,
+und der nicht notwendigen Notwendigkeit;--von den A--A--wie heissen die
+kleinen Dingerchen, die so in den Sonnenstrahlen herumfliegen? von
+den A--A--Sage doch, Adrast--
+
+Adrast. Von den Atomis, wollen Sie sagen.
+
+Lisidor. Ja, ja, von den Atomis, von den Atomis. So heissen sie, weil
+man ihrer ein ganz Tausend mit einem Atem hinunterschlucken kann.
+
+Adrast. Ha! ha! ha!
+
+Lisidor. Er lacht, Adrast? Ja, mein gutes Buerschchen, du musst nicht
+glauben, dass ich von den Sachen ganz und gar nichts verstehe. Ich
+habe euch, Ihn und den Theophan, ja oft genug darueber zanken hoeren.
+Ich behalte mir das Beste. Wenn ihr euch in den Haaren liegt, so
+fische ich im trueben. Da faellt manche Brocke ab, die keiner von euch
+brauchen kann, und die ist fuer mich. Ihr duerft deswegen nicht
+neidisch auf mich sein; denn ich bereichere mich nicht von einem
+allein. Das nehme ich von dir, mein lieber Adrast; und das vom
+Theophan; und aus allen dem mache ich mir hernach ein Ganzes--
+
+Adrast. Das vortrefflich ungeheuer sein muss.
+
+Lisidor. Wieso?
+
+Adrast. Sie verbinden Tag und Nacht, wenn Sie meine mit Theophans
+Gedanken verbinden.
+
+Lisidor. Je nu! so wird eine angenehme Daemmerung daraus.--Und
+ueberhaupt ist es nicht einmal wahr, dass ihr so sehr voneinander
+unterschieden waeret. Einbildungen! Einbildungen! Wie vielmal habe
+ich nicht allen beiden zugleich recht gegeben? Ich bin es nur
+allzuwohl ueberzeugt, dass alle ehrliche Leute einerlei glauben.
+
+Adrast. Sollten! sollten! das ist wahr.
+
+Lisidor. Nun da sehe man! was ist nun das wieder fuer ein
+Unterscheid? Glauben, oder glauben sollen: es koemmt auf eines heraus.
+Wer kann alle Worte so abzirkeln?--Und ich wette was, wenn ihr nur
+erst werdet Schwaeger sein, kein Ei wird dem andern aehnlicher sein
+koennen.--
+
+Adrast. Als ich dem Theophan, und er mir?
+
+Lisidor. Gewiss. Noch wisst ihr nicht, was das heisst, miteinander
+verwandt sein. Der Verwandtschaft wegen wird der einen Daumen breit,
+und der einen Daumen breit nachgeben. Und einen Daumen breit, und
+wieder einen Daumen breit, das macht zwei Daumen breit; und zwei
+Daumen breit--ich bin ein Schelm, wenn ihr die auseinander seid.--
+Nichts aber koennte mich in der Welt wohl so vergnuegen, als dass meine
+Toechter so vortrefflich fuer euch passen. Die Juliane ist eine geborne
+Priesterfrau; und Henriette--in ganz Deutschland muss kein Maedchen zu
+finden sein, das sich fuer Ihn, Adrast, besser schickte. Huebsch,
+munter, fix; sie singt, sie tanzt, sie spielt; kurz, sie ist meine
+leibhafte Tochter. Juliane dargegen ist die liebe, heilige Einfalt.
+
+Adrast. Juliane? Sagen Sie das nicht. Ihre Vollkommenheiten fallen
+vielleicht nur weniger in die Augen. Ihre Schoenheit blendet nicht;
+aber sie geht ans Herz. Man laesst sich gern von ihren stillen Reizen
+fesseln, und man biegt sich mit Bedacht in ihr Joch, das uns andere in
+einer froehlichen Unbesonnenheit ueberwerfen muessen. Sie redet wenig;
+aber auch ihr geringstes Wort hat Vernunft.
+
+Lisidor. Und Henriette?
+
+Adrast. Es ist wahr: Henriette weiss sich frei und witzig auszudruecken.
+Wuerde es aber Juliane nicht auch koennen, wenn sie nur wollte, und
+wenn sie nicht Wahrheit und Empfindung jenem prahlenden Schimmer
+vorzoege? Alle Tugenden scheinen sich in ihrer Seele verbunden zu
+haben--
+
+Lisidor. Und Henriette?
+
+Adrast. Es sei ferne, dass ich Henrietten irgend eine Tugend
+absprechen sollte. Aber es gibt ein gewisses Aeusseres, welches sie
+schwerlich vermuten liesse, wenn man nicht andre Gruende fuer sie haette.
+Julianens gesetzte Anmut, ihre ungezwungene Bescheidenheit, ihre
+ruhige Freude, ihre--
+
+Lisidor. Und Henriettens?
+
+Adrast. Henriettens wilde Annehmlichkeiten, ihre wohl lassende
+Dreustigkeit, ihre froehlichen Entzueckungen stechen mit den gruendlichen
+Eigenschaften ihrer Schwester vortrefflich ab. Aber Juliane gewinnt
+dabei--
+
+Lisidor. Und Henriette?
+
+Adrast. Verlieret dabei nichts. Nur dass Juliane--
+
+Lisidor. Ho! ho! Herr Adrast, ich will doch nicht hoffen, dass Sie
+auch an der Narrheit krank liegen, welche die Leute nur das fuer gut
+und schoen erkennen laesst, was sie nicht bekommen koennen. Wer Henker
+hat Sie denn gedungen, Julianen zu loben?
+
+Adrast. Fallen Sie auf nichts Widriges. Ich habe bloss zeigen wollen,
+dass mich die Liebe fuer meine Henriette gegen die Vorzuege ihrer
+Schwester nicht blind mache.
+
+Lisidor. Nu, nu! wenn das ist, so mag es hingehen. Sie ist auch
+gewiss ein gutes Kind, die Juliane. Sie ist der Augapfel ihrer
+Grossmutter. Und das gute, alte Weib hat tausendmal gesagt, die Freude
+ueber ihr Julchen erhielte sie noch am Leben.
+
+Adrast. Ach!
+
+Lisidor. Das war ja gar geseufzt. Was Geier ficht Ihn an? Pfui!
+Ein junger gesunder Mann, der alle Viertelstunden eine Frau nehmen
+will, wird seufzen? Spare Er Sein Seufzen, bis Er die Frau hat!
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Johann. Adrast. Lisidor.
+
+
+Johann. Pst! Pst!
+
+Lisidor. Nu? Nu?
+
+Johann. Pst! Pst!
+
+Adrast. Was gibt's?
+
+Johann. Pst! Pst!
+
+Lisidor. Pst! Pst! Mosjeu Johann. Kann der Schurke nicht naeher
+kommen?
+
+Johann. Pst, Herr Adrast! Ein Wort im Vertrauen.
+
+Adrast. So komm her!
+
+Johann. Im Vertrauen, Herr Adrast.
+
+Lisidor (welcher auf ihn zu geht). Nun? was willst du?
+
+Johann (geht auf die andre Seite). Pst! Herr Adrast, nur ein
+Woertchen, ganz im Vertrauen!
+
+Adrast. So pack dich her, und rede.
+
+Lisidor. Rede! rede! Was kann der Schwiegersohn haben, das der
+Schwiegervater nicht hoeren duerfte?
+
+Johann. Herr Adrast! (Zieht ihn an dem Aermel beiseite.)
+
+Lisidor. Du Spitzbube, willst mich mit aller Gewalt vom Platze haben.
+Rede nur, rede! ich gehe schon.
+
+Johann. Oh! Sie sind gar zu hoeflich. Wenn Sie einen kleinen
+Augenblick dort in die Ecke treten wollen: so koennen Sie immer da
+bleiben.
+
+Adrast. Bleiben Sie doch! ich bitte.
+
+Lisidor. Nu! wenn ihr meint--(indem er auf sie zu koemmt).
+
+Adrast. Nun sage, was willst du?
+
+Johann (welcher sieht, dass ihm Lisidor wieder nahe steht). Nichts.
+
+Adrast. Nichts?
+
+Johann. Nichts, gar nichts.
+
+Lisidor. Das Woertchen im Vertrauen, hast du es schon wieder vergessen?
+
+Johann. Potz Stern! sind Sie da? Ich denke, Sie stehen dort im
+Winkel.
+
+Lisidor. Narre, der Winkel ist naeher gerueckt.
+
+Johann. Daran hat er sehr unrecht getan.
+
+Adrast. Halte mich nicht laenger auf, und rede.
+
+Johann. Herr Lisidor, mein Herr wird boese.
+
+Adrast. Ich habe vor ihm nichts Geheimes: rede!
+
+Johann. So habe ich auch nichts fuer Sie.
+
+Lisidor. Galgendieb, ich muss dir nur deinen Willen tun.--Ich gehe auf
+meine Stube, Adrast: wenn Sie zu mir kommen wollen--
+
+Adrast. Ich werde Ihnen gleich folgen.
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+
+Johann. Adrast,
+
+
+Johann. Ist er fort?
+
+Adrast. Was hast du mir denn zu sagen? Ich wette, es ist eine
+Kleinigkeit; und der Alte wird sich einbilden, dass es Halssachen sind.
+
+Johann. Eine Kleinigkeit? Mit einem Worte, Herr Adrast, wir sind
+verloren. Und Sie konnten verlangen, dass ich es in Gegenwart des
+Lisidors sagen sollte?
+
+Adrast. Verloren? Und wie denn? Erklaere dich.
+
+Johann. Was ist da zu erklaeren? Kurz, wir sind verloren.--Aber so
+unvorsichtig haette ich mir Sie doch nimmermehr eingebildet, dass Sie es
+sogar Ihren kuenftigen Schwiegervater wollten hoeren lassen--
+
+Adrast. So lass mich es nur hoeren--
+
+Johann. Wahrhaftig, er haette die Lust auf einmal verlieren koennen, es
+jemals zu werden.--So ein Streich!
+
+Adrast. Nun? was denn fuer ein Streich? Wie lange wirst du mich noch
+martern?
+
+Johann. Ein ganz verdammter Streich.--Ja, ja! wenn der Bediente
+nicht oft behutsamer waere, als der Herr: es wuerden artige Dinge
+herauskommen.
+
+Adrast. Nichtswuerdiger Schlingel--
+
+Johann. Ho, ho! ist das mein Dank? Wenn ich es doch nur gesagt
+haette, wie der Alte da war. Wir haetten wollen sehen! wir haetten
+wollen sehen--
+
+Adrast. Dass dich dieser und jener--
+
+Johann. Ha, ha! nach dem diesen und jenen wird nicht mehr gefragt.
+Ich weiss doch wohl, dass Sie den Teufel meinen, und dass keiner ist.
+Ich muesste wenig von Ihnen gelernt haben, wenn ich nicht der ganzen
+Hoelle ein Schnippchen schlagen wollte.
+
+Adrast. Ich glaube, du spielst den Freigeist? Ein ehrlicher Mann
+moechte einen Ekel davor bekommen, wenn er sieht, dass es ein jeder
+Lumpenhund sein will.--Aber ich verbiete dir nunmehr, mir ein Wort zu
+sagen. Ich weiss doch, dass es nichts ist.
+
+Johann. Ich sollte es Ihnen nicht sagen? Ich sollte Sie so in Ihr
+Unglueck rennen lassen? Das wollen wir sehen.
+
+Adrast. Gehe mir aus den Augen!
+
+Johann. Nur Geduld!--Sie erinnern sich doch wohl so ohngefaehr, wie
+Sie Ihre Sachen zu Hause gelassen haben?
+
+Adrast. Ich mag nichts wissen.
+
+Johann. Ich sage Ihnen ja auch noch nichts.--Sie erinnern sich doch
+wohl auch der Wechsel, die Sie an den Herrn Araspe vor Jahr und Tag
+ausstellten?
+
+Adrast. Schweig, ich mag nichts davon hoeren.
+
+Johann. Ohne Zweifel, weil Sie sie vergessen wollen? Wenn sie nur
+dadurch bezahlt wuerden.--Aber wissen Sie denn auch, dass sie verfallen
+sind?
+
+Adrast. Ich weiss, dass du dich nicht darum zu bekuemmern hast.
+
+Johann. Auch das verbeisse ich.--Sie denken freilich: Weit davon, ist
+gut fuer den Schuss; und Herr Araspe hat eben nicht noetig, so sehr
+dahinterher zu sein. Aber, was meinen Sie, wenn ich den Herrn Araspe--
+
+Adrast. Nun was?
+
+Johann. Jetzt den Augenblick vom Postwagen haette steigen sehen?
+
+Adrast. Was sagst du? Ich erstaune--
+
+Johann. Das tat ich auch, als ich ihn sah.
+
+Adrast. Du, Araspen gesehen? Araspen hier?
+
+Johann. Mein Herr, ich habe mich auf den Fuss gesetzt, dass ich Ihre
+und meine Schuldner gleich auf den ersten Blick erkenne; ja ich rieche
+sie schon, wenn sie auch noch hundert Schritt von mir sind.
+
+Adrast (nachdem er nachgedacht). Ich bin verloren!
+
+Johann. Das war ja mein erstes Wort.
+
+Adrast. Was ist anzufangen?
+
+Johann. Das beste wird sein: wir packen auf, und ziehen weiter.
+
+Adrast. Das ist unmoeglich.
+
+Johann. Nun so machen Sie sich gefasst, zu bezahlen.
+
+Adrast. Das kann ich nicht; die Summe ist zu gross.
+
+Johann. Oh! ich sagte auch nur so.--Sie sinnen?
+
+Adrast. Doch wer weiss auch, ob er ausdruecklich meinetwegen
+hergekommen ist. Er kann andre Geschaefte haben.
+
+Johann. Je nu! so wird er das Geschaefte mit Ihnen so beiher treiben.
+Wir sind doch immer geklatscht.
+
+Adrast. Du hast recht.--Ich moechte rasend werden, wenn ich an alle
+die Streiche gedenke, die mir ein ungerechtes Schicksal zu spielen
+nicht aufhoert.--Doch wider wen murre ich? Wider ein taubes Ohngefaehr?
+Wider einen blinden Zufall, der uns ohne Absicht und ohne Vorsatz
+schwerfaellt? Ha! nichtswuerdiges Leben!--
+
+Johann. Oh! lassen Sie mir das Leben ungeschimpft. So einer
+Kleinigkeit wegen sich mit ihm zu ueberwerfen, das waere was Gescheutes!
+
+Adrast. So rate mir doch, wenn du es fuer eine Kleinigkeit ansiehst.
+
+Johann. Faellt Ihnen im Ernste kein Mittel ein?--Bald werde ich Sie
+gar nicht mehr fuer den grossen Geist halten, fuer den ich Sie doch immer
+gehalten habe. Fortgehen wollen Sie nicht; bezahlen koennen Sie nicht:
+was ist denn noch uebrig?
+
+Adrast. Mich ausklagen zu lassen.
+
+Johann. O pfui! Worauf ich gleich zuerst fallen wuerde, wenn ich auch
+bezahlen koennte--
+
+Adrast. Und was ist denn das?
+
+Johann. Schwoeren Sie den Bettel ab.
+
+Adrast (mit einer bittern Verachtung). Schurke!
+
+Johann. Wie? Was bin ich? So einen bruederlichen Rat--
+
+Adrast. Ja wohl ein bruederlicher Rat, den du nur deinen Bruedern,
+Leuten deinesgleichen, geben solltest.
+
+Johann. Sind Sie Adrast? Ich habe Sie wohl niemals ueber das Schwoeren
+spotten hoeren?
+
+Adrast. Ueber das Schwoeren, als Schwoeren, nicht aber als eine blosse
+Beteurung seines Wortes. Diese muss einem ehrlichen Manne heilig sein,
+und wenn auch weder Gott noch Strafe ist. Ich wuerde mich ewig schaemen,
+meine Unterschrift geleugnet zu haben, und ohne Verachtung meiner
+selbst, nie mehr meinen Namen schreiben koennen.
+
+Johann. Aberglauben ueber Aberglauben. Zu einer Tuere haben Sie ihn
+herausgejagt, und zu der andern lassen Sie ihn wieder herein.
+
+Adrast. Schweig! ich mag dein laesterliches Geschwaetze nicht anhoeren.
+Ich will Araspen aufsuchen. Ich will ihm Vorstellungen tun; ich will
+ihm von meiner Heirat sagen; ich will ihm Zinsen ueber Zinsen
+versprechen.--Ich treffe ihn doch wohl noch in dem Posthause?
+
+Johann. Vielleicht.--Da geht er, der barmherzige Schlucker. Das Maul
+ist gross genug an ihm; aber wenn es dazu koemmt, dass er das, was er
+glaubt, mit Taten beweisen soll, da zittert das alte Weib! Wohl dem,
+der nach seiner Ueberzeugung auch leben kann! So hat er doch noch
+etwas davon. Ich sollte an seiner Stelle sein.--Doch ich muss nur
+sehen, wo er bleibt.
+
+(Ende des ersten Aufzugs.)
+
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Juliane. Henriette. Lisette.
+
+
+Lisette. Vor allen Dingen, meine lieben Mamsells, ehe ich Ihre kleine
+Streitigkeit schlichte, lassen Sie uns ausmachen, welcher von Ihnen
+ich heute zugehoere. Sie wissen wohl, Ihre Herrschaft ueber mich ist
+umzechig. Denn weil es unmoeglich sein soll, zweien Herren zu dienen,
+So hat Ihr wohlweiser Papa--neigen Sie sich, Mamsells, neigen Sie sich!
+--so hat, sage ich, Ihr wohlweiser Papa wohlbedaechtig mich damit
+verschonen wollen, das Unmoegliche moeglich zu machen. Er hat jede von
+Ihnen einen Tag um den andern zu meiner hauptsaechlichen Gebieterin
+gemacht; so dass ich den einen Tag der sanften Juliane ehrbares Maedchen,
+und den andern der muntern Henriette wilde Lisette sein muss. Aber
+jetzt, seitdem die fremden Herren im Hause sind--
+
+Henriette. Unsre Anbeter meinst du--
+
+Lisette. Ja, ja! Ihre Anbeter, welche bald Ihre hochbefehlenden
+Ehemaenner sein werden--Seitdem, sage ich, diese im Hause sind, geht
+alles drueber und drunter; ich werde aus einer Hand in die andere
+geschmissen; und ach! unsere schoene Ordnung liegt mit dem Naehzeuge,
+das Sie seit eben der Zeit nicht angesehen haben, unterm Nachttische.
+Hervor wieder damit! Ich muss wissen, woran ich mit Ihnen bin, wenn
+ich ein unparteiisches Urteil faellen soll.
+
+Henriette. Das wollen wir bald ausrechnen.--Du besinnst dich doch
+wohl auf den letzten Feiertag, da dich meine Schwester mit in die
+Nachmittagspredigt schleppte, so gerne du auch mit mir auf unser
+Vorwerk gefahren waerest? Du warst damals sehr strenge, Juliane!--
+
+Juliane. Ich habe doch wohl nicht einer ehrlichen Seele einen
+vergeblichen Weg nach ihr hinaus gemacht?
+
+Henriette. Lisette--
+
+Lisette. Stille, Mamsell Henriette! nicht aus der Schule geschwatzt,
+oder--
+
+Henriette. Maedchen drohe nicht! Du weisst wohl, ich habe ein gut
+Gewissen.
+
+Lisette. Ich auch.--Doch lassen Sie uns nicht das Hundertste ins
+Tausendste schwatzen.--Recht! an den Feiertag will ich gedenken! Er
+war der letzte in unsrer Ordnung; denn noch den Abend kam Theophan an.
+
+Henriette. Und also, mit Erlaubnis meiner Schwester, bist du heute
+meine.
+
+Juliane. Ohne Widerrede.
+
+Lisette. Juchhei! Mamsellchen. Ich bin also heute Ihre: Juchhei!
+
+Juliane. Ist das dein Loesungswort unter ihrer Fahne?
+
+Lisette. Ohne weitre Umstaende: erzaehlen Sie mir nunmehr Ihre
+Streitigkeit.--Unterdessen lege ich mein Gesicht in richterliche
+Falten.
+
+Juliane. Streitigkeit? Eine wichtige Streitigkeit? Ihr seid beide
+Schaekerinnen.--Ich will nichts mehr davon hoeren.
+
+Henriette. So? Du willst keinen Richter erkennen? Ein klarer Beweis,
+dass du unrecht hast.--Hoere nur, Lisette! wir haben ueber unsre
+Anbeter gezankt. Ich will die Dinger immer noch so nennen, mag doch
+zuletzt daraus werden, was da will.
+
+Lisette. Das dachte ich. Ueber was koennten sich zwei gute Schwestern
+auch sonst zanken? Es ist freilich verdriesslich, wenn man sein
+kuenftiges Haupt verachten hoert.
+
+Henriette. Schwude! Maedchen; du willst ganz auf die falsche Seite.
+Keine hat des andern Anbeter verachtet; sondern unser Zank kam daher,
+weil eine des andern Anbeter--schon wieder Anbeter!--allzusehr erhob.
+
+Lisette. Eine neue Art Zanks! wahrhaftig, eine neue Art!
+
+Henriette. Kannst du es anders sagen, Juliane?
+
+Juliane. Oh! verschone mich doch damit.
+
+Henriette. Hoffe auf kein Verschonen, wenn du nicht widerrufst.--Sage,
+Lisette, hast du unsre Maennerchen schon einmal gegeneinander
+gehalten? Was duenkt dich? Juliane macht ihren armen Theophan
+herunter, als wenn er ein kleines Ungeheuer waere.
+
+Juliane. Unartige Schwester! Wann habe ich dieses getan? Musst du
+aus einer fluechtigen Anmerkung, die du mir gar nicht haettest aufmutzen
+sollen, solche Folgen ziehen?
+
+Henriette. Ich seh, man muss dich boese machen, wenn du mit der Sprache
+heraus sollst.--Eine fluechtige Anmerkung nennst du es? Warum
+strittest du denn ueber ihre Gruendlichkeit?
+
+Juliane. Du hast doch naerrische Ausdruecke! Fingst du nicht den
+ganzen Handel selbst an? Ich glaubte, wie sehr ich dir schmeicheln
+wuerde, wenn ich deinen Adrast den wohlgemachtesten Mann nennte, den
+ich jemals gesehen haette. Du haettest mir fuer meine Gesinnungen danken,
+nicht aber widersprechen sollen.
+
+Henriette. Sieh, wie wunderlich du bist! Was war mein Widerspruch
+anders, als ein Dank? Und wie konnte ich mich nachdruecklicher
+bedanken, als wenn ich den unverdienten Lobspruch auf deinen Theophan
+zurueckschob?--
+
+Lisette. Sie hat recht!
+
+Juliane. Nein, sie hat nicht recht. Denn eben dieses verdross mich.
+Muss sie auf einen so kindischen Fuss mit mir umgehen? Sahe sie mich
+nicht dadurch fuer ein kleines spielendes Maedchen an, das zu ihr gesagt
+haette: Deine Puppe ist die schoenste; und dem sie also, um es nicht
+boese zu machen, antworten muesste: Nein, deine ist die schoenste?
+
+Lisette. Nun hat sie recht!
+
+Henriette. Oh! geh, du bist eine artige Richterin. Hast du schon
+vergessen, dass du mir heute angehoerst?
+
+Lisette. Desto schaerfer eben werde ich gegen Sie sein, damit ich
+nicht parteiisch lasse.
+
+Juliane. Glaube mir nur, dass ich bessere Eigenschaften an einer
+Mannsperson zu schaetzen weiss, als seine Gestalt. Und es ist genug,
+dass ich diese bessern Eigenschaften an dem Theophan finde. Sein Geist-
+-
+
+Henriette. Von dem ist ja nicht die Rede. Jetzt koemmt es auf den
+Koerper an, und dieser ist an dem Theophan schoener, du magst sagen, was
+du willst. Adrast ist besser gewachsen: gut; er hat einen schoenern
+Fuss: ich habe nichts dawider. Aber lass uns auf das Gesicht kommen.--
+
+Juliane. So stueckweise habe ich mich nicht eingelassen.
+
+Henriette. Das ist eben dein Fehler.--Was fuer ein Stolz, was fuer eine
+Verachtung aller andern blickt nicht dem Adrast aus jeder Miene! Du
+wirst es Adel nennen; aber machst du es dadurch schoen? Umsonst sind
+seine Gesichtszuege noch so regelmaessig: sein Eigensinn, seine Lust zum
+Spotten hat eine gewisse Falte hineingebracht, die ihm in meinen Augen
+recht haesslich laesst. Aber ich will sie ihm gewiss herausbringen: lass
+nur die Flitterwochen erst vorbei sein.--Dein Theophan hingegen hat
+das liebenswuerdigste Gesicht von der Welt. Es herrscht eine
+Freundlichkeit darin, die sich niemals verleugnet.--
+
+Juliane. Sage mir doch nur nichts, was ich ebensogut bemerkt habe,
+als du. Allein eben diese seine Freundlichkeit ist nicht sowohl das
+Eigentum seines Gesichts, als die Folge seiner innern Ruhe. Die
+Schoenheit der Seele bringt auch in einen ungestalteten Koerper Reize;
+so wie ihre Haesslichkeit dem vortrefflichsten Baue und den schoensten
+Gliedern desselben, ich weiss nicht was eindrueckt, das einen
+unzuerklaerenden Verdruss erwecket. Wenn Adrast eben der fromme Mann
+waere, der Theophan ist; wenn seine Seele von ebenso goettlichen
+Strahlen der Wahrheit, die er sich mit Gewalt zu verkennen bestrebet,
+erleuchtet waere: so wuerde er ein Engel unter den Menschen sein; da er
+jetzt kaum ein Mensch unter den Menschen ist. Zuerne nicht, Henriette,
+dass ich so veraechtlich von ihm rede. Wenn er in gute Haende faellt,
+kann er noch alles das werden, was er jetzt nicht ist, weil er es nie
+hat sein wollen. Seine Begriffe von der Ehre, von der natuerlichen
+Billigkeit sind vortrefflich.--
+
+Henriette (spoettisch). Oh! du machst ihn auch gar zu sehr herunter.--
+Aber im Ernste, kann ich nicht sagen, dass du mich nunmehr fuer das
+kleine spielende Maedchen ansiehst? Ich mag ja nicht von dir
+seinetwegen zufriedengestellt sein. Er ist, wie er ist, und lange gut
+fuer mich. Du sprachst von guten Haenden, in die er fallen muesste, wenn
+noch was aus ihm werden sollte. Da er in meine nunmehr gefallen ist,
+wird er wohl nicht anders werden. Mich nach ihm zu richten, wird mein
+einziger Kunstgriff sein, uns das Leben ertraeglich zu machen. Nur die
+verdriesslichen Gesichter muss er ablegen; und da werde ich ihm die
+Gesichter deines Theophans zum Muster vorschlagen.
+
+Juliane. Schon wieder Theophan, und seine freundlichen Gesichter?
+
+Lisette. Stille! Mamsell--
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Theophan. Juliane. Henriette. Lisette.
+
+
+Henriette (springt dem Theophan entgegen). Kommen Sie doch, Theophan,
+kommen Sie!--Koennen Sie wohl glauben, dass ich Ihre Partei gegen meine
+Schwester habe halten muessen? Bewundern Sie meine Uneigennuetzigkeit.
+Ich habe Sie bis in den Himmel erhoben, da ich doch weiss, dass ich Sie
+nicht bekomme, sondern dass Sie fuer meine Schwester bestimmt sind, die
+Ihren Wert nicht kennet. Denken Sie nur, sie behauptet, dass Sie keine
+so schoene Person vorstellten, als Adrast. Ich weiss nicht, wie sie das
+behaupten kann. Ich sehe doch den Adrast mit den Augen einer
+Verliebten an, das ist, ich mache mir ihn noch zehnmal schoener, als er
+ist, und gleichwohl geben Sie ihm, meines Beduenkens, nichts nach. Sie
+spricht zwar, auf der Seite des Geistes haetten Sie mehr Vorzuege; aber
+was wissen wir Frauenzimmer denn vom Geiste?
+
+Juliane. Die Schwaetzerin! Sie kennen sie, Theophan: glauben Sie ihr
+nicht.
+
+Theophan. Ich ihr nicht glauben, schoenste Juliane? Warum wollen Sie
+mich nicht in der gluecklichen Ueberzeugung lassen, dass Sie so
+vorteilhaft von mir gesprochen haben?--Ich danke Ihnen, angenehmste
+Henriette, fuer Ihre Verteidigung; ich danke Ihnen umsovielmehr, je
+staerker ich selbst ueberfuehret bin, dass Sie eine schlechte Sache haben
+verteidigen muessen. Allein--
+
+Henriette. Oh! Theophan, von Ihnen verlange ich es nicht, dass Sie
+mir recht geben sollen. Es ist eine andere gewisse Person--
+
+Juliane. Lassen Sie dieser andern Person Gerechtigkeit widerfahren,
+Theophan. Sie werden, hoffe ich, meine Gesinnungen kennen--
+
+Theophan. Gehen Sie nicht mit mir, als mit einem Fremden um, liebste
+Juliane. Brauchen Sie keine Einlenkungen; ich wuerde bei jeder naehern
+Bestimmung verlieren.--Bei den Buechern, in einer engen staubigten
+Studierstube, vergisst man des Koerpers sehr leicht; und Sie wissen, der
+Koerper muss ebensowohl bearbeitet werden, als die Seele, wenn beide
+diejenigen Vollkommenheiten erhalten sollen, deren sie faehig sind.
+Adrast ist in der grossen Welt erzogen worden; er hat alles, was bei
+derselben beliebt macht--
+
+Henriette. Und wenn es auch Fehler sein sollten.--
+
+Theophan. Wenigstens habe ich diese Anmerkung nicht machen wollen.--
+Aber nur Geduld! ein grosser Verstand kann diesen Fehlern nicht immer
+ergeben sein. Adrast wird das Kleine derselben endlich einsehen,
+welches sich nur allzusehr durch das Leere verraet, das sie in unsern
+Herzen zuruecklassen. Ich bin seiner Umkehr so gewiss, dass ich ihn
+schon im voraus darum liebe.--Wie gluecklich werden Sie mit ihm leben,
+glueckliche Henriette!
+
+Henriette. So edel spricht Adrast niemals von Ihnen, Theophan.--
+
+Juliane. Abermals eine recht garstige Anmerkung, meine liebe
+Schwester.--Was suchst du damit, dass du dem Theophan dieses sagst? Es
+ist allezeit besser, wenn man es nicht weiss, wer von uns uebel spricht.
+Die Kenntnis unserer Verleumder wirkt auch in dem grossmuetigsten
+Herzen eine Art von Entfernung gegen sie, die ihre Aussoehnung mit der
+beleidigten Person nur noch schwerer macht.
+
+Theophan. Sie entzuecken mich, Juliane. Aber fuerchten Sie nichts!
+Eben darin soll ueber kurz oder lang mein Triumph bestehen, dass ich den
+mich jetzt verachtenden Adrast besser von mir zu urteilen gezwungen
+habe. Wuerde ich aber nicht diesen ganzen Triumph zernichten, wenn ich
+selbst einigen Groll gegen ihn fassen wollte? Noch hat er sich nicht
+die Muehe genommen, mich naeher kennenzulernen. Vielleicht, dass ich ein
+Mittel finde, ihn dazu zu vermoegen.--Lassen Sie uns nur jetzt davon
+abbrechen; und erlauben Sie, dass ich einen meiner naechsten
+Blutsfreunde bei Ihnen anmelden darf, der sich ein Vergnuegen daraus
+gemacht hat, mich hier zu ueberraschen.--
+
+Juliane. Einen Anverwandten?
+
+Henriette. Und wer ist es?
+
+Theophan. Araspe.
+
+Juliane. Araspe?
+
+Henriette. Ei! das ist ja vortrefflich! Wo ist er denn?
+
+Theophan. Er war eben abgestiegen, und hat mir versprochen,
+unverzueglich nachzufolgen.
+
+Henriette. Weiss es der Papa schon?
+
+Theophan. Ich glaube nicht.
+
+Juliane. Und die Grossmama?
+
+Henriette. Komm, Schwesterchen! diese froehliche Nachricht muessen wir
+ihnen zuerst bringen.--Du bist doch nicht boese auf mich?
+
+Juliane. Wer kann auf dich boese sein, Schmeichlerin? Komm nur!
+
+Theophan. Erlauben Sie, dass ich ihn hier erwarte.
+
+Henriette. Bringen Sie ihn aber nur bald. Hoeren Sie!
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Theophan. Lisette.
+
+
+Lisette. Ich bleibe, Herr Theophan, um Ihnen noch ein kleines grosses
+Kompliment zu machen. Wahrhaftig! Sie sind der gluecklichste Mann von
+der Welt! und wenn Herr Lisidor, glaube ich, noch zwei Toechter haette,
+so wuerden sie doch alle viere in Sie verliebt sein.
+
+Theophan. Wie versteht Lisette das?
+
+Lisette. Ich verstehe es so: dass wenn es alle viere sein wuerden, es
+jetzt alle zwei sein muessen.
+
+Theophan (laechelnd). Noch dunkler!
+
+Lisette. Das sagt Ihr Laecheln nicht.--Wenn Sie aber wirklich Ihre
+Verdienste selbst nicht kennen, so sind Sie nur desto liebenswerter.
+Juliane liebt Sie: und das geht mit rechten Dingen zu, denn sie soll
+Sie lieben. Nur schade, dass ihre Liebe so ein gar vernuenftiges
+Ansehen hat. Aber was soll ich zu Henrietten sagen? Gewiss sie liebt
+Sie auch, und was das Verzweifeltste dabei ist, sie liebt Sie--aus
+Liebe.--Wenn Sie sie doch nur alle beide auch heiraten koennten!
+
+Theophan. Sie meint es sehr gut, Lisette!
+
+Lisette. Ja, wahrhaftig! alsdann sollten Sie mich noch obendrein
+behalten.
+
+Theophan. Noch besser! Aber ich sehe, Lisette hat Verstand--
+
+Lisette. Verstand? Auf das Kompliment weiss ich, leider! nichts zu
+antworten. Auf ein anders: Lisette ist schoen, habe ich wohl ungefaehr
+antworten lernen: Mein Herr, Sie scherzen. Ich weiss nicht, ob sich
+diese Antwort hieher auch schickt.
+
+Theophan. Ohne Umstaende!--Lisette kann mir einen Dienst erzeigen,
+wenn sie mir ihre wahre Meinung von Julianen entdeckt. Ich bin gewiss,
+dass sie auch in ihren Mutmassungen nicht weit vom Ziele treffen wird.
+Es gibt gewisse Dinge, wo ein Frauenzimmerauge immer schaerfer sieht,
+als hundert Augen der Mannspersonen.
+
+Lisette. Verzweifelt! diese Erfahrung koennen Sie wohl nimmermehr aus
+Buechern haben--Aber, wenn Sie nur acht auf meine Reden gegeben haetten;
+ich habe Ihnen bereits meine wahre Meinung von Julianen gesagt. Sagte
+ich Ihnen nicht, dass mir ihre Liebe ein gar zu vernuenftiges Ansehen zu
+haben scheine? Darin liegt alles, was ich davon denke. Ueberlegung,
+Pflicht, vorzuegliche Schoenheiten der Seele--Ihnen die Wahrheit zu
+sagen, gegen so vortreffliche Worte, in einem weiblichen Munde, mag
+ein Liebhaber immer ein wenig misstrauisch sein. Und noch eine kleine
+Beobachtung gehoeret hieher: diese naemlich, dass sie mit den schoenen
+Worten weit sparsamer gewesen, als Herr Theophan allein im Hause war.
+
+Theophan. Gewiss?
+
+Lisette (nachdem sie ihn einen Augenblick angesehen). Herr Theophan!
+Herr Theophan! Sie sagen dieses Gewiss mit einer Art,--mit einer Art,--
+
+Theophan. Mit was fuer einer Art?
+
+Lisette. Ja! nun ist sie wieder weg. Die Mannspersonen! die
+Mannspersonen! Und wenn es auch gleich die allerfroemmsten sind--Doch
+ich will mich nicht irremachen lassen. Seit Adrast im Hause ist,
+wollte ich sagen, fallen zwischen dem Adrast und Julianen dann und
+wann Blicke vor--
+
+Theophan. Blicke?--Sie beunruhiget mich, Lisette.
+
+Lisette. Und das Beunruhigen koennen Sie so ruhig aussprechen, so
+ruhig--Ja, Blicke fallen zwischen ihnen vor; Blicke, die nicht ein
+Haar anders sind, als die Blicke, die dann und wann zwischen Mamsell
+Henrietten und dem vierten vorfallen--
+
+Theophan. Was fuer einem vierten?
+
+Lisette. Werden Sie nicht ungehalten. Wenn ich Sie gleich den
+vierten nenne, so sind Sie eigentlich doch in aller Absicht der erste.
+
+Theophan (die ersten Worte beiseite). Die Schlaue!--Sie beschaemt mich
+fuer meine Neubegierde, und ich habe es verdient. Nichtsdestoweniger
+aber irret Sie sich, Lisette; gewaltig irret Sie sich--
+
+Lisette. O pfui! Sie machten mir vorhin ein so artiges Kompliment,
+und nunmehr gereuet es Sie auf einmal, mir es gemacht zu haben.--Ich
+muesste gar nichts von dem Verstande besitzen, den Sie mir beilegten,
+wenn ich mich so gar gewaltig irren sollte.--
+
+Theophan (unruhig und zerstreut). Aber wo bleibt er denn?--
+
+Lisette. Mein Verstand?--Wo er will.--So viel ist gewiss, dass Adrast
+bei Henrietten ziemlich schlecht steht, sosehr sie sich auch nach
+seiner Weise zu richten scheint. Sie kann alles leiden, nur
+geringgeschaetzt zu werden, kann sie nicht leiden. Sie weiss es
+allzuwohl, fuer was uns Adrast ansieht: fuer nichts, als Geschoepfchen,
+die aus keiner andern Absicht da sind, als den Maennern ein Vergnuegen
+zu machen. Und das ist doch sehr nichtswuerdig gedacht! Aber da kann
+man sehen, in was fuer gottlose Irrtuemer die unglaeubigen Leute
+verfallen.--Nu? Hoeren Sie mir nicht mehr zu, Herr Theophan? Wie so
+zerstreut? wie so unruhig?
+
+Theophan. Ich weiss nicht, wo mein Vetter bleibt?--
+
+Lisette. Er wird ja wohl kommen.--
+
+Theophan. Ich muss ihm wirklich nur wieder entgegengehn.--Adieu,
+Lisette!
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Lisette. Das heisse ich kurz abgebrochen!--Er wird doch nicht
+verdriesslich geworden sein, dass ich ihm ein wenig auf den Zahn fuehlte?
+Das brave Maennchen! Ich will nur gerne sehen, was noch daraus werden
+wird. Ich goenne ihm wirklich alles Gutes, und wenn es nach mir gehen
+sollte, so wuesste ich schon, was ich taete.--(Indem sie sich umsieht.)
+Wer koemmt denn da den Gang hervor?--Sind die es?--Ein Paar
+allerliebste Schlingel! Adrasts Johann, und Theophans Martin: die
+wahren Bilder ihrer Herren, von der haesslichen Seite! Aus
+Freigeisterei ist jener ein Spitzbube; und aus Froemmigkeit dieser ein
+Dummkopf. Ich muss mir doch die Lust machen, sie zu behorchen. (Sie
+tritt zurueck.)
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+
+Lisette, halb versteckt hinter einer Szene. Johann. Martin.
+
+
+Johann. Was ich dir sage!
+
+Martin. Du musst mich fuer sehr dumm ansehen. Dein Herr ein Atheist?
+das glaube sonst einer! Er sieht ja aus wie ich und du. Er hat Haende
+und Fuesse; er hat das Maul in der Breite und die Nase in der Laenge, wie
+ein Mensch; er red't, wie ein Mensch; er isst, wie ein Mensch:--und
+soll ein Atheist sein?
+
+Johann. Nun? sind denn die Atheisten keine Menschen?
+
+Martin. Menschen? Ha! ha! ha! Nun hoere ich, dass du selber nicht
+weisst, was ein Atheist ist.
+
+Johann. Zum Henker! du wirst es wohl besser wissen. Ei! belehre
+doch deinen unwissenden Naechsten.
+
+Martin. Hoer zu!--Ein Atheist ist--eine Brut der Hoelle, die sich, wie
+der Teufel, tausendmal verstellen kann. Bald ist's ein listiger Fuchs,
+bald ein wilder Baer;--bald ist's ein Esel, bald ein Philosoph;--bald
+ist's ein Hund, bald ein unverschaemter Poete. Kurz, es ist ein Untier,
+das schon lebendig bei dem Satan in der Hoelle brennt,--eine Pest der
+Erde,--eine abscheuliche Kreatur,--ein Vieh, das dummer ist, als ein
+Vieh;--ein Seelenkannibal,--ein Antichrist,--ein schreckliches
+Ungeheuer--
+
+Johann. Es hat Bocksfuesse: nicht? Zwei Hoerner? einen Schwanz?--
+
+Martin. Das kann wohl sein.--Es ist ein Wechselbalg, den die Hoelle
+durch--durch einen unzuechtigen Beischlaf mit der Weisheit dieser Welt
+erzeugt hat;--es ist--ja, sieh, das ist ein Atheist. So hat ihn unser
+Pfarr abgemalt; der kennt ihn aus grossen Buechern.
+
+Johann. Einfaeltiger Schoeps!--Sieh mich doch einmal an.
+
+Martin. Nu?
+
+Johann. Was siehst du an mir?
+
+Martin. Nichts, als was ich zehnmal besser an mir sehen kann.
+
+Johann. Findest du denn etwas Erschreckliches, etwas Abscheuliches an
+mir? Bin ich nicht ein Mensch, wie du? Hast du jemals gesehen, dass
+ich ein Fuchs, ein Esel, oder ein Kannibal gewesen waere?
+
+Martin. Den Esel lass immer weg, wenn ich dir antworten soll, wie du
+gerne willst.--Aber, warum fragst du das?
+
+Johann. Weil ich selbst ein Atheist bin; das ist, ein starker Geist,
+wie es jetzt jeder ehrlicher Kerl nach der Mode sein muss. Du sprichst,
+ein Atheist brenne lebendig in der Hoelle. Nun! rieche einmal:
+riechst du einen Brand an mir?
+
+Martin. Drum eben bist du keiner.
+
+Johann. Ich waere keiner? Tue mir nicht die Schande an, daran zu
+zweifeln, oder--Doch wahrhaftig, das Mitleiden verhindert mich, boese
+zu werden. Du bist zu beklagen, armer Schelm!
+
+Martin. Arm? Lass einmal sehen, wer die vergangene Woche das meiste
+Trinkgeld gekriegt hat. (Er greift in die Tasche.) Du bist ein
+luederlicher Teufel, du versaeufst alles--
+
+Johann. Lass stecken! Ich rede von einer ganz andern Armut, von der
+Armut des Geistes, der sich mit lauter elenden Brocken des
+Aberglaubens ernaehren, und mit lauter armseligen Lumpen der Dummheit
+kleiden muss.--Aber so geht es euch Leuten, die ihr nicht weiter, als
+hoechstens vier Meilen hinter den Backofen kommt. Wenn du gereiset
+waerest, wie ich--
+
+Martin. Gereist bist du? Lass hoeren, wo bist du gewesen?
+
+Johann. Ich bin gewesen--in Frankreich--
+
+Martin. In Frankreich? Mit deinem Herrn?
+
+Johann. Ja, mein Herr war mit.
+
+Martin. Das ist das Land, wo die Franzosen wohnen?--So wie ich einmal
+einen gesehen habe,--das war eine schnurrige Kroete! In einem
+Augenblicke konnte er sich siebenmal auf dem Absatze herumdrehen, und
+dazu pfeifen.
+
+Johann. Ja, es gibt grosse Geister unter ihnen! Ich bin da erst recht
+klug geworden.
+
+Martin. Hast du denn auch Frankreich'sch gelernt?
+
+Johann. Franzoesisch, willst, du sagen:--vollkommen.
+
+Martin. Oh! rede einmal!
+
+Johann. Das will ich wohl tun.--Quelle heure est-il, maraut? Le pere
+et la mere une fille de coups de baton. Comment coquin? Diantre
+diable carogne a vous servir.
+
+Martin. Das ist schnakisch! Und das Zeug koennen die Leute da
+verstehen? Sag einmal, was hiess das auf deutsch?
+
+Johann. Ja! auf deutsch! Du guter Narre, das laesst sich auf deutsch
+nicht so sagen. Solche feine Gedanken koennen nur franzoesisch
+ausgedrueckt werden.
+
+Martin. Der Blitz!--Nu? wo bist du weiter gewesen?
+
+Johann. Weiter? In England--
+
+Martin. In England?--Kannst du auch Englaend'sch
+
+Johann. Was werde ich nicht koennen?
+
+Martin. Sprich doch!
+
+Johann. Du musst wissen, es ist eben wie das Franzoesische. Es ist
+franzoesisch, versteh mich, auf englisch ausgesprochen. Was hoerst du
+dir dran ab?--Ich will dir ganz andre Dinge sagen, wenn du mir zuhoeren
+willst. Dinge, die ihresgleichen nicht haben muessen. Zum Exempel,
+auf unsern vorigen Punkt zu kommen: sei kein Narr, und glaube, dass ein
+Atheist so ein schrecklich Ding ist. Ein Atheist ist nichts weiter,
+als ein Mensch, der keinen Gott glaubt.--
+
+Martin. Keinen Gott? Je! das ist ja noch viel aerger! Keinen Gott?
+Was glaubt er denn?
+
+Johann. Nichts.
+
+Martin. Das ist wohl eine maechtige Muehe.
+
+Johann. Ei! Muehe! Wenn auch nichts glauben eine Muehe waere, so
+glaubten ich und mein Herr gewiss alles. Wir sind geschworne Feinde
+alles dessen, was Muehe macht. Der Mensch ist in der Welt, vergnuegt
+und lustig zu leben. Die Freude, das Lachen, das Kurtisieren, das
+Saufen sind seine Pflichten. Die Muehe ist diesen Pflichten hinderlich;
+also ist es auch notwendig seine Pflicht, die Muehe zu fliehen.--Sieh,
+das war ein Schluss, der mehr Gruendliches enthaelt, als die ganze Bibel.
+
+Martin. Ich wollt's. Aber sage mir doch, was hat man denn in der
+Welt ohne Muehe?
+
+Johann. Alles was man erbt, und was man erheiratet. Mein Herr erbte
+von seinem Vater und von zwei reichen Vettern keine kleinen Summen;
+und ich muss ihm das Zeugnis geben, er hat sie, als ein braver Kerl,
+durchgebracht. Jetzt bekoemmt er ein reich Maedel, und, wenn er klug
+ist, so faengt er es wieder an, wo er es gelassen hat. Seit einiger
+Zeit ist er mir zwar ganz aus der Art geschlagen; und ich sehe wohl,
+auch die Freigeisterei bleibt nicht klug, wenn sie auf die Freite geht.
+Doch ich will ihn schon wieder in Gang bringen.--Und hoere, Martin,
+ich will auch dein Glueck machen. Ich habe einen Einfall; aber ich
+glaube nicht, dass ich ihn anders wohl von mir geben kann, als--bei
+einem Glase Wein. Du klimpertst vorhin mit deinen Trinkgeldern; und
+gewiss, du bist in Gefahr, keine mehr zu bekommen, wenn man nicht sieht,
+dass du sie dazu anwendest, wozu sie dir gegeben werden. Zum Trinken,
+guter Martin, zum Trinken: darum heissen es Trinkgelder.--
+
+Martin. Still! Herr Johann, still!--Du bist mir so noch Revansche
+schuldig. Habe ich dich nicht jenen Abend nur noch freigehalten?--
+Doch, lass einmal hoeren! was ist denn das fuer ein Glueck, das ich von
+dir zu hoffen habe?
+
+Johann. Hoere, wenn mein Herr heiratet, so muss er noch einen Bedienten
+annehmen.--Eine Kanne Wein, so sollst du bei mir den Vorzug haben. Du
+versauerst doch nur bei deinem dummen Schwarzrocke. Du sollst bei
+Adrasten mehr Lohn und mehr Freiheit haben; und ich will dich noch
+obendrein zu einem starken Geiste machen, der es mit dem Teufel und
+seiner Grossmutter aufnimmt, wenn nur erst einer waere.
+
+Martin. Was? wenn erst einer waere? Ho! ho! Ist es nicht genug,
+dass du keinen Gott glaubst? willst du noch dazu keinen Teufel
+glauben? Oh! male ihn nicht an die Wand! Er laesst sich nicht so
+lange herumhudeln, wie der liebe Gott. Der liebe Gott ist gar zu gut,
+und lacht ueber einen solchen Narren, wie du bist. Aber der Teufel--
+dem laeuft gleich die Laus ueber die Leber; und darnach sieht's nicht
+gut aus.--Nein, bei dir ist kein Aushalten: ich will nur gehen.--
+
+Johann (haelt ihn zurueck). Spitzbube! Spitzbube! denkst du, dass ich
+deine Streiche nicht merke? Du fuerchtest dich mehr fuer die Kanne Wein,
+die du geben sollst, als fuer den Teufel. Halt!--Ich kann dich aber
+bei dem allen unmoeglich in dergleichen Aberglauben stecken lassen.
+Ueberlege dir's nur:--Der Teufel--der Teufel--Ha! ha! ha!--Und dir
+koemmt es nicht laecherlich vor? Je! so lache doch!
+
+Martin. Wenn kein Teufel waere, wo kaemen denn die hin, die ihn
+auslachen?--Darauf antworte mir einmal! den Knoten beiss mir auf!
+Siehst du, dass ich auch weiss, wie man euch Leute zuschanden machen muss?
+
+Johann. Ein neuer Irrtum! Und wie kannst du so unglaeubig gegen meine
+Worte sein? Es sind die Aussprueche der Weltweisheit, die Orakel der
+Vernunft! Es ist bewiesen, sage ich dir, in Buechern ist es bewiesen,
+dass es weder Teufel noch Hoelle gibt.--Kennst du Balthasarn? Es war
+ein beruehmter Baecker in Holland.
+
+Martin. Was gehn mich die Baecker in Holland an? Wer weiss, ob sie so
+gute Brezeln backen, wie der hier an der Ecke.
+
+Johann. Ei! das war ein gelehrter Baecker! Seine bezauberte Welt--ha!
+--das ist ein Buch! Mein Herr hat es einmal gelesen. Kurz, ich
+verweise dich auf das Buch, so wie man mich darauf verwiesen hat, und
+will dir nur im Vertrauen sagen: Der muss ein Ochse, ein Rindvieh, ein
+altes Weib sein, der einen Teufel glauben kann. Soll ich dir's
+zuschwoeren, dass keiner ist?--Ich will ein Hundsfott sein!
+
+Martin. Pah! der Schwur geht wohl mit.
+
+Johann. Nun, sieh,--ich will, ich will--auf der Stelle verblinden,
+wenn ein Teufel ist.
+
+(Lisette springt geschwinde hinter der Szene hervor, und haelt ihm
+rueckwaerts die Augen zu, indem sie dem Martin zugleich winkt.)
+
+Martin. Das waere noch was; aber du weisst schon, dass das nicht
+geschieht.
+
+Johann (aengstlich). Ach! Martin, ach!
+
+Martin. Was ist's?
+
+Johann. Martin, wie wird mir? Wie ist mir, Martin?
+
+Martin. Nu? was hast du denn?
+
+Johann. Seh ich--oder--ach! dass Gott--Martin! Martin! wie wird es
+auf einmal so Nacht?
+
+Martin. Nacht? Was willst du mit der Nacht?
+
+Johann. Ach! so ist es nicht Nacht? Huelfe! Martin, Huelfe!
+
+Martin. Was denn fuer Huelfe? Was fehlt dir denn?
+
+Johann. Ach! ich bin blind, ich bin blind! Es liegt mir auf den
+Augen, auf den Augen.--Ach! ich zittere am ganzen Leibe--
+
+Martin. Blind bist du? Du wirst ja nicht?--Warte, ich will dich in
+die Augen schlagen, dass das Feuer herausspringt, und du sollst bald
+sehen--
+
+Johann. Ach! ich bin gestraft, ich bin gestraft. Und du kannst
+meiner noch spotten? Huelfe! Martin, Huelfe!--(Er faellt auf die Knie.)
+Ich will mich gern bekehren! Ach! was bin ich fuer ein Boesewicht
+gewesen!--
+
+Lisette (welche ploetzlich gehen laesst, und, indem sie hervorspringt,
+ihm eine Ohrfeige gibt). Du Schlingel!
+
+Martin. Ha! ha! ha!
+
+Johann. Ach! ich komme wieder zu mir. (Indem er aufsteht.) Sie
+Rabenaas, Lisette!
+
+Lisette. Kann man euch Hundsfoetter so ins Bockshorn jagen? Ha! ha!
+ha!
+
+Martin. Krank lache ich mich noch darueber. Ha! ha! ha!
+
+Johann. Lacht nur! lacht nur!--Ihr seid wohl albern, wenn ihr denkt,
+dass ich es nicht gemerkt habe.--(Beiseite.) Das Blitzmaedel, was sie
+mir fuer einen Schreck abgejagt hat! Ich muss mich wieder erholen.
+(Geht langsam ab.)
+
+Martin. Gehst du? Oh! lacht ihn doch aus! Je! lach Sie doch,
+Lisettchen, lach Sie doch! Ha! ha! ha! Das hat Sie vortrefflich
+gemacht; so schoene, so schoene, ich moechte Sie gleich kuessen.--
+
+Lisette. Oh! geh, geh, dummer Martin!
+
+Martin. Komm Sie, wirklich! ich will Sie zu Weine fuehren. Ich will
+Sie mit der Kanne Wein traktieren, um die mich der Schurke prellen
+wollte. Komm Sie!
+
+Lisette. Das fehlte mir noch. Ich will nur gehen, und meinen
+Mamsells den Spass erzaehlen.
+
+Martin. Ja, und ich meinem Herrn.--Der war abgefuehrt! der war
+abgefuehrt!
+
+
+(Ende des zweiten Aufzuges.)
+
+
+
+
+
+Dritter Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Theophan. Araspe.
+
+
+Araspe. Was ich Ihnen sage, mein lieber Vetter. Das Vergnuegen Sie zu
+ueberfallen, und die Begierde bei Ihrer Verbindung gegenwaertig zu sein,
+sind freilich die vornehmsten Ursachen meiner Anherkunft; nur die
+einzigen sind es nicht. Ich hatte den Aufenthalt des Adrast endlich
+ausgekundschaftet, und es war mir sehr lieb, auf diese Art, wie man
+sagt, zwei Wuerfe mit einem Steine zu tun. Die Wechsel des Adrast sind
+verfallen; und ich habe nicht die geringste Lust, ihm auch nur die
+allerkleinste Nachsicht zu goennen. Ich erstaune zwar, ihn, welches
+ich mir nimmermehr eingebildet haette, in dem Hause Ihres kuenftigen
+Schwiegervaters zu finden; ihn auf eben demselben Fusse, als Sie,
+Theophan, hier zu finden: aber gleichwohl,--und wenn ihn das Schicksal
+auch noch naeher mit mir verbinden koennte,--
+
+Theophan. Ich bitte Sie, liebster Vetter, beteuern Sie nichts.
+
+Araspe. Warum nicht? Sie wissen wohl, Theophan, ich bin der Mann
+sonst nicht, welcher seine Schuldner auf eine grausame Art zu druecken
+faehig waere.--
+
+Theophan. Das weiss ich, und desto eher--
+
+Araspe. Hier wird kein Desto eher gelten. Adrast, dieser Mann, der
+sich, auf eine ebenso abgeschmackte als ruchlose Art von andern
+Menschen zu unterscheiden sucht, verdient, dass man ihn auch wieder von
+andern Menschen unterscheide. Er muss die Vorrechte nicht geniessen,
+die ein ehrlicher Mann seinen elenden Naechsten sonst gern geniessen
+laesst. Einem spoettischen Freigeiste, welcher uns lieber das Edelste,
+was wir besitzen, rauben und uns alle Hoffnung eines kuenftigen
+glueckseligern Lebens zunichte machen moechte, vergilt man noch lange
+nicht Gleiches mit Gleichem, wenn man ihm das gegenwaertige Leben ein
+wenig sauer macht.--Ich weiss, es ist der letzte Stoss, den ich dem
+Adrast versetze; er wird seinen Kredit nicht wieder herstellen koennen.
+Ja, ich wollte mich freuen, wenn ich sogar seine Heirat dadurch
+rueckgaengig machen koennte. Wenn mir es nur um mein Geld zu tun waere:
+so sehen Sie wohl, dass ich diese Heirat lieber wuerde befoerdern helfen,
+weil er doch wohl dadurch wieder etwas in die Haende bekommen wird.
+Aber nein; und sollte ich bei dem Konkurse, welcher entstehen muss,
+auch ganz und gar ledig ausgehen: so will ich ihn dennoch auf das
+Aeusserste bringen. Ja, wenn ich alles wohl erwaege, so glaube ich, ihm
+durch diese Grausamkeit noch eine Wohltat zu erweisen. Schlechtere
+Umstaende werden ihn vielleicht zu ernsthaften Ueberlegungen bringen,
+die er in seinem Wohlstande zu machen, nicht wert gehalten hat; und
+vielleicht aendert sich, wie es fast immer zu geschehen pflegt, sein
+Charakter mit seinem Gluecke.
+
+Theophan. Ich habe Sie ausreden lassen. Ich glaube, Sie werden so
+billig sein, und mich nunmehr auch hoeren.
+
+Araspe. Das werde ich.--Aber eingebildet haette ich mir es nicht, dass
+ich an meinem frommen Vetter einen Verteidiger des Adrasts finden
+sollte.
+
+Theophan. Ich bin es weniger, als es scheinet; und es kommen hier so
+viel Umstaende zusammen, dass ich weiter fast nichts als meine eigne
+Sache fuehren werde. Adrast, wie ich fest ueberzeugt bin, ist von
+derjenigen Art Freigeister, die wohl etwas Besseres zu sein verdienten.
+Es ist auch sehr begreiflich, dass man in der Jugend so etwas
+gleichsam wider Willen werden kann. Man ist es aber alsdann nur so
+lange, bis der Verstand zu einer gewissen Reife gelangt ist, und sich
+das aufwallende Gebluete abgekuehlt hat. Auf diesem kritischen Punkte
+steht jetzt Adrast; aber noch mit wankendem Fusse. Ein kleiner Wind,
+ein Hauch kann ihn wieder herabstuerzen. Das Unglueck, das Sie ihm
+drohen, wuerde ihn betaeuben; er wuerde sich einer wuetenden Verzweiflung
+ueberlassen, und Ursache zu haben glauben, sich um die Religion nicht
+zu bekuemmern, deren strenge Anhaenger sich kein Bedenken gemacht haetten,
+ihn zugrunde zu richten.
+
+Araspe. Das ist etwas; aber--
+
+Theophan. Nein, fuer einen Mann von Ihrer Denkungsart, liebster Vetter,
+muss dieses nicht nur etwas, sondern sehr viel sein. Sie haben die
+Sache von dieser Seite noch nicht betrachtet; Sie haben den Adrast nur
+als einen verlornen Mann angesehen, an dem man zum Ueberflusse noch
+eine desperate Kur wagen muesse. Aus diesem Grunde ist die Heftigkeit,
+mit der Sie wider ihn sprachen, zu entschuldigen. Lernen Sie ihn aber
+durch mich nunmehr unparteiischer beurteilen. Er ist in seinen Reden
+jetzt weit eingezogener, als man mir ihn sonst beschrieben hat. Wenn
+er streitet, so spottet er nicht mehr, sondern gibt sich alle Muehe,
+Gruende vorzubringen. Er faengt an, auf die Beweise, die man ihm
+entgegensetzt, zu antworten, und ich habe es ganz deutlich gemerkt,
+dass er sich schaemt, wenn er nur halb darauf antworten kann. Freilich
+sucht er diese Scham noch dann und wann unter das Veraechtliche eines
+Schimpfworts zu verstecken; aber nur Geduld! es ist schon viel, dass
+er diese Schimpfworte niemals mehr auf die heiligen Sachen, die man
+gegen ihn verteidiget, sondern bloss auf die Verteidiger fallen laesst.
+Seine Verachtung der Religion loeset sich allmaehlich in die Verachtung
+derer auf, die sie lehren.
+
+Araspe. Ist das wahr, Theophan?
+
+Theophan. Sie werden Gelegenheit haben, sich selbst davon zu
+ueberzeugen.--Sie werden zwar hoeren, dass diese seine Verachtung der
+Geistlichen mich jetzt am meisten trifft; allein ich bitte Sie im
+voraus, nicht empfindlicher darueber zu werden, als ich selbst bin.
+Ich habe es mir fest vorgenommen, ihn nicht mit gleicher Muenze zu
+bezahlen; sondern ihm vielmehr seine Freundschaft abzuzwingen, es mag
+auch kosten, was es will.
+
+Araspe. Wenn Sie bei persoenlichen Beleidigungen so grossmuetig sind--
+
+Theophan. Stille! wir wollen es keine Grossmut nennen. Es kann
+Eigennutz, es kann eine Art von Ehrgeiz sein, sein Vorurteil von den
+Gliedern meines Ordens durch mich zuschanden zu machen. Es sei aber,
+was es wolle, so weiss ich doch, dass Sie viel zu guetig sind, mir darin
+im Wege zu stehen. Adrast wuerde es ganz gewiss fuer ein abgekartetes
+Spiel halten, wenn er saehe, dass mein Vetter so scharf hinter ihm drein
+waere. Seine Wut wuerde einzig auf mich fallen, und er wuerde mich
+ueberall als einen Niedertraechtigen ausschreien, der ihm, unter tausend
+Versicherungen der Freundschaft, den Dolch ins Herz gestossen habe.
+Ich wollte nicht gerne, dass er die Exempel von haemtueckischen Pfaffen,
+wie er sie nennt, mit einigem Scheine der Wahrheit auch durch mich
+vermehren koennte.
+
+Araspe. Lieber Vetter, das wollte ich noch tausendmal weniger, als
+Sie.--
+
+Theophan. Erlauben Sie also, dass ich Ihnen einen Vorschlag tue:--oder
+nein; es wird vielmehr eine Bitte sein.
+
+Araspe. Nur ohne Umstaende, Vetter. Sie wissen ja doch wohl, dass Sie
+mich in Ihrer Hand haben.
+
+Theophan. Sie sollen so guetig sein und mir die Wechsel ausliefern,
+und meine Bezahlung dafuer annehmen.
+
+Araspe. Und Ihre Bezahlung dafuer annehmen? Bei einem Haare haetten
+Sie mich boese gemacht. Was reden Sie von Bezahlung? Wenn ich Ihnen
+auch nicht gesagt haette, dass es mir jetzt gar nicht um das Geld zu tun
+waere: so sollten Sie doch wenigstens wissen, dass das, was meine ist,
+auch Ihre ist.
+
+Theophan. Ich erkenne meinen Vetter.
+
+Araspe. Und ich erkannte ihn fast nicht.--Mein naechster Blutsfreund,
+mein einziger Erbe, sieht mich als einen Fremden an, mit dem er
+handeln kann? (Indem er sein Taschenbuch herauszieht.) Hier sind die
+Wechsel! Sie sind Ihre! machen Sie damit was Ihnen gefaellt.
+
+Theophan. Aber erlauben Sie, liebster Vetter: ich werde nicht so frei
+damit schalten duerfen, wenn ich sie nicht auf die gehoerige Art an mich
+gebracht habe.
+
+Araspe. Welches ist denn die gehoerige Art unter uns, wenn es nicht
+die ist, dass ich gebe, und Sie nehmen?--Doch damit ich alle Ihre
+Skrupel hebe: wohl! Sie sollen einen Revers von sich stellen, dass Sie
+die Summe dieser Wechsel nach meinem Tode bei der Erbschaft nicht noch
+einmal fodern wollen. (Laechelnd.) Wunderlicher Vetter! sehen Sie
+denn nicht, dass ich weiter nichts tue, als auf Abschlag bezahle?--
+
+Theophan. Sie verwirren mich--
+
+Araspe (der noch die Wechsel in Haenden hat). Lassen Sie mich nur die
+Wische nicht laenger halten.
+
+Theophan. Nehmen Sie unterdessen meinen Dank dafuer an.
+
+Araspe. Was fuer verlorne Worte! (Indem er sich umsieht.) Stecken
+Sie hurtig ein; da koemmt Adrast selbst.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Adrast. Theophan. Araspe.
+
+
+Adrast (erstaunend). Himmel! Araspe hier?
+
+Theophan. Adrast, ich habe das Vergnuegen, Ihnen in dem Herrn Araspe
+meinen Vetter vorzustellen.
+
+Adrast. Wie? Araspe Ihr Vetter?
+
+Araspe. Oh! wir kennen einander schon. Es ist mir angenehm, Herr
+Adrast, Sie hier zu sehen.
+
+Adrast. Ich bin bereits die ganze Stadt nach Ihnen durchgerannt. Sie
+wissen, wie wir miteinander stehen, und ich wollte Ihnen die Muehe
+ersparen, mich aufzusuchen.
+
+Araspe. Es waere nicht noetig gewesen. Wir wollen von unserer Sache
+ein andermal sprechen. Theophan hat es auf sich genommen.--
+
+Adrast. Theophan? Ha! nun ist es klar.--
+
+Theophan. Was ist klar, Adrast? (Ruhig.)
+
+Adrast. Ihre Falschheit, Ihre List--
+
+Theophan (zum Araspe). Wir halten uns zu lange hier auf. Lisidor,
+lieber Vetter, wird Sie mit Schmerzen erwarten. Erlauben Sie, dass ich
+Sie zu ihm fuehre.--(Zum Adrast.) Darf ich bitten, Adrast, dass Sie
+einen Augenblick hier verziehen? Ich will den Araspe nur
+heraufbegleiten; ich werde gleich wieder hier sein.
+
+Araspe. Wenn ich Ihnen raten darf, Adrast, so sein Sie gegen meinen
+Vetter nicht ungerecht.--
+
+Theophan. Er wird es nicht sein. Kommen Sie nur.
+
+(Theophan und Araspe gehen ab.)
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Adrast (bitter). Nein, gewiss, ich werde es auch nicht sein! Er ist
+unter allen seinesgleichen, die ich noch gekannt habe, der
+hassenswuerdigste! Diese Gerechtigkeit will ich ihm widerfahren lassen.
+Er hat den Araspe ausdruecklich meinetwegen kommen lassen: das ist
+unleugbar. Es ist mir aber doch lieb, dass ich ihm nie einen redlichen
+Tropfen Bluts zugetrauet, und seine suessen Reden jederzeit fuer das
+gehalten habe, was sie sind.--
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Adrast. Johann.
+
+
+Johann. Nun? haben Sie den Araspe gefunden?
+
+Adrast. Ja. (Noch bitter.)
+
+Johann. Geht's gut?
+
+Adrast. Vortrefflich.
+
+Johann. Ich haette es ihm auch raten wollen, dass er die geringste
+Schwierigkeit gemacht haette!--Und er hat doch schon wieder seinen
+Abschied genommen?
+
+Adrast. Verzieh nur: er wird uns gleich den unsrigen bringen.
+
+Johann. Er den unsrigen?--Wo ist Araspe?--
+
+Adrast. Beim Lisidor.
+
+Johann. Araspe beim Lisidor? Araspe?
+
+Adrast. Ja, Theophans Vetter.
+
+Johann. Was frage ich nach des Narren Vetter? Ich meine Araspen.--
+
+Adrast. Den meine ich auch.
+
+Johann. Aber--
+
+Adrast. Aber siehst du denn nicht, dass ich rasend werden moechte? Was
+plagst du mich noch? Du hoerst ja, dass Theophan und Araspe Vettern
+sind.
+
+Johann. Zum erstenmal in meinem Leben.--Vettern? Ei! desto besser;
+unsere Wechsel bleiben also in der Freundschaft, und Ihr neuer Herr
+Schwager wird dem alten Herrn Vetter schon zureden--
+
+Adrast. Du Dummkopf!--Ja, er wird ihm zureden, mich ohne Nachsicht
+ungluecklich zu machen.--Bist du denn so albern, es fuer einen Zufall
+anzusehen, dass Araspe hier ist? Siehst du denn nicht, dass es Theophan
+muss erfahren haben, wie ich mit seinem Vetter stehe? dass er ihm
+Nachricht von meinen Umstaenden gegeben hat? dass er ihn gezwungen hat,
+ueber Hals ueber Kopf eine so weite Reise zu tun, um die Gelegenheit ja
+nicht zu versaeumen, meinen Ruin an den Tag zu bringen, und mir dadurch
+die letzte Zuflucht, die Gunst des Lisidors, zu vernichten?
+
+Johann. Verdammt! wie gehen mir die Augen auf! Sie haben recht.
+Kann ich Esel denn, wenn von einem Geistlichen die Rede ist, nicht
+gleich auf das Allerboshafteste fallen?--Ha! wenn ich doch die
+Schwarzroecke auf einmal zu Pulver stampfen und in die Luft schiessen
+koennte! Was fuer Streiche haben sie uns nicht schon gespielt! Der
+eine hat uns um manches Tausend Taler gebracht: das war der ehrwuerdige
+Gemahl Ihrer lieben Schwester. Der andere--
+
+Adrast. Oh! fange nicht an, mir meine Unfaelle vorzuzaehlen. Ich will
+sie bald geendigt sehen. Alsdann will ich es doch abwarten, was mir
+das Glueck noch nehmen kann, wann ich nichts mehr habe.
+
+Johann. Was es Ihnen noch nehmen kann, wann Sie nichts mehr haben?
+Das will ich Ihnen gleich sagen: Mich wird es Ihnen alsdann noch
+nehmen.
+
+Adrast. Ich verstehe dich, Holunke!--
+
+Johann. Verschwenden Sie Ihren Zorn nicht an mir. Hier koemmt der, an
+welchem Sie ihn besser anwenden koennen.
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+
+Theophan. Adrast. Johann.
+
+
+Theophan. Ich bin wieder hier, Adrast. Es entfielen Ihnen vorhin
+einige Worte von Falschheit und List.--
+
+Adrast. Beschuldigungen entfallen mir niemals. Wenn ich sie
+vorbringe, bringe ich sie mit Vorsatz und Ueberlegung vor.
+
+Theophan. Aber eine naehere Erklaerung--
+
+Adrast. Die fodern Sie nur von sich selbst.
+
+Johann (die ersten Worte beiseite). Hier muss ich hetzen.--Ja, ja,
+Herr Theophan! es ist schon bekannt, dass Ihnen mein Herr ein Dorn in
+den Augen ist.
+
+Theophan. Adrast, haben Sie es ihm befohlen, an Ihrer Stelle zu
+antworten?
+
+Johann. So? auch meine Verteidigung wollen Sie ihm nicht goennen?
+Ich will doch sehen, wer mir verbieten soll, mich meines Herrn
+anzunehmen.
+
+Theophan. Lassen Sie es ihn doch sehen, Adrast.
+
+Adrast. Schweig!
+
+Johann. Ich sollte--
+
+Adrast. Noch ein Wort! (Drohend.)
+
+Theophan. Nunmehr darf ich die Bitte um eine naehere Erklaerung doch
+wohl wiederholen? Ich weiss sie mir selbst nicht zu geben.
+
+Adrast. Erklaeren Sie sich denn gerne naeher, Theophan?
+
+Theophan. Mit Vergnuegen, sobald es verlangt wird.
+
+Adrast. Ei! so sagen Sie mir doch, was wollte denn Araspe, bei
+Gelegenheit dessen, was Sie schon wissen, mit den Worten sagen:
+Theophan hat es auf sich genommen?
+
+Theophan. Darueber sollte sich Araspe eigentlich erklaeren. Doch ich
+kann es an seiner Statt tun. Er wollte sagen, dass er mir Ihre Wechsel
+zur Besorgung uebergeben habe.
+
+Adrast. Auf Ihr Anliegen?
+
+Theophan. Das kann wohl sein.
+
+Adrast. Und was haben Sie beschlossen, damit zu tun?
+
+Theophan. Sie sind Ihnen ja noch nicht vorgewiesen worden? Koennen
+wir etwas beschliessen, ehe wir wissen, was Sie darauf tun wollen?
+
+Adrast. Kahle Ausflucht! Ihr Vetter weiss es laengst, was ich darauf
+tun kann.
+
+Theophan. Er weiss, dass Sie ihnen Genuege tun koennen. Und sind Sie
+alsdann nicht auseinander?
+
+Adrast. Sie spotten.
+
+Theophan. Ich bin nicht Adrast.
+
+Adrast. Setzen Sie aber den Fall,--und Sie koennen ihn sicher setzen,--
+dass ich nicht imstande waere zu bezahlen: was haben Sie alsdenn
+beschlossen?
+
+Theophan. In diesem Falle ist noch nichts beschlossen.
+
+Adrast. Aber was duerfte beschlossen werden?
+
+Theophan. Das koemmt auf Araspen an. Doch sollte ich meinen, dass eine
+einzige Vorstellung, eine einzige hoefliche Bitte bei einem Manne, wie
+Araspe ist, viel ausrichten koenne.
+
+Johann. Nachdem die Ohrenblaeser sind.--
+
+Adrast. Muss ich es noch einmal sagen, dass du schweigen sollst?
+
+Theophan. Ich wuerde mir ein wahres Vergnuegen machen, wenn ich Ihnen
+durch meine Vermittelung einen kleinen Dienst dabei erzeigen koennte.
+
+Adrast. Und Sie meinen, dass ich Sie mit einer demuetigen Miene, mit
+einer kriechenden Liebkosung, mit einer niedertraechtigen Schmeichelei
+darum ersuchen solle? Nein, so will ich Ihre Kitzelung ueber mich
+nicht vermehren. Wenn Sie mich mit dem ehrlichsten Gesichte
+versichert haetten, Ihr moeglichstes zu tun, so wuerden Sie in einigen
+Augenblicken mit einer wehmuetigen Stellung wiederkommen, und es
+bedauern, dass Ihre angewandte Muehe umsonst sei? Wie wuerden sich Ihre
+Augen an meiner Verwirrung weiden!
+
+Theophan. Sie wollen mir also keine Gelegenheit geben, das Gegenteil
+zu beweisen?--Es soll Ihnen nur ein Wort kosten.
+
+Adrast. Nein, auch dieses Wort will ich nicht verlieren. Denn kurz,--
+und hier haben Sie meine naehere Erklaerung:--Araspe wuerde, ohne Ihr
+Anstiften, nicht hiehergekommen sein. Und nun, da Sie Ihre Mine, mich
+zu sprengen, so wohl angelegt haetten, sollten Sie durch ein einziges
+Wort koennen bewogen werden, sie nicht springen zu lassen? Fuehren Sie
+Ihr schoenes Werk nur aus.
+
+Theophan. Ich erstaune ueber Ihren Verdacht nicht. Ihre Gemuetsart hat
+mich ihn vorhersehen lassen. Aber gleichwohl ist es gewiss, dass ich
+ebensowenig gewusst habe, dass Araspe Ihr Glaeubiger sei, als Sie gewusst
+haben, dass er mein Vetter ist.
+
+Adrast. Es wird sich zeigen.
+
+Theophan. Zu Ihrem Vergnuegen, hoffe ich.--Heitern Sie Ihr Gesicht nur
+auf, und folgen Sie mir mit zu der Gesellschaft.--
+
+Adrast. Ich will sie nicht wieder sehen.
+
+Theophan. Was fuer ein Entschluss! Ihren Freund, Ihre Geliebte--
+
+Adrast. Wird mir wenig kosten, zu verlassen. Sorgen Sie aber nur
+nicht, dass es eher geschehen soll, als bis Sie befriediget sind. Ich
+will Ihren Verlust nicht, und sogleich noch das letzte Mittel
+versuchen.--
+
+Theophan. Bleiben Sie, Adrast.--Es tut mir leid, dass ich Sie nicht
+gleich den Augenblick aus aller Ihrer Unruhe gerissen habe.--Lernen
+Sie meinen Vetter besser kennen, (indem er die Wechsel hervorzieht)
+und glauben Sie gewiss, wenn Sie schon von mir das Allernichtswuerdigste
+denken wollen, dass wenigstens er ein Mann ist, der Ihre Hochachtung
+verdient. Er will Sie nicht anders, als mit dem sorglosesten Gesichte
+sehen, und gibt Ihnen deswegen Ihre Wechsel hier zurueck. (Er reicht
+sie ihm dar.) Sie sollen sie selbst so lange verwahren, bis Sie ihn
+nach Ihrer Bequemlichkeit deswegen befriedigen koennen. Er glaubt, dass
+sie ihm in Ihren Haenden ebenso sicher sind, als unter seinem eigenen
+Schlosse. Sie haben den Ruhm eines ehrlichen Mannes, wenn Sie schon
+den Ruhm eines frommen nicht haben.
+
+Adrast (stutzig, indem er des Theophans Hand zurueckstoesst). Mit was
+fuer einem neuen Fallstricke drohen Sie mir? Die Wohltaten eines
+Feindes--
+
+Theophan. Unter diesem Feinde verstehen Sie mich; was aber hat Araspe
+mit Ihrem Hasse zu tun? Er ist es, nicht ich, der Ihnen diese
+geringschaetzige Wohltat erzeigen will; wenn anders eine armselige
+Gefaelligkeit diesen Namen verdient.--Was ueberlegen Sie noch? Hier,
+Adrast! nehmen Sie Ihre Handschriften zurueck!
+
+Adrast. Ich will mich wohl dafuer hueten.
+
+Theophan. Ich bitte Sie, lassen Sie mich nicht unverrichteter Sache
+zu einem Manne zurueckkommen, der es mit Ihnen gewiss redlich meinet.
+Er wuerde die Schuld seines verachteten Anerbietens auf mich schieben.
+(Indem er ihm die Wechsel aufs neue darreicht, reisst sie ihm Johann
+aus der Hand.)
+
+Johann. Ha! ha! mein Herr, in wessen Haenden sind die Wechsel nun?
+
+Theophan (gelassen). In den deinigen, ohne Zweifel. Immer bewahre
+sie, anstatt deines Herrn.
+
+Adrast (geht wuetend auf den Bedienten los). Infamer! es kostet dein
+Leben--
+
+Theophan. Nicht so hitzig, Adrast.
+
+Adrast. Den Augenblick gib sie ihm zurueck! (Er nimmt sie ihm weg.)
+Geh mir aus den Augen!
+
+Johann. Nun, wahrhaftig!--
+
+Adrast. Wo du noch eine Minute verziehst--(Er stoesst ihn fort.)
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Theophan. Adrast.
+
+
+Adrast. Ich muss mich schaemen, Theophan; ich glaube aber nicht, dass
+Sie so gar weit gehen, und mich mit meinem Bedienten vermengen werden.-
+-Nehmen Sie es zurueck, was man Ihnen rauben wollte.--
+
+Theophan. Es ist in der Hand, in der es sein soll.
+
+Adrast. Nein. Ich verachte Sie viel zu sehr, als dass ich Sie
+abhalten sollte, eine niedertraechtige Tat zu begehen.
+
+Theophan. Das ist empfindlich! (Er nimmt die Wechsel zurueck.)
+
+Adrast. Es ist mir lieb, dass Sie mich nicht gezwungen, sie Ihnen vor
+die Fuesse zu werfen. Wenn sie wieder in meine Haende zurueckkommen
+sollen, so werde ich anstaendigere Mittel dazu finden. Finde ich aber
+keine, so ist es ebendas. Sie werden sich freuen, mich zugrunde zu
+richten, und ich werde mich freuen, Sie von ganzem Herzen hassen zu
+koennen.
+
+Theophan. Es sind doch wirklich Ihre Wechsel, Adrast? (Indem er sie
+aufschlaegt und ihm zeigt.)
+
+Adrast. Sie glauben etwa, dass ich sie leugnen werde?--
+
+Theophan. Das glaube ich nicht; ich will bloss gewiss sein. (Er
+zerreisst sie gleichgueltig.)
+
+Adrast. Was machen Sie, Theophan?
+
+Theophan. Nichts. (Indem er die Stuecken in die Szene wirft.) Ich
+vernichte eine Nichtswuerdigkeit, die einen Mann, wie Adrast ist, zu so
+kleinen Reden verleiten kann.
+
+Adrast. Aber sie gehoeren nicht Ihnen.--
+
+Theophan. Sorgen Sie nicht; ich tue, was ich verantworten kann.--
+Bestehet Ihr Verdacht noch? (Geht ab.)
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Adrast (sieht ihm einige Augenblicke nach). Was fuer ein Mann! Ich
+habe tausend aus seinem Stande gefunden, die unter der Larve der
+Heiligkeit betrogen; aber noch keinen, der es, wie dieser, unter der
+Larve der Grossmut, getan haette.--Entweder er sucht mich zu beschaemen,
+oder zu gewinnen. Keines von beiden soll ihm gelingen. Ich habe mich,
+zu gutem Gluecke, auf einen hiesigen Wechsler besonnen, mit dem ich,
+bei bessern Umstaenden, ehemals Verkehr hatte. Er wird hoffentlich
+glauben, dass ich mich noch in ebendenselben befinde, und wenn das ist,
+mir ohne Anstand die noetige Summe vorschiessen. Ich will ihn aber
+deswegen nicht zum Bocke machen, ueber dessen Hoerner ich aus dem
+Brunnen springe. Ich habe noch liegende Gruende, die ich mit Vorteil
+verkaufen kann, wenn mir nur Zeit gelassen wird. Ich muss ihn
+aufsuchen.--
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Henriette. Adrast.
+
+
+Henriette. Wo stecken Sie denn, Adrast? Man hat schon zwanzigmal
+nach Ihnen gefragt. Oh! schaemen Sie sich, dass ich Sie zu einer Zeit
+suchen muss, da Sie mich suchen sollten. Sie spielen den Ehemann zu
+zeitig. Doch getrost! vielleicht spielen Sie dafuer den Verliebten
+alsdann, wann ihn andre nicht mehr spielen.
+
+Adrast. Erlauben Sie, Mademoiselle; ich habe nur noch etwas Noetiges
+ausser dem Hause zu besorgen.
+
+Henriette. Was koennen Sie jetzt Noetigers zu tun haben, als um mich zu
+sein?
+
+Adrast. Sie scherzen.
+
+Henriette. Ich scherze?--Das war ein allerliebstes Kompliment!
+
+Adrast. Ich mache nie welche.
+
+Henriette. Was fuer ein muerrisches Gesicht!--Wissen Sie, dass wir uns
+ueber diese muerrischen Gesichter zanken werden, noch ehe uns die
+Trauung die Erlaubnis dazu erteilt?
+
+Adrast. Wissen Sie, dass ein solcher Einfall in Ihrem Munde nicht eben
+der artigste ist?
+
+Henriette. Vielleicht, weil Sie glauben, dass die leichtsinnigen
+Einfaelle nur in Ihrem Munde wohl lassen? Unterdessen haben Sie doch
+wohl kein Privilegium darueber?
+
+Adrast. Sie machen Ihre Dinge vortrefflich. Ein Frauenzimmer, das so
+fertig antworten kann, ist sehr viel wert.
+
+Henriette. Das ist wahr; denn wir schwachen Werkzeuge wissen sonst
+den Mund am allerwenigsten zu gebrauchen.
+
+Adrast. Wollte Gott!
+
+Henriette. Ihr treuherziges Wollte Gott! bringt mich zum Lachen, so
+sehr ich auch boese sein wollte. Ich bin schon wieder gut, Adrast.
+
+Adrast. Sie sehen noch einmal so reizend aus, wenn Sie boese sein
+wollen; denn es koemmt doch selten weiter damit, als bis zur
+Ernsthaftigkeit, und diese laesst Ihrem Gesichte um so viel schoener, je
+fremder sie in demselben ist. Eine bestaendige Munterkeit, ein immer
+anhaltendes Laecheln wird unschmackhaft.
+
+Henriette (ernsthaft). Oh! mein guter Herr, wenn das Ihr Fall ist,
+ich will es Ihnen schmackhaft genug machen.
+
+Adrast. Ich wollte wuenschen,--denn noch habe ich Ihnen nichts
+vorzuschreiben,--
+
+Henriette. Dieses Noch ist mein Glueck. Aber was wollten Sie denn
+wuenschen?
+
+Adrast. Dass Sie sich ein klein wenig mehr nach dem Exempel Ihrer
+aeltesten Mademoisell Schwester richten moechten. Ich verlange nicht,
+dass Sie ihre ganze sittsame Art an sich nehmen sollen; wer weiss, ob
+sie Ihnen so anstehen wuerde?--
+
+Henriette. St! die Pfeife verraet das Holz, woraus sie geschnitten
+ist. Lassen Sie doch hoeren, ob meine dazu stimmt?
+
+Adrast. Ich hoere.
+
+Henriette. Es ist recht gut, dass Sie auf das Kapitel von Exempeln
+gekommen sind. Ich habe Ihnen auch einen kleinen Vers daraus
+vorzupredigen.
+
+Adrast. Was fuer eine Art sich auszudruecken!
+
+Henriette. Hum! Sie denken, weil Sie nichts vom Predigen halten.
+Sie werden finden, dass ich eine Liebhaberin davon bin. Aber hoeren Sie
+nur:--(In seinem vorigen Tone.) Ich wollte wuenschen,--denn noch habe
+ich Ihnen nichts vorzuschreiben,--
+
+Adrast. Und werden es auch niemals haben.
+
+Henriette. Ja so!--Streichen Sie also das weg.--Ich wollte wuenschen,
+dass Sie sich ein klein wenig mehr nach dem Exempel des Herrn Theophans
+bilden moechten. Ich verlange nicht, dass Sie seine ganze gefaellige Art
+an sich nehmen sollen, weil ich nichts Unmoegliches verlangen mag; aber
+so etwas davon wuerde Sie um ein gut Teil ertraeglicher machen. Dieser
+Theophan, der nach weit strengern Grundsaetzen lebt, als die Grundsaetze
+eines gewissen Freigeistes sind, ist allezeit aufgeraeumt und
+gespraechig. Seine Tugend, und noch sonst etwas, worueber Sie aber
+lachen werden, seine Froemmigkeit--Lachen Sie nicht?
+
+Adrast. Lassen Sie sich nicht stoeren. Reden Sie nur weiter. Ich
+will unterdessen meinen Gang verrichten, und gleich wieder hier sein.
+(Geht ab.)
+
+Henriette. Sie duerfen nicht eilen. Sie kommen, wann Sie kommen: Sie
+werden mich nie wieder so treffen.--Welche Grobheit! Soll ich mich
+wohl darueber erzuernen?--Ich will mich besinnen. (Geht auf der andern
+Seite ab.)
+
+(Ende des dritten Aufzuges.)
+
+
+
+
+
+Vierter Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Juliane. Henriette. Lisette.
+
+
+Henriette. Sage was du willst; sein Betragen ist nicht zu
+entschuldigen.
+
+Juliane. Davon wuerde sich alsdann erst urteilen lassen, wann ich auch
+seine Gruende gehoert haette. Aber, meine liebe Henriette, willst du mir
+wohl eine kleine schwesterliche Ermahnung nicht uebelnehmen?
+
+Henriette. Das kann ich dir nicht voraus sagen. Wenn sie dahin
+abzielen sollte, wohin ich mir einbilde--
+
+Juliane. Ja, wenn du mit deinen Einbildungen dazu koemmst--
+
+Henriette. Oh! ich bin mit meinen Einbildungen recht wohl zufrieden.
+Ich kann ihnen nicht nachsagen, dass sie mich jemals sehr irregefuehrt
+haetten.
+
+Juliane. Was meinst du damit?
+
+Henriette. Muss man denn immer etwas meinen? Du weisst ja wohl,
+Henriette schwatzt gerne in den Tag hinein, und sie erstaunt allezeit
+selber, wenn sie von ohngefaehr ein Puenktchen trifft, welches das
+Puenktchen ist, das man nicht gerne treffen lassen moechte.
+
+Juliane. Nun hoere einmal, Lisette!
+
+Henriette. Ja, Lisette, lass uns doch hoeren, was das fuer eine
+schwesterliche Ermahnung ist, die sie mir erteilen will.
+
+Juliane. Ich dir eine Ermahnung?
+
+Henriette. Mich deucht, du sprachst davon.
+
+Juliane. Ich wuerde sehr uebel tun, wenn ich dir das geringste sagen
+wollte.
+
+Henriette. Oh! ich bitte--
+
+Juliane. Lass mich!
+
+Henriette. Die Ermahnung, Schwesterchen!--
+
+Juliane. Du verdienst sie nicht.
+
+Henriette. So erteile sie mir ohne mein Verdienst.
+
+Juliane. Du wirst mich boese machen.
+
+Henriette. Und ich,--ich bin es schon. Aber denke nur nicht, dass ich
+es ueber dich bin. Ich bin es ueber niemanden, als ueber den Adrast.
+Und was mich unversoehnlich gegen ihn macht, ist dieses, dass meine
+Schwester seinetwegen gegen mich ungerecht werden muss.
+
+Juliane. Von welcher Schwester sprichst du?
+
+Henriette. Von welcher?--von der, die ich gehabt habe.
+
+Juliane. Habe ich dich jemals so empfindlich gesehen!--Du weisst es,
+Lisette, was ich gesagt habe.
+
+Lisette. Ja, das weiss ich; und es war wirklich weiter nichts, als
+eine unschuldige Lobrede auf den Adrast, an der ich nur das
+auszusetzen hatte, dass sie Mamsell Henrietten eifersuechtig machen
+musste.
+
+Juliane. Eine Lobrede auf Adrasten?
+
+Henriette. Mich eifersuechtig?
+
+Lisette. Nicht so stuermisch!--So geht's den Leuten, die mit der
+Wahrheit geradedurch wollen: sie machen es niemanden recht.
+
+Henriette. Mich eifersuechtig? Auf Adrasten eifersuechtig? Ich werde,
+von heute an, den Himmel um nichts inbruenstiger anflehen, als um die
+Errettung aus den Haenden dieses Mannes.
+
+Juliane. Ich? eine Lobrede auf Adrasten? Ist das eine Lobrede, wenn
+ich sage, dass ein Mann einen Tag nicht wie den andern aufgeraeumt sein
+kann? Wenn ich sage, dass Adrasten die Bitterkeit, worueber meine
+Schwester klagt, nicht natuerlich ist und dass sie ein zugestossener
+Verdruss bei ihm muesse erregt haben? Wenn ich sage, dass ein Mann, wie
+er, der sich mit finsteren Nachdenken vielleicht nur zu sehr
+beschaeftiget--
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Adrast. Juliane. Henriette. Lisette.
+
+
+Henriette. Als wenn Sie gerufen waeren, Adrast! Sie verliessen mich
+vorhin, unhoeflich genug, mitten in der Erhebung des Theophans; aber
+das hindert mich nicht, dass ich Ihnen nicht die Wiederholung Ihrer
+eigenen anzuhoeren goennen sollte.--Sie sehen sich um? Nach Ihrer
+Lobrednerin gewiss? Ich bin es nicht, wahrhaftig! ich bin es nicht;
+meine Schwester ist es. Eine Betschwester, die Lobrednerin eines
+Freigeistes! Was fuer ein Widerspruch! Entweder Ihre Bekehrung muss
+vor der Tuere sein, Adrast, oder meiner Schwester Verfuehrung.
+
+Juliane. Wie ausgelassen sie wieder auf einmal ist.
+
+Henriette. Stehen Sie doch nicht so hoelzern da!
+
+Adrast. Ich nehme Sie zum Zeugen, schoenste Juliane, wie veraechtlich
+sie mir begegnet.
+
+Henriette. Komm nur, Lisette! wir wollen sie allein lassen. Adrast
+braucht ohne Zweifel unsere Gegenwart weder zu seiner Danksagung, noch
+zu meiner Verklagung.
+
+Juliane. Lisette soll hierbleiben.
+
+Henriette. Nein, sie soll nicht.
+
+Lisette. Sie wissen wohl, ich gehoere heute Mamsell Henrietten.
+
+Henriette. Aber bei dem allen sieh dich vor, Schwester! Wenn mir
+dein Theophan aufstoesst, so sollst du sehen, was geschieht. Sie duerfen
+nicht denken, Adrast, dass ich dieses sage, um Sie eifersuechtig zu
+machen. Ich fuehle es in der Tat, dass ich anfange, Sie zu hassen.
+
+Adrast. Es moechte Ihnen auch schwerlich gelingen, mich eifersuechtig
+zu machen.
+
+Henriette. Oh! das waere vortrefflich, wenn Sie mir hierinne gleich
+waeren. Alsdann, erst alsdann wuerde unsre Ehe eine recht glueckliche
+Ehe werden. Freuen Sie sich, Adrast! wie veraechtlich wollen wir
+einander begegnen!--Du willst antworten, Schwester? Nun ist es Zeit.
+Fort, Lisette!
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Adrast. Juliane.
+
+
+Juliane. Adrast, Sie werden Geduld mit ihr haben muessen.--Sie
+verdient es aber auch; denn sie hat das beste Herz von der Welt, so
+verdaechtig es ihre Zunge zu machen sucht.
+
+Adrast. Allzuguetige Juliane! Sie hat das Glueck, Ihre Schwester zu
+sein; aber wie schlecht macht sie sich dieses Glueck zunutze? Ich
+entschuldige jedes Frauenzimmer, das ohne merkliche Fehler nicht hat
+aufwachsen koennen, weil es ohne Erziehung und Beispiele hat aufwachsen
+muessen; aber ein Frauenzimmer zu entschuldigen, das eine Juliane zum
+Muster gehabt hat, und eine Henriette geworden ist: bis dahin langt
+meine Hoeflichkeit nicht.--
+
+Juliane. Sie sind aufgebracht, Adrast: wie koennten Sie billig sein?
+
+Adrast. Ich weiss nicht, was ich jetzo bin; aber ich weiss, dass ich aus
+Empfindung rede.--
+
+Juliane. Die zu heftig ist, als dass sie lange anhalten sollte.
+
+Adrast. So prophezeien Sie mir mein Unglueck.
+
+Juliane. Wie?--Sie vergessen, in was fuer Verbindung Sie mit meiner
+Schwester stehen?
+
+Adrast. Ach! Juliane, warum muss ich Ihnen sagen, dass ich kein Herz
+fuer Ihre Schwester habe?
+
+Juliane. Sie erschrecken mich.--
+
+Adrast. Und ich habe Ihnen nur noch die kleinste Haelfte von dem
+gesagt, was ich Ihnen sagen muss.
+
+Juliane. So erlauben Sie, dass ich mir die groessre erspare. (Sie will
+fortgehen.)
+
+Adrast. Wohin? Ich haette Ihnen meine Veraenderung entdeckt, und Sie
+wollten die Gruende, die mich dazu bewogen haben, nicht anhoeren? Sie
+wollten mich mit dem Verdachte verlassen, dass ich ein unbestaendiger,
+leichtsinniger Flattergeist sei?
+
+Juliane. Sie irren sich. Nicht ich; mein Vater, meine Schwester,
+haben allein auf Ihre Rechtfertigungen ein Recht.
+
+Adrast. Allein? Ach!--
+
+Juliane. Halten Sie mich nicht laenger--
+
+Adrast. Ich bitte nur um einen Augenblick. Der groesste Verbrecher
+wird gehoert--
+
+Juliane. Von seinem Richter, Adrast; und ich bin Ihr Richter nicht.
+
+Adrast. Aber ich beschwoere Sie, es jetzt sein zu wollen. Ihr Vater,
+schoenste Juliane, und Ihre Schwester werden mich verdammen, und nicht
+richten. Ihnen allein traue ich die Billigkeit zu, die mich beruhigen
+kann.
+
+Juliane (beiseite). Ich glaube, er beredet mich, ihn anzuhoeren.--Nun
+wohl! so sagen Sie denn, Adrast, was Sie wider meine Schwester so
+eingenommen hat?
+
+Adrast. Sie selbst hat mich wider sich eingenommen. Sie ist zu wenig
+Frauenzimmer, als dass ich sie als Frauenzimmer lieben koennte. Wenn
+ihre Lineamente nicht ihr Geschlecht bestaerkten, so wuerde man sie fuer
+einen verkleideten wilden Juengling halten, der zu ungeschickt waere,
+seine angenommene Rolle zu spielen. Was fuer ein Mundwerk! Und was
+muss es fuer ein Geist sein, der diesen Mund in Beschaeftigung erhaelt!
+Sagen Sie nicht, dass vielleicht Mund und Geist bei ihr wenig oder
+keine Verbindung miteinander haben. Desto schlimmer. Diese Unordnung,
+da ein jedes von diesen zwei Stuecken seinen eignen Weg haelt, macht
+zwar die Vergehungen einer solchen Person weniger strafbar; allein sie
+vernichtet auch alles Gute, was diese Person noch etwa an sich haben
+kann. Wenn ihre beissenden Spoettereien, ihre nachteiligen Anmerkungen
+deswegen zu uebersehen sind, weil sie es, wie man zu reden pflegt,
+nicht so boese meinet; ist man nicht berechtiget, aus eben diesem
+Grunde dasjenige, was sie Ruehmliches und Verbindliches sagt, ebenfalls
+fuer leere Toene anzusehen, bei welchen sie es vielleicht nicht so gut
+meinet? Wie kann man eines Art zu denken beurteilen, wenn man sie
+nicht aus seiner Art zu reden beurteilen soll? Und wenn der Schluss
+von der Rede auf die Gesinnung in dem einen Falle nicht gelten soll,
+warum soll er in dem andern gelten? Sie spricht mit duerren Worten,
+dass sie mich zu hassen anfange; und ich soll glauben, dass sie mich
+noch liebe? So werde ich auch glauben muessen, dass sie mich hasse,
+wenn sie sagen wird, dass sie mich zu lieben anfange.
+
+Juliane. Adrast, Sie betrachten ihre kleinen Neckereien zu strenge,
+und verwechseln Falschheit mit Uebereilung. Sie kann der letztern des
+Tages hundertmal schuldig werden; und von der erstern doch immer
+entfernt bleiben. Sie muessen es aus ihren Taten, und nicht aus ihren
+Reden, erfahren lernen, dass sie im Grunde die freundschaftlichste und
+zaertlichste Seele hat.
+
+Adrast. Ach! Juliane, die Reden sind die ersten Anfaenge der Taten,
+ihre Elemente gleichsam. Wie kann man vermuten, dass diejenige
+vorsichtig und gut handeln werde, der es nicht einmal gewoehnlich ist,
+vorsichtig und gut zu reden? Ihre Zunge verschont nichts, auch
+dasjenige nicht, was ihr das Heiligste von der Welt sein sollte.
+Pflicht, Tugend, Anstaendigkeit, Religion: alles ist ihrem Spotte
+ausgesetzt.--
+
+Juliane. Stille, Adrast! Sie sollten der letzte sein, der diese
+Anmerkung machte.
+
+Adrast. Wieso?
+
+Juliane. Wieso?--Soll ich aufrichtig reden?
+
+Adrast. Als ob Sie anders reden koennten.--
+
+Juliane. Wie, wenn das ganze Betragen meiner Schwester, ihr Bestreben
+leichtsinniger zu scheinen, als sie ist, ihre Begierde Spoettereien zu
+sagen, sich nur von einer gewissen Zeit herschrieben? Wie, wenn diese
+gewisse Zeit die Zeit Ihres Hierseins waere, Adrast?
+
+Adrast. Was sagen Sie?
+
+Juliane. Ich will nicht sagen, dass Sie ihr mit einem boesen Exempel
+vorgegangen waeren. Allein wozu verleitet uns nicht die Begierde zu
+gefallen? Wenn Sie Ihre Gesinnungen auch noch weniger geaeussert haetten:
+--und Sie haben sie oft deutlich genug geaeussert.--so wuerde sie
+Henriette doch erraten haben. Und sobald sie dieselben erriet, so
+bald war der Schluss, sich durch die Annehmung gleicher Gesinnungen bei
+Ihnen beliebt zu machen, fuer ein lebhaftes Maedchen sehr natuerlich.
+Wollen Sie wohl nun so grausam sein, und ihr dasjenige als ein
+Verbrechen anrechnen, wofuer Sie ihr, als fuer eine Schmeichelei, danken
+sollten?
+
+Adrast. Ich danke niemanden, der klein genug ist, meinetwegen seinen
+Charakter zu verlassen; und derjenige macht mir eine schlechte
+Schmeichelei, der mich fuer einen Toren haelt, welchem nichts als seine
+Art gefalle, und der ueberall gern kleine Kopien und verjuengte
+Abschilderungen von sich selbst sehen moechte.
+
+Juliane. Aber auf diese Art werden Sie wenig Proselyten machen.
+
+Adrast. Was denken Sie von mir, schoenste Juliane? Ich Proselyten
+machen? Rasendes Unternehmen! Wem habe ich meine Gedanken jemals
+anschwatzen oder aufdringen wollen? Es sollte mir leid tun, sie unter
+den Poebel gebracht zu wissen. Wenn ich sie oft laut und mit einer
+gewissen Heftigkeit verteidiget habe, so ist es in der Absicht, mich
+zu rechtfertigen, nicht, andere zu ueberreden, geschehen. Wenn meine
+Meinungen zu gemein wuerden, so wuerde ich der erste sein, der sie
+verliesse, und die gegenseitigen annaehme.
+
+Juliane. Sie suchen also nur das Sonderbare?
+
+Adrast. Nein, nicht das Sonderbare, sondern bloss das Wahre; und ich
+kann nicht dafuer, wenn jenes, leider! eine Folge von diesem ist. Es
+ist mir unmoeglich zu glauben, dass die Wahrheit gemein sein koenne;
+ebenso unmoeglich, als zu glauben, dass in der ganzen Welt auf einmal
+Tag sein koenne. Das, was unter der Gestalt der Wahrheit unter allen
+Voelkern herumschleicht, und auch von den Bloedsinnigsten angenommen
+wird, ist gewiss keine Wahrheit, und man darf nur getrost die Hand, sie
+zu entkleiden, anlegen, so wird man den scheusslichsten Irrtum nackend
+vor sich stehen sehen.
+
+Juliane. Wie elend sind die Menschen, und wie ungerecht ihr Schoepfer,
+wenn Sie recht haben, Adrast! Es muss entweder gar keine Wahrheit sein,
+oder sie muss von der Beschaffenheit sein, dass sie von den meisten, ja
+von allen, wenigstens im Wesentlichsten, empfunden werden kann.
+
+Adrast. Es liegt nicht an der Wahrheit, dass sie es nicht werden kann,
+sondern an den Menschen.--Wir sollen gluecklich in der Welt leben; dazu
+sind wir erschaffen; dazu sind wir einzig und allein erschaffen.
+Sooft die Wahrheit diesem grossen Endzwecke hinderlich ist, sooft ist
+man verbunden, sie beiseite zu setzen; denn nur wenig Geister koennen
+in der Wahrheit selbst ihr Glueck finden. Man lasse daher dem Poebel
+seine Irrtuemer; man lasse sie ihm, weil sie ein Grund seines Glueckes
+und die Stuetze des Staates sind, in welchem er fuer sich Sicherheit,
+Ueberfluss und Freude findet. Ihm die Religion nehmen, heisst ein wildes
+Pferd auf der fetten Weide losbinden, das, sobald es sich frei fuehlt,
+lieber in unfruchtbaren Waeldern herumschweifen und Mangel leiden, als
+durch einen gemaechlichen Dienst alles, was es braucht, erwerben will.--
+Doch nicht fuer den Poebel allein, auch noch fuer einen andern Teil des
+menschlichen Geschlechts muss man die Religion beibehalten. Fuer den
+schoensten Teil, meine ich, dem sie eine Art von Zierde, wie dort eine
+Art von Zaume ist. Das Religioese stehet der weiblichen Bescheidenheit
+sehr wohl; es gibt der Schoenheit ein gewisses edles, gesetztes und
+schmachtendes Ansehen--
+
+Juliane. Halten Sie, Adrast! Sie erweisen meinem Geschlechte
+ebensowenig Ehre, als der Religion. Jenes setzen Sie mit dem Poebel in
+eine Klasse, so fein auch Ihre Wendung war; und diese machen Sie aufs
+hoechste zu einer Art von Schminke, die das Geraete auf unsern
+Nachttischen vermehren kann. Nein, Adrast! die Religion ist eine
+Zierde fuer alle Menschen; und muss ihre wesentlichste Zierde sein. Ach!
+Sie verkennen sie aus Stolze; aber aus einem falschen Stolze. Was
+kann unsre Seele mit erhabenern Begriffen fuellen, als die Religion?
+Und worin kann die Schoenheit der Seele anders bestehen, als in solchen
+Begriffen? in wuerdigen Begriffen von Gott, von uns, von unsern
+Pflichten, von unserer Bestimmung? Was kann unser Herz, diesen
+Sammelplatz verderbter und unruhiger Leidenschaften, mehr reinigen,
+mehr beruhigen, als eben diese Religion? Was kann uns im Elende mehr
+aufrichten, als sie? Was kann uns zu wahrern Menschen, zu bessern
+Buergern, zu aufrichtigern Freunden machen, als sie?--Fast schaeme ich
+mich, Adrast, mit Ihnen so ernstlich zu reden. Es ist der Ton ohne
+Zweifel nicht, der Ihnen an einem Frauenzimmer gefaellt, ob Ihnen
+gleich der entgegengesetzte ebensowenig zu gefallen scheinet. Sie
+koennten alles dieses aus einem beredtern Munde, aus dem Munde des
+Theophans hoeren.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Henriette. Juliane. Adrast.
+
+
+Henriette (bleibt an der Szene horchend stehen). St!
+
+Adrast. Sagen Sie mir nichts vom Theophan. Ein Wort von Ihnen hat
+mehr Nachdruck, als ein stundenlanges Geplaerre von ihm. Sie wundern
+sich? Kann es bei der Macht, die eine Person ueber mich haben muss, die
+ich einzig liebe, die ich anbete, anders sein?--Ja, die ich liebe.--
+Das Wort ist hin! es ist gesagt! Ich bin mein Geheimnis los, bei
+dessen Verschweigung ich mich ewig gequaelet haette, von dessen
+Entdeckung ich aber darum nichts mehr hoffe.--Sie entfaerben sich?--
+
+Juliane. Was habe ich gehoert? Adrast!--
+
+Adrast (indem er niederfaellt). Lassen Sie mich es Ihnen auf den Knien
+zuschwoeren, dass Sie die Wahrheit gehoert haben.--Ich liebe Sie,
+schoenste Juliane, und werde Sie ewig lieben. Nun, nun liegt mein Herz
+klar und aufgedeckt vor Ihnen da. Umsonst wollte ich mich und andere
+bereden, dass meine Gleichgueltigkeit gegen Henrietten die Wirkung an
+ihr bemerkter nachteiliger Eigenschaften sei; da sie doch nichts, als
+die Wirkung einer schon gebundenen Neigung war. Ach! die
+liebenswuerdige Henriette hat vielleicht keinen andern Fehler, als
+diesen, dass sie eine noch liebenswuerdigere Schwester hat.--
+
+Henriette. Bravo! die Szene muss ich den Theophan unterbrechen lassen.
+--(Geht ab.)
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+
+Juliane. Adrast.
+
+
+Adrast (indem er gaehling aufsteht). Wer sprach hier?
+
+Juliane. Himmel! es war Henriettens Stimme.
+
+Adrast. Ja, sie war es. Was fuer eine Neugierde! was fuer ein Vorwitz!
+Nein, nein! ich habe nichts zu widerrufen; sie hat alle die Fehler,
+die ich ihr beigelegt, und noch weit mehrere. Ich koennte sie nicht
+lieben, und wenn ich auch schon vollkommen frei, vollkommen
+gleichgueltig gegen eine jede andere waere.
+
+Juliane. Was fuer Verdruss, Adrast, werden Sie mir zuziehen!
+
+Adrast. Sorgen Sie nicht! Ich werde Ihnen allen diesen Verdruss durch
+meine ploetzliche Entfernung zu ersparen wissen.
+
+Juliane. Durch Ihre Entfernung?
+
+Adrast. Ja, sie ist fest beschlossen. Meine Umstaende sind von der
+Beschaffenheit, dass ich die Guete Lisidors missbrauchen wuerde, wenn ich
+laenger bliebe. Und ueber dieses will ich lieber meinen Abschied nehmen,
+als ihn bekommen.
+
+Juliane. Sie ueberlegen nicht, was Sie sagen, Adrast. Von wem sollten
+Sie ihn bekommen?
+
+Adrast. Ich kenne die Vaeter, schoenste Juliane, und kenne auch die
+Theophane. Erlauben Sie, dass ich mich nicht naeher erklaeren darf. Ach!
+wenn ich mir schmeicheln koennte, dass Juliane--Ich sage nichts weiter.
+Ich will mir mit keiner Unmoeglichkeit schmeicheln. Nein, Juliane
+kann den Adrast nicht lieben; sie muss ihn hassen.--
+
+Juliane. Ich hasse niemanden, Adrast.--
+
+Adrast. Sie hassen mich; denn hier ist Hassen eben das, was
+Nichtlieben ist. Sie lieben den Theophan.--Ha! hier koemmt er selbst.
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Theophan. Adrast. Juliane.
+
+
+Juliane (beiseite). Was wird er sagen? was werde ich antworten?
+
+Adrast. Ich kann mir es einbilden, auf wessen Anstiften Sie herkommen.
+Aber was glaubt sie damit zu gewinnen? Mich zu verwirren? mich
+wieder an sich zu ziehen?--Wie wohl laesst es Ihnen, Theophan, und Ihrem
+ehrwuerdigen Charakter, das Werkzeug einer weiblichen Eifersucht zu
+sein! Oder kommen Sie gar, mich zur Rede zu setzen? Ich werde Ihnen
+alles gestehen; ich werde noch stolz darauf sein.
+
+Theophan. Wovon reden Sie, Adrast? Ich verstehe kein Wort.
+
+Juliane. Erlauben Sie, dass ich mich entferne. Theophan, ich
+schmeichle mir, dass Sie einige Hochachtung fuer mich haben; Sie werden
+keine ungerechte Auslegungen machen, und wenigstens glauben, dass ich
+meine Pflicht kenne, und dass sie mir zu heilig ist, sie auch nur in
+Gedanken zu verletzen.
+
+Theophan. Verziehen Sie doch.--Was sollen diese Reden? Ich verstehe
+Sie so wenig, als ich den Adrast verstanden habe.
+
+Juliane. Es ist mir lieb, dass Sie aus einer unschuldigen Kleinigkeit
+nichts machen wollen. Aber lassen Sie mich--(Geht ab.)
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Adrast. Theophan.
+
+
+Theophan. Ihre Geliebte, Adrast, schickte mich hierher: Ich wuerde
+hier noetig sein, sagte sie. Ich eile, und bekomme lauter Raetsel zu
+hoeren.
+
+Adrast. Meine Geliebte?--Ei! wie fein haben Sie dieses angebracht!
+Gewiss, Sie konnten Ihre Vorwuerfe nicht kuerzer fassen.
+
+Theophan. Meine Vorwuerfe? Was habe ich Ihnen denn vorzuwerfen?'
+
+Adrast. Wollen Sie etwa die Bestaetigung aus meinem Munde hoeren?
+
+Theophan. Sagen Sie mir nur, was Sie bestaetigen wollen? Ich stehe
+ganz erstaunt hier.--
+
+Adrast. Das geht zu weit. Welche kriechende Verstellung! Doch damit
+sie Ihnen endlich nicht zu sauer wird, so will ich Sie mit Gewalt
+zwingen, sie abzulegen.--Ja, es ist alles wahr, was Ihnen Henriette
+hinterbracht hat. Sie war niedertraechtig genug, uns zu behorchen.--
+Ich liebe Julianen, und habe ihr meine Liebe gestanden.--
+
+Theophan. Sie lieben Julianen?
+
+Adrast (spoettisch). Und was das Schlimmste dabei ist, ohne den
+Theophan um Erlaubnis gebeten zu haben.
+
+Theophan. Stellen Sie sich deswegen zufrieden. Sie haben nur eine
+sehr kleine Formalitaet uebergangen.
+
+Adrast. Ihre Gelassenheit, Theophan, ist hier nichts Besonders. Sie
+glauben Ihrer Sachen gewiss zu sein.--Und ach! wenn Sie es doch
+weniger waeren! Wenn ich doch nur mit der geringsten
+Wahrscheinlichkeit hinzusetzen koennte, dass Juliane auch mich liebe.
+Was fuer eine Wollust sollte mir das Erschrecken sein, das sich in
+Ihrem Gesichte verraten wuerde! Was fuer ein Labsal fuer mich, wenn ich
+Sie seufzen hoerte, wenn ich Sie zittern saehe! Wie wuerde ich mich
+freuen, wenn Sie Ihre ganze Wut an mir auslassen, und mich voller
+Verzweiflung, ich weiss nicht wohin, verwuenschen muessten!
+
+Theophan. So koennte Sie wohl kein Glueck entzuecken, wenn es nicht
+durch das Unglueck eines andern gewuerzt wuerde?--Ich bedaure den Adrast!
+Die Liebe muss alle ihre verderbliche Macht an ihm verschwendet haben,
+weil er so unanstaendig reden kann.
+
+Adrast. Wohl! an dieser Miene, an dieser Wendung erinnere ich mich,
+was ich bin. Es ist wahr, ich bin Ihr Schuldner, Theophan: und gegen
+seine Schuldner hat man das Recht, immer ein wenig gross zu tun;--doch
+Geduld! ich hoffe es nicht lange mehr zu sein. Es hat sich noch ein
+ehrlicher Mann gefunden, der mich aus dieser Verlegenheit reissen will.
+Ich weiss nicht, wo er bleibt. Seinem Versprechen gemaess, haette er
+bereits mit dem Gelde hier sein sollen. Ich werde wohltun, wenn ich
+ihn hole.
+
+Theophan. Aber noch ein Wort, Adrast. Ich will Ihnen mein ganzes
+Herz entdecken.--
+
+Adrast. Diese Entdeckung wuerde mich nicht sehr belustigen. Ich gehe,
+und bald werde ich Ihnen mit einem kuehnern Gesichte unter die Augen
+treten koennen. (Geht ab.)
+
+Theophan (allein). Unbiegsamer Geist! Fast verzweifle ich an meinem
+Unternehmen. Alles ist bei ihm umsonst. Aber was wuerde er gesagt
+haben, wenn er mir Zeit gelassen haette, ihn fuer sein Gestaendnis, mit
+einem andern aehnlichen Gestaendnisse zu bezahlen?--Sie koemmt.
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Henriette. Lisette. Theophan.
+
+
+Henriette. Nun? Theophan, habe ich Sie nicht zu einem artigen
+Anblicke verholfen?
+
+Theophan. Sie sind leichtfertig, schoene Henriette. Aber was meinen
+Sie fuer einen Anblick? Kaum dass ich die Hauptsache mit Muehe und Not
+begriffen habe.
+
+Henriette. O schade!--Sie kamen also zu langsam? und Adrast lag
+nicht mehr vor meiner Schwester auf den Knien?
+
+Theophan. So hat er vor ihr auf den Knien gelegen?
+
+Lisette. Leider fuer Sie alle beide!
+
+Henriette. Und meine Schwester stand da,--ich kann es Ihnen nicht
+beschreiben,--stand da, fast, als wenn sie ihn in dieser unbequemen
+Stellung gerne gesehen haette. Sie dauern mich, Theophan!--
+
+Theophan. Soll ich Sie auch bedauren, mitleidiges Kind?
+
+Henriette. Mich bedauren? Sie sollen mir Glueck wuenschen.
+
+Lisette. Aber nein; so etwas schreit um Rache!
+
+Theophan. Und wie meint Lisette denn, dass man sich raechen koenne?
+
+Lisette. Sie wollen sich also doch raechen?
+
+Theophan. Vielleicht.
+
+Lisette. Und Sie sich auch, Mamsell?
+
+Henriette. Vielleicht.
+
+Lisette. Gut! das sind zwei Vielleicht, womit sich etwas anfangen
+laesst.
+
+Theophan. Aber es ist noch sehr ungewiss, ob Juliane den Adrast
+wiederliebt; und wenn dieses nicht ist, so wuerde ich zu zeitig auf
+Rache denken.
+
+Lisette. Oh! die christliche Seele! Nun ueberlegt sie erst, dass man
+sich nicht raechen soll.
+
+Theophan. Nicht so spoettisch, Lisette! Es wuerde hier von einer sehr
+unschuldigen Rache die Rede sein.
+
+Henriette. Das meine ich auch; von einer sehr unschuldigen.
+
+Lisette. Wer leugnet das? von einer so unschuldigen, dass man sich
+mit gutem Gewissen darueber beratschlagen kann. Hoeren Sie nur! Ihre
+Rache, Herr Theophan, waere eine maennliche Rache, nicht wahr? und Ihre
+Rache, Mamsell Henriette, waere eine weibliche Rache: eine maennliche
+Rache--nun, und eine weibliche Rache--Ja! wie bringe ich wohl das
+Ding recht gescheut herum?
+
+Henriette. Du bist eine Naerrin mitsamt deinen Geschlechtern.
+
+Lisette. Helfen Sie mir doch ein wenig, Herr Theophan.--Was meinen
+Sie dazu? Wenn zwei Personen einerlei Weg gehen muessen, nicht wahr?
+so ist es gut, dass diese zwei Personen einander Gesellschaft leisten?
+
+Theophan. Jawohl; aber vorausgesetzt, dass diese zwei Personen
+einander leiden koennen.
+
+Henriette. Das war der Punkt!
+
+Lisette (beiseite). Will denn keines anbeissen? Ich muss einen andern
+Zipfel fassen.--Es ist schon wahr, was Herr Theophan vorhin sagte, dass
+es naemlich noch sehr ungewiss sei, ob Mamsell Juliane den Adrast liebe.
+Ich setze sogar hinzu. Es ist noch sehr ungewiss, ob Herr Adrast
+Mamsell Julianen wirklich liebt.
+
+Henriette. O schweig, du unglueckliche Zweiflerin. Es soll nun aber
+gewiss sein!
+
+Lisette. Die Mannspersonen bekommen dann und wann gewisse Anfaelle von
+einer gewissen wetterwendischen Krankheit, die aus einer gewissen
+Ueberladung des Herzens entspringt.
+
+Henriette. Aus einer Ueberladung des Herzens? Schoen gegeben!
+
+Lisette. Ich will Ihnen gleich sagen, was das heisst. So wie Leute,
+die sich den Magen ueberladen haben, nicht eigentlich mehr wissen, was
+ihnen schmeckt, und was ihnen nicht schmeckt: so geht es auch den
+Leuten, die sich das Herz ueberladen haben. Sie wissen selbst nicht
+mehr, auf welche Seite das ueberladene Herz hinhaengt, und da trifft es
+sich denn wohl, dass kleine Irrungen in der Person daraus entstehen.--
+Habe ich nicht recht, Herr Theophan?
+
+Theophan. Ich will es ueberlegen.
+
+Lisette. Sie sind freilich eine weit bessere Art von Mannspersonen,
+und ich halte Sie fuer allzu vorsichtig, als dass Sie Ihr Herz so
+ueberladen sollten.--Aber wissen Sie wohl, was ich fuer einen Einfall
+habe, wie wir gleichwohl hinter die Wahrheit mit dem Herrn Adrast und
+der Mamsell Juliane kommen wollen?
+
+Theophan. Nun?
+
+Henriette. Du wuerdest mich neugierig machen, wenn ich nicht schon
+hinter der Wahrheit waere.--
+
+Lisette. Wie? wenn wir einen gewissen blinden Laerm machten?
+
+Henriette. Was ist das wieder?
+
+Lisette. Ein blinder Laerm ist ein Laerm wohinter nichts ist; der aber
+doch die Gabe hat, den Feind--zu einer gewissen Aufmerksamkeit zu
+bringen.--Zum Exempel: Um zu erfahren, ob Mamsell Juliane den Adrast
+liebe, muesste sich Herr Theophan in jemand anders verliebt stellen; und
+um zu erfahren, ob Adrast Mamsell Julianen liebe, muessten Sie sich in
+jemand anders verliebt stellen. Und da es nun nicht lassen wuerde,
+wenn sich Herr Theophan in mich verliebt stellte, noch viel weniger,
+wenn Sie sich in seinen Martin verliebt stellen wollten: so waere, kurz
+und gut, mein Rat, Sie stellten sich beide ineinander verliebt.--Ich
+rede nur von Stellen; merken Sie wohl, was ich sage! nur von Stellen;
+denn sonst koennte der blinde Laerm auf einmal Augen kriegen.--Nun sagen
+Sie mir beide, ist der Anschlag nicht gut?
+
+Theophan (beiseite). Wo ich nicht gehe, so wird sie noch machen, dass
+ich mich werde erklaeren muessen.--Der Anschlag ist so schlimm nicht;
+aber--
+
+Lisette. Sie sollen sich ja nur stellen.--
+
+Theophan. Das Stellen eben ist es, was mir dabei nicht gefaellt.
+
+Lisette. Und Sie, Mamsell?
+
+Henriette. Ich bin auch keine Liebhaberin vom Stellen.
+
+Lisette. Besorgen Sie beide etwa, dass Sie es zu natuerlich machen
+moechten?--Was stehen Sie so auf dem Sprunge, Herr Theophan? Was
+stehen Sie so in Gedanken, Mamsell?
+
+Henriette. Oh! geh; es waere in meinem Leben das erstemal.
+
+Theophan. Ich muss mich auf einige Augenblicke beurlauben, schoenste
+Henriette.--
+
+Lisette. Es ist nicht noetig. Sie sollen mir wahrhaftig nicht
+nachsagen, dass ich Sie weggeplaudert habe. Kommen Sie, Mamsell!--
+
+Henriette. Es ist auch wahr, dein Plaudern ist manchmal recht
+aergerlich. Komm!--Theophan, soll ich sagen, dass Sie nicht lange weg
+sein werden?
+
+Theophan. Wenn ich bitten darf.--
+
+(Henriette und Lisette geben auf der einen Seite ab. Indem Theophan
+auf der andern abgeben will, begegnet ihm der Wechsler.)
+
+
+
+Neunter Auftritt
+
+Theophan. Der Wechsler.
+
+
+Der Wechsler. Sie werden verzeihen, mein Herr. Ich moechte nur ein
+Wort mit dem Herrn Adrast sprechen.
+
+Theophan. Eben jetzt ist er ausgegangen. Wollen Sie mir es
+auftragen?--
+
+Der Wechsler. Wenn ich so frei sein darf.--Er hat eine Summe Geldes
+bei mir aufnehmen wollen, die ich ihm auch anfangs versprach. Ich
+habe aber nunmehr Bedenklichkeiten gefunden, und ich komme, es ihm
+wieder abzusagen: das ist es alles.
+
+Theophan. Bedenklichkeiten, mein Herr? Was fuer Bedenklichkeiten?
+doch wohl keine von seiten des Adrast?
+
+Der Wechsler. Warum nicht?
+
+Theophan. Ist er kein Mann von Kredit?
+
+Der Wechsler. Kredit, mein Herr, Sie werden wissen, was das ist. Man
+kann heute Kredit haben, ohne gewiss zu sein, dass man ihn morgen haben
+wird. Ich habe seine jetzigen Umstaende erfahren.--
+
+Theophan (beiseite). Ich muss mein moeglichstes tun, dass diese nicht
+auskommen.--Sie muessen die falschen erfahren haben.--Kennen Sie mich,
+mein Herr?--
+
+Der Wechsler. Von Person nicht; vielleicht, wenn ich Ihren Namen
+hoeren sollte.--
+
+Theophan. Theophan.
+
+Der Wechsler. Ein Name, von dem ich allezeit das Beste gehoert habe.
+
+Theophan. Wenn Sie dem Herrn Adrast die verlangte Summe nicht auf
+seine Unterschrift geben wollen, wollen Sie es wohl auf die meinige
+tun?
+
+Der Wechsler. Mit Vergnuegen.
+
+Theophan. Haben Sie also die Guete, mich auf meine Stube zu begleiten.
+Ich will Ihnen die noetigen Versicherungen ausstellen; wobei es bloss
+darauf ankommen wird, diese Buergschaft vor dem Adrast selbst geheim zu
+halten.
+
+Der Wechsler. Vor ihm selbst?
+
+Theophan. Allerdings; um ihm den Verdruss ueber Ihr Misstrauen zu
+ersparen.--
+
+Der Wechsler. Sie muessen ein grossmuetiger Freund sein.
+
+Theophan. Lassen Sie uns nicht laenger verziehen.
+
+(Gehen ab.)
+
+(Ende des vierten Aufzuges.)
+
+
+
+
+
+Fuenfter Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+Der Wechsler, von der einen Seite, und von der andern Adrast.
+
+
+Adrast (vor sich). Ich habe meinen Mann nicht finden koennen.--
+
+Der Wechsler (vor sich). So lasse ich es mir gefallen.--
+
+Adrast. Aber sieh da!--Ei! mein Herr, finde ich Sie hier? So sind
+wir ohne Zweifel einander fehlgegangen?
+
+Der Wechsler. Es ist mir lieb, mein Herr Adrast, dass ich Sie noch
+treffe.
+
+Adrast. Ich habe Sie in Ihrer Wohnung gesucht. Die Sache leidet
+keinen Aufschub. Ich kann mich doch noch auf Sie verlassen?
+
+Der Wechsler. Nunmehr, ja.
+
+Adrast. Nunmehr? Was wollen Sie damit?
+
+Der Wechsler. Nichts. Ja, Sie koennen sich auf mich verlassen.
+
+Adrast. Ich will nicht hoffen, dass Sie einiges Misstrauen gegen mich
+haben?
+
+Der Wechsler. Im geringsten nicht.
+
+Adrast. Oder, dass man Ihnen einiges beizubringen gesucht hat?
+
+Der Wechsler. Noch viel weniger.
+
+Adrast. Wir haben bereits miteinander zu tun gehabt, und Sie sollen
+mich auch kuenftig als einen ehrlichen Mann finden.
+
+Der Wechsler. Ich bin ohne Sorgen.
+
+Adrast. Es liegt meiner Ehre daran, diejenigen zuschanden zu machen,
+die boshaft genug sind, meinen Kredit zu schmaelern.
+
+Der Wechsler. Ich finde, dass man das Gegenteil tut.
+
+Adrast. Oh! sagen Sie das nicht. Ich weiss wohl, dass ich meine
+Feinde habe--
+
+Der Wechsler. Sie haben aber auch Ihre Freunde.--
+
+Adrast. Aufs hoechste dem Namen nach. Ich wuerde auszulachen sein,
+wenn ich auf sie rechnen wollte.--Und glauben Sie, mein Herr, dass es
+mir nicht einmal lieb ist, dass Sie, in meiner Abwesenheit, hier in
+diesem Hause gewesen sind?
+
+Der Wechsler. Und es muss Ihnen doch lieb sein.
+
+Adrast. Es ist zwar das Haus, zu welchem ich mir nichts als Gutes
+versehen sollte; aber eine gewisse Person darin, mein Herr, eine
+gewisse Person--Ich weiss, ich wuerde es empfunden haben, wenn Sie mit
+derselben gesprochen haetten.
+
+Der Wechsler. Ich habe eigentlich mit niemanden gesprochen; diejenige
+Person aber, bei welcher ich mich nach Ihnen erkundigte, hat die
+groesste Ergebenheit gegen Sie bezeugt.
+
+Adrast. Ich kann es Ihnen wohl sagen, wer die Person ist, vor deren
+uebeln Nachrede ich mich einigermassen fuerchte. Es wird sogar gut sein,
+wenn Sie es wissen, damit Sie, wenn Ihnen nachteilige Dinge von mir zu
+Ohren kommen sollten, den Urheber kennen.
+
+Der Wechsler. Ich werde nicht noetig haben, darauf zu hoeren.
+
+Adrast. Aber doch--Mit einem Worte, es ist Theophan.
+
+Der Wechsler (erstaunt). Theophan?
+
+Adrast. Ja, Theophan. Er ist mein Feind--
+
+Der Wechsler. Theophan Ihr Feind?
+
+Adrast. Sie erstaunen?
+
+Der Wechsler. Nicht ohne die groesste Ursache.--
+
+Adrast. Ohne Zweifel weil Sie glauben, dass ein Mann von seinem Stande
+nicht anders, als grossmuetig und edel sein koenne?--
+
+Der Wechsler. Mein Herr--
+
+Adrast. Er ist der gefaehrlichste Heuchler, den ich unter
+seinesgleichen noch jemals gefunden habe.
+
+Der Wechsler. Mein Herr--
+
+Adrast. Er weiss, dass ich ihn kenne, und gibt sich daher alle Muehe,
+mich zu untergraben.--
+
+Der Wechsler. Ich bitte Sie--
+
+Adrast. Wenn Sie etwa eine gute Meinung von ihm haben, so irren Sie
+sich sehr. Vielleicht zwar, dass Sie ihn nur von der Seite seines
+Vermoegens kennen; und wider dieses habe ich nichts: er ist reich; aber
+eben sein Reichtum schafft ihm Gelegenheit, auf die allerfeinste Art
+schaden zu koennen.
+
+Der Wechsler. Was sagen Sie?
+
+Adrast. Er wendet unbeschreibliche Raenke an, mich aus diesem Hause zu
+bringen; Raenke, denen er ein so unschuldiges Ansehen geben kann, dass
+ich selbst darueber erstaune.
+
+Der Wechsler. Das ist zu arg! Laenger kann ich durchaus nicht
+schweigen. Mein Herr, Sie hintergehen sich auf die erstaunlichste Art.
+--
+
+Adrast. Ich mich?
+
+Der Wechsler. Theophan kann das unmoeglich sein, wofuer Sie ihn
+ausgeben. Hoeren Sie alles! Ich kam hierher, mein Ihnen gegebenes
+Wort wieder zurueckezunehmen. Ich hatte von sicherer Hand, nicht vom
+Theophan, Umstaende von Ihnen erfahren, die mich dazu noetigten. Ich
+fand ihn hier, und ich glaubte, es ihm ohne Schwierigkeit sagen zu
+duerfen--
+
+Adrast. Dem Theophan? Wie wird sich der Niedertraechtige gekitzelt
+haben!
+
+Der Wechsler. Gekitzelt? Er hat auf das nachdruecklichste fuer Sie
+gesprochen. Und kurz, wenn ich Ihnen mein erstes Versprechen halte,
+so geschieht es bloss in Betrachtung seiner.
+
+Adrast. In Betrachtung seiner?--Wo bin ich?
+
+Der Wechsler. Er hat mir schriftliche Versicherungen gegeben, die ich
+als eine Buergschaft fuer Sie ansehen kann. Zwar hat er mir es zugleich
+verboten, jemanden das geringste davon zu sagen: allein ich konnte es
+unmoeglich anhoeren, dass ein rechtschaffener Mann so unschuldig
+verlaestert wuerde. Sie koennen die verlangte Summe bei mir abholen
+lassen, wann es Ihnen beliebt. Nur werden Sie mir den Gefallen tun
+und sich nichts gegen ihn merken lassen. Er bezeugte bei dem ganzen
+Handel so viel Aufrichtigkeit und Freundschaft fuer Sie, dass er ein
+Unmensch sein muesste, wenn er die Verstellung bis dahin treiben koennte.-
+-Leben Sie wohl! (Geht ab.)
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Adrast.--Was fuer ein neuer Streich!--Ich kann nicht wieder zur mir
+selbst kommen!--Es ist nicht auszuhalten!--Verachtungen, Beleidigungen,
+--Beleidigungen in dem Gegenstande, der ihm der liebste sein muss:--
+alles ist umsonst; nichts will er fuehlen. Was kann ihn so verhaerten?
+Die Bosheit allein, die Begierde allein, seine Rache reif werden zu
+lassen.--Wen sollte dieser Mann nicht hinter das Licht fuehren? Ich
+weiss nicht, was ich denken soll. Er dringt seine Wohltaten mit einer
+Art auf--Aber verwuenscht sind seine Wohltaten, und seine Art! Und
+wenn auch keine Schlange unter diesen Blumen laege, so wuerde ich ihn
+doch nicht anders als hassen koennen. Hassen werde ich ihn, und wenn
+er mir das Leben rettete. Er hat mir das geraubt, was kostbarer ist,
+als das Leben: das Herz meiner Juliane; ein Raub, den er nicht
+ersetzen kann, und wenn er sich mir zu eigen schenkte. Doch er will
+ihn nicht ersetzen; ich dichte ihm noch eine zu gute Meinung an.--
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Theophan. Adrast.
+
+
+Theophan. In welcher heftigen Bewegung treffe ich Sie abermals Adrast?
+
+Adrast. Sie ist Ihr Werk.
+
+Theophan. So muss sie eines von denen Werken sein, die wir alsdann
+wider unsern Willen hervorbringen, wann wir uns am meisten nach ihrem
+Gegenteile bestreben. Ich wuensche nichts, als Sie ruhig zu sehen,
+damit Sie mit kaltem Blute von einer Sache mit mir reden koennten, die
+uns beide nicht naeher angehen kann.
+
+Adrast. Nicht wahr, Theophan? es ist der hoechste Grad der List, wenn
+man alle seine Streiche so zu spielen weiss, dass die, denen man sie
+spielt, selbst nicht wissen, ob und was fuer Vorwuerfe sie uns machen
+sollen?
+
+Theophan. Ohne Zweifel.
+
+Adrast. Wuenschen Sie sich Glueck: Sie haben diesen Grad erreicht.
+
+Theophan. Was soll das wieder?
+
+Adrast. Ich versprach Ihnen vorhin, die bewussten Wechsel zu bezahlen--
+(spoettisch) Sie werden es nicht uebelnehmen, es kann nunmehr nicht sein.
+Ich will Ihnen, anstatt der zerrissenen, andere Wechsel schreiben.
+
+Theophan (in eben dem Tone). Es ist wahr, ich habe sie in keiner
+andern Absicht zerrissen, als neue von Ihnen zu bekommen.--
+
+Adrast. Es mag Ihre Absicht gewesen sein, oder nicht: Sie sollen sie
+haben.--Wollten Sie aber nicht etwa gern erfahren, warum ich sie
+nunmehr nicht bezahlen kann?
+
+Theophan. Nun?
+
+Adrast. Weil ich die Buergschaften nicht liebe.
+
+Theophan. Die Buergschaften?
+
+Adrast. Ja; und weil ich Ihrer Rechten nichts geben mag, was ich aus
+Ihrer Linken nehmen muesste.
+
+Theophan (beiseite). Der Wechsler hat mir nicht reinen Mund gehalten!
+
+Adrast. Sie verstehen mich doch?
+
+Theophan. Ich kann es nicht mit Gewissheit sagen.
+
+Adrast. Ich gebe mir alle Muehe, Ihnen auf keine Weise verbunden zu
+sein: muss es mich also nicht verdriessen, dass Sie mich in den Verdacht
+bringen, als ob ich es gleichwohl zu sein Ursache haette?
+
+Theophan. Ich erstaune ueber Ihre Geschicklichkeit, alles auf der
+schlimmsten Seite zu betrachten.
+
+Adrast. Und wie Sie gehoert haben, so bin ich ueber die Ihrige erstaunt,
+diese schlimme Seite so vortrefflich zu verbergen. Noch weiss ich
+selbst nicht eigentlich, was ich davon denken soll.
+
+Theophan. Weil Sie das Natuerlichste davon nicht denken wollen.
+
+Adrast. Dieses Natuerlichste, meinen Sie vielleicht, waere das, wenn
+ich daechte, dass Sie diesen Schritt aus Grossmut, aus Vorsorge fuer
+meinen guten Namen getan haetten? Allein, mit Erlaubnis, hier waere es
+gleich das Unnatuerlichste.
+
+Theophan. Sie haben doch wohl recht. Denn wie waere es immer moeglich,
+dass ein Mann von meinem Stande nur halb so menschliche Gesinnungen
+haben koennte?
+
+Adrast. Lassen Sie uns Ihren Stand einmal beiseite setzen.
+
+Theophan. Sollten Sie das wohl koennen?--
+
+Adrast. Gesetzt also, Sie waeren keiner von den Leuten, die, den
+Charakter der Froemmigkeit zu behaupten, ihre Leidenschaften so geheim,
+als moeglich, halten muessen; die anfangs aus Wohlstand heucheln lernen,
+und endlich die Heuchelei als eine zweite Natur beibehalten; die nach
+ihren Grundsaetzen verbunden sind, sich ehrlicher Leute, welche sie die
+Kinder der Welt nennen, zu entziehen, oder wenigstens aus keiner
+andern Absicht Umgang mit ihnen zu pflegen, als aus der
+niedertraechtigen Absicht, sie auf ihre Seite zu lenken; gesetzt, Sie
+waeren keiner von diesen: sind Sie nicht wenigstens ein Mensch, der
+Beleidigungen empfindet? Und auf einmal alles in allem zu sagen:--
+Sind Sie nicht ein Liebhaber, welcher Eifersucht fuehlen muss?
+
+Theophan. Es ist mir angenehm, dass Sie endlich auf diesen Punkt
+herauskommen.
+
+Adrast. Vermuten Sie aber nur nicht, dass ich mit der geringsten
+Maessigung davon sprechen werde.
+
+Theophan. So will ich es versuchen, desto mehrere dabei zu brauchen.
+
+Adrast. Sie lieben Julianen, und ich--ich--was suche ich lange noch
+Worte?--Ich hasse Sie wegen dieser Liebe, ob ich gleich kein Recht auf
+den geliebten Gegenstand habe; und Sie, der Sie ein Recht darauf haben,
+sollten mich, der ich Sie um dieses Recht beneide, nicht auch hassen?
+
+Theophan. Gewiss, ich sollte nicht.--Aber lassen Sie uns doch das
+Recht untersuchen, das Sie und ich auf Julianen haben.
+
+Adrast. Wenn dieses Recht auf die Staerke unserer Liebe ankaeme, so
+wuerde ich es Ihnen vielleicht noch streitig machen. Es ist Ihr Glueck,
+dass es auf die Einwilligung eines Vaters, und auf den Gehorsam einer
+Tochter ankoemmt.--
+
+Theophan. Hierauf will ich es durchaus nicht ankommen lassen. Die
+Liebe allein soll Richter sein. Aber merken Sie wohl, nicht bloss
+unsere, sondern vornehmlich die Liebe derjenigen, in deren Besitz Sie
+mich glauben. Wenn Sie mich ueberfuehren koennen, dass Sie von Julianen
+wiedergeliebet werden--
+
+Adrast. So wollen Sie mir vielleicht Ihre Ansprueche abtreten?
+
+Theophan. So muss ich.
+
+Adrast. Wie hoehnisch Sie mit mir umgehen!--Sie sind Ihrer Sachen
+gewiss, und ueberzeugt, dass Sie bei dieser Rodomontade nichts aufs Spiel
+setzen.
+
+Theophan. Also koennen Sie mir es nicht sagen, ob Sie Juliane liebet?
+
+Adrast. Wenn ich es koennte, wuerde ich wohl unterlassen, Sie mit
+diesem Vorzuge zu peinigen?
+
+Theophan. Stille! Sie machen sich unmenschlicher, als Sie sind.--Nun
+wohl! so will ich,--ich will es Ihnen sagen, dass Sie Juliane liebt.
+
+Adrast. Was sagen Sie?--Doch fast haette ich ueber das Entzueckende
+dieser Versicherung vergessen, aus wessen Munde ich sie hoere. Recht
+so! Theophan, recht so! Man muss ueber seine Feinde spotten. Aber
+wollen Sie, diese Spoetterei vollkommen zu machen, mich nicht auch
+versichern, dass Sie Julianen nicht lieben?
+
+Theophan (verdriesslich). Es ist unmoeglich, mit Ihnen ein vernuenftiges
+Wort zu sprechen. (Er will weggehen.)
+
+Adrast (beiseite). Er wird zornig?--Warten Sie doch, Theophan.
+Wissen Sie, dass die erste aufgebrachte Miene, die ich endlich von
+Ihnen sehe, mich begierig macht, dieses vernuenftige Wort zu hoeren?
+
+Theophan (zornig). Und wissen Sie, dass ich endlich Ihres
+schimpflichen Betragens ueberdruessig bin?
+
+Adrast (beiseite). Er macht Ernst.--
+
+Theophan (noch zornig). Ich will mich bestreben, dass Sie den Theophan
+so finden sollen, als Sie ihn sich vorstellen.
+
+Adrast. Verziehen Sie. Ich glaube in Ihrem Trotze mehr
+Aufrichtigkeit zu sehen, als ich jemals in Ihrer Freundlichkeit
+gesehen habe.
+
+Theophan. Wunderbarer Mensch! Muss man sich Ihnen gleichstellen, muss
+man ebenso stolz, ebenso argwoehnisch, ebenso grob sein, als Sie, um
+Ihr elendes Vertrauen zu gewinnen?
+
+Adrast. Ich werde Ihnen diese Sprache, ihrer Neuigkeit wegen,
+vergeben muessen.
+
+Theophan. Sie soll Ihnen alt genug werden!
+
+Adrast. Aber in der Tat--Sie machen mich vollends verwirrt. Muessen
+Sie mir Dinge, worauf alle mein Wohl ankoemmt, mit einem froehlichen
+Gesichte sagen? Ich bitte Sie, sagen Sie es jetzt noch einmal, was
+ich vorhin fuer eine Spoetterei aufnehmen musste.
+
+Theophan. Wenn ich es sage, glauben Sie nur nicht, dass es um
+Ihretwillen geschieht.
+
+Adrast. Desto mehr werde ich mich darauf verlassen.
+
+Theophan. Aber ohne mich zu unterbrechen: das bitte ich.--
+
+Adrast. Reden Sie nur.
+
+Theophan. Ich will Ihnen den Schluessel zu dem, was Sie hoeren sollen,
+gleich voraus geben. Meine Neigung hat mich nicht weniger betrogen,
+als Sie die Ihrige. Ich kenne und bewundere alle die Vollkommenheiten,
+die Julianen zu einer Zierde ihres Geschlechts machen; aber--ich
+liebe sie nicht.
+
+Adrast. Sie--
+
+Theophan. Es ist gleichviel, ob Sie es glauben oder nicht glauben.--
+Ich habe mir Muehe genug gegeben, meine Hochachtung in Liebe zu
+verwandeln. Aber eben bei dieser Bemuehung habe ich Gelegenheit gehabt,
+es oft sehr deutlich zu merken, dass sich Juliane einen aehnlichen
+Zwang antut. Sie wollte mich lieben, und liebte mich nicht. Das Herz
+nimmt keine Gruende an, und will in diesem, wie in andern Stuecken,
+seine Unabhaengigkeit von dem Verstande behaupten. Man kann es
+tyrannisieren, aber nicht zwingen. Und was hilft es, sich selbst zum
+Maertyrer seiner Ueberlegungen zu machen, wenn man gewiss weiss, dass man
+keine Beruhigung dabei finden kann? Ich erbarmte mich also Julianens--
+oder vielmehr, ich erbarmte mich meiner selbst: ich unterdrueckte meine
+wachsende Neigung gegen eine andre Person nicht laenger und sahe es mit
+Vergnuegen, dass auch Juliane zu ohnmaechtig oder zu nachsehend war, der
+ihrigen zu widerstehen. Diese ging auf einen Mann, der ihrer ebenso
+unwuerdig ist, als unwuerdig er ist, einen Freund zu haben. Adrast
+wuerde sein Glueck in ihren Augen laengst gewahr geworden sein, wenn
+Adrast gelassen genug waere, richtige Blicke zu tun. Er betrachtet
+alles durch das gefaerbte Glas seiner vorgefassten Meinungen, und alles
+obenhin; und wuerde wohl oft lieber seine Sinne verleugnen, als seinen
+Wahn aufgeben. Weil Juliane ihn liebenswuerdig fand, konnte ich mir
+unmoeglich einbilden, dass er so gar verderbt sei. Ich sann auf Mittel,
+es beiden mit der besten Art beizubringen, dass sie mich nicht als eine
+gefaehrliche Hinderung ansehen sollten. Ich kam nur jetzt in dieser
+Absicht hieher; allein liess mich Adrast, ohne die schimpflichsten
+Abschreckungen, darauf kommen? Ich wuerde ihn, ohne ein weiteres Wort,
+verlassen haben, wenn ich mich nicht noch derjenigen Person wegen
+gezwungen haette, der ich, von Grund meiner Seelen, alles goenne, was
+sie sich selbst wuenscht.--Mehr habe ich ihm nicht zu sagen. (Er will
+fortgehen.)
+
+Adrast. Wohin, Theophan?--Urteilen Sie aus meinem Stilleschweigen,
+wie gross mein Erstaunen sein muesse!--Es ist eine menschliche
+Schwachheit, sich dasjenige leicht ueberreden zu lassen, was man heftig
+wuenscht. Soll ich ihr nachhaengen? soll ich sie unterdruecken?
+
+Theophan. Ich will bei Ihrer Ueberlegung nicht gegenwaertig sein.--
+
+Adrast. Wehe dem, der mich auf eine so grausame Art aufzuziehen denkt!
+
+Theophan. So raeche mich denn Ihre marternde Ungewissheit an Ihnen!
+
+Adrast (beiseite). Jetzt will ich ihn fangen.--Wollen Sie mir noch
+ein Wort erlauben, Theophan?--Wie koennen Sie ueber einen Menschen
+zuernen, der mehr aus Erstaunen ueber sein Glueck, als aus Misstrauen
+gegen Sie, zweifelt?--
+
+Theophan. Adrast, ich werde mich schaemen, nur einen Augenblick
+gezuernt zu haben, sobald Sie vernuenftig reden wollen.
+
+Adrast. Wenn es wahr ist, dass Sie Julianen nicht lieben, wird es
+nicht noetig sein, dass Sie sich dem Lisidor entdecken?
+
+Theophan. Allerdings.
+
+Adrast. Und Sie sind es wirklich gesonnen?
+
+Theophan. Und zwar je eher, je lieber.
+
+Adrast. Sie wollen dem Lisidor sagen, dass Sie Julianen nicht lieben?
+
+Theophan. Was sonst?
+
+Adrast. Dass Sie eine andere Person lieben?
+
+Theophan. Vor allen Dingen; um ihm durchaus keine Ursache zu geben,
+Julianen die rueckgaengige Verbindung zur Last zu legen.
+
+Adrast. Wollten Sie wohl alles dieses gleich jetzo tun?
+
+Theophan. Gleich jetzo?--
+
+Adrast (beiseite). Nun habe ich ihn!--Ja, gleich jetzo.
+
+Theophan. Wollten Sie aber auch wohl eben diesen Schritt tun?
+Wollten auch Sie dem Lisidor wohl sagen, dass Sie Henrietten nicht
+liebten?
+
+Adrast. Ich brenne vor Verlangen.
+
+Theophan. Und dass Sie Julianen liebten?
+
+Adrast. Zweifeln Sie?
+
+Theophan. Nun wohl! so kommen Sie.
+
+Adrast (beiseite). Er will?--
+
+Theophan. Nur geschwind!
+
+Adrast. Ueberlegen Sie es recht.
+
+Theophan. Und was soll ich denn noch ueberlegen?
+
+Adrast. Noch ist es Zeit.--
+
+Theophan. Sie halten sich selbst auf. Nur fort!--(Indem er
+vorangehen will.) Sie bleiben zurueck? Sie stehen in Gedanken? Sie
+sehen mich mit einem Auge an, das Erstaunen verraet? Was soll das?--
+
+Adrast (nach einer kleinen Pause). Theophan!--
+
+Theophan. Nun?--Bin ich nicht bereit?
+
+Adrast (geruehrt). Theophan!--Sie sind doch wohl ein ehrlicher Mann.
+
+Theophan. Wie kommen Sie jetzt darauf?
+
+Adrast. Wie ich jetzt darauf komme? Kann ich einen staerkern Beweis
+verlangen, dass Ihnen mein Glueck nicht gleichgueltig ist?
+
+Theophan. Sie erkennen dieses sehr spaet--aber Sie erkennen es doch
+noch.--Liebster Adrast, ich muss Sie umarmen.--
+
+Adrast. Ich schaeme mich--lassen Sie mich allein; ich will ihnen bald
+folgen.--
+
+Theophan. Ich werde Sie nicht allein lassen.--Ist es moeglich, dass ich
+Ihren Abscheu gegen mich ueberwunden habe? Dass ich ihn durch eine
+Aufopferung ueberwunden habe, die mir so wenig kostet? Ach! Adrast,
+Sie wissen noch nicht, wie eigennuetzig ich dabei bin; ich werde
+vielleicht alle Ihre Hochachtung dadurch wieder verlieren:--Ich liebe
+Henrietten.
+
+Adrast. Sie lieben Henrietten? Himmel! so koennen wir ja hier noch
+beide gluecklich sein. Warum haben wir uns nicht eher erklaeren muessen?
+O Theophan! Theophan! ich wuerde Ihre ganze Auffuehrung mit einem
+andern Auge angesehen haben. Sie wuerden der Bitterkeit meines
+Verdachts, meiner Vorwuerfe nicht ausgesetzt gewesen sein.
+
+Theophan. Keine Entschuldigungen, Adrast! Vorurteile und eine
+unglueckliche Liebe sind zwei Stuecke, deren eines schon hinreichet,
+einen Mann zu etwas ganz anderm zu machen, als er ist.--Aber was
+verweilen wir hier laenger?
+
+Adrast. Ja, Theophan, nun lassen Sie uns eilen.--Aber wenn uns
+Lisidor zuwider waere?--Wenn Juliane einen andern liebte?--
+
+Theophan. Fassen Sie Mut. Hier koemmt Lisidor.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Lisidor. Theophan. Adrast.
+
+
+Lisidor. Ihr seid mir feine Leute! Soll ich denn bestaendig mit dem
+fremden Vetter allein sein?
+
+Theophan. Wir waren gleich im Begriff zu Ihnen zu kommen.
+
+Lisidor. Was habt ihr nun wieder zusammen gemacht? gestritten?
+Glaubt mir doch nur, aus dem Streiten koemmt nichts heraus. Ihr habt
+alle beide, alle beide habt ihr recht.--Zum Exempel: (zum Theophan)
+Der spricht, die Vernunft ist schwach; und der (zum Adrast) spricht,
+die Vernunft ist stark. Jener beweiset mit starken Gruenden, dass die
+Vernunft schwach ist; und dieser mit schwachen Gruenden, dass sie stark
+ist. Koemmt das nun nicht auf eins heraus? schwach und stark, oder,
+stark und schwach: was ist denn da fuer ein Unterscheid?
+
+Theophan. Erlauben Sie, wir haben jetzt weder von der Staerke, noch
+von der Schwaeche der Vernunft gesprochen--
+
+Lisidor. Nun! so war es von etwas anderm, das ebensowenig zu
+bedeuten hat.--Von der Freiheit etwa: Ob ein hungriger Esel, der
+zwischen zwei Buendeln Heu steht, die einander vollkommen gleich sind,
+das Vermoegen hat, von dem ersten von dem besten zu fressen, oder, ob
+der Esel so ein Esel sein muss, dass er lieber verhungert?--
+
+Adrast. Auch daran ist nicht gedacht worden. Wir beschaeftigten uns
+mit einer Sache, bei der das Vornehmste nunmehr auf Sie ankoemmt.
+
+Lisidor. Auf mich?
+
+Theophan. Auf Sie, der Sie unser ganzes Glueck in Haenden haben.
+
+Lisidor. Oh! ihr werdet mir einen Gefallen tun, wenn ihr es so
+geschwind, als moeglich, in eure eignen Haende nehmt.--Ihr meint doch
+wohl das Glueck in Fischbeinroecken? Schon lange habe ich es selber
+nicht mehr gern behalten wollen. Denn der Mensch ist ein Mensch, und
+eine Jungfer eine Jungfer; und Glueck und Glas wie bald bricht das!
+
+Theophan. Wir werden zeitlebens nicht dankbar genug sein koennen, dass
+Sie uns einer so nahen Verbindung gewuerdiget haben. Allein es stoesst
+sich noch an eine sehr grosse Schwierigkeit.
+
+Lisidor. Was?
+
+Adrast. An eine Schwierigkeit, die unmoeglich vorauszusehen war.
+
+Lisidor. Nu?
+
+Theophan und Adrast. Wir muessen Ihnen gestehen--
+
+Lisidor. Alle beide zugleich? Was wird das sein? Ich muss euch
+ordentlich vernehmen.--Was gestehen Sie, Theophan?--
+
+Theophan. Ich muss Ihnen gestehen,--dass ich Julianen nicht liebe.
+
+Lisidor. Nicht liebe? habe ich recht gehoert?--Und was ist denn Ihr
+Gestaendnis, Adrast?--
+
+Adrast. Ich muss Ihnen gestehen,--dass ich Henrietten nicht liebe.
+
+Lisidor. Nicht liebe?--Sie nicht lieben, und Sie nicht lieben; das
+kann unmoeglich sein! Ihr Streitkoepfe, die ihr noch nie einig gewesen
+seid, solltet jetzo zum ersten Male einig sein, da es darauf ankoemmt,
+mir den Stuhl vor die Tuere zu setzen?--Ach! ihr scherzt, nun merke
+ich's erst.
+
+Adrast. Wir? scherzen?
+
+Lisidor. Oder ihr muesst nicht klug im Kopfe sein. Ihr meine Toechter
+nicht lieben? die Maedel weinen sich die Augen aus dem Kopfe.--Aber
+warum denn nicht? wenn ich fragen darf. Was fehlt denn Julianen, dass
+Sie sie nicht lieben koennen?
+
+Theophan. Ihnen die Wahrheit zu gestehen, ich glaube, dass ihr Herz
+selbst fuer einen andern eingenommen ist.
+
+Adrast. Und eben dieses vermute ich mit Grunde auch von Henrietten.
+
+Lisidor. Ho! ho! dahinter muss ich kommen.--Lisette! he! Lisette!--
+Ihr seid also wohl gar eifersuechtig, und wollt nur drohen?
+
+Theophan. Drohen? da wir Ihrer Guete jetzt am noetigsten haben?
+
+Lisidor. He da! Lisette!
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+
+Lisette. Lisidor. Theophan. Adrast.
+
+
+Lisette. Hier bin ich ja schon! Was gibt's?
+
+Lisidor. Sage, sie sollen gleich herkommen.
+
+Lisette. Wer denn?
+
+Lisidor. Beide! hoerst du nicht?
+
+Lisette. Meine Jungfern?
+
+Lisidor. Fragst du noch?
+
+Lisette. Gleich will ich sie holen. (Indem sie wieder umkehrt.)
+Kann ich ihnen nicht voraus sagen, was sie hier sollen?
+
+Lisidor. Nein!
+
+Lisette (geht und koemmt wieder). Wenn sie mich nun aber fragen?
+
+Lisidor. Wirst du gehen?
+
+Lisette. Ich geh.--(Koemmt wieder.) Es ist wohl etwas Wichtiges?
+
+Lisidor. Ich glaube, du Maulaffe, willst es eher wissen, als sie?
+
+Lisette. Nur sachte! ich bin so neugierig nicht.
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Lisidor. Theophan. Adrast.
+
+
+Lisidor. Ihr habt mich auf einmal ganz verwirrt gemacht. Doch nur
+Geduld, ich will das Ding schon wieder in seine Wege bringen. Das
+waere mir gelegen, wenn ich mir ein Paar andere Schwiegersoehne suchen
+muesste! Ihr waret mir gleich so recht, und so ein Paar bekomme ich
+nicht wieder zusammen, wenn ich mir sie auch bestellen liesse.
+
+Adrast. Sie sich andre Schwiegersoehne suchen?--Was fuer ein Unglueck
+drohen Sie uns?
+
+Lisidor. Ihr wollt doch wohl nicht die Maedel heiraten, ohne sie zu
+lieben? Da bin ich auch euer Diener.
+
+Theophan. Ohne sie zu lieben?
+
+Adrast. Wer sagt das?
+
+Lisidor. Was habt ihr denn sonst gesagt?
+
+Adrast. Ich bete Julianen an.
+
+Lisidor. Julianen?
+
+Theophan. Ich liebe Henrietten mehr, als mich selbst.
+
+Lisidor. Henrietten?--Uph! Wird mir doch auf einmal ganz wieder
+leichte.--Ist das der Knoten? Also ist es weiter nichts, als dass sich
+einer in des andern seine Liebste verliebt hat? Also waere der ganze
+Plunder mit einem Tausche gutzumachen?
+
+Theophan. Wie guetig sind Sie, Lisidor!
+
+Adrast. Sie erlauben uns also--
+
+Lisidor. Was will ich tun? Es ist doch immer besser, ihr tauscht vor
+der Hochzeit, als dass ihr nach der Hochzeit tauscht. Wenn es meine
+Toechter zufrieden sind, ich bin es zufrieden.
+
+Adrast. Wir schmeicheln uns, dass sie es sein werden.--Aber bei der
+Liebe, Lisidor, die Sie gegen uns zeigen, kann ich unmoeglich anders,
+ich muss Ihnen noch ein Gestaendnis tun.
+
+Lisidor. Noch eins?
+
+Adrast. Ich wuerde nicht rechtschaffen handeln, wenn ich Ihnen meine
+Umstaende verhehlte.
+
+Lisidor. Was fuer Umstaende?
+
+Adrast. Mein Vermoegen ist so geschmolzen, dass ich, wenn ich alle
+meine Schulden bezahle, nichts uebrig behalte.
+
+Lisidor. Oh! schweig doch davon. Habe ich schon nach deinem
+Vermoegen gefragt? Ich weiss so wohl, dass du ein lockrer Zeisig gewesen
+bist, und alles durchgebracht hast; aber eben deswegen will ich dir
+eine Tochter geben, damit du doch wieder etwas hast.--Nur stille! da
+sind sie; lasst mich machen.
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Juliane. Henriette. Lisette. Lisidor. Theophan. Adrast.
+
+
+Lisette. Hier bringe ich sie, Herr Lisidor. Wir sind hoechst begierig,
+zu wissen, was Sie zu befehlen haben.
+
+Lisidor. Seht freundlich aus, Maedchens! ich will euch etwas
+Froehliches melden: Morgen soll's richtig werden. Macht euch gefasst!
+
+Lisette. Was soll richtig werden?
+
+Lisidor. Fuer dich wird nichts mit richtig.--Lustig, Maedchens!
+Hochzeit! Hochzeit!--Nu? Ihr seht ja so barmherzig aus? Was fehlt
+dir, Juliane?
+
+Juliane. Sie sollen mich allezeit gehorsam finden; aber nur diesesmal
+muss ich Ihnen vorstellen, dass Sie mich uebereilen wuerden.--Himmel!
+morgen?
+
+Lisidor. Und du, Henriette?
+
+Henriette. Ich, lieber Herr Vater? ich werde morgen krank sein,
+todsterbenskrank!
+
+Lisidor. Verschieb es immer bis uebermorgen.
+
+Henriette. Es kann nicht sein. Adrast weiss meine Ursachen.
+
+Adrast. Ich weiss, schoenste Henriette, dass Sie mich hassen.
+
+Theophan. Und sie, liebste Juliane, Sie wollen gehorsam sein?--Wie
+nahe scheine ich meinem Gluecke zu sein, und wie weit bin ich
+vielleicht noch davon entfernt!--Mit was fuer einem Gesichte soll ich
+es Ihnen sagen, dass ich der Ehre Ihrer Hand unwert bin? dass ich mir
+bei aller der Hochachtung, die ich fuer eine so vollkommene Person
+hegen muss, doch nicht getraue, dasjenige fuer Sie zu empfinden, was ich
+nur fuer eine einzige Person in der Welt empfinden will.
+
+Lisette. Das ist ja wohl gar ein Korb? Es ist nicht erlaubt, dass
+auch Mannspersonen welche austeilen wollen. Hurtig also, Julianchen,
+mit der Sprache heraus!
+
+Theophan. Nur ein eitles Frauenzimmer koennte meine Erklaerung
+beleidigen; und ich weiss, dass Juliane ueber solche Schwachheiten so
+weit erhaben ist,--
+
+Juliane. Ach Theophan! ich hoere es schon: Sie haben zu scharfe
+Blicke in mein Herz getan.--
+
+Adrast. Sie sind nun frei, schoenste Juliane. Ich habe Ihnen kein
+Bekenntnis weiter abzulegen, als das, welches ich Ihnen bereits
+abgelegt habe.--Was soll ich hoffen?
+
+Juliane. Liebster Vater!--Adrast!--Theophan!--Schwester!--
+
+Lisette. Nun merke ich alles. Geschwind muss das die Grossmama
+erfahren. (Lisette laeuft ab.)
+
+Lisidor (zu Julianen). Siehst du, Maedchen, was du fuer Zeug angefangen
+hast?
+
+Theophan. Aber Sie, liebste Henriette, was meinen Sie hierzu? Ist
+Adrast nicht ein ungetreuer Liebhaber? Ach! wenn Sie Ihre Augen auf
+einen getreuern werfen wollten! Wir sprachen vorhin von Rache, von
+einer unschuldigen Rache--
+
+Henriette. Top! Theophan: ich raeche mich.
+
+Lisidor. Fein bedaechtig, Henriette! Hast du schon die Krankheit auf
+morgen vergessen?
+
+Henriette. Gut! Ich lasse mich verleugnen, wenn sie koemmt.
+
+Lisidor. Seid ihr aber nicht wunderliches Volk! Ich wollte jedem zu
+seinem Rocke egales Futter geben, aber ich sehe wohl, euer Geschmack
+ist bunt. Der Fromme sollte die Fromme, und der Lustige die Lustige
+haben: Nichts! der Fromme will die Lustige, und der Lustige die
+Fromme.
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Frau Philane mit Lisetten und die Vorigen.
+
+
+Frau Philane. Kinder, was hoere ich? Ist es moeglich?
+
+Lisidor. Ja, Mama; ich glaube, Sie werden nicht dawider sein. Sie
+wollen nun einmal so--
+
+Frau Philane. Ich sollte dawider sein? Diese Veraendrung ist mein
+Wunsch, mein Gebet gewesen. Ach! Adrast, ach! Henriette, fuer euch
+habe ich oft gezittert! Ihr wuerdet ein unglueckliches Paar geworden
+sein! Ihr braucht beide einen Gefaehrten, der den Weg besser kennet,
+als ihr. Theophan, Sie haben laengst meinen Segen; aber wollen Sie
+mehr als diesen, wollen Sie auch den Segen des Himmels haben, so
+ziehen Sie eine Person aus Henrietten, die Ihrer wert ist. Und Sie,
+Adrast, ich habe Sie wohl sonst fuer einen boesen Mann gehalten; doch
+getrost! wer eine fromme Person lieben kann, muss selbst schon halb
+fromm sein. Ich verlasse mich seinetwegen auf dich, Julchen.--Vor
+allen Dingen bringe ihm bei, wackern Leuten, rechtschaffnen
+Geistlichen, nicht so veraechtlich zu begegnen, als er dem Theophan
+begegnet.--
+
+Adrast. Ach! Madame, erinnern Sie mich an mein Unrecht nicht.
+Himmel! wenn ich mich ueberall so irre, als ich mich bei ihnen,
+Theophan, geirret habe: was fuer ein Mensch, was fuer ein abscheulicher
+Mensch bin ich!--
+
+Lisidor. Habe ich's nicht gesagt, dass ihr die besten Freunde werden
+muesst, sobald als ihr Schwaeger seid? Das ist nur der Anfang!
+
+Theophan. Ich wiederhole es, Adrast: Sie sind besser, als Sie glauben;
+besser, als Sie zeither haben scheinen wollen.
+
+Frau Philane. Nun! auch das ist mir ein Trost zu hoeren.--(Zum
+Lisidor.) Komm, mein Sohn, fuehre mich. Das Stehen wird mir zu sauer,
+und vor Freuden habe ich es ganz vergessen, dass ich Araspen allein
+gelassen.
+
+Lisidor. Ja, wahrhaftig! da gibt's was zu erzaehlen! Kommen Sie,
+Mama.--Aber keinen Tausch weiter! keinen Tausch weiter!
+
+Lisette. Wie uebel ist unsereinem dran, das nichts zu tauschen hat!
+
+(Ende des Freigeists.)
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der Freigeist, von Gotthold
+Ephraim Lessing.
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Der Freigeist, by Gotthold Ephraim Lessing
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FREIGEIST ***
+
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+Produced by Delphine Letttau
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+as it appears in our Newsletters.
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+Information about Project Gutenberg (one page)
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+We produce about two million dollars for each hour we work. The
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+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
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+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
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+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
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+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
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+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
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+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
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+10000 2004 January*
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+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
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+**The Legal Small Print**
+
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+(Three Pages)
+
+***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
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+They tell us you might sue us if there is something wrong with
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