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+The Project Gutenberg EBook of Die Erziehung des Menschengeschlechts
+by Gotthold Ephraim Lessing
+#9 in our series by Gotthold Ephraim Lessing
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+Title: Die Erziehung des Menschengeschlechts
+
+Author: Gotthold Ephraim Lessing
+
+Release Date: October, 2005 [EBook #9160]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on September 9, 2003]
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+Edition: 10
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+Language: German
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+Character set encoding: ASCII
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ERZIEHUNG DES ***
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+Produced by Delphine Letttau. The book content was graciously
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
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+
+
+
+Die Erziehung des Menschengeschlechts
+
+Gotthold Ephraim Lessing
+
+
+Haec omnia inde esse quibusdam vera,
+ unde in quibusdam falsa sunt.
+Augustinus.
+
+
+
+
+Herausgegeben von Gotthold Ephraim Lessing
+Berlin, 1780
+
+
+
+
+Vorbericht des Herausgebers.
+
+Ich habe die erste Haelfte dieses Aufsatzes in meinen Beytraegen bekannt
+gemacht. Itzt bin ich im Stande, das Uebrige nachfolgen zu lassen.
+
+Der Verfasser hat sich darum auf einen Huegel gestellt, von welchem er
+etwas mehr, als den vorgeschriebenen Weg seines heutigen Tages zu
+uebersehen glaubt.
+
+Aber er ruft keinen eilfertigen Wanderer, der nur das Nachtlager bald
+zu erreichen wuenscht, von seinem Pfade. Er verlangt nicht, dass die
+Aussicht, die ihn entzuecket, auch jedes andere Auge entzuecken muesse.
+
+Und so, daechte ich, koennte man ihn ja wohl stehen und staunen lassen,
+wo er steht und staunt!
+
+Wenn er aus der unermesslichen Ferne, die ein sanftes Abendroth seinem
+Blicke weder ganz verhuellt noch ganz entdeckt, nun gar einen
+Fingerzeig mitbrachte, um den ich oft verlegen gewesen!
+
+Ich meyne diesen.--Warum wollen wir in allen positiven Religionen
+nicht lieber weiter nichts, als den Gang erblicken, nach welchem sich
+der menschliche Verstand jedes Orts einzig und allein entwickeln
+koennen, und noch ferner entwickeln soll; als ueber eine derselben
+entweder laecheln, oder zuernen? Diesen unsern Hohn, diesen unsern
+Unwillen, verdiente in der besten Welt nichts: und nur die Religionen
+sollten ihn verdienen? Gott haette seine Hand bey allem im Spiele: nur
+bey unsern Irrthuemern nicht?
+
+
+
+
+
+Sec.. 1.
+
+Was die Erziehung bey dem einzeln Menschen ist, ist die Offenbarung
+bey dem ganzen Menschengeschlechte.
+
+Sec.. 2.
+
+Erziehung ist Offenbarung, die dem einzeln Menschen geschieht: und
+Offenbarung ist Erziehung, die dem Menschengeschlechte geschehen ist,
+und noch geschieht.
+
+Sec.. 3.
+
+Ob die Erziehung aus diesem Gesichtspunkte zu betrachten, in der
+Paedagogik Nutzen haben kann, will ich hier nicht untersuchen. Aber in
+der Theologie kann es gewiss sehr grossen Nutzen haben, und viele
+Schwierigkeiten heben, wenn man sich die Offenbarung als eine
+Erziehung des Menschengeschlechts vorstellet.
+
+Sec.. 4.
+
+Erziehung giebt dem Menschen nichts, was er nicht auch aus sich selbst
+haben koennte: sie giebt ihm das, was er aus sich selber haben koennte,
+nur geschwinder und leichter. Also giebt auch die Offenbarung dem
+Menschengeschlechte nichts, worauf die menschliche Vernunft, sich
+selbst ueberlassen, nicht auch kommen wuerde: sondern sie gab und giebt
+ihm die wichtigsten dieser Dinge nur frueher.
+
+Sec. 5.
+
+Und so wie es der Erziehung nicht gleichgueltig ist, in welcher Ordnung
+sie die Kraefte des Menschen entwickelt; wie sie dem Menschen nicht
+alles auf einmal beibringen kann: eben so hat auch Gott bey seiner
+Offenbarung eine gewisse Ordnung, ein gewisses Maass halten muessen.
+
+Sec.. 6.
+
+Wenn auch der erste Mensch mit einem Begriffe von einem Einigen Gotte
+sofort ausgestattet wurde: so konnte doch dieser mitgetheilte, und
+nicht erworbene Begriff, unmoeglich lange in seiner Lauterkeit bestehen.
+Sobald ihn die sich selbst ueberlassene menschliche Vernunft zu
+bearbeiten anfing, zerlegte sie den Einzigen Unermesslichen in mehrere
+Ermesslichere, und gab jedem dieser Theile ein Merkzeichen.
+
+Sec.. 7.
+
+So entstand natuerlicher Weise Vielgoetterey und Abgoetterey. Und wer
+weiss, wie viele Millionen Jahre sich die menschliche Vernunft noch in
+diesen Irrwegen wuerde herumgetrieben haben; ohngeachtet ueberall und zu
+allen Zeiten einzelne Menschen erkannten, dass es Irrwege waren: wenn
+es Gott nicht gefallen haette, ihr durch einen neuen Stoss eine bessere
+Richtung zu geben.
+
+Sec.. 8.
+
+Da er aber einem jeden einzeln Menschen sich nicht mehr offenbaren
+konnte, noch wollte: so waehlte er sich ein einzelnes Volk zu seiner
+besondern Erziehung; und eben das ungeschliffenste, das verwildertste,
+um mit ihm ganz von vorne anfangen zu koennen.
+
+Sec.. 9.
+
+Diess war das Israelitische Volk, von welchem man gar nicht einmal weiss,
+was es fuer einen Gottesdienst in Aegypten hatte. Denn an dem
+Gottesdienste der Aegyptier durften so verachtete Sklaven nicht Theil
+nehmen: und der Gott seiner Vaeter war ihm gaenzlich unbekannt geworden.
+
+Sec.. 10.
+
+Vielleicht, dass ihm die Aegyptier allen Gott, alle Goetter ausdruecklich
+untersagt hatten; es in den Glauben gestuerzt hatten, es habe gar
+keinen Gott, gar keine Goetter; Gott, Goetter haben, sey nur ein
+Vorrecht der bessern Aegyptier: und das, um es mit so viel groesserm
+Anscheine von Billigkeit tyrannisiren zu duerfen.--Machen Christen es
+mit ihren Sklaven noch itzt viel anders?--
+
+Sec.. 11.
+
+Diesem rohen Volke also liess sich Gott anfangs blos als den Gott
+seiner Vaeter ankuendigen, um es nur erst mit der Idee eines auch ihm
+zustehenden Gottes bekannt und vertraut zu machen.
+
+Sec.. 12.
+
+Durch die Wunder, mit welchen er es aus Aegypten fuehrte, und in Kanaan
+einsetzte, bezeugte er sich ihm gleich darauf als einen Gott, der
+maechtiger sey, als irgend ein andrer Gott.
+
+Sec.. 13.
+
+Und indem er fortfuhr, sich ihm als den Maechtigsten von allen zu
+bezeugen--welches doch nur einer seyn kann,--gewoehnte er es allmaelig
+zu dem Begriffe des Einigen.
+
+Sec.. 14.
+
+Aber wie weit war dieser Begriff des Einigen, noch unter dem wahren
+transcendentalen Begriffe des Einigen, welchen die Vernunft so spaet
+erst aus dem Begriffe des Unendlichen mit Sicherheit schliessen lernen!
+
+Sec.. 15.
+
+Zu dem wahren Begriffe des Einigen--wenn sich ihm auch schon die
+Besserern des Volks mehr oder weniger naeherten--konnte sich doch das
+Volk lange nicht erheben: und dieses war die einzige wahre Ursache,
+warum es so oft seinen Einigen Gott verliess, und den Einigen, d. i.
+Maechtigsten, in irgend einem andern Gotte eines andern Volks zu finden
+glaubte.
+
+Sec.. 16.
+
+Ein Volk aber, das so roh, so ungeschickt zu abgezognen Gedanken war,
+noch so voellig in seiner Kindheit war, was war es fuer einer
+moralischen Erziehung faehig? Keiner andern, als die dem Alter der
+Kindheit entspricht. Der Erziehung durch unmittelbare sinnliche
+Strafen und Belohnungen.
+
+Sec.. 17.
+
+Auch hier also treffen Erziehung und Offenbarung zusammen. Noch konnte
+Gott seinem Volke keine andere Religion, kein anders Gesetz geben, als
+eines, durch dessen Beobachtung oder Nichtbeobachtung es hier auf
+Erden gluecklich oder ungluecklich zu werden hoffte oder fuerchtete. Denn
+weiter als auf dieses Leben gingen noch seine Blicke nicht. Es wusste
+von keiner Unsterblichkeit der Seele; es sehnte sich nach keinem
+kuenftigen Leben. Ihm aber nun schon diese Dinge zu offenbaren, welchen
+seine Vernunft noch so wenig gewachsen war: was wuerde es bey Gott
+anders gewesen seyn, als der Fehler des eiteln Paedagogen, der sein
+Kind lieber uebereilen und mit ihm prahlen, als gruendlich unterrichten
+will.
+
+Sec.. 18.
+
+Allein wozu, wird man fragen, diese Erziehung eines so rohen Volkes,
+eines Volkes, mit welchem Gott so ganz von vorne anfangen musste? Ich
+antworte: um in der Folge der Zeit einzelne Glieder desselben so viel
+sichrer zu Erziehern aller uebrigen Voelker brauchen zu koennen. Er erzog
+in ihm die kuenftigen Erzieher des Menschengeschlechts. Das wurden
+Juden, das konnten nur Juden werden, nur Maenner aus einem so erzogenen
+Volke.
+
+Sec.. 19.
+
+Denn weiter. Als das Kind unter Schlaegen und Liebkosungen aufgewachsen
+und nun zu Jahren des Verstandes gekommen war, stiess es der Vater auf
+einmal in die Fremde; und hier erkannte es auf einmal das Gute, das es
+in seines Vaters Hause gehabt und nicht erkannt hatte.
+
+Sec.. 20.
+
+Waehrend dass Gott sein erwaehltes Volk durch alle Staffeln einer
+kindischen Erziehung fuehrte: waren die andern Voelker des Erdbodens bey
+dem Lichte der Vernunft ihren Weg fortgegangen. Die meisten derselben
+waren weit hinter dem erwaehlten Volke zurueckgeblieben: nur einige
+waren ihm zuvorgekommen. Und auch das geschieht bey Kindern, die man
+fuer sich aufwachsen laesst; viele bleiben ganz roh; einige bilden sich
+zum Erstaunen selbst.
+
+Sec.. 21.
+
+Wie aber diese gluecklichern Einige nichts gegen den Nutzen und die
+Nothwendigkeit der Erziehung beweisen: so beweisen die wenigen
+heidnischen Voelker, die selbst in der Erkenntniss Gottes vor dem
+erwaehlten Volke noch bis itzt einen Vorsprung zu haben schienen,
+nichts gegen die Offenbarung. Das Kind der Erziehung faengt mit
+langsamen aber sichern Schritten an; es hohlt manches gluecklicher
+organisirte Kind der Natur spaet ein; aber es hohlt es doch ein, und
+ist alsdann nie wieder von ihm einzuholen.
+
+Sec.. 22.
+
+Auf gleiche Weise. Dass,--die Lehre von der Einheit Gottes bey Seite
+gesetzt, welche in den Buechern des Alten Testaments sich findet, und
+sich nicht findet--dass, sage ich, wenigstens die Lehre von der
+Unsterblichkeit der Seele, und die damit verbundene Lehre von Strafe
+und Belohnung in einem kuenftigen Leben, darum voellig fremd sind:
+beweiset eben so wenig wider den goettlichen Ursprung dieser Buecher. Es
+kann dem ohngeachtet mit allen darinn enthaltenen Wundern und
+Prophezeyungen seine gute Richtigkeit haben. Denn lasst uns setzen,
+jene Lehren wuerden nicht allein darinn vermisst, jene Lehren waeren auch
+sogar nicht einmal wahr, lasst uns setzen, es waere wirklich fuer die
+Menschen in diesem Leben alles aus: waere darum das Daseyn Gottes
+minder erwiesen? stuende es darum Gotte minder frey, wuerde es darum
+Gotte minder ziemen, sich der zeitlichen Schicksale irgend eines Volks
+aus diesem vergaenglichen Geschlechte unmittelbar anzunehmen? Die
+Wunder, die er fuer die Juden that, die Prophezeyungen, die er durch
+sie aufzeichnen liess, waren ja nicht blos fuer die wenigen sterblichen
+Juden, zu deren Zeiten sie geschahen und aufgezeichnet wurden: er
+hatte seine Absichten damit auf das ganze juedische Volk, auf das ganze
+Menschengeschlecht, die hier auf Erden vielleicht ewig dauern sollen,
+wenn schon jeder einzelne Jude, jeder einzelne Mensch auf immer dahin
+stirbt.
+
+Sec.. 23.
+
+Noch einmal. Der Mangel jener Lehren in den Schriften des Alten
+Testaments beweiset wider ihre Goettlichkeit nichts. Moses war doch von
+Gott gesandt, obschon die Sanktion seines Gesetzes sich nur auf dieses
+Leben erstreckte. Denn warum weiter? Er war ja nur an das
+Israelitische Volk, an das damalige Israelitische Volk gesandt: und
+sein Auftrag war den Kenntnissen, den Faehigkeiten, den Neigungen
+dieses damaligen israelitischen Volks, so wie der Bestimmung des
+kuenftigen, vollkommen angemessen. Das ist genug.
+
+Sec.. 24.
+
+So weit haette Warburton auch nur gehen muessen, und nicht weiter. Aber
+der gelehrte Mann ueberspannte den Bogen. Nicht zufrieden, dass der
+Mangel jener Lehren der goettlichen Sendung Mosis nichts schade: er
+sollte ihm die goettliche Sendung Mosis sogar beweisen. Und wenn er
+diesen Beweis noch aus der Schicklichkeit eines solchen Gesetzes fuer
+ein solches Volk zu fuehren gesucht haette! Aber er nahm seine Zuflucht
+zu einem von Mose bis auf Christum ununterbrochen fortdaurenden Wunder,
+nach welchem Gott einen jeden einzeln Juden gerade so gluecklich oder
+ungluecklich gemacht habe, als es dessen Gehorsam oder Ungehorsam gegen
+das Gesetz verdiente. Dieses Wunder habe den Mangel jener Lehren, ohne
+welche kein Staat bestehen koenne, ersetzt; und eine solche Ersetzung
+eben beweise, was jener Mangel, auf den ersten Anblick, zu verneinen
+scheine.
+
+Sec.. 25.
+
+Wie gut war es, dass Warburton dieses anhaltende Wunder, in welches er
+das Wesentliche der Israelitischen Theokratie setzte, durch nichts
+erhaerten, durch nichts wahrscheinlich machen konnte. Denn haette er das
+gekonnt; wahrlich--alsdenn erst haette er die Schwierigkeit
+unaufloeslich gemacht.--Mir wenigstens.--Denn was die Goettlichkeit
+der Sendung Mosis wieder herstellen sollte, wuerde an der Sache selbst
+zweifelhaft gemacht haben, die Gott zwar damals nicht mittheilen, aber
+doch gewiss auch nicht erschweren wollte.
+
+Sec.. 26.
+
+Ich erklaere mich an dem Gegenbilde der Offenbarung. Ein Elementarbuch
+fuer Kinder, darf gar wohl dieses oder jenes wichtige Stueck der
+Wissenschaft oder Kunst, die es vortraegt, mit Stillschweigen uebergehen,
+von dem der Paedagog urtheilte, dass es den Faehigkeiten der Kinder, fuer
+die er schrieb, noch nicht angemessen sey. Aber es darf
+schlechterdings nichts enthalten, was den Kindern den Weg zu den
+zurueckbehaltnen wichtigen Stuecken versperre oder verlege. Vielmehr
+muessen ihnen alle Zugaenge zu denselben sorgfaeltig offen gelassen
+werden: und sie nur von einem einzigen dieser Zugaenge ableiten, oder
+verursachen, dass sie denselben spaeter betreten, wuerde allein die
+Unvollstaendigkeit des Elementarbuchs zu einem wesentlichen Fehler
+desselben machen.
+
+Sec. 27.
+
+Also auch konnten in den Schriften des Alten Testaments, in diesen
+Elementarbuechern fuer das rohe und im Denken ungeuebte Israelitische
+Volk, die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele und kuenftigen
+Vergeltung gar wohl mangeln: aber enthalten durften sie
+schlechterdings nichts, was das Volk, fuer das sie geschrieben waren,
+auf dem Wege zu dieser grossen Wahrheit auch nur verspaetet haette. Und
+was haette es, wenig zu sagen, mehr dahin verspaetet, als wenn jene
+wunderbare Vergeltung in diesem Leben darinn waere versprochen, und von
+dem waere versprochen worden, der nichts verspricht, was er nicht haelt?
+
+Sec.. 28.
+
+Denn wenn schon aus der ungleichen Austheilung der Gueter dieses Lebens,
+bey der auf Tugend und Laster so wenig Ruecksicht genommen zu seyn
+scheinet, eben nicht der strengste Beweis fuer die Unsterblichkeit der
+Seele und fuer ein anders Leben, in welchem jener Knoten sich aufloese,
+zu fuehren: so ist doch wohl gewiss, dass der menschliche Verstand ohne
+jenem Knoten noch lange nicht--und vielleicht auch nie--auf bessere
+und strengere Beweise gekommen waere. Denn was sollte ihn antreiben
+koennen, diese bessern Beweise zu suchen? Die blosse Neugierde?
+
+Sec.. 29.
+
+Der und jener Israelite mochte freylich wohl die goettlichen
+Versprechungen und Androhungen, die sich auf den gesammten Staat
+bezogen, auf jedes einzelne Glied desselben erstrecken, und in dem
+festen Glauben stehen, dass wer fromm sey auch gluecklich seyn muesse,
+und wer ungluecklich sey, oder werde, die Strafe seiner Missethat trage,
+welche sich sofort wieder in Segen verkehre, sobald er von seiner
+Missethat ablasse.--Ein solcher scheinet den Hiob geschrieben zu
+haben; denn der Plan desselben ist ganz in diesem Geiste.--
+
+Sec.. 30.
+
+Aber unmoeglich durfte die taegliche Erfahrung diesen Glauben bestaerken:
+oder es war auf immer bey dem Volke, das diese Erfahrung hatte, auf
+immer um die Erkennung und Aufnahme der ihm noch ungelaeufigen Wahrheit
+geschehen. Denn wenn der Fromme schlechterdings gluecklich war, und es
+zu seinem Gluecke doch wohl auch mit gehoerte, dass seine Zufriedenheit
+keine schrecklichen Gedanken des Todes unterbrachen, dass er alt und
+lebenssatt starb: wie konnte er sich nach einem andern Leben sehnen?
+wie konnte er ueber etwas nachdenken, wornach er sich nicht sehnte?
+Wenn aber der Fromme darueber nicht nachdachte: wer sollte es denn? Der
+Boesewicht? der die Strafe seiner Missethat fuehlte, und wenn er dieses
+Leben verwuenschte, so gern auf jedes andere Leben Verzicht that?
+
+Sec.. 31.
+
+Weit weniger verschlug es, dass der und jener Israelite die
+Unsterblichkeit der Seele und kuenftige Vergeltung, weil sich das
+Gesetz nicht darauf bezog, gerade zu und ausdruecklich leugnete. Das
+Leugnen eines Einzeln--waere es auch ein Salomo gewesen,--hielt den
+Fortgang des gemeinen Verstandes nicht auf, und war an und fuer sich
+selbst schon ein Beweis, dass das Volk nun einen grossen Schritt der
+Wahrheit naeher gekommen war. Denn Einzelne leugnen nur, was Mehrere in
+Ueberlegung ziehen; und in Ueberlegung ziehen, warum man sich vorher
+ganz und gar nicht bekuemmerte, ist der halbe Weg zur Erkenntniss.
+
+Sec.. 32.
+
+Lasst uns auch bekennen, dass es ein heroischer Gehorsam ist, die
+Gesetze Gottes beobachten, blos weil es Gottes Gesetze sind, und nicht,
+weil er die Beobachter derselben hier und dort zu belohnen verheissen
+hat; sie beobachten, ob man schon an der kuenftigen Belohnung ganz
+verzweifelt, und der zeitlichen auch nicht so ganz gewiss ist.
+
+Sec.. 33.
+
+Ein Volk, in diesem heroischen Gehorsame gegen Gott erzogen, sollte es
+nicht bestimmt, sollte es nicht vor allen andern faehig seyn, ganz
+besondere goettliche Absichten auszufuehren?--Lasst den Soldaten, der
+seinem Fuehrer blinden Gehorsam leistet, nun auch von der Klugheit
+seines Fuehrers ueberzeugt werden, und sagt, was dieser Fuehrer mit ihm
+auszufuehren sich nicht unterstehen darf?--
+
+Sec.. 34.
+
+Noch hatte das juedische Volk in seinem Jehova mehr den Maechtigsten,
+als den Weisesten aller Goetter verehrt; noch hatte es ihn als einen
+eifrigen Gott mehr gefuerchtet, als geliebt: auch dieses zum Beweise,
+dass die Begriffe, die es von seinem hoechsten einigen Gott hatte, nicht
+eben die rechten Begriffe waren, die wir von Gott haben muessen. Doch
+nun war die Zeit da, dass diese seine Begriffe erweitert, veredelt,
+berichtiget werden sollten, wozu sich Gott eines ganz natuerlichen
+Mittels bediente; eines bessern richtigern Maassstabes, nach welchem es
+ihn zu schaetzen Gelegenheit bekam.
+
+Sec.. 35.
+
+Anstatt dass es ihn bisher nur gegen die armseligen Goetzen der kleinen
+benachbarten rohen Voelkerschaften geschuetzt hatte, mit welchen es in
+bestaendiger Eifersucht lebte: fing es in der Gefangenschaft unter dem
+weisen Perser an, ihn gegen das Wesen aller Wesen zu messen, wie das
+eine geuebtere Vernunft erkannte und verehrte.
+
+Sec.. 36.
+
+Die Offenbarung hatte seine Vernunft geleitet, und nun erhellte die
+Vernunft auf einmal seine Offenbarung.
+
+Sec.. 37.
+
+Das war der erste wechselseitige Dienst, den beyde einander leisteten;
+und dem Urheber beyder ist ein solcher gegenseitiger Einfluss so wenig
+unanstaendig, dass ohne ihm eines von beyden ueberfluessig seyn wuerde.
+
+Sec.. 38.
+
+Das in die Fremde geschickte Kind sahe andere Kinder, die mehr wussten;
+die anstaendiger lebten, und fragte sich beschaemt: warum weiss ich das
+nicht auch? warum lebe ich nicht auch so? Haette in meines Vaters Hause
+man mir das nicht auch beibringen; dazu mich nicht auch anhalten
+sollen? Da sucht es seine Elementarbuecher wieder vor, die ihm laengst
+zum Ekel geworden, um die Schuld auf die Elementarbuecher zu schieben.
+Aber siehe! es erkennet, dass die Schuld nicht an den Buechern liege,
+dass die Schuld ledig sein eigen sey, warum es nicht laengst eben das
+wisse, eben so lebe.
+
+Sec.. 39.
+
+Da die Juden nunmehr, auf Veranlassung der reinern Persischen Lehre,
+in ihrem Jehova nicht blos den groessten aller Nationalgoetter, sondern
+Gott erkannten; da sie ihn als solchen in ihren wieder hervorgesuchten
+heiligen Schriften um so eher finden und andern zeigen konnten, als er
+wirklich darinn war; da sie vor allen sinnlichen Vorstellungen
+desselben einen eben so grossen Abscheu bezeugten, oder doch in diesen
+Schriften zu haben angewiesen wurden, als die Perser nur immer hatten:
+was Wunder, dass sie vor den Augen des Cyrus mit einem Gottesdienste
+Gnade fanden, den er zwar noch weit unter dem reinen Sabeismus, aber
+doch auch weit ueber die groben Abgoettereyen zu seyn erkannte, die sich
+dafuer des verlassnen Landes der Juden bemaechtiget hatten?
+
+Sec.. 40.
+
+So erleuchtet ueber ihre eignen unerkannten Schaetze kamen sie zurueck,
+und wurden ein ganz andres Volk, dessen erste Sorge es war, diese
+Erleuchtung unter sich dauerhaft zu machen. Bald war an Abfall und
+Abgoetterey unter ihm nicht mehr zu denken. Denn man kann einem
+Nationalgott wohl untreu werden, aber nie Gott, so bald man ihn einmal
+erkannt hat.
+
+Sec.. 41.
+
+Die Gottesgelehrten haben diese gaenzliche Veraenderung des juedischen
+Volks verschiedentlich zu erklaeren gesucht; und Einer, der die
+Unzulaenglichkeit aller dieser verschiednen Erklaerungen sehr wohl
+gezeigt hat, wollte endlich "die augenscheinliche Erfuellung der ueber
+die Babylonische Gefangenschaft und die Wiederherstellung aus
+derselben ausgesprochnen und aufgeschriebnen Weissagungen," fuer die
+wahre Ursache derselben angeben. Aber auch diese Ursache kann nur in
+so fern die wahre seyn, als sie die nun erst vereitelten Begriffe von
+Gott voraus setzt. Die Juden mussten nun erst erkannt haben, dass
+Wunderthun und das Kuenftige vorhersagen, nur Gott zukomme; welches
+beydes sie sonst auch den falschen Goetzen beygeleget hatten, wodurch
+eben Wunder und Weissagungen bisher nur einen so schwachen,
+vergaenglichen Eindruck auf sie gemacht hatten.
+
+Sec.. 42.
+
+Ohne Zweifel waren die Juden unter den Chaldaeern und Persern auch mit
+der Lehre von der Unsterblichkeit der Seele bekannter geworden.
+Vertrauter mit ihr wurden sie in den Schulen der Griechischen
+Philosophen in Aegypten.
+
+Sec.. 43.
+
+Doch da es mit dieser Lehre, in Ansehung ihrer heiligen Schriften, die
+Bewandniss nicht hatte, die es mit der Lehre von der Einheit und den
+Eigenschaften Gottes gehabt hatte; da jene von dem sinnlichen Volke
+darum war groeblich uebersehen worden, diese aber gesucht seyn wollte;
+da auf diese noch Voruebungen noethig gewesen waren, und also nur
+Anspielungen und Fingerzeige Statt gehabt hatten: so konnte der Glaube
+an die Unsterblichkeit der Seele natuerlicher Weise nie der Glaube des
+gesammten Volks werden. Er war und blieb nur der Glaube einer gewissen
+Sekte desselben.
+
+Sec.. 44.
+
+Eine Voruebung auf die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, nenne
+ich z. E. die goettliche Androhung, die Missethat des Vaters an seinen
+Kindern bis ins dritte und vierte Glied zu strafen. Diess gewoehnte die
+Vaeter in Gedanken mit ihren spaetesten Nachkommen zu leben, und das
+Unglueck, welches sie ueber diese Unschuldige gebracht hatten, voraus zu
+fuehlen.
+
+Sec.. 45.
+
+Eine Anspielung nenne ich, was blos die Neugierde reizen und eine
+Frage veranlassen sollte. Als die oft vorkommende Redensart, zu seinen
+Vaetern versammlet werden, fuer sterben.
+
+Sec.. 46.
+
+Einen Fingerzeig nenne ich, was schon irgend einen Keim enthaelt, aus
+welchem sich die noch zurueckgehaltne Wahrheit entwickeln laesst.
+Dergleichen war Christi Schluss aus der Benennung Gott Abrahams, Isaacs
+und Jacobs. Dieser Fingerzeig scheint mir allerdings in einen strengen
+Beweis ausgebildet werden zu koennen.
+
+Sec.. 47.
+
+In solchen Voruebungen, Anspielungen, Fingerzeigen besteht die positive
+Vollkommenheit eines Elementarbuchs; so wie die oben erwaehnte
+Eigenschaft, dass es den Weg zu den noch zurueckgehaltenen Wahrheiten
+nicht erschwere, oder versperre, die negative Vollkommenheit desselben
+war.
+
+Sec.. 48.
+
+Setzt hierzu noch die Einkleidung und den Stil--1) die Einkleidung
+der nicht wohl zu uebergehenden abstrakten Wahrheiten in Allegorieen
+und lehrreiche einzelne Faelle, die als wirklich geschehen erzaehlet
+werden. Dergleichen sind die Schoepfung, unter dem Bilde des werdenden
+Tages; die Quelle des moralischen Boesen, in der Erzaehlung vom
+verbotnen Baume; der Ursprung der mancherlei Sprachen, in der
+Geschichte vom Thurmbaue zu Babel, u. s. w.
+
+Sec.. 49.
+
+2) den Stil--bald plan und einfaeltig, bald poetisch, durchaus voll
+Tavtologieen, aber solchen, die den Scharfsinn ueben, indem sie bald
+etwas anders zu sagen scheinen, und doch das nehmliche sagen, bald das
+nehmliche zu sagen scheinen, und im Grunde etwas anders bedeuten oder
+bedeuten koennen:--
+
+Sec.. 50.
+
+Und ihr habt alle gute Eigenschaften eines Elementarbuchs sowol fuer
+Kinder, als fuer ein kindisches Volk.
+
+Sec.. 51.
+
+Aber jedes Elementarbuch ist nur fuer ein gewisses Alter. Das ihm
+entwachsene Kind laenger, als die Meinung gewesen, dabey zu verweilen,
+ist schaedlich. Denn um dieses auf eine nur einigermaassen nuetzliche
+Art thun zu koennen, muss man mehr hineinlegen, als darum liegt; mehr
+hineintragen, als es fassen kann. Man muss der Anspielungen und
+Fingerzeige zu viel suchen und machen, die Allegorieen zu genau
+ausschuetteln, die Beyspiele zu umstaendlich deuten, die Worte zu stark
+pressen. Das giebt dem Kinde einen kleinlichen, schiefen,
+spitzfindigen Verstand; das macht es geheimnissreich, aberglaeubisch,
+voll Verachtung gegen alles Fassliche und Leichte.
+
+Sec.. 52.
+
+Die nehmliche Weise, wie die Rabbinen ihre heiligen Buecher behandelten!
+Der nehmliche Charakter, den sie dem Geiste ihres Volks dadurch
+ertheilten!
+
+Sec.. 53.
+
+Ein bessrer Paedagog muss kommen, und dem Kinde das erschoepfte
+Elementarbuch aus den Haenden reissen.--Christus kam.
+
+Sec.. 54.
+
+Der Theil des Menschengeschlechts, den Gott in Einen Erziehungsplan
+hatte fassen wollen--Er hatte aber nur denjenigen in Einen fassen
+wollen, der durch Sprache, durch Handlung, durch Regierung, durch
+andere natuerliche und politische Verhaeltnisse in sich bereits
+verbunden war--war zu dem zweyten grossen Schritte der Erziehung reif.
+
+Sec.. 55.
+
+Das ist: dieser Theil des Menschengeschlechts war in der Ausuebung
+seiner Vernunft so weit gekommen, dass er zu seinen moralischen
+Handlungen edlere, wuerdigere Bewegungsgruende bedurfte und brauchen
+konnte, als zeitliche Belohnung und Strafen waren, die ihn bisher
+geleitet hatten. Das Kind wird Knabe. Leckerey und Spielwerk weicht
+der aufkeimenden Begierde, eben so frey, eben so geehrt, eben so
+gluecklich zu werden, als es sein aelteres Geschwister sieht.
+
+Sec.. 56.
+
+Schon laengst waren die Bessern von jenem Theile des
+Menschengeschlechts gewohnt, sich durch einen Schatten solcher edlern
+Bewegungsgruende regieren zu lassen. Um nach diesem Leben auch nur in
+dem Andenken seiner Mitbuerger fortzuleben, that der Grieche und Roemer
+alles.
+
+Sec.. 57.
+
+Es war Zeit, dass ein andres wahres nach diesem Leben zu gewaertigendes
+Leben Einfluss auf seine Handlungen gewoenne.
+
+Sec.. 58.
+
+Und so ward Christus der erste zuverlaessige, praktische Lehrer der
+Unsterblichkeit der Seele.
+
+Sec.. 59.
+
+Der erste zuverlaessige Lehrer.--Zuverlaessig durch die Weissagungen,
+die in ihm erfuellt schienen; zuverlaessig durch die Wunder, die er
+verrichtete; zuverlaessig durch seine eigene Wiederbelebung nach einem
+Tode, durch den er seine Lehre versiegelt hatte. Ob wir noch itzt
+diese Wiederbelebung, diese Wunder beweisen koennen: das lasse ich
+dahin gestellt seyn. So, wie ich es dahin gestellt seyn lasse, wer die
+Person dieses Christus gewesen. Alles das kann damals zur Annehmung
+seiner Lehre wichtig gewesen seyn: itzt ist es zur Erkennung der
+Wahrheit dieser Lehre so wichtig nicht mehr.
+
+Sec.. 60.
+
+Der erste praktische Lehrer.--Denn ein anders ist die Unsterblichkeit
+der Seele, als eine philosophische Speculation, vermuthen, wuenschen,
+glauben: ein anders, seine innern und aeussern Handlungen darnach
+einrichten.
+
+Sec.. 61.
+
+Und dieses wenigstens lehrte Christus zuerst. Denn ob es gleich bey
+manchen Voelkern auch schon vor ihm eingefuehrter Glaube war, dass boese
+Handlungen noch in jenem Leben bestraft wuerden: so waren es doch nur
+solche, die der buergerlichen Gesellschaft Nachtheil brachten, und
+daher auch schon in der buergerlichen Gesellschaft ihre Strafe hatten.
+Eine innere Reinigkeit des Herzens in Hinsicht auf ein andres Leben zu
+empfehlen, war ihm allein vorbehalten.
+
+Sec.. 62.
+
+Seine Juenger haben diese Lehre getreulich fortgepflanzt. Und wenn sie
+auch kein ander Verdienst haetten, als dass sie einer Wahrheit, die
+Christus nur allein fuer die Juden bestimmt zu haben schien, einen
+allgemeinem Umlauf unter mehrern Voelkern verschaft haetten: so waeren
+sie schon darum unter die Pfleger und Wohlthaeter des
+Menschengeschlechts zu rechnen.
+
+Sec.. 63.
+
+Dass sie aber diese Eine grosse Lehre noch mit andern Lehren versetzten,
+deren Wahrheit weniger einleuchtend, deren Nutzen weniger erheblich
+war: wie konnte das anders seyn? Lasst uns sie darum nicht schelten,
+sondern vielmehr mit Ernst untersuchen: ob nicht selbst diese
+beygemischten Lehren ein neuer Richtungsstoss fuer die menschliche
+Vernunft geworden.
+
+Sec.. 64.
+
+Wenigstens ist es schon aus der Erfahrung klar, dass die
+Neutestamentlichen Schriften, in welchen sich diese Lehren nach
+einiger Zeit aufbewahret fanden, das zweyte bessre Elementarbuch fuer
+das Menschengeschlecht abgegeben haben, und noch abgeben.
+
+Sec.. 65.
+
+Sie haben seit siebzehnhundert Jahren den menschlichen Verstand mehr
+als alle andere Buecher beschaeftiget; mehr als alle andere Buecher
+erleuchtet, sollte es auch nur das Licht seyn, welches der menschliche
+Verstand selbst hineintrug.
+
+Sec.. 66.
+
+Unmoeglich haette irgend ein ander Buch unter so verschiednen Voelkern so
+allgemein bekannt werden koennen: und unstreitig hat das, dass so ganz
+ungleiche Denkungsarten sich mit diesem nehmlichen Buche beschaeftigten,
+den menschlichen Verstand mehr fortgeholfen, als wenn jedes Volk fuer
+sich besonders sein eignes Elementarbuch gehabt haette.
+
+Sec.. 67.
+
+Auch war es hoechst noethig, dass jedes Volk dieses Buch eine Zeit lang
+fuer das Non plus ultra seiner Erkenntnisse halten musste. Denn dafuer
+muss auch der Knabe sein Elementarbuch vors erste ansehen; damit die
+Ungeduld, nur fertig zu werden, ihn nicht zu Dingen fortreisst, zu
+welchen er noch keinen Grund gelegt hat.
+
+Sec.. 68.
+
+Und was noch itzt hoechst wichtig ist:--Huete dich, du faehigeres
+Individuum, der du an dem letzten Blatte dieses Elementarbuches
+stampfest und gluehest, huete dich, es deine schwaechere Mitschueler
+merken zu lassen, was du witterst, oder schon zu sehn beginnest.
+
+Sec.. 69.
+
+Bis sie dir nach sind, diese schwaechere Mitschueler;--kehre lieber
+noch einmal selbst in dieses Elementarbuch zurueck, und untersuche, ob
+das, was du nur fuer Wendungen der Methode, fuer Lueckenbuesser der
+Didaktik haeltst, auch wohl nicht etwas Mehrers ist.
+
+Sec.. 70.
+
+Du hast in der Kindheit des Menschengeschlechts an der Lehre von der
+Einheit Gottes gesehen, dass Gott auch blosse Vernunftswahrheiten
+unmittelbar offenbaret; oder verstattet und einleitet, dass blosse
+Vernunftswahrheiten als unmittelbar geoffenbarte Wahrheiten eine Zeit
+lang gelehret werden: um sie geschwinder zu verbreiten, und sie fester
+zu gruenden.
+
+Sec.. 71.
+
+Du erfaehrst, in dem Knabenalter des Menschengeschlechts, an der Lehre
+von der Unsterblichkeit der Seele, das Nehmliche. Sie wird in dem
+zweyten bessern Elementarbuche als Offenbarung geprediget, nicht als
+Resultat menschlicher Schluesse gelehret.
+
+Sec.. 72.
+
+So wie wir zur Lehre von der Einheit Gottes nunmehr des Alten
+Testaments entbehren koennen; so wie wir allmaelig, zur Lehre von der
+Unsterblichkeit der Seele, auch des Neuen Testaments entbehren zu
+koennen anfangen: koennten in diesem nicht noch mehr dergleichen
+Wahrheiten vorgespiegelt werden, die wir als Offenbarungen so lange
+anstaunen sollen, bis sie die Vernunft aus ihren andern ausgemachten
+Wahrheiten herleiten und mit ihnen verbinden lernen?
+
+Sec.. 73.
+
+Z. E. die Lehre von der Dreyeinigkeit.--Wie, wenn diese Lehre den
+menschlichen Verstand, nach unendlichen Verirrungen rechts und links,
+nur endlich auf den Weg bringen sollte, zu erkennen, dass Gott in dem
+Verstande, in welchem endliche Dinge eins sind, unmoeglich eins seyn
+koenne; dass auch seine Einheit eine transcendentale Einheit seyn muesse,
+welche eine Art von Mehrheit nicht ausschliesst?--Muss Gott wenigstens
+nicht die vollstaendigste Vorstellung von sich selbst haben? d. i. eine
+Vorstellung, in der sich alles befindet, was in ihm selbst ist. Wuerde
+sich aber alles in ihr finden, was in ihm selbst ist, wenn auch von
+seiner nothwendigen Wirklichkeit, so wie von seinen uebrigen
+Eigenschaften, sich blos eine Vorstellung, sich blos eine Moeglichkeit
+faende? Diese Moeglichkeit erschoepft das Wesen seiner uebrigen
+Eigenschaften: aber auch seiner nothwendigen Wirklichkeit? Mich duenkt
+nicht.--Folglich kann entweder Gott gar keine vollstaendige
+Vorstellung von sich selbst haben: oder diese vollstaendige Vorstellung
+ist eben so nothwendig wirklich, als er es selbst ist & c.--Freylich
+ist das Bild von mir im Spiegel nichts als eine leere Vorstellung von
+mir, weil es nur das von mir hat, wovon Lichtstrahlen auf seine Flaeche
+fallen. Aber wenn denn nun dieses Bild alles, alles ohne Ausnahme
+haette, was ich selbst habe: wuerde es sodann auch noch eine leere
+Vorstellung, oder nicht vielmehr eine wahre Verdopplung meines Selbst
+seyn?--Wenn ich eine aehnliche Verdopplung in Gott zu erkennen glaube:
+so irre ich mich vielleicht nicht so wohl, als dass die Sprache meinen
+Begriffen unterliegt; und so viel bleibt doch immer unwidersprechlich,
+dass diejenigen, welche die Idee davon populaer machen wollen, sich
+schwerlich fasslicher und schicklicher haetten ausdruecken koennen, als
+durch die Benennung eines Sohnes, den Gott von Ewigkeit zeugt.
+
+Sec.. 74.
+
+Und die Lehre von der Erbsuende.--Wie, wenn uns endlich alles
+ueberfuehrte, dass der Mensch auf der ersten und niedrigsten Stufe seiner
+Menschheit, schlechterdings so Herr seiner Handlungen nicht sey, dass
+er moralischen Gesetzen folgen koenne?
+
+Sec.. 75.
+
+Und die Lehre von der Genugthuung des Sohnes.--Wie, wenn uns endlich
+alles noethigte, anzunehmen: dass Gott, ungeachtet jener urspruenglichen
+Unvermoegenheit des Menschen, ihm dennoch moralische Gesetze lieber
+geben, und ihm alle Uebertretungen, in Ruecksicht auf seinen Sohn, d. i.
+in Ruecksicht auf den selbststaendigen Umfang aller seiner
+Vollkommenheiten, gegen den und in dem jede Unvollkommenheit des
+Einzeln verschwindet, lieber verzeihen wollen; als dass er sie ihm
+nicht geben, und ihn von aller moralischen Glueckseligkeit
+ausschliessen wollen, die sich ohne moralische Gesetze nicht denken
+laesst?
+
+Sec.. 76.
+
+Man wende nicht ein, dass dergleichen Vernuenfteleyen ueber die
+Geheimnisse der Religion untersagt sind.--Das Wort Geheimniss
+bedeutete, in den ersten Zeiten des Christenthums, ganz etwas anders,
+als wir itzt darunter verstehen; und die Ausbildung geoffenbarter
+Wahrheiten in Vernunftswahrheiten ist schlechterdings nothwendig, wenn
+dem menschlichen Geschlechte damit geholfen seyn soll. Als sie
+geoffenbaret wurden, waren sie freylich noch keine Vernunftswahrheiten;
+aber sie wurden geoffenbaret, um es zu werden. Sie waren gleichsam
+das Facit, welches der Rechenmeister seinen Schuelern voraus sagt,
+damit sie sich im Rechnen einigermaassen darnach richten koennen.
+Wollten sich die Schueler an dem voraus gesagten Facit begnuegen: so
+wuerden sie nie rechnen lernen, und die Absicht, in welcher der gute
+Meister ihnen bey ihrer Arbeit einen Leitfaden gab, schlecht erfuellen.
+
+Sec.. 77.
+
+Und warum sollten wir nicht auch durch eine Religion, mit deren
+historischen Wahrheit, wenn man will, es so misslich aussieht,
+gleichwohl auf naehere und bessere Begriffe vom goettlichen Wesen, von
+unsrer Natur, von unsern Verhaeltnissen zu Gott, geleitet werden koennen,
+auf welche die menschliche Vernunft von selbst nimmermehr gekommen
+waere?
+
+Sec.. 78.
+
+Es ist nicht wahr, dass Speculationen ueber diese Dinge jemals Unheil
+gestiftet, und der buergerlichen Gesellschaft nachtheilig geworden.--
+Nicht den Speculationen: dem Unsinne, der Tyranney, diesen
+Speculationen zu steuern; Menschen, die ihre eigenen hatten, nicht
+ihre eigenen zu goennen, ist dieser Vorwurf zu machen.
+
+Sec.. 79.
+
+Vielmehr sind dergleichen Speculationen--moegen sie im Einzeln doch
+ausfallen, wie sie wollen--unstreitig die schicklichsten Uebungen des
+menschlichen Verstandes ueberhaupt, so lange das menschliche Herz
+ueberhaupt, hoechstens nur vermoegend ist, die Tugend wegen ihrer ewigen
+glueckseligen Folgen zu lieben.
+
+Sec.. 80.
+
+Denn bey dieser Eigennuetzigkeit des menschlichen Herzens, auch den
+Verstand nur allein an dem ueben wollen, was unsere koerperlichen
+Beduerfnisse betrift, wuerde ihn mehr stumpfen, als wetzen heissen. Er
+will schlechterdings an geistigen Gegenstaenden geuebt seyn, wenn er zu
+seiner voelligen Aufklaerung gelangen, und diejenige Reinigkeit des
+Herzens hervorbringen soll, die uns, die Tugend um ihrer selbst willen
+zu lieben, faehig macht.
+
+Sec.. 81.
+
+Oder soll das menschliche Geschlecht auf diese hoechste Stufen der
+Aufklaerung und Reinigkeit nie kommen? Nie?
+
+Sec.. 82.
+
+Nie?--Lass mich diese Laesterung nicht denken, Allguetiger!--Die
+Erziehung hat ihr Ziel; bey dem Geschlechte nicht weniger als bey dem
+Einzeln. Was erzogen wird, wird zu Etwas erzogen.
+
+Sec.. 83.
+
+Die schmeichelnden Aussichten, die man dem Juenglinge eroefnet; die Ehre,
+der Wohlstand, die man ihm vorspiegelt: was sind sie mehr, als Mittel,
+ihn zum Manne zu erziehen, der auch dann, wenn diese Aussichten der
+Ehre und des Wohlstandes wegfallen, seine Pflicht zu thun vermoegend
+sey.
+
+Sec.. 84.
+
+Darauf zwecke die menschliche Erziehung ab: und die goettliche reiche
+dahin nicht? Was der Kunst mit dem Einzeln gelingt, sollte der Natur
+nicht auch mit dem Ganzen gelingen? Laesterung! Laesterung!
+
+Sec.. 85.
+
+Nein; sie wird kommen, sie wird gewiss kommen, die Zeit der Vollendung,
+da der Mensch, je ueberzeugter sein Verstand einer immer bessern
+Zukunft sich fuehlet, von dieser Zukunft gleichwohl Bewegungsgruende zu
+seinen Handlungen zu erborgen, nicht noethig haben wird; da er das Gute
+thun wird, weil es das Gute ist, nicht weil willkuehrliche Belohnungen
+darauf gesetzt sind, die seinen flatterhaften Blick ehedem blos heften
+und staerken sollten, die innern bessern Belohnungen desselben zu
+erkennen.
+
+Sec.. 86.
+
+Sie wird gewiss kommen, die Zeit eines neuen ewigen Evangeliums, die
+uns selbst in den Elementarbuechern des Neuen Bundes versprochen wird.
+
+Sec.. 87.
+
+Vielleicht, dass selbst gewisse Schwaermer des dreizehnten und
+vierzehnten Jahrhunderts einen Strahl dieses neuen ewigen Evangeliums
+aufgefangen hatten; und nur darum irrten, dass sie den Ausbruch
+desselben so nahe verkuendigten.
+
+Sec.. 88.
+
+Vielleicht war ihr dreyfaches Alter der Welt keine so leere Grille;
+und gewiss hatten sie keine schlimme Absichten, wenn sie lehrten, dass
+der Neue Bund eben so wohl antiquiret werden muesse, als es der Alte
+geworden. Es blieb auch bey ihnen immer die nehmliche Oekonomie des
+nehmlichen Gottes. Immer--sie meine Sprache sprechen zu lassen--der
+nehmliche Plan der allgemeinen Erziehung des Menschengeschlechts.
+
+Sec.. 89.
+
+Nur dass sie ihn uebereilten; nur dass sie ihre Zeitgenossen, die noch
+kaum der Kindheit entwachsen waren, ohne Aufklaerung, ohne Vorbereitung,
+mit Eins zu Maennern machen zu koennen glaubten, die ihres dritten
+Zeitalters wuerdig waeren.
+
+Sec.. 90.
+
+Und eben das machte sie zu Schwaermern. Der Schwaermer thut oft sehr
+richtige Blicke in die Zukunft: aber er kann diese Zukunft nur nicht
+erwarten. Er wuenscht diese Zukunft beschleuniget; und wuenscht, dass sie
+durch ihn beschleuniget werde. Wozu sich die Natur Jahrtausende Zeit
+nimmt, soll in dem Augenblicke seines Daseyns reifen. Denn was hat er
+davon, wenn das, was er fuer das Bessere erkennt, nicht noch bey seinen
+Lebzeiten das Bessere wird? Koemmt er wieder? Glaubt er wieder zu
+kommen?--Sonderbar, dass diese Schwaermerey allein unter den Schwaermern
+nicht mehr Mode werden will!
+
+Sec..91.
+
+Geh deinen unmerklichen Schritt, ewige Vorsehung! Nur lass mich dieser
+Unmerklichkeit wegen an dir nicht verzweifeln.--Lass mich an dir nicht
+verzweifeln, wenn selbst deine Schritte mir scheinen sollten, zurueck
+zu gehen!--Es ist nicht wahr, dass die kuerzeste Linie immer die gerade
+ist.
+
+Sec.. 92.
+
+Du hast auf deinem ewigen Wege so viel mitzunehmen! so viel
+Seitenschritte zu thun!--Und wie? wenn es nun gar so gut als
+ausgemacht waere, dass das grosse langsame Rad, welches das Geschlecht
+seiner Vollkommenheit naeher bringt, nur durch kleinere schnellere
+Raeder in Bewegung gesetzt wuerde, deren jedes sein Einzelnes eben dahin
+liefert?
+
+Sec.. 93.
+
+Nicht anders! Eben die Bahn, auf welcher das Geschlecht zu seiner
+Vollkommenheit gelangt, muss jeder einzelne Mensch (der frueher, der
+spaeter) erst durchlaufen haben.--"In einem und eben demselben Leben
+durchlaufen haben? Kann er in eben demselben Leben ein sinnlicher Jude
+und ein geistiger Christ gewesen seyn? Kann er in eben demselben Leben
+beyde ueberhohlet haben?"
+
+Sec.. 94.
+
+Das wohl nun nicht!--Aber warum koennte jeder einzelne Mensch auch
+nicht mehr als einmal auf dieser Welt vorhanden gewesen seyn?
+
+Sec.. 95.
+
+Ist diese Hypothese darum so laecherlich, weil sie die aelteste ist?
+weil der menschliche Verstand, ehe ihn die Sophisterey der Schule
+zerstreut und geschwaecht hatte, sogleich darauf verfiel?
+
+Sec.. 96.
+
+Warum koennte auch Ich nicht hier bereits einmal alle die Schritte zu
+meiner Vervollkommung gethan haben, welche blos zeitliche Strafen und
+Belohnungen den Menschen bringen koennen?
+
+Sec.. 97.
+
+Und warum nicht ein andermal alle die, welche zu thun, uns die
+Aussichten in ewige Belohnungen, so maechtig helfen?
+
+Sec.. 98.
+
+Warum sollte ich nicht so oft wiederkommen, als ich neue Kenntnisse,
+neue Fertigkeiten zu erlangen geschickt bin? Bringe ich auf Einmal so
+viel weg, dass es der Muehe wieder zu kommen etwa nicht lohnet?
+
+Sec.. 99.
+
+Darum nicht?--Oder, weil ich es vergesse, dass ich schon da gewesen?
+Wohl mir, dass ich das vergesse. Die Erinnerung meiner vorigen Zustaende,
+wuerde mir nur einen schlechten Gebrauch des gegenwaertigen zu machen
+erlauben. Und was ich auf itzt vergessen muss, habe ich denn das auf
+ewig vergessen?
+
+Sec.. 100.
+
+Oder, weil so zu viel Zeit fuer mich verloren gehen wuerde?--Verloren?
+--Und was habe ich denn zu versaeumen? Ist nicht die ganze Ewigkeit
+mein?
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die Erziehung des
+Menschengeschlechts, von Gotthold Ephraim Lessing.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Erziehung des Menschengeschlechts
+by Gotthold Ephraim Lessing
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE ERZIEHUNG DES ***
+
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+and editing by those who wish to do so.
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+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
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+Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
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+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
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+Information about Project Gutenberg (one page)
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+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
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