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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:32:50 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Nathan der Weise, by Gotthold Epraim Lessing
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+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
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+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
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+
+Title: Nathan der Weise
+ Ein Dramatisches Gedicht, in fuenf Aufzuegen
+
+Author: Gotthold Epraim Lessing
+
+Release Date: October, 2005 [EBook #9186]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on September 13, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO Latin-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NATHAN DER WEISE ***
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+Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau
+
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+This Etext is in German.
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+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
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+This is the 7-bit version.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+NATHAN DER WEISE
+
+Gotthold Ephraim Lessing
+
+Ein Dramatisches Gedicht, in fuenf Aufzuegen
+
+
+Introite, nam et heic Dii funt!--Apud Gellium
+
+
+Personen:
+
+Sultan Saladin
+Sittah, dessen Schwester
+Nathan, ein reicher Jude in Jerusalem
+Recha, dessen angenommene Tochter
+Daja, eine Christin, aber in dem Hause des Juden,
+als Gesellschafterin der Recha
+Ein junger Tempelherr
+Ein Derwisch
+Der Patriarch von Jerusalem
+Ein Klosterbruder
+Ein Emir
+nebst verschiednen Mamelucken des Saladin
+
+Die Szene ist in Jerusalem
+
+
+
+
+
+Erster Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+(Szene: Flur in Nathans Hause.)
+
+Nathan von der Reise kommend. Daja ihm entgegen.
+
+
+Daja.
+Er ist es! Nathan!--Gott sei ewig Dank,
+Dass Ihr doch endlich einmal wiederkommt.
+
+Nathan.
+Ja, Daja; Gott sei Dank! Doch warum endlich?
+Hab ich denn eher wiederkommen wollen?
+Und wiederkommen koennen? Babylon
+Ist von Jerusalem, wie ich den Weg,
+Seitab bald rechts, bald links, zu nehmen bin
+Genoetigt worden, gut zweihundert Meilen;
+Und Schulden einkassieren, ist gewiss
+Auch kein Geschaeft, das merklich foedert, das
+So von der Hand sich schlagen laesst.
+
+Daja. O Nathan,
+Wie elend, elend haettet Ihr indes
+Hier werden koennen! Euer Haus...
+
+Nathan. Das brannte.
+So hab ich schon vernommen.--Gebe Gott,
+Dass ich nur alles schon vernommen habe!
+
+Daja.
+Und waere leicht von Grund aus abgebrannt.
+
+Nathan.
+Dann, Daja, haetten wir ein neues uns
+Gebaut; und ein bequemeres.
+
+Daja. Schon wahr!--
+Doch Recha waer' bei einem Haare mit
+Verbrannt.
+
+Nathan. Verbrannt? Wer? meine Recha? sie?--
+Das hab ich nicht gehoert.--Nun dann! So haette
+Ich keines Hauses mehr bedurft.--Verbrannt
+Bei einem Haare!--Ha! sie ist es wohl!
+Ist wirklich wohl verbrannt!--Sag nur heraus!
+Heraus nur!--Toete mich: und martre mich
+Nicht laenger.--ja, sie ist verbrannt.
+
+Daja. Wenn sie
+Es waere, wuerdet Ihr von mir es hoeren?
+
+Nathan.
+Warum erschreckest du mich denn?--O Recha!
+O meine Recha!
+
+Daja. Eure? Eure Recha?
+
+Nathan.
+Wenn ich mich wieder je entwoehnen muesste,
+Dies Kind mein Kind zu nennen!
+
+Daja. Nennt Ihr alles,
+Was Ihr besitzt, mit ebensoviel Rechte
+Das Eure?
+
+Nathan. Nichts mit groesserm! Alles, was
+Ich sonst besitze, hat Natur und Glueck
+Mir zugeteilt. Dies Eigentum allein
+Dank ich der Tugend.
+
+Daja. O wie teuer lasst
+Ihr Eure Guete, Nathan, mich bezahlen!
+Wenn Guet', in solcher Absicht ausgeuebt,
+Noch Guete heissen kann!
+
+Nathan. In solcher Absicht?
+In welcher?
+
+Daja. Mein Gewissen...
+
+Nathan. Daja, lass
+Vor allen Dingen dir erzaehlen...
+
+Daja. Mein
+Gewissen, sag ich...
+
+Nathan. Was in Babylon
+Fuer einen schoenen Stoff ich dir gekauft.
+So reich, und mit Geschmack so reich! Ich bringe
+Fuer Recha selbst kaum einen schoenern mit.
+
+Daja.
+Was hilft's? Denn mein Gewissen, muss ich Euch
+Nur sagen, laesst sich laenger nicht betaeuben.
+
+Nathan.
+Und wie die Spangen, wie die Ohrgehenke,
+Wie Ring und Kette dir gefallen werden,
+Die in Damaskus ich dir ausgesucht:
+Verlanget mich zu sehn.
+
+Daja. So seid Ihr nun!
+Wenn Ihr nur schenken koennt! nur schenken koennt!
+
+Nathan.
+Nimm du so gern, als ich dir geb:--und schweig!
+
+Daja.
+Und schweig! Wer zweifelt, Nathan, dass Ihr nicht
+Die Ehrlichkeit, die Grossmut selber seid?
+Und doch...
+
+Nathan. Doch bin ich nur ein Jude.--Gelt,
+Das willst du sagen?
+
+Daja. Was ich sagen will,
+Das wisst Ihr besser.
+
+Nathan. Nun so schweig!
+
+Daja. Ich schweige.
+Was Straefliches vor Gott hierbei geschieht,
+Und ich nicht hindern kann, nicht aendern kann,--
+Nicht kann,--komm' ueber Euch!
+
+Nathan. Komm' ueber mich!--
+Wo aber ist sie denn? wo bleibt sie?--Daja,
+Wenn du mich hintergehst!--Weiss sie es denn,
+Dass ich gekommen bin?
+
+Daja. Das frag ich Euch!
+Noch zittert ihr der Schreck durch jede Nerve.
+Noch malet Feuer ihre Phantasie
+Zu allem, was sie malt. Im Schlafe wacht,
+Im Wachen schlaeft ihr Geist: bald weniger
+Als Tier, bald mehr als Engel.
+
+Nathan. Armes Kind!
+Was sind wir Menschen!
+
+Daja. Diesen Morgen lag
+Sie lange mit verschlossnem Aug', und war
+Wie tot. Schnell fuhr sie auf, und rief: "Horch! horch!
+Da kommen die Kamele meines Vaters!
+Horch! seine sanfte Stimme selbst!"--Indem
+Brach sich ihr Auge wieder: und ihr Haupt,
+Dem seines Armes Stuetze sich entzog,
+Stuerzt auf das Kissen.--Ich, zur Pfort' hinaus!
+Und sieh: da kommt Ihr wahrlich! kommt Ihr wahrlich!--
+Was Wunder! ihre ganze Seele war
+Die Zeit her nur bei Euch--und ihm.--
+
+Nathan. Bei ihm?
+Bei welchem Ihm?
+
+Daja. Bei ihm, der aus dem Feuer
+Sie rettete.
+
+Nathan. Wer war das? wer?--Wo ist er?
+Wer rettete mir meine Recha? wer?
+
+Daja.
+Ein junger Tempelherr, den, wenig Tage
+Zuvor, man hier gefangen eingebracht,
+Und Saladin begnadigt hatte.
+
+Nathan. Wie?
+Ein Tempelherr, dem Sultan Saladin
+Das Leben liess? Durch ein geringres Wunder
+War Recha nicht zu retten? Gott!
+
+Daja. Ohn' ihn,
+Der seinen unvermuteten Gewinst
+Frisch wieder wagte, war es aus mit ihr.
+
+Nathan.
+Wo ist er, Daja, dieser edle Mann?--
+Wo ist er? Fuehre mich zu seinen Fuessen.
+Ihr gabt ihm doch vors erste, was an Schaetzen
+Ich euch gelassen hatte? gabt ihm alles?
+Verspracht ihm mehr? weit mehr?
+
+Daja. Wie konnten wir?
+
+Nathan.
+Nicht? nicht?
+
+Daja. Er kam, und niemand weiss woher.
+Er ging, und niemand weiss wohin.--Ohn' alle
+Des Hauses Kundschaft, nur von seinem Ohr
+Geleitet, drang, mit vorgespreiztem Mantel,
+Er kuehn durch Flamm' und Rauch der Stimme nach,
+Die uns um Hilfe rief. Schon hielten wir
+Ihn fuer verloren, als aus Rauch und Flamme
+Mit eins er vor uns stand, im starken Arm
+Empor sie tragend. Kalt und ungeruehrt
+Vom Jauchzen unsers Danks, setzt seine Beute
+Er nieder, draengt sich unters Volk und ist
+Verschwunden!
+
+Nathan. Nicht auf immer, will ich hoffen.
+
+Daja.
+Nachher die ersten Tage sahen wir
+Ihn untern Palmen auf und nieder wandeln,
+Die dort des Auferstandnen Grab umschatten.
+Ich nahte mich ihm mit Entzuecken, dankte,
+Erhob, entbot, beschwor,--nur einmal noch
+Die fromme Kreatur zu sehen, die
+Nicht ruhen koenne, bis sie ihren Dank
+Zu seinen Fuessen ausgeweinet.
+
+Nathan. Nun?
+
+Daja.
+Umsonst! Er war zu unsrer Bitte taub;
+Und goss so bittern Spott auf mich besonders...
+
+Nathan. Bis dadurch abgeschreckt...
+
+Daja. Nichts weniger!
+Ich trat ihn je den Tag von neuem an;
+Liess jeden Tag von neuem mich verhoehnen.
+Was litt ich nicht von ihm! Was haett' ich nicht
+Noch gern ertragen!--Aber lange schon
+Kommt er nicht mehr, die Palmen zu besuchen,
+Die unsers Auferstandnen Grab umschatten;
+Und niemand weiss, wo er geblieben ist.
+Ihr staunt? Ihr sinnt?
+
+Nathan. Ich ueberdenke mir,
+Was das auf einen Geist, wie Rechas, wohl
+Fuer Eindruck machen muss. Sich so verschmaeht
+Von dem zu finden, den man hochzuschaetzen
+Sich so gezwungen fuehlt; so weggestossen,
+Und doch so angezogen werden;--Traun,
+Da muessen Herz und Kopf sich lange zanken,
+Ob Menschenhass, ob Schwermut siegen soll.
+Oft siegt auch keines; und die Phantasie,
+Die in den Streit sich mengt, macht Schwaermer,
+Bei welchen bald der Kopf das Herz, und bald
+Das Herz den Kopf muss spielen.--Schlimmer Tausch!--
+Das letztere, verkenn ich Recha nicht,
+Ist Rechas Fall: sie schwaermt.
+
+Daja. Allein so fromm,
+So liebenswuerdig!
+
+Nathan. Ist doch auch geschwaermt!
+
+Daja.
+Vornehmlich eine--Grille, wenn Ihr wollt,
+Ist ihr sehr wert. Es sei ihr Tempelherr
+Kein irdischer und keines irdischen;
+Der Engel einer, deren Schutze sich
+Ihr kleines Herz, von Kindheit auf, so gern
+Vertrauet glaubte, sei aus seiner Wolke,
+In die er sonst verhuellt, auch noch im Feuer,
+Um sie geschwebt, mit eins als Tempelherr
+Hervorgetreten.--Laechelt nicht!--Wer weiss?
+Lasst laechelnd wenigstens ihr einen Wahn,
+In dem sich Jud' und Christ und Muselmann
+Vereinigen;--so einen suessen Wahn!
+
+Nathan.
+Auch mir so suess!--Geh, wackre Daja, geh;
+Sieh, was sie macht; ob ich sie sprechen kann.--
+Sodann such ich den wilden, launigen
+Schutzengel auf. Und wenn ihm noch beliebt,
+Hienieden unter uns zu wallen; noch
+Beliebt, so ungesittet Ritterschaft
+Zu treiben: find ich ihn gewiss; und bring Ihn her.
+
+Daja.
+Ihr unternehmet viel.
+
+Nathan. Macht dann
+Der suesse Wahn der suessern Wahrheit Platz:--
+Denn, Daja, glaube mir; dem Menschen ist
+Ein Mensch noch immer lieber, als ein Engel--
+So wirst du doch auf mich, auf mich nicht zuernen,
+Die Engelschwaermerin geheilt zu sehn?
+
+Daja.
+Ihr seid so gut, und seid zugleich so schlimm!
+Ich geh!--Doch hoert! doch seht!--Da kommt sie selbst.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Recha und die Vorigen.
+
+
+Recha.
+So seid Ihr es doch ganz und gar, mein Vater?
+Ich glaubt', Ihr haettet Eure Stimme nur
+Vorausgeschickt. Wo bleibt Ihr? Was fuer Berge,
+Fuer Wuesten, was fuer Stroeme trennen uns
+Denn noch? Ihr atmet Wand an Wand mit ihr,
+Und eilt nicht, Eure Recha zu umarmen?
+Die arme Recha, die indes verbrannte!
+Fast, fast verbrannte! Fast nur. Schaudert nicht!
+Es ist ein garstiger Tod, verbrennen. Oh!
+
+Nathan.
+Mein Kind! mein liebes Kind!
+
+Recha. Ihr musstet ueber
+Den Euphrat, Tigris, Jordan; ueber--wer
+Weiss was fuer Wasser all?--Wie oft hab ich
+Um Euch gezittert, eh' das Feuer mir
+So nahe kam! Denn seit das Feuer mir
+So nahe kam: duenkt mich im Wasser sterben
+Erquickung, Labsal, Rettung,--Doch Ihr seid
+Ja nicht ertrunken: ich, ich bin ja nicht
+Verbrannt. Wie wollen wir uns freun, und Gott,
+Gott loben! Er, er trug Euch und den Nachen
+Auf Fluegeln seiner unsichtbaren Engel
+Die ungetreuen Stroem' hinueber. Er,
+Er winkte meinem Engel, dass er sichtbar
+Auf seinem weissen Fittiche, mich durch
+Das Feuer truege--
+
+Nathan. (Weissem Fittiche!
+Ja, ja! der weisse vorgespreizte Mantel
+Des Tempelherrn.)
+
+Recha. Er sichtbar, sichtbar mich
+Durchs Feuer trueg', von seinem Fittiche
+Verweht.--Ich also, ich hab einen Engel
+Von Angesicht zu Angesicht gesehn;
+Und meinen Engel.
+
+Nathan. Recha waer' es wert;
+Und wuerd' an ihm nichts Schoenres sehn, als er
+An ihr.
+
+Recha (laechelnd).
+Wem schmeichelt Ihr, mein Vater? wem?
+Dem Engel, oder Euch?
+
+Nathan. Doch haett' auch nur
+Ein Mensch--ein Mensch, wie die Natur sie taeglich
+Gewaehrt, dir diesen Dienst erzeigt: er muesste
+Fuer dich ein Engel sein. Er muesst' und wuerde.
+
+Recha.
+Nicht so ein Engel; nein! ein wirklicher;
+Es war gewiss ein wirklicher!--Habt Ihr,
+Ihr selbst die Moeglichkeit, dass Engel sind,
+Dass Gott zum Besten derer, die ihn lieben,
+Auch Wunder koenne tun, mich nicht gelehrt?
+Ich lieb ihn ja.
+
+Nathan. Und er liebt dich; und tut
+Fuer dich, und deinesgleichen, stuendlich Wunder;
+Ja, hat sie schon von aller Ewigkeit
+Fuer euch getan.
+
+Recha. Das hoer ich gern.
+
+Nathan. Wie? weil
+Es ganz natuerlich, ganz alltaeglich klaenge,
+Wenn dich ein eigentlicher Tempelherr
+Gerettet haette: sollt' es darum weniger
+Ein Wunder sein?--Der Wunder hoechstes ist,
+Dass uns die wahren, echten Wunder so
+Alltaeglich werden koennen, werden sollen.
+Ohn' dieses allgemeine Wunder, haette
+Ein Denkender wohl schwerlich Wunder je
+Genannt, was Kindern bloss so heissen musste,
+Die gaffend nur das Ungewoehnlichste,
+Das Neuste nur verfolgen.
+
+Daja (zu Nathan). Wollt Ihr denn
+Ihr ohnedem schon ueberspanntes Hirn
+Durch solcherlei Subtilitaeten ganz
+Zersprengen?
+
+Nathan. Lass mich!--Meiner Recha waer'
+Es Wunders nicht genug, dass sie ein Mensch
+Gerettet, welchen selbst kein kleines Wunder
+Erst retten muessen? Ja, kein kleines Wunder!
+Denn wer hat schon gehoert, dass Saladin
+Je eines Tempelherrn verschont? dass je
+Ein Tempelherr von ihm verschont zu werden
+Verlangt? gehofft? ihm je fuer seine Freiheit
+Mehr als den ledern Gurt geboten, der
+Sein Eisen schleppt; und hoechstens seinen Dolch?
+
+Recha.
+Das schliesst fuer mich, mein Vater.--Darum eben
+War das kein Tempelherr; er schien es nur.--
+Koemmt kein gefangner Tempelherr je anders
+Als zum gewissen Tode nach Jerusalem;
+Geht keiner in Jerusalem so frei
+Umher: wie haette mich des Nachts freiwillig
+Denn einer retten koennen?
+
+Nathan. Sieh! wie sinnreich.
+Jetzt, Daja, nimm das Wort. Ich hab es ja
+Von dir, dass er gefangen hergeschickt
+Ist worden. Ohne Zweifel weisst du mehr.
+
+Daja.
+Nun ja.--So sagt man freilich;--doch man sagt
+Zugleich, dass Saladin den Tempelherrn
+Begnadigt, weil er seiner Brueder einem,
+Den er besonders lieb gehabt, so aehnlich sehe.
+Doch da es viele zwanzig Jahre her,
+Dass dieser Bruder nicht mehr lebt,--er hiess,
+Ich weiss nicht wie;--er blieb, ich weiss nicht wo:--
+So klingt das ja so gar--so gar unglaublich,
+Dass an der ganzen Sache wohl nichts ist.
+
+Nathan.
+Ei, Daja! Warum waere denn das so
+Unglaublich? Doch wohl nicht--wie's wohl geschieht--
+Um lieber etwas noch Unglaublichers
+Zu glauben?--Warum haette Saladin,
+Der sein Geschwister insgesamt so liebt,
+In juengern Jahren einen Bruder nicht
+Noch ganz besonders lieben koennen?--Pflegen
+Sich zwei Gesichter nicht zu aehneln?--Ist
+Ein alter Eindruck ein verlorner?--Wirkt
+Das Naemliche nicht mehr das Naemliche?
+Seit wenn?--Wo steckt hier das Unglaubliche?
+Ei freilich, weise Daja, waer's fuer dich
+Kein Wunder mehr; und deine Wunder nur
+Beduerf... verdienen, will ich sagen, Glauben.
+
+Daja.
+Ihr spottet.
+
+Nathan. Weil du meiner spottest.--Doch
+Auch so noch, Recha, bleibet deine Rettung
+Ein Wunder, dem nur moeglich, der die strengsten
+Entschluesse, die unbaendigsten Entwuerfe
+Der Koenige, sein Spiel--wenn nicht sein Spott--
+Gern an den schwaechsten Faeden lenkt.
+
+Recha. Mein Vater!
+Mein Vater, wenn ich irr, Ihr wisst, ich irre
+Nicht gern.
+
+Nathan. Vielmehr, du laesst dich gern belehren.
+Sieh! eine Stirn, so oder so gewoelbt;
+Der Ruecken einer Nase, so vielmehr
+Als so gefuehret; Augenbraunen, die
+Auf einem scharfen oder stumpfen Knochen
+So oder so sich schlaengeln; eine Linie,
+Ein Bug, ein Winkel, eine Falt', ein Mal,
+Ein Nichts, auf eines wilden Europaeers
+Gesicht:--und du entkommst dem Feu'r, in Asien!
+Das waer' kein Wunder, wundersuecht'ges Volk?
+Warum bemueht ihr denn noch einen Engel?
+
+Daja.
+Was schadet's--Nathan, wenn ich sprechen darf--
+Bei alledem, von einem Engel lieber
+Als einem Menschen sich gerettet denken?
+Fuehlt man der ersten unbegreiflichen
+Ursache seiner Rettung nicht sich so
+Viel naeher?
+
+Nathan. Stolz! und nichts als Stolz! Der Topf
+Von Eisen will mit einer silbern Zange
+Gern aus der Glut gehoben sein, um selbst
+Ein Topf von Silber sich zu duenken.--Pah!--
+Und was es schadet, fragst du? was es schadet?
+Was hilft es? duerft' ich nur hinwieder fragen.--
+Denn dein "Sich Gott um so viel naeher fuehlen"
+Ist Unsinn oder Gotteslaesterung.--
+Allein es schadet; ja, es schadet allerdings.--
+Kommt! hoert mir zu.--Nicht wahr? dem Wesen, das
+Dich rettete,--es sei ein Engel oder
+Ein Mensch,--dem moechtet ihr, und du besonders,
+Gern wieder viele grosse Dienste tun?--
+Nicht wahr?--Nun, einem Engel, was fuer Dienste,
+Fuer grosse Dienste koennt ihr dem wohl tun?
+Ihr koennt ihm danken; zu ihm seufzen, beten;
+Koennt in Entzueckung ueber ihn zerschmelzen;
+Koennt an dem Tage seiner Feier fasten,
+Almosen spenden.--Alles nichts.--Denn mich
+Deucht immer, dass ihr selbst und euer Naechster
+Hierbei weit mehr gewinnt, als er. Er wird
+Nicht fett durch euer Fasten; wird nicht reich
+Durch eure Spenden; wird nicht herrlicher
+Durch eu'r Entzuecken; wird nicht maechtiger
+Durch eu'r Vertraun. Nicht wahr? Allein ein Mensch!
+
+Daja.
+Ei freilich haett' ein Mensch, etwas fuer ihn
+Zu tun, uns mehr Gelegenheit verschafft.
+Und Gott weiss, wie bereit wir dazu waren!
+Allein er wollte ja, bedurfte ja
+So voellig nichts; war in sich, mit sich so
+Vergnuegsam, als nur Engel sind, nur Engel
+Sein koennen.
+
+Recha. Endlich, als er gar verschwand...
+
+Nathan.
+Verschwand?--Wie denn verschwand?--Sich untern Palmen
+Nicht ferner sehen liess?--Wie? oder habt
+Ihr wirklich schon ihn weiter aufgesucht?
+
+Daja.
+Das nun wohl nicht.
+
+Nathan. Nicht, Daja? nicht?--Da sieh
+Nun was es schad't!--Grausame Schwaermerinnen!
+Wenn dieser Engel nun--nun krank geworden!...
+
+Recha.
+Krank!
+
+Daja. Krank! Er wird doch nicht!
+
+Recha. Welch kalter Schauer
+Befaellt mich!--Daja!--Meine Stirne, sonst
+So warm, fuehl! ist auf einmal Eis.
+
+Nathan. Er ist
+Ein Franke, dieses Klimas ungewohnt;
+Ist jung; der harten Arbeit seines Standes,
+Des Hungerns, Wachens ungewohnt.
+
+Recha. Krank! krank!
+
+Daja.
+Das waere moeglich, meint ja Nathan nur.
+
+Nathan.
+Nun liegt er da! hat weder Freund, noch Geld
+Sich Freunde zu besolden.
+
+Recha. Ah, mein Vater!
+
+Nathan.
+Liegt ohne Wartung, ohne Rat und Zusprach',
+Ein Raub der Schmerzen und des Todes da!
+
+Recha.
+Wo? wo?
+
+Nathan. Er, der fuer eine, die er nie
+Gekannt, gesehn--genug, es war ein Mensch
+Ins Feu'r sich stuerzte...
+
+Daja. Nathan, schonet ihrer!
+
+Nathan.
+Der, was er rettete, nicht naeher kennen,
+Nicht weiter sehen mocht',--um ihm den Dank
+Zu sparen...
+
+Daja. Schonet ihrer, Nathan!
+
+Nathan. Weiter
+Auch nicht zu sehn verlangt',--es waere denn,
+Dass er zum zweitenmal es retten sollte--
+Denn g'nug, es ist ein Mensch...
+
+Daja. Hoert auf, und seht!
+
+Nathan.
+Der, der hat sterbend sich zu laben, nichts
+Als das Bewusstsein dieser Tat!
+
+Daja. Hoert auf!
+Ihr toetet sie!
+
+Nathan. Und du hast ihn getoetet!--
+Haettst so ihn toeten koennen.--Recha! Recha!
+Es ist Arznei, nicht Gift, was ich dir reiche.
+Er lebt!--komm zu dir!--ist auch wohl nicht krank:
+Nicht einmal krank!
+
+Recha. Gewiss?--nicht tot? nicht krank?
+
+Nathan.
+Gewiss, nicht tot! Denn Gott lohnt Gutes, hier
+Getan, auch hier noch.--Geh!--Begreifst du aber,
+Wieviel andaechtig schwaermen leichter, als
+Gut handeln ist? wie gern der schlaffste Mensch
+Andaechtig schwaermt, um nur,--ist er zu Zeiten
+Sich schon der Absicht deutlich nicht bewusst--
+Um nur gut handeln nicht zu duerfen?
+
+Recha. Ah,
+Mein Vater! lasst, lasst Eure Recha doch
+Nie wiederum allein!--Nicht wahr, er kann
+Auch wohl verreist nur sein?--
+
+Nathan. Geht!--Allerdings.--
+Ich seh, dort mustert mit neugier'gem Blick
+Ein Muselmann mir die beladenen
+Kamele. Kennt Ihr ihn?
+
+Daja. Ha! Euer Derwisch.
+
+Nathan.
+Wer?
+
+Daja. Euer Derwisch; Euer Schachgesell!
+
+Nathan.
+Al-Hafi? das Al-Hafi?
+
+Daja. Itzt des Sultans
+Schatzmeister.
+
+Nathan. Wie? Al-Hafi? Traeumst du wieder?
+Er ist's!--wahrhaftig, ist's!--koemmt auf uns zu.
+Hinein mit Euch, geschwind!--Was werd ich hoeren!
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Nathan und der Derwisch.
+
+
+Derwisch.
+Reisst nur die Augen auf, so weit Ihr koennt!
+
+Nathan.
+Bist du's? Bist du es nicht?--In dieser Pracht,
+Ein Derwisch!...
+
+Derwisch. Nun? warum denn nicht? Laesst sich
+Aus einem Derwisch denn nichts, gar nichts machen?
+
+Nathan.
+Ei wohl, genug!--Ich dachte mir nur immer,
+Der Derwisch--so der rechte Derwisch--woll'
+Aus sich nichts machen lassen.
+
+Derwisch. Beim Propheten
+Dass ich kein rechter bin, mag auch wohl wahr sein.
+Zwar wenn man muss--
+
+Nathan. Muss! Derwisch!--Derwisch muss?
+Kein Mensch muss muessen, und ein Derwisch muesste?
+Was muesst' er denn?
+
+Derwisch. Warum man ihn recht bittet,
+Und er fuer gut erkennt: das muss ein Derwisch.
+
+Nathan.
+Bei unserm Gott! da sagst du wahr.--Lass dich
+Umarmen, Mensch.--Du bist doch noch mein Freund?
+
+Derwisch.
+Und fragt nicht erst, was ich geworden bin?
+
+Nathan.
+Trotzdem, was du geworden!
+
+Derwisch. Koennt' ich nicht
+Ein Kerl im Staat geworden sein, des Freundschaft
+Euch ungelegen waere?
+
+Nathan. Wenn dein Herz
+Noch Derwisch ist, so wag ich's drauf. Der Kerl
+Im Staat, ist nur dein Kleid.
+
+Derwisch. Das auch geehrt
+Will sein.--Was meint Ihr? ratet!--Was waer' ich
+An Eurem Hofe?
+
+Nathan. Derwisch; weiter nichts.
+Doch nebenher, wahrscheinlich--Koch.
+
+Derwisch. Nun ja!
+Mein Handwerk bei Euch zu verlernen.--Koch!
+Nicht Kellner auch?--Gesteht, dass Saladin
+Mich besser kennt.--Schatzmeister bin ich bei--
+Ihm worden.
+
+Nathan. Du?--bei ihm?
+
+Derwisch. Versteht:
+Des kleinern Schatzes,--denn des groessern wartet
+Sein Vater noch--des Schatzes fuer sein Haus.
+
+Nathan.
+Sein Haus ist gross.
+
+Derwisch. Und groesser, als Ihr glaubt;
+Denn jeder Bettler ist von seinem Hause.
+
+Nathan.
+Doch ist den Bettlern Saladin so feind--
+
+Derwisch.
+Dass er mit Strumpf und Stiel sie zu vertilgen
+Sich vorgesetzt,--und sollt' er selbst darueber
+Zum Bettler werden.
+
+Nathan. Brav!--So mein ich's eben.
+
+Derwisch.
+Er ist's auch schon, trotz einem!--Denn sein Schatz
+Ist jeden Tag mit Sonnenuntergang
+Viel leerer noch, als leer. Die Flut, so hoch
+Sie morgens eintritt, ist des Mittags laengst
+Verlaufen--
+
+Nathan. Weil Kanaele sie zum Teil
+Verschlingen, die zu fuellen oder zu
+Verstopfen, gleich unmoeglich ist.
+
+Derwisch. Getroffen!
+
+Nathan.
+Ich kenne das!
+
+Derwisch. Es taugt nun freilich nichts,
+Wenn Fuersten Geier unter Aesern sind.
+Doch sind sie Aeser unter Geiern, taugt's
+Noch zehnmal weniger.
+
+Nathan. O nicht doch, Derwisch!
+Nicht doch!
+
+Derwisch. Ihr habt gut reden, Ihr!--Kommt an:
+Was gebt Ihr mir? so tret ich meine Stell'
+Euch ab.
+
+Nathan. Was bringt dir deine Stelle?
+
+Derwisch. Mir?
+Nicht viel. Doch Euch, Euch kann sie trefflich wuchern.
+--Denn ist es Ebb' im Schatz,--wie oefters ist,
+So zieht Ihr Eure Schleusen auf: schiesst vor,
+Und nehmt an Zinsen, was Euch nur gefaellt.
+
+Nathan.
+Auch Zins vom Zins der Zinsen?
+
+Derwisch. Freilich!
+
+Nathan. Bis
+Mein Kapital zu lauter Zinsen wird.
+
+Derwisch.
+Das lockt Euch nicht?--So schreibet unsrer Freundschaft
+Nur gleich den Scheidebrief! Denn wahrlich hab
+Ich sehr auf Euch gerechnet.
+
+Nathan. Wahrlich? Wie
+Denn so? wieso denn?
+
+Derwisch. Dass Ihr mir mein Amt
+Mit Ehren wuerdet fuehren helfen; dass
+Ich allzeit offne Kasse bei Euch haette.--
+Ihr schuettelt?
+
+Nathan. Nun, verstehn wir uns nur recht!
+Hier gibt's zu unterscheiden.--Du? warum
+Nicht du? Al-Hafi Derwisch ist zu allem,
+Was ich vermag, mir stets willkommen.--Aber
+Al-Hafi Defterdar des Saladin,
+Der--dem--
+
+Derwisch. Erriet ich's nicht? Dass Ihr doch immer
+So gut als klug, so klug als weise seid!--
+Geduld! Was Ihr am Hafi unterscheidet,
+Soll bald geschieden wieder sein.--Seht da
+Das Ehrenkleid, das Saladin mir gab.
+Eh' es verschossen ist, eh' es zu Lumpen
+Geworden, wie sie einen Derwisch kleiden,
+Haengt's in Jerusalem am Nagel, und
+Ich bin am Ganges, wo ich leicht und barfuss
+Den heissen Sand mit meinen Lehrern trete.
+
+Nathan.
+Dir aehnlich g'nug!
+
+Derwisch. Und Schach mit ihnen spiele.
+
+Nathan.
+Dein hoechstes Gut!
+
+Derwisch. Denkt nur, was mich verfuehrte!--
+Damit ich selbst nicht laenger betteln duerfte?
+Den reichen Mann mit Bettlern spielen koennte?
+Vermoegend waer' im Hui den reichsten Bettler
+In einen armen Reichen zu verwandeln?
+
+Nathan.
+Das nun wohl nicht.
+
+Derwisch. Weit etwas Abgeschmackters!
+Ich fuehlte mich zum erstenmal geschmeichelt;
+Durch Saladins gutherz'gen Wahn geschmeichelt--
+
+Nathan.
+Der war?
+
+Derwisch. "Ein Bettler wisse nur, wie Bettlern
+Zumute sei; ein Bettler habe nur
+Gelernt, mit guter Weise Bettlern geben.
+Dein Vorfahr, sprach er, war mir viel zu kalt,
+Zu rauh. Er gab so unhold, wenn er gab;
+Erkundigte so ungestuem sich erst
+Nach dem Empfaenger; nie zufrieden, dass
+Er nur den Mangel kenne, wollt' er auch
+Des Mangels Ursach' wissen, um die Gabe
+Nach dieser Ursach' filzig abzuwaegen.
+Das wird Al-Hafi nicht! So unmild mild
+Wird Saladin im Hafi nicht erscheinen!
+Al-Hafi gleicht verstopften Roehren nicht,
+Die ihre klar und still empfangnen Wasser
+So unrein und so sprudelnd wiedergeben.
+Al-Hafi denkt; Al-Hafi fuehlt wie ich!"--
+So lieblich klang des Voglers Pfeife, bis
+Der Gimpel in dem Netze war.--Ich Geck!
+Ich eines Gecken Geck!
+
+Nathan. Gemach, mein Derwisch,
+Gemach!
+
+Derwisch. Ei was!--Es waer' nicht Geckerei,
+Bei Hunderttausenden die Menschen druecken,
+Ausmergeln, pluendern, martern, wuergen; und
+Ein Menschenfreund an einzeln scheinen wollen?
+Es waer' nicht Geckerei, des Hoechsten Milde,
+Die sonder Auswahl ueber Boes' und Gute
+Und Flur und Wuestenei, in Sonnenschein
+Und Regen sich verbreitet,--nachzuaeffen,
+Und nicht des Hoechsten immer volle Hand
+Zu haben? Was? es waer' nicht Geckerei...
+
+Nathan.
+Genug! hoer auf!
+
+Derwisch. Lasst meiner Geckerei
+Mich doch nur auch erwaehnen!--Was? es waere
+Nicht Geckerei, an solchen Geckereien
+Die gute Seite dennoch auszuspueren,
+Um Anteil, dieser guten Seite wegen,
+An dieser Geckerei zu nehmen? He?
+Das nicht?
+
+Nathan. Al-Hafi, mache, dass du bald
+In deine Wueste wieder koemmst. Ich fuerchte,
+Grad unter Menschen moechtest du ein Mensch
+Zu sein verlernen.
+
+Derwisch. Recht, das fuercht ich auch.
+Lebt wohl!
+
+Nathan. So hastig?--Warte doch, Al-Hafi.
+Entlaeuft dir denn die Wueste?--Warte doch!--
+Dass er mich hoerte!--He, Al-Hafi! hier!--
+Weg ist er; und ich haett' ihn noch so gern
+Nach unserm Tempelherrn gefragt. Vermutlich,
+Dass er ihn kennt.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Daja eilig herbei. Nathan.
+
+
+Daja. O Nathan, Nathan!
+
+Nathan. Nun?
+Was gibt's?
+
+Daja. Er laesst sich wieder sehn! Er laesst
+Sich wieder sehn!
+
+Nathan. Wer, Daja? wer?
+
+Daja. Er! Er!
+
+Nathan.
+Er? Er?--Wann laesst sich der nicht sehn!--Ja so,
+Nur euer Er heisst er.--Das sollt' er nicht!
+Und wenn er auch ein Engel waere, nicht!--
+
+Daja.
+Er wandelt untern Palmen wieder auf
+Und ab; und bricht von Zeit zu Zeit sich Datteln.
+
+Nathan.
+Sie essend?--und als Tempelherr?
+
+Daja. Was quaelt
+Ihr mich?--Ihr gierig Aug' erriet ihn hinter
+Den dicht verschraenkten Palmen schon; und folgt
+Ihm unverrueckt. Sie laesst Euch bitten,--Euch
+Beschwoeren,--ungesaeumt ihn anzugehn.
+O eilt! Sie wird Euch aus dem Fenster winken,
+Ob er hinauf geht oder weiter ab
+Sich schlaegt. O eilt!
+
+Nathan. So wie ich vom Kamele
+Gestiegen?--Schickt sich das?--Geh, eile du
+Ihm zu; und meld ihm meine Wiederkunft.
+Gib acht, der Biedermann hat nur mein Haus
+In meinem Absein nicht betreten wollen;
+Und koemmt nicht ungern, wenn der Vater selbst
+Ihn laden laesst. Geh, sag, ich lass ihn bitten,
+Ihn herzlich bitten...
+
+Daja. All umsonst! Er koemmt
+Euch nicht.--Denn kurz; er koemmt zu keinem Juden.
+
+Nathan.
+So geh, geh wenigstens ihn anzuhalten;
+Ihn wenigstens mit deinen Augen zu
+Begleiten.--Geh, ich komme gleich dir nach.
+
+(Nathan eilet hinein, und Daja heraus.)
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+
+Szene: ein Platz mit Palmen, unter welchen der Tempelherr auf und
+nieder geht. Ein Klosterbruder folgt ihm in einiger Entfernung von
+der Seite, immer als ob er ihn anreden wolle.
+
+
+Tempelherr.
+Der folgt mir nicht vor langer Weile!--Sieh,
+Wie schielt er nach den Haenden!--Guter Bruder,...
+Ich kann Euch auch wohl Vater nennen; nicht?
+
+Klosterbruder.
+Nur Bruder--Laienbruder nur; zu dienen.
+
+Tempelherr.
+Ja, guter Bruder, wer nur selbst was haette!
+Bei Gott! bei Gott! Ich habe nichts--
+
+Klosterbruder. Und doch
+Recht warmen Dank! Gott geb' Euch tausendfach,
+Was Ihr gern geben wolltet. Denn der Wille
+Und nicht die Gabe macht den Geber.--Auch
+Ward ich dem Herrn Almosens wegen gar
+Nicht nachgeschickt.
+
+Tempelherr. Doch aber nachgeschickt?
+
+Klosterbruder.
+Ja; aus dem Kloster.
+
+Tempelherr. Wo ich eben jetzt
+Ein kleines Pilgermahl zu finden hoffte?
+
+Klosterbruder.
+Die Tische waren schon besetzt; komm' aber
+Der Herr nur wieder mit zurueck.
+
+Tempelherr. Wozu?
+Ich habe Fleisch wohl lange nicht gegessen:
+Allein was tut's? Die Datteln sind ja reif.
+
+Klosterbruder.
+Nehm' sich der Herr in acht' mit dieser Frucht.
+Zu viel genossen taugt sie nicht; verstopft
+Die Milz; macht melancholisches Gebluet.
+
+Tempelherr.
+Wenn ich nun melancholisch gern mich fuehlte?--
+Doch dieser Warnung wegen wurdet Ihr
+Mir doch nicht nachgeschickt?
+
+Klosterbruder. O nein!--Ich soll
+Mich nur nach Euch erkunden; auf den Zahn
+Euch fuehlen.
+
+Tempelherr. Und das sagt Ihr mir so selbst?
+
+Klosterbruder.
+Warum nicht?
+
+Tempelherr. (Ein verschmitzter Bruder!)--Hat
+Das Kloster Euresgleichen mehr?
+
+Klosterbruder. Weiss nicht.
+Ich muss gehorchen, lieber Herr.
+
+Tempelherr. Und da
+Gehorcht Ihr denn auch ohne viel zu kluegeln?
+
+Klosterbruder.
+Waer's sonst gehorchen, lieber Herr?
+
+Tempelherr. (Dass doch
+Die Einfalt immer Recht behaelt!)--Ihr duerft
+Mir doch auch wohl vertrauen, wer mich gern
+Genauer kennen moechte?--Dass Ihr's selbst
+Nicht seid, will ich wohl schwoeren.
+
+Klosterbruder. Ziemte mir's?
+Und frommte mir's?
+
+Tempelherr. Wem ziemt und frommt es denn,
+Dass er so neubegierig ist? Wem denn?
+
+Klosterbruder.
+Dem Patriarchen; muss ich glauben.--Denn
+Der sandte mich Euch nach.
+
+Tempelherr. Der Patriarch?
+Kennt der das rote Kreuz auf weissem Mantel
+Nicht besser?
+
+Klosterbruder. Kenn ja ich's!
+
+Tempelherr. Nun, Bruder? nun?--
+Ich bin ein Tempelherr; und ein gefangner.--
+Setz ich hinzu: gefangen bei Tebnin,
+Der Burg, die mit des Stillstands letzter Stunde
+Wir gern erstiegen haetten, um sodann
+Auf Sidon loszugehn;--setz ich hinzu:
+Selbzwanzigster gefangen und allein
+Vom Saladin begnadiget: so weiss
+Der Patriarch, was er zu wissen braucht;
+Mehr, als er braucht.
+
+Klosterbruder. Wohl aber schwerlich mehr,
+Als er schon weiss.--Er wuesst' auch gern, warum
+Der Herr vom Saladin begnadigt worden;
+Er ganz allein.
+
+Tempelherr. Weiss ich das selber?--Schon
+Den Hals entbloesst, kniet' ich auf meinem Mantel,
+Den Streich erwartend: als mich schaerfer Saladin
+Ins Auge fasst, mir naeher springt, und winkt.
+Man hebt mich auf; ich bin entfesselt; will
+Ihm danken; seh sein Aug' in Traenen: stumm
+Ist er, bin ich; er geht, ich bleibe.--Wie
+Nun das zusammenhaengt, entraetsle sich
+Der Patriarche selbst.
+
+Klosterbruder. Er schliesst daraus,
+Dass Gott zu grossen, grossen Dingen Euch
+Muess' aufbehalten haben.
+
+Tempelherr. Ja, zu grossen!
+Ein Judenmaedchen aus dem Feu'r zu retten;
+Auf Sinai neugier'ge Pilger zu
+Geleiten; und dergleichen mehr.
+
+Klosterbruder. Wird schon
+Noch kommen!--Ist inzwischen auch nicht uebel.--
+Vielleicht hat selbst der Patriarch bereits
+Weit wicht'gere Geschaefte fuer den Herrn.
+
+Tempelherr.
+So? meint Ihr, Bruder?--Hat er gar Euch schon
+Was merken lassen?
+
+Klosterbruder. Ei, Jawohl!--Ich soll
+Den Herrn nur erst ergruenden, ob er so
+Der Mann wohl ist.
+
+Tempelherr. Nun ja; ergruendet nur!
+(Ich will doch sehn, wie der ergruendet!)--Nun?
+
+Klosterbruder.
+Das Kuerzste wird wohl sein, dass ich dem Herrn
+Ganz gradezu des Patriarchen Wunsch
+Eroeffne.
+
+Tempelherr. Wohl!
+
+Klosterbruder. Er haette durch den Herrn
+Ein Briefchen gern bestellt.
+
+Tempelherr. Durch mich? Ich bin
+Kein Bote.--Das, das waere das Geschaeft,
+Das weit glorreicher sei, als Judenmaedchen
+Dem Feu'r entreissen?
+
+Klosterbruder. Muss doch wohl! Denn--sagt
+Der Patriarch--an diesem Briefchen sei
+Der ganzen Christenheit sehr viel gelegen.
+Dies Briefchen wohl bestellt zu haben,--sagt
+Der Patriarch,--werd einst im Himmel Gott
+Mit einer ganz besondern Krone lohnen.
+Und dieser Krone,--sagt der Patriarch,
+Sei niemand wuerd'ger, als mein Herr.
+
+Tempelherr. Als ich?
+
+Klosterbruder.
+Denn diese Krone zu verdienen,--sagt
+Der Patriarch,--sei schwerlich jemand auch
+Geschickter, als mein Herr.
+
+Tempelherr. Als ich?
+
+Klosterbruder. Er sei
+Hier frei; koenn' ueberall sich hier besehn;
+Versteh', wie eine Stadt zu stuermen und
+Zu schirmen; koenne,--sagt der Patriarch,--
+Die Staerk' und Schwaeche der von Saladin
+Neu aufgefuehrten, innern, zweiten Mauer
+Am besten schaetzen, sie am deutlichsten
+Den Streitern Gottes,--sagt der Patriarch,--
+Beschreiben.
+
+Tempelherr. Guter Bruder, wenn ich doch
+Nun auch des Briefchens naehern Inhalt wuesste.
+
+Klosterbruder.
+Ja den,--den weiss ich nun wohl nicht so recht.
+Das Briefchen aber ist an Koenig Philipp.--
+Der Patriarch... Ich hab mich oft gewundert,
+Wie doch ein Heiliger, der sonst so ganz
+Im Himmel lebt, zugleich so unterrichtet
+Von Dingen dieser Welt zu sein herab
+Sich lassen kann. Es muss ihm sauer werden.
+
+Tempelherr.
+Nun dann? der Patriarch?
+
+Klosterbruder. Weiss ganz genau,
+Ganz zuverlaessig, wie und wo, wie stark,
+Von welcher Seite Saladin, im Fall
+Es voellig wieder losgeht, seinen Feldzug
+Eroeffnen wird.
+
+Tempelherr. Das weiss er?
+
+Klosterbruder. Ja, und moecht'
+Es gern dem Koenig Philipp wissen lassen:
+Damit der ungefaehr ermessen koenne,
+Ob die Gefahr denn gar so schrecklich, um
+Mit Saladin den Waffenstillestand,
+Den Euer Orden schon so brav gebrochen,
+Es koste was es wolle, wiederher-
+Zustellen.
+
+Tempelherr. Welch ein Patriarch!--Ja so!
+Der liebe tapfre Mann will mich zu keinem
+Gemeinen Boten; will mich--zum Spion.
+Sagt Euerm Patriarchen, guter Bruder,
+Soviel Ihr mich ergruenden koennen, waer'
+Das meine Sache nicht.--Ich muesse mich
+Noch als Gefangenen betrachten; und
+Der Tempelherren einziger Beruf
+Sei mit dem Schwerte dreinzuschlagen, nicht
+Kundschafterei zu treiben.
+
+Klosterbruder. Dacht' ich's doch!--
+Will's auch dem Herrn nicht eben sehr veruebeln.--
+Zwar koemmt das Beste noch.--Der Patriarch
+Hiernaechst hat ausgegattert, wie die Feste
+Sich nennt, und wo auf Libanon sie liegt,
+In der die ungeheuern Summen stecken,
+Mit welchen Saladins vorsicht'ger Vater
+Das Heer besoldet, und die Zuruestungen
+Des Kriegs bestreitet. Saladin verfuegt
+Von Zeit zu Zeit auf abgelegnen Wegen
+Nach dieser Feste sich, nur kaum begleitet.--
+Ihr merkt doch?
+
+Tempelherr. Nimmermehr!
+
+Klosterbruder. Was waere da
+Wohl leichter, als des Saladins sich zu
+Bemaechtigen? den Garaus ihm zu machen?--
+Ihr schaudert?--O es haben schon ein paar
+Gottsfuercht'ge Maroniten sich erboten,
+Wenn nur ein wackrer Mann sie fuehren wolle,
+Das Stueck zu wagen.
+
+Tempelherr. Und der Patriarch
+Haett' auch zu diesem wackern Manne mich
+Ersehn?
+
+Klosterbruder. Er glaubt, dass Koenig Philipp wohl
+Von Ptolemais aus die Hand hierzu
+Am besten bieten koenne.
+
+Tempelherr. Mir? mir, Bruder?
+Mir? Habt Ihr nicht gehoert? nur erst gehoert,
+Was fuer Verbindlichkeit dem Saladin
+Ich habe?
+
+Klosterbruder. Wohl hab ich's gehoert.
+
+Tempelherr. Und doch?
+
+Klosterbruder.
+Ja,--meint der Patriarch,--das waer' schon gut:
+Gott aber und der Orden...
+
+Tempelherr. Aendern nichts!
+Gebieten mir kein Bubenstueck!
+
+Klosterbruder. Gewiss nicht!--
+Nur,--meint der Patriarch,--sei Bubenstueck
+Vor Menschen, nicht auch Bubenstueck vor Gott.
+
+Tempelherr.
+Ich waer' dem Saladin mein Leben schuldig:
+Und raubt' ihm seines?
+
+Klosterbruder. Pfui!--Doch bliebe,--meint
+Der Patriarch,--noch immer Saladin
+Ein Feind der Christenheit, der Euer Freund
+Zu sein, kein Recht erwerben koenne.
+
+Tempelherr. Freund?
+An dem ich bloss nicht will zum Schurken werden;
+Zum undankbaren Schurken?
+
+Klosterbruder. Allerdings!--
+Zwar,--meint der Patriarch,--des Dankes sei
+Man quitt, vor Gott und Menschen quitt, wenn uns
+Der Dienst um unsertwillen nicht geschehen.
+Und da verlauten wolle,--meint der Patriarch,--
+Dass Euch nur darum Saladin begnadet,
+Weil ihm in Eurer Mien', in Euerm Wesen
+So was von seinem Bruder eingeleuchtet...
+
+Tempelherr.
+Auch dieses weiss der Patriarch; und doch?--
+Ah! waere das gewiss! Ah, Saladin!--
+Wie? die Natur haett' auch nur einen Zug
+Von mir in deines Bruders Form gebildet:
+Und dem entspraeche nichts in meiner Seele?
+Was dem entspraeche, koennt' ich unterdruecken,
+Um einem Patriarchen zu gefallen?--
+Natur, so leugst du nicht! So widerspricht
+Sich Gott in seinen Werken nicht!--Geht, Bruder!
+Erregt mir meine Galle nicht!--Geht! geht!
+
+Klosterbruder.
+Ich geh; und geh vergnuegter, als ich kam.
+Verzeihe mir der Herr. Wir Klosterleute
+Sind schuldig, unsern Obern zu gehorchen.
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Der Tempelherr und Daja, die den Tempelherrn schon eine Zeitlang von
+weiten beobachtet hatte und sich nun ihm naehert.
+
+
+Daja.
+Der Klosterbruder, wie mich duenkt, liess in
+Der besten Laun' ihn nicht.--Doch muss ich mein
+Paket nur wagen.
+
+Tempelherr. Nun, vortrefflich!--Luegt
+Das Sprichwort wohl: dass Moench und Weib, und Weib
+Und Moench des Teufels beide Krallen sind?
+Er wirft mich heut aus einer in die andre.
+
+Daja.
+Was seh ich?--Edler Ritter, Euch?--Gott Dank!
+Gott tausend Dank!--Wo habt Ihr denn
+Die ganze Zeit gesteckt?--Ihr seid doch wohl
+Nicht krank gewesen?
+
+Tempelherr. Nein.
+
+Daja. Gesund doch?
+
+Tempelherr. Ja.
+
+Daja.
+Wir waren Euertwegen wahrlich ganz
+Bekuemmert.
+
+Tempelherr. So?
+
+Daja. Ihr wart gewiss verreist?
+
+Tempelherr.
+Erraten!
+
+Daja. Und kamt heut erst wieder?
+
+Tempelherr. Gestern.
+
+Daja.
+Auch Rechas Vater ist heut angekommen.
+Und nun darf Recha doch wohl hoffen?
+
+Tempelherr. Was?
+
+Daja.
+Warum sie Euch so oefters bitten lassen.
+Ihr Vater ladet Euch nun selber bald
+Aufs dringlichste. Er koemmt von Babylon.
+Mit zwanzig hochbeladenen Kamelen,
+Und allem, was an edeln Spezereien,
+An Steinen und an Stoffen, Indien
+Und Persien und Syrien, gar Sina,
+Kostbares nur gewaehren.
+
+Tempelherr. Kaufe nichts.
+
+Daja.
+Sein Volk verehret ihn als einen Fuersten.
+Doch dass es ihn den Weisen Nathan nennt
+Und nicht vielmehr den Reichen, hat mich oft
+Gewundert.
+
+Tempelherr. Seinem Volk ist reich und weise
+Vielleicht das Naemliche.
+
+Daja. Vor allen aber
+Haett's ihn den Guten nennen muessen. Denn
+Ihr stellt Euch gar nicht vor, wie gut er ist.
+Als er erfuhr, wieviel Euch Recha schuldig:
+Was haett', in diesem Augenblicke, nicht
+Er alles Euch getan, gegeben!
+
+Tempelherr. Ei!
+
+Daja.
+Versucht's und kommt und seht!
+
+Tempelherr. Was denn? wie schnell
+Ein Augenblick vorueber ist?
+
+Daja. Haett' ich,
+Wenn er so gut nicht waer', es mir so lange
+Bei ihm gefallen lassen? Meint Ihr etwa,
+Ich fuehle meinen Wert als Christin nicht?
+Auch mir ward's vor der Wiege nicht gesungen,
+Dass ich nur darum meinem Ehgemahl
+Nach Palaestina folgen wuerd', um da
+Ein Judenmaedchen zu erziehn. Es war
+Mein lieber Ehgemahl ein edler Knecht
+In Kaiser Friedrichs Heere--
+
+Tempelherr. Von Geburt
+Ein Schweizer, dem die Ehr' und Gnade ward,
+Mit Seiner Kaiserlichen Majestaet
+In einem Flusse zu ersaufen.--Weib!
+Wievielmal habt Ihr mir das schon erzaehlt?
+Hoert Ihr denn gar nicht auf mich zu verfolgen?
+
+Daja.
+Verfolgen! lieber Gott!
+
+Tempelherr. Ja, ja, verfolgen.
+Ich will nun einmal Euch nicht weiter sehn!
+Nicht hoeren! Will von Euch an eine Tat
+Nicht fort und fort erinnert sein, bei der
+Ich nichts gedacht; die, wenn ich drueber denke,
+Zum Raetsel von mir selbst mir wird. Zwar moecht'
+Ich sie nicht gern bereuen. Aber seht;
+Ereignet so ein Fall sich wieder: Ihr
+Seid schuld, wenn ich so rasch nicht handle; wenn
+Ich mich vorher erkund--und brennen lasse,
+Was brennt.
+
+Daja. Bewahre Gott!
+
+Tempelherr. Von heut an tut
+Mir den Gefallen wenigstens, und kennt
+Mich weiter nicht. Ich bitt Euch drum. Auch lasst
+Den Vater mir vom Halse. Jud' ist Jude.
+Ich bin ein plumper Schwab. Des Maedchens Bild
+Ist laengst aus meiner Seele; wenn es je
+Da war.
+
+Daja. Doch Eures ist aus ihrer nicht.
+
+Tempelherr.
+Was soll's nun aber da? was soll's?
+
+Daja. Wer weiss!
+Die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen.
+
+Tempelherr.
+Doch selten etwas Bessers. (Er geht.)
+
+Daja. Wartet doch!
+Was eilt Ihr?
+
+Tempelherr. Weib, macht mir die Palmen nicht
+Verhasst, worunter ich so gern sonst wandle.
+
+Daja.
+So geh, du deutscher Baer! so geh!--Und doch
+Muss ich die Spur des Tieres nicht verlieren.
+
+(Sie geht ihm von weiten nach.)
+
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+(Die Szene: des Sultans Palast.)
+
+Saladin und Sittah spielen Schach.
+
+
+Sittah.
+Wo bist du, Saladin? Wie spielst du heut?
+
+Saladin.
+Nicht gut? Ich daechte doch.
+
+Sittah. Fuer mich; und kaum.
+Nimm diesen Zug zurueck.
+
+Saladin. Warum?
+
+Sittah. Der Springer
+Wird unbedeckt.
+
+Saladin. Ist wahr. Nun so!
+
+Sittah. So zieh
+Ich in die Gabel.
+
+Saladin. Wieder wahr.--Schach dann!
+
+Sittah.
+Was hilft dir das? Ich setze vor: und du
+Bist, wie du warst.
+
+Saladin. Aus dieser Klemme seh
+Ich wohl, ist ohne Busse nicht zu kommen.
+Mag's! nimm den Springer nur.
+
+Sittah. Ich will ihn nicht.
+Ich geh vorbei.
+
+Saladin. Du schenkst mir nichts. Dir liegt
+An diesem Plane mehr, als an dem Springer.
+
+Sittah.
+Kann sein.
+
+Saladin. Mach deine Rechnung nur nicht ohne
+Den Wirt. Denn sieh! Was gilt's, das warst du nicht
+Vermuten?
+
+Sittah. Freilich nicht. Wie konnt' ich auch
+Vermuten, dass du deiner Koenigin
+So muede waerst?
+
+Saladin. Ich meiner Koenigin?
+
+Sittah.
+Ich seh nun schon.--ich soll heut meine tausend
+Dinar', kein Naserinchen mehr gewinnen.
+
+Saladin.
+Wieso?
+
+Sittah. Frag noch!--Weil du mit Fleiss, mit aller
+Gewalt verlieren willst.--Doch dabei find
+Ich meine Rechnung nicht. Denn ausser, dass
+Ein solches Spiel das unterhaltendste
+Nicht ist: gewann ich immer nicht am meisten
+Mit dir' wenn ich verlor? Wenn hast du mir
+Den Satz, mich des verlornen Spieles wegen
+Zu troesten, doppelt nicht hernach geschenkt?
+
+Saladin.
+Ei sieh! so haettest du ja wohl, wenn du
+Verlorst, mit Fleiss verloren, Schwesterchen?
+
+Sittah.
+Zum wenigsten kann gar wohl sein, dass deine
+Freigebigkeit, mein liebes Bruederchen,
+Schuld ist, dass ich nicht besser spielen lernen.
+
+Saladin.
+Wir kommen ab vom Spiele. Mach ein Ende!
+
+Sittah.
+So bleibt es? Nun dann: Schach! und doppelt Schach!
+
+Saladin.
+Nun freilich; dieses Abschach hab ich nicht
+Gesehn, das meine Koenigin zugleich
+Mit niederwirft.
+
+Sittah. War dem noch abzuhelfen?
+Lass sehn.
+
+Saladin. Nein, nein; nimm nur die Koenigin.
+Ich war mit diesem Steine nie recht gluecklich.
+
+Sittah.
+Bloss mit dem Steine?
+
+Saladin. Fort damit!--Das tut
+Mir nichts. Denn so ist alles wiederum
+Geschuetzt.
+
+Sittah. Wie hoeflich man mit Koeniginnen
+Verfahren muesse: hat mein Bruder mich
+Zu wohl gelehrt. (Sie laesst sie stehen.)
+
+Saladin. Nimm, oder nimm sie nicht!
+Ich habe keine mehr.
+
+Sittah. Wozu sie nehmen?
+Schach!--Schach!
+
+Saladin. Nur weiter.
+
+Sittah. Schach!--und Schach!--und Schach!--
+
+Saladin.
+Und matt!
+
+Sittah. Nicht ganz; du ziehst den Springer noch
+Dazwischen; oder was du machen willst.
+Gleichviel!
+
+Saladin. Ganz recht!--Du hast gewonnen: und
+Al-Hafi zahlt.--Man lass' ihn rufen! gleich!
+Du hattest, Sittah, nicht so unrecht; ich
+War nicht so ganz beim Spiele; war zerstreut.
+Und dann: wer gibt uns denn die glatten Steine
+Bestaendig? die an nichts erinnern, nichts
+Bezeichnen. Hab ich mit dem Iman denn
+Gespielt?--Doch was? Verlust will Vorwand. Nicht
+Die umgeformten Steine, Sittah, sind's,
+Die mich verlieren machten: deine Kunst,
+Dein ruhiger und schneller Blick...
+
+Sittah. Auch so
+Willst du den Stachel des Verlusts nur stumpfen.
+Genug, du warst zerstreut; und mehr als ich.
+
+Saladin.
+Als du? Was haette dich zerstreuet?
+
+Sittah. Deine
+Zerstreuung freilich nicht!--O Saladin,
+Wenn werden wir so fleissig wieder spielen.
+
+Saladin.
+So spielen wir um so viel gieriger!--
+Ah! weil es wieder losgeht, meinst du?--Mag's!--
+Nur zu!--Ich habe nicht zuerst gezogen;
+Ich haette gern den Stillestand aufs neue
+Verlaengert; haette meiner Sittah gern,
+Gern einen guten Mann zugleich verschafft.
+Und das muss Richards Bruder sein: er ist
+Ja Richards Bruder.
+
+Sittah. Wenn du deinen Richard
+Nur loben kannst!
+
+Saladin. Wenn unserm Bruder Melek
+Dann Richards Schwester waer' zu Teile worden:
+Ha! welch ein Haus zusammen! Ha, der ersten,
+Der besten Haeuser in der Welt das beste!
+Du hoerst, ich bin mich selbst zu loben, auch
+Nicht faul. Ich duenk mich meiner Freunde wert.
+Das haette Menschen geben sollen! das!
+
+Sittah.
+Hab ich des schoenen Traums nicht gleich gelacht?
+Du kennst die Christen nicht, willst sie nicht kennen.
+Ihr Stolz ist: Christen sein; nicht Menschen. Denn
+Selbst das, was, noch von ihrem Stifter her,
+Mit Menschlichkeit den Aberglauben wuerzt,
+Das lieben sie, nicht weil es menschlich ist:
+Weil's Christus lehrt; weil's Christus hat getan.--
+Wohl ihnen, dass er so ein guter Mensch
+Noch war! Wohl ihnen, dass sie seine Tugend
+Auf Treu und Glaube nehmen koennen!--Doch
+Was Tugend?--Seine Tugend nicht; sein Name
+Soll ueberall verbreitet werden; soll
+Die Namen aller guten Menschen schaenden,
+Verschlingen. Um den Namen, um den Namen
+Ist ihnen nur zu tun.
+
+Saladin. Du meinst: warum
+Sie sonst verlangen wuerden, dass auch ihr,
+Auch du und Melek, Christen hiesset, eh'
+Als Ehgemahl ihr Christen lieben wolltet?
+
+Sittah.
+Jawohl! Als waer' von Christen nur, als Christen,
+Die Liebe zu gewaertigen, womit
+Der Schoepfer Mann und Maennin ausgestattet!
+
+Saladin.
+Die Christen glauben mehr Armseligkeiten,
+Als dass sie die nicht auch noch glauben koennten!
+Und gleichwohl irrst du dich.--Die Tempelherren,
+Die Christen nicht, sind schuld: sind nicht, als Christen,
+Als Tempelherren schuld. Durch die allein
+Wird aus der Sache nichts. Sie wollen Acca,
+Das Richards Schwester unserm Bruder Melek
+Zum Brautschatz bringen muesste, schlechterdings
+Nicht fahren lassen. Dass des Ritters Vorteil
+Gefahr nicht laufe, spielen sie den Moench,
+Den albern Moench. Und ob vielleicht im Fluge
+Ein guter Streich gelaenge: haben sie
+Des Waffenstillestandes Ablauf kaum
+Erwarten koennen.--Lustig! Nur so weiter!
+Ihr Herren, nur so weiter!--Mir schon recht!--
+Waer' alles sonst nur, wie es muesste.
+
+Sittah. Nun?
+Was irrte dich denn sonst? Was koennte sonst
+Dich aus der Fassung bringen?
+
+Saladin. Was von je
+Mich immer aus der Fassung hat gebracht.--
+Ich war auf Libanon, bei unserm Vater.
+Er unterliegt den Sorgen noch...
+
+Sittah. O weh!
+
+Saladin.
+Er kann nicht durch; es klemmt sich allerorten;
+Es fehlt bald da, bald dort--
+
+Sittah. Was klemmt? was fehlt?
+
+Saladin.
+Was sonst, als was ich kaum zu nennen wuerd'ge?
+Was, wenn ich's habe, mir so ueberfluessig,
+Und hab ich's nicht, so unentbehrlich scheint.--
+Wo bleibt Al-Hafi denn? Ist niemand nach
+Ihm aus?--Das leidige, verwuenschte Geld!--
+Gut, Hafi, dass du koemmst.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Der Derwisch Al-Hafi. Saladin. Sittah.
+
+
+Al-Hafi. Die Gelder aus
+Aegypten sind vermutlich angelangt.
+Wenn's nur fein viel ist.
+
+Saladin. Hast du Nachricht?
+
+Al-Hafi. Ich?
+Ich nicht. Ich denke, dass ich hier sie in
+Empfang soll nehmen.
+
+Saladin. Zahl an Sittah tausend
+Dinare! (In Gedanken hin und her gebend.)
+
+Al-Hafi. Zahl! anstatt empfang! O schoen!
+Das ist fuer Was noch weniger als Nichts.--
+An Sittah?--wiederum an Sittah? Und
+Verloren?--wiederum im Schach verloren?--
+Da steht es noch das Spiel!
+
+Sittah. Du goennst mir doch
+Mein Glueck?
+
+Al-Hafi (das Spiel betrachtend).
+Was goennen? Wenn--Ihr wisst ja wohl.
+
+Sittah (ihm winkend).
+Bst! Hafi! bst!
+
+Al-Hafi (noch auf das Spiel gerichtet).
+Goennt's Euch nur selber erst!
+
+Sittah.
+Al-Hafi; bst!
+
+Al-Hafi (zu Sittah). Die Weissen waren Euer?
+Ihr bietet Schach?
+
+Sittah. Gut, dass er nichts gehoert.
+
+Al-Hafi.
+Nun ist der Zug an ihm?
+
+Sittah (ihm naehertretend). So sage doch,
+Dass ich mein Geld bekommen kann.
+
+Al-Hafi (noch auf das Spiel geheftet).
+Nun ja;
+Ihr sollt's bekommen, wie Ihr's stets bekommen.
+
+Sittah.
+Wie? bist du toll?
+
+Al-Hafi. Das Spiel ist ja nicht aus.
+Ihr habt ja nicht verloren, Saladin.
+
+Saladin (kaum hinhoerend).
+Doch! doch! Bezahl! bezahl!
+
+Al-Hafi. Bezahl! bezahl!
+Da steht ja Eure Koenigin.
+
+Saladin (noch so). Gilt nicht;
+Gehoert nicht mehr ins Spiel.
+
+Sittah. So mach und sag,
+Dass ich das Geld mir nur kann holen lassen.
+
+Al-Hafi (noch immer in das Spiel vertieft).
+Versteht sich, so wie immer.--Wenn auch schon;
+Wenn auch die Koenigin nichts gilt: Ihr seid
+Doch darum noch nicht matt.
+
+Saladin (tritt hinzu und wirft das Spiel um).
+Ich bin es; will
+Es sein.
+
+Al-Hafi. Ja so!--Spiel wie Gewinst! So wie
+Gewonnen, so bezahlt.
+
+Saladin (zu Sittah). Was sagt er? was?
+
+Sittah (von Zeit zu Zeit dem Hafi winkend).
+Du kennst ihn ja. Er straeubt sich gern; laesst gern
+Sich bitten; ist wohl gar ein wenig neidisch.--
+
+Saladin.
+Auf dich doch nicht? Auf meine Schwester nicht?
+Was hoer ich, Hafi? Neidisch? du?
+
+Al-Hafi. Kann sein!
+Kann sein!--Ich haett' ihr Hirn wohl lieber selbst;
+Waer' lieber selbst so gut, als sie.
+
+Sittah. Indes
+Hat er doch immer richtig noch bezahlt.
+Und wird auch heut bezahlen. Lass ihn nur!--
+Geh nur, Al-Hafi, geh! Ich will das Geld
+Schon holen lassen.
+
+Al-Hafi. Nein; ich spiele laenger
+Die Mummerei nicht mit. Er muss es doch
+Einmal erfahren.
+
+Saladin. Wer? und was?
+
+Sittah. Al-Hafi!
+Ist dieses dein Versprechen? Haeltst du so
+Mir Wort?
+
+Al-Hafi. Wie konnt' ich glauben, dass es so
+Weit gehen wuerde.
+
+Saladin. Nun? erfahr ich nichts?
+
+Sittah.
+Ich bitte dich, Al-Hafi; sei bescheiden.
+
+Saladin.
+Das ist doch sonderbar! Was koennte Sittah
+So feierlich, so warm bei einem Fremden,
+Bei einem Derwisch lieber, als bei mir,
+Bei ihrem Bruder, sich verbitten wollen.
+Al-Hafi, nun befehl ich.--Rede, Derwisch!
+
+Sittah.
+Lass eine Kleinigkeit, mein Bruder, dir
+Nicht naeher treten, als sie wuerdig ist.
+Du weisst, ich habe zu verschiednen Malen
+Dieselbe Summ' im Schach von dir gewonnen.
+Und weil ich itzt das Geld nicht noetig habe;
+Weil itzt in Hafis Kasse doch das Geld
+Nicht eben allzuhaeufig ist: so sind
+Die Posten stehngeblieben. Aber sorgt
+Nur nicht! Ich will sie weder dir, mein Bruder,
+Noch Hafi, noch der Kasse schenken.
+
+Al-Hafi. Ja,
+Wenn's das nur waere! das!
+
+Sittah. Und mehr dergleichen.--
+Auch das ist in der Kasse stehngeblieben,
+Was du mir einmal ausgeworfen; ist
+Seit wenig Monden stehngeblieben.
+
+Al-Hafi. Noch
+Nicht alles.
+
+Saladin. Noch nicht?--Wirst du reden?
+
+Al-Hafi.
+Seit aus Aegypten wir das GeId erwarten,
+Hat sie...
+
+Sittah (zu Saladin). Wozu ihn hoeren?
+
+Al-Hafi. Nicht nur nichts
+Bekommen...
+
+Saladin. Gutes Maedchen!--Auch beiher
+Mit vorgeschossen. Nicht?
+
+Al-Hafi. Den ganzen Hof
+Erhalten; Euern Aufwand ganz allein
+Bestritten.
+
+Saladin. Ha! das, das ist meine Schwester!
+(Sie umarmend.)
+
+Sittah.
+Wer hatte, dies zu koennen, mich so reich
+Gemacht, als du, mein Bruder?
+
+Al-Hafi. Wird schon auch
+So bettelarm sie wieder machen, als
+Er selber ist.
+
+Saladin. Ich arm? der Bruder arm?
+Wenn hab ich mehr? wenn weniger gehabt?--
+Ein Kleid, Ein Schwert, Ein Pferd,--und Einen Gott!
+Was brauch ich mehr? Wenn kann's an dem mir fehlen?
+Und doch, Al-Hafi, koennt' ich mit dir schelten.
+
+Sittah.
+Schilt nicht, mein Bruder. Wenn ich unserm Vater
+Auch seine Sorgen so erleichtern koennte!
+
+Saladin.
+Ah! Ah! Nun schlaegst du meine Freudigkeit
+Auf einmal wieder nieder!--Mir, fuer mich
+Fehlt nichts, und kann nichts fehlen. Aber ihm,
+Ihm fehlet; und in ihm uns allen.--Sagt,
+Was soll ich machen?--Aus Aegypten kommt
+Vielleicht noch lange nichts. Woran das liegt,
+Weiss Gott. Es ist doch da noch alles ruhig.--
+Abbrechen, einziehn, sparen, will ich gern,
+Mir gern gefallen lassen; wenn es mich,
+Bloss mich betrifft; bloss mich, und niemand sonst
+Darunter leidet.--Doch was kann das machen?
+Ein Pferd, Ein Kleid, Ein Schwert, muss ich doch haben.
+Und meinem Gott ist auch nichts abzudingen.
+Ihm gnuegt schon so mit wenigem genug;
+Mit meinem Herzen.--Auf den Ueberschuss
+Von deiner Kasse, Hafi, hatt' ich sehr
+Gerechnet.
+
+Al-Hafi. Ueberschuss?--Sagt selber, ob
+Ihr mich nicht haettet spiessen, wenigstens
+Mich drosseln lassen, wenn auf Ueberschuss
+Ich von Euch waer' ergriffen worden. Ja,
+Auf Unterschleif! das war zu wagen.
+
+Saladin. Nun,
+Was machen wir denn aber?--Konntest du
+Vorerst bei niemand andern borgen, als
+Bei Sittah?
+
+Sittah. Wuerd' ich dieses Vorrecht, Bruder,
+Mir haben nehmen lassen? Mir von ihm?
+Auch noch besteh ich drauf. Noch bin ich auf
+Dem Trocknen voellig nicht.
+
+Saladin. Nur voellig nicht!
+Das fehlte noch!--Geh gleich, mach Anstalt, Hafi!
+Nimm auf bei wem du kannst! und wie du kannst!
+Geh, borg, versprich.--Nur, Hafi, borge nicht
+Bei denen, die ich reich gemacht. Denn borgen
+Von diesen, moechte wiederfordern heissen.
+Geh zu den Geizigsten; die werden mir
+Am liebsten leihen. Denn sie wissen wohl,
+Wie gut ihr Geld in meinen Haenden wuchert.
+
+Al-Hafi.
+Ich kenne deren keine.
+
+Sittah. Eben faellt
+Mir ein, gehoert zu haben, Hafi, dass
+Dein Freund zurueckgekommen.
+
+Al-Hafi (betroffen). Freund? mein Freund?
+Wer waer' denn das?
+
+Sittah. Dein hochgepriesner Jude.
+
+Al-Hafi.
+Gepriesner Jude? hoch von mir?
+
+Sittah. Dem Gott,--
+Mich denkt des Ausdrucks noch recht wohl, des einst
+Du selber dich von ihm bedientest,--dem
+Sein Gott von allen Guetern dieser Welt
+Das Kleinst' und Groesste so in vollem Mass
+Erteilet habe.--
+
+Al-Hafi. Sagt' ich so?--Was meint'
+Ich denn damit?
+
+Sittah. Das Kleinste: Reichtum. Und
+Das Groesste: Weisheit.
+
+Al-Hafi. Wie? von einem Juden?
+Von einem Juden haett' ich das gesagt?
+
+Sittah.
+Das haettest du von deinem Nathan nicht
+Gesagt?
+
+Al-Hafi. Ja so! von dem! vom Nathan!--Fiel
+Mir der doch gar nicht bei.--Wahrhaftig? Der
+Ist endlich wieder heimgekommen? Ei!
+So mag's doch gar so schlecht mit ihm nicht stehn.--
+Ganz recht: den nannt' einmal das Volk den Weisen!
+Den Reichen auch.
+
+Sittah. Den Reichen nennt es ihn
+Itzt mehr als je. Die ganze Stadt erschallt,
+Was fuer Kostbarkeiten, was fuer Schaetze
+Er mitgebracht.
+
+Al-Hafi. Nun, ist's der Reiche wieder:
+So wird's auch wohl der Weise wieder sein.
+
+Sittah.
+Was meinst du, Hafi, wenn du diesen angingst?
+
+Al-Hafi.
+Und was bei ihm?--Doch wohl nicht borgen?--Ja,
+Da kennt Ihr ihn.--Er borgen!--Seine Weisheit
+Ist eben, dass er niemand borgt.
+
+Sittah. Du hast
+Mir sonst doch ganz ein ander Bild von ihm
+Gemacht.
+
+Al-Hafi. Zur Not wird er Euch Waren borgen.
+Geld aber, Geld? Geld nimmermehr.--Es ist
+Ein Jude freilich uebrigens, wie's nicht
+Viel Juden gibt. Er hat Verstand; er weiss
+Zu leben; spielt gut Schach. Doch zeichnet er
+Im Schlechten sich nicht minder, als im Guten
+Von allen andern Juden aus.--Auf den,
+Auf den nur rechnet nicht.--Den Armen gibt
+Er zwar; und gibt vielleicht trotz Saladin.
+Wenn schon nicht ganz so viel; doch ganz so gern;
+Doch ganz so sonder Ansehn. Jud' und Christ
+Und Muselmann und Parsi, alles ist
+Ihm eins.
+
+Sittah. Und so ein Mann...
+
+Saladin. Wie kommt es denn,
+Dass ich von diesem Manne nie gehoert?...
+
+Sittah.
+Der sollte Saladin nicht borgen? nicht
+Dem Saladin, der nur fuer andre braucht,
+Nicht sich?
+
+Al-Hafi. Da seht nun gleich den Juden wieder;
+Den ganz gemeinen Juden!--Glaubt mir's doch!--
+Er ist aufs Geben Euch so eifersuechtig,
+So neidisch! Jedes Lohn von Gott, das in
+Der Welt gesagt wird, zoeg' er lieber ganz
+Allein. Nur darum eben leiht er keinem,
+Damit er stets zu geben habe. Weil
+Die Mild' ihm im Gesetz geboten; die
+Gefaelligkeit ihm aber nicht geboten: macht
+Die Mild' ihn zu dem ungefaelligsten
+Gesellen auf der Welt. Zwar bin ich seit
+Geraumer Zeit ein wenig uebern Fuss
+Mit ihm gespannt; doch denkt nur nicht, dass ich
+Ihm darum nicht Gerechtigkeit erzeige.
+Er ist zu allem gut: bloss dazu nicht;
+Bloss dazu wahrlich nicht. Ich will auch gleich
+Nur gehn, an andre Tueren klopfen... Da
+Besinn ich mich soeben eines Mohren,
+Der reich und geizig ist.--Ich geh; ich geh.
+
+Sittah.
+Was eilst du, Hafi?
+
+Saladin. Lass ihn! lass ihn!
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Sittah. Saladin.
+
+
+Sittah. Eilt
+Er doch, als ob er mir nur gern entkaeme!
+Was heisst das?--Hat er wirklich sich in ihm
+Betrogen, oder--moecht' er uns nur gern
+Betruegen?
+
+Saladin. Wie? das fragst du mich? Ich weiss
+Ja kaum, von wem die Rede war; und hoere
+Von euerm Juden, euerm Nathan heut
+Zum erstenmal.
+
+Sittah. Ist's moeglich? dass ein Mann
+Dir so verborgen blieb, von dem es heisst,
+Er habe Salomons und Davids Graeber
+Erforscht, und wisse deren Siegel durch
+Ein maechtiges geheimes Wort zu loesen?
+Aus ihnen bring' er dann von Zeit zu Zeit
+Die unermesslichen Reichtuemer an
+Den Tag, die keinen mindern Quell verrieten.
+
+Saladin.
+Hat seinen Reichtum dieser Mann aus Graebern,
+So waren's sicherlich nicht Salomons,
+Nicht Davids Graeber. Narren lagen da
+Begraben!
+
+Sittah. Oder Boesewichter!--Auch
+Ist seines Reichtums Quelle weit ergiebiger,
+Weit unerschoepflicher, als so ein Grab
+Voll Mammon.
+
+Saladin. Denn er handelt; wie ich hoerte.
+
+Sittah.
+Sein Saumtier treibt auf allen Strassen, zieht
+Durch alle Wuesten; seine Schiffe liegen
+In allen Haefen. Das hat mir wohl eh'
+Al-Hafi selbst gesagt; und voll Entzuecken
+Hinzugefuegt, wie gross, wie edel dieser
+Sein Freund anwende, was so klug und emsig
+Er zu erwerben fuer zu klein nicht achte.
+Hinzugefuegt, wie frei von Vorurteilen
+Sein Geist; sein Herz wie offen jeder Tugend,
+Wie eingestimmt mit jeder Schoenheit sei.
+
+Saladin.
+Und itzt sprach Hafi doch so ungewiss,
+So kalt von ihm.
+
+Sittah. Kalt nun wohl nicht; verlegen.
+Als halt' er's fuer gefaehrlich, ihn zu loben,
+Und woll' ihn unverdient doch auch nicht tadeln.--
+Wie? oder waer' es wirklich so, dass selbst
+Der Beste seines Volkes seinem Volke
+Nicht ganz entfliehen kann? dass wirklich sich
+Al-Hafi seines Freunds von dieser Seite
+Zu schaemen haette?--Sei dem, wie ihm wolle!--
+Der Jude sei mehr oder weniger
+Als Jud', ist er nur reich: genug fuer uns!
+
+Saladin.
+Du willst ihm aber doch das Seine mit
+Gewalt nicht nehmen, Schwester?
+
+Sittah. Ja, was heisst
+Bei dir Gewalt? Mit Feu'r und Schwert? Nein, nein,
+Was braucht es mit den Schwachen fuer Gewalt,
+Als ihre Schwaeche?--Komm vor itzt nur mit
+In meinen Haram, eine Saengerin
+Zu hoeren, die ich gestern erst gekauft.
+Es reift indes bei mir vielleicht ein Anschlag,
+Den ich auf diesen Nathan habe.--Komm!
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+(Szene: vor dem Hause des Nathan, wo es an die Palmen stoesst.)
+
+Recha und Nathan kommen heraus. Zu ihnen Daja.
+
+
+Recha.
+Ihr habt Euch sehr verweilt, mein Vater. Er
+Wird kaum noch mehr zu treffen sein.
+
+Nathan. Nun, nun;
+Wenn hier, hier untern Palmen schon nicht mehr:
+Doch anderwaerts.--Sei itzt nur ruhig.--Sieh!
+Koemmt dort nicht Daja auf uns zu?
+
+Recha. Sie wird
+Ihn ganz gewiss verloren haben.
+
+Nathan. Auch
+Wohl nicht.
+
+Recha. Sie wuerde sonst geschwinder kommen.
+
+Nathan.
+Sie hat uns wohl noch nicht gesehn...
+
+Recha. Nun sieht
+Sie uns.
+
+Nathan. Und doppelt ihre Schritte. Sieh!
+Sei doch nur ruhig! ruhig!
+
+Recha. Wolltet Ihr
+Wohl eine Tochter, die hier ruhig waere?
+Sich unbekuemmert liesse, wessen Wohltat
+Ihr Leben sei? Ihr Leben,--das ihr nur
+So lieb, weil sie es Euch zuerst verdanket.
+
+Nathan.
+Ich moechte dich nicht anders, als du bist:
+Auch wenn ich wuesste, dass in deiner Seele
+Ganz etwas anders noch sich rege.
+
+Recha. Was,
+Mein Vater?
+
+Nathan. Fragst du mich? so schuechtern mich?
+Was auch in deinem Innern vorgeht, ist
+Natur und Unschuld. Lass es keine Sorge
+Dir machen. Mir, mir macht es keine. Nur
+Versprich mir: wenn dein Herz vernehmlicher
+Sich einst erklaert, mir seiner Wuensche keinen
+Zu bergen.
+
+Recha. Schon die Moeglichkeit, mein Herz
+Euch lieber zu verhuellen, macht mich zittern.
+
+Nathan.
+Nichts mehr hiervon! Das ein fuer allemal
+Ist abgetan.--Da ist ja Daja.--Nun?
+
+Daja.
+Noch wandelt er hier untern Palmen; und
+Wird gleich um jene Mauer kommen.--Seht,
+Da koemmt er!
+
+Recha. Ah! und scheinet unentschlossen,
+Wohin? ob weiter? ob hinab? ob rechts?
+Ob links?
+
+Daja. Nein, nein; er macht den Weg ums Kloster
+Gewiss noch oefter; und dann muss er hier
+Vorbei.--Was gilt's?
+
+Recha. Recht! recht!--Hast du ihn schon
+Gesprochen? Und wie ist er heut?
+
+Daja. Wie immer.
+
+Nathan.
+So macht nur, dass er Euch hier nicht gewahr
+Wird. Tretet mehr zurueck. Geht lieber ganz
+Hinein.
+
+Recha. Nur einen Blick noch!--Ah! die Hecke,
+Die mir ihn stiehlt.
+
+Daja. Kommt! kommt! Der Vater hat
+Ganz recht. Ihr lauft Gefahr, wenn er Euch sieht,
+Dass auf der Stell' er umkehrt.
+
+Recha. Ah! die Hecke!
+
+Nathan.
+Und koemmt er ploetzlich dort aus ihr hervor:
+So kann er anders nicht, er muss Euch sehn.
+Drum geht doch nur!
+
+Daja. Kommt! kommt! Ich weiss ein Fenster,
+Aus dem wir sie bemerken koennen.
+
+Recha. Ja?
+
+(Beide hinein.)
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+
+Nathan und bald darauf der Tempelherr.
+
+
+Nathan.
+Fast scheu ich mich des Sonderlings. Fast macht
+Mich seine rauhe Tugend stutzen. Dass
+Ein Mensch doch einen Menschen so verlegen
+Soll machen koennen!--Ha! er koemmt.--Bei Gott!
+Ein Juengling wie ein Mann. Ich mag ihn wohl
+Den guten, trotz'gen Blick! den prallen Gang!
+Die Schale kann nur bitter sein: der Kern
+Ist's sicher nicht.--Wo sah ich doch dergleichen?--
+Verzeihet, edler Franke...
+
+Tempelherr. Was?
+
+Nathan. Erlaubt...
+
+Tempelherr.
+Was, Jude? was?
+
+Nathan. Dass ich mich untersteh,
+Euch anzureden.
+
+Tempelherr. Kann ich's wehren? Doch
+Nur kurz.
+
+Nathan. Verzieht, und eilet nicht so stolz,
+Nicht so veraechtlich einem Mann vorueber,
+Den Ihr auf ewig Euch verbunden habt.
+
+Tempelherr.
+Wie das?--Ah, fast errat ich's. Nicht? Ihr seid...
+
+Nathan.
+Ich heisse Nathan; bin des Maedchens Vater,
+Das Eure Grossmut aus dem Feu'r gerettet;
+Und komme...
+
+Tempelherr. Wenn zu danken:--spart's! Ich hab
+Um diese Kleinigkeit des Dankes schon
+Zu viel erdulden muessen.--Vollends Ihr,
+Ihr seid mir gar nichts schuldig. Wusst' ich denn,
+Dass dieses Maedchen Eure Tochter war?
+Es ist der Tempelherren Pflicht, dem ersten
+Dem besten beizuspringen, dessen Not
+Sie sehn. Mein Leben war mir ohnedem
+In diesem Augenblicke laestig. Gern,
+Sehr gern ergriff ich die Gelegenheit,
+Es fuer ein andres Leben in die Schanze
+Zu schlagen: fuer ein andres--wenn's auch nur
+Das Leben einer Juedin waere.
+
+Nathan. Gross!
+Gross und abscheulich!--Doch die Wendung laesst
+Sich denken. Die bescheidne Groesse fluechtet
+Sich hinter das Abscheuliche, um der
+Bewundrung auszuweichen.--Aber wenn
+Sie so das Opfer der Bewunderung
+Verschmaeht: was fuer ein Opfer denn verschmaeht
+Sie minder?--Ritter, wenn Ihr hier nicht fremd
+Und nicht gefangen waeret, wuerd' ich Euch
+So dreist nicht fragen. Sagt, befehlt: womit
+Kann man Euch dienen?
+
+Tempelherr. Ihr? Mit nichts.
+
+Nathan. Ich bin
+Ein reicher Mann.
+
+Tempelherr. Der reichre Jude war
+Mir nie der bessre Jude.
+
+Nathan. Duerft Ihr denn
+Darum nicht nuetzen, was demungeachtet
+Er Bessres hat? nicht seinen Reichtum nuetzen?
+
+Tempelherr.
+Nun gut, das will ich auch nicht ganz verreden;
+Um meines Mantels willen nicht. Sobald
+Der ganz und gar verschlissen; weder Stich
+Noch Fetze laenger halten will: komm ich
+Und borge mir bei Euch zu einem neuen,
+Tuch oder Geld.--Seht nicht mit eins so finster!
+Noch seid Ihr sicher; noch ist's nicht so weit
+Mit ihm. Ihr seht; er ist so ziemlich noch
+Im Stande. Nur der eine Zipfel da
+Hat einen garstigen Fleck; er ist versengt.
+Und das bekam er, als ich Eure Tochter
+Durchs Feuer trug.
+
+Nathan (der nach dem Zipfel greift und ihn betrachtet).
+Es ist doch sonderbar,
+Dass so ein boeser Fleck, dass so ein Brandmal
+Dem Mann ein bessres Zeugnis redet, als
+Sein eigner Mund. Ich moecht' ihn kuessen gleich--
+Den Flecken!--Ah, verzeiht!--Ich tat es ungern.
+
+Tempelherr.
+Was?
+
+Nathan. Eine Traene fiel darauf.
+
+Tempelherr. Tut nichts!
+Er hat der Tropfen mehr.--(Bald aber faengt
+Mich dieser Jud' an zu verwirren.)
+
+Nathan. Waert
+Ihr wohl so gut, und schicktet Euern Mantel
+Auch einmal meinem Maedchen?
+
+Tempelherr. Was damit?
+
+Nathan.
+Auch ihren Mund an diesen Fleck zu druecken.
+Denn Eure Kniee selber zu umfassen,
+Wuenscht sie nun wohl vergebens.
+
+Tempelherr. Aber, Jude--
+Ihr heisset Nathan?--Aber, Nathan--Ihr
+Setzt Eure Worte sehr--sehr gut--sehr spitz--
+Ich bin betreten--Allerdings--ich haette...
+
+Nathan.
+Stellt und verstellt Euch, wie Ihr wollt. Ich find
+Auch hier Euch aus. Ihr wart zu gut, zu bieder,
+Um hoeflicher zu sein.--Das Maedchen, ganz
+Gefuehl; der weibliche Gesandte, ganz
+Dienstfertigkeit; der Vater weit entfernt--
+Ihr trugt fuer ihren guten Namen Sorge;
+Floht ihre Pruefung; floht, um nicht zu siegen.
+Auch dafuer dank ich Euch--
+
+Tempelherr. Ich muss gestehn,
+Ihr wisst, wie Tempelherren denken sollten.
+
+Nathan.
+Nur Tempelherren? sollten bloss? und bloss
+Weil es die Ordensregeln so gebieten?
+Ich weiss, wie gute Menschen denken; weiss,
+Dass alle Laender gute Menschen tragen.
+
+Tempelherr.
+Mit Unterschied, doch hoffentlich?
+
+Nathan. Jawohl;
+An Farb', an Kleidung, an Gestalt verschieden.
+
+Tempelherr.
+Auch hier bald mehr, bald weniger, als dort.
+
+Nathan.
+Mit diesem Unterschied ist's nicht weit her.
+Der grosse Mann braucht ueberall viel Boden;
+Und mehrere, zu nah gepflanzt, zerschlagen
+Sich nur die Aeste. Mittelgut, wie wir,
+Find't sich hingegen ueberall in Menge.
+Nur muss der eine nicht den andern maekeln.
+Nur muss der Knorr den Knuppen huebsch vertragen.
+Nur muss ein Gipfelchen sich nicht vermessen,
+Dass es allein der Erde nicht entschossen.
+
+Tempelherr.
+Sehr wohl gesagt!--Doch kennt Ihr auch das Volk,
+Das diese Menschenmaekelei zuerst
+Getrieben? Wisst Ihr, Nathan, welches Volk
+Zuerst das auserwaehlte Volk sich nannte?
+Wie? wenn ich dieses Volk nun, zwar nicht hasste,
+Doch wegen seines Stolzes zu verachten,
+Mich nicht entbrechen koennte? Seines Stolzes;
+Den es auf Christ und Muselmann vererbte,
+Nur sein Gott sei der rechte Gott!--Ihr stutzt,
+Dass ich, ein Christ, ein Tempelherr, so rede?
+Wenn hat, und wo die fromme Raserei,
+Den bessern Gott zu haben, diesen bessern
+Der ganzen Welt als besten auf zudringen,
+In ihrer schwaerzesten Gestalt sich mehr
+Gezeigt, als hier, als itzt? Wem hier, wem itzt
+Die Schuppen nicht vom Auge fallen... Doch
+Sei blind, wer will!--Vergesst, was ich gesagt;
+Und lasst mich! (Will gehen.)
+
+Nathan. Ha! Ihr wisst nicht, wie viel fester
+Ich nun mich an Euch draengen werde.--Kommt,
+Wir muessen, muessen Freunde sein!--Verachtet
+Mein Volk so sehr Ihr wollt. Wir haben beide
+Uns unser Volk nicht auserlesen. Sind
+Wir unser Volk? Was heisst denn Volk?
+Sind Christ und Jude eher Christ und Jude,
+Als Mensch? Ah! wenn ich einen mehr in Euch
+Gefunden haette, dem es gnuegt, ein Mensch
+Zu heissen!
+
+Tempelherr. Ja, bei Gott, das habt Ihr, Nathan!
+Das habt Ihr!--Eure Hand!--Ich schaeme mich,
+Euch einen Augenblick verkannt zu haben.
+
+Nathan.
+Und ich bin stolz darauf. Nur das Gemeine
+Verkennt man selten.
+
+Tempelherr. Und das Seltene
+Vergisst man schwerlich.--Nathan, ja;
+Wir muessen, muessen Freunde werden.
+
+Nathan. Sind
+Es schon.--Wie wird sich meine Recha freuen!--
+Und ah! welch eine heitre Ferne schliesst
+Sich meinen Blicken auf!--Kennt sie nur erst.
+
+Tempelherr.
+Ich brenne vor Verlangen.--Wer stuerzt dort
+Aus Euerm Hause? Ist's nicht ihre Daja?
+
+Nathan.
+Jawohl. So aengstlich?
+
+Tempelherr. Unsrer Recha ist
+Doch nichts begegnet?
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Die Vorigen und Daja eilig.
+
+
+Daja. Nathan! Nathan!
+
+Nathan. Nun?
+
+Daja.
+Verzeihet, edler Ritter, dass ich Euch
+Muss unterbrechen.
+
+Nathan. Nun, was ist's?
+
+Tempelherr. Was ist's?
+
+Daja.
+Der Sultan hat geschickt. Der Sultan will
+Euch sprechen. Gott, der Sultan!
+
+Nathan. Mich? der Sultan?
+Er wird begierig sein, zu sehen, was
+Ich Neues mitgebracht. Sag nur, es sei
+Noch wenig oder gar nichts ausgepackt.
+
+Daja.
+Nein, nein; er will nichts sehen; will Euch sprechen,
+Euch in Person, und bald; sobald Ihr koennt.--
+
+Nathan.
+Ich werde kommen.--Geh nur wieder, geh!
+
+Daja.
+Nehmt ja nicht uebel auf, gestrenger Ritter--
+Gott, wir sind so bekuemmert, was der Sultan
+Doch will.
+
+Nathan. Das wird sich zeigen. Geh nur, geh!
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Nathan und der Tempelherr.
+
+
+Tempelherr.
+So kennt Ihr ihn noch nicht?--ich meine, von
+Person.
+
+Nathan. Den Saladin? Noch nicht. Ich habe
+Ihn nicht vermieden, nicht gesucht zu kennen.
+Der allgemeine Ruf sprach viel zu gut
+Von ihm, dass ich nicht lieber glauben wollte,
+Als sehn. Doch nun,--wenn anders dem so ist,
+Hat er durch Sparung Eures Lebens...
+
+Tempelherr. Ja;
+Dem allerdings ist so. Das Leben, das
+ich leb, ist sein Geschenk.
+
+Nathan. Durch das er mir
+Ein doppelt, dreifach Leben schenkte. Dies
+Hat alles zwischen uns veraendert; hat
+Mit eins ein Seil mir umgeworfen, das
+Mich seinem Dienst auf ewig fesselt. Kaum,
+Und kaum, kann ich es nun erwarten, was
+Er mir zuerst befehlen wird. Ich bin
+Bereit zu allem; bin bereit ihm zu
+Gestehn, dass ich es Euertwegen bin.
+
+Tempelherr.
+Noch hab ich selber ihm nicht danken koennen:
+Sooft ich auch ihm in den Weg getreten.
+Der Eindruck, den ich auf ihn machte, kam
+So schnell, als schnell er wiederum verschwunden.
+Wer weiss, ob er sich meiner gar erinnert.
+Und dennoch muss er, einmal wenigstens,
+Sich meiner noch erinnern, um mein Schicksal
+Ganz zu entscheiden. Nicht genug, dass ich
+Auf sein Geheiss noch bin, mit seinem Willen
+Noch leb: ich muss nun auch von ihm erwarten,
+Nach wessen Willen ich zu leben habe.
+
+Nathan.
+Nicht anders; um so mehr will ich nicht saeumen.--
+Es faellt vielleicht ein Wort, das mir, auf Euch
+Zu kommen, Anlass gibt.--Erlaubt, verzeiht--
+Ich eile--Wenn, wenn aber sehn wir Euch
+Bei uns?
+
+Tempelherr. Sobald ich darf.
+
+Nathan. Sobald Ihr wollt.
+
+Tempelherr.
+Noch heut.
+
+Nathan. Und Euer Name?--muss ich bitten.
+
+Tempelherr.
+Mein Name war--ist Curd von Stauffen.--Curd!
+
+Nathan.
+Von Stauffen?--Stauffen?--Stauffen?
+
+Tempelherr. Warum faellt
+Euch das so auf?
+
+Nathan. Von Stauffen?--Des Geschlechts
+Sind wohl noch mehrere...
+
+Tempelherr. O ja! hier waren,
+Hier faulen des Geschlechts schon mehrere.
+Mein Oheim selbst,--mein Vater will ich sagen,
+Doch warum schaerft sich Euer Blick auf mich
+Je mehr und mehr?
+
+Nathan. O nichts! o nichts! Wie kann
+Ich Euch zu sehn ermueden?
+
+Tempelherr. Drum verlass
+Ich Euch zuerst. Der Blick des Forschers fand
+Nicht selten mehr, als er zu finden wuenschte.
+Ich fuercht ihn, Nathan. Lasst die Zeit allmaehlich,
+Und nicht die Neugier, unsre Kundschaft machen.
+
+(Er geht.)
+
+Nathan (der ihm mit Erstaunen nachsieht).
+"Der Forscher fand nicht selten mehr, als er
+Zu finden wuenschte."--Ist es doch, als ob
+In meiner Seel' er lese!--Wahrlich ja;
+Das koennt' auch mir begegnen.--Nicht allein
+Wolfs Wuchs, Wolfs Gang: auch seine Stimme. So,
+Vollkommen so, warf Wolf sogar den Kopf;
+Trug Wolf sogar das Schwert im Arm'; strich Wolf
+Sogar die Augenbraunen mit der Hand,
+Gleichsam das Feuer seines Blicks zu bergen.
+Wie solche tiefgepraegte Bilder doch
+Zu Zeiten in uns schlafen koennen, bis
+Ein Wort, ein Laut sie weckt.--Von Stauffen!--
+Ganz redet, ganz recht; Filnek und Stauffen.--
+Ich will das bald genauer wissen; bald.
+Nur erst zum Saladin.--Doch wie? lauscht dort
+Nicht Daja?--Nun so komm nur naeher, Daja.
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Daja. Nathan.
+
+
+Nathan.
+Was gilt's? nun drueckt's euch beiden schon das Herz,
+Noch ganz was anders zu erfahren, als
+Was Saladin mir will.
+
+Daja. Verdenkt Ihr's ihr?
+Ihr fingt soeben an, vertraulicher
+Mit ihm zu sprechen: als des Sultans Botschaft
+Uns von dem Fenster scheuchte.
+
+Nathan. Nun, so sag
+Ihr nur, dass sie ihn jeden Augenblick
+Erwarten darf.
+
+Daja. Gewiss? gewiss?
+
+Nathan. Ich kann
+Mich doch auf dich verlassen, Daja? Sei
+Auf deiner Hut; ich bitte dich. Es soll
+Dich nicht gereuen. Dein Gewissen selbst
+Soll seine Rechnung dabei finden. Nur
+Verdirb mir nichts in meinem Plane. Nur
+Erzaehl und frage mit Bescheidenheit,
+Mit Rueckhalt...
+
+Daja. Dass Ihr doch noch erst so was
+Erinnern koennt!--Ich geh; geht Ihr nur auch.
+Denn seht! ich glaube gar, da koemmt vom Sultan
+Ein zweiter Bot', Al-Hafi, Euer Derwisch. (Geht ab.)
+
+
+
+Neunter Auftritt
+
+Nathan. Al-Hafi.
+
+
+Al-Hafi.
+Ha! ha! zu Euch wollt' ich nun eben wieder.
+
+Nathan.
+Ist's denn so eilig? Was verlangt er denn
+Von mir?
+
+Al-Hafi. Wer?
+
+Nathan. Saladin.--Ich komm, ich komme.
+
+Al-Hafi.
+Zu wem? Zum Saladin?
+
+Nathan. Schickt Saladin
+Dich nicht?
+
+Al-Hafi. Mich? nein. Hat er denn schon geschickt?
+
+Nathan.
+Ja freilich hat er.
+
+Al-Hafi. Nun, so ist es richtig.
+
+Nathan.
+Was? was ist richtig?
+
+Al-Hafi. Dass... ich bin nicht schuld;
+Gott weiss, ich bin nicht schuld.--Was hab ich nicht
+Von Euch gesagt, gelogen, um es abzuwenden!
+
+Nathan.
+Was abzuwenden? Was ist richtig?
+
+Al-Hafi. Dass
+Nun Ihr sein Defterdar geworden. Ich
+Bedaur' Euch. Doch mit ansehn will ich's nicht.
+Ich geh von Stund an; geh. Ihr habt es schon
+Gehoert, wohin; und wisst den Weg.--Habt Ihr
+Des Wegs was zu bestellen, sagt: ich bin
+Zu Diensten. Freilich muss es mehr nicht sein,
+Als was ein Nackter mit sich schleppen kann.
+Ich geh, sagt bald.
+
+Nathan. Besinn dich doch, Al-Hafi.
+Besinn dich, dass ich noch von gar nichts weiss.
+Was plauderst du denn da?
+
+Al-Hafi. Ihr bringt sie doch
+Gleich mit, die Beutel?
+
+Nathan. Beutel?
+
+Al-Hafi. Nun, das Geld,
+Das Ihr dem Saladin vorschiessen sollt.
+Nathan.
+Und weiter ist es nichts?
+
+Al-Hafi. Ich sollt' es wohl
+Mit ansehn, wie er Euch von Tag zu Tag
+Aushoehlen wird bis auf die Zehen? Sollt'
+Es wohl mit ansehn, dass Verschwendung aus
+Der weisen Milde sonst nie leeren Scheuern
+So lange borgt, und borgt, und borgt, bis auch
+Die armen eingebornen Maeuschen drin
+Verhungern?--Bildet Ihr vielleicht Euch ein,
+Wer Euers Gelds beduerftig sei, der werde
+Doch Euerm Rate wohl auch folgen?--Ja;
+Er Rate folgen! Wenn hat Saladin
+Sich raten lassen?--Denkt nur, Nathan, was
+Mir eben itzt mit ihm begegnet.
+
+Nathan. Nun?
+
+Al-Hafi.
+Da komm ich zu ihm, eben dass er Schach
+Gespielt mit seiner Schwester. Sittah spielt
+Nicht uebel; und das Spiel, das Saladin
+Verloren glaubte, schon gegeben hatte,
+Das stand noch ganz so da. Ich seh Euch hin,
+Und sehe, dass das Spiel noch lange nicht
+Verloren.
+
+Nathan. Ei! das war fuer dich ein Fund!
+
+Al-Hafi.
+Er durfte mit dem Koenig an den Bauer
+Nur ruecken, auf ihr Schach.--Wenn ich's Euch gleich
+Nur zeigen koennte!
+
+Nathan. O ich traue dir!
+
+Al-Hafi.
+Denn so bekam der Roche Feld: und sie
+War hin.--Das alles will ich ihm nun weisen
+Und ruf ihn.--Denkt!...
+
+Nathan. Er ist nicht deiner Meinung?
+
+Al-Hafi.
+Er hoert mich gar nicht an, und wirft veraechtlich
+Das ganze Spiel in Klumpen.
+
+Nathan. Ist das moeglich?
+
+Al-Hafi.
+Und sagt: er wolle matt nun einmal sein;
+Er wolle! Heisst das spielen?
+
+Nathan. Schwerlich wohl;
+Heisst mit dem Spielen spielen.
+
+Al-Hafi. Gleichwohl galt
+Es keine taube Nuss.
+
+Nathan. Geld hin, Geld her!
+Das ist das wenigste. Allein dich gar
+Nicht anzuhoeren! ueber einen Punkt
+Von solcher Wichtigkeit dich nicht einmal
+Zu hoeren! deinen Adlerblick nicht zu
+Bewundern! das, das schreit um Rache; nicht?
+
+Al-Hafi.
+Ach was! Ich sage Euch das nur, damit
+Ihr sehen koennt, was fuer ein Kopf er ist.
+Kurz, ich, ich halt's mit ihm nicht laenger aus.
+Da lauf ich nun bei allen schmutz'gen Mohren
+Herum, und frage, wer ihm borgen will.
+Ich, der ich nie fuer mich gebettelt habe,
+Soll nun fuer andre borgen. Borgen ist
+Viel besser nicht als betteln: so wie leihen,
+Auf Wucher leihen, nicht viel besser ist,
+Als stehlen. Unter meinen Ghebern, an
+Dem Ganges, brauch ich beides nicht, und brauche
+Das Werkzeug beider nicht zu sein. Am Ganges,
+Am Ganges nur gibt's Menschen. Hier seid Ihr
+Der einzige, der noch so wuerdig waere,
+Dass er am Ganges lebte.--Wollt Ihr mit?--
+Lasst ihm mit eins den Plunder ganz im Stiche,
+Um den es ihm zu tun. Er bringt Euch nach
+Und nach doch drum. So waer' die Plackerei
+Auf einmal aus. Ich schaff Euch einen Delk.
+Kommt! kommt!
+
+Nathan. Ich daechte zwar, das blieb' uns ja
+Noch immer uebrig. Doch, Al-Hafi, will
+Ich's ueberlegen. Warte...
+
+Al-Hafi. Ueberlegen?
+Nein, so was ueberlegt sich nicht.
+
+Nathan. Nur bis
+Ich von dem Sultan wiederkomme; bis
+Ich Abschied erst...
+
+Al-Hafi. Wer ueberlegt, der sucht
+Bewegungsgruende, nicht zu duerfen. Wer
+Sich Knall und Fall, ihm selbst zu leben, nicht,
+Entschliessen kann, der lebet andrer Sklav'
+Auf immer.--Wie Ihr wollt!--Lebt wohl! wie's Euch
+Wohl duenkt.--Mein Weg liegt dort; und Eurer da.
+
+Nathan.
+Al-Hafi! Du wirst selbst doch erst das Deine
+Berichtigen?
+
+Al-Hafi. Ach Possen! Der Bestand
+Von meiner Kass' ist nicht des Zaehlens wert;
+Und meine Rechnung buergt--Ihr oder Sittah.
+Lebt wohl! (Ab.)
+
+Nathan (ihm nachsehend).
+Die buerg ich!--Wilder, guter, edler--
+Wie nenn ich ihn?--Der wahre Bettler ist
+Doch einzig und allein der wahre Koenig!
+(Von einer andern Seite ab.)
+
+
+
+
+
+Dritter Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+(Szene: in Nathans Hause.)
+
+
+Recha und Daja.
+
+Recha.
+Wie, Daja, drueckte sich mein Vater aus?
+"Ich duerf' ihn jeden Augenblick erwarten?"
+Das klingt--nicht wahr?--als ob er noch so bald
+Erscheinen werde.--Wieviel Augenblicke
+Sind aber schon vorbei!--Ah nun: wer denkt
+An die verflossenen?--Ich will allein
+In jedem naechsten Augenblicke leben.
+Er wird doch einmal kommen, der ihn bringt.
+
+Daja.
+O der verwuenschten Botschaft von dem Sultan!
+Denn Nathan haette sicher ohne sie
+Ihn gleich mit hergebracht.
+
+Recha. Und wenn er nun
+Gekommen, dieser Augenblick; wenn denn
+Nun meiner Wuensche waermster, innigster
+Erfuellet ist: was dann?--was dann?
+
+Daja. Was dann?
+Dann hoff ich, dass auch meiner Wuensche waermster
+Soll in Erfuellung gehen.
+
+Recha. Was wird dann
+In meiner Brust an dessen Stelle treten,
+Die schon verlernt, ohn' einen herrschenden
+Wunsch aller Wuensche sich zu dehnen?--Nichts?
+Ah, ich erschrecke!...
+
+Daja. Mein, mein Wunsch wird dann
+An des erfuellten Stelle treten; meiner.
+Mein Wunsch, dich in Europa, dich in Haenden
+Zu wissen, welche deiner wuerdig sind.
+
+Recha.
+Du irrst.--Was diesen Wunsch zu deinem macht,
+Das naemliche verhindert, dass er meiner
+Je werden kann. Dich zieht dein Vaterland:
+Und meines, meines sollte mich nicht halten?
+Ein Bild der Deinen, das in deiner Seele
+Noch nicht verloschen, sollte mehr vermoegen,
+Als die ich sehn, und greifen kann, und hoeren,
+Die Meinen?
+
+Daja. Sperre dich, soviel du willst!
+Des Himmels Wege sind des Himmels Wege.
+Und wenn es nun dein Retter selber waere,
+Durch den sein Gott, fuer den er kaempft, dich in
+Das Land, dich zu dem Volke fuehren wollte,
+Fuer welche du geboren wurdest?
+
+Recha. Daja!
+Was sprichst du da nun wieder, liebe Daja!
+Du hast doch wahrlich deine sonderbaren
+Begriffe! "Sein, sein Gott! fuer den er kaempft!"
+Wem eignet Gott? was ist das fuer ein Gott,
+Der einem Menschen eignet? der fuer sich
+Muss kaempfen lassen?--Und wie weiss
+Man denn, fuer welchen Erdkloss man geboren,
+Wenn man's fuer den nicht ist, auf welchem man
+Geboren?--Wenn mein Vater dich so hoerte!--
+Was tat er dir, mir immer nur mein Glueck
+So weit von ihm als moeglich vorzuspiegeln?
+Was tat er dir, den Samen der Vernunft,
+Den er so rein in meine Seele streute,
+Mit deines Landes Unkraut oder Blumen
+So gern zu mischen?--Liebe, liebe Daja,
+Er will nun deine bunten Blumen nicht
+Auf meinem Boden!--Und ich muss dir sagen,
+Ich selber fuehle meinen Boden, wenn
+Sie noch so schoen ihn kleiden, so entkraeftet,
+So ausgezehrt durch deine Blume; fuehle
+In ihrem Dufte, sauersuessem Dufte,
+Mich so betaeubt, so schwindelnd!--Dein Gehirn
+Ist dessen mehr gewohnt. Ich tadle drum
+Die staerkern Nerven nicht, die ihn vertragen.
+Nur schlaegt er mir nicht zu; und schon dein Engel,
+Wie wenig fehlte, dass er mich zur Naerrin
+Gemacht?--Noch schaem ich mich vor meinem Vater
+Der Posse!
+
+Daja. Posse!--Als ob der Verstand
+Nur hier zu Hause waere! Posse! Posse!
+Wenn ich nur reden duerfte!
+
+Recha. Darfst du nicht?
+Wenn war ich nicht ganz Ohr, sooft es dir
+Gefiel, von deinen Glaubenshelden mich
+Zu unterhalten? Hab ich ihren Taten
+Nicht stets Bewunderung; und ihren Leiden
+Nicht immer Traenen gern gezollt? Ihr Glaube
+Schien freilich mir das Heldenmaessigste
+An ihnen nie. Doch so viel troestender
+War mir die Lehre, dass Ergebenheit
+In Gott von unserm Waehnen ueber Gott
+So ganz und gar nicht abhaengt.--Liebe Daja,
+Das hat mein Vater uns so oft gesagt;
+Darueber hast du selbst mit ihm so oft
+Dich einverstanden: warum untergraebst
+Du denn allein, was du mit ihm zugleich
+Gebauet?--Liebe Daja, das ist kein
+Gespraech, womit wir unserm Freund' am besten
+Entgegensehn. Fuer mich zwar, ja! Denn mir,
+Mir liegt daran unendlich, ob auch er...
+Horch, Daja!--Kommt es nicht an unsre Tuere?
+Wenn Er es waere! horch!
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Recha. Daja und der Tempelherr, dem jemand von aussen die Tuere oeffnet,
+mit den Worten:
+
+
+Nur hier herein!
+
+Recha (faehrt zusammen, fasst sich und will ihm zu Fuessen fallen).
+Er ist's!--Mein Retter, ah!
+
+Tempelherr. Dies zu vermeiden
+Erschien ich bloss so spaet: und doch--
+
+Recha. Ich will
+Ja zu den Fuessen dieses stolzen Mannes
+Nur Gott noch einmal danken; nicht dem Manne.
+Der Mann will keinen Dank; will ihn so wenig
+Als ihn der Wassereimer will, der bei
+Dem Loeschen so geschaeftig sich erwiesen.
+Der liess sich fuellen, liess sich leeren, mir
+Nichts, dir nichts: also auch der Mann. Auch der
+Ward nur so in die Glut hineingestossen;
+Da fiel ich ungefaehr ihm in den Arm;
+Da blieb ich ungefaehr, so wie ein Funken
+Auf seinem Mantel, ihm in seinen Armen;
+Bis wiederum, ich weiss nicht was, uns beide
+Herausschmiss aus der Glut.--Was gibt es da
+Zu danken?--In Europa treibt der Wein
+Zu noch weit andern Taten.--Tempelherren,
+Die muessen einmal nun so handeln; muessen
+Wie etwas besser zugelernte Hunde,
+Sowohl aus Feuer, als aus Wasser holen.
+
+Tempelherr (der sie mit Erstaunen und Unruhe die Zeit ueber betrachtet).
+O Daja, Daja! Wenn in Augenblicken
+Des Kummers und der Galle, meine Laune
+Dich uebel anliess, warum jede Torheit,
+Die meiner Zung' entfuhr, ihr hinterbringen?
+Das hiess sich zu empfindlich raechen, Daja!
+Doch wenn du nur von nun an besser mich
+Bei ihr vertreten willst.
+
+Daja. Ich denke, Ritter
+Ich denke nicht, dass diese kleinen Stacheln,
+Ihr an das Herz geworfen, Euch da sehr
+Geschadet haben.
+
+Recha. Wie? Ihr hattet Kummer?
+Und wart mit Euerm Kummer geiziger
+Als Euerm Leben?
+
+Tempelherr. Gutes, holdes Kind!--
+Wie ist doch meine Seele zwischen Auge
+Und Ohr geteilt!--Das war das Maedchen nicht,
+Nein, nein, das war es nicht, das aus dem Feuer
+Ich holte.--Denn wer haette die gekannt,
+Und aus dem Feuer nicht geholt? Wer haette
+Auf mich gewartet?--Zwar--verstellt--der Schreck.
+(Pause, unter der er, in Anschauung ihrer, sich wie verliert.)
+
+Recha.
+Ich aber find Euch noch den naemlichen.--
+(Dergleichen; bis sie fortfaehrt, um ihn in seinem Anstaunen zu
+unterbrechen.)
+Nun, Ritter, sagt uns doch, wo Ihr so lange
+Gewesen?--Fast duerft' ich auch fragen: wo
+Ihr itzo seid?
+
+Tempelherr. Ich bin,--wo ich vielleicht
+Nicht sollte sein.--
+
+Recha. Wo Ihr gewesen?--Auch
+Wo Ihr vielleicht nicht solltet sein gewesen?
+Das ist nicht gut.
+
+Tempelherr. Auf--auf--wie heisst der Berg?
+Auf Sinai.
+
+Recha. Auf Sinai?--Ah schoen!
+Nun kann ich zuverlaessig doch einmal
+Erfahren, ob es wahr...
+
+Tempelherr. Was? was? Ob's wahr,
+Dass noch daselbst der Ort zu sehn, wo Moses
+Vor Gott gestanden, als...
+
+Recha. Nun das wohl nicht.
+Denn wo er, stand, stand er vor Gott. Und davon
+Ist mir zur Gnuege schon bekannt.--Ob's wahr,
+Moecht' ich nur gern von Euch erfahren, dass--
+Dass es bei weitem nicht so muehsam sei,
+Auf diesen Berg hinaufzusteigen, als
+Herab?--Denn seht; soviel ich Berge noch
+Gestiegen bin, war's just das Gegenteil.--
+Nun, Ritter?--Was?--Ihr kehrt Euch von mir ab?
+Wollt mich nicht sehn?
+
+Tempelherr. Weil ich Euch hoeren will.
+
+Recha.
+Weil Ihr mich nicht wollt merken lassen, dass
+Ihr meiner Einfalt laechelt; dass Ihr laechelt,
+Wie ich Euch doch so gar nichts Wichtigers
+Von diesem heiligen Berg' aller Berge
+Zu fragen weiss? Nicht wahr?
+
+Tempelherr. So muss
+Ich doch Euch wieder in die Augen sehn.--
+Was? Nun schlagt Ihr sie nieder? nun verbeisst
+Das Laecheln Ihr? wie ich noch erst in Mienen,
+In zweifelhaften Mienen lesen will,
+Was ich so deutlich hoer, Ihr so vernehmlich
+Mir sagt--verschweigt?--Ah Recha! Recha! Wie
+Hat er so wahr gesagt: "Kennt sie nur erst!"
+
+Recha.
+Wer hat?--von wem?--Euch das gesagt?
+
+Tempelherr. "Kennt sie
+Nur erst!" hat Euer Vater mir gesagt;
+Von Euch gesagt.
+
+Daja. Und ich nicht etwa auch?
+Ich denn nicht auch?
+
+Tempelherr. Allein wo ist er denn?
+Wo ist denn Euer Vater? Ist er noch
+Beim Sultan?
+
+Recha. Ohne Zweifel.
+
+Tempelherr. Noch, noch da?--
+O mich Vergesslichen! Nein, nein; da ist
+Er schwerlich mehr.--Er wird dort unten bei
+Dem Kloster meiner warten; ganz gewiss.
+So red'ten, mein ich, wir es ab. Erlaubt!
+Ich geh, ich hol ihn...
+
+Daja. Das ist meine Sache.
+Bleibt, Ritter, bleibt. Ich bring ihn unverzueglich.
+
+Tempelherr.
+Nicht so, nicht so! Er sieht mir selbst entgegen;
+Nicht Euch. Dazu, er koennte leicht... wer weiss? ...
+Er koennte bei dem Sultan leicht,... Ihr kennt
+Den Sultan nicht!... leicht in Verlegenheit
+Gekommen sein.--Glaubt mir; es hat Gefahr,
+Wenn ich nicht geh.
+
+Recha. Gefahr? was fuer Gefahr?
+
+Tempelherr.
+Gefahr fuer mich, fuer Euch, fuer ihn: wenn ich
+Nicht schleunig, schleunig geh. (Ab.)
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Recha und Daja.
+
+
+Recha. Was ist das, Daja?--
+So schnell?--Was koemmt ihm an? Was fiel ihm auf?
+Was jagt ihn?
+
+Daja. Lasst nur, lasst. Ich denk, es ist
+Kein schlimmes Zeichen.
+
+Recha. Zeichen? und wovon?
+
+Daja.
+Dass etwas vorgeht innerhalb. Es kocht,
+Und soll nicht ueberkochen. Lasst ihn nur.
+Nun ist's an Euch.
+
+Recha. Was ist an mir? Du wirst,
+Wie er, mir unbegreiflich.
+
+Daja. Bald nun koennt
+Ihr ihm die Unruh' all vergelten, die
+Er Euch gemacht hat. Seid nur aber auch
+Nicht allzu streng, nicht allzu rachbegierig.
+
+Recha.
+Wovon du sprichst, das magst du selber wissen.
+
+Daja.
+Und seid denn Ihr bereits so ruhig wieder?
+
+Recha.
+Das bin ich; ja das bin ich...
+
+Daja. Wenigstens
+Gesteht, dass Ihr Euch seiner Unruh' freut;
+Und seiner Unruh' danket, was Ihr itzt
+Von Ruh' geniesst.
+
+Recha. Mir voellig unbewusst!
+Denn was ich hoechstens dir gestehen koennte,
+Waer', dass es mich--mich selbst befremdet, wie
+Auf einen solchen Sturm in meinem Herzen
+So eine Stille ploetzlich folgen koennen.
+Sein voller Anblick, sein Gespraech, sein Ton
+Hat mich...
+
+Daja. Gesaettigt schon?
+
+Recha. Gesaettigt, will
+Ich nun nicht sagen; nein--bei weitem nicht.
+
+Daja.
+Den heissen Hunger nur gestillt.
+
+Recha. Nun ja:
+Wenn du so willst.
+
+Daja. Ich eben nicht.
+
+Recha. Er wird
+Mir ewig wert; mir ewig werter, als
+Mein Leben bleiben: wenn auch schon mein Puls
+Nicht mehr bei seinem blossen Namen wechselt;
+Nicht mehr mein Herz, sooft ich an ihn denke,
+Geschwinder, staerker schlaegt.--Was schwatz ich? Komm,
+Komm, liebe Daja, wieder an das Fenster,
+Das auf die Palmen sieht.
+
+Daja. So ist er doch
+Wohl noch nicht ganz gestillt, der heisse Hunger.
+
+Recha.
+Nun werd ich auch die Palmen wieder sehn:
+Nicht ihn bloss untern Palmen.
+
+Daja. Diese Kaelte
+Beginnt auch wohl ein neues Fieber nur.
+
+Recha.
+Was Kaelt'? Ich bin nicht kalt. Ich sehe wahrlich
+Nicht minder gern, was ich mit Ruhe sehe.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+(Szene: ein Audienzsaal in dem Palaste des Saladin.)
+
+
+Saladin und Sittah.
+
+Saladin (im Hereintreten, gegen die Tuere).
+Hier bringt den Juden her, sobald er koemmt.
+Er scheint sich eben nicht zu uebereilen.
+
+Sittah.
+Er war auch wohl nicht bei der Hand; nicht gleich
+Zu finden.
+
+Saladin. Schwester! Schwester!
+
+Sittah. Tust du doch,
+Als stuende dir ein Treffen vor.
+
+Saladin. Und das
+Mit Waffen, die ich nicht gelernt zu fuehren.
+Ich soll mich stellen; soll besorgen lassen;
+Soll Fallen legen; soll auf Glatteis fuehren.
+Wenn haett' ich das gekonnt? Wo haett' ich das
+Gelernt?--Und soll das alles, ah, wozu?
+Wozu?--Um Geld zu fischen; Geld!--Um Geld,
+Geld einem Juden abzubangen; Geld!
+Zu solchen kleinen Listen waer' ich endlich
+Gebracht, der Kleinigkeiten kleinste mir
+Zu schaffen?
+
+Sittah. Jede Kleinigkeit, zu sehr
+Verschmaeht, die raecht sich, Bruder.
+
+Saladin. Leider wahr.--
+Und wenn nun dieser Jude gar der gute,
+Vernuenft'ge Mann ist, wie der Derwisch dir
+Ihn ehedem beschrieben?
+
+Sittah. O nun dann!
+Was hat es dann fuer Not! Die Schlinge liegt
+Ja nur dem geizigen, besorglichen,
+Furchtsamen Juden: nicht dem guten, nicht
+Dem weisen Manne. Dieser ist ja so
+Schon unser, ohne Schlinge. Das Vergnuegen,
+Zu hoeren, wie ein solcher Mann sich ausred't;
+Mit welcher dreisten Staerk' entweder er
+Die Stricke kurz zerreisset; oder auch
+Mit welcher schlauen Vorsicht er die Netze
+Vorbei sich windet: dies Vergnuegen hast
+Du obendrein.
+
+Saladin. Nun, das ist wahr. Gewiss;
+Ich freue mich darauf.
+
+Sittah. So kann dich ja
+Auch weiter nichts verlegen machen. Denn
+Ist's einer aus der Menge bloss; ist's bloss
+Ein Jude, wie ein Jude: gegen den
+Wirst du dich doch nicht schaemen, so zu scheinen,
+Wie er die Menschen all sich denkt? Vielmehr;
+Wer sich ihm besser zeigt, der zeigt sich ihm
+Als Geck, als Narr.
+
+Saladin. So muss ich ja wohl gar
+Schlecht handeln, dass von mir der Schlechte nicht
+Schlecht denke?
+
+Sittah. Traun! wenn du schlecht handeln nennst,
+Ein jedes Ding nach seiner Art zu brauchen.
+
+Saladin.
+Was haett' ein Weiberkopf erdacht, das er
+Nicht zu beschoenen wuesste!
+
+Sittah. Zu beschoenen!
+
+Saladin.
+Das feine, spitze Ding, besorg ich nur,
+In meiner plumpen Hand zerbricht!--So was
+Will ausgefuehrt sein, wie's erfunden ist:
+Mit aller Pfiffigkeit, Gewandtheit.--Doch,
+Mag's doch nur, mag's! Ich tanze, wie ich kann;
+Und koennt' es freilich lieber--schlechter noch
+Als besser.
+
+Sittah. Trau dir auch nur nicht zu wenig!
+Ich stehe dir fuer dich! Wenn du nur willst.--
+Dass uns die Maenner deinesgleichen doch
+So gern bereden moechten, nur ihr Schwert,
+Ihr Schwert nur habe sie so weit gebracht.
+Der Loewe schaemt sich freilich, wenn er mit
+Dem Fuchse jagt:--des Fuchses, nicht der List.
+
+Saladin.
+Und dass die Weiber doch so gern den Mann
+Zu sich herunter haetten!--Geh nur, geh!--
+Ich glaube meine Lektion zu koennen.
+
+Sittah.
+Was? ich soll gehn?
+
+Saladin. Du wolltest doch nicht bleiben?
+
+Sittah.
+Wenn auch nicht bleiben... im Gesicht euch bleiben--
+Doch hier im Nebenzimmer--
+
+Saladin. Da zu horchen?
+Auch das nicht, Schwester; wenn ich soll bestehn.--
+Fort, fort! der Vorhang rauscht; er koemmt!--doch dass
+Du ja nicht da verweilst! Ich sehe nach.
+
+(Indem sie sich durch eine Tuere entfernt, tritt Nathan zu der andern
+herein; und Saladin hat sich gesetzt.)
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+
+Saladin und Nathan.
+
+
+Saladin.
+Tritt naeher, Jude!--Naeher!--Nur ganz her!
+Nur ohne Furcht!
+
+Nathan. Die bleibe deinem Feinde!
+
+Saladin.
+Du nennst dich Nathan?
+
+Nathan. Ja.
+
+Saladin. Den weisen Nathan?
+
+Nathan.
+Nein.
+
+Saladin. Wohl! nennst du dich nicht; nennt dich das Volk.
+
+Nathan.
+Kann sein; das Volk!
+
+Saladin. Du glaubst doch nicht, dass ich
+Veraechtlich von des Volkes Stimme denke?--
+Ich habe laengst gewuenscht, den Mann zu kennen,
+Den es den Weisen nennt.
+
+Nathan. Und wenn es ihn
+Zum Spott so nennte? Wenn dem Volke weise
+Nichts weiter waer' als klug? und klug nur der,
+Der sich auf seinen Vorteil gut versteht?
+
+Saladin.
+Auf seinen wahren Vorteil, meinst du doch?
+
+Nathan.
+Dann freilich waer' der Eigennuetzigste
+Der Kluegste. Dann waer' freilich klug und weise
+Nur eins.
+
+Saladin. Ich hoere dich erweisen, was
+Du widersprechen willst.--Des Menschen wahre
+Vorteile, die das Volk nicht kennt, kennst du.
+Hast du zu kennen wenigstens gesucht;
+Hast drueber nachgedacht: das auch allein
+Macht schon den Weisen.
+
+Nathan. Der sich jeder duenkt
+Zu sein.
+
+Saladin. Nun der Bescheidenheit genug!
+Denn sie nur immerdar zu hoeren, wo
+Man trockene Vernunft erwartet, ekelt.
+(Er springt auf.)
+Lass uns zur Sache kommen! Aber, aber
+Aufrichtig, Jud', aufrichtig!
+
+Nathan. Sultan, ich
+Will sicherlich dich so bedienen, dass
+Ich deiner fernern Kundschaft wuerdig bleibe.
+
+Saladin. Bedienen? wie?
+
+Nathan. Du sollst das Beste haben
+Von allem; sollst es um den billigsten
+Preis haben.
+
+Saladin. Wovon sprichst du? doch wohl nicht
+Von deinen Waren?--Schachern wird mit dir
+Schon meine Schwester. (Das der Horcherin!)--
+Ich habe mit dem Kaufmann nichts zu tun.
+
+Nathan.
+So wirst du ohne Zweifel wissen wollen,
+Was ich auf meinem Wege von dem Feinde,
+Der allerdings sich wieder reget, etwa
+Bemerkt, getroffen?--Wenn ich unverhohlen...
+
+Saladin.
+Auch darauf bin ich eben nicht mit dir
+Gesteuert. Davon weiss ich schon, so viel
+Ich noetig habe.--Kurz-,--
+
+Nathan. Gebiete, Sultan.
+
+Saladin.
+Ich heische deinen Unterricht in ganz
+Was anderm; ganz was anderm.--Da du nun
+So weise bist: so sage mir doch einmal--
+Was fuer ein Glaube, was fuer ein Gesetz
+Hat dir am meisten eingeleuchtet?
+
+Nathan. Sultan,
+Ich bin ein Jud'.
+
+Saladin. Und ich ein Muselmann.
+Der Christ ist zwischen uns.--Von diesen drei
+Religionen kann doch eine nur
+Die wahre sein.--Ein Mann, wie du, bleibt da
+Nicht stehen, wo der Zufall der Geburt
+Ihn hingeworfen: oder wenn er bleibt,
+Bleibt er aus Einsicht, Gruenden, Wahl des Bessern.
+Wohlan! so teile deine Einsicht mir
+Dann mit. Lass mich die Gruende hoeren, denen
+Ich selber nachzugruebeln, nicht die Zeit
+Gehabt. Lass mich die Wahl, die diese Gruende
+Bestimmt,--versteht sich, im Vertrauen--wissen,
+Damit ich sie zu meiner mache. Wie?
+Du stutzest? waegst mich mit dem Auge?--Kann
+Wohl sein, dass ich der erste Sultan bin,
+Der eine solche Grille hat; die mich
+Doch eines Sultans eben nicht so ganz
+Unwuerdig duenkt.--Nicht wahr?--So rede doch!
+Sprich!--Oder willst du einen Augenblick,
+Dich zu bedenken? Gut, ich geb ihn dir.
+(Ob sie wohl horcht? Ich will sie doch belauschen;
+Will hoeren, ob ich's recht gemacht.--) Denk nach.
+Geschwind denk nach! Ich saeume nicht, zurueck-
+Zukommen.
+(Er geht in das Nebenzimmer, nach welchem sich Sittah begeben.)
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Nathan allein.
+
+
+Hm! hm!--wunderlich!--Wie ist
+Mir denn?--Was will der Sultan? was?--Ich bin
+Auf Geld gefasst; und er will--Wahrheit. Wahrheit!
+Und will sie so,--so bar, so blank,--als ob
+Die Wahrheit Muenze waere!--ja, wenn noch
+Uralte Muenze, die gewogen ward!--
+Das ginge noch! Allein so neue Muenze,
+Die nur der Stempel macht, die man aufs Brett
+Nur zaehlen darf, das ist sie doch nun nicht!
+Wie Geld in Sack, so striche man in Kopf
+Auch Wahrheit ein? Wer ist denn hier der Jude?
+Ich oder er?--Doch wie? Sollt' er auch wohl
+Die Wahrheit nicht in Wahrheit fodern?--Zwar,
+Zwar der Verdacht, dass er die Wahrheit nur
+Als Falle brauche, waer' auch gar zu klein!--
+Zu klein?--Was ist fuer einen Grossen denn
+Zu klein?--Gewiss, gewiss: er stuerzte mit
+Der Tuere so ins Haus! Man pocht doch, hoert
+Doch erst, wenn man als Freund sich naht.--Ich muss
+Behutsam gehn!--Und wie? wie das?--So ganz
+Stockjude sein zu wollen, geht schon nicht.--
+Und ganz und gar nicht Jude, geht noch minder.
+Denn, wenn kein Jude, duerft' er mich nur fragen,
+Warum kein Muselmann?--Das war's! Das kann
+Mich retten!--Nicht die Kinder bloss, speist man
+Mit Maerchen ab.--Er kommt. Er komme nur!
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Saladin und Nathan.
+
+
+Saladin.
+(So ist das Feld hier rein!)--Ich komm dir doch
+Nicht zu geschwind zurueck? Du bist zu Rande
+Mit deiner Ueberlegung.--Nun so rede!
+Es hoert uns keine Seele.
+
+Nathan. Moecht' auch doch
+Die ganze Welt uns hoeren.
+
+Saladin. So gewiss
+Ist Nathan seiner Sache? Ha! das nenn
+Ich einen Weisen! Nie die Wahrheit zu
+Verhehlen! fuer sie alles auf das Spiel
+Zu setzen! Leib und Leben! Gut und Blut!
+
+Nathan.
+Ja! Ja! wann's noetig ist und nutzt.
+
+Saladin. Von nun
+An darf ich hoffen, einen meiner Titel,
+Verbesserer der Welt und des Gesetzes,
+Mit Recht zu fuehren.
+
+Nathan. Traun, ein schoener Titel!
+Doch, Sultan, eh' ich mich dir ganz vertraue,
+Erlaubst du wohl, dir ein Geschichtchen zu
+Erzaehlen?
+
+Saladin. Warum das nicht? Ich bin stets
+Ein Freund gewesen von Geschichtchen, gut
+Erzaehlt.
+
+Nathan. Ja, gut erzaehlen, das ist nun
+Wohl eben meine Sache nicht.
+
+Saladin. Schon wieder
+So stolz bescheiden?--Mach! erzaehl, erzaehle!
+
+Nathan.
+Vor grauen Jahren lebt' ein Mann in Osten,
+Der einen Ring von unschaetzbarem Wert
+Aus lieber Hand besass. Der Stein war ein
+Opal, der hundert schoene Farben spielte,
+Und hatte die geheime Kraft, vor Gott
+Und Menschen angenehm zu machen, wer
+In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,
+Dass ihn der Mann in Osten darum nie
+Vom Finger liess; und die Verfuegung traf,
+Auf ewig ihn bei seinem Hause zu
+Erhalten? Naemlich so. Er liess den Ring
+Von seinen Soehnen dem geliebtesten;
+Und setzte fest, dass dieser wiederum
+Den Ring von seinen Soehnen dem vermache,
+Der ihm der liebste sei; und stets der liebste,
+Ohn' Ansehn der Geburt, in Kraft allein
+Des Rings, das Haupt, der Fuerst des Hauses werde.--
+Versteh mich, Sultan.
+
+Saladin. Ich versteh dich. Weiter!
+
+Nathan.
+So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn,
+Auf einen Vater endlich von drei Soehnen;
+Die alle drei ihm gleich gehorsam waren,
+Die alle drei er folglich gleich zu lieben
+Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit
+Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald
+Der dritte,--sowie jeder sich mit ihm
+Allein befand, und sein ergiessend Herz
+Die andern zwei nicht teilten,--wuerdiger
+Des Ringes; den er denn auch einem jeden
+Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen.
+Das ging nun so, solang es ging.--Allein
+Es kam zum Sterben, und der gute Vater
+Koemmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei
+Von seinen Soehnen, die sich auf sein Wort
+Verlassen, so zu kraenken.--Was zu tun?--
+Er sendet in geheim zu einem Kuenstler,
+Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes,
+Zwei andere bestellt, und weder Kosten
+Noch Muehe sparen heisst, sie jenem gleich,
+Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt
+Dem Kuenstler. Da er ihm die Ringe bringt,
+Kann selbst der Vater seinen Musterring
+Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft
+Er seine Soehne, jeden insbesondre;
+Gibt jedem insbesondre seinen Segen,--
+Und seinen Ring,--und stirbt.--Du hoerst doch, Sultan?
+
+Saladin (der sich betroffen von ihm gewandt).
+Ich hoer, ich hoere!--Komm mit deinem Maerchen
+Nur bald zu Ende.--Wird's?
+
+Nathan. Ich bin zu Ende.
+Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst.--
+Kaum war der Vater tot, so koemmt ein jeder
+Mit seinem Ring, und jeder will der Fuerst
+Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt,
+Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht
+Erweislich;--
+(nach einer Pause, in welcher er des Sultans Antwort erwartet)
+Fast so unerweislich, als
+Uns itzt--der rechte Glaube.
+
+Saladin. Wie? das soll
+Die Antwort sein auf meine Frage?...
+
+Nathan. Soll
+Mich bloss entschuldigen, wenn ich die Ringe
+Mir nicht getrau zu unterscheiden, die
+Der Vater in der Absicht machen liess,
+Damit sie nicht zu unterscheiden waeren.
+
+Saladin.
+Die Ringe!--Spiele nicht mit mir!--Ich daechte,
+Dass die Religionen, die ich dir
+Genannt, doch wohl zu unterscheiden waeren.
+Bis auf die Kleidung, bis auf Speis' und Trank!
+
+Nathan.
+Und nur von seiten ihrer Gruende nicht.
+Denn gruenden alle sich nicht auf Geschichte?
+Geschrieben oder ueberliefert!--Und
+Geschichte muss doch wohl allein auf Treu
+Und Glauben angenommen werden?--Nicht?--
+Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn
+Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?
+Doch deren Blut wir sind? doch deren, die
+Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe
+Gegeben? die uns nie getaeuscht, als wo
+Getaeuscht zu werden uns heilsamer war?--
+Wie kann ich meinen Vaetern weniger
+Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt.--
+Kann ich von dir verlangen, dass du deine
+Vorfahren Luegen strafst, um meinen nicht
+Zu widersprechen? Oder umgekehrt.
+Das naemliche gilt von den Christen. Nicht?--
+
+Saladin.
+(Bei dem Lebendigen! Der Mann hat recht.
+Ich muss verstummen.)
+
+Nathan. Lass auf unsre Ring'
+Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Soehne
+Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter,
+Unmittelbar aus seines Vaters Hand
+Den Ring zu haben.--Wie auch wahr!--Nachdem
+Er von ihm lange das Versprechen schon
+Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu
+Geniessen.--Wie nicht minder wahr!--Der Vater,
+Beteurt' jeder, koenne gegen ihn
+Nicht falsch gewesen sein; und eh' er dieses
+Von ihm, von einem solchen lieben Vater,
+Argwohnen lass': eh' muess' er seine Brueder,
+So gern er sonst von ihnen nur das Beste
+Bereit zu glauben sei, des falschen Spiels
+Bezeihen; und er wolle die Verraeter
+Schon auszufinden wissen; sich schon raechen.
+
+Saladin.
+Und nun, der Richter?--Mich verlangt zu hoeren,
+Was du den Richter sagen laessest. Sprich!
+
+Nathan.
+Der Richter sprach: Wenn ihr mir nun den Vater
+Nicht bald zur Stelle schafft, so weis ich euch
+Von meinem Stuhle. Denkt ihr, dass ich Raetsel
+Zu loesen da bin? Oder harret ihr,
+Bis dass der rechte Ring den Mund eroeffne?--
+Doch halt! Ich hoere ja, der rechte Ring
+Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;
+Vor Gott und Menschen angenehm. Das muss
+Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden
+Doch das nicht koennen!--Nun; wen lieben zwei
+Von Euch am meisten?--Macht, sagt an! Ihr schweigt?
+Die Ringe wirken nur zurueck? und nicht
+Nach aussen? Jeder liebt sich selber nur
+Am meisten?--Oh, so seid ihr alle drei
+Betrogene Betrueger! Eure Ringe
+Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring
+Vermutlich ging verloren. Den Verlust
+Zu bergen, zu ersetzen, liess der Vater
+Die drei fuer einen machen.
+
+Saladin. Herrlich! herrlich!
+
+Nathan.
+Und also, fuhr der Richter fort, wenn ihr
+Nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt:
+Geht nur!--Mein Rat ist aber der: ihr nehmt
+Die Sache voellig wie sie liegt. Hat von
+Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:
+So glaube jeder sicher seinen Ring
+Den echten.--Moeglich; dass der Vater nun
+Die Tyrannei des einen Rings nicht laenger
+In seinem Hause dulden willen!--Und gewiss;
+Dass er euch alle drei geliebt, und gleich
+Geliebt: indem er zwei nicht druecken moegen,
+Um einen zu beguenstigen.--Wohlan!
+Es eifre jeder seiner unbestochnen
+Von Vorurteilen freien Liebe nach!
+Es strebe von euch jeder um die Wette,
+Die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag
+Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
+Mit herzlicher Vertraeglichkeit, mit Wohltun,
+Mit innigster Ergebenheit in Gott
+Zu Hilf'! Und wenn sich dann der Steine Kraefte
+Bei euern Kindes-Kindeskindern aeussern:
+So lad ich ueber tausend tausend Jahre
+Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
+Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
+Als ich; und sprechen. Geht!--So sagte der
+Bescheidne Richter.
+
+Saladin. Gott! Gott!
+
+Nathan. Saladin,
+Wenn du dich fuehlest, dieser weisere
+Versprochne Mann zu sein:...
+
+Saladin (der auf ihn zustuerzt und seine Hand ergreift, die er bis zu
+Ende nicht wieder fahren laesst).
+Ich Staub? Ich Nichts?
+O Gott!
+
+Nathan. Was ist dir, Sultan?
+
+Saladin. Nathan, lieber Nathan!--
+Die tausend tausend Jahre deines Richters
+Sind noch nicht um.--Sein Richterstuhl ist nicht
+Der meine.--Geh!--Geh!--Aber sei mein Freund.
+
+Nathan.
+Und weiter haette Saladin mir nichts
+Zu sagen?
+
+Saladin. Nichts.
+
+Nathan. Nichts?
+
+Saladin. Gar nichts.--Und warum?
+
+Nathan.
+Ich haette noch Gelegenheit gewuenscht,
+Dir eine Bitte vorzutragen.
+
+Saladin. Braucht's
+Gelegenheit zu einer Bitte?--Rede!
+
+Nathan.
+Ich komm von einer weiten Reis', auf welcher
+Ich Schulden eingetrieben.--Fast hab ich
+Des baren Gelds zuviel.--Die Zeit beginnt
+Bedenklich wiederum zu werden;--und
+Ich weiss nicht recht, wo sicher damit hin.--
+Da dacht' ich, ob nicht du vielleicht,--weil doch
+Ein naher Krieg des Geldes immer mehr
+Erfordert,--etwas brauchen koenntest.
+
+Saladin (ihm steif in die Augen sehend).
+Nathan!--
+Ich will nicht fragen, ob Al-Hafi schon
+Bei dir gewesen;--will nicht untersuchen,
+Ob dich nicht sonst ein Argwohn treibt, mir dieses
+Erbieten freierdings zu tun:...
+
+Nathan. Ein Argwohn?
+
+Saladin.
+Ich bin ihn wert.--Verzeih mir!--Denn was hilft's?
+Ich muss dir nur gestehen,--dass ich im
+Begriffe war--
+
+Nathan. Doch nicht, das Naemliche
+An mich zu suchen?
+
+Saladin. Allerdings.
+
+Nathan. So waer'
+Uns beiden ja geholfen!--Dass ich aber
+Dir alle meine Barschaft nicht kann schicken,
+Das macht der junge Tempelherr. Du kennst
+Ihn ja. Ihm hab ich eine grosse Post
+Vorher noch zu bezahlen.
+
+Saladin. Tempelherr?
+Du wirst doch meine schlimmsten Feinde nicht
+Mit deinem Geld auch unterstuetzen wollen?
+
+Nathan.
+Ich spreche von dem einen nur, dem du
+Das Leben spartest...
+
+Saladin. Ah! woran erinnerst
+Du mich!--Hab ich doch diesen Juengling ganz
+Vergessen!--Kennst du ihn?--Wo ist er?
+
+Nathan. Wie?
+So weisst du nicht, wieviel von deiner Gnade
+Fuer ihn, durch ihn auf mich geflossen? Er,
+Er mit Gefahr des neu erhaltnen Lebens,
+Hat meine Tochter aus dem Feu'r gerettet.
+
+Saladin.
+Er? Hat er das?--Ha! darnach sah er aus.
+Das haette traun mein Bruder auch getan,
+Dem er so aehnelt!--Ist er denn noch hier?
+So bring ihn her!--Ich habe meiner Schwester
+Von diesem ihren Bruder, den sie nicht
+Gekannt, so viel erzaehlet, dass ich sie
+Sein Ebenbild doch auch muss sehen lassen!--
+Geh, hol ihn!--Wie aus einer guten Tat,
+Gebar sie auch schon blosse Leidenschaft,
+Doch so viel andre gute Taten fliessen!
+Geh, hol ihn!
+
+Nathan (indem er Saladins Hand fahren laesst).
+Augenblicks! Und bei dem andern
+Bleibt es doch auch? (Ab.)
+
+Saladin. Ah! dass ich meine Schwester
+Nicht horchen lassen!--Zu ihr! zu ihr!--Denn
+Wie soll ich alles das ihr nun erzaehlen?
+
+(Ab von der andern Seite.)
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Die Szene: unter den Palmen, in der Naehe des Klosters, wo der
+
+Tempelherr Nathans wartet.
+
+
+Tempelherr (geht, mit sich selbst kaempfend, auf und ab; bis er
+losbricht).
+--Hier haelt das Opfertier ermuedet still.--
+Nun gut! Ich mag nicht, mag nicht naeher wissen,
+Was in mir vorgeht; mag voraus nicht wittern,
+Was vorgehn wird.--Genug, ich bin umsonst
+Geflohn! umsonst.--Und weiter konnt' ich doch
+Auch nichts, als fliehn!--Nun komm', was kommen soll!--
+Ihm auszubeugen, war der Streich zu schnell
+Gefallen; unter den zu kommen, ich
+So lang und viel mich weigerte.--Sie sehn,
+Die ich zu sehn so wenig luestern war,
+Sie sehn, und der Entschluss, sie wieder aus
+Den Augen nie zu lassen.--Was Entschluss?
+Entschluss ist Vorsatz, Tat: und ich, ich litt',
+Ich litte bloss.--Sie sehn, und das Gefuehl
+An sie verstrickt, in sie verwebt zu sein,
+War eins.--Bleibt eins.--Von ihr getrennt
+Zu leben, ist mir ganz undenkbar; waer'
+Mein Tod,--und wo wir immer nach dem Tode
+Noch sind, auch da mein Tod.--Ist das nun Liebe:
+So--liebt der Tempelritter freilich,--liebt
+Der Christ das Judenmaedchen freilich.--Hm!
+Was tut's?--Ich hab in dem gelobten Lande,--
+Und drum auch mir gelobt auf immerdar!--
+Der Vorurteile mehr schon abgelegt.--
+Was will mein Orden auch? Ich Tempelherr
+Bin tot; war von dem Augenblick ihm tot,
+Der mich zu Saladins Gefangnen machte.
+Der Kopf, den Saladin mir schenkte, waer'
+Mein alter?--Ist ein neuer; der von allem
+Nichts weiss, was jenem eingeplaudert ward,
+Was jenen band.--Und ist ein bessrer; fuer
+Den vaeterlichen Himmel mehr gemacht.
+Das spuer ich ja. Denn erst mit ihm beginn
+Ich so zu denken, wie mein Vater hier
+Gedacht muss haben; wenn man Maerchen nicht
+Von ihm mir vorgelegen.--Maerchen?--doch
+Ganz glaubliche; die glaublicher mir nie,
+Als itzt geschienen, da ich nur Gefahr
+Zu straucheln laufe, wo er fiel.--Er fiel?
+Ich will mit Maennern lieber fallen, als
+Mit Kindern stehn.--Sein Beispiel buerget mir
+Fuer seinen Beifall. Und an wessen Beifall
+Liegt mir denn sonst?--An Nathans?--O an dessen
+Ermuntrung mehr, als Beifall, kann es mir
+Noch weniger gebrechen.--Welch ein Jude!--
+Und der so ganz nur Jude scheinen will!
+Da koemmt er; koemmt mit Hast; glueht heitre Freude.
+Wer kam vom Saladin je anders?--He!
+He, Nathan!
+
+
+
+Neunter Auftritt
+
+Nathan und der Tempelherr.
+
+
+Nathan. Wie? seid Ihr's?
+
+Tempelherr. Ihr habt
+Sehr lang' Euch bei dem Sultan aufgehalten.
+
+Nathan.
+So lange nun wohl nicht. Ich ward im Hingehn
+Zu viel verweilt.--Ah, wahrlich, Curd; der Mann
+Steht seinen Ruhm. Sein Ruhm ist bloss sein Schatten.
+Doch lasst vor allen Dingen Euch geschwind
+Nur sagen...
+
+Tempelherr. Was?
+
+Nathan. Er will Euch sprechen; will,
+Dass ungesaeumt Ihr zu ihm kommt. Begleitet
+Mich nur nach Hause, wo ich noch fuer ihn
+Erst etwas anders zu verfuegen habe:
+Und dann, so gehn wir!
+
+Tempelherr. Nathan, Euer Haus
+Betret ich wieder eher nicht...
+
+Nathan. So seid
+Ihr doch indes schon da gewesen? habt
+Indes sie doch gesprochen?--Nun?--Sagt: wie
+Gefaellt Euch Recha?
+
+Tempelherr. Ueber allen Ausdruck!
+Allein,--sie wiedersehn--das werd ich nie!
+Nie! nie!--Ihr muesstet mir zur Stelle denn
+Versprechen:--dass ich sie auf immer, immer--
+Soll koennen sehn.
+
+Nathan. Wie wollt Ihr, dass ich das
+Versteh?
+
+Tempelherr (nach einer kurzen Pause ihm ploetzlich um den Hals fallend).
+Mein Vater!
+
+Nathan.--Junger Mann!
+
+Tempelherr (ihn ebenso ploetzlich wieder lassend).
+Nicht Sohn?--
+Ich bitt Euch, Nathan!--
+
+Nathan. Lieber junger Mann!
+
+Tempelherr.
+Nicht Sohn?--Ich bitt Euch, Nathan!--Ich beschwoer
+Euch bei den ersten Banden der Natur!--
+Zieht ihnen spaetre Fesseln doch nicht vor!--
+Begnuegt Euch doch ein Mensch zu sein!--Stosst mich
+Nicht von Euch!
+
+Nathan. Lieber, lieber Freund!...
+
+Tempelherr. Und Sohn?
+Sohn nicht?--Auch dann nicht, dann nicht einmal, wenn
+Erkenntlichkeit zum Herzen Eurer Tochter
+Der Liebe schon den Weg gebahnet haette?
+Auch dann nicht einmal, wenn in eins zu schmelzen,
+Auf Euern Wink nur beide warteten?--
+Ihr schweigt?
+
+Nathan. Ihr ueberrascht mich, junger Ritter.
+
+Tempelherr.
+Ich ueberrasch Euch?--ueberrasch Euch, Nathan,
+Mit Euern eigenen Gedanken?--Ihr
+Verkennt sie doch in meinem Munde nicht?--
+Ich ueberrasch Euch?
+
+Nathan. Eh' ich einmal weiss,
+Was fuer ein Stauffen Euer Vater denn
+Gewesen ist!
+
+Tempelherr. Was sagt Ihr, Nathan? was?
+In diesem Augenblicke fuehlt Ihr nichts
+Als Neubegier?
+
+Nathan. Denn seht! Ich habe selbst
+Wohl einen Stauffen ehedem gekannt,
+Der Conrad hiess.
+
+Tempelherr. Nun,--wenn mein Vater denn
+Nun ebenso geheissen haette?
+
+Nathan. Wahrlich?
+
+Tempelherr.
+Ich heisse selber ja nach meinem Vater: Curd
+Ist Conrad.
+
+Nathan. Nun--so war mein Conrad doch
+Nicht Euer Vater. Denn mein Conrad war,
+Was Ihr; war Tempelherr; war nie vermaehlt.
+
+Tempelherr.
+O darum!
+
+Nathan. Wie?
+
+Tempelherr. O darum koennt' er doch
+Mein Vater wohl gewesen sein.
+
+Nathan. Ihr scherzt.
+
+Tempelherr.
+Und Ihr nehmt's wahrlich zu genau!--Was waer's
+Denn nun? So was von Bastard oder Bankert!
+Der Schlag ist auch nicht zu verachten.--Doch
+Entlasst mich immer meiner Ahnenprobe.
+Ich will Euch Eurer wiederum entlassen.
+Nicht zwar, als ob ich den geringsten Zweifel
+In Euern Stammbaum setzte. Gott behuete!
+Ihr koennt ihn Blatt vor Blatt bis Abraham
+Hinauf belegen. Und von da so weiter,
+Weiss ich ihn selbst; will ich ihn selbst beschwoeren.
+
+Nathan.
+Ihr werdet bitter.--Doch verdien ich's?--Schlug
+Ich denn Euch schon was ab?--Ich will Euch ja
+Nur bei dem Worte nicht den Augenblick
+So fassen.--Weiter nichts.
+
+Tempelherr. Gewiss?--Nichts weiter?
+O so vergebt!...
+
+Nathan. Nun kommt nur, kommt!
+
+Tempelherr. Wohin?
+Nein!--Mit in Euer Haus?--Das nicht! das nicht!--
+Da brennt's!--Ich will Euch hier erwarten. Geht!--
+Soll ich sie wiedersehn: so seh ich sie
+Noch oft genug. Wo nicht: so sah ich sie
+Schon viel zu viel...
+
+Nathan. Ich will mich moeglichst eilen.
+
+
+
+Zehnter Auftritt
+
+Der Tempelherr und bald darauf Daja.
+
+
+Tempelherr.
+Schon mehr als g'nug!--Des Menschen Hirn fasst so
+Unendlich viel; und ist doch manchmal auch
+So ploetzlich voll! von einer Kleinigkeit
+So ploetzlich voll!--Taugt nichts, taugt nichts; es sei
+Auch voll wovon es will.--Doch nur Geduld!
+Die Seele wirkt den auf gedunsnen Stoff
+Bald ineinander, schafft sich Raum, und Licht
+Und Ordnung kommen wieder.--Lieb ich denn
+Zum ersten Male?--Oder war, was ich
+Als Liebe kenne, Liebe nicht?--Ist Liebe
+Nur was ich itzt empfinde?...
+
+Daja (die sich von der Seite herbeigeschlichen).
+Ritter! Ritter!
+
+Tempelherr.
+Wer ruft?--Ha, Daja, Ihr?
+
+Daja. Ich habe mich
+Bei ihm vorbeigeschlichen. Aber noch
+Koennt' er uns sehn, wo Ihr da steht.--Drum kommt
+Doch naeher zu mir, hinter diesen Baum.
+
+Tempelherr.
+Was gibt's denn?--So geheimnisvoll?--Was ist's?
+
+Daja.
+Ja wohl betrifft es ein Geheimnis, was
+Mich zu Euch bringt; und zwar ein doppeltes.
+Das eine weiss nur ich; das andre wisst
+Nur Ihr.--Wie waer' es, wenn wir tauschten?
+Vertraut mir Euers: so vertrau ich Euch
+Das meine.
+
+Tempelherr. Mit Vergnuegen.--Wenn ich nur
+Erst weiss, was Ihr fuer meines achtet. Doch
+Das wird aus Euerm wohl erhellen.--Fangt
+Nur immer an.
+
+Daja. Ei denkt doch!--Nein, Herr Ritter.
+Erst Ihr; ich folge.--Denn versichert, mein
+Geheimnis kann Euch gar nichts nutzen, wenn
+Ich nicht zuvor das Eure habe.--Nur
+Geschwind!--Denn frag ich's Euch erst ab: so habt
+Ihr nichts vertrauet. Mein Geheimnis dann
+Bleibt mein Geheimnis; und das Eure seid
+Ihr los.--Doch armer Ritter!--Dass Ihr Maenner
+Ein solch Geheimnis vor uns Weibern haben
+Zu koennen, auch nur glaubt!
+
+Tempelherr. Das wir zu haben
+Oft selbst nicht wissen.
+
+Daja. Kann wohl sein. Drum muss
+Ich freilich erst, Euch selbst damit bekannt
+Zu machen, schon die Freundschaft haben.--Sagt--
+Was hiess denn das, dass Ihr so Knall und Fall
+Euch aus dem Staube machtet? dass Ihr uns
+So sitzenliesset?--dass Ihr nun mit Nathan
+Nicht wiederkommt?--Hat Recha denn so wenig
+Auf Euch gewirkt? wie? oder auch, so viel?--
+So viel! so viel!--Lehrt Ihr des armen Vogels,
+Der an der Rute klebt, Geflattre mich
+Doch kennen!--Kurz: gesteht es mir nur gleich,
+Dass Ihr sie liebt, liebt bis zum Unsinn; und
+Ich sag Euch was...
+
+Tempelherr. Zum Unsinn? Wahrlich; Ihr
+Versteht Euch trefflich drauf.
+
+Daja. Nun gebt mir nur
+Die Liebe zu; den Unsinn will ich Euch
+Erlassen.
+
+Tempelherr. Weil er sich von selbst versteht?--
+Ein Tempelherr ein Judenmaedchen lieben!...
+
+Daja.
+Scheint freilich wenig Sinn zu haben.--Doch
+Zuweilen ist des Sinns in einer Sache
+Auch mehr, als wir vermuten; und es waere
+So unerhoert doch nicht, dass uns der Heiland
+Auf Wegen zu sich zoege, die der Kluge
+Von selbst nicht leicht betreten wuerde.
+
+Tempelherr. Das
+So feierlich?--(Und setz ich statt des Heilands
+Die Vorsicht: hat sie denn nicht recht?--) Ihr macht
+Mich neubegieriger, als ich wohl sonst
+Zu sein gewohnt bin.
+
+Daja. Oh! das ist das Land
+Der Wunder!
+
+Tempelherr. (Nun!--des Wunderbaren. Kann
+Es auch wohl anders sein? Die ganze Welt
+Draengt sich ja hier zusammen.)--Liebe Daja,
+Nehmt fuer gestanden an, was Ihr verlangt:
+Dass ich sie liebe; dass ich nicht begreife,
+Wie ohne sie ich leben werde; dass...
+
+Daja.
+Gewiss? gewiss?--So schwoert mir, Ritter, sie
+Zur Eurigen zu machen; sie zu retten:
+Sie zeitlich hier, sie ewig dort zu retten.
+
+Tempelherr.
+Und wie?--Wie kann ich?--Kann ich schwoeren, was
+In meiner Macht nicht steht?
+
+Daja. In Eurer Macht
+Steht es. Ich bring es durch ein einzig Wort
+In Eure Macht.
+
+Tempelherr. Dass selbst der Vater nichts
+Dawider haette?
+
+Daja. Ei, was Vater! Vater!
+Der Vater soll schon muessen.
+
+Tempelherr. Muessen, Daja?--
+Noch ist er unter Raeuber nicht gefallen.
+Er muss nicht muessen.
+
+Daja. Nun, so muss er wollen;
+Muss gern am Ende wollen.
+
+Tempelherr. Muss und gern!--
+Doch, Daja, wenn ich Euch nun sage, dass
+Ich selber diese Sait' ihm anzuschlagen
+Bereits versucht?
+
+Daja. Was? und er fiel nicht ein?
+
+Tempelherr.
+Er fiel mit einem Misslaut ein, der mich--
+Beleidigte.
+
+Daja. Was sagt Ihr?--Wie? Ihr haettet
+Den Schatten eines Wunsches nur nach Recha
+Ihm blicken lassen: und er waer' vor Freuden
+Nicht aufgesprungen? haette frostig sich
+Zurueckgezogen? haette Schwierigkeiten
+Gemacht?
+
+Tempelherr. So ungefaehr.
+
+Daja. So will ich denn
+Mich laenger keinen Augenblick bedenken.
+
+(Pause.)
+
+Tempelherr.
+Und Ihr bedenkt Euch doch?
+
+Daja. Der Mann ist sonst
+So gut!--Ich selber bin so viel ihm schuldig!--
+Dass er doch gar nicht hoeren will!--Gott weiss,
+Das Herze blutet mir, ihn so zu zwingen.
+
+Tempelherr.
+Ich bitt Euch, Daja, setzt mich kurz und gut
+Aus dieser Ungewissheit. Seid Ihr aber
+Noch selber ungewiss; ob, was Ihr vorhabt,
+Gut oder boese, schaendlich oder loeblich
+Zu nennen:--schweigt!--Ich will vergessen, dass
+Ihr etwas zu verschweigen habt.
+
+Daja. Das spornt,
+Anstatt zu halten. Nun; so wisst denn: Recha
+Ist keine Juedin; ist--ist eine Christin.
+
+Tempelherr (kalt).
+So? Wuensch Euch Glueck! Hat's schwer gehalten? Lasst
+Euch nicht die Wehen schrecken!--Fahret ja
+Mit Eifer fort, den Himmel zu bevoelkern:
+Wenn Ihr die Erde nicht mehr koennt!
+
+Daja. Wie, Ritter?
+Verdienet meine Nachricht diesen Spott?
+Dass Recha eine Christin ist: das freuet
+Euch, einen Christen, einen Tempelherrn,
+Der Ihr sie liebt, nicht mehr?
+
+Tempelherr. Besonders, da
+Sie eine Christin ist von Eurer Mache.
+
+Daja.
+Ah! so versteht Ihr's? So mag's gelten!--Nein!
+Den will ich sehn, der die bekehren soll!
+Ihr Glueck ist, laengst zu sein, was sie zu werden
+Verdorben ist.
+
+Tempelherr. Erklaert Euch, oder--geht!
+
+Daja.
+Sie ist ein Christenkind, von Christeneltern
+Geboren; ist getauft...
+
+Tempelherr (hastig). Und Nathan?
+
+Daja. Nicht
+Ihr Vater!
+
+Tempelherr. Nathan nicht ihr Vater?--Wisst
+Ihr, was Ihr sagt?
+
+Daja. Die Wahrheit, die so oft
+Mich blut'ge Traenen weinen machen.--Nein,
+Er ist ihr Vater nicht...
+
+Tempelherr. Und haette sie
+Als seine Tochter nur erzogen? haette
+Das Christenkind als eine Juedin sich
+Erzogen?
+
+Daja. Ganz gewiss.
+
+Tempelherr. Sie wuesste nicht,
+Was sie geboren sei?--Sie haett' es nie
+Von ihm erfahren, dass sie eine Christin
+Geboren sei, und keine Juedin?
+
+Daja. Nie!
+
+Tempelherr.
+Er haett' in diesem Wahne nicht das Kind
+Bloss auferzogen? liess das Maedchen noch
+In diesem Wahne?
+
+Daja. Leider!
+
+Tempelherr. Nathan--Wie?
+Der weise gute Nathan haette sich
+Erlaubt, die Stimme der Natur so zu
+Verfaelschen?--Die Ergiessung eines Herzens
+So zu verrenken, die, sich selbst gelassen,
+Ganz andre Wege nehmen wuerde?--Daja,
+Ihr habt mir allerdings etwas vertraut--
+Von Wichtigkeit,--was Folgen haben kann,--
+Was mich verwirrt,--worauf ich gleich nicht weiss,
+Was mir zu tun.--Drum lasst mir Zeit.--Drum geht!
+Er koemmt hier wiederum vorbei. Er moecht'
+Uns ueberfallen. Geht!
+
+Daja. Ich waer' des Todes!
+
+Tempelherr.
+Ich bin ihn itzt zu sprechen ganz und gar
+Nicht faehig. Wenn Ihr ihm begegnet, sagt
+Ihm nur, dass wir einander bei dem Sultan
+Schon finden wuerden.
+
+Daja. Aber lasst Euch ja
+Nichts merken gegen ihn.--Das soll nur so
+Den letzten Druck dem Dinge geben; soll
+Euch, Rechas wegen, alle Skrupel nur
+Benehmen!--Wenn Ihr aber dann sie nach
+Europa fuehrt: so lasst Ihr doch mich nicht
+Zurueck?
+
+Tempelherr. Das wird sich finden. Geht nur, geht!
+
+
+
+
+
+Vierter Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+(Szene: in den Kreuzgaengen des Klosters.)
+
+Der Klosterbruder und bald darauf der Tempelherr.
+
+
+Klosterbruder.
+Ja, ja! er hat schon recht, der Patriarch!
+Es hat mir freilich noch von alledem
+Nicht viel gelingen wollen, was er mir
+So aufgetragen.--Warum traegt er mir
+Auch lauter solche Sachen auf?--Ich mag
+Nicht fein sein; mag nicht ueberreden; mag
+Mein Naeschen nicht in alles stecken; mag
+Mein Haendchen nicht in allem haben.--Bin
+Ich darum aus der Welt geschieden, ich
+Fuer mich; um mich fuer andre mit der Welt
+Noch erst recht zu verwickeln?
+
+Tempelherr (mit Hast auf ihn zukommend).
+Guter Bruder!
+Da seid Ihr ja. Ich hab Euch lange schon
+Gesucht.
+
+Klosterbruder. Mich, Herr?
+
+Tempelherr. Ihr kennt mich schon nicht mehr?
+
+Klosterbruder.
+Doch, doch! Ich glaubte nur, dass ich den Herrn
+In meinem Leben wieder nie zu sehn
+Bekommen wuerde. Denn ich hofft' es zu
+Dem lieben Gott.--Der liebe Gott, der weiss,
+Wie sauer mir der Antrag ward, den ich
+Dem Herrn zu tun verbunden war. Er weiss,
+Ob ich gewuenscht, ein offnes Ohr bei Euch
+Zu finden; weiss, wie sehr ich mich gefreut,
+Im Innersten gefreut, dass Ihr so rund
+Das alles, ohne viel Bedenken, von
+Euch wies't, was einem Ritter nicht geziemt.--
+Nun kommt Ihr doch; nun hat's doch nachgewirkt!
+
+Tempelherr.
+Ihr wisst es schon, warum ich komme? Kaum
+Weiss ich es selbst.
+
+Klosterbruder. Ihr habt's nun ueberlegt;
+Habt nun gefunden, dass der Patriarch
+So unrecht doch nicht hat; dass Ehr' und Geld
+Durch seinen Anschlag zu gewinnen; dass
+Ein Feind ein Feind ist, wenn er unser Engel
+Auch siebenmal gewesen waere. Das,
+Das habt Ihr nun mit Fleisch und Blut erwogen,
+Und kommt, und tragt Euch wieder an.--Ach Gott!
+
+Tempelherr.
+Mein frommer, lieber Mann! gebt Euch zufrieden.
+Deswegen komm ich nicht; deswegen will
+Ich nicht den Patriarchen sprechen. Noch,
+Noch denk ich ueber jenen Punkt, wie ich
+Gedacht, und wollt' um alles in der Welt
+Die gute Meinung nicht verlieren, deren
+Mich ein so grader, frommer, lieber Mann
+Einmal gewuerdiget.--Ich komme bloss,
+Den Patriarchen ueber eine Sache
+Um Rat zu fragen...
+
+Klosterbruder. Ihr den Patriarchen?
+Ein Ritter, einen--Pfaffen?
+(Sich schuechtern umsehend.)
+
+Tempelherr. Ja;--die Sach'
+Ist ziemlich pfaeffisch.
+
+Klosterbruder. Gleichwohl fragt der Pfaffe
+Den Ritter nie, die Sache sei auch noch
+So ritterlich.
+
+Tempelherr. Weil er das Vorrecht hat,
+Sich zu vergehn; das unsereiner ihm
+Nicht sehr beneidet.--Freilich, wenn ich nur
+Fuer mich zu handeln haette; freilich, wenn
+Ich Rechenschaft nur mir zu geben haette:
+Was braucht' ich Euers Patriarchen? Aber
+Gewisse Dinge will ich lieber schlecht,
+Nach andrer Willen, machen; als allein
+Nach meinem, gut.--Zudem, ich seh nun wohl,
+Religion ist auch Partei; und wer
+Sich drob auch noch so unparteiisch glaubt,
+Haelt, ohn' es selbst zu wissen, doch nur seiner
+Die Stange. Weil das einmal nun so ist:
+Wird's so wohl recht sein.
+
+Klosterbruder. Dazu schweig ich lieber.
+Denn ich versteh den Herrn nicht recht.
+
+Tempelherr. Und doch!--
+(Lass sehn, warum mir eigentlich zu tun!
+Um Machtspruch oder Rat?--Um lautern, oder
+Gelehrten Rat?)--Ich dank Euch, Bruder; dank
+Euch fuer den guten Wink.--Was Patriarch?--
+Seid Ihr mein Patriarch! Ich will ja doch
+Den Christen mehr im Patriarchen, als
+Den Patriarchen in dem Christen fragen.--
+Die Sach' ist die...
+
+Klosterbruder. Nicht weiter, Herr, nicht weiter!
+Wozu?--Der Herr verkennt mich.--Wer viel weiss,
+Hat viel zu sorgen; und ich habe ja
+Mich einer Sorge nur gelobt.--O gut!
+Hoert! seht! Dort koemmt, zu meinem Glueck, er selbst.
+Bleibt hier nur stehn. Er hat Euch schon erblickt.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Der Patriarch, welcher mit allem geistlichen Pomp den einen Kreuzgang
+heraufkommt, und die Vorigen.
+
+
+Tempelherr.
+Ich wich' ihm lieber aus.--Waer' nicht mein Mann!
+Ein dicker, roter, freundlicher Praelat!
+Und welcher Prunk!
+
+Klosterbruder. Ihr solltet ihn erst sehn
+Nach Hofe sich erheben. Itzo koemmt
+Er nur von einem Kranken.
+
+Tempelherr. Wie sich da
+Nicht Saladin wird schaemen muessen!
+
+Patriarch (indem er naeherkommt, winkt dem Bruder). Hier!--
+Das ist ja wohl der Tempelherr. Was will
+Er?
+
+Klosterbruder. Weiss nicht.
+
+Patriarch (auf ihn zugehend, indem der Bruder und das Gefolge
+zuruecktreten).
+Nun, Herr Ritter!--Sehr erfreut,
+Den braven jungen Mann zu sehn!--Ei, noch
+So gar jung!--Nun, mit Gottes Hilfe, daraus
+Kann etwas werden.
+
+Tempelherr. Mehr, ehrwuerd'ger Herr,
+Wohl schwerlich, als schon ist. Und eher noch,
+Was weniger.
+
+Patriarch. Ich wuensche wenigstens,
+Dass so ein frommer Ritter lange noch
+Der lieben Christenheit, der Sache Gottes
+Zu Ehr' und Frommen bluehn und gruenen moege!
+Das wird denn auch nicht fehlen, wenn nur fein
+Die junge Tapferkeit dem reifen Rate
+Des Alters folgen will!--Womit waer' sonst
+Dem Herrn zu dienen?
+
+Tempelherr. Mit dem naemlichen,
+Woran es meiner Jugend fehlt: mit Rat.
+
+Patriarch.
+Recht gern!--Nur ist der Rat auch anzunehmen.
+
+Tempelherr.
+Doch blindlings nicht?
+
+Patriarch. Wer sagt denn das?--Ei freilich
+Muss niemand die Vernunft, die Gott ihm gab,
+Zu brauchen unterlassen,--wo sie hin-
+Gehoert.--Gehoert sie aber ueberall
+Denn hin?--O nein!--Zum Beispiel: wenn uns Gott
+Durch einen seiner Engel,--ist zu sagen,
+Durch einen Diener seines Worts,--ein Mittel
+Bekannt zu machen wuerdiget, das Wohl
+Der ganzen Christenheit, das Heil der Kirche,
+Auf irgendeine ganz besondre Weise
+Zu foerdern, zu befestigen: wer darf
+Sich da noch unterstehn, die Willkuer des,
+Der die Vernunft erschaffen, nach Vernunft
+Zu untersuchen? und das ewige
+Gesetz der Herrlichkeit des Himmels, nach
+Den kleinen Regeln einer eiteln Ehre
+Zu pruefen?--Doch hiervon genug.--Was ist
+Es denn, worueber unsern Rat fuer itzt
+Der Herr verlangt?
+
+Tempelherr. Gesetzt, ehrwuerd'ger Vater,
+Ein Jude haett' ein einzig Kind,--es sei
+Ein Maedchen,--das er mit der groessten Sorgfalt
+Zu allem Guten auferzogen, das
+Er liebe mehr als seine Seele, das
+Ihn wieder mit der froemmsten Liebe liebe.
+Und nun wuerd' unsereinem hinterbracht,
+Dies Maedchen sei des Juden Tochter nicht;
+Er hab' es in der Kindheit aufgelesen,
+Gekauft, gestohlen,--was Ihr wollt; man wisse,
+Das Maedchen sei ein Christenkind, und sei
+Getauft; der Jude hab' es nur als Juedin
+Erzogen; lass' es nur als Juedin und
+Als seine Tochter so verharren:--sagt,
+Ehrwuerd'ger Vater, was waer' hierbei wohl
+Zu tun?
+
+Patriarch. Mich schaudert!--Doch zu allererst
+Erklaere sich der Herr, ob so ein Fall
+Ein Faktum oder eine Hypothes'.
+Das ist zu sagen: ob der Herr sich das
+Nur bloss so dichtet, oder ob's geschehn,
+Und fortfaehrt zu geschehn.
+
+Tempelherr. Ich, glaubte, das
+Sei eins, um Euer Hochehrwuerden Meinung
+Bloss zu vernehmen.
+
+Patriarch. Eins?--Da seh' der Herr
+Wie sich die stolze menschliche Vernunft
+Im Geistlichen doch irren kann.--Mitnichten!
+Denn ist der vorgetragne Fall nur so
+Ein Spiel des Witzes: so verlohnt es sich
+Der Muehe nicht, im Ernst ihn durchzudenken.
+Ich will den Herrn damit auf das Theater
+Verwiesen haben, wo dergleichen pro
+Et contra sich mit vielem Beifall koennte
+Behandeln lassen.--Hat der Herr mich aber
+Nicht bloss mit einer theatral'schen Schnurre
+Zum besten; ist der Fall ein Faktum; haett'
+Er sich wohl gar in unsrer Dioezes',
+In unsrer lieben Stadt Jerusalem
+Ereignet:--ja alsdann--
+
+Tempelherr. Und was alsdann?
+
+Patriarch.
+Dann waere an dem Juden foerdersamst
+Die Strafe zu vollziehn, die paepstliches
+Und kaiserliches Recht so einem Frevel,
+So einer Lastertat bestimmen.
+
+Tempelherr. So?
+
+Patriarch.
+Und zwar bestimmen obbesagte Rechte
+Dem Juden, welcher einen Christen zur
+Apostasie verfuehrt,--den Scheiterhaufen,
+Den Holzstoss--
+
+Tempelherr. So?
+
+Patriarch. Und wieviel mehr dem Juden,
+Der mit Gewalt ein armes Christenkind
+Dem Bunde seiner Tauf' entreisst! Denn ist
+Nicht alles, was man Kindern tut, Gewalt?--
+Zu sagen:--ausgenommen, was die Kirch'
+An Kindern tut.
+
+Tempelherr. Wenn aber nun das Kind,
+Erbarmte seiner sich der Jude nicht,
+Vielleicht im Elend umgekommen waere?
+
+Patriarch.
+Tut nichts! der Jude wird verbrannt!--Denn besser,
+Es waere hier im Elend umgekommen,
+Als dass zu seinem ewigen Verderben
+Es so gerettet ward.--Zudem, was hat
+Der Jude Gott denn vorzugreifen? Gott
+Kann, wen er retten will, schon ohn' ihn retten.
+
+Tempelherr.
+Auch trotz ihm, sollt' ich meinen,--selig machen.
+
+Patriarch.
+Tut nichts! der Jude wird verbrannt.
+
+Tempelherr. Das geht
+Mir nah'! Besonders, da man sagt, er habe
+Das Maedchen nicht sowohl in seinem, als
+Vielmehr in keinem Glauben auferzogen,
+Und sie von Gott nicht mehr nicht weniger
+Gelehrt, als der Vernunft genuegt.
+
+Patriarch. Tut nichts!
+Der Jude wird verbrannt... Ja, waer' allein
+Schon dieserwegen wert, dreimal verbrannt
+Zu werden!--Was? ein Kind ohn' allen Glauben
+Erwachsen lassen?--Wie? die grosse Pflicht,
+Zu glauben, ganz und gar ein Kind nicht lehren?
+Das ist zu arg! Mich wundert sehr, Herr Ritter,
+Euch selbst...
+
+Tempelherr. Ehrwuerd'ger Herr, das uebrige,
+Wenn Gott will, in der Beichte. (Will gehn.)
+
+Patriarch. Was? mir nun
+Nicht einmal Rede stehn?--Den Boesewicht,
+Den Juden mir nicht nennen?--mir ihn nicht
+Zur Stelle schaffen?--O da weiss ich Rat!
+Ich geh sogleich zum Sultan.--Saladin,
+Vermoege der Kapitulation,
+Die er beschworen, muss uns, muss uns schuetzen;
+Bei allen Rechten, allen Lehren schuetzen,
+Die wir zu unsrer Allerheiligsten
+Religion nur immer rechnen duerfen!
+Gottlob! wir haben das Original.
+Wir haben seine Hand, sein Siegel. Wir!--
+Auch mach ich ihm gar leicht begreiflich, wie
+Gefaehrlich selber fuer den Staat es ist,
+Nichts glauben! Alle buergerliche Bande
+Sind aufgeloeset, sind zerrissen, wenn
+Der Mensch nichts glauben darf.--Hinweg! hinweg
+Mit solchem Frevel!...
+
+Tempelherr. Schade, dass ich nicht
+Den trefflichen Sermon mit bessrer Musse
+Geniessen kann! Ich bin zum Saladin
+Gerufen.
+
+Patriarch. Ja?--Nun so--Nun freilich--Dann--
+
+Tempelherr.
+Ich will den Sultan vorbereiten, wenn
+Es Eurer Hochehrwuerden so gefaellt.
+
+Patriarch.
+Oh, oh!--Ich weiss, der Herr hat Gnade funden
+Vor Saladin!--Ich bitte meiner nur
+Im Besten bei ihm eingedenk zu sein.--
+Mich treibt der Eifer Gottes lediglich.
+Was ich zuviel tu, tu ich ihm.--Das wolle
+Doch ja der Herr erwaegen!--Und nicht wahr,
+Herr Ritter? das vorhin Erwaehnte von
+Dem Juden, war nur ein Problema?--ist
+Zu sagen--
+
+Tempelherr. Ein Problema. (Geht ab.)
+
+Patriarch. (Dem ich tiefer
+Doch auf den Grund zu kommen suchen muss.
+Das waer' so wiederum ein Auftrag fuer
+Den Bruder Bonafides.)--Hier, mein Sohn!
+
+(Er spricht im Abgehn mit dem Klosterbruder.)
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+(Szene: ein Zimmer im Palaste des Saladin, in welches von Sklaven
+eine Menge Beutel getragen, und auf dem Boden nebeneinandergestellt
+werden.)
+
+Saladin und bald darauf Sittah.
+
+
+Saladin (der dazukoemmt).
+Nun wahrlich! das hat noch kein Ende.--Ist
+Des Dings noch viel zurueck?
+
+Ein Sklave. Wohl noch die Haelfte.
+
+Saladin.
+So tragt das uebrige zu Sittah.--Und
+Wo bleibt Al-Hafi? Das hier soll sogleich
+Al-Hafi zu sich nehmen.--Oder ob
+Ich's nicht vielmehr dem Vater schicke? Hier
+Faellt mir es doch nur durch die Finger.--Zwar
+Man wird wohl endlich hart; und nun gewiss
+Soll's Kuenste kosten, mir viel abzuzwacken.
+Bis wenigstens die Gelder aus Aegypten
+Zur Stelle kommen, mag das Armut sehn,
+Wie's fertig wird!--Die Spenden bei dem Grabe,
+Wenn die nur fortgehn! Wenn die Christenpilger
+Mit leeren Haenden nur nicht abziehn duerfen!
+Wenn nur--
+
+Sittah. Was soll nun das? Was soll das Geld
+Bei mir?
+
+Saladin. Mach dich davon bezahlt; und leg
+Auf Vorrat, wenn was uebrigbleibt.
+
+Sittah. Ist Nathan
+Noch mit dem Tempelherrn nicht da?
+
+Saladin. Er sucht
+Ihn aller Orten.
+
+Sittah. Sieh doch, was ich hier,
+Indem mir so mein alt Geschmeide durch
+Die Haende geht, gefunden.
+
+(Ihm ein klein Gemaelde zeigend.)
+
+Saladin. Ha! mein Bruder!
+Das ist er, ist er!--War er! war er! ah!--
+Ah wackrer lieber Junge, dass ich dich
+So frueh verlor! Was haett' ich erst mit dir,
+An deiner Seit' erst unternommen!--Sittah,
+Lass mir das Bild. Auch kenn ich's schon: er gab
+Es deiner aeltern Schwester, seiner Lilla,
+Die eines Morgens ihn so ganz und gar
+Nicht aus den Armen lassen wollt'. Es war
+Der letzte, den er ausritt.--Ah, ich liess
+Ihn reiten, und allein!--Ah, Lilla starb
+Vor Gram, und hat mir's nie vergeben, dass
+Ich so allein ihn reiten lassen.--Er
+Blieb weg!
+
+Sittah. Der arme Bruder!
+
+Saladin. Lass nur gut
+Sein!--Einmal bleiben wir doch alle weg!--
+Zudem,--wer weiss? Der Tod ist's nicht allein,
+Der einem Juengling seiner Art das Ziel
+Verrueckt. Er hat der Feinde mehr; und oft
+Erliegt der Staerkste gleich dem Schwaechsten.--Nun,
+Sei wie ihm sei!--Ich muss das Bild doch mit
+Dem jungen Tempelherrn vergleichen; muss
+Doch sehn, wieviel mich meine Phantasie
+Getaeuscht.
+
+Sittah. Nur darum bring ich's. Aber gib
+Doch, gib! Ich will dir das wohl sagen; das
+Versteht ein weiblich Aug' am besten.
+
+Saladin (zu einem Tuersteher, der hereintritt).
+Wer
+Ist da?--der Tempelherr?--Er komm'!
+
+Sittah. Euch nicht
+Zu stoeren: ihn mit meiner Neugier nicht
+Zu irren--
+(Sie setzt sich seitwaerts auf einen Sofa und laesst den Schleier fallen.)
+
+Saladin. Gut so! gut!--(Und nun sein Ton!
+Wie der wohl sein wird!--Assads Ton
+Schlaeft auch wohl wo in meiner Seele noch!)
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Der Tempelherr und Saladin.
+
+
+Tempelherr.
+Ich, dein Gefangner, Sultan...
+
+Saladin. Mein Gefangner?
+Wem ich das Leben schenke, werd ich dem
+Nicht auch die Freiheit schenken?
+
+Tempelherr. Was dir ziemt
+Zu tun, ziemt mir, erst zu vernehmen, nicht
+Vorauszusetzen. Aber, Sultan,--Dank,
+Besondern Dank dir fuer mein Leben zu
+Beteuern, stimmt mit meinem Stand und meinem
+Charakter nicht.--Es steht in allen Faellen
+Zu deinen Diensten wieder.
+
+Saladin. Brauch es nur
+Nicht wider mich!--Zwar ein paar Haende mehr,
+Die goennt' ich meinem Feinde gern. Allein
+Ihm so ein Herz auch mehr zu goennen, faellt
+Mir schwer.--Ich habe mich mit dir in nichts
+Betrogen, braver junger Mann! Du bist
+Mit Seel' und Leib mein Assad. Sieh! ich koennte
+Dich fragen: wo du denn die ganze Zeit
+Gesteckt? in welcher Hoehle du geschlafen?
+In welchem Ginnistan, von welcher guten
+Div diese Blume fort und fort so frisch
+Erhalten worden? Sich! ich koennte dich
+Erinnern wollen, was wir dort und dort
+Zusammen ausgefuehrt. Ich koennte mit
+Dir zanken, dass du ein Geheimnis doch
+Vor mir gehabt! Ein Abenteuer mir
+Doch unterschlagen:--Ja das koennt' ich; wenn
+Ich dich nur saeh', und nicht auch mich.--Nun, mag's!
+Von dieser suessen Traeumerei ist immer
+Doch so viel wahr, dass mir in meinem Herbst
+Ein Assad wieder bluehen soll.--Du bist
+Es doch zufrieden, Ritter?
+
+Tempelherr. Alles, was
+Von dir mir koemmt,--sei was es will--das lag
+Als Wunsch in meiner Seele.
+
+Saladin. Lass uns das
+Sogleich versuchen.--Bliebst du wohl bei mir?
+Um mir?--Als Christ, als Muselmann: gleichviel!
+Im weissen Mantel, oder Jamerlonk;
+Im Tulban, oder deinem Filze: wie
+Du willst! Gleichviel! Ich habe nie verlangt,
+Dass allen Baeumen eine Rinde wachse.
+
+Tempelherr.
+Sonst waerst du wohl auch schwerlich, der du bist:
+Der Held, der lieber Gottes Gaertner waere.
+
+Saladin.
+Nun dann; wenn du nicht schlechter von mir denkst:
+So waeren wir ja halb schon richtig?
+
+Tempelherr Ganz!
+
+Saladin (ihm die Hand bietend).
+Ein Wort?
+
+Tempelherr (einschlagend).
+Ein Mann!--Hiermit empfange mehr
+Als du mir nehmen konntest. Ganz der Deine!
+
+Saladin.
+Zuviel Gewinn fuer einen Tag! zuviel!
+Kam er nicht mit?
+
+Tempelherr. Wer?
+
+Saladin. Nathan.
+
+Tempelherr (frostig). Nein. Ich kam
+Allein.
+
+Saladin. Welch eine Tat von dir! Und welch
+Ein weises Glueck, dass eine solche Tat
+Zum Besten eines solchen Mannes ausschlug.
+
+Tempelherr.
+Ja, ja!
+
+Saladin. So kalt?--Nein, junger Mann! wenn Gott
+Was Gutes durch uns tut, muss man so kalt
+Nicht sein!--selbst aus Bescheidenheit so kalt
+Nicht scheinen wollen!
+
+Tempelherr. Dass doch in der Welt
+Ein jedes Ding so manche Seiten hat!--
+Von denen oft sich gar nicht denken laesst,
+Wie sie zusammenpassen!
+
+Saladin. Halte dich
+Nur immer an die best', und preise Gott!
+Der weiss, wie sie zusammenpassen.--Aber,
+Wenn du so schwierig sein willst, junger Mann:
+So werd auch ich ja wohl auf meiner Hut
+Mich mit dir halten muessen? Leider bin
+Auch ich ein Ding von vielen Seiten, die
+Oft nicht so recht zu passen scheinen moegen.
+
+Tempelherr.
+Das schmerzt!--Denn Argwohn ist so wenig sonst
+Mein Fehler--
+
+Saladin. Nun, so sage doch, mit wem
+Du's hast?--Es schien ja gar, mit Nathan. Wie?
+Auf Nathan Argwohn? du?--Erklaer dich! sprich!
+Komm, gib mir deines Zutrauns erste Probe.
+
+Tempelherr.
+Ich habe wider Nathan nichts. Ich zuern
+Allein mit mir--
+
+Saladin. Und ueber was?
+
+Tempelherr. Dass mir
+Getraeumt, ein Jude koenn' auch wohl ein Jude
+Zu sein verlernen; dass mir wachend so
+Getraeumt.
+
+Saladin. Heraus mit diesem wachen Traume!
+
+Tempelherr.
+Du weisst von Nathans Tochter, Sultan. Was
+Ich fuer sie tat, das tat ich,--weil ich's tat.
+Zu stolz, Dank einzuernten, wo ich ihn
+Nicht saeete, verschmaeht' ich Tag fuer Tag,
+Das Maedchen noch einmal zu sehn. Der Vater
+War fern; er koemmt; er hoert; er sucht mich auf;
+Er dankt; er wuenscht, dass seine Tochter mir
+Gefallen moege; spricht von Aussicht, spricht
+Von heitern Fernen.--Nun, ich lasse mich
+Beschwatzen, komme, sehe, finde wirklich
+Ein Maedchen... Ah, ich muss mich schaemen, Sultan!--
+
+Saladin.
+Dich schaemen?--dass ein Judenmaedchen auf
+Dich Eindruck machte: doch wohl nimmermehr?
+
+Tempelherr.
+Dass diesem Eindruck, auf das liebliche
+Geschwaetz des Vaters hin, mein rasches Herz
+So wenig Widerstand entgegensetzte!--
+Ich Tropf! ich sprang zum zweitenmal ins Feuer.
+Denn nun warb ich, und nun ward ich verschmaeht.
+
+Saladin.
+Verschmaeht?
+
+Tempelherr. Der weise Vater schlaegt nun wohl
+Mich platterdings nicht aus. Der weise Vater
+Muss aber doch sich erst erkunden, erst
+Besinnen. Allerdings! Tat ich denn das
+Nicht auch? Erkundete, besann ich denn
+Mich erst nicht auch, als sie im Feuer schrie?--
+Fuerwahr! bei Gott! Es ist doch gar was Schoenes,
+So weise, so bedaechtig sein!
+
+Saladin. Nun, nun!
+So sieh doch einem Alten etwas nach!
+Wie lange koennen seine Weigerungen
+Denn dauern? Wird er denn von dir verlangen,
+Dass du erst Jude werden sollst?
+
+Tempelherr. Wer weiss!
+
+Saladin.
+Wer weiss?--der diesen Nathan besser kennt.
+
+Tempelherr.
+Der Aberglaub', in dem wir aufgewachsen,
+Verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum
+Doch seine Macht nicht ueber uns.--Es sind
+Nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.
+
+Saladin.
+Sehr reif bemerkt! Doch Nathan wahrlich, Nathan...
+
+Tempelherr.
+Der Aberglauben schlimmster ist, den seinen
+Fuer den ertraeglichern zu halten...
+
+Saladin. Mag
+Wohl sein! Doch Nathan...,
+
+Tempelherr. Dem allein
+Die bloede Menschheit zu vertrauen, bis
+Sie hellern Wahrheitstag gewoehne; dem
+Allein...
+
+Saladin. Gut! Aber Nathan!--Nathans Los
+Ist diese Schwachheit nicht.
+
+Tempelherr. So dacht' ich auch! ...
+Wenn gleichwohl dieser Ausbund aller Menschen
+So ein gemeiner Jude waere, dass
+Er Christenkinder zu bekommen suche,
+Um sie als Juden aufzuziehn:--wie dann?
+
+Saladin.
+Wer sagt ihm so was nach?
+
+Tempelherr. Das Maedchen selbst,
+Mit welcher er mich koernt, mit deren Hoffnung
+Er gern mir zu bezahlen schiene, was
+Ich nicht umsonst fuer sie getan soll haben:--
+Dies Maedchen selbst ist seine Tochter--nicht;
+Ist ein verzettelt Christenkind.
+
+Saladin. Das er
+Dem ungeachtet dir nicht geben wollte?
+
+Tempelherr (heftig).
+Woll' oder wolle nicht! Er ist entdeckt.
+Der tolerante Schwaetzer ist entdeckt!
+Ich werde hinter diesen jued'schen Wolf
+Im philosoph'schen Schafpelz Hunde schon
+Zu bringen wissen, die ihn zausen sollen!
+
+Saladin (ernst).
+Sei ruhig, Christ!
+
+Tempelherr. Was? ruhig Christ?--Wenn Jud'
+Und Muselmann, auf Jud', auf Muselmann
+Bestehen: soll allein der Christ den Christen
+Nicht machen duerfen?
+
+Saladin (noch ernster). Ruhig, Christ!
+
+Tempelherr (gelassen). Ich fuehle
+Des Vorwurfs ganze Last,--die Saladin
+In diese Silbe presst! Ah, wenn ich wuesste,
+Wie Assad,--Assad sich an meiner Stelle
+Hierbei genommen haette!
+
+Saladin. Nicht viel besser!--
+Vermutlich ganz so brausend!--Doch, wer hat
+Denn dich auch schon gelehrt, mich so wie er
+Mit einem Worte zu bestechen? Freilich
+Wenn alles sich verhaelt, wie du mir sagest:
+Kann ich mich selber kaum in Nathan finden.--
+Indes, er ist mein Freund, und meiner Freunde
+Muss keiner mit dem andern hadern.--Lass
+Dich weisen! Geh behutsam! Gib ihn nicht
+Sofort den Schwaermern deines Poebels preis!
+Verschweig, was deine Geistlichkeit, an ihm
+Zu raechen, mir so nahe legen wuerde!
+Sei keinem Juden, keinem Muselmanne
+Zum Trotz ein Christ!
+
+Tempelherr. Bald waer's damit zu spaet!
+Doch dank der Blutbegier des Patriarchen,
+Des Werkzeug mir zu werden graute!
+
+Saladin. Wie?
+Du kamst zum Patriarchen eher, als
+Zu mir?
+
+Tempelherr. Im Sturm der Leidenschaft, im Wirbel
+Der Unentschlossenheit!--Verzeih!--Du wirst
+Von deinem Assad, fuercht ich, ferner nun
+Nichts mehr in mir erkennen wollen.
+
+Saladin. Waer'
+Es diese Furcht nicht selbst! Mich duenkt, ich weiss,
+Aus welchen Fehlern unsre Tugend keimt.
+Pfleg diese ferner nur, und jene sollen
+Bei mir dir wenig schaden.--Aber geh!
+Such du nun Nathan, wie er dich gesucht;
+Und bring ihn her. Ich muss euch doch zusammen
+Verstaendigen.--Waer' um das Maedchen dir
+Im Ernst zu tun: sei ruhig. Sie ist dein!
+Auch soll es Nathan schon empfinden, dass
+Er ohne Schweinefleisch ein Christenkind
+Erziehen duerfen!--Geh!
+
+(Der Tempelherr geht ab, und Sittah verlaesst den Sofa.)
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+
+Saladin und Sittah.
+
+
+Sittah. Ganz sonderbar!
+
+Saladin.
+Gelt, Sittah? Muss mein Assad nicht ein braver,
+Ein schoener junger Mann gewesen sein?
+
+Sittah.
+Wenn er so war, und nicht zu diesem Bilde
+Der Tempelherr vielmehr gesessen!--Aber
+Wie hast du doch vergessen koennen dich
+Nach seinen Eltern zu erkundigen?
+
+Saladin.
+Und insbesondre wohl nach seiner Mutter?
+Ob seine Mutter hierzulande nie
+Gewesen sei?--Nicht wahr?
+
+Sittah. Das machst du gut!
+
+Saladin.
+Oh, moeglicher waer' nichts! Denn Assad war
+Bei huebschen Christendamen so willkommen,
+Auf huebsche Christendamen so erpicht,
+Dass einmal gar die Rede ging--Nun, nun;
+Man spricht nicht gern davon.--Genug; ich hab
+Ihn wieder!--will mit allen seinen Fehlern,
+Mit allen Launen seines weichen Herzens
+Ihn wieder haben!--Oh! das Maedchen muss
+Ihm Nathan geben. Meinst du nicht?
+
+Sittah. Ihm geben?
+Ihm lassen!
+
+Saladin. Allerdings! Was haette Nathan,
+Sobald er nicht ihr Vater ist, fuer Recht
+Auf sie? Wer ihr das Leben so erhielt,
+Tritt einzig in die Rechte des, der ihr
+Es gab.
+
+Sittah. Wie also, Saladin? wenn du
+Nur gleich das Maedchen zu dir naehmst? Sie nur
+Dem unrechtmaessigen Besitzer gleich
+Entzoegest?
+
+Saladin. Taete das wohl not?
+
+Sittah. Not nun
+Wohl eben nicht!--Die liebe Neubegier
+Treibt mich allein, dir diesen Rat zu geben.
+Denn von gewissen Maennern mag ich gar
+Zu gern, so bald wie moeglich, wissen, was
+Sie fuer ein Maedchen lieben koennen.
+
+Saladin. Nun,
+So schick und lass sie holen.
+
+Sittah. Darf ich, Bruder?
+
+Saladin.
+Nur schone Nathans! Nathan muss durchaus
+Nicht glauben, dass man mit Gewalt ihn von
+Ihr trennen wolle.
+
+Sittah. Sorge nicht.
+
+Saladin. Und ich,
+Ich muss schon selbst sehn, wo Al-Hafi bleibt.
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+(Szene: die offne Flur in Nathans Hause, gegen die Palmen zu; wie im
+ersten Auftritte des ersten Aufzuges. Ein Teil der Waren und
+Kostbarkeiten liegt ausgekramt, deren ebendaselbst gedacht wird.)
+
+
+Nathan und Daja.
+
+Daja. Oh, alles herrlich! alles auserlesen!
+Oh, alles--wie nur Ihr es geben koennt.
+Wo wird der Silberstoff mit goldnen Ranken
+Gemacht? Was kostet er?--Das nenn ich noch
+Ein Brautkleid! Keine Koenigin verlangt
+Es besser.
+
+Nathan. Brautkleid? Warum Brautkleid eben?
+
+Daja.
+Je nun! Ihr dachtet daran freilich nicht,
+Als Ihr ihn kauftet.--Aber wahrlich, Nathan,
+Der und kein andrer muss es sein! Er ist
+Zum Brautkleid wie bestellt. Der weisse Grund;
+Ein Bild der Unschuld: und die goldnen Stroeme,
+Die allerorten diesen Grund durchschlaengeln;
+Ein Bild des Reichtums. Seht Ihr? Allerliebst!
+
+Nathan.
+Was witzelst du mir da? Von wessen Brautkleid
+Sinnbilderst du mir so gelehrt?--Bist du
+Denn Braut?
+
+Daja. Ich?
+
+Nathan. Nun wer denn?
+
+Daja. Ich?--lieber Gott!
+
+Nathan.
+Wer denn? Von wessen Brautkleid sprichst du denn?
+Das alles ist ja dein, und keiner andern.
+
+Daja.
+Ist mein? Soll mein sein?--Ist fuer Recha nicht?
+
+Nathan.
+Was ich fuer Recha mitgebracht, das liegt
+In einem andern Ballen. Mach! nimm weg!
+Trag deine Siebensachen fort!
+
+Daja. Versucher!
+Nein, waeren es die Kostbarkeiten auch
+Der ganzen Welt! Nicht ruehr an! wenn Ihr mir
+Vorher nicht schwoert, von dieser einzigen
+Gelegenheit, dergleichen Euch der Himmel
+Nicht zweimal schicken wird, Gebrauch zu machen.
+
+Nathan.
+Gebrauch? von was?--Gelegenheit? wozu?
+
+Daja.
+O stellt Euch nicht so fremd!--Mit kurzen Worten!
+Der Tempelherr liebt Recha: gebt sie ihm,
+So hat doch einmal Eure Suende, die
+Ich laenger nicht verschweigen kann, ein Ende.
+So koemmt das Maedchen wieder unter Christen;
+Wird wieder, was sie ist; ist wieder, was
+Sie ward: und Ihr, Ihr habt mit all dem Guten,
+Was wir Euch nicht genug verdanken koennen,
+Nicht Feuerkohlen bloss auf Euer Haupt
+Gesammelt.
+
+Nathan. Doch die alte Leier wieder?--
+Mit einer neuen Saite nur bezogen,
+Die, fuercht ich, weder stimmt noch haelt.
+
+Daja. Wieso?
+
+Nathan.
+Mir waer' der Tempelherr schon recht. Ihm goennt'
+Ich Recha mehr als einem in der Welt.
+Allein... Nun, habe nur Geduld.
+
+Daja. Geduld?
+Geduld ist Eure alte Leier nun
+Wohl nicht?
+
+Nathan. Nur wenig Tage noch Geduld! ...
+Sieh doch!--Wer koemmt denn dort?
+Ein Klosterbruder?
+Geh, frag ihn was er will.
+
+Daja. Was wird er wollen?
+
+(Sie geht auf ihn zu und fragt.)
+
+Nathan.
+So gib!--und eh' er bittet.--(Wuesst' ich nur
+Dem Tempelherrn erst beizukommen, ohne
+Die Ursach' meiner Neugier ihm zu sagen!
+Denn wenn ich sie ihm sag', und der Verdacht
+Ist ohne Grund: so hab ich ganz umsonst
+Den Vater auf das Spiel gesetzt.)--Was ist's?
+
+Daja.
+Er will Euch sprechen.
+
+Nathan. Nun, so lass ihn kommen;
+Und geh indes.
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Nathan und der Klosterbruder.
+
+
+Nathan. (Ich bliebe Rechas Vater
+Doch gar zu gern!--Zwar kann ich's denn nicht bleiben,
+Auch wenn ich aufhoer, es zu heissen?--Ihr,
+Ihr selbst werd ich's doch immer auch noch heissen,
+Wenn sie erkennt, wie gern ich's waere.)--Geh!--
+Was ist zu Euern Diensten, frommer Bruder?
+
+Klosterbruder.
+Nicht eben viel.--Ich freue mich, Herr Nathan,
+Euch annoch wohl zu sehn.
+
+Nathan. So kennt Ihr mich?
+
+Klosterbruder.
+Je nu; wer kennt Euch nicht? Ihr habt so manchem
+Ja Euern Namen in die Hand gedrueckt.
+Er steht in meiner auch, seit vielen Jahren.
+
+Nathan (nach seinem Beutel langend).
+Kommt, Bruder, kommt; ich frisch ihn auf.
+
+Klosterbruder. Habt Dank!
+Ich wuerd' es Aermern stehlen; nehme nichts.--
+Wenn Ihr mir nur erlauben wollt, ein wenig
+Euch meinen Namen aufzufrischen. Denn
+Ich kann mich ruehmen, auch in Eure Hand
+Etwas gelegt zu haben, was nicht zu
+Verachten war.
+
+Nathan. Verzeiht!--Ich schaeme mich--
+Sagt, was?--und nehmt zur Busse siebenfach
+Den Wert desselben von mir an.
+
+Klosterbruder. Hoert doch
+Vor allen Dingen, wie ich selber nur
+Erst heut an dies mein Euch vertrautes Pfand
+Erinnert worden.
+
+Nathan. Mir vertrautes Pfand?
+
+Klosterbruder.
+Vor kurzem sass ich noch als Eremit
+Auf Quarantana, unweit Jericho.
+Da kam arabisch Raubgesindel, brach
+Mein Gotteshaeuschen ab und meine Zelle
+Und schleppte mich mit fort. Zum Glueck entkam
+Ich noch und floh hierher zum Patriarchen,
+Um mir ein ander Plaetzchen auszubitten,
+Allwo ich meinem Gott in Einsamkeit
+Bis an mein selig Ende dienen koenne.
+
+Nathan.
+Ich steh auf Kohlen, guter Bruder. Macht
+Es kurz. Das Pfand! das mir vertraute Pfand!
+
+Klosterbruder.
+Sogleich, Herr Nathan.--Nun, der Patriarch
+Versprach mir eine Siedelei auf Tabor,
+Sobald als eine leer; und hiess inzwischen
+Im Kloster mich als Laienbruder bleiben.
+Da bin ich itzt, Herr Nathan; und verlange
+Des Tags wohl hundertmal auf Tabor. Denn
+Der Patriarch braucht mich zu allerlei,
+Wovor ich grossen Ekel habe. Zum
+Exempel:
+
+Nathan. Macht, ich bitt Euch!
+
+Klosterbruder. Nun, es koemmt!--
+Da hat ihm jemand heut ins Ohr gesetzt:
+Es lebe hier herum ein Jude, der
+Ein Christenkind als seine Tochter sich
+Erzoege.
+
+Nathan. Wie? (Betroffen.)
+
+Klosterbruder. Hoert mich nur aus!--Indem
+Er mir nun auftraegt, diesem Juden stracks,
+Wo moeglich, auf die Spur zu kommen, und
+Gewaltig sich ob eines solchen Frevels
+Erzuernt, der ihm die wahre Suende wider
+Den heil'gen Geist beduenkt;--das ist, die Suende,
+Die aller Suenden groesste Suend' uns gilt,
+Nur dass wir, Gott sei Dank, so recht nicht wissen,
+Worin sie eigentlich besteht:--da wacht
+Mit einmal mein Gewissen auf; und mir
+Faellt bei, ich koennte selber wohl vor Zeiten
+Zu dieser unverzeihlich grossen Suende
+Gelegenheit gegeben haben.--Sagt:
+Hat Euch ein Reitknecht nicht vor achtzehn Jahren
+Ein Toechterchen gebracht von wenig Wochen?
+
+Nathan.
+Wie das?--Nun freilich--allerdings--
+
+Klosterbruder. Ei, seht
+Mich doch recht an!--Der Reitknecht, der bin ich.
+
+Nathan.
+Seid ihr?
+
+Klosterbruder. Der Herr, von welchem ich's Euch brachte,
+War--ist mir recht--ein Herr von Filnek.--Wolf
+Von Filnek!
+
+Nathan. Richtig!
+
+Klosterbruder. Weil die Mutter kurz
+Vorher gestorben war; und sich der Vater
+Nach--mein ich--Gazza ploetzlich werfen musste,
+Wohin das Wuermchen ihm nicht folgen konnte:
+So sandt' er's Euch. Und traf ich Euch damit
+Nicht in Darun?
+
+Nathan. Ganz recht!
+
+Klosterbruder. Es waer' kein Wunder,
+Wenn mein Gedaechtnis mich betroeg'. Ich habe
+Der braven Herrn so viel gehabt; und diesem
+Hab ich nur gar zu kurze Zeit gedient.
+Er blieb bald drauf bei Askalon: und war
+Wohl sonst ein lieber Herr.
+
+Nathan. Ja wohl! Ja wohl!
+Dem ich so viel, so viel zu danken habe!
+Der mehr als einmal mich dem Schwert entrissen!
+
+Klosterbruder.
+O schoen! So werd't Ihr seines Toechterchens
+Euch um so lieber angenommen haben.
+
+Nathan.
+Das koennt Ihr denken.
+
+Klosterbruder. Nun, wo ist es denn?
+Es ist doch wohl nicht etwa gar gestorben?--
+Lasst's lieber nicht gestorben sein!--Wenn sonst
+Nur niemand um die Sache weiss: so hat
+Es gute Wege.
+
+Nathan. Hat es?
+
+Klosterbruder. Traut mir, Nathan!
+Denn seht, ich denke so! Wenn an das Gute,
+Das ich zu tun vermeine, gar zu nah
+Was gar zu Schlimmes grenzt: so tu ich lieber
+Das Gute nicht; weil wir das Schlimme zwar
+So ziemlich zuverlaessig kennen, aber
+Bei weiten nicht das Gute.--War ja wohl
+Natuerlich; wenn das Christentoechterchen
+Recht gut von Euch erzogen werden sollte:
+Dass Ihr's als Euer eigen Toechterchen
+Erzoegt.--Das haettet Ihr mit aller Lieb'
+Und Treue nun getan, und muesstet so
+Belohnet werden? Das will mir nicht ein.
+Ei freilich, klueger haettet Ihr getan;
+Wenn Ihr die Christin durch die zweite Hand
+Als Christin auferziehen lassen: aber
+So haettet Ihr das Kindchen Eures Freunds
+Auch nicht geliebt. Und Kinder brauchen Liebe,
+Waer's eines wilden Tieres Lieb' auch nur,
+In solchen Jahren mehr, als Christentum.
+Zum Christentume hat's noch immer Zeit.
+Wenn nur das Maedchen sonst gesund und fromm
+Vor Euern Augen aufgewachsen ist,
+So blieb's vor Gottes Augen, was es war.
+Und ist denn nicht das ganze Christentum
+Aufs Judentum gebaut? Es hat mich oft
+Geaergert, hat mir Traenen g'nug gekostet,
+Wenn Christen gar so sehr vergessen konnten,
+Dass unser Herr ja selbst ein Jude war.
+
+Nathan.
+Ihr, guter Bruder, muesst mein Fuersprach sein,
+Wenn Hass und Gleisnerei sich gegen mich
+Erheben sollten,--wegen einer Tat--
+Ah, wegen einer Tat!--Nur Ihr, Ihr sollt
+Sie wissen!--Nehmt sie aber mit ins Grab!
+Noch hat mich nie die Eitelkeit versucht,
+Sie jemand andern zu erzaehlen. Euch
+Allein erzaehl ich sie. Der frommen Einfalt
+Allein erzaehl ich sie. Weil die allein
+Versteht, was sich der gottergebne Mensch
+Fuer Taten abgewinnen kann.
+
+Klosterbruder. Ihr seid
+Geruehrt, und Euer Auge steht voll Wasser?
+
+Nathan.
+Ihr traft mich mit dem Kinde zu Darun.
+Ihr wisst wohl aber nicht, dass wenig Tage
+Zuvor, in Gath die Christen alle Juden
+Mit Weib und Kind ermordet hatten; wisst
+Wohl nicht, dass unter diesen meine Frau
+Mit sieben hoffnungsvollen Soehnen sich
+Befunden, die in meines Bruders Hause,
+Zu dem ich sie gefluechtet, insgesamt
+Verbrennen muessen.
+
+Klosterbruder. Allgerechter!
+
+Nathan. Als
+Ihr kamt, hatt' ich drei Tag' und Naecht' in Asch'
+Und Staub vor Gott gelegen, und geweint.--
+Geweint? Beiher mit Gott auch wohl gerechtet,
+Gezuernt, getobt, mich und die Welt verwuenscht;
+Der Christenheit den unversoehnlichsten
+Hass zugeschworen--
+
+Klosterbruder. Ach! Ich glaub's Euch wohl!
+
+Nathan.
+Doch nun kam die Vernunft allmaehlich wieder.
+Sie sprach mit sanfter Stimm': "und doch ist Gott!
+Doch war auch Gottes Ratschluss das! Wohlan!
+Komm! uebe, was du laengst begriffen hast,
+Was sicherlich zu ueben schwerer nicht,
+Als zu begreifen ist, wenn du nur willst.
+Steh auf!"--Ich stand! und rief zu Gott: ich will!
+Willst du nur, dass ich will!--Indem stiegt Ihr
+Vom Pferd, und ueberreichtet mir das Kind,
+In Euern Mantel eingehuellt.--Was Ihr
+Mir damals sagtet; was ich Euch: hab ich
+Vergessen. Soviel weiss ich nur; ich nahm
+Das Kind, trug's auf mein Lager, kuesst' es, warf
+Mich auf die Knie und schluchzte: Gott! auf Sieben
+Doch nun schon Eines wieder!
+
+Klosterbruder. Nathan! Nathan!
+Ihr seid ein Christ!--Bei Gott, Ihr seid ein Christ!
+Ein bessrer Christ war nie!
+
+Nathan. Wohl uns! Denn was
+Mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir
+Zum Juden!--Aber lasst uns laenger nicht
+Einander nur erweichen. Hier braucht's Tat!
+Und ob mich siebenfache Liebe schon
+Bald an dies einz'ge fremde Maedchen band,
+Ob der Gedanke mich schon toetet, dass
+Ich meine sieben Soehn' in ihr aufs neue
+Verlieren soll:--wenn sie von meinen Haenden
+Die Vorsicht wieder fodert,--ich gehorche!
+
+Klosterbruder.
+Nun vollends!--Eben das bedacht' ich mich
+So viel, Euch anzuraten! Und so hat's
+Euch Euer guter Geist schon angeraten!
+
+Nathan.
+Nur muss der erste beste mir sie nicht
+Entreissen wollen!
+
+Klosterbruder. Nein, gewiss nicht!
+
+Nathan. Wer
+Auf sie nicht groessre Rechte hat, als ich,
+Muss fruehere zum mind'sten haben--
+
+Klosterbruder. Freilich!
+
+Nathan.
+Die ihm Natur und Blut erteilen.
+
+Klosterbruder. So
+Mein ich es auch!
+
+Nathan. Drum nennt mir nur geschwind
+Den Mann, der ihr als Bruder oder Ohm,
+Als Vetter oder sonst als Sipp' verwandt.--
+Ihm will ich sie nicht vorenthalten--Sie,
+Die jedes Hauses, jedes Glaubens Zierde
+Zu sein erschaffen und erzogen ward.--
+Ich hoff, Ihr wisst von diesem Euern Herrn
+Und dem Geschlechte dessen, mehr als ich.
+
+Klosterbruder.
+Das, guter Nathan, wohl nun schwerlich!--Denn
+Ihr habt ja schon gehoert, dass ich nur gar
+Zu kurze Zeit bei ihm gewesen.
+
+Nathan. Wisst
+Ihr denn nicht wenigstens, was fuer Geschlechts
+Die Mutter war?--War sie nicht eine Stauffin?
+
+Klosterbruder.
+Wohl moeglich!--Ja, mich duenkt.
+
+Nathan. Hiess nicht ihr Bruder
+Conrad von Stauffen?--und war Tempelherr?
+
+Klosterbruder.
+Wenn mich's nicht truegt. Doch halt! Da faellt mir ein,
+Dass ich vom sel'gen Herrn ein Buechelchen
+Noch hab. Ich zog's ihm aus dem Busen, als
+Wir ihn bei Askalon verscharrten.
+
+Nathan. Nun?
+
+Klosterbruder.
+Es sind Gebete drin. Wir nennen's ein
+Brevier.--Das, dacht' ich, kann ein Christenmensch
+Ja wohl noch brauchen.--Ich nun freilich nicht
+Ich kann nicht lesen--
+
+Nathan. Tut nichts!--Nur zur Sache.
+
+Klosterbruder.
+In diesem Buechelchen stehn vorn und hinten,
+Wie ich mir sagen lassen, mit des Herrn
+Selbsteigner Hand, die Angehoerigen
+Von ihm und ihr geschrieben.
+
+Nathan. O erwuenscht!
+Geht! lauft! holt mir das Buechelchen. Geschwind!
+Ich bin bereit mit Gold es aufzuwiegen;
+Und tausend Dank dazu! Eilt! lauft!
+
+Klosterbruder. Recht gern!
+Es ist Arabisch aber, was der Herr
+Hineingeschrieben. (Ab.)
+
+Nathan. Einerlei! Nur her!--
+Gott! wenn ich doch das Maedchen noch behalten,
+Und einen solchen Eidam mir damit
+Erkaufen koennte!--Schwerlich wohl!--Nun, fall'
+Es aus, wie's will!--Wer mag es aber denn
+Gewesen sein, der bei dem Patriarchen
+So etwas angebracht? Das muss ich doch
+Zu fragen nicht vergessen.--Wenn es gar
+Von Daja kaeme?
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Daja und Nathan.
+
+
+Daja (eilig und verlegen).
+Denkt doch, Nathan!
+
+Nathan. Nun?
+
+Daja.
+Das arme Kind erschrak wohl recht darueber!
+Da schickt...
+
+Nathan. Der Patriarch?
+
+Daja. Des Sultans Schwester,
+Prinzessin Sittah...
+
+Nathan. Nicht der Patriarch?
+
+Daja.
+Nein, Sittah!--Hoert Ihr nicht!--Prinzessin Sittah
+Schickt her, und laesst sie zu sich holen?
+
+Nathan. Wen?
+Laesst Recha holen?--Sittah laesst sie holen?--
+Nun; wenn sie Sittah holen laesst, und nicht
+Der Patriarch...
+
+Daja. Wie kommt Ihr denn auf den?
+
+Nathan.
+So hast du kuerzlich nichts von ihm gehoert?
+Gewiss nicht? Auch ihm nichts gesteckt?
+
+Daja. Ich? ihm?
+
+Nathan.
+Wo sind die Boten?
+
+Daja. Vorn.
+
+Nathan. Ich will sie doch
+Aus Vorsicht selber sprechen. Komm!--Wenn nur
+Vom Patriarchen nichts dahintersteckt. (Ab.)
+
+Daja.
+Und ich--ich fuerchte ganz was anders noch.
+Was gilt's? die einzige vermeinte Tochter
+So eines reichen Juden waer' auch wohl
+Fuer einen Muselmann nicht uebel?--Hui,
+Der Tempelherr ist drum. Ist drum: wenn ich
+Den zweiten Schritt nicht auch noch wage; nicht
+Auch ihr noch selbst entdecke, wer sie ist!--
+Getrost! Lass mich den ersten Augenblick,
+Den ich allein sie habe, dazu brauchen!
+Und der wird sein--vielleicht nun eben, wenn
+Ich sie begleite. So ein erster Wink
+Kann unterwegens wenigstens nicht schaden.
+Ja, ja! Nur zu! Itzt oder nie! Nur zu! (Ihm nach.)
+
+
+
+
+
+Fuenfter Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+(Szene: das Zimmer in Saladins Palaste, in welches die Beutel mit
+Geld getragen worden, die noch zu sehen.)
+
+Saladin und bald darauf verschiedne Mamelucken.
+
+
+Saladin (im Hereintreten).
+Da steht das Geld nun noch! Und niemand weiss
+Den Derwisch aufzufinden, der vermutlich
+Ans Schachbrett irgendwo geraten ist,
+Das ihn wohl seiner selbst vergessen macht;--
+Warum nicht meiner?--Nun, Geduld! Was gibt's?
+
+Ein Mameluck.
+Erwuenschte Nachricht, Sultan! Freude, Sultan! ...
+Die Karawane von Kahira kommt,
+Ist gluecklich da! mit siebenjaehrigem
+Tribut des reichen Nils.
+
+Saladin. Brav, Ibrahim!
+Du bist mir wahrlich ein willkommner Bote!--
+Ha! endlich einmal! endlich!--Habe Dank
+Der guten Zeitung.
+
+Der Mameluck (wartend). (Nun? nur her damit!)
+
+Saladin.
+Was wartst du?--Geh nur wieder.
+
+Der Mameluck. Dem Willkommnen
+Sonst nichts?
+
+Saladin. Was denn noch sonst?
+
+Der Mameluck. Dem guten Boten
+Kein Botenbrot?--So waer' ich ja der erste,
+Den Saladin mit Worten abzulehnen
+Doch endlich lernte?--Auch ein Ruhm!--der erste,
+Mit dem er knickerte.
+
+Saladin. So nimm dir nur
+Dort einen Beutel.
+
+Der Mameluck. Nein, nun nicht! Du kannst
+Mir sie nun alle schenken wollen.
+
+Saladin. Trotz!--
+Komm her! Da hast du zwei.--Im Ernst? er geht?
+Tut mir's an Edelmut zuvor?--Denn sicher
+Muss ihm es saurer werden, auszuschlagen,
+Als mir zu geben.--Ibrahim!--Was kommt
+Mir denn auch ein, so kurz vor meinem Abtritt
+Auf einmal ganz ein andrer sein zu wollen?--
+Will Saladin als Saladin nicht sterben?--
+So musst' er auch als Saladin nicht leben.
+
+Ein zweiter Mameluck.
+Nun, Sultan!...
+
+Saladin. Wenn du mir zu melden kommst...
+
+Zweiter Mameluck.
+Dass aus Aegypten der Transport nun da!
+
+Saladin.
+Ich weiss schon.
+
+Zweiter Mameluck. Kam ich doch zu spaet!
+
+Saladin. Warum
+Zu spaet?--Da nimm fuer deinen guten Willen
+Der Beutel einen oder zwei.
+
+Zweiter Mameluck. Macht drei!
+
+Saladin.
+Ja, wenn du rechnen kannst!--So nimm sie nur.
+
+Zweiter Mameluck.
+Es wird wohl noch ein Dritter kommen,--wenn
+Er anders kommen kann.
+
+Saladin. Wie das?
+
+Zweiter Mameluck. Je nu;
+Er hat auch wohl den Hals gebrochen! Denn
+Sobald wir drei der Ankunft des Transports
+Versichert waren, sprengte jeder frisch
+Davon. Der Vorderste, der stuerzt'; und so
+Komm ich nun vor, und bleib auch vor bis in
+Die Stadt; wo aber Ibrahim, der Lecker
+Die Gassen besser kennt.
+
+Saladin. Oh, der gestuerzte!
+Freund, der gestuerzte!--Reit ihm doch entgegen.
+
+Zweiter Mameluck.
+Das werd ich ja wohl tun!--Und wenn er lebt:
+So ist die Haelfte dieser Beutel sein. (Geht ab.)
+
+Saladin.
+Sieh, welch ein guter, edler Kerl auch das!--
+Wer kann sich solcher Mamelucken ruehmen?
+Und waer' mir denn zu denken nicht erlaubt,
+Dass sie mein Beispiel bilden helfen?--Fort
+Mit dem Gedanken, sie zu guter Letzt
+Noch an ein anders zu gewoehnen!...
+
+Ein dritter Mameluck. Sultan....
+
+Saladin.
+Bist du's, der stuerzte?
+
+Dritter Mameluck. Nein. Ich melde nur,--
+Dass Emir Mansor, der die Karawane
+Gefuehrt, vom Pferde steigt...
+
+Saladin. Bring ihn! geschwind!--
+Da ist er ja!--
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Emir Mansor und Saladin.
+
+
+Saladin. Willkommen, Emir! Nun,
+Wie ist's gegangen?--Mansor, Mansor, hast
+Uns lange warten lassen!
+
+Mansor. Dieser Brief
+Berichtet, was dein Abulkassem erst
+Fuer Unruh' in Thebais daempfen muessen:
+Eh, wir es wagen durften abzugehen.
+Den Zug darauf hab ich beschleuniget
+Soviel, wie moeglich war.
+
+Saladin. Ich glaube dir!
+Und nimm nur, guter Mansor, nimm sogleich...
+Du tust es aber doch auch gern?... nimm frische
+Bedeckung nur sogleich. Du musst sogleich
+Noch weiter; musst der Gelder groessern Teil
+Auf Libanon zum Vater bringen.
+
+Mansor. Gern!
+Sehr gern!
+
+Saladin. Und nimm dir die Bedeckung ja
+Nur nicht zu schwach. Es ist um Libanon
+Nicht alles mehr so sicher. Hast du nicht
+Gehoert? Die Tempelherrn sind wieder rege.
+Sei wohl auf deiner Hut!--Komm nur! Wo haelt
+Der Zug? Ich will ihn sehn; und alles selbst
+Betreiben.--Ihr! ich bin sodann bei Sittah.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Szene: die Palmen vor Nathans Hause, wo der Tempelherr auf- und
+niedergeht.
+
+
+Ins Haus nun will ich einmal nicht.--Er wird
+Sich endlich doch wohl sehen lassen!--Man
+Bemerkte mich ja sonst so bald, so gern!--
+Will's noch erleben, dass er sich's verbittet,
+Vor seinem Hause mich so fleissig finden
+Zu lassen.--Hm!--ich bin doch aber auch
+Sehr aergerlich.--Was hat mich denn nun so
+Erbittert gegen ihn?--Er sagte ja:
+Noch schlueg' er mir nichts ab. Und Saladin
+Hat's ueber sich genommen, ihn zu stimmen.--
+Wie? sollte wirklich wohl in mir der Christ
+Noch tiefer nisten, als in ihm der Jude?--
+Wer kennt sich recht? Wie koennt' ich ihm denn sonst
+Den kleinen Raub nicht goennen wollen, den
+Er sich's zu solcher Angelegenheit
+Gemacht, den Christen abzujagen?--Freilich;
+Kein kleiner Raub, ein solch Geschoepf!--Geschoepf?
+Und wessen?--Doch des Sklaven nicht, der auf
+Des Lebens oeden Strand den Block gefloesst,
+Und sich davongemacht? Des Kuenstlers doch
+Wohl mehr, der in dem hingeworfnen Blocke
+Die goettliche Gestalt sich dachte, die
+Er dargestellt?--Ach! Rechas wahrer Vater
+Bleibt, trotz dem Christen, der sie zeugte,--bleibt
+In Ewigkeit der Jude.--Wenn ich mir
+Sie lediglich als Christendirne denke,
+Sie sonder alles das mir denke, was
+Allein ihr so ein Jude geben konnte:--
+Sprich, Herz,--was waer' an ihr, das dir gefiel?
+Nichts! Wenig! Selbst ihr Laecheln, waer' es nichts
+Als sanfte schoene Zuckung ihrer Muskeln;
+Waer', was sie laecheln macht, des Reizes unwert,
+In den es sich auf ihrem Munde kleidet:--
+Nein; selbst ihr Laecheln nicht! Ich hab es ja
+Wohl schoener noch an Aberwitz, an Tand,
+An Hoehnerei, an Schmeichler und an Buhler
+Verschwenden sehn!--Hat's da mich auch bezaubert?
+Hat's da mir auch den Wunsch entlockt, mein Leben
+In seinem Sonnenscheine zu verflattern?--
+Ich wuesste nicht. Und bin auf den doch launisch,
+Der diesen hoehern Wert allein ihr gab?
+Wie das? warum?--Wenn ich den Spott verdiente,
+Mit dem mich Saladin entliess! Schon schlimm
+Genug, dass Saladin es glauben konnte!
+Wie klein ich ihm da scheinen musste! wie
+Veraechtlich!--Und das alles um ein Maedchen?--
+Curd! Curd! das geht so nicht. Lenk ein! Wenn vollends
+Mir Daja nur was vorgeplaudert haette,
+Was schwerlich zu erweisen stuende?--Sieh,
+Da tritt er endlich, im Gespraech vertieft,
+Aus seinem Hause!--Ha! mit wem!--Mit ihm?
+Mit meinem Klosterbruder?--Ha! so weiss
+Er sicherlich schon alles! ist wohl gar
+Dem Patriarchen schon verraten!--Ha!
+Was hab ich Querkopf nun gestiftet!--Dass
+Ein einz'ger Funken dieser Leidenschaft
+Doch unsers Hirns so viel verbrennen kann!--
+Geschwind entschliess dich, was nunmehr zu tun!
+Ich will hier seitwaerts ihrer warten;--ob
+Vielleicht der Klosterbruder ihn verlaesst.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Nathan und der Klosterbruder.
+
+
+Nathan (im Naeherkommen).
+Habt nochmals, guter Bruder, vielen Dank!
+
+Klosterbruder.
+Und Ihr desgleichen!
+
+Nathan. Ich? von Euch? wofuer?
+Fuer meinen Eigensinn, Euch aufzudraengen,
+Was Ihr nicht braucht?--Ja, wenn ihm Eurer nur
+Auch nachgegeben haett'; Ihr mit Gewalt
+Nicht wolltet reicher sein, als ich.
+
+Klosterbruder. Das Buch
+Gehoert ja ohnedem nicht mir; gehoert
+Ja ohnedem der Tochter; ist ja so
+Der Tochter ganzes vaeterliches Erbe.
+Je nu, sie hat ja Euch.--Gott gebe nur,
+Dass Ihr es nie bereuen duerft, so viel
+Fuer sie getan zu haben!
+
+Nathan. Kann ich das?
+Das kann ich nie. Seid unbesorgt!
+
+Klosterbruder. Nu, nu!
+Die Patriarchen und die Tempelherren...
+
+Nathan.
+Vermoegen mir des Boesen nie so viel
+Zu tun, dass irgend was mich reuen koennte:
+Geschweige, das!--Und seid Ihr denn so ganz
+Versichert, dass ein Tempelherr es ist,
+Der Euern Patriarchen hetzt?
+
+Klosterbruder. Es kann
+Beinah kein andrer sein. Ein Tempelherr
+Sprach kurz vorher mit ihm; und was ich hoerte,
+Das klang darnach.
+
+Nathan. Es ist doch aber nur
+Ein einziger itzt in Jerusalem.
+Und diesen kenn ich. Dieser ist mein Freund.
+Ein junger, edler, offner Mann!
+
+Klosterbruder. Ganz recht;
+Der naemliche!--Doch was man ist, und was
+Man sein muss in der Welt, das passt ja wohl
+Nicht immer.
+
+Nathan. Leider nicht.--So tue, wer's
+Auch immer ist, sein Schlimmstes oder Bestes!
+Mit Euerm Buche, Bruder, trotz ich allen;
+Und gehe graden Wegs damit zum Sultan.
+
+Klosterbruder.
+Viel Gluecks! Ich will Euch denn nur hier verlassen.
+
+Nathan.
+Und habt sie nicht einmal gesehn?--Kommt ja
+Doch bald, doch fleissig wieder.--Wenn nur heut
+Der Patriarch noch nichts erfaehrt!--Doch was?
+Sagt ihm auch heute, was Ihr wollt.
+
+Klosterbruder. Ich nicht.
+Lebt wohl! (Geht ab.)
+
+Nathan. Vergesst uns ja nicht, Bruder!--Gott!
+Dass ich nicht hier gleich unter freiem Himmel
+Auf meine Kniee sinken kann! Wie sich
+Der Knoten, der so oft mir bange machte,
+Nun von sich selber loeset!--Gott! wie leicht
+Mir wird, dass ich nun weiter auf der Welt
+Nichts zu verbergen habe! dass ich vor
+Den Menschen nun so frei kann wandeln, als
+Vor dir, der du allein den Menschen nicht
+Nach seinen Taten brauchst zu richten, die
+So selten seine Taten sind, o Gott!--
+
+
+
+Fuenfter Auftritt
+
+Nathan und der Tempelherr, der von der Seite auf ihn zukommt.
+
+
+Tempelherr.
+He! wartet, Nathan; nehmt mich mit!
+
+Nathan. Wer ruft?--
+Seid Ihr es, Ritter? Wo gewesen, dass
+Ihr bei dem Sultan Euch nicht treffen lassen?
+
+Tempelherr.
+Wir sind einander fehlgegangen. Nehmt's
+Nicht uebel.
+
+Nathan. Ich nicht; aber Saladin...
+
+Tempelherr.
+Ihr wart nur eben fort...
+
+Nathan. Und spracht ihn doch?
+Nun, so ist's gut.
+
+Tempelherr. Er will uns aber beide
+Zusammen sprechen.
+
+Nathan. Desto besser. Kommt
+Nur mit. Mein Gang stand ohnehin zu ihm.
+
+Tempelherr.
+Ich darf ja doch wohl fragen, Nathan, wer
+Euch da verliess?
+
+Nathan. Ihr kennt ihn doch wohl nicht?
+
+Tempelherr.
+War's nicht die gute Haut, der Laienbruder,
+Des sich der Patriarch so gern zum Stoeber
+Bedient?
+
+Nathan. Kann sein! Beim Patriarchen ist
+Er allerdings.
+
+Tempelherr. Der Pfiff ist gar nicht uebel:
+Die Einfalt vor der Schurkerei voraus-
+Zuschicken.
+
+Nathan. Ja, die dumme;--nicht die fromme.
+
+Tempelherr.
+An fromme glaubt kein Patriarch.
+
+Nathan. Fuer den
+Nun steh ich. Der wird seinem Patriarchen
+Nichts Ungebuehrliches vollziehen helfen.
+
+Tempelherr.
+So stellt er wenigstens sich an.--Doch hat
+Er Euch von mir denn nichts gesagt?
+
+Nathan. Von Euch?
+Von Euch nun namentlich wohl nichts.--Er weiss
+Ja wohl auch schwerlich Euern Namen?
+
+Tempelherr. Schwerlich.
+
+Nathan.
+Von einem Tempelherren freilich hat
+Er mir gesagt...
+
+Tempelherr. Und was?
+
+Nathan. Womit er Euch
+Doch ein fuer allemal nicht meinen kann!
+
+Tempelherr.
+Wer weiss? Lasst doch nur hoeren.
+
+Nathan. Dass mich einer
+Bei seinem Patriarchen angeklagt...
+
+Tempelherr.
+Euch angeklagt?--Das ist, mit seiner Gunst--
+Erlogen.--Hoert mich, Nathan!--Ich bin nicht
+Der Mensch, der irgend etwas abzuleugnen
+Imstande waere. Was ich tat, das tat ich!
+Doch bin ich auch nicht der, der alles, was
+Er tat, als wohlgetan verteid'gen moechte.
+Was sollt' ich eines Fehls mich schaemen? Hab
+Ich nicht den festen Vorsatz ihn zu bessern?
+Und weiss ich etwa nicht, wie weit mit dem
+Es Menschen bringen koennen?--Hoert mich, Nathan!--
+Ich bin des Laienbruders Tempelherr,
+Der Euch verklagt soll haben, allerdings.--
+Ihr wisst ja, was mich wurmisch machte! was
+Mein Blut in allen Adern sieden machte!
+Ich Gauch!--ich kam, so ganz mit Leib und Seel'
+Euch in die Arme mich zu werfen. Wie
+Ihr mich empfingt--wie kalt--wie lau--denn lau
+Ist schlimmer noch als kalt; wie abgemessen
+Mir auszubeugen Ihr beflissen wart;
+Mit welchen aus der Luft gegriffnen Fragen
+Ihr Antwort mir zu geben scheinen wolltet:
+Das darf ich kaum mir itzt noch denken, wenn
+Ich soll gelassen bleiben.--Hoert mich, Nathan!--
+In dieser Gaerung schlich mir Daja nach,
+Und warf mir ihr Geheimnis an den Kopf
+Das mir den Aufschluss Euers raetselhaften
+Betragens zu enthalten schien.
+
+Nathan. Wie das?
+
+Tempelherr.
+Hoert mich nur aus!--Ich bildete mir ein,
+Ihr wolltet, was Ihr einmal nun den Christen
+So abgejagt, an einen Christen wieder
+Nicht gern verlieren. Und so fiel mir ein,
+Euch kurz und gut das Messer an die Kehle
+Zu setzen.
+
+Nathan. Kurz und gut? und gut?--Wo steckt
+Das Gute?
+
+Tempelherr. Hoert mich, Nathan!--Allerdings:
+Ich tat nicht recht!--Ihr seid wohl gar nicht schuldig.--
+Die Naerrin Daja weiss nicht was sie spricht--
+Ist Euch gehaessig--sucht Euch nur damit
+In einen boesen Handel zu verwickeln--
+Kann sein! kann sein!--Ich bin ein junger Laffe,
+Der immer nur an beiden Enden schwaermt;
+Bald viel zuviel, bald viel zuwenig tut--
+Auch das kann sein! Verzeiht mir, Nathan.
+
+Nathan. Wenn
+Ihr so mich freilich fasset--
+
+Tempelherr. Kurz, ich ging
+Zum Patriarchen!--hab Euch aber nicht
+Genannt. Das ist erlogen, wie gesagt!
+Ich hab ihm bloss den Fall ganz allgemein
+Erzaehlt, um seine Meinung zu vernehmen.--
+Auch das haett' unterbleiben koennen: ja doch!--
+Denn kannt' ich nicht den Patriarchen schon
+Als einen Schurken? Konnt' ich Euch nicht selber
+Nur gleich zur Rede stellen?--Musst' ich der
+Gefahr, so einen Vater zu verlieren,
+Das arme Maedchen opfern?--Nun, was tut's?
+Die Schurkerei des Patriarchen, die
+So aehnlich immer sich erhaelt, hat mich
+Des naechsten Weges wieder zu mir selbst
+Gebracht.--Denn hoert mich, Nathan; hoert mich aus!--
+Gesetzt; er wuesst' auch Euern Namen: was
+Nun mehr, was mehr?--Er kann Euch ja das Maedchen
+Nur nehmen, wenn sie niemands ist, als Euer.
+Er kann sie doch aus Euerm Hause nur
+Ins Kloster schleppen.--Also--gebt sie mir!
+Gebt sie nur mir; und lasst ihn kommen. Ha!
+Er soll's wohl bleibenlassen, mir mein Weib
+Zu nehmen.--Gebt sie mir; geschwind!--Sie sei
+Nun Eure Tochter, oder sei es nicht!
+Sei Christin, oder Juedin, oder keines!
+Gleichviel! gleichviel! Ich werd Euch weder itzt
+Noch jemals sonst in meinem ganzen Leben
+Darum befragen. Sei, wie's sei!
+
+Nathan. Ihr waehnt
+Wohl gar, dass mir die Wahrheit zu verbergen
+Sehr noetig?
+
+Tempelherr. Sei, wie's sei!
+
+Nathan. Ich hab es ja
+Euch--oder wem es sonst zu wissen ziemt--
+Noch nicht geleugnet, dass sie eine Christin,
+Und nichts als meine Pflegetochter ist.--
+Warum ich's aber ihr noch nicht entdeckt?--
+Darueber brauch ich nur bei ihr mich zu
+Entschuldigen.
+
+Tempelherr. Das sollt Ihr auch bei ihr
+Nicht brauchen.--Goennt's ihr doch, dass sie Euch nie
+Mit andern Augen darf betrachten! Spart
+Ihr die Entdeckung doch!--Noch habt Ihr ja,
+Ihr ganz allein, mit ihr zu schalten. Gebt
+Sie mir! Ich bitt Euch, Nathan; gebt sie mir!
+Ich bin's allein, der sie zum zweiten Male
+Euch retten kann--und will.
+
+Nathan. Ja--konnte! konnte!
+Nun auch nicht mehr. Es ist damit zu spaet.
+
+Tempelherr.
+Wieso? zu spaet?
+
+Nathan. Dank sei dem Patriarchen...
+
+Tempelherr.
+Dem Patriarchen? Dank? ihm Dank? wofuer?
+Dank haette der bei uns verdienen wollen?
+Wofuer? wofuer?
+
+Nathan. Dass wir nun wissen, wem
+Sie unverwandt; nun wissen, wessen Haenden
+Sie sicher ausgeliefert werden kann.
+
+Tempelherr.
+Das dank' ihm--wer fuer mehr ihm danken wird!
+
+Nathan.
+Aus diesen muesst Ihr sie nun auch erhalten;
+Und nicht aus meinen.
+
+Tempelherr. Arme Recha! Was
+Dir alles zustoesst, arme Recha! Was
+Ein Glueck fuer andre Waisen waere, wird
+Dein Unglueck!--Nathan!--Und wo sind sie, diese
+Verwandte?
+
+Nathan. Wo sie sind?
+
+Tempelherr. Und wer sie sind?
+
+Nathan.
+Besonders hat ein Bruder sich gefunden,
+Bei dem Ihr um sie werben muesst.
+
+Tempelherr. Ein Bruder?
+Was ist er, dieser Bruder? Ein Soldat?
+Ein Geistlicher?--Lasst hoeren, was ich mir
+Versprechen darf.
+
+Nathan. Ich glaube, dass er keines
+Von beiden--oder beides ist. Ich kenn
+Ihn noch nicht recht.
+
+Tempelherr. Und sonst?
+
+Nathan. Ein braver Mann
+Bei dem sich Recha gar nicht uebel wird
+Befinden.
+
+Tempelherr. Doch ein Christ!--Ich weiss zuzeiten
+Auch gar nicht, was ich von Euch denken soll:--
+Nehmt mir's nicht ungut, Nathan.--Wird sie nicht
+Die Christin spielen muessen, unter Christen?
+Und wird sie, was sie lange g'nug gespielt,
+Nicht endlich werden? Wird den lautern Weizen,
+Den Ihr gesaet, das Unkraut endlich nicht
+Ersticken?--Und das kuemmert Euch so wenig?
+Dem ungeachtet koennt Ihr sagen--Ihr?
+Dass sie bei ihrem Bruder sich nicht uebel
+Befinden werde?
+
+Nathan. Denk ich! hoff ich!--Wenn
+Ihr ja bei ihm was mangeln sollte, hat
+Sie Euch und mich denn nicht noch immer?--
+
+Tempelherr. Oh!
+Was wird bei ihm ihr mangeln koennen! Wird
+Das Bruederchen mit Essen und mit Kleidung,
+Mit Naschwerk und mit Putz, das Schwesterchen
+Nicht reichlich g'nug versorgen? Und was braucht
+Ein Schwesterchen denn mehr?--Ei freilich: auch
+Noch einen Mann!--Nun, nun, auch den, auch den
+Wird ihr das Bruederchen zu seiner Zeit
+Schon schaffen; wie er immer nur zu finden!
+Der Christlichste der Beste!--Nathan, Nathan!
+Welch einen Engel hattet Ihr gebildet,
+Den Euch nun andre so verhunzen werden!
+
+Nathan.
+Hat keine Not! Er wird sich unsrer Liebe
+Noch immer wert genug behaupten.
+
+Tempelherr. Sagt
+Das nicht! Von meiner Liebe sagt das nicht!
+Denn die laesst nichts sich unterschlagen; nichts.
+Es sei auch noch so klein! Auch keinen Namen!
+Doch halt!--Argwohnt sie wohl bereits, was mit
+Ihr vorgeht?
+
+Nathan. Moeglich; ob ich schon nicht wuesste,
+Woher?
+
+Tempelherr. Auch eben viel; sie soll--sie muss
+In beiden Faellen, was ihr Schicksal droht,
+Von mir zuerst erfahren. Mein Gedanke,
+Sie eher wieder nicht zu sehn, zu sprechen,
+Als bis ich sie die Meine nennen duerfe,
+Faellt weg. Ich eile...
+
+Nathan. Bleibt! wohin?
+
+Tempelherr. Zu ihr!
+Zu sehn, ob diese Maedchenseele Manns genug
+Wohl ist, den einzigen Entschluss zu fassen,
+Der ihrer wuerdig waere!
+
+Nathan. Welchen?
+
+Tempelherr. Den:
+Nach Euch und ihrem Bruder weiter nicht
+Zu fragen--
+
+Nathan. Und?
+
+Tempelherr. Und mir zu folgen;--wenn
+Sie drueber eines Muselmannes Frau
+Auch werden muesste.
+
+Nathan. Bleibt! Ihr trefft sie nicht.
+Sie ist bei Sittah, bei des Sultans Schwester.
+
+Tempelherr.
+Seit wenn? warum?
+
+Nathan. Und wollt Ihr da bei ihnen
+Zugleich den Bruder finden: kommt nur mit.
+
+Tempelherr.
+Den Bruder? welchen? Sittahs oder Rechas?
+
+Nathan.
+Leicht beide. Kommt nur mit! Ich bitt Euch, kommt!
+
+(Er fuehrt ihn fort.)
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+(Szene: in Sittahs Harem.)
+
+Sittah und Recha in Unterhaltung begriffen.
+
+
+Sittah.
+Was freu ich mich nicht deiner, suesses Maedchen!--
+Sei so beklemmt nur nicht! so angst! so schuechtern!--
+Sei munter! sei gespraechiger! vertrauter!
+
+Recha.
+Prinzessin....
+
+Sittah. Nicht doch! nicht Prinzessin! Nenn
+Mich Sittah,--deine Freundin,--deine Schwester.
+Nenn mich dein Muetterchen!--Ich koennte das
+Ja schier auch sein.--So jung! so klug! so fromm!
+Was du nicht alles weisst! nicht alles musst
+Gelesen haben!
+
+Recha. Ich gelesen?--Sittah,
+Du spottest deiner kleinen albern Schwester.
+Ich kann kaum lesen.
+
+Sittah. Kannst kaum, Luegnerin!
+
+Recha.
+Ein wenig meines Vaters Hand!--Ich meinte,
+Du spraechst von Buechern.
+
+Sittah. Allerdings! von Buechern.
+
+Recha.
+Nun, Buecher wird mir wahrlich schwer zu lesen!
+
+Sittah. Im Ernst?
+
+Recha. In ganzem Ernst. Mein Vater liebt
+Die kalte Buchgelehrsamkeit, die sich
+Mit toten Zeichen ins Gehirn nur drueckt,
+Zu wenig.
+
+Sittah. Ei, was sagst du!--Hat indes
+Wohl nicht sehr unrecht!--Und so manches, was
+Du weisst...?
+
+Recha. Weiss ich allein aus seinem Munde
+Und koennte bei dem meisten dir noch sagen,
+Wie? wo? warum? er mich's gelehrt.
+
+Sittah. So haengt
+Sich freilich alles besser an. So lernt
+Mit eins die ganze Seele.--
+
+Recha. Sicher hat
+Auch Sittah wenig oder nichts gelesen!
+
+Sittah.
+Wieso?--Ich bin nicht stolz aufs Gegenteil.
+Allein wieso? Dein Grund! Sprich dreist. Dein Grund?
+
+Recha.
+Sie ist so schlecht und recht; so unverkuenstelt;
+So ganz sich selbst nur aehnlich...
+
+Sittah. Nun?
+
+Recha. Das sollen
+Die Buecher uns nur selten lassen! sagt
+Mein Vater.
+
+Sittah. O was ist dein Vater fuer
+Ein Mann!
+
+Recha. Nicht wahr?
+
+Sittah. Wie nah er immer doch
+Zum Ziele trifft!
+
+Recha. Nicht wahr?--Und diesen Vater--
+
+Sittah.
+Was ist dir, Liebe?
+
+Recha. Diesen Vater--
+
+Sittah. Gott!
+Du weinst?
+
+Recha. Und diesen Vater--Ah! es muss
+Heraus! Mein Herz will Luft, will Luft...
+
+(Wirft sich, von Traenen ueberwaeltiget, zu ihren Fuessen.)
+
+Sittah. Kind, was
+Geschieht dir? Recha?
+
+Recha. Diesen Vater soll--
+Soll ich verlieren!
+
+Sittah. Du? verlieren? ihn?
+Wie das?--Sei ruhig!--Nimmermehr!--Steh auf!
+
+Recha.
+Du sollst vergebens dich zu meiner Freundin,
+Zu meiner Schwester nicht erboten haben!
+
+Sittah.
+Ich bin's ja! bin's!--Steh doch nur auf! Ich muss
+Sonst Hilfe rufen.
+
+Recha (die sich ermannt und aufsteht).
+Ah! verzeih! vergib!
+Mein Schmerz hat mich vergessen machen, wer
+Du bist. Vor Sittah gilt kein Winseln, kein
+Verzweifeln. Kalte, ruhige Vernunft
+Will alles ueber sie allein vermoegen.
+Wes Sache diese bei ihr fuehrt, der siegt!
+
+Sittah.
+Nun dann?
+
+Recha. Nein; meine Freundin, meine Schwester
+Gibt das nicht zu! Gibt nimmer zu, dass mir
+Ein andrer Vater aufgedrungen werde!
+
+Sittah.
+Ein andrer Vater? aufgedrungen? dir?
+Wer kann das? kann das auch nur wollen, Liebe?
+
+Recha.
+Wer? Meine gute boese Daja kann
+Das wollen,--will das koennen.--ja; du kennst
+Wohl diese gute boese Daja nicht?
+Nun, Gott vergeb' es ihr!--belohn' es ihr!
+Sie hat mir so viel Gutes,--so viel Boeses
+Erwiesen!
+
+Sittah. Boeses dir?--So muss sie Gutes
+Doch wahrlich wenig haben.
+
+Recha. Doch! recht viel,
+Recht viel!
+
+Sittah. Wer ist sie?
+
+Recha. Eine Christin, die
+In meiner Kindheit mich gepflegt; mich so
+Gepflegt!--Du glaubst nicht!--Die mir eine Mutter
+So wenig missen lassen!--Gott vergelt'
+Es ihr!--Die aber mich auch so geaengstet!
+Mich so gequaelt!
+
+Sittah. Und ueber was? warum?
+Wie?
+
+Recha. Ach! die arme Frau--ich sag dir's ja
+Ist eine Christin;--muss aus Liebe quaelen;
+Ist eine von den Schwaermerinnen, die
+Den allgemeinen, einzig wahren Weg
+Nach Gott zu wissen waehnen!
+
+Sittah. Nun versteh ich!
+
+Recha.
+Und sich gedrungen fuehlen, einen jeden,
+Der dieses Wegs verfehlt, darauf zu lenken.--
+Kaum koennen sie auch anders. Denn ist's wahr,
+Dass dieser Weg allein nur richtig fuehrt:
+Wie sollen sie gelassen ihre Freunde
+Auf einem andern wandeln sehn,--der ins
+Verderben stuerzt, ins ewige Verderben?
+Es muesste moeglich sein, denselben Menschen
+Zur selben Zeit zu lieben und zu hassen.--
+Auch ist's das nicht, was endlich laute Klagen
+Mich ueber sie zu fuehren zwingt. Ihr Seufzen,
+Ihr Warnen, ihr Gebet, ihr Drohen haett'
+Ich gern noch laenger ausgehalten; gern!
+Es brachte mich doch immer auf Gedanken,
+Die gut und nuetzlich. Und wem schmeichelt's doch
+Im Grunde nicht, sich gar so wert und teuer,
+Von wem's auch sei, gehalten fuehlen, dass
+Er den Gedanken nicht ertragen kann,
+Er muess' einmal auf ewig uns entbehren!
+
+Sittah.
+Sehr wahr!
+
+Recha. Allein--allein--das geht zu weit!
+Dem kann ich nichts entgegensetzen; nicht
+Geduld, nicht Ueberlegung; nichts!
+
+Sittah. Was? wem?
+
+Recha.
+Was sie mir eben itzt entdeckt will haben.
+
+Sittah.
+Entdeckt? und eben itzt?
+
+Recha. Nur eben itzt!
+Wir nahten, auf dem Weg hierher, uns einem
+Verfallnen Christentempel. Ploetzlich stand
+Sie still; schien mit sich selbst zu kaempfen; blickte
+Mit nassen Augen bald gen Himmel, bald
+Auf mich. Komm, sprach sie endlich, lass uns hier
+Durch diesen Tempel in die Richte gehn!
+Sie geht; ich folg ihr, und mein Auge schweift
+Mit Graus die wankenden Ruinen durch.
+Nun steht sie wieder; und ich sehe mich
+An den versunknen Stufen eines morschen
+Altars mit ihr. Wie ward mir? als sie da
+Mit heissen Traenen, mit gerungnen Haenden
+Zu meinen Fuessen stuerzte...
+
+Sittah. Gutes Kind!
+
+Recha.
+Und bei der Goettlichen, die da wohl sonst
+So manch Gebet erhoert, so manches Wunder
+Verrichtet habe, mich beschwor;--mit Blicken
+Des wahren Mitleids mich beschwor, mich meiner
+Doch zu erbarmen!--Wenigstens, ihr zu
+Vergeben, wenn sie mir entdecken muesse,
+Was ihre Kirch' auf mich fuer Anspruch habe.
+
+Sittah.
+(Unglueckliche!--Es ahnte mir!)
+
+Recha. Ich sei
+Aus christlichem Gebluete; sei getauft;
+Sei Nathans Tochter nicht; er nicht mein Vater!--
+Gott! Gott! Er nicht mein Vater!--Sittah! Sittah!
+Sieh mich aufs neu' zu deinen Fuessen...
+
+Sittah. Recha!
+Nicht doch! steh auf!--Mein Bruder koemmt! steh auf!
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Saladin und die Vorigen.
+
+
+Saladin.
+Was gibt's hier, Sittah?
+
+Sittah. Sie ist von sich! Gott!
+
+Saladin.
+Wer ist's?
+
+Sittah. Du weisst ja...
+
+Saladin. Unsers Nathans Tochter?
+Was fehlt ihr?
+
+Sittah. Komm doch zu dir, Kind!--Der Sultan...
+
+Recha (die sich auf den Knien zu Saladins Fuessen schleppt, den Kopf
+zur Erde gesenkt).
+Ich steh nicht auf! nicht eher auf!--mag eher
+Des Sultans Antlitz nicht erblicken!--eher
+Den Abglanz ewiger Gerechtigkeit
+Und Guete nicht in seinen Augen, nicht
+Auf seiner Stirn bewundern...
+
+Saladin. Steh... steh auf!
+
+Recha.
+Eh' er mir nicht verspricht...
+
+Saladin. Komm! ich verspreche...
+Sei was es will!
+
+Recha. Nicht mehr, nicht weniger,
+Als meinen Vater mir zu lassen; und
+Mich ihm!--Noch weiss ich nicht, wer sonst mein Vater
+Zu sein verlangt;--verlangen kann. Will's auch
+Nicht wissen. Aber macht denn nur das Blut
+Den Vater? nur das Blut?
+
+Saladin (der sie aufhebt).
+Ich merke wohl!--
+Wer war so grausam denn, dir selbst--dir selbst
+Dergleichen in den Kopf zu setzen? Ist
+Es denn schon voellig ausgemacht? erwiesen?
+
+Recha.
+Muss wohl! Denn Daja will von meiner Amm'
+Es haben.
+
+Saladin. Deiner Amme!
+
+Recha. Die es sterbend
+Ihr zu vertrauen sich verbunden fuehlte.
+
+Saladin.
+Gar sterbend!--Nicht auch faselnd schon? Und waer's
+Auch wahr!--Jawohl: das Blut, das Blut allein
+Macht lange noch den Vater nicht! macht kaum
+Den Vater eines Tieres! gibt zum hoechsten
+Das erste Recht, sich diesen Namen zu
+Erwerben!--Lass dir doch nicht bange sein!
+Und weisst du was? Sobald der Vaeter zwei
+Sich um dich streiten:--lass sie beide; nimm
+Den dritten!--Nimm dann mich zu deinem Vater!
+
+Sittah.
+O tu's! o tu's!
+
+Saladin. Ich will ein guter Vater,
+Recht guter Vater sein!--Doch halt! mir faellt
+Noch viel was Bessers bei.--Was brauchst du denn
+Der Vaeter ueberhaupt? Wenn sie nun sterben?
+Beizeiten sich nach einem umgesehn,
+Der mit uns um die Wette leben will!
+Kennst du noch keinen?...
+
+Sittah. Mach sie nicht erroeten!
+
+Saladin.
+Das hab ich allerdings mir vorgesetzt.
+Erroeten macht die Haesslichen so schoen:
+Und sollte Schoene nicht noch schoener machen?--
+Ich habe deinen Vater Nathan; und
+Noch einen--einen noch hierher bestellt.
+Erraetst du ihn?--Hierher! Du wirst mir doch
+Erlauben, Sittah?
+
+Sittah. Bruder!
+
+Saladin. Dass du ja
+Vor ihm recht sehr erroetest, liebes Maedchen!
+
+Recha.
+Vor wem? erroeten?...
+
+Saladin. Kleine Heuchlerin!
+Nun, so erblasse lieber!--Wie du willst
+Und kannst!--
+
+(Eine Sklavin tritt herein und nahet sich Sittah.)
+
+Sie sind doch etwa nicht schon da?
+
+Sittah (zur Sklavin).
+Gut! lass sie nur herein.--Sie sind es, Bruder!
+
+
+
+Letzter Auftritt
+
+Nathan und der Tempelherr zu den Vorigen.
+
+
+Saladin.
+Ah, meine guten lieben Freunde!--Dich,
+Dich, Nathan, muss ich nur vor allen Dingen
+Bedeuten, dass du nun, sobald du willst,
+Dein Geld kannst wieder holen lassen!
+
+Nathan. Sultan!
+
+Saladin.
+Nun steh ich auch zu deinen Diensten.
+
+Nathan. Sultan!
+
+Saladin.
+Die Karawan' ist da. Ich bin so reich
+Nun wieder, als ich lange nicht gewesen.
+Komm, sag mir, was du brauchst, so recht was Grosses
+Zu unternehmen! Denn auch ihr, auch ihr,
+Ihr Handelsleute, koennt des baren Geldes
+Zuviel nie haben!
+
+Nathan. Und warum zuerst
+Von dieser Kleinigkeit?--Ich sehe dort
+Ein Aug' in Traenen, das zu trocknen, mir
+Weit angelegner ist. (Geht auf Recha zu.)
+Du hast geweint?
+Was fehlt dir?--bist doch meine Tochter noch?
+
+Recha.
+Mein Vater!...
+
+Nathan. Wir verstehen uns. Genug!--
+Sei heiter! Sei gefasst! Wenn sonst dein Herz
+Nur dein noch ist! Wenn deinem Herzen sonst
+Nur kein Verlust nicht droht!--Dein Vater ist
+Dir unverloren!
+
+Recha. Keiner, keiner sonst!
+
+Tempelherr.
+Sonst keiner?--Nun! so hab ich mich betrogen.
+Was man nicht zu verlieren fuerchtet, hat
+Man zu besitzen nie geglaubt, und nie
+Gewuenscht.--Recht wohl! recht wohl!--Das aendert, Nathan,
+Das aendert alles!--Saladin, wir kamen
+Auf dein Geheiss. Allein, ich hatte dich
+Verleitet; itzt bemueh dich nur nicht weiter!
+
+Saladin.
+Wie gach nun wieder, junger Mann!--Soll alles
+Dir denn entgegenkommen? Alles dich
+Erraten?
+
+Tempelherr. Nun du hoerst ja! siehst ja, Sultan!
+
+Saladin.
+Ei wahrlich!--Schlimm genug, dass deiner Sache
+Du nicht gewisser warst!
+
+Tempelherr. So bin ich's nun.
+
+Saladin.
+Wer so auf irgendeine Wohltat trotzt,
+Nimmt sie zurueck. Was du gerettet, ist
+Deswegen nicht dein Eigentum. Sonst waer'
+Der Raeuber, den sein Geiz ins Feuer jagt,
+So gut ein Held wie du!
+
+(Auf Recha zugehend, um sie dem Tempelherrn zuzufuehren.)
+
+Komm, liebes Maedchen,
+Komm! Nimm's mit ihm nicht so genau. Denn waer'
+Er anders; waer' er minder warm und stolz:
+Er haett' es bleibenlassen, dich zu retten.
+Du musst ihm eins fuers andre rechnen.--Komm!
+Beschaem ihn! tu, was ihm zu tun geziemte!
+Bekenn ihm deine Liebe! trage dich ihm an!
+Und wenn er dich verschmaeht; dir's je vergisst,
+Wie ungleich mehr in diesem Schritte du
+Fuer ihn getan, als er fuer dich... Was hat
+Er denn fuer dich getan? Ein wenig sich
+Beraeuchern lassen! ist was Rechts!--so hat
+Er meines Bruders, meines Assad, nichts!
+So traegt er seine Larve, nicht sein Herz.
+Komm, Liebe...
+
+Sittah. Geh! geh, Liebe, geh! Es ist
+Fuer deine Dankbarkeit noch immer wenig;
+Noch immer nichts.
+
+Nathan. Halt Saladin! halt Sittah!
+
+Saladin.
+Auch du?
+
+Nathan. Hier hat noch einer mitzusprechen...
+
+Saladin.
+Wer leugnet das?--Unstreitig, Nathan, koemmt
+So einem Pflegevater eine Stimme
+Mit zu! Die erste, wenn du willst.--Du hoerst,
+Ich weiss der Sache ganze Lage.
+
+Nathan. Nicht so ganz!--
+Ich rede nicht von mir. Es ist ein andrer;
+Weit, weit ein andrer, den ich, Saladin,
+Doch auch vorher zu hoeren bitte.
+
+Saladin.--Wer?
+
+Nathan.
+Ihr Bruder!
+
+Saladin. Rechas Bruder?
+
+Nathan. Ja!
+
+Recha. Mein Bruder?
+So hab ich einen Bruder?
+
+Tempelherr (aus seiner wilden, stummen Zerstreuung auffahrend).
+Wo? wo ist
+Er, dieser Bruder? Noch nicht hier? Ich sollt'
+Ihn hier ja treffen.
+
+Nathan. Nur Geduld!
+
+Tempelherr (aeusserst bitter). Er hat
+Ihr einen Vater aufgebunden:--wird
+Er keinen Bruder fuer sie finden?
+
+Saladin. Das
+Hat noch gefehlt! Christ! ein so niedriger
+Verdacht waer' ueber Assads Lippen nicht
+Gekommen.--Gut! fahr nur so fort!
+
+Nathan. Verzeih
+Ihm!--Ich verzeih ihm gern.--Wer weiss, was wir
+An seiner Stell', in seinem Alter daechten!
+(Freundschaftlich auf ihn zugehend.)
+Natuerlich, Ritter!--Argwohn folgt auf Misstraun!--
+Wenn Ihr mich Eures wahren Namens gleich
+Gewuerdigt haettet...
+
+Tempelherr. Wie?
+
+Nathan. Ihr seid kein Stauffen!
+
+Tempelherr.
+Wer bin ich denn?
+
+Nathan. Heisst Curd von Stauffen nicht!
+
+Tempelherr.
+Wie heiss ich denn?
+
+Nathan. Heisst Leu von Filnek.
+
+Tempelherr. Wie?
+
+Nathan.
+Ihr stutzt?
+
+Tempelherr. Mit Recht! Wer sagt das?
+
+Nathan. Ich; der mehr,
+Noch mehr Euch sagen kann. Ich straf indes
+Euch keiner Luege.
+
+Tempelherr. Nicht?
+
+Nathan. Kann doch wohl sein,
+Dass jener Nam' Euch ebenfalls gebuehrt.
+
+Tempelherr.
+Das sollt' ich meinen!--(Das hiess Gott ihn sprechen!)
+
+Nathan.
+Denn Eure Mutter--die war eine Stauffin.
+Ihr Bruder, Euer Ohm, der Euch erzogen,
+Dem Eure Eltern Euch in Deutschland liessen,
+Als, von dem rauhen Himmel dort vertrieben,
+Sie wieder hierzulande kamen:--Der
+Hiess Curd von Stauffen; mag an Kindes Statt
+Vielleicht Euch angenommen haben!--Seid
+Ihr lange schon mit ihm nun auch herueber-
+Gekommen? Und er lebt doch noch?
+
+Tempelherr. Was soll
+Ich sagen?--Nathan!--Allerdings! So ist's!
+Er selbst ist tot. Ich kam erst mit der letzten
+Verstaerkung unsers Ordens.--Aber, aber--
+Was hat mit diesem allen Rechas Bruder
+Zu schaffen?
+
+Nathan. Euer Vater...
+
+Tempelherr. Wie? auch den
+Habt Ihr gekannt? Auch den?
+
+Nathan. Er war mein Freund.
+
+Tempelherr.
+War Euer Freund? Ist's moeglich, Nathan!...
+
+Nathan. Nannte
+Sich Wolf von Filnek; aber war kein Deutscher...
+
+Tempelherr.
+Ihr wisst auch das?
+
+Nathan. War einer Deutschen nur
+Vermaehlt; war Eurer Mutter nur nach Deutschland
+Auf kurze Zeit gefolgt...
+
+Tempelherr. Nicht mehr! Ich bitt
+Euch!--Aber Rechas Bruder? Rechas Bruder...
+
+Nathan.
+Seid Ihr!
+
+Tempelherr. Ich? ich ihr Bruder?
+
+Recha. Er mein Bruder?
+
+Sittah.
+Geschwister!
+
+Saladin. Sie Geschwister!
+
+Recha (will auf ihn zu). Ah! mein Bruder!
+
+Tempelherr (tritt zurueck).
+Ihr Bruder!
+
+Recha (haelt an, und wendet sich zu Nathan).
+Kann nicht sein! nicht sein! Sein Herz
+Weiss nichts davon!--Wir sind Betrueger! Gott!
+
+Saladin (zum Tempelherrn).
+Betrueger? wie? Das denkst du? kannst du denken?
+Betrueger selbst! Denn alles ist erlogen
+An dir: Gesicht und Stimm' und Gang! Nichts dein!
+So eine Schwester nicht erkennen wollen! Geh!
+
+Tempelherr (sich demuetig ihm nahend).
+Missdeut auch du nicht mein Erstaunen, Sultan!
+Verkenn in einem Augenblick', in dem
+Du schwerlich deinen Assad je gesehen,
+Nicht ihn und mich! (Auf Nathan zueilend.)
+Ihr nehmt und gebt mir, Nathan!
+Mit vollen Haenden beides!--Nein! Ihr gebt
+Mir mehr, als Ihr mir nehmt! unendlich mehr!
+(Recha um den Hals fallend.)
+Ah! meine Schwester! meine Schwester!
+
+Nathan. Blanda
+Von Filnek.
+
+Tempelherr. Blanda? Blanda?--Recha nicht?
+Nicht Eure Recha mehr?--Gott! Ihr verstosst
+Sie! gebt ihr ihren Christennamen wieder!
+Verstosst sie meinetwegen!--Nathan! Nathan!
+Warum es sie entgelten lassen? sie!
+
+Nathan.
+Und was?--O meine Kinder! meine Kinder!
+Denn meiner Tochter Bruder waer' mein Kind
+Nicht auch,--sobald er will?
+(Indem er sich ihren Umarmungen ueberlaesst, tritt Saladin mit unruhigem
+Erstaunen zu seiner Schwester.)
+
+Saladin. Was sagst du, Schwester?
+
+Sittah.
+Ich bin geruehrt...
+
+Saladin. Und ich,--ich schaudere
+Vor einer groessern Ruehrung fast zurueck!
+Bereite dich nur drauf, so gut du kannst.
+
+Sittah.
+Wie?
+
+Saladin. Nathan, auf ein Wort! ein Wort!
+
+(Indem Nathan zu ihm tritt, tritt Sittah zu dem Geschwister, ihm
+ihre Teilnahme zu bezeigen; und Nathan und Saladin sprechen leiser.)
+
+Hoer! hoer doch, Nathan! Sagtest du vorhin
+Nicht--?
+
+Nathan. Was?
+
+Saladin. Aus Deutschland sei ihr Vater nicht
+Gewesen; ein geborner Deutscher nicht.
+Was war er denn? Wo war er sonst denn her?
+
+Nathan.
+Das hat er selbst mir nie vertrauen wollen.
+Aus seinem Munde weiss ich nichts davon.
+
+Saladin.
+Und war auch sonst kein Frank? kein Abendlaender?
+
+Nathan.
+Oh! dass er der nicht sei, gestand er wohl.
+Er sprach am liebsten Persisch...
+
+Saladin. Persisch? Persisch?
+Was will ich mehr?--Er ist's! Er war es!
+
+Nathan. Wer?
+
+Saladin.
+Mein Bruder! ganz gewiss! Mein Assad! ganz
+Gewiss!
+
+Nathan. Nun, wenn du selbst darauf verfaellst:--
+Nimm die Versichrung hier in diesem Buche!
+
+(Ihm das Brevier ueberreichend.)
+
+Saladin (es begierig aufschlagend).
+Ah! seine Hand! Auch die erkenn ich wieder!
+
+Nathan.
+Noch wissen sie von nichts! Noch steht's bei dir
+Allein, was sie davon erfahren sollen!
+
+Saladin (indes er darin geblaettert).
+Ich meines Bruders Kinder nicht erkennen?
+Ich meine Neffen--meine Kinder nicht?
+Sie nicht erkennen? ich? Sie dir wohl lassen?
+(Wieder laut.)
+Sie sind's! Sie sind es, Sittah, sind's! Sie sind's!
+Sind beide meines... deines Bruders Kinder!
+(Er rennt in ihre Umarmungen.)
+
+Sittah (ihm folgend).
+Was hoer ich!--Konnt's auch anders, anders sein!--
+
+Saladin (zum Tempelherrn).
+Nun musst du doch wohl, Trotzkopf, musst mich lieben!
+(Zu Recha.)
+Nun bin ich doch, wozu ich mich erbot?
+Magst wollen, oder nicht!
+
+Sittah. Ich auch! ich auch!
+
+Saladin (zum Tempelherrn zurueck).
+Mein Sohn! mein Assad! meines Assads Sohn!
+
+Tempelherr.
+Ich deines Bluts!--So waren jene Traeume,
+Womit man meine Kindheit wiegte, doch--
+Doch mehr als Traeume!
+(Ihm zu Fuessen fallend.)
+
+Saladin (ihn aufhebend).
+Seht den Boesewicht!
+Er wusste was davon, und konnte mich
+Zu seinem Moerder machen wollen! Wart!
+
+(Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen faellt der Vorhang.)
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Nathan der Weise, von Gotthold
+Ephraim Lessing.
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Nathan der Weise, by Gotthold Epraim Lessing
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NATHAN DER WEISE ***
+
+This file should be named 7nthn10.txt or 7nthn10.zip
+Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7nthn11.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7nthn10a.txt
+
+Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
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+Most people start at our Web sites at:
+http://gutenberg.net or
+http://promo.net/pg
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+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
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+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03
+
+Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
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+[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
+when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by
+Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
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+express permission.]
+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
+
diff --git a/old/7nthn10.zip b/old/7nthn10.zip
new file mode 100644
index 0000000..2dcbf14
--- /dev/null
+++ b/old/7nthn10.zip
Binary files differ
diff --git a/old/8nthn10.txt b/old/8nthn10.txt
new file mode 100644
index 0000000..3418407
--- /dev/null
+++ b/old/8nthn10.txt
@@ -0,0 +1,7375 @@
+The Project Gutenberg EBook of Nathan der Weise, by Gotthold Epraim Lessing
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
+copyright laws for your country before downloading or redistributing
+this or any other Project Gutenberg eBook.
+
+This header should be the first thing seen when viewing this Project
+Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the
+header without written permission.
+
+Please read the "legal small print," and other information about the
+eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is
+important information about your specific rights and restrictions in
+how the file may be used. You can also find out about how to make a
+donation to Project Gutenberg, and how to get involved.
+
+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Nathan der Weise
+ Ein Dramatisches Gedicht, in fuenf Aufzuegen
+
+Author: Gotthold Epraim Lessing
+
+Release Date: October, 2005 [EBook #9186]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on September 13, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO Latin-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NATHAN DER WEISE ***
+
+
+
+
+Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau
+
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 8-bit version.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+NATHAN DER WEISE
+
+Gotthold Ephraim Lessing
+
+Ein Dramatisches Gedicht, in fünf Aufzügen
+
+
+Introite, nam et heic Dii funt!--Apud Gellium
+
+
+Personen:
+
+Sultan Saladin
+Sittah, dessen Schwester
+Nathan, ein reicher Jude in Jerusalem
+Recha, dessen angenommene Tochter
+Daja, eine Christin, aber in dem Hause des Juden,
+als Gesellschafterin der Recha
+Ein junger Tempelherr
+Ein Derwisch
+Der Patriarch von Jerusalem
+Ein Klosterbruder
+Ein Emir
+nebst verschiednen Mamelucken des Saladin
+
+Die Szene ist in Jerusalem
+
+
+
+
+
+Erster Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+(Szene: Flur in Nathans Hause.)
+
+Nathan von der Reise kommend. Daja ihm entgegen.
+
+
+Daja.
+Er ist es! Nathan!--Gott sei ewig Dank,
+Daß Ihr doch endlich einmal wiederkommt.
+
+Nathan.
+Ja, Daja; Gott sei Dank! Doch warum endlich?
+Hab ich denn eher wiederkommen wollen?
+Und wiederkommen können? Babylon
+Ist von Jerusalem, wie ich den Weg,
+Seitab bald rechts, bald links, zu nehmen bin
+Genötigt worden, gut zweihundert Meilen;
+Und Schulden einkassieren, ist gewiß
+Auch kein Geschäft, das merklich födert, das
+So von der Hand sich schlagen läßt.
+
+Daja. O Nathan,
+Wie elend, elend hättet Ihr indes
+Hier werden können! Euer Haus...
+
+Nathan. Das brannte.
+So hab ich schon vernommen.--Gebe Gott,
+Daß ich nur alles schon vernommen habe!
+
+Daja.
+Und wäre leicht von Grund aus abgebrannt.
+
+Nathan.
+Dann, Daja, hätten wir ein neues uns
+Gebaut; und ein bequemeres.
+
+Daja. Schon wahr!--
+Doch Recha wär' bei einem Haare mit
+Verbrannt.
+
+Nathan. Verbrannt? Wer? meine Recha? sie?--
+Das hab ich nicht gehört.--Nun dann! So hätte
+Ich keines Hauses mehr bedurft.--Verbrannt
+Bei einem Haare!--Ha! sie ist es wohl!
+Ist wirklich wohl verbrannt!--Sag nur heraus!
+Heraus nur!--Töte mich: und martre mich
+Nicht länger.--ja, sie ist verbrannt.
+
+Daja. Wenn sie
+Es wäre, würdet Ihr von mir es hören?
+
+Nathan.
+Warum erschreckest du mich denn?--O Recha!
+O meine Recha!
+
+Daja. Eure? Eure Recha?
+
+Nathan.
+Wenn ich mich wieder je entwöhnen müßte,
+Dies Kind mein Kind zu nennen!
+
+Daja. Nennt Ihr alles,
+Was Ihr besitzt, mit ebensoviel Rechte
+Das Eure?
+
+Nathan. Nichts mit größerm! Alles, was
+Ich sonst besitze, hat Natur und Glück
+Mir zugeteilt. Dies Eigentum allein
+Dank ich der Tugend.
+
+Daja. O wie teuer laßt
+Ihr Eure Güte, Nathan, mich bezahlen!
+Wenn Güt', in solcher Absicht ausgeübt,
+Noch Güte heißen kann!
+
+Nathan. In solcher Absicht?
+In welcher?
+
+Daja. Mein Gewissen...
+
+Nathan. Daja, laß
+Vor allen Dingen dir erzählen...
+
+Daja. Mein
+Gewissen, sag ich...
+
+Nathan. Was in Babylon
+Für einen schönen Stoff ich dir gekauft.
+So reich, und mit Geschmack so reich! Ich bringe
+Für Recha selbst kaum einen schönern mit.
+
+Daja.
+Was hilft's? Denn mein Gewissen, muß ich Euch
+Nur sagen, läßt sich länger nicht betäuben.
+
+Nathan.
+Und wie die Spangen, wie die Ohrgehenke,
+Wie Ring und Kette dir gefallen werden,
+Die in Damaskus ich dir ausgesucht:
+Verlanget mich zu sehn.
+
+Daja. So seid Ihr nun!
+Wenn Ihr nur schenken könnt! nur schenken könnt!
+
+Nathan.
+Nimm du so gern, als ich dir geb:--und schweig!
+
+Daja.
+Und schweig! Wer zweifelt, Nathan, daß Ihr nicht
+Die Ehrlichkeit, die Großmut selber seid?
+Und doch...
+
+Nathan. Doch bin ich nur ein Jude.--Gelt,
+Das willst du sagen?
+
+Daja. Was ich sagen will,
+Das wißt Ihr besser.
+
+Nathan. Nun so schweig!
+
+Daja. Ich schweige.
+Was Sträfliches vor Gott hierbei geschieht,
+Und ich nicht hindern kann, nicht ändern kann,--
+Nicht kann,--komm' über Euch!
+
+Nathan. Komm' über mich!--
+Wo aber ist sie denn? wo bleibt sie?--Daja,
+Wenn du mich hintergehst!--Weiß sie es denn,
+Daß ich gekommen bin?
+
+Daja. Das frag ich Euch!
+Noch zittert ihr der Schreck durch jede Nerve.
+Noch malet Feuer ihre Phantasie
+Zu allem, was sie malt. Im Schlafe wacht,
+Im Wachen schläft ihr Geist: bald weniger
+Als Tier, bald mehr als Engel.
+
+Nathan. Armes Kind!
+Was sind wir Menschen!
+
+Daja. Diesen Morgen lag
+Sie lange mit verschloßnem Aug', und war
+Wie tot. Schnell fuhr sie auf, und rief: "Horch! horch!
+Da kommen die Kamele meines Vaters!
+Horch! seine sanfte Stimme selbst!"--Indem
+Brach sich ihr Auge wieder: und ihr Haupt,
+Dem seines Armes Stütze sich entzog,
+Stürzt auf das Kissen.--Ich, zur Pfort' hinaus!
+Und sieh: da kommt Ihr wahrlich! kommt Ihr wahrlich!--
+Was Wunder! ihre ganze Seele war
+Die Zeit her nur bei Euch--und ihm.--
+
+Nathan. Bei ihm?
+Bei welchem Ihm?
+
+Daja. Bei ihm, der aus dem Feuer
+Sie rettete.
+
+Nathan. Wer war das? wer?--Wo ist er?
+Wer rettete mir meine Recha? wer?
+
+Daja.
+Ein junger Tempelherr, den, wenig Tage
+Zuvor, man hier gefangen eingebracht,
+Und Saladin begnadigt hatte.
+
+Nathan. Wie?
+Ein Tempelherr, dem Sultan Saladin
+Das Leben ließ? Durch ein geringres Wunder
+War Recha nicht zu retten? Gott!
+
+Daja. Ohn' ihn,
+Der seinen unvermuteten Gewinst
+Frisch wieder wagte, war es aus mit ihr.
+
+Nathan.
+Wo ist er, Daja, dieser edle Mann?--
+Wo ist er? Führe mich zu seinen Füßen.
+Ihr gabt ihm doch vors erste, was an Schätzen
+Ich euch gelassen hatte? gabt ihm alles?
+Verspracht ihm mehr? weit mehr?
+
+Daja. Wie konnten wir?
+
+Nathan.
+Nicht? nicht?
+
+Daja. Er kam, und niemand weiß woher.
+Er ging, und niemand weiß wohin.--Ohn' alle
+Des Hauses Kundschaft, nur von seinem Ohr
+Geleitet, drang, mit vorgespreiztem Mantel,
+Er kühn durch Flamm' und Rauch der Stimme nach,
+Die uns um Hilfe rief. Schon hielten wir
+Ihn für verloren, als aus Rauch und Flamme
+Mit eins er vor uns stand, im starken Arm
+Empor sie tragend. Kalt und ungerührt
+Vom Jauchzen unsers Danks, setzt seine Beute
+Er nieder, drängt sich unters Volk und ist
+Verschwunden!
+
+Nathan. Nicht auf immer, will ich hoffen.
+
+Daja.
+Nachher die ersten Tage sahen wir
+Ihn untern Palmen auf und nieder wandeln,
+Die dort des Auferstandnen Grab umschatten.
+Ich nahte mich ihm mit Entzücken, dankte,
+Erhob, entbot, beschwor,--nur einmal noch
+Die fromme Kreatur zu sehen, die
+Nicht ruhen könne, bis sie ihren Dank
+Zu seinen Füßen ausgeweinet.
+
+Nathan. Nun?
+
+Daja.
+Umsonst! Er war zu unsrer Bitte taub;
+Und goß so bittern Spott auf mich besonders...
+
+Nathan. Bis dadurch abgeschreckt...
+
+Daja. Nichts weniger!
+Ich trat ihn je den Tag von neuem an;
+Ließ jeden Tag von neuem mich verhöhnen.
+Was litt ich nicht von ihm! Was hätt' ich nicht
+Noch gern ertragen!--Aber lange schon
+Kommt er nicht mehr, die Palmen zu besuchen,
+Die unsers Auferstandnen Grab umschatten;
+Und niemand weiß, wo er geblieben ist.
+Ihr staunt? Ihr sinnt?
+
+Nathan. Ich überdenke mir,
+Was das auf einen Geist, wie Rechas, wohl
+Für Eindruck machen muß. Sich so verschmäht
+Von dem zu finden, den man hochzuschätzen
+Sich so gezwungen fühlt; so weggestoßen,
+Und doch so angezogen werden;--Traun,
+Da müssen Herz und Kopf sich lange zanken,
+Ob Menschenhaß, ob Schwermut siegen soll.
+Oft siegt auch keines; und die Phantasie,
+Die in den Streit sich mengt, macht Schwärmer,
+Bei welchen bald der Kopf das Herz, und bald
+Das Herz den Kopf muß spielen.--Schlimmer Tausch!--
+Das letztere, verkenn ich Recha nicht,
+Ist Rechas Fall: sie schwärmt.
+
+Daja. Allein so fromm,
+So liebenswürdig!
+
+Nathan. Ist doch auch geschwärmt!
+
+Daja.
+Vornehmlich eine--Grille, wenn Ihr wollt,
+Ist ihr sehr wert. Es sei ihr Tempelherr
+Kein irdischer und keines irdischen;
+Der Engel einer, deren Schutze sich
+Ihr kleines Herz, von Kindheit auf, so gern
+Vertrauet glaubte, sei aus seiner Wolke,
+In die er sonst verhüllt, auch noch im Feuer,
+Um sie geschwebt, mit eins als Tempelherr
+Hervorgetreten.--Lächelt nicht!--Wer weiß?
+Laßt lächelnd wenigstens ihr einen Wahn,
+In dem sich Jud' und Christ und Muselmann
+Vereinigen;--so einen süßen Wahn!
+
+Nathan.
+Auch mir so süß!--Geh, wackre Daja, geh;
+Sieh, was sie macht; ob ich sie sprechen kann.--
+Sodann such ich den wilden, launigen
+Schutzengel auf. Und wenn ihm noch beliebt,
+Hienieden unter uns zu wallen; noch
+Beliebt, so ungesittet Ritterschaft
+Zu treiben: find ich ihn gewiß; und bring Ihn her.
+
+Daja.
+Ihr unternehmet viel.
+
+Nathan. Macht dann
+Der süße Wahn der süßern Wahrheit Platz:--
+Denn, Daja, glaube mir; dem Menschen ist
+Ein Mensch noch immer lieber, als ein Engel--
+So wirst du doch auf mich, auf mich nicht zürnen,
+Die Engelschwärmerin geheilt zu sehn?
+
+Daja.
+Ihr seid so gut, und seid zugleich so schlimm!
+Ich geh!--Doch hört! doch seht!--Da kommt sie selbst.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Recha und die Vorigen.
+
+
+Recha.
+So seid Ihr es doch ganz und gar, mein Vater?
+Ich glaubt', Ihr hättet Eure Stimme nur
+Vorausgeschickt. Wo bleibt Ihr? Was für Berge,
+Für Wüsten, was für Ströme trennen uns
+Denn noch? Ihr atmet Wand an Wand mit ihr,
+Und eilt nicht, Eure Recha zu umarmen?
+Die arme Recha, die indes verbrannte!
+Fast, fast verbrannte! Fast nur. Schaudert nicht!
+Es ist ein garstiger Tod, verbrennen. Oh!
+
+Nathan.
+Mein Kind! mein liebes Kind!
+
+Recha. Ihr mußtet über
+Den Euphrat, Tigris, Jordan; über--wer
+Weiß was für Wasser all?--Wie oft hab ich
+Um Euch gezittert, eh' das Feuer mir
+So nahe kam! Denn seit das Feuer mir
+So nahe kam: dünkt mich im Wasser sterben
+Erquickung, Labsal, Rettung,--Doch Ihr seid
+Ja nicht ertrunken: ich, ich bin ja nicht
+Verbrannt. Wie wollen wir uns freun, und Gott,
+Gott loben! Er, er trug Euch und den Nachen
+Auf Flügeln seiner unsichtbaren Engel
+Die ungetreuen Ström' hinüber. Er,
+Er winkte meinem Engel, daß er sichtbar
+Auf seinem weißen Fittiche, mich durch
+Das Feuer trüge--
+
+Nathan. (Weißem Fittiche!
+Ja, ja! der weiße vorgespreizte Mantel
+Des Tempelherrn.)
+
+Recha. Er sichtbar, sichtbar mich
+Durchs Feuer trüg', von seinem Fittiche
+Verweht.--Ich also, ich hab einen Engel
+Von Angesicht zu Angesicht gesehn;
+Und meinen Engel.
+
+Nathan. Recha wär' es wert;
+Und würd' an ihm nichts Schönres sehn, als er
+An ihr.
+
+Recha (lächelnd).
+Wem schmeichelt Ihr, mein Vater? wem?
+Dem Engel, oder Euch?
+
+Nathan. Doch hätt' auch nur
+Ein Mensch--ein Mensch, wie die Natur sie täglich
+Gewährt, dir diesen Dienst erzeigt: er müßte
+Für dich ein Engel sein. Er müßt' und würde.
+
+Recha.
+Nicht so ein Engel; nein! ein wirklicher;
+Es war gewiß ein wirklicher!--Habt Ihr,
+Ihr selbst die Möglichkeit, daß Engel sind,
+Daß Gott zum Besten derer, die ihn lieben,
+Auch Wunder könne tun, mich nicht gelehrt?
+Ich lieb ihn ja.
+
+Nathan. Und er liebt dich; und tut
+Für dich, und deinesgleichen, stündlich Wunder;
+Ja, hat sie schon von aller Ewigkeit
+Für euch getan.
+
+Recha. Das hör ich gern.
+
+Nathan. Wie? weil
+Es ganz natürlich, ganz alltäglich klänge,
+Wenn dich ein eigentlicher Tempelherr
+Gerettet hätte: sollt' es darum weniger
+Ein Wunder sein?--Der Wunder höchstes ist,
+Daß uns die wahren, echten Wunder so
+Alltäglich werden können, werden sollen.
+Ohn' dieses allgemeine Wunder, hätte
+Ein Denkender wohl schwerlich Wunder je
+Genannt, was Kindern bloß so heißen mußte,
+Die gaffend nur das Ungewöhnlichste,
+Das Neuste nur verfolgen.
+
+Daja (zu Nathan). Wollt Ihr denn
+Ihr ohnedem schon überspanntes Hirn
+Durch solcherlei Subtilitäten ganz
+Zersprengen?
+
+Nathan. Laß mich!--Meiner Recha wär'
+Es Wunders nicht genug, daß sie ein Mensch
+Gerettet, welchen selbst kein kleines Wunder
+Erst retten müssen? Ja, kein kleines Wunder!
+Denn wer hat schon gehört, daß Saladin
+Je eines Tempelherrn verschont? daß je
+Ein Tempelherr von ihm verschont zu werden
+Verlangt? gehofft? ihm je für seine Freiheit
+Mehr als den ledern Gurt geboten, der
+Sein Eisen schleppt; und höchstens seinen Dolch?
+
+Recha.
+Das schließt für mich, mein Vater.--Darum eben
+War das kein Tempelherr; er schien es nur.--
+Kömmt kein gefangner Tempelherr je anders
+Als zum gewissen Tode nach Jerusalem;
+Geht keiner in Jerusalem so frei
+Umher: wie hätte mich des Nachts freiwillig
+Denn einer retten können?
+
+Nathan. Sieh! wie sinnreich.
+Jetzt, Daja, nimm das Wort. Ich hab es ja
+Von dir, daß er gefangen hergeschickt
+Ist worden. Ohne Zweifel weißt du mehr.
+
+Daja.
+Nun ja.--So sagt man freilich;--doch man sagt
+Zugleich, daß Saladin den Tempelherrn
+Begnadigt, weil er seiner Brüder einem,
+Den er besonders lieb gehabt, so ähnlich sehe.
+Doch da es viele zwanzig Jahre her,
+Daß dieser Bruder nicht mehr lebt,--er hieß,
+Ich weiß nicht wie;--er blieb, ich weiß nicht wo:--
+So klingt das ja so gar--so gar unglaublich,
+Daß an der ganzen Sache wohl nichts ist.
+
+Nathan.
+Ei, Daja! Warum wäre denn das so
+Unglaublich? Doch wohl nicht--wie's wohl geschieht--
+Um lieber etwas noch Unglaublichers
+Zu glauben?--Warum hätte Saladin,
+Der sein Geschwister insgesamt so liebt,
+In jüngern Jahren einen Bruder nicht
+Noch ganz besonders lieben können?--Pflegen
+Sich zwei Gesichter nicht zu ähneln?--Ist
+Ein alter Eindruck ein verlorner?--Wirkt
+Das Nämliche nicht mehr das Nämliche?
+Seit wenn?--Wo steckt hier das Unglaubliche?
+Ei freilich, weise Daja, wär's für dich
+Kein Wunder mehr; und deine Wunder nur
+Bedürf... verdienen, will ich sagen, Glauben.
+
+Daja.
+Ihr spottet.
+
+Nathan. Weil du meiner spottest.--Doch
+Auch so noch, Recha, bleibet deine Rettung
+Ein Wunder, dem nur möglich, der die strengsten
+Entschlüsse, die unbändigsten Entwürfe
+Der Könige, sein Spiel--wenn nicht sein Spott--
+Gern an den schwächsten Fäden lenkt.
+
+Recha. Mein Vater!
+Mein Vater, wenn ich irr, Ihr wißt, ich irre
+Nicht gern.
+
+Nathan. Vielmehr, du läßt dich gern belehren.
+Sieh! eine Stirn, so oder so gewölbt;
+Der Rücken einer Nase, so vielmehr
+Als so geführet; Augenbraunen, die
+Auf einem scharfen oder stumpfen Knochen
+So oder so sich schlängeln; eine Linie,
+Ein Bug, ein Winkel, eine Falt', ein Mal,
+Ein Nichts, auf eines wilden Europäers
+Gesicht:--und du entkommst dem Feu'r, in Asien!
+Das wär' kein Wunder, wundersücht'ges Volk?
+Warum bemüht ihr denn noch einen Engel?
+
+Daja.
+Was schadet's--Nathan, wenn ich sprechen darf--
+Bei alledem, von einem Engel lieber
+Als einem Menschen sich gerettet denken?
+Fühlt man der ersten unbegreiflichen
+Ursache seiner Rettung nicht sich so
+Viel näher?
+
+Nathan. Stolz! und nichts als Stolz! Der Topf
+Von Eisen will mit einer silbern Zange
+Gern aus der Glut gehoben sein, um selbst
+Ein Topf von Silber sich zu dünken.--Pah!--
+Und was es schadet, fragst du? was es schadet?
+Was hilft es? dürft' ich nur hinwieder fragen.--
+Denn dein "Sich Gott um so viel näher fühlen"
+Ist Unsinn oder Gotteslästerung.--
+Allein es schadet; ja, es schadet allerdings.--
+Kommt! hört mir zu.--Nicht wahr? dem Wesen, das
+Dich rettete,--es sei ein Engel oder
+Ein Mensch,--dem möchtet ihr, und du besonders,
+Gern wieder viele große Dienste tun?--
+Nicht wahr?--Nun, einem Engel, was für Dienste,
+Für große Dienste könnt ihr dem wohl tun?
+Ihr könnt ihm danken; zu ihm seufzen, beten;
+Könnt in Entzückung über ihn zerschmelzen;
+Könnt an dem Tage seiner Feier fasten,
+Almosen spenden.--Alles nichts.--Denn mich
+Deucht immer, daß ihr selbst und euer Nächster
+Hierbei weit mehr gewinnt, als er. Er wird
+Nicht fett durch euer Fasten; wird nicht reich
+Durch eure Spenden; wird nicht herrlicher
+Durch eu'r Entzücken; wird nicht mächtiger
+Durch eu'r Vertraun. Nicht wahr? Allein ein Mensch!
+
+Daja.
+Ei freilich hätt' ein Mensch, etwas für ihn
+Zu tun, uns mehr Gelegenheit verschafft.
+Und Gott weiß, wie bereit wir dazu waren!
+Allein er wollte ja, bedurfte ja
+So völlig nichts; war in sich, mit sich so
+Vergnügsam, als nur Engel sind, nur Engel
+Sein können.
+
+Recha. Endlich, als er gar verschwand...
+
+Nathan.
+Verschwand?--Wie denn verschwand?--Sich untern Palmen
+Nicht ferner sehen ließ?--Wie? oder habt
+Ihr wirklich schon ihn weiter aufgesucht?
+
+Daja.
+Das nun wohl nicht.
+
+Nathan. Nicht, Daja? nicht?--Da sieh
+Nun was es schad't!--Grausame Schwärmerinnen!
+Wenn dieser Engel nun--nun krank geworden!...
+
+Recha.
+Krank!
+
+Daja. Krank! Er wird doch nicht!
+
+Recha. Welch kalter Schauer
+Befällt mich!--Daja!--Meine Stirne, sonst
+So warm, fühl! ist auf einmal Eis.
+
+Nathan. Er ist
+Ein Franke, dieses Klimas ungewohnt;
+Ist jung; der harten Arbeit seines Standes,
+Des Hungerns, Wachens ungewohnt.
+
+Recha. Krank! krank!
+
+Daja.
+Das wäre möglich, meint ja Nathan nur.
+
+Nathan.
+Nun liegt er da! hat weder Freund, noch Geld
+Sich Freunde zu besolden.
+
+Recha. Ah, mein Vater!
+
+Nathan.
+Liegt ohne Wartung, ohne Rat und Zusprach',
+Ein Raub der Schmerzen und des Todes da!
+
+Recha.
+Wo? wo?
+
+Nathan. Er, der für eine, die er nie
+Gekannt, gesehn--genug, es war ein Mensch
+Ins Feu'r sich stürzte...
+
+Daja. Nathan, schonet ihrer!
+
+Nathan.
+Der, was er rettete, nicht näher kennen,
+Nicht weiter sehen mocht',--um ihm den Dank
+Zu sparen...
+
+Daja. Schonet ihrer, Nathan!
+
+Nathan. Weiter
+Auch nicht zu sehn verlangt',--es wäre denn,
+Daß er zum zweitenmal es retten sollte--
+Denn g'nug, es ist ein Mensch...
+
+Daja. Hört auf, und seht!
+
+Nathan.
+Der, der hat sterbend sich zu laben, nichts
+Als das Bewußtsein dieser Tat!
+
+Daja. Hört auf!
+Ihr tötet sie!
+
+Nathan. Und du hast ihn getötet!--
+Hättst so ihn töten können.--Recha! Recha!
+Es ist Arznei, nicht Gift, was ich dir reiche.
+Er lebt!--komm zu dir!--ist auch wohl nicht krank:
+Nicht einmal krank!
+
+Recha. Gewiß?--nicht tot? nicht krank?
+
+Nathan.
+Gewiß, nicht tot! Denn Gott lohnt Gutes, hier
+Getan, auch hier noch.--Geh!--Begreifst du aber,
+Wieviel andächtig schwärmen leichter, als
+Gut handeln ist? wie gern der schlaffste Mensch
+Andächtig schwärmt, um nur,--ist er zu Zeiten
+Sich schon der Absicht deutlich nicht bewußt--
+Um nur gut handeln nicht zu dürfen?
+
+Recha. Ah,
+Mein Vater! laßt, laßt Eure Recha doch
+Nie wiederum allein!--Nicht wahr, er kann
+Auch wohl verreist nur sein?--
+
+Nathan. Geht!--Allerdings.--
+Ich seh, dort mustert mit neugier'gem Blick
+Ein Muselmann mir die beladenen
+Kamele. Kennt Ihr ihn?
+
+Daja. Ha! Euer Derwisch.
+
+Nathan.
+Wer?
+
+Daja. Euer Derwisch; Euer Schachgesell!
+
+Nathan.
+Al-Hafi? das Al-Hafi?
+
+Daja. Itzt des Sultans
+Schatzmeister.
+
+Nathan. Wie? Al-Hafi? Träumst du wieder?
+Er ist's!--wahrhaftig, ist's!--kömmt auf uns zu.
+Hinein mit Euch, geschwind!--Was werd ich hören!
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Nathan und der Derwisch.
+
+
+Derwisch.
+Reißt nur die Augen auf, so weit Ihr könnt!
+
+Nathan.
+Bist du's? Bist du es nicht?--In dieser Pracht,
+Ein Derwisch!...
+
+Derwisch. Nun? warum denn nicht? Läßt sich
+Aus einem Derwisch denn nichts, gar nichts machen?
+
+Nathan.
+Ei wohl, genug!--Ich dachte mir nur immer,
+Der Derwisch--so der rechte Derwisch--woll'
+Aus sich nichts machen lassen.
+
+Derwisch. Beim Propheten
+Daß ich kein rechter bin, mag auch wohl wahr sein.
+Zwar wenn man muß--
+
+Nathan. Muß! Derwisch!--Derwisch muß?
+Kein Mensch muß müssen, und ein Derwisch müßte?
+Was müßt' er denn?
+
+Derwisch. Warum man ihn recht bittet,
+Und er für gut erkennt: das muß ein Derwisch.
+
+Nathan.
+Bei unserm Gott! da sagst du wahr.--Laß dich
+Umarmen, Mensch.--Du bist doch noch mein Freund?
+
+Derwisch.
+Und fragt nicht erst, was ich geworden bin?
+
+Nathan.
+Trotzdem, was du geworden!
+
+Derwisch. Könnt' ich nicht
+Ein Kerl im Staat geworden sein, des Freundschaft
+Euch ungelegen wäre?
+
+Nathan. Wenn dein Herz
+Noch Derwisch ist, so wag ich's drauf. Der Kerl
+Im Staat, ist nur dein Kleid.
+
+Derwisch. Das auch geehrt
+Will sein.--Was meint Ihr? ratet!--Was wär' ich
+An Eurem Hofe?
+
+Nathan. Derwisch; weiter nichts.
+Doch nebenher, wahrscheinlich--Koch.
+
+Derwisch. Nun ja!
+Mein Handwerk bei Euch zu verlernen.--Koch!
+Nicht Kellner auch?--Gesteht, daß Saladin
+Mich besser kennt.--Schatzmeister bin ich bei--
+Ihm worden.
+
+Nathan. Du?--bei ihm?
+
+Derwisch. Versteht:
+Des kleinern Schatzes,--denn des größern wartet
+Sein Vater noch--des Schatzes für sein Haus.
+
+Nathan.
+Sein Haus ist groß.
+
+Derwisch. Und größer, als Ihr glaubt;
+Denn jeder Bettler ist von seinem Hause.
+
+Nathan.
+Doch ist den Bettlern Saladin so feind--
+
+Derwisch.
+Daß er mit Strumpf und Stiel sie zu vertilgen
+Sich vorgesetzt,--und sollt' er selbst darüber
+Zum Bettler werden.
+
+Nathan. Brav!--So mein ich's eben.
+
+Derwisch.
+Er ist's auch schon, trotz einem!--Denn sein Schatz
+Ist jeden Tag mit Sonnenuntergang
+Viel leerer noch, als leer. Die Flut, so hoch
+Sie morgens eintritt, ist des Mittags längst
+Verlaufen--
+
+Nathan. Weil Kanäle sie zum Teil
+Verschlingen, die zu füllen oder zu
+Verstopfen, gleich unmöglich ist.
+
+Derwisch. Getroffen!
+
+Nathan.
+Ich kenne das!
+
+Derwisch. Es taugt nun freilich nichts,
+Wenn Fürsten Geier unter Äsern sind.
+Doch sind sie Äser unter Geiern, taugt's
+Noch zehnmal weniger.
+
+Nathan. O nicht doch, Derwisch!
+Nicht doch!
+
+Derwisch. Ihr habt gut reden, Ihr!--Kommt an:
+Was gebt Ihr mir? so tret ich meine Stell'
+Euch ab.
+
+Nathan. Was bringt dir deine Stelle?
+
+Derwisch. Mir?
+Nicht viel. Doch Euch, Euch kann sie trefflich wuchern.
+--Denn ist es Ebb' im Schatz,--wie öfters ist,
+So zieht Ihr Eure Schleusen auf: schießt vor,
+Und nehmt an Zinsen, was Euch nur gefällt.
+
+Nathan.
+Auch Zins vom Zins der Zinsen?
+
+Derwisch. Freilich!
+
+Nathan. Bis
+Mein Kapital zu lauter Zinsen wird.
+
+Derwisch.
+Das lockt Euch nicht?--So schreibet unsrer Freundschaft
+Nur gleich den Scheidebrief! Denn wahrlich hab
+Ich sehr auf Euch gerechnet.
+
+Nathan. Wahrlich? Wie
+Denn so? wieso denn?
+
+Derwisch. Daß Ihr mir mein Amt
+Mit Ehren würdet führen helfen; daß
+Ich allzeit offne Kasse bei Euch hätte.--
+Ihr schüttelt?
+
+Nathan. Nun, verstehn wir uns nur recht!
+Hier gibt's zu unterscheiden.--Du? warum
+Nicht du? Al-Hafi Derwisch ist zu allem,
+Was ich vermag, mir stets willkommen.--Aber
+Al-Hafi Defterdar des Saladin,
+Der--dem--
+
+Derwisch. Erriet ich's nicht? Daß Ihr doch immer
+So gut als klug, so klug als weise seid!--
+Geduld! Was Ihr am Hafi unterscheidet,
+Soll bald geschieden wieder sein.--Seht da
+Das Ehrenkleid, das Saladin mir gab.
+Eh' es verschossen ist, eh' es zu Lumpen
+Geworden, wie sie einen Derwisch kleiden,
+Hängt's in Jerusalem am Nagel, und
+Ich bin am Ganges, wo ich leicht und barfuß
+Den heißen Sand mit meinen Lehrern trete.
+
+Nathan.
+Dir ähnlich g'nug!
+
+Derwisch. Und Schach mit ihnen spiele.
+
+Nathan.
+Dein höchstes Gut!
+
+Derwisch. Denkt nur, was mich verführte!--
+Damit ich selbst nicht länger betteln dürfte?
+Den reichen Mann mit Bettlern spielen könnte?
+Vermögend wär' im Hui den reichsten Bettler
+In einen armen Reichen zu verwandeln?
+
+Nathan.
+Das nun wohl nicht.
+
+Derwisch. Weit etwas Abgeschmackters!
+Ich fühlte mich zum erstenmal geschmeichelt;
+Durch Saladins gutherz'gen Wahn geschmeichelt--
+
+Nathan.
+Der war?
+
+Derwisch. "Ein Bettler wisse nur, wie Bettlern
+Zumute sei; ein Bettler habe nur
+Gelernt, mit guter Weise Bettlern geben.
+Dein Vorfahr, sprach er, war mir viel zu kalt,
+Zu rauh. Er gab so unhold, wenn er gab;
+Erkundigte so ungestüm sich erst
+Nach dem Empfänger; nie zufrieden, daß
+Er nur den Mangel kenne, wollt' er auch
+Des Mangels Ursach' wissen, um die Gabe
+Nach dieser Ursach' filzig abzuwägen.
+Das wird Al-Hafi nicht! So unmild mild
+Wird Saladin im Hafi nicht erscheinen!
+Al-Hafi gleicht verstopften Röhren nicht,
+Die ihre klar und still empfangnen Wasser
+So unrein und so sprudelnd wiedergeben.
+Al-Hafi denkt; Al-Hafi fühlt wie ich!"--
+So lieblich klang des Voglers Pfeife, bis
+Der Gimpel in dem Netze war.--Ich Geck!
+Ich eines Gecken Geck!
+
+Nathan. Gemach, mein Derwisch,
+Gemach!
+
+Derwisch. Ei was!--Es wär' nicht Geckerei,
+Bei Hunderttausenden die Menschen drücken,
+Ausmergeln, plündern, martern, würgen; und
+Ein Menschenfreund an einzeln scheinen wollen?
+Es wär' nicht Geckerei, des Höchsten Milde,
+Die sonder Auswahl über Bös' und Gute
+Und Flur und Wüstenei, in Sonnenschein
+Und Regen sich verbreitet,--nachzuäffen,
+Und nicht des Höchsten immer volle Hand
+Zu haben? Was? es wär' nicht Geckerei...
+
+Nathan.
+Genug! hör auf!
+
+Derwisch. Laßt meiner Geckerei
+Mich doch nur auch erwähnen!--Was? es wäre
+Nicht Geckerei, an solchen Geckereien
+Die gute Seite dennoch auszuspüren,
+Um Anteil, dieser guten Seite wegen,
+An dieser Geckerei zu nehmen? He?
+Das nicht?
+
+Nathan. Al-Hafi, mache, daß du bald
+In deine Wüste wieder kömmst. Ich fürchte,
+Grad unter Menschen möchtest du ein Mensch
+Zu sein verlernen.
+
+Derwisch. Recht, das fürcht ich auch.
+Lebt wohl!
+
+Nathan. So hastig?--Warte doch, Al-Hafi.
+Entläuft dir denn die Wüste?--Warte doch!--
+Daß er mich hörte!--He, Al-Hafi! hier!--
+Weg ist er; und ich hätt' ihn noch so gern
+Nach unserm Tempelherrn gefragt. Vermutlich,
+Daß er ihn kennt.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Daja eilig herbei. Nathan.
+
+
+Daja. O Nathan, Nathan!
+
+Nathan. Nun?
+Was gibt's?
+
+Daja. Er läßt sich wieder sehn! Er läßt
+Sich wieder sehn!
+
+Nathan. Wer, Daja? wer?
+
+Daja. Er! Er!
+
+Nathan.
+Er? Er?--Wann läßt sich der nicht sehn!--Ja so,
+Nur euer Er heißt er.--Das sollt' er nicht!
+Und wenn er auch ein Engel wäre, nicht!--
+
+Daja.
+Er wandelt untern Palmen wieder auf
+Und ab; und bricht von Zeit zu Zeit sich Datteln.
+
+Nathan.
+Sie essend?--und als Tempelherr?
+
+Daja. Was quält
+Ihr mich?--Ihr gierig Aug' erriet ihn hinter
+Den dicht verschränkten Palmen schon; und folgt
+Ihm unverrückt. Sie läßt Euch bitten,--Euch
+Beschwören,--ungesäumt ihn anzugehn.
+O eilt! Sie wird Euch aus dem Fenster winken,
+Ob er hinauf geht oder weiter ab
+Sich schlägt. O eilt!
+
+Nathan. So wie ich vom Kamele
+Gestiegen?--Schickt sich das?--Geh, eile du
+Ihm zu; und meld ihm meine Wiederkunft.
+Gib acht, der Biedermann hat nur mein Haus
+In meinem Absein nicht betreten wollen;
+Und kömmt nicht ungern, wenn der Vater selbst
+Ihn laden läßt. Geh, sag, ich laß ihn bitten,
+Ihn herzlich bitten...
+
+Daja. All umsonst! Er kömmt
+Euch nicht.--Denn kurz; er kömmt zu keinem Juden.
+
+Nathan.
+So geh, geh wenigstens ihn anzuhalten;
+Ihn wenigstens mit deinen Augen zu
+Begleiten.--Geh, ich komme gleich dir nach.
+
+(Nathan eilet hinein, und Daja heraus.)
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+Szene: ein Platz mit Palmen, unter welchen der Tempelherr auf und
+nieder geht. Ein Klosterbruder folgt ihm in einiger Entfernung von
+der Seite, immer als ob er ihn anreden wolle.
+
+
+Tempelherr.
+Der folgt mir nicht vor langer Weile!--Sieh,
+Wie schielt er nach den Händen!--Guter Bruder,...
+Ich kann Euch auch wohl Vater nennen; nicht?
+
+Klosterbruder.
+Nur Bruder--Laienbruder nur; zu dienen.
+
+Tempelherr.
+Ja, guter Bruder, wer nur selbst was hätte!
+Bei Gott! bei Gott! Ich habe nichts--
+
+Klosterbruder. Und doch
+Recht warmen Dank! Gott geb' Euch tausendfach,
+Was Ihr gern geben wolltet. Denn der Wille
+Und nicht die Gabe macht den Geber.--Auch
+Ward ich dem Herrn Almosens wegen gar
+Nicht nachgeschickt.
+
+Tempelherr. Doch aber nachgeschickt?
+
+Klosterbruder.
+Ja; aus dem Kloster.
+
+Tempelherr. Wo ich eben jetzt
+Ein kleines Pilgermahl zu finden hoffte?
+
+Klosterbruder.
+Die Tische waren schon besetzt; komm' aber
+Der Herr nur wieder mit zurück.
+
+Tempelherr. Wozu?
+Ich habe Fleisch wohl lange nicht gegessen:
+Allein was tut's? Die Datteln sind ja reif.
+
+Klosterbruder.
+Nehm' sich der Herr in acht' mit dieser Frucht.
+Zu viel genossen taugt sie nicht; verstopft
+Die Milz; macht melancholisches Geblüt.
+
+Tempelherr.
+Wenn ich nun melancholisch gern mich fühlte?--
+Doch dieser Warnung wegen wurdet Ihr
+Mir doch nicht nachgeschickt?
+
+Klosterbruder. O nein!--Ich soll
+Mich nur nach Euch erkunden; auf den Zahn
+Euch fühlen.
+
+Tempelherr. Und das sagt Ihr mir so selbst?
+
+Klosterbruder.
+Warum nicht?
+
+Tempelherr. (Ein verschmitzter Bruder!)--Hat
+Das Kloster Euresgleichen mehr?
+
+Klosterbruder. Weiß nicht.
+Ich muß gehorchen, lieber Herr.
+
+Tempelherr. Und da
+Gehorcht Ihr denn auch ohne viel zu klügeln?
+
+Klosterbruder.
+Wär's sonst gehorchen, lieber Herr?
+
+Tempelherr. (Daß doch
+Die Einfalt immer Recht behält!)--Ihr dürft
+Mir doch auch wohl vertrauen, wer mich gern
+Genauer kennen möchte?--Daß Ihr's selbst
+Nicht seid, will ich wohl schwören.
+
+Klosterbruder. Ziemte mir's?
+Und frommte mir's?
+
+Tempelherr. Wem ziemt und frommt es denn,
+Daß er so neubegierig ist? Wem denn?
+
+Klosterbruder.
+Dem Patriarchen; muß ich glauben.--Denn
+Der sandte mich Euch nach.
+
+Tempelherr. Der Patriarch?
+Kennt der das rote Kreuz auf weißem Mantel
+Nicht besser?
+
+Klosterbruder. Kenn ja ich's!
+
+Tempelherr. Nun, Bruder? nun?--
+Ich bin ein Tempelherr; und ein gefangner.--
+Setz ich hinzu: gefangen bei Tebnin,
+Der Burg, die mit des Stillstands letzter Stunde
+Wir gern erstiegen hätten, um sodann
+Auf Sidon loszugehn;--setz ich hinzu:
+Selbzwanzigster gefangen und allein
+Vom Saladin begnadiget: so weiß
+Der Patriarch, was er zu wissen braucht;
+Mehr, als er braucht.
+
+Klosterbruder. Wohl aber schwerlich mehr,
+Als er schon weiß.--Er wüßt' auch gern, warum
+Der Herr vom Saladin begnadigt worden;
+Er ganz allein.
+
+Tempelherr. Weiß ich das selber?--Schon
+Den Hals entblößt, kniet' ich auf meinem Mantel,
+Den Streich erwartend: als mich schärfer Saladin
+Ins Auge faßt, mir näher springt, und winkt.
+Man hebt mich auf; ich bin entfesselt; will
+Ihm danken; seh sein Aug' in Tränen: stumm
+Ist er, bin ich; er geht, ich bleibe.--Wie
+Nun das zusammenhängt, enträtsle sich
+Der Patriarche selbst.
+
+Klosterbruder. Er schließt daraus,
+Daß Gott zu großen, großen Dingen Euch
+Müss' aufbehalten haben.
+
+Tempelherr. Ja, zu großen!
+Ein Judenmädchen aus dem Feu'r zu retten;
+Auf Sinai neugier'ge Pilger zu
+Geleiten; und dergleichen mehr.
+
+Klosterbruder. Wird schon
+Noch kommen!--Ist inzwischen auch nicht übel.--
+Vielleicht hat selbst der Patriarch bereits
+Weit wicht'gere Geschäfte für den Herrn.
+
+Tempelherr.
+So? meint Ihr, Bruder?--Hat er gar Euch schon
+Was merken lassen?
+
+Klosterbruder. Ei, Jawohl!--Ich soll
+Den Herrn nur erst ergründen, ob er so
+Der Mann wohl ist.
+
+Tempelherr. Nun ja; ergründet nur!
+(Ich will doch sehn, wie der ergründet!)--Nun?
+
+Klosterbruder.
+Das Kürzste wird wohl sein, daß ich dem Herrn
+Ganz gradezu des Patriarchen Wunsch
+Eröffne.
+
+Tempelherr. Wohl!
+
+Klosterbruder. Er hätte durch den Herrn
+Ein Briefchen gern bestellt.
+
+Tempelherr. Durch mich? Ich bin
+Kein Bote.--Das, das wäre das Geschäft,
+Das weit glorreicher sei, als Judenmädchen
+Dem Feu'r entreißen?
+
+Klosterbruder. Muß doch wohl! Denn--sagt
+Der Patriarch--an diesem Briefchen sei
+Der ganzen Christenheit sehr viel gelegen.
+Dies Briefchen wohl bestellt zu haben,--sagt
+Der Patriarch,--werd einst im Himmel Gott
+Mit einer ganz besondern Krone lohnen.
+Und dieser Krone,--sagt der Patriarch,
+Sei niemand würd'ger, als mein Herr.
+
+Tempelherr. Als ich?
+
+Klosterbruder.
+Denn diese Krone zu verdienen,--sagt
+Der Patriarch,--sei schwerlich jemand auch
+Geschickter, als mein Herr.
+
+Tempelherr. Als ich?
+
+Klosterbruder. Er sei
+Hier frei; könn' überall sich hier besehn;
+Versteh', wie eine Stadt zu stürmen und
+Zu schirmen; könne,--sagt der Patriarch,--
+Die Stärk' und Schwäche der von Saladin
+Neu aufgeführten, innern, zweiten Mauer
+Am besten schätzen, sie am deutlichsten
+Den Streitern Gottes,--sagt der Patriarch,--
+Beschreiben.
+
+Tempelherr. Guter Bruder, wenn ich doch
+Nun auch des Briefchens nähern Inhalt wüßte.
+
+Klosterbruder.
+Ja den,--den weiß ich nun wohl nicht so recht.
+Das Briefchen aber ist an König Philipp.--
+Der Patriarch... Ich hab mich oft gewundert,
+Wie doch ein Heiliger, der sonst so ganz
+Im Himmel lebt, zugleich so unterrichtet
+Von Dingen dieser Welt zu sein herab
+Sich lassen kann. Es muß ihm sauer werden.
+
+Tempelherr.
+Nun dann? der Patriarch?
+
+Klosterbruder. Weiß ganz genau,
+Ganz zuverlässig, wie und wo, wie stark,
+Von welcher Seite Saladin, im Fall
+Es völlig wieder losgeht, seinen Feldzug
+Eröffnen wird.
+
+Tempelherr. Das weiß er?
+
+Klosterbruder. Ja, und möcht'
+Es gern dem König Philipp wissen lassen:
+Damit der ungefähr ermessen könne,
+Ob die Gefahr denn gar so schrecklich, um
+Mit Saladin den Waffenstillestand,
+Den Euer Orden schon so brav gebrochen,
+Es koste was es wolle, wiederher-
+Zustellen.
+
+Tempelherr. Welch ein Patriarch!--Ja so!
+Der liebe tapfre Mann will mich zu keinem
+Gemeinen Boten; will mich--zum Spion.
+Sagt Euerm Patriarchen, guter Bruder,
+Soviel Ihr mich ergründen können, wär'
+Das meine Sache nicht.--Ich müsse mich
+Noch als Gefangenen betrachten; und
+Der Tempelherren einziger Beruf
+Sei mit dem Schwerte dreinzuschlagen, nicht
+Kundschafterei zu treiben.
+
+Klosterbruder. Dacht' ich's doch!--
+Will's auch dem Herrn nicht eben sehr verübeln.--
+Zwar kömmt das Beste noch.--Der Patriarch
+Hiernächst hat ausgegattert, wie die Feste
+Sich nennt, und wo auf Libanon sie liegt,
+In der die ungeheuern Summen stecken,
+Mit welchen Saladins vorsicht'ger Vater
+Das Heer besoldet, und die Zurüstungen
+Des Kriegs bestreitet. Saladin verfügt
+Von Zeit zu Zeit auf abgelegnen Wegen
+Nach dieser Feste sich, nur kaum begleitet.--
+Ihr merkt doch?
+
+Tempelherr. Nimmermehr!
+
+Klosterbruder. Was wäre da
+Wohl leichter, als des Saladins sich zu
+Bemächtigen? den Garaus ihm zu machen?--
+Ihr schaudert?--O es haben schon ein paar
+Gottsfürcht'ge Maroniten sich erboten,
+Wenn nur ein wackrer Mann sie führen wolle,
+Das Stück zu wagen.
+
+Tempelherr. Und der Patriarch
+Hätt' auch zu diesem wackern Manne mich
+Ersehn?
+
+Klosterbruder. Er glaubt, daß König Philipp wohl
+Von Ptolemais aus die Hand hierzu
+Am besten bieten könne.
+
+Tempelherr. Mir? mir, Bruder?
+Mir? Habt Ihr nicht gehört? nur erst gehört,
+Was für Verbindlichkeit dem Saladin
+Ich habe?
+
+Klosterbruder. Wohl hab ich's gehört.
+
+Tempelherr. Und doch?
+
+Klosterbruder.
+Ja,--meint der Patriarch,--das wär' schon gut:
+Gott aber und der Orden...
+
+Tempelherr. Ändern nichts!
+Gebieten mir kein Bubenstück!
+
+Klosterbruder. Gewiß nicht!--
+Nur,--meint der Patriarch,--sei Bubenstück
+Vor Menschen, nicht auch Bubenstück vor Gott.
+
+Tempelherr.
+Ich wär' dem Saladin mein Leben schuldig:
+Und raubt' ihm seines?
+
+Klosterbruder. Pfui!--Doch bliebe,--meint
+Der Patriarch,--noch immer Saladin
+Ein Feind der Christenheit, der Euer Freund
+Zu sein, kein Recht erwerben könne.
+
+Tempelherr. Freund?
+An dem ich bloß nicht will zum Schurken werden;
+Zum undankbaren Schurken?
+
+Klosterbruder. Allerdings!--
+Zwar,--meint der Patriarch,--des Dankes sei
+Man quitt, vor Gott und Menschen quitt, wenn uns
+Der Dienst um unsertwillen nicht geschehen.
+Und da verlauten wolle,--meint der Patriarch,--
+Daß Euch nur darum Saladin begnadet,
+Weil ihm in Eurer Mien', in Euerm Wesen
+So was von seinem Bruder eingeleuchtet...
+
+Tempelherr.
+Auch dieses weiß der Patriarch; und doch?--
+Ah! wäre das gewiß! Ah, Saladin!--
+Wie? die Natur hätt' auch nur einen Zug
+Von mir in deines Bruders Form gebildet:
+Und dem entspräche nichts in meiner Seele?
+Was dem entspräche, könnt' ich unterdrücken,
+Um einem Patriarchen zu gefallen?--
+Natur, so leugst du nicht! So widerspricht
+Sich Gott in seinen Werken nicht!--Geht, Bruder!
+Erregt mir meine Galle nicht!--Geht! geht!
+
+Klosterbruder.
+Ich geh; und geh vergnügter, als ich kam.
+Verzeihe mir der Herr. Wir Klosterleute
+Sind schuldig, unsern Obern zu gehorchen.
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Der Tempelherr und Daja, die den Tempelherrn schon eine Zeitlang von
+weiten beobachtet hatte und sich nun ihm nähert.
+
+
+Daja.
+Der Klosterbruder, wie mich dünkt, ließ in
+Der besten Laun' ihn nicht.--Doch muß ich mein
+Paket nur wagen.
+
+Tempelherr. Nun, vortrefflich!--Lügt
+Das Sprichwort wohl: daß Mönch und Weib, und Weib
+Und Mönch des Teufels beide Krallen sind?
+Er wirft mich heut aus einer in die andre.
+
+Daja.
+Was seh ich?--Edler Ritter, Euch?--Gott Dank!
+Gott tausend Dank!--Wo habt Ihr denn
+Die ganze Zeit gesteckt?--Ihr seid doch wohl
+Nicht krank gewesen?
+
+Tempelherr. Nein.
+
+Daja. Gesund doch?
+
+Tempelherr. Ja.
+
+Daja.
+Wir waren Euertwegen wahrlich ganz
+Bekümmert.
+
+Tempelherr. So?
+
+Daja. Ihr wart gewiß verreist?
+
+Tempelherr.
+Erraten!
+
+Daja. Und kamt heut erst wieder?
+
+Tempelherr. Gestern.
+
+Daja.
+Auch Rechas Vater ist heut angekommen.
+Und nun darf Recha doch wohl hoffen?
+
+Tempelherr. Was?
+
+Daja.
+Warum sie Euch so öfters bitten lassen.
+Ihr Vater ladet Euch nun selber bald
+Aufs dringlichste. Er kömmt von Babylon.
+Mit zwanzig hochbeladenen Kamelen,
+Und allem, was an edeln Spezereien,
+An Steinen und an Stoffen, Indien
+Und Persien und Syrien, gar Sina,
+Kostbares nur gewähren.
+
+Tempelherr. Kaufe nichts.
+
+Daja.
+Sein Volk verehret ihn als einen Fürsten.
+Doch daß es ihn den Weisen Nathan nennt
+Und nicht vielmehr den Reichen, hat mich oft
+Gewundert.
+
+Tempelherr. Seinem Volk ist reich und weise
+Vielleicht das Nämliche.
+
+Daja. Vor allen aber
+Hätt's ihn den Guten nennen müssen. Denn
+Ihr stellt Euch gar nicht vor, wie gut er ist.
+Als er erfuhr, wieviel Euch Recha schuldig:
+Was hätt', in diesem Augenblicke, nicht
+Er alles Euch getan, gegeben!
+
+Tempelherr. Ei!
+
+Daja.
+Versucht's und kommt und seht!
+
+Tempelherr. Was denn? wie schnell
+Ein Augenblick vorüber ist?
+
+Daja. Hätt' ich,
+Wenn er so gut nicht wär', es mir so lange
+Bei ihm gefallen lassen? Meint Ihr etwa,
+Ich fühle meinen Wert als Christin nicht?
+Auch mir ward's vor der Wiege nicht gesungen,
+Daß ich nur darum meinem Ehgemahl
+Nach Palästina folgen würd', um da
+Ein Judenmädchen zu erziehn. Es war
+Mein lieber Ehgemahl ein edler Knecht
+In Kaiser Friedrichs Heere--
+
+Tempelherr. Von Geburt
+Ein Schweizer, dem die Ehr' und Gnade ward,
+Mit Seiner Kaiserlichen Majestät
+In einem Flusse zu ersaufen.--Weib!
+Wievielmal habt Ihr mir das schon erzählt?
+Hört Ihr denn gar nicht auf mich zu verfolgen?
+
+Daja.
+Verfolgen! lieber Gott!
+
+Tempelherr. Ja, ja, verfolgen.
+Ich will nun einmal Euch nicht weiter sehn!
+Nicht hören! Will von Euch an eine Tat
+Nicht fort und fort erinnert sein, bei der
+Ich nichts gedacht; die, wenn ich drüber denke,
+Zum Rätsel von mir selbst mir wird. Zwar möcht'
+Ich sie nicht gern bereuen. Aber seht;
+Ereignet so ein Fall sich wieder: Ihr
+Seid schuld, wenn ich so rasch nicht handle; wenn
+Ich mich vorher erkund--und brennen lasse,
+Was brennt.
+
+Daja. Bewahre Gott!
+
+Tempelherr. Von heut an tut
+Mir den Gefallen wenigstens, und kennt
+Mich weiter nicht. Ich bitt Euch drum. Auch laßt
+Den Vater mir vom Halse. Jud' ist Jude.
+Ich bin ein plumper Schwab. Des Mädchens Bild
+Ist längst aus meiner Seele; wenn es je
+Da war.
+
+Daja. Doch Eures ist aus ihrer nicht.
+
+Tempelherr.
+Was soll's nun aber da? was soll's?
+
+Daja. Wer weiß!
+Die Menschen sind nicht immer, was sie scheinen.
+
+Tempelherr.
+Doch selten etwas Bessers. (Er geht.)
+
+Daja. Wartet doch!
+Was eilt Ihr?
+
+Tempelherr. Weib, macht mir die Palmen nicht
+Verhaßt, worunter ich so gern sonst wandle.
+
+Daja.
+So geh, du deutscher Bär! so geh!--Und doch
+Muß ich die Spur des Tieres nicht verlieren.
+
+(Sie geht ihm von weiten nach.)
+
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+(Die Szene: des Sultans Palast.)
+
+Saladin und Sittah spielen Schach.
+
+
+Sittah.
+Wo bist du, Saladin? Wie spielst du heut?
+
+Saladin.
+Nicht gut? Ich dächte doch.
+
+Sittah. Für mich; und kaum.
+Nimm diesen Zug zurück.
+
+Saladin. Warum?
+
+Sittah. Der Springer
+Wird unbedeckt.
+
+Saladin. Ist wahr. Nun so!
+
+Sittah. So zieh
+Ich in die Gabel.
+
+Saladin. Wieder wahr.--Schach dann!
+
+Sittah.
+Was hilft dir das? Ich setze vor: und du
+Bist, wie du warst.
+
+Saladin. Aus dieser Klemme seh
+Ich wohl, ist ohne Buße nicht zu kommen.
+Mag's! nimm den Springer nur.
+
+Sittah. Ich will ihn nicht.
+Ich geh vorbei.
+
+Saladin. Du schenkst mir nichts. Dir liegt
+An diesem Plane mehr, als an dem Springer.
+
+Sittah.
+Kann sein.
+
+Saladin. Mach deine Rechnung nur nicht ohne
+Den Wirt. Denn sieh! Was gilt's, das warst du nicht
+Vermuten?
+
+Sittah. Freilich nicht. Wie konnt' ich auch
+Vermuten, daß du deiner Königin
+So müde wärst?
+
+Saladin. Ich meiner Königin?
+
+Sittah.
+Ich seh nun schon.--ich soll heut meine tausend
+Dinar', kein Naserinchen mehr gewinnen.
+
+Saladin.
+Wieso?
+
+Sittah. Frag noch!--Weil du mit Fleiß, mit aller
+Gewalt verlieren willst.--Doch dabei find
+Ich meine Rechnung nicht. Denn außer, daß
+Ein solches Spiel das unterhaltendste
+Nicht ist: gewann ich immer nicht am meisten
+Mit dir' wenn ich verlor? Wenn hast du mir
+Den Satz, mich des verlornen Spieles wegen
+Zu trösten, doppelt nicht hernach geschenkt?
+
+Saladin.
+Ei sieh! so hättest du ja wohl, wenn du
+Verlorst, mit Fleiß verloren, Schwesterchen?
+
+Sittah.
+Zum wenigsten kann gar wohl sein, daß deine
+Freigebigkeit, mein liebes Brüderchen,
+Schuld ist, daß ich nicht besser spielen lernen.
+
+Saladin.
+Wir kommen ab vom Spiele. Mach ein Ende!
+
+Sittah.
+So bleibt es? Nun dann: Schach! und doppelt Schach!
+
+Saladin.
+Nun freilich; dieses Abschach hab ich nicht
+Gesehn, das meine Königin zugleich
+Mit niederwirft.
+
+Sittah. War dem noch abzuhelfen?
+Laß sehn.
+
+Saladin. Nein, nein; nimm nur die Königin.
+Ich war mit diesem Steine nie recht glücklich.
+
+Sittah.
+Bloß mit dem Steine?
+
+Saladin. Fort damit!--Das tut
+Mir nichts. Denn so ist alles wiederum
+Geschützt.
+
+Sittah. Wie höflich man mit Königinnen
+Verfahren müsse: hat mein Bruder mich
+Zu wohl gelehrt. (Sie läßt sie stehen.)
+
+Saladin. Nimm, oder nimm sie nicht!
+Ich habe keine mehr.
+
+Sittah. Wozu sie nehmen?
+Schach!--Schach!
+
+Saladin. Nur weiter.
+
+Sittah. Schach!--und Schach!--und Schach!--
+
+Saladin.
+Und matt!
+
+Sittah. Nicht ganz; du ziehst den Springer noch
+Dazwischen; oder was du machen willst.
+Gleichviel!
+
+Saladin. Ganz recht!--Du hast gewonnen: und
+Al-Hafi zahlt.--Man lass' ihn rufen! gleich!
+Du hattest, Sittah, nicht so unrecht; ich
+War nicht so ganz beim Spiele; war zerstreut.
+Und dann: wer gibt uns denn die glatten Steine
+Beständig? die an nichts erinnern, nichts
+Bezeichnen. Hab ich mit dem Iman denn
+Gespielt?--Doch was? Verlust will Vorwand. Nicht
+Die umgeformten Steine, Sittah, sind's,
+Die mich verlieren machten: deine Kunst,
+Dein ruhiger und schneller Blick...
+
+Sittah. Auch so
+Willst du den Stachel des Verlusts nur stumpfen.
+Genug, du warst zerstreut; und mehr als ich.
+
+Saladin.
+Als du? Was hätte dich zerstreuet?
+
+Sittah. Deine
+Zerstreuung freilich nicht!--O Saladin,
+Wenn werden wir so fleißig wieder spielen.
+
+Saladin.
+So spielen wir um so viel gieriger!--
+Ah! weil es wieder losgeht, meinst du?--Mag's!--
+Nur zu!--Ich habe nicht zuerst gezogen;
+Ich hätte gern den Stillestand aufs neue
+Verlängert; hätte meiner Sittah gern,
+Gern einen guten Mann zugleich verschafft.
+Und das muß Richards Bruder sein: er ist
+Ja Richards Bruder.
+
+Sittah. Wenn du deinen Richard
+Nur loben kannst!
+
+Saladin. Wenn unserm Bruder Melek
+Dann Richards Schwester wär' zu Teile worden:
+Ha! welch ein Haus zusammen! Ha, der ersten,
+Der besten Häuser in der Welt das beste!
+Du hörst, ich bin mich selbst zu loben, auch
+Nicht faul. Ich dünk mich meiner Freunde wert.
+Das hätte Menschen geben sollen! das!
+
+Sittah.
+Hab ich des schönen Traums nicht gleich gelacht?
+Du kennst die Christen nicht, willst sie nicht kennen.
+Ihr Stolz ist: Christen sein; nicht Menschen. Denn
+Selbst das, was, noch von ihrem Stifter her,
+Mit Menschlichkeit den Aberglauben würzt,
+Das lieben sie, nicht weil es menschlich ist:
+Weil's Christus lehrt; weil's Christus hat getan.--
+Wohl ihnen, daß er so ein guter Mensch
+Noch war! Wohl ihnen, daß sie seine Tugend
+Auf Treu und Glaube nehmen können!--Doch
+Was Tugend?--Seine Tugend nicht; sein Name
+Soll überall verbreitet werden; soll
+Die Namen aller guten Menschen schänden,
+Verschlingen. Um den Namen, um den Namen
+Ist ihnen nur zu tun.
+
+Saladin. Du meinst: warum
+Sie sonst verlangen würden, daß auch ihr,
+Auch du und Melek, Christen hießet, eh'
+Als Ehgemahl ihr Christen lieben wolltet?
+
+Sittah.
+Jawohl! Als wär' von Christen nur, als Christen,
+Die Liebe zu gewärtigen, womit
+Der Schöpfer Mann und Männin ausgestattet!
+
+Saladin.
+Die Christen glauben mehr Armseligkeiten,
+Als daß sie die nicht auch noch glauben könnten!
+Und gleichwohl irrst du dich.--Die Tempelherren,
+Die Christen nicht, sind schuld: sind nicht, als Christen,
+Als Tempelherren schuld. Durch die allein
+Wird aus der Sache nichts. Sie wollen Acca,
+Das Richards Schwester unserm Bruder Melek
+Zum Brautschatz bringen müßte, schlechterdings
+Nicht fahren lassen. Daß des Ritters Vorteil
+Gefahr nicht laufe, spielen sie den Mönch,
+Den albern Mönch. Und ob vielleicht im Fluge
+Ein guter Streich gelänge: haben sie
+Des Waffenstillestandes Ablauf kaum
+Erwarten können.--Lustig! Nur so weiter!
+Ihr Herren, nur so weiter!--Mir schon recht!--
+Wär' alles sonst nur, wie es müßte.
+
+Sittah. Nun?
+Was irrte dich denn sonst? Was könnte sonst
+Dich aus der Fassung bringen?
+
+Saladin. Was von je
+Mich immer aus der Fassung hat gebracht.--
+Ich war auf Libanon, bei unserm Vater.
+Er unterliegt den Sorgen noch...
+
+Sittah. O weh!
+
+Saladin.
+Er kann nicht durch; es klemmt sich allerorten;
+Es fehlt bald da, bald dort--
+
+Sittah. Was klemmt? was fehlt?
+
+Saladin.
+Was sonst, als was ich kaum zu nennen würd'ge?
+Was, wenn ich's habe, mir so überflüssig,
+Und hab ich's nicht, so unentbehrlich scheint.--
+Wo bleibt Al-Hafi denn? Ist niemand nach
+Ihm aus?--Das leidige, verwünschte Geld!--
+Gut, Hafi, daß du kömmst.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Der Derwisch Al-Hafi. Saladin. Sittah.
+
+
+Al-Hafi. Die Gelder aus
+Ägypten sind vermutlich angelangt.
+Wenn's nur fein viel ist.
+
+Saladin. Hast du Nachricht?
+
+Al-Hafi. Ich?
+Ich nicht. Ich denke, daß ich hier sie in
+Empfang soll nehmen.
+
+Saladin. Zahl an Sittah tausend
+Dinare! (In Gedanken hin und her gebend.)
+
+Al-Hafi. Zahl! anstatt empfang! O schön!
+Das ist für Was noch weniger als Nichts.--
+An Sittah?--wiederum an Sittah? Und
+Verloren?--wiederum im Schach verloren?--
+Da steht es noch das Spiel!
+
+Sittah. Du gönnst mir doch
+Mein Glück?
+
+Al-Hafi (das Spiel betrachtend).
+Was gönnen? Wenn--Ihr wißt ja wohl.
+
+Sittah (ihm winkend).
+Bst! Hafi! bst!
+
+Al-Hafi (noch auf das Spiel gerichtet).
+Gönnt's Euch nur selber erst!
+
+Sittah.
+Al-Hafi; bst!
+
+Al-Hafi (zu Sittah). Die Weißen waren Euer?
+Ihr bietet Schach?
+
+Sittah. Gut, daß er nichts gehört.
+
+Al-Hafi.
+Nun ist der Zug an ihm?
+
+Sittah (ihm nähertretend). So sage doch,
+Daß ich mein Geld bekommen kann.
+
+Al-Hafi (noch auf das Spiel geheftet).
+Nun ja;
+Ihr sollt's bekommen, wie Ihr's stets bekommen.
+
+Sittah.
+Wie? bist du toll?
+
+Al-Hafi. Das Spiel ist ja nicht aus.
+Ihr habt ja nicht verloren, Saladin.
+
+Saladin (kaum hinhörend).
+Doch! doch! Bezahl! bezahl!
+
+Al-Hafi. Bezahl! bezahl!
+Da steht ja Eure Königin.
+
+Saladin (noch so). Gilt nicht;
+Gehört nicht mehr ins Spiel.
+
+Sittah. So mach und sag,
+Daß ich das Geld mir nur kann holen lassen.
+
+Al-Hafi (noch immer in das Spiel vertieft).
+Versteht sich, so wie immer.--Wenn auch schon;
+Wenn auch die Königin nichts gilt: Ihr seid
+Doch darum noch nicht matt.
+
+Saladin (tritt hinzu und wirft das Spiel um).
+Ich bin es; will
+Es sein.
+
+Al-Hafi. Ja so!--Spiel wie Gewinst! So wie
+Gewonnen, so bezahlt.
+
+Saladin (zu Sittah). Was sagt er? was?
+
+Sittah (von Zeit zu Zeit dem Hafi winkend).
+Du kennst ihn ja. Er sträubt sich gern; läßt gern
+Sich bitten; ist wohl gar ein wenig neidisch.--
+
+Saladin.
+Auf dich doch nicht? Auf meine Schwester nicht?
+Was hör ich, Hafi? Neidisch? du?
+
+Al-Hafi. Kann sein!
+Kann sein!--Ich hätt' ihr Hirn wohl lieber selbst;
+Wär' lieber selbst so gut, als sie.
+
+Sittah. Indes
+Hat er doch immer richtig noch bezahlt.
+Und wird auch heut bezahlen. Laß ihn nur!--
+Geh nur, Al-Hafi, geh! Ich will das Geld
+Schon holen lassen.
+
+Al-Hafi. Nein; ich spiele länger
+Die Mummerei nicht mit. Er muß es doch
+Einmal erfahren.
+
+Saladin. Wer? und was?
+
+Sittah. Al-Hafi!
+Ist dieses dein Versprechen? Hältst du so
+Mir Wort?
+
+Al-Hafi. Wie konnt' ich glauben, daß es so
+Weit gehen würde.
+
+Saladin. Nun? erfahr ich nichts?
+
+Sittah.
+Ich bitte dich, Al-Hafi; sei bescheiden.
+
+Saladin.
+Das ist doch sonderbar! Was könnte Sittah
+So feierlich, so warm bei einem Fremden,
+Bei einem Derwisch lieber, als bei mir,
+Bei ihrem Bruder, sich verbitten wollen.
+Al-Hafi, nun befehl ich.--Rede, Derwisch!
+
+Sittah.
+Laß eine Kleinigkeit, mein Bruder, dir
+Nicht näher treten, als sie würdig ist.
+Du weißt, ich habe zu verschiednen Malen
+Dieselbe Summ' im Schach von dir gewonnen.
+Und weil ich itzt das Geld nicht nötig habe;
+Weil itzt in Hafis Kasse doch das Geld
+Nicht eben allzuhäufig ist: so sind
+Die Posten stehngeblieben. Aber sorgt
+Nur nicht! Ich will sie weder dir, mein Bruder,
+Noch Hafi, noch der Kasse schenken.
+
+Al-Hafi. Ja,
+Wenn's das nur wäre! das!
+
+Sittah. Und mehr dergleichen.--
+Auch das ist in der Kasse stehngeblieben,
+Was du mir einmal ausgeworfen; ist
+Seit wenig Monden stehngeblieben.
+
+Al-Hafi. Noch
+Nicht alles.
+
+Saladin. Noch nicht?--Wirst du reden?
+
+Al-Hafi.
+Seit aus Ägypten wir das GeId erwarten,
+Hat sie...
+
+Sittah (zu Saladin). Wozu ihn hören?
+
+Al-Hafi. Nicht nur nichts
+Bekommen...
+
+Saladin. Gutes Mädchen!--Auch beiher
+Mit vorgeschossen. Nicht?
+
+Al-Hafi. Den ganzen Hof
+Erhalten; Euern Aufwand ganz allein
+Bestritten.
+
+Saladin. Ha! das, das ist meine Schwester!
+(Sie umarmend.)
+
+Sittah.
+Wer hatte, dies zu können, mich so reich
+Gemacht, als du, mein Bruder?
+
+Al-Hafi. Wird schon auch
+So bettelarm sie wieder machen, als
+Er selber ist.
+
+Saladin. Ich arm? der Bruder arm?
+Wenn hab ich mehr? wenn weniger gehabt?--
+Ein Kleid, Ein Schwert, Ein Pferd,--und Einen Gott!
+Was brauch ich mehr? Wenn kann's an dem mir fehlen?
+Und doch, Al-Hafi, könnt' ich mit dir schelten.
+
+Sittah.
+Schilt nicht, mein Bruder. Wenn ich unserm Vater
+Auch seine Sorgen so erleichtern könnte!
+
+Saladin.
+Ah! Ah! Nun schlägst du meine Freudigkeit
+Auf einmal wieder nieder!--Mir, für mich
+Fehlt nichts, und kann nichts fehlen. Aber ihm,
+Ihm fehlet; und in ihm uns allen.--Sagt,
+Was soll ich machen?--Aus Ägypten kommt
+Vielleicht noch lange nichts. Woran das liegt,
+Weiß Gott. Es ist doch da noch alles ruhig.--
+Abbrechen, einziehn, sparen, will ich gern,
+Mir gern gefallen lassen; wenn es mich,
+Bloß mich betrifft; bloß mich, und niemand sonst
+Darunter leidet.--Doch was kann das machen?
+Ein Pferd, Ein Kleid, Ein Schwert, muß ich doch haben.
+Und meinem Gott ist auch nichts abzudingen.
+Ihm gnügt schon so mit wenigem genug;
+Mit meinem Herzen.--Auf den Überschuß
+Von deiner Kasse, Hafi, hatt' ich sehr
+Gerechnet.
+
+Al-Hafi. Überschuß?--Sagt selber, ob
+Ihr mich nicht hättet spießen, wenigstens
+Mich drosseln lassen, wenn auf Überschuß
+Ich von Euch wär' ergriffen worden. Ja,
+Auf Unterschleif! das war zu wagen.
+
+Saladin. Nun,
+Was machen wir denn aber?--Konntest du
+Vorerst bei niemand andern borgen, als
+Bei Sittah?
+
+Sittah. Würd' ich dieses Vorrecht, Bruder,
+Mir haben nehmen lassen? Mir von ihm?
+Auch noch besteh ich drauf. Noch bin ich auf
+Dem Trocknen völlig nicht.
+
+Saladin. Nur völlig nicht!
+Das fehlte noch!--Geh gleich, mach Anstalt, Hafi!
+Nimm auf bei wem du kannst! und wie du kannst!
+Geh, borg, versprich.--Nur, Hafi, borge nicht
+Bei denen, die ich reich gemacht. Denn borgen
+Von diesen, möchte wiederfordern heißen.
+Geh zu den Geizigsten; die werden mir
+Am liebsten leihen. Denn sie wissen wohl,
+Wie gut ihr Geld in meinen Händen wuchert.
+
+Al-Hafi.
+Ich kenne deren keine.
+
+Sittah. Eben fällt
+Mir ein, gehört zu haben, Hafi, daß
+Dein Freund zurückgekommen.
+
+Al-Hafi (betroffen). Freund? mein Freund?
+Wer wär' denn das?
+
+Sittah. Dein hochgepriesner Jude.
+
+Al-Hafi.
+Gepriesner Jude? hoch von mir?
+
+Sittah. Dem Gott,--
+Mich denkt des Ausdrucks noch recht wohl, des einst
+Du selber dich von ihm bedientest,--dem
+Sein Gott von allen Gütern dieser Welt
+Das Kleinst' und Größte so in vollem Maß
+Erteilet habe.--
+
+Al-Hafi. Sagt' ich so?--Was meint'
+Ich denn damit?
+
+Sittah. Das Kleinste: Reichtum. Und
+Das Größte: Weisheit.
+
+Al-Hafi. Wie? von einem Juden?
+Von einem Juden hätt' ich das gesagt?
+
+Sittah.
+Das hättest du von deinem Nathan nicht
+Gesagt?
+
+Al-Hafi. Ja so! von dem! vom Nathan!--Fiel
+Mir der doch gar nicht bei.--Wahrhaftig? Der
+Ist endlich wieder heimgekommen? Ei!
+So mag's doch gar so schlecht mit ihm nicht stehn.--
+Ganz recht: den nannt' einmal das Volk den Weisen!
+Den Reichen auch.
+
+Sittah. Den Reichen nennt es ihn
+Itzt mehr als je. Die ganze Stadt erschallt,
+Was für Kostbarkeiten, was für Schätze
+Er mitgebracht.
+
+Al-Hafi. Nun, ist's der Reiche wieder:
+So wird's auch wohl der Weise wieder sein.
+
+Sittah.
+Was meinst du, Hafi, wenn du diesen angingst?
+
+Al-Hafi.
+Und was bei ihm?--Doch wohl nicht borgen?--Ja,
+Da kennt Ihr ihn.--Er borgen!--Seine Weisheit
+Ist eben, daß er niemand borgt.
+
+Sittah. Du hast
+Mir sonst doch ganz ein ander Bild von ihm
+Gemacht.
+
+Al-Hafi. Zur Not wird er Euch Waren borgen.
+Geld aber, Geld? Geld nimmermehr.--Es ist
+Ein Jude freilich übrigens, wie's nicht
+Viel Juden gibt. Er hat Verstand; er weiß
+Zu leben; spielt gut Schach. Doch zeichnet er
+Im Schlechten sich nicht minder, als im Guten
+Von allen andern Juden aus.--Auf den,
+Auf den nur rechnet nicht.--Den Armen gibt
+Er zwar; und gibt vielleicht trotz Saladin.
+Wenn schon nicht ganz so viel; doch ganz so gern;
+Doch ganz so sonder Ansehn. Jud' und Christ
+Und Muselmann und Parsi, alles ist
+Ihm eins.
+
+Sittah. Und so ein Mann...
+
+Saladin. Wie kommt es denn,
+Daß ich von diesem Manne nie gehört?...
+
+Sittah.
+Der sollte Saladin nicht borgen? nicht
+Dem Saladin, der nur für andre braucht,
+Nicht sich?
+
+Al-Hafi. Da seht nun gleich den Juden wieder;
+Den ganz gemeinen Juden!--Glaubt mir's doch!--
+Er ist aufs Geben Euch so eifersüchtig,
+So neidisch! Jedes Lohn von Gott, das in
+Der Welt gesagt wird, zög' er lieber ganz
+Allein. Nur darum eben leiht er keinem,
+Damit er stets zu geben habe. Weil
+Die Mild' ihm im Gesetz geboten; die
+Gefälligkeit ihm aber nicht geboten: macht
+Die Mild' ihn zu dem ungefälligsten
+Gesellen auf der Welt. Zwar bin ich seit
+Geraumer Zeit ein wenig übern Fuß
+Mit ihm gespannt; doch denkt nur nicht, daß ich
+Ihm darum nicht Gerechtigkeit erzeige.
+Er ist zu allem gut: bloß dazu nicht;
+Bloß dazu wahrlich nicht. Ich will auch gleich
+Nur gehn, an andre Türen klopfen... Da
+Besinn ich mich soeben eines Mohren,
+Der reich und geizig ist.--Ich geh; ich geh.
+
+Sittah.
+Was eilst du, Hafi?
+
+Saladin. Laß ihn! laß ihn!
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Sittah. Saladin.
+
+
+Sittah. Eilt
+Er doch, als ob er mir nur gern entkäme!
+Was heißt das?--Hat er wirklich sich in ihm
+Betrogen, oder--möcht' er uns nur gern
+Betrügen?
+
+Saladin. Wie? das fragst du mich? Ich weiß
+Ja kaum, von wem die Rede war; und höre
+Von euerm Juden, euerm Nathan heut
+Zum erstenmal.
+
+Sittah. Ist's möglich? daß ein Mann
+Dir so verborgen blieb, von dem es heißt,
+Er habe Salomons und Davids Gräber
+Erforscht, und wisse deren Siegel durch
+Ein mächtiges geheimes Wort zu lösen?
+Aus ihnen bring' er dann von Zeit zu Zeit
+Die unermeßlichen Reichtümer an
+Den Tag, die keinen mindern Quell verrieten.
+
+Saladin.
+Hat seinen Reichtum dieser Mann aus Gräbern,
+So waren's sicherlich nicht Salomons,
+Nicht Davids Gräber. Narren lagen da
+Begraben!
+
+Sittah. Oder Bösewichter!--Auch
+Ist seines Reichtums Quelle weit ergiebiger,
+Weit unerschöpflicher, als so ein Grab
+Voll Mammon.
+
+Saladin. Denn er handelt; wie ich hörte.
+
+Sittah.
+Sein Saumtier treibt auf allen Straßen, zieht
+Durch alle Wüsten; seine Schiffe liegen
+In allen Häfen. Das hat mir wohl eh'
+Al-Hafi selbst gesagt; und voll Entzücken
+Hinzugefügt, wie groß, wie edel dieser
+Sein Freund anwende, was so klug und emsig
+Er zu erwerben für zu klein nicht achte.
+Hinzugefügt, wie frei von Vorurteilen
+Sein Geist; sein Herz wie offen jeder Tugend,
+Wie eingestimmt mit jeder Schönheit sei.
+
+Saladin.
+Und itzt sprach Hafi doch so ungewiß,
+So kalt von ihm.
+
+Sittah. Kalt nun wohl nicht; verlegen.
+Als halt' er's für gefährlich, ihn zu loben,
+Und woll' ihn unverdient doch auch nicht tadeln.--
+Wie? oder wär' es wirklich so, daß selbst
+Der Beste seines Volkes seinem Volke
+Nicht ganz entfliehen kann? daß wirklich sich
+Al-Hafi seines Freunds von dieser Seite
+Zu schämen hätte?--Sei dem, wie ihm wolle!--
+Der Jude sei mehr oder weniger
+Als Jud', ist er nur reich: genug für uns!
+
+Saladin.
+Du willst ihm aber doch das Seine mit
+Gewalt nicht nehmen, Schwester?
+
+Sittah. Ja, was heißt
+Bei dir Gewalt? Mit Feu'r und Schwert? Nein, nein,
+Was braucht es mit den Schwachen für Gewalt,
+Als ihre Schwäche?--Komm vor itzt nur mit
+In meinen Haram, eine Sängerin
+Zu hören, die ich gestern erst gekauft.
+Es reift indes bei mir vielleicht ein Anschlag,
+Den ich auf diesen Nathan habe.--Komm!
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+(Szene: vor dem Hause des Nathan, wo es an die Palmen stößt.)
+
+Recha und Nathan kommen heraus. Zu ihnen Daja.
+
+
+Recha.
+Ihr habt Euch sehr verweilt, mein Vater. Er
+Wird kaum noch mehr zu treffen sein.
+
+Nathan. Nun, nun;
+Wenn hier, hier untern Palmen schon nicht mehr:
+Doch anderwärts.--Sei itzt nur ruhig.--Sieh!
+Kömmt dort nicht Daja auf uns zu?
+
+Recha. Sie wird
+Ihn ganz gewiß verloren haben.
+
+Nathan. Auch
+Wohl nicht.
+
+Recha. Sie würde sonst geschwinder kommen.
+
+Nathan.
+Sie hat uns wohl noch nicht gesehn...
+
+Recha. Nun sieht
+Sie uns.
+
+Nathan. Und doppelt ihre Schritte. Sieh!
+Sei doch nur ruhig! ruhig!
+
+Recha. Wolltet Ihr
+Wohl eine Tochter, die hier ruhig wäre?
+Sich unbekümmert ließe, wessen Wohltat
+Ihr Leben sei? Ihr Leben,--das ihr nur
+So lieb, weil sie es Euch zuerst verdanket.
+
+Nathan.
+Ich möchte dich nicht anders, als du bist:
+Auch wenn ich wüßte, daß in deiner Seele
+Ganz etwas anders noch sich rege.
+
+Recha. Was,
+Mein Vater?
+
+Nathan. Fragst du mich? so schüchtern mich?
+Was auch in deinem Innern vorgeht, ist
+Natur und Unschuld. Laß es keine Sorge
+Dir machen. Mir, mir macht es keine. Nur
+Versprich mir: wenn dein Herz vernehmlicher
+Sich einst erklärt, mir seiner Wünsche keinen
+Zu bergen.
+
+Recha. Schon die Möglichkeit, mein Herz
+Euch lieber zu verhüllen, macht mich zittern.
+
+Nathan.
+Nichts mehr hiervon! Das ein für allemal
+Ist abgetan.--Da ist ja Daja.--Nun?
+
+Daja.
+Noch wandelt er hier untern Palmen; und
+Wird gleich um jene Mauer kommen.--Seht,
+Da kömmt er!
+
+Recha. Ah! und scheinet unentschlossen,
+Wohin? ob weiter? ob hinab? ob rechts?
+Ob links?
+
+Daja. Nein, nein; er macht den Weg ums Kloster
+Gewiß noch öfter; und dann muß er hier
+Vorbei.--Was gilt's?
+
+Recha. Recht! recht!--Hast du ihn schon
+Gesprochen? Und wie ist er heut?
+
+Daja. Wie immer.
+
+Nathan.
+So macht nur, daß er Euch hier nicht gewahr
+Wird. Tretet mehr zurück. Geht lieber ganz
+Hinein.
+
+Recha. Nur einen Blick noch!--Ah! die Hecke,
+Die mir ihn stiehlt.
+
+Daja. Kommt! kommt! Der Vater hat
+Ganz recht. Ihr lauft Gefahr, wenn er Euch sieht,
+Daß auf der Stell' er umkehrt.
+
+Recha. Ah! die Hecke!
+
+Nathan.
+Und kömmt er plötzlich dort aus ihr hervor:
+So kann er anders nicht, er muß Euch sehn.
+Drum geht doch nur!
+
+Daja. Kommt! kommt! Ich weiß ein Fenster,
+Aus dem wir sie bemerken können.
+
+Recha. Ja?
+
+(Beide hinein.)
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+Nathan und bald darauf der Tempelherr.
+
+
+Nathan.
+Fast scheu ich mich des Sonderlings. Fast macht
+Mich seine rauhe Tugend stutzen. Daß
+Ein Mensch doch einen Menschen so verlegen
+Soll machen können!--Ha! er kömmt.--Bei Gott!
+Ein Jüngling wie ein Mann. Ich mag ihn wohl
+Den guten, trotz'gen Blick! den prallen Gang!
+Die Schale kann nur bitter sein: der Kern
+Ist's sicher nicht.--Wo sah ich doch dergleichen?--
+Verzeihet, edler Franke...
+
+Tempelherr. Was?
+
+Nathan. Erlaubt...
+
+Tempelherr.
+Was, Jude? was?
+
+Nathan. Daß ich mich untersteh,
+Euch anzureden.
+
+Tempelherr. Kann ich's wehren? Doch
+Nur kurz.
+
+Nathan. Verzieht, und eilet nicht so stolz,
+Nicht so verächtlich einem Mann vorüber,
+Den Ihr auf ewig Euch verbunden habt.
+
+Tempelherr.
+Wie das?--Ah, fast errat ich's. Nicht? Ihr seid...
+
+Nathan.
+Ich heiße Nathan; bin des Mädchens Vater,
+Das Eure Großmut aus dem Feu'r gerettet;
+Und komme...
+
+Tempelherr. Wenn zu danken:--spart's! Ich hab
+Um diese Kleinigkeit des Dankes schon
+Zu viel erdulden müssen.--Vollends Ihr,
+Ihr seid mir gar nichts schuldig. Wußt' ich denn,
+Daß dieses Mädchen Eure Tochter war?
+Es ist der Tempelherren Pflicht, dem ersten
+Dem besten beizuspringen, dessen Not
+Sie sehn. Mein Leben war mir ohnedem
+In diesem Augenblicke lästig. Gern,
+Sehr gern ergriff ich die Gelegenheit,
+Es für ein andres Leben in die Schanze
+Zu schlagen: für ein andres--wenn's auch nur
+Das Leben einer Jüdin wäre.
+
+Nathan. Groß!
+Groß und abscheulich!--Doch die Wendung läßt
+Sich denken. Die bescheidne Größe flüchtet
+Sich hinter das Abscheuliche, um der
+Bewundrung auszuweichen.--Aber wenn
+Sie so das Opfer der Bewunderung
+Verschmäht: was für ein Opfer denn verschmäht
+Sie minder?--Ritter, wenn Ihr hier nicht fremd
+Und nicht gefangen wäret, würd' ich Euch
+So dreist nicht fragen. Sagt, befehlt: womit
+Kann man Euch dienen?
+
+Tempelherr. Ihr? Mit nichts.
+
+Nathan. Ich bin
+Ein reicher Mann.
+
+Tempelherr. Der reichre Jude war
+Mir nie der beßre Jude.
+
+Nathan. Dürft Ihr denn
+Darum nicht nützen, was demungeachtet
+Er Beßres hat? nicht seinen Reichtum nützen?
+
+Tempelherr.
+Nun gut, das will ich auch nicht ganz verreden;
+Um meines Mantels willen nicht. Sobald
+Der ganz und gar verschlissen; weder Stich
+Noch Fetze länger halten will: komm ich
+Und borge mir bei Euch zu einem neuen,
+Tuch oder Geld.--Seht nicht mit eins so finster!
+Noch seid Ihr sicher; noch ist's nicht so weit
+Mit ihm. Ihr seht; er ist so ziemlich noch
+Im Stande. Nur der eine Zipfel da
+Hat einen garstigen Fleck; er ist versengt.
+Und das bekam er, als ich Eure Tochter
+Durchs Feuer trug.
+
+Nathan (der nach dem Zipfel greift und ihn betrachtet).
+Es ist doch sonderbar,
+Daß so ein böser Fleck, daß so ein Brandmal
+Dem Mann ein beßres Zeugnis redet, als
+Sein eigner Mund. Ich möcht' ihn küssen gleich--
+Den Flecken!--Ah, verzeiht!--Ich tat es ungern.
+
+Tempelherr.
+Was?
+
+Nathan. Eine Träne fiel darauf.
+
+Tempelherr. Tut nichts!
+Er hat der Tropfen mehr.--(Bald aber fängt
+Mich dieser Jud' an zu verwirren.)
+
+Nathan. Wärt
+Ihr wohl so gut, und schicktet Euern Mantel
+Auch einmal meinem Mädchen?
+
+Tempelherr. Was damit?
+
+Nathan.
+Auch ihren Mund an diesen Fleck zu drücken.
+Denn Eure Kniee selber zu umfassen,
+Wünscht sie nun wohl vergebens.
+
+Tempelherr. Aber, Jude--
+Ihr heißet Nathan?--Aber, Nathan--Ihr
+Setzt Eure Worte sehr--sehr gut--sehr spitz--
+Ich bin betreten--Allerdings--ich hätte...
+
+Nathan.
+Stellt und verstellt Euch, wie Ihr wollt. Ich find
+Auch hier Euch aus. Ihr wart zu gut, zu bieder,
+Um höflicher zu sein.--Das Mädchen, ganz
+Gefühl; der weibliche Gesandte, ganz
+Dienstfertigkeit; der Vater weit entfernt--
+Ihr trugt für ihren guten Namen Sorge;
+Floht ihre Prüfung; floht, um nicht zu siegen.
+Auch dafür dank ich Euch--
+
+Tempelherr. Ich muß gestehn,
+Ihr wißt, wie Tempelherren denken sollten.
+
+Nathan.
+Nur Tempelherren? sollten bloß? und bloß
+Weil es die Ordensregeln so gebieten?
+Ich weiß, wie gute Menschen denken; weiß,
+Daß alle Länder gute Menschen tragen.
+
+Tempelherr.
+Mit Unterschied, doch hoffentlich?
+
+Nathan. Jawohl;
+An Farb', an Kleidung, an Gestalt verschieden.
+
+Tempelherr.
+Auch hier bald mehr, bald weniger, als dort.
+
+Nathan.
+Mit diesem Unterschied ist's nicht weit her.
+Der große Mann braucht überall viel Boden;
+Und mehrere, zu nah gepflanzt, zerschlagen
+Sich nur die Äste. Mittelgut, wie wir,
+Find't sich hingegen überall in Menge.
+Nur muß der eine nicht den andern mäkeln.
+Nur muß der Knorr den Knuppen hübsch vertragen.
+Nur muß ein Gipfelchen sich nicht vermessen,
+Daß es allein der Erde nicht entschossen.
+
+Tempelherr.
+Sehr wohl gesagt!--Doch kennt Ihr auch das Volk,
+Das diese Menschenmäkelei zuerst
+Getrieben? Wißt Ihr, Nathan, welches Volk
+Zuerst das auserwählte Volk sich nannte?
+Wie? wenn ich dieses Volk nun, zwar nicht haßte,
+Doch wegen seines Stolzes zu verachten,
+Mich nicht entbrechen könnte? Seines Stolzes;
+Den es auf Christ und Muselmann vererbte,
+Nur sein Gott sei der rechte Gott!--Ihr stutzt,
+Daß ich, ein Christ, ein Tempelherr, so rede?
+Wenn hat, und wo die fromme Raserei,
+Den bessern Gott zu haben, diesen bessern
+Der ganzen Welt als besten auf zudringen,
+In ihrer schwärzesten Gestalt sich mehr
+Gezeigt, als hier, als itzt? Wem hier, wem itzt
+Die Schuppen nicht vom Auge fallen... Doch
+Sei blind, wer will!--Vergeßt, was ich gesagt;
+Und laßt mich! (Will gehen.)
+
+Nathan. Ha! Ihr wißt nicht, wie viel fester
+Ich nun mich an Euch drängen werde.--Kommt,
+Wir müssen, müssen Freunde sein!--Verachtet
+Mein Volk so sehr Ihr wollt. Wir haben beide
+Uns unser Volk nicht auserlesen. Sind
+Wir unser Volk? Was heißt denn Volk?
+Sind Christ und Jude eher Christ und Jude,
+Als Mensch? Ah! wenn ich einen mehr in Euch
+Gefunden hätte, dem es gnügt, ein Mensch
+Zu heißen!
+
+Tempelherr. Ja, bei Gott, das habt Ihr, Nathan!
+Das habt Ihr!--Eure Hand!--Ich schäme mich,
+Euch einen Augenblick verkannt zu haben.
+
+Nathan.
+Und ich bin stolz darauf. Nur das Gemeine
+Verkennt man selten.
+
+Tempelherr. Und das Seltene
+Vergißt man schwerlich.--Nathan, ja;
+Wir müssen, müssen Freunde werden.
+
+Nathan. Sind
+Es schon.--Wie wird sich meine Recha freuen!--
+Und ah! welch eine heitre Ferne schließt
+Sich meinen Blicken auf!--Kennt sie nur erst.
+
+Tempelherr.
+Ich brenne vor Verlangen.--Wer stürzt dort
+Aus Euerm Hause? Ist's nicht ihre Daja?
+
+Nathan.
+Jawohl. So ängstlich?
+
+Tempelherr. Unsrer Recha ist
+Doch nichts begegnet?
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Die Vorigen und Daja eilig.
+
+
+Daja. Nathan! Nathan!
+
+Nathan. Nun?
+
+Daja.
+Verzeihet, edler Ritter, daß ich Euch
+Muß unterbrechen.
+
+Nathan. Nun, was ist's?
+
+Tempelherr. Was ist's?
+
+Daja.
+Der Sultan hat geschickt. Der Sultan will
+Euch sprechen. Gott, der Sultan!
+
+Nathan. Mich? der Sultan?
+Er wird begierig sein, zu sehen, was
+Ich Neues mitgebracht. Sag nur, es sei
+Noch wenig oder gar nichts ausgepackt.
+
+Daja.
+Nein, nein; er will nichts sehen; will Euch sprechen,
+Euch in Person, und bald; sobald Ihr könnt.--
+
+Nathan.
+Ich werde kommen.--Geh nur wieder, geh!
+
+Daja.
+Nehmt ja nicht übel auf, gestrenger Ritter--
+Gott, wir sind so bekümmert, was der Sultan
+Doch will.
+
+Nathan. Das wird sich zeigen. Geh nur, geh!
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Nathan und der Tempelherr.
+
+
+Tempelherr.
+So kennt Ihr ihn noch nicht?--ich meine, von
+Person.
+
+Nathan. Den Saladin? Noch nicht. Ich habe
+Ihn nicht vermieden, nicht gesucht zu kennen.
+Der allgemeine Ruf sprach viel zu gut
+Von ihm, daß ich nicht lieber glauben wollte,
+Als sehn. Doch nun,--wenn anders dem so ist,
+Hat er durch Sparung Eures Lebens...
+
+Tempelherr. Ja;
+Dem allerdings ist so. Das Leben, das
+ich leb, ist sein Geschenk.
+
+Nathan. Durch das er mir
+Ein doppelt, dreifach Leben schenkte. Dies
+Hat alles zwischen uns verändert; hat
+Mit eins ein Seil mir umgeworfen, das
+Mich seinem Dienst auf ewig fesselt. Kaum,
+Und kaum, kann ich es nun erwarten, was
+Er mir zuerst befehlen wird. Ich bin
+Bereit zu allem; bin bereit ihm zu
+Gestehn, daß ich es Euertwegen bin.
+
+Tempelherr.
+Noch hab ich selber ihm nicht danken können:
+Sooft ich auch ihm in den Weg getreten.
+Der Eindruck, den ich auf ihn machte, kam
+So schnell, als schnell er wiederum verschwunden.
+Wer weiß, ob er sich meiner gar erinnert.
+Und dennoch muß er, einmal wenigstens,
+Sich meiner noch erinnern, um mein Schicksal
+Ganz zu entscheiden. Nicht genug, daß ich
+Auf sein Geheiß noch bin, mit seinem Willen
+Noch leb: ich muß nun auch von ihm erwarten,
+Nach wessen Willen ich zu leben habe.
+
+Nathan.
+Nicht anders; um so mehr will ich nicht säumen.--
+Es fällt vielleicht ein Wort, das mir, auf Euch
+Zu kommen, Anlaß gibt.--Erlaubt, verzeiht--
+Ich eile--Wenn, wenn aber sehn wir Euch
+Bei uns?
+
+Tempelherr. Sobald ich darf.
+
+Nathan. Sobald Ihr wollt.
+
+Tempelherr.
+Noch heut.
+
+Nathan. Und Euer Name?--muß ich bitten.
+
+Tempelherr.
+Mein Name war--ist Curd von Stauffen.--Curd!
+
+Nathan.
+Von Stauffen?--Stauffen?--Stauffen?
+
+Tempelherr. Warum fällt
+Euch das so auf?
+
+Nathan. Von Stauffen?--Des Geschlechts
+Sind wohl noch mehrere...
+
+Tempelherr. O ja! hier waren,
+Hier faulen des Geschlechts schon mehrere.
+Mein Oheim selbst,--mein Vater will ich sagen,
+Doch warum schärft sich Euer Blick auf mich
+Je mehr und mehr?
+
+Nathan. O nichts! o nichts! Wie kann
+Ich Euch zu sehn ermüden?
+
+Tempelherr. Drum verlaß
+Ich Euch zuerst. Der Blick des Forschers fand
+Nicht selten mehr, als er zu finden wünschte.
+Ich fürcht ihn, Nathan. Laßt die Zeit allmählich,
+Und nicht die Neugier, unsre Kundschaft machen.
+
+(Er geht.)
+
+Nathan (der ihm mit Erstaunen nachsieht).
+"Der Forscher fand nicht selten mehr, als er
+Zu finden wünschte."--Ist es doch, als ob
+In meiner Seel' er lese!--Wahrlich ja;
+Das könnt' auch mir begegnen.--Nicht allein
+Wolfs Wuchs, Wolfs Gang: auch seine Stimme. So,
+Vollkommen so, warf Wolf sogar den Kopf;
+Trug Wolf sogar das Schwert im Arm'; strich Wolf
+Sogar die Augenbraunen mit der Hand,
+Gleichsam das Feuer seines Blicks zu bergen.
+Wie solche tiefgeprägte Bilder doch
+Zu Zeiten in uns schlafen können, bis
+Ein Wort, ein Laut sie weckt.--Von Stauffen!--
+Ganz redet, ganz recht; Filnek und Stauffen.--
+Ich will das bald genauer wissen; bald.
+Nur erst zum Saladin.--Doch wie? lauscht dort
+Nicht Daja?--Nun so komm nur näher, Daja.
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Daja. Nathan.
+
+
+Nathan.
+Was gilt's? nun drückt's euch beiden schon das Herz,
+Noch ganz was anders zu erfahren, als
+Was Saladin mir will.
+
+Daja. Verdenkt Ihr's ihr?
+Ihr fingt soeben an, vertraulicher
+Mit ihm zu sprechen: als des Sultans Botschaft
+Uns von dem Fenster scheuchte.
+
+Nathan. Nun, so sag
+Ihr nur, daß sie ihn jeden Augenblick
+Erwarten darf.
+
+Daja. Gewiß? gewiß?
+
+Nathan. Ich kann
+Mich doch auf dich verlassen, Daja? Sei
+Auf deiner Hut; ich bitte dich. Es soll
+Dich nicht gereuen. Dein Gewissen selbst
+Soll seine Rechnung dabei finden. Nur
+Verdirb mir nichts in meinem Plane. Nur
+Erzähl und frage mit Bescheidenheit,
+Mit Rückhalt...
+
+Daja. Daß Ihr doch noch erst so was
+Erinnern könnt!--Ich geh; geht Ihr nur auch.
+Denn seht! ich glaube gar, da kömmt vom Sultan
+Ein zweiter Bot', Al-Hafi, Euer Derwisch. (Geht ab.)
+
+
+
+Neunter Auftritt
+
+Nathan. Al-Hafi.
+
+
+Al-Hafi.
+Ha! ha! zu Euch wollt' ich nun eben wieder.
+
+Nathan.
+Ist's denn so eilig? Was verlangt er denn
+Von mir?
+
+Al-Hafi. Wer?
+
+Nathan. Saladin.--Ich komm, ich komme.
+
+Al-Hafi.
+Zu wem? Zum Saladin?
+
+Nathan. Schickt Saladin
+Dich nicht?
+
+Al-Hafi. Mich? nein. Hat er denn schon geschickt?
+
+Nathan.
+Ja freilich hat er.
+
+Al-Hafi. Nun, so ist es richtig.
+
+Nathan.
+Was? was ist richtig?
+
+Al-Hafi. Daß... ich bin nicht schuld;
+Gott weiß, ich bin nicht schuld.--Was hab ich nicht
+Von Euch gesagt, gelogen, um es abzuwenden!
+
+Nathan.
+Was abzuwenden? Was ist richtig?
+
+Al-Hafi. Daß
+Nun Ihr sein Defterdar geworden. Ich
+Bedaur' Euch. Doch mit ansehn will ich's nicht.
+Ich geh von Stund an; geh. Ihr habt es schon
+Gehört, wohin; und wißt den Weg.--Habt Ihr
+Des Wegs was zu bestellen, sagt: ich bin
+Zu Diensten. Freilich muß es mehr nicht sein,
+Als was ein Nackter mit sich schleppen kann.
+Ich geh, sagt bald.
+
+Nathan. Besinn dich doch, Al-Hafi.
+Besinn dich, daß ich noch von gar nichts weiß.
+Was plauderst du denn da?
+
+Al-Hafi. Ihr bringt sie doch
+Gleich mit, die Beutel?
+
+Nathan. Beutel?
+
+Al-Hafi. Nun, das Geld,
+Das Ihr dem Saladin vorschießen sollt.
+Nathan.
+Und weiter ist es nichts?
+
+Al-Hafi. Ich sollt' es wohl
+Mit ansehn, wie er Euch von Tag zu Tag
+Aushöhlen wird bis auf die Zehen? Sollt'
+Es wohl mit ansehn, daß Verschwendung aus
+Der weisen Milde sonst nie leeren Scheuern
+So lange borgt, und borgt, und borgt, bis auch
+Die armen eingebornen Mäuschen drin
+Verhungern?--Bildet Ihr vielleicht Euch ein,
+Wer Euers Gelds bedürftig sei, der werde
+Doch Euerm Rate wohl auch folgen?--Ja;
+Er Rate folgen! Wenn hat Saladin
+Sich raten lassen?--Denkt nur, Nathan, was
+Mir eben itzt mit ihm begegnet.
+
+Nathan. Nun?
+
+Al-Hafi.
+Da komm ich zu ihm, eben daß er Schach
+Gespielt mit seiner Schwester. Sittah spielt
+Nicht übel; und das Spiel, das Saladin
+Verloren glaubte, schon gegeben hatte,
+Das stand noch ganz so da. Ich seh Euch hin,
+Und sehe, daß das Spiel noch lange nicht
+Verloren.
+
+Nathan. Ei! das war für dich ein Fund!
+
+Al-Hafi.
+Er durfte mit dem König an den Bauer
+Nur rücken, auf ihr Schach.--Wenn ich's Euch gleich
+Nur zeigen könnte!
+
+Nathan. O ich traue dir!
+
+Al-Hafi.
+Denn so bekam der Roche Feld: und sie
+War hin.--Das alles will ich ihm nun weisen
+Und ruf ihn.--Denkt!...
+
+Nathan. Er ist nicht deiner Meinung?
+
+Al-Hafi.
+Er hört mich gar nicht an, und wirft verächtlich
+Das ganze Spiel in Klumpen.
+
+Nathan. Ist das möglich?
+
+Al-Hafi.
+Und sagt: er wolle matt nun einmal sein;
+Er wolle! Heißt das spielen?
+
+Nathan. Schwerlich wohl;
+Heißt mit dem Spielen spielen.
+
+Al-Hafi. Gleichwohl galt
+Es keine taube Nuß.
+
+Nathan. Geld hin, Geld her!
+Das ist das wenigste. Allein dich gar
+Nicht anzuhören! über einen Punkt
+Von solcher Wichtigkeit dich nicht einmal
+Zu hören! deinen Adlerblick nicht zu
+Bewundern! das, das schreit um Rache; nicht?
+
+Al-Hafi.
+Ach was! Ich sage Euch das nur, damit
+Ihr sehen könnt, was für ein Kopf er ist.
+Kurz, ich, ich halt's mit ihm nicht länger aus.
+Da lauf ich nun bei allen schmutz'gen Mohren
+Herum, und frage, wer ihm borgen will.
+Ich, der ich nie für mich gebettelt habe,
+Soll nun für andre borgen. Borgen ist
+Viel besser nicht als betteln: so wie leihen,
+Auf Wucher leihen, nicht viel besser ist,
+Als stehlen. Unter meinen Ghebern, an
+Dem Ganges, brauch ich beides nicht, und brauche
+Das Werkzeug beider nicht zu sein. Am Ganges,
+Am Ganges nur gibt's Menschen. Hier seid Ihr
+Der einzige, der noch so würdig wäre,
+Daß er am Ganges lebte.--Wollt Ihr mit?--
+Laßt ihm mit eins den Plunder ganz im Stiche,
+Um den es ihm zu tun. Er bringt Euch nach
+Und nach doch drum. So wär' die Plackerei
+Auf einmal aus. Ich schaff Euch einen Delk.
+Kommt! kommt!
+
+Nathan. Ich dächte zwar, das blieb' uns ja
+Noch immer übrig. Doch, Al-Hafi, will
+Ich's überlegen. Warte...
+
+Al-Hafi. Überlegen?
+Nein, so was überlegt sich nicht.
+
+Nathan. Nur bis
+Ich von dem Sultan wiederkomme; bis
+Ich Abschied erst...
+
+Al-Hafi. Wer überlegt, der sucht
+Bewegungsgründe, nicht zu dürfen. Wer
+Sich Knall und Fall, ihm selbst zu leben, nicht,
+Entschließen kann, der lebet andrer Sklav'
+Auf immer.--Wie Ihr wollt!--Lebt wohl! wie's Euch
+Wohl dünkt.--Mein Weg liegt dort; und Eurer da.
+
+Nathan.
+Al-Hafi! Du wirst selbst doch erst das Deine
+Berichtigen?
+
+Al-Hafi. Ach Possen! Der Bestand
+Von meiner Kass' ist nicht des Zählens wert;
+Und meine Rechnung bürgt--Ihr oder Sittah.
+Lebt wohl! (Ab.)
+
+Nathan (ihm nachsehend).
+Die bürg ich!--Wilder, guter, edler--
+Wie nenn ich ihn?--Der wahre Bettler ist
+Doch einzig und allein der wahre König!
+(Von einer andern Seite ab.)
+
+
+
+
+
+Dritter Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+(Szene: in Nathans Hause.)
+
+
+Recha und Daja.
+
+Recha.
+Wie, Daja, drückte sich mein Vater aus?
+"Ich dürf' ihn jeden Augenblick erwarten?"
+Das klingt--nicht wahr?--als ob er noch so bald
+Erscheinen werde.--Wieviel Augenblicke
+Sind aber schon vorbei!--Ah nun: wer denkt
+An die verflossenen?--Ich will allein
+In jedem nächsten Augenblicke leben.
+Er wird doch einmal kommen, der ihn bringt.
+
+Daja.
+O der verwünschten Botschaft von dem Sultan!
+Denn Nathan hätte sicher ohne sie
+Ihn gleich mit hergebracht.
+
+Recha. Und wenn er nun
+Gekommen, dieser Augenblick; wenn denn
+Nun meiner Wünsche wärmster, innigster
+Erfüllet ist: was dann?--was dann?
+
+Daja. Was dann?
+Dann hoff ich, daß auch meiner Wünsche wärmster
+Soll in Erfüllung gehen.
+
+Recha. Was wird dann
+In meiner Brust an dessen Stelle treten,
+Die schon verlernt, ohn' einen herrschenden
+Wunsch aller Wünsche sich zu dehnen?--Nichts?
+Ah, ich erschrecke!...
+
+Daja. Mein, mein Wunsch wird dann
+An des erfüllten Stelle treten; meiner.
+Mein Wunsch, dich in Europa, dich in Händen
+Zu wissen, welche deiner würdig sind.
+
+Recha.
+Du irrst.--Was diesen Wunsch zu deinem macht,
+Das nämliche verhindert, daß er meiner
+Je werden kann. Dich zieht dein Vaterland:
+Und meines, meines sollte mich nicht halten?
+Ein Bild der Deinen, das in deiner Seele
+Noch nicht verloschen, sollte mehr vermögen,
+Als die ich sehn, und greifen kann, und hören,
+Die Meinen?
+
+Daja. Sperre dich, soviel du willst!
+Des Himmels Wege sind des Himmels Wege.
+Und wenn es nun dein Retter selber wäre,
+Durch den sein Gott, für den er kämpft, dich in
+Das Land, dich zu dem Volke führen wollte,
+Für welche du geboren wurdest?
+
+Recha. Daja!
+Was sprichst du da nun wieder, liebe Daja!
+Du hast doch wahrlich deine sonderbaren
+Begriffe! "Sein, sein Gott! für den er kämpft!"
+Wem eignet Gott? was ist das für ein Gott,
+Der einem Menschen eignet? der für sich
+Muß kämpfen lassen?--Und wie weiß
+Man denn, für welchen Erdkloß man geboren,
+Wenn man's für den nicht ist, auf welchem man
+Geboren?--Wenn mein Vater dich so hörte!--
+Was tat er dir, mir immer nur mein Glück
+So weit von ihm als möglich vorzuspiegeln?
+Was tat er dir, den Samen der Vernunft,
+Den er so rein in meine Seele streute,
+Mit deines Landes Unkraut oder Blumen
+So gern zu mischen?--Liebe, liebe Daja,
+Er will nun deine bunten Blumen nicht
+Auf meinem Boden!--Und ich muß dir sagen,
+Ich selber fühle meinen Boden, wenn
+Sie noch so schön ihn kleiden, so entkräftet,
+So ausgezehrt durch deine Blume; fühle
+In ihrem Dufte, sauersüßem Dufte,
+Mich so betäubt, so schwindelnd!--Dein Gehirn
+Ist dessen mehr gewohnt. Ich tadle drum
+Die stärkern Nerven nicht, die ihn vertragen.
+Nur schlägt er mir nicht zu; und schon dein Engel,
+Wie wenig fehlte, daß er mich zur Närrin
+Gemacht?--Noch schäm ich mich vor meinem Vater
+Der Posse!
+
+Daja. Posse!--Als ob der Verstand
+Nur hier zu Hause wäre! Posse! Posse!
+Wenn ich nur reden dürfte!
+
+Recha. Darfst du nicht?
+Wenn war ich nicht ganz Ohr, sooft es dir
+Gefiel, von deinen Glaubenshelden mich
+Zu unterhalten? Hab ich ihren Taten
+Nicht stets Bewunderung; und ihren Leiden
+Nicht immer Tränen gern gezollt? Ihr Glaube
+Schien freilich mir das Heldenmäßigste
+An ihnen nie. Doch so viel tröstender
+War mir die Lehre, daß Ergebenheit
+In Gott von unserm Wähnen über Gott
+So ganz und gar nicht abhängt.--Liebe Daja,
+Das hat mein Vater uns so oft gesagt;
+Darüber hast du selbst mit ihm so oft
+Dich einverstanden: warum untergräbst
+Du denn allein, was du mit ihm zugleich
+Gebauet?--Liebe Daja, das ist kein
+Gespräch, womit wir unserm Freund' am besten
+Entgegensehn. Für mich zwar, ja! Denn mir,
+Mir liegt daran unendlich, ob auch er...
+Horch, Daja!--Kommt es nicht an unsre Türe?
+Wenn Er es wäre! horch!
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Recha. Daja und der Tempelherr, dem jemand von außen die Türe öffnet,
+mit den Worten:
+
+
+Nur hier herein!
+
+Recha (fährt zusammen, faßt sich und will ihm zu Füßen fallen).
+Er ist's!--Mein Retter, ah!
+
+Tempelherr. Dies zu vermeiden
+Erschien ich bloß so spät: und doch--
+
+Recha. Ich will
+Ja zu den Füßen dieses stolzen Mannes
+Nur Gott noch einmal danken; nicht dem Manne.
+Der Mann will keinen Dank; will ihn so wenig
+Als ihn der Wassereimer will, der bei
+Dem Löschen so geschäftig sich erwiesen.
+Der ließ sich füllen, ließ sich leeren, mir
+Nichts, dir nichts: also auch der Mann. Auch der
+Ward nur so in die Glut hineingestoßen;
+Da fiel ich ungefähr ihm in den Arm;
+Da blieb ich ungefähr, so wie ein Funken
+Auf seinem Mantel, ihm in seinen Armen;
+Bis wiederum, ich weiß nicht was, uns beide
+Herausschmiß aus der Glut.--Was gibt es da
+Zu danken?--In Europa treibt der Wein
+Zu noch weit andern Taten.--Tempelherren,
+Die müssen einmal nun so handeln; müssen
+Wie etwas besser zugelernte Hunde,
+Sowohl aus Feuer, als aus Wasser holen.
+
+Tempelherr (der sie mit Erstaunen und Unruhe die Zeit über betrachtet).
+O Daja, Daja! Wenn in Augenblicken
+Des Kummers und der Galle, meine Laune
+Dich übel anließ, warum jede Torheit,
+Die meiner Zung' entfuhr, ihr hinterbringen?
+Das hieß sich zu empfindlich rächen, Daja!
+Doch wenn du nur von nun an besser mich
+Bei ihr vertreten willst.
+
+Daja. Ich denke, Ritter
+Ich denke nicht, daß diese kleinen Stacheln,
+Ihr an das Herz geworfen, Euch da sehr
+Geschadet haben.
+
+Recha. Wie? Ihr hattet Kummer?
+Und wart mit Euerm Kummer geiziger
+Als Euerm Leben?
+
+Tempelherr. Gutes, holdes Kind!--
+Wie ist doch meine Seele zwischen Auge
+Und Ohr geteilt!--Das war das Mädchen nicht,
+Nein, nein, das war es nicht, das aus dem Feuer
+Ich holte.--Denn wer hätte die gekannt,
+Und aus dem Feuer nicht geholt? Wer hätte
+Auf mich gewartet?--Zwar--verstellt--der Schreck.
+(Pause, unter der er, in Anschauung ihrer, sich wie verliert.)
+
+Recha.
+Ich aber find Euch noch den nämlichen.--
+(Dergleichen; bis sie fortfährt, um ihn in seinem Anstaunen zu
+unterbrechen.)
+Nun, Ritter, sagt uns doch, wo Ihr so lange
+Gewesen?--Fast dürft' ich auch fragen: wo
+Ihr itzo seid?
+
+Tempelherr. Ich bin,--wo ich vielleicht
+Nicht sollte sein.--
+
+Recha. Wo Ihr gewesen?--Auch
+Wo Ihr vielleicht nicht solltet sein gewesen?
+Das ist nicht gut.
+
+Tempelherr. Auf--auf--wie heißt der Berg?
+Auf Sinai.
+
+Recha. Auf Sinai?--Ah schön!
+Nun kann ich zuverlässig doch einmal
+Erfahren, ob es wahr...
+
+Tempelherr. Was? was? Ob's wahr,
+Daß noch daselbst der Ort zu sehn, wo Moses
+Vor Gott gestanden, als...
+
+Recha. Nun das wohl nicht.
+Denn wo er, stand, stand er vor Gott. Und davon
+Ist mir zur Gnüge schon bekannt.--Ob's wahr,
+Möcht' ich nur gern von Euch erfahren, daß--
+Daß es bei weitem nicht so mühsam sei,
+Auf diesen Berg hinaufzusteigen, als
+Herab?--Denn seht; soviel ich Berge noch
+Gestiegen bin, war's just das Gegenteil.--
+Nun, Ritter?--Was?--Ihr kehrt Euch von mir ab?
+Wollt mich nicht sehn?
+
+Tempelherr. Weil ich Euch hören will.
+
+Recha.
+Weil Ihr mich nicht wollt merken lassen, daß
+Ihr meiner Einfalt lächelt; daß Ihr lächelt,
+Wie ich Euch doch so gar nichts Wichtigers
+Von diesem heiligen Berg' aller Berge
+Zu fragen weiß? Nicht wahr?
+
+Tempelherr. So muß
+Ich doch Euch wieder in die Augen sehn.--
+Was? Nun schlagt Ihr sie nieder? nun verbeißt
+Das Lächeln Ihr? wie ich noch erst in Mienen,
+In zweifelhaften Mienen lesen will,
+Was ich so deutlich hör, Ihr so vernehmlich
+Mir sagt--verschweigt?--Ah Recha! Recha! Wie
+Hat er so wahr gesagt: "Kennt sie nur erst!"
+
+Recha.
+Wer hat?--von wem?--Euch das gesagt?
+
+Tempelherr. "Kennt sie
+Nur erst!" hat Euer Vater mir gesagt;
+Von Euch gesagt.
+
+Daja. Und ich nicht etwa auch?
+Ich denn nicht auch?
+
+Tempelherr. Allein wo ist er denn?
+Wo ist denn Euer Vater? Ist er noch
+Beim Sultan?
+
+Recha. Ohne Zweifel.
+
+Tempelherr. Noch, noch da?--
+O mich Vergeßlichen! Nein, nein; da ist
+Er schwerlich mehr.--Er wird dort unten bei
+Dem Kloster meiner warten; ganz gewiß.
+So red'ten, mein ich, wir es ab. Erlaubt!
+Ich geh, ich hol ihn...
+
+Daja. Das ist meine Sache.
+Bleibt, Ritter, bleibt. Ich bring ihn unverzüglich.
+
+Tempelherr.
+Nicht so, nicht so! Er sieht mir selbst entgegen;
+Nicht Euch. Dazu, er könnte leicht... wer weiß? ...
+Er könnte bei dem Sultan leicht,... Ihr kennt
+Den Sultan nicht!... leicht in Verlegenheit
+Gekommen sein.--Glaubt mir; es hat Gefahr,
+Wenn ich nicht geh.
+
+Recha. Gefahr? was für Gefahr?
+
+Tempelherr.
+Gefahr für mich, für Euch, für ihn: wenn ich
+Nicht schleunig, schleunig geh. (Ab.)
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Recha und Daja.
+
+
+Recha. Was ist das, Daja?--
+So schnell?--Was kömmt ihm an? Was fiel ihm auf?
+Was jagt ihn?
+
+Daja. Laßt nur, laßt. Ich denk, es ist
+Kein schlimmes Zeichen.
+
+Recha. Zeichen? und wovon?
+
+Daja.
+Daß etwas vorgeht innerhalb. Es kocht,
+Und soll nicht überkochen. Laßt ihn nur.
+Nun ist's an Euch.
+
+Recha. Was ist an mir? Du wirst,
+Wie er, mir unbegreiflich.
+
+Daja. Bald nun könnt
+Ihr ihm die Unruh' all vergelten, die
+Er Euch gemacht hat. Seid nur aber auch
+Nicht allzu streng, nicht allzu rachbegierig.
+
+Recha.
+Wovon du sprichst, das magst du selber wissen.
+
+Daja.
+Und seid denn Ihr bereits so ruhig wieder?
+
+Recha.
+Das bin ich; ja das bin ich...
+
+Daja. Wenigstens
+Gesteht, daß Ihr Euch seiner Unruh' freut;
+Und seiner Unruh' danket, was Ihr itzt
+Von Ruh' genießt.
+
+Recha. Mir völlig unbewußt!
+Denn was ich höchstens dir gestehen könnte,
+Wär', daß es mich--mich selbst befremdet, wie
+Auf einen solchen Sturm in meinem Herzen
+So eine Stille plötzlich folgen können.
+Sein voller Anblick, sein Gespräch, sein Ton
+Hat mich...
+
+Daja. Gesättigt schon?
+
+Recha. Gesättigt, will
+Ich nun nicht sagen; nein--bei weitem nicht.
+
+Daja.
+Den heißen Hunger nur gestillt.
+
+Recha. Nun ja:
+Wenn du so willst.
+
+Daja. Ich eben nicht.
+
+Recha. Er wird
+Mir ewig wert; mir ewig werter, als
+Mein Leben bleiben: wenn auch schon mein Puls
+Nicht mehr bei seinem bloßen Namen wechselt;
+Nicht mehr mein Herz, sooft ich an ihn denke,
+Geschwinder, stärker schlägt.--Was schwatz ich? Komm,
+Komm, liebe Daja, wieder an das Fenster,
+Das auf die Palmen sieht.
+
+Daja. So ist er doch
+Wohl noch nicht ganz gestillt, der heiße Hunger.
+
+Recha.
+Nun werd ich auch die Palmen wieder sehn:
+Nicht ihn bloß untern Palmen.
+
+Daja. Diese Kälte
+Beginnt auch wohl ein neues Fieber nur.
+
+Recha.
+Was Kält'? Ich bin nicht kalt. Ich sehe wahrlich
+Nicht minder gern, was ich mit Ruhe sehe.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+(Szene: ein Audienzsaal in dem Palaste des Saladin.)
+
+
+Saladin und Sittah.
+
+Saladin (im Hereintreten, gegen die Türe).
+Hier bringt den Juden her, sobald er kömmt.
+Er scheint sich eben nicht zu übereilen.
+
+Sittah.
+Er war auch wohl nicht bei der Hand; nicht gleich
+Zu finden.
+
+Saladin. Schwester! Schwester!
+
+Sittah. Tust du doch,
+Als stünde dir ein Treffen vor.
+
+Saladin. Und das
+Mit Waffen, die ich nicht gelernt zu führen.
+Ich soll mich stellen; soll besorgen lassen;
+Soll Fallen legen; soll auf Glatteis führen.
+Wenn hätt' ich das gekonnt? Wo hätt' ich das
+Gelernt?--Und soll das alles, ah, wozu?
+Wozu?--Um Geld zu fischen; Geld!--Um Geld,
+Geld einem Juden abzubangen; Geld!
+Zu solchen kleinen Listen wär' ich endlich
+Gebracht, der Kleinigkeiten kleinste mir
+Zu schaffen?
+
+Sittah. Jede Kleinigkeit, zu sehr
+Verschmäht, die rächt sich, Bruder.
+
+Saladin. Leider wahr.--
+Und wenn nun dieser Jude gar der gute,
+Vernünft'ge Mann ist, wie der Derwisch dir
+Ihn ehedem beschrieben?
+
+Sittah. O nun dann!
+Was hat es dann für Not! Die Schlinge liegt
+Ja nur dem geizigen, besorglichen,
+Furchtsamen Juden: nicht dem guten, nicht
+Dem weisen Manne. Dieser ist ja so
+Schon unser, ohne Schlinge. Das Vergnügen,
+Zu hören, wie ein solcher Mann sich ausred't;
+Mit welcher dreisten Stärk' entweder er
+Die Stricke kurz zerreißet; oder auch
+Mit welcher schlauen Vorsicht er die Netze
+Vorbei sich windet: dies Vergnügen hast
+Du obendrein.
+
+Saladin. Nun, das ist wahr. Gewiß;
+Ich freue mich darauf.
+
+Sittah. So kann dich ja
+Auch weiter nichts verlegen machen. Denn
+Ist's einer aus der Menge bloß; ist's bloß
+Ein Jude, wie ein Jude: gegen den
+Wirst du dich doch nicht schämen, so zu scheinen,
+Wie er die Menschen all sich denkt? Vielmehr;
+Wer sich ihm besser zeigt, der zeigt sich ihm
+Als Geck, als Narr.
+
+Saladin. So muß ich ja wohl gar
+Schlecht handeln, daß von mir der Schlechte nicht
+Schlecht denke?
+
+Sittah. Traun! wenn du schlecht handeln nennst,
+Ein jedes Ding nach seiner Art zu brauchen.
+
+Saladin.
+Was hätt' ein Weiberkopf erdacht, das er
+Nicht zu beschönen wüßte!
+
+Sittah. Zu beschönen!
+
+Saladin.
+Das feine, spitze Ding, besorg ich nur,
+In meiner plumpen Hand zerbricht!--So was
+Will ausgeführt sein, wie's erfunden ist:
+Mit aller Pfiffigkeit, Gewandtheit.--Doch,
+Mag's doch nur, mag's! Ich tanze, wie ich kann;
+Und könnt' es freilich lieber--schlechter noch
+Als besser.
+
+Sittah. Trau dir auch nur nicht zu wenig!
+Ich stehe dir für dich! Wenn du nur willst.--
+Daß uns die Männer deinesgleichen doch
+So gern bereden möchten, nur ihr Schwert,
+Ihr Schwert nur habe sie so weit gebracht.
+Der Löwe schämt sich freilich, wenn er mit
+Dem Fuchse jagt:--des Fuchses, nicht der List.
+
+Saladin.
+Und daß die Weiber doch so gern den Mann
+Zu sich herunter hätten!--Geh nur, geh!--
+Ich glaube meine Lektion zu können.
+
+Sittah.
+Was? ich soll gehn?
+
+Saladin. Du wolltest doch nicht bleiben?
+
+Sittah.
+Wenn auch nicht bleiben... im Gesicht euch bleiben--
+Doch hier im Nebenzimmer--
+
+Saladin. Da zu horchen?
+Auch das nicht, Schwester; wenn ich soll bestehn.--
+Fort, fort! der Vorhang rauscht; er kömmt!--doch daß
+Du ja nicht da verweilst! Ich sehe nach.
+
+(Indem sie sich durch eine Türe entfernt, tritt Nathan zu der andern
+herein; und Saladin hat sich gesetzt.)
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+Saladin und Nathan.
+
+
+Saladin.
+Tritt näher, Jude!--Näher!--Nur ganz her!
+Nur ohne Furcht!
+
+Nathan. Die bleibe deinem Feinde!
+
+Saladin.
+Du nennst dich Nathan?
+
+Nathan. Ja.
+
+Saladin. Den weisen Nathan?
+
+Nathan.
+Nein.
+
+Saladin. Wohl! nennst du dich nicht; nennt dich das Volk.
+
+Nathan.
+Kann sein; das Volk!
+
+Saladin. Du glaubst doch nicht, daß ich
+Verächtlich von des Volkes Stimme denke?--
+Ich habe längst gewünscht, den Mann zu kennen,
+Den es den Weisen nennt.
+
+Nathan. Und wenn es ihn
+Zum Spott so nennte? Wenn dem Volke weise
+Nichts weiter wär' als klug? und klug nur der,
+Der sich auf seinen Vorteil gut versteht?
+
+Saladin.
+Auf seinen wahren Vorteil, meinst du doch?
+
+Nathan.
+Dann freilich wär' der Eigennützigste
+Der Klügste. Dann wär' freilich klug und weise
+Nur eins.
+
+Saladin. Ich höre dich erweisen, was
+Du widersprechen willst.--Des Menschen wahre
+Vorteile, die das Volk nicht kennt, kennst du.
+Hast du zu kennen wenigstens gesucht;
+Hast drüber nachgedacht: das auch allein
+Macht schon den Weisen.
+
+Nathan. Der sich jeder dünkt
+Zu sein.
+
+Saladin. Nun der Bescheidenheit genug!
+Denn sie nur immerdar zu hören, wo
+Man trockene Vernunft erwartet, ekelt.
+(Er springt auf.)
+Laß uns zur Sache kommen! Aber, aber
+Aufrichtig, Jud', aufrichtig!
+
+Nathan. Sultan, ich
+Will sicherlich dich so bedienen, daß
+Ich deiner fernern Kundschaft würdig bleibe.
+
+Saladin. Bedienen? wie?
+
+Nathan. Du sollst das Beste haben
+Von allem; sollst es um den billigsten
+Preis haben.
+
+Saladin. Wovon sprichst du? doch wohl nicht
+Von deinen Waren?--Schachern wird mit dir
+Schon meine Schwester. (Das der Horcherin!)--
+Ich habe mit dem Kaufmann nichts zu tun.
+
+Nathan.
+So wirst du ohne Zweifel wissen wollen,
+Was ich auf meinem Wege von dem Feinde,
+Der allerdings sich wieder reget, etwa
+Bemerkt, getroffen?--Wenn ich unverhohlen...
+
+Saladin.
+Auch darauf bin ich eben nicht mit dir
+Gesteuert. Davon weiß ich schon, so viel
+Ich nötig habe.--Kurz-,--
+
+Nathan. Gebiete, Sultan.
+
+Saladin.
+Ich heische deinen Unterricht in ganz
+Was anderm; ganz was anderm.--Da du nun
+So weise bist: so sage mir doch einmal--
+Was für ein Glaube, was für ein Gesetz
+Hat dir am meisten eingeleuchtet?
+
+Nathan. Sultan,
+Ich bin ein Jud'.
+
+Saladin. Und ich ein Muselmann.
+Der Christ ist zwischen uns.--Von diesen drei
+Religionen kann doch eine nur
+Die wahre sein.--Ein Mann, wie du, bleibt da
+Nicht stehen, wo der Zufall der Geburt
+Ihn hingeworfen: oder wenn er bleibt,
+Bleibt er aus Einsicht, Gründen, Wahl des Bessern.
+Wohlan! so teile deine Einsicht mir
+Dann mit. Laß mich die Gründe hören, denen
+Ich selber nachzugrübeln, nicht die Zeit
+Gehabt. Laß mich die Wahl, die diese Gründe
+Bestimmt,--versteht sich, im Vertrauen--wissen,
+Damit ich sie zu meiner mache. Wie?
+Du stutzest? wägst mich mit dem Auge?--Kann
+Wohl sein, daß ich der erste Sultan bin,
+Der eine solche Grille hat; die mich
+Doch eines Sultans eben nicht so ganz
+Unwürdig dünkt.--Nicht wahr?--So rede doch!
+Sprich!--Oder willst du einen Augenblick,
+Dich zu bedenken? Gut, ich geb ihn dir.
+(Ob sie wohl horcht? Ich will sie doch belauschen;
+Will hören, ob ich's recht gemacht.--) Denk nach.
+Geschwind denk nach! Ich säume nicht, zurück-
+Zukommen.
+(Er geht in das Nebenzimmer, nach welchem sich Sittah begeben.)
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+Nathan allein.
+
+
+Hm! hm!--wunderlich!--Wie ist
+Mir denn?--Was will der Sultan? was?--Ich bin
+Auf Geld gefaßt; und er will--Wahrheit. Wahrheit!
+Und will sie so,--so bar, so blank,--als ob
+Die Wahrheit Münze wäre!--ja, wenn noch
+Uralte Münze, die gewogen ward!--
+Das ginge noch! Allein so neue Münze,
+Die nur der Stempel macht, die man aufs Brett
+Nur zählen darf, das ist sie doch nun nicht!
+Wie Geld in Sack, so striche man in Kopf
+Auch Wahrheit ein? Wer ist denn hier der Jude?
+Ich oder er?--Doch wie? Sollt' er auch wohl
+Die Wahrheit nicht in Wahrheit fodern?--Zwar,
+Zwar der Verdacht, daß er die Wahrheit nur
+Als Falle brauche, wär' auch gar zu klein!--
+Zu klein?--Was ist für einen Großen denn
+Zu klein?--Gewiß, gewiß: er stürzte mit
+Der Türe so ins Haus! Man pocht doch, hört
+Doch erst, wenn man als Freund sich naht.--Ich muß
+Behutsam gehn!--Und wie? wie das?--So ganz
+Stockjude sein zu wollen, geht schon nicht.--
+Und ganz und gar nicht Jude, geht noch minder.
+Denn, wenn kein Jude, dürft' er mich nur fragen,
+Warum kein Muselmann?--Das war's! Das kann
+Mich retten!--Nicht die Kinder bloß, speist man
+Mit Märchen ab.--Er kommt. Er komme nur!
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Saladin und Nathan.
+
+
+Saladin.
+(So ist das Feld hier rein!)--Ich komm dir doch
+Nicht zu geschwind zurück? Du bist zu Rande
+Mit deiner Überlegung.--Nun so rede!
+Es hört uns keine Seele.
+
+Nathan. Möcht' auch doch
+Die ganze Welt uns hören.
+
+Saladin. So gewiß
+Ist Nathan seiner Sache? Ha! das nenn
+Ich einen Weisen! Nie die Wahrheit zu
+Verhehlen! für sie alles auf das Spiel
+Zu setzen! Leib und Leben! Gut und Blut!
+
+Nathan.
+Ja! Ja! wann's nötig ist und nutzt.
+
+Saladin. Von nun
+An darf ich hoffen, einen meiner Titel,
+Verbesserer der Welt und des Gesetzes,
+Mit Recht zu führen.
+
+Nathan. Traun, ein schöner Titel!
+Doch, Sultan, eh' ich mich dir ganz vertraue,
+Erlaubst du wohl, dir ein Geschichtchen zu
+Erzählen?
+
+Saladin. Warum das nicht? Ich bin stets
+Ein Freund gewesen von Geschichtchen, gut
+Erzählt.
+
+Nathan. Ja, gut erzählen, das ist nun
+Wohl eben meine Sache nicht.
+
+Saladin. Schon wieder
+So stolz bescheiden?--Mach! erzähl, erzähle!
+
+Nathan.
+Vor grauen Jahren lebt' ein Mann in Osten,
+Der einen Ring von unschätzbarem Wert
+Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein
+Opal, der hundert schöne Farben spielte,
+Und hatte die geheime Kraft, vor Gott
+Und Menschen angenehm zu machen, wer
+In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,
+Daß ihn der Mann in Osten darum nie
+Vom Finger ließ; und die Verfügung traf,
+Auf ewig ihn bei seinem Hause zu
+Erhalten? Nämlich so. Er ließ den Ring
+Von seinen Söhnen dem geliebtesten;
+Und setzte fest, daß dieser wiederum
+Den Ring von seinen Söhnen dem vermache,
+Der ihm der liebste sei; und stets der liebste,
+Ohn' Ansehn der Geburt, in Kraft allein
+Des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde.--
+Versteh mich, Sultan.
+
+Saladin. Ich versteh dich. Weiter!
+
+Nathan.
+So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn,
+Auf einen Vater endlich von drei Söhnen;
+Die alle drei ihm gleich gehorsam waren,
+Die alle drei er folglich gleich zu lieben
+Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit
+Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald
+Der dritte,--sowie jeder sich mit ihm
+Allein befand, und sein ergießend Herz
+Die andern zwei nicht teilten,--würdiger
+Des Ringes; den er denn auch einem jeden
+Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen.
+Das ging nun so, solang es ging.--Allein
+Es kam zum Sterben, und der gute Vater
+Kömmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei
+Von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort
+Verlassen, so zu kränken.--Was zu tun?--
+Er sendet in geheim zu einem Künstler,
+Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes,
+Zwei andere bestellt, und weder Kosten
+Noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich,
+Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt
+Dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt,
+Kann selbst der Vater seinen Musterring
+Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft
+Er seine Söhne, jeden insbesondre;
+Gibt jedem insbesondre seinen Segen,--
+Und seinen Ring,--und stirbt.--Du hörst doch, Sultan?
+
+Saladin (der sich betroffen von ihm gewandt).
+Ich hör, ich höre!--Komm mit deinem Märchen
+Nur bald zu Ende.--Wird's?
+
+Nathan. Ich bin zu Ende.
+Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst.--
+Kaum war der Vater tot, so kömmt ein jeder
+Mit seinem Ring, und jeder will der Fürst
+Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt,
+Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht
+Erweislich;--
+(nach einer Pause, in welcher er des Sultans Antwort erwartet)
+Fast so unerweislich, als
+Uns itzt--der rechte Glaube.
+
+Saladin. Wie? das soll
+Die Antwort sein auf meine Frage?...
+
+Nathan. Soll
+Mich bloß entschuldigen, wenn ich die Ringe
+Mir nicht getrau zu unterscheiden, die
+Der Vater in der Absicht machen ließ,
+Damit sie nicht zu unterscheiden wären.
+
+Saladin.
+Die Ringe!--Spiele nicht mit mir!--Ich dächte,
+Daß die Religionen, die ich dir
+Genannt, doch wohl zu unterscheiden wären.
+Bis auf die Kleidung, bis auf Speis' und Trank!
+
+Nathan.
+Und nur von seiten ihrer Gründe nicht.
+Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte?
+Geschrieben oder überliefert!--Und
+Geschichte muß doch wohl allein auf Treu
+Und Glauben angenommen werden?--Nicht?--
+Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn
+Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?
+Doch deren Blut wir sind? doch deren, die
+Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe
+Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo
+Getäuscht zu werden uns heilsamer war?--
+Wie kann ich meinen Vätern weniger
+Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt.--
+Kann ich von dir verlangen, daß du deine
+Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht
+Zu widersprechen? Oder umgekehrt.
+Das nämliche gilt von den Christen. Nicht?--
+
+Saladin.
+(Bei dem Lebendigen! Der Mann hat recht.
+Ich muß verstummen.)
+
+Nathan. Laß auf unsre Ring'
+Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Söhne
+Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter,
+Unmittelbar aus seines Vaters Hand
+Den Ring zu haben.--Wie auch wahr!--Nachdem
+Er von ihm lange das Versprechen schon
+Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu
+Genießen.--Wie nicht minder wahr!--Der Vater,
+Beteurt' jeder, könne gegen ihn
+Nicht falsch gewesen sein; und eh' er dieses
+Von ihm, von einem solchen lieben Vater,
+Argwohnen lass': eh' müss' er seine Brüder,
+So gern er sonst von ihnen nur das Beste
+Bereit zu glauben sei, des falschen Spiels
+Bezeihen; und er wolle die Verräter
+Schon auszufinden wissen; sich schon rächen.
+
+Saladin.
+Und nun, der Richter?--Mich verlangt zu hören,
+Was du den Richter sagen lässest. Sprich!
+
+Nathan.
+Der Richter sprach: Wenn ihr mir nun den Vater
+Nicht bald zur Stelle schafft, so weis ich euch
+Von meinem Stuhle. Denkt ihr, daß ich Rätsel
+Zu lösen da bin? Oder harret ihr,
+Bis daß der rechte Ring den Mund eröffne?--
+Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring
+Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;
+Vor Gott und Menschen angenehm. Das muß
+Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden
+Doch das nicht können!--Nun; wen lieben zwei
+Von Euch am meisten?--Macht, sagt an! Ihr schweigt?
+Die Ringe wirken nur zurück? und nicht
+Nach außen? Jeder liebt sich selber nur
+Am meisten?--Oh, so seid ihr alle drei
+Betrogene Betrüger! Eure Ringe
+Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring
+Vermutlich ging verloren. Den Verlust
+Zu bergen, zu ersetzen, ließ der Vater
+Die drei für einen machen.
+
+Saladin. Herrlich! herrlich!
+
+Nathan.
+Und also, fuhr der Richter fort, wenn ihr
+Nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt:
+Geht nur!--Mein Rat ist aber der: ihr nehmt
+Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von
+Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:
+So glaube jeder sicher seinen Ring
+Den echten.--Möglich; daß der Vater nun
+Die Tyrannei des einen Rings nicht länger
+In seinem Hause dulden willen!--Und gewiß;
+Daß er euch alle drei geliebt, und gleich
+Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen,
+Um einen zu begünstigen.--Wohlan!
+Es eifre jeder seiner unbestochnen
+Von Vorurteilen freien Liebe nach!
+Es strebe von euch jeder um die Wette,
+Die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag
+Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
+Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
+Mit innigster Ergebenheit in Gott
+Zu Hilf'! Und wenn sich dann der Steine Kräfte
+Bei euern Kindes-Kindeskindern äußern:
+So lad ich über tausend tausend Jahre
+Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
+Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
+Als ich; und sprechen. Geht!--So sagte der
+Bescheidne Richter.
+
+Saladin. Gott! Gott!
+
+Nathan. Saladin,
+Wenn du dich fühlest, dieser weisere
+Versprochne Mann zu sein:...
+
+Saladin (der auf ihn zustürzt und seine Hand ergreift, die er bis zu
+Ende nicht wieder fahren läßt).
+Ich Staub? Ich Nichts?
+O Gott!
+
+Nathan. Was ist dir, Sultan?
+
+Saladin. Nathan, lieber Nathan!--
+Die tausend tausend Jahre deines Richters
+Sind noch nicht um.--Sein Richterstuhl ist nicht
+Der meine.--Geh!--Geh!--Aber sei mein Freund.
+
+Nathan.
+Und weiter hätte Saladin mir nichts
+Zu sagen?
+
+Saladin. Nichts.
+
+Nathan. Nichts?
+
+Saladin. Gar nichts.--Und warum?
+
+Nathan.
+Ich hätte noch Gelegenheit gewünscht,
+Dir eine Bitte vorzutragen.
+
+Saladin. Braucht's
+Gelegenheit zu einer Bitte?--Rede!
+
+Nathan.
+Ich komm von einer weiten Reis', auf welcher
+Ich Schulden eingetrieben.--Fast hab ich
+Des baren Gelds zuviel.--Die Zeit beginnt
+Bedenklich wiederum zu werden;--und
+Ich weiß nicht recht, wo sicher damit hin.--
+Da dacht' ich, ob nicht du vielleicht,--weil doch
+Ein naher Krieg des Geldes immer mehr
+Erfordert,--etwas brauchen könntest.
+
+Saladin (ihm steif in die Augen sehend).
+Nathan!--
+Ich will nicht fragen, ob Al-Hafi schon
+Bei dir gewesen;--will nicht untersuchen,
+Ob dich nicht sonst ein Argwohn treibt, mir dieses
+Erbieten freierdings zu tun:...
+
+Nathan. Ein Argwohn?
+
+Saladin.
+Ich bin ihn wert.--Verzeih mir!--Denn was hilft's?
+Ich muß dir nur gestehen,--daß ich im
+Begriffe war--
+
+Nathan. Doch nicht, das Nämliche
+An mich zu suchen?
+
+Saladin. Allerdings.
+
+Nathan. So wär'
+Uns beiden ja geholfen!--Daß ich aber
+Dir alle meine Barschaft nicht kann schicken,
+Das macht der junge Tempelherr. Du kennst
+Ihn ja. Ihm hab ich eine große Post
+Vorher noch zu bezahlen.
+
+Saladin. Tempelherr?
+Du wirst doch meine schlimmsten Feinde nicht
+Mit deinem Geld auch unterstützen wollen?
+
+Nathan.
+Ich spreche von dem einen nur, dem du
+Das Leben spartest...
+
+Saladin. Ah! woran erinnerst
+Du mich!--Hab ich doch diesen Jüngling ganz
+Vergessen!--Kennst du ihn?--Wo ist er?
+
+Nathan. Wie?
+So weißt du nicht, wieviel von deiner Gnade
+Für ihn, durch ihn auf mich geflossen? Er,
+Er mit Gefahr des neu erhaltnen Lebens,
+Hat meine Tochter aus dem Feu'r gerettet.
+
+Saladin.
+Er? Hat er das?--Ha! darnach sah er aus.
+Das hätte traun mein Bruder auch getan,
+Dem er so ähnelt!--Ist er denn noch hier?
+So bring ihn her!--Ich habe meiner Schwester
+Von diesem ihren Bruder, den sie nicht
+Gekannt, so viel erzählet, daß ich sie
+Sein Ebenbild doch auch muß sehen lassen!--
+Geh, hol ihn!--Wie aus einer guten Tat,
+Gebar sie auch schon bloße Leidenschaft,
+Doch so viel andre gute Taten fließen!
+Geh, hol ihn!
+
+Nathan (indem er Saladins Hand fahren läßt).
+Augenblicks! Und bei dem andern
+Bleibt es doch auch? (Ab.)
+
+Saladin. Ah! daß ich meine Schwester
+Nicht horchen lassen!--Zu ihr! zu ihr!--Denn
+Wie soll ich alles das ihr nun erzählen?
+
+(Ab von der andern Seite.)
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Die Szene: unter den Palmen, in der Nähe des Klosters, wo der
+
+Tempelherr Nathans wartet.
+
+
+Tempelherr (geht, mit sich selbst kämpfend, auf und ab; bis er
+losbricht).
+--Hier hält das Opfertier ermüdet still.--
+Nun gut! Ich mag nicht, mag nicht näher wissen,
+Was in mir vorgeht; mag voraus nicht wittern,
+Was vorgehn wird.--Genug, ich bin umsonst
+Geflohn! umsonst.--Und weiter konnt' ich doch
+Auch nichts, als fliehn!--Nun komm', was kommen soll!--
+Ihm auszubeugen, war der Streich zu schnell
+Gefallen; unter den zu kommen, ich
+So lang und viel mich weigerte.--Sie sehn,
+Die ich zu sehn so wenig lüstern war,
+Sie sehn, und der Entschluß, sie wieder aus
+Den Augen nie zu lassen.--Was Entschluß?
+Entschluß ist Vorsatz, Tat: und ich, ich litt',
+Ich litte bloß.--Sie sehn, und das Gefühl
+An sie verstrickt, in sie verwebt zu sein,
+War eins.--Bleibt eins.--Von ihr getrennt
+Zu leben, ist mir ganz undenkbar; wär'
+Mein Tod,--und wo wir immer nach dem Tode
+Noch sind, auch da mein Tod.--Ist das nun Liebe:
+So--liebt der Tempelritter freilich,--liebt
+Der Christ das Judenmädchen freilich.--Hm!
+Was tut's?--Ich hab in dem gelobten Lande,--
+Und drum auch mir gelobt auf immerdar!--
+Der Vorurteile mehr schon abgelegt.--
+Was will mein Orden auch? Ich Tempelherr
+Bin tot; war von dem Augenblick ihm tot,
+Der mich zu Saladins Gefangnen machte.
+Der Kopf, den Saladin mir schenkte, wär'
+Mein alter?--Ist ein neuer; der von allem
+Nichts weiß, was jenem eingeplaudert ward,
+Was jenen band.--Und ist ein beßrer; für
+Den väterlichen Himmel mehr gemacht.
+Das spür ich ja. Denn erst mit ihm beginn
+Ich so zu denken, wie mein Vater hier
+Gedacht muß haben; wenn man Märchen nicht
+Von ihm mir vorgelegen.--Märchen?--doch
+Ganz glaubliche; die glaublicher mir nie,
+Als itzt geschienen, da ich nur Gefahr
+Zu straucheln laufe, wo er fiel.--Er fiel?
+Ich will mit Männern lieber fallen, als
+Mit Kindern stehn.--Sein Beispiel bürget mir
+Für seinen Beifall. Und an wessen Beifall
+Liegt mir denn sonst?--An Nathans?--O an dessen
+Ermuntrung mehr, als Beifall, kann es mir
+Noch weniger gebrechen.--Welch ein Jude!--
+Und der so ganz nur Jude scheinen will!
+Da kömmt er; kömmt mit Hast; glüht heitre Freude.
+Wer kam vom Saladin je anders?--He!
+He, Nathan!
+
+
+
+Neunter Auftritt
+
+Nathan und der Tempelherr.
+
+
+Nathan. Wie? seid Ihr's?
+
+Tempelherr. Ihr habt
+Sehr lang' Euch bei dem Sultan aufgehalten.
+
+Nathan.
+So lange nun wohl nicht. Ich ward im Hingehn
+Zu viel verweilt.--Ah, wahrlich, Curd; der Mann
+Steht seinen Ruhm. Sein Ruhm ist bloß sein Schatten.
+Doch laßt vor allen Dingen Euch geschwind
+Nur sagen...
+
+Tempelherr. Was?
+
+Nathan. Er will Euch sprechen; will,
+Daß ungesäumt Ihr zu ihm kommt. Begleitet
+Mich nur nach Hause, wo ich noch für ihn
+Erst etwas anders zu verfügen habe:
+Und dann, so gehn wir!
+
+Tempelherr. Nathan, Euer Haus
+Betret ich wieder eher nicht...
+
+Nathan. So seid
+Ihr doch indes schon da gewesen? habt
+Indes sie doch gesprochen?--Nun?--Sagt: wie
+Gefällt Euch Recha?
+
+Tempelherr. Über allen Ausdruck!
+Allein,--sie wiedersehn--das werd ich nie!
+Nie! nie!--Ihr müßtet mir zur Stelle denn
+Versprechen:--daß ich sie auf immer, immer--
+Soll können sehn.
+
+Nathan. Wie wollt Ihr, daß ich das
+Versteh?
+
+Tempelherr (nach einer kurzen Pause ihm plötzlich um den Hals fallend).
+Mein Vater!
+
+Nathan.--Junger Mann!
+
+Tempelherr (ihn ebenso plötzlich wieder lassend).
+Nicht Sohn?--
+Ich bitt Euch, Nathan!--
+
+Nathan. Lieber junger Mann!
+
+Tempelherr.
+Nicht Sohn?--Ich bitt Euch, Nathan!--Ich beschwör
+Euch bei den ersten Banden der Natur!--
+Zieht ihnen spätre Fesseln doch nicht vor!--
+Begnügt Euch doch ein Mensch zu sein!--Stoßt mich
+Nicht von Euch!
+
+Nathan. Lieber, lieber Freund!...
+
+Tempelherr. Und Sohn?
+Sohn nicht?--Auch dann nicht, dann nicht einmal, wenn
+Erkenntlichkeit zum Herzen Eurer Tochter
+Der Liebe schon den Weg gebahnet hätte?
+Auch dann nicht einmal, wenn in eins zu schmelzen,
+Auf Euern Wink nur beide warteten?--
+Ihr schweigt?
+
+Nathan. Ihr überrascht mich, junger Ritter.
+
+Tempelherr.
+Ich überrasch Euch?--überrasch Euch, Nathan,
+Mit Euern eigenen Gedanken?--Ihr
+Verkennt sie doch in meinem Munde nicht?--
+Ich überrasch Euch?
+
+Nathan. Eh' ich einmal weiß,
+Was für ein Stauffen Euer Vater denn
+Gewesen ist!
+
+Tempelherr. Was sagt Ihr, Nathan? was?
+In diesem Augenblicke fühlt Ihr nichts
+Als Neubegier?
+
+Nathan. Denn seht! Ich habe selbst
+Wohl einen Stauffen ehedem gekannt,
+Der Conrad hieß.
+
+Tempelherr. Nun,--wenn mein Vater denn
+Nun ebenso geheißen hätte?
+
+Nathan. Wahrlich?
+
+Tempelherr.
+Ich heiße selber ja nach meinem Vater: Curd
+Ist Conrad.
+
+Nathan. Nun--so war mein Conrad doch
+Nicht Euer Vater. Denn mein Conrad war,
+Was Ihr; war Tempelherr; war nie vermählt.
+
+Tempelherr.
+O darum!
+
+Nathan. Wie?
+
+Tempelherr. O darum könnt' er doch
+Mein Vater wohl gewesen sein.
+
+Nathan. Ihr scherzt.
+
+Tempelherr.
+Und Ihr nehmt's wahrlich zu genau!--Was wär's
+Denn nun? So was von Bastard oder Bankert!
+Der Schlag ist auch nicht zu verachten.--Doch
+Entlaßt mich immer meiner Ahnenprobe.
+Ich will Euch Eurer wiederum entlassen.
+Nicht zwar, als ob ich den geringsten Zweifel
+In Euern Stammbaum setzte. Gott behüte!
+Ihr könnt ihn Blatt vor Blatt bis Abraham
+Hinauf belegen. Und von da so weiter,
+Weiß ich ihn selbst; will ich ihn selbst beschwören.
+
+Nathan.
+Ihr werdet bitter.--Doch verdien ich's?--Schlug
+Ich denn Euch schon was ab?--Ich will Euch ja
+Nur bei dem Worte nicht den Augenblick
+So fassen.--Weiter nichts.
+
+Tempelherr. Gewiß?--Nichts weiter?
+O so vergebt!...
+
+Nathan. Nun kommt nur, kommt!
+
+Tempelherr. Wohin?
+Nein!--Mit in Euer Haus?--Das nicht! das nicht!--
+Da brennt's!--Ich will Euch hier erwarten. Geht!--
+Soll ich sie wiedersehn: so seh ich sie
+Noch oft genug. Wo nicht: so sah ich sie
+Schon viel zu viel...
+
+Nathan. Ich will mich möglichst eilen.
+
+
+
+Zehnter Auftritt
+
+Der Tempelherr und bald darauf Daja.
+
+
+Tempelherr.
+Schon mehr als g'nug!--Des Menschen Hirn faßt so
+Unendlich viel; und ist doch manchmal auch
+So plötzlich voll! von einer Kleinigkeit
+So plötzlich voll!--Taugt nichts, taugt nichts; es sei
+Auch voll wovon es will.--Doch nur Geduld!
+Die Seele wirkt den auf gedunsnen Stoff
+Bald ineinander, schafft sich Raum, und Licht
+Und Ordnung kommen wieder.--Lieb ich denn
+Zum ersten Male?--Oder war, was ich
+Als Liebe kenne, Liebe nicht?--Ist Liebe
+Nur was ich itzt empfinde?...
+
+Daja (die sich von der Seite herbeigeschlichen).
+Ritter! Ritter!
+
+Tempelherr.
+Wer ruft?--Ha, Daja, Ihr?
+
+Daja. Ich habe mich
+Bei ihm vorbeigeschlichen. Aber noch
+Könnt' er uns sehn, wo Ihr da steht.--Drum kommt
+Doch näher zu mir, hinter diesen Baum.
+
+Tempelherr.
+Was gibt's denn?--So geheimnisvoll?--Was ist's?
+
+Daja.
+Ja wohl betrifft es ein Geheimnis, was
+Mich zu Euch bringt; und zwar ein doppeltes.
+Das eine weiß nur ich; das andre wißt
+Nur Ihr.--Wie wär' es, wenn wir tauschten?
+Vertraut mir Euers: so vertrau ich Euch
+Das meine.
+
+Tempelherr. Mit Vergnügen.--Wenn ich nur
+Erst weiß, was Ihr für meines achtet. Doch
+Das wird aus Euerm wohl erhellen.--Fangt
+Nur immer an.
+
+Daja. Ei denkt doch!--Nein, Herr Ritter.
+Erst Ihr; ich folge.--Denn versichert, mein
+Geheimnis kann Euch gar nichts nutzen, wenn
+Ich nicht zuvor das Eure habe.--Nur
+Geschwind!--Denn frag ich's Euch erst ab: so habt
+Ihr nichts vertrauet. Mein Geheimnis dann
+Bleibt mein Geheimnis; und das Eure seid
+Ihr los.--Doch armer Ritter!--Daß Ihr Männer
+Ein solch Geheimnis vor uns Weibern haben
+Zu können, auch nur glaubt!
+
+Tempelherr. Das wir zu haben
+Oft selbst nicht wissen.
+
+Daja. Kann wohl sein. Drum muß
+Ich freilich erst, Euch selbst damit bekannt
+Zu machen, schon die Freundschaft haben.--Sagt--
+Was hieß denn das, daß Ihr so Knall und Fall
+Euch aus dem Staube machtet? daß Ihr uns
+So sitzenließet?--daß Ihr nun mit Nathan
+Nicht wiederkommt?--Hat Recha denn so wenig
+Auf Euch gewirkt? wie? oder auch, so viel?--
+So viel! so viel!--Lehrt Ihr des armen Vogels,
+Der an der Rute klebt, Geflattre mich
+Doch kennen!--Kurz: gesteht es mir nur gleich,
+Daß Ihr sie liebt, liebt bis zum Unsinn; und
+Ich sag Euch was...
+
+Tempelherr. Zum Unsinn? Wahrlich; Ihr
+Versteht Euch trefflich drauf.
+
+Daja. Nun gebt mir nur
+Die Liebe zu; den Unsinn will ich Euch
+Erlassen.
+
+Tempelherr. Weil er sich von selbst versteht?--
+Ein Tempelherr ein Judenmädchen lieben!...
+
+Daja.
+Scheint freilich wenig Sinn zu haben.--Doch
+Zuweilen ist des Sinns in einer Sache
+Auch mehr, als wir vermuten; und es wäre
+So unerhört doch nicht, daß uns der Heiland
+Auf Wegen zu sich zöge, die der Kluge
+Von selbst nicht leicht betreten würde.
+
+Tempelherr. Das
+So feierlich?--(Und setz ich statt des Heilands
+Die Vorsicht: hat sie denn nicht recht?--) Ihr macht
+Mich neubegieriger, als ich wohl sonst
+Zu sein gewohnt bin.
+
+Daja. Oh! das ist das Land
+Der Wunder!
+
+Tempelherr. (Nun!--des Wunderbaren. Kann
+Es auch wohl anders sein? Die ganze Welt
+Drängt sich ja hier zusammen.)--Liebe Daja,
+Nehmt für gestanden an, was Ihr verlangt:
+Daß ich sie liebe; daß ich nicht begreife,
+Wie ohne sie ich leben werde; daß...
+
+Daja.
+Gewiß? gewiß?--So schwört mir, Ritter, sie
+Zur Eurigen zu machen; sie zu retten:
+Sie zeitlich hier, sie ewig dort zu retten.
+
+Tempelherr.
+Und wie?--Wie kann ich?--Kann ich schwören, was
+In meiner Macht nicht steht?
+
+Daja. In Eurer Macht
+Steht es. Ich bring es durch ein einzig Wort
+In Eure Macht.
+
+Tempelherr. Daß selbst der Vater nichts
+Dawider hätte?
+
+Daja. Ei, was Vater! Vater!
+Der Vater soll schon müssen.
+
+Tempelherr. Müssen, Daja?--
+Noch ist er unter Räuber nicht gefallen.
+Er muß nicht müssen.
+
+Daja. Nun, so muß er wollen;
+Muß gern am Ende wollen.
+
+Tempelherr. Muß und gern!--
+Doch, Daja, wenn ich Euch nun sage, daß
+Ich selber diese Sait' ihm anzuschlagen
+Bereits versucht?
+
+Daja. Was? und er fiel nicht ein?
+
+Tempelherr.
+Er fiel mit einem Mißlaut ein, der mich--
+Beleidigte.
+
+Daja. Was sagt Ihr?--Wie? Ihr hättet
+Den Schatten eines Wunsches nur nach Recha
+Ihm blicken lassen: und er wär' vor Freuden
+Nicht aufgesprungen? hätte frostig sich
+Zurückgezogen? hätte Schwierigkeiten
+Gemacht?
+
+Tempelherr. So ungefähr.
+
+Daja. So will ich denn
+Mich länger keinen Augenblick bedenken.
+
+(Pause.)
+
+Tempelherr.
+Und Ihr bedenkt Euch doch?
+
+Daja. Der Mann ist sonst
+So gut!--Ich selber bin so viel ihm schuldig!--
+Daß er doch gar nicht hören will!--Gott weiß,
+Das Herze blutet mir, ihn so zu zwingen.
+
+Tempelherr.
+Ich bitt Euch, Daja, setzt mich kurz und gut
+Aus dieser Ungewißheit. Seid Ihr aber
+Noch selber ungewiß; ob, was Ihr vorhabt,
+Gut oder böse, schändlich oder löblich
+Zu nennen:--schweigt!--Ich will vergessen, daß
+Ihr etwas zu verschweigen habt.
+
+Daja. Das spornt,
+Anstatt zu halten. Nun; so wißt denn: Recha
+Ist keine Jüdin; ist--ist eine Christin.
+
+Tempelherr (kalt).
+So? Wünsch Euch Glück! Hat's schwer gehalten? Laßt
+Euch nicht die Wehen schrecken!--Fahret ja
+Mit Eifer fort, den Himmel zu bevölkern:
+Wenn Ihr die Erde nicht mehr könnt!
+
+Daja. Wie, Ritter?
+Verdienet meine Nachricht diesen Spott?
+Daß Recha eine Christin ist: das freuet
+Euch, einen Christen, einen Tempelherrn,
+Der Ihr sie liebt, nicht mehr?
+
+Tempelherr. Besonders, da
+Sie eine Christin ist von Eurer Mache.
+
+Daja.
+Ah! so versteht Ihr's? So mag's gelten!--Nein!
+Den will ich sehn, der die bekehren soll!
+Ihr Glück ist, längst zu sein, was sie zu werden
+Verdorben ist.
+
+Tempelherr. Erklärt Euch, oder--geht!
+
+Daja.
+Sie ist ein Christenkind, von Christeneltern
+Geboren; ist getauft...
+
+Tempelherr (hastig). Und Nathan?
+
+Daja. Nicht
+Ihr Vater!
+
+Tempelherr. Nathan nicht ihr Vater?--Wißt
+Ihr, was Ihr sagt?
+
+Daja. Die Wahrheit, die so oft
+Mich blut'ge Tränen weinen machen.--Nein,
+Er ist ihr Vater nicht...
+
+Tempelherr. Und hätte sie
+Als seine Tochter nur erzogen? hätte
+Das Christenkind als eine Jüdin sich
+Erzogen?
+
+Daja. Ganz gewiß.
+
+Tempelherr. Sie wüßte nicht,
+Was sie geboren sei?--Sie hätt' es nie
+Von ihm erfahren, daß sie eine Christin
+Geboren sei, und keine Jüdin?
+
+Daja. Nie!
+
+Tempelherr.
+Er hätt' in diesem Wahne nicht das Kind
+Bloß auferzogen? ließ das Mädchen noch
+In diesem Wahne?
+
+Daja. Leider!
+
+Tempelherr. Nathan--Wie?
+Der weise gute Nathan hätte sich
+Erlaubt, die Stimme der Natur so zu
+Verfälschen?--Die Ergießung eines Herzens
+So zu verrenken, die, sich selbst gelassen,
+Ganz andre Wege nehmen würde?--Daja,
+Ihr habt mir allerdings etwas vertraut--
+Von Wichtigkeit,--was Folgen haben kann,--
+Was mich verwirrt,--worauf ich gleich nicht weiß,
+Was mir zu tun.--Drum laßt mir Zeit.--Drum geht!
+Er kömmt hier wiederum vorbei. Er möcht'
+Uns überfallen. Geht!
+
+Daja. Ich wär' des Todes!
+
+Tempelherr.
+Ich bin ihn itzt zu sprechen ganz und gar
+Nicht fähig. Wenn Ihr ihm begegnet, sagt
+Ihm nur, daß wir einander bei dem Sultan
+Schon finden würden.
+
+Daja. Aber laßt Euch ja
+Nichts merken gegen ihn.--Das soll nur so
+Den letzten Druck dem Dinge geben; soll
+Euch, Rechas wegen, alle Skrupel nur
+Benehmen!--Wenn Ihr aber dann sie nach
+Europa führt: so laßt Ihr doch mich nicht
+Zurück?
+
+Tempelherr. Das wird sich finden. Geht nur, geht!
+
+
+
+
+
+Vierter Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+(Szene: in den Kreuzgängen des Klosters.)
+
+Der Klosterbruder und bald darauf der Tempelherr.
+
+
+Klosterbruder.
+Ja, ja! er hat schon recht, der Patriarch!
+Es hat mir freilich noch von alledem
+Nicht viel gelingen wollen, was er mir
+So aufgetragen.--Warum trägt er mir
+Auch lauter solche Sachen auf?--Ich mag
+Nicht fein sein; mag nicht überreden; mag
+Mein Näschen nicht in alles stecken; mag
+Mein Händchen nicht in allem haben.--Bin
+Ich darum aus der Welt geschieden, ich
+Für mich; um mich für andre mit der Welt
+Noch erst recht zu verwickeln?
+
+Tempelherr (mit Hast auf ihn zukommend).
+Guter Bruder!
+Da seid Ihr ja. Ich hab Euch lange schon
+Gesucht.
+
+Klosterbruder. Mich, Herr?
+
+Tempelherr. Ihr kennt mich schon nicht mehr?
+
+Klosterbruder.
+Doch, doch! Ich glaubte nur, daß ich den Herrn
+In meinem Leben wieder nie zu sehn
+Bekommen würde. Denn ich hofft' es zu
+Dem lieben Gott.--Der liebe Gott, der weiß,
+Wie sauer mir der Antrag ward, den ich
+Dem Herrn zu tun verbunden war. Er weiß,
+Ob ich gewünscht, ein offnes Ohr bei Euch
+Zu finden; weiß, wie sehr ich mich gefreut,
+Im Innersten gefreut, daß Ihr so rund
+Das alles, ohne viel Bedenken, von
+Euch wies't, was einem Ritter nicht geziemt.--
+Nun kommt Ihr doch; nun hat's doch nachgewirkt!
+
+Tempelherr.
+Ihr wißt es schon, warum ich komme? Kaum
+Weiß ich es selbst.
+
+Klosterbruder. Ihr habt's nun überlegt;
+Habt nun gefunden, daß der Patriarch
+So unrecht doch nicht hat; daß Ehr' und Geld
+Durch seinen Anschlag zu gewinnen; daß
+Ein Feind ein Feind ist, wenn er unser Engel
+Auch siebenmal gewesen wäre. Das,
+Das habt Ihr nun mit Fleisch und Blut erwogen,
+Und kommt, und tragt Euch wieder an.--Ach Gott!
+
+Tempelherr.
+Mein frommer, lieber Mann! gebt Euch zufrieden.
+Deswegen komm ich nicht; deswegen will
+Ich nicht den Patriarchen sprechen. Noch,
+Noch denk ich über jenen Punkt, wie ich
+Gedacht, und wollt' um alles in der Welt
+Die gute Meinung nicht verlieren, deren
+Mich ein so grader, frommer, lieber Mann
+Einmal gewürdiget.--Ich komme bloß,
+Den Patriarchen über eine Sache
+Um Rat zu fragen...
+
+Klosterbruder. Ihr den Patriarchen?
+Ein Ritter, einen--Pfaffen?
+(Sich schüchtern umsehend.)
+
+Tempelherr. Ja;--die Sach'
+Ist ziemlich pfäffisch.
+
+Klosterbruder. Gleichwohl fragt der Pfaffe
+Den Ritter nie, die Sache sei auch noch
+So ritterlich.
+
+Tempelherr. Weil er das Vorrecht hat,
+Sich zu vergehn; das unsereiner ihm
+Nicht sehr beneidet.--Freilich, wenn ich nur
+Für mich zu handeln hätte; freilich, wenn
+Ich Rechenschaft nur mir zu geben hätte:
+Was braucht' ich Euers Patriarchen? Aber
+Gewisse Dinge will ich lieber schlecht,
+Nach andrer Willen, machen; als allein
+Nach meinem, gut.--Zudem, ich seh nun wohl,
+Religion ist auch Partei; und wer
+Sich drob auch noch so unparteiisch glaubt,
+Hält, ohn' es selbst zu wissen, doch nur seiner
+Die Stange. Weil das einmal nun so ist:
+Wird's so wohl recht sein.
+
+Klosterbruder. Dazu schweig ich lieber.
+Denn ich versteh den Herrn nicht recht.
+
+Tempelherr. Und doch!--
+(Laß sehn, warum mir eigentlich zu tun!
+Um Machtspruch oder Rat?--Um lautern, oder
+Gelehrten Rat?)--Ich dank Euch, Bruder; dank
+Euch für den guten Wink.--Was Patriarch?--
+Seid Ihr mein Patriarch! Ich will ja doch
+Den Christen mehr im Patriarchen, als
+Den Patriarchen in dem Christen fragen.--
+Die Sach' ist die...
+
+Klosterbruder. Nicht weiter, Herr, nicht weiter!
+Wozu?--Der Herr verkennt mich.--Wer viel weiß,
+Hat viel zu sorgen; und ich habe ja
+Mich einer Sorge nur gelobt.--O gut!
+Hört! seht! Dort kömmt, zu meinem Glück, er selbst.
+Bleibt hier nur stehn. Er hat Euch schon erblickt.
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Der Patriarch, welcher mit allem geistlichen Pomp den einen Kreuzgang
+heraufkommt, und die Vorigen.
+
+
+Tempelherr.
+Ich wich' ihm lieber aus.--Wär' nicht mein Mann!
+Ein dicker, roter, freundlicher Prälat!
+Und welcher Prunk!
+
+Klosterbruder. Ihr solltet ihn erst sehn
+Nach Hofe sich erheben. Itzo kömmt
+Er nur von einem Kranken.
+
+Tempelherr. Wie sich da
+Nicht Saladin wird schämen müssen!
+
+Patriarch (indem er näherkommt, winkt dem Bruder). Hier!--
+Das ist ja wohl der Tempelherr. Was will
+Er?
+
+Klosterbruder. Weiß nicht.
+
+Patriarch (auf ihn zugehend, indem der Bruder und das Gefolge
+zurücktreten).
+Nun, Herr Ritter!--Sehr erfreut,
+Den braven jungen Mann zu sehn!--Ei, noch
+So gar jung!--Nun, mit Gottes Hilfe, daraus
+Kann etwas werden.
+
+Tempelherr. Mehr, ehrwürd'ger Herr,
+Wohl schwerlich, als schon ist. Und eher noch,
+Was weniger.
+
+Patriarch. Ich wünsche wenigstens,
+Daß so ein frommer Ritter lange noch
+Der lieben Christenheit, der Sache Gottes
+Zu Ehr' und Frommen blühn und grünen möge!
+Das wird denn auch nicht fehlen, wenn nur fein
+Die junge Tapferkeit dem reifen Rate
+Des Alters folgen will!--Womit wär' sonst
+Dem Herrn zu dienen?
+
+Tempelherr. Mit dem nämlichen,
+Woran es meiner Jugend fehlt: mit Rat.
+
+Patriarch.
+Recht gern!--Nur ist der Rat auch anzunehmen.
+
+Tempelherr.
+Doch blindlings nicht?
+
+Patriarch. Wer sagt denn das?--Ei freilich
+Muß niemand die Vernunft, die Gott ihm gab,
+Zu brauchen unterlassen,--wo sie hin-
+Gehört.--Gehört sie aber überall
+Denn hin?--O nein!--Zum Beispiel: wenn uns Gott
+Durch einen seiner Engel,--ist zu sagen,
+Durch einen Diener seines Worts,--ein Mittel
+Bekannt zu machen würdiget, das Wohl
+Der ganzen Christenheit, das Heil der Kirche,
+Auf irgendeine ganz besondre Weise
+Zu fördern, zu befestigen: wer darf
+Sich da noch unterstehn, die Willkür des,
+Der die Vernunft erschaffen, nach Vernunft
+Zu untersuchen? und das ewige
+Gesetz der Herrlichkeit des Himmels, nach
+Den kleinen Regeln einer eiteln Ehre
+Zu prüfen?--Doch hiervon genug.--Was ist
+Es denn, worüber unsern Rat für itzt
+Der Herr verlangt?
+
+Tempelherr. Gesetzt, ehrwürd'ger Vater,
+Ein Jude hätt' ein einzig Kind,--es sei
+Ein Mädchen,--das er mit der größten Sorgfalt
+Zu allem Guten auferzogen, das
+Er liebe mehr als seine Seele, das
+Ihn wieder mit der frömmsten Liebe liebe.
+Und nun würd' unsereinem hinterbracht,
+Dies Mädchen sei des Juden Tochter nicht;
+Er hab' es in der Kindheit aufgelesen,
+Gekauft, gestohlen,--was Ihr wollt; man wisse,
+Das Mädchen sei ein Christenkind, und sei
+Getauft; der Jude hab' es nur als Jüdin
+Erzogen; lass' es nur als Jüdin und
+Als seine Tochter so verharren:--sagt,
+Ehrwürd'ger Vater, was wär' hierbei wohl
+Zu tun?
+
+Patriarch. Mich schaudert!--Doch zu allererst
+Erkläre sich der Herr, ob so ein Fall
+Ein Faktum oder eine Hypothes'.
+Das ist zu sagen: ob der Herr sich das
+Nur bloß so dichtet, oder ob's geschehn,
+Und fortfährt zu geschehn.
+
+Tempelherr. Ich, glaubte, das
+Sei eins, um Euer Hochehrwürden Meinung
+Bloß zu vernehmen.
+
+Patriarch. Eins?--Da seh' der Herr
+Wie sich die stolze menschliche Vernunft
+Im Geistlichen doch irren kann.--Mitnichten!
+Denn ist der vorgetragne Fall nur so
+Ein Spiel des Witzes: so verlohnt es sich
+Der Mühe nicht, im Ernst ihn durchzudenken.
+Ich will den Herrn damit auf das Theater
+Verwiesen haben, wo dergleichen pro
+Et contra sich mit vielem Beifall könnte
+Behandeln lassen.--Hat der Herr mich aber
+Nicht bloß mit einer theatral'schen Schnurre
+Zum besten; ist der Fall ein Faktum; hätt'
+Er sich wohl gar in unsrer Diözes',
+In unsrer lieben Stadt Jerusalem
+Ereignet:--ja alsdann--
+
+Tempelherr. Und was alsdann?
+
+Patriarch.
+Dann wäre an dem Juden fördersamst
+Die Strafe zu vollziehn, die päpstliches
+Und kaiserliches Recht so einem Frevel,
+So einer Lastertat bestimmen.
+
+Tempelherr. So?
+
+Patriarch.
+Und zwar bestimmen obbesagte Rechte
+Dem Juden, welcher einen Christen zur
+Apostasie verführt,--den Scheiterhaufen,
+Den Holzstoß--
+
+Tempelherr. So?
+
+Patriarch. Und wieviel mehr dem Juden,
+Der mit Gewalt ein armes Christenkind
+Dem Bunde seiner Tauf' entreißt! Denn ist
+Nicht alles, was man Kindern tut, Gewalt?--
+Zu sagen:--ausgenommen, was die Kirch'
+An Kindern tut.
+
+Tempelherr. Wenn aber nun das Kind,
+Erbarmte seiner sich der Jude nicht,
+Vielleicht im Elend umgekommen wäre?
+
+Patriarch.
+Tut nichts! der Jude wird verbrannt!--Denn besser,
+Es wäre hier im Elend umgekommen,
+Als daß zu seinem ewigen Verderben
+Es so gerettet ward.--Zudem, was hat
+Der Jude Gott denn vorzugreifen? Gott
+Kann, wen er retten will, schon ohn' ihn retten.
+
+Tempelherr.
+Auch trotz ihm, sollt' ich meinen,--selig machen.
+
+Patriarch.
+Tut nichts! der Jude wird verbrannt.
+
+Tempelherr. Das geht
+Mir nah'! Besonders, da man sagt, er habe
+Das Mädchen nicht sowohl in seinem, als
+Vielmehr in keinem Glauben auferzogen,
+Und sie von Gott nicht mehr nicht weniger
+Gelehrt, als der Vernunft genügt.
+
+Patriarch. Tut nichts!
+Der Jude wird verbrannt... Ja, wär' allein
+Schon dieserwegen wert, dreimal verbrannt
+Zu werden!--Was? ein Kind ohn' allen Glauben
+Erwachsen lassen?--Wie? die große Pflicht,
+Zu glauben, ganz und gar ein Kind nicht lehren?
+Das ist zu arg! Mich wundert sehr, Herr Ritter,
+Euch selbst...
+
+Tempelherr. Ehrwürd'ger Herr, das übrige,
+Wenn Gott will, in der Beichte. (Will gehn.)
+
+Patriarch. Was? mir nun
+Nicht einmal Rede stehn?--Den Bösewicht,
+Den Juden mir nicht nennen?--mir ihn nicht
+Zur Stelle schaffen?--O da weiß ich Rat!
+Ich geh sogleich zum Sultan.--Saladin,
+Vermöge der Kapitulation,
+Die er beschworen, muß uns, muß uns schützen;
+Bei allen Rechten, allen Lehren schützen,
+Die wir zu unsrer Allerheiligsten
+Religion nur immer rechnen dürfen!
+Gottlob! wir haben das Original.
+Wir haben seine Hand, sein Siegel. Wir!--
+Auch mach ich ihm gar leicht begreiflich, wie
+Gefährlich selber für den Staat es ist,
+Nichts glauben! Alle bürgerliche Bande
+Sind aufgelöset, sind zerrissen, wenn
+Der Mensch nichts glauben darf.--Hinweg! hinweg
+Mit solchem Frevel!...
+
+Tempelherr. Schade, daß ich nicht
+Den trefflichen Sermon mit beßrer Muße
+Genießen kann! Ich bin zum Saladin
+Gerufen.
+
+Patriarch. Ja?--Nun so--Nun freilich--Dann--
+
+Tempelherr.
+Ich will den Sultan vorbereiten, wenn
+Es Eurer Hochehrwürden so gefällt.
+
+Patriarch.
+Oh, oh!--Ich weiß, der Herr hat Gnade funden
+Vor Saladin!--Ich bitte meiner nur
+Im Besten bei ihm eingedenk zu sein.--
+Mich treibt der Eifer Gottes lediglich.
+Was ich zuviel tu, tu ich ihm.--Das wolle
+Doch ja der Herr erwägen!--Und nicht wahr,
+Herr Ritter? das vorhin Erwähnte von
+Dem Juden, war nur ein Problema?--ist
+Zu sagen--
+
+Tempelherr. Ein Problema. (Geht ab.)
+
+Patriarch. (Dem ich tiefer
+Doch auf den Grund zu kommen suchen muß.
+Das wär' so wiederum ein Auftrag für
+Den Bruder Bonafides.)--Hier, mein Sohn!
+
+(Er spricht im Abgehn mit dem Klosterbruder.)
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+(Szene: ein Zimmer im Palaste des Saladin, in welches von Sklaven
+eine Menge Beutel getragen, und auf dem Boden nebeneinandergestellt
+werden.)
+
+Saladin und bald darauf Sittah.
+
+
+Saladin (der dazukömmt).
+Nun wahrlich! das hat noch kein Ende.--Ist
+Des Dings noch viel zurück?
+
+Ein Sklave. Wohl noch die Hälfte.
+
+Saladin.
+So tragt das übrige zu Sittah.--Und
+Wo bleibt Al-Hafi? Das hier soll sogleich
+Al-Hafi zu sich nehmen.--Oder ob
+Ich's nicht vielmehr dem Vater schicke? Hier
+Fällt mir es doch nur durch die Finger.--Zwar
+Man wird wohl endlich hart; und nun gewiß
+Soll's Künste kosten, mir viel abzuzwacken.
+Bis wenigstens die Gelder aus Ägypten
+Zur Stelle kommen, mag das Armut sehn,
+Wie's fertig wird!--Die Spenden bei dem Grabe,
+Wenn die nur fortgehn! Wenn die Christenpilger
+Mit leeren Händen nur nicht abziehn dürfen!
+Wenn nur--
+
+Sittah. Was soll nun das? Was soll das Geld
+Bei mir?
+
+Saladin. Mach dich davon bezahlt; und leg
+Auf Vorrat, wenn was übrigbleibt.
+
+Sittah. Ist Nathan
+Noch mit dem Tempelherrn nicht da?
+
+Saladin. Er sucht
+Ihn aller Orten.
+
+Sittah. Sieh doch, was ich hier,
+Indem mir so mein alt Geschmeide durch
+Die Hände geht, gefunden.
+
+(Ihm ein klein Gemälde zeigend.)
+
+Saladin. Ha! mein Bruder!
+Das ist er, ist er!--War er! war er! ah!--
+Ah wackrer lieber Junge, daß ich dich
+So früh verlor! Was hätt' ich erst mit dir,
+An deiner Seit' erst unternommen!--Sittah,
+Laß mir das Bild. Auch kenn ich's schon: er gab
+Es deiner ältern Schwester, seiner Lilla,
+Die eines Morgens ihn so ganz und gar
+Nicht aus den Armen lassen wollt'. Es war
+Der letzte, den er ausritt.--Ah, ich ließ
+Ihn reiten, und allein!--Ah, Lilla starb
+Vor Gram, und hat mir's nie vergeben, daß
+Ich so allein ihn reiten lassen.--Er
+Blieb weg!
+
+Sittah. Der arme Bruder!
+
+Saladin. Laß nur gut
+Sein!--Einmal bleiben wir doch alle weg!--
+Zudem,--wer weiß? Der Tod ist's nicht allein,
+Der einem Jüngling seiner Art das Ziel
+Verrückt. Er hat der Feinde mehr; und oft
+Erliegt der Stärkste gleich dem Schwächsten.--Nun,
+Sei wie ihm sei!--Ich muß das Bild doch mit
+Dem jungen Tempelherrn vergleichen; muß
+Doch sehn, wieviel mich meine Phantasie
+Getäuscht.
+
+Sittah. Nur darum bring ich's. Aber gib
+Doch, gib! Ich will dir das wohl sagen; das
+Versteht ein weiblich Aug' am besten.
+
+Saladin (zu einem Türsteher, der hereintritt).
+Wer
+Ist da?--der Tempelherr?--Er komm'!
+
+Sittah. Euch nicht
+Zu stören: ihn mit meiner Neugier nicht
+Zu irren--
+(Sie setzt sich seitwärts auf einen Sofa und läßt den Schleier fallen.)
+
+Saladin. Gut so! gut!--(Und nun sein Ton!
+Wie der wohl sein wird!--Assads Ton
+Schläft auch wohl wo in meiner Seele noch!)
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Der Tempelherr und Saladin.
+
+
+Tempelherr.
+Ich, dein Gefangner, Sultan...
+
+Saladin. Mein Gefangner?
+Wem ich das Leben schenke, werd ich dem
+Nicht auch die Freiheit schenken?
+
+Tempelherr. Was dir ziemt
+Zu tun, ziemt mir, erst zu vernehmen, nicht
+Vorauszusetzen. Aber, Sultan,--Dank,
+Besondern Dank dir für mein Leben zu
+Beteuern, stimmt mit meinem Stand und meinem
+Charakter nicht.--Es steht in allen Fällen
+Zu deinen Diensten wieder.
+
+Saladin. Brauch es nur
+Nicht wider mich!--Zwar ein paar Hände mehr,
+Die gönnt' ich meinem Feinde gern. Allein
+Ihm so ein Herz auch mehr zu gönnen, fällt
+Mir schwer.--Ich habe mich mit dir in nichts
+Betrogen, braver junger Mann! Du bist
+Mit Seel' und Leib mein Assad. Sieh! ich könnte
+Dich fragen: wo du denn die ganze Zeit
+Gesteckt? in welcher Höhle du geschlafen?
+In welchem Ginnistan, von welcher guten
+Div diese Blume fort und fort so frisch
+Erhalten worden? Sich! ich könnte dich
+Erinnern wollen, was wir dort und dort
+Zusammen ausgeführt. Ich könnte mit
+Dir zanken, daß du ein Geheimnis doch
+Vor mir gehabt! Ein Abenteuer mir
+Doch unterschlagen:--Ja das könnt' ich; wenn
+Ich dich nur säh', und nicht auch mich.--Nun, mag's!
+Von dieser süßen Träumerei ist immer
+Doch so viel wahr, daß mir in meinem Herbst
+Ein Assad wieder blühen soll.--Du bist
+Es doch zufrieden, Ritter?
+
+Tempelherr. Alles, was
+Von dir mir kömmt,--sei was es will--das lag
+Als Wunsch in meiner Seele.
+
+Saladin. Laß uns das
+Sogleich versuchen.--Bliebst du wohl bei mir?
+Um mir?--Als Christ, als Muselmann: gleichviel!
+Im weißen Mantel, oder Jamerlonk;
+Im Tulban, oder deinem Filze: wie
+Du willst! Gleichviel! Ich habe nie verlangt,
+Daß allen Bäumen eine Rinde wachse.
+
+Tempelherr.
+Sonst wärst du wohl auch schwerlich, der du bist:
+Der Held, der lieber Gottes Gärtner wäre.
+
+Saladin.
+Nun dann; wenn du nicht schlechter von mir denkst:
+So wären wir ja halb schon richtig?
+
+Tempelherr Ganz!
+
+Saladin (ihm die Hand bietend).
+Ein Wort?
+
+Tempelherr (einschlagend).
+Ein Mann!--Hiermit empfange mehr
+Als du mir nehmen konntest. Ganz der Deine!
+
+Saladin.
+Zuviel Gewinn für einen Tag! zuviel!
+Kam er nicht mit?
+
+Tempelherr. Wer?
+
+Saladin. Nathan.
+
+Tempelherr (frostig). Nein. Ich kam
+Allein.
+
+Saladin. Welch eine Tat von dir! Und welch
+Ein weises Glück, daß eine solche Tat
+Zum Besten eines solchen Mannes ausschlug.
+
+Tempelherr.
+Ja, ja!
+
+Saladin. So kalt?--Nein, junger Mann! wenn Gott
+Was Gutes durch uns tut, muß man so kalt
+Nicht sein!--selbst aus Bescheidenheit so kalt
+Nicht scheinen wollen!
+
+Tempelherr. Daß doch in der Welt
+Ein jedes Ding so manche Seiten hat!--
+Von denen oft sich gar nicht denken läßt,
+Wie sie zusammenpassen!
+
+Saladin. Halte dich
+Nur immer an die best', und preise Gott!
+Der weiß, wie sie zusammenpassen.--Aber,
+Wenn du so schwierig sein willst, junger Mann:
+So werd auch ich ja wohl auf meiner Hut
+Mich mit dir halten müssen? Leider bin
+Auch ich ein Ding von vielen Seiten, die
+Oft nicht so recht zu passen scheinen mögen.
+
+Tempelherr.
+Das schmerzt!--Denn Argwohn ist so wenig sonst
+Mein Fehler--
+
+Saladin. Nun, so sage doch, mit wem
+Du's hast?--Es schien ja gar, mit Nathan. Wie?
+Auf Nathan Argwohn? du?--Erklär dich! sprich!
+Komm, gib mir deines Zutrauns erste Probe.
+
+Tempelherr.
+Ich habe wider Nathan nichts. Ich zürn
+Allein mit mir--
+
+Saladin. Und über was?
+
+Tempelherr. Daß mir
+Geträumt, ein Jude könn' auch wohl ein Jude
+Zu sein verlernen; daß mir wachend so
+Geträumt.
+
+Saladin. Heraus mit diesem wachen Traume!
+
+Tempelherr.
+Du weißt von Nathans Tochter, Sultan. Was
+Ich für sie tat, das tat ich,--weil ich's tat.
+Zu stolz, Dank einzuernten, wo ich ihn
+Nicht säete, verschmäht' ich Tag für Tag,
+Das Mädchen noch einmal zu sehn. Der Vater
+War fern; er kömmt; er hört; er sucht mich auf;
+Er dankt; er wünscht, daß seine Tochter mir
+Gefallen möge; spricht von Aussicht, spricht
+Von heitern Fernen.--Nun, ich lasse mich
+Beschwatzen, komme, sehe, finde wirklich
+Ein Mädchen... Ah, ich muß mich schämen, Sultan!--
+
+Saladin.
+Dich schämen?--daß ein Judenmädchen auf
+Dich Eindruck machte: doch wohl nimmermehr?
+
+Tempelherr.
+Daß diesem Eindruck, auf das liebliche
+Geschwätz des Vaters hin, mein rasches Herz
+So wenig Widerstand entgegensetzte!--
+Ich Tropf! ich sprang zum zweitenmal ins Feuer.
+Denn nun warb ich, und nun ward ich verschmäht.
+
+Saladin.
+Verschmäht?
+
+Tempelherr. Der weise Vater schlägt nun wohl
+Mich platterdings nicht aus. Der weise Vater
+Muß aber doch sich erst erkunden, erst
+Besinnen. Allerdings! Tat ich denn das
+Nicht auch? Erkundete, besann ich denn
+Mich erst nicht auch, als sie im Feuer schrie?--
+Fürwahr! bei Gott! Es ist doch gar was Schönes,
+So weise, so bedächtig sein!
+
+Saladin. Nun, nun!
+So sieh doch einem Alten etwas nach!
+Wie lange können seine Weigerungen
+Denn dauern? Wird er denn von dir verlangen,
+Daß du erst Jude werden sollst?
+
+Tempelherr. Wer weiß!
+
+Saladin.
+Wer weiß?--der diesen Nathan besser kennt.
+
+Tempelherr.
+Der Aberglaub', in dem wir aufgewachsen,
+Verliert, auch wenn wir ihn erkennen, darum
+Doch seine Macht nicht über uns.--Es sind
+Nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.
+
+Saladin.
+Sehr reif bemerkt! Doch Nathan wahrlich, Nathan...
+
+Tempelherr.
+Der Aberglauben schlimmster ist, den seinen
+Für den erträglichern zu halten...
+
+Saladin. Mag
+Wohl sein! Doch Nathan...,
+
+Tempelherr. Dem allein
+Die blöde Menschheit zu vertrauen, bis
+Sie hellern Wahrheitstag gewöhne; dem
+Allein...
+
+Saladin. Gut! Aber Nathan!--Nathans Los
+Ist diese Schwachheit nicht.
+
+Tempelherr. So dacht' ich auch! ...
+Wenn gleichwohl dieser Ausbund aller Menschen
+So ein gemeiner Jude wäre, daß
+Er Christenkinder zu bekommen suche,
+Um sie als Juden aufzuziehn:--wie dann?
+
+Saladin.
+Wer sagt ihm so was nach?
+
+Tempelherr. Das Mädchen selbst,
+Mit welcher er mich körnt, mit deren Hoffnung
+Er gern mir zu bezahlen schiene, was
+Ich nicht umsonst für sie getan soll haben:--
+Dies Mädchen selbst ist seine Tochter--nicht;
+Ist ein verzettelt Christenkind.
+
+Saladin. Das er
+Dem ungeachtet dir nicht geben wollte?
+
+Tempelherr (heftig).
+Woll' oder wolle nicht! Er ist entdeckt.
+Der tolerante Schwätzer ist entdeckt!
+Ich werde hinter diesen jüd'schen Wolf
+Im philosoph'schen Schafpelz Hunde schon
+Zu bringen wissen, die ihn zausen sollen!
+
+Saladin (ernst).
+Sei ruhig, Christ!
+
+Tempelherr. Was? ruhig Christ?--Wenn Jud'
+Und Muselmann, auf Jud', auf Muselmann
+Bestehen: soll allein der Christ den Christen
+Nicht machen dürfen?
+
+Saladin (noch ernster). Ruhig, Christ!
+
+Tempelherr (gelassen). Ich fühle
+Des Vorwurfs ganze Last,--die Saladin
+In diese Silbe preßt! Ah, wenn ich wüßte,
+Wie Assad,--Assad sich an meiner Stelle
+Hierbei genommen hätte!
+
+Saladin. Nicht viel besser!--
+Vermutlich ganz so brausend!--Doch, wer hat
+Denn dich auch schon gelehrt, mich so wie er
+Mit einem Worte zu bestechen? Freilich
+Wenn alles sich verhält, wie du mir sagest:
+Kann ich mich selber kaum in Nathan finden.--
+Indes, er ist mein Freund, und meiner Freunde
+Muß keiner mit dem andern hadern.--Laß
+Dich weisen! Geh behutsam! Gib ihn nicht
+Sofort den Schwärmern deines Pöbels preis!
+Verschweig, was deine Geistlichkeit, an ihm
+Zu rächen, mir so nahe legen würde!
+Sei keinem Juden, keinem Muselmanne
+Zum Trotz ein Christ!
+
+Tempelherr. Bald wär's damit zu spät!
+Doch dank der Blutbegier des Patriarchen,
+Des Werkzeug mir zu werden graute!
+
+Saladin. Wie?
+Du kamst zum Patriarchen eher, als
+Zu mir?
+
+Tempelherr. Im Sturm der Leidenschaft, im Wirbel
+Der Unentschlossenheit!--Verzeih!--Du wirst
+Von deinem Assad, fürcht ich, ferner nun
+Nichts mehr in mir erkennen wollen.
+
+Saladin. Wär'
+Es diese Furcht nicht selbst! Mich dünkt, ich weiß,
+Aus welchen Fehlern unsre Tugend keimt.
+Pfleg diese ferner nur, und jene sollen
+Bei mir dir wenig schaden.--Aber geh!
+Such du nun Nathan, wie er dich gesucht;
+Und bring ihn her. Ich muß euch doch zusammen
+Verständigen.--Wär' um das Mädchen dir
+Im Ernst zu tun: sei ruhig. Sie ist dein!
+Auch soll es Nathan schon empfinden, daß
+Er ohne Schweinefleisch ein Christenkind
+Erziehen dürfen!--Geh!
+
+(Der Tempelherr geht ab, und Sittah verläßt den Sofa.)
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+Saladin und Sittah.
+
+
+Sittah. Ganz sonderbar!
+
+Saladin.
+Gelt, Sittah? Muß mein Assad nicht ein braver,
+Ein schöner junger Mann gewesen sein?
+
+Sittah.
+Wenn er so war, und nicht zu diesem Bilde
+Der Tempelherr vielmehr gesessen!--Aber
+Wie hast du doch vergessen können dich
+Nach seinen Eltern zu erkundigen?
+
+Saladin.
+Und insbesondre wohl nach seiner Mutter?
+Ob seine Mutter hierzulande nie
+Gewesen sei?--Nicht wahr?
+
+Sittah. Das machst du gut!
+
+Saladin.
+Oh, möglicher wär' nichts! Denn Assad war
+Bei hübschen Christendamen so willkommen,
+Auf hübsche Christendamen so erpicht,
+Daß einmal gar die Rede ging--Nun, nun;
+Man spricht nicht gern davon.--Genug; ich hab
+Ihn wieder!--will mit allen seinen Fehlern,
+Mit allen Launen seines weichen Herzens
+Ihn wieder haben!--Oh! das Mädchen muß
+Ihm Nathan geben. Meinst du nicht?
+
+Sittah. Ihm geben?
+Ihm lassen!
+
+Saladin. Allerdings! Was hätte Nathan,
+Sobald er nicht ihr Vater ist, für Recht
+Auf sie? Wer ihr das Leben so erhielt,
+Tritt einzig in die Rechte des, der ihr
+Es gab.
+
+Sittah. Wie also, Saladin? wenn du
+Nur gleich das Mädchen zu dir nähmst? Sie nur
+Dem unrechtmäßigen Besitzer gleich
+Entzögest?
+
+Saladin. Täte das wohl not?
+
+Sittah. Not nun
+Wohl eben nicht!--Die liebe Neubegier
+Treibt mich allein, dir diesen Rat zu geben.
+Denn von gewissen Männern mag ich gar
+Zu gern, so bald wie möglich, wissen, was
+Sie für ein Mädchen lieben können.
+
+Saladin. Nun,
+So schick und laß sie holen.
+
+Sittah. Darf ich, Bruder?
+
+Saladin.
+Nur schone Nathans! Nathan muß durchaus
+Nicht glauben, daß man mit Gewalt ihn von
+Ihr trennen wolle.
+
+Sittah. Sorge nicht.
+
+Saladin. Und ich,
+Ich muß schon selbst sehn, wo Al-Hafi bleibt.
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+(Szene: die offne Flur in Nathans Hause, gegen die Palmen zu; wie im
+ersten Auftritte des ersten Aufzuges. Ein Teil der Waren und
+Kostbarkeiten liegt ausgekramt, deren ebendaselbst gedacht wird.)
+
+
+Nathan und Daja.
+
+Daja. Oh, alles herrlich! alles auserlesen!
+Oh, alles--wie nur Ihr es geben könnt.
+Wo wird der Silberstoff mit goldnen Ranken
+Gemacht? Was kostet er?--Das nenn ich noch
+Ein Brautkleid! Keine Königin verlangt
+Es besser.
+
+Nathan. Brautkleid? Warum Brautkleid eben?
+
+Daja.
+Je nun! Ihr dachtet daran freilich nicht,
+Als Ihr ihn kauftet.--Aber wahrlich, Nathan,
+Der und kein andrer muß es sein! Er ist
+Zum Brautkleid wie bestellt. Der weiße Grund;
+Ein Bild der Unschuld: und die goldnen Ströme,
+Die allerorten diesen Grund durchschlängeln;
+Ein Bild des Reichtums. Seht Ihr? Allerliebst!
+
+Nathan.
+Was witzelst du mir da? Von wessen Brautkleid
+Sinnbilderst du mir so gelehrt?--Bist du
+Denn Braut?
+
+Daja. Ich?
+
+Nathan. Nun wer denn?
+
+Daja. Ich?--lieber Gott!
+
+Nathan.
+Wer denn? Von wessen Brautkleid sprichst du denn?
+Das alles ist ja dein, und keiner andern.
+
+Daja.
+Ist mein? Soll mein sein?--Ist für Recha nicht?
+
+Nathan.
+Was ich für Recha mitgebracht, das liegt
+In einem andern Ballen. Mach! nimm weg!
+Trag deine Siebensachen fort!
+
+Daja. Versucher!
+Nein, wären es die Kostbarkeiten auch
+Der ganzen Welt! Nicht rühr an! wenn Ihr mir
+Vorher nicht schwört, von dieser einzigen
+Gelegenheit, dergleichen Euch der Himmel
+Nicht zweimal schicken wird, Gebrauch zu machen.
+
+Nathan.
+Gebrauch? von was?--Gelegenheit? wozu?
+
+Daja.
+O stellt Euch nicht so fremd!--Mit kurzen Worten!
+Der Tempelherr liebt Recha: gebt sie ihm,
+So hat doch einmal Eure Sünde, die
+Ich länger nicht verschweigen kann, ein Ende.
+So kömmt das Mädchen wieder unter Christen;
+Wird wieder, was sie ist; ist wieder, was
+Sie ward: und Ihr, Ihr habt mit all dem Guten,
+Was wir Euch nicht genug verdanken können,
+Nicht Feuerkohlen bloß auf Euer Haupt
+Gesammelt.
+
+Nathan. Doch die alte Leier wieder?--
+Mit einer neuen Saite nur bezogen,
+Die, fürcht ich, weder stimmt noch hält.
+
+Daja. Wieso?
+
+Nathan.
+Mir wär' der Tempelherr schon recht. Ihm gönnt'
+Ich Recha mehr als einem in der Welt.
+Allein... Nun, habe nur Geduld.
+
+Daja. Geduld?
+Geduld ist Eure alte Leier nun
+Wohl nicht?
+
+Nathan. Nur wenig Tage noch Geduld! ...
+Sieh doch!--Wer kömmt denn dort?
+Ein Klosterbruder?
+Geh, frag ihn was er will.
+
+Daja. Was wird er wollen?
+
+(Sie geht auf ihn zu und fragt.)
+
+Nathan.
+So gib!--und eh' er bittet.--(Wüßt' ich nur
+Dem Tempelherrn erst beizukommen, ohne
+Die Ursach' meiner Neugier ihm zu sagen!
+Denn wenn ich sie ihm sag', und der Verdacht
+Ist ohne Grund: so hab ich ganz umsonst
+Den Vater auf das Spiel gesetzt.)--Was ist's?
+
+Daja.
+Er will Euch sprechen.
+
+Nathan. Nun, so laß ihn kommen;
+Und geh indes.
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Nathan und der Klosterbruder.
+
+
+Nathan. (Ich bliebe Rechas Vater
+Doch gar zu gern!--Zwar kann ich's denn nicht bleiben,
+Auch wenn ich aufhör, es zu heißen?--Ihr,
+Ihr selbst werd ich's doch immer auch noch heißen,
+Wenn sie erkennt, wie gern ich's wäre.)--Geh!--
+Was ist zu Euern Diensten, frommer Bruder?
+
+Klosterbruder.
+Nicht eben viel.--Ich freue mich, Herr Nathan,
+Euch annoch wohl zu sehn.
+
+Nathan. So kennt Ihr mich?
+
+Klosterbruder.
+Je nu; wer kennt Euch nicht? Ihr habt so manchem
+Ja Euern Namen in die Hand gedrückt.
+Er steht in meiner auch, seit vielen Jahren.
+
+Nathan (nach seinem Beutel langend).
+Kommt, Bruder, kommt; ich frisch ihn auf.
+
+Klosterbruder. Habt Dank!
+Ich würd' es Ärmern stehlen; nehme nichts.--
+Wenn Ihr mir nur erlauben wollt, ein wenig
+Euch meinen Namen aufzufrischen. Denn
+Ich kann mich rühmen, auch in Eure Hand
+Etwas gelegt zu haben, was nicht zu
+Verachten war.
+
+Nathan. Verzeiht!--Ich schäme mich--
+Sagt, was?--und nehmt zur Buße siebenfach
+Den Wert desselben von mir an.
+
+Klosterbruder. Hört doch
+Vor allen Dingen, wie ich selber nur
+Erst heut an dies mein Euch vertrautes Pfand
+Erinnert worden.
+
+Nathan. Mir vertrautes Pfand?
+
+Klosterbruder.
+Vor kurzem saß ich noch als Eremit
+Auf Quarantana, unweit Jericho.
+Da kam arabisch Raubgesindel, brach
+Mein Gotteshäuschen ab und meine Zelle
+Und schleppte mich mit fort. Zum Glück entkam
+Ich noch und floh hierher zum Patriarchen,
+Um mir ein ander Plätzchen auszubitten,
+Allwo ich meinem Gott in Einsamkeit
+Bis an mein selig Ende dienen könne.
+
+Nathan.
+Ich steh auf Kohlen, guter Bruder. Macht
+Es kurz. Das Pfand! das mir vertraute Pfand!
+
+Klosterbruder.
+Sogleich, Herr Nathan.--Nun, der Patriarch
+Versprach mir eine Siedelei auf Tabor,
+Sobald als eine leer; und hieß inzwischen
+Im Kloster mich als Laienbruder bleiben.
+Da bin ich itzt, Herr Nathan; und verlange
+Des Tags wohl hundertmal auf Tabor. Denn
+Der Patriarch braucht mich zu allerlei,
+Wovor ich großen Ekel habe. Zum
+Exempel:
+
+Nathan. Macht, ich bitt Euch!
+
+Klosterbruder. Nun, es kömmt!--
+Da hat ihm jemand heut ins Ohr gesetzt:
+Es lebe hier herum ein Jude, der
+Ein Christenkind als seine Tochter sich
+Erzöge.
+
+Nathan. Wie? (Betroffen.)
+
+Klosterbruder. Hört mich nur aus!--Indem
+Er mir nun aufträgt, diesem Juden stracks,
+Wo möglich, auf die Spur zu kommen, und
+Gewaltig sich ob eines solchen Frevels
+Erzürnt, der ihm die wahre Sünde wider
+Den heil'gen Geist bedünkt;--das ist, die Sünde,
+Die aller Sünden größte Sünd' uns gilt,
+Nur daß wir, Gott sei Dank, so recht nicht wissen,
+Worin sie eigentlich besteht:--da wacht
+Mit einmal mein Gewissen auf; und mir
+Fällt bei, ich könnte selber wohl vor Zeiten
+Zu dieser unverzeihlich großen Sünde
+Gelegenheit gegeben haben.--Sagt:
+Hat Euch ein Reitknecht nicht vor achtzehn Jahren
+Ein Töchterchen gebracht von wenig Wochen?
+
+Nathan.
+Wie das?--Nun freilich--allerdings--
+
+Klosterbruder. Ei, seht
+Mich doch recht an!--Der Reitknecht, der bin ich.
+
+Nathan.
+Seid ihr?
+
+Klosterbruder. Der Herr, von welchem ich's Euch brachte,
+War--ist mir recht--ein Herr von Filnek.--Wolf
+Von Filnek!
+
+Nathan. Richtig!
+
+Klosterbruder. Weil die Mutter kurz
+Vorher gestorben war; und sich der Vater
+Nach--mein ich--Gazza plötzlich werfen mußte,
+Wohin das Würmchen ihm nicht folgen konnte:
+So sandt' er's Euch. Und traf ich Euch damit
+Nicht in Darun?
+
+Nathan. Ganz recht!
+
+Klosterbruder. Es wär' kein Wunder,
+Wenn mein Gedächtnis mich betrög'. Ich habe
+Der braven Herrn so viel gehabt; und diesem
+Hab ich nur gar zu kurze Zeit gedient.
+Er blieb bald drauf bei Askalon: und war
+Wohl sonst ein lieber Herr.
+
+Nathan. Ja wohl! Ja wohl!
+Dem ich so viel, so viel zu danken habe!
+Der mehr als einmal mich dem Schwert entrissen!
+
+Klosterbruder.
+O schön! So werd't Ihr seines Töchterchens
+Euch um so lieber angenommen haben.
+
+Nathan.
+Das könnt Ihr denken.
+
+Klosterbruder. Nun, wo ist es denn?
+Es ist doch wohl nicht etwa gar gestorben?--
+Laßt's lieber nicht gestorben sein!--Wenn sonst
+Nur niemand um die Sache weiß: so hat
+Es gute Wege.
+
+Nathan. Hat es?
+
+Klosterbruder. Traut mir, Nathan!
+Denn seht, ich denke so! Wenn an das Gute,
+Das ich zu tun vermeine, gar zu nah
+Was gar zu Schlimmes grenzt: so tu ich lieber
+Das Gute nicht; weil wir das Schlimme zwar
+So ziemlich zuverlässig kennen, aber
+Bei weiten nicht das Gute.--War ja wohl
+Natürlich; wenn das Christentöchterchen
+Recht gut von Euch erzogen werden sollte:
+Daß Ihr's als Euer eigen Töchterchen
+Erzögt.--Das hättet Ihr mit aller Lieb'
+Und Treue nun getan, und müßtet so
+Belohnet werden? Das will mir nicht ein.
+Ei freilich, klüger hättet Ihr getan;
+Wenn Ihr die Christin durch die zweite Hand
+Als Christin auferziehen lassen: aber
+So hättet Ihr das Kindchen Eures Freunds
+Auch nicht geliebt. Und Kinder brauchen Liebe,
+Wär's eines wilden Tieres Lieb' auch nur,
+In solchen Jahren mehr, als Christentum.
+Zum Christentume hat's noch immer Zeit.
+Wenn nur das Mädchen sonst gesund und fromm
+Vor Euern Augen aufgewachsen ist,
+So blieb's vor Gottes Augen, was es war.
+Und ist denn nicht das ganze Christentum
+Aufs Judentum gebaut? Es hat mich oft
+Geärgert, hat mir Tränen g'nug gekostet,
+Wenn Christen gar so sehr vergessen konnten,
+Daß unser Herr ja selbst ein Jude war.
+
+Nathan.
+Ihr, guter Bruder, müßt mein Fürsprach sein,
+Wenn Haß und Gleisnerei sich gegen mich
+Erheben sollten,--wegen einer Tat--
+Ah, wegen einer Tat!--Nur Ihr, Ihr sollt
+Sie wissen!--Nehmt sie aber mit ins Grab!
+Noch hat mich nie die Eitelkeit versucht,
+Sie jemand andern zu erzählen. Euch
+Allein erzähl ich sie. Der frommen Einfalt
+Allein erzähl ich sie. Weil die allein
+Versteht, was sich der gottergebne Mensch
+Für Taten abgewinnen kann.
+
+Klosterbruder. Ihr seid
+Gerührt, und Euer Auge steht voll Wasser?
+
+Nathan.
+Ihr traft mich mit dem Kinde zu Darun.
+Ihr wißt wohl aber nicht, daß wenig Tage
+Zuvor, in Gath die Christen alle Juden
+Mit Weib und Kind ermordet hatten; wißt
+Wohl nicht, daß unter diesen meine Frau
+Mit sieben hoffnungsvollen Söhnen sich
+Befunden, die in meines Bruders Hause,
+Zu dem ich sie geflüchtet, insgesamt
+Verbrennen müssen.
+
+Klosterbruder. Allgerechter!
+
+Nathan. Als
+Ihr kamt, hatt' ich drei Tag' und Nächt' in Asch'
+Und Staub vor Gott gelegen, und geweint.--
+Geweint? Beiher mit Gott auch wohl gerechtet,
+Gezürnt, getobt, mich und die Welt verwünscht;
+Der Christenheit den unversöhnlichsten
+Haß zugeschworen--
+
+Klosterbruder. Ach! Ich glaub's Euch wohl!
+
+Nathan.
+Doch nun kam die Vernunft allmählich wieder.
+Sie sprach mit sanfter Stimm': "und doch ist Gott!
+Doch war auch Gottes Ratschluß das! Wohlan!
+Komm! übe, was du längst begriffen hast,
+Was sicherlich zu üben schwerer nicht,
+Als zu begreifen ist, wenn du nur willst.
+Steh auf!"--Ich stand! und rief zu Gott: ich will!
+Willst du nur, daß ich will!--Indem stiegt Ihr
+Vom Pferd, und überreichtet mir das Kind,
+In Euern Mantel eingehüllt.--Was Ihr
+Mir damals sagtet; was ich Euch: hab ich
+Vergessen. Soviel weiß ich nur; ich nahm
+Das Kind, trug's auf mein Lager, küßt' es, warf
+Mich auf die Knie und schluchzte: Gott! auf Sieben
+Doch nun schon Eines wieder!
+
+Klosterbruder. Nathan! Nathan!
+Ihr seid ein Christ!--Bei Gott, Ihr seid ein Christ!
+Ein beßrer Christ war nie!
+
+Nathan. Wohl uns! Denn was
+Mich Euch zum Christen macht, das macht Euch mir
+Zum Juden!--Aber laßt uns länger nicht
+Einander nur erweichen. Hier braucht's Tat!
+Und ob mich siebenfache Liebe schon
+Bald an dies einz'ge fremde Mädchen band,
+Ob der Gedanke mich schon tötet, daß
+Ich meine sieben Söhn' in ihr aufs neue
+Verlieren soll:--wenn sie von meinen Händen
+Die Vorsicht wieder fodert,--ich gehorche!
+
+Klosterbruder.
+Nun vollends!--Eben das bedacht' ich mich
+So viel, Euch anzuraten! Und so hat's
+Euch Euer guter Geist schon angeraten!
+
+Nathan.
+Nur muß der erste beste mir sie nicht
+Entreißen wollen!
+
+Klosterbruder. Nein, gewiß nicht!
+
+Nathan. Wer
+Auf sie nicht größre Rechte hat, als ich,
+Muß frühere zum mind'sten haben--
+
+Klosterbruder. Freilich!
+
+Nathan.
+Die ihm Natur und Blut erteilen.
+
+Klosterbruder. So
+Mein ich es auch!
+
+Nathan. Drum nennt mir nur geschwind
+Den Mann, der ihr als Bruder oder Ohm,
+Als Vetter oder sonst als Sipp' verwandt.--
+Ihm will ich sie nicht vorenthalten--Sie,
+Die jedes Hauses, jedes Glaubens Zierde
+Zu sein erschaffen und erzogen ward.--
+Ich hoff, Ihr wißt von diesem Euern Herrn
+Und dem Geschlechte dessen, mehr als ich.
+
+Klosterbruder.
+Das, guter Nathan, wohl nun schwerlich!--Denn
+Ihr habt ja schon gehört, daß ich nur gar
+Zu kurze Zeit bei ihm gewesen.
+
+Nathan. Wißt
+Ihr denn nicht wenigstens, was für Geschlechts
+Die Mutter war?--War sie nicht eine Stauffin?
+
+Klosterbruder.
+Wohl möglich!--Ja, mich dünkt.
+
+Nathan. Hieß nicht ihr Bruder
+Conrad von Stauffen?--und war Tempelherr?
+
+Klosterbruder.
+Wenn mich's nicht trügt. Doch halt! Da fällt mir ein,
+Daß ich vom sel'gen Herrn ein Büchelchen
+Noch hab. Ich zog's ihm aus dem Busen, als
+Wir ihn bei Askalon verscharrten.
+
+Nathan. Nun?
+
+Klosterbruder.
+Es sind Gebete drin. Wir nennen's ein
+Brevier.--Das, dacht' ich, kann ein Christenmensch
+Ja wohl noch brauchen.--Ich nun freilich nicht
+Ich kann nicht lesen--
+
+Nathan. Tut nichts!--Nur zur Sache.
+
+Klosterbruder.
+In diesem Büchelchen stehn vorn und hinten,
+Wie ich mir sagen lassen, mit des Herrn
+Selbsteigner Hand, die Angehörigen
+Von ihm und ihr geschrieben.
+
+Nathan. O erwünscht!
+Geht! lauft! holt mir das Büchelchen. Geschwind!
+Ich bin bereit mit Gold es aufzuwiegen;
+Und tausend Dank dazu! Eilt! lauft!
+
+Klosterbruder. Recht gern!
+Es ist Arabisch aber, was der Herr
+Hineingeschrieben. (Ab.)
+
+Nathan. Einerlei! Nur her!--
+Gott! wenn ich doch das Mädchen noch behalten,
+Und einen solchen Eidam mir damit
+Erkaufen könnte!--Schwerlich wohl!--Nun, fall'
+Es aus, wie's will!--Wer mag es aber denn
+Gewesen sein, der bei dem Patriarchen
+So etwas angebracht? Das muß ich doch
+Zu fragen nicht vergessen.--Wenn es gar
+Von Daja käme?
+
+
+
+Achter Auftritt
+
+Daja und Nathan.
+
+
+Daja (eilig und verlegen).
+Denkt doch, Nathan!
+
+Nathan. Nun?
+
+Daja.
+Das arme Kind erschrak wohl recht darüber!
+Da schickt...
+
+Nathan. Der Patriarch?
+
+Daja. Des Sultans Schwester,
+Prinzessin Sittah...
+
+Nathan. Nicht der Patriarch?
+
+Daja.
+Nein, Sittah!--Hört Ihr nicht!--Prinzessin Sittah
+Schickt her, und läßt sie zu sich holen?
+
+Nathan. Wen?
+Läßt Recha holen?--Sittah läßt sie holen?--
+Nun; wenn sie Sittah holen läßt, und nicht
+Der Patriarch...
+
+Daja. Wie kommt Ihr denn auf den?
+
+Nathan.
+So hast du kürzlich nichts von ihm gehört?
+Gewiß nicht? Auch ihm nichts gesteckt?
+
+Daja. Ich? ihm?
+
+Nathan.
+Wo sind die Boten?
+
+Daja. Vorn.
+
+Nathan. Ich will sie doch
+Aus Vorsicht selber sprechen. Komm!--Wenn nur
+Vom Patriarchen nichts dahintersteckt. (Ab.)
+
+Daja.
+Und ich--ich fürchte ganz was anders noch.
+Was gilt's? die einzige vermeinte Tochter
+So eines reichen Juden wär' auch wohl
+Für einen Muselmann nicht übel?--Hui,
+Der Tempelherr ist drum. Ist drum: wenn ich
+Den zweiten Schritt nicht auch noch wage; nicht
+Auch ihr noch selbst entdecke, wer sie ist!--
+Getrost! Laß mich den ersten Augenblick,
+Den ich allein sie habe, dazu brauchen!
+Und der wird sein--vielleicht nun eben, wenn
+Ich sie begleite. So ein erster Wink
+Kann unterwegens wenigstens nicht schaden.
+Ja, ja! Nur zu! Itzt oder nie! Nur zu! (Ihm nach.)
+
+
+
+
+
+Fünfter Aufzug
+
+
+
+Erster Auftritt
+
+(Szene: das Zimmer in Saladins Palaste, in welches die Beutel mit
+Geld getragen worden, die noch zu sehen.)
+
+Saladin und bald darauf verschiedne Mamelucken.
+
+
+Saladin (im Hereintreten).
+Da steht das Geld nun noch! Und niemand weiß
+Den Derwisch aufzufinden, der vermutlich
+Ans Schachbrett irgendwo geraten ist,
+Das ihn wohl seiner selbst vergessen macht;--
+Warum nicht meiner?--Nun, Geduld! Was gibt's?
+
+Ein Mameluck.
+Erwünschte Nachricht, Sultan! Freude, Sultan! ...
+Die Karawane von Kahira kommt,
+Ist glücklich da! mit siebenjährigem
+Tribut des reichen Nils.
+
+Saladin. Brav, Ibrahim!
+Du bist mir wahrlich ein willkommner Bote!--
+Ha! endlich einmal! endlich!--Habe Dank
+Der guten Zeitung.
+
+Der Mameluck (wartend). (Nun? nur her damit!)
+
+Saladin.
+Was wartst du?--Geh nur wieder.
+
+Der Mameluck. Dem Willkommnen
+Sonst nichts?
+
+Saladin. Was denn noch sonst?
+
+Der Mameluck. Dem guten Boten
+Kein Botenbrot?--So wär' ich ja der erste,
+Den Saladin mit Worten abzulehnen
+Doch endlich lernte?--Auch ein Ruhm!--der erste,
+Mit dem er knickerte.
+
+Saladin. So nimm dir nur
+Dort einen Beutel.
+
+Der Mameluck. Nein, nun nicht! Du kannst
+Mir sie nun alle schenken wollen.
+
+Saladin. Trotz!--
+Komm her! Da hast du zwei.--Im Ernst? er geht?
+Tut mir's an Edelmut zuvor?--Denn sicher
+Muß ihm es saurer werden, auszuschlagen,
+Als mir zu geben.--Ibrahim!--Was kommt
+Mir denn auch ein, so kurz vor meinem Abtritt
+Auf einmal ganz ein andrer sein zu wollen?--
+Will Saladin als Saladin nicht sterben?--
+So mußt' er auch als Saladin nicht leben.
+
+Ein zweiter Mameluck.
+Nun, Sultan!...
+
+Saladin. Wenn du mir zu melden kommst...
+
+Zweiter Mameluck.
+Daß aus Ägypten der Transport nun da!
+
+Saladin.
+Ich weiß schon.
+
+Zweiter Mameluck. Kam ich doch zu spät!
+
+Saladin. Warum
+Zu spät?--Da nimm für deinen guten Willen
+Der Beutel einen oder zwei.
+
+Zweiter Mameluck. Macht drei!
+
+Saladin.
+Ja, wenn du rechnen kannst!--So nimm sie nur.
+
+Zweiter Mameluck.
+Es wird wohl noch ein Dritter kommen,--wenn
+Er anders kommen kann.
+
+Saladin. Wie das?
+
+Zweiter Mameluck. Je nu;
+Er hat auch wohl den Hals gebrochen! Denn
+Sobald wir drei der Ankunft des Transports
+Versichert waren, sprengte jeder frisch
+Davon. Der Vorderste, der stürzt'; und so
+Komm ich nun vor, und bleib auch vor bis in
+Die Stadt; wo aber Ibrahim, der Lecker
+Die Gassen besser kennt.
+
+Saladin. Oh, der gestürzte!
+Freund, der gestürzte!--Reit ihm doch entgegen.
+
+Zweiter Mameluck.
+Das werd ich ja wohl tun!--Und wenn er lebt:
+So ist die Hälfte dieser Beutel sein. (Geht ab.)
+
+Saladin.
+Sieh, welch ein guter, edler Kerl auch das!--
+Wer kann sich solcher Mamelucken rühmen?
+Und wär' mir denn zu denken nicht erlaubt,
+Daß sie mein Beispiel bilden helfen?--Fort
+Mit dem Gedanken, sie zu guter Letzt
+Noch an ein anders zu gewöhnen!...
+
+Ein dritter Mameluck. Sultan....
+
+Saladin.
+Bist du's, der stürzte?
+
+Dritter Mameluck. Nein. Ich melde nur,--
+Daß Emir Mansor, der die Karawane
+Geführt, vom Pferde steigt...
+
+Saladin. Bring ihn! geschwind!--
+Da ist er ja!--
+
+
+
+Zweiter Auftritt
+
+Emir Mansor und Saladin.
+
+
+Saladin. Willkommen, Emir! Nun,
+Wie ist's gegangen?--Mansor, Mansor, hast
+Uns lange warten lassen!
+
+Mansor. Dieser Brief
+Berichtet, was dein Abulkassem erst
+Für Unruh' in Thebais dämpfen müssen:
+Eh, wir es wagen durften abzugehen.
+Den Zug darauf hab ich beschleuniget
+Soviel, wie möglich war.
+
+Saladin. Ich glaube dir!
+Und nimm nur, guter Mansor, nimm sogleich...
+Du tust es aber doch auch gern?... nimm frische
+Bedeckung nur sogleich. Du mußt sogleich
+Noch weiter; mußt der Gelder größern Teil
+Auf Libanon zum Vater bringen.
+
+Mansor. Gern!
+Sehr gern!
+
+Saladin. Und nimm dir die Bedeckung ja
+Nur nicht zu schwach. Es ist um Libanon
+Nicht alles mehr so sicher. Hast du nicht
+Gehört? Die Tempelherrn sind wieder rege.
+Sei wohl auf deiner Hut!--Komm nur! Wo hält
+Der Zug? Ich will ihn sehn; und alles selbst
+Betreiben.--Ihr! ich bin sodann bei Sittah.
+
+
+
+Dritter Auftritt
+
+Szene: die Palmen vor Nathans Hause, wo der Tempelherr auf- und
+niedergeht.
+
+
+Ins Haus nun will ich einmal nicht.--Er wird
+Sich endlich doch wohl sehen lassen!--Man
+Bemerkte mich ja sonst so bald, so gern!--
+Will's noch erleben, daß er sich's verbittet,
+Vor seinem Hause mich so fleißig finden
+Zu lassen.--Hm!--ich bin doch aber auch
+Sehr ärgerlich.--Was hat mich denn nun so
+Erbittert gegen ihn?--Er sagte ja:
+Noch schlüg' er mir nichts ab. Und Saladin
+Hat's über sich genommen, ihn zu stimmen.--
+Wie? sollte wirklich wohl in mir der Christ
+Noch tiefer nisten, als in ihm der Jude?--
+Wer kennt sich recht? Wie könnt' ich ihm denn sonst
+Den kleinen Raub nicht gönnen wollen, den
+Er sich's zu solcher Angelegenheit
+Gemacht, den Christen abzujagen?--Freilich;
+Kein kleiner Raub, ein solch Geschöpf!--Geschöpf?
+Und wessen?--Doch des Sklaven nicht, der auf
+Des Lebens öden Strand den Block geflößt,
+Und sich davongemacht? Des Künstlers doch
+Wohl mehr, der in dem hingeworfnen Blocke
+Die göttliche Gestalt sich dachte, die
+Er dargestellt?--Ach! Rechas wahrer Vater
+Bleibt, trotz dem Christen, der sie zeugte,--bleibt
+In Ewigkeit der Jude.--Wenn ich mir
+Sie lediglich als Christendirne denke,
+Sie sonder alles das mir denke, was
+Allein ihr so ein Jude geben konnte:--
+Sprich, Herz,--was wär' an ihr, das dir gefiel?
+Nichts! Wenig! Selbst ihr Lächeln, wär' es nichts
+Als sanfte schöne Zuckung ihrer Muskeln;
+Wär', was sie lächeln macht, des Reizes unwert,
+In den es sich auf ihrem Munde kleidet:--
+Nein; selbst ihr Lächeln nicht! Ich hab es ja
+Wohl schöner noch an Aberwitz, an Tand,
+An Höhnerei, an Schmeichler und an Buhler
+Verschwenden sehn!--Hat's da mich auch bezaubert?
+Hat's da mir auch den Wunsch entlockt, mein Leben
+In seinem Sonnenscheine zu verflattern?--
+Ich wüßte nicht. Und bin auf den doch launisch,
+Der diesen höhern Wert allein ihr gab?
+Wie das? warum?--Wenn ich den Spott verdiente,
+Mit dem mich Saladin entließ! Schon schlimm
+Genug, daß Saladin es glauben konnte!
+Wie klein ich ihm da scheinen mußte! wie
+Verächtlich!--Und das alles um ein Mädchen?--
+Curd! Curd! das geht so nicht. Lenk ein! Wenn vollends
+Mir Daja nur was vorgeplaudert hätte,
+Was schwerlich zu erweisen stünde?--Sieh,
+Da tritt er endlich, im Gespräch vertieft,
+Aus seinem Hause!--Ha! mit wem!--Mit ihm?
+Mit meinem Klosterbruder?--Ha! so weiß
+Er sicherlich schon alles! ist wohl gar
+Dem Patriarchen schon verraten!--Ha!
+Was hab ich Querkopf nun gestiftet!--Daß
+Ein einz'ger Funken dieser Leidenschaft
+Doch unsers Hirns so viel verbrennen kann!--
+Geschwind entschließ dich, was nunmehr zu tun!
+Ich will hier seitwärts ihrer warten;--ob
+Vielleicht der Klosterbruder ihn verläßt.
+
+
+
+Vierter Auftritt
+
+Nathan und der Klosterbruder.
+
+
+Nathan (im Näherkommen).
+Habt nochmals, guter Bruder, vielen Dank!
+
+Klosterbruder.
+Und Ihr desgleichen!
+
+Nathan. Ich? von Euch? wofür?
+Für meinen Eigensinn, Euch aufzudrängen,
+Was Ihr nicht braucht?--Ja, wenn ihm Eurer nur
+Auch nachgegeben hätt'; Ihr mit Gewalt
+Nicht wolltet reicher sein, als ich.
+
+Klosterbruder. Das Buch
+Gehört ja ohnedem nicht mir; gehört
+Ja ohnedem der Tochter; ist ja so
+Der Tochter ganzes väterliches Erbe.
+Je nu, sie hat ja Euch.--Gott gebe nur,
+Daß Ihr es nie bereuen dürft, so viel
+Für sie getan zu haben!
+
+Nathan. Kann ich das?
+Das kann ich nie. Seid unbesorgt!
+
+Klosterbruder. Nu, nu!
+Die Patriarchen und die Tempelherren...
+
+Nathan.
+Vermögen mir des Bösen nie so viel
+Zu tun, daß irgend was mich reuen könnte:
+Geschweige, das!--Und seid Ihr denn so ganz
+Versichert, daß ein Tempelherr es ist,
+Der Euern Patriarchen hetzt?
+
+Klosterbruder. Es kann
+Beinah kein andrer sein. Ein Tempelherr
+Sprach kurz vorher mit ihm; und was ich hörte,
+Das klang darnach.
+
+Nathan. Es ist doch aber nur
+Ein einziger itzt in Jerusalem.
+Und diesen kenn ich. Dieser ist mein Freund.
+Ein junger, edler, offner Mann!
+
+Klosterbruder. Ganz recht;
+Der nämliche!--Doch was man ist, und was
+Man sein muß in der Welt, das paßt ja wohl
+Nicht immer.
+
+Nathan. Leider nicht.--So tue, wer's
+Auch immer ist, sein Schlimmstes oder Bestes!
+Mit Euerm Buche, Bruder, trotz ich allen;
+Und gehe graden Wegs damit zum Sultan.
+
+Klosterbruder.
+Viel Glücks! Ich will Euch denn nur hier verlassen.
+
+Nathan.
+Und habt sie nicht einmal gesehn?--Kommt ja
+Doch bald, doch fleißig wieder.--Wenn nur heut
+Der Patriarch noch nichts erfährt!--Doch was?
+Sagt ihm auch heute, was Ihr wollt.
+
+Klosterbruder. Ich nicht.
+Lebt wohl! (Geht ab.)
+
+Nathan. Vergeßt uns ja nicht, Bruder!--Gott!
+Daß ich nicht hier gleich unter freiem Himmel
+Auf meine Kniee sinken kann! Wie sich
+Der Knoten, der so oft mir bange machte,
+Nun von sich selber löset!--Gott! wie leicht
+Mir wird, daß ich nun weiter auf der Welt
+Nichts zu verbergen habe! daß ich vor
+Den Menschen nun so frei kann wandeln, als
+Vor dir, der du allein den Menschen nicht
+Nach seinen Taten brauchst zu richten, die
+So selten seine Taten sind, o Gott!--
+
+
+
+Fünfter Auftritt
+
+Nathan und der Tempelherr, der von der Seite auf ihn zukommt.
+
+
+Tempelherr.
+He! wartet, Nathan; nehmt mich mit!
+
+Nathan. Wer ruft?--
+Seid Ihr es, Ritter? Wo gewesen, daß
+Ihr bei dem Sultan Euch nicht treffen lassen?
+
+Tempelherr.
+Wir sind einander fehlgegangen. Nehmt's
+Nicht übel.
+
+Nathan. Ich nicht; aber Saladin...
+
+Tempelherr.
+Ihr wart nur eben fort...
+
+Nathan. Und spracht ihn doch?
+Nun, so ist's gut.
+
+Tempelherr. Er will uns aber beide
+Zusammen sprechen.
+
+Nathan. Desto besser. Kommt
+Nur mit. Mein Gang stand ohnehin zu ihm.
+
+Tempelherr.
+Ich darf ja doch wohl fragen, Nathan, wer
+Euch da verließ?
+
+Nathan. Ihr kennt ihn doch wohl nicht?
+
+Tempelherr.
+War's nicht die gute Haut, der Laienbruder,
+Des sich der Patriarch so gern zum Stöber
+Bedient?
+
+Nathan. Kann sein! Beim Patriarchen ist
+Er allerdings.
+
+Tempelherr. Der Pfiff ist gar nicht übel:
+Die Einfalt vor der Schurkerei voraus-
+Zuschicken.
+
+Nathan. Ja, die dumme;--nicht die fromme.
+
+Tempelherr.
+An fromme glaubt kein Patriarch.
+
+Nathan. Für den
+Nun steh ich. Der wird seinem Patriarchen
+Nichts Ungebührliches vollziehen helfen.
+
+Tempelherr.
+So stellt er wenigstens sich an.--Doch hat
+Er Euch von mir denn nichts gesagt?
+
+Nathan. Von Euch?
+Von Euch nun namentlich wohl nichts.--Er weiß
+Ja wohl auch schwerlich Euern Namen?
+
+Tempelherr. Schwerlich.
+
+Nathan.
+Von einem Tempelherren freilich hat
+Er mir gesagt...
+
+Tempelherr. Und was?
+
+Nathan. Womit er Euch
+Doch ein für allemal nicht meinen kann!
+
+Tempelherr.
+Wer weiß? Laßt doch nur hören.
+
+Nathan. Daß mich einer
+Bei seinem Patriarchen angeklagt...
+
+Tempelherr.
+Euch angeklagt?--Das ist, mit seiner Gunst--
+Erlogen.--Hört mich, Nathan!--Ich bin nicht
+Der Mensch, der irgend etwas abzuleugnen
+Imstande wäre. Was ich tat, das tat ich!
+Doch bin ich auch nicht der, der alles, was
+Er tat, als wohlgetan verteid'gen möchte.
+Was sollt' ich eines Fehls mich schämen? Hab
+Ich nicht den festen Vorsatz ihn zu bessern?
+Und weiß ich etwa nicht, wie weit mit dem
+Es Menschen bringen können?--Hört mich, Nathan!--
+Ich bin des Laienbruders Tempelherr,
+Der Euch verklagt soll haben, allerdings.--
+Ihr wißt ja, was mich wurmisch machte! was
+Mein Blut in allen Adern sieden machte!
+Ich Gauch!--ich kam, so ganz mit Leib und Seel'
+Euch in die Arme mich zu werfen. Wie
+Ihr mich empfingt--wie kalt--wie lau--denn lau
+Ist schlimmer noch als kalt; wie abgemessen
+Mir auszubeugen Ihr beflissen wart;
+Mit welchen aus der Luft gegriffnen Fragen
+Ihr Antwort mir zu geben scheinen wolltet:
+Das darf ich kaum mir itzt noch denken, wenn
+Ich soll gelassen bleiben.--Hört mich, Nathan!--
+In dieser Gärung schlich mir Daja nach,
+Und warf mir ihr Geheimnis an den Kopf
+Das mir den Aufschluß Euers rätselhaften
+Betragens zu enthalten schien.
+
+Nathan. Wie das?
+
+Tempelherr.
+Hört mich nur aus!--Ich bildete mir ein,
+Ihr wolltet, was Ihr einmal nun den Christen
+So abgejagt, an einen Christen wieder
+Nicht gern verlieren. Und so fiel mir ein,
+Euch kurz und gut das Messer an die Kehle
+Zu setzen.
+
+Nathan. Kurz und gut? und gut?--Wo steckt
+Das Gute?
+
+Tempelherr. Hört mich, Nathan!--Allerdings:
+Ich tat nicht recht!--Ihr seid wohl gar nicht schuldig.--
+Die Närrin Daja weiß nicht was sie spricht--
+Ist Euch gehässig--sucht Euch nur damit
+In einen bösen Handel zu verwickeln--
+Kann sein! kann sein!--Ich bin ein junger Laffe,
+Der immer nur an beiden Enden schwärmt;
+Bald viel zuviel, bald viel zuwenig tut--
+Auch das kann sein! Verzeiht mir, Nathan.
+
+Nathan. Wenn
+Ihr so mich freilich fasset--
+
+Tempelherr. Kurz, ich ging
+Zum Patriarchen!--hab Euch aber nicht
+Genannt. Das ist erlogen, wie gesagt!
+Ich hab ihm bloß den Fall ganz allgemein
+Erzählt, um seine Meinung zu vernehmen.--
+Auch das hätt' unterbleiben können: ja doch!--
+Denn kannt' ich nicht den Patriarchen schon
+Als einen Schurken? Konnt' ich Euch nicht selber
+Nur gleich zur Rede stellen?--Mußt' ich der
+Gefahr, so einen Vater zu verlieren,
+Das arme Mädchen opfern?--Nun, was tut's?
+Die Schurkerei des Patriarchen, die
+So ähnlich immer sich erhält, hat mich
+Des nächsten Weges wieder zu mir selbst
+Gebracht.--Denn hört mich, Nathan; hört mich aus!--
+Gesetzt; er wüßt' auch Euern Namen: was
+Nun mehr, was mehr?--Er kann Euch ja das Mädchen
+Nur nehmen, wenn sie niemands ist, als Euer.
+Er kann sie doch aus Euerm Hause nur
+Ins Kloster schleppen.--Also--gebt sie mir!
+Gebt sie nur mir; und laßt ihn kommen. Ha!
+Er soll's wohl bleibenlassen, mir mein Weib
+Zu nehmen.--Gebt sie mir; geschwind!--Sie sei
+Nun Eure Tochter, oder sei es nicht!
+Sei Christin, oder Jüdin, oder keines!
+Gleichviel! gleichviel! Ich werd Euch weder itzt
+Noch jemals sonst in meinem ganzen Leben
+Darum befragen. Sei, wie's sei!
+
+Nathan. Ihr wähnt
+Wohl gar, daß mir die Wahrheit zu verbergen
+Sehr nötig?
+
+Tempelherr. Sei, wie's sei!
+
+Nathan. Ich hab es ja
+Euch--oder wem es sonst zu wissen ziemt--
+Noch nicht geleugnet, daß sie eine Christin,
+Und nichts als meine Pflegetochter ist.--
+Warum ich's aber ihr noch nicht entdeckt?--
+Darüber brauch ich nur bei ihr mich zu
+Entschuldigen.
+
+Tempelherr. Das sollt Ihr auch bei ihr
+Nicht brauchen.--Gönnt's ihr doch, daß sie Euch nie
+Mit andern Augen darf betrachten! Spart
+Ihr die Entdeckung doch!--Noch habt Ihr ja,
+Ihr ganz allein, mit ihr zu schalten. Gebt
+Sie mir! Ich bitt Euch, Nathan; gebt sie mir!
+Ich bin's allein, der sie zum zweiten Male
+Euch retten kann--und will.
+
+Nathan. Ja--konnte! konnte!
+Nun auch nicht mehr. Es ist damit zu spät.
+
+Tempelherr.
+Wieso? zu spät?
+
+Nathan. Dank sei dem Patriarchen...
+
+Tempelherr.
+Dem Patriarchen? Dank? ihm Dank? wofür?
+Dank hätte der bei uns verdienen wollen?
+Wofür? wofür?
+
+Nathan. Daß wir nun wissen, wem
+Sie unverwandt; nun wissen, wessen Händen
+Sie sicher ausgeliefert werden kann.
+
+Tempelherr.
+Das dank' ihm--wer für mehr ihm danken wird!
+
+Nathan.
+Aus diesen müßt Ihr sie nun auch erhalten;
+Und nicht aus meinen.
+
+Tempelherr. Arme Recha! Was
+Dir alles zustößt, arme Recha! Was
+Ein Glück für andre Waisen wäre, wird
+Dein Unglück!--Nathan!--Und wo sind sie, diese
+Verwandte?
+
+Nathan. Wo sie sind?
+
+Tempelherr. Und wer sie sind?
+
+Nathan.
+Besonders hat ein Bruder sich gefunden,
+Bei dem Ihr um sie werben müßt.
+
+Tempelherr. Ein Bruder?
+Was ist er, dieser Bruder? Ein Soldat?
+Ein Geistlicher?--Laßt hören, was ich mir
+Versprechen darf.
+
+Nathan. Ich glaube, daß er keines
+Von beiden--oder beides ist. Ich kenn
+Ihn noch nicht recht.
+
+Tempelherr. Und sonst?
+
+Nathan. Ein braver Mann
+Bei dem sich Recha gar nicht übel wird
+Befinden.
+
+Tempelherr. Doch ein Christ!--Ich weiß zuzeiten
+Auch gar nicht, was ich von Euch denken soll:--
+Nehmt mir's nicht ungut, Nathan.--Wird sie nicht
+Die Christin spielen müssen, unter Christen?
+Und wird sie, was sie lange g'nug gespielt,
+Nicht endlich werden? Wird den lautern Weizen,
+Den Ihr gesät, das Unkraut endlich nicht
+Ersticken?--Und das kümmert Euch so wenig?
+Dem ungeachtet könnt Ihr sagen--Ihr?
+Daß sie bei ihrem Bruder sich nicht übel
+Befinden werde?
+
+Nathan. Denk ich! hoff ich!--Wenn
+Ihr ja bei ihm was mangeln sollte, hat
+Sie Euch und mich denn nicht noch immer?--
+
+Tempelherr. Oh!
+Was wird bei ihm ihr mangeln können! Wird
+Das Brüderchen mit Essen und mit Kleidung,
+Mit Naschwerk und mit Putz, das Schwesterchen
+Nicht reichlich g'nug versorgen? Und was braucht
+Ein Schwesterchen denn mehr?--Ei freilich: auch
+Noch einen Mann!--Nun, nun, auch den, auch den
+Wird ihr das Brüderchen zu seiner Zeit
+Schon schaffen; wie er immer nur zu finden!
+Der Christlichste der Beste!--Nathan, Nathan!
+Welch einen Engel hattet Ihr gebildet,
+Den Euch nun andre so verhunzen werden!
+
+Nathan.
+Hat keine Not! Er wird sich unsrer Liebe
+Noch immer wert genug behaupten.
+
+Tempelherr. Sagt
+Das nicht! Von meiner Liebe sagt das nicht!
+Denn die läßt nichts sich unterschlagen; nichts.
+Es sei auch noch so klein! Auch keinen Namen!
+Doch halt!--Argwohnt sie wohl bereits, was mit
+Ihr vorgeht?
+
+Nathan. Möglich; ob ich schon nicht wüßte,
+Woher?
+
+Tempelherr. Auch eben viel; sie soll--sie muß
+In beiden Fällen, was ihr Schicksal droht,
+Von mir zuerst erfahren. Mein Gedanke,
+Sie eher wieder nicht zu sehn, zu sprechen,
+Als bis ich sie die Meine nennen dürfe,
+Fällt weg. Ich eile...
+
+Nathan. Bleibt! wohin?
+
+Tempelherr. Zu ihr!
+Zu sehn, ob diese Mädchenseele Manns genug
+Wohl ist, den einzigen Entschluß zu fassen,
+Der ihrer würdig wäre!
+
+Nathan. Welchen?
+
+Tempelherr. Den:
+Nach Euch und ihrem Bruder weiter nicht
+Zu fragen--
+
+Nathan. Und?
+
+Tempelherr. Und mir zu folgen;--wenn
+Sie drüber eines Muselmannes Frau
+Auch werden müßte.
+
+Nathan. Bleibt! Ihr trefft sie nicht.
+Sie ist bei Sittah, bei des Sultans Schwester.
+
+Tempelherr.
+Seit wenn? warum?
+
+Nathan. Und wollt Ihr da bei ihnen
+Zugleich den Bruder finden: kommt nur mit.
+
+Tempelherr.
+Den Bruder? welchen? Sittahs oder Rechas?
+
+Nathan.
+Leicht beide. Kommt nur mit! Ich bitt Euch, kommt!
+
+(Er führt ihn fort.)
+
+
+
+Sechster Auftritt
+
+(Szene: in Sittahs Harem.)
+
+Sittah und Recha in Unterhaltung begriffen.
+
+
+Sittah.
+Was freu ich mich nicht deiner, süßes Mädchen!--
+Sei so beklemmt nur nicht! so angst! so schüchtern!--
+Sei munter! sei gesprächiger! vertrauter!
+
+Recha.
+Prinzessin....
+
+Sittah. Nicht doch! nicht Prinzessin! Nenn
+Mich Sittah,--deine Freundin,--deine Schwester.
+Nenn mich dein Mütterchen!--Ich könnte das
+Ja schier auch sein.--So jung! so klug! so fromm!
+Was du nicht alles weißt! nicht alles mußt
+Gelesen haben!
+
+Recha. Ich gelesen?--Sittah,
+Du spottest deiner kleinen albern Schwester.
+Ich kann kaum lesen.
+
+Sittah. Kannst kaum, Lügnerin!
+
+Recha.
+Ein wenig meines Vaters Hand!--Ich meinte,
+Du sprächst von Büchern.
+
+Sittah. Allerdings! von Büchern.
+
+Recha.
+Nun, Bücher wird mir wahrlich schwer zu lesen!
+
+Sittah. Im Ernst?
+
+Recha. In ganzem Ernst. Mein Vater liebt
+Die kalte Buchgelehrsamkeit, die sich
+Mit toten Zeichen ins Gehirn nur drückt,
+Zu wenig.
+
+Sittah. Ei, was sagst du!--Hat indes
+Wohl nicht sehr unrecht!--Und so manches, was
+Du weißt...?
+
+Recha. Weiß ich allein aus seinem Munde
+Und könnte bei dem meisten dir noch sagen,
+Wie? wo? warum? er mich's gelehrt.
+
+Sittah. So hängt
+Sich freilich alles besser an. So lernt
+Mit eins die ganze Seele.--
+
+Recha. Sicher hat
+Auch Sittah wenig oder nichts gelesen!
+
+Sittah.
+Wieso?--Ich bin nicht stolz aufs Gegenteil.
+Allein wieso? Dein Grund! Sprich dreist. Dein Grund?
+
+Recha.
+Sie ist so schlecht und recht; so unverkünstelt;
+So ganz sich selbst nur ähnlich...
+
+Sittah. Nun?
+
+Recha. Das sollen
+Die Bücher uns nur selten lassen! sagt
+Mein Vater.
+
+Sittah. O was ist dein Vater für
+Ein Mann!
+
+Recha. Nicht wahr?
+
+Sittah. Wie nah er immer doch
+Zum Ziele trifft!
+
+Recha. Nicht wahr?--Und diesen Vater--
+
+Sittah.
+Was ist dir, Liebe?
+
+Recha. Diesen Vater--
+
+Sittah. Gott!
+Du weinst?
+
+Recha. Und diesen Vater--Ah! es muß
+Heraus! Mein Herz will Luft, will Luft...
+
+(Wirft sich, von Tränen überwältiget, zu ihren Füßen.)
+
+Sittah. Kind, was
+Geschieht dir? Recha?
+
+Recha. Diesen Vater soll--
+Soll ich verlieren!
+
+Sittah. Du? verlieren? ihn?
+Wie das?--Sei ruhig!--Nimmermehr!--Steh auf!
+
+Recha.
+Du sollst vergebens dich zu meiner Freundin,
+Zu meiner Schwester nicht erboten haben!
+
+Sittah.
+Ich bin's ja! bin's!--Steh doch nur auf! Ich muß
+Sonst Hilfe rufen.
+
+Recha (die sich ermannt und aufsteht).
+Ah! verzeih! vergib!
+Mein Schmerz hat mich vergessen machen, wer
+Du bist. Vor Sittah gilt kein Winseln, kein
+Verzweifeln. Kalte, ruhige Vernunft
+Will alles über sie allein vermögen.
+Wes Sache diese bei ihr führt, der siegt!
+
+Sittah.
+Nun dann?
+
+Recha. Nein; meine Freundin, meine Schwester
+Gibt das nicht zu! Gibt nimmer zu, daß mir
+Ein andrer Vater aufgedrungen werde!
+
+Sittah.
+Ein andrer Vater? aufgedrungen? dir?
+Wer kann das? kann das auch nur wollen, Liebe?
+
+Recha.
+Wer? Meine gute böse Daja kann
+Das wollen,--will das können.--ja; du kennst
+Wohl diese gute böse Daja nicht?
+Nun, Gott vergeb' es ihr!--belohn' es ihr!
+Sie hat mir so viel Gutes,--so viel Böses
+Erwiesen!
+
+Sittah. Böses dir?--So muß sie Gutes
+Doch wahrlich wenig haben.
+
+Recha. Doch! recht viel,
+Recht viel!
+
+Sittah. Wer ist sie?
+
+Recha. Eine Christin, die
+In meiner Kindheit mich gepflegt; mich so
+Gepflegt!--Du glaubst nicht!--Die mir eine Mutter
+So wenig missen lassen!--Gott vergelt'
+Es ihr!--Die aber mich auch so geängstet!
+Mich so gequält!
+
+Sittah. Und über was? warum?
+Wie?
+
+Recha. Ach! die arme Frau--ich sag dir's ja
+Ist eine Christin;--muß aus Liebe quälen;
+Ist eine von den Schwärmerinnen, die
+Den allgemeinen, einzig wahren Weg
+Nach Gott zu wissen wähnen!
+
+Sittah. Nun versteh ich!
+
+Recha.
+Und sich gedrungen fühlen, einen jeden,
+Der dieses Wegs verfehlt, darauf zu lenken.--
+Kaum können sie auch anders. Denn ist's wahr,
+Daß dieser Weg allein nur richtig führt:
+Wie sollen sie gelassen ihre Freunde
+Auf einem andern wandeln sehn,--der ins
+Verderben stürzt, ins ewige Verderben?
+Es müßte möglich sein, denselben Menschen
+Zur selben Zeit zu lieben und zu hassen.--
+Auch ist's das nicht, was endlich laute Klagen
+Mich über sie zu führen zwingt. Ihr Seufzen,
+Ihr Warnen, ihr Gebet, ihr Drohen hätt'
+Ich gern noch länger ausgehalten; gern!
+Es brachte mich doch immer auf Gedanken,
+Die gut und nützlich. Und wem schmeichelt's doch
+Im Grunde nicht, sich gar so wert und teuer,
+Von wem's auch sei, gehalten fühlen, daß
+Er den Gedanken nicht ertragen kann,
+Er müss' einmal auf ewig uns entbehren!
+
+Sittah.
+Sehr wahr!
+
+Recha. Allein--allein--das geht zu weit!
+Dem kann ich nichts entgegensetzen; nicht
+Geduld, nicht Überlegung; nichts!
+
+Sittah. Was? wem?
+
+Recha.
+Was sie mir eben itzt entdeckt will haben.
+
+Sittah.
+Entdeckt? und eben itzt?
+
+Recha. Nur eben itzt!
+Wir nahten, auf dem Weg hierher, uns einem
+Verfallnen Christentempel. Plötzlich stand
+Sie still; schien mit sich selbst zu kämpfen; blickte
+Mit nassen Augen bald gen Himmel, bald
+Auf mich. Komm, sprach sie endlich, laß uns hier
+Durch diesen Tempel in die Richte gehn!
+Sie geht; ich folg ihr, und mein Auge schweift
+Mit Graus die wankenden Ruinen durch.
+Nun steht sie wieder; und ich sehe mich
+An den versunknen Stufen eines morschen
+Altars mit ihr. Wie ward mir? als sie da
+Mit heißen Tränen, mit gerungnen Händen
+Zu meinen Füßen stürzte...
+
+Sittah. Gutes Kind!
+
+Recha.
+Und bei der Göttlichen, die da wohl sonst
+So manch Gebet erhört, so manches Wunder
+Verrichtet habe, mich beschwor;--mit Blicken
+Des wahren Mitleids mich beschwor, mich meiner
+Doch zu erbarmen!--Wenigstens, ihr zu
+Vergeben, wenn sie mir entdecken müsse,
+Was ihre Kirch' auf mich für Anspruch habe.
+
+Sittah.
+(Unglückliche!--Es ahnte mir!)
+
+Recha. Ich sei
+Aus christlichem Geblüte; sei getauft;
+Sei Nathans Tochter nicht; er nicht mein Vater!--
+Gott! Gott! Er nicht mein Vater!--Sittah! Sittah!
+Sieh mich aufs neu' zu deinen Füßen...
+
+Sittah. Recha!
+Nicht doch! steh auf!--Mein Bruder kömmt! steh auf!
+
+
+
+Siebenter Auftritt
+
+Saladin und die Vorigen.
+
+
+Saladin.
+Was gibt's hier, Sittah?
+
+Sittah. Sie ist von sich! Gott!
+
+Saladin.
+Wer ist's?
+
+Sittah. Du weißt ja...
+
+Saladin. Unsers Nathans Tochter?
+Was fehlt ihr?
+
+Sittah. Komm doch zu dir, Kind!--Der Sultan...
+
+Recha (die sich auf den Knien zu Saladins Füßen schleppt, den Kopf
+zur Erde gesenkt).
+Ich steh nicht auf! nicht eher auf!--mag eher
+Des Sultans Antlitz nicht erblicken!--eher
+Den Abglanz ewiger Gerechtigkeit
+Und Güte nicht in seinen Augen, nicht
+Auf seiner Stirn bewundern...
+
+Saladin. Steh... steh auf!
+
+Recha.
+Eh' er mir nicht verspricht...
+
+Saladin. Komm! ich verspreche...
+Sei was es will!
+
+Recha. Nicht mehr, nicht weniger,
+Als meinen Vater mir zu lassen; und
+Mich ihm!--Noch weiß ich nicht, wer sonst mein Vater
+Zu sein verlangt;--verlangen kann. Will's auch
+Nicht wissen. Aber macht denn nur das Blut
+Den Vater? nur das Blut?
+
+Saladin (der sie aufhebt).
+Ich merke wohl!--
+Wer war so grausam denn, dir selbst--dir selbst
+Dergleichen in den Kopf zu setzen? Ist
+Es denn schon völlig ausgemacht? erwiesen?
+
+Recha.
+Muß wohl! Denn Daja will von meiner Amm'
+Es haben.
+
+Saladin. Deiner Amme!
+
+Recha. Die es sterbend
+Ihr zu vertrauen sich verbunden fühlte.
+
+Saladin.
+Gar sterbend!--Nicht auch faselnd schon? Und wär's
+Auch wahr!--Jawohl: das Blut, das Blut allein
+Macht lange noch den Vater nicht! macht kaum
+Den Vater eines Tieres! gibt zum höchsten
+Das erste Recht, sich diesen Namen zu
+Erwerben!--Laß dir doch nicht bange sein!
+Und weißt du was? Sobald der Väter zwei
+Sich um dich streiten:--laß sie beide; nimm
+Den dritten!--Nimm dann mich zu deinem Vater!
+
+Sittah.
+O tu's! o tu's!
+
+Saladin. Ich will ein guter Vater,
+Recht guter Vater sein!--Doch halt! mir fällt
+Noch viel was Bessers bei.--Was brauchst du denn
+Der Väter überhaupt? Wenn sie nun sterben?
+Beizeiten sich nach einem umgesehn,
+Der mit uns um die Wette leben will!
+Kennst du noch keinen?...
+
+Sittah. Mach sie nicht erröten!
+
+Saladin.
+Das hab ich allerdings mir vorgesetzt.
+Erröten macht die Häßlichen so schön:
+Und sollte Schöne nicht noch schöner machen?--
+Ich habe deinen Vater Nathan; und
+Noch einen--einen noch hierher bestellt.
+Errätst du ihn?--Hierher! Du wirst mir doch
+Erlauben, Sittah?
+
+Sittah. Bruder!
+
+Saladin. Daß du ja
+Vor ihm recht sehr errötest, liebes Mädchen!
+
+Recha.
+Vor wem? erröten?...
+
+Saladin. Kleine Heuchlerin!
+Nun, so erblasse lieber!--Wie du willst
+Und kannst!--
+
+(Eine Sklavin tritt herein und nahet sich Sittah.)
+
+Sie sind doch etwa nicht schon da?
+
+Sittah (zur Sklavin).
+Gut! laß sie nur herein.--Sie sind es, Bruder!
+
+
+
+Letzter Auftritt
+
+Nathan und der Tempelherr zu den Vorigen.
+
+
+Saladin.
+Ah, meine guten lieben Freunde!--Dich,
+Dich, Nathan, muß ich nur vor allen Dingen
+Bedeuten, daß du nun, sobald du willst,
+Dein Geld kannst wieder holen lassen!
+
+Nathan. Sultan!
+
+Saladin.
+Nun steh ich auch zu deinen Diensten.
+
+Nathan. Sultan!
+
+Saladin.
+Die Karawan' ist da. Ich bin so reich
+Nun wieder, als ich lange nicht gewesen.
+Komm, sag mir, was du brauchst, so recht was Großes
+Zu unternehmen! Denn auch ihr, auch ihr,
+Ihr Handelsleute, könnt des baren Geldes
+Zuviel nie haben!
+
+Nathan. Und warum zuerst
+Von dieser Kleinigkeit?--Ich sehe dort
+Ein Aug' in Tränen, das zu trocknen, mir
+Weit angelegner ist. (Geht auf Recha zu.)
+Du hast geweint?
+Was fehlt dir?--bist doch meine Tochter noch?
+
+Recha.
+Mein Vater!...
+
+Nathan. Wir verstehen uns. Genug!--
+Sei heiter! Sei gefaßt! Wenn sonst dein Herz
+Nur dein noch ist! Wenn deinem Herzen sonst
+Nur kein Verlust nicht droht!--Dein Vater ist
+Dir unverloren!
+
+Recha. Keiner, keiner sonst!
+
+Tempelherr.
+Sonst keiner?--Nun! so hab ich mich betrogen.
+Was man nicht zu verlieren fürchtet, hat
+Man zu besitzen nie geglaubt, und nie
+Gewünscht.--Recht wohl! recht wohl!--Das ändert, Nathan,
+Das ändert alles!--Saladin, wir kamen
+Auf dein Geheiß. Allein, ich hatte dich
+Verleitet; itzt bemüh dich nur nicht weiter!
+
+Saladin.
+Wie gach nun wieder, junger Mann!--Soll alles
+Dir denn entgegenkommen? Alles dich
+Erraten?
+
+Tempelherr. Nun du hörst ja! siehst ja, Sultan!
+
+Saladin.
+Ei wahrlich!--Schlimm genug, daß deiner Sache
+Du nicht gewisser warst!
+
+Tempelherr. So bin ich's nun.
+
+Saladin.
+Wer so auf irgendeine Wohltat trotzt,
+Nimmt sie zurück. Was du gerettet, ist
+Deswegen nicht dein Eigentum. Sonst wär'
+Der Räuber, den sein Geiz ins Feuer jagt,
+So gut ein Held wie du!
+
+(Auf Recha zugehend, um sie dem Tempelherrn zuzuführen.)
+
+Komm, liebes Mädchen,
+Komm! Nimm's mit ihm nicht so genau. Denn wär'
+Er anders; wär' er minder warm und stolz:
+Er hätt' es bleibenlassen, dich zu retten.
+Du mußt ihm eins fürs andre rechnen.--Komm!
+Beschäm ihn! tu, was ihm zu tun geziemte!
+Bekenn ihm deine Liebe! trage dich ihm an!
+Und wenn er dich verschmäht; dir's je vergißt,
+Wie ungleich mehr in diesem Schritte du
+Für ihn getan, als er für dich... Was hat
+Er denn für dich getan? Ein wenig sich
+Beräuchern lassen! ist was Rechts!--so hat
+Er meines Bruders, meines Assad, nichts!
+So trägt er seine Larve, nicht sein Herz.
+Komm, Liebe...
+
+Sittah. Geh! geh, Liebe, geh! Es ist
+Für deine Dankbarkeit noch immer wenig;
+Noch immer nichts.
+
+Nathan. Halt Saladin! halt Sittah!
+
+Saladin.
+Auch du?
+
+Nathan. Hier hat noch einer mitzusprechen...
+
+Saladin.
+Wer leugnet das?--Unstreitig, Nathan, kömmt
+So einem Pflegevater eine Stimme
+Mit zu! Die erste, wenn du willst.--Du hörst,
+Ich weiß der Sache ganze Lage.
+
+Nathan. Nicht so ganz!--
+Ich rede nicht von mir. Es ist ein andrer;
+Weit, weit ein andrer, den ich, Saladin,
+Doch auch vorher zu hören bitte.
+
+Saladin.--Wer?
+
+Nathan.
+Ihr Bruder!
+
+Saladin. Rechas Bruder?
+
+Nathan. Ja!
+
+Recha. Mein Bruder?
+So hab ich einen Bruder?
+
+Tempelherr (aus seiner wilden, stummen Zerstreuung auffahrend).
+Wo? wo ist
+Er, dieser Bruder? Noch nicht hier? Ich sollt'
+Ihn hier ja treffen.
+
+Nathan. Nur Geduld!
+
+Tempelherr (äußerst bitter). Er hat
+Ihr einen Vater aufgebunden:--wird
+Er keinen Bruder für sie finden?
+
+Saladin. Das
+Hat noch gefehlt! Christ! ein so niedriger
+Verdacht wär' über Assads Lippen nicht
+Gekommen.--Gut! fahr nur so fort!
+
+Nathan. Verzeih
+Ihm!--Ich verzeih ihm gern.--Wer weiß, was wir
+An seiner Stell', in seinem Alter dächten!
+(Freundschaftlich auf ihn zugehend.)
+Natürlich, Ritter!--Argwohn folgt auf Mißtraun!--
+Wenn Ihr mich Eures wahren Namens gleich
+Gewürdigt hättet...
+
+Tempelherr. Wie?
+
+Nathan. Ihr seid kein Stauffen!
+
+Tempelherr.
+Wer bin ich denn?
+
+Nathan. Heißt Curd von Stauffen nicht!
+
+Tempelherr.
+Wie heiß ich denn?
+
+Nathan. Heißt Leu von Filnek.
+
+Tempelherr. Wie?
+
+Nathan.
+Ihr stutzt?
+
+Tempelherr. Mit Recht! Wer sagt das?
+
+Nathan. Ich; der mehr,
+Noch mehr Euch sagen kann. Ich straf indes
+Euch keiner Lüge.
+
+Tempelherr. Nicht?
+
+Nathan. Kann doch wohl sein,
+Daß jener Nam' Euch ebenfalls gebührt.
+
+Tempelherr.
+Das sollt' ich meinen!--(Das hieß Gott ihn sprechen!)
+
+Nathan.
+Denn Eure Mutter--die war eine Stauffin.
+Ihr Bruder, Euer Ohm, der Euch erzogen,
+Dem Eure Eltern Euch in Deutschland ließen,
+Als, von dem rauhen Himmel dort vertrieben,
+Sie wieder hierzulande kamen:--Der
+Hieß Curd von Stauffen; mag an Kindes Statt
+Vielleicht Euch angenommen haben!--Seid
+Ihr lange schon mit ihm nun auch herüber-
+Gekommen? Und er lebt doch noch?
+
+Tempelherr. Was soll
+Ich sagen?--Nathan!--Allerdings! So ist's!
+Er selbst ist tot. Ich kam erst mit der letzten
+Verstärkung unsers Ordens.--Aber, aber--
+Was hat mit diesem allen Rechas Bruder
+Zu schaffen?
+
+Nathan. Euer Vater...
+
+Tempelherr. Wie? auch den
+Habt Ihr gekannt? Auch den?
+
+Nathan. Er war mein Freund.
+
+Tempelherr.
+War Euer Freund? Ist's möglich, Nathan!...
+
+Nathan. Nannte
+Sich Wolf von Filnek; aber war kein Deutscher...
+
+Tempelherr.
+Ihr wißt auch das?
+
+Nathan. War einer Deutschen nur
+Vermählt; war Eurer Mutter nur nach Deutschland
+Auf kurze Zeit gefolgt...
+
+Tempelherr. Nicht mehr! Ich bitt
+Euch!--Aber Rechas Bruder? Rechas Bruder...
+
+Nathan.
+Seid Ihr!
+
+Tempelherr. Ich? ich ihr Bruder?
+
+Recha. Er mein Bruder?
+
+Sittah.
+Geschwister!
+
+Saladin. Sie Geschwister!
+
+Recha (will auf ihn zu). Ah! mein Bruder!
+
+Tempelherr (tritt zurück).
+Ihr Bruder!
+
+Recha (hält an, und wendet sich zu Nathan).
+Kann nicht sein! nicht sein! Sein Herz
+Weiß nichts davon!--Wir sind Betrüger! Gott!
+
+Saladin (zum Tempelherrn).
+Betrüger? wie? Das denkst du? kannst du denken?
+Betrüger selbst! Denn alles ist erlogen
+An dir: Gesicht und Stimm' und Gang! Nichts dein!
+So eine Schwester nicht erkennen wollen! Geh!
+
+Tempelherr (sich demütig ihm nahend).
+Mißdeut auch du nicht mein Erstaunen, Sultan!
+Verkenn in einem Augenblick', in dem
+Du schwerlich deinen Assad je gesehen,
+Nicht ihn und mich! (Auf Nathan zueilend.)
+Ihr nehmt und gebt mir, Nathan!
+Mit vollen Händen beides!--Nein! Ihr gebt
+Mir mehr, als Ihr mir nehmt! unendlich mehr!
+(Recha um den Hals fallend.)
+Ah! meine Schwester! meine Schwester!
+
+Nathan. Blanda
+Von Filnek.
+
+Tempelherr. Blanda? Blanda?--Recha nicht?
+Nicht Eure Recha mehr?--Gott! Ihr verstoßt
+Sie! gebt ihr ihren Christennamen wieder!
+Verstoßt sie meinetwegen!--Nathan! Nathan!
+Warum es sie entgelten lassen? sie!
+
+Nathan.
+Und was?--O meine Kinder! meine Kinder!
+Denn meiner Tochter Bruder wär' mein Kind
+Nicht auch,--sobald er will?
+(Indem er sich ihren Umarmungen überläßt, tritt Saladin mit unruhigem
+Erstaunen zu seiner Schwester.)
+
+Saladin. Was sagst du, Schwester?
+
+Sittah.
+Ich bin gerührt...
+
+Saladin. Und ich,--ich schaudere
+Vor einer größern Rührung fast zurück!
+Bereite dich nur drauf, so gut du kannst.
+
+Sittah.
+Wie?
+
+Saladin. Nathan, auf ein Wort! ein Wort!
+
+(Indem Nathan zu ihm tritt, tritt Sittah zu dem Geschwister, ihm
+ihre Teilnahme zu bezeigen; und Nathan und Saladin sprechen leiser.)
+
+Hör! hör doch, Nathan! Sagtest du vorhin
+Nicht--?
+
+Nathan. Was?
+
+Saladin. Aus Deutschland sei ihr Vater nicht
+Gewesen; ein geborner Deutscher nicht.
+Was war er denn? Wo war er sonst denn her?
+
+Nathan.
+Das hat er selbst mir nie vertrauen wollen.
+Aus seinem Munde weiß ich nichts davon.
+
+Saladin.
+Und war auch sonst kein Frank? kein Abendländer?
+
+Nathan.
+Oh! daß er der nicht sei, gestand er wohl.
+Er sprach am liebsten Persisch...
+
+Saladin. Persisch? Persisch?
+Was will ich mehr?--Er ist's! Er war es!
+
+Nathan. Wer?
+
+Saladin.
+Mein Bruder! ganz gewiß! Mein Assad! ganz
+Gewiß!
+
+Nathan. Nun, wenn du selbst darauf verfällst:--
+Nimm die Versichrung hier in diesem Buche!
+
+(Ihm das Brevier überreichend.)
+
+Saladin (es begierig aufschlagend).
+Ah! seine Hand! Auch die erkenn ich wieder!
+
+Nathan.
+Noch wissen sie von nichts! Noch steht's bei dir
+Allein, was sie davon erfahren sollen!
+
+Saladin (indes er darin geblättert).
+Ich meines Bruders Kinder nicht erkennen?
+Ich meine Neffen--meine Kinder nicht?
+Sie nicht erkennen? ich? Sie dir wohl lassen?
+(Wieder laut.)
+Sie sind's! Sie sind es, Sittah, sind's! Sie sind's!
+Sind beide meines... deines Bruders Kinder!
+(Er rennt in ihre Umarmungen.)
+
+Sittah (ihm folgend).
+Was hör ich!--Konnt's auch anders, anders sein!--
+
+Saladin (zum Tempelherrn).
+Nun mußt du doch wohl, Trotzkopf, mußt mich lieben!
+(Zu Recha.)
+Nun bin ich doch, wozu ich mich erbot?
+Magst wollen, oder nicht!
+
+Sittah. Ich auch! ich auch!
+
+Saladin (zum Tempelherrn zurück).
+Mein Sohn! mein Assad! meines Assads Sohn!
+
+Tempelherr.
+Ich deines Bluts!--So waren jene Träume,
+Womit man meine Kindheit wiegte, doch--
+Doch mehr als Träume!
+(Ihm zu Füßen fallend.)
+
+Saladin (ihn aufhebend).
+Seht den Bösewicht!
+Er wußte was davon, und konnte mich
+Zu seinem Mörder machen wollen! Wart!
+
+(Unter stummer Wiederholung allseitiger Umarmungen fällt der Vorhang.)
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Nathan der Weise, von Gotthold
+Ephraim Lessing.
+
+
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Nathan der Weise, by Gotthold Epraim Lessing
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NATHAN DER WEISE ***
+
+This file should be named 8nthn10.txt or 8nthn10.zip
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+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
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+Information about Project Gutenberg (one page)
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+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
+
+Donations by check or money order may be sent to:
+
+Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+PMB 113
+1739 University Ave.
+Oxford, MS 38655-4109
+
+Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
+method other than by check or money order.
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
+the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
+[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are
+tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising
+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
+
+We need your donations more than ever!
+
+You can get up to date donation information online at:
+
+http://www.gutenberg.net/donation.html
+
+
+***
+
+If you can't reach Project Gutenberg,
+you can always email directly to:
+
+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
+
+Prof. Hart will answer or forward your message.
+
+We would prefer to send you information by email.
+
+
+**The Legal Small Print**
+
+
+(Three Pages)
+
+***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
+Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
+They tell us you might sue us if there is something wrong with
+your copy of this eBook, even if you got it for free from
+someone other than us, and even if what's wrong is not our
+fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
+disclaims most of our liability to you. It also tells you how
+you may distribute copies of this eBook if you want to.
+
+*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
+By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
+eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
+this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
+a refund of the money (if any) you paid for this eBook by
+sending a request within 30 days of receiving it to the person
+you got it from. If you received this eBook on a physical
+medium (such as a disk), you must return it with your request.
+
+ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS
+This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks,
+is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart
+through the Project Gutenberg Association (the "Project").
+Among other things, this means that no one owns a United States copyright
+on or for this work, so the Project (and you!) can copy and
+distribute it in the United States without permission and
+without paying copyright royalties. Special rules, set forth
+below, apply if you wish to copy and distribute this eBook
+under the "PROJECT GUTENBERG" trademark.
+
+Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market
+any commercial products without permission.
+
+To create these eBooks, the Project expends considerable
+efforts to identify, transcribe and proofread public domain
+works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any
+medium they may be on may contain "Defects". Among other
+things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
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+intellectual property infringement, a defective or damaged
+disk or other eBook medium, a computer virus, or computer
+codes that damage or cannot be read by your equipment.
+
+LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES
+But for the "Right of Replacement or Refund" described below,
+[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may
+receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims
+all liability to you for damages, costs and expenses, including
+legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR
+UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT,
+INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE
+OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE
+POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES.
+
+If you discover a Defect in this eBook within 90 days of
+receiving it, you can receive a refund of the money (if any)
+you paid for it by sending an explanatory note within that
+time to the person you received it from. If you received it
+on a physical medium, you must return it with your note, and
+such person may choose to alternatively give you a replacement
+copy. If you received it electronically, such person may
+choose to alternatively give you a second opportunity to
+receive it electronically.
+
+THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS
+TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A
+PARTICULAR PURPOSE.
+
+Some states do not allow disclaimers of implied warranties or
+the exclusion or limitation of consequential damages, so the
+above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you
+may have other legal rights.
+
+INDEMNITY
+You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation,
+and its trustees and agents, and any volunteers associated
+with the production and distribution of Project Gutenberg-tm
+texts harmless, from all liability, cost and expense, including
+legal fees, that arise directly or indirectly from any of the
+following that you do or cause: [1] distribution of this eBook,
+[2] alteration, modification, or addition to the eBook,
+or [3] any Defect.
+
+DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm"
+You may distribute copies of this eBook electronically, or by
+disk, book or any other medium if you either delete this
+"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg,
+or:
+
+[1] Only give exact copies of it. Among other things, this
+ requires that you do not remove, alter or modify the
+ eBook or this "small print!" statement. You may however,
+ if you wish, distribute this eBook in machine readable
+ binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
+ including any form resulting from conversion by word
+ processing or hypertext software, but only so long as
+ *EITHER*:
+
+ [*] The eBook, when displayed, is clearly readable, and
+ does *not* contain characters other than those
+ intended by the author of the work, although tilde
+ (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
+ be used to convey punctuation intended by the
+ author, and additional characters may be used to
+ indicate hypertext links; OR
+
+ [*] The eBook may be readily converted by the reader at
+ no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
+ form by the program that displays the eBook (as is
+ the case, for instance, with most word processors);
+ OR
+
+ [*] You provide, or agree to also provide on request at
+ no additional cost, fee or expense, a copy of the
+ eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
+ or other equivalent proprietary form).
+
+[2] Honor the eBook refund and replacement provisions of this
+ "Small Print!" statement.
+
+[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
+ gross profits you derive calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. If you
+ don't derive profits, no royalty is due. Royalties are
+ payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation"
+ the 60 days following each date you prepare (or were
+ legally required to prepare) your annual (or equivalent
+ periodic) tax return. Please contact us beforehand to
+ let us know your plans and to work out the details.
+
+WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
+Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
+public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form.
+
+The Project gratefully accepts contributions of money, time,
+public domain materials, or royalty free copyright licenses.
+Money should be paid to the:
+"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+If you are interested in contributing scanning equipment or
+software or other items, please contact Michael Hart at:
+hart@pobox.com
+
+[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
+when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by
+Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
+used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be
+they hardware or software or any other related product without
+express permission.]
+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
+
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