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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:32:50 -0700 |
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You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Nathan der Weise + Ein Dramatisches Gedicht, in fuenf Aufzuegen + +Author: Gotthold Epraim Lessing + +Release Date: October, 2005 [EBook #9186] +[Yes, we are more than one year ahead of schedule] +[This file was first posted on September 13, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ISO Latin-1 + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NATHAN DER WEISE *** + + + + +Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau + + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 7-bit version. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +NATHAN DER WEISE + +Gotthold Ephraim Lessing + +Ein Dramatisches Gedicht, in fuenf Aufzuegen + + +Introite, nam et heic Dii funt!--Apud Gellium + + +Personen: + +Sultan Saladin +Sittah, dessen Schwester +Nathan, ein reicher Jude in Jerusalem +Recha, dessen angenommene Tochter +Daja, eine Christin, aber in dem Hause des Juden, +als Gesellschafterin der Recha +Ein junger Tempelherr +Ein Derwisch +Der Patriarch von Jerusalem +Ein Klosterbruder +Ein Emir +nebst verschiednen Mamelucken des Saladin + +Die Szene ist in Jerusalem + + + + + +Erster Aufzug + + + +Erster Auftritt + +(Szene: Flur in Nathans Hause.) + +Nathan von der Reise kommend. Daja ihm entgegen. + + +Daja. +Er ist es! Nathan!--Gott sei ewig Dank, +Dass Ihr doch endlich einmal wiederkommt. + +Nathan. +Ja, Daja; Gott sei Dank! Doch warum endlich? +Hab ich denn eher wiederkommen wollen? +Und wiederkommen koennen? Babylon +Ist von Jerusalem, wie ich den Weg, +Seitab bald rechts, bald links, zu nehmen bin +Genoetigt worden, gut zweihundert Meilen; +Und Schulden einkassieren, ist gewiss +Auch kein Geschaeft, das merklich foedert, das +So von der Hand sich schlagen laesst. + +Daja. O Nathan, +Wie elend, elend haettet Ihr indes +Hier werden koennen! Euer Haus... + +Nathan. Das brannte. +So hab ich schon vernommen.--Gebe Gott, +Dass ich nur alles schon vernommen habe! + +Daja. +Und waere leicht von Grund aus abgebrannt. + +Nathan. +Dann, Daja, haetten wir ein neues uns +Gebaut; und ein bequemeres. + +Daja. Schon wahr!-- +Doch Recha waer' bei einem Haare mit +Verbrannt. + +Nathan. Verbrannt? Wer? meine Recha? sie?-- +Das hab ich nicht gehoert.--Nun dann! So haette +Ich keines Hauses mehr bedurft.--Verbrannt +Bei einem Haare!--Ha! sie ist es wohl! +Ist wirklich wohl verbrannt!--Sag nur heraus! +Heraus nur!--Toete mich: und martre mich +Nicht laenger.--ja, sie ist verbrannt. + +Daja. Wenn sie +Es waere, wuerdet Ihr von mir es hoeren? + +Nathan. +Warum erschreckest du mich denn?--O Recha! +O meine Recha! + +Daja. Eure? Eure Recha? + +Nathan. +Wenn ich mich wieder je entwoehnen muesste, +Dies Kind mein Kind zu nennen! + +Daja. Nennt Ihr alles, +Was Ihr besitzt, mit ebensoviel Rechte +Das Eure? + +Nathan. Nichts mit groesserm! Alles, was +Ich sonst besitze, hat Natur und Glueck +Mir zugeteilt. Dies Eigentum allein +Dank ich der Tugend. + +Daja. O wie teuer lasst +Ihr Eure Guete, Nathan, mich bezahlen! +Wenn Guet', in solcher Absicht ausgeuebt, +Noch Guete heissen kann! + +Nathan. In solcher Absicht? +In welcher? + +Daja. Mein Gewissen... + +Nathan. Daja, lass +Vor allen Dingen dir erzaehlen... + +Daja. Mein +Gewissen, sag ich... + +Nathan. Was in Babylon +Fuer einen schoenen Stoff ich dir gekauft. +So reich, und mit Geschmack so reich! Ich bringe +Fuer Recha selbst kaum einen schoenern mit. + +Daja. +Was hilft's? Denn mein Gewissen, muss ich Euch +Nur sagen, laesst sich laenger nicht betaeuben. + +Nathan. +Und wie die Spangen, wie die Ohrgehenke, +Wie Ring und Kette dir gefallen werden, +Die in Damaskus ich dir ausgesucht: +Verlanget mich zu sehn. + +Daja. So seid Ihr nun! +Wenn Ihr nur schenken koennt! nur schenken koennt! + +Nathan. +Nimm du so gern, als ich dir geb:--und schweig! + +Daja. +Und schweig! Wer zweifelt, Nathan, dass Ihr nicht +Die Ehrlichkeit, die Grossmut selber seid? +Und doch... + +Nathan. Doch bin ich nur ein Jude.--Gelt, +Das willst du sagen? + +Daja. Was ich sagen will, +Das wisst Ihr besser. + +Nathan. Nun so schweig! + +Daja. Ich schweige. +Was Straefliches vor Gott hierbei geschieht, +Und ich nicht hindern kann, nicht aendern kann,-- +Nicht kann,--komm' ueber Euch! + +Nathan. Komm' ueber mich!-- +Wo aber ist sie denn? wo bleibt sie?--Daja, +Wenn du mich hintergehst!--Weiss sie es denn, +Dass ich gekommen bin? + +Daja. Das frag ich Euch! +Noch zittert ihr der Schreck durch jede Nerve. +Noch malet Feuer ihre Phantasie +Zu allem, was sie malt. Im Schlafe wacht, +Im Wachen schlaeft ihr Geist: bald weniger +Als Tier, bald mehr als Engel. + +Nathan. Armes Kind! +Was sind wir Menschen! + +Daja. Diesen Morgen lag +Sie lange mit verschlossnem Aug', und war +Wie tot. Schnell fuhr sie auf, und rief: "Horch! horch! +Da kommen die Kamele meines Vaters! +Horch! seine sanfte Stimme selbst!"--Indem +Brach sich ihr Auge wieder: und ihr Haupt, +Dem seines Armes Stuetze sich entzog, +Stuerzt auf das Kissen.--Ich, zur Pfort' hinaus! +Und sieh: da kommt Ihr wahrlich! kommt Ihr wahrlich!-- +Was Wunder! ihre ganze Seele war +Die Zeit her nur bei Euch--und ihm.-- + +Nathan. Bei ihm? +Bei welchem Ihm? + +Daja. Bei ihm, der aus dem Feuer +Sie rettete. + +Nathan. Wer war das? wer?--Wo ist er? +Wer rettete mir meine Recha? wer? + +Daja. +Ein junger Tempelherr, den, wenig Tage +Zuvor, man hier gefangen eingebracht, +Und Saladin begnadigt hatte. + +Nathan. Wie? +Ein Tempelherr, dem Sultan Saladin +Das Leben liess? Durch ein geringres Wunder +War Recha nicht zu retten? Gott! + +Daja. Ohn' ihn, +Der seinen unvermuteten Gewinst +Frisch wieder wagte, war es aus mit ihr. + +Nathan. +Wo ist er, Daja, dieser edle Mann?-- +Wo ist er? Fuehre mich zu seinen Fuessen. +Ihr gabt ihm doch vors erste, was an Schaetzen +Ich euch gelassen hatte? gabt ihm alles? +Verspracht ihm mehr? weit mehr? + +Daja. Wie konnten wir? + +Nathan. +Nicht? nicht? + +Daja. Er kam, und niemand weiss woher. +Er ging, und niemand weiss wohin.--Ohn' alle +Des Hauses Kundschaft, nur von seinem Ohr +Geleitet, drang, mit vorgespreiztem Mantel, +Er kuehn durch Flamm' und Rauch der Stimme nach, +Die uns um Hilfe rief. Schon hielten wir +Ihn fuer verloren, als aus Rauch und Flamme +Mit eins er vor uns stand, im starken Arm +Empor sie tragend. Kalt und ungeruehrt +Vom Jauchzen unsers Danks, setzt seine Beute +Er nieder, draengt sich unters Volk und ist +Verschwunden! + +Nathan. Nicht auf immer, will ich hoffen. + +Daja. +Nachher die ersten Tage sahen wir +Ihn untern Palmen auf und nieder wandeln, +Die dort des Auferstandnen Grab umschatten. +Ich nahte mich ihm mit Entzuecken, dankte, +Erhob, entbot, beschwor,--nur einmal noch +Die fromme Kreatur zu sehen, die +Nicht ruhen koenne, bis sie ihren Dank +Zu seinen Fuessen ausgeweinet. + +Nathan. Nun? + +Daja. +Umsonst! Er war zu unsrer Bitte taub; +Und goss so bittern Spott auf mich besonders... + +Nathan. Bis dadurch abgeschreckt... + +Daja. Nichts weniger! +Ich trat ihn je den Tag von neuem an; +Liess jeden Tag von neuem mich verhoehnen. +Was litt ich nicht von ihm! Was haett' ich nicht +Noch gern ertragen!--Aber lange schon +Kommt er nicht mehr, die Palmen zu besuchen, +Die unsers Auferstandnen Grab umschatten; +Und niemand weiss, wo er geblieben ist. +Ihr staunt? Ihr sinnt? + +Nathan. Ich ueberdenke mir, +Was das auf einen Geist, wie Rechas, wohl +Fuer Eindruck machen muss. Sich so verschmaeht +Von dem zu finden, den man hochzuschaetzen +Sich so gezwungen fuehlt; so weggestossen, +Und doch so angezogen werden;--Traun, +Da muessen Herz und Kopf sich lange zanken, +Ob Menschenhass, ob Schwermut siegen soll. +Oft siegt auch keines; und die Phantasie, +Die in den Streit sich mengt, macht Schwaermer, +Bei welchen bald der Kopf das Herz, und bald +Das Herz den Kopf muss spielen.--Schlimmer Tausch!-- +Das letztere, verkenn ich Recha nicht, +Ist Rechas Fall: sie schwaermt. + +Daja. Allein so fromm, +So liebenswuerdig! + +Nathan. Ist doch auch geschwaermt! + +Daja. +Vornehmlich eine--Grille, wenn Ihr wollt, +Ist ihr sehr wert. Es sei ihr Tempelherr +Kein irdischer und keines irdischen; +Der Engel einer, deren Schutze sich +Ihr kleines Herz, von Kindheit auf, so gern +Vertrauet glaubte, sei aus seiner Wolke, +In die er sonst verhuellt, auch noch im Feuer, +Um sie geschwebt, mit eins als Tempelherr +Hervorgetreten.--Laechelt nicht!--Wer weiss? +Lasst laechelnd wenigstens ihr einen Wahn, +In dem sich Jud' und Christ und Muselmann +Vereinigen;--so einen suessen Wahn! + +Nathan. +Auch mir so suess!--Geh, wackre Daja, geh; +Sieh, was sie macht; ob ich sie sprechen kann.-- +Sodann such ich den wilden, launigen +Schutzengel auf. Und wenn ihm noch beliebt, +Hienieden unter uns zu wallen; noch +Beliebt, so ungesittet Ritterschaft +Zu treiben: find ich ihn gewiss; und bring Ihn her. + +Daja. +Ihr unternehmet viel. + +Nathan. Macht dann +Der suesse Wahn der suessern Wahrheit Platz:-- +Denn, Daja, glaube mir; dem Menschen ist +Ein Mensch noch immer lieber, als ein Engel-- +So wirst du doch auf mich, auf mich nicht zuernen, +Die Engelschwaermerin geheilt zu sehn? + +Daja. +Ihr seid so gut, und seid zugleich so schlimm! +Ich geh!--Doch hoert! doch seht!--Da kommt sie selbst. + + + +Zweiter Auftritt + +Recha und die Vorigen. + + +Recha. +So seid Ihr es doch ganz und gar, mein Vater? +Ich glaubt', Ihr haettet Eure Stimme nur +Vorausgeschickt. Wo bleibt Ihr? Was fuer Berge, +Fuer Wuesten, was fuer Stroeme trennen uns +Denn noch? Ihr atmet Wand an Wand mit ihr, +Und eilt nicht, Eure Recha zu umarmen? +Die arme Recha, die indes verbrannte! +Fast, fast verbrannte! Fast nur. Schaudert nicht! +Es ist ein garstiger Tod, verbrennen. Oh! + +Nathan. +Mein Kind! mein liebes Kind! + +Recha. Ihr musstet ueber +Den Euphrat, Tigris, Jordan; ueber--wer +Weiss was fuer Wasser all?--Wie oft hab ich +Um Euch gezittert, eh' das Feuer mir +So nahe kam! Denn seit das Feuer mir +So nahe kam: duenkt mich im Wasser sterben +Erquickung, Labsal, Rettung,--Doch Ihr seid +Ja nicht ertrunken: ich, ich bin ja nicht +Verbrannt. Wie wollen wir uns freun, und Gott, +Gott loben! Er, er trug Euch und den Nachen +Auf Fluegeln seiner unsichtbaren Engel +Die ungetreuen Stroem' hinueber. Er, +Er winkte meinem Engel, dass er sichtbar +Auf seinem weissen Fittiche, mich durch +Das Feuer truege-- + +Nathan. (Weissem Fittiche! +Ja, ja! der weisse vorgespreizte Mantel +Des Tempelherrn.) + +Recha. Er sichtbar, sichtbar mich +Durchs Feuer trueg', von seinem Fittiche +Verweht.--Ich also, ich hab einen Engel +Von Angesicht zu Angesicht gesehn; +Und meinen Engel. + +Nathan. Recha waer' es wert; +Und wuerd' an ihm nichts Schoenres sehn, als er +An ihr. + +Recha (laechelnd). +Wem schmeichelt Ihr, mein Vater? wem? +Dem Engel, oder Euch? + +Nathan. Doch haett' auch nur +Ein Mensch--ein Mensch, wie die Natur sie taeglich +Gewaehrt, dir diesen Dienst erzeigt: er muesste +Fuer dich ein Engel sein. Er muesst' und wuerde. + +Recha. +Nicht so ein Engel; nein! ein wirklicher; +Es war gewiss ein wirklicher!--Habt Ihr, +Ihr selbst die Moeglichkeit, dass Engel sind, +Dass Gott zum Besten derer, die ihn lieben, +Auch Wunder koenne tun, mich nicht gelehrt? +Ich lieb ihn ja. + +Nathan. Und er liebt dich; und tut +Fuer dich, und deinesgleichen, stuendlich Wunder; +Ja, hat sie schon von aller Ewigkeit +Fuer euch getan. + +Recha. Das hoer ich gern. + +Nathan. Wie? weil +Es ganz natuerlich, ganz alltaeglich klaenge, +Wenn dich ein eigentlicher Tempelherr +Gerettet haette: sollt' es darum weniger +Ein Wunder sein?--Der Wunder hoechstes ist, +Dass uns die wahren, echten Wunder so +Alltaeglich werden koennen, werden sollen. +Ohn' dieses allgemeine Wunder, haette +Ein Denkender wohl schwerlich Wunder je +Genannt, was Kindern bloss so heissen musste, +Die gaffend nur das Ungewoehnlichste, +Das Neuste nur verfolgen. + +Daja (zu Nathan). Wollt Ihr denn +Ihr ohnedem schon ueberspanntes Hirn +Durch solcherlei Subtilitaeten ganz +Zersprengen? + +Nathan. Lass mich!--Meiner Recha waer' +Es Wunders nicht genug, dass sie ein Mensch +Gerettet, welchen selbst kein kleines Wunder +Erst retten muessen? Ja, kein kleines Wunder! +Denn wer hat schon gehoert, dass Saladin +Je eines Tempelherrn verschont? dass je +Ein Tempelherr von ihm verschont zu werden +Verlangt? gehofft? ihm je fuer seine Freiheit +Mehr als den ledern Gurt geboten, der +Sein Eisen schleppt; und hoechstens seinen Dolch? + +Recha. +Das schliesst fuer mich, mein Vater.--Darum eben +War das kein Tempelherr; er schien es nur.-- +Koemmt kein gefangner Tempelherr je anders +Als zum gewissen Tode nach Jerusalem; +Geht keiner in Jerusalem so frei +Umher: wie haette mich des Nachts freiwillig +Denn einer retten koennen? + +Nathan. Sieh! wie sinnreich. +Jetzt, Daja, nimm das Wort. Ich hab es ja +Von dir, dass er gefangen hergeschickt +Ist worden. Ohne Zweifel weisst du mehr. + +Daja. +Nun ja.--So sagt man freilich;--doch man sagt +Zugleich, dass Saladin den Tempelherrn +Begnadigt, weil er seiner Brueder einem, +Den er besonders lieb gehabt, so aehnlich sehe. +Doch da es viele zwanzig Jahre her, +Dass dieser Bruder nicht mehr lebt,--er hiess, +Ich weiss nicht wie;--er blieb, ich weiss nicht wo:-- +So klingt das ja so gar--so gar unglaublich, +Dass an der ganzen Sache wohl nichts ist. + +Nathan. +Ei, Daja! Warum waere denn das so +Unglaublich? Doch wohl nicht--wie's wohl geschieht-- +Um lieber etwas noch Unglaublichers +Zu glauben?--Warum haette Saladin, +Der sein Geschwister insgesamt so liebt, +In juengern Jahren einen Bruder nicht +Noch ganz besonders lieben koennen?--Pflegen +Sich zwei Gesichter nicht zu aehneln?--Ist +Ein alter Eindruck ein verlorner?--Wirkt +Das Naemliche nicht mehr das Naemliche? +Seit wenn?--Wo steckt hier das Unglaubliche? +Ei freilich, weise Daja, waer's fuer dich +Kein Wunder mehr; und deine Wunder nur +Beduerf... verdienen, will ich sagen, Glauben. + +Daja. +Ihr spottet. + +Nathan. Weil du meiner spottest.--Doch +Auch so noch, Recha, bleibet deine Rettung +Ein Wunder, dem nur moeglich, der die strengsten +Entschluesse, die unbaendigsten Entwuerfe +Der Koenige, sein Spiel--wenn nicht sein Spott-- +Gern an den schwaechsten Faeden lenkt. + +Recha. Mein Vater! +Mein Vater, wenn ich irr, Ihr wisst, ich irre +Nicht gern. + +Nathan. Vielmehr, du laesst dich gern belehren. +Sieh! eine Stirn, so oder so gewoelbt; +Der Ruecken einer Nase, so vielmehr +Als so gefuehret; Augenbraunen, die +Auf einem scharfen oder stumpfen Knochen +So oder so sich schlaengeln; eine Linie, +Ein Bug, ein Winkel, eine Falt', ein Mal, +Ein Nichts, auf eines wilden Europaeers +Gesicht:--und du entkommst dem Feu'r, in Asien! +Das waer' kein Wunder, wundersuecht'ges Volk? +Warum bemueht ihr denn noch einen Engel? + +Daja. +Was schadet's--Nathan, wenn ich sprechen darf-- +Bei alledem, von einem Engel lieber +Als einem Menschen sich gerettet denken? +Fuehlt man der ersten unbegreiflichen +Ursache seiner Rettung nicht sich so +Viel naeher? + +Nathan. Stolz! und nichts als Stolz! Der Topf +Von Eisen will mit einer silbern Zange +Gern aus der Glut gehoben sein, um selbst +Ein Topf von Silber sich zu duenken.--Pah!-- +Und was es schadet, fragst du? was es schadet? +Was hilft es? duerft' ich nur hinwieder fragen.-- +Denn dein "Sich Gott um so viel naeher fuehlen" +Ist Unsinn oder Gotteslaesterung.-- +Allein es schadet; ja, es schadet allerdings.-- +Kommt! hoert mir zu.--Nicht wahr? dem Wesen, das +Dich rettete,--es sei ein Engel oder +Ein Mensch,--dem moechtet ihr, und du besonders, +Gern wieder viele grosse Dienste tun?-- +Nicht wahr?--Nun, einem Engel, was fuer Dienste, +Fuer grosse Dienste koennt ihr dem wohl tun? +Ihr koennt ihm danken; zu ihm seufzen, beten; +Koennt in Entzueckung ueber ihn zerschmelzen; +Koennt an dem Tage seiner Feier fasten, +Almosen spenden.--Alles nichts.--Denn mich +Deucht immer, dass ihr selbst und euer Naechster +Hierbei weit mehr gewinnt, als er. Er wird +Nicht fett durch euer Fasten; wird nicht reich +Durch eure Spenden; wird nicht herrlicher +Durch eu'r Entzuecken; wird nicht maechtiger +Durch eu'r Vertraun. Nicht wahr? Allein ein Mensch! + +Daja. +Ei freilich haett' ein Mensch, etwas fuer ihn +Zu tun, uns mehr Gelegenheit verschafft. +Und Gott weiss, wie bereit wir dazu waren! +Allein er wollte ja, bedurfte ja +So voellig nichts; war in sich, mit sich so +Vergnuegsam, als nur Engel sind, nur Engel +Sein koennen. + +Recha. Endlich, als er gar verschwand... + +Nathan. +Verschwand?--Wie denn verschwand?--Sich untern Palmen +Nicht ferner sehen liess?--Wie? oder habt +Ihr wirklich schon ihn weiter aufgesucht? + +Daja. +Das nun wohl nicht. + +Nathan. Nicht, Daja? nicht?--Da sieh +Nun was es schad't!--Grausame Schwaermerinnen! +Wenn dieser Engel nun--nun krank geworden!... + +Recha. +Krank! + +Daja. Krank! Er wird doch nicht! + +Recha. Welch kalter Schauer +Befaellt mich!--Daja!--Meine Stirne, sonst +So warm, fuehl! ist auf einmal Eis. + +Nathan. Er ist +Ein Franke, dieses Klimas ungewohnt; +Ist jung; der harten Arbeit seines Standes, +Des Hungerns, Wachens ungewohnt. + +Recha. Krank! krank! + +Daja. +Das waere moeglich, meint ja Nathan nur. + +Nathan. +Nun liegt er da! hat weder Freund, noch Geld +Sich Freunde zu besolden. + +Recha. Ah, mein Vater! + +Nathan. +Liegt ohne Wartung, ohne Rat und Zusprach', +Ein Raub der Schmerzen und des Todes da! + +Recha. +Wo? wo? + +Nathan. Er, der fuer eine, die er nie +Gekannt, gesehn--genug, es war ein Mensch +Ins Feu'r sich stuerzte... + +Daja. Nathan, schonet ihrer! + +Nathan. +Der, was er rettete, nicht naeher kennen, +Nicht weiter sehen mocht',--um ihm den Dank +Zu sparen... + +Daja. Schonet ihrer, Nathan! + +Nathan. Weiter +Auch nicht zu sehn verlangt',--es waere denn, +Dass er zum zweitenmal es retten sollte-- +Denn g'nug, es ist ein Mensch... + +Daja. Hoert auf, und seht! + +Nathan. +Der, der hat sterbend sich zu laben, nichts +Als das Bewusstsein dieser Tat! + +Daja. Hoert auf! +Ihr toetet sie! + +Nathan. Und du hast ihn getoetet!-- +Haettst so ihn toeten koennen.--Recha! Recha! +Es ist Arznei, nicht Gift, was ich dir reiche. +Er lebt!--komm zu dir!--ist auch wohl nicht krank: +Nicht einmal krank! + +Recha. Gewiss?--nicht tot? nicht krank? + +Nathan. +Gewiss, nicht tot! Denn Gott lohnt Gutes, hier +Getan, auch hier noch.--Geh!--Begreifst du aber, +Wieviel andaechtig schwaermen leichter, als +Gut handeln ist? wie gern der schlaffste Mensch +Andaechtig schwaermt, um nur,--ist er zu Zeiten +Sich schon der Absicht deutlich nicht bewusst-- +Um nur gut handeln nicht zu duerfen? + +Recha. Ah, +Mein Vater! lasst, lasst Eure Recha doch +Nie wiederum allein!--Nicht wahr, er kann +Auch wohl verreist nur sein?-- + +Nathan. Geht!--Allerdings.-- +Ich seh, dort mustert mit neugier'gem Blick +Ein Muselmann mir die beladenen +Kamele. Kennt Ihr ihn? + +Daja. Ha! Euer Derwisch. + +Nathan. +Wer? + +Daja. Euer Derwisch; Euer Schachgesell! + +Nathan. +Al-Hafi? das Al-Hafi? + +Daja. Itzt des Sultans +Schatzmeister. + +Nathan. Wie? Al-Hafi? Traeumst du wieder? +Er ist's!--wahrhaftig, ist's!--koemmt auf uns zu. +Hinein mit Euch, geschwind!--Was werd ich hoeren! + + + +Dritter Auftritt + +Nathan und der Derwisch. + + +Derwisch. +Reisst nur die Augen auf, so weit Ihr koennt! + +Nathan. +Bist du's? Bist du es nicht?--In dieser Pracht, +Ein Derwisch!... + +Derwisch. Nun? warum denn nicht? Laesst sich +Aus einem Derwisch denn nichts, gar nichts machen? + +Nathan. +Ei wohl, genug!--Ich dachte mir nur immer, +Der Derwisch--so der rechte Derwisch--woll' +Aus sich nichts machen lassen. + +Derwisch. Beim Propheten +Dass ich kein rechter bin, mag auch wohl wahr sein. +Zwar wenn man muss-- + +Nathan. Muss! Derwisch!--Derwisch muss? +Kein Mensch muss muessen, und ein Derwisch muesste? +Was muesst' er denn? + +Derwisch. Warum man ihn recht bittet, +Und er fuer gut erkennt: das muss ein Derwisch. + +Nathan. +Bei unserm Gott! da sagst du wahr.--Lass dich +Umarmen, Mensch.--Du bist doch noch mein Freund? + +Derwisch. +Und fragt nicht erst, was ich geworden bin? + +Nathan. +Trotzdem, was du geworden! + +Derwisch. Koennt' ich nicht +Ein Kerl im Staat geworden sein, des Freundschaft +Euch ungelegen waere? + +Nathan. Wenn dein Herz +Noch Derwisch ist, so wag ich's drauf. Der Kerl +Im Staat, ist nur dein Kleid. + +Derwisch. Das auch geehrt +Will sein.--Was meint Ihr? ratet!--Was waer' ich +An Eurem Hofe? + +Nathan. Derwisch; weiter nichts. +Doch nebenher, wahrscheinlich--Koch. + +Derwisch. Nun ja! +Mein Handwerk bei Euch zu verlernen.--Koch! +Nicht Kellner auch?--Gesteht, dass Saladin +Mich besser kennt.--Schatzmeister bin ich bei-- +Ihm worden. + +Nathan. Du?--bei ihm? + +Derwisch. Versteht: +Des kleinern Schatzes,--denn des groessern wartet +Sein Vater noch--des Schatzes fuer sein Haus. + +Nathan. +Sein Haus ist gross. + +Derwisch. Und groesser, als Ihr glaubt; +Denn jeder Bettler ist von seinem Hause. + +Nathan. +Doch ist den Bettlern Saladin so feind-- + +Derwisch. +Dass er mit Strumpf und Stiel sie zu vertilgen +Sich vorgesetzt,--und sollt' er selbst darueber +Zum Bettler werden. + +Nathan. Brav!--So mein ich's eben. + +Derwisch. +Er ist's auch schon, trotz einem!--Denn sein Schatz +Ist jeden Tag mit Sonnenuntergang +Viel leerer noch, als leer. Die Flut, so hoch +Sie morgens eintritt, ist des Mittags laengst +Verlaufen-- + +Nathan. Weil Kanaele sie zum Teil +Verschlingen, die zu fuellen oder zu +Verstopfen, gleich unmoeglich ist. + +Derwisch. Getroffen! + +Nathan. +Ich kenne das! + +Derwisch. Es taugt nun freilich nichts, +Wenn Fuersten Geier unter Aesern sind. +Doch sind sie Aeser unter Geiern, taugt's +Noch zehnmal weniger. + +Nathan. O nicht doch, Derwisch! +Nicht doch! + +Derwisch. Ihr habt gut reden, Ihr!--Kommt an: +Was gebt Ihr mir? so tret ich meine Stell' +Euch ab. + +Nathan. Was bringt dir deine Stelle? + +Derwisch. Mir? +Nicht viel. Doch Euch, Euch kann sie trefflich wuchern. +--Denn ist es Ebb' im Schatz,--wie oefters ist, +So zieht Ihr Eure Schleusen auf: schiesst vor, +Und nehmt an Zinsen, was Euch nur gefaellt. + +Nathan. +Auch Zins vom Zins der Zinsen? + +Derwisch. Freilich! + +Nathan. Bis +Mein Kapital zu lauter Zinsen wird. + +Derwisch. +Das lockt Euch nicht?--So schreibet unsrer Freundschaft +Nur gleich den Scheidebrief! Denn wahrlich hab +Ich sehr auf Euch gerechnet. + +Nathan. Wahrlich? Wie +Denn so? wieso denn? + +Derwisch. Dass Ihr mir mein Amt +Mit Ehren wuerdet fuehren helfen; dass +Ich allzeit offne Kasse bei Euch haette.-- +Ihr schuettelt? + +Nathan. Nun, verstehn wir uns nur recht! +Hier gibt's zu unterscheiden.--Du? warum +Nicht du? Al-Hafi Derwisch ist zu allem, +Was ich vermag, mir stets willkommen.--Aber +Al-Hafi Defterdar des Saladin, +Der--dem-- + +Derwisch. Erriet ich's nicht? Dass Ihr doch immer +So gut als klug, so klug als weise seid!-- +Geduld! Was Ihr am Hafi unterscheidet, +Soll bald geschieden wieder sein.--Seht da +Das Ehrenkleid, das Saladin mir gab. +Eh' es verschossen ist, eh' es zu Lumpen +Geworden, wie sie einen Derwisch kleiden, +Haengt's in Jerusalem am Nagel, und +Ich bin am Ganges, wo ich leicht und barfuss +Den heissen Sand mit meinen Lehrern trete. + +Nathan. +Dir aehnlich g'nug! + +Derwisch. Und Schach mit ihnen spiele. + +Nathan. +Dein hoechstes Gut! + +Derwisch. Denkt nur, was mich verfuehrte!-- +Damit ich selbst nicht laenger betteln duerfte? +Den reichen Mann mit Bettlern spielen koennte? +Vermoegend waer' im Hui den reichsten Bettler +In einen armen Reichen zu verwandeln? + +Nathan. +Das nun wohl nicht. + +Derwisch. Weit etwas Abgeschmackters! +Ich fuehlte mich zum erstenmal geschmeichelt; +Durch Saladins gutherz'gen Wahn geschmeichelt-- + +Nathan. +Der war? + +Derwisch. "Ein Bettler wisse nur, wie Bettlern +Zumute sei; ein Bettler habe nur +Gelernt, mit guter Weise Bettlern geben. +Dein Vorfahr, sprach er, war mir viel zu kalt, +Zu rauh. Er gab so unhold, wenn er gab; +Erkundigte so ungestuem sich erst +Nach dem Empfaenger; nie zufrieden, dass +Er nur den Mangel kenne, wollt' er auch +Des Mangels Ursach' wissen, um die Gabe +Nach dieser Ursach' filzig abzuwaegen. +Das wird Al-Hafi nicht! So unmild mild +Wird Saladin im Hafi nicht erscheinen! +Al-Hafi gleicht verstopften Roehren nicht, +Die ihre klar und still empfangnen Wasser +So unrein und so sprudelnd wiedergeben. +Al-Hafi denkt; Al-Hafi fuehlt wie ich!"-- +So lieblich klang des Voglers Pfeife, bis +Der Gimpel in dem Netze war.--Ich Geck! +Ich eines Gecken Geck! + +Nathan. Gemach, mein Derwisch, +Gemach! + +Derwisch. Ei was!--Es waer' nicht Geckerei, +Bei Hunderttausenden die Menschen druecken, +Ausmergeln, pluendern, martern, wuergen; und +Ein Menschenfreund an einzeln scheinen wollen? +Es waer' nicht Geckerei, des Hoechsten Milde, +Die sonder Auswahl ueber Boes' und Gute +Und Flur und Wuestenei, in Sonnenschein +Und Regen sich verbreitet,--nachzuaeffen, +Und nicht des Hoechsten immer volle Hand +Zu haben? Was? es waer' nicht Geckerei... + +Nathan. +Genug! hoer auf! + +Derwisch. Lasst meiner Geckerei +Mich doch nur auch erwaehnen!--Was? es waere +Nicht Geckerei, an solchen Geckereien +Die gute Seite dennoch auszuspueren, +Um Anteil, dieser guten Seite wegen, +An dieser Geckerei zu nehmen? He? +Das nicht? + +Nathan. Al-Hafi, mache, dass du bald +In deine Wueste wieder koemmst. Ich fuerchte, +Grad unter Menschen moechtest du ein Mensch +Zu sein verlernen. + +Derwisch. Recht, das fuercht ich auch. +Lebt wohl! + +Nathan. So hastig?--Warte doch, Al-Hafi. +Entlaeuft dir denn die Wueste?--Warte doch!-- +Dass er mich hoerte!--He, Al-Hafi! hier!-- +Weg ist er; und ich haett' ihn noch so gern +Nach unserm Tempelherrn gefragt. Vermutlich, +Dass er ihn kennt. + + + +Vierter Auftritt + +Daja eilig herbei. Nathan. + + +Daja. O Nathan, Nathan! + +Nathan. Nun? +Was gibt's? + +Daja. Er laesst sich wieder sehn! Er laesst +Sich wieder sehn! + +Nathan. Wer, Daja? wer? + +Daja. Er! Er! + +Nathan. +Er? Er?--Wann laesst sich der nicht sehn!--Ja so, +Nur euer Er heisst er.--Das sollt' er nicht! +Und wenn er auch ein Engel waere, nicht!-- + +Daja. +Er wandelt untern Palmen wieder auf +Und ab; und bricht von Zeit zu Zeit sich Datteln. + +Nathan. +Sie essend?--und als Tempelherr? + +Daja. Was quaelt +Ihr mich?--Ihr gierig Aug' erriet ihn hinter +Den dicht verschraenkten Palmen schon; und folgt +Ihm unverrueckt. Sie laesst Euch bitten,--Euch +Beschwoeren,--ungesaeumt ihn anzugehn. +O eilt! Sie wird Euch aus dem Fenster winken, +Ob er hinauf geht oder weiter ab +Sich schlaegt. O eilt! + +Nathan. So wie ich vom Kamele +Gestiegen?--Schickt sich das?--Geh, eile du +Ihm zu; und meld ihm meine Wiederkunft. +Gib acht, der Biedermann hat nur mein Haus +In meinem Absein nicht betreten wollen; +Und koemmt nicht ungern, wenn der Vater selbst +Ihn laden laesst. Geh, sag, ich lass ihn bitten, +Ihn herzlich bitten... + +Daja. All umsonst! Er koemmt +Euch nicht.--Denn kurz; er koemmt zu keinem Juden. + +Nathan. +So geh, geh wenigstens ihn anzuhalten; +Ihn wenigstens mit deinen Augen zu +Begleiten.--Geh, ich komme gleich dir nach. + +(Nathan eilet hinein, und Daja heraus.) + + + +Fuenfter Auftritt + +Szene: ein Platz mit Palmen, unter welchen der Tempelherr auf und +nieder geht. Ein Klosterbruder folgt ihm in einiger Entfernung von +der Seite, immer als ob er ihn anreden wolle. + + +Tempelherr. +Der folgt mir nicht vor langer Weile!--Sieh, +Wie schielt er nach den Haenden!--Guter Bruder,... +Ich kann Euch auch wohl Vater nennen; nicht? + +Klosterbruder. +Nur Bruder--Laienbruder nur; zu dienen. + +Tempelherr. +Ja, guter Bruder, wer nur selbst was haette! +Bei Gott! bei Gott! Ich habe nichts-- + +Klosterbruder. Und doch +Recht warmen Dank! Gott geb' Euch tausendfach, +Was Ihr gern geben wolltet. Denn der Wille +Und nicht die Gabe macht den Geber.--Auch +Ward ich dem Herrn Almosens wegen gar +Nicht nachgeschickt. + +Tempelherr. Doch aber nachgeschickt? + +Klosterbruder. +Ja; aus dem Kloster. + +Tempelherr. Wo ich eben jetzt +Ein kleines Pilgermahl zu finden hoffte? + +Klosterbruder. +Die Tische waren schon besetzt; komm' aber +Der Herr nur wieder mit zurueck. + +Tempelherr. Wozu? +Ich habe Fleisch wohl lange nicht gegessen: +Allein was tut's? Die Datteln sind ja reif. + +Klosterbruder. +Nehm' sich der Herr in acht' mit dieser Frucht. +Zu viel genossen taugt sie nicht; verstopft +Die Milz; macht melancholisches Gebluet. + +Tempelherr. +Wenn ich nun melancholisch gern mich fuehlte?-- +Doch dieser Warnung wegen wurdet Ihr +Mir doch nicht nachgeschickt? + +Klosterbruder. O nein!--Ich soll +Mich nur nach Euch erkunden; auf den Zahn +Euch fuehlen. + +Tempelherr. Und das sagt Ihr mir so selbst? + +Klosterbruder. +Warum nicht? + +Tempelherr. (Ein verschmitzter Bruder!)--Hat +Das Kloster Euresgleichen mehr? + +Klosterbruder. Weiss nicht. +Ich muss gehorchen, lieber Herr. + +Tempelherr. Und da +Gehorcht Ihr denn auch ohne viel zu kluegeln? + +Klosterbruder. +Waer's sonst gehorchen, lieber Herr? + +Tempelherr. (Dass doch +Die Einfalt immer Recht behaelt!)--Ihr duerft +Mir doch auch wohl vertrauen, wer mich gern +Genauer kennen moechte?--Dass Ihr's selbst +Nicht seid, will ich wohl schwoeren. + +Klosterbruder. Ziemte mir's? +Und frommte mir's? + +Tempelherr. Wem ziemt und frommt es denn, +Dass er so neubegierig ist? Wem denn? + +Klosterbruder. +Dem Patriarchen; muss ich glauben.--Denn +Der sandte mich Euch nach. + +Tempelherr. Der Patriarch? +Kennt der das rote Kreuz auf weissem Mantel +Nicht besser? + +Klosterbruder. Kenn ja ich's! + +Tempelherr. Nun, Bruder? nun?-- +Ich bin ein Tempelherr; und ein gefangner.-- +Setz ich hinzu: gefangen bei Tebnin, +Der Burg, die mit des Stillstands letzter Stunde +Wir gern erstiegen haetten, um sodann +Auf Sidon loszugehn;--setz ich hinzu: +Selbzwanzigster gefangen und allein +Vom Saladin begnadiget: so weiss +Der Patriarch, was er zu wissen braucht; +Mehr, als er braucht. + +Klosterbruder. Wohl aber schwerlich mehr, +Als er schon weiss.--Er wuesst' auch gern, warum +Der Herr vom Saladin begnadigt worden; +Er ganz allein. + +Tempelherr. Weiss ich das selber?--Schon +Den Hals entbloesst, kniet' ich auf meinem Mantel, +Den Streich erwartend: als mich schaerfer Saladin +Ins Auge fasst, mir naeher springt, und winkt. +Man hebt mich auf; ich bin entfesselt; will +Ihm danken; seh sein Aug' in Traenen: stumm +Ist er, bin ich; er geht, ich bleibe.--Wie +Nun das zusammenhaengt, entraetsle sich +Der Patriarche selbst. + +Klosterbruder. Er schliesst daraus, +Dass Gott zu grossen, grossen Dingen Euch +Muess' aufbehalten haben. + +Tempelherr. Ja, zu grossen! +Ein Judenmaedchen aus dem Feu'r zu retten; +Auf Sinai neugier'ge Pilger zu +Geleiten; und dergleichen mehr. + +Klosterbruder. Wird schon +Noch kommen!--Ist inzwischen auch nicht uebel.-- +Vielleicht hat selbst der Patriarch bereits +Weit wicht'gere Geschaefte fuer den Herrn. + +Tempelherr. +So? meint Ihr, Bruder?--Hat er gar Euch schon +Was merken lassen? + +Klosterbruder. Ei, Jawohl!--Ich soll +Den Herrn nur erst ergruenden, ob er so +Der Mann wohl ist. + +Tempelherr. Nun ja; ergruendet nur! +(Ich will doch sehn, wie der ergruendet!)--Nun? + +Klosterbruder. +Das Kuerzste wird wohl sein, dass ich dem Herrn +Ganz gradezu des Patriarchen Wunsch +Eroeffne. + +Tempelherr. Wohl! + +Klosterbruder. Er haette durch den Herrn +Ein Briefchen gern bestellt. + +Tempelherr. Durch mich? Ich bin +Kein Bote.--Das, das waere das Geschaeft, +Das weit glorreicher sei, als Judenmaedchen +Dem Feu'r entreissen? + +Klosterbruder. Muss doch wohl! Denn--sagt +Der Patriarch--an diesem Briefchen sei +Der ganzen Christenheit sehr viel gelegen. +Dies Briefchen wohl bestellt zu haben,--sagt +Der Patriarch,--werd einst im Himmel Gott +Mit einer ganz besondern Krone lohnen. +Und dieser Krone,--sagt der Patriarch, +Sei niemand wuerd'ger, als mein Herr. + +Tempelherr. Als ich? + +Klosterbruder. +Denn diese Krone zu verdienen,--sagt +Der Patriarch,--sei schwerlich jemand auch +Geschickter, als mein Herr. + +Tempelherr. Als ich? + +Klosterbruder. Er sei +Hier frei; koenn' ueberall sich hier besehn; +Versteh', wie eine Stadt zu stuermen und +Zu schirmen; koenne,--sagt der Patriarch,-- +Die Staerk' und Schwaeche der von Saladin +Neu aufgefuehrten, innern, zweiten Mauer +Am besten schaetzen, sie am deutlichsten +Den Streitern Gottes,--sagt der Patriarch,-- +Beschreiben. + +Tempelherr. Guter Bruder, wenn ich doch +Nun auch des Briefchens naehern Inhalt wuesste. + +Klosterbruder. +Ja den,--den weiss ich nun wohl nicht so recht. +Das Briefchen aber ist an Koenig Philipp.-- +Der Patriarch... Ich hab mich oft gewundert, +Wie doch ein Heiliger, der sonst so ganz +Im Himmel lebt, zugleich so unterrichtet +Von Dingen dieser Welt zu sein herab +Sich lassen kann. Es muss ihm sauer werden. + +Tempelherr. +Nun dann? der Patriarch? + +Klosterbruder. Weiss ganz genau, +Ganz zuverlaessig, wie und wo, wie stark, +Von welcher Seite Saladin, im Fall +Es voellig wieder losgeht, seinen Feldzug +Eroeffnen wird. + +Tempelherr. Das weiss er? + +Klosterbruder. Ja, und moecht' +Es gern dem Koenig Philipp wissen lassen: +Damit der ungefaehr ermessen koenne, +Ob die Gefahr denn gar so schrecklich, um +Mit Saladin den Waffenstillestand, +Den Euer Orden schon so brav gebrochen, +Es koste was es wolle, wiederher- +Zustellen. + +Tempelherr. Welch ein Patriarch!--Ja so! +Der liebe tapfre Mann will mich zu keinem +Gemeinen Boten; will mich--zum Spion. +Sagt Euerm Patriarchen, guter Bruder, +Soviel Ihr mich ergruenden koennen, waer' +Das meine Sache nicht.--Ich muesse mich +Noch als Gefangenen betrachten; und +Der Tempelherren einziger Beruf +Sei mit dem Schwerte dreinzuschlagen, nicht +Kundschafterei zu treiben. + +Klosterbruder. Dacht' ich's doch!-- +Will's auch dem Herrn nicht eben sehr veruebeln.-- +Zwar koemmt das Beste noch.--Der Patriarch +Hiernaechst hat ausgegattert, wie die Feste +Sich nennt, und wo auf Libanon sie liegt, +In der die ungeheuern Summen stecken, +Mit welchen Saladins vorsicht'ger Vater +Das Heer besoldet, und die Zuruestungen +Des Kriegs bestreitet. Saladin verfuegt +Von Zeit zu Zeit auf abgelegnen Wegen +Nach dieser Feste sich, nur kaum begleitet.-- +Ihr merkt doch? + +Tempelherr. Nimmermehr! + +Klosterbruder. Was waere da +Wohl leichter, als des Saladins sich zu +Bemaechtigen? den Garaus ihm zu machen?-- +Ihr schaudert?--O es haben schon ein paar +Gottsfuercht'ge Maroniten sich erboten, +Wenn nur ein wackrer Mann sie fuehren wolle, +Das Stueck zu wagen. + +Tempelherr. Und der Patriarch +Haett' auch zu diesem wackern Manne mich +Ersehn? + +Klosterbruder. Er glaubt, dass Koenig Philipp wohl +Von Ptolemais aus die Hand hierzu +Am besten bieten koenne. + +Tempelherr. Mir? mir, Bruder? +Mir? Habt Ihr nicht gehoert? nur erst gehoert, +Was fuer Verbindlichkeit dem Saladin +Ich habe? + +Klosterbruder. Wohl hab ich's gehoert. + +Tempelherr. Und doch? + +Klosterbruder. +Ja,--meint der Patriarch,--das waer' schon gut: +Gott aber und der Orden... + +Tempelherr. Aendern nichts! +Gebieten mir kein Bubenstueck! + +Klosterbruder. Gewiss nicht!-- +Nur,--meint der Patriarch,--sei Bubenstueck +Vor Menschen, nicht auch Bubenstueck vor Gott. + +Tempelherr. +Ich waer' dem Saladin mein Leben schuldig: +Und raubt' ihm seines? + +Klosterbruder. Pfui!--Doch bliebe,--meint +Der Patriarch,--noch immer Saladin +Ein Feind der Christenheit, der Euer Freund +Zu sein, kein Recht erwerben koenne. + +Tempelherr. Freund? +An dem ich bloss nicht will zum Schurken werden; +Zum undankbaren Schurken? + +Klosterbruder. Allerdings!-- +Zwar,--meint der Patriarch,--des Dankes sei +Man quitt, vor Gott und Menschen quitt, wenn uns +Der Dienst um unsertwillen nicht geschehen. +Und da verlauten wolle,--meint der Patriarch,-- +Dass Euch nur darum Saladin begnadet, +Weil ihm in Eurer Mien', in Euerm Wesen +So was von seinem Bruder eingeleuchtet... + +Tempelherr. +Auch dieses weiss der Patriarch; und doch?-- +Ah! waere das gewiss! Ah, Saladin!-- +Wie? die Natur haett' auch nur einen Zug +Von mir in deines Bruders Form gebildet: +Und dem entspraeche nichts in meiner Seele? +Was dem entspraeche, koennt' ich unterdruecken, +Um einem Patriarchen zu gefallen?-- +Natur, so leugst du nicht! So widerspricht +Sich Gott in seinen Werken nicht!--Geht, Bruder! +Erregt mir meine Galle nicht!--Geht! geht! + +Klosterbruder. +Ich geh; und geh vergnuegter, als ich kam. +Verzeihe mir der Herr. Wir Klosterleute +Sind schuldig, unsern Obern zu gehorchen. + + + +Sechster Auftritt + +Der Tempelherr und Daja, die den Tempelherrn schon eine Zeitlang von +weiten beobachtet hatte und sich nun ihm naehert. + + +Daja. +Der Klosterbruder, wie mich duenkt, liess in +Der besten Laun' ihn nicht.--Doch muss ich mein +Paket nur wagen. + +Tempelherr. Nun, vortrefflich!--Luegt +Das Sprichwort wohl: dass Moench und Weib, und Weib +Und Moench des Teufels beide Krallen sind? +Er wirft mich heut aus einer in die andre. + +Daja. +Was seh ich?--Edler Ritter, Euch?--Gott Dank! +Gott tausend Dank!--Wo habt Ihr denn +Die ganze Zeit gesteckt?--Ihr seid doch wohl +Nicht krank gewesen? + +Tempelherr. Nein. + +Daja. Gesund doch? + +Tempelherr. Ja. + +Daja. +Wir waren Euertwegen wahrlich ganz +Bekuemmert. + +Tempelherr. So? + +Daja. Ihr wart gewiss verreist? + +Tempelherr. +Erraten! + +Daja. Und kamt heut erst wieder? + +Tempelherr. Gestern. + +Daja. +Auch Rechas Vater ist heut angekommen. +Und nun darf Recha doch wohl hoffen? + +Tempelherr. Was? + +Daja. +Warum sie Euch so oefters bitten lassen. +Ihr Vater ladet Euch nun selber bald +Aufs dringlichste. Er koemmt von Babylon. +Mit zwanzig hochbeladenen Kamelen, +Und allem, was an edeln Spezereien, +An Steinen und an Stoffen, Indien +Und Persien und Syrien, gar Sina, +Kostbares nur gewaehren. + +Tempelherr. Kaufe nichts. + +Daja. +Sein Volk verehret ihn als einen Fuersten. +Doch dass es ihn den Weisen Nathan nennt +Und nicht vielmehr den Reichen, hat mich oft +Gewundert. + +Tempelherr. Seinem Volk ist reich und weise +Vielleicht das Naemliche. + +Daja. Vor allen aber +Haett's ihn den Guten nennen muessen. Denn +Ihr stellt Euch gar nicht vor, wie gut er ist. +Als er erfuhr, wieviel Euch Recha schuldig: +Was haett', in diesem Augenblicke, nicht +Er alles Euch getan, gegeben! + +Tempelherr. Ei! + +Daja. +Versucht's und kommt und seht! + +Tempelherr. Was denn? wie schnell +Ein Augenblick vorueber ist? + +Daja. Haett' ich, +Wenn er so gut nicht waer', es mir so lange +Bei ihm gefallen lassen? Meint Ihr etwa, +Ich fuehle meinen Wert als Christin nicht? +Auch mir ward's vor der Wiege nicht gesungen, +Dass ich nur darum meinem Ehgemahl +Nach Palaestina folgen wuerd', um da +Ein Judenmaedchen zu erziehn. Es war +Mein lieber Ehgemahl ein edler Knecht +In Kaiser Friedrichs Heere-- + +Tempelherr. Von Geburt +Ein Schweizer, dem die Ehr' und Gnade ward, +Mit Seiner Kaiserlichen Majestaet +In einem Flusse zu ersaufen.--Weib! +Wievielmal habt Ihr mir das schon erzaehlt? +Hoert Ihr denn gar nicht auf mich zu verfolgen? + +Daja. +Verfolgen! lieber Gott! + +Tempelherr. Ja, ja, verfolgen. +Ich will nun einmal Euch nicht weiter sehn! +Nicht hoeren! Will von Euch an eine Tat +Nicht fort und fort erinnert sein, bei der +Ich nichts gedacht; die, wenn ich drueber denke, +Zum Raetsel von mir selbst mir wird. Zwar moecht' +Ich sie nicht gern bereuen. Aber seht; +Ereignet so ein Fall sich wieder: Ihr +Seid schuld, wenn ich so rasch nicht handle; wenn +Ich mich vorher erkund--und brennen lasse, +Was brennt. + +Daja. Bewahre Gott! + +Tempelherr. Von heut an tut +Mir den Gefallen wenigstens, und kennt +Mich weiter nicht. Ich bitt Euch drum. Auch lasst +Den Vater mir vom Halse. Jud' ist Jude. +Ich bin ein plumper Schwab. Des Maedchens Bild +Ist laengst aus meiner Seele; wenn es je +Da war. + +Daja. Doch Eures ist aus ihrer nicht. + +Tempelherr. +Was soll's nun aber da? was soll's? + +Daja. Wer weiss! +Die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen. + +Tempelherr. +Doch selten etwas Bessers. (Er geht.) + +Daja. Wartet doch! +Was eilt Ihr? + +Tempelherr. Weib, macht mir die Palmen nicht +Verhasst, worunter ich so gern sonst wandle. + +Daja. +So geh, du deutscher Baer! so geh!--Und doch +Muss ich die Spur des Tieres nicht verlieren. + +(Sie geht ihm von weiten nach.) + + + + + +Zweiter Aufzug + + + +Erster Auftritt + +(Die Szene: des Sultans Palast.) + +Saladin und Sittah spielen Schach. + + +Sittah. +Wo bist du, Saladin? Wie spielst du heut? + +Saladin. +Nicht gut? Ich daechte doch. + +Sittah. Fuer mich; und kaum. +Nimm diesen Zug zurueck. + +Saladin. Warum? + +Sittah. Der Springer +Wird unbedeckt. + +Saladin. Ist wahr. Nun so! + +Sittah. So zieh +Ich in die Gabel. + +Saladin. Wieder wahr.--Schach dann! + +Sittah. +Was hilft dir das? Ich setze vor: und du +Bist, wie du warst. + +Saladin. Aus dieser Klemme seh +Ich wohl, ist ohne Busse nicht zu kommen. +Mag's! nimm den Springer nur. + +Sittah. Ich will ihn nicht. +Ich geh vorbei. + +Saladin. Du schenkst mir nichts. Dir liegt +An diesem Plane mehr, als an dem Springer. + +Sittah. +Kann sein. + +Saladin. Mach deine Rechnung nur nicht ohne +Den Wirt. Denn sieh! Was gilt's, das warst du nicht +Vermuten? + +Sittah. Freilich nicht. Wie konnt' ich auch +Vermuten, dass du deiner Koenigin +So muede waerst? + +Saladin. Ich meiner Koenigin? + +Sittah. +Ich seh nun schon.--ich soll heut meine tausend +Dinar', kein Naserinchen mehr gewinnen. + +Saladin. +Wieso? + +Sittah. Frag noch!--Weil du mit Fleiss, mit aller +Gewalt verlieren willst.--Doch dabei find +Ich meine Rechnung nicht. Denn ausser, dass +Ein solches Spiel das unterhaltendste +Nicht ist: gewann ich immer nicht am meisten +Mit dir' wenn ich verlor? Wenn hast du mir +Den Satz, mich des verlornen Spieles wegen +Zu troesten, doppelt nicht hernach geschenkt? + +Saladin. +Ei sieh! so haettest du ja wohl, wenn du +Verlorst, mit Fleiss verloren, Schwesterchen? + +Sittah. +Zum wenigsten kann gar wohl sein, dass deine +Freigebigkeit, mein liebes Bruederchen, +Schuld ist, dass ich nicht besser spielen lernen. + +Saladin. +Wir kommen ab vom Spiele. Mach ein Ende! + +Sittah. +So bleibt es? Nun dann: Schach! und doppelt Schach! + +Saladin. +Nun freilich; dieses Abschach hab ich nicht +Gesehn, das meine Koenigin zugleich +Mit niederwirft. + +Sittah. War dem noch abzuhelfen? +Lass sehn. + +Saladin. Nein, nein; nimm nur die Koenigin. +Ich war mit diesem Steine nie recht gluecklich. + +Sittah. +Bloss mit dem Steine? + +Saladin. Fort damit!--Das tut +Mir nichts. Denn so ist alles wiederum +Geschuetzt. + +Sittah. Wie hoeflich man mit Koeniginnen +Verfahren muesse: hat mein Bruder mich +Zu wohl gelehrt. (Sie laesst sie stehen.) + +Saladin. Nimm, oder nimm sie nicht! +Ich habe keine mehr. + +Sittah. Wozu sie nehmen? +Schach!--Schach! + +Saladin. Nur weiter. + +Sittah. Schach!--und Schach!--und Schach!-- + +Saladin. +Und matt! + +Sittah. Nicht ganz; du ziehst den Springer noch +Dazwischen; oder was du machen willst. +Gleichviel! + +Saladin. Ganz recht!--Du hast gewonnen: und +Al-Hafi zahlt.--Man lass' ihn rufen! gleich! +Du hattest, Sittah, nicht so unrecht; ich +War nicht so ganz beim Spiele; war zerstreut. +Und dann: wer gibt uns denn die glatten Steine +Bestaendig? die an nichts erinnern, nichts +Bezeichnen. Hab ich mit dem Iman denn +Gespielt?--Doch was? Verlust will Vorwand. Nicht +Die umgeformten Steine, Sittah, sind's, +Die mich verlieren machten: deine Kunst, +Dein ruhiger und schneller Blick... + +Sittah. Auch so +Willst du den Stachel des Verlusts nur stumpfen. +Genug, du warst zerstreut; und mehr als ich. + +Saladin. +Als du? Was haette dich zerstreuet? + +Sittah. Deine +Zerstreuung freilich nicht!--O Saladin, +Wenn werden wir so fleissig wieder spielen. + +Saladin. +So spielen wir um so viel gieriger!-- +Ah! weil es wieder losgeht, meinst du?--Mag's!-- +Nur zu!--Ich habe nicht zuerst gezogen; +Ich haette gern den Stillestand aufs neue +Verlaengert; haette meiner Sittah gern, +Gern einen guten Mann zugleich verschafft. +Und das muss Richards Bruder sein: er ist +Ja Richards Bruder. + +Sittah. Wenn du deinen Richard +Nur loben kannst! + +Saladin. Wenn unserm Bruder Melek +Dann Richards Schwester waer' zu Teile worden: +Ha! welch ein Haus zusammen! Ha, der ersten, +Der besten Haeuser in der Welt das beste! +Du hoerst, ich bin mich selbst zu loben, auch +Nicht faul. Ich duenk mich meiner Freunde wert. +Das haette Menschen geben sollen! das! + +Sittah. +Hab ich des schoenen Traums nicht gleich gelacht? +Du kennst die Christen nicht, willst sie nicht kennen. +Ihr Stolz ist: Christen sein; nicht Menschen. Denn +Selbst das, was, noch von ihrem Stifter her, +Mit Menschlichkeit den Aberglauben wuerzt, +Das lieben sie, nicht weil es menschlich ist: +Weil's Christus lehrt; weil's Christus hat getan.-- +Wohl ihnen, dass er so ein guter Mensch +Noch war! Wohl ihnen, dass sie seine Tugend +Auf Treu und Glaube nehmen koennen!--Doch +Was Tugend?--Seine Tugend nicht; sein Name +Soll ueberall verbreitet werden; soll +Die Namen aller guten Menschen schaenden, +Verschlingen. Um den Namen, um den Namen +Ist ihnen nur zu tun. + +Saladin. Du meinst: warum +Sie sonst verlangen wuerden, dass auch ihr, +Auch du und Melek, Christen hiesset, eh' +Als Ehgemahl ihr Christen lieben wolltet? + +Sittah. +Jawohl! Als waer' von Christen nur, als Christen, +Die Liebe zu gewaertigen, womit +Der Schoepfer Mann und Maennin ausgestattet! + +Saladin. +Die Christen glauben mehr Armseligkeiten, +Als dass sie die nicht auch noch glauben koennten! +Und gleichwohl irrst du dich.--Die Tempelherren, +Die Christen nicht, sind schuld: sind nicht, als Christen, +Als Tempelherren schuld. Durch die allein +Wird aus der Sache nichts. Sie wollen Acca, +Das Richards Schwester unserm Bruder Melek +Zum Brautschatz bringen muesste, schlechterdings +Nicht fahren lassen. Dass des Ritters Vorteil +Gefahr nicht laufe, spielen sie den Moench, +Den albern Moench. Und ob vielleicht im Fluge +Ein guter Streich gelaenge: haben sie +Des Waffenstillestandes Ablauf kaum +Erwarten koennen.--Lustig! Nur so weiter! +Ihr Herren, nur so weiter!--Mir schon recht!-- +Waer' alles sonst nur, wie es muesste. + +Sittah. Nun? +Was irrte dich denn sonst? Was koennte sonst +Dich aus der Fassung bringen? + +Saladin. Was von je +Mich immer aus der Fassung hat gebracht.-- +Ich war auf Libanon, bei unserm Vater. +Er unterliegt den Sorgen noch... + +Sittah. O weh! + +Saladin. +Er kann nicht durch; es klemmt sich allerorten; +Es fehlt bald da, bald dort-- + +Sittah. Was klemmt? was fehlt? + +Saladin. +Was sonst, als was ich kaum zu nennen wuerd'ge? +Was, wenn ich's habe, mir so ueberfluessig, +Und hab ich's nicht, so unentbehrlich scheint.-- +Wo bleibt Al-Hafi denn? Ist niemand nach +Ihm aus?--Das leidige, verwuenschte Geld!-- +Gut, Hafi, dass du koemmst. + + + +Zweiter Auftritt + +Der Derwisch Al-Hafi. Saladin. Sittah. + + +Al-Hafi. Die Gelder aus +Aegypten sind vermutlich angelangt. +Wenn's nur fein viel ist. + +Saladin. Hast du Nachricht? + +Al-Hafi. Ich? +Ich nicht. Ich denke, dass ich hier sie in +Empfang soll nehmen. + +Saladin. Zahl an Sittah tausend +Dinare! (In Gedanken hin und her gebend.) + +Al-Hafi. Zahl! anstatt empfang! O schoen! +Das ist fuer Was noch weniger als Nichts.-- +An Sittah?--wiederum an Sittah? Und +Verloren?--wiederum im Schach verloren?-- +Da steht es noch das Spiel! + +Sittah. Du goennst mir doch +Mein Glueck? + +Al-Hafi (das Spiel betrachtend). +Was goennen? Wenn--Ihr wisst ja wohl. + +Sittah (ihm winkend). +Bst! Hafi! bst! + +Al-Hafi (noch auf das Spiel gerichtet). +Goennt's Euch nur selber erst! + +Sittah. +Al-Hafi; bst! + +Al-Hafi (zu Sittah). Die Weissen waren Euer? +Ihr bietet Schach? + +Sittah. Gut, dass er nichts gehoert. + +Al-Hafi. +Nun ist der Zug an ihm? + +Sittah (ihm naehertretend). So sage doch, +Dass ich mein Geld bekommen kann. + +Al-Hafi (noch auf das Spiel geheftet). +Nun ja; +Ihr sollt's bekommen, wie Ihr's stets bekommen. + +Sittah. +Wie? bist du toll? + +Al-Hafi. Das Spiel ist ja nicht aus. +Ihr habt ja nicht verloren, Saladin. + +Saladin (kaum hinhoerend). +Doch! doch! Bezahl! bezahl! + +Al-Hafi. Bezahl! bezahl! +Da steht ja Eure Koenigin. + +Saladin (noch so). Gilt nicht; +Gehoert nicht mehr ins Spiel. + +Sittah. So mach und sag, +Dass ich das Geld mir nur kann holen lassen. + +Al-Hafi (noch immer in das Spiel vertieft). +Versteht sich, so wie immer.--Wenn auch schon; +Wenn auch die Koenigin nichts gilt: Ihr seid +Doch darum noch nicht matt. + +Saladin (tritt hinzu und wirft das Spiel um). +Ich bin es; will +Es sein. + +Al-Hafi. Ja so!--Spiel wie Gewinst! So wie +Gewonnen, so bezahlt. + +Saladin (zu Sittah). Was sagt er? was? + +Sittah (von Zeit zu Zeit dem Hafi winkend). +Du kennst ihn ja. Er straeubt sich gern; laesst gern +Sich bitten; ist wohl gar ein wenig neidisch.-- + +Saladin. +Auf dich doch nicht? Auf meine Schwester nicht? +Was hoer ich, Hafi? Neidisch? du? + +Al-Hafi. Kann sein! +Kann sein!--Ich haett' ihr Hirn wohl lieber selbst; +Waer' lieber selbst so gut, als sie. + +Sittah. Indes +Hat er doch immer richtig noch bezahlt. +Und wird auch heut bezahlen. Lass ihn nur!-- +Geh nur, Al-Hafi, geh! Ich will das Geld +Schon holen lassen. + +Al-Hafi. Nein; ich spiele laenger +Die Mummerei nicht mit. Er muss es doch +Einmal erfahren. + +Saladin. Wer? und was? + +Sittah. Al-Hafi! +Ist dieses dein Versprechen? Haeltst du so +Mir Wort? + +Al-Hafi. Wie konnt' ich glauben, dass es so +Weit gehen wuerde. + +Saladin. Nun? erfahr ich nichts? + +Sittah. +Ich bitte dich, Al-Hafi; sei bescheiden. + +Saladin. +Das ist doch sonderbar! Was koennte Sittah +So feierlich, so warm bei einem Fremden, +Bei einem Derwisch lieber, als bei mir, +Bei ihrem Bruder, sich verbitten wollen. +Al-Hafi, nun befehl ich.--Rede, Derwisch! + +Sittah. +Lass eine Kleinigkeit, mein Bruder, dir +Nicht naeher treten, als sie wuerdig ist. +Du weisst, ich habe zu verschiednen Malen +Dieselbe Summ' im Schach von dir gewonnen. +Und weil ich itzt das Geld nicht noetig habe; +Weil itzt in Hafis Kasse doch das Geld +Nicht eben allzuhaeufig ist: so sind +Die Posten stehngeblieben. Aber sorgt +Nur nicht! Ich will sie weder dir, mein Bruder, +Noch Hafi, noch der Kasse schenken. + +Al-Hafi. Ja, +Wenn's das nur waere! das! + +Sittah. Und mehr dergleichen.-- +Auch das ist in der Kasse stehngeblieben, +Was du mir einmal ausgeworfen; ist +Seit wenig Monden stehngeblieben. + +Al-Hafi. Noch +Nicht alles. + +Saladin. Noch nicht?--Wirst du reden? + +Al-Hafi. +Seit aus Aegypten wir das GeId erwarten, +Hat sie... + +Sittah (zu Saladin). Wozu ihn hoeren? + +Al-Hafi. Nicht nur nichts +Bekommen... + +Saladin. Gutes Maedchen!--Auch beiher +Mit vorgeschossen. Nicht? + +Al-Hafi. Den ganzen Hof +Erhalten; Euern Aufwand ganz allein +Bestritten. + +Saladin. Ha! das, das ist meine Schwester! +(Sie umarmend.) + +Sittah. +Wer hatte, dies zu koennen, mich so reich +Gemacht, als du, mein Bruder? + +Al-Hafi. Wird schon auch +So bettelarm sie wieder machen, als +Er selber ist. + +Saladin. Ich arm? der Bruder arm? +Wenn hab ich mehr? wenn weniger gehabt?-- +Ein Kleid, Ein Schwert, Ein Pferd,--und Einen Gott! +Was brauch ich mehr? Wenn kann's an dem mir fehlen? +Und doch, Al-Hafi, koennt' ich mit dir schelten. + +Sittah. +Schilt nicht, mein Bruder. Wenn ich unserm Vater +Auch seine Sorgen so erleichtern koennte! + +Saladin. +Ah! Ah! Nun schlaegst du meine Freudigkeit +Auf einmal wieder nieder!--Mir, fuer mich +Fehlt nichts, und kann nichts fehlen. Aber ihm, +Ihm fehlet; und in ihm uns allen.--Sagt, +Was soll ich machen?--Aus Aegypten kommt +Vielleicht noch lange nichts. Woran das liegt, +Weiss Gott. Es ist doch da noch alles ruhig.-- +Abbrechen, einziehn, sparen, will ich gern, +Mir gern gefallen lassen; wenn es mich, +Bloss mich betrifft; bloss mich, und niemand sonst +Darunter leidet.--Doch was kann das machen? +Ein Pferd, Ein Kleid, Ein Schwert, muss ich doch haben. +Und meinem Gott ist auch nichts abzudingen. +Ihm gnuegt schon so mit wenigem genug; +Mit meinem Herzen.--Auf den Ueberschuss +Von deiner Kasse, Hafi, hatt' ich sehr +Gerechnet. + +Al-Hafi. Ueberschuss?--Sagt selber, ob +Ihr mich nicht haettet spiessen, wenigstens +Mich drosseln lassen, wenn auf Ueberschuss +Ich von Euch waer' ergriffen worden. Ja, +Auf Unterschleif! das war zu wagen. + +Saladin. Nun, +Was machen wir denn aber?--Konntest du +Vorerst bei niemand andern borgen, als +Bei Sittah? + +Sittah. Wuerd' ich dieses Vorrecht, Bruder, +Mir haben nehmen lassen? Mir von ihm? +Auch noch besteh ich drauf. Noch bin ich auf +Dem Trocknen voellig nicht. + +Saladin. Nur voellig nicht! +Das fehlte noch!--Geh gleich, mach Anstalt, Hafi! +Nimm auf bei wem du kannst! und wie du kannst! +Geh, borg, versprich.--Nur, Hafi, borge nicht +Bei denen, die ich reich gemacht. Denn borgen +Von diesen, moechte wiederfordern heissen. +Geh zu den Geizigsten; die werden mir +Am liebsten leihen. Denn sie wissen wohl, +Wie gut ihr Geld in meinen Haenden wuchert. + +Al-Hafi. +Ich kenne deren keine. + +Sittah. Eben faellt +Mir ein, gehoert zu haben, Hafi, dass +Dein Freund zurueckgekommen. + +Al-Hafi (betroffen). Freund? mein Freund? +Wer waer' denn das? + +Sittah. Dein hochgepriesner Jude. + +Al-Hafi. +Gepriesner Jude? hoch von mir? + +Sittah. Dem Gott,-- +Mich denkt des Ausdrucks noch recht wohl, des einst +Du selber dich von ihm bedientest,--dem +Sein Gott von allen Guetern dieser Welt +Das Kleinst' und Groesste so in vollem Mass +Erteilet habe.-- + +Al-Hafi. Sagt' ich so?--Was meint' +Ich denn damit? + +Sittah. Das Kleinste: Reichtum. Und +Das Groesste: Weisheit. + +Al-Hafi. Wie? von einem Juden? +Von einem Juden haett' ich das gesagt? + +Sittah. +Das haettest du von deinem Nathan nicht +Gesagt? + +Al-Hafi. Ja so! von dem! vom Nathan!--Fiel +Mir der doch gar nicht bei.--Wahrhaftig? Der +Ist endlich wieder heimgekommen? Ei! +So mag's doch gar so schlecht mit ihm nicht stehn.-- +Ganz recht: den nannt' einmal das Volk den Weisen! +Den Reichen auch. + +Sittah. Den Reichen nennt es ihn +Itzt mehr als je. Die ganze Stadt erschallt, +Was fuer Kostbarkeiten, was fuer Schaetze +Er mitgebracht. + +Al-Hafi. Nun, ist's der Reiche wieder: +So wird's auch wohl der Weise wieder sein. + +Sittah. +Was meinst du, Hafi, wenn du diesen angingst? + +Al-Hafi. +Und was bei ihm?--Doch wohl nicht borgen?--Ja, +Da kennt Ihr ihn.--Er borgen!--Seine Weisheit +Ist eben, dass er niemand borgt. + +Sittah. Du hast +Mir sonst doch ganz ein ander Bild von ihm +Gemacht. + +Al-Hafi. Zur Not wird er Euch Waren borgen. +Geld aber, Geld? Geld nimmermehr.--Es ist +Ein Jude freilich uebrigens, wie's nicht +Viel Juden gibt. Er hat Verstand; er weiss +Zu leben; spielt gut Schach. Doch zeichnet er +Im Schlechten sich nicht minder, als im Guten +Von allen andern Juden aus.--Auf den, +Auf den nur rechnet nicht.--Den Armen gibt +Er zwar; und gibt vielleicht trotz Saladin. +Wenn schon nicht ganz so viel; doch ganz so gern; +Doch ganz so sonder Ansehn. Jud' und Christ +Und Muselmann und Parsi, alles ist +Ihm eins. + +Sittah. Und so ein Mann... + +Saladin. Wie kommt es denn, +Dass ich von diesem Manne nie gehoert?... + +Sittah. +Der sollte Saladin nicht borgen? nicht +Dem Saladin, der nur fuer andre braucht, +Nicht sich? + +Al-Hafi. Da seht nun gleich den Juden wieder; +Den ganz gemeinen Juden!--Glaubt mir's doch!-- +Er ist aufs Geben Euch so eifersuechtig, +So neidisch! Jedes Lohn von Gott, das in +Der Welt gesagt wird, zoeg' er lieber ganz +Allein. Nur darum eben leiht er keinem, +Damit er stets zu geben habe. Weil +Die Mild' ihm im Gesetz geboten; die +Gefaelligkeit ihm aber nicht geboten: macht +Die Mild' ihn zu dem ungefaelligsten +Gesellen auf der Welt. Zwar bin ich seit +Geraumer Zeit ein wenig uebern Fuss +Mit ihm gespannt; doch denkt nur nicht, dass ich +Ihm darum nicht Gerechtigkeit erzeige. +Er ist zu allem gut: bloss dazu nicht; +Bloss dazu wahrlich nicht. Ich will auch gleich +Nur gehn, an andre Tueren klopfen... Da +Besinn ich mich soeben eines Mohren, +Der reich und geizig ist.--Ich geh; ich geh. + +Sittah. +Was eilst du, Hafi? + +Saladin. Lass ihn! lass ihn! + + + +Dritter Auftritt + +Sittah. Saladin. + + +Sittah. Eilt +Er doch, als ob er mir nur gern entkaeme! +Was heisst das?--Hat er wirklich sich in ihm +Betrogen, oder--moecht' er uns nur gern +Betruegen? + +Saladin. Wie? das fragst du mich? Ich weiss +Ja kaum, von wem die Rede war; und hoere +Von euerm Juden, euerm Nathan heut +Zum erstenmal. + +Sittah. Ist's moeglich? dass ein Mann +Dir so verborgen blieb, von dem es heisst, +Er habe Salomons und Davids Graeber +Erforscht, und wisse deren Siegel durch +Ein maechtiges geheimes Wort zu loesen? +Aus ihnen bring' er dann von Zeit zu Zeit +Die unermesslichen Reichtuemer an +Den Tag, die keinen mindern Quell verrieten. + +Saladin. +Hat seinen Reichtum dieser Mann aus Graebern, +So waren's sicherlich nicht Salomons, +Nicht Davids Graeber. Narren lagen da +Begraben! + +Sittah. Oder Boesewichter!--Auch +Ist seines Reichtums Quelle weit ergiebiger, +Weit unerschoepflicher, als so ein Grab +Voll Mammon. + +Saladin. Denn er handelt; wie ich hoerte. + +Sittah. +Sein Saumtier treibt auf allen Strassen, zieht +Durch alle Wuesten; seine Schiffe liegen +In allen Haefen. Das hat mir wohl eh' +Al-Hafi selbst gesagt; und voll Entzuecken +Hinzugefuegt, wie gross, wie edel dieser +Sein Freund anwende, was so klug und emsig +Er zu erwerben fuer zu klein nicht achte. +Hinzugefuegt, wie frei von Vorurteilen +Sein Geist; sein Herz wie offen jeder Tugend, +Wie eingestimmt mit jeder Schoenheit sei. + +Saladin. +Und itzt sprach Hafi doch so ungewiss, +So kalt von ihm. + +Sittah. Kalt nun wohl nicht; verlegen. +Als halt' er's fuer gefaehrlich, ihn zu loben, +Und woll' ihn unverdient doch auch nicht tadeln.-- +Wie? oder waer' es wirklich so, dass selbst +Der Beste seines Volkes seinem Volke +Nicht ganz entfliehen kann? dass wirklich sich +Al-Hafi seines Freunds von dieser Seite +Zu schaemen haette?--Sei dem, wie ihm wolle!-- +Der Jude sei mehr oder weniger +Als Jud', ist er nur reich: genug fuer uns! + +Saladin. +Du willst ihm aber doch das Seine mit +Gewalt nicht nehmen, Schwester? + +Sittah. Ja, was heisst +Bei dir Gewalt? Mit Feu'r und Schwert? Nein, nein, +Was braucht es mit den Schwachen fuer Gewalt, +Als ihre Schwaeche?--Komm vor itzt nur mit +In meinen Haram, eine Saengerin +Zu hoeren, die ich gestern erst gekauft. +Es reift indes bei mir vielleicht ein Anschlag, +Den ich auf diesen Nathan habe.--Komm! + + + +Vierter Auftritt + +(Szene: vor dem Hause des Nathan, wo es an die Palmen stoesst.) + +Recha und Nathan kommen heraus. Zu ihnen Daja. + + +Recha. +Ihr habt Euch sehr verweilt, mein Vater. Er +Wird kaum noch mehr zu treffen sein. + +Nathan. Nun, nun; +Wenn hier, hier untern Palmen schon nicht mehr: +Doch anderwaerts.--Sei itzt nur ruhig.--Sieh! +Koemmt dort nicht Daja auf uns zu? + +Recha. Sie wird +Ihn ganz gewiss verloren haben. + +Nathan. Auch +Wohl nicht. + +Recha. Sie wuerde sonst geschwinder kommen. + +Nathan. +Sie hat uns wohl noch nicht gesehn... + +Recha. Nun sieht +Sie uns. + +Nathan. Und doppelt ihre Schritte. Sieh! +Sei doch nur ruhig! ruhig! + +Recha. Wolltet Ihr +Wohl eine Tochter, die hier ruhig waere? +Sich unbekuemmert liesse, wessen Wohltat +Ihr Leben sei? Ihr Leben,--das ihr nur +So lieb, weil sie es Euch zuerst verdanket. + +Nathan. +Ich moechte dich nicht anders, als du bist: +Auch wenn ich wuesste, dass in deiner Seele +Ganz etwas anders noch sich rege. + +Recha. Was, +Mein Vater? + +Nathan. Fragst du mich? so schuechtern mich? +Was auch in deinem Innern vorgeht, ist +Natur und Unschuld. Lass es keine Sorge +Dir machen. Mir, mir macht es keine. Nur +Versprich mir: wenn dein Herz vernehmlicher +Sich einst erklaert, mir seiner Wuensche keinen +Zu bergen. + +Recha. Schon die Moeglichkeit, mein Herz +Euch lieber zu verhuellen, macht mich zittern. + +Nathan. +Nichts mehr hiervon! Das ein fuer allemal +Ist abgetan.--Da ist ja Daja.--Nun? + +Daja. +Noch wandelt er hier untern Palmen; und +Wird gleich um jene Mauer kommen.--Seht, +Da koemmt er! + +Recha. Ah! und scheinet unentschlossen, +Wohin? ob weiter? ob hinab? ob rechts? +Ob links? + +Daja. Nein, nein; er macht den Weg ums Kloster +Gewiss noch oefter; und dann muss er hier +Vorbei.--Was gilt's? + +Recha. Recht! recht!--Hast du ihn schon +Gesprochen? Und wie ist er heut? + +Daja. Wie immer. + +Nathan. +So macht nur, dass er Euch hier nicht gewahr +Wird. Tretet mehr zurueck. Geht lieber ganz +Hinein. + +Recha. Nur einen Blick noch!--Ah! die Hecke, +Die mir ihn stiehlt. + +Daja. Kommt! kommt! Der Vater hat +Ganz recht. Ihr lauft Gefahr, wenn er Euch sieht, +Dass auf der Stell' er umkehrt. + +Recha. Ah! die Hecke! + +Nathan. +Und koemmt er ploetzlich dort aus ihr hervor: +So kann er anders nicht, er muss Euch sehn. +Drum geht doch nur! + +Daja. Kommt! kommt! Ich weiss ein Fenster, +Aus dem wir sie bemerken koennen. + +Recha. Ja? + +(Beide hinein.) + + + +Fuenfter Auftritt + +Nathan und bald darauf der Tempelherr. + + +Nathan. +Fast scheu ich mich des Sonderlings. Fast macht +Mich seine rauhe Tugend stutzen. Dass +Ein Mensch doch einen Menschen so verlegen +Soll machen koennen!--Ha! er koemmt.--Bei Gott! +Ein Juengling wie ein Mann. Ich mag ihn wohl +Den guten, trotz'gen Blick! den prallen Gang! +Die Schale kann nur bitter sein: der Kern +Ist's sicher nicht.--Wo sah ich doch dergleichen?-- +Verzeihet, edler Franke... + +Tempelherr. Was? + +Nathan. Erlaubt... + +Tempelherr. +Was, Jude? was? + +Nathan. Dass ich mich untersteh, +Euch anzureden. + +Tempelherr. Kann ich's wehren? Doch +Nur kurz. + +Nathan. Verzieht, und eilet nicht so stolz, +Nicht so veraechtlich einem Mann vorueber, +Den Ihr auf ewig Euch verbunden habt. + +Tempelherr. +Wie das?--Ah, fast errat ich's. Nicht? Ihr seid... + +Nathan. +Ich heisse Nathan; bin des Maedchens Vater, +Das Eure Grossmut aus dem Feu'r gerettet; +Und komme... + +Tempelherr. Wenn zu danken:--spart's! Ich hab +Um diese Kleinigkeit des Dankes schon +Zu viel erdulden muessen.--Vollends Ihr, +Ihr seid mir gar nichts schuldig. Wusst' ich denn, +Dass dieses Maedchen Eure Tochter war? +Es ist der Tempelherren Pflicht, dem ersten +Dem besten beizuspringen, dessen Not +Sie sehn. Mein Leben war mir ohnedem +In diesem Augenblicke laestig. Gern, +Sehr gern ergriff ich die Gelegenheit, +Es fuer ein andres Leben in die Schanze +Zu schlagen: fuer ein andres--wenn's auch nur +Das Leben einer Juedin waere. + +Nathan. Gross! +Gross und abscheulich!--Doch die Wendung laesst +Sich denken. Die bescheidne Groesse fluechtet +Sich hinter das Abscheuliche, um der +Bewundrung auszuweichen.--Aber wenn +Sie so das Opfer der Bewunderung +Verschmaeht: was fuer ein Opfer denn verschmaeht +Sie minder?--Ritter, wenn Ihr hier nicht fremd +Und nicht gefangen waeret, wuerd' ich Euch +So dreist nicht fragen. Sagt, befehlt: womit +Kann man Euch dienen? + +Tempelherr. Ihr? Mit nichts. + +Nathan. Ich bin +Ein reicher Mann. + +Tempelherr. Der reichre Jude war +Mir nie der bessre Jude. + +Nathan. Duerft Ihr denn +Darum nicht nuetzen, was demungeachtet +Er Bessres hat? nicht seinen Reichtum nuetzen? + +Tempelherr. +Nun gut, das will ich auch nicht ganz verreden; +Um meines Mantels willen nicht. Sobald +Der ganz und gar verschlissen; weder Stich +Noch Fetze laenger halten will: komm ich +Und borge mir bei Euch zu einem neuen, +Tuch oder Geld.--Seht nicht mit eins so finster! +Noch seid Ihr sicher; noch ist's nicht so weit +Mit ihm. Ihr seht; er ist so ziemlich noch +Im Stande. Nur der eine Zipfel da +Hat einen garstigen Fleck; er ist versengt. +Und das bekam er, als ich Eure Tochter +Durchs Feuer trug. + +Nathan (der nach dem Zipfel greift und ihn betrachtet). +Es ist doch sonderbar, +Dass so ein boeser Fleck, dass so ein Brandmal +Dem Mann ein bessres Zeugnis redet, als +Sein eigner Mund. Ich moecht' ihn kuessen gleich-- +Den Flecken!--Ah, verzeiht!--Ich tat es ungern. + +Tempelherr. +Was? + +Nathan. Eine Traene fiel darauf. + +Tempelherr. Tut nichts! +Er hat der Tropfen mehr.--(Bald aber faengt +Mich dieser Jud' an zu verwirren.) + +Nathan. Waert +Ihr wohl so gut, und schicktet Euern Mantel +Auch einmal meinem Maedchen? + +Tempelherr. Was damit? + +Nathan. +Auch ihren Mund an diesen Fleck zu druecken. +Denn Eure Kniee selber zu umfassen, +Wuenscht sie nun wohl vergebens. + +Tempelherr. Aber, Jude-- +Ihr heisset Nathan?--Aber, Nathan--Ihr +Setzt Eure Worte sehr--sehr gut--sehr spitz-- +Ich bin betreten--Allerdings--ich haette... + +Nathan. +Stellt und verstellt Euch, wie Ihr wollt. Ich find +Auch hier Euch aus. Ihr wart zu gut, zu bieder, +Um hoeflicher zu sein.--Das Maedchen, ganz +Gefuehl; der weibliche Gesandte, ganz +Dienstfertigkeit; der Vater weit entfernt-- +Ihr trugt fuer ihren guten Namen Sorge; +Floht ihre Pruefung; floht, um nicht zu siegen. +Auch dafuer dank ich Euch-- + +Tempelherr. Ich muss gestehn, +Ihr wisst, wie Tempelherren denken sollten. + +Nathan. +Nur Tempelherren? sollten bloss? und bloss +Weil es die Ordensregeln so gebieten? +Ich weiss, wie gute Menschen denken; weiss, +Dass alle Laender gute Menschen tragen. + +Tempelherr. +Mit Unterschied, doch hoffentlich? + +Nathan. Jawohl; +An Farb', an Kleidung, an Gestalt verschieden. + +Tempelherr. +Auch hier bald mehr, bald weniger, als dort. + +Nathan. +Mit diesem Unterschied ist's nicht weit her. +Der grosse Mann braucht ueberall viel Boden; +Und mehrere, zu nah gepflanzt, zerschlagen +Sich nur die Aeste. Mittelgut, wie wir, +Find't sich hingegen ueberall in Menge. +Nur muss der eine nicht den andern maekeln. +Nur muss der Knorr den Knuppen huebsch vertragen. +Nur muss ein Gipfelchen sich nicht vermessen, +Dass es allein der Erde nicht entschossen. + +Tempelherr. +Sehr wohl gesagt!--Doch kennt Ihr auch das Volk, +Das diese Menschenmaekelei zuerst +Getrieben? Wisst Ihr, Nathan, welches Volk +Zuerst das auserwaehlte Volk sich nannte? +Wie? wenn ich dieses Volk nun, zwar nicht hasste, +Doch wegen seines Stolzes zu verachten, +Mich nicht entbrechen koennte? Seines Stolzes; +Den es auf Christ und Muselmann vererbte, +Nur sein Gott sei der rechte Gott!--Ihr stutzt, +Dass ich, ein Christ, ein Tempelherr, so rede? +Wenn hat, und wo die fromme Raserei, +Den bessern Gott zu haben, diesen bessern +Der ganzen Welt als besten auf zudringen, +In ihrer schwaerzesten Gestalt sich mehr +Gezeigt, als hier, als itzt? Wem hier, wem itzt +Die Schuppen nicht vom Auge fallen... Doch +Sei blind, wer will!--Vergesst, was ich gesagt; +Und lasst mich! (Will gehen.) + +Nathan. Ha! Ihr wisst nicht, wie viel fester +Ich nun mich an Euch draengen werde.--Kommt, +Wir muessen, muessen Freunde sein!--Verachtet +Mein Volk so sehr Ihr wollt. Wir haben beide +Uns unser Volk nicht auserlesen. Sind +Wir unser Volk? Was heisst denn Volk? +Sind Christ und Jude eher Christ und Jude, +Als Mensch? Ah! wenn ich einen mehr in Euch +Gefunden haette, dem es gnuegt, ein Mensch +Zu heissen! + +Tempelherr. Ja, bei Gott, das habt Ihr, Nathan! +Das habt Ihr!--Eure Hand!--Ich schaeme mich, +Euch einen Augenblick verkannt zu haben. + +Nathan. +Und ich bin stolz darauf. Nur das Gemeine +Verkennt man selten. + +Tempelherr. Und das Seltene +Vergisst man schwerlich.--Nathan, ja; +Wir muessen, muessen Freunde werden. + +Nathan. Sind +Es schon.--Wie wird sich meine Recha freuen!-- +Und ah! welch eine heitre Ferne schliesst +Sich meinen Blicken auf!--Kennt sie nur erst. + +Tempelherr. +Ich brenne vor Verlangen.--Wer stuerzt dort +Aus Euerm Hause? Ist's nicht ihre Daja? + +Nathan. +Jawohl. So aengstlich? + +Tempelherr. Unsrer Recha ist +Doch nichts begegnet? + + + +Sechster Auftritt + +Die Vorigen und Daja eilig. + + +Daja. Nathan! Nathan! + +Nathan. Nun? + +Daja. +Verzeihet, edler Ritter, dass ich Euch +Muss unterbrechen. + +Nathan. Nun, was ist's? + +Tempelherr. Was ist's? + +Daja. +Der Sultan hat geschickt. Der Sultan will +Euch sprechen. Gott, der Sultan! + +Nathan. Mich? der Sultan? +Er wird begierig sein, zu sehen, was +Ich Neues mitgebracht. Sag nur, es sei +Noch wenig oder gar nichts ausgepackt. + +Daja. +Nein, nein; er will nichts sehen; will Euch sprechen, +Euch in Person, und bald; sobald Ihr koennt.-- + +Nathan. +Ich werde kommen.--Geh nur wieder, geh! + +Daja. +Nehmt ja nicht uebel auf, gestrenger Ritter-- +Gott, wir sind so bekuemmert, was der Sultan +Doch will. + +Nathan. Das wird sich zeigen. Geh nur, geh! + + + +Siebenter Auftritt + +Nathan und der Tempelherr. + + +Tempelherr. +So kennt Ihr ihn noch nicht?--ich meine, von +Person. + +Nathan. Den Saladin? Noch nicht. Ich habe +Ihn nicht vermieden, nicht gesucht zu kennen. +Der allgemeine Ruf sprach viel zu gut +Von ihm, dass ich nicht lieber glauben wollte, +Als sehn. Doch nun,--wenn anders dem so ist, +Hat er durch Sparung Eures Lebens... + +Tempelherr. Ja; +Dem allerdings ist so. Das Leben, das +ich leb, ist sein Geschenk. + +Nathan. Durch das er mir +Ein doppelt, dreifach Leben schenkte. Dies +Hat alles zwischen uns veraendert; hat +Mit eins ein Seil mir umgeworfen, das +Mich seinem Dienst auf ewig fesselt. Kaum, +Und kaum, kann ich es nun erwarten, was +Er mir zuerst befehlen wird. Ich bin +Bereit zu allem; bin bereit ihm zu +Gestehn, dass ich es Euertwegen bin. + +Tempelherr. +Noch hab ich selber ihm nicht danken koennen: +Sooft ich auch ihm in den Weg getreten. +Der Eindruck, den ich auf ihn machte, kam +So schnell, als schnell er wiederum verschwunden. +Wer weiss, ob er sich meiner gar erinnert. +Und dennoch muss er, einmal wenigstens, +Sich meiner noch erinnern, um mein Schicksal +Ganz zu entscheiden. Nicht genug, dass ich +Auf sein Geheiss noch bin, mit seinem Willen +Noch leb: ich muss nun auch von ihm erwarten, +Nach wessen Willen ich zu leben habe. + +Nathan. +Nicht anders; um so mehr will ich nicht saeumen.-- +Es faellt vielleicht ein Wort, das mir, auf Euch +Zu kommen, Anlass gibt.--Erlaubt, verzeiht-- +Ich eile--Wenn, wenn aber sehn wir Euch +Bei uns? + +Tempelherr. Sobald ich darf. + +Nathan. Sobald Ihr wollt. + +Tempelherr. +Noch heut. + +Nathan. Und Euer Name?--muss ich bitten. + +Tempelherr. +Mein Name war--ist Curd von Stauffen.--Curd! + +Nathan. +Von Stauffen?--Stauffen?--Stauffen? + +Tempelherr. Warum faellt +Euch das so auf? + +Nathan. Von Stauffen?--Des Geschlechts +Sind wohl noch mehrere... + +Tempelherr. O ja! hier waren, +Hier faulen des Geschlechts schon mehrere. +Mein Oheim selbst,--mein Vater will ich sagen, +Doch warum schaerft sich Euer Blick auf mich +Je mehr und mehr? + +Nathan. O nichts! o nichts! Wie kann +Ich Euch zu sehn ermueden? + +Tempelherr. Drum verlass +Ich Euch zuerst. Der Blick des Forschers fand +Nicht selten mehr, als er zu finden wuenschte. +Ich fuercht ihn, Nathan. Lasst die Zeit allmaehlich, +Und nicht die Neugier, unsre Kundschaft machen. + +(Er geht.) + +Nathan (der ihm mit Erstaunen nachsieht). +"Der Forscher fand nicht selten mehr, als er +Zu finden wuenschte."--Ist es doch, als ob +In meiner Seel' er lese!--Wahrlich ja; +Das koennt' auch mir begegnen.--Nicht allein +Wolfs Wuchs, Wolfs Gang: auch seine Stimme. So, +Vollkommen so, warf Wolf sogar den Kopf; +Trug Wolf sogar das Schwert im Arm'; strich Wolf +Sogar die Augenbraunen mit der Hand, +Gleichsam das Feuer seines Blicks zu bergen. +Wie solche tiefgepraegte Bilder doch +Zu Zeiten in uns schlafen koennen, bis +Ein Wort, ein Laut sie weckt.--Von Stauffen!-- +Ganz redet, ganz recht; Filnek und Stauffen.-- +Ich will das bald genauer wissen; bald. +Nur erst zum Saladin.--Doch wie? lauscht dort +Nicht Daja?--Nun so komm nur naeher, Daja. + + + +Achter Auftritt + +Daja. Nathan. + + +Nathan. +Was gilt's? nun drueckt's euch beiden schon das Herz, +Noch ganz was anders zu erfahren, als +Was Saladin mir will. + +Daja. Verdenkt Ihr's ihr? +Ihr fingt soeben an, vertraulicher +Mit ihm zu sprechen: als des Sultans Botschaft +Uns von dem Fenster scheuchte. + +Nathan. Nun, so sag +Ihr nur, dass sie ihn jeden Augenblick +Erwarten darf. + +Daja. Gewiss? gewiss? + +Nathan. Ich kann +Mich doch auf dich verlassen, Daja? Sei +Auf deiner Hut; ich bitte dich. Es soll +Dich nicht gereuen. Dein Gewissen selbst +Soll seine Rechnung dabei finden. Nur +Verdirb mir nichts in meinem Plane. Nur +Erzaehl und frage mit Bescheidenheit, +Mit Rueckhalt... + +Daja. Dass Ihr doch noch erst so was +Erinnern koennt!--Ich geh; geht Ihr nur auch. +Denn seht! ich glaube gar, da koemmt vom Sultan +Ein zweiter Bot', Al-Hafi, Euer Derwisch. (Geht ab.) + + + +Neunter Auftritt + +Nathan. Al-Hafi. + + +Al-Hafi. +Ha! ha! zu Euch wollt' ich nun eben wieder. + +Nathan. +Ist's denn so eilig? Was verlangt er denn +Von mir? + +Al-Hafi. Wer? + +Nathan. Saladin.--Ich komm, ich komme. + +Al-Hafi. +Zu wem? Zum Saladin? + +Nathan. Schickt Saladin +Dich nicht? + +Al-Hafi. Mich? nein. Hat er denn schon geschickt? + +Nathan. +Ja freilich hat er. + +Al-Hafi. Nun, so ist es richtig. + +Nathan. +Was? was ist richtig? + +Al-Hafi. Dass... ich bin nicht schuld; +Gott weiss, ich bin nicht schuld.--Was hab ich nicht +Von Euch gesagt, gelogen, um es abzuwenden! + +Nathan. +Was abzuwenden? Was ist richtig? + +Al-Hafi. Dass +Nun Ihr sein Defterdar geworden. Ich +Bedaur' Euch. Doch mit ansehn will ich's nicht. +Ich geh von Stund an; geh. Ihr habt es schon +Gehoert, wohin; und wisst den Weg.--Habt Ihr +Des Wegs was zu bestellen, sagt: ich bin +Zu Diensten. Freilich muss es mehr nicht sein, +Als was ein Nackter mit sich schleppen kann. +Ich geh, sagt bald. + +Nathan. Besinn dich doch, Al-Hafi. +Besinn dich, dass ich noch von gar nichts weiss. +Was plauderst du denn da? + +Al-Hafi. Ihr bringt sie doch +Gleich mit, die Beutel? + +Nathan. Beutel? + +Al-Hafi. Nun, das Geld, +Das Ihr dem Saladin vorschiessen sollt. +Nathan. +Und weiter ist es nichts? + +Al-Hafi. Ich sollt' es wohl +Mit ansehn, wie er Euch von Tag zu Tag +Aushoehlen wird bis auf die Zehen? Sollt' +Es wohl mit ansehn, dass Verschwendung aus +Der weisen Milde sonst nie leeren Scheuern +So lange borgt, und borgt, und borgt, bis auch +Die armen eingebornen Maeuschen drin +Verhungern?--Bildet Ihr vielleicht Euch ein, +Wer Euers Gelds beduerftig sei, der werde +Doch Euerm Rate wohl auch folgen?--Ja; +Er Rate folgen! Wenn hat Saladin +Sich raten lassen?--Denkt nur, Nathan, was +Mir eben itzt mit ihm begegnet. + +Nathan. Nun? + +Al-Hafi. +Da komm ich zu ihm, eben dass er Schach +Gespielt mit seiner Schwester. Sittah spielt +Nicht uebel; und das Spiel, das Saladin +Verloren glaubte, schon gegeben hatte, +Das stand noch ganz so da. Ich seh Euch hin, +Und sehe, dass das Spiel noch lange nicht +Verloren. + +Nathan. Ei! das war fuer dich ein Fund! + +Al-Hafi. +Er durfte mit dem Koenig an den Bauer +Nur ruecken, auf ihr Schach.--Wenn ich's Euch gleich +Nur zeigen koennte! + +Nathan. O ich traue dir! + +Al-Hafi. +Denn so bekam der Roche Feld: und sie +War hin.--Das alles will ich ihm nun weisen +Und ruf ihn.--Denkt!... + +Nathan. Er ist nicht deiner Meinung? + +Al-Hafi. +Er hoert mich gar nicht an, und wirft veraechtlich +Das ganze Spiel in Klumpen. + +Nathan. Ist das moeglich? + +Al-Hafi. +Und sagt: er wolle matt nun einmal sein; +Er wolle! Heisst das spielen? + +Nathan. Schwerlich wohl; +Heisst mit dem Spielen spielen. + +Al-Hafi. Gleichwohl galt +Es keine taube Nuss. + +Nathan. Geld hin, Geld her! +Das ist das wenigste. Allein dich gar +Nicht anzuhoeren! ueber einen Punkt +Von solcher Wichtigkeit dich nicht einmal +Zu hoeren! deinen Adlerblick nicht zu +Bewundern! das, das schreit um Rache; nicht? + +Al-Hafi. +Ach was! Ich sage Euch das nur, damit +Ihr sehen koennt, was fuer ein Kopf er ist. +Kurz, ich, ich halt's mit ihm nicht laenger aus. +Da lauf ich nun bei allen schmutz'gen Mohren +Herum, und frage, wer ihm borgen will. +Ich, der ich nie fuer mich gebettelt habe, +Soll nun fuer andre borgen. Borgen ist +Viel besser nicht als betteln: so wie leihen, +Auf Wucher leihen, nicht viel besser ist, +Als stehlen. Unter meinen Ghebern, an +Dem Ganges, brauch ich beides nicht, und brauche +Das Werkzeug beider nicht zu sein. Am Ganges, +Am Ganges nur gibt's Menschen. Hier seid Ihr +Der einzige, der noch so wuerdig waere, +Dass er am Ganges lebte.--Wollt Ihr mit?-- +Lasst ihm mit eins den Plunder ganz im Stiche, +Um den es ihm zu tun. Er bringt Euch nach +Und nach doch drum. So waer' die Plackerei +Auf einmal aus. Ich schaff Euch einen Delk. +Kommt! kommt! + +Nathan. Ich daechte zwar, das blieb' uns ja +Noch immer uebrig. Doch, Al-Hafi, will +Ich's ueberlegen. Warte... + +Al-Hafi. Ueberlegen? +Nein, so was ueberlegt sich nicht. + +Nathan. Nur bis +Ich von dem Sultan wiederkomme; bis +Ich Abschied erst... + +Al-Hafi. Wer ueberlegt, der sucht +Bewegungsgruende, nicht zu duerfen. Wer +Sich Knall und Fall, ihm selbst zu leben, nicht, +Entschliessen kann, der lebet andrer Sklav' +Auf immer.--Wie Ihr wollt!--Lebt wohl! wie's Euch +Wohl duenkt.--Mein Weg liegt dort; und Eurer da. + +Nathan. +Al-Hafi! Du wirst selbst doch erst das Deine +Berichtigen? + +Al-Hafi. Ach Possen! Der Bestand +Von meiner Kass' ist nicht des Zaehlens wert; +Und meine Rechnung buergt--Ihr oder Sittah. +Lebt wohl! (Ab.) + +Nathan (ihm nachsehend). +Die buerg ich!--Wilder, guter, edler-- +Wie nenn ich ihn?--Der wahre Bettler ist +Doch einzig und allein der wahre Koenig! +(Von einer andern Seite ab.) + + + + + +Dritter Aufzug + + + +Erster Auftritt + +(Szene: in Nathans Hause.) + + +Recha und Daja. + +Recha. +Wie, Daja, drueckte sich mein Vater aus? +"Ich duerf' ihn jeden Augenblick erwarten?" +Das klingt--nicht wahr?--als ob er noch so bald +Erscheinen werde.--Wieviel Augenblicke +Sind aber schon vorbei!--Ah nun: wer denkt +An die verflossenen?--Ich will allein +In jedem naechsten Augenblicke leben. +Er wird doch einmal kommen, der ihn bringt. + +Daja. +O der verwuenschten Botschaft von dem Sultan! +Denn Nathan haette sicher ohne sie +Ihn gleich mit hergebracht. + +Recha. Und wenn er nun +Gekommen, dieser Augenblick; wenn denn +Nun meiner Wuensche waermster, innigster +Erfuellet ist: was dann?--was dann? + +Daja. Was dann? +Dann hoff ich, dass auch meiner Wuensche waermster +Soll in Erfuellung gehen. + +Recha. Was wird dann +In meiner Brust an dessen Stelle treten, +Die schon verlernt, ohn' einen herrschenden +Wunsch aller Wuensche sich zu dehnen?--Nichts? +Ah, ich erschrecke!... + +Daja. Mein, mein Wunsch wird dann +An des erfuellten Stelle treten; meiner. +Mein Wunsch, dich in Europa, dich in Haenden +Zu wissen, welche deiner wuerdig sind. + +Recha. +Du irrst.--Was diesen Wunsch zu deinem macht, +Das naemliche verhindert, dass er meiner +Je werden kann. Dich zieht dein Vaterland: +Und meines, meines sollte mich nicht halten? +Ein Bild der Deinen, das in deiner Seele +Noch nicht verloschen, sollte mehr vermoegen, +Als die ich sehn, und greifen kann, und hoeren, +Die Meinen? + +Daja. Sperre dich, soviel du willst! +Des Himmels Wege sind des Himmels Wege. +Und wenn es nun dein Retter selber waere, +Durch den sein Gott, fuer den er kaempft, dich in +Das Land, dich zu dem Volke fuehren wollte, +Fuer welche du geboren wurdest? + +Recha. Daja! +Was sprichst du da nun wieder, liebe Daja! +Du hast doch wahrlich deine sonderbaren +Begriffe! "Sein, sein Gott! fuer den er kaempft!" +Wem eignet Gott? was ist das fuer ein Gott, +Der einem Menschen eignet? der fuer sich +Muss kaempfen lassen?--Und wie weiss +Man denn, fuer welchen Erdkloss man geboren, +Wenn man's fuer den nicht ist, auf welchem man +Geboren?--Wenn mein Vater dich so hoerte!-- +Was tat er dir, mir immer nur mein Glueck +So weit von ihm als moeglich vorzuspiegeln? +Was tat er dir, den Samen der Vernunft, +Den er so rein in meine Seele streute, +Mit deines Landes Unkraut oder Blumen +So gern zu mischen?--Liebe, liebe Daja, +Er will nun deine bunten Blumen nicht +Auf meinem Boden!--Und ich muss dir sagen, +Ich selber fuehle meinen Boden, wenn +Sie noch so schoen ihn kleiden, so entkraeftet, +So ausgezehrt durch deine Blume; fuehle +In ihrem Dufte, sauersuessem Dufte, +Mich so betaeubt, so schwindelnd!--Dein Gehirn +Ist dessen mehr gewohnt. Ich tadle drum +Die staerkern Nerven nicht, die ihn vertragen. +Nur schlaegt er mir nicht zu; und schon dein Engel, +Wie wenig fehlte, dass er mich zur Naerrin +Gemacht?--Noch schaem ich mich vor meinem Vater +Der Posse! + +Daja. Posse!--Als ob der Verstand +Nur hier zu Hause waere! Posse! Posse! +Wenn ich nur reden duerfte! + +Recha. Darfst du nicht? +Wenn war ich nicht ganz Ohr, sooft es dir +Gefiel, von deinen Glaubenshelden mich +Zu unterhalten? Hab ich ihren Taten +Nicht stets Bewunderung; und ihren Leiden +Nicht immer Traenen gern gezollt? Ihr Glaube +Schien freilich mir das Heldenmaessigste +An ihnen nie. Doch so viel troestender +War mir die Lehre, dass Ergebenheit +In Gott von unserm Waehnen ueber Gott +So ganz und gar nicht abhaengt.--Liebe Daja, +Das hat mein Vater uns so oft gesagt; +Darueber hast du selbst mit ihm so oft +Dich einverstanden: warum untergraebst +Du denn allein, was du mit ihm zugleich +Gebauet?--Liebe Daja, das ist kein +Gespraech, womit wir unserm Freund' am besten +Entgegensehn. Fuer mich zwar, ja! Denn mir, +Mir liegt daran unendlich, ob auch er... +Horch, Daja!--Kommt es nicht an unsre Tuere? +Wenn Er es waere! horch! + + + +Zweiter Auftritt + +Recha. Daja und der Tempelherr, dem jemand von aussen die Tuere oeffnet, +mit den Worten: + + +Nur hier herein! + +Recha (faehrt zusammen, fasst sich und will ihm zu Fuessen fallen). +Er ist's!--Mein Retter, ah! + +Tempelherr. Dies zu vermeiden +Erschien ich bloss so spaet: und doch-- + +Recha. Ich will +Ja zu den Fuessen dieses stolzen Mannes +Nur Gott noch einmal danken; nicht dem Manne. +Der Mann will keinen Dank; will ihn so wenig +Als ihn der Wassereimer will, der bei +Dem Loeschen so geschaeftig sich erwiesen. +Der liess sich fuellen, liess sich leeren, mir +Nichts, dir nichts: also auch der Mann. Auch der +Ward nur so in die Glut hineingestossen; +Da fiel ich ungefaehr ihm in den Arm; +Da blieb ich ungefaehr, so wie ein Funken +Auf seinem Mantel, ihm in seinen Armen; +Bis wiederum, ich weiss nicht was, uns beide +Herausschmiss aus der Glut.--Was gibt es da +Zu danken?--In Europa treibt der Wein +Zu noch weit andern Taten.--Tempelherren, +Die muessen einmal nun so handeln; muessen +Wie etwas besser zugelernte Hunde, +Sowohl aus Feuer, als aus Wasser holen. + +Tempelherr (der sie mit Erstaunen und Unruhe die Zeit ueber betrachtet). +O Daja, Daja! Wenn in Augenblicken +Des Kummers und der Galle, meine Laune +Dich uebel anliess, warum jede Torheit, +Die meiner Zung' entfuhr, ihr hinterbringen? +Das hiess sich zu empfindlich raechen, Daja! +Doch wenn du nur von nun an besser mich +Bei ihr vertreten willst. + +Daja. Ich denke, Ritter +Ich denke nicht, dass diese kleinen Stacheln, +Ihr an das Herz geworfen, Euch da sehr +Geschadet haben. + +Recha. Wie? Ihr hattet Kummer? +Und wart mit Euerm Kummer geiziger +Als Euerm Leben? + +Tempelherr. Gutes, holdes Kind!-- +Wie ist doch meine Seele zwischen Auge +Und Ohr geteilt!--Das war das Maedchen nicht, +Nein, nein, das war es nicht, das aus dem Feuer +Ich holte.--Denn wer haette die gekannt, +Und aus dem Feuer nicht geholt? Wer haette +Auf mich gewartet?--Zwar--verstellt--der Schreck. +(Pause, unter der er, in Anschauung ihrer, sich wie verliert.) + +Recha. +Ich aber find Euch noch den naemlichen.-- +(Dergleichen; bis sie fortfaehrt, um ihn in seinem Anstaunen zu +unterbrechen.) +Nun, Ritter, sagt uns doch, wo Ihr so lange +Gewesen?--Fast duerft' ich auch fragen: wo +Ihr itzo seid? + +Tempelherr. Ich bin,--wo ich vielleicht +Nicht sollte sein.-- + +Recha. Wo Ihr gewesen?--Auch +Wo Ihr vielleicht nicht solltet sein gewesen? +Das ist nicht gut. + +Tempelherr. Auf--auf--wie heisst der Berg? +Auf Sinai. + +Recha. Auf Sinai?--Ah schoen! +Nun kann ich zuverlaessig doch einmal +Erfahren, ob es wahr... + +Tempelherr. Was? was? Ob's wahr, +Dass noch daselbst der Ort zu sehn, wo Moses +Vor Gott gestanden, als... + +Recha. Nun das wohl nicht. +Denn wo er, stand, stand er vor Gott. Und davon +Ist mir zur Gnuege schon bekannt.--Ob's wahr, +Moecht' ich nur gern von Euch erfahren, dass-- +Dass es bei weitem nicht so muehsam sei, +Auf diesen Berg hinaufzusteigen, als +Herab?--Denn seht; soviel ich Berge noch +Gestiegen bin, war's just das Gegenteil.-- +Nun, Ritter?--Was?--Ihr kehrt Euch von mir ab? +Wollt mich nicht sehn? + +Tempelherr. Weil ich Euch hoeren will. + +Recha. +Weil Ihr mich nicht wollt merken lassen, dass +Ihr meiner Einfalt laechelt; dass Ihr laechelt, +Wie ich Euch doch so gar nichts Wichtigers +Von diesem heiligen Berg' aller Berge +Zu fragen weiss? Nicht wahr? + +Tempelherr. So muss +Ich doch Euch wieder in die Augen sehn.-- +Was? Nun schlagt Ihr sie nieder? nun verbeisst +Das Laecheln Ihr? wie ich noch erst in Mienen, +In zweifelhaften Mienen lesen will, +Was ich so deutlich hoer, Ihr so vernehmlich +Mir sagt--verschweigt?--Ah Recha! Recha! Wie +Hat er so wahr gesagt: "Kennt sie nur erst!" + +Recha. +Wer hat?--von wem?--Euch das gesagt? + +Tempelherr. "Kennt sie +Nur erst!" hat Euer Vater mir gesagt; +Von Euch gesagt. + +Daja. Und ich nicht etwa auch? +Ich denn nicht auch? + +Tempelherr. Allein wo ist er denn? +Wo ist denn Euer Vater? Ist er noch +Beim Sultan? + +Recha. Ohne Zweifel. + +Tempelherr. Noch, noch da?-- +O mich Vergesslichen! Nein, nein; da ist +Er schwerlich mehr.--Er wird dort unten bei +Dem Kloster meiner warten; ganz gewiss. +So red'ten, mein ich, wir es ab. Erlaubt! +Ich geh, ich hol ihn... + +Daja. Das ist meine Sache. +Bleibt, Ritter, bleibt. Ich bring ihn unverzueglich. + +Tempelherr. +Nicht so, nicht so! Er sieht mir selbst entgegen; +Nicht Euch. Dazu, er koennte leicht... wer weiss? ... +Er koennte bei dem Sultan leicht,... Ihr kennt +Den Sultan nicht!... leicht in Verlegenheit +Gekommen sein.--Glaubt mir; es hat Gefahr, +Wenn ich nicht geh. + +Recha. Gefahr? was fuer Gefahr? + +Tempelherr. +Gefahr fuer mich, fuer Euch, fuer ihn: wenn ich +Nicht schleunig, schleunig geh. (Ab.) + + + +Dritter Auftritt + +Recha und Daja. + + +Recha. Was ist das, Daja?-- +So schnell?--Was koemmt ihm an? Was fiel ihm auf? +Was jagt ihn? + +Daja. Lasst nur, lasst. Ich denk, es ist +Kein schlimmes Zeichen. + +Recha. Zeichen? und wovon? + +Daja. +Dass etwas vorgeht innerhalb. Es kocht, +Und soll nicht ueberkochen. Lasst ihn nur. +Nun ist's an Euch. + +Recha. Was ist an mir? Du wirst, +Wie er, mir unbegreiflich. + +Daja. Bald nun koennt +Ihr ihm die Unruh' all vergelten, die +Er Euch gemacht hat. Seid nur aber auch +Nicht allzu streng, nicht allzu rachbegierig. + +Recha. +Wovon du sprichst, das magst du selber wissen. + +Daja. +Und seid denn Ihr bereits so ruhig wieder? + +Recha. +Das bin ich; ja das bin ich... + +Daja. Wenigstens +Gesteht, dass Ihr Euch seiner Unruh' freut; +Und seiner Unruh' danket, was Ihr itzt +Von Ruh' geniesst. + +Recha. Mir voellig unbewusst! +Denn was ich hoechstens dir gestehen koennte, +Waer', dass es mich--mich selbst befremdet, wie +Auf einen solchen Sturm in meinem Herzen +So eine Stille ploetzlich folgen koennen. +Sein voller Anblick, sein Gespraech, sein Ton +Hat mich... + +Daja. Gesaettigt schon? + +Recha. Gesaettigt, will +Ich nun nicht sagen; nein--bei weitem nicht. + +Daja. +Den heissen Hunger nur gestillt. + +Recha. Nun ja: +Wenn du so willst. + +Daja. Ich eben nicht. + +Recha. Er wird +Mir ewig wert; mir ewig werter, als +Mein Leben bleiben: wenn auch schon mein Puls +Nicht mehr bei seinem blossen Namen wechselt; +Nicht mehr mein Herz, sooft ich an ihn denke, +Geschwinder, staerker schlaegt.--Was schwatz ich? Komm, +Komm, liebe Daja, wieder an das Fenster, +Das auf die Palmen sieht. + +Daja. So ist er doch +Wohl noch nicht ganz gestillt, der heisse Hunger. + +Recha. +Nun werd ich auch die Palmen wieder sehn: +Nicht ihn bloss untern Palmen. + +Daja. Diese Kaelte +Beginnt auch wohl ein neues Fieber nur. + +Recha. +Was Kaelt'? Ich bin nicht kalt. Ich sehe wahrlich +Nicht minder gern, was ich mit Ruhe sehe. + + + +Vierter Auftritt + +(Szene: ein Audienzsaal in dem Palaste des Saladin.) + + +Saladin und Sittah. + +Saladin (im Hereintreten, gegen die Tuere). +Hier bringt den Juden her, sobald er koemmt. +Er scheint sich eben nicht zu uebereilen. + +Sittah. +Er war auch wohl nicht bei der Hand; nicht gleich +Zu finden. + +Saladin. Schwester! Schwester! + +Sittah. Tust du doch, +Als stuende dir ein Treffen vor. + +Saladin. Und das +Mit Waffen, die ich nicht gelernt zu fuehren. +Ich soll mich stellen; soll besorgen lassen; +Soll Fallen legen; soll auf Glatteis fuehren. +Wenn haett' ich das gekonnt? Wo haett' ich das +Gelernt?--Und soll das alles, ah, wozu? +Wozu?--Um Geld zu fischen; Geld!--Um Geld, +Geld einem Juden abzubangen; Geld! +Zu solchen kleinen Listen waer' ich endlich +Gebracht, der Kleinigkeiten kleinste mir +Zu schaffen? + +Sittah. Jede Kleinigkeit, zu sehr +Verschmaeht, die raecht sich, Bruder. + +Saladin. Leider wahr.-- +Und wenn nun dieser Jude gar der gute, +Vernuenft'ge Mann ist, wie der Derwisch dir +Ihn ehedem beschrieben? + +Sittah. O nun dann! +Was hat es dann fuer Not! Die Schlinge liegt +Ja nur dem geizigen, besorglichen, +Furchtsamen Juden: nicht dem guten, nicht +Dem weisen Manne. Dieser ist ja so +Schon unser, ohne Schlinge. Das Vergnuegen, +Zu hoeren, wie ein solcher Mann sich ausred't; +Mit welcher dreisten Staerk' entweder er +Die Stricke kurz zerreisset; oder auch +Mit welcher schlauen Vorsicht er die Netze +Vorbei sich windet: dies Vergnuegen hast +Du obendrein. + +Saladin. Nun, das ist wahr. Gewiss; +Ich freue mich darauf. + +Sittah. So kann dich ja +Auch weiter nichts verlegen machen. Denn +Ist's einer aus der Menge bloss; ist's bloss +Ein Jude, wie ein Jude: gegen den +Wirst du dich doch nicht schaemen, so zu scheinen, +Wie er die Menschen all sich denkt? Vielmehr; +Wer sich ihm besser zeigt, der zeigt sich ihm +Als Geck, als Narr. + +Saladin. So muss ich ja wohl gar +Schlecht handeln, dass von mir der Schlechte nicht +Schlecht denke? + +Sittah. Traun! wenn du schlecht handeln nennst, +Ein jedes Ding nach seiner Art zu brauchen. + +Saladin. +Was haett' ein Weiberkopf erdacht, das er +Nicht zu beschoenen wuesste! + +Sittah. Zu beschoenen! + +Saladin. +Das feine, spitze Ding, besorg ich nur, +In meiner plumpen Hand zerbricht!--So was +Will ausgefuehrt sein, wie's erfunden ist: +Mit aller Pfiffigkeit, Gewandtheit.--Doch, +Mag's doch nur, mag's! Ich tanze, wie ich kann; +Und koennt' es freilich lieber--schlechter noch +Als besser. + +Sittah. Trau dir auch nur nicht zu wenig! +Ich stehe dir fuer dich! Wenn du nur willst.-- +Dass uns die Maenner deinesgleichen doch +So gern bereden moechten, nur ihr Schwert, +Ihr Schwert nur habe sie so weit gebracht. +Der Loewe schaemt sich freilich, wenn er mit +Dem Fuchse jagt:--des Fuchses, nicht der List. + +Saladin. +Und dass die Weiber doch so gern den Mann +Zu sich herunter haetten!--Geh nur, geh!-- +Ich glaube meine Lektion zu koennen. + +Sittah. +Was? ich soll gehn? + +Saladin. Du wolltest doch nicht bleiben? + +Sittah. +Wenn auch nicht bleiben... im Gesicht euch bleiben-- +Doch hier im Nebenzimmer-- + +Saladin. Da zu horchen? +Auch das nicht, Schwester; wenn ich soll bestehn.-- +Fort, fort! der Vorhang rauscht; er koemmt!--doch dass +Du ja nicht da verweilst! Ich sehe nach. + +(Indem sie sich durch eine Tuere entfernt, tritt Nathan zu der andern +herein; und Saladin hat sich gesetzt.) + + + +Fuenfter Auftritt + +Saladin und Nathan. + + +Saladin. +Tritt naeher, Jude!--Naeher!--Nur ganz her! +Nur ohne Furcht! + +Nathan. Die bleibe deinem Feinde! + +Saladin. +Du nennst dich Nathan? + +Nathan. Ja. + +Saladin. Den weisen Nathan? + +Nathan. +Nein. + +Saladin. Wohl! nennst du dich nicht; nennt dich das Volk. + +Nathan. +Kann sein; das Volk! + +Saladin. Du glaubst doch nicht, dass ich +Veraechtlich von des Volkes Stimme denke?-- +Ich habe laengst gewuenscht, den Mann zu kennen, +Den es den Weisen nennt. + +Nathan. Und wenn es ihn +Zum Spott so nennte? Wenn dem Volke weise +Nichts weiter waer' als klug? und klug nur der, +Der sich auf seinen Vorteil gut versteht? + +Saladin. +Auf seinen wahren Vorteil, meinst du doch? + +Nathan. +Dann freilich waer' der Eigennuetzigste +Der Kluegste. Dann waer' freilich klug und weise +Nur eins. + +Saladin. Ich hoere dich erweisen, was +Du widersprechen willst.--Des Menschen wahre +Vorteile, die das Volk nicht kennt, kennst du. +Hast du zu kennen wenigstens gesucht; +Hast drueber nachgedacht: das auch allein +Macht schon den Weisen. + +Nathan. Der sich jeder duenkt +Zu sein. + +Saladin. Nun der Bescheidenheit genug! +Denn sie nur immerdar zu hoeren, wo +Man trockene Vernunft erwartet, ekelt. +(Er springt auf.) +Lass uns zur Sache kommen! Aber, aber +Aufrichtig, Jud', aufrichtig! + +Nathan. Sultan, ich +Will sicherlich dich so bedienen, dass +Ich deiner fernern Kundschaft wuerdig bleibe. + +Saladin. Bedienen? wie? + +Nathan. Du sollst das Beste haben +Von allem; sollst es um den billigsten +Preis haben. + +Saladin. Wovon sprichst du? doch wohl nicht +Von deinen Waren?--Schachern wird mit dir +Schon meine Schwester. (Das der Horcherin!)-- +Ich habe mit dem Kaufmann nichts zu tun. + +Nathan. +So wirst du ohne Zweifel wissen wollen, +Was ich auf meinem Wege von dem Feinde, +Der allerdings sich wieder reget, etwa +Bemerkt, getroffen?--Wenn ich unverhohlen... + +Saladin. +Auch darauf bin ich eben nicht mit dir +Gesteuert. Davon weiss ich schon, so viel +Ich noetig habe.--Kurz-,-- + +Nathan. Gebiete, Sultan. + +Saladin. +Ich heische deinen Unterricht in ganz +Was anderm; ganz was anderm.--Da du nun +So weise bist: so sage mir doch einmal-- +Was fuer ein Glaube, was fuer ein Gesetz +Hat dir am meisten eingeleuchtet? + +Nathan. Sultan, +Ich bin ein Jud'. + +Saladin. Und ich ein Muselmann. +Der Christ ist zwischen uns.--Von diesen drei +Religionen kann doch eine nur +Die wahre sein.--Ein Mann, wie du, bleibt da +Nicht stehen, wo der Zufall der Geburt +Ihn hingeworfen: oder wenn er bleibt, +Bleibt er aus Einsicht, Gruenden, Wahl des Bessern. +Wohlan! so teile deine Einsicht mir +Dann mit. Lass mich die Gruende hoeren, denen +Ich selber nachzugruebeln, nicht die Zeit +Gehabt. Lass mich die Wahl, die diese Gruende +Bestimmt,--versteht sich, im Vertrauen--wissen, +Damit ich sie zu meiner mache. Wie? +Du stutzest? waegst mich mit dem Auge?--Kann +Wohl sein, dass ich der erste Sultan bin, +Der eine solche Grille hat; die mich +Doch eines Sultans eben nicht so ganz +Unwuerdig duenkt.--Nicht wahr?--So rede doch! +Sprich!--Oder willst du einen Augenblick, +Dich zu bedenken? Gut, ich geb ihn dir. +(Ob sie wohl horcht? Ich will sie doch belauschen; +Will hoeren, ob ich's recht gemacht.--) Denk nach. +Geschwind denk nach! Ich saeume nicht, zurueck- +Zukommen. +(Er geht in das Nebenzimmer, nach welchem sich Sittah begeben.) + + + +Sechster Auftritt + +Nathan allein. + + +Hm! hm!--wunderlich!--Wie ist +Mir denn?--Was will der Sultan? was?--Ich bin +Auf Geld gefasst; und er will--Wahrheit. Wahrheit! +Und will sie so,--so bar, so blank,--als ob +Die Wahrheit Muenze waere!--ja, wenn noch +Uralte Muenze, die gewogen ward!-- +Das ginge noch! Allein so neue Muenze, +Die nur der Stempel macht, die man aufs Brett +Nur zaehlen darf, das ist sie doch nun nicht! +Wie Geld in Sack, so striche man in Kopf +Auch Wahrheit ein? Wer ist denn hier der Jude? +Ich oder er?--Doch wie? Sollt' er auch wohl +Die Wahrheit nicht in Wahrheit fodern?--Zwar, +Zwar der Verdacht, dass er die Wahrheit nur +Als Falle brauche, waer' auch gar zu klein!-- +Zu klein?--Was ist fuer einen Grossen denn +Zu klein?--Gewiss, gewiss: er stuerzte mit +Der Tuere so ins Haus! Man pocht doch, hoert +Doch erst, wenn man als Freund sich naht.--Ich muss +Behutsam gehn!--Und wie? wie das?--So ganz +Stockjude sein zu wollen, geht schon nicht.-- +Und ganz und gar nicht Jude, geht noch minder. +Denn, wenn kein Jude, duerft' er mich nur fragen, +Warum kein Muselmann?--Das war's! Das kann +Mich retten!--Nicht die Kinder bloss, speist man +Mit Maerchen ab.--Er kommt. Er komme nur! + + + +Siebenter Auftritt + +Saladin und Nathan. + + +Saladin. +(So ist das Feld hier rein!)--Ich komm dir doch +Nicht zu geschwind zurueck? Du bist zu Rande +Mit deiner Ueberlegung.--Nun so rede! +Es hoert uns keine Seele. + +Nathan. Moecht' auch doch +Die ganze Welt uns hoeren. + +Saladin. So gewiss +Ist Nathan seiner Sache? Ha! das nenn +Ich einen Weisen! Nie die Wahrheit zu +Verhehlen! fuer sie alles auf das Spiel +Zu setzen! Leib und Leben! Gut und Blut! + +Nathan. +Ja! Ja! wann's noetig ist und nutzt. + +Saladin. Von nun +An darf ich hoffen, einen meiner Titel, +Verbesserer der Welt und des Gesetzes, +Mit Recht zu fuehren. + +Nathan. Traun, ein schoener Titel! +Doch, Sultan, eh' ich mich dir ganz vertraue, +Erlaubst du wohl, dir ein Geschichtchen zu +Erzaehlen? + +Saladin. Warum das nicht? Ich bin stets +Ein Freund gewesen von Geschichtchen, gut +Erzaehlt. + +Nathan. Ja, gut erzaehlen, das ist nun +Wohl eben meine Sache nicht. + +Saladin. Schon wieder +So stolz bescheiden?--Mach! erzaehl, erzaehle! + +Nathan. +Vor grauen Jahren lebt' ein Mann in Osten, +Der einen Ring von unschaetzbarem Wert +Aus lieber Hand besass. Der Stein war ein +Opal, der hundert schoene Farben spielte, +Und hatte die geheime Kraft, vor Gott +Und Menschen angenehm zu machen, wer +In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder, +Dass ihn der Mann in Osten darum nie +Vom Finger liess; und die Verfuegung traf, +Auf ewig ihn bei seinem Hause zu +Erhalten? Naemlich so. Er liess den Ring +Von seinen Soehnen dem geliebtesten; +Und setzte fest, dass dieser wiederum +Den Ring von seinen Soehnen dem vermache, +Der ihm der liebste sei; und stets der liebste, +Ohn' Ansehn der Geburt, in Kraft allein +Des Rings, das Haupt, der Fuerst des Hauses werde.-- +Versteh mich, Sultan. + +Saladin. Ich versteh dich. Weiter! + +Nathan. +So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn, +Auf einen Vater endlich von drei Soehnen; +Die alle drei ihm gleich gehorsam waren, +Die alle drei er folglich gleich zu lieben +Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit +Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald +Der dritte,--sowie jeder sich mit ihm +Allein befand, und sein ergiessend Herz +Die andern zwei nicht teilten,--wuerdiger +Des Ringes; den er denn auch einem jeden +Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen. +Das ging nun so, solang es ging.--Allein +Es kam zum Sterben, und der gute Vater +Koemmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei +Von seinen Soehnen, die sich auf sein Wort +Verlassen, so zu kraenken.--Was zu tun?-- +Er sendet in geheim zu einem Kuenstler, +Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes, +Zwei andere bestellt, und weder Kosten +Noch Muehe sparen heisst, sie jenem gleich, +Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt +Dem Kuenstler. Da er ihm die Ringe bringt, +Kann selbst der Vater seinen Musterring +Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft +Er seine Soehne, jeden insbesondre; +Gibt jedem insbesondre seinen Segen,-- +Und seinen Ring,--und stirbt.--Du hoerst doch, Sultan? + +Saladin (der sich betroffen von ihm gewandt). +Ich hoer, ich hoere!--Komm mit deinem Maerchen +Nur bald zu Ende.--Wird's? + +Nathan. Ich bin zu Ende. +Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst.-- +Kaum war der Vater tot, so koemmt ein jeder +Mit seinem Ring, und jeder will der Fuerst +Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt, +Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht +Erweislich;-- +(nach einer Pause, in welcher er des Sultans Antwort erwartet) +Fast so unerweislich, als +Uns itzt--der rechte Glaube. + +Saladin. Wie? das soll +Die Antwort sein auf meine Frage?... + +Nathan. Soll +Mich bloss entschuldigen, wenn ich die Ringe +Mir nicht getrau zu unterscheiden, die +Der Vater in der Absicht machen liess, +Damit sie nicht zu unterscheiden waeren. + +Saladin. +Die Ringe!--Spiele nicht mit mir!--Ich daechte, +Dass die Religionen, die ich dir +Genannt, doch wohl zu unterscheiden waeren. +Bis auf die Kleidung, bis auf Speis' und Trank! + +Nathan. +Und nur von seiten ihrer Gruende nicht. +Denn gruenden alle sich nicht auf Geschichte? +Geschrieben oder ueberliefert!--Und +Geschichte muss doch wohl allein auf Treu +Und Glauben angenommen werden?--Nicht?-- +Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn +Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen? +Doch deren Blut wir sind? doch deren, die +Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe +Gegeben? die uns nie getaeuscht, als wo +Getaeuscht zu werden uns heilsamer war?-- +Wie kann ich meinen Vaetern weniger +Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt.-- +Kann ich von dir verlangen, dass du deine +Vorfahren Luegen strafst, um meinen nicht +Zu widersprechen? Oder umgekehrt. +Das naemliche gilt von den Christen. Nicht?-- + +Saladin. +(Bei dem Lebendigen! Der Mann hat recht. +Ich muss verstummen.) + +Nathan. Lass auf unsre Ring' +Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Soehne +Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter, +Unmittelbar aus seines Vaters Hand +Den Ring zu haben.--Wie auch wahr!--Nachdem +Er von ihm lange das Versprechen schon +Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu +Geniessen.--Wie nicht minder wahr!--Der Vater, +Beteurt' jeder, koenne gegen ihn +Nicht falsch gewesen sein; und eh' er dieses +Von ihm, von einem solchen lieben Vater, +Argwohnen lass': eh' muess' er seine Brueder, +So gern er sonst von ihnen nur das Beste +Bereit zu glauben sei, des falschen Spiels +Bezeihen; und er wolle die Verraeter +Schon auszufinden wissen; sich schon raechen. + +Saladin. +Und nun, der Richter?--Mich verlangt zu hoeren, +Was du den Richter sagen laessest. Sprich! + +Nathan. +Der Richter sprach: Wenn ihr mir nun den Vater +Nicht bald zur Stelle schafft, so weis ich euch +Von meinem Stuhle. Denkt ihr, dass ich Raetsel +Zu loesen da bin? Oder harret ihr, +Bis dass der rechte Ring den Mund eroeffne?-- +Doch halt! Ich hoere ja, der rechte Ring +Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen; +Vor Gott und Menschen angenehm. Das muss +Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden +Doch das nicht koennen!--Nun; wen lieben zwei +Von Euch am meisten?--Macht, sagt an! Ihr schweigt? +Die Ringe wirken nur zurueck? und nicht +Nach aussen? Jeder liebt sich selber nur +Am meisten?--Oh, so seid ihr alle drei +Betrogene Betrueger! Eure Ringe +Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring +Vermutlich ging verloren. Den Verlust +Zu bergen, zu ersetzen, liess der Vater +Die drei fuer einen machen. + +Saladin. Herrlich! herrlich! + +Nathan. +Und also, fuhr der Richter fort, wenn ihr +Nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt: +Geht nur!--Mein Rat ist aber der: ihr nehmt +Die Sache voellig wie sie liegt. Hat von +Euch jeder seinen Ring von seinem Vater: +So glaube jeder sicher seinen Ring +Den echten.--Moeglich; dass der Vater nun +Die Tyrannei des einen Rings nicht laenger +In seinem Hause dulden willen!--Und gewiss; +Dass er euch alle drei geliebt, und gleich +Geliebt: indem er zwei nicht druecken moegen, +Um einen zu beguenstigen.--Wohlan! +Es eifre jeder seiner unbestochnen +Von Vorurteilen freien Liebe nach! +Es strebe von euch jeder um die Wette, +Die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag +Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut, +Mit herzlicher Vertraeglichkeit, mit Wohltun, +Mit innigster Ergebenheit in Gott +Zu Hilf'! Und wenn sich dann der Steine Kraefte +Bei euern Kindes-Kindeskindern aeussern: +So lad ich ueber tausend tausend Jahre +Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird +Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen +Als ich; und sprechen. Geht!--So sagte der +Bescheidne Richter. + +Saladin. Gott! Gott! + +Nathan. Saladin, +Wenn du dich fuehlest, dieser weisere +Versprochne Mann zu sein:... + +Saladin (der auf ihn zustuerzt und seine Hand ergreift, die er bis zu +Ende nicht wieder fahren laesst). +Ich Staub? Ich Nichts? +O Gott! + +Nathan. Was ist dir, Sultan? + +Saladin. Nathan, lieber Nathan!-- +Die tausend tausend Jahre deines Richters +Sind noch nicht um.--Sein Richterstuhl ist nicht +Der meine.--Geh!--Geh!--Aber sei mein Freund. + +Nathan. +Und weiter haette Saladin mir nichts +Zu sagen? + +Saladin. Nichts. + +Nathan. Nichts? + +Saladin. Gar nichts.--Und warum? + +Nathan. +Ich haette noch Gelegenheit gewuenscht, +Dir eine Bitte vorzutragen. + +Saladin. Braucht's +Gelegenheit zu einer Bitte?--Rede! + +Nathan. +Ich komm von einer weiten Reis', auf welcher +Ich Schulden eingetrieben.--Fast hab ich +Des baren Gelds zuviel.--Die Zeit beginnt +Bedenklich wiederum zu werden;--und +Ich weiss nicht recht, wo sicher damit hin.-- +Da dacht' ich, ob nicht du vielleicht,--weil doch +Ein naher Krieg des Geldes immer mehr +Erfordert,--etwas brauchen koenntest. + +Saladin (ihm steif in die Augen sehend). +Nathan!-- +Ich will nicht fragen, ob Al-Hafi schon +Bei dir gewesen;--will nicht untersuchen, +Ob dich nicht sonst ein Argwohn treibt, mir dieses +Erbieten freierdings zu tun:... + +Nathan. Ein Argwohn? + +Saladin. +Ich bin ihn wert.--Verzeih mir!--Denn was hilft's? +Ich muss dir nur gestehen,--dass ich im +Begriffe war-- + +Nathan. Doch nicht, das Naemliche +An mich zu suchen? + +Saladin. Allerdings. + +Nathan. So waer' +Uns beiden ja geholfen!--Dass ich aber +Dir alle meine Barschaft nicht kann schicken, +Das macht der junge Tempelherr. Du kennst +Ihn ja. Ihm hab ich eine grosse Post +Vorher noch zu bezahlen. + +Saladin. Tempelherr? +Du wirst doch meine schlimmsten Feinde nicht +Mit deinem Geld auch unterstuetzen wollen? + +Nathan. +Ich spreche von dem einen nur, dem du +Das Leben spartest... + +Saladin. Ah! woran erinnerst +Du mich!--Hab ich doch diesen Juengling ganz +Vergessen!--Kennst du ihn?--Wo ist er? + +Nathan. Wie? +So weisst du nicht, wieviel von deiner Gnade +Fuer ihn, durch ihn auf mich geflossen? Er, +Er mit Gefahr des neu erhaltnen Lebens, +Hat meine Tochter aus dem Feu'r gerettet. + +Saladin. +Er? Hat er das?--Ha! darnach sah er aus. +Das haette traun mein Bruder auch getan, +Dem er so aehnelt!--Ist er denn noch hier? +So bring ihn her!--Ich habe meiner Schwester +Von diesem ihren Bruder, den sie nicht +Gekannt, so viel erzaehlet, dass ich sie +Sein Ebenbild doch auch muss sehen lassen!-- +Geh, hol ihn!--Wie aus einer guten Tat, +Gebar sie auch schon blosse Leidenschaft, +Doch so viel andre gute Taten fliessen! +Geh, hol ihn! + +Nathan (indem er Saladins Hand fahren laesst). +Augenblicks! Und bei dem andern +Bleibt es doch auch? (Ab.) + +Saladin. Ah! dass ich meine Schwester +Nicht horchen lassen!--Zu ihr! zu ihr!--Denn +Wie soll ich alles das ihr nun erzaehlen? + +(Ab von der andern Seite.) + + + +Achter Auftritt + +Die Szene: unter den Palmen, in der Naehe des Klosters, wo der + +Tempelherr Nathans wartet. + + +Tempelherr (geht, mit sich selbst kaempfend, auf und ab; bis er +losbricht). +--Hier haelt das Opfertier ermuedet still.-- +Nun gut! Ich mag nicht, mag nicht naeher wissen, +Was in mir vorgeht; mag voraus nicht wittern, +Was vorgehn wird.--Genug, ich bin umsonst +Geflohn! umsonst.--Und weiter konnt' ich doch +Auch nichts, als fliehn!--Nun komm', was kommen soll!-- +Ihm auszubeugen, war der Streich zu schnell +Gefallen; unter den zu kommen, ich +So lang und viel mich weigerte.--Sie sehn, +Die ich zu sehn so wenig luestern war, +Sie sehn, und der Entschluss, sie wieder aus +Den Augen nie zu lassen.--Was Entschluss? +Entschluss ist Vorsatz, Tat: und ich, ich litt', +Ich litte bloss.--Sie sehn, und das Gefuehl +An sie verstrickt, in sie verwebt zu sein, +War eins.--Bleibt eins.--Von ihr getrennt +Zu leben, ist mir ganz undenkbar; waer' +Mein Tod,--und wo wir immer nach dem Tode +Noch sind, auch da mein Tod.--Ist das nun Liebe: +So--liebt der Tempelritter freilich,--liebt +Der Christ das Judenmaedchen freilich.--Hm! +Was tut's?--Ich hab in dem gelobten Lande,-- +Und drum auch mir gelobt auf immerdar!-- +Der Vorurteile mehr schon abgelegt.-- +Was will mein Orden auch? Ich Tempelherr +Bin tot; war von dem Augenblick ihm tot, +Der mich zu Saladins Gefangnen machte. +Der Kopf, den Saladin mir schenkte, waer' +Mein alter?--Ist ein neuer; der von allem +Nichts weiss, was jenem eingeplaudert ward, +Was jenen band.--Und ist ein bessrer; fuer +Den vaeterlichen Himmel mehr gemacht. +Das spuer ich ja. Denn erst mit ihm beginn +Ich so zu denken, wie mein Vater hier +Gedacht muss haben; wenn man Maerchen nicht +Von ihm mir vorgelegen.--Maerchen?--doch +Ganz glaubliche; die glaublicher mir nie, +Als itzt geschienen, da ich nur Gefahr +Zu straucheln laufe, wo er fiel.--Er fiel? +Ich will mit Maennern lieber fallen, als +Mit Kindern stehn.--Sein Beispiel buerget mir +Fuer seinen Beifall. Und an wessen Beifall +Liegt mir denn sonst?--An Nathans?--O an dessen +Ermuntrung mehr, als Beifall, kann es mir +Noch weniger gebrechen.--Welch ein Jude!-- +Und der so ganz nur Jude scheinen will! +Da koemmt er; koemmt mit Hast; glueht heitre Freude. +Wer kam vom Saladin je anders?--He! +He, Nathan! + + + +Neunter Auftritt + +Nathan und der Tempelherr. + + +Nathan. Wie? seid Ihr's? + +Tempelherr. Ihr habt +Sehr lang' Euch bei dem Sultan aufgehalten. + +Nathan. +So lange nun wohl nicht. Ich ward im Hingehn +Zu viel verweilt.--Ah, wahrlich, Curd; der Mann +Steht seinen Ruhm. Sein Ruhm ist bloss sein Schatten. +Doch lasst vor allen Dingen Euch geschwind +Nur sagen... + +Tempelherr. Was? + +Nathan. Er will Euch sprechen; will, +Dass ungesaeumt Ihr zu ihm kommt. Begleitet +Mich nur nach Hause, wo ich noch fuer ihn +Erst etwas anders zu verfuegen habe: +Und dann, so gehn wir! + +Tempelherr. Nathan, Euer Haus +Betret ich wieder eher nicht... + +Nathan. So seid +Ihr doch indes schon da gewesen? habt +Indes sie doch gesprochen?--Nun?--Sagt: wie +Gefaellt Euch Recha? + +Tempelherr. Ueber allen Ausdruck! +Allein,--sie wiedersehn--das werd ich nie! +Nie! nie!--Ihr muesstet mir zur Stelle denn +Versprechen:--dass ich sie auf immer, immer-- +Soll koennen sehn. + +Nathan. Wie wollt Ihr, dass ich das +Versteh? + +Tempelherr (nach einer kurzen Pause ihm ploetzlich um den Hals fallend). +Mein Vater! + +Nathan.--Junger Mann! + +Tempelherr (ihn ebenso ploetzlich wieder lassend). +Nicht Sohn?-- +Ich bitt Euch, Nathan!-- + +Nathan. Lieber junger Mann! + +Tempelherr. +Nicht Sohn?--Ich bitt Euch, Nathan!--Ich beschwoer +Euch bei den ersten Banden der Natur!-- +Zieht ihnen spaetre Fesseln doch nicht vor!-- +Begnuegt Euch doch ein Mensch zu sein!--Stosst mich +Nicht von Euch! + +Nathan. Lieber, lieber Freund!... + +Tempelherr. Und Sohn? +Sohn nicht?--Auch dann nicht, dann nicht einmal, wenn +Erkenntlichkeit zum Herzen Eurer Tochter +Der Liebe schon den Weg gebahnet haette? +Auch dann nicht einmal, wenn in eins zu schmelzen, +Auf Euern Wink nur beide warteten?-- +Ihr schweigt? + +Nathan. Ihr ueberrascht mich, junger Ritter. + +Tempelherr. +Ich ueberrasch Euch?--ueberrasch Euch, Nathan, +Mit Euern eigenen Gedanken?--Ihr +Verkennt sie doch in meinem Munde nicht?-- +Ich ueberrasch Euch? + +Nathan. Eh' ich einmal weiss, +Was fuer ein Stauffen Euer Vater denn +Gewesen ist! + +Tempelherr. Was sagt Ihr, Nathan? was? +In diesem Augenblicke fuehlt Ihr nichts +Als Neubegier? + +Nathan. Denn seht! Ich habe selbst +Wohl einen Stauffen ehedem gekannt, +Der Conrad hiess. + +Tempelherr. Nun,--wenn mein Vater denn +Nun ebenso geheissen haette? + +Nathan. Wahrlich? + +Tempelherr. +Ich heisse selber ja nach meinem Vater: Curd +Ist Conrad. + +Nathan. Nun--so war mein Conrad doch +Nicht Euer Vater. Denn mein Conrad war, +Was Ihr; war Tempelherr; war nie vermaehlt. + +Tempelherr. +O darum! + +Nathan. Wie? + +Tempelherr. O darum koennt' er doch +Mein Vater wohl gewesen sein. + +Nathan. Ihr scherzt. + +Tempelherr. +Und Ihr nehmt's wahrlich zu genau!--Was waer's +Denn nun? So was von Bastard oder Bankert! +Der Schlag ist auch nicht zu verachten.--Doch +Entlasst mich immer meiner Ahnenprobe. +Ich will Euch Eurer wiederum entlassen. +Nicht zwar, als ob ich den geringsten Zweifel +In Euern Stammbaum setzte. Gott behuete! +Ihr koennt ihn Blatt vor Blatt bis Abraham +Hinauf belegen. Und von da so weiter, +Weiss ich ihn selbst; will ich ihn selbst beschwoeren. + +Nathan. +Ihr werdet bitter.--Doch verdien ich's?--Schlug +Ich denn Euch schon was ab?--Ich will Euch ja +Nur bei dem Worte nicht den Augenblick +So fassen.--Weiter nichts. + +Tempelherr. Gewiss?--Nichts weiter? +O so vergebt!... + +Nathan. Nun kommt nur, kommt! + +Tempelherr. Wohin? +Nein!--Mit in Euer Haus?--Das nicht! das nicht!-- +Da brennt's!--Ich will Euch hier erwarten. Geht!-- +Soll ich sie wiedersehn: so seh ich sie +Noch oft genug. Wo nicht: so sah ich sie +Schon viel zu viel... + +Nathan. Ich will mich moeglichst eilen. + + + +Zehnter Auftritt + +Der Tempelherr und bald darauf Daja. + + +Tempelherr. +Schon mehr als g'nug!--Des Menschen Hirn fasst so +Unendlich viel; und ist doch manchmal auch +So ploetzlich voll! von einer Kleinigkeit +So ploetzlich voll!--Taugt nichts, taugt nichts; es sei +Auch voll wovon es will.--Doch nur Geduld! +Die Seele wirkt den auf gedunsnen Stoff +Bald ineinander, schafft sich Raum, und Licht +Und Ordnung kommen wieder.--Lieb ich denn +Zum ersten Male?--Oder war, was ich +Als Liebe kenne, Liebe nicht?--Ist Liebe +Nur was ich itzt empfinde?... + +Daja (die sich von der Seite herbeigeschlichen). +Ritter! Ritter! + +Tempelherr. +Wer ruft?--Ha, Daja, Ihr? + +Daja. Ich habe mich +Bei ihm vorbeigeschlichen. Aber noch +Koennt' er uns sehn, wo Ihr da steht.--Drum kommt +Doch naeher zu mir, hinter diesen Baum. + +Tempelherr. +Was gibt's denn?--So geheimnisvoll?--Was ist's? + +Daja. +Ja wohl betrifft es ein Geheimnis, was +Mich zu Euch bringt; und zwar ein doppeltes. +Das eine weiss nur ich; das andre wisst +Nur Ihr.--Wie waer' es, wenn wir tauschten? +Vertraut mir Euers: so vertrau ich Euch +Das meine. + +Tempelherr. Mit Vergnuegen.--Wenn ich nur +Erst weiss, was Ihr fuer meines achtet. Doch +Das wird aus Euerm wohl erhellen.--Fangt +Nur immer an. + +Daja. Ei denkt doch!--Nein, Herr Ritter. +Erst Ihr; ich folge.--Denn versichert, mein +Geheimnis kann Euch gar nichts nutzen, wenn +Ich nicht zuvor das Eure habe.--Nur +Geschwind!--Denn frag ich's Euch erst ab: so habt +Ihr nichts vertrauet. Mein Geheimnis dann +Bleibt mein Geheimnis; und das Eure seid +Ihr los.--Doch armer Ritter!--Dass Ihr Maenner +Ein solch Geheimnis vor uns Weibern haben +Zu koennen, auch nur glaubt! + +Tempelherr. Das wir zu haben +Oft selbst nicht wissen. + +Daja. Kann wohl sein. Drum muss +Ich freilich erst, Euch selbst damit bekannt +Zu machen, schon die Freundschaft haben.--Sagt-- +Was hiess denn das, dass Ihr so Knall und Fall +Euch aus dem Staube machtet? dass Ihr uns +So sitzenliesset?--dass Ihr nun mit Nathan +Nicht wiederkommt?--Hat Recha denn so wenig +Auf Euch gewirkt? wie? oder auch, so viel?-- +So viel! so viel!--Lehrt Ihr des armen Vogels, +Der an der Rute klebt, Geflattre mich +Doch kennen!--Kurz: gesteht es mir nur gleich, +Dass Ihr sie liebt, liebt bis zum Unsinn; und +Ich sag Euch was... + +Tempelherr. Zum Unsinn? Wahrlich; Ihr +Versteht Euch trefflich drauf. + +Daja. Nun gebt mir nur +Die Liebe zu; den Unsinn will ich Euch +Erlassen. + +Tempelherr. Weil er sich von selbst versteht?-- +Ein Tempelherr ein Judenmaedchen lieben!... + +Daja. +Scheint freilich wenig Sinn zu haben.--Doch +Zuweilen ist des Sinns in einer Sache +Auch mehr, als wir vermuten; und es waere +So unerhoert doch nicht, dass uns der Heiland +Auf Wegen zu sich zoege, die der Kluge +Von selbst nicht leicht betreten wuerde. + +Tempelherr. Das +So feierlich?--(Und setz ich statt des Heilands +Die Vorsicht: hat sie denn nicht recht?--) Ihr macht +Mich neubegieriger, als ich wohl sonst +Zu sein gewohnt bin. + +Daja. Oh! das ist das Land +Der Wunder! + +Tempelherr. (Nun!--des Wunderbaren. Kann +Es auch wohl anders sein? Die ganze Welt +Draengt sich ja hier zusammen.)--Liebe Daja, +Nehmt fuer gestanden an, was Ihr verlangt: +Dass ich sie liebe; dass ich nicht begreife, +Wie ohne sie ich leben werde; dass... + +Daja. +Gewiss? gewiss?--So schwoert mir, Ritter, sie +Zur Eurigen zu machen; sie zu retten: +Sie zeitlich hier, sie ewig dort zu retten. + +Tempelherr. +Und wie?--Wie kann ich?--Kann ich schwoeren, was +In meiner Macht nicht steht? + +Daja. In Eurer Macht +Steht es. Ich bring es durch ein einzig Wort +In Eure Macht. + +Tempelherr. Dass selbst der Vater nichts +Dawider haette? + +Daja. Ei, was Vater! Vater! +Der Vater soll schon muessen. + +Tempelherr. Muessen, Daja?-- +Noch ist er unter Raeuber nicht gefallen. +Er muss nicht muessen. + +Daja. Nun, so muss er wollen; +Muss gern am Ende wollen. + +Tempelherr. Muss und gern!-- +Doch, Daja, wenn ich Euch nun sage, dass +Ich selber diese Sait' ihm anzuschlagen +Bereits versucht? + +Daja. Was? und er fiel nicht ein? + +Tempelherr. +Er fiel mit einem Misslaut ein, der mich-- +Beleidigte. + +Daja. Was sagt Ihr?--Wie? Ihr haettet +Den Schatten eines Wunsches nur nach Recha +Ihm blicken lassen: und er waer' vor Freuden +Nicht aufgesprungen? haette frostig sich +Zurueckgezogen? haette Schwierigkeiten +Gemacht? + +Tempelherr. So ungefaehr. + +Daja. So will ich denn +Mich laenger keinen Augenblick bedenken. + +(Pause.) + +Tempelherr. +Und Ihr bedenkt Euch doch? + +Daja. Der Mann ist sonst +So gut!--Ich selber bin so viel ihm schuldig!-- +Dass er doch gar nicht hoeren will!--Gott weiss, +Das Herze blutet mir, ihn so zu zwingen. + +Tempelherr. +Ich bitt Euch, Daja, setzt mich kurz und gut +Aus dieser Ungewissheit. Seid Ihr aber +Noch selber ungewiss; ob, was Ihr vorhabt, +Gut oder boese, schaendlich oder loeblich +Zu nennen:--schweigt!--Ich will vergessen, dass +Ihr etwas zu verschweigen habt. + +Daja. Das spornt, +Anstatt zu halten. Nun; so wisst denn: Recha +Ist keine Juedin; ist--ist eine Christin. + +Tempelherr (kalt). +So? Wuensch Euch Glueck! Hat's schwer gehalten? Lasst +Euch nicht die Wehen schrecken!--Fahret ja +Mit Eifer fort, den Himmel zu bevoelkern: +Wenn Ihr die Erde nicht mehr koennt! + +Daja. Wie, Ritter? +Verdienet meine Nachricht diesen Spott? +Dass Recha eine Christin ist: das freuet +Euch, einen Christen, einen Tempelherrn, +Der Ihr sie liebt, nicht mehr? + +Tempelherr. Besonders, da +Sie eine Christin ist von Eurer Mache. + +Daja. +Ah! so versteht Ihr's? So mag's gelten!--Nein! +Den will ich sehn, der die bekehren soll! +Ihr Glueck ist, laengst zu sein, was sie zu werden +Verdorben ist. + +Tempelherr. Erklaert Euch, oder--geht! + +Daja. +Sie ist ein Christenkind, von Christeneltern +Geboren; ist getauft... + +Tempelherr (hastig). Und Nathan? + +Daja. Nicht +Ihr Vater! + +Tempelherr. Nathan nicht ihr Vater?--Wisst +Ihr, was Ihr sagt? + +Daja. Die Wahrheit, die so oft +Mich blut'ge Traenen weinen machen.--Nein, +Er ist ihr Vater nicht... + +Tempelherr. Und haette sie +Als seine Tochter nur erzogen? haette +Das Christenkind als eine Juedin sich +Erzogen? + +Daja. Ganz gewiss. + +Tempelherr. Sie wuesste nicht, +Was sie geboren sei?--Sie haett' es nie +Von ihm erfahren, dass sie eine Christin +Geboren sei, und keine Juedin? + +Daja. Nie! + +Tempelherr. +Er haett' in diesem Wahne nicht das Kind +Bloss auferzogen? liess das Maedchen noch +In diesem Wahne? + +Daja. Leider! + +Tempelherr. Nathan--Wie? +Der weise gute Nathan haette sich +Erlaubt, die Stimme der Natur so zu +Verfaelschen?--Die Ergiessung eines Herzens +So zu verrenken, die, sich selbst gelassen, +Ganz andre Wege nehmen wuerde?--Daja, +Ihr habt mir allerdings etwas vertraut-- +Von Wichtigkeit,--was Folgen haben kann,-- +Was mich verwirrt,--worauf ich gleich nicht weiss, +Was mir zu tun.--Drum lasst mir Zeit.--Drum geht! +Er koemmt hier wiederum vorbei. Er moecht' +Uns ueberfallen. Geht! + +Daja. Ich waer' des Todes! + +Tempelherr. +Ich bin ihn itzt zu sprechen ganz und gar +Nicht faehig. Wenn Ihr ihm begegnet, sagt +Ihm nur, dass wir einander bei dem Sultan +Schon finden wuerden. + +Daja. Aber lasst Euch ja +Nichts merken gegen ihn.--Das soll nur so +Den letzten Druck dem Dinge geben; soll +Euch, Rechas wegen, alle Skrupel nur +Benehmen!--Wenn Ihr aber dann sie nach +Europa fuehrt: so lasst Ihr doch mich nicht +Zurueck? + +Tempelherr. Das wird sich finden. Geht nur, geht! + + + + + +Vierter Aufzug + + + +Erster Auftritt + +(Szene: in den Kreuzgaengen des Klosters.) + +Der Klosterbruder und bald darauf der Tempelherr. + + +Klosterbruder. +Ja, ja! er hat schon recht, der Patriarch! +Es hat mir freilich noch von alledem +Nicht viel gelingen wollen, was er mir +So aufgetragen.--Warum traegt er mir +Auch lauter solche Sachen auf?--Ich mag +Nicht fein sein; mag nicht ueberreden; mag +Mein Naeschen nicht in alles stecken; mag +Mein Haendchen nicht in allem haben.--Bin +Ich darum aus der Welt geschieden, ich +Fuer mich; um mich fuer andre mit der Welt +Noch erst recht zu verwickeln? + +Tempelherr (mit Hast auf ihn zukommend). +Guter Bruder! +Da seid Ihr ja. Ich hab Euch lange schon +Gesucht. + +Klosterbruder. Mich, Herr? + +Tempelherr. Ihr kennt mich schon nicht mehr? + +Klosterbruder. +Doch, doch! Ich glaubte nur, dass ich den Herrn +In meinem Leben wieder nie zu sehn +Bekommen wuerde. Denn ich hofft' es zu +Dem lieben Gott.--Der liebe Gott, der weiss, +Wie sauer mir der Antrag ward, den ich +Dem Herrn zu tun verbunden war. Er weiss, +Ob ich gewuenscht, ein offnes Ohr bei Euch +Zu finden; weiss, wie sehr ich mich gefreut, +Im Innersten gefreut, dass Ihr so rund +Das alles, ohne viel Bedenken, von +Euch wies't, was einem Ritter nicht geziemt.-- +Nun kommt Ihr doch; nun hat's doch nachgewirkt! + +Tempelherr. +Ihr wisst es schon, warum ich komme? Kaum +Weiss ich es selbst. + +Klosterbruder. Ihr habt's nun ueberlegt; +Habt nun gefunden, dass der Patriarch +So unrecht doch nicht hat; dass Ehr' und Geld +Durch seinen Anschlag zu gewinnen; dass +Ein Feind ein Feind ist, wenn er unser Engel +Auch siebenmal gewesen waere. Das, +Das habt Ihr nun mit Fleisch und Blut erwogen, +Und kommt, und tragt Euch wieder an.--Ach Gott! + +Tempelherr. +Mein frommer, lieber Mann! gebt Euch zufrieden. +Deswegen komm ich nicht; deswegen will +Ich nicht den Patriarchen sprechen. Noch, +Noch denk ich ueber jenen Punkt, wie ich +Gedacht, und wollt' um alles in der Welt +Die gute Meinung nicht verlieren, deren +Mich ein so grader, frommer, lieber Mann +Einmal gewuerdiget.--Ich komme bloss, +Den Patriarchen ueber eine Sache +Um Rat zu fragen... + +Klosterbruder. Ihr den Patriarchen? +Ein Ritter, einen--Pfaffen? +(Sich schuechtern umsehend.) + +Tempelherr. Ja;--die Sach' +Ist ziemlich pfaeffisch. + +Klosterbruder. Gleichwohl fragt der Pfaffe +Den Ritter nie, die Sache sei auch noch +So ritterlich. + +Tempelherr. Weil er das Vorrecht hat, +Sich zu vergehn; das unsereiner ihm +Nicht sehr beneidet.--Freilich, wenn ich nur +Fuer mich zu handeln haette; freilich, wenn +Ich Rechenschaft nur mir zu geben haette: +Was braucht' ich Euers Patriarchen? Aber +Gewisse Dinge will ich lieber schlecht, +Nach andrer Willen, machen; als allein +Nach meinem, gut.--Zudem, ich seh nun wohl, +Religion ist auch Partei; und wer +Sich drob auch noch so unparteiisch glaubt, +Haelt, ohn' es selbst zu wissen, doch nur seiner +Die Stange. Weil das einmal nun so ist: +Wird's so wohl recht sein. + +Klosterbruder. Dazu schweig ich lieber. +Denn ich versteh den Herrn nicht recht. + +Tempelherr. Und doch!-- +(Lass sehn, warum mir eigentlich zu tun! +Um Machtspruch oder Rat?--Um lautern, oder +Gelehrten Rat?)--Ich dank Euch, Bruder; dank +Euch fuer den guten Wink.--Was Patriarch?-- +Seid Ihr mein Patriarch! Ich will ja doch +Den Christen mehr im Patriarchen, als +Den Patriarchen in dem Christen fragen.-- +Die Sach' ist die... + +Klosterbruder. Nicht weiter, Herr, nicht weiter! +Wozu?--Der Herr verkennt mich.--Wer viel weiss, +Hat viel zu sorgen; und ich habe ja +Mich einer Sorge nur gelobt.--O gut! +Hoert! seht! Dort koemmt, zu meinem Glueck, er selbst. +Bleibt hier nur stehn. Er hat Euch schon erblickt. + + + +Zweiter Auftritt + +Der Patriarch, welcher mit allem geistlichen Pomp den einen Kreuzgang +heraufkommt, und die Vorigen. + + +Tempelherr. +Ich wich' ihm lieber aus.--Waer' nicht mein Mann! +Ein dicker, roter, freundlicher Praelat! +Und welcher Prunk! + +Klosterbruder. Ihr solltet ihn erst sehn +Nach Hofe sich erheben. Itzo koemmt +Er nur von einem Kranken. + +Tempelherr. Wie sich da +Nicht Saladin wird schaemen muessen! + +Patriarch (indem er naeherkommt, winkt dem Bruder). Hier!-- +Das ist ja wohl der Tempelherr. Was will +Er? + +Klosterbruder. Weiss nicht. + +Patriarch (auf ihn zugehend, indem der Bruder und das Gefolge +zuruecktreten). +Nun, Herr Ritter!--Sehr erfreut, +Den braven jungen Mann zu sehn!--Ei, noch +So gar jung!--Nun, mit Gottes Hilfe, daraus +Kann etwas werden. + +Tempelherr. Mehr, ehrwuerd'ger Herr, +Wohl schwerlich, als schon ist. Und eher noch, +Was weniger. + +Patriarch. Ich wuensche wenigstens, +Dass so ein frommer Ritter lange noch +Der lieben Christenheit, der Sache Gottes +Zu Ehr' und Frommen bluehn und gruenen moege! +Das wird denn auch nicht fehlen, wenn nur fein +Die junge Tapferkeit dem reifen Rate +Des Alters folgen will!--Womit waer' sonst +Dem Herrn zu dienen? + +Tempelherr. Mit dem naemlichen, +Woran es meiner Jugend fehlt: mit Rat. + +Patriarch. +Recht gern!--Nur ist der Rat auch anzunehmen. + +Tempelherr. +Doch blindlings nicht? + +Patriarch. Wer sagt denn das?--Ei freilich +Muss niemand die Vernunft, die Gott ihm gab, +Zu brauchen unterlassen,--wo sie hin- +Gehoert.--Gehoert sie aber ueberall +Denn hin?--O nein!--Zum Beispiel: wenn uns Gott +Durch einen seiner Engel,--ist zu sagen, +Durch einen Diener seines Worts,--ein Mittel +Bekannt zu machen wuerdiget, das Wohl +Der ganzen Christenheit, das Heil der Kirche, +Auf irgendeine ganz besondre Weise +Zu foerdern, zu befestigen: wer darf +Sich da noch unterstehn, die Willkuer des, +Der die Vernunft erschaffen, nach Vernunft +Zu untersuchen? und das ewige +Gesetz der Herrlichkeit des Himmels, nach +Den kleinen Regeln einer eiteln Ehre +Zu pruefen?--Doch hiervon genug.--Was ist +Es denn, worueber unsern Rat fuer itzt +Der Herr verlangt? + +Tempelherr. Gesetzt, ehrwuerd'ger Vater, +Ein Jude haett' ein einzig Kind,--es sei +Ein Maedchen,--das er mit der groessten Sorgfalt +Zu allem Guten auferzogen, das +Er liebe mehr als seine Seele, das +Ihn wieder mit der froemmsten Liebe liebe. +Und nun wuerd' unsereinem hinterbracht, +Dies Maedchen sei des Juden Tochter nicht; +Er hab' es in der Kindheit aufgelesen, +Gekauft, gestohlen,--was Ihr wollt; man wisse, +Das Maedchen sei ein Christenkind, und sei +Getauft; der Jude hab' es nur als Juedin +Erzogen; lass' es nur als Juedin und +Als seine Tochter so verharren:--sagt, +Ehrwuerd'ger Vater, was waer' hierbei wohl +Zu tun? + +Patriarch. Mich schaudert!--Doch zu allererst +Erklaere sich der Herr, ob so ein Fall +Ein Faktum oder eine Hypothes'. +Das ist zu sagen: ob der Herr sich das +Nur bloss so dichtet, oder ob's geschehn, +Und fortfaehrt zu geschehn. + +Tempelherr. Ich, glaubte, das +Sei eins, um Euer Hochehrwuerden Meinung +Bloss zu vernehmen. + +Patriarch. Eins?--Da seh' der Herr +Wie sich die stolze menschliche Vernunft +Im Geistlichen doch irren kann.--Mitnichten! +Denn ist der vorgetragne Fall nur so +Ein Spiel des Witzes: so verlohnt es sich +Der Muehe nicht, im Ernst ihn durchzudenken. +Ich will den Herrn damit auf das Theater +Verwiesen haben, wo dergleichen pro +Et contra sich mit vielem Beifall koennte +Behandeln lassen.--Hat der Herr mich aber +Nicht bloss mit einer theatral'schen Schnurre +Zum besten; ist der Fall ein Faktum; haett' +Er sich wohl gar in unsrer Dioezes', +In unsrer lieben Stadt Jerusalem +Ereignet:--ja alsdann-- + +Tempelherr. Und was alsdann? + +Patriarch. +Dann waere an dem Juden foerdersamst +Die Strafe zu vollziehn, die paepstliches +Und kaiserliches Recht so einem Frevel, +So einer Lastertat bestimmen. + +Tempelherr. So? + +Patriarch. +Und zwar bestimmen obbesagte Rechte +Dem Juden, welcher einen Christen zur +Apostasie verfuehrt,--den Scheiterhaufen, +Den Holzstoss-- + +Tempelherr. So? + +Patriarch. Und wieviel mehr dem Juden, +Der mit Gewalt ein armes Christenkind +Dem Bunde seiner Tauf' entreisst! Denn ist +Nicht alles, was man Kindern tut, Gewalt?-- +Zu sagen:--ausgenommen, was die Kirch' +An Kindern tut. + +Tempelherr. Wenn aber nun das Kind, +Erbarmte seiner sich der Jude nicht, +Vielleicht im Elend umgekommen waere? + +Patriarch. +Tut nichts! der Jude wird verbrannt!--Denn besser, +Es waere hier im Elend umgekommen, +Als dass zu seinem ewigen Verderben +Es so gerettet ward.--Zudem, was hat +Der Jude Gott denn vorzugreifen? Gott +Kann, wen er retten will, schon ohn' ihn retten. + +Tempelherr. +Auch trotz ihm, sollt' ich meinen,--selig machen. + +Patriarch. +Tut nichts! der Jude wird verbrannt. + +Tempelherr. Das geht +Mir nah'! Besonders, da man sagt, er habe +Das Maedchen nicht sowohl in seinem, als +Vielmehr in keinem Glauben auferzogen, +Und sie von Gott nicht mehr nicht weniger +Gelehrt, als der Vernunft genuegt. + +Patriarch. Tut nichts! +Der Jude wird verbrannt... Ja, waer' allein +Schon dieserwegen wert, dreimal verbrannt +Zu werden!--Was? ein Kind ohn' allen Glauben +Erwachsen lassen?--Wie? die grosse Pflicht, +Zu glauben, ganz und gar ein Kind nicht lehren? +Das ist zu arg! Mich wundert sehr, Herr Ritter, +Euch selbst... + +Tempelherr. Ehrwuerd'ger Herr, das uebrige, +Wenn Gott will, in der Beichte. (Will gehn.) + +Patriarch. Was? mir nun +Nicht einmal Rede stehn?--Den Boesewicht, +Den Juden mir nicht nennen?--mir ihn nicht +Zur Stelle schaffen?--O da weiss ich Rat! +Ich geh sogleich zum Sultan.--Saladin, +Vermoege der Kapitulation, +Die er beschworen, muss uns, muss uns schuetzen; +Bei allen Rechten, allen Lehren schuetzen, +Die wir zu unsrer Allerheiligsten +Religion nur immer rechnen duerfen! +Gottlob! wir haben das Original. +Wir haben seine Hand, sein Siegel. Wir!-- +Auch mach ich ihm gar leicht begreiflich, wie +Gefaehrlich selber fuer den Staat es ist, +Nichts glauben! Alle buergerliche Bande +Sind aufgeloeset, sind zerrissen, wenn +Der Mensch nichts glauben darf.--Hinweg! hinweg +Mit solchem Frevel!... + +Tempelherr. Schade, dass ich nicht +Den trefflichen Sermon mit bessrer Musse +Geniessen kann! Ich bin zum Saladin +Gerufen. + +Patriarch. Ja?--Nun so--Nun freilich--Dann-- + +Tempelherr. +Ich will den Sultan vorbereiten, wenn +Es Eurer Hochehrwuerden so gefaellt. + +Patriarch. +Oh, oh!--Ich weiss, der Herr hat Gnade funden +Vor Saladin!--Ich bitte meiner nur +Im Besten bei ihm eingedenk zu sein.-- +Mich treibt der Eifer Gottes lediglich. +Was ich zuviel tu, tu ich ihm.--Das wolle +Doch ja der Herr erwaegen!--Und nicht wahr, +Herr Ritter? das vorhin Erwaehnte von +Dem Juden, war nur ein Problema?--ist +Zu sagen-- + +Tempelherr. Ein Problema. (Geht ab.) + +Patriarch. (Dem ich tiefer +Doch auf den Grund zu kommen suchen muss. +Das waer' so wiederum ein Auftrag fuer +Den Bruder Bonafides.)--Hier, mein Sohn! + +(Er spricht im Abgehn mit dem Klosterbruder.) + + + +Dritter Auftritt + +(Szene: ein Zimmer im Palaste des Saladin, in welches von Sklaven +eine Menge Beutel getragen, und auf dem Boden nebeneinandergestellt +werden.) + +Saladin und bald darauf Sittah. + + +Saladin (der dazukoemmt). +Nun wahrlich! das hat noch kein Ende.--Ist +Des Dings noch viel zurueck? + +Ein Sklave. Wohl noch die Haelfte. + +Saladin. +So tragt das uebrige zu Sittah.--Und +Wo bleibt Al-Hafi? Das hier soll sogleich +Al-Hafi zu sich nehmen.--Oder ob +Ich's nicht vielmehr dem Vater schicke? Hier +Faellt mir es doch nur durch die Finger.--Zwar +Man wird wohl endlich hart; und nun gewiss +Soll's Kuenste kosten, mir viel abzuzwacken. +Bis wenigstens die Gelder aus Aegypten +Zur Stelle kommen, mag das Armut sehn, +Wie's fertig wird!--Die Spenden bei dem Grabe, +Wenn die nur fortgehn! Wenn die Christenpilger +Mit leeren Haenden nur nicht abziehn duerfen! +Wenn nur-- + +Sittah. Was soll nun das? Was soll das Geld +Bei mir? + +Saladin. Mach dich davon bezahlt; und leg +Auf Vorrat, wenn was uebrigbleibt. + +Sittah. Ist Nathan +Noch mit dem Tempelherrn nicht da? + +Saladin. Er sucht +Ihn aller Orten. + +Sittah. Sieh doch, was ich hier, +Indem mir so mein alt Geschmeide durch +Die Haende geht, gefunden. + +(Ihm ein klein Gemaelde zeigend.) + +Saladin. Ha! mein Bruder! +Das ist er, ist er!--War er! war er! ah!-- +Ah wackrer lieber Junge, dass ich dich +So frueh verlor! Was haett' ich erst mit dir, +An deiner Seit' erst unternommen!--Sittah, +Lass mir das Bild. Auch kenn ich's schon: er gab +Es deiner aeltern Schwester, seiner Lilla, +Die eines Morgens ihn so ganz und gar +Nicht aus den Armen lassen wollt'. Es war +Der letzte, den er ausritt.--Ah, ich liess +Ihn reiten, und allein!--Ah, Lilla starb +Vor Gram, und hat mir's nie vergeben, dass +Ich so allein ihn reiten lassen.--Er +Blieb weg! + +Sittah. Der arme Bruder! + +Saladin. Lass nur gut +Sein!--Einmal bleiben wir doch alle weg!-- +Zudem,--wer weiss? Der Tod ist's nicht allein, +Der einem Juengling seiner Art das Ziel +Verrueckt. Er hat der Feinde mehr; und oft +Erliegt der Staerkste gleich dem Schwaechsten.--Nun, +Sei wie ihm sei!--Ich muss das Bild doch mit +Dem jungen Tempelherrn vergleichen; muss +Doch sehn, wieviel mich meine Phantasie +Getaeuscht. + +Sittah. Nur darum bring ich's. Aber gib +Doch, gib! Ich will dir das wohl sagen; das +Versteht ein weiblich Aug' am besten. + +Saladin (zu einem Tuersteher, der hereintritt). +Wer +Ist da?--der Tempelherr?--Er komm'! + +Sittah. Euch nicht +Zu stoeren: ihn mit meiner Neugier nicht +Zu irren-- +(Sie setzt sich seitwaerts auf einen Sofa und laesst den Schleier fallen.) + +Saladin. Gut so! gut!--(Und nun sein Ton! +Wie der wohl sein wird!--Assads Ton +Schlaeft auch wohl wo in meiner Seele noch!) + + + +Vierter Auftritt + +Der Tempelherr und Saladin. + + +Tempelherr. +Ich, dein Gefangner, Sultan... + +Saladin. Mein Gefangner? +Wem ich das Leben schenke, werd ich dem +Nicht auch die Freiheit schenken? + +Tempelherr. Was dir ziemt +Zu tun, ziemt mir, erst zu vernehmen, nicht +Vorauszusetzen. Aber, Sultan,--Dank, +Besondern Dank dir fuer mein Leben zu +Beteuern, stimmt mit meinem Stand und meinem +Charakter nicht.--Es steht in allen Faellen +Zu deinen Diensten wieder. + +Saladin. Brauch es nur +Nicht wider mich!--Zwar ein paar Haende mehr, +Die goennt' ich meinem Feinde gern. Allein +Ihm so ein Herz auch mehr zu goennen, faellt +Mir schwer.--Ich habe mich mit dir in nichts +Betrogen, braver junger Mann! Du bist +Mit Seel' und Leib mein Assad. Sieh! ich koennte +Dich fragen: wo du denn die ganze Zeit +Gesteckt? in welcher Hoehle du geschlafen? +In welchem Ginnistan, von welcher guten +Div diese Blume fort und fort so frisch +Erhalten worden? Sich! ich koennte dich +Erinnern wollen, was wir dort und dort +Zusammen ausgefuehrt. Ich koennte mit +Dir zanken, dass du ein Geheimnis doch +Vor mir gehabt! Ein Abenteuer mir +Doch unterschlagen:--Ja das koennt' ich; wenn +Ich dich nur saeh', und nicht auch mich.--Nun, mag's! +Von dieser suessen Traeumerei ist immer +Doch so viel wahr, dass mir in meinem Herbst +Ein Assad wieder bluehen soll.--Du bist +Es doch zufrieden, Ritter? + +Tempelherr. Alles, was +Von dir mir koemmt,--sei was es will--das lag +Als Wunsch in meiner Seele. + +Saladin. Lass uns das +Sogleich versuchen.--Bliebst du wohl bei mir? +Um mir?--Als Christ, als Muselmann: gleichviel! +Im weissen Mantel, oder Jamerlonk; +Im Tulban, oder deinem Filze: wie +Du willst! Gleichviel! Ich habe nie verlangt, +Dass allen Baeumen eine Rinde wachse. + +Tempelherr. +Sonst waerst du wohl auch schwerlich, der du bist: +Der Held, der lieber Gottes Gaertner waere. + +Saladin. +Nun dann; wenn du nicht schlechter von mir denkst: +So waeren wir ja halb schon richtig? + +Tempelherr Ganz! + +Saladin (ihm die Hand bietend). +Ein Wort? + +Tempelherr (einschlagend). +Ein Mann!--Hiermit empfange mehr +Als du mir nehmen konntest. Ganz der Deine! + +Saladin. +Zuviel Gewinn fuer einen Tag! zuviel! +Kam er nicht mit? + +Tempelherr. Wer? + +Saladin. Nathan. + +Tempelherr (frostig). Nein. Ich kam +Allein. + +Saladin. Welch eine Tat von dir! Und welch +Ein weises Glueck, dass eine solche Tat +Zum Besten eines solchen Mannes ausschlug. + +Tempelherr. +Ja, ja! + +Saladin. So kalt?--Nein, junger Mann! wenn Gott +Was Gutes durch uns tut, muss man so kalt +Nicht sein!--selbst aus Bescheidenheit so kalt +Nicht scheinen wollen! + +Tempelherr. Dass doch in der Welt +Ein jedes Ding so manche Seiten hat!-- +Von denen oft sich gar nicht denken laesst, +Wie sie zusammenpassen! + +Saladin. Halte dich +Nur immer an die best', und preise Gott! +Der weiss, wie sie zusammenpassen.--Aber, +Wenn du so schwierig sein willst, junger Mann: +So werd auch ich ja wohl auf meiner Hut +Mich mit dir halten muessen? Leider bin +Auch ich ein Ding von vielen Seiten, die +Oft nicht so recht zu passen scheinen moegen. + +Tempelherr. +Das schmerzt!--Denn Argwohn ist so wenig sonst +Mein Fehler-- + +Saladin. Nun, so sage doch, mit wem +Du's hast?--Es schien ja gar, mit Nathan. Wie? +Auf Nathan Argwohn? du?--Erklaer dich! sprich! +Komm, gib mir deines Zutrauns erste Probe. + +Tempelherr. +Ich habe wider Nathan nichts. Ich zuern +Allein mit mir-- + +Saladin. Und ueber was? + +Tempelherr. Dass mir +Getraeumt, ein Jude koenn' auch wohl ein Jude +Zu sein verlernen; dass mir wachend so +Getraeumt. + +Saladin. Heraus mit diesem wachen Traume! + +Tempelherr. +Du weisst von Nathans Tochter, Sultan. Was +Ich fuer sie tat, das tat ich,--weil ich's tat. +Zu stolz, Dank einzuernten, wo ich ihn +Nicht saeete, verschmaeht' ich Tag fuer Tag, +Das Maedchen noch einmal zu sehn. Der Vater +War fern; er koemmt; er hoert; er sucht mich auf; +Er dankt; er wuenscht, dass seine Tochter mir +Gefallen moege; spricht von Aussicht, spricht +Von heitern Fernen.--Nun, ich lasse mich +Beschwatzen, komme, sehe, finde wirklich +Ein Maedchen... Ah, ich muss mich schaemen, Sultan!-- + +Saladin. +Dich schaemen?--dass ein Judenmaedchen auf +Dich Eindruck machte: doch wohl nimmermehr? + +Tempelherr. +Dass diesem Eindruck, auf das liebliche +Geschwaetz des Vaters hin, mein rasches Herz +So wenig Widerstand entgegensetzte!-- +Ich Tropf! ich sprang zum zweitenmal ins Feuer. +Denn nun warb ich, und nun ward ich verschmaeht. + +Saladin. +Verschmaeht? + +Tempelherr. Der weise Vater schlaegt nun wohl +Mich platterdings nicht aus. Der weise Vater +Muss aber doch sich erst erkunden, erst +Besinnen. Allerdings! Tat ich denn das +Nicht auch? Erkundete, besann ich denn +Mich erst nicht auch, als sie im Feuer schrie?-- +Fuerwahr! bei Gott! Es ist doch gar was Schoenes, +So weise, so bedaechtig sein! + +Saladin. Nun, nun! +So sieh doch einem Alten etwas nach! +Wie lange koennen seine Weigerungen +Denn dauern? Wird er denn von dir verlangen, +Dass du erst Jude werden sollst? + +Tempelherr. Wer weiss! + +Saladin. +Wer weiss?--der diesen Nathan besser kennt. + +Tempelherr. +Der Aberglaub', in dem wir aufgewachsen, +Verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum +Doch seine Macht nicht ueber uns.--Es sind +Nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten. + +Saladin. +Sehr reif bemerkt! Doch Nathan wahrlich, Nathan... + +Tempelherr. +Der Aberglauben schlimmster ist, den seinen +Fuer den ertraeglichern zu halten... + +Saladin. Mag +Wohl sein! Doch Nathan..., + +Tempelherr. Dem allein +Die bloede Menschheit zu vertrauen, bis +Sie hellern Wahrheitstag gewoehne; dem +Allein... + +Saladin. Gut! Aber Nathan!--Nathans Los +Ist diese Schwachheit nicht. + +Tempelherr. So dacht' ich auch! ... +Wenn gleichwohl dieser Ausbund aller Menschen +So ein gemeiner Jude waere, dass +Er Christenkinder zu bekommen suche, +Um sie als Juden aufzuziehn:--wie dann? + +Saladin. +Wer sagt ihm so was nach? + +Tempelherr. Das Maedchen selbst, +Mit welcher er mich koernt, mit deren Hoffnung +Er gern mir zu bezahlen schiene, was +Ich nicht umsonst fuer sie getan soll haben:-- +Dies Maedchen selbst ist seine Tochter--nicht; +Ist ein verzettelt Christenkind. + +Saladin. Das er +Dem ungeachtet dir nicht geben wollte? + +Tempelherr (heftig). +Woll' oder wolle nicht! Er ist entdeckt. +Der tolerante Schwaetzer ist entdeckt! +Ich werde hinter diesen jued'schen Wolf +Im philosoph'schen Schafpelz Hunde schon +Zu bringen wissen, die ihn zausen sollen! + +Saladin (ernst). +Sei ruhig, Christ! + +Tempelherr. Was? ruhig Christ?--Wenn Jud' +Und Muselmann, auf Jud', auf Muselmann +Bestehen: soll allein der Christ den Christen +Nicht machen duerfen? + +Saladin (noch ernster). Ruhig, Christ! + +Tempelherr (gelassen). Ich fuehle +Des Vorwurfs ganze Last,--die Saladin +In diese Silbe presst! Ah, wenn ich wuesste, +Wie Assad,--Assad sich an meiner Stelle +Hierbei genommen haette! + +Saladin. Nicht viel besser!-- +Vermutlich ganz so brausend!--Doch, wer hat +Denn dich auch schon gelehrt, mich so wie er +Mit einem Worte zu bestechen? Freilich +Wenn alles sich verhaelt, wie du mir sagest: +Kann ich mich selber kaum in Nathan finden.-- +Indes, er ist mein Freund, und meiner Freunde +Muss keiner mit dem andern hadern.--Lass +Dich weisen! Geh behutsam! Gib ihn nicht +Sofort den Schwaermern deines Poebels preis! +Verschweig, was deine Geistlichkeit, an ihm +Zu raechen, mir so nahe legen wuerde! +Sei keinem Juden, keinem Muselmanne +Zum Trotz ein Christ! + +Tempelherr. Bald waer's damit zu spaet! +Doch dank der Blutbegier des Patriarchen, +Des Werkzeug mir zu werden graute! + +Saladin. Wie? +Du kamst zum Patriarchen eher, als +Zu mir? + +Tempelherr. Im Sturm der Leidenschaft, im Wirbel +Der Unentschlossenheit!--Verzeih!--Du wirst +Von deinem Assad, fuercht ich, ferner nun +Nichts mehr in mir erkennen wollen. + +Saladin. Waer' +Es diese Furcht nicht selbst! Mich duenkt, ich weiss, +Aus welchen Fehlern unsre Tugend keimt. +Pfleg diese ferner nur, und jene sollen +Bei mir dir wenig schaden.--Aber geh! +Such du nun Nathan, wie er dich gesucht; +Und bring ihn her. Ich muss euch doch zusammen +Verstaendigen.--Waer' um das Maedchen dir +Im Ernst zu tun: sei ruhig. Sie ist dein! +Auch soll es Nathan schon empfinden, dass +Er ohne Schweinefleisch ein Christenkind +Erziehen duerfen!--Geh! + +(Der Tempelherr geht ab, und Sittah verlaesst den Sofa.) + + + +Fuenfter Auftritt + +Saladin und Sittah. + + +Sittah. Ganz sonderbar! + +Saladin. +Gelt, Sittah? Muss mein Assad nicht ein braver, +Ein schoener junger Mann gewesen sein? + +Sittah. +Wenn er so war, und nicht zu diesem Bilde +Der Tempelherr vielmehr gesessen!--Aber +Wie hast du doch vergessen koennen dich +Nach seinen Eltern zu erkundigen? + +Saladin. +Und insbesondre wohl nach seiner Mutter? +Ob seine Mutter hierzulande nie +Gewesen sei?--Nicht wahr? + +Sittah. Das machst du gut! + +Saladin. +Oh, moeglicher waer' nichts! Denn Assad war +Bei huebschen Christendamen so willkommen, +Auf huebsche Christendamen so erpicht, +Dass einmal gar die Rede ging--Nun, nun; +Man spricht nicht gern davon.--Genug; ich hab +Ihn wieder!--will mit allen seinen Fehlern, +Mit allen Launen seines weichen Herzens +Ihn wieder haben!--Oh! das Maedchen muss +Ihm Nathan geben. Meinst du nicht? + +Sittah. Ihm geben? +Ihm lassen! + +Saladin. Allerdings! Was haette Nathan, +Sobald er nicht ihr Vater ist, fuer Recht +Auf sie? Wer ihr das Leben so erhielt, +Tritt einzig in die Rechte des, der ihr +Es gab. + +Sittah. Wie also, Saladin? wenn du +Nur gleich das Maedchen zu dir naehmst? Sie nur +Dem unrechtmaessigen Besitzer gleich +Entzoegest? + +Saladin. Taete das wohl not? + +Sittah. Not nun +Wohl eben nicht!--Die liebe Neubegier +Treibt mich allein, dir diesen Rat zu geben. +Denn von gewissen Maennern mag ich gar +Zu gern, so bald wie moeglich, wissen, was +Sie fuer ein Maedchen lieben koennen. + +Saladin. Nun, +So schick und lass sie holen. + +Sittah. Darf ich, Bruder? + +Saladin. +Nur schone Nathans! Nathan muss durchaus +Nicht glauben, dass man mit Gewalt ihn von +Ihr trennen wolle. + +Sittah. Sorge nicht. + +Saladin. Und ich, +Ich muss schon selbst sehn, wo Al-Hafi bleibt. + + + +Sechster Auftritt + +(Szene: die offne Flur in Nathans Hause, gegen die Palmen zu; wie im +ersten Auftritte des ersten Aufzuges. Ein Teil der Waren und +Kostbarkeiten liegt ausgekramt, deren ebendaselbst gedacht wird.) + + +Nathan und Daja. + +Daja. Oh, alles herrlich! alles auserlesen! +Oh, alles--wie nur Ihr es geben koennt. +Wo wird der Silberstoff mit goldnen Ranken +Gemacht? Was kostet er?--Das nenn ich noch +Ein Brautkleid! Keine Koenigin verlangt +Es besser. + +Nathan. Brautkleid? Warum Brautkleid eben? + +Daja. +Je nun! Ihr dachtet daran freilich nicht, +Als Ihr ihn kauftet.--Aber wahrlich, Nathan, +Der und kein andrer muss es sein! Er ist +Zum Brautkleid wie bestellt. Der weisse Grund; +Ein Bild der Unschuld: und die goldnen Stroeme, +Die allerorten diesen Grund durchschlaengeln; +Ein Bild des Reichtums. Seht Ihr? Allerliebst! + +Nathan. +Was witzelst du mir da? Von wessen Brautkleid +Sinnbilderst du mir so gelehrt?--Bist du +Denn Braut? + +Daja. Ich? + +Nathan. Nun wer denn? + +Daja. Ich?--lieber Gott! + +Nathan. +Wer denn? Von wessen Brautkleid sprichst du denn? +Das alles ist ja dein, und keiner andern. + +Daja. +Ist mein? Soll mein sein?--Ist fuer Recha nicht? + +Nathan. +Was ich fuer Recha mitgebracht, das liegt +In einem andern Ballen. Mach! nimm weg! +Trag deine Siebensachen fort! + +Daja. Versucher! +Nein, waeren es die Kostbarkeiten auch +Der ganzen Welt! Nicht ruehr an! wenn Ihr mir +Vorher nicht schwoert, von dieser einzigen +Gelegenheit, dergleichen Euch der Himmel +Nicht zweimal schicken wird, Gebrauch zu machen. + +Nathan. +Gebrauch? von was?--Gelegenheit? wozu? + +Daja. +O stellt Euch nicht so fremd!--Mit kurzen Worten! +Der Tempelherr liebt Recha: gebt sie ihm, +So hat doch einmal Eure Suende, die +Ich laenger nicht verschweigen kann, ein Ende. +So koemmt das Maedchen wieder unter Christen; +Wird wieder, was sie ist; ist wieder, was +Sie ward: und Ihr, Ihr habt mit all dem Guten, +Was wir Euch nicht genug verdanken koennen, +Nicht Feuerkohlen bloss auf Euer Haupt +Gesammelt. + +Nathan. Doch die alte Leier wieder?-- +Mit einer neuen Saite nur bezogen, +Die, fuercht ich, weder stimmt noch haelt. + +Daja. Wieso? + +Nathan. +Mir waer' der Tempelherr schon recht. Ihm goennt' +Ich Recha mehr als einem in der Welt. +Allein... Nun, habe nur Geduld. + +Daja. Geduld? +Geduld ist Eure alte Leier nun +Wohl nicht? + +Nathan. Nur wenig Tage noch Geduld! ... +Sieh doch!--Wer koemmt denn dort? +Ein Klosterbruder? +Geh, frag ihn was er will. + +Daja. Was wird er wollen? + +(Sie geht auf ihn zu und fragt.) + +Nathan. +So gib!--und eh' er bittet.--(Wuesst' ich nur +Dem Tempelherrn erst beizukommen, ohne +Die Ursach' meiner Neugier ihm zu sagen! +Denn wenn ich sie ihm sag', und der Verdacht +Ist ohne Grund: so hab ich ganz umsonst +Den Vater auf das Spiel gesetzt.)--Was ist's? + +Daja. +Er will Euch sprechen. + +Nathan. Nun, so lass ihn kommen; +Und geh indes. + + + +Siebenter Auftritt + +Nathan und der Klosterbruder. + + +Nathan. (Ich bliebe Rechas Vater +Doch gar zu gern!--Zwar kann ich's denn nicht bleiben, +Auch wenn ich aufhoer, es zu heissen?--Ihr, +Ihr selbst werd ich's doch immer auch noch heissen, +Wenn sie erkennt, wie gern ich's waere.)--Geh!-- +Was ist zu Euern Diensten, frommer Bruder? + +Klosterbruder. +Nicht eben viel.--Ich freue mich, Herr Nathan, +Euch annoch wohl zu sehn. + +Nathan. So kennt Ihr mich? + +Klosterbruder. +Je nu; wer kennt Euch nicht? Ihr habt so manchem +Ja Euern Namen in die Hand gedrueckt. +Er steht in meiner auch, seit vielen Jahren. + +Nathan (nach seinem Beutel langend). +Kommt, Bruder, kommt; ich frisch ihn auf. + +Klosterbruder. Habt Dank! +Ich wuerd' es Aermern stehlen; nehme nichts.-- +Wenn Ihr mir nur erlauben wollt, ein wenig +Euch meinen Namen aufzufrischen. Denn +Ich kann mich ruehmen, auch in Eure Hand +Etwas gelegt zu haben, was nicht zu +Verachten war. + +Nathan. Verzeiht!--Ich schaeme mich-- +Sagt, was?--und nehmt zur Busse siebenfach +Den Wert desselben von mir an. + +Klosterbruder. Hoert doch +Vor allen Dingen, wie ich selber nur +Erst heut an dies mein Euch vertrautes Pfand +Erinnert worden. + +Nathan. Mir vertrautes Pfand? + +Klosterbruder. +Vor kurzem sass ich noch als Eremit +Auf Quarantana, unweit Jericho. +Da kam arabisch Raubgesindel, brach +Mein Gotteshaeuschen ab und meine Zelle +Und schleppte mich mit fort. Zum Glueck entkam +Ich noch und floh hierher zum Patriarchen, +Um mir ein ander Plaetzchen auszubitten, +Allwo ich meinem Gott in Einsamkeit +Bis an mein selig Ende dienen koenne. + +Nathan. +Ich steh auf Kohlen, guter Bruder. Macht +Es kurz. Das Pfand! das mir vertraute Pfand! + +Klosterbruder. +Sogleich, Herr Nathan.--Nun, der Patriarch +Versprach mir eine Siedelei auf Tabor, +Sobald als eine leer; und hiess inzwischen +Im Kloster mich als Laienbruder bleiben. +Da bin ich itzt, Herr Nathan; und verlange +Des Tags wohl hundertmal auf Tabor. Denn +Der Patriarch braucht mich zu allerlei, +Wovor ich grossen Ekel habe. Zum +Exempel: + +Nathan. Macht, ich bitt Euch! + +Klosterbruder. Nun, es koemmt!-- +Da hat ihm jemand heut ins Ohr gesetzt: +Es lebe hier herum ein Jude, der +Ein Christenkind als seine Tochter sich +Erzoege. + +Nathan. Wie? (Betroffen.) + +Klosterbruder. Hoert mich nur aus!--Indem +Er mir nun auftraegt, diesem Juden stracks, +Wo moeglich, auf die Spur zu kommen, und +Gewaltig sich ob eines solchen Frevels +Erzuernt, der ihm die wahre Suende wider +Den heil'gen Geist beduenkt;--das ist, die Suende, +Die aller Suenden groesste Suend' uns gilt, +Nur dass wir, Gott sei Dank, so recht nicht wissen, +Worin sie eigentlich besteht:--da wacht +Mit einmal mein Gewissen auf; und mir +Faellt bei, ich koennte selber wohl vor Zeiten +Zu dieser unverzeihlich grossen Suende +Gelegenheit gegeben haben.--Sagt: +Hat Euch ein Reitknecht nicht vor achtzehn Jahren +Ein Toechterchen gebracht von wenig Wochen? + +Nathan. +Wie das?--Nun freilich--allerdings-- + +Klosterbruder. Ei, seht +Mich doch recht an!--Der Reitknecht, der bin ich. + +Nathan. +Seid ihr? + +Klosterbruder. Der Herr, von welchem ich's Euch brachte, +War--ist mir recht--ein Herr von Filnek.--Wolf +Von Filnek! + +Nathan. Richtig! + +Klosterbruder. Weil die Mutter kurz +Vorher gestorben war; und sich der Vater +Nach--mein ich--Gazza ploetzlich werfen musste, +Wohin das Wuermchen ihm nicht folgen konnte: +So sandt' er's Euch. Und traf ich Euch damit +Nicht in Darun? + +Nathan. Ganz recht! + +Klosterbruder. Es waer' kein Wunder, +Wenn mein Gedaechtnis mich betroeg'. Ich habe +Der braven Herrn so viel gehabt; und diesem +Hab ich nur gar zu kurze Zeit gedient. +Er blieb bald drauf bei Askalon: und war +Wohl sonst ein lieber Herr. + +Nathan. Ja wohl! Ja wohl! +Dem ich so viel, so viel zu danken habe! +Der mehr als einmal mich dem Schwert entrissen! + +Klosterbruder. +O schoen! So werd't Ihr seines Toechterchens +Euch um so lieber angenommen haben. + +Nathan. +Das koennt Ihr denken. + +Klosterbruder. Nun, wo ist es denn? +Es ist doch wohl nicht etwa gar gestorben?-- +Lasst's lieber nicht gestorben sein!--Wenn sonst +Nur niemand um die Sache weiss: so hat +Es gute Wege. + +Nathan. Hat es? + +Klosterbruder. Traut mir, Nathan! +Denn seht, ich denke so! Wenn an das Gute, +Das ich zu tun vermeine, gar zu nah +Was gar zu Schlimmes grenzt: so tu ich lieber +Das Gute nicht; weil wir das Schlimme zwar +So ziemlich zuverlaessig kennen, aber +Bei weiten nicht das Gute.--War ja wohl +Natuerlich; wenn das Christentoechterchen +Recht gut von Euch erzogen werden sollte: +Dass Ihr's als Euer eigen Toechterchen +Erzoegt.--Das haettet Ihr mit aller Lieb' +Und Treue nun getan, und muesstet so +Belohnet werden? Das will mir nicht ein. +Ei freilich, klueger haettet Ihr getan; +Wenn Ihr die Christin durch die zweite Hand +Als Christin auferziehen lassen: aber +So haettet Ihr das Kindchen Eures Freunds +Auch nicht geliebt. Und Kinder brauchen Liebe, +Waer's eines wilden Tieres Lieb' auch nur, +In solchen Jahren mehr, als Christentum. +Zum Christentume hat's noch immer Zeit. +Wenn nur das Maedchen sonst gesund und fromm +Vor Euern Augen aufgewachsen ist, +So blieb's vor Gottes Augen, was es war. +Und ist denn nicht das ganze Christentum +Aufs Judentum gebaut? Es hat mich oft +Geaergert, hat mir Traenen g'nug gekostet, +Wenn Christen gar so sehr vergessen konnten, +Dass unser Herr ja selbst ein Jude war. + +Nathan. +Ihr, guter Bruder, muesst mein Fuersprach sein, +Wenn Hass und Gleisnerei sich gegen mich +Erheben sollten,--wegen einer Tat-- +Ah, wegen einer Tat!--Nur Ihr, Ihr sollt +Sie wissen!--Nehmt sie aber mit ins Grab! +Noch hat mich nie die Eitelkeit versucht, +Sie jemand andern zu erzaehlen. Euch +Allein erzaehl ich sie. Der frommen Einfalt +Allein erzaehl ich sie. Weil die allein +Versteht, was sich der gottergebne Mensch +Fuer Taten abgewinnen kann. + +Klosterbruder. Ihr seid +Geruehrt, und Euer Auge steht voll Wasser? + +Nathan. +Ihr traft mich mit dem Kinde zu Darun. +Ihr wisst wohl aber nicht, dass wenig Tage +Zuvor, in Gath die Christen alle Juden +Mit Weib und Kind ermordet hatten; wisst +Wohl nicht, dass unter diesen meine Frau +Mit sieben hoffnungsvollen Soehnen sich +Befunden, die in meines Bruders Hause, +Zu dem ich sie gefluechtet, insgesamt +Verbrennen muessen. + +Klosterbruder. Allgerechter! + +Nathan. Als +Ihr kamt, hatt' ich drei Tag' und Naecht' in Asch' +Und Staub vor Gott gelegen, und geweint.-- +Geweint? Beiher mit Gott auch wohl gerechtet, +Gezuernt, getobt, mich und die Welt verwuenscht; +Der Christenheit den unversoehnlichsten +Hass zugeschworen-- + +Klosterbruder. Ach! Ich glaub's Euch wohl! + +Nathan. +Doch nun kam die Vernunft allmaehlich wieder. +Sie sprach mit sanfter Stimm': "und doch ist Gott! +Doch war auch Gottes Ratschluss das! Wohlan! +Komm! uebe, was du laengst begriffen hast, +Was sicherlich zu ueben schwerer nicht, +Als zu begreifen ist, wenn du nur willst. +Steh auf!"--Ich stand! und rief zu Gott: ich will! +Willst du nur, dass ich will!--Indem stiegt Ihr +Vom Pferd, und ueberreichtet mir das Kind, +In Euern Mantel eingehuellt.--Was Ihr +Mir damals sagtet; was ich Euch: hab ich +Vergessen. Soviel weiss ich nur; ich nahm +Das Kind, trug's auf mein Lager, kuesst' es, warf +Mich auf die Knie und schluchzte: Gott! auf Sieben +Doch nun schon Eines wieder! + +Klosterbruder. Nathan! Nathan! +Ihr seid ein Christ!--Bei Gott, Ihr seid ein Christ! +Ein bessrer Christ war nie! + +Nathan. Wohl uns! Denn was +Mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir +Zum Juden!--Aber lasst uns laenger nicht +Einander nur erweichen. Hier braucht's Tat! +Und ob mich siebenfache Liebe schon +Bald an dies einz'ge fremde Maedchen band, +Ob der Gedanke mich schon toetet, dass +Ich meine sieben Soehn' in ihr aufs neue +Verlieren soll:--wenn sie von meinen Haenden +Die Vorsicht wieder fodert,--ich gehorche! + +Klosterbruder. +Nun vollends!--Eben das bedacht' ich mich +So viel, Euch anzuraten! Und so hat's +Euch Euer guter Geist schon angeraten! + +Nathan. +Nur muss der erste beste mir sie nicht +Entreissen wollen! + +Klosterbruder. Nein, gewiss nicht! + +Nathan. Wer +Auf sie nicht groessre Rechte hat, als ich, +Muss fruehere zum mind'sten haben-- + +Klosterbruder. Freilich! + +Nathan. +Die ihm Natur und Blut erteilen. + +Klosterbruder. So +Mein ich es auch! + +Nathan. Drum nennt mir nur geschwind +Den Mann, der ihr als Bruder oder Ohm, +Als Vetter oder sonst als Sipp' verwandt.-- +Ihm will ich sie nicht vorenthalten--Sie, +Die jedes Hauses, jedes Glaubens Zierde +Zu sein erschaffen und erzogen ward.-- +Ich hoff, Ihr wisst von diesem Euern Herrn +Und dem Geschlechte dessen, mehr als ich. + +Klosterbruder. +Das, guter Nathan, wohl nun schwerlich!--Denn +Ihr habt ja schon gehoert, dass ich nur gar +Zu kurze Zeit bei ihm gewesen. + +Nathan. Wisst +Ihr denn nicht wenigstens, was fuer Geschlechts +Die Mutter war?--War sie nicht eine Stauffin? + +Klosterbruder. +Wohl moeglich!--Ja, mich duenkt. + +Nathan. Hiess nicht ihr Bruder +Conrad von Stauffen?--und war Tempelherr? + +Klosterbruder. +Wenn mich's nicht truegt. Doch halt! Da faellt mir ein, +Dass ich vom sel'gen Herrn ein Buechelchen +Noch hab. Ich zog's ihm aus dem Busen, als +Wir ihn bei Askalon verscharrten. + +Nathan. Nun? + +Klosterbruder. +Es sind Gebete drin. Wir nennen's ein +Brevier.--Das, dacht' ich, kann ein Christenmensch +Ja wohl noch brauchen.--Ich nun freilich nicht +Ich kann nicht lesen-- + +Nathan. Tut nichts!--Nur zur Sache. + +Klosterbruder. +In diesem Buechelchen stehn vorn und hinten, +Wie ich mir sagen lassen, mit des Herrn +Selbsteigner Hand, die Angehoerigen +Von ihm und ihr geschrieben. + +Nathan. O erwuenscht! +Geht! lauft! holt mir das Buechelchen. Geschwind! +Ich bin bereit mit Gold es aufzuwiegen; +Und tausend Dank dazu! Eilt! lauft! + +Klosterbruder. Recht gern! +Es ist Arabisch aber, was der Herr +Hineingeschrieben. (Ab.) + +Nathan. Einerlei! Nur her!-- +Gott! wenn ich doch das Maedchen noch behalten, +Und einen solchen Eidam mir damit +Erkaufen koennte!--Schwerlich wohl!--Nun, fall' +Es aus, wie's will!--Wer mag es aber denn +Gewesen sein, der bei dem Patriarchen +So etwas angebracht? Das muss ich doch +Zu fragen nicht vergessen.--Wenn es gar +Von Daja kaeme? + + + +Achter Auftritt + +Daja und Nathan. + + +Daja (eilig und verlegen). +Denkt doch, Nathan! + +Nathan. Nun? + +Daja. +Das arme Kind erschrak wohl recht darueber! +Da schickt... + +Nathan. Der Patriarch? + +Daja. Des Sultans Schwester, +Prinzessin Sittah... + +Nathan. Nicht der Patriarch? + +Daja. +Nein, Sittah!--Hoert Ihr nicht!--Prinzessin Sittah +Schickt her, und laesst sie zu sich holen? + +Nathan. Wen? +Laesst Recha holen?--Sittah laesst sie holen?-- +Nun; wenn sie Sittah holen laesst, und nicht +Der Patriarch... + +Daja. Wie kommt Ihr denn auf den? + +Nathan. +So hast du kuerzlich nichts von ihm gehoert? +Gewiss nicht? Auch ihm nichts gesteckt? + +Daja. Ich? ihm? + +Nathan. +Wo sind die Boten? + +Daja. Vorn. + +Nathan. Ich will sie doch +Aus Vorsicht selber sprechen. Komm!--Wenn nur +Vom Patriarchen nichts dahintersteckt. (Ab.) + +Daja. +Und ich--ich fuerchte ganz was anders noch. +Was gilt's? die einzige vermeinte Tochter +So eines reichen Juden waer' auch wohl +Fuer einen Muselmann nicht uebel?--Hui, +Der Tempelherr ist drum. Ist drum: wenn ich +Den zweiten Schritt nicht auch noch wage; nicht +Auch ihr noch selbst entdecke, wer sie ist!-- +Getrost! Lass mich den ersten Augenblick, +Den ich allein sie habe, dazu brauchen! +Und der wird sein--vielleicht nun eben, wenn +Ich sie begleite. So ein erster Wink +Kann unterwegens wenigstens nicht schaden. +Ja, ja! Nur zu! Itzt oder nie! Nur zu! (Ihm nach.) + + + + + +Fuenfter Aufzug + + + +Erster Auftritt + +(Szene: das Zimmer in Saladins Palaste, in welches die Beutel mit +Geld getragen worden, die noch zu sehen.) + +Saladin und bald darauf verschiedne Mamelucken. + + +Saladin (im Hereintreten). +Da steht das Geld nun noch! Und niemand weiss +Den Derwisch aufzufinden, der vermutlich +Ans Schachbrett irgendwo geraten ist, +Das ihn wohl seiner selbst vergessen macht;-- +Warum nicht meiner?--Nun, Geduld! Was gibt's? + +Ein Mameluck. +Erwuenschte Nachricht, Sultan! Freude, Sultan! ... +Die Karawane von Kahira kommt, +Ist gluecklich da! mit siebenjaehrigem +Tribut des reichen Nils. + +Saladin. Brav, Ibrahim! +Du bist mir wahrlich ein willkommner Bote!-- +Ha! endlich einmal! endlich!--Habe Dank +Der guten Zeitung. + +Der Mameluck (wartend). (Nun? nur her damit!) + +Saladin. +Was wartst du?--Geh nur wieder. + +Der Mameluck. Dem Willkommnen +Sonst nichts? + +Saladin. Was denn noch sonst? + +Der Mameluck. Dem guten Boten +Kein Botenbrot?--So waer' ich ja der erste, +Den Saladin mit Worten abzulehnen +Doch endlich lernte?--Auch ein Ruhm!--der erste, +Mit dem er knickerte. + +Saladin. So nimm dir nur +Dort einen Beutel. + +Der Mameluck. Nein, nun nicht! Du kannst +Mir sie nun alle schenken wollen. + +Saladin. Trotz!-- +Komm her! Da hast du zwei.--Im Ernst? er geht? +Tut mir's an Edelmut zuvor?--Denn sicher +Muss ihm es saurer werden, auszuschlagen, +Als mir zu geben.--Ibrahim!--Was kommt +Mir denn auch ein, so kurz vor meinem Abtritt +Auf einmal ganz ein andrer sein zu wollen?-- +Will Saladin als Saladin nicht sterben?-- +So musst' er auch als Saladin nicht leben. + +Ein zweiter Mameluck. +Nun, Sultan!... + +Saladin. Wenn du mir zu melden kommst... + +Zweiter Mameluck. +Dass aus Aegypten der Transport nun da! + +Saladin. +Ich weiss schon. + +Zweiter Mameluck. Kam ich doch zu spaet! + +Saladin. Warum +Zu spaet?--Da nimm fuer deinen guten Willen +Der Beutel einen oder zwei. + +Zweiter Mameluck. Macht drei! + +Saladin. +Ja, wenn du rechnen kannst!--So nimm sie nur. + +Zweiter Mameluck. +Es wird wohl noch ein Dritter kommen,--wenn +Er anders kommen kann. + +Saladin. Wie das? + +Zweiter Mameluck. Je nu; +Er hat auch wohl den Hals gebrochen! Denn +Sobald wir drei der Ankunft des Transports +Versichert waren, sprengte jeder frisch +Davon. Der Vorderste, der stuerzt'; und so +Komm ich nun vor, und bleib auch vor bis in +Die Stadt; wo aber Ibrahim, der Lecker +Die Gassen besser kennt. + +Saladin. Oh, der gestuerzte! +Freund, der gestuerzte!--Reit ihm doch entgegen. + +Zweiter Mameluck. +Das werd ich ja wohl tun!--Und wenn er lebt: +So ist die Haelfte dieser Beutel sein. (Geht ab.) + +Saladin. +Sieh, welch ein guter, edler Kerl auch das!-- +Wer kann sich solcher Mamelucken ruehmen? +Und waer' mir denn zu denken nicht erlaubt, +Dass sie mein Beispiel bilden helfen?--Fort +Mit dem Gedanken, sie zu guter Letzt +Noch an ein anders zu gewoehnen!... + +Ein dritter Mameluck. Sultan.... + +Saladin. +Bist du's, der stuerzte? + +Dritter Mameluck. Nein. Ich melde nur,-- +Dass Emir Mansor, der die Karawane +Gefuehrt, vom Pferde steigt... + +Saladin. Bring ihn! geschwind!-- +Da ist er ja!-- + + + +Zweiter Auftritt + +Emir Mansor und Saladin. + + +Saladin. Willkommen, Emir! Nun, +Wie ist's gegangen?--Mansor, Mansor, hast +Uns lange warten lassen! + +Mansor. Dieser Brief +Berichtet, was dein Abulkassem erst +Fuer Unruh' in Thebais daempfen muessen: +Eh, wir es wagen durften abzugehen. +Den Zug darauf hab ich beschleuniget +Soviel, wie moeglich war. + +Saladin. Ich glaube dir! +Und nimm nur, guter Mansor, nimm sogleich... +Du tust es aber doch auch gern?... nimm frische +Bedeckung nur sogleich. Du musst sogleich +Noch weiter; musst der Gelder groessern Teil +Auf Libanon zum Vater bringen. + +Mansor. Gern! +Sehr gern! + +Saladin. Und nimm dir die Bedeckung ja +Nur nicht zu schwach. Es ist um Libanon +Nicht alles mehr so sicher. Hast du nicht +Gehoert? Die Tempelherrn sind wieder rege. +Sei wohl auf deiner Hut!--Komm nur! Wo haelt +Der Zug? Ich will ihn sehn; und alles selbst +Betreiben.--Ihr! ich bin sodann bei Sittah. + + + +Dritter Auftritt + +Szene: die Palmen vor Nathans Hause, wo der Tempelherr auf- und +niedergeht. + + +Ins Haus nun will ich einmal nicht.--Er wird +Sich endlich doch wohl sehen lassen!--Man +Bemerkte mich ja sonst so bald, so gern!-- +Will's noch erleben, dass er sich's verbittet, +Vor seinem Hause mich so fleissig finden +Zu lassen.--Hm!--ich bin doch aber auch +Sehr aergerlich.--Was hat mich denn nun so +Erbittert gegen ihn?--Er sagte ja: +Noch schlueg' er mir nichts ab. Und Saladin +Hat's ueber sich genommen, ihn zu stimmen.-- +Wie? sollte wirklich wohl in mir der Christ +Noch tiefer nisten, als in ihm der Jude?-- +Wer kennt sich recht? Wie koennt' ich ihm denn sonst +Den kleinen Raub nicht goennen wollen, den +Er sich's zu solcher Angelegenheit +Gemacht, den Christen abzujagen?--Freilich; +Kein kleiner Raub, ein solch Geschoepf!--Geschoepf? +Und wessen?--Doch des Sklaven nicht, der auf +Des Lebens oeden Strand den Block gefloesst, +Und sich davongemacht? Des Kuenstlers doch +Wohl mehr, der in dem hingeworfnen Blocke +Die goettliche Gestalt sich dachte, die +Er dargestellt?--Ach! Rechas wahrer Vater +Bleibt, trotz dem Christen, der sie zeugte,--bleibt +In Ewigkeit der Jude.--Wenn ich mir +Sie lediglich als Christendirne denke, +Sie sonder alles das mir denke, was +Allein ihr so ein Jude geben konnte:-- +Sprich, Herz,--was waer' an ihr, das dir gefiel? +Nichts! Wenig! Selbst ihr Laecheln, waer' es nichts +Als sanfte schoene Zuckung ihrer Muskeln; +Waer', was sie laecheln macht, des Reizes unwert, +In den es sich auf ihrem Munde kleidet:-- +Nein; selbst ihr Laecheln nicht! Ich hab es ja +Wohl schoener noch an Aberwitz, an Tand, +An Hoehnerei, an Schmeichler und an Buhler +Verschwenden sehn!--Hat's da mich auch bezaubert? +Hat's da mir auch den Wunsch entlockt, mein Leben +In seinem Sonnenscheine zu verflattern?-- +Ich wuesste nicht. Und bin auf den doch launisch, +Der diesen hoehern Wert allein ihr gab? +Wie das? warum?--Wenn ich den Spott verdiente, +Mit dem mich Saladin entliess! Schon schlimm +Genug, dass Saladin es glauben konnte! +Wie klein ich ihm da scheinen musste! wie +Veraechtlich!--Und das alles um ein Maedchen?-- +Curd! Curd! das geht so nicht. Lenk ein! Wenn vollends +Mir Daja nur was vorgeplaudert haette, +Was schwerlich zu erweisen stuende?--Sieh, +Da tritt er endlich, im Gespraech vertieft, +Aus seinem Hause!--Ha! mit wem!--Mit ihm? +Mit meinem Klosterbruder?--Ha! so weiss +Er sicherlich schon alles! ist wohl gar +Dem Patriarchen schon verraten!--Ha! +Was hab ich Querkopf nun gestiftet!--Dass +Ein einz'ger Funken dieser Leidenschaft +Doch unsers Hirns so viel verbrennen kann!-- +Geschwind entschliess dich, was nunmehr zu tun! +Ich will hier seitwaerts ihrer warten;--ob +Vielleicht der Klosterbruder ihn verlaesst. + + + +Vierter Auftritt + +Nathan und der Klosterbruder. + + +Nathan (im Naeherkommen). +Habt nochmals, guter Bruder, vielen Dank! + +Klosterbruder. +Und Ihr desgleichen! + +Nathan. Ich? von Euch? wofuer? +Fuer meinen Eigensinn, Euch aufzudraengen, +Was Ihr nicht braucht?--Ja, wenn ihm Eurer nur +Auch nachgegeben haett'; Ihr mit Gewalt +Nicht wolltet reicher sein, als ich. + +Klosterbruder. Das Buch +Gehoert ja ohnedem nicht mir; gehoert +Ja ohnedem der Tochter; ist ja so +Der Tochter ganzes vaeterliches Erbe. +Je nu, sie hat ja Euch.--Gott gebe nur, +Dass Ihr es nie bereuen duerft, so viel +Fuer sie getan zu haben! + +Nathan. Kann ich das? +Das kann ich nie. Seid unbesorgt! + +Klosterbruder. Nu, nu! +Die Patriarchen und die Tempelherren... + +Nathan. +Vermoegen mir des Boesen nie so viel +Zu tun, dass irgend was mich reuen koennte: +Geschweige, das!--Und seid Ihr denn so ganz +Versichert, dass ein Tempelherr es ist, +Der Euern Patriarchen hetzt? + +Klosterbruder. Es kann +Beinah kein andrer sein. Ein Tempelherr +Sprach kurz vorher mit ihm; und was ich hoerte, +Das klang darnach. + +Nathan. Es ist doch aber nur +Ein einziger itzt in Jerusalem. +Und diesen kenn ich. Dieser ist mein Freund. +Ein junger, edler, offner Mann! + +Klosterbruder. Ganz recht; +Der naemliche!--Doch was man ist, und was +Man sein muss in der Welt, das passt ja wohl +Nicht immer. + +Nathan. Leider nicht.--So tue, wer's +Auch immer ist, sein Schlimmstes oder Bestes! +Mit Euerm Buche, Bruder, trotz ich allen; +Und gehe graden Wegs damit zum Sultan. + +Klosterbruder. +Viel Gluecks! Ich will Euch denn nur hier verlassen. + +Nathan. +Und habt sie nicht einmal gesehn?--Kommt ja +Doch bald, doch fleissig wieder.--Wenn nur heut +Der Patriarch noch nichts erfaehrt!--Doch was? +Sagt ihm auch heute, was Ihr wollt. + +Klosterbruder. Ich nicht. +Lebt wohl! (Geht ab.) + +Nathan. Vergesst uns ja nicht, Bruder!--Gott! +Dass ich nicht hier gleich unter freiem Himmel +Auf meine Kniee sinken kann! Wie sich +Der Knoten, der so oft mir bange machte, +Nun von sich selber loeset!--Gott! wie leicht +Mir wird, dass ich nun weiter auf der Welt +Nichts zu verbergen habe! dass ich vor +Den Menschen nun so frei kann wandeln, als +Vor dir, der du allein den Menschen nicht +Nach seinen Taten brauchst zu richten, die +So selten seine Taten sind, o Gott!-- + + + +Fuenfter Auftritt + +Nathan und der Tempelherr, der von der Seite auf ihn zukommt. + + +Tempelherr. +He! wartet, Nathan; nehmt mich mit! + +Nathan. Wer ruft?-- +Seid Ihr es, Ritter? Wo gewesen, dass +Ihr bei dem Sultan Euch nicht treffen lassen? + +Tempelherr. +Wir sind einander fehlgegangen. Nehmt's +Nicht uebel. + +Nathan. Ich nicht; aber Saladin... + +Tempelherr. +Ihr wart nur eben fort... + +Nathan. Und spracht ihn doch? +Nun, so ist's gut. + +Tempelherr. Er will uns aber beide +Zusammen sprechen. + +Nathan. Desto besser. Kommt +Nur mit. Mein Gang stand ohnehin zu ihm. + +Tempelherr. +Ich darf ja doch wohl fragen, Nathan, wer +Euch da verliess? + +Nathan. Ihr kennt ihn doch wohl nicht? + +Tempelherr. +War's nicht die gute Haut, der Laienbruder, +Des sich der Patriarch so gern zum Stoeber +Bedient? + +Nathan. Kann sein! Beim Patriarchen ist +Er allerdings. + +Tempelherr. Der Pfiff ist gar nicht uebel: +Die Einfalt vor der Schurkerei voraus- +Zuschicken. + +Nathan. Ja, die dumme;--nicht die fromme. + +Tempelherr. +An fromme glaubt kein Patriarch. + +Nathan. Fuer den +Nun steh ich. Der wird seinem Patriarchen +Nichts Ungebuehrliches vollziehen helfen. + +Tempelherr. +So stellt er wenigstens sich an.--Doch hat +Er Euch von mir denn nichts gesagt? + +Nathan. Von Euch? +Von Euch nun namentlich wohl nichts.--Er weiss +Ja wohl auch schwerlich Euern Namen? + +Tempelherr. Schwerlich. + +Nathan. +Von einem Tempelherren freilich hat +Er mir gesagt... + +Tempelherr. Und was? + +Nathan. Womit er Euch +Doch ein fuer allemal nicht meinen kann! + +Tempelherr. +Wer weiss? Lasst doch nur hoeren. + +Nathan. Dass mich einer +Bei seinem Patriarchen angeklagt... + +Tempelherr. +Euch angeklagt?--Das ist, mit seiner Gunst-- +Erlogen.--Hoert mich, Nathan!--Ich bin nicht +Der Mensch, der irgend etwas abzuleugnen +Imstande waere. Was ich tat, das tat ich! +Doch bin ich auch nicht der, der alles, was +Er tat, als wohlgetan verteid'gen moechte. +Was sollt' ich eines Fehls mich schaemen? Hab +Ich nicht den festen Vorsatz ihn zu bessern? +Und weiss ich etwa nicht, wie weit mit dem +Es Menschen bringen koennen?--Hoert mich, Nathan!-- +Ich bin des Laienbruders Tempelherr, +Der Euch verklagt soll haben, allerdings.-- +Ihr wisst ja, was mich wurmisch machte! was +Mein Blut in allen Adern sieden machte! +Ich Gauch!--ich kam, so ganz mit Leib und Seel' +Euch in die Arme mich zu werfen. Wie +Ihr mich empfingt--wie kalt--wie lau--denn lau +Ist schlimmer noch als kalt; wie abgemessen +Mir auszubeugen Ihr beflissen wart; +Mit welchen aus der Luft gegriffnen Fragen +Ihr Antwort mir zu geben scheinen wolltet: +Das darf ich kaum mir itzt noch denken, wenn +Ich soll gelassen bleiben.--Hoert mich, Nathan!-- +In dieser Gaerung schlich mir Daja nach, +Und warf mir ihr Geheimnis an den Kopf +Das mir den Aufschluss Euers raetselhaften +Betragens zu enthalten schien. + +Nathan. Wie das? + +Tempelherr. +Hoert mich nur aus!--Ich bildete mir ein, +Ihr wolltet, was Ihr einmal nun den Christen +So abgejagt, an einen Christen wieder +Nicht gern verlieren. Und so fiel mir ein, +Euch kurz und gut das Messer an die Kehle +Zu setzen. + +Nathan. Kurz und gut? und gut?--Wo steckt +Das Gute? + +Tempelherr. Hoert mich, Nathan!--Allerdings: +Ich tat nicht recht!--Ihr seid wohl gar nicht schuldig.-- +Die Naerrin Daja weiss nicht was sie spricht-- +Ist Euch gehaessig--sucht Euch nur damit +In einen boesen Handel zu verwickeln-- +Kann sein! kann sein!--Ich bin ein junger Laffe, +Der immer nur an beiden Enden schwaermt; +Bald viel zuviel, bald viel zuwenig tut-- +Auch das kann sein! Verzeiht mir, Nathan. + +Nathan. Wenn +Ihr so mich freilich fasset-- + +Tempelherr. Kurz, ich ging +Zum Patriarchen!--hab Euch aber nicht +Genannt. Das ist erlogen, wie gesagt! +Ich hab ihm bloss den Fall ganz allgemein +Erzaehlt, um seine Meinung zu vernehmen.-- +Auch das haett' unterbleiben koennen: ja doch!-- +Denn kannt' ich nicht den Patriarchen schon +Als einen Schurken? Konnt' ich Euch nicht selber +Nur gleich zur Rede stellen?--Musst' ich der +Gefahr, so einen Vater zu verlieren, +Das arme Maedchen opfern?--Nun, was tut's? +Die Schurkerei des Patriarchen, die +So aehnlich immer sich erhaelt, hat mich +Des naechsten Weges wieder zu mir selbst +Gebracht.--Denn hoert mich, Nathan; hoert mich aus!-- +Gesetzt; er wuesst' auch Euern Namen: was +Nun mehr, was mehr?--Er kann Euch ja das Maedchen +Nur nehmen, wenn sie niemands ist, als Euer. +Er kann sie doch aus Euerm Hause nur +Ins Kloster schleppen.--Also--gebt sie mir! +Gebt sie nur mir; und lasst ihn kommen. Ha! +Er soll's wohl bleibenlassen, mir mein Weib +Zu nehmen.--Gebt sie mir; geschwind!--Sie sei +Nun Eure Tochter, oder sei es nicht! +Sei Christin, oder Juedin, oder keines! +Gleichviel! gleichviel! Ich werd Euch weder itzt +Noch jemals sonst in meinem ganzen Leben +Darum befragen. Sei, wie's sei! + +Nathan. Ihr waehnt +Wohl gar, dass mir die Wahrheit zu verbergen +Sehr noetig? + +Tempelherr. Sei, wie's sei! + +Nathan. Ich hab es ja +Euch--oder wem es sonst zu wissen ziemt-- +Noch nicht geleugnet, dass sie eine Christin, +Und nichts als meine Pflegetochter ist.-- +Warum ich's aber ihr noch nicht entdeckt?-- +Darueber brauch ich nur bei ihr mich zu +Entschuldigen. + +Tempelherr. Das sollt Ihr auch bei ihr +Nicht brauchen.--Goennt's ihr doch, dass sie Euch nie +Mit andern Augen darf betrachten! Spart +Ihr die Entdeckung doch!--Noch habt Ihr ja, +Ihr ganz allein, mit ihr zu schalten. Gebt +Sie mir! Ich bitt Euch, Nathan; gebt sie mir! +Ich bin's allein, der sie zum zweiten Male +Euch retten kann--und will. + +Nathan. Ja--konnte! konnte! +Nun auch nicht mehr. Es ist damit zu spaet. + +Tempelherr. +Wieso? zu spaet? + +Nathan. Dank sei dem Patriarchen... + +Tempelherr. +Dem Patriarchen? Dank? ihm Dank? wofuer? +Dank haette der bei uns verdienen wollen? +Wofuer? wofuer? + +Nathan. Dass wir nun wissen, wem +Sie unverwandt; nun wissen, wessen Haenden +Sie sicher ausgeliefert werden kann. + +Tempelherr. +Das dank' ihm--wer fuer mehr ihm danken wird! + +Nathan. +Aus diesen muesst Ihr sie nun auch erhalten; +Und nicht aus meinen. + +Tempelherr. Arme Recha! Was +Dir alles zustoesst, arme Recha! Was +Ein Glueck fuer andre Waisen waere, wird +Dein Unglueck!--Nathan!--Und wo sind sie, diese +Verwandte? + +Nathan. Wo sie sind? + +Tempelherr. Und wer sie sind? + +Nathan. +Besonders hat ein Bruder sich gefunden, +Bei dem Ihr um sie werben muesst. + +Tempelherr. Ein Bruder? +Was ist er, dieser Bruder? Ein Soldat? +Ein Geistlicher?--Lasst hoeren, was ich mir +Versprechen darf. + +Nathan. Ich glaube, dass er keines +Von beiden--oder beides ist. Ich kenn +Ihn noch nicht recht. + +Tempelherr. Und sonst? + +Nathan. Ein braver Mann +Bei dem sich Recha gar nicht uebel wird +Befinden. + +Tempelherr. Doch ein Christ!--Ich weiss zuzeiten +Auch gar nicht, was ich von Euch denken soll:-- +Nehmt mir's nicht ungut, Nathan.--Wird sie nicht +Die Christin spielen muessen, unter Christen? +Und wird sie, was sie lange g'nug gespielt, +Nicht endlich werden? Wird den lautern Weizen, +Den Ihr gesaet, das Unkraut endlich nicht +Ersticken?--Und das kuemmert Euch so wenig? +Dem ungeachtet koennt Ihr sagen--Ihr? +Dass sie bei ihrem Bruder sich nicht uebel +Befinden werde? + +Nathan. Denk ich! hoff ich!--Wenn +Ihr ja bei ihm was mangeln sollte, hat +Sie Euch und mich denn nicht noch immer?-- + +Tempelherr. Oh! +Was wird bei ihm ihr mangeln koennen! Wird +Das Bruederchen mit Essen und mit Kleidung, +Mit Naschwerk und mit Putz, das Schwesterchen +Nicht reichlich g'nug versorgen? Und was braucht +Ein Schwesterchen denn mehr?--Ei freilich: auch +Noch einen Mann!--Nun, nun, auch den, auch den +Wird ihr das Bruederchen zu seiner Zeit +Schon schaffen; wie er immer nur zu finden! +Der Christlichste der Beste!--Nathan, Nathan! +Welch einen Engel hattet Ihr gebildet, +Den Euch nun andre so verhunzen werden! + +Nathan. +Hat keine Not! Er wird sich unsrer Liebe +Noch immer wert genug behaupten. + +Tempelherr. Sagt +Das nicht! Von meiner Liebe sagt das nicht! +Denn die laesst nichts sich unterschlagen; nichts. +Es sei auch noch so klein! Auch keinen Namen! +Doch halt!--Argwohnt sie wohl bereits, was mit +Ihr vorgeht? + +Nathan. Moeglich; ob ich schon nicht wuesste, +Woher? + +Tempelherr. Auch eben viel; sie soll--sie muss +In beiden Faellen, was ihr Schicksal droht, +Von mir zuerst erfahren. Mein Gedanke, +Sie eher wieder nicht zu sehn, zu sprechen, +Als bis ich sie die Meine nennen duerfe, +Faellt weg. Ich eile... + +Nathan. Bleibt! wohin? + +Tempelherr. Zu ihr! +Zu sehn, ob diese Maedchenseele Manns genug +Wohl ist, den einzigen Entschluss zu fassen, +Der ihrer wuerdig waere! + +Nathan. Welchen? + +Tempelherr. Den: +Nach Euch und ihrem Bruder weiter nicht +Zu fragen-- + +Nathan. Und? + +Tempelherr. Und mir zu folgen;--wenn +Sie drueber eines Muselmannes Frau +Auch werden muesste. + +Nathan. Bleibt! Ihr trefft sie nicht. +Sie ist bei Sittah, bei des Sultans Schwester. + +Tempelherr. +Seit wenn? warum? + +Nathan. Und wollt Ihr da bei ihnen +Zugleich den Bruder finden: kommt nur mit. + +Tempelherr. +Den Bruder? welchen? Sittahs oder Rechas? + +Nathan. +Leicht beide. Kommt nur mit! Ich bitt Euch, kommt! + +(Er fuehrt ihn fort.) + + + +Sechster Auftritt + +(Szene: in Sittahs Harem.) + +Sittah und Recha in Unterhaltung begriffen. + + +Sittah. +Was freu ich mich nicht deiner, suesses Maedchen!-- +Sei so beklemmt nur nicht! so angst! so schuechtern!-- +Sei munter! sei gespraechiger! vertrauter! + +Recha. +Prinzessin.... + +Sittah. Nicht doch! nicht Prinzessin! Nenn +Mich Sittah,--deine Freundin,--deine Schwester. +Nenn mich dein Muetterchen!--Ich koennte das +Ja schier auch sein.--So jung! so klug! so fromm! +Was du nicht alles weisst! nicht alles musst +Gelesen haben! + +Recha. Ich gelesen?--Sittah, +Du spottest deiner kleinen albern Schwester. +Ich kann kaum lesen. + +Sittah. Kannst kaum, Luegnerin! + +Recha. +Ein wenig meines Vaters Hand!--Ich meinte, +Du spraechst von Buechern. + +Sittah. Allerdings! von Buechern. + +Recha. +Nun, Buecher wird mir wahrlich schwer zu lesen! + +Sittah. Im Ernst? + +Recha. In ganzem Ernst. Mein Vater liebt +Die kalte Buchgelehrsamkeit, die sich +Mit toten Zeichen ins Gehirn nur drueckt, +Zu wenig. + +Sittah. Ei, was sagst du!--Hat indes +Wohl nicht sehr unrecht!--Und so manches, was +Du weisst...? + +Recha. Weiss ich allein aus seinem Munde +Und koennte bei dem meisten dir noch sagen, +Wie? wo? warum? er mich's gelehrt. + +Sittah. So haengt +Sich freilich alles besser an. So lernt +Mit eins die ganze Seele.-- + +Recha. Sicher hat +Auch Sittah wenig oder nichts gelesen! + +Sittah. +Wieso?--Ich bin nicht stolz aufs Gegenteil. +Allein wieso? Dein Grund! Sprich dreist. Dein Grund? + +Recha. +Sie ist so schlecht und recht; so unverkuenstelt; +So ganz sich selbst nur aehnlich... + +Sittah. Nun? + +Recha. Das sollen +Die Buecher uns nur selten lassen! sagt +Mein Vater. + +Sittah. O was ist dein Vater fuer +Ein Mann! + +Recha. Nicht wahr? + +Sittah. Wie nah er immer doch +Zum Ziele trifft! + +Recha. Nicht wahr?--Und diesen Vater-- + +Sittah. +Was ist dir, Liebe? + +Recha. Diesen Vater-- + +Sittah. Gott! +Du weinst? + +Recha. Und diesen Vater--Ah! es muss +Heraus! Mein Herz will Luft, will Luft... + +(Wirft sich, von Traenen ueberwaeltiget, zu ihren Fuessen.) + +Sittah. Kind, was +Geschieht dir? Recha? + +Recha. Diesen Vater soll-- +Soll ich verlieren! + +Sittah. Du? verlieren? ihn? +Wie das?--Sei ruhig!--Nimmermehr!--Steh auf! + +Recha. +Du sollst vergebens dich zu meiner Freundin, +Zu meiner Schwester nicht erboten haben! + +Sittah. +Ich bin's ja! bin's!--Steh doch nur auf! Ich muss +Sonst Hilfe rufen. + +Recha (die sich ermannt und aufsteht). +Ah! verzeih! vergib! +Mein Schmerz hat mich vergessen machen, wer +Du bist. Vor Sittah gilt kein Winseln, kein +Verzweifeln. Kalte, ruhige Vernunft +Will alles ueber sie allein vermoegen. +Wes Sache diese bei ihr fuehrt, der siegt! + +Sittah. +Nun dann? + +Recha. Nein; meine Freundin, meine Schwester +Gibt das nicht zu! Gibt nimmer zu, dass mir +Ein andrer Vater aufgedrungen werde! + +Sittah. +Ein andrer Vater? aufgedrungen? dir? +Wer kann das? kann das auch nur wollen, Liebe? + +Recha. +Wer? Meine gute boese Daja kann +Das wollen,--will das koennen.--ja; du kennst +Wohl diese gute boese Daja nicht? +Nun, Gott vergeb' es ihr!--belohn' es ihr! +Sie hat mir so viel Gutes,--so viel Boeses +Erwiesen! + +Sittah. Boeses dir?--So muss sie Gutes +Doch wahrlich wenig haben. + +Recha. Doch! recht viel, +Recht viel! + +Sittah. Wer ist sie? + +Recha. Eine Christin, die +In meiner Kindheit mich gepflegt; mich so +Gepflegt!--Du glaubst nicht!--Die mir eine Mutter +So wenig missen lassen!--Gott vergelt' +Es ihr!--Die aber mich auch so geaengstet! +Mich so gequaelt! + +Sittah. Und ueber was? warum? +Wie? + +Recha. Ach! die arme Frau--ich sag dir's ja +Ist eine Christin;--muss aus Liebe quaelen; +Ist eine von den Schwaermerinnen, die +Den allgemeinen, einzig wahren Weg +Nach Gott zu wissen waehnen! + +Sittah. Nun versteh ich! + +Recha. +Und sich gedrungen fuehlen, einen jeden, +Der dieses Wegs verfehlt, darauf zu lenken.-- +Kaum koennen sie auch anders. Denn ist's wahr, +Dass dieser Weg allein nur richtig fuehrt: +Wie sollen sie gelassen ihre Freunde +Auf einem andern wandeln sehn,--der ins +Verderben stuerzt, ins ewige Verderben? +Es muesste moeglich sein, denselben Menschen +Zur selben Zeit zu lieben und zu hassen.-- +Auch ist's das nicht, was endlich laute Klagen +Mich ueber sie zu fuehren zwingt. Ihr Seufzen, +Ihr Warnen, ihr Gebet, ihr Drohen haett' +Ich gern noch laenger ausgehalten; gern! +Es brachte mich doch immer auf Gedanken, +Die gut und nuetzlich. Und wem schmeichelt's doch +Im Grunde nicht, sich gar so wert und teuer, +Von wem's auch sei, gehalten fuehlen, dass +Er den Gedanken nicht ertragen kann, +Er muess' einmal auf ewig uns entbehren! + +Sittah. +Sehr wahr! + +Recha. Allein--allein--das geht zu weit! +Dem kann ich nichts entgegensetzen; nicht +Geduld, nicht Ueberlegung; nichts! + +Sittah. Was? wem? + +Recha. +Was sie mir eben itzt entdeckt will haben. + +Sittah. +Entdeckt? und eben itzt? + +Recha. Nur eben itzt! +Wir nahten, auf dem Weg hierher, uns einem +Verfallnen Christentempel. Ploetzlich stand +Sie still; schien mit sich selbst zu kaempfen; blickte +Mit nassen Augen bald gen Himmel, bald +Auf mich. Komm, sprach sie endlich, lass uns hier +Durch diesen Tempel in die Richte gehn! +Sie geht; ich folg ihr, und mein Auge schweift +Mit Graus die wankenden Ruinen durch. +Nun steht sie wieder; und ich sehe mich +An den versunknen Stufen eines morschen +Altars mit ihr. Wie ward mir? als sie da +Mit heissen Traenen, mit gerungnen Haenden +Zu meinen Fuessen stuerzte... + +Sittah. Gutes Kind! + +Recha. +Und bei der Goettlichen, die da wohl sonst +So manch Gebet erhoert, so manches Wunder +Verrichtet habe, mich beschwor;--mit Blicken +Des wahren Mitleids mich beschwor, mich meiner +Doch zu erbarmen!--Wenigstens, ihr zu +Vergeben, wenn sie mir entdecken muesse, +Was ihre Kirch' auf mich fuer Anspruch habe. + +Sittah. +(Unglueckliche!--Es ahnte mir!) + +Recha. Ich sei +Aus christlichem Gebluete; sei getauft; +Sei Nathans Tochter nicht; er nicht mein Vater!-- +Gott! Gott! Er nicht mein Vater!--Sittah! Sittah! +Sieh mich aufs neu' zu deinen Fuessen... + +Sittah. Recha! +Nicht doch! steh auf!--Mein Bruder koemmt! steh auf! + + + +Siebenter Auftritt + +Saladin und die Vorigen. + + +Saladin. +Was gibt's hier, Sittah? + +Sittah. Sie ist von sich! Gott! + +Saladin. +Wer ist's? + +Sittah. Du weisst ja... + +Saladin. Unsers Nathans Tochter? +Was fehlt ihr? + +Sittah. Komm doch zu dir, Kind!--Der Sultan... + +Recha (die sich auf den Knien zu Saladins Fuessen schleppt, den Kopf +zur Erde gesenkt). +Ich steh nicht auf! nicht eher auf!--mag eher +Des Sultans Antlitz nicht erblicken!--eher +Den Abglanz ewiger Gerechtigkeit +Und Guete nicht in seinen Augen, nicht +Auf seiner Stirn bewundern... + +Saladin. Steh... steh auf! + +Recha. +Eh' er mir nicht verspricht... + +Saladin. Komm! ich verspreche... +Sei was es will! + +Recha. Nicht mehr, nicht weniger, +Als meinen Vater mir zu lassen; und +Mich ihm!--Noch weiss ich nicht, wer sonst mein Vater +Zu sein verlangt;--verlangen kann. Will's auch +Nicht wissen. Aber macht denn nur das Blut +Den Vater? nur das Blut? + +Saladin (der sie aufhebt). +Ich merke wohl!-- +Wer war so grausam denn, dir selbst--dir selbst +Dergleichen in den Kopf zu setzen? Ist +Es denn schon voellig ausgemacht? erwiesen? + +Recha. +Muss wohl! Denn Daja will von meiner Amm' +Es haben. + +Saladin. Deiner Amme! + +Recha. Die es sterbend +Ihr zu vertrauen sich verbunden fuehlte. + +Saladin. +Gar sterbend!--Nicht auch faselnd schon? Und waer's +Auch wahr!--Jawohl: das Blut, das Blut allein +Macht lange noch den Vater nicht! macht kaum +Den Vater eines Tieres! gibt zum hoechsten +Das erste Recht, sich diesen Namen zu +Erwerben!--Lass dir doch nicht bange sein! +Und weisst du was? Sobald der Vaeter zwei +Sich um dich streiten:--lass sie beide; nimm +Den dritten!--Nimm dann mich zu deinem Vater! + +Sittah. +O tu's! o tu's! + +Saladin. Ich will ein guter Vater, +Recht guter Vater sein!--Doch halt! mir faellt +Noch viel was Bessers bei.--Was brauchst du denn +Der Vaeter ueberhaupt? Wenn sie nun sterben? +Beizeiten sich nach einem umgesehn, +Der mit uns um die Wette leben will! +Kennst du noch keinen?... + +Sittah. Mach sie nicht erroeten! + +Saladin. +Das hab ich allerdings mir vorgesetzt. +Erroeten macht die Haesslichen so schoen: +Und sollte Schoene nicht noch schoener machen?-- +Ich habe deinen Vater Nathan; und +Noch einen--einen noch hierher bestellt. +Erraetst du ihn?--Hierher! Du wirst mir doch +Erlauben, Sittah? + +Sittah. Bruder! + +Saladin. Dass du ja +Vor ihm recht sehr erroetest, liebes Maedchen! + +Recha. +Vor wem? erroeten?... + +Saladin. Kleine Heuchlerin! +Nun, so erblasse lieber!--Wie du willst +Und kannst!-- + +(Eine Sklavin tritt herein und nahet sich Sittah.) + +Sie sind doch etwa nicht schon da? + +Sittah (zur Sklavin). +Gut! lass sie nur herein.--Sie sind es, Bruder! + + + +Letzter Auftritt + +Nathan und der Tempelherr zu den Vorigen. + + +Saladin. +Ah, meine guten lieben Freunde!--Dich, +Dich, Nathan, muss ich nur vor allen Dingen +Bedeuten, dass du nun, sobald du willst, +Dein Geld kannst wieder holen lassen! + +Nathan. Sultan! + +Saladin. +Nun steh ich auch zu deinen Diensten. + +Nathan. Sultan! + +Saladin. +Die Karawan' ist da. Ich bin so reich +Nun wieder, als ich lange nicht gewesen. +Komm, sag mir, was du brauchst, so recht was Grosses +Zu unternehmen! Denn auch ihr, auch ihr, +Ihr Handelsleute, koennt des baren Geldes +Zuviel nie haben! + +Nathan. Und warum zuerst +Von dieser Kleinigkeit?--Ich sehe dort +Ein Aug' in Traenen, das zu trocknen, mir +Weit angelegner ist. (Geht auf Recha zu.) +Du hast geweint? +Was fehlt dir?--bist doch meine Tochter noch? + +Recha. +Mein Vater!... + +Nathan. Wir verstehen uns. Genug!-- +Sei heiter! Sei gefasst! Wenn sonst dein Herz +Nur dein noch ist! Wenn deinem Herzen sonst +Nur kein Verlust nicht droht!--Dein Vater ist +Dir unverloren! + +Recha. Keiner, keiner sonst! + +Tempelherr. +Sonst keiner?--Nun! so hab ich mich betrogen. +Was man nicht zu verlieren fuerchtet, hat +Man zu besitzen nie geglaubt, und nie +Gewuenscht.--Recht wohl! recht wohl!--Das aendert, Nathan, +Das aendert alles!--Saladin, wir kamen +Auf dein Geheiss. Allein, ich hatte dich +Verleitet; itzt bemueh dich nur nicht weiter! + +Saladin. +Wie gach nun wieder, junger Mann!--Soll alles +Dir denn entgegenkommen? Alles dich +Erraten? + +Tempelherr. Nun du hoerst ja! siehst ja, Sultan! + +Saladin. +Ei wahrlich!--Schlimm genug, dass deiner Sache +Du nicht gewisser warst! + +Tempelherr. So bin ich's nun. + +Saladin. +Wer so auf irgendeine Wohltat trotzt, +Nimmt sie zurueck. Was du gerettet, ist +Deswegen nicht dein Eigentum. Sonst waer' +Der Raeuber, den sein Geiz ins Feuer jagt, +So gut ein Held wie du! + +(Auf Recha zugehend, um sie dem Tempelherrn zuzufuehren.) + +Komm, liebes Maedchen, +Komm! Nimm's mit ihm nicht so genau. Denn waer' +Er anders; waer' er minder warm und stolz: +Er haett' es bleibenlassen, dich zu retten. +Du musst ihm eins fuers andre rechnen.--Komm! +Beschaem ihn! tu, was ihm zu tun geziemte! +Bekenn ihm deine Liebe! trage dich ihm an! +Und wenn er dich verschmaeht; dir's je vergisst, +Wie ungleich mehr in diesem Schritte du +Fuer ihn getan, als er fuer dich... Was hat +Er denn fuer dich getan? Ein wenig sich +Beraeuchern lassen! ist was Rechts!--so hat +Er meines Bruders, meines Assad, nichts! +So traegt er seine Larve, nicht sein Herz. +Komm, Liebe... + +Sittah. Geh! geh, Liebe, geh! Es ist +Fuer deine Dankbarkeit noch immer wenig; +Noch immer nichts. + +Nathan. Halt Saladin! halt Sittah! + +Saladin. +Auch du? + +Nathan. Hier hat noch einer mitzusprechen... + +Saladin. +Wer leugnet das?--Unstreitig, Nathan, koemmt +So einem Pflegevater eine Stimme +Mit zu! Die erste, wenn du willst.--Du hoerst, +Ich weiss der Sache ganze Lage. + +Nathan. Nicht so ganz!-- +Ich rede nicht von mir. Es ist ein andrer; +Weit, weit ein andrer, den ich, Saladin, +Doch auch vorher zu hoeren bitte. + +Saladin.--Wer? + +Nathan. +Ihr Bruder! + +Saladin. Rechas Bruder? + +Nathan. Ja! + +Recha. Mein Bruder? +So hab ich einen Bruder? + +Tempelherr (aus seiner wilden, stummen Zerstreuung auffahrend). +Wo? wo ist +Er, dieser Bruder? Noch nicht hier? Ich sollt' +Ihn hier ja treffen. + +Nathan. Nur Geduld! + +Tempelherr (aeusserst bitter). Er hat +Ihr einen Vater aufgebunden:--wird +Er keinen Bruder fuer sie finden? + +Saladin. Das +Hat noch gefehlt! Christ! ein so niedriger +Verdacht waer' ueber Assads Lippen nicht +Gekommen.--Gut! fahr nur so fort! + +Nathan. Verzeih +Ihm!--Ich verzeih ihm gern.--Wer weiss, was wir +An seiner Stell', in seinem Alter daechten! +(Freundschaftlich auf ihn zugehend.) +Natuerlich, Ritter!--Argwohn folgt auf Misstraun!-- +Wenn Ihr mich Eures wahren Namens gleich +Gewuerdigt haettet... + +Tempelherr. Wie? + +Nathan. Ihr seid kein Stauffen! + +Tempelherr. +Wer bin ich denn? + +Nathan. Heisst Curd von Stauffen nicht! + +Tempelherr. +Wie heiss ich denn? + +Nathan. Heisst Leu von Filnek. + +Tempelherr. Wie? + +Nathan. +Ihr stutzt? + +Tempelherr. Mit Recht! Wer sagt das? + +Nathan. Ich; der mehr, +Noch mehr Euch sagen kann. Ich straf indes +Euch keiner Luege. + +Tempelherr. Nicht? + +Nathan. Kann doch wohl sein, +Dass jener Nam' Euch ebenfalls gebuehrt. + +Tempelherr. +Das sollt' ich meinen!--(Das hiess Gott ihn sprechen!) + +Nathan. +Denn Eure Mutter--die war eine Stauffin. +Ihr Bruder, Euer Ohm, der Euch erzogen, +Dem Eure Eltern Euch in Deutschland liessen, +Als, von dem rauhen Himmel dort vertrieben, +Sie wieder hierzulande kamen:--Der +Hiess Curd von Stauffen; mag an Kindes Statt +Vielleicht Euch angenommen haben!--Seid +Ihr lange schon mit ihm nun auch herueber- +Gekommen? Und er lebt doch noch? + +Tempelherr. Was soll +Ich sagen?--Nathan!--Allerdings! So ist's! +Er selbst ist tot. Ich kam erst mit der letzten +Verstaerkung unsers Ordens.--Aber, aber-- +Was hat mit diesem allen Rechas Bruder +Zu schaffen? + +Nathan. Euer Vater... + +Tempelherr. Wie? auch den +Habt Ihr gekannt? Auch den? + +Nathan. Er war mein Freund. + +Tempelherr. +War Euer Freund? Ist's moeglich, Nathan!... + +Nathan. Nannte +Sich Wolf von Filnek; aber war kein Deutscher... + +Tempelherr. +Ihr wisst auch das? + +Nathan. War einer Deutschen nur +Vermaehlt; war Eurer Mutter nur nach Deutschland +Auf kurze Zeit gefolgt... + +Tempelherr. Nicht mehr! Ich bitt +Euch!--Aber Rechas Bruder? Rechas Bruder... + +Nathan. +Seid Ihr! + +Tempelherr. Ich? ich ihr Bruder? + +Recha. Er mein Bruder? + +Sittah. +Geschwister! + +Saladin. Sie Geschwister! + +Recha (will auf ihn zu). Ah! mein Bruder! + +Tempelherr (tritt zurueck). +Ihr Bruder! + +Recha (haelt an, und wendet sich zu Nathan). +Kann nicht sein! nicht sein! Sein Herz +Weiss nichts davon!--Wir sind Betrueger! Gott! + +Saladin (zum Tempelherrn). +Betrueger? wie? Das denkst du? kannst du denken? +Betrueger selbst! Denn alles ist erlogen +An dir: Gesicht und Stimm' und Gang! Nichts dein! +So eine Schwester nicht erkennen wollen! Geh! + +Tempelherr (sich demuetig ihm nahend). +Missdeut auch du nicht mein Erstaunen, Sultan! +Verkenn in einem Augenblick', in dem +Du schwerlich deinen Assad je gesehen, +Nicht ihn und mich! (Auf Nathan zueilend.) +Ihr nehmt und gebt mir, Nathan! +Mit vollen Haenden beides!--Nein! Ihr gebt +Mir mehr, als Ihr mir nehmt! unendlich mehr! +(Recha um den Hals fallend.) +Ah! meine Schwester! meine Schwester! + +Nathan. Blanda +Von Filnek. + +Tempelherr. Blanda? Blanda?--Recha nicht? +Nicht Eure Recha mehr?--Gott! Ihr verstosst +Sie! gebt ihr ihren Christennamen wieder! +Verstosst sie meinetwegen!--Nathan! Nathan! +Warum es sie entgelten lassen? sie! + +Nathan. +Und was?--O meine Kinder! meine Kinder! +Denn meiner Tochter Bruder waer' mein Kind +Nicht auch,--sobald er will? +(Indem er sich ihren Umarmungen ueberlaesst, tritt Saladin mit unruhigem +Erstaunen zu seiner Schwester.) + +Saladin. Was sagst du, Schwester? + +Sittah. +Ich bin geruehrt... + +Saladin. Und ich,--ich schaudere +Vor einer groessern Ruehrung fast zurueck! +Bereite dich nur drauf, so gut du kannst. + +Sittah. +Wie? + +Saladin. Nathan, auf ein Wort! ein Wort! + +(Indem Nathan zu ihm tritt, tritt Sittah zu dem Geschwister, ihm +ihre Teilnahme zu bezeigen; und Nathan und Saladin sprechen leiser.) + +Hoer! hoer doch, Nathan! Sagtest du vorhin +Nicht--? + +Nathan. Was? + +Saladin. Aus Deutschland sei ihr Vater nicht +Gewesen; ein geborner Deutscher nicht. +Was war er denn? Wo war er sonst denn her? + +Nathan. +Das hat er selbst mir nie vertrauen wollen. +Aus seinem Munde weiss ich nichts davon. + +Saladin. +Und war auch sonst kein Frank? kein Abendlaender? + +Nathan. +Oh! dass er der nicht sei, gestand er wohl. +Er sprach am liebsten Persisch... + +Saladin. Persisch? Persisch? +Was will ich mehr?--Er ist's! Er war es! + +Nathan. Wer? + +Saladin. +Mein Bruder! ganz gewiss! Mein Assad! ganz +Gewiss! + +Nathan. Nun, wenn du selbst darauf verfaellst:-- +Nimm die Versichrung hier in diesem Buche! + +(Ihm das Brevier ueberreichend.) + +Saladin (es begierig aufschlagend). +Ah! seine Hand! Auch die erkenn ich wieder! + +Nathan. +Noch wissen sie von nichts! Noch steht's bei dir +Allein, was sie davon erfahren sollen! + +Saladin (indes er darin geblaettert). +Ich meines Bruders Kinder nicht erkennen? +Ich meine Neffen--meine Kinder nicht? +Sie nicht erkennen? ich? Sie dir wohl lassen? +(Wieder laut.) +Sie sind's! Sie sind es, Sittah, sind's! Sie sind's! +Sind beide meines... deines Bruders Kinder! +(Er rennt in ihre Umarmungen.) + +Sittah (ihm folgend). +Was hoer ich!--Konnt's auch anders, anders sein!-- + +Saladin (zum Tempelherrn). +Nun musst du doch wohl, Trotzkopf, musst mich lieben! +(Zu Recha.) +Nun bin ich doch, wozu ich mich erbot? +Magst wollen, oder nicht! + +Sittah. Ich auch! ich auch! + +Saladin (zum Tempelherrn zurueck). +Mein Sohn! mein Assad! meines Assads Sohn! + +Tempelherr. +Ich deines Bluts!--So waren jene Traeume, +Womit man meine Kindheit wiegte, doch-- +Doch mehr als Traeume! +(Ihm zu Fuessen fallend.) + +Saladin (ihn aufhebend). +Seht den Boesewicht! +Er wusste was davon, und konnte mich +Zu seinem Moerder machen wollen! Wart! + +(Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen faellt der Vorhang.) + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Nathan der Weise, von Gotthold +Ephraim Lessing. + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Nathan der Weise, by Gotthold Epraim Lessing + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NATHAN DER WEISE *** + +This file should be named 7nthn10.txt or 7nthn10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7nthn11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7nthn10a.txt + +Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. 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If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. 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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +NATHAN DER WEISE + +Gotthold Ephraim Lessing + +Ein Dramatisches Gedicht, in fünf Aufzügen + + +Introite, nam et heic Dii funt!--Apud Gellium + + +Personen: + +Sultan Saladin +Sittah, dessen Schwester +Nathan, ein reicher Jude in Jerusalem +Recha, dessen angenommene Tochter +Daja, eine Christin, aber in dem Hause des Juden, +als Gesellschafterin der Recha +Ein junger Tempelherr +Ein Derwisch +Der Patriarch von Jerusalem +Ein Klosterbruder +Ein Emir +nebst verschiednen Mamelucken des Saladin + +Die Szene ist in Jerusalem + + + + + +Erster Aufzug + + + +Erster Auftritt + +(Szene: Flur in Nathans Hause.) + +Nathan von der Reise kommend. Daja ihm entgegen. + + +Daja. +Er ist es! Nathan!--Gott sei ewig Dank, +Daß Ihr doch endlich einmal wiederkommt. + +Nathan. +Ja, Daja; Gott sei Dank! Doch warum endlich? +Hab ich denn eher wiederkommen wollen? +Und wiederkommen können? Babylon +Ist von Jerusalem, wie ich den Weg, +Seitab bald rechts, bald links, zu nehmen bin +Genötigt worden, gut zweihundert Meilen; +Und Schulden einkassieren, ist gewiß +Auch kein Geschäft, das merklich födert, das +So von der Hand sich schlagen läßt. + +Daja. O Nathan, +Wie elend, elend hättet Ihr indes +Hier werden können! Euer Haus... + +Nathan. Das brannte. +So hab ich schon vernommen.--Gebe Gott, +Daß ich nur alles schon vernommen habe! + +Daja. +Und wäre leicht von Grund aus abgebrannt. + +Nathan. +Dann, Daja, hätten wir ein neues uns +Gebaut; und ein bequemeres. + +Daja. Schon wahr!-- +Doch Recha wär' bei einem Haare mit +Verbrannt. + +Nathan. Verbrannt? Wer? meine Recha? sie?-- +Das hab ich nicht gehört.--Nun dann! So hätte +Ich keines Hauses mehr bedurft.--Verbrannt +Bei einem Haare!--Ha! sie ist es wohl! +Ist wirklich wohl verbrannt!--Sag nur heraus! +Heraus nur!--Töte mich: und martre mich +Nicht länger.--ja, sie ist verbrannt. + +Daja. Wenn sie +Es wäre, würdet Ihr von mir es hören? + +Nathan. +Warum erschreckest du mich denn?--O Recha! +O meine Recha! + +Daja. Eure? Eure Recha? + +Nathan. +Wenn ich mich wieder je entwöhnen müßte, +Dies Kind mein Kind zu nennen! + +Daja. Nennt Ihr alles, +Was Ihr besitzt, mit ebensoviel Rechte +Das Eure? + +Nathan. Nichts mit größerm! Alles, was +Ich sonst besitze, hat Natur und Glück +Mir zugeteilt. Dies Eigentum allein +Dank ich der Tugend. + +Daja. O wie teuer laßt +Ihr Eure Güte, Nathan, mich bezahlen! +Wenn Güt', in solcher Absicht ausgeübt, +Noch Güte heißen kann! + +Nathan. In solcher Absicht? +In welcher? + +Daja. Mein Gewissen... + +Nathan. Daja, laß +Vor allen Dingen dir erzählen... + +Daja. Mein +Gewissen, sag ich... + +Nathan. Was in Babylon +Für einen schönen Stoff ich dir gekauft. +So reich, und mit Geschmack so reich! Ich bringe +Für Recha selbst kaum einen schönern mit. + +Daja. +Was hilft's? Denn mein Gewissen, muß ich Euch +Nur sagen, läßt sich länger nicht betäuben. + +Nathan. +Und wie die Spangen, wie die Ohrgehenke, +Wie Ring und Kette dir gefallen werden, +Die in Damaskus ich dir ausgesucht: +Verlanget mich zu sehn. + +Daja. So seid Ihr nun! +Wenn Ihr nur schenken könnt! nur schenken könnt! + +Nathan. +Nimm du so gern, als ich dir geb:--und schweig! + +Daja. +Und schweig! Wer zweifelt, Nathan, daß Ihr nicht +Die Ehrlichkeit, die Großmut selber seid? +Und doch... + +Nathan. Doch bin ich nur ein Jude.--Gelt, +Das willst du sagen? + +Daja. Was ich sagen will, +Das wißt Ihr besser. + +Nathan. Nun so schweig! + +Daja. Ich schweige. +Was Sträfliches vor Gott hierbei geschieht, +Und ich nicht hindern kann, nicht ändern kann,-- +Nicht kann,--komm' über Euch! + +Nathan. Komm' über mich!-- +Wo aber ist sie denn? wo bleibt sie?--Daja, +Wenn du mich hintergehst!--Weiß sie es denn, +Daß ich gekommen bin? + +Daja. Das frag ich Euch! +Noch zittert ihr der Schreck durch jede Nerve. +Noch malet Feuer ihre Phantasie +Zu allem, was sie malt. Im Schlafe wacht, +Im Wachen schläft ihr Geist: bald weniger +Als Tier, bald mehr als Engel. + +Nathan. Armes Kind! +Was sind wir Menschen! + +Daja. Diesen Morgen lag +Sie lange mit verschloßnem Aug', und war +Wie tot. Schnell fuhr sie auf, und rief: "Horch! horch! +Da kommen die Kamele meines Vaters! +Horch! seine sanfte Stimme selbst!"--Indem +Brach sich ihr Auge wieder: und ihr Haupt, +Dem seines Armes Stütze sich entzog, +Stürzt auf das Kissen.--Ich, zur Pfort' hinaus! +Und sieh: da kommt Ihr wahrlich! kommt Ihr wahrlich!-- +Was Wunder! ihre ganze Seele war +Die Zeit her nur bei Euch--und ihm.-- + +Nathan. Bei ihm? +Bei welchem Ihm? + +Daja. Bei ihm, der aus dem Feuer +Sie rettete. + +Nathan. Wer war das? wer?--Wo ist er? +Wer rettete mir meine Recha? wer? + +Daja. +Ein junger Tempelherr, den, wenig Tage +Zuvor, man hier gefangen eingebracht, +Und Saladin begnadigt hatte. + +Nathan. Wie? +Ein Tempelherr, dem Sultan Saladin +Das Leben ließ? Durch ein geringres Wunder +War Recha nicht zu retten? Gott! + +Daja. Ohn' ihn, +Der seinen unvermuteten Gewinst +Frisch wieder wagte, war es aus mit ihr. + +Nathan. +Wo ist er, Daja, dieser edle Mann?-- +Wo ist er? Führe mich zu seinen Füßen. +Ihr gabt ihm doch vors erste, was an Schätzen +Ich euch gelassen hatte? gabt ihm alles? +Verspracht ihm mehr? weit mehr? + +Daja. Wie konnten wir? + +Nathan. +Nicht? nicht? + +Daja. Er kam, und niemand weiß woher. +Er ging, und niemand weiß wohin.--Ohn' alle +Des Hauses Kundschaft, nur von seinem Ohr +Geleitet, drang, mit vorgespreiztem Mantel, +Er kühn durch Flamm' und Rauch der Stimme nach, +Die uns um Hilfe rief. Schon hielten wir +Ihn für verloren, als aus Rauch und Flamme +Mit eins er vor uns stand, im starken Arm +Empor sie tragend. Kalt und ungerührt +Vom Jauchzen unsers Danks, setzt seine Beute +Er nieder, drängt sich unters Volk und ist +Verschwunden! + +Nathan. Nicht auf immer, will ich hoffen. + +Daja. +Nachher die ersten Tage sahen wir +Ihn untern Palmen auf und nieder wandeln, +Die dort des Auferstandnen Grab umschatten. +Ich nahte mich ihm mit Entzücken, dankte, +Erhob, entbot, beschwor,--nur einmal noch +Die fromme Kreatur zu sehen, die +Nicht ruhen könne, bis sie ihren Dank +Zu seinen Füßen ausgeweinet. + +Nathan. Nun? + +Daja. +Umsonst! Er war zu unsrer Bitte taub; +Und goß so bittern Spott auf mich besonders... + +Nathan. Bis dadurch abgeschreckt... + +Daja. Nichts weniger! +Ich trat ihn je den Tag von neuem an; +Ließ jeden Tag von neuem mich verhöhnen. +Was litt ich nicht von ihm! Was hätt' ich nicht +Noch gern ertragen!--Aber lange schon +Kommt er nicht mehr, die Palmen zu besuchen, +Die unsers Auferstandnen Grab umschatten; +Und niemand weiß, wo er geblieben ist. +Ihr staunt? Ihr sinnt? + +Nathan. Ich überdenke mir, +Was das auf einen Geist, wie Rechas, wohl +Für Eindruck machen muß. Sich so verschmäht +Von dem zu finden, den man hochzuschätzen +Sich so gezwungen fühlt; so weggestoßen, +Und doch so angezogen werden;--Traun, +Da müssen Herz und Kopf sich lange zanken, +Ob Menschenhaß, ob Schwermut siegen soll. +Oft siegt auch keines; und die Phantasie, +Die in den Streit sich mengt, macht Schwärmer, +Bei welchen bald der Kopf das Herz, und bald +Das Herz den Kopf muß spielen.--Schlimmer Tausch!-- +Das letztere, verkenn ich Recha nicht, +Ist Rechas Fall: sie schwärmt. + +Daja. Allein so fromm, +So liebenswürdig! + +Nathan. Ist doch auch geschwärmt! + +Daja. +Vornehmlich eine--Grille, wenn Ihr wollt, +Ist ihr sehr wert. Es sei ihr Tempelherr +Kein irdischer und keines irdischen; +Der Engel einer, deren Schutze sich +Ihr kleines Herz, von Kindheit auf, so gern +Vertrauet glaubte, sei aus seiner Wolke, +In die er sonst verhüllt, auch noch im Feuer, +Um sie geschwebt, mit eins als Tempelherr +Hervorgetreten.--Lächelt nicht!--Wer weiß? +Laßt lächelnd wenigstens ihr einen Wahn, +In dem sich Jud' und Christ und Muselmann +Vereinigen;--so einen süßen Wahn! + +Nathan. +Auch mir so süß!--Geh, wackre Daja, geh; +Sieh, was sie macht; ob ich sie sprechen kann.-- +Sodann such ich den wilden, launigen +Schutzengel auf. Und wenn ihm noch beliebt, +Hienieden unter uns zu wallen; noch +Beliebt, so ungesittet Ritterschaft +Zu treiben: find ich ihn gewiß; und bring Ihn her. + +Daja. +Ihr unternehmet viel. + +Nathan. Macht dann +Der süße Wahn der süßern Wahrheit Platz:-- +Denn, Daja, glaube mir; dem Menschen ist +Ein Mensch noch immer lieber, als ein Engel-- +So wirst du doch auf mich, auf mich nicht zürnen, +Die Engelschwärmerin geheilt zu sehn? + +Daja. +Ihr seid so gut, und seid zugleich so schlimm! +Ich geh!--Doch hört! doch seht!--Da kommt sie selbst. + + + +Zweiter Auftritt + +Recha und die Vorigen. + + +Recha. +So seid Ihr es doch ganz und gar, mein Vater? +Ich glaubt', Ihr hättet Eure Stimme nur +Vorausgeschickt. Wo bleibt Ihr? Was für Berge, +Für Wüsten, was für Ströme trennen uns +Denn noch? Ihr atmet Wand an Wand mit ihr, +Und eilt nicht, Eure Recha zu umarmen? +Die arme Recha, die indes verbrannte! +Fast, fast verbrannte! Fast nur. Schaudert nicht! +Es ist ein garstiger Tod, verbrennen. Oh! + +Nathan. +Mein Kind! mein liebes Kind! + +Recha. Ihr mußtet über +Den Euphrat, Tigris, Jordan; über--wer +Weiß was für Wasser all?--Wie oft hab ich +Um Euch gezittert, eh' das Feuer mir +So nahe kam! Denn seit das Feuer mir +So nahe kam: dünkt mich im Wasser sterben +Erquickung, Labsal, Rettung,--Doch Ihr seid +Ja nicht ertrunken: ich, ich bin ja nicht +Verbrannt. Wie wollen wir uns freun, und Gott, +Gott loben! Er, er trug Euch und den Nachen +Auf Flügeln seiner unsichtbaren Engel +Die ungetreuen Ström' hinüber. Er, +Er winkte meinem Engel, daß er sichtbar +Auf seinem weißen Fittiche, mich durch +Das Feuer trüge-- + +Nathan. (Weißem Fittiche! +Ja, ja! der weiße vorgespreizte Mantel +Des Tempelherrn.) + +Recha. Er sichtbar, sichtbar mich +Durchs Feuer trüg', von seinem Fittiche +Verweht.--Ich also, ich hab einen Engel +Von Angesicht zu Angesicht gesehn; +Und meinen Engel. + +Nathan. Recha wär' es wert; +Und würd' an ihm nichts Schönres sehn, als er +An ihr. + +Recha (lächelnd). +Wem schmeichelt Ihr, mein Vater? wem? +Dem Engel, oder Euch? + +Nathan. Doch hätt' auch nur +Ein Mensch--ein Mensch, wie die Natur sie täglich +Gewährt, dir diesen Dienst erzeigt: er müßte +Für dich ein Engel sein. Er müßt' und würde. + +Recha. +Nicht so ein Engel; nein! ein wirklicher; +Es war gewiß ein wirklicher!--Habt Ihr, +Ihr selbst die Möglichkeit, daß Engel sind, +Daß Gott zum Besten derer, die ihn lieben, +Auch Wunder könne tun, mich nicht gelehrt? +Ich lieb ihn ja. + +Nathan. Und er liebt dich; und tut +Für dich, und deinesgleichen, stündlich Wunder; +Ja, hat sie schon von aller Ewigkeit +Für euch getan. + +Recha. Das hör ich gern. + +Nathan. Wie? weil +Es ganz natürlich, ganz alltäglich klänge, +Wenn dich ein eigentlicher Tempelherr +Gerettet hätte: sollt' es darum weniger +Ein Wunder sein?--Der Wunder höchstes ist, +Daß uns die wahren, echten Wunder so +Alltäglich werden können, werden sollen. +Ohn' dieses allgemeine Wunder, hätte +Ein Denkender wohl schwerlich Wunder je +Genannt, was Kindern bloß so heißen mußte, +Die gaffend nur das Ungewöhnlichste, +Das Neuste nur verfolgen. + +Daja (zu Nathan). Wollt Ihr denn +Ihr ohnedem schon überspanntes Hirn +Durch solcherlei Subtilitäten ganz +Zersprengen? + +Nathan. Laß mich!--Meiner Recha wär' +Es Wunders nicht genug, daß sie ein Mensch +Gerettet, welchen selbst kein kleines Wunder +Erst retten müssen? Ja, kein kleines Wunder! +Denn wer hat schon gehört, daß Saladin +Je eines Tempelherrn verschont? daß je +Ein Tempelherr von ihm verschont zu werden +Verlangt? gehofft? ihm je für seine Freiheit +Mehr als den ledern Gurt geboten, der +Sein Eisen schleppt; und höchstens seinen Dolch? + +Recha. +Das schließt für mich, mein Vater.--Darum eben +War das kein Tempelherr; er schien es nur.-- +Kömmt kein gefangner Tempelherr je anders +Als zum gewissen Tode nach Jerusalem; +Geht keiner in Jerusalem so frei +Umher: wie hätte mich des Nachts freiwillig +Denn einer retten können? + +Nathan. Sieh! wie sinnreich. +Jetzt, Daja, nimm das Wort. Ich hab es ja +Von dir, daß er gefangen hergeschickt +Ist worden. Ohne Zweifel weißt du mehr. + +Daja. +Nun ja.--So sagt man freilich;--doch man sagt +Zugleich, daß Saladin den Tempelherrn +Begnadigt, weil er seiner Brüder einem, +Den er besonders lieb gehabt, so ähnlich sehe. +Doch da es viele zwanzig Jahre her, +Daß dieser Bruder nicht mehr lebt,--er hieß, +Ich weiß nicht wie;--er blieb, ich weiß nicht wo:-- +So klingt das ja so gar--so gar unglaublich, +Daß an der ganzen Sache wohl nichts ist. + +Nathan. +Ei, Daja! Warum wäre denn das so +Unglaublich? Doch wohl nicht--wie's wohl geschieht-- +Um lieber etwas noch Unglaublichers +Zu glauben?--Warum hätte Saladin, +Der sein Geschwister insgesamt so liebt, +In jüngern Jahren einen Bruder nicht +Noch ganz besonders lieben können?--Pflegen +Sich zwei Gesichter nicht zu ähneln?--Ist +Ein alter Eindruck ein verlorner?--Wirkt +Das Nämliche nicht mehr das Nämliche? +Seit wenn?--Wo steckt hier das Unglaubliche? +Ei freilich, weise Daja, wär's für dich +Kein Wunder mehr; und deine Wunder nur +Bedürf... verdienen, will ich sagen, Glauben. + +Daja. +Ihr spottet. + +Nathan. Weil du meiner spottest.--Doch +Auch so noch, Recha, bleibet deine Rettung +Ein Wunder, dem nur möglich, der die strengsten +Entschlüsse, die unbändigsten Entwürfe +Der Könige, sein Spiel--wenn nicht sein Spott-- +Gern an den schwächsten Fäden lenkt. + +Recha. Mein Vater! +Mein Vater, wenn ich irr, Ihr wißt, ich irre +Nicht gern. + +Nathan. Vielmehr, du läßt dich gern belehren. +Sieh! eine Stirn, so oder so gewölbt; +Der Rücken einer Nase, so vielmehr +Als so geführet; Augenbraunen, die +Auf einem scharfen oder stumpfen Knochen +So oder so sich schlängeln; eine Linie, +Ein Bug, ein Winkel, eine Falt', ein Mal, +Ein Nichts, auf eines wilden Europäers +Gesicht:--und du entkommst dem Feu'r, in Asien! +Das wär' kein Wunder, wundersücht'ges Volk? +Warum bemüht ihr denn noch einen Engel? + +Daja. +Was schadet's--Nathan, wenn ich sprechen darf-- +Bei alledem, von einem Engel lieber +Als einem Menschen sich gerettet denken? +Fühlt man der ersten unbegreiflichen +Ursache seiner Rettung nicht sich so +Viel näher? + +Nathan. Stolz! und nichts als Stolz! Der Topf +Von Eisen will mit einer silbern Zange +Gern aus der Glut gehoben sein, um selbst +Ein Topf von Silber sich zu dünken.--Pah!-- +Und was es schadet, fragst du? was es schadet? +Was hilft es? dürft' ich nur hinwieder fragen.-- +Denn dein "Sich Gott um so viel näher fühlen" +Ist Unsinn oder Gotteslästerung.-- +Allein es schadet; ja, es schadet allerdings.-- +Kommt! hört mir zu.--Nicht wahr? dem Wesen, das +Dich rettete,--es sei ein Engel oder +Ein Mensch,--dem möchtet ihr, und du besonders, +Gern wieder viele große Dienste tun?-- +Nicht wahr?--Nun, einem Engel, was für Dienste, +Für große Dienste könnt ihr dem wohl tun? +Ihr könnt ihm danken; zu ihm seufzen, beten; +Könnt in Entzückung über ihn zerschmelzen; +Könnt an dem Tage seiner Feier fasten, +Almosen spenden.--Alles nichts.--Denn mich +Deucht immer, daß ihr selbst und euer Nächster +Hierbei weit mehr gewinnt, als er. Er wird +Nicht fett durch euer Fasten; wird nicht reich +Durch eure Spenden; wird nicht herrlicher +Durch eu'r Entzücken; wird nicht mächtiger +Durch eu'r Vertraun. Nicht wahr? Allein ein Mensch! + +Daja. +Ei freilich hätt' ein Mensch, etwas für ihn +Zu tun, uns mehr Gelegenheit verschafft. +Und Gott weiß, wie bereit wir dazu waren! +Allein er wollte ja, bedurfte ja +So völlig nichts; war in sich, mit sich so +Vergnügsam, als nur Engel sind, nur Engel +Sein können. + +Recha. Endlich, als er gar verschwand... + +Nathan. +Verschwand?--Wie denn verschwand?--Sich untern Palmen +Nicht ferner sehen ließ?--Wie? oder habt +Ihr wirklich schon ihn weiter aufgesucht? + +Daja. +Das nun wohl nicht. + +Nathan. Nicht, Daja? nicht?--Da sieh +Nun was es schad't!--Grausame Schwärmerinnen! +Wenn dieser Engel nun--nun krank geworden!... + +Recha. +Krank! + +Daja. Krank! Er wird doch nicht! + +Recha. Welch kalter Schauer +Befällt mich!--Daja!--Meine Stirne, sonst +So warm, fühl! ist auf einmal Eis. + +Nathan. Er ist +Ein Franke, dieses Klimas ungewohnt; +Ist jung; der harten Arbeit seines Standes, +Des Hungerns, Wachens ungewohnt. + +Recha. Krank! krank! + +Daja. +Das wäre möglich, meint ja Nathan nur. + +Nathan. +Nun liegt er da! hat weder Freund, noch Geld +Sich Freunde zu besolden. + +Recha. Ah, mein Vater! + +Nathan. +Liegt ohne Wartung, ohne Rat und Zusprach', +Ein Raub der Schmerzen und des Todes da! + +Recha. +Wo? wo? + +Nathan. Er, der für eine, die er nie +Gekannt, gesehn--genug, es war ein Mensch +Ins Feu'r sich stürzte... + +Daja. Nathan, schonet ihrer! + +Nathan. +Der, was er rettete, nicht näher kennen, +Nicht weiter sehen mocht',--um ihm den Dank +Zu sparen... + +Daja. Schonet ihrer, Nathan! + +Nathan. Weiter +Auch nicht zu sehn verlangt',--es wäre denn, +Daß er zum zweitenmal es retten sollte-- +Denn g'nug, es ist ein Mensch... + +Daja. Hört auf, und seht! + +Nathan. +Der, der hat sterbend sich zu laben, nichts +Als das Bewußtsein dieser Tat! + +Daja. Hört auf! +Ihr tötet sie! + +Nathan. Und du hast ihn getötet!-- +Hättst so ihn töten können.--Recha! Recha! +Es ist Arznei, nicht Gift, was ich dir reiche. +Er lebt!--komm zu dir!--ist auch wohl nicht krank: +Nicht einmal krank! + +Recha. Gewiß?--nicht tot? nicht krank? + +Nathan. +Gewiß, nicht tot! Denn Gott lohnt Gutes, hier +Getan, auch hier noch.--Geh!--Begreifst du aber, +Wieviel andächtig schwärmen leichter, als +Gut handeln ist? wie gern der schlaffste Mensch +Andächtig schwärmt, um nur,--ist er zu Zeiten +Sich schon der Absicht deutlich nicht bewußt-- +Um nur gut handeln nicht zu dürfen? + +Recha. Ah, +Mein Vater! laßt, laßt Eure Recha doch +Nie wiederum allein!--Nicht wahr, er kann +Auch wohl verreist nur sein?-- + +Nathan. Geht!--Allerdings.-- +Ich seh, dort mustert mit neugier'gem Blick +Ein Muselmann mir die beladenen +Kamele. Kennt Ihr ihn? + +Daja. Ha! Euer Derwisch. + +Nathan. +Wer? + +Daja. Euer Derwisch; Euer Schachgesell! + +Nathan. +Al-Hafi? das Al-Hafi? + +Daja. Itzt des Sultans +Schatzmeister. + +Nathan. Wie? Al-Hafi? Träumst du wieder? +Er ist's!--wahrhaftig, ist's!--kömmt auf uns zu. +Hinein mit Euch, geschwind!--Was werd ich hören! + + + +Dritter Auftritt + +Nathan und der Derwisch. + + +Derwisch. +Reißt nur die Augen auf, so weit Ihr könnt! + +Nathan. +Bist du's? Bist du es nicht?--In dieser Pracht, +Ein Derwisch!... + +Derwisch. Nun? warum denn nicht? Läßt sich +Aus einem Derwisch denn nichts, gar nichts machen? + +Nathan. +Ei wohl, genug!--Ich dachte mir nur immer, +Der Derwisch--so der rechte Derwisch--woll' +Aus sich nichts machen lassen. + +Derwisch. Beim Propheten +Daß ich kein rechter bin, mag auch wohl wahr sein. +Zwar wenn man muß-- + +Nathan. Muß! Derwisch!--Derwisch muß? +Kein Mensch muß müssen, und ein Derwisch müßte? +Was müßt' er denn? + +Derwisch. Warum man ihn recht bittet, +Und er für gut erkennt: das muß ein Derwisch. + +Nathan. +Bei unserm Gott! da sagst du wahr.--Laß dich +Umarmen, Mensch.--Du bist doch noch mein Freund? + +Derwisch. +Und fragt nicht erst, was ich geworden bin? + +Nathan. +Trotzdem, was du geworden! + +Derwisch. Könnt' ich nicht +Ein Kerl im Staat geworden sein, des Freundschaft +Euch ungelegen wäre? + +Nathan. Wenn dein Herz +Noch Derwisch ist, so wag ich's drauf. Der Kerl +Im Staat, ist nur dein Kleid. + +Derwisch. Das auch geehrt +Will sein.--Was meint Ihr? ratet!--Was wär' ich +An Eurem Hofe? + +Nathan. Derwisch; weiter nichts. +Doch nebenher, wahrscheinlich--Koch. + +Derwisch. Nun ja! +Mein Handwerk bei Euch zu verlernen.--Koch! +Nicht Kellner auch?--Gesteht, daß Saladin +Mich besser kennt.--Schatzmeister bin ich bei-- +Ihm worden. + +Nathan. Du?--bei ihm? + +Derwisch. Versteht: +Des kleinern Schatzes,--denn des größern wartet +Sein Vater noch--des Schatzes für sein Haus. + +Nathan. +Sein Haus ist groß. + +Derwisch. Und größer, als Ihr glaubt; +Denn jeder Bettler ist von seinem Hause. + +Nathan. +Doch ist den Bettlern Saladin so feind-- + +Derwisch. +Daß er mit Strumpf und Stiel sie zu vertilgen +Sich vorgesetzt,--und sollt' er selbst darüber +Zum Bettler werden. + +Nathan. Brav!--So mein ich's eben. + +Derwisch. +Er ist's auch schon, trotz einem!--Denn sein Schatz +Ist jeden Tag mit Sonnenuntergang +Viel leerer noch, als leer. Die Flut, so hoch +Sie morgens eintritt, ist des Mittags längst +Verlaufen-- + +Nathan. Weil Kanäle sie zum Teil +Verschlingen, die zu füllen oder zu +Verstopfen, gleich unmöglich ist. + +Derwisch. Getroffen! + +Nathan. +Ich kenne das! + +Derwisch. Es taugt nun freilich nichts, +Wenn Fürsten Geier unter Äsern sind. +Doch sind sie Äser unter Geiern, taugt's +Noch zehnmal weniger. + +Nathan. O nicht doch, Derwisch! +Nicht doch! + +Derwisch. Ihr habt gut reden, Ihr!--Kommt an: +Was gebt Ihr mir? so tret ich meine Stell' +Euch ab. + +Nathan. Was bringt dir deine Stelle? + +Derwisch. Mir? +Nicht viel. Doch Euch, Euch kann sie trefflich wuchern. +--Denn ist es Ebb' im Schatz,--wie öfters ist, +So zieht Ihr Eure Schleusen auf: schießt vor, +Und nehmt an Zinsen, was Euch nur gefällt. + +Nathan. +Auch Zins vom Zins der Zinsen? + +Derwisch. Freilich! + +Nathan. Bis +Mein Kapital zu lauter Zinsen wird. + +Derwisch. +Das lockt Euch nicht?--So schreibet unsrer Freundschaft +Nur gleich den Scheidebrief! Denn wahrlich hab +Ich sehr auf Euch gerechnet. + +Nathan. Wahrlich? Wie +Denn so? wieso denn? + +Derwisch. Daß Ihr mir mein Amt +Mit Ehren würdet führen helfen; daß +Ich allzeit offne Kasse bei Euch hätte.-- +Ihr schüttelt? + +Nathan. Nun, verstehn wir uns nur recht! +Hier gibt's zu unterscheiden.--Du? warum +Nicht du? Al-Hafi Derwisch ist zu allem, +Was ich vermag, mir stets willkommen.--Aber +Al-Hafi Defterdar des Saladin, +Der--dem-- + +Derwisch. Erriet ich's nicht? Daß Ihr doch immer +So gut als klug, so klug als weise seid!-- +Geduld! Was Ihr am Hafi unterscheidet, +Soll bald geschieden wieder sein.--Seht da +Das Ehrenkleid, das Saladin mir gab. +Eh' es verschossen ist, eh' es zu Lumpen +Geworden, wie sie einen Derwisch kleiden, +Hängt's in Jerusalem am Nagel, und +Ich bin am Ganges, wo ich leicht und barfuß +Den heißen Sand mit meinen Lehrern trete. + +Nathan. +Dir ähnlich g'nug! + +Derwisch. Und Schach mit ihnen spiele. + +Nathan. +Dein höchstes Gut! + +Derwisch. Denkt nur, was mich verführte!-- +Damit ich selbst nicht länger betteln dürfte? +Den reichen Mann mit Bettlern spielen könnte? +Vermögend wär' im Hui den reichsten Bettler +In einen armen Reichen zu verwandeln? + +Nathan. +Das nun wohl nicht. + +Derwisch. Weit etwas Abgeschmackters! +Ich fühlte mich zum erstenmal geschmeichelt; +Durch Saladins gutherz'gen Wahn geschmeichelt-- + +Nathan. +Der war? + +Derwisch. "Ein Bettler wisse nur, wie Bettlern +Zumute sei; ein Bettler habe nur +Gelernt, mit guter Weise Bettlern geben. +Dein Vorfahr, sprach er, war mir viel zu kalt, +Zu rauh. Er gab so unhold, wenn er gab; +Erkundigte so ungestüm sich erst +Nach dem Empfänger; nie zufrieden, daß +Er nur den Mangel kenne, wollt' er auch +Des Mangels Ursach' wissen, um die Gabe +Nach dieser Ursach' filzig abzuwägen. +Das wird Al-Hafi nicht! So unmild mild +Wird Saladin im Hafi nicht erscheinen! +Al-Hafi gleicht verstopften Röhren nicht, +Die ihre klar und still empfangnen Wasser +So unrein und so sprudelnd wiedergeben. +Al-Hafi denkt; Al-Hafi fühlt wie ich!"-- +So lieblich klang des Voglers Pfeife, bis +Der Gimpel in dem Netze war.--Ich Geck! +Ich eines Gecken Geck! + +Nathan. Gemach, mein Derwisch, +Gemach! + +Derwisch. Ei was!--Es wär' nicht Geckerei, +Bei Hunderttausenden die Menschen drücken, +Ausmergeln, plündern, martern, würgen; und +Ein Menschenfreund an einzeln scheinen wollen? +Es wär' nicht Geckerei, des Höchsten Milde, +Die sonder Auswahl über Bös' und Gute +Und Flur und Wüstenei, in Sonnenschein +Und Regen sich verbreitet,--nachzuäffen, +Und nicht des Höchsten immer volle Hand +Zu haben? Was? es wär' nicht Geckerei... + +Nathan. +Genug! hör auf! + +Derwisch. Laßt meiner Geckerei +Mich doch nur auch erwähnen!--Was? es wäre +Nicht Geckerei, an solchen Geckereien +Die gute Seite dennoch auszuspüren, +Um Anteil, dieser guten Seite wegen, +An dieser Geckerei zu nehmen? He? +Das nicht? + +Nathan. Al-Hafi, mache, daß du bald +In deine Wüste wieder kömmst. Ich fürchte, +Grad unter Menschen möchtest du ein Mensch +Zu sein verlernen. + +Derwisch. Recht, das fürcht ich auch. +Lebt wohl! + +Nathan. So hastig?--Warte doch, Al-Hafi. +Entläuft dir denn die Wüste?--Warte doch!-- +Daß er mich hörte!--He, Al-Hafi! hier!-- +Weg ist er; und ich hätt' ihn noch so gern +Nach unserm Tempelherrn gefragt. Vermutlich, +Daß er ihn kennt. + + + +Vierter Auftritt + +Daja eilig herbei. Nathan. + + +Daja. O Nathan, Nathan! + +Nathan. Nun? +Was gibt's? + +Daja. Er läßt sich wieder sehn! Er läßt +Sich wieder sehn! + +Nathan. Wer, Daja? wer? + +Daja. Er! Er! + +Nathan. +Er? Er?--Wann läßt sich der nicht sehn!--Ja so, +Nur euer Er heißt er.--Das sollt' er nicht! +Und wenn er auch ein Engel wäre, nicht!-- + +Daja. +Er wandelt untern Palmen wieder auf +Und ab; und bricht von Zeit zu Zeit sich Datteln. + +Nathan. +Sie essend?--und als Tempelherr? + +Daja. Was quält +Ihr mich?--Ihr gierig Aug' erriet ihn hinter +Den dicht verschränkten Palmen schon; und folgt +Ihm unverrückt. Sie läßt Euch bitten,--Euch +Beschwören,--ungesäumt ihn anzugehn. +O eilt! Sie wird Euch aus dem Fenster winken, +Ob er hinauf geht oder weiter ab +Sich schlägt. O eilt! + +Nathan. So wie ich vom Kamele +Gestiegen?--Schickt sich das?--Geh, eile du +Ihm zu; und meld ihm meine Wiederkunft. +Gib acht, der Biedermann hat nur mein Haus +In meinem Absein nicht betreten wollen; +Und kömmt nicht ungern, wenn der Vater selbst +Ihn laden läßt. Geh, sag, ich laß ihn bitten, +Ihn herzlich bitten... + +Daja. All umsonst! Er kömmt +Euch nicht.--Denn kurz; er kömmt zu keinem Juden. + +Nathan. +So geh, geh wenigstens ihn anzuhalten; +Ihn wenigstens mit deinen Augen zu +Begleiten.--Geh, ich komme gleich dir nach. + +(Nathan eilet hinein, und Daja heraus.) + + + +Fünfter Auftritt + +Szene: ein Platz mit Palmen, unter welchen der Tempelherr auf und +nieder geht. Ein Klosterbruder folgt ihm in einiger Entfernung von +der Seite, immer als ob er ihn anreden wolle. + + +Tempelherr. +Der folgt mir nicht vor langer Weile!--Sieh, +Wie schielt er nach den Händen!--Guter Bruder,... +Ich kann Euch auch wohl Vater nennen; nicht? + +Klosterbruder. +Nur Bruder--Laienbruder nur; zu dienen. + +Tempelherr. +Ja, guter Bruder, wer nur selbst was hätte! +Bei Gott! bei Gott! Ich habe nichts-- + +Klosterbruder. Und doch +Recht warmen Dank! Gott geb' Euch tausendfach, +Was Ihr gern geben wolltet. Denn der Wille +Und nicht die Gabe macht den Geber.--Auch +Ward ich dem Herrn Almosens wegen gar +Nicht nachgeschickt. + +Tempelherr. Doch aber nachgeschickt? + +Klosterbruder. +Ja; aus dem Kloster. + +Tempelherr. Wo ich eben jetzt +Ein kleines Pilgermahl zu finden hoffte? + +Klosterbruder. +Die Tische waren schon besetzt; komm' aber +Der Herr nur wieder mit zurück. + +Tempelherr. Wozu? +Ich habe Fleisch wohl lange nicht gegessen: +Allein was tut's? Die Datteln sind ja reif. + +Klosterbruder. +Nehm' sich der Herr in acht' mit dieser Frucht. +Zu viel genossen taugt sie nicht; verstopft +Die Milz; macht melancholisches Geblüt. + +Tempelherr. +Wenn ich nun melancholisch gern mich fühlte?-- +Doch dieser Warnung wegen wurdet Ihr +Mir doch nicht nachgeschickt? + +Klosterbruder. O nein!--Ich soll +Mich nur nach Euch erkunden; auf den Zahn +Euch fühlen. + +Tempelherr. Und das sagt Ihr mir so selbst? + +Klosterbruder. +Warum nicht? + +Tempelherr. (Ein verschmitzter Bruder!)--Hat +Das Kloster Euresgleichen mehr? + +Klosterbruder. Weiß nicht. +Ich muß gehorchen, lieber Herr. + +Tempelherr. Und da +Gehorcht Ihr denn auch ohne viel zu klügeln? + +Klosterbruder. +Wär's sonst gehorchen, lieber Herr? + +Tempelherr. (Daß doch +Die Einfalt immer Recht behält!)--Ihr dürft +Mir doch auch wohl vertrauen, wer mich gern +Genauer kennen möchte?--Daß Ihr's selbst +Nicht seid, will ich wohl schwören. + +Klosterbruder. Ziemte mir's? +Und frommte mir's? + +Tempelherr. Wem ziemt und frommt es denn, +Daß er so neubegierig ist? Wem denn? + +Klosterbruder. +Dem Patriarchen; muß ich glauben.--Denn +Der sandte mich Euch nach. + +Tempelherr. Der Patriarch? +Kennt der das rote Kreuz auf weißem Mantel +Nicht besser? + +Klosterbruder. Kenn ja ich's! + +Tempelherr. Nun, Bruder? nun?-- +Ich bin ein Tempelherr; und ein gefangner.-- +Setz ich hinzu: gefangen bei Tebnin, +Der Burg, die mit des Stillstands letzter Stunde +Wir gern erstiegen hätten, um sodann +Auf Sidon loszugehn;--setz ich hinzu: +Selbzwanzigster gefangen und allein +Vom Saladin begnadiget: so weiß +Der Patriarch, was er zu wissen braucht; +Mehr, als er braucht. + +Klosterbruder. Wohl aber schwerlich mehr, +Als er schon weiß.--Er wüßt' auch gern, warum +Der Herr vom Saladin begnadigt worden; +Er ganz allein. + +Tempelherr. Weiß ich das selber?--Schon +Den Hals entblößt, kniet' ich auf meinem Mantel, +Den Streich erwartend: als mich schärfer Saladin +Ins Auge faßt, mir näher springt, und winkt. +Man hebt mich auf; ich bin entfesselt; will +Ihm danken; seh sein Aug' in Tränen: stumm +Ist er, bin ich; er geht, ich bleibe.--Wie +Nun das zusammenhängt, enträtsle sich +Der Patriarche selbst. + +Klosterbruder. Er schließt daraus, +Daß Gott zu großen, großen Dingen Euch +Müss' aufbehalten haben. + +Tempelherr. Ja, zu großen! +Ein Judenmädchen aus dem Feu'r zu retten; +Auf Sinai neugier'ge Pilger zu +Geleiten; und dergleichen mehr. + +Klosterbruder. Wird schon +Noch kommen!--Ist inzwischen auch nicht übel.-- +Vielleicht hat selbst der Patriarch bereits +Weit wicht'gere Geschäfte für den Herrn. + +Tempelherr. +So? meint Ihr, Bruder?--Hat er gar Euch schon +Was merken lassen? + +Klosterbruder. Ei, Jawohl!--Ich soll +Den Herrn nur erst ergründen, ob er so +Der Mann wohl ist. + +Tempelherr. Nun ja; ergründet nur! +(Ich will doch sehn, wie der ergründet!)--Nun? + +Klosterbruder. +Das Kürzste wird wohl sein, daß ich dem Herrn +Ganz gradezu des Patriarchen Wunsch +Eröffne. + +Tempelherr. Wohl! + +Klosterbruder. Er hätte durch den Herrn +Ein Briefchen gern bestellt. + +Tempelherr. Durch mich? Ich bin +Kein Bote.--Das, das wäre das Geschäft, +Das weit glorreicher sei, als Judenmädchen +Dem Feu'r entreißen? + +Klosterbruder. Muß doch wohl! Denn--sagt +Der Patriarch--an diesem Briefchen sei +Der ganzen Christenheit sehr viel gelegen. +Dies Briefchen wohl bestellt zu haben,--sagt +Der Patriarch,--werd einst im Himmel Gott +Mit einer ganz besondern Krone lohnen. +Und dieser Krone,--sagt der Patriarch, +Sei niemand würd'ger, als mein Herr. + +Tempelherr. Als ich? + +Klosterbruder. +Denn diese Krone zu verdienen,--sagt +Der Patriarch,--sei schwerlich jemand auch +Geschickter, als mein Herr. + +Tempelherr. Als ich? + +Klosterbruder. Er sei +Hier frei; könn' überall sich hier besehn; +Versteh', wie eine Stadt zu stürmen und +Zu schirmen; könne,--sagt der Patriarch,-- +Die Stärk' und Schwäche der von Saladin +Neu aufgeführten, innern, zweiten Mauer +Am besten schätzen, sie am deutlichsten +Den Streitern Gottes,--sagt der Patriarch,-- +Beschreiben. + +Tempelherr. Guter Bruder, wenn ich doch +Nun auch des Briefchens nähern Inhalt wüßte. + +Klosterbruder. +Ja den,--den weiß ich nun wohl nicht so recht. +Das Briefchen aber ist an König Philipp.-- +Der Patriarch... Ich hab mich oft gewundert, +Wie doch ein Heiliger, der sonst so ganz +Im Himmel lebt, zugleich so unterrichtet +Von Dingen dieser Welt zu sein herab +Sich lassen kann. Es muß ihm sauer werden. + +Tempelherr. +Nun dann? der Patriarch? + +Klosterbruder. Weiß ganz genau, +Ganz zuverlässig, wie und wo, wie stark, +Von welcher Seite Saladin, im Fall +Es völlig wieder losgeht, seinen Feldzug +Eröffnen wird. + +Tempelherr. Das weiß er? + +Klosterbruder. Ja, und möcht' +Es gern dem König Philipp wissen lassen: +Damit der ungefähr ermessen könne, +Ob die Gefahr denn gar so schrecklich, um +Mit Saladin den Waffenstillestand, +Den Euer Orden schon so brav gebrochen, +Es koste was es wolle, wiederher- +Zustellen. + +Tempelherr. Welch ein Patriarch!--Ja so! +Der liebe tapfre Mann will mich zu keinem +Gemeinen Boten; will mich--zum Spion. +Sagt Euerm Patriarchen, guter Bruder, +Soviel Ihr mich ergründen können, wär' +Das meine Sache nicht.--Ich müsse mich +Noch als Gefangenen betrachten; und +Der Tempelherren einziger Beruf +Sei mit dem Schwerte dreinzuschlagen, nicht +Kundschafterei zu treiben. + +Klosterbruder. Dacht' ich's doch!-- +Will's auch dem Herrn nicht eben sehr verübeln.-- +Zwar kömmt das Beste noch.--Der Patriarch +Hiernächst hat ausgegattert, wie die Feste +Sich nennt, und wo auf Libanon sie liegt, +In der die ungeheuern Summen stecken, +Mit welchen Saladins vorsicht'ger Vater +Das Heer besoldet, und die Zurüstungen +Des Kriegs bestreitet. Saladin verfügt +Von Zeit zu Zeit auf abgelegnen Wegen +Nach dieser Feste sich, nur kaum begleitet.-- +Ihr merkt doch? + +Tempelherr. Nimmermehr! + +Klosterbruder. Was wäre da +Wohl leichter, als des Saladins sich zu +Bemächtigen? den Garaus ihm zu machen?-- +Ihr schaudert?--O es haben schon ein paar +Gottsfürcht'ge Maroniten sich erboten, +Wenn nur ein wackrer Mann sie führen wolle, +Das Stück zu wagen. + +Tempelherr. Und der Patriarch +Hätt' auch zu diesem wackern Manne mich +Ersehn? + +Klosterbruder. Er glaubt, daß König Philipp wohl +Von Ptolemais aus die Hand hierzu +Am besten bieten könne. + +Tempelherr. Mir? mir, Bruder? +Mir? Habt Ihr nicht gehört? nur erst gehört, +Was für Verbindlichkeit dem Saladin +Ich habe? + +Klosterbruder. Wohl hab ich's gehört. + +Tempelherr. Und doch? + +Klosterbruder. +Ja,--meint der Patriarch,--das wär' schon gut: +Gott aber und der Orden... + +Tempelherr. Ändern nichts! +Gebieten mir kein Bubenstück! + +Klosterbruder. Gewiß nicht!-- +Nur,--meint der Patriarch,--sei Bubenstück +Vor Menschen, nicht auch Bubenstück vor Gott. + +Tempelherr. +Ich wär' dem Saladin mein Leben schuldig: +Und raubt' ihm seines? + +Klosterbruder. Pfui!--Doch bliebe,--meint +Der Patriarch,--noch immer Saladin +Ein Feind der Christenheit, der Euer Freund +Zu sein, kein Recht erwerben könne. + +Tempelherr. Freund? +An dem ich bloß nicht will zum Schurken werden; +Zum undankbaren Schurken? + +Klosterbruder. Allerdings!-- +Zwar,--meint der Patriarch,--des Dankes sei +Man quitt, vor Gott und Menschen quitt, wenn uns +Der Dienst um unsertwillen nicht geschehen. +Und da verlauten wolle,--meint der Patriarch,-- +Daß Euch nur darum Saladin begnadet, +Weil ihm in Eurer Mien', in Euerm Wesen +So was von seinem Bruder eingeleuchtet... + +Tempelherr. +Auch dieses weiß der Patriarch; und doch?-- +Ah! wäre das gewiß! Ah, Saladin!-- +Wie? die Natur hätt' auch nur einen Zug +Von mir in deines Bruders Form gebildet: +Und dem entspräche nichts in meiner Seele? +Was dem entspräche, könnt' ich unterdrücken, +Um einem Patriarchen zu gefallen?-- +Natur, so leugst du nicht! So widerspricht +Sich Gott in seinen Werken nicht!--Geht, Bruder! +Erregt mir meine Galle nicht!--Geht! geht! + +Klosterbruder. +Ich geh; und geh vergnügter, als ich kam. +Verzeihe mir der Herr. Wir Klosterleute +Sind schuldig, unsern Obern zu gehorchen. + + + +Sechster Auftritt + +Der Tempelherr und Daja, die den Tempelherrn schon eine Zeitlang von +weiten beobachtet hatte und sich nun ihm nähert. + + +Daja. +Der Klosterbruder, wie mich dünkt, ließ in +Der besten Laun' ihn nicht.--Doch muß ich mein +Paket nur wagen. + +Tempelherr. Nun, vortrefflich!--Lügt +Das Sprichwort wohl: daß Mönch und Weib, und Weib +Und Mönch des Teufels beide Krallen sind? +Er wirft mich heut aus einer in die andre. + +Daja. +Was seh ich?--Edler Ritter, Euch?--Gott Dank! +Gott tausend Dank!--Wo habt Ihr denn +Die ganze Zeit gesteckt?--Ihr seid doch wohl +Nicht krank gewesen? + +Tempelherr. Nein. + +Daja. Gesund doch? + +Tempelherr. Ja. + +Daja. +Wir waren Euertwegen wahrlich ganz +Bekümmert. + +Tempelherr. So? + +Daja. Ihr wart gewiß verreist? + +Tempelherr. +Erraten! + +Daja. Und kamt heut erst wieder? + +Tempelherr. Gestern. + +Daja. +Auch Rechas Vater ist heut angekommen. +Und nun darf Recha doch wohl hoffen? + +Tempelherr. Was? + +Daja. +Warum sie Euch so öfters bitten lassen. +Ihr Vater ladet Euch nun selber bald +Aufs dringlichste. Er kömmt von Babylon. +Mit zwanzig hochbeladenen Kamelen, +Und allem, was an edeln Spezereien, +An Steinen und an Stoffen, Indien +Und Persien und Syrien, gar Sina, +Kostbares nur gewähren. + +Tempelherr. Kaufe nichts. + +Daja. +Sein Volk verehret ihn als einen Fürsten. +Doch daß es ihn den Weisen Nathan nennt +Und nicht vielmehr den Reichen, hat mich oft +Gewundert. + +Tempelherr. Seinem Volk ist reich und weise +Vielleicht das Nämliche. + +Daja. Vor allen aber +Hätt's ihn den Guten nennen müssen. Denn +Ihr stellt Euch gar nicht vor, wie gut er ist. +Als er erfuhr, wieviel Euch Recha schuldig: +Was hätt', in diesem Augenblicke, nicht +Er alles Euch getan, gegeben! + +Tempelherr. Ei! + +Daja. +Versucht's und kommt und seht! + +Tempelherr. Was denn? wie schnell +Ein Augenblick vorüber ist? + +Daja. Hätt' ich, +Wenn er so gut nicht wär', es mir so lange +Bei ihm gefallen lassen? Meint Ihr etwa, +Ich fühle meinen Wert als Christin nicht? +Auch mir ward's vor der Wiege nicht gesungen, +Daß ich nur darum meinem Ehgemahl +Nach Palästina folgen würd', um da +Ein Judenmädchen zu erziehn. Es war +Mein lieber Ehgemahl ein edler Knecht +In Kaiser Friedrichs Heere-- + +Tempelherr. Von Geburt +Ein Schweizer, dem die Ehr' und Gnade ward, +Mit Seiner Kaiserlichen Majestät +In einem Flusse zu ersaufen.--Weib! +Wievielmal habt Ihr mir das schon erzählt? +Hört Ihr denn gar nicht auf mich zu verfolgen? + +Daja. +Verfolgen! lieber Gott! + +Tempelherr. Ja, ja, verfolgen. +Ich will nun einmal Euch nicht weiter sehn! +Nicht hören! Will von Euch an eine Tat +Nicht fort und fort erinnert sein, bei der +Ich nichts gedacht; die, wenn ich drüber denke, +Zum Rätsel von mir selbst mir wird. Zwar möcht' +Ich sie nicht gern bereuen. Aber seht; +Ereignet so ein Fall sich wieder: Ihr +Seid schuld, wenn ich so rasch nicht handle; wenn +Ich mich vorher erkund--und brennen lasse, +Was brennt. + +Daja. Bewahre Gott! + +Tempelherr. Von heut an tut +Mir den Gefallen wenigstens, und kennt +Mich weiter nicht. Ich bitt Euch drum. Auch laßt +Den Vater mir vom Halse. Jud' ist Jude. +Ich bin ein plumper Schwab. Des Mädchens Bild +Ist längst aus meiner Seele; wenn es je +Da war. + +Daja. Doch Eures ist aus ihrer nicht. + +Tempelherr. +Was soll's nun aber da? was soll's? + +Daja. Wer weiß! +Die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen. + +Tempelherr. +Doch selten etwas Bessers. (Er geht.) + +Daja. Wartet doch! +Was eilt Ihr? + +Tempelherr. Weib, macht mir die Palmen nicht +Verhaßt, worunter ich so gern sonst wandle. + +Daja. +So geh, du deutscher Bär! so geh!--Und doch +Muß ich die Spur des Tieres nicht verlieren. + +(Sie geht ihm von weiten nach.) + + + + + +Zweiter Aufzug + + + +Erster Auftritt + +(Die Szene: des Sultans Palast.) + +Saladin und Sittah spielen Schach. + + +Sittah. +Wo bist du, Saladin? Wie spielst du heut? + +Saladin. +Nicht gut? Ich dächte doch. + +Sittah. Für mich; und kaum. +Nimm diesen Zug zurück. + +Saladin. Warum? + +Sittah. Der Springer +Wird unbedeckt. + +Saladin. Ist wahr. Nun so! + +Sittah. So zieh +Ich in die Gabel. + +Saladin. Wieder wahr.--Schach dann! + +Sittah. +Was hilft dir das? Ich setze vor: und du +Bist, wie du warst. + +Saladin. Aus dieser Klemme seh +Ich wohl, ist ohne Buße nicht zu kommen. +Mag's! nimm den Springer nur. + +Sittah. Ich will ihn nicht. +Ich geh vorbei. + +Saladin. Du schenkst mir nichts. Dir liegt +An diesem Plane mehr, als an dem Springer. + +Sittah. +Kann sein. + +Saladin. Mach deine Rechnung nur nicht ohne +Den Wirt. Denn sieh! Was gilt's, das warst du nicht +Vermuten? + +Sittah. Freilich nicht. Wie konnt' ich auch +Vermuten, daß du deiner Königin +So müde wärst? + +Saladin. Ich meiner Königin? + +Sittah. +Ich seh nun schon.--ich soll heut meine tausend +Dinar', kein Naserinchen mehr gewinnen. + +Saladin. +Wieso? + +Sittah. Frag noch!--Weil du mit Fleiß, mit aller +Gewalt verlieren willst.--Doch dabei find +Ich meine Rechnung nicht. Denn außer, daß +Ein solches Spiel das unterhaltendste +Nicht ist: gewann ich immer nicht am meisten +Mit dir' wenn ich verlor? Wenn hast du mir +Den Satz, mich des verlornen Spieles wegen +Zu trösten, doppelt nicht hernach geschenkt? + +Saladin. +Ei sieh! so hättest du ja wohl, wenn du +Verlorst, mit Fleiß verloren, Schwesterchen? + +Sittah. +Zum wenigsten kann gar wohl sein, daß deine +Freigebigkeit, mein liebes Brüderchen, +Schuld ist, daß ich nicht besser spielen lernen. + +Saladin. +Wir kommen ab vom Spiele. Mach ein Ende! + +Sittah. +So bleibt es? Nun dann: Schach! und doppelt Schach! + +Saladin. +Nun freilich; dieses Abschach hab ich nicht +Gesehn, das meine Königin zugleich +Mit niederwirft. + +Sittah. War dem noch abzuhelfen? +Laß sehn. + +Saladin. Nein, nein; nimm nur die Königin. +Ich war mit diesem Steine nie recht glücklich. + +Sittah. +Bloß mit dem Steine? + +Saladin. Fort damit!--Das tut +Mir nichts. Denn so ist alles wiederum +Geschützt. + +Sittah. Wie höflich man mit Königinnen +Verfahren müsse: hat mein Bruder mich +Zu wohl gelehrt. (Sie läßt sie stehen.) + +Saladin. Nimm, oder nimm sie nicht! +Ich habe keine mehr. + +Sittah. Wozu sie nehmen? +Schach!--Schach! + +Saladin. Nur weiter. + +Sittah. Schach!--und Schach!--und Schach!-- + +Saladin. +Und matt! + +Sittah. Nicht ganz; du ziehst den Springer noch +Dazwischen; oder was du machen willst. +Gleichviel! + +Saladin. Ganz recht!--Du hast gewonnen: und +Al-Hafi zahlt.--Man lass' ihn rufen! gleich! +Du hattest, Sittah, nicht so unrecht; ich +War nicht so ganz beim Spiele; war zerstreut. +Und dann: wer gibt uns denn die glatten Steine +Beständig? die an nichts erinnern, nichts +Bezeichnen. Hab ich mit dem Iman denn +Gespielt?--Doch was? Verlust will Vorwand. Nicht +Die umgeformten Steine, Sittah, sind's, +Die mich verlieren machten: deine Kunst, +Dein ruhiger und schneller Blick... + +Sittah. Auch so +Willst du den Stachel des Verlusts nur stumpfen. +Genug, du warst zerstreut; und mehr als ich. + +Saladin. +Als du? Was hätte dich zerstreuet? + +Sittah. Deine +Zerstreuung freilich nicht!--O Saladin, +Wenn werden wir so fleißig wieder spielen. + +Saladin. +So spielen wir um so viel gieriger!-- +Ah! weil es wieder losgeht, meinst du?--Mag's!-- +Nur zu!--Ich habe nicht zuerst gezogen; +Ich hätte gern den Stillestand aufs neue +Verlängert; hätte meiner Sittah gern, +Gern einen guten Mann zugleich verschafft. +Und das muß Richards Bruder sein: er ist +Ja Richards Bruder. + +Sittah. Wenn du deinen Richard +Nur loben kannst! + +Saladin. Wenn unserm Bruder Melek +Dann Richards Schwester wär' zu Teile worden: +Ha! welch ein Haus zusammen! Ha, der ersten, +Der besten Häuser in der Welt das beste! +Du hörst, ich bin mich selbst zu loben, auch +Nicht faul. Ich dünk mich meiner Freunde wert. +Das hätte Menschen geben sollen! das! + +Sittah. +Hab ich des schönen Traums nicht gleich gelacht? +Du kennst die Christen nicht, willst sie nicht kennen. +Ihr Stolz ist: Christen sein; nicht Menschen. Denn +Selbst das, was, noch von ihrem Stifter her, +Mit Menschlichkeit den Aberglauben würzt, +Das lieben sie, nicht weil es menschlich ist: +Weil's Christus lehrt; weil's Christus hat getan.-- +Wohl ihnen, daß er so ein guter Mensch +Noch war! Wohl ihnen, daß sie seine Tugend +Auf Treu und Glaube nehmen können!--Doch +Was Tugend?--Seine Tugend nicht; sein Name +Soll überall verbreitet werden; soll +Die Namen aller guten Menschen schänden, +Verschlingen. Um den Namen, um den Namen +Ist ihnen nur zu tun. + +Saladin. Du meinst: warum +Sie sonst verlangen würden, daß auch ihr, +Auch du und Melek, Christen hießet, eh' +Als Ehgemahl ihr Christen lieben wolltet? + +Sittah. +Jawohl! Als wär' von Christen nur, als Christen, +Die Liebe zu gewärtigen, womit +Der Schöpfer Mann und Männin ausgestattet! + +Saladin. +Die Christen glauben mehr Armseligkeiten, +Als daß sie die nicht auch noch glauben könnten! +Und gleichwohl irrst du dich.--Die Tempelherren, +Die Christen nicht, sind schuld: sind nicht, als Christen, +Als Tempelherren schuld. Durch die allein +Wird aus der Sache nichts. Sie wollen Acca, +Das Richards Schwester unserm Bruder Melek +Zum Brautschatz bringen müßte, schlechterdings +Nicht fahren lassen. Daß des Ritters Vorteil +Gefahr nicht laufe, spielen sie den Mönch, +Den albern Mönch. Und ob vielleicht im Fluge +Ein guter Streich gelänge: haben sie +Des Waffenstillestandes Ablauf kaum +Erwarten können.--Lustig! Nur so weiter! +Ihr Herren, nur so weiter!--Mir schon recht!-- +Wär' alles sonst nur, wie es müßte. + +Sittah. Nun? +Was irrte dich denn sonst? Was könnte sonst +Dich aus der Fassung bringen? + +Saladin. Was von je +Mich immer aus der Fassung hat gebracht.-- +Ich war auf Libanon, bei unserm Vater. +Er unterliegt den Sorgen noch... + +Sittah. O weh! + +Saladin. +Er kann nicht durch; es klemmt sich allerorten; +Es fehlt bald da, bald dort-- + +Sittah. Was klemmt? was fehlt? + +Saladin. +Was sonst, als was ich kaum zu nennen würd'ge? +Was, wenn ich's habe, mir so überflüssig, +Und hab ich's nicht, so unentbehrlich scheint.-- +Wo bleibt Al-Hafi denn? Ist niemand nach +Ihm aus?--Das leidige, verwünschte Geld!-- +Gut, Hafi, daß du kömmst. + + + +Zweiter Auftritt + +Der Derwisch Al-Hafi. Saladin. Sittah. + + +Al-Hafi. Die Gelder aus +Ägypten sind vermutlich angelangt. +Wenn's nur fein viel ist. + +Saladin. Hast du Nachricht? + +Al-Hafi. Ich? +Ich nicht. Ich denke, daß ich hier sie in +Empfang soll nehmen. + +Saladin. Zahl an Sittah tausend +Dinare! (In Gedanken hin und her gebend.) + +Al-Hafi. Zahl! anstatt empfang! O schön! +Das ist für Was noch weniger als Nichts.-- +An Sittah?--wiederum an Sittah? Und +Verloren?--wiederum im Schach verloren?-- +Da steht es noch das Spiel! + +Sittah. Du gönnst mir doch +Mein Glück? + +Al-Hafi (das Spiel betrachtend). +Was gönnen? Wenn--Ihr wißt ja wohl. + +Sittah (ihm winkend). +Bst! Hafi! bst! + +Al-Hafi (noch auf das Spiel gerichtet). +Gönnt's Euch nur selber erst! + +Sittah. +Al-Hafi; bst! + +Al-Hafi (zu Sittah). Die Weißen waren Euer? +Ihr bietet Schach? + +Sittah. Gut, daß er nichts gehört. + +Al-Hafi. +Nun ist der Zug an ihm? + +Sittah (ihm nähertretend). So sage doch, +Daß ich mein Geld bekommen kann. + +Al-Hafi (noch auf das Spiel geheftet). +Nun ja; +Ihr sollt's bekommen, wie Ihr's stets bekommen. + +Sittah. +Wie? bist du toll? + +Al-Hafi. Das Spiel ist ja nicht aus. +Ihr habt ja nicht verloren, Saladin. + +Saladin (kaum hinhörend). +Doch! doch! Bezahl! bezahl! + +Al-Hafi. Bezahl! bezahl! +Da steht ja Eure Königin. + +Saladin (noch so). Gilt nicht; +Gehört nicht mehr ins Spiel. + +Sittah. So mach und sag, +Daß ich das Geld mir nur kann holen lassen. + +Al-Hafi (noch immer in das Spiel vertieft). +Versteht sich, so wie immer.--Wenn auch schon; +Wenn auch die Königin nichts gilt: Ihr seid +Doch darum noch nicht matt. + +Saladin (tritt hinzu und wirft das Spiel um). +Ich bin es; will +Es sein. + +Al-Hafi. Ja so!--Spiel wie Gewinst! So wie +Gewonnen, so bezahlt. + +Saladin (zu Sittah). Was sagt er? was? + +Sittah (von Zeit zu Zeit dem Hafi winkend). +Du kennst ihn ja. Er sträubt sich gern; läßt gern +Sich bitten; ist wohl gar ein wenig neidisch.-- + +Saladin. +Auf dich doch nicht? Auf meine Schwester nicht? +Was hör ich, Hafi? Neidisch? du? + +Al-Hafi. Kann sein! +Kann sein!--Ich hätt' ihr Hirn wohl lieber selbst; +Wär' lieber selbst so gut, als sie. + +Sittah. Indes +Hat er doch immer richtig noch bezahlt. +Und wird auch heut bezahlen. Laß ihn nur!-- +Geh nur, Al-Hafi, geh! Ich will das Geld +Schon holen lassen. + +Al-Hafi. Nein; ich spiele länger +Die Mummerei nicht mit. Er muß es doch +Einmal erfahren. + +Saladin. Wer? und was? + +Sittah. Al-Hafi! +Ist dieses dein Versprechen? Hältst du so +Mir Wort? + +Al-Hafi. Wie konnt' ich glauben, daß es so +Weit gehen würde. + +Saladin. Nun? erfahr ich nichts? + +Sittah. +Ich bitte dich, Al-Hafi; sei bescheiden. + +Saladin. +Das ist doch sonderbar! Was könnte Sittah +So feierlich, so warm bei einem Fremden, +Bei einem Derwisch lieber, als bei mir, +Bei ihrem Bruder, sich verbitten wollen. +Al-Hafi, nun befehl ich.--Rede, Derwisch! + +Sittah. +Laß eine Kleinigkeit, mein Bruder, dir +Nicht näher treten, als sie würdig ist. +Du weißt, ich habe zu verschiednen Malen +Dieselbe Summ' im Schach von dir gewonnen. +Und weil ich itzt das Geld nicht nötig habe; +Weil itzt in Hafis Kasse doch das Geld +Nicht eben allzuhäufig ist: so sind +Die Posten stehngeblieben. Aber sorgt +Nur nicht! Ich will sie weder dir, mein Bruder, +Noch Hafi, noch der Kasse schenken. + +Al-Hafi. Ja, +Wenn's das nur wäre! das! + +Sittah. Und mehr dergleichen.-- +Auch das ist in der Kasse stehngeblieben, +Was du mir einmal ausgeworfen; ist +Seit wenig Monden stehngeblieben. + +Al-Hafi. Noch +Nicht alles. + +Saladin. Noch nicht?--Wirst du reden? + +Al-Hafi. +Seit aus Ägypten wir das GeId erwarten, +Hat sie... + +Sittah (zu Saladin). Wozu ihn hören? + +Al-Hafi. Nicht nur nichts +Bekommen... + +Saladin. Gutes Mädchen!--Auch beiher +Mit vorgeschossen. Nicht? + +Al-Hafi. Den ganzen Hof +Erhalten; Euern Aufwand ganz allein +Bestritten. + +Saladin. Ha! das, das ist meine Schwester! +(Sie umarmend.) + +Sittah. +Wer hatte, dies zu können, mich so reich +Gemacht, als du, mein Bruder? + +Al-Hafi. Wird schon auch +So bettelarm sie wieder machen, als +Er selber ist. + +Saladin. Ich arm? der Bruder arm? +Wenn hab ich mehr? wenn weniger gehabt?-- +Ein Kleid, Ein Schwert, Ein Pferd,--und Einen Gott! +Was brauch ich mehr? Wenn kann's an dem mir fehlen? +Und doch, Al-Hafi, könnt' ich mit dir schelten. + +Sittah. +Schilt nicht, mein Bruder. Wenn ich unserm Vater +Auch seine Sorgen so erleichtern könnte! + +Saladin. +Ah! Ah! Nun schlägst du meine Freudigkeit +Auf einmal wieder nieder!--Mir, für mich +Fehlt nichts, und kann nichts fehlen. Aber ihm, +Ihm fehlet; und in ihm uns allen.--Sagt, +Was soll ich machen?--Aus Ägypten kommt +Vielleicht noch lange nichts. Woran das liegt, +Weiß Gott. Es ist doch da noch alles ruhig.-- +Abbrechen, einziehn, sparen, will ich gern, +Mir gern gefallen lassen; wenn es mich, +Bloß mich betrifft; bloß mich, und niemand sonst +Darunter leidet.--Doch was kann das machen? +Ein Pferd, Ein Kleid, Ein Schwert, muß ich doch haben. +Und meinem Gott ist auch nichts abzudingen. +Ihm gnügt schon so mit wenigem genug; +Mit meinem Herzen.--Auf den Überschuß +Von deiner Kasse, Hafi, hatt' ich sehr +Gerechnet. + +Al-Hafi. Überschuß?--Sagt selber, ob +Ihr mich nicht hättet spießen, wenigstens +Mich drosseln lassen, wenn auf Überschuß +Ich von Euch wär' ergriffen worden. Ja, +Auf Unterschleif! das war zu wagen. + +Saladin. Nun, +Was machen wir denn aber?--Konntest du +Vorerst bei niemand andern borgen, als +Bei Sittah? + +Sittah. Würd' ich dieses Vorrecht, Bruder, +Mir haben nehmen lassen? Mir von ihm? +Auch noch besteh ich drauf. Noch bin ich auf +Dem Trocknen völlig nicht. + +Saladin. Nur völlig nicht! +Das fehlte noch!--Geh gleich, mach Anstalt, Hafi! +Nimm auf bei wem du kannst! und wie du kannst! +Geh, borg, versprich.--Nur, Hafi, borge nicht +Bei denen, die ich reich gemacht. Denn borgen +Von diesen, möchte wiederfordern heißen. +Geh zu den Geizigsten; die werden mir +Am liebsten leihen. Denn sie wissen wohl, +Wie gut ihr Geld in meinen Händen wuchert. + +Al-Hafi. +Ich kenne deren keine. + +Sittah. Eben fällt +Mir ein, gehört zu haben, Hafi, daß +Dein Freund zurückgekommen. + +Al-Hafi (betroffen). Freund? mein Freund? +Wer wär' denn das? + +Sittah. Dein hochgepriesner Jude. + +Al-Hafi. +Gepriesner Jude? hoch von mir? + +Sittah. Dem Gott,-- +Mich denkt des Ausdrucks noch recht wohl, des einst +Du selber dich von ihm bedientest,--dem +Sein Gott von allen Gütern dieser Welt +Das Kleinst' und Größte so in vollem Maß +Erteilet habe.-- + +Al-Hafi. Sagt' ich so?--Was meint' +Ich denn damit? + +Sittah. Das Kleinste: Reichtum. Und +Das Größte: Weisheit. + +Al-Hafi. Wie? von einem Juden? +Von einem Juden hätt' ich das gesagt? + +Sittah. +Das hättest du von deinem Nathan nicht +Gesagt? + +Al-Hafi. Ja so! von dem! vom Nathan!--Fiel +Mir der doch gar nicht bei.--Wahrhaftig? Der +Ist endlich wieder heimgekommen? Ei! +So mag's doch gar so schlecht mit ihm nicht stehn.-- +Ganz recht: den nannt' einmal das Volk den Weisen! +Den Reichen auch. + +Sittah. Den Reichen nennt es ihn +Itzt mehr als je. Die ganze Stadt erschallt, +Was für Kostbarkeiten, was für Schätze +Er mitgebracht. + +Al-Hafi. Nun, ist's der Reiche wieder: +So wird's auch wohl der Weise wieder sein. + +Sittah. +Was meinst du, Hafi, wenn du diesen angingst? + +Al-Hafi. +Und was bei ihm?--Doch wohl nicht borgen?--Ja, +Da kennt Ihr ihn.--Er borgen!--Seine Weisheit +Ist eben, daß er niemand borgt. + +Sittah. Du hast +Mir sonst doch ganz ein ander Bild von ihm +Gemacht. + +Al-Hafi. Zur Not wird er Euch Waren borgen. +Geld aber, Geld? Geld nimmermehr.--Es ist +Ein Jude freilich übrigens, wie's nicht +Viel Juden gibt. Er hat Verstand; er weiß +Zu leben; spielt gut Schach. Doch zeichnet er +Im Schlechten sich nicht minder, als im Guten +Von allen andern Juden aus.--Auf den, +Auf den nur rechnet nicht.--Den Armen gibt +Er zwar; und gibt vielleicht trotz Saladin. +Wenn schon nicht ganz so viel; doch ganz so gern; +Doch ganz so sonder Ansehn. Jud' und Christ +Und Muselmann und Parsi, alles ist +Ihm eins. + +Sittah. Und so ein Mann... + +Saladin. Wie kommt es denn, +Daß ich von diesem Manne nie gehört?... + +Sittah. +Der sollte Saladin nicht borgen? nicht +Dem Saladin, der nur für andre braucht, +Nicht sich? + +Al-Hafi. Da seht nun gleich den Juden wieder; +Den ganz gemeinen Juden!--Glaubt mir's doch!-- +Er ist aufs Geben Euch so eifersüchtig, +So neidisch! Jedes Lohn von Gott, das in +Der Welt gesagt wird, zög' er lieber ganz +Allein. Nur darum eben leiht er keinem, +Damit er stets zu geben habe. Weil +Die Mild' ihm im Gesetz geboten; die +Gefälligkeit ihm aber nicht geboten: macht +Die Mild' ihn zu dem ungefälligsten +Gesellen auf der Welt. Zwar bin ich seit +Geraumer Zeit ein wenig übern Fuß +Mit ihm gespannt; doch denkt nur nicht, daß ich +Ihm darum nicht Gerechtigkeit erzeige. +Er ist zu allem gut: bloß dazu nicht; +Bloß dazu wahrlich nicht. Ich will auch gleich +Nur gehn, an andre Türen klopfen... Da +Besinn ich mich soeben eines Mohren, +Der reich und geizig ist.--Ich geh; ich geh. + +Sittah. +Was eilst du, Hafi? + +Saladin. Laß ihn! laß ihn! + + + +Dritter Auftritt + +Sittah. Saladin. + + +Sittah. Eilt +Er doch, als ob er mir nur gern entkäme! +Was heißt das?--Hat er wirklich sich in ihm +Betrogen, oder--möcht' er uns nur gern +Betrügen? + +Saladin. Wie? das fragst du mich? Ich weiß +Ja kaum, von wem die Rede war; und höre +Von euerm Juden, euerm Nathan heut +Zum erstenmal. + +Sittah. Ist's möglich? daß ein Mann +Dir so verborgen blieb, von dem es heißt, +Er habe Salomons und Davids Gräber +Erforscht, und wisse deren Siegel durch +Ein mächtiges geheimes Wort zu lösen? +Aus ihnen bring' er dann von Zeit zu Zeit +Die unermeßlichen Reichtümer an +Den Tag, die keinen mindern Quell verrieten. + +Saladin. +Hat seinen Reichtum dieser Mann aus Gräbern, +So waren's sicherlich nicht Salomons, +Nicht Davids Gräber. Narren lagen da +Begraben! + +Sittah. Oder Bösewichter!--Auch +Ist seines Reichtums Quelle weit ergiebiger, +Weit unerschöpflicher, als so ein Grab +Voll Mammon. + +Saladin. Denn er handelt; wie ich hörte. + +Sittah. +Sein Saumtier treibt auf allen Straßen, zieht +Durch alle Wüsten; seine Schiffe liegen +In allen Häfen. Das hat mir wohl eh' +Al-Hafi selbst gesagt; und voll Entzücken +Hinzugefügt, wie groß, wie edel dieser +Sein Freund anwende, was so klug und emsig +Er zu erwerben für zu klein nicht achte. +Hinzugefügt, wie frei von Vorurteilen +Sein Geist; sein Herz wie offen jeder Tugend, +Wie eingestimmt mit jeder Schönheit sei. + +Saladin. +Und itzt sprach Hafi doch so ungewiß, +So kalt von ihm. + +Sittah. Kalt nun wohl nicht; verlegen. +Als halt' er's für gefährlich, ihn zu loben, +Und woll' ihn unverdient doch auch nicht tadeln.-- +Wie? oder wär' es wirklich so, daß selbst +Der Beste seines Volkes seinem Volke +Nicht ganz entfliehen kann? daß wirklich sich +Al-Hafi seines Freunds von dieser Seite +Zu schämen hätte?--Sei dem, wie ihm wolle!-- +Der Jude sei mehr oder weniger +Als Jud', ist er nur reich: genug für uns! + +Saladin. +Du willst ihm aber doch das Seine mit +Gewalt nicht nehmen, Schwester? + +Sittah. Ja, was heißt +Bei dir Gewalt? Mit Feu'r und Schwert? Nein, nein, +Was braucht es mit den Schwachen für Gewalt, +Als ihre Schwäche?--Komm vor itzt nur mit +In meinen Haram, eine Sängerin +Zu hören, die ich gestern erst gekauft. +Es reift indes bei mir vielleicht ein Anschlag, +Den ich auf diesen Nathan habe.--Komm! + + + +Vierter Auftritt + +(Szene: vor dem Hause des Nathan, wo es an die Palmen stößt.) + +Recha und Nathan kommen heraus. Zu ihnen Daja. + + +Recha. +Ihr habt Euch sehr verweilt, mein Vater. Er +Wird kaum noch mehr zu treffen sein. + +Nathan. Nun, nun; +Wenn hier, hier untern Palmen schon nicht mehr: +Doch anderwärts.--Sei itzt nur ruhig.--Sieh! +Kömmt dort nicht Daja auf uns zu? + +Recha. Sie wird +Ihn ganz gewiß verloren haben. + +Nathan. Auch +Wohl nicht. + +Recha. Sie würde sonst geschwinder kommen. + +Nathan. +Sie hat uns wohl noch nicht gesehn... + +Recha. Nun sieht +Sie uns. + +Nathan. Und doppelt ihre Schritte. Sieh! +Sei doch nur ruhig! ruhig! + +Recha. Wolltet Ihr +Wohl eine Tochter, die hier ruhig wäre? +Sich unbekümmert ließe, wessen Wohltat +Ihr Leben sei? Ihr Leben,--das ihr nur +So lieb, weil sie es Euch zuerst verdanket. + +Nathan. +Ich möchte dich nicht anders, als du bist: +Auch wenn ich wüßte, daß in deiner Seele +Ganz etwas anders noch sich rege. + +Recha. Was, +Mein Vater? + +Nathan. Fragst du mich? so schüchtern mich? +Was auch in deinem Innern vorgeht, ist +Natur und Unschuld. Laß es keine Sorge +Dir machen. Mir, mir macht es keine. Nur +Versprich mir: wenn dein Herz vernehmlicher +Sich einst erklärt, mir seiner Wünsche keinen +Zu bergen. + +Recha. Schon die Möglichkeit, mein Herz +Euch lieber zu verhüllen, macht mich zittern. + +Nathan. +Nichts mehr hiervon! Das ein für allemal +Ist abgetan.--Da ist ja Daja.--Nun? + +Daja. +Noch wandelt er hier untern Palmen; und +Wird gleich um jene Mauer kommen.--Seht, +Da kömmt er! + +Recha. Ah! und scheinet unentschlossen, +Wohin? ob weiter? ob hinab? ob rechts? +Ob links? + +Daja. Nein, nein; er macht den Weg ums Kloster +Gewiß noch öfter; und dann muß er hier +Vorbei.--Was gilt's? + +Recha. Recht! recht!--Hast du ihn schon +Gesprochen? Und wie ist er heut? + +Daja. Wie immer. + +Nathan. +So macht nur, daß er Euch hier nicht gewahr +Wird. Tretet mehr zurück. Geht lieber ganz +Hinein. + +Recha. Nur einen Blick noch!--Ah! die Hecke, +Die mir ihn stiehlt. + +Daja. Kommt! kommt! Der Vater hat +Ganz recht. Ihr lauft Gefahr, wenn er Euch sieht, +Daß auf der Stell' er umkehrt. + +Recha. Ah! die Hecke! + +Nathan. +Und kömmt er plötzlich dort aus ihr hervor: +So kann er anders nicht, er muß Euch sehn. +Drum geht doch nur! + +Daja. Kommt! kommt! Ich weiß ein Fenster, +Aus dem wir sie bemerken können. + +Recha. Ja? + +(Beide hinein.) + + + +Fünfter Auftritt + +Nathan und bald darauf der Tempelherr. + + +Nathan. +Fast scheu ich mich des Sonderlings. Fast macht +Mich seine rauhe Tugend stutzen. Daß +Ein Mensch doch einen Menschen so verlegen +Soll machen können!--Ha! er kömmt.--Bei Gott! +Ein Jüngling wie ein Mann. Ich mag ihn wohl +Den guten, trotz'gen Blick! den prallen Gang! +Die Schale kann nur bitter sein: der Kern +Ist's sicher nicht.--Wo sah ich doch dergleichen?-- +Verzeihet, edler Franke... + +Tempelherr. Was? + +Nathan. Erlaubt... + +Tempelherr. +Was, Jude? was? + +Nathan. Daß ich mich untersteh, +Euch anzureden. + +Tempelherr. Kann ich's wehren? Doch +Nur kurz. + +Nathan. Verzieht, und eilet nicht so stolz, +Nicht so verächtlich einem Mann vorüber, +Den Ihr auf ewig Euch verbunden habt. + +Tempelherr. +Wie das?--Ah, fast errat ich's. Nicht? Ihr seid... + +Nathan. +Ich heiße Nathan; bin des Mädchens Vater, +Das Eure Großmut aus dem Feu'r gerettet; +Und komme... + +Tempelherr. Wenn zu danken:--spart's! Ich hab +Um diese Kleinigkeit des Dankes schon +Zu viel erdulden müssen.--Vollends Ihr, +Ihr seid mir gar nichts schuldig. Wußt' ich denn, +Daß dieses Mädchen Eure Tochter war? +Es ist der Tempelherren Pflicht, dem ersten +Dem besten beizuspringen, dessen Not +Sie sehn. Mein Leben war mir ohnedem +In diesem Augenblicke lästig. Gern, +Sehr gern ergriff ich die Gelegenheit, +Es für ein andres Leben in die Schanze +Zu schlagen: für ein andres--wenn's auch nur +Das Leben einer Jüdin wäre. + +Nathan. Groß! +Groß und abscheulich!--Doch die Wendung läßt +Sich denken. Die bescheidne Größe flüchtet +Sich hinter das Abscheuliche, um der +Bewundrung auszuweichen.--Aber wenn +Sie so das Opfer der Bewunderung +Verschmäht: was für ein Opfer denn verschmäht +Sie minder?--Ritter, wenn Ihr hier nicht fremd +Und nicht gefangen wäret, würd' ich Euch +So dreist nicht fragen. Sagt, befehlt: womit +Kann man Euch dienen? + +Tempelherr. Ihr? Mit nichts. + +Nathan. Ich bin +Ein reicher Mann. + +Tempelherr. Der reichre Jude war +Mir nie der beßre Jude. + +Nathan. Dürft Ihr denn +Darum nicht nützen, was demungeachtet +Er Beßres hat? nicht seinen Reichtum nützen? + +Tempelherr. +Nun gut, das will ich auch nicht ganz verreden; +Um meines Mantels willen nicht. Sobald +Der ganz und gar verschlissen; weder Stich +Noch Fetze länger halten will: komm ich +Und borge mir bei Euch zu einem neuen, +Tuch oder Geld.--Seht nicht mit eins so finster! +Noch seid Ihr sicher; noch ist's nicht so weit +Mit ihm. Ihr seht; er ist so ziemlich noch +Im Stande. Nur der eine Zipfel da +Hat einen garstigen Fleck; er ist versengt. +Und das bekam er, als ich Eure Tochter +Durchs Feuer trug. + +Nathan (der nach dem Zipfel greift und ihn betrachtet). +Es ist doch sonderbar, +Daß so ein böser Fleck, daß so ein Brandmal +Dem Mann ein beßres Zeugnis redet, als +Sein eigner Mund. Ich möcht' ihn küssen gleich-- +Den Flecken!--Ah, verzeiht!--Ich tat es ungern. + +Tempelherr. +Was? + +Nathan. Eine Träne fiel darauf. + +Tempelherr. Tut nichts! +Er hat der Tropfen mehr.--(Bald aber fängt +Mich dieser Jud' an zu verwirren.) + +Nathan. Wärt +Ihr wohl so gut, und schicktet Euern Mantel +Auch einmal meinem Mädchen? + +Tempelherr. Was damit? + +Nathan. +Auch ihren Mund an diesen Fleck zu drücken. +Denn Eure Kniee selber zu umfassen, +Wünscht sie nun wohl vergebens. + +Tempelherr. Aber, Jude-- +Ihr heißet Nathan?--Aber, Nathan--Ihr +Setzt Eure Worte sehr--sehr gut--sehr spitz-- +Ich bin betreten--Allerdings--ich hätte... + +Nathan. +Stellt und verstellt Euch, wie Ihr wollt. Ich find +Auch hier Euch aus. Ihr wart zu gut, zu bieder, +Um höflicher zu sein.--Das Mädchen, ganz +Gefühl; der weibliche Gesandte, ganz +Dienstfertigkeit; der Vater weit entfernt-- +Ihr trugt für ihren guten Namen Sorge; +Floht ihre Prüfung; floht, um nicht zu siegen. +Auch dafür dank ich Euch-- + +Tempelherr. Ich muß gestehn, +Ihr wißt, wie Tempelherren denken sollten. + +Nathan. +Nur Tempelherren? sollten bloß? und bloß +Weil es die Ordensregeln so gebieten? +Ich weiß, wie gute Menschen denken; weiß, +Daß alle Länder gute Menschen tragen. + +Tempelherr. +Mit Unterschied, doch hoffentlich? + +Nathan. Jawohl; +An Farb', an Kleidung, an Gestalt verschieden. + +Tempelherr. +Auch hier bald mehr, bald weniger, als dort. + +Nathan. +Mit diesem Unterschied ist's nicht weit her. +Der große Mann braucht überall viel Boden; +Und mehrere, zu nah gepflanzt, zerschlagen +Sich nur die Äste. Mittelgut, wie wir, +Find't sich hingegen überall in Menge. +Nur muß der eine nicht den andern mäkeln. +Nur muß der Knorr den Knuppen hübsch vertragen. +Nur muß ein Gipfelchen sich nicht vermessen, +Daß es allein der Erde nicht entschossen. + +Tempelherr. +Sehr wohl gesagt!--Doch kennt Ihr auch das Volk, +Das diese Menschenmäkelei zuerst +Getrieben? Wißt Ihr, Nathan, welches Volk +Zuerst das auserwählte Volk sich nannte? +Wie? wenn ich dieses Volk nun, zwar nicht haßte, +Doch wegen seines Stolzes zu verachten, +Mich nicht entbrechen könnte? Seines Stolzes; +Den es auf Christ und Muselmann vererbte, +Nur sein Gott sei der rechte Gott!--Ihr stutzt, +Daß ich, ein Christ, ein Tempelherr, so rede? +Wenn hat, und wo die fromme Raserei, +Den bessern Gott zu haben, diesen bessern +Der ganzen Welt als besten auf zudringen, +In ihrer schwärzesten Gestalt sich mehr +Gezeigt, als hier, als itzt? Wem hier, wem itzt +Die Schuppen nicht vom Auge fallen... Doch +Sei blind, wer will!--Vergeßt, was ich gesagt; +Und laßt mich! (Will gehen.) + +Nathan. Ha! Ihr wißt nicht, wie viel fester +Ich nun mich an Euch drängen werde.--Kommt, +Wir müssen, müssen Freunde sein!--Verachtet +Mein Volk so sehr Ihr wollt. Wir haben beide +Uns unser Volk nicht auserlesen. Sind +Wir unser Volk? Was heißt denn Volk? +Sind Christ und Jude eher Christ und Jude, +Als Mensch? Ah! wenn ich einen mehr in Euch +Gefunden hätte, dem es gnügt, ein Mensch +Zu heißen! + +Tempelherr. Ja, bei Gott, das habt Ihr, Nathan! +Das habt Ihr!--Eure Hand!--Ich schäme mich, +Euch einen Augenblick verkannt zu haben. + +Nathan. +Und ich bin stolz darauf. Nur das Gemeine +Verkennt man selten. + +Tempelherr. Und das Seltene +Vergißt man schwerlich.--Nathan, ja; +Wir müssen, müssen Freunde werden. + +Nathan. Sind +Es schon.--Wie wird sich meine Recha freuen!-- +Und ah! welch eine heitre Ferne schließt +Sich meinen Blicken auf!--Kennt sie nur erst. + +Tempelherr. +Ich brenne vor Verlangen.--Wer stürzt dort +Aus Euerm Hause? Ist's nicht ihre Daja? + +Nathan. +Jawohl. So ängstlich? + +Tempelherr. Unsrer Recha ist +Doch nichts begegnet? + + + +Sechster Auftritt + +Die Vorigen und Daja eilig. + + +Daja. Nathan! Nathan! + +Nathan. Nun? + +Daja. +Verzeihet, edler Ritter, daß ich Euch +Muß unterbrechen. + +Nathan. Nun, was ist's? + +Tempelherr. Was ist's? + +Daja. +Der Sultan hat geschickt. Der Sultan will +Euch sprechen. Gott, der Sultan! + +Nathan. Mich? der Sultan? +Er wird begierig sein, zu sehen, was +Ich Neues mitgebracht. Sag nur, es sei +Noch wenig oder gar nichts ausgepackt. + +Daja. +Nein, nein; er will nichts sehen; will Euch sprechen, +Euch in Person, und bald; sobald Ihr könnt.-- + +Nathan. +Ich werde kommen.--Geh nur wieder, geh! + +Daja. +Nehmt ja nicht übel auf, gestrenger Ritter-- +Gott, wir sind so bekümmert, was der Sultan +Doch will. + +Nathan. Das wird sich zeigen. Geh nur, geh! + + + +Siebenter Auftritt + +Nathan und der Tempelherr. + + +Tempelherr. +So kennt Ihr ihn noch nicht?--ich meine, von +Person. + +Nathan. Den Saladin? Noch nicht. Ich habe +Ihn nicht vermieden, nicht gesucht zu kennen. +Der allgemeine Ruf sprach viel zu gut +Von ihm, daß ich nicht lieber glauben wollte, +Als sehn. Doch nun,--wenn anders dem so ist, +Hat er durch Sparung Eures Lebens... + +Tempelherr. Ja; +Dem allerdings ist so. Das Leben, das +ich leb, ist sein Geschenk. + +Nathan. Durch das er mir +Ein doppelt, dreifach Leben schenkte. Dies +Hat alles zwischen uns verändert; hat +Mit eins ein Seil mir umgeworfen, das +Mich seinem Dienst auf ewig fesselt. Kaum, +Und kaum, kann ich es nun erwarten, was +Er mir zuerst befehlen wird. Ich bin +Bereit zu allem; bin bereit ihm zu +Gestehn, daß ich es Euertwegen bin. + +Tempelherr. +Noch hab ich selber ihm nicht danken können: +Sooft ich auch ihm in den Weg getreten. +Der Eindruck, den ich auf ihn machte, kam +So schnell, als schnell er wiederum verschwunden. +Wer weiß, ob er sich meiner gar erinnert. +Und dennoch muß er, einmal wenigstens, +Sich meiner noch erinnern, um mein Schicksal +Ganz zu entscheiden. Nicht genug, daß ich +Auf sein Geheiß noch bin, mit seinem Willen +Noch leb: ich muß nun auch von ihm erwarten, +Nach wessen Willen ich zu leben habe. + +Nathan. +Nicht anders; um so mehr will ich nicht säumen.-- +Es fällt vielleicht ein Wort, das mir, auf Euch +Zu kommen, Anlaß gibt.--Erlaubt, verzeiht-- +Ich eile--Wenn, wenn aber sehn wir Euch +Bei uns? + +Tempelherr. Sobald ich darf. + +Nathan. Sobald Ihr wollt. + +Tempelherr. +Noch heut. + +Nathan. Und Euer Name?--muß ich bitten. + +Tempelherr. +Mein Name war--ist Curd von Stauffen.--Curd! + +Nathan. +Von Stauffen?--Stauffen?--Stauffen? + +Tempelherr. Warum fällt +Euch das so auf? + +Nathan. Von Stauffen?--Des Geschlechts +Sind wohl noch mehrere... + +Tempelherr. O ja! hier waren, +Hier faulen des Geschlechts schon mehrere. +Mein Oheim selbst,--mein Vater will ich sagen, +Doch warum schärft sich Euer Blick auf mich +Je mehr und mehr? + +Nathan. O nichts! o nichts! Wie kann +Ich Euch zu sehn ermüden? + +Tempelherr. Drum verlaß +Ich Euch zuerst. Der Blick des Forschers fand +Nicht selten mehr, als er zu finden wünschte. +Ich fürcht ihn, Nathan. Laßt die Zeit allmählich, +Und nicht die Neugier, unsre Kundschaft machen. + +(Er geht.) + +Nathan (der ihm mit Erstaunen nachsieht). +"Der Forscher fand nicht selten mehr, als er +Zu finden wünschte."--Ist es doch, als ob +In meiner Seel' er lese!--Wahrlich ja; +Das könnt' auch mir begegnen.--Nicht allein +Wolfs Wuchs, Wolfs Gang: auch seine Stimme. So, +Vollkommen so, warf Wolf sogar den Kopf; +Trug Wolf sogar das Schwert im Arm'; strich Wolf +Sogar die Augenbraunen mit der Hand, +Gleichsam das Feuer seines Blicks zu bergen. +Wie solche tiefgeprägte Bilder doch +Zu Zeiten in uns schlafen können, bis +Ein Wort, ein Laut sie weckt.--Von Stauffen!-- +Ganz redet, ganz recht; Filnek und Stauffen.-- +Ich will das bald genauer wissen; bald. +Nur erst zum Saladin.--Doch wie? lauscht dort +Nicht Daja?--Nun so komm nur näher, Daja. + + + +Achter Auftritt + +Daja. Nathan. + + +Nathan. +Was gilt's? nun drückt's euch beiden schon das Herz, +Noch ganz was anders zu erfahren, als +Was Saladin mir will. + +Daja. Verdenkt Ihr's ihr? +Ihr fingt soeben an, vertraulicher +Mit ihm zu sprechen: als des Sultans Botschaft +Uns von dem Fenster scheuchte. + +Nathan. Nun, so sag +Ihr nur, daß sie ihn jeden Augenblick +Erwarten darf. + +Daja. Gewiß? gewiß? + +Nathan. Ich kann +Mich doch auf dich verlassen, Daja? Sei +Auf deiner Hut; ich bitte dich. Es soll +Dich nicht gereuen. Dein Gewissen selbst +Soll seine Rechnung dabei finden. Nur +Verdirb mir nichts in meinem Plane. Nur +Erzähl und frage mit Bescheidenheit, +Mit Rückhalt... + +Daja. Daß Ihr doch noch erst so was +Erinnern könnt!--Ich geh; geht Ihr nur auch. +Denn seht! ich glaube gar, da kömmt vom Sultan +Ein zweiter Bot', Al-Hafi, Euer Derwisch. (Geht ab.) + + + +Neunter Auftritt + +Nathan. Al-Hafi. + + +Al-Hafi. +Ha! ha! zu Euch wollt' ich nun eben wieder. + +Nathan. +Ist's denn so eilig? Was verlangt er denn +Von mir? + +Al-Hafi. Wer? + +Nathan. Saladin.--Ich komm, ich komme. + +Al-Hafi. +Zu wem? Zum Saladin? + +Nathan. Schickt Saladin +Dich nicht? + +Al-Hafi. Mich? nein. Hat er denn schon geschickt? + +Nathan. +Ja freilich hat er. + +Al-Hafi. Nun, so ist es richtig. + +Nathan. +Was? was ist richtig? + +Al-Hafi. Daß... ich bin nicht schuld; +Gott weiß, ich bin nicht schuld.--Was hab ich nicht +Von Euch gesagt, gelogen, um es abzuwenden! + +Nathan. +Was abzuwenden? Was ist richtig? + +Al-Hafi. Daß +Nun Ihr sein Defterdar geworden. Ich +Bedaur' Euch. Doch mit ansehn will ich's nicht. +Ich geh von Stund an; geh. Ihr habt es schon +Gehört, wohin; und wißt den Weg.--Habt Ihr +Des Wegs was zu bestellen, sagt: ich bin +Zu Diensten. Freilich muß es mehr nicht sein, +Als was ein Nackter mit sich schleppen kann. +Ich geh, sagt bald. + +Nathan. Besinn dich doch, Al-Hafi. +Besinn dich, daß ich noch von gar nichts weiß. +Was plauderst du denn da? + +Al-Hafi. Ihr bringt sie doch +Gleich mit, die Beutel? + +Nathan. Beutel? + +Al-Hafi. Nun, das Geld, +Das Ihr dem Saladin vorschießen sollt. +Nathan. +Und weiter ist es nichts? + +Al-Hafi. Ich sollt' es wohl +Mit ansehn, wie er Euch von Tag zu Tag +Aushöhlen wird bis auf die Zehen? Sollt' +Es wohl mit ansehn, daß Verschwendung aus +Der weisen Milde sonst nie leeren Scheuern +So lange borgt, und borgt, und borgt, bis auch +Die armen eingebornen Mäuschen drin +Verhungern?--Bildet Ihr vielleicht Euch ein, +Wer Euers Gelds bedürftig sei, der werde +Doch Euerm Rate wohl auch folgen?--Ja; +Er Rate folgen! Wenn hat Saladin +Sich raten lassen?--Denkt nur, Nathan, was +Mir eben itzt mit ihm begegnet. + +Nathan. Nun? + +Al-Hafi. +Da komm ich zu ihm, eben daß er Schach +Gespielt mit seiner Schwester. Sittah spielt +Nicht übel; und das Spiel, das Saladin +Verloren glaubte, schon gegeben hatte, +Das stand noch ganz so da. Ich seh Euch hin, +Und sehe, daß das Spiel noch lange nicht +Verloren. + +Nathan. Ei! das war für dich ein Fund! + +Al-Hafi. +Er durfte mit dem König an den Bauer +Nur rücken, auf ihr Schach.--Wenn ich's Euch gleich +Nur zeigen könnte! + +Nathan. O ich traue dir! + +Al-Hafi. +Denn so bekam der Roche Feld: und sie +War hin.--Das alles will ich ihm nun weisen +Und ruf ihn.--Denkt!... + +Nathan. Er ist nicht deiner Meinung? + +Al-Hafi. +Er hört mich gar nicht an, und wirft verächtlich +Das ganze Spiel in Klumpen. + +Nathan. Ist das möglich? + +Al-Hafi. +Und sagt: er wolle matt nun einmal sein; +Er wolle! Heißt das spielen? + +Nathan. Schwerlich wohl; +Heißt mit dem Spielen spielen. + +Al-Hafi. Gleichwohl galt +Es keine taube Nuß. + +Nathan. Geld hin, Geld her! +Das ist das wenigste. Allein dich gar +Nicht anzuhören! über einen Punkt +Von solcher Wichtigkeit dich nicht einmal +Zu hören! deinen Adlerblick nicht zu +Bewundern! das, das schreit um Rache; nicht? + +Al-Hafi. +Ach was! Ich sage Euch das nur, damit +Ihr sehen könnt, was für ein Kopf er ist. +Kurz, ich, ich halt's mit ihm nicht länger aus. +Da lauf ich nun bei allen schmutz'gen Mohren +Herum, und frage, wer ihm borgen will. +Ich, der ich nie für mich gebettelt habe, +Soll nun für andre borgen. Borgen ist +Viel besser nicht als betteln: so wie leihen, +Auf Wucher leihen, nicht viel besser ist, +Als stehlen. Unter meinen Ghebern, an +Dem Ganges, brauch ich beides nicht, und brauche +Das Werkzeug beider nicht zu sein. Am Ganges, +Am Ganges nur gibt's Menschen. Hier seid Ihr +Der einzige, der noch so würdig wäre, +Daß er am Ganges lebte.--Wollt Ihr mit?-- +Laßt ihm mit eins den Plunder ganz im Stiche, +Um den es ihm zu tun. Er bringt Euch nach +Und nach doch drum. So wär' die Plackerei +Auf einmal aus. Ich schaff Euch einen Delk. +Kommt! kommt! + +Nathan. Ich dächte zwar, das blieb' uns ja +Noch immer übrig. Doch, Al-Hafi, will +Ich's überlegen. Warte... + +Al-Hafi. Überlegen? +Nein, so was überlegt sich nicht. + +Nathan. Nur bis +Ich von dem Sultan wiederkomme; bis +Ich Abschied erst... + +Al-Hafi. Wer überlegt, der sucht +Bewegungsgründe, nicht zu dürfen. Wer +Sich Knall und Fall, ihm selbst zu leben, nicht, +Entschließen kann, der lebet andrer Sklav' +Auf immer.--Wie Ihr wollt!--Lebt wohl! wie's Euch +Wohl dünkt.--Mein Weg liegt dort; und Eurer da. + +Nathan. +Al-Hafi! Du wirst selbst doch erst das Deine +Berichtigen? + +Al-Hafi. Ach Possen! Der Bestand +Von meiner Kass' ist nicht des Zählens wert; +Und meine Rechnung bürgt--Ihr oder Sittah. +Lebt wohl! (Ab.) + +Nathan (ihm nachsehend). +Die bürg ich!--Wilder, guter, edler-- +Wie nenn ich ihn?--Der wahre Bettler ist +Doch einzig und allein der wahre König! +(Von einer andern Seite ab.) + + + + + +Dritter Aufzug + + + +Erster Auftritt + +(Szene: in Nathans Hause.) + + +Recha und Daja. + +Recha. +Wie, Daja, drückte sich mein Vater aus? +"Ich dürf' ihn jeden Augenblick erwarten?" +Das klingt--nicht wahr?--als ob er noch so bald +Erscheinen werde.--Wieviel Augenblicke +Sind aber schon vorbei!--Ah nun: wer denkt +An die verflossenen?--Ich will allein +In jedem nächsten Augenblicke leben. +Er wird doch einmal kommen, der ihn bringt. + +Daja. +O der verwünschten Botschaft von dem Sultan! +Denn Nathan hätte sicher ohne sie +Ihn gleich mit hergebracht. + +Recha. Und wenn er nun +Gekommen, dieser Augenblick; wenn denn +Nun meiner Wünsche wärmster, innigster +Erfüllet ist: was dann?--was dann? + +Daja. Was dann? +Dann hoff ich, daß auch meiner Wünsche wärmster +Soll in Erfüllung gehen. + +Recha. Was wird dann +In meiner Brust an dessen Stelle treten, +Die schon verlernt, ohn' einen herrschenden +Wunsch aller Wünsche sich zu dehnen?--Nichts? +Ah, ich erschrecke!... + +Daja. Mein, mein Wunsch wird dann +An des erfüllten Stelle treten; meiner. +Mein Wunsch, dich in Europa, dich in Händen +Zu wissen, welche deiner würdig sind. + +Recha. +Du irrst.--Was diesen Wunsch zu deinem macht, +Das nämliche verhindert, daß er meiner +Je werden kann. Dich zieht dein Vaterland: +Und meines, meines sollte mich nicht halten? +Ein Bild der Deinen, das in deiner Seele +Noch nicht verloschen, sollte mehr vermögen, +Als die ich sehn, und greifen kann, und hören, +Die Meinen? + +Daja. Sperre dich, soviel du willst! +Des Himmels Wege sind des Himmels Wege. +Und wenn es nun dein Retter selber wäre, +Durch den sein Gott, für den er kämpft, dich in +Das Land, dich zu dem Volke führen wollte, +Für welche du geboren wurdest? + +Recha. Daja! +Was sprichst du da nun wieder, liebe Daja! +Du hast doch wahrlich deine sonderbaren +Begriffe! "Sein, sein Gott! für den er kämpft!" +Wem eignet Gott? was ist das für ein Gott, +Der einem Menschen eignet? der für sich +Muß kämpfen lassen?--Und wie weiß +Man denn, für welchen Erdkloß man geboren, +Wenn man's für den nicht ist, auf welchem man +Geboren?--Wenn mein Vater dich so hörte!-- +Was tat er dir, mir immer nur mein Glück +So weit von ihm als möglich vorzuspiegeln? +Was tat er dir, den Samen der Vernunft, +Den er so rein in meine Seele streute, +Mit deines Landes Unkraut oder Blumen +So gern zu mischen?--Liebe, liebe Daja, +Er will nun deine bunten Blumen nicht +Auf meinem Boden!--Und ich muß dir sagen, +Ich selber fühle meinen Boden, wenn +Sie noch so schön ihn kleiden, so entkräftet, +So ausgezehrt durch deine Blume; fühle +In ihrem Dufte, sauersüßem Dufte, +Mich so betäubt, so schwindelnd!--Dein Gehirn +Ist dessen mehr gewohnt. Ich tadle drum +Die stärkern Nerven nicht, die ihn vertragen. +Nur schlägt er mir nicht zu; und schon dein Engel, +Wie wenig fehlte, daß er mich zur Närrin +Gemacht?--Noch schäm ich mich vor meinem Vater +Der Posse! + +Daja. Posse!--Als ob der Verstand +Nur hier zu Hause wäre! Posse! Posse! +Wenn ich nur reden dürfte! + +Recha. Darfst du nicht? +Wenn war ich nicht ganz Ohr, sooft es dir +Gefiel, von deinen Glaubenshelden mich +Zu unterhalten? Hab ich ihren Taten +Nicht stets Bewunderung; und ihren Leiden +Nicht immer Tränen gern gezollt? Ihr Glaube +Schien freilich mir das Heldenmäßigste +An ihnen nie. Doch so viel tröstender +War mir die Lehre, daß Ergebenheit +In Gott von unserm Wähnen über Gott +So ganz und gar nicht abhängt.--Liebe Daja, +Das hat mein Vater uns so oft gesagt; +Darüber hast du selbst mit ihm so oft +Dich einverstanden: warum untergräbst +Du denn allein, was du mit ihm zugleich +Gebauet?--Liebe Daja, das ist kein +Gespräch, womit wir unserm Freund' am besten +Entgegensehn. Für mich zwar, ja! Denn mir, +Mir liegt daran unendlich, ob auch er... +Horch, Daja!--Kommt es nicht an unsre Türe? +Wenn Er es wäre! horch! + + + +Zweiter Auftritt + +Recha. Daja und der Tempelherr, dem jemand von außen die Türe öffnet, +mit den Worten: + + +Nur hier herein! + +Recha (fährt zusammen, faßt sich und will ihm zu Füßen fallen). +Er ist's!--Mein Retter, ah! + +Tempelherr. Dies zu vermeiden +Erschien ich bloß so spät: und doch-- + +Recha. Ich will +Ja zu den Füßen dieses stolzen Mannes +Nur Gott noch einmal danken; nicht dem Manne. +Der Mann will keinen Dank; will ihn so wenig +Als ihn der Wassereimer will, der bei +Dem Löschen so geschäftig sich erwiesen. +Der ließ sich füllen, ließ sich leeren, mir +Nichts, dir nichts: also auch der Mann. Auch der +Ward nur so in die Glut hineingestoßen; +Da fiel ich ungefähr ihm in den Arm; +Da blieb ich ungefähr, so wie ein Funken +Auf seinem Mantel, ihm in seinen Armen; +Bis wiederum, ich weiß nicht was, uns beide +Herausschmiß aus der Glut.--Was gibt es da +Zu danken?--In Europa treibt der Wein +Zu noch weit andern Taten.--Tempelherren, +Die müssen einmal nun so handeln; müssen +Wie etwas besser zugelernte Hunde, +Sowohl aus Feuer, als aus Wasser holen. + +Tempelherr (der sie mit Erstaunen und Unruhe die Zeit über betrachtet). +O Daja, Daja! Wenn in Augenblicken +Des Kummers und der Galle, meine Laune +Dich übel anließ, warum jede Torheit, +Die meiner Zung' entfuhr, ihr hinterbringen? +Das hieß sich zu empfindlich rächen, Daja! +Doch wenn du nur von nun an besser mich +Bei ihr vertreten willst. + +Daja. Ich denke, Ritter +Ich denke nicht, daß diese kleinen Stacheln, +Ihr an das Herz geworfen, Euch da sehr +Geschadet haben. + +Recha. Wie? Ihr hattet Kummer? +Und wart mit Euerm Kummer geiziger +Als Euerm Leben? + +Tempelherr. Gutes, holdes Kind!-- +Wie ist doch meine Seele zwischen Auge +Und Ohr geteilt!--Das war das Mädchen nicht, +Nein, nein, das war es nicht, das aus dem Feuer +Ich holte.--Denn wer hätte die gekannt, +Und aus dem Feuer nicht geholt? Wer hätte +Auf mich gewartet?--Zwar--verstellt--der Schreck. +(Pause, unter der er, in Anschauung ihrer, sich wie verliert.) + +Recha. +Ich aber find Euch noch den nämlichen.-- +(Dergleichen; bis sie fortfährt, um ihn in seinem Anstaunen zu +unterbrechen.) +Nun, Ritter, sagt uns doch, wo Ihr so lange +Gewesen?--Fast dürft' ich auch fragen: wo +Ihr itzo seid? + +Tempelherr. Ich bin,--wo ich vielleicht +Nicht sollte sein.-- + +Recha. Wo Ihr gewesen?--Auch +Wo Ihr vielleicht nicht solltet sein gewesen? +Das ist nicht gut. + +Tempelherr. Auf--auf--wie heißt der Berg? +Auf Sinai. + +Recha. Auf Sinai?--Ah schön! +Nun kann ich zuverlässig doch einmal +Erfahren, ob es wahr... + +Tempelherr. Was? was? Ob's wahr, +Daß noch daselbst der Ort zu sehn, wo Moses +Vor Gott gestanden, als... + +Recha. Nun das wohl nicht. +Denn wo er, stand, stand er vor Gott. Und davon +Ist mir zur Gnüge schon bekannt.--Ob's wahr, +Möcht' ich nur gern von Euch erfahren, daß-- +Daß es bei weitem nicht so mühsam sei, +Auf diesen Berg hinaufzusteigen, als +Herab?--Denn seht; soviel ich Berge noch +Gestiegen bin, war's just das Gegenteil.-- +Nun, Ritter?--Was?--Ihr kehrt Euch von mir ab? +Wollt mich nicht sehn? + +Tempelherr. Weil ich Euch hören will. + +Recha. +Weil Ihr mich nicht wollt merken lassen, daß +Ihr meiner Einfalt lächelt; daß Ihr lächelt, +Wie ich Euch doch so gar nichts Wichtigers +Von diesem heiligen Berg' aller Berge +Zu fragen weiß? Nicht wahr? + +Tempelherr. So muß +Ich doch Euch wieder in die Augen sehn.-- +Was? Nun schlagt Ihr sie nieder? nun verbeißt +Das Lächeln Ihr? wie ich noch erst in Mienen, +In zweifelhaften Mienen lesen will, +Was ich so deutlich hör, Ihr so vernehmlich +Mir sagt--verschweigt?--Ah Recha! Recha! Wie +Hat er so wahr gesagt: "Kennt sie nur erst!" + +Recha. +Wer hat?--von wem?--Euch das gesagt? + +Tempelherr. "Kennt sie +Nur erst!" hat Euer Vater mir gesagt; +Von Euch gesagt. + +Daja. Und ich nicht etwa auch? +Ich denn nicht auch? + +Tempelherr. Allein wo ist er denn? +Wo ist denn Euer Vater? Ist er noch +Beim Sultan? + +Recha. Ohne Zweifel. + +Tempelherr. Noch, noch da?-- +O mich Vergeßlichen! Nein, nein; da ist +Er schwerlich mehr.--Er wird dort unten bei +Dem Kloster meiner warten; ganz gewiß. +So red'ten, mein ich, wir es ab. Erlaubt! +Ich geh, ich hol ihn... + +Daja. Das ist meine Sache. +Bleibt, Ritter, bleibt. Ich bring ihn unverzüglich. + +Tempelherr. +Nicht so, nicht so! Er sieht mir selbst entgegen; +Nicht Euch. Dazu, er könnte leicht... wer weiß? ... +Er könnte bei dem Sultan leicht,... Ihr kennt +Den Sultan nicht!... leicht in Verlegenheit +Gekommen sein.--Glaubt mir; es hat Gefahr, +Wenn ich nicht geh. + +Recha. Gefahr? was für Gefahr? + +Tempelherr. +Gefahr für mich, für Euch, für ihn: wenn ich +Nicht schleunig, schleunig geh. (Ab.) + + + +Dritter Auftritt + +Recha und Daja. + + +Recha. Was ist das, Daja?-- +So schnell?--Was kömmt ihm an? Was fiel ihm auf? +Was jagt ihn? + +Daja. Laßt nur, laßt. Ich denk, es ist +Kein schlimmes Zeichen. + +Recha. Zeichen? und wovon? + +Daja. +Daß etwas vorgeht innerhalb. Es kocht, +Und soll nicht überkochen. Laßt ihn nur. +Nun ist's an Euch. + +Recha. Was ist an mir? Du wirst, +Wie er, mir unbegreiflich. + +Daja. Bald nun könnt +Ihr ihm die Unruh' all vergelten, die +Er Euch gemacht hat. Seid nur aber auch +Nicht allzu streng, nicht allzu rachbegierig. + +Recha. +Wovon du sprichst, das magst du selber wissen. + +Daja. +Und seid denn Ihr bereits so ruhig wieder? + +Recha. +Das bin ich; ja das bin ich... + +Daja. Wenigstens +Gesteht, daß Ihr Euch seiner Unruh' freut; +Und seiner Unruh' danket, was Ihr itzt +Von Ruh' genießt. + +Recha. Mir völlig unbewußt! +Denn was ich höchstens dir gestehen könnte, +Wär', daß es mich--mich selbst befremdet, wie +Auf einen solchen Sturm in meinem Herzen +So eine Stille plötzlich folgen können. +Sein voller Anblick, sein Gespräch, sein Ton +Hat mich... + +Daja. Gesättigt schon? + +Recha. Gesättigt, will +Ich nun nicht sagen; nein--bei weitem nicht. + +Daja. +Den heißen Hunger nur gestillt. + +Recha. Nun ja: +Wenn du so willst. + +Daja. Ich eben nicht. + +Recha. Er wird +Mir ewig wert; mir ewig werter, als +Mein Leben bleiben: wenn auch schon mein Puls +Nicht mehr bei seinem bloßen Namen wechselt; +Nicht mehr mein Herz, sooft ich an ihn denke, +Geschwinder, stärker schlägt.--Was schwatz ich? Komm, +Komm, liebe Daja, wieder an das Fenster, +Das auf die Palmen sieht. + +Daja. So ist er doch +Wohl noch nicht ganz gestillt, der heiße Hunger. + +Recha. +Nun werd ich auch die Palmen wieder sehn: +Nicht ihn bloß untern Palmen. + +Daja. Diese Kälte +Beginnt auch wohl ein neues Fieber nur. + +Recha. +Was Kält'? Ich bin nicht kalt. Ich sehe wahrlich +Nicht minder gern, was ich mit Ruhe sehe. + + + +Vierter Auftritt + +(Szene: ein Audienzsaal in dem Palaste des Saladin.) + + +Saladin und Sittah. + +Saladin (im Hereintreten, gegen die Türe). +Hier bringt den Juden her, sobald er kömmt. +Er scheint sich eben nicht zu übereilen. + +Sittah. +Er war auch wohl nicht bei der Hand; nicht gleich +Zu finden. + +Saladin. Schwester! Schwester! + +Sittah. Tust du doch, +Als stünde dir ein Treffen vor. + +Saladin. Und das +Mit Waffen, die ich nicht gelernt zu führen. +Ich soll mich stellen; soll besorgen lassen; +Soll Fallen legen; soll auf Glatteis führen. +Wenn hätt' ich das gekonnt? Wo hätt' ich das +Gelernt?--Und soll das alles, ah, wozu? +Wozu?--Um Geld zu fischen; Geld!--Um Geld, +Geld einem Juden abzubangen; Geld! +Zu solchen kleinen Listen wär' ich endlich +Gebracht, der Kleinigkeiten kleinste mir +Zu schaffen? + +Sittah. Jede Kleinigkeit, zu sehr +Verschmäht, die rächt sich, Bruder. + +Saladin. Leider wahr.-- +Und wenn nun dieser Jude gar der gute, +Vernünft'ge Mann ist, wie der Derwisch dir +Ihn ehedem beschrieben? + +Sittah. O nun dann! +Was hat es dann für Not! Die Schlinge liegt +Ja nur dem geizigen, besorglichen, +Furchtsamen Juden: nicht dem guten, nicht +Dem weisen Manne. Dieser ist ja so +Schon unser, ohne Schlinge. Das Vergnügen, +Zu hören, wie ein solcher Mann sich ausred't; +Mit welcher dreisten Stärk' entweder er +Die Stricke kurz zerreißet; oder auch +Mit welcher schlauen Vorsicht er die Netze +Vorbei sich windet: dies Vergnügen hast +Du obendrein. + +Saladin. Nun, das ist wahr. Gewiß; +Ich freue mich darauf. + +Sittah. So kann dich ja +Auch weiter nichts verlegen machen. Denn +Ist's einer aus der Menge bloß; ist's bloß +Ein Jude, wie ein Jude: gegen den +Wirst du dich doch nicht schämen, so zu scheinen, +Wie er die Menschen all sich denkt? Vielmehr; +Wer sich ihm besser zeigt, der zeigt sich ihm +Als Geck, als Narr. + +Saladin. So muß ich ja wohl gar +Schlecht handeln, daß von mir der Schlechte nicht +Schlecht denke? + +Sittah. Traun! wenn du schlecht handeln nennst, +Ein jedes Ding nach seiner Art zu brauchen. + +Saladin. +Was hätt' ein Weiberkopf erdacht, das er +Nicht zu beschönen wüßte! + +Sittah. Zu beschönen! + +Saladin. +Das feine, spitze Ding, besorg ich nur, +In meiner plumpen Hand zerbricht!--So was +Will ausgeführt sein, wie's erfunden ist: +Mit aller Pfiffigkeit, Gewandtheit.--Doch, +Mag's doch nur, mag's! Ich tanze, wie ich kann; +Und könnt' es freilich lieber--schlechter noch +Als besser. + +Sittah. Trau dir auch nur nicht zu wenig! +Ich stehe dir für dich! Wenn du nur willst.-- +Daß uns die Männer deinesgleichen doch +So gern bereden möchten, nur ihr Schwert, +Ihr Schwert nur habe sie so weit gebracht. +Der Löwe schämt sich freilich, wenn er mit +Dem Fuchse jagt:--des Fuchses, nicht der List. + +Saladin. +Und daß die Weiber doch so gern den Mann +Zu sich herunter hätten!--Geh nur, geh!-- +Ich glaube meine Lektion zu können. + +Sittah. +Was? ich soll gehn? + +Saladin. Du wolltest doch nicht bleiben? + +Sittah. +Wenn auch nicht bleiben... im Gesicht euch bleiben-- +Doch hier im Nebenzimmer-- + +Saladin. Da zu horchen? +Auch das nicht, Schwester; wenn ich soll bestehn.-- +Fort, fort! der Vorhang rauscht; er kömmt!--doch daß +Du ja nicht da verweilst! Ich sehe nach. + +(Indem sie sich durch eine Türe entfernt, tritt Nathan zu der andern +herein; und Saladin hat sich gesetzt.) + + + +Fünfter Auftritt + +Saladin und Nathan. + + +Saladin. +Tritt näher, Jude!--Näher!--Nur ganz her! +Nur ohne Furcht! + +Nathan. Die bleibe deinem Feinde! + +Saladin. +Du nennst dich Nathan? + +Nathan. Ja. + +Saladin. Den weisen Nathan? + +Nathan. +Nein. + +Saladin. Wohl! nennst du dich nicht; nennt dich das Volk. + +Nathan. +Kann sein; das Volk! + +Saladin. Du glaubst doch nicht, daß ich +Verächtlich von des Volkes Stimme denke?-- +Ich habe längst gewünscht, den Mann zu kennen, +Den es den Weisen nennt. + +Nathan. Und wenn es ihn +Zum Spott so nennte? Wenn dem Volke weise +Nichts weiter wär' als klug? und klug nur der, +Der sich auf seinen Vorteil gut versteht? + +Saladin. +Auf seinen wahren Vorteil, meinst du doch? + +Nathan. +Dann freilich wär' der Eigennützigste +Der Klügste. Dann wär' freilich klug und weise +Nur eins. + +Saladin. Ich höre dich erweisen, was +Du widersprechen willst.--Des Menschen wahre +Vorteile, die das Volk nicht kennt, kennst du. +Hast du zu kennen wenigstens gesucht; +Hast drüber nachgedacht: das auch allein +Macht schon den Weisen. + +Nathan. Der sich jeder dünkt +Zu sein. + +Saladin. Nun der Bescheidenheit genug! +Denn sie nur immerdar zu hören, wo +Man trockene Vernunft erwartet, ekelt. +(Er springt auf.) +Laß uns zur Sache kommen! Aber, aber +Aufrichtig, Jud', aufrichtig! + +Nathan. Sultan, ich +Will sicherlich dich so bedienen, daß +Ich deiner fernern Kundschaft würdig bleibe. + +Saladin. Bedienen? wie? + +Nathan. Du sollst das Beste haben +Von allem; sollst es um den billigsten +Preis haben. + +Saladin. Wovon sprichst du? doch wohl nicht +Von deinen Waren?--Schachern wird mit dir +Schon meine Schwester. (Das der Horcherin!)-- +Ich habe mit dem Kaufmann nichts zu tun. + +Nathan. +So wirst du ohne Zweifel wissen wollen, +Was ich auf meinem Wege von dem Feinde, +Der allerdings sich wieder reget, etwa +Bemerkt, getroffen?--Wenn ich unverhohlen... + +Saladin. +Auch darauf bin ich eben nicht mit dir +Gesteuert. Davon weiß ich schon, so viel +Ich nötig habe.--Kurz-,-- + +Nathan. Gebiete, Sultan. + +Saladin. +Ich heische deinen Unterricht in ganz +Was anderm; ganz was anderm.--Da du nun +So weise bist: so sage mir doch einmal-- +Was für ein Glaube, was für ein Gesetz +Hat dir am meisten eingeleuchtet? + +Nathan. Sultan, +Ich bin ein Jud'. + +Saladin. Und ich ein Muselmann. +Der Christ ist zwischen uns.--Von diesen drei +Religionen kann doch eine nur +Die wahre sein.--Ein Mann, wie du, bleibt da +Nicht stehen, wo der Zufall der Geburt +Ihn hingeworfen: oder wenn er bleibt, +Bleibt er aus Einsicht, Gründen, Wahl des Bessern. +Wohlan! so teile deine Einsicht mir +Dann mit. Laß mich die Gründe hören, denen +Ich selber nachzugrübeln, nicht die Zeit +Gehabt. Laß mich die Wahl, die diese Gründe +Bestimmt,--versteht sich, im Vertrauen--wissen, +Damit ich sie zu meiner mache. Wie? +Du stutzest? wägst mich mit dem Auge?--Kann +Wohl sein, daß ich der erste Sultan bin, +Der eine solche Grille hat; die mich +Doch eines Sultans eben nicht so ganz +Unwürdig dünkt.--Nicht wahr?--So rede doch! +Sprich!--Oder willst du einen Augenblick, +Dich zu bedenken? Gut, ich geb ihn dir. +(Ob sie wohl horcht? Ich will sie doch belauschen; +Will hören, ob ich's recht gemacht.--) Denk nach. +Geschwind denk nach! Ich säume nicht, zurück- +Zukommen. +(Er geht in das Nebenzimmer, nach welchem sich Sittah begeben.) + + + +Sechster Auftritt + +Nathan allein. + + +Hm! hm!--wunderlich!--Wie ist +Mir denn?--Was will der Sultan? was?--Ich bin +Auf Geld gefaßt; und er will--Wahrheit. Wahrheit! +Und will sie so,--so bar, so blank,--als ob +Die Wahrheit Münze wäre!--ja, wenn noch +Uralte Münze, die gewogen ward!-- +Das ginge noch! Allein so neue Münze, +Die nur der Stempel macht, die man aufs Brett +Nur zählen darf, das ist sie doch nun nicht! +Wie Geld in Sack, so striche man in Kopf +Auch Wahrheit ein? Wer ist denn hier der Jude? +Ich oder er?--Doch wie? Sollt' er auch wohl +Die Wahrheit nicht in Wahrheit fodern?--Zwar, +Zwar der Verdacht, daß er die Wahrheit nur +Als Falle brauche, wär' auch gar zu klein!-- +Zu klein?--Was ist für einen Großen denn +Zu klein?--Gewiß, gewiß: er stürzte mit +Der Türe so ins Haus! Man pocht doch, hört +Doch erst, wenn man als Freund sich naht.--Ich muß +Behutsam gehn!--Und wie? wie das?--So ganz +Stockjude sein zu wollen, geht schon nicht.-- +Und ganz und gar nicht Jude, geht noch minder. +Denn, wenn kein Jude, dürft' er mich nur fragen, +Warum kein Muselmann?--Das war's! Das kann +Mich retten!--Nicht die Kinder bloß, speist man +Mit Märchen ab.--Er kommt. Er komme nur! + + + +Siebenter Auftritt + +Saladin und Nathan. + + +Saladin. +(So ist das Feld hier rein!)--Ich komm dir doch +Nicht zu geschwind zurück? Du bist zu Rande +Mit deiner Überlegung.--Nun so rede! +Es hört uns keine Seele. + +Nathan. Möcht' auch doch +Die ganze Welt uns hören. + +Saladin. So gewiß +Ist Nathan seiner Sache? Ha! das nenn +Ich einen Weisen! Nie die Wahrheit zu +Verhehlen! für sie alles auf das Spiel +Zu setzen! Leib und Leben! Gut und Blut! + +Nathan. +Ja! Ja! wann's nötig ist und nutzt. + +Saladin. Von nun +An darf ich hoffen, einen meiner Titel, +Verbesserer der Welt und des Gesetzes, +Mit Recht zu führen. + +Nathan. Traun, ein schöner Titel! +Doch, Sultan, eh' ich mich dir ganz vertraue, +Erlaubst du wohl, dir ein Geschichtchen zu +Erzählen? + +Saladin. Warum das nicht? Ich bin stets +Ein Freund gewesen von Geschichtchen, gut +Erzählt. + +Nathan. Ja, gut erzählen, das ist nun +Wohl eben meine Sache nicht. + +Saladin. Schon wieder +So stolz bescheiden?--Mach! erzähl, erzähle! + +Nathan. +Vor grauen Jahren lebt' ein Mann in Osten, +Der einen Ring von unschätzbarem Wert +Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein +Opal, der hundert schöne Farben spielte, +Und hatte die geheime Kraft, vor Gott +Und Menschen angenehm zu machen, wer +In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder, +Daß ihn der Mann in Osten darum nie +Vom Finger ließ; und die Verfügung traf, +Auf ewig ihn bei seinem Hause zu +Erhalten? Nämlich so. Er ließ den Ring +Von seinen Söhnen dem geliebtesten; +Und setzte fest, daß dieser wiederum +Den Ring von seinen Söhnen dem vermache, +Der ihm der liebste sei; und stets der liebste, +Ohn' Ansehn der Geburt, in Kraft allein +Des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde.-- +Versteh mich, Sultan. + +Saladin. Ich versteh dich. Weiter! + +Nathan. +So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn, +Auf einen Vater endlich von drei Söhnen; +Die alle drei ihm gleich gehorsam waren, +Die alle drei er folglich gleich zu lieben +Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit +Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald +Der dritte,--sowie jeder sich mit ihm +Allein befand, und sein ergießend Herz +Die andern zwei nicht teilten,--würdiger +Des Ringes; den er denn auch einem jeden +Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen. +Das ging nun so, solang es ging.--Allein +Es kam zum Sterben, und der gute Vater +Kömmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei +Von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort +Verlassen, so zu kränken.--Was zu tun?-- +Er sendet in geheim zu einem Künstler, +Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes, +Zwei andere bestellt, und weder Kosten +Noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich, +Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt +Dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt, +Kann selbst der Vater seinen Musterring +Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft +Er seine Söhne, jeden insbesondre; +Gibt jedem insbesondre seinen Segen,-- +Und seinen Ring,--und stirbt.--Du hörst doch, Sultan? + +Saladin (der sich betroffen von ihm gewandt). +Ich hör, ich höre!--Komm mit deinem Märchen +Nur bald zu Ende.--Wird's? + +Nathan. Ich bin zu Ende. +Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst.-- +Kaum war der Vater tot, so kömmt ein jeder +Mit seinem Ring, und jeder will der Fürst +Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt, +Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht +Erweislich;-- +(nach einer Pause, in welcher er des Sultans Antwort erwartet) +Fast so unerweislich, als +Uns itzt--der rechte Glaube. + +Saladin. Wie? das soll +Die Antwort sein auf meine Frage?... + +Nathan. Soll +Mich bloß entschuldigen, wenn ich die Ringe +Mir nicht getrau zu unterscheiden, die +Der Vater in der Absicht machen ließ, +Damit sie nicht zu unterscheiden wären. + +Saladin. +Die Ringe!--Spiele nicht mit mir!--Ich dächte, +Daß die Religionen, die ich dir +Genannt, doch wohl zu unterscheiden wären. +Bis auf die Kleidung, bis auf Speis' und Trank! + +Nathan. +Und nur von seiten ihrer Gründe nicht. +Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte? +Geschrieben oder überliefert!--Und +Geschichte muß doch wohl allein auf Treu +Und Glauben angenommen werden?--Nicht?-- +Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn +Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen? +Doch deren Blut wir sind? doch deren, die +Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe +Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo +Getäuscht zu werden uns heilsamer war?-- +Wie kann ich meinen Vätern weniger +Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt.-- +Kann ich von dir verlangen, daß du deine +Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht +Zu widersprechen? Oder umgekehrt. +Das nämliche gilt von den Christen. Nicht?-- + +Saladin. +(Bei dem Lebendigen! Der Mann hat recht. +Ich muß verstummen.) + +Nathan. Laß auf unsre Ring' +Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Söhne +Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter, +Unmittelbar aus seines Vaters Hand +Den Ring zu haben.--Wie auch wahr!--Nachdem +Er von ihm lange das Versprechen schon +Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu +Genießen.--Wie nicht minder wahr!--Der Vater, +Beteurt' jeder, könne gegen ihn +Nicht falsch gewesen sein; und eh' er dieses +Von ihm, von einem solchen lieben Vater, +Argwohnen lass': eh' müss' er seine Brüder, +So gern er sonst von ihnen nur das Beste +Bereit zu glauben sei, des falschen Spiels +Bezeihen; und er wolle die Verräter +Schon auszufinden wissen; sich schon rächen. + +Saladin. +Und nun, der Richter?--Mich verlangt zu hören, +Was du den Richter sagen lässest. Sprich! + +Nathan. +Der Richter sprach: Wenn ihr mir nun den Vater +Nicht bald zur Stelle schafft, so weis ich euch +Von meinem Stuhle. Denkt ihr, daß ich Rätsel +Zu lösen da bin? Oder harret ihr, +Bis daß der rechte Ring den Mund eröffne?-- +Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring +Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen; +Vor Gott und Menschen angenehm. Das muß +Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden +Doch das nicht können!--Nun; wen lieben zwei +Von Euch am meisten?--Macht, sagt an! Ihr schweigt? +Die Ringe wirken nur zurück? und nicht +Nach außen? Jeder liebt sich selber nur +Am meisten?--Oh, so seid ihr alle drei +Betrogene Betrüger! Eure Ringe +Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring +Vermutlich ging verloren. Den Verlust +Zu bergen, zu ersetzen, ließ der Vater +Die drei für einen machen. + +Saladin. Herrlich! herrlich! + +Nathan. +Und also, fuhr der Richter fort, wenn ihr +Nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt: +Geht nur!--Mein Rat ist aber der: ihr nehmt +Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von +Euch jeder seinen Ring von seinem Vater: +So glaube jeder sicher seinen Ring +Den echten.--Möglich; daß der Vater nun +Die Tyrannei des einen Rings nicht länger +In seinem Hause dulden willen!--Und gewiß; +Daß er euch alle drei geliebt, und gleich +Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen, +Um einen zu begünstigen.--Wohlan! +Es eifre jeder seiner unbestochnen +Von Vorurteilen freien Liebe nach! +Es strebe von euch jeder um die Wette, +Die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag +Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut, +Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, +Mit innigster Ergebenheit in Gott +Zu Hilf'! Und wenn sich dann der Steine Kräfte +Bei euern Kindes-Kindeskindern äußern: +So lad ich über tausend tausend Jahre +Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird +Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen +Als ich; und sprechen. Geht!--So sagte der +Bescheidne Richter. + +Saladin. Gott! Gott! + +Nathan. Saladin, +Wenn du dich fühlest, dieser weisere +Versprochne Mann zu sein:... + +Saladin (der auf ihn zustürzt und seine Hand ergreift, die er bis zu +Ende nicht wieder fahren läßt). +Ich Staub? Ich Nichts? +O Gott! + +Nathan. Was ist dir, Sultan? + +Saladin. Nathan, lieber Nathan!-- +Die tausend tausend Jahre deines Richters +Sind noch nicht um.--Sein Richterstuhl ist nicht +Der meine.--Geh!--Geh!--Aber sei mein Freund. + +Nathan. +Und weiter hätte Saladin mir nichts +Zu sagen? + +Saladin. Nichts. + +Nathan. Nichts? + +Saladin. Gar nichts.--Und warum? + +Nathan. +Ich hätte noch Gelegenheit gewünscht, +Dir eine Bitte vorzutragen. + +Saladin. Braucht's +Gelegenheit zu einer Bitte?--Rede! + +Nathan. +Ich komm von einer weiten Reis', auf welcher +Ich Schulden eingetrieben.--Fast hab ich +Des baren Gelds zuviel.--Die Zeit beginnt +Bedenklich wiederum zu werden;--und +Ich weiß nicht recht, wo sicher damit hin.-- +Da dacht' ich, ob nicht du vielleicht,--weil doch +Ein naher Krieg des Geldes immer mehr +Erfordert,--etwas brauchen könntest. + +Saladin (ihm steif in die Augen sehend). +Nathan!-- +Ich will nicht fragen, ob Al-Hafi schon +Bei dir gewesen;--will nicht untersuchen, +Ob dich nicht sonst ein Argwohn treibt, mir dieses +Erbieten freierdings zu tun:... + +Nathan. Ein Argwohn? + +Saladin. +Ich bin ihn wert.--Verzeih mir!--Denn was hilft's? +Ich muß dir nur gestehen,--daß ich im +Begriffe war-- + +Nathan. Doch nicht, das Nämliche +An mich zu suchen? + +Saladin. Allerdings. + +Nathan. So wär' +Uns beiden ja geholfen!--Daß ich aber +Dir alle meine Barschaft nicht kann schicken, +Das macht der junge Tempelherr. Du kennst +Ihn ja. Ihm hab ich eine große Post +Vorher noch zu bezahlen. + +Saladin. Tempelherr? +Du wirst doch meine schlimmsten Feinde nicht +Mit deinem Geld auch unterstützen wollen? + +Nathan. +Ich spreche von dem einen nur, dem du +Das Leben spartest... + +Saladin. Ah! woran erinnerst +Du mich!--Hab ich doch diesen Jüngling ganz +Vergessen!--Kennst du ihn?--Wo ist er? + +Nathan. Wie? +So weißt du nicht, wieviel von deiner Gnade +Für ihn, durch ihn auf mich geflossen? Er, +Er mit Gefahr des neu erhaltnen Lebens, +Hat meine Tochter aus dem Feu'r gerettet. + +Saladin. +Er? Hat er das?--Ha! darnach sah er aus. +Das hätte traun mein Bruder auch getan, +Dem er so ähnelt!--Ist er denn noch hier? +So bring ihn her!--Ich habe meiner Schwester +Von diesem ihren Bruder, den sie nicht +Gekannt, so viel erzählet, daß ich sie +Sein Ebenbild doch auch muß sehen lassen!-- +Geh, hol ihn!--Wie aus einer guten Tat, +Gebar sie auch schon bloße Leidenschaft, +Doch so viel andre gute Taten fließen! +Geh, hol ihn! + +Nathan (indem er Saladins Hand fahren läßt). +Augenblicks! Und bei dem andern +Bleibt es doch auch? (Ab.) + +Saladin. Ah! daß ich meine Schwester +Nicht horchen lassen!--Zu ihr! zu ihr!--Denn +Wie soll ich alles das ihr nun erzählen? + +(Ab von der andern Seite.) + + + +Achter Auftritt + +Die Szene: unter den Palmen, in der Nähe des Klosters, wo der + +Tempelherr Nathans wartet. + + +Tempelherr (geht, mit sich selbst kämpfend, auf und ab; bis er +losbricht). +--Hier hält das Opfertier ermüdet still.-- +Nun gut! Ich mag nicht, mag nicht näher wissen, +Was in mir vorgeht; mag voraus nicht wittern, +Was vorgehn wird.--Genug, ich bin umsonst +Geflohn! umsonst.--Und weiter konnt' ich doch +Auch nichts, als fliehn!--Nun komm', was kommen soll!-- +Ihm auszubeugen, war der Streich zu schnell +Gefallen; unter den zu kommen, ich +So lang und viel mich weigerte.--Sie sehn, +Die ich zu sehn so wenig lüstern war, +Sie sehn, und der Entschluß, sie wieder aus +Den Augen nie zu lassen.--Was Entschluß? +Entschluß ist Vorsatz, Tat: und ich, ich litt', +Ich litte bloß.--Sie sehn, und das Gefühl +An sie verstrickt, in sie verwebt zu sein, +War eins.--Bleibt eins.--Von ihr getrennt +Zu leben, ist mir ganz undenkbar; wär' +Mein Tod,--und wo wir immer nach dem Tode +Noch sind, auch da mein Tod.--Ist das nun Liebe: +So--liebt der Tempelritter freilich,--liebt +Der Christ das Judenmädchen freilich.--Hm! +Was tut's?--Ich hab in dem gelobten Lande,-- +Und drum auch mir gelobt auf immerdar!-- +Der Vorurteile mehr schon abgelegt.-- +Was will mein Orden auch? Ich Tempelherr +Bin tot; war von dem Augenblick ihm tot, +Der mich zu Saladins Gefangnen machte. +Der Kopf, den Saladin mir schenkte, wär' +Mein alter?--Ist ein neuer; der von allem +Nichts weiß, was jenem eingeplaudert ward, +Was jenen band.--Und ist ein beßrer; für +Den väterlichen Himmel mehr gemacht. +Das spür ich ja. Denn erst mit ihm beginn +Ich so zu denken, wie mein Vater hier +Gedacht muß haben; wenn man Märchen nicht +Von ihm mir vorgelegen.--Märchen?--doch +Ganz glaubliche; die glaublicher mir nie, +Als itzt geschienen, da ich nur Gefahr +Zu straucheln laufe, wo er fiel.--Er fiel? +Ich will mit Männern lieber fallen, als +Mit Kindern stehn.--Sein Beispiel bürget mir +Für seinen Beifall. Und an wessen Beifall +Liegt mir denn sonst?--An Nathans?--O an dessen +Ermuntrung mehr, als Beifall, kann es mir +Noch weniger gebrechen.--Welch ein Jude!-- +Und der so ganz nur Jude scheinen will! +Da kömmt er; kömmt mit Hast; glüht heitre Freude. +Wer kam vom Saladin je anders?--He! +He, Nathan! + + + +Neunter Auftritt + +Nathan und der Tempelherr. + + +Nathan. Wie? seid Ihr's? + +Tempelherr. Ihr habt +Sehr lang' Euch bei dem Sultan aufgehalten. + +Nathan. +So lange nun wohl nicht. Ich ward im Hingehn +Zu viel verweilt.--Ah, wahrlich, Curd; der Mann +Steht seinen Ruhm. Sein Ruhm ist bloß sein Schatten. +Doch laßt vor allen Dingen Euch geschwind +Nur sagen... + +Tempelherr. Was? + +Nathan. Er will Euch sprechen; will, +Daß ungesäumt Ihr zu ihm kommt. Begleitet +Mich nur nach Hause, wo ich noch für ihn +Erst etwas anders zu verfügen habe: +Und dann, so gehn wir! + +Tempelherr. Nathan, Euer Haus +Betret ich wieder eher nicht... + +Nathan. So seid +Ihr doch indes schon da gewesen? habt +Indes sie doch gesprochen?--Nun?--Sagt: wie +Gefällt Euch Recha? + +Tempelherr. Über allen Ausdruck! +Allein,--sie wiedersehn--das werd ich nie! +Nie! nie!--Ihr müßtet mir zur Stelle denn +Versprechen:--daß ich sie auf immer, immer-- +Soll können sehn. + +Nathan. Wie wollt Ihr, daß ich das +Versteh? + +Tempelherr (nach einer kurzen Pause ihm plötzlich um den Hals fallend). +Mein Vater! + +Nathan.--Junger Mann! + +Tempelherr (ihn ebenso plötzlich wieder lassend). +Nicht Sohn?-- +Ich bitt Euch, Nathan!-- + +Nathan. Lieber junger Mann! + +Tempelherr. +Nicht Sohn?--Ich bitt Euch, Nathan!--Ich beschwör +Euch bei den ersten Banden der Natur!-- +Zieht ihnen spätre Fesseln doch nicht vor!-- +Begnügt Euch doch ein Mensch zu sein!--Stoßt mich +Nicht von Euch! + +Nathan. Lieber, lieber Freund!... + +Tempelherr. Und Sohn? +Sohn nicht?--Auch dann nicht, dann nicht einmal, wenn +Erkenntlichkeit zum Herzen Eurer Tochter +Der Liebe schon den Weg gebahnet hätte? +Auch dann nicht einmal, wenn in eins zu schmelzen, +Auf Euern Wink nur beide warteten?-- +Ihr schweigt? + +Nathan. Ihr überrascht mich, junger Ritter. + +Tempelherr. +Ich überrasch Euch?--überrasch Euch, Nathan, +Mit Euern eigenen Gedanken?--Ihr +Verkennt sie doch in meinem Munde nicht?-- +Ich überrasch Euch? + +Nathan. Eh' ich einmal weiß, +Was für ein Stauffen Euer Vater denn +Gewesen ist! + +Tempelherr. Was sagt Ihr, Nathan? was? +In diesem Augenblicke fühlt Ihr nichts +Als Neubegier? + +Nathan. Denn seht! Ich habe selbst +Wohl einen Stauffen ehedem gekannt, +Der Conrad hieß. + +Tempelherr. Nun,--wenn mein Vater denn +Nun ebenso geheißen hätte? + +Nathan. Wahrlich? + +Tempelherr. +Ich heiße selber ja nach meinem Vater: Curd +Ist Conrad. + +Nathan. Nun--so war mein Conrad doch +Nicht Euer Vater. Denn mein Conrad war, +Was Ihr; war Tempelherr; war nie vermählt. + +Tempelherr. +O darum! + +Nathan. Wie? + +Tempelherr. O darum könnt' er doch +Mein Vater wohl gewesen sein. + +Nathan. Ihr scherzt. + +Tempelherr. +Und Ihr nehmt's wahrlich zu genau!--Was wär's +Denn nun? So was von Bastard oder Bankert! +Der Schlag ist auch nicht zu verachten.--Doch +Entlaßt mich immer meiner Ahnenprobe. +Ich will Euch Eurer wiederum entlassen. +Nicht zwar, als ob ich den geringsten Zweifel +In Euern Stammbaum setzte. Gott behüte! +Ihr könnt ihn Blatt vor Blatt bis Abraham +Hinauf belegen. Und von da so weiter, +Weiß ich ihn selbst; will ich ihn selbst beschwören. + +Nathan. +Ihr werdet bitter.--Doch verdien ich's?--Schlug +Ich denn Euch schon was ab?--Ich will Euch ja +Nur bei dem Worte nicht den Augenblick +So fassen.--Weiter nichts. + +Tempelherr. Gewiß?--Nichts weiter? +O so vergebt!... + +Nathan. Nun kommt nur, kommt! + +Tempelherr. Wohin? +Nein!--Mit in Euer Haus?--Das nicht! das nicht!-- +Da brennt's!--Ich will Euch hier erwarten. Geht!-- +Soll ich sie wiedersehn: so seh ich sie +Noch oft genug. Wo nicht: so sah ich sie +Schon viel zu viel... + +Nathan. Ich will mich möglichst eilen. + + + +Zehnter Auftritt + +Der Tempelherr und bald darauf Daja. + + +Tempelherr. +Schon mehr als g'nug!--Des Menschen Hirn faßt so +Unendlich viel; und ist doch manchmal auch +So plötzlich voll! von einer Kleinigkeit +So plötzlich voll!--Taugt nichts, taugt nichts; es sei +Auch voll wovon es will.--Doch nur Geduld! +Die Seele wirkt den auf gedunsnen Stoff +Bald ineinander, schafft sich Raum, und Licht +Und Ordnung kommen wieder.--Lieb ich denn +Zum ersten Male?--Oder war, was ich +Als Liebe kenne, Liebe nicht?--Ist Liebe +Nur was ich itzt empfinde?... + +Daja (die sich von der Seite herbeigeschlichen). +Ritter! Ritter! + +Tempelherr. +Wer ruft?--Ha, Daja, Ihr? + +Daja. Ich habe mich +Bei ihm vorbeigeschlichen. Aber noch +Könnt' er uns sehn, wo Ihr da steht.--Drum kommt +Doch näher zu mir, hinter diesen Baum. + +Tempelherr. +Was gibt's denn?--So geheimnisvoll?--Was ist's? + +Daja. +Ja wohl betrifft es ein Geheimnis, was +Mich zu Euch bringt; und zwar ein doppeltes. +Das eine weiß nur ich; das andre wißt +Nur Ihr.--Wie wär' es, wenn wir tauschten? +Vertraut mir Euers: so vertrau ich Euch +Das meine. + +Tempelherr. Mit Vergnügen.--Wenn ich nur +Erst weiß, was Ihr für meines achtet. Doch +Das wird aus Euerm wohl erhellen.--Fangt +Nur immer an. + +Daja. Ei denkt doch!--Nein, Herr Ritter. +Erst Ihr; ich folge.--Denn versichert, mein +Geheimnis kann Euch gar nichts nutzen, wenn +Ich nicht zuvor das Eure habe.--Nur +Geschwind!--Denn frag ich's Euch erst ab: so habt +Ihr nichts vertrauet. Mein Geheimnis dann +Bleibt mein Geheimnis; und das Eure seid +Ihr los.--Doch armer Ritter!--Daß Ihr Männer +Ein solch Geheimnis vor uns Weibern haben +Zu können, auch nur glaubt! + +Tempelherr. Das wir zu haben +Oft selbst nicht wissen. + +Daja. Kann wohl sein. Drum muß +Ich freilich erst, Euch selbst damit bekannt +Zu machen, schon die Freundschaft haben.--Sagt-- +Was hieß denn das, daß Ihr so Knall und Fall +Euch aus dem Staube machtet? daß Ihr uns +So sitzenließet?--daß Ihr nun mit Nathan +Nicht wiederkommt?--Hat Recha denn so wenig +Auf Euch gewirkt? wie? oder auch, so viel?-- +So viel! so viel!--Lehrt Ihr des armen Vogels, +Der an der Rute klebt, Geflattre mich +Doch kennen!--Kurz: gesteht es mir nur gleich, +Daß Ihr sie liebt, liebt bis zum Unsinn; und +Ich sag Euch was... + +Tempelherr. Zum Unsinn? Wahrlich; Ihr +Versteht Euch trefflich drauf. + +Daja. Nun gebt mir nur +Die Liebe zu; den Unsinn will ich Euch +Erlassen. + +Tempelherr. Weil er sich von selbst versteht?-- +Ein Tempelherr ein Judenmädchen lieben!... + +Daja. +Scheint freilich wenig Sinn zu haben.--Doch +Zuweilen ist des Sinns in einer Sache +Auch mehr, als wir vermuten; und es wäre +So unerhört doch nicht, daß uns der Heiland +Auf Wegen zu sich zöge, die der Kluge +Von selbst nicht leicht betreten würde. + +Tempelherr. Das +So feierlich?--(Und setz ich statt des Heilands +Die Vorsicht: hat sie denn nicht recht?--) Ihr macht +Mich neubegieriger, als ich wohl sonst +Zu sein gewohnt bin. + +Daja. Oh! das ist das Land +Der Wunder! + +Tempelherr. (Nun!--des Wunderbaren. Kann +Es auch wohl anders sein? Die ganze Welt +Drängt sich ja hier zusammen.)--Liebe Daja, +Nehmt für gestanden an, was Ihr verlangt: +Daß ich sie liebe; daß ich nicht begreife, +Wie ohne sie ich leben werde; daß... + +Daja. +Gewiß? gewiß?--So schwört mir, Ritter, sie +Zur Eurigen zu machen; sie zu retten: +Sie zeitlich hier, sie ewig dort zu retten. + +Tempelherr. +Und wie?--Wie kann ich?--Kann ich schwören, was +In meiner Macht nicht steht? + +Daja. In Eurer Macht +Steht es. Ich bring es durch ein einzig Wort +In Eure Macht. + +Tempelherr. Daß selbst der Vater nichts +Dawider hätte? + +Daja. Ei, was Vater! Vater! +Der Vater soll schon müssen. + +Tempelherr. Müssen, Daja?-- +Noch ist er unter Räuber nicht gefallen. +Er muß nicht müssen. + +Daja. Nun, so muß er wollen; +Muß gern am Ende wollen. + +Tempelherr. Muß und gern!-- +Doch, Daja, wenn ich Euch nun sage, daß +Ich selber diese Sait' ihm anzuschlagen +Bereits versucht? + +Daja. Was? und er fiel nicht ein? + +Tempelherr. +Er fiel mit einem Mißlaut ein, der mich-- +Beleidigte. + +Daja. Was sagt Ihr?--Wie? Ihr hättet +Den Schatten eines Wunsches nur nach Recha +Ihm blicken lassen: und er wär' vor Freuden +Nicht aufgesprungen? hätte frostig sich +Zurückgezogen? hätte Schwierigkeiten +Gemacht? + +Tempelherr. So ungefähr. + +Daja. So will ich denn +Mich länger keinen Augenblick bedenken. + +(Pause.) + +Tempelherr. +Und Ihr bedenkt Euch doch? + +Daja. Der Mann ist sonst +So gut!--Ich selber bin so viel ihm schuldig!-- +Daß er doch gar nicht hören will!--Gott weiß, +Das Herze blutet mir, ihn so zu zwingen. + +Tempelherr. +Ich bitt Euch, Daja, setzt mich kurz und gut +Aus dieser Ungewißheit. Seid Ihr aber +Noch selber ungewiß; ob, was Ihr vorhabt, +Gut oder böse, schändlich oder löblich +Zu nennen:--schweigt!--Ich will vergessen, daß +Ihr etwas zu verschweigen habt. + +Daja. Das spornt, +Anstatt zu halten. Nun; so wißt denn: Recha +Ist keine Jüdin; ist--ist eine Christin. + +Tempelherr (kalt). +So? Wünsch Euch Glück! Hat's schwer gehalten? Laßt +Euch nicht die Wehen schrecken!--Fahret ja +Mit Eifer fort, den Himmel zu bevölkern: +Wenn Ihr die Erde nicht mehr könnt! + +Daja. Wie, Ritter? +Verdienet meine Nachricht diesen Spott? +Daß Recha eine Christin ist: das freuet +Euch, einen Christen, einen Tempelherrn, +Der Ihr sie liebt, nicht mehr? + +Tempelherr. Besonders, da +Sie eine Christin ist von Eurer Mache. + +Daja. +Ah! so versteht Ihr's? So mag's gelten!--Nein! +Den will ich sehn, der die bekehren soll! +Ihr Glück ist, längst zu sein, was sie zu werden +Verdorben ist. + +Tempelherr. Erklärt Euch, oder--geht! + +Daja. +Sie ist ein Christenkind, von Christeneltern +Geboren; ist getauft... + +Tempelherr (hastig). Und Nathan? + +Daja. Nicht +Ihr Vater! + +Tempelherr. Nathan nicht ihr Vater?--Wißt +Ihr, was Ihr sagt? + +Daja. Die Wahrheit, die so oft +Mich blut'ge Tränen weinen machen.--Nein, +Er ist ihr Vater nicht... + +Tempelherr. Und hätte sie +Als seine Tochter nur erzogen? hätte +Das Christenkind als eine Jüdin sich +Erzogen? + +Daja. Ganz gewiß. + +Tempelherr. Sie wüßte nicht, +Was sie geboren sei?--Sie hätt' es nie +Von ihm erfahren, daß sie eine Christin +Geboren sei, und keine Jüdin? + +Daja. Nie! + +Tempelherr. +Er hätt' in diesem Wahne nicht das Kind +Bloß auferzogen? ließ das Mädchen noch +In diesem Wahne? + +Daja. Leider! + +Tempelherr. Nathan--Wie? +Der weise gute Nathan hätte sich +Erlaubt, die Stimme der Natur so zu +Verfälschen?--Die Ergießung eines Herzens +So zu verrenken, die, sich selbst gelassen, +Ganz andre Wege nehmen würde?--Daja, +Ihr habt mir allerdings etwas vertraut-- +Von Wichtigkeit,--was Folgen haben kann,-- +Was mich verwirrt,--worauf ich gleich nicht weiß, +Was mir zu tun.--Drum laßt mir Zeit.--Drum geht! +Er kömmt hier wiederum vorbei. Er möcht' +Uns überfallen. Geht! + +Daja. Ich wär' des Todes! + +Tempelherr. +Ich bin ihn itzt zu sprechen ganz und gar +Nicht fähig. Wenn Ihr ihm begegnet, sagt +Ihm nur, daß wir einander bei dem Sultan +Schon finden würden. + +Daja. Aber laßt Euch ja +Nichts merken gegen ihn.--Das soll nur so +Den letzten Druck dem Dinge geben; soll +Euch, Rechas wegen, alle Skrupel nur +Benehmen!--Wenn Ihr aber dann sie nach +Europa führt: so laßt Ihr doch mich nicht +Zurück? + +Tempelherr. Das wird sich finden. Geht nur, geht! + + + + + +Vierter Aufzug + + + +Erster Auftritt + +(Szene: in den Kreuzgängen des Klosters.) + +Der Klosterbruder und bald darauf der Tempelherr. + + +Klosterbruder. +Ja, ja! er hat schon recht, der Patriarch! +Es hat mir freilich noch von alledem +Nicht viel gelingen wollen, was er mir +So aufgetragen.--Warum trägt er mir +Auch lauter solche Sachen auf?--Ich mag +Nicht fein sein; mag nicht überreden; mag +Mein Näschen nicht in alles stecken; mag +Mein Händchen nicht in allem haben.--Bin +Ich darum aus der Welt geschieden, ich +Für mich; um mich für andre mit der Welt +Noch erst recht zu verwickeln? + +Tempelherr (mit Hast auf ihn zukommend). +Guter Bruder! +Da seid Ihr ja. Ich hab Euch lange schon +Gesucht. + +Klosterbruder. Mich, Herr? + +Tempelherr. Ihr kennt mich schon nicht mehr? + +Klosterbruder. +Doch, doch! Ich glaubte nur, daß ich den Herrn +In meinem Leben wieder nie zu sehn +Bekommen würde. Denn ich hofft' es zu +Dem lieben Gott.--Der liebe Gott, der weiß, +Wie sauer mir der Antrag ward, den ich +Dem Herrn zu tun verbunden war. Er weiß, +Ob ich gewünscht, ein offnes Ohr bei Euch +Zu finden; weiß, wie sehr ich mich gefreut, +Im Innersten gefreut, daß Ihr so rund +Das alles, ohne viel Bedenken, von +Euch wies't, was einem Ritter nicht geziemt.-- +Nun kommt Ihr doch; nun hat's doch nachgewirkt! + +Tempelherr. +Ihr wißt es schon, warum ich komme? Kaum +Weiß ich es selbst. + +Klosterbruder. Ihr habt's nun überlegt; +Habt nun gefunden, daß der Patriarch +So unrecht doch nicht hat; daß Ehr' und Geld +Durch seinen Anschlag zu gewinnen; daß +Ein Feind ein Feind ist, wenn er unser Engel +Auch siebenmal gewesen wäre. Das, +Das habt Ihr nun mit Fleisch und Blut erwogen, +Und kommt, und tragt Euch wieder an.--Ach Gott! + +Tempelherr. +Mein frommer, lieber Mann! gebt Euch zufrieden. +Deswegen komm ich nicht; deswegen will +Ich nicht den Patriarchen sprechen. Noch, +Noch denk ich über jenen Punkt, wie ich +Gedacht, und wollt' um alles in der Welt +Die gute Meinung nicht verlieren, deren +Mich ein so grader, frommer, lieber Mann +Einmal gewürdiget.--Ich komme bloß, +Den Patriarchen über eine Sache +Um Rat zu fragen... + +Klosterbruder. Ihr den Patriarchen? +Ein Ritter, einen--Pfaffen? +(Sich schüchtern umsehend.) + +Tempelherr. Ja;--die Sach' +Ist ziemlich pfäffisch. + +Klosterbruder. Gleichwohl fragt der Pfaffe +Den Ritter nie, die Sache sei auch noch +So ritterlich. + +Tempelherr. Weil er das Vorrecht hat, +Sich zu vergehn; das unsereiner ihm +Nicht sehr beneidet.--Freilich, wenn ich nur +Für mich zu handeln hätte; freilich, wenn +Ich Rechenschaft nur mir zu geben hätte: +Was braucht' ich Euers Patriarchen? Aber +Gewisse Dinge will ich lieber schlecht, +Nach andrer Willen, machen; als allein +Nach meinem, gut.--Zudem, ich seh nun wohl, +Religion ist auch Partei; und wer +Sich drob auch noch so unparteiisch glaubt, +Hält, ohn' es selbst zu wissen, doch nur seiner +Die Stange. Weil das einmal nun so ist: +Wird's so wohl recht sein. + +Klosterbruder. Dazu schweig ich lieber. +Denn ich versteh den Herrn nicht recht. + +Tempelherr. Und doch!-- +(Laß sehn, warum mir eigentlich zu tun! +Um Machtspruch oder Rat?--Um lautern, oder +Gelehrten Rat?)--Ich dank Euch, Bruder; dank +Euch für den guten Wink.--Was Patriarch?-- +Seid Ihr mein Patriarch! Ich will ja doch +Den Christen mehr im Patriarchen, als +Den Patriarchen in dem Christen fragen.-- +Die Sach' ist die... + +Klosterbruder. Nicht weiter, Herr, nicht weiter! +Wozu?--Der Herr verkennt mich.--Wer viel weiß, +Hat viel zu sorgen; und ich habe ja +Mich einer Sorge nur gelobt.--O gut! +Hört! seht! Dort kömmt, zu meinem Glück, er selbst. +Bleibt hier nur stehn. Er hat Euch schon erblickt. + + + +Zweiter Auftritt + +Der Patriarch, welcher mit allem geistlichen Pomp den einen Kreuzgang +heraufkommt, und die Vorigen. + + +Tempelherr. +Ich wich' ihm lieber aus.--Wär' nicht mein Mann! +Ein dicker, roter, freundlicher Prälat! +Und welcher Prunk! + +Klosterbruder. Ihr solltet ihn erst sehn +Nach Hofe sich erheben. Itzo kömmt +Er nur von einem Kranken. + +Tempelherr. Wie sich da +Nicht Saladin wird schämen müssen! + +Patriarch (indem er näherkommt, winkt dem Bruder). Hier!-- +Das ist ja wohl der Tempelherr. Was will +Er? + +Klosterbruder. Weiß nicht. + +Patriarch (auf ihn zugehend, indem der Bruder und das Gefolge +zurücktreten). +Nun, Herr Ritter!--Sehr erfreut, +Den braven jungen Mann zu sehn!--Ei, noch +So gar jung!--Nun, mit Gottes Hilfe, daraus +Kann etwas werden. + +Tempelherr. Mehr, ehrwürd'ger Herr, +Wohl schwerlich, als schon ist. Und eher noch, +Was weniger. + +Patriarch. Ich wünsche wenigstens, +Daß so ein frommer Ritter lange noch +Der lieben Christenheit, der Sache Gottes +Zu Ehr' und Frommen blühn und grünen möge! +Das wird denn auch nicht fehlen, wenn nur fein +Die junge Tapferkeit dem reifen Rate +Des Alters folgen will!--Womit wär' sonst +Dem Herrn zu dienen? + +Tempelherr. Mit dem nämlichen, +Woran es meiner Jugend fehlt: mit Rat. + +Patriarch. +Recht gern!--Nur ist der Rat auch anzunehmen. + +Tempelherr. +Doch blindlings nicht? + +Patriarch. Wer sagt denn das?--Ei freilich +Muß niemand die Vernunft, die Gott ihm gab, +Zu brauchen unterlassen,--wo sie hin- +Gehört.--Gehört sie aber überall +Denn hin?--O nein!--Zum Beispiel: wenn uns Gott +Durch einen seiner Engel,--ist zu sagen, +Durch einen Diener seines Worts,--ein Mittel +Bekannt zu machen würdiget, das Wohl +Der ganzen Christenheit, das Heil der Kirche, +Auf irgendeine ganz besondre Weise +Zu fördern, zu befestigen: wer darf +Sich da noch unterstehn, die Willkür des, +Der die Vernunft erschaffen, nach Vernunft +Zu untersuchen? und das ewige +Gesetz der Herrlichkeit des Himmels, nach +Den kleinen Regeln einer eiteln Ehre +Zu prüfen?--Doch hiervon genug.--Was ist +Es denn, worüber unsern Rat für itzt +Der Herr verlangt? + +Tempelherr. Gesetzt, ehrwürd'ger Vater, +Ein Jude hätt' ein einzig Kind,--es sei +Ein Mädchen,--das er mit der größten Sorgfalt +Zu allem Guten auferzogen, das +Er liebe mehr als seine Seele, das +Ihn wieder mit der frömmsten Liebe liebe. +Und nun würd' unsereinem hinterbracht, +Dies Mädchen sei des Juden Tochter nicht; +Er hab' es in der Kindheit aufgelesen, +Gekauft, gestohlen,--was Ihr wollt; man wisse, +Das Mädchen sei ein Christenkind, und sei +Getauft; der Jude hab' es nur als Jüdin +Erzogen; lass' es nur als Jüdin und +Als seine Tochter so verharren:--sagt, +Ehrwürd'ger Vater, was wär' hierbei wohl +Zu tun? + +Patriarch. Mich schaudert!--Doch zu allererst +Erkläre sich der Herr, ob so ein Fall +Ein Faktum oder eine Hypothes'. +Das ist zu sagen: ob der Herr sich das +Nur bloß so dichtet, oder ob's geschehn, +Und fortfährt zu geschehn. + +Tempelherr. Ich, glaubte, das +Sei eins, um Euer Hochehrwürden Meinung +Bloß zu vernehmen. + +Patriarch. Eins?--Da seh' der Herr +Wie sich die stolze menschliche Vernunft +Im Geistlichen doch irren kann.--Mitnichten! +Denn ist der vorgetragne Fall nur so +Ein Spiel des Witzes: so verlohnt es sich +Der Mühe nicht, im Ernst ihn durchzudenken. +Ich will den Herrn damit auf das Theater +Verwiesen haben, wo dergleichen pro +Et contra sich mit vielem Beifall könnte +Behandeln lassen.--Hat der Herr mich aber +Nicht bloß mit einer theatral'schen Schnurre +Zum besten; ist der Fall ein Faktum; hätt' +Er sich wohl gar in unsrer Diözes', +In unsrer lieben Stadt Jerusalem +Ereignet:--ja alsdann-- + +Tempelherr. Und was alsdann? + +Patriarch. +Dann wäre an dem Juden fördersamst +Die Strafe zu vollziehn, die päpstliches +Und kaiserliches Recht so einem Frevel, +So einer Lastertat bestimmen. + +Tempelherr. So? + +Patriarch. +Und zwar bestimmen obbesagte Rechte +Dem Juden, welcher einen Christen zur +Apostasie verführt,--den Scheiterhaufen, +Den Holzstoß-- + +Tempelherr. So? + +Patriarch. Und wieviel mehr dem Juden, +Der mit Gewalt ein armes Christenkind +Dem Bunde seiner Tauf' entreißt! Denn ist +Nicht alles, was man Kindern tut, Gewalt?-- +Zu sagen:--ausgenommen, was die Kirch' +An Kindern tut. + +Tempelherr. Wenn aber nun das Kind, +Erbarmte seiner sich der Jude nicht, +Vielleicht im Elend umgekommen wäre? + +Patriarch. +Tut nichts! der Jude wird verbrannt!--Denn besser, +Es wäre hier im Elend umgekommen, +Als daß zu seinem ewigen Verderben +Es so gerettet ward.--Zudem, was hat +Der Jude Gott denn vorzugreifen? Gott +Kann, wen er retten will, schon ohn' ihn retten. + +Tempelherr. +Auch trotz ihm, sollt' ich meinen,--selig machen. + +Patriarch. +Tut nichts! der Jude wird verbrannt. + +Tempelherr. Das geht +Mir nah'! Besonders, da man sagt, er habe +Das Mädchen nicht sowohl in seinem, als +Vielmehr in keinem Glauben auferzogen, +Und sie von Gott nicht mehr nicht weniger +Gelehrt, als der Vernunft genügt. + +Patriarch. Tut nichts! +Der Jude wird verbrannt... Ja, wär' allein +Schon dieserwegen wert, dreimal verbrannt +Zu werden!--Was? ein Kind ohn' allen Glauben +Erwachsen lassen?--Wie? die große Pflicht, +Zu glauben, ganz und gar ein Kind nicht lehren? +Das ist zu arg! Mich wundert sehr, Herr Ritter, +Euch selbst... + +Tempelherr. Ehrwürd'ger Herr, das übrige, +Wenn Gott will, in der Beichte. (Will gehn.) + +Patriarch. Was? mir nun +Nicht einmal Rede stehn?--Den Bösewicht, +Den Juden mir nicht nennen?--mir ihn nicht +Zur Stelle schaffen?--O da weiß ich Rat! +Ich geh sogleich zum Sultan.--Saladin, +Vermöge der Kapitulation, +Die er beschworen, muß uns, muß uns schützen; +Bei allen Rechten, allen Lehren schützen, +Die wir zu unsrer Allerheiligsten +Religion nur immer rechnen dürfen! +Gottlob! wir haben das Original. +Wir haben seine Hand, sein Siegel. Wir!-- +Auch mach ich ihm gar leicht begreiflich, wie +Gefährlich selber für den Staat es ist, +Nichts glauben! Alle bürgerliche Bande +Sind aufgelöset, sind zerrissen, wenn +Der Mensch nichts glauben darf.--Hinweg! hinweg +Mit solchem Frevel!... + +Tempelherr. Schade, daß ich nicht +Den trefflichen Sermon mit beßrer Muße +Genießen kann! Ich bin zum Saladin +Gerufen. + +Patriarch. Ja?--Nun so--Nun freilich--Dann-- + +Tempelherr. +Ich will den Sultan vorbereiten, wenn +Es Eurer Hochehrwürden so gefällt. + +Patriarch. +Oh, oh!--Ich weiß, der Herr hat Gnade funden +Vor Saladin!--Ich bitte meiner nur +Im Besten bei ihm eingedenk zu sein.-- +Mich treibt der Eifer Gottes lediglich. +Was ich zuviel tu, tu ich ihm.--Das wolle +Doch ja der Herr erwägen!--Und nicht wahr, +Herr Ritter? das vorhin Erwähnte von +Dem Juden, war nur ein Problema?--ist +Zu sagen-- + +Tempelherr. Ein Problema. (Geht ab.) + +Patriarch. (Dem ich tiefer +Doch auf den Grund zu kommen suchen muß. +Das wär' so wiederum ein Auftrag für +Den Bruder Bonafides.)--Hier, mein Sohn! + +(Er spricht im Abgehn mit dem Klosterbruder.) + + + +Dritter Auftritt + +(Szene: ein Zimmer im Palaste des Saladin, in welches von Sklaven +eine Menge Beutel getragen, und auf dem Boden nebeneinandergestellt +werden.) + +Saladin und bald darauf Sittah. + + +Saladin (der dazukömmt). +Nun wahrlich! das hat noch kein Ende.--Ist +Des Dings noch viel zurück? + +Ein Sklave. Wohl noch die Hälfte. + +Saladin. +So tragt das übrige zu Sittah.--Und +Wo bleibt Al-Hafi? Das hier soll sogleich +Al-Hafi zu sich nehmen.--Oder ob +Ich's nicht vielmehr dem Vater schicke? Hier +Fällt mir es doch nur durch die Finger.--Zwar +Man wird wohl endlich hart; und nun gewiß +Soll's Künste kosten, mir viel abzuzwacken. +Bis wenigstens die Gelder aus Ägypten +Zur Stelle kommen, mag das Armut sehn, +Wie's fertig wird!--Die Spenden bei dem Grabe, +Wenn die nur fortgehn! Wenn die Christenpilger +Mit leeren Händen nur nicht abziehn dürfen! +Wenn nur-- + +Sittah. Was soll nun das? Was soll das Geld +Bei mir? + +Saladin. Mach dich davon bezahlt; und leg +Auf Vorrat, wenn was übrigbleibt. + +Sittah. Ist Nathan +Noch mit dem Tempelherrn nicht da? + +Saladin. Er sucht +Ihn aller Orten. + +Sittah. Sieh doch, was ich hier, +Indem mir so mein alt Geschmeide durch +Die Hände geht, gefunden. + +(Ihm ein klein Gemälde zeigend.) + +Saladin. Ha! mein Bruder! +Das ist er, ist er!--War er! war er! ah!-- +Ah wackrer lieber Junge, daß ich dich +So früh verlor! Was hätt' ich erst mit dir, +An deiner Seit' erst unternommen!--Sittah, +Laß mir das Bild. Auch kenn ich's schon: er gab +Es deiner ältern Schwester, seiner Lilla, +Die eines Morgens ihn so ganz und gar +Nicht aus den Armen lassen wollt'. Es war +Der letzte, den er ausritt.--Ah, ich ließ +Ihn reiten, und allein!--Ah, Lilla starb +Vor Gram, und hat mir's nie vergeben, daß +Ich so allein ihn reiten lassen.--Er +Blieb weg! + +Sittah. Der arme Bruder! + +Saladin. Laß nur gut +Sein!--Einmal bleiben wir doch alle weg!-- +Zudem,--wer weiß? Der Tod ist's nicht allein, +Der einem Jüngling seiner Art das Ziel +Verrückt. Er hat der Feinde mehr; und oft +Erliegt der Stärkste gleich dem Schwächsten.--Nun, +Sei wie ihm sei!--Ich muß das Bild doch mit +Dem jungen Tempelherrn vergleichen; muß +Doch sehn, wieviel mich meine Phantasie +Getäuscht. + +Sittah. Nur darum bring ich's. Aber gib +Doch, gib! Ich will dir das wohl sagen; das +Versteht ein weiblich Aug' am besten. + +Saladin (zu einem Türsteher, der hereintritt). +Wer +Ist da?--der Tempelherr?--Er komm'! + +Sittah. Euch nicht +Zu stören: ihn mit meiner Neugier nicht +Zu irren-- +(Sie setzt sich seitwärts auf einen Sofa und läßt den Schleier fallen.) + +Saladin. Gut so! gut!--(Und nun sein Ton! +Wie der wohl sein wird!--Assads Ton +Schläft auch wohl wo in meiner Seele noch!) + + + +Vierter Auftritt + +Der Tempelherr und Saladin. + + +Tempelherr. +Ich, dein Gefangner, Sultan... + +Saladin. Mein Gefangner? +Wem ich das Leben schenke, werd ich dem +Nicht auch die Freiheit schenken? + +Tempelherr. Was dir ziemt +Zu tun, ziemt mir, erst zu vernehmen, nicht +Vorauszusetzen. Aber, Sultan,--Dank, +Besondern Dank dir für mein Leben zu +Beteuern, stimmt mit meinem Stand und meinem +Charakter nicht.--Es steht in allen Fällen +Zu deinen Diensten wieder. + +Saladin. Brauch es nur +Nicht wider mich!--Zwar ein paar Hände mehr, +Die gönnt' ich meinem Feinde gern. Allein +Ihm so ein Herz auch mehr zu gönnen, fällt +Mir schwer.--Ich habe mich mit dir in nichts +Betrogen, braver junger Mann! Du bist +Mit Seel' und Leib mein Assad. Sieh! ich könnte +Dich fragen: wo du denn die ganze Zeit +Gesteckt? in welcher Höhle du geschlafen? +In welchem Ginnistan, von welcher guten +Div diese Blume fort und fort so frisch +Erhalten worden? Sich! ich könnte dich +Erinnern wollen, was wir dort und dort +Zusammen ausgeführt. Ich könnte mit +Dir zanken, daß du ein Geheimnis doch +Vor mir gehabt! Ein Abenteuer mir +Doch unterschlagen:--Ja das könnt' ich; wenn +Ich dich nur säh', und nicht auch mich.--Nun, mag's! +Von dieser süßen Träumerei ist immer +Doch so viel wahr, daß mir in meinem Herbst +Ein Assad wieder blühen soll.--Du bist +Es doch zufrieden, Ritter? + +Tempelherr. Alles, was +Von dir mir kömmt,--sei was es will--das lag +Als Wunsch in meiner Seele. + +Saladin. Laß uns das +Sogleich versuchen.--Bliebst du wohl bei mir? +Um mir?--Als Christ, als Muselmann: gleichviel! +Im weißen Mantel, oder Jamerlonk; +Im Tulban, oder deinem Filze: wie +Du willst! Gleichviel! Ich habe nie verlangt, +Daß allen Bäumen eine Rinde wachse. + +Tempelherr. +Sonst wärst du wohl auch schwerlich, der du bist: +Der Held, der lieber Gottes Gärtner wäre. + +Saladin. +Nun dann; wenn du nicht schlechter von mir denkst: +So wären wir ja halb schon richtig? + +Tempelherr Ganz! + +Saladin (ihm die Hand bietend). +Ein Wort? + +Tempelherr (einschlagend). +Ein Mann!--Hiermit empfange mehr +Als du mir nehmen konntest. Ganz der Deine! + +Saladin. +Zuviel Gewinn für einen Tag! zuviel! +Kam er nicht mit? + +Tempelherr. Wer? + +Saladin. Nathan. + +Tempelherr (frostig). Nein. Ich kam +Allein. + +Saladin. Welch eine Tat von dir! Und welch +Ein weises Glück, daß eine solche Tat +Zum Besten eines solchen Mannes ausschlug. + +Tempelherr. +Ja, ja! + +Saladin. So kalt?--Nein, junger Mann! wenn Gott +Was Gutes durch uns tut, muß man so kalt +Nicht sein!--selbst aus Bescheidenheit so kalt +Nicht scheinen wollen! + +Tempelherr. Daß doch in der Welt +Ein jedes Ding so manche Seiten hat!-- +Von denen oft sich gar nicht denken läßt, +Wie sie zusammenpassen! + +Saladin. Halte dich +Nur immer an die best', und preise Gott! +Der weiß, wie sie zusammenpassen.--Aber, +Wenn du so schwierig sein willst, junger Mann: +So werd auch ich ja wohl auf meiner Hut +Mich mit dir halten müssen? Leider bin +Auch ich ein Ding von vielen Seiten, die +Oft nicht so recht zu passen scheinen mögen. + +Tempelherr. +Das schmerzt!--Denn Argwohn ist so wenig sonst +Mein Fehler-- + +Saladin. Nun, so sage doch, mit wem +Du's hast?--Es schien ja gar, mit Nathan. Wie? +Auf Nathan Argwohn? du?--Erklär dich! sprich! +Komm, gib mir deines Zutrauns erste Probe. + +Tempelherr. +Ich habe wider Nathan nichts. Ich zürn +Allein mit mir-- + +Saladin. Und über was? + +Tempelherr. Daß mir +Geträumt, ein Jude könn' auch wohl ein Jude +Zu sein verlernen; daß mir wachend so +Geträumt. + +Saladin. Heraus mit diesem wachen Traume! + +Tempelherr. +Du weißt von Nathans Tochter, Sultan. Was +Ich für sie tat, das tat ich,--weil ich's tat. +Zu stolz, Dank einzuernten, wo ich ihn +Nicht säete, verschmäht' ich Tag für Tag, +Das Mädchen noch einmal zu sehn. Der Vater +War fern; er kömmt; er hört; er sucht mich auf; +Er dankt; er wünscht, daß seine Tochter mir +Gefallen möge; spricht von Aussicht, spricht +Von heitern Fernen.--Nun, ich lasse mich +Beschwatzen, komme, sehe, finde wirklich +Ein Mädchen... Ah, ich muß mich schämen, Sultan!-- + +Saladin. +Dich schämen?--daß ein Judenmädchen auf +Dich Eindruck machte: doch wohl nimmermehr? + +Tempelherr. +Daß diesem Eindruck, auf das liebliche +Geschwätz des Vaters hin, mein rasches Herz +So wenig Widerstand entgegensetzte!-- +Ich Tropf! ich sprang zum zweitenmal ins Feuer. +Denn nun warb ich, und nun ward ich verschmäht. + +Saladin. +Verschmäht? + +Tempelherr. Der weise Vater schlägt nun wohl +Mich platterdings nicht aus. Der weise Vater +Muß aber doch sich erst erkunden, erst +Besinnen. Allerdings! Tat ich denn das +Nicht auch? Erkundete, besann ich denn +Mich erst nicht auch, als sie im Feuer schrie?-- +Fürwahr! bei Gott! Es ist doch gar was Schönes, +So weise, so bedächtig sein! + +Saladin. Nun, nun! +So sieh doch einem Alten etwas nach! +Wie lange können seine Weigerungen +Denn dauern? Wird er denn von dir verlangen, +Daß du erst Jude werden sollst? + +Tempelherr. Wer weiß! + +Saladin. +Wer weiß?--der diesen Nathan besser kennt. + +Tempelherr. +Der Aberglaub', in dem wir aufgewachsen, +Verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum +Doch seine Macht nicht über uns.--Es sind +Nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten. + +Saladin. +Sehr reif bemerkt! Doch Nathan wahrlich, Nathan... + +Tempelherr. +Der Aberglauben schlimmster ist, den seinen +Für den erträglichern zu halten... + +Saladin. Mag +Wohl sein! Doch Nathan..., + +Tempelherr. Dem allein +Die blöde Menschheit zu vertrauen, bis +Sie hellern Wahrheitstag gewöhne; dem +Allein... + +Saladin. Gut! Aber Nathan!--Nathans Los +Ist diese Schwachheit nicht. + +Tempelherr. So dacht' ich auch! ... +Wenn gleichwohl dieser Ausbund aller Menschen +So ein gemeiner Jude wäre, daß +Er Christenkinder zu bekommen suche, +Um sie als Juden aufzuziehn:--wie dann? + +Saladin. +Wer sagt ihm so was nach? + +Tempelherr. Das Mädchen selbst, +Mit welcher er mich körnt, mit deren Hoffnung +Er gern mir zu bezahlen schiene, was +Ich nicht umsonst für sie getan soll haben:-- +Dies Mädchen selbst ist seine Tochter--nicht; +Ist ein verzettelt Christenkind. + +Saladin. Das er +Dem ungeachtet dir nicht geben wollte? + +Tempelherr (heftig). +Woll' oder wolle nicht! Er ist entdeckt. +Der tolerante Schwätzer ist entdeckt! +Ich werde hinter diesen jüd'schen Wolf +Im philosoph'schen Schafpelz Hunde schon +Zu bringen wissen, die ihn zausen sollen! + +Saladin (ernst). +Sei ruhig, Christ! + +Tempelherr. Was? ruhig Christ?--Wenn Jud' +Und Muselmann, auf Jud', auf Muselmann +Bestehen: soll allein der Christ den Christen +Nicht machen dürfen? + +Saladin (noch ernster). Ruhig, Christ! + +Tempelherr (gelassen). Ich fühle +Des Vorwurfs ganze Last,--die Saladin +In diese Silbe preßt! Ah, wenn ich wüßte, +Wie Assad,--Assad sich an meiner Stelle +Hierbei genommen hätte! + +Saladin. Nicht viel besser!-- +Vermutlich ganz so brausend!--Doch, wer hat +Denn dich auch schon gelehrt, mich so wie er +Mit einem Worte zu bestechen? Freilich +Wenn alles sich verhält, wie du mir sagest: +Kann ich mich selber kaum in Nathan finden.-- +Indes, er ist mein Freund, und meiner Freunde +Muß keiner mit dem andern hadern.--Laß +Dich weisen! Geh behutsam! Gib ihn nicht +Sofort den Schwärmern deines Pöbels preis! +Verschweig, was deine Geistlichkeit, an ihm +Zu rächen, mir so nahe legen würde! +Sei keinem Juden, keinem Muselmanne +Zum Trotz ein Christ! + +Tempelherr. Bald wär's damit zu spät! +Doch dank der Blutbegier des Patriarchen, +Des Werkzeug mir zu werden graute! + +Saladin. Wie? +Du kamst zum Patriarchen eher, als +Zu mir? + +Tempelherr. Im Sturm der Leidenschaft, im Wirbel +Der Unentschlossenheit!--Verzeih!--Du wirst +Von deinem Assad, fürcht ich, ferner nun +Nichts mehr in mir erkennen wollen. + +Saladin. Wär' +Es diese Furcht nicht selbst! Mich dünkt, ich weiß, +Aus welchen Fehlern unsre Tugend keimt. +Pfleg diese ferner nur, und jene sollen +Bei mir dir wenig schaden.--Aber geh! +Such du nun Nathan, wie er dich gesucht; +Und bring ihn her. Ich muß euch doch zusammen +Verständigen.--Wär' um das Mädchen dir +Im Ernst zu tun: sei ruhig. Sie ist dein! +Auch soll es Nathan schon empfinden, daß +Er ohne Schweinefleisch ein Christenkind +Erziehen dürfen!--Geh! + +(Der Tempelherr geht ab, und Sittah verläßt den Sofa.) + + + +Fünfter Auftritt + +Saladin und Sittah. + + +Sittah. Ganz sonderbar! + +Saladin. +Gelt, Sittah? Muß mein Assad nicht ein braver, +Ein schöner junger Mann gewesen sein? + +Sittah. +Wenn er so war, und nicht zu diesem Bilde +Der Tempelherr vielmehr gesessen!--Aber +Wie hast du doch vergessen können dich +Nach seinen Eltern zu erkundigen? + +Saladin. +Und insbesondre wohl nach seiner Mutter? +Ob seine Mutter hierzulande nie +Gewesen sei?--Nicht wahr? + +Sittah. Das machst du gut! + +Saladin. +Oh, möglicher wär' nichts! Denn Assad war +Bei hübschen Christendamen so willkommen, +Auf hübsche Christendamen so erpicht, +Daß einmal gar die Rede ging--Nun, nun; +Man spricht nicht gern davon.--Genug; ich hab +Ihn wieder!--will mit allen seinen Fehlern, +Mit allen Launen seines weichen Herzens +Ihn wieder haben!--Oh! das Mädchen muß +Ihm Nathan geben. Meinst du nicht? + +Sittah. Ihm geben? +Ihm lassen! + +Saladin. Allerdings! Was hätte Nathan, +Sobald er nicht ihr Vater ist, für Recht +Auf sie? Wer ihr das Leben so erhielt, +Tritt einzig in die Rechte des, der ihr +Es gab. + +Sittah. Wie also, Saladin? wenn du +Nur gleich das Mädchen zu dir nähmst? Sie nur +Dem unrechtmäßigen Besitzer gleich +Entzögest? + +Saladin. Täte das wohl not? + +Sittah. Not nun +Wohl eben nicht!--Die liebe Neubegier +Treibt mich allein, dir diesen Rat zu geben. +Denn von gewissen Männern mag ich gar +Zu gern, so bald wie möglich, wissen, was +Sie für ein Mädchen lieben können. + +Saladin. Nun, +So schick und laß sie holen. + +Sittah. Darf ich, Bruder? + +Saladin. +Nur schone Nathans! Nathan muß durchaus +Nicht glauben, daß man mit Gewalt ihn von +Ihr trennen wolle. + +Sittah. Sorge nicht. + +Saladin. Und ich, +Ich muß schon selbst sehn, wo Al-Hafi bleibt. + + + +Sechster Auftritt + +(Szene: die offne Flur in Nathans Hause, gegen die Palmen zu; wie im +ersten Auftritte des ersten Aufzuges. Ein Teil der Waren und +Kostbarkeiten liegt ausgekramt, deren ebendaselbst gedacht wird.) + + +Nathan und Daja. + +Daja. Oh, alles herrlich! alles auserlesen! +Oh, alles--wie nur Ihr es geben könnt. +Wo wird der Silberstoff mit goldnen Ranken +Gemacht? Was kostet er?--Das nenn ich noch +Ein Brautkleid! Keine Königin verlangt +Es besser. + +Nathan. Brautkleid? Warum Brautkleid eben? + +Daja. +Je nun! Ihr dachtet daran freilich nicht, +Als Ihr ihn kauftet.--Aber wahrlich, Nathan, +Der und kein andrer muß es sein! Er ist +Zum Brautkleid wie bestellt. Der weiße Grund; +Ein Bild der Unschuld: und die goldnen Ströme, +Die allerorten diesen Grund durchschlängeln; +Ein Bild des Reichtums. Seht Ihr? Allerliebst! + +Nathan. +Was witzelst du mir da? Von wessen Brautkleid +Sinnbilderst du mir so gelehrt?--Bist du +Denn Braut? + +Daja. Ich? + +Nathan. Nun wer denn? + +Daja. Ich?--lieber Gott! + +Nathan. +Wer denn? Von wessen Brautkleid sprichst du denn? +Das alles ist ja dein, und keiner andern. + +Daja. +Ist mein? Soll mein sein?--Ist für Recha nicht? + +Nathan. +Was ich für Recha mitgebracht, das liegt +In einem andern Ballen. Mach! nimm weg! +Trag deine Siebensachen fort! + +Daja. Versucher! +Nein, wären es die Kostbarkeiten auch +Der ganzen Welt! Nicht rühr an! wenn Ihr mir +Vorher nicht schwört, von dieser einzigen +Gelegenheit, dergleichen Euch der Himmel +Nicht zweimal schicken wird, Gebrauch zu machen. + +Nathan. +Gebrauch? von was?--Gelegenheit? wozu? + +Daja. +O stellt Euch nicht so fremd!--Mit kurzen Worten! +Der Tempelherr liebt Recha: gebt sie ihm, +So hat doch einmal Eure Sünde, die +Ich länger nicht verschweigen kann, ein Ende. +So kömmt das Mädchen wieder unter Christen; +Wird wieder, was sie ist; ist wieder, was +Sie ward: und Ihr, Ihr habt mit all dem Guten, +Was wir Euch nicht genug verdanken können, +Nicht Feuerkohlen bloß auf Euer Haupt +Gesammelt. + +Nathan. Doch die alte Leier wieder?-- +Mit einer neuen Saite nur bezogen, +Die, fürcht ich, weder stimmt noch hält. + +Daja. Wieso? + +Nathan. +Mir wär' der Tempelherr schon recht. Ihm gönnt' +Ich Recha mehr als einem in der Welt. +Allein... Nun, habe nur Geduld. + +Daja. Geduld? +Geduld ist Eure alte Leier nun +Wohl nicht? + +Nathan. Nur wenig Tage noch Geduld! ... +Sieh doch!--Wer kömmt denn dort? +Ein Klosterbruder? +Geh, frag ihn was er will. + +Daja. Was wird er wollen? + +(Sie geht auf ihn zu und fragt.) + +Nathan. +So gib!--und eh' er bittet.--(Wüßt' ich nur +Dem Tempelherrn erst beizukommen, ohne +Die Ursach' meiner Neugier ihm zu sagen! +Denn wenn ich sie ihm sag', und der Verdacht +Ist ohne Grund: so hab ich ganz umsonst +Den Vater auf das Spiel gesetzt.)--Was ist's? + +Daja. +Er will Euch sprechen. + +Nathan. Nun, so laß ihn kommen; +Und geh indes. + + + +Siebenter Auftritt + +Nathan und der Klosterbruder. + + +Nathan. (Ich bliebe Rechas Vater +Doch gar zu gern!--Zwar kann ich's denn nicht bleiben, +Auch wenn ich aufhör, es zu heißen?--Ihr, +Ihr selbst werd ich's doch immer auch noch heißen, +Wenn sie erkennt, wie gern ich's wäre.)--Geh!-- +Was ist zu Euern Diensten, frommer Bruder? + +Klosterbruder. +Nicht eben viel.--Ich freue mich, Herr Nathan, +Euch annoch wohl zu sehn. + +Nathan. So kennt Ihr mich? + +Klosterbruder. +Je nu; wer kennt Euch nicht? Ihr habt so manchem +Ja Euern Namen in die Hand gedrückt. +Er steht in meiner auch, seit vielen Jahren. + +Nathan (nach seinem Beutel langend). +Kommt, Bruder, kommt; ich frisch ihn auf. + +Klosterbruder. Habt Dank! +Ich würd' es Ärmern stehlen; nehme nichts.-- +Wenn Ihr mir nur erlauben wollt, ein wenig +Euch meinen Namen aufzufrischen. Denn +Ich kann mich rühmen, auch in Eure Hand +Etwas gelegt zu haben, was nicht zu +Verachten war. + +Nathan. Verzeiht!--Ich schäme mich-- +Sagt, was?--und nehmt zur Buße siebenfach +Den Wert desselben von mir an. + +Klosterbruder. Hört doch +Vor allen Dingen, wie ich selber nur +Erst heut an dies mein Euch vertrautes Pfand +Erinnert worden. + +Nathan. Mir vertrautes Pfand? + +Klosterbruder. +Vor kurzem saß ich noch als Eremit +Auf Quarantana, unweit Jericho. +Da kam arabisch Raubgesindel, brach +Mein Gotteshäuschen ab und meine Zelle +Und schleppte mich mit fort. Zum Glück entkam +Ich noch und floh hierher zum Patriarchen, +Um mir ein ander Plätzchen auszubitten, +Allwo ich meinem Gott in Einsamkeit +Bis an mein selig Ende dienen könne. + +Nathan. +Ich steh auf Kohlen, guter Bruder. Macht +Es kurz. Das Pfand! das mir vertraute Pfand! + +Klosterbruder. +Sogleich, Herr Nathan.--Nun, der Patriarch +Versprach mir eine Siedelei auf Tabor, +Sobald als eine leer; und hieß inzwischen +Im Kloster mich als Laienbruder bleiben. +Da bin ich itzt, Herr Nathan; und verlange +Des Tags wohl hundertmal auf Tabor. Denn +Der Patriarch braucht mich zu allerlei, +Wovor ich großen Ekel habe. Zum +Exempel: + +Nathan. Macht, ich bitt Euch! + +Klosterbruder. Nun, es kömmt!-- +Da hat ihm jemand heut ins Ohr gesetzt: +Es lebe hier herum ein Jude, der +Ein Christenkind als seine Tochter sich +Erzöge. + +Nathan. Wie? (Betroffen.) + +Klosterbruder. Hört mich nur aus!--Indem +Er mir nun aufträgt, diesem Juden stracks, +Wo möglich, auf die Spur zu kommen, und +Gewaltig sich ob eines solchen Frevels +Erzürnt, der ihm die wahre Sünde wider +Den heil'gen Geist bedünkt;--das ist, die Sünde, +Die aller Sünden größte Sünd' uns gilt, +Nur daß wir, Gott sei Dank, so recht nicht wissen, +Worin sie eigentlich besteht:--da wacht +Mit einmal mein Gewissen auf; und mir +Fällt bei, ich könnte selber wohl vor Zeiten +Zu dieser unverzeihlich großen Sünde +Gelegenheit gegeben haben.--Sagt: +Hat Euch ein Reitknecht nicht vor achtzehn Jahren +Ein Töchterchen gebracht von wenig Wochen? + +Nathan. +Wie das?--Nun freilich--allerdings-- + +Klosterbruder. Ei, seht +Mich doch recht an!--Der Reitknecht, der bin ich. + +Nathan. +Seid ihr? + +Klosterbruder. Der Herr, von welchem ich's Euch brachte, +War--ist mir recht--ein Herr von Filnek.--Wolf +Von Filnek! + +Nathan. Richtig! + +Klosterbruder. Weil die Mutter kurz +Vorher gestorben war; und sich der Vater +Nach--mein ich--Gazza plötzlich werfen mußte, +Wohin das Würmchen ihm nicht folgen konnte: +So sandt' er's Euch. Und traf ich Euch damit +Nicht in Darun? + +Nathan. Ganz recht! + +Klosterbruder. Es wär' kein Wunder, +Wenn mein Gedächtnis mich betrög'. Ich habe +Der braven Herrn so viel gehabt; und diesem +Hab ich nur gar zu kurze Zeit gedient. +Er blieb bald drauf bei Askalon: und war +Wohl sonst ein lieber Herr. + +Nathan. Ja wohl! Ja wohl! +Dem ich so viel, so viel zu danken habe! +Der mehr als einmal mich dem Schwert entrissen! + +Klosterbruder. +O schön! So werd't Ihr seines Töchterchens +Euch um so lieber angenommen haben. + +Nathan. +Das könnt Ihr denken. + +Klosterbruder. Nun, wo ist es denn? +Es ist doch wohl nicht etwa gar gestorben?-- +Laßt's lieber nicht gestorben sein!--Wenn sonst +Nur niemand um die Sache weiß: so hat +Es gute Wege. + +Nathan. Hat es? + +Klosterbruder. Traut mir, Nathan! +Denn seht, ich denke so! Wenn an das Gute, +Das ich zu tun vermeine, gar zu nah +Was gar zu Schlimmes grenzt: so tu ich lieber +Das Gute nicht; weil wir das Schlimme zwar +So ziemlich zuverlässig kennen, aber +Bei weiten nicht das Gute.--War ja wohl +Natürlich; wenn das Christentöchterchen +Recht gut von Euch erzogen werden sollte: +Daß Ihr's als Euer eigen Töchterchen +Erzögt.--Das hättet Ihr mit aller Lieb' +Und Treue nun getan, und müßtet so +Belohnet werden? Das will mir nicht ein. +Ei freilich, klüger hättet Ihr getan; +Wenn Ihr die Christin durch die zweite Hand +Als Christin auferziehen lassen: aber +So hättet Ihr das Kindchen Eures Freunds +Auch nicht geliebt. Und Kinder brauchen Liebe, +Wär's eines wilden Tieres Lieb' auch nur, +In solchen Jahren mehr, als Christentum. +Zum Christentume hat's noch immer Zeit. +Wenn nur das Mädchen sonst gesund und fromm +Vor Euern Augen aufgewachsen ist, +So blieb's vor Gottes Augen, was es war. +Und ist denn nicht das ganze Christentum +Aufs Judentum gebaut? Es hat mich oft +Geärgert, hat mir Tränen g'nug gekostet, +Wenn Christen gar so sehr vergessen konnten, +Daß unser Herr ja selbst ein Jude war. + +Nathan. +Ihr, guter Bruder, müßt mein Fürsprach sein, +Wenn Haß und Gleisnerei sich gegen mich +Erheben sollten,--wegen einer Tat-- +Ah, wegen einer Tat!--Nur Ihr, Ihr sollt +Sie wissen!--Nehmt sie aber mit ins Grab! +Noch hat mich nie die Eitelkeit versucht, +Sie jemand andern zu erzählen. Euch +Allein erzähl ich sie. Der frommen Einfalt +Allein erzähl ich sie. Weil die allein +Versteht, was sich der gottergebne Mensch +Für Taten abgewinnen kann. + +Klosterbruder. Ihr seid +Gerührt, und Euer Auge steht voll Wasser? + +Nathan. +Ihr traft mich mit dem Kinde zu Darun. +Ihr wißt wohl aber nicht, daß wenig Tage +Zuvor, in Gath die Christen alle Juden +Mit Weib und Kind ermordet hatten; wißt +Wohl nicht, daß unter diesen meine Frau +Mit sieben hoffnungsvollen Söhnen sich +Befunden, die in meines Bruders Hause, +Zu dem ich sie geflüchtet, insgesamt +Verbrennen müssen. + +Klosterbruder. Allgerechter! + +Nathan. Als +Ihr kamt, hatt' ich drei Tag' und Nächt' in Asch' +Und Staub vor Gott gelegen, und geweint.-- +Geweint? Beiher mit Gott auch wohl gerechtet, +Gezürnt, getobt, mich und die Welt verwünscht; +Der Christenheit den unversöhnlichsten +Haß zugeschworen-- + +Klosterbruder. Ach! Ich glaub's Euch wohl! + +Nathan. +Doch nun kam die Vernunft allmählich wieder. +Sie sprach mit sanfter Stimm': "und doch ist Gott! +Doch war auch Gottes Ratschluß das! Wohlan! +Komm! übe, was du längst begriffen hast, +Was sicherlich zu üben schwerer nicht, +Als zu begreifen ist, wenn du nur willst. +Steh auf!"--Ich stand! und rief zu Gott: ich will! +Willst du nur, daß ich will!--Indem stiegt Ihr +Vom Pferd, und überreichtet mir das Kind, +In Euern Mantel eingehüllt.--Was Ihr +Mir damals sagtet; was ich Euch: hab ich +Vergessen. Soviel weiß ich nur; ich nahm +Das Kind, trug's auf mein Lager, küßt' es, warf +Mich auf die Knie und schluchzte: Gott! auf Sieben +Doch nun schon Eines wieder! + +Klosterbruder. Nathan! Nathan! +Ihr seid ein Christ!--Bei Gott, Ihr seid ein Christ! +Ein beßrer Christ war nie! + +Nathan. Wohl uns! Denn was +Mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir +Zum Juden!--Aber laßt uns länger nicht +Einander nur erweichen. Hier braucht's Tat! +Und ob mich siebenfache Liebe schon +Bald an dies einz'ge fremde Mädchen band, +Ob der Gedanke mich schon tötet, daß +Ich meine sieben Söhn' in ihr aufs neue +Verlieren soll:--wenn sie von meinen Händen +Die Vorsicht wieder fodert,--ich gehorche! + +Klosterbruder. +Nun vollends!--Eben das bedacht' ich mich +So viel, Euch anzuraten! Und so hat's +Euch Euer guter Geist schon angeraten! + +Nathan. +Nur muß der erste beste mir sie nicht +Entreißen wollen! + +Klosterbruder. Nein, gewiß nicht! + +Nathan. Wer +Auf sie nicht größre Rechte hat, als ich, +Muß frühere zum mind'sten haben-- + +Klosterbruder. Freilich! + +Nathan. +Die ihm Natur und Blut erteilen. + +Klosterbruder. So +Mein ich es auch! + +Nathan. Drum nennt mir nur geschwind +Den Mann, der ihr als Bruder oder Ohm, +Als Vetter oder sonst als Sipp' verwandt.-- +Ihm will ich sie nicht vorenthalten--Sie, +Die jedes Hauses, jedes Glaubens Zierde +Zu sein erschaffen und erzogen ward.-- +Ich hoff, Ihr wißt von diesem Euern Herrn +Und dem Geschlechte dessen, mehr als ich. + +Klosterbruder. +Das, guter Nathan, wohl nun schwerlich!--Denn +Ihr habt ja schon gehört, daß ich nur gar +Zu kurze Zeit bei ihm gewesen. + +Nathan. Wißt +Ihr denn nicht wenigstens, was für Geschlechts +Die Mutter war?--War sie nicht eine Stauffin? + +Klosterbruder. +Wohl möglich!--Ja, mich dünkt. + +Nathan. Hieß nicht ihr Bruder +Conrad von Stauffen?--und war Tempelherr? + +Klosterbruder. +Wenn mich's nicht trügt. Doch halt! Da fällt mir ein, +Daß ich vom sel'gen Herrn ein Büchelchen +Noch hab. Ich zog's ihm aus dem Busen, als +Wir ihn bei Askalon verscharrten. + +Nathan. Nun? + +Klosterbruder. +Es sind Gebete drin. Wir nennen's ein +Brevier.--Das, dacht' ich, kann ein Christenmensch +Ja wohl noch brauchen.--Ich nun freilich nicht +Ich kann nicht lesen-- + +Nathan. Tut nichts!--Nur zur Sache. + +Klosterbruder. +In diesem Büchelchen stehn vorn und hinten, +Wie ich mir sagen lassen, mit des Herrn +Selbsteigner Hand, die Angehörigen +Von ihm und ihr geschrieben. + +Nathan. O erwünscht! +Geht! lauft! holt mir das Büchelchen. Geschwind! +Ich bin bereit mit Gold es aufzuwiegen; +Und tausend Dank dazu! Eilt! lauft! + +Klosterbruder. Recht gern! +Es ist Arabisch aber, was der Herr +Hineingeschrieben. (Ab.) + +Nathan. Einerlei! Nur her!-- +Gott! wenn ich doch das Mädchen noch behalten, +Und einen solchen Eidam mir damit +Erkaufen könnte!--Schwerlich wohl!--Nun, fall' +Es aus, wie's will!--Wer mag es aber denn +Gewesen sein, der bei dem Patriarchen +So etwas angebracht? Das muß ich doch +Zu fragen nicht vergessen.--Wenn es gar +Von Daja käme? + + + +Achter Auftritt + +Daja und Nathan. + + +Daja (eilig und verlegen). +Denkt doch, Nathan! + +Nathan. Nun? + +Daja. +Das arme Kind erschrak wohl recht darüber! +Da schickt... + +Nathan. Der Patriarch? + +Daja. Des Sultans Schwester, +Prinzessin Sittah... + +Nathan. Nicht der Patriarch? + +Daja. +Nein, Sittah!--Hört Ihr nicht!--Prinzessin Sittah +Schickt her, und läßt sie zu sich holen? + +Nathan. Wen? +Läßt Recha holen?--Sittah läßt sie holen?-- +Nun; wenn sie Sittah holen läßt, und nicht +Der Patriarch... + +Daja. Wie kommt Ihr denn auf den? + +Nathan. +So hast du kürzlich nichts von ihm gehört? +Gewiß nicht? Auch ihm nichts gesteckt? + +Daja. Ich? ihm? + +Nathan. +Wo sind die Boten? + +Daja. Vorn. + +Nathan. Ich will sie doch +Aus Vorsicht selber sprechen. Komm!--Wenn nur +Vom Patriarchen nichts dahintersteckt. (Ab.) + +Daja. +Und ich--ich fürchte ganz was anders noch. +Was gilt's? die einzige vermeinte Tochter +So eines reichen Juden wär' auch wohl +Für einen Muselmann nicht übel?--Hui, +Der Tempelherr ist drum. Ist drum: wenn ich +Den zweiten Schritt nicht auch noch wage; nicht +Auch ihr noch selbst entdecke, wer sie ist!-- +Getrost! Laß mich den ersten Augenblick, +Den ich allein sie habe, dazu brauchen! +Und der wird sein--vielleicht nun eben, wenn +Ich sie begleite. So ein erster Wink +Kann unterwegens wenigstens nicht schaden. +Ja, ja! Nur zu! Itzt oder nie! Nur zu! (Ihm nach.) + + + + + +Fünfter Aufzug + + + +Erster Auftritt + +(Szene: das Zimmer in Saladins Palaste, in welches die Beutel mit +Geld getragen worden, die noch zu sehen.) + +Saladin und bald darauf verschiedne Mamelucken. + + +Saladin (im Hereintreten). +Da steht das Geld nun noch! Und niemand weiß +Den Derwisch aufzufinden, der vermutlich +Ans Schachbrett irgendwo geraten ist, +Das ihn wohl seiner selbst vergessen macht;-- +Warum nicht meiner?--Nun, Geduld! Was gibt's? + +Ein Mameluck. +Erwünschte Nachricht, Sultan! Freude, Sultan! ... +Die Karawane von Kahira kommt, +Ist glücklich da! mit siebenjährigem +Tribut des reichen Nils. + +Saladin. Brav, Ibrahim! +Du bist mir wahrlich ein willkommner Bote!-- +Ha! endlich einmal! endlich!--Habe Dank +Der guten Zeitung. + +Der Mameluck (wartend). (Nun? nur her damit!) + +Saladin. +Was wartst du?--Geh nur wieder. + +Der Mameluck. Dem Willkommnen +Sonst nichts? + +Saladin. Was denn noch sonst? + +Der Mameluck. Dem guten Boten +Kein Botenbrot?--So wär' ich ja der erste, +Den Saladin mit Worten abzulehnen +Doch endlich lernte?--Auch ein Ruhm!--der erste, +Mit dem er knickerte. + +Saladin. So nimm dir nur +Dort einen Beutel. + +Der Mameluck. Nein, nun nicht! Du kannst +Mir sie nun alle schenken wollen. + +Saladin. Trotz!-- +Komm her! Da hast du zwei.--Im Ernst? er geht? +Tut mir's an Edelmut zuvor?--Denn sicher +Muß ihm es saurer werden, auszuschlagen, +Als mir zu geben.--Ibrahim!--Was kommt +Mir denn auch ein, so kurz vor meinem Abtritt +Auf einmal ganz ein andrer sein zu wollen?-- +Will Saladin als Saladin nicht sterben?-- +So mußt' er auch als Saladin nicht leben. + +Ein zweiter Mameluck. +Nun, Sultan!... + +Saladin. Wenn du mir zu melden kommst... + +Zweiter Mameluck. +Daß aus Ägypten der Transport nun da! + +Saladin. +Ich weiß schon. + +Zweiter Mameluck. Kam ich doch zu spät! + +Saladin. Warum +Zu spät?--Da nimm für deinen guten Willen +Der Beutel einen oder zwei. + +Zweiter Mameluck. Macht drei! + +Saladin. +Ja, wenn du rechnen kannst!--So nimm sie nur. + +Zweiter Mameluck. +Es wird wohl noch ein Dritter kommen,--wenn +Er anders kommen kann. + +Saladin. Wie das? + +Zweiter Mameluck. Je nu; +Er hat auch wohl den Hals gebrochen! Denn +Sobald wir drei der Ankunft des Transports +Versichert waren, sprengte jeder frisch +Davon. Der Vorderste, der stürzt'; und so +Komm ich nun vor, und bleib auch vor bis in +Die Stadt; wo aber Ibrahim, der Lecker +Die Gassen besser kennt. + +Saladin. Oh, der gestürzte! +Freund, der gestürzte!--Reit ihm doch entgegen. + +Zweiter Mameluck. +Das werd ich ja wohl tun!--Und wenn er lebt: +So ist die Hälfte dieser Beutel sein. (Geht ab.) + +Saladin. +Sieh, welch ein guter, edler Kerl auch das!-- +Wer kann sich solcher Mamelucken rühmen? +Und wär' mir denn zu denken nicht erlaubt, +Daß sie mein Beispiel bilden helfen?--Fort +Mit dem Gedanken, sie zu guter Letzt +Noch an ein anders zu gewöhnen!... + +Ein dritter Mameluck. Sultan.... + +Saladin. +Bist du's, der stürzte? + +Dritter Mameluck. Nein. Ich melde nur,-- +Daß Emir Mansor, der die Karawane +Geführt, vom Pferde steigt... + +Saladin. Bring ihn! geschwind!-- +Da ist er ja!-- + + + +Zweiter Auftritt + +Emir Mansor und Saladin. + + +Saladin. Willkommen, Emir! Nun, +Wie ist's gegangen?--Mansor, Mansor, hast +Uns lange warten lassen! + +Mansor. Dieser Brief +Berichtet, was dein Abulkassem erst +Für Unruh' in Thebais dämpfen müssen: +Eh, wir es wagen durften abzugehen. +Den Zug darauf hab ich beschleuniget +Soviel, wie möglich war. + +Saladin. Ich glaube dir! +Und nimm nur, guter Mansor, nimm sogleich... +Du tust es aber doch auch gern?... nimm frische +Bedeckung nur sogleich. Du mußt sogleich +Noch weiter; mußt der Gelder größern Teil +Auf Libanon zum Vater bringen. + +Mansor. Gern! +Sehr gern! + +Saladin. Und nimm dir die Bedeckung ja +Nur nicht zu schwach. Es ist um Libanon +Nicht alles mehr so sicher. Hast du nicht +Gehört? Die Tempelherrn sind wieder rege. +Sei wohl auf deiner Hut!--Komm nur! Wo hält +Der Zug? Ich will ihn sehn; und alles selbst +Betreiben.--Ihr! ich bin sodann bei Sittah. + + + +Dritter Auftritt + +Szene: die Palmen vor Nathans Hause, wo der Tempelherr auf- und +niedergeht. + + +Ins Haus nun will ich einmal nicht.--Er wird +Sich endlich doch wohl sehen lassen!--Man +Bemerkte mich ja sonst so bald, so gern!-- +Will's noch erleben, daß er sich's verbittet, +Vor seinem Hause mich so fleißig finden +Zu lassen.--Hm!--ich bin doch aber auch +Sehr ärgerlich.--Was hat mich denn nun so +Erbittert gegen ihn?--Er sagte ja: +Noch schlüg' er mir nichts ab. Und Saladin +Hat's über sich genommen, ihn zu stimmen.-- +Wie? sollte wirklich wohl in mir der Christ +Noch tiefer nisten, als in ihm der Jude?-- +Wer kennt sich recht? Wie könnt' ich ihm denn sonst +Den kleinen Raub nicht gönnen wollen, den +Er sich's zu solcher Angelegenheit +Gemacht, den Christen abzujagen?--Freilich; +Kein kleiner Raub, ein solch Geschöpf!--Geschöpf? +Und wessen?--Doch des Sklaven nicht, der auf +Des Lebens öden Strand den Block geflößt, +Und sich davongemacht? Des Künstlers doch +Wohl mehr, der in dem hingeworfnen Blocke +Die göttliche Gestalt sich dachte, die +Er dargestellt?--Ach! Rechas wahrer Vater +Bleibt, trotz dem Christen, der sie zeugte,--bleibt +In Ewigkeit der Jude.--Wenn ich mir +Sie lediglich als Christendirne denke, +Sie sonder alles das mir denke, was +Allein ihr so ein Jude geben konnte:-- +Sprich, Herz,--was wär' an ihr, das dir gefiel? +Nichts! Wenig! Selbst ihr Lächeln, wär' es nichts +Als sanfte schöne Zuckung ihrer Muskeln; +Wär', was sie lächeln macht, des Reizes unwert, +In den es sich auf ihrem Munde kleidet:-- +Nein; selbst ihr Lächeln nicht! Ich hab es ja +Wohl schöner noch an Aberwitz, an Tand, +An Höhnerei, an Schmeichler und an Buhler +Verschwenden sehn!--Hat's da mich auch bezaubert? +Hat's da mir auch den Wunsch entlockt, mein Leben +In seinem Sonnenscheine zu verflattern?-- +Ich wüßte nicht. Und bin auf den doch launisch, +Der diesen höhern Wert allein ihr gab? +Wie das? warum?--Wenn ich den Spott verdiente, +Mit dem mich Saladin entließ! Schon schlimm +Genug, daß Saladin es glauben konnte! +Wie klein ich ihm da scheinen mußte! wie +Verächtlich!--Und das alles um ein Mädchen?-- +Curd! Curd! das geht so nicht. Lenk ein! Wenn vollends +Mir Daja nur was vorgeplaudert hätte, +Was schwerlich zu erweisen stünde?--Sieh, +Da tritt er endlich, im Gespräch vertieft, +Aus seinem Hause!--Ha! mit wem!--Mit ihm? +Mit meinem Klosterbruder?--Ha! so weiß +Er sicherlich schon alles! ist wohl gar +Dem Patriarchen schon verraten!--Ha! +Was hab ich Querkopf nun gestiftet!--Daß +Ein einz'ger Funken dieser Leidenschaft +Doch unsers Hirns so viel verbrennen kann!-- +Geschwind entschließ dich, was nunmehr zu tun! +Ich will hier seitwärts ihrer warten;--ob +Vielleicht der Klosterbruder ihn verläßt. + + + +Vierter Auftritt + +Nathan und der Klosterbruder. + + +Nathan (im Näherkommen). +Habt nochmals, guter Bruder, vielen Dank! + +Klosterbruder. +Und Ihr desgleichen! + +Nathan. Ich? von Euch? wofür? +Für meinen Eigensinn, Euch aufzudrängen, +Was Ihr nicht braucht?--Ja, wenn ihm Eurer nur +Auch nachgegeben hätt'; Ihr mit Gewalt +Nicht wolltet reicher sein, als ich. + +Klosterbruder. Das Buch +Gehört ja ohnedem nicht mir; gehört +Ja ohnedem der Tochter; ist ja so +Der Tochter ganzes väterliches Erbe. +Je nu, sie hat ja Euch.--Gott gebe nur, +Daß Ihr es nie bereuen dürft, so viel +Für sie getan zu haben! + +Nathan. Kann ich das? +Das kann ich nie. Seid unbesorgt! + +Klosterbruder. Nu, nu! +Die Patriarchen und die Tempelherren... + +Nathan. +Vermögen mir des Bösen nie so viel +Zu tun, daß irgend was mich reuen könnte: +Geschweige, das!--Und seid Ihr denn so ganz +Versichert, daß ein Tempelherr es ist, +Der Euern Patriarchen hetzt? + +Klosterbruder. Es kann +Beinah kein andrer sein. Ein Tempelherr +Sprach kurz vorher mit ihm; und was ich hörte, +Das klang darnach. + +Nathan. Es ist doch aber nur +Ein einziger itzt in Jerusalem. +Und diesen kenn ich. Dieser ist mein Freund. +Ein junger, edler, offner Mann! + +Klosterbruder. Ganz recht; +Der nämliche!--Doch was man ist, und was +Man sein muß in der Welt, das paßt ja wohl +Nicht immer. + +Nathan. Leider nicht.--So tue, wer's +Auch immer ist, sein Schlimmstes oder Bestes! +Mit Euerm Buche, Bruder, trotz ich allen; +Und gehe graden Wegs damit zum Sultan. + +Klosterbruder. +Viel Glücks! Ich will Euch denn nur hier verlassen. + +Nathan. +Und habt sie nicht einmal gesehn?--Kommt ja +Doch bald, doch fleißig wieder.--Wenn nur heut +Der Patriarch noch nichts erfährt!--Doch was? +Sagt ihm auch heute, was Ihr wollt. + +Klosterbruder. Ich nicht. +Lebt wohl! (Geht ab.) + +Nathan. Vergeßt uns ja nicht, Bruder!--Gott! +Daß ich nicht hier gleich unter freiem Himmel +Auf meine Kniee sinken kann! Wie sich +Der Knoten, der so oft mir bange machte, +Nun von sich selber löset!--Gott! wie leicht +Mir wird, daß ich nun weiter auf der Welt +Nichts zu verbergen habe! daß ich vor +Den Menschen nun so frei kann wandeln, als +Vor dir, der du allein den Menschen nicht +Nach seinen Taten brauchst zu richten, die +So selten seine Taten sind, o Gott!-- + + + +Fünfter Auftritt + +Nathan und der Tempelherr, der von der Seite auf ihn zukommt. + + +Tempelherr. +He! wartet, Nathan; nehmt mich mit! + +Nathan. Wer ruft?-- +Seid Ihr es, Ritter? Wo gewesen, daß +Ihr bei dem Sultan Euch nicht treffen lassen? + +Tempelherr. +Wir sind einander fehlgegangen. Nehmt's +Nicht übel. + +Nathan. Ich nicht; aber Saladin... + +Tempelherr. +Ihr wart nur eben fort... + +Nathan. Und spracht ihn doch? +Nun, so ist's gut. + +Tempelherr. Er will uns aber beide +Zusammen sprechen. + +Nathan. Desto besser. Kommt +Nur mit. Mein Gang stand ohnehin zu ihm. + +Tempelherr. +Ich darf ja doch wohl fragen, Nathan, wer +Euch da verließ? + +Nathan. Ihr kennt ihn doch wohl nicht? + +Tempelherr. +War's nicht die gute Haut, der Laienbruder, +Des sich der Patriarch so gern zum Stöber +Bedient? + +Nathan. Kann sein! Beim Patriarchen ist +Er allerdings. + +Tempelherr. Der Pfiff ist gar nicht übel: +Die Einfalt vor der Schurkerei voraus- +Zuschicken. + +Nathan. Ja, die dumme;--nicht die fromme. + +Tempelherr. +An fromme glaubt kein Patriarch. + +Nathan. Für den +Nun steh ich. Der wird seinem Patriarchen +Nichts Ungebührliches vollziehen helfen. + +Tempelherr. +So stellt er wenigstens sich an.--Doch hat +Er Euch von mir denn nichts gesagt? + +Nathan. Von Euch? +Von Euch nun namentlich wohl nichts.--Er weiß +Ja wohl auch schwerlich Euern Namen? + +Tempelherr. Schwerlich. + +Nathan. +Von einem Tempelherren freilich hat +Er mir gesagt... + +Tempelherr. Und was? + +Nathan. Womit er Euch +Doch ein für allemal nicht meinen kann! + +Tempelherr. +Wer weiß? Laßt doch nur hören. + +Nathan. Daß mich einer +Bei seinem Patriarchen angeklagt... + +Tempelherr. +Euch angeklagt?--Das ist, mit seiner Gunst-- +Erlogen.--Hört mich, Nathan!--Ich bin nicht +Der Mensch, der irgend etwas abzuleugnen +Imstande wäre. Was ich tat, das tat ich! +Doch bin ich auch nicht der, der alles, was +Er tat, als wohlgetan verteid'gen möchte. +Was sollt' ich eines Fehls mich schämen? Hab +Ich nicht den festen Vorsatz ihn zu bessern? +Und weiß ich etwa nicht, wie weit mit dem +Es Menschen bringen können?--Hört mich, Nathan!-- +Ich bin des Laienbruders Tempelherr, +Der Euch verklagt soll haben, allerdings.-- +Ihr wißt ja, was mich wurmisch machte! was +Mein Blut in allen Adern sieden machte! +Ich Gauch!--ich kam, so ganz mit Leib und Seel' +Euch in die Arme mich zu werfen. Wie +Ihr mich empfingt--wie kalt--wie lau--denn lau +Ist schlimmer noch als kalt; wie abgemessen +Mir auszubeugen Ihr beflissen wart; +Mit welchen aus der Luft gegriffnen Fragen +Ihr Antwort mir zu geben scheinen wolltet: +Das darf ich kaum mir itzt noch denken, wenn +Ich soll gelassen bleiben.--Hört mich, Nathan!-- +In dieser Gärung schlich mir Daja nach, +Und warf mir ihr Geheimnis an den Kopf +Das mir den Aufschluß Euers rätselhaften +Betragens zu enthalten schien. + +Nathan. Wie das? + +Tempelherr. +Hört mich nur aus!--Ich bildete mir ein, +Ihr wolltet, was Ihr einmal nun den Christen +So abgejagt, an einen Christen wieder +Nicht gern verlieren. Und so fiel mir ein, +Euch kurz und gut das Messer an die Kehle +Zu setzen. + +Nathan. Kurz und gut? und gut?--Wo steckt +Das Gute? + +Tempelherr. Hört mich, Nathan!--Allerdings: +Ich tat nicht recht!--Ihr seid wohl gar nicht schuldig.-- +Die Närrin Daja weiß nicht was sie spricht-- +Ist Euch gehässig--sucht Euch nur damit +In einen bösen Handel zu verwickeln-- +Kann sein! kann sein!--Ich bin ein junger Laffe, +Der immer nur an beiden Enden schwärmt; +Bald viel zuviel, bald viel zuwenig tut-- +Auch das kann sein! Verzeiht mir, Nathan. + +Nathan. Wenn +Ihr so mich freilich fasset-- + +Tempelherr. Kurz, ich ging +Zum Patriarchen!--hab Euch aber nicht +Genannt. Das ist erlogen, wie gesagt! +Ich hab ihm bloß den Fall ganz allgemein +Erzählt, um seine Meinung zu vernehmen.-- +Auch das hätt' unterbleiben können: ja doch!-- +Denn kannt' ich nicht den Patriarchen schon +Als einen Schurken? Konnt' ich Euch nicht selber +Nur gleich zur Rede stellen?--Mußt' ich der +Gefahr, so einen Vater zu verlieren, +Das arme Mädchen opfern?--Nun, was tut's? +Die Schurkerei des Patriarchen, die +So ähnlich immer sich erhält, hat mich +Des nächsten Weges wieder zu mir selbst +Gebracht.--Denn hört mich, Nathan; hört mich aus!-- +Gesetzt; er wüßt' auch Euern Namen: was +Nun mehr, was mehr?--Er kann Euch ja das Mädchen +Nur nehmen, wenn sie niemands ist, als Euer. +Er kann sie doch aus Euerm Hause nur +Ins Kloster schleppen.--Also--gebt sie mir! +Gebt sie nur mir; und laßt ihn kommen. Ha! +Er soll's wohl bleibenlassen, mir mein Weib +Zu nehmen.--Gebt sie mir; geschwind!--Sie sei +Nun Eure Tochter, oder sei es nicht! +Sei Christin, oder Jüdin, oder keines! +Gleichviel! gleichviel! Ich werd Euch weder itzt +Noch jemals sonst in meinem ganzen Leben +Darum befragen. Sei, wie's sei! + +Nathan. Ihr wähnt +Wohl gar, daß mir die Wahrheit zu verbergen +Sehr nötig? + +Tempelherr. Sei, wie's sei! + +Nathan. Ich hab es ja +Euch--oder wem es sonst zu wissen ziemt-- +Noch nicht geleugnet, daß sie eine Christin, +Und nichts als meine Pflegetochter ist.-- +Warum ich's aber ihr noch nicht entdeckt?-- +Darüber brauch ich nur bei ihr mich zu +Entschuldigen. + +Tempelherr. Das sollt Ihr auch bei ihr +Nicht brauchen.--Gönnt's ihr doch, daß sie Euch nie +Mit andern Augen darf betrachten! Spart +Ihr die Entdeckung doch!--Noch habt Ihr ja, +Ihr ganz allein, mit ihr zu schalten. Gebt +Sie mir! Ich bitt Euch, Nathan; gebt sie mir! +Ich bin's allein, der sie zum zweiten Male +Euch retten kann--und will. + +Nathan. Ja--konnte! konnte! +Nun auch nicht mehr. Es ist damit zu spät. + +Tempelherr. +Wieso? zu spät? + +Nathan. Dank sei dem Patriarchen... + +Tempelherr. +Dem Patriarchen? Dank? ihm Dank? wofür? +Dank hätte der bei uns verdienen wollen? +Wofür? wofür? + +Nathan. Daß wir nun wissen, wem +Sie unverwandt; nun wissen, wessen Händen +Sie sicher ausgeliefert werden kann. + +Tempelherr. +Das dank' ihm--wer für mehr ihm danken wird! + +Nathan. +Aus diesen müßt Ihr sie nun auch erhalten; +Und nicht aus meinen. + +Tempelherr. Arme Recha! Was +Dir alles zustößt, arme Recha! Was +Ein Glück für andre Waisen wäre, wird +Dein Unglück!--Nathan!--Und wo sind sie, diese +Verwandte? + +Nathan. Wo sie sind? + +Tempelherr. Und wer sie sind? + +Nathan. +Besonders hat ein Bruder sich gefunden, +Bei dem Ihr um sie werben müßt. + +Tempelherr. Ein Bruder? +Was ist er, dieser Bruder? Ein Soldat? +Ein Geistlicher?--Laßt hören, was ich mir +Versprechen darf. + +Nathan. Ich glaube, daß er keines +Von beiden--oder beides ist. Ich kenn +Ihn noch nicht recht. + +Tempelherr. Und sonst? + +Nathan. Ein braver Mann +Bei dem sich Recha gar nicht übel wird +Befinden. + +Tempelherr. Doch ein Christ!--Ich weiß zuzeiten +Auch gar nicht, was ich von Euch denken soll:-- +Nehmt mir's nicht ungut, Nathan.--Wird sie nicht +Die Christin spielen müssen, unter Christen? +Und wird sie, was sie lange g'nug gespielt, +Nicht endlich werden? Wird den lautern Weizen, +Den Ihr gesät, das Unkraut endlich nicht +Ersticken?--Und das kümmert Euch so wenig? +Dem ungeachtet könnt Ihr sagen--Ihr? +Daß sie bei ihrem Bruder sich nicht übel +Befinden werde? + +Nathan. Denk ich! hoff ich!--Wenn +Ihr ja bei ihm was mangeln sollte, hat +Sie Euch und mich denn nicht noch immer?-- + +Tempelherr. Oh! +Was wird bei ihm ihr mangeln können! Wird +Das Brüderchen mit Essen und mit Kleidung, +Mit Naschwerk und mit Putz, das Schwesterchen +Nicht reichlich g'nug versorgen? Und was braucht +Ein Schwesterchen denn mehr?--Ei freilich: auch +Noch einen Mann!--Nun, nun, auch den, auch den +Wird ihr das Brüderchen zu seiner Zeit +Schon schaffen; wie er immer nur zu finden! +Der Christlichste der Beste!--Nathan, Nathan! +Welch einen Engel hattet Ihr gebildet, +Den Euch nun andre so verhunzen werden! + +Nathan. +Hat keine Not! Er wird sich unsrer Liebe +Noch immer wert genug behaupten. + +Tempelherr. Sagt +Das nicht! Von meiner Liebe sagt das nicht! +Denn die läßt nichts sich unterschlagen; nichts. +Es sei auch noch so klein! Auch keinen Namen! +Doch halt!--Argwohnt sie wohl bereits, was mit +Ihr vorgeht? + +Nathan. Möglich; ob ich schon nicht wüßte, +Woher? + +Tempelherr. Auch eben viel; sie soll--sie muß +In beiden Fällen, was ihr Schicksal droht, +Von mir zuerst erfahren. Mein Gedanke, +Sie eher wieder nicht zu sehn, zu sprechen, +Als bis ich sie die Meine nennen dürfe, +Fällt weg. Ich eile... + +Nathan. Bleibt! wohin? + +Tempelherr. Zu ihr! +Zu sehn, ob diese Mädchenseele Manns genug +Wohl ist, den einzigen Entschluß zu fassen, +Der ihrer würdig wäre! + +Nathan. Welchen? + +Tempelherr. Den: +Nach Euch und ihrem Bruder weiter nicht +Zu fragen-- + +Nathan. Und? + +Tempelherr. Und mir zu folgen;--wenn +Sie drüber eines Muselmannes Frau +Auch werden müßte. + +Nathan. Bleibt! Ihr trefft sie nicht. +Sie ist bei Sittah, bei des Sultans Schwester. + +Tempelherr. +Seit wenn? warum? + +Nathan. Und wollt Ihr da bei ihnen +Zugleich den Bruder finden: kommt nur mit. + +Tempelherr. +Den Bruder? welchen? Sittahs oder Rechas? + +Nathan. +Leicht beide. Kommt nur mit! Ich bitt Euch, kommt! + +(Er führt ihn fort.) + + + +Sechster Auftritt + +(Szene: in Sittahs Harem.) + +Sittah und Recha in Unterhaltung begriffen. + + +Sittah. +Was freu ich mich nicht deiner, süßes Mädchen!-- +Sei so beklemmt nur nicht! so angst! so schüchtern!-- +Sei munter! sei gesprächiger! vertrauter! + +Recha. +Prinzessin.... + +Sittah. Nicht doch! nicht Prinzessin! Nenn +Mich Sittah,--deine Freundin,--deine Schwester. +Nenn mich dein Mütterchen!--Ich könnte das +Ja schier auch sein.--So jung! so klug! so fromm! +Was du nicht alles weißt! nicht alles mußt +Gelesen haben! + +Recha. Ich gelesen?--Sittah, +Du spottest deiner kleinen albern Schwester. +Ich kann kaum lesen. + +Sittah. Kannst kaum, Lügnerin! + +Recha. +Ein wenig meines Vaters Hand!--Ich meinte, +Du sprächst von Büchern. + +Sittah. Allerdings! von Büchern. + +Recha. +Nun, Bücher wird mir wahrlich schwer zu lesen! + +Sittah. Im Ernst? + +Recha. In ganzem Ernst. Mein Vater liebt +Die kalte Buchgelehrsamkeit, die sich +Mit toten Zeichen ins Gehirn nur drückt, +Zu wenig. + +Sittah. Ei, was sagst du!--Hat indes +Wohl nicht sehr unrecht!--Und so manches, was +Du weißt...? + +Recha. Weiß ich allein aus seinem Munde +Und könnte bei dem meisten dir noch sagen, +Wie? wo? warum? er mich's gelehrt. + +Sittah. So hängt +Sich freilich alles besser an. So lernt +Mit eins die ganze Seele.-- + +Recha. Sicher hat +Auch Sittah wenig oder nichts gelesen! + +Sittah. +Wieso?--Ich bin nicht stolz aufs Gegenteil. +Allein wieso? Dein Grund! Sprich dreist. Dein Grund? + +Recha. +Sie ist so schlecht und recht; so unverkünstelt; +So ganz sich selbst nur ähnlich... + +Sittah. Nun? + +Recha. Das sollen +Die Bücher uns nur selten lassen! sagt +Mein Vater. + +Sittah. O was ist dein Vater für +Ein Mann! + +Recha. Nicht wahr? + +Sittah. Wie nah er immer doch +Zum Ziele trifft! + +Recha. Nicht wahr?--Und diesen Vater-- + +Sittah. +Was ist dir, Liebe? + +Recha. Diesen Vater-- + +Sittah. Gott! +Du weinst? + +Recha. Und diesen Vater--Ah! es muß +Heraus! Mein Herz will Luft, will Luft... + +(Wirft sich, von Tränen überwältiget, zu ihren Füßen.) + +Sittah. Kind, was +Geschieht dir? Recha? + +Recha. Diesen Vater soll-- +Soll ich verlieren! + +Sittah. Du? verlieren? ihn? +Wie das?--Sei ruhig!--Nimmermehr!--Steh auf! + +Recha. +Du sollst vergebens dich zu meiner Freundin, +Zu meiner Schwester nicht erboten haben! + +Sittah. +Ich bin's ja! bin's!--Steh doch nur auf! Ich muß +Sonst Hilfe rufen. + +Recha (die sich ermannt und aufsteht). +Ah! verzeih! vergib! +Mein Schmerz hat mich vergessen machen, wer +Du bist. Vor Sittah gilt kein Winseln, kein +Verzweifeln. Kalte, ruhige Vernunft +Will alles über sie allein vermögen. +Wes Sache diese bei ihr führt, der siegt! + +Sittah. +Nun dann? + +Recha. Nein; meine Freundin, meine Schwester +Gibt das nicht zu! Gibt nimmer zu, daß mir +Ein andrer Vater aufgedrungen werde! + +Sittah. +Ein andrer Vater? aufgedrungen? dir? +Wer kann das? kann das auch nur wollen, Liebe? + +Recha. +Wer? Meine gute böse Daja kann +Das wollen,--will das können.--ja; du kennst +Wohl diese gute böse Daja nicht? +Nun, Gott vergeb' es ihr!--belohn' es ihr! +Sie hat mir so viel Gutes,--so viel Böses +Erwiesen! + +Sittah. Böses dir?--So muß sie Gutes +Doch wahrlich wenig haben. + +Recha. Doch! recht viel, +Recht viel! + +Sittah. Wer ist sie? + +Recha. Eine Christin, die +In meiner Kindheit mich gepflegt; mich so +Gepflegt!--Du glaubst nicht!--Die mir eine Mutter +So wenig missen lassen!--Gott vergelt' +Es ihr!--Die aber mich auch so geängstet! +Mich so gequält! + +Sittah. Und über was? warum? +Wie? + +Recha. Ach! die arme Frau--ich sag dir's ja +Ist eine Christin;--muß aus Liebe quälen; +Ist eine von den Schwärmerinnen, die +Den allgemeinen, einzig wahren Weg +Nach Gott zu wissen wähnen! + +Sittah. Nun versteh ich! + +Recha. +Und sich gedrungen fühlen, einen jeden, +Der dieses Wegs verfehlt, darauf zu lenken.-- +Kaum können sie auch anders. Denn ist's wahr, +Daß dieser Weg allein nur richtig führt: +Wie sollen sie gelassen ihre Freunde +Auf einem andern wandeln sehn,--der ins +Verderben stürzt, ins ewige Verderben? +Es müßte möglich sein, denselben Menschen +Zur selben Zeit zu lieben und zu hassen.-- +Auch ist's das nicht, was endlich laute Klagen +Mich über sie zu führen zwingt. Ihr Seufzen, +Ihr Warnen, ihr Gebet, ihr Drohen hätt' +Ich gern noch länger ausgehalten; gern! +Es brachte mich doch immer auf Gedanken, +Die gut und nützlich. Und wem schmeichelt's doch +Im Grunde nicht, sich gar so wert und teuer, +Von wem's auch sei, gehalten fühlen, daß +Er den Gedanken nicht ertragen kann, +Er müss' einmal auf ewig uns entbehren! + +Sittah. +Sehr wahr! + +Recha. Allein--allein--das geht zu weit! +Dem kann ich nichts entgegensetzen; nicht +Geduld, nicht Überlegung; nichts! + +Sittah. Was? wem? + +Recha. +Was sie mir eben itzt entdeckt will haben. + +Sittah. +Entdeckt? und eben itzt? + +Recha. Nur eben itzt! +Wir nahten, auf dem Weg hierher, uns einem +Verfallnen Christentempel. Plötzlich stand +Sie still; schien mit sich selbst zu kämpfen; blickte +Mit nassen Augen bald gen Himmel, bald +Auf mich. Komm, sprach sie endlich, laß uns hier +Durch diesen Tempel in die Richte gehn! +Sie geht; ich folg ihr, und mein Auge schweift +Mit Graus die wankenden Ruinen durch. +Nun steht sie wieder; und ich sehe mich +An den versunknen Stufen eines morschen +Altars mit ihr. Wie ward mir? als sie da +Mit heißen Tränen, mit gerungnen Händen +Zu meinen Füßen stürzte... + +Sittah. Gutes Kind! + +Recha. +Und bei der Göttlichen, die da wohl sonst +So manch Gebet erhört, so manches Wunder +Verrichtet habe, mich beschwor;--mit Blicken +Des wahren Mitleids mich beschwor, mich meiner +Doch zu erbarmen!--Wenigstens, ihr zu +Vergeben, wenn sie mir entdecken müsse, +Was ihre Kirch' auf mich für Anspruch habe. + +Sittah. +(Unglückliche!--Es ahnte mir!) + +Recha. Ich sei +Aus christlichem Geblüte; sei getauft; +Sei Nathans Tochter nicht; er nicht mein Vater!-- +Gott! Gott! Er nicht mein Vater!--Sittah! Sittah! +Sieh mich aufs neu' zu deinen Füßen... + +Sittah. Recha! +Nicht doch! steh auf!--Mein Bruder kömmt! steh auf! + + + +Siebenter Auftritt + +Saladin und die Vorigen. + + +Saladin. +Was gibt's hier, Sittah? + +Sittah. Sie ist von sich! Gott! + +Saladin. +Wer ist's? + +Sittah. Du weißt ja... + +Saladin. Unsers Nathans Tochter? +Was fehlt ihr? + +Sittah. Komm doch zu dir, Kind!--Der Sultan... + +Recha (die sich auf den Knien zu Saladins Füßen schleppt, den Kopf +zur Erde gesenkt). +Ich steh nicht auf! nicht eher auf!--mag eher +Des Sultans Antlitz nicht erblicken!--eher +Den Abglanz ewiger Gerechtigkeit +Und Güte nicht in seinen Augen, nicht +Auf seiner Stirn bewundern... + +Saladin. Steh... steh auf! + +Recha. +Eh' er mir nicht verspricht... + +Saladin. Komm! ich verspreche... +Sei was es will! + +Recha. Nicht mehr, nicht weniger, +Als meinen Vater mir zu lassen; und +Mich ihm!--Noch weiß ich nicht, wer sonst mein Vater +Zu sein verlangt;--verlangen kann. Will's auch +Nicht wissen. Aber macht denn nur das Blut +Den Vater? nur das Blut? + +Saladin (der sie aufhebt). +Ich merke wohl!-- +Wer war so grausam denn, dir selbst--dir selbst +Dergleichen in den Kopf zu setzen? Ist +Es denn schon völlig ausgemacht? erwiesen? + +Recha. +Muß wohl! Denn Daja will von meiner Amm' +Es haben. + +Saladin. Deiner Amme! + +Recha. Die es sterbend +Ihr zu vertrauen sich verbunden fühlte. + +Saladin. +Gar sterbend!--Nicht auch faselnd schon? Und wär's +Auch wahr!--Jawohl: das Blut, das Blut allein +Macht lange noch den Vater nicht! macht kaum +Den Vater eines Tieres! gibt zum höchsten +Das erste Recht, sich diesen Namen zu +Erwerben!--Laß dir doch nicht bange sein! +Und weißt du was? Sobald der Väter zwei +Sich um dich streiten:--laß sie beide; nimm +Den dritten!--Nimm dann mich zu deinem Vater! + +Sittah. +O tu's! o tu's! + +Saladin. Ich will ein guter Vater, +Recht guter Vater sein!--Doch halt! mir fällt +Noch viel was Bessers bei.--Was brauchst du denn +Der Väter überhaupt? Wenn sie nun sterben? +Beizeiten sich nach einem umgesehn, +Der mit uns um die Wette leben will! +Kennst du noch keinen?... + +Sittah. Mach sie nicht erröten! + +Saladin. +Das hab ich allerdings mir vorgesetzt. +Erröten macht die Häßlichen so schön: +Und sollte Schöne nicht noch schöner machen?-- +Ich habe deinen Vater Nathan; und +Noch einen--einen noch hierher bestellt. +Errätst du ihn?--Hierher! Du wirst mir doch +Erlauben, Sittah? + +Sittah. Bruder! + +Saladin. Daß du ja +Vor ihm recht sehr errötest, liebes Mädchen! + +Recha. +Vor wem? erröten?... + +Saladin. Kleine Heuchlerin! +Nun, so erblasse lieber!--Wie du willst +Und kannst!-- + +(Eine Sklavin tritt herein und nahet sich Sittah.) + +Sie sind doch etwa nicht schon da? + +Sittah (zur Sklavin). +Gut! laß sie nur herein.--Sie sind es, Bruder! + + + +Letzter Auftritt + +Nathan und der Tempelherr zu den Vorigen. + + +Saladin. +Ah, meine guten lieben Freunde!--Dich, +Dich, Nathan, muß ich nur vor allen Dingen +Bedeuten, daß du nun, sobald du willst, +Dein Geld kannst wieder holen lassen! + +Nathan. Sultan! + +Saladin. +Nun steh ich auch zu deinen Diensten. + +Nathan. Sultan! + +Saladin. +Die Karawan' ist da. Ich bin so reich +Nun wieder, als ich lange nicht gewesen. +Komm, sag mir, was du brauchst, so recht was Großes +Zu unternehmen! Denn auch ihr, auch ihr, +Ihr Handelsleute, könnt des baren Geldes +Zuviel nie haben! + +Nathan. Und warum zuerst +Von dieser Kleinigkeit?--Ich sehe dort +Ein Aug' in Tränen, das zu trocknen, mir +Weit angelegner ist. (Geht auf Recha zu.) +Du hast geweint? +Was fehlt dir?--bist doch meine Tochter noch? + +Recha. +Mein Vater!... + +Nathan. Wir verstehen uns. Genug!-- +Sei heiter! Sei gefaßt! Wenn sonst dein Herz +Nur dein noch ist! Wenn deinem Herzen sonst +Nur kein Verlust nicht droht!--Dein Vater ist +Dir unverloren! + +Recha. Keiner, keiner sonst! + +Tempelherr. +Sonst keiner?--Nun! so hab ich mich betrogen. +Was man nicht zu verlieren fürchtet, hat +Man zu besitzen nie geglaubt, und nie +Gewünscht.--Recht wohl! recht wohl!--Das ändert, Nathan, +Das ändert alles!--Saladin, wir kamen +Auf dein Geheiß. Allein, ich hatte dich +Verleitet; itzt bemüh dich nur nicht weiter! + +Saladin. +Wie gach nun wieder, junger Mann!--Soll alles +Dir denn entgegenkommen? Alles dich +Erraten? + +Tempelherr. Nun du hörst ja! siehst ja, Sultan! + +Saladin. +Ei wahrlich!--Schlimm genug, daß deiner Sache +Du nicht gewisser warst! + +Tempelherr. So bin ich's nun. + +Saladin. +Wer so auf irgendeine Wohltat trotzt, +Nimmt sie zurück. Was du gerettet, ist +Deswegen nicht dein Eigentum. Sonst wär' +Der Räuber, den sein Geiz ins Feuer jagt, +So gut ein Held wie du! + +(Auf Recha zugehend, um sie dem Tempelherrn zuzuführen.) + +Komm, liebes Mädchen, +Komm! Nimm's mit ihm nicht so genau. Denn wär' +Er anders; wär' er minder warm und stolz: +Er hätt' es bleibenlassen, dich zu retten. +Du mußt ihm eins fürs andre rechnen.--Komm! +Beschäm ihn! tu, was ihm zu tun geziemte! +Bekenn ihm deine Liebe! trage dich ihm an! +Und wenn er dich verschmäht; dir's je vergißt, +Wie ungleich mehr in diesem Schritte du +Für ihn getan, als er für dich... Was hat +Er denn für dich getan? Ein wenig sich +Beräuchern lassen! ist was Rechts!--so hat +Er meines Bruders, meines Assad, nichts! +So trägt er seine Larve, nicht sein Herz. +Komm, Liebe... + +Sittah. Geh! geh, Liebe, geh! Es ist +Für deine Dankbarkeit noch immer wenig; +Noch immer nichts. + +Nathan. Halt Saladin! halt Sittah! + +Saladin. +Auch du? + +Nathan. Hier hat noch einer mitzusprechen... + +Saladin. +Wer leugnet das?--Unstreitig, Nathan, kömmt +So einem Pflegevater eine Stimme +Mit zu! Die erste, wenn du willst.--Du hörst, +Ich weiß der Sache ganze Lage. + +Nathan. Nicht so ganz!-- +Ich rede nicht von mir. Es ist ein andrer; +Weit, weit ein andrer, den ich, Saladin, +Doch auch vorher zu hören bitte. + +Saladin.--Wer? + +Nathan. +Ihr Bruder! + +Saladin. Rechas Bruder? + +Nathan. Ja! + +Recha. Mein Bruder? +So hab ich einen Bruder? + +Tempelherr (aus seiner wilden, stummen Zerstreuung auffahrend). +Wo? wo ist +Er, dieser Bruder? Noch nicht hier? Ich sollt' +Ihn hier ja treffen. + +Nathan. Nur Geduld! + +Tempelherr (äußerst bitter). Er hat +Ihr einen Vater aufgebunden:--wird +Er keinen Bruder für sie finden? + +Saladin. Das +Hat noch gefehlt! Christ! ein so niedriger +Verdacht wär' über Assads Lippen nicht +Gekommen.--Gut! fahr nur so fort! + +Nathan. Verzeih +Ihm!--Ich verzeih ihm gern.--Wer weiß, was wir +An seiner Stell', in seinem Alter dächten! +(Freundschaftlich auf ihn zugehend.) +Natürlich, Ritter!--Argwohn folgt auf Mißtraun!-- +Wenn Ihr mich Eures wahren Namens gleich +Gewürdigt hättet... + +Tempelherr. Wie? + +Nathan. Ihr seid kein Stauffen! + +Tempelherr. +Wer bin ich denn? + +Nathan. Heißt Curd von Stauffen nicht! + +Tempelherr. +Wie heiß ich denn? + +Nathan. Heißt Leu von Filnek. + +Tempelherr. Wie? + +Nathan. +Ihr stutzt? + +Tempelherr. Mit Recht! Wer sagt das? + +Nathan. Ich; der mehr, +Noch mehr Euch sagen kann. Ich straf indes +Euch keiner Lüge. + +Tempelherr. Nicht? + +Nathan. Kann doch wohl sein, +Daß jener Nam' Euch ebenfalls gebührt. + +Tempelherr. +Das sollt' ich meinen!--(Das hieß Gott ihn sprechen!) + +Nathan. +Denn Eure Mutter--die war eine Stauffin. +Ihr Bruder, Euer Ohm, der Euch erzogen, +Dem Eure Eltern Euch in Deutschland ließen, +Als, von dem rauhen Himmel dort vertrieben, +Sie wieder hierzulande kamen:--Der +Hieß Curd von Stauffen; mag an Kindes Statt +Vielleicht Euch angenommen haben!--Seid +Ihr lange schon mit ihm nun auch herüber- +Gekommen? Und er lebt doch noch? + +Tempelherr. Was soll +Ich sagen?--Nathan!--Allerdings! So ist's! +Er selbst ist tot. Ich kam erst mit der letzten +Verstärkung unsers Ordens.--Aber, aber-- +Was hat mit diesem allen Rechas Bruder +Zu schaffen? + +Nathan. Euer Vater... + +Tempelherr. Wie? auch den +Habt Ihr gekannt? Auch den? + +Nathan. Er war mein Freund. + +Tempelherr. +War Euer Freund? Ist's möglich, Nathan!... + +Nathan. Nannte +Sich Wolf von Filnek; aber war kein Deutscher... + +Tempelherr. +Ihr wißt auch das? + +Nathan. War einer Deutschen nur +Vermählt; war Eurer Mutter nur nach Deutschland +Auf kurze Zeit gefolgt... + +Tempelherr. Nicht mehr! Ich bitt +Euch!--Aber Rechas Bruder? Rechas Bruder... + +Nathan. +Seid Ihr! + +Tempelherr. Ich? ich ihr Bruder? + +Recha. Er mein Bruder? + +Sittah. +Geschwister! + +Saladin. Sie Geschwister! + +Recha (will auf ihn zu). Ah! mein Bruder! + +Tempelherr (tritt zurück). +Ihr Bruder! + +Recha (hält an, und wendet sich zu Nathan). +Kann nicht sein! nicht sein! Sein Herz +Weiß nichts davon!--Wir sind Betrüger! Gott! + +Saladin (zum Tempelherrn). +Betrüger? wie? Das denkst du? kannst du denken? +Betrüger selbst! Denn alles ist erlogen +An dir: Gesicht und Stimm' und Gang! Nichts dein! +So eine Schwester nicht erkennen wollen! Geh! + +Tempelherr (sich demütig ihm nahend). +Mißdeut auch du nicht mein Erstaunen, Sultan! +Verkenn in einem Augenblick', in dem +Du schwerlich deinen Assad je gesehen, +Nicht ihn und mich! (Auf Nathan zueilend.) +Ihr nehmt und gebt mir, Nathan! +Mit vollen Händen beides!--Nein! Ihr gebt +Mir mehr, als Ihr mir nehmt! unendlich mehr! +(Recha um den Hals fallend.) +Ah! meine Schwester! meine Schwester! + +Nathan. Blanda +Von Filnek. + +Tempelherr. Blanda? Blanda?--Recha nicht? +Nicht Eure Recha mehr?--Gott! Ihr verstoßt +Sie! gebt ihr ihren Christennamen wieder! +Verstoßt sie meinetwegen!--Nathan! Nathan! +Warum es sie entgelten lassen? sie! + +Nathan. +Und was?--O meine Kinder! meine Kinder! +Denn meiner Tochter Bruder wär' mein Kind +Nicht auch,--sobald er will? +(Indem er sich ihren Umarmungen überläßt, tritt Saladin mit unruhigem +Erstaunen zu seiner Schwester.) + +Saladin. Was sagst du, Schwester? + +Sittah. +Ich bin gerührt... + +Saladin. Und ich,--ich schaudere +Vor einer größern Rührung fast zurück! +Bereite dich nur drauf, so gut du kannst. + +Sittah. +Wie? + +Saladin. Nathan, auf ein Wort! ein Wort! + +(Indem Nathan zu ihm tritt, tritt Sittah zu dem Geschwister, ihm +ihre Teilnahme zu bezeigen; und Nathan und Saladin sprechen leiser.) + +Hör! hör doch, Nathan! Sagtest du vorhin +Nicht--? + +Nathan. Was? + +Saladin. Aus Deutschland sei ihr Vater nicht +Gewesen; ein geborner Deutscher nicht. +Was war er denn? Wo war er sonst denn her? + +Nathan. +Das hat er selbst mir nie vertrauen wollen. +Aus seinem Munde weiß ich nichts davon. + +Saladin. +Und war auch sonst kein Frank? kein Abendländer? + +Nathan. +Oh! daß er der nicht sei, gestand er wohl. +Er sprach am liebsten Persisch... + +Saladin. Persisch? Persisch? +Was will ich mehr?--Er ist's! Er war es! + +Nathan. Wer? + +Saladin. +Mein Bruder! ganz gewiß! Mein Assad! ganz +Gewiß! + +Nathan. Nun, wenn du selbst darauf verfällst:-- +Nimm die Versichrung hier in diesem Buche! + +(Ihm das Brevier überreichend.) + +Saladin (es begierig aufschlagend). +Ah! seine Hand! Auch die erkenn ich wieder! + +Nathan. +Noch wissen sie von nichts! Noch steht's bei dir +Allein, was sie davon erfahren sollen! + +Saladin (indes er darin geblättert). +Ich meines Bruders Kinder nicht erkennen? +Ich meine Neffen--meine Kinder nicht? +Sie nicht erkennen? ich? Sie dir wohl lassen? +(Wieder laut.) +Sie sind's! Sie sind es, Sittah, sind's! Sie sind's! +Sind beide meines... deines Bruders Kinder! +(Er rennt in ihre Umarmungen.) + +Sittah (ihm folgend). +Was hör ich!--Konnt's auch anders, anders sein!-- + +Saladin (zum Tempelherrn). +Nun mußt du doch wohl, Trotzkopf, mußt mich lieben! +(Zu Recha.) +Nun bin ich doch, wozu ich mich erbot? +Magst wollen, oder nicht! + +Sittah. Ich auch! ich auch! + +Saladin (zum Tempelherrn zurück). +Mein Sohn! mein Assad! meines Assads Sohn! + +Tempelherr. +Ich deines Bluts!--So waren jene Träume, +Womit man meine Kindheit wiegte, doch-- +Doch mehr als Träume! +(Ihm zu Füßen fallend.) + +Saladin (ihn aufhebend). +Seht den Bösewicht! +Er wußte was davon, und konnte mich +Zu seinem Mörder machen wollen! Wart! + +(Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen fällt der Vorhang.) + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Nathan der Weise, von Gotthold +Ephraim Lessing. + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Nathan der Weise, by Gotthold Epraim Lessing + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NATHAN DER WEISE *** + +This file should be named 8nthn10.txt or 8nthn10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8nthn11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8nthn10a.txt + +Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +http://gutenberg.net or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03 + +Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. 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